<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><genre>antique_myths</genre><author><first-name>Alexander</first-name><last-name>Nix</last-name></author><book-title>Der Zwergenkrieg</book-title><annotation><p>Alberich, der H�ter des Nibelungenhortes, trotzt allen Unbilden. Auch ohne magische Tarnkappe verteidigt er den Schatz, den seine Vorfahren f�r das Geschlecht der Nibelungen zusammentrugen. Zum Gl�ck hat er edle - und seltsame - Mitstreiter gefunden. M�tterchen Mitternacht, einstmals die gef�rchteste R�uberin am Rhein, das Moosfr�ulein Geist und der Halbhunne L�wenzahn weichen nicht von seiner Seite. Doch dann scheint pl�tzlich der ganze Hohle Berg zum Leben zu erwachen - und Alberich kann jede Hilfe gebrauchen, die er bekommen kann. Denn aus den Tiefen der Erde tauchen geisterhafte Gegner auf.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Nibelungen" number="9"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-22">22 April 2012</date><id>BC76FF5B-84B0-4760-8FBB-CA37C372B81A</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>ECON Verlag</publisher><city>D�sseldorf und M�nchen</city><year>1997</year><isbn>ISBN 3-612-27413-9</isbn></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p><strong>Alberich und der letzte K�nig vom Hohlen Berg</strong></p><empty-line/><p>Seit Siegfried von Xanten ihm die Tarnkappe stahl, steht Zwerg Alberich, der H�ter des Nibelungenhortes, auf verlorenem Posten. R�uber und Ritter begehren den unme�lichen Schatz im Hohlen Berg; immer aussichtsloser wird die Lage der Verteidiger. Doch es kommt noch schlimmer: Dumpfe Trommelschl�ge lassen die unterirdischen Hallen erbeben, geisterhafte Wesen steigen aus den Felsenkl�ften hervor. Alberich erinnert sich an eine uralte Sage: Schon zwei Jahrhunderte zuvor waren Fremde in den Berg eingefallen und hatten. Thorh�l, den letzten K�nig der Zwerge, in einen blutigen Krieg verwickelt. Wiederholen sich die Ereignisse von damals? Und wie soll Alberich einen Feind besiegen, der einst sein ganzes Volk bezwang?</p><empty-line/><p>Alexander Nix ist das Pseudonym eines bekannten deutschen Fantasy-Autors. �Der Zwergenkrieg� bringt das Wiedersehen mit den Figuren des Nibelungen-Bandes �Das Drachenlied� (TB 27411)</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>ECON Unterhaltung </strong></p><empty-line/><p><strong>Die Nibelungen: </strong></p><p>Kai Meyer, <strong>Der Rabengott (TB </strong>27410)</p><p>Alexander Nix, <strong>Das Drachenlied </strong>(TB 27411)</p><p>Jana Held, <strong>Die Flammenfrau </strong>(TB 27412)</p><p>Bernhard Hennen, <strong>Das Nachtvolk </strong>(TB 27413)</p><p>J�rg Kastner, <strong>Das Runenschwert </strong>(TB 27414)</p><p>Alexander Nix, <strong>Die Hexenk�nigin </strong>(TB 27415)</p><p>Alexander Nix, <strong>Der Zwergenk�nig </strong>(TB 27418)</p><empty-line/><p>Alberich, der H�ter des Nibelungenhortes, trotzt allen Unbilden. Auch ohne magische Tarnkappe verteidigt er den Schatz, den seine Vorfahren f�r das Geschlecht der Nibelungen zusammentrugen. Zum Gl�ck hat er edle - und seltsame - Mitstreiter gefunden. M�tterchen Mitternacht, einstmals die gef�rchteste R�uberin am Rhein, das Moosfr�ulein Geist und der Halbhunne L�wenzahn weichen nicht von seiner Seite. Doch dann scheint pl�tzlich der ganze Hohle Berg zum Leben zu erwachen - und Alberich kann jede Hilfe gebrauchen, die er bekommen kann. Denn aus den Tiefen der Erde tauchen geisterhafte Gegner auf.</p><empty-line/><p>Alexander Nix ist das Pseudonym eines namhaften deutschen Fantasy-Autors.</p><empty-line/><p><strong>Alexander Nix </strong></p><empty-line/><p><strong>Der Zwergenkrieg </strong></p><empty-line/><p>Roman</p><empty-line/><p>Der Romanzyklus �Die Nibelungen� entstand nach einer Idee von Kai Meyer</p><empty-line/><p>Konzeption: Kai Meyer/Reinhard Rohn</p><empty-line/><p><strong>ECON Taschenbuch Verlag </strong></p><empty-line/><p>Ver�ffentlicht im ECON Taschenbuch Verlag</p><p>Der ECON Taschenbuch Verlag ist ein Unternehmen der ECON &amp; List Verlagsgesellschaft</p><p>Originalausgabe</p><p>� 1997 by Alexander Nix</p><p>ECON Verlag GmbH, D�sseldorf, M�nchen</p><p>Umschlaggestaltung: Init GmbH, Bielefeld</p><p>Titelabbildung: Dieter J�dt</p><p>Lektorat: Reinhard Rohn</p><p>Gesetzt aus der Goudy, Linotype</p><p>Satz: Josefine Urban - KompetenzCenter, D�sseldorf</p><p>Druck und Bindearbeiten: Ebner Ulm</p><p>Printed in Germany</p><p>ISBN 3-612-27413-9</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Prolog</strong></p></title><empty-line/><subtitle><strong>Zweihundert Jahre fr�her </strong></subtitle><empty-line/><p>Trommeln dr�hnten in der Tiefe des Berges, dumpfe Paukenschl�ge in einem qu�lend langsamen Rhythmus. Waffengeklirr drang aus den unteren Ebenen herauf, Stahl auf Stahl, dazwischen das Schreien der Verwundeten und Sterbenden. Hornst��e hallten empor, gebr�llte Befehle, das Trampeln Hunderter Stiefelpaare.</p><p>Grimma, dritte Heerf�hrerin der Zwerge vom Hohlen Berg, packte den fellumwickelten Schaft ihrer Axt mit beiden H�nden; die schwei�getr�nkte Schafswolle quoll feucht zwischen ihren Fingern hervor. Grimma hetzte den Treppenschacht nach oben, �ber breite, flache Stufen, gefolgt von f�nf Zwergenkriegern, dem Rest ihrer besten Einheit.</p><p>Sie ha�te es, der Schlacht den R�cken zu kehren. Sie f�hlte sich dabei wie ein Feigling. Aber sie wu�te auch, da� jemand die drei Nordlinge aufhalten mu�te, denen es gelungen war, sich einen Weg in die oberen Ebenen freizuk�mpfen. Bis zuletzt hatte sie an der Seite K�nig Thorh�ls gek�mpft, doch die Schlacht ging dem Ende entgegen, und der Zwergenherrscher selbst hatte Grimma den Befehl gegeben, die Fl�chtigen zu verfolgen.</p><p>Die f�nf M�nner in Grimmas Gefolge waren eigentlich zu wenige, um sich den drei Nordlingen entgegenzustellen. Jeder Nordling konnte es m�helos mit zwei oder drei der besten Zwergenk�mpfer aufnehmen. Grimma hatte den K�nig nicht ohne ausreichenden Schutz zur�cklassen wollen, und seit der Feind die k�nigliche Leibgarde beim Gemetzel in der Gro�en S�ulenhalle aufgerieben hatte, waren Grimmas Einheiten f�r das Leben Thorh�ls verantwortlich. Daher hatte sie auf weitere M�nner verzichtet und sich nur mit diesen f�nf auf den Weg gemacht. Es war gewagt, aber nicht aussichtslos. Grimma selbst hatte einmal ganz allein zwei Nordlinge niedergemacht, ohne jede Unterst�tzung, und seither wu�te sie, da� nicht jeder ihrer Feinde �ber gleich gro�e Kraft und Fertigkeit im Kampf verf�gte. Zudem war einer der Gejagten verwundet, das verriet die Spur aus Blutstropfen, die vor den Zwergen die Stufen hinauff�hrte.</p><p>Einen Augenblick lang verstummte das Trommeln in der Ferne, nur um einige Atemz�ge sp�ter wieder aufgenommen zu werden. Die Pause war lang genug gewesen, um Grimma mit wildem Triumph zu erf�llen. Erst ein einziges Mal seit Beginn der K�mpfe vor mehr als zwei Wochen war das Trommeln der Nordlinge aus dem Rhythmus geraten; damals hatte der Bolzen einer Zwergenarmbrust einen der feindlichen H�uptlinge niedergestreckt. Grimma hoffte, da� die neuerliche Unterbrechung einen �hnlichen Grund hatte. Ein weiterer Nordling-F�hrer war gefallen, und wenn die Berichte der Sp�her richtig waren, war dies der zweite und letzte gewesen.</p><p>M�gen die G�tter geben, dachte sie finster, da� die Schlacht bald zu Ende und der Angriff der Nordlinge abgewehrt ist - doch um welchen Preis? Die Verluste unter den Zwergen waren entsetzlich, viel h�her als auf der Seite ihrer Feinde. Die Nordlinge, die den Hohlen Berg angegriffen hatten, waren kaum mehr als eine Bande gewesen, keinesfalls eine Armee, und doch hatten sie das halbe Zwergenheer vernichtet. Auch deshalb durfte keiner der Nordlinge �berleben; sollte einer von ihnen in seine Heimat zur�ckkehren und eine neue, gr��ere Truppe um sich scharen, so w�re das Schicksal der Zwerge vom Hohlen Berg besiegelt und damit der Untergang des letzten Zwergengeschlechts am Rhein.</p><p>Grimma schaute zur Seite, als Egil, einer ihrer Krieger, neben ihr erschien. �Da sind sie!� zischte er ihr atemlos zu und deutete nach vorne, den Treppenschacht hinauf. �Oben, am Ende der Stufen.�</p><p>Eine Falle? Grimma blinzelte zum Ausgang des Treppentunnels. Hatten ihre Gedanken sie derart abgelenkt, da� sie die sicheren Anzeichen eines Hinterhalts �bersehen hatte? Liebe G�te, sie wurde alt.</p><p>Sie nickte Egil dankbar zu, blieb stehen und hob die Hand. Sogleich bildeten die f�nf Krieger eine hufeisenf�rmige Formation um ihre Anf�hrerin, die Augen wachsam nach au�en gewandt, die Streit�xte fest in den schwieligen H�nden.</p><p>Grimma schaute zwischen den gepanzerten Schultern zweier Krieger hinauf zu dem hohen Torbogen, der den �bergang der Treppe in eine d�stere Halle markierte. Die oberste Stufe lag noch gut zwanzig Schritte von ihnen entfernt. Sollten dort oben tats�chlich die drei Nordlinge lauern, so war deren List mi�gl�ckt. Doch immer noch konnte Grimma unter dem Bogen nichts erkennen. Keine geh�rnte Silhouette, keinen verr�terischen Schatten. Und doch - wenn Egil behauptete, etwas gesehen zu haben, dann gab es keinen Zweifel, da� dort tats�chlich etwas war. Zwerge hatten von Natur aus gute Augen, und selbst unter ihnen stach Egil mit seinem scharfen Blick hervor.</p><p>Kein ungewohntes Ger�usch ert�nte, nur das vertraute Pl�tschern der Wasserrinne, die jeden Korridor und Flur des Hohlen Berges flankierte. Das schmale Rinnsal, kaum breiter als zwei Finger, zeigte an jedem Ort des Zwergenreiches an, ob der Weg nach oben oder unten f�hrte. Mochten die B�den der meisten G�nge und Hallen noch so ebenerdig erscheinen, sie waren es nicht. Kluge Baumeister hatten einstmals diesen Einfall gehabt, um im Labyrinth der Stollen und S�le die Orientierung zu erleichtern. Sogar hier, in diesem Treppenschacht, wo es keinerlei Zweifel am Oben und Unten geben konnte, verlief zu Grimmas Rechten eine Wasserrinne wie ein silbrig glitzernder Faden.</p><p>Gellir, ein rotb�rtiger Zwerg mit eiserner Augenklappe, schaute �ber die Schulter zu Grimma. �Da oben ist nichts�, wisperte er. �Wir sollten weiter -�</p><p>�Nein!� widersprach Egil in scharfem Fl�sterton. �Ich hab� einen von ihnen gesehen.�</p><p>�Vielleicht eine Ratte�, sagte Kjartan, der j�ngste der f�nf Krieger. Er hatte drei Frauen, f�r die ihn mancher seiner Kameraden beneidete. Auch Grimma hatte er einmal beigelegen - vor drei�ig, vierzig Jahren -, und sie sch�tzte ihn noch heute als engen Freund und Kampfgef�hrten.</p><p>�Eine wahrlich gro�e Ratte mu� das gewesen sein�, spottete Egil leise. �Sie lief auf den Hinterbeinen, hatte H�rner und ein Breitschwert. Geh, Kjartan, und zieh an ihrem Schwanz!�</p><p>Grimma �berh�rte das Gerede ihrer Krieger. Alle f�nf hatten lange und tapfer gek�mpft, und sie wollte ihnen jetzt nicht den Mund verbieten. Wenn die Nordlinge wirklich dort oben warteten, wu�ten sie ohnehin l�ngst, da� ihre Verfolger nahten.</p><p>�Nordlinge verstecken sich nicht�, warf Odd ein, dessen Bart so gerstengelb war wie das Bier, das er meist aus eimergro�en Kr�gen trank.</p><p>Dem mu�ten alle zustimmen. Nordlinge waren zu gro� und grob und ungeduldig, um Hinterhalte zu legen. Anderseits waren die Erfahrungen der Zwerge mit diesem Feind erst zwei Wochen alt, und es mochte manches geben, das sie noch nicht �ber ihn herausgefunden hatten. Und wer wei�, dachte Grimma argw�hnisch, vielleicht sind die drei ja verzweifelt. Oder todesmutig. Oder beides.</p><p>�Es hilft nichts�, entschied sie, �wir m�ssen weiter. Der K�nig w�re gewi� nicht erfreut, wenn wir ohne ihre H�rner zur�ckkehrten.�</p><p>Im selben Augenblick erstarb in der Tiefe der Trommelschlag, und diesmal wurde er nicht wieder aufgenommen. Zugleich ert�nte das Echo vielstimmigen Gebr�lls. Da wu�ten die sechs Zwerge auf der Treppe, da� die Schlacht in den Minen entschieden war. Die letzten Nordlinge waren gefallen. Bis auf jene drei, deren Spur sie folgten. Das gab ihnen Auftrieb, und unter lautem Kampfgeschrei st�rmten sie die Stufen empor, dem Torbogen und der Halle entgegen.</p><p>Sie waren keine zehn Schritte vom oberen Treppenabsatz entfernt, als Grimma pl�tzlich aufschrie.</p><p><emphasis>�Halt!�</emphasis></p><p>Ihr Blick war noch einmal auf die schmale Wasserrinne neben den Stufen gefallen, und diesmal verriet ihr das Rinnsal weit mehr als nur den offensichtlichen Weg nach oben.</p><p>Das Wasser hatte sich rot gef�rbt. Rot vom Blut des verwundeten Nordlings, der hinter dem Torbogen lauerte!</p><p>Sie wollte Befehle br�llen, doch es war bereits zu sp�t. Odd behielt recht: Die Nordlinge waren nicht geschaffen f�r Hinterhalte, und auch jetzt war ihre Ungeduld zu gro�. Br�llend sprangen sie hinter den turmhohen Steinpfosten des Portals hervor, die m�chtigen Breitschwerter im Anschlag, jedes einzelne so lang wie ein Zwerg.</p><p>Grimma stand an der Spitze ihrer Einheit, und so galt ihr der erste Schlag des vorderen Nordlings. Seine Klinge fuhr herab und h�tte sie von Kopf bis Fu� gespalten, h�tte sie nicht im Reflex ihre Streitaxt emporgerissen und den Hieb damit aufgehalten. Die rohe Gewalt des Angriffs lie� sie schwanken, und schon holte der Nordling zum zweiten Mal aus. Wie die Gesichter seiner beiden Gef�hrten waren auch seine Z�ge hinter einem Schleier aus Kettengewebe verborgen. Bei jeder Bewegung verursachten die Eisenglieder ein leises Klingeln.</p><p>Abermals sauste das Breitschwert herab, doch diesmal tauchte Grimma mit einem �chzen darunter hinweg, wirbelte die Axt herum und hieb die schartige Schneide tief in den Beinschutz des Nordlings. Zwergenstahl fra� sich knirschend durch das grobe Eisen, schnitt durch Haut und Knochen. Kreischend fiel der Nordling vorn�ber, warf mit seinem Gewicht Kjartan nach hinten und ri� ihn mit sich die Treppe hinunter. Polternd verschwanden die beiden in der Tiefe.</p><p>Grimma schaute sich besorgt um. Die vier �brigen Zwergenkrieger hatten sich geteilt und k�mpften nun jeweils zu zweit mit einem der beiden Nordlinge. Egil und Odd hieben gemeinsam mit �xten auf ihren Gegner ein, der jedoch beider Angriffe m�helos abwehrte. Der Nordling �berragte sie fast um das Doppelte, und Grimma sah, da� er derjenige war, der aus einer tiefen Wunde am Oberschenkel Blut verlor. Der Schmerz behinderte ihn nicht; der Nordling schien die Verletzung nicht einmal zu sp�ren, und das war kein gutes Zeichen. Offenbar stand er kurz davor, in Raserei zu verfallen. Grimma hatte in den vergangenen Wochen mehrfach mitangesehen, wie einige der Feinde vom Berserkerwahn �berkommen worden waren, und bei aller Tapferkeit hatte sie ihren G�ttern gedankt, in diesen Augenblicken nicht in der Reichweite der tobenden Nordlinge zu stehen.</p><p>Mit einem hohen Kriegsschrei st�rzte sie sich in den Kampf, gerade als der Nordling Odd mit einem machtvollen Schlag den b�rtigen Sch�del von den Schultern trennen wollte. Grimma stie� den Zwergenkrieger beiseite und rettete ihm so das Leben, h�tte aber ihr eigenes verloren, wenn nicht Egil den Hieb des Nordlings im letzten Moment mit seiner Axt blockiert h�tte. Die Wucht des Schlages fegte Egil von den Beinen und warf ihn mehrere Treppenstufen nach unten. Der Nordling lie� sein Schwert ein weiteres Mal rotieren, verfehlte Grimma um Haaresbreite und traf statt dessen Odd, der sich gerade wieder aufrichten wollte. Die Klinge drang in seine Seite, t�tete ihn innerhalb eines Wimpernschlages - und blieb in der st�hlernen Brust- und R�ckenpanzerung des Zwerges stecken. Der Nordling zog und zerrte daran. Grimma holte aus und hieb ihm ihre Axt bis zum Schaft in den Unterleib. Der Krieger sackte ohne einen Laut zusammen, sein Blut mischte sich mit dem Odds und sprudelte durch die Wasserrinne hinab in die Tiefen des Berges.</p><p>Als Grimma benommen ihre Waffe aus der Leiche l�ste, taumelte Egil bereits an ihr vorbei, um den beiden anderen Zwergen, Gellir und Bollis, im Kampf gegen den letzten Nordling beizustehen. Grimma folgte ihm, und es dauerte nur wenige Augenblicke, da lag ihr Gegner tot auf den Stufen.</p><p>�Wir m�ssen sehen, was aus Kjartan geworden ist�, rief sie au�er Atem, und schon st�rmte sie mit Egil und Gellir die Treppe hinunter, w�hrend Bollis noch einen Moment zur�ckblieb, um die H�rner der Nordlinge abzutrennen.</p><p>Viele hundert Stufen tiefer kam ihnen Kjartan entgegen, auf seine Axt gest�tzt wie auf eine Kr�cke, und die Wunde in seiner Brust verriet ihnen, da� er sterben w�rde. Er konnte nicht einmal mehr sprechen vor Schmerz und Ersch�pfung. Als er in Grimmas Armen zusammenbrach, drang nur noch ein tonloses Murmeln �ber seine Lippen. Sanft legte sie ihn auf einer Stufe ab und schlo� seine Augen, faltete seine H�nde �ber der Brustwunde und legte die blutige Axt obenauf.</p><p>�Er hat gewu�t, da� er sterben w�rde�, sagte sie leise, �und dennoch wollte er noch die Treppe hinaufsteigen und uns beistehen.�</p><p>Egil und Gellir nahmen ihre Helme ab, um dem toten Gef�hrten Achtung zu zollen, ebenso Bollis, als er wenig sp�ter hinzukam. Grimma sandte ein Gebet an die G�tter, in das sie auch den gefallenen Odd einschlo�, dann lie�en sie Kjartan zur�ck und machten sich schweigend auf den Weg in die Minen. Unterwegs, am Fu� der Treppe, fanden sie den Leichnam des dritten Nordlings, den Sch�del von Kjartans Axt zertr�mmert, und diesmal mu�te Bollis die beiden H�rner nur noch vom Boden aufsammeln.</p><p>Als sie nach langem Abstieg endlich auf die feiernde Zwergenarmee stie�en, war ihnen nicht nach Gesang und Bier zumute. Bollis reichte Grimma die sechs H�rner der Nordlinge, und sie wiederum brachte sie zu Thorh�l, dem K�nig der Zwerge vom Hohlen Berg.</p><p>Thorh�l war hochgewachsen f�r einen Mann seines Volkes, fast so gro� wie ein kleiner Mensch, und sein brauner, h�ftlanger Bart war von Silberf�den durchzogen wie die Wand eines Bergwerksstollens. Seine grauen Augen blitzten weise und wach. Nicht einmal das Bier, das er zur Feier des Sieges kr�geweise trank, vermochte einen Schleier von Trunkenheit �ber seinen klaren Blick zu legen. Er nahm die H�rner mit ehrfurchtsvoller Geste entgegen, schob sie wie Dolche unter seinen G�rtel, drei an jede Seite, dann legte er Grimma seine schwere Hand auf die Schulter.</p><p>�Einmal mehr hast du bewiesen, da� es eine richtige Entscheidung war, eine Frau zur Heerf�hrin zu bestimmen�, sagte er laut, und dabei blickte er streitlustig in den Kreis seiner Berater. Sie alle hatten die Nasen ger�mpft, als er Grimma den Posten angeboten hatte. Zwerge leben lange, zweihundert Jahre und mehr, und sie vergessen kaum etwas, und der Disput mit seinen Ratgebern war Thorh�l so frisch im Ged�chtnis, als h�tte er erst am Tag zuvor stattgefunden.</p><p>Grimma mochte es nicht, wenn der K�nig auf ihr Geschlecht anspielte, ganz gleich wie wohlmeinend. �Erst der Kampf macht Krieger aus uns, und fortan ist es ohne Bedeutung, ob wir von Natur aus Kinder oder dumme Ideen geb�ren.�</p><p>Die Zwergenratgeber in ihren langen Roben zuckten merklich, doch Thorh�l br�llte vor Lachen, umarmte Grimma, wie er jeden seiner m�nnlichen Heerf�hrer umarmt h�tte, und zog sie dann von den anderen fort.</p><p>�Ich brauche deinen Rat, Grimma�, sagte er, als die �brigen Zwerge au�er H�rweite waren. �Die Nordlinge sind geschlagen, aber ich glaube, unser Kampf mit ihnen ist noch lange nicht am Ende.�</p><p>�Ihr f�rchtet, es k�nnten noch mehr von ihnen hierherkommen?� Grimma war nicht �berrascht. Ein jeder hegte diese Angst, und die kommenden Tage w�rden zeigen, ob sich etwas gegen diese Gefahr unternehmen lie�.</p><p>�Es wird zu weiteren K�mpfen kommen�, sagte Thorh�l, �aber nicht hier im Hohlen Berg.�</p><p>�Was habt Ihr vor?� Eine Ahnung beschlich sie, es war jedoch kein Gedanke, bei dem sie l�nger als nur einen Augenblick verweilen wollte.</p><p>Der K�nig nahm Grimma beim Arm und wanderte einige Schritte mit ihr in einen verlassenen Minenstollen, der von dem breiten Hauptschacht fortf�hrte, in dem die entscheidende Schlacht stattgefunden hatte. Grimma sch�tzte solche Vertrautheiten nicht; sie f�rchtete, sie k�nnten Thorh�ls listige Ratgeber zu ein paar l�stigen Ger�chten ermuntern.</p><p>�Seit wie vielen Jahren sind wir nun schon dem Nibelungengeschlecht zur Treue verpflichtet, Grimma? Seit vierhundert, vielleicht f�nfhundert?� Es war keine Frage, auf die er eine Antwort erwartete. Als die Nibelungenf�rsten sich die Zwerge vom Hohlen Berg Untertan gemacht hatten, hatten sie zugleich jegliche Geschichtsschreibung des Zwergenvolkes ausgel�scht. Obwohl seither erst wenige Generationen vergangen waren, gab es l�ngst mehrere Fassungen derselben Geschichte. Was hatte Thorh�ls Vorg�nger wirklich dazu bewogen, sich dem damaligen F�rsten der Nibelungen unterzuordnen? War es ein Duell gewesen, in dem der Zwergenk�nig dem F�rsten Nibelung - dem ersten einer ganzen Reihe von Herrschern dieses Namens - unterlegen war? Oder war der Grund vielmehr eine mi�lungene Wette, wie einige behaupteten? Oder aber, und das schien manchem die wahrscheinlichste, wenn auch besch�mendste M�glichkeit, hatte der Zwergenherrscher dem F�rsten diesen Pakt vorgeschlagen, um als Preis daf�r eine Nacht mit Nibelungs sch�ner Tochter zu verbringen? F�r gew�hnlich fanden Zwerge nichts an den gro�en, d�rren Menschenweibern, doch die enge Freundschaft des alten K�nigs zu den Menschen war bekannt und hatte manchen Anla� f�r Vermutungen gegeben.</p><p>Was immer auch die wahre Ursache f�r die Bindung der Zwerge vom Hohlen Berg an die Nachfahren des F�rsten Nibelung war, so waren die Beziehungen zwischen beiden doch in all den Jahrhunderten niemals offen in Frage gestellt worden. Zwerge standen zu ihrem Wort, auch zu dem ihrer Urahnen, und so sch�rfte das Volk vom Hohlen Berg auch heute noch Tag f�r Tag in den Tiefen der alten Minen nach Gold und Silber, um daraus f�r Nibelungs Kinder und Kindeskinder den prachtvollsten aller Sch�tze zu fertigen. Schon jetzt war der Hort, der in der tiefsten Halle des Berges aufbewahrt wurde, der gr��te und herrlichste, von dem die Schreiber und Weisen je geh�rt hatten. Und obgleich die Nibelungen die Zwerge niemals wie Sklaven oder Leibeigene behandelt hatten, so gab es doch keinen Zweifel, da� sie in Wahrheit genau das waren - willige Arbeiter, die mit jedem Tag den Reichtum der Nachfahren Nibelungs mehrten.</p><p>Gewi�, im geheimen hatte es gelegentlich Pl�ne f�r eine Rebellion gegeben, f�r friedlichen, aber auch bewaffneten Widerstand, doch keines dieser Vorhaben war je in die Tat umgesetzt worden. Das Wort des einstigen K�nigs galt, auch heute noch, und selbst kommende Generationen w�rden sich daran halten m�ssen.</p><p>Als Thorh�l die Frage stellte, wie lange die Zwerge schon im Dienste der Nibelungen standen, wu�te Grimma, auf was er hinauswollte. Und es ersch�tterte sie zutiefst.</p><p>�Ihr k�nnt nicht ernsthaft vorhaben -�, begann sie, wurde aber vom K�nig unterbrochen.</p><p>�Die Nordlinge sind <emphasis>von unten </emphasis>in den Hohlen Berg eingedrungen�, sagte er mit fester Stimme, und da wurde Grimma klar, da� er seine Entscheidung l�ngst getroffen hatte. �Wir haben immer gewu�t, da� es unterirdische Wege gibt, �ber die unsere Vorfahren einst in dieses Land kamen. Doch nie hat jemand den geheimen Zugang zur alten Zwergenstra�e wiedergefunden.�</p><p>Auch das war eine unumst��liche Tatsache. Die Lage des Zugangs war l�ngst vergessen, und selbst die besten H�hlensp�her des Zwergenvolkes hatten ihn nicht mehr finden k�nnen - und das, obwohl Zwerge bekannt waren f�r ihre hervorragende Nase beim Aufsp�ren geheimer T�ren und Tunnel.</p><p>Die Nordlinge waren vor zwei Wochen vollkommen unvermittelt im Inneren des Hohlen Berges aufgetaucht, und nur deshalb war es ihnen gelungen, die Zwerge derart in Bedr�ngnis zu bringen. Es hatte mehrere Tage gedauert, bis auch der letzte Zweifler einsah, da� die Feinde ganz offensichtlich die unterirdische Zwergenstra�e benutzt hatten, um aus ihrer Heimat hierher zu gelangen. Sie hatten den verborgenen Zugang von unten aufgesto�en und waren geradewegs ins Herz des Berges einmarschiert.</p><p>�Das Tor ist offen�, sagte Thorh�l, hielt Grimma am Arm zur�ck und blieb stehen. Eindringlich schaute er sie an. �Seit Jahrhunderten ist dies unsere erste M�glichkeit, dem Joch der Nibelungen zu entkommen, ohne mit ihnen in offenen Streit zu treten. Es wird keinen Kampf geben, kein Blutvergie�en. Wir werden einfach verschwinden, auf Wegen, die sie nicht kennen und auf denen sie uns nicht folgen k�nnen. Sie haben den Hort, und wenn er auch nicht weiter anwachsen wird, so sollte er ausreichen, um zwanzig Menschengenerationen unerme�lichen Reichtum zu bescheren.�</p><p>Grimma konnte es noch immer nicht glauben. �Ihr wollt tats�chlich von hier fliehen?�</p><p>�Wenn nicht jetzt, dann nie. Begreifst du denn nicht? Es ist unsere erste und einzige M�glichkeit!� Ein tatendurstiges Funkeln stand in seinen Augen, und Grimma las darin die klare Botschaft, da� er Widerspruch nicht dulden w�rde.</p><p>�Ihr habt mich um meinen Rat gebeten�, erinnerte sie ihn vorsichtig und k�mpfte das zornige Brodeln in ihrem Inneren nieder. �Ich will ihn Euch geben, Thorh�l, ganz gleich, was Ihr dar�ber denken m�gt.� Ihr Blick bohrte sich in seine Augen, und einen Moment lang war ihr, als zucke er unter ihrer Entschlossenheit zusammen. �Noch nie hat ein Zwergenk�nig sein Wort gebrochen, ganz gleich ob gegen�ber seinem eigenen Volk oder einem anderen. <emphasis>Noch nie, </emphasis>Thorh�l! Was Ihr vorhabt, ist ein Treuebruch ohnegleichen, und er wird das Geschlecht der Zwerge vom Hohlen Berg noch in Jahrhunderten wie ein b�ser Geist verfolgen. Selbst wenn es Euch gelingen sollte, jeden einzelnen unserer Br�der und Schwestern von Eurem Plan zu �berzeugen, so nehmt Ihr damit eine Schuld auf Euch, die in der Geschichte der Zwerge einzigartig ist.�</p><p>Er sah pl�tzlich m�de aus, und das war nicht allein eine Folge der Schlacht. �Wenn diese Schuld der Preis f�r unsere Freiheit ist, Grimma, dann bin ich bereit, ihn zu zahlen.�</p><p>�Aber der Eid unserer Ahnen, das Versprechen...� Ihre Hilflosigkeit erf�llte Grimma mit immer gr��erem Zorn. �Die M�nner Nibelungs haben jede Gefahr, die sich uns von au�en n�herte, zur�ckgeschlagen. Sie haben daf�r mehr als einmal mit ihrem Blut bezahlt. Habt Ihr das vergessen?�</p><p>Thorh�l nahm seine Helmkrone ab und fuhr sich durch sein buschiges Haupthaar. �Sie haben niemals f�r <emphasis>uns </emphasis>gek�mpft, und das wei�t du genau, Grimma. Sie taten es immer nur f�r ihr Gold, f�r diesen verfluchten Hort, auf dem wir sitzen wie ein Volk von Glucken.� Pl�tzlich fuhr er auf: �Verdammt, es ist mir gleichg�ltig, was die Schreiber einst �ber die Ehre und den Treuebruch des K�nigs Thorh�l berichten werden. Ich will, da� unsere Leute wieder ein Leben in Freiheit f�hren k�nnen. Das allein ist es, worauf es ankommt!�</p><p>�Und Ihr glaubt wirklich, da� am anderen Ende der Zwergenstra�e die Freiheit auf uns wartet? Denkt Ihr das wirklich, nach diesen zwei Wochen des Sterbens und der zahllosen Niederlagen?�</p><p>�Am Ende haben wir gesiegt.�</p><p>�Und teuer wurde dieser Sieg erkauft, Thorh�l. Mit wie vielen weggeworfenen Leben? Mit wie vielen Witwen und Tr�nen und wie vielen F�ssern voller Blut?� Sie sch�ttelte niedergeschlagen den Kopf. �Wir wissen nicht einmal, ob oben im Norden, in der alten Heimat, noch ein einziger Zwerg am Leben ist. Was, wenn die Nordlinge l�ngst alle ausgerottet haben? Wir w�rden geradewegs in unser Verderben laufen.�</p><p>�Das werden wir nicht�, erkl�rte der K�nig und atmete tief durch. �Auch deshalb wollte ich mit dir reden.�</p><p>Grimma starrte ihn schweigend an. Noch bevor er es aussprach, wu�te sie, was er von ihr verlangen w�rde.</p><p>�Wir werden Sp�her durch den alten Tunnel nach Norden schicken�, fuhr er fort. �Wir werden herausfinden, wie es dort aussieht und ob unser Volk dort �berleben kann.�</p><p>�Eine solche Expedition k�nnte Jahre unterwegs sein. Sie k�nnte zerschlagen werden und niemals zur�ckkehren.�</p><p>�Das darf um keinen Preis geschehen!� Thorh�l packte sie hart an den Schultern. �Und genau deshalb will ich, da� du sie anf�hrst, Grimma!�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>KAPITEL 1</strong></p></title><empty-line/><p>Der Karren rumpelte schaukelnd den Berg hinauf. Prallgef�llte S�cke und Kisten waren auf seiner Ladefl�che gestapelt, vor allem aber zahlreiche F�sser, die schon von weitem den herrlichen Duft von Wein und Bier verstr�mten. Obbo, der Gastwirt des <emphasis>Wolfswinkel, </emphasis>sa� auf dem Kutschbock und fluchte �ber den langsamen Trab des Ponys, obwohl sich das Tier beileibe alle M�he gab, den schweren Wagen den Pfad heraufzuziehen.</p><p>M�tterchen Mitternacht stand vor dem eisernen Portal des Hohlen Berges und blinzelte dem schwankenden Karren entgegen. Nach den Wochen im Inneren des Berges blendete sie das Tageslicht. Trotzdem l�chelte sie, als sie sah, da� Obbo der Schwei� in Str�men �bers Gesicht lief, ganz so, als sei er selbst es, der die Last des Wagens zu ziehen h�tte. Der dicke Wirt trug seine lederne Sch�rze und einen aus der Form geratenen Hut, von dem er behauptete, er w�rde die M�cken vertreiben; dabei war doch jedem seiner Freunde im Hohlen Berg klar, da� er damit nur sein sch�tteres Haar verbarg, mochte der Teufel wissen, vor wem.</p><p>Einmal in jedem Mond, manchmal auch �fter, kam Obbo und versorgte sie mit allem, was die vier Verteidiger des Nibelungenhortes n�tig hatten: Gem�se, P�kelfleisch, S��igkeiten f�r L�wenzahn und nat�rlich Kostproben aus Obbos vortrefflichem Weinkeller, dazu das w�rzige Bier, das er eigenh�ndig im Hinterhaus seines Gasthofs braute. Ohne ihn h�tten die vier l�ngst aufgeben m�ssen, vor allem w�hrend des ersten Jahres ihrer Wache im Hohlen Berg, als kaum ein Tag vergangen war, an dem nicht ein neuer R�uberhauptmann am Portal geklopft und die Herausgabe der Sch�tze verlangt hatte.</p><p>Heute, fast zwei Jahre nach dem Raub der Tarnkappe durch Siegfried von Xanten und der Suche der vier Gef�hrten nach dem Leichnam des letzten Drachen, waren die Angriffe auf den Berg seltener geworden. Dennoch war es nicht allein loses Ger�ll, das den Weg f�r Pony und Karren so beschwerlich machte. Der dichte Tannenhain vor dem Tor des Berges war �bers�t mit Teilen alter R�stungen, mit alten Gerippen und den Kadavern der letzten �berm�tigen, die Einla� in den Berg gefordert hatten. Immer wieder holperten die Karrenr�der �ber einen Helm oder leeren Brustpanzer, immer wieder stie�en die Hufe des Tieres gegen modrige Sch�del und verrostete Schilde. Obbo hatte seine Freunde oft angefleht, diesen �Unrat�, wie er es nannte, fortzur�umen, doch Alberich, der Horth�ter, bestand darauf, alles liegenzulassen. Zur Abschreckung, meinte er, und M�tterchen gab ihm recht. Das hohe Eisenportal des Berges sch�tzte sie vor dem erb�rmlichen Kadavergestank des Schlachtfeldes, und Obbo wurde reichlich daf�r entlohnt, da� er hier heraufkam; ein wenig �belkeit mu�te er daf�r in Kauf nehmen.</p><p>�Obbo!� rief M�tterchen dem fluchenden Wirt entgegen, als er dem Pony mit einer Rute aufs Hinterteil klatschte. �Wann wirst du Geizkragen dir endlich ein Lastpferd kaufen? Der alte Rohland ist f�r solche Ausfl�ge zu alt geworden.�</p><p>Rohland, das Pony vor Obbos Karren, hatte ihnen vor zwei Jahren w�hrend ihrer Reise zum toten Drachen gute Dienste geleistet, und M�tterchen hatte das Tier ins Herz geschlossen. Sie h�tte es dem Wirt l�ngst abgekauft, wenn es denn eine M�glichkeit gegeben h�tte, es im Hohlen Berg auf angemessene Weise zu halten. Doch in den unerme�lichen Tiefen des verlassenen Zwergenreiches gab es weder Gras noch Sonnenlicht, und sie h�tte dem Tier schwerlich einen Gefallen getan, h�tte sie es dort hinabgef�hrt.</p><p>Obbo hatte das Portal fast erreicht. Er grummelte irgendeine Antwort auf M�tterchens Zuruf, die sie nicht verstand, und das war wahrscheinlich gut so.</p><p>Der <emphasis>Wolfswinkel </emphasis>lag in den W�ldern am Ostufer des Rheins. Der Hohle Berg dagegen bildete, gemeinsam mit seinem Zwillingsgipfel, auf dem sich die verlassene Burg der toten F�rsten Nibelung und Schilbung erhob, eine Halbinsel mitten im Flu�, die nur �ber eine bewaldete Landbr�cke zu erreichen war. Vor zwei Jahren hatte Siegfried die beiden Nibelungenf�rsten und ihre tapfersten Ritter erschlagen und den Hort im Hohlen Berg f�r sich beansprucht. Alberich aber, der letzte Zwerg am Rhein, war weiterhin H�ter des Schatzes geblieben, bis zu jenem Tag, an dem Siegfried zur�ckkehren und den Hort abtransportieren w�rde. Der Xantener hatte dem Zwerg die magische Tarnkappe gestohlen, was Alberich vor die Schwierigkeit stellte, den Schatz ohne Zauberwerk verteidigen zu m�ssen. Drei Gef�hrten hatten sich ihm zur Seite gesellt: zum einen M�tterchen Mitternacht, ehemalige R�uberbraut und einstmals das sch�nste Weib der W�lder, heute eine r�stige Greisin - ein Wort, f�r das manch einer schon ein Ohr, einen Finger oder gar das Leben eingeb��t hatte. Dann war da L�wenzahn, ein tumber, aber liebenswerter H�ne, in dessen Adern ein Anteil Hunnenblut flo�. Und zuletzt Geist, das r�tselhafte Moosfr�ulein, auf das die Magie des toten Drachen �bergegangen war; keiner vermochte genau zu sagen, ob in ihrem Inneren wirklich nur der Zauber oder auch ein St�ck vom Drachen selbst weiterlebte.</p><p>�Ho!� rief Obbo aus und brachte den Karren vor dem haushohen Portal zum Stehen. Die m�chtigen Torfl�gel waren mit filigranen Einlegearbeiten verziert. Albenschmiede hatten den einzigen Eingang des Hohlen Berges vor vielen Jahrhunderten geschaffen, damals, als noch ein ganzes Zwergenvolk in den unterirdischen Hallen und Fluren lebte.</p><p>Doch das war lange her. Heute hauste hier nur noch ein einziger Zwerg, und der dr�ngte sich in eben diesem Augenblick auf h�chst unh�fliche Art und Weise an M�tterchen vorbei und trat aus dem Schatten des Torbogens. Seine gespannte Armbrust wies auf Obbos Wanst, so da� der arme Wirt ganz fahl um die Nase wurde.</p><p>Obbo hob die H�nde und stotterte: �Freund Alberich, ich bitte dich allerfreundlichst, dich zu -�</p><p>Alberich raunzte mit grimmiger Miene dazwischen: �Hast du alles dabei, so wie ich es dir aufgetragen habe?�</p><p>M�tterchen verzog hinter dem R�cken des Zwerges das Gesicht. <emphasis>Wie ich es dir aufgetragen habe - </emphasis>pah! H�tte sie nicht regelm��ig Listen geschrieben und hinab zu Obbo ins Wirtshaus gebracht, w�rde ihnen allen schon l�ngst der Magen knurren. Alberich hatte sich nie um dergleichen gek�mmert. Aber sie wu�te auch, da� es dem Zwerg gefiel, mit seiner Wildheit und Kratzb�rstigkeit zu prahlen.</p><p>Mit einem Blick �ber Alberichs Schulter vergewisserte sie sich, da� die Armbrust gesichert war. Der Zwerg mochte damit noch so aufgebracht vor Obbos Nase fuchteln, der Bolzen w�rde sich nicht l�sen. Alberich wollte Obbo nur einen Schrecken einjagen, wie er es regelm��ig tat, um den Preis zu dr�cken. Dabei spielte es f�r ihn keine Rolle, da� er �ber einen Schatz von unerme�licher Gr��e verf�gte. Er knauserte mit jeder M�nze, vor allem dem armen Obbo gegen�ber.</p><p>�Ich habe alles dabei�, versicherte der Wirt. Das Pony stie� ein Schnauben aus, und Obbo zuckte zusammen, als h�tte er das Ger�usch mit dem Pfeifen der Armbrustsehne verwechselt.</p><p>Alberich lachte schadenfroh und senkte die Waffe. �Tut mir leid, Freund Obbo, aber es k�nnte immerhin sein, da� du R�uber an unser offenes Tor f�hrst.�</p><p>�Das glaubst du nicht wirklich!� emp�rte sich der Wirt.</p><p>Der Zwerg stie� ein knarrendes Kichern aus. M�tterchen hatte allm�hlich Mitleid mit Obbo, der Alberichs Attacken nicht gewachsen war. Nat�rlich w�rde der Wirt sie niemals betr�gen, ganz gewi� nicht freiwillig, und falls ihn irgendwer dazu zwingen sollte, w�rde man es ihm mit Sicherheit schon von weitem ansehen. Er war viel zu sehr Wirt mit Leib und Seele, um ein Geheimnis f�r sich behalten zu k�nnen, sogar mit einer Dolchspitze im R�cken.</p><p>Zu dritt luden sie die Waren vom Karren und trugen sie durch den offenen Spalt des Tores. M�tterchen verfluchte die Tatsache, da� L�wenzahn mit seinen B�renkr�ften nicht bei ihnen war, doch der Halbhunne hatte sich mit Geist in die Tiefen des Berges zur�ckgezogen, um ein verstopftes Aqu�dukt zu bereinigen. L�wenzahn war gerne allein mit Geist, und manchmal h�nselte Alberich ihn mit seiner Verliebtheit.</p><p>Nachdem sie mit dem Abladen fertig waren, k�mmerte sich Alberich um die Bezahlung, w�hrend M�tterchen zu Rohland ging und ihm die M�hne streichelte. �Bist ein braves Tier�, fl�sterte sie ihm ins Ohr und dann noch etwas, das niemand au�er ihr selbst und dem Pony verstand. Die Jahrzehnte, die sie an der Spitze ihrer R�uberschar in den W�ldern gehaust hatte, hatten sie viele Dinge gelehrt. Eines davon war, mit Tieren zu sprechen. Sie wu�te, da� Rohland jedes ihrer Worte verstand. Z�rtlich sprach sie ihm Mut zu, w�nschte ihm Kraft f�r den R�ckweg und versprach ihm daheim im Gasthof eine Belohnung. Dann ging sie zur�ck zu den anderen, dr�ckte Obbo eine M�nze f�r eine gro�e Portion Hafer in die Hand und umarmte ihn zum Abschied.</p><p>�Pa�t gut auf euch auf!� rief der Wirt �ber die Schulter, als er den Karren durch den Tannenhain hangabw�rts lenkte.</p><p>�Und du auf dich!�</p><p>M�tterchen und Alberich traten zur�ck in den Schatten des Tores, in die hohe, d�stere Eingangshalle des Hohlen Berges. Alberich machte sich an einer Winde zu schaffen. Krachend schlossen sich die Torfl�gel, und das Echo hallte vielfach in den Abgr�nden der ausgestorbenen Zwergenstadt wider.</p><p>Nachdem das Tageslicht ausgesperrt war, sah M�tterchen einen Moment lang nichts mehr als Schw�rze. Das sonderbare Zwielicht im Hohlen Berg war so schwach, da� sie eine Weile brauchte, ehe sie sich von neuem daran gew�hnte.</p><p>Man mag es drehen und wenden wie man will, dachte sie, aber dieser Berg ist nicht f�r uns Menschen geschaffen. Er will uns nicht in sich haben. Er wehrt sich gegen uns wie ein K�rper, der eine Krankheit austreibt.</p><p>Sie fragte sich nicht zum erstenmal, wie lange es noch dauern mochte, bis das Fieber ausbrach.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>L�wenzahn stand auf einem Felssims oben in der Wand der Halle, viel zu schmal f�r seine riesigen F��e. Geist wartete am Boden auf ihn. Der Halbhunne hatte ihr den R�cken zugewandt und beugte sich �ber eine Steinrinne, die in einer H�he von zwei Mannsl�ngen an der Wand entlangf�hrte, eines der Hauptaqu�dukte f�r die Wasserversorgung im Hohlen Berg. Seit Tagen war es durch irgend etwas verstopft.</p><p>Auf dem weiten Hallenboden hatten sich gro�e Pf�tzen gebildet. Geist suchte mi�mutig nach einem Fleck, an dem sie keine nassen F��e bekommen w�rde. Sie trug keine Schuhe, auch Kleidung war ihr fremd. Ihr zierlicher K�rper war mit einem Pelz aus gr�nbraunem Moos bewachsen, der es ihr drau�en in den W�ldern erlaubte, wie ein Cham�leon mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Hier aber, in den Tiefen dieser abscheulichen Zwergenstadt, hatte sie diese F�higkeit verloren. Sie wu�te, da� es der Stein war, der ihr derart zusetzte. Sie war ein Moosfr�ulein, ein Waldgeist, und sie litt unter dem Gewicht des Berges. Der kahle Fels machte sie ungl�cklich, manchmal gar krank, und ohne ihre gelegentlichen Ausfl�ge hinaus in die W�lder w�re sie in der na�kalten Dunkelheit zugrunde gegangen. Auch die Magie des Drachen trug dazu bei, da� sie hier unten �berleben konnte. Ein wenig von der Vorliebe des Lindwurms f�r tiefe Gebirgsh�hlen war auf sie �bergegangen, genug, um im Hohlen Berg existieren zu k�nnen.</p><p>�Was ist es?� rief sie zu L�wenzahn hinauf, der mit beiden H�nden in der Rinne hantierte.</p><p>�Es wird dir gefallen!� rief er polternd. Die W�nde warfen seine Stimme zur�ck, viel zu laut und zu h�ufig. Das unheimliche Echo der endlosen Hallen und G�nge machte Geist angst. Sie vermi�te das Singen der V�gel und das Rauschen der Baumkronen weit mehr, als sie h�tte in Worte fassen k�nnen.</p><p>�Wie meinst du das?� Sie rieb sich die Arme, aber auch dadurch wurde ihr nicht w�rmer. Die K�lte, die sie sp�rte, kam von innen, aus ihrem Kopf, und das beunruhigte sie auch heute noch, nach zwei Jahren in diesem Felsenlabyrinth.</p><p>Etwas flog von oben auf sie zu. Geist erschrak und machte einen Schritt zur�ck. Ein feuchtes Kn�uel klatschte vor ihr auf den Boden. L�wenzahn lachte wie ein zu gro� geratenes Kind, verlor dar�ber pl�tzlich seinen Halt und rutschte ab. Mit einem wilden Aufschrei st�rzte er zu Boden und landete mit dem Hinterteil in einer Pf�tze. Nun war es Geist, die in Gel�chter ausbrach. L�wenzahn knurrte etwas, stand schwerf�llig auf und rieb sich das Stei�bein.</p><p>Geist sprang flink auf ihn zu und streckte ihm ihre schmale, moosbedeckte Hand entgegen. �Komm schon�, sagte sie vergn�gt und zog ihn mit sich zu der Stelle, an der das, was er von oben herabgeworfen hatte, gelandet war. Gemeinsam beugten sie sich dar�ber.</p><p>Obwohl Geist dem riesenhaften Halbhunnen nicht einmal bis zur Brust reichte, kam sie sich in seiner Gegenwart niemals klein vor. Sie mochte ihn gern, und nat�rlich war ihr nicht entgangen, da� er sie anhimmelte. Nachdem sie ihr ganzes Leben allein in den W�ldern verbracht hatte, war das eine sonderbare Erkenntnis. Manchmal, wenn sie ihm f�r etwas danken wollte, lie� sie eine bunte Blume aus ihrem K�rper erbl�hen. Sie wu�te, da� ihn das gl�cklich machte.</p><p>�Das ist Moos!� entfuhr es ihr erfreut, als sie das verschlungene Wirrwarr zu ihren F��en betrachtete.</p><p>L�wenzahn nickte. �Moos und ein paar andere widerliche Pflanzen.�</p><p>Sie knuffte ihn mahnend gegen den Oberschenkel. �Magst du etwa kein Moos?�</p><p>Selbst im ewigen Halblicht des Hohlen Berges konnte sie sehen, da� er rot wurde. Sie kicherte leise und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem nassen Kn�uel zu. Mit beiden H�nden hob sie es vom Boden und schn�ffelte daran. �Riecht merkw�rdig�, gab sie zu.</p><p>�Das ist die N�sse�, meinte L�wenzahn. �Wahrscheinlich schimmelt das Zeug schon eine ganze Weile vor sich hin.�</p><p>�Schimmel!� stie� Geist wie einen Jubelschrei aus. �Pilze! Wunderbar! Glaubst du, es gibt hier noch mehr davon?�</p><p>Ein Seufzer stieg aus L�wenzahns m�chtigem Brustkorb empor. �Wird es wohl, bei der Feuchtigkeit.�</p><p>�Aber ich habe in der ganzen Zeit noch keine einzige Pflanze hier im Berg gesehen, nicht die winzigste.�</p><p>�Es mu� doch irgendwo eine Art Sammelbecken oder Quelle f�r die Wasserversorgung geben�, sagte L�wenzahn. �Vielleicht gibt es dort noch mehr davon.�</p><p>Geist richtete sich begeistert auf. �Aber ja doch!� rief sie. �Wir m�ssen diesen Ort suchen, ja?�</p><p>�Sicher�, meinte L�wenzahn ohne gro�e Begeisterung. Seine Fell- und Lederkleidung war von der Arbeit am Aqu�dukt v�llig durchn��t, und der Gedanke an noch mehr Wasser war ihm zuwider.</p><p>�Schon gut�, meinte Geist verst�ndnisvoll. Ihre Moosfinger streichelten hauchzart �ber seine narbige Wange, eine Bewegung, so schnell, da� er sie beinahe nicht bemerkt h�tte. �Ich gehe allein.� Und im selben Augenblick hatte sie sich bereits herumgedreht und verschwand in der Dunkelheit unter dem n�chsten Torbogen.</p><p>�Geist!� rief L�wenzahn ihr hinterher. �Warte auf mich!�</p><p>�Geh ruhig allein nach oben�, rief sie aus dem benachbarten H�hlensaal. Dann h�rte er nicht einmal mehr ihre t�nzelnden Schritte.</p><p>L�wenzahn stand allein in der riesigen Halle, wassertriefend und besorgt. Er fluchte, ganz leise nur, um das geisterhafte Echo nicht herauszufordern.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Geist war so erfreut �ber die Aussicht, irgendwo in den �den Weiten des Hohlen Berges Pflanzen aufzusp�ren, da� sie eine Weile brauchte, ehe ihr klar wurde, da� sie mit einemmal ganz auf sich gestellt war.</p><p>Sie selbst, M�tterchen und L�wenzahn hatten es sich zur Regel gemacht, niemals einzeln durch das untergegangene Zwergenreich zu streifen. Im Gegensatz zu Alberich, der sein ganzes Leben allein im Berg verbracht hatte, fiel es ihnen schwer, in den labyrinthischen Anlagen die Orientierung zu behalten. Sicher, es gab die schmalen Wasserrinnen im Boden, die einem anzeigten, in welcher Richtung der Weg nach oben oder unten f�hrte, doch waren da ansonsten weder Pfeile noch andere Wegmarken, die es einem gestatteten, sich zurechtzufinden.</p><p>Geist folgte auf der Suche nach einem Wasserbecken dem Verlauf des Aqu�dukts. Immer wieder verschwand die breite Rinne inmitten der W�nde. Anders als f�r die schmalen, weitverzweigten Rinnsale am Boden hatte man f�r die Wasserleitung den schnellsten Weg nach unten geschaffen. Geist mu�te zahlreiche Umwege in Kauf nehmen, in der Hoffnung, das Aqu�dukt auf der anderen Seite der Mauern und Monumente wiederzufinden.</p><p>Einmal kam sie an einen bodenlosen Abgrund. Von unten wehte ein eisiger, �belriechender Wind herauf. Die B�en schienen mit unsichtbaren Fingern nach ihren Gliedern zu tasten, als wollten sie sie hinab in die Tiefe zerren. Es gab weit und breit keine Br�cke, allein das Aqu�dukt reichte von einer Felskante zur anderen. Es war auf eine einzelne S�ule gest�tzt, die endlos hinab in die Tiefe abfiel, und bei genauem Hinsehen erkannte Geist, da� schmale Stufen rund um die S�ule nach unten f�hrten. Es gab viele solcher sinnloser Treppen und Stiegen im Hohlen Berg, Stufen, die scheinbar ins Nichts wiesen, inmitten glatter Steilw�nde endeten oder als Sackgassen vor kahlen Mauern. Das gleiche galt f�r die verwinkelten Tunnel und Flure. Wer sich, wie Alberichs drei Gef�hrten, nicht auskannte, mu�te jederzeit damit rechnen, hinter der n�chsten Biegung vor einer Wand oder einem tiefen Felsenschlund zu stehen. Die Zwerge waren ein sonderbares Volk, und noch sonderbarer waren die Gedankeng�nge ihrer Baumeister. Geist, die alles an den Gesetzm��igkeiten der Natur und des Waldes ma�, fand keinen Zugang zur Denkweise dieser Wesen, schlimmer noch, die Absurdit�t ihrer Architektur erf�llte sie mit Unruhe.</p><p>Vorsichtig n�herte sie sich dem Abgrund und der Wasserrinne, die ihn �berspannte. Sie setzte einen Fu� in das offene Aqu�dukt und zitterte, als das eiskalte Wasser ihre Haut umsp�lte. Nach einem tiefen Luftholen begann sie, zur anderen Seite zu balancieren, geradewegs �ber den schwarzen Schlund. Geist war es gewohnt, �ber die �ste der B�ume zu klettern, und so behielt sie auch jetzt m�helos ihr Gleichgewicht. Manchmal schien es ihr, als r�hrte sich etwas in der Finsternis unter ihr, vielleicht die Schw�rze selbst; und doch �ngstigte sie die absolute Leere weit mehr als die Vorstellung, da� etwas darin lauern mochte. Erstens war der Berg verlassen, das hatte Alberich ihnen versichert, und was immer Geist dort unten sehen mochte, konnte nur ein Wesen ihrer �berreizten Phantasie sein; zum zweiten aber fl��ten ihr nach ihrem behaglichen Leben im Wald gro�e, leere R�ume Furcht ein, und davon gab es wahrlich genug in dieser schrecklichen H�hlenwelt.</p><p>Sie erreichte die andere Seite ohne Zwischenf�lle. Dort entdeckte sie, da� sich die Wasserrinne mit einem zweiten Aqu�dukt vereinigte und in einer mannshohen �ffnung verschwand. Zu ihrer ma�losen Freude entdeckte sie an den R�ndern weitere Spuren von Moos und Algen, und sie hatte jetzt keine Zweifel mehr, da� sie an ihrem Ziel tats�chlich finden w�rde, was sie suchte.</p><p>Ohne l�nger zu z�gern, stieg sie durch die �ffnung in einen absch�ssigen Kanal, in dem ihr das Wasser bis zu den Knien reichte. Die Str�mung war hier schneller und ri� sie mehrmals fast von den F��en. Dennoch dachte Geist nicht daran umzukehren. Irgendwo vor ihr, unter ihr, befand sich ein Ort, an dem sie sich erstmals seit zwei Jahren wieder ein wenig wie zu Hause f�hlen w�rde.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>L�wenzahn fluchte noch immer, von Mal zu Mal lauter, und allm�hlich verlor das Echo seine Schrecken. Der Widerhall seiner Fl�che wurde ihm zum st�ndigen Begleiter, und das milderte ein wenig das Unbehagen, das er angesichts der Einsamkeit in den d�steren Katakomben empfand.</p><p>Geists nasse Fu�abdr�cke hatten ihn ein geh�riges St�ck tiefer in den Irrgarten der Hallen und G�nge gef�hrt, doch irgendwann verbla�te die Feuchtigkeit, und die Spur endete im Nichts.</p><p>Eines der Wunder des Hohlen Berges war es, da� nahezu jeder seiner Winkel von diffusem Zwielicht erf�llt war. M�tterchen behauptete, es dr�nge geradewegs aus den W�nden, genauso wie die N�sse, doch Alberich bestand darauf, da� es der Glanz des Nibelungenhortes sei, der den Berg durchleuchtete. Freilich lag der Schatz an der tiefsten Stelle des Zwergenreiches, und es h�tte eines ausgefeilten Netzes aus Spiegeln bedurft, um seinen Glanz im ganzen Berg zu verbreiten. So blieb die Wahrheit �ber das wundersame Halblicht ungekl�rt.</p><p>F�r L�wenzahn hatte das Ganze ohnehin keine Bedeutung. Hauptsache, er konnte erkennen, wohin er die F��e setzte - und das war leider nicht immer der Fall. Das Licht n�mlich schien f�r die empfindlichen Augen der Zwerge gemacht, nicht aber f�r die weit groberen der Menschen. Und gerade jetzt, w�hrend seiner Suche nach Geist, h�tte er gegen eine Fackel oder �llampe nichts einzuwenden gehabt.</p><p>Nach einer Weile gelangte er an einen Abgrund, und dort sah er gerade noch, wie eine zierliche Gestalt auf der gegen�berliegenden Seite in einem runden Schacht verschwand. Geist mu�te an dem Aqu�dukt entlanggeklettert sein, das sich �ber die Tiefe spannte. L�wenzahn mu�te nicht einmal einen Fu� darauf setzen, um zu wissen, da� die Konstruktion aus Tonziegeln f�r ihn selbst viel zu schmal und bauf�llig war. Er rief Geists Namen, doch sie war bereits fort. Abermals fluchte er, und das Echo schien ihm aus der Tiefe zu antworten, nicht mit einer Wiederholung, sondern mit eigenen unverst�ndlichen Silben. L�wenzahn lief es eiskalt den R�cken hinunter.</p><p>Er wandte sich nach rechts und ging lange Zeit an der schroffen Felskante entlang. Endlich, als er das Aqu�dukt bereits nicht mehr hinter sich sehen konnte, stie� er auf eine steinerne Br�cke. Sie war nicht breit und schien ihm keineswegs vertrauenserweckend. Mit vorsichtigen Schritten lief er zur anderen Seite und kam dort wohlbehalten an. Von dort aus rannte er so schnell er konnte zur�ck zum Aqu�dukt und zu der �ffnung, in der er Geist hatte verschwinden sehen. Als er den Schacht erreichte, rief er noch einmal den Namen des Moosfr�uleins, doch auch diesmal bekam er keine Antwort.</p><p>Mi�mutig pr�fte er mit den Fingern die Wassertiefe des Kanals, dann zuckte er seufzend mit den Schultern und stieg hinein. Er mu�te sich w�hrend des ganzen Weges in der R�hre b�cken, um nicht mit dem Kopf anzusto�en, und ihm fielen kaum mehr neue Fl�che ein, mit denen er seine verdammenswerte Lage bedenken konnte. Er w�rde ein ernstes Wort mit Geist reden m�ssen, wenn er sie denn jemals in diesem Wirrwarr aus Tunneln, Sch�chten und S�len wiederfand.</p><p>Er verlor allm�hlich jegliches Zeitgef�hl. Wie lange lief er dem Moosfr�ulein nun schon hinterher? Bald einen halben Tag, f�rchtete er, und da der Weg best�ndig abw�rts f�hrte, mu�te dies bedeuten, da� er in K�rze den alten Wohnbereich der Zwerge verlassen und in die leerstehenden Minensch�chte vordringen w�rde. Dort unten aber, das wu�te er von gelegentlichen Abstiegen an Alberichs Seite, fiel es noch schwerer, den �berblick �ber Richtung und Entfernung zu behalten.</p><p>Er kam an eine Gabelung, an der sich zwei weitere Kan�le mit jenem, den er benutzte, vereinigten. Das Wasser stieg noch h�her und flo� immer schneller, ohne da� der Hauptkanal breiter wurde. Mittlerweile reichte die Oberfl�che bis zu L�wenzahns H�ften, und er begann, erb�rmlich zu frieren.</p><p>Und dann, als er schon glaubte, da� er niemals an ein Ende der Wasserwege gelangen w�rde, spuckte ihn der Kanal in einen unterirdischen See. L�wenzahn wurde von der Str�mung unter die Oberfl�che gerissen, schluckte Wasser und schlug voller Panik um sich, bis es ihm endlich gelang, zur�ck an die Oberfl�che zu gelangen und sich umzuschauen.</p><p>Er befand sich in einer domartigen Grotte, deren W�nde unbehauen und �ber und �ber mit Moos und einer Art Efeu bewachsen waren. Die Decke vermochte er nicht zu erkennen, so hoch schwebte sie �ber ihm; sie verschmolz in der Ferne mit dem gr�nlichen Zwielicht. Der See war nicht besonders gro�, vielleicht drei�ig Schritte von einer Seite zur anderen. Allerdings bemerkte L�wenzahn am gegen�berliegenden Ende einen Strudel, der auf den ersten Blick harmlos wirkte, wohl aber gro� genug war, um einen ausgewachsenen Menschen in die Tiefe zu ziehen. Offenbar hatte L�wenzahn Gl�ck gehabt, da� er an dieser Seite hineingesp�lt worden waren. Mindestens zwei Dutzend Kan�le m�ndeten rund um den See in die Grotte, und aus allen rauschte das Wasser in wei�en S�ulen hinab zur aufgesch�umten Oberfl�che.</p><p>L�wenzahn war alles andere als ein ge�bter Schwimmer, trotzdem gelang es ihm, mit unbeholfenen Arm- und Beinst��en zum Ufer zu gelangen. Der sichtbare Teil des Sees nahm nur etwa zwei Drittel des H�hlenbodens ein, der Rest bestand aus einer glatten Felsplatte. Sie schien �ber der Wasseroberfl�che zu schweben, denn der See setzte sich unter ihr fort, aber das erkannte L�wenzahn erst im N�herkommen. Nur um Haaresbreite gelang es ihm, einer pl�tzlichen Str�mung zu entkommen, die ihn unter die Felsscholle ziehen wollte.</p><p>Prustend und keuchend zog er sich ins Trockene. Das seltsame D�mmerlicht schien hier noch eine Spur d�sterer zu sein als in den h�hergelegenen Ebenen des Berges, und so erkannte er die kleine Gestalt vor der moos�berwucherten Wand erst beim zweiten Hinsehen.</p><p>�Geist!� rief er erleichtert aus. �Da bist du ja!�</p><p>Die Gestalt schrak zusammen, ein schwarzer Scherenschnitt vor dem Dunkelgr�n der Mooswand, machte erst einen Schritt auf L�wenzahn zu, dann wandte sie sich pl�tzlich ab und st�rmte zum entfernten Rand der Felsscholle.</p><p>L�wenzahn sprang auf und lief verst�ndnislos hinterher, rief immer wieder Geists Namen, doch die Gestalt rannte weiter vor ihm davon, blieb noch einmal an der Kante der Scholle stehen und st�rzte sich dann kopf�ber in die Fluten.</p><p>L�wenzahn schrie auf und wollte hinterherspringen, ungeachtet des nahen Strudels und der gefahrvollen Str�mungen, als pl�tzlich hinter ihm ein helles Stimmchen fragte: �Was tust du denn hier?�</p><p>Er fuhr herum, und da stand Geist, am anderen Ende der Scholle, unweit eines schmalen Durchgangs in der Felswand. Ihr Moospelz war trocken, und ihre hellblauen Augen gl�nzten wie Himmelssplitter.</p><p>�Bist du mir den ganzen Weg hinterhergelaufen?� fragte sie laut, um den L�rm des sprudelnden Wassers zu �bert�nen. Eilig huschte sie n�her.</p><p>Vor Erleichterung verga� L�wenzahn f�r einen Moment die Frage, wer sich gerade vor seinen Augen in den See gest�rzt hatte. Er umarmte das Moosfr�ulein herzlich, und die Begeisterung in ihrem Blick trieb ihm fast die Tr�nen in die Augen.</p><p>�Siehst du das?� rief sie euphorisch aus und umfa�te mit einer weiten Geste die ganze Grotte. �All diese herrlichen Pflanzen! Das ist Moos, L�wenzahn! Echtes Moos!� Sie l�ste sich von ihm und sprang aufgeregt umher. �Da� es tats�chlich zwei Jahre dauern mu�te, um diesen Ort zu finden! Sag selbst, ist das alles nicht wundersch�n?�</p><p>L�wenzahn nickte, auch wenn er in Wahrheit wenig beim Anblick der feuchtgl�nzenden Moos- und Pilzkulturen an den W�nden empfand. Er wollte Geist nicht die Freude verderben, und doch konnte er nicht anders, als an die Kante der Scholle zu treten und hinab zur Wasseroberfl�che zu blicken. Er suchte etwas, einen Schemen, Luftblasen vielleicht, irgend etwas, das ihm bewies, da� ihm seine Augen vorhin keinen Streich gespielt hatten. Er <emphasis>hatte </emphasis>jemanden gesehen. Oder hatten ihn das schwache Licht und die ungewohnte Umgebung get�uscht?</p><p>�Hast du irgendwas im Wasser verloren?� fragte Geist verwundert.</p><p>�Ich dachte, ich h�tte etwas gesehen.� L�wenzahn verstand im L�rm der Kan�le kaum seine eigenen Worte.</p><p>�Ach, komm schon!� rief sie ausgelassen und fa�te ihn am Arm. �Ich zeige dir noch etwas.�</p><p>Sie f�hrte ihn zu dem schmalen Durchla� im Fels. Dahinter lag eine zweite Grotte, viel kleiner als die erste. W�nde und Decke waren hinter dichten Vorh�ngen aus Pflanzen verborgen, langen, kleinbl�ttrigen Ranken, die an manchen Stellen bis zum Boden baumelten. Die Luft in der kuppelf�rmigen Grotte war dr�ckend vor Feuchtigkeit und W�rme.</p><p>L�wenzahn sah sich verbl�fft um. �Warum ist es so hei� hier drinnen?�</p><p>�Von den W�nden flie�t warmes Wasser�, meinte Geist schulterzuckend. �Irgendwo mu� eine hei�e Quelle sein. Ist das nicht herrlich?�</p><p>Insgeheim schauderte L�wenzahn. Er hatte schon von hei�en Quellen erz�hlen h�ren, auch von feuerspeienden Bergen, aus denen gl�hendes Gestein hervorplatzte wie Eiter aus einer Pestbeule. Mit einemmal f�hlte er sich hier unten trotz der W�rme alles andere als wohl. Er w�nschte sich, er h�tte Geist �berzeugen k�nnen, so schnell wie m�glich von hier zu verschwinden. Aber er wu�te auch, da� sie viel zu gl�cklich war, um seine Sorgen teilen zu k�nnen.</p><p>Geist tanzte umher wie ein kleines M�dchen beim ersten Schneefall, sprang fr�hlich von Ranke zu Ranke, legte sich die Enden wie Schmuck um den Hals und lachte vergn�gt.</p><p>�Glaubst du�, fragte L�wenzahn argw�hnisch, �da� es hier unten irgendwelche Tiere gibt?�</p><p>�Ich habe keine gesehen�, erwiderte Geist, ohne von ihrem Spiel mit den Pflanzen abzulassen. �Sag blo�, du f�rchtest dich?�</p><p>�Niemals!� grollte er. �L�wenzahn hat bestimmt keine Angst vor Kraut, das von der Decke w�chst.�</p><p>�Dann komm her und fa� es an.�</p><p>L�wenzahn blieb am Eingang der Grotte stehen. �Ich glaube, wir sollten besser wieder nach oben gehen. Die anderen werden sich Sorgen machen. Es wird Abend sein, bis wir bei ihnen sind.�</p><p>Geist verzog das Gesicht. �Nur noch ein wenig.�</p><p>�Willst du, da� sie uns suchen m�ssen?�</p><p>Sie seufzte schwer, dann drehte sie sich um und rieb eine der Ranken z�rtlich an ihrer Wange. �Ich verspreche euch, da� ich wiederkomme�, sagte sie zu den Pflanzen. �Gleich morgen.�</p><p>L�wenzahn fa�te insgeheim den Entschlu�, da� er sie niemals allein hierhergehen lassen w�rde. Noch immer r�tselte er, was sich da vor seinen Augen in den See gest�rzt hatte. Er fragte sich, ob es vielleicht im schmalen Hohlraum unter der Felsscholle wartete, bis sie fort waren.</p><p>Narretei, schalt er sich. Niemand h�tte der Str�mung standhalten k�nnen. Geist und er hatten lediglich Gl�ck gehabt, da� sie an einer Stelle im See gelandet waren, die ungef�hrlich war. Ein paar Schritte n�her am Strudel, und keiner von ihnen h�tte �berlebt.</p><p>Das brachte ihn gleich zur n�chsten Schwierigkeit. �Wie sollen wir eigentlich wieder hier herauskommen?� Der Wasserstrom aus den Kan�len war viel zu stark, um von au�en hineinzuklettern.</p><p>Geist l�chelte. Inmitten ihrer bemoosten Z�ge wirkten ihre Z�hne unnat�rlich wei�. �Schau�, sagte sie und sprang zwischen den Ranken zur anderen Seite der Grotte. Als sie mit beiden H�nden einen Teil des na�gl�nzenden Dickichts beiseiteschob, kam ein schmaler Ri� im Felsen zum Vorschein. Dahinter f�hrten grob behauene Stufen nach oben.</p><p>�Was h�ltst du davon?� fragte sie triumphierend und trat durch die �ffnung.</p><p>L�wenzahn schaute sich ein letztes Mal zur gro�en Grotte um, sah nichts au�er Stein und tobender Str�mung, dann folgte er Geist. Die Ranken, die ihn streiften, f�hlten sich an wie die feuchten Finger einer Wasserleiche. Geist lief voraus, die engen Stufen hinauf. Der Treppenschacht umschlo� sie mit kaltem, �dem Fels. L�wenzahn h�tte nie geglaubt, da� er daf�r einmal dankbar sein w�rde.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>KAPITEL 2</strong></p></title><empty-line/><p><emphasis>Trommeln. Trommeln in der Tiefe!</emphasis></p><p>Alberich schrak auf. Er lehnte an der Innenseite des Portals, und die K�lte des eisernen Torfl�gels bi� wie Ameisengift in seinen R�cken. Einen Augenblick lang war er verwirrt, wu�te nicht, wo er sich befand. Dann d�mmerte es ihm: Er war w�hrend seiner Nachtwache am Tor eingeschlafen. Und als w�re das nicht Schande genug, hatte er dabei noch seine Waffe fallengelassen. Hastig hob er die Gei�el mit den sieben goldenen Stachelkugeln vom Boden auf und sah sich um. Gut, niemand hatte bemerkt, da� er eingenickt war. Die anderen lagen in ihren Quartieren, weiter unten im Berg.</p><p>Sein n�chster Blick ging durch die Sichtluke nach drau�en, �ber den winzigen Vorplatz hinweg zum dunklen Tannenhain. Der Mond schien hell vom Nachthimmel herab und �berzog die Wipfel mit Silbertau. Keine Menschenseele war zu sehen, nur ein Uhu gurrte leise im Ge�st.</p><p><emphasis>Trommeln!</emphasis></p><p>Die Erinnerung kehrte auf einen Schlag zur�ck. Er hatte Trommeln geh�rt!</p><p>Ach was, er mu�te getr�umt haben. So sehr er jetzt auch horchte, er h�rte doch nur seinen eigenen Atem und das Blut, das in seinen Ohren rauschte.</p><p>Er h�tte es niemals zugegeben, nicht unter der schrecklichsten Folter, aber er war froh, da� er seine drei Gef�hrten hatte, mit denen er sich die Wacht �ber den Hohlen Berg teilen konnte. Nicht, da� er ihnen je offen daf�r gedankt h�tte - sie w�ren nur �berm�tig geworden, und �berhaupt, lieber h�tte er sich eigenh�ndig die Zunge herausgeschnitten -, doch ohne sie w�re der Nibelungenhort l�ngst in die H�nde von Dieben und Raubrittern gefallen. All die Angriffe, die sie in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam abgewehrt hatten, all die K�mpfe, all das Blutvergie�en - er allein w�re dem nicht gewachsen gewesen.</p><p>Da� er neuerdings w�hrend der Nachtwache am Tor einnickte, war nur ein weiterer Hinweis darauf, da� seine Kr�fte nachlie�en. Er war nicht mehr der junge Zwerg, der einst mit Hilfe der Tarnkappe den Berg vor Eindringlingen bewahrt hatte. Schon seine schm�hliche Niederlage gegen den Xantener hatte angek�ndigt, da� auch der gr��te aller Zwergenkrieger �lter wurde. Als n�chstes w�rden die Gelenke knirschen, der R�cken schmerzen, die Hand zittern. Sogar sein Bart w�rde sch�tter werden.</p><p>Der Traum hatte eine Erinnerung in ihm geweckt. An etwas, das ihm jemand erz�hlt hatte, vor vielen, vielen Jahren. Etwas aus seiner Kindheit, �ber Angriffe aus dem Inneren der Erde, �ber einen Feind, der so grausam war, da� die Zwerge ihn nur mit Gl�ck und dem Beistand der G�tter hatten zur�ckschlagen k�nnen. Das war noch zu Zeiten des alten Thorh�l gewesen, des letzten K�nigs unter dem Berg. Thorh�l der Schw�chling. Thorh�l der Verr�ter, wie die Nibelungen ihn genannt hatten. Und Alberich hatte ihnen beigepflichtet.</p><p>Er betrachtete die Goldgei�el in seiner Hand, die sieben gl�nzenden Stachelkugeln, lauschte auf das zarte Klirren, wenn sie aneinanderschlugen. Er hatte schon mit dieser Waffe gek�mpft, als seine drei Gef�hrten noch nicht geboren waren. Alberich war um ein Vielfaches �lter als sie, und doch hatte er in seinem langen Leben nichts gesehen als das Innere des Hohlen Berges und den Weg �ber die Landbr�cke zu Obbos Gasthof. Erst seine Reise zur Drachenh�hle hatte ihn f�r eine Weile von hier fortgef�hrt, und seine Erinnerung daran war wenig erquicklich. Die Ereignisse dort hatten ihn beinahe das Leben gekostet.</p><p>Vielleicht war ja alles vorherbestimmt. Vielleicht hatten die G�tter nicht gewollt, da� er den Hohlen Berg verlie�.</p><p>Nun, er hatte die Lektion begriffen.</p><p><emphasis>Trommeln!</emphasis></p><p>Alberich lie� die Gei�el fast ein zweites Mal fallen. Es war kein Traum! Diesmal hatte er die Laute ganz deutlich geh�rt. Zwei, drei pochende Trommelschl�ge, die im Echo des Berges ein geisterhaftes Eigenleben gewannen. Das konnte nicht sein! <emphasis>Durfte </emphasis>nicht sein!</p><p>Mit bebenden Fingern verriegelte er die Sichtluke des Portals, eilte dann durch die riesige Eingangshalle mit ihren haushohen steinernen T�rw�chtern bis zum Absatz einer breiten, flachstufigen Treppe. So schnell wie nie zuvor sprang er sie hinunter, erreichte eine Plattform �ber einem tiefen Abgrund und nahm dort eine Abzweigung in einen Seitengang. Hier befanden sich, hinter Vorh�ngen aus grobem Stoff, die Schlafquartiere der Gef�hrten.</p><p>Alberich ri� L�wenzahns Vorhang zur Seite, baute sich vor dem Lager des Halbhunnen auf und r�ttelte kr�ftig an dessen Schultern; sie waren fast so breit, wie Alberich hoch war.</p><p>Der Krieger �ffnete knurrend ein Auge. �Was willst du?�</p><p>�Du mu�t hoch zum Tor, meine Wache �bernehmen!� rief Alberich atemlos. �Sofort!�</p><p>L�wenzahns Auge fiel wieder zu. �Ja, ja.� Und schon schlief er weiter. Alberich sch�ttelte ihn und fluchte. Vergebens. L�wenzahn und Geist waren erst am sp�ten Abend zur�ckgekehrt, vollkommen ersch�pft, und schon nach wenigen Worten waren sie in ihren Quartieren verschwunden. Wahrscheinlich w�rde L�wenzahn auch dann weiterschlafen, wenn der Berg um ihn zusammenbrach.</p><p>Alberich sprang zur�ck auf den Gang und versuchte es bei M�tterchen. Die alte R�uberin war in Windeseile hellwach, obgleich sie keinen Zweifel daran lie�, da� ihr die St�rung alles andere als behagte.</p><p>�Du bist eine Plage, Alberich Horth�ter!� schimpfte sie und rieb sich die Augen.</p><p>�Bitte�, flehte er, ��bernimm meine Wache am Tor. Ich mu� hinunter zum Hort.�</p><p>M�tterchen ri� die Augen auf. �Mitten in der Nacht?�</p><p>�Ich habe -� Und er brach ab, um zu �berlegen, ob er M�tterchen von den Trommelschl�gen erz�hlen sollte. Er beschlo�, vorerst zu schweigen. M�tterchen w�rde ihm nur vorwerfen, da� er eingeschlafen war und getr�umt hatte. �Es ist wichtig�, sagte er deshalb nur und hoffte, M�tterchen w�rde keine weiteren Fragen stellen.</p><p>Tats�chlich seufzte sie nur und stand auf. Soviel Gleichmut war f�r sie h�chst ungew�hnlich und mu�te daran liegen, da� sie noch immer furchtbar m�de war.</p><p>Alberich wartete nicht ab, bis sie sich angekleidet und bewaffnet hatte. Statt dessen lief er hinaus auf den Gang, rief �ber die Schulter ein knappes �Danke!� und eilte von der Plattform aus eine zweite Treppe hinab, die tiefer ins Herz des alten Zwergenreiches f�hrte.</p><p>Er durchquerte mehrere Ebenen, die zum Teil so wirr miteinander verschachtelt waren, da� nur ein Zwerg die Grenzen zwischen den Stockwerken ausmachen konnte. Alberich lief achtlos durch die Gro�e Halle der Schnitzwerke, ein hoher Saal, in dem h�lzerne Skulpturen eines verr�ckten Zwergenk�nstlers vermoderten. Gleich daran schlo� sich eine Halle an, in der Statuen aus Stein �ber reichverzierte W�nde wachten, Werke begabter Steinmetze, deren Arbeiten den felsverliebten Zwergen viel n�her waren als der verha�te Umgang mit Holz.</p><p>Weitere Treppen, weitere Kammern und S�le, und immer noch hatte Alberich nicht einmal das obere Drittel des Zwergenreiches hinter sich gelassen. Im magischen Zwielicht des Felslabyrinths sah er so deutlich wie ein Mensch bei Tageslicht, und doch erf�llte ihn die Weite und Leere der endlosen Flure und Hallen zum erstenmal mit Schaudern. Er stellte sich vor, wie es einst gewesen war, als hier ein gnadenloser Krieg getobt hatte. Ein Krieg, der sich durch fernes Trommeln angek�ndigt hatte.</p><p>Atemlos, mit rasendem Herzen, blieb er einen Augenblick stehen, am Grunde einer k�nstlichen Schlucht aus behauenen Felsw�nden, die �bers�t waren mit einer Heerschar grinsender Wasserspeier. Hoch �ber ihm w�lbte sich ein Himmel aus Granit, so weit entfernt wie Gewitterwolken �ber dem Rhein. Die stumme Majest�t dieses Anblicks h�tte Alberich zu jedem anderen Zeitpunkt vor Ehrfurcht erstarren lassen, schw�rmend im Angesicht solcher Pracht. Doch jetzt hatte er f�r solche Dinge keine Zeit.</p><p>Er horchte. Beinahe hoffte er, das unheimliche Trommeln m�ge sich noch einmal wiederholen, nur damit er Gewi�heit hatte, da� er sich nicht t�uschte. Doch jetzt herrschte Stille im verlassenen Zwergenreich, abgesehen vom Brausen unterirdischer Luftstr�me und dem leisen Pl�tschern der Wasserrinnen. Kein Trommeln mehr und auch kein anderer Laut, den man daf�r h�tte halten k�nnen.</p><p>Alberich wickelte die Ketten der Goldgei�el mit einer beil�ufigen Handbewegung um den Griff. Schlimm genug, da� sein Atem so raste und sein Herz laut genug schlug, um selbst L�wenzahn aus seinem Schlummer zu rei�en. Er mu�te seine Anwesenheit nicht auch noch durch das Klingen der Stachelkugeln verraten.</p><p>Er verharrte noch einen Augenblick, dann setzte er seinen Weg fort. Das Trommeln konnte von �berall hergekommen sein, aus jedem Winkel der Zwergenstadt, und doch sagte ihm eine innere Stimme, da� sein Ursprung in den unteren Ebenen zu finden war, in den alten Minensch�chten oder, schlimmer noch, in der Horthalle.</p><p>Im Grunde aber sprach alles f�r ein Hirngespinst. Warum sollte jemand, dem es wider Erwarten gelungen war, in den Berg einzudringen, eine Trommel schlagen? W�rde er nicht so leise wie m�glich einstecken, was es einzustecken gab, und sich ohne viel Aufhebens davonmachen? Alberich war kein Dieb, doch er verstand genug von der R�uberei, da� ihm die Ger�usche einige R�tsel aufgaben. Wenn er ehrlich zu sich war, konnte es nur eine L�sung geben: In Wahrheit hatte es gar keine Ger�usche gegeben, ganz gewi� kein Trommeln. Sollte er nicht genug Ehrgef�hl aufbringen, sich seinen Fehler - schlimmer: seine Panik - einzugestehen?</p><p>Doch so einfach war das nicht. Er war der Horth�ter, der W�chter vom Hohlen Berg. Und es war seine Aufgabe, ungew�hnlichen Lauten nachzugehen, noch dazu, wenn sie wie das Dr�hnen fremder Kriegstrommeln klangen.</p><p>Unter den feindseligen Blicken der Wasserspeier durchquerte er die Schlucht, stieg an ihrem Ende eine enorme Freitreppe hinab und machte sich auf zum n�chstbesten Schacht, der ihn auf geradem Weg in die Minen f�hren w�rde.</p><p>Er hatte gerade den Zugang zum h�chstgelegenen Minenstollen erreicht, als das Trommeln von neuem begann.</p><p>Und diesmal klang es nah!</p><p>Die Stollen waren nur grob aus dem Fels gehauen, kein Vergleich zu den reliefgeschm�ckten Fluren und Hallen des Wohnbereichs. Decken und W�nde der Minen waren durch Balken abgest�tzt. Wasserrinnen gab es hier nicht. Alberich mochte sich t�uschen, aber er hatte das Gef�hl, als sei das Licht hier unten schw�cher, trotz der gr��eren N�he zum Hort. Fast, als w�rde der magische Glanz des Goldes von den kantigen, h��lichen W�nden der Minenstollen abgesto�en; eine Flucht der Anmut vor dem Unvollkommenen. Ein weiterer Beweis daf�r, da� der Hortglanz einen eigenen Willen, ein eigenes Leben besa�. Alberich war sicher, da� der ganze Berg in Finsternis versinken w�rde, wenn der verfluchte Xantener seine Drohung wahrmachen und den Schatz von hier fortbringen w�rde. Alberich w�rde lieber sterben, als diesen Tag mitzuerleben.</p><p>Das Trommeln ging weiter, dumpfes, tr�ges Dr�hnen. Alberich lockerte die Ketten der Goldgei�el und stieg tiefer in das Labyrinth der Stollen. Nach einigen hundert Schritten gelangte er an eine Stelle, an der die Arbeiter auf eine Blase im Fels gesto�en waren, ein nat�rlicher Hohlraum, in dessen oberen Teil der Stollen m�ndete. Der Weg endete an einer Steilwand, und jenseits davon lag nichts als Schw�rze. Weder W�nde noch Boden waren zu erkennen. Das undurchdringliche Dunkel schien sogar das Trommeln aufzusaugen wie ein Schwamm; die Laute klangen hier weniger hallend, fast stumpf.</p><p>Alberich wu�te, da� vor vielen Jahren einige Zwerge in diese Schw�rze hinabgestiegen waren und nach tagelangem Klettern und Abseilen den Grund erreicht hatten, eine finstere, unbewegte Wasseroberfl�che, unterhalb derer nichts zu leben schien, gewi� keine Fische. Sicher war nur, da� es keinen unterseeischen Zugang zu dem Gew�sser geben konnte, denn da sich die Minen unterhalb des Rheins befanden, h�tte eine Verbindung zwischen dem Flu� und dem See unwillk�rlich die unteren Ebenen �berflutet. Die Zwerge waren zur�ckgekehrt, kaum kl�ger als zuvor; sie hatten mehrere ihrer Kameraden verloren, die w�hrend des Abstiegs abgest�rzt waren, und auch am Ufer des unterirdischen Gew�ssers hatte es keine Spur mehr von ihnen gegeben. Der schwarze See hatte sie einfach verschluckt.</p><p>Alberich hatte vermutet, da� die Quelle des Trommelns hier zu finden sei, nur eine Ahnung, die sich jetzt jedoch als falsch erwies. W�hrend er an der Kante stand und in die lichtlose Finsternis blickte, ert�nte das Trommeln ganz eindeutig in seinem R�cken.</p><p>Er wollte umkehren, hatte schon den ersten Schritt gemacht, als er sah, da� er nicht mehr allein im Stollen war.</p><p>Etwas, jemand, kam auf ihn zu, jagte heran, blitzschnell, und in seinen H�nden funkelte Stahl.</p><p>Alberich sprang zur Seite, konnte dem Schlag der Axt gerade noch ausweichen. Er war ge�bt im Kampf und hatte in Dutzenden, in Hunderten solcher Duelle gesiegt. Jetzt aber l�hmte ihn der Anblick seines Gegners bis ins Mark. Es war kein Mensch, der ihm da entgegentrat, auch keine Ausgeburt d�monischer Felsenschl�nde.</p><p>Es war ein Zwerg.</p><p>Und das war vollkommen unm�glich.</p><p>Alberich blieb keine Zeit, sich zu wundern oder gar Fragen zu stellen. Der n�chste Angriff seines Gegners kam schneller, als er erwartet hatte, und mit m�rderischer Pr�zision.</p><p>Die feindliche Axt sauste auf ihn zu, Alberich ri� seine Goldgei�el empor und wehrte den Hieb mit dem st�hlernen Griff seiner Waffe ab. Noch in derselben Bewegung holte er mit den Stachelkugeln Schwung und lie� sie in die Richtung seines Gegners wirbeln, geradewegs auf dessen Gesicht zu. Der andere warf sich zur Seite, doch eine der Kugeln streifte seine Schulter und schlug eine tiefe Kerbe in seinen Lederharnisch. Blut drang aus der Wunde. Die Z�ge des Verwundeten verzerrten sich, er fletschte die Z�hne wie ein wildes Tier.</p><p>Die kurze Kampfpause gab Alberich Zeit, seinen Feind genauer zu betrachten. Es <emphasis>war </emphasis>ein Zwerg, daran bestand kein Zweifel. Er war eine Handbreit gr��er als er selbst und um einiges j�nger, fast noch ein Frischling, vielleicht vierzig, f�nfzig Jahre alt. Sein lederner Panzer wies kaum Kerben oder Kratzer auf, so als h�tte sein Tr�ger ihn noch nie in einem echten Kampf erprobt. Langes braunes Haar wucherte unter einem halbrunden Helm hervor, der Bart des Zwerges war kurzgeschnitten. Sein Gesicht war eingefallen und grau, er wirkte ausgehungert wie nach einem langen Marsch, bei dem ihm die Verpflegung ausgegangen war.</p><p>�Warum greifst du mich an?� fragte Alberich in der alten Zwergensprache. Als er sie zuletzt benutzt hatte, war er noch ein Kind gewesen.</p><p>Die Z�ge seines Gegners verzogen sich zu einem wilden Grinsen. �Du wirst sterben, Alter�, zischte er zwischen aufgeplatzten Lippen. Seine Aussprache klang seltsam, ohne da� Alberich h�tte sagen k�nnen, was ihn daran so irritierte.</p><p>�Ich bin viermal so alt wie du, Junge�, sagte Alberich, �und ich habe in mehr Schlachten gek�mpft, als du z�hlen k�nntest. Sei nicht dumm und gib endlich auf.�</p><p>Die Antwort war ein aufgebrachter Schrei, und dann schlug auch schon erneut die Axt auf ihn ein. Die scharfe Schneide verfehlte ihn nur um Fingerbreite, und da wurde ihm endlich klar, da� es in diesem Kampf keine friedliche �bereinkunft geben w�rde.</p><p>Es war Wahnsinn. Vollkommener Wahnsinn. Es gab keine Zwerge mehr am Rhein, sie waren vor zwei Jahrhunderten von hier verschwunden. Alberich war der letzte, hatte sein ganzes einsames Leben mit dieser Gewi�heit zugebracht. Und jetzt, wie aus dem Nichts, tauchte einer von seinem Volk auf, und statt sich zu verbr�dern und ihre gegenseitige Neugier zu stillen, k�mpften sie miteinander auf Leben und Tod.</p><p>Alberich lie� die Goldgei�el in engem Winkel vorschnellen, ihre Ketten wickelten sich um den Stiel der Axt, und eine der Kugeln bohrte ihre Stacheln in den Handr�cken des jungen Zwerges. Er schrie auf und zerrte an seiner Waffe, ohne sie jedoch freizubekommen.</p><p>�H�r endlich auf!� verlangte Alberich noch einmal, doch er hatte kaum zu Ende gesprochen, da lie� der Junge die Axt los und ri� ein Kurzschwert aus seinem G�rtel. Alberich taumelte zur�ck und purzelte �ber einen Stein, schlug der L�nge nach hin, mit dem Oberk�rper �ber das Wirrwarr aus Axt und Gei�el. Der junge Zwerg reagierte zu sp�t, konnte seinen Lauf nicht mehr bremsen, stolperte ebenfalls und wurde von seinem eigenen Schwung �ber Alberich hinweggetragen. Mit einem gellenden Kreischen schlitterte er �ber die Felskante hinweg. Als Alberich wieder auf die Beine kam, war sein Gegner bereits in der Schw�rze verschwunden.</p><p>Niedergeschlagen und entt�uscht vom unn�tigen Tod des Jungen trat er von der Kante zur�ck, l�ste die Gei�elketten vom Griff der Axt und schleuderte die zweischneidige Waffe in hohem Bogen hinaus in die Finsternis. Dann drehte er sich um und machte sich durch den leeren Minenstollen auf den R�ckweg.</p><p>Die Trommeln waren verstummt.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>KAPITEL 3</strong></p></title><empty-line/><p>Grimma blickte noch einmal zur�ck zu dem offenen Viereck in der H�hlendecke. K�nig Thorh�l stand am Rande der �ffnung, in einer bunten Reihe mit einer Vielzahl seiner Untertanen, und winkte ihr huldvoll zu. Nahezu das ganze Volk hatte sich am Einstieg zur alten Zwergenstra�e versammelt, um den Kundschaftern die Ehre des Abschieds zukommen zu lassen.</p><p>Der L�rm der zahllosen Zurufe wurde allm�hlich leiser, als Grimmas Trupp sich dem Fu� der steilen Ger�llrampe n�herte. Fast hundert Schritte weit f�hrte die Schr�ge nach unten, ehe der Boden wieder eben wurde. Grimma hatte oft Erz�hlungen und Legenden �ber die unterirdische Zwergenstra�e ins Nordland geh�rt, doch nichts davon hatte sie auf die �berw�ltigende Gr��e des uralten H�hlenweges vorbereitet.</p><p>Sie hatte einen schmalen Gang erwartet, mit niedriger Decke und kaum breit genug, um zu mehreren nebeneinander zu gehen. Statt dessen aber �ffnete sich vor ihr ein gigantischer Tunnel, mindestens siebzig Schritte hoch und ebenso breit. Tausende von Zwergen waren einst �ber diesen Weg aus dem Nordland gen S�den gezogen, und Grimma fragte sich, wie viele Generationen von Arbeitern an diesem Tunnel zugrunde gegangen waren.</p><p>Schon vor Jahrhunderten war das Wissen um die Lage der Stra�e aus dem Ged�chtnis der Zwerge geschwunden. Zuletzt waren selbst die �ltesten der Ansicht gewesen, sie sei l�ngst versch�ttet - falls sie �berhaupt je existiert hatte. Erst das Auftauchen der Nordlinge hatte sie eines Besseren belehrt.</p><p>Jetzt, nachdem der Feind geschlagen war, betraten zum erstenmal seit undenklicher Zeit wieder Zwerge die H�hlenstra�e ihrer Ahnen. Vor Staunen waren sie alle in andachtsvolles Schweigen verfallen. Die einzigen Ger�usche waren das Scharren ihrer Stiefel auf dem losen Ger�ll und das Raunen der Menge hoch �ber ihnen.</p><p>Grimma f�hrte den zwanzigk�pfigen Zwergentrupp an. Neben ihr gingen Egil, Bollis und Gellir. Alle drei hatten Prellungen und kleinere Wunden vom Kampf mit den Nordlingen auf der Treppe zur�ckbehalten. Dennoch h�tte nichts sie davon abhalten k�nnen, Grimma zu folgen. Vor allem Gellir Rotbart, der eigens f�r die Reise seine eiserne Augenklappe poliert hatte, brannte darauf, die alte Zwergenstra�e zu erforschen. Egil und Bollis hatten sich von seiner Begeisterung anstecken lassen, und Grimma dankte den G�ttern im geheimen daf�r, da� sie mit solchen Freunden gesegnet war.</p><p>Die �brigen sechzehn Mitglieder der Reisegemeinschaft waren zum �berwiegenden Teil Krieger, die Grimma selbst ausgew�hlt hatte, mutige Zwerge, die den Tod nicht f�rchteten und sich im Kampf mit den Nordlingen tapfer geschlagen hatten. Dazu kamen zwei Heilkundige, ein Zeichner, der unterwegs eine Karte des Weges anfertigen sollte, die beiden besten Armbrustsch�tzen des Reiches (f�r die Jagd auf Flederm�use) und, zuletzt, Styrmir, ein junger Berater des K�nigs, der darauf bestanden hatte, an der Expedition teilzunehmen.</p><p>Styrmir war einer der wenigen Zwergenm�nner im Berg, denen die G�tter keinen Bartwuchs geschenkt hatten, und um von dieser Schmach abzulenken, hatte er sich Kinn und Wangen mit einem Muster t�towieren lassen, das aussah wie ein Gewimmel roter Ameisen. Die �mter der k�niglichen Berater wurden seit jeher vom Vater an den Sohn weitergegeben, und das war einer der Gr�nde, weshalb Thorh�l sich mit wichtigen Fragen h�ufiger an Grimma und die �brigen Heerf�hrer wandte als an die M�nner, die ihm die Tradition zur Seite gestellt hatte. Auch Styrmir hatte den Posten geerbt, und Grimma hatte das ungute Gef�hl, da� Thorh�l ihn nur mitgehen lie�, um sich eine Weile von seinen l�stigen Einfl�sterungen zu befreien. Keiner der Krieger war froh �ber Styrmirs Begleitung, sie alle f�hlten sich beobachtet. Schon wenige Augenblicke nach dem Aufbruch hielten die M�nner mehrere Schritte Abstand zu dem k�niglichen Berater, und Grimma erkannte an Styrmirs Gesichtsausdruck, da� er die Ablehnung der anderen sp�rte, wenn auch nicht verstand. Eine Art kindliche Verwunderung lag �ber seinen glatten, gepflegten Z�gen.</p><p>Der Einstieg blieb hinter ihnen zur�ck. Thorh�l verteilte Wachen am Rand der �ffnung, die den Zugang zur Zwergenstra�e Tag und Nacht bewachen w�rden. Eine zweite Invasion aus den Tiefen durfte es nicht geben, nicht, nachdem das Heer vom Hohlen Berg der H�lfte seiner Krieger beraubt worden war.</p><p>�Wir werden ein Jahr lang auf euch warten�, hatte der K�nig Grimma in einem ihrer vielen vertraulichen Gespr�che vor der Abreise erkl�rt. �Auch wenn ihr das Nordland nach sechs Monden noch nicht erreicht habt, kehrt um. Vor allem, wenn ihr in dieser Zeit auf keine Feinde sto�t. Der Weg sollte dann sicher sein.�</p><p>�Sicher?� wiederholte Grimma und runzelte die Stirn. �Ihr wollt mit einem ganzen Volk ausziehen, bevor Ihr �berhaupt wi�t, wohin Euch der Weg fuhren wird?�</p><p>�Du verstehst das nicht, Grimma�, sagte Thorh�l kopfsch�ttelnd. �Du bist eine Kriegerin, eine ganz hervorragende, aber du mu�t dich nicht mit den Belangen Hunderter Untertanen auseinandersetzen. Seit dem Ende der K�mpfe erreichen mich Tag f�r Tag Bittgesuche von M�nnern und Frauen, die auf eigene Faust losziehen wollen. Sie alle brennen darauf, den Berg zu verlassen und ihr Gl�ck im Norden zu versuchen. Ich kann sie vertr�sten, ein paar Wochen, vielleicht einige Monde. Das Jahr, das ich dir gebe, Grimma, ist mehr, als ich in meinem Herzen guthei�en kann.�</p><p>�Ihr f�rchtet einen Aufstand?� fragte Grimma verbl�fft. �Nach all den Jahrhunderten, die sich die Zwerge vom Hohlen Berg den W�nschen der Nibelungenf�rsten unterworfen haben, soll gerade jetzt ein Umsturz drohen?�</p><p>Thorh�l l�chelte bitter. �Ach, Grimma. Ich beneide dich um deine Gutgl�ubigkeit. Die Zwerge haben sich nur deshalb so lange in ihr Schicksal gef�gt, weil es keinen Ausweg zu geben schien. Aber jetzt ist da pl�tzlich diese Verhei�ung eines freien Lebens im Nordland. Pl�tzlich ist unseren Leuten klargeworden, da� es noch etwas anderes gibt als die Kavernen dieses Berges und die Arbeit am Hort. Ich wei� nicht, wie lange ich das Volk davon abhalten kann, Hals �ber Kopf von hier fortzulaufen.� Er sah sehr m�de aus. Grimma hatte ihn nie zuvor in so d�sterer Stimmung erlebt. Von seiner Begeisterung, als er den Entschlu� gefa�t hatte, Grimma als Kundschafterin auszusenden, war nichts geblieben. Mit einemmal sah er sich Zw�ngen ausgesetzt, die er nicht vorausgeahnt hatte.</p><p>�Ein Jahr, Grimma�, setzte er entschlossen hinzu. �Ein einziger Tag l�nger, und ich mu� den Befehl zum Aufbruch geben.�</p><p>So waren sie verblieben, gegen Thorh�ls und Grimmas besseres Wissen. In sp�testens zw�lf Monden mu�ten Grimma und ihre M�nner zur�ck sein. Der Ernst dieses Ultimatums hatte sich wie eine unaufhaltsame Sanduhr in ihrer Brust verankert, sie trug so schwer daran wie an einem zweiten Herz.</p><p>Nat�rlich hatten sie auch echte Sanduhren dabei, jeder der beiden Schreiber trug eine in seinem Gep�ck. Da es in den Tiefen des Erdreichs nicht m�glich war, den Lauf des Mondes zu bestimmen, mu�te die Zeit auf andere Weise gemessen werden. Jede Uhr lief genau einen Tag und eine Nacht lang, dann mu�te sie gedreht werden. Es war Aufgabe der Schreiber, dar�ber Buch zu f�hren. Nach sp�testens hundertachtzig Sandl�ufen w�rde Grimma den Befehl zur Umkehr geben.</p><p>Sie hatten eine Strecke von zwanzig Speerw�rfen zur�ckgelegt, als das magische Licht des Hohlen Berges zur�ckblieb und die Dunkelheit des Tunnels den Trupp wie schwarzer Nebel umschlo�. Obwohl die Zwerge in der Finsternis leidlich gut sehen konnten, ordnete Grimma an, die ersten Fackeln zu entz�nden, in der Hoffnung, die Helligkeit w�rde die gedr�ckte Stimmung heben. Die groben Felsvorspr�nge der Tunnelw�nde warfen zuckende Schatten, und da die Zwerge den gleichm��igen Schein des Hortes gewohnt waren, erschien ihnen das gelbe Licht der Flammen alsbald fremdartig, sogar be�ngstigend. Grimma gestand sich ihre erste Fehlentscheidung ein und lie� die Fackeln l�schen.</p><p>Fortan zogen sie lichtlos dahin, eingelullt von jahrtausendealter Dunkelheit wie von einem Lied in einer alten, vergessenen Sprache.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Nach den ersten Tagen ihrer Reise bemerkte Grimma, da� sich das Verhalten der Krieger gegen�ber Styrmir wandelte. Aus stillschweigender Ablehnung wurde offene Feindschaft.</p><p>Der Berater des K�nigs marschierte tags�ber stets einige Schritte von den anderen entfernt, und auch nachts bereitete er sein Lager abseits der �brigen. Grimma nahm an, da� einige der M�nner Bemerkungen gemacht hatten, die Styrmir zu solch einer Vorsichtsma�nahme veranla�t hatten. Obwohl sie einen Kampf nicht zugelassen h�tte, r�mpfte sie insgeheim die Nase �ber Styrmirs Zur�ckhaltung. Beleidigungen oder Drohungen unter den Kriegern h�tten bei jedem anderen zu w�sten Pr�geleien gef�hrt. Nicht so bei Styrmir, er war aus anderem Stein gehauen. Er zog sich zur�ck, sprach nie ein Wort und tat, als st�nde er weit �ber den Rangeleien der Krieger. Grimma aber sah ihm an, wie ungl�cklich er in Wahrheit war, und sie war sicher, da� er seine Entscheidung, sie zu begleiten, l�ngst bereut hatte. Nicht ohne H�me dachte sie, da� ihm das ganz recht geschah. Was hatte er sich ihnen auch derart aufdr�ngen m�ssen?</p><p>Trotzdem gefiel es ihr nicht, da� es innerhalb ihrer Gruppe Spannungen gab. Eine Weile lang schaute sie zu und tat, als ber�hre sie Styrmirs Schicksal nicht, doch dann geschah etwas, das ihr schlagartig klarmachte, da� es an der Zeit war, einzuschreiten.</p><p>Am Abend des neunten Tages sa� sie mit Egil, Gellir und Bollis rund um die knisternden Flammen eines Lagerfeuers. Es war k�hl in dem endlosen Tunnel, und obwohl sie als Zwerge an die K�lte der Bergestiefen gew�hnt waren, machte ihnen der ewige Luftzug zu schaffen, der ihnen von Norden entgegenwehte. Der Brennholzvorrat, den sie mit sich f�hrten, war �u�erst begrenzt, doch sie hatten am Nachmittag ein eisiges Gew�sser durchqueren m�ssen, und so hatte Grimma die Order ausgegeben, vier kleine Feuer anzuz�nden. F�r gew�hnlich kamen sie mit einem aus, doch heute mu�ten sie ihre Kleider trocknen und entsprechend nah an die Flammen r�cken. So sa�en sie in vier Gruppen um die Feuerstellen und unterhielten sich leise.</p><p>Pl�tzlich wies Gellir ins Dunkel, zur Westwand der Zwergenstra�e. �Seht ihn euch an!� brummte er abf�llig. �Hockt da und schreibt alles auf, was wir reden.�</p><p>Grimma erkannte in der D�sternis Styrmir, der abseits der Feuer dasa� und mit einer Feder etwas in ein gebundenes B�chlein schabte.</p><p>�Verfluchter Schn�ffler!� schimpfte Egil. �Er horcht, ob irgendwer ein b�ses Wort �ber den K�nig verliert.� Er hatte laut genug gesprochen, da� auch einige der Krieger an den anderen Feuern aufhorchten.</p><p>Bollis fiel kichernd mit ein. �Am besten w�re es, wenn er in irgendeine Felsspalte fiele.�</p><p>�Ja�, pflichtete ein Zwerg am Nebenfeuer bei. �Ein. Unfall. Sehr traurig.�</p><p>Grimma traute ihren Ohren kaum. �Seid ihr des Wahnsinn?� zischte sie und sprang auf. �Unter meinem Befehl wird es nichts dergleichen geben!� Sie deutete auf den Zwerg, der zuletzt gesprochen hatte, dann auf Bollis. �Ihr beiden, steht auf!�</p><p>Die Krieger sprangen blitzschnell auf die F��e.</p><p>�Ich habe etwas verloren�, sagte Grimma schneidend. �Heute nachmittag, als wir durch dieses Wasserloch gewatet sind. Es ist ein Siegelring K�nig Thorh�ls. Ihr zwei werdet zur�ckgehen und ihn suchen. Wenn ihr stramm durchmarschiert, solltet ihr am Morgen wieder bei uns sein.�</p><p>Sie hatte nie einen solchen Ring besessen, und jeder ihrer Krieger wu�te das. Der Zwerg vom Nebenfeuer wollte aufbegehren, doch Bollis schlug ihm hart gegen die Schulter. �Du hast geh�rt, was Grimma gesagt hat. Gehen wir!� Der Zwerg straffte sich einen Moment lang, dann nickte er verdattert. Wenig sp�ter waren die beiden in der D�sternis verschwunden.</p><p>Grimma drehte sich um und ging hin�ber zu Styrmir. Sie sp�rte, wie ihr die Blicke aller anderen folgten, dann h�rte sie zufrieden, da� Egil die Krieger anschnauzte, sich gef�lligst nur um das zu k�mmern, was sie etwas anginge.</p><p>Styrmir schaute ihr finster, aber auch voller Neugier entgegen. Spielte da ein leises L�cheln um seine Lippen? Grimma w�nschte sich, ihn im D�mmerlicht besser erkennen zu k�nnen. Als sie n�her kam, klappte er das B�chlein zu, verkorkte sein Tintenfa� und legte beides zusammen mit der Feder in den Rucksack.</p><p>Grimma setzte sich ohne Aufforderung zu ihm. So weit von den Feuern entfernt sp�rte sie die K�lte noch deutlicher, und sie fragte sich, ob ihre Strafe f�r Bollis und den anderen Krieger nicht zu hart gewesen war. Aber nein, sie hatte richtig gehandelt. Sie durfte nicht zulassen, da� ihre M�nner auf solche Gedanken kamen, geschweige denn sie aussprachen.</p><p>�Deine Krieger haben es nicht leicht mit dir�, bemerkte Styrmir, und jetzt sah sie, da� tats�chlich ein Schmunzeln um seine Mundwinkel zuckte. Seine glatte Haut und das bartlose, t�towierte Kinn konnten nicht dar�ber hinwegt�uschen, da� er den kantigen Unterkiefer und die markanten Z�ge seiner Ahnen geerbt hatte.</p><p>�Die beiden hatten Strafe verdient�, sagte sie und blickte fest in seine braunen Augen. �Ich werde nicht zusehen, wie irgendein dummer Zwist diese Truppe spaltet.�</p><p>�Oh�, sagte er mit einem Lachen, das frische Milch h�tte gerinnen lassen, �von spalten kann keine Rede sein. H�ttest du den beiden ihren Willen gelassen, so h�ttest du deine M�nner wohl nie in gr��erer Einigkeit erlebt.�</p><p>�F�r die Dauer dieser Reise <emphasis>bist </emphasis>du einer meiner M�nner, Styrmir.�</p><p>�Ich f�rchte, die anderen sind nicht dieser Meinung.�</p><p>�Sie glauben, du belauschst sie, um sie beim K�nig zu verleumden.�</p><p>Er hob eine Augenbraue. �So, so.�</p><p>�Ist es die Wahrheit?� fragte Grimma geradeheraus.</p><p>�Du glaubst, weil mich meine Geburt zu Thorh�ls Berater gemacht hat, m��te ich ihm jedes Wort zutragen, das ich mitanh�re? Liebe G�te, ich m��te Ohren haben, so gro� wie die Pechkessel oben am Portal, und eine Zunge, ausgefranst wie ein Pferdeschwanz!�</p><p>�Das ist keine Antwort auf meine Frage.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Ich bin nicht bei euch, um Thorh�l �ber irgend etwas Bericht zu erstatten. Es war ganz allein mein Wunsch, mit euch zu gehen.�</p><p>�Du hast gewu�t, da� du nicht willkommen bist.� Sie sah keinen Grund, ihm gegen�ber unaufrichtig zu sein. �Meine Krieger m�gen keine M�nner, die -�</p><p>�Die keine Axt f�hren k�nnen.� Er l�chelte. �Das wolltest du doch sagen, nicht wahr?�</p><p>�Ich wollte sagen: M�nner, die besser mit der Zunge als mit der Waffe umgehen k�nnen. Aber ich sch�tze, das l�uft auf das gleiche hinaus.�</p><p>�Um ehrlich zu sein, Grimma, es ist mir gleichg�ltig, was deine M�nner �ber mich denken. Diese Reise bedeutet mir mehr als mein Leben. Falls sie mich in eine Felsspalte sto�en, gut, dann ist es eben so. Das war es mir wert.�</p><p>�Niemand wird dich in eine Felsspalte sto�en�, widersprach sie zornig. �Nicht, solange ich hier den Befehl f�hre.� Dann erst wurde ihr klar, was er noch gesagt hatte. �Wie meinst du das, die Reise bedeutet dir mehr -�</p><p>�Als mein Leben.� Er nickte best�tigend. �Wir K�nigsberater werden in unsere Stellung hineingeboren, das wei�t du. Ich hatte nie die M�glichkeit, den Umgang mit Axt oder Schwert zu erlernen.� Er klang verbittert, und das verwirrte sie. �Nie habe ich die M�glichkeit gehabt, irgend etwas zu erleben, das aufregender war als die t�glichen Beratungen mit Thorh�l und dem Rest seiner H�flinge.�</p><p>�Dann bist du auf ein Abenteuer aus?� fragte sie irritiert.</p><p>�Auf ein Abenteuer, auf einen Marsch bis ans Ende der Welt, von mir aus auch auf den Tod.� Er schnaubte verbittert. �Auf alles, das sich vom �den Trott in Thorh�ls Fu�volk unterscheidet.�</p><p>Grimma versuchte, ihre Einsch�tzung Styrmirs zu �berdenken, ihn ganz neu einzusch�tzen, als h�tte sie ihn gerade erst getroffen, doch dazu lie� er ihr keine Zeit.</p><p>�Als ich Thorh�l mein Anliegen vorbrachte, wu�te ich, da� deine M�nner mich vom ersten Augenblick an verabscheuen w�rden�, fuhr er fort. �Ich habe es in Kauf genommen. Und ich kann ihr Verhalten verstehen, Grimma. Sie t�uschen sich nicht, wenn sie mich f�r jemanden halten, den das Leben bei Hofe verweichlicht hat. Ich bin kein Krieger und werde nie einer sein. Aber wenn wir jemals von dieser Reise zur�ckkehren, und wenn es uns gelingt, das zu finden, was wir suchen, dann werde ich meinen Kindern dereinst erz�hlen k�nnen, was ich erlebt habe. An deiner Seite, Grimma, und an der Seite dieser M�nner, die mich hassen. Und ich werde einen Grund haben, stolz zu sein auf etwas, das ich getan habe. Zum ersten und vielleicht zum einzigen Mal.�</p><p>Grimmas Blick huschte zur�ck zu den Lagerfeuern und den Kriegern, die dort murmelnd beieinander sa�en. Ihre Augen verengten sich, als sie �ber das nachdachte, was Styrmir gesagt hatte. Sie hatte sich nie zuvor in einem anderen so get�uscht wie in ihm. Daf�r sch�mte sie sich, und sie besa� genug Anstand, sich das einzugestehen.</p><p>�Ich entschuldige mich bei dir, Styrmir.�</p><p>Ein jungenhaftes Grinsen flimmerte wie der Feuerschein �ber seine Z�ge. �Du hast mir das Leben gerettet. Das ist kein Grund, sich zu entschuldigen.� Feixend f�gte er hinzu: �H�chstens bei deinen M�nnern.�</p><p>Sie atmete tief durch. �Ich werde mit ihnen reden. Sollte noch einer die Stimme gegen dich erheben, wird er es bereuen.�</p><p>�Nein!� widersprach er scharf. �Tu das nicht. Sprich nicht mit ihnen �ber mich. Ich wollte mir mit dem, was ich dir erz�hlt habe, keinen Respekt erkaufen. Sollten deine Krieger je lernen, mich zu achten, so sollen sie gute Gr�nde daf�r haben, keine, die du ihnen vorgibst.�</p><p>Grimma verstand, was er meinte, und nickte langsam. �Wirst du mir noch eine Frage beantworten?�</p><p>�Gewi�.�</p><p>�Du hast eben etwas aufgeschrieben.�</p><p>�Das tue ich jeden Abend.�</p><p>�Die M�nner glauben, du h�ltst fest, wor�ber sie reden.�</p><p>�Da haben sie nicht einmal unrecht.�</p><p>�Erkl�r mir das.�</p><p>L�chelnd griff er nach seinem Rucksack und zog das B�chlein hervor. Aus der N�he erkannte Grimma, da� es in das Leder grauer Fledermausschwingen gebunden war. Ein wertvolles St�ck.</p><p>Styrmir drehte den handgro�en Band zwischen den Fingern. �Wie soll ich meinen Kindern erz�hlen, was ich erlebt habe, wenn ich die H�lfte davon vergessen habe? Deshalb schreibe ich alles auf. Das Aussehen des Tunnels, die Hindernisse auf unserem Weg, meine Gedanken, auch einiges vom Gerede der anderen. Und irgendwann, vielleicht, eine Beschreibung des Nordlandes, wie es sich den Augen eines Zwerges darbietet, der sein Leben lang nur das Innere des Hohlen Berges gesehen hat.�</p><p>Er schlug das Buch auf den vorderen Seiten auf und reichte es Grimma. Sie warf einen neugierigen Blick darauf, doch dann gestand sie kleinlaut: �Ich kann nicht lesen, Styrmir.�</p><p>Er lachte nicht, verzog nicht einmal das Gesicht. �Wenn du willst, werde ich dir daraus vorlesen.�</p><p>Sie nickte ihm zu, dankbar, da� er nicht �ber ihr Unverm�gen spottete, so wie sie selbst sich in den vergangenen Tagen insgeheim �ber seine mangelnden Kampfk�nste lustig gemacht hatte. �Ein andermal will ich dir gerne zuh�ren. Falls dein Angebot dann noch gilt.�</p><p>�Das wird es.�</p><p>Sie schenkte ihm ein fl�chtiges L�cheln, dann stand sie auf und ging zur�ck zum Feuer. Sie bat Styrmir nicht, mit ihr zu kommen. Er h�tte doch nur abgelehnt.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>In der sechsten Woche ihres Marsches durch die Dunkelheit entdeckten sie etwas, das ihnen wahrscheinlich das Leben rettete.</p><p>Grimma selbst f�hrte die Vorhut des Trupps an, und so war sie eine der ersten, die sah, wie sich etwas Gro�es aus dem D�mmerlicht sch�lte, das nicht in die eint�nige �dnis des Tunnels geh�rte.</p><p>Es war ein gro�er Holzkarren mit gesplitterter Achse. Seine Ladefl�che war leer. Der Gr��e nach mu�ten ihn die Nordlinge w�hrend ihres Weges zum Hohlen Berg zur�ckgelassen hatten.</p><p>Sogleich machten sich die Zwerge daran, ihn mit ihren �xten in kleine, tragbare St�cke zu zerlegen. Vor mehr als zwei Wochen war ihnen das Brennholz ausgegangen, und w�hrend der vergangenen Tage hatten sich die Stellen im Tunnel geh�uft, an denen sie Wasserfl�chen durchwaten mu�ten. Unter ihnen war keiner, der sich dabei nicht erk�ltet hatte, und ihnen allen klebte die Kleidung feucht und klamm an den K�rpern.</p><p>Jetzt aber, nachdem sie den Wagen bis aufs letzte St�ck zerkleinert hatten, gab Grimma den Befehl, gro�e Feuer zu sch�ren und Hosen und W�mser zu trocknen. Bald schon war ihnen zum erstenmal seit vielen Tagen wieder warm, und selbst Styrmir gesellte sich zu ihnen, ohne da� jemand Ansto� daran nahm.</p><p>Nach einer Weile zogen sie weiter, und da war nicht einer, der das zus�tzliche Gewicht auf seinem R�cken bejammerte. Sie all dankten den G�ttern f�r ihr Gl�ck, das sie zu dem Karrenwrack gef�hrt hatte, und die Laune der meisten hob sich betr�chtlich. Die Zwerge fa�ten neuen Mut, und ihr Ziel, das Nordland, gewann f�r sie nach den ern�chternden letzten Tagen neue Reize. Sie erz�hlten einander, was sie dort als erstes tun w�rden - tief durchatmen, schlafen, Met trinken -, und pl�tzlich stimmte jemand eines der alten Lieder ihrer Vorfahren an. Es war Styrmir, und er sang hell und sch�n und mit ansteckender Begeisterung. Es dauerte nicht lange, da war auch der letzte in den frohen Gesang miteingefallen, und die uralten Melodien hallten herrlich von den Felsw�nden wider und verscheuchten die bedrohlichen Schatten des dunklen H�hlengangs. Grimma sang aus vollem Halse, und sie schob jeden Gedanken an die Gefahren von sich, die der L�rm heraufbeschw�ren mochte. Wenn der Gesang den angeschlagenen Mut ihrer M�nner hob, war sie bereit, das Risiko daf�r in Kauf zu nehmen.</p><p>Sie sangen den ganzen Tag, und einige sangen noch abends am Feuer, als der Rest von ihnen schon schlief. Styrmir hatte sich erneut zur�ckgezogen, beugte sich �ber sein Buch, und er schrieb nieder, was der Tag ihnen gebracht hatte: neue Hoffnung, Lebensmut und, f�r ihn selbst zum erstenmal, einen leisen Hauch von Gemeinsamkeit.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>KAPITEL 4</strong></p></title><empty-line/><p>Alberich versammelte die anderen in der Eingangshalle. Es war fr�h am Morgen. Sie alle waren unausgeschlafen und �bellaunig. Geist und L�wenzahn wegen ihres anstrengenden Ausflugs in die Moosh�hle; M�tterchen Mitternacht, weil sie Alberichs Wache am Tor �bernommen hatte; und Alberich selbst - ja, das wu�te keiner der anderen so genau.</p><p>Der Saal, viele Mannsl�ngen hoch, wurde von dem gewaltigen Eisenportal beherrscht. An beiden Seitenw�nden standen m�chtige Statuen, vier zur Rechten, vier zur Linken, turmhohe Darstellungen von Zwergen in R�stungen, bewaffnet mit �xten und Streitkolben. Als stumme Torw�chter blickten sie aus Granitaugen zum Boden der Halle herab. M�tterchen hatte stets den Eindruck, als folgten ihre leblosen Blicke jeder ihrer Bewegungen. Besonders schlimm war es w�hrend der Nachtwache, wenn sie allein im Dunkeln kauerte. Meist sa� sie dabei in Decken geh�llt am Tor und blickte abwechselnd durch den Sehschlitz ins Freie, dann wieder hinauf zu den steinernen Gesichtern. Im Grunde war es fast albern, da� sich ausgerechnet die Zwerge als Riesen dargestellt hatten, und doch hatte M�tterchen nie �ber diesen Umstand lachen k�nnen. Viel zu sehr beunruhigte sie die schweigsame Starre der acht Granitgiganten, und sie wu�te, da� es Geist und sogar L�wenzahn genauso erging.</p><p>Alberich berichtete ausf�hrlich, was ihm in der Nacht widerfahren war, und je eingehender er versuchte, sich an jede Einzelheit zu erinnern, desto zorniger wurde er. Schlie�lich schnaubte er beim Sprechen so sehr, da� Geist und M�tterchen ihn erst einmal durch bes�nftigendes Zureden beruhigen mu�ten, ehe er fortfahren konnte.</p><p>Nachdem Alberich zum Ende gekommen war, platzte es �berm�tig aus L�wenzahn heraus: �Es ist doch ganz einfach! Wir gehen runter, suchen alles ab und erschlagen jeden Zwergling, der uns �ber den Weg l�uft!�</p><p>M�tterchen fa�te sich ob so wenig Taktgef�hl an die Stirn, Geist blickte verlegen zu Boden, und Alberich sah aus, als w�rde ihm vor Wut gleich der Sch�del platzen.</p><p>�Dummkopf!� tobte er mit hochrotem Gesicht. �Du bl�der, halbhunnischer Dummkopf!� Alberich ha�te es, wenn L�wenzahn ihn oder einen anderen seines Volkes Zwergling nannte, doch diesmal machte ihn etwas ganz anderes w�tend. �Seit zweihundert Jahren gibt es au�er mir keinen Zwerg mehr im Hohlen Berg, ach, was sag� ich, im ganzen Land! Und du willst hingehen und einfach jeden erschlagen, der drei K�pfe kleiner ist als du!� Seine Augen gl�hten vor Wut, als wollten sie gleich in Flammen aufgehen.</p><p>L�wenzahn grinste. �Nicht jeden�, sagte er mit einem Seitenblick auf Geist. �Nur alle, die Zipfelm�tzen und B�rte tragen.�</p><p>Alberichs Gesichtsfarbe schien von Rot zu Violett zu wechseln, und M�tterchen sah sich gen�tigt, einzuschreiten. L�wenzahn liebte es, den Zwerg mit seinen Sticheleien zur Wei�glut zu bringen. Entschlossen trat sie zwischen die beiden Streith�hne.</p><p>�Schlu� jetzt!� verlangte sie scharf und gab sich den Anschein der w�rdevollen Schlichterin. Geist grinste verhalten.</p><p>�Alberich hat recht�, sagte M�tterchen. �Wir sollten uns genau �berlegen, wie wir vorgehen wollen. Wir wissen nicht, wie dieser Zwerg in den Berg gelangt ist, aber wir sollten besser davon ausgehen, da� dort, wo er herkommt, noch weitere von seiner Sorte... verzeih, Alberich, von seinem Volke sind.�</p><p>Geist zupfte gedankenverloren an einem kleinen Farnwedel, der zwischen ihren flachen Br�sten wuchs. Die Bewegung irritierte M�tterchen; gestern war das Blatt noch nicht dagewesen. Die Magie, die in dem zarten Moosfr�ulein schlummerte, war gewaltig. Geist wu�te nicht, wie sie damit umgehen sollte, und so beschr�nkte sie sich darauf, ihre Macht an Spielereien wie bunte Bl�ten und wuchernde Bl�tter zu verschwenden.</p><p>Heute aber sah das Moosfr�ulein aus, als besch�ftige es irgend etwas ganz Bestimmtes, und dabei schien es sich keineswegs um Alberichs Erlebnis zu handeln.</p><p>�Was ist los?� fragte M�tterchen.</p><p>�Ich wollte heute ohnehin nach unten gehen�, sagte Geist, ohne sie anzusehen. �Auf dem Weg k�nnte ich ja die Augen offenhalten.� Es war klar, da� sie nur eine Ausrede suchte, wieder hinab in die Moosh�hle zu klettern. L�wenzahn hatte M�tterchen gleich nach dem Aufstehen davon erz�hlt, als sie sich an einer Felsquelle nahe ihrer Schlafquartiere gewaschen hatten. Es beunruhigte die alte R�uberin ein wenig, da� Geist den Ernst der Lage offenbar nicht einzusch�tzen wu�te.</p><p>�Niemand geht allein irgendwohin!� entschied Alberich in jenem �berfl�ssigen Befehlston, den er selbst so liebte, der aber die Geduld aller anderen aufs �u�erste strapazierte. Auch nach zwei Jahren hatte er noch immer nicht bemerkt, da� er damit den Widerspruch seiner Gef�hrten regelrecht herausforderte, begr�ndet oder nicht. Auch jetzt prasselte von drei Seiten gleichzeitig eine Flut von Bemerkungen, Vorschl�gen und trotzigen Entgegnungen auf ihn ein, bis er grimmig die Arme vor der Brust verschr�nkte und die Stirn runzelte, so da� er kaum noch unter seinen buschigen Augenbrauen hervorschauen konnte. Beleidigt kniff er die Lippen zusammen und schwieg.</p><p>Stur wie ein alter Ziegenbock, dachte M�tterchen seufzend.</p><p>�Also�, begann sie von neuem. �Hat irgend jemand einen Einfall, wo wir mit der Suche beginnen sollen? Darauf l�uft es doch hinaus, oder?�</p><p>L�wenzahn knetete nachdenklich sein Kinn. �Wenn wir davon ausgehen, da� alle Zwerglinge so goldgierig sind wie unser Freund hier, dann sollten wir es wohl zuerst beim Hort versuchen.�</p><p>Alberich r�mpfte pikiert die Nase und zog es weiterhin vor zu schmollen.</p><p>Auch Geist sagte nichts. Ihr bildh�bschen blauen Augen gl�nzten traurig.</p><p>�Ich denke, L�wenzahn hat recht�, sagte M�tterchen. �Die Horthalle scheint mir ein guter Anfang zu sein. Irgendwelche Einw�nde?�</p><p>�Wir werden einen ganzen Tag brauchen, ehe wir dort unten ankommen�, gab Alberich finster zu bedenken.</p><p>�Wir wissen, da� du es nicht magst, wenn wir in die N�he deiner Sch�tze gehen, Freund Alberich�, gab M�tterchen l�chelnd zur�ck. �Aber ich f�rchte, dieses eine Mal wirst du deinen Widerwillen �berwinden m�ssen.�, L�wenzahn hatte einmal versucht, einen goldenen Harnisch anzulegen, den er am Rand des Hortes gefunden hatte, und Alberich trug ihm noch heute nach, was er damals einen <emphasis>dreisten Diebstahl </emphasis>genannt hatte, <emphasis>ganz wie man ihn von einem r�uberischen Hunnenbastard erwarten mu�te. </emphasis>Dabei war M�tterchen sicher, da� Alberich den ungeschickten L�wenzahn tiefer ins Herz geschlossen hatte, als er je zugeben w�rde. Ein Gl�ck, da� der b�renstarke Halbhunne so gutm�tig wie Obbos braves Pony war; jeder andere h�tte dem j�hzornigen Zwerg wahrscheinlich l�ngst den Dicksch�del eingeschlagen.</p><p>�Die Horthalle also!� sagte sie entschieden, und damit war es beschlossene Sache. Geist und L�wenzahn bekamen die Aufgabe, Vorr�te f�r mehrere Tage einzupacken, w�hrend sie und der Horth�ter noch einmal die alten Zwergenkarten der unteren Ebenen durchsehen wollten. Zwar behauptete Alberich, jeden Winkel des Berges in- und auswendig zu kennen, doch sogar er gab zu, da� es vielleicht keine dumme Idee war, seine Erinnerung noch einmal aufzufrischen.</p><p>Zuletzt verriegelten sie den Sehschlitz des Portals und lie�en an einem Seilzug zwei gro�e Glocken herab, die auf halber H�he an die Innenseiten der Torfl�gel stie�en. Sollte jemand versuchen, von au�en den Eingang aufzurammen, w�rde das L�uten der Glocken bis in die tiefsten Stollen der Zwergenminen schallen.</p><p>Bald darauf machten sie sich auf den Weg in die Tiefe. Alberich, L�wenzahn und M�tterchen waren bis an die Z�hne ger�stet, nur Geist lehnte wie �blich jede Bewaffnung ab. Sie ritt auf L�wenzahns breiten Schultern wie ein Kind, w�hrend aus ihrem Hinterkopf die Ranke einer Trauerweide spro�.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Es dauerte einen halben Tag, ehe sie das Tor der Horthalle erreichten. Es war ein hohes, doppelfl�geliges Portal, ganz �hnlich jenem am Einstieg des Berges. Eine Vielzahl altert�mlicher Runen war in die Oberfl�che eingelassen, und nicht zum erstenmal fragte sich M�tterchen, ob Alberich sie wohl zu entziffern vermochte. Sie selbst konnte zwar lesen und schreiben, doch die alte Zwergenschrift war ihr unbekannt. Gerade wollte sie Alberich danach fragen, als Geist sich sch�ttelte.</p><p>�Wir sind nicht allein hier unten�, fl�sterte das Moosfr�ulein. Es sa� immer noch auf L�wenzahns Schultern, ohne da� der Krieger eine Spur von Ersch�pfung zeigte.</p><p>�Wie meint du das?� M�tterchen hatte die Frage kaum ausgesprochen, da kam sie ihr schon �berfl�ssig vor. Alarmiert wechselte sie ihren Wanderstab in die linke Hand und zog mit der Rechten ihr Schwert. Sichernd schaute sie in die M�ndungen der drei G�nge, die sich vor dem Portal der Horthalle trafen.</p><p>�Ich sp�re etwas�, wisperte Geist. Sie hatte jetzt die Augen geschlossen und streckte mit Hilfe der Drachenmagie unsichtbare F�hler in die Umgebung aus. Der armlange Weidenzweig in ihrem Nacken peitschte wie der Schwanz eines aufgeregten Hundes.</p><p>Alberich grummelte etwas und packte die Ketten seiner Goldgei�el, damit die Kugeln nicht zusammenstie�en und mit ihrem Klirren Geists Konzentration st�rten.</p><p>Pl�tzlich ging ein Ruck durch Geists schmalen K�rper, sie sprang von L�wenzahns Schultern und rief: �Kommt mit! Schnell!� Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da verschwand sie schon im n�rdlichen der drei G�nge. Der Boden war hier leicht absch�ssig und machte nach drei�ig oder vierzig Schritten eine leichte Linksbiegung.</p><p>�Wo l�uft sie denn hin?� fragte der Zwerg verbl�fft, doch M�tterchen und L�wenzahn hatten sich bereits in Bewegung gesetzt und folgten dem Moosfr�ulein.</p><p>�Steh nicht rum�, rief M�tterchen �ber die Schulter, �und tu schon, was sie sagt!�</p><p>F�r M�tterchens alte Augen reichte das Zwielicht des Hohlen Berges nicht weiter als f�nfzehn Schritte, dahinter verschmolz alles in tr�ber D�sternis. L�wenzahn mochte ein wenig besser sehen als sie, wenn auch lange nicht so gut wie Alberich. Doch selbst der Zwerg gab bald zu, da� er Geist aus den Augen verloren hatte.</p><p>M�tterchen wunderte sich. Sie hatten ausgemacht, sich vorerst nicht zu trennen, und um so mehr verbl�ffte sie, da� Geist sich so leichtsinnig von ihnen entfernt hatte. Irgend etwas hatte das Moosfr�ulein alle Vorsicht vergessen lassen.</p><p>�Wohin f�hrt dieser Gang?� fragte sie im Laufen.</p><p>Alberich atmete angestrengt ein und aus. �Er geht irgendwann in einen Treppenschacht �ber, der in den unteren Grotten endet.�</p><p>�Was f�r Grotten sind das?� wollte L�wenzahn wissen.</p><p>�Es gibt dort unten einen See, in dem sich das Wasser aus dem ganzen Berg sammelt.�</p><p>M�tterchen und L�wenzahn wechselten einen Blick. �Glaubst du...?� begann die R�uberin.</p><p>Der Krieger nickte. �Das wird es sein.�</p><p>Alberich hatte M�he, mit den langen Beinen der beiden anderen mitzuhalten, sogar mit M�tterchen, der ihr Alter mehr zu schaffen machte, als sie sich eingestehen wollte. �K�nntet ihr mir verraten, wovon ihr sprecht?� fragte der Zwerg.</p><p>M�tterchen erkl�rte ihm Geists Entdeckung in wenigen Worten, und L�wenzahn nickte best�tigend, ohne seine Geschwindigkeit zu verlangsamen.</p><p>M�tterchen �berlegte. �Wenn das, was Geist gesp�rt hat, sie derart aufregt, da� sie sogar ohne uns dorthinl�uft, mu� es etwas sein, das -�</p><p>L�wenzahn unterbrach sie, und Schrecken �berzog seine Z�ge wie eine Maske aus Eis: �Etwas, das den Pflanzen schadet!� Und mit diesen Worten raste er los, und kein Zurufen der beiden anderen konnte ihn davon abhalten, sie hinter sich zu lassen. Bald war auch er hinter der Biegung des Felskorridors verschwunden.</p><p>�Sind denn pl�tzlich alle verr�ckt geworden?� fauchte Alberich. Diesmal sah M�tterchen keinen Grund, ihm zu widersprechen. L�wenzahns Sorge um Geist war begreiflich, doch es half niemandem, wenn er blindlings in eine Horde feinseliger Zwerge stolperte - falls es tats�chlich Zwerge waren und nicht etwas noch Schlimmeres. M�tterchen wu�te selbst nicht, wie sie auf diesen Gedanken kam - verdammt, alles was sie entdeckt hatten, war ein <emphasis>einziger </emphasis>Zwerg! -, doch ihr Gef�hl sagte ihr, da� es t�dlich sein mochte, jetzt vorschnelle Schl�sse zu ziehen.</p><p>Wie Alberich vorausgesagt hatte, kamen sie nach einer Weile an den oberen Absatz einer steilen, schier ins Endlose abfallenden Treppe. Die Schachtdecke war sehr hoch, mehrere Mannsl�ngen, daf�r aber standen die W�nde ungemein eng beieinander. Von Geist und L�wenzahn war nichts zu sehen, nur in weiter Ferne h�rten sie das hallende Trommeln von Stiefelabs�tzen auf den Stufen.</p><p>Die Treppe machte wie schon der Korridor eine leichte Biegung, allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Das bedeutete, da� sich ihr Verlauf vom Umri� der Horthalle l�ste. Allein die Vorstellung, all diese Stufen wieder hinaufsteigen zu m�ssen, lie� M�tterchens alte Knochen schmerzen.</p><p>�Es ist... nicht... mehr weit�, stammelte Alberich atemlos.</p><p>Bald erkannte M�tterchen in der Tiefe einen niedrigen Torbogen, kaum mehr als ein Spalt. Er war von etwas Dunkelgr�nem ausgef�llt, m�glicherweise von einem Vorhang oder, ja, tats�chlich, von einem Dickicht aus Pflanzen.</p><p>M�tterchen und Alberich erreichten den unteren Treppenabsatz und blieben mit vorgebeugten Oberk�rpern stehen. Sie konnten nicht anders, sie mu�ten einen Augenblick lang verschnaufen.</p><p>Da ert�nte von der anderen Seite des Pflanzenvorhangs ein metallisches Scheppern, und einen Wimpernschlag sp�ter stolperte L�wenzahn r�ckw�rts in den Treppenschacht. Er hielt seinen gewaltigen Zweih�nder fest umklammert, hatte allerdings viel zuwenig freien Raum, um ihn wirksam einzusetzen. Zwei Zwerge dr�ngten hinter ihm durch das Dickicht und setzten ihm mit �xten zu, die alt und schartig waren. Trotzdem f�hrten die beiden sie mit solcher Kraft und soviel Geschick, da� L�wenzahn M�he hatte, ihren Hieben zu entgehen.</p><p>M�tterchen wollte ihm zur Hilfe eilen, doch da klirrte schon Alberichs Goldgei�el, und mit einem wilden Aufschrei st�rzte sich der graub�rtige Horth�ter auf die beiden j�ngeren Zwergenkrieger. Er und L�wenzahn behinderten sich dabei gegenseitig, doch nicht einmal das hielt Alberich davon ab, einem seiner Gegner die goldenen Stachelkugeln mitten ins Gesicht zu wirbeln. Kreischend brach der getroffene Zwerg in die Knie, und einen Herzschlag sp�ter machte ihm L�wenzahns m�chtige Klinge ein Ende.</p><p>Der zweite Zwerg sah seinen Gef�hrten sterben und zog sich durch den Rankenvorhang zur�ck in die Grotte. L�wenzahn und Alberich dr�ngten hinterher. F�r einen Augenblick war M�tterchen ganz allein in dem hohen Treppenschacht.</p><p>Sie wollte ihren Freunden gerade folgen, als ihr auffiel, da� die vorderen Stufen mit vertrockneten Algen und Moosen bedeckt waren; gleiches galt f�r die W�nde. Es konnte noch nicht allzu lange her sein, da mu�te der untere Bereich der Treppe unter Wasser gestanden haben. Das wunderte M�tterchen zwar, erschien ihr im Moment aber nebens�chlich. Sie schleuderte ihren Stab beiseite, packte ihr Schwert mit beiden H�nden und sprang mit einem k�hnen Kriegsruf durch die klammen Pflanzenfinger ins Innere der Grotte.</p><p>Keine zwei Schritte von ihr entfernt k�mpften Alberich und L�wenzahn Seite an Seite gegen drei Zwerge, darunter jener, der im Treppenschacht vor ihnen zur�ckgewichen war. Zwei weitere Zwerge, so jung wie ihre Br�der und mit ebensolchen kr�nklichen, eingefallenen Gesichtern, standen bereit, um in den Kampf einzugreifen, falls einer der anderen verletzt wurde oder fiel. Als sie M�tterchen erblickten, z�gerten sie nicht und st�rmten mit Axt und st�hlernem Streitkolben auf sie ein. Der R�uberin blieb gerade noch genug Zeit, um Geist zu entdecken, die inmitten der Pflanzenranken unter der Decke hing wie eine Spinne im Netz. Sie mu�te dort hinaufgeklettert sein, um den Axthieben ihrer Feinde zu entgehen. Ihre gro�en Augen schauten tiefungl�cklich drein.</p><p>M�tterchen wu�te, da� sie zu schwach war, um den Schlag zu parieren. Statt dessen sprang sie zur�ck, sah noch, wie der Stahlkopf des Kolbens den Fels vor ihren F��en splittern lie�, dann taumelte sie nach hinten durch den Rankenvorhang in den Treppenschacht. Kaum war sie auf der anderen Seite, da wurden die Pflanzen schon von einem Axthieb zur Seite geschleudert. M�tterchens Gedanken rasten; die Zwerge w�rden einen Moment lang z�gern, um zu sehen, ob ihre Gegnerin vor ihnen floh oder jenseits des Dickichts auf sie wartete. Bevor aber die beiden zwischen den Ranken hindurchtreten konnten, bohrte M�tterchen schon ihr Schwert in gerader Bahn nach vorne. Die Spitze fuhr durch die Pflanzenwand und drang in den Hals des Axtkriegers. Seine Waffe fiel scheppernd zu Boden, er stolperte zur�ck, die Klinge kam frei, und ein rauhes R�cheln drang aus der zerfetzten Kehle des Zwerges. Dann brach er zusammen, zuckte und starb.</p><p>M�tterchens �berraschungsmoment war damit verloren. Und schon stieg der zweite Zwerg �ber den Leichnam seines Kameraden hinweg, das Gesicht unter dem wuchernden Bart verzerrt vor Ha�, den schweren Streitkolben mit beiden H�nden zum Schlag erhoben. M�tterchen wich zur�ck und sp�rte, wie Panik sie �berkam. Sie wu�te, da� ihr Schwert unter dem ersten Anprall des Kolbens zersplittern w�rde. Sie war noch immer ersch�pft vom langen Abstieg. Eine Flucht die Treppe hinauf kam nicht in Frage.</p><p>In einem Aufwallen von Todesmut - nicht zum erstenmal h�tte sie damit ihr Leben gerettet - blieb sie stehen und stellte sich ihrem Feind entgegen. Der Zwerg schrie zornig auf, vielleicht um seinem Hieb noch mehr Kraft zu verleihen. Doch er machte den Fehler, nicht von oben herab, sondern seitw�rts nach M�tterchen zu schlagen. Damit gab er ihr die M�glichkeit, unter dem Angriff hinwegzutauchen, was ihr mit einem schmerzerf�llten �chzen gelang. Der Stahlkopf des Kolbens krachte in die Seitenwand des Treppenschachts, der Fels zerbarst, und ein Hagel aus Staub und Steinsplittern prasselte auf M�tterchen herab.</p><p>Sie f�hrte einen blitzartigen Stich nach oben, in der Hoffnung, ihre Klinge von unten in den Sch�del des Zwerges zu treiben. Doch ihr Gegner war schneller. Er sprang zur�ck, wich M�tterchens Attacke m�helos aus und holte abermals Schwung, um ihr mit dem Streitkolben den Sch�del zu zertr�mmern.</p><p>M�tterchen, immer noch in der Hocke, taumelte nach hinten, stie� mit der Ferse gegen die unterste Treppenstufe, suchte mit den H�nden nach Halt, rutschte jedoch auf dem Algenteppich aus und verlor das Gleichgewicht. Ihr R�cken prallte auf die Kanten der Treppe, sie schrie auf, und vor ihren Augen explodierte ein Kranz aus Feuer. Sie glaubte, der Kolben h�tte sie getroffen, und das Lodern und die tanzenden Lichter um sie herum seien die Vorboten des Todes. Dann aber kl�rte sich ihr Blick, und jemand streckte ihr eine riesenhafte Pranke entgegen. L�wenzahn! M�tterchen lie� sich von ihm aufhelfen und sah zugleich, da� der Zweih�nder des Kriegers den Zwerg von hinten beinahe in zwei H�lften geschlagen hatte.</p><p>�Geist...�, stotterte sie m�hsam, �und Alberich...�</p><p>�Den beiden geht es gut�, sagte L�wenzahn beschwichtigend und f�gte ein wenig leiser hinzu: �Wenigstens glaube ich das.�</p><p>�Du <emphasis>glaubst</emphasis>!� fragte sie verwirrt und hatte immer noch M�he, sich auf den Beinen zu halten.</p><p>Er nickte. �Der Kampf ist vorbei. Du solltest dir das ansehen.�</p><p>Sie lie� sich von ihm durch den Pflanzenvorhang f�hren. Da begriff sie, was er meinte.</p><p>Die drei verbliebenen Zwerge standen aufrecht in der Mitte der H�hle - wenigstens nahm M�tterchen das so lange an, bis sie entdeckte, da� die Fu�spitzen der drei einen Finger breit �ber dem Boden schwebten. Ihre Gesichter waren verzerrt, einem hing die Zunge blau angeschwollen aus dem Mund. Um ihre H�lse lagen Schlingen wie von Peitschenstr�ngen, aus deren holziger Oberfl�che winzige Bl�tter wuchsen. Die Enden der Schlingen f�hrten geradewegs zur Decke empor, aus Zweigen geflochtene Henkersstricke.</p><p>Geist hing immer noch dort oben. Ihr R�cken und ihr Hinterkopf lagen flach am Fels, ihre abgespreizten Arme und Beine wurden von einem Netz aus Ranken an der Decke gehalten. Der Farnwedel zwischen ihren Br�sten war verschwunden. Statt seiner entsprangen aus ihrem Moospelz die drei Zweige, mit denen sie die Zwergenkrieger erdrosselt hatte. Geists Augen waren geschlossen, ihr Mund stand leicht offen, und es sah aus, als schliefe sie. Ihr Brustkorb hob und senkte sich regelm��ig, w�hrend sich die Ranken raschelnd um ihre Arme und Beine wanden wie Schlangennester.</p><p>Alberich stand vor den drei toten Zwergen und starrte fassungslos hinauf zu dem Moosfr�ulein. �Wir m�ssen sie irgendwie runterholen�, fl�sterte er, als h�tte irgendwer das in Frage gestellt.</p><p>L�wenzahn vergewisserte sich, da� M�tterchen aus eigener Kraft stehen konnte, dann trat er vor, wobei er den Zweih�nder �ber seine Schulter schwang. Auch er blickte an den drei Ranken empor zu Geist. Tiefe Sorge sprach aus seiner Miene.</p><p>�Vielleicht sollten wir die drei erst einmal losschneiden�, schlug Alberich unsicher vor.</p><p>M�tterchen humpelte aufgebracht auf ihn zu. �Du bist wahrlich ein zu kurz geratener Hornochse, Alberich Horth�ter! Diese Ranken kommen aus Geists K�rper! Wie w�rde es dir gefallen, wenn wir dir drei Finger abschneiden?�</p><p>�Aber es sind blo� Zweige!� widersprach er, obwohl M�tterchen ihm ansah, da� er Zweifel an seinen eigenen Worten hatte. �Ich meine, sie sind aus Holz und -�</p><p>�Nichts da!� widersprach M�tterchen. �Gar nichts wird hier durchgeschnitten!�</p><p>Je l�nger L�wenzahn Geists rankenumschlungenen Leib anstarrte, desto bleicher wurde sein Gesicht. �Trotzdem m�ssen wir irgendwas tun.�</p><p>Alberich zuckte mit den Schultern. �Vielleicht f�llt sie ja nach einer Weile von alleine runter.�</p><p>�Hoffentlich wenn du gerade drunterstehst!� entfuhr es M�tterchen lakonisch, und sie verdrehte dabei die Augen. �Manchmal frage ich mich ernsthaft, wie du jemals H�ter dieses Berges geworden bist.�</p><p>Zornig fuhr der Zwerg herum. �Ich habe es mir nicht ausgesucht, das kannst du mir glauben!�</p><p>L�wenzahn streckte vorsichtig die Finger aus und versuchte, die Schlinge am Hals eines der Zwerge zu lockern. Doch der Peitschenzweig zog sich unter der Ber�hrung nur noch enger zusammen. L�wenzahn zuckte erschrocken zur�ck.</p><p>�Geist?� fragte er zaghaft. Bislang hatte noch keiner von ihnen versucht, das Moosfr�ulein anzusprechen.</p><p>Und tats�chlich, der einfachste Weg war der richtige. Geist schlug die Augen auf, als sie ihren Namen vernahm, und noch im selben Moment l�sten sich die drei Schlingen mit einem blitzschnellen Ruck. Alberich und L�wenzahn traten eilig einen Schritt zur�ck, als die Toten polternd zu Boden fielen. Das Moosfr�ulein l�ste den Kopf von der Decke und sah an sich herab zu ihren F��en. Wie auf ein stummes Kommando l�sten sich die Ranken an ihren Fu�gelenken, und wenige Herzschl�ge sp�ter baumelte Geist nur noch mit den H�nden an der Decke. L�wenzahn fing sie sanft auf, als sich die Schlingen auch von ihren Fingern und Handgelenken zur�ckzogen.</p><p>�La� mich bitte runter�, bat sie und l�chelte den Hunnenkrieger zaghaft an. L�wenzahn hob eine Augenbraue, im Zweifel, ob sie wirklich kr�ftig genug war, um stehen zu k�nnen, erf�llte ihr dann aber den Wunsch.</p><p>Geist schwankte ein wenig, fand jedoch schlie�lich ihr Gleichgewicht wieder. Jetzt erst blickte sie auf die drei Leichen herab.</p><p>�War <emphasis>ich </emphasis>das?� fragte sie betroffen. Zugleich huschte ein Schatten �ber ihre Z�ge, als bek�me sie pl�tzlich Angst vor sich selbst.</p><p>M�tterchen legte ihr eine Hand auf die Schulter. �Du hast uns das Leben gerettet�, sagte sie stolz.</p><p>Geist konnte ihren Blick nicht von den Toten nehmen. �Ich wu�te nicht... ich meine, ich hatte ja keine Ahnung, da� ich...!�</p><p>�Das hatte wohl keiner von uns�, meinte Alberich d�ster.</p><p>M�tterchen sah ihn streng an, sagte aber nichts.</p><p>Die drei Ranken aus Geists Brust baumelten an ihrem K�rper herab und ringelten sich auf dem feuchten Felsboden. Das Moosfr�ulein hob eine Hand und streichelte z�rtlich dar�ber, und wenig sp�ter zogen sich die Zweige zur�ck, wurden k�rzer und verschwanden schlie�lich v�llig zwischen ihren Br�sten.</p><p>�Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen h�tte�, begann L�wenzahn, f�hrte den Satz aber nie zu Ende, denn M�tterchen sagte laut: �Ich glaube, wir sollten allm�hlich herausfinden, wo diese Kerle hergekommen sind.�</p><p>Alberich nickte hastig, offenbar dankbar, da� ihn jemand von Geists gespenstischen F�higkeiten ablenkte.</p><p>L�wenzahn sagte: �Es gibt noch eine gr��ere Grotte, gleich nebenan.� Er deutete auf die �ffnung, durch die Geist und er am Vortag hereingekommen waren. Das Rauschen der Wasserstrahlen, die sich dort aus den Kanall�chern in den See ergossen, schien schlagartig an Lautst�rke zuzunehmen, als h�tte das Ger�usch nur darauf gewartet, endlich wahrgenommen zu werden.</p><p>Alberich packte entschlossen seine Axt und ging voran, ihm folgten L�wenzahn, dann Geist und zuletzt M�tterchen. Als sie schlie�lich alle auf der Felsscholle standen, die sich �ber einen Teil des unterirdischen Sees erstreckte, sch�ttelte der Zwerg nachdenklich den Kopf.</p><p>�Fr�her war der Wasserspiegel viel h�her�, meinte er mi�trauisch.</p><p>M�tterchen fiel ihre Beobachtung im Treppenschacht ein. �Auch die Stufen standen bis vor kurzem unter Wasser.�</p><p>Alberich nickte und deutete �ber den See. �Der Strudel war beim letztenmal, als ich hier war, noch nicht da.�</p><p>�Wie lange ist das her?� fragte M�tterchen.</p><p>Er hob unsicher die Schultern. �Acht, neun Jahre.�</p><p>�In der Zeit kann hier unten viel geschehen sein�, meinte L�wenzahn.</p><p>M�tterchen trat auf ihren Stab gest�tzt n�her an den Rand der Scholle. �Unter dem Fels ist ein Hohlraum�, stellte sie fest. �Der See geht darunter weiter.�</p><p>L�wenzahn stimmte zu. �Gestern, als Geist und ich hier unten waren, dachte ich, ich h�tte jemanden gesehen. Er sprang vor meinen Augen ins Wasser und verschwand.�</p><p>Alberich schlug sich fassungslos vor die Stirn. �Und das erz�hlst du uns erst jetzt?�</p><p>�Ich hab�s M�tterchen erz�hlt�, verteidigte sich der Krieger.</p><p>�Das stimmt�, sagte die R�uberin gr�belnd. �Aber seit wann haben Zwerge Kiemen?�</p><p>�Zwerge hassen das Wasser�, knurrte Alberich, ver�rgert, da� man ihm L�wenzahns Beobachtung bisher vorenthalten hatte.</p><p>Geist mischte sich ein. �Er k�nnte sich unter dem Felsen versteckt haben, bis L�wenzahn und ich wieder fort waren. Wenn es wirklich einen schmalen Hohlraum zwischen Stein und Wasser gibt, h�tte er dort atmen k�nnen.�</p><p>�Trotzdem wissen wir noch immer nicht, woher all diese Zwerge pl�tzlich kommen�, sagte M�tterchen.</p><p>�Und was sie hier wollen�, f�gte Alberich hinzu.</p><p>L�wenzahn rollte mit den Augen. �Nat�rlich das, was alle wollen.�</p><p>�Das Gold�, stimmte M�tterchen zu.</p><p>�Dann sollten wir uns endlich die Horthalle ansehen�, meinte L�wenzahn, wollte sich abwenden und zur�ck in die Nebengrotte gehen. Da fiel sein Blick auf Geist. Das Moosfr�ulein war an eine der W�nde getreten, auf der anderen Seite des begehbaren Teils der H�hle. Im D�mmerlicht verschmolz sie beinahe v�llig mit dem moos- und algenbedeckten Hintergrund.</p><p>�Das war es also, was ich gesp�rt habe�, sagte sie leise, ohne sich zu den anderen umzudrehen.</p><p>Sogleich eilten die anderen zu ihr und blickten verwundert auf eine Stelle an der Wand, etwa zwei mal zwei Schritte gro�, an der die f�nf Zwerge den Pflanzenbelag zerschnitten und abgeschabt hatten.</p><p>�<emphasis>Das </emphasis>hast du gesp�rt?� fragte L�wenzahn staunend.</p><p>Geist nickte stumm.</p><p>�Warum haben sie das getan?� wunderte sich M�tterchen.</p><p>Alberich deutete ein St�ck nach rechts. Dort lehnten im Schatten eines Vorsprungs sechs Spitzhacken an der Wand, au�erdem mehrere H�mmer, Mei�el und andere Arbeitsutensilien der Zwerge. �Sie wollten einen Stollen graben�, stellte er fest und sch�ttelte ungl�ubig den Kopf.</p><p>�Oder einen Durchbruch�, f�gte M�tterchen hinzu.</p><p>Der Zwerg starrte sie aus gro�en Augen an. �Unm�glich! Es gibt dahinter nur massiven Fels, keinen Hohlraum.�</p><p>M�tterchen winkte ab. �Wie L�wenzahn schon richtig erkannt hat: Seit du zuletzt hier unten warst, kann vieles geschehen sein.� Sie deutete auf den Strudel, der das Wasser in eine �ffnung ri�, die, laut Alberich, vor einigen Jahren noch nicht existiert hatte. �Ich f�rchte, mein Freund�, sagte sie unheilschwanger, �irgendwer ist schon seit l�ngerer Zeit dabei, deinen Berg zu untergraben.�</p><p>Alberichs Lippen bebten. Er brachte vor Ersch�tterung kein Wort heraus.</p><p>�Sag�, meinte M�tterchen und zeigte auf die Stelle, an der die Zwerge die Pflanzen entfernt hatten, �was liegt in dieser Richtung?� Sie ahnte die Antwort bereits, bevor Alberich endlich die Kraft fand, die beiden Worte auszusprechen.</p><p>�Die Horthalle�, sagte er heiser.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>M�tterchen trat an Alberichs Seite durch das hohe Portal und wappnete sich f�r den schlimmsten aller Anblicke: Dutzende Zwerge, die mit Kisten und S�cken wie Ameisen �ber die Sch�tze der Nibelungen schw�rmten.</p><p>Als sie von der kleinen, gel�nderlosen Plattform im oberen Teil der Hallenwand hinab in die Tiefe blickte, blendete sie das Glitzern und Funkeln des Hortes wie der Feuersto� eines Drachen. Erst als sich ihre Augen an die unnat�rliche Helligkeit gew�hnten, erkannte sie erleichtert, da� ihre Sorge unbegr�ndet war. Zwar war es unm�glich, von so hoch oben Einzelheiten zu erkennen, doch jedes Lebewesen, das sich dort unten aufhielt, h�tte sich von der unerme�lichen Pracht des Schatzes abheben m�ssen wie eine Regenwolke vom Sommerhimmel.</p><p>Die Halle war rund und so weitl�ufig, da� die gegen�berliegende Seite nur schwer auszumachen war. Aus der Tiefe funkelte der Goldglanz des Hortes empor und schien die unteren Regionen der Halle mit einem Dunst aus purem Licht zu erf�llen. Eine Wendeltreppe schl�ngelte sich spiralf�rmig um die W�nde. Beim ersten und einzigen Mal, da� Alberich M�tterchen und die beiden anderen mit hinab zur Oberfl�che des Hortes genommen hatte, waren sie am Mittag von der Portalplattform aufgebrochen und hatten am fr�hen Abend den Fu� der Treppe erreicht. Es war ein langer, eint�niger Marsch, und noch dazu ein Wagnis, denn die Treppe war schmal und besa� auf ihre gesamten L�nge kein Gel�nder. Die Gefahr, nach innen abzust�rzen, war gro�, wenn man die Stufen nicht ruhig und mit Bedacht hinabstieg. Unter der Decke der Halle, genau in der Mitte, hing ein besch�digter Seilzug, mit dem einst die Sch�tze nach unten transportiert worden waren. Die Holzbr�cke, die ihn fr�her mit der Plattform verbunden hatte, war schon vor langer Zeit eingest�rzt.</p><p>�Niemand hier�, bemerkte L�wenzahn ohne jede Spur von Erleichterung. Er hatte sich bereits auf einen weiteren Kampf gefreut.</p><p>Alberich dagegen war anzusehen, da� ihm ein Stein vom Herzen fiel. Er wollte etwas sagen, doch M�tterchen kam ihm zuvor.</p><p>�<emphasis>Noch </emphasis>ist niemand hier�, meinte sie, �aber das k�nnte sich bald �ndern. H�rt ihr das?�</p><p>Ein dumpfes Knirschen und Schleifen ert�nte, ohne da� jemand h�tte sagen k�nnen, woher es r�hrte. Es kam von irgendwo aus dem Inneren der Felsen.</p><p>�Da sind noch mehr von ihnen�, fuhr M�tterchen fort. �Und wer wei�, wie lange sie noch brauchen, um bis zur Halle durchzubrechen.�</p><p>�Aber wo kommen die her?� fragte L�wenzahn. �Zwerge sind doch keine Pilze, die einfach aus dem Boden schie�en.� Grinsend f�gte er hinzu: �Auch wenn sie mit ihren M�tzen so aussehen.�</p><p>Alberichs Gesicht schien mit jedem Atemzug die Farbe zu wechseln, doch das hatte nichts mit L�wenzahns Bemerkung zu tun. Seine faltigen Z�ge waren mal bleich wie die Leichen der erdrosselten Zwerge, mal hochrot vor Zorn und Hilflosigkeit. �Von unten�, sagte er mit schwerer Zunge. �Sie kommen von unten.�</p><p>�Aber ich denke, da ist nichts?� wandte M�tterchen ein, schaute ihn dabei jedoch neugierig, fast ein wenig argw�hnisch an.</p><p>�Es gibt nur diese M�glichkeit�, stie� Alberich atemlos hervor. �Sie m�ssen �ber die alte Zwergenstra�e gekommen sein.�</p><p>�Alte Zwergenstra�e?� fragte Geist. �Was ist das?�</p><p>Auch L�wenzahn und M�tterchen blickten verst�ndnislos.</p><p>�Ein Tunnel�, sagte er, und jeder merkte ihm an, da� ihm im Augenblick nicht nach weitschweifigen Erkl�rungen zumute war. �Er f�hrt durch die Tiefen der Erde hinauf ins Nordland. Vor gut zweihundert Jahren zog das Volk vom Hohlen Berg �ber die alte Zwergenstra�e zur�ck in seine fr�here Heimat, dorthin, von wo aus unsere Ahnen einst nach S�den aufgebrochen waren.�</p><p>�Du meinst, es gibt einen Tunnel <emphasis>unter </emphasis>dem Hohlen Berg?� fragte M�tterchen verbl�fft, aber auch ein wenig ver�rgert, da� Alberich ihnen erst jetzt davon erz�hlte.</p><p>�Niemand kennt den Einstieg�, verteidigte sich der Zwerg.</p><p>�Abgesehen von dir, nat�rlich�, brummte L�wenzahn.</p><p>�Ich bin der H�ter des Hortes!� fuhr Alberich ihn an. Falls er weihevoll klingen wollte, so mi�lang es ihm in der Hitze seiner Erregung. �Nat�rlich kenne ich den Einstieg! Aber au�er mir wei� keiner davon.�</p><p>�Nun�, meinte M�tterchen, �offenbar ist vor zweihundert Jahren ein ganzes Volk hindurchgezogen. So alt wie ihr Zwerge werdet, liegt das h�chstens zwei Generationen zur�ck, nicht wahr?�</p><p>Alberich nickte verdrossen.</p><p>Geist ri� vor Staunen den Mund auf. �Hei�t das, die Zwerge kehren zur�ck?�</p><p>�M�glich�, sagte M�tterchen gr�belnd. �Aber ich glaube eher, da� es sich nur um einige wenige handelt. Eine Bande h�chstens zwei, drei Dutzend.�</p><p>�Woher willst du das wissen?� fragte L�wenzahn.</p><p>�Wenn es ein ganzes Volk w�re oder eine Armee, dann h�tten wir in der Wassergrotte gewi� mehr als nur diese sechs angetroffen.� Sie wandte sich an Alberich. �Wo genau befindet sich der Einstieg zur Zwergenstra�e?�</p><p>�Das darf ich nicht sagen!�</p><p>�Wir sind deine Freunde!� entfuhr es M�tterchen aufgebracht.</p><p>�Ihr seid keine Zwerge�, meinte er beharrlich, wagte aber nicht, der R�uberin dabei in die Augen zu blicken.</p><p>L�wenzahn wollte auffahren, doch M�tterchen schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. �Wie du meinst, Horth�ter�, sagte sie zu Alberich. Und damit drehte sie sich zum Portal um und ging davon.</p><p>�Wo willst du denn hin?� rief Alberich ihr hinterher.</p><p>L�wenzahn schenkte ihm einen finsteren Blick, und sogar Geist sah ver�rgert aus. Beide machten sich wortlos auf, M�tterchen zu folgen.</p><p>Alberich stand einen Augenblick lang da wie versteinert, dann setzte er sich in Bewegung. Wild gestikulierend �berholte er die beiden, lief hinaus auf den Gang und hielt M�tterchen am �rmel ihres Gewandes fest. Widerwillig blieb sie stehen, w�hrend die beiden anderen aufholten. Alberich stellte sich ihnen in den Weg, mit h�ngenden Schultern und schuldbewu�ter Miene. Nach Worten ringend trat er von einem Fu� auf den anderen.</p><p>�Ihr k�nnt das nicht verstehen�, murmelte er fahrig.</p><p>�Du vertraust uns nicht, das verstehen wir sehr wohl�, gab M�tterchen zornig zur�ck. �Wir sind keine Zwerge, das ist wahr, und ich bin heilfroh dar�ber. Und doch haben wir zwei Jahre lang f�r dich und das Verm�chtnis deines Volkes gek�mpft. Hast du das vergessen?�</p><p>�Was f�r eine Frage!� gab er aufgebracht zur�ck. �Nichts ist vergessen, und nichts wird jemals vergessen sein. Mein Volk� - er verbesserte sich widerwillig - �<emphasis>ich </emphasis>werde euch immer dankbar sein.�</p><p>�Nicht dankbar genug, uns ins Vertrauen zu ziehen�, sagte L�wenzahn. Geist an seiner Seite schwieg, nickte nur langsam. Ganz andere Gedanken besch�ftigten sie. Noch immer war sie im Zweifel �ber sich selbst und ihre F�higkeiten.</p><p>Ein Feuerwerk aus Gef�hlen und Regungen spiegelte sich auf Alberichs faltigen Z�gen wieder. Sein Ringen mit sich selbst blieb den Gef�hrten nicht verborgen. M�tterchen und die anderen warteten geduldig ab, bis er neuerlich das Wort ergriff.</p><p>�Gut�, sagte er schlie�lich, und pl�tzlich klang seine Stimme wieder fest und entschlossen, wie sie es von ihm gewohnt waren. �Ich werde euch alles erz�hlen. La�t uns hinuntergehen zum Hort, und auf dem Weg dorthin sollt ihr erfahren, was damals geschah, beim letzten Mal, als der Zugang zur alten Zwergenstra�e ge�ffnet wurde.�</p><p>M�tterchen und L�wenzahn wechselten einen Blick, dann nickte die R�uberin. �Alles?� fragte sie den Zwerg mit hochgezogener Augenbraue.</p><p>Er brummte etwas Unverst�ndliches, dann sagte er: �Alles!�</p><p>So brachen sie auf und traten zum zweiten Mal an diesem Tag durch das Portal auf die Plattform �ber dem Nibelungenhort. Abermals schlug sie der �berw�ltigende Goldglanz aus der Tiefe in seinen Bann, doch diesmal verharrten sie nicht angesichts dieses Anblicks. Was immer ihnen zu tun blieb, mu�te sehr schnell getan werden. Alberich betrat als erster die schmale Treppe in der Wand der Halle, M�tterchen, Geist und L�wenzahn folgten ihm. Die Stufen waren zu schmal, um zu mehreren oder auch nur zu zweit nebeneinander zu gehen, und so machten sie sich hintereinander auf den Weg. Ein k�hler Luftzug spielte in ihrem Haar, in Alberichs Bart und im Fellbesatz von L�wenzahns R�stzeug. Es roch anders als in den �brigen S�len und Fluren des Berges, nicht feucht und modrig, sondern metallisch, fast wie Blut. M�tterchen hatte nicht gewu�t, da� Gold einen eigenen Geruch besa�, aber sie hatte auch nie vor ihrer Zeit im Hohlen Berg solche Mengen davon auf einem Haufen gesehen. Sie fragte sich sorgenvoll, welche anderen neuen Erfahrungen ihnen der Abstieg in die Tiefe der Horthalle bringen w�rde.</p><p>Dann aber hob Alberich seine Stimme, und die Gedanken der anderen wandten sich dem zu, was er zu berichten hatte. �Vor zwei Jahrhunderten war der Hohle Berg ein Ort voller Leben. Kein zweites Zwergenvolk gab es s�dlich der Nordlande, das es zu solcher Bl�te gebracht hatte. Hunderte, Tausende meiner Br�der und Schwestern bev�lkerten die tiefen Hallen des Berges, sie sch�rften Gold und Silber und Erz in den Minen und fertigten daraus den pr�chtigsten Schatz, den je das Auge eines Sterblichen gesehen hat.</p><p>Doch das Volk vom Hohlen Berg war kein gl�ckliches Volk, denn es war nicht sein eigener Herr, und der letzte K�nig unter dem Berg, Thorh�l, war ein K�nig ohne Macht. Die wahren Herrscher waren die Nibelungen, denen sich einer von Thorh�ls Vorg�ngern verpflichtet hatte, und das Geschmeide, das die Zwerge schufen, fiel allein dem F�rsten Nibelung und seinen Erben anheim. Meine Vorfahren trugen keine Sklavenketten, und es gab keine W�chter oder Aufseher im Hohlen Berg; und doch fesselte der Eid des alten K�nigs die Zwerge fester an die Faust der Nibelungen als jeder Reif aus Stahl und jede schmiedeeiserne Kette. Vergessen war der Zugang zur alten Zwergenstra�e, durch die vor Urzeiten die ersten Zwerge aus dem Nordland zum Hohlen Berg gekommen waren, und so lebten meine Vorfahren friedvoll, aber betr�bt in diesen Hallen und mehrten den Reichtum der Nibelungenf�rsten.</p><p>Da begab es sich eines Tages, da� Eindringlinge im Hohlen Berg gesichtet wurden, erst einzelne, dann immer mehr, bis schlie�lich eine ganze Heerschar aus den Tiefen heraufstieg und Krieg �ber mein Volk brachte. Nordlinge waren es, gewaltige Krieger, vielleicht den Menschen verwandt, vielleicht auch den Riesen, oder gar eine b�sartige Kreuzung aus beiden. K�nig Thorh�l und seine K�mpfer erkannten, da� die Nordlinge nur �ber einen einzigen Weg in den Berg gelangt sein konnten: Es mu�te ihnen gelungen sein, die alte Zwergenstra�e zu durchqueren, vom eisigen Nordland aus bis hierher, mitten ins Herz des Hohlen Berges. Sie hatten den vergessenen Zugang von unten aufgesto�en und waren geradewegs in Thorh�ls Reich marschiert, und mit sich brachten sie Tod und Verderben. Ihr scharfer Stahl blitzte im Goldglanz des Hortes, und ihre Augen leuchteten vor Gier. So kamen sie �ber meine Vorfahren, und viele meiner Br�der fielen unter ihrem ersten Ansturm. Schlacht um Schlacht entbrannte in den Hallen des Berges, wochenlang w�teten die K�mpfe. Die Nibelungen weigerten sich einzugreifen, sie versperrten das Portal des Hohlen Berges von au�en und warteten ab, wer als Sieger aus dem Krieg in der Tiefe hervorgehen w�rde. Seit Generationen hatten die Zwerge nicht mehr k�mpfen m�ssen. Alles, was sie kannten, war die Arbeit in den Minen, das Sch�rfen nach Gold, das nicht ihnen geh�rte. Die H�lfte der Zwergenarmee fiel im Kampf gegen die Nordlinge, und doch gelang es dem Rest, den Feind vernichtend zu schlagen. Hunderte Zwerge hatten ihr Leben gelassen, obwohl die Angreifer ihnen an Zahl weit unterlegen waren. Teile des Berges waren versch�ttet, neue Durchbr�che und H�hlen entstanden, und trotz ihrer Verluste hatten die Zwerge zumindest einen Gewinn aus dem Krieg mit den Nordlingen gezogen: Ihr Wille zu k�mpfen, ihr Wunsch nach Freiheit und Sieg war zur�ckgekehrt.</p><p>Da nun der Zugang zur Zwergenstra�e wiederentdeckt war, fa�te K�nig Thorh�l den Beschlu�, eine kleine Gruppe von Kriegern gen Norden zu schicken. Ihre Aufgabe sollte es sein, den Tunnel selbst, vor allem aber die Lage im Nordland zu erkunden. Gab es dort oben noch Zwerge, oder waren sie alle dem Ha� der Nordlinge zum Opfer gefallen? Unterschied sich ihre Lebensweise von jener ihrer Verwandten im Hohlen Berg? Und mu�te man mit Widerstand rechnen, wenn mit einemmal mehrere tausend Fl�chtlinge aus dem Tunnel stiegen und einen Teil des alten Zwergenlandes zur�ckforderten?</p><p>Der Plan des K�nigs n�mlich war es, den uralten Eid zu brechen, die Arbeit am Hort zu beenden und mit seinem ganzen Volk in die Heimat der Zwerge zur�ckzukehren.</p><p>Der K�nig w�hlte eine Frau, um die Gruppe der Auserw�hlten anzuf�hren. Grimma war ihr Name, eine Heerf�hrerin, mit der es kein anderer Krieger im Berg an Klugheit oder Kampfkraft aufnehmen konnte. Ihr zur Seite stellte er einige der besten K�mpfer des Reiches.</p><p>Wagemutig machte sich der Erkundungstrupp auf den Weg, und zum erstenmal seit Beginn der Nibelungenknechtschaft hallte wieder lauter Jubel durch die Flure und S�le des Berges. Vergessen geglaubte Lieder ert�nten aus zahllosen Kehlen, die alten Instrumente wurden hervorgeholt, und Geschichten vom einstigen Ruhm des Zwergenvolkes machten die Runde. Jedermann war voller Hoffnung und Freude, und da war nicht einer, der bezweifelte, da� Grimmas Mission erfolgreich sein w�rde. Bald, so hoffte man, w�rde man dem Berg den R�cken kehren und dorthin gehen, wo es noch ein Leben in Freiheit gab, und Ehre und Reichtum im �berflu�.�</p><p>M�tterchen unterbrach Alberichs Redeflu�. �Hat denn keiner daran gedacht, da� es gewi� einen guten Grund gab der die Zwerge dereinst veranla�t hatte, das Nordland zu verlassen?�</p><p>�Im Jahr des Krieges mit den Nordlingen war ich noch nicht geboren�, erwiderte der Zwerg, ohne beim Abstieg die Treppe hinab innezuhalten, �und ich wei� nicht, ob sich jemand diese Frage gestellt hat. Aber Thorh�l war kein dummer K�nig, und sicher hat er alle M�glichkeiten in Betracht gezogen.�</p><p>M�tterchen war damit keineswegs zufriedengestellt, doch L�wenzahn rief von hinten: �Erz�hl schon weiter, Alberich! Wie erging es Grimma und ihren M�nnern? Was geschah dort unten im Tunnel?�</p><p>Der Horth�ter r�usperte sich w�rdevoll. �Gro� waren die M�hen der Reisenden und verwegen ihre Abenteuer, ehe sie schlie�lich ans Ende der alten Zwergenstra�e gelangten. Schon Tage zuvor wehte ihnen die K�lte der Nordlandgletscher entgegen, und die W�nde des Tunnels waren mit Eis �berzogen. Selbst die w�rmste Kleidung vermochte den Frost nicht fernzuhalten. Doch obgleich sie alle froren und zitterten, glaubten sie mit aller Kraft an ihre Mission und an Thorh�ls Plan. Vor allem Grimma verlie� in keinem Augenblick der Mut. Wahrlich, sie war eine gro�e Anf�hrerin, eine, die nicht nur wu�te, wie man gegen Schwerter und �xte k�mpft, sondern auch gegen schwindende Hoffnung und die Wut der Elemente.� Alberich verstummte f�r einen Moment, und M�tterchen glaubte schon, er wollte nicht fortfahren. Doch der Zwerg holte tief Luft, und als er weitersprach, verriet seine Stimme, wie sehr ihn der Gedanke an die vergangenen Heldentaten bewegte. Er klang sanft, fast traurig, als er sagte: �Grimma war nicht wie die anderen, und jeder ihrer Begleiter wu�te das. Von ihren M�nnern wurde sie verehrt und gef�rchtet zugleich, ganz so, wie es sich jeder Hauptmann w�nscht.�</p><p>M�tterchen fragte sich, woher Alberich, der sein ganzes Leben allein im Hohlen Berg verbracht und nie einen Hauptmann kennengelernt hatte, das wissen wollte. Doch schien ihr dies kein guter Augenblick f�r eine erneute Unterbrechung. Alberichs Stimme klang belegt, teilnahmsvoll. Beinahe so, als w��te er besser Bescheid �ber die Geschehnisse von damals, als er zugeben wollte. Zum erstenmal beschlichen M�tterchen leise Zweifel, ob der Horth�ter ihr und den anderen tats�chlich in allem die Wahrheit gesagt hatte. �ber sich selbst, den Hohlen Berg und �ber das Verschwinden der Zwerge.</p><p>Alberich schwelgte immer noch im Lob f�r eine Kriegerin, die vor vielen Jahrzehnten gestorben sein mu�te. M�tterchen drehte sich im Gehen irritiert zu Geist und L�wenzahn um. Das Moosfr�ulein zuckte nur mit den Schultern, und nicht einmal der Halbhunne wagte, Alberichs Hymne auf Grimma zu unterbrechen, so als sp�rte er instinktiv, da� es hier um weit mehr ging als nur um den Ruhm einer alten Zwergenheldin.</p><p>�Stark war Grimmas Axtarm�, sagte Alberich, �und weise ihr Zuspruch. Sie verdr�ngte die K�lte aus ihrem K�rper und mit ihr die Angst vor dem, was sie im Nordland erwarten mochte. Kein anderer h�tte den Trupp so weit f�hren k�nnen, und keinen h�tte das, was sp�ter geschah, h�rter treffen k�nnen als sie.�</p><p>Abermals hielt er inne, und nachdem eine Weile lang das Klappern ihrer Schritte auf den Felsstufen der einzige Laut in der Halle gewesen war, fuhr er tonlos fort: �Grimma und ihre M�nner erklommen die Steinrampe, die hinauf zum Ausstieg der Zwergenstra�e f�hrte, und weit �ber sich sahen sie den Himmel des Nordlandes, schwer von Wolken aus Schnee und Eis. Die K�lte bi� durch ihre Kleidung, stach wie Pfeilspitzen in ihre Leiber, doch in diesem Augenblick war aller Schmerz vergessen. Sie waren am Ziel, endlich am Ziel, und sie hatten kaum mehr als f�nf Monde daf�r gebraucht. Es war eine Zeit voller Entbehrungen gewesen, eine Zeit des Hungers, der K�lte und der Einsamkeit im Dunkeln. Zwei von ihnen waren dabei auf der Strecke geblieben, zwei weitere konnten vor Ersch�pfung kaum mehr laufen. Jetzt aber, da das Nordland in greifbarer N�he lag, waren das Elend und die Qual des Weges vergessen, und vor sich glaubten sie die Zukunft ihres Volkes, die lang ersehnte Freiheit.</p><p>Sie erreichten den Rand der �ffnung und sahen, da� sich um sie herum steile Schr�gen erhoben, ein Rund aus steinernen Stufen. Eine Arena war es, ein Amphitheater von gewaltigen Ausma�en, und in seiner Mitte klaffte der Zugang zum Tunnel. Grimma und die Krieger kletterten die verschneiten R�nge empor, und oben angekommen entdeckten sie, da� sich die Arena im Herzen einer Stadt befand und die Stadt in einem Tal und das Tal in einem hohen, zerkl�fteten Gebirge. Kein lebendes Wesen war weit und breit zu sehen. Die Stadt war ein Labyrinth aus Ruinen, aus Mauerresten, eingest�rzten Torb�gen und zerfallenen D�chern, und ringsum t�rmten sich gewaltige Felsbrocken, manche nicht gr��er als ein Pferd, andere aber so schwer wie ein Haus, und es sah aus, als seien sie geradewegs vom Himmel herabgefallen. Alles war von einer Schneedecke �berzogen, die es schwierig machte, Einzelheiten zu erkennen. Doch je l�nger Grimma und die anderen �ber den Rand der Arena hinausschauten, desto gr��er wurde ihre Gewi�heit, da� diese Stadt nicht immer im Freien gelegen hatte. Denn die Felsen waren augenscheinlich die �berreste einer m�chtigen H�hlendecke, die das ganze Tal �berspannt hatte, und die Bergh�nge rundherum waren die W�nde einer riesigen Grotte. Die H�user, Pl�tze und Stra�en hatten einst im Inneren eines Berges gelegen, bis irgend etwas - oder irgendwer - die Felsdecke zum Einsturz gebracht hatte.</p><p>Grimma hatte nach so langer Zeit endlich die alte Heimat ihrer V�ter wiedergefunden, und nun gen�gte ein einziger Blick, um zu erkennen, weshalb die Zwerge sie damals verlassen hatten.�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>KAPITEL 5</strong></p></title><empty-line/><p>Sie lagen in einer Reihe am Rande der Arenamauer, achtzehn Zwerge nebeneinander, jeder in Felle geh�llt. Fassungslos blickten sie �ber die schneebedeckte Ruinenlandschaft. Viel war von der Stadt nicht mehr zu erkennen, weit �ber zwei Drittel lagen unter den Tr�mmern der eingest�rzten H�hlendecke begraben. Anders als das Reich im Hohlen Berg, das aus einem System von H�hlenkammern und Stollen bestand, war dies eine Stadt beinahe nach dem Vorbild der Menschen gewesen. Sie war ebenerdig angelegt worden, mit H�usern und T�rmen und offenen Stra�en. Der einzige Unterschied war, da� sie am Boden einer gewaltigen Grotte errichtet worden war.</p><p>Styrmir, der Berater des K�nigs, lag rechts neben Grimma. Er hatte offenbar den gleichen Gedanken wie sie. �Kein Zwerg vermag es heutzutage mehr, einen Hohlraum von solcher Gr��e in den Fels zu treiben�, fl�sterte er beeindruckt.</p><p>�Einen ganzen Berg abzust�tzen�, meinte Egil, �das ist unglaublich!�</p><p>�Unglaublich, ja, und anscheinend auch ziemlich unbedacht�, setzte Gellir Rotbart m�rrisch hinzu. �Immerhin ist die Decke eingest�rzt.�</p><p>Styrmir lie� seinen Blick weit �ber die untergegangene Stadt schweifen. �Da unten ist kein Leben mehr�, stellte er fest. Er wollte aufstehen, doch Grimma ri� ihn an der Schulter zur�ck auf den vereisten Stein.</p><p>�Warte!� befahl sie. �Falls doch noch jemand da ist, mu� er nicht wissen, da� wir in seiner N�he sind.�</p><p>�Nordlinge?� fragte Bollis, der zu ihrer Linken lag.</p><p>�Wer wei�?� Sie gab den anderen ein Zeichen, sich auf dem Bauch ein St�ck zur�ckzuziehen, fort von der offenen Mauerkante. �Wir sind w�hrend der f�nf Monde im Tunnel nicht einem einzigen Nordling begegnet. Sie m�ssen von hier gekommen sein.�</p><p>�Aber das hier ist Zwergenland!� entfuhr es Bollis erz�rnt.</p><p>�<emphasis>War </emphasis>Zwergenland, du Dummkopf!� verbesserte ihn Gellir. Die grellwei�e Sonne des Nordlandes spiegelte sich auf seiner eisernen Augenklappe, lie� sie leuchten wie ein Zyklopenauge.</p><p>Bis zum Einfall der Berserker im Hohlen Berg waren die Nordlinge f�r die Zwerge nicht mehr als eine Legende gewesen, ein sagenumwobenes Kriegervolk, das durch die Erz�hlungen der Alten geisterte. Nichts war �ber sie bekannt, nicht ihre genaue Herkunft, nicht ihre Lebensweise. Allein ihre Kampfkraft war �berliefert, und mit ihr die Berichte von Mord und Zerst�rung.</p><p>Styrmir wandte sich im Liegen abermals an Grimma. �Du glaubst also, dort unten in den Ruinen leben Nordlinge?�</p><p>�Vielleicht�, sagte sie finster. �Oder Schlimmeres.�</p><p>�Was ist schlimmer als Nordlinge?� fragte ein junger Schreiber. Der zweite war vor drei Monden in einem unterirdischen Flu�lauf ertrunken.</p><p>�Wir werden einen Erkundungstrupp bilden�, sagte Grimma. �Acht Mann gehen hinunter und schauen sich um, der Rest bleibt hier und wartet.�</p><p>�Ich gehe!� verk�ndete Gellir Rotbart entschlossen. �Ich werde nicht hier oben auf dieser Mauer herumliegen und warten, bis meine Axt eingeschneit ist.�</p><p>Andere pflichteten ihm bei, nur der Schreiber fragte ein zweites Mal: �Was ist schlimmer als Nordlinge?� Auch diesmal erhielt er keine Antwort.</p><p>Grimma erkl�rte, da� sie selbst den Sp�htrupp anf�hren w�rde. Gellir, Bollis und Egil, sollten gleichfalls mitgehen, dazu vier der anderen Krieger, nicht die besten, damit auch die Zur�ckbleibenden im Falle eines Angriffs �ber ausreichende Kampfkraft verf�gten.</p><p>Nachdem Grimma die letzten Anweisungen gegeben hatte, wollten sie und die anderen aufbrechen. Doch Styrmir hielt sie zur�ck. �Ich will auch mitgehen�, sagte er.</p><p>�Nein�, widersprach sie, �du bleibst hier.�</p><p>�Jemand wird dem K�nig �ber die Lage dort unten Bericht erstatten m�ssen.�</p><p>Grimma l�chelte; sie wu�te, da� das nur ein Vorwand war. Styrmir ging es nicht um den K�nig, erst recht nicht um seine Pflichten als Berater. Er wollte dabei sein, wenn sie etwas fanden, das war alles. Ihn reizte das Wagnis, der Lockruf des Unbekannten. W�hrend der vergangenen Monde hatte er sich mehr als einmal freiwillig gemeldet, wenn es galt, dunkle Felsspalten zu erkunden und stille, schwarze Seen zu durchschwimmen. Grimma hatte jedesmal abgelehnt und den �brigen Zwergen den Vorzug gegeben. Nicht, weil sie Styrmirs Dr�ngen nicht zu sch�tzen wu�te. Aber die anderen waren Krieger, und sie waren sich der Tatsache bewu�t, da� einige von ihnen diese Reise nicht �berleben w�rden. Der Gedanke an den Tod war ihnen vertraut, sie hatten sich l�ngst damit abgefunden. Styrmir aber war neugierig, wi�begierig, und Grimma fand nicht, da� es sich daf�r zu sterben lohnte.</p><p>Sie wollte sich abwenden und mit den anderen davonkriechen, doch Styrmir packte sie am Arm. �La� mich mitgehen�, bat er noch einmal. �Sollte es mein Tod sein, dann habe ich selbst es so gewollt.�</p><p>�Es w�re ein unn�tzer Tod.� Ungeduldig sch�ttelte Grimma seine Hand ab. �Es mag sich lohnen, im Kampf zu sterben, f�r das Leben anderer oder eine gerechte Sache. Aber dein Tod w�re niemandem zum Vorteil, nicht einem von uns und nicht unserem Ziel.�</p><p>Ein L�cheln huschte �ber Styrmirs t�towiertes Gesicht. �Du willst nicht, da� ich sterbe?�</p><p>�Nat�rlich nicht.� Sie hatte die Worte kaum ausgesprochen, als ihr die Frage durch den Kopf scho�, ob er damit irgend etwas andeuten wollte. Zu ihrem Erstaunen zog Styrmir sich zur�ck, doch das vage L�cheln blieb.</p><p>�Was ist so lustig?� zischte sie, zum erstenmal verunsichert.</p><p>�Nichts�, gab er leise zur�ck. �Ich w�nsche dir viel Gl�ck, Grimma.�</p><p>Sie mu�te an sich halten, um nicht nach ihm zu greifen und den Grund dieses dreisten L�chelns aus ihm herauszupr�geln. Aber alle anderen beobachteten sie, und sie durfte sich nicht die Bl��e geben, sich derart von Styrmir aus der Fassung bringen zu lassen. Jemand h�stelte betont, zwei andere fl�sterten grinsend miteinander. Was, bei allen G�ttern, ging hier vor?</p><p>Gellir legte ihr eine Hand auf die Schulter. �Gehen wir?�</p><p>Mit einem letzten Blick auf die Zur�ckbleibenden - bem�ht, ihre Augen nicht auf Styrmir ruhen zu lassen - wandte Grimma sich um und kroch mit einem ver�chtlichen Schnauben an die Spitze des Sp�htrupps. Geb�ckt huschten sie am inneren Rand der Arenamauer entlang. Ein Rundweg, etwa zehn Schritte breit, f�hrte wie ein Wehrgang um das ganze Theater. Die R�nge waren wie die ganze Stadt von gewaltigen Felsbrocken �bers�t, dennoch glaubte Grimma, da� sich in der Arena keine Feinde verbargen. Solange sich ihr Trupp an der Innenkante der Ummauerung aufhielt, war er von der Stadt aus nicht zu sehen.</p><p>Ein Tr�mmerst�ck, so gro� wie Thorh�ls Thronsaal, hatte eine tiefe Kerbe in die �u�ere Wand gerissen, einen V-f�rmigen Einschnitt, der fast bis zum Boden herabreichte, mindestens zwanzig Schritte tief. Hier kletterten sie im Schutz von Ger�ll und Mauerresten nach unten und erreichten nach einer Weile ebene Erde. Der Vorplatz des Amphitheaters war zu einem Labyrinth aus Spalten geworden, die sich weit zwischen den herabgefallenen Felsbrocken verzweigten. Grimma �rgerte sich �ber sich selbst; sie h�tte von oben einen Weg durch diesen Irrgarten auskundschaften m�ssen. Nun aber standen sie vor turmhohen Felsflanken und mu�ten sich allein auf ihr Gesp�r f�r die richtige Richtung verlassen.</p><p>Der Weg war m�hsam und f�hrte nur an wenigen Stellen �ber den gepflasterten Boden des Vorplatzes. Die meiste Zeit �ber kletterten sie grobkantige Schr�gen hinauf und hinunter, und Eis und Schnee vervielfachten die Erschwernisse. Oft verlor einer von ihnen der Halt und ri� einige der anderen mit sich. Als sie endlich die ersten H�userruinen erreichten, war keiner unter ihnen, der nicht zahllose blaue Flecken, Sch�rfwunden und Prellungen davongetragen hatte.</p><p>Aus der N�he erkannte Grimma, da� die meisten Geb�ude von der herabgest�rzten H�hlendecke zerschmettert worden waren. Vielfach standen noch einige der Au�enmauern, aber im Inneren stie�en die Zwerge auf Gesteinsbrocken, die nicht nur die D�cher, sondern auch die Zwischenb�den durchschlagen hatten. Grimma hielt Ausschau nach Leichen, doch im Grunde war ihr klar, da� sie keine finden w�rde. Die Katastrophe, die das alte Zwergenreich vernichtet hatte, lag viele Jahrhunderte zur�ck, und das rauhe Wetter des Nordlandes mu�te jede Spur seiner Bewohner verwischt haben. Selbst wenn es noch irgendwo Knochen oder Kleiderreste geben sollte, lagen sie unter meterhohem Stein und Schnee begraben.</p><p>Der Wind, der durch die schmalen Freir�ume zwischen Mauern und Felstr�mmern wehte, verursachte sonderbare Ger�usche, so als sei die ganze Alptraumlandschaft von einem bedrohlichen Fl�stern erf�llt. Die Zwerge wurden mit jedem Schritt vorsichtiger, und Grimma war darauf bedacht, zu jeder Zeit pers�nlich an der Spitze des Trupps zu gehen. Mehrmals fuhr einer oder auch alle von ihnen herum, wenn sie glaubten, Stimmen oder Schritte zu h�ren, doch jedesmal erwiesen sich die Laute als Hirngespinst oder als das geisterhafte Pfeifen der Winterwinde.</p><p>Unter all den Tr�mmerbergen und Eismassen war es schwierig, sich das urspr�ngliche Bild der Zwergenstadt vorzustellen. Die Arena schien einst der Mittelpunkt der riesigen Anlage gewesen zu sein. Gassen f�hrten von dort aus sternf�rmig in alle Richtungen und waren untereinander durch weitere Schneisen und Durchg�nge verbunden. Aus der Luft mu�ten die Wege ein Muster bilden, das einem Spinnenetz sehr �hnlich war. Die Geb�ude hatten ein bis zwei Stockwerke, zudem gab es Reste einiger Aussichtst�rme, von denen nur noch ein einziger aufrecht stand. Wie durch ein Wunder hatte ihn der Gesteinregen unversehrt gelassen.</p><p>Die glei�ende Nordlandsonne n�herte sich bereits dem Rand der zerschrundeten Felsw�nde, als Grimma den M�nnern die Erlaubnis gab zu rasten. Sie alle waren ersch�pft, manche von St�rzen leicht verletzt, und obwohl sie nach Grimmas Einsch�tzung etwa ein Drittel der Stadt grob ausgekundschaftet hatten, f�hlte sie sich schutzlos und unsicher. Als Anf�hrerin durfte sie ihre Gef�hle keinem ihrer Gef�hrten offenbaren, und so tat sie gelassen und versuchte zugleich, den anderen Mut zuzusprechen. Sie fand selbst, da� sie dabei reichlich unbeholfen vorging, und sie kam sich unehrlich vor. Dennoch hatte sie bald das Gef�hl, da� sich die niedergeschlagene Stimmung der Krieger ein wenig hob.</p><p>�Werden wir die Nacht hier drau�en verbringen?� fragte Gellir, w�hrend sie alle sich in einer �berdachten Nische aneinanderdr�ckten. Sie wagten nicht, ein Feuer zu entz�nden, an dem sie sich h�tten w�rmen k�nnen. So lange nicht gekl�rt war, ob sich Nordlinge in den Ruinen aufhielten, durften sie durch nichts Aufmerksamkeit erregen.</p><p>�Haben wir eine andere Wahl?� erwiderte Grimma auf Gellirs Frage. �Au�erdem ist es in der Arena auch nicht w�rmer.� Sie f�hlte sich selbst nicht wohl bei dem Gedanken, in der untergegangenen Stadt zu �bernachten. Andererseits gab es nirgends einen besseren Platz. Immerhin hatten sie hier ein Dach �ber dem Kopf, das sie vor neuen Schneef�llen sch�tzte.</p><p>�Wenn die Nordlinge wirklich in der N�he sind, m��te es dann nicht H�tten geben?� fragte einer der Krieger. �Sie schlafen doch kaum ein Leben lang unter freiem Himmel.�</p><p>Grimma nickte. �Morgen fr�h werden wir als erstes versuchen, den Aussichtsturm zu besteigen. Vielleicht sieht man von dort oben mehr.�</p><p>Bollis zog sich sein Fell enger um die Schultern. �Ich bin daf�r, da� wir es heute noch versuchen. Sicher entz�nden die Nordlinge Feuer. Wir k�nnten vom Turm aus nach Rauch suchen, der zwischen den Ruinen aufsteigt.�</p><p>�Wir w�rden den Turm vor Sonnenuntergang nicht mehr erreichen�, entgegnete Grimma.</p><p>�Nicht alle zusammen�, sagte Bollis, �aber wenn zwei von uns, die Schnellsten, loslaufen, k�nnten sie noch rechtzeitig dort sein.�</p><p>Grimma wu�te, worauf er hinauswollte. Bollis und sie selbst liefen schneller als jeder andere. Gewi� hatte er recht: Sie konnten es schaffen. Vorausgesetzt, sie z�gerte den Entschlu� nicht l�nger hinaus.</p><p>�Nun gut.� Sie stand auf. �Egil, du f�hrst unterdessen den Befehl. Sollten Bollis und ich im Morgengrauen nicht wieder bei euch sein, bringst du die anderen zur Arena. Kehrt zur�ck zum Hohlen Berg und berichtet Thorh�l, was wir gefunden haben. Soll er die Entscheidung treffen, was zu tun ist.�</p><p>Wenig sp�ter waren sie und Bollis unterwegs. Mit weiten S�tzen liefen sie durch die Ruinen, in jene Richtung, in der oberhalb von Mauerresten und Felskanten der schlanke Aussichtsturm emporstach. Sein schwarzer Umri� stand da wie eine S�ule, die den graublauen Himmel st�tzte. Die Sonne war zur H�lfte hinter den spitzen Graten der Berge versunken, ihre verbleibenden Strahlen weckten die Nachtschatten aus ihrem Schlaf. Dunkelheit stieg vom Boden auf wie schwarzer Dunst.</p><p>Sie brauchten l�nger, als sie vermutet hatten, bis sie endlich, v�llig au�er Atem, den Fu� des Turmes erreichten. Sein Eingang wurde nahezu g�nzlich von einem Granitbrocken versperrt, und nur mit M�he gelang es Grimma und Bollis, sich durch den engen Spalt ins Innere zu zw�ngen. Dort erwartete sie die n�chste Entt�uschung: Der untere Teil der Wendeltreppe, die an den W�nden nach oben f�hrte, war eingest�rzt - ein Tr�mmerst�ck, das geradewegs von oben in den Turm gefallen war, hatte die Aussichtsplattform zerst�rt und bei seinem Fall in die Tiefe einen Teil der Stufen mit sich gerissen.</p><p>�Wir k�nnen es trotzdem schaffen�, munterte Grimma den entt�uschten Bollis auf und deutete auf die Fensternischen, die in regelm��igen Abst�nden den Verlauf der Wendeltreppe unterbrachen. �Die obere Plattform mag zerst�rt sein, aber wenn es uns gelingt, irgendwie auf die Treppe zu kommen, k�nnen wir aus einem der oberen Fenster schauen.�</p><p>Bald hatten sie eine M�glichkeit gefunden, sich �ber eine Tr�mmerrampe zur untersten der heilgebliebenen Stufen hinaufzuhangeln. Jenseits des Lochs, das der Felsbrocken in den oberen Teil des Turmes gerissen hatte, f�rbte sich der Himmel dunkel. Sie mu�ten sich beeilen.</p><p>Vorsichtig kletterten sie die Treppe hinauf, immer in der Angst, das m�rbe Gestein k�nnte unter ihnen zusammenbrechen. Sie gelangten zum ersten Fenster, dann zum zweiten und stiegen ohne Pause weiter nach oben. Das f�nfte und letzte Fenster befand sich nur ein kleines St�ck unterhalb der ehemaligen Turmplattform. Grimma beugte sich hinaus, so weit, da� Bollis sie von hinten festhalten mu�te. Es gelang ihr, einen Gro�teil der Stadt zu �berblicken. Als erstes schaute sie zur�ck zur Arena. Auf dem Rundgang der Au�enmauer war niemand zu erkennen. Die Zur�ckgebliebenen mu�ten sich ins Innere zur�ckgezogen haben. Sie schaute weiter in die Runde, �ber die zerfallenen Ruinen hinweg. Sie versuchte den Ort auszumachen, an dem sie den Rest des Sp�htrupps zur�ckgelassen hatten, gestand sich jedoch ein, da� sie angesichts des labyrinthischen Wirrwarrs aus Felsen, Gassen und Ger�llhalden die Orientierung verloren hatte.</p><p>Da durchlief sie ein eiskalter Schauder. Bollis� Vermutung war richtig gewesen. Rechts von ihr, weit vom Rand der Arena entfernt, stieg eine schwarze Rauchs�ule zwischen den Tr�mmern empor.</p><p>Zwerge lebten gewi� keine mehr in dieser Gegend. Vielleicht weiter im Norden, aber bestimmt nicht in der Stadt. Ob dieses Land noch andere Bewohner hatte, wu�te Grimma nicht, doch ihr Gef�hl sagte ihr, da� nur Nordlinge das Feuer dort unten entz�ndet haben konnten. Sie konnte die Anwesenheit der feindlichen Krieger sp�ren wie einen schlechten Odem, der die klare Winterluft durchzog.</p><p>�Sieh selbst�, sagte sie atemlos und machte Platz, so da� auch Bollis hinausschauen konnte.</p><p>�Das sind sie�, h�rte sie ihn �ber das S�useln des Windes sagen. �Das m�ssen sie sein!�</p><p>�Was denkst du, wie weit sie entfernt sind?�</p><p>�Sieben, acht Speerw�rfe, nicht weiter.�</p><p>Das entsprach ihrer eigenen Sch�tzung. �Wir m�ssen zur�ck zu den anderen.�</p><p>Bollis zog den Oberk�rper zur�ck ins Innere des Turms. Eiskristalle glitzerten in seinem schwarzen Bart. �Das ist ungef�hr die Richtung, aus der wir gekommen sind, nicht wahr?�</p><p>Grimma hob die Schultern. �M�glich, da� sie nicht allzu weit von unserem Lager entfernt sind.�</p><p>Bollis� Augen verrieten sein Erschrecken, doch er sagte nichts. Eilig st�rmten sie die Stufen hinunter, sprangen auf die Ger�llrampe, zw�ngten sich durch den Eingangsspalt und liefen hinaus ins Freie. Sie hielten einen Moment an, um sich erneut zu orientieren, und beide suchten mit verkniffenen Augen den Himmel ab, um �ber den R�ndern der Ruinen die Rauchfahne wiederzufinden.</p><p>�Dort!� rief Grimma aus und deutete �ber die Tr�mmerlandschaft.</p><p>Bollis folgte ihrem Blick und nickte d�ster. �Ja�, pre�te er hervor, �das sind sie. Ich verwette meinen Sold f�r ein Jahr, da� das Nordlinge sind.�</p><p>�Hoffen wir, da� du an einem St�ck zur�ckkehrst, um noch Freude an deinem Sold zu haben�, murmelte Grimma und rannte los.</p><p>Sie benutzten denselben Weg, auf dem sie hergekommen waren. Einen Augenblick lang hoffte Grimma, da� ihre Gef�hrten das Feuer entz�ndet hatten - aber nein, Egil w�rde niemals gegen ihren Befehl versto�en.</p><p>Beide hielten ihre �xte fest umklammert. Die K�lte der Griffe schien sogar durch ihre Handschuhe zu dringen, und Grimma fragte sich, ob es nicht vielleicht ihr Herz war, das allm�hlich zu Eis erstarrte. Seit sie den Rauch zum erstenmal entdeckt hatten, war der frostige Schauder nicht mehr aus ihren Gliedern gewichen. Eine Mischung aus angstvoller Vorahnung und der k�hlen Gewi�heit, da� ein Kampf nicht mehr abzuwenden war, hatte sich ihrer bem�chtigt. Sie sah Bollis starren Z�gen an, da� es ihm �hnlich erging.</p><p>Sie stolperten, sprangen und kletterten vorw�rts, immer weiter, so schnell sie nur konnten. Anders als auf dem Hinweg schien sich die Strecke zu dehnen wie eine Bogensehne, sie erschien Grimma jetzt l�nger und beschwerlicher.</p><p>�Sollten wir nicht erst die Feuerstelle auskundschaften, bevor wir zu den anderen zur�ckkehren?� fragte Bollis.</p><p>Grimma sch�ttelte im Laufen den Kopf. �Wir m�ssen sie warnen, dann k�nnen wir weitersehen. Ich will nicht, da� uns die Nordlinge �berw�ltigen, ohne da� Egil wei�, wo er uns suchen mu�.�</p><p>Bollis zog eine Grimasse. �Wenn uns die Nordlinge �berw�ltigen, wird es nicht mehr n�tig sein, nach uns zu suchen.�</p><p>Sie gab keine Antwort. Er hatte recht, nat�rlich. Was f�r eine dumme Hoffnung, ihre Feinde k�nnten sie gefangennehmen und am Leben lassen. Weshalb kam sie auf solche Gedanken? Sie war eine Kriegerin, und sie wu�te, wie man mit Ehre und Anstand starb. Fr�her w�re es ihr nie in den Sinn gekommen, da� ein Gegner sie schlug, ohne sie zu t�ten; lieber w�re sie in ein offenes Schwert gelaufen, als mit solch einer Schande weiterzuleben. Was brachte sie heute dazu, anders dar�ber zu denken? <emphasis>Wer </emphasis>brachte sie dazu? Liebe G�te, dachte sie, du bist nicht mehr die alte Grimma! Warum nur hatte Styrmir so gel�chelt? Und was gab es dabei f�r die anderen zu fl�stern?</p><p>Sie verdr�ngte die Antwort, auch wenn es ihr von Tag zu Tag schwerer fiel. Styrmir der Bartlose! Ausgerechnet ein Berater des K�nigs! Einer, der kaum wu�te, an welchem Ende man eine Axt hielt!</p><p>Aber es gab anderes, �ber das sie nachdenken mu�te. Lebenswichtiges. �ber Nordlinge, zum Beispiel. Und vielleicht dar�ber, warum es mit einemmal nach verbranntem Fleisch roch.</p><p>Bollis blieb stehen. �Riechst du das?� Sein Gesicht war so wei� geworden wie die Schneedecke zwischen den Ruinen.</p><p>Grimma brachte nur ein ruckartiges Nicken zustande. Die Worte steckten in ihrem Hals fest, einige Herzschl�ge lang bekam sie vor Entsetzen kaum Luft.</p><p>Sie liefen weiter, noch schneller als zuvor. Das Feuer war nicht mehr weit entfernt, sie konnten schon sehen, wie sein gelbroter Schein �ber Hausw�nde flackerte. Sie h�rten Stimmen, Gel�chter, die Laute eines Festes. Oder einer Siegesfeier.</p><p>Die Stimmen erklangen in einer Sprache, die ihnen fremd war.</p><p>Grimma und Bollis ahnten, was sie erwarten w�rde, als sie um die letzte Felskante traten. Und doch �berstieg der Anblick bei weitem das Ma� dessen, was sie verkraften konnten. Grimma prallte zur�ck, als w�re sie gegen eine unsichtbare Mauer gelaufen, w�hrend Bollis wie angewurzelt stehenblieb.</p><p>Keiner ihrer sechs Gef�hrten war mehr am Leben. Die Feinde hatten ihre Leichen achtlos �bereinander geworfen, mit brennbaren �len �bergossen und angez�ndet. Die reglosen K�rper brannten lichterloh. Die Flammen schlugen zu hoch, als da� Grimma Gesichter in ihnen h�tte erkennen k�nnen; sie dankte den G�ttern f�r diese Gnade. Irgendwo in diesem Inferno lagen Egil und Gellir, zwei ihrer �ltesten und engsten Freunde. Die Axt schien in Grimmas H�nden zu ergl�hen, als k�me sie gerade erst aus dem Schmiedefeuer. Der messerscharfe Stahl wog leichter als je zuvor, eine unmi�verst�ndliche Aufforderung, ihn zu benutzen.</p><p>Das Dutzend Nordlinge, das rund um den Scheiterhaufen stand und seine Waffen im Schnee reinigte, hatte die beiden Neuank�mmlinge noch nicht bemerkt. Die Krieger trugen Helme und R�stzeug aus Stahl, darunter warme Fellkleidung. Einer, offenbar der Anf�hrer, hatte ein m�chtiges Geweih hinter seinen Schultern befestigt. Die verzweigten Enden standen ab wie ein Paar erstarrter Schwingen. Es �hnelte dem eines Hirsches, wirkte jedoch breiter, schwerer und weniger feingliedrig. Von welchem Tier es stammte, wu�te Grimma nicht zu sagen; gewi� von keinem, das in den L�ndern rund um den Hohlen Berg anzutreffen war. Das Schwert des Anf�hrers steckte in einer ledernen Scheide, und in seinen H�nden hielt er einen langen Stab, auf dessen Spitze der Knochensch�del eines Wolfes thronte; aus Augen und Maul baumelten getrocknete Tiersehnen, an deren Ende menschliche Fingerknochen befestigt waren. Bei jeder Bewegung des Nordlings schlugen sie gegeneinander wie ein Windglockenspiel.</p><p>Grimma zog Bollis zur�ck in den Schatten eines Felsbrockens. Dort starrte sie ihm fest in die Augen und sah das ha�erf�llte Gl�hen darin.</p><p>�Wir t�ten sie!� stie� er leise hervor. �Wir t�ten sie alle!�</p><p>�Sei kein Narr�, gab sie zischend zur�ck. �Wir werden genauso enden wie die anderen.�</p><p>Einen Augenblick lang bef�rchtete Grimma, Bollis� Ha� k�nnte sich gegen sie richten. �Du willst Egil und Gellir nicht r�chen?� fragte er lauernd.</p><p>�Bollis, verdammt!� Sie packte ihn hart an der Schulter. �Nat�rlich will ich das. Aber wir m�ssen die anderen am Tunnel warnen. Oder willst du auch sie noch verlieren?�</p><p>�Was scheren mich die anderen? Meine Freunde verbrennen dort dr�ben. Kannst du sie riechen? Riechst du, wie Egil und Gellir brennen?� Seine Stimme drohte sich zu �berschlagen. Panik lauerte hinter der Fassade seines Zorns.</p><p>�Das Leben der anderen ist wichtiger als unser Ha� auf die Nordlinge!�</p><p>�Das Leben <emphasis>eines </emphasis>anderen! Das meinst du doch, nicht wahr?� Er streifte ihre Hand ab, sein Gesicht war verzerrt. �Geh� du nur zu Styrmir und dem Rest, wenn du willst! Ich bleibe und r�che meine Freunde.�</p><p>�Das ist Wahnsinn, und das wei�t du!� Auf seine Bemerkung �ber Styrmir ging sie nicht ein. Es war sein Zorn, der ihm die Worte diktierte, nicht sein Verstand.</p><p>�Was f�r eine Kriegerin ist nur aus dir geworden?� Bollis packte seine Axt mit beiden H�nden und hob sie wie eine heilige Reliquie vor seine Brust. �Du warst immer eine von uns, Grimma. Fr�her h�ttest du dein Leben f�r jeden deiner Freunde gegeben - oder f�r sein Andenken. Und jetzt?� Er sch�ttelte in bitterer Entt�uschung den Kopf. �Vielleicht bist du doch blo� - �</p><p>�Eine Frau wie jede andere?� fuhr sie ihn an, und ihre Stimme war so scharf, da� Grimma vor sich selbst erschrak. Nur mit M�he hielt sie ihre Wut im Zaum. �H�r mir gut zu, Bollis Erzgr�ber! Wenn es Blindheit und Dummheit sind, die unsere Geschlechter unterscheiden, dann, glaube mir, bin ich froh, eine Frau zu sein. Was du vorhast, ist dein sicherer Tod, und er wird so schnell kommen, da� es dir nicht mal gelingt, auch nur einen einzigen Nordling mitzunehmen. Das dort drau�en sind zw�lf von ihnen! Zu zweit h�tten wir kaum eine Aussicht, auch nur einen oder zwei von ihnen zu erschlagen. Aber zw�lf? Bei den G�ttern, Bollis, komm zu dir!�</p><p>Er hielt ihrem Blick weiterhin stand, aber sie sah, da� es hinter seiner Stirn arbeitete. Ein Teil seiner alten Vernunft hatte die Oberhand gewonnen, als er schlie�lich sagte: �Vielleicht hast du recht. Vielleicht -�</p><p>Die Entscheidung wurde ihnen abgenommen.</p><p>Ein Nordling bog um die Kante des Felsbrockens. Ehe sie sich versahen, stand er neben ihnen, ri� sein Schwert aus der Scheide und lie� es in hohem Bogen auf Grimma herabrasen. Bollis schrie auf und gab Grimma einen Sto�, der sie zur Seite und aus der Reichweite des Angreifers taumeln lie�. Er parierte den Hieb mit der Axt. Der Nordling rief etwas in seiner Sprache, und innerhalb weniger Atemz�ge st�rmten drei weitere Krieger herbei.</p><p>Grimma sah, wie Bollis seine Axt in einem t�dlichen Halbkreis herumsausen lie�, um sie in die H�fte des ersten Nordlings zu schlagen. Bollis war ein flinker und geschickter Krieger, doch Zorn d�mpfte seine Sinne, und die plumpe Attacke h�tte niemals Erfolg gehabt, w�ren die drei Neuank�mmlinge nicht schlagartig stehengeblieben und in �berm�tiges Gel�chter ausgebrochen; offenbar zweifelten sie nicht, da� ihr Gef�hrte mit den beiden Zwergen allein fertigwerden w�rde. Spottend warteten sie auf den Ausgang des Kampfes. Den einzelnen Nordling aber irritierte das Z�gern der anderen so sehr, da� er einen Moment lang unaufmerksam wurde. Bollis� Axt grub sich tief in den H�ftknochen des Kriegers. Kreischend brach der Mann zusammen, sein Helm rollte ihm vom Kopf, und keinen Atemzug sp�ter hieb Grimmas Axt ihm den Sch�del entzwei.</p><p>Mehrere Herzschl�ge lang schien die Zeit stehenzubleiben. Die drei Nordlinge erstarrten, ihr Lachen und Gr�len verhallte. Grimma ri� ihre Waffe in einem Halbmond aus Blut aus der Wunde und stellte sich breitbeinig an Bollis� Seite, den feindlichen Kriegern entgegen.</p><p>Jetzt winkte einer der drei seinen Kameraden am Feuer zu. Lautes Gebr�ll ert�nte, als der Anf�hrer Befehle gab.</p><p>Bollis kam endlich zur Vernunft.</p><p>�Komm, weg hier!� rief er Grimma zu, und noch bevor er zu Ende gesprochen hatte, warfen sie sich bereits herum und rannten davon, fort aus dem Dunstkreis des Leichenfeuers, fort aus der Reichweite der Nordlingschwerter.</p><p>Grimma �bernahm die F�hrung, und obwohl ihr Instinkt sie trieb, den Weg zur Arena einzuschlagen, riet ihr Verstand ihr, in eine andere Richtung zu laufen. Sie durften die Feinde nicht zu den anderen f�hren. Styrmir und den �brigen neun Zwergen konnte vielleicht die Flucht aus der Stadt gelingen, zur�ck in den Tunnel, heimw�rts nach S�den zum Hohlen Berg. Aber was w�rden sie Thorh�l sagen? Styrmir und die anderen wu�ten nicht, was aus Grimma und dem Rest des Sp�htrupps geworden war. W�rden sie dem K�nig empfehlen, mit seinem ganzen Volk den Berg zu verlassen und �ber die alte Zwergenstra�e ins Nordland zu ziehen? Nein, gewi� nicht. Vielmehr bef�rchtete sie, da� Styrmir oder einige der anderen Zwergenkrieger gegen ihren Befehl versto�en und einen zweiten Trupp aufstellen w�rden, um die Verschollenen zu suchen. Allerdings, und das war Grimmas gr��te Hoffnung, w�rden sie dergleichen nicht vor dem Morgengrauen tun; das bedeutete, da� ihr noch die ganze Nacht blieb, um die anderen zu warnen. Wenn sie nur schnell genug vor den Nordlingen fliehen konnten!</p><p>Sie nahmen den Weg zur�ck zum Turm, die einzige Strecke in der Stadt, die ihnen mittlerweile vertraut war. Zumindest drohte ihnen hier nicht die Gefahr, sich �berraschend in einer Sackgasse oder Falle wiederzufinden. Sie rutschten und schlitterten auf der vereisten Schneedecke, setzten �ber Ger�ll und Mauerreste hinweg, ohne ein einziges Mal nach hinten zu blicken. Die Nordlinge waren keineswegs so beh�big und tr�ge, wie ihre Gr��e sie erscheinen lie�, und sie hatten die l�ngeren und kr�ftigeren Beine. Auf Dauer w�rden Grimma und Bollis nicht vor ihnen davonlaufen k�nnen.</p><p>Die beiden Zwerge erreichten den Turm und erwogen, sich im Inneren zu verschanzen. Grimma drehte sich um und erwartete, eine ganze Horde von Nordlingen zu sehen, die nur noch wenige Schritte von ihnen entfernt waren.</p><p>Doch der Einschnitt zwischen den Tr�mmern, durch den sie und Bollis gekommen waren, blieb leer. Niemand verfolgte sie.</p><p>�Vielleicht beobachten sie uns�, meinte Bollis verwundert. �Sicher warten sie ab, wohin wir gehen.�</p><p>Grimma nickte und k�mpfte gegen ihre Erleichterung an. Erleichterung war ein nutzloses Gef�hl. Es half niemandem, schw�chte nur die Aufmerksamkeit. Und m�glicherweise war es gerade das, was die Nordlinge wollten.</p><p>�La� uns hineingehen�, sagte sie und deutete mit der Axt auf den Spalt, der ins Innere des Turmes f�hrte. �Vielleicht k�nnen wir an einem der Fenster ein Feuer entz�nden, um die anderen zu warnen.�</p><p>�Feuer entz�nden?� fragte Bollis, ohne seinen wachsamen Blick von der Umgebung des Turmes zu nehmen. �Womit denn?�</p><p>Grimma zeigte auf den Beutel an ihrem G�rtel. �Alles dabei.�</p><p>Zum ersten Mal l�ste sich die Anspannung auf Bollis� Gesicht. �Das, was ich vorhin sagen wollte, tut mir leid.�</p><p>�Du hast es ja nicht gesagt.�</p><p>�Ich bitte dich trotzdem um Verzeihung.�</p><p>Grimma schenkte ihm ein L�cheln. �Ich werde dich daf�r zum Zweikampf fordern, wenn wir wieder daheim im Hohlen Berg sind.�</p><p>�Klingt gut.� Und auch Bollis verzog die Mundwinkel.</p><p>Nach einem letzten Blick in die Schatten der Ruinen und Felsen dr�ckten sie sich durch den Eingangsspalt ins Innere. Drinnen war es noch dunkler als im Freien, der winzige Himmelsausschnitt hoch �ber ihnen hatte sich nahezu schwarz gef�rbt.</p><p>Grimma schaute sich angestrengt um. �Siehst du hier irgend etwas Brennbares?�</p><p>Bollis scharrte mit seinem Stiefel im Ger�ll. �Nichts�, meinte er entt�uscht.</p><p>Nach kurzem Z�gern streifte Grimma ihren �berwurf ab und zog die Weste aus, die sie darunter trug. Sie wickelte sie um die Doppelschneide ihrer Axt, warf sich das Fell wieder um die Schultern und stapfte mit der Waffe in der Hand die Halde hinauf zur Treppe. �Pa� du hier unten auf�, wies sie Bollis an. �Es gibt nur den einen Eingang. Wenn sie kommen, m�ssen sie an dir vorbei. Egal, was geschieht, du mu�t sie aufhalten, bis ich das Feuer am Fenster entz�ndet habe.�</p><p>Bollis bezog Stellung vor dem Spalt und starrte hinaus in die Finsternis. Die Nacht hatte sich endg�ltig auf das Nordland herabgesenkt. Er w�rde die Gegner erst sehen k�nnen, wenn sie direkt vor ihm standen.</p><p>Grimma w�nschte ihm im stillen viel Gl�ck, dann lief sie die steinerne Treppe hinauf. Erst am oberen Fenster machte sie halt, zog zwei Feuersteine aus ihrem B�ndel und schlug sie so lange gegeneinander, bis ihre H�nde schmerzten und die ersten Funken auf den Stoff der Weste �bersprangen. Sie schirmte die winzige Flamme gegen den Durchzug im Turm ab, trotzdem erlosch sie schon nach wenigen Augenblicken. Grimma blickte verzweifelt nach unten. Bollis war immer noch auf seinem Posten. Keine Anzeichen f�r einen Angriff. Sie versuchte es erneut, und diesmal brannte die Flamme hei� genug; der Luftzug konnte ihr nichts mehr anhaben. Bald schon loderte der Stoff der Weste lichterloh. Grimma beugte sich aus dem Fenster und schwenkte die brennende Axt wie eine Fackel hin und her. Die Zwerge in der Arena w�rden W�chter aufgestellt haben. In der Dunkelheit mu�ten sie das Feuer unterhalb der Turmspitze auf jeden Fall bemerken. Hoffentlich w�rden sie die richtigen Schl�sse ziehen.</p><p>�Wie sieht es unten aus?� rief sie �ber die Schulter ins Innere des Turms.</p><p>�Keine Spur von ihnen�, klang es ged�mpft zur�ck.</p><p>Grimma fragte sich, ob irgendwo in der Nacht gerade eine Pfeilspitze auf sie gerichtet wurde. Mit der lodernden Axt in der Hand gab sie ein Ziel ab, das nicht einmal ein Kind verfehlen konnte. Der Gedanke beunruhigte sie zutiefst, und das Eingest�ndnis ihrer Hilflosigkeit machte alles nur noch schlimmer. Trotzdem winkte sie weiter. Schon l�sten sich die ersten brennenden Fetzen der Weste von der Axtschneide und verschwanden mit sanftem Schaukeln in der Tiefe. Grimma blickte ihnen gedankenverloren nach, bis sie am Boden erloschen.</p><p>Die Arena war in der Dunkelheit nur als formloser schwarzer Umri� auszumachen, der sich schwach vom dunkelgrauen Nachthimmel abhob. Regte sich auf ihrem Rand etwas, oder war das nur eine T�uschung? Grimma blickte angestrengt hin�ber, bis ihre Augen tr�nten. Sie war jetzt ziemlich sicher, da� sich in der Finsternis etwas bewegte.</p><p>Pl�tzlich glomm �ber dem Rand der Arenamauer ein Funke auf, ein winziges Gl�hen, das rasch heller wurde.</p><p>Liebe G�te, durchfuhr es Grimma, was machten diese Hornochsen denn? Hatten sie ihr Zeichen etwa als Aufforderung verstanden, gleichfalls ein Feuer zu entz�nden?</p><p>Jetzt gab es keinen Zweifel mehr: Dort oben loderte eine Flamme. Sp�testens jetzt mu�te auch der letzte Nordling begreifen, da� sich in der Arena jemand aufhielt. Jemand, der dort nichts zu suchen hatte.</p><p>Und in diesem Augenblick, mit der Kraft und Pl�tzlichkeit eines Schwerthiebes aus dem Hinterhalt, begriff Grimma ihren Fehler. Zorn, Verzweiflung und Ha� formten in ihrer Kehle einen stummen Schrei.</p><p>Das Feuer auf der Arenamauer loderte h�her.</p><p>Es war kein Signal.</p><p>Grimma warf sich herum, schlug die Axt mit der Breitseite gegen die Wand, bis auch die letzten Flammen erloschen, und st�rmte die Stufen hinunter, zur T�r und zu Bollis. Der Zwergenkrieger schaute ihr alarmiert entgegen.</p><p>�Was -� begann er, doch Grimma unterbrach ihn.</p><p>�Was waren wir f�r Narren!� Konnte er die Tr�nen der Wut in ihren Augen sehen? Sie blinzelte und dr�ngte an ihm vorbei zum Ausgang. �<emphasis>Deshalb </emphasis>haben sie uns nicht verfolgt!�</p><p>�Ich verstehe nicht�, stammelte er bleich.</p><p>Grimma fuhr zu ihm herum. �Sie wu�ten, da� es nur einen Weg geben konnte, auf dem wir in die Stadt gelangt sein konnten. Die Arena, verdammt! Sie haben es im selben Moment begriffen, da sie auf Egil und die anderen stie�en. Statt uns, die wir nur zu zweit sind, zu jagen, sind sie geradewegs zur Arena marschiert - wer wei�, wie viele von ihnen.�</p><p>�Willst du damit sagen -�</p><p>�Jemand hat ein Feuer oben auf der Mauer entz�ndet. Ich glaube nicht, da� unsere Leute das waren.�</p><p>Bollis schrie auf, voller Zorn und Qual, und hieb seine Axt so heftig in den Boden, da� nur noch das Heft hervorschaute. �Das darf nicht sein!� br�llte er. �Nicht auch noch sie!�</p><p>�Komm!� sagte Grimma und rang vergeblich um ihre Fassung. �Machen wir uns auf den Weg.�</p><p>Sie waren kaum ins Freie getreten, als Bollis einen warnenden Ruf ausstie�. Beide nahmen ihre Kampfstellung ein, als vor ihnen die Finsternis in Bewegung geriet.</p><p>�Bevor sie mich verbrennen wie die anderen, will ich mindestens drei von ihnen zur H�lle schicken!� zischte Bollis mit finsterer Entschlossenheit.</p><p>�Und drei f�r mich�, gab Grimma zur�ck.</p><p>Aber es war kein Nordling, der vor ihnen aus dem Dunkel trat. Es war Styrmir.</p><p>Grimma lie� ihre Waffe sinken. �Du?� entfuhr es ihr.</p><p>Styrmir nickte und kam eilig n�her. �Hast du wirklich geglaubt, du k�nntest mich einfach zur�cklassen?�</p><p>Bollis� Miene �nderte sich nicht. Er starrte den Berater an, als sei er der Anf�hrer der Nordlinge pers�nlich. �Ist es immer deine Art, gegen Befehle zu versto�en?�</p><p>�Ich bin kein Krieger�, gab Styrmir zur�ck, �und unterstehe keinem Befehl au�er dem des K�nigs. Au�erdem h�tte ich in der Arena ohnehin niemandem nutzen k�nnen. Und um Nutzen geht es doch, Grimma, das hast du mir doch unmi�verst�ndlich klargemacht, nicht wahr?� Ein L�cheln stahl sich auf seine Z�ge.</p><p>Grimma wollte etwas erwidern, doch Bollis kam ihr zuvor: �Der Feigling ist vor ihnen davongelaufen. War es nicht so, K�nigsberater? Du hast sie kommen sehen und hast dich aus dem Staub gemacht, so schnell dich deine Beine trugen.�</p><p>Styrmirs Blick verriet ehrliche Verwirrung. �Wen meinst du mit �sie�?�</p><p>�Nordlinge�, sagte Grimma hart. Und an Bollis gewandt fuhr sie fort: �So schnell h�tte er nicht hier sein k�nnen. Er mu� die Arena lange vor dem Angriff verlassen haben.�</p><p>�Von was f�r einem Angriff sprecht ihr?� Styrmir wurde immer ungeduldiger; er war merklich bla� geworden. Der Mond brach durch die Wolken, und seine Strahlen entzogen dem Gesicht des Beraters auch den letzten Rest von Farbe.</p><p>�Wenn es wahr ist, was wir bef�rchten, ist in der Arena kein Zwerg mehr am Leben�, erwiderte Grimma und w�nschte sich, ihre Stimme w�rde nicht so schwanken.</p><p>�Aber als ich fortging, waren noch alle -�</p><p>�Lebendig, ja�, sagte Bollis kalt. �Und jetzt sind sie tot. Wie Egil und Gellir und all die anderen.�</p><p>�Wollt ihr damit sagen, ihr seid die letzten?� fragte Styrmir leise. Er klang betroffen, aber nicht halb so �ngstlich, wie Grimma erwartet hatte.</p><p>�Wir drei sind die einzigen �berlebenden�, best�tigte sie. �Zumindest nehmen wir das an. Wir m�ssen zur�ck zur Arena, um Gewi�heit zu haben. Hast du irgend etwas, um dich zu verteidigen?�</p><p>Styrmir deutete auf eine Axt in seinem G�rtel. Bei den G�ttern, dachte Grimma, er streift mitten in der Nacht durch die Ruinen und h�lt seine Waffe nicht einmal kampfbereit in der Hand! Sie sch�ttelte stumm den Kopf und sagte: �Du solltest dich daran gew�hnen, sie zu benutzen, Styrmir. In dieser Nacht wird sich deine Axt mit mehr als nur einem Nordlingschwert kreuzen.�</p><p>�Wenn ihn das erste nicht gleich einen Kopf k�rzer macht�, bemerkte Bollis ver�chtlich.</p><p>�Nicht Styrmir ist dein Feind, Bollis!� fuhr Grimma ihren Kampfgef�hrten an. �Ihr werdet Seite an Seite k�mpfen, wenn es sein mu�, und jeder von euch wird f�r den anderen sterben, falls es n�tig ist. Habt ihr beiden das verstanden?�</p><p>Bollis nickte zackig, befehlsgewohnt, wie er es w�hrend seiner Ausbildung zum Krieger gelernt hatte. Styrmir trat auf ihn zu und reichte ihm zur Vers�hnung die Hand. Bollis ergriff sie, doch Grimma bezweifelte, da� es ihm ernst war mit dieser Geste. Bollis hatte einen unverbesserlichen Dicksch�del, und daran w�rde sich nichts �ndern, bis ihn eines Tages eine Klinge von seinen Schultern schlug.</p><p>�Gehen wir�, wies Grimma die beiden an, und sogleich liefen sie los, durch nachtdunkle Gassen, aus denen schon vor Jahrhunderten alles Leben gewichen war.</p><p>Das fr�here Zwergenreich war zu einem Ort des Todes geworden, und daran vermochte auch die Anwesenheit der Nordlinge nichts zu �ndern. Die Spuren der Zerst�rung von damals waren wie ein Echo der Verzweiflung, die die einstigen Bewohner beim Hereinbrechen der Katastrophe versp�rt haben mu�ten. Grimma fragte sich, ob im Hohlen Berg eine �hnliche Atmosph�re herrschen w�rde, wenn Thorh�l erst sein Volk von dort fortgef�hrt hatte. Der Gedanke schmerzte sie. Sie liebte den Berg, seine k�hlen Stollen und Hallen, er war ihre Heimat. Sie war dort geboren, hatte dort ihr ganzes Leben verbracht. Ihn zur�ckzulassen, leer und tot, kam ihr vor wie ein Verrat am Erbe ihrer Ahnen, aber auch am Hohlen Berg selbst. Stein war etwas Lebendiges, niemand wu�te das besser als das Volk der Zwerge, und ihn achtlos dem Verfall kommender Jahrhunderte anheimzugeben schien Grimma grausam und falsch. Immer mehr verfestigte sich in ihr die �berzeugung, da� sie den K�nig um jeden Preis von seinem Plan abbringen mu�te, nicht allein, weil hier im Nordland Krieg und Verderben auf das Zwergenvolk warteten.</p><p>Sie n�herten sich der Arena von einer Seite, die der Sp�htrupp bislang noch nicht erforscht hatte. Es war gef�hrlich, sich in ihrer verzweifelten Lage auf unbekanntes Gebiet zu wagen, doch dies schien der schnellste Weg zu sein. Sie konnten die Flammen auf der Ummauerung der Arena jetzt deutlich erkennen, ein Leuchtfeuer, das ihnen den Weg wies, ein Symbol ihres Scheiterns. Grimma fragte sich, ob der Anf�hrer der Nordlinge es f�r n�tig gehalten hatte, Wachen rund um das Amphitheater zu postieren. Oder w�rde er warten, bis die drei Zwerge von sich aus die Arena betraten und sich damit selbst in die Falle man�vrierten?</p><p>Sie hatten l�ngst keine andere Wahl mehr. Sie mu�ten zur�ck zum Hohlen Berg, koste es, was es wolle, und der einzige bekannte Zugang zur alten Zwergenstra�e lag am Grunde der Arena. Selbst wenn der Nordlingf�hrer hundert seiner M�nner dorthin beordert hatte, w�rden sie sich durch ihre Reihen hindurchk�mpfen m�ssen.</p><p>Sie erreichten den Fu� der hohen Arenamauer ohne Hindernisse. Den Weg durch die Tr�mmer wertete Grimma kaum mehr als ernstzunehmende Schwierigkeit. In der Erwartung dessen, was ihnen bevorstand, verbla�te alles andere, so wie auch die Welt um sie herum an Dichte und Bedrohlichkeit zu verlieren schien. Sie kam sich vor wie in einem Tunnel, an dessen Ende ein einziges Ziel auf sie wartete: der Kampf mit den Nordlingen. Alles, was auf dem Weg dorthin lag, war ohne Bedeutung.</p><p>Eine Stimme meldete sich in Grimmas Inneren: Und Styrmir? fragte sie. Was ist mit ihm? Er ist kein K�mpfer, und mit der Axt ist er ebenso wehrlos wie ohne sie. Du wirst auf ihn achtgeben m�ssen.</p><p>Die Au�enwand der Arena wurde in weiten Abst�nden von Torb�gen durchbrochen. Die meisten lagen verborgen hinter Tr�mmerbergen, andere wurden von innen durch herabgest�rzte Teile der R�nge versperrt. Trotzdem gelang es den dreien, ein Tor ausfindig zu machen, das zumindest von au�en den Eindruck erweckte, Zugang zu den R�umen und G�ngen unterhalb der Trib�nen zu gestatten. Von dort aus mochte es ihnen gelingen, ins Herz der Arena vorzudringen, ohne dabei auf eine Armee von Nordlingen zu sto�en. Aber nat�rlich gab Grimma sich keiner falschen Illusion hin: Sie w�rden ihren Gegnern noch fr�h genug begegnen.</p><p>Nachdem sie durch den Torbogen getreten waren, versank die Umgebung endg�ltig in einem Meer aus Schw�rze. Grimma hatte immer noch ihre Feuersteine dabei, und sie f�rchtete, es w�rde ihr bald nichts anderes �brigbleiben, als sie zu benutzen. Blind w�rden sie nirgendwohin gelangen, und die Annahme, da� in der Dunkelheit zumindest keine Nordlinge auf sie lauern w�rden, war ein schwacher Trost. Sie mu�ten sich beeilen. Der Nordlingf�hrer w�rde ungeduldig werden. Das Risiko, da� er noch weitere Krieger herbeibeorderte, war zu gro�.</p><p>Eine vage Hoffnung glomm in Grimmas d�steren Gedanken auf: Was, wenn es gar keine weiteren Nordlinge gab, sondern nur das Dutzend, das sie gesehen hatten? W�rde sich ein solcher Trupp nicht weit verteilen m�ssen, um eine Anlage wie diese abzusichern? Mit einzelnen Nordlingen konnten sie zu dritt fertig werden, vielleicht auch mit einer Zweiergruppe. Grimma sch�pfte aus dieser Vorstellung neuen Mut. Trotzdem wagte sie nicht, ihre Hoffnung den anderen gegen�ber zu erw�hnen, aus der absurden Furcht heraus, Bollis und Styrmir k�nnten sie widerlegen. Grimma wollte daran glauben, wollte sich zumindest diese winzige Aussicht auf Erfolg g�nnen.</p><p>Im harschen Gegensatz dazu stand die undurchdringliche Finsternis, die sie wie Vorh�nge umgab und schwer auf ihre Gem�ter dr�ckte. Die Vorstellung, da� irgendwo �ber ihnen die Leichen ihrer Gef�hrten verbrannten, bereitete Grimma �belkeit, und sie sp�rte, vielleicht zum erstenmal seit ihren fr�hen Jahren als Kriegerin, da� ihre Knie weniger standfest waren als sonst. Sie hatte Angst, und sie war ehrlich genug, sie sich einzugestehen.</p><p>�Wir brauchen Licht�, fl�sterte Bollis, nachdem sie etwa drei�ig Schritte durch die Finsternis gegangen waren, immer geradeaus und ohne auf Mauern oder - den G�ttern sei Dank! - auf Gruben im Boden zu sto�en. Auch hier war alles vereist, doch zumindest lag, von den Verwehungen am Eingang abgesehen, kein Schnee, was das Gehen weniger anstrengend machte. Die Schw�rze machte ihnen trotz des angeborenen Zwergentalents, im Dunkeln sehen zu k�nnen, ungemein zu schaffen; die Lichtlosigkeit eines Bergwerkstollens oder einer H�hle h�tte ihnen keine Schwierigkeiten bereitet, doch dies war ein gemauertes Geb�ude, und aus Gr�nden, die nur die G�tter kannten, war die Finsternis in einem k�nstlichen Bauwerk eine andere als jene in nat�rlichem Fels - zumindest f�r die empfindlichen Auge der Zwerge. Grimma wunderte sich, da� ihre Vorfahren �berhaupt auf so menschliche Gewohnheiten wie das Aufeinandermauern gehauener Steine zur�ckgegriffen hatten, wo sie doch ebensogut Hohlr�ume ins Gebirge h�tten schlagen k�nnen, so wie sie es sp�ter im Hohlen Berg getan hatten.</p><p>�Ich glaube, da vorne wird es heller�, sagte Styrmir.</p><p>Ein Augenblick verging, dann entgegnete Bollis: �Unsinn! Da ist nichts.�</p><p>�Doch�, sagte Styrmir beharrlich. �Bleib stehen und schau geradeaus. Deine Augen m�ssen sich erst daran gew�hnen.�</p><p>Grimma wu�te nicht, ob Bollis Styrmirs Anweisungen folgte; sie selbst jedenfalls tat es. Und, tats�chlich, da war etwas. Ein leichter Schimmer nur, eine �ffnung, durch die eine mondbeschienene Steinfl�che zu erkennen war. Entweder waren dort einige der R�nge eingest�rzt, oder aber sie hatten den Ausgang zum Innenhof der Arena erreicht.</p><p>�Jetzt kann ich es sehen�, sagte auch Bollis.</p><p>�Ruhe!� wies Grimma die beiden im Fl�sterton an. �Falls das dort vorn wirklich ein Ausgang ist, werden Nordlinge in der N�he sein.�</p><p>Sie wagten nicht, das letzte St�ck durch die Finsternis schneller zu bestreiten als die bisherige Strecke, obgleich die fahle Helligkeit sie lockte. Noch aber konnten sie nicht einmal sehen, wohin sie ihre F��e setzten. Ausgerechnet jetzt durch eine eingebrochene Kellerdecke zu st�rzen h�tte das sichere Ende ihrer Mission bedeutet.</p><p>Sie erreichten die �ffnung voller Ungeduld, aber auch in der unheilvollen Erwartung eines Angriffs aus dem Hinterhalt. Der gemauerte Torbogen war kleiner als jener auf der Stadtseite, und er f�hrte zu ihrer Entt�uschung nicht ins Herz der Arena, sondern auf einen breiten Weg, der sich im unteren Drittel der Zuschauerr�nge rund um die ganze Anlage schl�ngelte. Der Boden der Arena lag mindestens zwanzig Schritte tiefer. Grimma versuchte, einen Blick nach oben zur Ummauerung zu werfen, doch der Winkel war ung�nstig, und sie konnte nicht einmal erkennen, ob das Feuer noch brannte. Wohl hing der Geruch von Rauch in der Luft, und von oben erklangen ferne Stimmen und das metallische Scharren der R�stungen.</p><p>Vorsichtig schauten sie sich um, die Waffen kampfbereit. In unmittelbarer N�he schienen sich keine Nordlinge aufzuhalten. Der Zugang zum Tunnel, ein kreisrunder Krater in der Mitte des Arenabodens, war nur als schwarze Fl�che zu erkennen. Ob sich dort unten W�chter befanden, war nicht zu sehen, doch Grimma hatte keine Zweifel daran.</p><p>�Sieht aus�, raunte sie den anderen zu, �als m��ten wir das letzte St�ck des Weges im Freien zur�cklegen.�</p><p>�Alles ist besser als diese Dunkelheit�, meinte Bollis m�rrisch. Wie Grimma und Styrmir hatte auch er nie zuvor einen solchen Mangel an Licht erlebt - schlie�lich waren sie alle im Hohlen Berg aufgewachsen, in dem es keine absolute Dunkelheit gab -, und er war bereit, es lieber mit den Nordlingen aufzunehmen, als sich noch einmal zur�ck ins Innere der Anlage zu wagen.</p><p>Vorsichtig pirschten sie im Schatten gewaltiger Deckentr�mmer von Rang zu Rang, langsam und nahezu ger�uschlos, bis sie die untere Sitzreihe erreichten. Von hier aus fiel eine Mauer f�nf Schritte tief ins Innere der Arena ab; fr�her hatte es hier ein Gel�nder gegeben, doch davon k�ndeten heute nur noch leere Verankerungen im Gestein. Wahrscheinlich hatten die Nordlinge das Metall eingeschmolzen, um daraus Schwerter zu schmieden.</p><p>�Wie sollen wir da runterkommen?� fragte Bollis.</p><p>�Springen�, entgegnete Styrmir knapp. �Oder siehst du eine andere M�glichkeit?�</p><p>Grimma runzelte die Stirn. �Wir werden uns alle Knochen brechen.�</p><p>Styrmir r�mpfte h�hnisch die Nase, warf seine Axt �ber die Br�stung, und ehe einer der anderen ihn aufhalten konnte, schwang er sich todesmutig in die Tiefe. Mit einem St�hnen und einem dumpfen Laut kam er am Boden auf. Grimma schaute besorgt hinterher, sah aber, da� er sich bereits wieder aufrappelte.</p><p>�Er ist verr�ckt�, zischte Bollis.</p><p>�Ja�, sagte Grimma, und ihre Stimme war voller Anerkennung. �Genauso verr�ckt, wie man wohl sein mu�, wenn man lebend hier herauskommen will.�</p><p>Und damit lie� sie ihre Waffe in die Tiefe fallen, setzte sich auf die Kante und stie� sich mit beiden H�nden ab. Vom Fall selbst sp�rte sie nichts, konnte sich im nachhinein nicht einmal wirklich daran erinnern. Alles, was sie f�hlte, war der Schmerz in ihren Beinen und, als sie sich abrollte, ein Knirschen in ihrem R�cken. Styrmir war sofort bei ihr und begann, sie abzutasten. Sie aber schob seine H�nde eilig von sich und knurrte, alles sei in Ordnung. Sie kam schwankend auf die Knie, und diesmal war sie froh, da� Styrmir sie packte, denn sonst w�ren ihre Beine wohl unter ihr eingeknickt. Ihr war schwindelig, doch einen Moment sp�ter stand sie leidlich sicher auf beiden F��en und hob ihre Axt vom Boden.</p><p>Bollis z�gerte noch immer, und obwohl er einer der tapfersten K�mpfer war, die Grimma je getroffen hatte, tat er sich mit dem Sprung sichtlich schwer. Schlie�lich aber schlo� er die Augen, verlor erst im Fall die Axt und kam ungl�cklich mit dem rechten Knie auf. Er keuchte vor Schmerz und humpelte leicht, als er sich wortlos aufmachte, seine Waffe zu suchen.</p><p>�Geht�s?� fragte Styrmir sorgenvoll, doch Bollis murmelte nur etwas Unverst�ndliches, fand seine Axt und gesellte sich ohne einen weiteren Ton zu Grimma.</p><p>Von hier aus waren es noch rund drei�ig Mannsl�ngen bis zum Rand des Lochs. Der Mond tauchte die freie Fl�che in dumpfes Grau. W�rden die drei sie jetzt �berqueren, waren sie von jedem Punkt der Arena aus deutlich zu sehen. Sie mu�ten warten, bis der Mond hinter einer Wolke verschwand. Vorausgesetzt, soviel Zeit blieb ihnen noch und ihr Sprung in die Tiefe war nicht bemerkt worden.</p><p>Grimma wagte sich einige Schritte weit aus dem Schatten der Mauer und blickte nach oben. Sie konnte das Feuer auf dem Rundweg jetzt deutlich erkennen, sah auch, da� sich mehrere Silhouetten davon abhoben.</p><p>�Komm zur�ck!� wisperte Styrmir ihr aus dem Schatten zu. �Sie k�nnen dich sehen.�</p><p>Grimma l�ste sich vom Anblick der Flammen und trat zu ihren beiden Gef�hrten ins Dunkel. Bollis starrte ungeduldig zum Mond empor. �Gleich ist es soweit�, raunte er ihnen zu.</p><p>Er behielt recht. Wenig sp�ter verschwand die Mondsichel hinter einer dunklen Wolkenmasse, und der Schein, der die Arena mit fahlem D�mmerlicht erf�llt hatte, erlosch.</p><p>Hastig liefen sie los. Grimma sah mit einigem Unbehagen, da� Bollis ein Bein nachzog. Kein Wort der Beschwerde oder des Jammers kam �ber seine verkniffenen Lippen. In diesem Augenblick galt ihm Grimmas uneingeschr�nkte Bewunderung, aber auch ihre Besorgnis. Sie sandte ein Sto�gebet zu den G�ttern, da� sie ihn nicht im Stich lassen w�rden.</p><p>Styrmir dagegen lief flink, ohne sich aber allzu weit von dem verletzten Gef�hrten zu entfernen. Er w�rde sofort zur Stelle sein, falls Bollis stolpern oder gar zusammenbrechen sollte. Zumindest von seiner Seite aus schien ihr Streit beigelegt zu sein. Grimma beobachtete ihn verstohlen und dachte, da� es schade w�re, wenn sie gerade jetzt sterben m��ten; schade, weil es das eine oder andere gab, das sie Styrmir gerne noch gesagt h�tte. Da� sie seine T�towierung am Kinn albern fand, zum Beispiel, aber auch ein, zwei freundlichere Dinge. Doch sie war nie besonders gut in diesen Dingen gewesen, und vielleicht war es ja gegen den Willen der G�tter, da� sie eine weitere M�glichkeit bekam, sich darin zu �ben.</p><p>Die runde �ffnung im Boden der Arena, �ber zehn Schritte im Durchmesser, war in der Dunkelheit kaum mehr als solche zu erkennen. Ebensogut h�tte es sich um eine schwarze Rauchwolke oder eine Wasserfl�che handeln k�nnen. Falls dort wirklich Feinde auf sie warteten, liefen Grimma und die beiden anderen ihnen blind vor die Klingen. Ihr einziger Vorteil war, da� die Nordlinge in der Finsternis noch weniger sehen konnten als sie selbst; soviel immerhin hatten sie w�hrend des Krieges im Hohlen Berg herausgefunden.</p><p>Sie erreichten den Rand der �ffnung schneller, als sie erwartet hatten. Im gleichen Moment ert�nte von den R�ngen der Arena ein schriller Alarmruf. Als Grimma aufblickte, erkannte sie eine Gruppe von drei Nordlingen, die dort standen, wo sie, Styrmir und Bollis eben herabgesprungen waren. Die drei M�nner hatten ihre Spuren im Schnee entdeckt.</p><p>Der Zugang zur Zwergenstra�e war augenscheinlich verlassen. Eine steile Rampe f�hrte in die Tiefe. Die Zwerge wollten sie gerade hinablaufen, als von unten das Scharren zahlreicher F��e an ihre Ohren drang.</p><p>�Sie haben auf uns gewartet!� pre�te Bollis hervor. �Nicht hier drau�en, sondern im Tunnel!�</p><p>�Dann soll es eben so sein�, gab Grimma verbissen zur�ck. �Wir k�nnen nichts mehr daran �ndern.�</p><p>Und schon war der erste Feind heran. In der Finsternis war er nicht mehr als ein schwarzer Umri�, breit, kr�ftig und mit einem schweren Streitkolben bewaffnet. Die Waffe sauste auf Styrmir zu, der sich plump nach hinten fallen lie�, so da� der Kolben �ber ihn hinwegzischte. Zugleich stie� er die Axt vor, ohne gro�es Geschick, aber doch kraftvoll genug, um den anderen im Magen zu treffen. Es war gewi� kein t�dlicher Treffer, aber er warf seinen Gegner zur�ck, so da� er stolperte, aufst�hnte und die Rampe hinabpolterte.</p><p>Grimma starrte ihm fassungslos hinterher. Der Angreifer war kein Nordling gewesen. Sie hatte nur seine Silhouette sehen k�nnen, die Form seines K�rpers, doch das reichte aus, um zu erkennen, da� er zu klein war. Zu klein f�r einen Nordling, zu klein auch f�r einen gew�hnlichen Menschen. Ein Kind aber h�tte niemals den Streitkolben mit solcher Kraft handhaben k�nnen.</p><p>�Zwerge!� entfuhr es Bollis, der die gleiche Beobachtung gemacht hatte. �Es sind Zwerge wie wir!�</p><p>�Warum k�mpfen sie auf der Seite der Nordlinge?� Styrmir sprang auf und packte seine Axt mit beiden H�nden. Keiner wu�te eine Antwort auf seine Frage.</p><p>Der st�rzende Angreifer hatte die Attacke ihrer Gegner f�r kurze Zeit aufgehalten, als er einige von ihnen mit sich nach unten ri�. Erst jetzt st�rmten die n�chsten die Rampe herauf, st�rzten sich wortlos auf Grimma und Bollis. Es waren zwei, und sie wu�ten mit ihren Waffen umzugehen, dennoch hatten sie den Kriegern vom Hohlen Berg nichts entgegenzusetzen. Grimmas Axt spaltete dem einen Helm und Sch�del - ein geh�rnter Helm, wie ihn die Nordlinge trugen -, w�hrend Bollis dem anderen seine Waffe tief in den Brustkorb hieb.</p><p>Von unten ert�nten weitere Schritte, noch mehr Zwerge kamen herauf, w�hrend auf den R�ngen ein halbes Dutzend Nordlinge zusammenstr�mte und sich auf den Weg zum Boden der Arena machte.</p><p>Grimma blieb keine Zeit, sich Gedanken zu machen, weshalb sie pl�tzlich gegen ihresgleichen k�mpften. Unb�ndige Wut �berkam sie, Ha� auf die M�rder ihrer Gef�hrten. Ob Zwerge oder Nordlinge oder gar die G�tter selbst - in diesem Augenblick h�tte sie es mit jedem aufgenommen. Zwerge verfielen nicht in Berserkerwahn wie die Nordlandkrieger, und doch kam das, was Grimma jetzt f�hlte, der Kampfwut der Nordlinge gef�hrlich nahe. Sie hieb und schlug und hackte, die Schneiden ihrer Axt spalteten Leiber, durchtrennten Glieder und richteten ein Gemetzel unter ihren Feinden an. Durch einen Schleier aus Blut und Zorn �berkam sie die Gewi�heit, da� sie verloren waren, falls die Nordlinge von den R�ngen sie erreichten. Ihnen blieb nur die M�glichkeit, sich einen Weg durch die Reihen der Zwergenw�chter hinab in die Tiefe zu k�mpfen.</p><p>Grimma sah, da� Bollis einen Gegner nach dem anderen f�llte, und sogar Styrmir schlug sich tapfer. Er blutete aus einer Schnittwunde an der Stirn und aus einer anderen an der linken Schulter, doch seine Durchhaltekraft war bemerkenswert. W�hrend Grimma einem Feind den Sch�del von den Schultern hieb, durchfuhr es sie, da� Styrmir ihr vielleicht trotz allem ein w�rdiger Gef�hrte w�re. In mehr als nur in der Schlacht. Der Gedanke schien ihr in dieser Lage so absurd, da� sie fast laut aufgelacht h�tte. Sie wu�te, es war der Kampfrausch, der ihr Blut derart zum Kochen brachte, und sie hatte das Gef�hl, als w�chse ihre Kraft mit jedem Gegner, dem sie den Garaus machte. Sie versp�rte keinen Triumph, keinen Hohn oder Spott f�r die Gefallenen, nur den Willen durchzuhalten, ganz gleich, was sie am Ende dieses Weges erwarten mochte; der Tod, vielleicht, oder das blanke �berleben. Einen echten Sieg, das wu�te sie, konnte es f�r sie nicht mehr geben. Sie w�rde immer die Unterlegene bleiben, wenn nicht in dieser Schlacht, dann sp�testens, wenn sie Thorh�l vor den Gefahren des Nordlandes warnte. Er w�rde nicht auf sie h�ren. Diese ganze Mission war sinnlos, und tats�chlich hatte sie das bereits damals geahnt, im selben Moment, da der K�nig ihr seine Pl�ne mitgeteilt hatte. Sinnlos wie der Tod all ihrer Freunde.</p><p>Sie schaute zur�ck �ber ihre Schulter, sah, da� die Nordlinge vom unteren Zuschauerrang hinab in die Arena sprangen. Ihnen bereitete die H�he keine Schwierigkeiten. Sie kamen sicher mit beiden F��en am Boden auf, stolperten nicht, liefen aus dem Stand los und schwangen mit w�tendem Gebr�ll ihre Schwerter.</p><p>�Wir m�ssen hier weg!� stie� Bollis atemlos aus und wich m�hsam dem Streitkolben eines Zwerges aus.</p><p>Grimma blockierte die Attacke ihres Gegners, schlug mit der Axt nach seiner Seite, verfehlte ihn, nutzte seine Drehung aber, ihm einen kraftvollen Tritt in den Unterleib zu geben. Der Zwerg �chzte und fiel nach hinten, rollte strampelnd die Schr�ge hinunter.</p><p>Diesmal wartete Grimma nicht, bis ihr die n�chsten Gegner von unten entgegentraten. Sie sprang mit einem wilden Kriegsschrei die Rampe hinab, rammte einen �berraschten Feind mit der Schulter beiseite, zog einem anderen im Vorbeilaufen die Axtschneide �ber den Oberarm und stolperte mit wirbelnder Waffe weiter. Aus den Augenwinkeln sah sie, da� Bollis und Styrmir es ihr gleich taten. Bollis blieb w�hrend des gesamten Kampfes einige Schritte vor dem K�nigsberater und hielt einen Gro�teil der Angreifer von ihm fern; wie ein Schiffsbug pfl�gte er durch die Feinde, w�hrend Styrmir in seinem Fahrwasser hinterherlief.</p><p>Auf der Rampe hielten sich weniger Zwerge auf, als sie bef�rchtet hatten. Bollis m�hte zwei mit grausamen Axthieben nieder, einen anderen brachte Styrmir mit einem Faustschlag zu Fall. Grimma hinterlie� eine Spur aus drei Verletzten, verzichtete aber darauf, sie zu t�ten. Sie verachtete die gegnerischen Zwerge, mehr noch als die Nordlinge, denn es waren Verr�ter, die sich gegen ihr eigenes Volk stellten. Grimma h�tte es gewi� genossen, jedem einzelnen von ihnen den Garaus zu machen, doch dazu blieb jetzt keine Zeit. Sie mu�ten weiter, tiefer in den Tunnel, um ihren Vorsprung vor den Nordlandkriegern zu vergr��ern.</p><p>Am Fu� der Rampe lagen mehrere Tote und Verletzte, die von oben den Hang herabgerollt waren. Grimma und die anderen beachteten sie nicht. Keiner von ihnen h�tte es nach dem eint�nigen Marsch der vergangenen f�nf Monde f�r m�glich gehalten, jemals Freude beim Anblick des endlosen Tunnels zu empfinden; und doch h�tte Grimma in diesem Augenblick jubeln k�nnen vor Erleichterung. Das erste und gewi� gef�hrlichste Hindernis auf dem Weg in die Heimat war bew�ltigt - falls es ihnen gelang, der Horde von Nordlingen zu entkommen, die sich in diesem Augenblick anschickte, die Rampe herabzust�rmen.</p><p>�Schneller!� rief Grimma ihren beiden Gef�hrten zu. �Bei den G�ttern, ihr m��t noch schneller laufen!�</p><p>�Wir sollten uns ihnen stellen!� keuchte Bollis. Styrmir st�tzte ihn, und zu Grimmas Erstaunen lie� der Krieger sich die Hilfe widerspruchslos gefallen. Sie selbst packte Bollis am anderen Arm, und so rannten sie zu dritt, fest ineinander verhakt, den Tunnel entlang nach S�den. F�nf Monde lagen vor ihnen, wenn die Nordlinge sie nicht vorher stellten, f�nf Monde, in denen sie sich von Flederm�usen, Echsen und den Fischen der unterirdischen Fl�sse ern�hren w�rden. Aber daran mochte jetzt noch keiner von ihnen denken.</p><p>Es wurde dunkler, das Sternenlicht vom Eingang blieb hinter ihnen zur�ck, und sie mu�ten sich jetzt ganz auf die Sch�rfe ihrer Zwergenaugen verlassen. Zumindest darin waren sie den Nordlingen hier unten �berlegen. Ihre Gegner w�rden erst Fackeln herbeischaffen m�ssen, um die Verfolgung fortzusetzen. Und tats�chlich verstummte das Geschrei der Nordlandkrieger allm�hlich hinter ihnen, als die M�nner angesichts der Finsternis am Fu� der Rampe zur�ckblieben.</p><p>Die drei Zwerge liefen lange Zeit ohne Unterbrechung weiter, bis schlie�lich immer offensichtlicher wurde, da� Bollis die Schmerzen in seinem Bein zwar so gut es ging �berspielte, ihnen aber letzen Endes unterliegen w�rde. Keiner von ihnen vermochte zu sagen, wie gro� die Entfernung war, die sie zwischen sich und die Rampe gebracht hatten, und auch die Zeit selbst hatte l�ngst an Bedeutung verloren. Sie lie�en sich am Rande des Tunnels nieder, gleich am Fu� der H�hlenw�nde, und Grimma massierte Bollis� Bein mit geschickten, wenn auch ersch�pften H�nden. Er verzog das Gesicht, sagte aber kein Wort. Styrmir warf Grimma einen besorgten Blick zu.</p><p>�Ich halte euch auf�, st�hnte Bollis nach einer Weile. �Das beste ist, wenn ihr mich liegenla�t.�</p><p>Grimma l�chelte bitter. �<emphasis>Das </emphasis>also h�ttest du hinter dich gebracht. Vielleicht k�nnen wir jetzt ernsthaft bereden, wie es weitergehen soll.�</p><p>Bollis wollte widersprechen, doch Grimma fiel ihm scharf ins Wort: �Ich habe heute f�nfzehn M�nner verloren. F�nfzehn hervorragende Krieger, darunter einige meiner besten Freunde! Sie haben mir vertraut, und ich habe sie geradewegs in den Untergang gef�hrt. Glaub mir, Bollis, selbst wenn ich dich den ganzen Weg zur�ck zum Hohlen Berg auf meinen Schultern tragen m��te, w�rde ich dich gewi� nicht hier unten verrotten lassen. Ist das ein f�r allemal klar?�</p><p>Bollis blickte an ihr vorbei ins Dunkel, nickte steif. Er verzichtete auf eine Antwort, aber Grimma sah ihm an, da� er angestrengt nachdachte. Gut, dachte sie erleichtert, vielleicht w�rde er so zur Vernunft kommen.</p><p>Vernunft? spottete die Stimme in ihrem Inneren. Vern�nftig w�re es, Bollis zur�ckzulassen. Du hast es immer gewu�t, nicht wahr? Wenn es ein einziger zur�ck zum K�nig schafft, war die Mission ein Erfolg. Ein einziger gen�gt. Noch hast du nicht verloren, noch nicht.</p><p>Sie ha�te sich selbst f�r solche Gedanken.</p><p>�Lange sind wir hier nicht sicher�, sagte Styrmir.</p><p>�Ach, nein?� gab Grimma streitlustig zur�ck. �Gut, da� wir einen so scharfen Beobachter unter uns haben.�</p><p>Zu ihrer �berraschung war es Bollis, der sagte: �La� deine Wut nicht an Styrmir aus, Grimma. Er hat sich tapfer geschlagen.�</p><p>Einen Moment lang hielt sie dem stechenden Blick ihres verletzten Freundes stand, dann nickte sie in Styrmirs Richtung. �Es tut mir leid. Du hast recht, sie werden uns folgen. Aber wir werden ihre Fackeln sehen, wenn sie n�herkommen, das ist unser Vorteil.�</p><p>Eine Weile lang sagte keiner von ihnen ein Wort, w�hrend Grimma weiter Bollis� Bein massierte und Styrmir nachdenklich seine blutige Axt betrachtete. Pl�tzlich schaute er auf.</p><p>�H�rt ihr das?�</p><p>Grimma sah ihn alarmiert an und horchte ins Dunkel.</p><p>�Schritte, von Norden�, sagte Styrmir.</p><p>�Das m�ssen Dutzende sein.� Bollis versuchte vergeblich, aus eigener Kraft auf die Beine zu kommen.</p><p>Grimma sprang auf und starrte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Der Tunnelschlund schien ihren Blick gleichg�ltig zu erwidern, ein gewaltiges, finsteres Auge. Da waren keine Fackeln, keine Spur von Feuerschein. Sie begriff schlagartig, was das bedeuten mu�te.</p><p>�Zwerge!�</p><p>Schweigend hoben sie Bollis vom Boden und machten sich auf den Weg nach S�den.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Es waren glorreiche Tage, damals, und glorreich waren Grimmas Taten�, schw�rmte Alberich. �Es gibt ein Lied �ber sie. Vielleicht sollte ich -�</p><p>�Nein�, brummte L�wenzahn. �Solltest du nicht.�</p><p>Auch M�tterchen meinte: �Das ist wirklich nicht n�tig.�</p><p>Nur Geist sagte: �Ich w�rde es gerne h�ren. Du hast eine so sch�ne Stimme, Alberich.�</p><p>�Ein andermal�, verlangte M�tterchen hastig.</p><p>L�wenzahn wuchtete seinen Zweih�nder von einer Schulter auf die andere. �Erz�hl uns lieber, was in der Zwergenstadt geschehen ist.�</p><p>�War es wirklich eine Arena?� fragte M�tterchen.</p><p>�Was <emphasis>ist </emphasis>eine Arena?� wollte Geist wissen, die sich nach all ihren Jahren im Wald nichts darunter vorstellen konnte.</p><p>L�wenzahn machte ein ernstes Gesicht. Er war froh, da� er dem Moosfr�ulein etwas erkl�ren konnte, und hatte es eilig, den anderen zuvorzukommen. �Man schl�gt darin einem anderen den Sch�del ein und wird daf�r mit Blumen beworfen.�</p><p>Geist lie� eine Nelke an ihrem Hinterkopf erbl�hen. �Mit solchen Blumen?�</p><p>Der Halbhunne nickte. �Und mit M�nzen.�</p><p>Alberich warf einen grimmigen Blick nach hinten. �Wenn du dabei noch einmal derart gierig auf meinen Hort schielst, Hunne, drehen wir sofort um.�</p><p>�<emphasis>Deinen </emphasis>Hort?� L�wenzahn lachte. �Wenn das so ist, sollten wir allm�hlich �ber Besoldung sprechen.�</p><p>Ihr Abstieg die Treppe hinunter war beschwerlicher, als M�tterchen angenommen hatte. Die Stufen schienen kein Ende zu nehmen. Zudem waren die Abs�tze f�r Zwergenf��e geschaffen und viel zu kurz und niedrig f�r menschliche Schritte; das verdoppelte die Anstrengung. Am schlimmsten aber war, da� sie bislang nicht einmal ein Viertel der Strecke bis zum Boden der Horthalle bew�ltigt hatten.</p><p>M�tterchen klopfte Alberich im Gehen auf die Schulter. �Nun sag schon, was weiter geschah. Zumindest vergeht dabei die Zeit schneller.�</p><p>�Hm�, meinte der Zwerg und kratzte sich unter seiner M�tze. �Wo war ich stehengeblieben?�</p><p>L�wenzahn beugte sich vor und roch an der Nelkenbl�te auf Geists Kopf. �Grimma und die anderen hatten den Tunnel verlassen und lagen auf dem Rand der Arena�, sagte er. �Von dort aus schauten sie �ber die Ruinen dieser Stadt und -�</p><p>�Jetzt wei� ich!� unterbrach ihn Alberich. �Ich wollte ein Lied �ber Grimma singen.�</p><p>�Du wolltest erz�hlen, wie es weiterging�, ermahnte ihn M�tterchen.</p><p>Alberich grummelte etwas in seinen Bart und meinte schlie�lich: �Nun denn, h�rt gut zu!� Er straffte seinen R�cken. �Nach langen Monden des Marsches also kamen Grimma und ihre Gef�hrten im Nordland an. Sie stiegen aus dem Tunnel, fanden die Arena und entdeckten, da� die alte Stadt der Zwerge in Ruinen lag. Vielleicht war diese Stadt der Ursprung meines Volkes, vielleicht nur eine abgelegene Kolonie, das wei� heute keiner mehr. Auch was die H�hlendecke zum Einsturz gebracht hat, ist l�ngst vergessen. Ich vermute, es war irgendeine Teufelei der Nordlinge, wie immer sie es bewerkstelligt haben m�gen.</p><p>Nun, auf jeden Fall betraten Grimma und die anderen k�hn die Stadt und erforschten jeden Winkel. Oft stie�en sie dabei auf die verfluchten Nordlandkrieger und erschlugen ihrer Hunderte. All die Schmach, all das Verderben, das die Nordlinge mit ihrem Angriff auf den Hohlen Berg �ber das Zwergenvolk gebracht hatten, wurde ihnen jetzt dutzendfach heimgezahlt. Immer mehr dieser Barbaren verlie�en ihre stinkenden Unterschl�pfe in den Ruinen, und sie liefen Grimma und ihren Freunden geradewegs in die Klingen. Schrecklich war die Schlacht und ruhmreich der Sieg, denn bald schon war die Stadt von diesem Ungeziefer bereinigt.�</p><p>L�wenzahn runzelte ungl�ubig die Stirn. �Du meinst, ein paar Zwerge haben das ganze Volk der Nordlinge ausgerottet?�</p><p>Alberich hielt es nicht einmal f�r n�tig, sich angesichts solch frevlerischen Zweifels umzudrehen. �Genauso war es�, erkl�rte er mit triumphaler Geb�rde, �jedes Wort ist wahr! Die Zwerge waren immer ein Volk, das viele m�chtige Krieger hervorgebracht hat.�</p><p>M�tterchen entging keineswegs, da� Alberich sich damit selbst widersprach; vorhin hatte er noch behauptet, in den Jahrhunderten des Frondienstes im Hohlen Berg h�tten die Zwerge den Kampf verlernt. Sie schmunzelte still vor sich hin, verzichtete aber auf einen Einwand.</p><p>Der Horth�ter fuhr fort: �Nachdem die Ruinenstadt von allen Feinden befreit war, machten Grimma und die Ihren sich daran, nach Spuren der hehren Vergangenheit der Zwerge zu suchen. Vielerlei fanden sie, Zeugnisse der gro�en Taten und Erfindungen ihrer Ahnen, und als sie alles zusammengetragen und geordnet hatten, machten sie sich auf den R�ckweg. Mit lautem Gesang und in bester Stimmung stiegen sie hinab in den Tunnel und f�hlten sich dort sogleich wie zu Hause. Die M�hen des Hinweges waren durch ihre glorreichen Taten von ihnen abgefallen, und sie konnten es kaum mehr erwarten, jene, die in der Heimat ungeduldig auf ihre R�ckkehr warteten, mit den Schilderungen ihrer Entdeckung zu verbl�ffen.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Sie kommen n�her.�</p><p>Es h�tte Styrmirs Worte nicht bedurft, um Grimma den ausweglosen Ernst ihrer Lage zu verdeutlichen. Auch sie konnte es h�ren: das Scharren zahlloser Stiefel auf dem nassen Felsboden, das Murmeln ferner Stimmen, das metallische Klirren von R�stzeug und scharfen Klingen. Ihre Gegner holten auf, daran bestand kein Zweifel, ebensowenig wie an der Tatsache, da� das Gl�ck der drei Fl�chtigen allm�hlich aufgebraucht sein mu�te.</p><p>Der Schmerz in Bollis� Bein schien nachzulassen, er lief jetzt schneller, obgleich er ebenso ersch�pft sein mu�te wie Styrmir und Grimma. Seine Selbstbeherrschung war au�erordentlich, und Grimma fragte sich besorgt, ob dies vielleicht das letzte gro�e Aufwallen von Kraft vor dem Ende war. Doch ein Blick in Bollis� Gesicht beschwichtigte ihre Sorgen; er wirkte ausgezehrt und m�de, gewi�, doch keineswegs wie ein Mann an der Schwelle zum Tod. Nein, Bollis w�rde leben, vorausgesetzt es gelang ihnen, die feindlichen Zwerge von ihren Fersen zu sch�tteln.</p><p>Das aber, dar�ber machte Grimma sich keine Illusionen, schien derzeit �u�erst unwahrscheinlich.</p><p>�Was sollen wir tun?� fragte Styrmir leise. Er klang nicht �ngstlich oder gar panisch, ganz im Gegenteil: Grimma fragte sich, woher er die Ruhe nahm, mit der er Dinge aussprach, die jeden anderen zur Verzweiflung getrieben h�tten. Sie <emphasis>kommen n�her, </emphasis>hatte er gesagt, aber mit einer Gelassenheit, als ginge es um eine aufziehende Regenwolke. <emphasis>Was sollen wir tun? </emphasis>fragte er jetzt; es klang, als w��te er sehr genau, da� es darauf keine �berzeugende Antwort gab. Er sagte so etwas, weil er glaubte, dies sei der Augenblick, in dem dergleichen gesagt werden <emphasis>m�sse. </emphasis>In seinen Augen geh�rte das zum gro�en Abenteuer, zur Legende der Nordlandreise, die fraglos in seinem Kopf Gestalt annahm, um sp�ter - falls es ein Sp�ter geben w�rde - von der Feder auf das Papier seines B�chleins zu flie�en.</p><p>Doch immer, wenn Grimma glaubte, ihn endlich durchschaut zu haben, sagte er Dinge wie: �Sie werden uns nicht t�ten, nicht jeden von uns. Das kann ich sp�ren.� Und dann fragte sie sich allen Ernstes, ob ihm die Ereignisse nicht vielleicht einen Teil seines Verstandes geraubt hatten.</p><p>Aber Styrmir war nicht verr�ckt, ganz gewi� nicht im Sinne einer Krankheit. Vielleicht ein wenig unbesonnen in seiner Einsch�tzung der Lage, vielleicht etwas wirr in seiner Vorstellung von Kampf und Niederlage und Tod. Aber nicht verr�ckt. Und Grimma wunderte sich, ob es das war, was ihr an ihm so gefiel: seine Andersartigkeit, der deutliche Unterschied zwischen ihm und den rohen Kriegern, mit denen sie fr�her das Lager geteilt hatte.</p><p>Das Lager teilen - liebe G�te. Als h�tte sie keine anderen Sorgen.</p><p>Ein Schrei ri� sie aus ihren Gedanken. Im ersten Augenblick glaubte sie, Bollis h�tte ihn ausgesto�en, denn er wurde mit einemmal ungemein schwer in ihrem Griff, dann stolperte er und fiel. Doch als sie erschrocken zu ihm herabblickte, sah sie die Wurfaxt, die bis zum Anschlag zwischen seinen Schulterbl�ttern steckte, und da wu�te sie, da� dem Freund keine Zeit mehr geblieben war, einen Schrei auszusto�en.</p><p>Es war ein Kampfruf gewesen, und keine zwei Atemz�ge sp�ter sah sie hinter sich mehrere Zwerge aus dem D�mmerlicht preschen, eine schnelle Vorhut der gro�en Streitmacht, die ihnen in gr��erer Entfernung folgte.</p><p>Es kam nicht zum Kampf. Nicht im Sinne eines Schlagabtauschs.</p><p>Grimma st�rzte zwischen die �berraschten Feinde, und ihre Axt hinterlie� eine Spur aus Blut und zerschmetterten Leibern. Wie eine Furie kam sie �ber ihre Gegner, vier waren es, dann nur noch zwei und schlie�lich ein einziger, der sich umdrehen und fliehen wollte, doch Grimma spaltete ihm von hinten den Sch�del und stie� ein schauriges Lachen aus, das die Kunde ihres Sieges weithin durch den Tunnel trug, hinauf gen Norden zur n�herr�ckenden Schar der Verfolger, aber auch zur�ck zu Styrmir, und als sie zu ihm zur�ckkehrte, da sah sie ihm an, da� er sie mit einem g�nzlich anderen Blick als zuvor betrachtete.</p><p>Sie beugte sich zu Bollis hinunter. Styrmir hatte die Axt bereits aus der Wunde entfernt, und jetzt war deutlich zu sehen, was die Waffe dem Zwergenkrieger angetan hatte. Grimma rollte den toten Freund auf den R�cken, k��te ihn auf die b�rtigen Wangen, dann stand sie ohne ein weiteres Wort auf und gab Styrmir das Zeichen, weiterzulaufen.</p><p>Sie kamen jetzt schneller voran. Warum hatte die Wurfaxt gerade Bollis getroffen, warum den Schw�chsten, denjenigen, der ihre Flucht verlangsamt hatte? <emphasis>Sie werden uns nicht t�ten, </emphasis>hatte Styrmir gesagt, <emphasis>nicht jeden von uns. </emphasis>Das Schicksal meint es gut mit uns, dachte Grimma kalt, und wir werden einen Preis daf�r zahlen. Am Ende werden wir zahlen f�r all unser Gl�ck.</p><p>Sie fragte sich, was dieser Preis sein w�rde. Sie wu�te nur, er w�rde h�her sein als der Gewinn, den sie aus dieser Sache ziehen konnten - was kaum verwunderlich war, denn es gab keinen Gewinn, w�rde nie einen geben.</p><p>Und, wer wei�, vielleicht besa� das Schicksal ja Humor, und gerade die Tatsache, da� sie keinen Preis zahlen konnten, war ihm Preis genug?</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Es war ein Zug der Helden, ein Zug der Freude und der Hoffnung, in dem Grimma und ihre Krieger nach S�den eilten, und ihre Lieder und Gespr�che waren bestimmt von der Gewi�heit, da� sie das fast Unm�gliche vollbracht hatten.�</p><p>Alberich schwadronierte nun schon seit einer halben Ewigkeit �ber die Gro�taten seiner Ahnen, und M�tterchen bereute l�ngst, da� sie ihn �berhaupt gebeten hatte, �ber das Vergangene zu sprechen. Zumal sie noch immer nichts �ber die Lage des versteckten Tunneleingangs erfahren hatten.</p><p>Sie hatten mittlerweile �ber die H�lfte des Abstiegs bew�ltigt. Der Goldglanz des Hortes leuchtete unter ihnen wie ein See aus Feuer. Der Schatz hatte regelrechte Landschaften gebildet, sanfte H�gel und T�ler aus glitzerndem Geschmeide, schroffe Verwerfungen und Steilw�nde aus purem Gold. Das Rund der Halle mochte einen Durchmesser von �ber hundert Mannsl�ngen haben, und nirgends in dieser gewaltigen Fl�che gab es auch nur eine Stelle, die nicht mit funkelnden Reicht�mern bedeckt war. Vermutlich lag der eigentliche H�hlenboden mehrere Schritte unterhalb der Goldoberfl�che, und einen Augenblick lang �berkam M�tterchen die absurde Vision, inmitten all dieser Pracht unterzugehen wie in einem Gew�sser, tiefer und tiefer zu sinken, durch Schichten aus Schmuck und M�nzen zu tauchen, ohne jemals auf festen Grund zu sto�en. Sie sch�ttelte sich bei dieser Vorstellung, und doch vermochte sie den wohligen Schauder, der dabei in ihrem R�uberherz aufstieg, nicht v�llig zu unterdr�cken.</p><p>�Viele Wochen zogen die Zwerge durch den Tunnel�, fuhr Alberich fort, �und viele neue Geschichten und Verse entstanden w�hrend dieser Zeit. Denn was sonst hatten Grimma und die anderen zu tun, als Gedichte zu verfassen, Ges�nge zu komponieren und ihre schartigen Waffen zu sch�rfen? Wie gerne w�re ich dabei gewesen, wie gerne w�re ich siegreich an Grimmas Seite zum Hohlen Berg zur�ckgekehrt und h�tte dem K�nig stolz Bericht erstattet...� Er seufzte tief und f�gte dann weinerlich hinzu: �Aber was hilft es, der Vergangenheit nachzutrauern? Hier sind wir nun, wir vier Seite an Seite, und eine neue Herausforderung harrt unserer Klingen, unseres Geschicks und unserer -�</p><p>L�wenzahn unterbrach ihn mit einem langgestreckten G�hnen. �Sehr sch�n, Zwergling, wirklich, sehr sch�n. Gewi� hast du mit allem recht, was du sagst. Aber wie ging es denn nun weiter? Was f�r ein Empfang wurde Grimma bereitet, nachdem sie zur�ckkehrte zum Hohlen Berg und zu diesem K�nig - wie hie� er noch gleich?�</p><p>�Thorh�l�, versetzte Alberich giftig. �Sein Name war Thorh�l, und er war ein gr��erer Herrscher als jeder, den das Hunnenvolk zwischen seinen Fellh�tten und Pferdest�llen jemals hervorgebracht hat!�</p><p>L�wenzahn zuckte nur mit den Schultern; Alberichs Worte ber�hrten ihn nicht, er hatte sich nie wie ein wirklicher Hunne gef�hlt. �Thorhall also�, meinte er.</p><p>�Nicht Thor<emphasis>hall</emphasis>!� schimpfte Alberich aufgebracht. �H�l, h�rst du, Dummkopf, Thor<emphasis>h�l</emphasis>. Mit langem, klangvollem A!�</p><p>�Von mir aus�, brummte L�wenzahn und verlagerte das Gewicht seines Bih�nders einmal mehr auf die andere Schulter.</p><p>�Erz�hl schon�, wandte M�tterchen sich an den Zwerg, um das Wortgepl�nkel der beiden zu einem Ende zu bringen. �Wie war das nun, als Grimma zum K�nig zur�ckkehrte?�</p><p>�Wie es war?� wiederholte Alberich naser�mpfend. �Wie es war, willst du wissen? Was denkst du denn, wie es war?�</p><p>M�tterchen verdrehte die Augen.</p><p>�La� uns raten�, meinte L�wenzahn trocken, und Geist piepste leise:</p><p>�Glorreich, nicht wahr?�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Zeit existierte nicht im Tunnel, jetzt nicht mehr, da die beiden Schreiber tot waren und ihre Sanduhren zerbrochen zwischen den Ruinen lagen. Es gab keinen Tag und keine Nacht, und schlie�lich wu�ten Grimma und Styrmir nicht einmal mehr eindeutig zu sagen, ob sie m�de waren oder nicht. Sie schliefen dann, wenn ihre F��e sie nicht mehr weitertragen wollten, und sie a�en, wenn es ihnen gelang, in einem Wasserlauf einen blinden grauen Fisch zu fangen, der tr�ge durch die Schw�rze schwebte. Mitunter geschah das mehrmals in kurzen Abst�nden hintereinander, manchmal �ber lange Zeitr�ume �berhaupt nicht. Aber waren die Zeitr�ume wirklich lang oder schienen sie ihnen nur so? Und spielten ihre K�rper ihnen vielleicht nur h�mische Streiche, wenn sie ihnen Schw�che signalisierten? Gab es �berhaupt so etwas wie eine zeitliche Ordnung hier unten, wenn sie sich diese Ordnung nicht selbst erschufen, sei es durch Sanduhren oder das Z�hlen ihrer Schritte?</p><p>Irgendwann verklangen die Laute ihrer Verfolger hinter ihnen. Waren seit dem Beginn ihrer Flucht Tage vergangen, Wochen oder gar ganze Monde? Gelegentlich, aber nur sehr selten, erkannten sie bestimmte Stellen wieder, die ihnen bereits auf dem Hinweg aufgefallen waren. Manchmal waren das so unbedeutende Dinge wie eine ungew�hnliche Felsformation oder eine schillernde Ader im Gestein, manchmal auch B�che und Wasserl�cher, die sich in ihrem Weg auftaten. Meistens begannen sie dann miteinander zu streiten, denn es kam selten vor, da� sie gleicher Meinung waren �ber den Zeitpunkt, da sie diese Stelle auf dem Weg nach Norden passiert hatten. Styrmir mochte sagen: �Hier waren wir im dritten Mond�, w�hrend Grimma sogleich widersprach und erkl�rte: �Es war im f�nften, da bin ich vollkommen sicher.�</p><p>Doch trotz solcher Meinungsverschiedenheiten war Grimma froh, da� Styrmir an ihrer Seite war, und sie h�rte ihm gerne zu, wenn er sich �ber die Berater des K�nigs und ihre haneb�chenen Ratschl�ge lustigmachte. �Man wird dazu erzogen, Unsinn zu reden�, erkl�rte er ihr einmal. �Es geht nicht darum, was man sagt, sondern darum, da� man �berhaupt etwas sagt und der K�nig es zur Kenntnis nimmt. F�r die meisten Berater gibt es nichts Wichtigeres als einen Seitenblick Thorh�ls, ein anerkennendes Nicken, sogar ein Schulterzucken. Sie sind selbst dann �bergl�cklich, wenn er ihre Meinung mit einem Kopfsch�tteln abtut - sie haben dann das Gef�hl, sie h�tten eine m�gliche Fehlentscheidung abgewandt.� Er lachte bitter. �Alles nur eine Frage der Sichtweise, sch�tze ich.�</p><p>Grimma lehrte ihn ihrerseits viel �ber das Kriegshandwerk. Dabei verschwieg sie nicht, da� auch sie das meiste davon nur aus den Erz�hlungen ihrer Ausbilder kannte. Vor dem Angriff der Nordlinge hatte es lange Zeit keinen offenen Kampf mehr im Hohlen Berg gegeben, und die Aufgaben der Krieger waren lediglich die einer Schutztruppe gewesen, die daf�r sorgte, da� es keine Verbrechen oder gar Aufst�nde gab. �Aber so hatte sich keiner von uns seine Zukunft vorgestellt. Wir waren nicht Krieger geworden, um Taschendieben das Handwerk zu legen. Zumindest war es das, was wir uns Tag f�r Tag sagten, und hinter vorgehaltener Hand gab es viel Murren und Unzufriedenheit. Viele von uns waren froh, als die Nordlinge auftauchten. Endlich, so schien es, war die Zeit gekommen, unsere F�higkeiten unter Beweis zu stellen. Wir waren Narren, f�rchte ich. Wir haben nicht weiter gedacht als bis zum Ende der �xte, die wir in unseren H�nden hielten.� Sie sch�ttelte traurig den Kopf. �Bollis, Egil und all die anderen wissen es heute vielleicht besser.�</p><p>�Und du selbst?�</p><p>�Ich bin Heerf�hrerin der Armee vom Hohlen Berg�, sagte sie steif, �und das werde ich bleiben, bis ich selbst der Klinge eines Feindes unterliege oder mich das Alter dahinrafft, m�gen die G�tter mich davor bewahren! Ich kann nichts anderes sein als das, was ich bin, und ich kann keine andere Meinung vertreten als die einer K�mpferin. Ich kann mich nicht selbst verraten.�</p><p>�Aber du wei�t, da� du unrecht hast�, sagte Styrmir beharrlich. �Du wei�t, da� dieser Krieg falsch war - auch wenn du nichts an ihm �ndern konntest -, und du wei�t, da� diese Mission ein Fehler war. Wie kannst du immer noch dazu stehen?�</p><p>�Ich habe mich einmal darauf eingelassen, oder?� entgegnete sie m�de. �Ich habe mich entschlossen, meine Krieger in den Kampf zu f�hren, und ich habe nicht abgelehnt, als Thorh�l mir auftrug, ins Nordland zu gehen. Ich habe nicht daran geglaubt, da� es richtig war, aber ich habe einem Befehl gehorcht, und zumindest das war richtig.�</p><p>�Unsinn!�</p><p>Sein Widerspruch machte sie nicht w�tend, und das erstaunte sie selbst. �Du verstehst das nicht. Du bist kein Krieger. Du bist nicht erzogen worden wie ich.�</p><p>�Soll denn alles immer nur eine Frage dessen sein, was uns als Kindern beigebracht wurde? Damit machst du es dir sehr einfach, Grimma.�</p><p>�Vielleicht, aber es ist das, was ich gelernt habe�, sagte sie, sich des unheilvollen Kreislaufs, den sie damit eingestand, durchaus bewu�t. Dennoch weigerte sie sich, ihre Vergangenheit zu verleugnen, all die Jahre, die sie an ihre Pflichten als Kriegerin geglaubt hatte. Sie konnte nicht �ber ihren eigenen Schatten springen, denn darauf lief es hinaus. Sie war - und es tat weh, sich das einzugestehen - zu schwach, um gegen sich selbst und ihr besseres Wissen anzuk�mpfen. Das war eine Schlacht, der sie aus dem Weg ging, vor der sie davonlief wie ein Schw�chling vor der anr�ckenden Streitmacht der Feinde.</p><p>Sie mochten die H�lfte des Weges zur�ckgelegt haben, als Styrmir eines Tages (oder eines Nachts) etwas entdeckte.</p><p>�Das ist sonderbar�, sagte er, nachdem er in einem eiskalten Wasserloch nach Fischen getaucht und schlie�lich spuckend und keuchend an die Oberfl�che zur�ckgekehrt war. �Dort unten ist eine �ffnung�, sagte er und rieb sich die Augen.</p><p>Grimma zuckte nur mit den Achseln. �Irgendwie mu� das Wasser schlie�lich hierhergekommen sein.� Ihr Magen knurrte, und die Vorstellung, selbst in das Wasserloch hinabzutauchen, trug keineswegs dazu bei, ihre Laune zu heben.</p><p>�Es ist ein Tor, Grimma!�</p><p>�Wie meinst du das, ein -�</p><p>�Es ist viereckig, die Kanten sind gemauert, und dort dr�ben� - er zeigte zur anderen Seite des Gew�ssers - �f�hren Stufen nach unten.�</p><p>Grimmas Magenknurren wich einer anderen Art von Rumoren. Die Gleichg�ltigkeit, die seit einiger Zeit wie ein Kokon um ihr Gem�t zu liegen schien, verschwand auf einen Schlag. Erregung trat an ihre Stelle. Grimma sprang auf, umrundete die Wasseroberfl�che und ging am gegen�berliegenden Ufer in die Hocke. Styrmir hatte recht. Sie konnte tats�chlich den oberen Absatz einer Treppe ausmachen, die geradewegs ins Wasser f�hrte. Die Senke im Boden des Tunnels war nicht immer �berflutet gewesen.</p><p>�Und du bist sicher, da� es ein Tor ist?� fragte sie Styrmir, der trotz der K�lte immer noch bis zur Brust im Wasser stand. Sie sah ihm an, da� er darauf brannte, seine Entdeckung genauer zu erkunden.</p><p>�Ein Durchgang, ungef�hr so hoch wie ich selbst�, best�tigte er mit leuchtenden Augen. �Von Zwergen f�r Zwerge geschaffen. Wir sollten es uns genauer ansehen.�</p><p>�Wir w�rden beide ertrinken.�</p><p>�Du bleibst hier und wartest. Komme ich nicht schnell genug zur�ck, gehst du weiter und warnst den K�nig.�</p><p>�Und was, wenn ich nicht will, da� du ertrinkst?� fragte Grimma lakonisch.</p><p>�Ich kann vielleicht nicht mit einer Axt umgehen, aber was Schwimmen und Tauchen angeht, gibt es gewi� manchen Zwerg, der sich dabei ungeschickter anstellt.�</p><p>Grimma schaute �ber das Wasser hinweg nach Norden. Der Tunnel lag weithin verlassen da, in der Ferne verschwamm alles in einem Dunst aus Dunkelheit. Ihre Verfolger schienen die Jagd schon vor geraumer Zeit abgebrochen zu haben. Dennoch hatten sie es eilig. Ausgedehnte Expeditionen in benachbarte Grotten oder H�hlensysteme kamen nicht in Frage.</p><p>�Ich komme mit�, entschied sie. �Und wenn auch nur, um darauf zu achten, da� du keine Zeit vergeudest.�</p><p>Styrmir grinste, und als er sah, wie Grimma z�gerlich in das kalte Wasser stieg, lachte er lauthals auf. �Ich wu�te gar nicht, da� du wasserscheu bist, gro�e Kriegerin.�</p><p>�K�mmere dich um dich selbst, K�nigsberater.� Grimma hatte das Gef�hl, als m��te ihr ganzer K�rper zu Eis erstarren. �Wie h�ltst du es nur in dieser verfluchten K�lte aus?�</p><p>�Dein Anblick w�rmt mein Herz.�</p><p>�Mach dich nur lustig.� Mit einem Keuchen lie� sie sich g�nzlich ins Wasser gleiten, und wenig sp�ter folgte sie Styrmir in die Tiefe. Beide hatten ihre �xte an ihren G�rteln befestigt. Das Wasserloch war tiefer, als Grimma vermutet hatte, und die undurchdringliche Schw�rze unter ihr erschreckte sie. Sie hatte Wasser noch nie gemocht, und selbst die ungef�hrlichen Seen im Hohlen Berg hatten sie stets mit Unbehagen erf�llt. Die Tatsache, da� sie nicht sehen konnte, ob irgend etwas unter ihr in der Tiefe lauerte, machte sie unsicher.</p><p>Schon nach wenigen Herzschl�gen erkannte sie in der Wand der Senke das Tor, von dem Styrmir gesprochen hatte. Ohne Z�gern tauchte er als erster hindurch. Als Grimma ihm folgte, bemerkte sie zu ihrer Erleichterung, da� dahinter kein langer �berfluteter Stollen lag, sondern schon nach zwei, drei Schritten eine weitere H�hle. Prustend und nach Atem schnappend durchbrach Grimma die Oberfl�che. Styrmir war neben ihr und schaute sich neugierig um.</p><p>Es war kein grob in den Fels geschlagener Hohlraum wie der Haupttunnel. Vielmehr befanden sie sich in einer H�hle, deren W�nde mit Ziegelsteinen verkleidet waren, rechtwinklig nach oben gemauert und sauber verfugt, ganz anders also, als es die Zwerge heute gemacht h�tten. Die Erbauer dieser Anlage waren zweifellos dieselben gewesen, die auch die Stadt im Nordland errichtet hatten; auch dort war mit Steinen gearbeitet worden. Damals, vor wer-wei�-wievielen Jahrhunderten, war die Baukunst der Zwerge jener der Menschen noch sehr viel �hnlicher gewesen, ein Umstand, der im Hohlen Berg l�ngst in Vergessenheit geraten war.</p><p>Der Raum war sechseckig und ma� in der Breite etwa zwanzig Schritte. Der Boden war nicht ebenerdig, sondern wurde nahezu vollst�ndig von Treppenstufen eingenommen, deren untere H�lfte �berflutet war. Hier herrschte das gleiche D�mmerlicht wie im Tunnel, ein fahles Schimmern des Gesteins, das nur von Zwergen wahrgenommen werden konnte.</p><p>Grimma und Styrmir schwammen mit wenigen St��en ans Ufer und kletterten auf die trockenen Stufen. Weiter oben endete die Treppe an einer Plattform, die von vier schmucklosen S�ulen begrenzt wurde. In der R�ckwand der Plattform gab es einen weiteren schmalen Durchgang.</p><p>�Sieht aus wie eine Art Thronsaal�, sagte Grimma und sp�rte in sich einen Anflug von Ehrfurcht, den sie sich nicht recht erkl�ren konnte.</p><p>�Oder wie ein Tempel�, bemerkte Styrmir.</p><p>Im Hohlen Berg gab es keine Tempel, jeder Zwerg betete, wann und wo er es f�r richtig hielt. Die meisten hatten es g�nzlich verlernt. G�tter taugten nur noch f�r Fl�che und F�rbitten. Damals aber, als die alte Zwergenstra�e durch die Felsen des Erdinneren getrieben worden war, mochte das anders gewesen sein.</p><p>Styrmir hatte die gleichen Gedanken. �Es ist genau wie bei den Menschen�, sagte er staunend.</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Die Christen errichten an ihren gro�en Handelsstra�en Kapellen, in denen sie einkehren und ihrem Gott huldigen. Genauso mu� es bei unseren Vorfahren gewesen sein. Sie haben diesen Tempel angelegt, damit diejenigen, die auf der Zwergenstra�e reisten, unterwegs nicht auf den Beistand der G�tter verzichten mu�ten.�</p><p>�Aber warum gibt es im Hohlen Berg keine solchen R�ume?�</p><p>Styrmir rieb sich Wasser aus den Augen. �Vielleicht haben die Bewohner der Nordlandstadt nach der Katastrophe, die ihre H�hlendecke zum Einsturz brachte, den Glauben an die G�tter verloren. Als die �berlebenden nach S�den zogen, um ein neues Zuhause zu finden, sprachen sie sich von ihrem alten Glauben los und verzichteten fortan auf jede Art von Huldigung.�</p><p>Styrmirs Worte klangen �berzeugend. Grimma �rgerte sich ein wenig, da� sie nicht allein darauf gekommen war.</p><p>�La� uns nachschauen, was hinter dem Durchgang ist�, sagte sie und bemerkte pl�tzlich, da� M�digkeit und Schw�che mit einemmal wie fortgewischt waren. Sie sp�rte in sich einen Tatendrang, wie sie ihn zum letzten Mal w�hrend der Schlacht im Hohlen Berg gef�hlt hatte.</p><p>Gemeinsam mit Styrmir stieg sie die steile Treppe hinauf, bis sie die Plattform erreichten. Vorsichtig schauten sie um die beiden inneren S�ulen zur �ffnung in der R�ckwand. Dahinter lag im D�mmerlicht ein weiterer H�hlenraum. Die einzigen Ger�usche, die sie h�rten, stammten von Wassertropfen, die von der Decke hinab zur Oberfl�che fielen. Vielleicht verlief hoch �ber ihnen ein Flu�. Oder aber - und dieser Gedanke fl��te Grimma schlagartig Entsetzen ein - sie befanden sich unter dem Meeresboden, und �ber den Felsen erstreckte sich ein endloser Ozean.</p><p>Nein, beruhigte sie sich hastig, das war unm�glich. Sie waren schon zu weit gelaufen, sie mu�ten bereits irgendwo in den L�ndern �stlich des Rheins sein. Zwerge verabscheuten das Meer, mehr noch als das unruhige Gr�n der W�lder, und Grimma war keine Ausnahme. Die Vorstellung, da� sich �ber ihren K�pfen die Wellen eines Ozeans brachen, verursachte ihr �belkeit.</p><p>�Ich gehe vor�, zischte sie Styrmir zu. Ehe er widersprechen konnte, hatte sie die Plattform bereits �berquert und huschte mit gezogener Axt durch die T�r.</p><p>Die Kammer dahinter war kleiner als der Vorraum und doch um ein Vielfaches eindrucksvoller. Ihre W�nde waren �ber und �ber mit Reliefen geschm�ckt, die meisten von Moos und Schimmelpilzen �berzogen, und in den Boden war ein aufwendiges Mosaik eingelassen. S�mtliche Darstellungen zeigten Zwerge bei der Anbetung ihrer G�tter. Letztere waren gr��er und filigraner gearbeitet, und obgleich sie lange B�rte trugen, glichen sie doch in ihrer Gestalt weit mehr den Menschen als den gedrungenen, breitschultrigen Zwergen. Grimma fragte sich einmal mehr, in welcher Beziehung Zwerge und Menschen dereinst gestanden hatten. Waren die Zust�nde im Hohlen Berg gar keine Ausnahme? Waren ihre Urahnen ein Dienervolk der Menschen gewesen? Der Gedanke erf�llte sie mit Abscheu.</p><p>Am anderen Ende des H�hlenraumes befand sich ein erh�htes Podest, vielleicht eine Art Altar. Davor lagen auf einem Haufen allerlei alte Waffen, vom Schimmel zerfressene Kleidungsst�cke, dazwischen Teile einer R�stung. Auf Grimma wirkte dieser Anblick, als h�tte irgendwer in gr��ter Eile wahllose Opfergaben abgelegt, ohne sich die Zeit zu nehmen, sie zu sortieren oder entsprechend weihevoll darzubringen. Dies mu�te w�hrend des gro�en Auszugs nach S�den geschehen sein. Die Hast, mit der die Gaben an die G�tter abgeladen worden waren, lie� darauf schlie�en, da� die Zwerge damals �berst�rzt, beinahe panisch gehandelt hatten. Als w�ren sie vor etwas auf der Flucht gewesen. Hatten die Nordlinge sie schon damals nach S�den verfolgt und den Weg zum Berg ausgekundschaftet?</p><p>Styrmir trat hinter Grimma durch die T�r und blickte sich aufmerksam um. Mit unverhohlener Entt�uschung sagte er schlie�lich: �Sieht nicht aus, als w�rde uns das irgendwie weiterhelfen!�</p><p>�Was hast du denn erwartet? Eine Speisekammer?�</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte er schulterzuckend. �Bessere Waffen vielleicht. Oder einen Hauch von Albenmagie.� Die Alben galten als die Urahnen der Zwerge, und ihr Zaubergeschick war der Stoff vieler Sagen.</p><p>Grimma schenkte ihm ein schiefes L�cheln. �Nichts als Legenden. Zwerge und Zauberei, das kann nicht gutgehen.� Je l�nger sie die Reliefe an den W�nden betrachtete, auf denen sich Zwerge dem�tig vor menschlichen G�ttern verneigten, desto absurder erschien ihr die Vorstellung von der legend�ren Albenmagie und der Abstammung ihres Volkes von lange verschollenen Fabelwesen. L�gen, dachte sie erbost, seit Generationen erz�hlt man uns nichts als L�gen!</p><p>Am schlimmsten von allem aber war ein Gedanke, der ihr jetzt zum erstenmal kam: Waren die angeblichen G�tter die Vorfahren der heutigen Nordlinge gewesen? War ihr Volk vor einem Stamm wilder Barbaren auf die Knie gesunken? Und waren die Zwerge, die in der Arena an der Seite der Nordlinge gek�mpft hatten, nichts anderes als die Nachkommen jener Zwerge, die, aus welchen Gr�nden auch immer, in den Ruinen zur�ckgeblieben waren? Sie verbesserte sich selbst: Die Zwerge hatten nicht <emphasis>an der Seite </emphasis>der Nordlandkrieger gek�mpft, sondern <emphasis>an deren </emphasis>Stelle. Der Unterschied war fein, aber bezeichnend: Noch heute waren die Zwerge im Nordland nichts als Sklaven, die im Kampf den Feinden vor die Klingen geworfen wurden. Falls es Grimma nicht gelang, Thorh�l von seinem Plan abzubringen, w�rde das Volk vom Hohlen Berg das ungest�rte Leben im Dienst der Nibelungen geradewegs gegen die Sklavenketten der Nordlinge eintauschen.</p><p>Wer wu�te schon noch, was damals wirklich geschehen war? Wann war der Zeitpunkt gekommen, an dem die Nordlinge von G�ttern zu Gegnern geworden waren? Und wie konnte das stolze Volk der Zwerge zu einer Meute unterdr�ckter Handlanger verkommen?</p><p>Gerade wollte Grimma Styrmir auf die Reliefe und ihre m�gliche Bedeutung aufmerksam machen, als er sagte: �Das sind Nordlinge, nicht wahr?� Dabei deutete er auf die steinernen Wandbilder. Er hatte l�ngst dieselben Schl�sse gezogen.</p><p>Grimma gab kein Antwort, sondern nickte nur. Es tat viel zu weh, die Wahrheit auszusprechen.</p><p>�Wir m�ssen Thorh�l warnen.� Styrmir pre�te die Worte widerwillig hervor, als beginge er damit einen Verrat. Schon wollte er sich abwenden und zur�ck in den Vorraum gehen, als Grimma sagte:</p><p>�Warte!� Sie eilte mit wenigen Schritten zu den Opfergaben, wischte mit der Axt Spinnweben und Staub beiseite. �Wenn das hier wirklich den Nordlingen dargebracht wurde, dann will ich wenigstens sichergehen, da� nichts darunter ist, das bei uns besser aufgehoben w�re.�</p><p>Styrmir trat neben sie und beugte sich ebenfalls �ber die Gegenst�nde. Grimma zog ein paar Kurzschwerter, Beile und Dolche aus dem Haufen, doch die meisten waren rostig oder von Gr�nspan �berzogen. Die Kleider zerfielen schon bei der leichtesten Ber�hrung zu faserigem Brei. Darunter lagen mehrere Schriftrollen, so br�chig, da� sie sich nicht �ffnen lie�en. Als Styrmir einige der Fetzen untersuchte, sch�ttelte er nur verst�ndnislos den Kopf; die Schrift darauf hatte er nie zuvor gesehen. Grimma untersuchte derweil Teile einer R�stung, Helm und Handschuhe aus Stahl, ein verrostetes Kettenhemd und Armschienen. Sie legte alles beiseite, grub tiefer in dem verrottenden Opferhaufen und bef�rderte schlie�lich etwas Sonderbares ans Licht. Styrmir zog scharf die Luft durch die Z�hne.</p><p>�Was ist das?� fragte Grimma und hob das Ding mit spitzen Fingern in die Luft.</p><p>Es war ein feines Metallgewebe, aus winzigen Gliedern gefertigt, und es hatte die Form einer Kapuze, rundherum von gleicher L�nge, so da� es das ganze Gesicht bis zum Kinn verbarg. Zwei �ffnung waren f�r die Augen freigelassen worden. Die Oberfl�che hatte sich im Laufe der Jahre dunkel gef�rbt, aber Rost war keiner zu sehen.</p><p>�Pures Silber!� entfuhr es Grimma beeindruckt. Nicht der Wert verbl�ffte sie, sondern die kunstvolle Verarbeitung. Die Kettenglieder, aus denen die Kapuze gewebt war, waren so klein, da� sie mit blo�em Auge kaum zu erkennen waren. Niemals zuvor hatte Grimma etwas Derartiges gesehen. Trotz aller Pracht des Nibelungenhortes gab es im Hohlen Berg nichts von vergleichbarer Kunstfertigkeit.</p><p>Styrmir betrachtete es sachlicher, doch auch er konnte sein Erstaunen nicht g�nzlich verhehlen. �Warum hat man so etwas einfach hier liegengelassen?�</p><p>�Nicht liegengelassen�, verbesserte Grimma d�ster. �Geopfert. Das ist ein Unterschied. F�r die G�tter nur das Beste.� Sie betrachtete die Kapuze von allen Seiten. �Ich frage mich nur, wof�r das Ding gut sein soll? Im Kampf bietet es keinen Schutz, dazu ist Silber viel zu weich. Und als Schmuckst�ck verh�llt es das Gesicht des Tr�gers. Das ergibt doch keinen Sinn.�</p><p>�Zieh es �ber�, verlangte Styrmir.</p><p>�Ich?� Grimma hob eine Augenbraue. �Warum nicht du?�</p><p>�Du bist eine Frau. An dir wird es besser aussehen.�</p><p>Grimma tat geschmeichelt, rollte die R�nder der Kapuze auf, hob sie mit beiden H�nden hoch - und st�lpte sie mit einer blitzschnellen Bewegung �ber Styrmirs Kopf.</p><p>Styrmir verschwand. L�ste sich einfach in Luft auf. Im einen Augenblick stand er da, das Silbergewebe halb �ber das Gesicht gezogen, im n�chsten war er fort.</p><p>Grimma lie� die Kapuze mit einem entsetzten Aufschrei los, taumelte zwei Schritte zur�ck und w�re fast �ber die Stufen des Altars gestolpert. Mit einer Hand fing sie ihren Sturz ab, mit der anderen ri� sie ihre Axt vom G�rtel.</p><p>Ein wilder Fluch ert�nte - Styrmirs Stimme! -, und nur wenige Herzschl�ge sp�ter war der verschwundene Zwerg wieder zu sehen, stand unver�ndert an derselben Stelle und schleuderte die Kapuze in weitem Bogen von sich.</p><p>�Was, bei allen G�ttern, war <emphasis>das</emphasis>?� rief er aus, das Gesicht zur Grimasse verzerrt.</p><p>Grimma n�herte sich z�gernd dem verschlungen daliegenden Silbergewebe, sehr langsam, als f�rchtete sie, die Kapuze k�nnte davonhuschen oder sie gar angreifen wie ein bizarres Lebewesen. Mit der Stiefelspitze stie� sie dagegen, hob sie dann mit der Axt vom Boden.</p><p>�Albenmagie!� fl�sterte sie beeindruckt. �Also doch.�</p><p>Styrmirs Stimme klang flattrig, seine Z�ge unter der Gesichtst�towierung waren kreidebleich. �Ich konnte mich nicht mehr sehen... ich meine, ich hab� an mir runtergeschaut, und ich war... einfach weg!�</p><p>�Unsichtbar�, murmelte Grimma zu sich selbst. Dann drehte sie sich zu Styrmir um. �Wei�t du, was das ist?�</p><p>�Nat�rlich wei� ich das!� gab er giftig zur�ck, als h�tte sie ihn in seiner Ehre gekr�nkt. �Eine Tarnkappe. Genau wie in den alten Legenden.� Und pl�tzlich wurde ihm klar, was er da gesagt hatte. �Dann ist es wahr�, fl�sterte er atemlos.</p><p>Grimma nahm die Kapuze zaghaft von der Axtklinge und rieb das Silbergewebe zwischen den Fingern. �Was sonst, au�er Magie, k�nnte so etwas erschaffen? Diese Glieder wurden nicht von H�nden geformt.�</p><p>Styrmir lief aufgeregt im Raum auf und ab. �Vielleicht ist es gef�hrlich. Warum sonst, um alles in der Welt, h�tte jemand dieses Ding einfach fortwerfen sollen?�</p><p>�Es wurde nicht fortgeworfen�, wies Grimma ihn zurecht. �Begreifst du das denn noch immer nicht? Die Zwerge, die nach dem Untergang ihrer Stadt hier vorbeizogen, haben ihren G�ttern das Kostbarste geopfert, das sie besa�en. Sie waren verst�rt, v�llig verzweifelt. Sie glaubten, nur so k�nnte es f�r sie noch eine Zukunft geben.� Grimma legte die Axt am Boden ab, krempelte die Kapuze auf und hielt sie sich �ber den Kopf.</p><p>�Du willst doch nicht -�</p><p>Sie grinste breit. �Du hast es doch gut �berstanden, oder?�</p><p>�Trotzdem k�nnte es gef�hrlich sein.�</p><p>�Gef�hrlich war das, was wir im Nordland erlebt haben. Gef�hrlich war unsere Flucht durch den Tunnel und sogar das Tauchen durch das Wasserloch.� Sie setzte die Kapuze sanft auf ihr Haar und schob langsam die Seiten herunter. �Aber das hier? Wenn das die einzige Gefahr ist, mit der wir es von nun an zu tun haben, dann ist sie mir mehr als willkommen.�</p><p>Schon w�hrend ihrer letzten Worte war sie nicht mehr zu sehen. Ihre Stimme erklang aus vollkommener Leere. Sie machte einige Schritte durch den Raum und w�re fast gestolpert. Ohne den eigenen K�rper sehen zu k�nnen, wurde jede Bewegung zu etwas Ungewohntem, Schwierigem. Styrmir stand da und dr�ngte sie, sofort aufzuh�ren, doch Grimma beachtete ihn nicht. Mit jedem Schritt wurde sie sicherer. Schlie�lich beugte sie sich herab und hob ihre Axt vom Boden. Die Waffe schien sich in Luft aufzul�sen. Zuletzt ber�hrte sie Styrmir an der Schulter. Erschrocken fuhr er zusammen. Sein Fellwams blieb sichtbar, auch als Grimma ihre Hand darauf ruhen lie�. �Sie l��t nur den verschwinden, der sie tr�gt. Das ist gro�artig!�</p><p>Styrmir wollte nach ihr greifen, doch sie entzog sich ihm ohne jede M�he. �Einen Moment noch�, bat sie. �Ich will mich erst daran gew�hnen.�</p><p>�Wer wei�, was du dir damit antust�, murrte er. �Vielleicht wird man krank davon, vielleicht h�ngt irgend etwas Ansteckendes daran.�</p><p>�Du bist doch kein Feigling, Styrmir, oder? Warum also jammerst du jetzt herum wie ein Waschweib?�</p><p>�Wenn du mich schon beleidigst, w�rde ich dir gerne dabei in die Augen sehen.�</p><p>Grimma seufzte und zog die Tarnkappe vom Kopf. �Du gibst keine Ruhe, was? Willst du es auch noch mal versuchen?�</p><p>Er hob abwehrend beide H�nde. �Bleib mir damit nur vom Hals!�</p><p>�Du bist mir ein sch�ner K�nigsberater�, stichelte sie schmunzelnd. �St�rzt dich in den Kampf wie einer, der sein Leben lang nicht anderes getan hat. Aber vor solch einem St�ck Silber l�ufst du davon.�</p><p>�Es ist Magie. Damit hat es selten etwas Gutes auf sich.�</p><p>Grimma stopfte die Tarnkappe in ihren Hosenbund. �La� uns weitergehen. Wir k�nnen unterwegs �berlegen, was wir mit der Kappe tun.�</p><p>�Du w�rdest gerne zur�ckgehen und es den Nordlingen zeigen, nicht wahr?� sagte Styrmir, als sie die Treppe zum Wasser hinabstiegen.</p><p>Grimma befestigte die Axt am G�rtel und watete in die nasse K�lte. �Vielleicht sp�ter�, zischte sie knapp, dann tauchte sie unter.</p><p>Styrmir war in der Tat ein guter Schwimmer. Obwohl Grimma zuerst ins Wasser gestiegen war, �berholte er sie unter der Oberfl�che und tauchte vor ihr durch das Verbindungstor zum Tunnel. Einen Moment sp�ter hatte Grimma ihn im Dunkeln aus den Augen verloren. Ein Anflug von Panik �berkam sie, und sie wollte ihm �bereilt hinterhergleiten. Doch im Gegensatz zu Styrmir hatte sie vor dem Untertauchen wegen der Aufregung �ber den Fund nicht auf ihre Atmung geachtet. Jetzt ging ihr die Luft aus, noch bevor sie das Tor passierte, und sie hatte keine andere Wahl, als so schnell wie m�glich aufzusteigen. Hustend durchbrach sie die Oberfl�che, immer noch innerhalb des Tempels. Sie rief sich zur Ruhe und wartete ungeduldig, bis ihr Atem bes�nftigt war. Dann tauchte sie abermals unter, durchschwamm das Tor und blickte aus der schwarzen Tiefe zur helleren Wasseroberfl�che im Tunnel empor. Styrmir schwamm immer noch dort oben umher, sie konnte ihn von unten schemenhaft erkennen. Sicher machte er sich Sorgen um sie.</p><p>Gelassen stieg sie auf und �berlegte, ob sie ihn von unten am Bein packen sollte, um ihn zu erschrecken. Sie schaute hinauf und sah, da� er ihr entgegenblickte. Sein Gesicht war unter Wasser, schaute nach unten und wirkte durch die Fluten bleich und verschwommen. Konnte er sie schon sehen? Grimma verwarf den Gedanken an ihren Streich. Was war �berhaupt in sie gefahren? Sie waren keine Kinder mehr. Und nur, weil sie ihn mochte, mu�te sie sich nicht auff�hren wie ein junges M�dchen. Als n�chstes w�rde sie sich noch Blumen ins Haar stecken!</p><p>Sie hatte die Oberfl�che fast erreicht, als ihr etwas Sonderbares auffiel. Der Lichtschimmer, der von oben herabfiel, war dunkler geworden. Und er war rot.</p><p>Mit einem Aufschrei, der in einer Flut von Luftblasen erstickte, bremste Grimma ihren Aufstieg und lie� sich zur�ck in die Tiefe sinken. Die Luft ging ihr aus. Ihre Brust f�hlte sich an, als m��te sie jeden Augenblick auseinanderplatzen.</p><p>Hoch �ber ihr trieb Styrmirs K�rper in einer blutroten Aura aus D�mmerlicht. Seine Beine und Arme waren abgespreizt, vollkommen reglos. Sein Gesicht schaute immer noch nach unten, die Augen weit aufgerissen und dennoch blind. Dunkelrote Wolken wogten in pulsierenden Sch�ben um seinen Sch�del.</p><p>Strampelnd, jetzt vollends in Panik, stie� Grimma gegen die Felswand. Ihre H�nde tasteten umher, fanden den Rand des Tores, zogen sich hindurch. Auf der anderen Seite, im Vorraum des Tempels, raste sie dem Licht entgegen. Brach mit einem wilden Schrei durch die Oberfl�che. Sog die Luft ein, bis sich ihre Lungen zu verkrampfen schienen.</p><p>Abgek�mpft schleppte sie sich die vorderen Stufen empor ins Trockene, sa� da, die H�nde vors Gesicht geschlagen und dennoch unf�hig, Tr�nen zu vergie�en.</p><p>Sie h�tte nicht jedes der Gef�hle benennen k�nnen, die in ihr tobten, und doch war da eines, das alle anderen �berwog, mehr noch als ihre Trauer um den Freund: Ha� loderte wie ein verzehrendes Feuer in ihr, und als sie die Tarnkappe aus dem Hosenbund zog und �ber ihren Kopf streifte, da tat sie es mit keinem anderen Gedanken, als mit ihrer Hilfe so viele Leben wie m�glich zu vernichten.</p><p>Sie packte mit unsichtbarer Hand ihre Axt, watete zur�ck ins Wasser und tauchte abermals hinab zum Tor. Sie stie� mit der Schulter gegen den Rand, weil sie kein Gef�hl f�r ihre eigene Breite und Form hatte, schwamm trotzdem weiter und jagte auf der Tunnelseite der Wasseroberfl�che entgegen. Sie war unsichtbar, gewi�, und doch w�rde das Wasser sie verraten. Ihre Gegner mu�ten Styrmir erwartet haben, als sein Kopf durch die Oberfl�che stie�. Wahrscheinlich hatte er sie nicht einmal gesehen; sie hatten ihn erschlagen, bevor er sich noch die N�sse aus den Augen reiben konnte. Grimma konnte das gleiche passieren, unsichtbar oder nicht, falls einer der Feinde zuschlagen w�rde, sobald sich die Oberfl�che bewegte. Aber sie hatte keine andere Wahl. Ihr einziger Wunsch war es, so viele Gegner wie m�glich mit in den Tod zu nehmen. Selbst Thorh�l und das Volk vom Hohlen Berg waren in diesem Augenblick vergessen.</p><p>Das Licht kam n�her und mit ihm Styrmirs Leichnam und die Klingen der Feinde. Grimma raste wie ein Gescho� empor, brach durch die Oberfl�che und zog sich ins Trockene, ohne sich umzuschauen. Ihr einziger Vorteil war die �berraschung. Wenn das Staunen ihrer Gegner �ber das aufgew�hlte Wasser erst in Begreifen umschlug, war es zu sp�t.</p><p>Grimma sprang auf, eine Explosion aus Wassertropfen, die von ihrem unsichtbaren K�rper in aller Richtungen spritzten. Doch ihre Bef�rchtung, sich dadurch zu verraten, war unbegr�ndet. Die neun Nordlandzwerge, die am Ufer des Wasserlochs standen, waren starr vor Staunen. Sie hatten noch immer nicht begriffen, weshalb sich das Wasser bewegte, als sei etwas von unten heraufgestiegen, obwohl nicht das geringste zu sehen war.</p><p>Grimma lachte, ein eisiges Lachen als Vorspiel des T�tens. Ungeachtet aller Regeln ehrenvollen Kampfes fuhr sie unter die Feinde, spaltete mit ihrer unsichtbaren Waffe Sch�del, hieb Glieder entzwei und zertr�mmerte Gesichter. Sie schlug nicht gezielt zu, lie� einfach die Axt umherwirbeln, als bes��e sie eigenes, unheilvolles Leben. Blut spr�hte aus Wunden und St�mpfen, Knochen splitterten und Innereien ergossen sich prasselnd �ber den H�hlenboden. Und noch immer gab es keine Gegenwehr. Innerhalb weniger Augenblicke lag ein halbes Dutzend Zwerge tot oder sterbend am Boden, und der Rest ergriff in heilloser Panik die Flucht. Grimma lie� keinen davonkommen. Unsichtbar st�rmte sie ihnen hinterher und erschlug zwei von hinten. Der letzte lie� sich schreiend zu Boden fallen, rollte sich zusammen wie ein junger Hund und schlug die H�nde vors Gesicht. Seine Waffe hatte er l�ngst verloren, sie war gemeinsam mit seinem Verstand auf der Strecke geblieben. Einen Herzschlag lang erwog Grimma, ihn am Leben zu lassen, dann aber erinnerte sie sich an Styrmirs fahles Gesicht, das mit leeren Augen von der Wasseroberfl�che in die Tiefe starrte, als suche er dort nach einem besonders sch�nen Fisch. Die Axt schien in ihrer Hand vor Erregung zu vibrieren. Der Zwerg am Boden konnte sie nicht sehen, zuckte nur zusammen, als die Doppelklinge seine Seite aufri�. Das Leben entwich wie Wasser aus einem leckgeschlagenen Schlauch, und seine Glieder zitterten noch, als der Tod l�ngst an seiner Seite stand.</p><p>Grimma verharrte �ber dem Leichnam und fragte sich mit grotesker Sachlichkeit, weshalb ihr Herz pl�tzlich in ihren Ohren zu schlagen schien statt in ihrer Brust - da, sie konnte es doch ganz genau h�ren, ein dumpfes Klopfen, so schnell, da� es fast zu einem einzigen, langgestreckten Ton verschmolz. Sie blickte auf den Toten herab, ohne ihn wirklich zu sehen, als sei er unsichtbar wie sie selbst und mit ihm der Tunnelboden und alles, was darunter lag. Sie schaute geradewegs hinab zum gl�henden Kern der Welt, ein glei�endes Licht, das ihr aus der Tiefe entgegenflammte und mit feurigen Armen nach ihr zu greifen schien. Sie mu�te davor davonlaufen, jetzt gleich, so schnell sie nur konnte, weiter nach S�den, dem Ende ihrer Mission entgegen.</p><p><emphasis>Dem Ende entgegen, </emphasis>dachte sie noch einmal, und der Gedanke erf�llte sie mit neuer, ungewohnter Ruhe.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>KAPITEL 6</strong></p></title><empty-line/><p>�Grimma und ihr Trupp marschierten eilig wie der Wind, der durch den Tunnel streifte, und endlich, nach vielen, vielen Monden, kehrten sie zur�ck zum Hohlen Berg.� Alberich breitete in einer pomp�sen Geste die Arme aus, als wollte er selbst die Heimkehrer in die Arme schlie�en. �Die Krieger wurden unter gro�em Jubel empfangen, und K�nig Thorh�l begr��te Grimma wie seine eigene Schwester. Fest schlo� er sie in seine Arme und dankte ihr f�r all die M�hen und Entbehrungen, die sie f�r das Volk der Zwerge auf sich genommen hatte. Grimma berichtete ihrerseits, was sie und ihre M�nner im Nordland vorgefunden hatten. Stolz gab sie Kunde vom Kampf gegen die verha�ten Nordlinge, und wie es gelungen war, ihnen in der Ruinenstadt den Garaus zu machen. Thorh�l ernannte die Helden, die an Grimmas Seite gek�mpft hatten, zu Heerf�hrern, und Grimma selbst sollte fortan seine engste Beraterin sein. Nie zuvor war einer Kriegerin solche Ehre zuteil geworden.�</p><p>M�tterchen hatte M�he, Alberich l�nger zuzuh�ren. Nicht, weil er sie langweilte. Der wahre Grund war, da� sie den Boden der Horthalle fast erreicht hatten. Nur noch wenige Stufen, dann w�rden sie die Oberfl�che des Schatzes betreten k�nnen. M�tterchens Herzschlag raste beim Anblick des Goldes, und ihre Knie zitterten leicht. Das R�uberblut flo� hei� wie eh und je in ihren Adern, und obgleich sie die Wegelagerei seit vielen Jahren aufgegeben hatte und mancher sie f�r eine Greisin halten mochte (wobei er sich besser h�ten sollte, dergleichen auszusprechen), konnte sie ihre alten Instinkte nicht unterdr�cken. Am liebsten h�tte sie sich s�mtliche Taschen mit den Reicht�mern der Nibelungen vollgestopft.</p><p>L�wenzahn ging �hnliches durch den Kopf, das sah sie ihm an. Seine schmalen Hunnenaugen waren starr auf die goldene Landschaft gerichtet; sie hatten den Blick einer Katze, die sich im n�chsten Moment in totem Fisch w�lzen w�rde.</p><p>Allein Geist hatte ihre Sinne ganz auf Alberichs Erz�hlung gerichtet. Gespannt hatte sie den Berichten von Grimmas Heldentaten gelauscht, und jetzt wollte sie auch den Schlu� der Geschichte h�ren. �Wie ging es weiter, Alberich? Zogen die Zwerge wirklich ins Nordland?�</p><p>�O ja, das taten sie. Schon bald nach Grimmas R�ckkehr begannen die Vorbereitungen, und wenige Wochen sp�ter nahmen Thorh�l und sein Volk Abschied vom Hohlen Berg. Sie verlie�en das Reich ihrer V�ter durch den Zugang zur alten Zwergenstra�e und lie�en die Hallen und Kammern ihrer Heimat hinter sich. Doch kaum einem war dabei schwer ums Herz, denn alle wu�ten, da� sie im Norden etwas Besseres erwartete: die Freiheit vor allem, aber auch die M�glichkeit, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Grimma marschiert mit Thorh�l an der Spitze des Zuges, und obgleich niemals eine Nachricht aus dem Nordland gen S�den drang, glaube ich doch, da� sie in sp�teren Jahren selbst den Thron des Zwergenreiches bestieg, denn jedermann liebte sie und verehrte sie f�r ihre Taten.�</p><p>L�wenzahn zeigte mit einer weiten Geste auf den Hort. Er konnte seinen Unglauben ebensowenig verhehlen wie seine Begeisterung f�r den Schatz. �Und das alles lie�en sie einfach zur�ck?�</p><p>�Sonst w�re es ja nicht mehr hier, oder?� gab Alberich beleidigt zur�ck. Schon der geringste Zweifel an seinem Heldenlied traf ihn zutiefst.</p><p>Die vier verlie�en der Reihe nach die Treppe und betraten die goldglei�ende Oberfl�che des Hortes. Es knirschte, als sich Diademe und Armreifen unter L�wenzahns enormem Gewicht verbogen. M�tterchen erwartete, da� Alberich den Halbhunnen unter viel Geschrei zur�ck auf die Treppe jagen w�rde, doch der Horth�ter k�mmerte sich nicht um die Zerst�rung unter L�wenzahns Stiefelsohlen. Statt dessen schaute er �ber die H�gel und T�ler der Hortlandschaft wie ein F�hrtensucher. Bereits von der Treppe aus hatten sie den Hort nach Eindringlingen abgesucht, dabei jedoch niemanden entdeckt.</p><p>Sie entfernten sich einige Schritte vom Fu� der Treppe und erklommen eine doppelt mannshohe Erhebung aus goldenen Weinbechern und Tellern. Auch von dort aus war nichts zu sehen. Ihr erster Eindruck, da� der Hort unangetastet war, best�tigte sich. Allerdings h�rten sie immer noch das Knirschen aus der Tiefe der Felsw�nde, verzerrt vom Echo der Halle. Es gab keinen Zweifel, da� die r�uberischen Zwerge ihrem Ziel immer n�her kamen.</p><p>Alberich stampfte w�tend mit einem seiner d�rren Beine auf und verbeulte dabei einen Goldbecher. Er hob ihn auf, betrachtete ihn naser�mpfend und schleuderte ihn zornig davon.</p><p>�Du gehst nicht besonders pfleglich mit deinem Hort um�, bemerkte M�tterchen.</p><p>�Ich gehe damit um, wie ich es f�r richtig halte�, gab er gereizt zur�ck. �Wenn du mir schon gute Ratschl�ge geben willst, sag mir lieber, wie du an der Stelle dieser Hundes�hne vorgehen w�rdest.�</p><p>�Ich bin kein Zwerg.�</p><p>�Du bist eine R�uberin. Und erz�hl mir nicht, du h�ttest noch nie mit dem Gedanken gespielt, dich zu irgendeiner Schatzkammer durchzugraben.�</p><p>M�tterchen grinste. �Ich hab�s getan, mehr als einmal.�</p><p>�Mit dem Gedanken gespielt?� fragte L�wenzahn tr�ge.</p><p>�Mich durchgegraben, Holzkopf!� Stolz �berkam sie, als sie der alten Zeiten gedachte. �Damals, in den Tagen, als noch alles -�</p><p>�Besser war.� Alberich zupfte an seinem Bart. �Sag uns nicht <emphasis>wann, </emphasis>sondern lieber wie!�</p><p>�Mit Spitzhacke und Schaufel nat�rlich.�</p><p>Der Zwerg fuchtelte ungeduldig mit beiden H�nden in der Luft umher. �Von oben, von der Seite oder -�</p><p>�Von unten�, sagte sie ruhig. �Aber ich gebe zu, das war keine gute Idee.�</p><p>�Was ist passiert?� fragte Geist mit spitzem Stimmchen.</p><p>�Wir schlugen ein Loch in die Decke unseres Stollens�, erz�hlte M�tterchen. �Wir hatten geplant, nur einen winzigen Durchbruch zu schaffen und die Goldst�cke abflie�en zu lassen wie Wasser aus einer Wanne. Aber wir hatten die St�rke der Decke �bersch�tzt. Sie ri� ein, sobald wir den ersten Spalt hineingeschlagen hatten, und der Schatz des Grafen ergo� sich �ber uns. Die H�lfte meiner M�nner wurde vom Gold versch�ttet, die meisten anderen gefa�t und in den Kerker geworfen.�</p><p>�Und du?� fragte L�wenzahn neugierig.</p><p>M�tterchen schenkte ihm ein diebisches Grinsen. �Ich habe eine neue Bande um mich geschart, die Burg des Grafen von au�en gest�rmt und sein Gold durch das offene Tor hinausgetragen. Zusammen mit seinem Kopf auf einer Lanze.�</p><p>Geist verzog das Gesicht, doch M�tterchen f�gte hinzu: �Herrliche Zeiten waren das. Das Leben im Wald an der Spitze meiner R�uberschar, begehrt von jedem Mann im Umkreis von zwanzig Tagesritten und -�</p><p>�Nicht von mir�, warf Alberich sauert�pfisch ein. �Du bist ein Zwerg.�</p><p>�Sind Zwerge etwa keine M�nner?� keifte er giftig.</p><p>L�wenzahn gr�lte vor Lachen. �Zwergling, Zwergling... Wenn M�tterchen wirklich eine solche Sch�nheit war, wie sie behauptet, h�tte sie sich gewi� lieber mit einem richtigen Mann abgegeben als mit einem kleinw�chsigen... nun, mit einem Zwergling eben.�</p><p>Alberichs Stirn war gefurcht wie ein frischgepfl�gtes R�benfeld. �Dachtest du da an jemanden Bestimmtes? Vielleicht an einen Hunnenbastard, dessen Hirn im kleinen Finger eines <emphasis>Zwerglings </emphasis>Platz finden w�rde?�</p><p>M�tterchen, keineswegs uneitel, kicherte �ber das Gerangel der beiden. Bevor es jedoch zu Handgreiflichkeiten kommen konnte, ging sie dazwischen. �Horcht, f�llt euch etwas auf?�</p><p>Alle lauschten.</p><p>�Es hat aufgeh�rt�, fl�sterte Geist. Und tats�chlich: Das Knirschen war verstummt.</p><p>M�tterchen nickte. �Sie arbeiten nicht mehr.�</p><p>�Vielleicht sind sie m�de geworden�, meinte L�wenzahn.</p><p>�Zwerge unterbrechen niemals eine begonnene Arbeit�, sagte M�tterchen und erntete zustimmendes Gegrummel von Alberich. �Sie arbeiten in Gruppen. Wenn die einen verschnaufen, machen die anderen weiter. So besagen es zumindest die alten �berlieferungen.�</p><p>�Und wenn sie aufgegeben haben?� schlug L�wenzahn vor.</p><p>M�tterchen tat den Einwurf mit einer barschen Handbewegung ab. �Du glaubst, sie sind den langen Weg vom Nordland hierhergekommen, um so kurz vor dem Ziel aufzugeben?�</p><p>Geist machte gro�e Augen. �Dann denkst du, sie kommen tats�chlich von dort? Aus der Ruinenstadt?�</p><p>�Woher sonst?� M�tterchen blickte Alberich an, doch er h�llte sich in Schweigen. Dann f�gte sie hinzu: �Nur da� es vielleicht heute keine Ruine mehr ist. Immerhin ist Alberichs Volk ins Nordland gezogen, um sich dort niederzulassen.�</p><p>�Aber wenn das wahr ist�, sagt L�wenzahn nachdenklich, �wenn die Nachkommen von Alberichs Vorfahren zur�ckkehren, um den Hort f�r sich zu beanspruchen, dann h�tten wir es ja -�</p><p>�Mit einem ganzen Volk zu tun�, stimmte M�tterchen zu, �und nicht nur mit einer kleinen Bande.�</p><p>Geist schaute ungl�cklich von einem zum anderen, w�hrend L�wenzahn entschlossen seinen Zweih�nder von der Schulter nahm und vor sich in den Goldboden rammte.</p><p>Alberich sch�ttelte langsam den Kopf. �Es ist nicht das Volk vom Hohlen Berg, das zur�ckkehrt�, sagte er fest.</p><p>�Woher willst du das wissen?� fragte M�tterchen.</p><p>�Gestern nacht, als ich dem ersten Zwerg begegnet bin, habe ich Trommeln geh�rt.�</p><p>�Und?�</p><p>�Zwerge schlagen keine Trommeln.�</p><p>�Vielleicht haben sie in zweihundert Jahren ihre Gewohnheiten ge�ndert�, entgegnete M�tterchen schulterzuckend.</p><p>�Nein. Niemals. Zwerge schlagen keine Trommeln�, wiederholte er stur.</p><p>�Wer dann?� fragte Geist.</p><p>Alberich holte tief Luft. �Nordlinge.�</p><p>M�tterchen musterte ihn �berrascht. �Du glaubst, Nordlinge sind in der N�he? Hier, im Hohlen Berg?�</p><p>L�wenzahn kratzte sich am Kopf. �Ich dachte, diese Grimma hat alle erschlagen?� Niemand hielt es f�r n�tig, darauf zu antworten.</p><p>M�tterchen spann Alberichs Gedanken weiter. �Wenn sich irgendwo dort unten tats�chlich Nordlinge herumtreiben, was hat es dann mit den Zwergen auf sich, die uns angegriffen haben? Ich dachte, sie und die Nordlinge sind Todfeinde?�</p><p>Alberichs Gesicht war so grau geworden wie sein Bart. �Sie sind ihre Sklaven. Sie arbeiten und k�mpfen f�r sie.�</p><p>�Zwerge als Sklaven?� fragte L�wenzahn erstaunt.</p><p>Aus M�tterchens Blick sprach mit einemmal Argwohn. �Alberich�, sagte sie in r�dem Tonfall, �du hast uns doch die Wahrheit versprochen. Bist du uns vielleicht noch etwas schuldig?�</p><p>Der Zwerg wand sich unter ihrem strafenden Blick wie ein Kind, das mit dem Finger im Eingemachten ertappt worden war. Er rang sichtlich nach Worten.</p><p>Geist trat unruhig von einem Fu� auf den anderen. �Kann mir irgendwer erkl�ren, was das alles zu bedeuten hat?�</p><p>Alberich schaute auf und sah dem Moosfr�ulein geradewegs in die hellblauen Augen. �Es bedeutet�, sagte er dumpf, �da� meine Ahnen im Nordland nicht das gefunden haben, was sie sich erhofften.� Nach einer Pause f�gte er hinzu: �Oder da� sie niemals dort angekommen sind.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Das Knirschen begann von neuem, und nun bemerkten alle mit Schrecken, da� es lauter geworden war. Auch die Richtung lie� sich jetzt ausmachen. Besser: die Richtungen. Denn die Laute drangen an zwei entgegengesetzten Stellen aus dem Schatz empor.</p><p>�Sie nehmen uns in die Zange�, stie� L�wenzahn aus und schaute sich alarmiert um.</p><p>�Nicht uns�, sagte M�tterchen. �Den Hort. Und mit ziemlicher Sicherheit planen sie noch weitere Vorst��e. Um all das Gold von hier fortzubringen, werden sie mehr als nur zwei Wege brauchen.�</p><p>Geist nickte. �Die Zwerge, die das Moos get�tet haben, dr�ben in der Wasserh�hle...�</p><p>�Nur ein Trupp von vielen�, vermutete M�tterchen. �Wahrscheinlich sind sie schon �berall und treiben aus allen Richtungen Stollen hierher. Und sie sind unglaublich schnell!�</p><p>�Zwergenwissen�, murmelte Alberich.</p><p>M�tterchen sah ihn mit erhobener Braue an. �Was meinst du damit?�</p><p>�Sie benutzen nicht einfach nur Hammer, Mei�el und Spitzhacke�, erkl�rte Alberich, �sondern die alten Minenbohrer meines Volkes.�</p><p>�K�nntest du dich wohl etwas klarer ausdr�cken?� verlangte M�tterchen ungeduldig.</p><p>�Wir Zwerge graben uns in die Berge, seit die G�tter die Welt zur Scheibe formten und dabei die ersten Gebirge schufen. Schon vor unz�hligen Generation, als noch die fr�hen V�lker �ber die Gipfel wandelten, begannen einige unserer kl�gsten K�pfe mit dem Bau gewisser Hilfsmittel.�</p><p>�Magie?� entfuhr es L�wenzahn erschrocken. Dann fiel ihm ein, da� er damit Geist beleidigt haben k�nnte. Doch das Moosfr�ulein schaute nur Alberich an und h�rte aufmerksam zu.</p><p>�Keine Magie�, widersprach der Horth�ter kopfsch�ttelnd. �Uraltes Wissen, zu etwas Neuem geformt. Viele kluge Einf�lle, zusammengebracht zu etwas, das es vorher nicht gab.�</p><p>�Du sprichst in R�tseln�, sagte M�tterchen unwirsch.</p><p>�Bei allem Gold des Nordlandes!� fluchte Alberich. �Wie soll ich es denn sonst erkl�ren?�</p><p>�Wie sehen diese Hilfsmittel aus?� fragte Geist.</p><p>�Sie sind aus Holz und Stahl. Vor allem aus Stahl, vielfach geh�rtet, st�rker als die beste Klinge und so scharf, da� schon ein Blick darauf verletzen kann.�</p><p>�Dein Stolz auf die Errungenschaften deiner Ahnen ehrt dich�, sagte M�tterchen. Sch�rfer f�gte sie hinzu: �Aber wir haben nicht mehr viel Zeit.�</p><p>�Die meisten haben R�der�, erwiderte Alberich s�uerlich, �andere riesige Kessel. Vorne sind Spitzen, die sich drehen und den Fels wie Butter durchdringen.�</p><p>Noch immer konnte sich keiner vorstellen, wie solch ein Ding aussehen sollte.</p><p>M�tterchen horchte auf das unheimliche Knirschen und wandte sich abermals an Alberich: �Haben deine Vorfahren diese seltsamen Hilfsmittel mitgenommen, als sie von hier fortgingen?�</p><p>Der Horth�ter sch�ttelte den Kopf. �Sie sind viel zu schwer, um sie einen so langen Weg zu schieben.�</p><p>�Also gibt es noch welche davon hier im Berg?�</p><p>�Gewi�.�</p><p>M�tterchen packte ihn an den Schultern. �Wo genau sind diese Ger�te?�</p><p>�Einige stehen noch in den alten Minen, dort, wo sie zuletzt eingesetzt wurden. Aber die meisten befinden sich in einem gro�en Saal in der unteren Ebene.�</p><p>�Wie weit ist das von hier?� fragte M�tterchen.</p><p>Alberich dachte nach. �Nun, erst einmal ein halber Tag bis hoch zur Plattform. Vom Eingang der Horthalle aus ist es dann nicht mehr allzu weit - zumindest im Vergleich zum Aufstieg.�</p><p>�Du willst wirklich dorthin und dir dieses alte Ger�mpel ansehen?� fragte L�wenzahn M�tterchen verwundert.</p><p>Die alte R�uberin verzog das Gesicht. �Alberich hat gesagt, diese Ger�te sind zu schwer, um sie aus dem Nordland hierher zu schaffen. Wenn die Nordlinge und ihre Zwergensklaven sie dennoch einsetzen, mu� das bedeuten -�</p><p>�Da� sie von hier stammen�, f�hrte Alberich den Satz erschrocken zu Ende. �Hier aus dem Berg!�</p><p>M�tterchen nickte grimmig. �Die Nordlinge m�ssen als erstes diesen Saal aufgesucht haben, von dem du gesprochen hast. Das hei�t, da� zumindest einige unter ihnen sind, die sich hervorragend im Hohlen Berg auskennen. Und es hei�t weiterhin, da� es von diesem Saal aus h�chstwahrscheinlich einen direkten Zugang zur alten Zwergenstra�e gibt.�</p><p>Alberich legt den Kopf schief. �Das ist nicht der Zugang, den ich kenne.�</p><p>�Dann verrat� uns endlich, wo der Haupteinstieg liegt!� fuhr M�tterchen ihn scharf an.</p><p>Alberich zeigte auf seine Fu�spitzen. �Ihr steht gerade darauf.� M�tterchen ri� die Augen auf, und der Zwerg grinste verlegen. �Der Zugang zum Tunnel liegt unter dem Hort, und niemand wird ihn je von unten �ffnen k�nnen. Thorh�l lie� einen Weg durch das Gold graben, um sein Volk hindurchzuf�hren. Anschlie�end wurden die St�tzen zum Einsturz gebracht. Der Schatz hat den Zugang f�r immer versch�ttet.�</p><p>�Bis wieder einer kommt und gr�bt�, sagte L�wenzahn.</p><p>�Es gibt kein Zwergenvolk mehr im Hohlen Berg�, entgegnete Alberich. �Einer allein, selbst eine Schar von f�nfzig oder hundert Arbeitern m��te jahrelang graben, um das Tor freizulegen.�</p><p>M�tterchen zog scharf die Luft ein. �Also haben die Nordlinge von ihren Zwergensklaven einen neuen Stollen vom Tunnel aus zu diesem Saal graben lassen, in dem die Minenbohrer aufbewahrt werden. Sie wu�ten, da� sie den Hauptzugang nicht auf normalem Wege �ffnen k�nnen, darum versuchen sie es nun auf andere Weise. Sie haben die Bohrer hinab in die Zwergenstra�e geschafft und treiben sie nun von unten durch die Tunneldecke geradewegs in den Boden der Horthalle. Sie �ffnen das Tor mit Gewalt.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Der Weg die Treppe hinauf beraubte sie fast ihrer letzten Kr�fte. Auf dem oberen Drittel des Weges trug L�wenzahn Geist auf seinen Schultern, das Moosfr�ulein konnte vor Ersch�pfung kaum mehr sprechen. Alberich und M�tterchen st�hnten und schimpften, doch als L�wenzahn sich erbot, auch die R�uberin zu tragen, lehnte sie beleidigt ab.</p><p>Diesmal gab es unterwegs keine Geschichte, die ihnen die Zeit vertrieb, und so wurde der Marsch zu einer eint�nigen, kr�ftezehrenden Tortur. Sie hatten gehofft, am Grunde der Horthalle auf ihre Feinde zu sto�en und den Kampf ein f�r allemal zu entscheiden. Statt dessen aber hatte sich der Abstieg als sinnlos erwiesen, und nicht nur M�tterchen sch�umte dar�ber vor Wut.</p><p>Dennoch, als sie endlich oben ankamen, war jeglicher Zorn verraucht. M�tterchen war froh, da� sie sich noch auf den Beinen halten konnte. Sie hatten keine andere Wahl, als auf der Plattform eine Weile zu verschnaufen. M�digkeit stellte sich ein, denn �ber die Ufer des Rheins war mittlerweile tiefste Nacht hereingebrochen. Geist hatte ein wenig auf L�wenzahns Schultern geschlafen und wirkte von allen noch am muntersten. Auch der Halbhunne hielt sich bemerkenswert gut, w�hrend Alberich und M�tterchen tapfer gegen ihre Schl�frigkeit ank�mpften. Doch M�tterchen wu�te: Wenn sie noch eine Weile aushielten, w�rde der schlimmste Punkt �berschritten sein. Danach w�rden ihre K�rper f�r einen neuen Kr�fteschub sorgen.</p><p>Alberich f�hrte sie vom Portal der Horthalle aus einen Gang hinab in die verlassenen Zwergenminen. Die grob gehauenen Stollen waren erstaunlich breit und wurden von h�lzernen St�tzb�gen gehalten. Alberich erkl�rte, da� die meisten Stollen in Form eines Sterns auseinanderliefen, in dessen Zentrum sich die Halle mit den alten Ger�tschaften der Zwerge befand.</p><p>Gelegentlich blieben die vier Gef�hrten stehen und lauschten auf die Trommeln der Nordlinge, doch nie h�rten sie etwas anderes als ihren eigenen hastigen Atem und das dumpfe Knirschen der Minenbohrer in der Tiefe des Berges.</p><p>�Dort vorne�, sagte Alberich, als der Bergwerksgang steiler nach unten f�hrte. In weiter Ferne m�ndete er in eine breitere Grotte. �Das ist die Kreuzung, an der die meisten Stollen zusammenlaufen. Hinter einem Tor liegt die Halle der Minenbohrer.�</p><p>Vorsichtig huschten sie weiter, eng an die W�nde gepre�t, Schwerter und Goldgei�el fest in den H�nden. Nur Geist war unbewaffnet. Sie hielt sich eng hinter L�wenzahn.</p><p>Sie hatten die H�lfte des Weges zur�ckgelegt, als ihnen L�rm entgegent�nte.</p><p>�Du hattest recht�, zischte Alberich M�tterchen zu. �Sie verschieben die Bohrer.�</p><p>M�tterchen horchte aufmerksam. Es war ein lautes Knirschen wie von Stein, der unter riesigen R�dern zermahlen wurde. Die Bohrer mu�ten gewaltig sein. Sie fragte sich, ob nicht doch ein wenig der alten Albenmagie im Spiel gewesen war, als diese Ger�te erschaffen worden waren.</p><p>Sie erreichten die Kreuzung und blickten aus ihren Verstecken hinter den Felskanten durch ein breites Tor, gr��er noch als das der Horthalle. Der Saal dahinter war niedrig, aber weitl�ufig. Zu beiden Seiten standen in langen Reihen die Minenbohrer. Sie sahen aus wie Drachen aus Holz und Stahl, etwa zweimal so hoch wie ein Pferd und ebenso lang, gebuckelte Formen, die auf brusthohen R�dern ruhten. An den Vorderseiten waren Rammb�cke angebracht - zumindest hielt M�tterchen sie daf�r -, deren Enden in st�hlernen, vielfach gewundenen Spitzen ausliefen. Nordlinge oder Zwerge waren nirgends zu entdecken. Der L�rm hatte seine Quelle offenbar im hinteren Teil der Halle, der von hier aus nicht einzusehen war.</p><p>�Wie sollen wir vorgehen?� fragte M�tterchen.</p><p>L�wenzahn t�tschelte z�rtlich den Knauf seines Zweih�nders. �Wir gehen rein. Wir erschlagen sie. Wir haben gewonnen.�</p><p>�Sehr klug�, giftete Alberich. �Wirklich sehr, sehr klug.�</p><p>M�tterchen zuckte mit den Achseln. �Wie es aussieht, haben wir gar keine andere M�glichkeit, oder?�</p><p>�Aber wir sind nur zu viert�, gab Alberich zu bedenken.</p><p>�Vergi� nicht, da� wir Geist bei uns haben.� M�tterchen warf dem Moosfr�ulein einen stolzen Blick zu. �Mit ihren F�higkeiten sind wir kaum zu schlagen. Sie hat bewiesen, da� sie besser k�mpft als jeder andere von uns.�</p><p>Geist schaute betroffen zu Boden. �<emphasis>K�mpfen, </emphasis>du liebe G�te! Ich bin doch keine Kriegerin!�</p><p>�Immerhin hast du unser aller Leben gerettet�, erwiderte M�tterchen.</p><p>�Das war...�, begann Geist, verstummte kurz und begann von neuem. �Das war nicht mein Verdienst. Es ist einfach geschehen, versteht ihr? Ich wu�te doch gar nicht, was ich da tat. Es waren die Pflanzen. Es war das Moos.�</p><p>L�wenzahn fuhr sich durch seine schwarze Haarm�hne. �Das begreife ich nicht.�</p><p>Geist tapste unruhig von einem Fu� auf den anderen. Sie sah aus, als k�mpfte sie mit den Tr�nen. �Ich habe die ganz Zeit dar�ber nachgedacht. Ich glaube, ich wei� jetzt endlich, was geschehen ist.�</p><p>�Es ist die Magie des Drachen in dir�, sagte Alberich ungeduldig. Immer wieder schaute er sich besorgt zum Tor der Halle um.</p><p>�La� sie ausreden!� fuhr M�tterchen ihn an und t�tschelte Geists bemoosten Handr�cken.</p><p>�Alberich hat recht�, best�tigte Geist, �es <emphasis>ist </emphasis>die Magie. Aber nicht immer habe ich Einflu� darauf. Was in dieser Grotte geschehen ist, das war nicht mein Tun. Oder zumindest nicht meines allein.� Sie rang verzweifelt nach Worten. M�tterchen l�chelte ihr beruhigend zu, w�hrend Alberich immer ungeduldiger wurde. �Das Moos an den W�nden, die Pflanzen in dieser H�hle, sie haben <emphasis>durch </emphasis>mich gewirkt. Ich war ihre Waffe. Die Zwerge hatten Teile des Mooses vernichtet und damit die Pflanzen gegen sich aufgebracht. Ihr Zorn hat mich verwandelt, hat mich zu dem gemacht, was ihr gesehen habt, diesem Ding an der Decke, das mit seinen �sten t�tet wie L�wenzahn mit seinem Schwert.� Nun weinte sie wirklich, doch als M�tterchen sie tr�stend in den Arm nehmen wollte, sch�ttelte das Moosfr�ulein den Kopf. �Ich trage das Erbe des Drachen in mir, aber ich wei� nicht, ob es wirklich ein Segen ist. Ich habe keine Macht dar�ber. Es tut mit mir, was es will, die Pflanzen tun mit mir, was sie wollen. Ja, vielleicht k�nnte ich k�mpfen, vielleicht k�nnte ich noch mehr Zwerge t�ten, sogar einige dieser Nordlinge. Aber keiner fragt mich, ob ich t�ten <emphasis>will</emphasis>. Das Moos an den W�nden hat es gewollt, und es hat mich dazu gebracht, seinem Willen zu gehorchen. Aber was, wenn es dort, wo wir auf unsere Gegner treffen, kein Moos gibt, keine Pflanzen, die diese M�chte in mir steuern?� Sie sch�ttelte bedr�ckt den Kopf. �Ich allein kann es nicht.�</p><p>M�tterchen versuchte nachzuf�hlen, was tats�chlich in Geist vorging, welche Qualen sie litt. Alberich aber war ein Mann der Tat, und f�r ihn z�hlte im Augenblick nur die Vertreibung der Nordlinge. �Hei�t das�, fragte er unwirsch, �solange kein Gr�nzeug in der N�he ist, kannst du nichts tun, als dich von L�wenzahn auf den Schultern herumtragen zu lassen?�</p><p>�Alberich!� zischte M�tterchen warnend. Auch L�wenzahn starrte den Zwerg zornig an und wollte gerade etwas sagen, als Geist ihm zuvorkam:</p><p>�Das hei�t es, ja. Ich bin f�r euch ohne jeden Nutzen.�</p><p>�Ohne Nutzen?� wiederholte M�tterchen fassungslos. �Mein Gott, Kindchen, wir sind Freunde! Seit wann wird sowas an Nutzen gemessen?�</p><p>Geist hob die Schultern. �Wei� nicht. Ich hatte noch nie Freunde.� Bis vor zwei Jahren hatte sie v�llig vereinsamt im Wald gehaust, und jeder der drei anderen wu�te das. Sogar Alberichs Gesichtsausdruck wurde pl�tzlich weich und milde, und er trat auf das Moosfr�ulein zu, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte: �Verzeih mir. Ich war aufgeregt. Wir werden bald gegen einen Feind antreten, der vor zweihundert Jahren mein ganzes Volk unterworfen hat. Meine Worte waren unbesonnen.�</p><p>�Allerdings�, r�gte M�tterchen ihn scharf. Zu Geist sagte sie sanfter: �Wir werden es auch ohne deine Kr�fte schaffen, verla� dich darauf. Nicht wahr, L�wenzahn?�</p><p>Der Halbhunne grinste schief. �Aber sicher.�</p><p>�Dann la�t uns gehen�, entschied M�tterchen. �Willst du lieber hierbleiben, Kindchen?�</p><p>Geist sch�ttelte vehement den Kopf. �Ich komme mit. Ich will bei euch sein.�</p><p>Damit war ihr Vorgehen beschlossene Sache. Ohne l�nger zu z�gern, schlichen sie �ber die leere Stollenkreuzung und durch das Tor der Halle. Der L�rm war ged�mpfter geworden, und bald erkannten sie auch den Grund.</p><p>Am entgegengesetzten Ende der Halle klaffte eine �ffnung in der Wand, grob aus dem Fels geschlagen, mit gezackten R�ndern wie gewaltige Kiefer. Gerade noch sahen die Gef�hrten in diesem Schlund einen der Minenbohrer verschwinden, geschoben von einem halben Dutzend Zwerge. Wachen gab es keine in der Halle, offenbar setzten die Nordlinge jeden ihrer Lakaien f�r die Grabungsarbeiten ein. Das Knirschen der R�der wurde leise, dann hatte der absch�ssige Stollen jenseits der �ffnung das schwere Bohrger�t und die sechs Zwerge verschluckt.</p><p>M�tterchen und die anderen schauten sich fasziniert um. Mindestens zehn weitere der plumpen Ger�te standen noch in zwei Reihen zu beiden Seiten der Halle. Die riesigen Rammb�cke mit ihren Korkenzieherspitzen wirkten aus der N�he viel gef�hrlicher als von weitem.</p><p>M�tterchen hatte nicht die geringste Ahnung, wie die Minenbohrer arbeiteten, doch ihre Achtung vor Alberichs Vorfahren wuchs. Der Zwerg wiederum schien das Staunen seiner Freunde zu genie�en.</p><p>Nach einem Augenblick zogen sich die Gef�hrten in den Schatten eines der Bohrer zur�ck.</p><p>�Wie viele davon gab es hier urspr�nglich?� fl�stert M�tterchen.</p><p>�Sechzehn�, erwiderte der Horth�ter leise. �Dazu noch jene, die damals in den unfertigen Stollen stehengeblieben sind.�</p><p>�Die werden wahrscheinlich noch an Ort und Stelle sein. Es d�rfte einfacher sein, sich hier zu bedienen, als diese Kolosse im ganzen Berg zusammenzusuchen. Das bedeutet, da� f�nf wahrscheinlich schon im Einsatz sind, dazu bald noch ein sechster.�</p><p>�Die Zwerge in der Moosgrotte hatten aber nur Spitzhacken dabei�, sagte Geist.</p><p>�Zu wenig Platz f�r einen der Bohrer�, mutma�te M�tterchen. �Vielleicht versuchen sie es auf unterschiedlichen Wegen. Wei� der Teufel, was in den K�pfen der Nordlinge vor sich geht. Sicher scheint mir aber zu sein, da� f�nf Tunnel bereits in Arbeit sind. Zwei Bohrer haben wir in der Horthalle geh�rt, was hoffentlich bedeutet, da� die drei anderen noch zu weit entfernt waren.�</p><p>�Und nun?� fragte Alberich. �Gehen wir endlich hinterher und erschlagen die Bastarde?�</p><p>�Immer mit der Ruhe�, beschwichtigte ihn M�tterchen. Sie deutete auf den Bohrer, neben dem sie sich versteckten. �Wei�t du, wie man mit diesen Dingern umgeht?� fragte sie Alberich.</p><p>Der Horth�ter nickte, ohne zu begreifen, auf was sie hinauswollte.</p><p>M�tterchen blickte zu der �ffnung, die die Nordlandzwerge in die Hallenwand gebrochen hatten. Niemand war zu sehen.</p><p>Hastig erkl�rte sie den anderen ihren Plan. Alberich blieb argw�hnisch (vermutlich, weil er nicht selbst darauf gekommen war), doch L�wenzahn zeigte sich begeistert, vor allem, weil das Gelingen von M�tterchens List allein von ihm abhing. Er liebte es, sich vor seinen Freunden zu beweisen, und wie es aussah, w�rde sich ihm bald die beste Gelegenheit dazu bieten.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Die sechs Nordlandzwerge hatten ihre Last gerade aus dem Stollen hinaus in die Weite des Tunnels geschoben, als hinter ihnen L�rm laut wurde. Ihr K�pfe ruckten herum. Aus ihren Kehlen l�ste sich ein vielstimmiger Aufschrei, als sie sahen, was hinter ihnen den Stollen herabdonnerte - geradewegs auf sie zu.</p><p>Der Minenbohrer rollte mit enormer Geschwindigkeit aus dem Stollenausgang, rammte seine Spitze in den R�cken des vorderen Ger�tes und ri� ihn auseinander. Die Zwerge, die sich zwischen den beiden Holz- und Stahlgiganten befanden, versuchten sich mit weiten Spr�ngen in Sicherheit zu bringen, doch nur zweien gelang es. Die vier anderen wurden zwischen den schweren Ger�ten zerquetscht, und ihr Kreischen verhallte abrupt. Der vordere Minenbohrer brach in St�cke, sein Rammbock l�ste sich aus der Verankerung und polterte mit einem ohrenbet�ubenden Krachen zu Boden.</p><p>Im Stollenausgang standen die vier Gef�hrten, bewaffnet und kampfbereit mit Ausnahme von Geist. L�wenzahns Kleidung war durchn��t vom Schwei�, und seine Klinge zitterte leicht. Den riesigen Minenbohrer ganz allein den Stollen hinabzuschieben war selbst f�r ihn fast zuviel gewesen. Doch Geists aufmunterndes L�cheln hatte ihm immer dann neue Kraft gegeben, wenn er geglaubt hatte, aufgeben zu m�ssen. Irgendwann hatte das Ger�t in dem absch�ssigen Gang durch sein eigenes Gewicht soviel Schwung entwickelt, da� die M�hsal ertr�glicher wurde. Als der Minenbohrer schlie�lich hinaus auf die Zwergenstra�e gerollt war, war das beinahe ohne L�wenzahns Zutun geschehen.</p><p>�Grundg�tiger�, brummte M�tterchen jetzt, als sie hinaus in den Tunnel blickte, �seht euch das an!�</p><p>Sie befanden sich kurz vor dem Ende der Zwergenstra�e. F�nfzig Schritte weiter s�dlich erhob sich die Ger�llrampe, die zum einstigen Zugang hinauff�hrte. An ihrem Fu� befand sich ein mannshoher Haufen aus Gold und Geschmeide, Teile des Hortes, die beim Schlie�en des Tores vor zweihundert Jahren hinabgefallen waren; die Nordlinge hatten sie aufsammeln lassen, damit nicht das kleinste St�ck verlorenging. F�nf Stollen, das Werk der Minenbohrer, schnitten rund um die Rampe ins Gestein der Tunnelw�nde. Anders als M�tterchen erwartet hatte, versuchten die Nordlinge nicht, die Bohrer geradewegs durch die riesige steinerne Fallt�r in der Decke zu treiben. Offenbar waren die Ger�te zu schwer, um sie in derart steilem Winkel anzusetzen. Statt dessen f�hrten die f�nf Stollen mit vergleichsweise sanfter Steigung in die Seitenw�nde der Zwergenstra�e. Die plumpe Form der Bohrer machte es unumg�nglich, die Tunnel wie Spiralen nach oben zu schrauben, nicht zu steil, damit die Zwerge, die die Bohrer schoben, nicht unter deren Last zerdr�ckt wurden. Nur deshalb dauerten die Arbeiten so lange, und allein diesem Umstand hatten die Gef�hrten es zu verdanken, da� die Feinde noch nicht bis zum Hort vorgedrungen waren.</p><p>�Die m�ssen schon seit einer halben Ewigkeit hier unten zugange sein�, entfuhr es Alberich atemlos.</p><p>M�tterchen wollte etwas erwidern, doch im selben Augenblick entdeckte sie vier Nordlinge, die, angelockt vom L�rm der kollidierenden Minenbohrer, aus einem der Stollen gelaufen kamen. Die Krieger trugen Kleidung aus Fell und Eisenschalen, jener L�wenzahns nicht un�hnlich. Ihre vor dem Gesicht geschlossenen Helme hatten schmale Augenschlitze, obenauf erhoben sich m�chtige H�rnerpaare. Alle vier waren mit wuchtigen Breitschwertern bewaffnet.</p><p>�Zur�ck in den Stollen!� wies M�tterchen die anderen an. Die Freunde zogen sich zur�ck und beobachteten aus ihrem Versteck, wie die vier Krieger sich z�gernd dem zerschmetterten Minenbohrer n�herten. Das zweite Ger�t, jenes, das L�wenzahn geschoben hatte, stand �ber den Tr�mmern wie eine triumphierende Urzeitbestie. Die beiden �berlebenden Zwerge kauerten verletzt am Boden, der eine schleppte sich gerade zur�ck zu den Resten des Bohrers, um nach seinen toten Kameraden zu sehen.</p><p>Die Nordlinge erreichten die Tr�mmer. Einer stie� den kriechenden Zwerg grob mit dem Fu� zur Seite, ein anderer lief eilig davon und verschwand in einem der Stollen. M�tterchen fluchte im stillen. Sobald der Krieger seine Befehlshaber �ber den Vorfall in Kenntnis gesetzt hatte, w�rde es hier unten von Nordlingen nur so wimmeln. Sie hatte gehofft, ihre Gegner einzeln oder in kleinen Gruppen �berraschen zu k�nnen; mit einer ganzen Heerschar aber w�rden sie es schwerlich aufnehmen k�nnen.</p><p>�Sie sind nur noch zu dritt�, zischte sie den anderen entschlossen zu. �Jetzt oder nie!�</p><p>Und schon st�rmten L�wenzahn und Alberich vor, M�tterchen lief hinterher. Geist blieb am Eingang des Stollens zur�ck und schaute sich angestrengt nach einer Spur von pflanzlichem Leben um, irgend etwas, das ihr helfen w�rde, die M�chte, die in ihr schlummerten, aufzuwecken und einzusetzen. Doch hier unten gab es nicht einmal Schimmelpilze.</p><p>Alberich lie� die Goldgei�el klirrend �ber seinem Kopf kreisen, aber L�wenzahn war schneller. Seine Ersch�pfung war geschwunden. Mit weiten Schritten raste er auf den ersten Nordling zu. L�wenzahn war ihm an Gr��e ebenb�rtig, dabei sogar noch eine Spur breitschultriger. Einem Zwerg mu�ten die M�nner aus dem Nordland wie Riesen erscheinen, doch f�r den Halbhunnen waren sie gleichberechtigte Gegner.</p><p>L�wenzahn mochte nicht besonders gewitzt sein, und manchmal stand seine Verliebtheit klaren Entscheidungen im Wege, doch mit dem Schwert vermochte er umzugehen wie kaum ein anderer. Der Nordling ri� seine Waffe hoch und parierte L�wenzahns Hieb im letzten Moment, geriet dabei aus dem Gleichgewicht und stolperte nach hinten. Bevor L�wenzahn nachsetzen und zusto�en konnte, sprang bereits ein zweiter Nordlandkrieger herbei und attackierte ihn mit einer Serie heftiger Schl�ge und Stiche. Kurz sah es aus, als w�rde L�wenzahn unterliegen, doch dann gelang ihm ein Ausbruch aus seiner Defensive, er sprang vor, f�hrte einen Sto� nach dem Hals des Gegners, nutzte dessen Abwehrschlag und zog sein Schwert in einer Drehung hinab zur H�fte des Nordlings. Die Klinge des Zweih�nders fuhr durch Fellwams und Fleisch des Kriegers, der Mann schrie unter seinem Helm dumpf auf, dann t�tete L�wenzahn ihn mit einem zweiten Hieb in die Seite.</p><p>Alberich schlug mit der Goldgei�el auf den dritten Nordling ein. Die vergoldeten Stachelkugeln krachten gegen den Brustpanzer des Kriegers, brachten ihn jedoch eher aus der Fassung als in echte Bedr�ngnis. Bald schon lie� der Mann sein Schwert herumwirbeln und drang damit auf den Horth�ter ein. Die Gei�el war eine hervorragende Waffe zum Angriff, doch zur Parade war sie denkbar ungeeignet. Alberich fing zwei Schl�ge mit dem Stahlgriff ab, mu�te dann jedoch mehrere Schritte zur�ckweichen. Im selben Augenblick sprang M�tterchen an seine Seite. An Kraft hatte sie dem Nordling nichts entgegenzusetzen, doch was das Geschick mit der Klinge anging, war sie ihm durchaus gewachsen. Schneller, als ihr greises �u�eres es vermuten lie�, tauchte sie unter einem Angriff hinweg und rammte dabei ihre Spitze ins rechte Bein des Kriegers, oberhalb seines Knies. Der Mann br�llte vor Zorn und Schmerz, fegte M�tterchen mit einem w�tenden Handschlag beiseite, holte aus, um sie zu erschlagen - und wurde von Alberichs Goldgei�el kraftvoll am Helm getroffen. Der eiserne Gesichtsschutz zerri� unter dem Anprall der ersten Kugeln wie Papier, die Stacheln der n�chsten zerfetzten sein Nase und Augenpartie. M�tterchen stie� noch im Liegen ihr Schwert nach oben und t�tete den Nordling mit einem geraden Stich in die Eingeweide.</p><p>Derweil hatte sich L�wenzahn jenem Nordling zugewandt, der unter seinem ersten Angriff zu Boden gest�rzt war. Das Duell zwischen beiden war schnell entschieden. L�wenzahns Zweih�nder fuhr mit unglaublicher Kraft in die Schulter des Mannes, schnitt schr�g hinab bis in die Brust. Der Schlag f�llte den Nordling wie eine Handpuppe, aus der ein Puppenspieler seine Finger zieht; stumm und leblos sackte der Krieger zusammen.</p><p>M�tterchen packte einen der beiden versch�chterten Zwerge am Kragen. �Wie viele von diesen Kerlen gibt es hier unten? Los, rede!�</p><p>Der Zwergenarbeiter versuchte vergeblich, Worte zu formen. Der Schreck sa� ihm zu tief in den Knochen. Wahrscheinlich hatte er nie zuvor erlebt, da� einer seiner Herren erschlagen wurde, geschweige denn gleich drei auf einmal.</p><p>Alberich dr�ngte M�tterchen zur Seite. �La� mich das machen.� In der kehligen, hastigen Sprache seines Volkes redete er auf den Zwerg am Boden ein, und es vergingen nur Augenblicke, da erhielt er eine Antwort.</p><p>�Drei�ig Nordlinge�, �bersetzte Alberich f�r die anderen, �und etwa sechzig Zwerge.�</p><p>�Neunzig!� entfuhr es M�tterchen. Sie war kreidebleich geworden. Auch L�wenzahn verzichtet auf aufmunternde Parolen; eine solche Zahl erschreckte selbst ihn.</p><p>Geist trat neben sie. �Es gibt hier unten keine Pflanzen. Nicht einmal eine Spur davon�, sagte sie in einem Tonfall, als sei es n�tig, sich daf�r zu entschuldigen.</p><p>Aus dem Bohrerstollen, in dem der vierte Nordling verschwunden war, erklangen jetzt Ger�usche. Das Schaben von Schritten, Befehle in einer fremden, unverst�ndlichen Sprache. Noch war niemand zu sehen.</p><p>�Wenn wir den Bohrer hineinschieben�, begann L�wenzahn und deutete auf den unversehrten Kolo�, aber M�tterchen unterbrach ihn: �Keine Zeit. Au�erdem k�nntest selbst du ihn nicht gegen einen Ansturm der Nordlinge halten.� Ihre Gedanken �berschlugen sich. �Alberich, frag den Zwerg, welche der beiden Stollen zu jenen Bohrern f�hren, die als erste zur Horthalle vorsto�en werden.�</p><p>Alberich tat es und wies bald darauf auf zwei der Stolleneing�nge. Jener, in dem die Nordlinge immer n�her kamen, war nicht darunter. Trotzdem bestand nicht der geringste Zweifel, da� sich auch in den �brigen feindliche Krieger aufhielten, ganz abgesehen von Dutzenden von Zwergen.</p><p>M�tterchen eilte zu einem der Eing�nge, �ber den sie noch nichts wu�ten. Im N�herkommen erkannte sie, da� daraus ein Wasserlauf str�mte, zwei Schritte breit und etwa fingertief. Am Boden des Tunnels verzweigte sich das Wasser in eine Vielzahl schmaler Rinnsale und verschwand in Spalten und L�chern.</p><p>�Was ist hiermit?� fragte sie und nickte dem Zwergenarbeiter zu.</p><p>Er verstand auch ohne �bersetzung und redete eilig auf Alberich ein.</p><p>�Ein Fehlschlag�, sagte der Horth�ter. �Der Stollen ist verlassen. Der Minenbohrer ist vor einigen Tagen auf Wasser gesto�en. Die Nordlinge gaben Befehl, ihn stehenzulassen, und zogen die Arbeiter in die anderen Stollen ab. Unser Freund hier sagt, etwas �hnliches sei schon einmal passiert, vor ungef�hr zwei Wochen.� Alberich deutete auf den letzten Stollen. Auch dort glitzerte Feuchtigkeit, allerdings sehr viel weniger. �Ich nehme an, sie sind auf den See in der Moosgrotte gesto�en. Deshalb war soviel von dem Wasser abgelaufen.�</p><p>�Der Strudel�, murmelte Geist gedankenverloren.</p><p>Alberich nickte. �Weil die Bohrerspitze noch in der �ffnung steckt, l�uft das Wasser nur langsam ab.�</p><p>�Wartet, wartet�, sagte L�wenzahn schwerf�llig. �Die Nordlinge sind zweimal auf Wasser gesto�en, nicht wahr? Das da� - er zeigte auf den Stollen mit dem schw�cheren Rinnsal - �kommt aus der Moosgrotte.� Er drehte sich um zu dem anderen Stollen, aus dem der Bach str�mte. �Woher aber stammt dann dieses Wasser?�</p><p>�Mir f�llt nur eine M�glichkeit ein�, meine M�tterchen und horchte zugleich auf den L�rm der Nordlinge. Der Fels verzerrte das Echo, es war unm�glich zu sagen, wie nahe sie bereits waren.</p><p>Alberich wurde immer unruhiger. �Sie sind mit den Bohrern zu weit nach Westen vorgesto�en, au�erdem viel zu weit nach oben.� Er verzog das Gesicht zu einem grimmigen L�cheln. �Weil sie keine Ahnung von dem haben, was sie tun.�</p><p>�Zu weit nach Westen�, wiederholte Geist leise, �zu weit nach oben. Hei�t das, am Ende dieses Stollens flie�t -�</p><p>�Der Rhein�, f�hrte M�tterchen den Satz zu Ende. �So, wie es aussieht, hat nicht viel gefehlt, und unsere Freunde h�tten den ganzen Tunnel unter Wasser gesetzt.�</p><p>Und alle, sogar L�wenzahn, hatten pl�tzlich den gleichen Gedanken.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Geist huschte ganz allein durch die Halle der Minenbohrer, vorbei an den Reihen der schlummernden Kolosse. Sie f�rchtete sich beim Anblick dieser bedrohlichen Monstrosit�ten (oder blickten vielmehr <emphasis>sie </emphasis>auf Geist?), und es h�tte sie kaum verwundert, w�ren sie mit einemmal reihum zum Leben erwacht, um Jagd auf sie zu machen.</p><p>Sie erreichte das Portal der Halle, ohne aufgehalten zu werden, nicht von Nordling, Zwerg oder Bohrunget�m. Noch einmal schaute sie zur�ck �ber den breiten Gang zwischen den Bohrern, zerfurcht von R�dern, die so hoch waren wie Geist selbst. Ein sonderbares Gef�hl beschlich sie, die Vorstellung, da� all dies zweihundert Jahre lang unber�hrt dagestanden hatte und dabei doch so aussah, als wartete es nur darauf, erneut mit Leben erf�llt zu werden.</p><p>Sie sch�ttelte sich, als eine G�nsehaut unter ihren Moospelz kroch. Mit einem Blinzeln, um sich vom geisterhaften Bild der verlassenen Halle zu befreien, warf sie sich herum und sprang durch das offene Tor. Die riesigen Fl�gel waren aus Stein und lie�en sich nur mit Hilfe eines komplizierten Zwergenmechanismus bewegen. Eine eiserne Kurbel an der Au�enseite mu�te bet�tigt werden, um ihn in Gang zu setzen.</p><p>Geist war �berrascht; nach all der Zeit war die Eisenkurbel weder eingerostet noch verkantet. Sie mu�te dennoch all ihre Kraft einsetzen, um den Hebel zu drehen. Tief im Felsen setzten sich mit einem Knirschen, gefolgt von leisem Surren, gewaltige Zahnr�der in Bewegung. Langsam, sehr langsam, schoben sich die gewaltigen Steinfl�gel aufeinander zu. Erst als nur noch ein Spalt offen stand, gerade breit genug, um L�wenzahns Schultern hindurchzulassen, brachte Geist das Portal zum Stillstand.</p><p>Sie trat in den Spalt, schaute zur Stollen�ffnung auf der anderen Seite und lauschte. Auf Stimmen vielleicht; auf das Kampfgeschrei der Nordlandkrieger; auf das Donnern einer Wasserflut.</p><p>Doch da war nur Stille, das eherne Schweigen der Minenbohrer, tr�umend von den glanzvollen Zeiten des Zwergenvolkes. Eine Stille, be�ngstigender als jeder Feind. Und in einem Moment vollkommener Klarheit erkannte Geist, da� es genau das war, was sie in den vergangenen zwei Jahren so gef�rchtet hatte und doch jetzt erst v�llig verstand: Die Stille, das lautlose Sterben dieses uralten Berges, war vielleicht der schlimmste Feind von allen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Alberich sa� in einer Schneise im Holzbuckel des Minenbohrers und legte einen Hebel um, der halb so gro� war wie er selbst. Irgendwo im Inneren des Unget�ms l�ste sich eine Sperre.</p><p>�Jetzt!� rief er �ber die Schulter nach hinten. �Du mu�t schieben!�</p><p>L�wenzahn knurrte etwas, doch der L�rm der Nordlinge, die hinter ihnen den Stollen heraufstr�mten, �bert�nte seinen Fluch. Mit all seiner Kraft stemmte er sich gegen die R�ckseite des Bohrers, und M�tterchen glaubte das Anschwellen seiner riesenhaften Muskelberge sogar durch seine dicke Fellkleidung zu erkennen.</p><p>Sie selbst stand hinter ihm, mit gez�cktem Schwert, um ihm den R�cken von Angreifern freizuhalten. Unruhig, gespannt bis in die Zehenspitzen, blickte sie zur�ck zur letzten Biegung des spiralf�rmigen Stollens. Das Wasser umsp�lte ihre F��e bis zu den Kn�cheln, das Rauschen wurde von den Felsw�nden zur�ckgeworfen. Sie war zu schwach, um L�wenzahn beim Schieben des Minenbohrers zu helfen. Irgend etwas aber wollte auch sie beitragen, und wenn es nur die Kunde vom N�herkommen der Gegner war. �Sie sind gleich hier!� rief sie �ber die Schulter zu L�wenzahn und Alberich. �Beeilt euch!�</p><p>Der Horth�ter drehte im Inneren des Bohrers mit aller Kraft eine gro�e Kurbel. �hnlich wie beim Schlie�mechanismus des Portals wurde auch seine Anstrengung durch die �bertragung auf zahlreiche R�der und Federn vervielfacht. Die Korkenzieherspitze des Rammbocks, halb im Fels vergraben und von wei�en Wasserfont�nen umstrahlt, geriet in Bewegung, drehte sich, fra� sich tiefer ins Gestein. Der Wasserdruck verst�rkte sich, winzige Felspartikel brachen von den R�ndern der verstopften �ffnung, noch mehr Wasser ergo� sich in den Stollen.</p><p>�Da sind sie!� br�llte M�tterchen �ber das Get�se hinweg.</p><p>Mehr als ein Dutzend Nordlinge, gefolgt von noch mehr bewaffneten Zwergen, schob sich um die Biegung. Das Wasser am Boden spritzte unter ihren Stiefeln empor, eine Gischt wie vor dem Bug einer Galeere.</p><p>Sie waren bis auf zehn Schritte an den Minenbohrer und die Gef�hrten herangekommen, als die vorderen schlagartig stehenblieben. Ein w�stes Gerangel entstand, als die hinteren Reihen nachdr�ngten. Schlie�lich verharrte der ganze Trupp, unruhig, zeternd, mit wilder Drohgeb�rde.</p><p>M�tterchen h�tte sich gerne eingeredet, da� es ihr eigener respekteinfl��ender Anblick war, der ihre Gegner z�gern lie�. Tats�chlich aber hatten die Nordlinge und Zwerge entdeckt, da� sich der Bohrer immer tiefer in die Felsschicht grub, dem rei�enden Strom entgegen, der �ber ihnen die Lande durchschnitt. Das Wasser im Stollen reichte M�tterchen bereits bis �ber die Waden, und mit jedem Herzschlag stieg es h�her.</p><p>Im n�chsten Augenblick w�rde die Entscheidung fallen. Falls die Nordlinge k�hn genug waren, ihren Weg fortzusetzen und die Gef�hrten zu t�ten, mochte es ihnen gelingen, das beinahe Unausweichliche aufzuhalten.</p><p>Doch bei all ihrer Gr��e und furchteinfl��enden K�rperkraft waren sie nicht bereit, ihr eigenes Leben f�r das Gelingen ihrer Mission zu opfern. Einer, der Anf�hrer, gab den Befehl zum R�ckzug. F�r ihn schien festzustehen, da� seine Sache verloren war.</p><p>M�tterchen frohlockte, ein herrliches, triumphierendes Gef�hl. Leider ein ausgesprochen kurzes. Denn als sie sich umdrehte und den anderen zufrieden die frohe Nachricht mitteilen wollte, sah sie, was auch die Nordlinge gesehen hatten. Und sie erkannte, da� die Sache verloren <emphasis>war. </emphasis>Verloren wie sie und ihre Gef�hrten, wenn sie sich nicht beeilten, von hier zu verschwinden.</p><p>Vom Rammbock des Minenbohrers war nichts mehr zu sehen. Eine Explosion aus Wasserstrahlen, wei� wie gl�hender Stahl, verh�llte die vordere Partie des Unget�ms. Alberich kletterte geschwind wie ein Insekt aus der Holzverkleidung und rutschte den Buckel hinab zu Boden. Auch L�wenzahn h�rte auf zu schieben. Er packte den langsameren Zwerg am Arm, warf sich herum, gab M�tterchen im Laufen einen Sto� und trieb sie neben sich her den Stollen hinunter. Das letzte, was M�tterchen vom Ende des Ganges sah, war ein Netz aus schwarzen Spalten, das sich mit h�llischer Geschwindigkeit �ber die Felsw�nde ausbreitete. Wassergeysire spr�hten aus allen Richtungen.</p><p>Die drei Gef�hrten rannten so eilig sie konnten bergab, durch kniehohes Wasser, die rei�ende Str�mung im R�cken. Die Stollenspirale schien sich endlos nach unten zu schrauben, und immer schneller kroch die Wasseroberfl�che an ihren K�rpern empor, immer kr�ftiger wurde der Sog.</p><p>Dann, pl�tzlich, sank der Wasserspiegel, und sie wu�ten, vor ihnen lag die Zwergenstra�e. Sie st�rmten durch die �ffnung in den breiten Tunnel und sahen in einiger Entfernung ein Gewimmel aus Nordlandkriegern und Zwergen. Keiner versuchte, die drei Freunde aufzuhalten, jeder rannte nur um sein eigenes Leben. Eine Handvoll Feinde war klug genug, den Weg zur Halle der Minenbohrer einzuschlagen; sie lag h�her als der Tunnel, und es gab dort einen Ausgang zu den oberen Ebenen des Hohlen Berges. Der ganze Rest aber, siebzig, achtzig Krieger und Sklaven, floh die alte Zwergenstra�e entlang nach Norden, in ihrer Panik nicht ahnend, da� sie damit ihr Schicksal besiegelten. Wenn die obere Felsschicht erst barst und die Wassermassen des Rheins sich durch die Spalten ergossen, w�rden sie den gesamten Tunnel viele hundert Schritte weit �berfluten. Niemand, der sich dann noch hier unten aufhielt, w�rde mit dem Leben davonkommen.</p><p>M�tterchen, Alberich und L�wenzahn st�rmten den Stollen zur Halle hinauf, vor sich mehrere Zwerge und Nordlinge. Hinter ihnen ert�nte ein Fauchen wie von einem lebenden Wesen. Ein Donnern wie der Weltuntergang, ein Kreischen und Splittern und Bersten, als rissen die G�tter selbst den Himmel entzwei. Schlagartig wurde das Fauchen zum Prasseln und das Prasseln zu einem einzigen, infernalen Get�se.</p><p>�Die Flut kommt!� br�llte M�tterchen, aber es war gleichg�ltig, ob irgendwer sie h�rte. Alle wu�ten, da� der Tod ihnen eng auf den Fersen war.</p><p>Die Felsschicht, die der Bohrer zerst�rt hatte, geh�rte nicht zum eigentlichen Flu�bett - der Rhein str�mte viel weiter oben, h�her noch als die Horthalle -, war offenbar aber durch eine Vielzahl von Spalten mit dem Strom verbunden. H�tte der Flu� selbst sich durch den Tunnel gew�lzt, so w�re wohl keinem von ihnen auch nur die Zeit f�r einen letzten Atemzug geblieben. So aber kam die Flut zwar schnell und mit einer Kraft, die die einer jeden Kreatur tausendfach �berstieg; trotzdem blieb allen, die in diesem Augenblick in die Horthalle st�rmten, eine leise Spur von Hoffnung. Hoffnung, der Katastrophe doch noch zu entrinnen. Hoffnung, am Leben zu bleiben.</p><p>Es war ein aufw�hlendes, zugleich auch be�ngstigendes Gef�hl, dieses Hoffen auf ein wenig Gl�ck.</p><p>Ein tr�gerisches noch dazu.</p><p>Denn im selben Augenblick wehte ihnen allen ein Schub eisiger K�lte in den R�cken.</p><p>Mit der K�lte kam N�sse.</p><p>Und die N�sse war nur der Vorbote einer Flutwelle, die alles �bertraf, was sich selbst ein Schwarzseher wie Alberich h�tte ausmalen k�nnen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Am Eingang der Halle stand Geist und sah mit Entsetzen, wie sich hinter ihren Freunden eine Wand aus wei�er, brodelnder Gischt aufbaute. Als Vorbote der Flut scho� ein h�fthoher Wasserteppich durch den Saal, ri� die drei Gef�hrten von den Beinen, warf Nordlinge und Zwerge durcheinander. Geist war einen Moment lang wie versteinert, konnte nichts anderes tun als dazustehen und zuzusehen, wie der Tod ihre einzigen Freunde holen w�rde, und bald, in drei, vier Herzschl�gen, auch sie selbst.</p><p>Und dann <emphasis>sp�rte </emphasis>sie es.</p><p>Wasser schnellte �ber den Hallenboden auf das Tor und auf das Moosfr�ulein im Spalt zwischen den Fl�geln zu. Als die ersten Ausl�ufer Geists Fu�spitzen ber�hrten, durchfuhr sie ein Hitzesto� wie der Einschlag eines Blitzes. Irgendwo in ihrem Inneren - nicht nur in ihrem Kopf, �berall, in ihrem ganzen K�rper - regte sich etwas. Eine Bewegung, ein Pulsieren, ein Druck, der ihre Sinne aufbl�hte, ihre Empfindungen sch�rfte. Der Drache erwachte aus seinem Schlummer, nicht die schuppige, b�sartige Bestie selbst, sondern das, was sie beherbergt hatte. Das Erbe einer Magie, die jenseits aller Taschenspielertricks der Alben lag, jenseits simpler Hexerei und Nekromantie.</p><p>Alles geschah im Bruchteil eines Augenblicks. F�r Geist war es, als w�re das Rad der Zeit aus seiner Spur geraten, als drehte es sich langsamer, um dann ganz stillzustehen. Die Umgebung erstarrte. Das Wasser zu ihren F��en, die herandonnernde Flutwelle, der vergebliche Kampf ihrer Gef�hrten gegen den Untergang, all das versteinerte zu einem einzigen, scharf umrissenen Augenblick. Geist wu�te, da� es eine T�uschung war, da� sie selbst sich mit einemmal <emphasis>zwischen </emphasis>den Augenblicken befand, wie ein Leser, der zwischen den Zeilen eines Buches verharrt.</p><p>Es war das Wasser. Millionen und Abermillionen pflanzlicher Lebewesen, zu klein, um sie mit blo�em Auge zu ersp�hen. Und doch war die heranbrausende Flut derart davon durchsetzt, da� Geist unter dem Ansturm fremder Empfindungen fast zusammenbrach. M�hsam versuchte sie, bei Verstand zu bleiben, bis der erste Moment der �berraschung und des Schmerzes vergangen war. Anders als in der Grotte, wo sie sich vom Bewu�tsein der zornigen Moospflanzen hatte lenken lassen, versuchte sie nun, den Vorgang umzukehren. Diesmal wollte sie diejenige sein, die die Kr�fte in ihrem Inneren steuerte, es war ihr K�rper, und sie allein hatte das Erbe des Drachen angetreten. Aber sie wu�te auch, da� sie auf die Pflanzenwesen im Wasser angewiesen war, da� sie sie brauchte, um von ihrer Kraft zu zehren. Nur so konnte sie die Magie in sich zwingen, ihr zu Diensten zu sein.</p><p>Sie schuf geistige Kan�le, durch die magische Str�me mit der Geschwindigkeit von hundert Flutwellen schossen, und endlich bekam Geist sie unter ihre Kontrolle. Ein stummes Beben raste durch die erstarrten Wassermassen, als sich alles Leben in ihnen zusammenzog und etwas formte, das wie verl�ngerte Arme Geists Befehlen gehorchte.</p><p>Sie tastete nach M�tterchen, fand sie und trug sie auf den Wogen durchs Tor. Auch L�wenzahn packte sie, zerrte ihn an ertrinkenden Nordlingen vorbei zum Spalt, hinaus auf die Kreuzung, ins Trockene. Die Suche nach Alberich gestaltete sich schwieriger, war er doch kleiner als die anderen und inmitten der tobenden Wassermassen kaum auszumachen. Dennoch sp�rte sie ihn auf, wenn auch mit gro�er Verz�gerung, und sie f�rchtete schon, die Flut h�tte ihn get�tet. Doch als sie ihn in den sicheren Stollen zog, sp�rte sie seinen Herzschlag.</p><p>Zuletzt warf sie die Fl�gel des Portals zu, nicht mit dem Kurbelmechanismus, sondern kraft ihrer magischen Macht. Der Wasserstrom brach ab, Geist verlor die Verbindung zu den Pflanzenpartikeln, und sofort zog sich die Kraft in ihr zur�ck, in jenen abgelegenen Winkel ihrer selbst, auf den sie allein keinen Zugriff hatte.</p><p>Im Inneren der Halle flo� der Zeitstrom zur�ck in seine alte Bahn, der n�chste Augenblick brach an. Die Flut donnerte weiter und warf sich mit gewaltiger Macht gegen das Tor. Der Eingang erbebte, Wasserstrahlen schossen durch die Ritzen.</p><p>Auch f�r Geist beschleunigte sich die Zeit, doch sie bemerkte es nicht mehr. Sie sp�rte auch nicht die H�nde ihrer Freunde, die sie hochhoben und bewu�tlos durch einen der Stollen nach oben trugen, in die h�heren Ebenen, hinauf in die Stille des Bergmassivs.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Epilog</strong></p></title><empty-line/><p>Die Kammer, in der Geist den Horth�ter fand, war klein und lag fernab aller gro�en Verbindungsflure. Sie hatte lange nach ihm gesucht, ihr Weg hatte sie durch weite Teile der oberen Ebenen gef�hrt. Doch entdeckt hatte sie ihn letztlich nur aufgrund eines Zufalls.</p><p>Sie hatte sich verlaufen und war dabei in einen hohen, dunklen Korridor gelangt. Zu ihrer Rechten befand sich ein Durchgang, durch den sanfter Kerzenschein fiel; das Licht flackerte verloren �ber den Fels der gegen�berliegenden Wand.</p><p>Einen Moment lang stockt Geists Atem. M�tterchen und L�wenzahn waren oben am Eingang, das wu�te sie genau. Alberich dagegen ben�tigte kein k�nstliches Licht. Wer also trieb sich hier unten herum? Gab es immer noch Nordlinge und Zwerge im Berg, die sich in diesem abgeschiedenen Winkel versteckten?</p><p>Sie fa�te all ihren Mut und schaute zaghaft um die Ecke des Durchgangs. Erleichtert atmete sie auf. Es <emphasis>war </emphasis>Alberich. Der Horth�ter stand mit dem R�cken zur T�r vor einem steinernen Sarkophag, der sich in der Mitte der Kammer auf einem Podest erhob. An den R�ndern hatte er mehrere Kerzen aufgestellt. Ihre Flammen zitterten, als Geist langsam in den Raum trat.</p><p>Alberich schaute nur kurz �ber die Schulter, wandte ich dann wieder dem Sarkophag zu. Mit beiden H�nden st�tzte er sich auf den Stiel seiner Goldgei�el.</p><p>�Verzeih�, sagte Geist leise. Etwas in ihr str�ubte sich, neben ihn zu treten, und so blieb sie einige Schritte hinter seinem R�cken stehen. �St�re ich?�</p><p>Was f�r eine dumme Frage, durchfuhr es sie.</p><p>Alberich sprach, ohne sie anzusehen. �Fr�her bin ich jeden Tag hierhergekommen. Aber in den letzten zwei Jahre sind meine Besuche selten geworden.� Er z�gerte. �Sie w�rde es verstehen�, fuhr er dann gedankenverloren fort. �Ich wei�, da� sie es verstehen w�rde. Der Berg hat Vorrang vor allem anderen, das hat sie selbst immer gesagt. Sie hat ihn geliebt, den Berg, jede Felsspalte, jeden Stein, jedes noch so kleine Relief. Wenn die Nordlinge ihn in ihre Gewalt bekommen h�tten... das h�tte alles zerst�rt, f�r das sie so sehr gelitten hat.� Alberich wandte sich kurz zu dem Moosfr�ulein um. �Ich habe ihr erz�hlt, da� unser Sieg dein Verdienst war.�</p><p>�Aber das ist nicht wahr�, widersprach sie. �Ihr wart es, die den Minenbohrer bis zum Wasser vorgetrieben haben. Ich habe nur -�</p><p>�Unser aller Leben gerettet. Zweimal. H�ttest du es nicht getan, w�re all dies jetzt in der Gewalt der Nordlinge. Erst haben sie das Land der Zwerge zerst�rt, dann mein Volk vernichtet, und sie h�tten das gleiche mit dem Hohlen Berg getan. Dir haben wir zu verdanken, da� es nicht soweit gekommen ist.�</p><p>�Nicht mir. Dem Drachen.�</p><p>Alberich sch�ttelte den Kopf. �Der Drache ist tot. Der Xantener hat ihn erschlagen. Die Magie, die in ihm war, hat nie wirklich ihm geh�rt, sie war nicht einmal ein echter Teil von ihm. Sie wurde ihm nur f�r eine Weile anvertraut. Und jetzt ist sie in dir.�</p><p>Geist wu�te nicht, was sie darauf entgegnen sollte. Statt dessen rieb sie sich die Oberarme und sagte nach einer Weile: �Manchmal habe ich das Gef�hl, da� es hier unten von Tag zu Tag k�lter wird.�</p><p>�Es <emphasis>wird </emphasis>k�lter.� Alberich schaute tr�bsinnig �ber die Felsw�nde. �Der Berg liegt im Sterben.�</p><p>Geist schaute ihn verst�ndnislos an, und so fuhr der Horth�ter fort: �Ein Gro�teil seiner Kraft verlie� ihn gemeinsam mit den Zwergen. Sie haben ihn zu dem gemacht, was er einst war, sie haben ihm Leben geschenkt. Als sie fortgingen, wurde er schwach und gebrechlich. Niemand kann etwas daran �ndern. Und es wird schlimmer werden, wenn der Xantener zur�ckkehrt und den Hort einfordert.�</p><p>�Wir werden auch ihn besiegen�, sagte Geist, um Alberich aufzumuntern.</p><p>Der Zwerg aber l�chelte verbittert. �Siegfried von Xanten hat mich im Kampf bezwungen. Er hat mir die Tarnkappe entrissen und die F�rsten des Nibelungengeschlechts erschlagen. Nun ist er der wahre Herr des Hohlen Berges, Herr �ber ein sterbendes Reich.� Der Kerzenschein geisterte �ber Alberichs faltige Z�ge und lie� ihn noch �lter erscheinen. �Vielleicht ist es ja am besten so. Am Ende wird alles, was wir heute tun und getan haben, zwecklos sein.�</p><p>�So darfst du nicht reden�, sagte Geist, aber ihre Emp�rung war nur schwach angesichts seiner Traurigkeit.</p><p>Alberich schwieg sehr lange, doch dann versuchte er erneut zu l�cheln. �Du hast mich gesucht. Warum?�</p><p>�Ich will das Ende der Geschichte h�ren. Grimmas Geschichte.�</p><p>�Hat dir mein anderes Ende nicht gefallen?�</p><p>�Es war nicht die Wahrheit, alle wissen das. Den anderen ist es egal. Aber ich m�chte h�ren, was wirklich geschah. Erz�hlst du es mir?�</p><p>Alberich lehnte die Goldgei�el an die Treppe des Podests und lie� sich selbst auf einer Stufe nieder. �Wenn nicht du es verdient h�ttest, wer sonst?�</p><p>Wie ein Lichtflimmern durchfuhr Geist die Erinnerung an ihre erste Begegnung. Sie war Alberich und den beiden anderen auf ihrer Suche nach dem Leichnam des Drachen gefolgt, erst heimlich, dann an ihrer Seite. Sie hatten damals - und seither - vieles gemeinsam durchgemacht, vieles erlebt. Und doch war es nur selten vorgekommen, da� Geist und der Horth�ter allein miteinander waren. In beiden flo� das Blut magischer Vorfahren, und doch war es, als w�ren sie sich in den vergangenen zwei Jahren unbewu�t aus dem Wege gegangen.</p><p>�Setz dich zu mir�, forderte Alberich das Moosfr�ulein auf.</p><p>Geist kam n�her, hockte sich mit angezogenen Knien auf eine Treppenstufe. Ihr Blick huschte zu dem Sarkophag empor, der jetzt ehrfurchtgebietend �ber ihnen thronte. Sie wollte endlich die eine Frage stellen, die ihr schon die ganze Zeit �ber auf der Zunge brannte, doch Alberich schien ihre Gedanken zu lesen und legte seinen Zeigefinger an die Lippen.</p><p>Er nickte niedergeschlagen und sagte dann leise: �Es ging nie um das Gold. Immer nur um sie.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Tage. Oder Wochen. Monde, vielleicht.</p><p>Grimma hatte aufgeh�rt, in zeitlichen Gr��en zu denken. Zeit war f�r sie etwas ebenso Verschwommenes geworden wie das ferne Ende der Zwergenstra�e, dunkel und diffus, ohne einen Licht- oder Hoffnungsschimmer.</p><p>Seit Styrmirs Tod und dem Fund der Tarnkappe lief sie stetig nach S�den. Frierend fing sie Fische, a� sie roh, und gelegentlich sprach sie mit sich selbst; vorausgesetzt, es gab etwas zu bereden, und das war selten der Fall.</p><p>Das Alleinsein, dachte sie manchmal, hat auch seine guten Seiten. Man mu� niemanden in seiner N�he ertragen. Ist ganz f�r sich. Ganz ungest�rt.</p><p>Dabei war sie nicht wirklich einsam. Sie hatte immer noch sich selbst, ihre Gedanken, die mit jedem Aufwachen wirrer wurden, ihre Stimme, die so heiser war, da� sie selbst sie kaum mehr verstehen konnte. Oftmals war gerade das die schlimmste aller Qualen, das Alleinsein mit sich selbst, dem eigenen Ich schutzlos ausgeliefert. Wenn sie diese Erkenntnis besonders heftig traf, zog sie die Tarnkappe �ber, blickte an sich hinab und dachte: Sieh nur, sie ist weg! Endlich bin ich ganz allein!</p><p>Ihr Leben war zu einem morschen Geflecht aus zwei grauen F�den geworden. Der eine hie� Schlaf, der andere Laufen. Wenn sie nur lange genug einen Fu� vor den anderen setzte, lange genug sich selbst und die K�lte ertrug, dann w�rde sie irgendwann ankommen. Im Schutz des Hohlen Berges, bei Thorh�l. Alles w�rde sein wie fr�her. Allein daf�r lohnte es sich, sich nach jedem Erwachen auf die Beine zu stemmen und weiterzuschleppen, ganz gleich, wie schwer es auch fiel. Denn schon seit einer Weile erschien ihr der Felsboden immer einladender, als wollte er sie auffordern, f�r immer liegenzubleiben. Manchmal geh�rte viel Kraft dazu, ein so verlockendes Angebot auszuschlagen.</p><p>Irgendwann bemerkte Grimma in einiger Entfernung vor sich ein Licht. Als sie sich ihm n�herte, zerfaserte die Lichtquelle, wurde zu einer Vielzahl flackernder Punkte. Darunter wogte etwas, erst ein vager Schemen, dann eine wimmelnde Masse von K�rpern.</p><p>Eine Stimme rief etwas, eine Warnung, und mehrere Gestalten l�sten sich aus dem l�rmenden Verbund, kamen n�her, tuschelten, hantierten mit ihren Waffen. Einer schlie�lich erkannte sie, erinnerte sich an das Gesicht unter den zottigen Haaren, an die Augen, die nur noch vage �hnlichkeit mit denen der Grimma von einst hatten.</p><p>Eine Weile sp�ter - man hatte ihr Wasser und Nahrung gereicht, dazu Decken und frische Kleidung, und irgend jemand hatte ihr Gesicht mit einer k�hlenden Salbe bestrichen - kam Thorh�l an ihr Krankenlager.</p><p>Der K�nig vom Hohlen Berg ging vor ihr in die Hocke, hob ihr Kinn, betrachtete sorgenvoll ihre ausgezehrten Z�ge und erkannte den Schatten des Irrsinns, der in ihren Blicken gedieh. Sehr langsam und traurig fragte er, was geschehen sei.</p><p>Grimmas Stimme war rauh, gar nicht mehr die ihre, und jeder, der zuh�rte, hatte M�he, sie zu verstehen. Sie sprach in kurzen, abgehackten S�tzen, und sie hatte die Bef�rchtung, da� vieles davon keinen Sinn ergab. Die Erinnerung schmerzte, und Grimma weinte, w�hrend sie sprach. Dennoch tat es gut, sich das Grauen und die Pein von der Seele zu reden.</p><p>Schlie�lich wurden ihre Schilderungen fl�ssiger, die Silben und Worte verst�ndlicher. Sie sp�rte, da� Klarheit in ihre Gedanken einkehrte, nicht durch und durch, vielleicht nicht bleibend. Doch endlich war sie weit genug bei Verstand, um sich an das zu erinnern, was Vorrang vor allem anderen hatte.</p><p>Sie mu�te Thorh�l warnen.</p><p>Es war in eben jenem Augenblick, als sie auf einen Schlag begriff, da� sie sich nicht im Hohlen Berg befand. Sie war noch immer im Tunnel, und Thorh�l war bei ihr und mit ihm sein ganzes Volk. Und da wu�te sie, da� sie zu sp�t kam. Der Auszug nach Norden hatte l�ngst begonnen.</p><p>Wie lange die Zwerge schon unterwegs seien, fragte sie mit bebender Stimme, und der K�nig unter dem Berg erwiderte, man bef�nde sich gerade im Aufbruch. Dann sei wohl der Hohle Berg ganz in der N�he, entfuhr es Grimma aufgebracht, und als Thorh�l nickte, da lachte seine Heerf�hrerin, lachte, bis sie kaum noch Luft bekam und der K�nig besorgt nach dem Heiler rief. Grimma aber lie� sich nicht beruhigen. Sie hatte die Heimat tats�chlich erreicht, nach allen Niederlagen der vergangenen Monde, all dem Sterben ohne Sinn, und sie kam einen einzigen Tag zu sp�t. Einen verfluchten Tag! Die Ironie war so k�stlich wie grausam, die Folge jedoch ungleich grausamer. Denn nun, da Thorh�l einmal zum Zug ins Nordland aufgerufen hatte, konnte er seinen Befehl nicht mehr r�ckg�ngig machen, ohne vor dem ganzen Volk das Gesicht zu verlieren. Grimma kannte ihn viel zu gut, als da� sie sich der Illusion hingegeben h�tte, er w�rde auch nur in Erw�gung ziehen, sich auf derlei einzulassen.</p><p>Oh, gewi� versuchte sie, ihn umzustimmen. Sie schilderte die �de und den klirrenden Frost des Nordlandes, die Tr�mmerschluchten der untergegangenen Zwergenstadt; sie warnte vor der Mordlust der Nordlinge, die die Ruinen wie ein Rudel Aasfresser beherrschten; sie bat, sie schrie und sie flehte, Thorh�l m�ge seinen verh�ngnisvollen Plan aufgeben, er m�ge daheim bleiben im Hohlen Berg und sich zufriedenzugeben mit dem, was das Schicksal ihnen zugestanden hatte.</p><p>Doch Thorh�l sch�ttelte nur betr�bt den Kopf, ein geschlagener Mann, gefesselt an die Marionettenschn�re seines Volkes. Im Hinausgehen befahl er dem Heiler, alles in seinen Kr�ften stehende f�r die verwirrte Kriegerin zu tun. Dann war er fort, und Grimma sah ihn niemals wieder.</p><p>Die Bem�hungen des Heilers schienen f�r Grimma an einer anderen vorgenommen zu werden, nicht an ihr. Sie verfolgte sie unbeteiligt, wie durch einen Schleier. Dann, als der Mann endlich fort war, zog sie die Tarnkappe �ber und stahl sich unsichtbar aus dem Schatten der Versorgungskarren, neben denen man ihr Lager errichtet hatte. M�helos schlich sie an Thorh�ls Wachen vorbei zur Rampe. Die steile Schr�ge wuchs ehrfurchtgebietend vor ihr empor. Auf Grimma wirkte sie wie der Eingang in eine andere Welt.</p><p>Die beiden Steinfl�gel der riesigen Fallt�r, hoch oben in der Tunneldecke, wurden durch ein gewaltiges Ger�st aus Holz abgest�tzt. Grimma erkannte Thorh�ls Plan: Sobald der Zug weit genug fort war, w�rde er die Ger�stkonstruktion zerst�ren lassen. Die Fl�gel w�rden zufallen, der Hort dar�ber zusammenschlagen wie die Wogen eines goldenen Ozeans. Kein Eroberer w�rde danach noch in der Lage sein, den Hohlen Berg von unten zu betreten.</p><p>Unsichtbar erklomm Grimma die Rampe. Sie hatte Bauchschmerzen. Das starke Aufgebot an Wachtposten, die an den R�ndern der Fallt�r postiert waren, verriet ihr, da� das Zwergenreich bereits ger�umt, die Kammern und Hallen durchsucht und gesichert waren. Niemand w�rde zur�ckbleiben. Niemand au�er Grimma.</p><p>Sie huschte zwischen zwei Wachen hindurch, kletterte �ber die Goldw�lle der Nibelungensch�tze und machte sich daran, die lange Treppe in der Wand der Horthalle hinaufzusteigen.</p><p>Sie hatte mehr als drei Viertel des Weges bew�ltigt - demnach war fast ein halber Tag vergangen -, als tief unter ihr ein scharfes Bersten ert�nte, gefolgt von einem Donnern. Thorh�l lie� die St�tzpfeiler f�llen. Nur Augenblicke sp�ter sackte das Ger�st in sich zusammen, die m�chtigen Torfl�gel schlossen sich mit ohrenbet�ubendem Krachen. Dar�ber ergo� sich von allen Seiten die Goldflut des Hortes, versch�ttete den geheimen Zugang zum Tunnel innerhalb weniger Atemz�ge. Das Zwergenreich vom Hohlen Berg existierte nicht mehr.</p><p>Grimma erreicht die Plattform, beherrscht von einem Wirrwarr starker Empfindungen. Schmerzvolle Trauer um all jene M�nner, Frauen und Kinder, die ihrem K�nig ins sichere Verderben folgten. Trauer auch um die Freunde, die ihr Leben f�r ein Ziel gelassen hatten, das von Anfang an eine Illusion gewesen war.</p><p>Und sie weinte um Styrmir, der ihr mehr gegeben hatte als nur seine Liebe.</p><p>Sie zog sich die Tarnkappe vom Kopf und streichelte das �berirdische Schmiedewerk des Kettengewebes, als w�re es der Haarschopf ihres toten Gef�hrten. Albenmagie, dachte sie vertr�umt.</p><p><emphasis>Neues Leben, tief in mir. Ich kann es f�hlen.</emphasis></p><p>Sie ber�hrte mit der Tarnkappe ihren Bauch, rieb sanft dar�ber hinweg. Albenmagie, durchfuhr es sie noch einmal. Vielleicht ging ja etwas davon auf die Frucht ihres Leibes �ber, auf Styrmirs Kind, das unter ihrem Herzen heranwuchs.</p><p>Sie wu�te schon, welchen Namen sie ihm geben w�rde.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p><strong>ENDE </strong></p></section><section><title><p><emphasis>Chronologie</emphasis></p></title><p><strong>Die Nibelungen </strong></p><empty-line/><p>Die gro�e Saga �Die Nibelungen� ist keine Nacherz�hlung des weltber�hmten Nibelungenliedes. Jeder Roman erz�hlt eine neue, aufregende Geschichte um einen Helden des Epos. Gleichwohl lassen sich die Romane in die Chronologie des Liedes einordnen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p><emphasis>Chronologie</emphasis></p><p><image l:href="#2"/><strong>Die Flammenfrau </strong></p><p><image l:href="#2"/><strong>Der Rabengott</strong></p><p><image l:href="#2"/> Hagen kommt nach Worms und beginnt seinen Aufstieg zum Berater.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Runenschwert</strong></p><p><image l:href="#2"/> Siegfried t�tet Nibelung und Schilbung. Er stiehlt Alberich die Tarnkappe.</p><p><image l:href="#2"/> Siegfried erschl�gt den Drachen.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Drachenlied </strong></p><p><image l:href="#2"/><strong>Der Zwergen-Krieg</strong></p><p><image l:href="#2"/> K�nig Dankrat von Burgund stirbt. Gunther besteigt den Thron.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Die Hexenk�nigin </strong></p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Nachtvolk </strong></p><p><image l:href="#2"/> Siegfried kommt nach Worms.</p><p><image l:href="#2"/> Die Helden reisen nach Island und k�mpfen um Brunhilds Hand.</p><p><image l:href="#2"/> Siegfried heiratet Kriemhild, Gunther verm�hlt sich mit Brunhild.</p><p><image l:href="#2"/> Hagen t�tet Siegfried und versenkt den Nibelungenhort im Rhein.</p><p><image l:href="#2"/> Kriemhild heiratet den Hunnenk�nig Etzel.</p><p><image l:href="#2"/> Die Burgunden folgen Kriemhilds Einladung zur Hunnenburg.</p><p><image l:href="#2"/> Kriemhild l��t die Burgunden von den Hunnen ermorden.</p></section></body><binary id="cover" 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