<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>detective</genre><author><first-name>Andrew</first-name><last-name>Lane</last-name></author><book-title>Death Cloud</book-title><annotation><p>Ein turbulenter Sommer wird den 15j�hrigen Sherlock Holmes f�r immer ver�ndern: Ein Mord, eine Entf�hrung, Korruption und ein sehr finsterer Schurke werden ihm das Leben schwer machen. </p><empty-line/><p><strong>�ber Andrew Lane</strong></p><p>Andrew Lane ist der Autor von mehr als zwanzig B�chern, unter anderem Romanen zu bekannten TV-Serien wie �Doctor Who�, �Torchwood� und �Randall &amp; Hopkirk - Detektei mit Geist�. Einige davon hat er unter Pseudonym ver�ffentlicht. Er hat au�erdem f�r die �Radio Times� und den �TV Guide� geschrieben. Andrew Lane lebt mit seiner Frau, seinem Sohn und einer riesigen Sammlung von Sherlock Holmes B�chern in Dorset. �Young Sherlock Holmes - Death Cloud� ist der erste Band der Serie �ber das Leben des jugendlichen Meisterdetektivs. Weitere B�nde sind in Vorbereitung.</p><empty-line/><p>Die englische Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel �Young Sherlock Holmes - Death Cloud� bei Macmillan Children�s Books, London, England</p><empty-line/><p><emphasis>Aus dem Englischen von Christian Dreller</emphasis></p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><sequence name="Young Sherlock Holmes" number="1"/></title-info><document-info><author><nickname>lange97</nickname></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-25">25.4.2012</date><id>C8DF3EC4-A12A-439B-86D6-F8F1A0AF8777</id><version>1.0</version><history><p>1.0</p></history></document-info><publish-info><year>2011</year></publish-info></description><body><section><p><emphasis>Gewidmet den Jugendschriftstellern, deren Werke ich in meiner Jugend verschlungen habe: Capt.�W.�E. Johns, Hugh Walters, Andre Norton, Malcolm Saville, Alan E.�Norse und John Christopher;</emphasis></p><p><emphasis>sowie meinen modernen Schriftstellerkollegen, die ich mich gl�cklich sch�tze, pers�nlich zu kennen, f�r ihre freundschaftliche Unterst�tzung: Ben Jeapes, Stephen Cole, Justin Richards, Gus Smith und dem unvergleichlichen Charlie Higson.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>Prolog</strong></p></title><p>Als Matthew Arnatt das erste Mal der Todeswolke begegnete, kam sie aus einem Fenster im ersten Stock geschwebt. Drohend und unheilvoll wie ein b�sartiger Geist, den man aus seiner Flasche gelassen hatte.</p><p>Matthew lebte noch nicht lange in der Gegend. Er streunte gerade auf der Hauptstra�e des St�dtchens Farnham herum, um Ausschau nach Fr�chten oder Brotkrusten zu halten, die vielleicht ein gleichg�ltiger Passant hatte fallen lassen. Eigentlich h�tte sein Blick auf den Boden gerichtet sein m�ssen. Doch stattdessen hatte er nur Augen f�r die H�user, L�den und das Menschengewimmel um ihn herum. Er war erst vierzehn und, soweit er sich erinnern konnte, noch nie zuvor in einer so gro�en Stadt gewesen.</p><p>In diesem, dem wohlhabenderen Teil von Farnham, ragten die �lteren Fachwerkh�user so weit in die Stra�e hinein, dass sich die oberen Stockwerke wie drohende Steinwolken �ber den Passanten ballten.</p><p>Die Stra�e war zum Teil mit glatten, faustgro�en Steinen gepflastert. Doch ein St�ck weiter wurden die Pflastersteine von gestampfter Erde abgel�st, auf der vorbeitrottende Pferde und ratternde Karren Wolken von Staub aufwirbelten. Alle paar Meter lagen Pferde�pfelhaufen herum. Von Fliegen umschwirrt, dampften einige frisch vor sich hin, andere hingegen waren schon eingetrocknet und alt und sahen aus wie dreckverklumpte kleine Strohkugeln.</p><p>Der faulige Geruch des dampfenden Pferdedungs drang ihm in die Nase. Aber er konnte auch frisch gebackenes Brot riechen und etwas, bei dem es sich um ein Schwein handeln mochte, das gerade �ber offenem Feuer am Spie� gebraten worden war. In Gedanken konnte er f�rmlich das Fett vor sich sehen, wie es zischend in die Glut tropfte. Vor Hunger verkrampfte sich pl�tzlich Matthews Magen so heftig, dass er sich vor Schmerzen kr�mmte. Seit seiner letzten ordentlichen Mahlzeit waren schon ein paar Tage vergangen, und er war nicht sicher, wie lange er noch durchhalten w�rde.</p><p>Ein fetter Mann in einem dunklen abgetragenen Anzug und mit einer braunen Melone auf dem Kopf blieb stehen und streckte Matthew die Hand entgegen, als wollte er ihm helfen. Matthew wich zur�ck. Er wollte keine Mildt�tigkeit. Mildt�tigkeit brachte ein mittelloses Waisenkind wie ihn geradewegs ins Arbeitshaus oder in die Obhut der Kirche. Und er hatte nicht vor, den Pfad zu betreten, der ihn unweigerlich in eine dieser beiden Einrichtungen bringen w�rde. Es ging ihm ausgezeichnet alleine. Er musste nur etwas zu essen auftreiben. Sobald er etwas Ordentliches im Bauch hatte, w�rde es ihm wieder gut gehen.</p><p>Er schl�pfte in eine Gasse, bevor der Mann ihn an der Schulter packen konnte. Nachdem er dann noch einmal einen Haken geschlagen hatte und um eine weitere Ecke gebogen war, gelangte er in eine kleine Seitenstra�e, die so schmal war, dass sich die oberen Stockwerke fast ber�hrten. Man konnte glatt von einem Zimmer ins gegen�berliegende auf der anderen Stra�enseite klettern, wenn man denn wollte.</p><p>Und dann sah er die Todeswolke. Nicht, dass er zu diesem Zeitpunkt wusste, mit was er es da zu tun hatte. Das sollte er erst sp�ter erfahren. Nein, alles, was er sah, war ein Fleck. Dunkel und irgendwie bedrohlich, ungef�hr so gro� wie ein Hund und �hnlich wie Rauch, der aus einem offenen Fenster weht. Rauch allerdings, der sich nach eigenem Willen bewegte und einen Moment lang innehielt, bevor er seitw�rts zu einem Regenrohr schwebte, wo er dann seine Richtung �nderte und nach oben zum Dach hinaufglitt.</p><p>Der Hunger war vergessen. Mit offenem Mund beobachtete Matthew, wie die Wolke �ber die scharfe Dachziegelkante waberte und dann verschwand. Pl�tzlich zerriss ein Schrei die Stille. Er war aus dem offenen Fenster gekommen. Matthew wirbelte herum und st�rmte auf der Stra�e zur�ck, so schnell ihn seine unterern�hrten Beine trugen. So schrien Menschen nicht vor �berraschung. Nicht einmal aus Schock. Nein, so schrie nach Matthews Erfahrung nur ein Mensch, der dem Tod ins Gesicht blickte. Aber was immer auch den Schrei ausgel�st hatte, er versp�rte nicht das geringste Verlangen, es mit eigenen Augen anzusehen.</p></section><section><title><p><strong>1</strong></p></title><p>�Du da! Herkommen!�</p><p>Sherlock Holmes drehte sich um, um zu sehen, wer gemeint war und wer gerufen hatte. An diesem Morgen standen Hunderte von Sch�lern im strahlenden Sonnenschein vor der Deepdene-Knabenschule herum. Alle in makelloser Schuluniform und mit einem ledergurtumspannten Holzkoffer oder einem Haufen vollgestopfter Gep�ckst�cke vor sich, die wie treue Hunde zu ihren F��en lagen. Jeder von ihnen konnte gemeint sein. Die Lehrer in Deepdene hatten die Angewohnheit, die Sch�ler nie mit ihren Namen anzusprechen. Es hie� immer �Du!� oder �Junge!� oder �Kind!�. Das machte das Leben nicht gerade leicht und f�hrte dazu, dass man st�ndig auf Zack sein musste. Was wohl auch der Grund daf�r war, warum sie es taten. Entweder das oder die Lehrer hatten es schon vor langer Zeit aufgegeben, sich die Namen ihrer Sch�ler zu merken. Sherlock war sich nicht sicher, welche Erkl�rung am ehesten zutraf. Vielleicht beide.</p><p>Keiner von den anderen Sch�lern zeigte eine Reaktion. Entweder plauderten sie mit Familienmitgliedern, die gekommen waren, um sie abzuholen, oder sie beobachteten ungeduldig das Schultor, wo jeden Augenblick die Kutsche auftauchen musste, die sie nach Hause bringen w�rde. Widerwillig drehte Sherlock sich um, um nachzusehen, ob der unheilvolle Finger des Schicksals auf ihn wies.</p><p>Das tat er tats�chlich. Besagter Finger geh�rte in diesem Fall MrTulley, dem Lateinlehrer. Er war gerade an der Stelle um die Ecke des Schulgeb�udes gebogen, an der Sherlock abseits von den anderen Jungen herumstand. MrTulleys normalerweise von Kreidestaub bedeckter Anzug war extra f�r das Schuljahresende und die unvermeidlichen Begegnungen mit den V�tern gereinigt worden. V�tern, die f�r die Erziehung ihrer Jungen viel Geld bezahlten. Sein Doktorhut sa� so gerade auf dem Kopf, als h�tte der Direktor selbst ihn dort festgeklebt.</p><p>�Ich, Sir?�</p><p>�Ja Sir, du Sir�, blaffte MrTulley. �Sieh zu, dass du <emphasis>quam celerrime</emphasis> ins Direktorzimmer kommst. Reicht dein Latein noch, um zu wissen, was das hei�t?�</p><p>�Das hei�t �sofort�, Sir.�</p><p>�Dann beweg dich.�</p><p>Sherlock warf einen Blick auf das Schultor. �Aber Sir�� Ich warte auf meinen Vater. Er holt mich gleich ab.�</p><p>�Ich bin sicher, dass er nicht ohne dich f�hrt, Junge.�</p><p>Sherlock unternahm noch einen letzten k�hnen Versuch. �Aber mein Gep�ck���</p><p>MrTulley blickte abf�llig auf Sherlocks arg ramponierten Holzkoffer hinab�� ein ausrangiertes Utensil seines Vaters, das diesen einst auf seinen Milit�rreisen begleitet hatte und nach jahrelangem Gebrauch nun v�llig abgewetzt und schmutzig war. �Ich kann mir nicht vorstellen, warum jemand so was stehlen sollte�, sagte er. �Au�er vielleicht wegen seines historischen Wertes. Ich hole einen Vertrauenssch�ler, der f�r dich aufpasst. Jetzt lauf los.�</p><p>Widerwillig verlie� Sherlock seine Habseligkeiten�� ein paar sp�rliche Hemden und Unterw�sche, seine Gedichtb�nde und die Notizb�cher, in denen er neben Ideen, Gedanken und Spekulationen hin und wieder auch Melodien notierte, die ihm in den Kopf kamen.</p><p>Er ging auf die S�ulenreihe der Eingangshalle zu, die die Vorderseite des Schulgeb�udes zierte. W�hrend er sich dabei zwischen unz�hligen Jungen, Eltern und kleineren Geschwistern hindurchschob, behielt er stets den Zufahrtsweg im Auge, wo gerade ein dichtes Gedr�nge aus Pferden und Kutschen herrschte, die alle gleichzeitig durch das schmale Tor herein oder heraus wollten.</p><p>Die Haupteingangshalle war mit Eichenholz get�felt und ringsum von den B�sten ehemaliger Direktoren und F�rderer ges�umt, die jeweils auf eigenen Sockeln thronten. Aufwirbelnder Kreidestaub lie� schr�ge S�ulen von Sonnenlicht sichtbar werden, die von den hohen Fenstern aus auf den schwarz-wei� gefliesten Boden fielen. Es roch nach Karbol, mit dem die Dienstm�dchen jeden Morgen die Fliesen putzten. Angesichts des dichten Gedr�nges in der Halle war es mehr als wahrscheinlich, dass in K�rze mindestens eine der B�sten umkippen und herunterfallen w�rde. Die gro�en Risse, die den echten Marmor einiger B�sten verunstalteten, lie�en darauf schlie�en, dass kein Schuljahr verging, ohne dass nicht wenigstens eine von ihnen auf den Boden krachte und anschlie�end wieder repariert werden musste.</p><p>Von jedermann unbeachtet, schl�ngelte er sich zwischen den ganzen Leuten hindurch, bis er auf einmal das Gew�hl hinter sich gelassen hatte und in den Korridor gelangte, der von der Eingangshalle ins Geb�ude f�hrte. Das Studierzimmer des Direktors lag ein paar Meter weiter den Gang entlang. Er blieb an der T�rschwelle stehen, holte tief Luft und klopfte seine �rmelaufschl�ge ab. Dann pochte er an die T�r.</p><p>�Herein!�, dr�hnte eine theatralisch laute Stimme.</p><p>Sherlock drehte den Knauf und dr�ckte die T�r auf. Mit aller Macht versuchte er, einen Anfall von Nervosit�t zu unterdr�cken, der ihm pl�tzlich durch die Glieder fuhr.</p><p>Er war bisher nur zweimal im Studierzimmer des Direktors gewesen. Einmal zusammen mit seinem Vater, als er das erste Mal nach Deepdene gekommen war. Dann noch einmal ein Jahr sp�ter zusammen mit einer Gruppe von Sch�lern, die beschuldigt worden waren, w�hrend einer Pr�fung geschummelt zu haben. Die drei R�delsf�hrer hatten eine Tracht Pr�gel bezogen und waren anschlie�end von der Schule geflogen. Die vier oder f�nf Mitl�ufer waren blo� verdroschen worden, bis das Blut von den Pobacken spritzte, und konnten dann bleiben. Sherlock�� dessen Essays die Gruppe abgeschrieben hatte�� war um die Tracht Pr�gel herumgekommen, indem er behauptete, von alldem nichts gewusst zu haben. In Wirklichkeit hatte er nat�rlich voll und ganz Bescheid gewusst. Aber er war immer so etwas wie ein Au�enseiter an dieser Schule gewesen, und wenn man ihn tolerierte oder sogar akzeptierte, falls er die anderen Sch�ler abschreiben lie�, w�rde er keinerlei ethische Einw�nde erheben. Andererseits w�rde er die Abschreiber selbstverst�ndlich auch nicht verraten. Denn andernfalls h�tte man ihn zusammengeschlagen. Und vielleicht vor eines der lodernden Kaminfeuer in den Schlafs�len gehalten, bis die Haut Blasen warf und die Kleidung zu qualmen anfing. So war das Leben in der Schule eben�� ein pausenloser Balanceakt zwischen Lehrern und den anderen Sch�lern. Und er hasste es.</p><p>Das Studierzimmer des Direktors war genauso, wie er es in Erinnerung hatte: gro�, schummrig und durchdrungen von einer Geruchskombination aus Leder und Pfeifentabak. MrTomlinson sa� hinter einem Schreibtisch, der gro� genug war, um darauf Bowling zu spielen. Er war korpulent und trug einen Anzug, der ein bisschen zu klein f�r ihn war. Wahrscheinlich, weil es ihm half, sich der Illusion hinzugeben, dass er bei Weitem nicht so f�llig sei, wie es offensichtlich der Fall war.</p><p>�Ah, Holmes, nicht wahr? Komm rein, Junge. Rein mit dir. Und mach die T�r hinter dir zu.�</p><p>Sherlock tat, was ihm gesagt wurde. Aber als er die T�r schloss, nahm er eine weitere Gestalt im Raum wahr: einen Mann, der mit einem Glas Sherry vor dem Fenster stand. Das geschliffene Kristallglas des Trinkgef��es brach das Sonnenlicht in alle Farben des Regenbogens.</p><p>�Mycroft?�, sagte Sherlock �berrascht.</p><p>Sein �lterer Bruder drehte sich, um ihn anzusehen. In seinem Gesicht leuchtete f�r einen winzigen Moment lang ein L�cheln auf, das Sherlock vielleicht entgangen w�re, h�tte er im falschen Augenblick geblinzelt. �Sherlock. Du bist gewachsen.�</p><p>�Du auch�, antwortete Sherlock. In der Tat hatte sein Bruder betr�chtlich an Gewicht zugelegt. Er war beinahe so dick wie der Direktor. Aber sein Anzug war so geschnitten, dass dies eher kaschiert als betont wurde. �Du bist mit Vaters Kutsche gekommen.�</p><p>Mycroft zog eine Augenbraue in die H�he. �Woraus hast du das um Himmels willen geschlossen, junger Mann?�</p><p>Sherlock zuckte die Achseln. �Da auf deiner Hose sind parallele Falten, die vom Druck des Sitzpolsters stammen. Aber ich erinnere mich, dass Vaters Kutsche einen Riss im Polster hatte, der vor ein paar Jahren nur unzul�nglich repariert wurde. Der Abdruck des reparierten Risses ist auf deiner Hose zu sehen, direkt neben den Falten.� Er hielt inne. �Wo ist Vater, Mycroft?�</p><p>Der Direktor r�usperte sich, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. �Ihr Vater ist���</p><p>�Vater wird nicht kommen�, unterbrach Mycroft ihn mit sanfter Stimme.</p><p>�Sein Regiment wurde zur Verst�rkung unserer Truppen nach Indien verlegt. Es gab dort Unruhen in der Nordwestlichen Grenzprovinz. Du wei�t, wo das ist?�</p><p>�Ja. Wir haben Indien in Geographie und Geschichte durchgenommen.�</p><p>�Guter Junge.�</p><p>�Mir war nicht klar, dass die Einheimischen dort erneut Probleme bereiten�, knurrte der Direktor. �Es stand zumindest nicht in der <emphasis>Times</emphasis>, soviel ist mal sicher.�</p><p>�Es sind nicht die Inder�, gestand Mycroft. �Als wir das Land wieder von der Ostindischen Kompanie �bernommen haben, wurden ihre Soldaten wieder der Aufsicht der regul�ren Armee unterstellt. Sie fanden das neue Regime sehr viel�� nun ja�� strenger als das, was sie gewohnt waren. Es hat dort jede Menge schlechte Stimmung gegeben, und die Regierung hat beschlossen, die Armeest�rke in Indien drastisch zu erh�hen, um ihnen eindrucksvoll vor Augen zu f�hren, wie <emphasis>wahre</emphasis> Soldaten wirklich sind. Es ist schlimm genug, wenn die Inder rebellieren. Aber eine Meuterei innerhalb der britischen Armee ist undenkbar.�</p><p>�Und <emphasis>wird</emphasis> es dort eine Meuterei geben?�, fragte Sherlock, dem pl�tzlich das Herz so schwer wurde, dass er meinte, einen M�hlstein in der Brust zu haben. �Kann Vater etwas passieren?�</p><p>Mycroft zuckte die m�chtigen Schultern. �Ich wei� es nicht�, sagte er einfach. Das war eine der Eigenschaften, die Sherlock an seinem Bruder sch�tzte. Er gab immer direkte Antworten auf direkte Fragen, ohne bittere Pillen zu vers��en. �Leider wei� ich gar nichts. Jedenfalls noch nicht.�</p><p>�Aber du arbeitest doch f�r die Regierung�, lie� Sherlock nicht locker. �Du musst doch wenigstens eine Vorstellung haben, was passieren k�nnte. Kannst du nicht ein anderes Regiment schicken? Und Vater hier in England lassen?�</p><p>�Ich arbeite erst ein paar Monate im Au�enministerium�, antwortete Mycroft. �Und obwohl es mir schmeichelt, dass du denkst, ich h�tte die Macht, solch wichtige Dinge zu beeinflussen, f�rchte ich, dass ich dazu nicht in der Lage bin. Ich bin ein Referent. Nur ein Angestellter, wirklich.�</p><p>�Wie lange wird Vater fort sein?�, fragte Sherlock und dachte an den gro�en Mann in der scharlachroten Uniformjacke mit den breiten wei�en Lederriemen, die sich �ber der Brust kreuzten. Den Mann, der sein Vater war und so gern lachte und seine gute Laune nur selten verlor. Er f�hlte, wie sich ihm die Brust zuschn�rte. Aber er hielt seine Gef�hle im Zaum. Wenn er eines w�hrend seiner Zeit auf der Deepdene-Schule gelernt hatte, dann war es, niemals Gef�hle zu zeigen. Denn wenn man das tat, wurde es gegen einen verwendet.</p><p>�Das Schiff braucht sechs Wochen, um den Hafen in Indien zu erreichen. Dann sechs Monate im Land w�rde ich mal sch�tzen. Und dann noch einmal sechs Wochen f�r die R�ckreise. Neun Monate insgesamt.�</p><p>�Fast ein Jahr.� Er lie� einen Moment lang den Kopf sinken, um sich zu sammeln. Dann nickte er. �K�nnen wir jetzt nach Hause gehen?�</p><p>�Du gehst nicht nach Hause�, antwortete Mycroft.</p><p>Sherlock stand nur da und nahm die Worte in sich auf, sagte aber nichts.</p><p>�Er kann nicht hierbleiben�, brummte der Direktor. �Die Schule wird auf den Kopf gestellt und von oben bis unten gereinigt.�</p><p>Mycroft wandte seinen gelassenen Blick von Sherlock ab und sah den Direktor an.</p><p>�Unsere Mutter ist�� unp�sslich�, erkl�rte er. �Selbst an guten Tagen ist ihre Verfassung labil, und die Sache mit unserem Vater hat sie zutiefst bek�mmert. Sie braucht Ruhe und Frieden, und Sherlock braucht jemand �lteren, der sich um ihn k�mmert.�</p><p>�Aber ich habe <emphasis>dich</emphasis>!�, protestierte Sherlock.</p><p>Mycroft sch�ttelte traurig seinen gro�en Kopf. �Ich lebe jetzt in London, und mein Job bringt t�glich viele Stunden Arbeit mit sich. Ich f�rchte, ich w�re kein geeigneter Aufpasser f�r einen Jungen. Vor allem nicht f�r so einen neugierigen wie dich.� Er wandte sich zum Direktor um, was fast so wirkte, als w�re es einfacher, ihm die n�chste Information mitzuteilen als Sherlock.</p><p>�Obwohl unser Familiensitz in Horsham liegt, haben wir Verwandte in Farnham, nicht allzu weit von hier. Einen Onkel und eine Tante. Sherlock wird w�hrend der Schulferien bei ihnen wohnen.�</p><p>�Nein!�, explodierte Sherlock.</p><p>�Doch�, erwiderte Mycroft sanft. �Es ist so abgemacht. Onkel Sherrinford und Tante Anna haben zugestimmt, dich den Sommer �ber aufzunehmen.�</p><p>�Aber ich <emphasis>kenne</emphasis> sie noch nicht einmal!�</p><p>�Nichtsdestotrotz geh�ren sie zur Familie.�</p><p>Mycroft verabschiedete sich vom Direktor, w�hrend Sherlock mit ausdrucksloser Miene dastand und die Ungeheuerlichkeit dessen zu erfassen versuchte, was eben geschehen war. Er w�rde nicht nach Hause kommen. Weder seinen Vater noch seine Mutter sehen. Keine Erkundungstouren in den umliegenden Feldern und W�ldern des Herrensitzes unternehmen, der seit vierzehn Jahren sein Zuhause war. Er w�rde nicht in seinem alten Bett im Zimmer unter dem Dach schlafen, in dem er all seine B�cher aufbewahrte.</p><p>Nicht in die K�che schleichen, wo die K�chin ihm ein St�ck Brot mit Marmelade geben w�rde, wenn er sie anl�chelte. Stattdessen w�rde er Wochen mit Menschen verbringen, die er nicht kannte. Sich so ordentlich benehmen wie m�glich. In einer Stadt, in einer Gegend, �ber die er nichts wusste. Allein. Die ganze Zeit, bis er wieder in die Schule ging.</p><p>Wie sollte er das nur aushalten?</p><p>Sherlock folgte Mycroft aus dem Studierzimmer des Direktors �ber den Korridor zur Eingangshalle. Eine geschlossene zweisp�nnige Kutsche wartete vor der T�r. Von der Reise, die Mycroft zur Schule unternommen hatte, waren die R�der noch mit Schlamm �berzogen und die Seiten der Kabine mit Staub bedeckt. Das Wappen der Holmes-Familie prangte auf der T�r. Sherlocks Koffer war schon auf der R�ckseite verstaut. Vorn auf dem Kutschbock sa� ein hagerer Mann, den Sherlock nicht kannte. Schlaff hielt er die Z�gel in den H�nden, w�hrend die beiden Pferde geduldig warteten.</p><p>�Woher wusste er, dass das mein Koffer ist?�</p><p>Mycroft machte eine Handbewegung, die besagen sollte, dass das keine gro�e Sache war. �Ich habe den Koffer vorhin vom Fenster des Direktorenzimmers aus gesehen. Er war als einziger unbeaufsichtigt. Und au�erdem ist es der, den Vater immer benutzt hat. Der Direktor war so freundlich, einen Jungen loszuschicken, der dem Kutscher auftrug, den Koffer aufzuladen.� Er �ffnete die T�r der Kutsche und forderte Sherlock mit einer Geste auf einzusteigen. Doch stattdessen blickte sich Sherlock noch einmal zu seiner Schule und seinen Mitsch�lern um.</p><p>�Du siehst aus, als w�rdest du denken, dass du sie nie wiedersiehst�, sagte Mycroft.</p><p>�Das ist es nicht�, erwiderte Sherlock. �Es ist nur, ich dachte, ich w�rde wegen etwas Sch�nerem von hier fortgehen. Aber jetzt wei� ich, dass mir etwas Schlechteres bevorsteht. So schlimm es hier auch ist, etwas Besseres ist jetzt jedenfalls nicht mehr zu erwarten.�</p><p>�So schlimm wird es nicht sein. Onkel Sherrinford und Tante Anna sind gute Menschen. Sherrinford ist Vaters Bruder.�</p><p>�Wieso habe ich dann noch nie was von ihnen geh�rt?�, fragte Sherlock. �Warum hat Vater nie erw�hnt, dass er einen Bruder hat?�</p><p>Mycroft zuckte fast unmerklich zusammen. �Ich f�rchte, es gab ein Zerw�rfnis in der Familie. Das Verh�ltnis war eine Weile ziemlich gespannt. Mutter hat vor ein paar Monaten wieder Kontakt aufgenommen. Ich bin nicht mal sicher, ob Vater das wei�.�</p><p>�Und da schickst du mich hin?�</p><p>Mycroft t�tschelte Sherlocks Schulter. �Wenn es eine Alternative g�be, w�rde ich mich daf�r entscheiden, glaube mir. Nun denn, musst du dich von irgendwelchen Freunden verabschieden?�</p><p>Sherlock sah sich um und sein Blick fiel auf etliche Jungen, die er kannte. Aber war auch nur einer von ihnen ein wirklicher Freund?</p><p>�Nein�, sagte er. �Lass uns gehen.�</p><p>Die Reise nach Farnham dauerte mehrere Stunden. Nachdem sie durch das St�dtchen Dorking gefahren waren, der Deepdene am n�chsten gelegenen Ortschaft, rumpelte die Kutsche auf Feldwegen weiter. Unter ausladenden Baumkronen entlang und vorbei an einzeln stehenden strohgedeckten Cottages, gr��eren H�usern und Feldern voller reifer Gerste.</p><p>Die vom wolkenlosen Himmel brennende Sonne verwandelte die Kutsche trotz des Fahrtwindes schon bald in einen Backofen. Insekten schwirrten tr�ge immer wieder gegen das Fenster, und Sherlock beobachtete eine Weile, wie die Welt an ihnen vorbeizog. Zum Mittagessen hielten sie an einem Gasthaus, in dem Mycroft etwas Schinken, K�se und einen halben Laib Brot kaufte. Irgendwann schlief Sherlock ein. Als er nach ein paar Minuten oder auch Stunden wieder aufwachte, fuhr die Kutsche immer noch durch die gleiche Landschaft. Eine Weile lang unterhielt er sich mit Mycroft dar�ber, wie es gerade bei ihnen zu Hause aussah. Sie sprachen �ber ihre Schwester und die schwache Gesundheit ihrer Mutter. Mycroft erkundigte sich nach Sherlocks Studien, und Sherlock erz�hlte ihm ein bisschen �ber die verschiedenen Lektionen, die er �ber sich hatte ergehen lassen m�ssen, um sich dann ein wenig ausf�hrlicher �ber die unterrichtenden Lehrer auszulassen. Er imitierte ihre Stimmen und Schrullen so witzig und geh�ssig, dass Mycroft sich vor Lachen nicht mehr zu helfen wusste.</p><p>Nach einer Weile s�umten immer mehr H�user die Stra�e, und schon bald fuhren sie durch eine gro�e Stadt. Die Pferdehufe klapperten auf den Pflastersteinen, und als Sherlock sich aus der Kutsche lehnte, fiel sein Blick auf ein Geb�ude, das wie ein Rathaus aussah. Das Auff�lligste an dem wei� verputzten und mit schwarzen Holzschnitzereien verzierten zweist�ckigen Bau war eine riesige Uhr, die an einem horizontalen Tr�ger befestigt war und weit auf die Hauptstra�e hinausragte.</p><p>�Farnham?�, riet Sherlock.</p><p>�Guildford�, antwortete Mycroft. �Aber Farnham ist jetzt nicht mehr weit.�</p><p>Als sie Guildford hinter sich gelassen hatten, f�hrte die Stra�e auf einer Anh�he entlang, von der das Land zu beiden Seiten abfiel. Von hier oben sahen die Felder und W�lder wie eine Spielzeuglandschaft aus, auf der sich vereinzelte Tupfer gelber Phantasieblumen verteilten.</p><p>�Diese Anh�he hei�t Hog�s Back�, erkl�rte Mycroft. �Hier in der N�he auf dem Pewley-H�gel gibt es eine Semaphor-Station. Sie ist Teil einer Signalkette, die sich den ganzen Weg von der Admiralit�t in London bis zum Hafen von Portsmouth erstreckt. Haben sie euch in der Schule etwas �ber Semaphor-Stationen beigebracht?�</p><p>Sherlock sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Typisch�, murmelte Mycroft. �Den Jungens Latein eintrichtern, bis ihnen der Sch�del platzt, aber keinen Sinn f�r praktische Dinge.�</p><p>Er seufzte tief. �Mit einem Semaphor k�nnen Nachrichten, f�r deren �bermittlung man mit Pferden Tage brauchen w�rde, rasch und �ber weite Entfernungen �bermittelt werden. Semaphor-Stationen haben Signaltafeln oben auf dem Dach, die von Weitem sichtbar sind und sechs gro�e L�cher aufweisen. Die L�cher k�nnen durch Verschlussklappen ge�ffnet oder geschlossen werden. Je nachdem, welches Loch ge�ffnet oder geschlossen ist, werden auf der Tafel verschiedene Buchstaben dargestellt. In jeder Semaphor-Stelle gibt es einen Mann, der die vorherige und die folgende Station der Kette mit einem Teleskop beobachtet. Wenn er eine Nachricht buchstabiert sieht, schreibt er sie auf und wiederholt sie dann auf seiner eigenen Semaphor-Tafel. Auf diese Weise wird die Nachricht weitergeleitet. Diese Semaphor-Kette beginnt beim Marineamt, verl�uft �ber Chelsea und Kingston upon Thames bis hierher und setzt sich dann den ganzen Weg bis nach Portsmouth Dockyard fort. Eine andere Kette f�hrt runter nach Chatham Dockyards und weitere nach Deal, Sheerness, Great Yarmouth und Plymouth. Sie wurden errichtet, damit die Admiralit�t im Falle einer franz�sischen Invasion rasch Nachrichten zur Navy schicken konnte.</p><p>Aber nun sag doch mal�� Wenn es dort sechs L�cher gibt und jedes davon entweder ge�ffnet oder geschlossen werden kann, wie viele verschiedene Kombinationen gibt es dann, um Buchstaben, Nummern oder Symbole darzustellen?�</p><p>Sherlock unterdr�ckte das spontane Verlangen, seinem Bruder zu sagen, dass die Schule vorbei sei, und schloss stattdessen die Augen, um einen Moment lang nachzurechnen. Ein Loch konnte zwei Zust�nde aufweisen: offen oder geschlossen. Zwei L�cher konnten vier Zust�nde haben: offen-offen, offen-geschlossen, geschlossen-offen, geschlossen-geschlossen. Drei L�cher hingegen�� Er ging schnell die Kombinationen im Kopf durch, bis sich ein Muster abzuzeichnen begann. �Sechsundvierzig�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Gut gemacht�, nickte Mycroft. �Ich bin froh, dass du zumindest in Mathematik auf Zack bist.� Er schaute nach rechts aus dem Fenster. �Ah, Aldershot. Interessanter Ort. Ist vor vierzehn Jahren von K�nigin Victoria zur Hauptausbildungsgarnison der britischen Armee ernannt worden. Davor war es eine kleine Ortschaft mit nicht mal tausend Einwohnern. Jetzt liegt die Bev�lkerungszahl bei sechzehntausend und sie w�chst weiter.�</p><p>Sherlock reckte den Hals, um �ber seinen Bruder hinweg durch das andere Fenster zu sehen. Aber von seinem Blickwinkel aus konnte er nur eine lockere Ansammlung von verstreuten H�usern erkennen und etwas, bei dem es sich um eine Bahnlinie handeln mochte, die parallel zur Stra�e unten am Fu� des Abhangs verlief. Er setzte sich wieder auf seinen Platz, schloss die Augen und versuchte, nicht daran zu denken, was ihn erwartete.</p><p>Nach einer Weile sp�rte er, wie die Kutsche bergab fuhr, und kurz darauf bogen sie diverse Male ab. Das klappernde Ger�usch, das die Pferdehufe auf den Pflastersteinen machten, wich dumpfen Tritten, als sie pl�tzlich auf hartgestampfter Erde weiterfuhren.</p><p>Er kniff die Augen noch fester zu, in der irrationalen Hoffnung, so den Moment hinauszuz�gern, an dem er akzeptieren musste, was passiert war.</p><p>Die Kutsche hielt auf Kiesgrund. Vogelgezwitscher und der Klang des Windes, der durch die Baumkronen wehte, erf�llten die Kutsche. Sherlock konnte Schritte h�ren, die sich knirschend n�herten.</p><p>�Sherlock�, sagte Mycroft sanft. �Zeit, sich der Realit�t zu stellen.�</p><p>Er �ffnete die Augen.</p><p>Die Kutsche hatte vor dem Eingang eines riesigen Hauses gehalten. Vor ihnen ragte ein zweist�ckiges Geb�ude aus rotem Backstein in die H�he, und den schmalen Fenstern nach zu schlie�en, die die Fl�che der grauen Dachziegel durchbrachen, musste es dar�ber hinaus auch im Dachgeschoss noch eine ganze Reihe von R�umen geben.</p><p>Ein Diener war im Begriff, Mycroft die T�r zu �ffnen. Sherlock glitt hin�ber und folgte seinem Bruder nach drau�en.</p><p>Oben auf den drei breiten Steinstufen, die zum S�ulenvorbau am Haupteingang hinauff�hrten, stand eine ganz in Schwarz gekleidete Frau im tiefen Schatten. Ihr hageres Gesicht wirkte verh�rmt. Mit ihren gespitzten Lippen und den zusammengekniffenen Augen sah sie aus, als h�tte jemand ihren Morgentee mit Essig vertauscht. �Willkommen auf Holmes Manor. Ich bin MrsEglantine�, sagte sie mit trocken-spr�der Stimme. �Ich bin hier die Hauswirtschafterin.� Sie fixierte Mycroft. �MrHolmes erwartet Sie in der Bibliothek, wann immer Sie bereit sind.� Darauf glitt ihr Blick zu Sherlock. �Und der Diener wird Ihr�� Gep�ck�� auf Ihr Zimmer bringen, Master Holmes. Der Nachmittagstee wird um drei Uhr serviert. Bitte seien Sie so gut und bleiben Sie bis dahin auf Ihrem Zimmer.�</p><p>�Ich werde nicht zum Tee bleiben�, erkl�rte Mycroft ruhig. �Ich muss leider nach London zur�ck.� Er wandte sich Sherlock zu, und in seinen Augen spiegelten sich teils Mitleid, teils br�derliche Liebe, doch war auch eine stumme Warnung in ihnen zu lesen. �Pass auf dich auf, Sherlock�, sagte er. �Ich komme nat�rlich am Ende der Ferien zur�ck, um dich wieder zur Schule zu bringen. Und wenn ich kann, besuche ich dich in der Zwischenzeit. Sei brav, und nutz die Gelegenheit, die Gegend hier kennenzulernen. Soweit ich geh�rt habe, besitzt Onkel Sherrinford eine au�ergew�hnliche Bibliothek. Frag ihn, ob du dir das geballte Wissen, das sie birgt, zu Nutze machen darfst. Ich werde meine Kontaktdaten bei MrsEglantine hinterlassen. Wenn du mich brauchst, schick mir ein Telegramm oder schreib mir einen Brief.� Er streckte seine Hand aus und legte sie tr�stend auf Sherlocks Schulter.</p><p>�Das sind gute Menschen�, sagte er so leise, dass MrsEglantine es nicht h�ren konnte. �Aber wie alle in der Holmesfamilie haben sie ihre Macken. Sei dir im Klaren dar�ber und ver�rgere sie nicht. Schreib mir, wenn du Zeit hast. Und denk daran: Das ist nicht das Ende deines Lebens. Es ist nur f�r ein paar Monate. Sei tapfer.� Er dr�ckte Sherlocks Schulter.</p><p>Sherlock f�hlte einen dicken Klo� der Ver�rgerung und Frustration in seinem Hals aufsteigen und w�rgte ihn herunter. Er wollte nicht, dass Mycroft ihm etwas anmerkte, und er wollte nicht, dass seine Zeit auf Holmes Manor mit einem b�sen Start begann. Wie auch immer er sich in den n�chsten paar Minuten verhalten w�rde, es w�rde die Atmosph�re seines weiteren Aufenthaltes bestimmen.</p><p>Er streckte die Hand aus. Mycroft nahm die Hand von Sherlocks Schulter und ergriff sie mit einem freundlichen L�cheln.</p><p>�Auf Wiedersehen�, sagte Sherlock so beherrscht, wie er nur konnte. �Liebe Gr��e an Mutter. Und an Charlotte. Und wenn du etwas von Vater h�rst, lass es mich wissen.�</p><p>Mycroft drehte sich um und ging die Stufen zum Eingang empor. MrsEglantine bedachte Sherlock einen Augenblick lang mit ausdruckslosem Blick. Dann wandte sie sich ab und f�hrte Mycroft ins Haus.</p><p>Sherlock blickte zur�ck und sah, wie der Diener sich abm�hte, den Koffer auf die Schultern zu wuchten. Dann stolperte er an Sherlock vorbei die Stufen hoch, und Sherlock folgte ihm niedergeschlagen.</p><p>Der Boden der Eingangshalle war schwarz und wei� gefliest. Von den oberen Stockwerken schwang sich eine mit Verzierungen �berladene Marmortreppe herab, die an einen gefrorenen Wasserfall erinnerte, und an den mit Mahagoni verkleideten W�nden hingen zahlreiche Bilder mit religi�sen Szenen, Landschaften und Tieren. Mycroft ging gerade durch eine T�r links von der Treppe, und Sherlock konnte einen fl�chtigen Blick in den Raum hineinwerfen. Reihen von in gr�nem Leder gebundenen B�chern s�umten die W�nde. Ein d�nner, �lterer Mann in einem altmodischen schwarzen Anzug erhob sich von einem Stuhl, dessen Polster im Farbton perfekt zur Farbe der B�cher passte. Sein b�rtiges Gesicht war faltig und blass, die Kopfhaut mit Leberflecken gesprenkelt.</p><p>Die T�r schloss sich, als sie sich die H�nde sch�ttelten. Den Koffer auf den Schultern balancierend, ging der Diener �ber den gefliesten Boden und steuerte auf die Treppe zu. Sherlock folgte ihm.</p><p>MrsEglantine stand auf der untersten Treppenstufe und blickte �ber Sherlocks Kopf hinweg auf die geschlossene T�r der Bibliothek.</p><p>�Sei dir dar�ber im Klaren, Kind, dass du hier <emphasis>nicht</emphasis> willkommen bist�, zischte sie, als er an ihr vorbeiging.</p></section><section><title><p><strong>2</strong></p></title><p>Sherlock hatte sich ein stilles Pl�tzchen im Wald au�erhalb von Farnham gesucht. Von dort aus konnte er sehen, wie das Gel�nde vor ihm zu einem Pfad abfiel, der sich wie ein trockenes Flussbett durch das Unterholz schl�ngelte, bis er au�er Sicht verschwand. Dr�ben auf der anderen Seite der Stadt lugte, an den Hang eines H�gels geschmiegt, eine kleine Burg zwischen den B�umen hervor. Au�er Sherlock war niemand da. Er hatte schon so lange einfach nur still dagesessen, dass sich sogar die Tiere an ihn gew�hnt hatten. Hin und wieder raschelte es im hohen Gras, wenn eine Maus vorbeihuschte, und �ber ihm am blauen Himmel zogen Habichte tr�ge ihre Kreise. Geduldig warteten sie darauf, dass irgendein kleines Tier dumm genug war, sich auf freies Feld zu begeben.</p><p>Hinter ihm fuhr der Wind durch die Bl�tter der B�ume. Er lie� seine Gedanken schweifen und versuchte, weder an die Zukunft noch an die Vergangenheit zu denken. Er wollte einfach nur im Hier und Jetzt leben, solange es irgend ging. Die Vergangenheit schmerzte wie eine Wunde, und die unmittelbare Zukunft geh�rte nicht zu den Dingen, die er sich rasch herbeiw�nschte. Die einzige M�glichkeit, sich nicht unterkriegen zu lassen, bestand darin, nicht dar�ber nachzudenken. Sich einfach nur im Wind treiben zu lassen, w�hrend sich die Tiere um ihn herum tummelten.</p><p>Er lebte jetzt bereits drei Tage auf Holmes Manor, und die Dinge waren seit seinem ersten Erlebnis keinen Deut besser geworden. Das Schlimmste jedoch war MrsEglantine.</p><p>Als allgegenw�rtiges Schreckgespenst lauerte die Hauswirtschafterin selbst in den abgelegensten Winkeln des Hauses. Wohin auch immer er sich wandte, stets schien sie schon in irgendwelchen dunklen Schatten auf ihn zu warten, um ihn mit ihren runzeligen �uglein zu taxieren. Seit seiner Ankunft hatte sie kaum drei S�tze zu ihm gesprochen. Soweit er es beurteilen konnte, erwartete man von ihm nichts anderes, als p�nktlich zum Fr�hst�ck, Mittagessen, Nachmittagstee und Abendessen zu erscheinen. Nat�rlich schweigend und ohne mehr zu essen als unbedingt n�tig, um sich gleich danach wieder bis zur n�chsten Mahlzeit in Luft aufzul�sen. Nach diesem Schema w�rde sein Leben bis zum Ende der Ferien verlaufen. Bis Mycroft k�me, um ihn aus seiner Haft zu erl�sen.</p><p>Anna und Sherrinford Holmes�� seine Tante und sein Onkel�� waren normalerweise beim Fr�hst�ck und Abendessen anwesend. Sherrinford war ebenso gro� wie sein Bruder und trotz seiner schlankeren Statur zweifellos eine dominante Erscheinung. Er hatte markante Wangenknochen und eine nach vorn gew�lbte Stirn, die seitlich an den Schl�fen einfiel. Im Gegensatz zu seinem buschigen wei�en Bart, der bis auf die Brust herabfiel, war seine Kopfbehaarung so sp�rlich, dass es f�r Sherlock so aussah, als w�re jede einzelne Haarstr�hne sorgf�ltig auf die Kopfhaut gemalt und dann mit einer Schicht Glanzlack �berzogen worden. Zwischen den Mahlzeiten verschwand er entweder in sein Arbeitszimmer oder in die Bibliothek. Den sp�rlichen Konversationsfetzen nach zu schlie�en, die Sherlock aufgeschnappt hatte, verfasste er dort religi�se Brosch�ren und Predigten f�r Gemeindepfarrer aus dem ganzen Land. Der einzig nennenswerte Wortwechsel mit seinem Onkel w�hrend der letzten drei Tage hatte beim Mittagessen stattgefunden. Pl�tzlich hatte Sherrinford von seinem Teller aufgeschaut, Sherlock mit Unheil verk�ndendem Blick fixiert und dann gefragt: �Wie ist es um deine Seele bestellt, Junge?� Sherlock, mit erhobener voller Gabel vor dem Mund, hatte kurz geblinzelt und sich dann gl�cklicherweise an MrTulley, seinen Lateinlehrer in Deepdene, erinnert. <emphasis>�Extra ecclesiam nulla salus�</emphasis>, verk�ndete Sherlock, ziemlich sicher, dass das so viel bedeutete wie: �Au�erhalb der Kirche ist keine Erl�sung.�</p><p>Das schien zu funktionieren. Denn Sherrinford Holmes nickte und murmelte �Ah, der heilige Cyprian von Karthago, nat�rlich�, um sich dann wieder seinem Teller zuzuwenden.</p><p>MrsHolmes�� beziehungsweise Tante Anna�� hingegen war eine kleine, vogel�hnliche Frau, die sich in einem Zustand permanenter Bewegung zu befinden schien. Selbst wenn sie sa�, flatterten ihre H�nde unerm�dlich umher, ohne irgendwo l�nger als eine Sekunde zu verweilen. Dabei redete sie die ganze Zeit, ohne jedoch wirklich <emphasis>mit</emphasis> jemandem zu reden, so weit es Sherlock beurteilen konnte. Sie schien es einfach zu genie�en, einen ewigen Monolog zu f�hren, und sie schien nicht zu erwarten, dass sich jemand daran beteiligte oder auf eine ihrer gr��tenteils rhetorischen Fragen antwortete.</p><p>Zumindest das Essen war passabel�� jedenfalls besser als die Mahlzeiten in der Deepdene-Schule. Zum gro�en Teil bestand es aus Gem�se: Karotten, Kartoffeln oder Blumenkohl, die allesamt, wie er vermutete, auf dem Grund von Manor House angebaut wurden. Aber zu jeder Mahlzeit gab es in irgendeiner Form auch Fleisch, und im Gegensatz zu dem grauen und meist undefinierbaren Knorpelzeugs, das er von der Schule her kannte, war dieses gut gew�rzt und lecker. So erfreute Sherlock sich zum Beispiel an Schinkenhaxen, H�hnchenschenkeln, Filets, die�� wie man ihm erkl�rte�� vom Lachs stammten, oder bei einer anderen Gelegenheit an gro�en Fleischst�cken, die aus einer in der Tischmitte platzierten Lammschulter herausgetrennt wurden. Wenn er nicht aufpasste, nahm er noch so viel zu, dass er irgendwann wie Mycroft aussehen w�rde.</p><p>Sein Zimmer befand sich oben unter dem Dach. Zwar nicht direkt bei den Bedienstetenunterk�nften, aber auch nicht unten bei der Familie.</p><p>Entsprechend der Dachneigung fiel die Zimmerdecke von der T�r zum Fenster hin steil ab, was zur Folge hatte, dass man sich nur b�ckend bewegen konnte. Der Boden bestand aus glatten Dielenbrettern, die mit einem L�ufer von fragw�rdigem Alter bedeckt waren. Das Bett war ihm insofern vertraut, als es genauso hart war wie das in seiner Schule. Dennoch lag er w�hrend der ersten zwei N�chte stundenlang wach. Grund daf�r war die Stille. Er war so daran gew�hnt, drei�ig andere Jungs schnarchen, im Schlaf reden oder leise vor sich hinschluchzen zu h�ren, dass er die pl�tzliche Stille nervenaufreibend fand. Aber als er dann schlie�lich das Fenster ge�ffnet hatte, um etwas frische Luft zu schnappen, hatte er festgestellt, dass die Nacht �berhaupt nicht still, sondern von vielen feinen Ger�uschen erf�llt war. Von da an wiegten ihn Eulengekreische, Fuchsgebell oder unvermittelt aufflatternde H�hner in den Schlaf, die in ihrem Stall hinter dem Haus von irgendetwas aufgeschreckt worden waren.</p><p>Der Vorschlag seines Bruders, die Bibliothek zu nutzen und sich dort die Zeit mit einem interessanten Buch zu vertreiben, lie� sich leider nicht in die Tat umsetzen. Denn Sherrinford Holmes verbrachte dort einen Gro�teil seiner Zeit mit Recherchen f�r seine religi�sen Brosch�ren und Predigten, und Sherlock hatte Angst, ihn zu st�ren. Stattdessen unternahm er immer ausgedehntere Streifz�ge um das Haus herum. Begonnen hatte er seine Erkundungen mit dem ans Haus grenzenden Grundst�ck, wozu unter anderem der umz�unte Garten, der H�hnerstall und das gro�e Pflanzenbeet geh�rten. Dann hatte er die Steinmauer erklommen, die das Anwesen umgab, war drau�en weiter zur Stra�e vorgedrungen und hatte schlie�lich seine Wanderungen bis in die alten W�lder ausgedehnt, die hinten an das Grundst�ck von Holmes Manor grenzten. Fr�her einmal war er an weitere M�rsche gew�hnt gewesen. Denn zu Hause hatte er�� alleine oder zusammen mit seiner Schwester�� ausgiebig die W�lder der Umgebung erkundet. Aber der Wald hier schien �lter und geheimnisvoller zu sein als jene, die er kannte.</p><p>�F�r so einen feinen Typen aus der Stadt kannst du ja ganz sch�n stillsitzen, was?�</p><p>�So wie du�, antwortete Sherlock, ohne mit der Wimper zu zucken, der Stimme hinter ihm. �Du beobachtest mich schon seit einer halben Stunde.�</p><p>�Woher wei�t du das?� Sherlock h�rte ein dumpfes Ger�usch, als ob sich jemand gerade von einem der unteren Baum�ste auf den mit Farn �berwucherten Waldboden hatte fallen lassen.</p><p>��berall auf den B�umen um uns herum hocken V�gel. Mit Ausnahme von einem. Und zwar dem, auf dem du gesessen hast. Offensichtlich haben sie Angst vor dir.�</p><p>�Denen w�rde ich nichts tun. Ebenso wenig wie dir.�</p><p>Langsam wandte Sherlock sich um. Die Stimme geh�rte einem Jungen, der ungef�hr in seinem Alter sein mochte, wenn er auch kleiner und gedrungener war als der eher schlaksige Sherlock. Die verstaubte Kleidung des Jungen war an einigen Stellen ziemlich abgetragen und seine Fingern�gel starrten vor Dreck. Seine Haare waren so lang, dass sie ihm bis zu den Schultern reichten.</p><p>�Ich bin mir nicht sicher, ob du das �berhaupt k�nntest�, erwiderte Sherlock so gelassen, wie das unter den Umst�nden m�glich war.</p><p>�Ich hab �n paar echt miese Tricks drauf�, sagte der Junge. �Und ich hab �n Messer.�</p><p>�Ja, aber ich habe die Boxwettk�mpfe in der Schule genau studiert und verf�ge �ber eine beachtliche Reichweite.� Sherlock be�ugte den Jungen kritisch. Der raue Stoff seiner Kleidung war an manchen Stellen geflickt, und Gesicht und H�nde hatten sicher schon l�nger keinen Kontakt mehr mit Wasser und Seife gehabt.</p><p>�Schule?�, fragte der Junge verwundert. �Die unterrichten Boxen an der Schule?�</p><p>�Auf meiner Schule machen sie�s jedenfalls. Sie sagen, das macht uns h�rter.�</p><p>Der Junge setzte sich neben Sherlock.</p><p>�Stimmt nicht. Das Leben macht dich h�rter�, murmelte er und fuhr dann fort: �Mein Name ist Matty. Matty Arnatt.�</p><p>�Matty, wie Matthew?�</p><p>�Vermutlich. Du lebst oben in dem gro�en Haus an der Stra�e, nicht?�</p><p>Sherlock nickte. �Ich bin f�r die Sommerferien hergekommen und zu Gast bei meiner Tante und meinem Onkel. Mein Name ist Sherlock, Sherlock Holmes.�</p><p>Matty blickte Sherlock skeptisch an. �Das ist aber kein richtiger Name.�</p><p>�Was? Sherlock?� Sherlock dachte einen Moment lang nach. �Was stimmt damit nicht?�</p><p>�Kennst du irgendeinen anderen Sherlock?�</p><p>Sherlock zuckte mit den Schultern. �Nein.�</p><p>�Wie hei�t denn dein Vater?�</p><p>Sherlock runzelte die Stirn. �Siger.�</p><p>�Und dein Onkel? Der, bei dem du wohnst?�</p><p>�Sherrinford.�</p><p>�Hast du einen Bruder?�</p><p>�Ja, einen.�</p><p>�Wie ist sein Name?�</p><p>�Mycroft.�</p><p>Matty sch�ttelte irritiert den Kopf. �Sherlock, Siger, Sherrinford und Mycroft. Was sind das denn f�r Namen! Warum k�nnt ihr nichts Normales nehmen wie zum Beispiel Matthew, Luke oder John?�</p><p>�Das sind Vornamen�, erkl�rte Sherlock. �Und die geh�ren zur Familientradition. Jedes m�nnliche Familienmitglied hat solch einen Namen.�</p><p>Er schwieg einen Moment. �Mein Vater hat mir einmal erz�hlt, dass ein Zweig unserer Familie urspr�nglich aus Skandinavien stammt. Daher wohl die Namen. Oder so was in der Art. �Siger� k�nnte skandinavisch sein, denke ich. Die anderen allerdings klingen f�r mich in der Tat eher nach altenglischen Ortsnamen. Obwohl mir v�llig schleierhaft ist, woher dann �Sherlock� kommt. Vielleicht gibt es ja dort auf irgendeinem Kanal eine Schleuse namens Sher Lock oder Sheer Lock.�</p><p>�Du wei�t �ne Menge Sachen�, sagte Matty. �Aber nicht viel �ber Kan�le. Durch eine Schleuse, die Sher Lock oder Sheer Lock hei�t, bin ich noch nie gekommen. Aber sag mal, wie sieht�s denn mit Schwestern aus? Gibt�s da auch irgendwelche komischen Namen?�</p><p>Sherlock zuckte zusammen und blickte weg. �Lebst du hier in der Gegend?�</p><p>Matty blickte ihn einen Moment lang an. Dann schien er die Tatsache zu akzeptieren, dass Sherlock das Thema wechseln wollte. �Ja�, antwortete er. �Im Moment jedenfalls. Ich reise gewisserma�en so herum.�</p><p>Sherlocks Interesse war geweckt. �Reisen? Du meinst, du bist ein Zigeuner? Oder bei einem Zirkus?�</p><p>Matty schnaubte ver�chtlich. �Wenn mich jemand einen Zigeuner nennt, bekommt er von mir normalerweise eine verpasst. Und zu einem Zirkus geh�r ich ehrlich gesagt auch nicht.�</p><p>Pl�tzlich stolperten Sherlocks Gedanken �ber etwas, das Matthew einen Augenblick zuvor gesagt hatte. �Du hast gemeint, dass du keine Schleuse namens Sher Lock oder Sheer Lock kennst. Lebst du etwa auf den Kan�len? Besitzt deine Familie einen Kahn?�</p><p>�Ich hab ein kleines Kanalboot. Aber keine Familie. Es gibt nur mich. Mich und Albert.�</p><p>�Dein Gro�vater?�, riet Sherlock.</p><p>�Mein Pferd�, korrigierte Matty ihn. �Albert zieht das Boot.�</p><p>Sherlock wartete einen Augenblick, um zu sehen, ob Matty fortfahren w�rde. Als er es nicht tat, fragte er: �Und was ist mit deiner Familie? Was ist mit ihr passiert?�</p><p>�Du stellst ganz sch�n viele Fragen, was?�</p><p>�Das ist eine M�glichkeit, um Dinge herauszubekommen.�</p><p>Matty zuckte die Achseln. �Mein Vater war bei der Navy. Ist mit einem Schiff weg und nie mehr wiedergekommen. Keine Ahnung, ob er ertrunken, irgendwo auf der Welt in einem Hafen h�ngengeblieben oder zur�ck nach England gekommen ist und dann einfach keine Lust mehr auf die letzten paar Meilen nach Hause hatte. Meine Mutter ist vor ein paar Jahren gestorben. Tuberkulose.�</p><p>�Das tut mir leid.�</p><p>�Sie h�tten mich nicht noch einmal zu ihr gelassen, nachdem sie schon tot war�, fuhr Matty fort, als ob er Sherlock nicht geh�rt h�tte. Gedankenverloren starrte er in die Ferne. �Sie ist einfach so dahingeschwunden. Wurde immer d�nner und blasser. Es war, als ob sie der Tod st�ckchenweise geholt hat. Spuckte jede Nacht Blut. Ich hab gewusst, dass sie kommen und mich in ein Armenhaus stecken w�rden, wenn sie starb. Also bin ich abgehauen. Keine zehn Pferde bringen mich in eine von diesen Knochenm�hlen. Die meisten, denen das passiert ist, sind nie wieder rausgekommen. Und wenn, sind sie Kr�ppel oder nicht mehr richtig im Kopf. Das Leben auf den Kan�len hat mir besser gefallen als das Rumgerenne. Da kommt man in k�rzerer Zeit viel weiter voran.�</p><p>�Woher hast du das Boot?�, fragte Sherlock. �Hat es mal deiner Familie geh�rt?�</p><p>�Wohl eher nicht�, schnaubte Matty. �Lass es mich mal so sagen: Ich hab�s gefunden. Lassen wir es dabei.�</p><p>�Und wie kommst du �ber die Runden? Wovon bezahlst du dein Essen?�</p><p>Matty zuckte die Achseln. �Im Sommer arbeite ich auf den Feldern. Ich pfl�cke Obst oder schneide Weizen. Alle wollen nur billige Arbeitskr�fte und niemand macht sich was draus, Kinder anzustellen. Im Winter halte ich mich mit Gelegenheitsarbeiten �ber Wasser: ein bisschen Gartenarbeit hier, ein paar Bleiziegel auf dem Kirchendach auswechseln dort. Ich komm klar und mach alles. Abgesehen von Schornsteinfegen und unten in den Minen zu arbeiten. Denn das ist ein langsamer Tod.�</p><p>�Gutes Argument�, meinte Sherlock. �Wie lange bist du schon in Farnham?�</p><p>�Ein paar Wochen. Is �n guter Platz�, sagte Matty. �Die Leute sind einigerma�en freundlich und lassen mich meistens in Ruhe. Is �ne ganz ordentliche Stadt.� Er z�gerte. �Au�er���</p><p>�Au�er was?�</p><p>�Ach, nichts��� Er sch�ttelte den Kopf. Dann gab er sich einen Ruck. �Sieh mal, ich hab dich �ne ganze Weile beobachtet. Du hast keine Freunde hier in der Gegend. Aber du bist nicht bl�d und scheinst gut darin zu sein, Sachen rauszukriegen. Na ja, ich hab da etwas in der Stadt gesehen. Etwas, auf das ich mir einfach keinen Reim machen kann.� Er err�tete leicht und schaute weg. �Ich hatte gehofft, dass du mir vielleicht helfen kannst.�</p><p>Sherlock war fasziniert, zuckte aber nur die Achseln. �Ich kann es versuchen. Was ist es?�</p><p>�Am besten ich zeig�s dir.� Matty klopfte sich die H�nde an seiner Hose ab. �M�chtest du dich zuerst einmal in der Stadt umsehen? Ich kann dir zeigen, wo man am besten was zu essen und trinken kriegt oder einfach nur gut Leute beobachten kann. Und welche Stra�en und Wege sich am besten zum Abhauen eignen und wo es gef�hrliche Sackgassen gibt, die du besser meiden solltest.�</p><p>�Zeigst du mir auch dein Boot?�</p><p>Matty schaute Sherlock an. �Vielleicht. Wenn ich sicher bin, dass ich dir trauen kann.�</p><p>Sie gingen zusammen den Hang zur Stra�e hinunter, die in die Stadt f�hrte. �ber ihnen spannte sich ein strahlend blauer Himmel. In der Luft lag der Geruch von Rauch, und Sherlock konnte h�ren, wie jemand in der Ferne mit der Regelm��igkeit einer tickenden Uhr Holz hackte. Als sie gerade ein kleines W�ldchen durchquerten, zeigte Matty auf einen Vogel, der hoch �ber ihnen seine Kreise zog. �Ein Habicht�, erkl�rte er knapp. �Lauert auf Beute.�</p><p>Es waren einige Meilen bis in die Stadt, und sie brauchten fast eine Stunde f�r die Strecke. Sherlock sp�rte, wie seine Muskeln in den Beinen und im Kreuz immer steifer wurden. Morgen w�rde ihm jede Bewegung schwerfallen, und alles w�rde weh tun. Aber im Moment sorgte die Anstrengung daf�r, dass sich die tiefe Depression, die ihn seit seiner Ankunft auf Holmes Manor im Griff gehabt hatte, langsam verfl�chtigte.</p><p>Als sie sich der Stadt n�herten und auf beiden Stra�enseiten in immer regelm��igeren Abst�nden H�user auftauchten, nahm Sherlock einen muffigen, unangenehmen Geruch wahr, der von der Stadt heranzuwehen schien.</p><p><emphasis>�Was ist das f�r ein Gestank?�</emphasis>, fragte er.</p><p>Matty schn�ffelte. �Was f�r ein Gestank?�</p><p>�<emphasis>Dieser</emphasis> Gestank. Das musst du doch riechen! Es stinkt wie ein alter, nass gewordener Teppich, den man wieder im Haus ausgelegt hat, bevor er richtig trocken geworden ist.�</p><p>�Das wird von den Brauereien kommen. Es gibt ziemlich viele davon am Flussufer. Barratt�s Brauerei ist die gr��te. Barratt expandiert wegen der ganzen Truppen, die neuerdings in Aldershot stationiert sind. Das ist der Geruch von nasser Gerste. Es war das Bier, das meinen Vater so fertig gemacht hat. Er ist zur Navy gegangen, um von dem Zeug wegzukommen. Aber dort hat dann schon der Rum auf ihn gewartet.�</p><p>Sie hatten mittlerweile die Au�enbezirke der Stadt erreicht, und zwischen den H�usern und H�tten waren nun immer weniger L�cken zu sehen. Ein Gro�teil der H�user bestand aus roten Backsteinen, und die D�cher waren entweder mit dunkelroten Ziegeln oder mit Schilfrohrb�ndeln gedeckt, die sich wie dicke Brotlaibe vorw�lbten. An dem Hang, der sich sanft hinter den H�usern erhob, thronte eine graue Steinburg �ber der Stadt. Hinter der Burg zog sich der Hang weiter bis zu einem fernen H�henr�cken empor. Sherlock fragte sich unwillk�rlich, was f�r einen Sinn eine Burg an solch einer Stelle machte, konnte doch ein Angreifer von einer erh�hten Position aus nach Belieben Pfeile, Steine und Feuer auf sie herabregnen lassen.</p><p>�Hier findet jeden Tag ein Markt statt�, berichtete Matty. �Auf dem Marktplatz. Da werden Schafe, K�he, Torten und alles M�gliche verkauft. Guter Platz, um was abzugreifen. Vor allem wenn die H�ndler abends zusammenpacken und aufr�umen. Dann sind sie immer in Eile, um noch vor Sonnenuntergang rauszukommen. Dabei fallen alle m�glichen Sachen von den St�nden oder sie werden weggeschmissen, weil sie �n bisschen angegammelt oder wurmstichig sind. Allein von dem Zeugs, das sie dalassen, kannste sehr gut essen.�</p><p>�Entz�ckend�, erwiderte Sherlock trocken. Zumindest das Essen auf Holmes Manor war etwas, auf das man sich freuen konnte. Auch wenn dies keineswegs f�r die Atmosph�re w�hrend der Mahlzeiten galt.</p><p>Sie befanden sich nun in der eigentlichen Stadt, und auf der Stra�e dr�ngten sich mittlerweile so viele Menschen, dass die beiden Jungen immer wieder vom B�rgersteig auf die zerfurchte Stra�e treten mussten, um nicht mit jemandem zusammenzusto�en. Sherlock verbrachte die meiste Zeit damit, auf Pferde�pfelhaufen zu achten, und gab sein Bestes, um nicht in einen hineinzutreten. Der allgemeine Bekleidungsstandard hatte sich verbessert. Die respektablen Jacketts und Krawatten der M�nner sowie die ansehnlichen Kleider der Damen waren nun h�ufiger im Stra�enbild zu sehen als die einfachen Kniehosen, Jacken und Kittel der Landbev�lkerung. �berall waren Hunde zu sehen: sowohl ordentlich an der Leine gehaltene als auch r�udige und aggressive Streuner, die auf der Suche nach Futter waren. Die d�nnen, unterern�hrten Katzen hingegen hockten verborgen im Schatten und taxierten mit gro�en Augen die Umgebung. Auf der Stra�e zogen in beiden Fahrtrichtungen Pferdekarren und Kutschen vorbei, die den Pferdedung immer tiefer in den zerfurchten Untergrund dr�ckten.</p><p>Als sie eine schmale Gasse erreichten, die von der Hauptstra�e abzweigte, blieb Matty stehen.</p><p>�Was ist los?�, fragte Sherlock.</p><p>Matty z�gerte. �Das Ding, das ich gesehen hab��� Er zuckte die Achseln. �Das ist da weiter unten gewesen. Vor ein paar Tagen. Aber ich kapier�s einfach nicht.�</p><p>�Willst du es mir zeigen?�</p><p>Statt zu antworten rannte Matty die Gasse hinunter. Sherlock sprintete hinterher, um ihn einzuholen.</p><p>An einer Stelle bog die Gasse in einen kleinen Seitenweg ab, der so eng war, dass Sherlock die Geb�ude auf beiden Seiten mit ausgestreckten Armen ber�hren konnte. Aus einigen der oberen Fenster lehnten sich die Bewohner heraus und unterhielten sich mit den Nachbarn von gegen�ber, als w�rden sie blo� ein einfaches Pl�uschchen �ber dem Gartenzaun halten.</p><p>Matty starrte zu einem ganz bestimmten, leeren Fenster hoch. Die T�r darunter war geschlossen und das Haus sah verlassen aus.</p><p>�Da oben war�s�, sagte er. �Ich hab Rauch gesehen. Aber der bewegte sich irgendwie. Er kam aus dem Fenster, kroch die Wand hoch und verschwand �ber das Dach.�</p><p>�So was macht Rauch nicht�, stellte Sherlock klar.</p><p>�Dieser Rauch schon�, widersprach Matty energisch.</p><p>�Vielleicht hat ihn der Wind fortgetrieben.�</p><p>�Vielleicht.� Matty schien nicht �berzeugt zu sein. Er runzelte die Augenbrauen, w�hrend er sich an die Geschehnisse erinnerte. �Ich hab jemand schreien geh�rt. Drinnen. Dann bin ich weggerannt, weil ich Schiss hatte. Aber sp�ter bin ich wiedergekommen. Da stand ein Karren hier drau�en, auf den sie eine Leiche geladen haben. Der K�rper war mit einem Bettlaken bedeckt. Aber das hat sich in der T�r verfangen und wurde weggerissen.� Er drehte sich zu Sherlock um. Sein Gesicht hatte sich in eine Maske der Angst und Ungewissheit verwandelt. �Er war mit Beulen �bers�t. Gro�en roten Beulen. �berall auf dem Gesicht und seinem Hals und den Armen. Und sein Gesicht war total verzerrt. So als w�re er unter entsetzlichen Qualen gestorben. Glaubst du, das war die Pest? Ich hab davon geh�rt, wie sie fr�her hier im Land getobt hat. Glaubst du, sie ist zur�ckgekommen?�</p><p>Sherlock lief ein Schauder �ber den R�cken. �Vermutlich k�nnte das durchaus der Beginn einer neuen Seuche sein. Aber ein Tod allein macht noch keine Pest. Und es k�nnte sich ebenso gut auch um Scharlach handeln oder irgendetwas anderes.�</p><p>�Und dieser Schatten, den ich �ber das Dach habe schweben sehen? Was ist damit? Ob das wohl seine Seele war? Oder etwas anderes? Etwas, das gekommen ist, um sie zu holen?�</p><p>�Das�, sagte Sherlock entschieden, �war h�chstwahrscheinlich nur eine Illusion. Hervorgerufen durch einen bestimmten Sonnenstand am Himmel und eine vorbeiziehende Wolke.� Er nahm Matty bei den Schultern und zog ihn fort. �Komm, lass uns gehen.�</p><p>Er f�hrte Matty vom Haus fort und bugsierte ihn aus dem engen Weg heraus. Innerhalb k�rzester Zeit waren sie wieder auf der Hauptstra�e, die durch Farnham f�hrte. Matty war blass und schwieg.</p><p>�Geht es dir gut?�, fragte Sherlock vorsichtig.</p><p>Matty nickte. �Tut mir leid�, sagte er besch�mt. �Es ist nur�� es macht mir Angst. Ich mag keine Krankheiten, seit���</p><p>�Ich verstehe. Schau mal, ich wei� nicht, was du gesehen hast. Aber ich werde dar�ber nachdenken. Mein Onkel hat eine Bibliothek. Vielleicht l�sst sich da eine Antwort finden. Dort oder in den lokalen Zeitungsarchiven.�</p><p>Sie gingen �ber eine schmale Br�cke in die Stadt zur�ck. Die Stra�e f�hrte an einem gro�en Holztor vorbei, das in eine Steinmauer eingelassen war. Davor sahen sie ein merkw�rdiges Tier am Boden liegen. Es hatte die Beine steif zu allen Seiten ausgestreckt und bewegte sich nicht. Sein Fell war dreckig und glanzlos. Einen Moment lang dachte Sherlock, es w�re ein Hund. Aber als sie n�her kamen, erkannte er, was da vor ihnen lag. Das Tier hatte eine spitze Schnauze und kurze Beine. Die abwechselnd hellen und dunkelgrauen Fellstreifen mussten zu Lebzeiten einmal wei� und schwarz gewesen sein. Kein Zweifel, es war ein Dachs. Sherlock sah, dass der Bauch des Tieres platt gepresst auf dem Boden lag. Es war �berfahren worden. Wahrscheinlich von einem Kutschrad.</p><p>Matty verlangsamte seine Schritte, w�hrend er sich dem Tier n�herte.</p><p>�Du solltest auf der Hut sein, wenn du hier vorbeigehst�, vertraute er Sherlock mit einer Stimme an, als w�re einzig und allein sein Begleiter derjenige, der berechtigten Grund zur Angst hatte, w�hrend er hingegen vollkommen sicher war. �Ich wei� nicht, was sie da treiben. Aber die haben Wachen da drinnen. Riesige Kerle mit Schlagst�cken und Bootshaken.�</p><p>Sherlocks Vermutung nach sollten diese M�nner lediglich einen gewissen Schutz f�r die Lohngelder gew�hrleisten, die man drinnen vermutlich f�r die dort t�tigen Arbeiter aufbewahrte. Gerade wollte er Matty seine entsprechenden Mutma�ungen mitteilen, als das Tor aufschwang. Zwei M�nner betraten die Stra�e. Ihre grimmigen vernarbten Schl�gervisagen standen im krassen Gegensatz zu ihrer tadellosen schwarzen Samtkleidung. Sie schauten nach links und rechts und musterten die Jungen einen Moment lang pr�fend, bevor sie den Blick wieder abwandten und jemandem drinnen mit der Hand ein Zeichen gaben.</p><p>Eine Kutsche, die von einem einzigen Pferd gezogen wurde, kam zum Vorschein. Auf dem Kutschbock sa� ein gro�er, kr�ftiger Mann mit H�nden wie Spaten und einem von Narben bedeckten Kahlkopf.</p><p>Die beiden M�nner in Schwarz schlossen das Tor. Dann sprangen sie hinten auf die Kutsche und klammerten sich fest, als sie sich in Bewegung setzte.</p><p>�Lass mal sehen, ob der feine Herr einen Viertelpenny rausr�ckt�, fl�sterte Matty. Bevor Sherlock ihn aufhalten konnte, rannte Matty auch schon auf die Kutsche zu.</p><p>Aufgeschreckt scheuten die Pferde zur�ck und stemmten sich gegen die Deichsel, die sie mit der Kutsche verband. Der Fahrer versuchte, die Kontrolle wiederzuerlangen, und schlug mit der Peitsche auf sie ein. Aber dadurch machte er es nur noch schlimmer, und die Kutsche drehte sich herum, als die Pferde versuchten, von Matty wegzukommen.</p><p>Im n�chsten Augenblick gefror Sherlock das Blut in den Adern. Durch das Kutschenfenster starrte ihn ein von d�nnen wei�en Haaren eingerahmtes, fast skelettartiges bleiches Gesicht an. Ohne mit der Wimper zu zucken, musterten ihn ausdruckslose Knopfaugen. Kleine, rosafarbene Augen wie die einer wei�en Ratte. Ein Gef�hl instinktiven Widerwillens durchfuhr Sherlock. Es war so, als h�tte er nach einem Salatblatt auf dem Teller gegriffen und stattdessen eine Schnecke erwischt. Sherlock wollte sich in Bewegung setzen und zur�ckweichen. Aber der bleiche, b�sartige Blick nagelte ihn f�rmlich fest, und er war unf�hig, auch nur ein Glied zu r�hren. Doch dann gelang es dem vierschr�tigen Fahrer, wieder die Kontrolle zu erlangen. Die Pferde galoppierten an den beiden vorbei und zogen die Kutsche samt ihrer Insassen mit sich fort.</p><p>�Hab nicht mal �ne Chance gehabt�, maulte Matty und klopfte sich den Staub von der Kleidung. �Ich dachte, der Kerl geht gleich mit der Peitsche auf mich los.�</p><p>�Wer war der Mann in der Kutsche?�, fragte Sherlock mit beunruhigter Stimme.</p><p>Matty sch�ttelte den Kopf. �Hab ihn nicht gesehen. Hat er reich ausgesehen?�, fragte er hoffnungsvoll.</p><p>�Er sah aus, als w�re er seit drei Tagen tot�, erwiderte Sherlock nur.</p></section><section><title><p><strong>3</strong></p></title><p>Der aus dem Zugschornstein str�mende hei�e Dampf quoll zwischen den Bretterbohlen der Br�cke empor und benetzte die Beine der beiden Jungen. Lachend und nass liefen sie dabei in entgegengesetzte Richtungen. Majest�tisch stampfte der Zug unter ihnen hindurch und fuhr langsamer werdend in den Bahnhof von Farnham ein. Die beiden gingen wieder zur Mitte der Holzbr�cke zur�ck, die die Bahnsteige miteinander verband, und beobachteten, wie der Zug allm�hlich unter Kettengeklirre und ohrenbet�ubendem Zischen zum Stehen kam, als der Lokf�hrer den �bersch�ssigen Dampf ablie�.</p><p>Es war der Morgen des folgenden Tages. Vor Eintreffen des Zuges hatte der Bahnsteig noch einsam und verlassen dagelegen. Aber in k�rzester Zeit hatte er sich auf magische Weise in ein gesch�ftiges Menschengewimmel verwandelt, das auf den Ausgang zustr�mte. M�nner in schwarzen Gehr�cken und mit Zylindern auf dem Kopf kamen aus den Erste-Klasse-Abteilen geschl�pft wie Insekten aus ihren Kokons. Schulter an Schulter schoben sie sich mit den Fahrg�sten aus der Zweiten Klasse voran�� beleibten M�nnern mit Tweedjackets und Schieberm�tzen sowie Frauen in ansehnlichen Kleidern��, wozu sich noch etliche muskelbepackte und wettergegerbte Arbeiter in abgewetzten Hemden und geflickten Hosen gesellten, die eng aneinandergequetscht in der Dritten Klasse gesessen hatten. M�nner in Uniform zogen eine Schiebet�r in einem der Waggons auf und machten sich daran, Holzkisten und gro�e Beutel abzuladen, bei denen es sich Sherlocks Vermutung nach um Posts�cke handelte.</p><p>Gep�cktr�ger kamen aus ihren wo auch immer gelegenen B�ros zum Vorschein, in denen sie sich normalerweise versteckt hielten, und begannen, Kisten und Taschen von den Waggons zu den Gep�ckkarren zu transportieren. Mit Ausnahme von ein paar Stadtbewohnern, die �ber die Ereignisse der Woche plauderten, lag der Bahnsteig innerhalb weniger Minuten wieder einsam und verlassen da. Ein wichtigtuerischer Schaffner mit Hut und blauer Uniformjacke trat an den Bahnsteig. Er blickte zun�chst nach vorne Richtung Lok, dann nach hinten ans Zugende, f�hrte seine Pfeife an die Lippen und stie� einen kurzen, scharfen Pfiff aus. Der Zug schien zun�chst zu beben, bevor er begann, sich langsam aus dem Bahnhof zu qu�len. Schwerf�llig zuerst, doch dann immer schneller. Mit schepperndem Ger�usch spannten sich nacheinander die Waggonverbindungen, ehe die Wagen aus dem Bahnhof gezogen wurden.</p><p>�Ist das der Zug <emphasis>nach</emphasis> London oder der Zug <emphasis>aus</emphasis> London?�, fragte Sherlock.</p><p>Matty blickte in beide Richtungen das Gleis entlang. �Nach London�, antwortete er schlie�lich. �Von hier geht die Linie nach Tongham, Ash, Ash Wharf und dann weiter nach Brookwood und Guildford. Von da aus kannst du einen Zug direkt nach London nehmen.�</p><p>London. Sherlock starrte die Bahnschienen entlang, wo der Zug gerade um eine Kurve fuhr und verschwand. Am Ende seiner Fahrt h�tte er sich seinem Bruder Mycroft bis auf eine oder zwei Meilen gen�hert. Mycroft w�rde dann wahrscheinlich noch in seinem B�ro sitzen und Dokumente studieren oder �ber einer Weltkarte br�ten, die dort, wo das Britische Empire seinen Fu� hingesetzt hatte, rot markiert war. F�r einen Moment war das Verlangen, hinter dem Zug herzulaufen und aufzuspringen, fast �berw�ltigend.</p><p>Er vermisste seinen Bruder. Er vermisste seinen Vater, seine Mutter und seine Schwester. Er vermisste sogar seine Schule. Wenn auch nicht ganz so sehr.</p><p>�Was ist eigentlich in Brookwood los?�, fragte er, vor allem, um seine Gedanken auf ein anderes Thema zu lenken.</p><p>Ein Zittern schien durch Mattys K�rper zu gehen. �Frag nicht�, erwiderte er.</p><p>�Nein, mal im Ernst.� Sherlocks Interesse war auf einmal geweckt. �W�rde es sich lohnen, wenn wir da mal hinfahren?�</p><p>Matty sch�ttelte den Kopf. �Tags�ber gibt es dort nichts Interessantes zu entdecken�, erkl�rte er entschieden. �Und nachts w�rdest du nicht dort sein wollen, glaub mir.�</p><p>�Ich dachte, wir k�nnten uns Fahrr�der besorgen.� Sherlock lie� nicht locker. �Mal rauskommen und ein bisschen durch die Gegend fahren. Ein paar D�rfer und St�dte angucken.�</p><p>Matty blickte ihn stirnrunzelnd an. �Warum sollten wir so was tun wollen?�</p><p>�Aus Neugierde?�, schlug Sherlock vor. �Fragst du dich nie, wie die Dinge wohl sind, bevor du sie zu Gesicht bekommst?�</p><p>�St�dte sehen wie St�dte und D�rfer wie D�rfer aus�, behauptete Matty. �Und die Leute sehen �berall gleich aus. So ist das Leben nun mal. Komm, lass uns gehen.�</p><p>Er f�hrte Sherlock die gusseisernen Stufen zum Bahnsteig hinunter, auf dem die Fahrg�ste ausgestiegen waren. Von dort gingen sie auf die Stra�e hinaus.</p><p>Am Stra�enrand hatte ein Pferdekarren haltgemacht. Drei M�nner luden mit Stroh isolierte Eiskisten auf, die mit dem Zug gekommen waren.</p><p>Einer der M�nner, ein wieselgesichtiger Kerl mit gelben Z�hnen, starrte die Jungen an, als sie an ihnen vorbeigingen.</p><p>�Junger Master Sherlock�, h�rten sie eine schneidende Stimme hinter sich. �Ich bin entt�uscht, Sie mit dreckigen Gassenjungen verkehren zu sehen. Ihr Bruder w�re zutiefst besch�mt.�</p><p>Obwohl er nicht wusste, wer ihn da ansprach, err�tete Sherlock sogleich und drehte sich um. Nur wenige Meter vor sich sah er die Haush�lterin MrsEglantine stehen. Zwei M�nner, die Sherlock von Holmes Manor her wiedererkannte, luden gerade eine Reihe von Lebensmittelkisten auf den Karren, der von einem gro�en und offensichtlich gutm�tigen Pferd gezogen wurde. Die Kisten waren h�chstwahrscheinlich mit dem Zug gebracht worden.</p><p>�Gassenjunge?� Sherlock sah sich um. Die einzige andere Person, die anwesend war, war Matty. Mit wachsamem Blick beobachtete er MrsEglantine, offensichtlich bereit, sofort loszurennen, sobald die Dinge schief liefen. �Wenn Sie ihn f�r einen Gassenjungen halten, sollten Sie h�ufiger mal aus dem Haus gehen, MrsEglantine�, sagte Sherlock k�hn und �rgerte sich �ber ihre Einstellung.</p><p>Die Haush�lterin presste die Lippen zusammen. �Der Herr w�nscht Sie zu sprechen, wenn Sie zur�ck sind�, sagte sie, als die beiden M�nner hinter ihr die letzte Kiste auf den Karren hievten. �Bitte lassen Sie ihn nicht warten.� Sie wandte sich ab und kletterte nach vorn auf den Kutschbock. �Das Mittagessen wird serviert, ob Sie nun anwesend sind oder nicht�, f�gte sie hinzu, w�hrend sich einer der M�nner neben sie setzte und der andere auf die R�ckseite kletterte.</p><p>�Und Ihr Freund da ist <emphasis>nicht</emphasis> eingeladen.�</p><p>Die Pferde trotteten los und zogen den Karren hinter sich her. MrsEglantine wandte sich nicht mehr nach Sherlock um, sondern blickte starr geradeaus. Der Mann, der hinten auf dem Karren Platz genommen hatte, sah Sherlock an, nickte gef�llig und f�hrte gr��end eine Hand zur Kappe. Ihm fehlten einige Z�hne, und sein Ohr zierte eine Kerbe, die aussah, als h�tte er sie sich mit einem Messer, einer Axt oder �hnlichem beigebracht.</p><p>�Wer war das?�, fragte Matty und stellte sich neben Sherlock.</p><p>�Das war MrsEglantine. Sie ist Wirtschafterin in dem Haus, in dem ich wohne.� Er machte eine Pause. �Sie mag mich nicht.�</p><p>�Sch�tze mal, sie mag niemanden�, stellte Matty fest.</p><p>�Ich gehe besser�, sagte Sherlock. �Wenn ich schnell bin, brauche ich eine halbe Stunde zur�ck, und sie hat es ernst gemeint mit dem Essen. Wenn ich es verpasse, laufe ich bis zum Abendessen hungrig herum.� Er drehte sich um und blickte Matty an. �Sehen wir uns morgen?�</p><p>Matty nickte. �Wieder hier? Gegen zehn?�</p><p>Sherlock brauchte fast eine Dreiviertelstunde, um zur�ck nach Holmes Manor zu gehen, und er kam gerade an, als der Gong zum Essen ert�nte. Er b�rstete den gr�bsten Staub aus der Kleidung und betrat das Esszimmer. Im Gegensatz zu seinen sonstigen Gepflogenheiten hatte Sherrinford Holmes, der gerade in einer Brosch�re las, am Kopfende des Tisches Platz genommen. Seine Frau Anna wuselte umher, kontrollierte das Besteck und redete mit sich selbst. MrsEglantine stand hinter Onkel Sherrinford und reagierte nicht, als Sherlock eintrat. Aber die Art, wie sie es betont vermied, ihn anzusehen, zeigte ihm, dass sie von seiner Ankunft Notiz genommen hatte.</p><p>�Guten Tag, Onkel Sherrinford, Tante Anna�, sagte Sherlock h�flich, als er sich setzte.</p><p>Sherrinford nickte in Sherlocks Richtung, ohne von seiner Brosch�re aufzusehen. Anna schaffte es, so etwas wie einen Gru� in ihren fortw�hrenden Monolog einzubauen.</p><p>Eine Magd kam mit einer Suppenterrine herein. Unter der Aufsicht von MrsEglantine f�llte sie die Suppe in Sch�sseln. Sherlock beobachtete alles ohne gro�es Interesse, bis Sherrinford seine Brosch�re niederlegte, sich vorbeugte und ihn ansprach. �Junger Mann, ich bekomme nach dem Mittagessen Besuch, und ich w�re dir sehr verbunden, wenn du anwesend w�rst. Dein Bruder hat mich dazu angehalten, sicherzustellen, dass du weiter an deiner Bildung arbeitest, w�hrend du nicht in der Schule weilst. Au�erdem deutete er an, dass er w�nscht, du m�gest dich von Schwierigkeiten fernhalten. Aus diesem Grund habe ich einen Lehrer angestellt. Er wird sich deiner f�r drei Stunden am Tag annehmen. Au�er an Sonntagen, wo ich von dir erwarte, mit dem Rest der Familie zur Kirche zu gehen. Sein Name lautet Amyus Crowe.� Er schniefte. �MrCrowe ist zu Besuch in unserem Land und kommt aus den Kolonien, glaube ich. Aber nichtsdestotrotz hat er sich als gelehrter und urteilsf�higer Mann erwiesen. Sein Latein und Griechisch sind ausgezeichnet. Ich erwarte von dir, dass du seinen Anweisungen Folge leistest.�</p><p>Sherlock sp�rte, wie sein Gesicht pl�tzlich vor Zorn brannte. Als er auf Holmes Manor angekommen war, hatte er zun�chst nur sich endlos hinziehende Tage vor sich liegen sehen. Leere und �de Tage. Und verzweifelt hatte er sich gefragt, was er mit seiner Zeit anfangen sollte. Aber dann hatte ihm die Begegnung mit Matty Arnatt eine ganze Reihe neuer M�glichkeiten er�ffnet.</p><p>Doch jetzt sah es so aus, als w�rde sich das alles wieder in Luft aufl�sen.</p><p>�Danke, Onkel Sherrinford�, murmelte er und versuchte, dankbar auszusehen. Aber sein Gesicht wollte einfach nicht seinen Befehlen gehorchen. MrsEglantine legte ein dezentes L�cheln an den Tag, ohne Sherlocks Blick zu begegnen.</p><p>Der Suppe folgte eine Fleischpastete mit dickem Teigmantel und So�e, woran sich wiederum ein �Summer-Pudding� anschloss. Sherlock a�, aber er schmeckte das Essen kaum. Seine Gedanken kreisten best�ndig um die Tatsache, dass sich seine Ferien gerade in eine pers�nliche H�lle verwandelten. Und er konnte es kaum erwarten, endlich wieder in die vorhersehbare Stabilit�t der Schule zur�ckzukehren.</p><p>Nach dem Mittagessen bat Sherlock, dass man ihn entschuldigte.</p><p>�Geh nicht zu weit fort�, ermahnte ihn Sherrinford. �Denk an meinen Besucher.�</p><p>Sherlock lungerte in der Eingangshalle herum, w�hrend die Familie getrennte Wege ging. Sherrinford begab sich in die Bibliothek und Tante Anna ins Gew�chshaus. Sherlock vertrieb sich die Zeit damit, sich die Gem�lde anzusehen, und versuchte zu entscheiden, welches am amateurhaftesten ausgef�hrt worden war. Nach einer Weile trat ein Dienstm�dchen mit einem Silbertablett zu ihm, auf dem ein Briefumschlag lag.</p><p>�Master Holmes�, sagte sie leise. �Dieser Brief kam heute Morgen f�r Sie an.�</p><p>Sherlock schnappte sich den Umschlag vom Tablett. �F�r mich? Danke!�</p><p>Sie l�chelte und verschwand. Sherlock blickte sich um�� halb in der Erwartung, MrsEglantine w�rde gleich auftauchen, um ihm den Brief aus der Hand zu rei�en. Aber er war allein in der Halle. Der Umschlag war tats�chlich an �Master Sherlock Holmes, Holmes Manor, Farnham� adressiert. Und abgestempelt worden war er in <emphasis>Whitehall</emphasis>. Mycroft! Er war von Mycroft! Ungeduldig fuhr er mit dem Fingernagel unter die Wachsversiegelung und zog die Umschlagklappe nach oben.</p><p>Im Umschlag steckte ein einzelner Briefbogen. Oben war Mycrofts Londoner Adresse aufgedruckt und darunter hatte sein Bruder in seiner ganz eigenen eleganten Schrift folgende Zeilen geschrieben:</p><p><emphasis>Mein lieber Sherlock,</emphasis></p><p><emphasis>ich hoffe, dass, wenn Du diesen Brief in H�nden h�ltst, es Dir gut geht. Zweifellos wirst Du Dich im Moment verlassen und alleine f�hlen und deswegen ver�rgert sein. Bitte glaube mir, dass ich Deine Gef�hle verstehen kann und sie respektiere. Ich w�nschte nur, es g�be etwas, womit ich Dir helfen k�nnte.</emphasis></p><p>Es gibt etwas!, dachte Sherlock. Du k�nntest mich zu dir holen, damit ich die Ferien bei dir verbringen kann! Kaum war ihm dieser Gedanke gekommen, verwarf er ihn auch schon wieder. Mycroft hatte seine eigenen Probleme. Er hatte eine Arbeit, die ihm viel abverlangte, und dar�ber hinaus fungierte er w�hrend der Abwesenheit ihres Vaters als De-Facto-Familienoberhaupt. In dieser Eigenschaft hatte er sich nicht nur um ihre Mutter zu k�mmern, deren Gesundheit angeschlagen war, sondern auch um ihre Schwester, die ihre eigenen Probleme hatte. Nein, Mycroft hatte f�r sie beide die beste Entscheidung getroffen. Manchmal, dachte Sherlock, sind die einzigen Optionen, die sich einem bieten, eben allesamt unfair, und man muss eher die w�hlen, die die negativen Konsequenzen minimiert, als jene, die die guten maximiert. Das f�hlte sich verd�chtig nach absonderlicher Erwachsenen-Denkweise an, und die sich aufdr�ngende Schlussfolgerung, dass so das Erwachsenenleben aussehen w�rde, gefiel ihm ganz und gar nicht.</p><p><emphasis>Jeder Brief, den Du mir an oben genannte Adresse schickst, wird mich innerhalb eines Tages erreichen, und ich verspreche, dass ich unverz�glich auf jede Deiner Bitten eingehen werde�� mit Ausnahme von der naheliegenden, dass ich Dich w�hrend der Ferien zu mir nach London hole.</emphasis></p><p>Ah, wie immer ist er mir einen Schritt voraus, dachte Sherlock. Schon immer hatte sein Bruder eine verbl�ffende F�higkeit an den Tag gelegt, wenn es darum ging, zu prophezeien, was Sherlock im n�chsten Moment sagen wollte. Er las weiter:</p><p><emphasis>Ich habe angeregt, dass Onkel Sherrinford einen Lehrer engagiert, um Deine Studien zu f�rdern. Ich habe positive Ausk�nfte �ber einen Mann namens Amyus Crowe erhalten, und ich habe den Namen gegen�ber Sherrinford erw�hnt. Ich denke, Du solltest MrCrowe Dein Vertrauen schenken. Wie ich geh�rt habe, hat er auch eine Tochter. Dadurch hast Du vielleicht die M�glichkeit, in der Gegend gleichaltrige Freunde zu finden.</emphasis></p><p>Da sieht man mal, wie viel du wirklich wei�t, dachte Sherlock. Ich habe bereits angefangen, meine eigenen Freunde zu finden.</p><p><emphasis>Abschlie�end gemahne ich Dich, daran zu denken, dass dies blo� eine vor�bergehende Situation ist. Die Dinge werden sich �ndern, so wie sie es immer tun. Mache das Beste aus Deiner jetzigen Lage. Wie der persische Dichter Omar Khayy&#x101;m schrieb: �Hier mit einem Laib Brot unter dem Ast, einem Fl�schchen Wein, einem Buch mit Versen�� und mit Dir, die Du neben mir singst in der Wildnis�� Und die Wildnis wird zum Paradies���</emphasis></p><p>Sherlock las die Worte und versuchte, hinter ihre Bedeutung zu kommen. Er war fl�chtig vertraut mit den Versen von Omar Khayy&#x101;m, dank eines Gedichtbandes mit dem Titel <emphasis>Rubaiyat Of Omar Khayy&#x101;m</emphasis>, den dessen englischer �bersetzer Richard Burton der Schulbibliothek gestiftet hatte. Der allgemeine Tenor der diversen Vierzeiler schien zu besagen, dass sich die R�der des Schicksals immer weiter drehten, ohne dass sie sich stoppen lie�en, und nur die Mitmenschlichkeit allein konnte auf dem Lebensweg f�r etwas Freude sorgen.</p><p>Der ungew�hnliche Vierzeiler, den Mycroft zitiert hatte, bedeutete, dass Sherlock sozusagen seinen eigenen �Brotlaib� suchen sollte. Etwas Einfaches, das ihm helfen w�rde, die vor ihm liegenden Tage zu �berstehen. Hatte Mycroft irgendetwas Bestimmtes im Kopf gehabt, oder handelte es sich dabei lediglich um einen allgemeinen Ratschlag? Sherlock war versucht, sofort zur�ckzuschreiben, um seinen Bruder nach weiteren Einzelheiten zu fragen. Aber er kannte Mycroft gut genug, um zu wissen, dass sein Bruder selten tiefer ins Detail ging, wenn er sich zu einer Sache bereits einmal ge�u�ert hatte. Sherlock wandte seine Aufmerksamkeit den letzten Zeilen zu.</p><p><emphasis>Ein letzter Rat noch: Sei vor MrsEglantine auf der Hut! Ungeachtet ihrer Vertrauensstellung ist sie keine Freundin der Holmes-Familie.</emphasis></p><p><emphasis>Ich wei�, Du wirst diesen Brief nicht unachtsam herumliegen lassen, sondern an einem sicheren Ort verwahren.</emphasis></p><p><emphasis>Dein Dich liebender Bruder</emphasis></p><p><emphasis>Mycroft</emphasis></p><p>Sherlock durchfuhr ein Fr�steln, als er die letzten Zeilen las. F�r Mycroft war es absolut untypisch, eine so offensichtliche Warnung auszusprechen. Woraus sich folgende Frage ergab: <emphasis>Warum</emphasis> hatte er sich so eindeutig ge�u�ert? War es, weil Mycroft wollte, dass Sherlock keinerlei Zweifel bez�glich seiner Meinung �ber MrsEglantine hegte? Mycrofts letzter Vorschlag�� nein, seine letzte <emphasis>Anweisung</emphasis>��, den Brief nicht rumliegen zu lassen, war eine verschl�sselte Botschaft und bedeutete nichts anderes als: <emphasis>Zerst�r ihn!</emphasis> Das sah Mycroft schon �hnlicher.</p><p>Er schob den Brief wieder zur�ck in den Umschlag. Aber es steckte noch etwas anderes darin. Ein weiteres St�ck Papier. Sherlock zog es heraus und starrte unversehens auf eine postalische Zahlungsanweisung in H�he von f�nf Schillingen. F�nf Schilling! Er hatte Angst davor gehabt, das Thema Taschengeld gegen�ber seinem Onkel und seiner Tante anzusprechen. Aber wie es aussah, w�rde sich Mycroft darum k�mmern.</p><p>Sherlock stellte fest, dass er von dem Brief hin- und hergerissen war. Auf der einen Seite f�hlte er sich aufgemuntert und fr�hlicher, nun da Mycroft Kontakt zu ihm aufgenommen hatte, und er wusste, dass Amyus Crowe die Zustimmung seines Bruders fand. Andererseits jedoch war er jetzt zutiefst besorgt �ber etwas, das er zuvor lediglich als eine dumpfe Besorgnis wahrgenommen hatte: n�mlich MrsEglantine und ihre offensichtliche Abneigung gegen ihn.</p><p>�Interessanter Brief?�</p><p>Die tiefe Stimme war warm und hatte einen Akzent, den Sherlock nicht einordnen konnte. Er drehte sich um, faltete den Brief zusammen und steckte ihn in die Tasche.</p><p>Der Mann, der unmittelbar drau�en vor der offenen Eingangst�r stand, war gro� und hatte einen m�chtigen Brustkorb. Sein zu allen Seiten abstehender widerspenstiger Haarschopf war schlohwei� und seine Haut hing in kleinen F�ltchen am Hals herab. Aber die Art, wie er seinen K�rper hielt, strafte sein offensichtliches Alter L�gen. Das ledrige, braungebrannte Gesicht lie� darauf schlie�en, dass er sich lange in der Natur und unter einer hei�eren Sonne aufgehalten hatte, als man sie in England gewohnt war. Was seinen beigefarbenen Anzug betraf, so waren Sherlock Schnitt und Material vollkommen unbekannt. In seiner Hand hielt der Fremde einen breitkrempigen Hut.</p><p>�Von meinem Bruder Mycroft�, antwortete Sherlock, nicht sicher, wie er sich verhalten sollte. Sollte er nach einem Hausm�dchen rufen oder den Mann hineinbitten?</p><p>�Ah, Mycroft Holmes�, sagte der Mann, �Wie ich sehe, haben wir beide gemeinsame Bekannte. Und da ich nicht glaube, dass du alt genug bist, um Sherrinford Holmes zu sein, habe ich stattdessen vermutlich den jungen Sherlock Holmes vor mir.�</p><p>�Sherlock Scott Holmes, zu Ihren Diensten�, sagte Sherlock und straffte sich. Er sah sich um. ��hm, w�rde es Ihnen etwas ausmachen hereinzukommen, Mr��?�</p><p>�MrAmyus Crowe�, antwortete der Mann. �Ehemals aus Albuquerque im Staate New Mexico, Teil der Vereinigten Staaten von Amerika. Und du bist sehr freundlich.� Er trat ein. �Aber wahrscheinlich hast du meine Identit�t bereits erraten. Ich bin hier auf Empfehlung deines Bruders, und er w�rde dir sicher nicht schreiben, ohne das zu erw�hnen, nicht wahr?�</p><p>�Ich sollte wohl nach einem Hausm�dchen suchen oder���</p><p>Bevor er den Satz beenden konnte, trat MrsEglantine aus dem Schatten unter der gro�en Haupttreppe hervor. Wie lange hatte sie dort gestanden? Hatte sie Sherlock dabei beobachtet, wie er den Brief gelesen hatte?</p><p>�MrCrowe?�, fragte sie. �Der gn�dige Herr erwartet Sie. Bitte, folgen Sie mir hier entlang.� Sie deutete in Richtung Bibliothek.</p><p>Sherlock war au�er sich vor Schreck und zitterte. Sie konnte unm�glich wissen, was in dem Brief stand. Es sei denn, sie hatte ihn �ber Dampf ge�ffnet und anschlie�end wieder versiegelt, und sein Verstand weigerte sich, ihr das zuzutrauen. Aber nichtsdestotrotz kam er sich vor, als w�re er bei etwas Verbotenem ertappt worden.</p><p>Amyus Crowe betrat die Halle und legte seinen Hut und Gehstock an der Garderobe ab. Er ging auf Sherlock zu. �Wir sprechen uns sp�ter�, sagte er und legte eine Hand auf Sherlocks Schulter. Obwohl Sherlock gro� f�r sein Alter war, �berragte Amyus Crowe ihn derma�en, dass er sich wie ein zehnj�hriger Junge vorkam. �Halte dich hier ein bisschen auf, mein Sohn.� Er blickte sich in der Halle um. �Und versuche herauszufinden, wie viele von diesen Gem�lden F�lschungen sind, w�hrend du hier wartest.�</p><p>MrsEglantine versteifte sich. �Keines davon ist gef�lscht!�, zischte sie. �Der gn�dige Herr w�rde so was niemals zulassen!�</p><p>��Keines davon� <emphasis>ist</emphasis> eine akzeptable Antwort�, sagte Crowe augenzwinkernd, als er an Sherlock vorbeiging. Er �bergab MrsEglantine eine Karte. �Ich w�re Ihnen sehr verbunden, wenn Sie meine Gegenwart ank�ndigen k�nnten.�</p><p>MrsEglantine f�hrte Amyus Crowe in die Bibliothek. Augenblicke sp�ter tauchte sie wieder auf und entfernte sich, ohne Sherlock noch einmal anzusehen. Er sah, wie sie im Schatten an der Treppe verschwand, und fragte sich, ob sie wohl dort stehengeblieben war, um ihn zu beobachten.</p><p>Es drangen Stimmen aus der Bibliothek, aber Sherlock konnte keine einzelnen W�rter verstehen. Er schlenderte an der Eichenvert�felung entlang und nahm nacheinander die spezifischen Einzelheiten jedes einzelnen Gem�ldes in sich auf.</p><p>Keines der Bilder war beschriftet. Kunsterziehung stand nicht auf dem Lehrplan der Deepdene-Schule, und er stellte fest, dass er nicht viel Interesse f�r die verschiedenen Landschaften, Meerespanoramen und Jagdszenen aufzubringen vermochte. Mit ihren perfekten B�umen, der ungest�men See und den auf spindeld�rren Beinchen dahingaloppierenden Pferden kamen sie ihm allesamt irgendwie unecht vor.</p><p>Albuquerque. Amerika. Das klang so romantisch. Sherlock wusste wenig �ber dieses Land. Abgesehen von der Tatsache, dass es vor �ber zweihundert Jahren von England begr�ndet worden war, dass es sich �ber hundert Jahre sp�ter gegen die englische Herrschaft erhoben hatte und dass seine Bewohner ungest�m und unabh�ngig waren. Oh, und dass es dort vor ein paar Jahren einen B�rgerkrieg gegeben hatte, bei dem es irgendwie um Sklaverei ging. Aber er mochte Amyus Crowe auf Anhieb, und wenn Crowe charakteristisch f�r seine Landsleute war, wollte Sherlock eines Tages unbedingt nach Amerika reisen.</p><p>Es war ungef�hr eine halbe Stunde vergangen, als sich die T�r zur Bibliothek �ffnete und Amyus Crowe auftauchte. Er l�chelte und sch�ttelte Sherrinford Holmes die Hand. Hinter ihnen verschwammen die dichten Reihen der in gr�nes Leder gebundenen B�cher ineinander, was aussah, als st�nden sie vor einer gr�nen Landschaft.</p><p>�Ah, Sherlock�, sagte Sherrinford. �MrCrowe, erlauben Sie mir, Ihnen meinen Neffen Sherlock vorzustellen.�</p><p>�Wir haben uns bereits kennengelernt�, erkl�rte MrCrowe und nickte Sherlock zu.</p><p>�Bestens. Vielen Dank f�r Ihr Kommen. Ich besorge Ihnen ein Hausm�dchen, das Sie hinausgeleitet.�</p><p>�Machen Sie sich keine Umst�nde, MrHolmes. Ich werde mit dem jungen Master Sherlock einen Spaziergang �ber Ihr Anwesen machen, wenn es recht ist.�</p><p>�Nat�rlich, nat�rlich.� Sherrinford zog sich in die Bibliothek zur�ck wie eine Schildkr�te in ihren Panzer, und Crowe ging zu Sherlock hin�ber.</p><p>�Nun, welches ist es?�, fragte er. �Wenn �berhaupt eines davon.�</p><p>Sherlock musterte die Gem�lde. Obwohl er sie genauestens untersucht hatte, war er sich immer noch nicht sicher. Er deutete auf ein teilweise unbeholfen ausgef�hrtes Bild eines Reiters, der auf einem Pferd sa�, dessen Beine so d�nn waren, dass sie unter dem Gewicht eigentlich h�tten umknicken m�ssen. �Dieses hier ist nicht besonders gut gemalt�, probierte er sein Gl�ck. �Die Perspektive ist v�llig verzerrt und die Anatomie stimmt nicht. Ist das die F�lschung?�</p><p>�Die Sache mit Betr�gern�, sagte Crowe und begutachtete das Gem�lde, �ist die, dass die Ungeschickten von ihnen ziemlich schnell erwischt werden. Aber h�ufig bringen Betr�ger bessere Werke zustande als das Original. �Du hast recht, was die schlechte Ausf�hrung des Gem�ldes anbelangt. Aber es ist echt.� Er ging hin�ber zu einer dramatischen K�stenszene, in welcher sich die Wellen am Strand brachen, w�hrend im Hintergrund ein Schiff in den Wogen schwankte. �Das ist die F�lschung.�</p><p>Sherlock starrte auf das Bild. �Woher wissen Sie das?�</p><p>�Wie einige andere Gem�lde deines Onkels stammt auch dieses von Claude Joseph Vernet. Dein Onkel besitzt au�erdem auch ein paar Bilder von Vernets Sohn Horace. Der �ltere Vernet war bekannt f�r seine K�stenlandschaften. Dieses hier ist ein Bild von Dover Harbour. Aber Vernet ist niemals in England gewesen. Die Details sind so realistisch, dass es offensichtlich nach dem Leben gemalt worden ist. Deswegen ist es erkl�rterma�en kein Vernet. Es ist eine F�lschung in seinem Stil.�</p><p>�Das konnte ich nicht wissen�, protestierte Sherlock. �Ich habe nie was �ber Vernet gelernt. Und �ber andere Maler auch nicht.�</p><p>�Und was sagt dir das?�, fragte Crowe. Er blickte auf Sherlock hinab. Seine kobaltblauen Augen verschwanden fast hinter seiner faltigen Haut.</p><p>Sherlock dachte einen Moment lang nach. �Ich wei� nicht.�</p><p>�Dass man zwar alles, was man will, ableiten kann, aber dass es ohne Wissen zwecklos ist. Dein Gehirn ist wie ein Spinnrad, das sich so lange end- und ziellos dreht, bis es mit F�den gespeist wird und Garn zu produzieren beginnt. Informationen sind die Grundlage allen rationalen Denkens. Finde sie heraus. Sammle sie gewissenhaft. Stopf die Speicherkammern deines Gehirns mit so vielen Fakten wie nur m�glich voll. Versuche nicht, zwischen wichtigen und unwichtigen Fakten zu unterscheiden: Potentiell sind alle wichtig.�</p><p>Sherlock dachte einen Moment lang nach. Er hatte sich darauf gefasst gemacht, besch�mt oder verletzt zu werden. Aber in Crowes Stimme lag keine Spur von Kritik, und er hatte gute Argumente.</p><p>�Ich verstehe�, sagte er nickend.</p><p>�Das glaube ich dir�, erwiderte Crowe. �Lass uns einen Spaziergang machen und sehen, was wir so finden.�</p><p>Crowe nahm seinen Hut und Stock von der Garderobe neben der T�r, und zusammen traten sie in den strahlenden Sommersonnenschein hinaus. Crowe �berquerte den Rasen vor dem Haus und steuerte auf die B�ume zu, w�hrend er �ber die verschiedenen Wolkenformen am Himmel redete und wie sie mit der jeweiligen Wetterlage zusammenhingen.</p><p>�Hast du dir jemals Gedanken �ber F�chse oder Hasen gemacht?�, fragte er nach einer Weile.</p><p>�Nicht speziell�, antwortete Sherlock, der sich fragte, wohin dieser Themenwechsel wohl f�hren w�rde.</p><p>�Sagen wir mal, du h�ttest hundert F�chse und hundert Hasen in einem Wald. Und der Wald ist von einem Zaun umgeben, so dass kein Tier heraus kann. Was w�rde passieren?�</p><p>Sherlock �berlegte einen Moment. �Die Hasen w�rden Junge bekommen, die F�chse w�rden Junge bekommen und die F�chse w�rden die Hasen fressen.�</p><p>�Alle Hasen?�</p><p>�Die meisten. Dann w�ren die restlichen Hasen schwerer zu finden, und vermutlich w�rden sie anfangen, sich zu verstecken.�</p><p>�Was w�rde dann passieren?�</p><p>Unsicher, wohin das Ganze f�hren w�rde, zuckte Sherlock mit den Schultern.</p><p>�Ich vermute, infolge des Nahrungsmangels w�rden die F�chse zu sterben beginnen.�</p><p>�Und die Hasen?�</p><p>�Die w�rden weiterhin Gras fressen, sich verstecken und fortpflanzen, so dass sich ihre Zahl wieder erh�hen w�rde.� Auf einmal verstand Sherlock. Es war, als w�re in seinem Kopf ein Leuchtfeuer explodiert. �Und die Zahl der F�chse w�rde wieder steigen, da sie mehr Hasen fangen, ordentlich was zu fressen kriegen und sich vermehrt fortpflanzen. Und vielleicht w�rden sich die F�chse so vermehren, dass sie mehr und mehr Hasen fressen, bis die Hasen erneut weniger werden.�</p><p>�Und dieser Prozess w�rde sich stetig wiederholen. Wie zwei aufeinander folgende ansteigende und abfallende Wellen. Hinter der ganzen Sache steckt ein Zweig der Mathematik namens Differentialrechnung, der du deine Aufmerksamkeit widmen solltest. Sie ist �u�erst n�tzlich. Differentialgleichungen k�nntest du �brigens auch bei Kriminellen und Polizisten in einer Stadt anwenden, wenn du m�chtest.�</p><p>Er lachte unvermittelt auf. �Polizisten fressen in der Regel nat�rlich keine Kriminellen, aber das Grundprinzip ist das gleiche. Isaac Newton und Gottfried Leibniz haben diese Art der Mathematik unabh�ngig voneinander entwickelt. Zudem wurde sie unl�ngst von Augustin Cauchy und Bernhard Riemann erweitert. Riemann ist �brigens vor ein paar Monaten gestorben. Ein gro�er Verlust f�r die Welt, denke ich. Auch wenn ich nicht glaube, dass die Welt es bisher �berhaupt mitbekommen hat.�</p><p>Sherlock bezweifelte insgeheim, dass Mathematik jemals wichtig f�r ihn werden w�rde, und lie� das Thema auf sich beruhen. Er war froh, �seine Speicherkammern des Gehirns� mit Sachen zu f�llen, die mit Poesie und Musik zu tun hatten. Mit Sachen also, die er interessant fand. Auf mathematische Gleichungen jedoch konnte er gerne verzichten.</p><p>Nachdem sie eine Weile durch den Wald gewandert waren und Crowe ihn unabl�ssig auf die unterschiedlichsten Pflanzen aufmerksam gemacht hatte, erreichten sie die Steinmauer, die die Grenze des Holmeschen Grundbesitzes markierte. Crowe zeigte nach rechts. �Du gehst in diese Richtung und ich in die andere. Sammle so viele Pilze, wie du nur tragen kannst. In einer halben Stunde treffen wir uns wieder hier und dann zeige ich dir, wie man giftige von essbaren Pilzen unterscheidet. H�te dich davor, einen zu probieren, bevor ich dir das gezeigt habe. Das Probieren ist zwar ein zuverl�ssiges Analyseverfahren, aber es neigt auch dazu, ein t�dliches zu sein.�</p><p>Crowe ging nach links, bog B�sche und Grasb�schel mit seinem Gehstock zur Seite und musterte den Untergrund. Sherlock marschierte in die entgegengesetzte Richtung und suchte den Boden ab, in der Hoffnung, im dichten Farnkraut fleischig-wei�e Pilzk�pfe aufleuchten zu sehen.</p><p>Innerhalb von Minuten war Amyus Crowe au�er Sichtweite. Sherlock suchte beharrlich weiter. Aber abgesehen von einigen braunen, scheibenf�rmigen Geschw�lsten, die seitlich aus einem Baumstamm herauswuchsen und bei denen er nicht sicher war, ob er sie �berhaupt einsammeln sollte, war nichts zu entdecken.</p><p>Pl�tzlich erregte etwas anderes seine Aufmerksamkeit. Zwischen den B�umen hatte etwas Farbiges aufgeblitzt: Rote Flecken auf wei�em Untergrund, wenn er das richtig gesehen hatte. Er ging n�her, in der Annahme, dass er eine Gruppe Giftpilze vor sich hatte, die durch den Waldboden gebrochen waren. Aber etwas an der Kontur des Ganzen irritierte ihn. Es sah aus wie��</p><p>Als im n�chsten Augenblick eine Rauchwolke von dem Gegenstand aufzusteigen begann, wurde Sherlock schlagartig klar, mit was er es zu tun hatte: Vor ihm lag ein verkr�mmter M�nnerk�rper. Eine Brise trieb den Rauch davon. Aber Sherlock konnte keine Anzeichen f�r ein Feuer ausmachen. Einen Moment lang dachte er, der Mann dort vor ihm w�rde im Liegen Pfeife rauchen und h�tte sein Gesicht aus irgendwelchen Gr�nden mit einem rotgepunkteten Taschentuch bedeckt. Doch als er n�herkam, stellte er fest, dass die roten Flecke weder zu irgendwelchen Giftpilzen geh�rten noch Punkte auf einem wei�en Taschentuch waren.</p><p>Es waren blutige Beulen, die das Gesicht einer Leiche �berzogen.</p></section><section><title><p><strong>4</strong></p></title><p>Amyus Crowe zog ein Taschentuch aus seiner Tasche und reichte es Sherlock. Aus einer anderen Tasche holte er ein flach gew�lbtes mit Leder �berzogenes Metallfl�schchen hervor. Er schraubte es auf und goss eine braune Fl�ssigkeit auf das Taschentuch, das Sherlock in der Hand hielt. Von dem getr�nkten Stoff stieg ein bei�ender Geruch auf, der einem die Tr�nen in die Augen trieb und die Nase kribbeln lie�.</p><p>�Brandy�, erkl�rte Crowe auf Sherlocks fragenden Blick hin. �Nur zur Sicherheit und f�r den Fall, dass dieser Mann an etwas Ansteckendem gestorben ist. Was immer es auch ist. Schlie�lich wollen wir uns doch nicht das einfangen, was ihn ins Jenseits bef�rdert hat.� Er zog ein weiteres Taschentuch aus einer anderen Tasche hervor und tr�nkte es ebenfalls mit Brandy.</p><p>�Was immer es auch ist?�, fragte Sherlock verwirrt. �Na, bestimmt doch irgendeine Krankheit! Sehen Sie sich nur sein Gesicht an!�</p><p>Crowe fixierte Sherlock mit seinen leuchtend blauen Augen. Mit dem Taschentuch in der Hand musterte er seinen Sch�ler einen Moment lang interessiert. �Glaubst du, dass eine Krankheit etwas ist, das einfach so passiert? Dass Erkrankungen sich ohne Zutun einfach so im K�rper entwickeln?�</p><p>�Ich habe noch nie richtig dar�ber nachgedacht�, gab Sherlock zu. �Doch vermutlich schon.�</p><p>�Aber du wei�t, dass Krankheiten von einer Person zur anderen �bertragen werden k�nnen. Zum Beispiel wenn sie sich ber�hren oder sich nahekommen.�</p><p>�Ja���, sagte Sherlock z�gernd und fragte sich, wohin das nun wieder f�hren w�rde.</p><p>�Und macht es dann nicht Sinn, dass irgend etwas von der kranken zur gesunden Person gewandert sein muss und diese dabei krank gemacht hat?�</p><p>Sherlock schwieg. Er wusste, dass dies auf eine neue Lektion hinauslaufen w�rde, egal, was er auch sagte.</p><p>�Vor ein paar Jahren war ich in Wien�, fuhr Crowe fort. �Dort habe ich einen Arzt namens Ignaz Semmelweis kennengelernt. Er war Ungar und k�mmerte sich um Frauen, die kurz vor der Entbindung standen. Er hatte festgestellt, dass Frauen, die von �rzten oder Medizinstudenten betreut wurden, gr��ere Chancen hatten, am Kindbettfieber zu sterben, als diejenigen, die sich Hebammen anvertrauten. Intelligenter Mann, dieser Semmelweis. Viele andere �rzte h�tten es dabei belassen. Aber er erkannte, dass diese �rzte h�ufig direkt von einer Obduktion zur Entbindung gekommen waren. Er sorgte daf�r, dass �rzte und Medizinstudenten sich die H�nde mit Wasser und Chlorkalk wuschen, bevor sie die schwangeren Frauen untersuchten. Dadurch ging die Sterblichkeit durch Kindbettfieber in seinem Krankenhaus stark zur�ck. Offensichtlich t�tete oder zerst�rte der Chlorkalk irgendetwas auf den H�nden der �rzte. Etwas, das anderenfalls auf die K�rper der Frauen �bergegangen w�re.� Er hielt das Taschentuch hoch. �Deshalb der Brandy. Er hat einen �hnlichen Effekt.�</p><p>�Worum handelt es sich bei diesem �Etwas�?�, fragte Sherlock.</p><p>Crowe l�chelte. �Der r�mische Schriftsteller Marcus Terentius Varro schrieb einst: ���dort br�ten winzige Kreaturen, welche man mit blo�em Auge nicht sehen kann, die durch die Luft fliegen und �ber Mund oder Nase in den K�rper eindringen und ernsthafte Erkrankungen hervorrufen.� Nicht gerade die Art klassischer Literatur, die du in der Schule lernst, sch�tze ich. Seit Jahrhunderten diskutieren die Menschen bereits �ber diese winzigen Kreaturen. Aber die Medizin scheint das einfach nicht ernst zu nehmen.�</p><p>�Aber k�nnen wir nicht einfach die Leiche hier liegenlassen und den Beh�rden Bescheid sagen?�, fragte Sherlock unsicher. �W�re das nicht sicherer�� f�r uns?�</p><p>Crowe blickte sich um und musterte nachdenklich die B�sche und B�ume. �Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fuchs oder ein Dachs kommt und sich �ber die Leiche hermacht, ist zu hoch. Ich bin diesem Burschen vorher nie begegnet, aber so was w�rde ich niemandem w�nschen, ob nun tot oder lebendig. Nein, irgendwann muss er f�rs Begr�bnis sowieso aus dem Wald transportiert werden. Das kann also genauso gut auch gleich erledigt werden. Solange wir ihn nicht ber�hren und diese Gesichtsmasken tragen, kann uns nichts passieren.�</p><p>Behutsam band sich Crowe das Taschentuch vor Mund und Nase. Die Brandyd�nste brachten seine Augen zum Tr�nen. Crowe lachte, was die tiefen Runzeln um seine Augen aussehen lie� wie zerknitterte Leinenw�sche. �Ich habe nie behauptet, dass es guter Brandy ist�, sagte er. �Pass auf, dass du keine Vorliebe f�r das Zeug entwickelst. Jetzt lauf. Besorg eine Schubkarre aus dem Garten und bring sie hierher. Los, schnell!�</p><p>W�hrend sich Crowe �ber den toten K�rper beugte, steckte Sherlock sein Taschentuch f�r sp�ter wieder in die Tasche und eilte auf der gleichen Route zum Haus zur�ck, auf der sie gekommen waren. Er orientierte sich an diversen B�umen, Str�uchern und Pilzen, auf die ihn Amyus Crowe auf dem Weg aufmerksam gemacht hatte. So schnell er konnte, flitzte er durch das Unterholz und sp�rte, wie das Gras gegen seine Kn�chel peitschte.</p><p>Der Duft von trockenem Farnkraut und Lavendel stieg ihm in die Nase. Schon bald brach ihm der Schwei� auf Stirn und Schultern aus, und Augenblicke sp�ter sp�rte Sherlock, wie dieser an Wangen und R�cken hinunterlief.</p><p>Kaum war Sherlock aus dem Unterholz hervorgebrochen, blieb er auf dem freien Gel�nde stehen, das sich zwischen Haus und Wald erstreckte. Er musste erst einmal wieder zu Atem kommen und sich beruhigen. Die grellen Strahlen der tief stehenden Abendsonne trafen ihn wie ein Keulenschlag. Geblendet beugte er sich vorn�ber, st�tzte die H�nde auf die Knie und sog gierig die warme Luft ein. Ger�usche, die von den B�umen zuvor fast bis zur Unh�rbarkeit ged�mpft worden waren, drangen nun pl�tzlich mit lauter Eindringlichkeit auf ihn ein. Irgendwo wurde Holz gehackt, und aus einer anderen Richtung drang Gesang an sein Ohr, der zus�tzlich noch von entferntem Schweinegrunzen untermalt wurde.</p><p>Als er aufsah, nahm er in der Ferne eine Gestalt wahr, die auf einem Pferd sa�. Reiter und Ross befanden sich knapp jenseits des Zufahrtsweges, der in N�he der gegen�berliegenden Grenzmauer zur Stra�e f�hrte. Das Pferd stand unbeweglich da und blickte in Sherlocks Richtung, was so aussah, als w�rde auch dessen Reiter ihn beobachten. Sherlock blinzelte und hob langsam eine Hand, um seine Augen vor der Sonne abzuschirmen. Aber in dem Moment, als die Hand seinen Blick versperrte, setzte sich das Pferd in Bewegung, und der Reiter war verschwunden.</p><p>Sherlock schob den Gedanken an die Gestalt beiseite und machte sich auf die Suche nach einer Schubkarre. In der N�he des H�hnerstalls wurde er schlie�lich f�ndig. So schnell es ihm im Wald m�glich war, schob er die Karre zu der Stelle zur�ck, an der die Leiche lag. Als er ankam, durchsuchte Crowe gerade die Taschen des Mannes.</p><p>�Keine Hinweise auf seine Identit�t�, erkl�rte Crowe, ohne sich umzublicken. Seine Stimme klang durch das Taschentuch ged�mpft. �Kennst du ihn?�</p><p>Sherlock starrte auf das geschwollene Gesicht und sp�rte, wie sich ihm der Magen verkrampfte. Er versuchte, hinter den Beulen und roten Flecken die Gesichtsz�ge zu erkennen. �Ich denke nicht�, sagte er schlie�lich. �Aber es ist schwer zu sagen.�</p><p>�Sieh dir seine Ohren an�, erwiderte Crowe. �Menschliche Ohren sind ziemlich charakteristisch. Manche haben keine Ohrl�ppchen, bei anderen sind sie eingekerbt oder sehen aus wie perfekt geformte Muscheln. Das ist eine einfache Methode, Menschen voneinander zu unterscheiden. Vor allem, wenn sie versuchen sich zu tarnen.�</p><p>Sherlock fand, dass der tot auf dem Boden liegende Mann nur schwerlich in der Situation war, sich zu verbergen. Aber er verbiss sich einen entsprechenden Kommentar und konzentrierte sich auf das linke Ohr des Opfers. Er bemerkte, dass es auf halber H�he eine deutliche Kerbe aufwies, vielleicht die Folgen einer Messerverletzung w�hrend eines Kampfes oder eines selbstverschuldeten Malheurs mit der Axt beim Holzhacken. Der Gedanke rief etwas in ihm wach: Er <emphasis>hatte</emphasis> den Mann schon einmal gesehen. Nur wo?</p><p>�Ich glaube, er arbeitet f�r meinen Onkel�, sagte er schlie�lich. �Ich habe gesehen, wie er mit MrsEglantine und einem anderen Bediensteten ein paar Sachen mit der Kutsche vom Bahnhof abholte.�</p><p>�Wann war das?�, fragte Crowe.</p><p>�Heute morgen erst�, antwortete Sherlock stirnrunzelnd. �Aber er sieht aus, als w�re er schon seit Tagen krank gewesen. Und als ich ihn heute Morgen gesehen habe, war mit ihm noch alles in Ordnung.�</p><p>�Interessant�, murmelte Crowe. �Na sch�n. Lass ihn uns auf die Schubkarre verfrachten und zum Haus zur�ckschieben. Eure sauert�pfisch dreinblickende Hauswirtschafterin kann dann nach dem hiesigen Knochens�ger schicken.�</p><p>�Knochens�ger?�, fragte Sherlock verdutzt.</p><p>�Arzt�, erkl�rte Crowe lachend. �Hast du diese Redewendung noch nie geh�rt?�</p><p>Sherlock sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Sie werden so genannt, weil das alles war, was sie vor noch nicht allzu langer Zeit konnten: Wenn ein Unfall passierte, amputierten sie einfach Finger oder Zehen, H�nde oder F��e, Arme oder Beine.� Crowe schnaubte ver�chtlich. �Erfreulicherweise hat sich die Zivilisation ein wenig weiterentwickelt.� Er beugte sich �ber die Leiche, richtete sich dann wieder auf und blickte zu Sherlock hin�ber. �Denk dran, nicht seine Haut zu ber�hren!�, warnte er. �Nur die Kleidung. Besser kein Risiko eingehen.�</p><p>F�r den R�ckweg durch den Wald ben�tigten sie beinahe eine halbe Stunde. Amyus Crowe schob die Schubkarre mit dem toten K�rper, der auf der Ladefl�che unruhig hin und her ruckelte. Sherlock lief vorweg und entfernte auf dem Boden liegende Steine oder �ste, die die R�der h�tten blockieren oder Crowe ins Stolpern bringen k�nnen. Immer wenn die Schubkarre �ber eine Bodenwelle fuhr, schwangen die H�nde des Toten auf und ab, was aussah, als wollte er versuchen, sich aufzurichten. Sherlock bem�hte sich, nicht hinzusehen.</p><p>Als sie in Sichtweite des Hauses kamen, ging Sherlocks Atem in kurzen St��en, und er sp�rte, wie seine Muskeln vor Ersch�pfung brannten. Irgendjemand musste sie schon kommen gesehen haben, denn MrsEglantine schritt ihnen bereits entgegen. Sie trafen sich, als Sherlock und Crowe gerade die letzten B�ume hinter sich gelassen hatten.</p><p>�Sie werden <emphasis>keinesfalls</emphasis>�, verk�ndete sie steif, �dieses Ding irgendwo in die N�he des Hauses bringen.�</p><p>�Dieses Ding�, wies Crowe sie ruhig zurecht, �ist ein Arbeiter Ihres gn�digen Herren. Ich wei�, er ist tot. Aber trotzdem glaube ich, dass er ein bisschen Respekt verdient.�</p><p>MrsEglantine verschr�nkte die Arme. �Arbeiter oder nicht�, sagte sie. �Ich werde nicht zulassen, dass er in die N�he des Hauses kommt. Sehen Sie ihn sich doch an. Ich habe keine Ahnung, ob es die Pest oder die Pocken sind. Aber die Leiche muss verbrannt werden.�</p><p>�Da stimme ich Ihnen zu�, erwiderte Crowe. �Doch ich m�chte, dass sich das zuerst ein Arzt ansieht. Und nat�rlich m�ssen seine Angeh�rigen benachrichtigt werden. Also seien Sie bitte so nett, und schicken Sie nach einem Arzt aus der Stadt. Gibt es irgendwo einen Ort, wo wir die Leiche in der Zwischenzeit lagern k�nnen?�</p><p>MrsEglantine schnaubte. �Es gibt einen Schuppen, dort weiter unten beim Misthaufen�, antwortete sie. �Der wird nicht mehr genutzt. Bringen Sie ihn dort rein.� Sie schwieg einen Moment. �Wir k�nnen den Schuppen danach abbrennen�, f�gte sie hinzu. Dann drehte sie sich um und ging ins Haus zur�ck.</p><p>�Was f�r eine liebreizende Dame�, murmelte Crowe.</p><p>Sherlock f�hrte ihn ums Haus herum zu der Stelle, wo der Viehmist aufgeh�uft wurde, haupts�chlich um von dort aus als D�nger auf den Gem�sefeldern und in den Obstg�rten verteilt zu werden. Der feucht-warme und ekelhafte Gestank drang Sherlock trotz des brandygetr�nkten Taschentuchs in Mund und Nase und erf�llte seinen Rachen mit einem widerlichen Aroma.</p><p>Der Schuppen war verfallen, und Sherlock und Crowe mussten erst stapelweise zerbrochene Holzbretter und rostige Farmger�te entfernen, bevor sie die Leiche hineinbugsieren konnten.</p><p>Die durch L�cher in Dach und W�nden sickernden Sonnenstrahlen warfen handtellergro�e Lichtflecken auf die Leiche, lie�en gn�digerweise jedoch den restlichen K�rper im Dunkeln. Sherlock kam der Tote, dessen Arme und Beine schlaff �ber die R�nder der Schubkarre hinabbaumelten, wie eine fratzenhafte lebensgro�e Puppe vor, die achtlos fortgeworfen worden war.</p><p>�Es gibt f�r uns keinen Grund hierzubleiben�, sagte Crowe und nahm sich beim Rausgehen das Taschentuch vom Gesicht. �Geh zur�ck zum Haus. Bitte eines der Hausm�dchen, dir ein hei�es Bad einzulassen. Schrubb dich von Kopf bis Fu� mit Karbolseife ab. Wechsele die Kleidung und leg die alten Sachen am besten zum Verbrennen nach drau�en, wenn du noch was zum Wechseln hast. Andernfalls lass sie vom Hausm�dchen zum Waschen bringen.�</p><p>Nach ausgiebigem Geschrubbe mit dunkelroter Karbolseife kam Sherlock eine Stunde sp�ter mit ger�teter und rau gescheuerter Haut wieder aus dem Bad und zog seine Ersatzkleidung an. Beim Hinausgehen konnte er immer noch den teerartigen Geruch wahrnehmen, den die Seife auf seiner Haut hinterlassen hatte und der ihm beharrlich das Wasser in die Augen trieb. Als er um die Hausecke kam und sich die hartn�ckigen Tr�nen aus den Augen wischte, sah er Amyus Crowe zusammen mit einem korpulenten Mann im schwarzen Gehrock vor dem bauf�lligen Schuppen stehen. Die beiden waren in ein Gespr�ch vertieft.</p><p>Das musste der Arzt sein. Beim N�herkommen konnte er die schrille, arrogante Stimme des Doktors h�ren: �Wir m�ssen die Beh�rden informieren. Das ist schon die zweite Leiche, die wir mit �hnlichen Symptomen aufgefunden haben. Wenn das wirklich die Pest ist, sind sofortige Vorkehrungen zu treffen. Der Markt morgen wird abgesagt und s�mtliche �ffentlichen Geb�ude m�ssen geschlossen werden, um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern.</p><p>Ach, du lieber Himmel�� vielleicht m�ssen wir sogar s�mtliche Stra�en in die Stadt sperren!�</p><p>�Beruhigen Sie sich�, sagte Amyus Crowe in seiner langsamen, tiefen Stimme. �Bisher haben wir nur zwei Leichen. Zwei Regentropfen machen noch keinen Regenguss.�</p><p>�Aber wenn Sie erst warten, bis der Regen f�llt, ehe Sie den Schirm aufspannen, werden Sie durchn�sst sein�, erwiderte der Doktor.</p><p>Pl�tzlich wurde Sherlock klar, dass er mehr als die beiden wusste. Die Leiche, die blutigen Beulen, die Rauchwolke: All das entsprach genau dem, was Matthew Arnatt �ber den Mann erz�hlt hatte. Dem Mann, der in der Stadt gestorben war. Was war das f�r Rauch?</p><p>�Lassen Sie uns wenigstens warten, bis ein Experte einen Blick auf die Leiche werfen konnte.�</p><p>Der Arzt sch�ttelte ver�rgert den Kopf. �Was f�r ein Experte? Ich bin durchaus in der Lage, eine Obduktion durchzuf�hren. Aber ein Blick auf diese geschwollenen Pestbeulen gen�gt mir. Wir m�ssen davon ausgehen, dass wir es hier mit der Beulenpest zu tun haben, und dementsprechend handeln.�</p><p>Crowe hob beschwichtigend eine Hand. �Ich kenne einen Dozenten f�r Tropenkrankheiten, der in Guildford lebt. Professor Winchcombe. Wir k�nnten nach ihm schicken lassen. Ich werde einen Brief schreiben.�</p><p>�Schreiben Sie, wenn Sie m�chten�, erwiderte der Doktor. �Aber w�hrend Sie das machen, werde ich mit dem B�rgermeister und dem Stadtrat sprechen. Und ebenfalls mit dem Bischof von Winchester.�</p><p>�Was hat der denn mit der Sache zu tun?�, fragte Crowe.</p><p>�Farnham Castle ist der offizielle Landsitz Seiner Exzellenz.�</p><p>Sherlock kam unauff�llig n�her, aber Amyus bemerkte ihn und forderte ihn mit einer Geste auf fernzubleiben. Ver�rgerung flammte in Sherlock auf. Schlie�lich war er es doch gewesen, der die Leiche gefunden hatte. Aber wie es aussah, wollte Crowe ihn jetzt au�en vorlassen. Was erwartete Crowe von ihm? Dass er unt�tig hier herumstand, bis das Gespr�ch beendet war, um dann einfach wieder da mit dem Unterricht weiterzumachen, wo er unterbrochen worden war? Er konnte Besseres mit seiner Zeit anfangen. Und wenn Crowe sich dar�ber beschweren wollte, sollte er doch einen Brief an Mycroft schreiben.</p><p>Zutiefst verdrossen wandte Sherlock sich um und marschierte schnurstracks in den Wald zur�ck. Kaum hatte er die ersten Meter zwischen den Baumst�mmen zur�ckgelegt, war das Haus auch schon aus seinem Blickfeld verschwunden. Der weiche Waldboden federte unter seinen Schritten. Um ihn herum gaben die in der sengenden Nachmittagssonne trocknenden Pflanzen ein leises Knistern von sich, und hin und wieder raschelte es im Unterholz, wenn sich dort ein Vogel oder Fuchs bewegte. Der Geruch von feuchtem Laub stieg vom Boden auf und �berdeckte die letzten Reste der penetranten Brandy- und Karbold�nste, die er noch in der Nase hatte. Da es keine Pfade und Wege durch das dichte Unterholz gab, sah Sherlock sich unversehens gezwungen, immer wieder vorsichtig �ber gefallene Baumst�mme zu kraxeln oder Wei�dornb�sche in gro�em Bogen zu umkurven, um irgendwie voranzukommen.</p><p>Da er den Wald an einer anderen Stelle als zuvor mit Amyus Crowe betreten hatte, war er nicht sicher, wo er sich befand. Das Haus war schon l�ngst seinem Blick entschwunden, und Sherlock wurde pl�tzlich bewusst, dass er keine Ahnung hatte, in welche Richtung er sich bewegte.</p><p>Er konnte sich irgendwo mitten im tiefen Wald befinden, aber ebenso gut auch am Rand, und wenn er nicht aufpasste, lief er vielleicht einfach immer weiter, bis er mitten in der Wildnis landete. Es gab keine M�glichkeit, seinen Standort zu bestimmen. Und obwohl er versuchte, sich die Formen der B�ume einzupr�gen, an denen er vorbeikam, musste er schlie�lich feststellen, dass sie am Ende irgendwie alle gleich aussahen.</p><p>Irgendetwas zog ihn tiefer in den Wald hinein. Irgendeine Art von Urinstinkt, den er nicht verstand. Manche Leute sprachen �ber St�dte, als h�tten diese eine eigene Pers�nlichkeit. Sherlock hatte so etwas �hnliches in London empfunden, als er einmal gemeinsam mit seinem Vater die Stadt besucht hatte, und in geringerem Ma�e auch bei den Streifz�gen durch Farnham, die er mit Matthew Arnatt unternommen hatte. Aber hier im Wald sp�rte er die Anwesenheit einer anders gearteten Pers�nlichkeit. Etwas, das zeitlos und dunkel war. Aber was immer es auch sein mochte: Es hatte gesehen, wie der Farmarbeiter gestorben war, und sein Tod hatte es gleichg�ltig gelassen. Ebenso gleichg�ltig wie die Hunderte, Tausende, Millionen von tierischen und menschlichen Todesf�llen, deren Zeuge es �ber die Jahrtausende geworden war.</p><p>Kaum hatte er diese Gedanken verscheucht, stie� er unversehens auf die Spuren, die der Schubkarren auf dem Waldboden hinterlassen hatte. Er folgte ihnen bis zu der Stelle, wo er die Leiche gefunden hatte. Die Moose und Gr�ser, die von dem toten K�rper niedergedr�ckt worden waren, hatten sich wieder aufgerichtet. Somit war keine Spur mehr von dem Opfer auf dem Boden zu erkennen. Die genaue Position des Toten konnte Sherlock nur noch mittels der Stelle rekonstruieren, an der die Schubkarrenspuren endeten.</p><p>Er starrte auf den Boden, ohne genau zu wissen, wonach er eigentlich Ausschau hielt. Er versuchte sich vorzustellen, wie wohl die letzten Momente f�r den Mann gewesen waren. War er bereits im Fieberwahn auf die Lichtung gestolpert und in die Knie gegangen, ehe er der L�nge nach zusammengebrochen war? Oder hatte er�� ohne zu ahnen, dass er krank war�� einen Spaziergang unternommen, bevor er pl�tzlich ohnm�chtig wurde und sich dann auf Gesicht und H�nden Beulen bildeten, w�hrend er bewusstlos am Boden lag? Das musste sich doch irgendwie anhand seiner Fu�spuren herausfinden lassen. Wenn er schon halb bewusstlos herumgestolpert w�re, m�ssten die Spuren ziellos umherf�hren. W�re er allerdings normal vor sich hingegangen, m�ssten sie in einer geraden Linie verlaufen. M�glicherweise war es f�r den Doktor hilfreich zu wissen, wie schnell die Erkrankung ausgebrochen war. Und wenn nicht, k�nnte Sherlock vielleicht zumindest Amyus Crowe mit seiner Kombinationsgabe beeindrucken.</p><p>Sherlock hockte sich hin und untersuchte den Boden genau. Die Stiefel des Mannes hatten deutliche und unverwechselbare Abdr�cke im Boden hinterlassen. Der Absatz des einen Stiefels war st�rker abgelaufen als der andere. Sherlock konnte leicht die Abdr�cke des Mannes von seinen und denen von Amyus Crowe unterscheiden. Er verfolgte die Stiefelspuren wieder zu den B�umen zur�ck. Sherlock stellte fest, dass sie ein ziemlich merkw�rdiges Muster aufwiesen: Manchmal zeigten die Abdr�cke einen Moment lang in eine Richtung und dann urpl�tzlich wieder in eine andere, was aussah, als w�re der Mann st�ndig herumgewirbelt. Hatte er vielleicht getanzt? Nein, das war Bl�dsinn. War ihm schwindelig geworden? Das war schon wahrscheinlicher. Vielleicht hatte die Krankheit�� um welche auch immer es sich handelte�� seinen Gleichgewichtssinn beeintr�chtigt.</p><p>Sherlock folgte der wie wirres Gekrakel aussehenden Spur von der Lichtung weg bis zu der Stelle, wo sie sich pl�tzlich entzerrte. Von da an verlief sie in gerader Linie weiter, nur um hin und wieder einen Bogen um einen Baum oder einen umgest�rzten Baumstamm zu schlagen. Sherlocks Vermutung nach f�hrte sie von Holmes Manor fort. Es sah aus, als ob das, was immer den Mann auch befallen hatte, ganz pl�tzlich �ber ihn gekommen war.</p><p>In der einen Minute war er offensichtlich noch v�llig normal durch die Gegend gelaufen, um in der n�chsten schon wie ein Betrunkener im Kreis umherzutaumeln und kurz darauf zu st�rzen. Und dann zu sterben.</p><p>Sherlock blieb an der Stelle stehen, wo sich die Fu�abdr�cke ver�nderten. Verwirrt sah er sich um. Irgendetwas unmittelbar vor ihm auf dem Boden st�rte ihn. Er starrte einen Moment lang auf die B�ume, B�sche und schlie�lich auf das Gras, um herauszufinden, was ihn so irritierte. Dann erkannte er es. Das Gras vor ihm wies eine leicht andere Farbe auf als sonst im Wald. Es war gelber. Sherlock kniete sich nieder und ber�hrte den Boden. Etwas Farbiges und Staubiges blieb an seinen Fingern haften. Irgendetwas war dort verstreut worden. Etwas, das nicht dorthin geh�rte.</p><p>Sherlock rieb die Fingerspitzen aneinander. Sie waren schmierig. Worum es sich auch immer bei dem gelben Pulver handelte, es f�hlte sich nicht nach etwas an, das er schon einmal gesehen hatte. Einen Moment lang geriet er in Panik. Sein Herz raste bei dem Gedanken, dass vielleicht dieses gelbe Pulver die Krankheit ausgel�st haben k�nnte. Aber nach kurzem Nachdenken kam er zu der �berzeugung, dass Krankheiten wahrscheinlich nicht von ein paar Pulverflecken hervorgerufen wurden. Sie wurden �bertragen. Und zwar von Mensch zu Mensch. Eine andere M�glichkeit war jedoch, dass es sich um Gift handelte. Aber welches Gift w�rde bei einem Menschen solche Beulen an Gesicht und H�nden hervorrufen?</p><p>W�hrend er noch fieberhaft dar�ber nachdachte, zog Sherlock den Brief aus der Tasche, den er an diesem Morgen von Mycroft bekommen hatte. Er nahm den Brief aus dem Umschlag und steckte ihn wieder in die Tasche. Den Umschlag hielt er so an den Ecken, dass er sich wie ein kleiner Mund �ffnete, und fuhr damit so �ber das Gras, dass ein wenig von dem gelben Staub darin h�ngen blieb.</p><p>Er verschloss rasch den Umschlag und verstaute ihn wieder. Er hatte keine Ahnung, ob das Pulver von Bedeutung war. Aber vielleicht w�rde Amyus Crowe etwas damit anfangen k�nnen.</p><p>Nachdem er eine Weile weiter durch den Wald gestreift war, stie� er schlie�lich auf eine Stra�e. Ob es die war, die ihn zur�ck nach Holmes Manor f�hren w�rde, konnte er nicht sagen. In beide Richtungen f�hrte sie in einer Kurve von ihm fort, wodurch sich unm�glich sagen lie�, wo er sich befand. Er setzte sich an den Stra�enrand und wartete. Irgendwann, so seine �berlegung, w�rde schon ein Karren oder eine Kutsche vorbeikommen, und dann k�nnte er nach einer Mitfahrgelegenheit fragen.</p><p>Es war sp�ter Nachmittag. Sherlock �berlegte, wo er jetzt hingehen sollte. Zur�ck nach Holmes Manor oder lieber in die Stadt? Nach ein paar Sekunden kam er zu dem Schluss, dass eine R�ckkehr nach Holmes Manor einen Nachmittag in schrecklicher Langeweile bedeuten w�rde. Die Stadt klang da schon sehr viel interessanter.</p><p>Die ersten zehn oder zw�lf Kutschen, die vorbeikamen, fuhren alle in dieselbe Richtung und waren samt und sonders mit Schachteln, Kisten und Leinens�cken vollgestapelt. Die Gesichter der Kutscher und Passagiere wirkten �ngstlich. Sherlock war sich nicht sicher, aber er hatte das Gef�hl, dass sie von den beiden Todesf�llen geh�rt hatten und nun Farnham verlie�en, um von der vermeintlichen Pest so weit wegzukommen wie nur irgend m�glich. Er fragte sie auch gar nicht erst nach einer Mitfahrgelegenheit. Denn der Ausdruck auf ihren Gesichtern lie� vermuten, dass sie ihm nicht gerade wohlgesonnen sein w�rden. Es war schon eine halbe Stunde vergangen, als auf der harten staubigen Stra�e endlich das Rumpeln von Wagenr�dern zu h�ren war, die sich aus der entgegengesetzten Richtung zu n�hern schienen. Er stand auf und wartete, bis das Gef�hrt um die Kurve kam.</p><p>�Entschuldigen Sie bitte�, rief er dem grauhaarigen Kutscher zu. �In welche Richtung fahren Sie?�</p><p>Mit einem leichten Nicken wies der d�nngesichtige Kutscher nach vorne auf die Stra�e, ohne sich die M�he zu machen, Sherlock anzublicken. Aber wenigstens zog er an den Z�geln, damit die Pferde langsamer wurden.</p><p>�In welcher Richtung geht es nach Holmes Manor?�, rief Sherlock zum Kutschbock hoch.</p><p>Der Mann neigte seinen Kopf und wies mit einem leichten Nicken auf die hinter ihm liegende Stra�e.</p><p>�K�nnen Sie mich in die Stadt mitnehmen?�, fragte Sherlock.</p><p>Der Mann �berlegte einen Moment und nickte dann in Richtung der Ladefl�che. Sherlock wertete das als ein �Ja� und kletterte hinauf. In diesem Moment fuhr die Kutsche auch schon an, was dazu f�hrte, dass er fast wieder heruntergefallen w�re. Doch zum Gl�ck purzelte er nach vorne in einen Strohhaufen.</p><p>Der Fahrer gab w�hrend der gesamten Fahrt keine Silbe von sich, und auch Sherlock hatte nichts zu sagen. Stattdessen verbrachte er seine Zeit damit, abwechselnd �ber den toten Mann, den mysteri�sen Reiter und den sonderbaren, jedoch auch faszinierenden Amyus Crowe nachzudenken. Nachdem ihm Holmes Manor und die Umgebung zun�chst als Inkarnation t�dlicher Langeweile vorgekommen waren, hatten sich diese Orte nun so ziemlich als das Gegenteil erwiesen.</p><p>Seine Gedanken wanderten zu der Geschichte, die Matty erz�hlt hatte. Zu der Leiche, die aus dem Haus in Farnham getragen worden war, und der merkw�rdigen Wolke, die er durch das Fenster hatte schweben sehen.</p><p>Sherlock hatte die Geschichte seinerzeit einfach abgetan�� zumindest den Teil mit der Wolke. Aber jetzt dachte er anders dar�ber. Was war, wenn Amyus Crowe mit diesen Krankheiten, die durch winzige Lebewesen verursacht und von Mensch zu Mensch �bertragen wurden, nun recht hatte? War dann diese Wolke, die er und Matty gesehen hatten, nichts anderes als eine riesige Ansammlung dieser winzigen Krankheitserreger?</p><p>Das machte keinen Sinn. Noch nie hatte Sherlock etwas von einer Wolke geh�rt oder gelesen, die aus derart winzigen Lebewesen bestand. Und bestimmt waren Sherlock und Matty nicht die Einzigen, die ihr zuf�llig begegnet waren. Es musste noch etwas anderes im Gange sein.</p><p>Sherlock merkte erst, dass sie in Farnham angekommen waren, als die Kutsche rumpelnd zum Halten kam. Starr wie eine Statue sa� der Kutscher auf dem Kutschbock und wartete, bis Sherlock herunterkletterte. Ohne einen Blick zur�ckzuwerfen, setzte er dann gleich wieder die Kutsche in Bewegung, w�hrend Sherlock noch seine Taschen nach Kleingeld durchw�hlte, da er davon ausgegangen war, den Mann f�r seine Umst�nde bezahlen zu m�ssen.</p><p>Sherlock blickte sich um. Er wusste, wo er sich befand: Er stand auf der Hauptstra�e, die durch das Stadtzentrum von Farnham f�hrte. Weiter vor ihm erhob sich ein rotes, mit steinernen Zierb�gen versehenes Backsteingeb�ude, das laut Matty als Getreidespeicher diente. Er blickte sich um. Die Marktstadt ging ihrem �blichen emsigen Treiben nach. Menschen �berquerten eilig die Stra�e und bewegten sich zielstrebig auf den Gehwegen fort, w�hrend andere vor Schaufenstern oder einer Backstube stehengeblieben waren. Manche hielten ein kleines Schw�tzchen miteinander, andere hingegen gingen einfach ihrer Arbeit nach. Einen st�rkeren Gegensatz zur dunklen Einsamkeit des Waldes konnte man sich kaum vorstellen.</p><p>Er mochte es sich nur einbilden, aber ihm fiel auf, dass sich ungew�hnlich viele kleine Gruppen an Stra�enecken und vor den L�den gebildet hatten. Die Leute schienen die K�pfe zusammenzustecken, als w�rden sie leise miteinander reden, und jeder, der vorbeiging, wurde misstrauisch be�ugt. Sprachen sie dar�ber, dass m�glicherweise die Pest in der Stadt ausgebrochen war? Suchten sie in jedem Gesicht, das ihnen begegnete, nach ersten Anzeichen von Beulen oder Fieberr�tungen?</p><p>Sherlock ging im Kopf schnell die Liste jener Orte durch, an denen Matty eventuell zu finden sein w�rde. Zu dieser Tageszeit hatten die Marktst�nde noch eine oder zwei Stunden ge�ffnet. Von daher war die Chance gering, dass Matty hier herumstrich und darauf spekulierte, weggeworfenes Obst oder Gem�se zu ergattern. Au�erdem wusste Sherlock definitiv, dass vor heute Abend auch keine weiteren Z�ge mehr zu erwarten waren. Er hatte n�mlich den Zugfahrplan f�r den Fall auswendig gelernt, dass er es auf Holmes Manor nicht mehr aushalten w�rde. Aber vielleicht, so Sherlocks Vermutung, trieb sich Matty vor einer der zahlreichen Kneipen herum, in der Hoffnung, dass einer der betrunkenen G�ste zuf�llig mal den einen oder anderen Penny fallen lie�.</p><p>Am Ende jedoch wurde Sherlock klar, dass er nicht genug Anhaltspunkte besa�, um herauszufinden, wo Matty stecken k�nnte. Es war ganz so, wie Mycroft manchmal sagte: �Theoretisieren ohne Anhaltspunkte ist ein verh�ngnisvoller Fehler, Sherlock.� Also streifte er einfach in den Stra�en umher, bis er schlie�lich an die Stelle kam, die Matty ihm gezeigt hatte. Er stand vor dem Haus, in dem der Mann gestorben war. Aus dessen Fenster die Wolke des Todes gekrochen war, um gleich darauf, �ber Mauer und Dach emporgleitend, wieder zu verschwinden.</p><p>Das Geb�ude schien verlassen zu sein. Fenster und T�ren waren verschlossen und an die Eingangst�r hatte jemand ein Schild genagelt. Sherlocks Vermutung nach handelte es sich um eine Warnung, dass dort drinnen jemand an einem unbekannten Fieber gestorben war. Er sp�rte widerstreitende Gef�hle in sich aufsteigen. Ein Teil von ihm wollte hineingehen und sich dort umsehen. Aber ein anderer, ein von primitiven Urinstinkten gepr�gter Teil, empfand nackte Angst und trotz des brandygetr�nkten Taschentuchs, das immer noch zusammengekn�llt in seiner Tasche steckte, wollte er sich nicht der Gefahr einer Infektion aussetzen.</p><p>Pl�tzlich �ffnete sich die Haust�r einen Spalt weit, und Sherlock zog sich in den Schatten eines gegen�berliegenden Hauseingangs zur�ck. Wer mochte sich da drinnen wohl herumtreiben? Nahm jemand das Risiko auf sich, dort sauberzumachen? Oder war dort jemand�� ungeachtet der Gefahr�� eingezogen beziehungsweise wieder zur�ckgekehrt? Einen Augenblick lang ging die T�r nicht weiter auf, und Sherlock ahnte mehr, als er es wirklich sah, dass jemand in der Dunkelheit dahinter stand und die Stra�e beobachtete. Ohne zu wissen, warum er das eigentlich tat, dr�ckte sich Sherlock mit klopfendem Herzen noch tiefer in den Schatten.</p><p>Schlie�lich �ffnete sich die T�r gerade so weit, dass ein Mann durch die L�cke hindurchschl�pfen konnte. Er war in verschiedene Graut�ne gekleidet und blickte die Stra�e rauf und runter, bevor er aus dem Hauseingang glitt. In der einen Hand hielt er einen Sack gepackt. Und diese Hand war mit feinem gelbem Puder �berzogen.</p><p>Das Pulver und das Verhalten des Unbekannten, der offenbar nicht beim Verlassen des Hauses gesehen werden wollte, hatten Sherlocks Neugier geweckt.</p><p>Sherlock beobachtete, wie der Mann dem Weg bis zu einer Stelle folgte, wo dieser auf eine gr��ere Stra�e stie�. Dort bog er nach links ab. Sherlock wartete einige Augenblicke, ehe er ihm folgte. Er hatte keine Ahnung, was da vor sich ging, aber er war entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen.</p><p>Etwas an dem Mann kam ihm merkw�rdig bekannt vor. Irgendwo hatte Sherlock ihn schon einmal gesehen. Er hatte ein schmales, wieselartiges Gesicht und auff�llige Z�hne, die sich vom vielen Tabak gelb verf�rbt hatten. Und dann fiel es Sherlock wieder ein: Er hatte das Wieselgesicht am Bahnhof gesehen, als er zusammen mit Matty dort gewesen war. Der Mann hatte Eiskisten auf einen Karren geladen.</p><p>Sherlock folgte dem Mann quer durch die Stadt von einem Ende Farnhams zum anderen. Sherlock hielt sich den ganzen Weg �ber hinter ihm. Er duckte sich in Hauseing�nge oder verbarg sich hinter anderen Passanten, wenn er das Gef�hl hatte, dass sich der Mann gleich umdrehen w�rde. Schlie�lich bog er in eine Seitenstra�e ein, die Sherlock wiedererkannte. Es war diejenige, in der er bereits fr�her am Tag mit Matty gewesen war. Dort, wo sie fast die Kutsche �berfahren h�tte, in der der seltsame Mann mit den rosafarbenen Augen gesessen hatte.</p><p>Der Mann schlich an einer hohen Backsteinmauer entlang, bis er das h�lzerne Tor erreichte, aus der die Kutsche gekommen war. Er klopfte an das Tor und benutzte dabei einen ganz bestimmten, aber komplizierten Rhythmus, den Sherlock sich trotz aller M�he nicht merken konnte. Die Torfl�gel �ffneten sich mit lautem Knarren und der Mann schl�pfte hinein. Ehe Sherlock eine Chance hatte, einen Blick hineinzuwerfen, schloss sich das Tor auch schon wieder.</p><p>Frustriert blickte er sich um.</p><p>Zu gerne h�tte er einen Blick �ber die Mauer geworfen, um zu sehen, was sich dort drinnen befand. Aber wie es aussah, gab es dazu keine M�glichkeit. Irgendwie hatte alles miteinander zu tun: die beiden Todesf�lle, die sich bewegenden, geheimnisvollen Wolken, das gelbe Puder�� Aber er konnte nicht erkennen, wie die einzelnen Glieder der Kette zusammenhingen. Die Antworten darauf lagen vielleicht nur ein paar Meter entfernt hinter dieser Mauer, aber wie die Dinge im Moment lagen, h�tten sie auch genauso gut in China auf ihn warten k�nnen.</p><p>Die Sonne stand tief und rot am Himmel. Nicht mehr lange, dann m�sste Sherlock wieder zur�ck in Holmes Manor sein, um sich rechtzeitig f�r das Abendessen fertig zu machen. Er hatte nicht viel Zeit. Verzweifelt blickte er sich um. Hinter ihm, dort, wo die Mauer einen Knick um die Ecke machte, hatten sich gro�e Teile des Putzes gel�st. Wahrscheinlich waren dort im Laufe der Jahre immer wieder Kutschen und Karren im Vorbeifahren gegen die Mauer gesto�en und Wind und Wetter hatten dann ihr �briges getan. Die Rillen zwischen den groben Ziegelsteinen, die der abgeplatzte Putz entbl��t hatte, k�nnten seinem Fu� genug Halt bieten, um sich auf die Mauerkrone hinaufzuschwingen.</p><p>Einen Versuch war es zumindest wert.</p><p>Sherlock beschloss, nicht weiter nachzudenken und die Sache in Angriff zu nehmen. Er pirschte sich zur Mauerecke und blickte sich um. Niemand beobachtete ihn. Er langte so weit nach oben, wie er konnte, und krallte seine Finger in einen Spalt zwischen zwei Ziegelsteinen. Dann tastete er mit seinem rechten Fu� �ber die Mauer, bis auch dieser Halt fand. Sherlock war nun bereit und zog sich nach oben. Vor pl�tzlicher Anspannung fingen seine Beinmuskeln heftig an zu brennen, aber er w�rde jetzt nicht aufgeben. Er schwang seine linke Hand, so weit er konnte, nach oben und sp�rte, wie sich seine Finger um den Rand der Mauerkrone krallten. W�hrend er sich so fest wie m�glich ans Mauerwerk klammerte, zog er zun�chst den linken Fu� hoch, um dann die Fu�spitze langsam wieder die Mauer hinabgleiten zu lassen, bis sie irgendwo Halt fand. Er verlagerte sein Gewicht von dem rechten auf den linken Fu� und betete, dass das Mauerwerk nicht wegbr�ckelte.</p><p>Aber es hielt. Er stemmte sich mit dem linken Fu� in die H�he und hievte sich gleichzeitig mit der linken Hand nach oben. Sein K�rper schrammte an der Mauer empor, und ehe er wusste, wie ihm geschah, fand er sich lang ausgestreckt auf der Mauerkrone wieder. Noch taumelnd vom Schwung und kurz davor, gleich wieder �ber die Kante in den Innenhof zu st�rzen, der sich unter ihm erstreckte.</p></section><section><title><p><strong>5</strong></p></title><p>Im Liegen konnte Sherlock von der Mauerkrone aus den gesamten Innenhof �berblicken. Es war niemand zu sehen. Ein fensterloses Geb�ude�� eigentlich eher als Scheune oder Schuppen zu bezeichnen�� nahm einen Gro�teil des Hofes ein, w�hrend die freie Fl�che drum herum Dreck und Unkraut �berlassen worden war. Diverse Wagenspuren f�hrten vom riesigen Holztor an der Geb�udevorderseite zu dem Tor in der Mauer. Bei einigen handelte es sich um kaum mehr als Kratzspuren, w�hrend andere sich tief in den Untergrund gedr�ckt hatten und immer noch mit Wasser vom j�ngsten Regen gef�llt waren. Sherlock kam zu dem Schluss, dass die dezenten Wagenspuren von leicht beladenen Kutschen oder Karren stammten, die auf dem Weg zur Scheune gewesen waren. Auf dem R�ckweg jedoch waren sie schwer beladen gewesen, so dass sie tiefer in den weichen Boden eingesunken waren. Aber was wurde dort drinnen im Schuppen gelagert oder hergestellt? Und hatte es irgendetwas mit dem gelben Pulver und dem Todesfall zu tun, den Matty mitbekommen hatte?</p><p>Sherlock schwang ein Bein �ber die Mauer und wollte sich auf den Boden hinabgleiten lassen. Aber ein pl�tzlich einsetzendes Pfotengetrappel lie� ihn zur�ckzucken. Etwas Dunkles und Schnelles hatte sich aus dem Schatten neben der Scheune gel�st und kam nun auf wirbelnden kurzen Beinen auf ihn zugeschossen. Sherlock konnte einen gro�en muskul�sen Kopf mit kleinen Ohren erkennen, die das Tier eng an den Sch�del gelegt hatte, und einen kleinen, mit borstigem Fell bedeckten K�rper. Der Hund bellte ihn nicht an, sondern knurrte stattdessen: ein tiefer Kratzton, �hnlich einer S�ge, die sich durch hartes Holz fra�.</p><p>Speichel tropfte von seinen entbl��ten Z�hnen. Der Hund kam schlitternd zum Stehen�� genau unterhalb der Stelle, wo Sherlock auf der Mauer lag. Unverwandt starrte er Sherlock an. Den Schwanz senkrecht in die H�he gestreckt und unruhig auf den kleinen st�mmigen Beinchen t�nzelnd.</p><p>Sherlock musste unbedingt in diese Scheune kommen. Er hatte es hier mit einem ungel�sten Puzzle zu tun und nichts hasste er so sehr wie ungel�ste Puzzles. Aber der Hund sah ziemlich hungrig aus und schien auf Angriff abgerichtet zu sein.</p><p>Er blickte zur�ck auf die Mauerseite, an der er hochgeklettert war. Gab es einen anderen Weg hinein? Unwahrscheinlich. Und au�erdem w�rde ihm der Hund jetzt, da er seine Witterung aufgenommen hatte, einfach �berall hin folgen. Ob er sich vielleicht mit ihm anfreunden konnte? Nicht sehr wahrscheinlich. Jedenfalls nicht, ohne von der Mauer herunterzukommen, und die Folgen eines Scheiterns waren zu schrecklich, um sie sich auszumalen. Er k�nnte sich nach einem losen Ziegel oder einem gro�en Stein umschauen und ihn auf das Tier hinabfallen lassen. Aber das kam ihm unangemessen brutal vor. Ob er ihn vielleicht irgendwie bet�uben konnte? Vermutlich k�nnte er zur�ck auf den Markt laufen und von dem wenigen Geld, das er hatte, ein St�ck Fleisch kaufen. Aber was dann?</p><p>In der Hoffnung, etwas zu finden, das ihm eventuell weiterhelfen k�nnte, suchte er den Boden auf beiden Seiten der Mauer ab. In der N�he des Tores sah er etwas am Fu� der Mauer liegen. Etwas, das aussah wie eine liegengelassene alte Pelzm�tze. Es war der tote Dachs, den er bereits am Tag zuvor gesehen hatte. Schnell lie� er sich von der Mauer fallen und rannte ein paar Schritte bis zu der Stelle, an der der zusammengekr�mmte K�rper des Dachses lag. Er hob ihn auf. Das Fell war trocken und staubig, und der K�rper so leicht, als h�tten die Lebensgeister, die ihn bei seinem Tod verlassen hatten, tats�chlich etwas gewogen.</p><p>Ein ekelhafter, ranziger Geruch drang ihm in die Nase. Eine Entschuldigung murmelnd, beugte er sich leicht nach hinten, streckte seinen Arm aus und schleuderte den Dachs �ber die Mauer hin�ber. Mit abgespreizten Gliedern segelte der um die eigene Achse rotierende K�rper durch die Luft und verschwand dann auf der anderen Seite. Sherlock h�rte einen dumpfen Aufprall, als er auf dem Boden aufschlug. Sekunden sp�ter vernahm er das Ger�usch, auf das er gehofft hatte: rasch �ber die trockene Erde trippelnde Pfoten, gefolgt von w�tendem Geknurre, als der Hund seine Z�hne in den toten K�rper schlug.</p><p>Sherlock kletterte rasch wieder auf die Mauer hinauf und blickte in den Innenhof hinab. Der Hund presste den Dachs mit den Vorderpfoten auf den Boden, sch�ttelte den leblosen K�rper mit seinen starken Kiefern hin und her und riss dabei ganze St�cke aus dem Kadaver heraus. Als Sherlock sich auf den Boden hinabfallen lie�, brach der Hund abrupt ab. Argw�hnisch �ugte er zu Sherlock hin�ber, doch dann zerrte er weiter an der toten Kreatur herum. Entweder war er zum Schluss gekommen, dass Sherlock sein Freund war, weil er ihm so ein tolles Spielzeug geschenkt hatte, oder er hob ihn sich einfach f�r sp�ter auf. Sherlock hoffte inbr�nstig, dass Ersteres zutraf.</p><p>Bevor der Hund den Dachs in so kleine Teilchen zerfetzt hatte, dass sie f�r ihn nicht mehr von Interesse waren, sprintete Sherlock rasch �ber den Hof zur Scheune. In eine der Seitenw�nde war eine T�r eingelassen. Er �ffnete sie einen Spalt weit und lugte vorsichtig hinein. Nichts au�er Dunkelheit und Stille. Er dr�ckte die T�r weiter auf, schl�pfte hinein und schloss die T�r wieder hinter sich.</p><p>Er brauchte einen Moment, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gew�hnt hatten. Aber dann merkte er, dass die Scheune von Oberlichtern erhellt wurde. Das Sonnenlicht, das durch die schmutzigen Glasfenster drang, erzeugte in der staubigen Luft diagonale Lichts�ulen, was wie ein imagin�res St�tzger�st f�r das Dach aussah.</p><p>Es roch nach alter trockener Erde und Schwei�. Eine Geruchsmischung, die jedoch etwas anderes �berdeckte. Etwas, das irgendwie schwer und s��lich roch. An verschiedenen Stellen standen aufeinander gestapelte Boxen und Kisten herum, und weiter hinten auf der anderen Seite der Scheune luden gerade mehrere M�nner ein paar Kisten auf einen Wagen. Der Mann, dem Sherlock durch Farnham bis hierher gefolgt war, befand sich auch darunter. Der Leinensack, den er getragen hatte, war einfach achtlos auf den Boden geworfen worden. An die Deichsel des Wagens hatte man bereits ein Pferd gespannt. Ruhig und geduldig fra� es Heu aus einem Nasensack, den man ihm um den Kopf gebunden hatte. Ein zweiter Wagen stand unbenutzt an einer der Seitenw�nde herum. Seine beiden leeren Deichseln ruhten auf dem Boden.</p><p>In der N�he lagen etliche leere Holzkisten in einem wirren Haufen �bereinander, und Sherlock schlich sich leise hin�ber, um sich dahinter zu verstecken. Aufmerksam beobachtete er, wie die M�nner die�� wie es aussah�� letzte Fuhre beluden. Sie fluchten und stie�en gegeneinander, als sie die Kisten aufnahmen und sie eine nach der anderen auf den Wagen hievten. Dem Dreck auf ihrer Kleidung und ihren verschwitzten Gesichtern nach zu urteilen, waren sie schon eine ganze Weile so besch�ftigt.</p><p>Der Mann, den Sherlock verfolgt hatte, half die letzte Kiste auf den Wagen zu heben. Dann rieb er sich die H�nde einander und wischte sie anschlie�end theatralisch an seiner Weste ab, so als h�tte er den ganzen Tag �ber im Schuppen mitgeschuftet. Das geheimnisvolle Puder, das er an den H�nden gehabt hatte, hinterlie� dabei gelbe Flecken auf dem groben Kleidungsstoff.</p><p>Einem der anderen M�nner�� einem riesigen kahlk�pfigen Schl�gertypen�� schien das Getue auf die Nerven zu gehen. An einem Riemen hing von seinem G�rtel eine brennende �llaterne herab. Ihr Licht lie� auf seinen Armen eindrucksvolle Tattoos aufleuchten, die sich wie zwei �rmel bis zu den Handgelenken hinunterzogen. H�hnisch musterte er seinen Kumpan.</p><p>�Na, genie�te deinen kleinen Ausflug?�</p><p>�Hey, ich hab auch was getan�, erwiderte der erste Mann.</p><p>�Also, was war nun los in Wints Bude?�</p><p>Der Neuank�mmling sch�ttelte den Kopf. �Der Baron hatte recht. Wint hat hier heimlich Zeugs geklemmt und versucht, das zu verscherbeln. Neben dem Bett hab ich einen riesen Haufen Jacken und Hosen gefunden.�</p><p>�Hat dich jemand gesehen?�</p><p>�Niemand. War unsichtbar wie ein Geist.�</p><p>�Haste alles erwischt?�</p><p>Der Mann wies nickend auf den Leinensack. �Hab alles zusammengerafft und da reingestopft.�</p><p>�In Ordnung. Schmei� das Zeugs auch noch auf den Wagen.�</p><p>Als der Neuank�mmling sich in Bewegung setzte, um den Sack aufzuheben, rief ihm sein bulliger Komplize hinterher: �Haste Wints Bude abgefackelt?�</p><p>Der Neuank�mmling sch�ttelte den Kopf.</p><p>Der bullige Mann zuckte die Achseln. �Das kannst du dann dem Baron selbst erkl�ren, wenn du ihn triffst.�</p><p>�Hey, Clem. Die andere Karre da brauchen wir nicht mehr, oder?�, rief pl�tzlich einer der M�nner und wies mit dem Kopf auf den anderen Wagen.</p><p>Der T�towierte wandte sich halb zu den Arbeitern um. �Lass ihn stehn�, sagte er. �Wahrscheinlich brauchen wir den nicht mehr. Aber mit �Wahrscheinlich� hat es der Baron nicht so. Is n�mlich �n vorsichtiger Mann, der Baron.� Er wandte sich wieder dem Neuank�mmling zu und zeigte auf die gelben Puderflecken auf dessen Weste.</p><p>�Du hast da noch was von ihrem Zeugs an dir. Wints Bude ist bestimmt auch damit beschmiert. Der Baron wird wollen, dass du sie abfackelst. Genauso wie diese H�tte hier. Sieh zu, dass du alle Beweise vernichtest.�</p><p>Der Neuank�mmling blickte an seiner Weste hinab. �Was ist das f�r ein Zeugs?�, fragte er.</p><p>Sein Kumpan gab ein Lachen von sich, das wie eine Mischung aus Schnauben und Husten klang. �Besser man wei� nicht alles�, erwiderte er.</p><p>Der Neuank�mmling betrachtete zun�chst seine H�nde. Dann sah er wieder den Mann an. Sein Gesicht war auf einmal verkrampft und kreidebleich. �Hey, Clem, hei�t das, dass das mit Wint auch mir passiert?�</p><p>Clem sch�ttelte den Kopf. �Nicht wenn de es ordentlich abw�schst, wie der Baron gesagt hat.� Er blickte zu den anderen M�nnern hin�ber, die nun, nachdem alle Kisten auf dem Wagen verstaut waren, unt�tig herumstanden und sich miteinander unterhielten. �In Ordnung, Leute. Zeit abzuhauen. Martin und Joe, ihr fahrt den Wagen. Ihr wisst, wo ihr hinm�sst. Stouffer und Flynn, ihr macht euch zum Baron auf.� Er drehte sich zu dem Neuank�mmling um. �Denny, wir beide k�mmern uns um die Bude hier. Brenn sie ab. Sie ist viel zu gro�, um hundertprozentig auszuschlie�en, dass wir vielleicht nicht doch die ein oder andere Spur hinterlassen haben.�</p><p>Der Neuank�mmling�� Denny�� sah sich in der Scheune um. �Muss das sein?�, fragte er mit Bedauern in der Stimme. �Denk doch mal dran, was sich aus dem Schuppen hier machen lie�e, sobald der Baron ihn nicht mehr braucht. K�nnten zum Beispiel Gesch�fte hier abziehen oder vielleicht die gr��te Kneipe im ganzen Umkreis aufmachen. Wir k�nnten M�dels zum Singen und Tanzen herholen und so was. Ist irgendwie �ne Schande, das Ding einfach so abzufackeln.�</p><p>Clems Gesicht nahm einen bedrohlichen Ausdruck an. Finster starrte er seinen Kumpan an. �Wenn du zum Baron gehen und ihm das verklickern willst, nur zu. Was mich anbelangt, werde ich einfach meine Anweisungen befolgen.�</p><p>Denny schien unter dem drohenden Blick des anderen f�rmlich zu schrumpfen. �Hab ja nur gefragt�, antwortete er kleinlaut.</p><p>Einer von den M�nnern, die am Wagen herumstanden, hob seinen Arm, um Clem auf sich aufmerksam zu machen. �Wann werden wir bezahlt?�, wollte er wissen.</p><p>�Wenn die Klamotten abgeliefert worden sind�, knurrte Clem. �Wir treffen uns morgen in Mollys Kneipe. Ich krieg das Geld vom Baron und verteil�s dann.�</p><p>�Und woher wissen wir, dass du da sein wirst?�, fragte ein anderer Mann, der halbherzig die Hand gehoben hatte.</p><p>Clem starrte den Fragenden an, bis er den Blick abwandte. �Weil der Baron unser Schweigen kauft�, antwortete er dann. �Eures und meins, vergesst das nicht. Wenn ihr nicht bezahlt werdet und dann jemandem erz�hlt, was wir gemacht haben, wird sich der Baron meine Wenigkeit vorkn�pfen. Und das ist etwas, was ich absolut nicht will. Jeder wird bezahlt. Fair und anst�ndig, kapiert?�</p><p>Der Mann nickte zufriedengestellt. �In Ordnung.�</p><p>Sherlock dr�ngte sich noch dichter an den Kistenstapel, als die M�nner sich zerstreuten. Zwei stiegen auf den Wagen und zwei andere �ffneten die beiden massiven Torfl�gel, damit der Wagen hinausfahren konnte. Clem hingegen blieb zur�ck, um die Leute zu beaufsichtigen, w�hrend Denny verloren in der Gegend herumstand. Der Mann, der den Wagen lenkte, schnalzte mit der Zunge und gab dem Pferd mit einer langen Gerte einen Klaps auf den R�cken. Immer noch Heu aus dem Nasenbeutel vor sich hinfutternd, setzte sich das Tier langsam in Bewegung.</p><p>Clem ging auf die gro�en Torfl�gel zu und st�rte sich nicht daran, dass die �llaterne, die an seinem G�rtel hing, permanent gegen seinen Oberschenkel stie�. Ohne sich umzusehen, wies er mit dem Daumen nach hinten zu der Stelle, wo Sherlock sich versteckt hielt. �Schlie� die Seitent�r ab�, knurrte er. �Dann komm nach vorn zum Tor.�</p><p>Sherlock blieb vor Entsetzen das Herz stehen, als Denny auf sein Versteck zusteuerte. Wenn er um den Kistenstapel herumkam, w�rde er Sherlock zwangsl�ufig entdecken. Und wenn das geschah, war es um seine �berlebenschancen schlecht bestellt. Sherlock nahm eine andere K�rperstellung ein und spannte die Muskeln an, bereit loszurennen. K�nnte er es zur Seitent�r schaffen, bevor Denny ihn erwischen w�rde? Sherlock war sich da nicht so sicher, aber noch weniger sicher war er, ob er �berhaupt eine Alternative hatte.</p><p>Denny war nun fast auf gleicher H�he mit dem Kistenstapel, und Sherlock kam in den Genuss des sauren Schwei�geruchs, den seine Kleidung verstr�mte. Sherlock warf rasch einen Blick auf Clem, um zu sehen, ob der korpulente Riese noch nahe genug war, um Denny eventuell dabei helfen zu k�nnen, ihn zu schnappen. Clem hatte jetzt fast das Eingangstor erreicht. Sherlock glitt schnell um den Stapel herum. Als Denny an den Kisten vorbeiging, r�ckte Sherlock noch einmal ein St�ck weiter herum. Wenn Clem sich noch einmal umdrehte, bevor er aus dem Tor hinausging, w�rde er Sherlock sehen. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber er tat es nicht. Mit stockendem Atem beobachtete Sherlock, wie Clem drau�en in der hellen Nachmittagssonne verschwand. Einen Augenblick sp�ter schwang der erste Torfl�gel langsam nach innen. Seine raue Holzunterkante schleifte durch den Dreck und die rostigen Angeln gaben ein nervenzerrei�endes Quietschen von sich.</p><p>Sherlock blickte �ber den Kistenstapel hinweg. Denny hatte sich gerade davon �berzeugt, dass die T�r, durch die Sherlock gekommen war, richtig geschlossen war. Nun machte er sich daran, die Riegel vorzuschieben. Niemand w�rde dann mehr von au�en reinkommen k�nnen. Aber sobald Denny weg war, w�rde es kein Problem sein, die Riegel wieder rauszuziehen, die T�r zu �ffnen und zu verschwinden.</p><p>Doch es sollte anders kommen. Denn Denny hob ein Vorh�ngeschloss vom Boden auf. Dann f�hrte er den B�gel des Schlosses zun�chst durch eine �se am obersten T�rriegel und anschlie�end durch einen Eisenring, der am T�rrahmen angebracht war. Mit einem unmissverst�ndlichen <emphasis>Klick</emphasis> rastete der B�gel im Schloss ein. Denny zog den Schl�ssel aus dem Schloss und lie� ihn in seine Tasche gleiten. Daraufhin drehte er sich pfeifend um und ging durch die Scheune zum Tor zur�ck, w�hrend Sherlock wieder vorsichtig um den Stapel herumschlich, um nicht entdeckt zu werden.</p><p>Sherlock sp�rte, wie ihm das Herz bis zum Hals klopfte und seine Handfl�chen ganz feucht wurden. Er warf einen kurzen Blick �ber die Schulter zur�ck und musterte das Schloss. Es sah ziemlich stabil aus. Auf diesem Weg w�rde er nicht mehr herauskommen. Zumindest nicht schnell und ohne eine Menge Krach zu machen. Er w�rde eben einfach warten m�ssen, bis Denny und Clem verschwunden waren, vorsichtshalber noch f�nf Minuten verstreichen lassen und dann auf demselben Weg hinausgehen, den die beiden Schurken genommen hatten.</p><p>Denny erreichte das Tor gerade in dem Moment, als der zweite Fl�gel nach innen schwang. Der Lichtstreifen, der drau�en vom Hof hereinschien, wurde schmaler und schmaler, schrumpfte zu einem Balken, zu einer Linie und dann�� Schw�rze und ein dumpfer Rums, als sich die Torfl�gel endg�ltig schlossen.</p><p>Sherlock rutschte das Herz in die Hose und seine Stimmung wurde noch tr�ber als das Licht, als er einen unmissverst�ndlichen Laut vernahm. Drau�en wurde ein Sperrbalken in die daf�r vorgesehene Halterung geschoben. Es gab keinen Weg mehr hinaus!</p><p>Einige Augenblicke konnte er h�ren, wie sich die beiden M�nner drau�en unterhielten, ohne dass er mitbekam, was genau sie sprachen. Er richtete sich auf, um zum verschlossenen Tor hin�berzugehen. Vielleicht konnte er ja ein paar Worte aufschnappen. Aber ein pl�tzliches Ger�usch lie� ihn erstarren.</p><p>Clem hatte seine �llaterne gegen das Tor geschmettert.</p><p>Glas zerbrach und Fl�ssigkeit spritzte �ber das Holz. Stille. Dann ein Unheil verk�ndendes Knistern, als die Dochtflamme auf das �lgetr�nkte Holz �bergriff.</p><p>Clem und Denny hatten die Scheune tats�chlich angesteckt.</p><p>Panik drohte Sherlock zu �berw�ltigen. Er wollte wegrennen, aber er wusste nicht wohin, was dazu f�hrte, dass er sich am Ende einfach nur mit zuckenden Gliedern auf der Stelle vor und zur�ck bewegte. Ein bitterer metallener Geschmack machte sich in seinem Mund breit, und sein Herz h�mmerte so heftig, dass er seinen Pulsschlag in den Schl�fen und dem Hals sp�rte. Einen Moment lang war er au�erstande, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn einen Fluchtplan zu schmieden. Doch nach und nach gelang es ihm, die Panik zu unterdr�cken, indem er sich gebetsm�hlenartig vorhielt, dass es einfach irgendeinen Weg hinaus geben musste. Er musste nur herausfinden, welcher das war. Er sp�rte, wie sich sein Herzschlag allm�hlich normalisierte und das Zucken in Armen und Beinen nachlie�.</p><p>Rauch begann sich in der Scheune auszubreiten und erste Fl�mmchen wanden sich wie neugierige Finger zwischen den Bretterspalten hervor. Denk nach!, ermahnte er sich. Denk sch�rfer nach als jemals zuvor.</p><p>Aufmerksam blickte er sich in der Scheune um. Die meisten Kisten waren von Clem und seinen M�nnern abtransportiert worden, ohne dass er herausbekommen hatte, was in ihnen war. Die Kisten, hinter denen er sich versteckt hatte, standen immer noch dr�ben an der verschlossenen Seitent�r. Aber so leicht, wie sie sich hatten bewegen lassen, als er gegen sie gekommen war, waren sie vermutlich leer.</p><p>Er st�rmte auf eine Seitenwand zu und warf sich mit der Schulter gegen die Bretter. Das Holz erzitterte unter dem Aufprall, aber nicht ein Brett zersplitterte oder verbog sich. Er versuchte es noch einmal. Wieder nichts. Wollte er die Wand einrei�en, w�rde er mit der Schulter nicht weit kommen, sondern eine Axt oder einen Hammer oder so etwas brauchen.</p><p>Verzweifelt blickte er sich in der Scheune nach irgendeinem Werkzeug um, mit dem er eventuell die Wand zertr�mmern oder die Bretter auseinanderbiegen konnte. Da fiel sein Blick pl�tzlich auf den unbenutzten Wagen, den man achtlos zur�ckgelassen hatte. Er sah intakt aus, und der Mann namens Clem hatte zu verstehen gegeben, dass man ihn benutzt h�tte, w�ren noch mehr Kisten zu transportieren gewesen. Konnte er vielleicht mit Hilfe des Wagens irgendwie entkommen? Und w�rde er sich �berhaupt von der Stelle bewegen lassen?</p><p>Es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Sherlock flitzte zum Wagen hin�ber und packte eine der beiden Deichseln, zwischen denen man sonst das Zugpferd anspannte. Obwohl die Deichselstange einiges wog, konnte Sherlock sie ohne allzu gro�e M�he anheben.</p><p>Versuchsweise zog er daran, doch der Wagen r�hrte sich nicht. Er zog noch einmal. Diesmal fester. Der Wagen bewegte sich leicht, aber die andere Deichsel lag immer noch auf dem Scheunenboden, und Sherlocks Versuche dr�ckten sie nur noch tiefer in den Dreck, so dass sich der Wagen nicht weiter von der Stelle bewegte.</p><p>Logik. Hier war Logik gefragt! Wenn er schon nicht in der Lage war, den Wagen zu ziehen, w�rde er ihn vielleicht schieben k�nnen. Sherlock lie� die Deichsel fallen und warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Frontseite, wo normalerweise der Kutscher sa�. Er bewegte sich! Der Wagen rollte ein paar Zentimeter nach hinten.</p><p>Welche Schutzg�ttin auch immer �ber ihn wachen mochte, Sherlock dankte ihr jedenfalls, dass sie ihm gegen den mysteri�sen Baron beiseite stand. Dem Baron, der seine Arbeiter mit seiner Manie, nichts dem Zufall zu �berlassen, so beeindruckt hatte, dass sie nicht nur einen Ersatzwagen besorgt, sondern dar�ber hinaus auch dessen Achsen sorgf�ltig geschmiert hatten. Sherlock machte ein paar Schritte zur�ck und st�rmte dann wieder auf den Wagen zu. Heftig krachte er mit der Schulter gegen das Gef�hrt. Es war dieselbe Seite, mit der er sich gegen die Scheunenwand geworfen hatte, und er sp�rte, wie ihm ein stechender Schmerz in Arm und Nacken schoss. Aber der Wagen rollte ein paar Meter weiter, ehe er wieder stehenblieb.</p><p>Rauch wehte ihm ins Gesicht und brachte seine Augen zum Tr�nen. Er drehte sich um und sah, dass nun schon Flammen am Eingangstor emporz�ngelten. Logischerweise w�rde das Feuer die Widerstandsf�higkeit des Tores schw�chen und es somit zur idealen Stelle machen, um dort mit dem Wagen durchzubrechen. Das hie�, wenn er ihn denn weit und schnell genug bewegen konnte. Au�erdem m�sste er ihn erst wenden, um auf das Tor zuzusteuern, und zu allem �berfluss machten ihm auch die Flammen ziemlich Angst. Seine einzige realistische Chance, schnell rauszukommen ohne gegrillt zu werden, bestand darin, den Wagen durch die hintere Scheunenwand krachen zu lassen.</p><p>Den scharfen Schmerz ignorierend, der ihm erneut durch die Schulter fuhr, stemmte sich Sherlock mit beiden H�nden gegen den Wagen. Er ging in die Knie und dr�ckte beide F��e fest in den weichen Boden. Sein K�rper befand sich nun fast in der Waagerechten, und er quetschte jedes bisschen Energie aus seinem K�rper, das er hatte�� mehr als er es jemals beim Rugbyspielen auf dem Schulsportplatz oder bei den Boxk�mpfen in der Turnhalle getan hatte. Eine Ewigkeit lang schien es so, als w�rde sein K�rper zwischen zwei unbeweglichen Objekten in der Schwebe h�ngen, aber dann begann sich der Wagen zu bewegen. Eines der R�der stie� gegen einen Gegenstand�� vielleicht einen Stein oder einen Dreckhaufen�� und der Wagen drohte wieder zum Ausgangspunkt zur�ckzurollen. Aber Sherlock stemmte seine Beine in den Boden und dr�ckte sich so heftig gegen das Gef�hrt, dass seine Muskeln kreischten. Das Rad �berwand das Hindernis und der Wagen begann, nach hinten zu rollen. Sherlock hob seinen linken Fu�, machte einen gro�en Schritt nach vorn und lie� dann den rechten Fu� folgen. Der raue, schmutzige Boden gab seinen F��en Halt und mit aller Kraft bewegte er das Fuhrwerk Zentimeter f�r Zentimeter voran. �hnlich wie eine Lokomotive nahm der Wagen allm�hlich Fahrt auf. Aus einem lahmen Kriechtempo wurde innerhalb weniger Sekunden langsame Schrittgeschwindigkeit, die alsbald in einen z�gigen Marsch und schlie�lich in einen strammen Trab �berging. Sherlock sp�rte, wie es <emphasis>Ping</emphasis> in seiner Schulter machte, als eine Sehne �ber einen Knochen flutschte, wie eine Violinensaite, an der ein Finger zupfte. Sein Arm drohte einfach kraftlos herunterzugleiten, aber mit einer gewaltigen Willensanstrengung schaffte er es, die Hand oben am Wagen zu behalten, und einen Augenblick sp�ter lie� das taube Nadelstichgef�hl nach.</p><p>Der Wagen rollte weiter. Sherlock wagte es nicht, aufzublicken, um sich zu vergewissern, wie weit die Wand noch entfernt war. Denn er f�rchtete, dass sich durch die ver�nderte K�rperhaltung die Antriebskraft auf den Wagen verringern und das Gef�hrt wom�glich an Fahrt verlieren k�nnte. Alles, was er jetzt noch tun konnte, war, seine Schritte zu z�hlen: eins, zwei�� vier�� sechs�� neun�� und jeder war schneller als der vorige. M�sste er nicht schon l�ngst an der Wand sein? Er konnte die W�rme des Feuers in seinem Nacken sp�ren. Offensichtlich brannte das Tor hinter ihm nun lichterloh. Vor sich sah er den rot gerandeten flackernden Schatten seiner eigenen Gestalt auf dem Holz des Karrens tanzen.</p><p>Im n�chsten Augenblick krachte das Wagenende auch schon gegen die R�ckwand. Angetrieben durch die Wucht des eigenen Gewichtes bewegte sich das Gef�hrt noch ein St�ckchen weiter voran. Latten zersplitterten und N�gel wurden mit schrecklichem Quietschen aus dem Holz gerissen. Die frische Luft, die Sherlock entgegenblies, wehte den Rauch davon, sch�rte aber leider auch das Feuer hinter ihm, das sich nun noch schneller voranfra�. Die Hinterr�der hatten sich im Holz verhakt, doch hinter den klotzigen Kanten des Wagenkastens konnte er das Tageslicht schimmern sehen. Er kletterte auf den Kutschbock hinauf, krabbelte weiter �ber die Ladefl�che nach hinten und kam schlie�lich in der herrlich frischen Luft wieder zum Vorschein.</p><p>In seiner Naivit�t war er irgendwie davon ausgegangen, drau�en jede Menge Menschen, darunter mit Handpumpen und Eimern bewaffnete Angeh�rige der lokalen Feuerbrigade anzutreffen. Aber der Hof lag einsam und verlassen da. Sogar der Hund hatte sich verzogen. Vermutlich war er den Schl�gertypen durch das Haupttor nach drau�en gefolgt. Auch wenn in der Scheune schon fast ein Inferno getobt hatte, waren die Flammen gegen den klaren blauen Himmel von au�en kaum auszumachen. Lediglich ein d�nner Rauchfaden stieg in die H�he. Kaum mehr, als ein Herdfeuer in der K�che verursachen w�rde.</p><p>Irgendwann w�rde nat�rlich jemand aufmerksam werden und nachsehen. Aber vorl�ufig war noch nicht damit zu rechnen.</p><p>Das Haupttor war geschlossen, und Sherlock vermutete, dass Clem und seine Kumpane es von au�en mit einer Kette versperrt und mit einem Vorh�ngeschloss gesichert hatten. Denn eine �hnliche Vorsicht hatten sie bei fast allen Aktionen an den Tag gelegt, die sie bisher unternommen hatten. Sherlock verdr�ngte die Gedanken an die Gangster und suchte die Mauern nach einer geeigneten Stelle zum Hin�berklettern ab. Doch da die Innenseite aus unverputzten rohen Ziegelsteinen bestand, hatte er keine M�he, die Mauer hochzukommen.</p><p>Auf der Mauerkrone hielt er kurz inne und blickte auf die Scheune zur�ck. Das Feuer hatte sich nun bis zur Dachh�he vorgearbeitet und bereits die Dachsparren in Brand gesetzt. Er musste von hier fort.</p><p>Halb kletternd, halb fallend erreichte er den Boden und humpelte, so schnell er konnte, davon. Er blieb so lange in Bewegung, bis er das Gef�hl hatte, dass ihm die Lungen platzten und die schmerzenden Beinmuskeln dringend nach einer Pause verlangten. V�llig erledigt lie� er sich neben eine niedrige Steinmauer fallen. Er sa� einfach nur da und gab sich der Ersch�pfung und der Panik hin, die er nun schon eine gef�hlte Ewigkeit lang unterdr�ckt hatte. Er sog die Lungen voller Luft und wehrte sich nicht, als sich die angestaute Anspannung als Zittern in Brust, Armen und Beinen entlud. Nach einer Weile f�hlte er sich stark genug, um die H�nde anzuheben. Die Haut war zerkratzt und blutig, und die Handfl�chen waren gespickt mit Holzsplittern, die er bis dahin nicht einmal wahrgenommen hatte. Einen nach dem anderen zog er sie heraus, bis seine H�nde von lauter blutigen P�nktchen �bers�t waren.</p><p>All die Anstrengungen und all die Gefahren! Und was bitte sch�n hatte ihm das gebracht? Nun, zumindest die Erkenntnis, dass, falls es sich bei dem Tod des Mannes in Farnham um einen Unfall handelte, eine wie auch immer geartete kriminelle Aktivit�t dahintersteckte. Der Tote hatte seinen Kumpanen etwas gestohlen und dieses �Etwas� hatte ihn umgebracht. Die Kriminellen hatten den Rest von diesem �Etwas� in Kisten verpackt, diese an einen unbekannten Ort verfrachtet und schlie�lich die Scheune abgebrannt, um alle Spuren zu beseitigen. Und all dies war auf Anweisung eines mysteri�sen �Barons� passiert.</p><p>Urpl�tzlich hatte Sherlock wieder den Moment vor Augen, als er das erste Mal vor dem Tor gestanden hatte und Matty und er fast von einer Kutsche �berfahren worden w�ren. Der Mann in der Kutsche�� der Mann mit der wei�en Haut und den rosafarbenen Augen�� War <emphasis>er</emphasis> der Baron? Und wenn es so war, was genau f�hrte er im Schilde?</p><p>Sherlock merkte auf einmal, dass es schon dunkel wurde. Die Sonne war fast untergegangen. Er musste nicht nur zusehen, dass er m�glichst rasch wieder nach Holmes Manor zur�ckkam, sondern sich gleich nach seiner Ankunft irgendwie waschen und die Kleidung wechseln, ohne dass MrsEglantine mitbekam, dass etwas vorgefallen war. Einen Moment lang hatte er sich der Vorstellung hingegeben, seine Probleme h�tten sich f�r heute erst einmal erledigt. Aber niedergeschlagen wurde ihm klar, dass ihm wahrscheinlich noch so einiges bevorstand.</p></section><section><title><p><strong>6</strong></p></title><p>Am n�chsten Morgen verpasste Sherlock fast das Fr�hst�ck. Die Abenteuer des gestrigen Tages hatten ihre Spuren hinterlassen. Er war m�de, sp�rte am ganzen K�rper Schmerzen und sein Kopf h�mmerte im Gleichtakt mit seinem Herzschlag. Er empfand ein beklemmendes Gef�hl in der Brust und wurde dar�ber hinaus von einem Kratzen im Hals geplagt, das wahrscheinlich vom Rauch kam, den er eingeatmet hatte. Das Abendessen hatte er verpasst. Aber seine Tante hatte daf�r gesorgt, dass man ein Tablett mit kaltem Bratenfleisch und K�se f�r ihn stehen gelassen hatte. Jedenfalls <emphasis>musste</emphasis> es seine Tante gewesen sein. Denn MrsEglantine h�tte sich sicherlich einen feuchten Kehricht darum geschert. Die Nacht war in ruhelosem Wechsel zwischen Schlaf und Wachen vergangen, w�hrend dem er zwischen Tr�umen und Erinnerungen hin- und herglitt, bis er nicht mehr sagen konnte, was nun was war. Als er dann endlich doch in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel, ging bereits die Sonne auf. Erst der Gong, mit dem eines der Dienstm�dchen zum Fr�hst�ck rief, riss ihn aus seinem komat�sen Zustand. Damit blieben ihm nicht einmal zehn Minuten Zeit, um sich f�r den Tag fertig zu machen.</p><p>Gl�cklicherweise hatte eines der Dienstm�dchen ihm bereits eine Sch�ssel mit Wasser aufs Zimmer gebracht, ohne ihn zu wecken. Er spritzte sich ein bisschen Wasser ins Gesicht, griff nach dem aus Tierknochen gefertigten Zahnb�rstenstiel und streute Kalkpuder mit Zimtgeschmack auf die Schweineborsten des B�rstenkopfes. Nach dem Z�hneputzen zog er sich rasch an. Er w�rde sich darum k�mmern m�ssen, dass seine Kleidung bald gewaschen wurde, da er kaum noch etwas Sauberes zum Wechseln hatte.</p><p>Als er die Treppe hinunterflitzte, warf er einen Blick auf die Standuhr in der Halle. Sieben Uhr. Gerade noch geschafft!</p><p>Er eilte in das Speisezimmer. Den finsteren Blick von MrsEglantine ignorierend, musterte er den mit Speiseplatten und Gerichten best�ckten langen B�fettisch, der die eine Seite des Raumes einnahm. Sherlock f�llte sich eine Portion Kedgere auf. Ein leckeres Gericht aus Reis, Eiern und ger�uchertem Schellfisch, von dem er vor seiner Ankunft in Holmes Manor noch nie geh�rt hatte, f�r das er aber allm�hlich eine Vorliebe entwickelte. Er versuchte nach Kr�ften, jeden Augenkontakt zu meiden, und schaufelte sich das Essen so schnell in den Mund, dass er kaum etwas schmeckte. Er war v�llig ausgehungert. Die Ereignisse des Vortages hatten ihm eine Menge Energie abverlangt und die musste nun ersetzt werden. Onkel Sherrinford las ein religi�ses Traktat beim Essen und Tante Anna redete wie immer mit sich selbst. Soweit Sherlock es beurteilen konnte, wurde jeder Gedanke, der ihr gerade in den Kopf kam, auf der Stelle artikuliert, ob er nun wichtig war oder nicht.</p><p>�Sherlock�, sagte sein Onkel und blickte von seiner Brosch�re auf, die er las. �Mir ist zu Ohren gekommen, dass du gestern in einen ungl�ckseligen Vorfall verwickelt warst.� Porridgereste zierten seinen langen Bart.</p><p>Einen Moment lang war Sherlock wie gel�hmt. Er fragte sich, wie sein Onkel von dem Lagerschuppen und dem Feuer erfahren haben konnte. Aber dann wurde ihm klar, dass Sherrinford von der Leiche sprach, die Amyus Crowe und er im Wald gefunden hatten. �Ja, Onkel�, erwiderte er.</p><p>�Dem Menschen vom Weibe geboren, bleibt nur kurze Zeit�, begann Sherrinford zu intonieren. �Er ist voll des Elends. Wie eine Blume bl�ht und verwelkt er, vergeht wie ein Schatten, ohne lange an einem Ort zu verweilen.� Sherrinford fixierte ihn mit durchdringendem Blick und fuhr fort. �Obwohl mitten im Leben, sind wir doch stets vom Tod umweht: Wer k�nnte uns Hilfe bringen, als Du, oh Herr allein, den wir durch unsere S�nden erz�rnet haben.�</p><p>Unsicher, was er darauf antworten sollte, nickte Sherlock nur, als ob er genau verstand, wor�ber sich sein Onkel gerade auslie�.</p><p>�Du hast ein beh�tetes Leben bei meinem Bruder und seiner Frau genossen�, sagte Sherrinford. �Alles, was mit Tod und Sterben zu tun hat, mag bisher vielleicht an dir vorbeigegangen sein, aber sie sind nat�rliche Bestandteile von Gottes Plan. Lass dich dadurch nicht �ngstigen. Wenn du mal reden musst, steht die T�r meines Studierzimmers immer f�r dich offen.�</p><p>Sherlock war ger�hrt, dass Onkel Sherrinford�� wenn auch in seiner ganz eigenen Art und Weise�� versuchte ihm zu helfen. �Danke�, erwiderte er. �Hat der Mann, den wir gefunden haben, eigentlich hier oder drau�en auf dem Anwesen gearbeitet?�</p><p>�Ich glaube, er war G�rtner�, sagte Sherrinford. �Ich kann nicht behaupten, dass ich ihn gekannt habe. Aber wir werden ihn und seine Familie in unsere Gebete einschlie�en. Wir werden seine Angeh�rigen unterst�tzen.�</p><p>�Er war noch neu�, f�gte Tante Anna hinzu. �Ich glaube, er hatte gerade erst bei uns angefangen. Vorher hat er Bekleidung in einer Textilfabrik in Farnham angefertigt, die einem Earl oder Viscount oder irgendeinem anderen Angeh�rigen der Aristokratie geh�rt. Die Referenzen des Mannes waren exzellent���</p><p>�Wie ist er gestorben?�, fragte Sherlock, w�hrend seine Tante einfach still weiter vor sich hinplapperte.</p><p>�Das ist kein angemessenes Gespr�chsthema w�hrend des Fr�hst�cks�, lie� sich MrsEglantine von ihrem Standort am B�fettisch aus vernehmen.</p><p>Sherlock warf ihr einen raschen Blick zu. Sowohl die dreiste K�hnheit ihrer Worte als auch die Tatsache, dass sein Onkel und seine Tante sie nicht zurechtgewiesen hatten, �berraschten ihn. F�r eine Bedienstete war sie ziemlich vorlaut. Unwillk�rlich musste er an Mycrofts Warnung denken: <emphasis>Sie ist keine Freundin der Holmes-Familie.</emphasis> Und er fragte sich, ob hinter MrsEglantine und ihrer Anwesenheit im Haus mehr steckte, als er es f�r m�glich gehalten hatte.</p><p>�Der Junge ist neugierig�, erkl�rte Sherrinford und musterte Sherlock unter seinen buschigen Augenbrauen hervor. �Neugierde ist eine f�rdernswerte Eigenschaft. Neben unseren unsterblichen Seelen ist sie es, die uns von den Tieren unterscheidet.� Er wandte sich wieder Sherlock zu und fuhr fort. �Der Leichnam wurde zum ans�ssigen Arzt gebracht und der hat dem Gerichtsmediziner von North Hampshire ein Telegramm geschickt. Ihnen obliegt es, die Todesursache offiziell festzustellen. Aber so viel ich geh�rt habe, wies das Gesicht des Mannes die f�r Pocken oder Pest so charakteristischen Pusteln und Beulen auf.� Er sch�ttelte stirnrunzelnd den Kopf. �Das Letzte, was wir hier brauchen, ist der Ausbruch irgendeiner Seuche. Man wird den Doktor heftig bedr�ngen, die Lage rasch in den Griff zu bekommen, falls noch jemand krank werden sollte. Wie ich geh�rt habe, packen ein paar von den Markth�ndlern bereits ihre St�nde zusammen und ziehen woanders hin. Panik kann sich schneller ausbreiten als eine Seuche. Ob Schafe, Weizen, Wolle oder sonst etwas: Farnham lebt vom Handel. Wenn der sich in eine andere Stadt verlagert, geht es mit Farnhams Wohlstand langsam aber sicher zu Ende.�</p><p>Sherlock sah auf seinen Teller hinab. Er hatte genug Kedgeree gegessen, um f�r eine Weile durchzuhalten, und er wollte unbedingt wieder zur�ck nach Farnham, um zu sehen, ob er Matty irgendwo auftreiben konnte.</p><p>�D�rfte ich aufstehen, Sir?�, fragte er. Sein Onkel nickte und sagte: �Amyus Crowe bat mich, dir auszurichten, dass er zur Mittagessenszeit wieder da ist, um mit deinen Studien fortzufahren. Sorge also daf�r, dass du p�nktlich wieder zur�ck bist.�</p><p>Seine Tante mochte ebenfalls so etwas wie eine Antwort in ihren endlosen Monolog mit eingeflochten haben, aber mit Sicherheit war das nicht zu sagen. Also erhob Sherlock sich und steuerte schon auf die T�r zu, als ihn ein pl�tzlicher Gedanke zur�ckhielt.</p><p>�Tante Anna?�, sagte er. Seine Tante blickte auf. �Hast du eben gemeint, dass der verstorbene Mann vorher f�r einen Earl oder Viscount gearbeitet hat?�</p><p>�Das stimmt, mein lieber Junge�, antwortete sie. �In der Tat, ich glaube mich daran zu erinnern, dass���</p><p>�K�nnte es auch ein Baron gewesen sein?�</p><p>Sie hielt einen Moment lang inne und dachte nach. �Ich glaube, du hast recht�, sagte sie. �Es war ein Baron. Ich hab den Brief noch irgendwo. Er war���</p><p>�Erinnerst du dich an seinen Namen?�</p><p>�Maupertuis�, erwiderte Tante Anna. �Sein Name war Baron Maupertuis. Was f�r ein komischer Name, dachte ich noch. Ein franz�sischer, ganz offensichtlich. Oder vielleicht auch ein belgischer. Er hat die Referenz nat�rlich nicht selbst geschrieben. Ausgestellt hat sie���</p><p>�Danke, Tante Anna�, sagte Sherlock und verlie� das Zimmer, w�hrend sie immer noch vor sich hinredete.</p><p>Ein Schauder durchfuhr ihn, als er in die Halle ging. Das alles konnte doch unm�glich Zufall sein. Zwei M�nner tot, beide offensichtlich auf die gleiche Weise umgekommen, einer von ihnen Mitglied einer Schl�gerbande, die in einem Lagerschuppen in Farnham zu tun hatte, der einem mysteri�sen �Baron� geh�rte. Und der andere hatte erst k�rzlich die Stelle bei einem �Baron Maupertuis� verlassen.</p><p>Es konnten doch nicht zwei Barone in die ganze Sache verwickelt sein, oder? Der Besitzer des Lagerschuppens, der merkw�rdige Mann, den Matty und er in der Kutsche hatten wegfahren sehen�� Das musste Baron Maupertuis gewesen sein. Und wenn der Mann, dessen Leichnam Sherlock und Amyus Crowe im Wald entdeckt hatten, zuvor f�r Baron Maupertuis in einer Bekleidungsfabrik gearbeitet hatte, dann befand sich diese Fabrik im besagten Lagerschuppen in Farnham. Und bedeutete das etwa, dass es sich bei den Sachen, die der Tote namens Wint vermutlich aus dem Lagerhaus gestohlen hatte, um Kleidung handelte?</p><p>Sherlock hatte das Gef�hl, als ob die unz�hligen einzelnen Puzzleteilchen, die bis dahin in seinen Gedanken wild herumrotiert waren, sich auf einmal wie von selbst zusammenf�gten. Das Bild zeichnete sich noch nicht deutlich ab. Es fehlten immer noch ein paar Teile, aber allm�hlich ergab das alles auf merkw�rdige Art und Weise einen Sinn.</p><p>Jetzt, da er von der Fabrik, der Kleidung, dem Baron und den toten M�nnern wusste, konnte Sherlock auf Basis dieser Informationen einige Schlussfolgerungen ziehen. Er war nicht mehr auf reine Spekulationen angewiesen, sondern konnte nun mit ein paar wahrscheinlicheren Theorien aufwarten. Zum Beispiel: Zwei M�nner, die mit einer Bekleidungsfabrik in Verbindung standen, waren gestorben, offensichtlich an den Pocken oder der Pest. Bedeutete das, dass die Textilien selbst irgendwie verseucht gewesen waren? Nach dem, was er bei der gelegentlichen Lekt�re der Zeitungen seines Vaters aufgeschnappt hatte, glaubte Sherlock zu wissen, dass ein Gro�teil der Kleidung in den Textilst�dten Nordenglands, Schottlands und Irlands produziert wurde. Ferner hatte er geh�rt, dass ein Teil auch aus dem Ausland importiert wurde. Aus China, wenn es sich um Seide handelte, und vielleicht auch Indien, wenn es um Baumwolle oder Musselin ging.</p><p>Vielleicht war aus einem dieser fernen L�nder eine verseuchte Ladung nach Gro�britannien gelangt. Oder wom�glich war die Fracht von Insekten befallen gewesen, die diese Krankheit in sich trugen, und die Arbeiter in den Fabriken hatten sich damit angesteckt. Das war eine m�gliche Erkl�rung, und Sherlock versp�rte das dringende Bed�rfnis, jemandem davon zu erz�hlen. Zuerst dachte er dabei an seinen Onkel, doch er verwarf diese Idee gleich wieder. Sherrinford Holmes mochte zwar ein Erwachsener sein, aber er war auch etwas weltfremd und w�rde Sherlocks Theorie wahrscheinlich rundweg verwerfen. Einen Moment lang verlie� ihn der Mut. Wen hatte er noch?</p><p>Dann fiel ihm Mycroft ein. Er k�nnte alles aufschreiben und seinem Bruder einen Brief schicken. Mycroft arbeitete f�r die britische Regierung. Er w�rde wissen, was zu tun war.</p><p>Er sp�rte, wie sich allein beim Gedanken an den verl�sslichen Mycroft der beklemmende Knoten in seiner Brust etwas zu l�sen begann. Aber gleich darauf stellte sich ihm unversehens die Frage, was genau Mycroft in dieser Angelegenheit tun konnte. Seine Arbeit im Stich lassen und nach Farnham eilen, um die Ermittlungen zu �bernehmen? Die Armee entsenden? Viel wahrscheinlicher w�rde er Onkel Sherrinford einfach ein Telegramm schicken, das Sherlock wieder auf den Teppich bringen sollte.</p><p>Als Sherlock aus dem Haus in das helle Morgenlicht hinaustrat, blieb er einen Moment lang stehen, um nach Luft zu schnappen. Er nahm den Geruch von Holzrauch und frisch gem�htem Gras wahr, und auch die modrigen Ausd�nstungen der Brauereien in Farnham waren noch schwach zu riechen. Die Sonne, die gerade hinter den Baumspitzen auftauchte, h�llte das Laub in goldenes Licht und zauberte bizarre Bl�tterschattenbilder auf den Rasen vor ihm, die aussahen wie ausgestreckte Finger.</p><p>Doch es war noch eine andere Schattenfigur zu sehen: eine, die sich bewegte. Sein Blick folgte der Figur �ber den Rasen hinweg bis zur Mauer, die das Haus und die angrenzenden L�ndereien von der Stra�e trennte. Dort, auf der anderen Seite der Mauer, erkannte er eine Gestalt auf einem Pferd. Sie schien ihn zu beobachten. Als er die Hand hob, um die Augen vor der blendenden Sonne zu beschirmen, spornte der Reiter das Pferd an. Daraufhin trabte es auf der Stra�e davon und verschwand schlie�lich hinter einer hohen Hecke.</p><p>Sherlock ging auf das Haupttor zu. Von Ross und Reiter war keine Spur mehr zu sehen. Aber wenn er Gl�ck hatte, w�rde er dort einen Hufabdruck vorfinden. Oder vielleicht hatte der Reiter etwas fallen gelassen, wodurch Sherlock in der Lage w�re, ihn zu identifizieren.</p><p>Doch er stie� weder auf eine Hufspur noch auf einen fallengelassenen Gegenstand. Daf�r aber auf Matthew Arnatt, der drau�en neben dem Tor sa� und mit zwei Hochr�dern auf ihn wartete.</p><p>�Wo hast du denn die aufgetrieben?�, fragte Sherlock.</p><p>�Gefunden. Dachte, du hast vielleicht Lust auf �ne Spritztour. Ist bequemer als gehen und man kommt viel weiter.�</p><p>Sherlock starrte ihn einen Moment lang an. �Warum?�</p><p>Matty zuckte die Achseln. �Hab nichts anderes vor.� Er hielt inne und wandte den Blick in die Ferne. �Hatte daran gedacht, die Leinen loszuwerfen, und mit dem Boot ein St�ckchen den Kanal weiter runterzuschippern. Aber das hei�t f�r mich nur, dass ich wieder neu in einer anderen Stadt anfangen muss. Rauskriegen, wo man am besten an Essen kommt und all so was. Hier kenn ich zumindest ein paar Leute. Na ja, ich kenn dich.�</p><p>�In Ordnung. Ich k�nnte etwas Bewegung vertragen. Nach gestern sind meine Muskeln v�llig steif.�</p><p>�Was war denn gestern?�</p><p>�Das werde ich dir beim Radfahren erz�hlen.� Sherlock blickte die Stra�e hinunter, die am Tor vorbeif�hrte. �Ist hier ein Reiter vorbeigekommen und hat eine Weile halt gemacht?�</p><p>�Ja. Der ist an mir vorbeigeritten und hat ein St�ck weiter vorne gehalten.� Er wies nickend auf die Stelle, an der Sherlock den Reiter gesehen hatte. �Sah aus, als ob er was beobachten w�rde. Aber dann ist er wieder weitergeritten.�</p><p>�Hast du ihn erkannt?�</p><p>�Hab nicht richtig auf ihn geachtet. Macht das was?�</p><p>Sherlock sch�ttelte den Kopf. �Wahrscheinlich nicht.�</p><p>Sie schlugen die entgegensetzte Richtung ein, die der Reiter genommen hatte, und radelten die Stra�e entlang auf Farnham zu. Sherlock hatte lange nicht mehr auf einem Hochrad gesessen und fuhr zun�chst heftig schlingernd hinter Matty her. Aber es dauerte nur ein paar Minuten, bis er den Bogen wieder raus hatte und gleichauf mit Matty war. W�hrend sie Seite an Seite auf der Stra�e dahinfuhren�� �ber sich das Schatten spendende Bl�ttergew�lbe der m�chtigen Alleeb�ume und rechts und links Felder voller leuchtend gelber Blumen��, erz�hlte er Matty, was er gestern erlebt hatte. Er berichtete von dem Mann, den er von dem Haus aus, wo Matty der merkw�rdigen Wolke begegnet war, bis zum Lagerschuppen verfolgt hatte, dann von dem mit Kisten beladenen Wagen und schlie�lich nat�rlich auch vom Feuer. Matty l�cherte ihn permanent mit Fragen, und Sherlock ertappte sich unversehens dabei, wie er kleine Einzelheiten der Geschichte noch einmal wiederholte, sich dabei in Erkl�rungen verhedderte und irgendwie nicht auf den Punkt kam. Er war alles andere als ein begnadeter Geschichtenerz�hler. Und einen Moment lang w�nschte er, er h�tte jemanden, der einfach die Fakten aus seinem Kopf nehmen k�nnte, um sie in einer Art und Weise anzuordnen, die einen Sinn ergab.</p><p>�Du hast Gl�ck gehabt, dass du da lebend rausgekommen bist�, sagte Matty, als Sherlock zu Ende erz�hlt hatte. �Ich hatte mal �nen Job in �ner B�ckerei. Vor ein paar Monaten. Ist abgebrannt. Ich hatte Schwein, dass ich das �berlebt habe.�</p><p>�Was ist da passiert?�, fragte Sherlock.</p><p>Matty sch�ttelte den Kopf. �Der B�cker war ein Idiot. Hat ein Streichholz f�r seine Pfeife angez�ndet. Gerade in dem Moment, als wir die Mehls�cke aufgemacht haben.�</p><p>�Und was hatte das mit dem Feuer zu tun?�</p><p>Matty sah ihn irritiert an. �Ich dachte, jeder wei�, dass Mehlstaub in der Luft wie Sprengstoff ist. Wenn ein Mehlk�rnchen Feuer f�ngt, breitet es sich in einer Sekunde �berall hin aus, wie ein �berspringender Funke.� Er sch�ttelte wieder den Kopf. �Die ganze B�ckerei wurde in St�cke gesprengt. Ich hatte Gl�ck, weil ich gerade hinter einem Tisch war. Trotzdem hat es einen ganzen Monat gedauert, bis meine Haare wieder ordentlich nachgewachsen sind.� Er blickte zu Sherlock auf und f�gte hinzu: �Na ja, egal. Was willst du jetzt machen?�</p><p>�Wir sollten alles dem hiesigen Constable erz�hlen�, antwortete Sherlock. Schon als er das aussprach, merkte er, wie unsinnig das klang. Zwei Leichen, eine seltsame Todeswolke, ein mysteri�ses gelbes Puder und eine Bande von Schl�gertypen, die einen Lagerschuppen in Brand steckten�� das alles h�rte sich viel zu sehr nach typischen Phantasiegespinsten von Kindern an.</p><p>Immerhin <emphasis>waren</emphasis> tats�chlich zwei M�nner gestorben und die ru�geschw�rzten qualmenden �berreste des Lagerschuppens w�rden noch einige Zeit f�r sich sprechen. Somit lie� sich also zumindest die H�lfte der Geschichte durch Fakten untermauern. Der Rest allerdings bestand im Grunde viel zu sehr aus wilden Spekulationen und phantastischen Mutma�ungen, die einfach aneinandergereiht worden waren, um die L�cken im Gedankengeb�ude zu schlie�en.</p><p>Ein Blick in Mattys Gesicht verriet Sherlock, dass sein Begleiter so ziemlich dasselbe dachte. Er kniff frustriert den Mund zusammen. Er kannte niemanden in der Gegend, der ihnen helfen k�nnte, und die Leute, die es h�tten tun k�nnen, waren nicht in der Gegend. Es war paradox.</p><p>Doch dann sah er in Gedanken pl�tzlich Amyus Crowes eindrucksvolle Gestalt vor sich. Eine Welle der Erleichterung durchdrang ihn und riss die d�stere Wolke der Unsicherheit, die ihn eingeh�llt hatte, mit sich fort. Es war, als h�tte eine Woge kalten Wassers Schlamm und Schmutz von einem Stein gesp�lt. Crowe schien jemand zu sein, der mit einem Jugendlichen so redete, als w�re er erwachsen. Au�erdem verf�gte er �ber einen logisch arbeitenden Verstand. Er lie� sich nicht einfach vom �u�eren Anschein leiten, sondern gelangte lieber mit Hilfe einzelner Indizien nach und nach zu den richtigen Schlussfolgerungen. Er war der Einzige, der ihnen tats�chlich Glauben schenken k�nnte.</p><p>�Wir werden es Amyus Crowe erz�hlen�, sagte Sherlock.</p><p>Matty blickte skeptisch drein. �Der gro�e Kerl mit der komischen Stimme und den wei�en Haaren?�, fragte er. �Bist du sicher?�</p><p>Sherlock nickte entschlossen. �Bin ich.� Doch gleich darauf machte er ein langes Gesicht und lie� die Schultern sinken. �Aber ich wei� nicht, wo er wohnt. Wir m�ssen wohl warten, bis er wieder bei meinem Onkel auftaucht. Oder meinen Onkel fragen, wo er ist.�</p><p>Matty sch�ttelte den Kopf. �Er hat ein Haus am Stadtrand gemietet�, sagte er. �War fr�her mal das Cottage vom Jagdh�ter. Mit den R�dern k�nnen wir wahrscheinlich in einer halben Stunde da sein.� Er bemerkte Sherlocks �berraschten Gesichtsausdruck. �Was denn?�, f�gte er hinzu. �Ich wei� eben Bescheid, wo hier wer wohnt, so ziemlich jedenfalls. Wenn ich wissen will, wo sich mit gro�er Wahrscheinlichkeit jederzeit Essen auftreiben l�sst, geh�rt das dazu. Ich muss wissen, wie ein Ort wie dieser so taktet. Wo die Leute wohnen, wo sich der Markt befindet oder das Getreide lagert. Nicht zu vergessen, wo sich der Constable morgens, mittags und abends meist rumtreibt oder welche Obstg�rten bewacht werden und welche nicht. Das ist eine Frage des �berlebens.�</p><p>.Beobachtungsgabe, dachte Sherlock und erinnerte sich daran, was Amyus Crowe ihm erz�hlt hatte. Am Ende lief alles auf Beobachtungsgabe hinaus. Denn hatte man erst genug Fakten, konnte man fast alles herausfinden.</p><p>Und eben das war das Problem mit den beiden Leichen und der Todeswolke�� Sie hatten einfach nicht genug Fakten.</p><p>Unter Umgehung der Hauptstra�en, auf denen zu dieser Tageszeit jede Menge Leute unterwegs sein w�rden, radelten die beiden durch die Stadt. Abgelenkt vom Wirrwarr aus Vermutungen, Fakten und Hypothesen, das ihm im Kopf herumschwirrte, verging die Zeit f�r Sherlock wie im Flug. Und kaum hatten sie sich auf den Weg gemacht, hielten sie zu seiner �berraschung auch schon vor dem Steincottage, in dem Amyus Crowe anscheinend wohnte.</p><p>Sherlock nahm eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahr. Er sp�hte zur gegen�berliegenden Wegseite hin�ber und sah einen gesattelten Hengst, der auf einer Koppel graste. Einen schwarzen Hengst mit einem braunen Fleck, der sich �ber seinen Hals zog.</p><p>Er kannte das Tier. Wegen der gro�en Entfernung seinerzeit h�tte er es nicht beschw�ren k�nnen, aber er war ziemlich sicher, dass es dasselbe Pferd war, das er bereits zweimal gesehen hatte. Mit einem mysteri�sen Reiter auf dem R�cken, der ihn beobachtete.</p><p>Ein Schauder durchfuhr ihn, und er sp�rte, wie er eine G�nsehaut bekam. Was ging hier vor sich?</p><p>Matty hielt sich im Hintergrund und wartete an der Pforte, w�hrend Sherlock durch den Vorgarten auf das Haus zusteuerte. Kurz vor der T�r wandte er sich um und blickte Matty fragend an.</p><p>�Ich bleib hier�, verk�ndete der Junge mit finsterer Miene.</p><p>�Was ist denn los?�</p><p>�Ich kenn den Kerl nicht. Vielleicht passt ihm meine Nase nicht.�</p><p>�Ich sag ihm, dass du in Ordnung bist und man dir vertrauen kann. Dass du mein Freund bist.�</p><p>Als ihm das Wort �Freund� �ber die Lippen kam, versp�rte er einen pl�tzlichen Anflug von �berraschung. Vermutlich war Matty tats�chlich sein Freund, aber der Gedanke verwirrte Sherlock. Noch niemals zuvor hatte er so etwas wie einen Freund gehabt. Definitiv nicht in der Schule und nicht einmal an ihrem Familiensitz, dem Ort, der f�r ihn als Zuhause galt. Die Kinder, die dort in der Gegend lebten, hatten das Haus der Holmes gemieden. Denn in ihren Augen waren sie gesellschaftlich h�her Stehende, Angeh�rige des Landadels, die sich in unerreichbaren Sph�ren bewegten. Infolgedessen hatte Sherlock die meiste Zeit alleine verbracht. Selbst Mycroft war kaum �ber die Rolle einer tr�stlichen Pr�senz hinausgelangt. Er hatte den ganzen Tag in der Familienbibliothek gehockt und sich dort durch die riesige B�chersammlung gearbeitet, die die Familie �ber Generationen hinweg erworben hatte. Nicht selten kam es vor, dass Sherlock Mycroft nach dem Fr�hst�ck in der Bibliothek allein lie� und ihn dann zur Mittagessenszeit noch in genau derselben Position wiederfand wie am Morgen. Der einzige Unterschied bestand lediglich darin, dass der Stapel ungelesener B�cher geschrumpft war, w�hrend sich der Stapel gelesener B�cher vergr��ert hatte.</p><p>�Trotzdem�, sagte Matty. �Ich warte lieber drau�en.�</p><p>Sherlock schoss ein Gedanke durch den Kopf. �Drau�en?�, wiederholte er nachdenklich. �Du h�ltst dich gerne unter freiem Himmel auf, stimmt�s? Ich hab dich noch nicht einmal drinnen in einem Raum gesehen.�</p><p>Mattys finsterer Blick verd�sterte sich noch mehr und er wandte den Blick ab. �Mag eben keine Mauern�, brummte er. �Kann�s nicht haben, wenn ich nur durch eine enge T�r abhauen kann. Vor allem wenn ich nicht wei�, mit wem ich es drinnen zu tun habe.�</p><p>Sherlock nickte. �Ich verstehe�, sagte er sanft. �Ich wei� nicht, wie lange ich brauche. Vielleicht wartest du ja, bis ich wieder rauskomme.� Er blickte sich zur T�r um. �Das hei�t, vorausgesetzt, dass �berhaupt jemand zu Hause ist.� Er warf einen kurzen Blick zum schwarzen Hengst hin�ber, der sich unverdrossen das Gras schmecken lie�. Dann klopfte er entschlossen an die T�r. Als er sich noch einmal umsah, war Matty samt seinem Rad verschwunden.</p><p>Einige Augenblicke sp�ter �ffnete sich die T�r. Sherlocks Blick war leicht nach oben gerichtet, in der Erwartung, Amyus Crowe vor sich stehen zu sehen. Verdutzt schaute er kurz ins Leere. Dann senkte er den Blick. Sein Herz stolperte vor Verwirrung und Aufregung, als er feststellte, dass er einem M�dchen ins Gesicht sah. Es war genauso gro� wie er. Sie trug dunkle Kleidung und vor dem Hintergrund des finsteren Flures schien ihr Gesicht mitten in der Luft zu schweben.</p><p>�Ich�� �h�� ich suche MrCrowe�, brachte Sherlock hervor und wurde wegen seiner stockenden Stimme rot.</p><p>Verzweifelt w�nschte er, er k�nnte sich so selbstbewusst und unber�hrt anh�ren, wie Mycroft es scheinbar immer so m�helos zustande brachte.</p><p>�Mein Vater ist nicht zu Hause�, antwortete das M�dchen. Ihre Stimme wies dasselbe N�seln auf, wie es bei ihrem Vater der Fall war, wodurch sich der Satz eher anh�rte wie <emphasis>Meine Father is nikt su Haus.</emphasis> Ein amerikanischer Akzent? Was immer es auch war, es verlieh ihr jedenfalls etwas Exotisches. �Und wer, soll ich ausrichten, hat nach ihm verlangt?�</p><p>Sherlock merkte, dass er einfach nicht den Blick von ihrem Gesicht abwenden konnte. Sie war ungef�hr so alt wie er. Ihr langes, r�tlich-goldenes Haar fiel gelockt auf die Schultern herab�� wie kupferfarbenes Wasser, das auf Steine herabpl�tscherte und zu allen Seiten davonspritzte. Ihre Augen wiesen einen leichten Violetton auf, den Sherlock bisher nur bei Wildblumen gesehen hatte. Ihre sommersprossige Haut war gebr�unt, als ob sie einen gro�en Teil ihrer Zeit im Freien verbrachte.</p><p>�Ich bin Sherlock�, sagte er. �Sherlock Holmes.�</p><p>�Du bist das Kind, das er unterrichtet.�</p><p>�Ich bin kein Kind. Ich bin genauso alt wie du�, antwortete er mit so viel Bravour, wie er nur eben zustande brachte.</p><p>Sie trat nach vorn ins Sonnenlicht, und Sherlock sah, dass sie enganliegende braune Reithosen trug, die sich eher f�r Jungen als f�r M�dchen schickten. Und eine Leinenbluse, die die Konturen ihrer Brust betonte.</p><p>�Ich werde meinem Vater sagen, dass du hier warst�, verk�ndete sie, als h�tte er �berhaupt nichts gesagt. �Ich glaube, er ist r�ber zu deinem Onkel gegangen, um sich mit dir zu treffen. Er ist davon ausgegangen, dass heute Unterricht ist.�</p><p>�Ich wurde aufgehalten.� Sherlock ertappte sich unversehens dabei, dass er sich rechtfertigte. Pl�tzlich brachten ihn die Reithose und das Pferd auf der nahen Weide auf einen Gedanken.</p><p>�Du hast mich beobachtet!�, platzte es unbedacht aus ihm heraus. Ein pl�tzliches Gef�hl von Verlegenheit und Verwundbarkeit ergriff ihn.</p><p>�Nun bilde dir mal nichts ein�, erwiderte sie. �Ich hab dich ein paar Mal gesehen, als ich ausgeritten bin. Das ist alles.�</p><p>�Wohin bist du denn geritten? Hinter Holmes Manor ist nichts au�er unber�hrter Wildnis.�</p><p>�Genau dahin bin ich geritten.� Sie hob eine Augenbraue. �Reitest du denn?�</p><p>Sherlock sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Solltest du aber mal lernen. Es macht Spa�!�</p><p>Sherlock dachte wieder an die Gestalt, die er in der Ferne gesehen hatte. �Du reitest wie ein Mann�, sagte er.</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Die Frauen, die ich bisher Reiten gesehen habe, sitzen seitlich auf dem Sattel. Mit beiden Beinen auf einer Seite. Auf einem sogenannten Damensattel. Du reitest wie ein Mann und sitzt mit gespreizten Beinen gerade im Sattel.�</p><p>�So habe ich es eben gelernt.� Sie klang sauer. �Die Leute hier lachen �ber mich, weil ich so reite. Aber wenn ich es so mache wie sie, falle ich vom Pferd, sobald ich mal schneller als im Trab reite. Dieses Land ist echt komisch. Es ist v�llig anders als zu Hause.� Sie schob sich an ihm vorbei, w�hrend die T�r hinter ihr zuschlug, und stolzierte von ihm fort auf die Koppel zu. Er starrte auf ihren R�cken.</p><p>�Wie hei�t du?�, rief Sherlock.</p><p>�Warum willst du das wissen?�</p><p>�Damit du in Zukunft nicht blo� �Amyus Crowes Tochter� f�r mich bist.�</p><p>Sie blieb stehen und sprach, ohne sich umzudrehen. �Virginia�, sagte sie. �Das ist eine Gegend in Amerika. Ein Staat an der Ostk�ste, um genau zu sein. In der N�he von Washington DC.�</p><p>�Ich hab davon geh�rt. Ist das in der N�he von Albuquerque?�</p><p>Sie wandte sich um. In ihrem Gesicht lag eine Mischung aus Verachtung und Belustigung. �Nicht im Geringsten. Tausende von Meilen entfernt. Virginia besteht gr��tenteils aus W�ldern und Bergen. Albuquerque liegt mitten in der W�ste. Wenngleich es auch dort Berge gibt.�</p><p>�Aber du kommst aus Albuquerque.�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Warum seid ihr von da fort?�</p><p>Virginia antwortete nicht. Stattdessen drehte sie sich erneut um und steuerte wieder auf die Koppel zu. Sherlock folgte ihr und konnte sich keinen Reim darauf machen, was mit ihm los war. Er kam sich vor, wie ein Hundewelpe an der Leine, der nicht mehr seinem eigenen Willen folgen konnte. Er blickte sich um und hoffte, dass Matty nicht noch irgendwo wartete und mitbekam, was los war. Aber der Junge und sein Rad waren nirgends zu sehen.</p><p>�Willst du nicht jemandem sagen, dass du fortgehst?�, fragte er, als Virginia mit einem Fu� in den Steigb�gel stieg, den Sattelknauf mit der linken Hand ergriff und sich in den Sattel schwang.</p><p>�Es ist niemand zu Hause�, rief sie. �Mein Vater ist weg, wie du dich vielleicht erinnerst.�</p><p>�Was ist mit deiner Mutter?�, fragte er. Die Art, wie sich ihr Gesichtsausdruck ver�nderte und zugleich harte als auch verletzliche Z�ge annahm, lie� ihn w�nschen, die Worte nie ausgesprochen zu haben.</p><p>�Meine Mutter ist tot�, sagte Virginia br�sk. �Sie ist auf dem Schiff gestorben, mit dem wir �ber den Atlantik nach Liverpool gekommen sind. Deswegen hasse ich dieses Land, und ich hasse es auch, hier zu leben. Wenn wir nicht hergekommen w�ren, w�rde sie noch leben.�</p><p>Mit einer kurzen Bewegung ihrer Z�gel wandte sie das Pferd um. Sherlock starrte ihr nach, w�hrend sie auf dem Pferd davontrottete. Er war verlegen und zugleich w�tend auf sich, weil er ihr einen solchen Schmerz bereitet hatte.</p><p>Als er sich schlie�lich zum Gehen umwandte, sah er pl�tzlich Amyus Crowe vor dem Cottage stehen. Geduldig st�tzte er sich auf seinen Gehstock und blickte Sherlock ruhig an.</p><p>�Wie ich sehe, hast du meine Tochter bereits kennengelernt�, sagte er. Er hatte den gleichen Akzent wie Virginia, so dass es sich eher anh�rte wie <emphasis>Wie ik seh, hast du meine Tokter b�reits k�nnengel�rned.</emphasis></p><p>�Sie schien nicht sehr von mir beeindruckt zu sein�, gestand Sherlock.</p><p>�Das ist sie von niemandem. Galoppiert in Jungenklamotten die meiste Zeit in der Wildnis herum.� Sein Gesicht verzog sich zu einem schiefen Grinsen. �Kann nicht sagen, dass ich ihr einen Vorwurf mache. Gegen den Willen aus Albuquerque hierher verschleppt zu werden ist genug, um einem Kind die Laune zu vermiesen, auch ohne dass��� Er brach abrupt ab. Sherlock hatte den Eindruck, dass Amyus Crowe eigentlich noch etwas hatte sagen wollen, bevor er es sich gerade noch anders �berlegt hatte.</p><p>�Wolltest du etwas Bestimmtes von mir oder ging es nur um die n�chste Unterrichtsstunde?�</p><p>�Es geht tats�chlich noch um etwas anderes�, erwiderte Sherlock. Rasch schilderte er, was in Farnham passiert war. Er erz�hlte von dem Mann mit dem gelben Puder, dem Lagerhaus und dem Feuer. Gegen Ende sprach er immer leiser und brach schlie�lich ab, als ihm bewusst wurde, dass er gerade etwas gestand, das man, von einer bestimmten Perspektive aus betrachtet, durchaus als kriminelles Vergehen h�tte bezeichnen k�nnen. Unsicher, wie er Crowes Gesichtsausdruck nun deuten sollte und welche Reaktion gleich folgen w�rde, blickte Sherlock auf seinen Lehrer.</p><p>Crowe jedoch sch�ttelte nur den Kopf und sah nachdenklich in die Ferne. �Dir ist ja anscheinend nicht langweilig geworden�, sagte er. �Aber ich bin nicht sicher, wie das Ganze zusammenpasst. Alles, was wir haben, sind zwei Leichen und die M�glichkeit, dass eine Seuche ausgebrochen ist. Wenn du meine Meinung h�ren willst, lass es sein. Lass die �rzte und Beh�rden sich darum k�mmern. Es gibt da eine n�tzliche Lebensregel, die sinngem�� besagt, dass man nicht alle K�mpfe ausfechten sollte, die einem begegnen. Entscheide dich f�r die wichtigen K�mpfe und �berlass den Rest jemand anderem. Und in diesem Fall ist es nicht dein Kampf.�</p><p>Sherlock sp�rte, wie sich Frustration in ihm breitmachte, aber er sagte nichts. Er hatte das starke Gef�hl, dass dies doch sein Kampf war. Und wenn auch nur, weil niemand sonst den Mann in der Kutsche gesehen hatte und nur er das gelbe Pulver f�r wichtig hielt. Doch eventuell hatte Amyus Crowe in einer Hinsicht ja doch nicht ganz unrecht. Crowe zu �berreden, dass da etwas vor sich ging, geh�rte vielleicht nicht zu den K�mpfen, denen Sherlock sich stellen sollte. Vielleicht w�rde sich irgendwo noch ein anderer Weg ergeben.</p><p>�Also gut, was steht denn heute auf dem Plan?�, fragte er stattdessen.</p><p>�Mir ist so, als w�ren wir der Sache mit den essbaren Pilzen noch nicht auf den Grund gegangen�, erwiderte Crowe. �Lass uns eine kleine Wanderung machen und sehen, was wir so finden. Auf dem Weg werde ich dir au�erdem einige Wildpflanzen zeigen, die man roh und gekocht essen kann. Aus einer l�sst sich sogar ein schmerzlindernder Teeaufguss bereiten.�</p><p>�Toll�, sagte Sherlock.</p><p>Zusammen verbrachten sie die n�chsten paar Stunden damit, durch die Landschaft zu streifen und alles zu essen, was genie�bar und in Reichweite war. Fast gegen seinen Willen lernte Sherlock eine Menge dar�ber, wie man in der Natur nicht nur �berlebte, sondern auch gut zurechtkam. Crowe zeigte ihm sogar, wie man sich ein bequemes Bett machte. Hierzu musste man Farnkraut bis auf Schulterh�he �bereinander schichten und dann auf den Haufen klettern. Durch das K�rpergewicht wurde der Haufen zusammengepresst, bis er so dick und bequem wie eine Matratze war.</p><p>Als er anschlie�end mit dem Rad zur�ck nach Holmes Manor fuhr, wollte sich Sherlock eigentlich wieder auf die beiden Toten, den abgebrannten Lagerschuppen, das gelbe Pulver und die mysteri�se Todeswolke konzentrieren. Aber immer wieder landeten seine Gedanken bei Virginia. Mal bei ihren roten Haaren, die sich �ber ihre Schultern ergossen, mal bei ihrem stolzen geraden R�cken, dann wieder bei ihren eng anliegenden Reithosen und schlie�lich bei ihrem K�rper, wie er beim Davonreiten anmutig auf- und abwippte. Dann fielen ihm pl�tzlich wieder das gelbe Pulver und die Probe ein, die er im Wald eingesammelt hatte und im Umschlag aufbewahrte.</p><p>Wenn die Schl�gertypen aus dem Lagerhaus recht hatten, stand der Tod der beiden M�nner mit irgendetwas Ansteckendem oder Giftigem in Verbindung. Oder zumindest mit etwas, das bei Ber�hrung gesundheitliche Probleme zur Folge hatte. Angenommen es handelte sich dabei um das gelbe Pulver, dann musste er nur noch herausfinden, was genau es war, ungeachtet Amyus Crowes kaum verh�llter Warnung. Er selbst verf�gte definitiv weder �ber das Wissen noch �ber die Ausr�stung, um es selbst zu erledigen. Er brauchte einen Chemiker oder einen Apotheker oder etwas in der Art, der das Pulver analysieren k�nnte, und es war unwahrscheinlich, so jemanden in Farnham zu finden. Auf dem Weg nach Holmes Manor war er mit seinem Bruder durch Guildford gekommen. Und wenn das die n�chste gr��ere Stadt war, dann w�rde Sherlock vielleicht dort jemand Geeigneten finden. Einen geschulten Naturwissenschaftler, der ihm sagen k�nnte, worum es sich bei dem Pulver handelte. Amyus Crowe hatte einen Experten erw�hnt, der dort lebte. Professor Winchcombe. Warum sollte er ihn nicht einfach aufsuchen?</p><p>Jetzt musste er nur noch irgendwie nach Guildford kommen.</p></section><section><title><p><strong>7</strong></p></title><p>Am n�chsten Tag sp�rte Sherlock Matty auf dem Markt auf. Allm�hlich war er in der Lage, Mattys Bewegungen vorherzusagen. Es war bereits fast Mittag, und die H�ndler waren schon seit dem fr�hen Morgen auf den Beinen gewesen. Infolgedessen w�rde ihnen mittlerweile der Magen knurren. Da war es nicht unwahrscheinlich, dass sie sich im Wechsel etwas zu essen besorgten. Einer w�rde dann auf zwei St�nde zugleich aufpassen m�ssen, w�hrend der andere unterwegs war, um sich ein St�ck Brot, etwas Fleisch, eine Pastete oder vielleicht einen Krug Bier zu genehmigen. Das bedeutete, dass der Mittag zu den Tageszeiten geh�rte, w�hrend denen die Aufmerksamkeit der Marktleute geteilt war. Das bot Matty die Chance, vom Rand eines Standes unbemerkt ein paar Fr�chte oder etwas Gem�se zu stibitzen. Vermutlich sollte Sherlock Diebstahl missbilligen. Aber wenn Menschen verhungerten oder Kinder eingefangen und ins Armenhaus verschleppt wurden, war das ebenfalls zu missbilligen. Also handelte es sich vermutlich um ein ethisches Dilemma, das sich die Waage hielt, und um ehrlich zu sein, missg�nnte er Matty den einen oder anderen wurmstichigen Apfel keineswegs. Es w�rde das Britische Empire nicht in den Untergang st�rzen.</p><p>Die Marktst�nde waren auf einem kleinen Platz verteilt, der von drei Seiten von Geb�uden umgeben war.</p><p>Es gab St�nde mit Bergen von Zwiebeln, Pastinaken, Kartoffeln, Rote Bete sowie Gem�searten in den unterschiedlichsten Farben, die Sherlock nicht einmal kannte. An anderen St�nden konnte man Schinken kaufen, die am Haken hingen und von Fliegen umschwirrt wurden, und Fisch, der auf Stroh ausgelegt war.</p><p>Einige H�ndler boten diverse Werkstoffe und Tuche aus Seide, Wolle oder Baumwolle an. In einem provisorischen Pferch war eine Schafherde zusammen mit zwei Schweinen untergebracht, die es sich auf dem Boden gem�tlich gemacht hatten und unbeeindruckt von dem Radau ringsumher ein Nickerchen machten. Die zahlreichen Ger�che und D�fte, die ihm in die Nase stiegen, waren fast �berw�ltigend, jedoch noch nicht unangenehm. Doch bei Sonnenuntergang w�rde es auf dem ganzen Platz, so Sherlocks Vermutung, nach fauligem Gem�se und vergammeltem Fisch riechen. Dann w�ren die meisten K�ufer jedoch schon wieder verschwunden, und nur die Armen der Stadt w�rden noch zwischen den St�nden umherstreifen, in der Hoffnung, dass die H�ndler ihre Preise reduzierten, um ihre Ware noch loszuwerden.</p><p>Eine ged�mpfte Atmosph�re schien in der Luft zu liegen. Denn es ging nicht so lebhaft zu, wie es Sherlocks Erinnerung nach sonst der Fall war. Normalerweise war der Markt nicht einfach blo� ein Ort, an dem man die Dinge des t�glichen Bedarfs besorgen konnte. Vielmehr stellte er f�r die Leute auch ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis dar. Aber heute war vom �blichen Trubel und Gedr�nge nicht viel zu merken. Die meisten K�ufer schienen gezielt die jeweiligen St�nde anzusteuern, wo sie dann nicht mehr handelten als unbedingt n�tig, um anschlie�end gleich wieder zu verschwinden.</p><p>�War Crowe da?�, fragte Matty, als Sherlock ihn aufgest�bert hatte. Er sa� auf einer umgedrehten Holzkiste und beobachtete gespannt, ob nicht irgendeiner der H�ndler einmal in seiner Achtsamkeit nachlie�.</p><p>�Zuerst nicht, aber ich habe seine Tochter kennengelernt.�</p><p>�Ja, die hab ich auch schon mal hier gesehen.�</p><p>�Du h�ttest mir ruhig von ihr erz�hlen k�nnen�, beschwerte Sherlock sich. �Ich war v�llig �berrascht, als sie so pl�tzlich vor mir stand. Ich muss wie ein Idiot ausgesehen haben.�</p><p>Matty musterte ihn rasch von oben bis unten. �Ja, so ziemlich�, sagte er dann.</p><p>Verlegen versuchte Sherlock, das Thema zu wechseln. �Mir ist da was eingefallen und���</p><p>Er brach ab, als Matty pl�tzlich in die Menge davonflitzte. Wie ein Aal zwischen Felssteinen schl�ngelte er sich zwischen den Marktbesuchern hindurch, und Sekunden sp�ter war er auch schon wieder zur�ck. �Is von �nem Stand gefallen�, verk�ndete er stolz, w�hrend er den Dreck von einer Schweinefleischpastete abputzte. �Hab nur darauf gewartet, dass das passiert. Die haben viel zu viel von dem Zeugs aufeinandergeschichtet. Irgendwann musste einfach eine runterfallen.� Er nahm einen riesigen Bissen und reichte seine Beute dann an Sherlock weiter. �Hier, probier mal.�</p><p>Sherlock knabberte ein bisschen von der Kruste am Rand ab. Es schmeckte salzig und buttrig. Er biss noch einmal ab und erwischte diesmal etwas von dem rosafarbenen Fleisch und dem durchsichtigen Gelee. Das leckere Fleisch war mit kleinen Fruchtst�cken gespickt, bei denen es sich Sherlocks Vermutung nach um Backpflaumen handelte. Aber was auch immer es war, die Geschmackskombination war einfach unglaublich.</p><p>Er gab Matty die Pastete wieder. �Ich hab schon ein paar �pfel und etwas K�se gehabt�, sagte er. �Iss du auf.�</p><p>�Du hast gesagt, dass dir was eingefallen ist.�</p><p>�Ich muss irgendwie nach Guildford kommen.�</p><p>�Mit dem Rad wird das einige Stunden dauern�, sagte Matty, ohne die Augen vom Marktgeschehen abzuwenden.</p><p>Sherlock dachte daran zur�ck, wie er auf der Reise von der Deepdene-Schule nach Farnham durch Guildford und anschlie�end Aldershot gekommen war. Den ganzen Weg nach Guildford und wieder zur�ck mit dem Rad zu fahren, war kein sehr verlockender Gedanke. Und er war nicht sicher, ob das an einem Tag zu schaffen war. Einmal abgesehen davon, dass er auch noch einen Experten finden musste, der sich sowohl mit Giften als auch mit Seuchen auskannte.</p><p>Er seufzte. �Vergiss es�, sagte er. �War nur eine bl�de Idee.�</p><p>�Nicht unbedingt�, antwortete Matty. �Es gibt andere Wege, nach Guildford zu kommen.�</p><p>�Ich kann nicht reiten, und ein Pferd habe ich auch nicht.�</p><p>�Und was ist mit dem Zug?�</p><p>�Ich w�rde die Aktion lieber unbemerkt durchziehen, ohne dass jemand davon erf�hrt. MrsEglantine scheint den Stationsvorsteher zu kennen, und ich will nicht, dass sie wei�, was ich die ganze Zeit �ber so mache.�</p><p><emphasis>MrsEglantine ist keine Freundin der Familie.</emphasis> Urpl�tzlich musste er wieder an die Worte aus Mycrofts Brief denken und ihm fr�stelte.</p><p>�Es gibt noch einen Weg�, sagte Matty z�gernd.</p><p>�Und zwar?�</p><p>�Auf dem <emphasis>Wey</emphasis>.�</p><p>�Auf dem was?�</p><p>�Auf dem <emphasis>Wey</emphasis>. So hei�t der Fluss, der von hier nach Guildford flie�t.�</p><p>Sherlock dachte einen Augenblick �ber den Vorschlag nach. �Wir w�rden ein Boot brauchen.� Dann f�gte er, bevor Matty noch etwas sagen konnte, hinzu: �Und du hast eines, zumindest ein kleines Kanalboot.�</p><p>�Und ein Pferd, um es zu ziehen.�</p><p>�Wie lange w�rden wir brauchen?�</p><p>Matty �berlegte einen Moment. �Vermutlich genauso lange wie mit dem Rad. Aber es ist sehr viel bequemer. Heute schaffen wir es wahrscheinlich nicht mehr. Wir k�nnten uns morgen bei Sonnenaufgang treffen. Wir w�ren allerdings die meiste Zeit auf dem Wasser unterwegs. In Guildford wirst du nicht sehr viel Zeit haben.�</p><p>�Wie w�r�s dann, wenn wir noch vor Sonnenaufgang losfahren?�, fragte Sherlock.</p><p>Matty blickte ihn skeptisch an. �Werden sich deine Tante und dein Onkel keine Sorgen machen?�</p><p>In Sherlocks Kopf surrte es wie in einer Standuhr, die kurz vor dem Schlagen war. �Nachher beim Abendessen werde ich erz�hlen, dass ich gleich ins Bett gehe. Wenn es sp�ter dunkel ist und alle schlafen gegangen sind, kann ich mich aus dem Haus schleichen. Ich bin sicher, dass das klappt. Nach mir hat noch nie jemand gesehen. Und ich kann eine Nachricht im Speisezimmer hinterlassen, in der ich mitteile, dass ich schon vor dem Fr�hst�ck aufgestanden bin, um mit Amyus Crowe rauszugehen. Die Botschaft werden sie erst am Morgen finden. Das funktioniert garantiert!�</p><p>�Der Fluss flie�t dicht am Haus deines Onkels vorbei�, sagte Matty. �Ich kann dir eine Karte zeichnen und dich dann dort abholen. Wir k�nnen schon morgens in Guildford und noch vor Sonnenuntergang wieder zur�ck sein.�</p><p>Matty nahm einen spitzen Stein vom Boden auf und ritzte damit rasch eine Karte auf ein Holzst�ckchen, das er aus seiner Sitzgelegenheit herausgebrochen hatte. Sherlocks Vermutung nach konnte der Junge weder lesen noch schreiben, aber seine Karte war perfekt und so gut wie ma�stabsgetreu. Sherlock konnte sich genau vorstellen, wo sie sich treffen w�rden.</p><p>�Ich brauche dich, damit du was erledigst�, sagte Sherlock.</p><p>�Was?�</p><p>�H�r dich mal um. Sieh, ob du was �ber den toten Mann rausfinden kannst. Der, vor dessen Haus du gestanden hast. Krieg raus, was er so gemacht hat.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Was er beruflich gemacht hat. Womit er sein Geld verdient hat. Ich hab das Gef�hl, das k�nnte wichtig sein.�</p><p>Matty nickte. �Ich werd tun, was ich kann�, erwiderte er. �Aber normalerweise erz�hlt man Kindern nichts.�</p><p>Danach ging alles reibungslos �ber die B�hne. Sherlock fuhr zur�ck nach Holmes Manor und kam gerade an, als sich die Familie zum Mittagessen versammelte. Er versuchte, seinen Plan in Gedanken noch einmal gr�ndlich durchzugehen. Er pr�fte, inwieweit jede Phase auch unvorhergesehenen Ereignissen standhalten w�rde, und klopfte die Details nach Schwachstellen ab. Aber unversehens ertappte er sich immer wieder dabei, wie seine Gedanken zu Virginia Crowe abschweiften. Allerdings wollte es ihm nicht so richtig gelingen, sich die Konturen ihres Gesichtes und die Form ihres wallenden Haares ins Ged�chtnis zu rufen.</p><p>Amyus Crowe traf nach dem Mittagessen ein. Anschlie�end gingen die beiden gleich hinaus auf die Veranda, wo Crowe Sherlocks Denkverm�gen einige Stunden lang mit Puzzles und Denkspielen auf die Probe stellte. Vor allem eines blieb Sherlock im Ged�chtnis haften.</p><p>�Also, stellen wir uns mal Folgendes vor: Drei Burschen beschlie�en, sich die Kosten f�r ein Hotelzimmer zu teilen�, sagte Crowe. �Das Zimmer kostet drei�ig Schilling die Nacht, einschlie�lich Abendessen und Fr�hst�ck. Offensichtlich haben wir es hier mit einem noblen Haus zu tun. Also zahlt jeder der drei dem Gesch�ftsf�hrer zehn Schilling. Soweit alles klar?�</p><p>Sherlock nickte.</p><p>�Gut. Am n�chsten Morgen stellt der Gesch�ftsf�hrer fest, dass er einen gravierenden Fehler gemacht hat. Wegen Umbauarbeiten im Hotel wird das Zimmer eigentlich zu einem Spezialtarif angeboten. Also schickt er einen Pagen zu ihnen aufs Zimmer, um ihnen f�nf Schillinge zur�ckzugeben. Die drei sind so angetan, dass sie beschlie�en, dem Pagen zwei Schillinge Trinkgeld zu geben, w�hrend jeder einen Schilling f�r sich beh�lt. Also bezahlt am Ende jeder neun, anstatt zehn Schillinge, und der Page hat zwei Schillinge bekommen. Richtig?�</p><p>Wieder nickte Sherlock, aber sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, um noch mitzukommen. �Moment. Wenn jeder am Ende neun Schillinge zahlt, macht das insgesamt siebenundzwanzig Schillinge. Z�hlt man die beiden Schillinge, die der Page bekommen hat, hinzu, kommt man auf neunundzwanzig Schillinge. Ein Schilling fehlt.�</p><p>�Das ist richtig�, sagte Crowe. �Sag mir, wo er geblieben ist.�</p><p>Die n�chsten zwanzig Minuten verbrachte Sherlock damit, auf die L�sung zu kommen. Zun�chst probierte er es im Kopf, dann auf Papier. Doch schlie�lich musste er eingestehen, dass er geschlagen war. �Ich komm� einfach nicht drauf�, sagte er. �Der Gesch�ftsf�hrer hat f�nf Schillinge zur�ckgezahlt und damit hat er ihn nicht mehr. Der Page hat zwei Schillinge bekommen, somit hat er ihn auch nicht erhalten. Und die drei haben jeder einen Schilling zur�ckbekommen, und folglich haben sie ihn auch nicht.�</p><p>�Das Problem liegt in der Betrachtungsweise�, erkl�rte Crowe. �In der Tat, drei mal neun Schillinge macht siebenundzwanzig Schillinge. Aber darin ist das Trinkgeld bereits enthalten. Es macht keinen Sinn, das Trinkgeld zu dieser Summe hinzuzurechnen, um so auf neunundzwanzig Schillinge zu kommen. Wenn du das Problem restrukturierst, wird dir klar, dass die drei M�nner f�nfundzwanzig Schillinge f�r das Zimmer und zwei Schillinge f�r das Trinkgeld gezahlt haben. Dann haben sie jeder einen Schilling zur�ckbekommen, wodurch wir insgesamt wieder auf drei�ig Schillinge kommen. Und somit lautet das Fazit also��?�</p><p>Sherlock nickte. �Lass nicht zu, dass jemand anderes das Problem f�r dich formuliert, weil er dich auf den Holzweg f�hren k�nnte. Nimm die Fakten, die man dir zur Verf�gung stellt, sieh sie dir in aller Ruhe an, und formuliere das Problem dann in einer logischen Weise, die dich in die Lage versetzt, die L�sung zu finden.�</p><p>Amyus Crowe ging vor dem Abendessen, und Sherlock kehrte in sein Zimmer zur�ck, um dar�ber nachzudenken, was er gelernt hatte. Zum Abendessen begab er sich wieder hinunter und a� schweigend, w�hrend sein Onkel las und seine Tante vor sich hinredete. MrsEglantine stand wieder etwas abseits im Raum und be�ugte ihn argw�hnisch. Er mied jedoch einfach ihren Blick. Nur ein einziges Mal kam so etwas wie eine Konversation auf, als sein Onkel von seinem Buch aufsah und sich an die Hauswirtschafterin wandte. �MrsEglantine, was bieten die G�rten von Holmes Manor so an Lebensmittelvorr�ten?�</p><p>�Was Gem�se anbelangt, so bauen wir genug f�r unsere eigenen Bed�rfnisse an�, sagte sie mit verkniffenem Mund. �Bei Gefl�gel und Eiern sieht es genauso aus. Was Fleisch und Fisch betrifft, kommen wir vermutlich ein paar Wochen zurecht, wenn wir sparsam haushalten.�</p><p>Onkel Sherrinford nickte. �Ich denke, wir sollten mit dem Schlimmsten rechnen. Treffen Sie Vorkehrungen zum R�uchern oder machen Sie auf andere Weise so viel Fleisch wie m�glich haltbar. Legen Sie Vorr�te von allen Grundnahrungsmitteln an. Wenn sich die Pest in Farnham ausbreitet, werden wir vielleicht einige Zeit isoliert sein. Ich wei�, dass Amyus Crowe zu Ruhe und Geduld r�t, aber wir sollten Vorkehrungen treffen.� Er wandte sich Sherlock zu. �Apropos MrCrowe�� dein Lehrer teilte mir mit, dass du noch nicht viel Zeit in deine Griechisch- und Lateinstudien investiert hast.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Sherlock. �MrCrowe und ich haben uns bisher auf�� Mathematik konzentriert.�</p><p>�MrCrowes Zeit ist wertvoll�, fuhr Onkel Sherrinford in ruhigem und bed�chtigem Ton fort. �Und dein Bruder hat einige Kosten auf sich genommen, um sich MrCrowes Dienste zu vergewissern. Vielleicht magst du ja einmal dar�ber nachdenken.�</p><p>�Das werde ich, Onkel.�</p><p>�MrCrowe wird morgen Nachmittag wiederkommen. Vielleicht kannst du ja f�r mich ein bisschen was �bersetzen.�</p><p>Sherlock dachte an Mattys Prognose, dass sie nicht vor dem Abendessen zur�ck sein w�rden, und zuckte innerlich zusammen. Er konnte jedoch seinem Onkel unm�glich erz�hlen, dass er nach Guildford fuhr. Er wollte nicht riskieren, sich ein Verbot einzufangen. Als er aufblickte, sah er, dass MrsEglantine ihn mit ihren kleinen funkelnden Knopfaugen musterte.</p><p>�Ich werde da sein�, versprach er und wusste schon, als er die Worte aussprach, dass er es wohl kaum rechtzeitig zur�ck schaffen w�rde. Doch �ber eine Erkl�rung konnte er sich sp�ter den Kopf zerbrechen, wenn es soweit war.</p><p>Als er das Abendessen beendet hatte, entschuldigte er sich und begab sich in die Bibliothek. Sein Onkel, der noch im Esszimmer speiste, hatte vor einem oder zwei Tagen gesagt, dass Sherlock die Bibliothek nutzen d�rfe, wenn er wolle. Aber dennoch kam er sich wie ein Eindringling vor, als er in die ged�mpfte Atmosph�re des Raumes eintauchte, in dem es in jeder Ecke und jedem Winkel nach Leder und altem Papier roch und dessen Vorh�nge zum Schutz vor dem Sonnenlicht zugezogen waren. In der Hoffnung, etwas �ber die �rtliche Geographie zu finden, durchst�berte er die Regale. Er stie� auf verschiedene mehrb�ndige Enzyklop�dien, in Lederb�nden zusammengebundene Jahrg�nge von Kirchenzeitschriften, jede Menge kirchengeschichtliche Werke und auf unz�hlige Sammelb�nde von Predigten, die mutma�lich von angesehenen Geistlichen vergangener Tage stammten. Schlie�lich fand er ein paar Regale mit Titeln �ber lokale Geschichte und Geographie.</p><p>Er entschied sich f�r ein Buch �ber die Wasserwege in Surrey und Hampshire. Dann verlie� er die Bibliothek und kehrte auf sein Zimmer unter dem Dach zur�ck.</p><p>Ungef�hr eine halbe Stunde lang sa� er an der Nachricht, in der er mitteilen wollte, dass er fr�h ausgegangen sei und erst sp�ter am Tage wieder zur�ckkehren w�rde. Die ersten paar Versuche gerieten zu detailliert und enthielten diverse unwahre Angaben dar�ber, was er wo und wann zu tun beabsichtigte. Aber nach einer Weile erkannte er, dass seine Botschaft umso �berzeugender ausfiel, je einfacher sie war und je weniger nachpr�fbare Fakten sie enthielt. Als er die Nachricht verfasst hatte, legte er sich auf sein Bett und las das Buch, das er aus der Bibliothek mitgenommen hatte. Sherlock bl�tterte durch die Buchseiten und hielt Ausschau nach Stellen, in denen der Fluss <emphasis>Wey</emphasis> erw�hnt wurde oder�� besser noch�� auf Landkarten verzeichnet war, die er sich einpr�gen konnte. Doch schon bald fand er mehr, als er erwartet hatte. Der <emphasis>Wey</emphasis> zum Beispiel war nicht nur einfach ein Fluss, sondern offensichtlich etwas, das man �Wasserstra�e� nannte. Fl�sse neigten dazu, sich in willk�rlichen Windungen durch die Landschaft zu schl�ngeln. Die f�r den Handelsverkehr zwischen den St�dten gebauten Kan�le hingegen verliefen, wo es irgend m�glich war, in gerader Richtung. Mit stufenartigen Konstruktionen, den �Schleusen�, konnte das Niveau des Wasserstandes je nach Form der Landschaft angehoben oder abgesenkt werden. Eine Wasserstra�e, so stellte er fest, war ein Fluss, den man durch Wehre und Schleusen schiffbarer gemacht hatte, wodurch sich der nat�rliche Fluss in etwas verwandelte, das mehr �hnlichkeit mit einem Kanal hatte.</p><p>Sherlock brummte der Sch�del vor lauter Details, mit denen auf die Meisterleistungen der Ingenieurskunst und die vielen Jahre Arbeit eingegangen wurde, die erforderlich gewesen waren, um den Fluss dem menschlichen Willen zu unterwerfen.</p><p>Da er wusste, dass ein langer Tag vor ihm lag, versuchte er schlie�lich zu schlafen, und obwohl ihm der Kopf vor lauter Ideen, Bildern und Fakten nur so schwirrte, glitt er, ehe er es sich versah, in einen traumlosen Schlaf. Als er wach wurde, war es immer noch dunkel, doch eine frische Brise wehte durchs Fenster, und die V�gel in den B�schen und B�umen hatten schon mit ihrem Fr�hkonzert begonnen. Es war vier Uhr morgens.</p><p>Er hatte sich angezogen schlafen gelegt, und so glitt er schon wenige Augenblicke sp�ter durch das dunkle Haus. Er schl�pfte hinaus auf den Korridor und schlich die enge Holztreppe vom Dachgeschoss hinunter. Sorgf�ltig achtete er darauf, dass er auf den �u�eren Rand der Stufen trat, um ein Knarren zu vermeiden. Anschlie�end pirschte er sich vorsichtig auf dem Korridor im ersten Stock voran, wobei er versuchte, nicht zu schwer zu atmen. Er kam am Schlafzimmer seines Onkels und seiner Tante vorbei, am Ankleideraum und dem Badezimmer. Dann ging es die Haupttreppe hinunter, die im Bogen zur Eingangshalle im Erdgeschoss hinabf�hrte. Dicht an die Wand gedr�ngt machte sich Sherlock an den Abstieg. Er meinte das Gewicht der �ber ihm h�ngenden Gem�lde f�rmlich auf den Schultern zu sp�ren, vor allem, wenn er an die mit �ppigem Schnitzwerk verzierten m�chtigen Holzrahmen dachte, die die Bilder an sich zu relativer Bedeutungslosigkeit degradierten. Der einzige Laut, den er vernahm, war das Ticken der gro�en Uhr, die unten neben der Treppe in einem Winkel stand.</p><p>Als er die Halle erreicht hatte, blieb er stehen. Nun musste er noch die mit Fliesen bedeckte Weite bis zur Eingangst�r �berqueren. Kein Entlanggeschleiche an der Wand mehr. Wenn jetzt jemand aus einer der T�ren kam oder oben von der Galerie herabblickte, w�re er auf der freien Fl�che schutzlos den neugierigen Blicken ausgesetzt. Er kniete sich einen Moment hin, um zu sehen, ob unter einer der T�ren Licht hindurchschien. Aber es war alles dunkel. Schlie�lich nahm er all seinen Mut zusammen und huschte �ber die Fliesen.</p><p>Als er die Eingangst�r erreicht hatte, hatte er das Gef�hl, dass das Pochen seines Herzens doppelt so schnell war wie das Ticken der Uhr.</p><p>Die T�r war zugesperrt. Aber nachdem er den Riegel beiseite geschoben hatte, lie� sie sich problemlos �ffnen. M�glicherweise w�rde jemandem in den Morgenstunden auffallen, dass sie nicht verriegelt war. Aber mit ein bisschen Gl�ck w�rde der- oder diejenige einfach vermuten, dass schon jemand anderes aufgeschlossen hatte.</p><p>Sherlock hatte die T�r fast schon wieder zugedr�ckt, als ihm einfiel, dass er noch seine Nachricht hinterlassen musste. Er stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die T�r und schob sie wieder auf. Dann glitt er rasch hinein. Neben dem Hutst�nder in der Halle, auf dem normalerweise die Morgen- und Abendpost deponiert wurde, stand ein kleiner Beistelltisch. Sherlock legte die Nachricht darauf und ging wieder hinaus.</p><p>Verglichen mit der stickigen Luft im Haus war es drau�en k�hl und erfrischend. Und dort, wo �ber den Baumwipfeln das Blau der Morgend�mmerung die Dunkelheit der Nacht vertrieb, k�ndigte sich schon zaghaft der Schein der Morgensonne an. Sherlock sprintete, so schnell er konnte, �ber den Zufahrtsweg. Er h�rte, wie die Kieselsteinchen auf dem Weg unter seinen Tritten knirschten, bevor er den Rasen erreichte und die weiche Grasfl�che seine Schritte verschluckte.</p><p>Er brauchte zehn Minuten, bis er mit Hilfe von Mattys Instruktionen das Flussufer erreicht hatte. Sherlock konnte eine lange schwarze Kontur auf dem silbrig glitzernden Wasser ausmachen. Tr�ge d�mpelte sie auf den Wellen hin und her. Das merkw�rdige Gef�hrt sah aus, als h�tte man eine lange, zylinderf�rmige Hutr�hre einfach auf einen schmalen Schiffskiel gelegt. Die R�hre endete hinten abrupt kurz vor dem Heck und machte dort einer Plattform mit gen�gend Raum f�r zwei Leute Platz, von denen einer die Ruderpinne bediente.</p><p>Vorn am Bug des Bootes war ein Tau festgekn�pft. Sanft senkte es sich auf die Wasseroberfl�che hinab. Doch gleich darauf straffte es sich wieder etwas, als das Pferd, an dessen Geschirr das andere Tauende befestigt war, sich gem�chlich und zufrieden weiter am grasigen Ufer entlangfra�. Im Gegensatz zu Virginia Crowes pr�chtigem schwarzem Hengst handelte es sich bei diesem Tier um eine schwere, gedrungene Kreatur mit st�mmigen Beinen und zotteliger M�hne. Ohne gro�es Interesse, hob es kurz den Kopf, um Sherlock zu be�ugen. Dann fra� es unbeeindruckt weiter.</p><p>Matty stand vorne am Bug und wartete. Vor dem langsam heller werdenden Himmel sah seine dunkle Silhouette aus wie die Galionsfigur eines Schiffes oder eine Wasserspeierskulptur an einer Kathedrale. Er hielt einen Bootshaken, eine lange Holzstange mit einem Metallhaken am Ende.</p><p>�Dann mal los!�, sagte er, als Sherlock auf das Boot kletterte. �Ach �brigens, das ist Albert.� Er machte einen schnalzenden Laut mit seiner Zunge, woraufhin sich das Pferd mit einem bedauernden Ausdruck auf dem langen Gesicht zu ihm umblickte und sich entlang des Uferrandes in Bewegung setzte. Das zwischen Boot und Pferd befestigte Tau straffte sich und, gezogen von Albert, setzte sich das Gef�hrt langsam in Bewegung. Gleichzeitig stie� Matty mit dem Bootshaken den Kahn vom Ufer fort, damit er sich nicht im Schilf verfing.</p><p>�Wei� er eigentlich, wohin er geht?�, fragte Sherlock.</p><p>�Was muss er da denn schon gro� wissen? Er trottet einfach am Ufer entlang und zieht das Boot hinter sich her. Kommt er an ein Hindernis, bleibt er einfach stehen und ich k�mmere mich drum. Du bleibst hinten am Heck und bedienst die Ruderpinne. Wenn wir auf die Flussmitte hinaustreiben, steuerst du wieder zur�ck in Ufern�he. Falls dir kalt wird, kannst du die Decke nehmen, die an Deck liegt. Ist nur �ne alte Pferdedecke, aber sie h�lt genauso warm wie so�n Nobelteil.�</p><p>Das Boot trieb auf dem Fluss davon. Das im regelm��igen Rhythmus gegen die Planken pl�tschernde Wasser versetzte Sherlock allm�hlich in einen schl�frigen, fast hypnotischen Zustand. Abgesehen von gelegentlich vorbeischwimmenden Enten oder G�nsen lag der Fluss einsam und verlassen vor ihnen.</p><p>�Was hast du �ber den Mann rausgefunden, der gestorben ist?�, rief Sherlock nach einer Weile nach vorne. �Den ersten Mann. Den aus dem Haus.�</p><p>�War �n Schneider�, rief Matty zur�ck. �Hat f�r �ne Firma gearbeitet, die Uniformen f�r die Armee in Aldershot herstellt. War offenbar �n riesiger Auftrag, denn die Firma hat alle Leute in der Umgebung angeheuert, die Tuche zuschneiden oder Teile zusammenn�hen k�nnen.�</p><p>�Wie hast du das herausgefunden?�</p><p>Matty lachte. �Hab gesagt, dass ich sein Sohn bin und meine Mom rauskriegen will, ob er noch von irgendeinem Arbeitgeber Geld zu bekommen hat. Wie�s aussieht, h�tte er tats�chlich noch ausstehenden Lohn zu bekommen, aber sein Vermieter hat da schon den Daumen drauf, weil er ihm noch Miete schuldete.�</p><p>�Wo ist der Firmensitz?�, rief Sherlock zur�ck.</p><p>�Das Hauptb�ro befindet sich in der N�he des Marktes. Aber sie haben auch einen Lagerschuppen am Stadtrand. Und da hat der Kerl auch gearbeitet. Ist vermutlich der, den die Schl�gertypen abgefackelt haben.�</p><p>W�hrend das von Albert gezogene Boot weiter auf dem Fluss dahinglitt, gr�belte Sherlock �ber das nach, was er von Matty erfahren hatte. Der Tote war ein Schneider gewesen und hatte Uniformen hergestellt. Der Lagerschuppen, in dem er gearbeitet hatte, hatte voller Kisten gestanden. Kisten, die die Schl�gertypen auf einen Wagen geladen hatten.</p><p>Kisten voller Uniformen? Das war nicht ganz unwahrscheinlich. Aber das erkl�rte immer noch nicht, wie und warum der Mann gestorben war. Und den Tod des zweiten Mannes im Wald erkl�rte es ebenfalls nicht.</p><p>Der Himmel im Osten hatte eine dunkelviolette Farbe angenommen, die an eine frische Quetschwunde erinnerte. Die B�ume, die das Flussufer s�umten, waren lediglich dunkle Schemen vor einem noch dunkleren Hintergrund. Dicht �ber dem Horizont leuchtete ein einzelner heller Stern. Vor sich konnte Sherlock einen schwarzen Bogen erkennen, der ihren Weg kreuzte. Vermutlich eine Br�cke. Vielleicht sogar die Br�cke, auf der Matty und er nur wenige Tage zuvor bereits einmal gesessen hatten, um Fische im Fluss zu beobachten.</p><p>Pl�tzlich gab Albert ein kurzes Wiehern von sich, als ob ihn etwas erschreckt h�tte. Sherlock starrte ans Ufer und versuchte, vor dem Hintergrund der dunklen Hecken, die das Ufer s�umten, die Konturen des Tieres auszumachen. Der Klang der Hufe auf dem Pfad �nderte sich. F�r Sherlock h�rte es sich an, als wollte das Pferd vor etwas ausweichen, das ihm zu nahe kam.</p><p>Matty rief dem Tier etwas Beruhigendes zu�� eher tr�stliche Laute als richtige Worte��, aber Sherlock konnte am Tonfall erkennen, dass Matty beunruhigt war. Was war los? Hatte Albert vor einem verwilderten Hund Angst, der sich dort irgendwo herumtrieb, oder hatte er nur etwas Unerwartetes gewittert?</p><p>Sherlock wollte gerade nach Matty rufen und fragen, was es f�r ein Problem g�be, als er hinter den schwarzen Konturen von Mattys Kopf und Schultern eine Bewegung auf der Br�cke wahrnahm.</p><p>Sherlock wandte den Blick auf die dunklen Umrisse der Br�cke, die vor ihnen den Fluss �berspannte.</p><p>Etwas st�rte pl�tzlich den sanften Verlauf des Br�ckenbogens: ein massiger Schatten, nicht ganz in der Br�ckenmitte. Nein, <emphasis>zwei</emphasis> massige Schatten, denn der erste bekam Gesellschaft von einem zweiten. Es schien, als w�rden sie sich einen Augenblick lang dicht aneinandergelehnt unterhalten.</p><p>B�rger aus Farnham, die fr�h unterwegs waren? Wilderer vielleicht?</p><p>Im n�chsten Augenblick wurden Sherlocks Theorien auch schon �ber den Haufen geworfen, als auf einmal ein Streichholz auf der Br�cke aufflammte. F�r einen Moment fiel der Lichtschein auf zwei Gesichter, die er augenblicklich erkannte.</p><p>Es waren Clem und Denny, die beiden Schurken aus dem Lagerhaus.</p><p>Im n�chsten Augenblick hatte sich das aufflammende Streichholzlicht in ein warmes Leuchten verwandelt, das sich �ber das Backsteinmauerwerk ergoss. Clem hielt eine Lampe in die H�he. Ihr Schein fiel auf das sich n�hernde Boot herab. Als sie auf die Br�cke zutrieben, konnte Sherlock sehen, wie sich Clems Mund zu einem grausamen L�cheln verzog. Der Schein der Lampe umriss Mattys Gestalt, als er sich am Bug aufrichtete. Es schien so, als wollte Matty etwas sagen. Aber Clem schwang die Lampe �ber seinem Kopf und tauchte die Umgebung f�r einen Moment in wild flackernde Schatten. Dann schleuderte er sie auf Mattys Kopf zu.</p><p>Matty duckte sich. Die Lampe prallte zweimal auf und zerbarst. Metalltr�mmer und Glassplitter fegten �ber das Bootsdeck auf Sherlock zu und hinterlie�en dabei eine breite Spur von brennendem �l. Winzige Flammenzungen leuchteten auf dem Holz und breiteten sich gleich darauf gierig auf dem Furnier aus. Sherlock blickte sich hilflos um. Herrgott nochmal, sie waren mitten auf einem Fluss, umgeben von lauter Wasser, und er hatte keine Ahnung, wie man es dahin bef�rdern k�nnte, wo sie es brauchten!</p><p>Sein Blick blieb an der Pferdedecke h�ngen, von der Matty gesprochen hatte. Sie lag zusammengekn�llt in der Ecke nahe der Ruderpinne. Sherlock packte sie und schleuderte sie nach vorne in Richtung der Flammen, wobei er darauf achtete, dass er einen Zipfel in der Hand behielt, damit sie nicht ins Wasser rutschte. Rauch stieg unter der Decke empor, aber keine Flammen. Sherlock zog die Decke wieder zu sich zur�ck. Das Feuer war zur H�lfte erloschen, erstickt vom dicken Stoff der Decke, doch in den Fugen der Bootskonstruktion tasteten sich immer noch hartn�ckige kleine Flammenzungen voran.</p><p>Matty stie� einen Schrei aus, als eine weitere �llampe Sherlocks Kopf nur knapp verfehlte und auf den Bootsrand prallte. Von dort fiel sie in den Fluss, wo sie ein kurzes w�tendes Zischen von sich gab, als der brennende Docht mit dem Wasser in Ber�hrung kam und gleich darauf versank. Sherlock wirbelte herum und tauchte die Decke neben der Bootswand ins Wasser. Ehe sie zu viel Wasser aufgesogen hatte, zog er sie rasch wieder heraus und breitete sie erneut �ber dem Holz aus. Dieses Mal h�rte er ein Zischen, als der wassergetr�nkte Stoff die letzten Flammen erstickte.</p><p>In der Erwartung, gleich eine dritte �llampe auf sich zufliegen zu sehen, blickte Sherlock zur Br�cke hoch, als das Boot darunter hindurchfuhr. Aber wie es schien, war ihren Angreifern die Munition ausgegangen. Stattdessen stellte er schockiert fest, dass ein K�rper auf ihn hinuntersauste. Clem war von der Br�cke gesprungen. Der Gangster landete auf dem Dach des Bootes. Unter seinen schweren Stiefeln brachte er das Holz zum Bersten und fiel r�ckw�rts aufs Deck. Doch rasch rappelte er sich wieder auf und kam mit zusammengebissenen Z�hnen und w�tend funkelnden Augen auf Sherlock zu. Mit der rechten Hand langte er an seinen G�rtel und zog ein �bel aussehendes Messer mit gekr�mmter Klinge heraus.</p><p>�Dachtest wohl, du kannst so mir nix dir nix in den Schuppen einbrechen und einfach so davonkommen, was?�, knurrte er. �Man hat dich gesehen, wie du vor den Flammen abgehauen bist. Wie eine dreckige Ratte. Und nichts anderes bist du.� Er langte mit der linken Hand nach Sherlocks Schulter. �Mach dich bereit, deinem Sch�pfer guten Tag zu sagen.�</p><p>Sherlock dr�ngte sich auf dem winzigen Deck r�ckw�rts in eine Ecke. Er sp�rte den Luftzug, als Clems Finger unmittelbar vor seinen Augen ins Leere griffen. Der Mann stand so nah, dass Sherlock den widerlichen Schwei�geruch wahrnahm, der seiner groben, schmutzigen Kleidung entstr�mte, und m�helos den Dreck unter den abgekauten Fingern�geln erkennen konnte.</p><p>Clem langte wieder nach vorne und diesmal hatte er mehr Gl�ck. Wie Schraubzwingen bohrten sich seine Fingerspitzen in Sherlocks Schulter. Einen Moment lang hielt er ihn b�se grinsend einfach nur fest gepackt und verst�rkte dabei gen�sslich langsam den Druck, als wollte er Sherlocks Schulter zerquetschen. Dann l�ste er pl�tzlich seinen Griff, nur um in der gleichen Sekunde seine Finger in Sherlocks Haare zu krallen und ihn an sich heranzuzerren. Gegen seinen Willen musste Sherlock vor Schmerz aufschreien, als sein Haar fast von der Kopfhaut gerissen wurde. Bizarrerweise hatte Sherlock einen winzigen Augenblick lang das Bild vor Augen, wie Albert am Flussufer Grasb�schel ausrupfte.</p><p>Clem hielt Sherlock dicht an sich gepresst und starrte in die Augen des Jungen hinab. Sherlock sp�rte, wie Clems rechte Hand, die das Messer hielt, nach oben glitt. Jeden Moment w�rde ihm die Kehle aufgeschlitzt werden, und er wusste noch nicht einmal, warum!</p><p>Etwas traf Clem von hinten. Geschockt weiteten sich seine Augen und Sherlock f�hlte, wie sich der eiserne Griff in seinen Haaren l�ste. Er machte einen Schritt zur�ck und stie� Clem mit beiden H�nden von sich. Der Mann leistete keinen Widerstand, sondern vollf�hrte einen stolpernden R�ckw�rtsschritt. Mit schlurfenden, �bertrieben vorsichtigen Schritten drehte er sich langsam um.</p><p>Matty stand hinter Clem. Mit dem Bootshaken in den erhobenen H�nden.</p><p>Einen Moment lang konnte Sherlock sich keinen rechten Reim darauf machen, was geschehen war. Aber dann, als Clem sich vollends zu Matty umwandte, sah er eine tiefe klaffende Wunde, die sich von seinem Sch�del bis zum dicken Stiernacken hinunterzog. Durch die aufgeschlitzte Haut blitzten wei�e Knochen aus dem str�menden Blut hervor. Matty hatte ihn mit dem Bootshaken mitten auf den Hinterkopf getroffen.</p><p>Clem machte einen langsamen Schritt auf Matty zu. Dann noch einen. Er hob die Hand, die das Messer hielt. Aber auf einmal schien er nicht mehr zu wissen, was man damit machte. Er starrte d�mlich auf das Messer. Dann kippte er zur Seite und fiel steif wie ein gef�llter Baum �ber Bord. Mit einem m�chtigen Platscher knallte er aufs Wasser, und die Font�ne schoss fast bis zur Br�cke empor. Einen kurzen Augenblick konnte Sherlock Clems Gesicht erkennen, w�hrend er in die Tiefe sank. Mit ungl�ubigem Staunen starrten seine verr�ckten Augen zu Sherlock empor. Gleich darauf verschwand er im tr�ben Wasser und sank dem schlammigen Grund des Flusses entgegen. Das Letzte, was Sherlock wahrnahm, waren seine Finger, die sich wie Seegras in der Str�mung schl�ngelten. Doch dann waren auch sie verschwunden.</p></section><section><title><p><strong>8</strong></p></title><p>Als die Sonne vollends �ber den Horizont gestiegen war und wie eine reife Frucht �ber den schwarzen Silhouetten der B�ume hing, war Sherlock immer noch am Zittern. Seine Kopfhaut brannte wie Feuer, und Clems eiserner Griff, mit dem er ihn an der Schulter gepackt hatte, hatte einen tiefsitzenden Schmerz hinterlassen. Sherlock hatte keine Zweifel, dass, wenn er sich die M�he machte und nachsah, er auf f�nf rotunterlaufene Stellen sto�en w�rde: f�nf ovale Bluterg�sse, hervorgerufen von vier Fingern und einem Daumen.</p><p>Nachdem Clem im Wasser versunken war und sein Komplize das Weite gesucht hatte, hatten sich Matty und Sherlock nach dem �berfall einige Augenblicke einfach nur angestarrt, noch ganz schockiert von dem brutalen Angriff, der ebenso schnell �ber sie hereingebrochen, wie er wieder vor�ber gewesen war.</p><p>�Der hat nicht versucht, das Boot zu klauen�, hatte Matty schlie�lich gefl�stert. �Der wollte es zerst�ren. Hatte schon mit Typen zu tun, die es mir klauen wollten. Aber warum sollte es jemand in Brand setzen? Hab den Kerl noch nie gesehen! Was hab ich denen blo� getan?�</p><p>�Die waren hinter mir her�, hatte Sherlock widerstrebend geantwortet. �Das war einer von den M�nnern aus dem Lagerschuppen. Ich glaube, der hatte das Sagen. Zumindest �ber die Leute, die dort waren. Aber er muss mich gesehen haben, als ich dem Brand entkommen bin. Und bestimmt ist ihm klargeworden, dass ich sie belauscht habe. Allerdings habe ich keine Ahnung, wie sie uns bis hierher aufs Boot verfolgt haben.� Ungl�ubig hatte er den Kopf gesch�ttelt. �Was f�hren sie nur im Schilde? Was f�r ein Geheimnis ist so wichtig, dass sie bereit sind, uns umzubringen?�</p><p>Matty hatte Sherlock nur angestarrt, als h�tte er ihn betrogen. Dann hatte er sich abrupt umgedreht und die Leine geschwungen, um das Pferd wieder anzutreiben.</p><p>Nun, da die Sonne ein ganzes St�ck gestiegen war und seine Schulter schmerzte wie ein verrotteter Zahn, n�herten sie sich Guildford, und Sherlock hatte noch immer nicht die geringste Ahnung, was es war, auf das er eigentlich h�tte kommen sollen. Alles, was er bisher vorzuweisen hatte, waren Fragen, und durch den �berfall waren sogar noch ein paar weitere hinzugekommen.</p><p>Eine kleine Meute verwahrloster Hunde folgte ihnen am Flussufer entlang. Aufmerksam beobachteten die Hunde sie in der Hoffnung, dass sie vielleicht etwas Essbares �ber Bord warfen. Beim Gedanken daran, wie sehr die Hunde Matty in dieser Hinsicht �hnelten, musste Sherlock schmunzeln. Er sah nach vorn. Sein Blick blieb auf Mattys Hinterkopf haften, und das L�cheln schwand aus seinem Gesicht. Er hatte Mattys Boot, das einzige richtige Heim, das er besa�, einem Risiko ausgesetzt. Schlimmer noch: Er hatte Mattys Leben aufs Spiel gesetzt. Und wof�r?</p><p>An den Flussufern tauchten nun allm�hlich immer mehr Leute auf. Einige, die offensichtlich zur Stadt wollten oder aus ihr kamen, benutzten das Ufer als bequemen Reiseweg. Andere hingegen sa�en auf Kisten und hielten selbstgebaute Angelruten ins Wasser, in der Hoffnung, ein paar Fische zum Fr�hst�ck zu fangen. Vor ihnen stieg Rauch in den Himmel auf. Offensichtlich hatten die Bewohner von Guildford das t�gliche Kochpensum schon in Angriff genommen. Dann tauchten die ersten Geb�ude auf. Einige waren nichts weiter als H�tten, die man aus Holzplanken krumm und schief zusammengenagelt hatte. Bei anderen hingegen handelte es sich schon um solidere Gebilde aus Backstein.</p><p>Dann s�umten erste, vereinzelte Abschnitte mit steinernen Wegplatten das Ufer. Nach und nach folgten sie in immer dichteren Abst�nden aufeinander, bis sie sich zu einem befestigten Uferweg verbunden hatten.</p><p>Als sie sich nach einer Weile einer Ansammlung von Geb�uden n�herten, die dicht geballt am Ufer standen und wie Lagerh�user aussahen, begann Matty, die Leine einzuholen. Das Pferd wurde langsamer und das Boot glitt sanft ans Ufer. Matty hatte das Man�ver perfekt vorausberechnet, denn das Boot kam direkt neben einem Eisenring zum Halten, der in eine der Wegplatten eingelassen war. Sherlock hatte erwartet, dass Matty das Seil am Ring verknoten w�rde. Doch stattdessen langte er nach unten in den kleinen Bugstauraum und zog eine Kette heraus, deren eines Ende offensichtlich an einer im Holz eingelassenen Ring�se befestigt war. Er warf die Kette ans Ufer und sprang hinterher. Dann schlang er die Kette durch den Ring, zog ein gro�es altes Vorh�ngeschloss aus der Tasche und f�hrte den Schlossb�gel durch einige Kettenglieder. Mit einem Klick dr�ckte er den B�gel ins Schloss.</p><p>�Hier kannste niemandem trauen�, murmelte er und mied immer noch Sherlocks Blick. ��N Seil k�nnen sie durchschneiden. Aber um eine Kette und ein Vorh�ngeschloss durchzukriegen, brauchen sie �ne ganz sch�ne Zeit. Mehr Zeit, als das Boot wert ist, denk ich mal.�</p><p>�Was ist mit dem Pferd?�, fragte Sherlock.</p><p>�Wenn er jemanden findet, der ihn besser behandelt als ich, kann er gerne gehen�, sagte Matty. Er betrat den Grasstreifen, der sich neben dem Plattenweg erstreckte, und blickte sich dann zu Sherlock um. Sein Gesichtsausdruck wirkte nicht gerade bedauernd, aber wenigstens war er wieder bereit, Sherlock in die Augen zu blicken.</p><p>�Er ist zu alt und lahm, um einen Pflug oder eine Kutsche zu ziehen�, erkl�rte er. �So ein Boot ist schon das �u�erste und selbst dann ist er langsam. Es lohnt sich nicht, ihn zu klauen.�</p><p>�Es tut mir leid, was passiert ist�, sagte Sherlock verlegen.</p><p>�Ist nicht deine Schuld�, antwortete Matty und wischte sich mit einem �rmel �ber den Mund. �Du bist da in was reingeraten und kommst nicht mehr raus. Und ich steck jetzt auch mit drin. Am besten wir versuchen, so schnell wie m�glich aus der Sache rauszukommen und das Ganze abzuhaken.� Er sah sich um. �Das hier ist Dapdune Wharf�, sagte er. �Merk dir die Stelle. Wenn wir getrennt werden, was sehr wahrscheinlich ist, dann treffen wir uns hier wieder. Ich werd nicht ohne dich abhauen.� Skeptisch musterte er Sherlock. �Und ich bin ziemlich sicher, dass du nicht ohne mich wegkommst. Also dann, wie war noch mal der Name von dem Kerl, den du suchst?�</p><p>�Professor Winchcombe�, sagte Sherlock.</p><p>�Dann lass uns sehen, wo wir den finden. Und vielleicht k�nnen wir auf dem Weg ja noch was zum Fr�hst�ck auftreiben.�</p><p>Sie kehrten dem Fluss den R�cken und folgten einem Pfad, der allem Anschein nach zu einer gr��eren Verkehrsstra�e f�hrte. Nachdem sie eine Stunde marschiert waren und diverse Passanten befragt hatten, fanden sie heraus, dass Professor Winchcombe in der Chaelis Road wohnte, die�� so die Auskunft�� von der High Street abging. Anschlie�end brauchten sie noch eine halbe Stunde, bis sie endlich die High Street gefunden hatten. Die Hauptstra�e von Guildford f�hrte h�gelaufw�rts vom Fluss fort und war auf beiden Seiten von zwei- und dreist�ckigen Ladengeb�uden ges�umt, deren sch�ne Fassaden aus schwarzen Holztr�gern und wei�em Putz das Stra�enbild bestimmten. Vor den Gesch�ften hingen Holzschilder, auf denen Bilder von Fischen, Brot, Gem�se und allen anderen Arten von Waren zu sehen waren.</p><p>Die Leute, die auf der Stra�e flanierten und in die Schaufenster schauten, waren zum gro�en Teil besser gekleidet als die Bewohner von Farnham. Eine ganze Weile hatte Sherlock nicht mehr so viele feine, saubere, farbenfrohe und mit Litzen und B�ndern verzierte Stoffe gesehen.</p><p>Am Fu� der High Street waren vor einer h�fthohen Mauer, die die Stadt vom Fluss trennte, ein paar St�nde aufgebaut, wo man Fr�chte und kaltes Bratenfleisch kaufen konnte. Matty schickte sich schon an, auf die Mauer zu krabbeln, um im R�cken der Standbesitzer vielleicht etwas Essbares zu ergattern, das von den St�nden gefallen war. Aber Sherlock ging einfach auf einen der St�nde zu und verwendete etwas von dem Geld, das Mycroft ihm geschickt hatte, um ihnen beiden etwas zum Fr�hst�ck zu besorgen. Argw�hnisch musterte Matty ihn. Sherlock hatte den Eindruck, dass Essen f�r Matty irgendwie besser schmeckte, wenn man nicht daf�r bezahlen musste. Doch was ihn selbst anbelangte, fand er jedenfalls keinen gr��eren Gefallen an Essen, das vorher durch den Dreck gerollt war oder um das man mit einem w�tenden Hund hatte k�mpfen m�ssen.</p><p>Um ans Ziel zu kommen, mussten sie die halbe High Street hinaufmarschieren, und als die beiden Jungen endlich die Stelle erreichten, an der die Chaelis Road begann, waren sie au�er Atem. Die Stra�e f�hrte in einem Bogen von der High Street fort und verschwand nach wenigen Metern in einer Kurve. Sherlock setzte sich in Bewegung, blieb aber gleich wieder stehen, als er merkte, dass Matty ihm nicht folgte. Er drehte sich um und sah seinen Begleiter fragend an.</p><p>�Was ist los?�</p><p>Matty sch�ttelte den Kopf. �Nicht ganz mein Revier�, sagte er und be�ugte misstrauisch die stattlichen H�user und tadellos gepflegten Vorg�rten, die die Stra�e s�umten.</p><p>�Du gehst allein. Ich warte hier.� Er blickte sich um. �Jedenfalls irgendwo hier in der N�he.�</p><p>Sherlock nickte. Matty hatte recht. Die Anwesenheit eines �dreckigen Gassenjungen��� wie MrsEglantine es wohl ausgedr�ckt h�tte�� w�rde vermutlich Probleme bereiten. Sherlock klopfte sich, so gut es ging, den Dreck von der Kleidung und machte sich auf den Weg.</p><p>Das Haus, das er suchte, lag unmittelbar hinter der Kurve. Er dr�ckte die Gartenpforte auf und ging auf die Eingangst�r zu, die von einer S�ulenhalle im griechischen Stil vor Wind und Wetter gesch�tzt wurde. An einer der S�ulen war eine Messingplatte angeschraubt. �Professor Arthur Albery Winchcombe. Dozent f�r Tropenkrankheiten� war dort auf eingravierten Lettern zu lesen.</p><p>Bevor ihn seine Nerven vollends im Stich lie�en, zog Sherlock kurz entschlossen am Klingelzug.</p><p>Ein Mann in strengem schwarzem Anzug und grauer Weste erschien an der T�r. Durch winzige Brillengl�ser, die kaum seine Augen bedeckten, starrte er auf Sherlock hinab.</p><p>�Ist Professor Winchcombe zu Hause?�, fragte Sherlock.</p><p>Der Mann�� Sherlocks Vermutung nach der Butler�� schwieg einen Moment. �Wer, darf ich ausrichten, verlangt nach dem Professor?�, sagte er schlie�lich.</p><p>Sherlock �ffnete schon den Mund, um sich vorzustellen. Doch dann z�gerte er. Vielleicht w�re es schlauer, wenn er sich auf den Namen eines anderen berief. Auf jemanden, von dem der Professor schon mal geh�rt hatte. Mycroft, vielleicht? Oder Amyus Crowe? Was w�re wohl am besten?</p><p>Am Ende entschied er sich aufs Geratewohl. �Bitte richten Sie dem Professor aus, dass ein Sch�ler von MrAmyus Crowe ihn zu konsultieren w�nscht�, brachte er hervor.</p><p>Der Butler nickte. �W�ren Sie so g�tig, im Wohnzimmer zu warten?�, fragte er und �ffnete Sherlock die T�r. Zu Sherlocks �berraschung wurde er nicht wie ein ziemlich abgerissen aussehender und nerv�ser Junge behandelt, sondern eher wie ein Angeh�riger der k�niglichen Familie. Mit vornehmer Geste bedeutete ihm der Butler, ihm durch die geflieste Halle zu einer nahen T�r zu folgen.</p><p>Die Tapete, die die W�nde des Wohnzimmers bedeckte, war mit Bildern von hohen, d�nnstieligen Pflanzen bedeckt, die wie riesige Gr�ser aussahen. Noch nie hatte Sherlock solche Gew�chse gesehen. Wie es aussah, zogen sich an den St�ngeln in gleichm��igen H�henabst�nden zueinander so etwas wie Ringe herum. Die fremdartige Pflanze �bte eine solche Faszination auf Sherlock aus, dass er immer noch auf die Tapete starrte, als die T�r schlie�lich aufging und ein Mann das Zimmer betrat. Er war klein�� noch kleiner als Sherlock��, und sein B�uchlein w�lbte sich hervor, als h�tte er ein Kissen unter sein Jackett gestopft. Auf dem Kopf trug er einen komischen kleinen Hut ohne Krempe, der einfach nur wie ein kurzer dicker Turm aus roter Seide aussah.</p><p>�Bambus�, sagte er.</p><p>�Pardon?�</p><p>�Die Pflanzen auf der Tapete. Bambus. Eine immergr�ne mehrj�hrige Pflanze aus der Familie der Gr�ser. Ich habe in meiner Jugend einige Zeit in China verbracht und mich damit ziemlich vertraut gemacht. Bambus ist das am schnellsten wachsende holzartige Gew�chs der Welt, wei�t du. Unter bestimmten Bedingungen k�nnen die gr��eren Bambusarten �ber 60�Zentimeter am Tag wachsen. Die Tapete stammt �brigens aus China. Sie ist aus Reispapier.�</p><p>Sherlock war nicht sicher, ob er richtig verstanden hatte. �Papier, das man aus <emphasis>Reis</emphasis> macht?�</p><p>�Ein allgemein verbreitetes Missverst�ndnis�, erwiderte der Professor. �Tats�chlich wird Reispapier aus dem Saft eines kleinen Baumes hergestellt. <emphasis>Tetrapanax papyrifer</emphasis>, um genau zu sein.� Er neigte den Kopf zur Seite. �Du sagst, du bist Amyus Crowes Sch�ler?�, fragte er. Hinter seinen Brillengl�sern musterte er Sherlock mit intelligenten, vogel�hnlichen Augen, die vor Neugierde nur so spr�hten.</p><p>�Ja, Sir�, erwiderte Sherlock und kam sich merkw�rdigerweise vor, als w�re er wieder zur�ck in der Schule.</p><p>�Ich habe heute Morgen einen Brief von MrCrowe bekommen. Seltsam. Wirklich sehr seltsam. Bist du deswegen hier?�</p><p>�Ging es in dem Brief um die zwei toten M�nner?�</p><p>Der Professor nickte. �Darum ging es in der Tat.�</p><p>�Deswegen bin ich hier. Ich habe MrCrowe sagen h�ren, Sie seien ein Experte f�r Krankheiten.�</p><p>�Ich bin auf Tropenkrankheiten spezialisiert. Aber ja, mein Fachgebiet deckt einen Gro�teil der schweren Infektionskrankheiten ab. Vom Tapanuli-Fieber und Schwarzer Formosa-F�ulnis bis hin zu Cholera und Typhus. Wenn ich richtig verstehe, sind diese beiden M�nner an einer unbekannten Krankheit gestorben.�</p><p>�Ich bin nicht sicher.� Sherlock w�hlte in seiner Jackentasche und zog den Umschlag hervor, in dem Mycrofts Brief gesteckt hatte und der nun eine Probe des gelben Pulvers enthielt. �Das hier habe ich in der N�he einer der beiden Leichen eingesammelt. Aber ich wei�, dass beide Tote damit in Kontakt waren�, f�gte er hastig hinzu. �Ich habe keine Ahnung, worum es sich handelt, doch ich glaube, dass es etwas mit den beiden Todesf�llen zu tun hat. Es k�nnte giftig sein.�</p><p>Der Professor streckte die Hand nach dem Umschlag aus. �In diesem Fall werde ich es mit Vorsicht behandeln�, sagte er.</p><p>�Sie glauben mir also?�, fragte Sherlock.</p><p>�Du hast den ganzen weiten Weg auf dich genommen, um mit mir zu reden. Also vermute ich mal, dass du es ernst meinst. Das Mindeste, was ich tun kann, ist es genauso ernst zu nehmen wie du. Und au�erdem: Ich kenne Amyus Crowe und halte ihn f�r einen integeren Mann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich mit einem Sch�ler abgibt, der sich gerne albernen Streichen hingibt.� Er l�chelte pl�tzlich, was seinem Gesicht einen fast engelhaften Ausdruck verlieh. �So, und jetzt lass uns mal einen Blick auf die Probe werfen, die du mitgebracht hast.�</p><p>Sherlock folgte ihm durch die Eingangshalle in einen anderen Raum. Die W�nde waren mit B�chern bedeckt, und vor dem Fenster�� dort, wo es am hellsten war�� stand ein riesiger Schreibtisch. Mitten zwischen wild verstreuten Papierb�gen, Zeitschriften und einem Kerzenleuchter mit brennender Kerze sah Sherlock ein Mikroskop, das auf einem Blatt gr�nem L�schpapier stand.</p><p>Professor Winchcombe setzte sich auf einen mit Leder �berzogenen Stuhl an den Schreibtisch und forderte Sherlock mit einer Geste auf, sich ebenfalls einen Stuhl zu holen und neben ihm Platz zu nehmen. Er zog einen unbeschriebenen Pergamentbogen aus einer Schublade und legte ihn auf das L�schpapier neben das Mikroskop. Dann schlitzte er vorsichtig die Umschlagklappe mit einem Brief�ffner auf und sch�ttete den Inhalt auf den Pergamentbogen. Innerhalb weniger Sekunden hatte er ein H�ufchen gelben Pulvers vor sich. Mit der Spitze des Brief�ffners nahm er ein paar Pulverk�rnchen auf und platzierte sie auf eine gl�serne Platte, die bereits auf dem Mikroskoptisch�� der flachen Platte unter dem Objektiv�� eingespannt war.</p><p>Er justierte einen Spiegel so unter dem Mikroskoptisch, dass dieser das Kerzenlicht zun�chst durch ein Loch im Mikroskoptisch, dann durch die Glasplatte und daraufhin weiter bis zur Linse reflektierte.</p><p>W�hrend Sherlock versuchte, nicht zu heftig zu atmen, um das Pulver nicht wegzupusten, beobachtete er, wie der Professor ins Mikroskop starrte, dabei erst am R�dchen f�r die Grobeinstellung und dann an dem f�r die Feineinstellung drehte, bis die Pulverk�rnchen schlie�lich scharf gestellt waren.</p><p>�Ah�, sagte er, um dann gleich darauf ein �Hm� hinzuzuf�gen. Er nahm seinen roten Hut ab, kratzte sich am Kopf und platzierte die Kopfbedeckung wieder an exakt derselben Stelle, wo sie zuvor gesessen hatte.</p><p>�Was ist es?�, fl�sterte Sherlock.</p><p>�Bienenpollen�, sagte der Professor. �Ziemlich eindeutig.�</p><p><emphasis>�Bienenpollen?�</emphasis>, wiederholte Sherlock, nicht sicher, ob er richtig verstanden hatte.</p><p>�Hast du jemals Bienen studiert?�, fragte der Professor und lehnte sich in seinem Stuhl zur�ck. �Faszinierende Kreaturen. Ich empfehle sie dir als ernsthaftes Forschungsobjekt.� Er nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. �Sie sammeln Pollen von Bl�ten und transportieren sie in ihren Stock.�</p><p>�Was genau ist Pollen?�, fragte Sherlock, der ein merkw�rdiges Gef�hl der Entt�uschung versp�rte. �Ich habe das Wort schon einmal geh�rt, war aber nie so sicher, was es bedeutet.�</p><p>�Pollen�, erkl�rte der Professor, �ist ein Pulver, das aus Microgametophyten besteht, die sich wiederum zu den m�nnlichen Gameten�� beziehungsweise Reproduktionszellen�� von Samenpflanzen entwickeln. Der Pollen wird von den Staubbl�ttern, den m�nnlichen Fortpflanzungsorganen einer Bl�te, produziert. Durch den Wind oder nahrungssuchende Insekten gelangt der Pollen zum Stempel, also dem weiblichen Fortpflanzungsorgan einer anderen Bl�te der gleichen Pflanzenart. Dort verschmelzen sie miteinander und bilden einen Samen.� Er musterte seine Brillengl�ser und setzte sich dann das Gestell wieder auf die Nase.</p><p>Sherlock versuchte verzweifelt, die Ausf�hrungen des Professors zu verarbeiten, aber dann merkte er, dass der Mann schon wieder weitersprach. �Was die Bienen anbelangt, so sammeln sie Pollen aus Bl�ten und formen ihn zu einer ballartigen Masse. Diesen Ball transportieren sie dann auf ihren Hinterbeinen in den Bienenstock. Der Nutzen f�r die Pflanze besteht nat�rlich darin, dass die Biene bei ihrer Reise von Bl�te zu Bl�te etwas Pollen vom Staubblatt einer Bl�te auf den Stempel einer anderen fallen l�sst. Auf diese Weise wird die Pflanze bei der Fortpflanzung unterst�tzt. Soweit so gut, nun zum Bienenpollen: Bienen haben auf der Oberseite der Hinterbeine winzige H�rchen, die sozusagen als Korb fungieren. Dort hinauf rollen sie die Pollenk�rner und vermischen sie mit Bl�tennektar, um einen Ball daraus zu formen. Und das nennt man dann �Bienenpollen�.�</p><p>�Und ist der harmlos?�</p><p>�F�r die meisten Menschen ja. Obwohl es in der Tat ein paar Ungl�ckliche gibt, bei denen der Kontakt mit Bienenpollen unangenehme k�rperliche Reaktionen ausl�st.� Er lehnte sich zur�ck und dachte einen Augenblick lang nach. �K�nnte das vielleicht die beulenartigen Schwellungen verursacht haben, die MrCrowe in seinem Brief beschrieben hat? Hm, ich bezweifele es. Unvertr�glichkeiten gegen Bienenpollen tendieren dazu, sich in Form von Hautausschl�gen zu �u�ern. Und dass es zuf�llig zwei Menschen mit einer solch extremen Sensibilit�t kurz hintereinander getroffen hat, ist eher unwahrscheinlich.� Pl�tzlich knallte er mit der Hand auf den Tisch. Sherlock fuhr erschrocken hoch. �Nat�rlich! Die naheliegende L�sung habe ich v�llig �bersehen!�</p><p>�Naheliegend?� Sherlock zermarterte sich das Gehirn. Was konnte die naheliegende Erkl�rung f�r beulenartige Schwellungen sein, wenn Bienen involviert waren? Und dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitzschlag. �Stachel!�, rief er.</p><p>�Gut gemacht, mein Junge. Ja, Bienenstachel. �u�erst giftige Bienenstachel zudem. Die meisten Bienen hierzulande haben Stachel, die Schmerzen und leichte, punktartige Schwellungen verursachen. Aber nicht so etwas wie die Beulen, die MrCrowe beschrieben hat.�</p><p>Er blickte Sherlock an. �Du musst sie auch gesehen haben. Wie gro� waren sie?�</p><p>Sherlock hielt die rechte Hand empor. �Ungef�hr die Gr��e meines letzten Daumengliedes�, erwiderte er.</p><p>�Das deutet auf eine �u�erst starke Giftform hin. Und vermutlich auf eine �u�erst aggressive Bienenart.�</p><p>�Woher wissen Sie so viel �ber Bienen?�, fragte Sherlock.</p><p>Der Professor l�chelte. �Ich habe dir erz�hlt, dass ich ein paar Jahre in China verbracht habe. Die Chinesen halten Bienen bereits seit Tausenden von Jahren, und bei meinem Aufenthalt habe ich festgestellt, dass dort Honig wegen seiner medizinischen Wirkung sehr gesch�tzt wird. Laut den Aufzeichnungen des gro�en medizinischen Werkes <emphasis>Ben cao gang mu</emphasis> oder auch <emphasis>Das Buch heilender Kr�uter</emphasis>, das vor ungef�hr dreihundert Jahren von einem Mann namens Li Shi Zhen verfasst wurde, wirkt Honig stimmungsaufhellend, schmerzlindernd, entgiftend, beruhigend, sehkraftverbessernd und lebensverl�ngernd.� Er wandte den Blick von Sherlock ab und starrte an die Wand. Sherlock hatte den Eindruck, dass er sich an Dinge erinnerte, die vor vielen Jahren geschehen waren. �Hier in Gro�britannien sind wir an die eher gutm�tige Europ�ische Honigbiene, <emphasis>Apis mellifera</emphasis>, gew�hnt. Die in Asien vorkommende Riesenhonigbiene, <emphasis>Apis dorsata</emphasis>, ist betr�chtlich aggressiver, und ihr Stich ist viel schmerzhafter. Trotzdem wird sie von den Chinesen wegen ihres Honigs in Bienenst�cken gehalten. Im Gegensatz zu unseren St�cken, die wie Glocken geformt sind, benutzen die Chinesen ausgeh�hlte Baumst�mme oder zylinderf�rmige Webk�rbe zur Bienenhaltung.</p><p>Manchmal konnte man die chinesischen Bauern dabei beobachten, wie sie ihre Bienenst�cke hinauf in die Berge trugen. Zwei auf einmal, jeweils befestigt am Ende einer Bambusstange, die sie auf der Schulter balancierten. Ich erinnere mich daran, wie beim Klettern die Bienen wie eine Rauchwolke um sie herumgeschwirrt sind.�</p><p><emphasis>Wie eine Rauchwolke.</emphasis> Die Worte trafen Sherlock wie ein Schlag.</p><p>�<emphasis>Das</emphasis> war es�, hauchte er.</p><p>�Was war was?�</p><p>�Ich hab gesehen, wie sich von einer der Leichen ein Schatten entfernt hat. Und mein Freund hat das Gleiche aus einem Fenster kommen sehen. In der Wohnung, in der die andere Leiche entdeckt wurde. Das m�ssen Bienen gewesen sein!�</p><p>Der Professor nickte. �Sie m�ssten dann ziemlich klein sein. Andernfalls h�ttest du den Schwarm nicht mit einem Schatten verwechselt. Und vermutlich hatten sie nicht die auff�llige gelb-schwarze K�rperf�rbung einer typischen Hummel, sondern waren eher dunkel. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass es afrikanische Bienen gibt, die klein und au�erdem nahezu schwarz sind. Und dar�ber hinaus auch sehr aggressiv.�</p><p>�W�rden Sie mir einen Gefallen tun?�, fragte Sherlock.</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�K�nnten Sie Amyus Crowe einen Brief schreiben, in dem Sie erkl�ren, was Ihrer Meinung nach die beiden M�nner umgebracht hat? Ich nehme ihn dann f�r MrCrowe mit nach Farnham.� Er wandte den Blick vom Professor ab und sp�rte, dass er rot wurde. �Ich glaube, ich bekomme Schwierigkeiten mit meiner Tante und meinem Onkel, wenn ich zur�ck bin. Und vielleicht werde ich dann nicht bestraft.�</p><p>Der Professor nickte. Er sch�ttete das gelbe Pulver�� das harmlose gelbe Puder, wie Sherlock sich noch einmal in Erinnerung rufen musste�� vom Pergamentbogen auf das L�schpapier. Er zog einen Federkiel aus einem Tintenfass und begann, auf dem Pergament zu schreiben. Die Handschrift war etwas krakelig, aber Sherlock konnte die W�rter gerade noch entziffern.</p><p><emphasis>Werter MrCrowe</emphasis>,</p><p><emphasis>heute hatte ich das unerwartete Vergn�gen, die Bekanntschaft Ihres Sch�lers��</emphasis></p><p>�Wie ist dein Name, mein junger Freund?�, fragte er und wandte sich Sherlock zu.</p><p>�Holmes, Sir. Sherlock Holmes.�</p><p><emphasis>Master Sherlock Holmes zu machen. Er hat mir eine Probe eines gelben Puders gebracht, das, wie er sagt, bei den unter so tragischen Umst�nden verstorbenen M�nnern gefunden wurde. Den M�nnern, deren Todesumst�nde Sie mir in Ihrem Brief beschrieben haben, welcher heute Morgen eingetroffen ist. Nach eingehender Untersuchung des Pulvers kann ich es als simplen Bienenpollen identifizieren und daraus schlie�e ich, dass die beiden M�nner nicht an der Beulenpest oder einer vergleichbaren Krankheit gestorben sind, sondern durch Bienenstiche. Wenn Sie einen ortsans�ssigen Arzt darum bitten, die vermeintlichen �Beulen� zu untersuchen, wage ich zu behaupten, dass er in jeder �Beule� kleine Stachel finden wird�� oder zumindest Male, die von Stacheln stammen.</emphasis></p><p><emphasis>Ich muss diesem jungen Mann ein gro�es Lob daf�r aussprechen, dass er mir die Pulverprobe gebracht hat. W�re das nicht geschehen, h�tten die Ger�chte �ber ein sich im Land ausbreitendes t�dliches Fieber eine gro�e Panik ausl�sen k�nnen.</emphasis></p><p><emphasis>Ich w�rde mich sehr freuen, wenn wir unsere Bekanntschaft zu einem Ihnen genehmen Zeitpunkt erneuern.</emphasis></p><p><emphasis>Hochachtungsvoll</emphasis></p><p><emphasis>Arthur Winchcombe, (Privatdozent)</emphasis></p><p>Er faltete den Bogen zusammen und lie� ihn in einen Umschlag gleiten, den er aus einer Schreibtischschublade hervorholte. Dann nahm er einen Tropfen Wachs von der Kerze, die er f�r die Beleuchtung des Mikroskops verwendet hatte, versiegelte damit den Umschlag und h�ndigte Sherlock das Schreiben aus.</p><p>�Ich hoffe, dass dich das vor allzu schmerzhafter Bestrafung bewahren wird�, sagte er. �Bitte richte deinem Lehrer meine Empfehlungen aus.�</p><p>�Werde ich machen.� Sherlock rang kurz nach Worten, ehe er fortfuhr. �Danke.�</p><p>Professor Winchcombe l�utete eine kleine Glocke, die neben dem Mikroskop auf dem L�schpapier bereitstand. �Mein Butler wird dich hinausbegleiten. Wenn du irgendwann noch mehr �ber tropische Krankheiten oder die Bienenhaltung in China wissen willst, z�gere nicht, mich wieder zu kontaktieren.�</p><p>Als Sherlock wieder auf der Stra�e stand, stellte er �berrascht fest, dass die Sonne ihre Position nicht mehr als um ein paar Grade ver�ndert hatte. Dabei war es ihm so vorgekommen, als h�tte er Stunden bei Professor Winchcombe verbracht.</p><p>Matty sa� auf der Gartenmauer und a� irgendetwas aus einer Papiert�te. �Hast du erledigt, was du wolltest?�, fragte er.</p><p>Sherlock nickte. Dann wies er auf die Papiert�te. �Was hast du da?�</p><p>�Muscheln und Schnecken�, kam die Antwort. Er hielt Sherlock die offene T�te hin. �Willste was?�</p><p>Sherlock blickte hinein und sah einen Haufen Meeresmuscheln. �Sind die gekocht?�, fragte er.</p><p>�Gesiedet�, erwiderte Matty knapp. �Bin einem Fischh�ndler begegnet, der sie an seinem Stand verkauft hat. Ist vermutlich heute Nacht aus Portsmouth r�bergekommen. Hab �ne Weile bei ihm ausgeholfen. Kisten sauber scheuern, mehr Eis besorgen und all so was. Im Gegenzug hat er mir die hier gegeben. Als Bezahlung.� Er langte in die T�te und fischte eine Muschel raus. Dann legte er die T�te auf der Mauer ab und holte ein Klappmesser aus seiner Tasche hervor. Mit der Klingenspitze stocherte er im Inneren der halb ge�ffneten Muschel herum, bis er das, was auch immer sich darin befand, aufgespie�t hatte. Sekunden sp�ter zog er etwas Dunkles und Glibberiges heraus und steckte es sich in den Mund.</p><p>�Herrlich�, st�hnte er gen�sslich und strahlte �ber das ganze Gesicht. �Die kriegste nicht oft, wenn du nicht am Meer lebst. Ist dann jedes Mal fast so wie ein Festessen.�</p><p>�Ich glaube, ich verzichte�, sagte Sherlock. �Lass uns nach Hause gehen.�</p><p>Auf dem Weg zum Fluss ging es diesmal die High Street bergab. Unten angekommen, folgten sie dem Flussufer, bis sie wieder auf das Boot stie�en. Wie Matty vorhergesagt hatte, waren sowohl das Boot als auch das Pferd noch da.</p><p>Sherlock fragte sich, wie es ihnen gelingen sollte, das Boot in die andere Richtung zu drehen. Aber Matty f�hrte das Pferd in Stadtrichtung am Ufer entlang, bis sie zu einer Br�cke kamen, auf der er mit Albert den Fluss �berquerte. Da Albert noch per Leine mit dem Boot verbunden war, schwang dabei dessen Bug herum, w�hrend Sherlock mit dem Bootshaken daf�r sorgte, dass der Kahn nicht gegen das Ufer stie�. Und dann ging es auch schon in gem�chlichem Tempo auf die R�ckreise. Diesmal allerdings postierte Sherlock sich vorne an den Bug, um Albert in Bewegung zu halten, und Matty bediente hinten die Ruderpinne.</p><p>W�hrend das Boot langsam flussabw�rts fuhr, berichtete Sherlock, was er erlebt hatte. Er erz�hlte von Professor Winchcombe und dessen Schlussfolgerungen bez�glich der Bienen und Stiche. Matty war zun�chst skeptisch, aber schlie�lich konnte Sherlock ihn davon �berzeugen, dass es keiner �bernat�rlichen Erkl�rung f�r die Todeswolke bedurfte. Matty schien in seinen Gef�hlen hin- und hergerissen zu sein. Einerseits war er erleichtert, dass Farnham nicht von einer Seuche heimgesucht wurde, andererseits irritierte es ihn, dass sich die L�sung als so simpel herausstellte. Sherlock sagte nichts weiter, doch als sie so auf dem Fluss dahinfuhren, wurde ihm immer klarer, dass sie ein Geheimnis gel�ftet hatten, nur um jetzt vor weiteren Fragen und R�tseln zu stehen. Warum hatten die Bienen an zwei verschiedenen Orten diese beiden M�nner gestochen, aber niemanden sonst? Und vor allem: Wie kamen afrikanische Bienen �berhaupt nach England? Und was hatte das alles mit dem Lagerschuppen, dem mysteri�sen Baron und den Kisten zu tun, die von den Schl�gertypen auf dem Wagen verstaut worden waren?</p><p>Nach einer Weile bemerkte Sherlock, dass sich am Flussufer ein weiteres Pferd zu Albert gesellt hatte. Es war ein Hengst mit schwarzem, gl�nzendem Fell und einem braunen Fleck am Hals. Und auf seinem R�cken sa� Virginia Crowe.</p><p>Sie hatte ihre enge Reithose an und trug au�erdem eine kurze Jacke �ber der Bluse.</p><p>�Hallo!�, rief Sherlock. Sie winkte zur�ck.</p><p>�Matty, das ist Virginia Crowe�, rief er �ber seine Schulter nach hinten. �Virginia, das ist Matthew Arnatt. Matty.�</p><p>Matty nickte Virginia zu, und Virginia nickte zur�ck. Aber keiner von ihnen sagte etwas.</p><p>Sherlock stellte sich auf die Bugkante, balancierte einen Moment lang unsicher auf der Stelle, w�hrend die Bootsspitze unter ihm auf- und abd�mpelte, und sprang dann ans Ufer. Er packte Albert am Seilhalfter und f�hrte ihn am Ufer entlang, w�hrend er neben Virginia und ihrem Pferd herging.</p><p>�Das ist Albert�, brachte er schlie�lich hervor.</p><p>�Das ist Sandia�, erwiderte Virginia. �Du solltest wirklich reiten lernen, wei�t du.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Hatte nie die Gelegenheit dazu.�</p><p>�Es ist ganz einfach. Aber ihr Jungs macht immer so ein Gewese darum, wie schwierig es doch angeblich ist. F�hr� das Pferd einfach mit den Knien, nicht mit den Z�geln. Nimm die Z�gel nur, um das Pferd langsamer gehen zu lassen.�</p><p>Darauf fiel Sherlock beim besten Willen keine Antwort ein, die ihm passend erschien. In peinliches Schweigen versunken, gingen sie eine Weile nebeneinander her.</p><p>�Wo bist du gewesen?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>�In Guildford. Ich musste da jemanden besuchen.� Pl�tzlich fiel Sherlock etwas ein. Er langte in seine Jacke und zog den Brief hervor, den Professor Winchcombe geschrieben hatte. �Den muss ich deinem Vater geben. Wei�t du, wo er ist?�</p><p>�Nach dir suchen zum Beispiel? Du solltest doch jetzt eigentlich Unterricht haben.�</p><p>Er blickte zu ihr hoch, unsicher, ob sie es ernst gemeint hatte. Doch auf ihren Lippen zeigte sich ein leises L�cheln. Sie sah ihn an, und er wandte den Blick ab.</p><p>�Gib mir den Brief�, sagte sie. �Ich sorge daf�r, dass er ihn bekommt.�</p><p>Er hielt ihr den Brief entgegen, doch gleich darauf zog er die Hand auch schon wieder etwas zur�ck. �Es ist �u�erst wichtig�, sagte er mit z�gernder Stimme. �Es geht um die beiden toten M�nner.�</p><p>�Dann sorge ich daf�r, dass er ihn sofort bekommt.� Sie nahm ihm den Brief aus der ausgestreckten Hand. Ihre Finger ber�hrten ihn nicht. Aber Sherlock meinte fast, die W�rme zu sp�ren, die von ihnen ausstrahlte, als sie so dicht an ihm vorbeistreiften.</p><p>�Die M�nner sind an der Pest gestorben, nicht? Das sagen jedenfalls die Leute.�</p><p>�Es ist nicht die Pest. Es waren Bienen. Deswegen musste ich auch nach Guildford. Um mit einem Experten f�r Krankheiten zu sprechen.� Er ertappte sich dabei, wie er immer schneller redete. Aber irgendwie schien er machtlos dagegen zu sein. �Ich habe ein gelbes Pulver bei einer der Leichen gefunden. Ich wollte, dass mir jemand sagt, was es ist, und so hab ich etwas davon nach Guildford gebracht. Es hat sich herausgestellt, dass es Bienenpollen sind. Deswegen sind wir auch zu dem Schluss gekommen, dass Bienen f�r die Todesf�lle verantwortlich sind.�</p><p>�Aber das hast du nicht gewusst, als du das Pulver gefunden hast�, stellte Virginia fest.</p><p>�Nein.�</p><p>�Oder als du es eingesammelt und den ganzen Weg nach Guildford transportiert hast.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Bei dem, was du gewusst hast�� oder besser gesagt, was du nicht gewusst hast��, h�tte das Pulver auch genauso gut etwas sein k�nnen, das die Seuche verursacht. Etwas Ansteckendes.�</p><p>Sherlock kam sich vor, als w�rde man ihn in die Ecke dr�ngen. �Ja�, sagte er und dehnte dabei das Wort so auseinander, dass es eher klang wie �Jaa-haa.�</p><p>�Also hast du dein Leben aufgrund der Tatsache riskiert, dass du dachtest, alle anderen w�ren auf dem Holzweg und du k�nntest ihnen das beweisen.�</p><p>��hm, vermutlich.� Er f�hlte sich irgendwie verlegen. Sie hatte recht. Dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, war f�r ihn wichtiger gewesen als seine eigene Sicherheit. Er h�tte sich auch irren k�nnen�� schlie�lich wusste er nicht viel �ber Krankheiten oder wie sie �bertragen wurden. Bei dem gelben Pulver h�tte es sich um eine Substanz handeln k�nnen, die als Folge der Krankheit von den K�rpern der M�nner produziert worden war. Zum Beispiel so etwas wie trockene Hautschuppen. Etwas, das den Krankheitserreger in sich getragen und weiterverbreitet h�tte. Er war so versessen darauf gewesen, das Puzzle zu l�sen, dass er daran gar nicht gedacht hatte.</p><p>Den Rest des R�ckweges legten sie schweigend zur�ck.</p></section><section><title><p><strong>9</strong></p></title><p>�Du entt�uschst mich, Junge.� Sherrinford sa� hinter seinem m�chtigen Eichenholzschreibtisch in seinem Studierzimmer, w�hrend Amyus Crowe hinter der linken und MrsEglantine hinter der rechten Schulter seines Onkels Position bezogen hatten. Die schwarze Kleidung der Hauswirtschafterin f�gte sich so perfekt in die dunklen Schatten ein, dass nur ihr Gesicht und ihre H�nde zu sehen waren. In Kombination mit Onkel Sherrinfords langem wei�en Bart und den diversen hebr�ischen, griechischen, lateinischen und englischen Bibelausgaben, die sich �berall auf dem Tisch stapelten, wirkte das Ganze Sherlocks Empfinden nach so, als w�rden Gott und zwei hinter seinem Thron stehende Racheengel ihn gerade zur Rechenschaft ziehen. Ein Effekt, der nur durch den Umstand verdorben wurde, dass Onkel Sherrinford seinen Morgenmantel �ber dem Anzug trug.</p><p>Sherlocks Gesicht brannte vor Scham und Zorn. Er wollte protestieren und erkl�ren, dass er f�r sein Verhalten einen guten Grund gehabt hatte.</p><p>Aber ein kurzer Blick in das Gesicht seines Onkels verriet ihm, dass das Debattieren zu nichts f�hren w�rde. �Es tut mir leid, Sir�, brachte er endlich hervor, als ein langer Moment vergangen war und er merkte, dass sein Onkel eine Antwort erwartete. �Ich werde es nicht wieder tun.�</p><p>�Dein Vater�� mein Bruder�� vertraute dich meiner Obhut an. In der Annahme, dass ich mit deiner moralischen Erziehung fortfahren und dich davon abhalten w�rde, in schlechte Gesellschaft zu geraten und sittlich zu verwahrlosen. Es besch�mt mich zutiefst, feststellen zu m�ssen, dass ich bei beiden Aufgaben versagt habe.�</p><p>Wieder eine lange Pause. Sherlock f�hlte sich gedr�ngt, noch einmal zu versichern, dass es ihm leid tue. Doch wenn er sich wiederholte, so sein Gef�hl, w�rde ihm das als vorlautes Verhalten ausgelegt werden. �Ich wei�, dass ich mich nicht allein auf den Weg nach Guildford h�tte machen sollen�, log er schlie�lich.</p><p>�Das ist noch dein geringstes Vergehen�, verk�ndete Sherrinford. �Heute fr�h hast du dich vor Sonnenaufgang wie ein gemeiner Krimineller aus meinem Haus geschlichen und���</p><p>�Sein Bett war nicht einmal ber�hrt�, unterbrach ihn MrsEglantine. �Er muss noch vor Mitternacht gegangen sein.�</p><p>Sherlock musste sich so zusammenrei�en, seinen �rger zu unterdr�cken, dass er sp�rte, wie seine Schultern bebten. Er wusste, dass sie log. Er <emphasis>hatte</emphasis> geschlafen. Mehrere Stunden lang. Und er hatte das Haus kurz vor Tagesanbruch verlassen. Aber trotz seines brennenden Verlangens, alles richtigzustellen, konnte er ihr nicht widersprechen. Sie versuchte, ihn noch tiefer in den Schlamassel zu ziehen, und wenn er mit ihr stritt, w�rde ihm das blo� als Trotz ausgelegt und entsprechend bestraft werden.</p><p>�Ich werde deinem Bruder schreiben�, fuhr Sherrinford fort, �und ihm sagen, dass du das Vertrauen, das ich in dich gesetzt habe, entt�uscht hast. Und ab sofort wird es dir eine Woche lang verboten sein, das Haus zu verlassen.�</p><p>�Wenn es gestattet ist�, ergriff Amyus Crowe von seiner Position hinter Sherrinford aus mit gedehnter Stimme das Wort, �w�rde ich gerne ein oder zwei Worte zugunsten des Jungen vorbringen.� Er langte in sein blendend wei�es Jackett und holte einen Briefumschlag hervor. �Dieser Brief, den der Junge von dem ber�hmten Professor Winchcombe mitbrachte, hat unsere Gegend vor einem Panikausbruch wegen der vermeintlichen Pest bewahrt.</p><p>Dass er die Pollenprobe auf eigene Faust zur Analyse gebracht hat, zeugt von einem starken Willen, einem Hang zur Unabh�ngigkeit und dem Widerstreben, die Dinge einfach so f�r bare M�nze zu nehmen. Alles Eigenschaften, die man f�rdern sollte, w�rde ich sagen.�</p><p>�Schlagen Sie etwa vor, dass der Junge um eine Bestrafung herumkommen sollte, MrCrowe?�, lie� sich MrsEglantine mit aalglatter Stimme vernehmen.</p><p>�Ganz und gar nicht�, erwiderte Crowe. �Statt ihn zu striktem Hausarrest zu verurteilen, w�rde ich vorschlagen, die Strafe so zu gestalten, dass er nur in meiner Begleitung hinausdarf. Auf diese Weise wird es mir weiterhin m�glich sein, die Vereinbarung, die ich mit seinem Bruder getroffen habe, einzuhalten.�</p><p>Sherrinford Holmes �berlegte einen Moment lang, w�hrend er sich mit der rechten Hand �ber den Bart strich. Dann verk�ndete er das Urteil: �Wir werden einen Kompromiss schlie�en. F�r den Rest des Tages und auch morgen noch stehst du unter striktem Hausarrest. Auch danach wirst du die ganze Zeit das Haus nicht verlassen, es sei denn, du hast Unterricht bei MrCrowe. Hier im Haus hast du mit Ausnahme der Mahlzeiten auf deinem Zimmer zu bleiben.� Seine Lippen zuckten. �Allerdings werde ich dir gestatten, jedes Buch deiner Wahl aus meiner Bibliothek zu nehmen, damit du dir die Zeit vertreiben kannst. Nutze diese M�glichkeit weise, um dich zu bessern und �ber deine Taten nachzudenken.�</p><p>�Das werde ich, Sir�, sagte Sherlock, der sich geradezu dazu zwingen musste, die Worte �ber die Lippen zu bringen. Die Spannung in seinen Schultern lie� etwas nach. �Danke, Sir.�</p><p>�Geh jetzt. Und kehre nicht vor dem Abendessen zur�ck.�</p><p>Sherlock wandte sich ab und verlie� die Bibliothek. Er versp�rte den verzweifelten Drang, sich zu rechtfertigen und klarzustellen, dass das, was er getan hatte, das <emphasis>Richtige</emphasis> gewesen war.</p><p>Aber er wusste gut genug, wie die Welt der Erwachsenen funktionierte, um sich dar�ber im Klaren zu sein, dass ein Debattieren die Dinge nur schlimmer machen w�rde. Das <emphasis>Richtige</emphasis> zu tun, spielte keine Rolle. <emphasis>Regeln zu befolgen</emphasis> hingegen schon.</p><p>Er begab sich zun�chst auf den breiten, mit Teppich �berzogenen Treppenstufen in den ersten Stock hinauf und stieg dann die schmalere, h�lzerne Treppe ins Dachgeschoss empor, wo sich sein Zimmer befand. Er lag auf seinem Bett, starrte an die Decke und lie� seinen wirren Gedanken freien Lauf.</p><p>Der restliche Tag und der darauf folgende vergingen wie im Nebel. Sein durch die Abenteuer der vergangenen Tage m�der und geschundener K�rper nahm die Gelegenheit wahr, sich durch so viel Schlaf wie m�glich zu erholen. Aber w�hrend der Wachphasen wirbelten die Gedanken so ziellos in seinem Kopf herum wie Motten um eine Kerzenflamme. Was ging da wirklich vor sich? Was genau f�hrte Baron Maupertuis im Schilde, und wer w�rde ihn stoppen?</p><p>Er verbrachte einige Zeit damit, im Kopf einen Brief an seinen Bruder zu verfassen. Nicht weil er erwartete, dass Mycroft irgendetwas unternahm. Vielmehr wollte er endlich einmal jemandem, dem er vertraute, alles erz�hlen, was passiert war. Als Worte und Formulierungen schlie�lich so waren, wie er es sich vorstellte, brachte er den Brief zu Papier.</p><p><emphasis>Lieber Mycroft</emphasis>,</p><p><emphasis>ich w�nschte, ich k�nnte Dir berichten, dass ich Deinem Rat gefolgt w�re und mich in einen aus Studien in Onkel Sherrinfords Bibliothek und Erkundungsstreifz�gen durch die lokale Natur bestehenden Wirbel von Aktivit�ten gest�rzt h�tte.</emphasis></p><p><emphasis>Aber wie es aussieht, habe ich mich in Schwierigkeiten gebracht, und ich wei� nicht, was ich als N�chstes tun soll. Die gute Nachricht ist�� wenn es denn �berhaupt eine gibt��, dass ich zwei Freunde gefunden habe. Einer von ihnen hei�t Matthew Arnatt und lebt auf einem Kanalboot. Ich denke, Du wirst ihn m�gen. Bei dem anderen Freund handelt es sich um Virginia Crowe. Sie ist die Tochter von Amyus Crowe, der sagt, dass er mir etwas �ber die Natur beibringen will und dar�ber, wie man die Welt um sich herum beobachtet. Tats�chlich jedoch glaube ich, bringt er mir bei, wie man richtig denkt. Ich w�nschte, Du h�ttest es nicht f�r n�tig erachtet, f�r die Ferien einen Tutor f�r mich zu finden. Aber von allen Tutoren, auf die Deine Wahl h�tte fallen k�nnen, ist MrCrowe, glaube ich, der Beste.</emphasis></p><p><emphasis>Seltsame Dinge sind hier in Farnham geschehen, und ich w�nschte, ich k�nnte Dir davon erz�hlen. In der Stadt ist die mit Beulen bedeckte Leiche eines Mannes aufgefunden worden, und wenig sp�ter stie�en wir auf eine weitere Leiche mit den gleichen Symptomen auf dem Grund von Holmes Manor.</emphasis></p><p><emphasis>Die Stadtbewohner dachten, es k�nnte sich wom�glich um die Pest handeln. Aber ein Mann namens Professor Winchcombe hat bewiesen, dass die beiden von Hunderten von Bienenstichen get�tet wurden. Ich glaube, dass die Bienen irgendwie in Verbindung mit einem Mann namens Baron Maupertuis stehen, dem ein Lagerschuppen in Farnham geh�rt. Aber ich wei� nicht, worin diese Verbindung genau besteht.</emphasis></p><p><emphasis>Der Lagerschuppen ist abgebrannt, wobei alle Hinweise und Spuren vernichtet wurden. Wie das passierte, werde ich Dir berichten, wenn wir uns wiedersehen.</emphasis></p><p><emphasis>Ansonsten ist das Leben hier, kurz gesagt, viel interessanter, als ich es erwartet h�tte�� wenn ich denn aus dem Haus komme. Zur Zeit habe ich n�mlich Hausarrest und muss auf meinem Zimmer bleiben, weil ich mich allein nach Guildford begeben habe, um Professor Winchcombe zu treffen. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich Dir erz�hlen werde, wenn wir uns wiedersehen.</emphasis></p><p><emphasis>Gibt es irgendwelche Neuigkeiten von Vater? Ist er immer noch auf dem Weg nach Indien, und hast Du inzwischen weitere Informationen dar�ber, wann die Probleme dort vorbei sein k�nnten?</emphasis></p><p><emphasis>Richte Mutter und unserer Schwester liebe Gr��e aus. Bitte, besuch mich bald.</emphasis></p><p><emphasis>Dein Bruder</emphasis></p><p><emphasis>Sherlock</emphasis></p><p>Nachdem er den Brief beendet und die feuchte Tinte mit L�schpapier getrocknet hatte, legte er ihn auf den Tisch in der Halle, als er zum Mittagessen hinunterkam. Von dort w�rde ihn ein Dienstm�dchen einsammeln, um ihn zum Postamt nach Farnham zu bringen. Als er sp�ter zum Abendessen wieder in die Halle kam, war der Brief verschwunden. MrsEglantine durchquerte gerade die Halle, und kaum hatte sie ihn erblickt, zeigte sich auf ihrem Gesicht, das f�rmlich durch die dunklen Schatten zu schweben schien, ein eisiges L�cheln. Hatte sie den Brief gesehen? Hatte sie ihn etwa <emphasis>gelesen</emphasis>? War er �berhaupt zum Postamt gebracht worden oder hatte sie ihn einfach zerrissen? Sherlock sagte sich, dass das albern war. Was f�r Gr�nde sollte sie schlie�lich daf�r haben? Aber Mycrofts Warnung hallte in seinem Kopf wider. <emphasis>Sie ist keine Freundin der Holmes-Familie.</emphasis></p><p>Als er am n�chsten Tag sp�t nachmittags in seinem Zimmer lag, schwirrten ihm diese Gedanken noch immer im Kopf herum. Der entfernte Gong, der zum Abendessen rief, weckte ihn aus einem halbschlaf�hnlichen Zustand. Er begab sich hinunter ins Erdgeschoss. MrsEglantine kam gerade aus dem Speisezimmer und musterte ihn mit h�hnischem L�cheln, bevor sie wieder verschwand.</p><p>Sherlock versp�rte keinen Hunger. Er starrte einige Augenblicke lang auf die Esszimmert�r und versuchte, sich dazu zu �berwinden hineinzugehen und etwas zu sich zu nehmen. Nur um bei Kr�ften zu bleiben. Aber er brachte es einfach nicht fertig.</p><p>Er drehte sich um und durchquerte die Halle, in der Hoffnung, in der Bibliothek irgendwelche B�cher �ber Bienen oder Imkerei zu finden.</p><p>Auf halbem Weg fiel sein Blick auf einen Brief, der auf dem Silbertablett auf dem Beistelltisch lag. Hatte der vorher noch nicht dort gelegen oder hatte Sherlock ihn schlicht und einfach �bersehen? Da er im ersten Augenblick dachte, dass es ein weiterer Brief von Mycroft sein k�nnte, nahm er das Schreiben auf. Sherlocks Name stand zusammen mit der Adresse von Holmes Manor vorne auf dem Umschlag, aber es war nicht Mycrofts Handschrift. Die Buchstaben waren geschwungener�� femininer. Wie konnte das sein?</p><p>Sherlock sah sich um, halb �berzeugt, dass sein Blick auf MrsEglantine fallen w�rde, die im Schatten lauerte und ihn beobachtete. Doch es war niemand sonst zu sehen. Er nahm den Brief und �ffnete die Eingangst�r. Er stellte sich in den Schein der fr�hen Abendsonne, aber blieb immer noch im T�rrahmen, so dass man ihn nicht beschuldigen konnte, das Haus verlassen zu haben.</p><p>Im Umschlag befand sich ein einzelner, zart lavendelfarbener Briefbogen. Unterhalb seines Namens und seiner Adresse stand dort geschrieben:</p><p><emphasis>Sherlock</emphasis>,</p><p><emphasis>auf der Gemeindewiese unterhalb der Burg findet ein Jahrmarkt statt. Triff mich morgen fr�h dort um neun�� wenn Du Dich traust!</emphasis></p><p><emphasis>Komm allein.</emphasis></p><p><emphasis>Virginia</emphasis></p><p>Einen winzigen Augenblick lang wurde Sherlock von einem merkw�rdigen Schwindelgef�hl ergriffen und er holte tief Luft. Virginia wollte sich mit ihm treffen? Aber warum? Beide Male, als sie einander begegnet waren, hatte er den Eindruck gehabt, dass sie ihn nicht besonders mochte. Und sie hatten wei� Gott nicht sehr viel miteinander gesprochen. Und trotzdem wollte sie ihn jetzt sehen? Alleine?</p><p>Doch er konnte nicht gehen! Man hatte ihm streng verboten, das Haus zu verlassen!</p><p>Fieberhaft versuchte er, sich eine Rechtfertigung einfallen zu lassen, die es ihm erlauben w�rde, am n�chsten Tag das Haus zu verlassen, ohne erneut in Schwierigkeiten zu geraten. Es musste sich doch einfach irgendein logisch klingendes Argument konstruieren lassen, das Onkel Sherrinfords strengem pr�fendem Blick standhalten w�rde. Virginia hatte ihn gefragt, ob sie sich treffen k�nnten. Das Wenige, das er von ihr wusste, lie� ihn vermuten, dass sie unabh�ngiger als englische M�dchen in ihrem Alter war. Sie konnte reiten�� und zwar nicht nur im Damensattel, sondern richtig��, und sie war absolut dazu imstande, alleine umherzuziehen. Aber wenn sie ein englisches M�dchen w�re, w�rde sie keinesfalls ohne ihre Familie zum Jahrmarkt gehen. Und das bedeutete, dass es plausibel war, wenn Sherlock den Brief als Einladung interpretieren w�rde, sich mit Virginia <emphasis>und ihrem Vater</emphasis> zu treffen. Was wiederum bedeutete, dass er das Haus verlassen konnte, ohne gegen die Vereinbarungsbedingungen zu versto�en, die zwischen ihm und seinem Onkel getroffen worden waren. In Sherrinfords Weltbild war es schlichtweg ausgeschlossen, dass ein M�dchen eine Verabredung mit einem Jungen treffen k�nnte, ohne dass jemand aus ihrer Familie dabei war. Sherlock wusste es nat�rlich besser. Aber wenn man ihn zur Rede stellte, w�rde er das einfach nicht verraten.</p><p>Doch dann brachte ihn ein pl�tzlich aufkommender Gedanke aus dem Gleichgewicht. Was, wenn jemand von Holmes Manor auf dem Jahrmarkt w�re?</p><p>Aber nachdem er kurz dar�ber nachgedacht hatte, kam er zur �berzeugung, dass weder bei Onkel und Tante noch bei MrsEglantine die Wahrscheinlichkeit sehr gro� war, dass sie dort waren. Und falls er jemand von den Dienstm�dchen, K�chen oder Arbeitern auf dem Jahrmarkt tr�fe, w�rden sie ihn vermutlich nicht einmal erkennen.</p><p>Er verbrachte den Rest des Abends und einen gro�en Teil der Nacht damit, sich wechselweise davon zu �berzeugen, dass er am n�chsten Morgen gehen sollte und dann wiederum, dass er es nicht sollte. Gegen Morgen war er immer noch nicht sicher. Aber als er zum Fr�hst�ck die Treppe herunterkam, ertappte er sich pl�tzlich dabei, wie er in Gedanken Virginias Gesicht vor sich sah, und prompt beschloss er, dass er gehen w�rde. Komme, was da wolle.</p><p>Er blickte auf die Standuhr. Erst kurz nach acht! Wenn er sich jetzt auf den Weg machte und das Fahrrad nahm, k�nnte er gerade noch p�nktlich dort sein. Er wusste, wo sich die Burg befand. Sie lag am Hang oberhalb der Stadt, und bei der Grasfl�che unmittelbar vor der Burg handelte es sich wahrscheinlich um besagte Gemeindewiese.</p><p>Sollte er eine Nachricht hinterlassen? Nach den letzten Vorkommnissen mochte das eine gute Idee sein. Also schrieb er rasch ein paar Zeilen auf die R�ckseite des Umschlags, in denen er erkl�rte, dass er fortgegangen sei, um sich mit Amyus Crowe zu treffen, und legte die Nachricht auf das Silbertablett. Dann eilte er halb gehend, halb rennend nach drau�en, um sein Rad zu holen, wobei er sich duckte, sobald er an einem Fenster vorbeikam, und sich hinter Mauern verborgen hielt, wo immer es m�glich war.</p><p>Auf der Fahrt zur Burg schwirrte ihm nur so der Kopf vor lauter Spekulationen und verwirrender Gedanken. Noch nie zuvor hatte er eine Freundin gehabt. Nat�rlich war da noch seine Schwester. Aber sie war �lter als er und hatte andere Interessen wie zum Beispiel Malerei, Krocket und Klavierspielen.</p><p>Und nat�rlich war da auch noch ihre Krankheit, die sie w�hrend eines Gro�teils von Sherlocks Kindheit ans Bett gefesselt und zu einem zur�ckgezogenen Leben gezwungen hatte. Zu Hause hatte er sich niemals mit irgendjemandem richtig angefreundet. Geschweige denn mit einem M�dchen. Und Deepdene war eine reine Jungenschule. Er war sich nicht ganz sicher, wie er mit Virginia umgehen, wor�ber er mit ihr reden und wie er sich ihr gegen�ber benehmen sollte.</p><p>Als er nach Farnham hineinkam, bog er in eine Seitenstra�e ein. Sie f�hrte bergauf auf die Burg zu, die er am Hang des H�gels �ber der Stadt aufragen sah. Er strampelte sich ab, bis seine Beinmuskeln zu brennen begannen. Dann stieg er ab und schob das Rad neben sich her. Als er schlie�lich das Burggel�nde erreichte, war er ziemlich ersch�pft.</p><p>Vor ihm auf der Wiese ausgebreitet und beschienen von der Morgensonne bot sich Sherlock ein Kaleidoskop menschlichen Lebens, das wie eine eigenst�ndige kleine Miniaturstadt wirkte. St�nde und mit Seilen begrenzte, ringf�rmige Areale waren beiderseits von breiten, grasbewachsenen Gassen errichtet worden, auf denen die Leute umherflanierten und auf verschiedene Attraktionen zeigten. �ber allem lag ein Rauchschleier, und der Geruch von brutzelndem Fleisch, Tierdung und menschlichen Ausd�nstungen brachten seine Nase zum Kribbeln. Es gab Bereiche f�r Jongleure, Boxk�mpfe, Stockk�mpfe und Hundek�mpfe. Scharlatane verkauften Wunderarzneien, die aus wer wei� was zusammengebraut worden waren. Feuerschlucker bef�rderten flammende Kohlest�cke auf Metallgabeln in ihren Mund. Einige Stadtbewohner nahmen an einem Grimassenwettbewerb teil, bei dem es einen Hut zu gewinnen gab, andere rannten f�r einen Schlafanzug um die Wette oder schaufelten bei einem Wettfressen Hasty-Pudding in sich hinein, wobei es f�r denjenigen, der am meisten vertilgen konnte, Geld zu gewinnen gab.</p><p>Sherlock hielt in der Menge nach Virginias unverwechselbarem kupferfarbenen Haarschopf Ausschau. Aber auf der Wiese dr�ngten sich so viele Menschen, dass einzelne Personen kaum auseinanderzuhalten waren. Da sie keinen Treffpunkt genannt hatte, blieben ihm nur zwei M�glichkeiten. Entweder wartete er dort, wo er gerade stand, in der Hoffnung, dass sie ihn finden w�rde, oder er st�rzte sich in die Menge, um nach ihr zu suchen. Und das Warten hatte noch nie zu Sherlocks St�rken geh�rt.</p><p>Also stellte er�� wenn auch mit leicht mulmigem Gef�hl�� sein Rad an einem Zaun am Wiesenrand ab. Er war sich zwar nicht ganz sicher, ob es bei seiner R�ckkehr immer noch da sein w�rde, aber in dem dichten Gew�hl konnte er es sowieso nicht weiter mitnehmen.</p><p>Die erste Attraktion, auf die er stie�, als er �ber die Wiese schlenderte, war ein riesiges, bis zum Rand mit Wasser gef�lltes Fass. Leute standen dicht geschart darum herum und stachelten sich gegenseitig an. Die Wasseroberfl�che brodelte, was Sherlock zu der Vermutung veranlasste, dass irgendetwas dort drin gekocht wurde. Allerdings war unter dem Fass kein Feuer. Einer aus der Menge�� ein d�rrer junger Bursche, der ein gepunktetes Taschentuch um den Hals geschlungen hatte�� versuchte ein rotb�ckiges M�dchen im wei�en Kleid zu beeindrucken, das neben ihm stand. Er h�ndigte dem Mann, dem offensichtlich das Fass geh�rte, eine M�nze aus, packte mit beiden H�nden den Rand des Fasses und tauchte seinen Kopf mit einem Schwung ins Wasser.</p><p>Sherlock, der immer noch halbwegs �berzeugt war, dass das Wasser kochte, stockte der Atem. Aber wie es aussah, passierte dem Jungen nichts. Offenbar auf der Suche nach etwas, bewegte er den Kopf im Wasser wackelnd hin und her. Alle paar Sekunden stie� sein Kopf zun�chst vor, um daraufhin gleich wieder zur�ckzuschnellen.</p><p>Und dann zog er schlie�lich ganz den Kopf heraus. Wasser lief von Gesicht und Hals auf seine Schultern hinab, aber das schien ihn nicht zu st�ren. Zwischen seinen Z�hnen steckte irgendetwas. Etwas Silbriges, das sich heftig windend versuchte, aus der Umklammerung zu befreien. Im ersten Moment kam Sherlock nicht darauf, um was es sich handelte. Aber dann wurde es ihm klar. Es war ein Aal, kaum l�nger als der Finger eines Mannes. Verbl�fft ging Sherlock weiter. Er hatte schon vom Apfeltauchen geh�rt, aber vom Aaltauchen? Unglaublich.</p><p>�Sehen Sie das au�ergew�hnlichste Schaf der Welt!�, schrie ein Ausrufer vor einem Stand. �Sehen Sie ein Schaf mit vier ganzen Beinen und einem halben F�nften am Bauch. So etwas werden Sie nie wieder zu Gesicht bekommen!� Er fing Sherlocks Blick auf, als dieser vorbeiging. �Sie da, junger Herr. Sehen Sie sich das erstaunlichste Schauspiel auf Gottes gr�ner Erde an. Das werden Sie nie vergessen. Alle M�dchen werden an Ihren Lippen h�ngen, wenn Sie von dem unglaublichen Schaf mit vier Beinen und einem halben F�nften berichten.�</p><p>Sherlock ging weiter und kam an einer Bude vorbei, wo zwei Handpuppen in einem Fenster zu sehen waren. Die Puppen wurden von einem im Stand verborgenen Spieler bedient. Ihre mit �berdimensionalen Nasen und Kinnladen versehenen K�pfe waren aus Holz geschnitzt, und ihre Kleidung bestand aus bunten Schleifen. Als Sherlock die Puppen betrachtete, legte eine�� bei fast vollst�ndig gekr�mmtem Oberk�rper�� ihren Kopf auf den unteren Fensterrand, w�hrend die andere diesen daraufhin augenblicklich mit einer Miniaturaxt abhackte. Der Kopf fiel ab, und grellrote Schleifen schossen explosionsartig aus dem Halsstumpf hervor, um das herausspritzende Blut zu simulieren. Jubelnd schwenkte die Menge die H�te.</p><p>Etwas abseits auf der einen Seite des Jahrmarkts wurde Sherlock auf einen Teich aufmerksam. Ein Mann mit grellbunter Weste und einem Zylinder auf dem Kopf warf eine Ente hinein. Die Beine des Tieres waren mit einem d�nnen St�ck Schnur verkn�pft, an dem ein Gewicht hing, das es auf dem Wasser festhielt. Der Teich war von Hunden umlagert. Knurrend und geifernd zerrten sie an ihren Leinen aus Hanf oder Leder. Sherlock beobachtete, wie �berall in der Menge Geld gewechselt wurde. Ihn beschlich ein mulmiges Gef�hl, glaubte er doch zu wissen, was gleich passieren w�rde. Der Mann in der Weste trat zur�ck und hob die Hand. Erwartungsvolle Stille senkte sich �ber die Menge. Die Hunde verdoppelten ihre Anstrengungen, um sich loszurei�en, und ihr Geknurre war jetzt so laut, dass es den Boden zum Vibrieren brachte. Die Hand des Mannes fiel auf die Weste hinab, und die Hunde wurden von ihren Besitzern von der Leine gelassen. Wie eine einzige Wand aus fletschenden Z�hnen und wirbelnden L�ufen st�rzten sie sich in den Teich, um den quakenden Vogel zu packen. W�hrend das Wasser nur so in alle Richtungen spritzte, flatterte die Ente auf der Flucht vor ihren J�gern voller Panik auf dem Wasser vor und zur�ck, so weit dies die Schnur und das Gewicht eben zulie�en. Was die Hunde anbelangte, so vermieden sie es, sich zu tief ins Wasser zu begeben. Mit Ausnahme eines mutigen Terriers, der wie wahnsinnig hinter der Ente auf dem Teich herpaddelte. Sherlock wandte sich ab, bevor einer der Hunde die Z�hne in den Hals der Ente graben konnte. Der Ausgang dieses unappetitlichen Spektakels stand von vornherein fest, die einzige offene Frage war nur, welcher Hundebesitzer am Ende den Preis gewinnen w�rde.</p><p>Angewidert ging Sherlock weiter.</p><p>Er kam an St�nden mit hei�en W�rstchen, kandierten Liebes�pfeln am Stiel, Orangen-Biscuits, Bl�tterteiggeb�ck und gesalzener, knusprig ger�steter Schweineschwarte vorbei. Er war sich nicht sicher, ob es sich bei dem flauen Gef�hl in seinem Magen um Hunger oder Nervosit�t handelte. Oder beides.</p><p>Die Menge wurde nun dichter, und damit wurde es zunehmend ungem�tlicher. Sherlock wurde von hinten geschoben und gesto�en, w�hrend die Leute um ihn herum johlten und knurrten. Eine Stimme erhob sich �ber ihnen und rief: �Wer wird den ungeschlagenen Champion herausfordern? Wer hat den Mut, sich Nat Wilson entgegenzustellen, dem Wunderk�mpfer aus Kensal Green? Einen Sovereign, wenn Sie gewinnen, nichts als Hohn und Spott, wenn Sie verlieren!� Sherlock stolperte und landete auf einem Knie. Er wollte sich wieder aufrappeln, wurde jedoch zur Seite gesto�en. Dann traf ihn etwas hart im R�cken. Er drehte sich um und stellte verbl�fft fest, dass er pl�tzlich vorne vor der Menge stand. Das Ding, �ber das er gestolpert war, war ein Holzpfosten, der zusammen mit drei weiteren Pfl�cken die Ecken eines Quadrats markierte. Zwischen den Pfosten waren Seile gespannt worden. In der Mitte der Arena stand ein Mann, der nichts weiter als eine Lederkniehose trug und sich gestenreich vor der Menge in Pose warf. Brustkorb und Arme waren mit gewaltigen Muskelpaketen bepackt. Ein anderer Mann, der einen staubigen Anzug trug und eine Melone auf dem Kopf hatte, starrte Sherlock geradewegs an.</p><p>�Wir haben einen Herausforderer!�, schrie er. Die Menge applaudierte.</p><p>Sherlock versuchte, sich zu verdr�cken. Aber die Leute hinter ihm schoben ihn nach vorne. H�nde zogen die Seile auseinander, um eine L�cke zu bilden, und ehe er es sich versah, wurde Sherlock auf das grasbewachsene Areal geschoben.</p><p>�Nein!�, rief er, als er erkannte, dass er irgendwie zum Herausforderer geworden war. �Ich habe mich nicht���</p><p>Der Ausrufer schnitt ihm das Wort ab. �Standard Broughton-Regeln�, verk�ndete er in einem seltsam gedehnten Sprechsingsang. �Keine Handschuhe, keine Schlagringe. Alles ist erlaubt. Au�er einen Mann zu schlagen, wenn er zu Boden gegangen ist. <emphasis>Geht</emphasis> jemand zu Boden, hat er drei�ig Sekunden Zeit sich zu erholen und acht weitere Sekunden, um wieder die Position an der Ausgangslinie einzunehmen. Der Kampf ist zu Ende, wenn einer nicht mehr aufstehen kann.� Er musterte Sherlock, der hektisch um sich blickte, im verzweifelten Versuch, eine L�cke in der Menge zu finden, durch die er vielleicht noch entkommen k�nnte. �Junge�, murmelte er, �ohne Hilfe gebe ich dir nicht mehr als eine Minute. H�ltst du f�nf durch, verdoppel ich den Preis. Muss ja die Zocker bei Laune halten.�</p><p>�Ich sollte gar nicht hier sein!�, protestierte Sherlock.</p><p>�Daf�r ist es jetzt ein bisschen sp�t�, erwiderte der Ausrufer.</p><p>�Aber das Ganze ist ein Versehen!�</p><p>�Nein.� Der Mann l�chelte und entbl��te seine schwarzen verrotteten Z�hne. �Es ist ein Massaker.�</p><p>Der Ausrufer steuerte auf den Ringrand zu, wo die Leute die Seile f�r ihn auseinanderhielten. Sherlock versuchte, ihm zu folgen, aber die Seile schnellten wieder an ihren Platz zur�ck, und die M�nner, Frauen und Kinder johlten sp�ttisch, als er sich n�herte. Steine wurden nach ihm geworfen, so dass Sherlock sich gezwungen sah, in die Ringmitte zur�ckzuweichen.</p><p>Der andere K�mpfer blickte grimmig entschlossen mal hier mal dort in die Menge und kam Applaus heischend zu ihm hin�berstolziert. Er war mindestens f�nfzehn Zentimeter gr��er als Sherlock und hatte ein viel breiteres Kreuz.</p><p>Seine H�nde sahen aus wie zwei riesige, mit Waln�ssen gef�llte Lederbeutel. �An die Linie�, grunzte er.</p><p>�Was?�</p><p>Der K�mpfer zeigte auf zwei parallele Linien, die man ins Gras gestampft hatte und etwa einen Meter voneinander entfernt waren. �Du stehst hinter der einen, ich steh hinter der anderen. Wenn der Gong ert�nt, k�mpfen wir. So funktioniert das.�</p><p>�Ich will nicht k�mpfen�, protestierte Sherlock.</p><p>�Is� deine Entscheidung, Junge�, knurrte der K�mpfer. �Hab trotzdem daf�r zu sorgen, dass das Ganze f�nf Minuten dauert, und deine Birne wird wie Hackfleisch aussehen, wenn de dich nicht verteidigst.� Kritisch be�ugte er Sherlock. �Wird vermutlich sowieso so aussehen, selbst wenn de das tust�, f�gte er hinzu. Er schob Sherlock auf die n�chste Linie im Gras zu. �Nimm die H�nde hoch, sch�tz dein Gesicht. Und bleib aufrecht stehen. Wenn de f�llst, tret ich dich, bis du wieder stehst.�</p><p>�Ich dachte, der Schiedsrichter hat gesagt, dass man den Gegner nicht schlagen darf, wenn er am Boden liegt.�</p><p>Der K�mpfer zuckte die Achseln. �Aber von Treten hat er nix gesagt.�</p><p>Ungl�ubig ging Sherlock zu seiner Linie. Mit seinen gestiefelten F��en stand der K�mpfer an der anderen Linie. Sherlock sah sich um und hielt nach jemandem Ausschau, der ihm helfen k�nnte. Nach irgendjemandem. Aber er blickte nur in rote, verschwitzte und vor Aggressivit�t verzerrte Gesichter.</p><p>Ein Gong ert�nte.</p><p>Sherlock trat erst einmal zur�ck, doch im gleichen Augenblick sauste auch schon die Faust seines Gegners knapp an seiner Nase vorbei.</p><p>Er riss die H�nde hoch, um sich zu verteidigen, und wich noch weiter zur�ck, als sein Gegner auf ihn zukam. Die Menge br�llte. Er hatte Bilder von Boxern in B�chern gesehen. Au�erdem hatte er sich ein paar K�mpfe in der Deepdene-Schule angeschaut und sogar selbst ein wenig geboxt. Also nahm er die Stellung ein, an die er sich erinnerte, und hielt die zu F�usten geballten H�nde vor seinen K�rper. Aber ganz offensichtlich hatte sein Gegner nicht die gleichen B�cher gelesen. Denn der kam einfach auf Sherlock zugetrottet und holte mit beiden Armen seitlich aus, um sie dann in Schulterh�he mit geballten F�usten auf Sherlock niedersausen zu lassen. Sherlock kassierte einen Treffer an der linken Schulter�� derjenigen, die j�ngst erst von Clem maltr�tiert worden war��, und augenblicklich schoss ihm der Schmerz wie fl�ssiges Metall den Arm hinab. Seine Hand fiel nutzlos zur Seite herunter. Wie hatte das alles nur passieren k�nnen? Noch vor einer Minute war er ein anonymer Zuschauer in der Menge gewesen, und nun stand er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit! Es war fast so, als h�tte etwas, nein <emphasis>jemand</emphasis>, die Menge so gelenkt, dass er in diese Situation geraten war.</p><p>Sein Gegner machte wieder ein paar Schritte auf ihn zu, offenbar bereit, ihm einen Aufw�rtshaken ins Gesicht zu verpassen. Also trat Sherlock zur�ck und lie� seine rechte Faust vorschnellen. Wie durch ein Wunder traf er den Mann genau auf die Nase. Sherlock sp�rte, wie etwas unter seinen Fingern knackte und dann lief seinem Gegner auch schon Blut an Kinn und Brust hinab. Der Mann zuckte zur�ck, atmete explosionsartig durch die Nase aus und bespr�hte Sherlocks Hemd dabei mit einem Schwall von Blut. Fast gleichzeitig f�hrte er eine gerade Rechte gegen Sherlocks Brust. Der Treffer lie� Sherlock nach hinten taumeln. Ein heftiger Schmerz durchfuhr seine Rippen. Einen Moment lang dachte er, sein Herz w�re stehengeblieben. Er versuchte Luft zu holen, aber wie es schien, hatte seine Lunge ihre Arbeit eingestellt. Zusammengekr�mmt stand er da und versuchte verzweifelt, etwas Luft einzusaugen.</p><p>Eine Hand packte ihn hinten am Nacken und schleuderte ihn �ber die Grasfl�che. Der Aufprall auf den Boden quetschte ihm das letzte bisschen Atemluft aus dem K�rper, woraufhin jedoch sich sein Brustkorb reflexartig weitete und schlagartig wieder Luft in die Lunge str�mte. Er rollte sich zur Seite�� einen Wimpernschlag bevor sich ein Fu� an der Stelle in den Boden rammte, an der eben noch sein Kopf gewesen war. Taumelnd rappelte sich Sherlock wieder hoch.</p><p>Das Gesicht seines Gegners war eine einzige blutverschmierte Maske, die nur von zwei schmalen, w�tend blitzenden Augen und einer Reihe gefletschter Z�hne unterbrochen wurde. Der Mann machte ein paar Schritte auf Sherlock zu und schlug eine Links-Rechts-Kombination. Die Linke landete in den Rippen, die Rechte an der Schl�fe. Grellroter brutaler Schmerz erf�llte Sherlocks Welt und auf einmal schien alles ganz weit entr�ckt. Er fiel, aber er sp�rte den Aufprall schon nicht mehr, als er auf den Boden aufschlug.</p><p>Dunkelheit umfing ihn und Sherlock lie� sich bereitwillig von ihr verschlingen.</p></section><section><title><p><strong>10</strong></p></title><p>Als Sherlock wieder aufwachte, hatte er das Gef�hl, ihm w�rde der Sch�del platzen. Der Schmerz schien sich um die rechte Schl�fe herum zu konzentrieren und pulsierte auf unertr�gliche Weise in Einklang mit seinem Herzschlag. Er hatte das irrationale Empfinden, als s��e ein riesiger weicher pochender Klumpen mitten in seinem Kopf, an dem er nicht vorbeisehen oder vorbeiklettern konnte. Eine Weile lag er einfach nur so im Dunkeln. Er dachte an nichts, sondern lie� sich von dem Schmerz vor- und zur�cktreiben, und wartete darauf, dass er nachlie�. Was er schlie�lich auch tat.</p><p>Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war, wie er von dem Jahrmarktsboxer bewusstlos geschlagen worden war. Und nun lag er in einem bequemen Bett, und sein Kopf ruhte auf einem Stapel weicher Daunenkissen. Was bedeutete, dass er sich nicht mehr auf dem Jahrmarkt befand. Er lag weder im matschigen Grasring noch war er wie ein nasser Sack in irgendein Zelt verfrachtet worden, bis er wieder zu sich kam. Es sei denn nat�rlich, er war am Halluzinieren. Was durchaus m�glich war, in Anbetracht der Tatsache, dass er eine Kopfverletzung erlitten hatte.</p><p>Nein, so sagte er sich energisch, er musste einfach davon ausgehen, dass das, was er f�hlte, h�rte und sah, der Realit�t entsprach und nicht einfach nur die Ausgeburt eines ramponierten Gehirns war.</p><p>Das diffuse Licht, das durch die zugezogenen Vorh�nge drang, verriet ihm, dass es immer noch Morgen war. Er lag nicht in seinem Bett, so viel war jedenfalls klar. Sein eigenes Bett war h�rter, und die Kissen hatten eine klumpige unbequemere F�llung.</p><p>Jemand von Holmes Manor musste ihn gefunden und dorthin zur�ckgebracht haben. Allerdings hatte man ihn in ein bequemeres Bett gesteckt, wahrscheinlich eines, das f�r den Doktor und die Dienstm�dchen leichter zu erreichen war. Er lauschte angestrengt, ob drau�en vor dem Fenster irgendwelche Bewegungen zu h�ren waren. Aber abgesehen von einem Ger�usch, bei dem es sich um entferntes Vogelgezwitscher handeln mochte, war da nichts.</p><p>In welchen Schwierigkeiten mochte er wohl nun schon wieder stecken? Bei dem Gedanken daran entfuhr ihm unwillk�rlich ein St�hnen. Er hatte gegen die klaren Anweisungen seines Onkels versto�en, und er hatte das dumpfe Gef�hl, dass jeder Versuch, das Ganze mit einem Hinweis auf ein vermeintliches Treffen mit Amyus Crowe zu erkl�ren, mit rigoroser H�rte beantwortet werden w�rde. Schlimmer noch: Er war in einen ordin�ren Faustkampf verwickelt worden. Und sogar schlimmer noch als <emphasis>das</emphasis>: Er hatte verloren. Das w�rde zwar Sherrinford und Anna Holmes wahrscheinlich nicht sonderlich ber�hren, aber wenn Sherlocks Vater jemals etwas davon mitbek�me, w�rde er au�er sich vor Zorn sein. War doch eine seiner beliebtesten Redensarten: �Ein Gentleman beginnt niemals einen Kampf, sondern beendet ihn stets.�</p><p>Wenn er Gl�ck hatte, w�rde ihn sein Onkel f�r den ganzen n�chsten Monat zu Stubenarrest verdonnern und seine Mahlzeiten auf Brot und Wasser beschr�nken. Wenn er Gl�ck hatte. Wenn er <emphasis>keines</emphasis> hatte, dann�� na ja, da war er sich nicht so sicher. Aber seiner Vermutung nach w�rde die Strafe schrecklich ausfallen. Eine Tracht Pr�gel vielleicht? Oder eine Z�chtigung mit dem Rohrstock oder dem Lederg�rtel? Sein Onkel w�rde das wahrscheinlich eher mit Bedauern als mit Wut machen. Aber gab es da nicht irgend so einen Spruch in der Bibel, der �Wer die Rute spart, verzieht das Kind!� oder so �hnlich lautete?</p><p>Es w�rde �bel werden.</p><p>Sherlock hob die Hand, um seinen Kopf zu ber�hren. Seine Finger ertasteten eine riesige Beule, und als er vorsichtig dagegen dr�ckte, hatte er das Gef�hl, ihm w�rde jemand einen gl�henden Nagel durch den Kopf treiben.</p><p>Vorsichtig setzte er sich auf. Weder Kopf noch Magen reagierten sehr dankbar auf die Bewegung.</p><p>Die W�nde des Raumes, in dem er sich befand, waren mit Holz get�felt. Er selbst lag in einem Himmelbett, �ber dem sich ein mit kunstvollem Stickwerk verzierter Baldachin w�lbte. Weder das Bett noch sonst etwas an der Einrichtung kam ihm von Holmes Manor her bekannt vor. Er sah an sich hinab. Er war immer noch angekleidet, auch wenn man ihm die Jacke ausgezogen hatte. Er blickte sich um und sah sie schlie�lich an einem Kleiderhaken h�ngen, der an der Innenseite der T�r angebracht war.</p><p>Er warf die Decke zur�ck, unter der er gelegen hatte, und dr�ckte sich langsam in die H�he. Einige Augenblicke lang schien die ganze Welt wie Wasser hin- und herzuschwappen, das in einem gerade abgestellten Eimer allm�hlich zur Ruhe kam. Man hatte ihm die Schuhe ausgezogen. Aber wie er feststellte, waren sie nebeneinander ans Fu�ende des Bettes gestellt worden. Er wankte ans Bettende und gab sein Bestes, um in die Schuhe zu schl�pfen, ohne sich nach vorne zu beugen. Denn das, sagte ihm ein untr�gliches Gef�hl, w�re eine �u�erst schlechte Idee.</p><p>Er ging zum Fenster hin�ber und zog den Vorhang zur�ck. Aber der Ausblick, der sich seinen Augen bot, hatte keinerlei �hnlichkeit mit der Landschaft, die Holmes Manor umgab.</p><p>Das Land dort drau�en war flach und �de, und auf der r�tlich braunen, trockenen Erde wuchsen weder Gras noch sonstige Pflanzen. Stattdessen war das Grundst�ck, so weit das Auge reichte, mit Holzkisten �bers�t, die jeweils auf einer Bodenplatte mit vier massiven Beinen standen. Sie sahen ein wenig wie H�hnerst�lle aus, waren aber viel kleiner. Jede Kiste wies unten�� kurz oberhalb der Stelle, wo sie auf der Bodenplatte ruhte�� ein kleines Loch auf.</p><p>Die Kisten waren in einem regelm��igen Muster aufgestellt. Eine rasche Multiplikation im Kopf verriet Sherlock, dass er auf etwa f�nfhundert Kisten starrte.</p><p>Rauchschwaden schienen sich �ber einigen Kisten zu kr�useln. Allerdings musste der Wind hier auf ziemlich merkw�rdige Weise verwirbelt werden, denn die Rauchwolken �ber den einzelnen Kisten wehten in ganz unterschiedliche Richtungen davon. Einige schwebten nach oben, einige nach links oder rechts, w�hrend andere einfach nur vor den �ffnungen in den Kisten umherzuschweben schienen, als w�rden sie versuchen heraus- oder hereinzukommen.</p><p>Hinter einer der Kisten kam eine Gestalt hervor. Sie war in einen locker sitzenden Overall gekleidet, der aus Leinen zu bestehen schien. Der Kopf war vollst�ndig von einer Maske aus Musselinstoff bedeckt, der durch h�lzerne Streben vom Gesicht abgehalten wurde und so d�nn war, dass der Tr�ger hindurchsehen konnte. Die Gestalt ging zu einer anderen Kiste und hob vorsichtig den Deckel an. Noch mehr Rauch quoll nach drau�en und umh�llte den Kopf der Gestalt, was ihr jedoch nichts auszumachen schien. Vielmehr beugte sie sich noch n�her heran, um nach einem Blick in die Kiste den Deckel schlie�lich wieder zu schlie�en. Daraufhin zog sie aus dem Boden der Konstruktion etwas heraus, das wie ein h�lzernes Tablett aussah. Die Gestalt musterte das Tablett ein paar Sekunden lang. Dann machte sie ein paar Schritte und legte es auf einen Stapel gleichartiger Tabletts ab.</p><p>Pl�tzlich war Sherlocks Hirn wieder hellwach, und schlagartig wurde ihm klar, was er da gerade beobachtete. Die Wolke, die er von der M�nnerleiche im Wald nahe Holmes Manor hatte aufsteigen sehen; der Rauch, den Matty beobachtet hatte; die Pollen, die er zu Professor Winchcombe gebracht hatte: Endlich ergab das alles einen Sinn.</p><p>Sie hatten es nicht mit Rauch, sondern mit Bienen zu tun. Kleine schwarze Bienen. Und das bedeutete, dass es sich bei den Kisten um Bienenst�cke handelte, und der Mann in der Maske ein Imker war.</p><p>Aber was waren das f�r Bienen und wozu brauchte man sie? Um Honig zu produzieren? Zur Verteidigung? Oder f�r etwas anderes? Aber noch wichtiger: Wo zum Teufel war er eigentlich?</p><p>Hinter ihm ging die T�r des Zimmers auf. Rasch drehte er sich um. Zwei M�nner standen im T�rrahmen. Ihre schwarze Samtkleidung aus kurzem �berrock, Weste, Kniehose und Beinlingen war makellos rein, aber von altmodischem Schnitt. Die Gesichter steckten hinter schwarzen Samtmasken mit Sehschlitzen.</p><p>Einer der M�nner wies �ber die Schulter nach hinten. Die Bedeutung war klar: Sherlock sollte mit ihnen kommen. Einen kurzen Moment lang spielte er mit dem Gedanken zu rebellieren. Schlie�lich war er noch nie besonders gut darin gewesen, Befehlen zu gehorchen, die ohne Erkl�rungen erteilt wurden. Aber nachdem er eine Sekunde dar�ber nachgedacht hatte, kam er zu dem Schluss, dass sie ihn einfach packen und mit sich fortschleppen w�rden, wenn er ihren Anordnungen nicht Folge leistete. Und irgendwie hatte er das Gef�hl, dass sie dabei auch nicht gerade zimperlich vorgehen w�rden.</p><p>Au�erdem, so wurde ihm bewusst, war das wohl die einzige M�glichkeit herauszufinden, was da vor sich ging.</p><p>Obwohl ihm das Herz bis zum Hals klopfte, gelang es Sherlock, eine ruhige, ja sogar gelangweilte Miene an den Tag zu legen, als er auf die T�r zuging. Die beiden Diener traten zur�ck, um ihn durchzulassen.</p><p>Die T�r f�hrte auf einen weiten, opulent geschm�ckten Korridor hinaus, der in satten Rot- und Violettt�nen gehalten war. In die Tapete war ein markantes Wappen eingewebt, das als Stickmotiv auch auf den Samtvorh�ngen zu sehen war.</p><p>Einer der Diener geleitete Sherlock eine breite Treppe hinab, w�hrend der andere ihm auf den Fersen folgte. Bis auf Sherlocks Schritte, die von den wei�en Marmorstufen widerhallten, war kein Laut zu h�ren. Denn die Schuhe der Diener waren umwickelt und erzeugten kaum mehr als den Hauch eines Scharrens.</p><p>Am Fu� der Treppe angekommen, f�hrte der erste Diener Sherlock auf eine geschlossene T�r zu, die sich neben einem wuchtigen Teakholzschrank befand. Er zog die T�r auf und bedeutete Sherlock mit einer Geste hindurchzugehen.</p><p>Mit einem dumpfem, endg�ltig klingendem Ton schloss sich die T�r hinter ihm.</p><p>Der Raum, in dem er nun stand, war gro�, kalt und lag fast vollst�ndig im Dunkeln. S�mtliche Fenster waren mit dicken Vorh�ngen bedeckt. Lediglich ein paar wenige, diagonal verlaufende Lichtstrahlen durchdrangen die Finsternis, und in ihrem sp�rlichen Licht konnte Sherlock unmittelbar vor sich gerade eben noch die vorderen Konturen eines riesigen Holztisches erkennen, vor dem ein massiver Stuhl stand. Alles andere war im Dunkeln verborgen, mit Ausnahme einiger glitzernder Flecken, bei denen es sich um metallene Gegenst�nde handeln mochte, die an den Steinw�nden hingen.</p><p>Es schien offensichtlich, was man von ihm erwartete. Er sp�rte, wie ihm vor Nervosit�t und Anspannung Schwei�perlen den Nacken hinabrannen, als er auf den Stuhl zuging und sich setzte.</p><p>Eine ganze Weile herrschte absolute Stille. Nur das rasche Schlagen seines Herzens dr�hnte in seinen Ohren. Er strengte die Augen an, um die Dunkelheit zu durchdringen. Aber au�er der Tischfl�che unmittelbar vor ihm war nichts zu erkennen.</p><p>Doch dann, ganz allm�hlich, begann er ein feines Ger�usch wahrzunehmen: ein rhythmisches Knarren und Knarzen, �hnlich wie es die Takellage eines Schiffes erzeugt, das von den Wellen irgendeines imagin�ren Ozeans hin- und hergeworfen wird. Das Ger�usch schien an- und abzuschwellen. Fast so, als w�rde eine schwache Brise in regelm��igen Abst�nden in ein Leinensegel fahren und an nassem Tauwerk zerren, um es dann sogleich wieder fahren zu lassen. Er kam einfach nicht darauf, um was es sich dabei handelte. Er konnte doch unm�glich auf einem Schiff sein? Der Blick vorhin aus dem Zimmerfenster hatte ihm gezeigt, dass er sich an Land befand, und der Boden unter ihm hob und senkte sich nicht. Was also war das f�r ein Ger�usch?</p><p>�Du warst im Lagerhaus.� Die M�nnerstimme, die aus der Dunkelheit von der anderen Tischseite her zu ihm drang, war kaum mehr als ein Fl�stern. Sherlock meinte, die Spur eines Akzentes herausgeh�rt zu haben�� der Buchstabe �H� im Wort �Lagerhaus� h�rte sich irgendwie fast verschluckt an��, doch er kam einfach nicht darauf, aus welchem Land der Sprecher stammen k�nnte. �<emphasis>Warum</emphasis> warst du im Lagerhaus?�</p><p>�Wer sind Sie?�, fragte Sherlock entschieden, wobei er eine gro�spurige Entschlossenheit in seine Stimme legte, die er eigentlich �berhaupt nicht empfand.</p><p>�<emphasis>Warum</emphasis> warst du im Lagerhaus?�, beharrte die Stimme. Sherlock musste angestrengt hinh�ren, um die Worte bei dem Geknarre und Geknarze im Hintergrund zu verstehen.</p><p>�Mein Onkel wird sich Sorgen um mich machen�, polterte Sherlock. �Sie werden Suchmannschaften ausschicken.� Er wusste nicht, ob das stimmte, aber es kam ihm schlau vor, das zu sagen. Vielleicht w�rde er seinen mysteri�sen Befrager damit aus dem Konzept bringen.</p><p>�Ich werde dich nur noch einmal fragen. Und dann wirst du die Konsequenzen tragen m�ssen. Also, <emphasis>warum</emphasis> warst du im Lagerhaus?�</p><p>�Ich wei� nicht, wovon Sie reden.�</p><p>Etwas kam aus der Dunkelheit auf ihn zugeschossen: etwas D�nnes, Schwarzes, das wie eine zusto�ende Kobra vorschnellte und ihn an der rechten Wange traf, bevor es sich gleich darauf wieder in die Finsternis zur�ckzog. Er zuckte zusammen und sp�rte noch einen winzigen Augenblick, ehe ihm der Schmerz wie ein Messerstich ins Fleisch fuhr, wie ihm das Blut �ber die Haut tropfte.</p><p>�<emphasis>Warum</emphasis> warst du im Lagerhaus?�, beharrte die Stimme auf Antwort.</p><p>Sherlock f�hrte die Hand an die brennende Wange. Dann nahm er sie wieder zur�ck und betrachtete sie. Die Linien seiner Handfl�che waren blutverschmiert.</p><p>�Sie haben mich verletzt�, stie� er hervor und konnte immer noch nicht ganz fassen, was eben passiert war.</p><p>Wieder kam die Peitschenschnur aus der Dunkelheit geschossen. Dieses Mal erhaschte er einen kurzen Blick auf eine metallisch gl�nzende Verdickung an der Spitze, als sie an seinem Gesicht vorbeipfiff. Offensichtlich war die Peitsche mit einer scharfen Metallspitze versehen. Der Knall, der ert�nte, als Metallspitze und Peitschenschnur ihr Ziel fanden und augenblicklich wieder zur�ckschnellten, fiel zusammen mit dem grellen Schmerz, der seinen Kopf durchfuhr. Die Peitsche hatte sich durch den oberen Teil seines rechten Ohres geschnitten. Er schrie auf und riss die Hand ans Ohr. Dieses Mal sp�rte er, wie sich augenblicklich Blut in der Handfl�che sammelte und am Handgelenk hinabtropfte.</p><p><emphasis>�Warum���</emphasis></p><p>�Ich bin einem Mann gefolgt, der aus einem Haus in Farnham kam!�, br�llte Sherlock. �Er ist zum Lagerhaus gegangen.�</p><p>Die Stimme schwieg einen Moment lang. Offensichtlich dachte sein Gegen�ber nach. Dann: �Warum bist du dem Mann gefolgt?�</p><p>Ein warmes, feuchtes Gef�hl auf der Haut verriet Sherlock, dass das aus dem Ohr str�mende Blut ihm nun bereits den Hals hinablief, und seine gesamte rechte Gesichtsseite hatte sich mittlerweile in ein einziges unertr�gliches Pochen verwandelt. �In dem Haus ist jemand umgekommen. Und ich wollte rauskriegen, wie.�</p><p>�Sie sind doch an der Pest gestorben, oder?�, fl�sterte die Stimme. �Das ist es doch, was die Leute sagen.�</p><p>Sherlock biss sich auf die Zunge, damit ihm nicht irgendetwas �ber die Bienenstiche herausrutschte. Aber die Peitsche kam wieder aus der Dunkelheit hervorgeschossen und diesmal fra� sie sich oberhalb seines linken Auges in die Stirnhaut. Sein Kopf wurde gegen die Stuhllehne zur�ckgeworfen, und Wellen von brennendem Schmerz wirbelten in seinem Sch�del. Er versuchte, sein Auge zu �ffnen. Doch er stellte fest, dass es wie zugeklebt war�� vor lauter Blut, das aus dem offenen Schnitt an der Stirn herabfloss.</p><p>Wenn er so weitermachte, w�rde sein Kopf bald zerfetzt sein.</p><p>�Er ist an Bienenstichen gestorben!�, schrie er. �Hunderten von Bienenstichen.�</p><p>Stille. Die Schmerzen von den drei Peitschenhieben hatten sich zu einem einzigen, gl�hendhei�en Schmerzinferno vereinigt, das im raschen Takt seines Herzschlags pochte.</p><p>�Wer wei� noch von den Bienen?�</p><p>�Nur ich!�, log er.</p><p>Erneut kam die Peitsche wie eine zusto�ende Schlange aus der Dunkelheit geschnellt. Diesmal wurde er knapp neben dem rechten Auge getroffen. Nur eine Haaresbreite weiter links und die Peitschenschnur h�tte sich in die weiche Masse seines Augapfels gefressen. Blut spritzte auf seine Wimpern und schwarze P�nktchen tauchten in seinem Sichtfeld auf.</p><p>�Wenn mein Peitschenmeister das n�chste Mal zuschl�gt, wird es dich das linke Auge kosten�, sagte die Stimme. �Anschlie�end trennt er dir das rechte Ohr ab. Antworte ausf�hrlich auf meine Fragen und l�ge mich nicht an.�</p><p><emphasis>Mein Peitschenmeister?</emphasis>, dachte Sherlock. Wer immer auch die Fragen stellte und die Peitsche schwang, es mussten zwei verschiedene Personen sein. Wie viele mochten sich noch dort in der Dunkelheit verbergen und ihn beobachten?</p><p>�Ich kenne bereits einige der Antworten auf die Fragen, die ich dir stelle�, fuhr die Fl�sterstimme fort, �und wenn deine Antworten anders ausfallen, wirst du leiden. Jetzt und f�r den Rest deines Lebens. Also, wer wei� noch von den Bienen?�</p><p>�Professor Winchcombe in Guildford�� und Amyus Crowe in Farnham.� Vor Anstrengung, die Schmerzen unter Kontrolle zu halten, zitterte seine Stimme. �Au�erdem mein Onkel Sherrinford. Und Amyus Crowe hat dem Arzt im Ort davon berichtet. Wem er noch davon erz�hlt hat, wei� ich nicht.� Matty Arnatts Namen lie� Sherlock bewusst au�en vor, in der Hoffnung, dass der Mann im Dunkeln nichts von Matty wusste oder ihn als unwichtig einsch�tzte.</p><p>�Zu viele�, sagte die Stimme. Sherlock hatte den Eindruck, dass die Stimme eher zu sich selbst als zu ihm sprach. Oder vielleicht auch zu jemand anderem. Jemandem, der bisher stumm geblieben war. �Wir m�ssen die ganze Operation beschleunigen.� Pause. Es schien, als w�rde der Mann nachdenken. Dann: �Schaff den Jungen weg und bring ihn um. Lass es wie einen Unfall aussehen. �berfahr ihn mit der Pferdekutsche. Sorg daf�r, dass ihm die R�der das Genick brechen.�</p><p>Unversehens hatte Sherlock das schreckliche Bild des toten Dachses vor Augen. Den, den er vor dem Lagerschuppen gesehen hatte und dessen Leib von einer vorbeifahrenden Kutsche plattgewalzt worden war. Und jetzt w�rde das Gleiche mit ihm geschehen.</p><p>H�nde packten ihn an den Schultern und zerrten ihn vom Stuhl empor. Die beiden Diener hatten die ganze Zeit hinter ihm gestanden und nun stie�en sie ihn vor sich her. Stolpernd ging er auf die T�r zu. Ein ganzes Kaleidoskop von m�glichen Fluchtideen schoss ihm durch den Kopf. Aber bei s�mtlichen Varianten bestand das prim�re Problem zun�chst einmal darin, dass er diesen eisern zupackenden und sto�enden H�nden entrinnen musste. Dann lie� einer der beiden Diener Sherlocks Schulter frei, um die T�r aufzumachen. Als diese nach au�en aufschwang, standen alle drei schlagartig in hellem Licht. Sherlock drehte sich um, holte mit dem Fu� aus und trat zu, in der Hoffnung, den anderen Diener so hart zu treffen, dass er Sherlock loslie�. Aber leider streifte sein Schuh lediglich einen Lederstiefel. Eine Faust kam aus dem Nichts auf ihn zugeschossen, traf ihn seitlich am Kopf und Sherlock sah ganze Galaxien wirbelnder Sterne vor sich.</p><p>Die T�r zum dunklen Raum schloss sich hinter ihnen�� und gab den Blick auf Matty Arnatt frei, der eine mit Stacheln �bers�te Eisenkeule in der Hand hielt. Das Ger�t sah aus wie etwas, das ein Ritter in alten Zeiten auf dem Schlachtfeld benutzt haben mochte.</p><p>Matty lie� sie auf den Kopf des n�chst stehenden Dieners niedersausen, und der Mann ging mit der Grazie eines Kohlensacks zu Boden, den man achtlos vom Karren geschmissen hatte.</p><p>Der andere Diener lie� Sherlock los, machte mit grimmiger Miene einen Schritt auf Matty zu und langte mit seiner fleischigen Hand nach Mattys Kopf. Doch Sherlock trat um ihn herum und versetzte ihm einen harten Schlag in die Leistengegend. Heftig nach Luft schnappend, sackte der Mann zusammen.</p><p>�Hier lang�, zischte Matty und bedeutete Sherlock ihm zu folgen.</p><p>Die beiden st�rmten durch die mit dunklem Eichenholz verkleideten Korridore des unbekannten Hauses, vorbei an etlichen Samtvorh�ngen und wei�en Alabasterstatuen best�rzend nackter griechischer Nymphen.</p><p>�Wo hast du die Keule her�, schrie Sherlock im Laufen. Irgendwo hinter sich konnte er den L�rm ihrer Verfolger h�ren.</p><p>�Hier im Haus stehen �berall Ritterr�stungen und so�n Zeugs rum�, rief Matty �ber die Schulter zur�ck. �Hab sie mir einfach geschnappt.�</p><p>�Und was <emphasis>machst</emphasis> du hier?�</p><p>�War auf dem Jahrmarkt. Hab mitgekriegt, wie du in den Kampf verwickelt worden bist. Ich bin hin, um dir zu helfen, aber du bist von zwei riesigen Kerlen fortgeschleppt worden. Sie haben dich auf einen Karren geschmissen und dann hierhergebracht. Ich hab mich hinten an den Karren geklammert, wo sie mich nicht sehen konnten. Als sie dann hier zum Haus abgebogen sind, bin ich abgesprungen. Und seitdem hab ich nach dir gesucht.�</p><p>�Danke�, keuchte Sherlock. �Aber wo <emphasis>sind</emphasis> wir?�</p><p>�So an die drei Meilen von Farnham entfernt. Auf der entgegengesetzten Seite von Holmes Manor.� Matty rannte zu einer unscheinbaren T�r voraus, durch die sie in einen Bereich des Hauses gelangten, der vermutlich den Dienstboten vorbehalten war. Von da an ging es auf einem Korridor mit W�nden aus nackten Ziegelsteinen weiter, bis sie zu einer T�r kamen, durch die es hinaus in den Garten ging. Sie st�rzten nach drau�en, liefen hinaus in die angenehm frische Luft und den hellen Sonnenschein.</p><p>�Die R�der hast du wohl nicht mitgebracht?�</p><p>�Wie denn?�, rief Matty eingeschnappt. �Ich hab hinten am Karren gehangen! H�tte die wohl kaum noch tragen k�nnen, oder?�</p><p>�Gutes Argument!� Sherlock blickte sich um, w�hrend sie weiterrannten. Sie befanden sich auf der R�ckseite des Hauses. Statt eines Gartens erstreckte sich hinter einer ausladenden, mit Steinen gepflasterten Veranda und einer kleinen Steinmauer das Feld mit den Bienenst�cken, das er bereits zuvor gesehen hatte. �Also, wie sollen wir hier rauskommen?�</p><p>�Hab �nen Stall gefunden, Mann�, sagte Matty, der offensichtlich immer noch sauer war. �Da gibt�s Pferde.�</p><p>�Ich kann nicht reiten!�</p><p>Hinter ihnen tauchten drei schwarz gekleidete M�nner mit schwarzen Gesichtsmasken an einer Front offener Glast�ren auf, die vermutlich in den Salon f�hrten. Die Gruppe zerstreute sich in verschiedene Richtungen. Doch dann sah einer von ihnen Sherlock und Matty, und stie� einen Schrei aus.</p><p>Matty blickte Sherlock finster an. �Na ja, viel Zeit das zu lernen, wirste nicht mehr haben�, sagte er.</p><p>Nachdem Matty Sherlock hastig um die Hausecke herumgef�hrt hatte, konnten sie vor sich eine gro�e Scheune erkennen. Die beiden rannten �ber die offene Fl�che auf das Geb�ude zu. Hinter sich h�rten sie die raschen Schritte ihrer Verfolger auf dem Steinboden dr�hnen. Dann hatten sie auch schon die Scheune erreicht und sprinteten durch die offenen T�ren hinein.</p><p>In der Scheune war es ziemlich d�ster, und Sherlock brauchte etwas, bis sich seine Augen an das d�mmrige Licht gew�hnt hatten. Matty, der schon vorher dort gewesen war, steuerte sofort auf zwei Pferde zu, die man drau�en vor ihrer Box an Holzpfosten festgebunden hatte. Beide waren bereits fertig gesattelt.</p><p>�Los, rauf da�, sagte Matty. �Nimm die Bretterwand der Stallbox als Tritthilfe.�</p><p>Die polternden Schritte ihrer Verfolger kamen n�her. Matty packte den Sattel des kleineren Pferdes, setzte seinen Fu� in einen Steigb�gel und schwang sich hinauf. Sherlock quetschte auf halber H�he der Boxenwand den rechten Fu� in eine Bretterspalte, stemmte sich an der Wand empor, schl�pfte mit dem linken Fu� in den Steigb�gel und versuchte anschlie�end, Mattys fl�ssige Bewegung auf seinem eigenen Pferd, einer gro�en Fuchsstute, nachzuahmen.</p><p>Am Ende landete er mehr durch Gl�ck als durch K�nnen im Sattel. Doch das Pferd blickte sich nur gelassen nach ihm um und blieb ansonsten ruhig. Offensichtlich schien es v�llig unbeeindruckt von der Tatsache zu sein, dass ihm ein Fremder pl�tzlich auf den R�cken gesprungen war.</p><p>�Los jetzt!�, schrie Matty. Er hatte die Z�gel in eine Hand genommen, w�hrend er mit der anderen das Pferd losband. Sherlock griff die Z�gel seines Pferdes und versuchte, sich daran zu erinnern, was Virginia ihm dar�ber erz�hlt hatte, wie man ein Pferd ritt. <emphasis>F�hr� das Pferd einfach mit den Knien, nicht mit den Z�geln. Nimm die Z�gel nur, um es langsamer gehen zu lassen.</emphasis></p><p>Ohne sich umzublicken, trieb Matty sein Pferd zur Scheunent�r hinaus. Anscheinend ging er einfach davon aus, dass Sherlock ihm schon folgen w�rde. Sherlock nestelte das Seil los, mit dem sein eigenes Pferd festgebunden war. Eine Welle der Panik �berkam ihn pl�tzlich, als ihm unversehens bewusst wurde, dass Virginia ihm zwar erkl�rt hatte, wie man ein Pferd lenkte und stoppte, aber nicht, wie man es in Gang setzte. Zaghaft presste er beide Knie in die Flanken des Tieres. Gehorsam setzte sich das Pferd in Bewegung. Sherlock beugte sich leicht im Sattel vor, um die schaukelnde Bewegung auszugleichen. Er dr�ckte fester mit den Knien zu und schlenkerte versuchsweise mit den Z�geln. Das Pferd fing an zu traben und ging gleich darauf in leichten Galopp �ber. Warum taten die Leute nur immer so, als ob Reiten so schwer w�re? Es war doch nur eine Sache von Signalen und bestimmten Bewegungen!</p><p>Als sie hinausgaloppierten, st�rzte die Szenerie vor der Scheune in einem Wirbel aus Farben und Ereignissen auf Sherlock ein. Matty preschte mit einer Gruppe maskierter Diener auf den Fersen davon, die allerdings zu Fu� waren und rasch zur�ckfielen.</p><p>Zwei maskierte M�nner tauchten vor Sherlock auf und blockierten ihm den Weg. Einer von ihnen fuchtelte mit einem Revolver herum und feuerte auf Sherlock, der sp�rte, wie etwas Hei�es an seinem Haar vorbeipfiff. Er trieb sein Pferd zu schnellerem Galopp an. Das Tier schoss genau zwischen den beiden M�nnern hindurch und schleuderte sie dabei zu Boden. Mit den Knien brachte Sherlock das Pferd nun in den gestreckten Galopp, und es war, als w�rden sie �ber den Boden dahinfliegen. Rasch hatten sie Matty eingeholt.</p><p>Wenige Augenblicke sp�ter hatten sie die Grenzmauer des Anwesens erreicht, die gut und gerne an die drei Meter hoch war. In weitem Bogen lenkten die beiden Jungen ihre Tiere auf das Haupttor zu. Die �ber den Boden donnernden Pferdehufe �nderten ihren Klang, als sie pl�tzlich nicht mehr auf weicher Erde, sondern dem steinigen Untergrund des Zufahrtsweges galoppierten. Sherlock rutschte das Herz in die Hose, als er sah, wie die beiden Torfl�gel zugeschoben wurden. Davor hatten sich zwei maskierte Diener mit Schrotflinten postiert, die offensichtlich auf die Pferde zielten. Im gleichen Augenblick zogen Sherlock und Matty an den Z�geln. Kieselsteine spritzten auf und schlitternd kamen die Tiere zum Stehen.</p><p>Einer der M�nner feuerte seine Flinte ab. Ein Knall hallte �ber dem Gel�nde wider, und gleich darauf meinte Sherlock, f�r den Bruchteil einer Sekunde einen Schwarm w�tender M�cken an sich vorbeischwirren zu sehen, als eine Wolke Schrotk�gelchen ihn knapp verfehlte.</p><p>Mit energischem Druck des linken Knies und unter instinktiver Zuhilfenahme des Z�gels riss er sein Pferd herum. Matty machte es ihm nach, und gleich darauf rasten sie auch schon wieder in vollem Galopp �ber das Anwesen. Diesmal allerdings direkt auf das Haus zu, das sich dunkel und unheilverk�ndend vor ihnen erhob.</p><p>Ein fl�chtiger Blick nach rechts und links zeigte Sherlock, dass hinter den beiden Geb�udeecken weitere Maskierte hervorkamen, bewaffnet mit diversen Revolvern, Schrotb�chsen, Vogelflinten und Mistgabeln.</p><p>Somit blieb nur noch eine Richtung. Und zwar direkt geradeaus auf den Haupteingang des Hauses zu.</p><p>Matty verlangsamte sein Pferd und blickte sich unsicher um.</p><p>Sherlock galoppierte an seinem Freund vorbei und schrie: �Mir nach!�</p><p>Sie konnten weder zur�ck noch nach links oder rechts. Fast glaubte er in diesem Moment Mycrofts Stimme zu sich sprechen zu h�ren: <emphasis>Wenn sich alle anderen Optionen als undurchf�hrbar erweisen, Sherlock, entscheide dich f�r die, die noch �brig ist�� so unm�glich sie dir auch erscheinen mag.</emphasis></p><p>Als w�rde das Pferd seine Absicht ahnen, sprang es die wenigen Stufen zur S�ulenvorhalle empor und eilte zielsicher auf die weit ge�ffneten Frontt�ren zu. Sherlock duckte sich und sp�rte, wie der T�rrahmen sein Haar streifte, als das Pferd durch die T�r in die Eingangshalle hineingaloppierte. Mit lautem Klappern schlitterten die Hufe �ber den gefliesten Boden und beinahe w�re Sherlock aus dem Sattel geschleudert worden, bevor sein Pferd wieder Halt fand. Die Dunkelheit in der Halle verwirrte ihn einen Moment lang. Aber innerhalb von Sekunden hatten sich seine Augen daran gew�hnt, und er trieb sein Pferd geradeaus an der Marmortreppe vorbei auf die R�ckseite des Hauses zu. Maskierte Diener st�rzten aus T�reing�ngen hervor, nur um sich aus Panik vor den beiden Pferden, die fast den ganzen vorhandenen Platz ausf�llten, gleich wieder zur�ckzuziehen. Anstatt die der Dienerschaft vorbehaltenen Bereiche anzusteuern, lenkte er sein Pferd scharf nach rechts. Sie stie�en eine T�r auf und kamen in einen Raum, bei dem es sich�� in Anbetracht von dessen Lage und bei vergleichender Betrachtung mit Holmes Manor�� vermutlich um einen Salon handelte. Er hatte recht!</p><p>Der Raum vor ihm war ger�umig und hell und hatte eine gro�e gl�serne Doppelfl�gelt�r, die auf die Veranda hinausf�hrte. Und diese T�r�� wie sich Sherlock von ihrer Flucht vorhin aus dem Haus noch erinnerte�� stand tats�chlich weit offen!</p><p>Innerhalb von Sekunden galoppierte er durch den Salon auf die Veranda hinaus. Hinter ihm ert�nte ein Mordsradau, als Mattys Pferd einige M�belst�cke zur Seite fegte und dann mit klappernden Hufen auf die mit Steinplatten ausgelegte Veranda galoppiert kam.</p><p>Vor sich, noch hinter dem Feld mit den Bienenst�cken, erblickte Sherlock ein kleineres Nebentor, durch das normalerweise wahrscheinlich Lebensmittel und andere Versorgungsg�ter angeliefert wurden. Wie es aussah, war es unbewacht. In vollem Galopp ritt er darauf zu. Die M�hne seines Pferdes wehte ihm ins Gesicht, und der Wind rauschte in seinen Ohren. Wenige Augenblicke sp�ter preschte sein Pferd auch schon in eine der Zwischenreihen des geometrischen Musters, das die kastenf�rmigen Umrisse der Bienenst�cke bildeten. In vollem Tempo galoppierten sie in gerader Linie mitten durch das Bienenstockfeld hindurch. Wolken von Bienen stiegen hinter ihnen aus ihren Behausungen auf, aber die Pferde waren zu schnell f�r sie, und sie schwirrten nur verwirrt und ziellos umher.</p><p>Das Nebentor war verschlossen. Aber Sherlock brauchte nur einen Moment, um abzusteigen und den Riegel zur�ckzuschieben. Dann drehte er sich um und blickte �ber das Gel�nde zum Haus zur�ck, w�hrend Matty auch schon neben ihm Halt machte. Maskierte und bewaffnete M�nner dr�ngten sich auf der anderen Seite des Bienenstockfeldes. Offensichtlich wollten sie nicht riskieren, das Feld zu betreten.</p><p>Einer oder zwei von ihnen schlugen bereits mit den H�nden in die Luft, als die w�tenden Bienen sich auf die erstbesten Ziele st�rzten, die sich ihnen boten.</p><p>�Hab ich mir doch gedacht, dass alles klappen wird�, sagte Matty. �Sollen wir bleiben und zugucken?�</p><p>�Lieber nicht�, erwiderte Sherlock.</p></section><section><title><p><strong>11</strong></p></title><p>Amyus Crowe widmete sich dem letzten Schnitt in Sherlocks Gesicht. Er s�uberte die Wunde mit einem Waschlappen und einer scharf riechenden Fl�ssigkeit, die, egal auf welche Stelle sie traf, zum Gott Erbarmen brannte. Anschlie�end nahm er in einem Rattansessel Platz, der unter seinem Gewicht heftig knirschte. Er stie� sich mit den F��en ab und balancierte mit dem Stuhl auf den beiden Hinterbeinen sachte vor und zur�ck. Die ganze Zeit �ber fixierte er Sherlock mit den Augen.</p><p>Neben Sherlock wand sich Matty unbehaglich auf seinem Platz. Wie ein Tier, das die Flucht ergreifen wollte, aber nicht wusste, in welcher Richtung die Luft rein war.</p><p>�Eine ganz sch�ne Geschichte�, murmelte Crowe.</p><p>In der Annahme, dass Crowes Worte nur dazu gedacht waren, die Stille zu unterbrechen, w�hrend er nachdachte, schwieg Sherlock weiter. Crowe schaukelte vor und zur�ck und fuhr die ganze Zeit fort, Sherlock anzustarren. �Ja, eine ganz sch�ne Geschichte�, wiederholte er nach einer Weile.</p><p>Crowes Augen musterten ihn so fest und unbeirrt, dass er wegsah und den Blick durch den Raum schweifen lie�. Amyus Crowes Cottage wirkte alles andere als aufger�umt. �berall lagen B�cher, Zeitungen und Zeitschriften herum, die anscheinend einfach dort abgelegt worden waren, wo es Crowe nach der Lekt�re gerade in den Sinn gekommen war. Ein Sto� Briefe war mit einem Messer, das sich mitten durch die Bl�tter bohrte, an den h�lzernen Kaminsims gepinnt. Daneben hing eine Uhr, der Sherlock entnahm, dass es auf zwei Uhr nachmittags zuging, und wiederum daneben war ein einzelner Pantoffel befestigt, aus dessen �ffnung eine Gruppe von Zigarren wie ausgestreckte Finger hervorlugten.</p><p>Eigentlich h�tte man erwarten m�ssen, dass es hier dreckig und verwahrlost aussah, aber Sherlock konnte weder Staub noch Schmutz entdecken. Der Raum war sauber, wenn auch unaufger�umt. Es schien einfach so zu sein, dass Crowe seine ganz eigenen Methoden hatte, Dinge aufzubewahren.</p><p>�Und was schlie�t <emphasis>du</emphasis> aus dem Ganzen?�, versuchte Crowe schlie�lich Sherlock aus der Reserve zu locken.</p><p>Sherlock zuckte die Achseln. Er mochte es nicht, wenn er zum Objekt von Crowes Aufmerksamkeit wurde. �Wenn ich das w�sste�, konterte er, �h�tte ich nicht zu Ihnen kommen m�ssen.�</p><p>�Es w�re sch�n, wenn eine Person immer den entscheidenden Unterschied ausmachen w�rde�, erwiderte Crowe ohne eine Spur von Gereiztheit in der Stimme. �Aber in der komplizierten Welt, in der wir nun mal leben, brauchst du manchmal Freunde. Und manchmal eine Organisation, die dich unterst�tzt.�</p><p>�Sie meinen, wir sollten uns an die Polypen wenden?�, fragte Matty offensichtlich ziemlich nerv�s.</p><p>�Die Polizei?� Crowe sch�ttelte den Kopf. �Ich bezweifle, dass sie euch glauben w�rden. Und selbst wenn sie es t�ten, k�nnten sie nicht viel tun. Wer immer auch in diesem Haus da lebt, wird einfach alles abstreiten. Im Gegensatz zu euch haben diese Personen anscheinend Macht und Einfluss. Und ihr m�sst zugeben, dass es von au�en betrachtet eine ziemlich absurde Geschichte ist.�</p><p>�Glauben Sie uns denn?�, forderte Sherlock ihn heraus.</p><p>Crowe verzog �berrascht das Gesicht. �Nat�rlich glaube ich euch�, antwortete er.</p><p>�Warum? Sie haben doch gesagt, dass es eine absurde Geschichte ist.�</p><p>Crowe l�chelte. �Menschen machen bestimmte Dinge, wenn sie l�gen�, erwiderte er. �L�gen ist Stress, weil du stets gleichzeitig zwei verschiedene Dinge auf Kommando abrufbereit in deinem Kopf parat haben musst: die Wahrheit, die du geheimhalten willst, und die L�ge, die du zu erz�hlen versuchst. Dieser Stress �u�ert sich auf ganz bestimmte Weise. Die Leute stellen keinen richtigen Augenkontakt her, sie reiben sich die Nase, beim Reden z�gern sie oder stottern. Und sie gehen mehr ins Detail als n�tig. Als ob es ihre L�gen glaubw�rdiger machen w�rde, wenn sie sich daran erinnern k�nnen, welche Farbe die Tapete hatte oder ob die Leute einen Vollbart, einen Schnurrbart oder sonst etwas in der Art hatten. Du jedoch hast eure Geschichte geradlinig und schn�rkellos erz�hlt, mir in die Augen geblickt und keine irrelevanten Details hinzugef�gt. So weit ich es beurteilen kann, sagst du die Wahrheit�� oder zumindest das, was du f�r die Wahrheit h�ltst.�</p><p>�Und was machen wir jetzt?�, fragte Sherlock. �Hier geht etwas vor sich. Etwas, das mit Kleidung zu tun hat, die f�r die Armee produziert wird. Und mit Bienen. Und dem Lagerschuppen in Farnham. Und hinter dem Ganzen steckt der Mann in diesem gro�en Haus�� der Baron, wie ich glaube��, aber ich wei� nicht, was er vorhat.�</p><p>�Dann m�ssen wir das eben herausfinden.� Amyus Crowe lie� den Stuhl wieder auf seinen vier Beinen ruhen und stand auf. �Wenn du nicht genug Fakten hast, um zu einer Schlussfolgerung zu kommen, musst du raus und dir mehr Fakten beschaffen. Lasst uns aufbrechen und ein paar Fragen stellen.�</p><p>Matty rutschte unbehaglich auf seinem Platz umher. �Muss los�, murmelte er.</p><p>�Komm mit uns, Junge�, sagte Crowe. �Du bist Teil dieses Abenteuers gewesen, und du hast es dir verdient zu erfahren, was da vor sich geht. Und au�erdem scheint der junge Master Holmes hier dir zu vertrauen.� Er machte eine Pause.</p><p>�Auf dem Weg werde ich uns etwas zu essen besorgen, wenn dir das bei deiner Entscheidung hilft.�</p><p>�Bin dabei�, sagte Matty.</p><p>Crowe geleitete sie nach drau�en. Auf der Wiese neben dem Cottage war Virginia gerade dabei, ihr Pferd Sandia zu striegeln, dem eine gr��ere rotbraune Stute Gesellschaft leistete. Sherlock vermutete, dass es Crowes Pferd war. Die beiden Pferde, auf denen Matty und Sherlock von der Villa des Barons gefl�chtet waren, grasten friedlich etwas weiter abseits.</p><p>Virginia sah auf, als sie sich n�herten. Als Sherlock ihrem Blick begegnete, sah sie rasch wieder weg.</p><p>�Wir machen einen Spazierritt�, verk�ndete Crowe. �Du kommst auch mit, Ginny. Je mehr Leute wir haben, die Fragen stellen, desto gr��er ist die Chance, ein paar halbwegs vern�nftige Antworten zu bekommen.�</p><p>�Ich hab keine Ahnung, um was f�r Fragen es geht�, protestierte Virginia.</p><p>�Du hast drau�en vor der T�r gestanden und gelauscht�, sagte Crowe l�chelnd. �Ich habe Sandia wiehern h�ren. Das macht er nur, wenn du in Sichtweite, aber nicht unmittelbar bei ihm bist. Und au�erdem hab ich eine Bewegung mitbekommen, als etwas�� oder jemand in der N�he der T�r das Sonnenlicht blockiert hat.�</p><p>Virginia wurde rot, hielt aber trotzig dem Blick ihres Vaters stand. �Du hast mir immer beigebracht, dass ich g�nstige Gelegenheiten stets nutzen soll�, sagte sie.</p><p>�Allerdings. Die beste Methode etwas zu lernen ist das Zuh�ren.�</p><p>Crowe bestieg sein Pferd und Virginia machte es ihm nach. L�chelnd beobachtete sie, wie Sherlock und Matty sich auf ihre Pferde schwangen. Anerkennend nickte sie Sherlock zu. �Gar nicht mal so �bel�, lobte sie.</p><p>Sie schlugen den umgekehrten Weg ein, auf dem Sherlock und Matty zum Cottage gelangt waren, und trabten gemeinsam auf der Stra�e entlang. Die Sonne schien, und der Geruch von brennendem Holz lag in der Luft. Sherlock musste sich �beraus M�he geben, um sich richtig klarzumachen, dass man ihn gerade erst k.o. geschlagen, gefangengenommen, verh�rt und schlie�lich ganz nebenbei zum Tode verurteilt hatte. Solche Dinge passierten doch nicht einfach so, oder? Doch nicht an einem so sch�nen sonnigen Tag? Selbst die Schnitte in seinem Gesicht hatten aufgeh�rt zu schmerzen.</p><p>Virginia lenkte ihr Pferd dichter an Sherlocks heran. �Du reitest gut�, begann sie. �Jedenfalls f�r einen Anf�nger.�</p><p>�Ich hatte eine gute Anleitung�, antwortete er. Er warf ihr einen Blick zu, sah dann aber rasch wieder weg.</p><p>�Das, was du da bei uns im Cottage eben erz�hlt hast�� Stimmt das alles?�</p><p>�Jedes Wort.�</p><p>�Dann ist dieses Land vielleicht doch nicht so �de, wie ich gedacht habe.�</p><p>Je mehr sie sich der gro�en Villa n�herten, in der man Sherlock gefangen gehalten hatte, desto nerv�ser wurde er. In Sichtweite des zum Anwesen f�hrenden Haupttores brachte Amyus Crowe schlie�lich mit einem Ruck an den Z�geln sein Pferd zum Stehen.</p><p>Weit und breit war niemand zu sehen.</p><p>�Ist das das Haus?�, rief Crowe.</p><p>Sherlock nickte.</p><p>�Hier sind frische Radfurchen. Sie kommen aus dem Tor und f�hren dann weiter auf die Stra�e�, fuhr Crowe fort. �Sieht mir ganz so aus, als h�tten sie sich verkr�melt.�</p><p>Sherlock blickte verwirrt drein und Virginia l�chelte. �Abgehauen�, erkl�rte sie. �Geflohen.�</p><p>�Oh, ach so.� Er pr�gte sich das f�r die Zukunft ein.</p><p>�Lasst uns der Stra�e folgen und sehen, was wir finden�, rief Crowe und trieb sein Pferd an. Virginia blieb dicht hinter ihm. Sherlock und Matty blickten sich kurz an und folgten dann.</p><p>Etwa f�nf Minuten sp�ter gelangten sie zu einer Taverne�� einem Geb�ude aus roten, im typischen Diagonalstil der Region angebrachten Backsteinen, der Sherlock schon zuvor aufgefallen war, und wei� verputzten Fl�chen, die von schwarzen Holztr�gern durchbrochen waren. Auf dem Rasen vor der Wirtschaft waren lange Tische und B�nke aufgestellt worden. Rauch quoll aus dem Schornstein. Der Duft von gebratenem Fleisch stieg Sherlock in die Nase und augenblicklich versp�rte er Hunger.</p><p>Crowe hielt an und stieg vom Pferd. �Wir nehmen ein sp�tes Mittagessen zu uns�, rief er. �Matty, Ginny, ihr beide bleibt drau�en und passt auf die Pferde auf. Sherlock, du kommst mit mir.�</p><p>Sherlock folgte dem gro�en Amerikaner in die Taverne. Die niedrige Decke lag fast ganz in dickem, fettigem Rauch verborgen, der von einem Lamm aufstieg, das an einem Spie� �ber dem Kaminfeuer brutzelte. Frisches S�gemehl bedeckte den Boden. Vier M�nner, die zusammen an einem Tisch sa�en, be�ugten die Neuank�mmlinge argw�hnisch. Ein f�nfter Mann sa� auf einem Hocker am Tresen und befasste sich intensiv damit, in seinen Trinkkrug zu starren, anstatt ihnen Beachtung zu schenken. Der Gastwirt, der hinter dem Tresen stand und mit einem Tuch einen Krug polierte, nickte Amyus Crowe zu.</p><p>�Tag, die Herren. Soll�s was zu trinken, zu essen oder beides sein?�</p><p>�Vier Teller mit Brot und Fleisch�, antwortete Crowe, und Sherlock war verbl�fft, ihn ohne den �blichen amerikanischen Akzent reden zu h�ren. Soweit Sherlock es beurteilen konnte, h�rte sich seine Stimme an, als w�re er ein Farmer oder Arbeiter, der irgendwo aus der N�he von London kam. �Und vier Kr�ge Bier.�</p><p>Der Gastwirt zapfte vier Kr�ge Bier und stellte sie auf ein Zinntablett. Crowe nahm eins f�r sich und nickte Sherlock zu. �Bring die nach drau�en, Junge�, befahl er ihm mit seiner barschen �englischen� Stimme. Sherlock nahm das Tablett auf und trug es vorsichtig zur T�r. Crowe machte es sich auf einem Hocker am Tresen bequem, wie Sherlock aus den Augenwinkeln wahrnahm.</p><p>Als er nach drau�en kam, stellte er fest, dass Matty einen Tisch und zwei B�nke in unmittelbarer N�he der Taverne in Beschlag genommen hatte, w�hrend Virginia noch bei ihrem Pferd war. Er gesellte sich zu Matty und setzte sich so, dass er durch eines der Fenster in die Wirtsstube sehen konnte. Matty nahm einen der Kr�ge, packte ihn mit beiden H�nden und fing gierig an zu trinken.</p><p>Sherlock nippte vorsichtig an der dunkelbraunen Fl�ssigkeit. Sie schmeckte bitter und schal und hinterlie� einen unangenehmen Nachgeschmack im Mund.</p><p>�Hopfen ist nicht essbar, oder?�, sagte er zu Matty.</p><p>Der Junge zuckte die Achseln. �Die kannste schon essen, denk ich mal, aber das tut niemand. Schmecken nicht gerade gut.�</p><p>�Warum denkt dann um Himmels willen jeder, dass sich daraus ein Getr�nk machen l�sst?�</p><p>�Keine Ahnung.�</p><p>Sherlock blickte durch das Fenster in die Taverne und konnte sehen, wie Amyus Crowe mit dem Wirt plauderte. Der Neigung seines Kopfes nach zu schlie�en, schien Crowe eine Reihe von Fragen zu stellen, auf die der Wirt bereitwillig antwortete, w�hrend er weiterhin Trinkkr�ge mit einem stetig schmutziger werdenden Lappen polierte.</p><p>Aus der Taverne tauchte ein M�dchen mit Sch�rze auf, das ein Tablett mit vier Tellern voll dampfendem Fleisch trug. Sie kam zu ihnen her�ber, platzierte wortlos die Teller samt Besteck auf dem Tisch und verschwand wieder.</p><p>Virginia kam zu ihnen her�bergeschlendert, und Sherlock r�ckte ein wenig beiseite, um ihr Platz zu machen. Sie stocherte mit der Gabel in dem hei�en Lammfleisch herum, spie�te ein paar Fleischst�ckchen auf und f�hrte die Gabel an den Mund. Doch pl�tzlich hielt sie inne. �Dir ist schon klar, dass ich diesen Brief nicht geschrieben habe, oder?�</p><p>�Jetzt wei� ich das.� Unf�hig, ihr direkt in die Augen zu sehen, wandte Sherlock den Kopf zur Seite und blickte �ber die Felder. �Aber in dem Moment dachte ich, dass es deiner war. Vermutlich weil ich wollte, dass er es war. H�tte ich dar�ber nachgedacht, h�tte mir klarwerden m�ssen, dass er nicht von dir stammen konnte.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>Er zuckte die Achseln. �Das Papier war fein und feminin, die Handschrift sehr akkurat. Es war, als ob jemand vorzut�uschen versuchte, ein M�dchen zu sein�, sagte er und ertappte sich prompt bei seinem Fauxpas. �Ich meine eine Frau. Eine junge Frau. Ich meine���</p><p>�Ich wei�, was du meinst.� Sie l�chelte leicht. �Und warum glaubst du, dass ich normalerweise kein feminines Schreibpapier benutze und �ber keine akkurate Handschrift verf�ge?�</p><p>Dieses Mal brachte er es fertig, sie anzusehen, und einen langen Augenblick lang ruhten ihre Blicke aufeinander.</p><p>�Ich bin noch keinem englischen M�dchen begegnet, das so ist wie du�, sagte er schlie�lich. �Du bist einzigartig. Ich versuche immer noch, aus dir schlau zu werden. Aber ich glaube, wenn du wollen w�rdest, dass ich irgendwohin komme�� zum Beispiel zum Jahrmarkt�� w�rdest du einfach aufkreuzen und mich fragen.� Er hielt einen Moment inne und �berlegte. �Oder wahrscheinlicher noch, es mir einfach sagen�, f�gte er hinzu.</p><p>Dieses Mal war sie an der Reihe, rot zu werden. �Du denkst, ich bin zu herrisch?�</p><p>�Nicht <emphasis>zu</emphasis> herrisch. Einfach nur ausreichend herrisch.�</p><p>Mattys Blick wanderte zwischen den beiden hin und her. �Wor�ber sprecht ihr beide da �berhaupt?�</p><p>�Ach, nichts�, antworteten Sherlock und Virginia im Chor.</p><p>Sherlock sah wieder durch das Fenster und stellte fest, dass Crowe sich zu den vier M�nnern gesellt hatte, die zusammen am Tisch sa�en. Sie schienen alle gut miteinander zurechtzukommen. Crowe machte eine Geste in Richtung des Wirts, der sich daraufhin anschickte, weitere Kr�ge mit Bier zu f�llen.</p><p>�Dein Vater ist ein interessanter Mann�, sagte Sherlock und wandte sich wieder Virginia zu.</p><p>�Er hat so seine guten Momente.�</p><p>�Was hat er eigentlich dr�ben in Amerika gemacht?�</p><p>Sie hielt ihren Blick auf den Teller gesenkt. �Willst du das wirklich wissen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Er war ein F�hrtensucher.�</p><p>�Du meinst, er hat Tiere gejagt?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Nein, Menschen. Er hat Killer verfolgt, die der Justiz entkommen sind. Und Indianer, die einsame Siedlungen �berfallen haben. Er hat sie tage- und wochenlang durch die Wildnis verfolgt, bis er nah genug war, um sie zu �berrumpeln.�</p><p>Sherlock konnte einfach nicht glauben, was er da gerade geh�rt hatte. �Und was hat er�� Ich meine, hat er sie dann der Justiz �bergeben?�</p><p>�Nein�, erwiderte sie leise. Abrupt stand sie auf und ging wieder zur�ck zu den Pferden.</p><p>Sherlock und Matty sa�en schweigend eine Weile da, jeder mit seinen eigenen Gedanken besch�ftigt.</p><p>Schlie�lich kam Amyus Crowe aus der Taverne heraus. Er zw�ngte seinen gro�en K�rper zwischen Bank und Tisch und setzte sich zu ihnen.</p><p>�Interessant�, sagte er, wieder ganz in sein �amerikanisches� Selbst zur�ckverwandelt.</p><p>�Was gibt�s Neues?�, fragte Sherlock. �Wissen die da drinnen etwas �ber die Villa?�</p><p>�Und wie haben Se die dazu gebracht, Ihre Fragen zu beantworten?�, f�gte Matty hinzu. �Sie sind fremd hier und normalerweise sind die Leute Fremden gegen�ber ziemlich verschlossen.�</p><p>�Dann ist es doch das Beste, einfach kein Fremder zu sein�, erwiderte Crowe. �Wenn du eine Weile blo� so dasitzt und dich mit dem Wirt unterh�ltst, wirst du sozusagen Teil der Einrichtung. Dann schaltest du dich in die Konversation ein, wenn sich eine g�nstige Gelegenheit bietet, und erz�hlst den Leuten was von dir: wer du bist, warum du da bist und so weiter. Hab ihnen erz�hlt, dass ich mich nach �ner Farm umsehe, um Schweine zu z�chten, mit der Begr�ndung, dass die neuen Soldaten in Aldershot jede Menge Nahrung brauchen werden. Sie fragten, ob ich wissen w�rde, wie viele Soldaten dort einmal stationiert sein werden, und wir sind �ber die sich daraus ergebenden Gesch�ftsm�glichkeiten weiter ins Gespr�ch gekommen.</p><p>Ich hab gefragt, ob es hier in der Gegend irgendjemand g�be, der Interesse daran haben k�nnte, in eine Unternehmung zu investieren, oder jemand, der vielleicht Land �brig h�tte. Und daraufhin haben sie mir von dem Grundbesitz weiter unten an der Stra�e erz�hlt. Geh�rt einem Mann namens Maupertuis�� offensichtlich irgend so eine Art von Baron und obendrein ein Ausl�nder.�</p><p>Sherlock sah zu Matty hin�ber und l�chelte. Crowe schien sich der Tatsache gar nicht bewusst zu sein, dass er in diesem Land selbst ein Ausl�nder war.</p><p>�Keiner hat diesen Baron Maupertuis jemals zu Gesicht bekommen, und sein Personal hat er mitgebracht. Er hat niemanden aus der Gegend eingestellt. Hat sich dadurch bei den Leuten hier nicht gerade sehr beliebt gemacht. Dar�ber hinaus hat er auch die Vorr�te und alles, was sonst noch ben�tigt wurde, von woanders herkommen lassen. Hat nichts aus der Gegend hier gekauft. Wie dem auch sei, jedenfalls hat der Wirt unserer Unterhaltung zugeh�rt und dann erz�hlt, dass der Baron vorhin ausgezogen ist. Wie es aussieht, ist ein Konvoi von Kutschfuhrwerken die Stra�e entlanggekommen. Alle voll beladen mit Kisten und M�beln, und die Nachhut bildete eine schwarze, zweir�drige Kutsche. Eine Weile sp�ter kamen dann weitere Fuhrwerke. Diesmal mit riesigen Kisten beladen, die mit T�chern verh�llt waren. Ich vermute, das waren die Bienenst�cke, von denen du erz�hlt hast, junger Mann. Wahrscheinlich haben sie die Bienen mit Rauch beruhigt und bet�ubt. So machen das jedenfalls richtige Imker, wenn sie ihre Bienenv�lker woanders hintransportieren.�</p><p>�Sie haben die Bienenst�cke mitgenommen? Warum?�</p><p>Amyus Crowe nickte. �Das ist eine sehr gute Frage. Warum nimmt man all die Bienenk�rbe mit, wenn man Hals �ber Kopf abhauen muss? Das behindert einen doch nur auf der Flucht, und es ist ja nicht so, dass man woanders keine Bienen bekommen kann.� Er versank eine Weile in Gr�belei. �Sieht ganz so aus, als ob eure Flucht sie erschreckt hat. Sie konnten sich nicht auf das Risiko einlassen, dass ihr vielleicht zur Polizei geht und die dann bei ihnen aufkreuzt, um der Sache nachzugehen. Sie sind woanders hingezogen, und wir m�ssen rausfinden wohin.�</p><p>�Wir k�nnten ihnen einfach folgen�, schlug Sherlock vor.</p><p>Crowe sch�ttelte den Kopf. �Sie haben einen zu gro�en Vorsprung.�</p><p>�Sie k�nnen nur langsam vorankommen�, beharrte Sherlock. �Sie haben die Bienenst�cke dabei. Einer alleine k�nnte sie auf dem Pferd einholen.�</p><p>�Es gibt zu viele Stra�en, die sie h�tten nehmen k�nnen�, erwiderte Crowe.</p><p>�Eine lange Karawane von Fuhrwerken? Die Leute w�rden auf sie aufmerksam werden und sich an sie erinnern. Und sie werden sich nicht auf holprigen Landstra�en fortbewegen, sondern sich an die Hauptstra�en halten. Das schr�nkt die M�glichkeiten ein.�</p><p>Crowe grinste. �Gut �berlegt, Junge.�</p><p>�Sie haben auch bereits daran gedacht?�, fragte Sherlock und runzelte die Stirn.</p><p>�Ja, hab ich. Aber ich wollte dir die Antworten nicht auf dem Silbertablett servieren. Ich war neugierig zu sehen, ob du in der Lage bist, ein Problem ganz allein zu durchdenken. Vor allem, wenn ich dich in die entgegengesetzte Richtung sto�e.� Crowe erhob sich. �Ich kenne da ein paar Kerle in der N�he unseres Cottages, die Pferde haben und gut ein paar Schillinge gebrauchen k�nnten. Ich werde sie losschicken, um nach dem Konvoi zu suchen. Ich schlage vor, du gehst zur�ck nach Holmes Manor und schlie�t Frieden mit deiner Familie. Sag ihnen, dass du die ganze Zeit bei mir warst. Das sollte sie beruhigen. Ich komme morgen vorbei und lass dich wissen, was ich rausgefunden habe.�</p><p>Gemeinsam ritten sie �ber Nebenstra�en und Feldwege, bis sie in die N�he von Farnham kamen, wo sie sich voneinander verabschiedeten. Matty machte sich zu seinem Boot auf, wo immer es sich gerade befinden mochte, w�hrend Crowe und Virginia auf den Pferden in Richtung Cottage verschwanden. Sherlock lie� sein Pferd einen Moment lang ruhig auf der Stelle stehen. Er musste die Ereignisse des zur�ckliegenden Tages erst einmal sacken lassen, damit sich das schwindelerregende Wirrwarr aus Sinneseindr�cken zu verarbeitbaren Erinnerungen formte. Nach einer Weile f�hlte er sich ruhiger und lenkte das Pferd nach Holmes Manor.</p><p>Dort angekommen, fragte er sich einen Augenblick lang, wo er das Pferd lassen sollte. Schlie�lich geh�rte es ihm ja nicht. Andererseits schien sein vorheriger Besitzer es einfach zur�ckgelassen zu haben, und gegen�ber dem quietschenden alten Hochrad, das Matty f�r ihn aufgetrieben hatte, stellte das Tier definitiv eine Verbesserung dar. Am Ende lie� er das Pferd einfach mit einem Ballen Heu im Stall zur�ck. Wenn es morgen noch dort w�re, w�rde er das als Zeichen daf�r nehmen, dass er es behalten sollte.</p><p>Als er das Haus betrat, wurde gerade das Abendessen serviert. Jetzt galt es, sich normal zu benehmen. So als ob nichts passiert und die Welt noch exakt genauso w�re wie heute morgen. Er blickte an sich herab, klopfte sich die Jacke ab und betrat das Speisezimmer.</p><p>Das Abendessen war ein ziemlich surreales Erlebnis. Seine Tante plapperte mal wieder unaufh�rlich und ausgiebig �ber nichts, w�hrend sein Onkel beim Essen in einem gro�en Buch las und dabei ab und zu etwas vor sich hinmurmelte. MrsEglantine stand wie gew�hnlich etwas abseits in Warteposition an der Wand und starrte ihn von dort aus an. Es war alles andere als einfach, die ruhige, zivilisierte Atmosph�re mit der Tatsache in Einklang zu bringen, dass er erst vor wenigen Stunden k.o. geschlagen, entf�hrt, zum Tode verurteilt worden und in letzter Sekunde entkommen war.</p><p>Trotz der Portion Fleisch, die er in der Taverne gegessen hatte, schien ihm der Magen in den Kniekehlen zu h�ngen. Hungrig f�llte er sich den Teller mit dampfenden H�hnchenfleischst�cken und Gem�se und goss �ber das Ganze dann Bratenso�e.</p><p>�Du siehst aus, als w�rst du im Krieg gewesen, Sherlock�, sagte seine Tante w�hrend des Desserts. Donnerwetter! Noch nie war sie bisher so nah dran gewesen, ihm eine direkte Frage zu stellen.</p><p>�Ich�� bin gefallen�, antwortete er, im Bewusstsein der brennenden Schnitte auf seinem Gesicht und an den Ohren. �Ich hab noch nicht viel �bung mit dem Hochrad.�</p><p>Das schien sie zufriedenzustellen. Wieder in ihr Gemurmel versinkend, fuhr sie mit ihrer immerw�hrenden Konversation mit sich selbst fort.</p><p>Sobald es die Gesetze der H�flichkeit erlaubten, verlie� Sherlock die Tafel und ging auf sein Zimmer. Eigentlich hatte er vorgehabt, ein wenig zu lesen und dann vielleicht einige der letzten Ereignisse in einem Tagebuch festzuhalten, solange sie noch frisch waren. Aber kaum hatte sein K�rper das Bett ber�hrt, schien es ihm auf einmal ganz unm�glich, noch l�nger die Augen offenzuhalten, und innerhalb von Sekunden war er�� immer noch vollst�ndig angezogen�� eingeschlafen.</p><p>Nur einmal wachte er in der Nacht auf. Drau�en war es schon dunkel, und irgendwo in der Ferne heulten ein paar Eulen. Er streifte die Kleidung ab und glitt unter das raue Bettlaken. Als w�rde er in einen tiefen und geheimnisvollen See eintauchen, versank er gleich darauf im Schlaf.</p><p>Der n�chste Tag brach in strahlend hellem Sonnenschein an. Amyus Crowe stand unten in der Halle, als Sherlock zum Fr�hst�ck herunterkam. Sein Lehrer trug einen wei�en Leinenanzug und einen Hut mit breiter Krempe.</p><p>�Wir fahren nach London�, rief er mit dr�hnender Stimme, kaum dass er Sherlock erblickt hatte. �Ich habe Gesch�fte zu erledigen, und dein Onkel hat mir die Erlaubnis gegeben, dich mitzunehmen. Wird eine sch�ne Bildungsreise werden. Wir sehen uns ein paar Kunstgalerien an, und ich erz�hl dir etwas �ber die Geschichte, die mit dieser gro�artigen Stadt verkn�pft ist.�</p><p>�Kommt Virginia auch mit?�, entfuhr es Sherlock und h�tte sich schon im selben Augenblick daf�r ohrfeigen k�nnen. Aber Crowe grinste nur und seine Augen leuchteten belustigt auf. �Aber ja�, sagte er. �Ich k�nnte sie doch jetzt wohl kaum alleine auf dem Lande lassen, oder? Was f�r ein Vater w�re ich denn da?�</p><p>�Warum London?�, fragte Sherlock mit leiserer Stimme, als er den Fu� der Treppe erreichte.</p><p>�Dorthin ist der Konvoi unterwegs gewesen�, erwiderte Crowe ebenfalls mit ged�mpfter Stimme. �Ich vermute, dass der Baron dort noch ein anderes Haus besitzt.�</p><p>Mit kaum h�rbarem Rascheln ihres Kleides trat MrsEglantine am anderen Ende der Halle aus dem Schatten hervor. �Sie sollten Ihr Fr�hst�ck einnehmen, junger Master Holmes, bevor ich den Tisch abr�umen muss�, sagte sie und legte in ihre Stimme gerade so viel Missfallen, dass es zwar rauszuh�ren war, aber f�r Sherlock noch nicht beleidigend wirken konnte.</p><p>�Danke�, sagte Sherlock nur und wandte sich wieder Crowe zu. �Fahren wir jetzt sofort los?�</p><p>�Sieh zu, dass du noch was in den Bauch bekommst�, antwortete Crowe. �Du wirst es heute vielleicht brauchen. Und packe eine Tasche mit ausreichend Sachen f�r zwei Tage. Ich werde drau�en in der Kutsche warten.� Er wandte sich MrsEglantine zu und zog mit extrem �bertriebener Geste seinen Hut. �Ma�am�, sagte er.</p><p>So schnell er konnte, schlang Sherlock sein Fr�hst�ck hinunter, allerdings ohne besonders viel davon zu schmecken. Er w�rde nach London fahren! Und wenn er richtig Gl�ck hatte, w�rde er w�hrend seines Aufenthaltes vielleicht Mycroft treffen!</p><p>Amyus Crowe wartete in einer vierr�drigen Kutsche vor dem Geb�ude. Neben ihm sa� Virginia. Sie sah alles andere als gl�cklich aus. Entweder wegen des R�schenkleides und der Haube, die sie trug, oder weil sie eingepfercht in der Kutsche sitzen musste, anstatt drau�en im Freien zu sein.</p><p>�Du siehst nett aus�, sagte Sherlock, als er ihr gegen�ber Platz nahm und der Kutscher seine Tasche hinten bei dem anderen Gep�ck verstaute.</p><p>Sie starrte ihn finster an.</p><p>Die Kutsche setzte sich in Bewegung, und die �ber den Kies ratternden R�der �bert�nten ihre Antwort. Aber Sherlock war sich sowieso nicht so sicher, ob er sie h�ren wollte.</p><p>Als sie zum Bahnhof von Farnham kamen, wartete Matty bereits auf sie. Amyus Crowe strahlte ihn an. �Dann hast du meine Nachricht also bekommen?�</p><p>�Bin von irgend so�m Kerl geweckt worden, der sie gebracht hat. Woher wussten Sie, wo mein Boot liegt?�</p><p>�Es ist mein Beruf zu wissen, wo sich alles befindet. Mein Beruf und auch mein Vergn�gen. Hast du Lust auf eine Reise, Junge?�</p><p>�Hab keine Klamotten zum Wechseln, oder sonst was�, sagte Matty.</p><p>�Wir werden dir besorgen, was auch immer du brauchst, sobald wir in London sind. Jetzt lasst uns sehen, dass wir die Fahrkarten bekommen.�</p><p>Crowe kaufte vier Fahrkarten nach London f�r die Zweite Klasse und anschlie�end begab sich die kleine Gruppe auf den Bahnsteig hinab, w�hrend der Kutscher ihr Gep�ck ablud. Crowe hatte alles perfekt geplant. Innerhalb von zehn Minuten traf der Zug ein: ein gewaltiges Monster von einer Maschine! Aus der riesigen r�hrenf�rmigen Lok kam von irgendwoher unter lautem Zischen Dampf hervorgeschossen, die wuchtigen Kolben schwangen vor- und zur�ck wie bei einer Aufziehfigur, und die metallenen R�der, die fast so gro� wie Sherlock waren, erzeugten auf den st�hlernen Schienen ein ohrenbet�ubendes Kreischen.</p><p>�Eine von Joseph Beattie konstruierte Lokomotive der Saxon-Klasse�, bemerkte Amyus Crowe. �Allgemein als �2-4-0� bezeichnet. Kannst du mir sagen, warum, Sherlock?�</p><p>�Warum Saxon-Klasse oder warum 2-4-0?�</p><p>Crowe nickte. �Richtig, das Sammeln von korrekten Informationen h�ngt in erster Linie von einer korrekten Fragestellung ab�, r�umte er ein. �Ich meinte die 2-4-0-Bezeichnung. Ich denke, das mit der Saxon-Klasse ist nur Ausdruck eines historischen Faibles, das der Ingenieur hat. Eine andere Maschine, die er entwickelte, hat er zum Beispiel �Nelson� genannt.�</p><p>Sherlock lie� den Blick �ber die Lokomotive gleiten. Ihm fiel auf, dass die R�der nicht in gleichm��igen Abst�nden, sondern in Gruppen angebracht waren.</p><p>�Ich w�rde sagen, das h�ngt damit zusammen, wie die R�der angeordnet sind�, probierte er sein Gl�ck. �Aber das kann eigentlich nicht sein.�</p><p>�Doch, so ist es tats�chlich�, erwiderte Crowe.</p><p>�Die zwei an der Frontachse gelagerten Vorderr�der sind frei beweglich und lassen sich seitlich einschlagen, so dass die Lokomotive auch um Kurven fahren kann. Dann folgen vier weitere R�der auf zwei Achsen, die direkt mit der Dampfmaschine verbunden sind. Das sind die Antriebsr�der.�</p><p>�Und die Null?�, fragte Sherlock.</p><p>�Einige Lokomotiven haben hinten noch ein zus�tzliches Radpaar als Antrieb�, erwiderte Crowe. �Die Null zeigt an, dass diese Lok dieses dritte Paar nicht hat.�</p><p>�Also hat es eine Nummer verpasst bekommen, um anzuzeigen, dass es eigentlich keine Nummer braucht, weil etwas gar nicht da ist�, stellte Sherlock fest.</p><p>�Korrekt�, sagte Crowe l�chelnd. �Es mag vielleicht nicht sinnvoll sein, aber es ist absolut logisch, wenn man einmal das System akzeptiert, f�r das sie sich entschieden haben.�</p><p>Sie fanden ein Abteil f�r sich allein und machten es sich f�r die Reise bequem. Auf Sherlock, der noch nie zuvor mit der Eisenbahn gefahren war, st�rzten jede Menge neue Eindr�cke ein: das Vibrieren der Sitze, W�nde und Fenster, als sie so dahinfuhren, der merkw�rdig s��lich riechende Rauch, der zu ihnen hineinwehte, die Art, wie die Landschaft an ihnen vorbeiflog, st�ndig sich ver�ndernd und doch auf seltsame Weise immer gleichbleibend. Matty sa� mit weit aufgerissenen Augen nerv�s auf seinem Platz. Sherlock vermutete, dass sein Freund bisher in seinem Leben noch nicht einmal mit dem mageren Luxus eines Zweite-Klasse-Abteils Bekanntschaft gemacht hatte.</p><p>W�lder flogen vorbei und machten weiten Feldern Platz. Bei den Pflanzen, die dort wuchsen, handelte es sich weder um Mais noch um Weizen oder Gerste. Es waren braune, spindeld�rre Gew�chse mit kleinen gr�nen Bl�ttern, die sich um etwa zwei Meter hohe Holzstangen rankten, die im Boden steckten. Sherlock wollte Crowe gerade fragen, um was es sich dabei handelte, als Matty, der Sherlocks Interesse bemerkt hatte, sich vorbeugte und einen Blick nach drau�en warf.</p><p>�Hopfen�, sagte er lapidar. �F�r die Brauereien. Die Gegend ist bekannt f�r das gute Bier, das hier gebraut wird. Allein in Farnham gibt es an die drei�ig Pubs und Tavernen.�</p><p>Und so ging die Reise�� lediglich unterbrochen von einem einmaligen Umsteigen in Guildford�� weiter, bis sie Waterloo Station erreichten, den gro�en Endbahnhof in der gesch�ftigen Weltmetropole London.</p><p>Der Stadt, in der Mycroft Holmes lebte und arbeitete.</p></section><section><title><p><strong>12</strong></p></title><p>Waterloo Station war eine wimmelnde Masse von Menschen, die unter einem riesigen Dach aus Stahl und Glas in alle Richtungen davoneilten und alle m�glichen Arten von Schachteln, Paketen, Koffern und Gep�ckst�cken mit sich schleppten. Die W�rme der Sonne wurde durch das Glas noch verst�rkt, wodurch es im Bahnhof w�rmer war als drau�en auf den umliegenden Stra�en. Z�ge schleppten sich schnaufend zu den ihnen bestimmten Bahnsteigen und spien jede Menge Dampfwolken und weitere Menschenmengen aus, die sich augenblicklich dem hitzigen Treiben hinzugesellten. Sherlock sp�rte, wie sich unter seinem Halskragen Schwei� zu sammeln begann.</p><p>Amyus Crowe heuerte sogleich einen Gep�cktr�ger an und wies ihn an, ihre Taschen aus dem Zug zu holen. Der Tr�ger geleitete sie nach drau�en, wo eine Reihe von Droschken Reisende aufnahmen, die in einer langen Schlange warteten. Ein Halfpenny Extratrinkgeld bewegte den Tr�ger dazu, sie an der Warteschlange vorbeizulotsen und dorthin zu f�hren, wo die gerade angekommenen Droschken ihre Fahrg�ste herauslie�en, bevor sie sich in die Linie der wartenden Droschken einreihten. Ein kurzes Feilschen, und dann stiegen sie auch schon durch eine T�r in die Droschke, noch w�hrend die vorherigen Fahrg�ste diese auf der anderen Seite verlie�en.</p><p>Amyus Crowe, der sich in London auszukennen schien, wies den Kutscher an, sie zum Sarbonnier Hotel zu fahren. Die Droschke setzte sich in Bewegung, noch w�hrend Sherlock und Matty sich jeweils auf ihrer Seite aus dem Fenster beugten, um die Sehensw�rdigkeiten zu bewundern.</p><p>Die Gr��e der Geb�ude war beeindruckend, verglichen mit denen in Farnham, Guildford oder anderen St�dten, die Sherlock vertraut waren. Einige von ihnen ragten f�nf oder sogar sechs Stockwerke in die H�he. Andere hatten wuchtige S�ulen vor den Fronteing�ngen, um riesige Vorhallen abzust�tzen, und wiesen Reihen von Skulpturen an den Dachr�ndern auf. Soweit Sherlock es erkennen konnte, handelte es sich dabei in einigen F�llen um menschliche Figuren, in anderen um mythische Kreaturen mit Fl�geln, H�rnern und Rei�z�hnen.</p><p>Nach kurzer Zeit fuhren sie �ber eine Br�cke, die sich �ber einen breiten Fluss spannte.</p><p>�Die Themse?�, fragte Sherlock.</p><p>�So ist es�, best�tigte Crowe. �Einer der dreckigsten, verkehrsreichsten und �belsten Fl�sse, die ich jemals das unangenehme Vergn�gen gehabt habe kennenzulernen.�</p><p>Nachdem die Droschke auf der anderen Flussseite von der Br�cke heruntergerattert und dann ein paarmal abgebogen war, hielt sie schlie�lich vor einem langgezogenen Geb�ude aus orangefarbenem Stein. Der Kutscher sprang vom Bock herunter und half ihnen, das Gep�ck abzuladen. Aus einer Dreht�r an der Frontseite des Geb�udes tauchten drei Portiers auf, die ihnen die Taschen abnahmen.</p><p>Sie betraten die Hotellobby, die mit ihren wei�en, an der Basis mit Skulpturen verzierten S�ulen, dem prachtvollen Deckenmosaik und dem rosafarbenen Marmorfu�boden einfach atemberaubend aussah. Amyus Crowe jedoch steuerte unbeeindruckt auf einen langen h�lzernen Empfangstresen zu.</p><p>�Drei Zimmer f�r zwei N�chte�, sagte er zu dem uniformierten Mann hinter dem Tresen.</p><p>Der Mann nickte. �Nat�rlich, Sir�, antwortete er und drehte sich um, um drei Schl�ssel von einem Brett an der Wand hinter sich zu nehmen. Als er sich wieder zu Crowe umwandte, f�gte er noch hinzu: �Wenn Sie sich vielleicht die M�he machen w�rden, hier im G�stebuch zu unterschreiben, Sir.�</p><p>Crowe unterschrieb mit schwungvoller Geste und der Portier h�ndigte ihm die Schl�ssel aus. Diese waren an gro�en Kugeln befestigt, wahrscheinlich�� so vermutete Sherlock�� damit man sie nicht so leicht verlieren konnte.</p><p>�Sherlock und Matthew, ihr teilt euch ein Zimmer�, verk�ndete Crowe und gab ihnen einen Schl�ssel. �Ginny bekommt ein Zimmer f�r sich, und ich nehme das dritte. Eure Taschen werden auf eure Zimmer gebracht. Matthew, ich schlage vor, dass du und ich uns irgendwohin begeben, wo wir dir was zum Anziehen und ein paar Toilettensachen besorgen k�nnen.� Kritisch musterte er Matty. �Und einen Haarschnitt�, f�gte er hinzu. �Sherlock, Virginia, wie w�r�s, wenn ihr solange einen Spaziergang macht? Geht nach rechts und dann weiter bis ans Ende der Stra�e, und ihr werdet etwas finden, das euch interessieren k�nnte. Wir werden in einer Stunde zum Mittagessen wieder zur�ck sein. Wenn ihr euch verlauft, fragt jemanden, wie ihr zum Sarbonnier Hotel zur�ckkommt.�</p><p>Dem Rat Crowes folgend, f�hrte Sherlock Virginia nach drau�en und wandte sich dann nach rechts. Augenblicklich wurden sie von einem dichten Menschenstrom erfasst, der sie in die gew�nschte Richtung mit sich fortzog.</p><p>Aus Sorge, dass sie getrennt werden k�nnten, streckte Sherlock seine Hand aus, um Virginia n�her an sich heranzuwinken. Doch stattdessen schloss sich ihre Hand um die seine. Ganz warm und weich f�hlte sie sich an, und pl�tzlich kam es Sherlock vor, als w�rde sein Herz doppelt so schnell schlagen. Erschrocken warf er ihr einen Blick zu, und Virginia bedachte ihn mit einem f�r sie untypischen sch�chternen L�cheln.</p><p>Sie brauchten nur ein paar Minuten, bis sie das Ende des H�userblocks erreicht hatten. Die Stra�e m�ndete pl�tzlich auf einen weiten offenen Platz, dessen Mitte von einer gro�en S�ule beherrscht wurde, die sich aus einem kantigen Sockel erhob.</p><p>Einen Moment lang dachte Sherlock, dass dort oben auf der Spitze der S�ule ein Mann stehen w�rde, und unwillk�rlich h�pften seine Gedanken wieder zur�ck nach Holmes Manor zu seinem Onkel. Der hatte n�mlich eines Abends beim Essen etwas �ber tiefreligi�se, asketisch lebende Eremiten erz�hlt, die ihr Leben und ihre Familien aufgaben, um auf der Spitze von Pf�hlen zu leben, wo sie �ber die Natur Gottes meditierten und nur das a�en, was ihnen von vorbeikommenden Leuten hochgeworfen wurde. Als er genauer hinsah, wurde ihm jedoch sofort klar, dass es sich bei der Gestalt auf der S�ule nicht um einen Menschen, sondern um eine Statue handelte. Der K�nstler hatte sie bei der Bearbeitung des Steines so gestaltet, dass es aussah, als w�rde sie eine Marineuniform tragen.</p><p>�Wer ist das?�, fragte Virginia gebannt.</p><p>�Admiral Nelson, glaube ich�, erwiderte Sherlock. �Womit dies hier der Trafalgar Square sein d�rfte. Er wurde so genannt in Erinnerung an die ber�hmte Seeschlacht, die Nelson 1805 gewonnen hat.�</p><p>Zwei Wasserfont�nen am Fu� der S�ule zauberten einen feinen Spr�hnebel in die Luft, der im hellen Sonnenlicht in allen Regenbogenfarben funkelte. Hier war das Herz Londons, der Mittelpunkt eines Empires, das sich bis auf die andere Seite des Globus erstreckte.</p><p>Und irgendwo hier in der N�he sa� sein Bruder Mycroft vermutlich gerade an seinem Schreibtisch und trug dazu bei, es zu lenken.</p><p>Sie spazierten eine Weile auf dem Trafalgar Square umher, beobachteten die Leute und bestaunten die sch�nen Geb�ude, die die umliegenden Stra�en s�umten. Dann machten sie sich wieder auf den Weg zur�ck ins Hotel. Sie trafen gerade rechtzeitig ein: Amyus Crowe stand im Foyer und erwartete sie. In seiner Begleitung befand sich ein Junge, der ungef�hr in Matthews Alter war und dessen gepflegte Haare und feine Kleidung in merkw�rdigem Gegensatz zu seinem m�rrischen Gesichtsausdruck standen.</p><p>Sherlock brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass es tats�chlich Matty war.</p><p>�Kein Wort�, warnte Matty sie. �Sagt einfach�� nichts.�</p><p>Sherlock und Virginia lachten.</p><p>Gemeinsam gingen sie in den Speisesaal, um zu Mittag zu essen. Sie waren umgeben von Frauen in t�rkisblauen Seidenkleidern und Reifr�cken, die selbst im Saal ihre H�te und Handschuhe nicht ablegten, sowie von M�nnern mit gl�nzenden Schnurrb�rten im Gehrock. Aber abgesehen von einem fl�chtigen ersten Blick schenkte ihnen niemand besondere Beachtung. Offensichtlich wurden sie f�r eine Familie gehalten, die nach London gekommen war, um die Sehensw�rdigkeiten zu bestaunen, die die Hauptstadt des wichtigsten Staates der Erde ihren Besuchern bot.</p><p>Sherlock hatte Lammkoteletts, die innen noch blutig und somit perfekt zubereitet waren, und mit Kartoffeln und Bohnen serviert wurden. Matty und Amyus Crowe entschieden sich beide f�r eine Rindfleisch-Nieren-Pastete, w�hrend sich die etwas abenteuerlustigere Virginia auf H�hnchen einlie�, das mit einer mit Pfefferk�rnern und Sahne verfeinerten French Sauce serviert wurde.</p><p>Beim Essen erkl�rte Crowe ihnen, warum sie nach London gekommen waren.</p><p>�Ich habe vorher einem Mann telegraphiert, den ich in dieser sch�nen Stadt kenne�, sagte er zwischen zwei gro�en Gabelhaufen mit Nierenpastete. �So eine Art Gesch�ftspartner von mir.�</p><p>Sherlock fragte sich kurz, in was f�r eine Art Gesch�ft Crowe wohl involviert sein mochte, da er nie zuvor etwas davon berichtet hatte. Aber dann redete Crowe schon wieder weiter.</p><p>�Ich habe ihm erz�hlt, auf welcher Stra�e der Konvoi nach London kommen w�rde, und ihn gebeten, die Wagen abzupassen und dann ihren endg�ltigen Zielort herauszufinden. Ich habe ihm gesagt, in welchem Hotel wir logieren, und gerade hat er ein Telegramm geschickt, um mir mitzuteilen, dass sie die ganzen Kisten in einem Lagerhaus abgeladen haben, das in einem Stadtteil namens Rotherhithe liegt. Und er hat mir genau beschrieben, wie man da hinkommt.�</p><p>�Rotherhithe?�, fragte Sherlock.</p><p>�Liegt ein paar Meilen flussabw�rts. Ein ziemlich unappetitlicher Ort, wo Seeleute zwischen ihren Schiffsreisen ihr Vergn�gen suchen und Frachtg�ter gelagert werden, bevor man sie auf die Schiffe verl�dt. Kein Ort, an dem man sich nach Einbruch der Dunkelheit gerne rumtreiben w�rde.� Er sch�ttelte unzufrieden den Kopf. �Normalerweise w�rde ich es nicht riskieren, dich dahin mitzunehmen. Aber das hier ist zu wichtig. Der Baron f�hrt irgendetwas im Schilde. Etwas so Gro�es, dass er bereit ist, daf�r zu t�ten. Was er ja auch schon getan hat. Euch zu beseitigen, w�rde ihm kaum mehr ausmachen, als eine Spinne zu zertreten. Das Problem ist nur: Wir m�ssen sichergehen, dass es sich bei den Kisten, die auf den Frachtkarren hierhergebracht wurden, auch tats�chlich um die Bienenst�cke handelt, die du in Farnham gesehen hast. Und das bedeutet, dass ich dich in Rotherhithe brauche, damit du einen Blick darauf wirfst, Sherlock. Aber ich warne dich: Es k�nnte gef�hrlich werden. Sehr gef�hrlich.�</p><p>Sherlock nickte langsam. �Das Risiko gehe ich ein. Ich will rausfinden, was da vor sich geht�� und warum er dauernd versucht, mich umzubringen.�</p><p>Crowe blickte zu Matty hin�ber, der sich mit dem L�ffel gerade Erbsen in den Mund schaufelte. �Und du, junger Mann�� Ich vermute mal, dass du schon so einige finstere Hafengegenden gesehen hast, in Anbetracht der Tatsache, dass du dein Leben damit verbringst, auf einem kleinen Kahn durch die Welt zu schippern. Und vermutlich wei�t du auch, wie du dich bei einem Kampf verh�ltst.�</p><p>�Wenn�s �nen Kampf gibt�, sagte Matty durch einen Mundvoll Erbsen hindurch, �renn ich. Und wenn das nicht geht, hau ich zu. Tief und hart.�</p><p>�Besser h�tte ich�s nicht sagen k�nnen�, nickte Crowe. �Ich komme nat�rlich mit euch, aber vielleicht werden wir uns trennen m�ssen, um verschiedene Stellen im Auge zu behalten.�</p><p>�Und was ist mit mir?� Virginias Stimme hatte vor Entr�stung einen schrillen Klang angenommen und ihre violetten Augen blitzten gef�hrlich. �Was mache ich?�</p><p>�Du bleibst hier�, sagte Crowe finster. �Ich wei�, dass du bei einem Gerangel schon alleine klarkommst. Aber du hast keine Ahnung, was einer jungen Frau in Rotherhithe so alles passieren kann. Die Leute, die dort leben, sind schlimmer als Tiere. Ich k�nnte es mir nie verzeihen, wenn dir etwas passieren w�rde�� nicht nach��� Er brach abrupt ab. Sherlock warf einen Blick zu Virginia hin�ber und sah, dass ihre Augen pl�tzlich feucht schimmerten. �Du bleibst hier�, betonte Crowe noch einmal mit Nachdruck. �Sollten wir getrennt werden, m�ssen wir die Gewissheit haben, dass hier jemand ist, der Nachrichten entgegennehmen und weiterleiten kann. Und das ist dein Job.�</p><p>Virginia nickte wortlos.</p><p>Crowe wandte den Blick wieder den beiden Jungen zu. �Wenn ihr fertig seid�, sagte er, �brechen wir auf.�</p><p>Als sie das Hotelfoyer durchquerten, drehte sich Sherlock um und blickte zu Virginia zur�ck. Sie starrte ihn an und versuchte, ein L�cheln zustandezubringen. Aber ihre Lippen verzogen sich, und ihre Miene nahm einen besorgten Ausdruck an. Er l�chelte beruhigend zur�ck, wenngleich er die Vermutung hegte, dass sein eigener Gesichtsausdruck nicht sehr viel �berzeugender ausfiel.</p><p>Statt eine Droschke nach Rotherhithe zu nehmen, f�hrte Crowe die beiden Jungen zu einer Stelle am Themseufer, wo von glitschigen gr�nen Algen �berzogene Steinstufen zu einer faulig riechenden braunen Wasserbr�he hinabf�hrten. Das gegen�berliegende Ufer war von Rauchschleiern und br�unlichen Ausd�nstungen verborgen, die unmittelbar vom Fluss selbst aufzusteigen schienen. Ein Boot d�mpelte auf dem Wasser auf und ab. Der Besitzer sa� an den Rudern und rauchte eine Pfeife.</p><p>�Rotherhithe�, sagte Crowe grimmig und warf dem Mann im Boot eine M�nze zu, die dieser geschickt auffing. Er biss in sie hinein, um sicherzugehen, dass sie auch echt war, und nickte dann. Crowe und die Jungen lie�en sich am Heck nieder, w�hrend der mit dem R�cken zum Bug sitzende Bootsf�hrer in Aktion trat und das Boot mit kr�ftigen Ruderschl�gen durchs Wasser vorantrieb.</p><p>Auf Sherlock wirkte die Reise ziemlich merkw�rdig und beunruhigend. Auf dem Boden des Bootes schwappte eine gro�e dreckige Wasserlache, und im Fluss trieben Dinge herum, die er sich lieber gar nicht so genau ansehen wollte: menschlicher Unrat, M�ll, tote Ratten und durchweichte, von zerfetzten Grasb�scheln umh�llte Holzst�cke. Der Geruch war derma�en ekelerregend, dass Sherlock durch den Mund atmen musste. Doch der Gestank legte sich wie eine Schicht auf Zunge und Rachen, so dass Sherlock am Ende sicher war, ihn buchst�blich <emphasis>schmecken</emphasis> zu k�nnen, und er musste w�rgen. An einer Stelle tauchte ein anderes Boot aus dem Dunst auf und fuhr knapp an ihnen vorbei. Jemand stie� einen Fluch aus, und ihr Bootsf�hrer revanchierte sich mit einer Geste, die Sherlock noch nie zuvor gesehen hatte, aber ohne gro�e Probleme deuten konnte.</p><p>Sie brauchten ungef�hr zwanzig Minuten f�r die Fahrt nach Rotherhithe und stiegen schlie�lich an einer Steintreppe aus, die sich von derjenigen, an der sie eingestiegen waren, fast nicht unterschied. Crowe ging die Stufen voran nach oben.</p><p>Am Ufer der Themse zog sich ein schmaler, mit rauen Steinen gepflasterter Weg entlang, der in beiden Richtungen in einer Kurve von ihnen fortf�hrte. Matty und Sherlock folgten Crowe auf dem holprigen Steinpflaster am Rand des �bel stinkenden Flusses entlang. Sie kamen an hoch aufragenden Lagerh�usern und Ziegelsteinmauern vorbei und hielten sich, wo immer es m�glich war, im Schatten. Nach etwa zehn Minuten blieb Crowe stehen. Ihnen gegen�ber befand sich eine jener allgegenw�rtigen Tavernen, wie man sie �berall in der Hauptstadt antreffen konnte. Das Geklimpere eines schlecht gestimmten Klaviers drang durch T�ren und Fenster nach drau�en, begleitet von einem gr��tenteils asynchronen Gr�lgesang. In einem T�reingang standen mehrere Frauen herum und be�ugten Amyus Crowe mit offensichtlichem Interesse, ehe sie sich dann unversehens abwandten, als sie Sherlock und Matty entdeckten.</p><p>�Ich glaube, das Lagerhaus ist gleich hier um die Ecke�, murmelte Crowe. Aufmerksam sondierte er die Umgebung, um nach m�glichen Bedrohungen Ausschau zu halten. �Ich schlage vor, wir machen es uns hier eine Weile gem�tlich und beobachten die Lage.�</p><p>�Was ist, wenn man uns sieht?�, fragte Sherlock.</p><p>�Zuhause in Albuquerque war ich J�ger�, sagte Crowe. �Habe einige der gef�hrlichsten Bestien verfolgt. Es gibt ein paar Dinge, die man tun kann, um die Chancen, entdeckt zu werden, zu minimieren. Zun�chst einmal: Meide jeden direkten Augenkontakt. Denn Augen nehmen alle Tiere praktisch auf der Stelle wahr. Beobachte die Dinge aus den Augenwinkeln. Dadurch ist die Wahrnehmung sogar noch effektiver, als wenn man ein Objekt direkt fixieren w�rde. Auch wenn sich Farben dabei nicht allzu gut unterscheiden lassen. Wenn es irgend geht, r�hr dich nicht von der Stelle. Das Auge ist n�mlich in erster Linie darauf ausgelegt, Bewegungen wahrzunehmen und keine Dinge, die starr an einem Fleck verharren. Trage unauff�llige und eint�nige Kleidung, die keine Farben aufweist, die man in der nat�rlichen Umgebung nicht finden w�rde: Nimm zum Beispiel Grau f�r Stein und Fels, Gr�n f�r Moose und Gr�ser und Braun f�r Erde.</p><p>Und trage nichts Metallisches, weil Metalle in der Natur nicht in gro�en Mengen vorkommen. Wenn du dich an diese Regeln h�ltst, kannst du dich vor eine Ziegelmauer stellen, und die Leute, die an dir vorbeigehen, werden ihre Augen nur kurz �ber dich gleiten lassen, bis sie etwas Interessanteres gefunden haben.�</p><p>�Das klingt wie Zauberei�, meinte Sherlock skeptisch.</p><p>�Das tun die meisten Dinge, solange du nicht wei�t, wie sie funktionieren.� Er musterte die beiden Jungen pr�fend. �Diese Schnitte in deinem Gesicht da, Sherlock, werden dir prima helfen, dich optisch hier einzuf�gen. Aber f�r diese Gegend seht ihr beide noch ein bisschen zu sehr wie aus dem Ei gepellt aus. Ich muss euch noch etwas Schmutz verpassen.� Er blickte sich um. �Okay, ich will, dass ihr euch eine Weile auf den Pflastersteinen herumw�lzt. Damit ihr etwas Dreck auf eure Klamotten bekommt.�</p><p>�W�re das nicht zu auff�llig?�, fragte Sherlock.</p><p>�Nicht wenn ihr einen Grund daf�r habt�, erkl�rte Crowe. �Matty, sto� dem jungen Sherlock hier mal gegen die Brust.�</p><p>�Was?�, erwiderte Matty.</p><p>�Tu �s einfach. Und Sherlock, du verpasst ihm gleich darauf einen Faustschlag gegen die Schulter.�</p><p>Sherlock d�mmerte allm�hlich, worauf Crowe hinauswollte. �Und am Ende w�lzen wir uns raufend im Dreck, was dazu beitr�gt, dass sich unsere Kleidung an die Umgebung anpasst <emphasis>und</emphasis> wir durch unser Verhalten zu einem Teil der Umgebung werden. Denn wenn wir keine Einheimischen w�ren, w�rden wir uns auch nicht auf der Stra�e pr�geln.�</p><p>�Exakt�, sagte Crowe anerkennend.</p><p>Sherlock wollte gerade fragen, wie lange sie miteinander k�mpfen sollten, als Matty ihm einen harten Sto� gegen die Brust verpasste. �Ich hab dich gewarnt, du Drecksack!�, schrie er.</p><p>Sherlock unterdr�ckte das spontane Verlangen, seinem Freund einen Faustschlag ans Kinn zu verpassen, sondern landete stattdessen einen Treffer an Mattys Schulter. �Wie kannst du es wagen�, br�llte er und konnte eine leichte Verlegenheit nicht unterdr�cken.</p><p>Matty wiederum drang auf Sherlock ein und dr�ckte ihn zu Boden. Innerhalb k�rzester Zeit w�lzten sich die beiden so heftig auf dem Boden, dass Staubwolken um sie herum aufstoben. Sherlock bekam Mattys Arm zu fassen, aber Mattys Finger krallten sich in Sherlocks Haare und Sherlocks Kopf wurde schmerzhaft nach hinten gerissen.</p><p>Sherlock war kurz davor zu vergessen, dass es sich eigentlich um einen Scheinkampf handelte, als Amyus Crowe Sherlock und Matty mit seinen m�chtigen H�nden an den Schultern packte und hochriss. �In Ordnung, ihr beiden. H�rt auf damit�, befahl er mit seiner �englischen�, doch diesmal m�rrischer klingenden Stimme.</p><p>Die beiden standen sich gegen�ber und hatten trotz ihrer gef�hrlichen Situation M�he, ein Grinsen zu unterdr�cken. Sherlock blickte an sich herab. Seine Jacke war am �rmel eingerissen, und �berall war er mit Staub, Pferdehaaren und allerlei Dreck bedeckt, �ber dessen Herkunft er sich lieber gar nicht erst Gedanken machen wollte.</p><p>�Keine Bange�, sagte Crowe. �Das l�sst sich waschen. Und wenn�s nicht rausgeht, kaufen wir einfach neue Kleidung. Sachen kann man immer ersetzen. Ein guter J�ger wei�, dass alles Materielle bei der Verfolgung der Beute geopfert werden kann.�</p><p>�Was f�r Tiere haben Sie denn so gejagt?�, wollte Matty wissen.</p><p>�Hab nicht gesagt, dass es Tiere waren�, murmelte Crowe.</p><p>Bevor einer der beiden ihn fragen konnte, was es mit dieser Aussage auf sich hatte, ging er weiter. Sherlock und Matty folgten und tauschten verwunderte Blicke aus.</p><p>Schlie�lich blieb Crowe an einer Ecke stehen und lugte vorsichtig herum. �Das Lagerhaus ist da dr�ben�, sagte er leise. �Sherlock, du bleibst hier. Kauer dich hier hin und tu so, als ob du dir einfach nur die Zeit vertreibst. Spiel mit irgendwas herum, vielleicht mit ein paar Steinen, wenn du welche findest. Denk dran: Meide jeden Augenkontakt, aber beobachte aus den Augenwinkeln, was um dich herum vor sich geht. Matty, du kommst mit mir. Du kannst die R�ckseite im Auge behalten, und ich werde zwischen euch hin- und herpendeln.�</p><p>�Wonach halten wir Ausschau?�, fragte Sherlock.</p><p>�Nach allem, was aus der Reihe f�llt. Nach irgendetwas, das uns vielleicht Aufschluss dar�ber geben kann, was hier vor sich geht.�</p><p>Crowe legte Matty die Hand auf die Schulter und dann machten sie sich auf den Weg. Sherlock befolgte die Anweisungen, indem er sich hinhockte und einen der kleinen Pflastersteine aus dem Dreck klaubte. Er lie� den Stein vor- und zur�ckkullern. Ein ziemlich stupides und langweiliges Spiel, aber es reichte, um ihn als nat�rlichen Teil der Szenerie wirken zu lassen. Und wie sich herausstellte, konnte er, w�hrend er demonstrativ so vor sich hinspielte, tats�chlich noch aus den Augenwinkeln sehen, was um ihn herum geschah.</p><p>Die Frontseite des aus Backsteinen errichteten Lagerhauses wurde fast komplett von einem gro�en Holztor eingenommen, dessen zwei Fl�gel so aufgeh�ngt waren, dass sie sich nach au�en zur Stra�e hin �ffneten. Nichts an dem Geb�ude war eindeutig verd�chtig, und Sherlock fragte sich, ob sie auch wirklich die richtige Stelle beobachteten oder einfach nur ein zuf�llig ausgesuchtes Geb�ude.</p><p>Nach einer Weile, die ihm wie Stunden vorgekommen war, kam Amyus Crowe wieder zur�ckgeschlendert. Vermutlich jedoch war gerade erst eine halbe Stunde vergangen.</p><p>Obwohl er noch dieselben Sachen trug wie zuvor und diese nicht so eindrucksvoll beschmutzt hatte wie Sherlock und Matty, sah er ziemlich zerzaust aus. Sein Jackett war schr�g zugekn�pft, was seiner Haltung irgendwie eine schiefe Erscheinung verlieh, und das Hemd hing ihm aus der Hose. Er schwankte leicht und starrte die ganze Zeit konzentriert auf den Boden unmittelbar vor seinen F��en. Er blieb in Sherlocks N�he stehen und lie� sich gegen die Wand fallen.</p><p>�Alles klar?�, murmelte er.</p><p>�Hier ist nichts passiert�, erwiderte Sherlock ebenso leise.</p><p>�Bist du okay?�</p><p>�Mir ist langweilig.�</p><p>Crowe kicherte. �Willkommen auf der Jagd. Lange Phasen der Langeweile, unterbrochen von Momenten des Hochgef�hls und der Todesangst.� Er schwieg einen Moment und sprach dann weiter. �Ich denke, ich mach mal einen kleinen Bummel in die Taverne dort und schau mal, was da drinnen so geredet wird.�</p><p>�Gut. Dann k�nnten Sie mir doch ein Glas Wasser rausbringen lassen, oder?�</p><p>�Junge, vermutlich bist du besser dran, wenn du Wasser aus der Themse statt aus der Taverne trinkst. Wenn du Hunger oder Durst hast, dann nimm es einfach zur Kenntnis, hake es ab und halte dich nicht mehr damit auf. Ein Mensch kann es drei bis vier Tage ohne Wasser aushalten. Halte dir das einfach st�ndig vor Augen.�</p><p>�Sie haben leicht reden.�</p><p>Crowe lachte.</p><p>�Kann ich Sie etwas fragen?�, sagte Sherlock, im Bestreben, Crowe noch ein wenig zum Dableiben zu bewegen.</p><p>�Sicher.�</p><p>�Was machen Sie in England? Und was ist das f�r ein Gesch�ft, das Sie vorhin erw�hnt haben?�</p><p>Crowe l�chelte freudlos. Er sah fort und mied Sherlocks Blick. �Ich bin jedenfalls kein Tutor, soviel ist mal sicher�, sagte er mit sanfter Stimme. �Auch wenn sich das allm�hlich zu einem immer interessanteren Zeitvertreib entwickelt. Nein, ich bin�� nun ja, sagen wir mal von der amerikanischen Regierung, um es leichter zu machen�� angeheuert worden, um M�nner aufzusp�ren, die w�hrend des B�rgerkrieges die entsetzlichsten Gr�ueltaten begangen haben und ins Ausland fliehen konnten, bevor die amerikanische Justiz sie ergreifen konnte. So ist es auch gekommen, dass ich deinen Bruder kennengelernt habe: Er hat n�mlich den Vertrag unterzeichnet, der es mir gestattet, hier zu sein. Und deswegen habe ich mir auch ein Netz von n�tzlichen Leuten aufgebaut, vor allem in den Docks und in den H�fen. Als du mir also erz�hlt hast, dass der Baron seinen Plan�� um welchen auch immer es sich handeln mag�� mit gr��erem Tempo vorantreiben wollte, habe ich einfach meine Leute benachrichtigt, dass sie nach den Frachtkarren des Barons Ausschau halten sollen. Und wie ich zugeben muss, war ich �berrascht, dass sie sie so leicht aufgesp�rt haben.� Er blickte wieder Sherlock an. �Zufrieden?�</p><p>Sherlock nickte.</p><p>�Das habe ich nicht vielen Leuten erz�hlt�, f�gte Crowe hinzu. �W�re dir dankbar, wenn du es f�r dich behalten w�rdest.� Dann machte er sich wieder davon, noch bevor Sherlock etwas sagen konnte.</p><p>Sherlock widmete sich weiter seinem Spiel und rollte den Pflasterstein unerm�dlich vor und zur�ck, w�hrend eine Minute nach der anderen verstrich. Er behielt das Lagerhaustor permanent im Auge, aber es blieb fest verschlossen und nichts r�hrte sich.</p><p>Pl�tzlich erhob sich irgendwo hinter ihm ein wilder Radau, und fast h�tte er sich umgedreht, um nachzusehen. Aber er konnte sich gerade noch rechtzeitig davon abhalten. Er lie� den Pflasterstein ein wenig weiter wegkullern. Als er ihn zur�ckholte und sich schlie�lich wieder umdrehte, lie� er seine Augen zur Seite gleiten, wodurch er einen Blick auf die Taverne werfen konnte. Eine T�r stand offen und eine Gruppe offensichtlich stark angetrunkener M�nner kam auf die Stra�e hinausgetorkelt. Sie scherzten derbe miteinander, wandten sich dann in seine Richtung und kamen auf ihn zu. Er konzentrierte sich auf seinen Stein und lauschte angestrengt, ob einer von ihnen etwas �ber das Lagerhaus, die Bienenst�cke, Baron Maupertuis oder sonst irgendetwas sagte, das mit den r�tselhaften Vorg�ngen in Verbindung stand.</p><p>�Wann ziehen wir ab?�, fragte einer von ihnen.</p><p>�Beim ersten Tageslicht, gleich morgen fr�h�, antwortete ein anderer. Etwas an der Stimme kam Sherlock bekannt vor, aber er konnte sie einfach nicht einordnen.</p><p>�Wer hat den Einsatzplan?�, fragte eine dritte Stimme.</p><p>�Den hab ich im Kopf�, erwiderte der zweite Mann. �Du machst dich nach Ripon auf. Snagger geht nach Colchester. Jungspund Nichelson hier macht �ne Spritztour nach Woolwich, und ich muss zur�ck nach Aldershot.�</p><p>�Kann ich nicht lieber nach Aldershot?�, fragte eine Stimme mit n�rdlichem Akzent�� vermutlich besagter Jungspund Nichelson.</p><p>�Du gehst dahin, wohin man es dir sagt, Sonnenschein�, erwiderte der zweite Mann. Beim Sprechen kam er dicht an Sherlock vorbei. Sein Fu� stie� gegen Sherlocks Pflasterstein und bef�rderte diesen ein St�ck die Stra�e hinunter.</p><p>Ohne es zu wollen, sah Sherlock auf�� und blickte dem Mann genau in die Augen.</p><p>Es war Denny: der Mann, dem Sherlock zum Lagerhaus in Farnham gefolgt war, der Mann, der dabei gewesen war, als sein Freund Clem auf das Boot gesprungen war, um Sherlock und Matty anzugreifen. Der Mann, der f�r Baron Maupertuis arbeitete.</p><p>So viel zum Thema Unsichtbarkeit. Dennys Gesicht wurde augenblicklich rot vor Wut.</p><p>H�nde griffen nach Sherlock. Er rollte sich rasch zur Seite, sprang auf die Beine und rannte auf dem Pflasterweg davon. Eigentlich hatte er auf die Taverne zulaufen wollen, in der sich Amyus Crowe befand, aber die M�nner standen zwischen ihm und der Tavernent�r. Stattdessen rannte er also immer weiter weg�� fort von Crowe, fort von Matty und von allem, was er von der Gegend kannte.</p><p>Hinter ihm wirbelten dr�hnende Schritte �ber das Pflaster. Gespenstisch hallte ihr Echo von den H�userw�nden wider, an denen er vorbeiflitzte. Ihm brannte der Atem in der Kehle, und sein Herz h�mmerte wie ein lebendes Wesen, das man in seinem Brustkorb eingesperrt hatte und sich nun mit aller Macht befreien wollte. Zweimal sp�rte er, wie Finger seinen Nacken streiften und hastig nach seinem Kragen griffen, und zweimal musste er sich in einer verzweifelten Kraftanstrengung losrei�en. Abgesehen von Sherlocks pochendem Herzen, den unterdr�ckten Fl�chen, die seine Verfolger beim Laufen ausstie�en, sowie dem Dr�hnen ihrer Stiefel verlief die Hetzjagd in absoluter Stille.</p><p>Als er ein gutes St�ck weiter gerannt war, erkannte er pl�tzlich, dass der Weg vor ihm abrupt in einer Ziegelsteinmauer endete. Entsetzt riss Sherlock die Augen auf.</p><p>Er sa� in der Falle! Er drehte sich um und versuchte fieberhaft abzusch�tzen, ob er noch genug Zeit haben w�rde, um zur�ckzurennen und einen anderen Weg zu finden. Aber die M�nner kamen schnell n�her. Insgesamt hatte er es mit f�nf Kerlen zu tun, wie er in einer merkw�rdigen Mischung aus Angst und Gelassenheit feststellte, die pl�tzlich Besitz von ihm ergriffen hatte. Und alle hielten entweder Messer oder schwere St�cke in den H�nden. Er w�rde niemals lebend hier rauskommen.</p><p>Pl�tzlich konnte er eine deutlich vernehmbare Stimme in seinem Kopf h�ren. Er h�tte trotzdem nicht sagen k�nnen, ob sie seinem Bruder, Amyus Crowe oder ihm selbst geh�rte, aber auf jeden Fall sagte sie: �Wege und Stra�en f�hren von einem Ort zum anderen. Ein Weg, der einfach in einer Mauer endet, ist nicht logisch. Er erf�llt keinen Zweck und w�re somit auch gar nicht erst gebaut worden.�</p><p>Sherlock wirbelte herum und lie� den Blick �ber die Ziegelsteinmauer gleiten. Keine T�ren, keine Fenster. Nichts au�er einem gro�en Schattenfleck in der Ecke, dort, wohin das matte Sonnenlicht nicht vordringen konnte.</p><p>Wenn es einen Ausweg gab, dann m�sste er dort sein.</p><p>Er rannte in den Schatten hinein. H�tte sich dort nichts befunden, w�re er geradewegs gegen die Ziegelsteine gedonnert und k.o. gegangen. Stattdessen aber stie� er auf einen schmalen Durchgang. Da war sie, seine Fluchtm�glichkeit!</p><p>Der enge finstere Gang f�hrte zwischen zwei Geb�uden entlang. Er rannte weiter und h�rte pl�tzlich frustrierte Rufe hinter sich, als seine Verfolger auf der Suche nach dem Durchgang kurzzeitig orientierungslos im Schatten umhertappten. Dann kamen sie einer nach dem anderen hinter ihm in den Gang gestolpert, und Sherlock h�rte ihre �chzenden Atemz�ge von den hohen Mauerw�nden widerhallen.</p><p>Mal an die linke, dann wieder an die rechte Wand sto�end, st�rmte Sherlock im Zickzack weiter durch den dunklen Gang voran, bis er schlie�lich auf eine breite Stra�e hinausst�rzte, die auf beiden Seiten von H�usern ges�umt war. Die dr�hnenden Stiefeltritte seiner Verfolger in den Ohren rannte er ein St�ck geradeaus, bevor er pl�tzlich aus vollem Lauf schlitternd in einen kleinen Weg nach links einbog. Schon hatte er wieder ein paar Meter Vorsprung gewonnen.</p><p>Doch im n�chsten Augenblick kam ein Hund aus einer Mauer�ffnung auf ihn zugeschossen. Allerdings war Sherlock schon vorbei, als die Z�hne des Hundes hinter ihm laut in die leere Luft schnappten und das rasende Tier sich gleich darauf auf die M�nner st�rzte, die hinter ihm her waren. Sherlock h�rte w�tendes Gebell und heftiges Gefluche, als seine Verfolger dem Hund auszuweichen versuchten. Dann vernahm er, wie ein Stiefel mit dumpfem Ton auf etwas Weiches traf�� ein �belkeit erregendes Ger�usch, bei dem Sherlock unwillk�rlich zusammenzuckte. Der Hund jaulte laut auf und krabbelte winselnd davon.</p><p>Als Sherlock gleich darauf mit H�chstgeschwindigkeit wieder um eine Ecke flitzte, rannte er mit voller Wucht in einen Mann und eine Frau hinein, die anscheinend gerade am Ufer der Themse einen Spaziergang machten. W�hrend Sherlock blo� etwas nach hinten taumelte, schlug der Mann der L�nge nach hin.</p><p>�Du elender kleiner Dreckskerl�, schrie der Mann, als er sich wieder auf die Beine hievte. �Ich zieh dir die Hammelbeine lang!� Er schob sich die �rmel seiner Jacke hoch und entbl��te muskelbepackte Unterarme, die mit blauen Anker- und Meerjungfrauen-Tattoos �berzogen waren.</p><p>�Tu ihm nichts, Bill. Er hat�s nicht mit Absicht gemacht!� Die Frau klammerte sich an den Arm ihres Begleiters. Ihre bleiche Haut war �bertrieben geschminkt. Ihre Lippen sahen aus wie ein blutiger Schlitz, und ihre Augenlider waren mit schwarzem Puder schattiert, was ihr Gesicht im Endergebnis wie einen Totenkopf aussehen lie�. �Er ist doch nur ein Kind.�</p><p>�Ich dachte, er w�r �n Dieb�, knurrte der Mann noch einmal, diesmal allerdings schon weniger aggressiv.</p><p>�Hinter mir sind M�nner her�, stie� Sherlock zwischen keuchenden Atemz�gen hervor. �Ich brauche Hilfe.�</p><p>�Du wei�t, was sie in dieser Gegend mit kleinen Jungen alles anstellen�, sagte die Frau. �Das w�rde ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind w�nschen. Tu was, Bill. Hilf dem Jungen.�</p><p>�Stell dich hinter mich�, sagte Bill. Da die �rmel ohnehin schon einmal hochgekrempelt waren, schien er gro�e Lust auf einen Kampf zu haben, und offensichtlich zerbrach er sich auch nicht allzu sehr den Kopf dar�ber, mit wem er es gleich zu tun bekommen w�rde.</p><p>Sherlock schl�pfte hinter den massigen K�rper des Mannes, als seine Verfolger auch schon um die Ecke kamen.</p><p>�Bleibt, wo ihr seid�, sagte Bill mit tiefer Stimme, die vor Gewaltbereitschaft nur so triefte. �Lasst das Kind in Ruhe.�</p><p>�Keine Chance�, erwiderte Denny, der an der Spitze der f�nf M�nner stand. Er brachte seine Hand in die H�he, in der er ein Messer hielt. Das Licht der Nachmittagssonne perlte wie eine gl�hende Fl�ssigkeit auf dem scharfen Grat der Klinge entlang. �Der geh�rt uns.�</p><p>Bill langte nach dem Messer, doch Denny warf es von seiner rechten in die linke Hand und stie� es dann in einer raschen Vorw�rtsbewegung in Bills Brust. Der Mann fiel auf die Knie, spuckte Blut und starrte mit ungl�ubigem Gesichtsausdruck vor sich hin. Fast sah es so aus, als k�nnte er nicht akzeptieren, dass diese Sekunden hier im Stra�endreck seine letzten auf Erden sein sollten.</p><p>L�chelnd musterte Denny Sherlock, als Bill nach vorne auf das Pflaster krachte. �Bei dir�, versprach er, �wird�s nicht so schnell gehen.�</p></section><section><title><p><strong>13</strong></p></title><p>Sherlocks gesamter K�rper schien vor Entsetzen und Fassungslosigkeit zun�chst wie gel�hmt zu sein. Doch dann wurde er von gl�hend hei�er Wut gepackt. Er trat auf Denny zu und rammte ihm mit voller Wucht die Faust in den Unterleib. Verzweifelt nach Luft japsend, klappte der Schurke zusammen. Als sein Gegner zu Boden ging, wich Sherlock etwas zur�ck und trat ihm gegen den Unterkiefer. Etwas knackte. Der Mann schrie aus weit aufgerissenem Mund, mit einer grotesk verbogenen Kinnlade, die pl�tzlich wie eingerastet zu sein schien.</p><p>Die Frau�� Bills Begleiterin�� schrie ebenfalls wie am Spie�. Ihr schrilles Gekreische schnitt wie ein Messer durch die Luft. Fassungslos sahen sich die anderen vier M�nner an. Dann bewegten sie sich auf Sherlock zu und streckten ihre schmutzigen H�nde nach ihm aus. Alle Einzelheiten dieses schrecklichen Erlebnisses sollten sich unausl�schlich in Sherlocks Ged�chtnis einbrennen: der Dreck unter ihren Fingern�geln, die Haare auf den Handr�cken, die sich auf dem Boden ausbreitende Blutlache, das Gekreische der Frau und Dennys Schreie, die sich zu einem einzigen Schreckenslaut der Qual vereinten. Die Welt um ihn herum schien sich zu verlangsamen und schlie�lich zu erstarren, um gleich darauf in unz�hlige Teile zu zerspringen. Mit trockenem Mund wandte er sich der Frau zu. �Es tut mir so leid�, brachte er hervor.</p><p>Dann nahm er wieder die Beine in die Hand. Zwei der M�nner folgten ihm, wohingegen die anderen bei Denny zur�ckblieben, der neben Bill auf dem Stra�enpflaster zusammengebrochen war. Die Frau stand einfach nur da und blickte auf die beiden hinab, w�hrend ihr Gekreische nach und nach zu einem erstickten Schluchzen verebbte.</p><p>Als Sherlock um eine Ecke bog, sah er ein riesiges kuppelf�rmiges Geb�ude vor sich. So wie es inmitten eines ansonsten unbebauten und mit B�schen und B�umen bepflanzten freien Gel�ndes stand, wirkte es irgendwie ganz und gar fehl am Platz. Mehrere Stra�en�� keine schmalen Wege diesmal, sondern richtige, breite Stra�en�� f�hrten von dem Geb�ude fort, das von einem unabl�ssigen Wirrwarr aus Menschen und Pferden umschw�rmt wurde. Weiter hinten konnte Sherlock eine Steinmauer erkennen und dahinter wiederum das graue, aufgew�hlte Wasser der Themse.</p><p>Sherlock rannte auf das Gewimmel zu. Wo Leute waren, war er wahrscheinlich auch in Sicherheit.</p><p>Obwohl er in vollem Lauf immer wieder gut gekleidete Herren und Damen umkurven und sich einmal sogar unter einer Kutschendeichsel hindurchducken musste, hielt er unbeirrt auf das Geb�ude zu. Als er n�herkam, sah er, dass die Fassade mit Statuen und Fliesenmosaiken verziert war. Dann nahm er eine riesige �ffnung wahr, die sich dunkel und bedrohlich vor ihm auftat. Das musste der Eingang sein! Er �nderte leicht die Richtung und steuerte direkt darauf zu. Laute Fl�che und Schreie hinter ihm zeigten an, dass seine Verfolger noch nicht aufgegeben hatten.</p><p>Der Eingang f�hrte in eine runde Halle. Erleuchtet wurde der weite Raum von hellem Sonnenlicht, das durch unz�hlige in der Kuppel eingelassene bunte Glasfenster fiel. Das Licht verlieh dem Ort eine zirkushafte, clowneske Atmosph�re. In der Hallenmitte befand sich ein gro�es Loch im Boden, das von einer Galerie umgeben war. Dicht aneinandergereiht standen dort jede Menge Menschen, die auf irgendetwas hinabstarrten. Auf einer Seite schraubte sich am Rand des Loches eine breite Steintreppe in weiten Spiralen in die Tiefe der Erde hinab.</p><p>Sherlock st�rzte darauf zu und schob sich, so schnell es ging, durch die dichte Menschenmenge. Als er den Anfang der Treppe erreicht hatte, drehte er sich noch einmal um und sah, wie zwei seiner Verfolger sich ihren Weg durch die Menge bahnten. Einer von ihnen war ein glatzk�pfiger Kerl mit deformierten Ohren und einer ebensolchen Nase, was den kleinen Bereich in Sherlocks Hirn, der sich gerade nicht verzweifelt mit potentiellen Fluchtm�glichkeiten besch�ftigte, zu der Vermutung gelangen lie�, dass es sich um einen Boxer handeln k�nnte. Der andere war ein klapperd�rrer Mann mit scharfen Wangenknochen und spitzem Kinn. Sie waren offensichtlich ganz versessen darauf, ihn zu fangen�� koste es, was es wolle. Bevor er Denny den Unterkiefer gebrochen hatte, h�tten sie vielleicht aufgegeben, aber jetzt waren sie von einem Ziel getrieben. Einer von ihnen war bis auf die Knochen blamiert worden, und Sherlock w�rde daf�r b��en m�ssen.</p><p>Er drehte sich um und machte sich an den Abstieg.</p><p>Die Treppe schraubte sich an der Innenwand eines gigantischen Schachtes in die Tiefe. Hin und wieder wurde sie von einer Galerie unterbrochen, die sich horizontal um den Schacht herumzog, bevor die Stufen weiter in den Abgrund hinabf�hrten. Ein Geruch stieg aus dem Schacht empor. Ein Geruch, in dem sich feuchter Dunst, F�ulnis und Moder zu einem einzigen unertr�glichen Gestank verbanden, der Sherlock in der Nase stach und ihm das Wasser in die Augen trieb. W�hrend er immer an der Wand des zylindrischen Schachtes entlang in die Tiefe stapfte, nahmen seine Schritte allm�hlich einen gleichm��igen Rhythmus an. Er hatte keine Ahnung, was sich unten auf dem Boden des Schachtes befand. Aber ein kurzer Blick �ber das Gel�nder zeigte ihm, was ihn oben erwarten w�rde. Zwei von Baron Maupertuis� M�nnern kamen die Treppe herunter auf ihn zugerannt.</p><p>Er beschleunigte seine Schritte. Was auch immer er dort unten vorfinden w�rde, es konnte unm�glich so schlimm sein wie der sichere und vermutlich langsame Tod, der ihm im Nacken sa�.</p><p>Es kam ihm vor, als h�tte er einen Gro�teil der letzten paar Tage entweder damit verbracht wegzulaufen oder zu k�mpfen. Doch selbst jetzt, da seine F��e �ber die Steinstufen wirbelten und die �ber das Treppengel�nder rutschende Hand wie Feuer brannte, besch�ftigte sich ein Teil seines Gehirns fieberhaft mit den entscheidenden Fragen: Was war das f�r eine wichtige Sache, die Sherlock nach Meinung des Barons wusste und f�r die er sterben sollte? Was genau hatte der Baron vor, und warum stand Sherlock seinen Pl�nen im Wege?</p><p>Pl�tzlich kamen seine Beine aus dem Rhythmus und er strauchelte. Er hatte bereits den ebenen Grund des Schachtes erreicht, ohne es gemerkt zu haben. Er befand sich in einer von Gaslampen erleuchteten Halle, aus der zwei bogenf�rmige Tunnel�ffnungen in gleicher Richtung fortf�hrten. Die B�gen waren etwa vier bis f�nf Mal so hoch wie ein erwachsener Mann und aus Ziegelsteinen gemauert. Sherlock musterte die Steine. Wohin sein Blick auch fiel, an allen Stellen war das Mauerwerk triefend nass. Und Sherlock wusste auch warum. Der Lage der �ffnungen nach zu schlie�en, verliefen die beiden Tunnel direkt unter der Themse hindurch und endeten vermutlich auf der Nordseite in einem �hnlichen Schacht.</p><p>Wenn er es bis zur anderen Seite schaffte, k�nnte er vielleicht noch einmal mit dem Leben davonkommen.</p><p>Er stolperte in den Tunnel zu seiner Linken hinein. Auch hier war alles voller Menschen. Entspannt flanierten sie umher, als w�re es die nat�rlichste Sache der Welt, unter einem Fluss herumzuspazieren. Sogar Pferde wurden hier in aller Seelenruhe am Halfter mitgef�hrt. Die Leute hatten offensichtlich keine Vorstellung von den Abertausenden Tonnen von Wasser, die sich nur ein paar Meter �ber ihren K�pfen befanden und nur von br�ckeligem Mauerwerk und ein bisschen Putz zur�ckgehalten wurden.</p><p>Es gab Zeiten, in denen �berm��ig logisches Denken ein Fluch war. Und dieser Moment geh�rte zweifellos dazu. Sherlock hatte eine gute Vorstellung von dem gewaltigen Druck, der auf den Tunnelw�nden lastete. Nur ein kleiner Riss und sie w�rden alle im hereinstr�menden Wasser ertrinken.</p><p>Trotzdem lief er immer weiter. Schlie�lich hatte er keine andere Wahl.</p><p>Oder vielleicht doch? Im Laufen fiel ihm auf, dass die beiden Tunnel parallel zueinander verliefen und etwa alle zehn Meter durch kleinere Nebentunnel miteinander verbunden waren. In s�mtlichen dieser Nebentunnel hatten unternehmenslustige Londoner St�nde aufgebaut, an denen sie Essen, Getr�nke, Kleidung und allen m�glichen Krimskrams verkauften. Wenn er sich einfach durch einen dieser Tunnel davonstahl, k�nnte er sich in dem anderen Haupttunnel wieder zur�ck zum Eingangsschacht begeben, zum Lagerhaus zur�ckkehren und dort nach Amyus Crowe suchen.</p><p>Er hielt nach rechts auf die Tunnelwand zu und bog kurz darauf scharf in den erstbesten Seitentunnel ein, auf den er stie�. Ein Mann wandte sich ihm zu. Eine �llampe, die an einem Nagel an seinem Bretterstand hing, warf ihr Licht auf sein bleiches Gesicht. Seine graue Haut war feucht und sah aus wie etwas, das viel zu lange unter der Erde gewesen war. Er hatte sich in eine alte Decke geh�llt, die mit der Zeit vor Dreck ganz steif geworden war und ihn wie eine bizarre R�stung umgab. Aus Augen, die nur aus Pupillen zu bestehen schienen, starrte er Sherlock einen Moment an.</p><p>�Willste �ne Uhr?�, fragte er hoffnungsvoll. �Erstklassige Chronometer. Gehen immer richtig. Immer genau. Tischuhren, Standuhren�� Hab alles da. Was immer du willst.�</p><p>�Nein danke�, sagte Sherlock und dr�ckte sich am Stand vorbei. Ihm kam der Gedanke in den Sinn, wie bedeutungslos doch so etwas wie Zeit hier tief unter der Themse war. Es gab weder Sonne noch Mond, weder Tag noch Nacht. Die Zeit ging einfach so dahin. Wozu brauchte man da eine Uhr?</p><p>�Wie w�r�s mit �ner sch�nen Taschenuhr? Wenn de �ne Uhr hast, brauchste nie mehr nach der Zeit fragen. Mit �ner Savonette machen junge Burschen wie du schweren Eindruck auf die Ladys. Echtes Silber. Auch mit Schmuckgravur. Und drinnen im Deckel k�nntest de �n Bild von deinem Schatz aufbewahren.�</p><p>Na klar! Echtes Silber, mit Gravur. Und vermutlich Diebesgut. �Nein, danke�, erwiderte Sherlock au�er Atem. �Aber mein Vater hat Geld. Der kommt in einer Minute hier vorbei. Sagen Sie ihm, dass ich eine Uhr will. Und lassen Sie ihn nicht weg, ohne dass er eine kauft.�</p><p>Das L�cheln des Standbesitzers lie� Sherlock an einen r�uberischen Riesenkrebs denken, der, unter einem Stein lauernd, darauf wartete, dass ein ahnungsloses Opfer in seine N�he kam.</p><p>Sherlock ging weiter zum anderen Ende des Seitentunnels und lugte um die Ecke. Er blickte zum Eingangsschacht zur�ck, durch den er gekommen war, und stie� einen Fluch aus. Seine Verfolger mussten sich getrennt haben. Einer war ihm in den linken Tunnel gefolgt, doch der andere hatte den rechten genommen und kam jetzt auf ihn zu. Der Mann schob sich durch die Menge und musterte argw�hnisch jeden Mann, der j�nger als zwanzig zu sein schien, um ganz sicherzugehen. Offensichtlich kannten sich seine Verfolger besser in der Gegend aus als er.</p><p>Sherlock entschloss sich abzuwarten, bis der Mann am Tunneleingang vorbeigegangen w�re. Dann w�rde er einfach wieder zur�ckgehen. Aber sein Plan wurde durch einen Tumult zunichte gemacht, der sich pl�tzlich hinter ihm erhob. Er drehte sich um und sah, wie der Standbesitzer dem Schurksen, der Sherlock durch den linken Tunnel gefolgt war, eine kleine Reiseuhr in die Hand zu dr�cken versuchte. Es war der glatzk�pfige Mann mit den Blumenkohlohren und der zerquetschten Nase. Laut fluchend stie� der Schl�gertyp ihn weg. Aber der Standbesitzer kam zur�ckgetippelt und sah unter seinem harten Deckenpanzer nun mehr und mehr aus wie irgendein Krustentier, das am Grunde des Meeres lebte.</p><p>Wieder versuchte er, dem Glatzkopf die Uhr in die Hand zu dr�cken. �F�r Ihren Sohn! F�r Ihren Sohn!�, kreischte er dabei aus vollem Hals. Der Ex-Boxer versetzte ihm wieder einen Sto�. Diesmal einen h�rteren. Der Standbesitzer strauchelte, kam gegen die �llampe und schmetterte sie dabei gegen die Wand. Das Glas zersplitterte, und das �l ergoss sich �ber die schmutzverkrustete Decke des Standbesitzers. Der noch brennende Docht fiel ebenfalls auf die Decke und setzte sie in Brand.</p><p>Rasch breiteten sich die Flammen aus, w�hrend der Standbesitzer eine Schrecksekunde lang einfach nur wie gel�hmt auf der Stelle stand. Doch gleich darauf flitzte er, wild mit den Armen um sich schlagend, in den linken Haupttunnel hinaus. Panisch wichen die Leute vor ihm zur�ck. Dennoch stie� er mit einem Passanten zusammen, und augenblicklich sprang das Feuer auf dessen Gehrock �ber. Der Mann sprang zur Seite und schlug hastig mit der Hand auf die Flammen ein. Aber der einzige Erfolg bestand darin, dass er den ausladenden Reifrock einer Frau neben ihm in Brand setzte. Ein Pferd, das gerade am Halfter durch den Tunnel gef�hrt wurde, ging beim Anblick der Flammen durch und schleifte seinen Besitzer hinter sich her.</p><p>Innerhalb k�rzester Zeit verwandelte sich der Tunnel in ein Flammeninferno. In Windeseile fingen zun�chst Kleidungsst�cke Feuer, dann folgten die Stoffabdeckungen der St�nde, bis diese�� trotz ihres feuchten Holzes�� selbst in Flammen aufgingen. Rauch und Dampf vermischten sich im Tunnel zu einem erstickenden Nebel. Entsetzt floh Sherlock vor Feuer und Rauch in den rechten Tunnel, der zum Gl�ck noch frei von Flammen war.</p><p>In dem jedoch auch noch einer seiner Verfolger steckte.</p><p>Eine haarige Hand packte ihn an der Schulter.</p><p>�Hab ich dich, du Drecksack�, fauchte der Mann. Seine Jacken�rmel waren so schwarz vor alten Schwei�flecken, dass sie ganz steif und wachsig geworden waren. Der Gestank, den die Kleidung des Mannes verstr�mte, war unbeschreiblich.</p><p>Sherlock zappelte und wand sich unter seinem Griff. Aber es war sinnlos. Seine Finger bohrten sich hart in Sherlocks Schulter.</p><p>�Denny wird �n W�rtchen mit dir reden wollen�, fl�sterte der Mann und brachte sein Gesicht dicht vor Sherlocks. Sein Atem stank, als w�rde in seinem Mund eine Leiche verwesen. �Und ich glaub nich, dass dir sehr gefallen wird, was er zu sagen hat.�</p><p>Sherlock wollte gerade antworten, als er etwas auf dem Boden des Seitentunnels wahrnahm. Der von Rauch und Dampf verschleierte Grund schien sich pl�tzlich zu heben und dann wellenf�rmig auf und ab zu bewegen, als w�re er ein lebendiges Wesen. Gleich darauf erkannte er, dass er damit auch gar nicht so falsch lag. Allerdings handelte es sich nicht um <emphasis>ein</emphasis> Wesen, sondern um <emphasis>Tausende��</emphasis> Tausende von Ratten! In panischer Angst vor dem Feuer waren sie aus ihren L�chern und Schlupfwinkeln geflitzt und allesamt in eine Richtung gest�rmt: weg vom Feuer. Ein lebender Teppich aus struppigem braunem und schwarzem Fell ergoss sich �ber den Tunnelboden. Menschen und Pferde wichen entsetzt vor der Masse aus Haaren, Z�hnen und Schw�nzen zur�ck. Ein kleines M�dchen, das von seinen Eltern fortgezogen wurde, verlor den Halt und fiel hin. Im n�chsten Augenblick waren auch schon Gesicht und K�rper von einem Schwarm von Ratten bedeckt.</p><p>Der Mann, der Sherlocks Schulter gepackt hielt, lockerte seinen Griff, als die Tiere um seine Kn�chel wuselten und ihn mit ihren winzigen Z�hnen bissen. Fluchend schlug er mit einer seiner schaufelartigen H�nde auf sie ein. Sherlock riss sich aus seinem Griff los, st�rzte sich in die lebende Masse und griff nach dem Kind, das unter der wogenden Flut verschwunden war. Winzige Krallen trippelten ihm �ber Arme, Beine, Kopf und R�cken.</p><p>Ein widerlicher, bei�ender Gestank wie nach altem Urin drang ihm in die Nase. Seine Finger schlossen sich um einen kleinen Arm, und Sherlock zog aus Leibeskr�ften. Mit weit aufgerissenen Augen und den Mund schon zum Schreien ge�ffnet tauchte das M�dchen aus dem Rattenberg auf. �Du bist in Sicherheit�, beruhigte Sherlock sie. Er schob sie zur�ck in die Arme ihrer Eltern. Dankbar rissen sie das M�dchen an sich und umarmten es.</p><p>Und dann war die Rattenflutwelle �ber sie hinweggezogen, mit Ausnahme von ein paar kranken und lahmen Nachz�glern. Sherlock konnte sehen, wie die Tiere in beide Tunnelrichtungen vor dem Rauch davonflitzten, der weiterhin aus dem Seitentunnel quoll. Der Schl�gertyp, der Sherlock geschnappt hatte, klopfte sich immer noch verzweifelt die Kleidung ab, und unter dem Kleidungsstoff konnte Sherlock mehrere hin- und herhuschende Ausbeulungen erkennen. Wie es aussah, waren ein paar der um ihr Leben rennenden Tiere von unten in die Hosenbeine geflitzt und in ihrer Panik dann aus dieser Falle nicht mehr herausgekommen. Sherlock wandte sich ab und wollte gerade schon in Richtung des s�dlichen Flussufers zur�cklaufen, als ihm die beiden anderen Schl�ger einfielen. H�chstwahrscheinlich w�rden sie oben am Schachteingang auf ihn warten. Nein, seine beste Chance bestand darin, die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, und so rannte er den Tunnel hinunter auf das Nordufer der Themse zu. Schlie�lich gab es ja Br�cken und F�hrleute, um wieder ans andere Ufer zu kommen. Er w�rde schon zur�ckfinden. Irgendwann jedenfalls.</p><p>Sherlock hastete durch den Tunnel und entfernte sich immer weiter vom Feuer. M�nner in bunt zusammengew�rfelten Uniformen kamen mit Wassereimern an ihm vorbeigerannt: offenbar eine freiwillige Feuerwehrtruppe, die f�r die Sicherheit im Tunnel zust�ndig war. Er achtete nicht weiter auf sie und rannte weiter.</p><p>Schlie�lich erreichte er das Nordufer der Themse.</p><p>Der dortige Schacht samt seiner in Spiralen nach oben f�hrenden Treppenstiege war das exakte Spiegelbild seines Pendants auf der anderen Flussseite. Fast am Ende seiner Kr�fte stapfte er auf den Steinstufen nach oben, und auf jeder Galerieebene musste er erst einmal anhalten, um zu verschnaufen.</p><p>Aus der Dunkelheit in das Licht der Nachmittagssonne zu treten war dann, als w�re er aus der H�lle ins Paradies entkommen. Die Luft roch s��, und die leichte Brise war angenehm k�hl auf der Haut.</p><p>Er blieb einen Augenblick stehen und schloss die Augen, um das Gef�hl in vollen Z�gen zu genie�en. So einfach und doch so perfekt.</p><p>Die Gegend am n�rdlichen Tunneleingang schien etwas besser zu sein als die S�dseite. An den Kais lagen dicht aneinandergedr�ngt Schiffe aller Gr��en, und auf den Gangways schleppten Heerscharen von vierschr�tigen Hafenarbeitern emsig G�ter zwischen Schiffen und Kaianlagen hin und her. Sherlock ging am Ufer der Themse an den Schiffen vorbei und hielt nach einer Br�cke Ausschau, auf der er wieder auf das andere Ufer hin�berk�me. Er wusste, dass mehrere Br�cken �ber die Themse f�hrten. Er hatte nur keine Ahnung, ob sich diese in der N�he von Rotherhithe und dem Tunnel befanden. Aber logischerweise musste er irgendwann auf eine sto�en, wenn er lange genug weiterging. Vorausgesetzt nat�rlich, er ging in die richtige Richtung, sprich auf das Stadtzentrum zu. Allerdings hatte er daran kaum einen Zweifel. Denn wenn der Tunnel sich in Ostlondon befand, was ja der Fall war, und er diesen von S�d nach Nord durchquert hatte, was ebenfalls der Fall war, und er sich dann aus dem Tunnel kommend nach links wandte, m�sste er zwangsl�ufig in die richtige Richtung gehen. Das Sarbonnier Hotel, in dem Amyus Crowe ihre Zimmer reserviert hatte, lag fast direkt am Themseufer und noch dazu am n�rdlichen. Wenn er also weit genug lief, w�rde er es vermutlich auch finden. Viel lieber jedoch wollte er eigentlich wieder �ber die Themse zur�ck, um Amyus Crowe und Matty Arnatt ausfindig zu machen.</p><p>Etwa eine halbe Stunde sp�ter stie� er tats�chlich auf eine Br�cke: ein riesiges Gebilde mit Zwillingst�rmen aus grauem Stein auf beiden Ufern und einer gepflasterten Fahrbahn, die auf beiden Seiten von zahlreichen L�den und St�nden ges�umt war. M�de schleppte er sich �ber die Br�cke und ignorierte das Geschrei der verschiedenen H�ndler, die ihm, von einem ganzen Ochsen bis hin zu einer geladenen Pistole, alles M�gliche zu verkaufen versuchten. London kam ihm immer mehr als Ort der unbeschr�nkten M�glichkeiten vor. Vorausgesetzt man war bereit, daf�r zu zahlen.</p><p>Am S�dende der Br�cke angekommen, wandte er sich wieder nach links. Er ging weiter auf Stra�en, Gassen und Wegen und setzte seinen Weg sogar ein paarmal oben auf der breiten Krone der Ufermauer fort, um ja die richtige Richtung zum Lagerhaus in Rotherhithe nicht zu verlieren, wo er Amyus Crowe und Matty zuletzt gesehen hatte. Links von ihm am Themseufer bildeten die zahlreichen in den Himmel ragenden Schiffsmasten einen dichten Wald aus schlanken Holzst�mmen, und vom Fluss stieg der ewig pr�sente Gestank menschlicher Exkremente auf. Wenn Mycroft tagein tagaus an einem solchen Ort arbeiten musste, hatte er sich allein daf�r schon einen Orden verdient, dass er das �berlebte.</p><p>Ungef�hr eine Meile flussabw�rts von der Br�cke entfernt kam Sherlock an einem Schiff vorbei, das gerade von einer Gruppe Hafenarbeiter beladen wurde. Schwitzend und fluchend versuchten sie, sperrige Holzkisten auf schr�gen Gangways hinaufzubugsieren, ohne die Fracht in den Fluss fallen zu lassen. Etwas an der Gr��e und der Form der Kisten machte Sherlock stutzig. Im Schutz eines benachbarten Geb�udes pirschte er sich n�her heran.</p><p>Ein korpulenter Mann in marineblauer Jacke stand etwas abseits auf dem Kai. Mit pr�fendem Blick musterte er ein B�ndel Papierbl�tter, das auf einem Klemmbrett fixiert war.</p><p>Mit Hilfe eines Bleistiftes, dessen Spitze er immer wieder anlecken musste, damit er funktionierte, versah er die Bl�tter hin und wieder mit irgendwelchen Anmerkungen.</p><p>Die Kisten waren mit denen identisch, die Sherlock auf dem Anwesen des Barons gesehen hatte. Dort, wo er gefangengehalten worden war. Aus Holzlatten konstruierte kistenf�rmige Beh�ltnisse f�r Bienen. Und in der N�he standen stapelweise jene Holztabletts herum, die�� wie er vor Ort gesehen hatte�� unter die Kisten geschoben werden konnten. Zwar hatte man sie nun in Wachspapier eingeschlagen, aber ihre Umrisse waren unverkennbar.</p><p>Er war versehentlich mitten in die Geheimoperation des Barons hineingestolpert. <emphasis>Deswegen</emphasis> also waren Denny und seine Bande hergekommen!</p><p>Ohne die Szene aus den Augen zu lassen, r�ckte Sherlock noch n�her heran und duckte sich hinter einen Kistenstapel. Einige der Bienenst�cke wurden gerade auf eine Palette geladen, die daraufhin von schwitzenden Hafenarbeitern an Seilen in die H�he gezogen wurde, um dann in den Schiffsladeraum herabgelassen zu werden. Der Himmel allein mochte wissen, wie sie die Bienen davon abhielten, in Massen �ber sie herzufallen. So, wie sie es bei den beiden Ungl�cklichen in Farnham gemacht hatten. Vielleicht hatte der Baron ein Mittel, sie zu beruhigen.</p><p>Als Sherlock beobachtete, wie eine weitere Palette mit Kisten auf das Schiff zuschwang, riss an einer Ecke pl�tzlich eines der Halteseile. Die Palette kippte zur Seite und vier Bienenst�cke rutschten herunter. Sich tr�ge drehend, fielen sie herab und zersplitterten auf der steinernen Kaimauer in etliche Teile.</p><p>Von der Seite kamen augenblicklich M�nner mit Zinkeimern angerannt, an die ein r�sself�rmiger Ausgie�er angebracht war. Irgendetwas in den Eimern erzeugte Rauch und dieser Rauch schien die Bienen in einen schlafartigen Zustand zu versetzen.</p><p>Ein paar Tiere entkamen, aber die meisten blieben bei den zerst�rten Bienenst�cken zur�ck und vollf�hrten torkelnde Bewegungen, als w�ren sie betrunken. Geteerte Leinwandplanen wurden �ber die Tr�mmer geworfen. Dann schleifte man das Ganze �ber das Pflaster, um den Inhalt schlie�lich in den schaumigen Fluten der Themse verschwinden zu lassen. Sherlocks Vermutung nach war es anscheinend so gut wie unm�glich, einen zerst�rten Bienenstock wieder instand zu setzen.</p><p>�Sherlock?�</p><p>Eine sanfte Stimme rief seinen Namen. Er blickte sich von seinem Versteck aus um. Die Stimme hatte nicht wie die von Amyus Crowe geklungen. Und auch nicht wie Mattys.</p><p>�SHERLOCK?� Die Stimme klang nun eindringlicher. Erneut taxierte er die Umgebung. Pl�tzlich wurde er auf eine Gestalt aufmerksam, die sich wie er hinter einem Stapel Kisten versteckt hatte. Eine weibliche Gestalt.</p><p>�Virginia?�</p><p>Sie hatte ihre Reithosen an und trug eine kurze Jacke �ber einer schneewei�en Leinenbluse. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie zu ihm her�ber. �Was machst du denn hier?�, zischte sie.</p><p>Sherlock schl�pfte rasch zu ihr hin�ber. �Es w�rde zu lange dauern, das zu erkl�ren�, erwiderte er.</p><p>Sie musterte ihn von oben bis unten. �Was ist denn mit dir passiert?�</p><p>Er dachte einen Augenblick nach. �Bin in einem Haufen Ratten herumgeschwommen. Unter anderem jedenfalls. Und was hast du mir zu erz�hlen?�</p><p>�berraschend verlegen, wandte sie den Blick ab. �Ich hatte keine Lust, einfach zur�ckgelassen zu werden, w�hrend ihr Kerle den ganzen Spa� habt�, fl�sterte sie. �Also, bin ich in meine Reitkleidung geschl�pft und euch gefolgt.�</p><p>�Aber wir sind flussabw�rts gefahren. In einem <emphasis>Boot</emphasis>. Wie bist du uns gefolgt?�</p><p>Sie starrte ihn verwundert an. �In einem anderen Boot nat�rlich. Ich hab dem Bootsf�hrer einfach gesagt, dass er euch folgen soll. Er ist mir zuerst etwas dumm gekommen, aber ich hatte Geld dabei, das Vater mir gegeben hat, und da hat er sich wieder eingekriegt. W�hrend du das Lagerhaus beobachtet hast, habe ich dich beobachtet. Dann hab ich mitbekommen, wie einige M�nner aus einer kleinen Seitent�r im Lagerhaus geschlichen sind, w�hrend ihr alle anscheinend nichts mitbekommen und euch nicht vom Fleck ger�hrt habt. Also bin ich ihnen dann bis hierher gefolgt. H�tte sie �brigens fast noch verloren, als sie in eine Droschke gestiegen sind, aber zum Gl�ck hab ich auch gleich eine erwischt.�</p><p>�Ich habe nichts von dir gesehen�, wandte Sherlock lahm ein.</p><p>�Dad hat mir all seine F�hrtensuchertricks beigebracht�, erwiderte sie stolz. �Wenn ich dich verfolge, ist �nichts� genau das, was du sehen sollst.� Sie schwieg. Dann beugte sie sich vor und ber�hrte kurz seinen Arm.</p><p>�Was du getan hast, war unglaublich gef�hrlich�, meinte Sherlock. �Aber ich bin froh, dich zu sehen.�</p><p>Sie zuckte die Achseln. �Es war jedenfalls besser, als im Hotel auf eure R�ckkehr zu warten.�</p><p>�Aber warum bist du ausgerechnet denen gefolgt? Und nicht zu deinem Vater gegangen, um ihm zu erz�hlen, was passiert ist?�</p><p>�Einfach darum eben�, sagte sie nur und f�gte dann kleinlaut hinzu: �Na ja, eigentlich weil ich seine Spur verloren hatte.�</p><p>�Aber ein M�dchen�� allein�� im Londoner East End��� Er brach ab, unsicher, wie er den Satz zu Ende bringen sollte. �Hier laufen ein paar ziemlich �ble Kerle rum���, fing er schlie�lich wieder an. Und dann erz�hlte er, was ihm an diesem Nachmittag alles passiert war, und berichtete auch von dem erstochenen Mann und dem Brand in den Tunneln.</p><p>Es war eine gro�e Erleichterung, dar�ber zu sprechen. Aber gleichzeitig war sich Sherlock dar�ber im Klaren, dass er in t�dlicher Gefahr geschwebt hatte und er immer noch nicht wusste warum.</p><p>�Wir k�nnen nicht zulassen, dass sie damit durchkommen�, sagte Virginia, als er zu Ende erz�hlt hatte. �Du bist nur ein Kind. Die h�tten dich umbringen k�nnen.�</p><p>�Du bist auch nur ein Kind�, protestierte Sherlock lahm.</p><p>Virginia l�chelte. �So hab ich�s nicht gemeint�, erwiderte sie. �Was ich sagen wollte, ist, dass wir eigentlich nicht in so etwas hineingezogen werden sollten.�</p><p>�Aber das sind wir nun mal�, unterstrich Sherlock. �Und was immer da auch vor sich geht: <emphasis>Wir</emphasis> m�ssen es verhindern.�</p><p>�Okay, ich bin bereit. Ich hab was gefunden, um mich perfekt als Junge zu verkleiden�, sagte Virginia stolz und zog eine Kopfbedeckung unter der Stelle hervor, wo sie gerade hockte. Es handelte sich um eine Schirmm�tze aus Stoff. Sie hielt mit einer Hand die Haare hinter dem Kopf zusammen und lie� mit der anderen die M�tze dar�bergleiten. Mit den verborgenen Haaren und der zugekn�pften Jacke k�nnte sie tats�chlich gut als Junge durchgehen, fand Sherlock. Und nat�rlich hatte sie ja au�erdem noch ihre Reithosen an. M�dchen hingegen trugen Kleider, keine Reithosen. Niemand, der sie nicht kannte, w�rde den geringsten Anlass haben, misstrauisch zu werden.</p><p>�Da wir nun schon mal zusammen hier sind�, sagte Sherlock, �sollten wir die Gelegenheit nutzen und rausfinden, wohin dieses Schiff f�hrt.� Er hielt nach dem Mann Ausschau, den er zuvor gesehen hatte. Dem Mann mit den Papierbl�ttern auf dem Klemmbrett. �Ich glaube, der Mann da dr�ben ist der Lade- oder Kaimeister oder so was. Den k�nnen wir fragen.�</p><p>�Einfach so?�</p><p>�Dein Vater hat mir ein paar gute Tipps beigebracht, wie man Fragen stellt.�</p><p>Sherlock blickte sich um und wartete, bis niemand in ihre Richtung sah. Dann f�hrte er Virginia aus ihrem Versteck und schlenderte mit ihr zusammen auf dem Kai entlang, bis sie zu einer Stelle kamen, wo sie sich auf die Steinmauer setzten, die das Themseufer s�umte. Er versp�rte ein Prickeln im Nacken, normalerweise ein untr�gliches Zeichen daf�r, dass er beobachtet wurde. Aber er zwang sich dazu, das Gef�hl zu ignorieren. Denny war mittlerweile vermutlich bei einem Doktor oder Wundarzt, vorausgesetzt, dass sein Kiefer wirklich gebrochen war. Und was die anderen M�nner anbelangte, so standen die Chancen ziemlich gut, dass sie gar nicht einen so genauen Blick auf ihn hatten werfen k�nnen. Jedenfalls nicht so genau, dass sie in der Lage gewesen w�ren, ihn von anderen Kindern zu unterscheiden. Vor allem jetzt, da er �ber und �ber mit Dreck, Ru�, Rattenhaaren und allen m�glichen anderen Dingen bedeckt war, die er sich lieber nicht genauer ausmalen wollte. Sie sa�en eine gute halbe Stunde lang auf der Mauer, plauderten zwanglos �ber dieses und jenes und wurden allm�hlich zu einem Teil der Umgebung. Schlie�lich hatte der Lade- oder Kaimeister, oder was auch immer er war, seine Arbeit am Schiff erledigt und schickte sich an, in ihre Richtung zur�ckzugehen. Als er an ihnen vorbeikam, blickte Sherlock auf und sagte: �Hey, Boss. Gibt�s hier im Hafen Chance auf Arbeit?�</p><p>Der Mann musterte geringsch�tzig Sherlocks hagere Gestalt. �Komm in f�nf Jahren wieder, Sohn�, sagte er in nicht ganz unfreundlichem Ton. �Sieh zu, dass du ein paar Muskeln auf dein d�rres Gerippe kriegst.�</p><p>�Aber ich muss aus London verschwinden�, flehte Sherlock eindringlich. �Ich kann hart arbeiten. Ehrlich. Kann ich wirklich.�</p><p>Er zeigte auf das Schiff in der N�he. �Was ist denn mit denen? Die sehen aus, als h�tten se zu wenig Leute.�</p><p>�Haben sie�, best�tigte der Mann. �Heute Nachmittag sind drei zu wenig gekommen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass du f�r einen von denen einspringen kannst. Und au�erdem: Der Kahn wird dich nicht sehr weit aus London fortbringen.�</p><p>�Warum nicht?�, fragte Sherlock.</p><p>�Der segelt nur nach Frankreich und dann gleich wieder zur�ck. Kein Landgang f�r die Crew.� Er lachte. �Wenn du dich f�r �ne Weile verkr�meln m�chtest, tret� doch in die Navy ein. Oder h�ng hier einfach lange genug rum, bis eins ihrer Presskommandos kommt und dich fortschleppt.�</p><p>Immer noch lachend zog er davon.</p><p>�Frankreich�, sagte Sherlock fasziniert. �Interessant.�</p><p>�Wie ich h�re, wollt ihr euch unserer Crew anschlie�en�, rief eine Stimme vom Bug des Schiffes aus. Sherlock verzog das Gesicht zu einer Grimasse und blickte in eine andere Richtung. Aber die Stimme sprach weiter: �Warum kommst du mit dem M�dchen nicht einfach an Bord? Ja, wir wissen n�mlich, dass es ein M�dchen ist. Haben euch beobachtet, seit ihr hier aufgetaucht seid. Was denn? Habt ihr etwa gedacht, ihr w�ret unsichtbar?�</p><p>Sherlock blickte den Kai entlang zu der Stelle, wo der Lademeister stehengeblieben war und zu ihnen zur�ckblickte. Sein Gesichtsausdruck war mitleidig, aber entschlossen. Von ihm war keinerlei Hilfe zu erwarten.</p><p>Sherlock glitt von der Mauer, nahm Virginias Hand und half ihr herunter. �Zeit zu gehen�, sagte er. Aber als er sich umdrehte, sah er sich unversehens einem Halbkreis von Seeleuten und Hafenarbeitern gegen�ber, die wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schienen.</p><p>Virginia mit sich ziehend, versuchte er wegzurennen. Aber schwere H�nde packten ihn und zerrten ihn von ihr fort. Er stolperte, die H�nde hielten ihn jedoch mit eisernem Griff auf den Beinen. Er sah, dass auch Virginia stolperte. Doch im n�chsten Augenblick nahm er nur noch eine Hand wahr, die mit einem zusammengekn�llten Stoffballen in der Innenfl�che auf ihn zugeschossen kam und sich auf sein Gesicht presste. Ein schwerer, bitterer Medizingeruch drang ihm in die Nase. Dann st�rzte er pl�tzlich in ein bodenloses Loch, das exakt die Farbe von Virginias Augen hatte. Ein abgrundtiefer Schlaf und entsetzliche Tr�ume warteten auf ihn.</p></section><section><title><p><strong>14</strong></p></title><p>In seinen Tr�umen k�mpfte Sherlock mit einer riesigen Schlange. Ihr K�rper war so dick wie ein Bierfass und bestand, soweit er es sehen konnte, nur aus Muskeln und Rippen. Ihr Kopf sah aus wie ein flaches Dreieck mit zwei s�geartigen Z�hnen an den Seiten. Sie k�mpften irgendwo im Wasser, aber in seinem Traum war das Wasser so dick und schwarz wie R�bensirup. Die Schlange ringelte sich langsam um seinen K�rper und zog sich zusammen, um seine Rippen zu brechen. Aber das z�hfl�ssige Wasser erschwerte ihre Bewegungen, und Sherlock war in der Lage, den um ihn gewundenen K�rper auseinanderzudr�cken, indem er sich mit Armen und Beinen fest dagegenstemmte. Doch als er dann zu fliehen versuchte, wurden seine Schwimmbewegungen von dem z�hfl�ssigen Wasser so grotesk verlangsamt, dass die Schlange erneut ihren K�rper um ihn schl�ngeln und langsam wieder zudr�cken konnte. Und so ging es immer weiter: Verstrickt in einem endlosen Kampf, versuchte Sherlock unaufh�rlich der Schlange zu entkommen, w�hrend diese beharrlich bestrebt war, ihn zu umklammern.</p><p>Mit dem Gef�hl, dass eine Menge Zeit verstrichen war, erwachte Sherlock endlich. Mund und Hals f�hlten sich staubtrocken an, und als er mit der Zunge �ber den Gaumen fuhr, blieb sie zun�chst daran haften. Au�erdem war er am Verhungern.</p><p>Nach einer Weile f�hlte er sich stark genug, um sich aufzusetzen, ohne dass ihm �bel wurde. Und was er sah, lie� ihn vor�bergehend Durst, Hunger und �belkeit vergessen.</p><p>Er lag in einem Himmelbett, �ber das sich ein kunstvoll bestickter Baldachin w�lbte. Sein Kopf ruhte auf weichen Daunenkissen und der Raum war mit dunklem Eichenholz get�felt.</p><p>Erlesene, mit detailreichen Motiven verzierte Teppiche bedeckten die gl�nzend lackierten Bodendielen.</p><p>Es war derselbe Raum, in dem er aufgewacht war, nachdem man ihn im Boxring k.o. geschlagen hatte, auf dem Jahrmarkt am Rand von Farnham.</p><p>Aber wie war das m�glich? Baron Maupertuis hatte das Anwesen doch aufgegeben und es v�llig leer zur�ckgelassen. Er konnte doch unm�glich so rasch zur�ckgekehrt sein? Und warum sollte er so was tun?</p><p>Sherlock rollte sich vom Bett herunter und stellte sich aufrecht hin. Er fuhr sich mit einer Hand durchs Gesicht und war �berrascht, als er um Mund und Nase herum auf irgendetwas Trockenes stie�. Er rieb daran, zog etwas davon von seiner Haut ab und betrachtete seine Finger. Sie waren mit F�den einer schwarzen Substanz bedeckt. Er rieb die Finger aneinander und stellte verwundert fest, dass die F�den leicht klebrig waren.</p><p>Er erinnerte sich an den Stoffballen, der ihm auf den Mund gepresst worden war. Eine Chemikalie? Eine Droge, um ihn zu bet�uben? Das war nicht unwahrscheinlich.</p><p>Und Virginia? Der pl�tzlich in ihm aufbrodelnde Zorn sp�lte die letzten Reste von Schlaf und �belkeit aus seinem K�rper. Was war mit Virginia passiert? Sollte jemand ihr etwas angetan haben, dann w�rde er ihn��</p><p>Was w�rde er? Ihn umbringen? Er war momentan nicht gerade in der Lage, so etwas zu tun.</p><p>Er musste Informationen sammeln. Herausfinden, was hier vor sich ging, und warum. Erst dann w�rde er etwas unternehmen k�nnen.</p><p>Sherlock ging zu den geschlossenen Vorh�ngen hin�ber und zog sie zur�ck. Er hatte erwartet, auf trockene rote Erde und Hunderte von Bienenst�cken zu blicken. So wie beim letzten Mal, als er in diesem Raum gewesen war. Aber was er nun sah, lie� ihn �berrascht zur�cktaumeln.</p><p>In kurzer Entfernung zum Haus zog sich ein Strand aus grauem Sand entlang und dahinter erstreckte sich bis zum fernen Horizont eine Fl�che aus rollenden, schaumgekr�nten Wogen. Der Himmel war strahlend blau. Und irgendwo in der Ferne konnte Sherlock mehrere Segel erkennen.</p><p>Er schloss einen Moment lang die Augen und dachte nach. Halluzinierte er gerade? Durchaus m�glich, vermutete er. Aber der Traum von der Schlange und dem sirupartigen Wasser hatte etwas Bizarres und Unlogisches in der Wahrnehmung gehabt. Etwas, das�� im Nachhinein betrachtet�� bewirkt hatte, dass ihm irgendwie klar gewesen war, dass er tr�umte. Wohingegen das da drau�en klar erkennbar war und irgendwie echt aussah.</p><p>War das Bild, das sich ihm drau�en vor dem Fenster bot, etwa genau das? Ein perfekt ausgef�hrtes Gem�lde, das einem den Eindruck vermittelte, es mit realem Strand, Meer und Sonne zu tun zu haben, w�hrend es sich tats�chlich nur um Farbpigmente auf einer Leinwand oder einer Tafel handelte? Er �ffnete wieder die Augen und sah noch einmal genauer hin.</p><p>In weiter Entfernung waren kleine, wei�e w-f�rmige Umrisse zu erkennen, die �ber den Wellen kreisten, sich also bewegten, w�hrend er sie beobachtete. Seev�gel, die sich im Aufwind treiben lie�en. So etwas konnte man nicht in einem Bild vort�uschen. Was auch immer sich da drau�en befand, war real.</p><p>Und da es in der N�he von Farnham keinen Ozean gab, lag die logische Schlussfolgerung nahe, dass er sich nicht mehr in der N�he von Farnham befand. Und vermutlich noch nicht einmal mehr in England. Der Kaimeister hatte erz�hlt, dass das Schiff Frankreich ansteuern w�rde. Das w�rde auch die merkw�rdige Felsk�ste erkl�ren.</p><p>Aber was war mit dem Raum? Das war vermutlich ganz simpel durch die Tatsache zu erkl�ren, dass Baron Maupertuis ein Gewohnheitstier war und, wo immer er sich auch aufhielt, es zu sch�tzen wusste, wenn seine Umgebung stets so vertraut wie m�glich war. Gesetzt den Fall, dass es sich bei dem Anwesen au�erhalb von Farnham nicht um seinen Familiensitz handelte, so hatte er es vermutlich so umgebaut und umgestaltet, dass es dem glich, was er als sein Zuhause bezeichnete�� wo immer es auch sein mochte. Wobei es sich dabei durchaus um dieses franz�sische�� wie sagte man hier doch gleich�� <emphasis>Ch�teau</emphasis>?�� handeln konnte, in dem er sich gerade aufhielt.</p><p>Ein seltsames Gef�hl der Selbstzufriedenheit erf�llte ihn. Er war einer Sache auf die Spur gekommen, die von seinen Widersachern seiner Vermutung nach eigentlich daf�r vorgesehen war, ihn zu verwirren und aus dem Gleichgewicht zu bringen. Als dann das T�rschloss hinter ihm klickte und die T�r nach innen aufschwang, drehte er sich nicht einmal um. Er wusste bereits, was er dort zu sehen bek�me: zwei Diener in schwarzen Kniebundhosen, schwarzen Beinlingen, schwarzen Westen und kurzen schwarzen Jacken. Mit schwarzen Samtmasken im Gesicht. Genau wie beim letzten Mal. Er z�hlte im Kopf bis zehn und drehte sich um. Er hatte recht. Jedenfalls zum Teil. Die beiden Diener, die links und rechts in der T�r standen, waren genauso angezogen, wie er sich erinnerte. Allerdings stand noch ein dritter Mann in der Mitte des T�rrahmens. Genauer gesagt, war er so riesig, dass er diesen fast vollst�ndig ausf�llte. Seine Arme waren so dick wie die Beine eines normalen Mannes, w�hrend seine eigenen Beine den Umfang von Baumst�mmen aufwiesen. Seine H�nde glichen in Gr��e und Gestalt gro�en Schaufelbl�ttern. Aber das, womit er in erster Linie die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, war sein Kopf. Er war kahlgeschoren, doch seine Kopfhaut war so dicht von gewundenen braunen Narben �berzogen, dass es auf den ersten Blick aussah, als h�tte er einen �ppigen Haarschopf auf dem Kopf. �ber einem schlabberig sitzenden grauen Anzug trug er einen langen braunen Ledermantel, dessen weiter Schnitt und schiere Masse ihn sogar noch gr��er wirken lie�en.</p><p>�Der Baron will dich sehen�, sagte er mit einer Stimme, die sich anh�rte, als w�rden zwei Millionen Mahlsteine aufeinanderreiben.</p><p>�Und was ist, wenn ich den Baron nicht sehen will?�, erwiderte Sherlock ruhig. Die beiden Diener tauschten Blicke aus, aber der Narbenmann sch�ttelte nur leicht den Kopf. �Was der Baron will, kriegt er auch. Etwas anderes gibt es nicht.�</p><p>�Was ist, wenn ich mich weigere, mit euch zu gehen?�</p><p>�Dann packen wir dich am Kragen und tragen dich.�</p><p>Sherlock wusste, dass er sich kindisch benahm. Aber seine Widersacher sollten begreifen, dass er nicht einfach nur ein willenloses und passives Opfer war.</p><p>�Was, wenn ich mich am T�rrahmen festkralle und mich weigere loszulassen?�</p><p>�Dann brechen wir dir die Finger und nehmen dich trotzdem mit.�</p><p>Der Mann l�chelte, aber in seinem Ausdruck lag keine Spur von Heiterkeit. Es war lediglich ein blo�es Zurschaustellen seiner Z�hne. Wie ein Tiger, der sich bereit zum Sprung auf sein Opfer machte. �Der Baron braucht von dir nur das, was �brig bleiben muss, um Fragen zu beantworten. Mehr nicht. Das bedeutet also deinen Kopf, damit dein Hirn denken und dein Mund sich bewegen kann, und deinen Brustkorb, damit deine Lungen atmen und dich am Leben halten k�nnen. Alles andere ist optional. Deine Wahl.�</p><p>Sherlock wartete noch einen Augenblick, nur um zu demonstrieren, dass er sich dar�ber bewusst war, eine Wahlm�glichkeit zu haben und diese auch in Anspruch nahm. Dann bewegte er sich auf die T�r zu. Der Narbenmann r�hrte sich nicht von der Stelle, bis Sherlock kurz davor war, in ihn hineinzulaufen. Erst dann drehte er sich etwas zur Seite. Doch gerade nur so viel, dass Sherlock durch die T�r kam.</p><p>�Mein Name ist MrSurd�, sagte er, als die beiden Diener und er Sherlock auf dem Korridor folgten. �Ich bin pers�nlicher Diener und Faktotum des Barons. Was immer er auch verlangt, ich erledige es. Will er ein Glas Madeira, geh�rt es zu meinen Aufgaben, ihm eines einzuschenken. Will er deinen Kopf auf einem Tablett, ist es meine Pflicht, ihn abzuschneiden und zu servieren. Kein Vergn�gen, keine ehrenvolle Aufgabe. Einfach nur ein Job. Verstehst du mich?�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Sherlock. �Sie waren das mit der Peitsche, als ich das letzte Mal beim Baron war, oder? Sie haben da im Dunkeln gestanden.�</p><p>�Nur ein Job�, wiederholte der Narbenmann. �Aber ein gut gemachter Job erf�llt mich mit gro�er Befriedigung.�</p><p>Der obere Korridor und die Treppe, die hinunter in die Haupthalle f�hrte, sahen genauso aus, wie er sie von dem Anwesen in Farnham her noch in Erinnerung hatte. Unversehens ertappte Sherlock sich dabei, wie er nach den Hufspuren suchte, die Matty und er bei ihrer Flucht hinterlassen haben mussten. Doch halt, nein. Dies war nicht dasselbe Haus, sondern ein anderes. Eines, das einfach nur so aussah wie das in Farnham.</p><p>Virginia stand neben einem gro�en Teakschrank in der Halle. Direkt vor dem Raum, in dem, wie Sherlock sich erinnerte, Baron Maupertuis auf sie warten w�rde. Bewacht wurde sie von zwei maskierten Dienern, die sich neben ihr postiert hatten.</p><p>�Alles in Ordnung?�, fragte er.</p><p>�Nur ein paar seltsame Tr�ume�, erwiderte sie. �Ich bin auf Sandia geritten, aber er war so wild, dass ich ihn beim besten Willen nicht kontrollieren konnte. Wir sind einfach weiter und weiter durch eine komische Landschaft geritten, die immer in dem Augenblick zerflossen ist, in dem ich einen Blick darauf geworfen habe.� Sie sch�ttelte sich, um die unangenehme Erinnerung loszuwerden. �Und was ist mit dir?�</p><p>�Schlangen�, sagte er nur.</p><p>�Was war das f�r ein Zeugs, mit dem sie uns bet�ubt haben? Mein Kopf f�hlt sich immer noch ganz benebelt an.�</p><p>�Ich glaube, es war Laudanum, in Alkohol gel�stes Opium. Meine Mutter und mein Vater haben es auf Anordnung des Arztes immer meiner kranken Schwester verabreicht. Ich erkenne den Geruch wieder. Es wird aus Mohn gemacht.�</p><p>�Mohn?� Sie lachte. �Den hab ich noch nie gemocht. Das sind ganz gruselige Blumen.�</p><p>MrSurd schob sich an ihnen vorbei und �ffnete die T�r zu dem Raum, in dem der Baron auf sie wartete. Mit einer Geste forderte er sie auf einzutreten.</p><p>Wie bei ihrer letzten Begegnung lag der Raum im Dunkeln. Am Kopfende eines riesigen Tisches waren zwei St�hle platziert worden. Das andere Ende des Tisches lag im Schatten verborgen. Schwere schwarze Vorh�nge verh�llten die Fenster und verhinderten, dass Sonnenlicht ins Zimmer drang. Die wenigen Wandbereiche, die Sherlock erkennen konnte, waren mit Schwertern und Schildern bedeckt. Und an einer Stelle war sogar eine vollst�ndige Ritterr�stung aufgestellt worden, die so arrangiert war, dass der in der R�stung steckende imagin�re Ritter ein Schwert in der Hand hielt.</p><p>MrSurd bedeutete ihnen, sich zu setzen. Sherlock spielte mit dem Gedanken, sich zu weigern. Aber dann nahm er etwas in MrSurds Blick wahr. Etwas, das ihn zu dem Schluss kommen lie�, dass der Diener genau dies nicht nur von ihm erwartete, sondern sich sogar regelrecht w�nschte, um Sherlock eine schmerzhafte Lektion erteilen und ein f�r alle Mal sicherstellen zu k�nnen, dass er gehorchte.</p><p>Also setzte sich Sherlock lieber, w�hrend Virginia neben ihm Platz nahm.</p><p>MrSurd und die vier Diener gingen zum anderen Ende des Raumes und verschwanden in der Dunkelheit.</p><p>Eine Weile war es still im Zimmer. Abgesehen von einem feinen Knarren und Knarzen, Ger�uschen, wie sie unter Spannung stehende Taue und Holz von sich geben und die Sherlock schon beim letzten Mal aufgefallen waren.</p><p>Dann erklang eine fl�sternde Stimme, die sich wie trockene Bl�tter anh�rte, die im Wind raschelten. �Du beharrst darauf, meine Pl�ne zu durchkreuzen, und dabei bist du doch nur ein Kind. Wegen dir war ich gezwungen, eines meiner Anwesen aufzugeben.�</p><p>�Sie scheinen es zu lieben, wenn ihre H�user identisch konstruiert und eingerichtet sind�, sagte Sherlock. �Warum? Ziehen Sie es vor, dass die Dinge alle gleich aussehen?�</p><p>Eine Weile herrschte Stille, und jeden Augenblick erwartete Sherlock, zu sp�ren zu bekommen, wie sich die aus der Dunkelheit schnellende Peitschenspitze in sein Fleisch schnitt.</p><p>Aber stattdessen antwortete die Stimme.</p><p>�Wenn ich einmal etwas gefunden habe, das ich mag�, sagte sie, �sehe ich keinen Grund darin, etwas anderes zu ertragen. Ob nun der Grundriss und die Einrichtung eines Hauses oder ein Regierungssystem�� Sobald ich etwas gefunden habe, das funktioniert, will ich es duplizieren, damit die Dinge absolut identisch sind, wo immer ich auch bin. Ich finde das�� irgendwie tr�stlich.�</p><p>�Und deswegen kleiden Sie ihre Diener auch in schwarze Masken. So k�nnen Sie sich der Illusion hingeben, dass Sie�� egal, wo Sie sich gerade aufhalten�� stets von denselben Leuten umgeben sind.�</p><p>�Sehr scharfsinnig.�</p><p>�Und wir befinden uns gerade wo�� in Frankreich?�</p><p>�Du hast die Landschaft erkannt? Ja, dieses Haus liegt in Frankreich. W�hrend man euch auf dem Schiff und dann in der Kutsche hierhergebracht hat, wurdet ihr die ganze Zeit �ber bet�ubt gehalten.�</p><p>�Aber was ist mit MrSurd?�, fragte Sherlock. �Von ihm gibt�s nur einen.�</p><p>�MrSurd ist unersetzlich. Wohin ich gehe, geht auch er hin.�</p><p>�Sie <emphasis>sind</emphasis> Baron Maupertuis, nicht wahr?�</p><p>�Du �berraschst mich schon wieder. Ich h�tte nicht gedacht, dass mein Name weithin bekannt ist.�</p><p>�Ich�� hab das anhand von Anhaltspunkten kombiniert.�</p><p>�Sehr clever. Wirklich sehr clever. Mein Kompliment f�r deine Kombinationsgabe. Und was hast du dir sonst noch so zusammenkombiniert?�</p><p>Virginia legte warnend eine Hand auf die seine. Aber Sherlock sp�rte pl�tzlich Stolz in sich aufkeimen�� Stolz auf die Nachforschungen, die er unternommen hatte, auf die Sachverhalte, die er aufgedeckt hatte, und darauf, dass sich die Einzelteile der Verschw�rung in seinem Kopf allm�hlich zu einem Bild zusammenzuf�gen begannen. Und au�erdem, so sagte er sich, war es wichtig, dass Maupertuis erfuhr, dass seine Pl�ne nicht mehr l�nger geheim waren. �Ich wei�, dass Sie Bienen gehalten haben, und ich wei�, dass es sich um eine ausl�ndische Spezies handelt, die aggressiver ist als jede europ�ische Bienenart. Das bedeutet, Sie halten die Tiere nicht, um Honig zu produzieren, sondern um ihrer Stachel willen. Sie wollen, dass sie Menschen verletzen oder t�ten.� Sein Hirn arbeitete jetzt auf Hochtouren und jonglierte fieberhaft mit diversen Fakten herum, um auf Muster zu sto�en, die er zuvor kaum f�r m�glich gehalten hatte. Amyus Crowes Absicht war es gewesen, ihn zu unterrichten, ihn zu trainieren. Baron Maupertuis aber nahm ihn tats�chlich ernst�� oder besser gesagt, betrachtete ihn als ernsten Gegner. Er h�rte sich Sherlocks Schlussfolgerungen an, als h�tten sie wirklich eine Bedeutung. Als w�ren es nicht blo� Antworten theoretischer Natur, die sich auf k�nstlich konstruierte Problemstellungen bezogen, in denen Hasen und F�chse involviert waren.</p><p>�Sie haben auch eine Fabrik betrieben, um Kleidung zu produzieren�� Armeeuniformen, glaube ich.� Er hielt eine Sekunde inne. Da war etwas, das er mit seinen Gedanken noch nicht ganz greifen konnte, ein bedeutsames logisches Ziel, auf das alles hinauslief und dessen Elemente er bereits alle kannte. Mit Ausnahme des letzten, das einen eher intuitiven Sprung erforderte. �Einer ihrer M�nner, ich glaube Wint war sein Name, hat ein paar Kleidungsst�cke gestohlen und sie in seinem Haus gelagert. Er wurde von Bienen attackiert. Ein anderer Mann, der auf dem Anwesen meines Onkels als G�rtner arbeitete, hat zuvor in Farnham Kleidung hergestellt�� f�r Sie, vermute ich mal. Auch er wurde von Bienen get�tet. Hat er vielleicht ein paar der Kleidungsst�cke f�r eigene Zwecke abgezweigt, Sie also sozusagen bestohlen?� Der mentale Nebel, der die letzte entscheidende logische Schlussfolgerung bisher noch vor ihm verh�llt hatte, begann sich nun zu lichten, und triumphierend fuhr er fort: �Also ist etwas in der Kleidung, das die Bienen dazu bringt anzugreifen. Sind die Kleidungsst�cke in Kisten verpackt, passiert nichts. Aber wenn die Leute sie anziehen�� werden die Bienen angelockt und stechen auf alle ein, die diese Kleidung tragen. Egal, um wen es sich handelt.�</p><p>Virginia hielt seine Hand nun fest umklammert. Aber Sherlock ignorierte sie.</p><p>�Diese M�nner da, die im Lagerhaus in Rotherhithe waren,�� die haben davon gesprochen, dass die Kisten nach Ripon, Colchester und Aldershot transportiert werden sollen. Das sind alles Armeegarnisonen. Wenn also s�mtliche Kisten zu Armeegarnisonen gebracht werden, dann handelt es sich bei der Kleidung wahrscheinlich um Uniformen. Was haben Sie gemacht? Sind Sie an so etwas wie einen Regierungsauftrag gekommen, um die britische Armee mit Uniformen zu beliefern? Die Soldaten tragen ihre neuen Uniformen vermutlich, w�hrend sie sich vorbereiten, nach Indien verlegt zu werden. Und dann���</p><p>Sherlocks fieberhafte Gedankenspr�nge waren eine Zeit lang dem �brigen Teil seines n�chtern analysierenden Geistes vorausgeeilt. Aber nun takteten sie pl�tzlich wieder im Gleichklang. Sein Vater. Aldershot. Indien. Uniformen. �Und dann lassen Sie die Bienen frei, die sich daraufhin auf jeden Soldaten der britischen Armee st�rzen, ob Gefreiter, Unteroffizier oder Offizier�, fl�sterte er, entsetzt dar�ber, zu welcher Erkenntnis ihn die Logik gebracht hatte.</p><p>�Tausende von mysteri�sen, aber unabwendbaren Todesf�llen�, fl�sterte der Baron von seinem Platz in der Dunkelheit am anderen Tischende aus. �Ein demoralisierender Schlag mitten ins Herz des Britischen Empires. Vollstreckt durch die winzige Biene�� diesem kleinen Tierchen, das daf�r sorgt, dass Tausende von Sonntag-Nachmittags-Teegesellschaften nicht auf ihren Honig verzichten m�ssen. Die darin liegende Ironie ist�� irgendwie reizvoll.�</p><p>�Aber warum?� Sherlock hatte pl�tzlich Bilder von seinem Vater im Kopf. Bilder, in denen er mit geschwollenem Gesicht und von Beulen �bers�t zusammenbrach und langsam erstickte, w�hrend die Bienen wieder und wieder auf ihn einstachen.</p><p>�Warum?� Die Stimme des Barons war um keinen Deut lauter geworden, aber pl�tzlich lag eine B�sartigkeit darin, die vorher nicht dagewesen war. �<emphasis>Warum?</emphasis> Weil dein erb�rmliches kleines Land sich der Wahnsinnsillusion von Gr��e hingibt, die dazu gef�hrt hat, dass es die halbe Welt eroberte. Dabei ist es gar nicht leicht, ein Land zu finden, das kleiner ist als England. Ihr seid kaum mehr als ein Klecks auf der Landkarte. Es gibt keinen Globus auf der Welt, auf dem ein Kartograph in der Lage gewesen w�re, das Wort �England� innerhalb der Inselgrenzen zu platzieren. Sie ist einfach zu klein. Und trotzdem besitzt ihr die Arroganz, die Frechheit und gebt euch der schieren Selbstt�uschung hin, zu glauben, dass die Welt nur f�r eure g�tige Herrschaft geschaffen wurde. Und diese Welt hat sich dann auch noch einfach nur schl�frig umgedreht und euch gew�hren lassen! Erstaunlich. Aber es gibt M�nner, Milit�rs, die euren wilden Raubtierinstinkten Einhalt gebieten werden.</p><p>Die Grenzen des Britischen Empires m�ssen zur�ckgedr�ngt werden, und wenn auch nur, damit andere L�nder Luft zum Atmen und etwas Raum zum Leben bekommen. Ich�� repr�sentiere eine Gruppe von solchen M�nnern�� Deutsche, Franzosen, Amerikaner, Russen. Sie haben sich zusammengetan, um eure territorialen Ambitionen zu z�geln. Ihr werdet nicht ruhen, ehe sich die rot markierte Fl�che des Britischen Empires �ber die ganze Landkarte ausgebreitet hat; und wir werden nicht ruhen, bis sich diese Fl�che wieder auf eure mickrige Insel beschr�nkt.� Er hielt inne. �Und vermutlich noch auf Britisch Honduras und S�dafrika. Britisch Honduras k�nnt ihr behalten.�</p><p>�Somit planen Sie also, die britische Armee durch einen einzigen Schlag zu vernichten.�</p><p>�Nicht so sehr durch einen einzigen Schlag als vielmehr durch eine immer weiter um sich greifende Krankheit, die nur Soldaten bef�llt und niemand sonst. Die Bienen sind, wie du ja bereits wei�t, ungew�hnlich aggressiv und territorial orientiert. Wir haben sie auf Aggressivit�t hin gez�chtet�� und sie vermehren sich ausgesprochen schnell. Die Substanz, mit der wir die Uniformen getr�nkt haben, wird von den K�rpern der Soldaten absorbiert und dann �ber die Haut wieder ausgeschwitzt. Riechen die Bienen das, gehen sie augenblicklich zum Angriff �ber. Sobald die Bienen aus ihren neuen Heimen freigelassen worden sind, werden sie sich im Laufe einiger Monate �ber ganz England ausbreiten und auf ihrem Weg alle Soldaten zu Tode stechen, denen sie begegnen. F�r die n�chste Angriffsphase werden wir an geheimen Orten in Europa weitere V�lker z�chten. Entsetzen, Angst und nackte Panik werden unsere effektivsten Verb�ndeten sein. Eine mysteri�se Seuche, die nur Soldaten bef�llt. Und England wird auf die Position verwiesen, die es verdient: die einer drittrangigen Nation.�</p><p>�Aber was ist mit den beiden M�nnern, die gestorben sind? Ihr Komplize und der G�rtner meines Onkels. Die waren nicht Teil der Verschw�rung, oder?�</p><p>Ein Rascheln und Knarzen ert�nte aus der Dunkelheit, als w�rde Baron Maupertuis die Achseln zucken. Oder als w�rde jemand <emphasis>bewirken</emphasis>, dass er es tat. �Ich wusste, dass einige Arbeiter Uniformteile gestohlen hatten, aber ich habe das durchgehen lassen. Das war ein Fehler. Einer der Bienenst�cke wurde von einem Pferd umgeworfen und die Bienen entkamen. Sie wurden wild, und als sie die Substanz auf den gestohlenen Uniformen witterten, griffen sie an. MrSurd musste die K�nigin retten und die �berlebenden Bienen zur�cklocken. Eine sehr mutige Aktion.�</p><p>�Nur ein Job, Sir�, lie� sich MrSurd von der anderen Seite des Raumes aus vernehmen.</p><p>Obwohl Sherlock bereits das meiste herausgefunden hatte, verschlug es ihm angesichts der blanken Unverfrorenheit der Verschw�rung dennoch den Atem. Und so schrecklich der Plan einerseits auch war, so konnte Sherlock zun�chst auch keine offensichtlichen Denkfehler darin entdecken. Wenn die Bienen so aggressiv waren, wie Maupertuis gesagt hatte, und die Uniformen so effektiv verteilt werden w�rden, wie der Baron es vorhatte, k�nnte es funktionieren. Nein, es <emphasis>w�rde</emphasis> funktionieren.</p><p>�Mein Bruder wird Sie aufhalten�, sagte Sherlock ruhig. Das war seine letzte Hoffnung.</p><p>�Dein Bruder?�</p><p>�Mein Bruder.�</p><p>Sherlock h�rte ein Wispern im Dunkeln. Dem rauen, an aneinanderreibende Steine erinnernden Ton nach zu schlie�en, kam es von MrSurd.</p><p>�Ah�, sagte Maupertuis mit seiner d�nn-trockenen Stimme. �Dein Name ist Sherlock Holmes. Dein Bruder muss Mycroft Holmes sein. Ein cleverer Mann. Wir hatten ihn schon mal als jemanden ins Auge gefasst, der f�r unsere Gruppe interessant sein k�nnte. Wie es aussieht, ger�tst du nach ihm.�</p><p>�Ich habe ihm bereits ein Telegramm geschickt und berichtet, was hier vor sich geht�, sagte Sherlock so ruhig, wie er es eben fertigbrachte.</p><p>�Nein�, korrigierte ihn der Baron. �Das hast du nicht. Wenn dem so w�re, h�ttest du keine Veranlassung mehr gehabt, mein Schiff unter die Lupe zu nehmen. Mycroft Holmes h�tte seine Agenten eingesetzt, um das zu erledigen.�</p><p><emphasis>Seine Agenten?</emphasis> Auf einmal wurde sich Sherlock so richtig �ber das Ausma� der Macht klar, �ber die sein Bruder verf�gen musste.</p><p>Wieder war Gewisper vom anderen Ende des Raumes zu h�ren.</p><p>�Trotzdem werden wir uns wohl um deinen Bruder k�mmern m�ssen�, fl�sterte Maupertuis. �Wenn sich von deiner Intelligenz auf die seine schlie�en l�sst, k�nnte er durchaus imstande sein, hinter unsere Pl�ne zu kommen, und versuchen sie zu vereiteln. Du und er werdet in derselben Woche sterben, vermutlich sogar am selben Tag. In derselben Stunde, wenn ich es arrangieren kann, denn ich bin ein Mann, der die Ordnung sch�tzt. Und au�erdem bleiben so deinen Eltern die Ausgaben f�r zwei einzelne Begr�bnisse erspart.�</p><p>Mit einem Mal wurde Sherlock in vollem Ausma� der schreckliche Preis bewusst, den er f�r seine Arroganz zu zahlen haben w�rde. Indem er voller Stolz die ganze schreckliche Verschw�rung aufgedeckt, Baron Maupertuis seine Cleverness demonstriert und�� schlimmer noch�� sich dann mit seinem einflussreichen Bruder gebr�stet hatte, hatte er sie beide zum Tode verurteilt.</p><p>�Ich glaube, du hast mir jetzt alles gesagt, was du wei�t�, fuhr Maupertuis fort, �und ich bin �berrascht, wie viel du herausgefunden hast. Offensichtlich m�ssen wir in Zukunft noch diskreter vorgehen. Danke, zumindest daf�r.�</p><p>�Aber warum London?�, fragte Sherlock rasch. Er sp�rte, dass die Dinge dem Ende zustrebten und man ihnen in K�rze das Leben nehmen w�rde. �Warum haben Sie die Bienenst�cke nicht gleich nach Portsmouth oder Southampton, sondern erst nach London transportieren lassen, bevor man sie hierher verfrachtete?�</p><p>�Deine Flucht hat uns fr�her zum Handeln gezwungen als geplant�, fl�sterte der Baron. �In Portsmouth und Southampton waren keine Liegepl�tze frei, und unser Schiff hat in London auf den Befehl zum Auslaufen gewartet. Es war im Grunde ineffizient, die Bienenst�cke nach London zu bringen, aber leider unvermeidlich. Und damit hat sich nun deine N�tzlichkeit f�r mich ersch�pft�� deine und die des M�dchens, das neben dir sitzt. Ich wollte eigentlich drohen, sie umzubringen, um dich zum Reden zu zwingen. Aber Zwang war gar nicht erforderlich. Wenn es �berhaupt ein Problem gab, dann bestand es darin, dich dazu zu bewegen, die Klappe zu halten.�</p><p>Gedem�tigt blickte Sherlock Virginia an und sp�rte, wie er rot wurde. Aber Virginia l�chelte ihn nur an. �Du hast verhindert, dass sie mir wehtun�, fl�sterte sie. �Danke.�</p><p>�Keine Ursache�, antwortete Sherlock automatisch, ohne sich wirklich sicher zu sein, ob er sich das nun wirklich als Verdienst anrechnen sollte.</p><p>�MrSurd�, h�rten sie Baron Maupertuis� Stimme aus der Dunkelheit, und obwohl er fl�sterte, drang seine befehlsgewohnte Stimme in jeden Winkel des Raumes.</p><p>�Wir m�ssen unsere Pl�ne beschleunigen. Erteilen Sie die Befehle. Begeben Sie sich zum Fort und lassen Sie die Bienen frei. Wenn sie die britische Hauptinsel erreicht und sich �ber das Land verteilt haben, werden die Uniformen schon ausgeteilt sein. Und dann werden Chaos und Verwirrung herrschen!�</p></section><section><title><p><strong>15</strong></p></title><p>Die Worte des Barons hallten kalt von den W�nden wider. Vor ihnen im Dunkeln war gesch�ftiges Geraschel zu h�ren, w�hrend ein Diener mit den Befehlen den Raum verlie�. Sherlock warf einen Blick auf Virginia. Ihr Gesicht war kreidebleich, aber ihr Mund hatte sich zu einer entschlossenen Linie verh�rtet. Er dr�ckte ihre Hand, woraufhin Virginia ihm ein mattes L�cheln schenkte.</p><p>Ihr unbeugsamer Geist machte Sherlock Mut weiterzumachen.</p><p>�Ein grandioser Plan�, sagte er in die Dunkelheit gewandt. �Nur wird er nicht funktionieren.�</p><p>Einen Moment lang herrschte Stille. Lediglich unterbrochen von den merkw�rdigen knarzenden und knarrenden Ger�uschen, die er bereits im Haus des Barons in Farnham geh�rt hatte. Etwas, das klang wie eine vom Meerwasser benetzte Schiffstakelage, an der der Wind und die ruckartigen Bewegungen eines Schiffsrumpfes zerrten, der in den Wellen hin- und hergeschleudert wurde.</p><p>�Du scheinst ziemlich selbstsicher zu sein�, meldete sich die Stimme des Barons wieder. �F�r ein Kind.�</p><p>�Denken Sie doch mal dr�ber nach. Ihr Plan ist nicht unbedingt wasserdicht, nur weil ihm zuf�llig zwei M�nner zum Opfer gefallen sind. Durch alle m�glichen Umst�nde k�nnte die Chemikalie zum Beispiel aus dem Uniformstoff herausgewaschen werden. Denken Sie daran, in England regnet es. Es regnet eine Menge. Und einige Soldaten werden ihre Uniformen schon einmal zum Waschen gebracht haben, bevor die Bienen sie erreichen. Vor allem die Offiziere.� Sherlock kam nun richtig in Fahrt, und sein Kopf sprudelte pl�tzlich nur so von Ideen, warum Maupertuis� grandiose Verschw�rung zum Scheitern verurteilt war.</p><p>�Statt die von Ihnen gelieferten Uniformen zu benutzen, ziehen einige Soldaten vielleicht ihre alten Waffenr�cke vor und behalten sie, oder sie bringen ihren Regimentsschneider dazu, ihnen eine neue zu schneidern. Ich wei� nicht viel von Frankreich, Deutschland oder Russland, aber die Leute in England m�gen es nicht, gesagt zu bekommen, was sie zu tun oder anzuziehen haben. Sie finden stets Mittel und Wege, um solche Anweisungen zu umgehen.�</p><p>�Und was ist mit den Bienen?�, f�gte Virginia unerwarteterweise hinzu. �Wie viele von ihnen werden die Hauptinsel tats�chlich erreichen? Wie viele Bienen brauchen Sie, um alle Gegenden abzudecken, in denen die Armee stationiert ist? Haben Sie auch wirklich genug? Und was ist, wenn es einen K�lteeinbruch gibt und die Bienen sterben, oder wenn es in England irgendein Tier gibt, das sie frisst, oder wenn sie sich einfach irgendwo niederlassen, einen neuen Staat gr�nden und hier zu einem Teil der nat�rlichen Umgebung werden? Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie sich mit den einheimischen Bienen kreuzen, mit den britischen Bienen, und jede Spur von Aggressivit�t verlieren, auf der Ihr Plan beruht.�</p><p>�All diese Faktoren sind ber�cksichtigt worden�, erwiderte der Baron mit knochentrockener Stimme. Aber Sherlock hatte den Eindruck, dass dabei zum ersten Mal so etwas wie Unsicherheit durchklang. �Und selbst wenn einige Uniformen vorher gewaschen worden sind und ein paar Bienen sterben, was soll�s? Viele Angriffe werden trotzdem erfolgreich sein. Es wird ein Massensterben geben. Und die britische Armee wird gel�hmt sein vor Angst. <emphasis>Gel�hmt.</emphasis>�</p><p>�Sie verstehen einfach nicht, wie die Briten denken, nicht wahr?�, spottete Sherlock. In seinem Geist blitzten Erinnerungen an diverse Schulstunden auf, an das, was er�� zusammengekauert auf einem Stuhl in der Bibliothek seines Vaters�� in B�chern und Zeitungen gelesen oder von seinem Bruder Mycroft geh�rt hatte.</p><p>�Haben Sie jemals etwas von dem Todesritt der leichten Brigade geh�rt?�</p><p>Das Knarren und Knarzen stoppte abrupt, und pl�tzlich hatte Sherlock das Gef�hl, als ob viele Ohren aufmerksam seinen Worten lauschten.</p><p>�Oh, ja�, zischte der Baron. �Ich habe von dem Todesritt der leichten Brigade geh�rt.�</p><p>�W�hrend des Krimkrieges 1854�, fuhr Sherlock unbeeindruckt fort, �bekamen die Soldaten des 4. und 13. leichten Dragonerregiments, des 17. Ulanenregiments sowie des 8. und 11. Husarenregiments w�hrend der Schlacht von Balaclava den Befehl, die russischen Stellungen anzugreifen. Sie st�rmten durch ein enges Tal voran, in dem sie von vorne und von beiden Seiten russischem Kanonenfeuer ausgesetzt waren. Trotzdem sind sie einfach weitergeritten und haben, ohne in Panik zu geraten oder zu meutern, ihre Befehle ausgef�hrt. Ich behaupte nicht, dass blinder und bedingungsloser Gehorsam eine gute Sache ist, aber britische Soldaten haben praktisch ein R�ckgrat aus Eisen und die Disziplin mit der Muttermilch aufgesogen. Ich wei� das, denn mein Vater ist Offizier. Sie geraten nie in Panik. Niemals. Nein, selbst wenn es Tote gibt, wird man damit umgehen, als w�re es ein gew�hnlicher Cholera- oder Pockenausbruch. Verstehen Sie denn nicht? <emphasis>Sie werden es einfach ignorieren.</emphasis> Das ist es, was die Briten zu tun pflegen. Deswegen ist das Britische Empire so gro� und so stark. <emphasis>Wir ignorieren einfach die Dinge, die uns nicht passen.</emphasis>�</p><p>�Gut gesprochen�, sagte der Baron. �Aber das kaufe ich dir nicht ab. Offensichtlich m�chtest du daran glauben, dass euer Empire auf stabilem Felsfundament errichtet ist. Doch da irrst du dich. Die Fundamente sind morsch, und das prachtvolle Geb�ude darauf wird in sich zusammenfallen, wenn man nur kr�ftig genug dagegentritt.</p><p>Du denkst, dass morgen noch alles so ist wie heute. Aber das wird nicht der Fall sein. Die Welt wird sich �ndern und das Gleichgewicht der M�chte sich zu Gunsten meiner Partner in der Paradol-Kammer verschieben.�</p><p>Paradol-Kammer? Was war das? W�hrend Maupertuis weitersprach, pr�gte sich Sherlock den seltsamen Begriff genau ein. K�nnte sich das doch noch als wichtiger und verh�ngnisvoller Versprecher erweisen, der Mycroft sicher brennend interessieren w�rde.</p><p>Vorausgesetzt nat�rlich, dass sich Sherlock �berhaupt noch einmal die Gelegenheit bieten w�rde, seinen Bruder wiederzusehen.</p><p>�Du m�chtest daran glauben, dass dein Bruder weiterhin eine wichtige Rolle in der britischen Regierung spielen wird� fuhr Maupertuis fort. �Aber das wird er nicht. Ebenso wie der Rest seiner Kollegen wird er von der Flutwelle der Geschichte hinweggeschwemmt werden. Wenn euer aufgeblasenes kleines Land zur blo�en Provinz einer europ�ischen Supermacht geworden ist, die es in Gr��e und Macht mit Amerika aufnehmen kann, sind Mycroft und seinesgleichen �berfl�ssig. Ihre Sorte Mensch wird in der neuen Weltordnung nicht mehr ben�tigt. Sie werden der Guillotine oder Garotte anheim gegeben und nicht �berleben.�</p><p>Maupertuis� Stimme war mittlerweile zu einem leisen Fauchen geworden, so sehr hatte er sich in seine Gifttirade auf ein Land und ein Volk hineingesteigert, die er abgrundtief verabscheute. Warum hasste er Gro�britannien so sehr? Sherlock fragte sich unversehens, welche Taktik wohl am vielversprechendsten sein w�rde. Sollte er weiterhin eher auf ein rationales Streitgespr�ch setzen oder den Baron so provozieren, dass dieser sein emotionales Gleichgewicht verlor?</p><p>Wie er sich auch entschied, der Ausgang war ungewiss, und aller Wahrscheinlichkeit nach w�rden sie beide sterben.</p><p>�Er ist verr�ckt�, sagte Virginia pl�tzlich mit leiser, aber fester Stimme zu Sherlock. �V�llig verr�ckt. Es sieht doch jeder, dass sein Plan irre und sein Wunschziel unm�glich ist. Ob es ihm nun gef�llt oder nicht: Gro�britannien ist eine Weltmacht. Und das kann er nicht r�ckg�ngig machen.�</p><p>�Ich bin erstaunt�, fauchte der Baron, �dass du dieses Land so energisch verteidigst, M�dchen.�</p><p>�berrascht, dass der Baron sie pl�tzlich mit einbezog, blickte Virginia auf. �Erstaunt? Warum?�, fragte sie. �Ich mag es nun mal nicht, wenn unschuldige Menschen get�tet werden. Ist das so ungew�hnlich?�</p><p>�Dein Amerika hat �ber zweihundert Jahre lang zu diesem Land geh�rt�, hob der Baron hervor. �Dort wurde alles von London aus geregelt. Ihr wart einfach nur so etwas wie eine weitere Grafschaft. So wie Hampshire oder Dorset, blo� gr��er und weiter weg. Ihr musstet erst gegen die britische Herrschaft rebellieren, um das Joch von Westminster abzusch�tteln.�</p><p>�Und das haben wir in einem sauberen Kampf getan�, stellte sie klar. �Nicht mit Hilfe von irgendwelchen Tricks, Verschw�rungen oder Geheimpl�nen. Wenn es schon Kriege geben muss, dann sollten sie so sein: fair, offen und sauber. Es sollte Regeln geben f�r den Krieg. Genauso wie f�rs Boxen.�</p><p>�Wie naiv�, murmelte der Baron. �Wie �beraus naiv. Und so sinnlos. Leider werdet ihr es nicht mehr erleben, wie eure wertvolle Weltordnung einst�rzt. Denn vorher werdet ihr beide sterben.�</p><p>�Sie wirken gerne im Dunkeln, nicht wahr?�, sagte sie. Der harte Ton in ihrer Stimme hatte Sherlocks Aufmerksamkeit erregt. Er warf einen Blick auf Virginia und fragte sich, was sie im Schilde f�hrte.</p><p>�Der erfolgreiche K�mpfer schl�gt aus der Dunkelheit zu und begibt sich danach wieder in ihren Schutz, so dass der gr��ere und st�rkere Feind nicht wei�, wo er zuschlagen soll�, fl�sterte der Baron. �So sieht die Kriegf�hrung der Zukunft aus. So kann ein kleinerer Gegner seinen viel gr��eren Feind bezwingen. Durch List.�</p><p>�Sie ziehen die Dunkelheit vor? Dann sehen wir doch mal, was Sie vom Sonnenlicht halten�, schrie Virginia und sprang auf die Beine. Sherlock sp�rte, wie jemand im dunklen Bereich des Raumes in hektische Aktivit�t verfiel. Offensichtlich MrSurd, der sich anschickte, seine mit einer Metallspitze versehene Peitsche zum Einsatz zu bringen. Aber Virginia huschte rasch zur Seite, bevor sich die Peitschenzunge in die R�ckenlehne des Stuhles fra�, auf dem sie eben noch gesessen hatte. Sie packte die schwarzen Samtvorh�nge, die die eine Raumseite s�umten, und zog mit aller Kraft daran. Sherlock h�rte Stoff rei�en und dann�� mit einem Ger�usch, das an ferne Regenschauer erinnerte�� kam in einer langsamen weichen Stofflawine eine komplette Vorhangbahn herunter. Grelles Sonnenlicht flutete einen Teil des Raumes.</p><p>Schwarz gekleidete und maskierte Gestalten, die um sie herum postiert waren, bedeckten sch�tzend ihre Augen. Aber Sherlocks Blick war auf die Gestalt des Barons gerichtet, der in einem �berdimensionalen Stuhl am anderen Tischende sa�. Es war tats�chlich derselbe wei�haarige Mann mit den rosafarbenen Augen, den er in der Kutsche in Farnham gesehen hatte. Er blinzelte ins Licht und bedeckte dann mit einer Hand sein Gesicht, w�hrend er sich mit der anderen eine Brille mit dunklen Linsen aufsetzte, um die empfindlichen Augen zu sch�tzen.</p><p>Seine d�nnen Arme waren irgendwie verbogen und sahen aus wie die bizarr gekr�mmten �ste einer uralten Eiche. Sein Kopf hing kraftlos auf eine Schulter herab. Gekleidet war er in eine Art Milit�runiform, deren schwarzer Stoff auf Brust und �rmelaufschl�gen mit goldenen Litzen verziert war. Um seine Stirn herum zog sich ein merkw�rdiger Gegenstand, der wie ein Holzrahmen aussah. Pl�tzlich richtete sich sein Kopf auf, und unter den dunklen Linsen hervor gl�hten ihn seine Augen so durchdringend an, dass Sherlock fast ihre Hitze zu sp�ren meinte. Ihm fiel auf, dass Leinen vom Rahmen aus in die H�he f�hrten und dass diese genau in dem Moment straff gezogen worden waren, als Maupertuis� Kopf sich aufgerichtet hatte.</p><p>MrSurd stand neben dem Baron. Das grelle Licht der Sonne brachte seine Narben so zum Leuchten, dass sie f�rmlich lebendig zu werden schienen und aussahen wie ein Haufen W�rmer, die auf einem Totensch�del wimmelten. Mit einem Blick, der Tod und Verderben versprach, fixierte er Sherlock und Virginia und holte mit der Peitsche aus.</p><p>�Nein!�, zischte der Baron. �Sie geh�ren <emphasis>mir</emphasis>!�</p><p>Fast wie unter Zwang wanderte Sherlocks Blick nun wieder zum verdrehten K�rper des Barons zur�ck. Er nahm weitere Seile wahr, die an kleineren, an Handgelenken und Ellenbogen montierten Holzrahmen befestigt waren, sowie einen gr��eren Holzrahmen, der seine Brust umschloss. Dickere Seile f�hrten von diesem Brustrahmen in die H�he. Als Sherlock ihnen mit den Augen zur Decke folgte, erkannte er, dass alle Seile an einem gro�en Balken befestigt waren, was wie ein �ber dem Baron schwebender Galgen aussah. An dem Sherlock zugewandten Balkenende war im rechten Winkel ein kleinerer Querbalken angebracht, der mit Metallhaken und auf winzigen Achsen gelagerten R�dchen �bers�t war.</p><p>Die Seile liefen durch die Haken und �ber die R�dchen wieder nach unten. Sherlock folgte ihnen mit dem Blick weiter nach hinten, wo maskierte, schwarz gekleidete Diener die Seilenden in H�nden hielten. Es mussten gut zwanzig, vielleicht sogar an die drei�ig Seile sein, die alle mit bestimmten K�rperteilen des Barons verbunden waren. Und als Sherlock noch ungl�ubig auf die Szenerie starrte, setzten sich einige der Diener in Bewegung und zogen mit aller Kraft an ihren Seilen, wohingegen andere wiederum mit ihren Seilen nachgaben oder sie nur einfach lose in der Hand hielten, ohne daran zu ziehen. Und w�hrend sie das taten, richtete der Baron sich ruckartig auf.</p><p>Er war eine Marionette! Eine menschliche Marionette, die ausschlie�lich von anderen bewegt wurde.</p><p>�Ziemlich grotesk, was?�, zischte der Baron. Mund und Augen schienen die einzigen K�rperteile zu sein, die er noch selbst�ndig bewegen konnte. Seine rechte Hand hob sich und wies auf seinen K�rper. Doch die Bewegung wurde von einer Reihe von Seilen erzeugt, die an Handgelenk, Ellenbogen und Schulter befestigt waren, sowie von feineren Schn�ren, die man an Fingerringen fixiert hatte. Alle diese K�rperteile bewegten sich nicht, weil der Baron sie kraft seines Willens dazu brachte, sondern weil seine schwarz gekleideten Diener vorhersahen, welche Bewegung er machen w�rde, wenn er k�nnte.</p><p>�Das ist das Verm�chtnis, das mir das Britische Empire hinterlassen hat. Du hast den Todesritt der leichten Brigade erw�hnt, Junge. Ein �des, sinnloses Gefecht, ausgel�st durch missverstandene Befehle, geschehen in einem Krieg, der niemals h�tte gef�hrt werden d�rfen. Ich war selbst dort, an jenem wolkenverhangenen Tag. Gemeinsam mit dem Earl of Lucan. Ich war sein Verbindungsoffizier zur franz�sischen Kavallerie, die an seiner linken Flanke postiert war. Ich habe die Befehle gesehen, als sie von Lord Raglan eintrafen. Ich wusste, dass sie schlecht formuliert waren und dass Lucan sie missverstanden hatte.�</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Sherlock.</p><p>�W�hrend der Attacke wurde mein Pferd eingeholt und vom Kanonenfeuer so erschreckt, dass ich unmittelbar vor Hunderten von britischen Pferden abgeworfen wurde. Sie sind direkt �ber mich hinweggaloppiert. Ich bezweifle, dass sie mich �berhaupt gesehen haben. Ich sp�rte, wie meine Knochen brachen, als die Hufe auf mich eintrommelten. Ob Beine, Arme, Rippen, H�ften, Sch�del�� alle gr��eren Knochen in meinem K�rper waren gebrochen, und auch die meisten kleineren. Innen drin glich ich einem Puzzle.�</p><p>�Eigentlich h�tten Sie sterben sollen�, keuchte Virginia �berrascht, und Sherlock war nicht sicher, ob das mitf�hlend oder bedauernd gemeint war.</p><p>�Ich wurde von meinen Landsleuten gefunden, nachdem die Briten von den russischen Kanonen in St�cke gerissen worden waren�, fuhr Maupertuis fort. �Sie haben mich vom Schlachtfeld getragen und meine Wunden versorgt. Sie haben mich zusammengeflickt, so gut sie konnten, und haben alles getan, damit meine Knochen heilten. Aber meine Wirbels�ule war gebrochen, und obwohl mein Herz immer noch schlug, konnte ich die Beine nicht mehr regen. Da sie es nicht wagten, mich allzu weit fortzubewegen, lag ich ein Jahr lang im Zelt. In der stinkenden Hitze und der eisigen K�lte der Krim. <emphasis>Ein ganzes Jahr lang.</emphasis> Und f�r jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde, jeden Tag, jede Woche und jeden Monat, die ich da lag, verfluchte ich die Briten und ihre dumme Einf�ltigkeit, mit der sie stur einfach Befehle befolgen, egal wie t�richt diese auch sein m�gen.�</p><p>�Sie sind freiwillig dort gewesen und haben es sich ausgesucht�, hob Sherlock hervor. �Sie haben eine Uniform getragen. Und Sie sind am Leben, w�hrend Hunderte von guten M�nnern umgekommen sind.�</p><p>�Und jeden Tag w�nschte ich, ich w�re mit ihnen gestorben. Aber ich lebe, und ich habe eine Bestimmung: das Britische Empire in die Knie zu zwingen. Und mit dir fange ich an, Junge.�</p><p>Als er diese Worte ausspie, schien Maupertuis in die Luft emporzuschweben, um gleich darauf leicht wie eine Feder auf den Tisch herabzusinken. Die von seinen schwarz gekleideten Puppenspielern bet�tigten Seile �ber ihm strafften sich, und ein knarzendes Ger�usch erf�llte den Raum, als die Seile und die Holzkonstruktion mit dem Gewicht des Barons belastet wurden. Irgendwie hatten die Diener erahnt, welche Bewegungen er von ihnen erwartete. Sherlocks Vermutung nach arbeiteten sie schon so lange mit ihm zusammen, dass sie seine Gedankeng�nge instinktiv erfassen und sie augenblicklich in entsprechende Bewegungen umsetzen konnten. Als Maupertuis� F��e den Tisch ber�hrten, sprang Sherlock von seinem Stuhl auf.</p><p>�Baron!�, rief MrSurd. �Das m�ssen Sie nicht selbst erledigen. Lassen Sie mich die Kinder umbringen.�</p><p>�Nein!�, fauchte der Baron. �Ich bin kein Kr�ppel! Ich werde diese l�stige Brut selbst ausl�schen! All die Monate, all die Zeit, die ich, zur Bewegungslosigkeit verdammt, damit verbracht habe, dieses Geschirrsystem zu konstruieren�� sie waren nicht umsonst. <emphasis>Ich werde sie selbst t�ten!</emphasis> Verstehen Sie?�</p><p>�Lassen Sie mich wenigstens das M�dchen umbringen�, beharrte Surd. �Lassen Sie mich wenigstens das f�r Sie machen.�</p><p>�Na sch�n�, gab der Baron nach. �Dann k�mmere ich mich um den Jungen.�</p><p>Als w�re er schwerelos, glitt Maupertuis auf Sherlock zu, und obwohl sich seine F��e bewegten, ber�hrten sie kaum das Holz.</p><p>Er streckte die H�nde nach Sherlock aus und einen Moment lang dachte Sherlock, der Baron w�rde ihn einladen, auf den Tisch hinaufzukommen. Doch stattdessen wurden irgendwo im �rmel seiner Uniform Schn�re und Dr�hte straff gezogen und eine gl�nzende Klinge glitt aus einer am Unterarm verborgenen Scheide hervor. Die zweigartigen Finger des Barons schlossen sich um den wulstigen Griff, wobei sie die Klinge weniger aktiv dirigierten als vielmehr nur lose f�hrten.</p><p>Sherlock wich zur�ck und geriet dabei unversehens neben die Ritterr�stung, die in der N�he der T�r stand. Er zerrte das Schwert aus dem Panzerhandschuh und warf die R�stung zu Boden.</p><p>Sherlock nahm nur halb wahr, wie MrSurd, der die mit einer Metallspitze versehene Peitsche bedrohlich von einer Hand herabbaumeln lie�, aus dem Schatten hervortrat. Denn in diesem Augenblick kam der Baron mit geschwungenem S�bel vom Tisch auf ihn herabgesprungen. Erst jetzt registrierte Sherlock, dass die ger�startige Struktur, die seinen H�ften und Beinen Halt gab, unten mit R�dern versehen war. Hinter dem Baron konnte Sherlock weitere Diener ausmachen, mit deren Hilfe sich das Ger�st rasch in alle Richtungen schieben und ziehen lie�. Maupertuis konnte sich innerhalb von Sekunden an jede Stelle des Raumes begeben. Und sogar schneller noch, als Sherlock es konnte.</p><p>Der Baron schwang seinen S�bel. Sherlock parierte ungeschickt und sp�rte, wie die Wucht des Hiebes ihm schmerzhaft in die Schulter fuhr. Funken blitzten auf, als Klinge auf Klinge prallte. Der Baron schwang sich in die Luft und zielte mit dem S�bel genau auf Sherlocks Kopf. Einen Lidschlag sp�ter fuhr die Klinge in die R�ckenlehne des Stuhls, auf dem Sherlock gerade noch gesessen hatte. Der Hieb spaltete m�helos den Stuhl und Holzsplitter flogen in alle Richtungen.</p><p>Sherlock blickte verzweifelt nach rechts, wo Virginia gerade vor MrSurd zur�ckwich, der dabei war, seine Peitsche zu entrollen. Im n�chsten Augenblick schlug MrSurd auch schon zu, und der Peitschenschwanz schnellte Virginia entgegen. Sie wich zur�ck. Aber sie hatte nicht schnell genug reagiert, denn auf ihrer Wange klaffte ein tiefer Schnitt. Blut spritzte hervor und ergoss sich in einem bl�tenf�rmigen Muster �ber ihre Haut.</p><p>Sherlock wollte ihr auf der Stelle zur Hilfe eilen, aber mit spielerischer Leichtigkeit landete der Baron direkt vor ihm auf dem Fu�boden. Sherlock sprang auf die Beine und f�hrte mit dem Schwert einen seitlich gerichteten Hieb aus, um eines der Seile und F�den zu durchtrennen, die den Baron aufrecht hielten. Aber die schwarz gekleideten Diener zogen ihren Meister rasch aus Sherlocks Reichweite. Das bleiche, totensch�del�hnliche Gesicht des Barons verzog sich zu einer grinsenden Grimasse. Die rosafarbenen rattenartigen Augen schienen vor Triumph f�rmlich zu gl�hen. Er machte einen Satz nach vorn, indem er mit dem rechten Fu� �ber den Teppich glitt und den rechten Arm, der den S�bel f�hrte, zu einem perfekten Sto� ausfuhr, w�hrend sein linker Fu� den K�rper abst�tzte. Sherlock konnte h�ren, wie die Diener in den Schatten vor Anstrengung schnauften, als sie ihr Gewicht gegen die Seile stemmten, um den Baron aufrechtzuhalten. Die Klinge sauste auf Sherlocks Kehle zu. Er versuchte den Hieb zu parieren, aber seine F��e verfingen sich in ein paar Teppichfalten. Er fiel der L�nge nach r�ckw�rts hin und schlug mit dem Kopf auf den Boden.</p><p>�Ich war der beste Fechtmeister in ganz Frankreich!�, prahlte Maupertuis. �Und bin es immer noch!�</p><p>Virginia schrie auf, und Sherlock blickte unfreiwillig in ihre Richtung. Surd hatte sie in die Enge getrieben, und nun stand sie mit dem R�cken an der Wand. Auf ihrer Stirn klaffte eine weitere Schnittwunde.</p><p>Sherlock versuchte, zu ihr zu kommen, aber wie aus dem Nichts kam die blitzende S�belklinge des Barons auf ihn zugeschossen. Sie durchschnitt seinen Hemdkragen und brachte ihm eine Wunde quer �ber die Brust bei, die wie Feuer brannte. Sherlock rappelte sich wieder auf und wich hastig zur�ck, w�hrend er gleichzeitig wild mit der Klinge vor seinem K�rper hin- und herfuchtelte, im verzweifelten Versuch, die Hiebe des Barons zu parieren.</p><p>Unter heftigem Seilgeknarze wurde pl�tzlich die h�lzerne St�tzkonstruktion und mit ihr der Baron in die H�he gehievt und gleich darauf kam Maupertuis� K�rper auch schon auf Sherlock zugeflogen. In einem Angriff, den zu parieren selbst einem �bermenschen Probleme bereitet h�tte, drang er auf Sherlock ein und schwang seinen S�bel wie eine Sense in horizontalen Bewegungen hin und her. Ungeachtet seiner Fechtmeisterambitionen hatte er offensichtlich jeden Gedanken an die hohe Fechtkunst verbannt, denn er hackte nun einfach nur noch wie von Sinnen auf Sherlock ein. Von der Anstrengung, die Streiche zu parieren, wurden Sherlocks Arme immer schwerer. Seine Muskeln brannten, und die Sehnen waren so straff gespannt wie Violinensaiten.</p><p>Etwas flog durch die Luft an Sherlocks Kopf vorbei und er drehte sich danach um. Es war ein eiserner Panzerhandschuh, der zur Ritterr�stung geh�rte, die er zuvor umgeworfen hatte. Virginia hatte ihn vom Boden aufgehoben und auf MrSurd geworfen, der versuchte, sein Gesicht mit der Hand zu sch�tzen. Gleich darauf nahm Virginia einen Panzerschuh und schleuderte ihn MrSurd entgegen. Diesmal hatte sie mehr Erfolg. Die Spitze des Metallschuhs traf den Narbenmann knapp �ber dem Auge, und er stie� einen wilden Fluch aus.</p><p>Sherlock wich noch einmal zur�ck, als Maupertuis weiteren Boden gutmachte, w�hrend �ber ihm laut die Seile unter der Last des deformierten Mannes knarrten.</p><p>Wie brachten es die schwarz gekleideten Marionettenspieler nur fertig, ihre Bewegungen so gut zu koordinieren? Maupertuis bewegte sich genauso gut wie jemand, der nicht solche schrecklichen Verletzungen erlitten hatte. Seine Schritte hatten sogar etwas Prahlerisches.</p><p>Der Baron hob den S�bel an seinem linken Ohr vorbei und lie� die Klinge diagonal auf Sherlocks Kopf niedersausen. Sherlock parierte den Hieb, und als die Klingen aufeinanderprallten, stoben Funken wie kleine Gl�hw�rmchen in alle Richtungen davon und brannten sich ihm schmerzhaft in Hals und Schulter.</p><p>Es war hoffnungslos. Maupertuis war ein meisterhafter Fechter, selbst mit dem Nachteil, dass er jede einzelne Bewegung von seinen anonymen Dienern ausf�hren lassen musste. Entweder handelte es sich bei seinen Helfern auch um Fechtmeister�� was Sherlock sich fast vorstellen konnte�� oder sie hatten mit dem Baron so lange trainiert, dass sie mittlerweile alle, ohne nachzudenken oder miteinander zu kommunizieren, instinktiv wie ein einziger Organismus agierten. Wie viele Tausende von Stunden hatte Maupertuis wohl damit verbracht, sie zu drillen, bis sie zu personifizierten Verl�ngerungen seines eigenen Willens geworden waren?</p><p>Sherlock wich abermals zur�ck, stie� aber mit Ellenbogen und Schultern gegen etwas Hartes. Die Wand! Er hatte sich nun so weit zur�ckgezogen, wie es m�glich war.</p><p>Maupertuis� Ellenbogen hob sich mit einem Ruck, und der S�bel schoss wie ein Blitz auf Sherlock zu. Verzweifelt warf sich Sherlock zur Seite. Die Klinge fuhr durch den Jackenkragen und bohrte sich dann knirschend zwischen zwei Ziegelsteinen in eine Fuge. Sherlock versuchte, sich loszurei�en, aber er steckte fest. Aufgespie�t wie ein Schmetterling auf einer Schautafel.</p><p>Er spannte den K�rper an und wartete darauf, dass Maupertuis die Klinge f�r den finalen Sto� zur�ckziehen w�rde, um dann zur Seite zu gleiten und vielleicht noch einmal zu entkommen. Aber stattdessen hob Maupertuis seine linke Hand in die H�he. Dr�hte und Schn�re spannten und kr�mmten sich wie Sehnen, und dann glitt etwas aus dem linken �rmel des Barons. Einen Moment lang dachte Sherlock, es w�re ein Messer. Aber die Spitze war irgendwie merkw�rdig. Sie sah aus wie eine Metallscheibe mit einem gezackten Rand.</p><p>In der Dunkelheit hinter dem Baron fing etwas zu surren an. Die Scheibe begann sich zu drehen und schickte funkelnde Lichtblitze in alle Richtungen. Sherlock konnte sp�ren, wie ihm Luft ins Gesicht str�mte, als der Baron die S�gezahnscheibe n�her und n�her an sein rechtes Auge brachte.</p><p>Verzweiflung �berkam ihn. Er war dem Baron nicht gewachsen. Gegen diesen Gegner w�rde er nicht mehr lange �berleben.</p><p>Aber er musste Virginia retten.</p><p>Der Gedanke trieb ihn zu einer letzten Kraftanstrengung. Er wand sich, zog seinen Arm aus dem Jacken�rmel und fiel in dem Moment auf die Bodenfliesen, als die Scheibe auf die Wand traf. Funken und Steinchen stoben in alle Richtungen, w�hrend sich die rotierende Scheibe kreischend in den Stein fr�ste und eine flache Furche hinterlie�. Fluchend versuchte der Baron, den S�bel wieder zwischen den beiden Ziegelsteinen herauszuziehen.</p><p>Wenn Sherlock den Baron nicht mit seinen Fechtk�nsten besiegen konnte, w�rde er ihn eben mit der Kraft seines Verstandes bezwingen m�ssen. Er musste nur eine verwundbare Stelle finden, etwas, das er ausnutzen konnte. Und es musste etwas mit der Art zu tun haben, in der Maupertuis sich bewegte. Oder besser gesagt: bewegt wurde.</p><p>Das war sein Schwachpunkt. Erneut versuchte Sherlock, mit dem Schwert die Seile und Schn�re zu durchtrennen, die Maupertuis aufrecht hielten. Aber der Baron hatte damit gerechnet und parierte Sherlocks Klinge m�helos mit der rotierenden Scheibe in seiner linken Hand, w�hrend sein rechter Arm die Klinge aus dem Mauerwerk zerrte.</p><p>Im Zur�ckweichen w�re Sherlock beinahe �ber die �berreste des Stuhles gestolpert, den das Schwert des Barons zertr�mmert hatte. Durch das Klacken, das entstand, als Sherlock mit dem Fu� gegen die Holzst�cke stie�, begann sich so etwas wie ein Plan in seinem Kopf abzuzeichnen. Ohne weitere Zeit zu verschwenden, das Ganze vollends zu durchdenken, b�ckte er sich und hob mit der linken Hand das gr��te Teil auf. Ein St�ck, das aus einem Gro�teil einer Armlehne, einem Teil der Sitzfl�che und einem eingekerbten Stuhlbein bestand. Als der Baron den S�bel auf Sherlocks ungesch�tzte Stirn niedersausen lie�, riss Sherlock in letzter Sekunde das Tr�mmerst�ck hoch, und die Klinge des Barons fra� sich tief in das Holz. Bevor Maupertuis es herausziehen konnte, schob Sherlock das Holzst�ck mit aller Kraft nach hinten, bis sich das Schwert des Barons �ber dessen Kopf befand. Mit der R�ckseite der Hand kam Sherlock gegen eines der Seile, die Maupertuis st�tzten. Sherlock drehte mit aller Kraft am Holzst�ck, wobei Maupertuis das Schwert fast aus der Hand gewunden wurde, und klemmte es hinter ein paar anderen Seilen fest, bevor er das Holz zur�ckrotieren lie�. Zwischen den Seilen verfangen, hing das Holzst�ck und mit ihm das Schwert des Barons nun nutzlos in der Luft herum. Sherlock lie� los, griff erst eines und dann ein weiteres der verbliebenen Seile und Schn�re und verhedderte sie unter Aufbietung seiner letzten Kr�fte mit dem Holzst�ck.</p><p>�Was tust du?�, schrie der Baron. Aber es war zu sp�t.</p><p>Die Seile hatten sich nun um Stuhllehne und -bein zu einem hoffnungslos festen Wirrwarr verschlungen. Hilflos baumelte Maupertuis in den Seilen. In der Dunkelheit am anderen Raumende boten die Diener all ihre Kr�fte auf, doch vergebens. Die Seile lie�en sich einfach nicht mehr von den Stuhlresten l�sen.</p><p>Sherlock trat zur�ck. Er schwang das Schwert, hieb auf die Seile ein und durchtrennte f�nf oder sechs davon. Von der enormen Zugspannung befreit, schossen sie mit lautem Sirren in verschiedene Winkel des Raumes davon. Die Arme des Barons fielen kraftlos herab, und sein Kopf neigte sich zur Seite.</p><p>�Daf�r wirst du zahlen!�, zischte er.</p><p>�Schicken Sie mir die Rechnung�, erwiderte Sherlock gelassen. Er wandte sich zu Virginia um und wollte ihr zu Hilfe eilen. Aber stattdessen wurde er Zeuge, wie Virginia den scharfkantigen Eisenhelm der Ritterr�stung mit aller Wucht auf den Kopf von MrSurd krachen lie�. Ohnm�chtig und blut�berstr�mt fiel der Narbenmann zu Boden.</p><p>�Gerade wollte ich dir zu Hilfe kommen�, sagte Sherlock.</p><p>�Komisch�, antwortete Virginia. �Ich dir auch.�</p></section><section><title><p><strong>16</strong></p></title><p>�Baron Maupertuis sei gepriesen�, seufzte Sherlock aus tiefstem Herzen,s als er die T�r zum Speiseraum hinter sich zuschlug. Da diese T�r kein Schloss hatte, warf er sein Gewicht gegen den Teakschrank, der daneben stand. Quietschend schrammten die Schrankbeine �ber die Fliesen, als sich das M�belst�ck in Bewegung setzte.</p><p>�Ach, und warum bittesch�n?�, blaffte Virginia und stemmte sich ebenfalls gegen den Schrank, um Sherlock zu helfen. Der Schrank glitt vor die T�r, die sich somit nicht mehr �ffnen lie�. �Was soll der denn f�r uns getan haben?�</p><p>Auf der anderen Seite hatten Baron Maupertuis� Diener offenbar die T�r erreicht, denn pl�tzlich �ffnete sie sich einen Spalt weit und stie� gegen den Schrank. Sie r�ttelten ein paar Mal dagegen, aber der Schrank r�hrte sich nicht von der Stelle.</p><p>�Er mag es, wenn es �berall gleich aussieht, wo er lebt. Daher wei� ich auch, wo die St�lle sein m�ssten. Komm mit!� Er ging voraus und f�hrte sie durch den hinteren Bereich des Hauses zu einer Au�ent�r. Als er sicher war, dass sich keiner von Maupertuis� Dienern drau�en aufhielt, schlichen sich Virginia und er um eine Geb�udeseite des Ch�teaus und stie�en dann tats�chlich auf die St�lle. Dem Sonnenstand nach zu urteilen, musste es sp�t am Morgen sein. Wie es aussah, hatte man sie mindestens eine Nacht lang bet�ubt gehalten, wahrscheinlich sogar l�nger.</p><p>In ihrer stets pragmatischen Art begann Virginia augenblicklich damit, die Pferde zu satteln. �Was sollen wir jetzt machen, Sherlock? Schlie�lich sind wir in einem fremden Land! Und wir sprechen noch nicht einmal die Sprache!�</p><p>�Um ehrlich zu sein, tu ich es�, erwiderte Sherlock und wurde rot.</p><p>�Tust du was?�</p><p>�Die Sprache sprechen. Jedenfalls ein wenig.�</p><p>Sie drehte sich zu ihm um und warf ihm einen seltsamen Blick zu. �Wie kommt�s?�</p><p>�M�tterlicherseits stammt meine Familie von einer franz�sischen Linie ab. Mutter hat stets darauf bestanden, dass wir die Sprache lernen. Das ist unser Familienerbe, hat sie immer gesagt.�</p><p>Virginia streckte die Hand nach ihm aus, um seinen Arm zu ber�hren. �Du sprichst nicht viel von ihr�, sagte sie. �Du sprichst von deinem Vater und deinem Bruder, aber nicht von ihr.�</p><p>�Nein�, sagte er und sp�rte einen Klo� im Hals. Er wandte sich ab, damit sie ihm nicht in die Augen blicken konnte. �Tu ich nicht.�</p><p>Virginia zog nachdenklich den letzten Sattelgurt straff und beschloss, lieber das Thema zu wechseln. �Also, mal vorausgesetzt, wir sprechen die Sprache, wohin gehen wir dann? Sollen wir um Hilfe bitten?�</p><p>�Wir reiten zur K�ste�, antwortete Sherlock. �Maupertuis hat Befehl gegeben, die Bienen freizulassen. Wenn wir sie nicht aufhalten, werden die Biester Menschen umbringen. Vielleicht nicht so viele wie Maupertuis denkt, aber einige britische Soldaten werden trotzdem sterben. Wir m�ssen verhindern, dass man sie freil�sst.�</p><p>�Aber���</p><p>�Eins nach dem anderen�, unterbrach Sherlock sie. �Lass uns erst zur K�ste. Von da aus k�nnen wir meinem Bruder ein Telegramm schicken, oder was auch immer. Ich lass mir schon was einfallen.�</p><p>Virginia nickte. �Dann mal in den Sattel, gro�er Fechtmeister.�</p><p>Er grinste. �Du warst auch ziemlich gro�artig da drinnen.�</p><p>�Ja, nicht wahr�, sagte sie und erwiderte das Grinsen.</p><p>Sie bestiegen die Pferde und ritten gerade vom Ch�teau davon, als hinter ihnen Rufe ert�nten und eine Alarmglocke zu l�uten begann. Aber Sherlock wusste, dass sie eigentlich schon zu weit entfernt waren, um noch eingeholt zu werden.</p><p>Im n�chsten Dorf machten sie Rast, um sich zu erkundigen, wo sie waren. Sie waren beide hungrig, hatten aber kein franz�sisches Geld. Und somit blieb ihnen nichts anderes �brig, als sehns�chtig auf die in den Ladenschaufenstern h�ngenden W�rste und die in K�rben drapierten Brotstangen zu starren, die so lang wie Sherlocks Arme waren. Ein Bauer erz�hlte Sherlock, dass sie nur f�nf Meilen von Cherbourg entfernt waren. Er wies ihnen den Weg zur richtigen Stra�e, und dann ging es im Galopp weiter.</p><p>Sie waren schon eine Weile geritten, als Virginia einen anerkennenden Blick zu ihm hin�berwarf. �Nicht schlecht�, lobte sie. �Du sitzt auf dem Tier, als w�r�s ein Einrad und keine lebende Kreatur, aber trotzdem�� nicht schlecht.�</p><p>Am Rande eines Birnbaumhaines hielten sie eine halbe Stunde sp�ter erneut an, um sich die Taschen voller Birnen zu stopfen. Dann setzten sie ihren Weg fort, w�hrend sie sich im Sattel die Fr�chte schmecken lie�en und ihnen der Saft am Kinn hinunterlief. Die vorbeiziehende Landschaft war ihnen einerseits vertraut und unterschied sich andererseits doch sehr von dem, was Sherlock von England her gewohnt war. Das Pochen in seinem Kopf war fast so laut wie die auf den Boden h�mmernden Pferdehufe. Was sollten sie nur tun, wenn sie Cherbourg erreicht hatten? Er musste sich unbedingt etwas einfallen lassen. Und zwar schnell.</p><p>Doch als sie Cherbourg erreichten, hatte er immer noch keine Idee.</p><p>Die Stadt lag an einem Hang, der zum Hafen und dem glitzernden Blau des Meeres hin abfiel. Als die Pferdehufe wenig sp�ter �ber Kopfsteinpflaster klapperten, z�gelten sie die Pferde zu einem langsamen Trott, um sich einen Weg durch die dichten Menschenmengen zu bahnen, die in den gewundenen Stra�en und Gassen St�nde und L�den umlagerten.</p><p>Die Szenerie, die sich ihnen bot, h�tte sich ebenso gut in jeder beliebigen Stadt in S�dengland abspielen k�nnen, wenn man einmal von der Kleidung und dem �berangebot an allen m�glichen K�sesorten an den St�nden absah.</p><p>Sie stiegen ab und banden die Pferde an einem Zaun fest. Sie lie�en die Tiere nur ungern zur�ck, aber irgendjemand w�rde sich schon um sie k�mmern. Sherlocks Sprachkenntnisse wurden aufs �u�erste getestet, als er sich erkundigte, ob sich ein Telegraphenamt in der N�he befinde. Doch die Auskunft, die er bekam, war absolut niederschmetternd: Das n�chste Telegraphenamt befand sich in Paris. Wie sollten sie Mycroft nun eine Nachricht schicken?</p><p>Also mussten sie sehen, dass sie so schnell wie m�glich ein Schiff zur�ck nach England bekamen. Das war ihre einzige Hoffnung.</p><p>Sie machten das B�ro des Hafenmeisters ausfindig und erkundigten sich nach Schiffen oder Booten, die nach England auslaufen w�rden. Laut Auskunft des Hafenmeisters gab es einige, und umst�ndlich ging er mit ihnen die Namen durch. Bei vieren handelte es sich um kleinere Schiffe aus der Region, die Nahrungsg�ter wie K�se, Fleisch und Zwiebeln zwischen England und Frankreich transportierten. Der Hafenmeister bot ihnen an, ein gutes Wort f�r sie bei den Kapit�nen einzulegen. Das f�nfte war ein britischer Fischkutter, der an diesem Morgen unerwarteterweise im Hafen festgemacht hatte.</p><p>Der Name des Kutters war <emphasis>MrsEglantine</emphasis>.</p><p>Den Namen zu h�ren, war, als w�rde man Sherlock einen Eimer kaltes Wasser ins Gesicht sch�tten. Ihm lief es eiskalt den R�cken hinunter, und einen Moment lang war er fest davon �berzeugt, dass MrsEglantine�� die Hauswirtschafterin seines Onkels und seiner Tante�� die eigentliche Drahtzieherin hinter all dem Ganzen war. Doch dann gewann sein Verstand wieder die Oberhand.</p><p>Irgendjemand musste diesen Namen sozusagen als Signalflagge benutzt haben, um Sherlocks Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Und das hatte der- oder diejenige auch geschafft.</p><p>Die <emphasis>MrsEglantine</emphasis> hatte an einem Pier am Hafenrand angelegt. Es war ein kleinerer Kutter mit rundherum an den Au�enbordw�nden aufgeh�ngten Fischernetzen, die von weitem wie Spinnennetze aussahen. Neben dem Landungssteg warteten Amyus Crowe und Matthew Arnatt auf sie.</p><p>Virginia lief ihrem Vater in die Arme. Er schwang sie hoch in die Luft und dr�ckte sie dann fest an sich, w�hrend Sherlock Matty �bergl�cklich auf die Schulter klopfte.</p><p>�Wie habt ihr gewusst, wo ihr uns findet?�, fragte er. �Und vor allem, in welchem Land ihr �berhaupt suchen m�sst?�</p><p>�Du scheinst zu vergessen, dass ich F�hrtensucher von Beruf bin�, sagte Crowe. �Als du nicht ins Hotel zur�ckgekommen bist und als wir merkten, dass Ginny verschwunden war, haben wir versucht, eure Spuren zur�ckzuverfolgen. Ich hab Berichte �ber das Feuer im Rotherhithe-Tunnel geh�rt, und als ich ein bisschen herumgefragt habe, stellte sich heraus, dass ein Junge in deinem Alter gesehen worden war, wie er davonrannte. Mittlerweile hatte Matty den Droschkenkutscher aufgesp�rt, der Ginny zum Hafen gebracht hatte. Als wir dort angekommen sind, war Maupertuis� Schiff schon in See gestochen. Aber wir haben einen Lademeister aufgest�bert, der sich daran erinnern konnte, euch an Bord gesehen zu haben. Oder besser gesagt, wie ihr an Bord <emphasis>geschleppt</emphasis> wurdet, wie er sich genau ausdr�ckte. Das Schiff war wie gesagt schon in See gestochen, doch er erinnerte sich daran, geh�rt zu haben, wie die Matrosen davon sprachen, dass es diesmal ja nur ein kurzer Trip �ber den Englischen Kanal nach Cherbourg werden w�rde. Also mieteten wir uns einen Fischkutter und fuhren hinterher, um nach euch zu suchen. Wir trafen unmittelbar nach Maupertuis� Schiff hier ein. Entweder waren sie sehr langsam, oder sie haben unterwegs noch irgendwo haltgemacht, da bin ich mir nicht sicher.� Seine Stimme klang fest und bed�chtig wie immer, und seine Worte verrieten nichts dar�ber, wie es in ihm aussah.</p><p>Aber Sherlock hatte den Eindruck, dass er irgendwie �lter und m�der wirkte. Er hatte den Arm immer noch um Virginias Schultern geschlungen und hielt sie fest an sich gedr�ckt, w�hrend Virginia keine Anstalten machte, sich aus der Umarmung zu l�sen.</p><p>�Ich habe herausgefunden, dass der Baron hier in der N�he ein Anwesen besitzt und war gerade dabei, eine Gruppe aus Einheimischen zu rekrutieren, als ihr aufgetaucht seid. Ein gl�ckliches und n�tzliches Zusammentreffen unserer Wege, w�rde ich sagen.�</p><p>�Da haben Sie recht und jetzt wird mir einiges klar�, erwiderte Sherlock. �Wir haben uns zu dem Hafen begeben, der Maupertuis� Ch�teau am n�chsten liegt. Denn dort w�rde ja mit gro�er Wahrscheinlichkeit sein Schiff festmachen, und ihr wiederum seid seinem Schiff gefolgt. Die Chance, dass es uns irgendwann alle nach Cherbourg verschl�gt, war also gro�.� Er l�chelte. �Das einzig Erstaunliche daran ist, dass ihr ein Schiff aufgetrieben habt, das nach der Hauswirtschafterin meines Onkels benannt wurde.�</p><p>�Ihr eigentlicher Name war <emphasis>Rosie Lee</emphasis>�, antwortete Crowe und musste nun seinerseits l�cheln. �Ich dachte mir, ein etwas vertrauterer Name k�nnte deine Aufmerksamkeit erregen, solltest du in der Gegend sein und dich nach einer R�ckkehrm�glichkeit nach England umsehen. Ich wollte sie eigentlich erst in <emphasis>Mycroft Holmes</emphasis> umtaufen, aber der Kapit�n machte mir unmissverst�ndlich klar, dass Schiffe und Boote nur weibliche Namen tragen.�</p><p>�Sie haben damit <emphasis>gerechnet</emphasis>, dass wir dem Baron entkommen?�</p><p>Crowe nickte. �Ich w�re entt�uscht gewesen, wenn ihr es nicht geschafft h�ttet. Schlie�lich bist du mein Sch�ler und Ginny mein Fleisch und Blut. Was w�re ich blo� f�r ein Lehrer, wenn ihr beide einfach dagesessen und nichts gegen eure Gefangenschaft unternommen h�ttet.� Seine Worte waren scherzhaft gemeint, und auf seinem Gesicht lag ein L�cheln. Dennoch meinte Sherlock in Crowe ein tiefes, unterschwelliges Gef�hl des Unbehagens, ja vielleicht sogar der Angst zu versp�ren, das sich durch ihr Auftauchen gerade erst zu verfl�chtigen begonnen hatte.</p><p>Crowe streckte seine gro�e Hand aus und dr�ckte Sherlocks Schulter. �Du hast auf sie aufgepasst�, sagte er leise. �Daf�r danke ich dir.�</p><p>�Ich wei�, dass alles, was Sie unternommen haben, um hierherzukommen, aus logischen Erw�gungen erfolgte�, antwortete Sherlock ebenso leise, �und es hat alles funktioniert. Aber was, wenn es das nicht h�tte? Was, wenn wir gar nicht entkommen w�ren oder einen anderen Weg eingeschlagen h�tten oder wenn Sie sich an einem Hafenende befunden h�tten, w�hrend wir am entgegengesetzten Ende ein anderes Schiff bestiegen h�tten? Was dann?�</p><p>�Dann w�ren die Dinge anders gelaufen�, sagte Crowe. �Wir stehen hier zusammen, weil die Dinge so geschehen sind, wie sie es nun einmal sind. Mit Logik kannst du die Chancen zu deinen Gunsten verbessern, aber man muss immer auch mit dem Zufall rechnen. Dieses Mal hatten wir Gl�ck. Das n�chste Mal�� Wer wei�?�</p><p>�Ich rechne nicht damit, dass es ein �n�chstes Mal� geben wird�, erwiderte Sherlock. �Aber wir m�ssen trotzdem die Pl�ne des Barons durchkreuzen.�</p><p>�Ach, und wie sehen die aus?�, fragte Crowe und verzog verwundert das Gesicht. �Einen Teil des Puzzles habe ich schon zusammengesetzt, aber nicht alles.�</p><p>Rasch berichteten Sherlock und Virginia von den Bienen, den vergifteten Uniformen und dem teuflischen Plan, einen betr�chtlichen Teil der britischen Armee in ihren Garnisonen in England zu t�ten. Crowe war hinsichtlich der Effizienz des Planes ebenso skeptisch wie Sherlock, doch er stimmte darin �berein, dass es zumindest einige Todesf�lle geben w�rde und selbst ein einzelner Tod schon zu viel w�re. Die Bienen mussten aufgehalten werden.</p><p>�Aber wie finden die Bienen den Weg �bers Meer nach England und dann weiter zu den Garnisonen?�, fragte Crowe.</p><p>�Ich habe in der Bibliothek meines Onkels einiges �ber Bienen gelesen�, antwortete Sherlock. �Bienen sind ganz erstaunliche Kreaturen. Sie k�nnen zwischen Hunderten verschiedener D�fte unterscheiden. D�fte von weitaus geringerer Konzentration, als sie ein Mensch wahrnehmen k�nnte. Auf der Suche nach diesen D�ften k�nnen sie meilenweit fliegen. Ich w�re nicht �berrascht, wenn es klappen w�rde.� Er hielt kurz inne, als ihm pl�tzlich etwas einfiel. �Er hat von einem Fort gesprochen. Als er seinem Gehilfen�� diesem MrSurd�� befohlen hat, die Bienen freizulassen. Das sollte von einem Fort aus passieren. Gibt es irgendwelche Befestigungen an dieser oder an der englischen K�ste, die sie benutzen k�nnten?�</p><p>�Ist vielleicht nicht gerade die Art von Fort, an die du denkst�, meldete sich pl�tzlich Matty zu Wort.</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Rund um Southampton, Portsmouth und der Isle of Wight gibt�s Forts. Mitten im Englischen Kanal. Sind so was wie k�nstliche Inseln�, sagte er. �Sind f�r den Fall gebaut worden, dass Napoleon mal �ne Invasion in England macht. Die meisten sind jetzt verlassen, weil die Invasion nie gekommen ist.�</p><p>�Woher wei�t du das?�, fragte Virginia.</p><p>Mattys Gesicht nahm einen finsteren Ausdruck an. �Mein Dad war in einem stationiert. Als er in der Navy war. Hat mir alles davon erz�hlt.�</p><p>�Und wie kommst du darauf, dass Maupertuis eins davon benutzt?�, fragte Sherlock.</p><p>�Du hast erz�hlt, wie sehr er die Briten hasst. F�r das, was mit ihm passiert ist. Macht doch irgendwie Sinn, wenn er dann eins von den Forts, die wir damals gebaut haben, um uns vor den Franzosen zu verteidigen, nun gegen uns benutzt, oder?�</p><p>Crowe nickte. �Da hat der Junge nicht ganz Unrecht. Au�erdem hat sein Schiff London ja schon eine ganze Weile verlassen, bevor Matty und ich uns ein Boot besorgen konnten. Und trotzdem haben sie Cherbourg nur kurz vor uns erreicht. Sie m�ssen an einem der Forts Halt gemacht haben, um die Bienenst�cke abzuladen.�</p><p>�Aber es gibt jede Menge davon�, sagte Matty. �Wir haben keine Zeit, alle zu durchsuchen.�</p><p>�Er w�rde nicht wollen, dass die Bienen zu weit fliegen m�ssen�, meinte Sherlock. �Wir suchen nach einem Fort, das ziemlich nah an der K�ste liegt. Und er w�rde Wert darauf legen, dass sich die Bienen schon in relativer N�he zu einer ziemlich gro�en Garnison befinden. Wir brauchen eine Karte von England und der englischen K�ste. Dann ziehen wir Linien zwischen jedem Fort auf See und jeder Garnison. Das, was wir suchen, ist die k�rzeste Linie.� Er blickte zwischen Amyus Crowes und Virginias verwunderten Gesichtern hin und her. �Einfache Geometrie�, erkl�rte er.</p><p>�Und was machen wir, wenn wir das richtige Fort gefunden haben?�, fragte Matty.</p><p>�Wir k�nnten weiter zur britischen K�ste segeln und Mycroft Holmes eine Nachricht schicken�, knurrte Crowe. �Er k�nnte ein Schiff der Royal Navy zum Fort entsenden.�</p><p>�Das w�rde viel zu viel Zeit kosten�, sagte Sherlock und sch�ttelte den Kopf. �Wir m�ssen selbst hin. Jetzt gleich.�</p><p>Und so geschah es. Wenige Zeit sp�ter stach die <emphasis>MrsEglantine</emphasis>�� ehemals und bald wieder die <emphasis>Rosie Lee</emphasis>�� in See, w�hrend Crowe und Sherlock sich sogleich daranmachten, auf diversen Karten Linien einzuzeichnen. Schlie�lich war der wahrscheinlichste Kandidat identifiziert, und als wenige Stunden sp�ter die Sonne den Horizont ber�hrte und sich die englische K�ste als schwarze Linie vor einem d�mmrigen Hintergrund abzeichnete, n�herten sie sich ihrem Ziel.</p><p>�Sie werden den Kutter auf der Stelle entdecken�, gab Crowe zu bedenken. �Selbst wenn wir die Segel bergen, sind Mast und Takelage noch relativ weit zu sehen. Vorausgesetzt nat�rlich, dass sie Ausschau halten�� was ich an ihrer Stelle tun w�rde.�</p><p>�Als wir eben an Bord gegangen sind, habe ich gesehen, dass ein Ruderboot an der Bordseite festgezurrt ist�, sagte Sherlock. �Matty und ich k�nnten damit zum Fort r�berrudern. Und ihr segelt weiter nach England und schlagt Alarm.�</p><p>�Wie w�r�s, wenn ich zum Fort rudere und ihr beide mit Ginny nach England segelt?�</p><p>�Aber wir k�nnen nicht segeln�, stellte Sherlock klar, und sein Herzschlag beschleunigte sich bei dem Gedanken daran, f�r welches Unternehmen er sich gerade freiwillig meldete. Aber er konnte beim besten Willen keine sinnvolle Alternative erkennen. �Und au�erdem werden die Admiralit�t und das Kriegsministerium Ihnen mehr Glauben schenken als mir.�</p><p>�Klingt logisch�, r�umte Crowe widerstrebend ein.</p><p>�Egal, wo Sie an Land gehen, ob Portsmouth Dockyard, Chatham Dockyard, Deal, Sheerness, Great Yarmouth oder Plymouth, �berall gibt es Semaphor-Stationen. Wenn Sie dort eine Nachricht aufgeben, wird sie per Lichtsignal �ber die Semaphor-Kette bis zur Admiralit�t �bertragen. Das geht vermutlich schneller, als ein Telegramm zu schicken.�</p><p>Crowe nickte und l�chelte. Dann streckte er seine riesige Pranke aus und sch�ttelte Sherlock die Hand. �Wir sehen uns wieder�, sagte er.</p><p>�Darauf z�hle ich�, erwiderte Sherlock.</p><p>Mit Hilfe von Crowe lie�en Sherlock und Matty das Ruderboot zu Wasser und glitten vorsichtig ins Boot hinab. Dann legten sie sich in die Ruder und hielten z�gig auf das Fort zu. Ein kleines Ruderboot konnte sich im rasch schwindenden Licht der Abendd�mmerung dem Fort n�hern, ohne gesehen zu werden, wohingegen ein Fischkutter, so unauff�llig er auch sein mochte, auf jeden Fall entdeckt werden w�rde. Wie vereinbart, hielten Crowe und Virginia weiter auf die englische K�ste zu, von wo aus sie eine Nachricht an die Regierung schicken w�rden.</p><p>Virginia stand an der Bordseite der <emphasis>MrsEglantine</emphasis>, als Kutter und Ruderboot sich voneinander entfernten, und starrte Sherlock nach. Sherlock erwiderte ihren Blick und fragte sich, ob er sie jemals wiedersehen w�rde.</p><p>Mit aller Kraft pullten sich Sherlock und Matty durch die grau-gr�ne und kabbelige See voran. Doch so sehr sie auch ruderten, das Fort blieb zun�chst ein dunkler Klecks am Horizont, der keinen Zentimeter n�herzukommen schien. Nachdenklich fuhr sich Sherlock mit der Zunge �ber die Lippen, die nach Meersalz schmeckten. Er fragte sich, wie er es nur hatte fertigbringen k�nnen, sich in dieses merkw�rdige Abenteuer zu verstricken.</p><p>Als er nach einer Weile aufblickte, stellte er zu seiner �berraschung fest, dass das Fort nur noch ein paar Hundert Meter entfernt war. Von Seetang und Algen �berzogen, erhob sich der massige feuchte Steinklotz aus den Wogen des Englischen Kanals. Irgendwie hatten sie sich dem Koloss gen�hert, ohne es richtig wahrzunehmen. Das Fort schien einsam und verlassen dazuliegen. Sherlock musterte die mit Zinnen bewehrte Mauerkrone, von der aus noch vor ein paar Jahrzehnten britische Truppen das Meer nach feindlichen franz�sischen Kriegsschiffen abgesucht hatten. Doch es war niemand zu sehen. Keine Menschenseele.</p><p>Das Boot glitt die letzten paar Meter auf die schwarze Felsmasse des Forts zu und kam am Fu� einer schl�pfrigen Steintreppe zum Halten, die nach oben f�hrte.</p><p>Rasch vert�ute Matty das Boot an einem rostigen Eisenpfahl, der in eine Steinfuge einzementiert war. Dann kraxelten die beiden Jungen die glatten Stufen hinauf, wobei Sherlock fast ausgerutscht und ins Wasser hinabgest�rzt w�re, h�tte Matty ihn nicht noch gerade rechtzeitig gepackt.</p><p>�Woher sollen wir wissen, dass wir nicht zu sp�t kommen?�, fragte Matty.</p><p>�Es ist fast Nacht. Bienen schlafen nachts. Die Leute des Barons hatten nicht viel mehr Zeit herzukommen als wir. Sie werden die Bienen morgen fr�h freilassen.�</p><p>Als sie nach oben kamen, knieten sie sich zun�chst hinter eine niedrige Steinmauer, die die Treppen�ffnung umgab und deren Fugen mit Moos �berwachsen waren.</p><p>Sherlock suchte die sich vor ihnen ausdehnende oberste Ebene des Forts ab, wobei es sich seiner Vermutung nach technisch gesehen um das �Deck� des Forts handeln musste, auch wenn dieses ganz spezielle �Schiff� aus Stein und Fels nirgendwohin fahren w�rde. Aber bis auf ein paar alte Taurollen, diverse Seegrasb�schel und zersplitterte Holzkisten, die hier und da herumlagen, war auf den Steinplatten nichts zu erkennen.</p><p>Doch pl�tzlich leuchtete etwas weiter weg auf der anderen Seite des Forts ein Streichholz auf, in dessen Schein kurz ein b�rtiges Gesicht zu erkennen war, �ber das sich eine Narbe zog. Wer auch immer sich hier im Fort herumtrieb, hatte Wachen aufgestellt. Matty und er mussten vorsichtig sein.</p><p>Die Wache bewegte sich von ihnen fort und Sherlock sah, wie sie an einer �ffnung im Steindeck vorbeikam, die an drei Seiten von einem Holzgel�nder umgeben war. Vermutlich eine Treppe, die ins Innere des Forts hinabf�hrte! Als der Mann sich weiter entfernte, zupfte Sherlock Matty am Hemd und zog ihn mit zur �ffnung hin�ber.</p><p>Er hatte recht gehabt. Eine Steintreppe f�hrte hinunter in die Dunkelheit. Ein Geruch nach Moder und Verwesung stieg aus der Tiefe nach oben und hie� sie willkommen.</p><p>�Na, los�, zischte Sherlock. �Komm schon.�</p><p>Und dann stiegen die beiden die Stufen in das Innere des Forts hinab. Die Dunkelheit, die sie pl�tzlich umgab, kam Sherlock zun�chst so vor, als w�ren sie in die schw�rzesten Abgr�nde der H�lle geraten. Aber nach einiger Zeit hatten sich seine Augen daran gew�hnt, und er konnte matt scheinende �llaternen ausmachen, die in regelm��igen Abst�nden an der Wand angebracht waren. Sie befanden sich in einem kurzen Gang und bewegten sich auf einen anscheinend gr��eren Raum zu, der vom tr�ben orangefarbenen Licht der Lampen sp�rlich erleuchtet wurde.</p><p>Sherlock und Matty schlichen sich weiter bis zu der Stelle, wo die W�nde des Ganges sich pl�tzlich weiteten. Der kreisf�rmige Raum vor ihnen nahm vermutlich einen Gro�teil der Ebene ein, auf der sie sich gerade befanden. Etliche, in wenigen Metern Abstand zueinander stehende Steins�ulen gaben der Decke �ber ihnen Halt. Aber was Sherlocks Herz schneller schlagen lie�, waren die unz�hligen Bienenst�cke, die in einem gleichm��igen Muster auf den Steinplatten aufgestellt worden waren. Es mussten Hunderte sein. Mit Zehntausenden von Bienen in jedem Stock. Was bedeutete, dass ihn nur wenige Meter von etwa einer Million aggressiver Bienen trennten. Er sp�rte, wie aufgrund ihrer N�he seine Haut unwillk�rlich zu jucken begann. Es war fast so, als w�rden Tausende dieser Tiere �ber Schultern und R�ckgrat hinabkrabbeln. Ob Maupertuis� gro�er Verschw�rungsplan nun �berall in Gro�britannien funktionieren w�rde oder nicht, die Konzentration von all diesen Bienen an einer Stelle war definitiv eine t�dliche Bedrohung f�r jeden, der sich hier aufhielt.</p><p>�Bitte sag mir, dass wir die nicht alle die Treppen raufschleppen und �ber die Kante schmei�en�, fl�sterte Matthew.</p><p>�Wir schleppen die nicht alle die Treppen rauf und schmei�en sie �ber die Kante�, best�tigte Sherlock.</p><p>�Und was tun wir dann?�</p><p>�Ich bin nicht sicher.�</p><p>�Was meinst du damit, du bist nicht sicher?�</p><p>�Ich meine, ich habe das Ganze noch nicht ganz bis zu Ende durchgedacht. Ist ja auch alles ein bisschen schnell gegangen.�</p><p>Matthew schnaubte. �Auf dem Fischkutter hast du jede Menge Zeit gehabt.�</p><p>�Da hab ich an was anderes gedacht.�</p><p>�Ja, is klar�, sagte Matty. �Das hab ich gemerkt.� Er schwieg eine Weile. �Wir k�nnten sie abfackeln�, schlug er vor.</p><p>Sherlock sch�ttelte den Kopf. �Sieh dir die Abst�nde an. Wir k�nnten vielleicht einen oder zwei in Brand stecken, aber die Flammen w�rden nicht auf die anderen St�cke �bergreifen, und die Bienen w�rden uns wahrscheinlich erwischen.�</p><p>Matty sah sich um. �Was fressen sie?�, fragte er.</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Wir sind auf dem Englischen Kanal. Hier drau�en gibt�s keine Blumen, und ich glaube nicht, dass sie auf Seegras abfahren. Also, was fressen Bienen?�</p><p>Sherlock dachte einen Augenblick lang nach. �Das ist eine gute Frage. Ich wei� es nicht.� Er blickte sich um. �Schauen wir uns doch mal um, f�r den Fall, dass sich hier was Interessantes finden l�sst. Wir trennen uns und treffen uns auf der anderen Seite wieder. Lass dich nicht schnappen.�</p><p>Matty wandte sich nach links, w�hrend Sherlock nach rechts ging. Nach wenigen Metern drehte er sich noch einmal nach seinem Freund um, doch die Dunkelheit hatte Matty bereits verschluckt.</p><p>Sherlock setzte seinen Weg fort. Die dichten Reihen von Bienenst�cken, an denen er vorbeikam, bildeten ein eint�niges Muster, das fast schon hypnotisch wirkte. Es waren keine Bienen zu sehen. Vielleicht sorgte die Dunkelheit daf�r, dass sie in ihren St�cken blieben. Aber er bildete sich ein, sie h�ren zu k�nnen: ein tiefes, einschl�ferndes Summen, das fast an der Grenze zur Wahrnehmbarkeit war. Gleich darauf wurde er auf einige Holzgestelle aufmerksam, die an verschiedenen Stellen des riesigen h�hlenartigen Raumes aufgestellt worden waren und aussahen wie eine K�nstlerstaffelei. Auf einigen hatte man Holztabletts abgestellt, w�hrend andere leer waren. Sherlock fragte sich, wo er solche Tabletts schon einmal gesehen hatte. Irgendetwas daran kam ihm bekannt vor.</p><p>Dann tauchte eine groteske Gestalt aus der Dunkelheit auf. Der Mann steckte in einem Overall aus Leinen und trug eine Maske aus Musselinstoff auf dem Kopf, die mit Hilfe von Bambusholzstreben vom Gesicht abgehalten wurde. Er stand �ber eine gro�e Kiste gebeugt. Eine von vielen, die�� wie Sherlock nun sehen konnte�� nebeneinander an dieser Stelle der gekr�mmten Au�enmauer abgestellt worden waren. Er richtete sich wieder auf und hielt ein Tablett in den H�nden, das genauso aussah wie diejenigen, die man auf den �berall verstreuten staffeleiartigen Holzgestellen abgestellt hatte. W�hrend Sherlock ihn beobachtete, wie er auf die Bienenst�cke zuging, meinte er, feinen Pulverstaub von dem Tablett aufsteigen zu sehen.</p><p>Als der Mann im Bienenanzug das Tablett unten in das Gestell eines Bienenstocks schob, fiel es Sherlock wie Schuppen von den Augen. Er hatte beobachtet, wie unweit von Farnham Imker in den gleichen Anz�gen auf dem Anwesen des Barons �hnliche Tabletts unter den Bienenst�cken herausgezogen hatten. Und dann ergab alles pl�tzlich einen Sinn: die Tabletts, der pulvrige Staub, der von ihnen aufstieg, das Eis, das dieser Schl�ger Denny aus dem Zug in Farnham ausgeladen hatte, und schlie�lich Mattys Frage, was Bienen fra�en, wenn es keine Blumen gab.</p><p>Es war alles so perfekt logisch! Bienen sammelten Pollen von Bl�ten, den sie dann an den feinen H�rchen an ihren Beinen aufbewahrten, bis sie wieder zur�ck in ihren Stock kamen und den Pollen als Nahrung nutzten. Man platziere ein Tablett unter einen Bienenstock und konstruiere so etwas wie ein �Tor�, durch das die Bienen m�ssen, um in den Stock zu kommen, und das so beschaffen ist, dass dabei immer ein wenig Pollen abgestreift wird, der dann in das Tablett darunter f�llt. Dann lagere man die Tabletts auf Eis, so dass man den Pollen so lange aufbewahren kann, bis er gebraucht wird. Zum Beispiel, wenn man die Bienen irgendwohin bringt, wo es keine Blumen in der Umgebung gibt. Schlie�lich verteile man die Tabletts gleichm��ig um die Bienenst�cke herum, damit die Tiere sich daraus mit Pollen versorgen k�nnen, wobei sie nat�rlich nicht einmal merken, dass sie den Pollen bereits zum zweiten Mal einsammeln.</p><p>Die Gedanken an Farnham und den Bahnhof weckten eine weitere Erinnerung: Es hatte mit irgendetwas zu tun, das Matty ihm mal erz�hlt hatte. Etwas �ber Pulver. �ber B�ckereien. Er w�hlte verzweifelt in seinem Ged�chtnis, um auf den richtigen Begriff zu kommen.</p><p>Ja, das war�s. PULVER! MEHL! Matty hatte ein Feuer erw�hnt, das in einer B�ckerei ausgebrochen war, in der er mal gearbeitet hatte. Er hatte gesagt, dass ein Pulver, wie zum Beispiel Mehl, hoch explosiv war, wenn viele Teilchen davon in der Luft herumschwebten. Fing ein Mehlk�rnchen Feuer, w�rde sich dieses von Mehlk�rnchen zu Mehlk�rnchen schneller ausbreiten, als ein Mensch davor wegrennen konnte. Und wenn das bei Mehl funktionierte, k�nnte es auch mit Pollen klappen.</p><p>�Ein Penny f�r deine Gedanken�, sagte eine Stimme hinter ihm.</p><p>Schon bevor Sherlock sich umdrehte, war ihm klar, wen er sehen w�rde.</p><p>Vor ihm stand, noch halb verborgen im Schatten, MrSurd, der treue Diener von Baron Maupertuis. Der Lederriemen seiner Peitsche baumelte locker von seiner Hand herab, und das Ende hatte sich um seine F��e geringelt.</p><p>�Schon gut�, sagte Surd und kam auf Sherlock zu. �Wenn der Baron wissen will, was in deinem Kopf ist, werd ich ihm den einfach geben, damit er selbst darin herumw�hlen und es rausfinden kann.�</p></section><section><title><p><strong>17</strong></p></title><p>Sherlock wich zur Seite, und MrSurd folgte der Bewegung. Die Metallspitze der Peitsche schrammte �ber den Boden, als er sich auf Sherlock zubewegte.</p><p>Surds Gesicht war eine Maske h�flicher Gleichg�ltigkeit, aber die Narben, die sich kreuz und quer �ber seine Kopfhaut zogen, gl�hten rot vor Wut.</p><p>�Hat der Baron Ihnen die H�lle hei� gemacht?�, spottete Sherlock. �Dass Sie uns einfach so haben entkommen lassen, wird Ihrem Ruf nicht gerade gut bekommen sein. Ich wette mal, dass der Baron nutzlose Diener ausrangiert, wie andere ein abgebranntes Streichholz wegwerfen.�</p><p>Surds Gesicht blieb ausdruckslos. Stattdessen vollf�hrte seine Hand eine kurze ruckartige Bewegung und die Peitschenzunge kam auf Sherlock zugeschnellt. Nur einen Sekundenbruchteil, bevor die Metallspitze ihm das Ohr abgetrennt h�tte, warf er den Kopf zur Seite.</p><p>�Das ist ein wirklich netter Zirkustrick. Aber nat�rlich gibt�s in der Hinsicht jede Menge bessere�, fuhr Sherlock fort und gab sein Bestes, damit seine Stimme nicht zitterte und seine Angst verriet.</p><p>�Vielleicht k�nnte Maupertuis das n�chste Mal ja einen Messerwerfer anheuern.�</p><p>Wieder schnellte die Peitsche auf ihn zu. Mit einem Knall, der ihn f�r kurze Zeit taub machte, sauste die Spitze an seinem linken Ohr vorbei. Zun�chst dachte er, sie h�tte wieder ihr Ziel verfehlt. Aber die warmen Blutspritzer, die er pl�tzlich auf seinem Hals versp�rte, und der zunehmende bei�ende Schmerz an der Kopfseite lie�en darauf schlie�en, dass die Metallspitze ihn getroffen hatte.</p><p>Obwohl der Schmerz nicht ganz so schlimm war�� jedenfalls noch nicht��, bewegte er sich taumelnd zur Seite und hielt sich die Hand ans Ohr. Sherlock wollte, dass sie ihre Positionen wechselten, und er war noch nicht ganz da, wo er hinwollte.</p><p>�Jede h�hnische Bemerkung von dir ist gleichbedeutend mit einem weiteren Streifen Fleisch, den ich dir vom Gesicht sch�le�, erkl�rte Surd gelassen. �Du wirst darum betteln, dass ich dich umbringe. Und ich werde nur lachen. Einfach nur lachen.�</p><p>�Lachen Sie ruhig, solange Sie noch k�nnen�, erwiderte Sherlock. �Vielleicht kann ich den Baron �berreden, mich an Ihrer Stelle einzustellen. Zumindest habe ich bewiesen, dass ich kompetenter bin als Sie.�</p><p>�Ich werde dich gerade so lange am Leben lassen, dass das M�dchen noch mitbekommt, was ich mit dir gemacht habe�, fuhr Surd fort, als h�tte Sherlock nichts gesagt. �Sie wird es nicht ertragen, dich anzusehen. Sie wird schreien bei deinem Anblick. Wie wird dir das gefallen, Junge? Wie wird dir das gefallen?�</p><p>�Sie sind nicht auf den Mund gefallen�, kommentierte Sherlock ironisch. Er machte einen weiteren Schritt zur Seite, und Surd folgte seiner Bewegung.</p><p>Die Holzkisten mit den Bienenpollentabletts befanden sich jetzt genau hinter ihm. Er griff mit seiner rechten Hand nach hinten. Tastend glitten seine Finger zun�chst �ber ein Tablett, bis sie sich irgendwo fest um dessen Kante schlossen. Er sp�rte die K�lte, die vom darunterliegenden Eis ausging.</p><p>�Was machst du da, Junge?�, fragte Surd. �Glaubst du, da ist irgendetwas drin, das dich retten k�nnte? Da liegst du falsch. Ganz falsch.�</p><p>�Das Einzige, was mich retten kann, ist mein Verstand�, antwortete Sherlock und zog das Tablett hinter seinem R�cken hervor. Gelber und pulvriger Pollenstaub stieg auf und brachte ihn zum Husten.</p><p>Surd holte wieder mit der Peitsche aus und zielte dabei diesmal auf Sherlocks rechtes Auge. Aber Sherlock hielt das Tablett wie einen Schild in die H�he, so dass sich die Peitsche darum wickelte und die Metallspitze sich ins Holz bohrte und steckenblieb. Mit aller Kraft zog Sherlock am Tablett, wodurch dem �berraschten MrSurd der Peitschengriff aus der Hand gerissen wurde und zur Seite wegflog.</p><p>Surd br�llte auf wie ein w�tender Stier und st�rzte mit ausgebreiteten Armen auf Sherlock zu. Sherlock griff sich ein weiteres Tablett aus der Kiste und lie� es auf Surds Kopf niederkrachen. V�llig in gelbes Pulver eingeh�llt, taumelte der Narbenmann stark hustend zur�ck. Sollte Surd das hier �berleben, w�rde er von nun an sogar noch mehr Narben auf dem Kopf haben.</p><p>Allerdings w�rde Sherlock dann auch nicht mehr am Leben sein.</p><p>Sherlock trat nach vorne. Er packte Surd an den Ohren, zerrte dessen Kopf nach unten und riss sein Knie hoch. Mit einem knirschenden Knacken, das nicht viel leiser war als der Knall von Surds Peitsche, brach dessen Nase. Er stolperte nach hinten, und von Mund und Kinn tropften Rotz und Blut.</p><p>Ehe Surd noch einmal angreifen konnte, nahm Sherlock in Windeseile die Peitsche vom Boden auf, zerrte die Metallspitze aus dem Holztablett und entwirrte den ledernen Peitschenriemen.</p><p>Als Surd wie ein w�tender Berserker aus einer Pollenwolke hervorst�rmte, um sich auf ihn zu st�rzen, schlug Sherlock mit der Peitsche auf ihn ein. Er hatte noch nie zuvor eine Peitsche benutzt, aber Surd nun schon einige Male dabei beobachten d�rfen. Er wusste, was er zu tun hatte, und im n�chsten Augenblick schnellte der Peitschenriemen auch schon auf den riesigen Schl�gertypen zu. M�helos fr�ste sich die Metallspitze durch Surds Wange, und er selbst wurde von der Wucht des Treffers nach hinten geschleudert.</p><p>Geradewegs in einen der Bienenst�cke.</p><p>Das Gestell fiel um und Surd st�rzte genau darauf. Krachend zerbarsten die Holzlatten, als sie fast zeitgleich mit Surd auf den Steinboden aufschlugen. Surd lag in den Tr�mmern und war �ber und �ber mit dem klebrigen und wachsigen Inhalt des Bienenstocks bedeckt.</p><p>Und mit Bienen. Tausenden von Bienen.</p><p>Sie bedeckten sein Gesicht und seinen Kopf wie eine lebende Kapuzenm�tze, krochen in Nase, Mund und Ohren und stachen �berall, wo sie hingelangten. Er schrie. Ein leiser, pfeifender Ton, der lauter und lauter wurde. Er w�lzte sich wie wahnsinnig auf dem Boden herum, um die Tiere zu zerquetschen. Aber der einzige sichtbare Erfolg bestand darin, dass er noch einen weiteren Bienenstock umstie�.</p><p>Innerhalb weniger Sekunden war MrSurd unter einer Decke von Insekten verschwunden, die auf jeden Quadratzentimeter Fleisch einstachen, den sie finden konnten. Seine Schreie wurden von den Bienen ged�mpft, die mittlerweile sogar seinen Mund f�llten.</p><p>Entsetzt wich Sherlock zur�ck. Noch nie zuvor hatte er etwas so Schreckliches gesehen. Er hatte um sein Leben gek�mpft, aber was mit MrSurd passierte, war so schrecklich, dass ihm �bel wurde. Er hatte einen Mann get�tet.</p><p>�Kann man dich nicht mal einen Moment lang allein lassen?�, h�rte er pl�tzlich Matty hinter sich.</p><p>�Denkst du etwa, ich kann mir nichts Sch�neres vorstellen, als mich dauernd in K�mpfe verwickeln zu lassen?�, sagte Sherlock, dem bewusst wurde, dass seine Stimme zitterte und er kurz vor einem hysterischen Anfall war. �Aber irgendwie gerate ich einfach immer hinein.�</p><p>�Na ja, jedenfalls scheinst du deine Sache ja ganz gut zu machen�, sagte Matty.</p><p>�Ich wei� jetzt, was wir tun m�ssen�, erwiderte Sherlock und versuchte, seine Stimme wieder unter Kontrolle zu bringen. Er zeigte auf die gelben Pollenwolken, die sich nun langsam in der riesigen Kammer aufzul�sen begannen.</p><p>�In diesen Kisten da sind Pollentabletts aufeinandergestapelt. Wir m�ssen die Pollen �berall hier im Raum verstreuen.�</p><p>�Warum?�, fragte Matty.</p><p>�Erinnerst du dich daran, was du mir in Farnham �ber die B�ckerei erz�hlt hast?�, erwiderte Sherlock.</p><p>Mattys Augen leuchteten auf. Er hatte verstanden. �Alles klar�, sagte er grinsend. Doch gleich darauf verfinsterte sich sein Gesicht wieder. �Aber was ist mit uns?�</p><p>�Wir m�ssen das Ganze stoppen. Und zwar jetzt. Im Vergleich mit Hunderten, vielleicht Tausenden von Menschen, die sonst sterben k�nnten. Wenn wir�s nicht tun, sind wir nicht so bedeutend.�</p><p>�Mir gleich, ich���, begann Matty und grinste, als er Sherlocks geschockten Gesichtsausdruck sah. �Nur ein kleiner Scherz. Lass uns loslegen.�</p><p>Zusammen nahmen sie so viele Tabletts mit kaltem gelbem Pollen aus den Eiskisten, wie sie nur tragen konnten. Dann rannten sie durch die Reihen zwischen den Bienenst�cken und verstreuten hinter sich Pollen in dichten, rasch anwachsenden Wolken. Innerhalb von zehn Minuten schwebten so viele Staubpartikel in der Luft herum, dass sie kaum drei Meter weit sehen und nur mit M�he Luft holen konnten, ohne zu husten. Sherlock ber�hrte Matty an der Schulter.</p><p>�Lass uns gehen�, sagte er.</p><p>Blind vor lauter Pollenwolken k�mpften sie sich tastend durch den gelben Staubnebel zum Gang zur�ck, der zur Treppe f�hrte. Sorgf�ltig achteten sie darauf, keinen Bienenstock umzusto�en. Doch trotz aller Vorsicht stie� Sherlock pl�tzlich mit dem Fu� gegen etwas Weiches und fast w�re er gestolpert. Als er herabblickte, starrte er auf eine geschwollene Masse rot gefleckten Fleisches, in der er nur mit M�he das Gesicht von MrSurd wiedererkannte.</p><p>Surds Augen waren komplett unter geschwollenen Hautfalten verschwunden, und sein weit aufgerissener Mund quoll fast �ber vor toten Bienen.</p><p>Trotz allem, was Surd getan hatte, versp�rte Sherlock das m�chtige Verlangen, dem Sterbenden zu helfen. Aber es war zu sp�t. Fr�stelnd und mit einem elenden Gef�hl im Bauch ging er weiter.</p><p>Dann stand er vor der Au�enwand. Rechts oder links? Das war die Frage. Er entschied sich f�r links und stellte sicher, dass Matty ihm folgte, indem er ihn am Hemd packte und mit sich zog.</p><p>Obwohl es ihnen wie Stunden vorkam, war vermutlich nicht mehr als eine Minute vergangen, bevor sie auf den Gang stie�en. Sherlock drehte sich um und blickte zur�ck. Au�er einer wallenden gelben Pulverwand, die in der Luft hing, war nichts zu sehen.</p><p>Er streckte die Hand aus und nahm eine �llaterne aus der Wandhalterung. Er wog sie in der Hand und dachte �ber die Bienen nach: Sie traf keine Schuld, au�er dass sie nun mal waren, wie sie waren.</p><p>Aber er hatte keine andere Wahl.</p><p>Er warf die Laterne in den Raum hinein. In hohem Bogen flog sie in die Pollenwolke und verschwand. Kurz darauf vernahm er das Ger�usch zersplitternden Glases, als die Lampe auf die Steinplatten prallte. Gefolgt von einem gewaltigen <emphasis>Wump</emphasis>, als die Pollen Feuer fingen.</p><p>Dann hatte Sherlock das Gef�hl, als w�rde sich eine unsichtbare Faust in seine Brust rammen, und er flog r�ckw�rts in den Gang zur�ck. Direkt vor ihm schien die Luft in Flammen aufgegangen zu sein und er sp�rte, wie seine Haare und Wimpern versengten. Er schlug hart auf, rollte kurz �ber den Boden und wurde von Matty gestoppt, als dieser direkt auf ihm landete.</p><p>Durch den Gang hinter sich blickten sie nun in einen gigantischen Flammenschlund.</p><p>Sherlock bedeckte den Mund mit der Hand und f�hrte Matty die Stufen zur obersten Ebene des Forts empor. Er sp�rte, wie ihnen Luft entgegenstr�mte. Zweifellos w�rde sie das Feuer unter ihnen noch zus�tzlich sch�ren.</p><p>Dann hatten sie endlich die Oberfl�che erreicht. Wachen liefen dort panisch und laut schreiend hin und her. Der Himmel war dunkel, und nur eine zarte rote Linie am Horizont verriet noch, wo die Sonne untergegangen war. In ihrer Panik beachteten die Wachen sie zum Gl�ck nicht, und die beiden Jungen rannten einfach an ihnen vorbei. In Windeseile hasteten sie die Stufen zum Wasser hinunter und stiegen in das Boot.</p><p>Als sie davonruderten, drehte sich Sherlock noch einmal um und blickte zur�ck. Mittlerweile stand das gesamte Fort in Flammen und Maupertuis� M�nner sprangen in ihrer Verzweiflung von dem obersten Deck ins Meer hinab. Einige von ihnen brannten. Wie leuchtende Sternschnuppen st�rzten sie durch die Dunkelheit in die See.</p><p>Es war ein Anblick, den Sherlock niemals vergessen w�rde.</p><p>Die Fahrt zur britischen K�ste verschwamm in seiner Wahrnehmung zu einem diffusen Nebel aus schmerzenden Armen, qu�lend brennender versengter Haut und schierer Ersch�pfung. Noch viel sp�ter fragte Sherlock sich, wie Matty und er es �berhaupt hatten schaffen k�nnen, ohne zu kentern oder sich zu verirren und aufs offene Meer hinauszutreiben.</p><p>Irgendwie hatte Amyus Crowe herausgefunden, wo sie landen w�rden. Vielleicht hatte er es anhand von Windrichtung und Tidenstr�mung vorausberechnet, aber vielleicht hatte er auch nur gut geraten. Sherlock hatte keine Ahnung, und es war ihm auch egal. Er wollte einfach nur in eine warme Decke geh�llt und in ein weiches Bett gepackt werden. Und zum ersten Mal seit langer Zeit sollte das, was er wollte, auch tats�chlich in Erf�llung gehen.</p><p>Als er am n�chsten Morgen aufwachte, h�rte er M�wen vor dem Fenster kreischen, und die von der Meeresoberfl�che reflektierten Sonnenstrahlen zauberten wellenf�rmige Muster an die Zimmerdecke.</p><p>Er war am Verhungern. Er warf die Bettdecke von sich und sah sich um. �ber einer Stuhllehne hingen ein paar Kleidungsst�cke f�r ihn bereit, die ihm nicht geh�rten, doch genau die richtige Gr��e zu haben schienen. Rasch zog er sich an und ging dann auf einer Treppe hinunter, von der er gar nicht mehr wusste, wie er sie hochgekommen war. Die Treppe f�hrte in die Gaststube einer Taverne, die scheinbar Zimmer an Reisende vermietete. Und an Abenteurer.</p><p>Die Vorderseite des Gasthauses f�hrte auf eine schmale offene Fl�che hinaus, die nach einigen Metern j�h zum Meer hin abfiel. Im grellen Sonnenlicht musste Sherlock die Augen zun�chst zusammenkneifen. Dann erblickte er Matty. Sein Freund sa� drau�en an einem Tisch und vertilgte gerade ein riesiges Fr�hst�ck. Neben ihm sa� Amyus Crowe und paffte eine Pfeife.</p><p>�Morgen�, sagte Crowe in freundlichem Ton. �Hunger?�</p><p>�Ich k�nnte ein Pferd fressen.�</p><p>�Lass Ginny das lieber nicht h�ren.� Crowe wies auf einen Platz am Tisch. �Setz dich. Das Essen wird gleich soweit sein.�</p><p>Sherlock setzte sich. Seine Muskeln schmerzten, in den Ohren l�utete es immer noch von der Explosion, und seine trockenen Augen brannten. Irgendwie f�hlte er sich anders. �lter. Er hatte nicht nur Menschen sterben sehen, sondern deren Tod in einigen F�llen auch selbst verursacht, er war mit Laudanum bet�ubt und mit einer Peitsche gefoltert worden. Wie konnte er da jetzt einfach wieder zur�ck zur Deepdene-Schule gehen?</p><p>�Ist alles klargegangen?�, fragte er schlie�lich.</p><p>�Dein Bruder hat die Nachricht, die wir geschickt haben, erhalten und ist gleich aktiv geworden. Soweit ich geh�rt habe, wurde ein Schiff der Navy zum Fort entsandt. Aber nach dem zu urteilen, was du gestern Nacht noch vor dich hingemurmelt hast, werden sie nicht viel mehr als Asche vorfinden.</p><p>Und selbst wenn die britische Regierung die franz�sischen Beh�rden dazu bewegen kann, Maupertuis� Ch�teau zu durchsuchen, so glaube ich nicht, dass sie viel mehr als leere R�ume vorfinden werden. Er wird samt seiner Dienerschaft geflohen sein. Aber seine Verschw�rung ist wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Dank dir und Matty.�</p><p>�Sein Plan h�tte nie funktioniert�, sagte Sherlock und musste an die Auseinandersetzung denken, die Virginia und er mit dem Baron ausgetragen hatten. �Jedenfalls nicht so, wie er es wollte.�</p><p>�Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber ich denke, dass einige Menschen gestorben w�ren, und ihr habt sie gerettet. Daf�r muss man euch danken. Das wird �brigens auch dein Bruder tun, wenn er kommt.�</p><p>�Mycroft kommt hierher?�</p><p>�Er sitzt bereits im Zug.�</p><p>Eine Frau mit Sch�rze kam aus der Taverne. Sie trug einen Teller, der mit allem M�glichem beladen war, was man sich f�r ein Fr�hst�ck nur w�nschen konnte. Plus diverser K�stlichkeiten, die Sherlock noch nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte. L�chelnd stellte sie den Teller vor Sherlock ab.</p><p>�Hau rein�, forderte Crowe ihn auf. �Du hast es dir verdient.�</p><p>Sherlock hielt einen Moment lang inne. Alles um ihn herum schien auf einmal �beraus scharf umrissen und dennoch gleichzeitig leicht entr�ckt zu sein.</p><p>�Bist du okay?�, fragte Crowe.</p><p>�Ich bin nicht sicher�, antwortete Sherlock.</p><p>�Du hast eine Menge durchgemacht. Du bist k.�o. geschlagen und mit Laudanum bet�ubt worden. Diverse Schl�gereien und einen Rudermarathon nicht zu vergessen. Das muss sich zwangsl�ufig auf den Organismus auswirken.�</p><p>Laudanum. Sherlock musste an die seltsamen Tr�ume denken, die ihn heimgesucht hatten, als er bet�ubt und nach Frankreich verschleppt worden war. Er empfand einen Anflug von�� Ja, von was eigentlich? Melancholie? Vielleicht. Wehmut. Oder gar Verlangen?�� Bestimmt nicht. Was immer f�r ein Gef�hl es auch sein mochte, er verdr�ngte es f�r den Moment. Er hatte von Leuten geh�rt, die von der Wirkung des Laudanums abh�ngig geworden waren, und er versp�rte keine Lust, ihrem Beispiel zu folgen. Nicht die geringste.</p><p>�Wie geht es Virginia?�, fragte er, um auf andere Gedanken zu kommen.</p><p>�Sie ist sauer, dass sie den ganzen Spa� verpasst hat. Und sie vermisst nat�rlich ihr Pferd. Sie wollte sich ein wenig in der Stadt umsehen, aber ich habe ihr gesagt, dass sie nicht alleine raus darf. Ich denke mal, sie wird froh sein, dass du wieder wach bist.�</p><p>Sherlock starrte aufs Meer hinaus. �Ich kann gar nicht glauben, dass jetzt alles vorbei ist�, sagte er.</p><p>�Das ist es nicht�, erwiderte Crowe. �Es ist Teil deines Lebens geworden. Du kannst diese Ereignisse nicht einfach als separate Geschichte betrachten, die einen Anfang und ein Ende hat. Du bist jetzt ein anderer geworden, eben wegen dieser Ereignisse. Und das bedeutet, dass die Geschichte niemals wirklich enden wird. Aber als dein Lehrer stellt sich mir da folgende Frage: Was hast du aus dem Ganzen gelernt?�</p><p>Sherlock dachte eine Minute lang nach. �Ich habe gelernt�, sagte er schlie�lich, �dass Bienen faszinierende Kreaturen sind, �ber die sich die Leute so gut wie keine Gedanken machen. Ich denke, ich m�chte mehr �ber sie erfahren. Vielleicht sogar versuchen, die Meinung, die man �ber sie hat, zu ver�ndern.� Er verzog das Gesicht. �Vermutlich bin ich ihnen das schuldig, wo ich doch so viele von ihnen umgebracht habe.� Er blickte zu Matthew Arnatt hin�ber. �Und was ist mit dir, Matty? Was hast du gelernt?�</p><p>Matty sah von seinem Fr�hst�ck auf. �Ich hab gelernt�, sagte er, �dass du jemanden brauchst, der auf dich aufpasst. Denn sonst werden dich deine logischen Einf�lle eines Tages noch umbringen.�</p><p>�Meldest du dich freiwillig f�r diesen Job?�, fragte Amyus Crowe, um dessen Augen sich Lachf�ltchen gebildet hatten.</p><p>�Keine Ahnung�, antwortete Matty. �Wie is� denn die Bezahlung?�</p><p>W�hrend Amyus Crowe herzhaft lachte und Matty laut protestierend erkl�rte, es sei sein voller Ernst gewesen, blickte Sherlock gedankenversunken auf das weite und zeitlose Meer hinaus. Was w�rde wohl als N�chstes in seinem Leben passieren? Er hatte das Gef�hl, als h�tte das Schicksal ihn auf eine Stra�e verschlagen, von deren Existenz er noch gar nichts gewusst hatte, und er fragte sich, was ihn an ihrem Ende erwarten w�rde.</p><p>Eine Bewegung, die er aus den Augenwinkeln wahrnahm, erregte seine Aufmerksamkeit. Er blickte an der Taverne vorbei, wo die Stra�e in zwei unterschiedliche Richtungen wegf�hrte. Eine Kutsche n�herte sich. Eine schwarze Kutsche, die von zwei schwarzen Pferden gezogen wurde. Einen Moment lang dachte er, dass Mycroft eingetroffen sei. Er wollte sich schon erheben, doch dann erstarrte er.</p><p>Fr�stelnd blickte er in ein kalkwei�es Gesicht und rosafarbene Augen. Einen kurzen Moment lang starrten sie ihn durch das Glas an, bevor eine behandschuhte Hand energisch den Vorhang zuzog und die Kutsche weiterfuhr. Sp�testens jetzt wusste er, dass ihn sein Gef�hl nicht betrogen hatte: Die Dinge w�rden nie wieder so sein, wie sie einmal gewesen waren. Baron Maupertuis und die Paradol-Kammer waren immer noch irgendwo da drau�en, und er w�rde niemals Ruhe geben.</p><p>Was bedeutete, dass es das auch f�r ihn niemals geben w�rde.</p></section><section><title><p><strong>Danksagungen</strong></p></title><p>Ich habe eine ganze Reihe von B�chern zurate gezogen, um die Geschichte der Zeit und der Region ann�hernd richtig wiederzugeben. Insbesondere m�chte ich die folgenden Werke w�rdigen:</p><p><emphasis>London�s Lost route to Basingstoke: The Story of the Basingstoke Canal.</emphasis> Von P.�A.�L.�Vine. Erschienen bei Allan Sutton Publishing 1968 (�berarbeitete und erweiterte Neuauflage 1994). Enth�lt gro�artige Informationen �ber die lokalen Wasserwege und Kan�le in der Farnham-Region.</p><p><emphasis>The Tongham Railway.</emphasis> Von Peter A.�Harding. Erschienen 1994 im Selbstverlag. Ganz offensichtlich Ergebnis der obsessiven Begeisterung des Autors �ber das Thema, aber immens n�tzlich.</p><p><emphasis>Bygone Farnham.</emphasis> Von Jean Parratt. Erschienen bei Phillimore &amp; Co. Ltd., 1985. Sehr n�tzlich, wenn auch nur wegen der darin enthaltenen Liste von Pubs und Tavernen, die den Schluss nahelegt, dass in jedem zweiten Haus in Farnham Bier verkauft wurde.</p><p><emphasis>London Under London�� A Subterraean Guide.</emphasis> Von Richard Trench und Ellis Hillman. Erschienen bei John Murray 1984 (dem originalen Buchverlag, in dem die Sherlock-Holmes-Geschichten erschienen sind). Das klassische Handbuch f�r Londons unterirdische Fl�sse und Tunnel.</p><p><emphasis>Subterranean City�� Beneath the Streets of London.</emphasis> Von Antony Clayton. Erschienen bei Historical Publications 2000. Behandelt so ziemlich die gleiche Thematik wie das Buch von Trench und Hillman, profitiert jedoch von erst sp�ter entdecktem, aktuellerem Material. Oder vielleicht w�re �ausgegraben� daf�r das bessere Wort.</p><p><emphasis>The London of Sherlock Holmes.</emphasis> Von Michael Harrison. Erschienen bei David &amp; Charles 1972. Eine unsch�tzbar wertvolle und makellos recherchierte Untersuchung, die sich damit befasst, wie London aus der Perspektive von Sherlock Holmes ausgesehen h�tte.</p><p>Au�erdem dankbare Anerkennung an:</p><p>Rebecca McNally und Robert Kirby f�r ihren Glauben und ihr Vertrauen;</p><p>Jon Lellenberg, Charles Foley und Andrea Plunkett f�r ihr Einverst�ndnis;</p><p>Gareth Pugh daf�r, dass er mir alles �ber Bienen erz�hlt hat;</p><p>und Nigel McCreary, der mich bei diesem Unterfangen bei Verstand gehalten hat.</p></section><section><title><p><strong>Eine Anmerkung zum Geld</strong></p></title><p>Das Geld, das im England der 1860er Jahre im Umlauf war, ist nicht das gleiche, das wir heute kennen. Denn in Gro�britannien benutzen wir heutzutage das Dezimalsystem, das 1971 eingef�hrt wurde und darauf basiert, dass hundert Pence ein Pfund sind. Bis zu dieser Zeit bestand ein Pfund nicht aus 100, sondern aus 240 Pence. In diesem Buch habe ich durchg�ngig die korrekten Begriffe benutzt, die in jener Zeit gebr�uchlich waren: Farthings, Sovereigns, Schillinge und so weiter. F�r diejenigen, die es interessiert, habe ich folgende Umrechnungstabelle in die moderne britische sowie die EURO-W�hrung aufgef�hrt. Die EURO-Angaben sind dabei nat�rlich nur eine Momentaufnahme und k�nnen je nach aktuellem Kurs schwanken.</p><p>1 Farthing</p><p>= 0,1 Pence</p><p>= 0,0012 �</p><p>1 Halfpenny</p><p>= 0,2 Pence</p><p>= 0,0024 �</p><p>1 Penny</p><p>= 0,4 Pence</p><p>= 0,0047 �</p><p>Tuppence (2 Pence)</p><p>= 0,8 Pence</p><p>= 0,0094 �</p><p>Thrupence (3 Pence)</p><p>= 1,2 Pence</p><p>= 0,0141 �</p><p>1 Schilling (12 Pence)</p><p>= 5 Pence</p><p>= 0,0589 �</p><p>Half a Crown</p><p>= 12,5 Pence</p><p>= 0,1472 �</p><p>A Crown</p><p>= 25 Pence</p><p>= 0,2943 �</p><p>Half Sovereign</p><p>= 50 Pence</p><p>= 0,5887 �</p><p>1 Sovereign</p><p>= 1��</p><p>= 1,1773 �</p><p>1 Guinee (1 Sovereign u. 1 Schilling)</p><p>= 1, 05��</p><p>= 1,2362 �</p></section><section><title><p><strong>Nachwort des Autors</strong></p></title><p>Arthur Conan Doyle hat sechsundf�nfzig Kurzgeschichten und vier Romane �ber Sherlock Holmes geschrieben. Noch immer sind sie in den meisten Buchl�den zu finden. Als die erste Geschichte erschien, war Sherlock schon ein etwa dreiunddrei�ig Jahre alter Detektiv mit einer feststehenden Reihe von Angewohnheiten und F�higkeiten. Bei seinem letzten Auftritt war er circa sechzig Jahre alt und hatte sich an die K�ste von Sussex zur�ckgezogen, um Bienen zu z�chten. Ja, Bienen.</p><p>Meine Absicht bei dem vorliegenden Buch und denen, die noch folgen werden, ist es, herauszufinden, wie Sherlock war, bevor Arthur Conan Doyle ihn zum ersten Mal der Welt pr�sentierte. Wie war er als Teenager? Wo ist er zur Schule gegangen, und wer waren seine Freunde? Wo und wann entwickelte er die F�higkeiten und Vorlieben, die er in seinem sp�teren Leben an den Tag legte: sein logisches Denkverm�gen, das Boxen und Fechten, die Liebe zur Musik und zum Violinspiel. Was hat er auf der Universit�t studiert? Wann�� wenn �berhaupt einmal�� ist er ins Ausland gereist? Wovor hat er sich gef�rchtet und wen�� wenn �berhaupt jemanden�� hat er geliebt?</p><p>�ber die Jahre ist von anderen Autoren so viel �ber Sherlock Holmes geschrieben worden, dass er vermutlich zu einer der bekanntesten fiktiven Pers�nlichkeiten der Welt geworden ist. Die Zahl der von anderen Autoren geschriebenen Sherlock-Holmes-Geschichten �bersteigt bei Weitem die der von Arthur Conan Doyle verfassten, und dennoch sind es gerade Doyles Geschichten, denen sich die Leser immer wieder zuwenden. Daf�r gibt es nat�rlich einen Grund, und der liegt darin, dass Arthur Conan Doyle Sherlock von seinem tiefsten Inneren heraus verstand, w�hrend die anderen Verfasser zum gr��ten Teil nur versuchten, sein �u�eres zu kopieren.</p><p>Arthur Conan Doyle hat sich wenig �ber Sherlocks fr�he Jahre ge�u�ert, und auch die meisten Autoren haben seitdem diese Zeitperiode gemieden. Wir wissen wenig �ber Sherlocks Eltern oder wo genau er in England gelebt hat. Wir wissen, dass er m�tterlicherseits vom franz�sischen K�nstler Vernet abstammte und einen Bruder namens Mycroft hatte, der in einigen der Kurzgeschichten auftaucht. Aber das war�s dann auch schon. Das hat mir die Freiheit beschert, f�r den jungen Sherlock eine Geschichte zu kreieren, die einerseits mit den wenigen Hinweisen �bereinstimmt, die Conan Doyle hat fallen lassen, andererseits aber auch zwangsl�ufig zu dem Mann und dessen Eigenschaften hinf�hrt, die Conan Doyle beschrieben hat. Bei diesem Unterfangen war ich in der gl�cklichen Lage, die Zustimmung der beiden Nachlassgemeinschaften des 1930 verstorbenen Conan Doyle zu haben, die von Jon Lellenberg in den USA und Andrea Plunkett in Gro�britannien so umsichtig repr�sentiert werden. Ich hatte ebenfalls das Gl�ck, in Robert Kirby und Rebecca McNally einen Agenten und eine Lektorin zu haben, die ein tiefes Verst�ndnis daf�r aufbrachten, was ich vorhatte.</p><p>�ber die Jahre haben verschiedene Autoren versucht, ihre eigene Biographie von Sherlock Holmes zu verfassen, und dabei das wenige, das Doyle �ber Sherlock preisgegeben hat, mit realen historischen Ereignissen verkn�pft. Diese Werke sind zwangsl�ufig fehlerhaft, unvollst�ndig und subjektiv gef�rbt, aber dennoch gestehe ich, dass ich eine heimliche Schw�che f�r William Baring-Goulds Werk <emphasis>Sherlock Holmes�� A Biography of the World�s First Consulting Detective</emphasis> hege und einige Details (�berwiegend Zeitangaben und Jahreszahlen) aus diesem Kultwerk entnommen habe.</p><p>Nat�rlich wird es weitere Abenteuer von Sherlock Holmes in der Schule und sp�ter auf der Universit�t geben. Aber in der Zwischenzeit m�chte ich dazu einladen, die originalen Geschichten von Arthur Conan Doyle neu zu entdecken.</p><p>Die Kurzgeschichten sind in f�nf B�nden erschienen: <emphasis>The Adventures of Sherlock Holmes, The Memoirs of Sherlock Holmes, The Return of Sherlock Holmes, His Last Bow</emphasis> und <emphasis>The Case-Book of Sherlock Holmes</emphasis>. (Auf Deutsch in den folgenden Erz�hlb�nden enthalten: <emphasis>Die Abenteuer des Sherlock Holmes: Erz�hlungen, Die Memoiren des Sherlock Holmes: Erz�hlungen, Die R�ckkehr des Sherlock Holmes: Erz�hlungen, Seine Abschiedsvorstellung: Erz�hlungen, Sherlock Holmes� Buch der F�lle</emphasis>.)</p><p>Bei den Romanen handelt es sich um: <emphasis>A Study in Scarlett, The Sign of the Four, The Hound of the Baskervilles</emphasis> und <emphasis>The Valley of Fear</emphasis>. (Auf Deutsch in den folgenden Romanb�nden enthalten: <emphasis>Eine Studie in Scharlachrot, Das Zeichen der Vier, Der Hund der Baskervilles, Das Tal der Angst</emphasis>.)</p><p>Wem das immer noch nicht genug ist, wird mit den Holmes-Romanen neueren Datums von Nicholas Meyer <emphasis>(The Seven Per Cent Solution, The West End Horror, The Canary Trainer)</emphasis>, Michael Hardwick <emphasis>(The Revenge of the Hound)</emphasis> und Lyndsay Faye <emphasis>(Dust and Shadow)</emphasis> keine schlechte Wahl treffen. Auch empfehlenswert sind Michael Kurlands Geschichten (<emphasis>The Infernal Device, Death by Gaslight</emphasis> und <emphasis>The Great Game</emphasis>), die aus der Perspektive von Sherlock Holmes� Erzfeind Professor James Moriarty geschrieben sind und einen erfrischend anderen Blick auf den gro�en Detektiv werfen.</p><p>Wer den einen oder anderen Titel nicht mehr im Buchhandel bekommt, sollte in Antiquariaten f�ndig werden.</p></section><section><p><emphasis><strong>Lies schon jetzt, wie spannend es in Band�2 weitergeht!</strong></emphasis></p><p><image l:href="#1"/></p><p><emphasis>BAND�2</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis><strong>Ab Herbst 2012 im Buchhandel</strong></emphasis></p><p><emphasis>Abraham Lincolns totgeglaubter M�rder ist in England aufgetaucht. Die Regierung bittet Amyus Crowe um Hilfe. Klar, dass Sherlock ihm bei den Ermittlungen zur Seite steht. Doch dann wird Matty entf�hrt und Virginia und Sherlock m�ssen ihn befreien. Auf der lebensgef�hrlichen Suche nach ihm verschl�gt es die drei bis nach Amerika��</emphasis></p><p>Als Sherlock das rasche Trommeln sich n�hernder Hufschl�ge vernahm, eilte er zur T�r, um Virginia und Matty zu begr��en.</p><p>Drau�en sah er, wie sich Virginias Pferd Sandia im Gegenlicht der fr�hen Abendsonne n�herte. Bei den sich dunkel abzeichnenden Konturen auf dem Pferder�cken erwartete Sherlock, dass es sich um Virginia und Matty handelte, und angesichts von Mattys N�he zu Virginia versp�rte er f�r einen kurzen Augenblick lang so etwas wie Eifersucht.</p><p>Als Sandia n�her herankam, zeichnete sich aus den dunklen Konturen jedoch nur eine einzelne Gestalt ab. Es war Virginia, und sie brachte Sandia unmittelbar neben Sherlock zum Stehen. Ein wilder Ausdruck lag in ihren Augen, und ihr Haar war vom Wind ganz zerzaust.</p><p>�Wo ist Matty?�, fragte Sherlock.</p><p>Ginny sprang vom Pferd herab, dr�ckte sich an ihm vorbei und st�rmte in das Cottage. Sherlock folgte ihr verbl�fft.</p><p>�Sie haben Matty geschnappt!�, schrie sie.</p><p>�Wie meinst du das?�, fragte Mycroft und erhob sich von seinem Stuhl.</p><p>�Ich bin zu seinem Boot geritten und hab ihn dazu gebracht mitzukommen�, stie� sie hastig hervor. �Wir sind zu zweit auf Sandia geritten. Wir hatten gerade die Stra�e erreicht, als ein Baum die Stra�e blockierte. Als ich auf dem Hinweg dort vorbeigekommen bin, hat er noch nicht da gelegen, ehrlich. Ich hab daran gedacht, einfach dar�berzuspringen. Aber mit Matty zus�tzlich auf Sandias R�cken war ich nicht sicher, ob wir das schaffen w�rden. Also hab ich Sandia angehalten. Gerade als Matty und ich den Baumstamm von der Stra�e schieben wollten, kamen zwei M�nner auf uns zugerannt. Sie m�ssen sich in den B�schen am Stra�enrand versteckt haben. Einer von ihnen traf Matty am Kopf. Er ist dadurch gleich k.o. gegangen und hat sich �berhaupt nicht mehr gewehrt. Der andere Mann hat sich auf mich gest�rzt. Er hat versucht, mich an den Haaren zu packen. Aber als ich ihm in die Hand gebissen habe, hat er sie weggezogen. Ich bin zu Sandia gerannt, habe mich auf seinen R�cken geschwungen und bin Hals �ber Kopf davongaloppiert. Dann hab ich mich noch mal umgesehen und mitgekriegt, wie die zwei Matty fortgeschleppt haben.� Sie wirkte ganz geschockt und ihr Gesicht war kreidebleich. �Ich hab ihn einfach zur�ckgelassen!�, schrie sie, als h�tte sie gerade erst realisiert, was geschehen war. �Ich h�tte dableiben oder zur�ckkehren sollen, um ihn zu retten.�</p><p>�Wenn du das getan h�ttest, w�rst du h�chstwahrscheinlich auch geschnappt worden�, stellte Crowe klar. Mit einer f�r einen Mann seiner Gr��e erstaunlichen Geschwindigkeit st�rmte er durch das Cottage, um sie an sich zu dr�cken und fest zu umarmen. �Gott sei Dank bist du in Sicherheit.�</p><p>�Aber was ist mit Matty?�, rief Sherlock</p><p>�Wir werden ihn befreien�, versprach Mycroft. �Es ist ganz offensichtlich, dass���</p><p>Bevor er den Satz zu Ende bringen konnte, war zersplitterndes Glas zu h�ren. Etwas Schweres kam aus Richtung der zerborstenen Fensterscheibe geflogen und schlug mit dumpfem Ton auf dem Boden auf. Crowe rannte zum Eingang und riss die T�r auf. Von drau�en konnte Sherlock Huftritte h�ren, als jemand auf einem Pferd davonpreschte. In dem nun einsetzenden lautstarken Gefluche von Crowe waren Worte enthalten, die Sherlock bisher noch nie geh�rt hatte. Allerdings fiel es ihm trotzdem nicht sehr schwer, ihre drastische Bedeutung zu erraten.</p><p>Sherlock b�ckte sich, um den Gegenstand aufzuheben, der durchs Fenster geworfen worden war. Es handelte sich um einen gro�en Stein. Ungef�hr doppelt so gro� wie eine geballte Faust. Mit Hilfe einer darumgebundenen Schnur war ein zerfetztes St�ck Papier daran befestigt.</p><p>Mycroft nahm Sherlock den Stein aus der Hand und legte ihn auf den Tisch. Flink nahm er ein Messer vom Tisch und schnitt den Faden durch. �Besser wir l�sen die Knoten nicht und bewahren sie auf�, sagte er zu Sherlock, ohne ihm das Gesicht zuzuwenden. �Sie k�nnten uns etwas �ber den Mann verraten, der sie gekn�pft hat. Seeleute zum Beispiel benutzen eine ganze Reihe spezieller Knoten, die vielen Leuten nicht bekannt sind. Solltest du mal ein paar Tage nichts zu tun haben, w�rde ich dir wirklich empfehlen, dich eingehend mit Knoten zu besch�ftigen.�</p><p>Er schob die Schnur beiseite, vermutlich um sie sp�ter noch zu untersuchen, wickelte das Papier vom Stein ab und strich es dann auf der Tischfl�che glatt.</p><p>�Sieht aus wie eine Warnung�, sagte er zu Crowe und begann laut vorzulesen.</p><p><emphasis>Wir haben euren Jungen. H�rt auf, uns zu nachzustellen, und versucht nicht, uns weiter zu verfolgen. Wenn ihr uns in Ruhe lasst, bekommt ihr ihn zur�ck�� in einem St�ck und unversehrt. Tut ihr�s nicht, kriegt ihr ihn mehrere Wochen lang in Einzelteilen wieder. Ihr seid gewarnt.</emphasis></p><p>Crowe hielt Virginia in den Armen. �Offensichtlich denken sie, dass Matty mein Sohn ist�, sagte er. �Vermutlich weil sie ihn gemeinsam mit Ginny auf dem Pferd gesehen haben. Aber sie werden ihren Irrtum bemerken, sobald sie ihn sprechen h�ren.�</p><p>�Nicht unbedingt�, widersprach Mycroft. �Schlie�lich wissen sie nicht, wie lange Sie schon hier in England sind. Und vermutlich sind sie sich noch nicht einmal dar�ber im Klaren, dass Sie Amerikaner sind. Ich glaube vielmehr, dass unser junger Matty im Moment eher weniger zu bef�rchten hat. Aber zur�ck zur Nachricht. Lassen sich daraus irgendwelche Hinweise entnehmen?�</p><p>�Vergesst doch die bl�de Nachricht! Wir m�ssen hinter ihnen her!�, schrie Sherlock.</p><p>�Der Junge hat recht�, brummte Crowe. �Es gibt Zeiten f�r Analysen und Zeiten f�r Taten. Dies ist eindeutig eine f�r Taten.� Er schob Virginia sanft von sich. �Du bleibst hier. Ich werde sie verfolgen.�</p><p>�Und ich komme mit�, verk�ndete Sherlock entschlossen. Als Crowe den Mund aufmachte, um zu protestieren, f�gte er hinzu: �Matty ist mein Freund, und ich habe ihm die ganze Sache eingebrockt. Und au�erdem k�nnen wir zu zweit ein viel gr��eres Gebiet absuchen.�</p><p>Crowe blickte zu Mycroft hin�ber, der durch ein unmerkliches Nicken zu verstehen gegeben haben musste, dass er einverstanden war. Denn gleich darauf fuhr der Amerikaner fort: �Okay, junger Mann. Dann mal auf die Pferde. Wir reiten gleich los.�</p><p>Crowe steuerte auf die Hintert�r zu, und Sherlock folgte.</p><p>Als sie nach drau�en kamen, sah Sherlock zwei Pferde im Hof. Mit ihrem Halfter an einem Holzpfosten festgebunden, warteten sie geduldig vor einem kleinen Stall. Eines davon war fertig gesattelt. Sherlock erkannte das Tier. Es war Crowes Pferd. Das andere, eine sch�ne braune Fuchsstute, hatte er jedoch noch nie gesehen.</p><p>Crowe wies nickend auf die Stute, als er Sherlocks fragenden Blick bemerkte. �Die Fuchsstute geh�rt eigentlich unserem Vermieter. Virginia und ich haben sie in Pflege genommen und versprochen, sie von Zeit zu Zeit zu bewegen. Du kannst sie nehmen. Im Stall findest du einen Sattel.�</p><p>Ohne ein weiteres Wort machte Crowe sich daran, sein Pferd loszubinden, und Sherlock holte rasch den Sattel. Als er schlie�lich auf seinem Pferd sa�, war der ungeduldige Crowe schon um die Ecke des Hauses galoppiert.</p><p>Sherlock dr�ckte dem Pferd die Fersen in die Flanken und folgte seinem Lehrer in raschem Galopp.</p><p>Hinter einem zarten Wolkenschleier neigte sich die gl�hend rote Sonne bereits dem Horizont entgegen. Vor ihm preschte Crowe auf seinem Pferd dahin, und Sherlock gab sich gro�e M�he, ihn einzuholen. Das Trommeln der auf die Stra�e donnernden Hufe fuhr ihm bis in den R�cken hinauf und erzeugte eine Vibration im K�rper, die es ihm schwermachte, richtig Luft zu holen.</p><p>Er fragte sich, woher Crowe wohl wusste, in welche Richtung sie mussten. Vermutlich hatte er rasch ein paar �berlegungen dar�ber angestellt, auf welcher Stra�e die M�nner Farnham am wahrscheinlichsten verlassen w�rden, wenn sie auf dem Weg zur K�ste waren. Wollten sie sich nach Amerika einschiffen, w�rden sie das am ehesten in Southampton machen. Andererseits konnte Crowe sich durchaus geirrt haben. Denn vielleicht hatten die M�nner ja auch vor, mit dem Zug nach Liverpool zu fahren und dort unerkannt im Hafen an Bord zu gehen. Was bedeutete, dass sie Farnham in einer v�llig anderen Richtung verlassen w�rden. Zum ersten Mal wurde Sherlock so richtig klar, dass man mit Logik manchmal nur bedingt weiterkam und dass sie selten eine einzige Antwort lieferte. Meistens ergaben sich mehrere M�glichkeiten, und man musste mit einer anderen Methode versuchen, die richtige zu finden. Man konnte das Intuition nennen oder Spekulation, auf jeden Fall aber war es keine Logik.</p><p>Rechts und links flogen Cottages und H�user so rasch vorbei, dass sie f�r Sherlock kaum voneinander zu unterscheiden waren. Doch in der Ferne konnte er einen gro�en Steinbau ausmachen, der auf einem H�gel thronte und bei dem es sich wohl um die Burg von Farnham handelte.</p><p>Trotz der Hitze, die die Erde w�hrend des Tages aufgenommen hatte und die nun wieder vom Boden abstrahlte, lie� ihm der an den Ohren vorbeirauschende Wind fr�steln. Pl�tzlich meinte er, die Hufschl�ge seines eigenen Pferdes noch einmal als Echo zu h�ren, obwohl es in der Umgebung eigentlich nichts gab, an dem ein Echo h�tte zur�ckgeworfen werden k�nnen. Er blickte �ber die Schulter und war ganz verbl�fft, Virginia zu sehen, die, dicht an den Hals ihres Pferdes geschmiegt, hinter ihm hergaloppierte. Sie warf ihm ein breites Grinsen zu, und er grinste zur�ck. Eigentlich h�tte er wissen m�ssen, dass nichts und niemand Virginia von so einem Abenteuer abhalten konnte. Sie hatte wirklich absolut gar nichts mit den M�dchen gemeinsam, die Sherlock bisher kennengelernt hatte.</p><p>Sie galoppierten durch ein kleines D�rfchen.</p><p>Vor ihnen auf der Stra�e sprangen einige Dorfbewohner erschrocken auseinander, und Sherlock konnte hinter sich w�tende Rufe h�ren, als sie weiterritten. Dann hatten sie die Siedlung hinter sich gelassen.</p><p>Wie lange w�rde Crowe wohl noch einfach so weiterreiten, bevor er sich eingestand, dass sie wom�glich den falschen Weg eingeschlagen hatten?</p><p>Virginia war nun auf gleicher H�he mit Sherlock. Mit leuchtenden Augen warf sie ihm einen Blick von der Seite zu. Sherlock vermutete, dass sie�� ungeachtet der Dringlichkeit ihrer Mission�� die Aktion in vollen Z�gen genoss. Schlie�lich ritt sie f�r ihr Leben gern, und dies war die Chance, zu reiten, wie sie es wohl noch niemals zuvor getan hatte.</p><p>Sherlock blickte wieder geradeaus und stutzte. Da weiter vorne, hinter Amyus Crowes gedrungenem K�rper und seinem gro�en wei�en Hut, der trotz des rasenden Ritts wundersamerweise irgendwie auf seinem Kopf blieb, nahm er einen Gegenstand wahr, der sich anscheinend bewegte. Sherlock sah genauer hin und erkannte, dass es sich um eine Kutsche handelte. Heftig schaukelte sie hin und her, w�hrend sie auf der Stra�e entlangjagte. Im n�chsten Augenblick fuhr sie schon so schnell in die Kurve, dass es sekundenlang so aussah, als w�rde sie umkippen. �ber der Kutsche glaubte Sherlock die d�nne Linie einer Peitsche zu erkennen, die vor- und zur�ckzuckte, als der Kutscher die Pferde zu immer gr��eren Anstrengungen trieb. War Matty etwa in der Kutsche? Der Kutscher unternahm offensichtlich alles, was in seiner Macht stand, um das Gef�hrt noch schneller �ber die Stra�e dahinfliegen zu lassen. Es musste schon ein gro�er Zufall sein, falls es nicht die Amerikaner waren, die sich dort vor ihnen befanden. Denn wer sonst sollte so verzweifelt versuchen, aus Farnham fortzukommen, dass er dabei in Kauf nahm, sich den Hals zu brechen?</p><p>Sherlock trieb sein Pferd zu noch gr��erem Tempo an, und das Tier gehorchte. Der Abstand zwischen ihm und Crowe verringerte sich, und er bekam einen besseren Blick auf die Kutsche.</p><p>Es handelte sich um ein vierr�driges Gef�hrt, das von zwei Pferden gezogen wurde. Heftig tanzten die D�mpfungsfedern auf und ab, w�hrend die R�der �ber die unz�hligen Furchen, L�cher und Bodenwellen ratterten, die die Stra�e bedeckten.</p><p>Virginia zog langsam an Sherlocks linker Schulter vorbei. Wieder warf er einen Blick zu ihr hin�ber. Sie hatte ihre Z�hne entbl��t, was fast wie ein Grinsen aussah, Sherlocks Vermutung nach aber tats�chlich wohl eher so etwas wie ein w�tendes Z�hnefletschen war.</p><p>Sherlock wandte den Blick nach rechts zu Crowe hin�ber, den er nun eingeholt hatte. Seine Augen waren auf die Kutsche vor ihm fixiert und verspr�hten solch eine vulkanische Glut und Entschlossenheit, dass Sherlock es einen Augenblick lang mit der Angst zu tun bekam. Er hatte Crowe bisher immer als absoluten Gentleman erlebt, f�r den die Logik und das Sammeln von Fakten �ber allem standen. Aber Virginia hatte Sherlock einmal erz�hlt, dass Crowe in Amerika einst eine Art Menschenj�ger gewesen war. Ein J�ger, der seine Beute oft auch tot zur�ckbrachte. Jetzt, da er Crowe so vor sich sah, konnte Sherlock sich das zum ersten Mal wirklich vorstellen. Keine Macht der Erde w�rde einen Mann mit solch einem Ausdruck in den Augen aufhalten.</p><p>Crowe trieb sein Pferd so heftig an, dass diesem mittlerweile Schaum vorm Maul stand, der in winzigen Flocken vom Wind fortgerissen wurde.</p><p>Vor ihnen kr�mmte sich die Stra�e in einem Bogen nach rechts, und die Kutsche fuhr in die Kurve, ohne an Geschwindigkeit zu verlieren. Die beiden linken R�der l�sten sich kurz von der Stra�e, und fast schien es, als w�rde die Kutsche jeden Augenblick umst�rzen und von den Pferden auf der Seite weitergeschleift werden. Aber die Insassen mussten sich mit ihrem Gewicht nach links geworfen haben, denn pl�tzlich kippte die Kutsche wieder zur�ck, und die R�der krachten auf den Boden.</p><p>Dann hatten auch Sherlock, Crowe und Virginia die Kr�mmung erreicht. In rasendem Galopp legten sich ihre Pferde in die Kurve, so dass die Hufe trotz der enormen Geschwindigkeit ihren Halt auf dem Untergrund nicht verloren. Als sie wieder aus der Kurve kamen, sah Sherlock pl�tzlich einen Lastkarren vor sich, der der Kutsche auf der Stra�e entgegenkam und �ber und �ber mit B�ndeln frisch gem�hten Grases beladen war. Wild gestikulierend, versuchte der Fahrer die Kutsche zum Ausweichen zu bewegen. Aber schnell schien ihm klargeworden zu sein, dass es bereits zu sp�t war. Denn im n�chsten Moment lenkte er den Karren seitw�rts von der Stra�e herunter, wo er schlie�lich in einem Graben landete. In der n�chsten Sekunde donnerte die Kutsche an ihm vorbei und verfehlte die R�ckseite des Lastkarrens nur um wenige Zentimeter. Augenblicke sp�ter galoppierten auch Sherlock, Crowe und Virginia vor�ber. Sherlock warf einen raschen Blick zur Seite, um zu sehen, ob dem Fahrer etwas passiert war. Der stand wild gestikulierend vor dem Karren. Doch dann waren sie auch schon vorbei, und der Mann verschwand hinter ihnen in der Ferne wie eine fl�chtige Erinnerung.</p><p>Eine Bewegung seitlich an der Kutsche weckte Sherlocks Aufmerksamkeit. Ein Mann lehnte sich mit einer Art Stock in den H�nden aus der Kabine. Der Mann richtete den Stock die Stra�e entlang in ihre Richtung, und pl�tzlich sah Sherlock eine Flamme an dessen Ende aufblitzen. Der Mann hatte ein Gewehr!</p><p>Sherlock konnte nicht sagen, wohin die Kugel geflogen war. Die Kutsche h�pfte so heftig auf und ab, w�hrend sie durch die D�mmerung preschte, dass der Sch�tze sein Ziel unm�glich genau ins Visier nehmen konnte. Aber das bedeutete nat�rlich nicht, dass nicht einer von ihnen oder eines der Pferde durch Zufall getroffen werden konnte.</p><p>Erneut gab der Mann einen Schuss ab, und diesmal glaubte Sherlock, die Kugel sogar h�ren zu k�nnen, als sie an ihm vorbeiflog: ein klingendes, sirrendes Ger�usch, das an eine w�tende Wespe erinnerte.</p><p>Crowe spornte sein Pferd zu noch gr��erer Anstrengung an, und einen Moment lang schien es so, als ob er der Kutsche n�her k�me. Er hielt die Z�gel in einer Hand, w�hrend er mit der anderen an seinen G�rtel griff. Er zog einen Revolver hervor und richtete ihn auf den Mann, der sich aus der Kutsche herauslehnte. Crowe gab einen Schuss ab. Der R�cksto� riss ihm die Hand nach hinten und versetzte seinen Oberk�rper in eine leichte Seitw�rtsdrehung.</p><p>Der Mann mit dem Gewehr hatte sich blitzartig in das Innere der Kutsche zur�ckgezogen. Allerdings lie� sich von Sherlocks Position aus nicht feststellen, ob er rechtzeitig reagiert hatte oder verwundet worden war.</p><p>Einen Augenblick sp�ter f�hrte sie die wilde Verfolgungsjagd an einem Flussufer entlang, auf dessen Oberfl�che silberne Funken im letzten Licht der untergehenden Sonne glitzerten.</p><p>Pl�tzlich tauchte der Mann mit dem Gewehr wieder auf. Er lehnte sich auf der gleichen Seite aus der Kutsche wie zuvor, doch dieses Mal wandte er das Gesicht nach vorne. Er richtete die Waffe in Fahrtrichtung und dr�ckte auf den Abzug. Aus der M�ndung schoss erneut ein Flammenblitz hervor, der sich im D�mmerlicht wie eine exotische Blume entfaltete.</p><p>Verwirrt dachte Sherlock einen Moment lang, dass er auf die Pferde schie�en w�rde, die die Kutsche zogen. Aber dann wurde ihm klar, dass der Mann �ber die K�pfe der Tiere hinweggeschossen hatte, und er begriff: Der Sch�tze versuchte, sie zu erschrecken, um sie zu noch schnellerem Tempo anzutreiben, und wie es aussah, funktionierte das auch. Der Abstand vergr��erte sich rasch, w�hrend die Kutsche mit vollem Tempo auf der Stra�e dahindonnerte. Sherlock war klar, dass sich diese Geschwindigkeit nicht lange aufrechterhalten lie�, denn ihre Pferde w�rden rasch ersch�pft sein. Aber offensichtlich hatten die M�nner etwas anderes im Sinn.</p><p>Der Sch�tze verschwand wieder im Kutscheninneren, jedoch nur einen Moment lang. Dann sprang pl�tzlich die T�r auf, und der Mann hechtete nach drau�en. Sein Sprung war perfekt geplant, und er landete mitten in der weichen Schilfzone, die das Flussufer s�umte. Er war zun�chst verschwunden, doch die lange Schneise umgeknickter Schilfrohre, die seinen Sturz gebremst hatten, war gut zu verfolgen.</p><p>Unsicher, was er nun tun sollte, z�gelte Crowe sein Pferd. Doch dann trieb er es wieder an und eilte der Kutsche hinterher, anstatt sich um den Mann zu k�mmern. Gleich darauf beobachtete Sherlock, wie dieser pl�tzlich wieder aus dem Schilf auftauchte. Er war triefend nass, und sein Gesicht wies an den Stellen, wo ihm das Schilf beim Sturz die Haut aufgeritzt hatte, Schnittwunden auf.</p><p>Er hielt ein Gewehr in den H�nden. Er hob es, als Crowe sich n�herte, nahm entlang des langen Laufes sorgf�ltig Ziel und feuerte.</p><p>In dem Moment, als das M�ndungsfeuer aufblitzte, warf Crowe die Arme hoch und fiel r�ckw�rts aus dem Sattel. Er landete mit der rechten Schulter auf der Stra�e und rollte, sich unz�hlige Male �berschlagend, durch den Staub, bis er wie ein gef�llter Baumstamm reglos liegenblieb. Sein Pferd galoppierte zun�chst noch etwas weiter, aber ohne seinen Reiter, der es antrieb, wurde es langsamer und ging allm�hlich in den Trab �ber. Schlie�lich blieb es stehen und blickte der in der Ferne verschwindenden Kutsche nach, als ob es sich fragen w�rde, wozu der ganze Aufruhr eigentlich veranstaltet worden war.</p><p>�Vater!�, schrie Virginia. Sie z�gelte ihr Pferd so scharf, dass es mit schlitternden Hufen zum Halten kam, und sprang vom Sattel. Ohne auf den Mann mit der Waffe zu achten, der sie beobachtete, rannte sie die Stra�e entlang auf ihren Vater zu.</p><p>Dann hob der Mann sein Gewehr.</p><p>Die englische Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel �Young Sherlock Holmes�� Red Leech� bei Macmillan Children�s Books, London, England</p><p>Copyright � Andrew Lane 2010</p><p>F�r die deutschsprachige Ausgabe:</p><p>� S.�Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2012</p><p>ISBN 978-3-596-19301-1</p></section></body><binary id="cover" 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