<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><genre>antique_myths</genre><author><first-name>Alexander</first-name><last-name>Nix</last-name></author><book-title>Die Hexenk�nigin</book-title><annotation><p>Kriemhild gilt im Nibelungenlied als die sch�ne, unberechenbare Gemahlin Siegfrieds. Sie ist es, die den Streit mit Brunhilde vom Zaun bricht, und ihr bleibt es vorbehalten, den Tod Siegfrieds zu r�chen. Alexander Nix erz�hlt in diesem Band eine g�nzlich andere Geschichte von der jungen Prinzessin. Sie ist nicht das zur�ckhaltende, edle Fr�ulein, sondern eine h�chst tatkr�ftige Dame, die nichts anderes will, als ihr Land zu retten. Klar, da� sie als Heldin in gr��te Abenteuer ger�t, aber sie hat einen Mann auf ihren Fersen, der ihr treuester Freund und Widersacher zugleich ist: Hagen von Tronje.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Nibelungen" number="6"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-22">22 April 2012</date><id>8178E92D-829F-4980-BEB1-BD3C3AFF8EE6</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>ECON Verlag</publisher><city>D�sseldorf und M�nchen</city><year>1997</year><isbn>ISBN 3-612-27415-5</isbn></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p><strong>Kriemhild und die wundersame Begegnung mit den G�ttern </strong></p><empty-line/><p>Noch herrscht Ruhe und Frieden in Burgund, aber von Osten naht eine gro�e Gefahr: Die Pest, so hei�t es, sei im Anzug. Kriemhild, sechzehn Jahre jung und K�nig Gunthers liebreizende Schwester, glaubt, nur sie k�nne das Reich vor dem Schwarzen Tod bewahren. In einer d�steren Nacht macht sie sich auf, um in den Osten zu reiten und eine geheimnisvolle Hexe zu treffen. Bald begegnet sie einem jungen S�nger, der behauptet, die G�tter selbst w�rden Jagd auf ihn machen. Kriemhild h�lt sein Gerede f�r baren Unsinn, bis der rasende Zorn auch sie in ein Inferno aus Leid und Leidenschaft rei�t.</p><empty-line/><p>Ein neues Epos aus der Nibelungen-Sage: Kriemhilds aufregende Reise ins Land des Schwarzen Todes.</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>ECON Unterhaltung </strong></p><empty-line/><p><strong>Die Nibelungen: </strong></p><p>Kai Meyer, <strong>Der Rabengott </strong>(TB 27410)</p><p>Alexander Nix, <strong>Das Drachenlied </strong>(TB 27411)</p><p>Jana Held, <strong>Die Flammenfrau </strong>(TB 27412)</p><p>Bernhard Hennen, <strong>Das Nachtvolk </strong>(TB 27413)</p><p>J�rg Kastner, <strong>Das Runenschwert</strong> (TB 27414)</p><p>Alexander Nix, <strong>Die Hexenk�nigin </strong>(TB 27415)</p><empty-line/><p>Kriemhild gilt im Nibelungenlied als die sch�ne, unberechenbare Gemahlin Siegfrieds. Sie ist es, die den Streit mit Brunhilde vom Zaun bricht, und ihr bleibt es vorbehalten, den Tod Siegfrieds zu r�chen. Alexander Nix erz�hlt in diesem Band eine g�nzlich andere Geschichte von der jungen Prinzessin. Sie ist nicht das zur�ckhaltende, edle Fr�ulein, sondern eine h�chst tatkr�ftige Dame, die nichts anderes will, als ihr Land zu retten. Klar, da� sie als Heldin in gr��te Abenteuer ger�t, aber sie hat einen Mann auf ihren Fersen, der ihr treuester Freund und Widersacher zugleich ist: Hagen von Tronje.</p><empty-line/><p>Alexander Nix ist das Pseudonym eines bekannten deutschen Fantasy-Autors.</p><empty-line/><p><strong>Alexander Nix </strong></p><empty-line/><p><strong>Die Hexenk�nigin </strong></p><empty-line/><p>Roman</p><empty-line/><p>Der Romanzyklus �Die Nibelungen� entstand nach einer Idee von Kai Meyer.</p><empty-line/><p>Konzeption: Kai Meyer/Reinhard Rohn</p><empty-line/><p><strong>ECON Taschenbuch Verlag </strong></p><empty-line/><p>Ver�ffentlicht im ECON Taschenbuch Verlag</p><p>Der ECON Taschenbuch Verlag ist ein Unternehmen der</p><p>ECON &amp; List Verlagsgesellschaft</p><p>Originalausgabe</p><p>� Alexander Nix</p><p>� der deutschen Ausgabe 1997 by ECON Verlag GmbH,</p><p>D�sseldorf und M�nchen</p><p>Umschlaggestaltung: Init GmbH, Bielefeld</p><p>Titelabbildung: Agentur Schl�ck</p><p>Lektorat: Reinhard Rohn</p><p>Gesetzt aus der Goudy, Linotype</p><p>Satz: Josefine Urban - KompetenzCenter, D�sseldorf</p><p>Druck und Bindearbeiten: Ebner Ulm</p><p>Printed in Germany</p><p>ISBN 3-612-27415-5</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 1</strong></p></title><empty-line/><p>Auf dem H�hepunkt der Geburtstagsfeier begab es sich, da� sich Graubart der Zauberer mitsamt seinem Feuerwerk in die Luft sprengte, und alle waren ganz hingerissen von diesem Schauspiel.</p><p>Die Zuschauer spendeten begeisterten Beifall. Noch ahnte keiner, da� dies keine von Graubarts beliebten Gaukeleien war. Doch auch sp�ter, als die schlimme Kunde vom unr�hmlichen Heimgang des Zauberers die Runde gemacht hatte, wollte niemand so recht um ihn trauern. Sicher, da war der eine oder andere, der meinte, man w�rde ihn wohl bei k�nftigen Festlichkeiten vermissen. Die meisten aber waren immer noch viel zu beeindruckt von den bunten Feuerr�dern, Glutwolken und Springflammen, mit denen der Zauberer den Geburtstag des K�nigs vers��t hatte, als da� sie ernsthaft die Folgen h�tten abw�gen k�nnen.</p><p>Eine dieser Folgen war, da� Kriemhild, des K�nigs sch�ne Schwester, sich aufmachte, ihre Unschuld zu verlieren.</p><p>Um der Vollst�ndigkeit gen�ge zu tun: Graubarts Tod hatte mehr als nur eine Folge, und nicht wenige waren sonderbar, ja geradezu grotesk (tats�chlich entfachten sie abermals den Streit um des seligen Zauberers magische Macht). Doch nichts von all dem, was das mi�gl�ckte Feuerwerk an jenem Tag heraufbeschwor, war so wundersam wie Kriemhilds Reise durch das Pestland, ihre ungl�ckliche Begegnung mit den G�ttern und das vermeintliche Opfer ihrer k�niglichen Jungfr�ulichkeit.</p><p>So geschah es also, da� sich Graubarts Asche mit dem Sand des Burghofs mischte, und selbst Jahre sp�ter behauptete noch mancher, in lauen Vollmondn�chten merkw�rdige Verwehungen im Sand entdeckt zu haben, sternf�rmige Anh�ufungen, farbige Muster und spr�hende Quellen, aus denen kein Wasser, sondern Staub hervorscho�, als wollte der Sand des Burghofs das letzte Feuerwerk des Toten nachahmen.</p><p>Die Geburtstagsfeier des K�nigs fand ihr Ende erst am sp�ten Abend, nach dem gro�en Bankett im Thronsaal, und die Anwesenden taten ihr Bestes, sich vom Elend, das der Stadt von Osten entgegenr�ckte, abzulenken. Denn dies war der wichtigste der Gr�nde, die Gunther bewogen hatten, zur Feier seines Jubeltages ganz Worms zu laden, vom niedersten Bettler bis zum tapfersten K�mpen: Er wollte die Menschen vergessen machen, was �stlich der Stadttore n�herr�ckte - die Plage, die Pest, der Schwarze Tod.</p><p>Und w�hrend im Thronsaal der Adel seinen Vergn�gungen nachging und auf dem Burghof die B�rger ihren eigenen fr�nten (wobei es zwischen beiden keine nennenswerten Unterschiede gab, abgesehen vom M�nzwert des Ges�ffs), sa� Kriemhild, sechzehn Lenze jung, in ihrer Kammer und dachte nach. Dachte nach, wie sie noch heute nacht aus der K�nigsburg entfliehen und den Weg nach Osten einschlagen k�nnte. Dachte nach, wie es sein w�rde, auf eigene Faust ein ganzes Volk zu retten.</p><p>Sie hatte sich fr�h vom Bankett zur�ckgezogen, unter dem Vorwand, die Festlichkeiten h�tten sie erm�det. Jetzt aber legte sie ihr langes Kleid ab, schl�pfte statt dessen in die ledernen Hosen, die sie bei langen Ausritten zu tragen pflegte, zog sich ein dunkles Hemd mit weiten �rmeln �ber und packte ihre hohen Reitstiefel in ein B�ndel aus Tuch. Anschlie�end legte sie erneut ihr Kleid an, in der Hoffnung, es w�rde das, was sie darunter trug, leidlich gut verh�llen. Einen Moment lang erwog sie, auch den goldenen Zierdolch, ihre einzige Waffe, einzustecken, entschied sich dann aber dagegen; es w�rde sich ein besseres Werkzeug zu ihrer Verteidigung finden.</p><p>Mit wehendem Kleid und dem B�ndel unterm Arm, das ihre Stiefel verbarg, verlie� sie ihre Gem�cher. Den beiden M�nnern, die drau�en Wache standen, sagte sie, sie habe es sich anders �berlegt und wolle noch einmal hinab zu den Feiernden gehen.</p><p>Hinter der n�chsten Ecke wurde sie schneller, eilte mit klappernden Schritten durch die menschenleeren Flure der Burg. Fackeln spendeten Licht in Schwefelt�nen, gelb und ungesund. Durch die Mauern drang der L�rm vom Hof: die Musik der Spielleute, das Lallen der Betrunkenen, das Klirren leerer Kr�ge auf den langen Holztafeln. Allzu vergn�gt klangen Lachen und Gesang in Kriemhilds Ohren, als wollten die Menschen die drohende Seuche allein durch ihren Frohsinn bezwingen.</p><p>Noch hatte es in Worms keine Opfer gegeben, noch trug niemand die t�ckischen Male der Plage. Dennoch, die Nachrichten aus dem Osten, �berbracht von Brieftauben, die gleich nach der Ankunft verbrannt wurden, machten deutlich, da� es kein Entrinnen gab. Die Pest breitete sich mit der Geschwindigkeit eines Laubfeuers aus; schwelend, fast unbemerkt, kreiste sie ihre Opfer ein, um dann, von einem Augenblick zum n�chsten, hochlodernd �ber sie herzufallen.</p><p>Kriemhild betrat den Gang, an den die Gem�cher ihrer Br�der Gernot und Giselher grenzten. Beide feierten unten im Thronsaal, Seite an Seite mit Gunther, dem �ltesten der Geschwister und K�nig aller Burgunden.</p><p>Vor Gernots T�r standen zwei Wachen und tranken Wein aus einem gro�en Krug. Als sie Kriemhild bemerkten, vertrieb die Scham den Glanz der Trunkenheit aus ihren Augen. Der Krug verschwand hinter dem R�cken des einen, beide strafften sich, bem�hten sich schwankend um Haltung. Als sie Kriemhild gr��ten, war nicht zu �berh�ren, da� sie dem Wein schon geraume Zeit zugeprochen hatten.</p><p>�Mein Bruder schickt mich�, sagte Kriemhild und setzte ihr lieblichstes L�cheln auf. �Er hat mich gebeten, ein Schwert aus seinen Gem�chern zu holen.�</p><p>�Ein Schwert?� Benebeltes Erstaunen erschien auf den Gesichtern der M�nner.</p><p>�Er und der K�nig wollen sich einen Schaukampf liefern, und Gernot w�nscht daf�r seine Waffe.�</p><p>�Aber, Prinzessin�, meinte der linke W�chter vorsichtig und wischte sich nerv�s �ber die rote Nase, �Ihr wi�t doch, da� wir Order haben, niemandem Eintritt zu gew�hren, solange Euer Bruder nicht den Befehl dazu gibt.�</p><p>Zorn blitzte in Kriemhilds Augen. �Ist es denn nicht sein Befehl, den ich Euch �berbringe, Dummkopf?�</p><p>Die beiden M�nner, verdiente Krieger in so mancher Schlacht, zuckten unter der Schelte des M�dchens zusammen. Kriemhild war hochangesehen bei allen in Worms, und kaum einen Mann gab es, der sie nicht im Traum bereits gefreit, sie gar f�r sich gewonnen hatte. Von ihr zurechtgewiesen zu werden war schm�hlicher als eine Schelte vom K�nig pers�nlich; zumal der Wein die Sinne der beiden W�chter berauschte und ihnen die Maid um so herrlicher erschien.</p><p>Bald schon erlahmte ihr Widerspruch, und Kriemhild wurde eingelassen. Sie bat um eine Fackel, bevor sie den W�chtern die T�r vor der Nase zuwarf. Der Schein des Feuers zuckte �ber die Einrichtung des Schlafgemachs, erhellte prachtvolle Wandteppiche, Kerzenleuchter und zahlreiche Truhen. In einer davon verwahrte Gernot seine Waffen, wie Kriemhild wu�te.</p><p>Als sie wenig sp�ter wieder hinaus auf den Gang trat, trug sie das schmucklose Schwert ihres Bruders offen in beiden H�nden, tat gar, als ziehe sie die Last der Waffe leicht vorn�ber. Einer der W�chter erbot sich, an ihrer Statt hinab in den Thronsaal zu gehen, doch Kriemhild lehnte ab und dr�ckte ihm die Fackel in die Hand. Keiner der beiden bemerkte, da� das B�ndel unter ihrem Arm an Gewicht gewonnen hatte; zwischen den Stiefeln steckten jetzt zwei von Gernots sch�rfsten Dolchen.</p><p>Ein Besuch in Giselhers Kammer er�brigte sich. Kriemhild hatte jetzt alles, was sie ben�tigte. Durch lange Korridore eilte sie zu einer hohen Doppelt�r, die den Wohntrakt der Burg mit dem Wormser M�nster verband. Die m�chtige Kathedrale bildete den S�dfl�gel des hufeisenf�rmigen Burgkerns; in der Mitte lag der dreigeschossige Wohntrakt, im Norden Thronsaal und Burgkapelle. Um ungesehen �ber den Hof zu einer der Stallungen zu gelangen, mu�te Kriemhild einen Weg w�hlen, der nicht durch die Menge der Feiernden f�hrte.</p><p>Im Inneren der Kathedrale roch es nach kaltem Weihrauch, nach Holz und uraltem Stein. Niemand hielt sich hier auf, die Priester feierten mit dem Adel im Thronsaal. Es war stockdunkel, bis auf einen schwachen Abglanz der Hoffeuer, der durch die hohen Fenster hereinfiel. Kriemhild packte ihr B�ndel fester und blickte stur geradeaus. Den tiefschwarzen Schatten in Winkeln und Nischen schenkte sie keine Beachtung.</p><p>Sie atmete erleichtert auf, als sie das S�dportal erreichte und hinaus auf den Johannes-Friedhof huschte. Ein schmaler Weg f�hrte zwischen den Gr�bern zum Burgwall, einem kreisrunden Ring aus H�usern, T�rmen und Stallungen, der nur vom Haupttor im Osten und dem kleineren B�rgertor im S�den durchbrochen wurde. Obgleich sich �berall auf dem Burggel�nde feiernde Menschen herumtrieben, lag doch der Friedhof still und verlassen da. Lediglich an seinem Rand sa�en ein paar Betrunkene am Boden und schmetterten ein Lied, das Kriemhild die Schamr�te ins Gesicht trieb. Niemand beachtete sie, als sie zu einem der St�lle eilte, in dem Lavendel, ihr Lieblingspferd, untergebracht war. Die prachtvolle Schimmelstute schnaubte aufgeregt, als Kriemhild aus den Schatten trat, ihr B�ndel ins Stroh warf und das Kleid ablegte. Die enganliegende Reithose knirschte leise, als Kriemhild pr�fend in die Knie ging, um das selten getragene Leder zu dehnen. Dann streifte sie ihre Schuhe ab und schl�pfte in die Stiefel. Ihr langes blondes Haar fa�te sie straff mit einem Band zu einem Pferdeschwanz zusammen, den sie am Hinterkopf zu einem Knoten feststeckte. Zuletzt schob sie die beiden Dolche in die Stiefel, eine Klinge in jeden Schaft, sattelte Lavendel und befestigte Gernots Schwert am Sattelknauf.</p><p>Augenblicke sp�ter trug der Schimmel sie zum Stall hinaus. Die letzte H�rde waren die Wachen am B�rgertor. In dieser Nacht aber, da ganz Worms die Erlaubnis hatte, im Burghof den Geburtstag des K�nigs zu feiern, waren die Kontrollen vereinzelt und oberfl�chlich. Kriemhild hatte sich eine Decke aus dem Stall um die Schultern geworfen und die R�nder so weit �ber Lavendels R�cken gezogen, da� sie auch das Schwert bedeckten. Sie senkte den Kopf und tat schl�frig, als forderten Wein und Bier ihren Tribut. Sie wagte nicht aufzublicken, als sie die Wachen passierte, und so sah sie nicht, ob man ihr �berhaupt Aufmerksamkeit schenkte. Ohne Zwischenf�lle verlie� sie die Burg und schaute erst wieder auf, als die hohe, zinnengekr�nte Ummauerung hinter ihr zur�ckblieb.</p><p>Die Stadt lag s�dlich der Burg und bildete am Westufer des Rheins ein dichtes Kn�uel aus verschlungenen Gassen, spitzgiebeligen Fachwerkbauten und kleinen, verwunschenen Pl�tzen. Auch hier wurde gefeiert, und mehr als einmal erntete das junge M�dchen auf seinem wei�en Ro� unfl�tige Zurufe betrunkener Kerle. Kriemhild war mehr als erleichtert, als sie die Stadtgrenze unbeschadet hinter sich lie� und zum Ufer des Rheins hinabritt. Der alte F�hrmann, der sie schon ungez�hlte Male zur anderen Seite gebracht hatte, war auch in dieser Nacht auf seinem Posten.</p><p>�Wenn das nicht -�, entfuhr es ihm verbl�fft, doch Kriemhild schnitt ihm mit einem Wink das Wort ab.</p><p>�Schweig�, verlangte sie und setzte freundlicher hinzu: �Ich bitte dich, schweig still. Und stell mir keine Fragen. Bring mich hin�ber zum Ostufer.�</p><p>�Aber, Prinzessin�, flehte der Alte, �das kann nicht Euer Ernst sein. Niemand will in diesen Tagen dort hin�ber. Im Osten w�tet die Pest.�</p><p>Sie gab keine Antwort und lenkte Lavendel auf die F�hre. Die Hufe der Stute h�mmerten lautstark �ber das Holz.</p><p>Der alte F�hrmann �ffnete den Mund, um weiter auf sie einzuwirken, dann aber bemerkte er den entschlossenen Ausdruck auf Kriemhilds Gesicht. Er war weise genug, um zu wissen, da� junge M�dchen ihres Alters auf ihren eigenen Willen beharrten, und er erkannte auch, da� jeder Widerspruch ihren Entschlu� nur gefestigt h�tte.</p><p>�Ich sah ein herrliches Feuerwerk am Himmel�, sagte er statt dessen, w�hrend er die F�hre vom Ufer l�ste. Das breite Flo� bot Platz f�r zehn Pferde und war an zwei Seilen verankert, die quer �ber den Strom f�hrten. Mit Hilfe einer m�chtigen Kurbel, die ihrerseits eine komplizierte Mechanik aus h�lzernen Zahnr�dern antrieb, brachte der Alte die F�hre in Bewegung. Unter seinem Wams schwollen Muskeln, die manchen J�ngling mit Neid erf�llt h�tten. Schon glitt die F�hre hinaus auf den Rhein. Das Wasser sp�lte schwarz und eisig um den h�lzernen Rumpf, als verlangten die Flu�geister Einla�.</p><p>Als Kriemhild schweigend zum anderen Ufer starrte, sagte der Alte noch einmal: �Ich sah ein Feuerwerk, das sch�nste, das mir je vor die Augen gekommen ist. Graubart ist ein Meister seines Fachs.�</p><p>�War�, verbesserte Kriemhild d�ster.</p><p>�Wie meint Ihr das?�</p><p>�Graubart ist tot. Die sch�nste Flamme, die du gesehen hast, die hellste Sonne, der glei�endste Stern - das war Graubart Ungest�m, Graubart Himmelsglut, Graubart der Narr.�</p><p>�Ihr redet schlecht von einem Toten.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, als gelte es, ein Schreckgespenst aus ihrem Sch�del zu vertreiben. Zum ersten Mal sah sie den F�hrmann an und l�chelte. �Verzeih mir, mein Freund. Das wollte ich nicht. Es ist nur...� Und sie verstummte erneut.</p><p>�Sprecht, wenn Ihr m�gt, Prinzessin. Von mir erf�hrt niemand ein Wort, und hier drau�en auf dem Flu� ist keiner sonst, der Euch h�ren k�nnte.� Sie sah ihm an, da� er es ehrlich meinte.</p><p>�Es ist nur�, begann sie noch einmal, �da� ich Angst habe.� Pl�tzlich kicherte sie, aber es klang gereizt, nicht fr�hlich. �Ich k�nnte nicht vom Pferd steigen, selbst wenn ich wollte. Meine Beine w�rden mich kaum tragen, so zittern sie.�</p><p>Der F�hrmann verharrte und hielt die Kurbel fest. Die Str�mung wollte das Flo� nach Norden zerren; die Wellen brausten und tobten vor Wut. �Wenn es die Pest ist, die Euch �ngstigt, warum wollt Ihr dann -�</p><p>�Weil ich es mu�, verstehst du?� Sternenlicht brach sich in ihren Augen, und der F�hrmann fragte sich betr�bt, ob es Tr�nen waren, die da blitzten. �Ich mu� es tun.�</p><p>Und fortan sprach Kriemhild kein Wort mehr. Nicht, w�hrend die F�hre weiterglitt zur anderen Seite; nicht, als der Rumpf �ber Uferkies knirschte.</p><p>Traurig blickte der F�hrmann ihr nach, als sie die Rampe emporritt, ihrem Ro� die Stiefel in die Flanken hieb und eilig davongaloppierte, dem Heerweg nach Osten, den W�ldern, der Plage entgegen.</p><p>�Prinzessin!� rief er ihr nach, als sie nur noch ein vager Fleck in der Finsternis war. �Ich w�nsche Euch -�</p><p>Aber da war sie schon fort, und der Flu� �bert�nte den Ruf mit Strudeln und Wispern, mit dem glucksenden Lachen der Str�mung.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Sie folgte der Heerstra�e nach Osten, tiefer ins Dickicht des Odenwaldes. Die Pest hatte selbst R�uber und Wegelagerer vertrieben. Niemand begegnete ihr in dieser Nacht, keiner hielt sie auf. Kriemhild war nicht wohl dabei, die bucklige, gepflasterte Stra�e zu benutzen, aber sie wu�te auch, da� dies ihre einzige M�glichkeit war, ans Ziel zu gelangen. Sie kannte sich in dieser Gegend nicht aus, weniger noch, je tiefer sie in die W�lder ritt. Die Stra�e w�rde irgendwann in W�rzburg enden, doch die Stadt wollte Kriemhild umgehen; dort sollte die Pest besonders �bel w�ten. Zudem galt: Um so weniger Menschen ihrer angesichtig wurden, desto besser f�r sie.</p><p>Sie �berlie� den Rhythmus der Reise g�nzlich ihrem Ro�. Der Schimmel sollte verschnaufen, wenn ihm danach war. Lavendel war eines der besten Tiere im k�niglichen Stall, Ersch�pfung und Hunger waren ihm fremd, und so ritten sie die Nacht hindurch und auch den ganzen Tag. Erst als die D�mmerung hereinbrach, wurde der Trab des Pferdes langsamer. Kriemhild lie� das brave Tier an einem Waldsee trinken und vom Gras am Wegesrand fressen, so lange es nur mochte. Dann legte sie sich abseits der Stra�e, hinter einem sch�tzenden Kiefernhain, zur Ruhe.</p><p>Ehe sie einschlief, dachte Kriemhild, da� es seltsam war, wie pr�chtig sich doch die sommerliche Landschaft rund um sie erstreckte, der tiefe, k�hle Odenwald auf seinen sanften Bergr�cken und in d�steren, einsamen T�lern. Von den Boten der Plage, die das Land heimsuchte, war nirgends etwas zu entdecken. Sie hatte Schw�rme schwarzer Kr�hen erwartet, Rattenrudel �berall, auch wildes Getier, das sich an Toten labte, doch da war nichts dergleichen. Selbst von Leichen keine Spur. Das machte ihr ein wenig Hoffnung, und als der Schlaf sie endlich �bermannte, hatte sie zum ersten Mal seit ihrer Abreise ein wenig von der nagenden Angst verloren.</p><p>Der Morgen kam schnell und mit Sonnenschein, der die Wipfel der W�lder mit Gold �bert�nchte. Nach einem Fr�hst�ck aus Beeren wischte Kriemhild den Tau von Lavendels Fell und machte sich erneut auf den Weg. Der zweite Tag ihrer Reise hatte begonnen, sie f�hlte sich ausgeruht und frisch.</p><p>Bis zum Mittag hatte sie bereits ein gutes St�ck zur�ckgelegt, und Kriemhilds Laune besserte sich mit jeder H�gelkuppe, die hinter ihr zur�ckblieb. Sie dachte an Worms und an den Aufruhr, den ihr Verschwinden erregt haben w�rde. Sie hatte einen kurzen Brief auf dem Schreibpult am Kammerfenster zur�ckgelassen, in dem sie weder Ziel noch Sinn ihrer Reise angegeben hatte; nur da� sie bald zur�ckzusein hoffe, stand darin geschrieben, zusammen mit den besten W�nschen an ihre drei Br�der und ihre Mutter Ute.</p><p>Sie wu�te nat�rlich, da� Gunther toben w�rde und da� Gernot und Giselher zur Suche nach ihr aufbrechen w�rden. Freilich w�rde niemand auf die Idee kommen, sie habe sich ausgerechnet ins Herz der Pestepidemie aufgemacht. Vielleicht w�rde man den F�hrmann befragen, und sicher w�rde er dann die Wahrheit erz�hlen, doch bis dahin war ihr Vorsprung viel zu gro�.</p><p>Wie es aussah, war sie vor Verfolgern vorerst sicher. Zumindest, so lange sie ihre Reise z�gig und ohne unn�tige Unterbrechungen fortsetzte. Und, immerhin, sie war bereit, ihr Leben f�r das eines ganzen Volkes zu geben, f�r das gesamte Reich von Burgund. Ihre Sache, dessen war sie gewi�, war eine gerechte, die jedes Opfer wert war. Auch jenes, das sie selbst zu bringen gedachte. Sie hatte nie einer Menschenseele davon erz�hlt, und wenn es nach ihr ging, sollte auch in Zukunft niemand davon erfahren. Sie folgte nur ihrem Instinkt, nicht dem Verstand, aber etwas sagte ihr, da� sie das Richtige tat. Und das einzig M�gliche.</p><p>Es war am fr�hen Nachmittag, als sie aus der Ferne am Wegrand ein Anwesen entdeckte. Im N�herkommen erkannte sie, da� es ein Gasthaus war, mit einem Pferdestall als Anbau. Ein wettergegerbtes Holzschild schaukelte knirschend im warmen Sommerwind. T�r und Fenster waren geschlossen, weit und breit war kein Mensch zu sehen. Ein z�her, s��licher Geruch lag in der Luft, ein wenig wie von gekochten R�ben.</p><p>Erst als sie auf einer H�he mit dem Haus war, sah sie den schwarzen Stoffetzen, der am Knauf des Eingangs angebracht war. Das Zeichen, da� in diesen Mauern die Pest umging.</p><p>Kriemhild stieg nicht vom Pferd und lenkte Lavendel auf die andere Stra�enseite.</p><p>�Ist da wer?� rief sie so laut sie konnte zum Gasthaus hin�ber.</p><p>Nichts regte sich.</p><p>�He da!� versuchte sie es noch einmal. �Eine Reisende erbittet Auskunft!�</p><p>Die Antwort war Schweigen. Nur das Schild �ber der T�r knarrte leise, als eine neuerliche Brise es schr�g stellte.</p><p>Kriemhild war drauf und dran, den Schimmel weiterzutreiben, doch ihre Neugier �berwog. Wie konnte sie etwas besiegen, das ihr nie von Angesicht zu Angesicht begegnet war?</p><p>Sie sprang aus dem Sattel und band Lavendel an einen Baum. Dann �berquerte sie die verlassene Stra�e und n�herte sich z�gernd dem Gasthaus. Der R�bengeruch wurde st�rker. Noch einmal blieb sie stehen, zweifelte an ihrem Tun. Dann trat sie entschlossen an ein Butzenfenster rechts der T�r und pre�te das Gesicht ans Glas. Im Inneren herrschte d�steres Zwielicht. Sie konnte nur zwei oder drei Schritte weit sehen, bis zu den vorderen der langgestreckten Tische. Darauf lag etwas, reglos und still.</p><p>Kriemhild zuckte zur�ck. Der Geruch schien ihr schlagartig durch jede Pore zu dringen, verklebte ihren Mund, ihre Augen, ihre Nase. Einen Augenblick lang hatte sie das Gef�hl, sie w�rde nie wieder atmen k�nnen.</p><p>Es waren Kinder. Die Leichen von Jungen und M�dchen, mindestens ein halbes Dutzend allein auf den vorderen Tischen. Die Menschen aus den umliegenden W�ldern, Holzf�ller, K�hler und Wilddiebe, mu�ten ihre Kinder hierhergebracht haben, vielleicht, weil sie geglaubt hatten, sie seien hier sicherer als drau�en im einsamen Tann. Vielleicht hatten sie gehofft, hier w�rden die Kleinen alle Hilfe bekommen, die sie n�tig hatten.</p><p>Jetzt aber lebte hier niemand mehr. Irgendwer mu�te die K�rper auf den Tischen aufgebahrt haben. Wahrscheinlich war er selbst l�ngst tot.</p><p>Kriemhild warf sich herum, l�ste Lavendel vom Baumstamm und zog sich hinauf in den Sattel. In rasendem Galopp sprengte das Tier mit ihr von dannen, schnell, immer schneller. Es war, als w�rde der Geruch ihr folgen, eine giftige Wolke Verwesungsgestank, der sie �ber die Heerstra�e jagte wie ein hungriges Unget�m. Kriemhild f�rchtete, jetzt, wo ihr der Gestank einmal bewu�t geworden war, w�rde er sie nie wieder loslassen. War es m�glich, da� bereits das ganze Land so roch, und sie es nur nicht bemerkt hatte?</p><p>Unerm�dlich trug Lavendel sie weiter, die H�gel hinauf und hinunter, bis es ihr vorkam, als l�ge das halbe Burgundenreich zwischen ihr und dem Gasthaus der toten Kinder. Schlie�lich ri� sie an den Z�geln des Schimmels und �bergab sich aufs Pflaster, brach Beeren und Galle hervor und hoffte, der entsetzliche Gestank des Todes w�rde mit ihrem Mageninhalt zu Boden prasseln.</p><p>Doch der Geruch blieb, ganz wie sie bef�rchtet hatte. Er durchzog die W�lder, f�llte die T�ler und umwogte die Bergspitzen wie Wolkenringe. An manchen Stellen wurde er schw�cher, doch niemals verschwand es g�nzlich. Kriemhild hatte das Gef�hl, als h�tte der Geruch sich in ihrer Kleidung verfangen, doch es war die einzige, die sie hatte. Sie verfluchte sich f�r ihr Ungeschick, nichts zum wechseln eingepackt zu haben.</p><p>Gegen Abend, die Sonne stand tief hinter den Tannenspitzen, kam sie an ein Ufer. Sie versuchte, sich die Karten in Erinnerung zu rufen, doch die meisten waren ungenau und Kriemhild hatte sie nie so eingehend studiert, wie ihre Lehrer es von ihr verlangt hatten. Mochte sein, da� dies schon der Flu� Tauber war, eher aber wohl eines der schmaleren Gew�sser, die diese Gegend von S�den nach Norden durchzogen. Die Str�mung schien nicht allzu stark, und das gegen�berliegende Ufer war nicht fern. Doch im D�mmerlicht war schwer auszumachen, wie tief der Flu� war; schon wenige Arml�ngen vom Rand entfernt konnte sie keinen Grund mehr erkennen.</p><p>Die Heerstra�e endete an einigen Holzpfl�cken, die aus dem dunklen Wasser ragten. Jetzt, bei genauem Hinsehen, entdeckte Kriemhild auch weitere Bretter und Latten, die die Oberfl�che durchbrachen oder sich treibend zwischen einigen der Pf�hlen verfangen hatten. Hier mu�te einst eine Br�cke gewesen sein. Wahrscheinlich hatten Menschen aus dem Osten, auf der Flucht vor der nachr�ckenden Plage, sie zerst�rt, um zu verhindern, da� Kranke diese Seite des Flusses erreichten. Wie erfolgreich dieser Plan gewesen war, hatte das Gasthaus gezeigt. Vermutlich hatten die Fl�chtlinge selbst die Seuche eingeschleppt.</p><p>Bald darauf fand Kriemhild unweit der Stra�e den Leichnam eines Mannes. Sommerw�rme und die Tiere des Waldes hatten bereits ihre Spuren hinterlassen, er mu�te schon Tage hier liegen. Der Br�ckenw�chter, nahm sie an und wandte sich angewidert ab. Sie hatte fr�her schon Tote gesehen, sogar ihren eigenen Vater, K�nig Dankrat, und auch h��liche Krankheiten hatte es gelegentlich im Schlo� gegeben. Trotzdem war ihr Leben weitgehend wohlbeh�tet verlaufen, und der Anblick des Todes, mehr noch der Verwesung, traf sie zutiefst.</p><p>Eine Weile blickte sie ratlos �bers Wasser und �berlegte, wie sie auf die andere Seite gelangen k�nnte. Ihr Ziel lag nord�stlich, falls ihr Orientierungssinn sie nicht t�uschte. Es blieb ihr keine andere M�glichkeit, als am Ufer des Flusses entlangzureiten und eine Furt zu suchen.</p><p>Die Sonne war gerade hinter den W�ldern verschwunden, und ein goldroter Schein flo� �ber den Himmel, als sie jenseits einer Flu�kehre Stimmen vernahm. Alarmiert lenkte sie Lavendel dichter an den Waldrand, lie� das Tier aber nicht anhalten. Der weiche Uferboden d�mpfte die Ger�usche der Hufe. Au�erdem verriet die Lautst�rke der Stimmen und die Aufregung, die daraus sprach, da� die Leute anderes zu tun hatten, als nach Reisenden Ausschau zu halten.</p><p>Noch f�nfzig Schritte bis zur Flu�kehre. Der Boden stieg dort leicht an, ein niedriger H�gel, der seitlich steil zum Flu� hin abfiel. Was immer dort vorne vorging, es spielte sich auf der anderen Seite der Erhebung ab.</p><p>Kriemhild brachte den Schimmel erst unterhalb der Kuppe zum Stehen. Dort f�hrte sie ihn einige Schritte in den Wald hinein und band ihn fest. Das Schwert lie� sie am Sattel h�ngen, sie konnte ohnehin nicht allzugut damit umgehen. Statt dessen zog sie einen von Gernots Dolchen aus dem Stiefel. Ihr Bruder hatte sie gelehrt, wie man einen Gegner damit in Schach hielt, und sie hatte sich als geschickte Sch�lerin erwiesen. Sie w�rde es nicht mit einem ausgebildeten K�mpfer aufnehmen k�nnen, doch einen frechen Bauernl�mmel, vielleicht auch den einen oder anderen R�uber, vermochte sie durchaus in die Flucht zu schlagen.</p><p>Geduckt, Muskeln und Nerven gespannt, huschte sie durchs Dickicht, �ber die Erhebung hinweg und auf der anderen Seite zum Waldrand. Hinter einem Brombeerbusch verharrte sie, erhob sich vorsichtig und sp�hte �ber Bl�tter und Ge�st hinweg zum Ufer.</p><p>Dort unten, keine zwanzig Schritte von ihr entfernt, war der baumlose Uferstreifen ein wenig breiter. Vier, f�nf Mannsl�ngen, sch�tzte sie. Mindestens zwei Dutzend Menschen hatten sich dort versammelt, einige hielten lodernde Fackeln. Die meisten standen im Halbrund um etwas, das sich am Rand des Gew�ssers abspielte, etwas, das Kriemhild von hier aus nicht erkennen konnte. Sie w�rde noch n�her heranschleichen m�ssen.</p><p>Wenig sp�ter hatte sie sich der Menge so weit gen�hert, wie es gerade eben m�glich war, ohne entdeckt zu werden. Hier gab es keine Str�ucher mehr, nur B�ume, hinter denen sie Schutz suchen konnte. Sie entschlo� sich, auf einen hinaufzuklettern und das Geschehen von oben zu beobachten.</p><p>Flink erklomm sie den Stamm einer Eiche, bis sie zwei Mannsl�ngen �ber dem Boden auf einer Astgabel hockte. Dichtes Blattwerk sch�tzte sie vor zuf�lligen Blicken. Schr�g unter ihr stand eine Gruppe von sieben Frauen, offenbar die Weiber der M�nner am Ufer. Sie betrachteten die Ereignisse am Wasser aus einigen Schritten Entfernung, stachelten die �brigen aber durch Rufe zur Eile auf.</p><p>Im Halbrund der Fackeltr�ger, nur eine Arml�nge vom Flu� entfernt, lagen zwei M�nner am Boden. Der eine, ein junger Kerl mit kurzem, hellem Haar, angetan wie ein Waldbewohner in Gr�n und Braun, wehrte sich erbittert gegen drei Gestalten, die ihn brutal in den Uferschlamm dr�ckten. Der zweite Mann wehrte sich nicht, ja, er bewegte sich nicht einmal. Etwas an seiner sonderbaren Lage, die Arme und Beine achtlos abgewinkelt, verriet, da� er tot war.</p><p>Die M�nner und Frauen, die um die beiden am Boden herumstanden, schienen keineswegs R�uber zu sein, wie Kriemhild bef�rchtet hatte. Mit Ausnahme einiger Kn�ppel und Dreschflegel waren sie unbewaffnet. Kriemhild hielt sie f�r Bauern, einfache Dorfbewohner, die aus irgendeinem Grunde Blut geleckt hatten. Vielleicht hatte der Junge sie bestohlen oder sich an einem der h�bscheren M�dchen vergriffen.</p><p>Kriemhild war schon Zeugin so mancher Hinrichtung geworden - im Burghof zu Worms, beinahe gleich vor ihrem Fenster -, doch eine so sonderbare wie diese hier hatte sie noch nie gesehen.</p><p>Der strampelnde Junge wurde mit Hilfe zahlreicher Schl�ge und Tritte auf den Bauch gerollt und festgehalten. Erstaunt sah Kriemhild, da� der Junge einen Buckel hatte; deutlich hob er sich am linken Schulterblatt unter seinem Lederwams ab.</p><p>Zwei andere M�nner zerrten jetzt den Toten heran, banden ihn mit Seilen auf den K�rper des Jungen, R�cken an R�cken. Als ein Mann mit einer Fackel sich zu dem verschn�rten B�ndel herabbeugte und h�hnisch auf den Wehrlosen einbr�llte, erkannte Kriemhild im zuckenden Feuerschein, da� der Tote mit schwarzen Flecken �bers�t war. Entsetzen verschlug ihr den Atem. Allm�chtiger, diese Menschen ber�hrten ein Pestopfer, als ginge keinerlei Gefahr von ihm aus! Sie mu�ten wahnsinnig sein - oder bereits angesteckt!</p><p>Im selben Moment begriff sie, da� sie von hier verschwinden mu�te. Doch als sie nach unten blickte, entdeckte sie voller Grausen, da� sich die Gruppe der Frauen einige Schritte zum Waldrand hin zur�ckgezogen hatte. Die aufgebrachten Weiber standen nun genau unter Kriemhilds Baum. Wenn eine von ihnen nach oben blickte, war es um Kriemhild geschehen. Schlimmer noch: Es war unm�glich geworden, unbemerkt hinabzuklettern. Sie mu�te in den �sten ausharren, bis alles vorbei war.</p><p>Der schreiende Junge und der Tote wurden in einen Kahn geworfen. Einige M�nner ruderten ihn geschwind zur Mitte des Flusses. Schwankend stellten sich zwei von ihnen auf, packten den Toten an Armen und Beinen und hoben damit zugleich auch den Jungen von den Planken. Zweimal holten sie Schwung, dann schleuderten sie das armselige B�ndel �ber die Reling ins Wasser. Sogleich verstummten die Schreie des J�nglings; die Leiche schwamm oben, er aber trieb unter Wasser. Jetzt erst begriff Kriemhild, wie perfide diese Art des T�tens tats�chlich war. Es war fraglich, ob der Junge es �berhaupt schaffen konnte, sich mitsamt dem Toten im Wasser zu drehen, um dadurch selbst an die Oberfl�che zu gelangen. Fraglicher noch war, wie lange er sich so w�rde halten k�nnen, denn die Str�mung spielte ihr eigenes Spiel mit ihm. Kriemhild hatte Mitleid mit ihm, ganz gleich, was er verbrochen hatte. Doch sie wu�te auch, da� sie nicht das geringste unternehmen konnte, um ihn zu retten.</p><p>H�tte man sie in diesem Augenblick gefragt, so h�tte sie wohl best�tigt, da� es kaum noch schlimmer h�tte kommen k�nnen. Doch, freilich, auch das erwies sich als frommer Wunsch.</p><p>Denn pl�tzlich ert�nte ein Knacken, und die Astgabel, auf der sie sa�, neigte sich nach unten - ganz langsam, unmerklich fast, aber doch unaufhaltsam. In blinder Panik griff Kriemhild nach einem anderen Ast, irgendwo �ber ihr. Sie hatte Gl�ck... etwa drei Herzschl�ge lang. Dann brach die Gabel vollends ab, und obgleich Kriemhild mit beiden H�nden an dem oberen Ast baumelte, polterte das geborstene Holz in die Gruppe der Frauen am Fu� der Eiche. Zwei, die getroffen wurden, schrien vor Schmerz und �berraschung auf, w�hrend die Blicke der anderen nach oben zuckten.</p><p>Kriemhild schenkte ihnen ein unschuldiges L�cheln - dann trafen sie schon die ersten Steine, die die emp�rten Weiber nach ihr schleuderten. Einige der M�nner am Ufer wurden aufmerksam, und bald schon stand die keifende Menge unterhalb der Eiche, traktierte Kriemhild mit Wurfgeschossen und schrie nach ihrem Blut.</p><p>Ein t�ckischer Wurf traf sie am Kopf, ein anderer am rechten Arm. Ihre Finger gaben nach, dann fiel sie. St�rzte mitten in die br�llende Meute.</p><p>Jeder Ansatz von Gegenwehr, jedes Wort der Vermittlung, sogar jeder Schmerzensschrei ging im Tumult der Rasenden unter. Hiebe und Tritte prasselten auf Kriemhild ein, ohne da� sie verstand, was sie diesen Leuten angetan hatte. Manche zerrten an ihren Armen, ihrer Kleidung, dann auch an ihrem Haar. Br�llend wurde sie ans Ufer geschleift. Sie h�rte, was die Menschen riefen, aber es machte keinen Sinn. Sie vernahm Bruchst�cke von S�tzen, dann nur einzelne W�rter, Silben. Die Angst vor der Plage mu�te sie alle um den Verstand gebracht haben.</p><p>H�nde und F��e pre�ten Kriemhild mit Bauch und Gesicht in den weichen Schlamm. Feuchtigkeit und Dreck drangen in ihre Ohren, und einen seltsamen, unwirklichen Augenblick lang herrschte Stille - dann bekam sie keine Luft mehr, ri� den Kopf zur�ck und fand sich gleich wieder inmitten des tobenden Gekeifes. Kriemhild sp�rte, wie Seile um ihren K�rper geschlungen wurden, und ihr d�mmerte, was ihr bevorstand. Noch einmal b�umte sie sich voller Verzweiflung auf, und da sah sie, da� man den Jungen und den Toten zur�ck an Land gezogen hatte. Alles weitere aber verbla�te angesichts neuerlicher Schl�ge und Schreie, als man Kriemhild zur�ck in den Schmutz dr�ckte. Etwas wurde auf ihren R�cken gebunden, fest angezurrt. Das Etwas bewegte sich schwach, halb ertrunken, v�llig ersch�pft. Der J�ngling!</p><p>H�nde rissen sie hoch, schleuderten beide gemeinsam wie verwachsene Mi�geburten in den Kahn, ruderten sie hinaus auf den Strom.</p><p>Dann - Wasser!</p><p>Kriemhild strampelte in wilder Panik, und der Junge tat es ihr gleich. Herzschl�ge lang trieb er an der Oberfl�che, dann gelang es Kriemhild, ihn mit einem Ellbogensto� in die Rippen zu �berraschen. Er gab nach, sie drehten sich, und Luft str�mte in Kriemhilds Lungen. Doch nur einen Augenblick lang. Dann wurde sie selbst schon wieder zur Seite gerissen. Sie rotierten um sich selbst, und abermals geriet Kriemhild unter Wasser, w�hrend der Junge �ber ihr durchatmen konnte.</p><p>Das Brausen und Gurgeln des Flusses war ohrenbet�ubend. Luftblasen umwirbelten sie wie ein Insektenschwarm. Panisch schlug und trat Kriemhild um sich, und irgendwie gelang es ihr - vielleicht mit Hilfe der Str�mung -, erneut nach oben zu kommen. Hustend und sich kr�mmend hing der Junge wie ein Anh�ngsel an ihrem R�cken. Und w�hrend sie selbst wieder durchatmen konnte, dachte sie: Er ertrinkt, wenn ich ihm nicht helfe!</p><p>Noch einmal schnappte sie verzweifelt nach Luft, dann drehte sie sich freiwillig zur Seite, wurde unter die Oberfl�che gerissen und hoffte, da� ihre Hilfe f�r den Jungen nicht zu sp�t kam. Sie betete, da� er das gleiche Mitleid mit ihr zeigen w�rde! Wenn sie sich abwechselten, wenn es ihnen trotz aller Panik und Angst gelang, einen klaren Kopf zu behalten, dann konnten sie �berleben. Zumindest eine Weile. Vielleicht, bis sie ans andere Ufer geschwemmt wurden. Vielleicht bis -</p><p>Das Gewicht des Jungen ri� sie herum, und nun war sie es, die oben trieb. Er hat es begriffen! jubelte sie in Gedanken. Er ist freiwillig untergetaucht! Sie holte Luft, einmal, zweimal, dann rollte sie sich zur Seite, gab ihm Gelegenheit zum Atmen. So machten sie es vier- oder f�nfmal, dann bem�hte sich Kriemhild neben dem Atemholen um einen Blick ans Ufer. Verschwommen sah sie eine Ansammlung heller Punkte, sehr klein, fast wie Gl�hw�rmchen - Fackeln, die schnell in der Ferne zur�ckblieben. Ja, bei Gott, der Flu� trug sie stromabw�rts, fort von den Wahnsinnigen!</p><p>Die Anstrengung des st�ndigen Drehens, Luftholens, Untertauchens drohte Kriemhild zu �berw�ltigen. Lange w�rde sie nicht mehr durchhalten. Sie h�tten ihre Bewegungen besser aufeinander abstimmen m�ssen, doch so lange sie sich untereinander nicht verst�ndigen konnten, war das unm�glich. Sie konnten nur darauf vertrauen, innerhalb der n�chsten Augenblicke ans Ufer gesp�lt zu werden.</p><p>Sie hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als ihre Knie �ber harten Stein schrammten. Dann wurde sie auch schon wieder herumgerissen, schnappte nach Luft und sah durch einen Wasserschleier die riesenhaften Silhouetten hoher B�ume vor dem goldenen Abendhimmel. Unter ihr b�umte sich der Junge auf, und ein Schmerzensschrei drang durch das Wasser empor. Fester Grund, endlich!</p><p>Wenig sp�ter lagen sie im seichten Uferwasser, beide auf der Seite, immer noch gefesselt, und atmeten tief und lange durch.</p><p>Der Junge brachte als erster ein paar zusammenh�ngende Worte hervor. �Wer... wer bist du?�</p><p>Kriemhild hustete, Wasser lief ihr aus dem Mund. �Wer, zum Teufel, bist <emphasis>du</emphasis>? Und warum hast du uns das eingebrockt?�</p><p>�Uns?� Er verrenkte sich fast den Hals bei dem Versuch, sie anzusehen. Vergeblich. Die Fesseln sa�en zu eng, und beide keuchten schmerzerf�llt auf.</p><p>�Bleib gef�lligst ruhig liegen!� fauchte Kriemhild ihn an. �Oder willst du uns beide erdrosseln?�</p><p>Ihre Kratzb�rstigkeit verwirrte ihn. �Hab ich dich vorher schon mal gesehen?�</p><p>�Du siehst mich ja nicht einmal jetzt!� Mittlerweile hatte sie ihre Sinne so weit beieinander, da� sie vorsichtiger wurde. Niemand durfte erfahren, wer sie wahr. Zu leicht konnte sie Spitzbuben in die H�nde fallen, die sich ein sch�nes L�segeld f�r sie ausrechnen mochten. �Warte�, sagte sie dann, als sie sich an den verbliebenen Dolch in ihrem Stiefel erinnerte; den anderen hatte sie beim Gerangel mit der aufgebrachten Meute verloren. �Ich will versuchen -�</p><p>Beide st�hnten vor Schmerz, als Kriemhild das Bein anzog und mit den Fingern nach dem Stiefelschaft tastete. Die Seile schn�rten ihnen Brust und Bauch ab.</p><p>�Ich hab ihn!� pre�te sie schlie�lich triumphierend hervor. Als er nicht reagierte, fragte sie: �He, lebst du noch?�</p><p>�Nein.�</p><p>Das Abendrot brach sich auf der blanken Dolchklinge, als Kriemhild vorsichtig die Seile �ber ihrem Oberk�rper durchtrennte. Augenblicke sp�ter waren sie frei, rollten voneinander fort und blieben ersch�pft auf dem Bauch im seichten Wasser liegen.</p><p>Als Kriemhild zu dem Jungen hin�berschaute, bemerkte sie, da� er sie eingehend musterte.</p><p>�Was glotzt du so?� zischte sie emp�rt.</p><p>�Wenn du mir schon deinen Namen nicht verr�tst, mu� ich mir wenigstens merken, wie du aussiehst, meinst du nicht?�</p><p>�Hast du mir denn deinen verraten?�</p><p>�Jodokus.� Und nach einer Pause setzte er hinzu: �Jodokus der S�nger.�</p><p>�Was f�r ein Name ist das?� entfuhr es ihr am�siert.</p><p>Seine Augenbrauen stellten sich schr�g. �Hast du einen besseren?� fragte er gereizt.</p><p>�Fine�, sagte sie z�gernd. Das war der Name einer ihrer Kammerzofen, und der einzige, der ihr ohne nachzudenken einfiel. �Ich hei�e Fine.�</p><p>Einen Moment lang war da etwas wie Mi�trauen im Blick seiner braunen Augen, dann aber rappelte er sich auf alle viere hoch. �Gut, Fine. Ich sch�tze, du hast mir das Leben gerettet.� Zweifelnd f�gte er hinzu: �Irgendwie, zumindest.�</p><p>Auch Kriemhild setzte sich im Schlamm auf, taumelte dann auf die F��e. �Ich hab�s nicht gern getan, das darfst du mir glauben.�</p><p>�Wie liebensw�rdig.�</p><p>Sie schenkte ihm ein giftiges L�cheln und schob sich die feuchten Str�hnen ihres Goldhaars aus dem Gesicht.</p><p>Wieder starrte er sie eingehend an. Ihr nasses Hemd klebte durchscheinend an ihren Br�sten. Als sie es bemerkte, raffte sie zornig ihre Weste zurecht.</p><p>Jodokus wurde rot und lachte leise, sagte aber nichts.</p><p>Kriemhild schaute sich um. �Wir sind am anderen Ufer, oder?�</p><p>�Ansonsten h�tten sie uns l�ngst wieder eingefangen.�</p><p>�Dann sind wir hier sicher?�</p><p>�Nicht lange, f�rchte ich. Das Dorf dieser Leute liegt an der einzigen Furt weit und breit, ein wenig weiter n�rdlich. Kann sein, da� sie uns �ber den Flu� folgen werden.�</p><p>Kriemhild suchte das andere Ufer ab, konnte aber weit und breit keinen Fackelzug erkennen. �Warum wollten sie dich �berhaupt umbringen?�</p><p>�Aus dem gleichen Grund wie dich.�</p><p>�Der da w�re?�</p><p>�Sie sind verr�ckt. Schlicht und einfach.�</p><p>Kriemhild musterte ihn absch�tzend, w�hrend sich beide ins Trockene schleppten. �Wer sagt mir, da� du kein gesuchter Verbrecher bist? Ein M�rder, vielleicht. M�glicherweise hatten sie ja recht mit dem, was sie vorhatten.� In Wahrheit aber glaubte sie nicht daran. Jodokus entsprach nicht gerade dem Bild jener Mordbuben, die sie w�hrend der Hinrichtungen bei Hofe zu Gesicht bekommen hatte. Abgesehen von dem leichten Buckel auf seinem R�cken, war er eigentlich recht ansehnlich, sogar jetzt noch, da das Wasser aus seiner Kleidung triefte. Tropfen glitzerten wie Diamanten in seinem kurzgeschorenen Haar, und das schalkhafte Blitzen in seinen Augen war frech und anziehend zugleich. Kriemhild sch�tzte ihn grob auf siebzehn Jahre, nicht viel �lter als sie selbst. Eine kleine Narbe zog sich von seinem linken Mundwinkel Richtung Wange, als h�tte jemand versucht, ihm ein bleibendes L�cheln zu verpassen.</p><p>�Du glaubst also, ich bin ein Halunke, ja?� fragte er, als sie sich matt gegen einen Baumstamm lehnten und in entgegengesetzte Richtungen blickten.</p><p>Kriemhild unterdr�ckte ein L�cheln. �Sagen wir, der Gedanke liegt mir nicht allzu fern.�</p><p>Er verzichtete, n�her darauf einzugehen, und fragte statt dessen: �Was verschl�gt ein M�dchen wie dich in diese Gegend?� Er senkte seine Stimme ein wenig. �Wei�t du nicht, da� hier die -�</p><p>�Die Pest w�tet?� erg�nzte sie. �O doch.�</p><p>�F�rchtest du dich nicht davor?�</p><p>�Nicht mehr als du.�</p><p>�Ich mache mir fast in die Hosen vor Angst.�</p><p>�Welch bezaubernde Vorstellung.�</p><p>�Was hast du hier zu suchen? Bist du auf der Flucht?�</p><p>�Ich will nach Osten.�</p><p>�Aber alle Fl�chtlinge ziehen in westliche Richtung.�</p><p>�Dann bedeutet das wohl, da� ich kein Fl�chtling bin, nicht wahr?�</p><p>�Wer war der andere Mann, der Tote?�</p><p>Jodokus hob die Schultern. �Jemand aus dem Dorf, nehme ich an. Sie wollten wohl, da� ich mich bei ihm anstecke.� Er r�ckte am Baumstamm zu ihr herum, bis sich ihre Schultern fast ber�hrten. Eingehend betrachtete er ihr feines Profil. �Du bist zu sch�n f�r eine einfache Herumtreiberin. Deine Haut ist zu glatt und ebenm��ig. Du hast nie in deinem Leben mit den H�nden gearbeitet, deine Finger sind zu zart und unversehrt. Du stammst aus gutem Hause. La� mich raten: Eine Ausrei�erin, stimmt�s?�</p><p>Sie war �berrascht und auch ein wenig besorgt. Wenn er sie so m�helos durchschaute, w�rde das wahrscheinlich jedem anderen genauso gelingen. �Kann schon sein�, erwiderte sie vage, weil sie ahnte, da� es wenig Sinn hatte, ihn zu bel�gen. �Da du anscheinend alles �ber mich wei�t, ist es jetzt wohl an dir, etwas �ber dich zu erz�hlen.�</p><p>�Ich hab nur geraten. Versuch du es doch auch.�</p><p>Sie beugte sich vor und schaute ihn �ber die Schulter hinweg an. Sie hatte angenommen, da� er sie nur necken wollte, doch jetzt erkannte sie den Ernst in seinen Z�gen. �Gut�, meinte sie widerwillig, wenn auch nicht vollkommen abgeneigt. �Du bist S�nger, hast du gesagt. Wahrscheinlich ein schlechter, sonst w�rest du nicht hier, sondern bei Hofe oder in einer Stadt. Au�erdem hast du kein Instrument dabei.�</p><p>�Die Leute am Flu� haben es mir abgenommen.�</p><p>�Wollten sie dich deshalb t�ten?� fragte sie verschmitzt. �Weil dein Gesang so grauenvoll war?�</p><p>Sie f�rchtete einen Moment lang, das sei eine Spitze zu viel gewesen, doch dann grinste er breit. �Mag schon sein, da� ihnen mein Gesang mi�fallen h�tte. Aber soweit ist es gar nicht erst gekommen. Sie haben mich vom Pferd gezerrt, als ich durch ihr Dorf ritt, und dann schleppten sie mich gleich zu dieser Stelle am Ufer. Hier ist er tiefer als anderswo, glaube ich.�</p><p>�Dann mu� ihnen einiges daran gelegen haben, da� du auch wirklich ers�ufst.�</p><p>�Sieh an, sieh an: Die kleine Prinzessin spricht wie eine R�uberbraut.�</p><p>Bei der Anrede �Prinzessin� zuckte sie zusammen. Eine Redensart, nichts sonst. Sie fragte sich, ob er ihre heftige Reaktion bemerkt hatte. Falls ja, so zeigte er es nicht.</p><p>�Und du behauptest, du w��test wirklich nicht, warum sie es auf dich abgesehen hatten?�</p><p>�Genausowenig wie du.�</p><p>So kamen sie nicht weiter. Vorerst sa�en sie gemeinsam in diesem Schlamassel. Lavendel wartete auf der anderen Seite des Flusses, und obgleich es Kriemhild traurig stimmte, die Stute zur�ckzulassen, war das Wagnis, die Furt zu benutzen, viel zu gro�. Andererseits: Wie sollte sie ohne Pferd ihr Ziel erreichen, bevor die Plage nach Worms vorr�ckte?</p><p>Als er sah, da� sie pl�tzlich Verzweiflung �berkam, ergriff er z�gernd ihre Hand. �Du hast es eilig, nicht wahr?�</p><p>�Ich...�, begann sie z�gernd, sagte dann aber nur: �Ja. Ich mu� nach Osten, und zwar so schnell wie m�glich.� Warum h�tte sie das leugnen sollen? �Mein Pferd ist am anderen Ufer, und ohne es...�</p><p>Er dr�ckte ihre Hand, um sie aufzumuntern, aber sie zog ihre Finger geschwind zur�ck.</p><p>�Wir besorgen dir ein neues�, sagte er, um ihr Mut zu machen. �Und mir auch. Wenn du willst, reiten wir zu zweit, wo immer du auch hinwillst.�</p><p>�Du willst mitkommen?� Sie lachte auf, aber es war ein bitterer, verletzender Laut. �Ich kenne dich ja nicht einmal.�</p><p>�Du wirst mich schon kennenlernen.�</p><p>�Wenn du mich anr�hrst -�</p><p>�Niemals. Versprochen!�</p><p>Sie suchte in seinen Augen nach einem Hinweis, ob er das ernst meinte. �Ich wei� nicht, ob ich dir trauen kann.�</p><p>�Nat�rlich wei�t du das nicht. Aber wer sagt mir denn, ob ich dir trauen kann?�</p><p>�Ich werde wohl kaum bei Nacht �ber dich herfallen, dessen sei versichert.�</p><p>Strahlend sprang er auf. �Dann brauchen wir voreinander ja keine Angst zu haben. Komm, la� uns aufbrechen. In den W�ldern laufen eine ganze Menge Pferde herum. Sie sind aus ihren Stallungen ausgebrochen, als niemand mehr kam, um sie zu f�ttern. Mittlerweile gibt es in dieser Gegend mehr freilaufende Pferde als Menschen.�</p><p>�Die Leute aus dem Dorf schienen mir recht lebendig zu sein.�</p><p>�Die wenigen, die �brig waren. Aber ich habe das Dorf gesehen. Die vielen Totenfeuer, die schwarzen Fetzen an den T�ren. Die zwanzig oder drei�ig am Ufer waren nur der armselige Rest.�</p><p>�Glaubst du, sie waren schon krank?�</p><p>�Einige gewi�.�</p><p>�Und wir?�</p><p>Er zuckte mit den Achseln. �Warten wir�s ab.�</p><p>�Du nimmst den Tod nicht allzu schwer.�</p><p>�Noch leben wir, oder? Au�erdem f�rchte ich den Tod nicht. Die Pest, ja, sicher. Die Krankheit, das Siechtum. Aber nicht das Ende.�</p><p>Kriemhild warf noch einen betr�bten Blick zum anderen Ufer, aber Lavendel war nirgends zu sehen. Dann trat sie Seite an Seite mit dem buckligen Jungen in den Wald, auf der Suche nach einem Pfad Richtung Osten.</p><p>�Warum?� fragte sie nach einer Weile.</p><p>�Warum was?�</p><p>�Weshalb hast du keine Angst vor dem Tod?�</p><p>Da verd�sterte sich sein Blick, und als er sprach, da klang es, als habe sie eine b�se Erinnerung in ihm geweckt. �Ich kenne ihn viel zu gut, um ihn noch zu f�rchten.�</p><p>�Niemand kennt den Tod. Keiner wei�, was einen erwartet, auch du nicht.�</p><p>�Ich schon. Ich war da.�</p><p>�Du mu�t ein f�rchterlicher S�nger sein, wenn deine L�gen alle so schlecht sind wie diese.�</p><p>Abrupt blieb er stehen. Sein Gesicht war bleich geworden. �Ich war einem Tod so nah wie kein anderer.�</p><p>�<emphasis>Einem </emphasis>Tod?� fragte sie verwundert. �Glaubst du denn, es gibt mehrere?�</p><p>�Es gibt einen leichten und einen schweren Tod, und wahrscheinlich noch einige dazwischen.�</p><p>Kriemhild grinste. �Dann ist dir gewi� der allerschwerste �ber den Weg gelaufen�, bemerkte sie scharfz�ngig. Sie konnte ihn immer noch nicht ernst nehmen.</p><p>�Ja.�</p><p>�Das dachte ich mir.�</p><p>Kopfsch�ttelnd wollte sie weitergehen, doch er legte ihr eine eiskalte Hand auf die Schulter. Kriemhild schauderte und streifte die Finger eilig ab, wie die Beine einer besonders ekelhaften Spinne.</p><p>�Kein Tod�, sagte er leise, �ist so schrecklich wie der, den die G�tter selbst einem w�nschen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 2</strong></p></title><empty-line/><p>Jodokus war ein sonderbarer Kauz, daran gab es gar keinen Zweifel. Nach seinem merkw�rdigen Gerede �ber den Tod sprach er eine ganze Weile �berhaupt nicht mehr, doch als er schlie�lich erneut das Wort ergriff, da war er wieder ganz der Alte. Bissig spottete er �ber Kriemhilds vermeintlich hohe Herkunft, machte ihr aber auch ein paar nette Komplimente. Vor allem ihr Haar hatte es ihm angetan, wiederholt bewunderte er dessen Glanz und ungew�hnliche L�nge.</p><p>Einmal fragte sie sich, ob er vielleicht nicht ganz richtig im Kopf sei, verwarf den Gedanken aber hastig. Die Vorstellung, mit einem Verr�ckten durch die Lande zu ziehen, war mehr als nur unbehaglich.</p><p>Sie erreichten bald einen Waldweg, zweifach gekerbt von Wagenr�dern. Zwar fanden sie keine wilden Pferde, wie Jodokus versprochen hatte, doch bevor die Nacht vollends hereingebrochen war, stie�en sie auf einer Lichtung auf ein einsames Geh�ft. Die Bewohner hatten das Anwesen mit einem Gro�teil ihrer Tiere verlassen, nur auf einer kleinen Koppel standen noch vier alte, magere M�hren. Kein Vergleich zu Lavendel, aber besser als nichts, und bald schon kamen Kriemhild und der verwachsene S�nger schneller auf ihrem Weg nach Osten voran.</p><p>Die S�ttel, die sie im Stall gefunden hatten, waren unbequem und sperrig, und es dauerte nicht lange, da schmerzten beiden die Hinterteile. W�hrend Jodokus ausgiebig die genaue Natur seines Ges��schmerzes er�rterte, zog Kriemhild es vor, ihr eigenes Leid damenhaft zu verschweigen. Es waren vor allem Kleinigkeiten wie diese, in denen der Unterschied ihrer Herkunft besonders deutlich zutage trat, und Kriemhild fragte sich, wie der Junge allen Ernstes annehmen konnte, es sei vorzuziehen, als Hungerleider statt in reichen Verh�ltnissen aufzuwachsen. Sie jedenfalls fand es wenig erstrebenswert, jedem dahergelaufenen Fremden ihre peinlichsten Beschwerden zu offenbaren.</p><p>L�ngst lag die Nacht k�hl und sternenklar �ber dem Land, als sie beschlossen, sich endlich zur Ruhe zu legen. Sie hatten mittlerweile die alte Heerstra�e nach W�rzburg wieder aufgesp�rt und waren ihr schon geraume Zeit gefolgt. Jetzt aber schlugen sie sich nach rechts ins Unterholz und knoteten die klapprigen Pferde an Zweigen fest. Alsdann legten sie sich auf gegen�berliegenden Seiten eines kleinen Feuers nieder, leidlich weich auf Laub und Gras gebettet. Trockene Tannennadeln knisterten in den Flammen und verbreiteten einen angenehm herben Waldduft.</p><p>�Wer �bernimmt die erste Wache?� fragte Jodokus, w�hrend er einen Haufen Bl�tter unter seinem Kopf zurechtr�ckte.</p><p><emphasis>Erste Wache. </emphasis>An so etwas h�tte Kriemhild nicht im Traum gedacht. Sie h�tte sich schlafen gelegt und Gottes nimmerm�der Vorsehung vertraut. Aber nat�rlich hatte der S�nger recht: Es war kl�ger, wenn einer von ihnen auf den anderen achtgab.</p><p>�Du siehst m�de aus�, sagte sie. �Ich bleibe wach.�</p><p>Gelinde Emp�rung lag in seiner Stimme, als er sagte: �Du bist mindestens genauso m�de.�</p><p>�Mag sein. Aber es gibt eine Menge, �ber das ich nachdenken mu�. Schlaf du nur. Ich wecke dich schon, wenn du an der Reihe bist.�</p><p>�Nachdenken?� Er legte seinen Kopf zufrieden auf das Bl�tterkissen und murmelte mit geschlossenen Augen: �Mir scheint, das edle Fr�ulein h�tet ein kleines Geheimnis.�</p><p>Er war eingeschlafen, ehe Kriemhild eine Antwort darauf fand. Eine Weile lang beobachtete sie sein Gesicht im gelblichen Feuerschein, die feinen Falten links und rechts seines Mundes, die nicht vom Lachen stammen konnten. Die schmale Narbe im Mundwinkel schimmerte heller als der Rest seiner Wange, fast als leuchte sie aus sich selbst heraus. So, wie Jodokus dalag, fiel der Buckel auf seinem R�cken kaum auf. Kriemhild fragte sich, wie es sein mochte, wenn man von Kind an unter solch einer Mi�bildung litt. Er tat ihr pl�tzlich leid, und eine Woge unverhoffter Zuneigung �berkam sie. Er war so ganz anders als die geckenhaften Hofj�nglinge, die sie in Worms kannte, ganz anders auch als die F�rstens�hne und Ritter, die Gunther ihr in regelm��igen Abst�nde als Gemahle vorschlug.</p><p>Ein fahrender S�nger, einer aus dem Heer der Armen - und dennoch wirkte Jodokus auf seine Weise zufrieden, gl�cklich sogar, wenn man seine Bemerkungen �ber den Tod au�er acht lie�. M�glich, da� sie einiges von ihm lernen konnte.</p><p>Seit Kriemhild aus dem Wasser gestiegen war, hatte sie ihr zerzaustes Haar offen getragen. Jetzt band sie es wieder im Nacken zusammen und erneuerte den Knoten am Hinterkopf. Andere, denen ihr Haar genausogut gefiel wie Jodokus, mochten nicht so zur�ckhaltend auf der gegen�berliegenden Seite des Feuers schlafen wie er.</p><p>Die Ger�usche des n�chtlichen Waldes waren unheimlich - die Schreie der Eulen und K�uzchen, das gelegentliche Flattern von Schwingen in den Fichtenwipfeln, das Rascheln im Unterholz -, aber Kriemhild hatte keine wirkliche Angst. Im Grunde war sie von sich selbst �berrascht. Sie war hinter den sichersten Mauern des Reiches aufgewachsen, hatte nie im Freien schlafen m�ssen - und nun lag sie hier, inmitten eines Landstrichs, den die Pest regierte, in einem Wald, der dunkler und tiefer war, als jeder andere, den sie bislang gesehen hatte. An der Seite eines vollkommen Fremden zudem, der aus Verh�ltnissen stammte, vor denen ihre Ammen und Zofen sie stets gewarnt hatten.</p><p>Dennoch versp�rte sie keine Furcht, nicht vor Jodokus und nicht vor dem Wald. Sie war ziemlich stolz auf sich.</p><p>Als sie bemerkte, da� ihre M�digkeit trotz der sp�ten Stunde nachlie� - die Aufregung, sagte sie sich -, stand sie auf und entfernte sich einige Schritte vom Feuer. Sie wollte zur�ck zur Stra�e gehen und das moos�berwucherte Pflaster im Mondlicht betrachten, die Verhei�ung von Ferne und von Reisen sp�ren, das seltsame Gef�hl der Freiheit, das sie immer st�rker �berkam.</p><p>Aber als sie aus dem Unterholz trat und einen Blick auf die Heerstra�e warf, erkannte sie, da� sie nicht mehr allein war. Keine zweihundert Schritte �stlich entdeckte sie Gestalten, einen Trupp ger�steter M�nner. Vierzig oder f�nfzig, sch�tzte sie. Sie hatten sich am Stra�enrand niedergelassen, einige lagen zusammengerollt im Gras und schliefen, andere hielten Wache. Im Mondlicht schimmerten Eisenpanzer und Helme, schartige Waffen und Schilde, von denen die Farben abbl�tterten. Pferde gab es nur drei oder vier, der Rest des Trupps war zu Fu� unterwegs. Der Marsch mu�te lang und anstrengend gewesen sein, denn trotz ihrer gro�en Zahl machten die M�nner kaum ein Ger�usch. Die meisten schliefen bereits.</p><p>Kriemhilds erste Empfindung war Sorge, da� man sie entdecken und zur Rede stellen w�rde. <emphasis>Zur Rede stellen - </emphasis>von wegen! In einer Gegend wie dieser, ein Haufen verwegener Soldaten und ein h�bsches M�dchen, ganz allein im Wald... Diese Art von Unterhaltung w�rde eher wortkarg ausfallen.</p><p>Dann aber sagte sie sich, da� die M�nner von Osten kamen und fraglos Neuigkeiten von dort zu berichten wu�ten. Neuigkeiten, die f�r Kriemhild gro�e Bedeutung haben mochten. Entgegen jeder Vernunft �berlegte sie, wie es ihr gelingen k�nnte, die Soldaten auszuhorchen, ohne ihnen selbst zum Opfer zu fallen.</p><p>Es war Wahnsinn, gewi� - doch nachdem sie ihren Entschlu� einmal gefa�t hatte, brannte sie darauf, ihn in die Tat umzusetzen. Sie hatte oft genug die Gespr�che ihrer Br�der belauscht, um zu wissen, da� es unter Kriegern nicht immer nur heldenhaft zuging; sie wu�te sehr wohl, was ihr bevorstand, wenn ihr Plan mi�lang.</p><p>Lautlos schlich sie zur�ck zur Feuerstelle. Jodokus lag zusammengerollt da wie ein junger Hund, er schlief tief und fest. Die beiden Pferde gaben keinen Laut von sich, als Kriemhild ihnen die Satteldecken abnahm. Dann nahm sie ein verkohltes Holzst�ck aus der Asche des Feuers und malte sich damit schwarze Flecken auf Gesicht, H�nde und Unterarme. Anschlie�end schlang sie die beiden �belriechenden Decken um ihren K�rper wie die Gew�nder einer alten Vettel und huschte zur�ck zur Stra�e. Unterwegs hob sie einen Stock auf, der leidlich glaubhaft als Kr�cke herhalten mu�te.</p><p>Vorn�bergebeugt, das Gesicht im Schatten der Decke verborgen, humpelte sie �ber die mondbeschienene Stra�e auf das Lager der Soldaten zu.</p><p>Sie war bis auf zwanzig Schritte heran, als ein schl�friger Wachtposten sie bemerkte. �He da!� rief er sie an, nicht allzu laut, um seine schlafenden Kameraden zu schonen. �Wer ist da?� Er klang m�de und nicht besonders gl�cklich dar�ber, da� er sich von seinem Platz am Lagerfeuer erheben mu�te.</p><p>Kriemhild hatte eigentlich vorgehabt, ihre Stimme zu verstellen, aber jetzt �berfiel sie mit einemmal Sorge, da� man ihr die armselige Alte nicht abnehmen w�rde. Deshalb sagte sie in ihrem eigenen, klaren Tonfall: �Eine Wanderin in schlimmen Zeiten.�</p><p>Als der Soldat h�rte, wie jung sie noch war, wurde er aufmerksamer. Einige der anderen rollten sich herum, setzten sich im Gras auf. Einer fl�sterte einem anderen etwas zu; beide sprangen auf und starrten Kriemhild aus schattenverhangenen Augen entgegen.</p><p>�Komm heran, damit wir dich sehen k�nnen, M�dchen�, rief der W�chter und zog ein loderndes Scheit aus dem Lagerfeuer.</p><p>Kriemhilds Herz raste, und pl�tzlich war sie froh, da� sie die Kr�cke hatte, um sich aufzust�tzen; wer wu�te schon, ob ihre zitternden Knie sonst nicht einfach unter ihr eingeknickt w�ren?</p><p>Sehr langsam hob sie beim N�herkommen ihr Gesicht. Der W�chter beleuchtete sie mit der Fackel. Einer seiner Kameraden entdeckte als erster die schwarzen Flecken auf ihren Z�gen und taumelte zwei Schritte nach hinten, stolperte dabei �ber einen Schlafenden und st�rzte r�ckw�rts zu Boden. Sogleich erwachten noch einige mehr und knurrten Fl�che, w�tend �ber die St�rung.</p><p>�Sie hat die Plage!� rief jetzt der W�chter aus. Sogleich ging ein Raunen durch die Reihen. Ein Soldat griff nach Pfeil und Bogen, doch ein anderer hielt ihn zur�ck. �Warte!� Er trat vor und nahm dem W�chter das brennende Holzscheit aus der Hand.</p><p>�Bleib stehen, M�dchen�, sagte er ruhig. Er mu�te der Anf�hrer der Rotte sein. Kriemhild war l�ngst dar, da� sie es hier nicht mit Kriegern ihres Bruders zu tun hatte, und das erh�hte ihre Furcht um ein Vielfaches. Jetzt gab es kein Zur�ck mehr, kein <emphasis>Seht-doch-her-ich-bin-des-K�nigs-Schwester. </emphasis>Dies waren Pl�nderer, herrenlose S�ldner wahrscheinlich, die marodierend durch das sterbende Land zogen.</p><p>Der Anf�hrer kam vorsichtig n�her, und das Raunen der anderen in seinem R�cken verst�rkte sich. Ihn schien die Krankheit weniger zu �ngstigen als seine M�nner. Kriemhild f�rchtete schon, sie sei durchschaut. In einer Bewegung, die beil�ufig erscheinen sollte, lie� sie ihre nackten Oberarme unter dem Deckenrand hervorschauen. Die schwarzen Flecken sorgten abermals f�r aufgeregtes Fl�stern. Auch der Anf�hrer blieb z�gernd stehen.</p><p>�Du kommst aus dem Westen, M�dchen, ist es nicht so?�</p><p>�Ja, Herr�, gab sie mit schwankender Stimme zur�ck. W�re sie doch nur bei Jodokus im Dickicht geblieben!</p><p>�Hast du auf deinem Weg eine Ansiedlung gesehen? Ein Dorf, vielleicht?�</p><p>�Ich -� Sie stockte. �Warum wollt Ihr das wissen, Herr? Die Pest ist �berall.�</p><p>�Wir sind nur m�de K�mpfer, auf der Suche nach einem Dach �ber dem Kopf und ein wenig jungfr�ulichem Fleisch.� Rohes Lachen aus dem Dunkel unterstrich seine Worte.</p><p>Kriemhild schauderte. Zugleich aber dachte sie an die Dorfbewohner, die sie und Jodokus hatten umbringen wollen. Dies mochte eine Gelegenheit sein, ihnen ihr b�ses Trachten heimzuzahlen.</p><p>�Es gibt ein Dorf�, sagte sie schlie�lich gepre�t. �Etwa einen halben Tag westlich von hier. Es liegt an einer Furt, n�rdlich der Stra�e. Ihr k�nnt es nicht verfehlen.�</p><p>�Und lebt dort noch einer?�</p><p>Ein anderer gr�hlte: �Leben noch Weiber dort? Schnell, sag es uns, dann schonen wir dich.�</p><p>Der Anf�hrer fuhr herum und bedachte den Schreihals mit einem finsteren Blick. Sogleich sank der Mann zu Boden und blieb m�rrisch und schweigend am Feuer sitzen.</p><p>�Es leben noch welche, allerdings.� Kriemhild wunderte sich �ber sich selbst. Ihr Ha� und ihr Zorn auf die D�rfler, die sie ganz ohne Grund hatten t�ten wollten, war ungebrochen. �Aber sagt, wollt auch Ihr mir eine Auskunft geben?�</p><p>�Was willst du mit einer Auskunft, M�dchen? Du wirst bald sterben, das wei�t du doch.�</p><p>�Sterben werde ich, gewi߫, entgegnete sie, nun ein wenig gefa�ter. �Doch verratet mir, wie sieht es im Osten aus?�</p><p>Der Anf�hrer murmelte etwas zu sich selbst, dann gab er seinen M�nnern Zeichen, sich wieder schlafenzulegen. �Schlecht sieht es aus. Die Plage ist �berall. Der Schwarze Tod hat reichlich Ernte gehalten. Ich habe viele meiner M�nner verloren.�</p><p>�Kennt Ihr einen Ort namens Salomes Zopf?�</p><p>Der S�ldnerf�hrer blickte sie d�ster an. �Was f�r ein Ort soll das sein?�</p><p>Kriemhild setzte zu einer Erwiderung an, doch im selben Augenblick erhob sich im Hintergrund ein Mann, der eilig auf den Anf�hrer zustolperte; eine Reihe von Fl�chen verriet, wo seine F��e im Dunkeln gegen Schlafende stie�en. Er trug eine braune M�nchskutte, an seinem Hals baumelte ein Rosenkranz aus Holzperlen. Ohne Kriemhild aus den Augen zu lassen, beugte er die Lippen an das Ohr des S�ldnerf�hrers und raunte ihm sichtlich erregt etwas zu. Die Augen das Anf�hrers weiteten sich �berrascht, dann streckte er Kriemhild abwehrend seine Fackel entgegen.</p><p>�Bist du des Teufels, Weib?�</p><p>�Des Teufels, Herr?� fragte sie unschuldig.</p><p>�Warum sonst fragst du nach Salomes Zopf?�</p><p>Der M�nch trat einen Schritt zur�ck. �Es hei�t, dort...� Der Rest ging unter, als er furchtsam die Stimme senkte. Einige M�nner in seiner N�he keuchten erschrocken auf.</p><p>Kriemhild fragte sich, ob sie vom Regen in die Traufe geraten war. Wann wirst du nur lernen, dein loses Mundwerk zu halten?</p><p>So sagte sie das erstbeste, das ihr einfiel: �Es hei�t, man k�nne dort Heilung finden.�</p><p>Der Anf�hrer lachte h�hnisch. �Wie lange hast du die Krankheit schon?�</p><p>�Zwei Tage, Herr.�</p><p>�Was glaubst du denn, wie lange du noch leben wirst?�</p><p>�Ich wei� es nicht, Herr.�</p><p>�Einen Tag, h�chstens anderthalb. Zu Fu� brauchst du sehr viel l�nger, um zu Salomes Zopf zu gelangen. Ein Wunder, da� du �berhaupt noch laufen kannst.�</p><p>Kriemhild schluckte. �Ich hoffte, einem Herrn wie Euch meine Leibesdienste anzutragen, damit er mich auf seinem Ro� mitnimmt.�</p><p>Der S�ldner und seine Kumpane stie�en ein gr��liches Gel�chter aus. �Leibesdienste, so, so�, meinte der Anf�hrer. �Wer soll Gefallen an einer pestkranken Hure finden, Weib?� Er sch�ttelte ver�chtlich den Kopf und hob seine Stimme: �Nun mach schon, da� du fortkommst, bevor ich Befehl gebe, einen Pfeil an dich zu verschwenden!�</p><p>�Habt Dank, Herr�, zischte Kriemhild zwischen zusammengepre�ten Z�hnen.</p><p>�Verschwinde von hier und krepiere irgendwo, wo du keine ehrbaren Krieger mit deinem Elend ansteckst.� Beim Wort �ehrbar� erntete er neuerliches Gel�chter. Der Anf�hrer drehte sich abrupt zu seinen Kumpanen um. �Und ihr, faules Gesindel, steht schon auf! Noch vor Tagesanbruch will ich unter einem festen Dach sitzen und Bier saufen, in jedem Arm ein Weib, das sch�ner ist als dieses hier!�</p><p>Johlende Zustimmung schlug ihm entgegen, w�hrend Kriemhild schwankend an den Lagernden vor�berhumpelte. Ehern bek�mpfte sie den Drang, sich nach den M�nnern umzusehen. Jeden Augenblick erwartete sie eine Klinge oder Bolzenspitze im R�cken.</p><p>Doch die gr�hlende Horde lie� sie tats�chlich ziehen. Zu gro� war die Vorfreude, um auch nur einen weiteren Gedanken an die kranke Wanderin zu verschwenden.</p><p>Kriemhild hatte sich noch keine hundert Schritte nach Osten entfernt, als der Trupp bereit zum Abmarsch war. Wenig sp�ter schon verschwanden die M�nner im Dunkel, nur ihre Stimmen drangen noch ged�mpft durch die Nacht.</p><p>Aufatmend blieb Kriemhild stehen, schleuderte den Stock beiseite und raffte sich die Decken vom Leib. Mit dem B�ndel unterm Arm rannte sie links des Weges zur�ck zu der Stelle, von der sie gekommen war.</p><p>Pl�tzlich scho� aus dem Geb�sch ein Arm hervor, packte sie schmerzhaft an der Schulter. Kriemhild zuckte herum, duckte sich zugleich in der Bef�rchtung eines Hiebes mit Faust oder Schwert.</p><p>Doch es war nur Jodokus, der das Geschehen vom Dickicht aus beobachtet hatte.</p><p>�Was, zum Teufel, ist in dich gefahren?� fuhr er sie wutentbrannt an.</p><p>Trotzig versuchte Kriemhild, seine Hand abzusch�tteln, doch er lie� nicht locker. �Es ist gutgegangen, oder?�</p><p>�Das ist es nicht, was ich meine. Wenn du glaubst, du m��test dich umbringen, dann ist das deine Sache!� Seinen Augen waren schwarz wie gef�rbte Glaskugeln. Er sah mit einemmal �lter aus, �lter und sehr viel erfahrener. Es war fast, als h�tte statt seiner selbst sein Schatten Gestalt angenommen; dies war die dunkle, die unheilvolle Seite des S�ngers Jodokus. Dieselbe, die vom Tod durch G�tterhand gesprochen hatte. �Wie konntest du das nur tun?�</p><p>Sie stellte sich dumm. �Ich wei� nicht, was du meinst.�</p><p>Seine zweite Hand zuckte vor und umfa�te ihre andere Schulter. Einen Moment lang f�rchtete sie, er w�rde sie schlagen. �Wie konntest du ihnen nur von dem Dorf erz�hlen?�</p><p>Sie erwiderte seinen finsteren Blick. �Diese Leute haben versucht, uns zu t�ten. Schon vergessen?�</p><p>�Das ist kein Grund, ihnen diese Hunde auf den Hals zu hetzen!�</p><p>�Nein? Was w�re denn ein Grund? Wenn wir beide im Flu� ertrunken w�ren?�</p><p>�Niemand hat es verdient, da� eine Horde Pl�nderer �ber sie herf�llt. Niemand!�</p><p>�Ich -�</p><p>Er schnitt ihr wutentbrannt das Wort ab. �Du hast diese Menschen gerade zum Tode verurteilt, ist dir das �berhaupt klar? M�nner, Frauen und Kinder! Alle schon so gut wie tot!�</p><p>�Sie suchen nur ein Dach �ber dem Kopf und -� Kriemhild verstummte, als sie sp�rte, wie schwach ihre Stimme klang. Sie konnte ihm nicht widersprechen und dabei so tun, als sei sie selbst �berzeugt von dem, was sie sagte.</p><p>�Zum Tode verurteilt!� wiederholte er und starrte ihr dabei fest in die Augen, bis sie ihren Blick zu Boden wandte. �Und, glaub mir, es wird kein leichter Tod sein! Ich habe gesehen, zu was solche Kerle f�hig sind. Sie fallen wie die Tiere �ber alles her, nach dem es ihnen verlangt. Nicht einer, nicht zwei - ein halbes Dutzend nimmt sich ein M�dchen vor, und sie t�ten es erst, wenn sie alle fertig sind und auch sonst keiner mehr Verwendung f�r es hat. Das ist es, was du den Menschen in diesem Dorf angetan hast!�</p><p>Kriemhild schwieg. Was h�tte sie darauf auch erwidern k�nnen?</p><p>Aber Jodokus war noch nicht am Ende. �Die Pest hat die Menschen in diesem Dorf dazu gebracht, uns in den Flu� zu werfen. Sie haben gedacht, sie seien im Recht. Sie dachten, sie tun Gutes.�</p><p>�Was ist gut daran, uns zu t�ten?�</p><p>Er lie� sie los und atmete tief durch. Als h�tte ihn sein Redeschwall gar zu sehr ersch�pft, sank er mit dem R�cken gegen einen Baumstamm. �Sie haben geglaubt, da� ich es sei, der ihnen die Pest gebracht hat.�</p><p>�Du?� Sie sah ihn an, als h�tte er endg�ltig den Verstand verloren. �So ein Unsinn.�</p><p>�Nat�rlich ist es Unsinn. Aber sie glaubten ganz fest daran. Dich hielten sie wahrscheinlich f�r meine Gef�hrtin oder Wei�-der-Teufel-was... Aber von mir glaubten sie, ich sei K�nig Pest pers�nlich.�</p><p>�K�nig Pest? Wer soll das sein?�</p><p>�Es gibt eine Legende�, sagte er und wischte sich mit dem �rmel Schwei� von der Stirn. Seine Nasenfl�gel bl�hten sich, als er wie unter Schmerzen die Luft einsog. �In Zeiten wie diesen, wenn der Schwarze Tod �ber die L�nder kommt und die Menschen zu Tausenden und Abertausenden ausl�scht, dann entstehen solche Geschichten von einem Tag auf den anderen. M�rchen oder Legenden, die m�glicherweise einen wahren Kern haben. Wie die Geschichte von K�nig Pest. Es hei�t, er sei ein Wanderer, ein Reisender auf schwarzem Ro�, der kreuz und quer durch das Land zieht und die Plage verbreitet. Ohne Ziel, ohne Herkunft. Pl�tzlich ist er da, und wo er geht, bleiben Krankheit und Tod zur�ck.�</p><p>Kriemhild sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. �Und die Dorfbewohner hielten dich f�r diesen... diesen K�nig Pest? Das ist doch v�llig absurd!�</p><p>�Sie waren verzweifelt. Sie h�tten jeden daf�r gehalten, der gerade vorbeikam. Es war Pech, das es ausgerechnet mich getroffen hat. Mein Pferd war schwarz, und offenbar hat ihnen das gereicht. Die Seuche hat sie soweit getrieben, vielleicht auch ihre Beschr�nktheit. Doch was immer sie getan haben, sie haben es nicht verdient, diesen S�ldnern in die H�nde zu fallen.�</p><p>Kriemhild hockte sich auf den k�hlen Waldboden nieder und zog die Knie an den Oberk�rper. Allm�hlich wurde ihr bewu�t, was sie getan hatte. Und ebenso deutlich begriff sie, da� es zu sp�t war, um noch irgend etwas daran zu �ndern. �Es tut mir leid�, fl�sterte sie, nicht zu Jodokus, sondern nur zu sich selbst.</p><p>�So einfach ist das, nicht wahr?� fuhr er sie ver�chtlich an und �ffte ihren Tonfall nach: �Es tut mir leid... Pah, Fine, oder wie auch immer du wirklich hei�en magst, in Wahrheit ist es dir doch vollkommen gleichg�ltig. Vielleicht nicht jetzt, nicht in diesem Augenblick. Aber la� einen halben Tag vergehen, und du wirst keinen Gedanken mehr an diese armen Gesch�pfe verschwenden. Sie stehen ja so weit unter dir, nicht wahr?�</p><p>Ihr Blick raste hoch. �Wie meinst du das?� rief sie.</p><p>�Das wei�t du ganz genau, edles Fr�ulein. Es sind nur Bauern, nur Fu�volk, nur Hungerleider. Niemand von deinem Stand. Keiner, der es wert w�re, einen Finger f�r sie zu r�hren.�</p><p>�Du glaubst tats�chlich, ich habe das getan, weil es arme Schlucker und keine Edelleute waren?� Sie sprang auf und stemmte die H�nde in die H�ften. �Das glaubst du wirklich?� Sie wollte ihn anschreien so laut sie nur konnte: <emphasis>Ist dir klar, da� ich mein Leben f�r dieses Volk aufs Spiel setze? Da� ich mich f�r dich und jeden anderen in diesem gottverfluchten Land opfern werde? </emphasis>Aber nat�rlich sagte sie nichts von alldem; es war unter ihrer W�rde.</p><p><emphasis>W�rde</emphasis>! Du liebe G�te...</p><p>Pl�tzlich drehte er sich um und machte sich mit schnellen Schritten auf den R�ckweg zum Lagerplatz.</p><p>�Komm�, sagte er leise, �la� uns aufh�ren. Wir k�nnen ohnehin nichts mehr daran �ndern.�</p><p>Sie lief hinter ihm her, aufgew�hlt wie selten zuvor. �Wir haben doch Pferde. Wir k�nnten vor den S�ldnern im Dorf sein und -�</p><p>�Und uns umbringen lassen? Glaubst du wirklich, man w�rde uns auch nur ein Wort glauben? Die Dorfbewohner w�rden nur zu Ende bringen, was sie begonnen haben. Und die S�ldner w�rden sie trotzdem t�ten.� Er sch�ttelte traurig den Kopf. �Was jetzt geschieht, liegt nicht mehr in unserer Hand.�</p><p>Kriemhild senkte schweigend den Kopf, bis sie ihre Feuerstelle und die Pferde erreichten. Wortlos wischte sie sich die Ascheflecken von der Haut, legte dann die beiden Decken auf die R�cken der Tiere und sattelte sie von neuem.</p><p>Jodokus sah ihr eine Weile lang zu, dann nickte er nachdenklich. �Ich sch�tze, ich kann auch nicht mehr schlafen. Wir k�nnen ebensogut weiterreiten.�</p><p>Das �berraschte sie, nachdem er doch geh�rt haben mu�te, was am Ziel ihrer Reise lag. �Willst du immer noch mitkommen?�</p><p>�Zu Salomes Zopf? Warum nicht?�</p><p>�Du hast keine Angst?�</p><p>�Ich habe dir doch gesagt, da� ich keine Angst vorm Tod -�</p><p>�Ja�, unterbrach sie ihn scharf, �das hast du.� Sie machte eine kurze Pause, w�hrend sie die Riemen der Pferde festzurrte. Dann drehte sie sich mit einem Ruck zu ihm um. �Wirst du mir verraten, womit du die G�tter gegen dich aufgebracht hast?�</p><p>Er raffte ihre Sachen am Boden zusammen. �La� uns erst aufbrechen�, sagte er, ohne sie anzusehen. Einen Moment lang hatte Kriemhild den Eindruck, der Buckel an seiner Schulter habe sich unmerklich nach rechts verschoben.</p><p>�Ich erz�hle dir alles, wenn wir unterwegs sind�, fl�sterte er tonlos.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 3</strong></p></title><empty-line/><p>Das schwarze Ro� schnaubte voller Ungeduld, als sein Reiter die Z�gel straffer zog. Der lange dunkle Mantel des Mannes schlug Wellen, w�hrend das Tier unter ihm protestierend mit den Hufen scharrte. Es war ebenso unduldsam wie sein Reiter, wenn auch aus eigenen, den Menschen unverst�ndlichen Gr�nden; der Mann hatte kein Verlangen, sie zu durchschauen. Er zeigte Nachsicht mit jeder Art von Geheimnis. Oft hatte er das Gef�hl, er selbst lebe nur f�r seine eigenen dunklen Mysterien.</p><p>Ro� und Reiter standen im Dickicht nahe der Furt und blickten aus schwarzgl�nzenden Augen zum Dorf hin�ber. Die riedgedeckten D�cher der H�tten standen in Flammen, finstere Qualmfahnen stiegen zum Himmel empor und verfinsterten Mond und Sterne. Im Osten d�mmerte der Tag herauf, doch selbst das ferne Morgenrot verbla�te angesichts des glutgelben Infernos auf beiden Seiten der Dorfstra�e. Ganz aus der N�he ert�nte das schrille Kreischen einer Frau, dann folgte ein stumpfer Laut, ein Hieb. Die Schreie verstummten. Zwei M�nner taumelten lallend aus einer der letzten unbeschadeten H�tten und zerrten sich im Gehen die Hosen hoch. Einer stolperte �ber die Leiche eines Bauern und st�rzte zu Boden, der andere lachte trunken und half seinem Gef�hrten auf die Beine.</p><p>Die meisten S�ldner waren bereits weitergezogen, nur noch ein paar Nachz�gler streiften durch die lodernden Ruinen, auf der Suche nach �berlebenden oder ein paar M�nzen, die andere �bersehen hatten. Sie fanden weder das eine noch das andere. Sch�tze hatte es hier nie gegeben, nur das, was die Dorfbewohner zum Leben ben�tigt hatten. Jetzt ben�tigten sie nichts mehr.</p><p>Der einsame Reiter gab seinem Pferd einen sanften Sto� mit der Ferse. Sogleich trug es ihn aus seinem Versteck ins Licht der prasselnden Feuer. Die Stra�e war �bers�t mit Toten, die meisten �bel zugerichtet.</p><p>Der Reiter lenkte sein Pferd in langsamem Trab um ein paar aufgeschlitzte Hunde. Auf einer Weide lag zerst�ckeltes Vieh, sogar ein paar H�hner waren mit Pfeilsch�ssen niedergestreckt worden. Der Reiter im schwarzen, wallenden Mantel hatte viele Kriege und Raubz�ge miterlebt, und der Anblick des Dorfes und seiner Bewohner vermochte ihn kaum zu ber�hren. Tod war sein st�ndiger Begleiter, hier wie anderswo.</p><p>Durch den Sehschlitz seines Helmes beobachtete er die betrunkenen S�ldner, die ziellos zwischen den Leichen umherstreiften, die eine oder andere mit den F��en herumrollten und Scherze dar�ber machten. Ein halbes Dutzend Pl�nderer hielt sich noch im Dorf auf, die �brigen waren schon weiter nach Westen gezogen, immer dem Weg der Plage nach. Vermutlich hatten die Zur�ckgebliebenen vor, ihre Kumpane in ein oder zwei Tagen einzuholen.</p><p>Die meisten von ihnen waren viel zu betrunken, um zu bemerken, da� ein schwarzer Schatten auf sie fiel.</p><p>Das Schwert des Reiters m�hte sensengleich durch den Oberk�rper des ersten. Der zweite Pl�nderer wirbelte herum und erkannte voller Entsetzen die finstere Silhouette, die sich ihm von hinten gen�hert hatte. Mit mehr Gl�ck als Geschick tauchte er unter der Klinge des Angreifers hinweg und wollte sein eigenes Schwert aus der Scheide zerren. Da aber t�nzelte das Streitro� des Angreifers schon herum, der Reiter zertr�mmerte das Nasenbein des S�ldners mit einem heftigen Stiefeltritt. Ein jammervoller Schrei entfuhr der Kehle des Mannes, der letzte Laut, der aus ihr drang - dann wurde sie vom scharfen Stahl des Reiters zerfetzt.</p><p>Der Schmerzensschrei hatte die vier �brigen Pl�nderer alarmiert. Der Vorteil der �berraschung war dahin. Der Ger�stete sprang aus dem Sattel und jagte das Ro� mit einem Klaps davon. Breitbeinig, den Schwertgriff mit beiden H�nden umfa�t, erwartete er die heranst�rmenden M�nner.</p><p>Der erste beging den Fehler, sich im Suff zu �bersch�tzen. Mit geradewegs vorgestreckter Klinge und einem hohen Kampfschrei auf den Lippen raste er auf den Bezwinger seiner Gef�hrten zu, hoffte wohl, ihn allein durch seinen l�rmenden Auftritt einzusch�chtern. Der Mann im schwarzen Mantel lachte nur voller Hohn, wich flink zur Seite und hieb dem Vorbeitaumelnden die angespitzte Eisenschale seines Ellbogenschutzes ins Kreuz. Kreischend polterte der Verletzte zu Boden, bis sein Gegner ihm den Gnadensto� gab.</p><p>Die drei �brigen verharrten. Zumindest zwei von ihnen hatten sich noch nicht um den Verstand getrunken. Sie wechselten knappe Blicke und Handzeichen. Innerhalb eines Atemzuges kamen sie �berein, den Feind von zwei Seiten zugleich anzugreifen. Der dritte Pl�nderer stand unentschlossen da, wartete ab. Er schwankte leicht, seine Schwertspitze zitterte.</p><p>Der Mann in Schwarz erwartete seine Widersacher mit einem L�cheln unter dem schweren Helm. Seine Augen blitzten erwartungsvoll. Sie kommen, dachte er, und sie sterben. Genau wie all die anderen.</p><p>Der linke der beiden Angreifer stellte sich einigerma�en geschickt an, und es gelang ihm, mit seinem zweiten Hieb den Arm des Kriegers zu streifen. Die Schwertschneide glitt am Kettenhemd ab, doch einen Augenblick lang brachte der Treffer den Mann aus dem Gleichgewicht. Sofort setzte der zweite Pl�nderer nach, w�hrend der dritte immer noch in einigem Abstand verharrte und sich volltrunken fragte, welchen der K�mpfenden er angreifen sollte.</p><p>Die Irritation des schwarzen Kriegers dauerte nur einen Herzschlag lang. Dann duckte er sich unter zwei parallel gef�hrten Schwerthieben, rollte sich �ber den R�cken ab, sprang zwei Schritte entfernt auf die Beine und warf den flatternden Umhang zur�ck. Seine beiden Gegner wechselten einen erstaunten Blick, dann zuckte die Klinge ihres Feindes heran und hieb dem einen den Kopf von den Schultern. Der andere taumelte voller Entsetzen zur�ck, fing sich wieder und warf sich dem Angreifer entgegen. Der Krieger lie� dem Pl�nderer gerade genug Zeit, seine Niederlage zu begreifen, dann rammte er ihm das Schwert durch die Brust.</p><p>Danach blickte er sich gelassen um. Der Betrunkene mit der zitternden Klinge stand unver�ndert da und starrte den Sieger entgeistert an. Allm�hlich begriff er, was um ihn herum geschehen war.</p><p>�K�nig Pest?� entfuhr es ihm, ein zischender, zweifelnder Laut wie der letzte Atemzug eines Sterbenden. Dann wirbelte der S�ldner herum und ergriff die Flucht.</p><p>Der Mann in Schwarz schleuderte sein Schwert in einem geraden, gezielten Wurf. Es sollte nicht t�ten, nur aufhalten. Tats�chlich geriet es zwischen die Unterschenkel des Fliehenden, zerschnitt ihm die Haut und lie� ihn schreiend zu Boden poltern. Unweit eines toten M�dchens schlitterte er mit Brust und Gesicht �ber den blutigen Staub, rollte mit fuchtelnden Armen auf den R�cken und starrte dem Krieger voller Todesangst entgegen.</p><p>Der schwarze Ritter blieb breitbeinig vor ihm stehen und hob sein Schwert vom Boden. �Verzeih mir eine Frage�, bat er. Der Helm verwandelte seine Stimme in ein dumpfes, be�ngstigendes Dr�hnen.</p><p>Die Lippen des Pl�nderers bebten, als sie stumme Worte formten. Nichts als heiseres R�cheln drang aus seiner Kehle, rauhes, sinnloses Keuchen. Seine Augen waren gro� und wei� wie Schneeb�lle.</p><p>Der Krieger stellte seine Frage, aber es dauerte eine Weile, ehe er eine verst�ndliche Antwort erhielt. Dann rammte er seine Klinge senkrecht und mit beiden H�nden in den Brustkorb des S�ldners, wartete geduldig, bis kein Leben mehr in ihm war.</p><p>Zuletzt rief er sein Ro� herbei, schwang sich in den Sattel und f�hrte aus dem Dickicht ein zweites Pferd, das er unweit des Dorfes im Wald entdeckt hatte. Beide lenkte er durch die Furt gen Osten. Die Str�mung verwischte alle Hufspuren im Schlamm, und bald darauf war es, als habe weder Mensch noch Tier jemals diesen Weg beschritten.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Jodokus hielt sein Versprechen, wenn auch erst, nachdem Kriemhild ihm den Rest der Nacht �ber wortreich zugesetzt hatte. Sie war neugierig, war es immer gewesen, doch unter den gegebenen Umst�nden dr�ngte es sie ganz besonders, die Wahrheit �ber den buckligen S�nger zu erfahren; sie hoffte, da� es sie vom brennenden Gef�hl der Schuld ablenken w�rde, das ihr die Brust zusammenschn�rte. Sie hatte M�he durchzuatmen, und gelegentlich �berkamen sie kurze Anf�lle von Sch�ttelfrost. Zuerst hatte sie geglaubt, es seien die Vorboten der Pest, die sich ihrer bem�chtigten, doch dann wurde ihr klar, da� etwas in ihr selbst es war, das sie derart empfinden lie�. Etwas in ihrem Kopf. Der Gedanke an das, was sie getan hatte. Die Fessel ihrer S�nde.</p><p>Immer wieder fragte sie sich, ob die S�ldner das Dorf schon erreicht haben mochten, und jedesmal hoffte sie, da� den Bewohnern vielleicht Gott, und wenn nicht er, dann der Zufall zur Hilfe kommen w�rde. Aber sie wu�te auch, da� sie sich damit nur selbst belog, und als der Morgen heraufd�mmerte, da ahnte sie, da� das Schicksal des Dorfes besiegelt war. Sp�testens jetzt w�rde alles vor�ber sein.</p><p>Endlich, als der erste Sonnenstrahl ihre Nasenspitzen kitzelte, ergriff Jodokus das Wort. Er begann seine Erz�hlung, ohne Kriemhild anzusehen, blickte nur verbissen geradeaus, als hoffte er allein dadurch, den Verlauf der Heerstra�e zu verk�rzen.</p><p>�Ich bin kein guter S�nger, f�rchte ich, aber auch kein allzu schlechter. Ganz gewi� aber bin ich ein viel besserer Dieb als die meisten anderen meiner Zunft.� Welche Zunft er damit meinte, die der Diebe oder S�nger, lie� er offen; er erw�hnte beides, als geh�rte das eine ganz selbstverst�ndlich zum anderen.</p><p>�Ich werde dir keine meiner Methoden verraten, du hast auch so schon genug Unheil angerichtet�, fuhr er fort, und Kriemhild schenkte ihm einen vernichtenden Blick. �Sag, hast du je vom Dichtermet geh�rt?�</p><p>Sie �berlegte kurz, sch�ttelte dann den Kopf. �Was soll - �</p><p>�Der Dichtermet�, unterbrach er sie rasch, �hat einst den G�ttern geh�rt. Wodan selbst z�hlte ihn zu seinen teuersten G�tern, bis...� Er verstummte, als sei er sich nicht mehr sicher, ob er wirklich fortfahren solle.</p><p>�Bis?� fragte Kriemhild beharrlich.</p><p>�Nun�, meinte Jodokus gepre�t, �bis ich ihn gestohlen habe.�</p><p>Kriemhild lachte leise. �Nat�rlich.�</p><p>Er wirkte weder beleidigt noch sonderlich �berrascht. �Mir ist schon klar, da� du mir nicht glaubst.�</p><p>�Dann sind wir uns einig.�</p><p>�Willst du die Geschichte trotzdem h�ren?�</p><p>�Haben wir etwas Besseres, um uns die Zeit zu vertreiben?� Bis W�rzburg war es noch mindestens ein halber Tagesritt, und vorher mu�ten sie die Stra�e verlassen, um die Stadt zu umgehen. Von dort aus w�rden sie weitere zwei Tage brauchen, um Salomes Zopf zu erreichen. Mit ein paar Geschichten, mochten sie auch noch so versponnen sein, w�rde die Zeit ein wenig schneller vergehen.</p><p>Jodokus schien die Tatsache, da� Kriemhild ihm kein Wort glaubte, nicht zu st�ren. Mit fester Stimme setzte er seine Erz�hlung fort. �Es tut nichts zur Sache, wie es mir gelang, an den Dichtermet heranzukommen. Es war nicht einfach, ganz bestimmt nicht, aber, um ehrlich zu sein, auch lange nicht so schwer, wie man vermuten m�chte. Fest steht, ich brachte ihn an mich, und die G�tter z�rnen mir daf�r.�</p><p>�Warum schicken sie nicht einfach einen Blitz herab, der dich in Asche verwandelt?� fragte Kriemhild schmunzelnd. �Warum fahren nicht die Furien vom Himmel und rei�en dich in St�cke?� Sie sch�ttelte lachend den Kopf. �Komm schon, Jodokus, du mu�t �berzeugender schwindeln, um mich hereinzulegen.�</p><p>�Du bist Christin, nicht wahr?�</p><p>�Sicher. Ganz Worms ist christlich.�</p><p>�Dann glaubst du nicht an die alten G�tter?�</p><p>�Ich bin nicht so dumm, sie offen zu verleugnen, wenn du das meinst.� Sie legte den Kopf schr�g und �berdachte ihre Wortwahl. �Sagen wir, ich kann verstehen, warum die Menschen jahrtausendelang zu ihnen gebetet haben.�</p><p>�Viele tun es auch heute noch.�</p><p>�Nat�rlich. Sogar der K�nig zeigt Verst�ndnis daf�r, weshalb also sollte ich es nicht tun?�</p><p>�Dann wei�t du auch, da� die G�tter das Spiel lieben. Denn genau das tun sie: Sie spielen mit mir.� Er klang pl�tzlich gar nicht mehr so gel�st wie noch vor wenigen Augenblicken. �Sie wissen, da� ich es war, der ihnen den Dichtermet stahl, und sie lachen mich aus daf�r. Ich, Jodokus der S�nger, bin der niederste ihrer Narren, der traurigste ihrer Scherzbolde und das einsamste unter den Wesen der Welt.�</p><p>�Du r�hrst mich zu Tr�nen.� Was f�r ein Unfug, dachte sie bei sich. �Erz�hl mir lieber vom Dichtermet.�</p><p>�Das ist eine andere Geschichte.�</p><p>�Jeder gute Erz�hler sch�tzt die Geschichte in der Geschichte, sagt meine Mutter immer.� Die Erinnerung an die K�niginmutter Ute tat weh; seit ihrer Flucht aus Worms hatte Kriemhild viel zu selten an sie gedacht, und jetzt f�hlte sie sich mit einemmal schuldig deswegen. �Sie sagt, ein gutes Garn besteht wie ein guter Kuchen aus vielen Zutaten, und jede ist eine Geschichte in sich.�</p><p>�Deine Mutter ist eine weise Frau.�</p><p>�Das mu� sie sein.�</p><p>�Dann ist sie fraglos auch eine m�chtige Frau.�</p><p>Kriemhild lachte heiter. �Versuch nicht, mich zu �berlisten, Jodokus-der-Dieb-und-S�nger!�</p><p>Er schmunzelte und hob abwehrend beide H�nde. Dabei lie� er versehentlich die Z�gel los, und der lahme Ackergaul w�re beinahe wie ein Wildpferd mit ihm durchgegangen. Kriemhild lachte noch lauter �ber sein Ungeschick, und als Jodokus das Tier wieder im Griff hatte, fiel er mit in ihr Gel�chter ein.</p><p>Schlie�lich aber, nachdem beide sich beruhigt hatten, r�usperte sich der S�nger und begann: �Einst schufen die G�tter einen weisen Mann, den sie Kvasir nannten. Sie sandten ihn aus, um unter Menschen, Zwergen und Alben Vertrauen und Freundschaft zu s�en. Bald schon liebte und sch�tzte man ihn �berall auf der Welt. Allein zwei t�ckische Zwerge, Galar und Fjalar, wollten Kvasirs Weisheit f�r sich allein, und so lockten sie ihn in eine Falle, schlugen ihm den Kopf ab und fingen sein Blut in einem Kessel auf. Sie gaben Honig dazu und brauten daraus einen Met, wie es zuvor noch keinen gegeben hatte, denn wer davon trank, der wurde ein Dichter oder Weiser.</p><p>Die beiden Zwerge taten vor den G�ttern unschuldig, ja, sie berichteten Wodan, Kvasir sei an seiner eigenen Weisheit ertrunken. Der G�ttervater mi�traute ihnen, lie� sie aber laufen. Da frohlockten die beiden �blen Kreaturen ob der gelungenen List und prahlten vor ihren finsteren Freunden mit ihrem Verbrechen.</p><p>Es vergingen nur wenige Monde, da f�hlten Galar und Fjalar sich sicher genug, eine neuerliche Untat zu begehen. Sie luden einen ihrer �ltesten Feinde, den Riesen Gilling, zu sich ein und ertr�nkten ihn im Ozean. Gillings Frau erschlugen sie mit einem M�hlstein. Dar�ber empfanden die Zwerge solche Freude, da� sie auch dies all ihren Freunden erz�hlten. Jene aber neideten ihnen den Besitz des Dichtermets und erz�hlten Suttung, Gillings Sohn, von den Morden. Suttung st�rmte sogleich voller Rachsucht zum Haus der Zwerge und qu�lte sie so lange, bis sie ihm als Wiedergutmachung den Met anboten. Suttung stimmte zu und brachte den Kessel in seinen Berg. Zur W�chterin des Zauberges�ffs bestimmte er seine Tochter Gunnl�d.</p><p>Wodan aber erfuhr durch seine treuen Raben vom Handel der Zwerge mit dem Riesensohn, und er beschlo�, den Met zur�ckzugewinnen. Denn wenn es eines gab, das die G�tter verhindern wollten, dann war es, da� alle Riesen zu Dichtern und Weisen wurden.</p><p>In Gestalt eines stattlichen Mannes machte Wodan sich auf zu Suttungs Berg. Er bohrte ein Loch in den Fels, verwandelte sich in eine Schlange und glitt in die H�hlengem�cher des Riesen. Dort suchte er die Kammer, in der Gunnl�d den Kessel bewachte. Wieder zum Mann geworden, schmeichelte er sich bei der Riesentochter ein, es gelang ihm gar, echte Liebe in ihr zu entfachen. Unter Treueschw�ren lag er ihr drei N�chte lang bei, dann endlich gestatte sie ihm f�r jede Nacht einen Schluck aus dem Kessel. Sie wu�te nicht, da� sie es mit dem h�chsten der G�tter zu tun hatte, und wie h�tte sie ahnen k�nnen, da� er den ganzen Kessel mit nur drei Z�gen leertrinken w�rde? Sodann nahm er die Gestalt eines Adlers an und floh aus der H�hle.</p><p>Der Riese Suttung aber, der Vater der betrogenen W�chterin, schl�pfte in sein eigenes Adlerkleid und folgte dem Dieb hinauf in die Wolken. Die beiden lieferten sich eine halsbrecherische Jagd. Wodan hatte schwer an seiner Diebeslast zu tragen und wurde mit jedem Fl�gelschlag langsamer. Die �brigen G�tter sahen ihren Herrn von den Zinnen aus nahen, stellten eilig T�pfe und Schalen im Hof der G�tterburg auf und holten ihre Waffen. Wodan aber blieb keine Wahl, als noch au�erhalb der Mauern einen Teil des Mets zu Boden zu spucken, und jener Teil ist es, der noch heute den schlechten Reimeschmieden und Wichtigtuern unter den Menschen zugute kommt. Das meiste aber spie Wodan in die Gef��e im Burghof, w�hrend die �brigen G�tter den Riesenadler mit ihren Spie�en und Pfeilen verjagten. So kam es, da� Wodan den Dichtermet zur�ckgewann, um ausgew�hlte Menschen davon trinken zu lassen, denn nur so werden Poeten und Gelehrte geboren.</p><p>Die Riesen z�rnten Wodans Betrug, hatten sie den Met doch als Wiedergutmachung f�r Gillings Tod erhalten. So kam es, da� sich die G�tter die Riesen zu Feinden machten, und ihr Krieg w�tet bis heute auf den h�chsten Gebirgsspitzen und in den tiefsten H�hlen der Erde.�</p><p>Jodokus beendete seinen Bericht mit einer seltsamen Handbewegung, einem angedeuteten Streich �ber ein unsichtbares Musikinstrument.</p><p>Die ganze Zeit �ber hatte Kriemhild begeistert zugeh�rt, doch als der S�nger zum Ende seines Vortrags kam, traten ihr wieder Zweifel in den Sinn. �Wenn G�tter und Riesen ganze Schlachten um den Besitz des Mets geschlagen haben, wie kommt es dann, da� ausgerechnet du ihn stehlen konntest?�</p><p>Jodokus tat, als h�tte er die H�me in ihrem Tonfall nicht bemerkt. �In diesem Krieg geht es l�ngst nicht mehr um den Met allein. Beide Seiten k�mpfen um des K�mpfens willen. Da die G�tter nur mit einem Diebstahl durch Riesen rechneten, achteten sie nicht auf die winzigen L�cken in ihrer Verteidigung - viel zu klein f�r einen Riesen, f�r mich aber gerade gro� genug.�</p><p>Kriemhild seufzte. �Du bleibst dabei, nicht wahr? Ganz egal, was ich dagegen einwende.�</p><p>�Weil es die Wahrheit ist�, entgegnete er, doch er klang dabei weniger st�rrisch als stolz.</p><p>�Wie du meinst.� Sie hatte nicht vor, mit ihm zu streiten, es hatte ohnehin keinen Zweck. Was immer ihn dazu gebracht hatte, sich solch einen Unsinn auszudenken, w�rde wohl auf ewig immer sein Geheimnis bleiben. Gut, dachte sie, damit sind die Seiten ausgeglichen. Schlie�lich hatte sie selbst ein Geheimnis, das es zu h�ten galt.</p><p>Nachdem sie aber eine Weile lang schweigend weitergeritten waren, der aufsteigenden Sonne entgegen und tr�umend in ihrem goldenen Schein, konnte Kriemhild eine Frage nicht l�nger zur�ckhalten: �Wenn du den Dichtermet wirklich gestohlen hast, sag, wo hast du ihn dann? Haben ihn dir die Dorfbewohner mitsamt deinen �brigen Sachen abgenommen?�</p><p>Ein listiges Grinsen zuckte �ber seine Z�ge. �Du h�ltst mich doch nicht etwa f�r so einf�ltig, ihnen einen solchen Schatz zu �berlassen, oder?�</p><p>Aber Kriemhild dachte triumphierend: Aus dieser Schlinge ziehst du deinen Kopf nicht so geschwind.</p><p>Jodokus trieb sein Pferd in den Schatten der B�ume am Stra�enrand, schaute sich sichernd nach allen Seiten um und z�gelte sein Pferd. �Du glaubst mir noch immer nicht? Na sch�n, dann sieh her.�</p><p>Vor Kriemhilds fassungslosen Augen streifte er sein Wams �ber den Kopf und pr�sentierte ihr seinen nackten Oberk�rper. Er war nicht allzu kr�ftig, eher drahtig als muskul�s. Mehrere Lederb�nder lagen um seine Brust, und als er ihr l�chelnd den R�cken zukehrte, erkannte sie, da� der vermeintliche Buckel nichts anderes war als ein lederner Weinschlauch, leicht gebogen und durch die festgezurrten B�nder der Form des R�ckens angepa�t.</p><p>Kriemhild konnte nicht anders: Sie lehnte sich im Sattel zur�ck und lachte, sch�ttelte sich aus vor schallendem Gel�chter. �Du bist wirklich verr�ckt, Jodokus Metr�uber!� Er fuhr herum und funkelte sie verwirrt und zornig an. Doch Kriemhild gelang es nicht, ihr Lachen zu bezwingen. Schniefend und mit Tr�nen in den Augen meinte sie: �Du behauptest, da drin sei der Dichtermet der G�tter? <emphasis>Da drin</emphasis>? Du liebe Zeit...�</p><p>W�tend beeilte er sich, seinen Schatz wieder unter dem Wams in Sicherheit zu bringen. �Ich glaube nicht, da� ich deinen Hohn verdient habe!�</p><p>Sie fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen. �Verzeih mir�, stammelte sie und k�mpfte einen neuerlichen Heiterkeitsanfall nieder. �Ich wollte dich nicht verletzen, wirklich nicht. Aber wie soll ich dir glauben, da� du Wodans Met allen Ernstes in einem gew�hnlichen Lederschlauch spazierentr�gst? Das ist einfach zu -� Und wieder gingen ihre Worte in unterdr�cktem Gel�chter unter.</p><p>Jodokus lenkte sein Pferd vergr�tzt zur�ck auf die Stra�e und setzte die Reise fort. �Lach du nur. Mach dich lustig �ber mich, solange es dir gef�llt. Ich wei� sehr gut, was ich getan habe, und ich brauche keine Best�tigung von einer wie dir!�</p><p>Sie hieb ihrem Gaul die Hacken in die Flanken, bis sie und der S�nger wieder auf einer H�he ritten. �Hast du davon getrunken?� fragte sie und blickte ihn von der Seite an.</p><p>Jodokus starrte beleidigt geradeaus. �Was geht dich das an?�</p><p>�Du m��test der beste S�nger weit und breit sein, h�ttest du den Dichtermet gekostet.�</p><p>�Und?�</p><p>�Beweis es mir!�</p><p>Sein Kopf zuckte, als er sich zu ihr umwenden wollte; dann aber fiel ihm ein, da� er noch immer eingeschnappt war, und w�rdigte sie mit keinem Blick. �Ich habe es nicht n�tig, dir irgend etwas zu beweisen.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, gab sie zur�ck. �Aber was f�r ein S�nger bist denn du, wenn du nicht singst, wenn dich eine Dame darum bittet?�</p><p>�Ich werde nicht f�r jemanden singen, der meine Kunst nicht zu w�rdigen wei�.� Pikiert f�gte er hinzu: �Au�erdem, wer beweist mir denn, da� du eine Dame bist?�</p><p>�Du selbst hast es gesagt.�</p><p>�Auch S�nger t�uschen sich.�</p><p>So ging es weiter, den ganzen Vormittag �ber. Sie h�nselten und stritten sich, mal verspielt, mal wirklich zornig, und doch gewann keiner die Oberhand. Jodokus sang keine einzige Zeile, und Kriemhild verriet ihm nichts von ihrer Herkunft. Am Ende, als beiden die Argumente ausgingen, kamen sie �berein, da� ihr Streit im gro�en und ganzen ein Zeitvertreib gewesen sei und man ihn als solchen abtun solle; sie bekr�ftigten diesen Beschlu� mit einem Handschlag und lautem Gel�chter.</p><p>H�tte jemand sie so dahinziehen sehen, kichernd und scherzend auf der Stra�e durchs Land der Toten, so h�tte er sie vielleicht f�r verr�ckt gehalten - vielleicht aber auch nur f�r zwei junge Leute, die das Leid, das sie umgab, nicht wahrhaben wollten und mit ihren eigenen niederen N�ten �berspielten.</p><p>Wie h�tte der Wanderer, der sie aus der Ferne sah, auch ahnen k�nnen, da� diese N�te weder klein noch allein ihre eigenen waren?</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Was ist das?�</p><p>Jodokus Stimme ri� Kriemhild aus dem eint�nigen Trott, der sich von ihrem Pferd auf sie selbst �bertragen hatte.</p><p>�Hm?� Sie schaute sich verwundert um. �Was meinst du?�</p><p>Der Junge zerrte an den Z�geln. �Horch! H�rst du es nicht?�</p><p>Sie hatten die Stra�e eine Weile zuvor verlassen und waren in s�dliche Richtung eingeschwenkt, um W�rzburg in weitem Bogen zu umgehen. Der Pfad, auf dem sie sich bewegten, war kaum mehr als solcher zu bezeichnen: ein nat�rlicher Hohlweg zwischen dichten, weit vorn�bergebeugten Buchen und Eichenb�umen, ein dunkelgr�ner Tunnel, den ein verworrenes Geflecht aus Wurzelstr�ngen �berwucherte. Die Pferde hatten M�he, zwischen den steinharten Ranken Raum f�r ihre Hufe zu finden, und Kriemhild betete in Gedanken zu Gott, da� sich keines der Tiere die L�ufe brach. Wenn sie eines vermeiden wollte, dann war es, mit Jodokus im selben Sattel sitzen zu m�ssen.</p><p>�Was sollte ich denn h�ren?�</p><p>Jodokus� Blick war in die Richtung gewandt, aus der sie gekommen waren - offenbar ert�nten die Ger�usche, die er zu h�ren glaubte, von hinten. Als er wieder herumfuhr, waren seine Augen geweitet, sein Gesicht aschfahl. �Komm!� zischte er Kriemhild zu. �Wir m�ssen runter von diesem Weg.�</p><p>Sie h�tte gerne gewu�t, was ihn so verst�rt hatte, und die Ungewi�heit verst�rkte nur das unheilvolle Rumoren in ihrem Bauch. Seine Geheimnistuerei �rgerte sie, aber mehr noch steckte sie seine Furcht an, und sie sp�rte unwillk�rlich, da� dies nicht der richtige Zeitpunkt war, seine fehlende Mitteilsamkeit zu bem�ngeln.</p><p>Kriemhild trieb ihr Pferd zur Eile, wu�te aber zugleich, da� sie kaum schneller als bisher vorankommen w�rden: Das Wurzelgeflecht war gar zu hinderlich, und die Seiten des Hohlwegs zu verfilzt und verwoben, als da� sie nach rechts oder links h�tten ausweichen k�nnen. Sie hatten keine andere Wahl, als weiter geradeaus zu reiten, ganz gleich, was sich ihnen von hinten n�hern mochte.</p><p>�Beeil dich!� pre�te Jodokus hervor, der auf Arml�nge hinter ihr ritt.</p><p>Sie verzichtete auf eine Erwiderung und blickte starr nach vorne. Irgendwo in der Ferne schwebte ein grauer Fleck, das Ende des Hohlwegs. Noch mindestens zweihundert Schritte.</p><p>Einmal schaute sie kurz �ber ihre Schulter nach hinten, doch alles, was sie sah, war Jodokus� gehetztes Gesicht �ber der str�hnigen M�hne seines Pferdes; sein K�rper verwehrte jede Sicht auf das, was sich hinter ihm befinden mochte, und insgeheim war Kriemhild froh dar�ber. Der Junge, der angeblich den Tod nicht f�rchtete, sah aus, als s��e ihm der Leibhaftige selbst im Nacken.</p><p>Holpernd st�rmten die Pferde den Weg entlang, drohten im dichten Netzwerk der Wurzelstr�nge steckenzubleiben, stolperten und scheuten. Immer wieder stie� Jodokus Rufe aus, um die Tiere anzutreiben, doch alles, was sie bewirkten, war, da� Kriemhilds Sorge ins Unerme�liche wuchs. Sie versuchte, �ber das Chaos der h�mmernden Hufe, das Pferdewiehern und Gebr�ll des S�ngers etwas zu h�ren, das auf die Natur ihrer Verfolger schlie�en lie�, doch ihre M�hen waren vergeblich. Ebensogut h�tten sie vor leerer Luft davonlaufen k�nnen.</p><p>Da kam Kriemhild ein Gedanke: Was, wenn es genau das war? Wenn sie vor Luft, vor nichts, vor einem Hirngespinst flohen? Etwas, das nur im Kopf des S�ngers existierte? So wie der Dichtermet, so wie die G�tter, die ihn angeblich verfolgten?</p><p>Kriemhild traf Hals �ber Kopf eine Entscheidung. Mit einem Ruck ri� sie an den Z�geln und brachte ihr Pferd zum Stehen. Mit verkrampften Fingern machte sie sich bereit f�r den Aufprall, falls Jodokus� Ro� gegen das ihre preschen w�rde.</p><p>Doch der Zusammensto� blieb aus. Die beiden Pferde hatten zu lange gemeinsam auf einer Weide gestanden, zu oft den selben Karren gezogen. In jenem Augenblick, da das vordere stehenblieb, tat das hintere das gleiche, egal wie laut Jodokus fluchen mochte.</p><p>Kriemhild wandte sich atemlos um und blickte hinter sich. Der S�nger starrte sie an, als wollte er ihr mit blo�en H�nden die Kehle zerfleischen.</p><p>�Was tust du?� kreischte er fassungslos.</p><p>Sie nahm all ihre Kraft zusammen und sagte: �Ich bleibe stehen, das siehst du doch.�</p><p>Seine Augen ruckten herum, schauten zur�ck. Kriemhild lie� ihr Pferd einen Schritt zur Seite treten und blickte an Jodokus vorbei zum hinteren Ende des Hohlwegs.</p><p>Da war nichts. Nur Dunkelheit, die Schatten der B�ume und das D�mmerlicht, das sp�rlich durchs Bl�tterdach fiel. Eine felsenschwere Last wich von Kriemhilds Herzen.</p><p>Jodokus aber war keineswegs erleichtert. Im Gegenteil: Seine Panik schraubte sich h�her und h�her.</p><p>�Weiter!� kommandierte er mit �berschnappender Stimme. �Wir m�ssen weiter!� Und schon dr�ngte er sein Pferd an ihr vorbei und hieb ihm die Fersen mit so viel Kraft in die Seiten, da� es sich schmerzerf�llt aufb�umte.</p><p>�Jodokus!� schrie sie ihn an. �Jodokus, komm zu dir!�</p><p>�Ich...�</p><p>�Da ist niemand!� Sie streckte die Hand aus, als wollte sie nach ihm greifen, obwohl er l�ngst einige Schritte entfernt war. �Wir sind allein. Es ist niemand hier. Was immer du geh�rt hast, es war nicht wirklich.�</p><p>�Nicht wirklich?� Er z�gelte sein Pferd und wandte sich im Sattel herum. In seinen Augen loderte etwas, das Wahnsinn gef�hrlich nahekam. �Nicht... wirklich?� stammelte er noch einmal.</p><p>�Nein, Jodokus. Es gibt keine Gefahr. Nicht hier.�</p><p>Ein irres Lachen flackerte wie der Widerschein eines Scheiterhaufens �ber seine Z�ge. �Du wei�t ja nicht, wovon du sprichst. Nichts wei�t du!�</p><p>�Sind es die G�tter, Jodokus? Glaubst du wirklich, sie w�ren hinter dir her? Jetzt, in diesem Augenblick?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Ich bleibe nicht hier. Komm mit mir oder la� es, aber ich bleibe nicht!�</p><p>Sie ahnte, da� ihr die Argumente ausgehen w�rden, wenn er sich auf das eine, das einzige nicht einlie�. Dennoch versuchte sie es erneut: �Auf diesem Weg, in diesem ganzen Wald ist niemand! Keiner will uns etwas B�ses antun! Herrgott, schau doch hin - es ist niemand zu sehen!�</p><p>Zu ihrem Erstaunen verharrte er einen Moment lang wie versteinert, dann verzogen sich seine Mundwinkel zu einem b�sen Grinsen. �Niemand zu sehen�, wiederholte er ihre Worte. �Nat�rlich nicht. Aber ich h�re sie, begreifst du? Ich kann sie h�ren!�</p><p>Und als wollte die Natur seine Worte unterstreichen, ging pl�tzlich ein Beben durch die laue Luft der Abendd�mmerung. Tats�chlich war es nichts, das man mit menschlichen Augen h�tte wahrnehmen k�nnen. Kriemhild sp�rte es nur, sie f�hlte, wie etwas in ihrem Inneren in Regung geriet, zu zittern begann, Alarm schlug wie eine Glocke auf dem h�chsten Turm einer Fluchtburg.</p><p>Dann h�rte sie es. H�rte endlich, war Jodokus meinte.</p><p>Zuerst klang es wie ferner Donner, die ersten Vorboten eines Sommergewitters. Dann wurde es lauter, rasend schnell, als triebe etwas die Wolken mit gewaltigen Schwingen �ber den Himmel, triebe sie genau auf den Hohlweg zu, erst unbestimmt aus allen Richtungen zugleich, dann von hinten, von dort, woher sie gekommen waren.</p><p>Jodokus hatte recht.</p><p>Der S�nger schrie gequ�lt auf, als h�tte ihn ein Schwertstreich getroffen. Sein Gesicht verzerrte sich vollends zur Grimasse, dann trat er erneut auf sein Pferd ein. Diesmal gehorchte es, fast so als sp�re es selbst, da� etwas n�her kam, das sie alle vernichten w�rde.</p><p>Kriemhild starrte zum hinteren Ende des Hohlwegs, ersch�ttert und wie versteinert. Noch immer war nichts zu sehen. Aber sie konnte es doch h�ren! H�rte doch, wie es auf sie zuraste, viel zu schnell, als da� irgendwer ihm h�tte entkommen k�nnen. Jodokus� Flucht war so l�cherlich wie zwecklos. Es hatte ihn l�ngst in seiner Gewalt, ihn und Kriemhild und jeden anderen, den es fangen, packen, zermalmen wollte. L�ngst war ihnen jede freie Entscheidung, jede Wahl, jede Hoffnung genommen worden. Es kam n�her, und es w�rde sie einholen. Bald schon, gleich -</p><p>Jetzt.</p><p>Es war kein Donner - es waren Pferdehufe! Lauter als alles, was Kriemhild je vernommen hatte. Hufe so dr�hnend, als w�rden sie �ber Holzbohlen trampeln, nur unendlich kraftvoller, als tr�gen sie ihr eigenes Echo in sich, das wieder und wieder und wieder ert�nte. Sie kamen von Norden, sprengten auf sie zu, aber nicht durch den Hohlweg, sondern <emphasis>�ber ihn hinweg. </emphasis>Kriemhild pre�te beide H�nde auf die Ohren, kniff die Augen zusammen und schrie vor Pein. Ihr Kopf drohte auseinanderzubrechen, zu platzen wie eine reife Frucht in der Sommerhitze. Unter ihr verschwanden Sattel und Pferd, als das Tier sich aufb�umte, auf die Hinterbeine stieg und sie abwarf. Mit dem R�cken krachte Kriemhild auf die harten Wurzelstr�nge, doch dieser Schmerz war nichts verglichen mit dem in ihrem Sch�del.</p><p>Und immer noch waren die Hufe nicht g�nzlich herangekommen, immer noch wurden sie lauter, m�chtiger, vernichtender. Das Bl�tterdach �ber dem Hohlweg vibrierte wie eine Br�cke unter dem Aufmarsch einer Armee. Die Bewegung raste auf sie zu, erst fern, dann nah, dann �ber ihnen. Zweige und armdicke �ste regneten herab, schlugen rechts und links am Boden auf. Eine Astgabel traf Kriemhilds Pferd am Kopf, es stellte sich zum zweiten Mal auf und ging gleich darauf durch. In einem Wirbel aus Grau und Wei� und D�mmerlicht stob es davon, verschwand blitzartig wie Treibholz inmitten eines Wasserstrudels.</p><p>Kriemhild w�lzte sich am Boden, blind und gef�hllos, nur noch Geh�r, eine einzige verletzliche Membran, die unter machtvollen Paukenschl�gen erbebte.</p><p>Aber was immer es auch war, es t�tete sie nicht.</p><p>Irgendwie gelang es ihr, sich auf die F��e zu stemmen, ungeachtet des ohrenbet�ubenden L�rms und der prasselnden Zweige. Wenige Schritte vor ihr w�lzte sich Jodokus am Boden. Sein Pferd war ebenso wie ihr eigenes am Ende des Hohlwegs verschwunden. Kriemhild br�llte seinen Namen, zerrte an seinen Armen, und schlie�lich schlug er die Augen auf und blickte sie an. Der Schmerz darin entsetzte sie. Es war der stumme Aufschrei einer geschundenen Seele, die viel zu lange schon von etwas gequ�lt wurde, das sie nicht wirklich erfassen konnte.</p><p>�Wir m�ssen hier weg!�</p><p>Der S�nger sch�ttelte hastig den Kopf. �Zu sp�t!� formten seine Lippen, aber kaum ein Laut drang hervor.</p><p>Kriemhild packte ihn, ri� ihn mit aller Kraft auf die Beine. Stolperte mit ihm vorw�rts, durch einen Regen aus Holz und Laub. Immer wieder verhakten sich ihre F��e in den Wurzelstr�ngen, immer wieder brach Jodokus in die Knie, um von Kriemhild weitergezerrt zu werden. Das Ende des Hohlwegs kam n�her, doch mittlerweile war es auch dort kaum noch heller.</p><p>Einmal schaute Kriemhild sich um und sah, da� sich das Get�se in ihrem R�cken legte, da� sich das Bl�tterdach hinter ihnen beruhigte und keine weiteren Zweige zu Boden fielen. Doch als sie stehenblieb, um das monstr�se Hufgetrampel �ber ihren K�pfen vorbeiziehen zu lassen, verharrten L�rm und Ersch�tterung mit ihnen. Noch immer konnte sie nicht erkennen, was es war, da� dort oben �ber den Baumkronen tobte. Es war schier unm�glich, den Blick hinauf zu wenden, ohne das ihr Splitter und Rinde in die Augen drangen.</p><p>Weiter rannten sie, schneller noch und dennoch ohne Hoffnung. Das Ende des Weges tat sich vor ihnen auf wie der Ausgang einer H�hle. Sie stolperten auf eine Lichtung, keine f�nfzig Schritte im Durchmesser, an deren S�dseite mehrere H�tten standen. Dahinter, tiefer im Wald, erkannte Kriemhild weitere Bauten, von denen einige die Baumst�mme als Eckpfosten nutzten.</p><p>Jodokus st�rzte zu Boden, mitten in kniehohes Gras, immer noch erw�rmt vom vergangenen Sonnenschein des Tages. �ber ihnen, am dunkelblauen Abendhimmel, stand eine feine, aber ungew�hnlich grelle Mondsichel. Kriemhild wollte den S�nger auf die F��e ziehen, doch er lag schwer wie ein Fels am Boden, v�llig ersch�pft.</p><p>Sie wirbelte herum und blickte zu den Wipfeln der B�ume empor, die sich zum Laubdach des Hohlwegs vereinten. Was immer sie erwartet hatte - sie wurde entt�uscht. Das Chaos hatte schlagartig aufgeh�rt, nur ein sanfter Abendwind strich durch die �ste und Bl�tter, erf�llte die Lichtung mit gespenstischem Fl�stern. Dort oben war nichts mehr, keine d�monischen Pferde mit brennenden Hufen, keine riesenhaften Walk�ren in g�ttlichem R�stzeug. Nichts, das irgendwie ungew�hnlich war. Nur der Himmel, der Mond und ein paar schimmernde Sterne.</p><p>Kriemhild fiel auf die Knie, st�tzte sich mit beiden H�nden auf und atmete keuchend ein und aus. Sie hatte das Gef�hl, sich �bergeben zu m�ssen, doch ihr Magen war leer. Nur ihr Mund wurde von einem sauren, widerw�rtigen Geschmack ausgef�llt. Voller Abscheu spuckte sie ins Gras, aber der Geschmack blieb. Es wurde Zeit, da� sie etwas zu Essen bekam, keine Beeren, wie seit ihrer Flucht aus Worms, sondern etwas Vern�nftiges, Fleisch vielleicht, zumindest ein wenig Gem�se.</p><p>Irgendwann, sie wu�te nicht, wieviel Zeit vergangen war, hob sie den Kopf und sah Jodokus ins Gesicht. Er starrte unverwandt in die H�he, mit gro�en, dunklen Augen, als st�nden die Antworten auf alle seine Fragen am rabenschwarzen Himmel geschrieben.</p><p>Kriemhild kroch auf ihn zu und legte eine Hand auf seine Stirn. Sie erwartete, da� er fieberte, doch seine Haut war so kalt, da� sie erschrocken die Finger zur�ckzog. Seine Augen bewegten sich von rechts nach links und wieder zur�ck, doch als Kriemhild z�gernd seinen Blicken folgte, sah sie �ber sich nichts als Leere.</p><p>�Was war das?� fragte sie leise. �Du wei�t es doch, nicht wahr?�</p><p>Seine Lippen bebten. Es sah aus, als versuchte er zu sprechen, brachte aber keinen Ton heraus. Doch dann erklang seine Stimme, und sie war klar und hell und ohne jede Spur von Ersch�pfung.</p><p>�Warum soll ich dir eine Antwort darauf geben�, sagte er, ohne sie anzuschauen, �wenn du mir doch nicht glauben wirst.�</p><p>Ihre Haare hatten sich wieder gel�st und hingen wie goldene Vorh�nge zu beiden Seiten ihres Gesichts herab, ber�hrten sanft seine Wangen. Mit bebenden Fingern strich Kriemhild sie zur�ck.</p><p>Ihre Blicke kreuzten sich, und pl�tzlich l�chelte er. �Angst?�</p><p>Entgeistert starrte sie ihn an. �Angst? Lieber Himmel, ich habe gedacht -�</p><p>�Das meine ich nicht. Hast du Angst vor mir?�</p><p>Eine Weile l�nger blickte sie auf ihn herab, schweigend, staunend, dann mit einem Kopfsch�tteln. Sie gab sich einen Ruck und stand auf. �Nein�, sagte sie dann und blickte �ber ihn hinweg zu den H�tten am Rand der Lichtung. �Sollte ich denn?�</p><p>Er zog die Knie an und stemmte sich nach oben. Er schwankte leicht, als er auf den F��en stand, aber wenn er gedacht hatte, Kriemhild w�rde sogleich herbeispringen und ihn st�tzen, so hatte er sich get�uscht.</p><p>�Ich habe Angst vor mir selbst�, sagte er so leise, da� die Worte kaum zu h�ren waren.</p><p>Kriemhild l�chelte fahrig. �Und ich dachte schon, du kennst wirklich keine Angst.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, sagte aber nichts darauf.</p><p>�Also�, meinte sie, �was ist vorhin geschehen?�</p><p>�Ich habe nicht mehr gesehen als du.�</p><p>�Eher weniger, w�rde ich sagen. Du hast am Boden gelegen und dir die Augen zugehalten.� Die Bemerkung tat ihr gleich darauf leid. Es war gemein, sich �ber seine Furcht lustig zu machen. Aber was tat er auch so geheimnisvoll?</p><p>�Vielleicht sollten wir uns trennen�, sagte er bedr�ckt. �Es ist gef�hrlich, an meiner Seite zu reisen.�</p><p>�Es ist gef�hrlich, mir zu Salomes Zopf zu folgen�, entgegnete sie.</p><p>�Was willst du dort �berhaupt?�</p><p>�Sp�ter�, sagte sie. �Erst sagst du mir, was du wei�t.�</p><p>Er seufzte, trat neben sie und betrachtete die H�tten. �Ich habe dir gesagt, was es ist, das mir folgt.�</p><p>�Ja�, bemerkte sie spitz, �die G�tter.� Sie machte einen halben Schritt um ihn herum und baute sich mit den H�nden an den H�ften vor ihm auf. Ihre Brauen waren zwei steile, dunkle Striche. �Ich will die Wahrheit wissen.�</p><p>�Es ist die Wahrheit.� Damit lie� er sie stehen und ging langsam auf die Ansiedlung am Waldrand zu. Niemand zeigte sich. Mittlerweile war es zu dunkel, um jenseits der vorderen H�ttenreihe noch etwas zu erkennen. Nirgendwo brannte ein Feuer, nicht einmal Kerzen.</p><p>Kriemhild blickte ihm fassungslos nach, dann setzte sie sich in Bewegung, um aufzuholen. Pl�tzlich fiel ihr etwas ein. �Wir m�ssen die Pferde suchen!�</p><p>�Vergi� die Pferde.�</p><p>�Aber -�</p><p>�Sie sind fort�, unterbrach er sie barsch. �Wir werden sie nicht finden. Das geh�rt zum Spiel.�</p><p>�Zum Spiel, zum Spiel�, ahmte sie ihn ver�rgert nach. �Sag mir endlich -�</p><p>Er fuhr ruckartig herum, noch bevor er die �u�eren H�tten erreichte. �Sie spielen mit mir. Oder um mich. Wei� der Teufel nach welchen Regeln. Sie jagen mich, sie zerbrechen mich, aber sie tun mir nichts zuleide. Noch nicht.�</p><p>Da war etwas in seinen Augen, das sie zum ersten Mal zaudern lie�. Und wenn das, was er sagte, doch die Wahrheit war? Oder wenigstens ein Teil der Wahrheit? Wenn er wirklich verfolgt wurde, von wem auch immer?</p><p>�Gut�, sagte sie fest, und hoffte, da� es das Richtige war, �ich glaube dir. Ein wenig, zumindest.�</p><p>Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die deutlich machte, da� er ihren Worten nicht traute. �Tu, was du willst. Aber du solltest nicht dort im Freien herumstehen. Es wird gleich von neuem losgehen.�</p><p>Kriemhilds K�rper versteifte sich. Ein Stein schien von ihrer Brust hinab in den Magen zu sacken. �Sie kommen wieder?� pre�te sie tonlos hervor.</p><p>Er nickte unger�hrt. �So ist es jedesmal. Auf jeden Zug folgt ein Gegenzug.�</p><p>Jetzt beeilte sie sich, mit weiten Schritten an seine Seite zu gelangen. �Gegenzug?� Sie packte seine Schulter und zog ihn herum. �Sie h�tten uns doch vorhin schon t�ten k�nnen, wenn sie es gewollt h�tten.� Wer immer sie waren, f�gte sie im stillen hinzu.</p><p>�Sie sind vertrieben worden.�</p><p>�Von wem?�</p><p>�Von einem der Gegenspieler.�</p><p>Ganz allm�hlich begann sie zu begreifen. �Du willst damit sagen, da� es -�</p><p>�Mehrere Spieler gibt, ganz genau. Stell es dir vor wie eine Reihe von Leuten, die rund um eine Arena sitzen. Am Boden der Arena l�uft eine kleine Maus umher, kreuz und quer, in Panik. Und jeder, der auf den R�ngen sitzt, gebietet �ber eine Katze. Alle Katzen werden zugleich in die Arena gelassen. Keine g�nnt der anderen die Maus. Immer, wenn eine Katze der Maus zu nahe kommt, vielleicht schon mit den Krallen nach ihr ausholt, kommt eine zweite Katze heran und verjagt die erste. Dann setzt die zweite Katze zum Schlag an, und vielleicht wird sie die Maus erwischen, vielleicht aber wird auch sie selbst in die Flucht geschlagen, und eine dritte Katze nimmt ihren Platz ein. Der, dessen Katze die Maus am Ende fri�t, ist der Sieger.�</p><p>�Die Maus bist du�, fl�sterte Kriemhild und schauderte, nicht sicher, ob das, was er sagte, ihr solche Furcht einjagte, oder vielmehr das wirre Flackern in seinen Augen. �Und die Wesen auf den R�ngen sind... G�tter?� Sie lachte auf, nahe an einer Hysterie; sie fand, da� sie schon genauso wahnsinnig klang wie Jodokus. �Das ist das Verr�ckteste, das ich in meinem ganzen Leben geh�rt habe.�</p><p>Er r�mpfte ver�chtlich die Nase. �Wie verr�ckt sind denn die Dinge, die einem wohlbeh�teten Fr�ulein wie dir hinter seinen Turmmauern und Seidenschleiern zu Ohren kommen?�</p><p>Sie lie� sich auf keinen weiteren Streit mit ihm ein. Der Schrecken �ber das, was ihnen bevorstehen mochte, sa� viel zu tief, als da� sie seine kindischen Sticheleien noch h�tte ernstnehmen k�nnen.</p><p>�Was k�nnen wir tun?� fragte sie mit schwankender Stimme.</p><p>�Erst einmal m�ssen wir von dieser Lichtung verschwinden.�</p><p>�Aber wenn es tats�chlich G�tter sind, die es auf dich abgesehen haben, wird sie ein H�ttendach oder ein Baum kaum aufhalten.�</p><p>�Nein�, gab er k�hl zur�ck. �Aber ein Dach oder Baum gibt mir zumindest das <emphasis>Gef�hl, </emphasis>ein wenig sicherer zu sein.�</p><p>Damit trat er an die erste H�tte und blickte durch ein offenes Fenster hinein.</p><p>Kriemhild ging derweil zu einem anderen Geb�ude, klopfte an die T�r und erhielt keine Antwort.</p><p>�Niemand da!� rief Jodokus ihr zu. �Ich wette, die H�tten sind alle leer.�</p><p>Er deutete mit ausgestrecktem Arm auf etwas, das sich am Rande der Ansiedlung befand und bislang von Bauten verdeckt worden war. In der Finsternis vermochte Kriemhild dort nicht mehr als eine gro�e dunkle Form auszumachen, vielleicht ein weiteres Geb�ude oder...</p><p>�Ein Totenfeuer�, sagte Jodokus. �Dort haben sie ihre Kranken verbrannt. Der Rest ist wahrscheinlich nach Westen geflohen.�</p><p>Kriemhild ging langsam auf den unf�rmigen Umri� zu und bemerkte im N�herkommen einen durchdringenden, widerlichen Geruch, st�rker noch als der Verwesungsgestank, der ihr seit dem Gasthaus zu folgen schien. Zugleich entdeckte sie zwischen verkohltem Holz und Asche die �berreste menschlicher K�rper. Ausgegl�hte Rippenk�fige, Arm- und Beinknochen, dazwischen einige Sch�del. Der Totenberg �berragte sie um Hauptesl�nge.</p><p>Angeekelt wandte sie sich ab. �Wir werden uns die Pest holen, wenn wir l�nger hier bleiben�.</p><p>Jodokus hob im Dunkeln die Schultern. �Ich werde nicht krank.�</p><p>Ihr Tonfall klang viel bitterer, als sie beabsichtigt hatte: �Ihr Spielzeug ist den G�ttern zu wichtig, um es an der Seuche verrecken zu lassen, nicht wahr?�</p><p>�Nicht zu wichtig. Zu am�sant.�</p><p>Kriemhild beeilte sich, zur anderen Seite der Ansiedlung zu laufen, dort, wo die H�tten zwischen die St�mme des Waldes gebaut waren. Bevor sie unter das raschelnde Bl�tterdach trat, schaute sie noch einmal zum Himmel empor. Keine Spur von g�ttlichen Todesengeln. Vielleicht war das, was ihnen im Hohlweg begegnet war, doch nichts weiter als eine kr�ftige Windhose gewesen. Der Ausl�ufer eines Sturms, vielleicht.</p><p>�Ohne Pferde werden wir Salomes Zopf niemals erreichen�, murmelte sie.</p><p>Jodokus war nahe genug, um die Worte zu h�ren. �Warum hast du es so eilig, dorthin zu kommen? Salomes Zopf ist ein schlechter Ort. Nichts f�r ein Edelfr�ulein wie dich.�</p><p>�H�r schon auf damit!� fuhr sie ihn zornig an. �Ich wei�, da� du nichts von mir h�ltst, nur weil ich ein E�besteck benutzen kann und mir von Zeit zu Zeit die Haare b�rste. Mir soll�s recht sein. Aber es ist wirklich nicht n�tig, mir deine Meinung st�ndig um die Ohren zu hauen.�</p><p>Einen Augenblick wirkte er betroffen. �Ich wollte dir nicht weh tun.�</p><p>�Dann halt endlich den Mund.�</p><p>Er sah sie in der Finsternis an, aber sie konnte kaum mehr als seine Silhouette vor dem blassen Schein der Lichtung erkennen. �Wirst du mir trotzdem von Salomes Zopf erz�hlen?�</p><p>W�hrend sie tiefer in den Wald hineingingen und kaum mehr die Hand vor Augen sehen konnten, sagte Kriemhild: �Salomes Zopf ist eine Bergkette �stlich von hier.�</p><p>�Ich wei�. Man erz�hlt sich �ble Geschichten dar�ber. Was aber hast du dort zu suchen?�</p><p>�Die alte Berenike lebt dort. Ich mu� mit ihr sprechen.�</p><p>Sogar im Nachtdunkel bemerkte sie, wie er zusammenfuhr. �Die Erzhexe? Du willst freiwillig mit der Erzhexe sprechen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Niemand wei�, ob sie wirklich existiert.�</p><p>�Ich schon.�</p><p>�Woher solltest du das wohl wissen?�</p><p>�Fang nicht schon wieder damit an.�</p><p>�Nein, im Ernst: Woher wei�t du, da� sie mehr ist als ein Schreckgespenst, mit dem M�tter ihren Kindern drohen?�</p><p>�Ich hab sie gesehen.�</p><p>Das verschlug ihm die Sprache, und so setzte sie m�glichst gelassen hinzu: �Und ich habe schon einmal mit ihr gesprochen.�</p><p>Tats�chlich war die ehrw�rdige Berenike vor wenigen Jahren zu Gast im Wormser K�nigsschlo� gewesen - entgegen erheblicher Einw�nde der Priesterschaft und aller W�rdentr�ger. Berenike selbst hatte Kriemhild erkl�rt, da� ihr das Bild, das die Menschen von ihr hatten, �u�erst genehm sei; denn, so hatte sie kichernd verk�ndet, auf diese Weise falle niemandem ein, ihren Frieden zu st�ren.</p><p>In der Tat war es so, da� alle Welt es vermied, in die N�he von Salomes Zopf zu geraten. Selbst die fahrenden H�ndler, immer auf den schnellsten Weg bedacht, machten einen weiten Bogen um die Berge. Allein der Name der Hexe l�ste bei den meisten haltloses Grauen aus.</p><p>Nach Worms war sie auf Einladung der K�niginmutter Ute gekommen, gegen den ausdr�cklichen Wunsch Gunthers und seiner Berater. Die meisten hatten Utes Ansinnen nicht allzu ernst genommen, da sie die Hexe ohnehin f�r eine Legende hielten. Doch den wenigen, die es besser wu�ten, str�ubten sich die Haare bei dem Gedanken, sie in der N�he der Krone zu wissen.</p><p>Aber Ute war eine eigenwillige Frau und ihr Einflu� auf Gunther nicht zu untersch�tzen. Auch war sie manch �bersinnlichem sehr zugetan, vor allem aber der Macht der Tr�ume, und Berenike galt als eine, die jeden Traum zu deuten wu�te. Utes Wunsch war es, von ihr zu lernen, und sie vertraute darauf, da� nicht einmal die sagenumwobene Erzhexe eine Einladung an den k�niglichen Hof ausschlagen w�rde.</p><p>Tats�chlich sollte Ute recht behalten. An einem eisigen Wintermorgen, als der Schnee so hoch lag, da� kein Reiter sich ins Freie wagte, stand die Hexe pl�tzlich vor dem Tor, ganz allein, nur auf einen Stab gebeugt, wie aus dem Nichts erschienen. (Ein Wachmann verfolgte ihre Fu�abdr�cke im Schnee bis zur�ck zum Rheinufer, was ein Erscheinen auf magischem Wege widerlegte. Offen blieb allerdings, wie sie ohne Boot die eiskalten Fluten �berquert hatte.)</p><p>Manche munkelten, Berenike unterhielte in einem unwegsamen Tal von Salomes Zopf eine Hexenschule, wo sie junge M�dchen zu Gespielinnen Beelzebubs heranzog. Das war wohl einer der Hauptgr�nde, weshalb K�nig Gunther seiner Schwester Kriemhild jedes Gespr�ch mit der Hexe verboten hatte. Nicht einmal Ute vermochte dagegen Einw�nde zu erheben.</p><p>Nat�rlich gelang es Kriemhild dennoch, Berenike zu begegnen. Die zahllosen Ger�chte, die durch die Flure des Schlosses geisterten, hatten sie neugierig gemacht. Und so schlich sie in einer Nacht aus ihrer Kammer, um Berenikes Gastgemach aufzusuchen. Als sie eintrat, schien es, als h�tte die Erzhexe sie bereits erwartet.</p><p>Kriemhild erz�hlte ihr von einem Traum, den sie gehabt hatte. Darin regnete es Feuer vom Himmel �ber dem Schlo�, und alle Welt lag krank und darbend darnieder.</p><p>�Hast du oft solche Tr�ume?� fragte die Alte. Sie trug ein weites Gewand aus schillernden Stoffen, g�nzlich formlos, so da� ihr K�rper darunter verborgen blieb. Fremdartige Muster waren sichelf�rmig �ber ihrer Brust eingestickt. Magische Runen, vermutete Kriemhild und war beeindruckt.</p><p>�Ich tr�ume jede Nacht�, gestand Kriemhild. �Oft tr�umt mir von einem prachtvollen Falken, den ich voller Liebe heranziehe wie mein eigen Fleisch und Blut. Er steigt hoch in den Himmel hinauf und zieht dort seine Kreise. Aber nach einer Weile ist er pl�tzlich verschwunden, und statt seiner sitzen zwei wei�e Adler auf den Spitzen des M�nsters und blicken zu mir herab.�</p><p>�Haben sie den Falken get�tet?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Es ist, als ob ein St�ck des Traumes fehlt. Etwas Wichtiges.�</p><p>Berenike l�chelte g�tig. �Es wird sich finden, glaube mir. Wenn die rechte Zeit gekommen ist, wirst du die Wahrheit �ber den Falken und die Adler erfahren.�</p><p>Kriemhild, die nicht oft �ber derlei Dinge nachgedacht hatte, zuckte mit den Schultern. �Was aber ist mit meinem anderen Traum?�</p><p>Berenike lie� sich mit einem leisen �chzen auf dem Rand ihrer Bettstatt nieder, doch der Laut wirkte falsch, als wolle sie ihre Ersch�pfung nur vort�uschen. �Beschreib mir genau das Feuer, das vom Himmel regnet.�</p><p>�Es ist bunt. Anders als bei einem Brand.� Das Dach eines Burgturms hatte einmal in Flammen gestanden, und Kriemhild hatte angstvoll, aber auch fasziniert von ihrem Fenster aus zugesehen, wie der Brand gel�scht worden war. Auch damals waren Funken in den Himmel gestiegen und mit d�nnen schwarzen Rauchfahnen wieder zu Boden gesunken. Doch das Feuer in ihrem Traum war anders gewesen. �Es spr�ht wie eine Quelle und strahlt wie tausend gro�e Sterne. Manchmal prasselt es wie ein Wasserfall darnieder, und manchmal verh�lt es beinahe reglos zwischen den Wolken, um sich im n�chsten Moment in Luft aufzul�sen.�</p><p>�Ein Zeichen�, sagte die Hexe nickend, �ganz gewi�.� Sie dachte einen Augenblick lang nach oder tat zumindest so. Bei ihr konnte man nie sicher sein, was wirklich und was schn�der Schein war, heraufbeschworen um ihrer eigenen, r�tselhaften Ziele willen. �Und du sagst, du siehst Krankheit und Tod in deinem Traum?�</p><p>Kriemhild sch�ttelte den Kopf. �Ich sehe sie nicht, aber ich kann sie f�hlen.� Sie hatte M�he, ihre Empfindungen in Worte zu kleiden, doch Berenike schien sie auch so zu verstehen.</p><p>�Ich habe den Eindruck�, sagte die Alte gewichtig, �das Feuer am Himmel bedeutet, da� dein Gott ein Opfer von dir verlangt. Er offenbart dir seine Herrlichkeit, um dir zu zeigen, da� du seine Erw�hlte bist.�</p><p>Kriemhild wurde bei diesen Worten bla�, und ein Zittern durchlief ihren K�rper. �Ein Opfer? Wof�r?�</p><p>�Um die Plage, die dein Land dereinst heimsuchen wird, zu bezwingen.�</p><p>Eine sonderbare Aura schien die Hexe zu umgeben, eine �berzeugungskraft, die beinahe greifbar war. Kriemhild sah pl�tzlich keinen Grund mehr, ihren Worten zu mi�trauen. Nicht, da� die Alte ihr den eigenen Willen nahm, mitnichten - vielmehr war es, als verst�rke die Macht der Erzhexe Kriemhilds Einsicht in Dinge, die den Menschen gemeinhin verborgen blieben. Die Hexe �ffnete in ihrem Geist ein Fenster, und jenseits davon lag eine neue, fremdartige Welt voller Wunder. Kriemhild fragte sich unwillk�rlich, ob ihre Mutter dasselbe empfunden hatte, als sie Berenike zum erstenmal gegen�bergestanden hatte. Pl�tzlich verstand sie, weshalb Ute so erpicht auf den Besuch der Hexe gewesen war. Es gab so vieles zu lernen, so vieles zu begreifen.</p><p>�Wie erkenne ich, wann es soweit ist?� fragte Kriemhild. �Und was werde ich dann tun m�ssen?�</p><p>�Von den Unschuldigen verlangt der Christengott stets das gr��te Opfer: ihre Unschuld. Komm zu mir, wenn es soweit ist.� Der Blick der Hexe sengte hei� in Kriemhilds Hirn, pr�gte die Worte in ihren Geist wie Brandzeichen. �Komm zu mir, und ich werde dir den Weg zur Wahrheit weisen.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Sie hat dich behext�, sagte Jodokus, als Kriemhild ihren Bericht beendet hatte. �Da gibt es gar keinen Zweifel. Sie hat dir ihren Willen aufgezwungen.�</p><p>Kriemhild war emp�rt. �Aber ich wei�, da� sie recht hat.�</p><p>�Weil sie es dir eingeredet hat. Sie hat irgend etwas mit dir angestellt.�</p><p>�So ein Bl�dsinn. Das h�tte ich wohl bemerken m�ssen.�</p><p>�Dann nenn� mir einen guten Grund, mit dem sie dich �berzeugt hat.�</p><p>�Ich...� Und pl�tzlich gingen ihr die Worte aus. Es war, als weigere sich etwas in ihrem Kopf, derartige Gedanken zuzulassen, eine Art Sperre, die jeden Argwohn, jede ernsthafte �berlegung in dieser Richtung blockierte.</p><p>�Siehst du�, meinte Jodokus �berzeugt.</p><p>�Aber es ist wahr�, sagte sie. �Ich wei� es ganz genau.�</p><p>Sie sa�en inmitten einer Bodensenke, �ber der sich wie ein Dach die Arme einer m�chtigen Wurzel spannten. Der Wald um sie herum war hinter einer Mauer aus Schw�rze verborgen. Nicht einmal das kleine Feuer, das sie entz�ndet hatten, vermochte der Nacht die Umrisse der nahen B�ume zu entrei�en. Geisterhaftes Rascheln und Wispern erf�llte die W�lder, und einige Male waren sie durch gl�hende Augenpaare in der Dunkelheit aufgeschreckt worden. Kriemhild hatte l�ngst die Orientierung verloren, doch der S�nger schien sich in dieser Gegend auszukennen. Am �bern�chsten Morgen, so hatte er gesagt, w�rden sie Salomes Zopf erreichen - falls Kriemhild immer noch dorthin gehen wolle.</p><p>Der bef�rchtete �Gegenzug�, wie Jodokus es genannt hatte, war bislang ausgeblieben, und Kriemhild war mittlerweile �berzeugt, da� der Vorfall im Hohlweg nur ein Streich wilder Winde gewesen war. Sie hatte es aufgegeben, mit Jodokus dar�ber zu streiten; er w�rde niemals von seiner �berzeugung lassen.</p><p>�Sie hat dich mit ihrer Hexerei umgarnt�, behauptete Jodokus beharrlich, �genau wie deine Mutter.�</p><p>Kriemhild hatte ihm verschwiegen, wer ihre Mutter war, aber allm�hlich schien er etwas zu ahnen. Zwangsl�ufig mu�te er sich fragen, weshalb die legend�re Berenike ihren Hexenhort verlassen hatte, um einem jungen M�dchen die Tr�ume zu deuten. F�r ein einfaches Edelfr�ulein, eine angehende Hofdame, h�tte sie kaum den beschwerlichen Weg nach Worms auf sich genommen.</p><p>Kriemhild versuchte erneut, ihre Gef�hle zu erforschen, doch jedesmal, wenn sie die Worte der Hexe durchschauen wollte, traf sie auf eine Barriere. Alles, was mit Berenike zu tun hatte, war �ber jeden Zweifel erhaben. Genausogut h�tte Jodokus beanstanden k�nnen, da� sie die Nacht f�r dunkel, das Laub f�r gr�n und das Wasser eines Baches f�r fl�ssig hielt.</p><p>Nat�rlich bin ich im Recht, dachte sie, und die Gewi�heit dieses Gedankens erf�llte sie mit wonniger Genugtuung.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 4</strong></p></title><empty-line/><p>Der kleine Junge kauerte im D�mmer des anbrechenden Tages hinter einem Baumstumpf und w�nschte sich, er w�re daheim in W�rzburg geblieben. Er und seine Eltern h�tten die Stadt nie verlassen d�rfen. Die Familien des Fl�chtlingszuges, der auf einer nahen Lichtung lagerte, hatten geglaubt, sie k�nnten vor der Seuche davonlaufen. Hier drau�en in den W�ldern w�ren sie sicher, hatten sie gehofft. Es war ein Trugschlu�, und Jorin Sorgebrecht hatte es als erster erkannt. Aber er war nur ein Junge, ein Kind, und niemand w�rde ihm glauben schenken.</p><p>Doch es war nicht die �berheblichkeit der Erwachsenen, die ihm in diesem Augenblick Sorge bereitete - es war der Schatten des Reiters, der sich von Norden her n�herte. Sein Schatten, der jeden Augenblick �ber den Baumstumpf und �ber Jorin fallen w�rde. Sein Schatten, der den sicheren Tod verhie�.</p><p>Jorin h�tte aufspringen k�nnen, aber er wu�te, da� der Reiter keine Gnade kannte. Sein schwarzer Mantel fiel weit �ber m�chtige Schultern, �ber Sattel und Hinterteil des Rosses. Ein langes Schwert hing an seiner Seite, und doch war es nicht die Klinge, die Vernichtung s�te. Der Reiter selbst war es, eine finstere Legende, in Fleisch und Stahl gegossen. Gestaltgewordener Aberglaube. Der Herrscher ohne Hofstaat, der Regent aus dem Herzen der Nacht. K�nig Pest.</p><p>Jorin pre�te sein Gesicht enger an den Stumpf. Der w�rzige Duft von Rinde und Moos drang in seine Nase. Er kniff die Augen zusammen, wie er es als kleines Kind getan hatte, wenn er gehofft hatte, andere w�rden ihn nicht finden. Doch dies hier war kein Versteckspiel.</p><p>Der Schatten des Reiters kam n�her, glitt wabernd �ber Str�ucher und wildes Gras, �ber Dickicht und zerbrochene Zweige. Jorin wagte kaum mehr zu atmen. Wenn er sich jetzt zu erkennen gab, war es um ihn geschehen. Aber sterben w�rde er so oder so. Wer wu�te schon, ob nicht einige der Fl�chtlinge l�ngst die Male der Plage unter der Kleidung trugen, ob sie die Seuche nicht mit sich schleppten wie den Geruch der Totenfeuer, der sie noch lange �ber die Stadt hinaus verfolgt hatte. Der Schwarze Tod war l�ngst �berall, nur verbarg er sich hier drau�en hinter B�umen und Bergen. Alle, selbst die Kinder, f�hlten, da� er sie umschlich wie ein Wolfsrudel, hungrig, pirschend, auf lautlosen Pfoten.</p><p>Jorin war der erste, der ihn mit eigenen Augen sah, ihn erblickte wie einen anderen Menschen, greifbar, h�rbar und doch aus einer fremden Welt. K�nig Pest, von dem erst die Alten und pl�tzlich jedermann gesprochen hatte. K�nig Pest, der Plagenbringer.</p><p>Die Hufe seines dunklen Rosses schlugen hart auf den Boden der Schneise, so da� im Umkreis die Erde erbebte. Jorin h�rte das Schnauben der N�stern, das Rascheln des schlagenden Schweifs. Hinter dem ersten trabte ein zweites Pferd, gesattelt, aber nicht beritten, gef�hrt an einem Strick. Im Gegensatz zum Ro� des K�nigs war es wei� und voller Anmut. Jorin dachte: Das mu� die Unschuld sein, vom B�sen in feste Ketten gelegt. Der Gedanke brachte ihn trotz seiner �ngste zum Weinen.</p><p>Eine Idee nahm in ihm Gestalt an. Mit jedem Herzschlag verst�rkte sich seine Entschlossenheit. Er war fast noch ein Kind, zw�lf Sommer jung, aber jetzt w�rde er versuchen, der Welt die Erl�sung zu bringen.</p><p>Der Schatten huschte mit jedem Schritt des Pferdes n�her heran. Jorin wu�te genau, da� er es f�hlen w�rde, wenn ihn der Schatten erreichte. Er fragte sich, ob es weh tun w�rde.</p><p>Das H�mmern der Hufe war jetzt auf einer H�he mit dem Baumstumpf. Das vordere Pferd mit seinem schrecklichen Reiter trabte vor�ber, das zweite folgte. Weder Schmerz noch K�lte stellten sich ein. Dennoch mu�te der Schatten ihn gestreift haben. M�glich, da� die Kr�mpfe in Jorins angespannten Gliedern die Pein verschleiert hatten.</p><p>Z�gernd schlug er die Augen auf. Das hintere Pferd war bereits eine gute Mannsl�nge entfernt. Der Reiter schien ihn nicht bemerkt zu haben, denn er sa� immer noch starr im Sattel, von hinten nur mehr ein finsterer Umri�, ein Helm �ber schwarzem Gewand.</p><p>Jorins Plan stand fest, und mit dem Mut eines Todgeweihten machte er sich auf, ihn in die Tat umzusetzen.</p><p>Bem�ht, keinen Laut zu verursachen, schob er sich hinter dem Baumstumpf hervor. Geschickt stiegen seine F��e �ber zerbrochenes Ge�st hinweg, senkten sich dann in weiches Gras. Das schmale Himmelsband �ber dem Einschnitt f�rbte sich allm�hlich blau, im Osten ging die Sonne auf; der halbe Tag w�rde vergehen, ehe ihre Strahlen den Grund der Schneise ber�hrten.</p><p>Fr�her hatten Jorin und seine Freunde an so manchem Sommertag das Reich vor fremden M�chten gerettet. Mit Holzkn�ppeln und Steinschleudern hatten sie ihren �ngsten den Krieg erkl�rt, in W�rzburgs Gassen Ratten gejagt und blinden Bettlern die M�nzen gestohlen. Doch nichts von alldem hatte ihn auf dies hier vorbereitet, auf die Befreiung der Unschuld aus den Fesseln des B�sen.</p><p>Blitzschnell sauste er hinter dem Schimmel her, bewegte sich ganz nah an seinem Schweif. Er hoffte, der Pferder�cken w�rde ihn sch�tzen, falls K�nig Pest nach hinten blickte. Eine Weile lang folgte er dem Reiter und seinen R�ssern, bis er sicher sein konnte, da� er nicht bemerkt worden war. Dann machte er sich an den zweiten Teil seines Plans.</p><p>Lautlos beschleunigte er seine Schritte und dr�ngte sich an dem Schimmel vor�ber, glitt langsam an seiner Flanke entlang und n�herte sich M�hne und Kopf. Im stillen betete er, da� das Pferd seine Anwesenheit nicht durch Wiehern oder Scheuen offenbaren w�rde. Einen Augenblick sp�ter fand er die Bef�rchtung schon l�cherlich. Das Gute, Reine, Vollkommene, das K�nig Pest in Gestalt eines Rosses gefangenhielt, w�rde dankbar �ber seine Befreiung sein. Fraglos w�rde es nichts unternehmen, das Jorins Pl�ne vereiteln konnte.</p><p>Jetzt mu�te er nur noch die Hand ausstrecken, dann konnte er den Strick ber�hren, der vom Zaumzeug des Schimmels zum Sattel des Reiters f�hrte. K�nig Pest hatte das Seil um einen Riemen geschlungen, locker genug, um es in Windeseile l�sen zu k�nnen.</p><p>Jorin hatte keinen Gedanken daran verschwendet, wie es ihm gelingen sollte, den Strick zu kappen. Hatte er ja nicht einmal ernsthaft erwartet, �berhaupt so weit vorzudringen! Doch nun, da die Fessel in greifbarer N�he lag, drohte er zu versagen. Verzweiflung �berkam ihn. Er hatte es doch nicht bis hierher geschafft, um jetzt tatenlos aufzugeben!</p><p>Wenn es ihm allerdings gel�nge, den Knoten am Zaumzeug des Pferdes zu l�sen...</p><p>Wie aber sollte er das zustandebringen, ohne da� der Reiter es bemerkte? Der Schimmel w�rde zwangsl�ufig langsamer traben, vielleicht sogar stehenbleiben. Sp�testens dann war Jorins Schicksal besiegelt.</p><p>Aber war es das nicht ohnehin? Der Schatten des Schwarzen K�nigs hatte ihn ber�hrt, und mit ihm der Atem der Plage. Jorin was des Todes, auf die eine oder andere Weise.</p><p>Er lief noch ein wenig schneller, bis er genau neben dem Kopf des Schimmels ging. Dunkle runde Augen musterten ihn neugierig. Jorin sah darin sein Spiegelbild, winzig klein. Ob auch das ein Zeichen war? Er bewegte die Lippen, um das Tier zu beruhigen, sprach aber keines der Worte laut aus. Seine Blicke rasten abwechselnd zwischen dem Knoten und dem Helm des Reiters hin und her. Ganz langsam hob er die H�nde, seine Finger ber�hrten das Seil.</p><p>Der Knoten war sehr fest gezogen, mit Kr�ften, die jene von Jorin bei weitem �berstiegen. Gut m�glich, da� der Reiter einen Bann dar�ber gelegt hatte. Ein magischer Knoten, ja, so mu�te es sein!</p><p>Aber Jorin hatte schlanke Finger, und er wu�te sie flink zu gebrauchen. Bald schon, f�nf, sechs Atemz�ge sp�ter, hatte er die erste Schlaufe ein wenig gelockert, nicht weit genug, um nachzugeben, aber doch schon mit Aussicht auf Erfolg.</p><p>Ein k�hler Windsto� raste ihnen durch die Schneise entgegen und verfing sich im Umhang des Reiters. Der aufgebauschte Stoff machte harte, flatternde Ger�usche, rasselte wie ein Drache im Unterholz. Einen Moment lang schien es Jorin, als w�rde das schwarze Pferd z�gern. Dann aber sch�ttelte es nur seine M�hne und bewegte sich unverwandt vorw�rts. Der weite Umhang sank in sich zusammen, und K�nig Pest blickte starr geradeaus.</p><p>Die Schlaufe war jetzt so gro�, da� Jorin seinen Zeigefinger hindurchschieben konnte. Trotzdem wollte sich der Knoten nicht l�sen. Das Seil war rauh und zerzaust, seine Fasern bissen grob ineinander. Die Magie, die es hielt, mu�te schlicht aber machtvoll sein. Jorin schauderte bei dem Gedanken, vielleicht selbst so zu enden wie der Schimmel, gefangen im Schlepptau des Reiters, auf immerdar sein Sklave. Jeder wu�te, da� K�nig Pest an jedem Ort der Welt auftauchen konnte, und oft benutzte er dunkle, b�se Pfade. Die Vorstellung, ihm auf jeden Schritt folgen zu m�ssen, war fast zu viel f�r Jorin. Er war nahe daran, sich ins Dickicht zu schlagen, als ihn pl�tzlich die Nase des Schimmels anstie�, vertraut, beinahe spielerisch. Ein Blick in diese braven braunen Augen, die so viel Hoffnung in ihn setzten, und Jorin verwarf jeden Gedanken an Flucht. Er mu�te das Tier befreien und mit ihm, vielleicht, das ganze Land.</p><p>Ein harsches Flattern lie� ihn abermals innehalten. Unter seinem ungl�ubigen Blick senkte sich ein gewaltiger Rabe vom Himmel herab, verkrallte sich in der rechten Schulter des Reiters. Ein schrilles Kr�chzen drang aus dem Schnabel des Tiers, und aus den W�ldern ert�nte eine Antwort. Nur wenige Herzschl�ge sp�ter schwebte ein zweiter Rabe heran, landete kreischend auf der linken Schulter. Reiter und Ro� ritten unber�hrt weiter.</p><p>Zum ersten Mal kamen Jorin Zweifel. War der Schwarzger�stete wirklich der, f�r den er ihn hielt? Oder, schlimmer noch, war er gar jener, den die Alten den Rabengott nannten, den Herrn aller G�tter - Wodan, der in Gestalt eines Menschen mit seinen Raben durch die Lande streifte?</p><p>Pl�tzlich kam Jorin sich unsagbar dumm vor. Jorin Sorgebrecht, Sohn eines Schneiders und einer W�scherin, versuchte den obersten der alten G�tter zu bestehlen!</p><p>Zugleich aber war da das dankbare Leuchten in den Augen des Schimmels, und abermals haderte der Junge mit seinem Gewissen.</p><p>Einer der beiden Raben wandte sich um und starrte ihn an. Legte den Kopf schr�g, blinzelte... und begann zu schreien!</p><p>Jorin stolperte vor Entsetzen �ber die eigenen F��e, sein Finger rutschte aus dem gelockerten Knoten, er wich den Hufen des Schimmels aus, st�rzte zur Seite und landete mit einem Aufschrei inmitten eines Dornendickichts.</p><p>Der Reiter z�gelte sein Pferd. Nicht �bereilt, nicht �berrascht.</p><p>Jorin rang mit Ranken und Dornen, und doch blieb ihm genug Zeit zu begreifen, da� der Recke nur mit ihm gespielt hatte. Ob K�nig Pest oder Rabengott, es machte keinen Unterschied. Beide w�rde ihn mit einem Fingerschnippen in Asche oder Schlimmeres verwandeln. Und wenn es nicht bald geschah, dann w�rde es gewi� die Angst sein, die ihn umbrachte.</p><p>Hinter den Sehschlitzen des Helms war nichts als Schatten. Die beiden Raben auf den Schultern des Reiters wiegten sich langsam hin und her, im Banne einer stummen Melodie. Sie selbst waren verstummt, nur ihr Gefieder raschelte im Wind. Auch der Kragen des Reiters war aus schwarzen Federn gewirkt, ein hoher, buschiger Schulterschmuck.</p><p>Der Anblick des Mannes h�tte Jorin wohl auf der Stelle erstarren lassen, w�ren da nicht die Dornen gewesen, die sich von allen Seiten in seinen K�rper bohrten. Er hatte seine Sinne noch so weit beieinander, da� er keinen Schrei ausstie�, um das Wesen im Sattel nicht noch mehr gegen sich aufzubringen. Statt dessen versuchte er verzweifelt, sich mit H�nden und F��en aus den B�schen zu stemmen. Dabei aber griff er jedesmal in neue Dornen, und die Spitzen rissen ihm Finger und Handfl�chen auf. Er weinte leise, aber es war nicht nur die Angst, die ihn dazu trieb, sondern auch der Zorn �ber seine eigene Hilflosigkeit.</p><p>Der Reiter betrachtete Jorins erfolglose Versuche eine Weile lang, schaute sich dann nach allen Seiten um und stieg mit einer erhabenen Bewegung aus dem Sattel. Sein R�stzeug klirrte leise, und der Saum des Mantels streifte rauschend �ber den Boden, ohne sich in Dornen oder Zweigen zu verfangen; es sah beinahe aus, als wiche der Stoff ganz von selbst jeder Spitze aus. Riesenhaft und dunkel baute sich der Mann vor Jorin auf, aber sein Schatten fiel diesmal in die andere Richtung, und der Junge war dankbar daf�r. Die beiden Raben erstarrten, nur um sich einen Moment sp�ter wie auf einen geheimen Befehl hin von den Schultern zu erheben und hinauf in die L�fte zu steigen. Dort verschwanden sie zwischen den Baumwipfeln.</p><p>Eine behandschuhte Hand streckte sich Jorin entgegen. Der Junge zuckte zur�ck und trieb dabei ein halbes Dutzend Dornen in seinen R�cken. Noch immer sagte der Mann kein Wort, nur sein Atem ert�nte dumpf aus dem Inneren des Helmes.</p><p>Er atmet, durchfuhr es Jorin, also ist er ein lebender Mensch! Doch was, schalt er sich dann, wu�te ein Kind wie er schon �ber die Masken der G�tter? M�glich, da� sie die Menschen bis in jede Einzelheit nachahmten.</p><p>Die ausgestreckte Hand schwebte �ber ihm, er mu�te sie nur ergreifen. Ihr schwarzer Umri� vor dem blauen Morgenhimmel war ihm Drohung und Hoffnung zugleich. Doch die Dornen nahmen ihm die Entscheidung ab. Jorin ertrug den Schmerz nicht l�nger, und ehe er sich versah, hatte er die Hand gepackt und lie� sich von dem Riesen aus den B�schen ziehen.</p><p>Ganz kurz durchzuckte ihn der Gedanke, dem Mann entkommen zu k�nnen. Sich einfach herumzuwerfen und davonzulaufen. Dann aber dachte er sich, da� er l�ngst h�tte tot sein k�nnen, wenn der Reiter es gewollt h�tte.</p><p>�Wei�t du, welche Strafe der K�nig Pferdedieben auferlegt?� drang eine scharfe Stimme unter dem Helm hervor.</p><p>Jorin fuhr zusammen. Angstvoll nahm er an, da� mit �K�nig� der Reiter selbst, K�nig Pest, gemeint war. Er sch�ttelte den Kopf, unf�hig, auch nur einen Ton herauszubringen.</p><p>�Er l��t sie h�ngen�, sagte der Mann. �Und wenn der Dieb mehr als einmal gestohlen hat, wird er von vier starken G�ulen zerrissen.� Der Mann beugte sich mit einem Ruck vor, bis das Stahlgesicht des Helmes nur noch wenige Fingerbreit vor Jorins Nase schwebte. �Hast du mehr als einmal gestohlen?�</p><p>Jorin dachte, da� er auf der Stelle tot umfallen m�sse. Jetzt und hier.</p><p>Hinter den Sehschlitzen brodelte die Dunkelheit. �Sag mir die Wahrheit, Junge!�</p><p>�Nein!� pre�te Jorin hervor. Es stimmte, er hatte noch nie etwas gestohlen, das gr��er war als ein Apfel. Und ganz bestimmt keine Pferde.</p><p>Der Fremde blickte ihn aus unsichtbaren Augen an, als forschten sie in Jorins Kopf nach Beweisen seiner Aufrichtigkeit.</p><p>Endlich richtete der Mann sich wieder auf. �Gut�, sagte er. �Wie ist dein Name?�</p><p>�Jorin, Herr. Jorin Sorgebrecht.�</p><p>�Bist du krank?�</p><p>Jorin dachte daran, da� der Schatten des Reiters ihn ber�hrt hatte. �Nein, Herr�, sagte er und hoffte, da� es die Wahrheit war.</p><p>�Zieh dein Wams aus!�</p><p>Der Junge befolgte den Befehl, und der Mann unterzog seine Achselh�hlen und seinen Hals einer eingehenden Betrachtung. Dann nickte er langsam. �Mir scheint, es ist wahr, was du sagst. Gut f�r dich.�</p><p>Die knappe Bemerkung jagte Jorin einen eisigen Schauer �ber den R�cken. Er ahnte, was geschehen w�re, wenn er gelogen h�tte.</p><p>�Wo kommst du her?� fragte der Mann. �Gibt es ein Dorf hier in der N�he?�</p><p>�Ich glaube nicht, Herr�, sagte Jorin und zog geschwind sein Hemd �ber. �Wir sind Fl�chtlinge. Wir kommen aus der Stadt.�</p><p>�Wen meinst du mit �wir�? Deine Eltern und dich?�</p><p>�Ja, Herr, und noch einige andere.�</p><p>�Wie viele seid ihr?�</p><p>Jorin hatte nie gelernt, weiter als bis zehn zu z�hlen. Jetzt �berlegte er angestrengt. �Ungef�hr dreimal zehn�, sagte er dann, �ein paar mehr, vielleicht.�</p><p>�Und wo ist euer Lager?�</p><p>Geschwind hob Jorin den Arm und zeigte in die Richtung, aus der er gekommen war. Nur einen Augenblick sp�ter fiel ihm ein, da� er damit vielleicht das Todesurteil �ber die ganze Gruppe gesprochen hatte. Bleich und erschrocken lie� er die Hand wieder sinken.</p><p>Der Mann schien seine Gedanken zu lesen. �Keine Angst, Jorin Sorgebrecht. Weder dir noch den deinen will ich B�ses.�</p><p>Jorin war keineswegs �berzeugt, da� er daran glauben konnte, doch zum Schein nickte er hastig.</p><p>�Ich verlange nur eine Auskunft, nicht mehr�, fuhr der Mann fort. �Vielleicht kannst du mir helfen.�</p><p>�Ich bin Euer Diener, Herr.�</p><p>Der Fremde neigte den Helm, als stimmten ihn Jorins Worte milde. �Ich bin auf der Suche nach einem M�dchen mit langem goldenen Haar. Jemand ist bei ihr, aber ich wei� nicht, wie er aussieht. Sie reiten auf schwerf�lligen Pferden, Ackerg�ulen wahrscheinlich. Hast du die beiden gesehen?�</p><p>Jorin spielte kurz mit dem Gedanken, ja zu sagen, um den Fremden gn�dig zu stimmen; dann aber sch�ttelte er wahrheitsgetreu den Kopf. �Nein, Herr. Einige von den M�dchen, die mit uns ziehen, haben goldenes Haar, aber sie sind bei uns, seit wir die Stadt verlassen haben.�</p><p>Der Ritter schien einen Augenblick nachzudenken. �F�hre mich zu deinen Leuten, Junge.�</p><p>�Das will ich, Herr.�</p><p>�Kannst du reiten?�</p><p>�Nicht wirklich, Herr.�</p><p>�Was wolltest du dann mit dem Pferd?�</p><p>�Ich... nichts, Herr.�</p><p>Wieder ruckten Helm und Oberk�rper des Fremden vor. �Nichts?� fragte er drohend.</p><p>Jorin kam die Tatsache, da� er in dem Schimmel die verlorene Unschuld der Welt vermutet hatte, mittlerweile �beraus albern vor. Er w�rde lieber sterben, als nur ein Wort dar�ber zu verlieren. �Verkaufen�, beeilte er sich zu sagen. �Ich wollte das Tier verkaufen, Herr.�</p><p>�Schon besser.� Der Ritter straffte sich und trat neben den Sattel des Schimmels. �Du wirst es nicht verkaufen k�nnen, Jorin Sorgebrecht, aber du darfst eine Weile darauf sitzen.�</p><p>�Aber ich kann doch -� <emphasis>Nicht reiten, </emphasis>wollte Jorin sagen, besann sich dann aber eines Besseren. �Ich will es gerne versuchen�, meinte er kleinlaut.</p><p>Der Ritter packte ihn mit beiden H�nden und hob ihn blitzschnell in den Sattel. �Halte dich gut fest und gib acht auf tiefe �ste. Ich habe wenig Zeit und werde dich nicht aufsammeln, wenn du herunterf�llst.�</p><p>�Ja, Herr.� Das wei�e Pferd unter ihm stand ganz ruhig, und da begriff Jorin, da� es ein �beraus edles und kostbares Tier sein mu�te.</p><p>Der Ritter schwang sich in den Sattel des schwarzen Rosses, dann lenkte er es durchs Unterholz in die Richtung, in die Jorin gedeutet hatte. Der Schimmel folgte ihm, ohne Jorins Aufforderung abzuwarten. Der Junge hatte auch so genug zu tun: Den tiefh�ngenden Zweigen auszuweichen war viel schwieriger, als er erwartet hatte, doch das wei�e Pferd trug ihn so ruhig und sicher durch den Wald, da� Jorin auf nichts anderes achten mu�te, als sich festzuhalten und den Kopf einzuziehen.</p><p>�Herr�, rief er einmal dem Ritter zu, �sagt mir, wie darf ich Euch nennen?�</p><p>Der Fremde lie� eine Weile verstreichen, bis Jorin schon glaubte, er w�rde keine Antwort mehr bekommen. Dann aber ert�nte es pl�tzlich unter dem Helm: �Ich bin Hagen von Tronje. Aber das ist kein Name, den du im Kopf behalten solltest. Manchem hat er schon Ungl�ck gebracht.� Leiser f�gte er hinzu: �Vor allem jenem, der ihn tr�gt.�</p><p>Jorin wu�te nicht recht, was er von der letzten Bemerkung des Ritters halten sollte, entschied aber, sich keine weiteren Gedanken dar�ber zu machen. Er war viel zu erleichtert, da� er es mit einem Menschen aus Fleisch und Blut zu tun hatte, nicht mit einem D�mon oder Gott.</p><p>Bald darauf erreichten sie die Lichtung. Durch das Gewirr der St�mme und Zweige waren die Karren der Fl�chtlinge deutlich zu erkennen.</p><p>Jorin sp�rte bei dem Anblick keine Erleichterung. Er hatte sich mit gutem Grund davongeschlichen. Jetzt, da er zur�ckkehrte, schien sich eine unsichtbare Faust um sein Herz zu schlie�en.</p><p>Auch der Ritter erkannte sofort, da� etwas nicht stimmte. Er z�gelte sein Pferd, bevor es aus dem D�mmer des Waldes ins Tageslicht treten konnte. Obwohl er den Helm nicht abgenommen hatte, sp�rte Jorin, da� Hagen voller Argwohn und Anspannung auf das Treiben der Fl�chtlinge blickte.</p><p>Der Schimmel blieb neben dem schwarzen Schlachtro� stehen. Jorin beugte sich �ber die M�hne, als k�nnte er sich so vor den Menschen auf der Lichtung verstecken. Noch aber hatte niemand sie entdeckt.</p><p>Die Fl�chtlinge hatten eine stattliche Herde von Rindern mit sich gef�hrt, doch jetzt war keines der Tiere mehr am Leben. Man hatte sie aufgeschlitzt und ausgeweidet. Am entferntesten Rand der Lichtung lag ein Haufen aus Eingeweiden, der einem erwachsenen Mann bis zur Schulter reichte und am Boden breit auseinanderlief. Sonnenstrahlen gl�nzten auf den feuchten Schlingen und Blasen, und der Gestank war erb�rmlich.</p><p>Die ausgeleerten Rinderleiber waren im Halbrund um die Lichtung an den B�umen aufgeh�ngt worden, mit den Sch�deln nach unten. Ihre B�uche waren feigenf�rmig aufgeklafft. Dahinter lagen nasse, dunkelrote H�hlen.</p><p>In einigen davon kauerten Menschen.</p><p>Ein alter Mann mit lichtem Haar und langem Bart ging von Kadaver zu Kadaver und segnete jeden mit einem Stab, an dessen Ende ein Kreuz angebracht war. Der Alte trug eine braune Kutte und sang auf lateinisch ein Kirchenlied; sein Gesicht war eingefallen, beinahe asketisch. Hinter ihm bewegte sich das versch�chterte Kn�uel der Fl�chtlinge. Alle waren splitternackt, ganz gleich ob Mann oder Weib oder Kind. Einige der J�ngsten weinten, andere hielten sich trostsuchend an den H�nden.</p><p>Immer, wenn ein Kadaver von dem Alten mit den n�tigen Weihen bedacht war, l�ste sich einer der Fl�chtlinge aus der Gruppe und kroch widerstrebend in das ausgeh�hlte Tier. Auf diese Weise war die Gruppe bereits auf die H�lfte zusammengeschrumpft; die �brigen hockten in den tropfenden Leibern, schwangen langsam mit ihnen vor und zur�ck.</p><p>�Wer ist dieser Mann?� fl�sterte Hagen dumpf.</p><p>�Noah, ein Priester aus dem Norden�, antwortete Jorin. �Er hat sich uns angeschlossen, als wir die Stadt verlie�en.�</p><p>�Das da war sein Einfall, nehme ich an.�</p><p>�Ja. Deshalb bin ich fortgelaufen. Nicht wegen der Rinder�, f�gte der Junge schnell hinzu, �ich habe keine Scheu vor Blut, aber...� Er verstummte, doch Hagen nahm den Satz auf:</p><p>�Aber du hattest Angst vor dem, was das Ritual bedeuten k�nnte, nicht wahr?�</p><p>�Ja, Herr�, gab Jorin zu und wunderte sich �ber das Verst�ndnis des gro�en, finsteren Mannes.</p><p>�Als ich ein Kind war...�, begann Hagen, brach aber schlagartig ab, ohne den Satz zu Ende zu bringen.</p><p>Jorin wartete eine Weile, doch was immer der Ritter hatte sagen wollen, er behielt es lieber f�r sich. Schlie�lich zuckte der Junge nur mit den Schultern und blickte wieder hinaus auf die Lichtung. Er suchte nach seinen Eltern, fand sie aber nicht unter jenen, die hinter dem Priester standen. Sie mu�ten sich schon in den Kadavern verkrochen haben.</p><p>Pl�tzlich drehte Hagen sich zu Jorin um. Er hatte eine Entscheidung getroffen. �Geh zu deinen Leuten, Junge. Was immer sie dort tun m�gen, bei ihnen bist du sicherer, als allein im Wald.�</p><p>�Und Ihr, Herr?�</p><p>�Ich reite weiter. Ich will mich nicht in diese Dinge mischen.�</p><p>�Aber ich habe Angst.�</p><p>�Und du tust gut daran, Jorin Sorgebrecht. In Zeiten wie diesen ist es weise, sich zu f�rchten.�</p><p>Jorin blickte traurig zu Boden. �Sie werden mich bestrafen, weil ich fortgelaufen bin.�</p><p>�Liebst du denn deine Eltern nicht?�</p><p>�O doch, gewi�. Aber sie tun, was Noah ihnen sagt. Alle tun das. Und Noah wird mich bestrafen lassen.�</p><p>Hagen blickte wieder hinaus auf die Lichtung. �Er versucht, die Pest auszutreiben, nicht wahr?�</p><p>Jorin streichelte geistesabwesend �ber die M�hne des Schimmels. �Er sagt, die Krankheit ist in uns allen, zu jeder Zeit. Nur manchmal, wenn die S�nde der Welt besonders gro� ist, dann kommt sie zum Vorschein, und verr�t, wie es in unserem Inneren aussieht.�</p><p>�Aber dieses Ritual dort ist keine christliche Zeremonie.�</p><p>�Noah sagt, es reinigt die Menschen. Er betet oft und singt fromme Lieder.�</p><p>�Hat niemand etwas einzuwenden gehabt, als der Priester verlangte, die Tiere zu t�ten?�</p><p>�Jakup, dem die meisten Rinder geh�rten, hat geschimpft und geschrien.� Jorin sch�ttelte sich bei der Erinnerung an das, was geschehen war. �Noah sagte, Jakup sei bereits krank, seine Worte w�rden das beweisen. Da wurde er ausgesto�en und mu�te das Lager verlassen. In der letzten Nacht ist er zur�ckgekommen, um seine Rinder zu retten, aber es war schon zu sp�t. Die meisten waren l�ngst geschlachtet. Jakup hat sich auf Noah gest�rzt, ich glaube, er wollte ihn umbringen. Aber die anderen M�nner haben ihn fortgerissen, und Noah hat befohlen, ihn...� Er verstummte.</p><p>�Was f�r ein sonderbarer Priester ist das, der aufrechte M�nner t�ten l��t?�</p><p>�Er sagt, er sei der Erl�ser.� Jorins Blick wurde trotzig. �Aber ich glaube ihm kein Wort.�</p><p>Hagen versank in Schweigen. Jorin sp�rte, da� er zwischen zwei Entscheidungen hin- und hergerissen wurde.</p><p>Schlie�lich sagte der Ritter: �Dennoch, ich mu� weiter.� Er legte Jorin eine schwere Hand auf die Schulter. �Es tut mir leid. Du bist ein gescheiter Junge, Jorin, und du wirst einmal ein kluger Mann werden. Geh zu deinen Eltern zur�ck und -�</p><p>Von der Lichtung erklang ein lauter Ruf. Hagen brach mitten im Satz ab und fluchte lautstark. Als Jorin seinem Blick folgte, bemerkte er, da� ihr Versteck keines mehr war. Zwei M�dchen, ein wenig �lter als Jorin selbst und unbekleidet wie der Rest der Fl�chtlinge, zeigten mit ausgestreckten Armen auf die beiden Reiter im Unterholz. Sogleich brach ein Tumult aus.</p><p>Der Gesang des Priesters verklang. Noah wirbelte herum und deutete mit seinem Stab auf Hagen und Jorin. Die Menge schien sich hinter seinem R�cken verkriechen zu wollen, so eng dr�ngten sich die Menschen aneinander. Jene, die in den Kadavern kauerten, streckten neugierig die K�pfe hervor.</p><p>�Nun gut�, zischte Hagen leise, dann hieb er seinem Ro� die Stiefel in die Flanken und preschte aus dem Dickicht auf die Lichtung. Zweige brachen, und abgerissenes Laub wirbelte rund um ihn zu Boden.</p><p>Die Aufregung unter den Fl�chtlingen drohte beim Anblick des finsteren Reiters in Panik umzuschlagen, doch Noah befahl lautstark, die Ruhe zu bewahren. Tats�chlich schien es, als habe er die Leute gut im Griff. Doch dann rief pl�tzlich eine Stimme: �Seht doch! Es ist K�nig Pest! Es ist der Schwarze K�nig!�</p><p>Die Menschenmenge schien zu explodieren.</p><p>M�nner und Frauen st�rmten in alle Richtungen davon, einige suchten hinter den Karren Schutz, andere fl�chteten zwischen die B�ume. Jene in den Kadavern zogen die K�pfe zur�ck und verbargen sich in ihren stinkenden L�chern, andere st�rmten gar auf die leerstehenden Rinderleiber zu und krochen geschwind hinein. Von �berall her erklang Weinen und Geschrei, Gebete und sakraler Singsang.</p><p>Noah aber verharrte inmitten des Chaos, reckte den Stab mit dem Kreuz zum Himmel und blickte Hagen starr entgegen. Als h�tte er sie herbeigerufen, fuhren pl�tzlich Windb�en in die weite Kutte des Priesters, brachten sie zum Flattern und zerzausten seinen Bart. Seine Lippen bewegten sich lautlos, und Jorin ahnte, da� er eine seiner Beschw�rungen murmelte.</p><p>Hagen aber lie� sich von all dem nicht beeindrucken. Er ritt auf den Priester zu, z�gelte sein Pferd an der Seite des Alten und trat ihm kraftvoll mit dem Stiefel vor die Brust. Noah kreischte auf, lie� den Stab fallen und flog r�ckw�rts ins Gras.</p><p>Gebete und Ges�nge wurden noch lauter, und einige M�nner, die tapfersten, l�sten sich aus ihren Verstecken und wollten dem Priester zur Hilfe eilen.</p><p>Hagen aber glitt in Windeseile aus dem Sattel, setzte dem am Boden liegenden Alten einen Stiefel auf den Brustkorb, zog sein Schwert und legte die Spitze an Noahs faltigen Hals. Die herbeist�rmenden M�nner wurden langsamer, blieben dann stehen. Ha�, aber auch abgrundtiefe Furcht standen in ihren Augen.</p><p>Zugleich setzte sich Jorins Schimmel ohne Aufforderung in Bewegung und trabte gem�chlich durch die Schneise, die Hagens st�rmischer Auftritt ins Unterholz gerissen hatte. Als Jorin auf dem Pferd ins Freie schaukelte, blickten ihm drei Dutzend Augenpaare entgegen.</p><p>�Er hat die Krankheit!� schrie jemand. �Er reitet an der Seite von K�nig Pest!� Geschrei und Gekeife wurden ohrenbet�ubend.</p><p>Jorin wurde sehr klein in seinem Sattel und w�nschte sich ans andere Ende der Welt.</p><p>Hagen hob seine freie Hand. Innerhalb weniger Augenblicke wurden die Schreie zu ged�mpftem Fl�stern, verstummten dann ganz. Gespanntes Schweigen legte sich �ber die Lichtung.</p><p>�Sagt mir�, rief Hagen in die Runde, �was hat euch dieser Mann versprochen?�</p><p>Keiner der Fl�chtlinge wagte zu antworten, doch Noah br�llte: �Gesundheit. Frieden. Das ewige Leben. Und deinen Untergang, K�nig Pest!�</p><p>Jorin hatte Zweifel, da� Noah den Ritter wirklich f�r den hielt, als den er ihn darstellte. Jorin selbst war diesem Irrtum erlegen, aber er war noch ein Kind; Noah hingegen wu�te sehr wohl, was er sagte und tat, und er schien bei aller Verschlagenheit �u�erst klug und gewitzt.</p><p>�Er l�gt!� rief Jorin, und alle Gesichter wandten sich erneut zu ihm um. Sogar Hagen schaute ihn an. �Er ist ein aufrechter Ritter, und er ist gesund wie wir alle.�</p><p>Eines der M�dchen, ein junges Ding, mit dem Jorin fr�her in den Gassen gespielt hatte, lachte auf, ein irrer, verzweifelter Laut. �Gesund wie wir?� rief es h�hnisch. Dabei rannte es auf Jorin zu, blieb einige Schritte vor ihm stehen und ri� beide Arme in die H�he. �Sieh her, Jorin Sorgebrecht!� Und sie offenbarte gro�e schwarze Pusteln unter ihren Achseln.</p><p>Jorin zuckte voller Entsetzen zur�ck. Er hatte geglaubt, alle Mitglieder des Fl�chtlingszuges seien bisher von der Krankheit verschont geblieben. Doch wenn das M�dchen die Male der Plage trug, dann vielleicht auch einige der anderen.</p><p>Das M�dchen sah das Grauen in seinen Augen, warf den Kopf zur�ck und stie� ein schrilles Lachen aus. Dann brach es schlagartig in sich zusammen, wie von einem Pfeil getroffen, begann zu weinen und rollte sich am Boden zusammen wie ein getretener Hundewelpe.</p><p>Einige der Fl�chtlinge fanden neuen Mut und st�rzten auf Hagen und Jorin zu.</p><p>Der Ritter beugte sich vor, packte den Priester am Kragen und ri� ihn in die H�he. Die Schwertspitze wies unvermindert auf den faltigen Hals des Alten.</p><p>�Sie sollen stehenbleiben!� sagte er mit fester Stimme, ohne jede Regung.</p><p>Noah schenkte ihm einen vernichtenden Blick. Dann rief er mit keifender Stimme: �T�tet ihn! Er ist die Plage selbst! T�tet alle beide!�</p><p>Die nackten M�nner st�rmten wie ein Rudel wilder Tiere �ber die Lichtung.</p><p>Jorins Augen weiteten sich, als er sah, wie gleich f�nf oder sechs in seine Richtung liefen. Das M�dchen w�lzte sich immer noch im Gras, achtete nicht auf das, was um es herum geschah. Panik �berkam Jorin wie ein Fieberanfall; sein Gesicht, sein ganzer K�rper schien zu gl�hen. Er zerrte an den Z�geln des Schimmels, ohne genau zu wissen, was es bewirken w�rde. Er hoffte nur, das Tier w�rde wenden und ihn in Sicherheit tragen.</p><p>Das kluge Ro� aber schien bereits eine eigene Entscheidung getroffen zu haben. Pl�tzlich machte es einen Satz �ber das M�dchen hinweg und preschte mit schnaubenden N�stern und donnerndem Hufgetrampel auf die Angreifer zu. Schreiend teilte sich die Gruppe, um nicht von dem Tier �berrannt zu werden. Ehe Jorin sich versah, galoppierte der Schimmel schon quer �ber die Lichtung. Hakenschlagend wich das Pferd allen Angreifern aus, f�hrte sie m�helos in die Irre, lie� sie �bereinander stolpern und sorgte so f�r betr�chtliche Aufregung. H�tte Jorin es nicht besser gewu�t, so h�tte er wohl meinen k�nnen, der Schimmel machte sich einen Spa� aus dieser Verfolgungsjagd. Und nat�rlich erkannte der Junge, da� sie hier, wo das Pferd genug Auslauf hatte, viel sicherer waren als im Wald, wo Baumst�mme und �ste die Beweglichkeit des Tieres eingeschr�nkt h�tten.</p><p>Derweil bedrohte Hagen immer noch den zappelnden Priester. Trotz aller Warnungen machte der Alte keinerlei Anstalten, seinen Mordbefehl zur�ckzunehmen.</p><p>�Wie du willst�, fauchte Hagen, ehe die ersten Angreifer ihn erreichen konnten. Er schleuderte Noah von sich und lie� das Schwert in weitem Bogen herumwirbeln. Die M�nner blieben zur�ck, aus Angst, von der blitzenden Klinge niedergem�ht zu werden. Einigen schien schlagartig bewu�t zu werden, da� sie nicht nur unbekleidet, sondern auch unbewaffnet waren.</p><p>Noah lag am Boden und kreischte in h�chsten T�nen: �Er mu� sterben! Beide m�ssen sterben!�</p><p>Hagen sah ihn einen Augenblick aus den Schatten seiner Sehschlitze an, dann machte er einen Schritt auf ihn zu und f�hrte einen kurzen, scharfen Hieb nach Noahs Kehle. Die aufpeitschenden Schreie des Alten brachen ab. Hagen sah ohne Mitleid zu, wie das Leben als letztes R�cheln aus dem blutenden Schnitt entwich, dann wandte er sich den �brigen Fl�chtlingen zu.</p><p>�Ich will keinen Streit mit euch�, sagte er ruhig, doch der Helm gab seinen Worten einen d�steren, dumpfen Unterton.</p><p>Niemand ging darauf ein. Alle starrten ihn nur weiterhin unverwandt an, einige in irrer Wut, die meisten aber ver�ngstigt.</p><p>�Was wollen wir nun tun?� fragte Hagen laut in die Runde. �Seid ihr sicher, da� ihr mich angreifen wollt?� Er deutete auf einen Mann, der gr��er und kr�ftiger als die anderen war und ihn ha�erf�llt anstarrte. Seine nackte Haut war blutverschmiert. �Du! Willst du den ersten Schritt tun?�</p><p>Obwohl Jorin noch immer von dem Schimmel in weiten Kreisen �ber die Lichtung getragen wurde, erkannte er in dem Mann seinen Vater; er hatte den Kadaver verlassen, um Noah zu verteidigen, nicht seinen Sohn.</p><p>�Wer auch immer mich angreift�, rief Hagen und zeigte mit der Schwertspitze auf den nackten H�nen, �du wirst der erste sein, den ich t�te. Darauf meinen Eid!�</p><p>Jorins Vater zuckte bei diesen Worten kaum merklich zusammen, und sein Blick fuhr herab zum Leichnam des Priesters. Dann sah er wieder Hagen an. Die Schwertklinge wies noch immer in seine Richtung. Es gab keinen Zweifel, da� der Ritter seine Drohung wahrmachen w�rde.</p><p>�Denk nach!� forderte Hagen ihn auf, ohne einen der �brigen M�nner zu beachten. �Selbst wenn ihr alle zugleich �ber mich herfallt, wirst du es sein, der stirbt, noch vor allen anderen.�</p><p>Jorin versuchte, den Schimmel innehalten zu lassen, doch das Pferd gehorchte ihm nicht. Jorin wollte br�llen, um Gnade f�r seinen Vater bitten; er wu�te allerdings, da� Hagen sie nicht gew�hren w�rde.</p><p>�Vater!� schrie er deshalb �ber den donnernden L�rm der Hufe hinweg. �Du mu�t tun, was er sagt! Er wird dich sonst t�ten!�</p><p>Falls Hagen �berrascht war, so zeigte er es mit keiner Regung. Jorins Vater aber verlor noch mehr von seiner Sicherheit.</p><p>Schlie�lich hob er die Hand. �Zur�ck�, sagte er leise, dann noch einmal lauter: <emphasis>�Zur�ck!�</emphasis></p><p>Etwa die H�lfte der Fl�chtlinge gehorchte. Die �brigen aber waren viel zu aufgebracht �ber den Tod des Priesters. Einige von ihnen machten unger�hrt einen Schritt auf Hagen zu.</p><p>Obwohl Jorins Vater sich mit den anderen zur�ckgezogen hatte, wies der Ritter abermals mit dem Schwert auf die Brust des Mannes. �Ich t�te dich�, rief er beharrlich, �wenn auch nur einer die Hand gegen mich oder den Jungen erhebt.�</p><p>�Nein!� br�llte Jorin vom R�cken des galoppierenden Schimmels herab. �Das ist ungerecht!�</p><p>Hagen beachtete ihn nicht. �Ruf diese Hunde zur�ck�, gemahnte er Jorins Vater, �oder du stirbst!�</p><p>Durch die Reihe jener, die zur�ckgetreten waren, ging ein unruhiges Raunen. Jorins Vater sah sich aufgebracht unter ihnen um, aber alle senkten die Blicke. Pl�tzlich schien er ganz allein dazustehen, ohne jede Unterst�tzung. Mit einem verzweifelten Ruck setzte er sich in Bewegung und trat zwischen die M�nner, die Hagen immer noch angriffslustig gegen�berstanden.</p><p>�Tut, was er sagt!� verlangte er und m�hte sich merklich, das Schwanken seiner Stimme in den Griff zu bekommen. �La�t ihn ziehen!�</p><p>�Er hat Noah get�tet!� widersetzte sich einer und lie� seine Augen nicht von Hagen.</p><p>�Daf�r erwartet ihn die H�lle�, gab Jorins Vater zur�ck. Er schenkte Hagen einen Blick voller Abscheu, dann wandte er sich wieder an die M�nner. �Tretet zur�ck, oder wollt ihr wirklich noch weiteres Blutvergie�en?�</p><p>Allm�hlich drangen seine Worte durch die Masken aus Ha� und w�tender Entschlossenheit, hinter denen sich die anderen verschanzten. Die ersten gaben auf und zogen sich zur�ck, weitere folgten ihnen. Schlie�lich spie auch der letzte ver�chtlich ins Gras und ging davon.</p><p>Der Ritter nickte Jorins Vater einmal kurz zu, so als wollte er sich bei ihm bedanken, dann senkte er das Schwert. W�hrend er in den Sattel seines Rosses stieg, deutete er beil�ufig auf den toten Priester. �Gebt ihm ein Begr�bnis, das seinem Glauben entspricht - welcher auch immer das sein mag.�</p><p>Er hob die Hand, und sogleich h�rte der Schimmel auf, im Kreis zu laufen. Gem�chlich trabte er in die Mitte der Lichtung, bis er neben dem schwarzen Schlachtro� stehenblieb.</p><p>Jorin schaute den Ritter anklagend an, sagte aber kein Wort.</p><p>�Was nun, Junge?� fragte Hagen. �Willst du bleiben?�</p><p>Jorins Vater hatte Hagen und seinem Sohn den R�cken gekehrt, und obgleich er die Frage des Ritters geh�rt haben mu�te, wandte er sich nicht um. Jorin blickte ihm flehend nach, doch die Entscheidung lag jetzt allein bei ihm. Niemand w�rde sie ihm abnehmen, gewi� nicht sein Vater. Er ahnte, da� der Ha� der �brigen M�nner und Frauen nur unterdr�ckt, aber keineswegs erloschen war. Sobald der Ritter fort war, w�rden die Flammen von neuem auflodern wie die Glut in einem Scheiterhaufen, und es gab wenig Zweifel, wen sie verzehren w�rden. Den R�ckhalt seiner Eltern hatte er verloren - seine Mutter hatte sich noch immer nicht blicken lassen, und dann war da noch das M�dchen am Boden, die Pusteln unter ihren Achseln. Der sichere Tod, auch dann, wenn er blieb und nicht von der Menge zerrissen wurde.</p><p>Als der Junge seine Entscheidung traf, war Hagen schon zwei Pferdl�ngen entfernt und ritt unter den argw�hnischen Blicken der Fl�chtlinge zum Waldrand.</p><p>�Wartet, Herr!� rief Jorin aus. �Nehmt mich mit Euch!�</p><p>Hagen gab durch nichts zu erkennen, ob er ihn geh�rt hatte, aber der Schimmel setzte sich sogleich in Bewegung und folgte dem Ro� des Ritters. Jorin schaute sich nach seinem Vater um, Tr�nen verschleierten seinen Blick. Er sah nur einen nackten Umri� zwischen vielen anderen. Dann wurden die beiden Reiter vom Wald umfangen, und Ge�st und Laubwerk verdeckten Jorins Sicht.</p><p>Sie waren bereits eine Weile geritten, schweigend und ohne sich anzusehen, als hinter ihnen Gesang laut wurde. Es war ein Lied in lateinischer Sprache, und obwohl Jorin kein einziges Wort verstand, spendete die Melodie ihm Trost. Einen ganz kurzen Moment lang w�nschte er, jetzt bei den anderen zu sein, um sich vom Glauben und der Gemeinschaft und vielleicht auch von Gott an der Hand nehmen zu lassen. Auf dem Weg in den Tod, vielleicht, ganz gewi� aber auf dem Weg zur vollkommenen Gleichmut.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 5</strong></p></title><empty-line/><p>�Also?� fragte Kriemhild, und sie war weit mehr als nur ungehalten; tats�chlich war sie w�tender denn je. �Wo bleibt denn dein verdammter Gegenzug, Jodokus-gr��ter-Feind-der-G�tter?� Und als er nicht gleich eine Erwiderung gab, setzte sie in �tzendem Tonfall hinzu: �Wo bleibt der g�ttliche Vernichtungsschlag, der dich und alles im Umkreis von drei Tagesreisen in den Boden stampft?�</p><p>Jodokus beachtete sie nicht. Er horchte auf etwas, Laute, irgendwo hinter ihnen in den W�ldern. Da� er offenbar nicht bereit war, etwas auf ihren Vorwurf zu erwidern, erz�rnte Kriemhild um so mehr.</p><p>�Du k�nntest mir wenigstens antworten�, schimpfte sie aufgebracht.</p><p>Ihre Pferde hatten sie nicht wiedergefunden, beide Tiere blieben wie vom Erdboden verschlungen. Zumindest aber waren Kriemhild und der S�nger am Vormittag auf einen befestigten Weg gesto�en, der laut Jodokus nach Nordosten und somit zu Salomes Zopf f�hrte. Aber Kriemhild war nicht sicher, ob sie ihm �berhaupt noch ein Wort glauben konnte, und das galt auch f�r seine angeblich so gute Orientierung.</p><p>Insgeheim wunderte sie sich geh�rig �ber sich selbst. Ihre Gef�hle f�r den S�nger befanden sich in einem st�ndigen Auf und Ab. Manchmal sah sie ihn als guten Freund und treuen Gef�hrten, und da waren Momente, in denen sie nahe daran gewesen war, ihm ihr Herz auszusch�tten. Darauf aber folgten unweigerlich jene Augenblicke, in denen sie glaubte, das ganze L�gengeb�ude, das er um sich errichtet hatte, diene nur einem einzigen Zweck, eben ihre Freundschaft, zumindest aber ihr Mitleid zu erlangen.</p><p>Pl�tzlich wurde Kriemhild wieder von solch einem Drang erf�llt, mit ihm zu streiten, da� ihr selbst angst und bange wurde. Ihr Verhalten entsprach nicht ihrer Natur, ganz im Gegenteil, doch das machte es nur noch schlimmer. Da� seine Anwesenheit sie in solche Verwirrung st�rzte, lie� ihren Zorn noch heftiger auflodern.</p><p>Er tat gut daran, sich nicht auf ihre Anschuldigungen einzulassen, und genaugenommen wu�ten sie das beide. Aber so sehr Kriemhild sich auch vornahm, sich zu beherrschen, so sehr mi�gl�ckte ihr doch jeder dieser Versuche. Und wenn es ihr doch einmal gelang, sich zu z�geln, dann war wiederum er es, der zum Streiten aufgelegt war. Denn, und das war das sonderbarste, Jodokus schien unter �hnlichem Wankelmut seiner Stimmungen und Gef�hle zu leiden wie sie selbst.</p><p>�Ich wei� nicht genau�, fuhr Kriemhild fort, �warum du tust, was du tust, aber -�</p><p>�Still!� fl�sterte er.</p><p><emphasis>�Bitte?�</emphasis></p><p>�Sei ruhig. Irgendwer ist hinter uns.�</p><p>�Wenn du glaubst, da� -�</p><p>�Nein�, schnitt er ihr grob das Wort ab. �Ich glaube gar nichts, ich h�re etwas.�</p><p>Sie winkte ab, wenn auch nicht ganz so selbstsicher, wie sie es sich w�nschte. �Ach, komm, das hatten wir schon einmal.�</p><p>�Richtig. Und seitdem gehen wir zu Fu�, und es vergehen keine hundert Schritte, auf denen du nicht jammerst, deine F��e t�ten dir weh.�</p><p>�Aber sie tun weh!�</p><p>Er sch�ttelte resigniert den Kopf, und sie sah ihm an, da� er irgend etwas Abf�lliges �ber die Empfindsamkeit von Edeldamen dachte, aber um ihrer Freundschaft willen nicht aussprach.</p><p>Freundschaft - da war es schon wieder, dieses Wort.</p><p>�Was ist es diesmal?� fragte sie. �Donars Hammer?�</p><p>�Reiter�, gab er zur�ck. �Zwei, glaube ich.� Und damit ergriff er ihren Arm und zog sie zur Rechten des Weges ins Dickicht.</p><p>Kriemhild hatte die W�lder, durch die sie seit Tagen zogen, mehr als einmal verflucht und ihnen die �belsten Feuersbr�nste an die Wipfel gew�nscht, doch in diesem Augenblick war sie froh �ber die verwobene Dichte des Unterholzes. Sp�testens als sie den Vorderen der beiden Reiter erkannte, machte sie sich hinter den B�schen so klein, da� sogar Jodokus ihr einen irritierten Blick zuwarf.</p><p>�Kennst du sie?� fragte er, als der schwarze Ritter und der kleine Junge vor�bergeritten waren.</p><p>�Sie suchen mich.� Kriemhild war bla� geworden. Jede Lust zu streiten, die sie noch vor wenigen Atemz�gen empfunden hatte, war auf einen Schlag verschwunden.</p><p>�Wer sucht dich?�</p><p>�Meine Br�der.�</p><p>Jodokus runzelte die Stirn. �Das da waren deine Br�der?�</p><p>�Nein.� Sie schluckte und machte noch immer keinen Versuch, sich aufzurichten. Am liebsten w�re sie den ganzen Tag hier im Dreck hockengeblieben, nur um sicherzugehen, da� niemand sie entdeckte. �Der eine war Hagen von Tronje, einer der engsten Berater des K�nigs. Den Jungen kannte ich nicht.� Und tats�chlich verwunderte es sie, da� der finstere Hagen sich mit einem Kind abgab. Ganz abgesehen davon, da� der Junge auf ihrem eigenen Pferd geritten war, auf Lavendel!</p><p>Jodokus straffte sich und starrte sie d�ster an. �Ein Berater des K�nigs macht sich auf, dich zu suchen? Ohne Soldaten, die ihn sch�tzen?� Er schnaubte. �Komm schon, gewi� f�llt dir etwas -�</p><p>�Hagen ist sich Schutz genug�, unterbrach sie ihn scharf.</p><p>�Du mu�t ihm verflucht viel bedeuten, wenn er pers�nlich nach dir sucht.�</p><p>�Hagen? Er handelt nur im Auftrag des K�nigs.�</p><p>�K�nig Gunther?�</p><p>Sie nickte. �Mein Bruder.�.</p><p>Jodokus sah aus, als h�tte sie ihm mit dem dicksten Ast, den sie finden konnte, vor die Stirn geschlagen. �Ich h�tte es mir denken sollen.�</p><p>�Da� ich des K�nigs Schwester bin?�</p><p>Er sch�ttelte benommen den Kopf. �Da� ich mir mit dir nur noch mehr �rger einhandle.�</p><p>�Einen, den die G�tter jagen, sollte das nicht allzu arg belasten.�</p><p>Sein Blick verfinsterte sich einen Augenblick lang, doch dann verzogen sich seine Lippen zu einem lausb�bischen Grinsen. �So gro� kann der Schreck nicht gewesen sein, wenn du schon wieder anf�ngst zu streiten.�</p><p>Eilig rappelte sie sich auf, blickte vorsichtig aus dem Geb�sch und trat erst ins Freie, als sie ganz sicher sein konnte, da� die beiden Reiter verschwunden waren.</p><p>Von nun an w�rden sie Hagen jederzeit �ber den Weg laufen k�nnen, jetzt, da er vor ihnen war. Er verstand genug vom Spurenlesen, um bald zu bemerken, da� es keine Spuren mehr gab. Sp�testens dann mu�te ihm klarwerden, da� er Kriemhild l�ngst eingeholt hatte. Und es mangelte ihm nicht an der n�tigen Geduld, sie unterwegs zu erwarten.</p><p>�Gibt es noch einen anderen Weg zu Salomes Zopf?� fragte sie, als Jodokus neben ihr auf den Weg trat und argw�hnisch nach Osten sp�hte.</p><p>�Wenn du zwei Wochen Zeit hast, gewi�.�</p><p>Sie fluchte leise, dann versank sie in nachdenklichem Schweigen.</p><p>Jodokus ergriff ihre Hand und zog sie herum, bis sie gezwungen war, ihm in die Augen zu sehen. �Wei�t du eigentlich, was man mit mir anstellen wird, wenn herauskommt, da� ich der Schwester des K�nigs geholfen habe, ihre Unschuld zu verlieren?�</p><p>�Keine Sorge, deine Beteiligung daran endet vor Berenikes T�r.�</p><p>Er grinste. �Das sch�tze ich so an dir: die feinsinnige H�flichkeit, mit der du gewisse Dinge klarstellst.� So leise, da� sie es gerade noch h�ren konnte, f�gte er hinzu: �Und dabei deine eigenen Hoffnungen fahren l��t.�</p><p>�Meine eigenen <emphasis>Hoffnungen</emphasis>?� wiederholte sie atemlos.</p><p>Sein Grinsen wurde noch breiter. �Du kannst nicht abstreiten, da� du mich magst.�</p><p>�Es gibt einen Unterschied zwischen m�gen und m�gen�, fuhr sie ihn an, viel zu laut angesichts ihrer ungewissen Lage. �Zum Beispiel w�rde ich es m�gen, dir eine Ohrfeige zu geben, und wenn ich scharf nachdenke, f�llt mir bestimmt noch die eine oder andere Scheu�lichkeit ein.�</p><p>�Was dem einen scheu�lich, ist dem anderen der Himmel.� Jetzt sah er aus, als k�nnte er sich ein lautes Lachen kaum mehr verkneifen. �Wo ziehst du die Grenze, Prinzessin?�</p><p>Schlagartig bemerkte sie, da� er immer noch ihre Hand hielt. Viel zu hastig ri� sie sich los. �Du -!�</p><p>�Psst.� Er legte respektlos seinen b�rgerlichen S�ngerfinger auf ihren k�niglichen Schmollmund. �Und, Vorsicht: Beim n�chsten Mal k�nnten es meine Lippen sein.�</p><p>Und damit lie� er sie stehen und folgte schnurstracks dem Weg nach Osten.</p><p>Kriemhild blieb einen Moment lang stehen und starrte ihm fassungslos nach; noch immer w�lbte sich sein Wams �ber dem Weinschlauch wie ein Buckel. Schlie�lich wurde ihre Best�rzung von Wut verdr�ngt, und das war ihr nur recht: Mit ihrem Zorn konnte sie besser umgehen als mit Empfindungen, die sie nicht verstand und gegen die sie nicht ank�mpfen konnte.</p><p>Als sie aber loslief und ihn einholte, da schrie sie ihn nicht an und machte auch keine b�sen Bemerkungen mehr. Sie nahm sich fest vor, ihn mit eherner Mi�achtung zu strafen. <emphasis>Das</emphasis> w�rde ihm zu schaffen machen!</p><p>Doch dann sagte er: �Ich glaube, ich wei�, warum es noch keinen Gegenzug gegeben hat�, und all ihre guten Vors�tze waren dahin.</p><p>�Weshalb?�</p><p>�Sie sammeln ihre Kr�fte.�</p><p>�Und was bedeutet das?�</p><p>�Da� sie das Ende vorbereiten. Das gro�e Finale.� Er wandte den Kopf und sah sie eindringlich von der Seite an. �Verstehst du, Prinzessin? Falls ich recht behalte, stehen wir kurz vor dem Schachmatt.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Am fr�hen Abend lichtete sich das Waldland, und die Masse aus dunklem Tann und hohen, m�chtigen Laubb�umen l�ste sich auf in eine Vielzahl kleiner Bauminseln, verstreut �ber gr�ne H�gel, die sich nach Norden, Osten und S�den bis in die schiere Unendlichkeit erstreckten. Die Sonne stand golden �ber dem westlichen Wipfelmeer und strahlte ihnen grell in den R�cken. Im Osten aber wurde das Abendrot von der Dunkelheit verdr�ngt.</p><p>Sie wanderten weiter bis zum Sonnenuntergang, ohne ein Zeichen des Ritters und seines jungen Begleiters zu entdecken. Der Weg war au�erhalb der W�lder in eine schmale Stra�e �bergegangen, die irgendwann einmal gepflastert worden war; das mochte hundert oder mehr Jahre zur�ckliegen, denn der Boden hatte sich unter den Steinen an einigen Stellen gesenkt, an anderen gehoben. Alles war mit Moos und Gr�sern �berwuchert.</p><p>�Sie m�ssen neben der Stra�e reiten�, sagte Jodokus nachdenklich, �wenn sie nicht riskieren wollen, da� sich ihre Pferde die Fesseln brechen.�</p><p>Kriemhild nickte, obwohl sie kaum zugeh�rt hatte. Tats�chlich war das weite Grasland rechts und links der Stra�e f�r Pferde viel besser geeignet als das l�chrige Pflaster. Dies mu�te einer der Wege sein, der seit Jahren von H�ndlern und Bauern gemieden wurde, nur so lie� sich die Verwahrlosung erkl�ren. Offenbar waren sie Salomes Zopf bereits n�her gekommen, als sie bislang angenommen hatten.</p><p>Freude aber empfand Kriemhild keine dar�ber. Zum einen wuchs von nun an stetig die Gefahr, Hagen in die Arme zu laufen. Zum anderen aber �berkam sie allm�hlich auch die Ungewi�heit dessen, was sie bei Berenike erwarten mochte. Noch immer kannte sie keine Zweifel an ihrem Handeln, war v�llig �berzeugt vom Versprechen der Alten. Doch sosehr sie auch an das glaubte, was ihr zu tun oblag, sosehr �ngstigte sie auch die Vorstellung vom Preis, den sie zahlen sollte.</p><p><emphasis>Von den Unschuldigen verlangt der Christengott stets das gr��te Opfer, </emphasis>hatte Berenike gesagt. <emphasis>Komm zu mir, wenn es soweit ist.</emphasis></p><p>Bald w�rde es soweit sein. Salomes Zopf lag irgendwo vor ihnen in der anbrechenden Nacht. Sp�testens am n�chsten Mittag w�rden sie das Heim der Erzhexe erreichen. Vorausgesetzt, sie wurden nicht aufgehalten.</p><p>�Hast du keine Angst?� fragte Jodokus, als h�tte er in ihren Gedanken gest�bert wie in einer fremden Kleiderkiste. Wahrscheinlich war es nicht allzu schwer, ihr anzusehen, was in ihrem Kopf vorging.</p><p>Sie z�gerte mit einer Antwort -</p><p>Und tats�chlich sollte sie nie eine geben. Denn im selben Augenblick schien der abendliche Schatten des n�chsten H�gels zu gerinnen, als wollte die Dunkelheit Gestalt annehmen.</p><p>Doch was sie im ersten Moment f�r einen Geist, eine Ausgeburt des Jenseits hielten, erwies sich nur Herzschl�ge sp�ter als Mann in Umhang und R�stzeug.</p><p>Hagen von Tronje trat aus der Finsternis auf sie zu. Als er den Schatten des H�gels verlie�, spiegelte sich der rote Abendhimmel auf seinem Helm. Es sah aus, als tanzten Flammen um seinen Sch�del.</p><p>Jodokus fuhr erschrocken zusammen, aber Kriemhild blieb gefa�t. �Wo sind deine Kr�hen, Ritter Hagen?� rief sie ihm entgegen. Zwischen ihnen lagen nicht einmal f�nfzig Schritte. Er mu�te sie schon eine ganze Weile lang beobachtet haben.</p><p>�Es sind Raben, Prinzessin, und ich bin kein Ritter. Beides wei�t du sehr genau.�</p><p>�Verzeiht, wenn mich dein Auftritt verwirrt. Ich habe dich hier nicht erwartet.�</p><p>�Auch das entspricht schwerlich der Wahrheit.�</p><p>�Du bezichtigst mich der L�ge?� Sie r�mpfte emp�rt die Nase, aber sie fand selbst, da� es ein armseliges Schauspiel war.</p><p>Hagen kam langsam n�her. �Vielleicht gef�llt es deinem neuen Freund zu h�ren, da� ich dich fr�her in solchen Momenten �bers Knie gelegt habe, Prinzessin. Du warst schon immer ein ungezogenes Kind.�</p><p>�Ist es das, was du vorhast? Mich �bers Knie zu legen?�</p><p>�Das steht wohl eher dem K�nig zu. Oder deiner Mutter, die vor Sorge weder i�t noch schl�ft.�</p><p>Seine letzten Worte versetzten Kriemhild einen schmerzhaften Stich. Aber sagte er wirklich die Wahrheit? Hagen war ein Meister der T�uschung.</p><p>�Was hast du nun vor?� fragte sie.</p><p>�Ich bringe dich zur�ck nach Worms.�</p><p>Noch drei�ig Schritte. Hagens Ro�, der kleine Junge und Lavendel waren nirgends zu sehen. Wahrscheinlich warteten alle drei hinter dem H�gel.</p><p>�Du wei�t, da� du mich zwingen mu�t, mit dir zu gehen.�</p><p>�Es ist der Befehl des K�nigs, nicht meiner. Ich befolge nur seine Anweisungen. So, wie du es tun solltest.�</p><p>Verzweiflung kam in ihr auf, und es kostete sie beinahe all ihre Kraft, sie niederzuk�mpfen. Sie durfte jetzt nicht aufgeben.</p><p>�Wann, Hagen?� fragte sie bitter. �Wann war der Moment, in dem du all deine eigenen Gedanken und Gef�hle fortgeworfen hast, um Platz zu schaffen f�r die des K�nigs?�</p><p>Er stutzte, dann schwieg er einige Schritte lang. Schlie�lich sagte er: �Ich habe deinem Vater viel zu verdanken, Kriemhild. Dankrat war ein weiser Herrscher. Und irgendwann einmal k�nnte Gunther ein ebensoguter K�nig werden, wie euer Vater einer war.�</p><p>�Ein guter K�nig, du liebe G�te!� Ihr Tonfall war ver�chtlich, obgleich sie keinen Ha� auf Hagen empfand. Er war ebenso ein Opfer des K�nigshofes wie sie selbst. Mit dem Unterschied, da� er Opfer und Vollstrecker in einer Person war. �Wann wird mein Bruder in deinen Augen wohl ein guter K�nig sein, Hagen von Tronje? Wenn du dich endg�ltig an ihn verkauft hast und genauso denkst wie er? Oder aber wenn er so kalt und gef�hllos geworden ist wie du?�</p><p>Langsam kam er n�her, ein unwirklicher Scherenschnitt vor dem fahlen Abendhimmel. Er sagte kein Wort, nur sein Kragen aus Rabenfedern knisterte leise im Wind. Pl�tzlich f�hrte er beide H�nde zum Helm und hob ihn vom Kopf. Darunter kamen ausgezehrte Z�ge zum Vorschein, kurzes, dunkles Haar, und eine schwarze Binde, die sein erblindetes linkes Auge bedeckte.</p><p>Jodokus beugte sich an Kriemhilds Ohr. �Mu�t du nun auch noch mit ihm Streit anfangen?� fl�sterte er verzagt.</p><p>Kriemhild lie� Hagen nicht aus den Augen. Noch f�nfzehn Schritte. �Irgendwelche Vorschl�ge?� zischte sie Jodokus zu.</p><p>�Du hast doch nicht etwa vor -�</p><p>�Einverstanden�, unterbrach sie ihn lakonisch. �Dann machen wir es auf meine Art.�</p><p>Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da brach sie schon nach links aus, sprang von der Stra�e und rannte �ber die Wiese nach Norden.</p><p>Jodokus �ffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch da war sie schon fort. Zugleich geriet auch der schwarze H�ne in Bewegung. Wortlos lie� er den Helm fallen und machte sich an die Verfolgung der Prinzessin, ohne Jodokus eines einzigen Blickes zu w�rdigen.</p><p>Der S�nger stand mit h�ngenden Schultern auf der Stra�e und f�hlte sich elend. �Du hast mir nicht gesagt, was du unter �meine Art� verstehst!� Aber er fl�sterte nur und kam sich dabei �u�erst hilflos vor.</p><p>Kriemhild war bereits jenseits einer H�gelkuppe im Norden verschwunden, und Hagen von Tronje folgte ihr mit riesigen S�tzen. Mit R�stzeug und Mantel h�tte er niemals so flink sein d�rfen. Jodokus hegte wenig Hoffnung f�r die Prinzessin.</p><p><emphasis>Dann machen wir es auf meine Art.</emphasis></p><p>Das machte ihn wirklich w�tend. Was dachte sie sich nur dabei? Einen Moment lang erwog er, den beiden zu folgen, doch gegen Hagen konnte er ohnehin nichts ausrichten.</p><p>Jodokus f�hlte sich nichtsnutzig und verloren, als er pl�tzlich so ganz allein dastand. J�ger und Gejagte waren auf und davon. Und er? Zornig zupfte er unter seinem Wams die B�nder zurecht, die den Weinschlauch hielten, dann wandte er sich wieder nach Osten. Er passierte Hagens Helm und erwog, ihn aufzuheben, lie� ihn dann aber doch lieber liegen. Er wollte nicht, da� es hie�, er h�tte versucht, einen Vertrauten des K�nigs zu bestehlen; o nein, ganz gewi� nicht! Sollte sich all das edle K�nigsvolk doch kreuz und quer �ber die H�gel jagen! Ihn w�rde das nicht mehr belasten! <emphasis>Ihn </emphasis>nicht!</p><p>Aber nat�rlich konnte er in Wahrheit an nichts anderes denken, und Kriemhilds Schicksal ber�hrte ihn l�ngst viel mehr als sein eigenes.</p><p>Von finsteren Gedanken erf�llt stieg er den H�gel hinauf, �ber den Hagen ihnen entgegengekommen war. Auch von hier oben konnte er die Prinzessin und ihren Gegner nirgends entdecken. Es war tats�chlich, als h�tte sich der Boden aufgetan und beide in die Tiefe gerissen. Ein seltsamer Friede lag �ber dem Land, der Jodokus� Neid weckte, war ihm selbst doch alles andere als friedlich zumute.</p><p>Als er die Ostflanke des H�gels hinabblickte, dem weiteren Verlauf der Stra�e nach, entdeckte er in einer dunklen Bodensenke ein Lagerfeuer. Die Sonne war jetzt g�nzlich untergegangen, und der Einschnitt zwischen den H�geln lag in v�lliger Dunkelheit. Nur das Feuer leuchtete Jodokus wie ein gefallener Stern entgegen. Aus der Ferne war nicht zu erkennen, wer dort lagerte, aber das war auch nicht n�tig. Jodokus ahnte es auch so.</p><p>Eilig lief er die Stra�e bergab, verlie� sie etwa hundert Schritte vor dem Feuer und pirschte vorsichtig n�her heran. Seine Ahnung best�tigte sich. Unweit der Flammen hockte der kleine Junge im Gras, einen Dolch in der Hand, und �ngstigte sich augenscheinlich fast zu Tode. Seine Augen zuckten aufgeregt hin und her, und er hatte M�he, die Beine stillzuhalten. Die beiden Pferde standen ganz in seiner N�he.</p><p>Mit Genugtuung, aber auch voller Sorge um Kriemhild, erkannte Jodokus, da� Hagen noch nicht zur�ckgekehrt war. Mochte der Teufel wissen, wohin es ihn und die Prinzessin verschlagen hatte. Wenn sie weiter mit dieser Geschwindigkeit nach Norden liefen, w�rden sie irgendwann ins Meer fallen.</p><p><emphasis>Auf meine Art. </emphasis>Pah! Jodokus fa�te einen Entschlu� und dachte dabei, da� es allein seine eigene Art und Weise war, von der alles weitere abhing.</p><p>Obwohl Kriemhild es anzweifeln mochte, wu�te er gut mit seiner Stimme umzugehen. Jetzt stellte er es unter Beweis, indem er das Heulen eines hungrigen Wolfes ausstie�, leise, als sei das Tier noch weit entfernt. Sogleich schrak der Kleine am Feuer angstvoll zusammen und sp�hte mit verkniffenen Augen in Jodokus� Richtung. In der Dunkelheit aber vermochte er nichts zu erkennen, und so wuchs seine Furcht nur noch weiter.</p><p>Das Ganze begann dem S�nger allm�hlich Spa� zu bereiten, vor allem, da er selbst sich unsichtbar f�hlte, der Junge aber weithin zu sehen war. Dennoch, so rief er sich selbst zur Vernunft, war er nicht hier, um Streiche zu spielen. Er war sicher, da� der Junge das Feuer gegen die ausdr�ckliche Anweisung seines Begleiters entfacht hatte, wahrscheinlich erst, als Hagen nach Anbruch der Nacht nicht zur�ckgekehrt war. Ein Gl�ck f�r Jodokus.</p><p>Lautlos schlich er heran, achtete aber darauf, nicht in den Lichtkreis der Flammen zu geraten. Kriemhild hatte ihm erz�hlt, da� der Schimmel ihr geh�rte, und der S�nger vertraute darauf, da� das Tier den Geruch der Prinzessin an seiner Kleidung wahrnahm. Freilich, er h�tte einfach auf den Jungen zugehen, sich auf ein Handgemenge mit ihm einlassen und ihm eins �berziehen k�nnen. Lieber aber wollte er versuchen, die Pferde zu stehlen, ohne da� der Kleine es bemerkte. Erst das war eine wahre Herausforderung!</p><p>Jodokus umrundete das Lager so weit, bis sich die Tiere genau zwischen ihm und dem Jungen befanden. Dann erst pirschte er n�her heran. Im hohen Gras verursachten seine Sohlen nicht mehr als ein sanftes Rascheln, und selbst das ging unter im S�useln der Nachtwinde, die �ber die H�gel strichen. Er erreichte den Schimmel und lie� dem Tier ausreichend Zeit, sich an seine N�he zu gew�hnen. Tats�chlich schien das Pferd Kriemhilds Ger�che wiederzuerkennen und lie� ohne einen Laut geschehen, da� der S�nger das Seil l�ste, mit dem es an einem niedrigen Strauch gebunden war.</p><p>Wieder warf Jodokus einen Blick zu dem Jungen hin�ber, diesmal zwischen den Beinen der Tiere hindurch. Der Kleine klammerte sich an den Dolch, als wollte er eine ganze Armee damit zur Strecke bringen. Sein Blick aber war nach Norden gerichtet, weit abgewandt von Jodokus und den beiden Pferden.</p><p>Der S�nger l�chelte still vor sich hin, richtete sich wieder auf und n�herte sich dem zweiten Ro�. Hier mochte die Angelegenheit schwieriger werden. Erstens stand Hagens Pferd n�her am Feuer, zum zweiten mochte es auf seine Weise genauso gef�hrlich sein wie sein Reiter. Einen Pferdebi� oder einen Tritt mit dem Huf konnte Jodokus jetzt am allerwenigsten gebrauchen.</p><p>Er machte einen Bogen um alle bedrohlichen Teile des Tieres und l�ste den Knoten seiner Fessel. Das Ro� hielt still, doch seine Augen schienen jede Regung des S�ngers genau zu beobachten, als wartete es nur darauf, da� er in seine Reichweite kam; sp�testens dann w�rde es zusto�en wie eine Schlange. Die Vorstellung steigerte nicht gerade die des S�ngers Zuneigung f�r das Tier.</p><p>Blitzschnell huschte er mit dem Seil zur�ck zu Kriemhilds Schimmel. Er befestigte das Ende des Stricks am Sattel, bis beide Pferde fest miteinander verbunden waren. Zuletzt schwang er sich auf den R�cken der wei�en Stute.</p><p>Das Leder des Sattels knirschte vernehmlich, und der Junge fuhr herum. Er sah voller Entsetzen die Gestalt auf dem R�cken des Schimmels und hielt den Dolch wie ein Breitschwert vor sich. Die Spitze wies auf Jodokus, doch zitterte sie kaum weniger als die Knie des Kleinen.</p><p>�Wer da?� rief er aus.</p><p>�Ein Freund des K�nigs�, gab Jodokus zur�ck. Das war vielleicht nicht ganz die Wahrheit: �Ein Freund der Schwester des K�nigs� w�re wohl richtiger gewesen, doch f�r solche Haarspaltereien blieb jetzt keine Zeit.</p><p>�Ich sehe nur einen Pferdedieb!� rief der Junge mit schwankender Stimme.</p><p>�Mag schon sein�, erwiderte Jodokus und spornte den Schimmel an. Sogleich st�rmte das Tier nach vorne. Die wei�e M�hne wehte im Wind, und Jodokus war �berw�ltigt von der z�gellosen Kraft im Leib dieses Pferdes. Ein wunderbares Tier, einer Prinzessin, gar einem K�nig nur zu w�rdig! In gewisser Weise vielleicht auch einem fahrenden S�nger. In <emphasis>gewisser </emphasis>Weise...</p><p>Der Junge schrie auf, als ihn das schwarze Ro� im Schlepptau des Schimmels beinahe in den Boden stampfte. Er sprang gerade noch schnell genug zur Seite, um den m�chtigen Hufen zu entgehen. Dabei verlor er den Dolch. Die Waffe fiel prompt ins Feuer. Tr�nen schossen dem Jungen in die Augen, als er seinen Widerwillen bezwang und trotz der Flammen nach der Waffe griff. Sie hatte nicht lange genug in der Glut gelegen, um sich zu erhitzen, dennoch versengte der Junge sich am Feuer die Finger.</p><p>Als er w�tend aufschaute und wild mit der Waffe um sich hieb, waren Jodokus und die Pferde l�ngst fort. Der Junge h�rte nur noch, wie sie gen Osten davongaloppierten.</p><p>Jodokus schaute zur�ck und sah den Umri� des Kleinen vor dem Feuer. Der Junge tat ihm aufrichtig leid. Hagen w�rde das Kind bestrafen, sobald er von dem Diebstahl erfuhr. Jodokus selbst wollte m�glichst weit fort sein, wenn der Zorn dieses Mannes zum Ausbruch kam.</p><p>Er war noch nicht lange durch die Dunkelheit geritten, als sich vor ihm etwas regte.</p><p>�Heh!� rief jemand, gerade laut genug, um den L�rm der Hufe zu �bert�nen.</p><p>Eine weibliche Stimme.</p><p>Jodokus z�gelte den Schimmel mit einem kr�ftigen Ruck. Es war zu dunkel, um ein Gesicht auszumachen.</p><p>�Mir scheint, das ist mein Pferd, auf dem Ihr sitzt, fremder Recke!� sagte Kriemhild und pl�tzlich prustete sie vor Lachen. �Welche Anma�ung!�</p><p>Jodokus war �berhaupt nicht zum Lachen zumute. �Wo kommst du her?�</p><p>�Ich sagte doch, wir machen es auf meine Art.�</p><p>�Deine -�, begann er lautstark, ehe ihm einfiel, da� dies nicht der rechte Zeitpunkt f�r einen neuerlichen Disput war.</p><p>�La� mich auf Lavendel reiten�, sagte Kriemhild. �Du kannst Hagens Pferd nehmen.�</p><p>�Aber wo ist -�</p><p>�Hagen? Der d�rfte mich ein ganzes St�ck weiter n�rdlich suchen. Wenigstens hoffe ich, da� ich ihn abgeh�ngt habe.�</p><p>�Du <emphasis>hoffst</emphasis>!�</p><p>�Ein Narr, wer sich im Umgang mit Hagen von Tronje in Sicherheit wiegt.� Sie lachte leise. �Nun komm schon runter.�</p><p>Jodokus gehorchte, ohne nachzudenken, so verwirrt war er. Erst als er am Boden stand und Kriemhild sich in den Sattel des Schimmels zog, d�mmerte ihm, da� sie tats�chlich von ihm verlangte, auf dem schwarzen Teufelsgaul zu reiten.</p><p>Widerwillig n�herte er sich dem Ro�.</p><p>�Tritt nie von hinten an ein Pferd heran�, erkl�rte Kriemhild schmunzelnd, �besonders nicht an dieses.�</p><p>�Vielen Dank�, knurrte er d�ster. Zaghaft legte er eine Hand auf den Sattel und schob einen Fu� in den Steigb�gel. Mit klopfendem Herzen erwartete er, da� das Tier mit ihm durchgehen w�rde. Doch dann sa� er sicher auf dem R�cken des Rosses und schlang sich die Z�gel um die rechte Hand.</p><p>�Ho!� spornte Kriemhild ihren Schimmel an. Es war ein gro�artiges Gef�hl, Lavendel wieder unter sich zu sp�ren. Pl�tzlich f�hlte sie sich vollkommen frei und siegessicher. Nichts mehr konnte sich jetzt noch zwischen sie und Berenike stellen.</p><p>Auch Jodokus trieb sein Pferd voran, wenn auch weniger nachdr�cklich und immer darauf bedacht, das gewaltige Schlachtro� nicht zu ver�rgern. Ein wenig f�hlte er sich, als versuche er, einen Lindwurm aus den alten Legenden zu z�hmen, unberechenbar und zu jeder Zeit bereit, sich gegen den eigenen Meister zu wenden. Freilich war dies nicht das erste Pferd, das er in seinem Leben gestohlen hatte, aber es war ganz sicher das allererste, dem er solchen Respekt zollte. Er fragte sich, ob es wirklich eine weise Entscheidung war, das letzte St�ck der Reise auf solch einem Unget�m anzutreten.</p><p>Lavendel war in rasenden Galopp verfallen, als ein gellender Pfiff �ber die n�chtlichen H�gel schrillte. Kriemhild blickte sich nach Jodokus um und sah gerade noch, wie das schwarze Ro� von einem Herzschlag zum anderen stehenblieb, als sei es mit allen vieren am Boden festgewachsen. Der S�nger schrie auf und flog in hohem Bogen �ber Hals und Sch�del des Pferdes hinweg, strampelte wild mit Armen und Beinen, um dann mit einem dumpfen Laut ins Gras zu fallen.</p><p>Kriemhild ri� Lavendel herum und ritt in einem engen Bogen zur�ck. Besorgt schaute sie auf Jodokus herab, der sich mit einer Grimasse das rechte Bein hielt. Wie es aussah, hatte er Gl�ck, da� er sich nicht das Genick gebrochen hatte.</p><p>�Kriemhild!� gellte eine Stimme �ber die nachtdunkle Landschaft. �Du solltest dir anh�ren, was ich zu sagen habe!�</p><p>Aufgebracht blickte sie sich um, erkannte aber nichts als den welligen Horizont vor dem sternenklaren Nachthimmel. Entfernung und Tiefe waren wie aufgehoben; alles zwischen ihr und der H�gellinie versank in formlosem, undurchschaubarem Schwarz.</p><p>Sie beugte sich zur Seite und streckte Jodokus die Hand entgegen. �Los, hoch mit dir!�</p><p>Der S�nger hatte M�he, �berhaupt auf die Beine zu kommen, doch schlie�lich packte er Kriemhilds Hand und zog sich mit ihrer Hilfe in den Sattel.</p><p>�Prinzessin!� rief Hagen erneut, und diesmal klang es schon sehr viel n�her. �Geh nicht zu Berenike! Du wei�t nicht, was dich erwartet!�</p><p>Sie gab keine Antwort. Statt dessen raunte sie Jodokus zu: �Halt dich an mir fest!� Er hatte kaum seine Arme von hinten um ihre Taille geschlungen, da sprang Lavendel auch schon los, trug sie fort von Hagens t�ckischem Ro� und aus der unmittelbaren Gefahr, abermals aufgehalten zu werden.</p><p>Hagen rief wieder ihren Namen und noch etwas anderes hinterher, aber beides ging im Donnern der Hufe unter.</p><p>Nach einer Weile sagte Jodokus: �Er wird uns einholen. Sein Pferd mu� nur einen Reiter tragen, es ist auf alle F�lle schneller. Es sei denn...�</p><p>�Was?�</p><p>�Der Junge. Er wird ihn nicht allein zur�cklassen, oder?�</p><p>�Das wei� nur Hagen selbst.�</p><p>Allm�hlich begannen sie auf dem galoppierenden Ro� zu frieren.</p><p>Jodokus fragte: �Hast du eine Ahnung, wovor er dich warnen wollte?�</p><p>�Vor Berenike, nehme ich an.�</p><p>�Woher wei� er, da� du zu ihr willst?�</p><p>�Ich habe ihm von ihr erz�hlt, damals, als sie in Worms war.�</p><p>�Du hast <emphasis>was</emphasis>?� Ungl�ubig starrte er ihren Hinterkopf an. Ihr wehendes Haar kitzelte seine Nase.</p><p>�Hagen ist ein sonderbarer Mann. Man kann ihm Dinge anvertrauen, ohne da� er zu jemandem dar�ber spricht.�</p><p>�O ja, gewi�.�</p><p>�Hagen ist verschwiegener als jeder andere am Hof. Er schweigt ohnehin die meiste Zeit.�</p><p>�Trotzdem wirkt er so...� Jodokus verstummte, als ihm nicht das richtige Wort einfiel.</p><p>�B�se?� fragte sie. �Aber nein. Vertraue ihm ein Geheimnis an, und der einzige, der es gegen dich verwenden k�nnte, ist er selbst. Niemand sonst wird je davon erfahren.� Sie z�gerte einen Moment. �Und er ist geradezu besessen von seiner Treue zur k�niglichen Familie.�</p><p>�Du glaubst allen Ernstes, er hat niemandem erz�hlt, wo du hin willst?�</p><p>�Niemandem.�</p><p>�Keine Soldaten, die ihm in einigem Abstand folgen? Keine Krieger der k�niglichen Leibwache?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Nur er allein. Er hat mir damals versprochen, niemals mit irgendwem �ber Berenike zu reden. Er w�rde lieber sterben, als solch einen Eid zu brechen.�</p><p>�Was dir auch nicht helfen wird, wenn er uns einholt. Er sieht aus, als k�nnte er ganz gut allein mit dir fertig werden - und mit Berenike noch dazu�</p><p>Kriemhild lachte hell auf. �Aber ich habe doch dich!�</p><p>Darauf fiel ihm nichts mehr ein, und so blickte er unsicher �ber seine Schulter zur�ck nach Westen. Falls Hagen sie schon verfolgte, so war er ein Teil der Finsternis.</p><p>Die Unruhe des jungen S�ngers legte sich erst, als ihm bewu�t wurde, da� er eine leibhaftige Prinzessin in den Armen hielt. Egal, wie auch die Umst�nde waren: Er sp�rte ihren schlanken, warmen K�rper an seinem eigenen, und alle �ngste waren auf einen Schlag wie fortgewischt.</p><p>Er und Kriemhild allein in der Nacht. Leib an Leib. Ihr Haar an seinen Wangen.</p><p>Was f�r ein Wagnis! Was f�r ein Abenteuer!</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Hast du dich noch nie gefragt�, fragte Kriemhild, als vor ihnen die Sonne aufging, �wer den Unterschied zwischen einem Berg und einem H�gel festgelegt hat? Ich meine, wer hat gesagt: �Das dort soll fortan ein Berg sein� und �Das da ist ein H�gel�?� Jodokus schaute auf. �Wen k�mmert das?�</p><p>�Mich.�</p><p>�Also�, meinte er seufzend, �mir ist das v�llig gleichg�ltig.� Es kam oft vor, da� Kriemhild �ber Dinge redete, die er nicht verstand. Und er hatte das Gef�hl, als gesch�he es immer h�ufiger, seit Salomes Zopf in Sichtweite war.</p><p>Die H�gelkette - oder Bergkette, denn sie war weit h�her, als Kriemhild erwartet hatte - erhob sich als geschwungene Silhouette vor dem Sonnenaufgang. Das Land lag da wie in Gold getaucht. Die Stra�e schien geradewegs �ber Salomes Zopf hinweg ins Zentrum eines Feuerofens zu f�hren. Der Name dieses Landstrichs hatte eine gewisse Berechtigung, fand Kriemhild, denn die Berge lagen tats�chlich da wie ein geflochtener Zopf, so gleichm��ig und gerundet waren die Kuppen ihrer Erhebungen. An ihrem Fu� wuchs eine schwarze Mauer aus B�umen empor. Jenseits davon war ein Ende der W�lder nicht abzusehen. Sie bedeckten den H�henzug wie ein dichtes, dunkles Tuch, und Kriemhild fragte sich unwillk�rlich, wie es darunter aussehen mochte, in den Schatten uralter Tannenhaine und den Tiefen zerkl�fteter Felsspalten. Ein Schauder lief ihr �ber den R�cken; sie h�tte nicht sagen k�nnen, ob sie ihn als wohlig oder warnend empfand.</p><p>�Am Waldrand trennen wir uns�, entschied sie, und ihr Tonfall verriet, da� sie keinen Widerspruch dulden w�rde.</p><p>�Und was wird dann aus mir?� Da war etwas in Jodokus� Stimme, das sie nicht gleich einordnen konnte. Er war beleidigt, gewi�, aber da war auch noch etwas anderes. Sorge, vielleicht. Und nicht um seiner selbst willen.</p><p>Lieber Himmel, er machte sich tats�chlich Sorgen um sie!</p><p>Kriemhild z�gelte das Pferd und warf einen Blick zur�ck auf die einsame Stra�e, �ber die sie gekommen waren. Keine Spur von Hagen. �berhaupt kein Anzeichen von Leben. Auch auf den Wiesen im Norden und S�den zeigten sich weder Mensch noch Tier.</p><p>Mit einem St�hnen glitt sie aus dem Sattel und vertrat sich die Beine. Sie waren die ganze Nacht hindurch geritten, ohne Rast, ohne zu essen und zu trinken.</p><p>Jodokus sprang gleichfalls zu Boden, und sofort meldete sich sein verletztes Bein. Er keuchte auf, teils vor �berraschung, teils vor Schmerz; dann knickte das Bein ein, und er lag fluchend am Boden. Kriemhild half ihm auf die F��e.</p><p>�Danke�, sagte er und verzog das Gesicht, �es geht schon wieder. La� uns ein paar Schritte laufen, damit ich mich daran gew�hnen kann.�</p><p>Kriemhild f�hrte Lavendel am Z�gel, und so wanderten sie weiter nach Osten. Der Waldrand unterhalb der Berge war noch einige Bogenschu�weiten entfernt, aber Kriemhild sch�tzte, da� sie ihn erreichen w�rden, bevor die Sonne ein Drittel ihrer Bahn bew�ltigt hatte.</p><p>�Wir waren uns doch einig, oder?� sagte sie und beobachtete Jodokus aus dem Augenwinkel. �Ich mu� allein zu Berenike gehen. Es geht nicht anders.�</p><p>�Hat sie das gesagt?� Trotz lag in seinem Tonfall, fast wie bei einem Kind.</p><p>Kriemhild z�gerte. �Nein.�</p><p>�Woher wei�t du es dann?�</p><p>�Ich... es ist eben so.�</p><p>�Du willst mich nur loswerden.�</p><p>�So ein Unsinn.�</p><p>�Der dumme S�nger hat seine Aufgabe erf�llt und darf gehen. Ganz wie bei Hofe, nicht wahr? Das letzte Lied ist gesungen, und das Fu�volk darf sich zur�ckziehen.�</p><p>Sie warf ihm einen mahnenden Blick zu. �Ich werde nicht schon wieder mit dir streiten.�</p><p>Jodokus schnaubte verbissen. �Dabei h�tten wir zum ersten Mal einen echten Grund.�</p><p>Ein ersch�pftes Seufzen kam �ber ihre Lippen. �Wieso willst du mitgehen? Was hast du davon?�</p><p>�Du brauchst jemanden, der dir beisteht. Das hast du selbst gesagt.�</p><p>�Aber wenn ich Salomes Zopf erreicht habe, bin ich in Sicherheit.�</p><p>�Das sagst du. Denk� an Hagens Warnung.�</p><p>�Er h�tte alles gesagt, nur um mich zur�ckzuhalten.�</p><p>Jodokus runzelte die Stirn. �Das klingt aber gar nicht nach dem ehrlichen Edelmann, als den du ihn beschrieben hast.�</p><p>�Es ist nicht so einfach. Man kann Hagen nicht in ein paar S�tzen gerecht werden.�</p><p>�Du magst ihn, nicht wahr?�</p><p>�Ich respektiere ihn f�r das, was er sein k�nnte, w�re er nicht der Handlanger des K�nigs.�</p><p>�Immerhin deines Bruders.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Hagens Treue gilt allein dem Thron, nicht den Gef�hlen des Mannes, der darauf sitzt. Bei mir ist es genau umgekehrt: Ich liebe Gunther als meinen Bruder - jedoch als K�nig...� Sie verstummte mitten im Satz, hob die Schultern und l�chelte fahrig. �Ich sagte ja, es ist nicht einfach.�</p><p>�Ich glaube, du gef�llst mir auch besser als Frau denn als Prinzessin.�</p><p>Sie lachte, aber ihr Blick war traurig. �Ich werde nie in meinem Leben etwas anderes sein als eine Prinzessin. Das ist mein Schicksal, f�rchte ich.�</p><p>Er schwieg eine Weile, dann fragte er: �Hat man je davon geh�rt, da� eine Prinzessin und ein fahrender S�nger...�</p><p>�Zusammen reisen?�</p><p>Er schaute zu Boden. �Ja. Das war es wohl, was ich meinte.�</p><p>Kriemhild l�chelte. �Ich glaube, es kommt nicht oft vor.�</p><p>Da kreuzten sich ihre Blicke, und sie hatten pl�tzlich M�he, ernst zu bleiben, obgleich doch beiden so schwer ums Herz war. Jodokus� Schmerzen wurden schlagartig besser, und bald schon stiegen sie wieder auf Lavendels R�cken.</p><p>�Ein R�tsel�, sagte Jodokus pl�tzlich. �Was ist das: Zwei geben es und f�nf nehmen es?�</p><p>Kriemhild �berlegte vergeblich. �Sag�s mir.�</p><p>�Nasenrotz.� Und dar�ber lachte er so herzlich und roh, da� Kriemhild nicht anders konnte, als einzufallen.</p><p>Und so ritten sie weiter, lachten viel und redeten Unsinn, w�hrend vor ihnen die Sonne h�her stieg und die Schatten der B�ume k�rzer wurden.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Aus der N�he besehen wirkte Salomes Zopf nicht mehr ganz so ebenm��ig und kunstvoll in die Landschaft drapiert wie von fern. Die Bergkuppen waren zerkl�fteter, als es am Morgen den Anschein gehabt hatte, und selbst dort, wo der Wald noch nicht Fu� gefa�t hatte und die Erde weitgehend eben war, zeigten sich erste Spalten im Boden, so da� sie achtgeben mu�ten, wohin Lavendel die Hufe setzte.</p><p>Sie hatten den Waldrand kaum erreicht, als Jodokus bei einem seiner regelm��igen Blicke �ber die Schulter etwas entdeckte.</p><p>Er gab Kriemhild einen sanften Sto�. �Sieh dir das an!�</p><p>Sie folgte seinem Blick und entdeckte einen dunklen Punkt im Gr�n der Wiesen, unweit der Stra�e und noch viele Bogenschu�weiten entfernt. Als sie die Augen zusammenkniff, erkannte sie, da� es ein Pferd war. Darauf sa�en zwei Gestalten, eine gro� und dunkel, die andere klein und verloren.</p><p>�Wie lange werden sie brauchen, ehe sie hier sind?� fragte Jodokus.</p><p>�Hagen wird sein Pferd nicht schonen�, gab Kriemhild nachdenklich zur�ck. �Aber ich glaube, im Wald wird er uns kaum wiederfinden.�</p><p>Jodokus starrte immer noch aufmerksam ihren Verfolgern entgegen. �Den Jungen hat er also tats�chlich mitgenommen.�</p><p>�Vielleicht ist das gar nicht so sonderbar.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>Aber Kriemhild hatte ihre Aufmerksamkeit schon wieder dem Waldrand zugewandt. Die B�ume standen ungemein dicht und waren von verschlungenem Dickicht durchwoben. �Wir m�ssen einen Weg hinein finden.�</p><p>Die Stra�e f�hrte, von zahlreichen Rissen durchbrochen, bis zu den Wurzeln der vorderen B�ume. Dort aber schien es, als habe der Wald ihren weiteren Verlauf regelrecht verschluckt; zwischen Ranken und B�schen war kein einziger Pflasterstein zu erkennen. Auch war es seltsam, da� die Spalten im Boden offenbar erst entstanden waren, nachdem die Stra�e angelegt worden war. Etwas mu�te die Erde bis in ihre Grundfesten ersch�ttert haben, um solche Zerst�rungen zu bewirken.</p><p>Statt sich aber von diesen Beobachtungen beunruhigen zu lassen, f�hlte Kriemhild sich durch sie nur in der �berzeugung best�rkt, da� ihr Entschlu� der richtige war. Dies war ein m�chtiger Ort, und Berenike mu�te eine m�chtige Frau sein, wenn sie hier lebte. M�chtig genug, das Elend der Pest zu beenden.</p><p>�Sieht aus, als m��ten wir uns durch die B�sche schlagen�, sagte Jodokus und wirkte dabei nicht allzu gl�cklich.</p><p>�Du kannst immer noch hierbleiben.�</p><p>�Und dich allein da reingehen lassen? Kommt gar nicht in Frage.�</p><p>�Du wirst mir nur deine G�tter auf den Hals hetzen.� Sie hatte scherzhaft klingen wollen, dabei aber vergessen, da� er in diesem Punkt keinen Spa� verstand. Er wurde sofort kreidebleich, als h�tte er viel zu lange keinen Gedanken an die Gefahr verschwendet, die er zu Anfang ihrer gemeinsamen Reise gar nicht oft genug hatte heraufbeschw�ren k�nnen.</p><p>Um ihn abzulenken, sagte Kriemhild schnell: �Du mu�t mir etwas versprechen.�</p><p>�Was?� Seine Stimme schwankte noch immer, als sei er im Geiste ganz woanders.</p><p>�Sobald wir an Berenikes Schwelle stehen, werden wir uns trennen.�</p><p>�Keine Sorge�, entgegnete er gefa�t. �Ich bin nicht wild darauf, diesem Weib gegen�berzutreten. Obwohl ihr die Begegnung mit einem rechten Mann vielleicht ganz gutt�te.�</p><p>�Du bist ein Scheusal!�</p><p>�Sie mu� h��lich wie die Nacht sein, wenn sie es n�tig hat, sich an solch einem Ort zu verstecken.�</p><p>�Jodokus!� Kriemhild tat emp�rt und unterdr�ckte ein Grinsen. �Nicht jeder ist so aufs �u�ere bedacht wie du.�</p><p>�Ein Gl�ck f�r dich! Wer wei�, ob es ein anderer so lange mit dir ausgehalten h�tte.�</p><p>Kriemhild r�mpfte die Nase, dann stieg sie vom Pferd und n�herte sich zu Fu� dem Wald. Von seiner Wildheit und Unzug�nglichkeit abgesehen, wirkte er nicht gefahrvoller als jeder andere Forst im Burgundenreich. Dennoch �berkam sie Beklommenheit.</p><p>�Was geschieht mit dem Pferd?� fragte Jodokus, als auch er zu Boden sprang.</p><p>�Es geh�rt dir.�</p><p>�Unsinn. Du brauchst es f�r den R�ckweg.�</p><p>�Ich bin sicher, Berenike wird mir helfen, nach Hause zu kommen. Auf ihre Weise.�</p><p>�Ich an deiner Stelle w�rde nicht so gro�es Vertrauen in diese Hexe setzen.�</p><p>�Und ich an deiner Stelle w�rde in Berenikes Wald meine Zunge h�ten.�</p><p>Er schnitt ihr eine Grimasse, dann meinte er: �Das Pferd kann ich trotzdem nicht annehmen.�</p><p>�Dann mu� es wohl verhungern.�</p><p>Er trat auf sie zu und ergriff ihre Hand. Diesmal lie� sie es zu, geno� die Ber�hrung sogar. �Du wei�t�, sagte er sanft, �da� Lavendel und ich hier drau�en auf dich warten werden, nicht wahr? Egal, wie lange es dauern wird.�</p><p>Da umarmte Kriemhild ihn und k�mpfte mit den Tr�nen.</p><p>Bald schon aber mu�ten sie aufbrechen. Sie hatten fest damit gerechnet, das Pferd zwischen den �u�eren B�umen anbinden zu m�ssen - ein wenig abseits, damit Hagen nicht darauf stie� -, so da� Jodokus den Schimmel bei seiner R�ckkehr befreien konnte. Jetzt aber, als Kriemhild zwischen die vorderen B�ume trat, da war es, als sei dort pl�tzlich eine Schneise entstanden, sehr schmal und leicht zu �bersehen. Und doch war Kriemhild sicher, da� sie vorher nicht dagewesen war. Sie mochte sich t�uschen, doch als sie Jodokus danach fragte, meinte auch er, die Schneise fr�her nicht bemerkt zu haben.</p><p>Der Einschnitt war gerade breit genug, da� Lavendel hindurch pa�te. Kriemhild nahm es als weiteren Beweis von Berenikes Kr�ften hin, und ihre Hoffnungen bekamen neuen Auftrieb. Mit frischem Mut machte sie sich auf den Weg, f�hrte den Schimmel am Z�gel, w�hrend Jodokus hinterherging. Der S�nger blickte mit umw�lkter Stirn auf die Wurzeln und �ste, welche die Seiten der Schneise bildeten. Es gab keine Spuren von Axthieben; tats�chlich schien es, als sei der Weg auf nat�rliche Weise entstanden. Jodokus erwartete sorgenvoll, da� er sich jeden Moment um sie schlie�en mochte, wie das verholzte Maul eines Waldriesen. Doch nichts r�hrte sich. In den Baumkronen sangen die V�gel, kleines Getier wieselte zwischen den St�mmen umher, und nichts wies darauf hin, da� dies ein Ort der Verderbtheit oder Schwarzer Magie war. Vielleicht, so meinte er schlie�lich, hatte Kriemhild doch recht. Dann aber fiel ihm der Preis ihrer Unschuld ein, und er sagte sich, da� niemand, der Gutes im Sinn f�hrte, so etwas von ihr verlangen w�rde.</p><p>Kriemhild dagegen schritt schneller aus, je h�her sie in die Berge stiegen. Sie war �berzeugt, da� der Pfad sie zum Haus der Erzhexe f�hren w�rde. Ihr Z�gern beim Anblick des Waldes war g�nzlich geschwunden, vielmehr schien er ihr nun in seiner urt�mlichen Wildheit sch�n und wundersam. Der Schimmel z�gerte manches Mal, bevor er einen Schritt machte, doch Kriemhild achtete kaum darauf. Einmal ertappte sie sich dabei, da� sie das Pferd und Jodokus einen Moment lang v�llig vergessen hatte, aber sie schob es auf ihre Aufregung und die freudige Erwartung.</p><p>Sie waren bereits eine ganze Weile bergauf marschiert, als Kriemhild pl�tzlich stehenblieb. Der Einschnitt f�hrte �ber eine Erhebung und verschwand auf der anderen Seite aus ihrem Blickfeld. Jenseits des Erdbuckels ragten in weiter Ferne zwei T�rme aus grauem Bruchstein empor.</p><p>�Wir sind da�, fl�sterte sie zu sich selbst, als h�tte irgendwer Zweifel daran ge�u�ert.</p><p>Jodokus dr�ngte sich �chzend an Lavendels Pferdeleib entlang, wobei ihm das dichte Astwerk die Haut zerkratzte. Leise vor sich hin schimpfend kam er neben Kriemhild zum Stehen. Z�gernd folgte er ihrem Blick hin�ber zu den T�rmen.</p><p>Beide waren mindestens ebenso hoch wie die h�chsten Bauten der K�nigsburg zu Worms. Dabei wirkten sie nicht halb so d�ster, wie Kriemhild es vom Hort einer Hexe erwartet hatte. Die Sonne badete die T�rme in ihren Strahlen und verlieh den Mauern einen goldgelben Glanz. Die D�cher waren spitz und aus dunklem Schiefer; von beiden flatterten rote Fahnen. Auf einem stand gar ein bronzener Wetterhahn, der sich langsam im Wind drehte.</p><p>�Ich glaube, den Rest des Weges kann ich allein gehen�, sagte Kriemhild, ohne den Blick von den T�rmen zu nehmen.</p><p>Jodokus blieb argw�hnisch. �Nur noch ein St�ck. Ich will sehen, wie das Ganze aus der N�he aussieht.�</p><p>�Wie soll es schon aussehen?�</p><p>�Warten wir�s ab.�</p><p>So zogen sie weiter, jetzt nebeneinander, w�hrend Lavendel widerwillig folgte. Sie �berschritten die Kuppe und sahen, da� der Weg dahinter schnurgerade in ein weitl�ufiges Tal hinabf�hrte. Rund um die T�rme zog sich eine Mauer. Zu Kriemhilds �berraschung lag das Anwesen auf einer Klippe, die sich �ber dem nebelverhangenen Grund der Senke erhob. Darunter war das Waldland g�nzlich von grauem Dunst verschleiert, nur hier und da stachen die Wipfel einiger Fichten d�ster aus den bleichen Schlieren.</p><p>Der Weg f�hrte nicht am Talboden durch den Wald, sondern �ber einen nat�rlichen Felsendamm, der sich oberhalb des Nebels bis zur Klippe erstreckte. Eine verwunschene Stimmung lag �ber dem Tal und den beiden T�rmen, die es bewachten, doch nicht einmal Jodokus h�tte sie als abweisend oder gar feindselig beschreiben k�nnen. Der S�nger hatte w�hrend seiner Wanderschaft viele Herrschaftssitze gesehen, und dieser hier unterschied sich �u�erlich kaum von den �brigen. Und doch schien eine sonderbare Atmosph�re in der Luft zu liegen, beinahe ein Knistern, als w�re das ganze Tal von Magie erf�llt. Am liebsten h�tte er Kriemhild ergriffen und sich mit ihr auf dem schnellsten Weg davongemacht. Aber ein Blick in ihr Gesicht gen�gte, um zu erkennen, da� sie niemals freiwillig umkehren w�rde. Berenike hatte sie l�ngst in ihren Bann geschlagen, ganz gleich, ob er zauberischer Natur war oder nicht.</p><p>�Von jetzt an gehe ich alleine weiter�, sagte Kriemhild, und diesmal verriet ihr Tonfall nur zu deutlich, da� sie Widerspruch nicht dulden w�rde.</p><p>�Wie du meinst�, erwiderte Jodokus betr�bt, um dann schnell hinzuzuf�gen: �Willst du es dir nicht doch noch einmal �berlegen? Du mu�t doch f�hlen, da� hier -�</p><p>�Versuche nicht, mich umzustimmen.� Und pl�tzlich sah sie ihm in die Augen und l�chelte. �Bitte, Jodokus. Ich bin diesen Weg nicht gegangen, um so kurz vor dem Ziel aufzugeben. Es ist meine Entscheidung, mein Wille, und das solltest du akzeptieren.�</p><p>�Du bist eine Prinzessin�, entgegnete er leise, �und du kannst mir befehlen, da� ich -�</p><p>�Nein!� widersprach sie, aber es klang sanft, nicht abweisend. �Ich w�rde dir niemals einen Befehl geben. Du bist mein Freund, oder?�</p><p>�Und gerade deshalb meine ich, wir sollten umkehren.�</p><p>�Kehre du um. Und warte ein, zwei Tage auf mich, wenn du das wirklich m�chtest. Wenn ich dann noch nicht zur�ck bin...� Sie verstummte und zuckte gelassen mit den Schultern, ohne jede Spur von Traurigkeit. Es war, als verabschiedete sie sich, um in ein Kloster einzutreten; sie l�ste sich von allem Weltlichen und vertraute sich einer Macht an, die jenseits menschlichen Begreifens lag.</p><p>Und vielleicht war es ja genau das, was Jodokus solchen Kummer bereitete. Aber er wu�te, es w�rde keinen Sinn haben, ihr das zu erkl�ren.</p><p>Sie verabschiedeten sich sehr f�rmlich, als sei es ihnen unangenehm, etwas zu �berspielen, von dem sie doch beide wu�ten, da� es da war. Sie k��ten sich nicht.</p><p>Jodokus nahm Lavendel am Z�gel, und der Schimmel hatte einige M�he, sich in der engen Schneise umzuwenden. Als es ihm endlich gelungen war, verschwand Kriemhild aus Jodokus� Sicht, und er fragte sich, was sie wohl denken mochte, w�hrend sie sich voneinander entfernten.</p><p>Wahrscheinlich war sie in Gedanken schon bei der Hexe, und er selbst war l�ngst vergessen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Jodokus besch�ftigte sie, beinahe gegen ihren Willen. Kriemhild wollte sich auf das konzentrieren, was vor ihr lag, auf Berenike und auf ihr weiteres Schicksal. Und doch schob sich das Antlitz des S�ngers immer wieder vor ihre Augen, und seine Worte �ber G�tter, den Dichtermet und die grausamen Spiele der Unsterblichen klangen noch lange in ihren Ohren nach. Sie h�tte ihn zum Abschied gerne umarmt, h�tte ihm gerne gestanden, wie wichtig es f�r sie war, da� er sie hierher begleitet hatte, doch etwas hatte sie daran gehindert. Sie w�nschte sich, es auf Berenike und ihren Einflu� schieben zu k�nnen, doch in Wahrheit war es etwas ganz anderes: ihre Erziehung als stolze, unnahbare Schwester eines K�nigs. Der Fluch, eine Prinzessin zu sein.</p><p>Ihre Empfindungen zerrten sie entzwei zwischen Bedauern um den verlorenen Freund und einer ungewohnten Euphorie �ber Berenikes N�he. Zum erstenmal gelang es Kriemhild, sich selbst die Frage zu stellen, ob die Hexe tats�chlich einen Zauber �ber sie gesprochen hatte.</p><p>Wiewohl, dieser Augenblick der Klarheit verflog geschwind und mit ihm alle Gedanken an Jodokus. Die Erinnerung an ihn verfl�chtigte sich in einen verborgenen Winkel ihrer selbst, und dort mochte sie weiter gedeihen und sich eines Tages erneut bemerkbar machen - oder aber vollends verk�mmern.</p><p>Kriemhild wanderte mit weiten Schritten den Pfad hinab. Es war deutlich zu erkennen, da� dies kein Weg war, der h�ufig benutzt wurde. Tats�chlich war der schmale Einschnitt mit dichtem, unber�hrtem Gras bewachsen, das keinerlei Spuren von F��en oder Hufen zeigte.</p><p>Endlich erreichte sie jene Stelle im unteren Teil des Abhangs, an der die B�ume zu beiden Seiten zur�ckblieben und der Weg hinauf auf den schroffen Felsenwall f�hrten, der sich wie ein Band �ber das dunstige Nebelmeer bis zur Klippe und den beiden T�rmen spannte. Aus der N�he erkannte sie, da� sich hier vor �onen die Felsen von rechts und links gegeneinander geschoben und dabei einen Aufwurf gebildet hatten. Gewaltige Steinschollen stachen in bizarren Winkeln in die H�he und bildeten die Flanken des Damms. Manche von ihnen fielen so steil in die Tiefe, da� ein Sturz unweigerlich in den Tod f�hren mu�te; andere Oberfl�chen hingegen waren derart zerfurcht, da� sich in ihren Spalten und Winkeln Gestr�uch und kleine B�ume angesiedelt hatten. Irgendwann einmal mu�ten hier gewaltige Kr�fte die Erde ersch�ttert haben. Kriemhild erinnerte sich an die verschwundene Stra�e und fragte sich pl�tzlich, wie lange diese Ersch�tterungen tats�chlich zur�ckliegen mochten; vielleicht nicht gar so lange, wie der Anblick des Felsenkammes einen glauben machte.</p><p>Es war ein seltsames Gef�hl, dem Hochweg �ber den Nebel zu folgen, weit �ber den h�chsten Fichtenwipfeln. Der Wind pfiff k�hl um Kriemhilds Wangen und erf�llte die Luft mit best�ndigem S�useln. Raubv�gel schwebten am Himmel, schwarze Sicheln, die auf der Suche nach Beute ihre Kreise zogen. Die Sonne hatte l�ngst ihren h�chsten Punkt erklommen, und dennoch wollten sich die Schwaden nicht vom Talboden l�sen. Das Licht brach sich in den oberen Schichten des Nebels und erf�llte ihn mit geisterhaftem Leuchten. Der Dunst bildete wundersame Formen, und Kriemhild mu�te den Blick abwenden, um nicht Gesichter und Alptraumwesen darin zu erkennen. Aus den W�ldern drang kein Laut herauf, nichts Lebendiges zeigte sich auf dem Weg zum Hexenhort. Allein der Wind blieb unsichtbar an Kriemhilds Seite und schien ihr Botschaften in einer geheimen Sprache zuzuraunen, die niemand au�er ihm selbst verstand.</p><p>Im N�herkommen entdeckte sie, da� die beiden T�rme keineswegs von der Mauer umringt wurden, wie sie von weitem angenommen hatte, sondern vielmehr darin eingelassen waren. Zwischen ihnen gab es ein offenes Tor, halb so hoch wie die Mauer, das ins Innere der Anlage f�hrte. Ein paar Dachfirste, die �ber die Zinnen hinausragten, lie�en auf weitere Geb�ude jenseits der Ummauerung schlie�en. Was aus der Ferne nach einem stattlichen Anwesen ausgesehen hatte, erwies sich nun als regelrechte Festung. Kriemhild fragte sich, ob es teil von Berenikes Schutzzaubern war, da� sich der Anschein des Gem�uers mit jedem Schritt unmerklich zu ver�ndern schien.</p><p>Rund f�nfzig Schritte trennten sie noch von dem Torbogen, als sich vor ihr, an der rechten Seite des Hochweges, etwas r�hrte. Kriemhild schrak zur�ck, wollte sich herumwerfen und fliehen, doch es war bereits zu sp�t.</p><p>Eine Gestalt schob sich zwischen den R�ndern der Felsschollen ins Sonnenlicht, gefolgt von einer zweiten. Auch auf der anderen Seite des Weges kletterte flink ein Mann empor, wie die beiden �brigen in R�stzeug aus Leder und Eisenschuppen geh�llt. Alle drei trugen Stiefel aus glattem Fell, das aussah, als stammte es von Pferden. Einer hatte in sein eigenes pechschwarzes Haar einen langen Ro�schwanz eingeflochten, den er vom Hinterkopf �ber die Schulter bis auf die Brust gelegt hatte. Die M�nner trugen fremdartigen Schmuck aus Leder und Tierz�hnen und riefen sich Worte zu, die verzerrt und zischelnd klangen.</p><p>Am alarmierendsten aber waren ihre Augen; Kriemhild bemerkte sie erst, als zwei der M�nner ihre Arme packten. Sie waren geschlitzt und schr�gstehend, die Brauen schwarz wie mit Tinte gezogen.</p><p>Weitere Gestalten erschienen am Tor und auf den Zinnen. Einige trugen schalenf�rmige Helme, rundherum mit Fell abgesetzt; obenauf sa�en scharfe Eisenspitzen.</p><p>Kriemhild konnte schreien und fluchen wie sie wollte, sie trat und drohte mit der Macht des K�nigs, doch es �nderte nichts an ihrer Lage. Als Gefangene wurde sie vor Berenikes Tor gef�hrt, wo ihr ein schlanker Krieger entgegentrat. Er war j�nger als die �brigen und trug eine bronzefarbene R�stung, reichverziert mit sonderbaren Mustern. Um seine Schultern lag ein Mantel von dunklem Violett, schimmernd wie ein St�ck Sternenhimmel.</p><p>�Verzeiht die grobe Behandlung, Prinzessin Kriemhild�, sagte er mit hartem Akzent und gab seinen M�nnern einen Wink. Augenblicklich lie�en sie ihre Arme los und zogen sich zwei Schritte zur�ck. �Ich bin der Hauptmann dieser Schar und seit zwei N�chten Herr dieser Festung.�</p><p>�Ihr kennt meinen Namen�, entgegnete Kriemhild und bem�hte sich verzweifelt, gefa�t zu erscheinen, �aber Ihr nennt mir nicht den Euren. Ist er mit Schande haftet, so da� Ihr Euch daf�r sch�men m��t?�</p><p>Ein bedrohliches Funkeln glomm in seinen schwarzen Augen auf, verschwand jedoch innerhalb eines Atemzuges. �Verzeiht noch einmal�, sagte er f�rmlich und versuchte sich an einer galanten Verbeugung, eine Geste, die es in seiner Kultur nicht gab. �Mein Vater ist der Herrscher des Ostens, der K�nig aller Hunnen. Ich bin Prinz Etzel, sein erstgeborener Sohn.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Jodokus hatte eigentlich erwartet, w�hrend seines R�ckweges zum Waldrand auf neue Hindernisse zu sto�en: St�mme, die sich verschoben hatten und den Pfad blockierten, Wurzeln, die nach seinen Beinen griffen und sich wie Schlaufen zusammenzogen, �ste, die in sein Gesicht peitschten. Doch nichts dergleichen zeigte sich.</p><p>Sosehr Jodokus sich dar�ber freute, es nicht gar so beschwerlich zu haben, so sehr bereitete ihm derselbe Umstand auch Sorgen. Denn wenn der Pfad f�r ihn da war, dann war er es auch f�r jeden anderen, und das bedeutete, da� Hagen von Tronje ihm fr�her oder sp�ter entgegenkommen w�rde.</p><p>Der Augenblick kam schneller, als er bef�rchtet hatte, und weder rechts noch links boten sich m�gliche Fluchtwege im Dickicht. Die Konfrontation war unvermeidbar.</p><p>Wie er selbst f�hrte auch Hagen sein Pferd am Z�gel. Jodokus h�tte nicht zu sagen vermocht, wer ihm bedrohlicher erschien: das schreckliche Schlachtro�, hoch und breit wie ein Feuerdrache, oder aber der schwarzger�stete Krieger mit seinem einen Auge, das so dunkel war, da� es ebenso eine leere H�hle h�tte sein k�nnen. Sehr pl�tzlich, sehr unbegr�ndet und in keinster Weise der �blen Lage angemessen, sp�rte Jodokus den brennenden Wunsch, unter die schwarze Binde zu schauen, die Hagens linkes Auge bedeckte. Wenn ihm sein rechtes, das gesunde, schon so bedrohlich erschien, wie mu�te dann erst die Wunde aussehen, an welcher der Recke links erblindet war? Ein unsch�ner Gedanke und eine passende Strafe f�r soviel Neugier.</p><p>Der kleine Junge sa� wortlos in Hagens Sattel und musterte Jodokus mit ha�erf�lltem Blick, der verriet, wie gut er sich an die Nacht und den Pferdediebstahl erinnerte.</p><p>�Erschlagt mich nicht, Herr�, bat Jodokus schon von weitem, hatte sich aber zumindest so weit im Griff, da� er nicht auf die Knie fiel. Doch der S�nger mochte sich aufrecht halten wie er wollte - Hagen �berragte ihn um mehr als eine Hauptesl�nge. Jodokus mu�te zu ihm aufblicken, als sie in zwei Schritten Entfernung stehenblieben. Selbst, wenn sie gewollt h�tten, h�tten sie sich nicht aneinander vorbeizw�ngen k�nnen, die Schneise war viel zu eng.</p><p>Hagen griff nicht nach seinem Schwert, wie Jodokus angstvoll erwartet hatte. Doch auch das �nderte nichts an der bedrohlichen Aura des Kriegers.</p><p>�Ich f�rchte, ich habe Euren Zorn erregt�, begann Jodokus und fa�te den Plan, Hagen durch ein Gest�ndnis bes�nftigen. �Nat�rlich wi�t Ihr, da� ich der Prinzessin zur Seite stand, als sie sich Euch widersetzte, und ich mu� gestehen, ich bin froh, da� es ihr gelang. Denn, das solltet Ihr nicht vergessen, sie ist die Schwester des K�nigs und ihr Wille ist -�</p><p>�Fahre fort mit deinem Geschw�tz, S�nger, und ich nagle deine Zunge an den h�chsten Baum dieses Waldes.� Hagens Gesicht blieb todernst, selbst als er hinzuf�gte: �Ohne sie vorher herauszuschneiden!�</p><p>Der kleine Junge zeigte ein breites Grinsen, als sei solch eine Ma�nahme ganz nach seinem Geschmack.</p><p>Jodokus� Magen wurde zu einem Felsblock, dessen Gewicht ihn zu Boden zu ziehen drohte. �Nun�, meinte er mit schwankender Stimme, �sicher ist Euch danach, mir �bel zuzusetzen, und gewi� habt Ihr von Eurer Warte aus allen Grund dazu. Dennoch mu� ich -�</p><p>�Wo ist sie?�</p><p>�Sie ist... Herr, sie ist bei Berenike.� Jodokus schluckte. �Wenigstens sollte sie jeden Moment bei ihr eintreffen.�</p><p>Es war, als fiele von oben der Schatten einer Wolke �ber Hagens Gesicht. Doch der Himmel war klar und von glei�endem Sonnenlicht erf�llt, und Jodokus erkannte sogleich, da� allein seine Worte die Ursache der Verfinsterung waren.</p><p>�Geh aus dem Weg!� verlangte Hagen.</p><p>Jodokus sah sich hektisch nach allen Seiten um. �Aber, Herr, wohin soll ich gehen. Ihr seht doch, da� nirgendwo ein Durchkommen ist in diesem furchtbaren Wald.�</p><p>�Wenn du im Ganzen nicht durch die Str�ucher pa�t, werde ich dich wohl oder �bel in St�cke schneiden m�ssen.� Und schon legte der Krieger die Hand auf den Schwertgriff.</p><p>�Nein, nein!� rief Jodokus hastig aus. �Gewi� werden wir eine L�sung finden.�</p><p>�Wir sollten sie schnell finden, sonst ist die Prinzessin verloren.�</p><p>�Verloren, Herr? Ich wei�, da� Berenike einen schlechten Ruf hat, aber gewi� ist sie nicht so -�</p><p>�Berenike?� Hagens Auge blitzte zornig. �Es geht nicht um Berenike. Und nun mach endlich Platz!�</p><p>Nicht um Berenike? Jodokus legte verwundert den Kopf schr�g. �Ich... ich k�nnte mit dem Pferd r�ckw�rts gehen, Herr. Ich richte mich gerne nach Eurer Richtung.�</p><p>�Dann tu es schnell.�</p><p>Jodokus trieb den Schimmel dazu, r�ckw�rts zu laufen, was Lavendel augenscheinlich wenig Freude bereitete. Dennoch gehorchte er, und Jodokus kam sich �u�erst armselig vor, als er so vor Hagen, seinem Pferd und dem grinsenden Jungen zur�ckwich.</p><p>�Sagt, Herr�, bat Jodokus, w�hrend sie in solch wundersamer Reihe bergauf marschierten, �was habt ihr damit gemeint, da� es nicht um -�</p><p>�Schweig!� verlangte Hagen und zeigte damit einmal mehr seine schlechte Angewohnheit, anderen das Wort abzuschneiden.</p><p>�Aber, Herr�, sagte Jodokus beharrlich, �wie sollen wir die Prinzessin retten, wenn ich nicht wei�, gegen welchen Feind es geht?�</p><p>�Mag sein, da� ich dich am Leben lasse, S�nger�, knurrte Hagen, �doch jene anderen werden weniger gro�m�tig sein.�</p><p>�Und wer sind diese anderen?�</p><p>Hagen schwieg, doch statt seiner gab der Junge eine Antwort.</p><p>Es mu� dem Kleinen gut gefallen haben, mitanzusehen, wie Jodokus� Kinnlade bis zur Brust hinabsackte und alle Farbe aus seinen Z�gen wich, als w�re er mit den F��en ins Eis eines Wintersees eingebrochen.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 6</strong></p></title><empty-line/><p>Kriemhild war jung, aber sie war auch die Schwester des K�nigs, und so hatte man sie auf manches vorbereitet, das einem Fr�ulein ihres Standes zusto�en mochte. Sie konnte recht gut mit dem Dolch und leidlich mit einem Schwert umgehen (wenn auch nicht gut genug, um einen der Hunnen damit zu beeindrucken). Sie war eingewiesen in die Regeln der Politik und Diplomatie, und sie wu�te, wie sie sich im Fall einer Begegnung mit Feinden des Reiches zu verhalten hatte. Niemals nachgeben, hatte man sie gelehrt, immer burgundischen Stolz und k�nigliche K�hnheit zeigen. Man hatte sie sogar mit der furchtbarsten aller M�glichkeiten, einer Sch�ndung durch gegnerische Krieger, vertraut gemacht, indem man ihr Frauen vorstellte, die solche Schrecken durchgemacht hatten und ihr von ihren Erlebnissen berichteten. Kurzum, Kriemhild wu�te, was sie in den Klauen der Hunnen zu erwarten hatte.</p><p>Worauf sie jedoch niemand vorbereitet hatte, das war Etzels ausgesuchte H�flichkeit.</p><p>Der Hunnenprinz schien sich in vorz�glichem Benehmen �bertreffen zu wollen, beinahe, als s�he er in Kriemhild einen hochgestellten Gast, keine Gefangene. Doch auch seine tadellose Oberfl�che hatte den einen oder anderen Ri�, und so litt jede Geste, jedes Wort, gar jeder Blick am Beigeschmack des Einstudierten. Etzel mochte ernst meinen, was er sagte, aber auf Kriemhild wirkte es wie die Darbietung eines talentierten Gauklers, der f�r eine Weile sein wahres Wesen abstreifte und in die Haut eines anderen schl�pfte. Und ganz gleich, wieviel M�he der Prinz sich geben mochte, so war ihm doch die Haut eines Edlen von burgundischem Zuschnitt um einiges zu gro�. Das wenigstens war es, was Kriemhild empfand, besser: empfinden wollte. Denn nach einer Weile an Etzels Seite konnte sie eine gewissen Achtung vor seinen Bem�hungen nicht leugnen, und ihre Furcht, die sie so m�hsam zu �berspielen suchte, legte sich ein wenig.</p><p>Etzel stieg mit ihr eine Treppe zum Wehrgang der Ummauerung hinauf, als sie fragte: �Ihr wi�t, wer ich bin, Prinz, und dennoch gebt Ihr Euch alle M�he, mir gef�llig zu sein. Wie k�nnt Ihr das erkl�ren?�</p><p>Die Leibgarde des Prinzen war auf seinen Befehl hin im Hof zur�ckgeblieben. Er wandte sich auf der Treppe zu Kriemhild um und sagte: �Man mu� Euch wenig Vorteilhaftes �ber mein Volk gelehrt haben, wenn Eure Erwartungen so barbarisch sind. Was, glaubt Ihr, sollte ich einer Gefangenen wie Euch wohl antun?�</p><p>�Sicher ist es nicht n�tig, Euch dazu eine Anleitung zu geben, Prinz.�</p><p>Er l�chelte, aber es wirkte nicht allzu vergn�gt. �Meine Krieger sind ebensolche M�nner wie die Euren daheim in Worms, mit den gleichen Gel�sten, der gleichen Liebe zu ihrer Heimat und oft auch der gleichen Grausamkeit. Was immer man Euch �ber Heldentaten im Krieg erz�hlt hat, Prinzessin, verge�t es am besten wieder, bis Ihr selbst erlebt habt, was Ha� und der Tod geliebter Menschen aus einem Mann zu machen verm�gen. Pl�nderung, Sch�ndung, Folter - all das sind Dinge, derer sich Eure K�mpfer genauso schuldig machen wie die meinen. Ich kann Euch versichern, da� der Ruf der burgundischen Krieger bei mir zu Hause nicht freundlicher ist als der unsere bei Euch.�</p><p>Kriemhild r�mpfte die Nase. �ber ihre Lippen kam eine auswendiggelernte Formel, nicht das, was sie wirklich empfand: �Die Ritter des Burgundenreichs sind weithin f�r ihre Ehre bekannt, Prinz Etzel. Was man von den Euren nicht gerade behaupten kann.�</p><p>Zu ihrer �berraschung zeigte er kein Zeichen von Zorn. �Ihr sprecht so, weil Ihr uns nicht kennt. Wir dagegen wissen fast alles �ber Euch. Verratet mir, zum Beispiel, ob Ihr je zuvor meinen Namen geh�rt habt.�</p><p>�Nein�, gestand sie.</p><p>�Seht Ihr�, erwiderte er zufrieden. �Ich bin Euch unbekannt, w�hrend Ihr f�r mich wie eine Verwandte seid. Schon bevor ich Euch traf, kannte ich Euer Aussehen, Eure Wildheit, Eure z�nkische Art.�</p><p>Kriemhild ri� erbost die Augen auf, zog es aber vor zu schweigen.</p><p>Etzel l�chelte, w�hrend er ihr den Vortritt zum Wehrgang lie�. �Ich h�rte einiges �ber die Art und Weise, mit der Ihr Euch bei Hofe gebt, Prinzessin. Ihr seid nicht leicht zu b�ndigen. Das spricht f�r Euch.�</p><p>�Vielen Dank�, brummte sie finster.</p><p>Er lachte. �Ich verstehe Euch besser, als Ihr meinen m�gt. Nur eines begreife ich nicht - werdet Ihr mir daher eine Frage gestatten?�</p><p>�Ihr m�gt Eure M�nner am Fu� der Mauer zur�ckgelassen haben, aber ich bin sicher, sie w�ren schnell mit den Klingen bei der Hand, w�rde ich mich Euren W�nschen widersetzen.�</p><p>Er sch�ttelte ein wenig resigniert den Kopf. �Warum habt Ihr Euch in der Zeit, in der Ihr hier seid, nicht ein einziges Mal nach der Herrin dieser Festung erkundigt? Zu ihr wolltet Ihr doch, nicht wahr?�</p><p>�Ich nahm an, Ihr habt sie get�tet - so, wie es Art der Hunnen ist.� Einen Moment lang f�rchtete sie, den Bogen �berspannt zu haben, doch auch diesmal blieb Etzel ruhig. Falls ihre Worte ihn getroffen hatte, so hielt er seine Wut im Zaum.</p><p>Statt dessen nickte er langsam. �Es ist Art der Sieger, die Erinnerung an die Verlierer auszul�schen. Und ich gestehe, ich mu�te meine M�nner davon abhalten, dieser Hexe die Haut abzuziehen.�</p><p>Kriemhild sch�pfte neue Hoffnung. �Dann lebt sie?�</p><p>Mit einem weiteren Kopfnicken sagte er: �Sie lebt, wenn auch um eines hohen Preises willen.�</p><p>�Ich bin sicher, mein Bruder wird ihn zahlen.� Tats�chlich war sie sich dessen alles andere als sicher, doch der Gedanke, da� ihre Reise m�glicherweise doch nicht umsonst gewesen und Berenike am Leben war, erf�llte sie mit Freude. Vielleicht w�rden sie die Pest doch noch besiegen k�nnen, bevor die Seuche Worms und die westlichen L�nder erreicht hatte!</p><p>�Der Preis, von dem ich sprach�, sagte er betr�bt, �ist keiner, den Euer Bruder zahlen k�nnte.� Er blieb stehen, st�tzte sich mit beiden H�nden auf die Zinnen und blickte �ber das nebelverhangene Tal hinweg. �Ich allein habe diesen Preis zu zahlen.�</p><p>�Ihr, Prinz Etzel?�</p><p>Er fuhr sich mit einer Hand durch seinen pechschwarzen Haarschopf. �Eine Schuld, die mich in meine Tr�ume verfolgen wird, dessen seid gewi�.�</p><p>Sie lehnte sich neben ihm an einen der brusthohen Steinquader und versuchte, von der Seite seinen Blick einzufangen. Doch Etzel schaute nur gedankenverloren �ber den milchigen Dunst nach Osten.</p><p>�Von welcher Art Preis sprecht Ihr?� Pl�tzlich �berkam sie ein schmerzhaftes Gef�hl der Vorahnung, ohne da� sie ihre Bef�rchtung in Worte h�tte fassen k�nnen.</p><p>�Ich will es Euch zeigen, Prinzessin�, sagte er, l�ste sich vom Zinnenkranz und ging weiter den Wehrgang entlang. �Deshalb habe ich Euch hier heraufgef�hrt.�</p><p>Im Inneren der Ummauerung gab es eine Reihe von H�usern, deren Dachgiebel den Blick auf die andere Seite der Zinnen verwehrten. Kriemhild und Etzel mu�ten fast die gesamte Anlage umrunden, ehe sie ans Ziel gelangten. Kurz vorher verstellte der Prinz Kriemhild noch einmal den Weg. �Was Ihr sehen werdet�, sagte er traurig, �geschieht nicht auf meinen Wunsch hin. Aber manchmal mu� auch ein Rudelf�hrer dem Willen seiner W�lfe folgen. Und meine W�lfe wollen das Blut dieser Hexen.�</p><p>Kriemhild starrte einen Moment lang in seine schmalen, dunklen Augen und wunderte sich �ber die sonderbare Melancholie darin. Dann schob sie ihn grob beiseite und setzte eilig ihren Weg �ber den Wehrgang fort.</p><p>Und endlich sah sie, was er meinte.</p><p>Im n�rdlichen Teil der Festung, gleich unterhalb der Mauer, gab es einen kleinen Platz aus Pflastersteinen. Eine stattliche Anzahl von Hunnenkriegern hatte sich dort versammelt und folgte mit starren Blicken einem grausamen Schauspiel. In der Mitte des Platzes war aus Weidenzweigen und Brettern eine riesige Gestalt errichtet worden, fast so hoch wie der Wehrgang. Ein breiter Leib und geh�rnter Sch�del, beides aus h�lzernem Gitterwerk, erhob sich wie ein archaischer Hohepriester inmitten der Hunnenschar.</p><p>Der Bauch der Holzgestalt war hohl. Einen Einstieg an der Vorderseite hatten die Hunnen mit straff gespannten Seilen versperrt. Ein gutes Dutzend H�nde kratzte und zerrte von innen an den Knoten, vergeblich. Verzweifelte Schreie drangen aus dem Gitterleib, haltloses Weinen und Flehen. Eine Gruppe junger Frauen und M�dchen, einige noch im Kindesalter, war im Inneren des d�monischen Weidenmannes gefangen. Alle trugen lange wei�e Gew�nder. Mehrere Fackeltr�ger rund um das grotesk-entsetzliche Gef�ngnis lie�en keinen Zweifel an dem, was den Frauen bevorstand.</p><p>Etzel trat neben Kriemhild, die immer noch starr am Rand des Wehrgangs stand und in den Abgrund des Hofes blickte. Das Schreien und Weinen der Frauen verschmolz zu einem fremdartigen Klangteppich, der Kriemhild umwob wie ein Gespinst aus giftigen Dornenranken.</p><p>�Sagt jetzt nichts�, fl�sterte Etzel, �sondern h�rt mir nur zu.�</p><p>Kriemhild fuhr mit einem Ruck herum. �Nichts sagen?� Sie deutete mit bebender Hand auf den Weidenmann. �Und Ihr wagt es, Eure Krieger mit denen des Burgundenreichs zu vergleichen? Ihr wagt es, mir eine Rede dar�ber zu halten, da� im Krieg alle gleich sind?� Sie spie ihm voller Verachtung ins Gesicht. �Gro�er Gott, ich h�tte Euch beinahe geglaubt!�</p><p>�Und weise w�ret Ihr gewesen, h�ttet Ihr es getan�, sagte er und wischte sich achtlos ihren Speichel von der Wange. �Was dort geschieht, geschieht nicht auf meinen Wunsch hin.�</p><p>Sie lachte ihm voller Hohn entgegen. �Wollt Ihr damit sagen, Eure M�nner h�tten gegen Euch gemeutert?�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht. Sie gehorchen mir aufs Wort.�</p><p>�Dann macht dem ein Ende!�</p><p>�Das kann ich nicht.�</p><p>�Ihr seid erb�rmlich in Euren Widerspr�chen.�</p><p>Er zuckte mit den Schultern. �Denkt �ber mich, wie Ihr wollt. Und dennoch bitte ich Euch, mir zuzuh�ren.� W�hrend er sprach, trat einer der Hunnen vor und vollf�hrte mit geschlossenen Augen heidnische Gesten vor dem K�fig. Er trug lange Gew�nder, sein Gesicht war mit bizarren Zeichen bemalt. Ein Priester, der seinen G�ttern ein Opfer weihte.</p><p>�Der Sturm auf diese Festung hat viele meiner M�nner das Leben gekostet�, sagte Etzel und blickte Kriemhild dabei fest in die Augen. �Wir wu�ten nicht, was uns hier erwartet. Mein Vater sandte uns als Sp�htrupp in diesen Teil Eures Reiches, und wir glaubten, diese Burg sei aufgrund ihrer abgelegenen Lage ein guter Ausgangspunkt f�r verborgene Vorst��e in Eure L�ndereien. Wir kamen nicht, um Krieg zu f�hren, sondern nur um zu beobachten, zu horchen und das Erfahrene heim zum Hof meines Vaters zu tragen.� Er seufzte leise. �Ich gestehe, wir wu�ten nicht, auf was wir uns einlie�en, als wir vor zwei Tagen diese Burg angriffen.�</p><p>Kriemhild blickte abwechselnd zwischen ihm und dem Weidenmann hin und her. Das Schreien und Bitten der Frauen ert�nte immer h�her und schriller.</p><p>Etzels bronzene R�stung klirrte bei jeder Bewegung. �Ich hatte fr�her schon von der Erzhexe Berenike geh�rt, aber niemals h�tte ich sie hier vermutet, in diesen Mauern. Als wir die Felsen erklommen, st�rzte uns eine Felslawine entgegen, und ich schw�re, sie kam aus dem Nichts. <emphasis>Aus dem Nichts, </emphasis>Kriemhild, versteht Ihr? Fast ein Drittel meiner M�nner wurde in die Tiefe gerissen, noch bevor sie �berhaupt begriffen, was geschah. Wir sind Hunnen, und wir sterben mit einem Schwert in der Hand! Wir werden nicht von ein paar Steinen erschlagen!� Zum erstenmal lag Wut in seiner Stimme, Wut von solcher Kraft, da� Kriemhild einen Moment lang sogar das Schicksal der Frauen verga�. �Der Rest von uns erreichte die Mauern der Festung, und ich befahl, ein paar Brandpfeile �ber die Zinnen zu schie�en, um Verwirrung zu stiften. Aber noch ehe der erste Pfeil auf der Sehne lag, standen pl�tzlich f�nf oder sechs meiner M�nner in Flammen. Sie hatten sich selbst in Brand gesetzt!�</p><p>�Eine wirklich schlagkr�ftige Truppe, die Ihr da anf�hrt�, bemerkte Kriemhild bissig, aber als sie die animalische Glut in Etzels Augen sah, bereute sie ihre Worte. Pl�tzlich sah er aus, als sei es sein gr��ter Wunsch, sie in St�cke zu rei�en.</p><p>�Meine M�nner trifft keine Schuld!� br�llte er sie an, so laut, da� einige der Krieger im Hof irritiert emporblickten. �Es war Berenikes Magie, die uns solchen Schaden zugef�gt hat, dessen seid gewi�, Prinzessin. Als es uns schlie�lich gelang, die Zinnen zu �berwinden, war die H�lfte meiner Leute tot. Und alles, was wir hier drinnen fanden, war ein Haufen kreischender Weiber. Keine Ritter, �berhaupt keine M�nner! Nur diese M�dchen dort unten - und Berenike.�</p><p>�Wo ist sie jetzt?�</p><p>�Im Nordturm, in ihrer Kammer.�</p><p>Kriemhild deutete mit einer Handbewegung hinab in den Hof. �Was kann ich tun, um dieses Massaker zu verhindern?�</p><p>�Nichts, f�rchte ich. Was Ihr dort seht, ist der Preis f�r Berenikes Leben und zugleich noch viel mehr. Meine M�nner wollen Blut sehen, um die Ehre unserer Toten zu bewahren, und ich kann es Ihnen nicht ver�beln.�</p><p>�Das klingt, als w�ret Ihr dagegen.�</p><p>�Ich sagte Euch schon, was dort geschieht, ist nicht mein Begehr.� Er zuckte mit den Schultern. �Aber ein Befehlshaber, gleichg�ltig ob Hauptmann oder Herrscher, mu� Zugest�ndnisse an seine Leute machen.� Er deutete auf den Mann mit dem bemalten Gesicht. �Und an seine Priesterschaft.� Als Kriemhild vor Abscheu das Gesicht verzog, f�gte er hinzu: �Als Schwester des K�nigs solltet Ihr das wissen.�</p><p>�Wir bauen unseren Priestern Kirchen, wenn wir Ihnen gefallen wollen. Wir bringen keine Menschenopfer.�</p><p>Etzel hob die Augenbrauen. �Ihr glaubt, wir h�tten dieses Ding dort errichtet? Den Weidenmann?� Er sch�ttelte vehement den Kopf. �Das waren nicht wir.�</p><p>�Aber -�</p><p>�Nein, Prinzessin. M�gt Ihr �ber uns denken, was Ihr wollt, aber dieses Menschenopfer war nicht unser Einfall.�</p><p>Sie schnappte nach Luft. �Berenike?�</p><p>�Nat�rlich. Sie hat uns gewarnt. Ein Opfer sei vonn�ten, bei dem, was uns allen bevorst�nde, hat sie gesagt. Dieser Scheiterhaufen dort im Hof, Prinzessin, war eigentlich f�r Euch bestimmt.�</p><p>Die angstvollen Schreie der Frauen erf�llten Kriemhild mit fremdem Entsetzen, das schlagartig zu ihrem eigenen wurde.</p><p>Etzel sah, was in ihr vorging, fuhr aber dessen ungeachtet fort: �Etwas wird hier geschehen, jeder kann das sp�ren, auch Ihr, wenn Ihr Euch nur ein wenig M�he gebt. Es liegt in der Luft wie ein schlechter Geruch, eine Ahnung von etwas, das kommen wird.�</p><p>�Das ist doch wirres Zeug.� Aber in Wahrheit glaubte auch Kriemhild es zu sp�ren, eine seltsame Str�mung, als z�ge rund um die Festung ein unsichtbares Gewitter herauf.</p><p>�Vielleicht t�uschen wir uns alle�, gab Etzel zu. �Dennoch bin ich gerne gegen alle M�glichkeiten ger�stet. Mag sein, da� Ihr mir noch daf�r danken werdet. Wie es aussieht, habe ich Euren Dank ohnehin schon verdient.�</p><p>Ihr Blick war voller Verachtung. �Daf�r, da� all diese Frauen an meiner Stelle sterben m�ssen? Nur, damit Ihr f�r mich ein L�segeld von meinem Bruder fordern k�nnt - darum geht es Euch doch, nicht wahr?�</p><p>�Was w�rdet Ihr tun, wenn Ihr in meiner Lage w�rt? Ich bin sicher, zumindest Euer Bruder w�rde genauso handeln.�</p><p>�Ihr macht es Euch sehr einfach, wenn das die Art ist, auf die Ihr Eure Entscheidungen trefft.� Jetzt wollte sie ihn verletzen, und es war ihr gleich, was er danach mit ihr anstellen w�rde. �Denkt Ihr Hunnen immer so: Wie w�rde der K�nig der Burgunden in meiner Lage handeln?� Sie lachte verbittert auf. �Mein Bruder wird sich freuen, das zu h�ren.�</p><p>�Ihr werdet albern.�</p><p>�Wenn das n�tig ist, um Euch aus Eurer Gleichg�ltigkeit zu r�tteln, gerne, dann bin ich albern.�</p><p>Unten im Hof versank der Hunnenpriester mit erhobenen Armen in einer grotesken Starre. Seine gefl�sterten Beschw�rungen gingen im Flehen der Frauen unter.</p><p>�Gebt den Befehl, damit Schlu� zu machen�, verlangte Kriemhild eindringlich. �Ihr k�nnt nicht all diese Frauen t�ten, nur um einer vagen Gefahr aus dem Weg zu gehen. Was erwartet Ihr denn? Da� Eure G�tter von den Bergen herabsteigen?�</p><p>Er sah sie verwundert an. �Das ist sonderbar.�</p><p>�Was?�</p><p>�Ihr habt gerade die gleichen Worte benutzt wie Berenike: �Die G�tter werden �ber die Berge steigen.� Genau das war es, was sie sagte.�</p><p>In ihrer Erinnerung h�rte Kriemhild wieder Jodokus� Stimme: <emphasis>Die G�tter sammeln ihre Kr�fte. Sie bereiten das Ende vor. Das gro�e Finale.</emphasis></p><p>Pl�tzlich wurde ihr schlecht. Fr�stelnd blickte sie zur Spitze des Nordturms empor.</p><p>�La�t mich mit Berenike sprechen�, fl�sterte sie atemlos.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Das Hinterteil eines Pferdes f�hrte sie an, und niemand war sich der L�cherlichkeit dieses Umstands bewu�ter als Jodokus. Noch immer hatte es auf dem schmalen Pfad keine Gelegenheit gegeben, Lavendel wenden zu lassen, und noch immer mu�te das arme Tier r�ckw�rts gehen. Jodokus tat sein Bestes, den Schimmel mit freundlichen Worten zu bes�nftigen, auch um seiner selbst willen. Jeden Augenblick mochte Lavendel st�rrisch stehenbleiben und den Weg versperren, und Jodokus mu�te sich nicht erst zu Hagen umdrehen, um zu wissen, wer das w�rde ausbaden m�ssen.</p><p>Doch so beschwerlich und angstvoll diese Angelegenheit auch war, Jodokus haderte nicht l�nger mit seinem Schicksal.</p><p>Jeder andere h�tte die Begegnung mit der Prinzessin verflucht; nicht so Jodokus. Vielmehr machte ihm die Trennung von ihr weit arger zu schaffen als alles andere. Arger als Hagens dr�uende Pr�senz in seinem R�cken. Arger auch als Berenikes Hort, der jenseits der Bergkuppe aus den Nebeln emportauchte.</p><p>Schlie�lich gelangten sie an die Stelle, an der Jodokus und Kriemhild Abschied genommen hatten, und hier endlich bot sich gen�gend Platz, um Lavendel aus seiner mi�lichen Lage zu befreien. Mit einem Wiehern drehte das Tier sich um, ungeachtet der �ste, die �ber sein Fell kratzten. Jodokus f�rchtete, das Pferd w�rde wohl nach hinten austreten und ihm den Huf vor den Sch�del h�mmern. Doch der Schimmel blieb ruhig, als s�he er die Notwendigkeit ein, Kriemhild schnellstens zur Hilfe zu eilen.</p><p>Hagen zw�ngte sich an dem Schimmel vorbei an die Spitze, Jodokus folgte ihm. Am tiefblauen Himmel flatterten zwei Raben und stie�en heisere Schreie aus. Hagen blickte zu ihnen empor, und sogleich verstummte ihr Kr�chzen. Die beiden V�gel senkten sich herab und verschwanden zwischen den Baumkronen.</p><p>�Ihr habt Macht �ber Tiere, Herr?� fragte Jodokus beeindruckt.</p><p>�Nicht genug, um einen Esel zum Schweigen zu bringen.�</p><p>�Ihr macht Euch �ber mich lustig.�</p><p>�Merkw�rdig�, knurrte Hagen, ohne den Blick von Berenikes Hort zu nehmen, �lustig hat mich noch keiner genannt.�</p><p>Der Krieger setzte sich wieder in Bewegung und ging mit weiten Schritten den Hang hinab. Jodokus ergriff Lavendels Z�gel und folgte. Hinter ihnen kletterte der Junge von Hagens Ro� und f�hrte das Tier mit einer Selbstverst�ndlichkeit, als sei es sein eigenes.</p><p>�He, Junge�, rief Jodokus nach hinten, �wie hei�t du �berhaupt?�</p><p>�Jorin�, gab der Junge mi�mutig zur�ck. �Jorin Pferdeh�ter.� Hagen mu�te ihn mit seiner schlechten Laune angesteckt haben.</p><p>Sie n�herten sich dem Punkt, an dem der Waldweg auf den Felsendamm wechselte, der �ber das Nebelmeer hinweg zur Festung f�hrte.</p><p>Bevor sie den Schatten des Waldes verlassen konnten, blieb Hagen stehen. �Welches Instrument spielst du, S�nger?� fragte er.</p><p>�Vielerlei�, erwiderte Jodokus wahrheitsgetreu. �Fl�te, Laute, Schalmei, Cornamuse, Schreichpsalter, manchmal auch die Harfe. Warum fragt Ihr?�</p><p>�Hast du eines davon dabei?�</p><p>�Keines, wie Ihr wohl sehen k�nnt.�</p><p>Hagen brummte etwas, das Jodokus nicht verstand, dann fragte er: �Aber singen kannst du doch wenigstens?�</p><p>�Gewi�, Herr.� Ihm schwante nichts Gutes bei diesem sonderbaren Fragespiel.</p><p>�Dann wirst du dich jetzt n�tzlich machen�, sagte Hagen. �Dir Hegt doch auch daran, die Prinzessin zu retten, nicht wahr?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Um deines Kopfes willen eine weise Entscheidung.�</p><p>Zum ersten Mal war Jodokus �ber eine Bemerkung Hagens ernsthaft emp�rt. �Was denkt Ihr von mir?� fuhr er den Krieger an, ungeachtet aller Folgen, die soviel K�hnheit haben mochte. �Ich w�rde mein Leben f�r das der Prinzessin geben, dessen seid gewi�.�</p><p>Hagen starrte ihn lange mit seinem dunklen Auge an. Jodokus gab sich alle M�he, dem durchdringenden Blick standzuhalten. Pl�tzlich legte der Krieger ihm die Hand auf die Schulter. �Du bist ein guter Kerl, das will ich glauben. Doch nicht dein braves Sinnen wirst du heute unter Beweis stellen m�ssen, sondern deinen Mut und deine Kampfkraft.�</p><p>�Das will ich�, gab Jodokus mit vorgestrecktem Kinn zur�ck - obwohl ihn beim Wort Kampfkraft ein kalter Schauder packte, denn aufs K�mpfen verstand er sich alles andere als pr�chtig.</p><p>�Zuerst aber�, sagte Hagen, �wirst du singen.�</p><p>�Ich hoffe, Ihr gedenkt nicht, die Hunnen mit meinem Gesang zu vertreiben.�</p><p>Noch immer blieben Hagens Mundwinkel starr wie die einer Wachsmaske. �Zwar sandte Berenike der K�niginmutter Ute eine Taube mit der Botschaft vom Hunnensturm auf ihre Burg - doch schrieb sie darin auch, da� nicht einmal Felslawinen und Feuer die Angreifer aufhalten konnten. Ich f�rchte, junger Mann, mag dein Gesang auch noch so garstig sein, die Hunnenkrieger werden wir damit nicht in die Flucht schlagen.�</p><p>Jodokus atmete auf, doch Hagen sagte: �Dennoch wirst du f�r sie singen. Nimm den Schimmel und reite zur Burg. Sing irgendein Lied, etwas, das die Hunnen gn�dig stimmen mag.�</p><p>�Kein Lied vermag diese Barbaren gn�dig zu stimmen�, widersprach Jodokus mit bebender Stimme.</p><p>Hagen nickte. �Das wei� ich. Aber es wird sie hoffentlich lange genug ablenken, bis ich einen Weg in die Festung gefunden habe.�</p><p>�Sie werden mir das Maul mit einem Morgenstern stopfen!�</p><p>�Dein Leben f�r das der Prinzessin - waren das nicht deine Worte?�</p><p>Jodokus straffte sich. �Ja, Herr.�</p><p>�Wohlan denn, S�nger, so la� uns -�</p><p>Pl�tzlich dr�ngte sich Jorin zwischen sie. Jodokus und Hagen mu�ten beide einen Schritt zur�cktreten. �Was ist mit mir?� fragte der Kleine ke�.</p><p>Jodokus erwartete, da� Hagen dem Jungen mit der Faust Respekt beibringen w�rde. Statt dessen aber sagte der Krieger: �Du kommst mit mir, Jorin Sorgebrecht.�</p><p>Mit stockendem Atem fragte Jodokus: �Ihr wollt ein Kind mit in den Kampf nehmen?�</p><p>Hagen schenkte dem Einwurf keine Beachtung. Er ging vor Jorin in die Hocke, nahm eine Hand des Jungen in seine behandschuhte Rechte - sie lag sehr wei�, sehr klein auf dem gegerbten schwarzen Leder - und sagte: �Dein Anteil an diesem Abenteuer wird kein geringer sein, mein Kind. Ich m�chte, da� du immer daran denkst, ganz gleich, was geschieht.�</p><p>�Ja, Herr�, gab der Kleine zur�ck, teils versch�chtert, teils stolz.</p><p>So wurde denn der Aufbruch beschlossen. Hagen und Jorin blieben zur�ck, w�hrend Jodokus auf dem R�cken des Schimmels zum Hochweg hinaufritt. Sobald er sich auf dem schmalen Grat befand, konnte er den Blick nicht mehr von der Festung nehmen. Der Umri� der Klippe mit ihren beiden spitzen T�rmen kauerte vor dem Nebelmeer wie ein zweik�pfiger Zauberer, verzerrt ins Riesenhafte. Die Oberfl�che des Nebels strudelte wie ein See voller Untiefen, und manchmal sah Jodokus aus den Augenwinkeln, da� die Nebelr�nder an den geborstenen Felsschollen des Hochwegs emporleckten, eine lautlose, geisterhafte Brandung.</p><p>Auf den Zinnen der Festung entdeckte er winzige Punkte, Wachtposten, die ihn l�ngst entdeckt haben mu�ten. Mit einem R�uspern zog er sein Wams zurecht, streckte sich im Sattel und t�tschelte Lavendels M�hne. Dann holte er tief Luft und begann zu singen, ein altes Lied �ber die Pferdezucht, von dem er hoffte, es entspr�che dem Geschmack der Hunnen - vorausgesetzt, sie verstanden seine Sprache. Doch je n�her er den beiden T�rmen kam, desto schneller schwand sein letzter Rest von Hoffnung. Bei jedem Schritt, den Lavendel tat, erwartete Jodokus, einen Pfeil in seine Richtung zischen zu sehen, und er betete, da� ihn der erste Treffer t�ten w�rde. Doch noch hielten die Hunnen sich mit Beschu� zur�ck, vielleicht weil sie der wunderliche S�nger verwirrte.</p><p>Jodokus hatte etwas mehr als die H�lfte des Hochwegs bew�ltigt, als eine unerwartete Empfindung ihn traf wie ein Schwerthieb aus dem Hinterhalt. Es war das gleiche Gef�hl, das er fr�her so oft versp�rt hatte, das letzte Mal an Kriemhilds Seite, im Wald, kurz bevor der Zorn der G�tter �ber sie gekommen war.</p><p>Sein Gesang brach ab, als seine Kehle sich weigerte, weitere T�ne hervorzubringen. Einen Augenblick lang schwankte er im Sattel, und nur mit Gl�ck gelang es ihm, die Z�gel zu packen und sich auf Lavendels R�cken zu halten. Sein Mund klappte stumm auf und zu, und seine Augen wandten sich benommen himmelw�rts.</p><p>Dort oben aber war nichts. Nur die Sonne und ein paar einzelne Raben in einem Abgrund von azurnem Blau. Nichts, nur Leere und K�lte und peitschende Winde.</p><p>Doch Jodokus wu�te es besser, und er verfluchte dieses Wissen mit der gleichen Wut, mit der man einst ihn selbst verflucht hatte.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Etzel drehte den Schl�ssel in der T�r des Turmzimmers und gab Kriemhild mit einem Nicken zu verstehen, da� sie eintreten d�rfe. Er selbst blieb auf der schmalen Wendeltreppe zur�ck, deren engem Verlauf sie hinauf in die Spitze des Nordturms gefolgt waren.</p><p>Kriemhild mu�te sich beim letzten Schritt zur T�r an ihm vorbeizw�ngen und streifte dabei seinen violetten Umhang und die R�stung mit ihren ziselierten Mustern. Beides geh�rte zur Kleidung eines Edelmannes und war doch, zumindest was Zeichnung und Stickereien betraf, eindeutig hunnischer Herkunft.</p><p>Gegen Kriemhilds Willen lie� die eigenartige Faszination, die von Etzel ausging, sie nicht kalt. Allein beim Blick in seine schmalen Augen erkannte sie in ihm den kommenden Herrscher des Hunnenreiches. Sie sah darin die ungez�hmte Wildheit der Steppenv�lker, das Barbarische seiner Abstammung, die Beil�ufigkeit, mit er bereit war, fremdes Leben zu nehmen. Sie f�rchtete und achtete ihn zu gleichen Teilen, sie ha�te, aber sie mochte ihn auch. Seine Gegens�tzlichkeit begann bereits, auf ihr eigenes Denken abzuf�rben.</p><p>Mit einem unmerklichen Kopfsch�tteln unterbrach sie die Ber�hrung ihrer Blicke und trat in Berenikes Turmzimmer. Etzel zog von au�en die T�r zu, doch seine Schritte entfernten sich nicht. Er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, da� er mitanh�ren wollte, was die beiden Frauen zu bereden hatten.</p><p>�Ah�, sagte Berenike leise, �endlich bist du da.�</p><p>Sie sa� in einem hohen Stuhl, fast ein Thron, mit einer R�ckenlehne, die bis hinauf zur Decke reichte. Die Armlehnen hatten die Form zweier Stiere; auf ihre spitzen H�rner hatte Berenike achtlos allerlei Dokumente gespie�t, die meisten vergilbt und l�ngst vergessen.</p><p>Der Raum war kreisrund, abgesehen von einem geraden Wandst�ck zu beiden Seiten der T�r. Unweit des Eingangs konnte man �ber eine Leiter eine enge Luke erreichen, die auf das Spitzdach des Turmes f�hrte. Kreuz und quer standen Tische, Ablagen und Truhen, auf denen sich eine Vielzahl ge�ffneter Schriftrollen wellte. Aufgeschlagene und geschlossene B�cher lagen verstreut in jedem Winkel. An den W�nden hingen Pergamente, eng bekritzelt mit fremdartigen Zeichen und Formen, die alles M�gliche bedeuten mochten, von Runen bis hin zu Grundrissen phantastischer Bauwerke. Auf einem Tisch waren T�pfe und Tiegel zu brusthohen T�rmen gestapelt, einige lagen zerbrochen am Boden. Hinter Berenikes Stuhl ruhte auf einem Ger�st eine Scheibe mit plastischen Darstellungen von Bergen und T�lern, offenbar eine Karte der Welt. Unter der Decke, rund um die W�nde, hingen Tiergerippe, zusammengehalten von F�den, Lehm und Harz. Ein schwerer, s��licher Geruch hing in der Luft, nicht unangenehm, beinahe wie von frischem Backwerk. Die Feuerstelle im Zentrum der Kammer gl�hte noch, doch das Rost, das an ru�igen Ketten dar�ber hing, war leer.</p><p>Kriemhild deutete eine Verbeugung an, nicht sicher, wie sie sich verhalten sollte, ob fordernd oder ehrerbietig. Die Hexe hatte ohne Zweifel an Macht verloren, mochte sie in ihrem Thron auch erhaben wirken wie eh und je.</p><p>Berenike war alt, viel �lter als Kriemhild sie in Erinnerung hatte. Sie hatte langes graues Haar, das ihr offen und glatt �ber die knochigen Schultern fiel. Ihre weiten, silberbestickten Gew�nder verbargen die Form ihres Leibes, doch das magere Gesicht verriet deutlich, da� Berenike aus wenig mehr als Haut und Knochen bestand. Das Wei� ihrer Augen hatte einen leichten Gelbstich, w�hrend ihre Pupillen gro� und formlos wirkten, als breite sich ihr Schwarz nach allen Seiten hin �ber die Aug�pfel aus.</p><p>�Ich bin froh, da� du gekommen bist�, sagte Berenike mit einer Stimme, die im Widerspruch zu ihrem �u�eren melodi�s, beinahe jugendlich klang.</p><p>�Als h�ttest du nur ein einziges Mal daran gezweifelt�, gab Kriemhild zur�ck.</p><p>Die Erzhexe l�chelte milde. �Ich f�hle Widerstand in deinem Inneren. Ich f�hle Argwohn.�</p><p>�Was hast du erwartet? Freude, dich zu sehen?�</p><p>�Ich kann mich erinnern, da� du auf dem Weg hierher noch ganz anders gedacht hast.�</p><p>�Ich wu�te noch nicht, welche Pl�ne du mit mir hattest.�</p><p>�So, so�, sagte Berenike, und ihr L�cheln wurde freundlicher, �der kleine Prinz hat dir ein paar Dinge erz�hlt. Er hat ein loses Mundwerk, in der Tat.�</p><p>Kriemhild blickte unwillk�rlich zur T�r. Falls Etzel Berenikes Worte verstanden hatte, so bewegten sie ihn nicht dazu, sich zu erkennen zu geben.</p><p>�Und nun�, meinte die Hexe, �bist du gekommen, um die ganze Geschichte zu h�ren, nicht wahr? Dabei kennst du sie schon.� Sie lehnte sich m�de in ihrem Stuhl zur�ck. �Du dummes, dummes Kind.�</p><p>�Ich kam her, um der Pest ein Ende zu machen, nicht um mich beleidigen zu lassen.�</p><p>�Wie stolz sie geworden ist, die h�bsche Prinzessin.� Berenike kicherte. �Ich habe dich ganz anders in Erinnerung, mein Kind. Viel zahmer.�</p><p>�Unsere erste Begegnung liegt Jahre zur�ck.�</p><p>�Oh, gewi�. Du warst j�nger und voller Demut.� Berenikes Augen wurden tr�b, als sie direkt in die Vergangenheit zu blicken schien. �Du warst bereit, alles f�r dein Volk zu opfern.�</p><p>�Das bin ich noch heute.� Tats�chlich aber war sie dessen l�ngst nicht mehr so sicher wie noch vor wenigen Tagen. Sie hatte die Bewohner eines ganzen Dorfes in den Tod geschickt, und dennoch hatte sie seitdem kaum einen Gedanken an sie verschwendet. Verhielt sich so eine Prinzessin, der nur das Wohl ihrer Untertanen am Herzen lag? Und w�re sie wirklich bereit gewesen, sich bei lebendigem Leibe verbrennen zu lassen?</p><p>Nein, entschied sie. Nein auf beide Fragen.</p><p>�Du wei�t, da� Etzel mich nicht opfern wird�, sagte Kriemhild. �Er will sich das L�segeld nicht entgehen lassen.�</p><p>�Sagt er das?� Berenike sch�ttelte l�chelnd den Kopf. �Dieser Prinz ist ein kleiner Junge, und er hat weniger mit den �brigen M�nnern seines Volkes gemein, als er selbst ahnen mag. Er besitzt eine h�here Bildung und kennt die Bedeutung des Wortes Mitleid. Nicht, da� er oft Gebrauch davon macht, aber -�</p><p>Kriemhild unterbrach sie in aller Sch�rfe: �Mitleid, Berenike? Ausgerechnet du sprichst von Mitleid? Du hast das sichere Todesurteil �ber deine Sch�lerinnen gesprochen!�</p><p>Die Hexe blieb gelassen. Ihre langen, d�nnen Finger spielten beil�ufig mit den Pergamentfetzen, die auf den Stierh�rnern ihrer Armlehnen steckten. �Ich war nur aufrichtig, nichts sonst. Ich verriet Etzel, was es mit dem Weidenmann auf sich hat, und ich sagte ihm, da� du herkommen w�rdest. Mir war klar, da� er deinen Opfertod nicht zulassen w�rde, und er fragte mich, welche M�glichkeiten es sonst g�be, das kommende Unheil...� Sie brach kurz ab und �berlegte - �vielleicht nicht abzuwenden, aber doch abzuschw�chen.�</p><p>�Du hast damals gesagt, Gott verlange meine Unschuld, nicht mein Leben.�</p><p>�H�tte das Schicksal seinen Lauf genommen, h�ttest du deine Unschuld verloren. Schon auf dem Weg hierher. Vor Scham h�ttest du dich nicht heim zu deinen Br�dern gewagt und w�rest bei mir geblieben. Als meine Sch�lerin.�</p><p>Kriemhild lachte bitter. �Wer schmiedet solche Pl�ne? Du, Berenike? Oder die G�tter?�</p><p>�Oh, ich nicht, ganz gewi� nicht. Ich habe nur gesehen, da� es so kommen sollte. Und die G�tter scheinen derzeit andere Sorgen zu haben. Irgend etwas ist nicht so geschehen, wie es vorgesehen war.�</p><p>�Ich sollte mich in Jodokus verlieben, um -�</p><p>�Deine Unschuld zu verlieren, allerdings. Der S�nger h�tte dar�ber von seinem Wahn gelassen, die G�tter w�ren bes�nftigt worden, und alles w�re gut geworden.� Sie seufzte. �Aber es hat wohl nicht sein sollen. Deshalb war ein weit gr��eres Opfer n�tig, um dem Unheil entgegenzuwirken.�</p><p>Kriemhilds Mund war trocken geworden, sie hatte M�he, �berhaupt ein Wort �ber die Lippen zu bringen. �Dieses Unheil, vor dem ihr alle eine solche Angst habt, ist es das, was ich denke?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und du glaubst allen Ernstes, der Tod deiner Sch�lerinnen k�nnte es abwenden?�</p><p>Berenike hob die Schultern. �Ihr Tod, dein Tod, wer wei�? Besser, es zu versuchen, als stillzuhalten, bis alles zu Ende ist.�</p><p>Der Gleichmut der Hexe brachte Kriemhild fast zur Raserei. �Es zu versuchen? Gro�er Gott, diese Frauen werden sterben!�</p><p>�Wie der Rest von uns, wenn nicht ein Wunder geschieht.�</p><p>Die Erkenntnis �berkam Kriemhild mit niederschmetternder Gewi�heit. �Dann hat Jodokus die Wahrheit gesagt?�</p><p>�Das kommt wohl auf den Standpunkt an. Er glaubt, da� es die Wahrheit ist, und wahrscheinlich reicht das schon aus.�</p><p>�Das ist doch Wahnsinn!� fuhr Kriemhild auf. �Der Glaube eines einzelnen kann nicht -�</p><p>�Was sonst als der Glaube ist es, das die alten G�tter am Leben h�lt, Kriemhild? Der Glaube war immer ihre m�chtigste Waffe, und er ist es auch heute noch. Was Jodokus auf seinem R�cken tr�gt, mag Wodans Dichtermet sein oder auch nicht - er jedenfalls glaubt daran. Grund genug f�r die G�tter, die doch selbst nichts anderes sind als gestaltgewordener Glaube, sich seiner anzunehmen.�</p><p>Kriemhild sp�rte, da� ihre H�nde zitterten. �Er sagt, da� sie mit ihm spielen.�</p><p>�Wenn er es sagt, dann ist es so.� Berenike streckte eine Hand nach Kriemhild aus und ergriff sachte ihren Unterarm. �Es ist leichter zu verstehen, als du denkst, s��e Prinzessin.�</p><p>�Aber dieses... Spiel...� Sie hatte immer noch M�he, etwas so Absurdes auszusprechen. �... dieses Spiel, das sie spielen, wie l�uft es ab?�</p><p>�Wie immer auch die Regeln lauten m�gen, die Partie steht kurz vor der Entscheidung. Das Spielbrett ist von einer Seite zur anderen durchquert, und diese Burg ist das Ziel.�</p><p>Eine grauenvolle Ahnung stieg in Kriemhild auf. Doch sie wollte, sie durfte nicht daran glauben, denn das w�rde alles nur noch schlimmer machen. Es reichte, da� die Hexe, ihre Sch�lerinnen und die Hunnen diesen Irrsinn wahrhaben wollten - und ihn damit wahrmachten.</p><p>�Das Spielbrett?� fragte sie ahnungsvoll.</p><p>Berenike schien erfreut, da� Kriemhild allm�hlich Zusammenh�nge herstellte, denn sie l�chelte g�tig wie eine liebevolle Gro�mutter. �Das Pestland, Kriemhild. Was sonst ist es, als das Spielbrett der G�tter? Jodokus hat es auf seiner Flucht kreuz und quer bereist, und �berall, wohin er ging, brachte er den Keim der Seuche. Er selbst hat die Arena abgesteckt, in der man ihn an die L�wen verf�ttern wird. Die Pest existiert nur, weil Jodokus existiert, weil sein Glaube und mit ihm seine G�tter existieren. Das alles sind die Glieder einer Kette, die sich hier und jetzt zu einem Kreis schlie�t.�</p><p>�Dann hatten die Dorfbewohner recht.� Kriemhild sp�rte, da� ihre Knie nachzugeben drohten. Sie l�ste sich aus Berenikes Griff, stolperte zwei Schritte zur�ck und st�tzte sich auf eine Tischkante. �Jodokus ist K�nig Pest!�</p><p>�Ein Name, nichts sonst�, meinte die Hexe. �Aber, zugegeben, ein recht treffender.�</p><p>�Du hast es gewu�t!� Kriemhilds Stimme drohte erneut zu versagen. �Du hast es schon vor Jahren gewu�t, als du mir prophezeit hast, hierherzukommen.�</p><p>Berenikes Mundwinkel zuckten, aber sie sch�ttelte den Kopf. �Ich habe nichts von alldem gewu�t, nicht wirklich. Ich habe bestimmte Dinge vor mir gesehen, im Traum, aber auch im Wachsein, aber ich kannte nicht die Hintergr�nde, nicht die Ursachen. Ich ahnte, da� es f�r dich n�tig sein w�rde, hierherzukommen, und ich sah auch, da� eine Seuche der Anla� sein w�rde - doch das war schon alles. Erst in den letzten Tagen habe ich begriffen, wie die Dinge tats�chlich zusammenh�ngen. Meine F�higkeit ist es, in Tr�umen zu lesen, manchmal auch, sie zu erschaffen, aber ich wei� selten alles �ber ihre Bedeutung, und wenn doch, dann meist erst, wenn es zu sp�t ist. Kein leichtes Schicksal, glaube mir.�</p><p>�Ich verstehe nicht...�</p><p>�Komm her�, bat die Hexe und winkte Kriemhild mit gekr�mmtem Zeigefinger heran. �Als ich in Worms war, da hast du mir noch von einem anderen Traum erz�hlt, einem Traum von Falken und Adlern. Erinnerst du dich?�</p><p>�Ich habe ihn seither wieder und wieder getr�umt�, bekannte Kriemhild, konnte sich dabei aber kaum auf ihre eigenen Worte konzentrieren. �Ich ziehe einen herrlichen Falken heran. Eines Tages ist er fort. Statt seiner sitzen auf den Giebeln des M�nsters zwei wei�e Adler.�</p><p>Berenike nickte zufrieden. �Das war es, was du damals gesagt hast. Wei�t du mittlerweile, was mit dem Falken geschehen ist?�</p><p>�Die beiden Adler haben ihn zerfleischt.�</p><p>Noch einmal nickte die Hexe. �Tritt n�her, mein Kind, und ich will dir etwas zeigen.�</p><p>Kriemhild �berwand ihre Scheu. Zum ersten Mal fiel ihr auf - und es war in ihrer Lage eine v�llig absurde Wahrnehmung -, da� die Hexe den Duft exotischer Kr�uter verstr�mte. Berenike hob eine Hand und schwenkte sie wie einen F�cher vor Kriemhilds Gesicht hin und her.</p><p>�Du sollst noch etwas �ber die beiden Adler erfahren�, fl�sterte sie sanft, und im -</p><p>- <emphasis>selben Moment l�sten sich Berenike und ihr Turmzimmer vor Kriemhilds Augen in Luft auf. Vor sich sah sie einen weiten blauen Himmel. Davor schwebten die beiden wei�en Adler aus ihren Tr�umen, prachtvolle Tiere, und doch umgab sie eine Aura der Gefahr. Etwas Bedrohliches, ja Teuflisches ging von ihnen aus. Pl�tzlich schienen sie Kriemhild zu entdecken, denn aus ihrem majest�tischen Schweben wurde ein steiler Sturzflug in die Tiefe - genau auf sie zu!</emphasis></p><p><emphasis>Doch statt ihrer selbst stand pl�tzlich ein anderer unter der strahlenden Himmelskuppel. Eine Gestalt in bronzefarbener R�stung, die ihr bekannt vorkam, ohne da� sie sich in ihrem Traum zu erinnern vermochte, woher. Die einzelnen Teile des R�stzeugs waren mit feinen Ziselierungen geschm�ckt. �ber den Schultern der Gestalt lag ein weiter Umhang aus violettem Stoff, der aus sich selbst heraus zu leuchten schien wie Gewitterwolken �ber einem n�chtlichen Horizont. Ein reichverzierter, geh�rnter Helm verdeckte das Gesicht des Ritters; darauf flatterte ein scharlachroter Schweif in den eisigen Winden, die als Vorhut der Adler vom Himmel wehten.</emphasis></p><p><emphasis>Die Raubv�gel st�rzten sich auf den Ritter, ohne Warnung, ohne ersichtlichen Grund. Er erwehrte sich ihrer mit einem langen Spie�, und obgleich sie ihn heftig von zwei Seiten attackierten, gelang es ihm schnell, dem ersten eine tiefe Wunde zu versetzen. Sterbend trudelte das Tier davon, bis es g�nzlich im unendlichen Blau verschwunden war.</emphasis></p><p><emphasis>Der zweite Adler aber k�mpfte um so heftiger, als er die Niederlage seines Gef�hrten erkannte. Mit fingerlangen Krallen schlug er nach dem Ritter, zerfetzte den Umhang und hackte mit seinem Schnabel nach den Augenschlitzen des Helms. Immer wilder wurde der Kampf, immer boshafter die Angriffe des Adlers, der mal von oben, mal von hinten attackierte.</emphasis></p><p><emphasis>Schlie�lich aber, als der Vogel eine enge Schleife flog, um erneut aus einem t�ckischen Winkel herabzust�rzen, schleuderte der Ritter den Spie� mit aller Kraft hinauf in die L�fte. Die Spitze drang in die Brust des Adlers, und dunkles Blut f�rbte das wei�e Gefieder, spr�hte vom Himmel herab wie roter Regen. Ein letztes Mal schlugen die weiten Schwingen, dann fiel das Tier in die Tiefe, ein heller Stern, der sich vom Himmelszelt l�ste und auf immer verlorenging.</emphasis></p><p><emphasis>Der Ritter stand starr vor den blauen Sph�ren, ein ehrfurcht-gebietender Anblick, trotz des zerrissenen Umhangs und der Blutspuren auf seiner Br�nne. Langsam legte er beide H�nde an den Helm und zog ihn vom Kopf.</emphasis></p><p><emphasis>Und im Traum schl�pfte Kriemhild in den K�rper des K�mpfers, denn es war ihr eigenes Gesicht, das unter dem Helm zum Vorschein kam. Ihr langes blondes Haar wehte wie ein zweiter Umhang �ber ihre Schultern, und ihre Z�ge waren anmutig und glatt, trotz des heftigen Ringens.</emphasis></p><p><emphasis>In ihren Augen aber stand blanker Ha�, der Ha� einer im Kampf Unterlegenen, die ihren Feinden die ewige Verdammnis w�nschte.</emphasis></p><p>�Aber ich habe die Adler doch besiegt!� rief Kriemhild aus und begriff zugleich, da� sie sich noch immer in Berenikes Turmzimmer befand. Sie kniete vor dem Thron der Hexe, nicht dem�tig, sondern schlichtweg ersch�pft von den Strapazen der Vision. Jetzt, zur�ck in der Wirklichkeit, erkannte sie sofort, da� es Prinz Etzels R�stung gewesen war, die sie beim Kampf mit den Adlern getragen hatte.</p><p>Sie �ffnete den Mund, um all ihre Fragen hervorsprudeln zu lassen, doch Berenike war schneller und verschlo� Kriemhilds Lippen mit einem Zeigefinger. �Psst�, machte sie z�rtlich. �Ich kenne keine der Antworten, die du zu wissen begehrst, keine einzige. Nicht ich habe die Bilder geschaffen, die du gesehen hast. Sie waren in dir, Prinzessin, tief in deinem Inneren begraben. Noch sind sie nur Mosaiksteine eines Traums, aber manchmal ist ein Traum die Saat dessen, was geschehen wird. Ich habe die Bilder hervorgeholt, habe sie geweckt, wenn du so willst, doch deuten kann ich sie nicht.�</p><p>�Aber -�</p><p>�Nein, Kriemhild.� Berenike lehnte sich wieder zur�ck und schlo� die Augen. �La� mich jetzt allein. Ich bin m�de. Und ich will bereit sein, wenn die G�tter Einla� begehren.�</p><p>Es war wie ein Blitzschlag, ebenso pl�tzlich, ebenso hei�: Kriemhild verlor die Beherrschung, derart unerwartet, da� ihr nicht einmal die Zeit blieb, sich �ber sich selbst zu wundern. Mit einem Aufschrei lie� sie beide H�nde vorschie�en, packte Berenike an den d�rren Schultern und sch�ttelte sie, da� ihre Gew�nder raschelten wie ein Reisigb�ndel.</p><p>�Sag mir die Wahrheit!� schrie sie die Alte an. �Sag mir, verflucht noch mal, die Wahrheit!�</p><p>Hinter ihr flog mit einem Poltern die Kammert�r auf. Kriemhild bemerkte es kaum; sie hielt die Hexe weiterhin gepackt wie eine Puppe, und schon griff sie mit einer Hand nach dem faltigen Hals, besessen von dem Wunsch, ihn zu zerquetschen.</p><p>Jemand legte ihr eine Hand auf die Schulter, doch sie schenkte ihm keine Beachtung. �Die Wahrheit!� br�llte sie au�er sich und starrte die Hexe an.</p><p>Der Druck auf ihre Schulter wurde st�rker, und ehe Kriemhild sich versah, wurde sie von Berenike fortgerissen und herumgewirbelt. Etzel blickte sie d�ster an, als suchte er in ihren Augen nach einem Weg, sie wieder zu sich zu bringen. Er holte aus, um ihr eine Ohrfeige zu verpassen. Im selben Moment aber kam Kriemhild zur Besinnung. Sie versuchte, sich aus Etzels Griff zu winden, doch die H�nde des Hunnenprinzen waren stark wie Eisenzwingen.</p><p>�Sie hat dir die Wahrheit gesagt!� sagte er scharf. �Es stimmt mit allem �berein, was unsere Weisen vorausgesehen haben.�</p><p>�Eure Weisen?� Kriemhild stie� ein hysterisches Lachen aus. �Was kommt noch? Hexen, Seher - als n�chstes vielleicht ein paar christliche Priester? Herrgott, glaubt denn jeder hier an das, was diese Alte faselt? Seht Ihr denn nicht, da� es nur Euer Glaube ist, der diese Dinge geschehen l��t?�</p><p>�Denkt Ihr, das w��te ich nicht?� zischte er und zerrte sie mit sich zur T�r.</p><p>�Dann tut etwas dagegen, verdammt!�</p><p>Sie stolperten hinaus, und Etzel schlug die Kammert�r zu, ohne den Schl�ssel herumzudrehen. W�hrend er Kriemhild die Stufen hinabdr�ngte, war sein Blick gleichbleibend finster, als verzehre ihn eine Wut, auf die er l�ngst keinen Einflu� mehr hatte.</p><p>�Man kann einen Glauben nicht ablegen wie ein zerrissenes Hemd, Prinzessin.� Er war so aufgebracht, da� sie einen Augenblick lang glaubte, er w�rde sie doch noch t�ten. �Wahrer Glaube unterscheidet sich nicht von Wissen, und was ich wei�, kann ich nicht verleugnen.�</p><p>Tr�nen str�mten �ber Kriemhilds Wangen, aber sie achtete nicht darauf, w�hrend sie r�ckw�rts vor ihm die Treppe hinabstolperte. �Es mu� doch einen Weg geben!�</p><p>Etzel aber sch�ttelte nur den Kopf. �Wir selbst sind es, die die Vernichtung �ber uns bringen. Versteht Ihr das nicht? Es ist <emphasis>unser </emphasis>Glaube, <emphasis>unser </emphasis>Wissen.� Pl�tzlich blieb er stehen, setzte sich auf die Stufen und vergrub das Gesicht in den H�nden. �Unsere eigene �berzeugung wird uns t�ten, und es gibt nichts, was wir dagegen tun k�nnten.�</p><p>Kriemhild fiel vor ihm auf die Knie, nur eine Stufe tiefer. �Aber das ist nicht wahr! Ihr selbst toleriert, was geschieht. Es ist Euer Priester, der das Feueropfer vollzieht, und damit den Glauben vervielfacht an das, was kommen wird. Ihr habt es ihm erlaubt, Etzel! Und nur Ihr k�nnt es noch verhindern. Es w�re ein erster Schritt, diesem Wahnsinn entgegenzutreten.�</p><p>Er hob das Gesicht und sah ihr in die Augen. Sein Blick war m�de, sein Haar zerzaust. �Merkt Ihr es denn nicht, Prinzessin? Merkt Ihr nicht, da� auch Ihr selbst l�ngst daran glaubt?�</p><p>Und da erst begann Kriemhild vollends zu begreifen, was Berenike ihr angetan hatte.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Der Weidenmann brannte lichterloh, und l�ngst waren die Schreie in seinem Inneren verstummt. Schwarzer, fettiger Qualm stieg als breite S�ule zum Himmel empor, und selbst die beiden Raben, die seit einer Weile �ber der Festung schwebten, mieden die N�he der stinkenden Schwaden. Der Geruch von verbranntem Fleisch hing zwischen den Mauern und w�rde wohl erst vom n�chsten Regen wieder fortgesp�lt werden. Zugleich ging ein feiner Ascheschauer auf D�cher und Durchg�nge nieder, legte sich �ber das Metall der R�stungen und Waffen.</p><p>Der Hunnenpriester stand wie versteinert vor dem lodernden G�tzen, w�hrend die Krieger im Hintergrund unruhig von einem Fu� auf den anderen traten, miteinander fl�sterten oder sich g�nzlich von dem grausigen Schauspiel abwandten.</p><p>Jorin vermochte von seinem Versteck auf den Zinnen aus nicht in den Gesichtern der M�nner zu lesen - ohnehin kamen ihre fremdl�ndischen Z�ge ihm wie teuflische Masken vor -, aber das Raunen aus der Menge verriet ihm deutlich, da� nicht jeder der Hunnen mit dem Opfer einverstanden war. Bevor Hagen den Jungen in dem Versteck zur�ckgelassen und sich allein auf den Weg ins Innere der Festung gemacht hatte, hatte Jorin den Krieger auf seine Beobachtung angesprochen; doch Hagen hatte nur den Kopf gesch�ttelt und gefl�stert, da� die Barbaren wohl entt�uscht waren, da� der Priester ihnen verboten hatte, ihren Spa� mit den kreischenden Weibern zu haben.</p><p>Hagen war schon eine ganze Weile fort, und Jorin kam sich sehr hilflos vor. Dabei schien sein Versteck verh�ltnism��ig sicher zu sein: Er kauerte hinter einigen Kisten, oben auf den n�rdlichen Zinnen, und durch die Zwischenr�ume konnte er hinab in den Hof und auf den brennenden Weidenmann blicken. Er und Hagen hatten die Festung �ber eine Sturmleiter betreten, die die Hunnen bei ihrem Angriff an der Ostmauer angelegt hatten. Bis jetzt hatte niemand es f�r n�tig gehalten, sie zu entfernen.</p><p>�Warte hier, bis ich dich abhole�, hatte Hagen gesagt, ehe er davongeschlichen war, verdeckt vom Rauch des Scheiterhaufens.</p><p>Und so sa� Jorin nun da, zitterte am ganzen Leib und versuchte, auf andere Gedanken zu kommen. Doch immer wieder stieg die alte Furcht in ihm auf, jene Panik, die er empfunden hatte, als sie zwischen den Felsschollen des Hochwegs n�her an die Burg herangeschlichen waren, durch ein Gewirr von Spalten und Rissen, manche fast zwei Schritte breit. Ein falsch gesetzter Fu�, eine vorschnelle Bewegung, und sie w�ren in die Tiefe gest�rzt, hinab in das strudelnde Nebelmeer. Viel schlimmer aber war die Kletterpartie rund um die Burg gewesen, auf einem schmalen Sims zwischen Felsen und Mauer. Einmal war Jorin auf loses Ger�ll getreten und w�re abgest�rzt, h�tte Hagen ihn nicht im letzten Moment am Arm gepackt. Damit verdankte er dem Krieger bereits zum zweiten Mal sein Leben.</p><p>Jorin sch�ttelte sich bei der Erinnerung an den Weg zur Festung. Als er seine Sinne wieder beisammen hatte, erkannte er, da� unten im Hof etwas Neues vor sich ging.</p><p>Das Gitterwerk des Weidenmannes war l�ngst zusammengest�rzt. Der Priester l�ste seinen Blick von den Flammen, um sich den Kriegern zuzuwenden. Gerade wollte er zu weihevollen Worten ansetzen, als die M�nner in Unruhe gerieten. Zwei von ihnen traten vor und zerrten eine schmale Gestalt mit sich, die aus einer Wunde am Kopf blutete.</p><p>Jodokus, Anblick grub sich wie ein Eisenstachel in Jorins Herz. Hilflos mu�te der Junge mitansehen, wie der Priester ein paar kurze Worte mit den Bewachern des S�ngers wechselte, dann deutete er unmi�verst�ndlich auf das Feuer in seinem R�cken.</p><p>Unger�hrt verfolgte der Priester, wie die beiden Krieger Jodokus zum Scheiterhaufen zerrten. Die Flammen spiegelten sich im Blick des Hunnen, und selbst f�r Jorin oben auf den Zinnen sah es aus, als h�tten seine Aug�pfel Feuer gefangen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Lange sa�en Kriemhild und Etzel auf den Stufen des Nordturms und sagten kein Wort, versunken in sorgenvollen Gedanken. Schlie�lich aber gab der Prinz sich einen Ruck und stand auf.</p><p>�Ich mu� zur�ck zu meinen M�nnern�, meinte er und reichte Kriemhild die Hand.</p><p>Sie beachtete die Geste nicht und erhob sich ohne seine Hilfe. Der Gestank des brennenden Weidenmannes zog durch den Turm wie durch einen Kaminschacht, sammelte sich im oberen Teil und wurde mit jedem Atemzug unertr�glicher. Aber Kriemhild wu�te auch, da� der Odem der brennenden Frauen sie in jeden Winkel der Festung verfolgen w�rde und da� es keinen Zweck hatte, davor davonzulaufen.</p><p>Sie gab Etzel ebenso wie Berenike die Schuld am Tod der Hexensch�lerinnen. Aber hatte er �berhaupt eine andere Wahl gehabt? Der Priester und die �brigen Krieger verlangten vom Sohn ihres Herrschers, da� er sich unerbittlich zeigte. Doch allein die Tatsache, da� Etzel dem grauenvollen Ritual nicht beigewohnt hatte, verriet deutlich, da� es mit seiner Unerbittlichkeit nicht allzuweit her war. Etzel war kaum �lter als Kriemhild, und sie fragte sich, wie sie selbst an seiner Stelle gehandelt h�tte. Sie gab solche Gedankeng�nge auf, als ihr klar wurde, da� sie sich nie, <emphasis>niemals </emphasis>in einen Hunnen w�rde hineindenken k�nnen.</p><p>�Gestattet mir eine Frage�, bat er, als er hinter ihr die Stufen hinabstieg.</p><p>Sie gab keine Antwort, deshalb fuhr er fort: �Seid Ihr bereits einem Br�utigam versprochen?�</p><p>Sie versuchte, ihr Lachen so kalt wie m�glich klingen zu lassen. �Macht Ihr Euch Hoffnungen?�</p><p>�Oh, gewi� nicht�, sagte er schnell, �zu Hause wartet bereits eine Braut auf mich.�</p><p>�Wie ist ihr Name?�</p><p>�Helche. Sie ist die Tochter eines F�rsten und mir seit ihrer Geburt versprochen.�</p><p>�Wie r�hrend.�</p><p>�Nicht im geringsten. Ich habe sie noch kein einziges Mal zu Gesicht bekommen.�</p><p>Kriemhild seufzte, und f�r einen winzigen Moment schienen sie sich beide an einem Ort au�erhalb jeder Gefahr zu befinden, wo sie nichts anderes waren als zwei K�nigskinder, die �ber Dinge sprachen, die nur f�r Menschen ihres Standes Bedeutung hatten. �Einst hatte mein Vater �hnliche Pl�ne mit mir�, sagte sie. �Doch als er starb, hob mein Bruder die alten Versprechungen auf und gew�hrte mir das Recht, an der Entscheidung teilzuhaben.� Sie z�gerte einen Moment, ehe sie abrupt das Thema wechselte. �Sagt, warum habt Ihr eigentlich die Festung nicht l�ngst verlassen?�</p><p>�Der Priester hat darauf bestanden, das Ritual zu vollziehen.�</p><p>�Und Ihr opfert ohne weiteres Euer eigenes Leben f�r den Starrsinn eines anderen?�</p><p>�Noch besteht die M�glichkeit, da� das Ritual die G�tter bes�nftigt.�</p><p>Kriemhild verzog abf�llig das Gesicht, erwiderte aber nichts. Sie durchschaute Etzels wahre Beweggr�nde: Wenn er mit ihr als Geisel heimkehrte, dazu mit dem Bericht des Priesters, da� der Prinz eine heraufziehende G�tterd�mmerung abgewendet hatte, war Etzels Thronfolge nicht l�nger nur eine Frage der Abstammung. Man w�rde seine Taten im ganzen Hunnenreich besingen.</p><p>Ein markersch�tternder Schrei ri� sie aus ihren Gedanken.</p><p>�Das kam vom Hof!� Etzel dr�ngte von hinten gegen sie. Kriemhild mu�te die letzten Stufen mit weiten S�tzen hinabspringen, um nicht unter seinem Anprall zu stolpern. Im Erdgescho� stie� er sie grob beiseite und st�rmte hinaus ins Freie. Kriemhild folgte ihm ohne Groll. Sie rannten durch eine schmale Gasse zwischen zwei H�usern und erreichten den freien Platz im Norden der Festung.</p><p>Der Weidenmann war bis auf das Pflaster heruntergebrannt. Die Flammen schlugen immer noch mannshoch aus der Asche, doch es war abzusehen, da� sie bald verl�schen w�rden. Im Gewirr der �berreste des G�tzen waren die verbrannten Leichen der Frauen nicht mehr zu erkennen; unm�glich zu sagen, was Zweige und was verkohlte Knochen waren.</p><p>Vor dem Feuer standen zwei Hunnen und hielten eine Gestalt, die sich verzweifelt zur Wehr setzte. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte Kriemhild Jodokus. Die Hunnen machten Anstalten, ihn ins Feuer zu sto�en!</p><p>Sie schrie wutentbrannt auf und wollte vorst�rzen, doch Etzel packte sie am Arm und ri� sie zur�ck.</p><p>�La�t mich los!� br�llte sie ihn an und schlug mit den Faust auf ihn ein.</p><p>Etzel aber beachtete sie kaum. Er sah auch nicht zu Jodokus hin�ber. Statt dessen war sein Blick hinauf zu den Zinnen gerichtet. Dort stand, unweit einer Reihe von Kisten und F�ssern, ein Hunnenkrieger und st�tzte sich mit beiden H�nden auf die Mauer. Er hatten ihnen allen den R�cken zugewandt und schaute �ber die Zinnen hinweg ins Tal. Dabei r�hrte er sich nicht, als sei er vor Entsetzen zu Stein erstarrt.</p><p>Da erst begriff Kriemhild, da� es nicht Jodokus gewesen war, der den furchtbaren Schrei ausgesto�en hatte.</p><p>Etzel rief etwas in der Sprache des Hunnenvolkes zu dem Mann hinauf. Der Krieger antwortete nicht. Erst als auch der Priester die Stimme erhob, wandte der Mann sich langsam um. Selbst gegen den hellblauen Himmel war deutlich zu erkennen, wie bleich er geworden war. Seine Augen waren weit aufgerissen. Stockend rief er einige Worte in den Hof hinunter, und sogleich ging ein aufgeregtes Raunen durch die Reihen der Hunnenk�mpfer. Die beiden, die Jodokus festhielten, r�hrten sich nicht; in der Aufregung hatte ihr Auftrag an Bedeutung verloren.</p><p>Etzel nahm sich nicht die Zeit, Kriemhild irgend etwas zu erkl�ren. Er lie� sie los und st�rmte auf die n�chstgelegene Treppe zu, die hinauf zum Wehrgang f�hrte. Kriemhild wollte ihm folgen, doch mehrere Krieger verstellten ihr den Weg. Etzel rief ihnen, ohne sich umzudrehen einen Befehl zu, so da� sie eilig zur�cktraten. Sogleich sprang Kriemhild hinter dem Prinzen die Stufen hinauf. Einige Hunnen wollten den beiden folgen, doch der Priester hielt sie mit keifenden Rufen zur�ck. Was immer der W�chter auf den Zinnen entdeckt hatte, es lie� den Priester um seine Autorit�t f�rchten.</p><p>Kriemhild holte Etzel noch auf der Treppe ein. Gemeinsam traten sie an die Zinnen und blickten in die Richtung, in die der W�chter gedeutet hatte.</p><p>Der Anblick war entt�uschend und beruhigend zugleich. Vor ihnen wogte das wei�e Nebelmeer und deckte das Tal mit seinen Schwaden vollkommen zu. Erst nach einigen Herzschl�gen fiel Kriemhild auf, da� die Tannen und Fichtenwipfel, die noch bei ihrer Ankunft an einigen Stellen aus dem Dunst geschaut hatten, verschwunden waren. Ein Blick an der Burgmauer hinab best�tigte, ihr da� sich der Nebel gehoben hatte, um mindestens vier oder f�nf Mannsl�ngen. Die Klippe, auf der Berenikes Hort ruhte, war bereits im Nebel versunken wie ein leckgeschlagenes Schiff, und nun griffen die Dunstarme auch nach den Granitmauern.</p><p>Etzel fuhr den W�chter gereizt in seiner Sprache an, und der Mann erwiderte etwas.</p><p>�Was hat er gesehen?� fragte Kriemhild. Ihr Herz raste vor Aufregung und b�sen Vorahnungen.</p><p>Etzels Blick schweifte �ber den Dunst, bis hin�ber zu den dunkelblauen Silhouetten der Bergkuppen. �Er sagt, da war etwas im Nebel. Irgend etwas Gro�es. Er meint, es sei wie ein Flu�otter kurz an der Oberfl�che entlanggeglitten und dann sofort wieder verschwunden.�</p><p>Kriemhild sch�ttelte verst�ndnislos den Kopf. �Aber da unten ist kein See, nur Wald.�</p><p>�Das wei� ich�, sagte der Prinz gereizt. �Als meine Leute und ich durchs Tal ritten, war der Nebel noch nicht da. Nur ein Wald wie jeder andere. Aber vielleicht sind wir ein wenig zu schnell davon ausgegangen, da� alles G�ttliche von <emphasis>oben </emphasis>kommt.�</p><p>�Es ist der Nebel!� rief da Jodokus �ber das Prasseln der Flammen hinweg. �Der verdammte Nebel!�</p><p>Kriemhild sah zu ihm hinunter, aber ihre Blicke kreuzten sich nicht. Jodokus starrte gebannt in die Flammen, selbst jetzt noch, w�hrend sich alle Augen auf ihn richteten.</p><p>Der Priester begann erneut, Befehle zu kreischen, und schon schleppten die beiden W�chter Jodokus n�her an die Flammen. Doch da br�llte Etzel lautstark etwas �ber den L�rm hinweg, und sofort wandten sich die beiden Krieger mit ihrem Gefangenen vom Feuer ab und zerrten ihn die Stufen zum Wehrgang hinauf.</p><p>Kriemhild fiel Jodokus um den Hals, und Etzel gab Befehl, ihn loszulassen. Die beiden Hunnen l�sten ihren Griff, blieben aber unmittelbar hinter dem S�nger stehen.</p><p>Jodokus l�chelte schief und erwiderte Kriemhilds Umarmung.</p><p>�Wo ist der Met?� fuhr Etzel ihn an.</p><p>Die beiden l�sten sich voneinander. �Welcher Met?� fragte Jodokus trotzig, doch Kriemhild schenkte ihm einen drohenden Blick und sagte nur: �Der Buckel.� Sogleich wurde der S�nger erneut von einem seiner Bewacher gepackt, w�hrend der andere Jodokus� Wams hochri� und den Weinschlauch entbl��t. Nach zwei, drei schnellen Schnitten mit dem Dolch lag der Schlauch in der Hand des Hunnen.</p><p>Jodokus protestierte emp�rt: �Er geh�rt mir! Gib ihn zur�ck!� Doch seine Gegenwehr blieb vergebens. Gegen die Kraft des Hunnen war er machtlos.</p><p>�Jodokus�, sagte Kriemhild beruhigend, doch er beachtete sie gar nicht, sondern hatte nur Augen f�r den Weinschlauch, der jetzt an Etzel gereicht wurde.</p><p>�Jodokus!� rief sie noch einmal, diesmal sch�rfer, und jetzt traf sie sein vorwurfsvoller Blick. Sie aber lie� den S�nger gar nicht erst zu Wort kommen. �Wir werden sterben, wenn du dich nicht davon trennst.�</p><p>�Als ob das einen Unterschied macht�, gab er zornig zur�ck, aber er schien sich mit der Niederlage abzufinden.</p><p>Kriemhild wunderte sich �ber sich selbst, als sie sich vorbeugte und ihm einen Ku� auf die Wange hauchte. �Danke�, fl�sterte sie leise.</p><p>Etzel hatte den Schlauch derweil entkorkt und hielt die �ffnung vorsichtig unter die Nase. �Es ist tats�chlich Met, ganz eindeutig.�</p><p>�Was habt Ihr erwartet?� fragte Jodokus h�hnisch, aber er klang nicht mehr ganz so angriffslustig wie zuvor. Er starrte nur Kriemhild an, die ihm ein knappes L�cheln schenkte.</p><p>Der Hunnenprinz wirkte unschl�ssig, was er mit dem Met tun sollte. Berenike mu�te ihm alles dar�ber erz�hlt haben, doch jetzt, wo er den Schlauch in H�nden hielt, zweifelte er pl�tzlich.</p><p>�Werft ihn in den Nebel�, schlug Kriemhild vor.</p><p>Etzel verharrte einen Augenblick lang, dann nickte er nachdenklich. �Das wird wohl das beste sein.�</p><p>�Nein!� rief Jodokus. �Ich habe zu lange -�</p><p>Kriemhild fiel ihm barsch ins Wort. �Du hast einen ganzen Landstrich damit entv�lkert!�</p><p>Jodokus mu�te die Wahrheit zumindest ahnen, denn er verstummte schlagartig und versuchte kein weiteres Mal, den Met zur�ckzuerlangen.</p><p>Etzel pre�te den Korken tief in die �ffnung des Weinschlauches, packte ihn dann an seinem schmalen Ende, holte aus und schleuderte ihn weit �ber die Zinnen hinaus. Es ert�nte kein Donnern und keine g�ttliche Stimme; kein Blitz fuhr zur Erde, und kein Schlund tat sich im Nebel auf. Statt dessen sauste der Schlauch nur in weitem Bogen in die Tiefe und wurde vom Dunst verschluckt.</p><p>Einen Augenblick lang herrschte Stille. Niemand sprach ein Wort. Sogar das Feuer im Hof knisterte kaum mehr, allm�hlich erloschen die Flammen.</p><p>Etzel und Kriemhild wechselten einen unsicheren Blick. Sie wu�te, da� er dasselbe dachte wie sie selbst: Hat es gewirkt? Kann das wirklich schon alles gewesen sein?</p><p>Die Antwort gab ihnen der Nebel, denn er schien pl�tzlich schneller zu steigen. Schnell genug, um der Bewegung mit blo�em Auge folgen zu k�nnen.</p><p>�Es h�rt nicht auf�, fl�sterte Etzel beklommen.</p><p>Kriemhild war pl�tzlich sehr kalt. Wieder wurde ihr bewu�t, da� sie l�ngst jedes einzelne von Berenikes Worten f�r bare M�nze nahm. Ihr eigener Glaube an Jodokus� G�tter vereinigte sich mit dem der anderen, und gemeinsam machten sie die M�chte dort drau�en mit jedem Atemzug st�rker, zorniger, furchterregender.</p><p>�Es ist das Spiel�, raunte Jodokus kaum verst�ndlich. �Niemand bricht ein Spiel so kurz vor dem Ende ab, egal, was geschieht. Sie dr�ngen auf eine Entscheidung.�</p><p>Keiner widersprach ihm. Nur Etzel fragte: �Was wird geschehen?�</p><p>Jodokus versuchte, die Schultern zu heben, doch der Klammergriff seines Bewachers hielt ihn davon ab. �Ich wei� es nicht�, sagte er matt.</p><p>Kriemhild schaute zur�ck in den Hof. Die Hunnen standen stocksteif, keiner wagte sich zu r�hren. Sogar der Priester blickte starr zu ihnen empor. Seine Lippen bewegten sich im lautlosen Gebet.</p><p>Und noch etwas sah sie. Eine Bewegung am Rand des Platzes, im Schatten eines Geb�udes, jenseits einer Ecke. Sie sah einen Umri�, eine Gestalt. Dann einen Wink.</p><p>�Etzel�, sagte sie und versuchte, gefa�t zu klingen. �Ich mu� mit Euch sprechen. Unter vier Augen.�</p><p>Der Prinz blickte sie fragend an, doch er wirkte nicht mi�trauisch, nur ein wenig erstaunt. Sein Antlitz war leichenbla�, so wie die Gesichter aller anderen auch. Sie w�rden noch eine Weile brauchen, um g�nzlich zu erfassen, was auf sie zukam. Falls ihnen so viel Zeit �berhaupt noch blieb.</p><p>Etzel nickte ihr kurz zu und stieg dann mit ihr die Stufen zum Hof hinunter. Im Vorbeigehen gab er Jodokus� Bewacher Befehl, den S�nger loszulassen. Die beiden anderen, der zweite Wachtposten und jener, der etwas im Nebel gesehen zu haben glaubte, folgten ihnen die Treppe hinab, schlossen sich unten den �brigen M�nnern an. Jodokus blieb mit einem Krieger auf dem Wehrgang zur�ck, und beide blickten jetzt gleicherma�en angstvoll �ber die Zinnen hinweg in den aufsteigenden Nebel.</p><p>Der Priester wollte Kriemhild und Etzel folgen, doch der Prinz gab ihm mit einer Geste zu verstehen, da� er mit Kriemhild allein sein wollte. In die Hunnenkrieger kam derweil Bewegung, als mehrere von ihnen nach ihren Waffen griffen. Sie begannen, sich um den Priester zu scharen, so da� dieser den Prinz und die Prinzessin schnell aus den Augen verlor.</p><p>Nach wenigen Schritten blieb Kriemhild im Schatten stehen.</p><p>�Was denkt Ihr�, fragte sie, �wie hoch ist wohl das L�segeld f�r das Kind eines K�nigs.�</p><p>Er sch�ttelte ver�rgert den Kopf. �Verge�t das L�segeld. Ich glaube, wir haben andere Sorgen als den Wert Eures Kopfes.�</p><p>�Ihr mi�versteht mich�, entgegnete sie mit schmalem L�cheln, �es geht nicht um <emphasis>meinen </emphasis>Kopf.�</p><p>Hagen l�ste sich aus seinem Versteck jenseits der Hauskehre, ein blitzschneller Schemen, der lautlos heranscho�, eine behandschuhte Pranke von hinten auf den Mund des Prinzen pre�te und den anderen Arm um seine Brust legte. Nur Herzschl�ge sp�ter waren beide hinter dem Geb�ude verschwunden. Kriemhild blickte sich sichernd zum Hof hin um, dann eilte sie hinterher.</p><p>Als sie um die Ecke bog, war Etzel bereits ohne Bewu�tsein.</p><p>�Ist er -�</p><p>�Nein�, entgegnete Hagen im Fl�sterton, �nat�rlich nicht.�</p><p>Kriemhild �berspielte ihre Erleichterung und fragte leise: �Ich nehme an, du hast einen Plan.�</p><p>�Der Nebel zieht bereits �ber den Hochweg. Wir m�ssen uns beeilen, wenn wir noch rechtzeitig von hier verschwinden wollen.�</p><p>�Wo ist der Junge?�</p><p>Er sch�ttelte finster den Kopf. �Vergi� den Jungen. Wir m�ssen dein Leben retten.�</p><p>Sie sah ihn entgeistert an. �Das ist doch nicht dein Ernst, oder?�</p><p>�Der Junge ist nicht mehr wichtig. Es ist zu sp�t.�</p><p>Kriemhild stand fassungslos da und bebte vor Wut. �Du hast dieses Kind nur mitgenommen, um es an meiner Stelle zu opfern! So ist es doch, nicht wahr? Du wolltest mich befreien, warst aber nicht sicher, ob Berenike mit ihrer Prophezeiung nicht doch recht hatte. Dein Plan war, statt meiner den kleinen Jorin zu t�ten!�</p><p>Hagens Blick verriet keine Spur von Scham oder Reue. �Wenn du weiter so herumschreist, werden sie uns entdecken.�</p><p>�Das macht wohl kaum noch einen Unterschied!�</p><p>�Wir m�ssen zum Tor�, sagte er eindringlich. �Noch k�nnen wir die Burg �ber den Hochweg verlassen. Wenn er erst v�llig im Nebel untergegangen ist, dann -�</p><p>�Nicht ohne Jorin!� sagte sie fest. �Und nicht ohne Jodokus!�</p><p>�Du willst den S�nger mitnehmen? Du hast ja den Verstand verloren!� Hagen hielt immer noch den bewu�tlosen Etzel im Arm; Kriemhild kannte ihn gut genug, um zu wissen, da� er sie sonst auch gegen ihren Willen von hier fortgeschleppt h�tte.</p><p>�Wir gehen zur�ck und holen sie�, beharrte sie und f�gte ein wenig unsicherer hinzu: �Irgendwie.�</p><p>�Irgendwie!� Hagen verzog das Gesicht. �Es ist v�llig unm�glich. Jeden Moment werden sie anfangen, nach dir und diesem Prinzen zu suchen. Bis dahin m�ssen wir von hier fort sein.�</p><p>Kriemhild sch�ttelte den Kopf. �Nein.� Sie war sich bewu�t, da� sie vielleicht gerade den gr��ten Fehler ihres Lebens beging. Und den letzten. Sie konnte nicht anders.</p><p>Ohne Hagen weitere Beachtung zu schenken, drehte sie sich um und trat wieder an die Hausecke. Vorsichtig blickte sie um die Kante zur�ck zum Hof. Der Priester wies gerade zwei Krieger an, eine von den Kisten herbeizuholen, die oben auf den Zinnen standen.</p><p>Hagen stand pl�tzlich hinter ihr. Er hatte Etzel am Boden abgelegt.</p><p>�Verflucht!� entfuhr es ihm, als er sah, da� die beiden Krieger sich den Kisten auf dem Wehrgang n�herten.</p><p>�Was ist?� fragte Kriemhild.</p><p>�Der Junge! Er versteckt sich hinter den Kisten.�</p><p>Kriemhild blickte alarmiert hinauf zu den Zinnen. Die beiden Krieger beugten sich vor und hoben gemeinsam eine der Kisten vom Boden. Dahinter war nichts als leere Mauer. Kriemhild atmete auf. Eilig trugen die M�nner ihre Last die Stufen hinunter und luden sie vor der Feuerstelle auf dem Pflaster ab. Der Priester verscheuchte sie mit einer Handbewegung und stieg auf den Kistendeckel. Zufrieden mit seiner erh�hten Position blickte er ernst auf die M�nner herab, die sich im Halbkreis um ihn versammelten.</p><p>Auch der einzelne Krieger, der mit Jodokus auf den Zinnen zur�ckgeblieben war, trat an die innere Kante des Wehrganges und blickte hinab in den Hof. Sein Befehl, den Nebel zu beobachten, war vergessen; wie alle anderen suchte er Trost in den Worten des Priesters.</p><p>Der Mann stand mit dem R�cken zu den verbliebenen Kisten. Abermals f�rchtete Kriemhild, Jorin k�nnte entdeckt werden, und ihr Blick huschte aufgeregt zwischen den Kisten und Jodokus hin und her. Doch der S�nger blickte immer noch �ber die Zinnen hinweg in den Nebel; er schien beinahe darauf zu warten, da� die Prophezeiungen sich endlich bewahrheiteten.</p><p>Hinter den Kisten bewegte sich etwas.</p><p>�Um Gottes willen�, fl�sterte Kriemhild beschw�rend, �bleib unten!�</p><p>Aber Jorin erhob sich noch im selben Augenblick, stieg unbemerkt �ber ein Fa� hinweg, holte mit beiden Armen aus - und rammte dem Krieger an der Kante die F�uste ins Kreuz. V�llig �berrumpelt stie� der Mann ein erstauntes Keuchen aus, seine H�nde wirbelten haltsuchend durch die Luft, dann kippte er vorn�ber. Kreischend st�rzte er in die Tiefe, schlug hart wie ein Stein auf dem Pflaster auf. Reglos blieb er liegen.</p><p>Ein Aufschrei der Emp�rung ging durch die Versammlung der Krieger. Sie alle entdeckten zugleich den kleinen Jungen, der an der Kante stand und unentschlossen auf den K�rper unten im Hof blickte. Jorin schien nicht glauben zu k�nnen, was er gerade getan hatte.</p><p>Auch Jodokus drehte sich um, langsam, wie in Trance. Als er erfa�te, was geschehen war, und sah, da� ein halbes Dutzend Hunnen mit blankgezogenen Schwertern die Treppe heraufst�rmte, beschleunigten sich seine Bewegungen. Blitzschnell schob er Jorin mit dem R�cken an die Zinnen und eilte mit zwei weiten S�tzen zu den Kisten. Eine hob er mit beiden H�nden empor und schleuderte sie den Kriegern auf der Treppe entgegen. Das h�lzerne Gescho� krachte mitten unter sie und brachte die vorderen zu Fall. Br�llend st�rzten sie nach hinten, rissen die �brigen mit sich und taumelten haltlos �ber den Rand der gel�nderlosen Treppe ins Leere. F�nf der sechs M�nner verloren das Gleichgewicht und fielen hinab in den Hof, nur einer prallte der L�nge nach auf die Stufen und brach sich an einer Kante den Unterkiefer. Die anderen waren offenbar mit Prellungen und Schmerzen davongekommen, denn die ersten richteten sich bereits wieder auf und setzten mit ha�erf�llten Mienen zur Verfolgung des S�ngers und des kleinen Jungen an.</p><p>Als sie aber hinauf zum Wehrgang schauten, waren die beiden spurlos verschwunden.</p><p>Der Priester br�llte Befehle, und ein weiterer Teil der Krieger l�ste sich aus der Versammlung und lief am Fu� der Mauer entlang nach Osten.</p><p>Auch Kriemhild hatte gesehen, wie Jodokus und Jorin den Wehrgang entlang in �stliche Richtung gelaufen waren. Augenscheinlich wollten sie die Burg umrunden und an anderer Stelle nach unten steigen, in der Hoffnung, ihren Verfolgern zuvorzukommen.</p><p>Hagen ri� Kriemhild am Oberarm herum. �Wenn sie klug sind, laufen sie zum Tor. Sie k�nnten es schaffen, und wir ebenfalls. Komm schon!� Mit diesen Worten warf er sich den reglosen Etzel �ber die Schulter, als w�ge er trotz seines R�stzeugs nicht mehr als ein junges Rehkitz.</p><p>Kriemhild gab schweren Herzens nach und folgte dem Krieger �ber die Gasse. Als sie im Laufen einen letzten Blick zur�ck zum Hof warf, sah sie, da� der Priester sie entdeckt hatte. Befehle und Stiefelschritte hallten zwischen den Mauern wider, als sich ein ganzer Trupp von Hunnen in Bewegung setzte und die Verfolgung aufnahm.</p><p>�Komm! Schneller!� schrie Hagen ihr �ber die Schulter zu.</p><p>Sie �berholte ihn einen Augenblick sp�ter. Hagen atmete schwer unter der Last des Prinzen, seine Geschwindigkeit war dennoch erheblich; ob sie aber ausreichen w�rde, um eine Horde wildgewordener Hunnen abzusch�tteln, schien unwahrscheinlich. Schon waren die ersten auf f�nfzehn Schritte heran, und ihre Schreie und das Scharren ihrer Sohlen erf�llten den Einschnitt zwischen den H�usern mit ohrenbet�ubendem L�rm.</p><p>Nach der n�chsten Ecke war das Tor vor ihnen zu sehen. Zwischen ihnen und dem Spitzbogenportal lag ein weiterer Hof. Gerade stolperten Jodokus und Jorin eine Treppe hinunter, w�hrend aus einer anderen Richtung Gebr�ll ert�nte. Sowohl auf dem Wehrgang als auch am Fu� der Mauer waren ihnen die Hunnenkrieger dicht auf den Fersen.</p><p>Doch es war nicht der Anblick der bedr�ngten Freunde, der Kriemhild eiskaltes Grauen einfl��te.</p><p>Jenseits des Tores hatte sich die Welt in wei�es Nichts aufgel�st. Der Nebel hatte den Hochweg verschlungen. Durch den offenen Torbogen quollen wabernde Schwaden.</p><p>�Weiter!� rief Hagen unerm�dlich. Etzels K�rper regte sich noch immer nicht, und das mochte einer der Gr�nde sein, weshalb keine Bogensch�tzen auf sie anlegten; Hagen lief genau hinter Kriemhild, und der Prinz auf seiner Schulter war ein hervorragender Schutz vor Pfeilen.</p><p>Sie trafen Jorin und Jodokus am Tor, w�hrend sich hinter ihnen die Verfolger zu einer t�dlichen Meute vereinigten. Jorin war totenbla�, seine Augen weit aufgerissen. Jodokus zog ihn keuchend am Arm hinter sich her. Der Kleine rannte mit all seiner Kraft. Kriemhild ergriff Jorins andere Hand, und gemeinsam gelang es ihnen, den Jungen durch den Torbogen zu ziehen.</p><p>Hinein in den Nebel.</p><p>Es war, als h�tte man sie blitzartig an einen anderen Ort katapultiert. Ein dichter Vorhang trennte sie pl�tzlich von ihren Verfolgern, ein wattiges Etwas, das den L�rm der Hunnen beinah g�nzlich schluckte. Nur ganz dumpf und fern waren noch ihre Schreie, das Rasseln der R�stungen und Klingen und das Getrappel ihrer F��e zu h�ren. Hagen st�rzte als schwarzer Schemen mit dem Prinz auf seinen Schultern hinter Kriemhild und den anderen her, doch jenseits seiner Fersen endete die Welt. Da war nur geisterhaftes Wei�, das Berenikes Hexenhort allm�hlich verzehrte.</p><p>Doch kaum waren sie weitergelaufen - blindlings tiefer in den Nebel, in der verzweifelten Hoffnung, nicht �ber die Kanten des Hochwegs in den Abgrund zu st�rzen -, als ihr Wunschdenken den Gesetzen der Wirklichkeit nachgab: Die Hunnen folgten ihnen unbeirrt, und das, was die Fl�chtenden von ihnen trennte, war nichts als Nebel, der weder vor Klingen noch Pfeilspitzen sch�tzte. Kriemhild konnte die M�nner nicht sehen, zu dicht war der na�kalte Dunst, doch sie h�rte wohl, da� die Krieger immer noch dicht hinter ihnen waren, denn die Ger�usche wurden jetzt wieder lauter, als w�rden die Verfolger sie in den n�chsten Augenblicken einholen.</p><p>Kriemhild sp�rte Jorins Hand k�hl in ihrer eigenen, und sie konnte ihn als vagen Umri� neben sich erkennen. Von Jodokus aber war kaum mehr etwas zu sehen. Sie h�rte seine Schritte, auch sein gehetztes Keuchen, aber er lief verschleiert hinter einer Wand aus Wei�, obwohl er sich kaum drei Schritte links von ihr befand und immer noch Jorins andere Hand hielt. Einmal blickte sie �ber die Schulter zur�ck und sah, da� Hagen allm�hlich langsamer wurde. Er war ganz nahe hinter ihr, und noch sah sie seine verschwommene Form im Dunst. Doch auch er wurde immer st�rker vom Nebel �berlagert. Der ger�stete Etzel auf seinen Schultern machte ihm mit jedem Schritt mehr und mehr zu schaffen; selbst Hagens Kr�fte waren nicht unersch�pflich.</p><p>Auch Kriemhild ging der Atem aus. Da� sie �berhaupt noch laufen konnte, hatte sie allein dem Umstand zu verdanken, da� sich ihre Beine scheinbar verselbst�ndigt hatten. Doch nicht einmal das vermochte dar�ber hinwegzut�uschen, da� dies der Anfang vom Ende war.</p><p>Die Hunnenmeute w�lzte heran, immer n�her und n�her, so unsichtbar wie m�rderisch.</p><p>Die Erkenntnis ihrer Niederlage traf Kriemhild im gleichen Moment, da Jorin pl�tzlich aufschrie. Sie sp�rte, wie ihre Hand zur�ckgerissen wurde, als der Kleine stolperte und zu Boden fiel. Hagen bemerkte es zu sp�t, versuchte noch auszuweichen, und taumelte seinerseits. Mit einem atemlosen Fluch krachte er auf die Knie, w�hrend Etzel von seinen Schultern glitt und mit scheppernder R�stung auf dem Felsboden aufschlug.</p><p>Kriemhild �berlegte nicht lange. Statt weiterzulaufen, fuhr sie herum, beugte sich �ber den bewu�tlosen Prinzen und ri� sein Schwert aus der Scheide. Mit einem Satz sprang sie �ber ihn hinweg, an Hagen vorbei und baute sich mit dem R�cken zu den Gef�hrten vor dem Nebel auf.</p><p>Kommt doch! dachte sie verbissen und blinzelte in die Richtung der Hunnen. Ein kurzer Blick �ber die Schulter zeigte ihr, da� Hagen wieder auf den Beinen war. Statt Etzel aufzuheben, nickte er Kriemhild nur zu, zog seine eigene Klinge und bezog neben ihr Stellung. So beendeten sie ihre Flucht, Seite an Seite, und stellten sich den Feinden zum Kampf.</p><p>�Sie kommen!� schrie Jorin.</p><p>Es dauerte einen Moment, ehe Kriemhild begriff, da� er nicht die Hunnen meinte.</p><p>Es begann zu ihrer Rechten, ein sonderbares Zittern, das den Nebel durchlief wie die Ausl�ufer einer fernen Flutwelle die Gestade eines Ozeans. Es verursachte kein Ger�usch, nicht so wie der Hufschlag, den Kriemhild damals im Hohlweg geh�rt hatte. Dies hier, was immer es war, bestand nur aus Bewegung, aus Kraft, aus monstr�ser Gewalt. Es raste heran wie ein Wirbelsturm, und einen kurzen Augenblick lang glaubte Kriemhild, jenseits der wirbelnden Schwaden etwas zu sehen, irgend etwas Gro�es, so ungemein <emphasis>Gro�es</emphasis>! Dann warf die Nebelwelle sie zur�ck wie ein Orkansto�, das Schwert entglitt ihren verkrampften Fingern, und sie selbst wurde zu Boden geschleudert, mehrere Schritte nach hinten. Neben ihr, so nah, da� Kriemhild sie ganz genau sehen konnte, klaffte die scharfe Kante des Hochwegs, und jenseits davon der hungrige Abgrund. Ein Beben erf�llte die Luft, den Nebel, ihren eigenen Kopf, und sie wu�te, es war hier, ganz nah, direkt vor ihr!</p><p>Und dann verschwand es wieder. Von einem Herzschlag zum n�chsten war es fort.</p><p>Als Kriemhilds Sinne zur�ckkehrten und sie sich wieder auf etwas anderes konzentrieren konnte als auf ihre eigene Panik, da war auch das Schreien ihrer Verfolger verklungen.</p><p>Totengleiche Stille lag �ber dem Hochweg. Die Hunnen verfolgten sie nicht l�nger.</p><p>Etwas scho� aus der Nebelwand auf Kriemhild zu. Sie schrie auf, wollte sich herumwerfen - zu sp�t! Jorins Arme schlossen sich um ihren Oberk�rper, als er sich angstvoll an ihren Hals warf.</p><p>Der Junge! h�mmerte sie sich erleichtert ein. Nur der Junge!</p><p>Sie erwiderte seine Umarmung einen Moment lang, dann stand sie auf. Die Hand des Kleinen hielt sie fest.</p><p>�Hagen?� fragte sie zaghaft ins Leere. �Jodokus? Seid ihr da?�</p><p>�Hier!� knurrte eine Stimme. �Wir m�ssen weiter, bevor es wiederkommt!�</p><p>Und Kriemhild rannte, Jorin dicht an ihrer Seite, den Hochweg entlang nach Westen, zur�ck zum Rand des Tals. Irgendwann ging es pl�tzlich bergauf, und da erkannte sie, da� der Felspfad hinter ihnen lag und sie die Berge erreicht hatten. Gehetzt lief sie mit Jorin den Weg hinauf. Zu beiden Seiten mu�te jetzt Wald sein, v�llig vom Nebel verh�llt.</p><p>Erst ganz allm�hlich, als sie sich der Bergkuppe n�herten, wurden die Schwaden d�nner, um dann v�llig abrupt zu enden. Kriemhild und Jorin liefen noch einige Schritte weiter, dann sanken sie auf dem schmalen Waldweg nieder. Hinter ihnen wurden Schritte laut, und als Kriemhild sich umwandte, sah sie Hagen mit Etzel auf seinen Schultern aus dem Nebel stolpern. Unmittelbar vor ihr brach er zusammen.</p><p>Das Tal lag da wie eine riesenhafte Milchsch�ssel. Die Oberfl�che des Nebels war vollkommen glatt, nur in der Mitte schauten zwei Spitzen hervor, die D�cher der beiden T�rme. Die roten Fahnen hatten aufgeh�rt zu flattern, und auch der Wetterhahn auf dem Nordturm drehte sich nicht mehr. Es war vollkommen windstill.</p><p>�Wo ist Jodokus?� Kriemhild blickte sich alarmiert um. �Hagen, hast du Jodokus gesehen?�</p><p>Das eine Auge des Kriegers blickte sie m�de an. �Ich dachte, er w�re bei dir und dem Jungen.�</p><p>Kriemhild sah in einem Anflug von Panik Jorin an, doch der sch�ttelte nur traurig den Kopf. �Er hat mich losgelassen, als wir alle hinfielen.�</p><p>Mit letzter Kraft taumelte sie auf die F��e und n�herte sich erneut dem Nebel.</p><p>�Nein!� rief Hagen. �Kriemhild, bleib hier!�</p><p>�Ich mu� ihn suchen�, widersprach sie verzweifelt.</p><p>�Wie willst du ihn da drinnen finden?� Hagen deutete �ber den ohnm�chtigen Etzel hinweg ins Tal. �Was immer die Hunnen geholt hat, es ist immer noch irgendwo dort unten.�</p><p>�Aber Jodokus hat -�</p><p>�Seht!� schrie pl�tzlich Jorin und zeigte mit ausgestrecktem Arm �ber den Nebel.</p><p>Kriemhild und Hagen folgten seinem Blick zu den beiden Turmspitzen, die wie die Masten eines gesunkenen Seglers aus dem Dunst hervorstachen. Auf dem Dach des Nordturms regte sich etwas. Eine Luke wurde nach au�en geklappt, eine Gestalt schob sich hinaus auf die schwarzen Ziegel.</p><p>Das Dach war so steil, da� Jodokus M�he hatte, nicht den Halt zu verlieren. Dennoch beugte er sich noch einmal �ber den Rand der Luke und half einer Frau in weiten Gew�ndern ins Freie. Berenikes Bewegungen waren langsam und m�de. Dennoch gelang es ihr, mit Hilfe des S�ngers aufs Dach zu klettern. Gemeinsam schoben sie sich der Spitze entgegen, bis ihre H�nde die Fahnenstange umfa�ten.</p><p>Tr�nen verschleierten Kriemhilds Sicht, und sie mu�te sich mit dem �rmel �ber die Augen reiben, um den Freund ein letztes Mal zu sehen. Viel Zeit blieb ihr nicht, denn der Nebel stieg h�her, hier am Hang und rund um die T�rme. Schon krochen die Dunstr�nder an dunklem Schiefer empor, schon verschwanden die F��e und Beine der beiden einsamen Gestalten in wallenden Schwaden.</p><p>�Jodokus!� schrie Kriemhild �ber das Tal hinweg, und vielleicht h�rte er sie ja, denn er drehte den Kopf und blickte her�ber, und ganz kurz schien es ihr, als h�tte sie trotz der Entfernung ein L�cheln auf seinen Z�gen gesehen. Ein schwaches, trauriges L�cheln.</p><p>Dann schlo� sich der Nebel �ber ihm und der Hexe, und einen Augenblick sp�ter waren auch die Fahnen und der Wetterhahn unter der Oberfl�che verschwunden.</p><p>Hagen stand pl�tzlich neben Kriemhild und nahm sie in den Arm wie ein Vater die Tochter, sehr vorsichtig, sehr zaghaft. Doch statt Liebe war da Treue, und statt Trost empfand sie nichts als Trauer.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Epilog</strong></p></title><empty-line/><p>Die vier Hauptt�rme des Wormser M�nsters ragten fast zwanzig Mannsl�ngen hinauf in den Himmel, und Kriemhild schien es manchmal, als m��ten ihre Spitzen gar die Wolken durchbrechen. Sie stand an einem Fenster im obersten Stockwerk, gleich unterm Dach eines der beiden Ostt�rme, und blickte hinab in den Hof der K�nigsburg. Alles dort unten schien ihr sehr fern, sehr unbedeutend.</p><p>Der m�chtige Dom erhob sich im Zentrum der Burg, und seine h�chsten Fenster �berschauten nicht nur die riesige Festungsanlage mit ihren Wehrmauern, Fachwerkbauten und rotbraunen Giebeln, sondern auch die ganze Stadt, den Rhein und die weiten W�lder im Osten.</p><p>Kriemhild kniff die Augen zusammen und schaute �ber die Wipfel der B�ume hinweg, dorthin, wo das Land in diesigem Blau mit dem Sommerhimmel verschmolz. Irgendwo dort hinten, weit, weit entfernt, lag Salomes Zopf. Sie fragte sich, wie es jetzt, nach Jodokus� Opfergang, wohl dort aussehen mochte, in jenem fernen Tal unter den T�rmen des Hexenhortes.</p><p>Schon fr�her war sie oft hier heraufgestiegen um alleinzusein, doch seit ihrer R�ckkehr vor sieben Tagen tat sie es regelm��ig. Morgens, zur Mittagszeit und noch einmal vor Anbruch der D�mmerung. Sie hielt Ausschau nach zwei wei�en Adlern.</p><p>Unten am Haupttor gerieten einige Stallburschen in Bewegung. Ein Ruf drang von au�en in den Hof, ein zackiges Kommando der Burgwache. Jemand kam, ein Reiter.</p><p>Nachdenklich beobachtete Kriemhild von ihrem Fenster unter den Wolken, wie Hagen von Tronje auf einem braunen Wallach durch den Torbogen ritt. Instinktiv glitt ihr Blick hinauf zu den Zinnen. Auf einer sa�en zwei schwarze Raben und blickten reglos hinab in den Hof.</p><p>Hagens langer Umhang flatterte, als er sich vom Pferd schwang und das Tier in die Obhut der Stallknechte gab. Ein halbes Dutzend Knappen eilte herbei, vorneweg ein kleiner Junge, der neu war im Dienste des K�nigs. Kriemhild erwartete, da� Jorin zu ihr emporblicken w�rde, doch er tat es nicht. Statt dessen war er der erste an Hagens Seite und nahm w�rdevoll den Schwertgurt des Kriegers entgegen. Hagen blickte kurz zu ihm hinunter, doch Kriemhild konnte nicht erkennen, ob er Jorin ein L�cheln schenkte. Es war unwahrscheinlich. Hagen l�chelte nie.</p><p>Eine halbe Tagesreise, bevor die Heimkehrer auf ihrem Weg zur�ck nach Worms den Rhein erreicht hatten, hatte Hagen sich von ihnen getrennt. Er gab keine Erkl�rung, sagte nur Lebewohl und sprengte auf einem der drei Pferde davon, die sie nach dem Verlust von Lavendel und Hagens Streitro� einigen Fl�chtlingen abgekauft hatten. Der Besitzer war froh gewesen, bei der R�ckkehr in sein Heimatdorf einen Beutel klingenden Goldes mitzubringen; ihm und seiner Familie w�rde es die ersten Wochen nach dem Ende der Seuche erleichtern.</p><p>Es kam oft vor, da� Hagen f�r mehrere Tage spurlos verschwand, mindestens einmal in jedem Mond. Es gab viele Ger�chte dar�ber, wohin er ging, und die meisten Menschen bei Hofe waren �berzeugt, er sei einem Frauenzimmer zugetan, in dessen Arme er sich heimlich zur�ckzog. Da� die Vorstellung, der d�stere, gef�hlskalte Hagen unterhalte eine verborgene Liebschaft, so abwegig schien, tat den Ger�chten keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Nicht wenige bewunderten ihn hinter vorgehaltener Hand f�r sein Talent der Verstellung.</p><p>Auch Kriemhild wu�te nicht, wohin der dunkle Recke ging, wu�te auch nicht, was es war, das ihn so oft in die Ferne trieb. An ein verstecktes Liebesnest aber konnte sie am allerwenigsten glauben. Mehr als einmal hatte sie den Ausdruck von Verzweiflung und Trauer in seinen Augen gesehen, wenn er heimgekehrt war, ein verzehrendes Leid, das er durch sein finsteres Auftreten vor allen anderen zu verbergen suchte.</p><p>Was immer die Ursache seines Verschwindens sein mochte, vielleicht war es gut, da� niemand au�er ihm selbst die Wahrheit dar�ber wu�te.</p><p>Jetzt beobachtete Kriemhild, wie er mit wogendem Federkragen im Portal des Hauptgeb�udes verschwand. Erst dann blickte sie wieder zum Himmel empor. Keine Spur von den wei�en Adlern, nur die beiden Raben hockten starr wie Wasserspeier �ber dem Tor.</p><p>Kriemhild dachte an Etzel, und an ihren Streit mit Hagen �ber das Schicksal des Prinzen. Hagen hatte ihn mit nach Worms nehmen wollen, nur deshalb hatte er ihn aus Berenikes Burg gerettet, doch Kriemhild war dagegen gewesen. Als alle Versuche, ihn zu �berzeugen, fehlgeschlagen waren, hatte sie sich auf ihre Stellung als Schwester des K�nigs berufen: Laut und vielleicht eine Spur zu barsch hatte sie Hagen den Befehl gegeben, Etzel laufen zu lassen. Schweigend hatte der Krieger gehorcht.</p><p>So war Etzel nach Osten gezogen, ger�stet und bewaffnet wie ein K�nigssohn und doch auf Schusters Rappen wie ein einfacher Wanderer. Ihr Abschied war f�rmlich gewesen und ohne gro�e W�rme, ganz so, wie es den Kindern verfeindeter Herrschersippen anstand.</p><p>W�hrend die Raben sich von den Zinnen erhoben und langsam hin�ber zum Dach des Thronsaals schwebten, setzte sich Kriemhild rittlings auf den Fenstersims und lie� ein Bein an der Au�enseite baumeln. Der Gedanke an Etzel wurde von ihren Gef�hlen f�r Jodokus �berlagert. Es tat immer noch weh, an ihn zu denken, viel mehr, als sie sich eingestehen wollte.</p><p>Unten im Hof zeigte jemand mit ausgestrecktem Arm zu ihr herauf, und ein sorgenvolles Raunen ging durch das Gewimmel der Bediensteten. Nahmen sie wirklich an, ihre Prinzessin k�nnte in den Tod st�rzen? Kriemhild lachte leise und verscheuchte sie mit einer herrischen Geste. Dabei fiel ihr Blick auf einen Trupp von J�gern, der mit reicher Beute zum Tor hereinritt. Die Gehilfen trugen erlegtes Rotwild und ganze B�ndel toter Hasen und Kaninchen. Ein Falkner ritt an der Spitze, sein Vogel kauerte reglos auf seiner Schulter.</p><p>Behende sprang Kriemhild zur�ck in die Turmkammer und rannte mit wehendem Kleid die Wendeltreppe hinab. Sie w�rde den Falkner bitten, sie seine Kunst zu lehren.</p><p>Und pl�tzlich lief sie schneller, nahm immer zwei, drei Stufen auf einmal.</p><p>Ein guter Tag, dachte sie beschwingt und verga� noch im selben Augenblick, wof�r.</p><empty-line/><p><strong>ENDE </strong></p></section><section><title><p><emphasis>Chronologie</emphasis></p></title><p><strong>Die Nibelungen </strong></p><empty-line/><p>Die gro�e Saga �Die Nibelungen� ist keine Nacherz�hlung des weltber�hmten Nibelungenliedes. Jeder Roman erz�hlt eine neue, aufregende Geschichte um einen Helden des Epos. Gleichwohl lassen sich die Romane in die Chronologie des Liedes einordnen.</p><empty-line/><p><image l:href="#2"/></p><empty-line/><p><emphasis>Chronologie</emphasis></p><p><image l:href="#2"/><strong>Die Flammenfrau </strong></p><p><image l:href="#2"/><strong>Der Rabengott</strong></p><p><image l:href="#2"/> Hagen kommt nach Worms und beginnt seinen Aufstieg zum Berater.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Runenschwert</strong></p><p><image l:href="#2"/> Siegfried t�tet Nibelung und Schilbung. Er stiehlt Alberich die Tarnkappe.</p><p><image l:href="#2"/> Siegfried erschl�gt den Drachen.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Drachenlied</strong></p><p><image l:href="#2"/> K�nig Dankrat von Burgund stirbt. Gunther besteigt den Thron.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Die Hexenk�nigin </strong></p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Nachtvolk </strong></p><p><image l:href="#2"/> Siegfried kommt nach Worms.</p><p><image l:href="#2"/> Die Helden reisen nach Island und k�mpfen um Brunhilds Hand.</p><p><image l:href="#2"/> Siegfried heiratet Kriemhild, Gunther verm�hlt sich mit Brunhild.</p><p><image l:href="#2"/> Hagen t�tet Siegfried und versenkt den Nibelungenhort im Rhein.</p><p><image l:href="#2"/> Kriemhild heiratet den Hunnenk�nig Etzel.</p><p><image l:href="#2"/> Die Burgunden folgen Kriemhilds Einladung zur Hunnenburg.</p><p><image l:href="#2"/> Kriemhild l��t die Burgunden von den Hunnen ermorden.</p></section></body><binary id="cover" 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