<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><genre>antique_myths</genre><author><first-name>Bernhard</first-name><last-name>Hennen</last-name></author><book-title>Der Ketzerf�rst</book-title><annotation><p>Volker von Alzey ist nicht nur ein ber�hmter Barde, sondern auch ein hervorragender Krieger. Als er mit seinem Freund und Gehilfen Golo ins Land der Franken zieht, ahnt er bald, da� er die Laute mit dem Schwert vertauschen mu�. Denn statt dem legend�ren Feuervogel, der ihn zu seiner Geliebten f�hren soll, begegnet er dem grausamen Grafen Ricchar, der mit seinen Kriegern aus Eisen einen Feldzug gegen Burgund plant. Doch Volker eilt ein sonderbarer Mann zur Hilfe; ein Rebellenk�nig, der von allen nur der �Eber� genannt wird. Gemeinsam versuchen sie das Unm�gliche - Ricchar zu besiegen.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Nibelungen" number="8"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-22">22 April 2012</date><id>3368185F-ED19-41B6-B33E-0A47F224BDD4</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>ECON Verlag</publisher><city>D�sseldorf und M�nchen</city><year>1997</year><isbn>ISBN 3-612-27417-1</isbn></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p><strong>Volker der Spielmann und die Suche nach dem Feuervogel</strong></p><empty-line/><p>Einst hat Volker der Spielmann geliebt wie nie zuvor in seinem Leben. Doch die Morrigan, Hohepriesterin im Elfenland, ist verschwunden. Nur der sagenumwobene Feuervogel scheint V�lker zu seiner Geliebten f�hren zu k�nnen. Als ein durchreisender Barde ihm in Worms ein d�steres M�rchen vom Feuerv�gel erz�hlt, l��t Volker sich nicht mehr aufhalten. Zusammen mit seinem getreuen Helfer Golo reitet er ins feindliche Land der Franken. Hier will er das R�tsel um den Feuervogel l�sen - hier aber wartet auch der Ketzerf�rst mit seinen Kriegern aus Eisen, um seinen blutigen Feldzug zu beginnen.</p><empty-line/><p>Volker von Alzey, der Spielmann des Nibelungenliedes, und sein Kampf um einen magischen Vogel. Ein neues gro�es Abenteuer aus der Welt der Nibelungen.</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>ECON Unterhaltung </strong></p><empty-line/><p><strong>Die Nibelungen: </strong></p><p>Kai Meyer, <strong>Der Rabengott</strong> (TB 27410)</p><p>Alexander Nix, <strong>Das Drachenlied</strong> (TB 27411)</p><p>Jana Held, <strong>Die Flammenfrau</strong> (TB 27412)</p><p>Bernhard Hennen, <strong>Das Nachtvolk</strong> (TB 27413)</p><p>J�rg Kastner, <strong>Das Runenschwert</strong> (TB 27414)</p><p>Alexander Nix, <strong>Die Hexenk�nigin</strong> (TB 27415)</p><p>Bernhard Hennen, <strong>Der Ketzerf�rst</strong> (TB 27417)</p><p>Alexander Nix, <strong>Der Zwergenkrieg </strong>(TB 27418)</p><empty-line/><p>Volker von Alzey ist nicht nur ein ber�hmter Barde, sondern auch ein hervorragender Krieger. Als er mit seinem Freund und Gehilfen Golo ins Land der Franken zieht, ahnt er bald, da� er die Laute mit dem Schwert vertauschen mu�. Denn statt dem legend�ren Feuervogel, der ihn zu seiner Geliebten f�hren soll, begegnet er dem grausamen Grafen Ricchar, der mit seinen Kriegern aus Eisen einen Feldzug gegen Burgund plant. Doch Volker eilt ein sonderbarer Mann zur Hilfe; ein Rebellenk�nig, der von allen nur der �Eber� genannt wird. Gemeinsam versuchen sie das Unm�gliche - Ricchar zu besiegen.</p><empty-line/><p>Bernhard Hennen, Jahrgang 1966, studierte Germanistik, Geschichte und Altertumskunde. Er lebt in K�ln und ist freier Schriftsteller und Journalist. Von ihm sind bei ECON erschienen: �Der Fl�tenspieler� (TB 25123) und �Der Tempelmord� sowie aus der Nibelungenserie �Das Nachtvolk� (TB 27413).</p><empty-line/><p><strong>Bernhard Hennen </strong></p><empty-line/><p><strong>Der Ketzerf�rst </strong></p><empty-line/><p>Roman</p><empty-line/><p>Der Romanzyklus �Die Nibelungen� entstand nach einer Idee von Kai Meyer</p><empty-line/><p>Konzeption: Kai Meyer/Reinhard Rohn</p><empty-line/><p><strong>ECON Taschenbuch Verlag </strong></p><empty-line/><p>Ver�ffentlicht im ECON Taschentuch Verlag</p><p>Der ECON Taschenbuch Verlag ist ein Unternehmen der ECON &amp; List Verlagsgesellschaft</p><p>Originalausgabe</p><p>� 1997 by ECON Verlag GmbH, D�sseldorf und M�nchen</p><p>Umschlaggestaltung: Init GmbH, Bielefeld</p><p>Titelabbildung: Dieter J�dt</p><p>Gesetzt aus der Goudy, Linotype</p><p>Satz: Josefine Urban KompetenzCenter, D�sseldorf</p><p>Druck und Bindearbeiten: Ebner Ulm</p><p>Printed in Germany</p><p>ISBN 3-612-27417-1</p></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Prolog</strong></p></title><empty-line/><p>... <emphasis>und ein eisiger Winter lag �ber dem Land. Drei Jahre und drei Tage war der junge Prinz durch die Berge geritten, um nach seiner Liebsten zu suchen. Er hatte in jener Zeit weder sein Haar noch seinen Bart geschoren. Ein gro�er grauer Wolfshund, der ihm zugelaufen war, als er die Burg seines Vaters verlassen hatte, war sein einziger Begleiter auf der Suche gewesen.</emphasis></p><p><emphasis>Der junge Prinz sp�rte, da� er nun an das Ende seines Weges gelangt war. Das Feuer vor ihm brannte nieder, und die K�lte kroch ihm die Glieder hinauf und hatte fast schon sein Herz erreicht. Der gro�e Hund hob seinen Kopf und blickte zum Prinzen, so als k�nne er sp�ren, wie der Tod sich dem Eingang der H�hle n�herte.</emphasis></p><p><emphasis>�Wo bist du, Feuervogel? Ich wei� nicht mehr, wo ich dich suchen soll�, fl�sterte der K�nigssohn leise. �Du allein wei�t, wo meine Liebste verborgen ist, doch nicht einmal dich konnte ich finden.�</emphasis></p><p><emphasis>�Du h�ttest mich rufen sollen, mein Prinz. Ich war bei dir, seit du die Burg deines Vaters verlassen hast�, erklang eine warme Stimme, und als der K�nigssohn sein m�des Haupt hob, war die H�hle von goldenem Licht erf�llt, und dort, wo eben noch der Wolfshund gelegen hatte, sa� ein Vogel, so sch�n, da� Worte ihn nicht zu beschreiben vermochten. Sein Gefieder war aus lodernden Flammen, und seine Augen funkelten wie Rubine.</emphasis></p><p><emphasis>�Sag mir, Feuervogel, wie werde ich meine Liebste wiederfinden?�</emphasis></p><p><emphasis>�Es ist die K�lte in dir, die auf das Land gefallen ist. Die Prinzessin findest du in einem Turm aus wei�em Marmor, der auf dem Gipfel des h�chsten aller Berge steht, doch kein Sterblicher kann seine eisigen Abh�nge erklimmen. Dort liegt sie, in einem Sarg aus Diamant, und nur eine Tr�ne, in gl�hender Sehnsucht vergossen, vermag sie zu befreien.�</emphasis></p><p><emphasis>Das Feuer zu F��en des Prinzen war verloschen, und der K�nigssohn sp�rte, wie die K�lte nun mit eisigen Fingern nach seinem Herzen griff. So breitete er die Arme aus und hauchte mit ersterbender Stimme: �Trag mich zum wei�en Turm, Feuervogel.� Und die Fl�gel aus Flammen schlossen sich um den Prinzen, und er ritt hoch �ber den dunklen Schneewolken bis fast in den Himmel hinein. Die W�chter des Turms aber konnten ihn im strahlenden Licht der Vogelschwingen nicht sehen, und so gelangte er vor den Sarg aus Diamant.</emphasis></p><p><emphasis>Lange Zeit stand er still und sah die Sommerk�nigin einfach nur an. Ihre Haut war so wei� wie Kirschbl�ten im Fr�hling, ihr Haar rotgolden wie der gro�e Flu� bei Sonnenuntergang. Er erinnerte sich an jenen Tag, an dem seine unbedachten Worte ihr Gl�ck zerst�rt hatten. Und er hatte gewu�t, was geschehen w�rde, noch bevor er es aussprach, und dennoch konnte er damals seine Zunge nicht im Zaume halten. Eine Tr�ne perlte von seiner Wange und zerstob auf dem diamantenen Sargdeckel. Es war die erste Tr�ne seit drei Jahren und drei Tagen. In den Bergen ringsherum erklang es wie Donner. Der Diamant, den kein Schwert der Welt h�tte zerbrechen k�nnen, zerbarst in tausend St�cke. Unsichtbare H�nde hoben die Sommerk�nigin auf, und sie wurde davongetragen auf die Insel, die sie vor so langer Zeit verlassen hatte. </emphasis></p><p><emphasis>Mit ihr kehrte der Fr�hling ins Land zur�ck, und bald trugen die Kirschb�ume an den Ufern des gro�en Flusses wieder schneewei�e Bl�ten. Die Hirten trieben ihre Herden in die Berge, und das Lachen und die Liebe kehrten in das Land zur�ck, in dem es so lange Winter gewesen war. Der K�nigssohn jedoch ward nicht mehr gesehen.</emphasis></p><p><emphasis>Drei Jahre und drei Tage vergingen, bis ein Hirte vor die Prinzessin trat und ihr von einer H�hle hoch in den Bergen berichtete, wo er einen Mann mit einem Bart aus Eis gefunden hatte, der mit toten Augen, doch einem L�cheln auf den Lippen, in eine verloschene Feuerstelle starrte. Und inmitten der kalten Asche hatte eine Feder gelegen, so rot wie der Sonnenuntergang.</emphasis></p><empty-line/><p>Geron, der M�rchenerz�hler, verneigte sich vor dem K�nig. Noch war es ganz still im gro�en Saal der Burg. Schlie�lich hob Gunther die H�nde und begann zu klatschen. So als sei ein Bann gebrochen, taten die anderen Adligen und H�flinge es ihm gleich. Nur einer blieb unf�hig sich zu r�hren und starrte den M�rchenerz�hler an. Es war Volker von Alzey, der Spielmann des K�nigs. Ein junger Ritter mit schulterlangem, blondem Haar und vertr�umten Augen. Er hatte ein feiner geschnittenes Gesicht als die anderen Krieger bei Hofe, und auch sein K�rper schien nicht so massig und gedrungen. Der erste Eindruck mochte t�uschen, denn mit seinen schlanken Fingern verstand er ebenso geschickt, das Schwert zu f�hren wie die Laute zu schlagen.</p><p>Nachdenklich blickte der Barde in die Flammen der Feuergrube in der Mitte des Festsaals. Er wu�te nicht zu sagen, woher es kam, da� dieses M�rchen ihn so aufw�hlte. War es vielleicht der Feuervogel? Wenn er ihm begegnete, w��te er jedenfalls, was er ihn fragen w�rde.</p><p>�Ich danke dir f�r das sch�ne M�rchen, mit dem du mich und meinen Hof unterhalten hast, auch wenn ich dir gestehen mu�, da� ich Geschichten, die ein gl�ckliches Ende nehmen, bevorzuge. Doch ihr Barden scheint da einen anderen Geschmack zu haben...� K�nig Gunther warf einen Seitenblick zu Volker und l�chelte. �Auf jeden Fall hei�e ich dich willkommen in meiner Burg. Nimm Platz an meiner Tafel und verweile, solange du dem Ruf der Ferne zu widerstehen vermagst.�</p><p>Einen Augenblick lang hatte Volker den Eindruck, als wolle der Fremde dem K�nig etwas erwidern, doch dann schien der M�rchenerz�hler es sich anders �berlegt zu haben und verneigte sich. �Ich danke f�r Eure Gastfreundschaft und erkenne in Euren Worten den Poeten.�</p><p>Mit gesenktem Haupt ging der Mann r�ckw�rts auf das hohe Tor zum Festsaal zu und lie� sich an einem der Tische am Ende der Festhalle nieder, die dem niederen Gefolge vorbehalten waren.</p><p>Gunther hatte sich zu Hagen gewandt. Der d�stere Krieger zeigte nicht die geringste Emotion. Viele der Ritter bei Hof waren der Meinung, da� das Gem�t des Recken mindestens genauso d�ster wie seine Gewandung war. Mit seinem schwarzen mit Rabenfedern verzierten Umhang, dem schwarzen Bart und Haupthaar und der schwarzen Binde, die sein zerst�rtes Auge verdeckte, sah der Tronjer fast aus wie einer der Helden aus den Geschichten �ber die heidnischen G�tter, zu denen ihre Ahnen einst gebetet hatten.</p><p>�Nun, mein Freund�, fragte der junge K�nig in aufger�umten Tonfall, �wie hat dir die Geschichte gefallen?�</p><p>Der d�stere Recke l�chelte d�nn. �Wenn man den Feuervogel und diesen diamantenen Sarg vergi�t, k�nnte es ein wahre Geschichte sein. Ein Mann liebt eine Frau und verliert sie. Er ist verzweifelt und reitet in die Berge... Zur Jagd vielleicht... Dort wird er vom Winter �berrascht. Er ist auf die K�lte nicht vorbereitet und erfriert. Der Rest...� Hagen machte eine wegwerfende Bewegung. �Das ist halt, was Dichter aus solchen Geschichten machen...�</p><p>Gunther lachte und wandte sich zu Volker. �Und du mein Dichter... Denkst du genauso wie mein Waffenmeister?�</p><p>�Es ist m��ig, �ber die Wahrheit einer Geschichte zu debattieren, die ein Mann erz�hlt hat, den niemand kennt. Was ich zu beurteilen vermag, ist die Form, die er gew�hlt hat. Er versteht es, seine Worte wohl zu setzen, obwohl ihm der letzte Schliff zu fehlen scheint. Er wird den Gesetzen des M�rchens gerecht. Es gibt ein Tier mit wunderbaren F�higkeiten, eine magische Reise, einen Helden auf der Suche... Und f�r M�rchen, die von <emphasis>Dichtern </emphasis>ersonnen werden, ist es auch �blich, da� sie tragisch enden.�</p><p>�Jetzt ist es aber genug!� K�nigin Ute erhob ihre Stimme. Sie sa� an Gunthers Seite und hatte bislang schweigend mit dem Messer in dem Fisch herumgestochert, den man ihr aufgetragen hatte. �Ich mag nichts mehr von d�steren Geschichten h�ren. Ich hasse Erz�hlungen, die ein trauriges Ende haben. Sie tr�ben nur das Gem�t des Zuh�rers... Da sind mir ja die frechen und unmoralischen Minnelieder der fahrenden S�nger noch lieber. Ich f�r meinen Teil m�chte niemals in eine solch tragische Geschichte verwickelt sein. Ich kann solchen M�rchen nichts abgewinnen.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Geron, der M�rchenerz�hler, hatte sich auf einer Bank im kleinen Kr�utergarten der K�nigin niedergelassen. Er streckte seine Glieder und lehnte sich gegen die Burgmauer, die von der Mittagssonne erw�rmt wurde.</p><p>Volker beobachtete den Fremden eine Weile. Geron hatte nicht das Format, um ihm bei Hof seinen Ruf als Dichter und Epiker abspenstig machen zu k�nnen. Er schien ein schlichter Bursche zu sein. Doch gerade diese Schlichtheit gab seinem M�rchen Kraft.</p><p>Der Spielmann war sich nicht sicher, wie alt Geron wohl sein mochte. Das Haar des M�rchenerz�hlers war bereits von grauen Str�hnen durchsetzt, und graue Stoppeln standen gleich Dornen auf seinen hohlen Wangen. Der Mann war hager, fast ausgezehrt, so als habe er lange Zeit nur schlechten Lohn f�r seine Kunst erhalten. Seine Bundschuhe waren l�chrig, die schlichte Hose von Staub bedeckt... Er war sicher lange gewandert. Was hatte ihn wohl hierher an den Burgundenhof gef�hrt? War es ein Zufall, da� er hierher kam? Es gab nur einen Weg, dies herauszufinden... Volker schlenderte in Richtung der Bank.</p><p>Geron hatte seine Augen geschlossen. Wie eine Eidechse, die sich auf einem Stein sonnte, schien er die sp�tsommerliche Hitze zu genie�en. Selbst als der Spielmann schon dicht neben ihm stand und sich leise r�usperte, �ffnete der M�rchenerz�hler seine Augen nicht.</p><p>�Ihr m��t Volker der Spielmann sein...� Der Fremde l�chelte einen Augenblick, so als sei ihm ein besonderer Streich gegl�ckt. �Ich habe bemerkt, wie Ihr mich vorhin im Rittersaal angesehen habt. Hat Euch an meinem Vortrag etwas nicht gefallen?�</p><p>Volker lie� sich auf der Bank nieder. Er wartete einige Augenblicke mit seiner Antwort. Der Spielmann konnte sich nicht vorstellen, da� Geron wirklich so ruhig war, wie er tat. Offenbar wollte er irgendein Spiel mit ihm treiben. Nur zu! Der Burgunde grinste. Was das anging, war er einem Fahrenden wie Geron gewi� �berlegen. �Ich w�rde nicht direkt sagen, da� mir etwas nicht gefallen h�tte. Obwohl... du hast das Wunderbare vielleicht ein wenig �berbetont. Dieser wei�e Turm, der nat�rlich auf dem <emphasis>h�chsten </emphasis>Berg der Welt stand, der Sarg aus Diamant...�</p><p>�Na und! Es war ein M�rchen! So etwas geh�rt dazu!� wetterte Geron aufgebracht. Der M�rchenerz�hler hatte sich vorgebeugt und musterte nun seinerseits Volker.</p><p>Der Burgunde blinzelte vorsichtig und l�chelte. Es war, wie er gedacht hatte. Geron war leicht aus der Fassung zu bringen!</p><p>�Gibt es sonst noch etwas, was Euch an meiner Geschichte gest�rt hat, <emphasis>gro�er Spielmann</emphasis>?�</p><p>Volker hatte den Eindruck, als warte Geron auf einen ganz bestimmten Einwand. Der Barde zuckte mit den Schultern. �Das war eigentlich alles. Im Grunde fand ich die Geschichte sogar recht h�bsch. Wo hast du sie her? Ich habe noch niemals von einem Feuervogel erz�hlen h�ren. Ich wei� nur vom Ph�nix der Araber, doch dies ist eine g�nzlich andere Gestalt.�</p><p>�Der Feuervogel ist nicht nur eine <emphasis>Gestalt</emphasis>! Es gibt ihn wirklich!�</p><p>Volker schlug nun vollends die Augen auf und starrte Geron unverhohlen an. Offenbar war der gute Mann verwirrt. �So... Es gibt diesen Vogel mit den Flammenschwingen also wirklich. Wom�glich bist du ihm sogar h�chstselbst begegnet.� Kaum da� ihm die Worte �ber die Lippen gekommen waren, bedauerte Volker den ironischen Tonfall, in dem er gesprochen hatte, doch Geron schien dies gar nicht bemerkt zu haben. Er nickte aufgeregt.</p><p>�Ja, ich habe ihn wirklich gesehen! Von Ferne freilich nur, und ich glaube nicht, da� er mich bemerkt hat, doch wei� ich seit jenem Tag, da� ich dazu auserkoren bin, die Geschichte vom Feuervogel in die Welt zu tragen. So habe ich meine heimatlichen Berge verlassen und bin zum fahrenden M�rchenerz�hler geworden.�</p><p>�Und was warst du, bevor das Schicksal dich erw�hlte?� fragte der Spielmann ein wenig herablassend.</p><p>�Seit ich laufen kann, war ich ein Hirte in den Bergen. Mir wuchs kaum der erste Flaum auf den Wangen, als ich meine erste Begegnung mit dem Feuervogel hatte. Obwohl ich damals noch nicht zu erkennen vermochte, da� ich auf ihn oder, besser gesagt, auf sein Wirken gesto�en war. Es war drei Jahre nach dem schrecklichen Winter, und ich war mit den Ziegen aus meinem Dorf so hoch wie noch nie zuvor in die Berge gestiegen. Damals habe ich die Grotte mit dem erfrorenen Ritter gefunden und...�</p><p>�Du willst mir wohl einen B�ren aufbinden!� Volker sch�ttelte ver�rgert den Kopf. Offenbar wu�te der Kerl nicht mehr zwischen Dichtung und Wirklichkeit zu unterscheiden. �Am Ende willst du gar noch behaupten, dein M�rchen sei wahr!�</p><p>�Ja, Ihr habt recht, Herr Volker! Ich bin der Hirte aus dem M�rchen. Freilich ist das meiste aus meiner Geschichte erfunden, doch gibt es den Feuervogel wirklich, und es ist auch nicht gelogen, da� ich vor der Sommerk�nigin gestanden habe, um ihr von dem erfrorenen Ritter zu berichten. Sie hat ihn an den Waffen, die ich zu beschreiben wu�te, als ihren verschollenen Liebsten erkannt. Es hat mir sp�ter leid getan, ihr mit meinem Bericht jede Hoffnung genommen zu haben. Ich konnte ja nicht ahnen, da� sie es so aufnehmen w�rde. Nur wenige Wochen darauf ist sie spurlos verschwunden, und ich f�rchte, es war meine Nachricht, die sie vertrieben hat.�</p><p>�Erz�hl mir kein neues M�rchen, um die Glaubhaftigkeit einer unglaublichen Geschichte zu unterstreichen.�</p><p>Geron seufzte. �Ich h�tte nicht erwartet, da� auch Ihr an meinen Worten zweifelt.� Er �ffnete den faustgro�en Lederbeutel, den er an seinem G�rtel trug, zog ein schlankes, kleines Holzk�stchen daraus hervor und hielt es Volker hin. ��ffnet dies! Danach werdet Ihr mir Glauben schenken, Herr Spielmann!�</p><p>Der Burgunde strich vorsichtig �ber den polierten Deckel aus altersdunklem Rosenholz. Das Schmuckk�stchen war sch�n gearbeitet, und die Seiten waren mit Schnitzereien verziert, die Efeuranken zeigten. Mit dem Daumennagel klappte Volker den Verschlu� zur�ck. Das K�stchen war mit dunkelblauem Samt ausgeschlagen, auf dem eine feuerrote Feder lag. Kein Vogel, den er je gesehen oder von dem er auch nur geh�rt hatte, trug ein solches Federkleid!</p><p>�Nun, Herr Spielmann, zweifelt Ihr noch immer an meinen Worten?�</p><p>�Woher hast du das?� fl�sterte der Barde ehrf�rchtig.</p><p>�Erinnert ihr Euch nicht mehr an das M�rchen? Ich habe die Feder in der verloschenen Feuerstelle vor dem erfrorenen Ritter gefunden.�</p><p>Vorsichtig ber�hrte Volker die Feder, halb darauf gefa�t, da� er sich die Finger verbrennen w�rde. Doch das Kleinod f�hlte sich an wie jede andere Vogelfeder auch. �Woher wei�t du, da� sie vom Feuervogel ist? Ich meine... Du hast ihn doch nicht gesehen! Und warum verbrenne ich mich nicht an ihr? Du sagtest doch, sein Gefieder sei wie Flammen.�</p><p>Geron nickte. �Gewi�, doch sind es Flammen, die Eure Seele verbrennen werden, wenn Ihr dem Feuervogel in seiner wahren Gestalt zu nahe kommt. Nur eine Feder bei sich zu tragen ist ungef�hrlich... Zumindest glaube ich das.�</p><p>Volker musterte den Fahrenden einige Augenblicke schweigend. Geron schien sich nicht dar�ber im klaren zu sein, wie sehr er sich irrte. Es lag ein Zauber in der Feder, und ihr Fund hatte sein Leben ver�ndert. Er war vom Hirten zum wandernden M�rchenerz�hler geworden und hatte sich ganz dem Feuervogel verschrieben.</p><p>�Woher hast du all dein Wissen �ber diesen seltsamen Vogel, von dem du erz�hlst.�</p><p>Der M�rchenerz�hler grinste schief. �Ich wei�, wo ich ihn suchen mu�. Und selbst wenn ich den Feuervogel nur einmal von Ferne selbst gesehen habe, so bin ich doch vielen begegnet, die ihm n�her waren und von ihm erz�hlen konnten. Den Feuervogel findet man stets dort, wo Dunkelheit und Unrecht regieren. Die Gebete der Verzweiflung scheinen ihn herbeizurufen. Er bringt das Licht und die Hoffnung. Man sagt, er kann vielerlei Gestalt annehmen, und da� jene, die ihm begegnen, es meist erst begreifen, wenn er sie wieder verl��t, ganz so wie der K�nigssohn in meinem M�rchen. Es hei�t, da� der Feuervogel auf jede Frage eine Antwort kennt. Er spricht alle Sprachen dieser Welt, und kein Geheimnis kann vor ihm verborgen bleiben.�</p><p>�Und wo bist du ihm begegnet?�</p><p>�Ich habe ihn �ber einem Tal in den Bergen westlich von Castra Bonna fliegen sehen. Dies ist Frankenland, und der grausame Graf Ricchar herrscht dort. Er steht mit finsteren M�chten im Bunde, die ihm in jeder Schlacht zum Siege verhelfen. F�r ihn haben sich die Pforten der H�lle ge�ffnet, und der Gottseibeiuns hat ihm hundert Ritter geschickt, deren Leiber aus Eisen sind, so da� keine Waffe sie zu verwunden vermag. In den Adern dieser Krieger aber flie�t fl�ssiges Feuer, und wer immer ihnen zu nahe kommt, mu� in Flammen aufgehen. Wo sonst als in einem solchen Land sollte man den Feuervogel fliegen sehen?�</p><p>Der Spielmann nickte bed�chtig. �Krieger aus Eisen, in deren Adern fl�ssiges Feuer flie�t... Du verstehst es, deine Zuh�rer immer wieder zu �berraschen.�</p><p>�Ihr wollt mir nicht glauben, Herr Volker. Beendet Euer Spiel mit mir. Ich werde Worms noch in dieser Nacht verlassen und mir einen Ort suchen, an dem man einem Fahrenden, der so viel gesehen hat wie ich, mehr Respekt entgegenbringt. Nun gebt mir meine Feder zur�ck. Ihr m��t blind sein, wenn Ihr mir mit dem Beweis f�r die Wahrheit meiner Worte vor Augen noch immer nicht zu glauben verm�gt.� Fordernd streckte der M�rchenerz�hler die Rechte vor.</p><p>Volker klappte das kleine Schmuckk�stchen zu und reichte es Geron.</p><p>�Ich hoffe, da� Euch Euere Zweifel niemals zum Verh�ngnis werden, Spielmann. Ich habe die Gabe des zweiten Gesichtes. Wisset, da� Ihr eines Tages mit Euerem K�nig in einem brennenden Festsaal stehen werdet, und alle Tore sind Euch verschlossen. Das Feuer bestimmt Euren Weg...� Der M�rchenerz�hler steckte das K�stchen in den Lederbeutel an seinem G�rtel zur�ck, griff nach seinem Wanderstab, der an der Mauer des Turms lehnte, und schritt eilig �ber die staubigen Wege des sonnendurchfluteten Kr�utergartens davon.</p><p>Lange blickte Volker ihm nach. Er wu�te nicht, ob Geron nur ein harmloser Verr�ckter war oder ob er tats�chlich dem Wunderbaren begegnet war. Schlie�lich fragte sich der Spielmann auch, ob ihn nicht viele bei Hof f�r mindestens ebenso verr�ckt hielten. Er h�tte Geron nicht verspotten sollen! Wenn es den Feuervogel tats�chlich gab, w�rde dieser ihm verraten k�nnen, wo er die Morrigan finden konnte, jene Heidenpriesterin, an die er im vergangenen Jahr sein Herz verloren hatte.</p><p>Volker fluchte leise. Dann machte er sich auf den Weg, den M�rchenerz�hler zu suchen. Doch im Garten war er nicht mehr zu finden. Als der Spielmann schlie�lich an das Tor der K�nigsburg gelangte, erkl�rten ihm die Wachen, da� der Fremde erst vor wenigen Augenblicken gegangen sei. Auf der Stra�e vor der Burg jedoch war niemand mehr zu sehen.</p><p>Der Barde eilte zu den St�llen und lie� sein Pferd satteln. Er ritt zur Stadt hinab und fragte in jeder Schenke und in jedem Gasthaus nach dem M�rchenerz�hler, aber keiner hatte Geron gesehen. Auch auf den Stra�en, die von Worms fort f�hrten, war der merkw�rdige Wanderer nicht zu finden, und fast schien es, als habe es den Fahrenden niemals gegeben.</p><p>Lange nach Einbruch der Finsternis kehrte Volker zur K�nigsburg zur�ck. Er war sich jetzt sicher, da� Geron ihn nicht belogen hatte. Ein Mann, der es schaffte zu verschwinden, ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen, war mehr als nur ein Hirtenjunge, der eines Tages beschlossen hatte, als Fahrender durch die Lande zu ziehen!</p><p>Wenigstens hatte Geron ihm eine Spur gewiesen. Er mu�te nach Norden ziehen, �berlegte Volker. Der Feuervogel w�rde wissen, wo die Morrigan zu finden sei. Es verging kaum eine Stunde, in der er nicht an die Herrscherin des Nachtvolks dachte. Mit Hilfe des Feuervogels w�rde er sie wiederfinden! Oder w�rde er nur einer M�rchengestalt nachlaufen und sich l�cherlich machen?</p><p>Volker l�chelte m�de. Er war wohl der einzige Ritter im Gefolge K�nig Gunthers, der auf die Idee kommen w�rde, nach dem Funken Wahrheit zu suchen, der sich hinter einem M�rchen verbergen mochte.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>1. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Golo hatte gewu�t, da� es ein Fehler war, mit dem Spielmann zu reiten. Man folgte niemandem, der verr�ckt geworden war! Volker hatte sich tats�chlich in den Kopf gesetzt, den Feuervogel zu finden, ein Gesch�pf, das der Phantasie eines M�rchenerz�hlers entsprungen war... Verwechselte der Spielmann jetzt sein Leben mit dem der Helden aus den romantischen Liedern, die er seinen Damen sang? Wie konnte Volker nur an so etwas glauben? Golo erinnerte sich noch gut daran, wie sein Gef�hrte ihm seinen Glauben an die Feen hatte ausreden wollen. Mehr als ein Jahr war seitdem vergangen...</p><p>Man hatte den Spielmann freundlich am Hof von Worms aufgenommen, als sie zum Weihnachtsfest zur�ckgekehrt waren. Volker hatte ein neues Lied von seiner Reise mitgebracht, so wie es alle erwartet hatten. Die traurige Geschichte vom Nachtvolk hatte ihn noch ber�hmter gemacht, als er ohnehin schon war, und ganz besonders die Frauen bei Hof schienen wie verzaubert von ihm zu sein. Nat�rlich hielten alle das Epos um die Morrigan f�r erfunden. Und doch sp�rten gerade die Frauen, da� sich hinter dem Lied eine wahre Liebesgeschichte verbergen mu�te. Es hatte mehr als eine gegeben, die versuchte, die Melancholie des Spielmanns zu vertreiben, und Volker war nicht der Mann, der sich den W�nschen von Frauen widersetzte... Doch keine hatte es geschafft, ihn die Heidenpriesterin vergessen zu lassen.</p><p>Der Gef�hrte des Ritters rutschte unruhig auf dem Sattel hin und her und suchte nach einer Position, die auch nur halbwegs bequem war. Obwohl er jetzt ein Ritter war, hatte er sich mit dem Reiten nie wirklich anfreunden k�nnen. Er war ein gutes St�ck kleiner als Volker und sehr viel st�mmiger. Nicht, da� er von sich sagen w�rde, er w�re dick... Das waren Muskeln! Und R�cklagen f�r schlechte Zeiten.</p><p>Mit seinen kurzgeschorenen, braunen Haaren und dem breiten, offenen Gesicht unterschied er sich sehr von dem Spielmann, an dessen Seite er ritt. Vor ein paar Tagen erst hatte einer der Ritter bei Hof seine Nase mit einer Gurke verglichen. Eine Frechheit! Sie war vielleicht gro�, aber gr�n war sie nicht! Und �berhaupt... Hie� es nicht, an der Nase eines Mannes erkennt man den Johannes? Der junge Ritter blickte verstohlen zum Spielmann und grinste. Wenn das auf alle M�nner zutraf, dann konnte er nicht begreifen, was die Frauen an Volker fanden. Die Nase seines Gef�hrten war gerade und von edler Form, doch alles andere als gro�. Wieder einmal merkte der Spielmann nicht, da� Golo zu ihm her�berblickte. Volker hatte sich in letzter Zeit sehr ver�ndert. Golo hatte schon vor zwei Wochen gesp�rt, da� er den Entschlu� gefa�t haben mu�te, die K�nigsburg zu verlassen. Nicht da� er davon gesprochen h�tte, doch der junge Ritter kannte seinen fr�heren Herren zu gut, um nicht zu bemerken, wie sich der Blick des Barden wandelte. Selbst wenn man direkt vor ihm stand und mit ihm sprach, schien er durch einen hindurchzusehen. Oft hatte Volker abends auf dem S�ller gestanden und nach Westen geblickt, dorthin, wo Hunderte Meilen entfernt die S�mpfe Aquitaniens lagen. Dort hatte sich die Spur der Priesterin verloren. Golo wu�te nur aus Volkers Erz�hlungen, was mit der Morrigan geschehen war, als der Bischof von Saintes die verborgene Stadt in den S�mpfen eroberte. Die Priesterin war t�dlich verletzt gewesen, als ihre Getreuen sie in einem kleinen Boot tiefer in die S�mpfe gebracht hatten. Wahrscheinlich wollten ihre Anh�nger verhindern, da� der Leichnam der Hohen Priesterin dem Bischof und seinen S�ldnern in die H�nde fiel.</p><p>Viele Wochen lang hatte er damals gemeinsam mit Volker nach der Insel in den S�mpfen gesucht, zu der die letzten aus dem Nachtvolk fliehen wollten. Doch all ihre M�hen waren vergebens gewesen. Vermutlich hatten die Getreuen der Morrigan die Leiche ihrer Hohepriesterin in den dunklen Fluten versenkt und sich danach in alle Winde zerstreut.</p><p>F�r Volker aber lebte die Priesterin noch. Er war wie besessen von der Vorstellung, da� er sie wiederfinden w�rde. H�tte der fremde Barde nicht die Geschichte vom Feuervogel erz�hlt, dann w�ren sie jetzt wahrscheinlich auf dem Weg nach Aquitanien... Golo l�chelte versonnen. So gesehen sollte er dem Mann sogar dankbar sein. Alles war besser, als den Sp�tsommer in den m�ckenverseuchten S�mpfen zu verbringen.</p><p>Im Grunde war Golo froh, Worms verlassen zu haben. Auf der K�nigsburg hatte er sich nicht mehr recht wohl gef�hlt, seit sie im Winter aus Aquitanien zur�ckgekehrt waren. Er war vom Knecht zum Ritter geworden, doch die anderen Ritter bei Hof betrachteten ihn nicht als ihresgleichen und lie�en es ihn �berdeutlich sp�ren...</p><p>Golo seufzte. Die Zeiten, da� er sich des Nachts mit leerem Bauch zu Ruhe legen mu�te, waren vorbei. Er durfte wie die Adligen und Lehnsm�nner an der Tafel des K�nigs sitzen und ein Schwert an seiner Seite tragen. Der Preis daf�r war Einsamkeit. Nur Volker behandelte ihn anst�ndig. Die anderen machten hinter vorgehaltener Hand Sp��e �ber ihn und nannten ihn heimlich noch immer einen Knecht. Und die Freunde, die er einst unter dem Gesinde gehabt hatte, behandelten ihn je nach ihrem Charakter h�flich oder unterw�rfig. Doch sp�rte er bei allen den Neid. Ein Weg, wie er ihn gegangen war, stand den Unfreien nicht zu. Kein Bauerssohn und Knecht war jemals zu einem Gefolgsmann des Burgundenk�nigs aufgestiegen. Heimlich tuschelte man dar�ber, auf welch hinterh�ltige Art er sich wohl die goldenen Sporen der Ritterschaft verdient haben mochte.</p><p>Golo stie� seiner Stute die Hacken in die Flanken und schlo� dichter zu Volker auf, der jetzt ein kleines St�ck vor ihm ritt. Selbst mit einem Verr�cktem einem Vogel nachzujagen, der nur im Kopf eines M�rchenerz�hlers existierte, war besser, als l�nger auf der K�nigsburg zu verweilen. Das Wetter war ihnen gn�dig, und die Reise am Rhein entlang war ohne nennenswerte Zwischenf�lle verlaufen.</p><p>Wieder blickte der junge Ritter zum Spielmann hin�ber. Volkers Gesicht war wie versteinert. Schweigend folgten sie dem Treidelpfad am Ufer. Seit zwei Tagen ritten sie nun schon durch das Frankenland. Letzten Sommer erst hatte K�nig Gunther eine blutige Fehde mit Merowech, dem K�nig der Franken, ausgefochten und ihm die reiche Stadt Treveris entrissen... Seitdem war das Verh�ltnis zwischen Burgund und dem gro�en K�nigreich im Norden alles andere als gut. Wahrscheinlich lag es nur daran, da� Volker ein Barde war, da� man sie bislang stets freundlich aufgenommen hatte. Spielleute galten als unber�hrbar, und sein Ruf war weit �ber die Grenzen des Burgundenreiches bekannt. Dennoch hielt es Golo f�r alles andere als eine gute Idee, ausgerechnet im K�nigreich der Franken nach einem Abenteuer zu suchen.</p><p>Sie waren nicht mehr weit von Castra Bonna entfernt. Vermutlich w�rden sie die Stadt schon vom n�chsten H�gelr�cken aus entdecken k�nnen. Golos Blick schweifte �ber die weite Flu�landschaft. Es war kein Mensch zu sehen. Zwischen zwei Weiden am sumpfigen Ufer lag ein altes Fischerboot. Das Holz war grau und verschossen. Ein zerrissenes Netz hing in einem Busch. Zwei Reiher staksten auf ihren langen Beinen durch den Schlamm und sp�hten nach Fr�schen.</p><p>Obwohl die Sonne schon tief am Himmel stand, war es noch immer sehr hei�. Dabei war der August nun fast schon zu Ende. Golo mu�te an sein Heimatdorf denken und an seinen Onkel. Der alte Mann besa� einen steinigen H�gel, auf dem die Familie schon seit undenklichen Zeiten Wein zog. Bei dem Wetter w�rden pr�chtige Trauben heranreifen. Der Sommer war hei� gewesen, und doch hatte es auch gen�gend Regen gegeben. An den Wein dieses Jahres w�rde man sich noch lange erinnern... Golo seufzte. Manchmal malte er sich aus, was mit ihm geschehen w�re, wenn Volker ihn nicht zu seinem Knappen erw�hlt h�tte.</p><p>Der junge Ritter sch�ttelte �rgerlich den Kopf. Es war m��ig, �ber solchen Unsinn nachzudenken. Von dem Weg, den er beschritten hatte, gab es kein Zur�ck! Schwer sp�rte er das Schwert an seiner Seite. Nie wieder w�rde er einem Pflug �ber das Feld seines Vaters folgen. Zum Pfingstfest hatte er K�nig Gunther den Treueeid geleistet. Er war nun ein Krieger, und wenn der K�nig seine Lehnsm�nner zu den Waffen rief, dann w�rde er mit ihnen reiten, ganz gleich, ob die anderen Ritter ihn heimlich verspotteten oder nicht. Man hatte ihn gelehrt zu t�ten. Auch wenn er kein sonderlich geschickter Schwertk�mpfer war, so hatte er sich doch insgesamt als begabter Sch�ler erwiesen. Im Kampf mit der Lanze und der Streitaxt brauchte er nur wenige von Gunthers Rittern zu f�rchten. Bei Hof sprach man viel dar�ber, da� es wohl bald wieder Krieg mit den Sachsen geben w�rde...</p><p>Golo blickte zu Volker hin�ber, doch sein ehemaliger Herr bemerkte ihn nicht. Vielleicht dichtete der Spielmann in Gedanken ein neues Lied?</p><p>Dreihundert Schritt von ihnen entfernt erhoben sich auf einem H�gel nahe dem Ufer drei gro�e schwarze Weiden. Raben kauerten dort im Ge�st. Vom Stamm des mittleren Baumes hing etwas Helles hinab. Golo konnte es nicht genau erkennen, doch schienen sich die Raben sehr daf�r zu interessieren. In dunklem Rot ergl�hende Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben. Ein leichter Windhauch wehte vom Flu� her�ber. Die Brise lie� Golo erschauern. Irgend etwas hatte sich ver�ndert. Unsicher musterte er die B�ume, und einige Augenblicke verstrichen, bis er wu�te, was pl�tzlich anders war. Es war still. Die V�gel im Uferdickicht, die sie den ganzen Tag �ber mit ihrem Konzert begleitet hatten, und die Grillen im hohen Gras, sie alle waren verstummt. Seine Stute hatte die Ohren steil aufgerichtet und schnaubte leise. Selbst Volker hob jetzt den Kopf, so als habe ihn etwas aus seinen Gedanken aufgeschreckt.</p><p>Ein Vogelschrei beendete das Schweigen. Es war einer der Raben auf der Weide vor ihnen. Mit heiserem Kr�chzen hatte er sich von dem dicken Ast abgesto�en, drehte einen Kreis �ber dem H�gel und flog dann dem jenseitigen Ufer entgegen. Einen Atemzug sp�ter folgten ihm die anderen Raben mit schwerem Fl�gelschlag.</p><p>Der H�gel vor ihnen war jetzt nur noch wenig mehr als hundert Schritt entfernt, und als Golo den Blick vom Himmel wandte, konnte er erkennen, was vom Stamm der mittleren Weide hing. Es war eine Frau, die man mit dem Kopf nach unten an den Baum gebunden hatte. Deutlich sah er die gro�en dunklen Flecken auf ihrem Gewand, und wie krumme Spinnenbeine ragten zerbrochene Pfeilsch�fte aus ihrem Leib.</p><p>Hinter dem H�gel erklang das Donnern von Hufen. Unwillk�rlich glitt die Hand des jungen Ritters zum Schwert an seiner Seite.</p><p>�La� das!� zischte Volker scharf. �Das werden zu viele f�r uns sein. Vergi� nicht, da� ich als Barde unber�hrbar bin. Jedenfalls solange ich nicht mit der Waffe in der Hand angetroffen werde. Du wirst unter meinem Schutz stehen. Vertrau mir...�</p><p>�Ich glaube nicht, da� eine Horde pl�ndernder Sachsen sich darum schert, da� du dich darauf verstehst, die Laute zu schlagen. Die verstehen nur eine Sprache.� Golo zog blank und griff nach dem Schild, der von seinem Sattel hing. �Ich m�chte nicht so enden wie die Frau dort oben am Baum.�</p><p>�Du h�ltst dich zur�ck!� Der Spielmann zog die Laute von seiner Schulter und l�ste die lederne Schutzh�lle, in die das Instrument eingeschlagen war.</p><p>Auf der H�gelkuppe erschien ein einzelner Reiter. Ein gro�er Rundschild deckte seine linke Seite von der Schulter bis zu den Knien. In der Rechten hielt er eine Drachenstandarte, ein Feldzeichen, gekr�nt von einem goldenen Drachenkopf, hinter dem ein langer Stoffschlauch flatterte, so da� man glauben mochte, da� es sich nicht um ein Banner, sondern um ein lebendes Wesen handelte. Das Zaumzeug und die R�stung des Reiters funkelten, so als seien sie aus Gold und Silber gefertigt. Golo kniff die Augen zusammen, um den Mann besser erkennen zu k�nnen, und erstarrte wie vom Donner ger�hrt. Das Gesicht des Reiters war blauschimmerndes Eisen, sein Haar und seine Augenbrauen lauteres Gold!</p><p>�Bei allen Heiligen, was ist das, Volker?�</p><p>�Die M�nner aus Eisen, in deren Brust ein Herz aus Flammen lodert�, murmelte der Barde leise. Volker z�gelte sein Pferd und starrte zu dem Reiter auf der H�gelkuppe hinauf.</p><p>Hinter dem Standartentr�ger erschien eine Phalanx von Reitern. Sie alle sahen aus wie Statuen aus Erz. Jeder der M�nner mu�te zwei Schritt oder mehr messen, und ihre Pferde waren so riesig wie Kutschr�sser.</p><p>Golo fl�sterte ein Gebet. Wenn sie jetzt die Z�gel herumrissen und im gestreckten Galopp davonjagten, w�rden sie diesen D�monen vielleicht entkommen k�nnen.</p><p>�Seid Ihr Volker von Alzey, der Barde des K�nigs von Burgund?� Der Mann mit der Drachenstandarte hatte gesprochen. Seine Stimme war dunkel und klang seltsam unnat�rlich.</p><p>�Wer will das wissen?� entgegnete Volker k�hl.</p><p>Golo verfluchte den Spielmann innerlich. Wie konnte er diesen D�mon auch noch reizen? Wenn er den Tod suchte, war das seine Sache, doch es w�re eine nette Geste, wenn er auch einmal an ihn denken w�rde. Unauff�llig sp�hte der junge Ritter �ber seine Schulter. Der Treidelpfad hinter ihnen war frei. Einer Flucht stand nichts im Wege und...</p><p>Volker trieb seinen Hengst den H�gel hinauf. Golos Mund war so trocken, als h�tte er einen ganzen Eimer voll Staub geschluckt. Was tat dieser verr�ckte Kerl da nur! Einige Herzschl�ge lang z�gerte der Ritter, dann folgte er seinem Freund.</p><p>�Mich schickt mein Herr, Graf Ricchar, Heermeister des K�nigs Merowech und Gebieter �ber alles Land von hier bis zu den Mauern von Treveris. Er entbietet Euch seinen Gru�, Herr Volker, und l�dt Euch und Euren Begleiter ein, ihm die Ehre zu erweisen, mit ihm an seiner Tafel zu speisen.�</p><p>�Wir nehmen diese Einladung mit Freuden an.�</p><p>Golo hatte inzwischen die Kuppe des H�gels erreicht. Mi�trauisch musterte er den Bannertr�ger. Der Mann hatte kalte graue Augen. Seine ehernen Lippen waren zu einem L�cheln erstarrt. Er trug eine Maske! Um seinen Hals war ein roter Schal geschlungen, �ber dem ein schmaler Streifen heller Haut schimmerte. Doch das hie� noch nicht, da� er kein D�mon war! Der Kerl �berragte ihn um mehr als Hauptesl�nge. Kein gew�hnlicher Mensch war so gro�! Golo beschlo�, den Bannertr�ger nicht aus den Augen zu lassen.</p><p>�Wird das Land Eures Herren von Sachsenhorden heimgesucht?� Volker nickte in Richtung der Frau. Sie hing mit dem Kopf nach unten am Stamm, doch hatte man sie nicht gebunden, so wie Golo zuerst geglaubt hatte, sondern an den Baum genagelt. Ihre Arme waren dabei weit ausgebreitet, und es schien, als h�tten Heiden den Tod verh�hnen wollen, den der Heiland einst am Kreuze gestorben war. Wohl zwei Dutzend Pfeile hatten ihren K�rper durchbohrt, und das Gesicht des Weibes war bis zur Unkenntlichkeit verst�mmelt, was wohl das Werk der Raben war, die hier ihr Mahl gefunden hatten. Geronnenes Blut hatte das goldene Haar der Frau dunkel gef�rbt. Sie war schlank und von zierlicher Statur gewesen. Der junge Ritter sch�tzte, da� sie kaum mehr als zwanzig Sommer gesehen haben mochte.</p><p>�Die Sachsen wagen sich hier nicht �ber den Rhein�, t�nte die dunkle Stimme hinter der Maske. �Das Weib hat mit seinen Reden den Namen des Grafen besudelt. Der Elenden ist daf�r die geb�hrende Strafe widerfahren! Man hat sie heute morgen gerichtet.�</p><p>�Dein Herr regiert seinen Gau mit strenger Hand, und mir scheint, es ist leicht, seinen Zorn zu erwecken.�</p><p>Golo zuckte zusammen. Wenn Volker so weitermachte, w�rden sie auch noch an irgendwelche B�ume genagelt werden.</p><p>�Das Urteil mag Euch zu streng erscheinen, Herr Volker, doch glaube ich nicht, da� Euer K�nig Gunther Gnade walten lie�e, wenn man ihn den Bastard einer Magd nennen w�rde. Dies Weib war von der Finsternis durchdrungen... Doch im Tod hat sie das Licht des Mithras erblickt und ward erl�st.�</p><p>�Ihr sagtet, Ihr sollt uns an den Hof Eures F�rsten geleiten...� Volker musterte den Standartentr�ger kalt. �Wir werden Euch folgen.�</p><p>Der Krieger mit der eisernen Maske wendete wortlos sein Pferd. Dann gab er den anderen Reitern ein Handzeichen, und sie nahmen die beiden Burgunden in ihre Mitte.</p><p>Voller Mi�trauen verfolgte Golo die Bewegungen der Krieger. Sie alle waren au�ergew�hnlich gro�. Die eisernen Masken, die immer dasselbe jugendliche Gesicht zeigten, lie�en die M�nner wie Br�der aussehen. Mit geradezu unheimlicher Pr�zision teilte sich ihre Formation in zwei gleichlange Reihen. Sie formierten sich rechts und links des Weges, der �ber den H�gel f�hrte. Ob sie vielleicht doch D�monen waren, die alle von einem Geist beherrscht wurden? Keiner der Krieger sprach oder neigte auch nur den Kopf, um Volker und ihn zu mustern. So verhielten sich keine gew�hnlichen M�nner! Und wer war Mithras? Ein heidnischer G�tze? Ein Diener Satans vielleicht?</p><p>Die Eskorte brachte sie zwei Meilen weiter den Rhein hinauf. Seitlich des Weges gab es nun einige �cker, doch kein Mensch war zu sehen. Das Land wirkte wie tot. Zur Linken lagen H�gel, die langsam in niedrige Berge �bergingen. Auf einem der H�gel stand ein gro�es ausgebranntes Steinhaus, aus dessen Fenstern die �ste junger Eichen wuchsen.</p><p>Der Ritt verlief schweigend. Die Stille wurde nur durch den dumpfen Klang der Hufe und die Rufe der V�gel im Uferdickicht des gro�en Flusses gest�rt. Endlich f�hrte der Weg sie auf einen zweiten H�gel, von dem aus sie Castra Bonna vor sich liegen sahen. Dicht entlang des mit steinernen Kais befestigten Ufers verlief die Mauer des Legionslagers aus alter Zeit. Sie war an die zehn Schritt hoch und zus�tzlich durch zahlreiche T�rme gesichert. Golo war von der Gr��e der Stadt �berrascht. Die quadratische Festungsanlage hatte eine Seitenl�nge von fast einer halben Meile. Auch au�erhalb der Mauern lagen viele H�user, doch selbst von weitem war zu erkennen, da� sie verfallen und verlassen waren. Nicht einmal innerhalb der W�lle waren alle Wohnh�user in einem guten Zustand. Hier und dort konnte man eingest�rzte D�cher erkennen, und zwischen den alten Steinbauten erhoben sich Dutzende von Fachwerkh�usern mit lehmverputzten W�nden und breiten Riedd�chern.</p><p>Am n�rdlichen Ende der Stadt war ein kleiner Palast mit S�uleng�ngen und wei� get�nchten Mauern zu sehen. Davor lag ein gro�er Platz, auf dem Krieger in schimmernden Waffen aufmarschiert waren. Golo schluckte. Was f�r ein Empfang! Man konnte meinen, der Gaugraf erwarte ein burgundisches Heer und nicht nur zwei Ritter.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Graf Ricchar war viel j�nger, als Volker ihn sich vorgestellt hatte. Der Reitergeneral geh�rte zu den einflu�reichsten M�nnern im Frankenreich. Er kommandierte die Reiterei des K�nigs, und es hie�, er habe noch niemals eine Schlacht verloren. Obwohl Ricchar schon der Held vieler Bardenlieder war, mochte er h�chstens f�nfunddrei�ig Sommer z�hlen. Sein Gesicht war von der Sonne gebr�unt, und erste schmale Falten zeigten sich um seine klaren blauen Augen. Sein hellblondes gelocktes Haar trug er kurzgeschoren, wie es unter Kriegern �blich war. So wie die Reiter, die der Graf ihnen als Eskorte entgegengeschickt hatte, war auch Ricchar auff�llig gro�. Vom Scheitel bis zur Sohle mochte er knapp zwei Schritt messen.</p><p>Die R�stung und Kleidung des Kriegers waren f�r einen Franken au�ergew�hnlich. �ber einer dunkelroten Tunika, die bis zur Mitte der Oberschenkel reichte, trug der F�rst einen wei�en Leinenpanzer, dessen Brustst�ck mit einer aufgestickten Sonnenscheibe mit breitem Strahlenkranz verziert war. Seine F��e steckten in Bundschuhen aus feinem Leder, deren Verschn�rung hinter feinziselierten Beinschienen verschwand. An der linken Seite trug der Graf ein langes Reiterschwert, das er ungew�hnlich hoch geg�rtet hatte.</p><p>Entlang des gepflasterten Platzes vor dem Palast waren mehr als hundert Soldaten aufmarschiert. Sie alle waren einheitlich ausger�stet. Ricchar mu�te ein reicher Mann sein, denn die K�mpfer waren ohne Ausnahme mit Kettenhemden und eisernen Helmen gewappnet.</p><p>Ein wenig besch�mt blickte Volker an sich herab. Auch er trug ein Kettenhemd, doch das war hier ja nichts Besonderes. Sein flammend roter Umhang und sein wei�er Waffenrock waren vom Staub der Reise beschmutzt. Auf dem sch�nen Platz und zwischen all den Kriegern in schimmernder Wehr kam er sich unscheinbar und unbedeutend vor. Die Reiter ihrer Eskorte waren zu den Seiten des Platzes hin abgeschwenkt. Volker z�gelte seinen Hengst und schwang sich aus dem Sattel. Ricchar kam ihm mit ausgebreiteten Armen entgegengeeilt, ganz so, als seien sie alte Waffengef�hrten.</p><p>�Volker von Alzey! Endlich ist es mir verg�nnt, Euch zu begegnen. Ihr seid mir ein <emphasis>Licht </emphasis>in dieser dunklen, zerst�rten Stadt am Ende der Welt. Kaum wage ich zu hoffen, da� Ihr l�nger als eine Nacht verweilen werdet, wei� ich doch nun den gr��ten Schatz des Burgundenk�nigs in meinen Mauern.�</p><p>Der Spielmann r�usperte sich verlegen und verneigte sich. �Die Ehre ist ganz auf meiner Seite. Wenn man den Erz�hlungen �ber Eure Taten lauscht, so will man glauben, ein Held aus alten Zeiten sei wiedererstanden.�</p><p>Ricchar schlo� ihn in die Arme. Obwohl der Franke eher schlank war, hatte er die Kr�fte eines B�ren. �Lassen wir die F�rmlichkeiten, Volker. Ich kenne deine Lieder und ahne in dir einen Verwandten im Geiste. Erlaube, da� ich offen zu dir rede, so wie Freunde es tun. Dieselbe Offenheit erwarte ich auch von dir. Ich kann mir sehr wohl denken, wie man am Hof zu Worms von mir spricht. Immerhin habe ich den Rittern des K�nigs im letzten Herbst manche Schlappe beigebracht, auch wenn ich zu sp�t kam, um zu verhindern, da� Hagen Treveris eroberte. Ich wei�, da� du keinen Anteil an diesem Krieg hattest und zu jener Zeit im fernen Aquitanien weiltest.� Der Graf l�chelte. �Du siehst, ich kenne dein Epos �ber das Nachtvolk... Und ich bin gespannt, deine neuen Lieder zu h�ren, wenn du mir dann die Ehre erweisen magst, das <emphasis>Licht </emphasis>der hohen Dichtkunst in meine Festhalle zu tragen. Sei gewi�, da� niemand dich und deinen Begleiter hier in meinem Gau als einen Feind betrachtet, auch wenn meine Krieger darauf brennen, erneut gegen die Burgunder ins Feld zu ziehen und �ber den Mauern von Treveris wieder das Banner unseres K�nigs aufzupflanzen.�</p><p>�Eure Worte erf�llen mich mit Stolz, und doch macht es mich auch zugleich verlegen, Euch in dieser Weise von meiner Dichtkunst sprechen zu h�ren, die allzuoft nur unvollkommen und...�</p><p>�Willst du mich besch�men, mein Freund? Ich habe dir angeboten, mit mir wie mit einem Kameraden zu reden. Ich halte nichts von dem f�rmlichen Geschw�tz von Gesandten und H�flingen. Ich ziehe jederzeit das offene Wort irgendwelchen nichtssagenden Floskeln vor. Und was die Dichtkunst angeht, Volker, so mu� ich gestehen, da� auch ich mich darin schon versucht habe und kl�glich gescheitert bin. In Stabreimen, wie sie die Alten pflegen, bin ich zwar wohlbewandert, aber deine neue Reimtechnik des Langzeilenverses vermag ich nicht zu kopieren.�</p><p>Der Spielmann starrte den F�rsten verbl�fft an. Nach allem, was er �ber Ricchar geh�rt hatte, hatte er einen blutd�rstigen Barbaren erwartet. Doch vor ihm stand statt dessen ein Mann, der, obwohl er zum h�chsten Kriegeradel des Frankenreiches geh�rte, ihm kaum, da� sie sich begr��t hatten, zu vertrautestem Umgang einlud und der obendrein auch noch in der Dichtkunst bewandert zu sein schien.</p><p>�Du sch�tzt das offene Wort, Ricchar? Dann la� dir gesagt sein, da� du mich erstaunst. Du bist in der Tat nicht der Mann, den ich hier anzutreffen glaubte.�</p><p>Der F�rst l�chelte und nickte in Richtung des Palastes. �La� uns hineingehen. Ich habe heute morgen eine Wildsau erlegt, und meine K�che haben sie einen halben Tag lang gebraten, weil ich ihnen f�r den Abend einen besonderen Gast angek�ndigt habe. Wir sollten uns zur Tafel begeben, bevor man in der K�che anf�ngt, sich die Haare zu raufen, weil die Schwarte langsam so schwarz wie Holzkohle wird. Ich mu� gestehen, ich hatte schon fr�her mit dir und deinem Freund gerechnet. Seid ihr aufgehalten worden?�</p><p>Volker sch�ttelte den Kopf. �Wir ahnten nicht, da� man uns erwartet. Darf ich dir meinen Freund und Weggef�hrten Golo vorstellen?�</p><p>Der Graf bedachte den jungen Ritter mit einem kurzen Blick und f�hrte die beiden dann die Stufen zum Palast hinauf. Hinter ihnen auf dem Hof erschollen einige scharfe Kommandorufe, und die Krieger r�ckten in geordneten Kolonnen zu ihren Quartieren ab. Stallburschen eilten herbei, um die Pferde der Reiter fortzuf�hren. Aus den Augenwinkeln sah Volker, wie einer der K�mpen offensichtlich erleichtert seine eiserne Gesichtsmaske abschnallte. Es war ein junger Kerl, der sich nun, da er seinen Helm abgenommen hatte, zumindest �u�erlich in nichts von den anderen Kriegern unterschied, die auf dem Platz versammelt gewesen waren.</p><p>Ricchar f�hrte sie durch einen langen Flur auf einen Hof mit einem pr�chtigen Mosaikboden. Es gab hier auch einen kleinen Brunnen, durch den es trotz der sp�tsommerlichen Hitze angenehm k�hl war. Es waren niedrige Tische aufgestellt worden, um die herum breite gepolsterte Liegen standen.</p><p>Ricchar verharrte und wies mit ausgebreiteten Armen auf die Klinen. �Nehmt Platz, meine Freunde! Es soll ein r�misches Gastmahl werden, zu dem ihr geladen seid. Wir werden unser Essen im Liegen einnehmen, und ich mu� euch warnen, nehmt nicht zuviel von den ersten Gerichten, die aufgetragen werden, denn sonst werdet ihr nicht bis zum Ende des Mahls durchhalten. Meine gallischen K�che haben etliche erlesene K�stlichkeiten vorbereitet, wie sie kaum ein Germane mehr kennt, seit die R�mer das Land verlassen haben.� Der F�rst klatschte in die H�nde, und zwei Diener mit silbernen Trinkpokalen und einem m�chtigen Tonkrug erschienen aus einer der zahlreichen T�ren, die auf den Hof f�hrten.</p><p>�Zun�chst m�chte ich euch von einem Wein kosten lassen, der aus dem fernen Kreta stammt. Ein Roter, in dem die Glut der s�dlichen Sonne gefangen ist und mit dem sich auch die besten und �ltesten Weine aus meinem Gau nicht messen k�nnen.�</p><p>Bewundernd drehte Volker den kostbaren Silberpokal zwischen den Fingern und trank in kleinen Schlucken von dem weitgereisten Wein. Kreta... Jene Insel, auf der einst der legend�re K�nig Minos und sein stierk�pfiger Sohn herrschten. Volker dachte an Hafenst�dte mit wei�en H�usern und den Duft des Meeres. Ob es ihm bestimmt war, auch einmal so weit zu reisen?</p><p>�Einige meiner Freunde werden uns bei dem Mahl Gesellschaft leisten.� Ricchar hatte sich auf einer Liege niedergelassen. Er lag seitlich, auf den linken Ellenbogen aufgest�tzt, und wies ihnen mit der Rechten die Liegen an seiner Seite zu.</p><p>�Was sagt der Bischof des Gaus zu diesem heidnischen Luxus, F�rst Ricchar?� fragte Golo, der eine Miene schnitt, als habe man ihm schimmeliges Brot serviert.</p><p>Der junge Graf lachte. �Wir wissen doch alle, da� es sich die Abte und Kirchenm�nner in ihren Kl�stern und Pal�sten selber recht gutgehen lassen. Warum sollte ich ein schlechtes Gewissen haben, nur weil ich meine Freunde mit einem k�stlichen Mahl verw�hne. Ich kann daran nichts Schlimmes finden. Im Gegenteil, ich beweise doch nur, da� ich meinen Reichtum gerne mit anderen teile. Ist dies nicht sogar eine <emphasis>christliche Tugend</emphasis>?�</p><p>�Nur dann, wenn man teilt, um sich mit seiner Freiz�gigkeit nicht �ber die anderen zu erheben.�</p><p>�Hat man deinen Gef�hrten in einer Klosterschule gro�gezogen, Volker?� Ricchar sch�ttelte den Kopf und gab einer Dienerin ein Zeichen, ihm seinen Weinpokal nachzuf�llen.</p><p>Volker warf Golo einen �rgerlichen Blick zu. Was war nur in ihn gefahren? Bislang hatte der junge Ritter noch nie ein Festmahl verschm�ht? �In der Tat mu� ich gestehen, da� er nicht an einem F�rstenhof aufgewachsen ist. Das mag erkl�ren, warum er manchmal ein wenig befremdlich dem Weltlichen gegen�bersteht.�</p><p>Der Frankenf�rst seufzte. �Ich kenne das Problem nur zu gut. Es sind die Kirchenm�nner, die uns in den engen Grenzen ihrer knapp bemessenen Horizonte gefangen halten und den freien Flug des Geistes verhindern wollen, indem sie diesem schillerndsten aller V�gel seine Schwingen beschneiden.� Ricchar sch�ttelte den Kopf. �Entschuldige, wenn ich mich ereifere, l��t meine Rhetorik an Schliff vermissen, und ich neige dazu, meine Rede mit allzu �ppigen Bildern zu schm�cken.�</p><p>�Nicht doch, mein Freund!� Volker setzte den Weinpokal vor sich auf den Tisch und nahm auf einer der Liegen Platz. �Es ist eine Freude, einmal einem Krieger zu lauschen, dessen Rede nicht so hart und spr�de wie eine Felslandschaft ist.�</p><p>Eine Gruppe von Offizieren und Amtm�nnern trat auf den Hof. Sie gr��ten den F�rsten und lie�en sich so selbstverst�ndlich auf den Klinen nieder, als seien sie es schon lange gewohnt, auf diese ungew�hnliche Art zu tafeln. Volker dachte an den Hof zu Worms und daran, was K�nigin Ute wohl dazu sagen w�rde, wenn er ihr vorschlagen w�rde, ein solches Festmahl nach r�mischem Vorbild abzuhalten. Der Spielmann grinste. Vermutlich w�rde sie noch wesentlich drastischere Worte f�r diese heidnischen Verr�cktheiten finden, als Golo es getan hatte.</p><p>Volker griff nach seinem Pokal und nahm einen tiefen Schluck. Dabei fiel sein Blick auf das Mosaik unter dem Tisch. Es zeigte einen Krieger mit Schwert, der einen m�chtigen Stier niederstach.</p><p>Kretischer Wein, Stiermosaiken... War er wirklich noch in einer kleinen, halb verfallenen Stadt am Rhein? Der Spielmann dachte an die Reiter mit den eisernen Masken und die Truppenparade auf dem Platz vor dem Palast. Alles hier war fremd, so als sei er in eine andere Welt hineingeraten. Doch war dies nicht ein gutes Omen f�r die Suche nach einem wunderbaren Vogel, von dem jeder <emphasis>vern�nftige </emphasis>Mensch behauptete, da� er nur in den Geschichten der M�rchenerz�hler existierte.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Wir sollten hier so schnell wie m�glich verschwinden�, fl�sterte Golo heiser.</p><p>�Warum? Das war doch ein wunderbares Fest!� Volker st�tzte sich an der Wand des langen Flurs ab. Er hatte M�he, sich noch auf den Beinen zu halten. Soweit Golo gesehen hatte, mu�te sein Freund mindestens zwei Kr�ge von dem schweren, kretischen Wein getrunken haben.</p><p>�Leise!� zischte der junge Ritter �rgerlich. Der Diener, der sie zu ihren Gem�chern bringen sollte, hatte sich bereits nach ihnen umgedreht. Es war ein kleiner untersetzter Mann, der ihnen mit einer �llampe, auf der drei Flammen brannten, in dem dunklen Gang voranging.</p><p>�Warum sollte ich leise sein?� gr�lte der Spielmann. �Die ganze Welt darf wissen, was ich von diesem Fest halte! Es war...� Volker hob seine Arme in gro�er Geste zur Decke hin. �Es war... gro�artig. Bacchos selbst h�tte kein pr�chtigeres Fest ausrichten k�nnen, obwohl ich sagen mu�..., da� ich M�naden und Fl�tenspielerinnen... vermi�t habe. Ein wenig Tanz w�re auch...� Der Spielmann versuchte, auf einem Bein den Gang hinaufzuh�pfen, verlor das Gleichgewicht und torkelte krachend gegen eine T�r.</p><p>Golo fing ihn auf, bevor Volker zu Boden st�rzte. �Wir reden morgen weiter, du Stolz der christlichen Ritterschaft.�</p><p>�Stolz... Jawohl, das bin ich.� Volker rollte mit den Augen und fing dann an zu lachen. �Wei�t du, was das Problem mit dir ist? Du kannst dich einfach nicht am�sieren, Golo. Den ganzen Abend hast du ein Gesicht gemacht, als w�rdest du am Totenbett deiner Mutter sitzen... Du beleidigst unseren Gastgeber...�</p><p>�Daf�r hast du meine Verfehlungen dann ja mehr als ausgeglichen. Hast du die Frau an der Weide vergessen? Ricchar mag dich vielleicht mit gelehrten Reden umgarnen, aber in meinen Augen ist er immer noch ein blutd�rstiger Barbar. Wir sollten diese Stadt so schnell wie m�glich verlassen. Ist dir aufgefallen, da� nicht ein einziger Geistlicher bei dem Fest zugegen war? Das ist kein gutes Zeichen!�</p><p>Volker kicherte. �Das war ja auch nicht gerade ein Kirchenfest. Stell dir vor, der Bischof zu Worms h�tte so einem Fest am Hof von Gunther beiwohnen m�ssen... Dem w�ren die Perlen aus seiner Mitra gefallen vor Entsetzen. Der gute Fredegar... Jeder wei�, da� er ein S�ufer ist, aber von der Kanzel predigt er so ergreifend gegen dieses Laster, als habe er noch niemals einen Weinpokal in H�nden gehalten. Dabei l��t er sich den Me�wein mit Schnaps versetzen, weil er ihm sonst zu fade ist. Ricchar hat solche doppelz�ngigen Kleingeister von seinem Hof verbannt. Ich kann darin nichts Falsches sehen.�</p><p>�Hier ist das Gemach f�r den erlauchten Barden�, murmelte der Diener, �ffnete eine T�r und wies mit dem Licht in eine gro�e Kammer, in der ein Bett, ein mit pr�chtigen Intarsien verzierter Tisch und zwei hochbeinige St�hle standen. �F�r den Herrn Ritter gibt es ein zweites Gemach, das an dieses hier angrenzt.�</p><p>Golo musterte den kleinen Kerl. Er hatte den Eindruck, da� etwas Heimt�ckisches in der Stimme des Dieners lag. Oder am�sierte der Kerl sich nur �ber den Zustand Volkers?</p><p>Der junge Ritter hatte sich Volkers rechten Arm um die Schulter geschlungen und brachte den Spielmann bis zum Bett. �La� mich in Morpheus Scho� ruhen�, lallte der Barde. �Morgen werden wir weiterreden.�</p><p>�Schon gut.� Golo setzte Volker auf den Rand des Bettes und zog ihm die Stiefel aus.</p><p>�Brauchen die erlauchten Herren noch meine Dienste?�</p><p>�Bring einen Eimer und einen Krug mit frischem Wasser her! Ich glaube, mein Freund wird das diese Nacht noch brauchen. Und dann stell ein Licht auf den Tisch dort dr�ben, das bis zum Morgengrauen brennt. Er soll sehen k�nnen, wo er sich befindet, wenn er wach wird.�</p><p>�Wie Ihr befehlt, Herr!� Der Diener verbeugte sich knapp und verschwand auf den dunklen Gang. Seine �llampe hatte er auf dem Tisch stehen lassen.</p><p>Volker war nach hinten auf das Bett gesunken und schnarchte leise. Golo betrachtete ihn eine Weile. Im weichen Licht der �llampe waren die Falten in den Mundwinkeln des Spielmanns verschwunden. Er konnte Volker nicht lange b�se sein. Seit den Ereignissen in den S�mpfen Aquitaniens hatte sich der Spielmann von Grund auf ver�ndert. Golo w�nschte ihm, da� er den Feuervogel finden w�rde, damit er endlich Gewi�heit �ber das Schicksal der Morrigan erlangte. In der letzten Nacht, als sie am Ufer des Rheins schliefen, hatte er Volker den Namen der heidnischen Priesterin im Schlaf fl�stern h�ren. Sie lie� ihn nicht mehr los... Vielleicht hatte sie ihn ja verflucht?</p><p>Vor der T�r erklangen Schritte. Der Diener kehrte zur�ck. Ohne ein Wort stellte er einen h�lzernen Eimer und einen Wasserkrug neben das Bett. Dann trat er einen Schritt zur�ck und blickte Golo erwartungsvoll an.</p><p>�Du kannst gehen. Ich werde alleine den Weg in meine Kammer finden. Danke.�</p><p>Der kleine Mann verneigte sich knapp. �Wie Ihr meint, Herr.� In der T�r blieb er noch einmal stehen und blickte zur�ck.</p><p>�Ja?� fragte Golo �rgerlich. Er wollte allein sein.</p><p>Der Diener r�usperte sich verlegen. �Es geht mich ja nichts an, aber ich habe Euch eben �ber einen Bischof reden h�ren. Nicht, da� ich lauschen wollte, Herr... Ihr spracht so laut, da� es mir unm�glich war, das Gesagte zu �berh�ren.�</p><p>�Und?�</p><p>�Es w�re kl�ger, wenn Ihr in Gegenwart des Grafen und seiner Gefolgsleute nicht von Kirchenm�nnern sprecht.�</p><p>Golo richtete sich auf und musterte den kleinen Kerl mi�trauisch. Der Mann hatte flachsblondes Haar und ein breites, ehrliches Gesicht. �Was willst du damit sagen?�</p><p>�Nichts. Nur, da� man hier Kirchenm�nner nicht sonderlich zu sch�tzen wei� und... H�tet Euch, da� Ihr in diesen Mauern Euer Seelenheil nicht verliert.� Der Diener blickte �ngstlich auf den Gang hinaus.</p><p>Einen Moment lang glaubte Golo, ein Ger�usch wie von leisen Schritten zu h�ren. Dann war es wieder still. �Wie meinst du das? Ein Gelage wie an diesem Abend ist zwar gewi� nicht gottgef�llig, doch warum sollte unser Seelenheil in Gefahr sein?�</p><p>�Ich habe schon zu viel gesagt�, fl�sterte der Mann �ngstlich. �Ich mu� nun gehen.� Er verneigte sich ein wenig linkisch und eilte dann mit langen Schritten den Gang hinab.</p><p>Golo deckte den Spielmann zu und ging zu seiner Kammer. Dabei klangen ihm immer wieder die Worte des Dieners in den Ohren. <emphasis>H�tet Euch, da� Ihr in diesen Mauern Euer Seelenheil nicht verliert. </emphasis>Was mochte der Kerl damit nur gemeint haben?</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>2. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>�Seht Euch das nur an!� Der Frankenf�rst zeigte auf ein paar gemauerte B�gen, die im rechten Winkel auf die Stadtmauer trafen. �Sie haben meilenlange Br�cken gebaut, auf denen sie das Wasser aus den Bergen in die St�dte leiteten. Hunderte von M�nnern m�ssen ein Leben lang daran gearbeitet haben. F�r sie war nichts unm�glich...�</p><p>�Und dennoch haben unsere Ahnen sie von hier vertrieben.� Volker kannte die Bauwerke der R�mer. Auch seine Heimatstadt Alzey war einst eine ihrer Garnisonen gewesen, und auch dort gab es noch viele Ruinen, die an die Pracht der vergangenen Zeiten erinnerten.</p><p>�Du hast recht, mein Freund. Sie sind schwach geworden. Deshalb konnten wir sie besiegen. Die ganze Welt hatte sich gegen sie erhoben. Und doch dauert selbst ihr Untergang schon mehr als ein Jahrhundert, und noch sind sie nicht endg�ltig besiegt.�</p><p>Golo schnaubte ver�chtlich. �Was ist von ihrer Gr��e schon geblieben? Heute winseln ihre Gesandten am Hof des Hunnenk�nigs um Gnade, damit er Italien verschont. Was nutzt es, wenn man die Kunst beherrscht, Wasser viele Meilen �ber Br�cken laufen zu lassen, aber nicht mehr in der Lage ist, seine St�dte zu verteidigen.�</p><p>Ricchar lachte. �Du hast recht, Golo. Viele meiner Reiter denken �hnlich. F�r das, was von ihnen geblieben ist, habe auch ich nur Verachtung �brig. Doch einst hat das r�mische Volk die ganze Welt beherrscht. Wenn nicht auch wir eines Tages vor Etzels Kriegern winselnd im Staub liegen wollen, dann m�ssen wir das Geheimnis von Roms verlorener Gr��e ergr�nden. Mein K�nig hat Gesandte an den Hof der Hunnen geschickt. Sie berichten, da� Etzels Reiter so zahlreich wie die Kiesel am Ufer des Rheins sind. Wenn sie eines Tages beschlie�en sollten, in den Westen vorzusto�en, dann wird nichts und niemand sie aufhalten k�nnen. Es sei denn, wir k�nnten ihnen eine Armee entgegenstellen, wie sie einst Rom besessen hat. Doch das gen�gt noch nicht...� Der Krieger blickte zu den Bergen westlich der Stadt und schien pl�tzlich d�steren Gedanken nachzuh�ngen.</p><p>�Und was w�rde der Heermeister des Frankenk�nigs tun, um Etzel zu bezwingen?� stichelte Volker.</p><p>�Den Krieg mit den Hunnen von langer Hand vorbereiten�, entgegnete Ricchar trocken. �Eines Tages werden sie hierher an den Rhein kommen, und dann m�ssen wir ger�stet sein. Doch dazu reicht es nicht allein, eine Armee zu haben. Hinter jedem Soldaten m�ssen mindestens f�nf M�nner stehen, die ihn unterst�tzen, wenn er erfolgreich im Krieg sein soll. Wir brauchen Schmiede, die nichts anderes tun, als R�stungen und Waffen f�r unsere K�mpfer herzustellen. K�hler, die daf�r sorgen, da� der Vorrat an Holzkohle neben den Schmiedefeuern niemals zur Neige geht. Bergarbeiter, die das Erz aus den Tiefen der Erde holen. Schuster, die die Stiefel der Soldaten schneiden. Rinderherden, damit meine M�nner Fleisch auf ihren Tellern liegen haben und damit es Leder f�r Stiefel und S�ttel gibt... So geht es endlos weiter. Eine gute Armee allein gen�gt nicht. Die R�mer waren so m�chtig, weil sie all dies hatten. C�sar konnte einst in weniger als einem Jahr zehntausend Soldaten unter Waffen stellen. Kein K�nig kann ihm das heute gleichtun und w�re er selbst so reich wie der legend�re Midas! Es gibt einfach keinen Ort, an dem man zehntausend Schwerter kaufen k�nnte...�</p><p>Volker sch�ttelte den Kopf. �Das ist es doch nicht allein. Rom hatte gen�gend Schuster und Schmiede. Trotzdem haben unsere Ahnen die Legionen vom Rhein vertrieben.�</p><p>�Weil die R�mer ihren Glauben und ihren Kampfgeist verloren hatten.� Ricchars himmelblaue Augen blitzten im Sonnenlicht. �An beidem mangelt es meinen Kriegern nicht. Wenn ich ihnen auch den Rest verschaffe, dann werden sie unbesiegbar sein!�</p><p>�Und ihr erstes Ziel ist dann Treveris, nehme ich an?�</p><p>Der Frankenf�rst zuckte mit den Schultern. �Vielleicht? Diese Entscheidung liegt bei meinem K�nig.�</p><p>�Das hei�t, wir w�rden uns vielleicht eines Tages als Feinde auf dem Schlachtfeld gegen�berstehen?� Volker musterte den Grafen, doch auf Ricchars Gesicht zeigte sich nicht die geringste Regung. Es war so kalt wie die eisernen Masken seiner Reiter.</p><p>�Ich vertraue darauf, da� sich die Gerechten niemals feindselig gegen�berstehen. Die Kr�fte des Guten werden sich vereinen, um sich der Finsternis entgegenzustellen.�</p><p>�Und die burgundischen Truppen, gegen die du im letzten Jahr gek�mpft hast? Verk�rpern sie f�r dich die Finsternis? Wie kannst du uns dann an deiner Tafel empfangen?�</p><p>�Ein Dichter wie du steht immer f�r das Licht und die Weisheit. Es wird Zeit, da� die F�rsten den Weisen und den Epikern wieder die Achtung zollen, die ihnen zusteht. Au�erdem warst du im letzten Jahr nicht in die K�mpfe verwickelt. Ich denke, da� dies nicht Zufall, sondern Bestimmung war.�</p><p>Volker l�chelte. Er mochte den jungen F�rsten, auch wenn er ihm in vielem seltsam erschien. Doch war es nicht immer schon so, da� die gro�en Denker ihren Zeitgenossen seltsam erschienen? Ein Feldherr, der sich ebensosehr f�r die Dichtkunst wie f�r den Krieg interessierte, wo gab es so etwas in diesen Zeiten noch?</p><p>�Und was willst du mit deiner Armee?� warf Golo ein. �Was f�r ein Unterschied besteht zwischen Etzel und seinen Horden und euch Franken, wenn ihr erobernd und pl�ndernd durch die Lande zieht? Die Bauern werden f�r euren Hochmut und eure pr�chtigen Kriegsz�ge bezahlen m�ssen. Wo ist der Unterschied, ob man den Zehnten an einen hunnischen Heiden entrichtet oder an einen dichtenden Frankenf�rst?�</p><p>�Dein Freund hat eine scharfe Zunge, Volker. Doch ich sch�tze es, wenn M�nner den Mut haben, mir ihre Meinung ins Gesicht zu sagen.�</p><p>Der Spielmann warf Golo einen zornigen Blick zu. Volker war sich nicht im klaren dar�ber, was seinen Freund an Ricchar st�rte, doch w�rde es noch ein schlimmes Ende nehmen, wenn er sich weiterhin derart im Ton vergriff. Die meisten burgundischen Adeligen, die Volker kannte, h�tten angesichts solcher Frechheiten schon l�ngst die Gesetze der Gastfreundschaft vergessen.</p><p>�Wenn der Burgundenk�nig dir zuwenig Sold zahlen sollte, w�rest du mir stets unter meinen Reitern willkommen. Ich brauche M�nner wie dich, die frei denken und sich vor nichts f�rchten. Ich w�rde dich im Rang eines Decurios in meine Truppen aufnehmen und eine Turma deinem Kommando unterstellen. Glaubst du, du k�nntest zweiunddrei�ig Reiter kommandieren?�</p><p>Golo r�usperte sich verlegen. �Ich habe Gunther die Treue geschworen! Ich kann seinen Dienst ohne seine Zustimmung nicht verlassen. Willst du meine Treue auf die Probe stellen? Warum machst du mir ein solches Angebot?�</p><p>�Weil ich einen Mann unter meinen Offizieren haben m�chte, der die Rechte der Bauern achtet. Ich wei�, da� du mich nicht magst, Golo, aber es ist mir gleichg�ltig, was du denkst. Deine Dienste k�nnen mir n�tzlich sein, und das ist alles, was z�hlt. Ich will kein neuer Alexander oder C�sar sein, so wie es mir meine Feinde am K�nigshof vorwerfen. Was hei�t es schon, ein gro�er Eroberer zu sein... Es geht um mehr! Das Reich der R�mer ist zerschlagen, die germanischen St�mme untereinander zerstritten. Wir haben vieles falsch gemacht, als wir die R�mer vertrieben haben. Sieh dir nur diese Stadt an. Hier haben einst viele tausend Menschen gelebt. Jetzt sind es nur noch ein paar hundert. So sieht es �berall im Land aus. Wir brauchen eine starke Armee, sie ist der Schl�ssel dazu, uns eine bessere Zukunft zu schaffen. Doch es geht nicht darum, irgendwelche St�dte zu brandschatzen und mit reicher Beute hierher in die Ruinen zur�ckzukehren. Wir m�ssen wieder aufbauen, was unsere Ahnen zerst�rt haben. Merowech ist ein starker K�nig. Mit der richtigen Armee k�nnten wir ein Frankenreich errichten, das sich, so wie einst das Reich der R�mer, �ber die ganze Welt erstreckt. Nur wenn wir es wagen, gro� zu denken, k�nnen wir auch gro�e Dinge erreichen!</p><p>Jeder Bauer aber, der get�tet wird, ist eine Niederlage. Jede �hre, die auf dem Feld verdorrt, eine verlorene Schlacht. Es sind die Bauern und Handwerker, die letzten Endes dar�ber entscheiden, ob meine Vision von einem Reich, wie es einst bestanden hat, Wirklichkeit werden kann. Deshalb brauche ich M�nner wie dich, Golo. Anf�hrer, die stets auch das Wohl der Bauern im Auge haben und daf�r Sorge tragen, da� nicht <emphasis>ein </emphasis>Geh�ft gepl�ndert wird, wo meine Soldaten ihre Schlachten schlagen. Wenn dies gelingt, dann werden auch wir eines Tages wieder Wasser �ber hundert Meilen aus den Bergen in die St�dte leiten. Wir werden Theater haben, in denen Tausende den Werken unserer Dichter lauschen, und, was das wichtigste ist, kein Bauer in diesem Reich m��te sich f�rchten, da� eines Tages die Hunnen oder irgendwelche anderen Pl�nderer den roten Hahn auf den Giebel seines Geh�fts setzen. Was ich will, ist eine Pax Germanica, die uns allen Frieden und Wohlstand bringt.�</p><p>Volker traute seinen Ohren kaum. Jeden anderen, der ihm solche Pl�ne dargelegt h�tte, h�tte er f�r wahnsinnig gehalten. Doch Ricchar machte den Eindruck, als wisse er, wovon er sprach. Er war kein Irrer, der irgendwelchen Phantasien nachhing. Der Frankenf�rst galt als Merowechs bester Kriegsherr, und wenn er tausend Reiter haben wollte, dann w�rde der K�nig sie ihm sicherlich �berlassen. Welches Risiko ging Merowech dabei auch ein! Ricchar war noch niemals besiegt worden! Er hatte die Macht, seine k�hnen Ideen zu verwirklichen! Ein Reich des Friedens zu errichten... Welch eine Vision! Doch was w�rde mit den anderen germanischen K�nigreichen geschehen? Sicherlich w�re Burgund eines der ersten Opfer des fr�nkischen Eroberungszuges.</p><p>�Du sagtest, du willst ein K�nigreich wie das der R�mer errichten�, meldete sich Golo zu Wort. �Und du willst so wie sie Wasser �ber fast hundert Meilen auf Br�cken aus den Bergen hierherbringen, weil dies in deinen Augen eine gro�e Tat war. Ich frage dich, Ricchar, was machte das f�r einen Sinn? Castra Bonna liegt an einem Flu�, der niemals versiegt. Wozu mu� man solchen Aufwand treiben, Wasser hierher zu bringen, wenn es einem vor den F��en flie�t? Was war das f�r ein Volk, das so viel Kraft in so sinnlose Bauwerke steckte? Und tun wir wirklich gut daran, ihnen nachzueifern?�</p><p>Der Frankenf�rst lachte. �Es ist gut, einen Mann an seiner Seite zu haben, der den Blick f�r das Wesentliche beh�lt. Ein Aqu�dukt zu bauen ist sicherlich nicht unsere wichtigste Aufgabe. Ich denke, die R�mer taten es, um ihre �berlegenheit zu demonstrieren. So wie C�sar eine breite Br�cke �ber den Rhein bauen lie�, um sie nur ein einziges Mal zu benutzen und dann wieder einrei�en zu lassen. Er wollte damit unseren Urahnen zeigen, da� er zu jeder Zeit und an jeder beliebigen Stelle den Strom �berqueren konnte. Es war eine Machtdemonstration! So ist es auch mit dem Aqu�dukt. Doch nun la�t uns weiterreiten. Ich will euch meine Truppen zeigen und wie geschickt meine Reiter im Kampf sind. Sie werden zur Mittagsstunde eine ganz besondere Art von Turnier zu euren Ehren abhalten.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Unter dem Vorwand, er m�sse sich erleichtern, hatte Golo das abendliche Gelage im Palast des Frankenf�rsten verlassen. Das Essen, das aufgetragen wurde, war k�stlich. Gebratenes Fleisch vom Rind gab es und frisch gebackenes Brot. Dazu wurde Obst gereicht, das aus den Hainen n�rdlich der Stadt stammte. Doch obwohl Golo f�r gew�hnlich gutes Essen sehr zu sch�tzen wu�te, mochte ihm an diesem Abend kein Bissen munden. Ricchar machte ihm Angst. Volker schien ganz in den Bann dieses ungew�hnlichen Mannes geschlagen zu sein. Und wenn Golo ehrlich war, mu�te selbst er sich eingestehen, da� es ihm nicht leicht gefallen war, das Angebot des Franken abzulehnen. Eine Reitereinheit kommandieren... Damit w�rde er, der Sohn eines unfreien Bauern, in den Adelsstand aufsteigen. Golo pfiff leise durch die Z�hne und streckte sich.</p><p>Er war zur S�ulenhalle an der Vorderfront des Praetoriums geschlendert und blickte �ber den weiten Platz, auf dem Ricchar sie gestern empfangen hatte. Die Reiterspiele, denen sie am Mittag beigewohnt hatten, waren sehr eindrucksvoll gewesen. Mehr als hundert Krieger hatten daran teilgenommen. Sie alle trugen Prunkr�stungen mit eisernen Masken. Der Graf hatte sie in zwei gleich gro�e Reiterhaufen eingeteilt, die in Formationen gegeneinander anritten, um ihre F�higkeiten im Kampf mit Schwert und Lanze zu zeigen. Es war nicht das Waffengeschick der einzelnen Reiter, das den jungen Ritter beeindruckt hatte, sondern die Art und Weise, wie die fr�nkischen Reiter zusammen k�mpften. Sie r�ckten in geschlossenen Formationen an oder bildeten mit ihren gro�en Rundschilden dichte W�lle, hinter denen sie vor den Wurfspeeren der anderen Reitergruppe Deckung fanden. Auf Hornsignale und die knappen Befehle ihrer Anf�hrer waren sie binnen weniger Augenblicke in der Lage, die Formation zu �ndern und von der Verteidigung zum Angriff �berzugehen. Ja, sie schafften es sogar, die Pferde bei der Attacke in einer geschlossenen Front zu halten. So etwas hatte Golo noch niemals bei einem Reiterangriff gesehen. Wenn die burgundischen Ritter attackierten, dann l�ste sich ihre Formation w�hrend des wilden Galopps stets auf. Ob Ricchar tats�chlich Hunderte solcher Reiter aufzubieten vermochte?</p><p>Golo blickte zum rotgl�henden Abendhimmel. Ein K�nigreich, so gro� wie das Reich der R�mer zu errichten... Was f�r ein Plan! Dazu w�rden ein paar Reiter nicht ausreichen. Obendrein hatte noch niemand Ricchars Maskenritter in der Schlacht erlebt. An den Gefechten im letzten Sommer hatten sie nicht teilgenommen. Man h�tte in Worms �ber sie erz�hlt, w�re auch nur einer dieser ungew�hnlichen Krieger gesehen worden.</p><p>Der junge Ritter zuckte mit den Schultern und wollte zum Festgelage zur�ckkehren, als er hinter sich einen Schatten zwischen den S�ulen verschwinden sah. Die Hand am Dolch lief Golo den Gang hinauf. �Wer dort?�</p><p>Die schattenhafte Gestalt hielt sich dicht bei der Mauer und fl�chtete in Richtung der Pferdest�lle, die unweit des Palastes am Ende des gro�en Platzes lagen. Wer auch immer ihm gefolgt war, schien ungew�hnlich kleinw�chsig. Vielleicht sogar ein Zwerg.</p><p>Golo hatte die Gestalt fast eingeholt, als ein weiterer Schatten zwischen den S�ulen erschien und sich ihm in den Weg stellte. Es war der Diener, der ihn und Volker in der letzten Nacht zu ihren Kammern geleitet hatte. Der junge Ritter rannte den Mann fast �ber den Haufen.</p><p>�La� sie! Ich habe ihr befohlen, dir zu folgen!�</p><p>�Was treibt ihr hier f�r ein Spiel?� keuchte Golo w�tend. Noch immer ruhte seine Hand auf dem Griff des Messers in seinem G�rtel.</p><p>�Ich habe ihr befohlen, Euch und den Spielmann zu beobachten. Ich mu�te Gewi�heit �ber euch haben.�</p><p>Golo packte den Kerl bei seinem Wams und dr�ckte ihn gegen die Mauer. �Gewi�heit vor�ber? Was soll das?�</p><p>Mit eisernem Griff schlossen sich die H�nde des Dieners um die Arme des jungen Ritters. �Nicht hier! La�t mich los, Herr. Wir werden vielleicht beobachtet. Ich kann jetzt nicht reden. Kommt eine Stunde nach Sonnenuntergang in das verfallene R�merbad. Ihr m��t der Stra�e am Ende des Platzes folgen. Haltet Euch dann nach zweihundert Schritt links. Ihr werdet die Ruinen des gro�en Bauwerks selbst im Dunklen erkennen. Dort werde ich auf Euch warten. Geht dort auf den Innenhof. Im Schatten des dritten Torgew�lbes k�nnt Ihr mich finden. Und kommt ohne den Spielmann, sonst werde ich vor Euch fl�chten. Dem Herrn Volker trauen wir nicht.�</p><p>�Wer ist <emphasis>wir</emphasis>? Und was soll das ganze Versteckspiel �berhaupt?�</p><p>Der Diener l�ste sich aus dem Griff des jungen Ritters. �Nur soviel, gn�diger Herr. H�tet Euch vor Ricchar! Er ist der Versucher!� Bevor er ihn zur�ckhalten konnte, lief der kleine Mann davon. Ein k�hler Wind wehte �ber den Platz vor dem Palast.</p><p>�Der <emphasis>Versucher</emphasis>!� Golo sch�ttelte den Kopf. Wu�te der Diener etwa von dem Angebot, das ihm der Graf gemacht hatte?</p><p>Nachdenklich ging der junge Ritter zur Festhalle zur�ck.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�La� uns das Mahl verlassen, mein Freund! Ich denke, es ist an der Zeit dir, etwas zu zeigen.� Ricchar hatte sich zu Volker hin�bergebeugt und seinen Weinpokal zur Seite gestellt. Dem Spielmann war aufgefallen, da� der F�rst an diesem Abend fast nichts getrunken hatte. �berhaupt ging es auf den Festen der Franken wesentlich gesitteter zu, als er es von Kriegern erwartet h�tte. Nicht einer der M�nner schien betrunken. Es wurde nicht gegr�lt oder lauthals mit nie begangenen Taten geprahlt. Selbst wenn sie feierten, wirkten die Vertrauten Ricchars noch diszipliniert.</p><p>�Willst du mich begleiten?� Der junge F�rst sah Volker fragend an.</p><p>�Wollen wir noch auf Golo warten?�</p><p>�Ich glaube, dein Gef�hrte hat in Wirklichkeit nur nach einem Vorwand gesucht, das Fest verlassen zu k�nnen. Heute werden wir ihn gewi� nicht mehr wiedersehen.�</p><p>Der Spielmann nickte. Auch ihm war aufgefallen, da� Golo sich nicht wohl f�hlte, doch war ihm unbegreiflich, woran das liegen mochte. Der Bauernsohn konnte Ricchar nicht leiden. Aber das hie� nicht viel. Golo mochte kaum einen Adeligen. Er fand es nicht gerecht, wenn man Macht und Reichtum in die Wiege gelegt bekam, statt sie sich zu verdienen. Volker l�chelte. So war der Lauf der Welt. Eines Tages w�rde auch Golo begreifen, da� sich daran niemals etwas �ndern w�rde. Und war es nicht Gott selbst, der entschied, wer zum Regieren und wer zum Dienen geboren ward?</p><p>Ricchar erhob sich von seiner Kline. �In den St�llen warten zwei Pferde auf uns. Wir werden ein St�ck aus der Stadt hinausreiten.�</p><p>�Und wohin willst du mich bringen? In sp�testens einer Stunde ist es stockfinster.�</p><p>Der Graf l�chelte. �Vielleicht will ich dir den Weg zum Licht weisen.�</p><p>Keiner der anderen G�ste erhob sich. Sie wirkten auch nicht verwundert. Volker hatte fast den Eindruck, da� sie alle eingeweiht waren in das, was nun geschehen sollte. Der Spielmann schluckte. Zum ersten Mal, seit er an Ricchars Hof weilte, f�hlte er sich nicht mehr wohl in seiner Haut.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Da� Volker und Ricchar nicht mehr beim Gastmahl weilten, als er zur�ckkehrte, hatte Golo nicht wirklich �berrascht. Auch der junge Ritter zog sich bald auf seine Kammer zur�ck. Er lag auf seiner Bettstatt und beobachtete durch das schmale Fenster, wie die Finsternis langsam das Abendrot besiegte. Als es so dunkel geworden war, da� er die M�bel in seinem Gemach fast nicht mehr erkennen konnte, erhob er sich von seinem Lager und nahm den braunen Umhang, den er �ber die Lehne des Stuhls gelegt hatte. Er war eigentlich zu warm f�r diese Jahreszeit, aber die dunkle Farbe w�rde Golo in den Stra�en der Stadt vor neugierigen Blicken sch�tzen.</p><p>Einen Moment lang �berlegte der Krieger, ob er sein Kettenhemd anlegen sollte, doch dann entschied er sich gegen die schwere Last. Er ritt schlie�lich nicht in eine Schlacht, sondern traf sich nur mit einem versponnenen Diener. Der lange Dolch, den er am G�rtel trug, war Schutz genug! So warf er sich den Umhang �ber die Schultern und verlie� die Kammer.</p><p>Die Wachen im Palast lie�en ihn passieren, ohne Fragen zu stellen. Niemand schien es ungew�hnlich zu finden, da� er im Finstern noch in die Stadt ging. Vielleicht glaubten sie, da� er sich nach irgendeiner billigen Dirne umsehen wollte. Nun, sollten sie ihn ruhig f�r einen Hurenbock halten...</p><p>Ohne Eile �berquerte er den weiten Platz vor dem Herrschersitz. Der Wind hatte nachgelassen, und es war dr�ckend schw�l. Die Sterne lagen hinter m�chtigen Wolkengebirgen verborgen. Vielleicht w�rde es in der Nacht noch ein Gewitter geben. Er sp�rte, wie ihm hei�er Schwei� den Nacken und die Arme hinabrann. Dieser verfluchte Wollmantel! Er h�tte ihn in seiner Kammer lassen sollen. Wahrscheinlich hielten die Palastwachen ihn f�r verr�ckt, da� er sich bei dieser Hitze derart vermummt hatte.</p><p>Als er das andere Ende des Platzes erreichte, warf Golo einen Blick �ber die Schulter. Niemand folgte ihm. Dennoch w�hlte er vorsichtshalber eine andere Stra�e als jene, die der Diener ihm benannt hatte. Der junge Ritter wollte ganz sichergehen, da� niemand ihm folgte! Schlie�lich schien sich der Diener vor irgend etwas zu f�rchten. Etwas im Palast schien nicht ganz geheuer zu sein. Der Diener hatte von seinem F�rsten gesprochen, als sei Ricchar der Leibhaftige selbst. Der <emphasis>Versucher </emphasis>hatte er ihn genannt... Wenn Golo an das Angebot vom Nachmittag dachte, dann war dieser Titel f�r Ricchar zugegebenerma�en nicht ganz unangemessen.</p><p>Der junge Ritter folgte der Stra�e eine Weile und kauerte sich dann in einen dunklen Hauseingang, um zu warten. Aus keinem der Fenster ringsherum fiel Licht. Mit klopfendem Herzen lauschte Golo, ob ihm jemand folgte. Doch au�er dem Fauchen zweier streitender Katzen war nichts zu h�ren. Als Golo ganz sicher war, da� niemand mehr kommen w�rde, verlie� er sein Versteck. Es war so finster, da� man kaum zwei Schritt weit sehen konnte. Um nicht zu stolpern, tastete er sich an den W�nden der H�user entlang.</p><p>Einmal kreuzte ein Trupp Soldaten eine Seitenstra�e. Golo h�rte ihren Marschtritt schon von weitem und versteckte sich in den Ruinen eines ausgebrannten Hauses. Die Krieger zogen vor�ber, ohne ihn zu bemerken. Es waren acht Mann. Drei von ihnen trugen Fackeln. Eine ungew�hnlich starke Streife f�r eine Stadt, die nicht belagert wurde. Wovor f�rchtete Ricchar sich, wenn er so viele M�nner zum Wachdienst befahl? Ob der Diener ihm diese Frage beantworten w�rde?</p><p>Golo wartete, bis die Soldaten au�er Sicht waren, und eilte dann, so schnell es in der Dunkelheit ging, den Thermen entgegen. Das verfallene Bad mu�te einst so gro� wie ein Palast gewesen sein. Vorsichtig tastete sich der junge Krieger die br�ckelnden Marmorstufen hinauf. Ein gew�lbter Gang f�hrte auf den Innenhof des Gem�uers. Pl�tzlich bemerkte er in einer Nische einen Mann, der zu ihm her�berstarrte. Golo dr�ckte sich mit dem R�cken zur Wand und zog seinen Dolch.</p><p>�Wer da?�</p><p>Es kam keine Antwort. War er in eine Falle getappt? Golo duckte sich leicht, bereit, den anderen anzuspringen, sobald er sich bewegte. Der Kerl schien allein zu sein. Etliche Herzschl�ge lang musterten die beiden schweigend einander.</p><p>�Bist du ein Gefolgsmann des Grafen?�</p><p>Nichts. Was wollte der Kerl? Warum redete er nicht? Worauf wartete er nur? Golo war es leid. Er hob den Dolch und machte einen Schritt nach vorne. In dem Moment trat der Mond hinter den Wolken hervor. Ein breiter Streifen silbernen Lichts fiel in den Gew�lbegang, und Golo erkannte, wen er belauert hatte. Mit einem erleichterten Lachen schob er den Dolch in seinen G�rtel zur�ck. Es war eine Statue! Das Bildnis eines Kriegers in einer seltsamen R�stung. Der Soldat trug einen Brustpanzer, der wie die Muskeln eines kr�ftigen Mannes geformt war, und ein breiter Umhang fiel von seinen Schultern.</p><p>Das Gerede des Dieners hat mich schon v�llig durcheinandergebracht, dachte Golo ein wenig �rgerlich und setzte seinen Weg fort. Nach zehn Schritten m�ndete der Durchgang auf einen gro�en gepflasterten Hof. Nur undeutlich konnte er im schwindenden Mondlicht die Ruinen der angrenzenden Geb�udefl�gel erkennen. Das Badehaus mu�te einst riesig gewesen sein. Jetzt war der Prachtbau fast vollst�ndig verfallen.</p><p>Mit zusammengekniffenen Augen sp�hte Golo in die Finsternis. Auf der rechten Seite des Hofes schien es drei nebeneinanderliegende niedrige Gew�lbeb�gen zu geben. Vorsichtig schlich er �ber den mit Tr�mmern �bers�ten Platz. Endlich erreichte er den mittleren Bogen, doch der Diener aus dem Palast war nicht dort. Golo �berlegte, ob er vielleicht zu fr�h war. Vielleicht war sein r�tselhafter Freund auch aufgehalten worden. Mit einem resignierenden Seufzer lie� sich der junge Ritter, an die Gew�lbewand gelehnt zu Boden sinken. Doch kaum, da� er sa�, war er mit einem leisen Fluch auch wieder auf den Beinen. Der Boden war feucht. Vom letzten Regen hatte sich wohl eine kleine Pf�tze gesammelt, die durch die Hitze des Tages fast v�llig ausgetrocknet sein mu�te.</p><p>�rgerlich ging Golo unter dem Torbogen auf und ab. Hin und wieder verharrte er eine Weile und sah den treibenden Wolken am Himmel zu. Wo Volker jetzt wohl war? Wom�glich war die ganze Geschichte mit dem Diener auch nur eine Intrige, die Ricchar ersonnen hatte, um herauszufinden, ob er mit Verr�tern paktieren w�rde. Golo ballte die F�uste! Und er war nat�rlich dumm genug, darauf hereinzufallen! Es reichte! Nach seiner Sch�tzung hatte er jetzt mindestens eine halbe Stunde gewartet. Der Kerl w�rde bestimmt nicht mehr kommen. Es war an der Zeit in den Palast zur�ckzukehren.</p><p>Wenn er daran dachte, was mit ihm geschehen w�rde, wenn er tats�chlich auf eine Intrige des Grafen hereingefallen war, wurde Golo ganz �bel. Die Franken waren ber�chtigt f�r ihre grausamen Hinrichtungen. Sie begn�gten sich fast nie damit, einem Verurteilten einfach nur den Kopf abzuschlagen oder ihn zu erh�ngen. Vierteilen, aufs Rad flechten oder einem mit gl�henden Zangen das Fleisch vom Leib rei�en, das waren nur einige der widerlichen Todesarten, die sie f�r ihre Feinde parat hatten. Golo schauderte. Warum nur hatte er sich darauf eingelassen, in diese verfluchten B�der zu kommen. Er kannte den Mann ja nicht einmal richtig, der ihn hierherbestellt hatte. Er geh�rte geohrfeigt f�r seine Dummheit!</p><p>Einen Moment lang �berlegte der junge Ritter, ob er nicht am besten gleich zu den St�llen schleichen sollte, um sich sein Pferd zu holen und zu t�rmen. Doch dann dachte er an Volker. Was sie dem S�nger wohl antun w�rden, wenn er sich einfach aus dem Staub machte? Dem Grafen war zuzutrauen, da� er seine Wut wom�glich am Spielmann auslie�. Das konnte er nicht zulassen!</p><p>Mit gemischten Gef�hlen �berquerte Golo den gro�en Platz vor dem Palast. Schon von weitem konnte er die Torwachen erkennen. Es waren vier Mann, die unter dem S�ulengang standen. Neben ihnen steckten in eisernen Halterungen einige Fackeln an der Wand. Sie tauchten den Eingang zum Palast in flackerndes gelbes Licht.</p><p>Golo straffte sich. Er sollte sich nichts anmerken lassen! Mit langen Schritten hielt er auf den Eingang zu und passierte. Die M�nner musterten ihn knapp. Keiner machte Anstalten, ihn aufzuhalten. Er hatte Gl�ck gehabt! Die Intrige und all seine dunklen Gedanken waren nichts als Hirngespinste! Vielleicht tat er dem Grafen Ricchar unrecht, wenn er so schlecht von ihm dachte.</p><p>Auch auf dem kleinen Innenhof, der ein St�ck hinter dem Eingang lag, standen Wachen. Golo gr��te im Vorbeigehen und hielt dann auf sein Zimmer zu. Fast hatte er die T�r schon erreicht, als er hinter sich eilige Schritte h�rte. Jetzt nur nicht umdrehen! Seine Hand legte sich auf den bronzenen T�rring zu seiner Kammer.</p><p>�Herr Ritter!�</p><p>Golo fluchte innerlich. Was hatte er falsch gemacht? Langsam drehte er sich um. Er durfte sich nichts anmerken lassen. Wenn jemand fragte, wo er gewesen war, w�rde er behaupten, er habe nach einer Stra�endirne gesucht.</p><p>�Was gibt�s?� Der junge Ritter bem�hte sich, m�glichst gelassen zu klingen.</p><p>�Euer Beinkleid, Herr... Es ist voller Blut! Seid Ihr verletzt? Soll ich nach einem Heilkundigen rufen lassen?�</p><p>Verwirrt blickte Golo an sich herab. Tats�chlich! Seine Beinlinge waren von hinten mit dunklem Blut verschmiert. Auch seine rechte Hand war rot von geronnenem Blut! �Was bei allen Heiligen...� Der junge Ritter st�tzte sich gegen die Wand.</p><p>�Hat man Euch angegriffen, Herr? Ihr seid bla� wie der Tod!�</p><p>�Es ist schon gut. Ich bin gest�rzt... Es ist nichts Schlimmes. Ich werde die Wunde waschen und verbinden.�</p><p>�Seid Ihr sicher, da� ich nicht doch nach dem Heilkundigen des Grafen schicken soll? Er kommt aus Byzanz... Er ist ein sehr guter Mann und...�</p><p>�Ich komme alleine zurecht! Hab Dank f�r deine Anteilnahme, doch gestatte, da� ich mich nun auf meine Kammer zur�ckziehe. Ich bin ersch�pft...�</p><p>�Jawohl, Herr!� Der junge Krieger verneigte sich ehrerbietig.</p><p>Golo f�hlte sich elend. Er stie� die T�r zu seiner Kammer auf und lie� sich auf den hochlehnigen Eichenstuhl sinken. Auf dem Tisch vor ihm brannte eine �llampe. Zitternd hob er seine rechte Hand und starrte auf das Blut. Die feuchte Stelle unter dem Torbogen! Der Diener hatte ihn nicht versetzt. Er selbst war es, der zu sp�t gekommen war!</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Vor den Stadtmauern lie� Ricchar seinen Hengst in leichten Trab fallen. Er wies auf einen steilen H�gel im Westen. �Dieser Berg war fr�her einmal der Venus geweiht. Heute birgt er ein anderes Geheimnis. In dieser Nacht, mein Freund, sollst du erfahren, was mich im Innersten bewegt, und wenn du willst, wirst auch du die erste Weihe auf dem Weg zum Licht empfangen.�</p><p>Volker sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Wie meinst du das? Ich f�rchte, ich habe den Sinn deiner Worte nicht ganz verstanden.�</p><p>�Nun, es ist ein wenig kompliziert. Ich m�chte dir nicht zu nahe treten, doch denke ich, es ist an der Zeit, da� wir �ber gewisse Dinge reden. Dir ist vielleicht schon aufgefallen, da� es an meinem Hof keine Geistlichen gibt. Ich habe sie alle davongejagt, denn ich halte die Christen f�r Diebe und L�gner. Diese Worte m�gen dich verletzen, ja vielleicht sogar abschrecken, aber ich bitte dich, gib mir Gelegenheit, dir zu erkl�ren, warum ich so denke.�</p><p>�Ich geh�re nicht zu jenen, die glauben, das Christentum mit dem Schwert verbreiten zu m�ssen. Ich war sogar in eine heidnische Priesterin verliebt. Solange du nicht versuchst, mich dazu zu zwingen, meinen Glauben zu verleugnen, gibt es keinen Grund f�r mich, dir zu grollen.�</p><p>Ricchar nickte ernst. �Ich habe gewu�t, in dir einem weisen Mann begegnet zu sein. Auch ich war einmal Christ, bis ich eines Tages erleuchtet wurde. Es ist erst drei Jahre her. Ich hatte mich mit M�nchen �ber die Geschichte der R�mer unterhalten, und pl�tzlich begriff ich, da� von dem Moment an, in dem die R�mer das Christentum zur Religion des Kaiserhauses gemacht haben, ihr Reich schwach geworden ist.�</p><p>�Soweit ich wei�, hat Konstantin im Zeichen des Kreuzes einen gro�en Sieg errungen�, entgegnete Volker k�hl. Er war ein wenig entt�uscht. Bei ihrem Aufbruch hatte er darauf gehofft, da� Ricchar ihm etwas Ungew�hnliches zeigen wollte, doch nun schien es so, als wolle der F�rst lediglich mit ihm allein sein, um in Ruhe ein Gespr�ch �ber den Wert des Christentums zu f�hren.</p><p>�Was hat dieser Sieg genutzt?� fragte Ricchar zynisch. �Es war nur eine Schlacht! Entscheidend ist, wie die letzte Schlacht endet. Und du wei�t, da� die R�mer ihr Reich St�ck um St�ck verloren haben. In den Zeiten, als ihre Legionen noch von Sieg zu Sieg gezogen sind, beteten die Soldaten zu einem Gott, der Mithras gehei�en wurde. Er kam aus einem Land weit im Osten, noch jenseits der Ufer von Euphrat und Tigris. Mithras wurde meist als Soldat dargestellt. Er hat den Urstier get�tet, aus dem die Welt erwachsen ist. Die Babylonier und viele andere V�lker haben schon zu ihm gebetet, lange bevor Christus �berhaupt geboren wurde. Mithras steht f�r das Licht, das die Finsternis besiegt, genauso wie der Christengott, der �ber Satan triumphiert. So wie dein Gott gilt er als Weltensch�pfer, und wie bei der Geburt Christi waren auch bei seiner Geburt Hirten als Zeugen zugegen. Und wei�t du, an welchem Tag des Jahres er geboren wurde? Am vierundzwanzigsten Dezember, so wie dein Heiland. Die Priester des Christengottes haben all dies schamlos vom Mithrasglauben gestohlen. Es gibt Dutzende solcher Geschichten. Die mithrischen Symbole L�we, Stier und Adler kehren bei den Christen als die Symbole der Evangelisten Markus, Lukas und Johannes wieder. Wie Moses mit seinem Stab Wasser aus dem Felsen schl�gt, so zaubert Mithras durch einen Pfeilschu� in eine Felswand Wasser herbei. Und sieh dir die Rituale deines Christengottes an! Die Taufe mit Vollbad, so wie sie Johannes vollzieht, kennt auch die Mithraspriesterschaft. Weihwasser und das ewige Feuer spielen ebenso eine Rolle wie heilige Mahle und Gesang oder das Verdecken und Enth�llen des Altarbildes bei Schellengeklingel...�</p><p>�Wenn dein Glaube dem Christentum aber so �hnlich ist, wie du behauptest, waren sollten dann die Christen dem r�mischen Reich den Untergang gebracht haben? So wie es scheint, hat sich doch kaum etwas ge�ndert!�</p><p>�Ein kluger Einwand! Doch vermag ein Schwert aus Bronze gegen eines aus Eisen zu bestehen, auch wenn es eine noch so gute Kopie ist und vielleicht strahlender aussieht als das Original? Ich bin f�r mich zu dem Schlu� gekommen, da� es den Christengott gar nicht gibt! Ich habe niemals erlebt, wie einer seiner Priester ein Wunder gewirkt hat! Mithras aber macht seine Anh�nger unbesiegbar auf dem Schlachtfeld! Sein Beiname ist invictus, und jene Kaiser der R�mer, die ihn verehrt haben, geh�rten zu den strahlendsten Feldherren.�</p><p>�Und wie kommt es dann, da� der Mithraskult dem Christentum weichen mu�te? Mir scheint, in dieser Schlacht haben seine Anh�nger eine vernichtende Niederlage erlitten�, entgegnete Volker lakonisch.</p><p>Ricchar drehte sich im Sattel um. In der Finsternis konnte der Spielmann das Gesicht des Frankenf�rsten nicht erkennen, doch klang die Stimme des Grafen d�ster und zornig. �Es gab keinen regelrechten Krieg zwischen den Mithrasanh�ngern und den Christen. Ich habe dir doch schon gesagt, da� ich die Christen f�r keine wirklich guten K�mpfer halte. Doch was man ihnen nicht absprechen kann, ist, da� sie geschickte Intriganten sind. Wer einen Bischof kennt und wei�, wie solche M�nner in Amt und W�rden kommen, der wird mir recht geben. Sie haben Mithras und seine Gl�ubigen verleumdet und zugleich aus ihrem Kult gestohlen, was ihnen brauchbar erschien. So ist der Gott des Lichtes in Vergessenheit geraten, obwohl noch keine f�nf Generationen vergangen sind seit jenen Tagen, in denen in fast jeder Stadt hier am Rhein ein Heiligtum f�r Mithras gestanden hat. Anders als ihr Christen unterschieden die Mithrasj�nger nicht nach Stand und Geburt. Selbst der niederste unter ihnen durfte seinen Kaiser, der ebenfalls zu Mithras betete, als Bruder ansprechen. Es war wie...� Er hielt inne.</p><p>Ein leichter Wind lie� die schw�le Hitze einen Augenblick lang vergessen und zerri� die dichten Wolken am Himmel. N�rdlich von ihnen flackerte ein gro�es Feuer zwischen B�umen. Undeutlich konnte Volker den Schatten eines Hauses erkennen. Das Dach stand in Flammen...</p><p>Ricchar ri� sein Pferd herum und gab ihm die Sporen. Der F�rst pre�te die Lippen zusammen, so da� sein Mund im fahlen Mondlicht wie eine breite Narbe aussah, die sein Gesicht in zwei H�lften teilte.</p><p>Auch Volker trieb seinen Hengst nun zur Eile an. Immer schneller trommelten die Hufe auf den ausged�rrten Boden. In der Ferne waren jetzt schattenhafte Gestalten vor dem brennenden Geb�ude zu erkennen. Es war eine hohe Scheune, neben der sich ein niedriger Stall und ein heruntergekommenes Gesindehaus in die Schatten der Nacht kauerten.</p><p>Dicht �ber dem Sattel des Grafen sah der Spielmann ein silbriges Funkeln. Ricchar hatte seinen Dolch gezogen. Volker tat es ihm gleich. Der Gutshof war jetzt kaum mehr als zehn Schritt entfernt. Deutlich konnte man einen zusammengesunkenen kahlk�pfigen Mann im unsteten Licht der Flammen erkennen. Zwei schwarze Pfeilsch�fte ragten aus seiner Brust. Noch im Tod hielt er die H�nde zu F�usten geballt. Dicht daneben lag ein Kerl �ber einem M�dchen im Heu. Ihre R�cke waren heruntergerissen.</p><p>Ricchar sprang im Galopp aus dem Sattel. Leicht taumelnd, rannte er zu dem Kerl im Heu, ri� ihm den Kopf nach hinten und zog ihm den Dolch �ber die Kehle. Das M�dchen im Heu war tot. Man hatte ihr mit einer Axt den Sch�del eingeschlagen. Alles erschien Volker seltsam unwirklich, so als sei er in einem Traum gefangen, aus dem er nicht mehr erwachen konnte. Er wendete sein Pferd und ritt einen jungen Mann nieder, der den Grafen von hinten mit einem Speer angreifen wollte. Dann sprang auch der Burgunde aus dem Sattel. Er stolperte halb �ber einen kleinen Jungen, der mit dem Gesicht nach unten im Staub lag. Das goldene Haar des Kindes war von dunklem Blut verklebt.</p><p>Ein Kerl mit einer Nagelkeule kam auf Volker zugelaufen. Der Ritter duckte sich unter dem Schlag hinweg und rammte dem Angreifer seinen Dolch in den Bauch. Die Wucht des Aufpralls ri� dem Spielmann die Waffe aus der Hand. Der andere rannte noch ein paar Schritt, bis er sich gefangen hatte. Es war ein gro�er, schlacksiger Kerl mit weit abstehenden Ohren. Jetzt fiel ihm die Keule aus der Hand. Er drehte sich halb um und starrte erst auf das Messer in seinem Bauch und dann zu Volker.</p><p>Ein gedrungener Mann mit gespanntem Bogen erschien im Tor der Scheune. Seine H�nde waren mit Blut besudelt. �Genug, F�rst Ricchar!� Rings um ihn rieselten gl�hende Funken vom Dach. Aus der Scheune erklangen gellende Schreie.</p><p>Der Graf stand breitbeinig �ber einem zweiten R�uber, den er niedergemacht hatte. �Du wagst dich weit aus deinem Wald, Eber!�</p><p>Der Kerl unter dem Scheunentor lachte. Sein Gesicht war von roten Pockennarben entstellt. �Wer sollte mich auch daran hindern? Ein G�tzenanbeter, der sich mir mit nichts als einem Messer in der Hand entgegenstellt?� Er hob den Bogen und zielte auf Ricchars Brust.</p><p>�Wenn du mich t�test, werden meine Br�der dich hinter jedem Busch von hier bis Treveris suchen, Bastard!� Der Graf ging langsam auf den Bogensch�tzen zu. Das Messer zum Sto� bereit.</p><p>�Ich wei�.� Der Pfeil schnellte von der Sehne und durchschlug Ricchars Oberschenkel. Der junge F�rst wurde von der Wucht des Aufschlags halb herumgerissen und strauchelte.</p><p>�Bleib, wo du bist!� Der Pockennarbige zog einen zweiten Pfeil aus dem K�cher an der H�fte. Die Schreie in der Scheune waren verstummt. �Es lohnt nicht, f�r diesen r�udigen Hund dort hinten zu sterben. Er hat zugesehen, wie sich meine M�nner seine Frau und seine Tochter genommen haben, ohne zu verraten, wo er sein Silber vergraben hat. Erst als ich ihm einen Fu� abgeschnitten habe, ist er gespr�chiger geworden.� Der Bogensch�tze spuckte aus und beobachtete ruhig, wie Ricchar versuchte, wieder auf die Beine zu kommen.</p><p>�Ich werde dich f�r das bestrafen, was du getan hast. Mein Henker wird dich aufs Rad flechten, M�rder.�</p><p>Der Eber hatte seinen Bogen jetzt auf Volker gerichtet. �Bleib, wo du bist, Ritter, sonst wirst du f�r deinen Herrn in die H�lle fahren.�</p><p>�La� von den Weibern in der Scheune ab, und ich schenke dir dein Leben, R�uber!� Volker hob die Hand mit dem Messer leicht. Sobald der Halsabschneider einen Augenblick unaufmerksam war, w�rde er mit dem Dolch nach ihm werfen.</p><p>Der Bogensch�tze pfiff leise durch die Z�hne. �F�r jemanden, der jeden Augenblick mit einem Pfeil im Bauch vor mir im Staub liegen k�nnte, nimmst du dir viel heraus, Krieger. Was sollte mich davon abhalten, euch beiden jetzt gleich das Lebenslicht auszublasen?�</p><p>�Ich wei�, da� du ein kluger Mann bist�, st�hnte Ricchar. �Wenn du mich jetzt t�test, werden dich sp�testens bei Morgengrauen meine Br�der verfolgen. Sie werden nicht ruhen, bis sie dich haben. Du wei�t, wie viele es sind. Jeden Unterschlupf von hier bis zur Mosel w�rden sie durchst�bern, um dich zu finden. L��t du mich leben, werde ich mich pers�nlich auf die Suche nach dir machen. Das hei�t, du hast zwei oder drei Tage Vorsprung, bis ich wieder auf einem Pferd sitzen kann.�</p><p>�Wenn ich dich t�te, beginnt der Streit um deine Nachfolge. Niemand w�rde mir folgen und...�</p><p>�Wir haben es, Eber.� Ein junger Mann erschien unter dem Scheunentor und hielt einen schmutzverkrusteten Lederbeutel hoch. �Es war dort, wo er gesagt hatte. Er wird es nicht mehr brauchen!�</p><p>�Gut.�</p><p>Volker fluchte. Der Bogensch�tze drehte sich nicht um. Dieser Eber schien genau zu wissen, was er vorhatte.</p><p>�Sag den M�nnern, sie sollen alles zusammenpacken und sich in den Wald davonmachen. Ich komme gleich nach.�</p><p>�Brauchst du Hilfe, Eber?� Der junge Kerl griff nach dem langen Dolch an seinem G�rtel.</p><p>�Ich habe meinen ersten Mann get�tet, als du dir noch in die Hosen geschissen hast. Mit den beiden w�rde ich auch dann noch allein fertig, wenn sie mir in voller R�stung gegen�berst�nden und ich nichts als einen Eichenkn�ppel h�tte, um mich zu wehren. Mach jetzt, da� du fortkommst, Mann!�</p><p>Volker sch�tzte die Entfernung zum Eber. Er war kein guter Messerwerfer. Wenn sich die Waffe in der Luft drehte und den R�uber mit dem Knauf statt mit der Spitze traf, dann w�rde ihn das sein Leben kosten. Der Barde leckte sich mit der Zunge �ber die Lippen. Seine rechte Hand war schwei�na�.</p><p>�Du willst also eine Fehde mit mir, F�rst.� Der Eber lachte leise. �Ich glaube nicht, da� du gen�gend M�nner aufbieten kannst, um mich aus den Bergen zu holen. Dort herrsche ich! Dich und deine Krieger habe ich dort nur geduldet. Ich bin gespannt, wann ich das n�chste Mal Gelegenheit haben werde, dir einen Pfeil in den Balg zu jagen. F�r heute habe ich genug Zeit mit dir vertan.� Der bullige Kerl drehte sich auf dem Absatz um und lief in die Scheune. Im selben Moment schleuderte Volker seinen Dolch. Mit dumpfen Schlag bohrte sich die Klinge in die h�lzerne Scheunenwand. Der Dolch hatte den Schurken um mehr als eine Elle verfehlt.</p><p>�Wir werden ihn kriegen�, st�hnte Ricchar. Der Graf hatte seinen G�rtel gel�st und um dem Oberschenkel geschlungen, um die Blutung zu stillen. �Sieh nach, ob drinnen noch jemand lebt!�</p><p>Der Spielmann nickte knapp und eilte geduckt zur brennenden Scheune. Vorsichtig sp�hte er um die Ecke des hohen Eingangstors. Von der Decke des Holzbaus regneten Funken. Ein St�ck vor ihm lag ein alter Mann, der mit einer Heugabel niedergestochen worden war. Irgendwo zwischen den tanzenden Schatten, die die Flammen auf die W�nde warfen, erklang ein leises Schluchzen. Ein bedrohliches Knacken ert�nte im Geb�lk der Decke. Eine Klappe zum Heuboden schlug auf, und eine Kaskade brennenden Strohs ergo� sich �ber den Mittelgang.</p><p>Volker bi� sich auf die Lippen. Einen Atemzug lang z�gerte er. Dann zog er seinen Umhang sch�tzend �ber sein langes Haar und lief in die Scheune hinein.</p><p>�Wo bist du?� br�llte er aus Leibeskr�ften. Keine Antwort. Die Hitze brannte ihm auf Gesicht und H�nden. Mit einem Gebet auf den Lippen drang der Spielmann weiter in die Scheune ein. Halb stolperte er �ber eine Frau, die am Boden lag. Ihr Kleid war zerrissen. Sie hatte sich ein Messer in den Leib gesto�en. Noch immer umklammerten ihre Finger den groben Holzgriff der Waffe. Volker kniete sich nieder und f�hlte nach ihrem Herzen. Sie war tot. Er dr�ckte ihr die Augen zu und zog ihren Rock �ber ihre Scham hinab. War sie es gewesen, die er wimmern geh�rt hatte? Suchend blickte er sich um. Von der Decke ert�nte erneut ein bedrohliches Knacken. Es war an der Zeit zu verschwinden! Doch als der Barde aufsprang, h�rte er erneut das klagende Schluchzen. Es kam aus der hinteren Ecke der Scheune. Undeutlich konnte er unter einem der Deckenbalken einen Schatten hin- und herpendeln sehen.</p><p>�Komm raus! Uns bleiben nur noch einige Augenblicke, bis die Scheune einst�rzt! Schnell!�</p><p>Nichts r�hrte sich. Polternd st�rzten einige gl�hende Bretter von der Decke herab. �Verdammt, komm endlich heraus!� Der Barde sprang auf und rannte dem Ger�usch entgegen. Endlich fand er hinter einen Karren kauernd ein M�dchen. Die Kleine mochte vielleicht vierzehn Sommer gesehen haben. Sie hatte langes, braunes Haar, das ihr in wirren Str�hnen ins Gesicht hing. Auch ihr Kleid war zerrissen. Sie hielte beide H�nde fest vor die Brust gepre�t. Ihre Finger umklammerten etwas Helles. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie zu der schattenhaften Gestalt, die vom Deckenbalken hing. Es war ein Mann, dem das Brustbein gespalten war und dem man den Bauch aufgeschnitten hatte. Ganz so, wie es ein Fleischhauer tat, um ein Schwein auszuweiden. Am Boden lag ein blutiger Haufen Innereien.</p><p>Volker packte das M�dchen und zog ihm seinen Umhang �ber den Kopf. Mit dem Kind auf den Armen eilte er zum Mittelgang der Scheune zur�ck. Fast hatte er das Tor erreicht, als mit ohrenbet�ubenden Bersten ein Teil der Decke hinabst�rzte. Eine Wand aus Feuer versperrte den Ausgang.</p><p>�Bei allen Heiligen... Ich werde nie mehr eine Messe im Wormser M�nster vers�umen, wenn du mir jetzt hilfst, heilige Maria.� Verzweifelt blickte sich der Spielmann nach einem Fluchtweg um. Das M�dchen klammerte sich fest an seine Arme.</p><p>Der Karren! Volker blickte zur�ck. Der Einsp�nner, hinter dem das M�dchen gekauert hatte. Vielleicht k�nnte er damit eine Bresche durch die Flammen schlagen.</p><p>Keuchend st�rzte er zur�ck und rammte mit der Schulter gegen den hoch mit Holz beladenen Wagen. Doch statt loszurollen, kippte er zur Seite weg. Ein Teil der Ladung fiel auf den gestampften Lehmboden. Fluchend rannte Volker auf die andere Seite des Karrens um zu sehen, was geschehen war. Eines der R�der war auf einen h�lzernen Block aufgebockt gewesen. Es war zerbrochen! Offenbar hatte der Wagen repariert werden sollen.</p><p>Fluchend blickte Volker zu der Flammenwand, die den Weg zum Scheunentor versperrte. Sollte er es wagen? Die Luft war so hei�, da� er bei jedem Atemzug das Gef�hl hatte, fl�ssiges Feuer rinne seine Kehle hinab. Ihm war schwindlig. Es schien, als w�rde die Hitze die Kraft aus seinen Beinen schmelzen. Mit jedem Herzschlag f�hlte er sich schw�cher...</p><p>�Dorthin. Du mu�t dorthin... laufen!� Hustend zeigte das M�dchen in eine Ecke, in der sich Kisten und Weidenk�rbe t�rmten. �Dort ist eine T�r... Der dicke Mann hat die K�rbe umgesto�en...�</p><p>Dicht wie die Regentropfen eines Sommergewitters fielen die Funken von der Decke. Wie ein Gewicht aus Blei lag das zarte M�dchen in Volkers Armen. M�de stie� sich der Barde vom Karren ab und stolperte auf den Haufen aus K�rben zu. Sie waren offenbar einmal zu ordentlichen Stapeln geschichtet gewesen. Ein Teil der K�rbe war noch immer ineinandergeschoben.</p><p>Volker trat die Weidenk�rbe zur Seite. Hinter ihnen lag eine niedrige T�r. Ersch�pft stie� er mit der Schulter gegen das altersdunkle Holz, doch die T�r stand fest wie ein Fels. Sie war versperrt. Der bei�ende Rauch trieb dem Spielmann Tr�nen in die Augen. Vorsichtig setzte er das M�dchen auf den Boden. Die Kleine blickte ihn mit ihren gro�en, gr�nen Augen erwartungsvoll an...</p><p>Wieder rammte der Barde seine Schulter gegen die T�r. Sie erbebte leicht, r�hrte sich aber nicht vom Fleck. Hinter ihm st�rzten krachend weitere Balken ins Innere der Scheune. Die Luft schien in Flammen zu stehen. Seine H�nde waren rot von der Hitze. Das M�dchen hatte wieder angefangen zu schluchzen.</p><p>Das also war das Ende, dachte der Barde. Er kniete neben der Kleinen nieder, schlang seinen Umhang um ihre Schultern und dr�ckte sie fest in die Arme. Er sp�rte, wie ihr kleiner zerbrechlicher Leib bei jedem Seufzer erzitterte. Der Spielmann h�tte seine Wut und Verzweiflung am liebsten laut herausgeschrien, doch er f�rchtete, das M�dchen noch mehr zu ver�ngstigen. So hielt er sie einfach nur fest umklammert.</p><p>Schwach h�rte er zwischen dem Fauchen der Flammen und dem Krachen der nachgebenden Deckenbalken ein Ger�usch wie von einem dumpfen Schlag. Ein Schauer gl�hender Funken prasselte auf sie nieder. Wie von Geisterhand bewegt schwang die verschlossene T�r auf. Aus den Augenwinkeln sah Volker, wie eine Flammenzunge aus der Mitte der Scheune auf die T�r zuscho�. Der Spielmann stie� das M�dchen zu Boden und warf sich sch�tzend �ber sie. Wie gl�hende Krallen griff die Hitze nach seinem Fleisch. Er schrie auf vor Schmerz.</p><p>Nur einen Herzschlag lang waren die Flammen �ber ihnen, dann wichen sie wieder zur�ck. Eine Hand griff nach ihm. �Komm raus! Schnell! Die ganze Scheune kann jeden Augenblick zusammenbrechen.� Volker hob den Kopf und blickte in das schmerzverzerrte Gesicht Ricchars. Der Frankengraf st�tzte sich auf den abgebrochenen Schaft einer Mistforke. Aus der Wunde an seinem Bein sickerte ein d�nner Faden Blut.</p><p>St�hnend richtete der Barde sich auf. Das M�dchen hatte das Bewu�tsein verloren. Vorsichtig nahm er die Kleine in die Arme. �ber ihm knackte es drohend im Geb�lk.</p><p>Humpelnd taumelten die beiden Krieger durch die niedrige T�r. Ricchar wies auf einen Balken, der dicht neben der Wand lag. �Der Eber hatte damit von au�en die T�r verrammelt. Er wollte uns in den Flammen verrecken sehen. Wenn ich den Bastard bekomme, werde ich ihm mit meinen eigenen H�nden das Herz herausrei�en!�</p><p>Volker beachtete Ricchar kaum. Noch immer war ihm schwindelig und �bel. Mit letzter Kraft schleppte er sich zu einer Eiche, die einen Steinwurf vom Bauernhaus entfernt stand. Hier war die Hitze der brennenden Scheune kaum noch zu sp�ren. Vorsichtig legte er das M�dchen ins hohe Gras und lie� sich dann ersch�pft neben dem m�chtigen Baumstamm nieder. Besorgt musterte er das Kind. Gesicht und H�nde des M�dchens waren noch immer ger�tet. Sie hielt die Arme vor die Brust verschr�nkt und hielt etwas ganz eng an sich gedr�ckt. Dunkles Blut besudelte ihr zerrissenes Wollkleid. Ob sie verletzt war? Der Spielmann beugte sich weiter vor, um sie n�her zu untersuchen, und da erkannte er, was die Kleine mit ihren zierlichen Fingern so fest umklammert hielt. Es war ein blasser, blutverkrusteter Menschenfu�!</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>3. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>�Und ich sage dir, Ricchars Leute haben ihn umgebracht!� Golo hatte M�he, seine Stimme im Zaum zu halten. Volkers Blindheit gegen�ber den �blen Machenschaften des Frankengrafen war kaum zu fassen! Fast schien es, als verschlie�e der Barde absichtlich die Augen vor dem Offensichtlichen! Sie standen im Gang vor dem Quartier des Spielmanns. Durch die T�r, die einen Spaltbreit ge�ffnet war, konnte Golo das zweite Bett sehen, das man in Volkers Kammer gebracht hatte. Unter der zerkn�llten Decke lugte ein dunkler Haarschopf hervor.</p><p>�Was hei�t es schon, da� du Blut an deinen Beinkleidern hattest? Vielleicht war es sogar von einem Tier.�</p><p>�Unsinn!� knurrte Golo w�tend. �Ich wollte mich dort in den Thermen mit dem Diener treffen, und seit gestern abend hat ihn niemand mehr gesehen. Er ist heute morgen nicht zu seinem Dienst hier im Palast erschienen!�</p><p>�Vielleicht waren es auch die R�uber des Ebers. Sie haben gestern nacht die Gegend unsicher gemacht. Wom�glich ist auch dein Diener eines ihrer Opfer geworden!�</p><p>�Wie sollten die R�uber denn unbemerkt die Stadtmauern �berwunden haben?� entgegnete der junge Ritter sarkastisch. �Ich war heute morgen noch einmal in den Thermen, um bei Tageslicht nach Spuren zu suchen. Au�er einer eingetrockneten Blutlache war nichts zu finden. Die Leiche ist weg! Irgendwelche R�uber h�tten sich niemals die M�he gemacht, einen Mann verschwinden zu lassen, den sie wegen der paar Kupferst�cke in seiner Geldb�rse umgebracht h�tten. Ich sage dir, es waren die M�nner des Grafen!�</p><p>�Und warum sollte Ricchar einen seiner Diener ermorden lassen? Ich kann keinen Sinn in deinen Verd�chtigungen sehen? Ricchar ist ein vorbildlicher Gastgeber. Er ist ein Mann von Bildung, Anstand und ritterlichem Mut. Gestern nacht h�tte er, ohne zu z�gern, sein Leben gegeben, um eine Bauernfamilie gegen eine Bande von Halsabschneidern zu verteidigen. Ich werde nicht dulden, da� du den Namen dieses Mannes in den Schmutz ziehst!� Zwischen Volkers Augenbrauen zeigte sich eine steile Zornesfalte.</p><p>�Und wenn du ihn tausendmal einen Helden nennst, bleibe ich dabei, da� in dieser Stadt etwas nicht geheuer ist. Ich wollte heute mittag beten. Es gibt hier eine Kirche und eine Kapelle. Beide sind mit Brettern vernagelt. Weder am F�rstenhof noch in der Stadt findet sich auch nur ein christlicher Priester! Und wenn man die Leute auf der Stra�e nach einem Pater oder einem M�nch fragt, der einem die Beichte abnehmen kann, suchen sie �ngstlich das Weite!�</p><p>�Ja, ich wei�...� Volker wirkte zerknirscht. �Ricchar ist ein Heide. Aber warum sollte er deshalb ein M�rder sein? Und was die Kirchen angeht... Es ist nicht ungew�hnlich, wenn das einfache Volk den Glauben seines F�rsten annimmt.�</p><p>Golo schnaubte w�tend durch die Nase. �Auf alles kannst du eine kluge Antwort geben! Trotzdem stimmt hier etwas nicht! Ich sp�re es. Wei�t du, da� man selbst �ber dich schon redet?�</p><p>Der Spielmann zuckte l�chelnd mit den Schultern. �Was schert mich das Geschw�tz von K�chenm�gden?�</p><p>�Sie sagen, du h�ttest das kleine M�dchen mit in dein Quartier genommen, um dich mit ihr zu vergn�gen! Warum hast du sie nicht einfach im n�chsten Dorf gelassen? Sie mu� hier doch irgendwo Verwandte haben... Jemanden, der sich um sie k�mmert, und...�</p><p>Der Spielmann schnellte vor, packte ihn am Wams und dr�ckte ihn gegen die gegen�berliegende Wand. �Pa� auf, was du sagst! Wir waren bisher Freunde, Golo... Das mu� nicht f�r die Ewigkeit so sein. Ich werde mir deine Beleidigungen nicht l�nger anh�ren. Und was Mechthild angeht... Sie hat keine Verwandten! Es gibt niemanden, der sich um sie k�mmern w�rde... Sie alle sind tot! Du h�ttest sehen sollen, was die R�uber ihrem Vater angetan haben... und ihr...� Dem Barden versagte die Stimme.</p><p>�Es tut mir leid.� Golo l�ste sich vorsichtig aus dem Griff des Recken. �Ich wollte nicht... Ich meine... Du kannst sie doch nicht f�r immer besch�tzen. Willst du sie mitnehmen, wenn wir aufbrechen? Erinnerst du dich noch, weshalb wir hierhergekommen sind? Wir haben am Hof dieses Heidenf�rsten nichts zu suchen. Den Feuervogel wirst du in den Bergen finden...� Der junge Ritter machte eine Pause und starrte Volker in die Augen. �Wenn es diesen Vogel �berhaupt gibt!�</p><p>�La� mich in Ruhe. Geh! Ich will allein mit ihr sein!�</p><p>�Dann wird es noch mehr Gerede �ber euch beide geben. Begreif das doch! Du warst immer mein Vorbild! Du bist, wie Ritter sein sollen. Mutig und ohne Fehl, aber jetzt...�</p><p>�Es hat sich nichts daran ge�ndert! Nicht was die Leute sagen, ist wichtig! Ich bin noch immer ohne Fehl!�</p><p>Golo sch�ttelte den Kopf. Der Barde wollte einfach nicht begreifen. �Was nutzt deine Tugend, wenn keiner an sie glaubt. In der K�che und in den St�llen macht man schon Sp��e �ber dich.�</p><p>�Ich werde mein Leben nicht von L�gen bestimmen lassen! Es sind letzten Endes allein die Taten, die z�hlen.�</p><p>Golo gab es auf. Er w�rde diesem verbohrten Dickkopf wohl niemals begreiflich machen k�nnen, da� sie beide hier in der Falle sa�en. Dieser Palast w�rde ihnen noch zum Verh�ngnis werden! Einen Moment lang �berlegte der junge Ritter, ob Ricchar vielleicht einen Zauber �ber Volker gesprochen hatte, doch dann verwarf er den Gedanken wieder. Ricchar war ein Krieger und kein Magier... Doch vielleicht hatte er unter seinen Freunden einen Zauberer! Golo beschlo�, sich die M�nner aus dem Gefolge des F�rsten noch einmal genau anzusehen.</p><p>�Ich glaube, wie haben uns f�r heute nichts mehr zu sagen!� Volker trat in die T�r zu seiner Kammer. �La� mich jetzt in Ruhe! Ich werde mich um das M�dchen k�mmern... Sie ist noch immer ganz ver�ngstigt.�</p><p>Golo nickte. Zerknirscht schritt er den Gang zum Atrium hinab. Er w�rde schon noch herausfinden, was f�r ein Spiel der Frankenf�rst mit ihnen trieb! Und er w�rde Volker besch�tzen. Es mu�te einen Weg geben, den Spielmann aus dieser unseligen Stadt hinauszubekommen!</p><p>Gedankenverloren schlenderte Golo den Gang hinunter, durchquerte das Atrium und bog in den S�ulengang ab, der zum kleinen Garten f�hrte. Es war schw�l. Die Luft schien zu einer festen Masse erstarren zu wollen. Schwei� perlte von seiner Stirn, und sein leichtes Leinengewand klebte ihm am K�rper. Den ganzen Tag �ber hatte sich ein Gewitter angek�ndigt. Dunkle Wolken waren �ber den Himmel getrieben, doch der erl�sende Regengu� war ausgeblieben. Jetzt ert�nte von den Bergen im Westen leiser Donner.</p><p>Das rote Licht der untergehenden Sonne lie� die Wolken aufgl�hen wie die Kohlenst�cke eines fast verloschenen Lagerfeuers. Wenn nur endlich der befreiende Regen kommen w�rde! Golo betrat den Weg, der von den S�ulen in den Garten f�hrte. Einige merkw�rdige B�ume mit noch merkw�rdigeren roten Fr�chten wuchsen dort. Sie waren fast rund, kaum gr��er als kleine Kupferm�nzen und rot wie Blut. Aus seinem Dorf kannte er �pfel, Birnen und Pflaumen. So etwas jedoch hatte er noch nicht gesehen. Es pa�te zu den verschrobenen Ideen des Frankenf�rsten, da� er in seinem Garten Obstb�ume stehen hatte, wie man sie sonst nirgends fand. Wie dieses Obst wohl schmeckte? Verstohlen blickte Golo sich um. Eine hohe Hecke teilte den Garten in zwei H�lften. Es war niemand zu sehen, der ihn beobachtete. Die �ste der B�ume bogen sich unter der Last der Fr�chte. Es w�rde niemanden auffallen, wenn er etwas naschte. Langsam streckte er die Hand aus und verharrte inmitten der Bewegung. Hinter der Hecke war leises Stimmengemurmel zu h�ren. Zwei M�nner... Eine der Stimmen kam Golo bekannt vor. Es war der Graf!</p><p>Wieder blickte sich der junge Ritter um. Es war niemand da, der ihn beobachten konnte. Vorsichtig schlich er auf die Hecke zu. Es konnte nicht schaden, wenn er wu�te, was der Graf mit seinen ketzerischen Freunden besprach.</p><p>�... unm�glich. Keiner der J�ger wagte es, ihm zu folgen. Hinter vorgehaltener Hand nennt man ihn den Herrn der Berge.�</p><p>�Ich wei�!� erklang die Stimme des Frankenf�rsten gereizt. �Ich h�tte ihn schon l�ngst richten sollen. Aber diesmal ist er zu weit gegangen. Mein Heiler sagt, ich sollte mir wenigstens eine Woche Ruhe g�nnen, doch ich denke, in drei Tagen bin ich wieder so weit bei Kr�ften, da� ich reiten kann. Bis dahin werden wir ihn doch wohl nicht aus den Augen verlieren!�</p><p>�Nein, Bruder. Ich habe ein Rudel W�lfe auf seine Spur gesetzt. Sie haben keine Angst vor dem Eber. Im Gegenteil, sie sahen in dem kleinen Jagdausflug eine willkommene Abwechslung.�</p><p>�Ich hoffe, da� den W�lfen meine Befehle klar sind! Ich will den Eber selbst zur Strecke bringen! Nicht, da� sie ihn vor mir rei�en. Dieser r�udige Hund hat es gewagt, auf mich zu schie�en und mich zu verh�hnen. Daf�r soll er mir b��en!�</p><p>�Sie wissen, da� du ihn lebend haben willst�, entgegnete der Fremde. �Die W�lfe werden nur auf seiner F�hrte bleiben. Sonst nichts.�</p><p>Golo h�tte zu gern gewu�t, mit wem der F�rst dort sprach. Und was sollte dieses Gerede �ber W�lfe? Wen meinte der Fremde damit? Vielleicht S�ldner? Der junge Ritter war inzwischen bis dicht an die Hecke geschlichen und bog vorsichtig einige der �ste auseinander. Auf der anderen Seite gab es ein kleines Wasserbecken, neben dem Marmorstatuen standen. F�rst Ricchar lag lang auf eine Kline gestreckt. Er trug eine kurze Tunika, unter der man deutlich sein bandagiertes Bein sehen konnte.</p><p>Hinter dem Grafen standen zwei Wachen mit eisernen Masken. Der Fremde, mit dem Ricchar sprach, hatte Golo den R�cken zugewandt. Es war ein hochgewachsener dunkelhaariger Mann. Er trug leichte Reitstiefel und einen staubbedeckten roten Umhang.</p><p>�Was ist mit dem Wesen mit dem L�wenkopf?� fragte der Fremde.</p><p>�Richte dem Bruder Heliodromus aus, da� er mit ihr verfahren kann, wie es ihm beliebt. Ich will es nicht mehr wiedersehen. Am besten ist, es verschwindet...�</p><p>Der Mann mit dem roten Umhang nickte. �Und was ist mit den beiden Burgunden? Einige der Br�der machen sich Sorgen. Vielleicht hat K�nig Gunther sie als Spitzel geschickt.�</p><p>�Was diesen Golo angeht, k�nnte das wohl durchaus m�glich sein. Er schn�ffelt meinen Dienern nach und versucht Unzufriedene zu finden. Wenn er anf�ngt wirklich �rger zu machen, sollten wir uns f�r ihn vielleicht etwas �berlegen... Volker aber ist f�r mich �ber jeden Zweifel erhaben. Er ist ein Ritter, wie man ihn sonst nur in romantischen Heldenliedern findet. F�r niedere Spitzeldienste w�rde er sich niemals hergeben. Ich mu� gestehen, er ist mir sympathisch, auch wenn er vom Irrglauben der Christen verblendet ist. Ich m�chte versuchen, ihn f�r unsere Sache zu gewinnen. Wenn es gelingt, ihn zu �berzeugen, k�nnte er noch sehr n�tzlich f�r uns werden.�</p><p>In der Pause, die auf diese Worte folgte, glaubte Golo sein Herz so laut wie eine Trommel schlagen zu h�ren. Er hatte recht gehabt! Der Frankenf�rst benutzte Volker. Doch wie konnte er den Spielmann davon �berzeugen? Vorsichtig schlich sich der junge Ritter von der Hecke fort. Er hatte genug geh�rt!</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Ein Donnerschlag hatte Volker aus dem Schlaf gerissen. Einen Augenblick lang war die Kammer in glei�end helles Licht getaucht. Der h�lzerne Fensterladen klapperte leise in seiner Verankerung. Die dr�ckende Hitze war gewichen. Eine angenehm k�hle Brise wehte durch das weit offene Fenster.</p><p>Schlaftrunken richtete sich der Spielmann auf seinem Lager auf und blickte zu Mechthild. Das M�dchen st�hnte leise im Schlaf. Sie hatte sich zusammengerollt und die H�nde fest in die zusammengekn�llte Decke gekrallt. Wie ein Kranz aus Finsternis lag ihr Haar um ihr Haupt.</p><p>Wieder zuckte ein Blitz vom Himmel, und der Donner lie� das Zimmer erbeben. Volker hatte den Blitz nur aus dem Augenwinkel gesehen. Er war vielfach gegabelt gewesen und hatte ein wenig wie eine skelettierte Hand ausgesehen, die vom Himmel herabgriff. Den Spielmann fr�stelte es, und er rieb sich �ber die nackten Arme.</p><p>�Nein! Tut ihm nichts!� Mechthild warf den Kopf zur Seite. �Bitte nicht! Das tut so weh...� Mit einem Schrei richtete sie sich auf. Sie hielt die Arme eng um ihre Brust geschlungen.</p><p>Volker sprang aus dem Bett. Sie schien ihn nicht zu erkennen. Mit schreckensweiten Augen starrte sie ihn an. �Bitte, tu mir nichts... Bitte...�</p><p>�Hab keine Angst! Erinnerst du dich nicht mehr?�</p><p>Das M�dchen rutschte vor ihm weg. Der Spielmann lie� sich am Fu�ende ihres Lagers nieder. Langsam streckte er ihr die Hand entgegen. �Niemand wird dir hier etwas tun. Ich pa� auf dich auf, meine kleine Prinzessin.�</p><p>�Es tut so weh...�</p><p>Helles Licht durchflutete die Kammer. Etwas Glei�endes flog durch das Fenster. Eine leuchtende Gestalt mit weit ausgebreiteten Schwingen. Mechthild wollte aufspringen und davonlaufen, doch Volker packte sie und zog sie zu sich her�ber.</p><p>�Was bist du?� fl�sterte der Spielmann leise. Das Lichtgesch�pf war kaum gr��er als ein Menschenkopf. Es hatte Schwingen aus leuchtender Glut und erschien fast wie ein Vogel. V�llig lautlos glitt es dicht unter der Zimmerdecke entlang.</p><p>�Bist du gekommen, um mich auf meinen Weg zur�ckzuf�hren?�</p><p>Er erhielt keine Antwort.</p><p>�Hat Golo recht, habe ich mich verirrt?�</p><p>Ein seltsamer, fast metallischer Geruch lag in dem Zimmer. F�r einen Augenblick verharrte die Lichtgestalt. Drau�en auf dem Hof erklangen die Rufe von Wachposten. Mechthild klammerte sich so fest an Volker, da� ihre Fingern�gel ihm tief ins Fleisch schnitten.</p><p>�Wenn du gekommen bist, um mich zu holen, dann verschone wenigstens das M�dchen.�</p><p>Die leuchtende Gestalt begann wieder, sich zu bewegen. Sie zog eine Schleife unter der Zimmerdecke und schwebte dann langsam in Richtung des Fensters.</p><p>�Willst du, da� ich dir folge?�</p><p>Stille.</p><p>Volker l�ste den Griff des M�dchens und erhob sich. Unsicher trat er ans Fenster. Der Feuervogel war auf den Hof hinausgeflogen. Steil stieg er in den Himmel hinauf, drehte einen Kreis �ber dem Palast und flog dann nach Westen in Richtung der Berge.</p><p>�Warum hast du nicht mit mir gesprochen? Z�rnst du mir?� Die flammende Gestalt wurde immer kleiner. Ein gegabelter Blitz zuckte quer �ber den Himmel. Als das glei�ende wei�e Licht der Finsternis wich, war der Feuervogel nicht mehr zu sehen. Ein eisiger Luftzug wehte in das Zimmer. Noch immer roch es wie nach gl�hendem Metall.</p><p>�Ist die Kugel fort?� fl�sterte Mechthild leise.</p><p>�Was f�r eine Kugel?�</p><p>�Das helle Licht... Ist es fort?�</p><p>Volker trat an das Bett des M�dchens. �Du meinst den Feuervogel?�</p><p>Die Kleine sah ihn verst�ndnislos an. �Das helle Licht. Die Kugel...�</p><p>Der Spielmann schlo� sie fest in die Arme. �Ja, das Licht ist fort. Es hat nichts B�ses von dir gewollt. Es hat mich gerufen. Ich werde ihm folgen m�ssen.�</p><p>�Du wirst mich allein lassen, nicht wahr?�</p><p>�Nein, meine kleine Prinzessin. Du sollst mich begleiten. Egal, wohin ich auch reite. Das habe ich dir versprochen, und ein wahrer Ritter h�lt immer das Wort, das er einer Dame gibt.� Volker schob ihr z�rtlich die Hand unter das Kinn und hob ihren Kopf, so da� sie ihm ins Gesicht blicken mu�te. �Ich werde f�r dich sorgen, bis wir ein neues Zuhause f�r dich gefunden haben.�</p><p>Auf dem Gang vor dem Zimmer war der schwere Tritt genagelter Soldatenstiefel zu h�ren. Jemand klopfte energisch an die T�r. �Ist alles in Ordnung, Herr? Wir haben ein Licht gesehen, das vom Himmel gestiegen ist.�</p><p>�Es geht mir gut!� Mit Mechthild im Arm trat Volker an die T�r und �ffnete. Wahrscheinlich war es am besten, sich den Soldaten kurz zu zeigen, damit sie beruhigt auf ihre Posten zur�ckkehrten. Als er aus der T�r schritt, wichen die Krieger �ngstlich vor ihm zur�ck. Auch wenn sie schimmernde Kettenhemden trugen, waren es nur einfache M�nner.</p><p>�Mithras hat ein Sternenlicht zu Euch geschickt, nicht wahr? Wir alle konnten es sehen, wie es in Euer Zimmer geflogen ist und wie Ihr es zum Fenster geleitet habt, als es wieder in den Himmel gestiegen ist.� Der Mann, der zum ihm gesprochen hatte, war der �lteste unter den Kriegern. Sein dunkelbraunes Haar war von grauen Str�hnen durchzogen. Er hatte ein offenes und ehrliches Gesicht, in dem sich nun abergl�ubische Furcht spiegelte.</p><p>�Es war ein Vogel aus Licht, der mich besucht hat. Seine Fl�gel waren lodernde Flammen.�</p><p>Der �ltere Krieger sagte etwas, was Volker nicht verstand. Ein Wort wie <emphasis>ater </emphasis>oder etwas �hnliches. Die M�nner knieten nieder und senkten ehrf�rchtig ihre H�upter.</p><p>Volker r�usperte sich verlegen. �Steht auf! La�t das! Es war kein Bote eures Gottes, der mich aufgesucht hat.�</p><p>�Doch, Herr! Der Lichtvogel ist ein Bote des Ormuz, der jeden Tag in seinem Flammenwagen �ber den Himmel f�hrt. Ihr seid ein Auserw�hlter des Lichtes. Das Augenmerk der G�tter liegt auf Euch!�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>4. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Es war ein Sp�tsommertag, an dem man den Atem des Winters schon in der Luft sp�ren konnte. Obwohl es nicht wirklich kalt war, war doch deutlich, da� die Hitze, die noch den vorherigen Tag bestimmt hatte, in diesem Jahr nicht mehr zur�ckkehren w�rde. Auf der gepflasterten Stra�e, die in die Berge f�hrte, standen gro�e Pf�tzen, und die Steine waren mit dem Laub bedeckt, das der Sturm der letzten Nacht von den B�umen gerissen hatte.</p><p>Golo blickte zum Himmel, der halb von den Kronen der hohen Eichen verdeckt wurde, welche die breite Stra�e s�umten. Der Wind trieb wei�graue Wolkengebirge �ber den Himmel. Fast alle Bl�tter an den B�umen hatten schon braune Kr�nze an ihren R�ndern. Bald w�rde der Herbst den Wald in Rot und Gold tauchen. Den jungen Ritter fr�stelte es. Man hatte ihm in der Stadt erz�hlt, da� der Herbst in den Bergen nur kurz sei und da� schon lange vor dem Christfest Schnee fallen w�rde, der die Stra�en unpassierbar machte und die D�rfer und kleinen St�dte voneinander abschnitt. Doch trotz dieser Aussichten war er froh, Castra Bonna hinter sich zu lassen. Jetzt, wo Volker dem intriganten Frankenf�rsten entkommen war, w�rde alles wieder so werden, wie es einmal gewesen war.</p><p>Ein wenig mi�mutig blickte er zu dem M�dchen, das der Spielmann vor sich auf den Sattel genommen hatte. Sie hielt die Z�gel, und Volker spielte f�r sie ein ausgelassenes Lied auf seiner Laute. Was sollte nur mit ihr werden, wenn der Winter kam? Sie w�rde die K�lte und die Entbehrungen nicht �berleben! Volker hatte sich sehr ver�ndert. Golo dachte an das M�dchen, das sie im letzten Jahr an einem einsamen Wegkreuz in Aquitanien zur�ckgelassen hatten. Sie war nur zwei oder drei Jahre �lter gewesen als Mechthild... Der Barde hatte ihr das Herz gebrochen. Eine einzige Liebesnacht nur hatte er mit ihr verbracht und sie dann, als sie aus ihrem Dorf ausgeschlossen wurde, in Stich gelassen. Was war in ihm vorgegangen, da� er sich nun so sehr um Mechthild sorgte. War es am Ende vielleicht Reue �ber das Leben, das er einmal gef�hrt hatte?</p><p>Aber was z�hlte das schon! Das wichtigste war, da� sie diese verfluchte Stadt hinter sich gelassen hatten! Ricchar hatte Volker in der Nacht und noch ein zweites Mal am Morgen besucht. Golo wu�te nicht, wor�ber die beiden gesprochen hatten, doch Volker war offenbar durch nichts von seinem Entschlu� abzubringen gewesen, an diesem Morgen aufzubrechen. Was in der vergangen Nacht wohl in der Kammer des Spielmanns geschehen war? Jeder erz�hlte eine andere Geschichte dar�ber. Die Wachen und Krieger im Palast waren davon �berzeugt, da� ihr Gott Mithras dem Barden ein Zeichen geschickt hatte. In ihren Augen war der Spielmann auserkoren, und es war ihm bestimmt, irgend etwas Ungew�hnliches zu tun. Ganz anders h�rte sich die Geschichte an, die Mechthild zu erz�hlen hatte. Und sie mu�te schlie�lich wissen, was geschehen war. Immerhin war sie dabeigewesen! Sie hatte nur ein kaltes blauwei�es Licht gesehen. Eine Kugel, so gro� wie ein Menschenkopf, die in das Zimmer geschwebt war. Sie hatte Angst vor dieser ungew�hnlichen Erscheinung gehabt.</p><p>Und Volker... Golo schmunzelte. Der Spielmann glaubte, ihm sei der Feuervogel erschienen. Er hatte keine Kugel, sondern einen Vogel mit gl�henden Schwingen gesehen. Doch ganz gleich, was auch immer es gewesen sein mochte, es hatte sie aus dem Bann des Ketzerf�rsten Ricchar gel�st. Vielleicht war es ja ein Engel, den einer der Heiligen geschickt hatte, um Volker auf den rechten Weg der Tugend zur�ckzuf�hren und gegen die Versuchung Satans zu sch�tzen.</p><p>Ob sie Ricchar wohl entkommen waren? Das weite Bergland vor ihnen geh�rte bis kurz vor die Tore von Treveris dem Gaugrafen. Auch Ricchar wollte in den n�chsten Tagen in die Berge reiten, um der Spur des Ebers zu folgen. Hoffentlich entkam ihm der R�uber. Wer immer sich gegen den Ketzer stellte, konnte im Grunde kein schlechter Mensch sein. Golo glaubte noch immer nicht daran, da� der verschwundene Palastdiener von Strauchdieben get�tet worden war. Der Mord war auf Befehl Ricchars geschehen!</p><p>Wieder blickte Golo zum Himmel. Manchmal fiel es ihm schwer, die Geschichten der Priester zu glauben. Irgendwo dort oben lag das Reich Gottes. Das himmlische Paradies, ein Ort ewiger Gl�ckseligkeit... Doch was tat man dort eine Ewigkeit lang? Die Priester erz�hlten nie viel dar�ber, was da oben geschah. Die Geschichten der Heiden waren im Vergleich dazu wesentlich anschaulicher. Den Helden war es bestimmt, mit den G�ttern zusammen an einer Tafel zu sitzen und auch weiterhin das Leben von ehrenhaften Kriegern zu f�hren... Golo sch�ttelte energisch den Kopf. Was dachte er da nur! Mit solch stummen Zwiegespr�chen gef�hrdete er sein Seelenheil! Bei n�chster Gelegenheit sollte er einen Priester zur Beichte aufsuchen. Es war nicht gut, seine Seele mit solchem Schmutz zu besudeln... Doch wie lange mochte es wohl dauern, bis sie einen Christenpriester trafen? In Castra Bonna waren alle Kirchen vernagelt gewesen. Ob Ricchar die Christenpriester wohl auch schon aus den Bergen vertrieben hatte? Wie konnte ein Mann nur ungestraft solches Unrecht tun? Warum wurde dieser ruchlose Versucher nicht einfach von einem Blitz aus heiterem Himmel erschlagen? Oft schon war es Golo so erschienen, da� Gott gegen�ber seinen treuesten Anh�ngern strenger war als gegen�ber den Ketzern oder den Kleingeistigen, deren Christentum kaum mehr als ein Lippenbekenntnis war.</p><p>Mit j�hem Schrecken wurde Golo bewu�t, da� seine Gedanken blanke Ketzerei waren. Das mu�te das schleichende Gift des Frankenf�rsten sein. Seine s��en Worte und seine Lockungen... Sie waren dazu angetan, jedem, der ihm begegnete, die Seele zu vergiften. Warum sah Ricchar nicht aus wie einer der Teufel, von denen die Priester erz�hlten? Warum stand ihm seine Verruchtheit nicht ins Gesicht geschrieben? Sicher hatte der Versucher selbst den Leib des Grafen aus dem blutbesudelten Lehm der H�lle geschaffen und ihm mit seinem fauligen Atem Leben eingehaucht. Das mu�te auch der Grund sein, warum der Eber Ricchar nicht get�tete hatte. Die Diener der Finsternis brachten einander nicht um!</p><p>Leise begann Golo ein Vaterunser zu beten. Er mu�te vorsichtig sein! Die letzten Tage hatten ihn �ber einen schmalen Grad gef�hrt, und wenn er nicht fest im Glauben war, dann mochte ihm auf dieser Reise Schlimmeres widerfahren, als nur sein Leben zu verlieren.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Blinzelnd erhob sich Volker und sog den Geruch des Feuers ein. Die Pferdedecke lag schwer und klamm auf seinen Schultern. Keinen halben Schritt entfernt schwelte ein kleines Feuer. Jemand hatte ein wenig Reisig in die Glut vom Vorabend gesch�ttet und dar�ber kunstvoll d�nne �ste aufgeschichtet. Zu seiner Linken lag sein zusammengekn�llter Umhang. Mechthild hatte die kleine Schutzh�tte verlassen. Vermutlich suchte sie nach Holz f�r das Feuer oder ein paar Waldbeeren zum Fr�hst�ck.</p><p>G�hnend streckte Volker seine steifen Glieder und rutschte ein St�ck n�her zum Feuer. Die Narbe von dem Pfeil, der ihn letztes Jahr in den S�mpfen Aquitaniens erwischt hatte, schmerzte. Wenn der Rauch und das Feuer erst einmal die Feuchtigkeit aus seinen Kleidern vertrieben hatten, w�rde es besser werden. Er rieb seine schwieligen H�nde �ber den Flammen und blickte zu Golo. Sein Gef�hrte hatte im Schlaf seinen Umhang zur Seite gestreift. Der Mund des jungen Ritters stand halb offen, und er atmete schwer. Was er jetzt wohl tr�umte? Ob es gut war, ihn auf diese Reise mitgenommen zu haben? Am Hof zu Worms f�hlte er sich nicht wohl. Die Adligen und Ritter dort duldeten ihn mehr, als da� sie ihn als ihresgleichen akzeptierten. Als ehemaliger Bauernsohn w�rde er dort immer ein Au�enseiter bleiben. Ihm war es allemal lieber, an der Seite Volkers in irgendwelche verr�ckten Abenteuer zu reiten. Der Spielmann l�chelte melancholisch. Dennoch w�rde er Golo vielleicht bald zur�cklassen m�ssen... und auch das M�dchen. Gestern nacht, als die Kleine schon geschlafen hatte, waren sie auf die Lichtung hinausgegangen und hatten dar�ber gesprochen, wie es weitergehen sollte, und Golo hatte recht. Es w�re verantwortungslos, Mechthild einem Winter hier in den Bergen auszusetzen.</p><p>Wieder blickte Volker zu seinem schlafenden Gef�hrten. Vielleicht sollte er sich eines Nachts einfach davonschleichen. Er konnte sich auf Golo verlassen. Der junge Ritter w�rde sich um das M�dchen k�mmern. Gewi� w�rde er nicht eher ruhen, bis er ein gutes Heim f�r die Kleine gefunden hatte. Auch wenn er gestern noch dar�ber geflucht hatte, da� sie Mechthild �berhaupt mitgenommen hatten, war sich der Spielmann sicher, da� Golo sie nicht in Stich lassen w�rde. Das Grollen und sein brummiges Wesen waren halt seine Art, seinen Sorgen Ausdruck zu geben.</p><p>Volker seufzte. Heute mu�te er noch keine Entscheidung treffen. Er w�rde noch ein paar Tage warten. Langsam wurde ihm w�rmer. Sie hatten Gl�ck gehabt, da� sie gestern abend noch kurz vor Einbruch der D�mmerung die verlassene K�hlerh�tte entdeckt hatten. Sie lag keine zehn Schritt von der Stra�e unter ein paar hohe Kiefern geduckt am Rand eines weiten Kahlschlags. Es war nur eine schlichte Unterkunft mit W�nden aus ineinandergeflochtenen Zweigen und einem Dach aus dicken Grassoden, doch es war allemal besser, hier zu schlafen, als v�llig ungesch�tzt unter einem Baum zu liegen. Die H�tte hatte nur drei W�nde. Die ganze Vorderseite war offen. Man sah auf die Lichtung, die die K�hler in den Wald geschlagen hatten. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch war der Wald schon in jenes graublaue Zwielicht getaucht, das den kommenden Tag ank�ndigt. Zerrissene Nebelschleier lagen �ber der Lichtung und wogten zwischen den schwarzen Wurzelst�mpfen. �berall aus den B�umen und B�schen ringsherum erklang das Zirpen und Zwitschern von V�geln. Der Spielmann grinste. Jetzt fehlten nur noch eine sch�ne Jungfer und ein munter pl�tscherndes B�chlein, dann h�tte man alle Bestandteile des <emphasis>locus amoenus </emphasis>aus der Theorie der Minnedichtung beisammen. Er hatte nie sehr viel von den ehernen Regeln der Dichtkunst gehalten. Lie� Sch�nheit sich in Gesetzm��igkeiten fassen? Nein! Solche Regeln waren etwas f�r jene Dichter, denen wahre Kunst auf immer verschlossen blieb...</p><p>Ein Schrei ri� Volker aus seinen Gedanken. Mechthild! Mit einem Satz war er auf den Beinen und griff nach seinem Schwert, das gegen die Wand der H�tte lehnte. Mit einem Schlag waren alle Vogelstimmen ringsherum verstummt. Der Wald wirkte jetzt dunkel und unheimlich. Immer wieder den Namen des M�dchens rufend, hastete Volker durch das dichte Unterholz. Wie die H�nde von Kobolden griffen Dornenranken und verschlungene Wurzeln nach seinen Beinen und F��en. Rechts von ihm war pl�tzlich das Ger�usch brechender �ste zu h�ren. Er ri� das Schwert aus der Scheide und warf sich herum. Er hatte ein Rudel Rehe aufgescheucht, das mit weiten Spr�ngen in Richtung der Rodung davoneilte. Dann wechselten sie abrupt die Richtung, als Golo mit dem Schwert in der Hand aus dem Morgendunst trat.</p><p>�Was ist passiert?�</p><p>�Mechthild. Sie hat geschrien. Sie mu� hier irgendwo ganz in der N�he sein.� Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte Volker sich ab. Warum antwortete das M�dchen nicht? Was mochte ihr nur geschehen sein? Wenn sie ein wildes Tier angefallen h�tte, w�rde man Schreie oder das Knurren der Bestie h�ren. Diese Stille... Volker schluckte und beschleunigte seine Schritte. Das Unterholz wurde lichter. Der Wald bestand hier fast ausschlie�lich aus Buchen. Ihre schlanken St�mme wirkten fast wie die S�ulen eines Tempels. Die Dunstschwaden waren hier dichter. Einen Moment lang glaubte Volker, ein leises Wimmern zu h�ren. Dann war es wieder still.</p><p>Der Barde gab Golo ein Handzeichen, sich etwas links von ihm zu halten. Das Schwert bereit zur Verteidigung gehoben, trat Volker weiter in den Buchenforst. Seine Nackenhaare richteten sich auf. Ein Schauer lief ihm �ber R�cken und Arme. Er hatte das Gef�hl, beobachtet zu werden. Sein Mund war wie ausgetrocknet. Vorsichtig drehte er sich einmal um die eigene Achse. Das graue Licht und der Nebel erlaubten kaum weiter als zwanzig Schritt zu sehen.</p><p>Jetzt konnte er ein St�ck voraus eine Gruppe seltsam verwachsener junger B�ume erkennen. Wieder ert�nte das leise Wimmern.</p><p>�Mechthild?�</p><p>Das Jammern wurde lauter. Volker hastete vorw�rts. Ein gest�rzter Baumriese versperrte den Weg. Die dichten erdverkrusteten Wurzeln der Buche hatten ein klaffendes Loch im Waldboden zur�ckgelassen. Dort kauerte Mechthild. Sie hatte sich zusammengerollt und verbarg den Kopf zwischen den Knien.</p><p>�Was ist gesch...� Dem Spielmann blieb das Wort im Halse stecken. Jetzt erkannte er, was das M�dchen erschreckt hatte. Die seltsam verwachsenen B�ume... Ein St�ck voraus hatte jemand die Kronen von einigen jungen Buchen gekappt und auf den d�nnen St�mmen die Leichen von sieben Kriegern gepf�hlt.</p><p>Volker stieg in die Grube hinab und nahm das M�dchen in die Arme. �Ist gut, meine Kleine. Ich bin jetzt bei dir und werde dich besch�tzen...�</p><p>Mechthild war verstummt. Sie krallte ihre H�nde in seine Arme, so, als hinge ihr Leben davon ab, ihn nie wieder loszulassen. Eine ganze Weile verging, bis ein leises R�uspern Volker aufblicken lie�. Golo stand neben dem entwurzelten Baum und blickte zum ihm herab. �Da ist etwas, das du dir ansehen solltest.�</p><p>�Was denn...�</p><p>�Mir scheint, es sind Sachsen und... Es ist besser, wenn du das M�dchen nicht mitnimmst, weil...� Golo schluckte. �Ich glaube, einer von den Kerlen lebt noch.�</p><p>Der Spielmann l�ste sich sanft aus dem Griff des M�dchen. Noch immer gab Mechthild keinen Laut von sich. Ihre Z�pfe hatten sich gel�st, und ihr langes, braunes Haar hing ihr in breiten Str�hnen ins Gesicht. Mit angstweiten gr�nen Augen blickte sie Volker an. Der Spielmann schluckte. Er f�hlte sich elend. Wie hatte er dar�ber nachdenken k�nnen, sie und Golo im Stich zu lassen.</p><p>�Mein Freund wird bei dir bleiben... Ich komme gleich wieder.�</p><p>Mechthilds Blick war ein stummes Flehen, zu bleiben.</p><p>�Es dauert nicht lange.� Volkers Stimme klang heiser. Er kletterte aus der flachen Grube und trat zu den Toten. Mitten zwischen ihnen lag auf einem Baumstumpf ein abgetrennter Wildschweinkopf. Der Eber! Diese Morde waren sein Werk.</p><p>Die meisten der M�nner mu�ten schon tot gewesen sein, als man sie auf die jungen Baumst�mme gespie�t hatte. Sie trugen Wunden von Pfeilen. Man hatte die Geschosse wieder aus ihren K�rpern gezogen, um die kostbaren eisernen Pfeilspitzen zur�ckzugewinnen. Nur einem der Krieger steckte noch ein abgebrochener Schaft in der Brust. Die Kleider der Toten waren zerrissen. Man hatte ihnen alles geraubt, was von Wert gewesen sein mochte. Waffen, G�rtel, Gewandfibeln und Ringe. Mit Ausnahme eines Rothaarigen waren sie alle blond. Sie trugen nach s�chsischer Manier die langen Haare zu Z�pfen geflochten. Die Wickelgamaschen aus ungegerbtem Leder, die kurzen Umh�nge aus grauem Wolfspelz, all dies verriet, da� sie keine Franken sein konnten.</p><p>Volker dachte an das Gespr�ch, das Golo belauscht hatte. Der Bote hatte Ricchar gesagt, er habe ein Rudel W�lfe auf die Spur des Ebers gesetzt. Er mu�te diese s�chsischen S�ldner damit gemeint haben.</p><p>Der Spielmann sp�rte, wie ein Blick auf ihm lastete. Der Krieger links neben dem Eberkopf... Der Sachse war noch jung. Er mochte kaum mehr als zwanzig Sommer gesehen haben. Seine Augen gl�nzten wie im Fieber. Die Lippen des Mannes bewegten sich stumm. Volker fa�te ihn sanft am Arm. F�r einen Augenblick kniff der Sachse die Augen zusammen. Er st�hnte. Selbst diese leichte Ber�hrung schien ihm Schmerzen bereitet zu haben.</p><p>�Wir holen dich da runter...� Der Barde blickte an dem Baumstamm hinab. Bis zu den Wurzeln war der graue Stamm mit Blut und F�kalien besudelt. Schillernde Fliegen tanzten um die F��e des Sachsen, krochen �ber seine schmutzigen Hosen und die Sch�rfwunden an seinen Armen. Fast einen halben Schritt hingen die F��e des Sachsen �ber dem Boden. Volker fragte sich, wie tief sich der angespitzte Baumstamm schon in den Leib des Mannes gebohrt haben mochte. Ob er noch zu retten war? Oder w�rde jeder Versuch, ihn herabzunehmen, ihm nur zus�tzliche Qualen bereiten.</p><p>�Sing Odin... da�... ich...� Der junge Krieger st�hnte. �... ich ein tapferer... Mann war.�</p><p>�So schnell wirst du deinen Gott noch nicht sehen. Wir werden dich dort herunter hole und dann...�</p><p>�Aelfre...�</p><p>Volker blickte den Mann verwundert an. Aelfre? Was hatte das zu bedeuten?</p><p>Der Krieger versuchte seinen Arm zu bewegen. Er schien auf seine Brust weisen zu wollen. Im selben Augenblick ging ein Ruck durch seinen K�rper. Der Sachse st�hnte auf. Blut tropfte von seinen Lippen. Noch immer starrte er Volker mit weit offenen braunen Augen an. Der Pfahl hatte sich ein wenig tiefer in den Leib des Mannes gebohrt.</p><p>Bis auf das Summen der Fliegen war es totenstill im Buchenhain. Schmale Streifen roten Lichts fielen durch das Bl�tterdach. Der Morgendunst hatte sich fast aufgel�st. Nur d�nne graue Schleier trieben noch dicht �ber dem Boden. Jetzt erst bemerkte Volker den Gestank. Es roch nach Kot, Blut und dem herben Duft verfaulender Bl�tter. Warum hatte der Eber die Sachsen nicht einfach alle umgebracht? Warum diese Folter? Es mu�te mindestens eine Stunde gedauert haben, die Krieger zu pf�hlen. Wahrscheinlich sogar l�nger. Der R�uber mu�te doch wissen, da� Ricchar ihm bald folgen w�rde. Jede Stunde, die er Vorsprung hatte, mochte bald schon kostbar f�r den Eber sein...</p><p>Der Spielmann griff nach dem Hals des Sachsen. Er konnte sp�ren, wie das Blut noch immer schwach durch die Adern des Mannes pulsierte. Der Sachse war nur ohnm�chtig. Volker w�nschte, niemals in den Buchenhain gekommen zu sein. Was sollte er tun? Jeder Versuch, den Mann vom Pfahl zu nehmen, w�rde nur unendliche Qual f�r ihn bedeuten. Und wenn er jetzt ging und den anderen sagte, der Sachse sei tot... Volker schluckte. Er hatte einmal von einem M�rder geh�rt, der gepf�hlt worden war. Drei Tage hatte es gedauert, bis der Kerl endlich tot war. Wie lange der junge Sachse wohl noch zu leiden h�tte?</p><p>Er schlang seine Arme um die H�fte des Kriegers. Mit aller Kraft spannte er die Muskeln an. Dann schob er den Gepeinigten nach oben. Die Schmerzen brachten den Sachsen wieder zu Bewu�tsein. Er stie� einen leisen Schrei aus. Es gab ein gr��liches, schmatzendes Ger�usch, als sich das geschundene Fleisch vom Pfahl l�ste. Volker bi� sich auf die Lippen. Endlich war der junge Krieger befreit und sank ihm in die Arme.</p><p>Vorsichtig bettete der Spielmann den t�dlich Verletzten auf den weichen Waldboden. Das Gesicht des Sachsen war eine Grimasse des Schmerzes. Seine Lippen zitterten, als wolle er etwas sagen. Volker beugte sich vor, um ihn verstehen zu k�nnen.</p><p>�Aelfre...�</p><p>�Das ist dein Name, nicht wahr? Ich werde ein Lied von dir singen, Aelfre, damit die alten G�tter von deiner Tapferkeit h�ren, und beten werde ich f�r dich, damit deine Seele nicht in das Reich Satans eingeht. H�rst du mich... Und deinen M�rder will ich finden. Er soll diesen Winter nicht �berleben, der Eber! Wenn Ricchar ihn nicht stellt, dann werde ich ihn finden. Er soll nicht noch l�nger seine blutige Spur durch die W�lder ziehen...�</p><p>Der Blick des Sachsen war auf das dunkle Bl�tterdach gerichtet, das mit den ersten Strahlen der Morgensonne zu einem d�ster sch�nen Mosaik aus Licht und Schatten geworden war. Einen Herzschlag lang hatte Volker das Gef�hl, als forme sich in dem Bl�tterdach das riesige Gesicht eines b�rtigen Mannes. Dann fuhr ein Windsto� durch die �ste der Buchen, und das Trugbild war verschwunden.</p><p>Pl�tzlich war dem Barden kalt. Ein Trugbild! Die alten G�tter gab es nicht wirklich... Allein der Christengott regierte in dieser Welt.</p><p>Der Ausdruck des Schmerzes war vom Gesicht des Sachsen gewichen. Seine Z�ge hatten sich entspannt, und um seine Lippen spielte sogar der Hauch eines L�chelns. Hatte auch Aelfre das b�rtige Gesicht gesehen?</p><p>Volker legte dem jungen Krieger vorsichtig die Hand auf die Brust. Das Herz des Sachsen schlug nicht mehr. Er war als Heide gestorben, und seine Seele w�rde nun den langen Weg der Verdammnis antreten. Ob es wohl jemals jemanden gegeben hatte, der versuchte, Aelfres Seelenheil zu retten? Jemanden, der von der G�te des Christengottes zu ihm gesprochen hatte. Volker neigte sein Haupt und faltete die H�nde zum Gebet.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>5. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Drei Tage lang hatte ihr Weg sie in die Berge gef�hrt, und mit ihnen war der Regen nach Westen gezogen. Kaum einer Menschenseele waren sie unterwegs begegnet. Da waren ein K�hler und seine Familie, ein Waldbauer und ein J�ger gewesen und ein paar Reisende... Keiner von ihnen hatte vom Feuervogel geh�rt. Zumindest behaupteten sie das. Die Leute in den Bergen waren ein verschlossener Menschenschlag. Sie blieben den Gef�hrten gegen�ber mi�trauisch, und Golo war sich sicher, selbst wenn der Feuervogel noch in der Nacht zuvor auf dem Giebel ihrer armseligen H�tten gesessen h�tte, da� sie es Fremden gegen�ber leugnen w�rden. Doch vielleicht gab es die Kreatur ja auch wirklich nicht...</p><p>Nach dem Buchenhain mit den Gepf�hlten waren sie auf keine weiteren Spuren des Ebers gesto�en. Offenbar hatten sich der R�uber und seine Gefolgschaft in irgendein unzug�ngliches Tal zur�ckgezogen. Noch immer lastete dieser schreckliche Morgen auf ihnen. Mechthild hatte seitdem kein Wort mehr gesprochen. Es war ganz so, als habe der Anblick der geschundenen Toten ihr die Zunge im Mund verdorren lassen. Volker hatte sich alle M�he gegeben, sie den Schrecken vergessen zu lassen. Er hatte f�r sie gesungen und ihr stundenlang Geschichten erz�hlt, doch nichts vermochte ihr Schweigen zu brechen. Und so hatte sich schlie�lich die Stille wie ein b�ser Fluch auf die Gruppe gelegt. Jeder hing seinen Gedanken nach, und es waren allein der monotone Hufschlag auf der gepflasterten Stra�e und der tausendstimmige Gesang der Waldv�gel zu h�ren.</p><p>Vor ihnen auf einer langgezogenen H�gelkuppe erhob sich eine kleine Stadt, Icorigium. Sie war von einer graubraunen Mauer umgeben, der man deutlich die Narben noch nicht allzulange zur�ckliegender Belagerungen ansah. An zwei Stellen, wo Breschen in die Mauer geschlagen worden waren, hatte man h�lzerne Palisaden errichtet. Massive halbrunde T�rme verst�rkten in Abst�nden von vielleicht zwanzig Schritt die Verteidigungsanlagen. Der K�hler, bei dem sie die letzte Nacht verbrachten, hatte ein wenig �ber Icorigium erz�hlt. Es war eine Stadt der Schmiede und Bergleute. Eisenminen hatten die Siedlung reich gemacht, und Graf Ricchar lie� hier einen gro�en Teil der Waffen und R�stungen f�r seine Krieger schmieden.</p><p>Dunkle Rauchfahnen stiegen hinter den hohen Mauern auf und wurden vom rauhen Wind zerpfl�ckt. Auf den H�gelflanken schimmerten golden die Stoppeln abgeernteter Weizenfelder. Golo stutzte. Irgend etwas stimmte hier nicht. Er drehte sich im Sattel um und lie� den Blick �ber die dunklen Waldr�nder und die abgeholzten H�gelflanken schweifen. Keine Menschenseele zeigte sich. Und das, obwohl die Stadt Hunderte von Einwohnern haben mu�te.</p><p>Unter dem Torbogen am Ende der Stra�e blinkte fahles Sonnenlicht auf poliertem Stahl. Der junge Ritter schirmte die Augen ab. Das Stadttor war ge�ffnet. Zwei Wachen standen dort.</p><p>Mit leichtem Schenkeldruck brachte der junge Ritter seine Stute n�her zu Volkers Grauem hin�ber.</p><p>�Wollen wir dort wirklich hinauf? Ich hab� kein gutes Gef�hl bei der Sache.�</p><p>Der Spielmann zuckte mit den Schultern. �Dort wird es warme Quartiere geben... Au�erdem werden wir in der Stadt sicherlich jemanden finden, der den Feuervogel gesehen... oder zumindest von ihm geh�rt hat.�</p><p>Golo r�usperte sich. Einen Augenblick lang �berlegte er, ob es m�glich w�re, seinen Kameraden doch noch zu �berzeugen. Dann verwarf er den Gedanken. Volker war ein Dickkopf. Er hatte beschlossen, in Icorigium Quartier zu nehmen, und er w�rde es tun...</p><p>Sie hatten das Tor jetzt fast erreicht. Zwei fr�nkische Krieger in schlichten grauen Tuniken standen dort Wache. Ihre schweren eisernen Helme lagen neben ihnen auf dem Boden. Im Toreingang lehnten rote Rundschilde. Einer der M�nner baute sich mitten unter dem Torbogen auf und versperrte den Weg, w�hrend der andere seinen Speer fortlegte und ihnen entgegenkam.</p><p>�Woher des Weges, Fremde?�</p><p>Volker hob die Rechte zum Gru�. �Wir kommen aus Castra Bonna und waren dort G�ste des Grafen Ricchar. Unsere Reise f�hrt uns nach Treveris. Wir wollen hier einige Tage Quartier nehmen.�</p><p>Der W�chter runzelte die Stirn. �Ihr solltet besser nicht zu lange bleiben. Bald wird der Regen kommen. Dann ist es keine Freude, �ber die Berge zu m�ssen. Aber das soll nicht meine Sorge sein. Ihr habt f�r jedes Bein, das unsere Stadt betritt ein Kupferst�ck Torzoll zu entrichten, Herr.�</p><p>Der Spielmann griff nach dem Geldbeutel an seinem G�rtel, �ffnete ihn und warf dem Soldaten zwei Silberst�cke zu. Golo bi� grimmig die Z�hne aufeinander. Volker war zu gro�z�gig! Dieser Torzoll war Wucher, und dem Franken auch noch mehr zu geben, als er verlangte... Die Adligen wu�ten einfach nicht mit Geld umzugehen! Wenn Volker so weitermachte, w�re ihre Reisekasse noch vor Mitte des Winters dahin.</p><p>Der Wachposten unter dem Torbogen trat beiseite und lie� sie passieren. �Reitet die Stra�e gerade hinauf bis zum Marktplatz�, rief der Soldat ihnen nach. �Dort h�lt unser Magister Equitum Gericht. Wenn Ihr Euch beeilt, k�nnt Ihr sicher noch der Urteilsvollstreckung beiwohnen.�</p><p>Volker nickte beil�ufig. �Wo finde ich eine Schenke, in der wir Nachtquartier nehmen k�nnen.�</p><p>�Am Marktplatz. Jedenfalls wenn Ihr eine Unterkunft sucht, die Eurem Rang entspricht, Herr. Vielleicht k�nnt Ihr auch im Praetorium untergebracht werden, wenn Ihr den Magister Equitum fragt. Als G�ste des Grafen Ricchar h�ttet Ihr ein Anrecht darauf.�</p><p>Golo zuckte bei den letzten Worten zusammen. Er versp�rte nicht die geringste Lust, schon wieder die Gastfreundschaft von Franken zu genie�en. Golo wartete, bis sie au�er H�rweite der Wachen waren. �Wir werden doch nicht bei diesem fr�nkischen Statthalter absteigen, oder?�</p><p>Der Spielmann drehte sich im Sattel um und grinste. �Du m�chtest also lieber Geld f�r unsere Unterkunft ausgeben? Du drehst doch sonst jedes Kupferst�ck zweimal um... Nun, wir sollten versuchen, dem Statthalter aus dem Weg zu gehen. Sonst w�rden wir wom�glich noch eingeladen, und dann g�be es kein Zur�ck mehr.�</p><p>�Das hei�t, wir nehmen die Schenke?�</p><p>�Ich will heute abend mit meiner Laute auf dem Scho� zwischen einfachen Leuten sitzen und meine Lieder spielen. So werde ich gewi� mehr �ber den Feuervogel erfahren als in einer Tafelrunde zwischen Offizieren. Wir nehmen die Schenke!�</p><p>Golo war erleichtert. Den Magister Equitum zu meiden konnte ja nicht so schwer sein. Neugierig betrachtete Golo die H�user entlang der Stra�e. Sie waren zum gr��ten Teil aus Stein oder aus gebrannten Ziegeln errichtet, und fast alle hatten zwei oder drei Geschosse. Nur hier und dort gab es einfachere Fachwerkbauten, die W�nde mit Lehm verputzt und die D�cher aus schlichten Holzschindeln oder Ried.</p><p>Am Ende der Stra�e konnten sie einen Pulk von Menschen sehen. Sie schienen jemandem zu lauschen. Der Wind trug einzelne Wortfetzen zu ihnen. �Emp�rer... in die ewige Finsternis sto�en... der F�rst des Lichtes...�</p><p>Golo blickte zu Volker. Der Spielmann blickte starr zum Ende der Stra�e, so, als w�rde er von einer unsichtbaren Macht dorthin gezogen. Mechthild hatte sich dicht an seine Schulter gedr�ngt. Golo schluckte. Das M�dchen tat ihm leid. Sie h�tte nicht hier sein sollen. Er r�usperte sich. Er wollte etwas sagen, doch sein Mund war trocken wie Staub. Der Abstand zu Volker hatte sich etwas vergr��ert. Dumpf hallte der Hufschlag ihrer Pferde von den H�userw�nden. Einige der Schaulustigen am Ende der Stra�e wandten sich zu ihnen um. Die Stimme des Redners war verstummt. Einen Atemzug lang herrschte Stille. Dann lief ein Raunen wie Meeresbrandung durch die Menge.</p><p>Die beiden Ritter hatten jetzt fast das Ende der Stra�e erreicht. Einige der M�nner und Frauen wichen vor ihnen zur�ck. Sie hatten verh�rmte Gesichter. Deutlich konnte Golo h�ren, wie ein Weib mit schwarzem Kopftuch dem Mann an ihrer Seite zufl�sterte: �Das hatte Pater Anselmus nicht verdient. Er hat nie etwas Unrechtes getan. Sie h�tten ihn verjagen sollen, aber das...�</p><p>Golo konnte jetzt den ganzen Platz �berblicken. Man hatte dort einen Galgen errichtet. Ein Mann in langer brauner Kutte schwang am Ende des Seils. Golo bekreuzigte sich und fl�sterte ein Vaterunser. Wie konnten diese Ketzer es wagen, einen Mann der Kirche zu richten? Einige berittene Krieger mit eisernen Masken hielten die Schaulustigen von der Mitte des Platzes zur�ck. Neben dem Galgen war ein Scheiterhaufen errichtet worden, auf dem eine Frau in wei�em B��erinnenhemd stand. Sie hatte langes rotgelocktes Haar, das ihr bis weit �ber die Schultern hinabfiel. Ein Krieger in pr�chtiger R�stung, der einen Rappen ritt, n�herte sich dem Scheiterhaufen. Er hielt eine brennende Fackel in der Rechten. Sein Pferd t�nzelte unruhig. Waffenknechte, die kleine F�sser schleppten, eilten herbei und tr�nkten das trockene Holz des Scheiterhaufens in Lampen�l. Der Krieger auf dem schwarzen Hengst wandte sich zur Menge. Auch er trug einen Maskenhelm. Sein silbern funkelndes Gesicht war von unirdischer Sch�nheit. Aus Bronze geh�mmerte Locken rahmten seine Stirn. Er wies mit der Fackel zu der Frau auf dem Scheiterhaufen. �Ihr alle kennt Belliesa, die Zauberin. Sie hat sich an Sol Invictus vergangen, aufr�hrerische Reden gef�hrt und den Gott des Lichtes gel�stert.� Der Reiter winkte einem Soldaten zu, der eine gesattelte Stute herbeif�hrte. Er nahm eine kostbare Laute vom Sattelhorn und hielt sie hoch in die Luft. Das Instrument war aus dunklem Holz gefertigt und mit kostbaren Elfenbeinintarsien geschm�ckt.</p><p>�Seht diese Laute, die von Ahrimans dunklen Dienern geschaffen wurde. Finsterer Zauber ist in diesem Holz gefangen und hat ihm alle Farbe genommen. Wer immer dem Instrument lauschte, ward von seiner d�monischen Macht umsponnen, und die liebliche Stimme der Zauberin tat das ihre, der aufr�hrerischen Saat ihrer Lieder fruchtbaren Boden zu bereiten.�</p><p>Golo warf einen besorgten Blick zu Volker. Der Barde hob Mechthild vom Pferd.</p><p>�K�mmere dich um das M�dchen, Golo!�</p><p>Der junge Ritter sch�ttelte den Kopf. �Du hast versprochen, da� wir uns unauff�llig verhalten. Ist das deine Art, dein Wort zu halten?�</p><p>�Ich bin zu sp�t gekommen, um das erste Unrecht zu verhindern, das hier auf diesem Platze geschehen ist. Meine Ehre als Ritter verbietet mir, dem Mord an der Bardin zuzusehen, ohne meine Stimme zu erheben.�</p><p>�Glaubst du, sie werden sie vom Scheiterhaufen holen, nur weil du sie darum bittest?� fragte Golo zynisch. �Es sind viel zu viele. Du kannst nicht gegen sie gewinnen.�</p><p>�Die Aussicht zu gewinnen spielt keine Rolle, wenn es darum geht, eine ritterliche Entscheidung zu treffen. Man darf einem Unrecht niemals unwidersprochen beiwohnen. Sieg oder Niederlage sind unwesentlich... Auch wenn du dir die goldenen Sporen verdient hast, mein Freund, f�rchte ich, bist du noch weit davon entfernt, ein wahrer Ritter zu sein.�</p><p>�Aber...�</p><p>Volker hob einen Finger an die Lippen und sch�ttelte dann den Kopf. �Sag nichts mehr. Bedenke meine Worte, und w�nsche mir Gl�ck. Ich werde es brauchen k�nnen.�</p><p>Der Spielmann gab seinem Pferd die Sporen. Vor ihm bildete sich eine Gasse in der Menge, und der Krieger mit dem Maskenhelm wurde auf ihn aufmerksam.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Was willst du, Fremder?� Der Mann mit der eisernen Maske hatte sein Pferd gewendet und starrte zu Volker her�ber. Auf dem weiten Marktplatz war es fast totenstill. Nur das leise Knarren des pendelnden Galgenseils, von dem der tote Priester hing, st�rte die Ruhe.</p><p>Volker zog sein Schwert. Einige der Krieger, die den Platz abgeriegelt hatten, hoben drohend ihre Speere.</p><p>�Ich stelle meine Klinge zwischen dich und die Bardin. Ich verlange ein Gottesurteil. Nach altem Recht darf jeder zum Tode Verurteilte einen Streiter f�r seine Sache stellen. Ich werde f�r Belliesa k�mpfen.�</p><p>�Hier gilt das Recht des Gaugrafen Ricchar. Wer bist du, da� du es wagst, seine Autorit�t in Frage zu stellen?�</p><p>Der Spielmann reckte stolz das Haupt. �Man nennt mich Volker von Alzey. Ich bin der Barde des K�nigs Gunther von Burgund. Mag es sein, da� du die Kraft meines Gottes f�rchtest, oder warum weichst du dem Kampf aus? Du bist der Kl�ger. Nenne einen Streiter, der f�r dich k�mpfen soll!�</p><p>Der Krieger lachte. �Ich bin Heliodromus, der Statthalter von Icorigium und Magister Equitum im Heer des Grafen Ricchar. Ich habe in meinem Leben noch niemals jemanden gebraucht, der f�r mich gek�mpft hat. Kein Krieger vermochte es, mich je zu besiegen. Hat dich die Zauberin mit einem Bann belegt, da� du es wagst, mich zu fordern, du Narr. Ich biete dir an, dich nun in Ehren zur�ckzuziehen, statt in einem sinnlosen Kampf dein Leben zu verlieren.�</p><p>Volker l�chelte selbstsicher. �Mein Leben liegt in der Hand Gottes. Es besteht f�r mich also kein Anla� zur Sorge. Bist du bereit, meine Forderung anzunehmen?�</p><p>Heliodromus blickte zu dem Geh�ngten. �Auch er vertraute auf den Christengott. Mich d�nkt, er hat eine schlechte Wahl getroffen.� Einige der Soldaten lachten. Der Magister Equitum winkte einem Krieger in der N�he, gab ihm die Z�gel seines Hengstes und lie� sich aus dem Sattel gleiten. �Du hast mich gefordert, Volker. Also obliegt mir die Wahl der Waffen. Ich entscheide mich f�r Reiterschwerter!� Heliodromus nahm die Waffe, die von einem der H�rner seines r�mischen Sattels hing, und zog blank.</p><p>Auch Volker stieg ab. Der Franke war verdammt selbstsicher. Der Spielmann sp�rte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann. Er durfte jetzt keinen Fehler machen! Er w�rde Heliodromus zun�chst einmal angreifen lassen, um zu sehen, was f�r ein K�mpfer er war. �Nach welchen Regeln streiten wir?�</p><p>�Du berufst dich auf das alte Recht, Burgunde, also k�mpfen wir bis zum Tode. Schlie�lich ist dies ein Gottesurteil, und wer immer unterliegt, hat offenbar die Gnade seines Gottes verloren. Ich wei� nicht, wie es bei dir steht, Christ, doch ich w�rde in dem Bewu�tsein, die Gunst Mithras� verloren zu haben, nicht weiterleben wollen. Selbst wenn du mich nicht t�ten w�rdest, m��te ich nach dem alten Recht auf den Scheiterhaufen gestellt werden, da ich als Verleumder dast�nde und mir die Strafe zuteil werden m��te, die ich einer offenbar Unschuldigen zugedacht hatte. Doch sei unbesorgt! Dazu wird es nicht kommen. Ich wei�, da� dieses Weib sich der Zauberei schuldig gemacht hat.�</p><p>Volker murmelte ein kurzes Gebet und blickte zu Belliesa. Die Franken hatten ihr einen Knebel angelegt, so, als schienen sie selbst jetzt noch ihre Worte zu f�rchten. Die Bardin wirkte bla�. Als sie bemerkte, da� er zu ihr hin�bersah, nickte sie ihm kurz zu. Ob der Franke im Recht war? Konnte sich hinter soviel Sch�nheit eine finstere Zauberin verbergen?</p><p>Der Burgunde leckte sich nerv�s �ber die Lippen. �Ich bin bereit, Heliodromus.�</p><p>Der Magister Equitum machte keine Anstalten anzugreifen. Ruhig stand er vor dem Scheiterhaufen, das Schwert leicht erhoben, und wartete auf Volker. Der Spielmann schluckte. Er ha�te es, wenn seine Gegner sich in der Darstellung gelassener Selbstsicherheit pr�sentierten. Offenbar fehlte dem Franken die Phantasie, sich �berhaupt nur vorstellen zu k�nnen, da� er im Schwertkampf auch einmal unterliegen k�nnte...</p><p>Mit einem pl�tzlichen Satz nach vorne griff Volker an, das Schwert weit vorgestreckt, um es dem Statthalter geradewegs durch den Leib zu rammen. Ein leises Raunen ging durch die Menge. Erst im allerletzten Moment machte der Franke einen Schritt zur Seite. Seine Klinge fuhr in einem blitzenden Halbkreis hinab und verfehlte den Kopf des Barden, der sich hastig duckte, um weniger als einen Fingerbreit. Deutlich hatte Volker den Luftzug der Waffe gesp�rt. Mit zwei schnellen Schritten brachte er sich au�er Reichweite des Kriegers. Statt ihm nachzusetzen, nahm Heliodromus wieder seine abwartende Stellung ein. Volker krampfte w�tend seine Faust um den Schwertgriff. Der Franke wollte ihn nicht allein besiegen, er wollte ihn vorf�hren, dem�tigen...</p><p>Volker zwang sich zur Ruhe. Wie man einen Auftritt in Szene setzte, wu�te er mit Sicherheit besser. Der Spielmann drehte sein Langschwert, so da� es mit der Spitze zum Boden zeigte. In der Rechten hielt er den Schwertgriff nur noch zwischen Daumen und Zeigefinger. Seine linke Hand legte der Spielmann auf den fein ziselierten Scheibenknauf seiner Waffe. Er hatte diese ungew�hnliche Schwerthaltung erst in einigen �bungsstunden mit Hagen erprobt, doch selbst den finsteren Recken hatte er damit zu beeindrucken vermocht. Kein vern�nftiger Mensch hielt seine Waffe auf diese Art...</p><p>Heliodromus schien irritiert. Volker w�nschte, er k�nne durch die eiserne Maske hindurch das Gesicht seines Gegners sehen. Die kalten, ebenm��igen Z�ge der Maske verbargen jede Regung seines Gegen�bers. Sie unterstrichen die zur Schau gestellte Gelassenheit. Ein blechernes Lachen erklang. �Sollte ich dich am Kopf getroffen haben, da� du nicht mehr wei�t, wie man ein Schwert in H�nden h�lt, Barde.� Der Statthalter ernte mit seiner Bemerkung einige Lacher. Die meisten Zuschauer jedoch blieben ruhig. Es schien, als sei der Franke nicht sonderlich beliebt in der Stadt.</p><p>�Komm her und lehre mich, wie ich eine Waffe zu f�hren habe. Oder bist du mit dem Boden verwachsen, Heliodromus?�</p><p>Der Krieger verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Einen Augenblick lang schien er unschl�ssig. Das Schwert zur Parade erhoben, kam der Recke langsam n�her. In gespannter Unruhe folgte Volker jeder Bewegung. Heliodromus war ein gewandter Schwertk�mpfer. Nicht einen Atemzug lang gab er sich eine Bl��e. Volker fluchte innerlich. K�nnte er nur das Gesicht des Franken sehen! Den meisten Kriegern sah man es an, wenn sie sich zu einem �berraschenden Angriff entschlossen. Sie pre�ten die Lippen aufeinander, ihr Blick wurde h�rter... Es gab Dutzende kleiner Vorzeichen, die den Gedanken an einen Schwerthieb einen halben Herzschlag, bevor er erfolgte, verrieten. Doch Heliodromus war nichts anzumerken, bis er pl�tzlich vorw�rtsschnellte. Wie ein Pfeil, der von der Sehne eines Bogens flog, kam die funkelnde Schwertklinge des Franken auf Volker zugeschossen.</p><p>Statt auszuweichen dr�ckte Volker die Hand auf seinem Schwertknauf herunter, und gleich einem st�hlernen Stachel ragte die Waffe nun waagerecht dem Franken entgegen, wobei die Spitze dicht unterhalb des Halses auf sein Brustbein zielte. Erschrocken zuckte Heliodromus zur�ck. Volker machte einen Ausfallschritt nach vorne. Seine Schwertspitze schrammte �ber das Kettenhemd des Franken, der fast das Gleichgewicht verlor und sich taumelnd au�er Reichweite der Waffe brachte. Mit einer schnellen Drehung ri� der Burgunde sein Schwert herum und f�hrte einen Schlag nach dem Kopf des Statthalters. Heliodromus versuchte seine Klinge zur Parade hochzurei�en, doch er war zu langsam. Funken stoben, als Volkers Schwertspitze kreischend �ber die eiserne Gesichtsmaske schrammte. So als habe ihn die Faust eines Riesen getroffen, schwankte der Statthalter und brach dann in die Knie. In der eisernen Maske klaffte ein Schnitt, der von der Schl�fe bis zum Kinn reichte. Dunkles Blut flo� �ber das polierte Metall. Heliodromus fiel die Waffe aus den H�nden. Im Licht der Fackel, die er vor Beginn des Kampfes zu Boden gelegt hatte, blinkte ein Ring mit einem goldenen L�wenkopf. Ein ungew�hnlicher Schmuck f�r einen K�mpfer...</p><p>Einige Herzschl�ge lang herrschte atemlose Stille auf dem Marktplatz. Dann eilten einige der Krieger des Statthalters herbei, um den Magister Equitum aufzuheben und fortzutragen. Volker schob sein Schwert in die Scheide und dankte Gott in einem stummen Gebet.</p><p>Ein Krieger mit einem Maskenhelm, �ber dem sich ein breiter Federkamm erhob, trat vor den Barden. �F�r heute hast du gewonnen, Burgunde. Nimm die Zauberin und sieh, da� du davonkommst. Heliodromus hat dir versprochen, da� der Sieger freies Geleit bekommt. Ich werde sein Wort nicht in Frage stellen, doch glaube ich nicht, da� du auf ehrliche Weise gewonnen hast. Jeder konnte sehen, auf welch wunderliche Art du dein Schwert f�hrst, Burgunde. Das haben dich D�monen gelehrt! In ehrbarem Kampf h�ttest du den Statthalter niemals besiegt. Wisse also, da� ich dich der sch�ndlichen Zauberei anklage, und von morgen an werden meine M�nner dich jagen und dich und die Deinen t�ten, wo immer sie dich finden.�</p><p>Volker bedachte den Offizier mit einem abf�lligen Blick, dann zog er seinen Dolch und stieg auf den Scheiterhaufen, um die Fesseln der Bardin zu l�sen. Belliesa nickte ihm dankbar zu und massierte einen Augenblick lang ihre blutunterlaufenen Handgelenke. Dann l�ste sie den Knebel und sprang mit einem Satz von dem Holzsto�. Der Spielmann sah ihr verwundert nach. Er hatte nicht gerade erwartet, da� sie ihm um den Hals fiel und k��te, aber mit etwas mehr Dank f�r ihre Rettung hatte er schon gerechnet. Belliesa ging auf ihr Pferd zu, holte einen langen schwarzen Umhang aus den Satteltaschen und legte ihn sich um die Schultern. Mit einem Satz war sie im Sattel und blickte zu ihm. �Kommt, Barde, wir haben noch einen weiten Weg bis zur D�mmerung.�</p><p>Volker wollte etwas sagen, bi� sich aber im letzten Moment auf die Lippen. Wenn er jetzt etwas auf ihre Frechheiten erwiderte, w�rde die ganze Sache peinlich f�r ihn. Wie konnte sie es wagen, einfach die F�hrung an sich zu rei�en? Jeder, der zugesehen hatte, mu�te denken, er sei ihr Lakai! W�tend stieg er in den Sattel. Belliesa verbeugte sich vor den St�dtern, die den weiten Platz umstanden, so da� man meinen k�nnte, das Ganze sei eine Schmierenkom�die, aufgef�hrt von einer fahrenden Gauklertruppe. Dem Spielmann blieb nicht verborgen, da� viele der Einwohner Icorigiums offenbar froh dar�ber waren, da� die Bardin dem Scheiterhaufen entkommen war. Wer war diese Frau?</p><p>Belliesa hob die Rechte und winkte Volker zu, ihr zu folgen. Dann gab sie ihrer pr�chtigen Stute die Sporen und preschte auf das Ende des Platzes zu, an dem Golo wartete. Eine breite Gasse bildete sich zwischen den Zuschauern. �M�ge Gott seine sch�tzende Hand �ber dich halten, Belliesa�, ert�nte aus den Gedr�nge die Stimme einer jungen Frau.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>6. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Belliesa war viele Meilen lang der Stra�e nach Castra Bonna gefolgt, bis sie vor einem Abzweig, der in die W�lder f�hrte, ihr Pferd z�gelte. Es hatte angefangen zu regnen. Die Wipfel der Berge waren in den Wolken verborgen, und graue Dunstschleier zogen die dunklen W�lder an den Bergflanken herab. Volker war na� bis auf die Knochen. Fast w�nschte er, er h�tte die Bardin ihrem Schicksal �berlassen, dann s��e er jetzt in einem trockenen, warmen Gasthaus bei einem gepflegten Mittagsmahl. Er lenkte sein Pferd an Belliesas Seite. Seit der Flucht aus der Stadt hatte er noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihr zu reden... Und es gab eine Menge zu bereden!</p><p>�Was denkst du eigentlich...�</p><p>Die Bardin schnitt ihm mit einer harschen Geste das Wort ab. �Es ist besser, wenn wir die Hauptstra�e verlassen. Wollt ihr mit mir reiten? Ich kenne die Berge recht gut. Folgt mir, und zur Abendd�mmerung werden wir in einer tiefen, trockenen H�hle sitzen.�</p><p>�Ich werde...�</p><p>�Du brauchst mir nicht zu danken. Ich stehe in deiner Schuld, Volker. Ohne dich w�re ich jetzt tot.� Belliesa warf dem Spielmann einen koketten Blick zu. �Ich werde dich und deine Reisegef�hrten vor den Franken sch�tzen und euch sicher bis nach Treveris bringen. Ich kenne jeden Pfad hier in den W�ldern.�</p><p>�Ich bedarf nicht der Hilfe einer Frau!� platzte Volker heraus. �Ich brauche auch kein Weib, das mir sagt, was ich tun soll. Es w�re sehr entgegenkommend von dir, wenn du aufh�ren w�rdest, mich und meine Gef�hrten wie deine Untergebenen zu behandeln. Wir sind sehr wohl in der Lage, selbst zu entscheiden, wohin uns unser Weg f�hren soll. Und ich denke nicht daran, nach Treveris zu reiten, um...�</p><p>�Du erlaubst dir doch auch, f�r den Ritter und das M�dchen Entscheidungen zu treffen. Ich habe nicht den Eindruck, da� du die beiden fragst, wohin sie eigentlich wollen.�</p><p>Volker konnte aus den Augenwinkeln sehen, wie Golo grinste. Verr�ter! �Ich... Also... Ich zwinge niemanden, mit mir zu reiten.�</p><p>�Das tue ich auch nicht�, entgegnete die Bardin k�hl. �Wenn ich die Dinge richtig sehe, habt ihr im Moment folgende M�glichkeiten. Entweder ihr reitet die R�merstra�e weiter nach Osten. Dann kommt ihr irgendwann in Castra Bonna an, es sei denn, die H�scher von Heliodromus erwischen euch vorher. Daf�r spricht einiges, denn sie unterhalten einen Botendienst entlang der R�merstra�e, und ich bin sicher, da� bereits jetzt eine Nachricht an den Gaugrafen unterwegs ist. Die zweite M�glichkeit besteht darin, der Stra�e nach Westen zu folgen. Dann kommt ihr auf direktem Wege zur�ck nach Icorigium. Wenn ihr dem Wort des Offiziers dort glaubt, k�nnt ihr die Stadt heute noch ungeschoren passieren...� Belliesa zuckte mit den Schultern. �Ich f�r meinen Teil w�rde mich darauf lieber nicht verlassen wollen... Aber ihr m��t wissen, was ihr tut. Nat�rlich k�nnt ihr auch einen der kleinen Wege nehmen, die von der R�merstra�e abzweigen. Viele enden in verlassenen D�rfern oder bei gebrandschatzten Gutsh�fen. Wenn ihr euch nicht auskennt, werdet ihr euch hoffnungslos verirren. Die vierte M�glichkeit besteht darin, einfach das Vern�nftigste zu tun und mir zu folgen. Wie gesagt, ich kenne die Gegend und kann euch, wenn wir nicht allzu lange hier verweilen, um verletzte Eitelkeiten zu pflegen, ein trockenes Nachtquartier versprechen.�</p><p>Golo r�usperte sich leise. �Wenn ich vielleicht...�</p><p>�Nein!� Es kostete Volker alle M�he, nicht einfach loszuschreien. Was ging hier vor sich? Noch nie hatte Golo seine Autorit�t in Frage gestellt! Doch nun wollte er sich offenbar auf die Seite der Bardin schlagen! Es war h�chste Zeit, das Ruder wieder in die Hand zu bekommen. �Wir werden Richtung Treveris reiten und nehmen dein gro�z�giges Angebot, uns als F�hrerin zu dienen, gerne an, Belliesa. Unser Weg h�tte uns ohnehin dorthin gef�hrt.�</p><p>Die Bardin musterte ihn scharf. �Von Dienen kann hier nicht die Rede sein. Ich habe dich um nichts gebeten, Ritter. Es war allein deine Entscheidung, Heliodromus herauszufordern. Ich habe mich f�r das bedankt, was du unaufgefordert f�r mich getan hast. Damit ist die Angelegenheit f�r mich erledigt.�</p><p>�Du hattest zwar einen Knebel im Mund, aber deine Blinke waren beredter als tausend Worte, kleine Bardin...�</p><p>�Offenbar sprechen wir dann wohl nicht dieselbe Sprache, Spielmann.� Belliesa wendete ihr Pferd und trieb es den steilen Waldweg hinan.</p><p>Volker sah ihr schweigend nach.</p><p>�W�re es vielleicht nicht doch kl�ger, wenn wir ihr folgen w�rden?�</p><p>�Findest du ihr Verhalten in Ordnung, Golo?�</p><p>Der junge Ritter wich Volkers Blicken aus. �Sie hat sicher eine Menge durchgemacht... Wir k�nnen uns morgen ja immer noch von ihr trennen.�</p><p>�Du hast recht. Wir sollten ihr Gelegenheit geben, sich von ihrem Schrecken zu erholen. Dann wird sie sicher umg�nglicher werden. Gott allein mag wissen, was die Franken ihr angetan haben. Wenn wir nicht auf sie aufpassen, wird ihr vielleicht noch etwas zusto�en.�</p><p>Golo brummte etwas Unverst�ndliches. Dann folgten die beiden Ritter und Mechthild der Bardin.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Pr�fend tastete Golo �ber die abgestorbenen �ste, die unter dem Brombeergestr�pp lagen. Sie waren ein wenig feucht, aber doch noch trocken genug, um als Brennholz f�r das Lagerfeuer zu dienen. Verfluchter Regen! Es w�rde nicht mehr lange hell sein, und er hatte erst einen Arm voll Reisig zur H�hle hochgetragen. Das reichte bei weitem nicht aus, um ein Feuer zu entfachen, an dem sie alle ihre Kleider trocknen konnten. Nach l�ngstens zwei Stunden w�re alles aufgebraucht und dann... Golo schauderte es bei dem Gedanken, in halbnassen Gew�ndern in der k�hlen H�hle zu �bernachten. Der Sommer war schnell vor�bergegangen. Gerade eine Woche war es her, da� er �ber die Hitze unten am Flu� geflucht hatte. Und jetzt... Seit sie Castra Bonna verlassen hatten, war das Wetter immer schlechter geworden. Kein Tag verging, an dem es nicht ein paar Stunden geregnet h�tte, und wenn die Sonne einmal durch die Wolken brach, dann hatten ihre Strahlen kaum die Kraft, die klammen Kleider wieder zu trocknen.</p><p>Mit Schrecken dachte Golo an die Geschichten, die man sich �ber den Winter in den Bergen erz�hlte. Manchmal wurden die H�user bis zum Giebel eingeschneit, so da� man ein Loch ins Dach brechen mu�te, um nach drau�en zu gelangen. Und jetzt noch diese Sache mit den Franken. In keiner Stadt und keinem Weiler in den Bergen w�rden sie sich noch blicken lassen k�nnen. Wahrscheinlich w�rde auch Graf Ricchar nicht eher ruhen, bis er sie beide gefa�t hatte. Das kl�gste w�re es, sich von der Bardin auf verborgenen Wegen bis nach Treveris bringen zu lassen. Dort herrschten die Burgunden, und sie waren in Sicherheit. Golo schnaubte resignierend. Wenn sie tats�chlich in die Stadt ritten, dann w�re es das erste Mal, da� Volker sich entschied, das Kl�gste zu tun. Er sollte besser nicht damit rechnen... Golo hob das Reisigb�ndel auf, um als n�chstes in dem Tannengeh�lz hinter den Brombeerb�schen nach trockenen �sten zu suchen.</p><p>�Herr...�</p><p>Erschrocken fuhr der junge Ritter herum. Mechthild stand hinter ihm. Er hatte sie nicht kommen h�ren. Sie mu�te wie ein Wiesel �ber die Lichtung geschlichen sein.</p><p>�Mach das nicht noch mal. Du h�ttest mich fast zu Tode erschreckt.�</p><p>�Ich... Entschuldigt. Ich wollte Euch nur auf Wiedersehen sagen, Herr.�</p><p>Golo schaute sie verbl�fft an. Es waren die ersten Worte, die sie an ihn richtete. �Du kannst ja reden, Kleine.�</p><p>Sie blickte verlegen zur Seite. �Ich werde jetzt gehen, Herr.�</p><p>�Wohin willst du denn? Hat Volker dich zum Wasserholen geschickt?�</p><p>Mechthild sch�ttelte den Kopf. �Ich suche... den Eber.�</p><p>�Was?� Golo lie� das Reisigb�ndel fallen. �Was willst du denn von diesem gottverfluchten Bastard?�</p><p>Das M�dchen zog ein schmales Messer aus dem �rmel ihres Gewandes. �Ich werde ihn t�ten... hiermit. Er hat meine Eltern ermordet und meine Br�der... Ich...�</p><p>Der junge Ritter starrte die Waffe an. �Woher hast du das?�</p><p>�Volker hat es mir gegeben. Nachdem wir im Buchenhain die... die toten Sachsen...�</p><p>�Ich nehme an, Volker wei� nicht, was du vorhast.�</p><p>Sie nickte. �Wozu. Er wollte mich doch ohnehin nach Treveris bringen und dort bei irgendeiner Familie in Obhut geben. Stimmt das nicht?�</p><p>�Nun... Das wei� ich nicht.�</p><p>�Ihr h�ttet mich am liebsten gleich in Castra Bonna gelassen, Herr Golo. Ich wei� es... Ich habe Euch einmal belauscht, als Ihr nachts mit Volker gesprochen habt.�</p><p>Der junge Ritter stemmte die H�nde in die H�ften. �Du hast uns also belauscht...� Er l�chelte. �Das h�tte ich mir denken k�nnen. Ja, es stimmt! Ich war dagegen, dich mitzunehmen, weil ich mir sicher war, da� es auf dieser Reise noch �rger geben w�rde. Ich halte es immer noch f�r falsch, da� du uns begleitest. Du bist nur unn�tig in Gefahr.�</p><p>�Ihr wolltet mich nicht mitnehmen, weil Ihr Euch Sorgen um mich macht?�</p><p>�Also... Im Herbst durch die W�lder zu reiten ist nicht sonderlich angenehm, wie du ja sicherlich auch schon bemerkt hast. Was macht es f�r einen Sinn, dich all diesen Strapazen auszusetzen, wenn es am Ende doch so sein wird, da� wir dich irgendwo zur�cklassen m�ssen. Dann h�tten wir dich auch gleich in Castra Bonna lassen k�nnen, wo du Freunde und Verwandte hast. Dieser Meinung bin ich �brigens noch immer!�</p><p>�Ich habe dort keine Freunde, und meine Familie... Der Eber hat sie alle get�tet.� Sie schlo� die Faust fester um das Messer. �Daf�r wird er sterben!�</p><p>�Willst du ihn zum Duell fordern?� h�hnte Golo. �Er hat dich umgebracht, bevor du �berhaupt dein Messer gehoben hast.�</p><p>Mechthild warf den Kopf zur�ck, sch�ttelte sich die Haare aus dem Gesicht und blickte ihn trotzig an. �Ich bin eine Frau. Ich habe es nicht n�tig, ihn zum Duell zu fordern. Es gibt noch andere Wege...�</p><p>Der junge Ritter mu�te l�cheln. Sie war recht h�bsch. Bis jetzt hatte er sich noch keinerlei Gedanken dar�ber gemacht. Er hatte Mechthild immer nur als l�stigen Ballast auf ihrer Reise gesehen. Doch auch wenn sie f�r ihr Alter schon recht ansehnlich war, so w�rden doch noch ein oder zwei Jahre verstreichen m�ssen, bevor sie sich wirklich eine Frau nennen k�nnte. �Du willst den Eber also verf�hren und dann, wenn er in deinen Armen liegt, niederstechen. Du wei�t, da� dein erster Stich ihn t�ten mu�, sonst wird er dich umbringen. Er ist st�rker als du, und er wei�, wie man t�tet. Dein einziger Vorteil ist die �berraschung. Wie w�rdest du dein Messer denn benutzen? W�rdest du es ihm in den Bauch stechen?�</p><p>In den Augen der Kleinen spiegelte sich eine t�dliche Entschlossenheit. Es w�re ihr egal, ob sie der Anschlag das Leben kostete. Sie wu�te, da� sie, selbst wenn es ihr gelang, den Eber zu ermorden, seinen M�nnern nicht entkommen w�rde. �Ich werde ihm die Klinge von oben ins Herz sto�en, nachdem er mich genommen hat und ersch�pft ist.�</p><p>�Vielleicht hast du damit Gl�ck... Wenn du jemanden mit einem Messer t�ten willst, ist es allerdings immer besser, den Sto� von unten zu f�hren. Stichst du von oben zu, gleitet die Klinge an den Rippen ab, und du kannst deinen Gegner nicht t�dlich verletzen. Es sei denn, er liegt... Dann mag es dir vielleicht gelingen. Aber ein Plan, in dem der eigene Tod von vornherein unvermeidlich ist, ist niemals ein guter Plan. Volker mag dar�ber vielleicht anders denken... Was mich angeht, bin ich meines Lebens jedenfalls noch nicht �berdr�ssig.�</p><p>�F�r dich w�re es leicht, den Eber zu t�ten, nicht wahr?�</p><p>Golo runzelte die Stirn. Worauf wollte sie hinaus? �Ich wei� nicht, ob ich es k�nnte. Ich habe ihn noch nicht im Zweikampf gesehen. Auf jeden Fall scheint er ein sehr guter Bogensch�tze zu sein. Aber mach dir keine falschen Hoffnungen! Ich w�rde ihn nicht herausfordern, um deine Eltern zu r�chen. Es gibt f�r mich keinen Grund, mit ihm zu k�mpfen.�</p><p>Mechthild starrte den jungen Ritter lange an. Inzwischen war es v�llig dunkel geworden. Golo hob das Reisigb�ndel auf und winkte ihr. �Komm, la� uns zur�ck zur H�hle gehen, und vergi� deine Rachegedanken. Es wird dir nicht gelingen, den Eber zu t�ten.�</p><p>Das M�dchen pre�te trotzig die Lippen zusammen. �Du h�ttest mich nach Treveris gebracht, wenn Volker heute im Duell gestorben w�re, nicht wahr?�</p><p>Golo nickte knapp. Der Regen war st�rker geworden, und er wollte zur�ck ins Trockene.</p><p>�Aber du warst auch von Anfang an dagegen, mich mitzunehmen... Trotzdem w�rest du mit mir quer �ber die Berge bis nach Treveris geritten. Warum? Du h�ttest mich doch auch einfach in Icorigium zur�cklassen k�nnen. Was machte den Unterschied f�r dich?�</p><p>Golo zuckte mit den Schultern. �Ich h�tte es halt getan. Komm jetzt.�</p><p>�Bring mir das K�mpfen bei. Ich m�chte eine Schwertk�mpferin werden und dann eines Tages vor dem Eber stehen und ihn zum Duell fordern. Sei mein Lehrer!�</p><p>Der junge Ritter lachte. �Du bist ein kleines M�dchen... Wo hat man je von einer Frau geh�rt, die mit dem Schwert umzugehen wei�. Am Ende m�chtest du gar eine Ritterin werden?�</p><p>�Was ist daran so komisch? Hast du nicht gesehen, da� auch Belliesa ein Schwert an ihrem Sattel h�ngen hat?�</p><p>Golo lachte noch immer. �Es ist eine Sache, ein Schwert zu besitzen, und etwas ganz anderes, damit auch wirklich umgehen zu k�nnen. Ich zum Beispiel bin kein sonderlich guter Schwertk�mpfer, wenn du mich mit Volker vergleichst.�</p><p>�Das ist mir egal. Du h�ttest mich �ber die Berge gebracht, obwohl du von Anfang an dagegen warst. Ich vertraue dir... Bring mir das Schwertk�mpfen bei, und ich werde bleiben.�</p><p>�Ich bin gespannt, ob du noch immer so begierig darauf bist, das K�mpfen zu lernen, wenn du die ersten blauen Flecken abbekommen hast und du vor Schmerzen deine Glieder nicht mehr r�hren kannst. Glaub mir, zu k�mpfen ist nichts f�r Frauen.�</p><p>�Das hei�t, du wirst mir Unterricht geben?�</p><p>Golo sch�ttelte den Kopf. �Sollte mir vielleicht entgangen sein, da� ich dir zugestimmt habe?� Langsam wurde er des Gespr�chs �berdr�ssig. Einen Herzschlag lang dachte er sogar daran, das M�dchen einfach ziehen zu lassen. Doch wie weit w�rde sie alleine im Wald wohl kommen...</p><p>�Bitte! Ich werde mich auch um deine Ausr�stung k�mmern, dein Pferd f�r dich trockenreiben und f�ttern, deine Waffen putzen und...�</p><p>�Schon gut. Morgen fr�h, wenn du wach wirst, gehst du als erstes in den Wald und besorgst zwei Kn�ppel, die so lang wie mein Schwert sind. Mit ihnen werden wir �ben, wenn Zeit dazu ist. Und jetzt gib endlich Ruhe!�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker rieb seine klammen Finger �ber dem kleinen Feuer, das sie dicht am Eingang der H�hle entz�ndet hatten, und versuchte, die K�lte aus seinen Knochen zu vertreiben. W�hrend die anderen Feuerholz gesammelt hatten, war er auf die Jagd gegangen. Er hatte gehofft, ein kleines Reh oder wenigstens einen Hasen zu erwischen, doch vergebens. Er war nie ein sonderlich guter J�ger gewesen. Alles, was er zum Abendessen beigetragen hatte, waren ein paar Pilze und Beeren, die er auf dem R�ckweg zur H�hle gesammelt hatte.</p><p>Ihre Vorr�te w�rden nicht bis Treveris reichen. Belliesa hatte gesagt, da� es zwei Wochen dauern w�rde, um auf abgelegenen Bergpfaden bis zur Grenzstadt des Burgundenreiches zu gelangen. Wenn er auch weiterhin kein Gl�ck bei der Jagd hatte, w�rden sie ihre Vorr�te in einem der Bergd�rfer erg�nzen m�ssen. Damit w�rden sie den neuen Statthalter in Icorigium auf ihre Spur bringen. Volker war sich sicher, da� die Franken ein Kopfgeld auf ihn und Belliesa aussetzen w�rden. F�r einen armen Bergbauern oder K�hler w�re das gewi� eine gro�e Versuchung...</p><p>Volker sp�rte die Blicke der anderen auf sich. Mechthild hatte die Geschichte vom Erscheinen des Feuervogels in ihrer gemeinsamen Kammer in Castra Bonna erz�hlt. Sie hatte die Ereignisse reichlich ausgeschm�ckt... Nachdem sie mit ihrem Bericht zu Ende war, wurde es still in der H�hle. Nur das leise Knacken des Feuers st�rte die Ruhe. Volker sah auf. Noch immer starrten die anderen ihn an. Offenbar erwarteten sie von ihm, da� er etwas sagte. Er seufzte. Am liebsten w�re er jetzt alleine.</p><p>�Dir ist also ein Kopf aus glei�enden Licht erschienen...� Es war die Bardin, die das Schweigen brach. �Welche Nachricht hat er dir gebracht? Offenbar konnte Mechthild nicht verstehen, was er gesagt hat.�</p><p>Der Spielmann starrte in die Flammen. Er war es m�de, gegen taube Ohren anzureden. Wie oft schon hatte er erz�hlt, was wirklich geschehen war? Offenbar wollte jeder etwas anderes in der Erscheinung sehen. Sollten sie ihren Willen haben! �Er hat mir gesagt, ich solle in die Berge gehen. Ich bin auf der Suche nach dem Feuervogel. Hier werde ich ihn finden!�</p><p>Belliesa legte den Kopf schief und sah ihn eindringlich an. �Der Feuervogel... Was willst du von ihm?�</p><p>�Das ist meine Sache!� entgegnete der Spielmann. �Erkl�re uns doch lieber einmal, warum du auf dem Scheiterhaufen gestanden hast? Vielleicht bist du ja eine Zauberin...�</p><p>Die Bardin lachte. �Wenn es Zauberei ist, stets ein freies Wort zu f�hren und das Unrecht beim Namen zu nennen, dann habe ich mich wohl dieses Vergehens schuldig gemacht. Ich habe gesehen, wie sich ganze D�rfer in stummer Angst ducken, wie Priester vertrieben oder gar gehenkt wurden, weil sie von ihrem Glauben nicht ablassen wollten, und ich habe von all dem in meinen Liedern gesungen.�</p><p>�Bist du Christin?�</p><p>�Mu� man das sein, um Recht von Unrecht unterscheiden zu k�nnen?�</p><p>Volker brummte etwas Unverst�ndliches. Ihm gefiel ihre Art nicht. Sie redete mit ihm, als sei er irgendein Bauer. Kaum da� er sie gerettete hatte, fing sie an, Entscheidungen f�r sie alle zu f�llen und die Gruppe zu f�hren. Er konnte genau sp�ren, da� die beiden anderen sie mochten. Es w�re besser, wenn sie nicht zu lange mit der Bardin reiten w�rden. Sie machte ihn unruhig. Wo hatte man je von einer Frau geh�rt, die allein �bers Land reiste und durch ihre Lieder die Adeligen herausforderte. Mit ihr zu reiten konnte nur Ungl�ck bringen! Er hatte sie gerettet. Daraus konnte sie kein Recht ableiten, mit ihnen zusammen zu reisen, obwohl sie zugegebenerma�en h�bsch war... Der Spielmann betrachtete sie zum ersten Mal genauer. Unter anderen Umst�nden h�tte er vielleicht... Ihre Haut war bla�, und das, obwohl sie vorgab, bei Wind und Wetter durch das Land zu reisen. Sie war klein und zierlich, doch strahlte sie eine schwer in Worte zu fassende Aura von Kraft aus. Wenn sie einem zul�chelte, war es einem unm�glich, ihr noch l�nger b�se zu sein. Er konnte sich gut vorstellen, wie die Bauern, Bergleute und K�hler gebannt an ihren Lippen hingen, wenn sie sang.</p><p>�Wie bist du den Franken in die H�nde gefallen? Hat man dich verraten?�</p><p>Ein Holzscheit knickte um und st�rzte in die Glut des Feuers. Funken stiegen mit dem Rauch zur H�hlendecke auf. �Ich bin nach Icorigium geritten, um mit dem Statthalter zu sprechen.�</p><p>Volker traute seinen Ohren nicht. �Du bist was? War dir nicht klar, da� man dich sucht?�</p><p>�Doch. Deshalb bin ich ja auch gekommen. Reiter waren in das Dorf gekommen, in dem ich zuletzt gesungen hatte. Sie haben den Wirt und dessen ganze Familie nach Icorigium verschleppt. Sie sollten hingerichtet werden, weil ich unter ihrem Dache Schutz gefunden hatte. Ich habe mein Leben gegen das ihre getauscht.�</p><p>�Hat man sie wirklich ziehen lassen?�</p><p>Belliesa nickte. �Ja. Auf seine Art war der Statthalter ein ehrenhafter Mann. Er geh�rte zu den L�wen, und er hatte die Weisheit geschaut.�</p><p>�L�wen?� Golo legte einen Scheit ins Feuer und blickte zu der Bardin. �Was sind die L�wen? Er trug kein Wappen auf seinem Schild. Nennt Ricchar so seine Garde?�</p><p>�L�wen sind Priester, die schon ein weites St�ck auf dem Weg zum Licht zur�ckgelegt haben. Sie kennen viele der Mysterien des Mithras, und wenn sie mit einem anderen Eingeweihten sprechen, so bedienen sie sich einer geheimen Sprache voller r�tselhafter Bilder. Statt Frau sagen sie zum Beispiel <emphasis>das Wesen mit dem L�wenkopf, </emphasis>und sie reden von den <emphasis>Schlangenstabtr�gem </emphasis>oder <emphasis>Raben, </emphasis>wenn sie die Priester des niedrigsten Weihegrades meinen. Sie m�ssen sich nicht durch feste Mauern vor den Ohren Neugieriger sch�tzen. Man kann ihnen zuh�ren und wird doch nicht verstehen, wovon sie reden. Doch gerade weil sie um die Macht der Worte wissen, sind sie meine erbittertsten Gegner. Nachdem ich das Lied vom Falken gedichtet hatte, haben sie einen Preis auf meinen Kopf ausgesetzt.�</p><p>Volker mochte ihre Art zu erz�hlen nicht. Offenbar erwartete sie, da� man weiter nachfragte und ihr ihre Geheimnisse abrang. Er w�rde darauf nicht eingehen. Wenn sie glaubte, sie m�sse in R�tseln sprechen...</p><p>�Was war das f�r ein Lied?�</p><p>Der Spielmann warf Golo einen finstren Blick zu. Sein Kamerad kroch der Bardin auf den Leim. Sollte er nur sehen, wohin das noch f�hren w�rde!</p><p>�Ich singe in dem Lied von einem stolzen F�rsten, der zur Jagd ausreitet. �ber ihm am blauen Himmel kreist ein pr�chtiger Falke. Alle Tauben und kleinen V�gel ducken sich �ngstlich ins dichte Ge�st der W�lder. Doch dann st��t ein Vogel auf Schwingen von Feuer vom Himmel hinab. Sein gl�hender Schnabel durchbohrt das Herz des stolzen Falken, und der J�ger st�rzt tot vor die F��e des F�rsten.� Belliesa l�chelte tiefsinnig. �Ricchar hat vor wenigen Wochen seinen Falken auf der Jagd verloren, und ich denke, nicht allein die L�wen haben verstanden, worauf das Lied noch anspielt. Es wird �berall dort gesungen, wo man sich nicht vor den Schergen des F�rsten f�rchtet, und ich bin �berzeugt, von heute an wird es noch einen Grund mehr geben, warum die L�wen dieses Lied hassen.�</p><p>Volker begriff. Er sch�ttelte energisch den Kopf. �Du wei�t, da� es anders war! Ein Zufall...�</p><p>�War es ein Zufall? Der Statthalter war der J�ger Ricchars. Er sollte mich fangen. Er hielt die Fackel zum Scheiterhaufen schon in der Hand. Alles schien verloren. Dann erschienst du... Wie der Feuervogel kamst du aus dem Nichts. Niemand in Icorigium hatte dich je zuvor gesehen, und du trugst einen flammendroten Umhang. Du hast den Falken gefordert und get�tet. Dein Schwert durchbohrte sein Herz...�</p><p>�Du wei�t, da� es nicht so war. Wo kommst du vor in dem Lied? Und mein Schwert hat auch nicht sein Herz durchbohrt! Das ist alles Unsinn!�</p><p>�Kleinigkeiten! Stimmt es nicht, da� dir eine Lichtgestalt in Castra Bonna erschienen ist? Wurdest du nicht in die Berge gerufen, wo du mich gerettet hast? Auch wenn du es nicht wahrhaben willst, Volker, du bist der Feuervogel! Das Symbol des Aufbegehrens gegen den Tyrannen. Deine Geschichte wird in den Bergen von Mund zu Mund gehen und den Menschen neue Hoffnung geben.�</p><p>Volker war auf die Beine gesprungen. �H�r auf damit! Erwecke keine Hoffnungen, die nur in Verzweiflung m�nden werden! Es ist jetzt genug! Ich will nichts mehr davon h�ren.� Er wollte nicht in diese Sache hineingezogen werden. F�r ihn gab es keinen Grund, Ricchar zu bek�mpfen. Der F�rst hatte ihn freundlich empfangen, und er war Volker auch nicht als blutd�rstiger Tyrann erschienen. Au�erdem w�rde er m�glicherweise einen neuen Krieg zwischen Burgund und den Franken heraufbeschw�ren, wenn er als burgundischer Ritter und Vertrauter K�nig Gunthers mit irgendwelchen rebellischen Bauern in Verbindung gebracht w�rde. Die Bardin ahnte vermutlich nicht einmal, was sie mit ihren Liedern bewirken mochte. Er w�rde daf�r sorgen, da� sie schwieg und... Belliesa hatte ihre regennasse Tunika abgestreift. Darunter trug sie ein tief ausgeschnittenes Mieder aus rotem Leder, um den Hals aber hing ihr eine geflochtene Schnur, von der ein goldenes Amulett und zwei flammend rote Federn hingen.</p><p>�Was ist das?�, stammelte der Spielmann leise. Seine Zunge war wie taub. Die Federn! Es waren dieselben, wie sie der M�rchenerz�hler am Hof von Burgund als Beweis f�r die Wahrheit seiner Geschichte vom Feuervogel vorgezeigt hatte.</p><p>�Mein Gl�cksbringer. Ich lege ihn niemals ab.�</p><p>�Woher... woher hast du das? Die Federn...�</p><p>�Vielleicht habe ich sie ganz in der N�he des Ortes gefunden, an dem Ricchars Falke aus dem Himmel gest�rzt ist?�</p><p>�Hast du ihn also auch gesehen? Den Feuervogel... Wei�t du, wo er ist?�</p><p>�Kann man einer M�rchengestalt begegnen?� fragte sie sp�ttisch. �Du glaubst doch, da� meine Lieder nur erfunden sind. Du bist kein guter Poet, Volker. Dein Blick ist in die Ferne gerichtet, und du siehst nicht, was vor dir steht!�</p><p>Der Spielmann verkniff sich eine zynische Antwort. Es war besser, die Bardin nicht zu erz�rnen. Offenbar war es tats�chlich kein Zufall, da� das Schicksal es so gef�gt hatte, da� ihrer beide Wege sich kreuzten. Sie wu�te etwas �ber den Feuervogel... Und er w�rde herausfinden, was es war! Vielleicht lie�en sich dieser Suche sogar ganz angenehme Seiten abgewinnen. Schlie�lich war sie sch�n... Eigenwillig, aber durchaus auch begehrenswert. Volker setzte sein charmantestes L�cheln auf.</p><p>�Ich gebe mich im Duell der Worte geschlagen. Wie es scheint, habe ich meine Meisterin gefunden, zumindest f�r heute abend. Doch vielleicht magst du uns nun ein wenig mit deiner Sangeskunst unterhalten, denn ich bin neugierig, ob deine Stimme von gleichem Liebreiz wie dein Antlitz ist.�</p><p>Golo verdrehte die Augen, so als habe man ihm einen fauligen Fisch aufgetischt, doch Belliesa nickte zustimmend. �Du hast recht. La�t uns das Streitgespr�ch beenden! F�r heute zumindest. Nachdem ihr alle euer Leben riskiert habt, um mich zu retten, solltet ihr zumindest die Lieder kennen, deretwegen man mich zum Tode verurteilt hat.�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>7. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Hinter ein Geb�sch geduckt, beobachtete Golo, wie eine Gruppe dunkler Schatten durch die Regenschleier glitt. Es go� wie aus Eimern, und er mu�te die Lippen aufeinanderpressen, um sich nicht durch Z�hneklappern zu verraten. Seit Stunden regnete es schon. Er trug keinen trockenen Faden mehr am Leib. Ihre Reise stand unter einem schlechten Stern. Hoffentlich hatte Belliesa keinen Fehler gemacht!</p><p>Allein dem Regen, der auf dem schlammigen Boden ihre Spuren gel�scht hatte, war es zu verdanken, da� sie gestern den J�gern des Grafen entgangen waren. Ein Trupp von zehn Bewaffneten war keine zweihundert Schritt unterhalb ihres Nachtlagers vorbeigeritten. Danach waren sie sich alle einig gewesen, da� sie weiter von den Wegen und Pfaden fortmu�ten, die f�r Pferde gangbar waren. Belliesa hatte ihnen angeboten, sie zu einer kleinen Stadt zu f�hren, wo sie Freunde hatte. Dort wollte sie die Reittiere verkaufen und frischen Proviant besorgen. Castra Corona nannte sich die befestige Stadt, die sich �ber den langgezogenen H�gelr�cken am anderen Ende des Tals erstreckte. Sie war durch hohe steinerne Mauern gesch�tzt, die von fast einem Dutzend massiger Wehrt�rme �berragt wurden.</p><p>Volker hatte sich geweigert, sich der Stadt auf mehr als f�nfhundert Schritt zu n�hern. So war Belliesa in der Nacht alleine davongeschlichen, um ihre Gew�hrsleute zu finden. Golo betrachtete die Gestalten, die nun auf ihn zukamen, mit gemischten Gef�hlen. Er wu�te nicht, ob man ihnen trauen durfte. Und dann dieser Regen! Wenn es nun Soldaten w�ren, die ihre Waffen und R�stungen unter weiten M�nteln verbargen... Der junge Ritter kniff die Augen zusammen. Die Fremden waren dem Waldrand, wo Belliesa auf sie wartete, jetzt bis auf zehn Schritt nahe gekommen. Die Bardin trat aus ihrem Versteck hinter einem m�chtigen Eichenstamm und gr��te die M�nner. Der Anf�hrer des Trupps schlo� sie herzlich in die Arme. Golo atmete erleichtert auf. Soldaten konnten das nicht sein! Sobald Belliesa das verabredete Zeichen gab, w�rde er die Pferde die Bergflanke hinabbringen.</p><p>Die M�nner standen jetzt im Halbkreis um die Bardin, die heftig gestikulierte und auf die Fremden einredete. Ob sie �ber den Preis f�r die Pferde feilschten? Belliesa deutete zum Hang hinauf. Sie sollte das lieber lassen. Auch wenn Volker sie h�flich behandelte und mit Komplimenten um ihre Gunst buhlte, wu�te Golo, da� der Spielmann ihrer Gef�hrtin im Grunde noch immer mi�trauisch gegen�berstand. Dabei hatte sie sich in den letzten Tagen als gute F�hrerin erwiesen. Ohne ihre Hilfe w�ren sie den Soldaten Ricchars mit Sicherheit nicht entkommen! Von Ferne hatten die Gef�hrten immer wieder Suchtrupps sehen k�nnen, und an jeder gr��eren Wegkreuzung gab es Wachposten. Doch Belliesa hatte sie bei Nacht und Nebel sicher �ber die bewaldete Hochebene gef�hrt. Die Bardin war nicht zum ersten Mal auf der Flucht, und sie kannte die Berge so gut, als sei sie hier geboren worden.</p><p>Warum das Gespr�ch mit dem Pferdeh�ndler und seinen Knechten nur so lange dauerte? Golo trat unruhig von einem Bein auf das andere. Er w�nschte, der Handel w�re schon abgeschlossen. Belliesa redete noch immer auf die Kerle ein. Was da wohl vor sich gehen mochte?</p><p>Der junge Recke h�tte nur zu gerne gewu�t, was ihre Gef�hrtin hierher in die Berge verschlagen hatte. Sie schien kaum l�nger als ein Jahr hier zu sein. Woher sie kam, hatte sie ihnen bislang nicht verraten. Vielleicht stimmte die Anklage gegen sie sogar, und sie war tats�chlich eine Zauberin. Gestern abend war die Bardin allein bei den Pferden im Lager geblieben, w�hrend die anderen losgezogen waren, um Pilze zu sammeln und trockenes Holz f�r ein Feuer zu sammeln. Golo war als erster zur�ckgekommen, und da hatte er gesehen, wie sie ihre H�nde beschirmend �ber die neue Feuerstelle gehalten hatte und pl�tzlich Flammen aus dem nassen Holz schlugen. Golo hatte das bislang f�r sich behalten. Er wollte die anderen nicht beunruhigen, doch war er sich sicher, das dies nicht mit rechten Dingen zugegangen war. �berhaupt war es unerh�rt, da� eine Frau ganz allein reiste. Wo hatte man je so etwas geh�rt! Und doch schien sie keinerlei Schwierigkeiten zu haben.</p><p>Belliesa hob die Rechte und winkte. Das war das verabredete Zeichen. Der junge Ritter nahm die Pferde beim Z�gel und f�hrte sie den Hang hinunter. Es fiel ihm schwer, sich von seiner Stute zu trennen. Seit mehr als einem halben Jahr war er das Tier geritten. Sie hatten sich gerade aneinander gew�hnt.</p><p>Als er aus dem Wald trat, starrten ihn die M�nner rund um Belliesa eigenartig an. Golo hatte das Gef�hl, da� sie ihn in einer Mischung aus Scheu und Ehrfurcht musterten. Der Anf�hrer der Fremden, ein gro�er schwarzb�rtiger Kerl, fl�sterte etwas zur Bardin, woraufhin Belliesa leise lachte.</p><p>�Nein, das ist er nicht. Es ist sein Gef�hrte, Golo.� Sie zeigte mit theatralischer Geste auf den B�rtigen. �Darf ich euch bekanntmachen! Vor dir steht Claudius Marcellinus. Wenn man ihm glaubt, waren seine Ahnen einst bedeutende Senatoren in Rom. Mit Sicherheit jedoch ist er der gerissenste Pferdeh�ndler des n�rdlichen Galliens. Wann immer du einen Gaul brauchst, ist Marcellinus dein Mann, Golo. Er versteht sich darauf, wie aus dem Nichts Pferde herbeizuzaubern.� Belliesa bedachte den h�nenhaften Kerl mit einem schelmischen Blick. �Freilich ist es manchmal nicht allzu klug, Fragen �ber die Herkunft der Tiere zu stellen oder allzu lange an dem Ort zu verweilen, wo man sie von Claudius gekauft hat, aber diese Sorge haben wir heute ja nicht. Mein Freund versteht sich �brigens genausogut darauf, Pferde verschwinden zu lassen. Wenn wir sie <emphasis>ihm </emphasis>anvertrauen, brauchen wir uns keine Gedanken mehr dar�ber zu machen, da� die Franken uns auf die Spur kommen werden. Im Umgang mit Reittieren verf�gt Claudius geradezu �ber magische F�higkeiten. So konnte ich selbst schon miterleben, wie ein Hengst, dessen er sich angenommen hatte, �ber Nacht von einem Fuchs zu einem Rappen wurde.�</p><p>Golo musterte den Kerl mi�trauisch. Der R�mer hatte H�nde, gro� wie Heugabeln, und ein Kreuz wie ein Stier. Seine Augen waren schwarz wie die Nacht, und zwischen den buschigen Locken, die ihm bis in den Nacken fielen, schimmerte ein goldener Ohrring. Bei ihm h�tte er wohl kaum ein Pferd gekauft, dachte Golo bei sich. �Wieviel hat er geboten?�</p><p>�Nun, den Umst�nden entsprechend, war sein Preis angemessen. Ich habe ein gutes St�ck Silber bekommen.� Die Bardin strich mit fl�chtiger Geste �ber zwei pralle Geldkatzen, die an ihrem G�rtel hingen. �Au�erdem hat er uns reichlich Proviant mitgebracht. Ger�ucherte Aale und Schinken, frische Dauerw�rste, Salz, Hirse und auch etwas Wein. Alles ist gut verpackt und wird dem Regen widerstehen. Wir k�nnen uns nicht beklagen.�</p><p>Claudius war zu den Pferden getreten, und Golo beobachtete mi�billigend, wie der Kerl seiner Stute �ber die N�stern strich. Sie schnaubte leise. Fast sah es aus, als habe sie schon begriffen, da� dieser zwielichtige Ro�t�uscher ihr neuer Herr sein w�rde. Der junge Ritter fragte sich, woher Belliesa solche Halunken wie Claudius und seine Gefolgsleute kannte. Keiner der M�nner, die mit dem h�nenhaften R�mer gekommen waren, sah vertrauenerweckender als ihr Anf�hrer aus.</p><p>Nachdem er alle Pferde kurz gemustert hatte, wandte sich Claudius wieder zu ihnen um. �Gute Ware, meine kleine Nachtigall. Sie sind ein wenig ersch�pft, aber sonst in guter Verfassung.� Er hob seine riesenhafte Pranke und streckte sie Belliesa entgegen. �Was mich angeht, ist der Handel perfekt.�</p><p>Die Bardin schlug ein. �Es ist immer wieder ein Freude, mit dir Gesch�fte zu machen. Leider bleibt keine Zeit, l�nger zu verweilen. Du wei�t ja, da� wir uns von den Pferden trennen, weil wir gewisse Schwierigkeiten haben.�</p><p>Golo schluckte. Hatte Belliesa diesem Schurken etwa erz�hlt, da� ihnen die Franken im Nacken sa�en? Wie konnte sie Claudius so sehr vertrauen? Wahrscheinlich w�rde er sie schon in der n�chsten Stunde an die Garnison in der Stadt verraten.</p><p>Die Gef�hrten des Pferdeh�ndlers �berreichten ihnen die schweren Tuchs�cke mit den Lebensmitteln, und sie trennten sich ohne ein weiteres Wort. Mit langen Schritten eilte die Bardin zwischen den dunklen B�umen den Berghang hinauf, so da� der junge Ritter M�he hatte, mit ihr Schritt zu halten.</p><p>�Warum hast du ihm gesagt, da� wir vor den Franken fl�chten?� fragte Golo, als die anderen au�er H�rweite waren.</p><p>�Weil Claudius nicht dumm ist! Wer trennt sich schon von seinen Pferden und reist weitab von allen Wegen, wenn er nicht einen guten Grund dazu hat? Es w�re t�richt gewesen, ihm etwas vorzumachen. Au�erdem wei� er auch, da� Ricchar ein Kopfgeld auf mich ausgesetzt hat.�</p><p>�Und was macht dich so sicher, da� er uns nicht verraten wird?�</p><p>Die Bardin drehte sich halb zu Golo um und blickte ihn ernst an. �Vertrau mir! Er kann nicht! Mehr kann ich dir dazu jetzt noch nicht sagen.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Nach zwei weiteren Regentagen war das Wetter endlich besser geworden. Seit sie sich von den Pferden getrennt hatten, waren ihnen keine fr�nkischen Verfolger mehr aufgefallen. Sie bewegten sich weitab aller Siedlungen durch die Berge. Hier schien der Winter n�her als in der Ebene des gro�en Flusses. Das Laub vieler B�ume schimmerte schon in Rot und Gold, ganz wie ihre Kettenhemden, die nach dem Regen der letzten Tage von Rost �berzogen waren. Sie hatten am Ende eines langen Windbruchs ihr Lager unter ein paar umgest�rzten B�umen aufgeschlagen, die eine nat�rliche H�hle bildeten. Die Gef�hrten wollten den Morgen noch hier bleiben, um sich von den Strapazen der letzten Tage zu erholen. Der Marsch durch die Berge hatte sehr an ihren Kr�ften gezehrt. Kettenhemd, Helm, Schild und Schwert allein waren schon schwer genug, dazu kamen noch die schweren Packtaschen der Pferde und der Proviant. Abends, wenn Volker diese Last ablegte und sie in ein feuchtes Versteck gekrochen waren, hatte er sich leicht wie ein Vogel gef�hlt. Wenn sie von ein paar Waldl�ufern aufgesp�rt w�rden, w�re jeder Fluchtversuch sinnlos. Ein Greis k�nnte schneller laufen als sie unter der Last von R�stung und Gep�ck.</p><p>Aber warum solch tr�ben Gedanken nachh�ngen? So, wie die Dinge standen, hatten sie es geschafft. Ihre Spur war verwischt, und f�r Ricchar waren sie irgendwo in den Bergen verschwunden.</p><p>Der Spielmann blickte zu Golo her�ber. Der junge Ritter hockte vor einer l�nglichen Feuergrube und drehte, leise vor sich hinsummend, vier pr�chtige fette Waldh�hner, die er auf einen h�lzernen Spie� geschoben hatte. Neben ihm in der Glut standen zwei kleine eiserne T�pfchen, in denen eine Sauce aus wilden Brombeeren und eine Suppe aus Wurzeln und Wildzwiebeln k�chelten. Hinter dem Feuer kauerte Mechthild und zerschnitt auf einem flachen Stein einige Kr�uter, die sie gesammelt hatte. Volker leckte sich die Lippen. Das Mahl zum Weihnachtsfest an der Tafel K�nig Gunthers war nicht verlockender gewesen als die K�stlichkeiten, die Golo dort zubereitete. Es war gut, mit ihm zu reisen, dachte Volker schmunzelnd. Er selbst h�tte bestenfalls ein paar halbverbrannte V�gel zustande gebracht. Kochen war nie seine Sache gewesen.</p><p>Mechthild stand kurz auf und wendete mit einem langen Stock zwei Brotfladen, die in der Glut der Feuergrube lagen. Sie warf Golo einen kurzen Blick zu und machte sich dann wieder daran, ihre Kr�uter zu zerkleinern. Ob sie in Golo so etwas wie einen gro�en Bruder sah? Ihr Verh�ltnis zu dem jungen Ritter hatte sich in den letzten Tagen drastisch ge�ndert. Golo war so verr�ckt, ihr das Schwertk�mpfen beizubringen... Einem kleinen M�dchen, das kaum die Kraft hatte, ein Schwert zu halten! T�glich �bten sie mit zwei Holzst�cken, die sie mit Kaninchenfell gepolstert hatten. Was f�r ein Unsinn! Volker wurde nicht schlau aus Mechthild. Ihm gegen�ber verhielt sie sich k�hler und zur�ckhaltender als fr�her. Selbst mit Golo, dem sie offenbar vertraute, sprach sie kaum. Wenn sie an einem Tag zehn Worte �ber die Lippen brachte, dann war das viel. Auch l�chelte oder lachte sie nie. Und doch schien es etwas zu geben, das sie mit Golo in einer Art und Weise verband, da� Volker sich als St�renfried f�hlte, wenn er mit den beiden allein war.</p><p>Es w�rde noch mindestens eine halbe Stunde dauern, bis die Waldh�hner gar waren. Zeit genug, um noch etwas den Berg hinaufzuwandern und die beiden allein zu lassen. Auch Belliesa war irgendwo weiter oben am Berg. Sie war schon vor �ber einer Stunde gegangen, angeblich um noch Beeren f�r ihr Mahl zu suchen.</p><p>Volker stieg �ber die umgest�rzten B�ume hinweg und erklomm den steilen Abhang hinter ihrem Lager. Er erreichte einen Hain aus hohen, dunklen Tannen und schlenderte ziellos zwischen den B�umen umher. D�ster br�tete er dar�ber, ob er wohl jemals den Feuervogel finden w�rde. Er war sich sicher, da� Belliesa etwas �ber den verwunschenen Vogel wu�te. Volker dachte an ihr Amulett mit den beiden flammend roten Federn. Sie hatte es geschafft, dem Feuervogel zu begegnen! Warum die Bardin wohl nach ihm gesucht hatte? In all den Tagen, die sie nun schon gemeinsam reisten, war es ihm nicht gegl�ckt, ihr dieses Geheimnis zu entlocken. Obwohl er sich alle M�he gab, widerstand sie seinem Charme, auch wenn ihr seine Komplimente offenbar nicht unangenehm waren. Selten hatte er eine Frau getroffen, die so unnahbar schien wie Belliesa, doch gerade das reizte ihn! Gestern abend hatte er in Gedanken ein Gedicht �ber ihre Sch�nheit begonnen...</p><p>�rgerlich trat Volker gegen einen morschen Ast, der halb aus dem Boden ragte. Er sollte sie einfach ignorieren! Sie k�nnte ihn von seinem Weg abbringen! Ob auch sie eine Pr�fung war, genauso wie die Begegnung mit Ricchar? Was w�rde geschehen, wenn er sich von ihrem Zauber gefangennehmen lie�? W�rde ihm noch einmal der Feuervogel erscheinen, um ihn auf seinen Weg zur�ckzuf�hren und...</p><p>Er hielt inne. Irgendwo hinter den B�umen erklang eine kristallklare Stimme, die ein Lied in einer ihm unbekannten Sprache sang. Mit solcher Eindringlichkeit ert�nte die fremde Stimme, da� es ihm schien, da� alle Laute des Waldes verstummten. Halb erschrocken blickte er sich suchend um. Ein St�ck vor ihm wurde der Boden felsiger, und d�nner Nebel sickerte zwischen den schwarzen Tannenst�mmen hindurch. Dort irgendwo mu�te sich die S�ngerin verbergen. Mit aller Vorsicht darauf bedacht, kein Ger�usch zu verursachen, das die Stimme vielleicht verstummen lassen mochte, schlich er n�her. Seine Haut kribbelte vor Erregung �ber das, was er h�rte, und sein Herz begann schneller zu schlagen. Er ahnte, wem die Unbekannte ihr Lied sang. Sie schenkte es dem Bergland, der wilden Natur, die sich mit diesem goldenen Herbsttag vom Sommer verabschiedete. Der Gesang kam aus ihrem Herzen, die Musik aus dem Innersten ihrer Seele, und sie entlie� ihn in die Luft wie einen Schwarm schillernder V�gel. Auch wenn diese Stimme ihm fremd und unirdisch erschien, wu�te er, wer dort sang...</p><p>Der Nebel wurde dichter, und Volker erreichte ein kleines Felssims, das sich steil �ber die Bergflanke hinausreckte. Eine warme Quelle brach zwischen den Felsen hervor, und die Steinmetze eines l�ngst vergessenen Volkes hatten ein Becken in den weichen Sandstein geschlagen, in dem sich das Wasser sammelte. Es war nicht sehr gro�. Vielleicht zwei Schritt lang und anderthalb breit. Es war aber tief genug, um darin im Sitzen ein Bad zu nehmen. Der Wind, der vom Tal heraufkam, dr�ckte den Dunst, der von dem hei�en Wasser aufstieg, gegen die Steilwand und trieb ihn in den Tannenwald, der die verborgene Quelle vor neugierigen Blicken sch�tzte. Aus der Felswand neben dem Becken war ein kleiner Schrein herausgeschlagen, der drei sitzende Frauenfiguren zeigte.</p><p>Volker verharrte wie gebannt am Ende des Tannenhains, bis ein Windsto� den Dunst �ber dem Becken zerri�. Jetzt erst sah er die ordentlich gefalteten Kleider neben dem Schrein. Eine wei�e Tunika, Beinlinge, ein rotes Ledermieder...</p><p>Ganz am Ende der Klippe stand Belliesa in ihren langen schwarzen Umhang geh�llt. Sie blickte auf das Tal hinab und sang. Volker mu�te an die Geschichten denken, die antike Dichter von den Sirenen erz�hlten. Von wundersch�nen Frauen, deren Gesang kein Mann zu widerstehen vermochte und die doch jeden, der sich mit ihnen einlie�, ins Ungl�ck st�rzten. Der Wind spielte mit dem langen roten Haar der Bardin. Der Spielmann stand wie versteinert. Ob sie wu�te, da� er ihr lauschte? Wenn ja, dann verriet sie es nicht durch die kleinste Geste.</p><p>Gerne w�re er n�her zu ihr getreten, doch so, als st�nde er unter einem Zauberbann, vermochte er sich nicht von der Stelle zu bewegen, ja er wagte kaum zu atmen. Die Melodie �nderte sich jetzt. Die Stimme der S�ngerin wurde melancholisch, und auch wenn er kein Wort von diesem fremden Lied verstand, versp�rte der Spielmann einen s��en Schmerz in seiner Brust.</p><p>Pl�tzlich beendete Belliesa ihren Gesang und drehte sich zu ihm um. Einen Moment lang schien sie �berrascht. Dann wies sie ins Tal hinab. �Sie haben uns doch noch aufgesp�rt! Ich h�tte nicht gedacht, da� sie sich hierher wagen... Dort unten kommen Krieger ins Tal.�</p><p>Der Bann war gebrochen. Volker trat auf die Klippe und blickte �ber die bewaldeten Bergh�nge. Dann sah auch er, was Belliesa alarmiert hatte. Zwischen den B�umen, noch etwas mehr als eine halbe Meile vom Windbruch entfernt, funkelte Sonnenlicht auf poliertem Metall. Wer auch immer dort anr�ckte, bewegte sich geradewegs auf ihr Lager zu.</p><p>�Kennst du ein sicheres Versteck?�</p><p>Die Bardin sch�ttelte langsam den Kopf. �Das h�ngt davon ab, wer dort kommt. Wenn sie Hunde dabei haben, werden sie uns auf jeden Fall finden.�</p><p>�Ich laufe zu den anderen. Komme nach und hole Mechthild. Ich werde mit Golo versuchen, die Bewaffneten aufzuhalten... Dann werdet wenigstens ihr beide entkommen.�</p><p>�Aber du...�</p><p>Volker wandte sich um und lief in den Tannenhain. Er konnte sich jetzt nicht mit langen Reden aufhalten. Die Zeit w�rde schon jetzt kaum noch reichen, um seine R�stung anzulegen, bevor die Bewaffneten den Lagerplatz erreichten.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>8. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Wer auch immer dort kommen mochte, er ha�te ihn! W�tend blickte Golo auf die Reste der Feuerstelle. Volker hatte die Glut mit der Suppe und der Himbeersauce gel�scht und dann noch einen Schlauch voll Wasser dar�ber gegossen. Daneben lagen die knusprig braunen Waldh�hner im Gras. Sie waren fast gar gewesen! �ber dieser Reise mu�te ein Fluch liegen! Das w�re das erste halbwegs vern�nftige Essen gewesen, seit sie Castra Bonna verlassen hatten.</p><p>Weiter unten am Windbruch ert�nte das Heulen von Hunden. Der junge Ritter fa�te seine Streitaxt fester. Wenn es ernst wurde, k�mpfte er lieber mit dieser Waffe. Sie war langsamer als ein Schwert, aber wo er mit der Axt einmal richtig traf, stand meistens auch ein Gegner weniger. Er hatte diese Art zu k�mpfen bei den Normannen im Poitou gelernt. So wie sie benutzte er auch einen langgezogenen tropfenf�rmigen Schild, der ihn vom Schienbein bis zum Kinn sch�tzte. Beim Reiten war der riesige Schild zwar recht unhandlich, doch jetzt, im Fu�kampf, w�rde er ihm gute Dienste leisten.</p><p>Gemeinsam mit Volker hatte sich Golo bis zu den �bereinanderliegenden Baumst�mmen ganz am Ende des Windbruchs zur�ckgezogen, so da� ihr R�cken gegen Angriffe gesch�tzt war. Mechthild und Belliesa waren �ber die Baumpallisade davongeklettert. Die Bardin hatte versprochen, das M�dchen in Sicherheit zu bringen. Unruhig musterte der junge Ritter die Waldr�nder entlang des Windbruchs. Sie w�rden ihre Verfolger eine ganze Weile aufhalten m�ssen, wenn sie sicher sein wollten, da� die beiden Frauen entkamen.</p><p>Das Heulen der Hunde klang jetzt schon sehr nahe. Ob die Franken etwa versuchten, in ihren R�cken zu gelangen? Er warf Volker einen �ngstlichen Blick zu.</p><p>�Ganz ruhig. Es sind Leichtbewaffnete. Sie werden einen schweren Stand gegen uns haben und...� Der Spielmann verstummte. Ihre Verfolger waren nur f�nfzig Schritt entfernt aus dem Wald getreten. Es waren acht Krieger, die vier gro�e, graue Wolfshunde an langen Lederleinen mit sich f�hrten. Als die Tiere sie erblickten, b�umten sie sich wild kl�ffend auf. Golo schluckte! Die Z�hne der Bestien erschienen ihm so lang wie kleine Dolche.</p><p>Die Krieger waren alle gleich gekleidet. Sie trugen braune Hosen, die an den Waden mit Lederriemen umwickelt waren, dazu lange schwarze Tuniken, die an den �rmeln und am Hals breite rotwei�e Borten schm�ckten. Soweit Golo erkennen konnte, waren die M�nner mit Schwertern oder langen Messern bewaffnet, und jeder von ihnen trug eine kurzstielige Francisca, eine Wurfaxt, in seinem G�rtel. Alle Krieger hatten eiserne Helme, und mit Ausnahme der Hundef�hrer waren sie mit Rundschilden gewappnet, die einen roten Stierkopf auf wei�em Grund zeigten. Ohne Zweifel waren es M�nner Ricchars. Golo kannte keinen anderen F�rsten, der solchen Aufwand trieb, um seine Krieger gleich auszur�sten und zu kleiden.</p><p>Die Hundef�hrer nahmen jetzt die Leinen kurz, bereit, die Wolfshunde jeden Moment loszulassen. Einer der Krieger trat ein St�ck vor und hob die Rechte zum Gru�.</p><p>�Wenn Ihr Euch jetzt ergebt, Herr Volker, mu� es kein Blutvergie�en geben. Man sagt, da� Ihr ein Freund des Grafen seid. Vielleicht wird unser Herr Euch begnadigen. Es ist offensichtlich, da� Euch die Zauberin in ihren Bann geschlagen hat. Ihr Schicksal ist besiegelt, la�t Euch nicht von Ihr in Euer Verderben ziehen, Herr!�</p><p>Der Spielmann lachte lauthals. �Ich f�rchte, ich habe eine schlechte Nachricht f�r dich! Mich d�nkt, da� ich immer noch unter dem Bann der Bardin stehe... Mein Kopf sagt mir, es w�re klug, sich dir zu ergeben, doch mein Herz hei�t dies einen sch�ndlichen Verrat. Jeder, der mich kennt, - und insbesondere die Damen - wissen, da� ich ein Mann bin, der stets nur auf sein Herz h�rt. Es wird also darauf hinauslaufen, da� ich dich und die Deinen t�te, wenn du angreifst!�</p><p>Der Franke sch�ttelte den Kopf. �Seid Ihr n�rrisch, Herr? Wir sind acht und...�</p><p>�Ganz recht, mein Freund. Ihr seid <emphasis>nur </emphasis>acht! Vielleicht sollte ich meinem Freund verbieten, an meiner Seite zu k�mpfen, damit das Verh�ltnis nicht zu sehr zu deinen Ungunsten ist.�</p><p>Golo leckte sich nerv�s �ber die Lippen. Volkers Stimme klang absolut zuversichtlich, so, als sei er sich v�llig sicher, da� sie die Franken mit Leichtigkeit besiegen w�rden. Woher nahm er nur diesen Mut? Der junge Ritter w�nschte, er k�nnte auch so denken... Zwei gegen acht... Es war klar, wie das enden w�rde.</p><p>�Ihr glaubt wohl, Burgunden seien unsterblich! Wie Ihr wollt! Ich hatte schon letztes Jahr das Vergn�gen, einem Ritter Eures K�nigs zu zeigen, welche Farbe seine Eingeweide haben. Heute werden es die Hunde tun!� Der Krieger ri� den Arm hoch, und im selben Augenblick lie�en seine M�nner die Hunde los.</p><p>�Ich hasse gro�e Hunde!� Golo hob seine Axt. Die Bestien waren deutlich gr��er als W�lfe und konnten einem ausgewachsenen Mann mit Sicherheit m�helos die Pfoten auf die Schultern legen, wenn sie sich auf die Hinterbeine stellten.</p><p>�Sag ihnen das, vielleicht gehen sie dann wieder�, murmelte der Spielmann zynisch. Volker stand breitbeinig vor den Baumst�mmen. Er hielt sein Schwert gesenkt, und es schien ihn nicht im mindesten zu beunruhigen, die vier Bestien auf sich zukommen zu sehen. Golo w�nschte, er h�tte das gleiche Gottvertrauen. Er hatte das Gef�hl, da� in seinem Magen ein riesiger Stein lag, der ihn auf die Knie hinabzog. �ngstlich sah er den Hunden zu, wie sie �ber die St�mme der gest�rzten B�ume hinwegsetzten, die kreuz und quer auf der Lichtung lagen. Der Speichel tropfte ihnen in langen F�den von den Lefzen, so, als k�nnten sie es kaum erwarten, Blut zu schmecken. Mit einem letzten Satz sprangen sie �ber die verloschene Feuergrube hinweg und waren dann �ber ihnen.</p><p>Wie der Sto� eines Rammbocks traf Golo der Schlag, als der erste der Hunde gegen seinen Schild sprang. In flachem Bogen schwang seine Streitaxt herab. Ein schrilles Heulen ert�nte. Um ein Haar h�tte einer der anderen K�ter seine Hand erwischt.</p><p>Die Bestien zogen sich zur�ck. Einer der Hunde lag ausgestreckt vor Volker. Ein anderer hatte einen langen blutigen Schnitt �ber der Schulter und hinkte. Drohend knurrend, blieben sie etwa f�nf Schritt entfernt stehen. Sie hatten die Schw�nze zwischen die Hinterbeine geklemmt.</p><p>Golo atmete erleichtert auf. Einer der Wolfshunde hatte die gebratenen Waldh�hner neben der Feuergrube entdeckt und machte sich dar�ber her. Mit einem einzigen Happen verschwand das erste Huhn in seiner gewaltigen Schnauze. Die anderen beiden Hunde kamen hinzu, um sich ihren Teil von der Beute zu holen.</p><p>�M�gt ihr an den Knochen ersticken, ihr Ausgeburten der H�lle. Werkzeuge Satans und...�</p><p>�Spar dir lieber deinen Atem, Golo! Die Hunde waren nur das Vorgepl�nkel. Jetzt geht der Tanz erst richtig los.� Die Franken hatten sich zu einem Halbkreis aufgef�chert und waren nur noch weniger als zehn Schritt entfernt. Jeder von ihnen hatte eine Francisca in der Hand.</p><p>�Jetzt!� br�llte der Anf�hrer der Krieger.</p><p>Golo duckte sich hinter seinen Schild. Kaum einen Atemzug sp�ter prallten die �xte krachend in das z�he Holz. Nur wenige Fingerbreit �ber seinem Arm hatte die Spitze einer Axt den Schild durchschlagen. Der junge Ritter atmete langsam aus und erhob sich wieder. Ein kleines St�ck tiefer, und der blinkende Stahl w�rde in seinem Fleisch stecken. Golo sch�ttelte sich. F�r solche �berlegungen war jetzt keine Zeit mehr! Die Franken hatten ihre Schwerter gezogen und st�rmten auf sie ein.</p><p>�Wir m�ssen Schulter an Schulter bleiben�, rief Volker, �dann k�nnen sie uns nicht mit mehr als zweien gleichzeitig angreifen, jedenfalls nicht, solange wir das Holz im R�cken haben.�</p><p>Statt eine Antwort zu geben, lie� Golo seine Axt auf den Vordersten der Angreifer niedersausen. Der Franke parierte den Hieb mit seinem Schild und die Schneide der Waffe grub sich krachend zwei Fingerbreit ins Holz. Mit einem Ruck ri� Golo die Axt zur�ck und entging nur um Haaresbreite einem Schwertstreich, der auf sein Handgelenk gezielt hatte.</p><p>Dicht wie Hagelschlag prasselten die Schwerthiebe der Franken auf seinen Schild, und die Wucht ihres Angriffs dr�ngte ihn um einen halben Schritt zur�ck, bis er mit dem R�cken gegen die Holzst�mme stie�. Golo fluchte leise. So eingeengt konnte er mit seiner Axt nicht mehr richtig ausholen.</p><p>Mit einem Schmerzensschrei taumelte einer von Volkers Gegnern zur�ck. Wie die Sichel, die ins Heu f�hrt, zog die Klinge des Spielmanns blitzende B�gen und hielt die Angreifer auf Abstand.</p><p>Wieder f�hrte der junge Ritter einen Hieb seitlich an seinem Schild vorbei. Einer der Angreifer machte einen Satz zur�ck. Mit einem Ruck bremste Golo die Waffe und f�hrte einen R�ckhandschlag. Klirrend traf die Schneide der Axt das Schwert des zweiten Angreifers. Der Arm des Mannes wurde zur Seite geprellt. Golo machte einen Schritt nach vorne und rammte seinem Gegner das spitze Ende seines Schildes gegen die Knie. Der Franke strauchelte. Er taumelte nach hinten und st�rzte so ungl�cklich, da� er dabei auf seinem Schild landete. Noch einmal sauste Golos Axt nach vorne, und als er die Waffe mit einem Ruck zur�ckri�, war ihre Schneide mit dunklem Blut bedeckt.</p><p>Ein Schwerthieb traf ihn an der Schulter und glitt an seinem Kettenhemd ab. Er hatte sich zu weit vorgewagt, und seine Seite war nicht mehr durch Volker gedeckt. W�tend bi� sich Golo auf die Lippen und trat zur�ck. Der getroffene Arm war wie taub. Golo konnte die Axt nicht mehr heben. Erneut prasselten Schwerthiebe auf seinen Schild. Neben ihm schrie einer der Franken auf. Aus den Augenwinkeln sah er, wie einer der Krieger sich die H�nde auf den Bauch pre�te und langsam in die Knie ging.</p><p>Etwas schnappte nach seinem Bein. Die Hunde! Eine der Bestien hatte ein Loch in seine Hosen gerissen. Golo verpa�te dem Wolfshund einen derben Sto� mit der Schildkante, und der K�ter zog sich jaulend zur�ck. Endlich sp�rte der junge Ritter, wie mit einem Prickeln das Gef�hl in seinen Arm zur�ckkehrte. Ein paar Augenblicke noch...</p><p>Mit dumpfem Schlag prallte etwas gegen seinen Helm und fiel zu Boden. Ein schwerer Ast hatte ihn gestreift. Erschrocken blickte Golo nach oben. Einer der Franken war auf den Holzsto� in ihrem R�cken gestiegen und schlug mit seinem Sachs auf die Zweige ein, um dann die dicksten �ste als Wurfgeschosse zu verwenden. Ein Schlag traf Golo dicht oberhalb der H�fte. Er st�hnte vor Schmerz. Der kurze Blick nach oben h�tte ihn fast das Leben gekostet! Blut sickerte durch die Panzerringe seines Kettenhemdes. Es waren zu viele! Die Franken w�rden sie in St�cke schneiden! Alles war verloren! Und das wegen eines M�rchens... Wegen eines Vogels, den es nicht einmal gab! Wenn er schon sterben sollte, dann w�rde er mindestens noch einen Franken mit sich nehmen. Wenn er f�r ein Fabeltier sein Leben verschenkte, dann w�rde er diese Posse auch bis zum Ende treiben!</p><p>�F�r den Feuervogel!� Golo st�rmte vorw�rts. Der Schmerz in seinem Arm erlaubte es ihm nicht, die Axt bis hoch �ber den Kopf zu heben, doch war es ihm m�glich, in flachem Bogen seitlich Hiebe zu f�hren. Krachend rammte er seinen Schild gegen den des Franken, der unmittelbar vor ihm stand. Durch die Wucht des Aufpralls gerieten beide M�nner f�r einen Atemzug ins Taumeln. Hinter dem Burgunden ert�nte das Splittern brechender �ste, und etwas Schweres schlug dort, wo er noch einen Atemzug zuvor gestanden hatte, auf den Boden. Doch Golo achtete nicht weiter darauf.</p><p>Er hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden und verpa�te dem Mann vor ihm erneut einen Sto� mit dem Schild, w�hrend er mit der Axt einen Schwerthieb parierte, der auf seinen rechten Oberschenkel zielte. Mit einer raschen Drehung wand er dem unvorsichtigen Angreifer die Waffe aus der Hand und lie� noch aus derselben Bewegung heraus das stumpfe Ende der Waffe gegen den Rippenbogen des Kriegers krachen.</p><p>�F�r den Feuervogel!� Wie gl�hende Wellen brandete die Kampfeswut durch seinen Leib. Golo sp�rte jetzt keinerlei Schmerz mehr und konnte seine Axt auch wieder hoch �ber den Kopf heben. Vor sich sah er zwei angstweite graue Augen. Die Waffe senkte sich und grub sich tief in das Fleisch eines der Franken. Golo ri� die Axt zur�ck und rannte weiter. Er wollte Blut! Sie sollten daf�r b��en, da� sie ihn t�ten wollten. Viele w�rden ihr Leben daf�r geben m�ssen!</p><p>Einer der Hunde sprang ihn von der Seite an. Knirschend drangen die langen F�nge der Bestie durch seinen Kettenpanzer, aber nicht tief genug, um ihn ernstlich zu verletzen. Er versetzte dem Tier einen Tritt, doch der Wolfshund lie� nicht mehr los. Wild knurrend zerrte er an Golos Waffenarm. Derart in seiner Bewegung behindert, konnte er keinen Axthieb gegen den Hund f�hren.</p><p>�Mithras!� schrie irgend jemand neben ihm. Ein schwerer Schlag gegen den Schild brachte den jungen Krieger aus dem Gleichgewicht. Wieder zerrte der Hund an seinem Arm. Golo strauchelte. Ein Tritt ri� seinen Schild zur Seite. Der Burgunde schlug auf den R�cken. Neben ihm heulte der Wolfshund auf. Die Bestie hatte ihn losgelassen, und im n�chsten Augenblick sp�rte er den Druck der m�chtigen Pfoten des Untiers auf der Brust. Die Welt schien nur noch aus langen, wei�en Rei�z�hnen zu bestehen, von denen Geifer tropfte. Die t�dlichen F�nge senkten sich hinab zu seiner Kehle. Golo schlo� die Augen. Es war vorbei. Mochte die Jungfrau Maria ihm gn�dig sein!</p><p>Etwas Schweres fiel auf seine Brust. Golo hielt noch immer die Augen geschlossen. In sein Schicksal ergeben, wartete er darauf, den hei�en Atem der Bestie auf seiner Kehle zu sp�ren.</p><p>�Schickt diese fr�nkischen Bastarde alle zu ihrem Stiergott!� t�nte eine dunkle Stimme �ber die Lichtung.</p><p>Blinzelnd schlug Golo die Augen auf. Auf seiner Brust lag der Kadaver des Wolfshundes. Ein Pfeilschaft ragte schr�g aus dem Hals der Bestie.</p><p>�Heilige Mutter Gottes! Ich werde dir hundert Kerzen weihen, wenn ich jemals wieder im M�nster zu Worms stehen werde.� Golo blieb noch einen Augenblick liegen und murmelte leise ein Ave Maria, dann rollte er den Hund zur Seite und richtete sich st�hnend auf.</p><p>�Schaut euch das an! Der Berserker lebt ja immer noch�, erklang hinter ihm die fremde Stimme.</p><p>Noch halb benommen drehte Golo sich um. �berall auf der Lichtung waren M�nner mit langen B�gen zu sehen. Es mu�ten mindestens ein Dutzend sein. Sie trugen Kleidung aus grober selbstgesponnener Wolle, Lederw�mse und Stiefel aus weicher Tierhaut, die vorn mit Lederschn�ren zusammengehalten wurden. Von ihren Schultern hingen K�cher voller Pfeile, und in ihren G�rteln steckten lange Dolche oder Kurzschwerter. Die meisten der Krieger waren gro� und hager. Gest�hlt von einem Leben in der Wildnis. Nur ihr Wortf�hrer, der Mann mit der dunklen Stimme, hob sich auff�llig von ihnen ab. Er war klein und gedrungen, sein Gesicht von roten Pockennarben entstellt.</p><p>Neben dem Narbengesicht kniete ein Krieger �ber dem Leichnam des Anf�hrers der Franken. Vergebens bem�hte sich der Kerl, dem Toten einen d�nnen silbernen Ring vom Finger zu ziehen. Ihre Retter waren Leichenfledderer! In was f�r Gesellschaft waren sie jetzt nur geraten!</p><p>Der Pl�nderer z�ckte leise fluchend ein Messer und schnitt dem Toten den Finger ab. Golo pre�te die Lippen zusammen. Er sollte besser nichts dazu sagen! Immerhin hatten die M�nner ihm das Leben gerettet!</p><p>�Na, der Berserker ist wohl ein wenig zart besaitet�, h�hnte der gedrungene Kerl.</p><p>Golo blickte hilfesuchend zu Volker her�ber. Der Spielmann lehnte ersch�pft gegen die umgest�rzten Baumst�mme. Zu seinen F��en lagen drei tote Franken. Der Burgunde trug immer noch seinen geschlossenen Topfhelm. Golo stutzte. Normalerweise nahm der Ritter den schweren Helm sofort nach dem Kampf ab. Irgend etwas stimmte hier nicht...</p><p>�Na, wie hei�t du denn, Berserker?� Der gedrungene Bogensch�tze war jetzt an die Seite des jungen Ritters getreten. �Selten habe ich einen Mann mit solcher Wut k�mpfen sehen, wie du es eben getan hast.�</p><p>�Golo. Ich bin Ritter im Gefolge des K�nigs Gunther von Burgund.�</p><p>Der Narbige runzelte die Stirn. �Golo? Ein Burgunde. Was macht ihr beiden hier, so weit von Treveris entfernt?� Er drehte sich zu Volker um. �Und du da hinten, was ist dein Name!�</p><p>�Ich bin ein fahrender Ritter.�</p><p>�Das sehe ich selbst. Ich will wissen, wie du hei�t! Nimm deinen Helm ab. Ich mache mir nur selten die M�he, jemandem das Leben zu retten. Ich will wenigstens wissen, wie du aussiehst. Wenn die Franken sich nicht erdreistet h�tten, hier in meinen Bergen Jagd auf euch zu machen, h�tte ich keinen Finger ger�hrt.�</p><p>�Ein Gel�bde verbietet es mir, den Helm abzunehmen, bis ich in Santiago de Compostella eine Kerze zu Ehren des heiligen Jacob angez�ndet habe.�</p><p>�So ein Unsinn! Du mu�t den Helm ja wohl auch abnehmen, wenn du essen oder trinken willst. Du wirst dein Gesicht doch nicht etwa vor deinem Lebensretter verbergen und mich damit beleidigen wollen.�</p><p>�Manchmal ist Unwissenheit ein Segen, <emphasis>Eber</emphasis>!�</p><p>Golo zuckte zusammen. Er jetzt begriff er, wer dort vor ihnen stand! Ihr Retter war der blutd�rstige R�uberhauptmann. Sie waren vom Regen in die Traufe gekommen!</p><p>Der Eber lachte schallend. �Wie ich sehe, hast du schon von meinem ruhmreichen Namen geh�rt. Nun will ich auch wissen, wer du bist. Herunter mit dem Helm, oder ich la� dich niederschie�en wie einen Hasen und schau mir dann dein Gesicht an.�</p><p>Volker l�ste den Kinnriemen und hob dann mit beiden H�nden den schweren Topfhelm vom Kopf. Einige Herzschl�ge herrschte beklemmende Stille.</p><p>�Du!� Der Eber machte einen Schritt in Volkers Richtung. �Du bist doch der Kerl, der an der Seite des ketzerischen Grafen gek�mpft hat.�</p><p>Volker l�chelte breit. �Ich habe dir doch gesagt, da� Wissen einen nicht immer gl�cklicher macht.�</p><p>�Du Bastard bist mir doch in die Scheune nachgelaufen, um dir meinen Kopf zu holen.�</p><p>Der Spielmann nickte. �Richtig. Und ich mu� sagen, es tut mir aufrichtig leid, da� wir beide uns dort verfehlt haben.�</p><p>�Nun, das k�nnen wir ja jetzt nachholen.�</p><p>Golo konnte es nicht fassen. Kaum waren sie einer Gefahr entronnen, brachte sie der Spielmann in den n�chsten Schlamassel. Es war schon schlimm genug, da� der Eber ihn wiedererkannt hatte, aber h�tte er nicht wenigstens auf dieses Duell verzichten k�nnen! Man konnte den Eindruck haben, da� Volker an seinem Leben nichts mehr gelegen war. Unauff�llig blickte Golo sich nach einer Fluchtm�glichkeit um. Sollte der Spielmann allein sterben!</p><p>Doch sie sa�en in der Falle. Jeder Versuch einer Flucht war aussichtslos. Golo wu�te, da� er den Bogensch�tzen niemals davonlaufen k�nnte. Inzwischen verfolgten sie zwar alle gespannt den Streit zwischen ihrem Anf�hrer und Volker, doch wenn er versuchte, die Lichtung zu verlassen, dann w�rde ihnen das kaum entgehen. Golo fluchte leise. Warum nur hatte ihn das Schicksal an diesen verr�ckten Barden gekettet.</p><p>Der Spielmann blickte zu den toten Franken zu seinen F��en und grinste dann wieder zum Eber her�ber. �Gegen nur einen wie dich zu k�mpfen ist gegen meine Ritterehre! Zu gering w�re deine Aussicht auf Erfolg, um den Kampf gerecht nennen zu k�nnen. Ich werde dir mit meinem Gef�hrten zeigen, wie gut ich das Schwert zu f�hren verstehe, damit du Gelegenheit hast, es dir noch einmal zu �berlegen, ob du wirklich gegen mich antreten willst. Immerhin hast du meinem Freund Golo das Leben gerettet, und daf�r stehe ich in deiner Schuld. Mit verbundenen Augen werde ich gegen den Recken k�mpfen und dir zeigen, da� ich selbst blind einen Schwertkampf zu gewinnen vermag. Golo, bring mir ein Tuch, damit ich mir die Augen verbinden kann!�</p><p>Golo mu�te sich beherrschen, damit man ihm die Erleichterung nicht allzu deutlich ansah. An seinem Freund war ein wahrer Schmierenkom�diant verlorengegangen! Hundertmal und �fter hatten sie den Kampf mit den verbundenen Augen ge�bt. Die Reihenfolge seiner Angriffe war genau festgelegt, und Volker gab ihm durch unauff�llige Gesten, wie ein Federn in den Knien oder ein scheinbar nerv�ses Zucken mit den Fingern jeweils den Einsatz f�r seine neuen Attacken. Dem unbedachten Beobachter aber blieb dies verborgen. F�r jeden, der es nicht besser wu�te, mu�te es so aussehen, als k�nne der Spielmann mit verbundenen Augen genauso sicher k�mpfen wie ein Sehender. Selbst Angriffe in seinen R�cken wehrte er mit spektakul�ren Paraden ab. Bislang hatten sie noch jeden, dem sie diesen Schaukampf vorf�hrten, damit zutiefst beeindruckt.</p><p>�Du glaubst doch wohl nicht, da� ich mich durch Zauberwerk narren lassen werde!� grollte der Eber. �Du wirst dir nicht mit dem Tuch, das dir dein Freund bringt, die Augen verbinden. Wahrscheinlich ist es durch Hexerei f�r deine Augen durchsichtig gemacht. Nimm das hier stattdessen.� Der R�uber zog sich einen Schal aus fleckigem, braunem Tuch vom Hals.</p><p>Volker blieb gelassen. �Dein Mi�trauen kr�nkt mich. Ein vollkommener Schwertk�mpfer hat solche Betr�gereien nicht n�tig. Aber wie du willst... Komm her und verbinde mir selbst die Augen, damit du sicher sein kannst, da� alles mit rechten Dingen zugeht.�</p><p>Golo legte seinen Schild zur Seite und zog sein Schwert. Vorsichtig tastete er nach der Wunde �ber seiner H�fte. Die Verletzung blutete nicht mehr. Wahrscheinlich war es nur ein leichter Schnitt und nichts Ernstes. M�de streckte er seine schmerzenden Glieder. Zum Gl�ck w�rde der Kampf mit Volker nicht sehr lange dauern. Der Spielmann war niedergekniet und lie� sich vom Eber die Augenbinde anlegen. Als dies geschehen war, erhob er sich und streckte die Rechte ein wenig affektiert in Golos Richtung. �Man f�hre mich zum Kampfplatz!�</p><p>�Das wird nicht notwendig sein, du Geck.� Der Eber l�chelte grausam. �Warum sollte ich zusehen, wie dein Kamerad dir den Kopf abschl�gt, wenn ich dieses Vergn�gen genausogut selbst auskosten kann.� Der R�uber zog sein Schwert und einen breiten Dolch.</p><p>�Das ist gegen die Vereinbarung!� rief Golo emp�rt und wollte sich zwischen die beiden stellen, als er von den Spie�gesellen des Ebers gepackt wurde.</p><p>�Hatten wir eine Vereinbarung?� h�hnte der R�uber. �Ich lasse mir von euch beiden doch nichts vormachen!� Der Eber hob seine Waffen und wandte sich wieder Volker zu. �Bist du bereit zu deinem letzten Spiel, Kerl?�</p><p>�Ich hoffe, da� ich dich nicht verletzen werde, mein Freund. Wenn doch ein Ungl�ck geschieht, solltest du mir zugute halten, da� ich die Augen verbunden hatte und da� es dein eigener Wunsch war, dich in Gefahr zu begeben. Bevor wir nun beginnen uns abzuschlachten, m�chte ich dir gerne einen kleinen Handel vorschlagen. Wenn ich gewinne, schenkst du mir und meinem Freund das Leben, sollte ich aber verlieren, �berlasse ich dir meinen Kopf, auf den Graf Ricchar eine ansehnliche Summe Goldes ausgesetzt hat.�</p><p>Golo konnte nicht fassen, wie gelassen Volker auftrat. War das Mut oder war Volker nur vollkommen verr�ckt geworden?</p><p>�Genug der Worte!� Der Eber machte �berraschend einen Satz nach vorne und zielte mit seinem Schwert auf Volkers Brust. Der Burgunde trat leicht nach hinten. Klirrend glitt die Klinge �ber sein Kettenhemd. Diesmal hatte er noch Gl�ck gehabt. T�nzelnd bewegte er sich zur Seite. Nicht einen Lidschlag lang blieb er stehen. Er war also doch nerv�s, dachte Golo. Spielerisch warf Volker sein Schwert von der Rechten in die Linke und wieder zur�ck. Der Eber versuchte, mit ein paar raschen Schritten in die Flanke des Ritters zu gelangen, doch Volker drehte sich mit dem R�uber mit.</p><p>�Auch wenn du dich windest wie ein Aal, wird das am Ausgang unseres kleinen Kampfes nichts �ndern, Ritter!� Wieder sprang der Eber vor und f�hrte einen Hieb, der auf die Brust des Recken zielte. Mit einer ungelenken Parade blockte Volker die Waffe ab. Der Eber versuchte mit dem Dolch in seiner Linken dem Spielmann ins Bein zu stechen, doch Volker drehte sich zur Seite weg und verpa�te seinem Gegner noch einen Sto� mit dem Ellenbogen.</p><p>�Bringen wir es zu Ende!� Der Ritter hob das Schwert mit beiden H�nden und schlug nach dem Kopf des R�ubers. Mit gekreuzten Klingen parierte der Eber den Schlag. Kreischend traf Metall auf Metall. Die Wucht des Hiebes lie� den R�uber in die Knie gehen. Der Eber rollte sich �ber die Schulter ab und versuchte au�er Reichweite des blinden Ritters zu gelangen.</p><p>Golo folgte dem Kampf mit angehaltenem Atem. F�r einen Strauchdieb war der Eber ein ausgezeichneter Schwertk�mpfer.</p><p>Volker drehte suchend seinen Kopf von rechts nach links. Sein Gegner war jetzt wieder auf den Beinen, verharrte jedoch regungslos, um sich nicht durch ein Ger�usch zu verraten. Unsicher trat der Spielmann einen Schritt vorw�rts. Vorsichtig tastete sein Fu� �ber den Boden, der mit dem d�rren Astwerk der gest�rzten B�ume bedeckt war. Dann erst verlagerte der Ritter langsam sein Gewicht von einem Fu� auf den anderen.</p><p>Der Eber hatte einen d�rren Ast aufgehoben. Golo ahnte, was der R�uber plante. Er wollte seinen Freund durch einen Ruf warnen, doch der Kerl, der ihn gepackt hielt, verst�rkte seinen Griff. �Ein Laut und ich schneide dir die Kehle durch�, zischte der Strauchdieb leise.</p><p>Der Eber holte weit aus und schleuderte den Ast quer �ber den Kampfplatz, so da� er ein paar Schritt hinter Volker zu Boden fiel. Sofort fuhr der Spielmann herum. Im selben Augenblick st�rmte der R�uber auf Volker zu, seine beiden Waffen gesenkt und vorgestreckt, so wie ein Eber, der sein Opfer auf seinen m�rderischen Hauern aufspie�en wollte.</p><p>Volker wirbelte erneut herum. Wie hatte er wissen k�nnen, was in seinem R�cken geschah? Die Rechte am Griff, hielt er mit der Linken die Klinge seiner Waffe umklammert und f�hrte sein Schwert nun wie einen Kampfstab. Aus der Drehung schlug er die Waffen des Ebers zur Seite, zuckte zur�ck und versetzte seinem Gegner einen Sto� mit dem Schwertknauf in den Magen. St�hnend ging der R�uber in die Knie. Im selben Moment traf ihn ein mit der flachen Seite gef�hrter Schlag vor den Kopf, und er fiel wie ein Sack zu Boden.</p><p>Ungl�ubig starrte Golo auf den Kampfplatz. Wie im Namen aller Heiligen hatte Volker das gemacht? Wie konnte ein Blinder gegen einen Schwertk�mpfer wie den Eber bestehen? Das mu�te ein Wunder sein! Es gab keine andere Erkl�rung! Voller Inbrunst begann der junge Ritter ein Dankgebet aufzusagen. Gott selbst hatte sich ihnen gn�dig gezeigt!</p><p>Volker hatte sich inzwischen die Augenbinde heruntergezogen. Zwei der M�nner des Ebers waren zu ihrem niedergestreckten Anf�hrer gelaufen und knieten neben ihm. Keiner der R�uber wagte es, dem Spielmann direkt ins Gesicht zu sehen. Mit einer selbstsicheren Gelassenheit, die man wohl nur erlangen konnte, wenn man von Kindesbeinen an als Adliger erzogen wurde, trat der Burgunde auf Golo zu.</p><p>Der junge Ritter verneigte sich ehrf�rchtig. �Ich mu� gestehen, da� ich oft an Euch gezweifelt habe, Herr Volker, und Euch auch manchmal f�r keinen guten Christenmenschen gehalten habe. Vergebt mir! Jeder konnte sehen, da� die Hand Gottes selbst Euer Schwert f�hrte und...�</p><p>Der Spielmann hob die Hand. �Genug, mein Freund.� Er grinste. �Es w�re mir �brigens lieber, wenn du wieder ganz normal mit mir reden w�rdest und...�</p><p>�Aber Ihr seid ein Heiliger! Kein normaler Sterblicher h�tte mit verbundenen Augen...�</p><p>�La�t mich mit meinem Freund allein, oder eure finsteren Seelen werden bis ans Ende aller Zeiten im Fegefeuer schmoren.�</p><p>Volker warf den beiden Strauchdieben, die Golo festhielten, einen Blick zu, der den jungen Ritter an das Mosesbild im M�nster zum Worms denken lie�. Nur wer von Gottes Kraft durchdrungen war, konnte solch heiligen Zorn in seinen Augen lodern lassen!</p><p>Die beiden R�uber machten sich davon und gesellten sich zu ihren Kumpanen, die sich nun um den niedergestreckten Eber versammelten.</p><p>Pl�tzlich war aller Ernst aus Volkers Gesicht gewichen. Er zog den schmuddeligen Schal von seinem Hals und bohrte den kleinen Finger seiner Rechten durch ein winziges Loch. �So sieht dein Wunder aus, mein Freund, und jetzt h�r bitte auf, mich zu behandeln, als st�nde ein leibhaftiger J�nger Jesu vor dir!�</p><p>Fassungslos starrte der junge Ritter auf das Loch im Schal. Er konnte nicht glauben, da� das, was sich gerade ereignet hatte, kein Wunder gewesen sein sollte. �Das ist kein Zufall. Gott hat es so gef�gt. Es war sein Wille, da� du diesen S�nder in die H�lle geschickt hast, und da� er...�</p><p>�Weg mit euch stinkenden Hurens�hnen!� t�nte die dunkle Stimme des Ebers �ber die Lichtung. �Sehe ich vielleicht aus wie ein frischgeborenes Rehkitz, das Hilfe braucht, um auf die Beine zu kommen.� Leicht schwankend erhob sich der st�mmige Krieger und blickte dann mit wutblitzenden Augen in ihre Richtung. �Ich wei� nicht, mit was f�r einem sch�ndlichen Trick es dir gelungen ist, mich zu besiegen, Ritter, aber ich werde mein Wort halten. Ich schenke dir dein j�mmerliches Leben. Ihr beide seid meine Gefangenen und kommt mit in unser Lager. Mal sehen, wer mehr f�r euch zahlt, die Burgunden in Treveris oder aber unser liebenswerter Graf.�</p><p>�Das ist gegen die Vereinbarung�, brauste Golo w�tend auf.</p><p>Der Eber sch�ttelte unwillig den Kopf. �Ich kann mich nicht erinnern, irgendeinem Handel zugestimmt zu haben.� Dann l�chelte er b�se. �Liegt vielleicht an dem Schlag vor den Kopf, wenn ich etwas vergessen haben sollte.�</p><p>�Du...�</p><p>�Wir nehmen gerne deine Gastfreundschaft an�, erkl�rte Volker laut und fuhr dann leise zu Golo gewandt fort. �La� es gut sein, mein Freund. Er hat zehn Bogensch�tzen. Wir k�nnen nicht gewinnen. Aber solange sie mit uns besch�ftigt sind, werden sie Belliesa und Mechthild nicht auf die Spur kommen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>9. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Das Lager, von dem der Eber gesprochen hatte, entpuppte sich als ein regelrechtes Wehrdorf. Es lag auf der Kuppe eines langen, steil ansteigenden Bergr�ckens, dessen R�ckseite eine fast senkrechte, merkw�rdig zerkl�ftete Felswand bildete. Hier und dort waren H�hlungen zu sehen, ganz so, als w�rden auch dort Menschen hausen.</p><p>Das Dorf war mit einer drei Schritt hohen h�lzernen Palisade umgeben. Den Hang unterhalb der Wehranlage hatte man gr��tenteils von B�schen und B�umen ges�ubert, so da� die Verteidiger �ber ein freies Schu�feld verf�gten. Nur hier und dort ragten ein paar Felsfinger zwischen dem Gras empor. Ein gewundener Weg f�hrte den Berghang empor. Auf einzelnen Parzellen des Hanges weideten K�he und scheckige Hausschweine. Auf anderen hingegen wuchs das Gras fast h�fthoch, so als habe man den ganzen Sommer �ber kein Vieh dorthin getrieben.</p><p>Noch bevor sie die Bergkuppe erreichten, �ffnete sich das schmale Tor im Wall, und eine Schar von Frauen und Kindern kam herausgeeilt. Die lockere Marschordnung der R�uber um den Eber l�ste sich nun vollends auf. Einige M�nner eilten den Hang hinauf. Volker sah, wie der Leichenfledderer, der noch am vorigen Tag den Anf�hrer der Franken verst�mmelt hatte, nun einen kleinen Jungen umarmte und auf seine Schultern hob. Die kaltbl�tigen M�rder, die der Eber um sich geschart hatte, f�hrten sich pl�tzlich wie ganz normale Familienv�ter auf. M�nner, die einem Reisenden schon f�r ein schlichtes Kupferarmband die Kehle durchgeschnitten h�tten! �berall ert�nte ausgelassenes Lachen.</p><p>Auf dem Wall lungerten einige M�nner mit B�gen herum, die ihren Kameraden l�ssig zuwinkten. Der Spielmann versuchte abzusch�tzen, wie viele Krieger der Eber hier oben versammelt haben mochte. Vielleicht w�rde dieser Berg eines Tages zu Burgund geh�ren, wenn es noch einmal Krieg mit den Franken gab und die Ritter K�nig Gunthers erneut den Rhein hinaufzogen, um die Grenzen des Reiches nach Norden auszudehnen. Hagen w�rde niemals ein solches R�ubernest innerhalb der Grenzen Burgunds dulden. Mit Sicherheit w�rde man eine Schar Ritter und Waffenknechte ausschicken, um das �bel des Bandenunwesens von der Wurzel her auszurotten.</p><p>Volkers Blicke glitten �ber die Befestigungen. Man m��te wohl mindestens hundert Streiter aufbieten, um das Bergdorf einzunehmen. Vielleicht auch mehr, wenn die Verteidiger entschlossen genug waren...</p><p>Hinter der Umwallung lagen zwei Dutzend einfacher Lehmh�user mit D�chern aus Holzschindeln oder Stroh. Dazu kamen einige kleine Lagerh�user, die aus schweren Balken gezimmert worden waren, und eine lange Halle, die offenbar das Festhaus des Dorfes war. Das auff�lligste Bauwerk jedoch war ein steinerner Turm, der dicht am Steilhang lag. Urspr�nglich halb verfallen, hatte man ihn nun notd�rftig wieder aufgebaut. Eine schmale Treppe f�hrte an seiner Au�enwand bis zum ersten Gescho�, wo eine kleine T�r als Eingang diente. Das halbverfallene zweite Gescho� war mit Brettern und Balken wieder instand gesetzt worden, und auf dem flachen Dach des Wehrbaus standen zwei Bogensch�tzen, die von dort einen guten Ausblick auf das umliegende Bergland hatten.</p><p>�Das ist meine Burg�, erkl�rte der Eber, der neben Volker ins Dorf marschiert war. Niemand war gekommen, um den Anf�hrer der R�uber in die Arme zu schlie�en. Offenbar gab es weder Kinder noch eine Frau, die auf ihn warteten. Den wenigen M�nnern, die ihn im Vorbeigehen gr��ten, nickte er unwirsch zu.</p><p>�Du hast hier ja fast eine kleine Armee versammelt.�</p><p>�Sind verdammt viele M�uler zu stopfen, und die Vorratsh�user sind nicht einmal halb voll. War ein Fehler, meinen M�nnern zu erlauben, ihre Weiber mitzuschleppen.�</p><p>Volker blickte zu einer Gruppe halbw�chsiger Jungen, die sich mit einem schlacksigen Krieger balgten, der zu den Heimkehrern geh�rte. Das kleine Dorf war voller Leben. �berall standen Frauen und junge M�dchen in den T�ren. Auf den schlammigen Gassen liefen gackernde H�hner und buntgescheckte Ziegen. Doch dort, wo der Eber vorbeiging, verstummte das Lachen.</p><p>�Ihr beide werdet Quartier in meiner Burg beziehen, bis ich einen guten Preis f�r deinen Kopf erzielt habe, Spielmann.�</p><p>�Du bist ein Ausbund an Charme, Eber. Deine Leute wirken so richtig begeistert, wenn sie dich wiedersehen.�</p><p>�Ich w��te nicht, da� wir Freunde sind, Ritter. Warum sollte ich mir also die M�he machen, freundlich zu dir zu sein?� entgegnete der R�uber ruppig. �Und was meine Leute angeht... Ich sorge daf�r, da� getan wird, was notwendig ist. Damit macht man sich nicht immer beliebt.�</p><p>�Und als n�chstes ist es notwendig, hundert Goldst�cke Kopfgeld f�r die Schatzkammer in deiner Burg zu besorgen, w�hrend der Winter n�herr�ckt und deine Vorratsh�user nicht gef�llt sind.�</p><p>�Was geht dich das an!� grollte der Krieger. �F�r das Gold kann man Rinder und Getreide kaufen...�</p><p>�Wenn du den Handel vor Einbruch des Winters abschlie�t... Sollten die P�sse aber schon verschneit sein, wirst du keine Waren mehr hier hinaufbekommen. Was glaubst du, wann du dann die Rationen f�r die Frauen und Kinder und all die anderen, die du nicht als Krieger gebrauchen kannst, strenger einteilen mu�t? Schon im Januar? Oder wird es bis Februar reichen?� Volker zeigte zu einer Frau mit einem Neugeborenen auf dem Arm, die am Wegesrand stand. �Glaubst du, der Kleine wird den n�chsten Fr�hling erleben? Was wird sein Vater von dir denken, wenn er ein Loch in den vereisten Boden schlagen mu�, um seinen Sohn zu begraben. Du hast schon recht... Es sind verdammt viele M�uler zu stopfen.�</p><p>Der Eber fuhr herum und packte Volker am Waffenrock. �Ich kann dir auch gleich jetzt den Kopf abschneiden und ihn in Salz einlegen lassen. Oder ich rei� dir nur Zunge heraus, dann mu� ich mir dein dummes Geschw�tz nicht weiter anh�ren. Tu doch nicht so, als w�rde dir das Wohl meiner M�nner am Herzen liegen. F�r einen wie dich sind wir doch allesamt nur Strauchdiebe, die man am besten an der n�chsten Eiche aufkn�pfen sollte.�</p><p>Volker l�chelte d�nn. �Das trifft mein Bild von dir ganz gut. Trotzdem habe ich dir einen Handel vorzuschlagen.�</p><p>Der Eber lie� ihn wieder los und lachte lauthals. �Du willst mir ein Angebot machen? Ich glaube, du verkennst die Lage, in der du bist!�</p><p>�Und wenn ich w��te, wie man deine Lagerh�user bis unter die Dachsparren f�llen k�nnte? Der Preis daf�r w�re allerdings, da� du mir sicheres Geleit bis vor die Tore von Treveris gew�hrst.�</p><p>�Wird das einer deiner Tricks, Ritter, oder wie willst du ein solches Wunder vollbringen.�</p><p>Volker blickte den R�uber herausfordernd an. �Das wird kein Wunder. Ich brauche allerdings einen Mann, der au�erordentlichen Mut hat. Hast du Mut, Eber?�</p><p>Der gedrungene R�uber spuckte dem Burgunden vor die F��e. �Auf dieses Spiel la� ich mich nicht ein. Mut, Ehre, Tapferkeit, das ist was f�r Ritter. Hier drau�en kommt es auf andere Dinge an, um zu �berleben.�</p><p>�Zum Beispiel darauf, da� deine Leute genug zu essen haben, um gut �ber den Winter zu kommen?�</p><p>�Rede nicht um den hei�en Brei herum!� Die beiden hatten inzwischen die schmale Stiege zum Turm erreicht. Der Eber wandte sich zu den wenigen M�nnern um, die ihm bis hierher gefolgt waren. �Geht und trinkt auf unseren erfolgreichen Jagdzug. Ich mu� mit dem Ritter was besprechen. Nehmt seinen Freund mit, und pa�t mir auf, da� er nicht versucht, sich davonzumachen.�</p><p>�Vielleicht sollten wir ihm einfach die Beine brechen?� gr�lte einer der Krieger. Die anderen M�nner lachten.</p><p>�Gute Idee, Gunbold. Wir werden morgen dar�ber entscheiden.� Der Eber winkte Volker, ihm zu folgen.</p><p>Das erste Gescho� des Turmes bestand aus einer einzigen gro�en dunklen Kammer. In einer Ecke war ein Lager aus Stroh aufgesch�ttet. Mitten im Raum stand ein grob gezimmerter Tisch, und einige leere F�sser dienten als St�hle.</p><p>Neugierig sah Volker sich um. Durch ein paar schmale Schie�scharten fiel Licht in den Raum. Richtige Fenster gab es nicht. Eine Leiter f�hrte ins n�chste Gescho�, und ein Loch im Boden zum Erdgescho�. Volker r�mpfte die Nase. Es stank wie in einer B�renh�hle. Auf dem Tisch stand eine Sch�ssel mit vergammeltem Essen, daneben lag ein umgest�rzter Bierkrug.</p><p>�H�bsch hast du es hier.�</p><p>�Spar dir deinen Spott, und bete lieber, da� mir dein Plan gef�llt, sonst werde ich dir wirklich die Zunge herausrei�en. Dein weibisches Gew�sch werde ich mir nicht mehr l�nger anh�ren.�</p><p>Volker nahm sich eines der F�sser, setzte sich und begann zu erz�hlen. Als er fertig war, blickte er den Eber herausfordernd an. �Und? Hast du den Mut dazu?�</p><p>Der R�uber sch�ttelte langsam den Kopf. �Du mu�t mich wohl f�r vollkommen verr�ckt halten!�</p><p>Volker grinste. �Stimmt.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Golo blickte erst zu dem m�chtigen, von zwei T�rmen flankierten Tor von Castra Corona und dann wieder zu Volker und zum Eber. Die beiden mu�ten verr�ckt geworden sein!</p><p>�Bist du sicher, da� du das wirklich riskieren willst? Man kann eine so schwer befestigte Stadt nicht mit drei�ig Kriegern erobern.�</p><p>�Wer spricht denn von Eroberung? Wir werden hier nicht l�nger bleiben als notwendig. Bisher war mir Fortuna stets wohlgesonnen, so wird es auch heute sein.� Volker winkte den anderen und gab das Zeichen zum Aufbruch.</p><p>Golo mochte es nicht, wenn der Spielmann den Namen heidnischer Gottheiten in den Mund nahm, und sei es auch nur zum Spa�. Er murmelte leise ein Bu�gebet und bat Gott, nachsichtig mit dem leichtfertigen Burgunden zu sein. Volker hatte sich sehr ver�ndert in den letzten Tagen, und das nicht nur �u�erlich. F�r seinen verr�ckten Plan hatte er seine langen, blonden Locken geopfert. Sein Haar war jetzt kurz geschoren, ungewaschen und str�hnig. Auch rasiert hatte er sich nicht mehr, so da� seine Wangen mit langen, goldfarbenen Stoppeln gesprenkelt waren. Kettenhemd und Schwert hatte der Ritter im R�uberlager zur�ckgelassen. Er trug statt dessen Kleidung aus grober Wolle und weichem Leder, ganz so wie die anderen Strauchdiebe, die der Eber um sich versammelt hatte, und er roch auch so. Doch das Schlimmste war die Tatsache, da� Golo langsam den Eindruck bekam, da� Volker das Leben unter den R�ubern gefiel. Jeden Abend sa� er mit ihnen in der Festhalle beisammen, sang derbe Sauf- und Hurenlieder und trank bis zum Morgengrauen Met und gestohlenen Wein. Die meisten der Halunken hatten ihn schon als einen der ihren akzeptiert. Golo sch�ttelte den Kopf. Ihn, einen Adeligen und Ritter, der zu den engsten Vertrauten des K�nigs von Burgund geh�rte!</p><p>Schlechtgelaunt sah der junge Ritter an sich herab. Auch er hatte sich als R�uber maskiert, doch f�hlte er sich in den Kleidern unwohl. Er hatte einen hohen Preis gezahlt, um in den Ritterstand aufzusteigen... Und wohin f�hrte ihn all das? Wenn Volkers Plan scheiterte, dann w�rde man sie schon morgen alle an den Zinnen der Stadt aufkn�pfen. Was f�r ein Ende f�r zwei Ritter!</p><p>Inzwischen hatten sie fast das Stadttor erreicht. Golo blickte zur�ck zum Waldrand auf der anderen Seite des flachen Tals. Im D�mmerlicht sahen die B�ume wie eine schwarze Mauer aus. Dort im Schatten verborgen warteten die restlichen Spie�gesellen des Ebers. Nur zu f�nft standen sie vor der Stadt, in der sich ihr Schicksal entscheiden w�rde. Golo f�hlte sich angesichts der m�chtigen Mauern und stolzen T�rme verloren. Was sie vorhatten, war verr�ckt! Vollkommen wahnsinnig!</p><p>Am Morgen hatte eine Maultierkarawane, eskortiert von der halben Garnison, Castra Corona verlassen. Die Tiere waren mit den Waffen beladen gewesen, die man in der Schmiedestadt in den letzten Monaten hergestellt hatte. Speer- und Pfeilspitzen, Helme, Schildbuckel, Schwerter und Dolche. Ausr�stung f�r die Armee des Gaugrafen. Deshalb wurde der Zug auch von vierzig schwerbewaffneten Soldaten eskortiert. In diesen kriegerischen Zeiten waren die Waffen aus Castra Corona ihr Gewicht in Silber wert. Die Maultierkarawane w�rde zun�chst nach Icorigium ziehen, um von dort aus �ber Tolbiacum nach Castra Bonna zu gelangen.</p><p>Eine Stimme rief sie von den Zinnen herab an. �He, ihr Gesindel! Macht euch davon! Die Tore sind geschlossen und werden erst zur Morgenstunde wieder ge�ffnet. Gestalten wie euch will der Statthalter nicht �ber Nacht vor seinen Mauern lagern sehen!�</p><p>�Wenn du nicht �ffnest, dann werden wir eben nach Icorigium weiterziehen, Soldat. Ich bin sicher, dort wird man die M�nner, die den Eber gefangen haben, freundlicher begr��en. Man sagt, der Statthalter dort sei ein kluger Mann. Er wird sich gewi� nicht die Gelegenheit entgehen lassen, dem Gaugrafen Ricchar pers�nlich den Kopf des R�ubers zu �berreichen.� Es war Volker, der geantwortet hatte. Wie um seine Worte zu unterstreichen, stie� er den Eber, dem die H�nde auf den R�cken gefesselt waren, ein St�ck nach vorne.</p><p>Einige Herzschl�ge lang herrschte Stille. Dann endlich erklang wieder die Stimme des Frankenkriegers. �Warte, Mann! Warte! Wir werden eine Ausnahme machen.�</p><p>Eine Ewigkeit schien zu verstreichen, bis endlich das Scharren des schweren Querbalkens zu h�ren war und die massigen Fl�gel des Stadttors aufschwangen. Ein Offizier mit pr�chtig bestickter Tunika und rotem Ro�schweif auf seinem Spangenhelm stand inmitten des von Fackeln erleuchteten Torbogens.</p><p>�Wer ist der Mann, der behauptet, den ber�chtigten Eber gefangen zu haben?� fragte der Krieger mit befehlsgewohnter Stimme.</p><p>Volker l�ste sich aus der Gruppe und trat dem Franken entgegen. �Ich, Gernot von Auw. La� mich und die meinen in die Stadt, denn ich f�rchte, die Getreuen des Ebers sind nicht mehr weit entfernt und werden versuchen, ihren Anf�hrer zu befreien.�</p><p>Der Offizier sch�ttelte den Kopf. Golo konnte das Trappeln von eisenbeschlagenen Soldatenstiefeln auf dem Wehrgang �ber dem Tor h�ren. Schatten bewegten sich hinter den Zinnen. Sicher bezogen dort gerade Bogensch�tzen und Speerwerfer ihre Posten. Nerv�s leckte sich der junge Ritter �ber die trockenen Lippen. Sie h�tten niemals hierherkommen d�rfen!</p><p>�Zeig mir den Mann, den du Eber nennst. Ich hab� diesem Strauchdieb einmal von Angesicht zu Angesicht gegen�bergestanden! Ich werde ihn wiedererkennen, wenn du den Richtigen bringst.�</p><p>Volker packte den Eber am �rmel, zerrte ihn nach vorne und verpa�te ihm dann einen derben Sto�, so da� der R�uber dem Franken fast vor die F��e st�rzte. �Nun, erkennst du den Bastard wieder?�</p><p>�Beim Schwerte Mithras�, das ist er! Wir werden ihn sofort dem Statthalter vorf�hren.�</p><p>Der Offizier gab ihnen einen Wink, und die kleine Gruppe betrat die Stadt. Nach der Finsternis vor der Stadt war Golo vom Licht unter dem Mauerbogen geblendet. Hinter sich h�rte er das schwere Tor in den Angeln knirschen. Der Eingang zur Stadt der Schmiede war damit wieder verschlossen. Jetzt, wo sich seine Augen an das Licht gew�hnt hatten, erkannte er, wie viele Fackeln hinter dem Tor brannten! Der Spitzel des Ebers hatte gelogen, oder aber er war ein Trottel. Der Mann hatte behauptet, da� die Wachen eine Stunde vor Sonnenuntergang abgel�st w�rden. Nach seinen Angaben bestand die Torwache auch lediglich aus drei oder vier Mann... Hier waren allerdings deutlich mehr als zehn Krieger versammelt. Jeder zweite von ihnen hielt eine Fackel in der Hand.</p><p>Golo wurden die Knie weich. Ob man sie vielleicht verraten hatte? Der Spitzel w�re jetzt ein reicher Mann, wenn er beschlossen hatte, das Kopfgeld einzukassieren, das auf sie ausgesetzt war. Mit dumpfem Poltern schlo� sich das Stadttor. Der junge Ritter warf einen kurzen Blick �ber die Schulter. Zwei Krieger legten einen massiven Eichenbalken vor die m�chtigen Torfl�gel. Sie sa�en fest!</p><p>Volker stand noch immer neben dem Offizier. Die beiden besprachen etwas, doch Golo konnte nicht verstehen, worum es ging. Verstohlen musterte er die Krieger ringsherum. Fast die H�lfte der Franken trug Kettenhemden. Sie alle waren mit langen Schwertern bewaffnet. Neben dem Eingang zum Torhaus lehnten ein paar Speere und Schilde. Die meisten M�nner gafften unverhohlen zum Eber. In ihren Blicken mischten sich Feindseligkeit und Bewunderung. Sie verhielten sich, als st�nden sie einem gef�hrlichen Fabeltier gegen�ber. Einer der M�nner verpa�te dem R�uber einen Sto� mit dem stumpfen Ende seines Speeres, so als wolle er sich davon �berzeugen, da� der Mann vor ihm wirklich aus Fleisch und Blut sei. Der Eber fuhr herum und funkelte den Krieger w�tend an, doch sagte er nichts.</p><p>�Achtung!� ert�nte pl�tzlich die schrille Stimme des Offiziers. �Torwache zu mir! Nehmt den Gefangenen in eure Mitte.� Der Anf�hrer nickte einem Krieger in einer kostbar bestickten Tunika zu. �Geron, ich �bergebe dir hiermit das Kommando �ber das S�dtor.�</p><p>Der Angesprochene salutierte kurz, w�hrend sich der Offizier jetzt Golo zuwandte. �Du und deine M�nner, ihr bleibt hier beim Tor. Ihr k�nnt auch zur Schenke dort dr�ben gehen, aber bleibt in der N�he f�r den Fall, da� der Statthalter euch sehen will, um auch euch zu diesem gl�cklichen Fang zu begl�ckw�nschen. Mit dem Eber in unseren H�nden werden endlich wieder Ruhe und Frieden zur�ckkehren.�</p><p>Golo verneigte sich. Dann sah er dem Trupp Krieger nach, der mit Volker und dem Eber die Stra�e hinuntermarschierte. Sechs Mann waren beim Tor zur�ckgeblieben. Und sie waren nur zu dritt, um die Wachen auszuschalten.</p><p>Volkers Plan war gr�ndlich schiefgelaufen! Der Spielmann war davon ausgegangen, da� sie die Torwachen einfach �berrumpeln w�rden, dann Verst�rkung in die Stadt holten und das Spiel am Tor der Garnison noch einmal wiederholen w�rden. Und jetzt... Volker war ein Adeliger. Ihm hatte man beigebracht, wie man Kriege f�hrte und St�dte eroberte. Und Golo... Als Sohn eines Unfreien hatte er gelernt, wie man Felder bestellte oder wie man ein Schwein schlachtete und ausweidete. Von Kriegsf�hrung hatte er keine Ahnung.</p><p>Der junge Ritter hatte den Eindruck, da� der wachhabende Offizier vom Tor schon mi�trauisch zu ihm her�berstarrte. Also winkte er die beiden Gef�hrten des Ebers zu sich, die genauso verloren wie er selbst am Tor standen und ihren beiden Anf�hrern nachstarrten. �La�t uns einen trinken! Zum Morgengrauen schon werden unsere Geldkatzen schwer von rotem Gold sein. Das will gefeiert werden!�</p><p>Wenn er erst einmal einen gro�en Humpen Bier intus h�tte, w�rde er wieder klarer denken k�nnen, �berlegte Golo. Und nach dem zweiten Humpen h�tten sie sicherlich einen Plan. Zu dritt die sechs M�nner am Stadttor zu �berrumpeln, mochte ihnen ja vielleicht noch gelingen... Aber was war mit der Garnison? Da sie keine Gefangenen mehr vorzeigen konnten, g�be es f�r die Wachen auch keinen Grund, sie in die Festung hineinzulassen. Und ohne Leitern oder einen Rammbock w�rden sie das Tor niemals st�rmen k�nnen.</p><p>Golo stie� die T�r zur Schenke auf und fluchte leise, dann bestellte er lautstark drei Bier und blickte sich nach einem ruhigen Tisch um. Er mu�te jetzt nachdenken! Der Duft von Bratenfleisch stieg ihm in die Nase.</p><p>Etwas zu essen w�re auch nicht schlecht. Ein voller Bauch w�rde beim Denken sicher nicht schaden...</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Ich h�tte niemals auf dich h�ren sollen, Ritter!� fluchte der Eber leise.</p><p>�Still!� zischte Volker. �Noch ahnen sie wenigstens nicht, was hier vor sich geht.� Er blickte zu den beiden Kriegern, die ein paar Schritt hinter ihnen neben der Eingangst�r stehengeblieben waren. Sie befanden sich jetzt innerhalb des Praetoriums im Arbeitszimmer des Statthalters. Der gro�e Raum wurde von einem m�chtigen Tisch beherrscht, auf dem eine Landkarte sowie ein paar Schriftrollen und eine Wachstafel mit einem Satz h�lzerner Griffel lagen. Eine vierarmige �llampe tauchte den Tisch in freundliches gelbes Licht. Die W�nde aber blieben weiterhin im Schatten, so da� man nur undeutlich die rissigen Fresken erkennen konnte. Sie stammten noch aus der Zeit, als die R�mer die Herren des Landes gewesen waren, wie man unschwer an den R�stungen der Krieger erkennen konnte. Auf der linken Seite sah man siegreiche r�mische Soldaten einen Haufen Barbaren niedermachen. Auf der anderen Seite war eine lange Reihe von Tributbringern abgebildet. Der fr�here Kommandant dieser Stadt hatte seinen G�sten wohl demonstrieren wollen, was es hie�, sich gegen die Herrschaft Roms aufzulehnen.</p><p>Zwei Diener mit einem Feuerbecken traten ein und stellten ihre Last neben dem Arbeitstisch ab. Dankbar trat Volker an die Schale mit den gl�henden Kohlen und w�rmte sich. Es war elend kalt geworden in den letzten Tagen. Wolken hatten die Berge hinter grauen Schleiern verborgen, und immer wieder hatte es eisige Schauer gegeben. Wie lange es wohl dauern mochte, bis der erste Schnee fiel?</p><p>�Hast du einen neuen Plan, Ritter?� Der Eber war ebenfalls an das Feuerbecken getreten. Den R�cken zum Spielmann gewandt streckte er seine H�nde der Glut entgegen.</p><p>Mit einem fl�chtigen Blick �berpr�fte der Burgunde die Fesseln um die Handgelenke des R�ubers. Der Eber w�rde sie mit einer einzigen Bewegung abstreifen k�nnen. Vorsichtig zog Volker sein Messer aus dem G�rtel und lie� es dem Eber in die H�nde gleiten.</p><p>�Wir werden das Tor der Garnison �ffnen m�ssen. Ich glaube nicht, da� Golo und deine M�nner es ohne unsere Hilfe schaffen werden, hier hereinzukommen.�</p><p>�Nichts leichter als das�, h�hnte der Eber. �Wir m�ssen nur ein halbes Dutzend Wachen t�ten... Vielleicht sogar noch ein paar mehr... Und dann werden wir die Stadt �bernehmen. Ich mu� von Sinnen gewesen sein, als ich deinem verr�ckten Plan zugestimmt habe, Ritter.�</p><p>�Ich war schon schlimmer in der Klemme�, murrte Volker einsilbig.</p><p>�Genau! Weil diese...�</p><p>Die beiden Wachen an der T�r salutierten ihre Speere, und ein junger Offizier trat ein. Der Mann hatte kurzgeschorenes blondes Haar und eisgraue Augen. Er war mit einer reich bestickten Tunika bekleidet und trug sein Wehrgeh�nge lose in der Hand, so als habe man ihn gerade aus dem Bett geholt. Einige Atemz�ge lang musterte er den Eber, dann blickte er zu Volker und l�chelte triumphierend.</p><p>�Hat diesen Hurensohn und Kindersch�nder doch noch sein Schicksal ereilt! Niemand kann auf Dauer dem Licht der Gerechtigkeit entgehen, das die Finsternis tilgt. Du bist zum Vollstrecker von Mithras� Willen geworden, J�ger. Heute hat die Hand des Gottes dich gef�hrt.� Der Statthalter l�chelte noch immer. Volkers Blick fiel auf einen schmalen Goldring an der Hand des Mannes, der mit einem L�wenkopf verziert war. Irgendwo hatte er so ein Schmuckst�ck schon einmal gesehen...</p><p>�Nun, so wie du aussiehst, J�ger, ist dir klingendes Gold in der Tasche lieber als die Gewi�heit, ein G�nstling des Gottes zu sein. Mernog!� Der Statthalter drehte sich zu den beiden Kriegern an der T�r um. �Geh und weck den Schreiber. Er soll dir hundert Goldst�cke aus der Soldkasse auszahlen.�</p><p>Der Krieger nickte stumm und verschwand durch die T�r.</p><p>�Du bist in der Tat so h��lich, wie man sagt, Bastard. Die Hure, die dich geboren hat, ist wohl von einem schwarzen Eber besprungen worden. Wahrscheinlich war sie so scheu�lich, da� es nicht einmal die Besoffenen mit ihr treiben mochten. Die Welt wird ein sch�nerer Ort sein, wenn Graf Ricchar dich hat hinrichten lassen.�</p><p>Der Statthalter stand jetzt dicht vor dem Eber. Volker machte einen Schritt zur Seite und n�herte sich der T�r. Er mu�te den Wachtposten erwischen, bevor er Alarm geben konnte. Es war ein junger Kerl, der offensichtlich am�siert den Beschimpfungen des Statthalters lauschte.</p><p>�Wie ist das, wenn du auf einer Frau liegst, Eber, und sie, selbst wenn sie eine bezahlte Hure ist, das Entsetzen in ihren Augen nicht verbergen kann, weil sie dir ins Angesicht sehen mu�.�</p><p>�Ich genie�e es.� Die Stimme des Ebers war kalt wie Eis. Volker machte noch einen Schritt in Richtung des Wachsoldaten. Lange w�rde es nicht mehr dauern, bis der Eber die Klinge z�ckte, die er hinter seinem R�cken verbarg. Vielleicht w�re es besser, wenn er das Zeichen zum Angriff gab. Die Hand des Burgunden glitt zum Schwertknauf. Sie brauchten den Statthalter lebend! Das w�rde einiges erleichtern. In einer flie�enden Bewegung ri� Volker sein Schwert aus der Scheide und versetzte dem Krieger an der T�r mit der flachen Seite einen Schlag gegen die Schl�fe. Der Franke ging sofort zu Boden.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah der Spielmann, wie der Eber den Schwertarm des Statthalters packte und herumdrehte, bis ein trockenes Krachen, so wie von einem zerbrechenden Ast zu h�ren war. Die Waffe des Offiziers fiel zu Boden. Der junge Krieger war leichenbla�, aber er gab keinen Laut von sich.</p><p>�Du h�ttest meine Mutter keine Hure nennen sollen...� Der Eber hielt dem Franken das Messer an die Kehle.</p><p>�La� ihn leben! Wir werden ihn als Geisel brauchen!� Volker wollte nach der Klinge greifen, doch der Eber stie� ihn zur Seite.</p><p>�Ihr kommt hier niemals heraus�, st�hnte der Statthalter leise. �Das einzige Tor ist verschlossen und von sechs Kriegern bewacht. Ihr werdet beide sterben in dieser Nacht.�</p><p>Der Eber lachte leise. �Aber wir werden nicht die ersten sein. Auf Wiedersehen in der H�lle, Ketzer.� Mit einem kr�ftigen Ruck zog er dem Offizier das Messer �ber die Kehle.</p><p>�Warum...� Volker blickte den R�uber fassungslos an.</p><p>Der Eber packte den Statthalter beim G�rtel und hob ihn hoch, so da� seine F��e ein paar Zoll �ber dem Boden pendelten. Der Franke r�chelte. Er hatte die Augen zur Decke hin verdreht, so da� nur noch das Wei�e zu sehen war. In pulsierenden St��en spritzte ihm Blut aus der klaffenden Halswunde.</p><p>�Was willst du, Ritter? Drau�en ist es dunkel. Ich werde den Kerl vor mir hertragen. Wir lassen einfach niemanden nahe genug heran. Dann werden sie schon nicht merken, da� dieses Drecksst�ck nicht mehr lebt.�</p><p>�Und wenn ihn jemand etwas fragt?�</p><p>�Dann halte ich meine Hand auf seinen Mund, so als wollte ich verhindern, da� er antwortet...�</p><p>Volker zuckte resignierend mit den Schultern. Es war sinnlos, mit dem Eber zu reden. Der R�uber hatte das Schwert des Statthalters vom Boden aufgehoben und trat zur T�r.</p><p>�Ich glaube, es ist besser, wenn du vorgehst, Ritter.�</p><p>Der Spielmann schob sein Schwert in die Scheide zur�ck. Er war sicher, da� er auf sich allein gestellt aus dem Kastell entkommen k�nnte, doch mit diesem Halsabschneider im Nacken... Er verfluchte den Tag, an dem er dem Eber den Vorschlag gemacht hatte, die Garnison zu �berfallen.</p><p>Vor dem Zimmer des Statthalters f�hrte ein langer Flur zum Eingang des Praetoriums. Ganz am Ende des Ganges brannte eine Laterne. Ansonsten war es dunkel. Nirgends waren Wachen zu sehen... Der Spielmann wartete noch einen Moment, dann trat er durch die T�r und gab dem Eber einen Wink, ihm zu folgen. Zu lange sollten sie nicht mehr verweilen. Mernog, der Krieger, den der Statthalter ausgesandt hatte, um das Kopfgeld f�r den Eber zu holen, mu�te jeden Augenblick zur�ckkommen.</p><p>�Verdammt, der lebt ja noch!�</p><p>�Was?�</p><p>Volker drehte sich um und sah den Eber �ber dem niedergeschlagenen T�rposten kauern. �Wo hast du nur das Kriegshandwerk gelernt, Ritter. Du hast ihn nicht richtig getroffen.� Der R�uber schob sein blutiges Messer in den G�rtel zur�ck. �Der Kerl wird uns nicht mehr in den R�cken fallen. Ich habe deine Arbeit zu Ende gef�hrt.�</p><p>Einen Moment lang war Volker versucht, sein Schwert zu ziehen und diesen Unhold einfach niederzustechen. Er hatte in seinem Leben schon viele Schurken getroffen, aber jemand wie der Eber war ihm bislang noch nicht begegnet. Der Burgunde war sich sicher, da� der R�uber genau wu�te, da� er den Franken mit seinem Schwerthieb nicht versehentlich nur schlecht getroffen hatte, sondern da� er das Leben des jungen Kriegers hatte schonen wollen. Gnade und Edelmut schienen dieser Bestie in Menschengestalt unertr�glich zu sein!</p><p>Volker konzentrierte sich auf das Licht der Fackel am Ende des Ganges und lauschte auf Ger�usche hinter den T�ren, an denen sie vorbeikamen, doch es gelang ihm nicht, den Eber v�llig aus seinen Gedanken zu verbannen.</p><p>Am Portal des Praetoriums standen keine Wachen. Auch der Hof der Garnison war menschenleer und dunkel. Aus einem der Kasernenbauten drang L�rm, so, als w�rde dort ein Fest gefeiert. Durch die schmalen Fenster der beiden T�rme, die das Tor flankierten, schimmerte fahles Licht.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Wahrscheinlich sa�en die Soldaten dort beisammen und vertrieben sich die langen Stunden der Nacht mit W�rfelspielen und Geschichten. Oder sie haderten mit ihrem Schicksal, weil sie von dem Fest ihrer Kameraden ausgeschlossen waren. Wie sollten sie auch ahnen, was im Praetorium geschehen war?</p><p>Volker entschied, da� es zu gef�hrlich war, den Hof in gerader Linie zu �berqueren. Der Nachthimmel war klar, und der Mond stand hoch am Himmel. Es war hell genug, da� man sie h�tte erkennen k�nnen. Er gab dem Eber ein Zeichen und hielt sich dann links. Sie w�rden im Schatten der Kasernen und Stallungen bis zum Tor schleichen und dann... Vielleicht gelang es ihnen ja, die Wachen zu �berraschen oder sogar v�llig unbemerkt das Tor zu �ffnen. Der Spielmann starrte angestrengt zur dunklen H�hlung des Torbogens. Es schien, als st�nde dort niemand auf Posten.</p><p>Sie hatten schon mehr als die H�lfte des Weges um den Hof geschafft, als ein Ger�usch Volker herumfahren lie�. Ein Mann mit einer Laterne in der Hand war aus einer der Kasernen getreten. Mernog!</p><p>�Dort wandert mein Kopfgeld durch die Nacht. Ich finde, der Kerl sieht einsam aus. Er sollte Gesellschaft bekommen.� Der Eber lie� die Leiche des Statthalter zu Boden gleiten. �Er darf nicht bis ins Praetorium kommen. Gib mir deinen Bogen!�</p><p>Der Eber ri� Volker die Waffe aus der Hand und legte einen Pfeil auf die Sehne. �Eulenfedern tragen lautlos den Tod durch die Nacht�, murmelte der R�uber leise und zog die Sehne zur�ck.</p><p>�Halt! Wer da!� Ein Krieger mit Schild und Speer trat aus dem Schatten des Torbogens.</p><p>Mernog blieb stehen und hob die Fackel, so da� ihr Licht auf sein Gesicht fiel. �War dein Vater ein blinder Maulwurf, Childiger, das du auf zwanzig Schritt deine Kameraden nicht mehr erkennst? Ich bin es, Mernog!�</p><p>�Ist ja schon gut...� Die Wache trat in den Schatten des Torbogens zur�ck.</p><p>Der Eber lie� den Bogen sinken. �Wenn ich ihn jetzt abschie�e, wird der andere es merken. Ich werde Mernog ins Praetorium folgen. K�mmere du dich inzwischen um den Torposten.�</p><p>Der Spielmann nahm den Bogen zur�ck und blickte dem Eber nach, der wie ein Schatten entlang der Hausw�nde glitt. Nur wenige Herzschl�ge nachdem Mernog durch das Portal des Praetoriums getreten war, langte auch der R�uber dort an. Volker wandte sich ab. Er war sicher, da� der Franke nicht mehr dazu kommen w�rde, einen Laut von sich zu geben. Gedankenverloren blickte der Spielmann dem R�uber nach. Sich selbst das Kopfgeld zu holen, das auf ihn ausgesetzt war, war etwas, was dem R�uber sicher gefiel. Doch was w�re, wenn man ihn schnappte. Im Praetorium waren die Schlafgem�cher der Garnisonsoffiziere. Wenn sie den Eber erwischten, war es der Wille Gottes! Er w�rde nicht umkehren, um ihm zu helfen, dachte Volker. Es w�re sinnlos, sich zu zweit gegen die ganze Garnison zu stellen.</p><p>Der Spielmann blickte zum Tor. Hoffentlich hatten Golo und seine Gef�hrten es geschafft, das Stadttor zu erobern. Sonst w�rde es herzlich wenig nutzen, das Tor des Kastells zu �ffnen.</p><p>In den Schatten der Stallungen geduckt, schlich Volker bis zur Festungsmauer und folgte ihr bis zu den Tort�rmen. Er mu�te den Wachtposten �berraschen. Der Kerl durfte keinen Laut mehr von sich geben! Mit dem R�cken gegen die Mauer gepre�t, stand er dicht neben dem Torbogen und lauschte. Nicht das leiseste Ger�usch war zu h�ren. Vielleicht war der Posten gegangen? Volker konnte sich an zwei kleine T�ren im Torgang erinnern, die ins Innere der T�rme f�hrten. Wom�glich war der Soldat gar nicht mehr hier.</p><p>Der Spielmann zog sein Schwert und verbarg es unter seinem Umhang. Dann trat er um die Ecke.</p><p>�Halt! Wer bist du?� In der Finsternis blitzte eine Speerspitze.</p><p>�Schon gut, Mann. Ich bin der J�ger, der den Eber gefangen hat. Dein Kommandant hat mir meine Belohnung gegeben. Ich soll jetzt gehen.�</p><p>�Warum habe ich dich nicht �ber den Hof kommen sehen?�</p><p>Volker machte einen raschen Schritt nach vorne, zog das Schwert unter dem Mantel hervor und stie� es dem Franken in den Bauch. Gleichzeitig pre�te er dem Sterbenden seine Linke auf den Mund. Der Krieger b�umte sich auf, doch mit jedem Herzschlag wurde sein Widerstand schw�cher. Als der Franke sich nicht mehr r�hrte, lie� Volker ihn zu Boden gleiten. Dann wandte er sich zum Tor. Ein riesiger Balken, gro� wie ein halber Baumstamm verschlo� die beiden Fl�gel. Der Spielmann seufzte. Er w�rde wohl auf den Eber warten m�ssen, um den Torbalken leise aus seiner Verankerung heben zu k�nnen. Seine Kraft mochte wohl reichen, ihn allein bei Seite zu schieben, doch wenn der Balken polternd auf das Pflaster fiel, w�rde der L�rm die halbe Garnison aufwecken! M�de lehnte sich der Spielmann gegen die Mauer. Es war kalt. Seine Kleider waren vom Blut des Franken durchn��t und w�rmten nicht mehr. Wie hatte es nur so weit kommen k�nnen, da� er mit R�ubern eine schlafende Stadt �berfiel...</p><p>Eine der T�ren zum Hof �ffnete sich. Gelbes Licht fiel in einem breiten Streifen auf das Pflaster. Zwei Gestalten erschienen unter der T�r. Leicht schwankend traten sie hinaus und hielten auf die St�lle zu.</p><p>�Ein Hoch auf den Statthalter und seinen Wein�, gr�lte einer der M�nner.</p><p>�Und ein Hoch auf den Eber, der sich hat fangen lassen.� Die beiden lachten. Offenbar hatte der Statthalter seinen M�nnern zur Feier des Tages ein Fa� Wein �berlassen.</p><p>Volker hob den Bogen. Er mu�te etwas tun. Die beiden hielten fast genau auf die Stelle zu, an der die Leiche des Statthalters lag. Was zum Henker wollten sie nur bei den St�llen? Verzweifelt blickte der Spielmann auf den Bogen, der neben ihm an der Wand lehnte. Nein, das war keine L�sung. Selbst wenn er mit dem ersten Schu� einen der beiden niederstreckte, w�rde der andere noch im selben Moment Alarm geben. Und wenn er einfach hin�berging... Doch das w�re dasselbe. Brachte er einen um, h�tte der andere auf jeden Fall noch Gelegenheit zu schreien.</p><p>Die beiden hielten vor der Wand der Stallungen und erleichterten sich in die schmale Abflu�rinne, die unterhalb der Mauer verlief. Volker begann zu beten. Nur die Heiligen vermochten ihm jetzt noch zu helfen. Oder vielleicht der Erzengel Gabriel... Gabriel war ein Krieger. Er h�tte Verst�ndnis f�r diese verzweifelte Lage.</p><p>Der erste der M�nner drehte sich um und machte sich auf den R�ckweg zur ge�ffneten T�r auf der anderen Seite des Hofes. Der L�rm eines Festes ert�nte von dort. Trinkspr�che und derbe Soldatenlieder. Auch das helle Geschrei von Huren war zu h�ren.</p><p>Jetzt drehte sich auch der zweite Kerl um. Volker atmete erleichtert auf.</p><p>Pl�tzlich hielt der Soldat vor der Mauer inne. Er beugte sich in Richtung des toten Statthalters. Der Spielmann bi� sich auf die Lippen. Dann griff er nach dem Bogen. Wenn Alarm gegeben wurde, k�men die Krieger als erstes hierher, um das Tor zu sichern.</p><p>�Heh, Kamerad! Du hast dir einen schlechten Platz zum Schlafen ausgesucht.� Der Franke lachte heiser. �Dort mu� dir doch das, was vom Wein geblieben ist, direkt unter der Nase vorbeilaufen.�</p><p>Leicht schwankend, b�ckte sich der Mann. Der zweite Soldat hatte sich inzwischen wieder umgedreht. �Ruidiger, wo bleibst du?�</p><p>Volker hatte das Gef�hl, da� sein Herz so laut wie eine Trommel schlug. Jetzt war alles vorbei. Ihm blieb nur noch, sein Leben so teuer wie m�glich zu verkaufen. Er hatte immer gehofft, einen heldenhaften Tod in einer Schlacht zu sterben, so da� die Barden eines Tages vielleicht Lieder �ber ihn singen w�rden. Jetzt, wo der Tod so nahe war, war er pl�tzlich wieder ruhig. Er griff nach dem Bogen.</p><p>Der. Krieger bei den Pferdest�llen drehte inzwischen den Leichnam des Statthalters herum. Einen Lidschlag lang verharrte der Franke. Dann erkannte er, wer dort vor ihm lag, und sein gellender Alarmruf schallte �ber den Hof.</p><p>Volker zog die Sehne des Bogens durch.</p><p>�Schaut hierher, ihr fr�nkischen Hurenb�cke! Hier steht euer schlimmster Feind. Der Eber! Zuerst habe ich mir euren Statthalter geholt, und jetzt seid ihr dran. Niemand kann den Eber t�ten!� Der R�uber stand auf den Stufen unter dem Portal des Praetoriums. Er hielt zwei gekreuzte Kurzschwerter �ber sein Haupt erhoben und sah aus wie ein Kriegsgott aus der Zeit, in der G�tter noch manchmal auf Erden wanderten.</p><p>Der Spielmann lie� den Bogen wieder sinken. �Danke!� murmelte er leise. Es war offensichtlich, da� der Eber versuchte, die Franken vom Tor abzulenken. Er wu�te genau, da� sie nur dann �berleben konnten, wenn es Volker gelang, ihren Gef�hrten das Tor zu �ffnen. Vorausgesetzt, Golo hatte es geschafft, die R�uber in die Stadt zu lassen, und wartete nun auf der anderen Seite des Tores.</p><p>Die T�r des Wachturms schlug auf. Volker duckte sich tief in die Schatten unter dem Torbogen. Drei vollbewaffnete Krieger liefen auf den Hof. Auch aus der erleuchteten T�r st�rmten M�nner mit Schwertern und Speeren. Der Ruf des Ebers hatte sie offenbar schlagartig n�chtern werden lassen. Noch standen sie z�gernd in der Mitte des Hofes. Aufgeregte Rufe gellten durch die Nacht. Ihnen fehlte ein Anf�hrer...</p><p>�Nun, ihr Bastarde! Wartet ihr noch, da� Verst�rkung aus Castra Bonna eintrifft, bevor ihr es wagt, mich anzugreifen?�</p><p>Volker war aufgestanden und schob seine Schulter unter den Eichenbalken. Zoll f�r Zoll bewegte sich der schwere Riegel.</p><p>�Packt ihn!� Die Franken st�rmten auf den Eingang des Praetoriums zu.</p><p>Der Eber senkte seine Schwerter. �Verreckt!� Mit einem Satz war er die Stufen hinabgesprungen und rannte den Soldaten entgegen.</p><p>Volker stemmte sich mit aller Kraft gegen den Querbalken. Endlich sp�rte er, wie das schwere Holz ins Gleiten kam. Vom Platz ert�nte das helle Klingen von Schwertern und die Schreie der K�mpfenden. Niemand h�rte, wie der Torbalken zu Boden fiel. Sofort machte sich der Spielmann an einem der m�chtigen Torfl�gel zu schaffen. Knirschend bewegte sich das Tor in den Angeln. Als der Spalt breit genug war, um einen Mann durchzulassen, blickte er auf den kleinen Marktflecken unterhalb der Garnison. Dort h�tten Golo und die anderen stehen sollen. Doch der Platz war leer.</p><p>Volker schluckte. Irgend etwas mu�te schiefgegangen sein. Wenn er jetzt davonlief, w�rde er vielleicht entkommen k�nnen. Noch immer ert�nte Kampfl�rm hinter ihm. Doch es war klar, da� der Eber h�chstens noch f�r ein paar Augenblicke gegen die �bermacht standhalten konnte.</p><p>Der Spielmann zog sein Schwert. Ein Ritter zu sein hie� meistens, sich f�r die unvern�nftigere von zwei M�glichkeiten zu entscheiden.</p><p>�F�r den Feuervogel!�</p><p>Einen Moment lang kamen die Reihen der Franken ins Wanken, als der Spielmann ihnen in den R�cken fiel. Doch als die Krieger erkannten, da� sie es nur mit zwei Feinden zu tun hatten, k�mpften sie mit neuem Mut.</p><p>Volker konnte sehen, wie der Eber unter den Schwertstreichen seiner Gegner zu Boden ging. Selbst als er st�rzte, schlug er noch nach den Beinen der Krieger. Verzweifelt wehrte Volker die Angriffe der �bermacht ab. Er stand jetzt mit dem R�cken zu den Pferdest�llen.</p><p>�F�r den Feuervogel!� t�nte ein Schlachtruf vom Tor. Es war die Stimme Golos!</p><p>Der Krieger, gegen den Volker gerade k�mpfte, erstarrte. Eine blutige Pfeilspitze ragte aus seiner Brust. Unter den Franken brach Panik aus. Ein Offizier br�llte Befehle und versuchte, wieder Ordnung in seine M�nner zu bringen. Dann st�rzte auch er mit einem Pfeil im R�cken zu Boden.</p><p>�Ergebt euch, und ich werde euch das Leben schenken!� schallte Volkers Stimme �ber das Chaos. �Und ihr h�rt auf zu schie�en!� Vor dem Tor hatten sich mehr als zwanzig Bogensch�tzen versammelt. Eine dunkle Gestalt l�ste sich aus dem Pulk und kam auf den Spielmann zugelaufen.</p><p>�Den Heiligen sei Dank! Du lebst!� �berschwenglich schlo� Golo ihn in die Arme. Der Atem des jungen Ritters roch nach Bier. Volker stutzte. Wann hatte sein Freund an diesem Abend Gelegenheit gehabt, Bier zu trinken?</p><p>Klirrend schlugen die Schwerter der Franken auf das Pflaster des Hofs. Die �berlebenden hatten ihre Arme gehoben und dr�ngten sich vor dem Portal des Praetoriums.</p><p>Volker l�ste sich aus der Umarmung Golos. Der Eber lag inmitten eines Haufens von Toten und Verwundeten. Seine beiden Schwerter hatten reiche Ernte gehalten. Der Burgunde kniete neben dem R�uber nieder. Sanft strich er ihm mit der Hand �bers Gesicht, um seine Augen zu schlie�en.</p><p>�La� das... Ich bin... noch nicht... in der... H�lle!� keuchte der Eber schwach.</p><p>�Du lebst?� Volker traute seinen Augen kaum.</p><p>�M�gen die W�lfe dich... zerfleischen, Spielmann... damit ich nie wieder... auf einen deiner wahnsinnigen... Pl�ne h�re.�</p><p>Der Burgunde lachte leise. Dann winkte er die M�nner des Ebers herbei.</p><p>�Haben... haben wir... gewonnen?� Die Stimme des R�ubers wurde schw�cher.</p><p>�Ja. Wir werden deine Vorratsh�user bis unter die Dachsparren f�llen. Die Garnison und die Stadt geh�ren uns.�</p><p>�Gut.�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>10. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Der Eber hatte Wort gehalten. Nachdem sie die Vorratslager der Garnison von Castra Corona gepl�ndert hatten, waren sie zun�chst mit ihrer Beute in seine Bergfestung zur�ckgekehrt. Obwohl der schwerverletzte Anf�hrer der R�uber sich kaum aufrecht auf seinem Thron am Ende des Langhauses halten konnte, hatte es ein gro�es Fest gegeben, und am n�chsten Morgen durften Volker und Golo das Bergdorf verlassen.</p><p>Begleitet von zwei R�ubern schlugen sie einen weiten Bogen durch die Berge, um den fr�nkischen Patrouillen aus dem Weg zu gehen. Sie mieden jede Siedlung, und obwohl das Wetter immer schlechter wurde, verbrachten sie jede Nacht im Freien. Weit im Norden von Treveris hatten sie die Mosel an einer seichten Stelle �berquert und sich dann wieder nach S�den gewandt. Nach der Flu��berquerung hatten sich die beiden J�ger von ihnen getrennt, und Golo war nicht traurig, endlich wieder mit Volker allein zu sein. Die zwei waren ihnen auf dem Weg durch die Berge gute Gef�hrten gewesen, und das war es, was Golo beunruhigte. Er hatte angefangen, sie zu m�gen. Sein Bild von den grausamen, herzlosen Halsabschneidern war ins Wanken geraten. Wom�glich waren die beiden dabeigewesen, als der Hof von Mechthilds Eltern �berfallen worden war. Sie hatten w�hrend der ganzen Reise nicht dar�ber gesprochen... Der junge Ritter erschauerte. Immer wieder hatte er auf der Reise daran denken m�ssen, ob er mit zweien der M�nner, die dem M�dchen Gewalt angetan hatten, am gleichen Feuer sa�.</p><p>Was wohl aus Mechthild geworden war? Um die beiden Frauen nicht zu verraten, hatten sie nie von ihnen gesprochen. Doch Golo vermi�te die Kleine. Sie hatten nie viel miteinander gesprochen, doch in den wenigen Tagen, die sie miteinander gereist waren, war ihm das M�dchen sehr vertraut geworden. Manchmal hatte er das Gef�hl gehabt, da� sie nur Blicke brauchten, um einander zu verstehen. Ob sie bei Belliesa wohl in guter Obhut war? Die Bardin war ihm nicht ganz geheuer! Vielleicht w�re es besser gewesen, wenn sie sie nicht gerettet h�tten. Der junge Ritter dachte daran, wie er sie heimlich beim Feuermachen beobachtet hatte. Ob Belliesa wirklich eine Zauberin war, wie die Franken behauptet hatten? Und was f�r einen Einflu� sie wohl auf die kleine Mechthild haben mochte? Sicher w�rde sie das M�dchen in ihre Geheimnisse einweihen und so ihr Seelenheil gef�hrden.</p><p>Golo seufzte. Wahrscheinlich w�rde er Mechthild niemals wiedersehen. Er blickte auf die Stra�e. Sie war gepflastert und f�hrte schnurgerade auf ein riesiges Tor zu. Rechts und links von ihr standen gro�e Grabsteine. Viele zeigten Reliefs von Kriegern oder Beamten, die einst m�chtig gewesen waren. Sogar ganze Schiffe mit Weinf�ssern hatten die Alten aus Stein geschlagen. Von den meisten Monumenten war die Farbe abgebl�ttert. Nur das Rot, mit dem die eingemei�elten Buchstaben unterlegt waren, hatte sich besser gehalten. Die R�mer waren ein seltsames Volk gewesen, dachte Golo. Wann immer man eine ihrer Metropolen betreten wollte, mu�te man zun�chst eine Totenstadt durchqueren. Alle Gr�ber lagen au�erhalb der Mauern entlang der gro�en Stra�en. So wurde man jedesmal, wenn man eine Reise antrat oder wieder zur�ckkehrte, an jene erinnert, die ihre letzte Reise angetreten hatten. Die ganzen Grabsteine lie�en die jungen Ritter melancholisch werden. F�r ihn w�rde es sicherlich keinen Stein geben, auf dem sein Namen stand. Doch wozu auch? Wer w�rde sich an ihn schon erinnern?</p><p>Die Stadt, die vor ihnen lag, hatte gewaltige Ausma�e. Sie war viel gr��er als Worms, wo K�nig Gunther regierte. Allein das Tor war schon eine kleine Festung f�r sich und pr�chtiger geschm�ckt als die meisten Kirchen, die der junge Ritter bisher gesehen hatte. �ber dem Doppeltor erhoben sich zwei Etagen mit runden Fensterb�gen, die von S�ulen flankiert waren. Rechts und links sprangen zwei halbrunde Tort�rme vor. Auch sie zeigten zahlreiche Bogenfenster, aus denen die Wachtposten bis weit �ber das Land sehen konnten. An beide Seiten des Tores schlo� sich eine massige Mauer an, die wohl mindestens sieben Schritt hoch sein mochte. Das ganze Tor war aus schw�rzlichen Steinen gebaut und wirkte gleicherma�en bedrohlich und erhaben, so als wolle es jeden verh�hnen, der sich mit feindlichen Absichten dieser m�chtigen Stadt n�herte.</p><p>Im Osten, zum Moselufer hin, konnte man hohe Kr�ne erkennen, die ihre langen Arme noch hoch �ber die D�cher der Speicherh�user erhoben. Die Masten der Flu�schiffe an den Kais wirkten im Vergleich zu ihnen geradezu klein und zerbrechlich. Auf sieben Pfeilern spannte sich dort eine pr�chtige Br�cke �ber den Flu�, getragen von Rundb�gen, die so hoch waren, da� die meisten Flu�k�hne wohl unter ihnen hindurchfahren konnten.</p><p>Golo fragte sich, wie die Franken es geschafft haben mochten, den R�mern diese gewaltige Stadt zu entrei�en. Und wie konnte es sein, da� das Volk, da� solche Wunder vollbringen konnte, von Barbaren vertrieben wurde. War es, weil sie zu lange in den Mauern ihrer St�dte heidnische G�tzen verehrt hatten? Konnte es eine andere Erkl�rung f�r ihren Untergang geben als die, da� sie den Zorn Gottes auf sich gezogen hatten?</p><p>Verlegen klopfte sich der junge Ritter ein wenig Schmutz von der Tunika. Mehr als zwei Wochen hatten sie ihre Kleider nicht gewechselt oder auch nur gereinigt. In der Wildnis waren Volker und ihm B�rte gewachsen, ihr Haar war str�hnig und verfilzt. Wie zwei Strauchdiebe mu�ten sie aussehen! Wom�glich w�rde man sie gar nicht in die Stadt hineinlassen?</p><p>Schon von weitem konnte Golo die gr�nen Umh�nge und die roten Schilde erkennen, die die Krieger Giselhers, des Bruders des K�nigs, trugen. Er war zum Statthalter von Treveris eingesetzt worden und residierte nun in dieser Stadt, in der angeblich einst der Kaiser Konstantin geherrscht hatte.</p><p>Unmittelbar vor ihnen passierte ein hoch mit nassem Heu beladener Wagen das Doppeltor. Offenbar kannten die Wachen den Kutscher, denn sie winkten den Mann durch, ohne auch nur einen Blick auf dessen Fracht zu werfen. Ihnen beiden jedoch verstellten sie den Weg. Ein �lterer Mann mit einem pr�chtigen Bart winkte sie zur Seite.</p><p>�Was wollt ihr beiden in der Stadt? Hier tragen nur die M�nner des K�nigs Waffen.�</p><p>Golo wollte antworten, doch Volker gab ihm ein Zeichen zu schweigen. Der Spielmann musterte den Torposten k�hl. �Weil hier nur die M�nner des K�nigs Waffen tragen, solltest du uns besser durchlassen.�</p><p>�Was soll das hei�en, Kerl? Werd� hier nicht frech, oder ich la� dir das Maul stopfen!�</p><p>�Das soll hei�en, da� vor dir Volker von Alzey, ein Vertrauter des K�nigs Gunther und Freund deines Herren Giselher, steht. An meiner Seite siehst du meinen Vertrauten, den Ritter Golo und...�</p><p>�Und ich bin der Schwager des K�nigsbruders Gernot!� Der W�chter lachte. �Das ist die dreisteste L�ge, die ich jemals geh�rt habe, Fremder. Bist du ein Possenrei�er oder ein Narr? Oder hat Gott dir den Verstand verwirrt, da� du dich f�r einen Herrn von Adel h�ltst? Der Mann, f�r den du dich ausgibst, ist ein ber�hmter Held, und er f�hrt in den Bergen, die du dort hinten auf der anderen Seite des Flusses siehst, Krieg gegen den Ketzerf�rsten Ricchar.�</p><p>F�r einen Moment lang konnte Golo beobachten, wie es Volker f�rmlich die Sprache verschlug. Doch der Spielmann hatte sich schnell wieder gesammelt. �Siehst du diesen Wollumhang? Hast du je einen Stoff in diesem Rot gesehen? Nur Volker tr�gt einen solchen Umhang. Und sieh mein Schwert! Ist das die Waffe eines J�gers aus den Bergen?�</p><p>Ein junger Ritter im Kettenhemd, der offenbar die Wachen am Tor kommandierte, war inzwischen auf sie aufmerksam geworden und trat an die Seite des Kriegers. �Was geht hier vor, Ruitbold? Machen die beiden �rger?�</p><p>�W�rdet Ihr diesem hirnlosen Waffenst�nder erkl�ren, da� es sich nicht ziemt, dem Spielmann des K�nigs den Zugang in eine burgundische Stadt zu verwehren. Wenn ich nicht sp�testens in einer halben Stunde in einem warmen Bad sitze und einen Becher voll geharztem Wein in H�nden halte, werde ich daf�r sorgen, da� ihr beiden die n�chste Gesandtschaft in die Barbarenlande begleiten d�rft.�</p><p>Der junge Ritter wollte schon zu einer passenden Antwort ansetzen, als er pl�tzlich erbleichte. �Bei allen Heiligen! Ihr seid es wirklich, Herr Volker. Es ist lange her, da� ich zum letzten Mal die Ehre hatte, einem Eurer Lieder am Hofe des K�nigs zu lauschen und... vergebt mir diese Bemerkung... doch Ihr saht damals... anders aus.�</p><p>�Eure Anspielung auf mein �u�eres ist nicht gerade h�flich, Ritter.�</p><p>�Vergebt, Herr. Ich wollte nur erkl�ren, warum ich Euch nicht gleich erkannt habe. Wenn Ihr gestattet, werde ich Euch sogleich zum F�rsten Giselher geleiten. Ich bin sicher, da� er Euch umgehend sehen m�chte und...� Der junge Ritter strahlte. �Ich... Ich wollte nur sagen, da� ich gl�cklich bin, einem Helden wie Euch begegnen zu d�rfen. Wir alle hier sind begierig auf jede Nachricht aus den Bergen und die Geschichten, die die Reisenden von Euch erz�hlen.�</p><p>Golo musterte den Ritter verst�ndnislos. Was f�r Geschichten meinte er? Irgend etwas stimmte hier nicht. Entweder verwechselte man sie oder...</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker r�kelte sich im Holzschuber und streckte seine m�den Glieder, w�hrend eine Magd hei�es Wasser nachgo�. Es gab drei gro�e Thermen in der Stadt, doch obwohl die R�mer vor nicht einmal einer Generation die Herrschaft �ber Treveris aufgegeben hatten, funktionierte schon jetzt keine der gro�en Badeanlagen mehr. Nun ja, verglichen mit der Wildnis war auch ein h�lzerner Badezuber Luxus. Volker musterte die dralle Magd, die sich gerade geb�ckt hatte, um neue Scheite unter den Kessel zu legen, in dem das Wasser f�r den Badebottich erhitzt wurde. Sie war ein wenig kr�ftig gebaut, aber nur f�r eine Nacht w�re sie sicher eine unterhaltsame Gespielin. Vor allen Dingen ihr frecher Blick hatte ihm gefallen...</p><p>Etwas lustlos kratzte er mit dem Rasiermesser �ber seine Wangen. Er hatte sich schon zweimal geschnitten und h�tte das verfluchte Ding am liebsten in die Ecke geworfen. Es gab Schlachten, in denen er weniger Blut verloren hatte als an diesem Nachmittag bei der Rasur. Aber wenn er vor den Bruder des K�nigs trat, wollte er wieder aussehen wie ein Ritter und nicht wie ein abgerissener Wegelagerer.</p><p>�Ist das Wasser warm genug, Herr?�</p><p>Die Magd l�chelte verf�hrerisch. Baderinnen hatten im allgemeinen einen sehr schlechten Ruf, doch das war nichts, was ihn schreckte. Im Gegenteil! Bei einer Frau mit schlechtem Ruf hatte er sich noch nie gelangweilt. Er l�chelte zur�ck. �Erstreckt sich dein Dienst bis in die Nachtstunden?�</p><p>�Das kommt ganz darauf an...�, entgegnete sie mehrdeutig.</p><p>�Vielleicht w�rde ich deine Dienste noch einmal gerne in Anspruch nehmen, wenn der Statthalter mich wieder entlassen hat.�</p><p>�... und du willst sicherlich nicht noch einmal ein Bad nehmen. Nun, ich wei� nicht, ob es S�nde ist, sich mit einem Mann wie dir einzulassen. Doch du warst es ja schlie�lich, der mich gefragt hat, und wer bin ich, da� ich mich einem, den Gott selbst auserw�hlt hat, verweigern k�nnte.�</p><p>Volker runzelte die Stirn und blickte die Baderin fragend an. Was meinte sie damit? Alle in dieser Stadt behandelten ihn so komisch. Selbst Golo war das schon aufgefallen. Sein Kamerad hatte sich nur kurz �ber einer Viehtr�nke gewaschen und dann nach der K�che umgesehen. Golo war der Meinung, da� ein allzu ausgiebiger Kontakt mit Wasser krank machte.</p><p>�Du meinst, ich bin auserw�hlt, weil ich dem Adel angeh�re?�</p><p>Jetzt blickte die Baderin verwundert. �Bist du so bescheiden, oder willst du mich foppen? Adelige gibt es viele, und ich habe schon mehr als einem Ritter das Bett gew�rmt. Nein, es geht um...�</p><p>Die T�r ging auf und ein hochgewachsener junger Krieger trat ein. Giselher! �Du darfst dich entfernen!�</p><p>Die Baderin verbeugte sich und verschwand wortlos. Volker fluchte innerlich und nickte h�flich. �Verzeiht, wenn ich nicht aufstehe und mich vor Euch verbeuge, Herr, aber ich f�rchte, in meiner Lage w�re das noch unschicklicher, als die h�fische Etikette zu verletzen, indem ich sitzen bleibe.�</p><p>�Wie ich sehe, hat sich an deinem Humor nichts ge�ndert.� Giselher war ein St�ck vor dem Bottich stehengeblieben, hatte den Kopf ein wenig schief gelegt und musterte ihn, als w�ren sie sich gerade zum ersten Mal begegnet.</p><p>Volker war von dem seltsamen Verhalten aller, die ihm begegneten, in zunehmendem Ma�e irritiert. Stimmte etwas nicht mit ihm? Er strich sich mit den H�nden �ber die Wangen. Freilich, seine Rasur war noch nicht ganz beendet, und er hatte seine schulterlangen Haare abgeschnitten, doch so sehr konnte ihn das doch nicht ver�ndert haben. Er hatte seine halbe Kindheit zusammen mit Giselher in Worms verbracht. Warum starrte der Kerl ihn jetzt so unverhohlen an?</p><p>�Stimmt etwas nicht, mein F�rst?�</p><p>�La� diesen F�rstenquatsch! Wir haben fr�her ganz normal miteinander gesprochen, und so sollte es auch weiterhin sein, oder bist du jetzt zu heilig dazu?�</p><p>�Zu heilig? Was willst du damit sagen?�</p><p>Giselher blickte ihn streng an. �Treibst du ein Spiel mit mir, Volker? Du wirst doch wohl nicht vergessen haben, wie dir ein Erzengel erschienen ist und dich in die Berge gerufen hat, um von dort den Krieg gegen den Ketzerf�rsten zu beginnen.�</p><p>�Was?� Volker konnte nicht glauben, was er gerade geh�rt hatte.</p><p>�In Castra Bonna ist es geschehen. Die Geschichte ist in aller Munde. Auch die Wachen des Gaugrafen Ricchar haben den Erzengel in deinem Zimmer gesehen. In jener Nacht hast du beschlossen, dem Frankenf�rsten die Fehde zu erkl�ren. Nur von Golo und einem kleinen M�dchen begleitet, bist du in eine Stadt voller Krieger geritten, um eine Bardin zu retten, die zu Unrecht zum Tode verurteilt war. Und du hast den d�monischen Krieger, der der Herr dieser Stadt war, besiegt und die eherne Maske zerschlagen, hinter der er sein vom Teufel gezeichnetes Antlitz verborgen hat. Man erz�hlt sich auch, da� du...�</p><p>Volker sp�rte, wie sich sein Magen krampfhaft zusammenzog. Was ging hier vor? Wer verbreitete solche Geschichten �ber ihn? Und worauf w�rde das alles hinauslaufen?</p><p>�...bis du schlie�lich an der Spitze der Rebellenarmee Castra Corona erobert hast?�</p><p>�Rebellenarmee!� Volker war aufgesprungen. �Mein F�rst, hier liegt ein schreckliches Mi�verst�ndnis vor. Ihr seid einer L�ge aufgesessen.�</p><p>�Du bist zu bescheiden, Volker. Wer sollte mich denn bel�gen? Die H�ndler aus Castra Corona, die von deinem tollk�hnen Angriff auf die Garnison berichtet haben? Oder vielleicht die Bardin, die zu deinem h�heren Ruhm Lieder �ber deine Heldentaten dichtet.�</p><p>�Bardin?� Volker kam ein schrecklicher Verdacht. �Etwa eine ausnehmend h�bsche rothaarige Frau?�</p><p>Giselher grinste anz�glich. �Gibt es eigentlich sch�ne Frauen, die du nicht kennst? Sie ist nicht sonderlich gro�... aber ja, deine Beschreibung trifft durchaus auf sie zu. Sie hei�t Belliesa und ist seit zwei Tagen zu Gast an meinem Hof.�</p><p>Der Spielmann griff nach dem Handtuch, das �ber den Rand des Zubers hing. Dieses verdammte Luder! Was wollte sie mit ihrem Spiel erreichen? Wenn das ein Spa� sein sollte, dann war es h�chste Zeit, da� er ihr sagte, da� er ihn nicht komisch fand.</p><p>�Wohin willst du, Volker?�</p><p>Der Spielmann blickte Giselher ein wenig irritiert an. �Ich... ich mu� eine dringende Angelegenheit erledigen. Ich hoffe, du kannst f�r ein oder zwei Stunden auf mich verzichten. Danach werde ich f�r den Rest des Herbstes zu deiner Verf�gung stehen.�</p><p>Der F�rst packte ihn beim Arm. �Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, um mit einem deiner Weiber ins Bett zu steigen. Es gilt, ein paar wichtige Dinge zu besprechen! Was du dort im Gau des Grafen Ricchar begonnen hast, beginnt weite Kreise zu ziehen. Wir sollten in aller Ruhe dein Vorgehen in den n�chsten Wochen besprechen. Leider k�nnen wir dir keine direkte Unterst�tzung geben, Volker, das w�rde umgehend zu Krieg mit den Franken f�hren, aber dennoch hast du mehr Verb�ndete, als du vielleicht denkst. Gestern habe ich einen Botenreiter zu meinem Bruder nach Worms geschickt. Ich rechne damit, da� ich in drei Tagen Antwort von ihm erhalte. Ich habe einen ausf�hrlichen Bericht �ber dich und die Rebellenarmee verfa�t und auch vom Angriff auf Castra Corona geschrieben.�</p><p>�Aber das alles ist doch nicht wahr!� Volker lie� sich resignierend auf einem Hocker neben dem Badezuber nieder.</p><p>Auf Giselhers Stirn zeigten sich steile Falten. �Was hei�t hier <emphasis>nicht wahr</emphasis>? Im ganzen Bergland spricht man von dir und deinen Heldentaten! Sollen das vielleicht alles erfundene Geschichten sein? Willst du mir erz�hlen, du h�ttest keinen Angriff auf Castra Corona angef�hrt? Es sind M�nner in der Stadt, die dich selbst gesehen haben, als du den Abtransport der Beute organisiert hast. Bist du dir dar�ber im klaren, was du in den Bergen begonnen hast? Erst gestern haben mich einige meiner jungen Ritter gefragt, ob sie in die Berge reiten d�rfen, um sich dir anzuschlie�en. Du bist ein Held, und dein Name ist in diesen Tagen in aller Munde.�</p><p>Der Spielmann nickte m�de. Er wu�te nicht, was er dazu noch sagen sollte. Er hatte das Gef�hl, in einem Heldenepos gefangen zu sein, das ein fremder Dichter ersonnen hatte, und er f�hlte sich von M�chten bestimmt, auf die er keinen Einflu� hatte.</p><p>�Du wei�t, was f�r eine Gefahr F�rst Ricchar f�r Burgund darstellt?�</p><p>Der Barde zuckte mit den Schultern. �Er ist ein guter Krieger. Ich habe an seiner Seite gestritten und gesehen, mit welch unbeugsamem Mut er k�mpft. Seine M�nner verg�ttern ihn.�</p><p>�Und er ist ein �beraus gef�hrlicher General. Ich habe gegen ihn <emphasis>gek�mpft </emphasis>und mu�te mit ansehen, wie er mit einem Reiterkeil meine M�nner auseinandergetrieben hat, obwohl wir mehr als dreimal so viele Krieger waren. K�nig Merowech ist alt, und es gibt Stimmen, die munkeln, da� Ricchar vielleicht die Macht hat, nach Merowechs Tod den Thron der Franken an sich zu rei�en. Viele Kriegsf�rsten w�rden ihn dabei unterst�tzen. Man sagt, Ricchar habe noch nie eine Schlacht verloren... Das macht ihn unter den Soldaten beliebt. Sie glauben, da� er ihnen Ruhm und Gold bringen wird. Nur einen Fehler hat unser Franke gemacht... H�tte er nicht das Christentum abgelegt, so w�re er schon jetzt unangreifbar. So jedoch hat er sich m�chtige Feinde gemacht. Die Bisch�fe des Frankenreichs stehen in offener Opposition zu ihm, und sie scheuen sich nicht, Ricchar selbst am Hofe des K�nigs einen Ketzer zu nennen. Durch sie wissen wir, da� Ricchar im Kampf gegen die Rebellen in seinem Gau keine Unterst�tzung durch den K�nig erhalten wird, und sollte der Ketzerf�rst in einem dieser Gefechte fallen, dann wird sein Ruhm so schnell verblassen wie die Sterne beim Morgengrauen.� Einen Moment lang starrten die M�nner einander schweigend an. Dann murmelte Giselher leise: �Du wei�t jetzt also, was <emphasis>dein </emphasis>K�nig von dir erwartet.�</p><p>�Aber ich war Gast an seiner Tafel... Er hat mich zuvorkommend behandelt, und ich w�rde mich wie ein Verr�ter f�hlen, wenn ich mein Schwert gegen ihn erheben w�rde, um...�</p><p>�Wem gilt deine Treue eigentlich?� herrschte der F�rst ihn an. �Siehst du nicht, welche Gefahr f�r Burgund Ricchar werden wird, wenn ihn niemand aufh�lt? Noch ist sein Aufstieg zu verhindern! Du wei�t, da� K�nig Merowech seit Monaten kr�nkelt... Viele rechnen damit, da� er noch in diesem Winter stirbt. Wenn das geschieht, dann ist es zu sp�t! Von meinen Spitzeln wei� ich, da� Ricchar Waffen hortet. Angeblich kann er schon jetzt zehntausend Fu�k�mpfer und tausend schwere Reiter ausr�sten. Wenn er erst einmal auf dem K�nigsthron sitzt, dann wird ihn niemand mehr aufhalten k�nnen. Ich habe von den fr�nkischen Bisch�fen ein geheimes Schreiben erhalten, in dem sie mir berichten, da� Ricchar von der Errichtung eines heidnischen K�nigreiches tr�umt und da� er das Christentum ausrotten will. In den letzten Monaten sind mehr als hundert Priester und M�nche aus seinem Gau hierhergeflohen und haben sich unter den Schutz unseres Bischofs gestellt. Sie erz�hlen, da� der Ketzer die Priester foltern und hinrichten l��t, wenn sie dem wahren Glauben nicht abschw�ren und sich seinem Stiergott unterwerfen. Es ist deine Pflicht als Christ, diesen Mann zu bek�mpfen!�</p><p>Volker mu�te an den Eber denken. Der R�uber war ein Christ! Was hatte der Glaube schon zu bedeuten, wenn die Seele eines Menschen verdorben war. Im Vergleich zu diesem Halsabschneider war F�rst Ricchar wie ein leuchtender Stern in der Finsternis. Der Frankenf�rst hatte eine Vision... Volker war sich sicher, da� Giselher mit der Behauptung recht hatte, da� Ricchar Krieg f�hren w�rde, falls er K�nig w�rde... Doch das Ziel des Franken war Frieden. Dessen war sich der Spielmann v�llig sicher. Warum sollte er gegen diesen Mann k�mpfen? Vielleicht w�rde der Tag kommen, wenn Ricchar Burgund angriff... Aber jetzt? Au�erdem w�rde es nicht mehr lange dauern, bis der erste Schnee in den Bergen fiel. Kein Feldherr mit Verstand f�hrte Krieg im Winter. In dieser Jahreszeit w�rden mehr Krieger an der K�lte und an Krankheiten sterben als in der Schlacht.</p><p>�Nun, Volker! Hast du es dir �berlegt?� Giselher schaute ihn erwartungsvoll an. �Wie lautet deine Antwort?�</p><p>Der Spielmann seufzte. �Ich bin ersch�pft von der Reise, und du verlangst eine schwere Entscheidung von mir. Ich soll gegen einen Mann in den Krieg ziehen, der nicht mein Feind ist... Gib mir etwas Bedenkzeit!�</p><p>Der junge F�rst sch�ttelte den Kopf. �Ich verstehe dich nicht, Volker. Seit deiner R�ckkehr aus Aquitanien bist du nicht mehr der Mann, den ich einst kannte. Du sollst deine Frist bekommen... Doch sobald der Bote, den ich nach Worms geschickt habe, zur�ckkehrt, erwarte ich eine Antwort von dir. Denk doch an die Erscheinung, die du in Castra Bonna gehabt hast! Der Erzengel, der vom Himmel zu dir herabgestiegen ist... Du mu�t zur�ck in die Berge! Gott will es!�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>11. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Gierig sog Golo die k�hle Abendluft ein. Den ganzen Nachmittag hatte er in der stickigen Hitze der K�che verbracht. F�r einen Ritter ziemte es sich zwar eigentlich nicht, sich unter das Gesinde zu begeben, dennoch war dies der Ort, den er wann immer m�glich zuerst aufsuchte, wenn er mit Volker in eine Burg oder Residenz einkehrte. Eine kurzer Besuch in der K�che vermochte mehr �ber einen Burgherren zu verraten, als man an einem ganzen Abend herausfand, den man mit ihm an seiner Tafel sa�. Gerade weil sich adelige G�ste in der Regel nie an die Herdfeuer einer Burg verirrten, waren sie so aufschlu�reich. Hier mu�te ein Gastgeber nicht mehr repr�sentieren. Die K�che offenbarte sein wahres Gesicht.</p><p>Waren die M�gde und K�che zum Beispiel spindeld�rr, so konnte man gewi� sein, da�, egal wie freigiebig der Burgherr an seiner Tafel tat, er doch heimlich jeden Becher Wein mitz�hlte, den seine G�ste tranken. Man konnte auch davon ausgehen, da� ein solcher Geizhals ein �ppiges Mahl niemals ohne Hintergedanken gab.</p><p>Ein Tyrann hingegen hatte in der Regel ein ganzes Rudel kleiner Tyrannen unter seinen Gefolgsleuten, die von ver�ngstigten Duckm�usern umgeben waren. In einem solchen Fall waren das Verh�ltnis zwischen dem Mundschenk und den K�chen und den M�gden h�ufig ein getreuer Spiegel der Machtverh�ltnisse am Tisch des F�rsten.</p><p>Die K�che hier in Treveris war sympathisch. Die Dinge liefen ohne Eile, und doch war alles zur rechten Zeit bereit. Die Sauce fand zum Braten, ein Teller mit Butter und wei�em K�se zum frisch gebackenen Brot. Selbst die niedrigsten M�gde wagten es, �ber den Koch des Prinzen zu scherzen, und st�ndig war in irgendeiner Ecke des Raums ein Kichern zu h�ren. Unbehaglich war allein die K�che selbst, denn sie war einfach zu gro�, um so gem�tlich wie die Herdstelle in einer Burg zu sein, wo alle dicht beieinander hockten. Es gab drei verschiedene �fen und mehrere offene Feuer unter gemauerten Kaminen, wo Braten zubereitet wurden. Einst mu�ten hier die Mahlzeiten f�r einen riesigen Hofstaat gekocht worden sein. Man sagte, Kaiser Konstantin habe hier vor langer Zeit geherrscht. Was f�r Gerichte wohl auf seiner Tafel gestanden hatten?</p><p>Golo leckte sich nachdenklich die Lippen und dachte an Gerichte, die er bislang nur vom H�rensagen kannte. N�sse so gro� wie Kinderk�pfe, in deren Inneren angeblich Milch war, s��es Geb�ck, aromatisiert mit Zimt und anderen Gew�rzen aus dem fernen Arabia Felix, geharzte Weine aus Lesbos und aus Ephesos, serviert in Gl�sern, so klar wie die Luft an einem kalten Wintertag. Der Recke seufzte leise.</p><p>Mit einem lauten Krachen fiel etwas vor seine F��e. Golo blickte hinab. Es war ein Stock, mit Kaninchenfell umwickelt.</p><p>�Bist du bereit zur Fechtstunde, Krieger?�</p><p>�Mechthild!�</p><p>Hinter einer S�ule trat das junge M�dchen hervor. Sie hatte ihre Haare mit Knochenk�mmen hochgesteckt und trug neue Kleider. Eine lederne Hose, eine Tunika aus gr�ner Wolle und eine pelzbesetzte Weste. In den H�nden hielt sie einen fellumwickelten Stock. �Nun, Fechtmeister? Wie steht es mit uns?�</p><p>Golo lachte und hob den Stock zu seinen F��en auf. �Sch�n dich zu sehen, Kleine. Mal schauen, ob du noch etwas behalten hast.� Der junge Ritter machte einen Ausfallschritt nach vorne und zielte mit einem Stich auf die Brust des M�dchens.</p><p>Geschickt wich Mechthild mit einer Drehung zur Seite aus, t�uschte ihn mit einer Finte und versetzte Golo dann einen leichten Schlag auf den rechten Arm.</p><p>�Beim geh�rnten Baphomet! Wo hast du das denn gelernt!�</p><p>Das M�dchen grinste. �Ich hatte eine gute Lehrerin. Aber...� Sie stockte und blickte ihn auf eigenartige Weise an. �Ich habe dich vermi�t, Golo.�</p><p>Der Ritter lie� den Stock sinken und erwiderte ihren Blick. Erst jetzt, in ihren neuen Kleidern, fiel ihm auf, wie reif die Formen des M�dchens doch schon waren. Oder war es m�glich, da� sie sich in weniger als einem Monat so sehr ver�ndert hatte? Er schlo� sie in die Arme. �Es ist kaum eine Stunde vergangen, in der ich mich nicht gefragt habe, was aus dir geworden ist und wohin dein Weg dich gef�hrt haben mochte. Komm la� uns an einen ruhigen Ort gehen. Es gibt viel zu erz�hlen.�</p><p>Statt einer Antwort l�chelte Mechthild nur. Dann griff sie ihn bei der Hand, und sie gingen zu den St�llen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker hatte vor �rger fast keinen Bissen w�hrend des abendlichen Festmahls herunterbekommen, das Giselher ihm zu Ehren veranstaltete. Er sa� auf dem Platz zur Rechten des Gastgebers; es machte ihm zu schaffen, wie er den ganzen Abend �ber angegafft wurde. Nicht, da� er es nicht gewohnt gewesen w�re, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Im Gegenteil, als Spielmann geno� er es sogar, wenn niemand ihm Saale den Blick von ihm zu wenden vermochte und er einem Teil der Frauen ansah, wie ihre Herzen schneller zu schlagen begannen, wenn er seine traurigen Liebeslieder sang. Doch das hier war etwas g�nzlich anderes! Diesmal woben die Blicke kein Band, sondern sie schufen Distanz. Es war, als sei er f�r die G�ste wie eines der Heiligenbilder im Bogen �ber dem Hauptportal des Wormser M�nsters. Ein Heiligenbild, aus Stein geschlagen. Nah und doch unnahbar!</p><p>Und dann kam der Auftritt Belliesas! Ihm hatte Giselher verboten, seine Laute mitzubringen und eines seiner Lieder zu singen. Angeblich w�rde er damit seinem neuen Ruf und indirekt auch der Sache des K�nigs schaden, hatte der junge Kriegsherr behauptet. Volker schnaubte ver�chtlich! Was f�r ein Unsinn! Die H�lfte der G�ste an der Tafel kannte er schon seit Jahren. Sie mu�ten doch wissen, wer er war!</p><p>Die junge Bardin hatte die Abfolge ihrer Lieder und der vorgetragenen Epen wohl durchdacht. Sie begann mit biblischen Geschichten um die Erzengel und fuhr dann damit fort, wie ihm, Volker, in Castra Bonna der Erzengel Gabriel erschienen sei, um ihn zu erleuchten. Seine Mission sei, das Land vom Ketzerf�rsten zu befreien. Der Spielmann lachte stumm in sich hinein. Unsinn!</p><p>Danach trug Belliesa ein Epos �ber den Cheruskerf�rsten Arminius vor, der mit wenigen schlecht bewaffneten Gef�hrten die R�mer von seinem Land vertrieben hatte. Das n�chste Lied, drehte sich dann darum, wie Volker allein in Icorigium die Macht Ricchars herausgefordert hatte. Sie berichtete auch, wie der Erzengel selbst in einem Kampf mit dem Eber seine Schwerthand f�hrte, so da� er den gef�hrlichen R�uber mit verbundenen Augen bezwingen konnte und ihn anschlie�end zu seiner Sache bekehrte. Zum Schlu� h�rte der Spielmann kaum noch zu. Glaubte man ihr, war er mittlerweile der Anf�hrer einer kleinen Armee, die sich gegen die Tyrannei erhoben hatte.</p><p>In der Festhalle herrschte Totenstille. Jeder, selbst die Bediensteten, die Fleisch und Wein auftrugen, schienen an den Lippen der Bardin zu h�ngen. Sogar Golo, der es eigentlich besser wissen m��te, hatte einen seltsam entr�ckten Blick. Glaubte er etwa den Unsinn, den Belliesa verbreitete? Wie konnte jemand, der ihn kannte und dem in den letzten beiden Jahren keines seiner Laster verborgen geblieben war, ernsthaft in Erw�gung ziehen, er sei der Auserw�hlte eines Erzengels!</p><p>Sollte diese zweitklassige Bardin mit ihren holpernden Daktylen erst einmal fertig werden. Der Palast Giselhers mochte gro� sein, doch nicht gro� genug f�r sie beide! Volker w�rde sie finden. Und wenn es soweit war, w�rde er dem Weibsbild sagen, was er von ihr hielt! Als n�chstes mu�te er dann dem Schwindel ein Ende bereiten! Es war genug! Er, der Auserw�hlte eines Erzengels! Das war der gr��te Unsinn, den er jemals geh�rt hatte! Ihn interessierte dieser Aufstand in den Bergen einen feuchten Dreck. Wenn es denn �berhaupt einen Aufstand gab und das nicht auch nur eine Geschichte der Bardin war.</p><p>Volker war einzig und allein gekommen, um den Feuervogel zu finden. Damit hatte er auch noch nicht abgeschlossen. Er w�rde in die Berge zur�ckkehren. Allein! Was er dort tat und wonach er suchte, ging niemanden etwas an. Er konnte von Golo nicht erwarten, da� er mit ihm ritt. Bald w�rde der erste Schnee fallen. Gott allein wu�te, ob es sein Schicksal war, vielleicht in den Bergen zu verrecken. Deshalb w�rde er gehen, ohne es irgend jemand zu sagen. Er wollte f�r niemanden mehr verantwortlich sein. Und schon gar nicht f�r einen Aufstand. Was sollte er mit einem Haufen schlechtbewaffneter Rebellen anfangen, die sich in ihre Dicksch�del gesetzt hatten, gegen den f�higsten Kriegsherren Germaniens Krieg zu f�hren? Nach der ersten Schlacht w�re dieser Aufstand beendet.</p><p>Ricchar w�rde bis zum Fr�hling warten, bis das Wetter gut genug war, um Armeen zu bewegen. Dann w�rde er l�ngstens noch einen Monat brauchen, um auch den letzten Rebellen zur H�lle zu schicken.</p><p>Und wer w�re schuld an diesem Aufstand? Wer h�tte dieses ganze sinnlose Gemetzel entfesselt?</p><p>Giselher beugte sich zu ihm her�ber. �Singt sie nicht wundersch�n? Wenn ich sie h�re, mu� ich an Engel denken.�</p><p>Volker nickte. Antworten konnte er nicht. Man h�tte seiner Stimme angeh�rt, was er dachte. Ein Engel! Wei� der Henker, woher sie wirklich kam! Vielleicht hatte Ricchars Statthalter am Ende recht, als er sie der Zauberei anklagte und verbrennen wollte.</p><p>Mi�mutig blickte sich der Spielmann um. Es herrschte eine Stimmung im Saal wie im M�nster zu Worms, wenn w�hrend der Ostermesse der Knabenchor sang. Alle waren in stummer Andacht erstarrt. Und sie sahen immer wieder verstohlen zu ihm her�ber.</p><p>Wenn er zur�ckschaute und einen der Blicke zu fangen versuchte, dann blickten sie wieder dem�tig zu Boden. Verdammt, er war kein Auserw�hlter in einer heiligen Sache! Und er wollte auch nicht so behandelt werden!</p><p>Irgendwann w�rde Belliesa aufh�ren zu singen und den Saal wieder verlassen. Dann w�rde er sie finden!</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Bitte entschuldigt mich.� Volker verneigte sich vor Giselher und den anderen Adligen, die ihn umstanden. �Doch es ist nun an der Zeit, in mich zu gehen.�</p><p>Der Kriegsherr nickte bedeutungsschwer. �So warst du fr�her nie. Es ist wirklich ein Wunder geschehen!�</p><p>Was h�tte man darauf noch sagen sollen? Der Spielmann drehte sich um und verlie� gemessenen Schrittes den Festsaal. Es waren nur ein paar Augenblicke verstrichen, seitdem Belliesa sich verabschiedet hatte. Wohin immer sie ging, er w�rde sie finden!</p><p>Als die Pforten des Festsaals sich hinter ihm schlossen, beschleunigte Volker seine Schritte. Er wu�te, da� sie in einem der Nebengeb�ude auf der linken Seite des Palastvorplatzes gemeinsam mit Mechthild untergebracht worden war.</p><p>Volker betrat den S�ulengang, der sich entlang der Geb�udefront zog. In regelm��igen Abst�nden waren hier Nischen in der Seitenwand ausgespart, in denen hohe Steinsockel standen.</p><p>�Du hast l�nger gebraucht, als ich erwartet h�tte.� erklang pl�tzlich eine vertraute Stimme in seinem R�cken.</p><p>�berrascht fuhr der Spielmann herum. Hinter einem der steinernen Sockel trat Belliesa hervor. �Ich wu�te, da� du mir folgen w�rdest. Du solltest lernen, deine Gef�hle besser zu verbergen. Man kann sie an deinen Augen ablesen.�</p><p>�Dann wei�t du also schon, da� ich dir den Hals umdrehen werde!�</p><p>Die Bardin lachte leise. �Du hast mir das Leben gerettet. Warum solltest du mir etwas antun? Nicht du bist es, den ich f�rchten mu�. Auch wenn du es nicht wahrhaben willst, so bin doch ich es, die du suchst, um deine geheimsten Sehns�chte zu erf�llen.�</p><p>Volker schnaubte ver�chtlich. �Du solltest nicht zu sehr darauf vertrauen, da� jeder Mann verr�ckt danach ist, mit dir sein Lager zu teilen. Mich l��t deine Sch�nheit kalt. Ich verlange von dir, da� du damit aufh�rst, diese Lieder �ber mich zu singen! Warum tust du das? Willst du, da� ich in den Bergen sterbe? Es ist vollkommen sinnlos, sich gegen Ricchar zu erheben. Ich hege keine Feindschaft gegen den Franken. Wenn du glaubst, ich w�rde in die Berge zur�ckkehren, um dort einen Haufen von zwei Dutzend abgerissenen Rebellen anzuf�hren, dann hast du dich geirrt!�</p><p>�Du kannst deinem Schicksal nicht entgehen, Volker. Sieh dir den Sockel an, vor dem wir stehen. Glaubst du, da� es Zufall ist, da� wir uns an diesem Ort wiederbegegnet sind?�</p><p>Alles, was von der Statue geblieben war, die einmal an diesem Ort gestanden hatte, waren ein paar F��e auf dem Marmorpodest. Sie steckten in Sandalen, und es waren auch noch Ans�tze von Beinschienen zu erkennen. Irgendein Held der R�mer wahrscheinlich. Volkers Blick wanderte tiefer. Vier Buchstaben waren in den Sockel gemei�elt. MARS. Der Gott des Krieges!</p><p>Der Spielmann sch�ttelte den Kopf. �Glaubst du, du k�nntest mich so leicht t�uschen? Auch ich trete als wandernder Barde auf. Ich wei�, wie man seine Zuh�rer hinters Licht f�hrt und schlichte Gem�ter von Omen �berzeugt. <emphasis>Du </emphasis>hast den Platz gew�hlt, an dem wir nun stehen. Versuche nicht, mir zu erz�hlen, du h�ttest nicht genau darauf geachtet, in welcher Nische du dich versteckst. Ich glaube nicht an diese Art von Orakeln!�</p><p>�Und was ist mit dem Erzengel, der dir erschienen ist? Und wie konntest du den Eber besiegen, obwohl du mit verbundenen Augen gegen ihn gek�mpft hast? Du sahst aus wie ein J�ger aus den Bergen, als du nach Treveris gekommen bist. Du geh�rst dorthin. Die Menschen werden dir folgen. Ich habe auf der Stadtmauer gestanden und dich kommen sehen. Glaubst du, das sind alles Zuf�lle? Du kannst nicht vor deinem Schicksal davonlaufen, Volker. Stelle dich! Nimm es an!�</p><p>�Du meinst das Schicksal, das du mir bestimmt hast?� Er lachte bitter. �Alles was in den letzten Wochen geschehen ist, hast du verdreht, bis es in deine Pl�ne pa�te! Du wei�t doch wohl sehr gut, da� keines der Lieder, die du heute abend gesungen hast, wahr ist!�</p><p>�Hast du einmal dar�ber nachgedacht, da� <emphasis>du </emphasis>vielleicht derjenige bist, der blind f�r die Wahrheit ist, weil er sie nicht sehen will! Und was ist mit all den Menschen, die ihre ganze Hoffnung in dich setzen? Wirst du sie entt�uschen? Wohin willst du gehen? Sogar dein eigener K�nig erwartet von dir, da� du in die Berge zur�ckkehrst und den Kampf gegen den Tyrannen Ricchar aufnimmst. Willst du dich gegen den Herren stellen, dem du die Treue geschworen hast? Ist das deine Vorstellung von Ritterlichkeit?�</p><p>In hilfloser Wut ballte Volker die F�uste. �Du...� W�re sie ein Mann gewesen, er h�tte sie jetzt niedergeschlagen. �Du... Was willst du von mir? Was habe ich dir getan? Du bist selbst eine Heidin. Warum befehdest du Ricchar? Was hat dir der Franke getan?�</p><p>�Er verachtet die Freiheit! Du hast gesehen, was er seinem Volk angetan hat! Erinnerst du dich nicht mehr an den Priester, der in Icorigium erh�ngt worden ist?�</p><p>�Es gibt viele Herren, die ungerecht sind. Warum er? Er will den Frieden, auch wenn er vielleicht manchmal die falschen Mittel w�hlt, um zum Ziel zu kommen. Er ist nicht der Unmensch, als den du ihn in deinen Liedern darstellst!�</p><p>Die Bardin sch�ttelte den Kopf. �Wie gut kennst du ihn schon? Auch ich war an seinem Hof. Ich habe ihn beobachtet, bevor ich begonnen habe, ihn zu bek�mpfen. Er ist von Ehrgeiz zerfressen, und er hat das Zeug dazu, seine Ziele zu erreichen. Das ist es, was ihn so gef�hrlich macht. Noch kann er aufgehalten werden. Jetzt ist er nur ein Graf in einem Grenzgau des Frankenreiches. Doch was wird sein, wenn er f�r K�nig Merowech noch ein paar Siege erringt? In Kriegszeiten ist er der Heermeister. Das hei�t, er befehligt die ganze Armee des Frankenreiches. Und seine Soldaten verg�ttern ihn! Sie sehen in ihm den G�nstling des Sol Invictus. Unbesiegbar scheint er. Und wenn wir ihn nicht in diesem Winter aufhalten, dann wird er wirklich unbesiegbar sein. Du wei�t, wie krank K�nig Merowech ist. Ricchar will den Thron, und er wird ihn bekommen, denn die Soldaten folgen ihm. Er begeistert sich so sehr an den R�mern... Davon hat er dir sicher auch erz�hlt. Er sieht sich als Soldatenkaiser. Als den, der von Mithras auserw�hlt ist, das r�mische Reich aus seinen Ruinen wieder aufzurichten, so, wie er damit begonnen hat, in seinem Gau die zerst�rten r�mischen St�dte wieder aufzubauen.�</p><p>�Und was ist so schlecht daran, wenn ein Mann Visionen hat. Er will letzten Endes Frieden, und er will, da� die Zivilisation der Alten zur�ckkehrt. Hast du das zerst�rte Theater in Castra Bonna gesehen, Belliesa? Dort war Platz f�r Hunderte, die den Epen der Dichter ihrer Zeit gelauscht haben! Wie k�mmerlich sind wir dagegen, die einen Marktplatz oder manchmal auch einen kleinen F�rstenhof als B�hne haben. Ricchar ist ein Dichter! Er wird all dies wieder erstehen lassen.�</p><p>�Und es wird auf den Ruinen des Burgundenreiches erstehen. Dein K�nig wird sein erstes Opfer sein, wenn Ricchar zum Herrscher der Franken werden sollte. Das ist dir doch wohl klar, Volker!�</p><p>Der Spielmann wu�te, da� sie recht hatte. Aber es gab ja noch die Bisch�fe. Ricchar war auch unter den Franken nicht unumstritten. Vielleicht w�rde er niemals Herrscher sein. �Was hat er dir getan, da� du ihn so sehr ha�t, Belliesa? Hat er dich zur�ckgewiesen? Dir den Platz an seiner Seite verweigert, nachdem er sich ein paar N�chte lang mit dir am�sierte? Hast du vielleicht geglaubt, ein F�rst, der dichtet, w�rde eine fahrende S�ngerin an seiner Seite dulden?�</p><p>F�r einen Augenblick erwartete Volker, da� Belliesa ihn ohrfeigen w�rde. Er sah, wie sich ihre Wangenmuskeln spannten. Doch fast sofort hatte die S�ngerin sich wieder in der Gewalt. �Nach allem, was ich �ber dich geh�rt habe, h�tte ich gedacht, da� du die Frauen besser kennst, Spielmann.� Sie blickte ihn an und wirkte unendlich entt�uscht.</p><p>Volker bi� sich auf die Lippen. Dieser eine Blick w�hlte ihn mehr auf als all ihre Worte zuvor.</p><p>�Geh deiner Wege, Spielmann! Wenn du glaubst, du k�nntest deinem Schicksal davonlaufen, dann tu es. Pa� gut auf dich auf! Du tr�gst eine t�dliche K�lte in deinem Herzen. Ich hatte geglaubt, sie von dort vertreiben zu k�nnen... Ich wollte dich auf den Weg zur�ckf�hren, den du einst in den S�mpfen verloren hast. Doch du bist dein eigener Herr! Ich hoffe, du begreifst, da� du in diesen Tagen am Wegekreuz deines Schicksals angelangt bist. Du vermagst kaum �ber die Spitzen deiner Stiefel hinauszusehen... So kannst du dich bei deiner Wahl nur auf dein Herz verlassen. H�re gut auf das, was es dir sagt!�</p><p>Der Spielmann schluckte. �Rede nicht so mit mir! Du bist nicht die Pythia aus dem Orakel von Delphi. Also ma�e dir nicht an, mir meine Zukunft zu prophezeien.�</p><p>Die Bardin blickte ihn traurig an. Dann nickte sie. �Du hast recht. Es gibt nichts mehr zu sagen zwischen uns.� Ihr Gesicht war wie versteinert. Sie wandte sich ab und ging den dunklen Gang hinauf.</p><p>Stumm starrte ihr Volker nach. Seine Wut war verraucht. Jetzt hatte er das Gef�hl, etwas verloren zu haben. Hatte sie recht, wenn sie ihm vorwarf, da� sein Herz in K�lte erstarrt war? Was geschah mit ihm? War er vielleicht wirklich blind daf�r, da� er auserw�hlt war?</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>12. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Ein Schlag hatte ihn am Knie getroffen. Golo ri� den Stock herunter, um sich zu verteidigen, und im selben Augenblick traf ihn ein zweiter Streich am rechten Ellenbogen.</p><p>Lachend warf er seine Waffe fort und lie� sich r�cklings in einen der Heuhafen fallen. �Das war�s. Du hast deinem Meister eine Lektion erteilt. Ich f�rchte, ich kann dir von heute an nichts mehr beibringen.�</p><p>Mechthild kniete sich neben ihm ins Heu. In den letzten drei Wochen hatten sie sehr viel Zeit miteinander verbracht. Belliesa hatte am Abend, nachdem sie in Treveris angekommen waren, die Stadt verlassen. Die Bardin hatte sich von niemandem verabschiedet. Nicht einmal von Mechthild. Keiner wu�te, wohin sie geritten war, doch Golo war sich sicher, da� sie jetzt wieder in den Bergen war. Drei Tage sp�ter war Volker nach Worms aufgebrochen. K�nig Gunther hatte den Spielmann an seinen Hof zitiert.</p><p>Sein Freund war sich sicher gewesen, da� er nach Treveris zur�ckkehren w�rde. Deshalb wollte er nicht, da� Golo ihn begleitete. Der junge Ritter blickte zu Mechthild und l�chelte. Er war Volker dankbar, da� er ihm diese Reise erspart hatte. Die vergangenen Wochen mit Mechthild waren sehr sch�n gewesen. Das M�dchen sprach zwar immer noch kaum ein Wort, doch es war auch nicht mehr n�tig, miteinander zu reden. Er hatte gelernt, in ihren Blicken zu lesen.</p><p>In ihren Augen stand keine Freude dar�ber, da� sie ihn besiegt hatte. Sie wu�te genau, da� er morgen gehen mu�te. Der K�nig hatte Volker befohlen, in die Berge zur�ckzukehren und den Aufstand gegen Ricchar anzuf�hren. In der D�mmerung des n�chsten Morgens w�rden sie bei Schwaych die Mosel �berqueren... Zw�lf Ritter und zwanzig Waffenknechte, die den ber�hmtesten Kriegsherrn der Franken herausfordern w�rden.</p><p>�Glaubst du vielleicht, ich h�tte dich absichtlich gewinnen lassen, weil ich morgen gehen werde?�</p><p>Sie nickte.</p><p>Golo zog eine Grimasse. �Ich bin entt�uscht, da� du mich so schlecht kennst. Ich bin viel zu ehrgeizig, um freiwillig einen Sieg verschenken zu k�nnen und...� Sie sah ihn so traurig an, da� er pl�tzlich nicht mehr wu�te, was er noch sagen sollte. Er h�tte niemals gedacht, da� ihm der Abschied so schwerfallen w�rde. Warum hatte er Volker nicht einfach ziehen lassen? Sein Freund h�tte niemals von ihm verlangt, da� er ihn bei diesem aberwitzigen Unternehmen begleitete.</p><p>�Wei�t du, ich werde daf�r sorgen, da� du hier gut untergebracht bist. Du wirst es gut haben am Hof Giselhers. Ich bin sicher, ich kann dir einen Platz unter den K�chenm�gden verschaffen. Eine K�che ist ein ausgezeichneter Ort, um dort den Winter zu verbringen. Du kannst mir glauben, da� ich auch lieber dort w�re als in den kalten Bergen. Im Fr�hjahr werden wir zur�ckkehren. Wei�t du, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Volker hat immer Gl�ck... An seiner Seite kann mir gar nichts passieren und...�</p><p>Mechthild legte ihm ihren Zeigefinger auf die Lippen, und ihr Blick gebot ihm zu schweigen. Mit der anderen Hand begann sie die Verschn�rung ihrer Lederweste zu �ffnen.</p><p>Golo sp�rte, wie sein Mund pl�tzlich trocken wurde. Nerv�s leckte er sich �ber die Lippen. Auf einmal wu�te er nicht mehr, was er tun sollte. Sie war doch noch ein M�dchen! Sicher hatte er manchmal daran gedacht, da� er in ein oder zwei Jahren... Wenn sie eine Frau war! Sie war anders als die anderen, neben denen er bislang gelegen hatte. Auf ihre stumme Art hatte sie ihn besser kennengelernt als irgend jemand zuvor. Vielleicht lag es daran, da� es keine Worte gab, die ihnen im Wege standen. Er wu�te genau, da� es ihr egal war, da� er dem Ritterstand angeh�rte. Und er wu�te auch, da� sie niemals einen Gedanken an seine Herkunft aus einem Bauerndorf verschwendete. F�r sie war unwichtig, da� er als Unfreier geboren worden war. Sie wollte nur ihn, Golo.</p><p>Mechthild streifte die Weste �ber ihren Kopf und zog den Saum der Tunika aus ihrer Hose. Manche hatten dar�ber gespottet, da� sie wie Belliesa eine Hose trug, obwohl sie eine Frau war. Einige der Stallburschen hatten sich daf�r eine blutige Nase geholt. Wenn sie w�tend wurde, war das M�dchen wie eine Wildkatze. Dann f�rchtete sie nichts und niemanden. Nicht einmal einen Kerl, der zwei K�pfe gr��er war und doppelt so schwer wie sie. Ihre Wut verhalf ihr trotzdem zum Sieg.</p><p>Sie nahm Golos Hand und legte sie auf ihre linke Brust. Sie war klein und fest. Die Brust eines M�dchens. �F�hlst du? Mein Herz sagt immer nur deinen Namen. Go - lo, Go - lo, Go - lo...�</p><p>�Ich...� Gl�hende Schauer �berliefen den Ritter. Alles um ihn herum schien pl�tzlich wirklicher zu sein, so, als habe sich innerhalb eines Atemzuges die ganze Welt ver�ndert. Wie Donnern klang der Regen, der auf das Dach der Scheune prasselte, und wie die Stimmen fremder G�tter das Schnauben der Pferde in den St�llen unter ihnen. Der Duft des Heus schien ihn zu durchdringen. Ein Prickeln lief von seinen Fingerspitzen den ganzen Arm hinauf, als er f�hlte, wie sich die Brustwarze des M�dchen erhob. Er keuchte leise. Dann versuchte er sanft, die Hand zur�ckzuziehen.</p><p>�Warum?� Mechthild lie� ihn los. �Wegen der M�nner des Ebers, die mich...� Ihr stiegen Tr�nen in die Augen.</p><p>�Nein! Nein, es ist...� Golo wu�te nicht, wie er seine Gef�hle in Worte fassen sollte. Nat�rlich begehrte er sie. Und doch... Sie war noch ein M�dchen. Neuer Ha� auf den Eber und seine R�uber flammte in ihm auf f�r das, was sie Mechthild angetan hatten.</p><p>Das M�dchen hatte sich auf die Seite gedreht. Golo konnte h�ren, wie sie leise weinte. Er h�tte sich am liebsten geohrfeigt. Warum hatte er sie so verletzen m�ssen? Es h�tte sicher auch einen anderen Weg gegeben. Sie so zu sehen... Er streckte eine Hand nach ihrer Schulter aus, wollte sie sanft zu sich her�berziehen und in den Arm nehmen, um sie zu tr�sten.</p><p>Mit einem Ruck ri� sie sich los. Hilflos blickte der junge Ritter zur niedrigen Decke des Heubodens. Seine Glieder schienen ihm schwer wie Stein. Er wollte fortlaufen, doch konnte er Mechthild auch nicht alleine lassen. Er wollte ihr helfen, sie tr�sten, doch wu�te er nicht, wie. Was hatte er falsch gemacht?</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Schwaych war nur ein winziger Marktflecken am n�rdlichen Moselufer. Nahe dem Dorf gab es eine Furt durch den Flu�. Das war der Grund, warum am Ende der schlammigen Stra�e, die an den niedrigen Geh�ften vorbeif�hrte, ein steinerner Wehrturm stand. Schwarz und drohend hob er sich gegen den dunklen Nachthimmel ab. Von Spitzeln wu�te Volker, da� hier zehn Frankenkrieger postiert waren. Der Spielmann blickte die Reiterkolonne entlang, die hinter ihm zum Stillstand gekommen war. Sie waren mehr als dreimal so viele wie die Franken. Zw�lf Ritter und zwanzig Waffenknechte. Alle waren wie Stra�enr�uber oder Waldl�ufer gekleidet. Sie trugen schmuddelige Lederw�mse und abgewetzte Wollhosen, l�chrige Stiefel und mit Flicken besetzte Umh�nge. Doch ihre Waffen waren neu, und unter den Kleidern der Ritter verbargen sich Kettenhemden. Alles Metall war blank und gut gepflegt. Aus fast zweihundert M�nnern hatte sich Volker die Besten aussuchen k�nnen. Nat�rlich ritt keiner der ber�hmten Ritter Burgunds an seiner Seite. Doch das lag nicht daran, da� sie dem Spielmann nicht mit Begeisterung auf diesen Feldzug gefolgt w�ren. Hagen hatte bef�rchtet, da� man einen der Recken wiedererkennen w�rde und sich daraus der Anla� zu einem regelrechten Krieg zwischen Burgund und dem Frankenreich ergeben mochte. Solange Volker allein war, konnte man jederzeit behaupten, er habe aus eigenem Antrieb einen Aufstand angezettelt. Der Spielmann wu�te, da� Gunther nichts unternehmen w�rde, um ihn zu retten, falls er in Gefangenschaft geriet. Im Gegenteil, der K�nig w�rde leugnen, je etwas davon gewu�t zu haben, was Volker in den Bergen tat. Und doch war der Ritter allein auf seinen Befehl hier.</p><p>Eisiger Regen schlug dem Barden ins Gesicht, er zog sich den schweren Wollumhang enger um seine Schultern. Keine Menschenseele zeigte sich bei diesem Wetter auf der Stra�e. Und falls sie doch von den Dorfbewohnern bemerkt worden waren, so h�teten sich diese, ihre Gesichter in den T�ren oder hinter den h�lzernen Fensterl�den blicken zu lassen.</p><p>Der Burgunde hob seinen Arm und machte eine kreisende Bewegung. Die Kolonne f�cherte auf. F�r den Wachturm bei Schwaych hatte er sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Dies war der erste Ort, den er von der <emphasis>Tyrannei </emphasis>des Frankengrafen befreite. Es war wichtig, was f�r Geschichten man sich �ber diese Tat erz�hlen w�rde.</p><p>Volker schwang sich aus dem Sattel und holte die kleine Blendlaterne aus seinem Gep�ck. Dann kauerte er sich auf den Boden. Mit klammen Fingern kramte er nach Feuerstein und Stahl in dem Lederbeutel an seinem Waffengurt. Er bauschte seinen Umhang auf, so da� er eine H�hle bildete, die das kleine H�ufchen aus Birkenrinde und d�rren �stchen, das er auf den Boden gesch�ttet hatte, vor Wind und Regen sch�tzte. Mit dem Stahl schlug er Funken aus dem Stein. Als ein langer Streifen Birkenrinde Feuer gefangen hatte, nahm er ihn und hielt die flackernde kleine Flamme an den Docht in seiner Blendlaterne, bis das Licht �bergesprungen war.</p><p>Als er sich aufrichtete, zertrat er den kleinen Funken Glut, der noch im Reisig am Boden glomm und ging auf das Tor des Wachturms zu. Langsam erw�rmte sich der h�lzerne Griff der Laterne in seiner Linken. Sie war ein feines St�ck Handwerksarbeit und der Beweis, da� noch nicht alle Kunstfertigkeit der R�mer verlorengegangen war. An drei Seiten war der schlichte Kasten mit Holzw�nden verschlossen. Nur nach vorne hin gab es ein bewegliches Brettchen, das man nach oben ziehen konnte, so das alles Licht der Kerze, die im Inneren der Laterne brannte, nach vorne fiel. Um den Kerzenschein noch zu verst�rken, hatte man hinter der Flamme eine gew�lbte Messingplatte befestigt. Wenn sie poliert war, reflektierte sie noch zus�tzlich Licht nach vorne durch die �ffnung der Laterne. Leider verru�te das Messing st�ndig, so da� man es mindestens einmal am Tag neu polieren mu�te.</p><p>Der Spielmann verharrte vor der T�r des Turms und blickte zur�ck. Nur vage konnte er ein paar dunkle Schemen erkennen. Die meisten seiner Krieger schienen wie besprochen ihre Stellungen bezogen zu haben. Volker zog den Dolch aus seinem G�rtel und l�chelte bitter. �F�r den K�nig�, murmelte er leise, dann klopfte er mit dem Knauf der Waffe gegen das h�lzerne Tor.</p><p>��ffnet!� gellte die Stimme des Spielmanns. �Die Hand Gottes ruht wieder auf diesem Ort, und sie wird sich als Faust gegen jeden Heiden erheben!�</p><p>Schon nach kurzer Zeit konnte Volker Schritte und andere Ger�usche im Inneren des Turmes h�ren. F�r einen Augenblick tauchte ein blasses Gesicht in einer Schie�scharte �ber ihm auf. Der Burgunde wu�te, da� es zu dunkel war, um mehr als zehn Schritt weit zu sehen. Der Krieger dort oben w�rde die wartenden Ritter nicht erblicken k�nnen.</p><p>Schlie�lich erklang das leise Scharren eines eisernen Riegels. Das Tor des Turmes �ffnete sich. Ein junger Mann, gewappnet mit einem Kettenhemd und einem Helm, auf dem ein Busch zerzauster roter Federn thronte, trat Volker entgegen. Der Franke hielt ein blankes Schwert in der Hand. Sein Gesicht war grimmig, die Lippen zusammengepre�t. �ber der Nase zeigte sich eine steile Falte. Es spiegelte sich jene Art von Entschlossenheit in seinen Z�gen, mit der man versucht, Angst zu �berspielen.</p><p>�Bist du von Sinnen, Mann, oder nur betrunken? Du beleidigst den Gaugrafen Ricchar. Geh heim, sonst mu� ich dich gefangensetzen und nach Beda schicken, damit der Statthalter dort �ber dein Schicksal entscheidet.� Hinter dem R�cken des jungen Offiziers dr�ngten sich andere Krieger, die versuchten, einen Blick auf den Verr�ckten zu erhaschen, der dort vor dem Tor stand.</p><p>�Schnallt eure Wehrgeh�nge ab und ergebt euch! Dann sollt ihr verschont bleiben�, entgegnete der Spielmann mit d�sterer Stimme. Er hatte nun dasselbe Gesicht aufgesetzt, mit dem er bei Hof das tragische Ende des Hildebrandsliedes vorzutragen pflegte. Hoffentlich machte der junge Kerl jetzt keinen Fehler! Volker trat ein St�ck zur Seite, so da� er nicht mehr unmittelbar im Eingang zum Turm stand.</p><p>Der Offizier l�chelte verwirrt. �Du drohst mir?�</p><p>�Ich bin der Auserw�hlte und gekommen, um den Schatten zu vertreiben, den der Heideng�tze Mithras auf das Land wirft!� Der Burgunde hob den Arm. Das war das vereinbarte Zeichen. Alle seine Krieger waren mit einer Blendlaterne ausger�stet. Ein Wand aus Licht erhellte die Finsternis.</p><p>Erschrocken fuhr der Offizier zur�ck. Und dann machte er einen Fehler. Er hob sein Schwert, so, als wolle er Volker angreifen. Doch er kam nicht dazu. Ein halbes Dutzend Pfeile durchbohrten seine Brust, und er wurde in den Eingang zur�ckgeschleudert.</p><p>Der Spielmann bi� die Z�hne zusammen. Dieser Trottel! Das w�re nicht n�tig gewesen. Mit einem Satz war der Ritter im Eingang des Turms und zog sein Schwert. Die Frankenkrieger in der Wachstube starrten wie versteinert auf ihren toten Anf�hrer.</p><p>�La�t eure Waffen fallen, zum Henker! Sonst wird es euch wie ihm ergehen!�</p><p>Die Soldaten z�gerten. Sie schauten Volker an, als st�nde ein Teufel, der sich aus der H�lle erhoben hatte, vor ihnen. Hinter dem Spielmann st�rmten die ersten burgundischen Ritter das Tor des Turms.</p><p>Klirrend fiel ein Schwert zu Boden. Dann ein zweites. Die Franken schnallten ihre Wehrgeh�nge ab.</p><p>�Wir ergeben uns deiner Gnade, Erleuchteter!� Ein gro�er rothaariger Kerl hatte gesprochen. Er mochte dem Spielmann nicht in die Augen sehen.</p><p>�Ich werde euch nicht nach den Taten befragen, die ihr im Dienste des Ketzerf�rsten begangen habt. Euch allen sei das Leben geschenkt. Wir werden euch entwaffnen, und dann d�rft ihr gehen, um dem Statthalter von Beda zu berichten, der Auserw�hlte sei zur�ckgekehrt, um F�rst Ricchar von seinem Thron zu vertreiben!�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Vor ihnen lag Beda, ein gro�es Kastell, befestigt mit dreizehn m�chtigen Rundt�rmen. Es wachte �ber die Stra�e zwischen Treveris und Colonia. Etwas weniger als zweihundert Schritt lang umschlo� eine m�chtige ovale Ringmauer den gesamten Ort.</p><p>Golo beugte sich im Sattel vor, um die Anlage besser sehen zu k�nnen. Es war ein klarer Sp�therbsttag. In der letzten Nacht hatte es zum ersten Mal gefroren, und als er am Morgen erwachte, waren die B�ume mit Rauhreif �berzogen gewesen. Es war nicht klug, in dieser Jahreszeit Krieg zu f�hren. Trotzdem hatte ihre kleine Schar in den letzten Tagen reichlich Zulauf erhalten. Es waren vor allem Bauern und Handwerker aus den D�rfern, die sie befreit hatten. Sogar zwei M�nche, die sich seit der Schlie�ung ihres Klosters in den Bergen versteckten, hatten sich ihnen angeschlossen. Durch die beiden wu�ten sie, da� es �berall im Bergland g�rte.</p><p>Die Bergarbeiter einer Kupfermine nahe Petra Ramae hatten vor ein paar Tagen ihre fr�nkischen Herren �berw�ltigt und waren angeblich auf dem Weg, um Volkers Rebellenarmee zu verst�rken. Auch im nahen Dudeldorf waren die Franken vertrieben worden. Fast jeder der Freiwilligen hatte irgendwo einmal die rote Bardin gesehen, wie die Bergbewohner Belliesa nannten. Ihre Lieder waren in aller Munde, und selbst in den abgelegensten T�lern waren die Geschichten �ber den Auserw�hlten des Erzengels Gabriel bekannt.</p><p>Doch da� die Menschen ihn anhimmelten, half nicht, all die Probleme zu l�sen, die sich daraus ergaben, da� der Spielmann pl�tzlich die Verantwortung f�r einen kleinen Heerzug hatte. Sie hatten nicht die Lebensmittel, um all die Freiwilligen zu versorgen. Es fehlte an Wagen und Lasttieren, die der Truppe folgten. Es hatte nicht einmal jeder eine Decke, um sich nachts zu w�rmen. Man konnte meinen, die Leute erwarteten, da� Volker Wunder wirkte. Wenn sie durch ein Dorf zogen, verlie�en die M�nner einfach ihre H�user und schlossen sich ihnen an. Oft nahmen sie dabei nicht einmal das N�tigste mit.</p><p>Golo blickte wieder zu der Stadt hin�ber. Sie brauchten Beda! Dort gab es genug Lebensmittel und auch Quartiere. Aber wie sollten sie diese Mauern �berwinden. Gemeinsam mit den paar Franken, die zu ihnen �bergelaufen waren, konnten sie gerade einmal vierzig ausgebildete Krieger stellen. Alle anderen hatten noch nie in ihrem Leben mit einem Schwert gek�mpft. Wenn sie auf ernsthafte Gegenwehr stie�en, w�rde es ein Massaker geben.</p><p>Volker hatte seine Ritter um sich gesammelt und allen anderen M�nnern befohlen, sich weit gef�chert entlang der Waldr�nder aufzustellen. Sie sollten L�rm machen und den Eindruck erwecken, da� sich eine ganze Armee in den W�ldern versteckte. Golo glaubte nicht, da� die Franken auf diese Finte hereinfallen w�rden. Vielleicht war die Garnison sogar stark genug, um einen Ausfall zu wagen und dem Aufstand ein Ende zu bereiten.</p><p>Besorgt sah er zu den Waffenknechten bei den Maultieren. Ganz besonders einer unter ihnen lag ihm am Herzen. Der einundzwanzigste. Von den Rittern hatte keiner bemerkt, da� sie einen Mann mehr im Tro� hatten. Volker war viel zu besch�ftigt, um auch nur auf die Idee zu kommen, seine Krieger zu z�hlen, und die Fu�soldaten hatte Golo mit seinem restlichen Geld bestochen, damit sie schwiegen. Doch nicht einmal sie wu�ten, wer sich unter der roten Gugel wirklich verbarg.</p><p>Das Tor von Beda wurde ge�ffnet. Volker und seine Ritter verschwanden in der Stadt. Der letzte von ihnen gab ein Zeichen. Sie sollten mit allen Kr�ften auf die Stadt vorr�cken! Was mochte das bedeuten? Wollte der Kommandant der Garnison verhandeln? Hatten vielleicht ein paar B�rger, die auf Seiten der Rebellen standen, das Tor besetzt und ge�ffnet? Oder war das Ganze am Ende eine Falle?</p><p>Noch immer standen die Fl�gel des hohen Tores weit offen. Von den Rittern war nichts mehr zu sehen. Golo kaute nerv�s an seiner Unterlippe. Er f�hrte das Kommando �ber die zur�ckgebliebenen Truppen. Was sollte er nur tun? Er ha�te es, f�r andere Entscheidungen treffen zu m�ssen.</p><p>�F�nf Waffenknechte bleiben beim Tro�! Alle Freiwilligen, die in den letzten zwei Tagen zu uns gesto�en sind, bleiben ebenfalls hier. Der Rest folgt mir!�</p><p>In einer langen Kette traten die Rebellen aus dem Wald. Es waren weniger als f�nfzig Mann. Wenn das eine Falle war, dann offenbarte sich den Franken in Beda nun die ganze Erb�rmlichkeit der Rebellenarmee! Die meisten Krieger waren schlecht bewaffnet, und ihre Kleidung war nicht wintertauglich. Ein Drittel der Streiter besa� nicht einmal richtiges Schuhwerk.</p><p>Auch der Waffenknecht mit der roten Gugel hatte sich den Vorr�ckenden angeschlossen. Er hatte es gewu�t! Golo wendete sein Pferd und ritt auf den Mann zu. �Zur�ck mit dir zum Tro�! Noch ist der Tag der ersten Schlacht f�r dich nicht gekommen!�</p><p>Zwei gr�ne Augen funkelten ihn aus einem ru�verschmierten Gesicht b�se an. Wortlos drehte sich der Krieger um und ging zum Waldrand zur�ck.</p><p>�Wird es eine Schlacht geben?� fragte ein mit einer Heugabel bewaffneter junger Bursche. Auch wenn er entschlossen mit beiden F�usten seine Waffe umklammerte, war er leichenbla�. �Die Franken haben uns doch die Tore ge�ffnet.�</p><p>�Vielleicht m�ssen wir noch ihre Garnison ausr�uchern. Nichts Ernstes.� Golo gab seiner Stute die Sporen und setzte sich an die Spitze seiner Truppe. Er ha�te es, die jungen Kerle zu bel�gen. Doch es w�re falsch, ihnen zu sagen, da� auch er. Angst hatte. Wo steckten nur die Ritter? Warum war keiner von ihnen zur�ckgekehrt, um Bericht zu erstatten. Golo begann leise zu beten. Er w�rde mit Freuden drei Jahre seines Lebens geben, wenn er daf�r nur w��te, was hinter den Mauern vor sich ging. H�tte er nur nicht f�r all die anderen zu entscheiden!</p><p>�Alles halt!� Noch waren sie au�erhalb der Bogenreichweite. Falls sich Sch�tzen hinter den Zinnen verbargen, konnten sie seine M�nner nicht treffen. �Ich reite vor. Ihr wartet, bis ich unter dem Stadttor erscheine und euch ein Zeichen gebe, mir zu folgen.�</p><p>Die Krieger und Bauern schauten ihn verwirrt an. Offenbar war bis jetzt noch keinem von ihnen der Gedanke gekommen, da� sie m�glicherweise geradewegs in eine Falle marschierten. Das hatte sich nun ge�ndert. Von jetzt an hatten sie Angst. Er war ein lausiger Anf�hrer! Er h�tte einen Scherz machen sollen. Etwa, da� er vorreiten wolle, um zu sehen, ob noch genug Met f�r alle da sei. Beda war ber�hmt f�r seinen Met. Aber nein, er schaffte es, statt dessen seinen Kriegern den Mut zu nehmen.</p><p>Golo gab seiner Stute die Sporen und galoppierte zum Stadttor. Er hielt seinen Langschild schr�g vor der Brust. Zehn Schritt vor den Mauern zog er sein Schwert. Aus der Stadt ert�nte L�rmen. Es klang nicht wie eine Schlacht...</p><p>Unter dem Tor z�gelte Golo sein Pferd. Die Hauptstra�e lief pfeilgerade durch die Stadt. Nach etwa hundert Schritt traf sie auf einen Marktplatz, wo sich viele Menschen dr�ngten. Der junge Ritter konnte einige Pferde erkennen. Die Reiter jedoch waren verschwunden. Nirgends waren Soldaten zu sehen.</p><p>�Heho, Ritter! Wo bleiben deine Kameraden?� Ein dicklicher Mann in mittleren Jahren, der eine fleckige Ledersch�rze umgebunden hatte, kam die steinerne Treppe heruntergelaufen, die direkt neben dem Tor zur Stadtmauer hinauff�hrte. Er hielt Golo ein gro�es Methorn entgegen und schob mit der anderen Hand die flache Lederkappe zur�ck, die ihm in die Stirn gerutscht war.</p><p>�Komm, trink, Freund! Auf unseren Sieg!�</p><p>Golo blickte den Mann verwirrt an. �Sieg?�</p><p>�Ja, Kerl! Der Auserw�hlte hat es geschafft, die Stadt ohne einen einzigen Schwertstreich zu erobern. Gott liebt ihn! Als der Statthalter der Heiden h�rte, da� eure Armee in Richtung Beda marschiert, hat er sich schleunigst mit all seinen Truppen aus dem Staube gemacht!�</p><p>Golo musterte den Mann mi�trauisch. Das war die mit Abstand dreisteste L�gengeschichte, die er seit langem geh�rt hatte! �Er ist also einfach so abgezogen?�</p><p>�Ja, er hat nicht einmal die Zeit gehabt, die Lagerh�user zu r�umen. Die Franken sind kurz vor Morgengrauen Hals �ber Kopf aus der Stadt geflohen.�</p><p>�Und wo ist der Auserw�hlte jetzt?�</p><p>�Er ist mit seinen Rittern zum Praetorium. Wir feiern dort unsere Befreiung von den Franken. Wahrscheinlich inspiziert er schon eure Quartiere. Das Lager war fr�her zwar einmal sehr gro�, zu Zeiten der R�mer konnten dort sechshundert Krieger untergebracht werden, doch f�r euch wird es nicht reichen... Aber in den Wachr�umen der T�rme kann man auch noch Schlafpl�tze herrichten und die restlichen M�nner werden wir gerne in unseren eigenen H�usern bewirten. Wann kommt die Armee eigentlich? Ich habe dich von der Mauer aus mit der Vorhut gesehen. Sind die anderen tausend noch im Wald?�</p><p>Golo schluckte. Tausend Mann! Das mu�te eine der Geschichten Belliesas sein. Er durfte jetzt nichts Falsches sagen. Golo reckte den Hals und blickte noch einmal zum Marktplatz hinauf. Jetzt konnte er einen der burgundischen Ritter erkennen. Ein paar Kerle hatten ihn auf ihre Schultern gehoben und ihm ein Methorn in die Hand gedr�ckt. Das war keine Falle. Bei allen Heiligen! Sie hatten die Stadt!</p><p>�Mann, was ist mit dir? Du schaust ja drein, als h�ttest du gerade die Jungfrau Maria gesehen.� Der Brauer nahm einen tiefen Schluck aus seinem Horn und seufzte. �Endlich darf man den Namen Maria wieder in den Mund nehmen, ohne Angst zu haben, da� die Franken einen daf�r in den Kerker werfen. Wir m�ssen zur Kirche! Es ist h�chste Zeit, den ganzen heidnischen Stierplunder herauszuwerfen, den die Franken dort aufgestellt haben. Oder wollt ihr das lieber tun? Geh�rt das zu eurem Triumph, Ritter? Sollen wir warten, bis die ganze Armee da ist, um dann vor aller Augen das Mithrasbild von der Stadtmauer zu sto�en. Das macht sich sicher gut!�</p><p>��hm... tut das nur ruhig jetzt schon. Die Armee... �hm Volker hat beschlossen, sie auf die eroberten D�rfer und St�dte aufzuteilen. Wegen des Nachschubs... Damit alle versorgt und untergebracht sind.�</p><p>�Wie? Ihr seid alle?� Der Mann glotzte ihn an wie eine Kuh. Dann begann er schallend zu lachen. �Das ist ein Zeichen! Der Auserw�hlte wird wahrlich von Gott selbst gef�hrt. Kommt mit einer Handvoll M�nner und vertreibt eine Garnison von fast hundert bis an die Z�hne bewaffneter Franken.�</p><p>Golo nickte. �Ja, ein Wunder.� Im stillen aber fragte er sich, wie lange das gutgehen mochte. Es schien, als wolle keiner die Wahrheit sehen. Keinen Atemzug hatte der Mann �berlegt, ob er ihn vielleicht belog. Statt nachzudenken, war er sofort mit einer neuen Geschichte �ber den Auserw�hlten bei der Hand. Was sie sich �ber den heutigen Tag wohl erz�hlen w�rden. In dem Lied, das Belliesa dazu dichten mochte, w�rde sich alles sicher wie eine au�ergew�hnliche Heldentat anh�ren. Wo die Bardin wohl steckte?</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>13. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Niemand, nicht einmal die �ltesten, konnten sich erinnern, da� jemals so fr�h der Winter angefangen hatte. Es war, als wolle die Natur den K�mpfen ein Ende setzen. Volker schlug sich die H�nde vor die Brust, damit das Gef�hl in seine tauben Finger zur�ckkehrte. Er war ein gottverdammter Narr! Jetzt k�nnte er an einem warmen Feuer sitzen! Die Art, in der ihn die meisten seiner M�nner verehrten und f�r einen Auserw�hlten hielten, war zwar nervt�tend, aber im Vergleich zu der K�lte w�re es das kleinere �bel gewesen.</p><p>In den letzten drei Wochen war er von Sieg zu Sieg gezogen. Seine Erfolge waren ihm selbst zum Schlu� schon unheimlich gewesen. Alle kleineren D�rfer, die gro�en Gutsh�fe und Minen waren von den Franken verlassen worden. Nur in den befestigten St�dten leisteten sie Widerstand. Doch die Bev�lkerung hatte sich gegen die Besatzer verschworen.</p><p>Die Garnison von Sarabodis war im Schlaf von aufst�ndischen Bergarbeitern �berrascht worden. Der Pferdedieb Claudius Marcellinus hatte die M�nner aus den Minen rund um die befestigte Villa angef�hrt. Dort waren Elitereiter einquartiert. Jene zwei Schritt gro�en Krieger mit den eisernen Masken, die Volker schon in Castra Bonna gesehen hatte. Die Aufst�ndischen mu�ten sie im Schlaf �berrascht haben. Mehr als die H�lfte von ihnen war gefangengenommen worden.</p><p>Volker pre�te die Lippen zusammen. Er war nur wenige Meilen entfernt gewesen, als dies geschah, doch als er endlich in Sarabodis eintraf, war es bereits zu sp�t. Marcellinus hatte alle Franken hinrichten lassen. Man hatte den Kriegern zun�chst mit Schmiedeh�mmern jeweils den rechten Arm zertr�mmert. Dazu hatte der Ro�t�uscher ausgerufen, da� es jedem so ergehe, der sein Schwert gegen Gott den Herren erhebe. Dann lie� er den Franken die Sch�del einschlagen. Ihre Leichen wurden nackt in die Villa getragen, wo man die Mauern einri� und schlie�lich die Ruinen in Brand setzte.</p><p>Als Volker Marcellinus am n�chsten Tag zur Rechenschaft zog und von ihm wissen wollte, warum er dies getan habe, hatte der H�ne nur grinsend geantwortet, es sei halt Krieg und im Krieg w�rde nun einmal get�tet.</p><p>Zwei Tage sp�ter machte sich der Schurke bei Nacht davon. Dabei nahmen er und seine M�nner s�mtliche Pferde mit, die sie in Sarabodis erbeutet hatten. Seitdem wurde Volker das Gef�hl nicht mehr los, da� Marcellinus den �berfall allein nur wegen der erstklassigen Pferde organisiert hatte, und der Spielmann fragte sich, wie viele Gesellen von �hnlichem Schlage sich wohl unter seinen Rebellen befinden mochten. Pl�nderer, die einfach desertieren w�rden, sobald sie gen�gend Beute zusammengeraubt hatten.</p><p>Wie lange w�rde das Gl�ck ihm wohl noch hold sein? Das befreite Gebiet reichte von Treveris im S�den bis nach Icorigium im Norden, quer durch das Bergland. Die Schmiedestadt hatte er belagern m�ssen, doch die Einwohner hatten ihm nachts die Tore ge�ffnet. Drei Tage sp�ter mu�te sich die Garnison ergeben. Er gew�hrte den Franken freien Abzug, was f�r einiges Murren sorgte. Doch egal, was die Bauern und der P�bel denken mochten, die unter seiner F�hrung k�mpften, f�r ihn galten die Regeln der Ritterlichkeit!</p><p>Zehn der zw�lf Ritter, die mit ihm Treveris verlassen hatten, lebten noch. Sie hatten den Befehl, den Bauern das K�mpfen beizubringen. Sein Armee war inzwischen auf siebenhundert Mann angewachsen, und t�glich meldeten sich neue Freiwillige. Sie hatten nicht genug Waffen, so konnte ein Teil der Streiter nur mit Sicheln, H�mmern oder Spitzhacken ausger�stet werden. Diese Hinterw�ldler waren zwar tapfer, aber ohne jede Disziplin. Die Ritter sollten ihnen beibringen, in Formationen zu k�mpfen.</p><p>Wenn sie bis zum Fr�hling durchhielten, dann w�rde er aus diesem Sauhaufen eine richtige Armee machen, dessen war Volker sich sicher. Doch vielleicht blieb ihnen nicht so viel Zeit. Der Spielmann hatte Kundschafter ausgeschickt, um �ber Ricchars Vorbereitungen f�r das n�chste Fr�hjahr informiert zu werden. Doch keiner der Waldl�ufer, den er geschickt hatte, war zur�ckgekehrt. Es gab Ger�chte, da� der Graf irgendwo an der oberen Mosel war und Truppen sammelte.</p><p>Fast zwanzig M�nner hatte Volker in den letzten beiden Wochen als Sp�her ausgeschickt. Sie alle waren verschwunden. Angeblich hatte Ricchar s�chsische S�ldner angeworben... Es gab auch Ger�chte, da� er eine Streitmacht von fast tausend Mann gesammelt hatte. Doch das konnte nicht stimmen. Er w�rde niemals mitten im Winter eine Armee aufstellen. Das verstie� gegen alle Regeln der Kriegskunst. Man konnte im Winter keinen Feldzug f�hren! Wenn es allerdings einen Feldherrn auf dieser Welt gab, der dieses Risiko einging, dann war es Ricchar. Deshalb mu�te Volker wissen, was der Frankenf�rst unternahm. Das war der Grund, warum der Spielmann sich auf den Weg zum Bergdorf des Ebers gemacht hatte. Der Gesetzlose und seine Truppe verwegener Halsabschneider waren die einzigen, von denen er noch hoffte, da� sie ihm Kunde �ber Ricchar verschaffen konnten.</p><p>Volker fluchte leise. Er h�tte sich nicht allein auf den Weg zum Eber machen sollen. Es gab genug M�nner, die sich hier in den Bergen auskannten. Aber um seiner Legende willen hatte er die Einsamkeit gesucht. Die ersten zwei Tage waren auch ganz gut gelaufen. Doch heute morgen hatte er im hohen Schnee den Weg verloren. Es hatte wieder zu schneien begonnen. Die Sicht reichte kaum drei�ig Schritt weit. Er stand inmitten eines Waldes, umgeben von kahlen schwarzen B�umen, deren �ste unter der Last des Schnees knarrten. Alle Pfade, von denen man ihm erz�hlt hatte, lagen unter der Schneedecke verborgen, und der graue, wolkenverhangene Himmel machte es unm�glich, sich zu orientieren.</p><p>Volker trug eine Fellweste und pelzgef�tterte Stiefel. Seine H�nde steckten in F�ustlingen aus Leder, unter denen er noch wollene Handschuhe angezogen hatte. Doch nichts mochte die eisige K�lte der Berge zu bannen. Der Winter nagte an seinen Kr�ften. Langsam hatte der Frost sich durch all diese Kleidungsschichten hindurchgefressen. Wie ein Widerg�nger raubte die K�lte ihm die Kr�fte. Nicht mehr lange, und es w�re vorbei...</p><p>Er mu�te sich zwingen, noch weiter zu gehen. Bei jedem Schritt sank er fast bis zu den Knien durch die verharschte Schneedecke. Wie einfach w�re, es sich fallen zu lassen. Er war m�de. Der Schnee wirkte wie ein gro�es, sauberes Leintuch... Wenn er sich nur f�r ein paar Augenblicke hinstrecken w�rde, um auszuruhen, dann w�rden seine Kr�fte wiederkehren. Er w�rde sicher schnell einschlafen, so ersch�pft, wie er war. Wenn er dann erwachte, w�re er erholt und k�nnte seinen Weg fortsetzen, um...</p><p>�Sei kein Narr!� Seine Stimme hallte von den Bergen auf der anderen Seite des Tals wider, so laut hatte er in die Einsamkeit geschrien. Er durfte sich nicht solch tr�gerischen Tagtr�umen hingeben! Wenn er sich hier schlafen legte, w�rde er nie wieder erwachen. Er mu�te sich wach halten! Vielleicht sollte er eines seiner alten Lieder singen. Als er noch sehr jung war, hatte er einmal etwas �ber die Heldentaten Theoderichs gedichtet. Wenn er sich anstrengte, konnte er sich vielleicht noch erinnern. Stockend begann er die Verse aufzusagen.</p><empty-line/><p><emphasis>�Da suchte der Herr Dietrich selbst seine R�stung. </emphasis></p><p><emphasis>Ihm half Meister Hildebrand, sich zu waffnen. </emphasis></p><p><emphasis>Da klagte der kraftvolle Mann so sehr...�</emphasis></p><empty-line/><p>Volker versagte die Stimme. Deutlich erinnerte er sich jetzt an den Tag, an dem er diese Verse gedichtet hatte. Es war nach einem Traum gewesen, von einer gro�en Halle, in der Flammen nach gewappneten Helden leckten. Gunther war dort gewesen und auch Hagen. Und er selbst. Ein alter Mann mit grimmigen Augen war ihm entgegengetreten...</p><p>�<emphasis>Du </emphasis>bist es also, der sich einen Narren nennt! Wohl gesprochen, Volker!�</p><p>Erschrocken blickte der Spielmann auf. Er hatte immer einen Fu� vor den anderen gesetzt, ohne noch darauf zu achten, wohin sein Weg ihn f�hrte. Der Wald endete vor einer Klippe, die knapp f�nf Schritt hoch sein mochte. Wie eine Mauer zog sie sich um die Bergflanke. Fast genau �ber ihm, am Rand des Felsens stand eine Gestalt in schwarzem Umhang und mit bleichem Gesicht.</p><p>Die Morrigan! Das mu�te die Stunde seines Todes sein, und sie war gekommen, um ihn zu sich zu holen. Er kniff die Augen zusammen. Dann blickte er wieder nach oben, um sicher zu sein, da� er in seiner Ersch�pfung nicht schon Trugbilder sah. Die Gestalt stand noch immer am Rand der Klippe. Eine Locke roten Haares lugte unter ihrer Kapuze hervor.</p><p>�Du?� Er traute seinen Augen kaum. �Wie kann das sein? Weiche von mir, du Teufel, der du mir erschienen bist, um meine Seele zu verwirren!�</p><p>�Mit Worten allein wirst du mich diesmal nicht vertreiben! Ich bin hier, um dir deine Toten zu zeigen. <emphasis>Narr </emphasis>hast du selbst dich genannt. Und es ist wahr, du bist ein Narr! Gehe f�nfzig Schritt nach links! Dort wirst du eine Felsspalte finden, in der ein Weg hier hinauff�hrt. Versuche nicht noch einmal, deinem Schicksal davonzulaufen. Es ist dir bestimmt, der Auserw�hlte zu sein, auch wenn dein Herz k�lter als der grimme Winterfrost ist!� Die Gestalt trat zur�ck und verschwand aus Volkers Gesichtsfeld.</p><p>Diese verfluchte Bardin! Was machte sie hier? Und was sollte dieser Auftritt. �Komm heraus und zeige dich! Belliesa! Wie kommst du hierher?�</p><p>W�tend stampfte der Spielmann die Klippe entlang, bis er die Felsspalte erreichte. Der Weg hinauf war steil und vereist. Immer wieder rutschte er ab und schlitterte hinunter. Es waren nur ein paar Schritt, und doch schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis es ihm endlich gelang, sich bis nach oben zu k�mpfen.</p><p>Suchend blickte er sich um. Die Bardin war nirgends mehr zu sehen. Es war, als habe sie der Erdboden verschluckt.</p><p>�Belliesa!�</p><p>�Belliesa... Belliesa...� Fast h�hnisch klang das Echo, das die Berge zur�ckwarfen. Dann war es wieder still. Dort, wo die Bardin gestanden hatte, war ein Loch in der Schneedecke. Der Wind, der �ber das Felssims wehte, verhinderte, das der Schnee hier h�her als nur ein paar Zoll lag.</p><p>Etwas hatte den Schnee schmelzen lassen. Es gab keine Asche. Ein Feuer hatte hier nicht gebrannt! Das Schmelzwasser war am Grund der flachen Mulde wieder zu Eis erstarrt und...</p><p>Volker kniete nieder. Inmitten des Eises schimmerte es rot. Er zog seinen Dolch und begann wie von Sinnen auf die spiegelnde Fl�che einzustechen, bis er endlich in H�nden hielt, was dort im Eis gefangen war. Eine leuchtend rote Feder! Der Feuervogel! Er war hiergewesen. Er war...</p><p>Volker hatte das Gef�hl, ein faustgro�er Stein rutsche seine Kehle hinab. Der Feuervogel! Der Schnee hatte die Eisfl�che noch nicht wieder zugeweht. Es mochten h�chstens ein oder zwei Stunden vergangen sein, seit der Vogel dort gelandet war. Und er... Er hatte ihn verpa�t. Das konnte nicht sein. Warum...</p><p>Er schluchzte leise. �Belliesa...� Was hatte die Bardin damit gemeint, sie wolle ihm <emphasis>seine </emphasis>Toten zeigen?</p><p>Direkt hinter dem Eis waren Spuren von schmalen F��en im Schnee. Sie war hier gewesen! Die S�ngerin mu�te die Feder gesehen haben. War der Feuervogel vielleicht ihretwegen gekommen? Und wohin waren die zwei jetzt?</p><p>Suchend sah Volker sich um. Ein paar Schritt hinter der Klippe erhob sich ein sanft ansteigender Berghang. Graue Buchenst�mme ragten dort zum Himmel, und mitten zwischen ihnen klaffte ein finsteres Loch. Eine H�hle! Ob Belliesa dorthin gegangen war? Funkelnde Eiszapfen hingen am Eingang hinab. Fast wie die Rei�z�hne eines Raubtieres!</p><p>Der Spielmann mu�te an die Geschichte denken, die der M�rchenerz�hler vor so langer Zeit an einem warmen Sommertag in Worms erz�hlt hatte. An den Ritter, der auf seiner Suche in den Bergen in einer H�hle erfroren war. Pl�tzlich erschien ihm die H�hle wie ein Maul, das der Berg ge�ffnet hatte, um ihn zu verschlingen. Er durfte dort nicht hinein! Dort wartete der Tod auf ihn!</p><p>�Belliesa?� Volkers Stimme war kaum mehr als ein Fl�stern.</p><p>Er sollte der Spur der Bardin folgen! Sie f�hrte auf dem Felssims entlang, fort von der H�hle. Das war ein Omen! Sie verhie� ihm das Leben... Wenn er sie nur finden k�nnte? Ob sie wom�glich den Felsen hinabgest�rzt war und irgendwo ohnm�chtig im Schnee lag. Warum sonst antwortete sie nicht auf seine Rufe?</p><p>Die Augen fest auf die Spuren geheftet, ging er knapp am Steilabsturz entlang. Hier lag fast gar kein Schnee, und es kostete ihn weniger Kraft, voranzukommen.</p><p>Der Weg wand sich um einen Felsvorsprung, f�hrte in eine Senke und traf schlie�lich wieder auf den schwarzen Wald. Noch immer starrte Volker auf die Fu�spuren. Es war, als l�ge ein Zauberbann auf ihm. Eigentlich war er l�ngst am Ende seiner Kr�fte. Dennoch setzte er einen Fu� vor den anderen. Das Bild der Bardin stand vor seinen Augen und dann die Morrigan. Dieser Weg w�rde ihn letztlich zu seiner Geliebten f�hren. Er durfte nur nicht schwach werden! Er mu�te ihn bis zum Ende gehen! Egal, wohin immer er auch f�hren mochte!</p><p>War da eine fremde Stimme in seinem Kopf? Waren das wirklich noch seine Gedanken? Waren die B�ume nicht riesige rauchgeschw�rzte Knochenh�nde? Hatte der Tod seine d�rren Finger nach ihm ausgestreckt?</p><p>Volker strauchelte. Eine Wurzel... St�hnend richtete er sich wieder auf. Die Wurzel! Eine schwarze zur Kralle erstarrte Hand ragte aus dem Schnee. Er kniff die Augen zusammen. Das war ein Alptraum. Die Visionen, die er vor dem Sturz gehabt hatte... Sie verfolgten ihn. Ganz langsam �ffnete er die Augen wieder. Die Hand! Sie war noch immer dort! Sie geh�rte einem Mann in einem braunen Wollumhang, der halb vom Schnee begraben war. Sein Gesicht war grau. Die Lippen zu einem gr��lichen Grinsen zur�ckgezogen. Seine Augen waren weit offen. Die Angst vor dem Tod in ihnen gefroren.</p><p>Voller Panik rutschte Volker von der Leiche weg. �berall ringsherum lagen Tote im Schnee, nur halb vom eisigen Leichentuch des Winters bedeckt.</p><p>�Ich werde nicht sterben!� Taumelnd kam er auf die Beine. Er w�rde nicht das Schicksal der anderen auf diesem eisigen Friedhof teilen!</p><p>Wie von W�lfen gehetzt, begann er zu laufen, stolperte �ber �ste und Steine, die unter dem Schnee verborgen lagen, und richtete sich sofort wieder auf. Die Spur... Noch immer konnte er die Fu�abdr�cke im Schnee vor sich sehen. Wohin f�hrten sie? Warum hatte Belliesa ihn auf dieses Leichenfeld gebracht? <emphasis>Ich bin hier, um dir deine Toten zu zeigen. </emphasis>Die Worte der Bardin hallten wie ein fernes Echo in seinen Gedanken. Er hatte den Mann, den er dort im Schnee gefunden hatte, noch nie zuvor gesehen. Warum hatte Belliesa ihn an diesen Ort gef�hrt?</p><p>Der Spielmann blickte zum Kamm des H�gels hinauf. Der Himmel war mit grauschwarzen Wolken verhangen. Er mu�te sich beeilen! Bald w�rde es wieder schneien, und die Spur w�rde ausgel�scht. Aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung. Ein St�ck Stoff... Ein Kapuzenmantel! Jemand kauerte mit dem R�cken gegen einen der schwarzen Baumst�mme.</p><p>�Belliesa?�</p><p>Keine Antwort. Was sollte das? Warum narrte die Bardin ihn? W�tend stapfte er in ihre Richtung. Der Zorn verlieh ihm neue Kr�fte. Was konnte er daf�r, da� diese Menschen im Schnee gestorben waren! Ihn traf keine Schuld!</p><p>�Belliesa!� Er stand jetzt hinter der Gestalt im schwarzen Umhang. Rede mit mir! Er legte seine Hand auf ihre Schulter und zog sie zu sich herum. Der K�rper sank ihm entgegen. Er starrte in ein blasses Gesicht voller Sommersprossen. Rotes Haar quoll unter der Kapuze hervor. Fassungslos starrte der Spielmann die junge Frau an. Sie war nicht Belliesa. Jetzt erkannte er auch, da� der schwarze Mantel dem der Bardin nur �hnlich sah.</p><p>�Wer bist du?�</p><p>Er strich ihr sanft �ber die Wangen. Das Gesicht der Fremden war kalt. Vorsichtig schob er ihren Wollschal zur Seite und tastete er nach ihrem Hals. Es war kein Pulsschlag mehr zu sp�ren. Volker zog das kurze Jagdmesser aus seinem G�rtel und hielt der Frau die blanke Klinge vor die Lippen. Doch kein Atemhauch legte sich als grauer Schleier auf den Stahl. Sie war tot. Tot wie all die anderen dort im Wald!</p><p>Es konnten nur wenige Augenblicke verstrichen zu sein, seit sie gestorben war. Der Schal und ihr Hals waren noch warm. Woher war sie gekommen? Was hatte sie �ber ihn und Belliesa gewu�t?</p><p>Sein Blick blieb an einem l�nglichen roten Fleck im Schnee haften. Eine Feder! Der Feuervogel! Er war hiergewesen und... Volker sprang auf und sah zum Himmel. Wo! Wo war er? Hatte der Zaubervogel neben der Sterbenden gekauert. War ihr die Flammengestalt erschienen, damit sie bei ihrem letzten Atemzug nicht allein war?</p><p>Es begann wieder zu schneien. Am anderen Ende des Tals ragte ein Turm auf einem H�gel. Niedrige H�user kauerten sich um die Wehranlage. Das Dorf des Ebers! Noch zwei oder drei Meilen, und er w�re gerettet.</p><p>Er blickte zu der jungen Frau hinab. Hatte sie gewu�t, da� dort das Dorf lag?</p><p>�Danke�, murmelte er leise. �Ich wei� nicht, wie du gehei�en hast oder woher du gekommen sein magst, aber du wirst f�r immer in meinen Gebeten sein.�</p><p>Schnell zogen von Westen her dunkle Wolken auf. Es w�rde einen Sturm geben. Er mu�te sich beeilen, wenn er noch rechtzeitig das Dorf erreichen wollte. Im Freien w�rde er das Unwetter nicht �berleben!</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Golo war verzweifelt. Bevor Volker in die Berge gegangen war, hatte der Spielmann ihm das Kommando �ber die Armee �bertragen. Warum zum Henker hatte er das nur getan? Golo hatte protestiert. Es war nicht seine Sache, M�nner anzuf�hren. Er wollte sie lieber erst gar nicht kennenlernen. Wenn der Krieg gegen Ricchar erst einmal begann, w�rden ohnehin die meisten der Freiwilligen sterben. Sicher waren sie mutig, doch um eine diszipliniertere Armee zu schlagen, brauchte man mehr als nur Mut.</p><p>An dem Tag, an dem Volker gegangen war, hatte ihre Armee tausenddreihundertf�nfzehn Mann gez�hlt. Auf Befehl des Spielmanns waren sie in Trupps von jeweils zwanzig eingeteilt worden. Doch t�glich kamen neue Freiwillige hinzu, und es mu�ten neue Einheiten aufgestellt werden.</p><p>Golo ging unruhig auf der Mauer der Stadt auf und ab und beobachtete dabei die M�nner bei ihren Waffen�bungen. Die Ritter, die Volker begleitet hatten, waren jeweils als Anf�hrer einer Hundertschaft eingeteilt. Sie hatten versucht, die Rebellen nach Waffengattungen zu organisieren. Aber das war so gut wie unm�glich. Kaum einer besa� einen Schild, und wenn man alle ihre Krieger zusammennahm, dann w�rden sie nicht einmal zweihundert Schwerter aufbieten. Daf�r gab es aufgerichtete Sicheln, Forken und Heugabeln, Bergarbeiter, die ihre Spitzhacken mitgebracht hatten, und Waldbauern mit �xten. Abgesehen von den Rittern und Waffenknechten, hatte ihre Armee fast keine Reiter mehr, nachdem Marcellinus mit seinen Strauchdieben davongelaufen war. Auch Bogensch�tzen hatten sie viel zu wenige. Sie brauchten den Eber und seine M�nner!</p><p>Golo seufzte. Ihre Hoffnung war, da� ihnen wenigstens noch bis zum Fr�hling Zeit blieb, aus diesem Haufen so etwas wie eine Armee zu machen. Sie sa�en in einer Stadt voller Schmiede und hatten etliche Wagenladungen Erz zur Verf�gung. Mit jedem Tag w�rde die Ausr�stung ihrer Armee besser werden. Volker hatte befohlen, vor allem Schildbuckel zu schmieden. Bis zum Fr�hjahr w�rden sie nicht einmal f�r alle Unterf�hrer ihrer Armee Kettenhemden fertigen k�nnen, Schilde hingegen waren leichter herzustellen. Selbst wenn die Bauern nicht lernten, wie man mit ihnen im Nahkampf umging, so w�rden die Schilde ihnen zumindest Schutz vor dem Pfeilhagel gew�hren, mit dem die Franken �blicherweise die Schlacht er�ffneten.</p><p>Golo beobachtete einen jungen rothaarigen Bauern, der mit einem der Waffenknechte Speerkampf�bungen durchf�hrte. Die �brigen M�nner der Einheit hatten sich im Halbkreis um die zwei aufgestellt und sahen ihnen zu. Mit nur zwei Finten brachte der Soldat den Bauern in eine ung�nstige Stellung und stie� dem Rothaarigen dann die stumpfe Spitze des Holzspeers in den Leib. Noch zweimal wiederholte er das Spiel, ohne da� der Bauer auch nur ein einziges Mal Gelegenheit zu einem Gegenangriff hatte.</p><p>Golo seufzte. Das waren L�mmer, die sie zur Schlachtbank f�hrten. Wenn sie mit dieser Armee gegen Ricchar bestehen wollten, dann brauchten sie wahrlich die Hilfe eines Erzengels. Unten vor der Stadtmauer begann der Waffenknecht eine neue �bungsrunde mit dem Rothaarigen. Wieder f�hrte er einen Stich gegen den Leib des Mannes. Diesmal lie� der Bauer seinen Speer fallen. Geschickt griff er nach dem Schaft der Waffe des Soldaten und ri� den Krieger mit einem Ruck auf sich zu, um ihm dann einen Kinnhaken zu versetzen. Die M�nner im Halbkreis lachten. Taumelnd kam der Ausbilder wieder auf die Beine. Noch immer hielt er den �bungsspeer in H�nden. V�llig �berraschend versetzte er dem Bauern einen Sto�, der diesen wie vom Blitz gef�llt in den Schnee st�rzen lie�.</p><p>Golo bi� sich auf die Lippen. Das Lachen unten war verstummt. Der Soldat wandte sich seinen Leuten zu und erkl�rte irgend etwas. Mit versteinerten Gesichtern h�rten ihm die M�nner zu. Zwei k�mmerten sich um den Bewu�tlosen. Golo konnte sich denken, was der Ausbilder jetzt sagte. Der Rothaarige hatte ihn zwar zu Boden geschlagen, aber die Gelegenheit dann nicht genutzt, ihm mit dem Holzspeer oder auf eine beliebige andere Art den Todessto� zu versetzen. In einer Schlacht w�re das ein verh�ngnisvoller Fehler. Aber das h�tte er den Bauern auch auf andere Art klarmachen k�nnen. Von jetzt an w�rde diese Gruppe ihren Ausbilder hassen. Er sollte den Mann gegen einen anderen austauschen. Es war nicht gut, wenn Krieger, die in die Schlacht zogen, heimlich daf�r beteten, da� die Feinde ihren Anf�hrer umbrachten. Golo fluchte. Er w�nschte, er w�re mit Volker in den Bergen!</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>14. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Als Volker erwachte, war er in einer Kammer, die einzig vom matten Schein einiger gl�hender Scheite im Kamin erleuchtet wurde. Er ruhte auf einem Lager aus Fellen. Neben seinem Bett kauerte eine alte Frau, die eingeschlafen war. Ihr Gesicht war von Falten durchzogen. Wangen und Lippen waren eingefallen, so als habe sie keine Z�hne mehr. Sie mochte vielleicht vierzig Jahre sein, vielleicht war sie auch j�nger. Das Leben in den Bergen und unter den R�ubern hatte sie ausgezehrt. Die wenigen grauen Str�hnen in ihren langen, dunklen Haaren verrieten, da� sie noch nicht allzu alt sein konnte. Noch konnte man ahnen, da� ihr Gesicht einmal fein geschnitten und h�bsch gewesen war.</p><p>Volker erinnerte sich nicht, wie er hierhergekommen war. Auf dem Weg zum Dorf des Ebers war ein Schneesturm aufgezogen. Er wu�te noch, da� er das Tor erreicht hatte und mit dem Knauf seines Dolches dagegengeh�mmert hatte. Doch es war niemand auf Wachtposten gewesen, und seine Rufe waren im Heulen des Sturmes untergegangen. Schlie�lich mu�te er v�llig entkr�ftet vor dem Tor zusammengebrochen sein. Wie lange er dort wohl gelegen hatte? Oder war er am Ende gar nicht in dem Dorf?</p><p>Und was hatte die K�lte ihm angetan? Vorsichtig streckte er die Glieder. Er f�hlte keine Schmerzen. Nur unendlich m�de war er. Und doch... Er dachte an Geschichten von M�nnern, denen die eisige Winterk�lte Finger oder Zehen fortgefressen hatte. Angeblich f�hlte man nicht einmal etwas dabei, und man konnte die Glieder abbrechen, als seien sie aus Glas.</p><p>Unbehaglich blickte Volker auf den Fellmantel, der �ber ihn gebreitet war. Er konnte seine H�nde nicht sehen. Ob er einen seiner Finger verloren hatte. Oder vielleicht sogar mehrere. Er versuchte, sich auf seine H�nde zu konzentrieren und die Finger einzeln zu bewegen, doch es mochte ihm nicht gelingen. Ein eisiger Schauer kroch ihm den R�cken hinab. Seine H�nde waren bandagiert! Selbst wenn er nur die Kuppe eines Fingers verloren h�tte, w�rde er nie wieder die Laute schlagen k�nnen. Wom�glich k�nnte er auch kein Schwert mehr f�hren. Vorsichtig schob er den Fellmantel mit den F��en zur�ck. Sie waren nicht verbunden. Seinen Zehen schien also nichts geschehen zu sein.</p><p>Als er die Decke so weit zur�ckgestreift hatte, da� sie nur noch wenige Zoll oberhalb der Handgelenke lag, hielt er inne. Wollte er es wirklich wissen? Er dachte an die wunderbaren Abende am Hof zu Worms, an denen er den K�nig und sein Gefolge mit Lautenspiel unterhalten hatte. Die Edeldamen, Dirnen oder M�gde, die an seinen Lippen gehangen hatten, wenn er zum Klang der Laute von der Liebe sang. War all dies nun f�r immer vorbei? Wie w�rde seine Zukunft aussehen? Er war ein Ritter, doch bei Hofe nannte ihn jeder nur den Spielmann. W�rde man ihn bald schon hinter vorgehaltener Hand den Kr�ppel nennen? W�rden die Frauen, deren Herzen er einst entflammt hatte, voller Mitleid auf seine verst�mmelten Finger starren?</p><p>Mit einem Ruck zog er die H�nde unter dem Pelz hervor. Sie waren dick mit Leinenstreifen umwickelt. Dunkle Flecken malten sich im hellen Stoff ab. Volker hielt seine Rechte ganz dicht vor sein Gesicht, um in dem schwachen Licht besser sehen zu k�nnen. Der Verband roch nach ranzigem Fett und nach Kr�utern.</p><p>Der Ritter versuchte die Finger zu kr�mmen, doch das Leinen war so stramm gewickelt, da� es ihm kaum gelingen wollte. Er fluchte leise. Diese Stoffetzen mu�ten weg! Er wollte seine Finger sehen. Er mu�te sicher sein, da� mit ihnen alles in Ordnung war!</p><p>Mit den bandagierten H�nden konnte er den Verband nicht l�sen. Also f�hrte er die Rechte an seine Lippen und zerrte mit den Z�hnen an den Leinenstreifen.</p><p>�Was tut Ihr, Herr?� Die Frau neben der Bettstatt hatte sich erhoben. �Ihr m��t den Verband in Ruhe lassen.�</p><p>�Was ist mit meinen Fingern!� herrschte Volker das Weib an. �Sag es mir auf der Stelle, und versuche nicht, mich zu bel�gen.�</p><p>�Sie sind... Der Bi� des Winters hat Euch Wunden geschlagen. An den H�nden war es am schlimmsten. Kudrun hat sich darum gek�mmert. Sie ist bewandert im Umgang mit Salben, Herr. Aber sie hat gesagt, da� der Verband erst nach drei Tagen abgenommen werden darf.�</p><p>�Warum? Wie haben meine H�nde ausgesehen? Mu� ich um meine Finger f�rchten?�</p><p>�An den Spitzen einiger Finger hatte sich die Haut dunkel verf�rbt, Auserw�hlter. Aber Kudrun hat gesagt, da� die Engel Euch besch�tzen. Sie war erst vor einer Stunde hier, um an den Verb�nden zu riechen. Sie meinte, da� alles gut sei.�</p><p>Volker hob die Rechte unter die Nase. Er fand nicht, da� der Verband gut roch. Hatte das Kr�uterweib etwa Angst, da� seine Finger brandig wurden und abfaulten. Er schluckte.</p><p>�Wo ist diese Kudrun? Ich will sie sehen!�</p><p>�F�hlt Ihr Euch denn stark genug, um Euch zu erheben, Auserw�hlter?�</p><p>�Wenn du meinst, da� sie nicht zu mir kommen kann, sondern ich mich zu ihr begeben mu�, dann ja. Ja, ich glaube ich kann laufen. Wie lange bin ich eigentlich schon hier?�</p><p>�Zwei Tage, Herr. Ihr habt die ganze Zeit geschlafen. Jetzt solltet Ihr erst einmal essen, und dann werde ich Euch zum Eber bringen. Er hat befohlen, da� Ihr sofort zu ihm kommen sollt, sobald Ihr wieder bei Kr�ften seid.�</p><p>�Ich will zuerst zu Kudrun, Weib. Sie soll mir sagen, wie es um mich steht.�</p><p>�Aber der Eber hat befohlen...� Die Stimme der Frau zitterte. Obwohl er nicht sehr laut sprach, hatte der Tonfall seiner Worte sie zusammenzucken lassen. �Kudrun wird auch in der Festhalle sein. Wenn ich Euch dorthin bringe, werdet Ihr auch sie sprechen k�nnen, Herr. Alle sind dort, um der Bardin zu lauschen.�</p><p>�Der Bardin!� Mit einem Ruck richtete sich Volker auf dem Lager auf. �Sie ist hier? Wann ist sie gekommen?�</p><p>Die Alte wagte es nicht, ihm in die Augen zu sehen. Seine heftige Reaktion schien sie vollends eingesch�chtert zu haben. �Sie kam vor drei Tagen, Auserw�hlter. Sie war es auch, die Euch vor dem Tor gefunden hat. Gestern hat sie die ganze Nacht an Eurem Lager gewacht. Erst als sie sah, da� es Euch wieder besser ging, hat sie eingewilligt, in der Festhalle zu singen.�</p><p>Woher wu�te Belliesa, da� er hierher unterwegs war? War es ein Zufall, da� sich ihre Wege wieder gekreuzt hatten? Volker dachte an die Tote drau�en im Schnee, die der S�ngerin so �hnlich gesehen hatte. Sie hatte mit der Stimme der Bardin gesprochen. Und die roten Federn. Hatte der Feuervogel die zu Tode ersch�pfte Frau den H�gel hinaufgef�hrt? Volker wu�te, da� er das Dorf des Ebers nicht mehr rechtzeitig vor dem Sturm gefunden h�tte, wenn er nicht der Spur im Schnee gefolgt w�re. Dann l�ge auch er jetzt irgendwo dort drau�en unter einer kalten Decke begraben.</p><p>Sein Magen knurrte. Er hatte das Gef�hl, er k�nnte einen halben Ochsen verspeisen. Neben der Glut stand ein eherner Topf in der Feuerstelle. Ob es wohl etwas zu essen gab? Er sollte freundlicher zu dem Weib sein.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Auf die Alte gest�tzt, trat Volker in die gro�e Halle. Erst hatte er alleine gehen wollen, denn schlie�lich waren ja nur seine H�nde verletzt, doch nach kaum zwanzig Schritt war er froh, da� die Frau an seiner Seite ging. Ihm wurde schwindelig, die H�user ringsherum begannen einen wilden Tanz, und h�tte ihm die Alte nicht st�tzend unter die Arme gegriffen, dann w�re er gest�rzt.</p><p>Hinter der kleinen T�r, die ins Festhaus f�hrte, waren schwere Felle aufgeh�ngt, um die K�lte des Winters drau�en zu halten. Den gestampften Lehmboden hatte man mit einer dicken Schicht aus Stroh bedeckt, dem noch immer der Duft der Erntezeit anhaftete. Es roch aber auch nach Bier und altem Schwei�. Wie Nebel stieg Rauch von der langen Feuergrube in der Mitte der Halle auf und zog unter den geschw�rzten Dachbalken bis hin zu der kleinen �ffnung, die als Abzug im Giebel ausgespart geblieben war.</p><p>Der Festsaal war gedr�ngt voller Leute. Es mochten fast hundert sein. Dennoch herrschte Totenstille. Alle lauschten gebannt der Stimme der zierlichen S�ngerin, die auf einem der Tische stand und von Helden aus alter Zeit erz�hlte. Geschickt begleitete sie die Verse mit Lautenspiel.</p><p>Die Alte an Volkers Seite sorgte daf�r, da� ein paar Frauen auf einer der B�nke zusammenr�ckten, die an der Wand nahe der T�r standen. Dankbar lie� der Spielmann sich nieder. Seine schmerzenden H�nde hatte er vergessen und auch, da� er gekommen war, um nach der Heilerin zu suchen. Wie alle anderen, so hatte die Bardin auch ihn in ihren Bann geschlagen.</p><p>Fast unmerklich ver�nderte sich der Klang ihrer Melodie. Sie redete jetzt von Blut und Tod und den Schrecken der Verdammnis. Trotz der stickigen Hitze begannen die Menschen zu zittern. Belliesa sprach vom B�sen und dem Wirken des B�sen. �Es ist wie eine Flut. Zun�chst bemerkt man es kaum, wenn das Wasser in dem kleinen Bach, an dem man lebt, zu steigen beginnt. Dann pl�tzlich, �ber Nacht, wird der Bach zu einem rei�enden Strom. Eure H�user, die ihr f�r sicher gehalten habt, sind �berflutet. Die Schwachen, die sich gegen den Flu� stemmen, werden einfach von ihm fortgerissen. Nur die Starken verm�gen ihm zu widerstehen, doch wenn das Wasser geht, erwartet sie noch eine zweite Pr�fung. Das Land, das sie einst kannten, scheint pl�tzlich trostlos. Wiesen, Stra�en und �cker sind unter einer dicken Schicht aus schwarzem Schlamm begraben. Selbst gro�e B�ume sind entwurzelt, die Ernte verdorben. Die Landschaft ist zum Spiegel jener Seelen geworden, die sich dem B�sen ergeben haben. Nur die Allertapfersten verm�gen der Hoffnungslosigkeit, die der Flut folgt, zu begegnen. Nur jene M�nner und Frauen, die eine Vision haben, werden bleiben. Jene, die sich inmitten der schlammigen Ein�de wieder ein bl�hendes Land vorstellen k�nnen.�</p><p>Belliesa machte eine kurze Pause und blickte pr�fend in die Runde. Dann wiederholte sie leise und mit eindringlicher Stimme. �Nur die Allertapfersten werden bleiben.�</p><p>�Noch vor wenigen Wochen sah es so aus, als w�rde euch der Winter in diesem Jahr das Fleisch von den Knochen fressen. Die M�nner waren nicht so erfolgreich wie in fr�heren Jahren, als sie zur Jagd hinauszogen, und auch die Acker in den H�geln ringsherum hatten nur eine magere Ernte erbracht. Die Vorratsh�user des Dorfes waren nicht einmal zur H�lfte gef�llt, und jeder wu�te, da� noch lange vor den ersten warmen Fr�hlingstagen der Tod zu Gast sein w�rde in diesem Dorf. Kalte Verzweiflung kroch in eure Herzen, noch bevor der erste Wintersturm an den h�lzernen L�den eurer H�tten r�ttelte.</p><p>Doch dann brachte der Eber einen Fremden mit goldenem Haar hierher. Es gefiel dem Krieger bei euch. Er legte seine R�stung ab und trug schon bald die Kleider der M�nner aus den Bergen. Als er eure Verzweiflung erkannte, fa�te er einen Plan, vor dem selbst die mutigsten Ritter zur�ckgeschreckt w�ren. Mit nur drei�ig Mann wollte er die reiche Stadt hinter den Bergen erobern, um dort aus den �bervollen Lagerh�usern der fr�nkischen Tyrannen genug Korn zu holen, um das Dorf �ber den Winter zu bringen.�</p><p>Fasziniert verfolgte Volker, wie die Bardin die Geschichte vom �berfall auf Castra Corona zu einem wahren Heldenepos verdrehte. Es war das erste Mal, da� er Zeuge wurde, wie sie ihn als den Auserw�hlten beschrieb, und er begann zu begreifen, was jene in ihm sahen, die nur Belliesas Lieder kannten.</p><p>�... ganz allein trat der Eber unter das Portal des Hauses, in dem er den Tyrannen besiegt hatte, und forderte dessen Knechte, die sich in schimmernder Wehr auf dem Hof versammelt hatten, zum Kampfe. Er sah, da� der Auserw�hlte in t�dlicher Gefahr war, da� sie das Tor besetzen und ihn t�ten w�rden. Doch der Eber lachte der Gefahr nur ins Gesicht. Und er st�rzte sich ins Gefecht, um sein Leben zu schenken, damit der Auserw�hlte entkommen konnte. Doch als das Tor endlich offen war und der Fluchtweg frei, kehrte der Ritter um, um an der Seite seines Freundes zu streiten.�</p><p>Volker starrte auf das schmutzige Stroh zu seinen F��en. Zu gut erinnerte er sich an sein Z�gern. Daran, wie er ernsthaft erwogen hatte, den Eber im Stich zu lassen. Der R�uberf�rst hatte den Statthalter schlie�lich nicht im Zweikampf besiegt, so wie die Bardin es in ihrem Lied schilderte, sondern ihn einfach ermordet. Und der junge Wachsoldat, den er am Boden liegend gemeuchelt hatte, wurde auch mit keinem Wort erw�hnt.</p><p>�So fochten sie R�cken an R�cken und trotz all ihres Mutes w�ren sie verloren gewesen, w�ret nicht ihr gekommen, um sie zu retten. Die M�nner des Waldes!� Belliesa drehte sich um und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf Volker.</p><p>�Und dort ist er, der Auserw�hlte... Er hat das Krankenlager verlassen, um wieder an eurer Seite zu sein und mit seinem Freund, dem Eber, aus einem Methorn zu trinken und mit ihm zusammen zu neuen Taten aufzubrechen, um den Tyrannen Ricchar auf immer aus den Bergen zu vertreiben, damit kein freier Mann sich mehr unter der Knute der Franken beugen mu� und ihr nicht mehr k�mpfen m��t, um das Korn, das auf euren Feldern gewachsen ist, aus den Vorratsh�usern der Besatzer zu holen! In dieser Nacht soll gefeiert werden, doch verge�t nicht jene, die der Graf aus den St�dten am gro�en Flu� vertrieben hat, weil sie an eure Sache glaubten.�</p><p>Volker horchte auf. Wovon sprach Belliesa? War das wieder eine ihrer L�gen? Lauter Jubel brandete durch die Halle, als die Bardin vom Tisch steigen wollte. Der Spielmann sp�rte, wie der Lehmboden unter seinen F��en vibrierte, als die M�nner und Frauen johlend mit den F��en stampften. Die Krieger hatten die Bardin auf ihre Schultern gehoben.</p><p>Auch Volker packten sie nun und trugen ihn durch die Halle bis hin zum Eber, der ihm die Hand reichte. Der R�uber wirkte ver�ndert. Die Grausamkeit und H�rte schien aus seinen Z�gen gewichen. Er l�chelte.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Als Volker erwachte, schmerzte sein Kopf vom vielen Met, den er am Abend zuvor getrunken hatte. Er setzte sich auf und sah sich blinzelnd um. Irgend jemand hatte ihn in die H�tte der alten Frau zur�ckgebracht. Er konnte sich an nichts mehr erinnern.</p><p>�Gut, da� du endlich wach wirst. Ich hatte schon �berlegt, ob ich eine Handvoll Schnee holen sollte, um dich aus deinen Tr�umen zu rei�en, Ritter!�</p><p>Volker war jetzt hellwach. Deutlich erkannte er im Zwielicht die Gestalt des Ebers. Der Gesetzlose stand �ber sein Lager gebeugt und blickte zu ihm herab.</p><p>�Was willst du von mir? Bist du gekommen, um mich an Stelle der Alten mit Suppe zu f�ttern? Stimmt etwas nicht?�</p><p>�Ja...�</p><p>�Und?�</p><p>�Es ist wegen der letzten Nacht.� Der R�uber schien mit jedem Wort zu ringen, das er �ber die Lippen brachte. �Wir beide wissen, da� sie gelogen hat... Da� es anders war...�</p><p>Volker seufzte. �Worauf willst du hinaus?� Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, da� der Eber wegen einer L�ge ein schlechtes Gewissen hatte.</p><p>�Erinnerst du dich an Belliesas Worte �ber das Land, das unter dem Schlamm des Flusses begraben liegt. Es ist schwarz und verdorben, doch weil sich die, die zur�ckgeblieben sind, vorstellen k�nnen, da� es einst wieder bl�hende Wiesen und Felder geben wird, wird es eines Tages auch wieder anders sein...�</p><p>Volker nickte. Er hielt das Bild, das die Bardin gepr�gt hatte, nicht f�r so eindrucksvoll wie der R�uber. Aber vielleicht war das nur so, weil er an den Ufern des gro�en Flusses aufgewachsen war und genau wu�te, da� man nach dem Hochwasser im Fr�hjahr nicht viel tun mu�te. Im Gegenteil. Es brachte fruchtbaren Boden, und die Felder begannen ganz von alleine wieder zu bl�hen...</p><p>�Ich wei�, da� ich nicht der Held bin, von dem sie gestern gesungen hat. Ich bin auch kein Narr. Ich wei� genau, da� sie mich letzte Nacht auch als einen M�rder und ein Ungeheuer h�tte darstellen k�nnen... Wenn sie es gewollt h�tte, w�ren meine M�nner gekommen, um mir meine Eingeweide herauszurei�en, statt mich auf ihren Schultern zu tragen, so wie sie es getan haben.� Der Eber rieb sich sein vernarbtes Kinn. Einige Herzschl�ge lang herrschte Schweigen zwischen den beiden.</p><p>�Ich wei�, da� ich an deiner Seite ein Held sein k�nnte... Auserw�hlter. Gestern abend von meinen M�nnern gefeiert zu werden, das war besser als eine Nacht bei einer Hure, die sich wirklich auf ihr Gesch�ft versteht und mich vergessen l��t, wie ich aussehe und was ich bin.�</p><p>Der Eber lie� sich auf den grob gezimmerten Stuhl neben dem Lager aus Fellen nieder. Doch es war mehr als nur ein Sichsetzen, er schien regelrecht in sich zusammenzusinken. �Der Mord an dem Statthalter... Ich habe es wegen der Dinge getan, die er mir gesagt hatte. Ich kenne diesen Blick, von dem er gesprochen hat, sehr gut. Die Angst und den Ekel. Gestern, das war so anders... Es hat mir gut getan. Doch jetzt ist das Gef�hl wieder fort. Statt dessen bin ich traurig und... Nein, es ist auch keine richtige Trauer. Es ist... Wei�t du, was ich meine?�</p><p>Der Spielmann nickte. Er war sich zwar nicht ganz sicher, ob er den R�uber verstand, doch schien es ihm kl�ger, den Eber jetzt nicht zu unterbrechen.</p><p>�Belliesas Geschichte war eine L�ge. Du wei�t genau, da� ich nur deshalb nach Castra Corona gegangen bin, weil ich Angst hatte, da� meine M�nner gegen mich rebelliert h�tten, wenn am Ende des Winters die Vorratsspeicher leer gewesen w�ren. Und trotzdem hat mich ihre Geschichte ber�hrt... weil es die Wahrheit h�tte sein sollen. Ich habe mich nie darum geschert, ob ich geliebt wurde. Aber heute abend haben sie mich gefeiert, sie haben mich hochgehoben. Und das, Ritter, war der sch�nste Augenblick in meinem Leben.�</p><p>�Wie war das, als du die Krieger angegriffen hast, um mich zu retten. Hattest du Angst?�</p><p>�Ja.� Der Eber nickte.</p><p>�Und dennoch hast du es getan, ohne dar�ber nachzudenken, ob du get�tet werden k�nntest.�</p><p>�Wei�t du, ich habe nur noch die Franken gesehen. Dich konnte ich im Dunklen nicht erkennen. Ich habe auch nicht mehr an dich gedacht. Mein Weg war versperrt, und ich wollte nur noch so viele Feinde wie m�glich mit ins Grab nehmen. Das war alles. Das ist meine Heldengeschichte...�</p><p>Wieder herrschte Schweigen zwischen den beiden, bis schlie�lich Volker fragte: �Und wenn du am Tor gestanden h�ttest und ich in der Falle gewesen w�re, h�ttest du mir geholfen?�</p><p>�H�ltst du mich f�r verr�ckt?� Der Eber grinste, dann wurde er pl�tzlich ernst. �Du wirst Gelegenheit haben zu sehen, ob ich mich �ndern kann oder ob mich diese dummen Geschichten der Bardin nur in seltsame Stimmungen gest�rzt haben. Ricchar hat all diejenigen aus den St�dten, die noch unter seiner Herrschaft stehen, vertreiben lassen, die nicht �ffentlich dem Christentum abschw�ren wollten oder denen seine M�nner unterstellten, da� sie insgeheim auf Seiten der Rebellen stehen. Der F�rst hat Angst vor dir, Ritter. Ich m�chte, da� er auch Angst vor mir hat. Als erstes werden wir in die Berge gehen und sehen, wer von den Fl�chtlingen noch lebt... Wir bringen sie nach hier oder in die St�dte. Nat�rlich will Ricchar unsere Vorr�te ersch�pfen, indem er all diese unn�tzen Esser zu uns schickt...�</p><p>Volker wollte protestieren. Er f�hlte sich noch zu schwach, um wieder in die Berge zu gehen, aber der R�uber lie� ihn nicht zu Wort kommen.</p><p>�Und was uns beide angeht... Du bist wohl kaum gekommen, weil du Sehnsucht nach meiner reizenden Gesellschaft hattest. Du brauchst Krieger, nicht wahr? Du wirst mich und meine M�nner bekommen. Ich werde immer an deiner Seite stehen. In jedem Heldenlied, das man �ber dich singt, Ritter, wird von nun an auch der Eber vorkommen... Aber ich warne dich. Wenn das alles schiefgeht, werde ich dir eigenh�ndig den Sch�del einschlagen. Ich habe nicht vor zu verrecken... Ist das klar?�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>15. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>�Du wirst hierbleiben! Erhole dich von deinen Frostbeulen. Auf dem Marsch w�rdest du uns nur aufhalten.�</p><p>�Du brauchst mich, damit ich euch den Weg zeigen kann�, protestierte Volker. �Ich glaube nicht, da� ich dich als F�hrer brauche, um mich in den Bergen zurechtzufinden, in denen ich mein ganzes Leben verbracht habe. Die H�hle, von der du erz�hlt hast, liegt nicht weit von der alten R�merstra�e. Die meisten Fl�chtlinge werden wir entlang der Stra�e finden. Sie ist der k�rzeste Weg von den Flu�st�dten nach Treveris. Ich denke auch, da� Ricchar sie mit Absicht in diese Richtung hat treiben lassen. So m�ssen sie uns geradezu in die Arme laufen. Wom�glich hat er sogar gleich ein paar Spitzel und Meuchelm�rder mit ihnen geschickt. Er wird sich denken k�nnen, da� du ihnen zu Hilfe kommst. Schlie�lich handelst du doch im Auftrag eines Erzengels und...�</p><p>�Genug!� zischte die Bardin.</p><p>Der Eber und Belliesa, die ebenfalls zu der Suchtruppe geh�ren sollte, tauschten einen langen Blick. �Ich werde mich um Volker k�mmern.� Die Bardin musterte den Spielmann absch�tzend. �ber ihrem schwarzen Kaputzenumhang trug sie einen �berwurf aus ge�lten Schafsfellen. Auch um die Beine hatte sie Felle gewickelt, und ihre F��e steckten in wollgef�tterten Wanderstiefeln. Die zierlichen Finger waren unter dicken F�ustlingen verborgen, und ein rauher Schal verdeckte Lippen und Nase, so da� ihre Stimme ged�mpft klang. �Er sollte dabei sein. Er ist der Auserw�hlte. Die Leute erwarten von ihm, da� er an der Rettung teilnimmt.�</p><p>Der Eber zog die Nase hoch und spuckte in den Schnee. �Auserw�hlter! So ein Unsinn. Jeder Schritt, um den du unseren Marsch verlangsamst, k�nnte weitere Tote auf der R�merstra�e bedeuten.�</p><p>�Du wirst nicht so schnell gehen k�nnen, da� ich dir nicht zu folgen vermag. Wenn dir die Zeit so kostbar ist, dann la� uns nicht l�nger reden, sondern aufbrechen.� Am Morgen hatte der Barde von der Heilerin die Verb�nde gewechselt bekommen. Dabei konnte er seine H�nde betrachten. Alle Fingerkuppen waren von Schorf bedeckt gewesen, und wie ein Jagdhund hatte die Alte an jedem seiner Finger geschnuppert. Kein einziger war brandig geworden! Es w�rde ein oder zwei Wochen dauern, bis die Wunden verheilt waren, doch es w�rden nicht einmal Narben zur�ckbleiben.</p><p>Die neuen Verb�nde hatte die Heilerin so straff gewickelt, da� Volker nicht einen Finger zu kr�mmen vermochte. So sollte vermieden werden, da� der Schorf wieder aufplatzte und die Wunden doch noch zu schw�ren begannen. Die Gewi�heit, da� von den Erfrierungen kein dauerhafter Schaden zur�ckbleiben w�rde, hatte ihm neue Kraft gegeben. Er f�hlte sich stark genug, wieder der K�lte zu trotzen, und er hatte der Heilerin einen Zaubertrank abgeschwatzt, der jeden den Winter vergessen lassen konnte. L�chelnd tastete er nach dem ledernen Wasserschlauch, der �ber seine Schulter hing. Er war randvoll mit Branntwein! Ein einziger Schluck davon vermochte selbst Tote wieder ins Leben zur�ckzurufen. Und er hatte schon mehr als nur einen Schluck genommen. Es gab nichts Besseres gegen die K�lte!</p><p>Der Eber �bernahm die F�hrung des Rettungstrupps. Mehr als zwanzig Mann hatten sich eingefunden, um in den Bergen nach Fl�chtlingen zu suchen. Mit einem langen Eschenstab ertastete sich der Anf�hrer der Gesetzlosen den Weg. Der Pfad zum Dorf hinauf war v�llig unter der Schneedecke verschwunden. Immer wieder gab es Verwehungen, in denen die M�nner bis zu den H�ften einsanken.</p><p>Eine halbe Stunde nachdem sie das Dorf verlassen hatten, begann es wieder zu schneien. Erst waren es nur einzelne Flocken, doch dann frischte der Wind auf und brachte m�chtige Wolkengebirge von Westen heran. Bald fiel der Schnee so dicht, da� man keine f�nfzig Schritt weit sehen konnte. Eisige B�en trieben die Schneeflocken vor sich her, so da� sie wie Nadeln in Volkers Gesicht stachen. Auch der Spielmann hatte sich einen Schal �ber Nase und Mund gezogen. Pochende Schmerzen in den Fingerspitzen machten ihm zu schaffen.</p><p>Noch immer ging der Eber an der Spitze der M�nner. Wie ein m�chtiger Platzhirsch pfl�gte er eine Bahn in den kniehohen Schnee. Alle anderen folgten in seiner Spur. Volker ging fast am Ende der Kolonne. Hinter ihm war nur noch Belliesa. Niemand sprach. Der verbissene Kampf mit dem Schnee forderte all ihre Kr�fte.</p><p>Der Spielmann war sich sicher, da� Belliesa nur deshalb hinter ihm ging, weil sie Angst hatte, er k�nne zur�ckfallen. Was er f�r sie wohl bedeutete? Brauchte sie ihn nur, um ihren Krieg gegen Ricchar f�hren zu k�nnen, oder war da noch mehr? Er drehte sich um. Das Gesicht der Bardin war rot vor K�lte. In ihren Augenbrauen und einer Haarstr�hne, die unter ihrer Kapuze hervorlugte, hatte sich Eis gebildet.</p><p>�Warum wolltest du unbedingt mitkommen?� Ihre Stimme war durch das Heulen des Windes kaum zu h�ren.</p><p>�Ich hatte mich in den Bergen verirrt und w�re sicherlich gestorben, wenn mir nicht eine Erscheinung den Weg gewiesen h�tte. Es war eine Frau. Sie sah fast aus wie du, und sie sagte mir, sie w�rde mir meine Toten zeigen. Kurz darauf fand ich die Leichen von Fl�chtlingen im Schnee. Ich wu�te, da� sie hatten sterben m�ssen, weil ich Ricchar herausgefordert habe. Nur deshalb waren sie aus ihren H�usern vertrieben worden... Ich mu�te zur�ckkommen, um so viele zu retten, wie wir finden k�nnen. Au�erdem mu�te ich auch deshalb mitkommen, weil ich dem Eber nicht traue.�</p><p>�Zu Recht! Er hat sich ver�ndert, seitdem ich in der Halle gesungen habe, aber er erscheint mir noch immer wie ein Wolf im Schafsfell. Dir ist klar, da� die Fl�chtlinge all ihre Wertsachen mit sich genommen haben werden, um sie zu Geld zu machen, sobald sie in Treveris oder anderswo ein neues Leben anfangen. Leichte Beute f�r den Eber und seine M�nner! Bisher haben sie davon gelebt, solche Reisenden auszunehmen, ohne dabei gro� Federlesens zu machen. Was glaubst du, was sie jetzt tun werden?�</p><p>Volker zuckte mit den Schultern. �Ich wei� es nicht.�</p><p>Der Sturm nahm noch an Heftigkeit zu, so da� jede Unterhaltung unm�glich wurde. Stumm, die Augen auf den R�cken des Mannes vor ihm fixiert, marschierte der Spielmann weiter und versuchte, den Schmerz in seinen H�nden zu ignorieren.</p><p>Der Hinweis auf die Fl�chtlinge, den sie fanden, war ein Karren, der in einer Schneewehe feststeckte. Die M�nner des Ebers holten die Kisten und S�cke von der Ladefl�che und teilten alles untereinander, was ihnen von Wert erschien. Volker stand dabei und sah ihnen wortlos zu.</p><p>�Stell dich nicht so an, Ritter!� Der Eber schlug ihm mit der Rechten so heftig auf die Schulter, da� der Spielmann einen Schritt nach vorne taumelte. �Das nehmen wir nur mit, um die Vorr�te bezahlen zu k�nnen, die wir den �berlebenden geben werden. So konnten die Toten den Lebenden einen Dienst erweisen.� Der Gesetzlose blickte grinsend zu Belliesa. �Ist das nicht ein h�bscher Ausspruch f�r ein Heldenlied?�</p><p>�Ich f�rchte, Worte allein gen�gen nicht, um ein Held zu, sein�, entgegnete die Bardin k�hl.</p><p>Das Gesicht des Ebers wurde hart. �Ihr verurteilt mich also? Wer h�lt mich eigentlich davon ab, euch beiden den Hals durchzuschneiden und den pr�chtigsten Raubzug meines Lebens durchzuf�hren. Wenn alle Fl�chtlinge so viel Gold und Geschmeide im Gep�ck haben wie die, denen dieser Karren geh�rt hat, dann werde ich im n�chsten Fr�hjahr der reichste Mann in den Bergen sein.�</p><p>�Eine Nacht wie gestern in der Festhalle wirst du dir f�r all dies Gold nicht kaufen k�nnen.�</p><p>�Nein? Es gibt noch mehr Barden. Ihr seid nicht die einzigen in diesem Gewerbe, und ich habe mir sagen lassen, da� die meisten von ihnen k�uflich sind, und dann...�</p><p>Aus dem nahen Wald erklangen Rufe. Die M�nner des Ebers hatten die Eigent�mer des Wagens gefunden. Es waren drei M�nner und zwei Frauen. Halb vom Schnee bedeckt lagen sie neben einer verloschenen Feuerstelle.</p><p>Der Gesetzlose spuckte neben den Toten in den Schnee. �Dumm!� murmelte er leise und gab seinen Kriegern ein Zeichen, die Leichen zu durchsuchen. �Ein St�ck weiter in den Wald hinein ist eine tiefe Bodensenke. H�tten sie ihr Feuer dort gemacht, w�ren sie jetzt noch lebendig. Wie konnten sie nur glauben, da� die Flammen sie in so offenem Gel�nde w�rmen w�rden.�</p><p>Bald lie�en sie die Toten hinter sich und folgten weiter der alten R�merstra�e. Es wurde schnell dunkel. Der Sturm war abgeflaut. Einige der M�nner des Ebers hatten Fackeln entz�ndet.</p><p>Sie durchquerten ein Waldst�ck. Es war bedr�ckend still. Nur der Schnee knirschte leise unter ihren Stiefeln. Pl�tzlich geriet die Kolonne ins Stocken. Die vordersten M�nner waren wieder auf Leichen gesto�en. Die meisten Toten waren ganz unter dem Schnee begraben. Diese Fl�chtlinge hatten keine Karren und Pferde gehabt. Oder aber sie hatten sie schon fr�her auf ihrem Weg aufgeben m�ssen. Wo der Wind die Leichen teilweise freigeweht hatte, konnte man sehen, wie sich die Sterbenden zueinandergelegt hatten, um sich gegenseitig W�rme zu spenden.</p><p>Die M�nner des Ebers redeten kaum. Nur wenige wagten es, die Toten zu pl�ndern. Selbst die hartgesottenen Gesetzlosen waren von dem Anblick ersch�ttert.</p><p>Auch Volker vermied es, den Toten ins Gesicht zu sehen. Sie schienen zu l�cheln. Ihre Lippen waren bis weit �ber die Z�hne zur�ckgezogen, die Gesichter zu grotesken Grimassen erstarrt. Bisher hatte er geglaubt, die H�lle sei ein Meer aus Flammen, doch das war falsch. Sie war kalt. Das hier war die H�lle! Sie sollten zur�ck! Im Bergdorf waren sie sicher vor dem Tod. Hier drau�en lauerte nur das Verderben. Von den Fl�chtlingen lebte keiner mehr! Und wenn sie zu tief in die Berge vordrangen, dann w�rden vielleicht auch sie sterben. �ngstlich blickte der Spielmann zum dunklen Himmel. Bald w�rde der Sturm wieder beginnen. Sie mu�ten zur�ck... Das Pochen in seinen Fingern wurde immer schlimmer. Er hatte Fieber. Seine Kleider waren von Schwei� durchn��t. Bald w�rde die K�lte durch sie hindurchkriechen. Er dachte an das M�rchen vom Feuervogel... an den warmen Sommertag, an dem der M�rchenerz�hler vor der Tafel des K�nigs gestanden hatte. Eine Ewigkeit schien seitdem vergangen und... Volker blickte auf. An der Spitze der Kolonne geschah etwas. Einige der Gesetzlosen hatte sich um einen etwas gr��eren H�gel im Schnee geschart.</p><p>Der Spielmann trat neben den Eber. Ihm war schwindelig. Er st�tzte sich mit einer Hand auf die Schulter des Ebers. Gl�hende Punkte tanzten vor seinen Augen. Volker mu�te die Lider zusammenkneifen, bevor er wieder klar sehen konnte. Ein Mann und ein Frau lagen dicht neben dem Kadaver eines verendeten Pferdes.</p><p>�Was ist hier los?�</p><p>Der Eber hob einen Finger an die Lippen. �Leise. H�rst du nichts?�</p><p>Irgendwo im Wald brach ein Ast unter der Last des Schnees. Dann war es wieder still. Volker wollte schon einen Scherz �ber abergl�ubische Hinterw�ldler machen, als auch er h�rte, worauf die Gesetzlosen lauschen. Ein ersticktes Murmeln. Es war kein Tierlaut, doch klang es auch nicht menschlich.</p><p>�Was zum Teufel ist das?� keuchte der Eber.</p><p>�Du solltest den Namen des Versuchers an einem solchen Ort nicht so leichtfertig in den Mund nehmen.� Volker sp�rte einen eisigen Schauer seinen R�cken hinaufkriechen. Einige M�nner des Ebers bekreuzigten sich hastig.</p><p>�Hurenkr�tze! Ich la� mir doch von einem Ger�usch keine Angst machen!� Er trat gegen den Kadaver des Pferdes und zuckte erschrocken zur�ck. Dort, wo er hingetreten hatte, schimmerte es rot unter dem Schnee. Alles war voller gefrorenem Blut.</p><p>�Bei allen Heiligen, was ist hier geschehen?� fragte einer der R�uber. �Haben sie sich gegenseitig umgebracht?�</p><p>�Drustan! Sieh du dir das mal an!� Der Eber winkte seinen erfahrensten F�hrtensucher heran, der etwas abseits der Gruppe �ber einem Toten kauerte, dem er den Mantel ge�ffnete hatte, um nach Wertsachen zu suchen.</p><p>Drustan war ein schweigsamer, hagerer Kerl, der Volker kaum bis zur Schulter reichte. Er trug einen Umhang, der ein Flickwerk aus allerlei Pelz war. Der F�hrtensucher kniete sich neben das Pferd und wischte den Schnee zur Seite. Er tastete �ber den Kadaver. Dann zeigte er auf einen schmalen Schnitt am Hals des Pferdes. �Man hat es get�tet. Es...� Mitten im Satz erstarrte der F�hrtensucher. Wieder war das seltsame Ger�usch zu h�ren. Diesmal klang es wie ersticktes Schreien.</p><p>Hektisch begann der F�hrtensucher an dem Leichnam des Mannes zu zerren, der an das tote Pferd geschmiegt lag. �Los, helft mir, verflucht noch mal!�</p><p>Der Eber war der einzige, der auf seine Worte reagierte. Die anderen standen wie versteinert und starrten. Halb unter dem Mann begraben lag eine Frau mit langem, blondem Haar. Ihren Kleidern nach zu urteilen, mu�te sie aus einer wohlhabenden Familie stammen. Sie trug einen pelzges�umten und mit Stickereien verzierten Umhang aus schwerer Wolle.</p><p>Der Eber fluchte leise. �Verdammt, der w�re ich gerne lebendig begegnet. Die sieht aus, als h�tte man mit ihr eine Menge Spa� haben k�nnen, um sie dann anschlie�end f�r ein dickes L�segeld an ihren Vater zur�ckzugeben.�</p><p>Drustan blickte auf. Eine tiefe Falte teilte seine Stirn. Er hatte der Toten eine Hand unter den Umhang geschoben. �Wie es scheint, hast du sie nur knapp verpa�t. Sie ist noch warm. Aber ihr Herz hat aufgeh�rt zu schlagen und...� Erschrocken blickte er zu der Toten hinab.</p><p>Volker machte einen Schritt zur�ck. Der F�hrtensucher machte ein Gesicht, als habe er dem Leibhaftigen ins Antlitz gesehen. �Da bewegt sich etwas...� Der Hagere beugte sich tiefer �ber den Leichnam. Keuchend schob er die Frau zur Seite. Immer deutlicher war das erstickte Wimmern zu h�ren. Dann hielt der Mann ein Kn�uel aus Fellen und zerrissenen Decken hoch. �Es lebt!�</p><p>Zwischen den Lumpen lugte ein faltiger Kinderkopf hervor. Jetzt schlug auch Volker ein Kreuz. Das Gesicht des Kindes war so rot, als habe man seinen Kopf in kochendes Wasser getaucht. Es �ffnete den Mund, doch statt des Geschrei eines Kleinkindes kam nur ein leises Wimmern �ber seine Lippen.</p><p>Der F�hrtensucher legte es auf den Leib der toten Frau und schlug die Felle zur�ck. Der ganze Leib des Kindes war krebsrot. Es hatte kurze schwarze Haare und dunkler Flaum wuchs auf seiner Brust und an seinen Armen. Volker konnte sich nicht erinnern je zuvor in seinem Leben ein so haariges Kind gesehen zu haben. Etwas stimmte hier nicht! Warum war das schw�chste Gesch�pf von allen nicht in der K�lte zugrunde gegangen? Nach seiner Gr��e zu urteilen konnte das Kind h�chstens drei Monate alt sein.</p><p>Der F�hrtensucher griff der blonden Frau unter die Kleider und nickte dann. �Sie tr�gt Milch in den Br�sten. Sie mu� die Mutter gewesen sein. Der Kerl an ihrer Seite ist wohl ihr Besch�ler. Die beiden haben das Pferd get�tet, als der Sturm begann, und es als Windschutz genutzt. Sie m�ssen da schon sehr entkr�ftet gewesen sein. Dann haben sie das Kind zwischen sich genommen, um es mit ihren K�rpern zu sch�tzen. Die zwei sind weniger als eine Stunde tot.�</p><p>Der Spielmann musterte angeekelt die rote Haut des S�uglings. Was war das? Er dachte wieder an die H�lle. Wenn diese Winterlandschaft voller Leichen das Reich Satans war, dann konnte das einzige, was hier �berlebte, nur ein Gesch�pf der H�lle sein!</p><p>�Legt das Kind zur�ck!� stie� Volker keuchend hervor. �Es wird uns alle ins Ungl�ck rei�en. Seht nur seine Haut! Es kommt direkt aus dem Tartarus!�</p><p>Alle drehten sich zu ihm um. Einigen der M�nner konnte der Spielmann ansehen, da� sie seiner Meinung waren. In ihren Blicken lag das blanke Entsetzen.</p><p>Drustan beugte sich zu dem Kind und strich �ber dessen Brust. Dann sch�ttelte er den Kopf. �Es ist nicht verflucht. Sie haben es mir einer Salbe eingestrichen, bevor sie starben. Die Zaubersalbe zieht das Blut in die Haut und l��t einem warm werden. Ich habe selber einmal eine solche Salbe von einer Kr�uterfrau bekommen.�</p><p>�Genug geschw�tzt! Manu!� Der Eber winkte einem seiner M�nner. �Du hattest doch etwas Milch mitgenommen. Mach ein Feuer und erw�rme sie. Der kleine Kerl braucht was zu essen. Sonst stirbt er uns, noch w�hrend wir hier um ihn stehen und reden. Drustan, wickele ihn wieder in die Lumpen ein.�</p><p>Der Gesetzlose hob den kleinen Jungen hoch und musterte ihn. �Du bist der h�rteste von allen. Nichts kann dich umbringen.� Der Eber grinste. �Du bist wie ich. Ich werde dich besch�tzen.�</p><p>�Du holst das Verderben in dein Dorf, wenn du ihn mitnimmst!� ereiferte sich Volker. �La� ihn zur�ck!�</p><p>Der Anf�hrer der Gesetzlosen setzte sich auf den Kadaver des toten Pferdes und wiegte das Kind im Arm. Seine M�nner schwiegen. Keiner wagte es, sich gegen ihn zu stellen, und doch konnte Volker den R�ubern ansehen, da� auch ihnen das Kind unheimlich war.</p><p>Manu brachte dem Eber ein wenig Milch in einer flachen Sch�ssel. Er tauchte einen Finger hinein und schob ihn dann dem schwachen Kind in den Mund. �Trink! Du mu�t wieder zu Kr�ften kommen, wenn du dem Tod trotzen willst!�</p><p>Erst wimmerte der Junge leise, doch nachdem der Eber ihm den Kopf hob, konnte er in kleinen Schlucken aus der Schale trinken.</p><p>�Ich habe sie gefunden!� erklang Belliesas Stimme von weiter vorne in der Waldschneise. Die Bardin winkte ihnen aufgeregt zu. W�hrend sich fast alle M�nner des Ebers um ihren Anf�hrer geschart hatten, war sie einfach weitergegangen. ��berlebende!�</p><p>Der Gesetzlose warf Volker einen sp�ttischen Blick zu. �Er kommt also direkt aus dem Tartarus, weil er die K�lte �berlebt hat. Dann haben wir jetzt wohl ein ganzes Nest voller Teufel und D�monen aufgetan.�</p><p>Dem Spielmann war �bel. Sogar das Kind schien ihn auszulachen. Sein Gesicht war zu einer h��lichen roten Maske verzerrt. Volker begann am ganzen K�rper zu zittern. Jetzt konnte er das Pochen in seinen Fingern so deutlich wie seinen Herzschlag sp�ren. Er blickte auf seine bandagierten H�nde. Schlangen wanden sich dort, wo seine Finger h�tten sein sollen.</p><p>Das konnte nicht sein! Er bi� sich auf die Lippen. War er denn verflucht? Auch der Schmerz in der Lippe lie� die Schlangen nicht verschwinden. Waren sie vielleicht doch kein Trugbild? �ngstlich steckte er seine H�nde unter den Mantel und sah sich nach den anderen um. Das Gesicht des Ebers erschien ihm jetzt so rot wie das des Kindes, das der Gesetzlose auf dem Arm hielt. Und was war das? Unter dem Umhang des R�ubers lugte ein schuppiger Schwanz hervor.</p><p>�Vade retro, satanas.�</p><p>�Was sagst du?�</p><p>�Vade retro, satanas! Weiche von mir, Teufel!� Volker machte einen Schritt zur�ck. Auch die Gef�hrten des Ebers waren Teufel. Er konnte es jetzt deutlich sehen. Er h�tte niemals hierherkommen sollen. Sein Weg hatte ihn nicht in die Berge, sondern geradewegs in die H�lle gef�hrt.</p><p>�Was ist mit dir?�</p><p>Volker drehte sich um und begann zu laufen. Fast bis zu Knien versank er im Schnee. M�hsam k�mpfte er sich voran. Nur nicht zur�ckschauen! Wenn er sie noch einmal sehen w�rde, dann kostete ihn das den Verstand. Dessen war er sicher.</p><p>�Haltet ihn! Er ist von Sinnen!� erklang hinter ihm die Stimme des Gesetzlosen.</p><p>Der Spielmann strauchelte. Etwas Festes war im Schnee verborgen gewesen. Er st�rzte auf eine schwarze, grinsende Todesgrimasse zu. Der Leichnam streckte ihm die steifgefrorenen Arme entgegen, um ihn in der H�lle willkommen zu hei�en.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>16. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Golo konnte nicht schlafen. Er stand am Fenster seiner kleinen Kammer und blickte auf die Stadt. Er war im Haus eines reichen H�ndlers untergebracht, und die ganze Familie bem�hte sich darum, ihm all seine W�nsche von den Augen abzulesen. Es war lange her, da� er so oft hintereinander so gut gegessen hatte wie hier in Icorigium. Fr�her hatte er sich vorgestellt, da� dies alles sei, was er brauchte, um gl�cklich zu sein. Jetzt wu�te er, da� er sich geirrt hatte.</p><p>Die verschneite Stadt sah bei Nacht sehr friedlich aus. Man sah ihr nicht an, da� sie in ihren Mauern mehr als tausend Freiwillige der Rebellenarmee beherbergte. All diese Krieger machten ihm Kopfzerbrechen. Die Vorr�te gingen langsam zur Neige. Bald w�rde er das Korn in den Speichern der Stadt beschlagnahmen m�ssen. Noch ein paar Wochen, und die St�dter w�rden Ricchar freiwillig die Tore �ffnen, nur um die Rebellen wieder loszuwerden. Er mu�te etwas unternehmen, doch er wu�te nicht, was. Die Ritter, die Volker zur�ckgelassen hatte, waren keine Hilfe. Ihnen fiel nichts Besseres ein, als M�nner in die umliegenden D�rfer zu schicken, um dort das Vieh forttreiben zu lassen. So konnte es nicht weitergehen!</p><p>Golo fluchte. Wenn nur Volker endlich zur�ckk�me! Elf Tage war er nun schon verschwunden. Das Dorf des Ebers war nicht mehr als zwei Tagesm�rsche entfernt. Durch den hohen Schnee mochte es vielleicht auch vier Tage dauern, um es zu erreichen. Der Spielmann m��te l�ngst wieder zur�ck sein! H�tte er nur einen F�hrer mitgenommen! Ihm mu�te etwas passiert sein. Anders konnte Golo es sich nicht erkl�ren, da� er immer noch nichts von Volker geh�rt hatte. W�re der Barde wohlbehalten im Bergdorf angekommen und aufgehalten worden, h�tte er doch wenigstens einen Boten geschickt. Ob der Eber Volker umgebracht hatte? Nein! Es mu�te etwas anderes geschehen sein. Golo konnte sich nicht vorstellen, da� der Spielmann tot war. Verletzt vielleicht oder in Schwierigkeiten, doch tot? Nein. Volker war ein Held, und Helden starben nicht einfach so.</p><p>Andere hingegen... Er mu�te an die Sp�her denken, die er ausgeschickt hatte, um Ricchars Kriegsvorbereitungen auszukundschaften. Keiner von ihnen war zur�ckgekehrt. Was ging in den St�dten am Rhein nur vor sich? Und wie schaffte es der Graf, alle Sp�her und Spitzel abzufangen. Was wollte er um jeden Preis verbergen? Oder war es nur eine Strategie, um die Rebellen zu beunruhigen. Wenn dem so war, dann ging sein Plan auf, dachte Golo. Er war beunruhigt, und er h�tte sofort f�nf Jahre seines Lebens gegeben, wenn er nur w��te, was Ricchar gerade plante. Der junge Ritter hatte den Eindruck, da� sich die Lage der Rebellen mit jedem Tag, den sie ungenutzt verstreichen lie�en, verschlechterte. Doch was war zu tun?</p><p>Verzweifelt starrte Golo in die Finsternis. Der eisige Nachtwind bi� ihm in die Wangen. Es hatte wieder begonnen zu schneien. Nie in seinem Leben hatte er einen Winter erlebt, in dem es so viel Schnee gegeben hatte. Die Verwehungen an der Stadtmauer waren zum Teil bis zu vier Schritt hoch, und es war notwendig, etliche M�nner einzusetzen, um den Schnee zur Seite r�umen zu lassen. Die kleinen H�user in den Bergd�rfern mu�ten v�llig eingeschneit sein. Was es wohl f�r ein Gef�hl sein mochte, irgendwo dort drau�en in einer H�tte im Finsteren zu sitzen und zu wissen, da� das ganze Dach unter Schnee begraben lag?</p><p>Golo fr�stelte es. Er schlo� den h�lzernen Laden vor dem Fenster und ging zu seinem Lager zur�ck. Seine F��e schmerzten vor K�lte. Einen Moment lang blickte er auf die zerkn�llten Decken. Dann entschied er sich anders und trat zu der niedrigen T�r, die zur Kammer nebenan f�hrte. Dort hatte er Mechthild untergebracht. Er nutzte sie den Tag �ber als Bote. So wunderte sich keiner, da� der junge bartlose Waffenknecht immer an seiner Seite war, und niemand konnte ihr Geheimnis entdecken.</p><p>Die T�r zu ihrer Kammer war nur angelehnt. Vorsichtig schob er sie auf und blickte auf ihr Lager. Fast jeden Abend kam er und sah ihr beim Schlafen zu. Sie hatte ihm noch immer nicht verziehen. Kein freundliches Wort war seit dem Zwischenfall in Treveris mehr �ber ihre Lippen gekommen. Das blasse Licht der �llampe, das aus dem Zimmer nebenan in ihre Kammer fiel, reichte kaum aus, Golo die Z�ge des M�dchens erahnen zu lassen. Er lauschte auf ihr gleichm��iges Atmen. Was konnte er nur tun, um ihr Vertrauen wiederzugewinnen? Er hatte sie hierhergebracht, obwohl sie eigentlich in Treveris h�tte bleiben sollen, und sch�tzte sie vor Entdeckung, so gut dies m�glich war. Was sollte er denn noch tun? Er hatte versucht, ihr zu erkl�ren, wie er f�r sie empfand, doch sie h�rte ihm nicht einmal zu.</p><p>Der junge Ritter seufzte. Ob das am Einflu� Volkers lag? Vielleicht war es unm�glich, eine gl�ckliche Liebe zu erleben, solange man mit dem Spielmann zog? Golo sch�ttelte verdrie�lich den Kopf. Unsinn! Es mu�te einen Weg geben, Mechthilds Vertrauen zur�ckzugewinnen. Er drehte sich um und verlie� die kleine Kammer. Sorgf�ltig zog er die T�r zu. Seine F��e f�hlten sich an wie zwei Eisklumpen. Golo lie� sich auf der Bettkante nieder und massierte seine Zehen. Er mu�te versuchen zu schlafen. Wenigstens f�r ein paar Stunden.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker war froh, die Mauern von Icorigium wiederzusehen. Zwei Wochen hatte ihn seine Reise in das Dorf des Ebers gekostet. Doppelt so lange, wie er gedacht hatte. Er war ohnm�chtig geworden, nachdem sie die ersten Fl�chtlinge gefunden hatten. Er konnte sich fast an nichts mehr von dem erinnern, was an jenem Tag geschehen war. Angeblich hatte er sich sehr seltsam verhalten. Der Eber hatte eine Trage f�r Volker bauen lassen und vier seiner Leute mit ihm ins Dorf zur�ckgeschickt, wo er drei Tage lang mit schwerem Fieber darniederlag.</p><p>Volker h�tte nicht mit hinausziehen d�rfen, um nach den Fl�chtlingen zu suchen. Das Wundfieber hatte noch in seinen Knochen gesteckt. Es hatte nicht mehr viel gefehlt, und diese Dummheit h�tte ihn das Leben gekostet. Selbst jetzt f�hlte er sich noch ganz schwach. Seine H�nde waren immer noch bandagiert. Als das letzte Mal die Verb�nde gewechselt worden waren, hatte er seine Finger gesehen. Sie waren �ber und �ber mit gr�nbraunem Schorf bedeckt. Sicher w�rde er von diesem Winter Narben zur�ckbehalten. Seine makellosen schlanken Finger, die viele Frauen so sehr geliebt hatten... Die Finger eines Spielmanns... Ob sie jemals wieder so sein w�rden wie zuvor?</p><p>Er pre�te die Lippen zusammen und blickte geradeaus. Von den T�rmen der Stadt erklangen Signalh�rner. Vor den Mauern konnte er dunkle Gestalten im Schnee sehen. Golo sorgte offenbar daf�r, da� die M�nner trotz der bitteren K�lte ihre Waffen�bungen machten. Sein Ausflug hatte ihnen nur vierzig Mann eingebracht und die Bardin. Schon morgen w�rde er den Eber losschicken, damit er die Lager Ricchars auskundschaftete. Und Belliesa... Sie war unbezahlbar, um die Moral der Truppen hochzuhalten. Sie hatte ein Lied dar�ber gemacht, wie er gemeinsam mit dem Eber losgezogen war, um die Fl�chtlinge im Schnee zu suchen. Es war sehr heroisch und gefiel den einfachen Leuten. Doch wie �blich hatte es mit dem, was wirklich geschehen war, nicht viel gemein.</p><p>Es wurde immer unm�glicher, der Mann zu sein, den sie in ihren Versen beschrieb. Der Auserw�hlte! Davon, da� er im Fieberwahn davongelaufen war, war nat�rlich nicht die Rede. Mehr als hundert Fl�chtlinge hatten sie aus dem Schnee retten k�nnen, und der Eber spielte sich jetzt als der Besch�tzer von Witwen und Waisen auf. Volker schnaubte ver�chtlich.</p><p>Wenn er in der Stadt war, w�rde er zuallererst ein hei�es Bad nehmen. Vielleicht fand sich auch eine Magd, mit der er sich f�r einen Abend vergn�gen konnte. Er hatte schon lange bei keiner Frau mehr gelegen. Es war nicht mehr so leicht... Alle betrachteten ihn mit heiliger Ehrfurcht. Und mit Heiligen ging man nicht ins Bett. W�re diese Sache nur endlich �berstanden!</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Er marschiert nach Dune!� Der Eber st�tzte sich schwer auf den Kartentisch und zog mit dem Zeigefinger den Weg nach, den Ricchars Armee genommen hatte. Seine Pelzweste war voller getrockneter Blutflecken. Auf seiner Stirn prangte eine frische Schnittwunde. Eine Woche lang war der R�uber mit seinen M�nnern verschwunden gewesen, und als er in dieser Nacht zur�ckgekehrt war, war seine Schar zu einem kleinen H�uflein zusammengeschmolzen.</p><p>Volker hatte zun�chst nur Golo und zwei der Ritter wecken lassen, denen er besonders vertraute. Er wollte nicht, da� die Neuigkeiten zu schnell die Runde machten. Es war unfa�bar! Ricchar hatte es tats�chlich gewagt, sich auf einen Winterfeldzug einzulassen!</p><p>�Wie hat er es geschafft, da� wir keine Nachrichten von seinem Vormarsch erhalten haben?� fragte Rother, einer von Volkers Rittern. Er war ein junger dunkelhaariger Krieger, dem man deutlich ansah, da� R�merblut in seinen Adern flo�. F�r Volkers Geschmack war er etwas zu arrogant, aber er verstand sich hervorragend darauf, Dinge zu organisieren und Schw�chen in Pl�nen aufzudecken.</p><p>Der Eber schnaubte wie ein Tier. �Wie er das schaffte? Der Bastard hat die W�lfe geholt! Sachsenkrieger! Es m�ssen mindestens dreihundert sein. Sie schirmen seine Armee ab. Die Sachsen sind �berall in den Bergen und W�ldern. Deshalb ist keiner unserer Sp�her zur�ckgekehrt. Und deshalb liegen jetzt �ber die H�lfte meiner M�nner dort drau�en im Schnee. Diese Hunde bringen jeden um, der ihnen verd�chtig erscheint. Jede K�hlerh�tte und jedes einsame Bauernhaus haben sie gepl�ndert und niedergebrannt. Wo sie langgekommen sind, sieht es aus wie in einem Schlachthaus.�</p><p>Rother runzelte die Stirn und warf dem Eber einen vieldeutigen Blick zu. Volker ahnte, woran der Ritter dachte. F�r einen ehrbaren Krieger gab es kaum einen Unterschied zwischen den Taten des Ebers und den Pl�nderungen der Sachsen.</p><p>�Und was ist mit Ricchars Armee?� fragte Golo.</p><p>�Ich hab� sie gesehen. Hier unter dem Burgfelsen von Dune lagert sie.� Der Gesetzlose deutete auf die Karte. �Es sind mehr als tausend Fu�soldaten. Dazu kommen fast f�nfhundert Reiter, und allein der Teufel wei�, wie viele Sachsens�ldner er gedungen hat.�</p><p>�Woher wei�t du, da� es so viele sind?� fragte Rother skeptisch. �Hast du sie etwa gez�hlt?�</p><p>�Die Schilde der Einheiten. Du wei�t ja wohl, da� er seine M�nner wie R�mer ausstattet. So war es leicht zu erkennen, welche Truppen er aufgeboten hat. Und die Pferde habe ich selbst gesehen.�</p><p>�Macht er Anstalten, weiter auf uns zu zumarschieren?�</p><p>Der Gesetzlose sch�ttelte den Kopf. �Nein. Wir haben ein paar seiner M�nner erwischt und alles aus ihnen herausgeholt, was sie wu�ten. Ricchar wird dort noch eine Weile bleiben. Sein Lager sieht auch so aus, als habe er sich darauf eingerichtet, dort Quartier zu machen. Angeblich wartet er noch auf weitere Truppen, die von der Mosel her zu ihm sto�en sollen.�</p><p>Volker fluchte. �Das d�rfen wir auf keinen Fall zulassen. Er ist jetzt schon fast doppelt so stark wie wir.�</p><p>Der Eber zog die Nase hoch und spuckte auf den Boden. �Es sieht ganz so aus, als h�tte er Angst vor dir, Auserw�hlter.�</p><p>�Unsinn. Er erwartet, da� wir uns hier in Icorigium verschanzen. Wenn man eine befestigte Stadt erobern will, soll man dreimal so viele Truppen wie der Verteidiger aufbieten k�nnen. Am besten sogar noch mehr, wenn man ein Blutbad verhindern will. Das wei� jeder Stratege.�</p><p>Der Spielmann beugte sich �ber die Karte. Nahe bei Dune waren drei kleine Seen eingezeichnet. Der Weg zur Festung f�hrte an ihnen vorbei. �Was ist das hier f�r ein Gel�nde?�</p><p>Der Eber schnitt eine Grimasse. �Die Maare? Das ist eine scheu�liche Gegend. Niemand, der seine Sinne beisammen hat, geht dort freiwillig hin. Das Land dort sieht aus wie tot. Siehst du diesen See?� Der Gesetzlose zeigte auf die Karte, und seine Finger zitterten. �Das ist das Totenmaar. Dort stehen die Ruinen einer r�mischen Siedlung. Die Franken haben sie vor hundert Jahren niedergebrannt. Man sagt, da� es dort spukt.�</p><p>�Dann werden wir sie dort abfangen!�</p><p>�Abfangen? Du bist wohl von allen guten Geistern verlassen! Hast du nicht geh�rt, was ich gesagt habe? Dieser Platz ist verflucht!�</p><p>Volker nickte. �Ich habe dich sehr gut verstanden. Doch es waren die Franken, die dort gemordet haben. Sie werden noch sehr viel mehr Angst vor diesem Platz haben als unsere M�nner.�</p><p>�Du willst doch nicht etwa die Stadt verlassen?� erhob Rother seine Stimme. �Sie sind uns fast um das Doppelte �berlegen. Auf freiem Feld wird Ricchar unsere Truppen einfach zerschmettern. Seine M�nner sind besser ausgebildet und besser bewaffnet. Du solltest nicht vergessen, da� wir keine richtigen Soldaten kommandieren, sondern einen Haufen undisziplinierter Bauern.�</p><p>�Gerade deshalb d�rfen wir nicht warten. Was glaubst du, was passieren wird, wenn wir hier auf unseren Hintern sitzen bleiben, bis Ricchar vor den Toren aufmarschiert. Wenn wir ihm das Handeln �berlassen, wird er vor der Stadt eine so eindrucksvolle Truppenparade abhalten, da� sich unsere M�nner freiwillig ergeben, ohne auch nur einen einzigen Schwertstreich zu f�hren!�</p><p>�Es sind halt nur Bauern und keine Krieger�, brummte Rother.</p><p>�Nein!� Volker schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. �Jeder von ihnen ist voller Begeisterung hierhergekommen und mit der Bereitschaft, sein Leben f�r die Sache einzusetzen, von der er �berzeugt ist. Einen h�heren Preis vermag auch ein ausgebildeter Krieger nicht zu geben. Sprich nicht so �ber unsere M�nner. Sie werden an deinen Blicken sehen, was du von ihnen h�ltst. So schw�chst du ihre Kampfkraft! Sie werden anfangen zu zweifeln, und die Angst wird in ihren Herzen keimen. Und was Ricchars Armee angeht... Nat�rlich bin ich nicht wahnsinnig. Ich werde nicht sein ganzes Heer angreifen. Wir nehmen uns den n�chsten Verst�rkungstrupp vor, der zu ihm sto�en will. So werden wir die �bermacht haben.� Der Spielmann drehte sich zum Eber um, der sich ersch�pft auf dem einzigen Stuhl im Kartenraum niedergelassen hatte. �Traust du dir zu, unsere Truppen f�r zwei oder drei Tage gegen die Sp�her Ricchars abzuschirmen. Ich m�chte, da� er nicht wei�, was wir tun. Ein anderer Trupp mu� herausfinden, wann die n�chsten Verst�rkungen zum Armeelager sto�en.�</p><p>Der Narbige sch�ttelte ersch�pft den Kopf. �Du bist derjenige, der hier f�r Wunder zust�ndig ist. Ich habe zu viele M�nner verloren... Du m��test mir jeden J�ger und Wilderer �berlassen. Jeden, der sich in der Wildnis auskennt und mit einem Bogen umgehen kann. Um diese Aufgabe zu erf�llen, brauche ich mindestens f�nfzig Mann. Besser noch mehr.�</p><p>Volker strich sich nachdenklich �ber das Kinn. Es mu�te m�glich sein, die Franken zu t�uschen. Er w�rde schlechtes Wetter abwarten. Dann w�rden nur wenige Sachsensp�her die Stadt beobachten. �Golo, du sorgst daf�r, da� der Eber morgen neue M�nner bekommt. Unsere Versammlung ist hiermit beendet. Wir werden morgen weitersehen.�</p><p>�Aber...� Rother blickte den Spielmann finster an.</p><p>Volker winkte ab. �Morgen. Wir brauchen unseren Schlaf, und ich m�chte noch einmal in Ruhe �berdenken, ob es vielleicht noch eine andere M�glichkeit gibt, gegen Ricchar vorzugehen.�</p><p>Die anderen gehorchten. Nur Golo blieb noch einmal in der T�r stehen und blickte zur�ck. �Ist alles in Ordnung?�</p><p>Der Spielmann nickte m�de. �Ja.� Volker wollte allein sein. Als die Schritte seiner Gef�hrten auf der Treppe verklungen waren, stand er auf und folgte ihnen. Er mu�te hinaus an die klare Nachtluft. In der engen Kammer hatte er das Gef�hl, nicht mehr atmen zu k�nnen.</p><p>Die Morgend�mmerung war noch fern, als er allein durch die verschneiten Stra�en ging. Er lauschte auf das Knirschen des Schnees unter seinen Sohlen und den Wind, der heulend um die Dachgiebel pfiff. W�re er nur wirklich so sicher, wie er gegen�ber den anderen aufgetreten war. Nat�rlich wu�te er, wie riskant es war, das befestigte Lager in der Stadt zu schw�chen. Aber sie konnten auch nicht einfach hierbleiben, bis der Frankenf�rst sich stark genug f�hlte, Icorigium zu belagern.</p><p>Der Spielmann erklomm eine der schmalen steinernen Treppen, die zur Stadtmauer hinauff�hrten. Die Befestigungsanlagen von Icorigium waren in einem guten Zustand. Es w�rde Ricchar nicht leichtfallen, die Stadt zu erobern. Doch sie w�rde untergehen... Im Grunde br�uchte der Frankenf�rst nicht einmal anzugreifen. Er konnte einfach sein Heerlager vor den Mauern aufschlagen und darauf warten, da� der Hunger sie zwang, ihm die Tore zu �ffnen. Sie w�rden von niemandem Unterst�tzung bekommen.</p><p>Volker erreichte den gro�en Turm am s�dlichen Ende der Mauer. Den Schuldturm. Hier waren jene Bewohner der Stadt eingekerkert, deren Sippen mit den fr�nkischen Besatzern verwandt waren. Dem Spielmann war es zuwider gewesen, Unschuldige hinter Kerkermauern verschwinden zu lassen, doch im Kriegsrat hatte man ihn �berstimmt. Das Risiko, da� einer dieser Frankenfreunde nachts heimlich Ricchars Truppen die Tore �ffnete, war einfach zu gro�. Der Spielmann hatte daf�r gesorgt, da� die Zellen in dem aus wei�en Steinen erbauten Turm so gem�tlich wie m�glich eingerichtet worden waren. �berall gab es Feuerbecken und Lampen, um K�lte und Finsternis aus dem abweisenden Gem�uer zu vertreiben.</p><p>Energisch klopfte er gegen das Tor des Turms. Einige Augenblicke verstrichen, bis schlie�lich ge�ffnet wurde. Der junge Mann, der auf Wache stand, war kaum dem Knabenalter entwachsen. �berrascht salutierte er vor Volker. Der Spielmann erwiderte den Gru� und erklomm dann die schmale Treppe, die zur Plattform des Turms f�hrte. Dies war die h�chste Stelle der Verteidigungsanlagen. In der Finsternis waren die H�user unter ihm kaum noch zu erkennen. Dunkle Wolken verh�llten den Mond und die Sterne. Fast konnte man hier oben das Gef�hl haben, von der Welt losgel�st durch die Dunkelheit zu schweben. K�nnte er nur wirklich alles hinter sich lassen! Doch sein K�nig hatte ihm den Kampf gegen Ricchar befohlen. Gunther f�rchtete den Frankenf�rsten...</p><p>Volker blickte nach S�dosten. Dort irgendwo hinter den Bergen, die sich in der Nacht verbargen, lag Ricchars Armee. Was f�r Gedanken der Frankenf�rst wohl hegte. Ob er schlief? Vielleicht sa� er auch �ber seinen Kartentisch gebeugt und br�tete �ber den Untergang der Rebellen. Oder aber er wanderte, genau wie Volker es tat, schlaflos durch sein Heerlager.</p><p>Der Spielmann seufzte. Er hatte seinen Entschlu� gefa�t.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>17. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Golo war zu Tode ersch�pft. Vier Tage hatte Volker sie quer �ber die Berge abseits von Stra�en und D�rfern bis hin zum Totenmaar gef�hrt. Sechshundert Mann, fast die H�lfte ihrer Armee, hatte er f�r den �berfall ausgew�hlt. Es waren nur solche dabei, die kr�ftig genug erschienen, um die Strapazen, die vor ihnen lagen, durchzustehen. Trotzdem waren dreiundzwanzig gestorben. Erfroren auf den eisigen Bergh�ngen oder einfach vor Ersch�pfung zusammengebrochen. Fast f�nfzig waren desertiert. Golo mochte es ihnen nicht verdenken. Doch das eisige Wetter war auch ihr Schutz. Der Eber und seine Sp�her hatten kaum feindliche Kundschafter ausfindig machen k�nnen. Offenbar hatten sich die s�chsischen W�lfe in ihre H�hlen zur�ckgezogen. Auch wenn ihm die Qualen der letzten Tage oft unertr�glich erschienen waren, so erf�llte es Golo doch mit Stolz, da� sie bis hierher gekommen waren.</p><p>Mehr als eine Stunde warteten sie nun schon an den Ger�llh�ngen der beiden kreisrunden dunklen Seen. Die Stra�e nach Dune verlief �ber den kaum mehr als hundert Schritt breiten Sattel, der die Maare voneinander trennte. Ein Drittel ihrer Streitmacht hatte an den steil zu den Seen abfallenden H�ngen Posten bezogen. Die M�nner trugen M�ntel aus hellem Leinen oder Schaffelle, so da� sie in der felsigen Schneelandschaft schon auf ein paar Schritt so gut wie unsichtbar waren.</p><p>Der Rest ihrer Armee hielt sich in zwei kleinen W�ldchen an den beiden Enden der Stra�e verborgen. Die Ruinen des Dorfes, die �stlich des Totenmaars aufragten, h�tten auch ein gutes Versteck geboten, doch war es unm�glich gewesen, die Krieger dazu zu bewegen, diesen Ort zu betreten.</p><p>Golo drehte sich um und blickte �ber den gefrorenen See zu den Ruinen. Grauer Dunst quoll aus den R�ndern des nahegelegen Waldes, so da� unheimliche Schleier zwischen den Grabsteinen und den geborstenen H�userw�nden dahinzogen. Der junge Ritter schluckte. Es fiel nicht schwer, sich vorzustellen, da� es dort dr�ben am anderen Ufer nicht ganz geheuer war. Doch das w�rde ihnen diesmal zunutze kommen. Volker war sich sicher, da� Ricchars M�nner es eilig h�tten, am Dorf vorbei zu kommen, und da� sie in ihrer Hast nicht so gut auf den Weg achten w�rden, wie sie es sonst vielleicht getan h�tten. Sie mu�ten einfach in die Falle gehen!</p><p>Die Sp�her des Ebers hatten berichtet, da� eine Kolonne von weniger als zweihundert Mann mit vielen Packtieren von der Mosel her auf der Stra�e in die Berge zog. Im Laufe des Morgens mu�ten sie an den Maaren vorbei. Dies war der einzige Weg, der von S�den nach Dune f�hrte. Sie waren den Franken um das Dreifache �berlegen und hatten auch noch den Vorteil, ihre Gegner �berraschen zu k�nnen. Es war unm�glich, diese Schlacht zu verlieren. Wenn sie nur nicht so lange warten m��ten! Golo hatte M�he, seine Angst zu besiegen. Dabei war es nicht einmal sein erstes Gefecht. Wie es den anderen wohl gehen mochte? Wie viele ihrer Bauernkrieger jetzt wohl die Stunde verw�nschten, in der sie sich Volkers Rebellenarmee angeschlossen hatten? Golo dachte an die Schlacht in den S�mpfen, als das Nachtvolk die Armee des Bischofs angegriffen hatte, und daran, wie Berengar an seiner Seite gestorben war. Er war einer der besten Ritter auf dem Feld gewesen, und doch hatte ihn seine Waffenkunst nicht vor dem verirrten Pfeil bewahren k�nnen, der seine Kehle durchschlug. Der Tod in der Schlacht kam schnell und meist �berraschend. Niemand war davor gefeit. Wie viele der M�nner, die er in den letzten Wochen ausgebildet hatte, heute abend wohl noch leben w�rden? Er sollte sich nicht solche Gedanken machen... Er hatte versucht zu vermeiden, mit den M�nnern Freundschaften einzugehen. Meistens war es ihm gelungen. Dennoch kannte er sie alle mit Namen und...</p><p>Vom s�dlichen Ende der Stra�e erklang ein K�utzchenruf. Das vereinbarte Signal! Er blickte �ber den Rand des Felsens, hinter dem er kauerte. Einer der M�nner weiter vorne winkte ihm zu. Noch war nichts auf der Stra�e zu sehen, und doch hatte sich etwas ver�ndert. Pl�tzlich schien eine fast greifbare Spannung in der Luft zu liegen. Golo sp�rte den leichten Wind auf dem Gesicht und glaubte, fast den Schnee mit den Spitzen seiner Zehen, durch die dicken Stiefel hindurch, ertasten zu k�nnen.</p><p>In der Ferne erklang das emp�rte Schreien eines bockigen Maultiers. Es konnte keinen Zweifel mehr geben, sie kamen. Er pre�te sich in die flache Mulde, die er hinter seinem Felsblock in den Schnee gew�hlt hatte, und zog sein Schafsfell h�her auf die Schultern. Nur noch wenige Augenblicke! Sie w�rden angreifen, sobald sich die ganze Marschkolonne auf dem Sattel zwischen den Maaren befand. Keiner der Franken durfte ihnen entkommen! Volker hatte ihnen befohlen, sich die Gesichter mit grauer Asche einzureiben. So sahen sie fast wie Tote aus. Die Franken w�rden vor Entsetzen wie gel�hmt sein, wenn sie sich zwischen den zerkl�fteten Felsen an den Steilh�ngen erhoben. Hoffentlich...</p><p>Wie eine kalte Hand f�hlte Golo den Schnee auf seiner Wange. Jetzt war ihm die K�lte willkommen. Sie lie� ihn sp�ren, da� er noch lebte! Noch...</p><p>Angespannt lauschte er auf den Marschtritt der Soldaten. Doch der tiefe Schnee verschluckte die Ger�usche. Statt dessen h�rte man das Klappern der Kisten und Waffen, die auf die Packs�ttel der Maultiere geschnallt waren. Als die Franken n�her kamen, waren auch einzelne Wortfetzen zu verstehen. Die Stimmen klangen ged�mpft, so als wagten die Soldaten es nicht, an diesem Ort laut zu sprechen.</p><p>Obwohl Golo von seinem Versteck aus die Stra�e nicht einsehen konnte, hatte er das Gef�hl, da� die Krieger dort oben in Eile waren. Auch sie sp�rten die seltsame Stimmung, die �ber dieser merkw�rdigen Landschaft lag, und wollten dem Bannkreis der Maare so schnell wie m�glich entgehen.</p><p>Golo mu�te an den kleinen drahtigen Mann denken, mit dem er in der letzten Nacht am Feuer gesessen hatte. Er war ein Bauer aus der N�he von Dune, der die Gegend hier gut kannte, und er hatte behauptet, da� die Seen, wenn das Eis auf ihrer Oberfl�che geschmolzen war, an manchen Tagen so schwarz wie Kohle waren. Man sagte sich, sie seien Pforten in die H�lle, und manchmal, an windstillen Tagen, w�rde ihre Oberfl�che von Gestalten, die aus der Tiefe emporstiegen, zu sch�umenden Wellen aufgew�hlt.</p><p>Wo Mechthild wohl steckte? Als die Gruppen f�r den Angriff eingeteilt wurden, war sie pl�tzlich verschwunden. Golo hatte versucht, ihr auszureden, an der Schlacht teilzunehmen. Sie war mittlerweile eine recht passable Schwertk�mpferin geworden, doch in einer Schlacht zu k�mpfen war etwas anderes, als ein Duell auszutragen. Hier gab es keine Regeln mehr. Selbst die besten Schwertk�mpfer waren nicht vor einem Schlag in den R�cken oder einem Pfeil aus dem Hinterhalt sicher. Mechthild hatte genau gewu�t, da� ihm keine Zeit mehr bleiben w�rde, nach ihr zu suchen. Es war ein Fehler gewesen, ihr das K�mpfen beizubringen...</p><p>Am S�dende des Totenmaars ert�nte ein Horn. Unheimlich hallte der Klang �ber das Eis. F�r einen Herzschlag schienen alle anderen Ger�usche verstummt zu sein. Golo sprang auf. Das war das Zeichen! Er ri� seine Axt aus dem G�rtel. Rechts und links neben ihm st�rmten schon die ersten M�nner den Hang hinauf. Der hohe Schnee lie� sie immer wieder straucheln. Fluchend k�mpfte auch Golo sich vorw�rts. Ein Hagel von Pfeilen ging auf die Franken nieder. Das Krachen berstender Speersch�fte, die Schreie Sterbender und Verwundeter und das scharfe Klingen von Metall, das auf Metall schlug, l�sten die winterliche Stille ab. Die Anf�hrer der Franken hatten sich inzwischen vom ersten Schreck erholt. Mit lauten Stimmen �bert�nten sie das Schlachtenget�se und versuchten, ihre M�nner in Formation zu bringen, um den Angriff abzuschlagen. Die Rebellen kamen jetzt von allen Seiten. Endlich war auch Golo auf der Stra�e.</p><p>�Keine �berlebenden!� gellte der Schlachtruf der Freisch�rler.</p><p>Der junge Ritter b�ckte sich und hob den gro�en Rundschild eines der toten Franken auf. Neben ihm st�rzte ein junger Mann, der mit schmerzverzerrtem Gesicht seinen blutigen Armstumpf umklammerte. Golo wandte sich ab. Das war nicht die Zeit, Mitleid zu haben. Wenn der junge Kerl die Schlacht �berleben sollte, konnte man sich immer noch um ihn k�mmern.</p><p>Wie aus dem Nichts erhob sich ein Krieger mit einem schwarzen Stierkopf auf dem Schild vor ihm. Nach kurzem Schlagabtausch drehte Golo ihm mit der Axt das Schwert aus der Hand. Offenbar hatte der Krieger nicht damit gerechnet, unter den Bauern und Holzf�llern auf einen gleichwertigen Gegner zu treffen. Mit einem R�ckhandschlag traf er den Franken am Knie. Der Soldat strauchelte. Noch einmal senkte sich die Axt. Ohne dem Sterbenden einen weiteren Blick zu schenken, machte sich Golo auf die Suche nach einem neuen Gegner. Aus den Augenwinkeln sah er, wie einige der Bauern flohen. Doch die meisten begegneten mutig den Schrecken der Schlacht.</p><p>Ein Speer durchbohrte Golos Schild. Ein paar Schritt links bildete ein kleiner Trupp Franken einen Verteidigungsring. Einer der Krieger hatte den Wurfspie� geschleudert. Der Ritter verzog keine Miene. Mit einem Axthieb zersplitterte er den Schaft der Waffe. Er w�rde sich nicht reizen lassen! Die Franken jetzt anzugreifen w�re t�richt. Sie gaben sich gegenseitig Deckung. Er w�rde warten, bis Speerwerfer und Bogensch�tzen den Kampfesmut der Franken gebrochen hatten und... Nein! Auf der anderen Seite hatten Belliesa und Mechthild den Sattel erklommen. Ein kleiner Trupp Bergarbeiter mit schweren Spitzhacken begleitete sie. Die Bardin zog ihr Schwert und rief etwas, was Golo nicht verstand. Dann st�rmte der Trupp den Franken entgegen.</p><p>Der junge Ritter fluchte. Er mu�te Mechthild besch�tzen. Sie war zu klein und zu leicht. Ein erfahrener Krieger w�rde sie einfach mit seinem Schild niedersto�en und dann abstechen. Dazu durfte es nicht kommen. Golo fa�te seine Axt fester und rannte los.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>M�de schleppte sich Volker durch den aufgew�hlten Schnee. Am Horizont waren die W�lle von Icorigium zu sehen. Noch zwei Meilen und sie h�tten es geschafft. Fast eine Woche war vergangen, seit er mit seiner Armee die Stadt verlassen hatte. Der Angriff war nicht so erfolgreich verlaufen, wie er sich erhofft hatte. Zun�chst war es ihnen zwar gelungen, die Kolonne der Franken zu zersplittern, und bei dem ersten Angriff waren viele Feinde umgekommen, doch die �berlebenden hatten sich dann zu Gruppen zusammengeschlossen, die erbittert bis zum Tod k�mpften. In der zweiten H�lfte der Schlacht waren �ber hundert Mann gefallen. Noch einmal f�nfzig hatten sie zur�cklassen m�ssen, weil sie zu schwer verletzt gewesen waren, um den Weg nach Icorigium zu schaffen. Gegen den Rat des Ebers hatten sie doch Gefangene gemacht und sich auch um die verwundeten Franken gek�mmert. So wurde f�r die M�nner, die sie zur�cklassen mu�ten, die Aussicht besser, von den Franken, die sie auf kurz oder lang aufsp�ren w�rden, nicht ermordet zu werden.</p><p>Sie mu�ten noch viel an der Ausbildung ihrer Freiwilligen tun. Im Kampf Mann gegen Mann waren sie Ricchars Leuten hoffnungslos unterlegen gewesen. Volker dachte an das gr��liche Bild des Schlachtfeldes. Der Schnee hatte alles noch schlimmer gemacht. �berdeutlich waren die gro�en Blutlachen unter den Toten und Verletzten zu sehen gewesen. Das Blut war in breiten Streifen die H�nge bis zu den Maaren hinabgelaufen. Auch der Gestank war ihm in der klaren Winterluft noch erstickender erschienen. Nun, wenigstens hatten sie mit den Maultieren viele Lebensmittel erbeutet. Sie w�rden die Vorr�te noch bitter n�tig haben!</p><p>�Das alles gef�llt mir nicht!� Der Eber hatte zu ihm aufgeschlossen und rieb sich seine rote Nase. �Es ist viel zu glattgelaufen. Hier stimmt etwas nicht. Trotz des guten Wetters sind wir kaum von Ricchars Sachsen behelligt worden.�</p><p>�Kaum behelligt!� Volker dachte an den Mann, der gestern an seiner Seite gestorben war, als ihn ein Pfeil aus dem Hinterhalt getroffen hatte. Der Spielmann meinte zu wissen, da� dieses Gescho� eigentlich f�r ihn bestimmt gewesen war. �Was willst du damit sagen?�</p><p>�Da� es nicht normal ist, wie uns diese Barbaren in Frieden lassen. Sp�testens einen Tag nach dem �berfall h�tten wir die ganze Meute der s�chsischen W�lfe auf den Fersen haben m�ssen. Und was geschieht? Abgesehen von ein paar Pfeilen aus dem Hinterhalt nichts! Das ist nicht Ricchars Art. Ich sage dir, dieser Bastard br�tet irgend etwas aus. Ich w�rde lieber f�nfhundert seiner Krieger vor mir sehen, als st�ndig dar�ber gr�beln zu m�ssen, was dieser Hurensohn als n�chstes tun wird!� Der Eber spuckte in den Schnee.</p><p>�Vielleicht ist es uns einfach gegl�ckt, ihnen zu entkommen. Schlie�lich sind wir weit abseits der Wege marschiert, und deine M�nner haben sich bem�ht, unsere Spuren zu tilgen, um...�</p><p>�Ach Unsinn! Man kann die F�hrte, die vierhundert Mann samt Maultieren hinterlassen, nicht wirklich verwischen. Jeder J�ger w�re in der Lage, uns ohne Schwierigkeiten aufzusp�ren. Diese Sachsen, die Ricchar in seinen Sold genommen hat, m�gen zwar Barbaren sein, doch hei�t das nicht, da� sie auch Trottel sind. Der Graf hat uns seit der Schlacht nie wirklich aus den Augen verloren. Ein paar Sachsen waren immer in unserer N�he.�</p><p>�Und wo sollten die anderen gewesen sein? Ricchar hat diese Bluthunde doch nur angeheuert, um mich aufzusp�ren und umzubringen.� Volker ging die Schwarzseherei des Gesetzlosen auf die Nerven. Man konnte das Ungl�ck auch herbeireden!</p><p>�Du hast keine Ahnung, Ritter. Ich glaube nicht, da� dieser Ketzer dich tot sehen will. Er f�hrt etwas anderes im Schilde, und dazu braucht er seine Sp�her.�</p><p>Von den Mauern der Stadt erklang ein Hornsignal zum Gru�. Volker dachte daran, wie er ein hei�es Bad nehmen w�rde. Im Zuber liegen und noch hei�en Kr�uterwein trinken. So lie�e sich die K�lte aus den Knochen vertreiben. Er beschleunigte seinen Schritt ein wenig.</p><p>�Sp�rst du das auch?� Der Eber hielt ihn am Arm zur�ck.</p><p>�Was?�</p><p>�Wir werden beobachtet.�</p><p>Volker ri� sich los. �Nat�rlich werden wir beobachtet! Auf den T�rmen und den Mauern stehen Wachen!� Seiner gepre�ten Stimme war die m�hsam unterdr�ckte Wut anzuh�ren. Am liebsten h�tte er den Eber einfach angeschnauzt und fortgeschickt, doch es w�re schlecht f�r die Moral der Truppe, wenn die M�nner sahen, wie ihre Anf�hrer miteinander stritten. Er w�rde den Gesetzlosen heute abend zu sich bestellen und unter vier Augen mit ihm dar�ber reden, was er von seinem Verhalten hielt.</p><p>�Warum haben die noch nicht das Tor ge�ffnet? Warum kommt uns keiner entgegen?� Der Eber spuckte wieder aus. �La� mich vorgehen!�</p><p>�Gute Idee, und wenn du schon...� Das Tor der Stadt �ffnete sich. Ein Trupp Reiter mit eisernen Masken kam ihnen entgegen. �Was...� Volker konnte nicht fassen, was er sah.</p><p>�Alarm! Bildet einen Speerwall! Die Bogensch�tzen ins zweite Glied!� Der Eber hatte sein Schwert gezogen und lief zu seinen Sch�tzen.</p><p>Volker schluckte. Sie waren in eine Falle gelaufen. Ricchar hatte geahnt, da� sie die Stadt verlassen w�rden, wenn er ihnen den passenden K�der hinwarf. Und er... Er war zu dumm gewesen, es zu durchschauen. Der Spielmann fluchte. Er hatte sich hereinlegen lassen! Nun war es seine Sache zu retten, was noch zu retten war. Wenn er nur w��te, mit wie starken Truppen der Frankenf�rst bis Icorigium vorgesto�en war. Er hatte gewi� nicht seine ganze Armee bei sich. Volker drehte sich um. Der Eber rannte die Marschkolonne entlang und rief den M�nner Befehle zu.</p><p>�Achtung! Auf den Wald zur�ckfallen!� Der Barde wies auf den H�gel schr�g hinter ihnen. Dort w�ren seine M�nner vor Reiterangriffen sicher. �Bleibt dicht beieinander!�</p><p>Aus dem Stadttor trabte eine ganze Reiterabteilung. Auch wenn der tiefe Schnee die Pferde behinderte, w�rde Ricchars Kavallerie sie erreichen, bevor sie am Waldrand waren. Der Burgunde fluchte. H�tte er nur mehr ausgebildete Krieger! Nur solange sie es schafften, eine Schlachtlinie beizubehalten, waren sie vor den Reitern halbwegs sicher. �Schnallt die Schilde von den Packtieren! Golo, Rother, sucht die besten M�nner f�r die erste Reihe aus. Die Verwundeten nehmen die Z�gel der Maultiere. Ich m�chte nicht, da� diese st�rrischen Biester durchgehen, wenn wir angegriffen werden. Eber, du sicherst mit deinen M�nnern unseren R�cken. Nur f�r den Fall, da� unsere fr�nkischen Freunde auch im Wald sitzen. Sollte unsere Schlachtreihe zu wanken beginnen, kommst du zur�ck und gibst uns Deckung!�</p><p>Der Gesetzlose deutete einen milit�rischen Gru� an und grinste. �Jawohl, <emphasis>Auserw�hlter</emphasis>!� Dann sammelte er seine Sch�tzen und eilte dem Wald entgegen.</p><p>Volker sah ihm mit gemischten Gef�hlen nach. Er war sich fast sicher, da� der R�uber sie im Stich lassen w�rde, wenn die Schlacht ung�nstig verlief. Mit einer Drehung lie� der Barde den Schild von seinem R�cken rutschen und �berpr�fte den Sitz der Lederriemen an dessen Innenseite. Seine Hand glitt zum Schwert. �Maria, heilige Mutter Gottes, sch�tze meine M�nner, die bereit sind, ihr Leben zu geben, um diese Kirchensch�nder aus den Tempeln deines Sohnes zu vertreiben.�</p><p>Die Reiter f�cherten zu einer langen Linie auf. Es mochten an die hundert Mann sein. �ber den Kriegern schimmerte golden der Kopf der Drachenstandarte. Neben dem Signifer mit dem Feldzeichen ritt ein Mann in besonders pr�chtiger R�stung. Volker fragte sich, ob Ricchar selbst die Einheit kommandierte. Der Spielmann blickte die Reihe seiner Krieger entlang. Die meisten M�nner hatten ihre Position eingenommen. Golo und Rother gingen die Schlachtreihe ab und sorgten daf�r, da� sich die letzten L�cken im Schildwall schlossen.</p><p>Wenn Ricchar es geschafft hatte, auch seine Fu�truppen bis hierher zu bringen, dann waren sie verloren. Volker winkte einem jungen Krieger, ihm einen seiner leichten Wurfspeere abzugeben.</p><p>In leichtem Trab kamen Ricchars Reiter den Hang hinab. Ihre Hufe wirbelten den verharschten Schnee auf, so da� es fast schien, als sch�ben sie eine Welle vor sich her so wie ein Boot, das gegen die Str�mung f�hrt. Keiner der Krieger fiel aus der Reihe. Es gab keine Kommandos oder Hornsignale. Nur das drohende Donnern der Hufe. Volker betete, da� seine M�nner nicht in Panik gerieten. Es war unheimlich, die Franken zu beobachten. Noch nie hatte er einen solchen Reiterangriff gesehen. Alle Krieger und Pferde schienen sich im gleichen Rhythmus zu bewegen, und die eisernen Masken lie�en die Soldaten wie G�tter aus Erz erscheinen. Der Barde h�rte, wie der Mann, der ihm den Speer gegeben hatte, leise betete.</p><p>�Keine Sorge! Sie sind sterblich, genau wie wir.� Volker fa�te seinen Wurfspeer fester.</p><p>Die Reiter hatten inzwischen den Fu� des langgestreckten H�gels erreicht, der der Stadt gegen�berlag. Volker sp�rte den Boden unter dem Hufschlag erbeben. Seine H�nde waren pl�tzlich na�, die Kehle trocken. Auf ein lautloses Kommando zogen alle Franken gleichzeitig kurze Wurfspie�e aus den Lederk�chern, die hinter ihren S�tteln hingen. Sie waren jetzt keine zwanzig Schritt mehr entfernt.</p><p>�Nicht aus der Reihe brechen! Duckt euch!� rief Volker mit schriller Stimme. Ein Hagel von Speeren ging auf die Fu�soldaten nieder. Einige M�nner st�rzten, doch die K�mpfer aus der zweiten Reihe traten in ihre L�cken. Die Reiter rissen ihre Pferde herum und drehten ab. Dabei schwenkten sie ihre gro�en Rundschilde, so da� ihre R�cken gedeckt waren.</p><p>�Jetzt! Gebt es ihnen.� Die Rebellen warfen Speere. Volker sah, wie sein Gescho� vom Rand eines Schildes abprallte. Ein paar Pferde wurden verwundet und strauchelten. Ein b�rtiger Kerl st�rmte vor, um einen Reiter niederzustechen, dessen Beine unter dem Leib seines Rappen eingeklemmt waren.</p><p>�Zur�ck ins Glied, du Narr!� br�llte der Spielmann. �Sie warten nur darauf, da� unsere Schlachtreihe aufbricht. Alles zehn Schritt zur�ck. Und haltet die Formation!�</p><p>Weiter unten am Hang wendeten die Reiter ihre Pferde. Die Franken hatten nur f�nf Krieger verloren. Ihre Schilde und R�stungen gaben ihnen guten Schutz. Die Verluste auf seiner Seite waren deutlich h�her. Trotz der reichen Beute aus dem �berfall am Totenmaar besa� nur jeder zweite seiner M�nner einen Helm, und Kettenhemden gab es so gut wie gar nicht.</p><p>�Achtung!� gellte Rothers Stimme. �Sie kommen zur�ck!�</p><p>Wieder surrten die Speere durch die Luft. Volker bi� die Z�hne zusammen und duckte sich hinter seinen Schild. Dann war es vorbei. �ngstlich blickte er die Reihe seiner M�nner entlang. Auch diesmal hatten sie dem Angriff standgehalten. Hinter ihnen ert�nten Schreie. Hektisch blickte der Spielmann �ber die Schulter. Irgend etwas geschah am Waldrand. Der Eber und seine Sch�tzen kamen den Hang hinunter gelaufen. Sie wurden beschossen. Schatten huschten zwischen den B�umen. Dann tauchte ein Krieger in einem Wolfsfell am Waldrand auf. Die Sachsen! Jetzt war alles verloren. Wenn die M�nner... Inmitten der Schlachtreihe ert�nte Lautenklang.</p><empty-line/><p><emphasis>�Mein Panzer ist nicht schimmernde Wehr,</emphasis></p><p><emphasis>mich sch�tzt mein mutiges Herz. </emphasis></p><p><emphasis>Und st�rmt der Feind auch tausend Mal,</emphasis></p><p><emphasis>ich werde nimmer weichen,</emphasis></p><p><emphasis>denn ich wei�, mein Mut ist der Freiheit Schild,</emphasis></p><p><emphasis>und w�rde er jemals brechen,</emphasis></p><p><emphasis>so erh�be sich der Stier aus blutiger Grube</emphasis></p><p><emphasis>und ewig w�rde meine Knechtschaft sein,</emphasis></p><p><emphasis>denn mein Stolz w�re der Preis f�r mein Leben.�</emphasis></p><empty-line/><p>Kristallklar klang die Stimme der Bardin �ber den Schlachtenl�rm, und so, als l�ge ein Zauber in ihren Worten, fa�ten die M�nner noch einmal Mut.</p><p>�Bildet einen Kreis! Nehmt die Maultiere in die Mitte. Sie werden an unseren Reihen zerbrechen wie die Welle am Felsen�, feuerte Rother seine Krieger an.</p><p>Zweimal noch griffen die Reiter an, dann waren ihre K�cher mit den Wurfspeeren leer. Solange der Schildwall nicht zerbrach, war Ricchars Kavallerie machtlos. Auch die Sachsen waren nicht genug, um einen offenen Angriff wagen zu k�nnen. Die Kr�fte der Freisch�rler reichten jedoch auch nicht aus, um Icorigium zur�ckerobern zu k�nnen. So verharrten sie, hundert Schritt vom Waldrand entfernt an der H�gelflanke. Mehr als eine Stunde belauerten sie einander. Als der Schneefall dichter wurde, zogen sich die Reiter in die Stadt zur�ck. Die s�chsischen Pl�nderer waren irgendwo im Dickicht verschwunden, doch Volker war sich sicher, da� sie nur darauf warteten, wieder loszuschlagen.</p><p>�Was sollen wir tun?� Golo war an seine Seite getreten. Der junge Ritter war bla� und ersch�pft. �Hier k�nnen wir nicht bleiben.�</p><p>Der Spielmann nickte. �Es gibt einen Ort! Die anderen St�dte sind vielleicht auch schon verloren, die D�rfer und Gutsh�fe nicht zu verteidigen, aber...�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Sie ziehen sich zur�ck!�</p><p>Ersch�pft lie� Golo seinen Schild vom Arm gleiten und ging in die Knie. H�tten sie das Bergdorf nicht vor Augen, er w�rde einfach hier im Schnee liegen bleiben. Nie zuvor in seinem Leben war er so ersch�pft gewesen. Immer wieder hatten die Sachsen w�hrend des Marsches angegriffen. Meist hatten sie nur ein paar Pfeile aus dem Hinterhalt abgeschossen und waren dann wieder in den W�ldern verschwunden. Zweimal jedoch hatten sie ihr Nachtlager angegriffen, und jetzt, als das rettende Festungsdorf schon in Sichtweite war, hatten sie noch einmal einen letzten Angriff unternommen.</p><p>�Alles in Ordnung?� Der Spielmann stand neben ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.</p><p>In Ordnung, dachte Golo bitter. Wie konnte er so etwas fragen? Sie waren durch die H�lle gegangen. Von den sechshundert Mann, mit denen sie aufgebrochen waren, w�rden nicht einmal hundertf�nfzig das Dorf des Ebers erreichen. Er blickte in die Gesichter der Toten ringsherum im Schnee. Die rettenden W�lle vor Augen waren sie gestorben. Aber f�r sie hatten die Leiden wenigstens ein Ende. Genauso wie f�r die Deserteure, die sie auf dem Weg ins Bergdorf gefunden hatten. Drei�ig Mann, die vor zwei N�chten geflohen waren und direkt in einen Hinterhalt der Sachsen gelaufen sein mu�ten.</p><p>Golo hatte versucht, mit Volker dar�ber zu reden, die Rebellion aufzugeben, doch der Spielmann stand v�llig unter dem Einflu� Belliesas. Wenn man ihn darauf ansprach, nach Treveris zu fliehen, redete er nur von Schicksal.</p><p>Der junge Ritter blickte zu den Befestigungsanlagen des Dorfes hinauf. Wie lange Ricchar wohl brauchen w�rde, bis er mit einer ganzen Armee vor den W�llen stand?</p><p>Wenigstens hatten sie kaum Maultiere verloren. Die Vorr�te im Dorf w�rden lange reichen. M�de erhob sich Golo aus dem Schnee. Volker war weitergeeilt und sprach mit Verwundeten und Ersch�pften. Je verzweifelter die Lage wurde, desto verbissener k�mpfte der Spielmann gegen das Unausweichliche an. Seine Kraft schien niemals zu versiegen.</p><p>Golo mu�te an Mechthild denken. Als der Kampf begann, war sie noch ganz in seiner N�he gewesen. �ngstlich glitt sein Blick erneut �ber die Gesichter der Toten. Dann rief er laut ihren Namen. In der Schlacht vor Icorigium hatte sie sich eine b�se Schramme eingefangen. Sie konnte kaum noch ihren Schild halten. Wenn sie einer der Sachsen gestellt hatte!</p><p>�Mechthild!�</p><p>�Hier.� Sie stand bei einer Gruppe von Kriegern und st�tzte sich schwer auf ihren Rundschild. Sie hatte einen roten Vogel auf wei�em Grund als ihr Zeichen gew�hlt. Das M�dchen l�chelte ersch�pft. �Du f�hrst dich ja auf, als seiest du meine Amme.� Die Krieger um Mechthild lachten.</p><p>Golo h�tte sie am liebsten in die Arme geschlossen. Zum ersten Mal seit ihrem Streit in Treveris hatte sie ihm wieder ein L�cheln geschenkt.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>18. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>�Wir k�nnen nicht mehr l�nger warten. Sie brauchen h�chstens noch zwei Tage, um fertig zu werden.�</p><p>Volker lehnte an einer der rauhen W�nde und beobachtete die M�nner, die sich im Turm des Ebers versammelt hatten. Belliesa hatte zu ihnen gesprochen, und die meisten der Krieger nickten zustimmend. Seit der Schlacht vor Icorigium war sie im Kriegsrat. Mit ihren Liedern hatte sie den Verzagten ihren Mut zur�ckgegeben, und jeder der M�nner hatte sie dort auch k�mpfen sehen. So wie die Morrigan, die heidnische F�rstin aus den S�mpfen Aquitaniens, so wurde auch Belliesa von den Kriegern als ihresgleichen akzeptiert.</p><p>�Und was schl�gst du vor?� fragte Rother. Der burgundische Ritter geh�rte zu den wenigen, die sich mit der Rolle der Bardin nicht abfinden mochten. In allen Treffen des Kriegsrates hatte er bisher gegen sie gesprochen, wobei Volker manchmal den Eindruck hatte, da� es dem Ritter gar nicht um die Sache ging, sondern allein darum, Belliesa zu widersprechen.</p><p>Der Spielmann schmunzelte. So hatte schon manche Liebesgeschichte angefangen. Doch daf�r w�rde ihnen wohl nicht mehr die Zeit bleiben. Ricchar hatte sie wieder einmal �berrascht. Nur drei Tage nachdem sie das Festungsdorf erreicht hatten, erschien er mit einer Armee aus fast achthundert Kriegern vor dem H�gel. Die fr�nkischen Soldaten hatten alle Wege zum Dorf abgeriegelt und schon am ersten Tag mit Vorbereitungen zum Bau von Belagerungsmaschinen begonnen.</p><p>�Was hast du vor? Willst du hinuntergehen und sie mit einem kecken Augenaufschlag fragen, ob sie dir ein paar Fackeln leihen, um die Katapulte in Brand zu setzen�, h�hnte Rother. �Sie sind mehr als viermal so viele wie wir. Wenn wir uns hinter den W�llen hervorwagen, sind wir erledigt.�</p><p>�Wenn wir hier oben sitzen bleiben, sind wir das auch�, entgegnete die Bardin ruhig. �Mag es sein, da� Ihr Angst vor einem Kampf habt, Herr Ritter�, f�gte sie spitz hinzu.</p><p>Der Eber lachte lauthals. �Sei nicht so streng mit ihm. Er ist doch nur ein Ritter. Bisher war er es gewohnt, da� man sich aus einem Kampf mit einem L�segeld freikaufen kann. Jede Nacht, wenn er daran denkt, da� hier nicht mehr die netten Regeln wie sonst unter den Adeligen gelten, schei�t er sich vor Angst ins Kettenhemd.�</p><p>Rothers Hand fuhr zu dem Dolch an seinem G�rtel. �Das wirst du mir b��en, dreckiger Halsabschneider.�</p><p>�Genug!� Volker trat in die Mitte der Turmkammer. �Wenn einer von euch seinen Mut k�hlen mu�, gibt es drau�en ein ganzes Heer von Franken. Da� ihr euch untereinander an die Kehle geht, werde ich nicht dulden! Belliesa, Eber, ihr beide werdet mit mir zusammen den Angriff anf�hren. Was dich angeht, Rother, du bleibst zur�ck. Wir brauchen einen erfahrenen Krieger hier oben, falls uns der R�ckweg abgeschnitten wird.�</p><p>Der Ritter ballte die F�uste. Schlie�lich nickte er. �Wie Ihr befehlt, <emphasis>Auserw�hlter</emphasis>!�</p><p>Volker warf ihm einen w�tenden Blick zu. Der Spielmann ha�te es, wenn man ihn mit dem Titel anredete, den die Bardin erfunden hatte. Rother wu�te das genau.</p><p>�Wir werden zwei Stunden vor Morgengrauen angreifen. Das ist die Zeit, in der die Wachen am unaufmerksamsten sind. Hundert Krieger will ich f�r den Ausfall haben. W�hlt die besten unter euren M�nnern aus und sorgt daf�r, da� sie reichlich Fackeln mit sich f�hren. Es sollen auch zwei Dutzend M�nner mit �xten bewaffnet sein; f�r den Fall, da� das Holz nicht brennt, werden wir die Katapulte zerschlagen.� Volker blickte in die Runde. �Gibt es noch Fragen?�</p><p>Der Eber r�usperte sich. �Wo wollen wir die H�gelflanke hinab?�</p><p>�Warum ist das von Belang? Wir klettern die Palisade hinab und nehmen den k�rzesten Weg.�</p><p>�Ich f�rchte, dann haben wir ein Problem.�</p><p>Der Spielmann sah den Gesetzlosen fragend an. �Was soll das hei�en?�</p><p>�Es gibt ringsherum an der H�gelflanke Fallgruben mit angespitzten Eichenpfl�cken. Wer den Weg zum Dorf verl��t, ist in Lebensgefahr. Ich wollte warten, bis die Franken den ersten Angriff machen, dann h�tte ich es euch gesagt. Ich...�</p><p>Volker erinnerte sich an den Herbsttag, an dem er zum ersten Mal in das Dorf kam. Damals war ihm aufgefallen, da� die Weiden auf dem H�gel seltsam ungleichm��ig abgefressen waren, so als hindere man das Vieh daran, an bestimmten Stellen zu grasen. Er sah zum Eber hin�ber. �Gibt es sonst noch etwas, was wir wissen sollten?�</p><p>Der Gesetzlose sch�ttelte den Kopf. �Nein. Wenn meine M�nner die F�hrung �bernehmen, dann besteht keine Gefahr. Die anderen m�ssen nur genau in der Spur laufen, die sie im Schnee hinterlassen.�</p><p>Volker blickte in die Runde. �Sagt das euren Kriegern. Wenn wir uns nicht �ber die H�gelflanke auff�chern k�nnen, wird der R�ckzug vielleicht ein Problem. Eber, du bleibst mit deinen besten Bogensch�tzen auf den W�llen. Wenn wir zur�ckkommen, werden uns sicher die Franken an den Fersen h�ngen. Sorge daf�r, das sie den geb�hrenden Abstand halten.�</p><p>Der Gesetzlose grinste breit. �Es wird mir ein Vergn�gen sein.�</p><p>�Sch�n. Was das Eindringen in das Lager der Franken angeht, habe ich eine Idee. Mit ein wenig Gl�ck werden wir sie �berrumpeln und ohne Verluste bis zu den Katapulten gelangen. Wir werden folgendes tun...�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker rieb sich das Kinn. Er hatte den Riemen des Offiziershelms zu straff gespannt. Um sich dem Lager der Franken nicht aus Richtung des Bergdorfes zu n�hern, hatte er mit seinen M�nnern einen weiten Umweg gemacht. Die hundert Mann, die f�r den �berfall ausgew�hlt worden waren, hatten allesamt fr�nkische Ausr�stung erhalten, die beim Gefecht am Totenmaar erbeutet worden war.</p><p>Volker trug als Zeichen seiner Offiziersw�rde einen goldverzierten Spangenhelm mit einem pr�chtigen wei�en Pferdeschweif. Der Wind wehte ihm das lange Ro�haar ins Gesicht. Er fluchte.</p><p>Sie waren fast am Tor des Frankenlagers angelangt. Ricchar hatte die Stellung seiner Truppen mit einem niedrigen Wall umgeben, der zus�tzlich mit angespitzten Baumst�mmen gesichert war.</p><p>Pl�tzlich stand wie aus dem Nichts ein Krieger vor dem Spielmann. Es war junger Mann mit rotem Gesicht, den seine reich geschm�ckten Waffen als einen Adligen auswiesen. �Wer seid ihr?�</p><p>Volker sch�tzte, da� der Wachoffizier in der Hierarchie unter ihm stehen mu�te. Doch um seinen Rang noch zu unterstreichen, spielte er mit dem erbeuteten L�wenring, den er am Finger trug. Belliesa hatte ihm erkl�rt, da� ihn der Ring als einen hochrangigen Geweihten des Mithraskultes ausweisen w�rde. �Das geht dich nichts an!� entgegnete Volker in arrogantem Tonfall.</p><p>�Wartet, Herr�, sagte der Wachhabende nun schon etwas vers�hnlicher. �Nimm freundlich auf die weihrauchverbrennenden L�wen und ihr Element, das Feuer, durch welches wir Weihrauch spenden, durch welches wir auch selbst verzehrt werden.� Der Mann hob seine Linke und zeigte dem Spielmann einen Ring, der mit einem Skorpion geschm�ckt war. Der Burgunde nickte und betete stumm darum, da� sein Gegen�ber auf diese rituelle Begr��ung keine entsprechende Antwort erwartete. Da� der Krieger ihn als Flammenbringer willkommen hie�, war schon geradezu unheimlich.</p><p>�Entschuldigt, wenn ich Euch frage, Leo, doch woher kommt Ihr? Mir hat niemand gesagt, da� wir in dieser Nacht noch Verst�rkungen erwarten.� Dem jungen Krieger stand das Mi�trauen f�rmlich ins Gesicht geschrieben.</p><p>�Nun, da ich mich zum Morgengrauen bei unserem Feldherren melden soll, w�re ich dir sehr verbunden, wenn du mir erkl�ren k�nntest, wie ich das bewerkstelligen soll, wenn du mich nicht ins Lager l��t. Meine M�nner sind die ganze Nacht hindurch marschiert, und du machst dir keine Freunde, wenn du sie hier in der K�lte warten l��t.�</p><p>�Aber in der Offiziersbesprechung hat niemand...� Volker bemerkte, wie sich seitlich des Lagertors einige Schatten bewegten. Ganz offensichtlich war der Krieger nicht allein. Er mu�te nun schnell handeln, bevor das Geschehen am Tor zu viel Aufsehen erregte.</p><p>�Sch�n�, unterbrach der Spielmann den Franken barsch. �Da du mich nicht hereinlassen willst, werde ich also die Order unseres Feldherren ignorieren und mit meinen M�nnern hier warten. Falls F�rst Ricchar mich nach den Gr�nden fragt, wie hei�t du auch gleich?�</p><p>�Gerwech, vom zweiten Horn der Tauren aus Castra Bonna�, erwiderte der Offizier und nahm Habachtstellung ein. �Ich bin sicher, da� es nicht n�tig sein wird, meinen Namen zu erw�hnen. Offensichtlich hat es einen Irrtum bei den Befehlen gegeben.�</p><p>�Offensichtlich�, brummte der Spielmann. �Wo finde ich die Katapulte. Ich hatte Anweisung, dort mein Lager aufzuschlagen, weil meine M�nner erfahren im Umgang mit Gesch�tzen sind.�</p><p>�Am �stlichen Ende des Lagers, Leo. Direkt am Fu� des H�gels!�</p><p>�Gut. Ich werde deinen Namen wieder vergessen, Gerwech. Dein Mi�trauen zeichnet dich als einen guten Offizier aus. Wenn dir falsche Befehle �bermittelt wurden, ist das nicht deine Schuld.�</p><p>�Danke, Herr.�</p><p>Volker wandte sich um und gab seinen M�nnern einen Wink. �Vorw�rts!� An der Spitze der Kolonne marschierte er durch das Tor.</p><p>Das Feldlager der Franken war so symmetrisch wie eine r�mische Stadt aufgebaut. Es gab vier Tore und zwei Hauptstra�en, die einander kreuzten, und in der Mitte des Lagers standen die Zelte des Feldherren und seiner h�chsten Offiziere. Vor einem langen Zelt war eine ganze Reihe von Standarten aufgestellt. In seinem Inneren glomm der rote Schein von Kohlenbecken. Das mu�te das Quartier von Ricchar sein. F�r einige Herzschl�ge �berlegte Volker, ob er nicht einfach in die Mitte des Feldlagers marschieren sollte, das F�rstenzelt niederrei�en und Ricchar ermorden. Damit w�re der Krieg zu Ende. Doch was war, wenn der F�rst nicht schlief. Er wu�te, da� in dieser Nacht keine Verst�rkung mehr ankommen sollte. Vielleicht war Ricchar auch in einem der anderen Offizierszelte. Der Spielmann sch�ttelte den Kopf. Das Risiko war zu gro�. Er sollte sich besser auf seinen urspr�nglichen Plan besinnen. Wenn es ihnen nicht gelang, die Katapulte zu zerst�ren, dann war die Zerst�rung des Bergdorfes schon so gut wie besiegelt.</p><p>�Abteilung links schwenkt!� Volker wies auf eine Gasse zwischen zwei Zeltreihen. Es war besser, dem Praetorium mit den Offizierszelten nicht zu nahe zu kommen. Man w�rde noch fr�h genug auf sie aufmerksam werden. Sp�testens wenn die Katapulte in Flammen aufgingen. Um sicherzustellen, da� das Holz gut brennen w�rde, hatte er seine M�nner zwei F��chen mit Lampen�l mitbringen lassen. Bis jetzt ging alles gut. Gef�hrlich w�rde es erst, wenn sie versuchten, den Hang hinaufzukommen und ihnen die halbe fr�nkische Armee dabei im Nacken sa�.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Die Flammen fra�en hinter ihm die Nacht. Keuchend rannte Golo den H�gel zum Dorf hinauf. Neben ihm hechelten seine Kameraden. Von den brennenden Katapulten her ert�nte das Geschrei der Franken. Deutlich konnte Golo die Stimme eines Offiziers h�ren, der seine Truppen zum Gegenangriff sammelte. Verfluchter Krieg! W�re er nur in Treveris geblieben! Volker war irgendwo zwischen den huschenden Schatten. Wenn ihn, Golo, jetzt ein Pfeil traf, dann w�rde es der Spielmann gar nicht bemerken. Jeder starb f�r sich allein.</p><p>Der junge Ritter keuchte. Es war besser, in dieser Lage nicht an den Tod zu denken. Vielleicht w�rde der Sensenmann sonst noch auf ihn aufmerksam. Hoffentlich sahen die Bogensch�tzen, wohin sie schossen. Wie besprochen, waren die meisten M�nner des Ebers auf dem Wall zur�ckgeblieben, um ihnen Deckung zu geben. Salve auf Salve schossen sie in die Finsternis. Surrend zogen die Pfeile kaum mehr als zwei oder drei Handbreit �ber ihre K�pfe hinweg.</p><p>Golo dachte an die Warnungen des Ebers. Sie mu�ten genau in den Spuren bleiben. Wenn er den vorgegebenen Weg verlie�, w�rde er in eine der Fallgruben st�rzen, mit denen die H�gelflanke gespickt war. Der Burgunde blickte zur�ck. Die Franken hatten sich gesammelt und folgten ihnen. Vor den hellen Flammen konnte er nur unf�rmige Schatten erkennen. Die gro�en Rundschilde lie�en die Schemen so aussehen, als h�tten sie riesige aufgedunsene Leiber, ganz wie Kreaturen, die aus den Schl�nden der H�lle emporgestiegen waren.</p><p>Die Schritte des jungen Ritters wurden schwerer. Erschrocken blickte er zu Boden. Er h�tte nicht zur�cksehen d�rfen! Die Spur! Er hatte sie verlassen. Ein St�ck vor ihm rannte noch ein Mann, der den Weg im Schnee verloren hatte. Unentschlossen blickte Golo den Hang hinab. Er m��te nur ein paar Schritt zur�ck, doch das hie�e, den Franken entgegenzulaufen oder, schlimmer noch, von den eigenen Bogensch�tzen f�r einen Feind gehalten zu werden.</p><p>Golo lief quer zum Hang, bis er die Spur des anderen erreichte. Wieder sah er �ber seine Schulter, doch diesmal blieb er einen Augenblick lang stehen. Die Franken waren schon verdammt nahe. Zwanzig Schritt noch, und sie h�tten ihn erreicht. Auch ihre Bogensch�tzen waren inzwischen alarmiert. Pfeile flogen den H�gel hinauf. Es war vielleicht ganz gut, nicht mit dem gro�en Pulk von Kriegern zu laufen. Ein Schrei ri� Golo aus seinen Gedanken. Der Mann vor ihm war verschwunden. Ein dunkles Loch klaffte im Schnee. Verdammt! Jetzt war er auf sich allein gestellt.</p><p>Die Schreie hinter ihm kamen immer n�her. Wenn er zu dem Wallabschnitt wollte, an dem die Leitern lehnten, auf denen sie hochsteigen sollten, w�rde er nur ein paar Herzschl�ge vor Ricchars Kriegern ankommen. Immer vorausgesetzt, er geriet nicht in eine der Fallgruben und die M�nner auf den W�llen zogen nicht vorzeitig die Leiter hoch.</p><p>Ihm wurde klar, da� er es nicht mehr schaffen w�rde. Das dunkle Loch im Schnee zog seine Blicke an. Wie ein Grab klaffte es am H�gelhang. Es w�rde ihm Deckung geben. Golo folgte weiter der Spur des Mannes, den die Erde verschlungen hatte. Zwei Schritt vor dem Loch warf er sich in den Schnee und kroch vorsichtig auf den Rand zu. Er sp�rte, wie etwas unter seinen H�nden nachgab. Erschrocken zuckte er zur�ck. Schnee glitt in die Grube hinab. Die letzten Reste des Geflechts aus d�nnen Weidenruten, unter dem die Falle verborgen gewesen war, rutschten hinab. Undeutlich konnte der junge Ritter die Pf�hle am Boden erkennen. Die Schreie hinter ihm waren jetzt ganz nahe.</p><p>Vorsichtig lie� er sich �ber den Rand gleiten. Auf dem Schnee fand er keinen Halt. Mit einem Rutsch war er unten und stie� seitlich an einen der zugespitzten Pf�hle. Der andere hatte weniger Gl�ck gehabt. Zwei abgebrochene Holzpfl�cke ragten aus seiner Brust. Er mu�te mitten �ber der Grube gewesen sein, als die Weidenruten unter seinem Gewicht nachgegeben hatten.</p><p>Brandpfeile zogen hoch �ber ihm durch den n�chtlichen Himmel. Golo fluchte. Die Franken schienen sich zu einem massiven Gegenangriff entschlossen zu haben.</p><p>Der Burgunde mustert die Fallgrube. Sein Kamerad hatte Pech gehabt. Nur in der Mitte standen angespitzte Pfl�cke. Wer sich von den R�ndern hineingleiten lie�, so, wie er es getan hatte, war nicht in Gefahr. Die Grube war gro�. Fast zwei Schritt lang und nur wenig schmaler. Wie ein Grab. �berall auf dem Boden lagen zerbrochene �ste, die wie dunkle Rippen aus dem Schnee emporragten. Die R�nder der Grube waren nicht sehr steil. Es w�rde leicht sein, wieder aus ihr herauszusteigen.</p><p>Der Schnee oben knirschte unter Schritten. Das leise Klappern von Waffen ert�nte. Golo sp�rte, wie sich etwas eisig in ihm zusammenzog, so, als seien pl�tzlich seine Ged�rme gefroren. Er lie� sich zusammengekr�mmt in den Schnee fallen. Dicht unterhalb des Randes der Grube schlug ein Pfeil ein. Aus den Augenwinkeln sah er f�r einen Herzschlag lang F��e �ber ihm durch den Nachthimmel gleiten. Der erste Trupp der Angreifer. Die Schritte entfernen sich. Das Keuchen verebbte. Doch was war, wenn noch mehr kamen? Was, wenn einer von ihnen in die Grube sprang, um vor den Pfeilen der Bogensch�tzen des Ebers Deckung zu suchen? Seine klammen Finger tasteten nach dem Dolch in seinem G�rtel. Zitternd zog er ihn hinaus und verbarg ihn neben sich im Schnee. Wenn jemand in die Falle sprang, w�rde er sofort auf ihn einstechen. Ja, er w�rde ihm die Kehle durchsto�en, damit er nicht schreien konnte! Es ging nicht anders! Der erste Augenblick war entscheidend. Der andere w�rde sicher nicht damit rechnen, hier unten angegriffen zu werden. Er durfte nicht z�gern, dachte Golo. Nur nicht abwarten und dem anderen in die Augen sehen. Er durfte dem Franken keine Gelegenheit geben, �ber ihn herzufallen.</p><p>Der junge Ritter hob den Kopf aus dem Schnee, um besser lauschen zu k�nnen. Von den W�llen des Bergdorfes erklang Schlachtl�rm. Die Schreie der Verwundeten und Sterbenden. Das dumpfe Ger�usch von Waffen, die auf h�lzerne Schilde schlugen. Hin und wieder auch das helle Klingen von Stahl, wenn zwei Schwerter aufeinandertrafen. Pl�tzlich ert�nte ein Hornsignal. Noch waren die W�lle des Dorfes gut bemannt, und der Mut der Verteidiger war ungebrochen. Die Franken mu�ten sich zur�ckziehen.</p><p>Golo lie� sich wieder in den Schnee sinken. Gespannt bis zum �u�ersten lauschte er auf die Ger�usche in der Finsternis. Das Klappern, das Knirschen und Schleichen kam n�her. Ein einzelner Schrei gellte durch die Nacht. Die Bogensch�tzen des Ebers!</p><p>Unmittelbar neben der Grube hasteten Schritte vorbei. Leises Fluchen und Keuchen war zu h�ren. Die ersten waren vorbei! Ein paar Herzschl�ge sp�ter kamen noch mehr. Dann herrschte wieder Ruhe. Gerade als Golo sein Gesicht aus dem Schnee hob, polterte es. Ein Schatten rutschte in die Grube, strauchelte und fiel auf den jungen Ritter.</p><p>Golos Hand verkrampfte sich um den Dolch. Ohne zu denken, in blinder Panik, stie� er zu. Er sp�rte, wie der K�rper beim zweiten Stich weich wurde und in sich zusammensackte. Seine Hand war klebrig und na�. Als er wieder zu sich kam, starrte er auf seine Hand. Das Blut sah in der Finsternis dunkel aus, fast schwarz.</p><p>Der andere r�chelte. Noch immer raste dem Burgunden das Blut durch die Adern. Es dr�hnte wie ferner Donner in seinen Ohren. Sein Atem ging keuchend. Das R�cheln des Franken erschien dem Ritter unnat�rlich laut. Er mu�te ihm den Mund zuhalten, Schnee hineinstopfen, damit die anderen ihn nicht h�rten. Der Kerl sollte still sein! Voller Ha� starrte er in das blasse Gesicht. Warum mu�te sich der Idiot ausgerechnet in diese Grube werfen? H�tte er nicht ein paar Schritt weiter rechts den Hang hinunterlaufen k�nnen?</p><p>M�de robbte Golo in die entgegengesetzte Ecke der Fallgrube. Er wollte den Franken nicht sehen. Den Dolch schob er in seinen G�rtel zur�ck. Wenn er sich r�hrt, werde ich ihn t�ten, dachte der Ritter. Aber er wird nichts mehr tun, das h�rt man schon an seinem R�cheln. Dieses R�cheln... Der Burgunde blickte zum Rand der Grube. Er mu�te hier heraus! Der Himmel war schon ein wenig heller geworden. Nicht mehr lange, und es war zu sp�t. Sobald die Bogensch�tzen besser sehen konnten, war es Wahnsinn, sich auf der H�gelflanke zu zeigen. In seiner schneeverkrusteten Felljacke k�nnte man ihn auch f�r einen Sachsenkrieger halten. Das fehlte gerade noch, da� seine eigenen Kameraden auf ihn zielten. Doch selbst wenn sie ihn erkannten und nicht beschossen, war er auch noch immer t�dlich nah am Lager der Franken. Sie w�rden gewi� auf alles schie�en, was sich am Berghang bewegte. Ob er es noch wagen konnte, �ber den Rand der Grube zu klettern, oder war es schon zu sp�t? Gerade nach einem Gefecht waren die Wachen auf beiden Seiten besonders aufmerksam. Wie lange er die K�lte wohl �berleben w�rde, wenn er hier unten in diesem Loch hockte. Es w�re nur f�r ein paar Stunden hell.</p><p>Golos starrte zu dem Toten, der als erster in die Grube gest�rzt war. Seine Augen waren weit offen und nach oben verdreht, so, als habe er bei seinem letzten Atemzug etwas am Himmel gesehen. Zu der dunklen Gestalt am anderen Ende des Loches wagte er nicht hin�berzusehen. Rastlos wanderte sein Blick und blieb schlie�lich an seiner blutigen Hand h�ngen. Ihm wurde �bel. Er streifte die Hand �ber den Schnee. Als das getrocknete Blut abgewischt war, war sie ganz taub vor K�lte geworden. Wenn es nur schon wieder finster w�re!</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Es war heller, grauer Tag. Das R�cheln auf der anderen Seite der Grube t�nte fort. Golo steckte sich die Finger in die Ohren, um es nicht mitanh�ren zu m�ssen. Doch dann bekam er Angst, da� die Franken vielleicht einen zweiten Angriff wagen w�rden. Wenn er sie nicht kommen h�rte, w�rde er sich nicht rechtzeitig totstellen k�nnen.</p><p>Die Gestalt gegen�ber bewegte sich. Der junge Ritter zuckte zusammen. So, als st�nde er pl�tzlich unter einem Zauberbann, war es ihm unm�glich, nicht hin�berzusehen. Der Krieger hatte einen hellblonden Vollbart, in dem jetzt Schnee klebte. Sein Kopf war zur Seite gesunken und lehnte auf der linken Schulter. Seine rechte Hand ruhte auf der Brust. Sie war blutverschmiert.</p><p>Er ist tot, redete Golo sich ein. Das R�cheln, das ist nur noch sein K�rper! Der Burgunde hatte so etwas schon gesehen. Letztes Jahr in Aquitanien. Er dachte an die aufgedunsenen Leichen, die nach der Schlacht hinter den Ringw�llen gelegen hatten. So, als furzten die Toten, waren manchmal �belriechende Gase aus ihren K�rpern entwichen.</p><p>Der Franke versuchte, den Kopf zu heben. F�r einen Augenblick wurde sein Keuchen st�rker. Dann sank sein Haupt kraftlos auf die Schulter zur�ck. Golo fluchte leise. Warum konnte der Kerl nicht einfach tot sein? Warum dauerte das so lange!</p><p>Vorsichtig rutschte der Ritter ein St�ck in Richtung des Sterbenden. Vielleicht konnte er dem Mann ja noch helfen. Auf die H�nde gest�tzt, kroch er langsam durch die Grube. Einmal hielt er inne und w�re fast wieder umgekehrt. Der Weg von nur zwei Schritt schien ihm eine Ewigkeit zu dauern. Als er endlich neben dem Franken anlangte, schlug dieser die Augen auf. Er mu�te ihn geh�rt haben. Sein K�rper lag still, aber seine Augen... Sie schrien! All sein Leben schien in ihnen versammelt zu sein, und in ihnen spiegelte sich ein unfa�bares Grauen, so, als s�he er dem Sensenmann ins Angesicht. Und Golo begriff! Er war f�r den wehrlosen Franken der Tod!</p><p>Der junge Ritter wollte die H�nde vor sein Gesicht schlagen, doch seine Glieder waren wie gel�hmt. �Nein�, stammelte er leise. �Nein.�</p><p>Er war durch den Blick des Sterbenden gefangen. Nur f�r wenige Atemz�ge oder f�r eine Ewigkeit? Der Bann zerbrach, als der Krieger seine Hand auf der Brust bewegte. Sie sank um wenige Zoll tiefer. Golo beugte sich vor. Er hob die H�nde, um dem Franken zu zeigen, da� er jetzt unbewaffnet war. Sofort kehrte das Entsetzen in den Blick des Fremden zur�ck.</p><p>�Ich will dir nichts zuleide tun, Kamerad.� Der junge Ritter erschrak vor seiner eigenen Stimme. Sie klang rauh und dunkel. �H�rst du?� Er packte den Franken unter den Achseln und richtete ihn auf, so da� er nun etwas bequemer gegen die Wand der Fallgrube lehnte. Der Kiefer des Kriegers war heruntergeklappt. Er hatte schlechte Z�hne. Sein Atem stank.</p><p>�Hast du Durst? Bestimmt hast du Durst!� Golo griff in den Schnee und formte zwischen den Fingern eine kleine Kugel. Die schob er in den Mund des Franken.</p><p>�Tut mir leid. Ich habe keine Wasserflasche bei mir. Das mu� helfen...� Auch er schob sich nun eine Schneekugel in den Mund und lutschte daran. Die K�lte schmerzte an den Z�hnen. Doch es tat gut, etwas die Kehle hinunterrinnen zu sp�ren.</p><p>Der Franke hatte M�he zu schlucken. Seine Hand war jetzt ganz von der Brust gerutscht, so da� Golo die beiden blutigen L�cher im Wams sehen konnte. Der Burgunde w�nschte, er k�nnte etwas tun. Doch selbst wenn er ihn behandeln k�nnte, m��te er dazu die Kleider aufschneiden, und was nutzte es, wenn man die Blutung stillte und der Mann daf�r erfror. Schon jetzt waren die Lippen des Kriegers ganz blau. In kleinen fahlen W�lkchen stand ihm der Atem �ber dem Mund. Golo hatte den Eindruck, da� sie mit jedem Atemzug unscheinbarer wurden.</p><p>Auch ihm selbst machte die K�lte zu schaffen. L�ngst war sie durch seine Stiefel gekrochen. Die F��e f�hlten sich an wie Eisklumpen. Wieder sah er zum Franken her�ber. War es die K�lte, die ihn t�tete, oder die beiden Dolchstiche? Und was war, wenn die M�nner Ricchars noch einmal angriffen und ihn hier zusammen mit ihrem sterbenden Kameraden fanden. Es w�re besser, wenn sie sahen, da� er alles nur M�gliche getan hatte, um das Leben des Mannes zu retten.</p><p>Der Tote! Er brauchte keine Kleider mehr. Golo kroch zu dem Leichnam. Der Mann war v�llig steif. Das Blut, da� an den Holzpfl�cken hinabgelaufen war, war gefroren. Vergeblich m�hte der Ritter sich ab, ihm die Pelzweste auszuziehen. Er m��te sie in St�cke schneiden, um sie herunterzubekommen. Schlie�lich gab Golo auf. Er dr�ckte dem Toten die Augen zu. �Verzeih mir, wenn ich dich bestehle. Es ist nicht f�r mich.� Mit einem Schnitt durchtrennte er den Kinnriemen der Wolfsfellm�tze des Kriegers und zog sie im ab. Dann kroch er wieder zu dem Franken her�ber.</p><p>Der Mann starrte ihn mit schreckensweiten Augen an. Jetzt erst bemerkte Golo, da� er noch immer den Dolch in H�nden hielt. Hastig schob er die Waffe in seinen G�rtel. �Ich will dir nichts tun, Kamerad.� Der Franke schien nicht zu begreifen. Er war unf�hig, sich zu bewegen und zu sprechen. Doch das war nicht n�tig. Seine Blicke reichten. Golo wagte es nicht, n�her zu kommen. Er sah auf die Pelzm�tze. �Die ist gut. Sie wird dich ein bi�chen warm halten.�</p><p>Schlie�lich setzte der Burgunde sich selbst die M�tze auf und kroch wieder in den entferntesten Winkel der Grube. Wenn es nur endlich wieder dunkel w�rde!</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Endlos langsam wanderte die blasse Sonne �ber den schmalen Ausschnitt des Himmels, den Golo vom Grund der Grube aus sehen konnte. Das R�cheln des Franken setzte wieder ein. Wie langsam ein Mensch doch starb. Er war nicht mehr zu retten, dessen war sich der Ritter v�llig sicher. Man mu�te nur seine H�nde ansehen. Sie waren krebsrot vor K�lte und die Fingern�gel fast schwarz. Er w�nschte, der Kerl w�re endlich tot. Das St�hnen war nicht mehr zu ertragen. Obwohl es langsam leiser wurde, klang es zugleich auch anklagender. Am liebsten h�tte er ihn get�tet, um endlich seine Ruhe zu haben. Aber er konnte es nicht. Es war ihm unm�glich, hin�berzukriechen und dem Krieger einfach die Kehle durchzuschneiden.</p><p>Manchmal legte er dem Sterbenden eine kleine Kugel aus Schnee in den Mund. F�r einige Herzschl�ge verstummte dann das R�cheln. Auch er selbst nahm auf diese Weise Fl�ssigkeit zu sich, doch es war ein schlechter Weg. Er konnte f�rmlich sp�ren, wie das kalte Wasser die W�rme aus seinem K�rper sog. Langsam bekam er auch Hunger. Gestern am fr�hen Abend hatte er zum letzten Mal gegessen. Ein bi�chen Hirsebrei und Brot. Was der Franke wohl gegessen hatte? Ob er daran gedacht hatte, da� es seine letzte Mahlzeit sein w�rde? Gewi� nicht.</p><p>Das Gesicht des Franken wirkte wie mit einer d�nnen Schicht aus Wachs �berzogen. Eiskristalle hatten sich in seinem blonden Bart gebildet. Er war der erste Mensch, den Golo get�tet hatte und dem er anschlie�end beim Sterben zusehen mu�te. Was der Krieger wohl getan h�tte, wenn er ihn nicht mit dem Dolch angegriffen h�tte? Ob er selbst dann jetzt sterbend hier unten l�ge? W�hrend der K�mpfe in Aquitanien hatte er zwei Krieger erschlagen, und hier in den Bergen waren es schon ein halbes Dutzend. Er konnte sich nicht einmal mehr an die Gesichter <emphasis>seiner </emphasis>Toten erinnern. Doch diesen hier w�rde er niemals vergessen. Jedes R�cheln war wie ein Dolchsto�. Der Sterbende hatte die Stunden f�r sich. Die Zeit und die Gedanken. Sie waren wie unsichtbare Messer. Er sollte nicht mehr hin�bersehen! Doch die Grube war zu klein. Hier gab es kein Ausweichen! Wieder blickte Golo zum Himmel. Ihm war kalt. Wenn er in der Dunkelheit nicht von hier fortkam, dann w�rde auch er sterben.</p><p>Ganz nahe h�rte er das Kr�chzen von Raben. Sicher machten sich die schwarzen V�gel an den Toten der letzten Nacht zu schaffen.</p><p>Das R�cheln des Franken ri� Golo aus seinen Gedanken. Er w�rde viel darum geben, wenn der Krieger �berleben w�rde. Es war schwer, einfach nur dazuliegen und ihm zusehen und zuh�ren zu m�ssen. Einmal war der junge Ritter fast so weit, aus der Grube zu klettern. Er hatte sich schon aufgerichtet und streckte die H�nde nach dem Rand. Dann jedoch besann er sich eines Bessern. Nur wenige Stunden mu�te er noch warten. Wenn in dieser Nacht Wolken vor dem Mond st�nden, k�nnte er gefahrlos bis zu den W�llen kriechen. Er durfte nur nicht vorher einschlafen. Wenn er die Augen schlo�, dann w�rde er nicht mehr aufwachen. Die K�lte w�rde ihm im Schlaf sein Leben stehlen.</p><p>Kurz vor Einbruch der D�mmerung war der Franke tot. Erst war Golo erleichtert, doch dann begann ihm die Totenstille zu schaffen zu machen. Neben den beiden Leichen empfand er es als Unrecht, noch zu leben. Sie belauerten ihn. Waren neidisch auf den letzten Rest von W�rme, der in seinem Leib verblieben war. Golo w�nschte, das R�cheln w�re wieder da. Sto�weise, heiser, einmal pfeifend leise, dann wieder heiser und laut.</p><p>Er kroch zu dem Toten und schlo� ihm die Augen. Er konnte den starren Blick in seine Richtung nicht ertragen. Die Anklage... Der Ritter b�rstete sogar die Eiskristalle aus dem Bart des Franken. Ob er wohl ein Weib gehabt hatte und Kinder?</p><p>Der Ritter fluchte leise. Diese verdammte Revolte. Was machte er hier eigentlich? Und warum hatte dieser fr�nkische Bastard ausgerechnet in dieses Loch springen m�ssen? W�re er doch nur weitergelaufen. Vielleicht h�tten die Pfeile ihn verfehlt, und er w�rde jetzt am Lagerfeuer sitzen und seine Suppe essen. Der Krieger war jung. Vielleicht f�nfundzwanzig Sommer. Er h�tte sicher noch zwanzig Jahre leben k�nnen!</p><p>�Rei� dich zusammen!� murmelte Golo leise. �Du darfst dich nicht gehenlassen. Noch eine Stunde, dann ist es dunkel genug, um aus dem Loch zu kriechen.�</p><p>Drau�en war es still. Die Raben schienen davongeflogen zu sein. Nur das feine Knistern des Schnees war zu h�ren, wenn ein Windsto� Eiskristalle den H�gel hinauffegte.</p><p>Wieder blickte Golo in das Gesicht des Toten. Was war, wenn der Geist des Mannes ihn verfolgte, um sich zu r�chen. Er hatte von solchen Geschichten geh�rt, in denen die Geister Verstorbener ihre M�rder verfolgten. �Du wei�t, da� ich nichts gegen dich gehabt habe. Es war ein Ungl�ck. In meiner Lage h�ttest du nicht anders gehandelt. Du darfst mich nicht verfolgen...�</p><p>Golo bi� sich auf die Lippen. Er begann wahnsinnig zu werden. Er sprach mit einem Toten! So konnte das nicht weitergehen. Der tote Krieger auf den Holzpfl�cken r�hrte ihn nicht. Warum konnte er nicht einfach auch diesen Franken vergessen? Er durfte ihn nicht mehr anblicken. Bald w�rde die Nacht die Bl�sse im Gesicht seines Gegen�bers verschlucken. Dann hockte dort nur noch ein undeutlicher Schemen am anderen Ende der Grube. Vielleicht wurde es aber auch schlimmer, wenn er den Kerl nicht mehr richtig sehen konnte. Er mu�te vor ihm fliehen. Der Ritter schlo� die Augen und lehnte sich gegen das kalte Erdreich. Jetzt sp�rte er, wie der Hunger an seinen Eingeweiden fra�. Und er war m�de... Unendlich m�de. Vor dem Angriff hatte er nicht schlafen k�nnen.</p><p>Es war verlockend, sich ein wenig treiben zu lassen. Auf dem schmalen Grad zwischen Tagtraum und Schlaf zu balancieren. Er dachte an das Dorf, in dem er aufgewachsen war. An die Erntezeit, als sie alle gemeinsam auf den Feldern gewesen waren. So weit fort war all dies. Wenn er sich der Erinnerung ganz hingab, konnte er fast den warmen Sommerwind auf den Wangen sp�ren.</p><p>�Golo?�</p><p>Erschrocken schlug der Ritter die Augen auf. Der Himmel �ber ihm war jetzt v�llig schwarz. Er mu�te eingeschlafen sein. Hatte ihn jemand gerufen? Oder war es nur eine Stimme in seinen Tr�umen gewesen.</p><p>�Golo?�</p><p>Unsicher blickte er zu den beiden Toten. War es schon Mitternacht? Waren sie aus dem Reich der Geister zur�ckgekehrt, um nun auch ihn zu holen? Doch die Stimme war seltsam vertraut.</p><p>�Hier. Hier bin ich.� Er wagte es nicht, laut zu rufen. In der Nacht waren Stimmen weiter zu h�ren als bei Tag. Er hatte Angst, da� die fr�nkischen Wachen auf ihn aufmerksam wurden.</p><p>Ein Ger�usch wie ein Schleifen war zu h�ren. Es n�herte sich dem Rand der Grube. Der Ritter sp�rte, wie sich ihm die Haare im Nacken str�ubten. Was zum Henker war das dort drau�en? Suchte ihn am Ende ein leichenfressender Unhold? Er bekreuzigte sich.</p><p>Schnee rutschte vom Rand der Grube hinab. �Bist du dort unten?�</p><p>Golo z�ckte den Dolch aus seinem G�rtel.</p><p>�Golo?�</p><p>Diese Stimme? Konnte es sein... Das war doch nicht m�glich!</p><p>�Mechthild?�</p><p>Ein Schatten glitt �ber den Rand der Falle. �Golo! Du lebst. Ich habe es gewu�t!� Das M�dchen schlo� ihn in die Arme und dr�ckte ihn fest an ihre Brust. �Bei der Heiligen Jungfrau! Du f�hlst dich an wie ein Eisblock. Bist du verletzt? Kannst du laufen?�</p><p>�Was machst du hier? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Die Bogensch�tzen...�</p><p>�Ich wu�te, da� du nicht tot bist. Die anderen haben es gesagt, aber ich wollte ihnen nicht glauben. Golo!�</p><p>�Danke.� Er strich ihr z�rtlich �ber das Gesicht. �Danke. Ich wei� nicht...� Er beugte sich vor und k��te sie.</p><p>Schlie�lich war sie es, die sich aus der Umarmung l�ste. Doch es war gut. Er hatte gesp�rt, das sie keinen Groll mehr gegen ihn hegte. Was in Treveris geschehen war, war nun vergessen. Dieses Grab, in dem er den ganzen Tag gehockt hatte, hatte sie wieder zusammengef�hrt.</p><p>�Hier, nimm das.� Mechthild zog sich einen mit Schnee verkrusteten Schafsfellumhang von den Schultern. Darunter trug sie einen zweiten Umhang aus wei�er Wolle. �Leg ihn an. Solange wir �ber den Boden kriechen und der Mond hinter den Wolken verborgen bleibt, wird man uns nicht erkennen. Man m��te schon auf uns treten, um zu merken, da� wir keine Schneeverwehung sind. Oben bei den W�llen gibt es einen Abschnitt, wo die Wachen Bescheid wissen, da� ich kommen werde. Doch wir sollten uns beeilen. Die M�nner sind unruhig. Weil es so dunkel ist, haben sie Angst, da� Ricchars Sachsen vielleicht einen �berraschungsangriff wagen k�nnten.�</p><p>Golo starrte sie verwundert an. �So viel hast du ja noch nie auf einmal gesprochen.�</p><p>Sie grinste. �Mu� an dir liegen. La� uns gehen.�</p><p>Der Ritter blickte ein letztes Mal zu dem toten Franken. �M�ge deine Seele in Frieden ruhen, Kamerad. Meine Gebete werden mit dir sein.�</p><p>�Mit wem sprichst du?�</p><p>Der Burgunde sch�ttelte den Kopf. �La� uns gehen!� Er zog den Schafspelz um seine Schultern und streckte sich, um am Rand der Grube nach Halt zu suchen.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>19. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Volker duckte sich hinter die h�lzerne Palisade und beobachtete, wie die Mannschaften bei den Gesch�tzen am Fu� des H�gels nachluden. Zehn Soldaten bedienten jeweils ein Katapult. Wieder wurde eines der Gesch�tze abgefeuert. Bis hier oben konnte man den dumpfen Knall h�ren, mit dem der Katapultarm auf das Lederpolster schlug. Sich drehend und ein wenig trudelnd flog der rotbraune Felsbrocken den Berg hinauf. Der Spielmann duckte sich noch ein wenig tiefer. Fauchend zog das Gescho� �ber die Palisade, verfehlte nur knapp eines der H�user und schlug in den Schnee.</p><p>Ricchar hatte schneller neue Katapulte gebaut, als sie erwartet hatten. Nur f�nf Tage waren seit dem n�chtlichen �berfall vergangen. Besorgt blickte der Spielmann �ber die niedrigen H�user. Sie konnten es sich nicht leisten, Unterk�nfte zu verlieren. Schon jetzt war jede der H�tten �berf�llt.</p><p>Wieder zog eines der Geschosse �ber seinem Kopf weg. Aus den Augenwinkeln sah der Burgunde, wie der Eber hinter die Palisade geduckt in seine Richtung lief. Hoffentlich brach keine Panik in dem Dorf aus. Das zweite Gescho� verfehlte die Festhalle nur um ein paar Spann. Der Spielmann fluchte. Dort waren ihre Verwundeten untergebracht. Das Dach durfte nicht zerst�rt werden. Doch was sollte er tun? Der letzte Ausfall hatte ihn drei�ig Krieger gekostet. Bei der Verlustrate konnte er genau ausrechnen, wann er keinen Mann mehr hatte, der ein Schwert halten konnte.</p><p>Keuchend lehnte sich der Eber neben ihm an die h�lzerne Brustwehr. Er hielt einen Pfeil in der Hand, um den mit einem Wollband ein breiter Streifen Birkenrinde gebunden war. �Der steckte in der Palisade am Ostwall. Er hat es geschafft.�</p><p>Volker nickte zufrieden. Vor vier Tagen hatte sich Rother bei Nacht aus dem Dorf geschlichen. Er sollte sich in den nahegelegen W�ldern verbergen und die Truppen Ricchars bespitzeln.</p><p>Volkers H�nde zitterten vor Aufregung, als er das Band um den Rindenstreifen l�ste. Auf der Innenseite war mit Ru� eine kurze Nachricht niedergeschrieben.</p><empty-line/><p><emphasis>�Zehn je Tag. Fast zweihundert krank.�</emphasis></p><empty-line/><p>�Was steht da?� Der Eber konnte seine Ungeduld nicht l�nger zur�ckhalten. Er starrte auf das Rindenst�ck, ohne die Schriftzeichen lesen zu k�nnen. �Was berichtet er?�</p><p>�Wir hatten recht.� Volker rollte die Nachricht zusammen und schob sich das Rindenst�ck hinter den G�rtel. �Niemand kann eine Belagerung bei dieser K�lte aufrechterhalten, ohne einen hohen Preis daf�r zahlen zu m�ssen. Er verliert jeden Tag zehn Krieger, die sie irgendwo bestatten, wo wir es nicht sehen k�nnen. Und zweihundert Mann sind so krank, das sie nicht mehr diensttauglich sind. Wenn wir es schaffen, noch eine Woche durchzuhalten, wird er aufgeben m�ssen. Schon jetzt kann er mehr als ein Viertel seiner Truppen nicht mehr ins Gefecht f�hren.�</p><p>Der Eber runzelte die Stirn. �Sehen tut man davon aber nichts.�</p><p>�Nat�rlich nicht. Die Soldaten bleiben in ihren Lederzelten und hocken an den Feuern. Man sieht nie mehr als hundert gleichzeitig im Lager herumlaufen. Jeder, der kann, fl�chtet vor der K�lte.�</p><p>�Und wenn die Nachricht gef�lscht ist? Rother ist kein Waldl�ufer. Es kann f�r die Sachsen nicht schwer sein, ihn aufzusp�ren. Wir h�tten Drustan schicken sollen. Der steht im Wald neben dir, und du merkst es nicht. Er ist...�</p><p>�Er ist sicher ein guter Mann�, unterbrach Volker den Gesetzlosen. �Doch leider kann er nicht schreiben. Es h�tte uns nichts genutzt, ihn zu schicken.�</p><p>�Aber woher willst du wissen, da� es wirklich Rother ist, der dir schreibt? Du wei�t, da� Ricchar ein Fuchs ist.�</p><p>Der Spielmann sch�ttelte �rgerlich den Kopf. �Manchmal hilft es, auf die Gnade Gottes zu vertrauen.�</p><p>Der Eber pfiff leise durch die Z�hne. �So schlecht steht es also schon um uns! Ich f�r meinen Teil traue ihm nicht, und ich werde herausbekommen, ob er uns betr�gt.� Ein Felsbrocken zog zischend �ber ihre K�pfe hinweg. Krachend durchschlug er ein H�userdach. Ged�mpfte Schreie ert�nten.</p><p>�Wir m�ssen daf�r sorgen, da� mehr Schnee auf den D�chern liegt. Er wird die Treffer durch die Geschosse ein wenig abfedern.� Volker lie� sich den Erdwall hinabrutschen und rannte ins Dorf. Es war vern�nftiger, sich mit praktischen Dingen zu besch�ftigen, statt hinter allem Verrat und Intrige zu sehen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Er hatte sich Volker anvertraut. Es ging so nicht mehr weiter. Er verzehrte sich vor Sehnsucht nach Mechthild. Sie hatte zwar noch den K�rper eines M�dchens, doch in den letzten Wochen war sie eine Frau geworden. Golo sp�rte, da� auch sie sich nach ihm sehnte. Es war die Art, wie sie ihn ansah oder manchmal verstohlen seine Hand ber�hrte. Er war sich ganz sicher... Schlie�lich war sie es gewesen, die ihn in Treveris aufgefordert hatte!</p><p>Trotz all dieser Zeichen war er sich jedoch auch sicher, da� sie ihn nicht mehr direkt darauf ansprechen w�rde. Diesmal w�re es seine Sache, den ersten Schritt zu unternehmen. Gewi� hatte sie Angst, noch einmal so verletzt zu werden. Sich eine Bl��e zu geben...</p><p>Volker war v�llig �berrascht gewesen, als Golo ihm erkl�rt hatte, wer sich hinter dem Waffenknecht verbarg. Der Spielmann mu�te blind sein! Da� ausgerechnet er eine Frau nicht erkannt hatte... Es gab kein Haus, keine Kammer und keinen Heuboden, auf dem Golo mit Mechthild f�r ein paar Stunden h�tte allein sein k�nnen. �berall waren Fl�chtlinge untergebracht, und die Nachtlager der verschiedenen Paare waren oft nicht einmal durch aufgespannte T�cher voneinander getrennt. F�r manche mochte es seinen Reiz haben, wenn sie ihren Gel�sten unter den Augen anderer nachgingen, doch Golo wu�te, da� sich Mechthild ihm unter solchen Umst�nden niemals w�rde hingeben k�nnen. Er wollte mit ihr allein sein in ihrer ersten Nacht.</p><p>Der einzige im ganzen Dorf, der eine Unterkunft f�r sich allein hatte, war Volker. Niemand wagte es, mit ihm, dem Auserw�hlten, unter einem Dach zu wohnen. Je verzweifelter ihre Lage wurde, desto seltsamere Z�ge nahm die Verehrung eines Teils der Dorfbewohner f�r den burgundischen Spielmann an. Wenn er durch das Dorf ging, versuchten manche M�nner und Frauen, den Saum seines Gewandes zu ber�hren, so, als sei es schon jetzt eine schutzverhei�ende Reliquie. Sicher, es war unbestritten ein Wunder, da� es Ricchar bislang noch nicht gelungen war, das kleine Bergdorf zu erobern, doch deshalb war der Barde noch kein Heiliger. Auch dann nicht, wenn Belliesa immer neue Geschichten und Lieder �ber den Spielmann erfand.</p><p>Volker aber hatte ihm auf sein Bitten f�r eine Nacht seine H�tte beim Turm des Ebers �berlassen. Es war eines der kleinsten H�user im Dorf. Man hatte es aus m�chtigen Balken gezimmert und die Fugen in den W�nden mit Moospolstern zugestopft. Es gab nur einen einzigen Raum. Er war etwas weniger als vier mal vier Schritt gro�. Der Boden bestand aus gestampftem Lehm, �ber den Moos und Stroh gestreut war. Am hinteren Ende gab es eine gemauerte Feuerstelle, von der der Rauch unter den ru�geschw�rzten Deckenbalken bis hin zu der kleinen �ffnung im Giebel �ber der T�r zog. Dicht neben der Feuerstelle war auf dem Boden ein Lager aus Wolldecken und Fellen ausgebreitet. Dort lag er nun mit Mechthild. Sie hatten ein einfaches Mahl aus Hirsebrei, altem Brot und K�se verzehrt. Obwohl die Speicher des Dorfes bis fast zu den Dachschindeln mit Vorr�ten gef�llt waren, hatte Volker vor einer Woche die Rationen f�r alle drastisch gek�rzt. Das t�gliche Essen reichte jetzt kaum noch, um satt zu werden, und Golo hatte sich die Brot- und K�sest�cke, die er Mechthild heute abend angeboten hatte, drei Tage lang vom Mund abgespart. Obwohl der Hunger nun ihr Gast geworden war, hatte sich die Stimmung unter den Belagerten deutlich gebessert, seit die Lebensmittel rationiert waren. Volker hatte allen auf diese Weise seine Zuversicht gezeigt, da� sie noch bis zum Fr�hling Widerstand leisten w�rden. Golo wu�te allerdings, da� die Entscheidung des Spielmanns nicht auf wirklicher Hoffnung begr�ndet war, sondern allein auf taktischem Kalk�l beruhte. Der Barde glaubte nicht daran, da� sie Ricchar besiegen w�rden. Er hatte es niemals getan!</p><p>Golo nahm einen tiefen Schluck aus dem Bierkrug, den ihm der Spielmann gro�m�tig �berlassen hatte, und wischte sich danach mit dem �rmel �ber den Mund. Er sollte f�r den Rest der Nacht alle Gedanken an die Zukunft verbannen.</p><p>Der junge Ritter blickte zu Mechthild. Sie sah kurz von ihrer Sch�ssel auf und l�chelte scheu. W�hrend des ganzen Mahls hatten sie kein Wort miteinander gesprochen, doch ihr Schweigen hatte nichts Beklemmendes. Es beruhte auf stillem Verstehen.</p><p>Mechthild schob ihre Holzschale zur Seite und blickte ihn an. Ihre gr�nen Augen funkelten wie Smaragde. Einen Augenblick lang hatte Golo Angst, ihre Erwartungen nicht erf�llen zu k�nnen. Er beugte sich vor und k��te sie. Erst sanft, dann begann er leidenschaftlicher zu werden. Seine Hand glitt zum G�rtel des M�dchens. Er l�ste die Schalle und schob die Hose hinunter. Seine Zunge umkreiste die ihre.</p><p>Der Ritter hob sie auf und schob sie ein St�ck weiter auf die Decken. Er f�hlte sich seltsam entr�ckt, so, als geschehe dies nicht wirklich. Vorsichtig drang er in sie ein, halb darauf gefa�t, sich sofort wieder zur�ckzuziehen, wenn er ihr Unbehagen bereitete. Doch Mechthild umschlo� ihn mit ihren Schenkeln.</p><p>Sein ganzes Gewicht ruhte nun auf ihr und dr�ckte sie hinunter. Die Lust hatte alle anderen Gedanken ausgel�scht. Das M�dchen k��te ihn, wild und leidenschaftlich. Pl�tzlich erstarrte ihr Gesicht zu einer Maske des Entsetzens. Mit einem gellenden Schrei drehte sie sich unter ihm weg.</p><p>Schluchzend rollte sich Mechthild zusammen und verbarg ihr Antlitz in den H�nden. Golo legte seine Arme um sie. Sie lie� es geschehen. Er sp�rte, wie ihr Blut durch die Adern pulste. Sanft streichelte er durch ihr langes kastanienrotes Haar.</p><p>�Sie waren pl�tzlich wieder da.� Das M�dchen schluchzte leise. �Ich dachte, ich h�tte sie hinter mir gelassen, die Gesichter jener Nacht. Die M�nner sind nicht hier im Dorf. Sie m�ssen bei den K�mpfen gestorben sein. Nur der Eber...�</p><p>�Rede jetzt nicht.� Er dr�ckte sie ein wenig enger zu sich. �La� uns einfach beieinanderliegen.�</p><p>Der junge Ritter starrte zur Decke und lauschte auf den unregelm��igen Atem des M�dchens. Pl�tzlich sp�rte er ihre Hand auf dem Glied. Sie streichelte es. Es richtete sich auf, wurde hart. Mechthild drehte sich um. Sie k��te seine Brust und glitt langsam tiefer. Er hielt sie fest.</p><p>�Bist du w�tend auf mich?� Golo sah die Furcht in ihren klaren, gr�nen Augen. Angst, ihn zu verlieren?</p><p>�Nein, meine Prinzessin! Ich habe dir weh getan. Deine alten Wunden wieder aufgerissen. Ich habe deinen Schmerz gesp�rt. Wie k�nnte ich dir b�se sein?�</p><p>�Aber...�, sie blickte auf sein Gem�cht.</p><p>�La� es gut sein f�r diese Nacht. Warten wir ein wenig. Wie du siehst, hat mein Begehren nicht gelitten.�</p><p>�Und du bist wirklich nicht b�se auf mich?�</p><p>Statt einer Antwort schlo� Golo sie in die Arme.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker wanderte den H�gel hinauf bis ganz hoch zum Rand der Steilklippe, wo der Turm des Ebers stand. Es war still im Dorf. Die Nacht hatte sich �ber die Berge gesenkt. Der Himmel war sternklar, und die K�lte bi� mit eisigen Z�hnen durch seine Kleider. Undeutlich konnte er die Schatten der Wachen erkennen, die auf den W�llen patrouillierten.</p><p>Wie gerne w�rde er jetzt so wie Golo in den Armen einer Geliebten liegen! Wie lange war es her, da� er das letzte Mal mit einer Frau geschlafen hatte. Eine Ewigkeit... Der Auserw�hlte zu sein hatte ihn einsam gemacht. Sogar Golo schien sich von ihm zur�ckzuziehen.</p><p>Ganz leise klang eine Stimme mit dem Wind. Im Schatten des Turms stand Belliesa auf dem Rand der Klippe, blickte �ber das weite Bergland und sang.</p><empty-line/><p><emphasis>�Weit bin ich in den kalten Bergen gewandert</emphasis></p><p><emphasis>und habe um den Kummer und den Schmerz gewu�t.</emphasis></p><p><emphasis>Wo sind nun die vielen Menschen</emphasis></p><p><emphasis>vom Feld der Speere?</emphasis></p><p><emphasis>Alte Tr�nen</emphasis></p><p><emphasis>fallen wie Regen auf sie</emphasis></p><p><emphasis>und ihre Augen sind still,</emphasis></p><p><emphasis>als sie matt das Licht der Sterne spiegeln.</emphasis></p><p><emphasis>Ich habe die ungez�hlten Toten gesehen.</emphasis></p><p><emphasis>Auch ich werde einmal unter dem Sternenhimmel liegen</emphasis></p><p><emphasis>und mich nicht mehr zu dem Feld der Speere erheben.</emphasis></p><p><emphasis>Ich habe den Schrei des Windes geh�rt,</emphasis></p><p><emphasis>es ist der Schrei, der in meinem Herzen ist.</emphasis></p><p><emphasis>Eine Decke aus braunen Bl�ttern wird ihn ersticken,</emphasis></p><p><emphasis>bevor der n�chste Fr�hling kommt.�</emphasis></p><empty-line/><p>Belliesa legte ihre Laute zur Seite und drehte sich um. �Hat dir mein Lied gefallen, einsamer Held?�</p><p>�Es ist sch�n, aber sing es nicht vor den anderen. Glaubst du, da� unsere Schlacht verloren ist? Werden wir alle unter den toten Bl�ttern begraben sein, die der Fr�hlingswind als Erinnerung an den Winter mit sich tr�gt?�</p><p>Die Bardin wandte sich ab und blickte wieder zu den Bergen. �Wer wei� das schon? Gewi� ist nur, da� Ricchar morgen Verst�rkung bekommen wird. Er wird noch vor dem Ende der Woche das Dorf erobert haben.�</p><p>�Steht das in den Sternen geschrieben?� fragte Volker. Er war w�tend, doch mehr auf sich als auf die Bardin. Warum lie� er sich von ihrer melancholischen Stimmung mitrei�en?</p><p>�Nicht in den Sternen...� Sie streckte den Arm aus. �Siehst du dort hinten den roten Schimmer auf dem verschneiten Hang. Im Schnee spiegeln sich die Lagerfeuer, die im Tal brennen. Es m�ssen viele Feuer sein... Und nicht wir sind es, die auf Verst�rkung hoffen k�nnen. Bis morgen abend werden die Krieger in Ricchars Lager eintreffen.�</p><p>Volker sah jetzt auch den Schein der Feuer. Er schluckte. Sie hatte recht. Es war vorbei. �Sollen wir es den anderen sagen?�</p><p>Belliesa sch�ttelte den Kopf. �Warum? Um ihnen den Frieden dieser Nacht zu nehmen? Morgen abend werden sie sehen, wie es um uns steht. Das ist fr�h genug.�</p><p>Sie hatte recht, und doch hinterlie�en ihre Worte einen bitteren Beigeschmack. �Du liebst es, die Wege der Menschen zu lenken und sie dabei noch glauben zu lassen, sie h�tten selbst entschieden.�</p><p>�Ich bin nur weniger blind als andere. Mir mu�te Golo nicht erkl�ren, welcher Art sein Interesse f�r den Waffenknecht war, der in den letzten Wochen stets an seiner Seite blieb.�</p><p>�Vielleicht achte ich einfach nur auf andere Dinge. Mich verfolgen die Gesichter der Menschen. All die Toten aus den Schlachten. Es ist etwas anderes, ein Krieger zu sein, der von seinem K�nig in den Kampf gef�hrt wird, als pl�tzlich damit leben zu m�ssen, da� man selbst die Entscheidungen getroffen hat. Immer wieder denke ich an das M�dchen im Schnee. Sie hatte von <emphasis>meinen Toten </emphasis>gesprochen. Erst da habe ich begriffen, da� jeder, der in diesem Winter stirbt, sein Leben l��t, weil ich zur�ckgekehrt bin. Und doch war auch ich nur eine Figur auf deinem Spielbrett. Wie lebst du mit all den Toten? Denkst du manchmal an sie? Oder sind sie nur der Stoff f�r ein trauriges Heldenlied?�</p><p>Die Bardin senkte den Blick. �Du bist doch ein Christ, Volker... Du m��test also wissen, da� unser aller Leben vorherbestimmt ist. Nicht einmal die Priester des toten Zimmermannssohnes, die sich sonst immer wieder durch ihre unfa�liche Ignoranz auszeichnen, haben sich dieser Einsicht verwehren k�nnen. Es ist so, da� die gro�en Entscheidungen in unserem Leben vorherbestimmt sind. Nenn es meinetwegen Schicksal... Vielleicht ist auch der Funken der G�ttlichkeit, der zumindest schwach in uns allen glimmt und uns mit den Unsterblichen verbindet. Du konntest diesem Krieg nicht davonlaufen, Volker. Ich wei�, wie sehr du es versucht hast. Von dem Moment an, in dem du den Gau des Kriegsherrn Ricchar betreten hast, war es dir bestimmt, seinen Untergang herbeizuf�hren. Damals gab es freilich noch viele Wege, die zu diesem Ziel f�hrten. Es sind mit jedem Schritt, den du getan hast, weniger geworden. H�ttest du weniger lange gez�gert...� Sie zuckte die Achseln. �Vielleicht war auch das Schicksal.�</p><p>Volker lachte zynisch. �Ich werde seinen Untergang herbeif�hren? Unsinn! Dort drau�en lagert er mit einer ganzen Armee. Und morgen wird er noch Verst�rkung bekommen. Gegen jeden Krieger unter meinem Kommando kann er zehn erfahrene Soldaten stellen. Ich glaube, du verwechselst da etwas. Nicht sein Untergang ist vorherbestimmt, Belliesa. Wir sind es, die sterben werden.�</p><p>�Du hast recht. Auch dein Tod ist schon jetzt vorherbestimmt. Du wirst in einem fernen Land an der Seite deines K�nigs dein Ende finden, Spielmann. Doch bis dahin liegt noch ein langer Weg vor dir.� Die Stimme der Bardin war pl�tzlich dunkler geworden. Sie klang fast wie ein Echo aus weiter Ferne. Funkelnd spiegelte sich das Sternenlicht in ihren Augen. Der Burgunde machte entsetzt einen Schritt zur�ck. Sie war mehr als nur eine S�ngerin. Er dachte an die Anklage als Zauberin, die der Statthalter von Icorigium gegen sie erhoben hatte. �Ricchar wird durch den Mord, den er am Tag der Wintersonnenwende begehen wird, zu Fall gebracht werden.�</p><p>�Woher wei�t du das alles?�</p><p>Pl�tzlich wirkte die Bardin unendlich traurig. �Das war die falsche Frage, Spielmann. La� uns nun gehen. Es ist zu kalt hier oben. Du hast keinen Platz in dieser Nacht, nicht wahr?�</p><p>Er nickte, noch immer erschrocken �ber ihre Prophezeiung. Und was hatte sie damit gemeint, als sie sagte, er habe die falsche Frage gestellt? Was war die richtige Frage?</p><p>�Betrachte meine Einladung bitte nicht als eine Aufforderung dazu, deine Verf�hrungsk�nste an mir zu versuchen. Wir teilen nur meine Decke und den Platz, an dem ich schlafe. Nicht mehr! Ich bin nicht die Frau, die du liebst, und das wei�t du auch. Ich begn�ge mich aber nicht mit weniger als mit einem Mann, der mich von ganzem Herzen liebt.�</p><p>Volker lag eine bissige Antwort dazu auf der Zunge, doch er schwieg. Es w�re t�richt, in einer Nacht wie dieser einen warmen Schlafplatz aufs Spiel zu setzen. Er brauchte den Schlaf. Es mochte vorherbestimmt sein, da� Ricchar obsiegte, doch er w�rde ihm keinen leichten Triumph schenken.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>20. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Als Golo erwachte, war er allein. Er hatte nicht bemerkt, wie Mechthild ihn verlassen hatte. Seine Hand tastete nach den Fellen, auf denen sie geschlafen hatte. Sie waren kalt. Es mu�te mindestens eine Stunde vergangen sein, seitdem sie gegangen war.</p><p>Er drehte sich auf den R�cken und starrte zur Decke. Die Glut in der Feuerstelle war fast verloschen. Es war eisig kalt in der H�tte. Ob es drau�en schon d�mmerte?</p><p>Der junge Ritter dachte an die vergangene Nacht. Was mochte jetzt in Mechthild vorgehen? War es ein Fehler gewesen, sie zur�ckzuhalten, als sie ein zweites Mal mit ihm schlafen wollte? War sie beleidigt und deshalb gegangen? Dabei war sie so friedlich in seinen Armen eingeschlafen... Er wollte ihr diese �ngste nehmen. Wie es f�r sie wohl war, jeden Tag den Eber sehen zu m�ssen. Dieses narbengesichtige Ungeheuer, das seinen M�nnern den Befehl dazu gegeben hatte...</p><p>Sie mu�ten hier weg. Nicht allein wegen des Ebers. Hier zu bleiben hie�e sterben, dessen war Golo sich v�llig sicher. Es war nur eine Frage von Zeit, bis die Franken das Bergdorf st�rmten. Er w�rde nicht abwarten, bis es soweit war. Sie mu�ten fliehen. Am besten noch in dieser Nacht! Rother hatte es geschafft, hier herauszukommen... Es w�rde auch ihnen gelingen!</p><p>Golo dachte an Volker. Ob der Spielmann sie verstehen w�rde? Sein Freund w�rde begreifen, warum er so handeln mu�te. Es war kein Verrat... Volker hatte ihm ja schon in Treveris die Wahl gelassen, ob er mit in die Berge kommen wolle.</p><p>Von den W�llen erklangen Signalh�rner. Die Franken griffen an! Fluchend sprang der Ritter vom Lager auf und tastete unbeholfen in der Dunkelheit nach seinen Kleidern. Dieses Mal w�rde er noch k�mpfen! Er war kein Feigling! Aber sobald es dunkel w�rde...</p><p>Der Ritter verschn�rte sein Lederwams und griff nach seinem Schwertgurt. Etwas stimmte nicht... Der G�rtel war zu leicht. Sein Dolch fehlte. War er herausgefallen? Er tastete �ber den Boden, doch konnte er in der Dunkelheit nichts finden. Vielleicht hatte er die Waffe auch auf seinem Schlafplatz in der H�tte neben der Festhalle gelassen. Gestern hatte er dort seine Waffen geputzt. Wieder erklangen die H�rner vom Wall. Es war keine Zeit mehr, danach zu suchen. Er stie� die T�r der H�tte auf und trat hinaus.</p><p>Das klare Licht blendete ihn. Es war sp�ter, als er gedacht hatte. Fast schon Mittag. M�de streckte er seine Glieder. Die Luft war eisig. Er schlug den Umhang �ber seine Schulter und blickte den Weg hinunter zum Wall. Die meisten M�nner hatten sich schon dort eingefunden. Seine Hand glitt zum Schwert. Er betete leise, da� ihn nicht heute sein Schicksal ereilte.</p><p>�Golo�, eine Gestalt taumelte durch den Schnee. Die Sonne stand genau hinter dem Mann. Der Ritter kniff blinzelnd die Augen zusammen. Es war der Eber. Er war fast nackt. Die Rechte hielt er auf seine Brust gepre�t. Blut quoll zwischen seinen Fingern hindurch.</p><p>�Verfluchte kleine Hure�, er st�tzte sich gegen die Wand der H�tte. �Hol das Kr�uterweib, schnell! Ich blute wie ein abgestochenes Schwein.�</p><p><emphasis>Verfluchte kleine Hure. </emphasis>Laut wie Donnerschlag hallten die Worte durch Golos Kopf. Wieder starrte er auf den Gesetzlosen. Die Wunde war dicht �ber seinem Herzen. Golo erinnerte sich an das Gespr�ch, das er mit Mechthild gef�hrt hatte, bevor er sie im Schwertkampf unterwies.</p><p>�Nein!� Mit einem gellenden Schrei rannte er zum Turm. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, hastete er die Treppe an der Au�enwand hinauf. Das niedrige Tor am Ende der Treppe stand weit offen. Der gro�e Raum dahinter lag im Zwielicht. Stickige Luft schlug ihm entgegen.</p><p>�Mechthild?� fl�sterte er. Er w�rde sein Leben geben, wenn nicht sie es gewesen war, die versucht hatte, den Eber zu t�ten. Unsicher trat er in den hohen Raum. Es dauerte einige Augenblicke, bis er im grauen Zwielicht etwas sehen konnte. Der Eber hatte die Schie�scharten f�r den Winter mit Holzl�den verschlossen, so da� nur noch durch einige schmale Ritzen Licht ins Innere fiel.</p><p>Jetzt erkannte Golo das Lager nahe dem verloschenen Kamin. Eine zusammengekauerte Gestalt lag dort.</p><p>�Mechthild!� Er rannte quer durch den Raum, stolperte fast �ber einen schweren Kerzenst�nder und kniete neben dem Lager nieder. Das M�dchen war �ber und �ber mit Blut bedeckt. Neben ihr lag sein Dolch.</p><p>�Nein!� Er konnte es nicht glauben. Das mu�te ein Alptraum sein. Sie war doch in seinen Armen eingeschlafen! Was hatte sie hierhergetrieben? Mit zitternder Hand strich er ihr das blutverklebte Haar aus dem Gesicht. Ihre Lippen bebten. Ihre Haut war noch warm, doch so wei� wie Kalk.</p><p>�Ge... liebter...�</p><p>Die Stimme des M�dchens war kaum mehr als ein Hauch. Er beugte sich zu ihr hinab. �Ja, meine Prinzessin. Ich bin hier. Es... es wird alles wieder gut. Ich hole die Heilerin... und Belliesa. Sie wird eines ihrer Zauberlieder f�r dich singen und...�</p><p>�Ver... zeih mir...�</p><p>Er wollte etwas sagen, doch seine Kehle war wie zugeschn�rt. Sie durfte nicht sterben! Warum war er nicht erwacht, als sie aufgestanden war, um zu gehen?</p><p>�Gestern... ich habe immer... nur sein Gesicht... ge... sehen... Ich mu�te... mich von ihm... befreien...�</p><p>Golo legte sich neben sie. Er nahm sie sanft in die Arme. �Es ist gut. Wir werden aus dem Dorf fliehen und ihn vergessen... Ich werde dich pflegen, und noch bevor der Fr�hling kommt, wirst du wieder ganz gesund sein. Ich werde dich mit an den gro�en Flu� nehmen. In mein Dorf... Wir werden heiraten, wenn die Apfelb�ume bl�hen. Es ist sch�n, dort Hochzeit zu feiern. Wir werden den Apfelwein vom Vorjahr trinken und...�</p><p>�Danke...� Ihre Augen weiteten sich. �Ge... liebter...� Ein Zittern lief durch ihren K�rper.</p><p>�Nein!� Golos Schrei hallte dutzendfach von den kalten Mauern wieder. Er starrte auf ihren zerschundenen Leib. Der Eber mu�te blindlings mit dem Dolch auf sie eingestochen haben, bevor er hinausgelaufen war. Golo schluckte hart und starrte auf die blutverschmierte Waffe. Es war sein Dolch, der ihr den Tod gebracht hatte.</p><p>Golo wu�te nicht, wie lange er einfach nur vor ihr gekniet und sie angestarrt hatte. So wenig Zeit war ihnen geblieben... Er konnte sich noch an jeden der S�tze erinnern, die sie miteinander gesprochen hatten. Hunderte Bilder standen ihm vor Augen... Ihr scheues L�cheln, als sie im Wald zusammen gekocht hatten... Ihr verbissenes Gesicht bei den Schwertkampf�bungen... Die Freude, mit der sie ihn in die Arme geschlossen hatte, als er mit Volker nach Treveris gekommen war, und ihre Tr�nen, als er sie an dem verregneten Abend auf dem Heuboden �ber den Pferdest�llen zur�ckgewiesen hatte... Ihr warmer und leidenschaftlicher Ku�, als sie gekommen war, um ihn aus der eisigen Grube zu retten. Er verdankte ihr sein Leben. Warum war es ihm nicht verg�nnt gewesen, auch ihr Leben zu retten?</p><p>Pl�tzlich wu�te er, was zu tun war. Es galt noch eine Schuld bei ihr abzutragen. Der Eber! Jeder im Dorf sollte wissen, was f�r ein niedertr�chtiger M�rder er war! Der Gesetzlose hatte sich gew�nscht, ein Held zu sein... Doch Schmutz konnte nicht zu Gold werden...</p><p>Golo hob den nackten, geschundenen K�rper des M�dchens auf seine Arme. Tr�nen rannen von seinen Wangen. Er w�rde sie durch die Stra�en tragen, bis er vor dem Eber stand. Und dann w�rde er Mechthilds Werk vollenden...</p><p>In der T�r erschien ein Schatten. Belliesa. �Was willst du tun, Golo?� fragte sie leise.</p><p>�Geh mir aus dem Weg!�</p><p>Die Bardin blieb unger�hrt stehen. �Du wirst nicht dort hinausgehen. Volker hat mich geschickt. Sobald die Franken zur�ckgeschlagen sind, wird auch er kommen.�</p><p>�Ich will, da� alle sehen, was er getan hat! Und dann bring ich ihn um...�</p><p>�Glaubst du, da� ist es, was sie gewollt h�tte? Alle werden sie nackt sehen, wenn du sie so hinaustr�gst... Voller Blut... Und es gibt noch etwas, das du bedenken solltest. Viele wissen, da� Volker in der letzten Nacht seine H�tte f�r euch beide ger�umt hat. Was glaubst du, wie sie �ber Mechthild reden werden, wenn sie erfahren, da� das M�dchen im Morgengrauen zum Eber gegangen ist? Willst du ihr das antun?�</p><p>Golo knirschte w�tend mit den Z�hnen. �Ich werde den Eber umbringen, diesen dreckigen M�rder. Er soll mir b��en...�</p><p>�Mechthild hat ihn nicht richtig getroffen. Als sie versuchte, den Gesetzlosen zu ermorden, ist die Spitze des Dolches von einer Rippe abgeglitten. Der Eber ist nur leicht verletzt. Er kann noch k�mpfen... Es ist also nicht gewi�, wer diesen Kampf �berleben wird. Wir brauchen euch aber beide! Es w�rde den Kampfeswillen unserer M�nner brechen, wenn sie mit ansehen m��ten, wie sich ihre Anf�hrer auf Leben und Tod duellieren. Glaubst du, die M�nner des Ebers werden noch an unserer Seite k�mpfen, wenn du ihn t�test? Und was ist mit den K�mpfern, die du ausgebildet hast und die in allen Schlachten an deiner Seite gefochten haben? Was, glaubst du, werden sie tun, wenn der Eber dich t�tet? Sie werden auf Rache sinnen. Ich wei�, was du jetzt f�hlst, aber es darf keinen Streit in unseren Reihen geben.�</p><p>Golo schnaubte ver�chtlich. �Die anderen interessieren mich nicht. Es h�tte sich l�ngst jemand finden sollen, der diese Bestie in Menschengestalt in die H�lle schickt. Du wirst mich nicht daran hindern k�nnen.�</p><p>Belliesa schwieg. Schlie�lich sch�ttelte sie den Kopf. �Wenn dies dein Weg ist, dann la� uns wenigstens die Tote waschen und in ein Leichenhemd kleiden, bevor du sie heraustr�gst.�</p><p>Der junge Ritter blickte auf den nackten K�rper in seinen Armen. Pl�tzlich erschien ihm das zarte M�dchen so schwer wie ein Berg. Seine Knie zitterten.</p><p>Vorsichtig legte er sie auf den gro�en Tisch in der Mitte des Turmzimmers. Belliesa trat an seine Seite und legte ihm die Hand auf die Schulter. �Sie hat dich sehr geliebt. Sie hat nie viel gesprochen, als wir zusammen reisten. Aber ich konnte sp�ren, da� ihre Gedanken bei dir waren.�</p><p>Golo starrte auf die Tote. Die Bardin hielt ihm eine kleine Lederflasche hin, die sie von ihrem G�rtel geschnallt hatte. �Trink das! Es wird dir guttun.�</p><p>Der Ritter blickte sie fragend an.</p><p>�Ein leichter Gew�rzwein. Er m��te sogar noch etwas warm sein.� Sie l�chelte. �Hab keine Sorge, er wird dich nicht betrunken machen. Dazu ist er nicht stark genug.�</p><p>Golo �ffnete die Flasche und nahm einen Schluck. Noch immer konnte er seinen Blick nicht von Mechthild wenden. Er w�rde den Eber t�ten! Warm rann der Wein seine Kehle hinab. Erst jetzt merkte er, wie trocken sein Mund war.</p><p>Ein wohliges Gef�hl breitete sich in Wellen von seinem Magen aus. Der Wein vertrieb die K�lte aus seinen Gliedern.</p><p>�Das Zeug ist gut�, murmelte Golo halblaut.</p><p>�Ich wei�.� Die Bardin l�chelte. �Erlaubst du, da� ich die Tote wasche?�</p><p>Der Ritter nickte. Er f�hlte sich ein wenig benommen und m�de. Als Belliesa mit einem zerrissenen Leinhemd und einem Eimer voller Wasser wiederkehrte, mu�te er sich auf den Tisch aufst�tzen.</p><p>Vorsichtig, fast liebkosend, tupfte die Bardin das geronnene Blut von Mechthilds Br�sten. Golo sah, wie rote Schlieren im Wasser des Eimers tanzten, als Belliesa das Leinen auswrang. Ihm wurde schwindelig. Etwas stimmte nicht. Sein Kopf war schwer. Feuer schien in seinen Eingeweiden zu brennen. Kaum konnte er die Augen aufbehalten. Der Wein! Er wollte etwas sagen, doch seine Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Ihm wurde �bel.</p><p>Belliesa sah zu ihm her�ber. Sie schien traurig zu sein. �Es tut mir leid, da� ich diesen Schritt tun mu�te. Aber der Eber ist wichtiger als du. Es durfte kein Duell geben. Du h�ttest alles zerst�rt... Jetzt, wo sich der Kreis fast schon geschlossen hat.�</p><p>Das Gesicht der Bardin schien in Flammen aufzugehen. Golos Knie gaben nach. Er st�rzte zu Boden. Ein l�hmender Schmerz breitete sich in seinem K�rper aus. Keuchend rang er nach Atem. Er hatte es immer gewu�t. Belliesa war eine Zauberin!</p><p>Mechthilds Gesicht tauchte aus der Finsternis auf. Es schien ihm entgegenzufliegen...</p><p>�ber ihm hallte dunkel die Stimme der Bardin. �Es tut mir leid um dich, Ritter...�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Ersch�pft lie� sich der Spielmann auf das Fa� neben dem Tisch sinken. Belliesa und der Eber, das waren die letzten aus seinem Kriegsrat, die noch lebten. Sein Blick wanderte von den m�den Gesichtern zu den beiden leblosen Gestalten, die auf der Bettstatt des Gesetzlosen lagen.</p><p>�Wir werden den n�chsten Angriff nicht mehr zur�ckschlagen k�nnen.� Der Eber schrie fast. �Habt ihr gesehen, wie viele neue Soldaten in der Abendd�mmerung in sein Lager einger�ckt sind? Es ist vorbei! Und alle hier im Dorf wissen es! Alle haben auf den W�llen gestanden und es gesehen! Warum habe ich nur auf dich geh�rt, Spielmann?�</p><p>�Weil du unsterblich werden wolltest? Erinnerst du dich noch, als du an mein Bett gekommen bist und mir erz�hlt hast, wie es ist, pl�tzlich ein Held zu sein?� Der Spielmann l�chelte zynisch. Fast schien es, als habe der Eber erst jetzt begriffen, worauf er sich eingelassen hatte. War er wirklich so ein Narr gewesen? Hatte er geglaubt, sie w�rden durch ein Wunder gerettet werden? �Das Fest ist zu Ende, mein Freund. Morgen werden wir alle die Zeche zahlen.�</p><p>Die Augen des Gesetzlosen funkelten w�tend. �Und? Erinnerst du dich noch daran, was ich dir damals gesagt habe? Ich habe dir versprochen, da� ich dir den Hals umdrehen werde, wenn dein Plan schiefgeht, Spielmann. F�r dich ist noch in dieser Nacht Zahltag!� Die Hand des R�ubers glitt zu seinem Schwert.</p><p>�Genug!� Belliesa nickte in Richtung des Lagers aus Fellen. �Ich habe das nicht getan, nur damit ihr euch jetzt als n�chste an die Kehle geht. Es gibt noch einen Weg... Die H�hlen in der Steilklippe.�</p><p>Mit einem Satz fuhr der Eber herum und packte sie bei ihrem Wams. �Hast du hier hinter meinem R�cken herumgeschn�ffelt, du falsche Schlange!�</p><p>Noch bevor Volker sein Schwert gezogen hatte, blitzte ein Dolch in der Hand der Bardin. Die Spitze dr�ckte gegen die Lederweste des Gesetzlosen.</p><p>�Ich bin kein unerfahrenes M�dchen, das dein Herz verfehlen w�rde.� Belliesas Stimme klang v�llig ruhig, doch in ihrem Gesicht spiegelte sich kalte Entschlossenheit. �Was verbirgst du hier in deinem Turm?�</p><p>�Nichts, das uns etwas nutzen w�rde!�</p><p>Volker sch�umte vor Zorn. �Du hattest doch geschworen, keine Geheimnisse mehr zu haben.�</p><p>�Nur ein Narr verr�t all seine Geheimnisse!�</p><p>�Was gibt es hier im Turm?�</p><p>Belliesa schob den Dolch in ihren G�rtel zur�ck. �Wahrscheinlich einen Zugang zu den H�hlen im Fels. Wir sollten uns das ansehen.�</p><p>Volker gab ihr ein Zeichen, stehenzubleiben. �Erst will ich wissen, was hier heute morgen vorgefallen ist. Warum mu�test du dieses M�dchen umbringen? Ich dachte, du...� Der Spielmann sch�ttelte den Kopf. �Ich hatte wirklich daran geglaubt, da� du dich �ndern k�nntest.�</p><p>Der Eber schnitt eine Grimasse. �Schicksal, nicht? Dreck bleibt Dreck, denkt sich der Herr Ritter jetzt wohl! Es ist ja auch so einfach...�</p><p>Der Burgunde hatte M�he, sich im Zaum zu halten. �Du hast uns ja eindrucksvoll bewiesen, da� es so ist. Hast dir wohl gedacht, jetzt ist ohnehin alles egal.�</p><p>�Dich interessiert die Wahrheit ja gar nicht!� grollte der Eber.</p><p>�Und was ist die Wahrheit?� mischte sich Belliesa ein.</p><p>�In der Morgend�mmerung bin ich raus, um die W�lle zu inspizieren. Da lungerte dieses kleine Mistst�ck schon an der Treppe vor dem Turm herum. Sie war mir noch nie aufgefallen hier im Dorf. Ich fand sie h�bsch und gr��te sie... Ich wollte immer noch runter zu den W�llen. Ihr h�ttet den Blick sehen sollen, den die Kleine mir zugeworfen hat. Sie starrte geradewegs auf mein Gem�cht. Dann sah sie mir ins Gesicht. Fast unheimlich war das schon... Sie sagte, ich wolle wohl Ritter werden, und fragte dann, was f�r ein Schwert ich bei mir tr�ge. Dabei starrte sie immer noch auf meine Hose. Selten habe ich eine Hure erlebt, die so zur Sache ging wie dieses M�dchen. Ich antwortete ihr, wenn sie Mut h�tte, k�nne sie ja mitkommen, und ich w�rde ihr mein Schwert schon zeigen. Sie lachte und fragte mich, was das denn mit Mut zu tun habe. Ich ging wieder hinauf und sie folgte mir. Ich lie� mich vor dem Kamin nieder. Sie kam und schn�rte meine Hose auf. Sie war ein wenig ungeschickt. Man merkte, da� sie noch nicht viel Umgang mit M�nnern gehabt haben konnte. Aber sie reizte mich immer weiter... Sie wollte es, und ich... ich konnte mich nicht dagegen wehren. Ich habe sie zu nichts gezwungen.� Der Eber starrte zu Boden. �Sie hat sich mir v�llig freiwillig hingegeben. Es war... Danach habe ich mich auf die Seite gerollt und etwas ged�st. Pl�tzlich hatte sie den Dolch in der Hand. Sie stach zu und holte wieder aus. Ich habe sie zur Seite gesto�en, ihr die Waffe aus der Hand gedreht und...� Er blickte zu den beiden Gestalten, die auf seinem Bett lagen. �Den Rest wi�t ihr. Ich habe mich nur gewehrt. Ihr habt die Wunde in meiner Brust gesehen. Sie wollte mich umbringen! Woher sollte ich wissen, da� sie das Flittchen von deinem Freund Golo war. H�rst du, Ritter? Ich habe nichts getan! Sie ist zu mir gekommen!�</p><p>Die Beteuerungen des Ebers lie�en Volker kalt. Er glaubte dem Gesetzlosen kein Wort. �Ich kenne das M�dchen... Ich bin etliche Tage mit ihr durch die Berge geritten. Sie war nicht so, wie du sie beschrieben hast. L�gner! Wei�t du, da� deine M�nner sie vergewaltigt haben? Und du hast den Befehl dazu gegeben und zugesehen... Sie war keine Hure!�</p><p>�Das stimmt nicht... Ich erinnere mich an nichts.� Der Eber wirkte pl�tzlich hilflos. Er trat ein St�ck zur�ck. Seine Stimme klang gehetzt. �Ich habe nicht gelogen.�</p><p>Volker lie� ihn nicht aus den Augen. Er rechnete jeden Moment damit, da� der Gesetzlose sein Schwert ziehen w�rde, um auf sie loszugehen. Wenn Belliesa ihn nicht davon �berzeugt h�tte, da� sie den Eber noch brauchten, dann h�tte er bei diesem Possenspiel niemals mitgemacht. Bis heute morgen war er davon �berzeugt gewesen, da� der Eber einen neuen Weg gehen wollte... Doch er hatte sich in dem Gesetzlosen get�uscht!</p><p>�Ich glaube ihm!� Belliesa stellte sich Volker in den Weg. �Wie gut kanntest du Mechthild denn schon! Sie war wochenlang als Waffenknecht verkleidet unter uns, und du hast es nicht bemerkt. Ich wei�, da� sie sich jede Nacht, bevor sie einschlief, geschworen hat, am Eber Rache zu nehmen. Sie wollte ihn tot sehen... Deinen Freund hat sie als Werkzeug f�r diese Rache benutzt. Was denkst du, warum sie schwertk�mpfen wollte? Weil sie davon tr�umte, den M�rder ihres Vaters zu t�ten! Deshalb war sie mit Golo so vertraut! Sie brauchte ihn. Meinst du, da� es Zufall war, da� sie sofort nach ihrer ersten Liebesnacht zum Turm des Ebers gelaufen ist? Es scheint, als sei dein Freund auch in diesen Dingen ihr Lehrer gewesen.�</p><p>�Das glaube ich nicht!� Volker starrte fassungslos zu Golo hin�ber.</p><p>�Ich denke, er hat es nicht gewu�t. Er war davon �berzeugt, da� sie ihn liebt. Vielleicht hat sie das auch getan... Auf ihre Art.�</p><p>Der Spielmann war �berrascht vom Zynismus der Bardin, doch ihre Rede verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht.</p><p>�Ja!� ereiferte sich der Gesetzlose. �Ja, genau so war es! Die Kleine war verr�ckt! Friede ihrer Asche.�</p><p>Belliesa bedachte den Eber mit einem k�hlen Blick. �Au�er uns wei� noch niemand, was mit Mechthild geschehen ist. Ihr Tod wird deinen Namen nicht beschmutzen. Aber was nutzt das, wenn wir schon morgen alle hier auf diesem Berg sterben werden. Den n�chsten Angriff Ricchars k�nnen wir nicht mehr abschlagen. Unsere K�mpfer waren tapfer, doch der Anblick der erdr�ckenden �bermacht hat ihre Moral gebrochen.� Die Stimme der Bardin wurde immer eindringlicher. �Wenn es einen Weg gibt, unbemerkt dieses Dorf zu verlassen, dann sage es uns! Was ist mit den Minen?�</p><p>Der Eber sch�ttelte den Kopf. �Ich war nur einmal dort. Es gibt viele G�nge, und ich bin nicht allen gefolgt, doch sie scheinen ausnahmslos bei der Steilwand zu enden.�</p><p>�Und der Zugang?�</p><p>�Den habe ich gut getarnt, weil...� Der Gesetzlose z�gerte einen Atemzug lang. �... weil dort mein Schatz verborgen liegt. Das Gold, das ich in all den Jahren angeh�uft habe. Aber was wird es mir jetzt noch nutzen?�</p><p>�Was glaubst du, was geschehen wird?� fragte die Bardin. Volker erschien sie wie eine W�lfin auf der Jagd, die ihre arglose Beute auf einen Abgrund zutrieb. Einen Ort, von dem der Tod der einzige Ausweg war. Der Eber runzelte die Brauen. Ob er ihr Spiel wohl durchschaute?</p><p>�Wenn wir es schaffen sollten zu entkommen, wird Ricchar uns weiter folgen. Er wird nicht ruhen, bis er jeden von uns gestellt hat. Es sei denn, wir fliehen weit, weit fort.�</p><p>�Richtig!� Belliesa l�chelte. �Was mich betrifft, ich werde nicht gehen. Ich werde erneut versuchen, den Aufstand gegen den Ketzerf�rsten zu entfachen. Volker kann zur�ck an den Hof seines K�nigs. Er ist ein Adeliger und Ritter. Ihm stehen viele Wege frei. Doch was ist mit dir? Entweder du bleibst an meiner Seite, dann wird Ricchar uns wohl eines Tages stellen, oder aber du fliehst in die Fremde. Dann f�ngst du noch einmal von vorne an. Du wirst allein sein, und wie du schon richtig erkannt hast, wirst du dein Gold nicht auf der Flucht mitnehmen k�nnen. Doch du bist kein junger Mann mehr...�</p><p>Der Eber sch�ttelte resignierend den Kopf. �Es wird keinen Aufstand mehr geben. Der Ketzerf�rst hat gesiegt! Diejenigen, die sein Strafgericht �berleben, werden sich unter seine Herrschaft beugen. Es macht keinen Sinn, noch einmal gegen ihn aufbegehren zu wollen. Unsere Zeit ist vorbei, Bardin.�</p><p>�Vielleicht�, Belliesa zuckte mit den Schultern. �Wenn dem so ist, dann ist das letzte, was jetzt noch Bedeutung hat, wie man nach dem Tod von uns sprechen wird. Nur diese Entscheidung liegt noch allein bei uns.�</p><p>�Worauf willst du hinaus?� Der Eber musterte sie lauernd, ganz so, als ahne er pl�tzlich, da� er ihr in die Falle getappt war.</p><p>�Zeig uns die Mine! Wenn sie so beschaffen ist, wie ich hoffe, gibt es vielleicht eine M�glichkeit, die letzten deiner M�nner zu retten. Und je nachdem, wie du dich entscheidest, wirst du etwas bekommen, was man f�r Gold nicht kaufen kann. Du kannst dein vorheriges Leben mit einer einzigen Tat ausl�schen und daf�r Sorgen, da� man noch in hundert Jahren deinen Namen mit Ehrfurcht nennen wird. Nimm dir die Nacht �ber Zeit, dir wohl zu �berlegen, was du tun willst. Wenn du es schaffst, den Eingang des Turmes f�r eine Stunde allein gegen die Soldaten Ricchars zu verteidigen, dann werde ich vielleicht alle anderen retten k�nnen.�</p><p>Der Eber zog eine sp�ttische Grimasse, doch bevor er etwas sagen konnte, fuhr Belliesa fort. �Schweig und denke �ber mein Angebot nach. Du wei�t, da� es sinnlos, ist mit dem Grafen zu verhandeln. Wir sind nicht mehr in der Position, irgendwelche Forderungen zu stellen. Er ist sich v�llig sicher, da� nichts auf Erden seinen Sieg noch verhindern kann. Selbst wenn du jetzt dar�ber nachdenken solltest, uns an Ricchar zu verraten, sei dir gewi�, du w�rdest keinen Gewinn daraus ziehen. Du hast zu lange an unserer Seite gefochten. Er wird auch deinen Kopf auf einer Lanzenspitze sehen wollen. Uns allen bleibt nur noch die Wahl, zu entscheiden, auf welche Weise wir sterben wollen. Bedenke dies gut, und bring uns jetzt zum Eingang der Mine!�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>21. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>M�de hockte Volker neben Belliesa und sah der Bardin bei den Vorbereitungen zu, die sie traf. Die ganze Nacht �ber hatten sie die Menschen aus dem Dorf in die Stollen des Bergwerks unter dem Turm getragen. Auch alle Verwundeten waren aus der Festhalle dort hinunter gebracht worden. Es war elend feucht und kalt in den G�ngen, aber sie durften kein Feuer machen. Der Rauch w�re durch die H�hlen in der Steilklippe ins Freie getreten und h�tte Ricchars M�nnern den Weg zu ihnen gewiesen. Der Eingang zu den Stollen lag im untersten Gescho� des Turmes und war sorgsam unter morschen Brettern verborgen. Wenn man nicht gezielt nach ihm suchte, dann mochte man h�chstens zuf�llig auf ihn sto�en. Dennoch war Volker skeptisch, ob die Franken auf die List, die Belliesa ersonnen hatte, hereinfallen w�rden. Er blickte zum Eber, der breitbeinig im niedrigen Tor zum Turm stand. Ricchars M�nner w�rden es schwer haben, an ihm vorbeizukommen. Die Treppe, die an der Au�enwand des Turms zum einzigen Eingang f�hrte, war so schmal, da� die Angreifer einzeln, hintereinander hinaufsteigen mu�ten. Das Tor aber war so niedrig, da� man sich ducken mu�te, wenn man eintrat. Gleichzeitig mu�te der Besucher �ber eine hohe Schwelle hinwegsteigen, so da� jeder Eindringling in eine K�rperhaltung gezwungen wurde, in der man sich nur noch sehr schlecht verteidigen konnte. Durch Bogensch�tzen oder Speerwerfer w�re dem Eber fast nicht beizukommen, denn sein K�rper wurde so gut wie g�nzlich von seinem gro�en Rundschild verdeckt, wenn er am Eingang stand. Trotzdem w�re es nur eine Frage der Zeit, bis die Franken in den Turm eindrangen. Irgendwann w�rden die Kr�fte des Verteidigers erlahmen. Der Eber wu�te das. Ihm war klar, da� er sich auf den sicheren Tod eingelassen hatte. Volker hatte allerdings auch den Eindruck, da� der Gesetzlose sich darauf freute, noch ein oder zwei Dutzend Franken und Sachsen zur H�lle zu schicken, bevor er starb.</p><p>Der Spielmann musterte den gro�en runden Raum, der das ganze erste Gescho� des Turms einnahm. Sie hatte alle M�bel herausgeworfen und den Boden gefegt. Nur eine gefesselte schwarze Ziege und der Leichnam Mechthilds befanden sich au�er ihnen noch im Turmzimmer. Links von Volker klaffte das Loch, in dem eine Leiter zum Erdgescho� f�hrte. Von dort gelangte man �ber eine Treppe in den Keller, wo sich der verborgene Eingang zur Mine befand. Wenn sie hinabstiegen, w�rden sie die h�lzerne Leiter mitnehmen. Wer dann ins Erdgescho� wollte, w�rde sich abseilen m�ssen, denn es gab in der ganzen Siedlung keine Leiter, die lang genug war, um hinunterzureichen.</p><p>�Wie ist es, einen Mann zu ermorden?� Der Spielmann sprach leise, und er blickte nicht auf, um Belliesa anzusehen.</p><p>�Wovon redest du?�</p><p>�Hatte der Eber eine andere Wahl, als sich f�r den Tod zu entscheiden?�</p><p>�Du willst mir doch jetzt nicht sagen, du h�ttest Mitleid mit ihm.� Belliesa f�llte in die Tonschalen, die vor ihr standen, ein gelbes Pulver. �Ich habe ihm einen Weg gezeigt, zum Helden zu werden. Das hat er sich gew�nscht...�</p><p>�Hat er?�</p><p>Der Eber drehte sich zu ihnen um. Er war zu weit entfernt, um die leise Unterhaltung mitgeh�rt haben zu k�nnen. �Sie kommen! Die ersten fr�nkischen Sp�her sind im Dorf. Sie scheinen sehr verwundert zu sein, auf keinerlei Widerstand zu sto�en.�</p><p>Die Bardin warf Volker einen vielsagenden Blick zu. Der Spielmann verstand und schwieg. Er blickte auf das riesige Pentagramm, das Belliesa auf den Boden des Turmzimmers gemalt hatte. Mit einer Spitze zeigte es genau auf den Eingang. Die Bardin war inzwischen aufgestanden und verteilte die kleinen R�ucherpfannen, die sie vorbereitet hatte, an den Schnittlinien des Pentagramms.</p><p>�Leg Mechthild in die Mitte!�</p><p>Volker erschauerte und murmelte ein leises Gebet. Durfte er als Christ sich an einem solchen Possenspiel beteiligen? Die Bardin plante, den Raum so herzurichten, da� er aussah, als habe man ein schwarzmagisches Ritual abgehalten. Da sie bei den Franken als Zauberin verurteilt worden war, w�rden zumindest die einfachen Soldaten auf diesen Trick hereinfallen und es nicht wagen, den Turm zu betreten. Vor allem aber war so eine Erkl�rung f�r das spurlose Verschwinden aller Verteidiger au�er dem Eber gegeben. Wenn sie diese L�sung vor Augen hatten, w�rden sie vielleicht nicht mehr allzu aufmerksam nach einem anderen Fluchtweg suchen. Wom�glich w�rde sogar Ricchar sich damit abfinden. Er brauchte einen schnellen Sieg, wenn er zum Christfest seinen Triumph feiern wollte.</p><p>�Mach schon�, herrschte ihn die Bardin an. Sie hatte inzwischen damit begonnen, die R�ucherschalen in Brand zu setzen.</p><p>Widerwillig beugte der Spielmann sich �ber den Leichnam des M�dchens. Man hatte ihr das Leichenhemd wieder ausgezogen. Es sollte so aussehen, als habe man einem D�monen eine Jungfrau geopfert. Die Ziege meckerte �ngstlich, so, als ahne sie, was ihr bevorst�nde.</p><p>Die Tote war schon ganz steif. Vorsichtig nahm Volker sie auf den Arm. Ob Mechthild noch leben w�rde, wenn er sie damals bei dem Geh�ft zur�ckgelassen h�tte? Behutsam legte der Spielmann den Leichnam in der Mitte des Pentagramms nieder. Dann holte er die Ziege und legte sie neben das M�dchen.</p><p>�Heho, ihr Bastarde! Seht ihr mich nicht? Kommt her, hier wartet der Tod auf euch!� br�llte der Eber lauthals.</p><p>Belliesa kniete sich neben Volker. �Mach! Wir haben nicht mehr viel Zeit. Sie sollen uns h�ren und den Gestank des Schwefels riechen! Dann m�ssen wir hier so schnell wie m�glich fort. Allein die G�tter wissen, wie lange der Eber durchhalten wird.�</p><p>Der Spielmann zog sein Messer und schnitt der Ziege die Kehle durch. Er hob das zuckende Tier hoch und verspritzte sein Blut �ber den Leichnam des M�dchens. Dabei betete er stumm. Wohin hatte ihn der Befehl seines K�nigs nur gebracht!</p><p>Einige Pfeile schlugen in den Eingang ein. Der Eber hatte sich hinter seinen Schild geduckt.</p><p>Belliesa beugte sich �ber eine der R�ucherschalen. Aus den Augenwinkeln sah Volker, wie sie etwas hineinwarf, das die Flammen auflodern lie�.</p><empty-line/><p><emphasis>�Ich erhebe die Fackel, ich verbrenne die Figuren </emphasis></p><p><emphasis>des utukku, des shedu, des Hockers, des Totengeistes,</emphasis></p><p><emphasis>der lamashtu, des labahsu, des Packers, </emphasis></p><p><emphasis>des Nachtm�nnchens, des Nachweibchens, der Nachtmagd</emphasis></p><p><emphasis>und alles B�sen, was die Menschen packt.</emphasis></p><p><emphasis>Zertropft, zerrinnt und zerflie�t!</emphasis></p><p><emphasis>Euer Rauch steige zum Himmel empor!</emphasis></p><p><emphasis>Eure Aschenglut l�sche die Sonne!�</emphasis></p><empty-line/><p>Einen Atemzug lang verstummte die Bardin. Vom Tor ert�nte Kampfl�rm. Die ersten Angreifer waren die Treppe hinaufgekommen. Belliesa erhob sich. Sie �ffnete einen kleinen G�rtel an ihrem Beutel und verstreute einige getrocknete Bl�tter �ber dem Leichnam des M�dchens. Der Raum war inzwischen angef�llt mit erstickendem Schwefelgeruch. Volker stand der blanke Angstschwei� auf der Stirn. Unabl�ssig betete er zur Jungfrau Maria. Da erhob Belliesa erneut ihre Stimme. Sie griff nach ihrem Hals und holte eine flammend rote Feder unter ihrem Mieder hervor. Die Bardin sprach so laut, da� Volker glaubte, den Boden erbeben zu sp�ren. Er pre�te sich die H�nde auf die Ohren, um die Anrufungsformel nicht h�ren zu m�ssen. Doch es nutzte nichts.</p><empty-line/><p><emphasis>�Komm, Typhon, der du auf dem oberen Tor sitzt,</emphasis></p><p><emphasis>Io, Erbeeth, Seth, Baphometh, Logos! </emphasis></p><p><emphasis>Wie Ihr verbrannt und im Feuer verzehrt werdet, </emphasis></p><p><emphasis>so sollen auch die Seele und das Herz des Ricchar,</emphasis></p><p><emphasis>Sohn des Odoaker, verbrannt werden!</emphasis></p><p><emphasis>M�gen Eure Flammen das Fleisch von seinen Knochen schmelzen,</emphasis></p><p><emphasis>denn er ist nicht das Licht! Also mu� er im Lichte vergehen!�</emphasis></p><empty-line/><p>Ersch�pft sank die Bardin in sich zusammen. Es schien, als ballten die �ligen Rauchfahnen, die von den Feuerschalen aufstiegen, sich pl�tzlich �ber der Mitte des Pentagramms zusammen.</p><p>Volker zerrte Belliesa aus dem Bannkreis. �Was hast du getan?�</p><p>�Das wirst du... sp�ter sehen!� keuchte sie. Ihre Augen waren von einem Netz geplatzter Adern durchzogen. �Wir m�ssen jetzt nach unten. Schnell!�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Als Golo erwachte, kauerte Volker an seiner Seite. Noch bevor der Ritter ein Wort �ber die Lippen brachte, pre�te der Spielmann ihm seine Hand auf den Mund.</p><p>�Ganz ruhig!� fl�sterte Volker. �Du lebst! Und der Mord an Mechthild ist ger�cht. Der Eber ist jetzt tot.� Langsam zog Volker seine Hand zur�ck.</p><p>Golo blickte sich verwundert um. Sie befanden sich in einem niedrigen Gang. Dicht neben ihnen brannte ein �ll�mpchen, dessen kleine Flamme nicht reichte, um die Dunkelheit mehr als einen Schritt weit zur�ckzudr�ngen.</p><p>�Wir sind in den Stollen unter dem Turm des Ebers�, erkl�rte Volker. �Der Zugang hierher ist verborgen. Doch wir m�ssen still sein, um die Krieger Ricchars nicht auf uns aufmerksam zu machen, falls sie den Turm doch noch durchsuchen.�</p><p>�Was ist mit mir geschehen?� Der junge Ritter sch�ttelte verwirrt den Kopf. Dann erinnerte er sich wieder daran, wie Mechthild in seinen Armen gestorben war. Er ballte die F�uste zusammen. Der Eber! Er sollte verrecken!</p><p>�Wo steckt der Gesetzlose? Und wie komme ich hierher?�</p><p>�Ich sagte es dir doch schon. Er ist tot! Du warst ohnm�chtig. Belliesa hat dir einen Zaubertrank gegeben, damit du schlafen konntest.�</p><p>�Ich wollte nicht schlafen! Ich...�</p><p>Irgendwo in der Finsternis ert�nte ein durchdringender Schrei. Das Heulen eines S�uglings. Fast sofort wurde dessen Stimme erstickt, doch es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis der Schrei nicht mehr von den W�nden der Stollen widerhallte. Volker fluchte leise. �Komm mit!�</p><p>Golo streckte seine steifen Glieder, w�hrend Volker die �llampe nahm und tiefer in den Tunnel kroch.</p><p>�Wohin willst du?�</p><p>Der Spielmann antwortete nicht.</p><p>M�de folgte ihm Golo. Sein Magen schmerzte. Wenn er sich nur daran erinnern k�nnte, was geschehen war. Er hatte mit Belliesa gesprochen...</p><p>Unvermittelt hielt Volker an. Die Decke war inzwischen hoch genug, da� man aufrecht gehen konnte.</p><p>�Sei vorsichtig!� Der Barde wies auf den Boden. Quer �ber den Gang lagen einige morsche Bretter. �An manchen Stellen gibt es Sch�chte, die in die Tiefe f�hren.�</p><p>Mit einem weiten Schritt stieg Golo �ber die gef�hrliche Stelle hinweg. Ein St�ck weiter kauerte eine Frau, die einen S�ugling auf den Armen hielt. Volker stand vor ihr und hielt die �llampe hoch, so da� dem Kind der Schein des Flammchens ins Gesicht fiel. �Er war es, nicht wahr!�</p><p>�Ich hatte ihn nur einen Moment lang auf den Boden gelegt... Ich dachte, er sei eingeschlafen. Bitte... Es wird nicht wieder vorkommen. Ich geb� ihn nicht mehr aus den Armen.� Die Frau schien regelrecht in sich zusammenzusinken, w�hrend sie sprach.</p><p>Volker starrte noch immer auf das Kind. Es hatte ein rotes, runzeliges Gesicht. �Ich wu�te, da� du das tun w�rdest. Wir h�tten dich im Schnee lassen sollen. Du h�ttest nicht mehr leben d�rfen...�</p><p>Golo sah seinen Gef�hrten entgeistert an. Was meinte er damit? Volkers Hand war zum Dolch an seiner Seite geglitten.</p><p>�Es wird nicht... wieder vor... kommen�, murmelte die Amme �ngstlich.</p><p>Abrupt wandte sich der Spielmann um und zeigte den Gang hinunter. Golo sah undeutlich einen grauen Fleck Himmel.</p><p>�Dort ist einer der Ausg�nge. Eine �ffnung mitten in der Steilwand. Sieh nach, ob du etwas Verd�chtiges entdecken kannst.�</p><p>�Und du?�</p><p>Volker sah zu dem Kind. �Ich habe hier noch etwas zu erledigen.�</p><p>Der junge Ritter schluckte. Doch er stellte seinem Kameraden keine Fragen. Mit langen Schritten eilte er den Gang hinunter. Hinter sich h�rte er undeutlich Volkers Stimme.</p><p>Als er die �ffnung im Felsen fast erreicht hatte, ging er in die Hocke. Vorsichtig n�herte er sich dem Rand. Unter ihm reichte die Steilwand fast drei�ig Schritt senkrecht in die Tiefe. Von hier aus k�nnten sie unm�glich angegriffen werden. Es gab allerdings auch tiefer im Fels H�hlungen, die offenbar zu Stollen der alten Mine geh�rten.</p><p>Suchend wanderte Golos Blick �ber die nahen H�gel und W�lder. Alles schien ruhig. Er wollte sich schon wieder zur�ckziehen, als er auf eine fl�chtige Bewegung im Schneefeld unterhalb der Steilklippe aufmerksam wurde. Er kniff die Augen zusammen, um im grauen Licht des wolkenverhangenen Wintertages besser sehen zu k�nnen. Es gab zwei dicht beieinanderliegende Flecke, wo der Schnee ein wenig gelber aussah.</p><p>Der junge Ritter lie� sich auf dem Bauch nieder und robbte bis ganz zum Rand der Klippe. Etliche Herzschl�ge lang gab es nichts Verd�chtiges zu sehen. Doch dann kam Bewegung in einen der Flecke. Es war ein Mann, der ganz in wei�e Schafsfelle eingeh�llt war! Er wies den Felshang hinauf und schien auf einen zweiten Mann einzureden. Zwei Sachsen. Sie hatten etwas bemerkt! Der junge Ritter fluchte. Vielleicht t�uschte er sich ja, doch es war besser, Volker und die anderen zu warnen. Wenn die beiden die ganze Zeit �ber dort unten gewesen waren, dann mu�ten sie den Schrei des Kindes geh�rt haben.</p><p>�So viel Pech kann man gar nicht haben�, fl�sterte Volker mit gepre�ter Stimme, doch war er nicht wirklich von seinen Worten �berzeugt.</p><p>Eine Stunde mochte vergangen sein, seit Golo von seinem Sp�hposten zur�ckgekehrt war. Sie hatten sich sofort auf den Weg zu jenem Stollen gemacht, der im Keller des Turms endete. Dort warteten sie, doch bislang war nichts Auff�lliges geschehen.</p><p>�Vielleicht haben sie den Schrei ja nicht geh�rt?�</p><p>Volker bedachte Golo mit einem zweifelnden Blick. �Die Sachsen sind Ricchars Sp�her. Das sind M�nner, die in den riesigen W�ldern auf der anderen Seite des Rheins leben und jagen. Sie werden wissen, was es zu bedeuten hat, und...� Hinter den Brettern, die den Eingang zum Stollen tarnten, waren Ger�usche zu h�ren. Schritte. Auch ged�mpfte Stimmen. Einen Augenblick lang klangen sie ganz nah, dann entfernten sie sich wieder.</p><p>Der Spielmann wollte schon aufatmen, als er pl�tzlich ganz deutlich eine M�nnerstimme h�rte. �Hier mu� es sein.� Es folgten Axtschl�ge und das Krachen splitternden Holzes.</p><p>Der Spielmann gab Golo ein Zeichen, sich mit ihm ein wenig tiefer in den Tunnel zur�ckzuziehen.</p><p>�Ein Gang!� hallte es dumpf von den W�nden des Stollens wieder. Das leise Tappen von Schritten folgte.</p><p>Volker und Golo hatten hinter einer scharfen Biegung des Stollens haltgemacht. Hier w�rden sie ihre Verfolger auf jeden Fall �berraschen k�nnen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Der erste Krieger, der um die Ecke kam, brachte nicht einmal einen Schrei �ber die Lippen. Der Spielmann t�tete ihn mit einem Stich durch die Kehle. Mit Schrecken sah Golo das L�cheln auf den Lippen des Barden. Was war aus ihm geworden? Oder war er es, der sich so sehr ver�ndert hatte? Golo packte den Mann und zog ihn um die Ecke, damit er seinen Kameraden nicht vor die F��e fiel.</p><p>Den n�chsten von Ricchars Soldaten trafen sie gleichzeitig. Doch jetzt hatten die anderen Franken etwas bemerkt. Alarmschreie gellten durch den Stollen. Ein riesiger Kerl mit einer zweih�ndig gef�hrten Axt trat ihnen entgegen. Er lie� seine Waffe vor sich hin und her schwingen, so da� sie nicht an ihn herankamen.</p><p>�Zur�ck�, zischte Volker leise. �Hinter uns wird der Gang etwas breiter. Dort kriegen wir ihn.�</p><p>Ohne den H�nen aus den Augen zu lassen, machte Golo ein paar Schritt r�ckw�rts. Der Franke grinste triumphierend. Offenbar glaubte er, schon gewonnen zu haben.</p><p>Volker versuchte einen Ausfallschritt zur Seite und f�hrte einen Stich nach dem Bein des Gegners, doch der Krieger wich geschickt aus und seine Axt verfehlte den Spielmann nur um Haaresbreite. Mit einem Satz nach hinten brachte der Barde sich in Sicherheit. �Halt ihn einen Moment auf! Ich habe einen Plan.� Volker zog sich zur�ck.</p><p>Der junge Ritter fluchte. Diesen Riesen aufzuhalten war so aussichtsreich, wie mit ausgebreiteten Armen eine Lawine auffangen zu wollen. Zu allem �berflu� �nderte der Bastard jetzt auch noch seine Strategie. Der Franke wollte ihn offenbar mit einem einzigen gewaltigen Hieb niederstrecken. Golo warf sich zur Seite. Die Schneide der Axt verfehlte ihn so knapp, da� er ihren Luftzug auf dem Gesicht sp�ren konnte. Krachend fuhr die Waffe in den Boden. Ein splitterndes Ger�usch ert�nte. Der Boden bebte unter seinen F��en. Im selben Augenblick traf den Franken Volkers Dolch in die Brust.</p><p>Golo machte einen hastigen Schritt zur�ck. Der H�ne fiel wie vom Blitz ger�hrt vorn�ber. Auch der Boden st�rzte nach vorne. Golo lie� sein Schwert fallen. Verzweifelt versuchte er irgendwo Halt zu finden. Hinter sich h�rte er Volker schreien. Inmitten splitternder Bretter und Balken st�rzte er in die Tiefe. Sie hatten auf einem der abgedeckten Sch�chte gestanden!</p><p>Golo schrammte an der Felswand entlang. Der Aufprall pre�te ihm die Luft aus den Lugen. Dann verschlang ihn eisiges Wasser. Das Gewicht seiner Pelze und Wollkleider zog ihn tiefer und tiefer. Wild mit den Armen um sich schlagend versuchte er wieder zur Wasseroberfl�che zu kommen. Er ri� sich den Pelzumhang von den Schultern. Etwas streifte ihn an der Stirn. Endlich schaffte er es, prustend aufzutauchen. Rings um ihn prasselten noch immer Bretter und Felsst�cke in das Wasser. Es war fast v�llig finster. Nur weit �ber ihnen, dort, wo sie eingebrochen waren, schimmerte schwaches Licht.</p><p>Keuchend stie� Volker neben ihm durch das Wasser. �Wir m�ssen... hier raus! Oder die K�lte... t�tet uns!� Er zeigte auf eine dunkle Stelle an der Felswand.</p><p>Paddelnd versuchte Golo dorthin zu gelangen. Seine Kleider waren schwer wie Blei, und ihm schien es, als wollten ihn unsichtbare H�nde in die Tiefe ziehen. Volker war vor ihm angekommen. Er zog sich aus dem Wasser. Ein Tunnel endete neben dem Brunnenschacht. Der Ritter war am Ende seiner Kr�fte. Es war vorbei. Er konnte nicht mehr k�mpfen!</p><p>�Pack das!� Volkers Stimme schien ihm unendlich weit fort. Etwas stie� grob gegen Golos Schulter. Der Spielmann hielt ihm ein zersplittertes Brett hin.</p><p>�Halt dich fest! Ich ziehe dich heraus!�</p><p>Mehr im Reflex als bewu�t griff er nach dem Brett. Seine Finger waren taub vor K�lte. Fast vermochte er sie nicht mehr zu kr�mmen, um sich festzuhalten. Wenn er jetzt einfach loslie�, w�re er bald wieder mit Mechthild vereint. Er sp�rte, wie er gepackt wurde. Volker zerrte ihn aus dem Wasser. Golos Kopf sank nach hinten in den Nacken. Ein gl�hender Stern fiel aus der Finsternis hinab. Der Spielmann hatte ihn jetzt vollends ins Trockene gezogen. Zischend verlosch der Stern hinter ihnen im Wasser.</p><p>Golo klapperten die Z�hne. Es war so kalt! Volker pre�te ihm die Hand auf den Mund. �Leise�, raunte er mit zitternder Stimme. �Sie werfen Fackeln hinab, um zu sehen, ob wir �berlebt haben. Wir m�ssen tiefer in den Gang hinein.�</p><p>Der Stollen, der vom Brunnenschacht wegf�hrte, war so niedrig, da� sie auf allen vieren kriechen mu�ten. Manchmal waren sie sogar gezwungen, auf dem Bauch zu robben, und schrammten dabei noch mit dem R�cken an der Tunneldecke entlang. Golo wurde immer langsamer. Die K�lte drohte den Lebensfunken in ihm verl�schen zu lassen. Er hatte keine Kraft mehr, dagegen anzuk�mpfen, und er sah auch kein Ziel, f�r das es sich noch zu leben lohnte.</p><p>Als sie eine gr��ere H�hle erreichten, blieb er einfach liegen. Volker zerrte ihm die Kleider vom Leib und sagte dabei etwas, doch der junge Ritter machte sich nicht mehr die M�he hinzuh�ren. Es war so kalt. Ein Licht zerteilte die Finsternis und wurde gr��er. Er kroch ihm entgegen. Von dem Licht ging W�rme aus. Zitternd streckte er ihm die H�nde entgegen. Ein Feuer! Sie waren gerettet!</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker sa� nackt neben dem kleinen Feuer und rieb sich die Arme. Er war in den Stollen zur�ckgekrochen und hatte eine der Engstellen verstopft, damit kein verr�terischer Rauch durch den Brunnenschacht aufsteigen konnte. Golo lag neben dem Feuer und schlief. Mit einem kurzen Gebet an den Herren bedankte sich der Spielmann f�r ihre Rettung. Sie w�ren nicht mehr weit gekommen, w�ren sie nicht auf diese H�hle gesto�en. Sie mu�te einst eine Vorratskammer des Bergwerks gewesen sein. In der Mitte der H�hle befand sich ein Kreis aus ru�geschw�rzten Steinen. Offenbar hatte man den Platz auch fr�her schon genutzt, um Feuer zu machen.</p><p>An den W�nden lag trockenes Brennholz gestapelt, und in einem h�lzernen Kasten hatte es sogar Zunder und Reisig gegeben. Daneben standen etliche Tonkr�ge, die vielleicht einmal mit Wasser und Met gef�llt gewesen waren. Doch jetzt war in ihnen nur noch Staub. In zwei Gef��en fanden sich die verrotteten Reste von Weizen und Dinkel. Alle Kr�ge hatte man mit flachen Schalen abgedeckt, deren W�nde mit geritzten Spiralmustern oder schlanken Hirschen und J�gern verziert waren.</p><p>Auf dem Boden der H�hle lagen ein paar rostige Werkzeuge. Dazwischen Scherben von zerbrochenen Tongef��en und �llampen. In einer Ecke hatte Volker einen ganzen Haufen Kiefernzapfen gefunden, die offenbar einmal in eine klebrige Substanz getr�nkt gewesen waren. Daneben waren Fackeln auf dem Boden verstreut. Dem Spielmann blieb viel Zeit, um sich in der H�hle umzusehen. Golo schlief wie ein Toter.</p><p>Allm�hlich begann ihn Hunger zu plagen. Es waren viele Stunden vergangen, seit er das letzte Mal gegessen hatte. Auch wurde er langsam immer m�der, doch getraute er sich nicht, sich an diesem Ort schlafen zu legen. Der Spielmann hatte das unbestimmte Gef�hl, da� es kein Zufall war, da� sie beide an diesen Ort gelangt waren. W�rde es sich nicht verr�ckt anh�ren, dann w�rde er sogar sagen, die H�hle hatte auf sie gewartet. Vielleicht war sie vor vielen Jahren darauf vorbereitet worden, anderen Verfolgten Zuflucht zu gew�hren. Doch diese anderen schienen niemals hierhergekommen zu sein.</p><p>Volker nahm eine der alten Fackeln und z�ndete sie am Feuer an. In eine der W�nde fand er das Bildnis eines Reiters geschnitzt. Ein Ritter aus alter Zeit. Sein Pferd war pr�chtig geschm�ckt. Der Krieger schien ein Kettenhemd zu tragen. Auf seinem Kopf thronte ein eigenartiger Helm. Er war wie eine Halbkugel geformt und von einem Adler gekr�nt. Ein Adler... Er w�nschte, er h�tte einen riesigen Adler, der ihn so wie der Feuervogel in dem M�rchen zu seiner Geliebten nach Aquitanien tragen k�nnte. Volker seufzte und l�chelte dann. Das mu�te der Hunger sein... Was f�r unsinnige Tr�umereien. Es gab keine riesigen Adler und... Nein! Er hatte die flammend roten Federn gesehen. Den Feuervogel gab es wirklich! Er existierte!</p><p>Er trat ein St�ck zur Seite, hielt die Fackel h�her und suchte nach weiteren Felszeichnungen. Sein Fu� stie� dabei an eine Unebenheit. Scherben? Er leuchtete zum Boden. Eine Kante ragte ein St�ck �ber den Boden. Sie war seltsam regelm��ig geformt, ganz so, als sei sie von Menschenhand geschaffen. Neugierig kniete er sich nieder. Mit der Linken wischte er Staub und Schmutz beiseite. Dort hatte man einen Stein in den H�hlenboden eingesetzt. Er war eine Elle breit und nicht ganz so lang. Die Fugen waren mit Erdreich gef�llt. Ein Versteck?</p><p>Volker stand auf und holte eines der rostigen Werkzeuge. Eine Hacke, die an einem Ende eine breite, flache Spitze hatte. Er klemmte sie in die Fuge und hebelte den Stein aus seiner Verankerung. Darunter war ein tiefes Loch. Man hatte etwas L�ngliches, in Stoff Eingeschlagenes darin versteckt. Vorsichtig zog der Spielmann seinen Fund hervor. Der Stoff war mit �l durchtr�nkt. Seine urspr�nglichen Farben waren fast v�llig verblichen. Er schien einmal ein rotgr�nes Karomuster gehabt zu haben. Mit spitzen Fingern zog er das vor Schmutz starrende Tuch auseinander. Es war ein pr�chtiges Schwert darin eingeschlagen. Die Klinge war von dicken �lschlieren �berzogen und hatte kaum Rost angesetzt. Den Griff hatte man aus Knochen gearbeitet und mit dunkel angelaufenen Silberringen geschm�ckt. Er besa� auch einen breiten silbernen Knauf, in den rote Glasperlen eingelassen waren. Merkw�rdigerweise hatte das Schwert keine Parierstange. Die Klinge m�ndete in einer silbernen Fassung, die kaum breiter als das Schwert selbst war. Die Waffe mu�te sehr alt sein.</p><p>Ehrf�rchtig hob Volker sie auf und wog sie pr�fend in der Hand. Es war eine gute Arbeit! Er blickte zu dem Wandbild, das den Reiter zeigte. Ob ihm einst dieses Schwert geh�rt hatte? F�r wen war es an diesem Ort verborgen worden?</p><p>Golo hatte seine Waffe verloren, als sie in den Brunnenschacht gest�rzt waren. Er w�rde ihm die Klinge schenken. War der Fund am Ende ein Omen? Sollten sie noch einmal in den Kampf gegen Ricchar ziehen?</p><p>Der Spielmann legte zwei Scheite in das Feuer und wendete ihre nassen Kleider, die er ringsherum auf dem H�hlenboden ausgebreitet hatte. Etwas hatte sich ver�ndert, seit er das Schwert gefunden hatte. Die Spannung war gewichen. Pl�tzlich f�hlte er sich unendlich m�de.</p><p>Noch einmal sah er zu der Felswand mit der Zeichnung des Reiters. �Danke�, murmelte er leise. Dann schlief er ein.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>22. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Es war ein d�sterer Nachmittag, und der Schnee fiel in dichten Flocken, als sie Icorigium erreichten. Es war der Tag vor dem Christfest.</p><p>In der letzten Nacht hatten sie bei einem K�hler Unterschlupf gefunden. Er war ein einfacher Mann gewesen, der sie f�r ein paar versprengte Rebellen hielt. Von ihm hatten sie auch erfahren, da� Ricchar die meisten Gefangenen aus dem Bergdorf begnadigt hatte. Er hatte dort nur eine kleine Garnison zur�ckgelassen und war nach Icorigium gezogen, wo er ein gro�es Siegesfest feiern wollte. Die Bardin hatte er in Ketten legen lassen und mitgenommen. Angeblich hatte auf einem der Packesel auch der Leichnam des Ebers gelegen.</p><p>Obwohl Belliesa gefangengenommen war, nahmen die wunderbaren Geschichten, die man sich �ber den Auserw�hlten erz�hlte, kein Ende. So hatte der K�hler behauptet, Volker sei gemeinsam mit seinem Gef�hrten auf einem gefl�gelten Ro� in den Himmel geritten, nachdem alle Verteidiger des Dorfes vor der �bermacht der Franken die Waffen gestreckt h�tten. Von dort w�rde der Auserw�hlte �ber das Volk der Berge wachen und wiederkehren, wenn der Tag gekommen sei, die Tyrannen endg�ltig zu vertreiben.</p><p>Golo konnte nicht begreifen, warum die Menschen angesichts der schrecklichen Niederlage noch solche Geschichten erz�hlten. Auch konnte er nicht verstehen, was Volker nach Icorigium zog. Den Spielmann hatte eine merkw�rdige Unruhe ergriffen. Seit sie die H�hle im Bergwerk verlassen hatten und bei Nacht den vereisten Hang hinabgestiegen waren, trieb seinen Gef�hrten eine Unrast an, �ber die zu sprechen er sich weigerte. Manchmal murmelte Volker leise vor sich hin, so, als sei sein Geist verwirrt. Immer wieder sprach er dabei vom Feuervogel.</p><p>Dem K�hler, bei dem sie �bernachtet hatten, hatte sein Gef�hrte ein langes Seil abgeschwatzt. Jetzt standen sie am Rand des Waldes, aus dem die Sachsen angegriffen hatten, als ihre Freisch�rler vor Icorigium Ricchar in die Falle gegangen waren. Durch das Schneetreiben und in dem schwindenden Licht war die Stadt auf dem gegen�berliegenden H�gel nur als Schattenri� zu erkennen.</p><p>�Was willst du dort noch?� fragte Golo m�de. �Es ist vorbei, und wir sollten Gott und allen Engeln danken, da� wir noch leben. Zu zweit k�nnen wir nichts mehr ausrichten. Es ist das kl�gste, nach Worms zur�ckzukehren.�</p><p>Volker schwieg, so, als habe er ihn nicht geh�rt. Erst nach einer ganzen Weile murmelte er. �Sie mu� im wei�en Turm sein. Wie im M�rchen!�</p><p>Der junge Ritter starrte seinen Kameraden fassungslos an. �Der Schuldturm? Was ist damit? Du willst doch nicht etwa versuchen, Belliesa zu befreien? In der Stadt wimmelt es nur so von Ricchars Soldaten. Das w�re Wahnsinn!�</p><p>�Nicht Belliesa will ich befreien. Den Feuervogel. Er ist dort!�</p><p>Golo schluckte. Offenbar hatten Hunger und Ersch�pfung seinem Freund den Verstand verwirrt. �Den Feuervogel?�</p><p>�Ja! Begreifst du denn nicht? In der H�hle hatte ich zum ersten Mal den Verdacht... Seitdem habe ich viel dar�ber nachgedacht. Belliesa! Sie ist der Feuervogel.� Volker lachte leise. �So oft habe ich mir gew�nscht, ihn zu finden, dabei war er die meiste Zeit an meiner Seite. Erinnerst du dich an Geron, den M�rchenerz�hler in Worms? Er hat fast alles vorausgesagt!�</p><p>�Hat er?� Golo wu�te nicht recht, was er mit seinem Gef�hrten anfangen sollte.</p><p>�Der Hund. Er ist dem Ritter gefolgt. Er war in Wahrheit der Feuervogel. Er hat sich nicht offenbart, bis ihm die richtige Frage gestellt wurde. <emphasis>Wo bist du, Feuervogel, ich wei� nicht mehr, wo ich dich suchen soll. </emphasis>Das waren die Worte des Ritters. Belliesa habe ich niemals gefragt, wer sie ist... So konnte sie sich nicht in ihrer wahren Gestalt zeigen. Dabei hat sie mir noch in unserer letzten Nacht im Bergdorf einen Hinweis gegeben, da� ich ihr nur die richtige Frage stellen m��te. Wie oft haben wir uns gewundert, woher sie all die Dinge wu�te... �ber unser Leben, �ber das Land und seine Geheimnisse... Die Antwort war so einfach. Der Feuervogel wei� um alle Geheimnisse!�</p><p>�Das wu�te sie, weil sie eine Zauberin ist! Eine falsche Schlange, die uns die ganze Zeit f�r ihre Ziele mi�braucht hat�, grollte Golo. �Wenn du mich fragst, dann wollte sie nur Rache an Ricchar. Wenn sie wirklich der Feuervogel w�re, dann m��test du doch auf ihrem R�cken zum wei�en Turm fliegen, um dort deine Geliebte, die Morrigan, zu finden!�</p><p>�Nein! Du verstehst es nicht.� Volker sch�ttelte den Kopf. �Der Flug auf dem Feuervogel, das ist nur eine Metapher... ein Gleichnis. Schlie�lich bin ich auch nicht drei Jahre und drei Tage durch die Berge geritten. Ich mu� den wei�en Turm bezwingen. Wenn ich meinen Weg nicht ohne die Hilfe des Feuervogels gehen kann, dann werde ich, wie der Ritter im M�rchen, sterben. Um die Morrigan finden zu k�nnen, mu� ich zun�chst in den Turm, um Belliesa die Frage zu stellen, wo ich den Feuervogel finden werde. Dann wird sie sich offenbaren und mir sagen, wo meine Geliebte ist.� Volker schluckte. �Ob sie �berhaupt noch lebt...�</p><p>�Die Bardin hat versucht, mich zu ermorden. Sie wollte mich vergiften! Ich werde nichts tun, um ihr zu helfen. Wenn sie wirklich der Feuervogel w�re, dann br�uchte sie unsere Hilfe auch nicht!�</p><p>Der Spielmann sch�ttelte ungeduldig den Kopf. �Sie wollte dich nicht vergiften! H�tte sie dich t�ten wollen, dann w�rest du jetzt nicht hier. Ich wu�te, was sie vorhatte. Es war der einzige Weg, dich daran zu hindern, ein Duell mit dem Eber auszutragen. Wir brauchten ihn, damit sich das Schicksal erf�llen konnte...� Volkers Stimme klang gehetzt. �Ich will auch nicht in ihren Kerker, um sie zu befreien. Man kann sie sicher nicht wirklich gefangensetzen. Nur sie kann mir sagen, wo ich die Morrigan finde... Deshalb...�</p><p>Golo blickte seinen Freund jetzt voller Mitleid an. Es war sinnlos, auf ihn einreden zu wollen. �Ich werde dich bis zu den W�llen der Stadt bringen. In den Turm mu�t du alleine. Ich bin nicht bereit, mein Leben f�r Belliesa zu geben. Sie ist eine Zauberin! An ihren H�nden klebt das Blut Hunderter Unschuldiger! Sie hat es verdient, wenn Ricchar sie richten l��t!�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volkers H�nde brannten, als er sich �ber die Br�stung zog. Das rauhe Seil hatte die d�nne Haut �ber den frisch verheilten Wunden wieder aufgesch�rft. Vorsichtig duckte der Spielmann sich hinter die Zinnen des Turms. Die Mauerabschnitte zu beiden Seiten des Schuldturms schienen v�llig verwaist. Offenbar hatten die Wachen dort gerade erst ihre Runden gedreht. Dicht neben Volker stand ein erloschener Feuerkorb auf der Plattform. Erleichtert atmete er auf. Niemand hatte ihn beobachtet. Die Fallt�r, die hinab zu den Wachquartieren und Kerkern f�hrte, war halb vom Schnee zugeweht.</p><p>Bis hierher war, Golos Unkenrufen zum Trotz, alles gutgegangen. Der Spielmann richtete sich auf und blickte von den Zinnen herab. Undeutlich konnte er den dunklen Schatten seines Freundes im Schneetreiben verschwinden sehen. Er hatte sich tats�chlich nicht mehr anders entschieden. Golo lie� ihn allein!</p><p>Der Spielmann schluckte. Insgeheim hatte er gehofft, sein Kamerad w�rde ihm doch noch folgen. Aber jetzt war keine Zeit f�r Sentimentalit�ten! Er w�rde die Sache auch allein durchfechten k�nnen. Golo war jetzt ganz im Schneetreiben verschwunden. Volker griff nach dem Seil und zog es hoch. Falls doch noch Wachen auf die Plattform kamen, durften sie keine Spuren f�r sein Eindringen finden. Unentschlossen sah er sich um. Wenn er das schwere Tau mit sich schleppte w�rde es ihn nur langsamer machen. Sein Blick fiel auf den Feuerkorb. Das war ein guter Platz! Er rollte das Seil auf und versteckte es unter der schwarzen Holzkohle. Dort w�rde niemand suchen!</p><p>Eine feine Schicht aus Eis hatte sich in die Ritzen der Fallt�r gesetzt. Offenbar war seit Stunden kein Wachposten mehr auf dem Turm gewesen.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis er das Eis mit dem Dolch beiseite gekratzt hatte und er die schwere Bohlent�r �ffnen konnte. Langsam, das Schwert in der Rechten, schlich er die Treppe hinunter. Die gr��te Kerkerzelle des Turms befand sich im obersten Gescho�. Wenn Ricchar so ritterlich war, wie Volker hoffte, dann m��te Belliesa hier untergebracht sein oder aber im Palast des Statthalters.</p><p>Am Absatz der Treppe verharrte der Spielmann und lauschte. Irgendwo weiter unten konnte man das Klappern von W�rfeln h�ren. Offenbar rechneten die Wachen nicht damit, da� es einen Befreiungsversuch geben k�nnte. Der Burgunde l�chelte. Es hatte durchaus sein Gutes, wenn man allgemein f�r tot gehalten wurde. Rechts von ihm lag die T�r zu der Kerkerzelle, die das ganze Obergescho� des Turms einnahm. Ein eiserner Riegel verschlo� die Pforte aus dicken Eichenbohlen. Er war gut ge�lt und lie� sich leicht zur�ckschieben. Noch einmal lauschte Volker auf die w�rfelnden Wachsoldaten weiter unten im Turm. Sie lachten und schienen nichts bemerkt zu haben.</p><p>Entschlossen stie� er die T�r auf und trat in den Kerker. Der Raum war mit ausgesuchten M�beln eingerichtet. Felle und Wandvorh�nge bedeckten die kalten Mauern. Auf einem Tisch dicht neben der T�r lag Belliesas Laute mit den kostbaren Elfenbeinintarsien. Die Bardin hatte sich in ihren schwarzen Umhang geh�llt und sa� auf einem Stuhl, so da� sie Volker den R�cken zuwandte. Sie rieb ihre H�nde �ber einer Feuerschale. Das rote Licht brach sich in einem goldenen Ring an ihrer linken Hand. Dem Spielmann war das Schmuckst�ck noch nie zuvor aufgefallen.</p><p>�Du kommst fr�her, als ich erwartet h�tte. F�r gew�hnlich erscheint der edle Ritter doch erst in der Nacht vor der Hinrichtung, um seine Geliebte zu befreien...�</p><p>Volker stockte der Atem. Das war nicht Belliesa! Es war... Die Gestalt erhob sich und streifte den Mantel zur�ck. Ricchar! Wie bei ihrem ersten Treffen war der F�rst mit einem bestickten Leinenpanzer gewappnet. Doch diesmal trug er dazu wollene Hosen.</p><p>Der Franke l�chelte breit. �Deine Ritterlichkeit macht dich sehr berechenbar, Volker. Ich konnte einfach nicht glauben, da� du bei der Erst�rmung der Stollen ums Leben gekommen bist. Das ist kein Tod f�r einen Helden. Nicht wahr?�</p><p>Volker umklammerte sein Schwert fester und sah sich nach einem Fluchtweg um. Offenbar war der Frankenf�rst allein in der Kammer.</p><p>�Willst du es dir nicht doch noch �berlegen, mein Freund? Wenn du zum Mithrasglauben �bertrittst, kann ich dich noch begnadigen. Du hast zu lange und zu erfolgreich gegen mich gek�mpft, als da� ich dich jetzt einfach laufen lassen k�nnte. Kommst du mir nicht wenigstens ein St�ck entgegen, dann mu� ich auch dich morgen hinrichten lassen. Ich will dich nicht dem�tigen... Ich selbst w�rde dir die Weihe geben, und au�er uns beiden w�re niemand zugegen. Es geht mir allein um die Geste.�</p><p>Der Spielmann sch�ttelte langsam den Kopf. �Ich hoffe, du h�ltst mich nicht f�r unh�flich, aber ich habe dem einzig wahren Gott die Treue geschworen, und ich w��te nicht, warum ich einen Stierschl�chter anbeten sollte.�</p><p>F�r einen Herzschlag lang erstarrte das Gesicht des Kriegsherren zu einer kalten Maske. �Du bist grausam, Spielmann. Du wei�t, wieviel mir die Kunst bedeutet und wie sehr ich dich sch�tze. Warum zwingst du mich, dich morgen gemeinsam mit Belliesa auf den Scheiterhaufen zu stellen?�</p><p>�La� die Bardin frei, und ich verspreche dir, wir beide werden nie wieder einen Fu� auf dein Land setzen, Ricchar.�</p><p>�Das kann ich nicht. Es ist zu viel Blut geflossen, und man erz�hlt sich zu viele Geschichten �ber euch. Sogar diesen Halsabschneider, den Eber, feiert man jetzt als einen Helden. Mein Volk mu� sehen, da� ihr entweder tot seid oder aber euch unterworfen habt. Sonst wird es niemals Frieden geben. Der Kopf des Ebers steckt auf einem Pfahl �ber dem Tor der Stadt. Belliesa wird morgen vor den Augen aller verbrannt werden. Wenn du dich nicht beugst, wirst du an ihrer Seite stehen. Und was Golo angeht... Man sagt, er sei dein Knappe gewesen. Ich bin sicher, er wird morgen in der Stadt sein. Selbst wenn er nicht versuchen sollte, dich zu retten, wird er dir eine letzte Ehre erweisen wollen, indem er bei deiner Hinrichtung zugegen ist. An jedem der Stadttore steht ein Offizier, der bei unseren Festen in Castra Bonna zugegen war und wei�, wie dein Kamerad aussieht. Sie werden ihn hineinlassen, doch wenn er wieder gehen will, werde ich auch ihn haben... Er ist der letzte Kopf des Widerstands. Sein Haupt wird neben dem des Ebers aufgepflanzt werden.�</p><p>Ricchar hatte recht! Volker wu�te es. Golo w�rde morgen zu der Hinrichtung kommen. Der einzige Weg, dies vielleicht noch zu verhindern, war, jetzt in dieser Stunde zu sterben. Der Spielmann hob seine Waffe.</p><p>Ricchar seufzte leise. Er drehte sich um und griff nach dem Schwert, das noch immer halb unter den Falten des schwarzen Umhangs verborgen an seinem Stuhl lehnte. �Nat�rlich wirst du dich nicht einfach ergeben...�</p><p>�G�be es daf�r einen Grund?�</p><p>Der Frankenf�rst zog sein goldverziertes Reiterschwert. �Leider habe ich dich noch nicht selber fechten gesehen, Spielmann. Man sagte mir allerdings, wenn du ohne Schild k�mpfst, habe deine Verteidigung einige L�cken. Darf ich sie dir zeigen?�</p><p>Volker reckte trotzig sein Kinn vor. �Ich bitte darum!�</p><p>Ricchar pr�sentierte sein Schwert. Mit leisem Klirren ber�hrten sich die beiden Klingen. Dann traten die Krieger zur�ck und begannen einander zu umkreisen. Schlie�lich wagte der Graf den ersten Angriff. Er machte einen Satz nach vorne und zielte auf den Hals des Barden. Volker lie� die Klinge an seiner Waffe abgleiten und konterte sofort mit einem R�ckhandschlag. Ricchar war gezwungen, sich mit einem Sprung nach hinten au�er Reichweite zu bringen. Die beiden trennten sich und begannen erneut, einander zu umkreisen.</p><p>In der T�r zur Kerkerzelle erschienen Soldaten. Der Kriegsherr bedeutete ihnen mit einer Handbewegung, stehenzubleiben und sich nicht in den Zweikampf einzumischen.</p><p>Immer wieder prallten ihre Klingen aufeinander, ohne da� einer der beiden Recken eine Wunde davontrug. Doch Volker sp�rte, wie er schw�cher wurde. Die K�mpfe der letzten Wochen, der lange Marsch vom Bergdorf bis hierher, all das hatte seine Kr�fte aufgezehrt. Er mu�te jetzt schnell eine Entscheidung herbeif�hren, oder seine Niederlage war besiegelt. Volker t�uschte einen Schlag nach rechts an. Dann, im letzten Moment, ri� er mit einer Drehung im Handgelenk die Waffe herum und zielte nach links. Der Franke blockte die Klinge ab und erwiderte den Angriff mit einem Sto� nach dem Bauch des Spielmanns. Volker wich aus und zielte mit einem R�ckhandhieb nach dem Kopf des Kriegsherrn, doch Ricchar duckte sich darunter hinweg.</p><p>Der Burgunde bi� w�tend die Z�hne zusammen. Er war zu langsam. W�re er ausgeruht gewesen, h�tte Ricchar diesem Schlag nicht entkommen k�nnen. Wieder kreuzten sich klirrend die Schwerter. Der Frankenf�rst zielte nun mit einem Hieb auf Volkers Bein. Der Barde machte einen schnellen Schritt zur�ck. Ricchar setzte nach, und seine Klinge stie� in den linken Oberarm des Spielmanns.</p><p>Der Kriegsherr trat zur�ck. �Siehst du... Die L�cke liegt in deiner oberen Verteidigung. Du hast dich zu sehr daran gew�hnt, mit einem Schild zu k�mpfen.�</p><p>Volker pre�te die Rechte auf die Wunde. Sie war nicht sehr tief. Ricchar verstand sein Handwerk. Der Franke hatte ihn nicht t�ten wollen. Glaubte der Graf etwa immer noch, er w�rde zum Mithraskult �bertreten? �Danke, da� du mich auf die M�ngel in meiner Verteidigung aufmerksam gemacht hast. Ich werde versuchen, mich zu bessern.�</p><p>Ricchar sch�ttelte den Kopf und l�chelte. �Du gef�llst mir, Spielmann. In meiner ganzen Armee gibt es keinen Mann wie dich. Willst du nicht doch...�</p><p>Volker hob sein Schwert und salutierte.</p><p>Ricchar starrte ihn fassungslos an. �Du willst noch eine Runde?�</p><p>�F�r einen Ritter ist es besser, im Kampf als auf einem Scheiterhaufen sein Ende zu finden.�</p><p>�Ich f�rchte, was das angeht, hast du nicht mehr die Wahl.� Der Graf hob seine Waffe, ber�hrte zum Zeichen, da� er bereit war, Volkers Klinge und trat zur�ck.</p><p>Diesmal schien Ricchar ungeduldiger zu sein. Er griff schneller und ungest�mer an als zuvor. Einmal traf Volkers Klinge den Leinenpanzer und schlitzte die oberste Lage des Stoffs. Doch der Graf achtete gar nicht darauf. Dicht wie Hagelschlag prasselten seine Hiebe herab, und der Spielmann hatte immer gr��ere M�he, sie zu parieren.</p><p>Volker zielte mit einem Stich nach Ricchars Brust. Der F�rst lie� ihn ins Leere laufen, konterte mit einem Hieb auf Volkers Kopf und wechselte im letzten Moment die Schlagrichtung. Sein Schwert grub sich tief in den linken Oberschenkel des Burgunden. Der Spielmann strauchelte. Ricchar versetzte ihm einen derben Sto� mit dem Ellbogen und Volker ging endg�ltig zu Boden. Mit einem Tritt entwaffnete Ricchar den Wehrlosen. Sein Schwert zielte auf die Kehle des Barden.</p><p>�Mir scheint... ich habe auch... in der unteren Deckung... L�cken.� Volker rang keuchend nach Luft. �Bring es zu Ende!�</p><p>Der Frankenf�rst sch�ttelte den Kopf. �Es war wieder deine Schildseite. Die meisten Ritter haben diese Schw�che.� Er winkte den Soldaten, die noch immer am Eingang zur Zelle standen. �Ruft nach dem Heiler und la�t ihn verbinden.�</p><p>�La� mich... sterben...�</p><p>�Nein!� Ricchars Augen funkelten jetzt zornig. �Du hattest Gelegenheit, deinen Weg zu w�hlen. Immer wieder hast du abgelehnt! Jetzt ist es zu sp�t. Meine Untertanen hast du in Aufruhr versetzt. Wenn ich je wieder in Frieden �ber sie herrschen will, dann m�ssen sie dich morgen gemeinsam mit Belliesa sterben sehen. Das wird allen Legenden um euch beide ein Ende bereiten. Nur eine allerletzte Gnade werde ich dir gew�hren. Du sollst nicht auf dem Scheiterhaufen stehen. Ich selbst werde dich mit meinem Schwert richten. So wirst du durch eine Klinge in der Hand eines Edlen sterben, ganz wie es sich f�r einen Ritter geziemt.�</p><p>Der wehrlose Spielmann sah zu dem F�rsten auf. Er hatte sich in Ricchar get�uscht. Golo hatte Recht gehabt. Der Graf war ein Machtmensch, der keine Gnade mehr kannte, wenn er seine Interessen gef�hrdet sah. Volker erinnerte sich an die Tage in Castra Bonna. �Auf ein... Wort...�</p><p>�Ja.� Im Blick des Franken lag kein Triumph.</p><p>�Der Diener..., der verschwand..., als wir gegen... den Eber k�mpften. Hast... du ihn t�ten... lassen?�</p><p>�Nat�rlich.� Ricchars Stimme war v�llig ohne Emotion, so, als spr�che er �ber etwas Belangloses. �In meiner Umgebung kann ich niemanden gebrauchen, der mich verr�t. Ich erwarte von meinen Weggef�hrten, da� sie es offen aussprechen, wenn sie glauben, da� ich einen Fehler mache. Doch hinter meinem R�cken mit meinen G�sten paktieren... Nein! Ich habe den Kerl in den Thermen, wo er auf deinen Gef�hrten, Golo, gewartet hat, t�ten lassen. Seine Leiche wurde in den Rhein geworfen. So nutzte er wenigstens noch als Aalfutter.� Von einem Augenblick zum n�chsten setzte der Graf wieder sein strahlendstes L�cheln auf. �Genug davon! Wir sehen uns morgen. Sei �brigens gewi�, da� ich deine Arbeiten, auch wenn wir nun auf so tragische Weise voneinander getrennt werden, stets weiter sch�tzen werde.� Ricchar verbeugte sich. �Ich habe alles N�tige veranla�t, um dir eine angenehme letzte Nacht zu bereiten. Vor deiner Zelle wird ein Lakai stehen, der dir <emphasis>fast </emphasis>jeden Wunsch erf�llen wird.� Der F�rst wandte sich ab, und die Wachen, die Zeugen des Gespr�chs geworden waren, traten hastig zur Seite.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Der Kr�utersud, den der Heilkundige Volker eingefl��t hatte, machte den Ritter benommen. Vielleicht war es auch der Blutverlust. Noch bevor der Arzt den letzten Verband angelegt hatte, �berkam Volker das Gef�hl, irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit gefangen zu sein. Soldaten hoben ihn auf eine Trage. Sie brachten ihn auf die Wendeltreppe, die tiefer in den Turm f�hrte. Er flog...</p><p>Panische Angst �berkam ihn. Er sah sich auf einen Berg zufliegen, auf dem ein m�chtiger Turm stand. Ritter in schimmernden R�stungen standen hinter den Zinnen. Er konnte das grimmige Gesicht von Hagen erkennen und auch das Gunthers. Was taten sie hier in der Einsamkeit der Bergwelt? Sie schienen ihn nicht zu bemerken... Er sa� auf einem Vogel. Das M�rchen! Der wei�e Turm! Waren seine Verletzungen so schwer? Lag er im Sterben?</p><p>Ein blasses Gesicht beugte sich �ber ihn. Belliesa! Sie tupfte ihm mit einem Tuch den Schwei� vom Gesicht. War das alles ein Fiebertraum?</p><p><emphasis>�Wo bist du, Feuervogel? Ich wei� nicht mehr, wo ich dich suchen soll. Du allein wei�t, wo meine Liebste verborgen ist, doch nicht einmal dich konnte ich finden.�</emphasis></p><p>�Du h�ttest mich rufen sollen, mein Ritter. Ich bin lange Zeit an deiner Seite geritten und habe �ber dich gewacht.� Goldenes Licht umspielte die Gestalt Belliesas. �Ich war der M�rchenerz�hler, der am Hof in Worms gesprochen hat, die Flammengestalt, die dich in Castra Bonna besuchte, und das sterbende M�dchen, das dich in den Bergen vor dem Erfrieren rettete. Du warst mein Auserw�hlter!�</p><p>�Aber wir haben verloren... Unser Schicksal ist besiegelt.�</p><p>Belliesa sch�ttelte den Kopf, und ihr rotes Haar erschien ihm wie Flammenzungen. �Besiegelt ist unser Schicksal... Ja! Doch so, wie im Sommer Ricchars Falke aus dem Himmel st�rzte, nachdem er meine gl�henden Schwingen ber�hrte, so wird morgen der F�rst selbst st�rzen. Sein letzter Mord wird ihn zu Fall bringen! Wenn er das Feuer entfacht, meinen Leib zu zerst�ren, dann werden meine Schwestern, die Windsbraut und die geh�rnte Herrin der Erde, seinen Hochmut strafen...�</p><p>Volker hatte das Gef�hl zu st�rzen. Immer weiter entfernt klang die Stimme der Bardin. Er durfte sie jetzt noch nicht verlieren! Nicht bevor er zweite Frage gestellt hatte. <emphasis>�Sag mir, Feuervogel, wie werde ich meine Liebste wiederfinden?�</emphasis></p><p>�Besiege die K�lte in dir, und du wirst sie in jenem fernen K�nigreich finden, wo das Land und das Wasser eins sind. Sie hat die Drei vergessen, die in ihr wohnten, und auch dich, der du mit ihr verm�hlt wurdest. Wenn der Ritter stirbt, wird der unscheinbare Wanderer sie wiedergewinnen. Doch h�te dich vor den drei Schwestern, die das Wasser und auch das Land sind. Schwarz, wei� und rot, so ist der Tod...�</p><p>Der Spielmann mochte den Worten nicht weiter zu folgen. Etwas K�hles ber�hrte seinen Hals. Dann schlief er ein.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>23. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>In der Stadt herrschte eine gedr�ckte Stimmung. Golo war am sp�ten Nachmittag in Icorigium eingetroffen. Sein neues Schwert hatte er auf den R�cken geschnallt und unter seinem Umhang verborgen. Die Wachen an den Toren kontrollierten nur sehr nachl�ssig. Die Krieger waren die einzigen, die guter Dinge waren. Ricchar wollte nach den Hinrichtungen ein gro�es Fest feiern lassen. Es sollte Fleisch f�r alle Soldaten und B�rger in der Stadt geben. Hundert Stiere wollte man schlachten. Sie sollten dem G�tzen Mithras geopfert werden.</p><p>Die Stra�en wimmelten vor Menschen. Von �berall her waren sie gekommen, um dem Tod des Auserw�hlten und der Bardin beizuwohnen. Doch im Gegensatz zu anderen Fest- und Markttagen h�rte man nirgends ein Lachen oder Lieder. Wenn die Menschen miteinander sprachen, taten sie es leise. Die weitaus meisten jedoch waren stumm und starrten vor sich hin.</p><p>Golo betrat durch jenes Tor die Stadt, �ber das man den Kopf des Ebers auf einen Pfahl aufgespie�t hatte. Er verharrte dort und spuckte aus. Zu sp�t hatte den Schurken sein Schicksal ereilt. Und zu einem Helden hatte man ihn gemacht!</p><p>Der Ritter mu�te einen weiten Umweg machen, um zum Marktplatz zu gelangen. Man hatte eine der Hauptstra�en abgesperrt und dort die Stiere zusammengetrieben, die in dem Ritual, das auf die Hinrichtung folgen w�rde, geopfert werden sollten. Woher Ricchar wohl all diese Tiere genommen hatte? Hundert gut gen�hrte Stiere... Und das mitten im Winter. Der F�rst wollte den Unterworfenen seine Macht demonstrieren! Zeigen, da� f�r ihn, den G�nstling des G�tzen Mithras, nichts unm�glich war.</p><p>Schwarz vor Menschen war der Marktplatz im Herzen der Stadt. Voller schweigender Gesichter, die Augen gefangen von den zwei hohen h�lzernen Ger�sten. Jeder sollte sehen k�nnen, was jenen widerfuhr, die sich gegen den Grafen erhoben hatten. Auf dem rechten Ger�st stand ein Eichenpfahl mit Ketten inmitten hoher Reisigb�ndel. Das andere aber war leer bis auf den h�lzernen Richtblock, in den das Schwert des Henkers schaurige Narben geschnitten hatte. Soldaten in schimmernden R�stungen und mit ehernen Masken auf den Gesichtern waren rings um den Richtplatz aufgezogen.</p><p>Verloren inmitten der Menschen blickte Golo zum Himmel. Finstere Wolken zogen von Westen heran. Schwarz wie die Nacht, bereit, das blasse Licht des Winterhimmels g�nzlich zu verschlingen. Der Schrei eines Stieres zerri� die laute Stille auf dem Platz, klang �ber Raunen und halb erstickten Fl�chen. <emphasis>Man darf einem Unrecht niemals unwidersprochen beiwohnen. Sieg oder Niederlage sind unwesentlich... </emphasis>Das hatte Volker zu ihm gesagt, als sie vor so langer Zeit zum ersten Mal in diese Stadt gekommen waren. Auch damals schon hatte auf diesem Platz ein Scheiterhaufen gestanden. Belliesa war als Zauberin angeklagt... Golo atmete tief ein. Was wohl geschehen w�re, wenn sie nur eine Stunde sp�ter gekommen w�ren. Er war der Ansicht, da� sie zu Recht dort oben gestanden hatte. Sie war ihm nicht geheuer... Und ohne sie m��te Volker heute nicht den Weg zum Richtblock antreten. Damals hatte der Spielmann ihn einen schlechten Ritter gescholten. Einen, der zwar die goldenen Sporen trug, doch der vom Geist des Rittertums unber�hrt geblieben war.</p><p>Golo tastete nach dem Schwert unter seinem Umhang. Volker war zu Unrecht verurteilt. Er war ein Opfer. Verf�hrt von der Bardin! Mit ihren Liedern hatte sie es zuletzt geschafft, da� er den spielen mu�te, der er nie sein wollte. Den Auserw�hlten! Den Anf�hrer des Aufstandes gegen Ricchar. Belliesas Tod k�mmerte den jungen Ritter nicht. Doch wenn der Henker das Schwert aufnahm, den Spielmann zu richten, dann w�rde er auf den Platz treten und Volkers Kl�ger herausfordern, schwor sich Golo. Gott w�rde ihm zur Seite stehen. Es war Unrecht, den Barden zu t�ten. Und wenn Volker schon sterben mu�te, dann w�rden sie diesen letzten Weg gemeinsam gehen.</p><p>Der junge Ritter pre�te entschlossen die Lippen zusammen. Dann dr�ngte er sich durch die Menschenmenge, bis er ganz vorne war, direkt hinter den Soldaten, die um die Henkersger�ste standen.</p><p>Von Ferne ert�nte dumpfer Trommelklang. Bald w�rde der Wagen mit den Verurteilten auf den Platz kommen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker war so schwach, da� man f�r ihn einen Lehnstuhl auf die Pritsche des Leiterwagens gestellt hatte. So wie Belliesa trug auch er nur ein d�nnes B��erhemd, doch sp�rte er die K�lte des Winternachmittages kaum. Der Trank des Heilkundigen mu�te ein Gift enthalten haben, das ihn halb im Traum gefangen hielt. Wie ein Meer wei�er Flecken zogen die Gesichter an ihm vorbei. Etwas war an seinem Hals. Er griff danach. Ein Amulett aus Gold, da� ihm die Henkersknechte nicht abgenommen hatten. Es zeigte eine kniende Frau, die Arme mit m�chtigen Vogelschwingen daran ausbreitete. Belliesa hatte dieses Amulett getragen.</p><p>Er blickte zu ihr. Sie stand vor ihm, stolz, hoch aufgerichtet. Man hatte sie im Gegensatz zu ihm in Ketten gelegt, so, als f�rchte Ricchar, sie k�nne ihm immer noch entfliehen. Die Bardin blickte zum Himmel, als erwarte sie ein Zeichen. Schwarze Wolken zogen der Stadt entgegen. Es war der k�rzeste Tag des Jahres, und wie es schien, w�rde er sogar noch vor seiner Zeit zu Ende gehen.</p><p>Der Spielmann war v�llig ruhig, als der Wagen den Richtplatz erreichte. Dies alles mu�te ein b�ser Traum sein. Er war Volker von Alzey, Ritter K�nig Gunthers. Man w�rde ihn nicht einfach wie einen Strauchdieb hinrichten. Es war sein Schicksal, nach Aquitanien zur�ckzukehren und dort erneut nach der Morrigan zu suchen. Was hatte Belliesa auch gesagt? <emphasis>Wenn der Ritter stirbt, wird der unscheinbare Wanderer sie wiedergewinnen!</emphasis></p><p>Zwei M�nner stiegen auf den Wagen. Sie mu�ten ihm aufhelfen. Seine Beine waren schwer wie Blei. Der Ritter mu�te sterben... Die beiden Henkersknechte brachten ihn auf eines der h�lzernen Ger�ste. Er bekam eine Kr�cke, auf die er sich aufst�tzen konnte. Belliesa hatte man auf dem anderen Ger�st mit ihren Ketten an einen Pfahl gebunden. Sie sah wundersch�n aus. Ihr flammend rotes Haar schien in dem grauen Licht von innen heraus zu gl�nzen. Volker war v�llig gefangen von diesem Bild.</p><p>Zwei Reiter kamen auf den Platz. Sie trugen pr�chtige R�stungen und Maskenhelme. Einer von ihnen hielt Ricchars Drachenstandarte. Der andere schien der F�rst selbst zu sein. Ein Mann mit einer Fackel in der Hand trat auf Ricchar zu und reichte sie ihm.</p><p>Rings um Belliesa hatten die Henkersknechte inzwischen Reisigb�ndel angeh�uft und sie mit Lampen�l �bergossen. Ein einziger Funken w�rde gen�gen, um das d�rre Holz in hellen Flammen auflodern zu lassen. Auf dem Platz war es v�llig still. Nur das Heulen des auffrischenden Windes, der um die spitzen Giebel der Fachwerkh�user strich, st�rte die Ruhe. Dann erhob Ricchar seine Stimme. �Bardin, du bist angeklagt der Zauberei! Hunderte von M�nnern hast du mit deinem Bann belegt und sie in den Kampf gegen mich getrieben, so da� ich deinem Unwesen mit Feuer und Schwert ein Ende bereiten mu�te. F�r das Leid, da� du �ber mich und meine Untertanen gebracht hast, verurteile ich dich zum Tode auf dem Scheiterhaufen.� Der F�rst machte eine kurze Pause. �So es hier auf dem Platz jemanden gibt, der etwas zugunsten der Verfemten vorzutragen hat, m�ge er nun sprechen!�</p><p>Wieder war es still. Volker wollte etwas sagen, doch seine Zunge war geschwollen, und nur ein R�cheln kam �ber seine Lippen. Verzweifelt sah er sich um. Unter all den Menschen mu�te es doch auch paar M�nner geben, die an ihrer Seite gek�mpft hatten! Brachte denn keiner den Mut auf, f�r die Bardin einzutreten?</p><p>Ricchar warf seine Fackel in die Reisigb�ndel des Scheiterhaufens, und fauchend loderten die Flammen empor, als Belliesa ihre Stimme erhob, ein letztes Lied zu singen:</p><empty-line/><p><emphasis>�O hei�gelbes Feuer, das schwertwei� und</emphasis></p><p><emphasis>golden aus den Scheiten str�mt:</emphasis></p><p><emphasis>Sei Flamme f�r die Soldaten in</emphasis></p><p><emphasis>ihren Kasernen in Icorigium!</emphasis></p><p><emphasis>Sei H�llenpein in den Adern Ricchars,</emphasis></p><p><emphasis>des ungerechten Richters! </emphasis></p><p><emphasis>Sei Fackel meiner Schwester, der Windsbraut,</emphasis></p><p><emphasis>auf da� sie diese Stadt finde! </emphasis></p><p><emphasis>Aus dem kalten Grau des Himmels</emphasis></p><p><emphasis>h�re ich ihre Stimme.</emphasis></p><p><emphasis>Es ist das Wispern,</emphasis></p><p><emphasis>das nachts in den B�umen klingt.</emphasis></p><p><emphasis>Ich wei�, es ist auch die Stimme des Schattens, </emphasis></p><p><emphasis>der �ber euren Gr�bern liegen wird!</emphasis></p><p><emphasis>Sp�rt ihr das Beben? </emphasis></p><p><emphasis>Es ist das Zornbeben meiner Schwester Erde!</emphasis></p><p><emphasis>Was ihrem Leib entspro�,</emphasis></p><p><emphasis>habt ihr mir zum Tode bestimmt.</emphasis></p><p><emphasis>Sp�rt ihr den vielhundertfachen Schritt</emphasis></p><p><emphasis>des Verderbens, das ihr selbst in eure Stadt gerufen habt?</emphasis></p><p><emphasis>Ahnt ihr den geh�rnten Schatten,</emphasis></p><p><emphasis>der �ber euren Gr�bern liegen wird?</emphasis></p><p><emphasis>Und was ist</emphasis>...<emphasis>�</emphasis></p><empty-line/><p>Der erstickende Rauch der Reisigb�ndel brach die Stimme der Bardin. Eine Flammenwand umschlo� die wei�e Gestalt auf dem Scheiterhaufen. B�se knisterte das Feuer, vom Sturmwind angefacht, der in eisigen B�en �ber den Platz fegte und wie mit kalten kn�chernen Fingern nach den Kleidern griff. Dumpf klang der Husten hinter den Flammen, der Belliesa die Macht ihrer kristallenen Stimme geraubt hatte. Volker rannen Tr�nen �ber die Wangen.</p><p>Ein gellender Schrei klang �ber dem Schweigen. Fauchend fuhr der Sturmwind in den Scheiterhaufen, und eine lange Flammenzunge griff nach den beiden Reitern in der Mitte des Platzes. Wiehernd stiegen ihre Hengste. Ricchar st�rzte. Funken hatten die breiten Stoffstreifen der Drachenstandarte in Brand gesetzt. In Panik peitschten die Pferde die Luft mit ihren Schweifen, in denen hei�e Aschenflocken schwelten.</p><p>Volker hielt den Atem an. Die Flamme hatte die Gestalt eines Vogels gehabt. Der Scheiterhaufen war sein loderndes Nest. Doch der n�chste Windsto� trieb ihn wieder zum Himmel. Gl�hende Funken regneten auf den Platz. Der Wind fegte den Schnee von den D�chern, zerrte an den Strohgiebeln und h�lzernen Schindeln. Ricchars schwarzer Hengst stieg, und seine Hufe trommelten auf den gest�rzten Reiter, der wehrlos am Boden lag.</p><p>Schreiend und kreischend stoben die Menschen auseinander, so wie Bl�tter, die der Herbstwind vor sich her treibt. Aus einem der H�userd�cher schlugen Flammen, als ein unheimliches Donnern den Boden erbeben lie�.</p><p>Von irgendwoher ert�nte ein schriller Schrei. �Die Stiere!� Wie eine Flut aus Fleisch ergossen sie sich auf den Marktplatz. Volker sah, wie Ricchar versuchte, sich auf sein Schwert gest�tzt aufzurichten. Eines seiner Beine war blutverschmiert und widernat�rlich verdreht. Als die Mauer gesenkter H�rner ihm entgegenbrandete, streckte er den rechten Arm aus, als wolle er den Stieren befehlen stehenzubleiben. Das war das letzte, was Volker von Ricchar sah.</p><p>Der Feuervogel aber erhob sich vom Scheiterhaufen und sprang von Dach zu Dach, jeweils ein Nest aus Glut zur�cklassend, das der Sturmwind zu neuen Br�nden entfachte. Pl�tzlich vernahm der Spielmann inmitten des Chaos die helle Stimme der Bardin.</p><p>�Vergi� mich nicht, mein Ritter. Was in den Flammen verging, wird in das Fleisch wiedergeboren werden. Auch f�r dich ist die Zeit nun gekommen...�</p><p>Verzweifelt sah sich Volker nach einem Ausweg um. Das Ger�st, auf dem er stand, erbebte unter den St��en der Stierh�rner. Glut fiel aus dem schwarzem Himmel, und die Luft war so hei� geworden, da� jeder Atemzug zur Qual wurde. Humpelnd versuchte er, die schmale Leiter zu erreichen, die vom Ger�st hinabf�hrte. Doch wie sollte er so geschw�cht, wie er war, den Stieren entkommen. �berall gellten die Schreie Sterbender, und die Flammen fauchten, als schl�gen sie direkt aus den Abgr�nden der H�lle empor. Der Tag der Apokalypse, von dem die heilige Schrift k�ndete, konnte nicht schlimmer sein.</p><p>Ein schwerer Sto� lie� das Ger�st erzittern. Dann neigte es sich zur Seite. Verzweifelt versuchte Volker, sein Gleichgewicht zu halten, doch seine Kr�cke rutschte weg. Er schlug hin und schlitterte den stampfenden Hufen der Stiere entgegen. Seine letzten Gedanken galten dem M�rchen vom Feuervogel. Der Ritter, der den wei�en Turm bezwungen hatte, mu�te daf�r mit seinem Leben bezahlen. Und was hatte Belliesa ihm zum Abschied zugeraunt? <emphasis>Auch f�r dich ist die Zeit nun gekommen...</emphasis></p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>24. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>�Und was geschah dann?� fragte der K�nig mit leiser Stimme. Im Gegensatz zu Hagen, der hinter seinem Thron stand, vermochte Gunther seine Gef�hle nicht zu verbergen. Doch vielleicht hatte der Tronjer ja auch gar keine Gef�hle, die er niederringen mu�te. Mit unbewegtem Gesicht hatte er Golos Bericht gelauscht. Die drei waren allein im kalten Festsaal der Wormser K�nigsburg, denn der K�nig hatte entschieden, da� niemand au�er ihnen um jene Dinge wissen sollte, die in den Bergen jenseits von Treveris geschehen waren.</p><p>�Ricchar hatte seine s�chsischen S�ldner noch nicht ausgezahlt, und als sie vom Tod des Kriegsherren h�rten, f�rchteten sie, da� sie kein Gold mehr sehen w�rden. Sie st�rmten die brennende Stadt und mordeten jene, die den Flammen entgangen waren. Drei Tage und drei N�chte dauerten das Feuer und das T�ten. Die Felder rings um Icorigium lagen so dicht voller Leichen, da� man kaum zwei Schritt gehen konnte, ohne auf einen Toten zu treten. Am vierten Tage, als die Flammen verloschen, zogen die Sachsen zum gro�en Flu�, um von dort in ihre Heimat zur�ckzukehren.�</p><p>�Und wie kommt es, da� du den Mordbrennern entgangen bist?� fragte Hagen scharf.</p><p>�In meinen schmutzigen Fellen und mit meinem Bart haben sie mich f�r einen der ihren gehalten, Herr. Ich irrte durch die brennende Stadt und suchte nach Volker. Das letzte, was ich von ihm sah, war, wie er vom Ger�st st�rzte. Dann wurde ich von den Stieren vom Platz gedr�ngt. Als ich Stunden sp�ter endlich wiederkehren konnte, waren beide Ger�ste verbrannt. Es lagen mehrere Leichen dort, doch das Feuer hatte sie so sehr entstellt, da� es unm�glich war, zu erkennen, ob Volker einer der Toten war. Eine der Leichen jedoch hatte eine Wunde im Bein, und neben ihr lag ein verkohlter Kr�ckstock.� Golo schluckte. F�r einen Moment lang konnte er nicht mehr sprechen.</p><p>�Das hei�t, du glaubst, mein Spielmann sei tot...�</p><p>Der Ritter vermochte dem K�nig nicht in die Augen zu sehen. �Unter den Lebenden konnte ich ihn nicht finden. Sieben Tage bin ich geblieben und habe ihn gesucht, habe die Leichen in weitem Umkreis aus dem Schnee gezerrt und in ihre Gesichter gestarrt. Doch nirgends konnte ich ihn finden. Eine Meile rings um die Stadt war der Schnee schwarz vor Asche. Alle B�ume in weitem Rund hatte der Sturmwind geknickt. Das Land sah aus, als sei das j�ngste Gericht gekommen... Kein Haus in Icorigium war von den Flammen verschont geblieben. Die meisten waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Flammen und Eis lie�en die Festungsw�lle an vielen Stellen bersten... Nach sieben Tagen brachten die Raben, die unter den Toten ihr Festmahl hielten, die Pest. Da habe ich gewu�t, da� es sinnlos ist, noch weiter zu suchen...�</p><p>F�r lange Zeit herrschte Schweigen zwischen den dreien. Schlie�lich sagte Gunther. �Du hast mir treu gedient. Hast du einen Wunsch, Golo?�</p><p>�Ja, Herr. La�t mich in das Dorf zur�ckkehren, in dem ich aufgewachsen bin. Ich hoffe, da� ich dort vergessen kann, was mir auch jetzt noch jede Nacht den Schlaf raubt.�</p><p>�Der Wunsch sei dir gew�hrt.�</p><p>Obwohl die beiden offenbar erwarteten, da� er nun gehen w�rde, r�hrte sich der Ritter nicht von der Stelle. Abgemagert, in ru�geschw�rzte Felle geh�llt und mit nur halb verheilten Brandwunden im Gesicht, sah der junge Ritter aus wie der Tod.</p><p>�Gibt es noch etwas?�</p><p>�Ja, Herr!� Golo blickte seinem K�nig herausfordernd ins Angesicht. �Ihr habt den Spielmann zur�ck in die Berge geschickt, weil er Euch den Kopf des Ketzerf�rsten bringen sollte. Ihr hattet Angst, Ricchar w�rde schon bald seine Hand nach Eurem Thron ausstrecken. Zugleich habt Ihr auch gewu�t, da� Volker nur mit einer Handvoll an Rittern und Waffenknechten kaum eine Aussicht auf Erfolg hatte. Ihr k�nnt nicht geglaubt haben, da� er siegt. War es nicht so? Doch ein Aufstand h�tte den Intriganten am Hof des fr�nkischen K�nigs einen Vorwand gegeben, Ricchar um sein Amt als Kriegsherr und um seinen Gau zu bringen. Deshalb habt Ihr ihn zur�ckgeschickt...�</p><p>�Was f�llt dir ein!� Hagen war hinter dem Thron hervorgetreten. �Wie wagst du es, so mit deinem K�nig zu sprechen!�</p><p>Golo blieb unersch�tterlich stehen. Er griff unter seinen Umhang, zog eine verbeulte, ru�geschw�rzte Eisenmaske hervor und warf sie dem K�nig vor die F��e. �Der Spielmann hat seinen Dienst getan. Das ist alles, was von Ricchar geblieben ist. Seine Leiche konnte ich finden. Sie lag nur ein paar Schritt von dem Ger�st entfernt, bei dem Volker gestorben sein mu�.�</p><p>Der K�nig hob die Maske auf und starrte auf das eherne Antlitz seines Feindes. F�r einen Herzschlag lang spielte ein triumphierendes L�cheln um Gunthers Lippen. Dann richtete er sich wieder auf, und obwohl er nur leise sprach, war der drohende Unterton in seiner Stimme un�berh�rbar. �Du darfst gehen, Ritter!�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>EPILOG</strong></p></title><empty-line/><p>Der Winter war fast vor�ber, und Schnee und Schlamm vermengten sich zu einem kn�chelhohen Brei in den Stra�en von Worms, als eines Abends eine dunkle Gestalt die K�nigsburg verlie�. Es war Hagen. Tief in Gedanken schritt er durch die engen Gassen des Gerberviertels seinem Ziel entgegen. Ohne Volker war es still geworden auf der K�nigsburg. Nat�rlich gab es auch andere Spielleute, doch jedesmal, wenn einer von ihnen bei Hofe spielte, schien die d�stere Stimmung sich noch zu vertiefen, denn bisher hatte sich niemand gefunden, der Volker ersetzen k�nnte. Der finstere Recke l�chelte melancholisch. Sogar den �rger, den Volker gemacht hatte, vermi�te er. Hagen mu�te an die vielen Liebesh�ndel seines Freundes denken. Duelle im Morgengrauen, hinter der Burgkapelle... Nie hatte der Ritter einen der geh�rnten Ehem�nner get�tet. Es war stets am�sant gewesen, seinen Fechtk�nsten zuzusehen. Und die Geschichte mit der s�chsischen Edlen, die der Spielmann verf�hrte, w�hrend ihr Mann, der Gesandte des Sachsenk�nigs, bei Gunther an der Festtafel sa�... Jetzt war es viel ruhiger auf der Burg geworden und ernster. Es wurde weniger gescherzt und gelacht.</p><p>Hagen hatte sein Ziel erreicht. Mit seinem roten Fachwerkbalken und dem bunten Schild �ber der T�r hob sich das Badehaus deutlich von allen anderen Geb�uden in der Gasse ab. In Gedanken war er jetzt ganz bei dem Zuber voller hei�em Wasser, der ihn in einer durch ein dickes Wolltuch vom gro�en Saal abgetrennten Nische erwartete. Es gab nicht Besseres, um die winterliche K�lte aus den Knochen zu vertreiben!</p><p>�Gott zum Gru�e, Herr Ritter�, erklang eine heisere Stimme neben der T�r. �Habt ihr eine milde Gabe f�r einen, dem das Schicksal alles genommen hat.�</p><p>Ver�rgert blickte der Tronjer zu dem Bettler. Erst vor ein paar Wochen hatte er das Gesindel aus der Stadt vertreiben lassen. �Scher dich zum Teufel, Taugenichts! Ich habe nichts f�r dich!�</p><p>�Auch nicht f�r einen Freund desjenigen, der auszog, den Feuervogel zu suchen?�</p><p>Der Tronjer stutzte. Dann packte er den Bettler bei seinem schmutzigen Kittel und zog ihn mit einem Ruck auf die Beine. �Was wei�t du �ber Volker? Heraus damit oder...� Mitten im Satz versagte Hagen die Stimme. Diese Augen! Der Kerl stank wie ein Ziegenstall. Seine Kleider waren Lumpen. Sein blondes Haar hing in schmutzigen Str�hnen vom Kopf. Das Gesicht war hinter einem ungepflegten Bart verborgen. Doch diese Augen... Sie geh�rten unzweifelhaft zu Volker!</p><p>�Du!� Hagen starrte ihn ungl�ubig an. �Jeder glaubt, du seiest tot!�</p><p>�Und dabei soll es auch bleiben. Volker, der Spielmann, so wie du ihn kanntest, ist am Christfest in Icorigium gestorben.�</p><p>�Unsinn! Du kommst jetzt mit mir und wirst dich waschen und etwas essen. Danach sehen wir weiter!� Ohne Widerspruch zu dulden, zerrte der Tronjer den Spielmann durch die T�r ins Badehaus.</p><p>Die Baderin kannte Hagen gut genug, um keine Fragen zu stellen, als er mit einem Bettler in ihr Haus kam. Und ein Blick von ihm gen�gte, sie wissen zu lassen, da� sie mit niemandem �ber diese Begebenheit reden sollte.</p><p>Er selbst kleidete den zitternden Bettler aus und befahl einer Magd, die Lumpen zu verbrennen, die der Mann am Leibe getragen hatte. Zwei frische rote Narben, an Bein und Arm, waren Zeugnis von Volkers letztem Kampf mit Ricchar. Auch die H�nde des Spielmanns waren voller Schorf und Narben.</p><p>�Bei den G�ttern�, murmelte Hagen ungl�ubig. �Du siehst wahrlich aus, als h�ttest du Ragnar�k erlebt.�</p><p>Z�gernd stieg der Spielmann in den gro�en Badezuber. Doch als er sich erst einmal an die Hitze des Wassers gew�hnt hatte, lie� er sich mit einem erleichterten Seufzer zur�cksinken.</p><p>Zweimal mu�te die Baderin hei�es Wasser nachgie�en, und ein Abendessen aus Fleisch und Brot hatte sie ihnen aufgetragen, bevor Volker an das Ende seiner Geschichte kam.</p><p>�...Als ich von dem Ger�st st�rzte, wurde ich unter einem der Balken eingeklemmt. Dort war ich sicher vor den Hufen der Stiere, doch w�re ich wohl bei lebendigem Leibe verbrannt, h�tte mich nicht ein junger Schmied, der bei meinen Freisch�rlern gek�mpft hatte, erkannt und befreit. Im Keller seines Hauses hat er mich versteckt, als die Stadt brannte und die Sachsen mordend durch die Stra�en zogen. Danach ist er mit seinem Weibe zu seinem Schwager, einem K�hler, der hoch in den Bergen wohnte, gezogen, denn niemand wollte in den Ruinen der Stadt bleiben, �ber die das Strafgericht Gottes hereingebrochen war. Den ganzen Weg in die Berge hat er mich auf seinem R�cken getragen. Er glaubte, in meiner Schuld zu stehen, weil er zu jenen geh�rt hatte, die kampflos die Waffen streckten, als die Armee Ricchars nach der Schlacht am Totenmaar vor den Toren Icorigiums erschienen war. In den Bergen pflegten sie mich, bis ich mich kr�ftig genug f�hlte, meinen neuen Weg zu beschreiten.�</p><p>Hagen sch�ttelte nachdenklich den Kopf. �Und was soll das f�r ein neuer Weg sein, den du gehen willst?�</p><p>�Ich werde kein Ritter mehr sein. F�r meinen K�nig bin ich fast gestorben, und ich habe in vielen Schlachten f�r Gunther gek�mpft. Sage ihm nicht, da� ich noch lebe, denn nur wenn er glaubt, da� ich tot sei, bin ich von meinem Lehnseid befreit. Ich will kein Ritter mehr sein... Statt dessen werde ich als Jakobspilger nach Aquitanien ziehen, um meine verlorene Liebe zu suchen.�</p><p>�Du bist verr�ckt! Bleib ein paar Wochen in der Stadt verborgen. Ich werde eine Unterkunft finden, wo dich niemand kennt. Wenn du erst ganz gesund und bei Kr�ften bist, dann werden deine aberwitzigen Hirngespinste von ganz allein verfliegen.�</p><p>Der Spielmann sah ihn traurig an. �Das wird mit Sicherheit nicht geschehen. Ich habe stets dein Wort geachtet, Hagen, doch diesmal bist du im Unrecht. Erinnerst du dich noch an die Geschichte vom Feuervogel, mit der der fahrende M�rchenerz�hler Geron letzten Sommer den K�nigshof unterhalten hat?�</p><p>Hagen schnaubte ver�chtlich. �M�rchen... Nein, ich erinnere mich nicht mehr. Das ist zu unbedeutend und...�</p><p>�F�r mich war die Geschichte sehr bedeutend, denn sie wurde zum Spiegel meines Schicksals. Wie der Ritter bin ich aufgebrochen, meine Geliebte zu suchen, und merkte nicht, da� der Feuervogel auf meinem Weg an meiner Seite war. Erst besiegt und dem Tode nahe, erkannte ich ihn. Doch der Ritter, der ich einst war, �berlebte dies nicht. Er starb in Icorigium, wo auch mein Schwert irgendwo in den Tr�mmern der Stadt liegt. Meine Herzensk�lte und meine Blindheit habe ich verloren. Wei�t du, da� es auf der Flucht in den Stollen einen Moment gegeben hat, in dem ich fast einen wehrlosen S�ugling und seine Amme get�tet h�tte? Zu weit bin ich auf meinem Weg gegangen. Der Ritter mu�te sterben! Jetzt erst kann ich hoffen, da� ich die erste, gl�cklichere H�lfte des M�rchens erleben darf und mit jener Frau vereint sein werde, nach der mein Herz sich sehnt.�</p><p>Einen Augenblick dachte Hagen an sein eigenes tragisches Schicksal, und Bitternis stieg in ihm auf. �M�rchen werden nicht wahr... Nicht im richtigen Leben!�</p><p>Volker blickte ihn mitleidig an, so, als ahne er etwas. �Erlaube, da� ich dir noch einmal das M�rchen vom Feuervogel erz�hle, dann wirst du meine Worte besser verstehen.�</p><empty-line/><p><emphasis>Es begab sich zu einer Zeit, als Wunder auch einfachen Leuten noch begegneten und die Drachen in den Bergen nicht schon so tief schlummerten, da� nichts sie mehr aus ihrem Schlaf zu erwecken vermochte. In eben jenen Tagen zog ein junger Gesell aus, der in seinem Leben nichts mehr zu verlieren hatte, und hoffte, da� er es sein m�ge, der die Sommerk�nigin finden w�rde, die vor langen Jahren von ihrer Burg vertrieben worden war. Und wie er so des Weges ging, da fiel ihm aus einem Nest ein kleines V�glein vor die F��e. Aus dem Geb�sch aber eilte ein Fuchs herbei, der das V�glein fressen wollte. Mit einem Streich mit seinem Wanderstabe vertrieb er den roten R�uber und setzte das V�glein in sein Nest zur�ck. Da sprach es: �Ich will dir deine Tat vergelten, wenn du einst in gr��ter Verzweiflung bist. Nun aber suche nach dem Muschelpfad, denn dort wirst du jene finden, nach der dein Herz sich sehnt.�</emphasis></p><p><emphasis>So wanderte der Geselle in jenes K�nigreich, wo Wasser und Land eins sind, und er fand den Muschelpfad. Doch so oft verzweigte sich der Weg, da� er auch nach Jahr und Tag die Sommerk�nigin nicht gefunden hatte. Und als er schon aufgeben wollte, da lie� sich eines Abends das V�glein auf seiner Schulter nieder und fl�sterte ihm. �Verzage nicht, mein Freund! Geh in die Stadt des Herrschers unter dem Hirtenstab, denn dort wirst du jene finden, nach der dein Herz sich sehnt.�</emphasis></p><p><emphasis>Und so folgte der Geselle den Worten des V�gleins. Bald fand er jene Stadt, von dem es gesprochen hatte, und auch die Sommerk�nigin, die unerkannt an jenem Ort lebte. Doch als er sie entdeckte, wurde auch der Herrscher unter dem Hirtenstab gewahr, wen er in den Mauern seiner Stadt beherbergt hatte. Und weil er einen alten Groll gegen die Sommerk�nigin hegte, lie� er sie in den tiefsten Kerker seiner Burg bringen. Den J�ngling aber trieb er zur Stadt hinaus.</emphasis></p><p><emphasis>Verzagt sa� der Geselle auf einem Stein am gro�en Flu�, als sich wieder das V�glein auf seiner Schulter niederlie�. Und es raunte ihm ins Ohr. �Suche den Ritter, der das Schwert des Adlerk�nigs tr�gt. Er mu� eine alte Fehde mit dem Herrscher unter dem Hirtenstab zu Ende bringen, und er wird dir helfen, jene zu befreien, nach der dein Herz sich sehnt.�</emphasis></p><p><emphasis>Und so brach der Geselle auf, den Ritter mit dem Schwert des Adlerk�nigs zu finden, und als er ihm endlich begegnete, reisten die beiden zur Stadt des Herrschers unter dem Hirtenstab. Und der Ritter erschlug den b�sen Herrscher, und sie stiegen hinab in den tiefsten Kerker und befreiten die Sommerk�nigin. Doch die Knechte des toten Herrschers setzten ihnen arg zu. Und schlie�lich standen die drei auf dem h�chsten Turm der Stadt und waren umringt von Feinden. Da erzitterte die Luft vom Rauschen m�chtiger Schwingen, und ein Vogel, dessen Gefieder gl�hende Flammen waren, stieg hinter dem Turm empor. Da ergriffen die Knechte des toten Herrschers die Flucht, und der Vogel sprach: �Erinnerst du dich an mich, mein Freund. Einst hast du mir das Leben gerettet und mich vor dem Fuchs bewahrt, jetzt will ich meine Schuld einl�sen und dich retten. Steigt nun auf meinen R�cken, und f�rchtet euch nicht, denn wer reinen Herzens ist, den wird mein Gefieder nicht verbrennen.� Und so brachte der Feuervogel die drei auf jene Insel, auf der die Sommerk�nigin einst geherrscht hatte, und sie machte den Wandersgesellen zu ihrem Manne und schlug ihn zum Ritter. Auch der Ritter mit dem Schwert des Adlerk�nigs blieb an ihrem Hofe und diente den beiden treu.</emphasis></p><p><emphasis>In der Hochzeitsnacht aber nahm die Sommerk�nigin ihren Gatten zur Seite und sprach zu ihm. �Erz�hle mir niemals, was einst war. Ich habe vergessen, wer ich einst gewesen bin, und mir wurde geweissagt, da�, wenn ich aus deinem Munde erfahre, was ich verga�, unser Gl�ck auf immer zerst�rt sein wird.� Und so gelobte der Wandergeselle, der ein Ritter und K�nig geworden war, auf immer zu schweigen.</emphasis></p><p><emphasis>Lange Jahre lebten die drei gemeinsam, und nichts vermochte ihr Gl�ck zu tr�ben. Alle Feinde, die zur Insel der Sommerk�nigin kommen wollten, wurden von den beiden Rittern besiegt. Doch mit den Jahren wurde das Herz des Wandergesellen so kalt wie die eherne R�stung, die er am Leibe trug.</emphasis></p><p><emphasis>Da kehrte der Feuervogel noch einmal zur�ck, und er erz�hlte dem Wandergesellen, sein Vater sei ein K�nig und ihn habe man noch als Kind aus der Burg fortgebracht und in der Fremde ohne Kenntnis um seine Geburt erzogen. So sollte verhindert werden, da� sich an ihm das schreckliche Schicksal vollzieht, da� man dem K�nig bei der Geburt seines Sohnes geweissagt hatte. Doch nun war der alte K�nig krank und lag im Sterben, und er w�nschte sich noch einmal jenen Wandergesellen, seinen Sohn, zu sehen.</emphasis></p><p><emphasis>Die Sommerk�nigin aber bat ihren Liebsten, nicht von ihrer Seite zu weichen. Da sagte ihr der K�nigssohn im Zorn, was f�r eine m�chtige Herrscherin sie einst gewesen sei, und da� sie sich nicht vor einer kurzen Zeit der Einsamkeit f�rchten solle. So verlie� er die Insel und ritt zum Hof seines Vaters. Dieser jedoch genas von seiner Krankheit, so sehr freute er sich, seinen Sohn wiedergesehen zu haben. Als der Prinz aber in das K�nigreich, wo Wasser und Land eins sind, zur�ckkehrte, vermochte er die Insel der Sommerk�nigin nicht mehr zu finden. An einem Wegkreuz aber erwartete ihn sein Freund, der Ritter mit dem Schwert des Adlerk�nigs. Und dieser erz�hlte ihm, die K�nigin habe die Geister der Vergangenheit gerufen und sie seien gekommen, seine Liebste weit fort in die Berge zu tragen.</emphasis></p><p><emphasis>Als der Prinz den Ritter bat, ihm bei der Suche zu helfen, sch�ttelte jener nur den Kopf und erkl�rte. �Dieses Mal mu�t du deinen Weg ganz alleine gehen, bist du erkennst, welcher Freund dich nicht verlassen hat. Finde den Feuervogel, und er wird dir noch einmal helfen.�</emphasis></p><p><emphasis>So trennten sich die beiden, und die Felder verdorrten, und ein eisiger Winter lag �ber dem Land. Drei Jahre und drei Tage war der junge Prinz durch die Berge geritten...</emphasis></p></section><section><title><p><emphasis>Chronologie</emphasis></p></title><p><strong>Die Nibelungen </strong></p><empty-line/><p>Die gro�e Saga �Die Nibelungen� ist keine Nacherz�hlung des weltber�hmten Nibelungenliedes. Jeder Roman erz�hlt eine neue, aufregende Geschichte um einen Helden des Epos. Gleichwohl lassen sich die Romane in die Chronologie des Liedes einordnen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p><emphasis>Chronologie</emphasis></p><p><image l:href="#2"/><strong>Die Flammenfrau </strong></p><p><image l:href="#2"/><strong>Der Rabengott </strong></p><p><image l:href="#2"/> Hagen kommt nach Worms und beginnt seinen Aufstieg zum Berater.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Runenschwert </strong></p><p><image l:href="#2"/> Siegfried t�tet Nibelung und Schilbung. Er stiehlt Alberich die Tarnkappe.</p><p><image l:href="#2"/> Siegfried erschl�gt den Drachen.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Drachenlied </strong></p><p><image l:href="#2"/><strong>Der Zwergenkrieg </strong></p><p><image l:href="#2"/> K�nig Dankrat von Burgund stirbt. Gunther besteigt den Thron.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Die Hexenk�nigin </strong></p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Nachtvolk </strong></p><p><image l:href="#2"/><strong>Der Ketzerf�rst </strong></p><p><image l:href="#2"/> Siegfried kommt nach Worms.</p><p><image l:href="#2"/> Die Helden reisen nach Island und k�mpfen um Brunhilds Hand.</p><p><image l:href="#2"/> Siegfried heiratet Kriemhild, Gunther verm�hlt sich mit Brunhild.</p><p><image l:href="#2"/> Hagen t�tet Siegfried und versenkt den Nibelungenhort im Rhein.</p><p><image l:href="#2"/> Kriemhild heiratet den Hunnenk�nig Etzel.</p><p><image l:href="#2"/> Die Burgunden folgen Kriemhilds Einladung zur Hunnenburg.</p><p><image l:href="#2"/> Kriemhild l��t die Burgunden von den Hunnen ermorden.</p></section></body><binary id="cover" 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