<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Christoph</first-name><last-name>Lode</last-name></author><book-title>Der Letzte Traumwanderer</book-title><annotation><p>Liam Satander kann nicht glauben, dass sich sein Vater eine solche Nacht entgehen l�sst. Ein Gewitter w�tet �ber der Metropole Bradost, und Liam f�ngt einen Blitz nach dem anderen. F�r Blitzsammler, wie er und sein Vater Fellyn es sind, ein lukratives Gesch�ft. Erst am n�chsten Morgen kehrt Fellyn nach Hause zur�ck - doch die gef�rchteten Spiegelm�nner sind ihm auf den Fersen. Bevor er von ihnen ermordet wird, bittet er seinen Sohn, unter allen Umst�nden das Gelbe Buch von Yaro D�ar zu beschaffen. Liam versteht die Welt nicht mehr. Warum musste sein Vater sterben? Und was hat es mit diesem r�tselhaften Buch auf sich? Entschlossen, Antworten zu finden, l�sst er sich mit Hilfe des Erfinders Nestor Quindal in den Palast von Lady Sarka einschmuggeln. Ein wahnwitziges Unterfangen, denn die Herrscherin ist grausam und machtgierig. Leibw�chter mit schrecklichen Kr�ften sch�tzen sie. Kr�hen kreisen �ber der Stadt und spionieren ihre Untertanen aus. Gerade erst hat sie den jungen Schlammtaucher Jackon aufgenommen, dem man nachsagt, er k�nne die Tr�ume anderer Menschen beeinflussen. Trotzdem verfolgt Liam unbeirrt sein Ziel. Dabei erh�lt er unerwartet Hilfe von Quindals eigensinniger Tochter Vivana. Doch was die beiden schlie�lich in den schattenhaften Fluren und Hallen entdecken, �bertrifft selbst Liams schlimmste Erwartungen...</p><empty-line/></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>de</src-lang><sequence name="Pandaemonia" number="1"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6, VIM 7.3, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-09-23">23 September 2012</date><id>02080DEF-F3CB-4AB1-805E-F281DDE188E9</id><version>1.1</version></document-info><publish-info><isbn>9783442471737</isbn></publish-info></description><body><title><p><strong>Christoph Lode</strong></p><empty-line/><p><emphasis><strong>Der Letzte Traumwanderer</strong></emphasis></p><empty-line/><p>Pand�monia</p></title><section><empty-line/><image l:href="#cover"/><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Buch</emphasis></p></title><p>Liam Satander kann nicht glauben, dass sich sein Vater eine solche Nacht entgehen l�sst. Ein Gewitter w�tet �ber der Metropole Bradost, und Liam f�ngt einen Blitz nach dem anderen. F�r Blitzsammler, wie er und sein Vater Fellyn es sind, ein lukratives Gesch�ft. Erst am n�chsten Morgen kehrt Fellyn nach Hause zur�ck - doch die gef�rchteten Spiegelm�nner sind ihm auf den Fersen. Bevor er von ihnen ermordet wird, bittet er seinen Sohn, unter allen Umst�nden das Gelbe Buch von Yaro D�ar zu beschaffen. Liam versteht die Welt nicht mehr. Warum musste sein Vater sterben? Und was hat es mit diesem r�tselhaften Buch auf sich? Entschlossen, Antworten zu finden, l�sst er sich mit Hilfe des Erfinders Nestor Quindal in den Palast von Lady Sarka einschmuggeln. Ein wahnwitziges Unterfangen, denn die Herrscherin ist grausam und machtgierig. Leibw�chter mit schrecklichen Kr�ften sch�tzen sie. Kr�hen kreisen �ber der Stadt und spionieren ihre Untertanen aus. Gerade erst hat sie den jungen Schlammtaucher Jackon aufgenommen, dem man nachsagt, er k�nne die Tr�ume anderer Menschen beeinflussen. Trotzdem verfolgt Liam unbeirrt sein Ziel. Dabei erh�lt er unerwartet Hilfe von Quindals eigensinniger Tochter Vivana. Doch was die beiden schlie�lich in den schattenhaften Fluren und Hallen entdecken, �bertrifft selbst Liams schlimmste Erwartungen...</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Autor</emphasis></p></title><p>Christoph Lode, geboren 1977, ist in Hochspeyer bei Kaiserslautern aufgewachsen und lebt heute mit seiner Frau in Mannheim. Er studierte in Ludwigshafen am Rhein und arbeitete in einer psychiatrischen Klinik bei Heidelberg. Heute widmet er sich ganz dem Schreiben. Bisher ist er als Autor erfolgreicher historischer Romane bei Page &amp; Turner in Erscheinung getreten. Nun hat er seine �phantastische� Seite entdeckt und legt mit �Pand�monia� seine erste Fantasy-Trilogie bei Goldmann vor.</p><empty-line/><empty-line/><p>Au�erdem von Christoph Lode lieferbar:</p><p>Der Gesandte des Papstes. Roman (46799) </p><p>Das Verm�chtnis der Seherin. Roman (46798)</p><empty-line/></section><section><empty-line/><image l:href="#0"/><empty-line/></section><section><title><p><strong>1</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>In den Kan�len</emphasis></strong></p></title><p><strong>�</strong>berall Kr�hen.</p><p>Sie hockten auf Regentraufen und Mauervorspr�ngen, auf Fenstersimsen und Kaminen, durchsuchten die Dachrinnen nach Ungeziefer, kr�chzten gelegentlich und spreizten dabei ihr schillerndes Gefieder. Schwarze Knopfaugen starrten in die Gasse hinab.</p><p>Jackon wurde das Gef�hl nicht los, dass sie ihn beobachteten.</p><p>Voller Unbehagen ging er die menschenleere Gasse mit ihren heruntergekommenen Fassaden, leer stehenden Stadth�usern und Torb�gen voller Schutt entlang. Er konnte die durchdringenden Blicke der Kr�hen beinahe sp�ren, und jedes Mal, wenn er Fl�gelschlagen h�rte, lief ihm ein Schauder �ber den R�cken.</p><p>Seit Tagen ging das so. Kaum verlie� er die Kan�le, erwarteten ihn die schwarzen V�gel bereits, als folgten sie ihm auf Schritt und Tritt. Im Viertel hatte es schon immer Scharen von Kr�hen gegeben. Der Fischmarkt am Flussufer lockte sie an und der Bettlerfriedhof, wo nur eine d�nne Erdschicht die Toten bedeckte. Doch normalerweise verhielten sie sich nicht so merkw�rdig.</p><p>Seine Hand schloss sich um den Stein in seiner Hosentasche.</p><p>Er dachte an die Geschichten, die man sich in den Kan�len erz�hlte. <emphasis>Lady Sarka kann durch ihre Augen sehen</emphasis>, sagten die Schlammtaucher. <emphasis>T�te nie eine Kr�he, sonst holen dich die Spiegelm�nner, und du verschwindest auf Nimmerwiedersehen in ihrem Kerker unter dem Ministerium der Wahrheit.</emphasis> Die Bewohner der Kan�le erz�hlten st�ndig solche Dinge, und Jackon hatte nie viel auf ihr Gerede gegeben. Inzwischen war er sich jedoch nicht mehr so sicher.</p><p>Einige Schritte vor ihm landete eine Kr�he. Aus einer Ritze im Kopfsteinpflaster zog sie einen Regenwurm, der sich in ihrem Schnabel wand, bevor sie ihn verschlang. Dann blickte sie Jackon an, die Augen von einer beinahe menschlichen Intelligenz erf�llt.</p><p>�Haut endlich ab!�, rief er.</p><p>Der Vogel flatterte auf und lie� sich auf einem Erker nieder, gefolgt von einigen Artgenossen. Jackon warf seinen Stein, der von einem vernagelten Fenster abprallte. Zwei Kr�hen flogen davon, doch die anderen r�hrten sich nicht vom Fleck. Ihr Gekr�chze klang sp�ttisch.</p><p>Jackon ergriff die Flucht.</p><p>So schnell er konnte, rannte er durch die verlassenen Stra�en, sprang �ber eingest�rzte Mauern und hetzte durch dunkle Hinterh�fe, ohne sich ein einziges Mal umzusehen. Erst als er den Platz vor der Alten Glasbl�serei erreichte, machte er langsamer. W�hrend er Atem sch�pfte, blickte er zu den D�chern auf.</p><p>Keine Kr�hen zu sehen. Er hatte sie abgeh�ngt. Wenigstens vorl�ufig.</p><p>Es war ein hei�er Tag, und sein Spurt trieb ihm den Schwei� aus allen Poren. Er schlurfte zu einer Nische zwischen zwei verfallenen H�usern, wo frisches Wasser aus einem rostigen Rohr sprudelte, in ein zerbrochenes Steinbecken pl�tscherte und sich von dort aus auf das Pflaster ergoss. Fliegen schwirrten �ber der Pf�tze. Jackon legte seinen Beutel ab, wusch sich das Gesicht und l�schte seinen Durst. Er genoss jeden Schluck, denn sauberes Wasser war in den Kan�len schwer zu bekommen. Anschlie�end konnte er wieder klar denken - und kam sich wie ein Narr vor. Jetzt f�rchtete er sich schon vor ein paar Kr�hen. Hatte er nicht bereits genug Sorgen? Dies war die Grambeuge und er nur ein kleiner Schlammtaucher, dessen Leben noch weniger z�hlte als das eines Bettlers. Er t�te gut daran, die Augen offen zu halten, damit man ihm nicht seine Sachen stahl, bevor er sie verkaufen konnte. Es w�re nicht das erste Mal.</p><p>Als h�tte er sie mit seiner Wachsamkeit heraufbeschworen, erschienen Gesichter in den Durchg�ngen der Arkaden, die den kleinen Platz umgaben. Manche der verfallenen H�user waren bewohnt, von Huren, Opiums�chtigen, Tagel�hnern und Halsabschneidern. Hastig nahm er seinen Beutel an sich und eilte zur Alten Glasbl�serei, lief die Rampe zum Gew�lbekeller hinab und war erleichtert, als die Schatten ihn vor den feindseligen Blicken verbargen.</p><p>Es sah so aus, als w�re er der letzte Schlammtaucher, der heute Abend eintraf. Die anderen sa�en und standen bereits allein oder in kleinen Gruppen herum und warteten auf Asher und dessen Kumpane. Niemand beachtete ihn. Jackon hatte nichts dagegen. Selbst unter Seinesgleichen war er bestenfalls geduldet, weshalb er sich von den zerlumpten M�nnern und Frauen fernhielt und sich in einem Winkel niederlie�, wo er keine Aufmerksamkeit erregte. Nur schnell die Funde des Tages verkaufen und wieder verschwinden, bevor es �rger gab - so lebte es sich am ungef�hrlichsten.</p><p>Rostige Ketten hingen von der Gew�lbedecke. Es roch nach Asche und alter Schlacke. Enge Rampen f�hrten zu den oberen Stockwerken des leer stehenden Geb�udes; Schutt t�rmte sich in eingest�rzten Kellerg�ngen auf, schwarze Sch�chte g�hnten zwischen den Pfeilern aus br�chigen Ziegelsteinen. Fackeln verstr�mten flackerndes Licht. Als Asher und seine beiden Handlanger hereinkamen, wuchsen ihre Schatten an den W�nden empor, bis sie die wartenden Schlammtaucher wie riesenhafte D�monen �berragten.</p><p><emphasis>Genau das sind sie</emphasis>, dachte Jackon verdrie�lich. <emphasis>Drei h�ssliche, stinkende, nimmersatte D�monen.</emphasis></p><p>Asher setzte sich; sein goldener Ohrring baumelte glitzernd hin und her. W�hrend er in aller Seelenruhe seinen Becher mit Ale f�llte, bildeten die Wartenden eine Schlange vor seinem Tisch. Jackon versuchte gar nicht erst, nach vorne zu gelangen. Mit seinen f�nfzehn Jahren war er der j�ngste, kleinste und schw�chste Schlammtaucher. H�tte er sich vorgedr�ngelt, h�tten die anderen ihn verpr�gelt oder, schlimmer noch, fortgejagt. Also nahm er das Unvermeidliche hin und stand ganz am Ende der Schlange.</p><p>Schritt f�r Schritt r�ckten die Schlammtaucher vor, legten ihre Funde auf den Tisch, lie�en sie von Asher sch�tzen und zogen mit ein paar M�nzen in der Hand von dannen. Einer von Ashers Gehilfen schob sich eine dampfende Kartoffel in den Mund, kaute mit vollen Backen und sp�lte den Bissen mit Ale herunter. Der Anblick erinnerte Jackon daran, wie hungrig er war. Sein Magen knurrte so laut, dass es jeder im Keller h�ren musste. Er sehnte sich so sehr nach einer hei�en Kartoffel, dass es schmerzte. Er w�nschte, er h�tte wenigstens ein bisschen Brot. Oder <emphasis>�berhaupt</emphasis> irgendetwas zu essen.</p><p>Um sich abzulenken, lutschte er einen Kieselstein und h�rte den gefl�sterten Gespr�chen der anderen Schlammtaucher zu. Angeblich kam es wieder zu Unruhen, diesmal in Scotia und bei den Aetherk�chen am Stadtrand, und die Geheimpolizei der Lady suchte seit Tagen ohne Erfolg nach den R�delsf�hrern. F�r Jackon waren das Geschichten aus einer anderen Welt. Er war noch nie auf der anderen Seite des Flusses gewesen. Was k�mmerte es ihn, was dort geschah?</p><p>Sehr viel gr��ere Sorgen bereiteten ihm die neusten Ger�chte �ber die Ghule.</p><p>Der Mann vor ihm, ein d�rrer Kerl mit einem Geschw�r unter dem linken Auge, raunte seinen Kumpanen zu, in der vergangenen Nacht h�tten die Ghule wieder jemanden geholt: die schwangere Alys, die so dumm gewesen war, sich beim Hauptsammler herumzutreiben. Als ihr Mann sich auf die Suche nach ihr machte, h�rte er ihre Schreie und sah fahle Augenpaare in der Dunkelheit, bevor er Hals �ber Kopf floh. Niemand machte ihm einen Vorwurf. Gegen die Ghule konnte selbst der st�rkste Mann nichts ausrichten. Au�erdem war es Alys� eigene Schuld.</p><p>Jackon schluckte. Er hatte Alys gekannt. Und sein Unterschlupf befand sich ganz in der N�he der Pumpstation. Nacht f�r Nacht h�rte er das Stampfen und Zischen der riesigen Pumpen, aber manchmal drangen auch andere Ger�usche aus dem schwarzen Abgrund des Hauptsammlers herauf, <emphasis>unheimliche</emphasis> Ger�usche, und er hoffte stets, dass es nur die Ratten waren.</p><p>�Na los, Junge, lass sehen, was du hast.�</p><p>Jackon schrak auf. In seiner Besorgnis hatte er gar nicht bemerkt, dass er an der Reihe war.</p><p>Asher hatte die obersten Kn�pfe seines Wamses ge�ffnet und die �rmel hochgekrempelt und glotzte Jackon ungeduldig an. Der bullige Lumpenh�ndler hatte ein ger�tetes Gesicht, denn er sch�ttete becherweise Ale in sich hinein, w�hrend er die Sachen der Schlammtaucher begutachtete. Jackon machte sich auf unangenehme Verhandlungen gefasst. Betrunken war Asher noch geiziger als sonst.</p><p>Er �ffnete seinen Beutel und sch�ttelte den Inhalt heraus.</p><p>�Was soll das sein?�, knurrte Asher, als er aus den Knochen und Leinenresten einen Brocken Holz herausfischte.</p><p>�Ein St�ck von einer Wetterfahne�, sagte Jackon.</p><p>Der Lumpenh�ndler schnaubte. �Schaut euch diese Rotznase an�, sagte er. �Bringt uns eine halbe Wetterfahne.�</p><p>Seine beiden Helfer grinsten ver�chtlich.</p><p>Ashers Augen verengten sich. �Verrate mir mal, Junge, was ich mit einer halben Wetterfahne anfangen soll.�</p><p>Jackon schwieg. Dass seine heutige Ausbeute nicht gerade berauschend war, wusste er selbst.</p><p>�Na sch�n�, meinte der Lumpenh�ndler. �F�r die Knochen und das Leinen kriegst du einen Viertelschilling.�</p><p>�Was? Letzte Woche gab�s f�r die gleiche Menge noch einen halben!�</p><p>�Letzte Woche, letzte Woche�, wiederholte Asher unwirsch. �Die letzte Woche ist vorbei, Junge, falls du�s noch nicht gemerkt hast. Ich brauch deine Knochen nicht. Krieg das Zeug karrenweise. Es gibt ja immer mehr von euch.�</p><p>Damit hatte er leider nicht unrecht: Jede Woche nisteten sich neue Leute in den Abwasserkan�len ein, und die Schlange in der Alten Glasbl�serei wurde von Tag zu Tag l�nger. Trotzdem wollte Jackon sich nicht so leicht geschlagen geben. �In der Seifensiederei k�nnte ich einen ganzen Schilling f�r die Knochen bekommen.�</p><p>�Was du nicht sagst. Warst du schon mal dort?�</p><p>�Ja�, log Jackon.</p><p>�Gut. Dann wei�t du ja, dass sie am anderen Ende der Stadt liegt. Geh ruhig zur Seifensiederei. In der Zwischenzeit durchw�hlen deine Nachbarn dein Schlupfloch und klauen alles, was du nicht am Leib tr�gst.�</p><p>�So etwas tun Schlammtaucher nicht�, gab Jackon kleinlaut zur�ck.</p><p>�Ach ja, richtig, die ber�hmte Bettlerehre.� Asher schnaubte noch einmal. �Ich geb dir einen kostenlosen Rat, Junge: Nimm den Viertelschilling und schwirr ab, bevor ich�s mir anders �berlege.�</p><p>Er warf eine M�nze �ber den Tisch. Jackon hob sie auf und steckte sie ein, obwohl er dem Lumpenh�ndler lieber ins Gesicht gespuckt h�tte. W�hrend er davonging, lachten die drei M�nner �ber ihn.</p><p>Einen lumpigen Viertelschilling, f�r einen ganzen Tag stumpfsinniges Warten bei seinen Netzen, f�r stundenlanges Hoffen, dass sich endlich einmal etwas darin verfing.</p><p>Aber was h�tte er tun sollen? Asher wusste genau, dass Jackon auf ihn angewiesen war. Er konnte jeden Preis zahlen, den er wollte.</p><p>Jackon war zu hungrig, um sich in Selbstmitleid zu ergehen. Die M�nze sicher in der Faust verwahrt, kehrte er der Glasbl�serei den R�cken und eilte durch die unbewohnten Gassen, bis er zum Flussufer kam. Die Fischh�ndler bauten bereits ihre St�nde ab und verstauten Kisten und K�rbe auf ihren Booten. M�wen tummelten sich auf den alten Piers und Anlegestegen und stritten sich kreischend um die Fischabf�lle. Vor den Gark�chen am Rand des Hafenviertels herrschte Gedr�nge; Matrosen und Hafenarbeiter machten sich gierig �ber ihren Gerstenbrei oder Salzfisch her.</p><p>Jackon lief das Wasser im Mund zusammen, als er den ger�ucherten Stockfisch roch, der auf den Tischen auslag. Er stellte sich irgendwo an, wurde jedoch verjagt, bevor er beweisen konnte, dass er Geld besa�. Schlie�lich fand er eine Gark�che, wo auch Schlammtaucher bedient wurden. Der Viertelschilling reichte gerade einmal f�r etwas lauwarme Erbsensuppe und ein St�ck knochenhartes Brot. Er hielt seinen Holznapf hin und bettelte so lange, bis ihm der Verk�ufer eine halbe Kelle mehr gab und ihn mit einem Fluch zum Teufel schickte.</p><p>Er suchte sich einen Platz auf der Ufermauer, wo er ungest�rt essen konnte, und lie� die Beine baumeln. Jeden Bissen kaute er so oft wie m�glich; trotzdem qu�lte ihn der Hunger anschlie�end schlimmer als vorher. Er war schon jetzt recht mager. Wenn das so weiterging, bestand er bald nur noch aus Haut und Knochen. <emphasis>Wenigstens bin ich dann kein Leckerbissen f�r die Ghule mehr</emphasis>, dachte er grimmig.</p><p>Nachdem er aufgegessen hatte, blieb er noch eine Weile sitzen, um die letzten Sonnenstrahlen zu genie�en. Er mochte das Flussufer. In seinem R�cken erstreckte sich die Grambeuge mit der Alten Glasbl�serei, deren Bleid�cher matt in der Sonne schimmerten, den alten Stadth�usern und den H�tten aus Holz, rostigem Blech und Segeltuch: ein Sammelsurium aus abenteuerlichen Konstruktionen, die gegen alle Erwartung dem Wind trotzten. Der Rauch von den M�llfeuern und Kohlepfannen vermischte sich manchmal mit den seltsamen Ger�chen vom Chymischen Weg, wo Alchymisten, Giftmischer und Wunderheiler Tag und Nacht mit exotischen und t�dlichen Substanzen hantierten. Im S�den grenzte die Grambeuge an das Hafenviertel; die Bretterbuden wichen Lagerhallen, Werften und Tavernen mit Bleiglasfenstern, in denen Seeleute aus aller Herren L�nder ein und aus gingen: dunkelh�utige M�nner mit gezwirbelten B�rten aus Yaro D�ar, Kapit�ne der aetherbetriebenen Schaufelbarken, die den Rodis hinauf- und hinunterschipperten, Walf�nger aus Torle und Matrosen aus L�ndern, die so fern und fremdartig waren, dass Jackon ihre Namen nicht aussprechen konnte. Auf der anderen Seite des Flusses lag der Luftschiffhafen Bradosts mit seinem Wald aus Ankermasten und den Hallen, die riesigen Muscheln �hnelten. Vom Flugfeld stiegen unaufh�rlich Fesselballons und Luftschiffe auf und schwebten am gl�henden Abendhimmel wie Untiere aus grauer Vorzeit.</p><p>Als die Sonne hinter dem Ph�nixturm versank, machte Jackon sich auf den Weg zu den Kan�len. Er entschied sich f�r einen Zugang im Hafenviertel, obwohl dies einen kleinen Umweg bedeutete. Aber nach dem �rger mit Asher hatte er keine Lust, anderen Schlammtauchern zu begegnen. Schlimm genug, dass er jeden Abend mit ihnen in der Glasbl�serei zusammentraf. Heute hatten sie ihn in Ruhe gelassen, vermutlich weil ihnen der Vorfall mit den Ghulen zu schaffen machte. An den meisten anderen Tagen hatte er nicht so viel Gl�ck.</p><p>Bei den Kais stieg er eine steile Treppe hinab. Keinen halben Schritt �ber dem Fluss war ein schmiedeeisernes Tor in die Ufermauer eingelassen; braunes Wasser schwappte gegen die Schwelle. Jackon schl�pfte durch den Spalt zwischen den rostigen Torfl�geln und betrat die Unterwelt von Bradost.</p><p>Er war in den Abwassertunneln aufgewachsen und kannte sie wie seine Westentasche; er brauchte kein Licht, um sich darin zurechtzufinden. Au�erdem war offenes Licht gef�hrlich: Manchmal bildeten sich faulige D�mpfe in den Tunneln, die sich leicht entz�ndeten und G�nge zum Einsturz brachten, wenn sie explodierten. Deshalb hausten die meisten Schlammtaucher in den Katakomben unter der Altstadt oder in Flussn�he, wo frische Luft in die Tunnel drang. In der N�he des Hauptsammlers, wo es besonders gef�hrlich war, lebten nur die Ausgesto�enen: M�rder, Verr�ckte, Cholerakranke, Leute, die sich vor den Spiegelm�nnern versteckten - und Jackon.</p><p>Er gelangte in eine Abwasserleitung, der er stadteinw�rts folgte, indem er sich auf dem steinernen Steg neben dem Abwasserstrom hielt, seine Schritte z�hlte und auf die Ger�usche in der Dunkelheit achtete. Als er den breiteren Haupttunnel erreichte, stieg er eine eiserne Leiter hinab und zw�ngte sich durch die zertr�mmerten �berreste eines hydraulischen Tores. Sein Weg f�hrte ihn durch G�nge und Hallen, die nur noch teilweise zum Abwassersystem Bradosts geh�rten: uralte Zisternen, Keller und Sch�chte aufgegebener Manufakturen, vom Fluss ausgewaschene H�hlen, Kasematten vergessener Festungsanlagen. Nicht einmal Jackon wusste, wohin all diese Tunnel und Stollen f�hrten. Einige waren viele Meilen lang und erstreckten sich angeblich bis zu den alten Grabg�ngen und Beinh�usern tief unter der Stadt.</p><p>Schlie�lich h�rte er ein vertrautes Rauschen, das sich zu einem ohrenbet�ubenden Tosen steigerte, als der Tunnel in den Hauptsammler m�ndete.</p><p>Obwohl Jackon daran gew�hnt war, raubte ihm der Gestank schier den Atem. Aus mehr als einem Dutzend Leitungen st�rzten die Abw�sser in die gewaltige Zisterne, die mit ihren gemauerten B�gen und steinernen Rippen einer unterirdischen Kathedrale �hnelte. Fahles Licht aus einem Deckenschacht fiel auf Simse, Treppenfluchten und gusseiserne Gel�nder, bis es sich in der Dunkelheit verlor.</p><p>Jackon f�rchtete sich nicht vor der Finsternis; dennoch pochte sein Herz bis zum Hals, als er einem der Simse folgte. Denn er kannte die Gefahren, die dort unten in der Tiefe lauerten, nur zu gut.</p><p>Er kletterte in eine mannshohe Abwasserleitung, und Erleichterung durchstr�mte ihn beim Anblick des fernen Lichtscheins. Einige Tunnelbewohner besa�en Gaslaternen, bei denen keine Gefahr bestand, dass sie die D�mpfe in den G�ngen entz�ndeten. Ihre Besitzer l�schten sie nie - die Ghule hassten helles Licht.</p><p>Jackons Behausung befand sich am �u�ersten Rand der beleuchteten Tunnel, denn nicht einmal die Ausgesto�enen duldeten ihn in ihrer N�he. Im Kanal waren seine Netze aufgespannt. Er �berpr�fte, ob sich etwas darin verfangen hatte, w�hrend er fort war, fand zu seiner Entt�uschung jedoch nur ein paar Knochen. Er stopfte sie in seinen Beutel, kletterte �ber die Planke, die �ber dem Abwasserstrom lag, und schl�pfte in eine �ffnung in der Tunnelwand. Dahinter befand sich sein Zuhause: eine kleine Kammer mit einigen Kisten, einem Bett aus strohgef�llten S�cken und einer rostigen Leiter, die zu einem Luftschacht f�hrte.</p><p>Er hatte im Tunnel keine D�mpfe gerochen und entschied, dass er ein wenig Licht riskieren konnte. Er zog eine Kiste hervor, die seine Sch�tze enthielt; Dinge, die er im Lauf der Jahre gefunden, gestohlen oder aus dem Kanal gefischt hatte: einen Kavalleries�bel mit abgebrochener Klinge, ein Ersatznetz, eine l�chrige Hose, einen Feuerstein und einen Kerzenstummel.</p><p>Mit dem Feuerstein und einigen Holzsp�nen z�ndete er die Kerze an und setzte sich auf das Schlaflager.</p><p>Aus der Dunkelheit seiner Kammer sch�lte sich eine Gestalt.</p><p>Jackon keuchte vor Entsetzen auf und griff nach dem S�bel; dabei lie� er die Kerze fallen. Er h�rte ein w�tendes Knurren, dann packten ihn kr�ftige H�nde am Hemdkragen und zogen ihn auf die F��e, bevor er den S�bel zu fassen bekam.</p><p>Der flackernde Kerzenschein fiel auf ein entstelltes Gesicht. Hinter der fliehenden Stirn standen die Haare in alle Richtungen ab. Ein fauliger Geruch, widerw�rtiger noch als der Gestank des Abwassers, schlug ihm entgegen.</p><p>�Da bist du ja, du Wicht. Dachte schon, du h�ttest dich vor Angst verkrochen.�</p><p><emphasis>Darren!</emphasis>, begriff Jackon erleichtert, w�hrend er nach Luft schnappte. <emphasis>Es ist nur Darren!</emphasis></p><p>Dann wurde ihm klar, dass dies nicht unbedingt Anlass zur Erleichterung bot.</p><p>Seine F��e scharrten �ber den Boden. Vergeblich versuchte er, sich aus dem eisernen Griff zu befreien.</p><p>�Wie oft hat Darren dir gesagt, du sollst ihn in Ruhe lassen? Na?�</p><p>�Hab nichts gemacht�, �chzte Jackon, was den Eindringling veranlasste, ihn so heftig zu sch�tteln, dass seine Z�hne aufeinanderschlugen.</p><p>�Dreckiger L�gner! Gestern Nacht warst du wieder in Darrens Kopf.�</p><p>�Ich wei� nicht, was du...� Der Rest des Satzes blieb Jackon im Hals stecken, als Darren ihn auf die Strohs�cke schleuderte. Dann beugte sich der H�ne �ber ihn und bleckte seine verfaulten Zahnst�mpfe. Die beiden H�lften seines Gesichts passten nicht richtig zusammen: Das rechte Auge befand sich nicht auf der gleichen H�he wie das linke, eine Wange hing herunter, als g�be es keine Muskeln, die ihr Form verliehen.</p><p>�Das passiert, wenn man Darren w�tend macht�, knurrte der Missgestaltete und trat gegen eine Kiste, sodass sie in den Kanal fiel.</p><p>�Nicht meine Sachen!�, rief Jackon. Er st�rzte zum Ausgang der Kammer, bekam die Kiste jedoch nicht mehr zu fassen und konnte nur noch dabei zusehen, wie sie fortgesp�lt wurde.</p><p>Darren packte ihn am Nacken und zog ihn zur�ck in die Kammer, wo er ihn auf den Boden schleuderte. �Merk dir das, du kleiner Hurensohn. Beim n�chsten Mal wirft Darren dich hinein.�</p><p>Mit schweren Schritten stapfte der H�ne �ber die Planke und bef�rderte das Brett mit einem Tritt in die Br�he, bevor er davonschlurfte und Jackon die Ghule an den Hals w�nschte.</p><p>Jackon rieb seinen schmerzenden Nacken... bis er verbranntes Stroh roch. Fluchend wirbelte er herum, sch�ttelte die Kerze vom Strohsack herunter und trat die Flammen aus. Dann hob er die Kerze auf, die in dem ganzen Durcheinander erloschen war, z�ndete sie an einem glimmenden Halm an und stellte sie behutsam in eine kleine Nische im Mauerwerk. Sie war alles, was er noch besa�, abgesehen von den S�cken und den Kleidern am Leib. Seine Kiste, der S�bel und der Rest seiner Sachen waren im Schlund des Hauptsammlers verschwunden. <emphasis>Nicht einmal die Planke hat er mir gelassen</emphasis>, dachte er niedergeschlagen.</p><p>Er setzte sich auf sein Schlaflager und versuchte, seinen knurrenden Magen zu ignorieren.</p><p>Wenigstens das Netz hatte er noch. Ohne das Netz taugte er nicht einmal mehr zum Schlammtaucher und k�nnte sich ebenso gut in den Hauptsammler st�rzen. Er konnte nur hoffen, dass sich in den n�chsten Tagen ein paar brauchbare Dinge darin verfingen, denn er ben�tigte dringend eine neue Planke und vor allem etwas zu essen. Allein mit den Knochen und Leinenresten kam er nicht mehr weit, denn es war abzusehen, dass Asher die Preise weiter dr�cken w�rde.</p><p>Heute war wahrlich nicht sein Gl�ckstag.</p><p>Wenn er nur w�sste, was er tun k�nnte, damit Darren und die anderen Ausgesto�enen ihn in Ruhe lie�en...</p><p>Es war nicht der erste Vorfall dieser Art. Fr�her, als er noch in Flussn�he gelebt hatte, war keine Woche vergangen, in der man ihm nicht vorwarf, er h�tte die anderen Bewohner der Abwasserkan�le nachts bel�stigt und im Schlaf heimgesucht. Er dachte, es w�rde besser werden, nachdem er sich eine andere Unterkunft gesucht hatte, weit weg von den Quartieren der Schlammtaucher. Ein Irrtum. Seitdem brachte er die Ausgesto�enen gegen sich auf, was noch schlimmer war, denn bei den meisten handelte es sich um gewaltt�tige Verr�ckte wie Darren.</p><p>Er wollte niemanden bel�stigen, tags�ber nicht, und erst recht nicht nachts. Er wollte sich nur um seine Netze k�mmern, in der Hoffnung, mit seinen Funden etwas Geld zu verdienen. Und er trieb sich auch nicht in den K�pfen anderer Leute herum. Wie sollte so etwas �berhaupt m�glich sein?</p><p>Pl�tzlich war er so ersch�pft, dass er sich hinlegen musste. Er schloss die Augen und h�tte gerne gebetet, doch ihm fiel kein einziges Gebet ein.</p><empty-line/><empty-line/><p>Er musste eingeschlafen sein, denn als er die Augen �ffnete, war es dunkel in seinem Schlupfwinkel. Von drau�en drang Gaslicht herein. In der Ferne rauschte der Hauptsammler.</p><p>Er sah nach seiner Kerze. Lediglich ein unbrauchbarer Stummel war noch davon �brig. Er verfluchte sich daf�r, dass er in seinem Elend vergessen hatte, sie rechtzeitig zu l�schen. Jetzt hatte er kein Licht mehr.</p><p>Dunkelheit lockte die Ghule an...</p><p>Es musste nur die Gaslaterne am Zugang des Tunnels ausfallen, und schon w�re der gesamte Gang stockfinster.</p><p>Jackon schluckte trocken. Er durfte jetzt nicht in Panik verfallen. Es war schon schlimm genug, dass er beinahe verhungerte.</p><p>Er brauchte eine neue Unterkunft. Hier, so nahe bei der Pumpstation, durfte er nicht bleiben. Alys hatte die Ghule gewiss nicht satt gemacht. M�glich, dass nun ihre Gier erwacht war und sie die Tunnel durchstreiften, auf der Jagd nach neuer Beute.</p><p>Er holte seine Netze ein und stopfte sie in den Beutel. Die S�cke musste er hierlassen, denn sie w�rden ihn bei einem langen Marsch durch die Tunnel nur behindern. Da er keinen Wert darauf legte, Darren zu begegnen, beschloss er, die Kammer durch den Luftschacht zu verlassen. Vielleicht konnte er im Hafenviertel schlafen, bis er eine neue Kerze aufgetrieben hatte.</p><p>Gerade als er die Leiter hinaufkletterte, ert�nte ein gr�sslicher Schrei. Jackon erschrak so sehr, dass er abrutschte und mit dem R�cken auf die S�cke fiel.</p><p>Was, bei allen Namen Tessarions, war das?</p><p>Er w�lzte sich herum und starrte zum Eingang der Kammer hinaus.</p><p>Schatten tanzten �ber die Kanalw�nde. Zuckende Schemen, wie gewaltige Schwingen. Noch einmal ert�nte der Schrei. Ein unmenschliches Kr�chzen, das ihm schier das Blut gefrieren lie�.</p><p><emphasis>Steh auf!</emphasis>, sagte er sich. <emphasis>Steh auf und lauf!</emphasis> Doch seine Beine wollten ihm nicht gehorchen. S�mtliche Kraft schien seinen K�rper verlassen zu haben.</p><p>Die Schatten wurden kleiner, verschwanden. <emphasis>Das sind keine Ghule</emphasis>, durchfuhr es ihn pl�tzlich. <emphasis>Dieses Kr�chzen... Das ist nur...</emphasis></p><p>Eine Kr�he. Sie landete in der �ffnung und blickte ihn unverwandt an.</p><p>Jackon war so verbl�fft, dass er wie erstarrt liegen blieb. Vor lauter Hunger und �rger mit Asher und Darren hatte er die Sache mit den Kr�hen v�llig vergessen. Doch ganz offensichtlich hatten <emphasis>sie</emphasis> ihn nicht vergessen. Und jetzt folgten sie ihm schon in die Kan�le.</p><p>Jackons Entsetzen wich Zorn - Zorn dar�ber, dass ein dummer Vogel es geschafft hatte, ihm Todesangst einzujagen. Er federte hoch und holte mit seinem Beutel aus. Doch bevor er ihn werfen konnte, ver�nderte die Kr�he ihre Gestalt. Sie wuchs und verschwamm zu einer unf�rmigen schwarzen Masse, aus Fl�geln wurden Arme, aus Krallenf��en Beine, aus einem Schnabel und zwei Knopfaugen bildete sich ein menschliches Gesicht, alles innerhalb eines Herzschlags.</p><p>Jackon lie� den Beutel fallen und taumelte keuchend zur�ck.</p><p>Wo eben noch der Vogel gesessen hatte, stand nun ein Mann. Sein Mantel war so schwarz wie Kr�hengefieder, sein haarloser Sch�del leichenblass.</p><p>Seine Hand schnellte vor und schloss sich um Jackons Arm.</p><p>Jackon schrie.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>2</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Der Zweikampf</emphasis></strong></p></title><p><strong>L</strong>ucien sa� auf der Spitze des Ph�nixturms hoch �ber den D�chern Bradosts, rauchte Pfeife und genoss die laue Abendluft. Dies war sein Lieblingsplatz. Von hier oben �berblickte man die ganze Stadt.</p><p>Sie war riesig, gr��er als jede andere Metropole der bekannten Welt. Von der M�ndung des Rodis dehnte sie sich meilenweit �ber das Land aus, im S�den begrenzt von der Steilk�ste, im Osten und Westen von den Plantagen und im Norden von Karst, einer zerkl�fteten Hochebene, durch die beharrlich der Wind heulte. Bradost selbst glich einem Flickenteppich aus Schiefer- und Bleid�chern, aus H�fen, kleinen G�rten mit glitzernden Springbrunnen, Gassen, Treppen und Br�cken. Der Fluss speiste zahllose Kan�le, die wie stahlblaue Adern zwischen den H�geln verliefen. Von den Aetherk�chen stieg goldener Dunst auf und vermischte sich mit dem Rauch aus den Schloten der Manufakturen. Wetterfahnen und Kuppeln glei�ten in der Abendsonne. Wasserspeier und gefl�gelte Steinl�wen auf Erkern und Giebeln warfen lange Schatten, als belauerten sie die winzigen Menschen auf den Stra�en.</p><p>Lucien liebte diese Stunde des Tages: wenn �ber den D�chern ein glutfarbener Schimmer lag, der dem Anblick etwas Unwirkliches verlieh, als sei Bradost ein verwunschener Ort, der jeden Moment in den Abgr�nden von Zeit und Raum verschwinden konnte.</p><p>Wind bauschte sein schlohwei�es Haar auf und verwehte den Pfeifenrauch. �ber den Felsenk�mmen von Karst ballten sich Wolken zusammen. Es roch nach Regen.</p><p>Er seufzte leise, nahm einen letzten Zug und klopfte die Pfeife aus. Aber es war ohnehin h�chste Zeit, dass er sich auf den Weg machte.</p><p>Die Turmspitze bestand aus sechs gemauerten Rippen, die eine Art riesige Laterne bildeten. Er lie� sich vom Schlussstein gleiten, bekam einen der B�gen zu fassen, schwang zur�ck und landete geschmeidig im Innern des Steingebildes. Der Ph�nixturm besa� keine Treppe, keine Rampe oder Leiter, weswegen es Menschen ohne Hilfsmittel nicht m�glich war, hier herauf zu gelangen. Lucien aber war kein Mensch. Er trat zwischen zwei Steinb�gen, bis seine Zehenspitzen �ber den Rand ragten. Viele hundert Fu� unter ihm kroch der Schatten des Turms �ber die D�cher wie der Stundenzeiger einer gewaltigen Sonnenuhr. Der Wind riss an seinem mondstaubfarbenen Wams.</p><p>Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und machte noch einen Schritt.</p><p>Statt in die Tiefe zu st�rzen, stand er im n�chsten Moment auf einer Stra�e aus verwitterten Steinplatten. Bradost war verschwunden; Gewitterwolken und Abendsonne waren einem blauschwarzen Firmament ohne Mond und Sterne gewichen. Vor ihm erhob sich ein Palast, gr��er und Ehrfurcht gebietender als alles, was Menschen jemals erbaut hatten. Lucien blieb einen Moment stehen und blickte zu den Mauern und Zinnen aus blau schimmerndem Gestein auf, betrachtete die verschachtelten Fl�gel und D�cher und Minarette, um die silbriger Staub wirbelte, ehe er durch das Tor trat.</p><p>Stille erf�llte die S�le und Treppenfluchten. Seine Schritte hallten. Er ging durch die einsamen Flure, bis pl�tzlich eine Stimme erklang.</p><p>�Du hier?�</p><p>Eine Frau erschien zwischen den S�ulen. Genau wie er besa� sie nachtschwarze Haut und langes wei�es Haar. Der Saum ihres Gewandes strich leise �ber den Boden.</p><p>�Nabeth�, begr��te Lucien sie k�hl. �Lange nicht gesehen.� Ein feines L�cheln umspielte ihre Lippen, und in ihrer Stimme lag ein Hauch von Spott. �Ich h�tte nicht gedacht, dass du kommen w�rdest. Mutig von dir.�</p><p>�Du kennst mich doch. So ein Spektakel lasse ich mir nicht entgehen.�</p><p>�Lass dich ansehen. Du hast dich ver�ndert. Und diese Kleidung - skandal�s.�</p><p>�Nein. Nur Menschenkleidung.�</p><p>Nabeth hob eine Augenbraue. �Du hattest schon immer recht ungew�hnliche Vorlieben.�</p><p>Lucien hatte schon jetzt genug von diesem Gespr�ch. �Sind die anderen im gro�en Saal?�</p><p>�Ja. Warte�, sagte sie, als er losgehen wollte. �Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist? Sie werden nicht erfreut sein, dich zu sehen.�</p><p>Er l�chelte d�nn. �Falls es dich beruhigt: Das beruht auf Gegenseitigkeit.�</p><p>Pl�tzlich stand Nabeth ganz nah vor ihm. �Lucien, Lucien, ganz der Alte�, sagte sie und strich ihm mit den Fingerkuppen �ber die Wange. �Ein Einzelg�nger wie eh und je. Wie schade, dass du damals so ein Narr gewesen bist. Dir und mir, uns h�tte die Ewigkeit geh�ren k�nnen.�</p><p>Da lag sie falsch, aber er verzichtete darauf, sie zu korrigieren. Wer es schaffte, dreihundert Jahre an einer Illusion festzuhalten, war ganz offensichtlich immun gegen gute Worte und Vernunft. Behutsam schob er ihre Hand fort. �Lass uns gehen�, sagte er. �Ich will nichts verpassen.�</p><p>Gemeinsam durchquerten sie die S�ulenhalle. Nabeth konnte ihre Entt�uschung nur schwer verbergen.</p><p>�Hast du den Harlekin gesehen?�, fragte Lucien.</p><p>�Nein. Aber er soll bereits hier sein.�</p><p>�Ist es wahr, dass er Aziel herausgefordert hat?�</p><p>�Ja.�</p><p>Also stimmten die Ger�chte. Lucien hatte bis zuletzt daran gezweifelt.</p><p>�Hat Aziel dir nichts gesagt?�, fragte Nabeth. �Ich dachte, neuerdings versteht ihr euch wieder pr�chtig.�</p><p>�Wie kommst du darauf?�</p><p>�Man h�rt das eine oder andere.�</p><p>Er hatte nicht die geringste Lust, ihr zu erkl�ren, wie er zu Aziel stand. Sein Verh�ltnis zum Herrscher der Alben war kompliziert. �Du solltest nicht alles glauben, was die Leute erz�hlen. Sag mir lieber, wie da drin die Stimmung ist.�</p><p>�Stimmung?�</p><p>�Na wegen der Herausforderung.�</p><p>�Viele sind froh, dass es so gekommen ist, obwohl niemand es ausspricht. Sie sind dieser Welt �berdr�ssig. Und Aziel hat schon lange nicht mehr viele Anh�nger.�</p><p>So hatte auch Lucien es eingesch�tzt. Der Tag versprach, �beraus interessant zu werden.</p><p>Sie kamen zum Eingang des gro�en Saales. Nabeth blieb unvermittelt stehen.</p><p>�Was ist?�</p><p>Sie z�gerte. �Lass mich allein hineingehen. Ich will nicht, dass es Gerede gibt. Bitte versteh das.�</p><p>Sie schritt davon. Lucien konnte es ihr nicht verdenken: Niemand wollte mit einem Ausgesto�enen gesehen werden. Und ihm lag ohnehin nicht sonderlich viel an ihrer Gegenwart.</p><p>Als er in der Halle eintraf, waren die anderen Angeh�rigen seines Volkes bereits anwesend. Zu Hunderten standen sie auf den Galerien. Alben sahen einander sehr �hnlich; Unterschiede gab es lediglich in den Gesichtern: Manche waren hager, andere breit oder fein geschnitten, einige M�nner trugen Kinnb�rte, w�hrend viele Frauen ihr Haar zu langen Z�pfen geflochten hatten.</p><p>Sie bedachten ihn mit ablehnenden, sogar feindseligen Blicken. Niemand wagte zu sprechen, doch er konnte f�rmlich h�ren, was die Anwesenden �ber ihn dachten:</p><p><emphasis>Dieb!</emphasis></p><p><emphasis>Ausgesto�ener!</emphasis></p><p><emphasis>Verschwinde!</emphasis></p><p><emphasis>Du geh�rst nicht hierher!</emphasis></p><p>Unbeirrt trat er zur Galerie und legte die H�nde auf die Br�stung. Trotz des Gedr�nges gelang den Alben in seiner N�he das Kunstst�ck, mehrere Schritte Abstand zu ihm zu halten, als leide er unter einer ansteckenden Krankheit.</p><p>Als sich ein Portal �ffnete, galt die Aufmerksamkeit der Menge wieder der Halle.</p><p>Zwei Krieger mit Hornmasken und gezackten Lanzen postierten sich links und rechts der Pforte, aus der Aziel trat.</p><p>Der Herrscher der Alben war gr��er und massiger gebaut als die meisten seiner Untertanen. Ein wei�er Ziegenbart zierte sein Kinn, seine Augen glitzerten wie zwei neugeborene Sterne. Eine dunkle Robe verh�llte seine Schultern und den m�chtigen Brustkorb. Er entdeckte Lucien auf der Galerie, und f�r einen Augenblick begegneten sich ihre Blicke. Lucien zwinkerte ihm zu, woraufhin Aziel sich abrupt abwandte.</p><p>Die Menge blickte erwartungsvoll zur gegen�berliegenden Seite der Halle.</p><p>Aus dem Durchgang schlurfte der Harlekin.</p><p>Hundert Jahre Gefangenschaft hatten deutliche Spuren hinterlassen: Der ehemals stattliche und hochm�tige Alb wirkte hager und ausgezehrt. Narben verunstalteten sein Gesicht, sein kurzes Haar stand in alle Richtungen ab. Statt der bunten Flickenkleidung, der er seinen Namen verdankte, trug er ein schlichtes, fast sch�biges Gewand.</p><p>Seine Augen leuchteten fiebrig, als er seinen alten Widersacher erblickte. �Sch�n, dich zu sehen, Aziel�, sagte er mit einem d�nnen L�cheln.</p><p>F�r gew�hnlich zeigten Alben ihre Gef�hle nicht, und sie h�tten nie zu erkennen gegeben, auf wessen Seite sie standen. Lucien jedoch hatte ein ausgepr�gtes Gesp�r f�r solche Dinge, weshalb ihm die gespannte Unruhe nicht verborgen blieb, die sich beim Auftritt des Harlekins im Saal ausbreitete. Es war, wie Nabeth sagte: Die Mehrheit der Alben hatte diesen Tag herbeigesehnt, in der Hoffnung, dass die ungeliebte Herrschaft Aziels endlich ein Ende fand.</p><p><emphasis>Ein Wunder, dass er sich �berhaupt so lange halten konnte</emphasis>, dachte Lucien. <emphasis>Doch stark ist er, das muss man ihm lassen.</emphasis></p><p>Aziels Stimme dr�hnte, erf�llt von uralter Macht: �Wie konntest du entkommen?�</p><p>�Niemand kann mich ewig festhalten. Nicht einmal du.�</p><p>�Jemand hat dir geholfen.�</p><p>�Wie kannst du so etwas sagen?�, erwiderte der Harlekin liebensw�rdig. �Zweifelst du etwa an der Treue deines Volkes?�</p><p>�Mein Volk ist loyal. Es h�lt sich an die Regeln. Im Gegensatz zu dir.�</p><p>�Ich war immer schon der Meinung, dass Regeln �bersch�tzt werden.�</p><p>�Du bist ein L�gner�, knurrte Aziel. �Und ein Schw�chling obendrein. Du h�ttest verschwinden sollen, statt meine Zeit zu vergeuden.�</p><p>�Spar dir die Beleidigungen und lass uns endlich k�mpfen.�</p><p>�Wieso m�ssen wir das wiederholen? Du wei�t, dass du keine Chance hast.�</p><p>�Wir werden sehen�, sagte der Harlekin und l�chelte wieder, wobei eine Narbe seine Oberlippe spaltete.</p><p>Aziel schnaufte ungeduldig und machte ein Handzeichen, woraufhin ein dritter Alb aus den Schatten unter den Galerien trat. Zwischen den beiden Rivalen blieb er stehen. In der rechten Hand hielt er einen Stab, der in einer knotigen Spitze endete.</p><p>�Gek�mpft wird nach den alten Regeln�, rief er zu den Galerien hinauf. �Kein Alb t�tet einen anderen.�</p><p>�<emphasis>Kein Alb t�tet einen anderen!</emphasis>�, wiederholte die Menge wie mit einer Stimme.</p><p>�Der Kampf endet, wenn ein K�mpfer aufgibt.�</p><p>�<emphasis>Der Kampf endet, wenn ein K�mpfer aufgibt!</emphasis>�</p><p>�Wer siegt, ist neuer Herrscher der Alben.�</p><p>�<emphasis>Wer siegt, ist neuer Herrscher der Alben!�</emphasis>, hallte es von den Saalw�nden wider.</p><p>Der Richter zog sich in den Schatten zur�ck, und die beiden Rivalen brachten sich in Position. Obwohl mehr als hundert Jahre seit ihrem letzten Kampf vergangen waren, erinnerte Lucien sich noch gut daran. Auch der Harlekin konnte seine vernichtende Niederlage nicht vergessen haben; dennoch l�chelte er nach wie vor. <emphasis>Er f�hrt etwas im Schilde</emphasis>, dachte Lucien, der es einem Mann ansah, wenn er ein Ass im �rmel hatte. <emphasis>Nur was?</emphasis></p><p>Schweigen herrschte in der Halle, als Aziel und der Harlekin einander belauerten. Dann streckte Aziel den Arm aus, und auf seiner Handfl�che bildete sich ein Traum.</p><p>Anfangs hatte er die Form einer schillernden Blase. Sie dehnte sich aus, fiel von Aziels Hand, rollte �ber den Boden und begann, Ausw�chse zu bilden. Es sah aus, als versuche jemand, sich aus einem Gummiballon zu befreien. Das Gesch�pf, das sich schlie�lich aufrichtete, war schwarz wie der tiefste Abgrund und schien ganz aus Dornen und Klingen zu bestehen.</p><p>Ein Albtraum von der schlimmsten Sorte. Lucien hatte mit so etwas gerechnet. Offenbar wollte Aziel rasch eine Entscheidung herbeif�hren.</p><p>Der Albtraum st�rzte sich auf den Harlekin, packte ihn am Hals und hob ihn hoch, als w�re er nicht schwerer als eine Puppe. Der Harlekin setzte sich zur Wehr, indem er einen eigenen Traum erschuf, allerdings brachte er nur ein kr�ten�hnliches Gesch�pf zustande, das ein speicheltriefendes Maul besa� und nicht gr��er als ein Hund war.</p><p>Aziels Albtraum fuhr herum und erblickte das Wesen. Der Harlekin nutzte die Gelegenheit und befreite sich. Er st�rzte zu Boden und brachte sich kriechend in Sicherheit, w�hrend der schwarze Nachtmahr das Kr�tenwesen mit einem einzigen Tritt zerstampfte.</p><p>Weitere Traumblasen umgaben Aziel, wuchsen in die H�he und wurden zu Albtr�umen, einer schrecklicher als der andere. Lucien erblickte eine riesige Spinne mit einer menschlichen Fratze auf dem R�cken. Das Gesch�pf daneben besa� elefanten�hnliche Beine und einen Rachen voller Tentakel. Ein drittes bestand ganz aus Dunkelheit, die unabl�ssig die Form ver�nderte: Mal waren gewaltige Schwingen zu erkennen, mal Krallen, dann wieder ein Kopf mit einem gl�henden Schlund.</p><p>Der Harlekin k�mpfte unterdessen um sein Leben. Der dornenbewehrte Nachtmahr versetzte ihm einen Schlag, der ihn quer durch die Halle schleuderte. Er prallte gegen eine Wand und blieb �chzend liegen. Bevor der Albtraum ihn abermals packen konnte, streckte der Harlekin den Arm aus, woraufhin sich der Traum in eine formlose Blase zur�ckverwandelte und in seiner Handfl�che verschwand.</p><p>Diesen Gegner hatte der Harlekin bezwungen, aber Lucien sah ihm an, wie viel Kraft es ihn gekostet hatte. Mit Aziels anderen Tr�umen w�rde er nicht so leicht fertig werden.</p><p><emphasis>Genau wie damals. Warum wollte er k�mpfen, wenn er Aziel nicht gewachsen ist? Es ergibt keinen Sinn...</emphasis></p><p>Aziels Albtraumhorde begann, den Harlekin einzukreisen. Um sie aufzuhalten, erschuf er mehrere Tr�ume. Schillernde Blasen dehnten sich aus, doch jede einzelne wurde von den heranr�ckenden Nachtmahren zerstampft und verschlungen, bevor sie ihre endg�ltige Form annehmen konnte.</p><p>�Gib endlich auf!�, br�llte Aziel.</p><p>�Nein�, sagte der Harlekin schwach.</p><p>�Das ist Irrsinn. Du verlierst wieder.�</p><p>�Da w�re ich mir nicht so sicher.�</p><p>Mit letzter Kraft richtete sich der Harlekin auf. Die Nachtmahre warteten auf Aziels Befehl, doch der Herrscher der Alben z�gerte. Die Selbstsicherheit seines Rivalen im Angesicht der unabwendbaren Niederlage beunruhigte ihn offenbar.</p><p>�Wenn du aufgibst, lasse ich dich gehen�, sagte er. �Kein Gef�ngnis mehr. Du w�rst frei.�</p><p>Trotz seiner Schmerzen brachte der Harlekin ein schiefes Grinsen zustande. �Wieso auf einmal so vorsichtig? Hast du Angst?�</p><p>�Sei kein Narr. So eine Chance bekommst du nicht noch einmal.�</p><p>�Lass gut sein. Ich verlasse diesen Palast entweder als K�nig oder gar nicht.�</p><p>Daraufhin fl�sterte Aziel einen Befehl, und die Albtr�ume griffen an.</p><p>Der Harlekin versuchte nicht zu fliehen. Er erschuf keine neuen Tr�ume, er blieb einfach stehen. Aus einer Falte seines Gewands zog er einen kleinen Gegenstand: einen l�nglichen Kristall, eingefasst in einen Kegel aus feinem Kupferdraht.</p><p>Nacktes Entsetzen packte Lucien, als er begriff, was der Harlekin in der Hand hielt. �Passt auf!�, schrie er. �Er hat Jernigans Lampe...�</p><p>Die Warnung kam zu sp�t. Der Harlekin schirmte sein Gesicht ab, und glei�ende Strahlen schossen aus seiner geballten Faust hervor.</p><p>Bevor Lucien sich hinter die Br�stung warf, sah er noch, wie das Licht die Tr�ume zerfetzte, er h�rte Aziel und viele anderen Alben schreien, dann wurde die Welt wei�.</p><p>Wie lange er auf dem Boden gelegen hatte, konnte er nicht sagen. Als er sich benommen aufrappelte, war das glei�ende Licht verschwunden - und mit ihm jede Spur der Tr�ume. Blitze tanzten vor seinen Augen. Auf den Galerien lagen die anderen Alben, als h�tte eine Sturmb�e sie weggefegt. Die schw�cheren waren bewusstlos und w�rden Tage brauchen, um sich zu erholen.</p><p><emphasis>Jernigans Lampe</emphasis>, dachte Lucien. <emphasis>Licht, das keinen Schatten wirft. Er muss den Verstand verloren haben...</emphasis></p><p>Aziel hatte es am schlimmsten getroffen - als die Lampe aufgeflammt war, hatte er genau hineingesehen. Er lag auf dem Boden der Halle und war bei Bewusstsein, aber selbst die kleinste Bewegung schien ihm Schmerzen zu bereiten.</p><p>Der Harlekin kroch auf ihn zu. Auch ihn hatte das Licht geschw�cht, doch bei Weitem nicht so sehr wie seinen Rivalen. Dass er darauf vorbereitet gewesen war, hatte ihn vor dem Schlimmsten bewahrt.</p><p>�Wie kannst du es wagen... diese Lampe... herzubringen?�, �chzte Aziel. �Das ist... Frevel.�</p><p>�Frevel?� Der Harlekin lachte schwach. �Jetzt sei kein schlechter Verlierer.�</p><p>�Ich habe... nicht... verloren. Du hast... betrogen.�</p><p>�O nein, mein Freund. Du kennst die Regeln. Ich habe gegen keine einzige versto�en.�</p><p>�Es war... ein schmutziger... Trick.�</p><p>�Tricks sind nicht verboten.�</p><p>Schwankend stand der Harlekin auf. Seine Hand, mit der er die Lampe gehalten hatte, war eine einzige Brandwunde. Mit dem Fu� drehte er Aziel auf den R�cken. �Ergibst du dich?�</p><p>�Niemals.�</p><p>�Dann steh auf. K�mpfe gegen mich.�</p><p>Aziel versuchte, sich zu erheben, doch es gelang ihm nicht einmal, sich aufzusetzen. Er blieb liegen und atmete schwer.</p><p>�Komm schon, Aziel. Wo ist dein Kampfgeist?�</p><p>Lucien blickte sich auf den Galerien um. Die meisten Alben hatten sich inzwischen erholt und verfolgten das Geschehen mit h�chster Aufmerksamkeit. Mit dem Einsatz der Lampe mochte der Harlekin manche seiner Anh�nger gegen sich aufgebracht haben, daf�r gewann er dank Aziels Hilflosigkeit gerade neue hinzu. Denn wenn die Alben bei einem Herrscher eines nicht duldeten, dann Schw�che.</p><p>Aziel unternahm einen weiteren Versuch, sich aufzurichten. Diesmal schaffte er es, auf die F��e zu gelangen.</p><p>�Wieso rufst du nicht deine Nachtmahre?�, h�hnte der Harlekin.</p><p>Aziels Gesicht verzerrte sich vor Schmerz. Eine Traumblase bildete sich in seiner Hand. Sie verschwand, noch bevor er ihr Form geben konnte.</p><p>�Ist das alles?�</p><p>Der Harlekin erschuf zwei Tr�ume. Sie wirkten klumpig, grau und unfertig, ihnen fehlten Gesichter, Augen und Finger, denn f�r derartige Einzelheiten reichten seine Kr�fte nicht mehr aus. Allerdings besa�en sie genug Substanz, um Aziel zu packen und zu Boden zu werfen. Als sie ihre teigigen Arme ein weiteres Mal nach ihm ausstreckten, hob er abwehrend die Hand.</p><p>Die Tr�ume hielten inne. Aziels Lippen bewegten sich, als er seinem Gegner etwas zufl�sterte.</p><p>�Sag es so laut, dass jeder es h�rt�, befahl der Harlekin herrisch.</p><p>Scham und Qual rangen in Aziels Gesicht miteinander. Seine Stimme war so leise, dass sie kaum zu den Galerien drang. Dennoch verstand Lucien genau, was er sagte: �Ich gebe... auf.�</p><p>Es gab keinen Jubel, kein Freudengeschrei, doch die Euphorie, die von der Menge Besitz ergriff, war mit H�nden zu greifen. Tausendfaches Fl�stern erf�llte den Saal, dann str�mten die Alben zu den Treppen. Kurz darauf umringten sie den Harlekin und erwiesen ihrem neuen Herrscher die Ehre.</p><p>Lucien blieb allein auf der Galerie zur�ck. Er entdeckte Aziel, der sich in eine Ecke der Halle zur�ckgezogen hatte, wo er mit schmerzverzerrtem Gesicht kauerte, schwach, gedem�tigt, von niemandem beachtet. Lucien empfand keine H�me f�r den gefallenen K�nig, obwohl er allen Grund dazu gehabt h�tte.</p><p>Er seufzte und stieg die Treppen hinab. Irgendwer musste sich schlie�lich um den alten Kauz k�mmern.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>3</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Der Blitzh�ndler</emphasis></strong></p></title><p><strong>I</strong>n geschlossener Formation r�ckten die Soldaten vor und dr�ngten die w�tende Menge mit den Sch�ften ihrer Piken zur�ck. Ein Hagelschauer aus Unrat prasselte auf sie nieder, Flaschen, faulige Kartoffeln und Steine prallten von Helmen und Brustpanzern ab. Gebr�ll erf�llte den kleinen Platz, M�nner sch�ttelten ihre F�uste, riefen Beleidigungen und schwenkten �xte, Schmiedeh�mmer und Schaufeln. Andere hatten das Dach einer Taverne erklommen und leerten ein M�llfass �ber den Soldaten aus.</p><p>Liam Satander beobachtete den Tumult von einer dunklen Sackgasse aus, wo er sich hinter einem Stapel aus Gem�sekisten und leeren Weinf�ssern versteckte. Leise fluchte er vor sich hin. Wenn er die Gasse verlie�, geriet er genau zwischen die Soldaten und die Menge. �ber die Mauer in seinem R�cken klettern konnte er auch nicht - nicht mit seinem Handkarren und den beiden Kupferf�ssern. Und den frischen Aether hier zur�ckzulassen war einfach undenkbar. Er hatte gerade �ber zwanzig Schilling daf�r bezahlt.</p><p>Keine Frage, er sa� gr�ndlich in der Klemme. Dabei hatte er schon auf dem Hinweg gesp�rt, dass sich im Viertel etwas zusammenbraute. Er h�tte sich auf sein Gef�hl verlassen und von der Aetherb�rse durch die Randbezirke Scotias gehen sollen. Das war zwar ein Umweg, aber dann w�re er wenigstens nicht hier hineingeraten.</p><p>Jede Woche dasselbe, seit Monaten. Wenn es keine Unruhen wegen einer neuen Steuer gab, z�ndete jemand ein Wachhaus an, aus Protest gegen die Willk�r der Geheimpolizei. Oder eine w�tende Meute verlangte die Freilassung ihres Gildemeisters. Oder hungernde Plantagenarbeiter besetzten die Aetherk�chen. Worum es diesmal ging, konnte Liam nicht einmal genau sagen. Offenbar war ein Zeitungsartikel aufgetaucht, in dem unsch�ne Dinge �ber Lady Sarka standen, woraufhin die Spiegelm�nner die verantwortlichen Drucker ins Gef�ngnis geworfen hatten. Zumindest hatte sein Vater so etwas erz�hlt. Allerdings war dieser schon seit einer ganzen Weile keine verl�ssliche Quelle mehr, was solche Dinge betraf.</p><p>Ein Soldat ging zu Boden, als ihn eine Flasche im Gesicht traf. W�hrend man ihn wegtrug, klaffte eine L�cke in der Formation auf, und es kam zum Handgemenge zwischen Soldaten und Aufr�hrern. Weitere Bewaffnete eilten herbei und schlugen mit Kn�ppeln und Reitpeitschen auf die Menge ein.</p><p>Liam schluckte nerv�s. Wenn das so weiterging, nahm der Aufruhr ein blutiges Ende. Er konnte nur hoffen, dass niemand ihn in seinem Versteck bemerkte.</p><p>Er blickte zu den dunklen Wolken �ber den D�chern im Norden des Viertels. Zu allem �berfluss lief ihm die Zeit davon. Noch h�chstens eine Stunde, dann brach das Gewitter los. Wenn er dann nicht zu Hause war, entging ihm das Gesch�ft des Monats.</p><p>Ein Pistolenschuss donnerte. Zwei berittene Soldaten erschienen auf der einen Seite des Platzes, z�gelten ihre Pferde und feuerten in die Luft; Pulverdampf waberte �ber den K�pfen. Augenblicklich wich die Menge zur�ck und rannte die Stra�e hinauf. Die Fu�soldaten setzten ihr nach, angetrieben vom Gebr�ll der beiden Reiter.</p><p>Liam hielt den Atem an. Als die Soldaten aus seinem Blickfeld verschwanden, beschloss er, die Gelegenheit zu nutzen, und schob seinen Karren im Laufschritt zum Platz. Die Aufr�hrer flohen ins un�bersichtliche Gassengewirr Scotias. Vom Ph�nixturm n�herten sich weitere Soldaten. Liam legte keinen Wert darauf, ihnen zu begegnen. Also lief er die Gasse neben der Taverne entlang und folgte ihr, bis er das Geschrei der Bewaffneten nicht mehr h�rte.</p><p>Er befand sich irgendwo am Fu� des H�gels, der das Viertel beherrschte. Windschiefe H�user dr�ngten sich an den H�ngen aneinander, mit L�den und Handwerksstuben im Erdgeschoss, geschnitzten Figuren und Gesichtern im verwitterten Dachgeb�lk und rostigen Wetterfahnen auf den Kaminen. Es roch nach Bratfett und Rauch. Leinen voller W�sche hingen wie bunte Wimpel zwischen den oberen Stockwerken. Einige Leute standen in Gruppen beisammen und tauschten Neuigkeiten �ber den Aufruhr aus, doch im Gro�en und Ganzen gingen sie unbesorgt ihrem Tagewerk nach. Liam kam zu dem Schluss, dass keine Gefahr mehr drohte, und machte sich auf den Nachhauseweg.</p><p>Grollender Donner erinnerte ihn daran, dass die Zeit dr�ngte. Die Aetherf�sser stie�en klappernd gegeneinander, w�hrend er seinen Karren den H�gel hinaufschob, der Kuppel entgegen, die in der Abendsonne gl�hte wie geschmolzenes Eisen. Als er die alte Sternwarte erreichte, lief ihm der Schwei� �bers Gesicht. Er stellte den Karren ab, strich sich eine blonde Haarstr�hne aus der Stirn und dr�ckte die T�rklinke herunter. Verschlossen. Also war sein Vater immer noch nicht zu Hause. Seufzend streifte er das Lederband mit dem Schl�ssel �ber den Kopf, sperrte die T�r auf und schob den Karren hinein.</p><p>In dem gro�en Raum im Erdgeschoss, an den ihre Schlafkammern und die kleine K�che grenzten, herrschte ein f�rchterliches Durcheinander. In einer Ecke stapelten sich leere Aetherf�sser, Kisten und Blitzbeh�lter aus Rauchglas; in einer anderen stand ein Tisch, der fast g�nzlich unter Papierbergen verschwand. Liam bem�hte sich nach Kr�ften, hin und wieder etwas Ordnung zu schaffen, aber sein Vater war ihm in dieser Hinsicht keine gro�e Hilfe.</p><p>Und auch in jeder anderen Hinsicht nicht. Nach dem Tod von Liams Mutter hatte er sich sehr ver�ndert. Sie war vor anderthalb Jahren ums Leben gekommen, als die Unruhen begannen; ein Kavalleriepferd hatte sie niedergetrampelt. Seitdem wurde er immer verschlossener, vernachl�ssigte seine Arbeit und blieb manchmal ganze N�chte lang fort, um wei� Gott was zu treiben. Auch Liam vermisste seine Mutter. Doch irgendwer musste sich schlie�lich darum k�mmern, dass das Gesch�ft weiterlief. Obwohl er mit seinen siebzehn Jahren gewiss der j�ngste Blitzh�ndler von ganz Bradost war.</p><p>Wieder rollte Donner �ber die Stadt, deutlich lauter diesmal. Liam schnappte sich ein Aetherfass, eilte die Stufen hinauf und entz�ndete die Gaslampe, die am oberen Treppenende bereitstand. Fahles Licht erf�llte die eiserne Kuppel. Liam entdeckte gleich zwei neue Rostflecken. Noch etwas, um das er sich bei Gelegenheit k�mmern musste.</p><p>Sein Vater hatte das Teleskop, die Armillarsph�re und s�mtliche Ger�tschaften, die man normalerweise in einem Observatorium fand, vor vielen Jahren ausgebaut und durch eine andere Apparatur ersetzt, eine mannsgro�e R�hre aus Rauchglas mit je einem Schwungrad aus Messing an beiden Enden. Liam schob das Aetherfass in die daf�r vorgesehene �ffnung und legte einen Hebel um. Die beiden Schwungr�der begannen sich zu drehen, als unsichtbarer, geruchloser Aether durch die Rohre der Apparatur str�mte.</p><p>Der Blitzf�nger erwachte zum Leben.</p><p>Liam hastete zur anderen Seite des kreisrunden Raums und bet�tigte eine Kurbel. Zahnr�der und Kettenz�ge setzten sich ratternd in Bewegung. Rost rieselte herab, w�hrend sich ein Segment der Kuppel �ffnete und den Blick auf den Himmel freigab.</p><p>Die Sonne war nicht mehr zu sehen. Wolken reichten von Karst bis zum Meer und hingen so tief, dass die Spitze des nahen Ph�nixturms sie beinahe zu ber�hren schien.</p><p>Im Innern der grauschwarzen Masse brodelte und flackerte es. Liam l�chelte voller Vorfreude. Ihm winkte eine reiche Ausbeute.</p><p>Er drehte eine andere Kurbel und fuhr den kupfernen Mast aus. Immer wenn ein Teilst�ck einrastete, klappten Querstangen von unterschiedlicher L�nge auf, bis der Mast schlie�lich viele Fu� hoch in den Himmel ragte: ein bizarres Gebilde, das im Wind schwankte.</p><p>Liam schloss die Vorbereitungen keine Minute zu fr�h ab. Kaum hatte der Mast seine volle L�nge erreicht, schlug der Blitz ein.</p><p>Blendendes Licht �berstrahlte die Kuppel, gefolgt von einem ohrenbet�ubenden Krachen. Liam taumelte vor Schreck zur�ck, verlor das Gleichgewicht und fiel hin. Elmsfeuer loderte an den Mastspitzen und �berzog Boden, W�nde und Apparaturen mit einem gespenstischen blauen Gl�hen. Der Blitz zuckte in der Glasr�hre wie eine Heerschar wilder Luftgeister und knisterte w�tend.</p><p>Liam rappelte sich auf und legte einen Hebel um. Der Blitz wurde in einen der Rauchglasbeh�lter im Sockel der Apparatur gesaugt und bildete immer neue Ver�stelungen, w�hrend er vergeblich gegen sein Gef�ngnis ank�mpfte.</p><p>Flackernder Lichtschein lag auf Liams Gesicht, als er seinen Fang betrachtete. Ein guter Blitz, der ihm in der Aetherb�rse mindestens zehn Schilling einbrachte. Wenn es so weiterging, konnte er heute Abend eine ansehnliche Summe verdienen.</p><p>Er kam nicht zum Ausruhen, denn das Gewitter brach nun mit ganzer Macht los. Er zog eine Brille mit abgedunkelten Gl�sern auf und hielt sich neben der Apparatur bereit. Trotz des einge�lten Ledermantels, den er sich �berstreifte, war er binnen kurzer Zeit klatschnass. Regen peitschte �ber die D�cher. Rostige Tropfen rannen an der Innenseite der Kuppel herab, das Wasser bildete Pf�tzen auf dem Steinboden und gurgelte in den �ffnungen der Abflussrohre.</p><p>Vor ihm erstreckte sich Scotia, H�user und Giebel nicht mehr als grauschwarze Konturen hinter den Regenschleiern. �berall schlugen Blitze ein, in Erker, Kamine und Glockent�rme, und dann flackerten f�r einen kurzen Moment Gitterfenster, Dachschindeln und Wasserspeier auf. Viele Geb�ude besa�en Blitzableiter, doch bei Weitem nicht alle. Ein alter Dachstuhl am Flussufer explodierte regelrecht, als er getroffen wurde. Flammen z�ngelten aus dem Geb�lk und griffen auf die Nachbarh�user �ber.</p><p>Es war furchterregend anzuschauen, wie das Unwetter �ber der Stadt tobte, aber Liam versp�rte keine Angst. Jeden Blitz, der in den Mast einschlug, begr��te er mit einem freudigen Schrei, bevor er den Hebel umlegte und einen weiteren Beh�lter f�llte. Bald schon waren alle Rauchglasr�hren voll, sodass er nach unten laufen und Nachschub holen musste.</p><p>Dieses Gewitter war eine Goldgrube, der Traum aller Blitzh�ndler. Was war nur los mit seinem Vater, dass er sich solch eine Nacht entgehen lie�?</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>4</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die stummen Zwillinge</emphasis></strong></p></title><p><strong>R</strong>egen klatschte gegen die vergitterten Fenster und bildete w�ssrige Schlieren auf den Bleiglasscheiben. Blitze flackerten �ber den schwarzen D�chern und Kaminen, gefolgt von Donnergrollen.</p><p>Der Mann stellte den Kupferleuchter auf die Kommode und forderte Jackon mit einer Geste auf, vor den Spiegel zu treten. Jackon tat wie gehei�en und begutachtete skeptisch sein Spiegelbild. An die ledernen Halbstiefel, die Leinenhose und das wei�e Hemd hatte er sich inzwischen gew�hnt, obwohl er sich manchmal noch wie nackt darin f�hlte, so leicht und fein waren diese neuen Kleider, verglichen mit seinen alten Lumpen. Auch dass die Schmutzschicht, die zeit seines Lebens jede Stelle seines K�rpers bedeckt hatte, verschwunden war, war eine klare Verbesserung.</p><p>Der neue Haarschnitt jedoch... nein. Er sah damit �berhaupt nicht mehr aus wie er selbst. Alles war so schrecklich kurz. Keine Fransen mehr, die ihm ins Gesicht hingen. Keine borstigen Locken und Zotteln im Nacken. Sein rotes Haar war sauber gescheitelt und gl�nzte obendrein vor Pomade.</p><p>Jackon verzog den Mund. Nein, daran w�rde er sich niemals gew�hnen. �Du scheinst ja sehr zufrieden mit dir zu sein, was?�</p><p>Der Mann nickte.</p><p>�Verr�tst du mir auch den Anlass? Du hast mich doch bestimmt nicht nur f�r dich und deinen Bruder herausgeputzt, oder?�</p><p>Er bekam keine Antwort, nat�rlich nicht - der Mann besa� keine Zunge mehr, genau wie sein Zwillingsbruder. Mit einem Blitzen in den Augen, m�glicherweise ein L�cheln, nahm er den Leuchter an sich. Dann verabschiedete er sich, indem er Jackon zunickte, und schloss die T�r hinter sich.</p><p>Jackon seufzte, setzte sich aufs Bett und blickte aus dem Fenster. Niedergeschlagenheit �berkam ihn.</p><p>Es war nicht so, dass es ihm in diesem Haus schlecht erging. Ganz im Gegenteil, eigentlich hatte er noch nie so gut gelebt. Er bewohnte ein eigenes Zimmer mit einem bequemen Bett und zwei Truhen voller Kleider - geradezu luxuri�s, verglichen mit seinem Unterschlupf in den Kan�len. Er konnte einen Waschraum benutzen, wo es flie�endes Wasser gab. Die stummen Zwillinge behandelten ihn gut und erf�llten ihm im Rahmen ihrer M�glichkeiten jeden Wunsch. Und essen konnte er, so viel er wollte: Im Erdgeschoss befand sich eine Vorratskammer voll mit Brot, Hartwurst, P�kelfleisch, Kartoffeln, Bohnen, Milch, Ale und vielen anderen Nahrungsmitteln, darunter einige, die er nie zuvor gekostet hatte, Kaffee beispielsweise. Jeden Tag a� er sich satt. Er hatte schon ganz vergessen, wie es sich anf�hlte, Hunger zu haben. Sogar zugenommen hatte er.</p><p>Es gab nur einen einzigen Haken: Er durfte das Haus nicht verlassen.</p><p>Nicht, dass er es nicht versucht h�tte. In den ersten Tagen hatte er jeden erdenklichen Fluchtweg ausprobiert. Doch es erwies sich rasch als aussichtslos. Schmiedeeiserne Gitter befanden sich vor s�mtlichen Fenstern. Die einzige T�r war Tag und Nacht abgeschlossen und bestand obendrein aus massivem Holz. Ge�ffnet wurde sie nie, denn alles, was er und die stummen Zwillinge ben�tigten, war im Haus im �berfluss vorhanden. Und wenn er sich einmal nicht in seinem Zimmer aufhielt, lie�en ihn die Zwillinge, die sich mit Schlafen abwechselten, nicht aus den Augen. Also hatte er sich in sein Schicksal gef�gt und versucht, dieses seltsame Leben zu genie�en. Anfangs war ihm das sogar gelungen. Allm�hlich jedoch stellte sich qu�lende Langeweile ein.</p><p>Er betrachtete die Kerben am Bettpfosten. Neunzehn St�ck. Neunzehn Tage. So lange war er jetzt hier. Und es gab nicht das Geringste zu tun. Ein wohlmeinender Mensch hatte diesen Umstand ber�cksichtigt und ein Regal mit B�chern in seiner Kammer aufgestellt. Leider konnte er nicht lesen.</p><p>Wenn er wenigstens gewusst h�tte, weswegen man ihn festhielt... Aber er konnte sich nicht einmal daran erinnern, wie er hergekommen war. Der Kr�henmann hatte ihn in seinem Schlupfwinkel �berw�ltigt und ihm ein feuchtes Tuch auf Nase und Mund gepresst, woraufhin er das Bewusstsein verloren hatte. Aufgewacht war er in dem Bett, auf dem er gerade sa�. Seitdem hatte sich der Kr�henmann nicht wieder blicken lassen - was Jackon nicht gerade bedauerte. Ihm lief ein kalter Schauder �ber den R�cken, wenn er sich daran erinnerte, wie sich die Kr�he vor seinen Augen in einen Menschen verwandelt hatte.</p><p>Unversehens war er in eine fremde und bedrohliche Welt geraten. In den Kan�len wusste er stets, was er tun und lassen musste, um den zahlreichen Gefahren zu trotzen. Hier jedoch war er hilflos. Verloren.</p><p>Wo auch immer �hier� war.</p><p>Wenn er aus dem Fenster blickte, sah er verwitterte Fassaden im Schein der Gaslaternen, Torb�gen aus ru�igem Stein, Erker und gusseiserne Balkone. Verwachsene B�ume neigten sich �ber die Stra�e, auf der selbst bei Sonnenschein nicht viele Menschen unterwegs waren, meist M�nner mit Gehr�cken und Spazierst�cken, die aus Droschken stiegen. All das deutete darauf hin, dass er sich irgendwo in der Altstadt befand. Aber sicher war er sich nicht. Denn abgesehen von ein paar Abstechern in den Kessel und den Chymischen Weg hatte er die Grambeuge und das Hafenviertel noch nie verlassen.</p><p>Das Gewitter schien immer schlimmer zu werden. Als er gerade beschloss, diese ungem�tliche Nacht im Bett zu verbringen, hielt vor dem Haus eine Kutsche.</p><p>Unruhe erfasste ihn. Also hatte er sich nicht get�uscht, was den Haarschnitt betraf: Jemand kam hierher - zu ihm.</p><p>Eine Gestalt stieg aus und ging im gr�nen Licht der Kutschenlaternen zur Haust�r. Es war der Kr�henmann.</p><p>Jackons Unruhe verwandelte sich in Angst. Ihm kam der t�richte Gedanke, sich zu verstecken. Aber wo? In diesem Haus gab es keine Verstecke, die nicht auch seine stummen W�chter kannten.</p><p>Aufgeregt ging er im Zimmer umher und �berlegte, was er jetzt tun sollte. Als sich die T�r �ffnete, erstarrte er.</p><p>Der Kr�henmann sah genauso aus wie bei ihrer ersten Begegnung, abgesehen davon, dass sein schwarzer Mantel nass vom Regen war.</p><p>�Zieh dich an�, befahl er mit einer seltsam tonlosen Stimme.</p><p>�Wohin gehen wir?�</p><p>�Das erf�hrst du noch fr�h genug. Nun mach schon.�</p><p>Mechanisch gehorchte Jackon, �ffnete eine Kleidertruhe und schl�pfte in einen Mantel. Dann folgte er dem Kr�henmann nach unten, wo die Zwillinge standen. Der Kr�henmann gab einem von ihnen einen Lederbeutel, wof�r sich der Stumme mit einer Verneigung bedankte.</p><p>Jackon warf den beiden M�nnern einen hilflosen Blick zu. Ihre Gesichter waren bar jeder Regung, als der Kr�henmann die T�r �ffnete und ihn mit einer Geste aufforderte, nach drau�en zu gehen.</p><p>Regen peitschte ihm ins Gesicht, bevor jemand die Kutschent�r von innen �ffnete und ihn einsteigen lie�. Drinnen sa� eine Frau, die wie der Kr�henmann einen langen Mantel und schwarze Stiefel trug. Ihr rotbraunes Haar hatte sie streng nach hinten gebunden, ihr Gesicht wirkte hart, unter den dunklen Augen lagen Schatten. Sie bedachte ihn mit einem bohrenden Blick.</p><p>�Sch�n brav sein, ja?�, sagte sie. �Wenn du irgendwelche M�tzchen machst, werde ich ungem�tlich.�</p><p>Jackon schluckte und sah zu Boden.</p><p>Nachdem der Kr�henmann eingestiegen war, setzte sich die Kutsche in Bewegung und fuhr durch die Nacht. Jackon f�rchtete sich so sehr, dass er keinen Ton herausbrachte.</p><p>�Wir bringen dich zur Lady�, sagte die Frau. �Wenn du vor ihr stehst, vergiss, dass du eine Kanalratte bist, und benimm dich wie ein zivilisierter Mensch. Verstanden?�</p><p>�Welche Lady?�, brachte er leise hervor.</p><p>�Nimmst du mich auf den Arm?�, schnarrte die Frau.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Lady Sarka, wer denn sonst?�</p><p>Jackon war, als dr�ckten eiskalte H�nde seine Kehle zusammen. Schlimm genug, dass er mit diesen beiden unheimlichen Gestalten in der Kutsche sitzen musste. Dass er nun auch noch der gef�rchteten Herrscherin von Bradost gegen�bertreten sollte, brachte ihn vor Entsetzen schier um den Verstand.</p><p>Warum, bei der Gnade des Himmels? Er war doch nur ein Schlammtaucher und hatte nichts verbrochen. Was konnte jemand wie Lady Sarka von ihm wollen?</p><p>Die weitere Fahrt verbrachte er wie in Trance. Die Kutsche rumpelte �ber kopfsteingepflasterte Stra�en, w�hrend der Regen auf das Dach trommelte. Gelegentlich sch�lte sich ein Geb�ude aus der Finsternis, nur um im n�chsten Moment wieder zu verschwinden. Jackon hatte nicht die geringste Ahnung, wohin sie fuhren. Diese Gegend war ihm so fremd, dass es genauso gut eine andere Stadt h�tte sein k�nnen.</p><p>Irgendwann kamen sie zu einem schmiedeeisernen Tor, das zwei schemenhafte Gestalten f�r sie �ffneten. Kurz darauf stiegen Jackon und seine beiden Begleiter aus. Sie befanden sich auf einem kleinen H�gel. B�ume und Hecken s�umten den Weg und bogen sich im Wind; vor ihm erhob sich ein Palast. Er war nicht sehr gro�, jedoch �beraus verwinkelt. In einigen Erkerfenstern brannte Licht. Trotz Regen und Dunkelheit glaubte Jackon, Kr�hen zu sehen, Dutzende, Hunderte, die auf Dachfirsten und Turmspitzen hockten.</p><p>Alles in ihm schrie nach Flucht, doch bevor er auch nur einen konkreten Gedanken fassen konnte, packte ihn die Frau am Nacken und schob ihn unsanft den Weg entlang.</p><p>�Du kannst nirgendwo hin�, sagte sie. �Also versuch es gar nicht erst.�</p><p>Auf der breiten Treppe des Anwesens standen zwei W�chter in schwarzen Kutten, die die Pforte �ffneten. Glitzernde Masken verbargen die Gesichter in den Kapuzen. Jackon wurde klar, wen er vor sich hatte: Spiegelm�nner. Seine Knie wurden weich.</p><p>Drinnen lie� die Frau ihn los. Sie und der Kr�henmann nahmen ihn in die Mitte, w�hrend sie die Eingangshalle durchquerten. Auf den Galerien standen weitere Spiegelm�nner, reglos wie Statuen. Durchg�nge und Treppenfluchten verloren sich im Halbdunkel. Gr�ne Lampen schimmerten tr�b in den Nischen wie Irrlichter in unterirdischen Kavernen. Man f�hrte ihn durch Flure und Korridore, wo aufleuchtende Blitze die Schatten der Fenstergitter an die W�nde warfen. Niemand begegnete ihnen. Der Palast war so still wie ein Mausoleum.</p><p>Schlie�lich betraten sie einen gewaltigen Saal. Hoch �ber Jackons Kopf spannte sich eine Kuppel aus Glas und Eisen, auf die der Regen niederprasselte. Irgendwo gl�hte blaues Licht, dessen Quelle er nicht ausmachen konnte. Es ging in tiefe Schatten �ber, in denen sich S�ulen, steinerne Gesichter und Treppenaufg�nge verbargen. Etwas war nicht so, wie es sein sollte, w�hrend sie �ber den Marmorboden gingen: Ihre Schritte hallten nicht - als w�rde das seltsame Licht jedes laute Ger�usch in sich aufsaugen.</p><p>�Geh�, befahl die Frau. �Sie erwartet dich bereits. Und denk daran, was ich gesagt habe: Versuch dich zu benehmen.�</p><p>Wie von fremden Kr�ften gelenkt ging Jackon tiefer in den Saal hinein, langsam, Schritt f�r Schritt. Seine H�nde waren feucht, und er ballte sie zu F�usten.</p><p>Als eine Frau aus den Schatten trat, blieb er stehen.</p><p>Es war das erste Mal, dass er Lady Sarka sah. Nie h�tte er gedacht, dass sie so sch�n w�re. Sie trug ein hochgeschlossenes Kleid aus einem Stoff, der wie geschmolzenes Silber �ber ihren Leib floss, dazu feine Schuhe, die unter dem Saum hervorlugten. Ihr Gesicht war ebenm��ig und vollkommen. Zwei Locken ihres hochgesteckten blonden Haares fielen ihr auf die Wangen.</p><p>Sie l�chelte warm. �Jackon�, sagte sie. �Wie sch�n, dass du endlich da bist.�</p><p>In seiner Ehrfurcht wagte er nicht, sich zu bewegen. Dann fiel ihm ein, was die rothaarige Frau gesagt hatte, und er verneigte sich unbeholfen.</p><p>�Du musst mir verzeihen, dass du so lange bei Wellcott und Kendrick bleiben musstest. Aber die Zeit war noch nicht reif, dass wir uns begegnen.�</p><p>Sprach sie von den stummen Zwillingen? Die Namen der beiden hatte er nie erfahren.</p><p>�Haben sie sich gut um dich gek�mmert?�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Jackon seine Stimme wiederfand. �Sie waren sehr freundlich zu mir�, antwortete er so atemlos, dass er sich beinahe verhaspelte.</p><p>�Ja, das sind sie. Ich wusste, bei ihnen w�rdest du in guten H�nden sein. Lass dich anschauen�, meinte Lady Sarka und ging um ihn herum. �Gut siehst du aus. Nicht mehr so schrecklich d�rr wie noch vor drei Wochen. Corvas hat mir erz�hlt, dass du v�llig abgemagert warst, als er dich fand.�</p><p>�Corvas?�, fragte er alarmiert.</p><p>�Ich hoffe, sein pl�tzliches Auftauchen hat dich nicht zu sehr erschreckt. Leider sah er keinen anderen Weg, als dich zu bet�uben. Er f�rchtete, du w�rdest fliehen, wenn er sich dir zu erkennen g�be.�</p><p>Jackon warf einen verstohlenen Blick zu den beiden schattenhaften Gestalten, die ihn hergebracht hatten. Der Kr�henmann war also kein anderer als Lady Sarkas rechte Hand, das Oberhaupt ihrer Geheimpolizei, der Anf�hrer der grausamen Spiegelm�nner. Beinahe war er froh, dass er dies erst jetzt erfuhr. Sonst w�re er in der Kutsche vermutlich vor Angst gestorben.</p><p>�Er war eine Kr�he!�, platzte es aus ihm heraus, bevor ihm klar wurde, wie sich das f�r Lady Sarka anh�ren musste. �Ich meine, er hat sich verwandelt... glaube ich wenigstens�, f�gte er leiser hinzu und kam sich wie ein Trottel vor. Was fiel ihm ein, unaufgefordert zu sprechen?</p><p>�Corvas hat eine Reihe von bemerkenswerten Kr�ften�, erwiderte die Lady. �Genau wie Umbra, die du auch schon kennengelernt hast. Aber dar�ber wirst du sp�ter mehr erfahren. Reden wir zun�chst �ber dich.�</p><p>Er schluckte nerv�s. Was kam jetzt?</p><p>�Bestimmt m�chtest du wissen, warum ich dich herbringen lie�.�</p><p>Er nickte.</p><p>�Ich kenne dich gut, Jackon�, begann sie. �Du bist f�nfzehn Jahre alt und lebst seit deiner Geburt in den Kan�len unter der Grambeuge. Deine Eltern sind tot; sie starben vor acht Jahren an der Cholera. Seitdem schl�gst du dich allein durch, indem du Dinge aus den Abw�ssern fischst und verkaufst, nicht wahr?� </p><p>Er starrte sie an. Nicht einmal die anderen Schlammtaucher wussten so genau �ber ihn Bescheid.</p><p>�Du fragst dich vermutlich, woher ich all dies wei߫, sagte die Lady. �Nun, ich bin die Herrscherin von Bradost. In meiner Stadt geschieht nichts, ohne dass ich davon erfahre. Hast du die Kr�hen auf den D�chern meines Hauses bemerkt? Tag und Nacht kreisen sie �ber den Stra�en und berichten Corvas, was sie gesehen haben. Sie sind meine Sp�her. Ihnen entgeht nichts.�</p><p>�Sie haben mich beobachtet�, �chzte er.</p><p>�Ja.�</p><p>Also hatte er es sich nicht eingebildet. All die Geschichten �ber die Lady, die in den Kan�len die Runde machten - sie entsprachen der Wahrheit.</p><p>Er nahm seinen Mut zusammen. �Warum?�, brachte er hervor. �Ich habe nichts getan.�</p><p>Lady Sarka lie� ein glockenhelles Lachen erklingen. �Nat�rlich nicht. Glaubst du etwa, ich lie� dich holen, um dich zu bestrafen? Nein, Jackon. Du bist hier, weil ich dich um etwas bitten m�chte.�</p><p>�Um etwas bitten?�, wiederholte er verwirrt.</p><p>�Ja. Denn du besitzt etwas, das von gro�em Nutzen f�r mich ist.�</p><p>Jackon runzelte die Stirn. Die Lady musste sich irren. Er besa� gar nichts. Nur ein bisschen Plunder... den Darren au�erdem in den Kanal geworfen hatte.</p><p>�Du hast eine Gabe�, sagte sie.</p><p>Seine Verwirrung wuchs. Gabe... Er hatte dieses Wort schon einmal geh�rt, aber er besa� bestenfalls eine vage Vorstellung davon, was es bedeutete.</p><p>�Manchmal wird ein Mensch geboren, der gr��er ist als andere�, erkl�rte Lady Sarka. �Der �ber Kr�fte verf�gt, die ihm Macht verleihen. Fr�her, als die Magie noch stark war, gab es viele solcher Menschen. Heute sind sie selten geworden. Du bist einer von ihnen. Deshalb habe ich nach dir gesucht.�</p><p>Magie? Kr�fte? Er verstand kein Wort.</p><p>�Corvas kann die Gestalt einer Kr�he annehmen�, fuhr sie fort. �Umbra beherrscht die Schatten. Und du - du bist ein Traumwanderer.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>Sie blickte ihn mit ihren eisblauen Augen an. �Warum haben dich die Schlammtaucher aus ihrer Gemeinschaft versto�en, Jackon? Wieso hat man dich gezwungen, weit entfernt von ihren H�hlen zu leben?�</p><p>�Weil sie Angst vor mir haben. Weil sie sagen, ich w�rde mich nachts in ihren Tr�umen herumtreiben.�</p><p>�Ja. Genau das hast du getan.�</p><p>�Aber... so etwas gibt es doch gar nicht!�</p><p>�Ach nein? Dann gibt es wohl auch keine Menschen, die sich in Kr�hen verwandeln k�nnen.�</p><p>Jackon sp�rte, wie ihm schwindelig wurde. All die Jahre hatte er geglaubt, es sei blanker Unsinn, was Darren und die Schlammtaucher ihm nachsagten. Und jetzt behauptete Lady Sarka, es sei die Wahrheit?</p><p>�Ich glaube Euch nicht�, stie� er mit schwacher Stimme hervor.</p><p>�Das solltest du aber. Du schadest dir, wenn du noch l�nger gegen deine Gabe ank�mpfst.�</p><p>�Aber... aber wenn es stimmt und ich wirklich etwas mit den Tr�umen von anderen Leuten mache - wieso kann ich mich nicht daran erinnern?�</p><p>�Weil du nie gelernt hast, deine Kr�fte zu kontrollieren. Was du tust, erscheint dir am n�chsten Morgen wie ein gew�hnlicher Traum. Meistens ist es das auch, aber eben nicht immer.�</p><p>Jackon konnte sich so gut wie nie an seine Tr�ume erinnern. Sie verblassten gleich nach dem Aufwachen, und ein paar Stunden sp�ter waren nur noch einzelne Bilder �brig, verschwommen und ohne Zusammenhang. Hatte er oft von Darren oder anderen Bewohnern der Kan�le getr�umt? Und hatte er sie jedes Mal, wenn er es tat, im Schlaf heimgesucht? Eine Stimme tief in seinem Innern sagte ihm, dass es genauso gewesen war - so schwer es ihm fiel, das zu glauben. Er schauderte.</p><p>�Verstehst du jetzt, was ich meine?�, fragte Lady Sarka sanft.</p><p>Jackon blickte sie hilflos an. �Aber was ist daran so n�tzlich? Es sind doch nur Tr�ume.�</p><p>�Tr�ume haben Macht. Tr�ume pr�gen unsere Gedanken und W�nsche, sie bestimmen, ob wir gl�cklich sind oder nicht. Wer die Tr�ume beherrscht, beherrscht auch die Menschen.�</p><p>�Und ich... kann all das?�</p><p>�Nein. Noch nicht. Aber mit meiner Hilfe wirst du es lernen.�</p><p>Es dauerte eine Weile, bis er begriff, was ihre Worte bedeuteten. �Ich soll hierbleiben? Bei Euch?�</p><p>�W�re das so schlimm?�, fragte sie behutsam. �Du w�rdest eine eigene Kammer bekommen, so sch�n wie die bei Wellcott und Kendrick, mit einem Bett und einem Schrank voller Kleider. Wenn du krank wirst, k�mmert sich mein Arzt um dich. Und es gibt genug zu essen, jeden Tag. Nie wieder m�sstest du betteln und stehlen gehen oder Unrat aus der Kloake fischen.�</p><p>Er gab keine Antwort. Er war kaum noch in der Lage, klar zu denken.</p><p>�Im Gegenzug dienst du mir mit deinen Kr�ften, so wie Corvas und Umbra�, fuhr Lady Sarka fort. �Ich bilde dich aus, bis du so m�chtig bist wie sie. Aber ich werde dich nicht dazu zwingen. Du sollst dich aus freien St�cken dazu entscheiden.�</p><p>�Und wenn ich nicht will?�, fragte er vorsichtig.</p><p>�Lasse ich dich auf der Stelle gehen, und du kannst noch heute in die Kan�le zur�ckkehren. Doch was erwartet dich dort? Ein Dasein in Hunger und Schmutz. Vogelfreie und M�rder, die dich hassen. Menschenf ressende Ghule und die Cholera. Die Aussicht auf einen fr�hen Tod. Ziehst du das wirklich einem Leben in meinen Diensten vor?�</p><p>Noch in der Kutsche h�tte er diese Frage prompt mit Ja beantwortet, aber jetzt war er sich auf einmal nicht mehr so sicher. Er dachte an die vergangenen neunzehn Tage, an die Behaglichkeit des Hauses, das bequeme Bett und das gute Essen. Er hatte angefangen, sich daran zu gew�hnen, trotz der qu�lenden Langeweile und der Tatsache, dass das Haus letztlich ein Gef�ngnis gewesen war. Er wusste, wenn er wirklich in die Kan�le zur�ckkehrte, w�rde er sich jede Nacht, wenn er auf seinen Strohs�cken lag, und jedes Mal, wenn er steinhartes Brot kaute, daran erinnern, was er aufgegeben hatte.</p><p>Wenn er sich nur nicht so sehr vor alldem f�rchten w�rde, vor dem Palast mit seinen menschenleeren Fluren, vor Corvas, den Spiegelm�nnern und vor Lady Sarka selbst...</p><p>�Was ist schon ein bisschen Angst?�, fragte die Lady, als h�tte sie seine Gedanken gelesen. �Angst vergeht. Denk daran, was du gewinnst: ein Leben, wie du es dir immer ertr�umt hast.� Ihre Stimme wurde leise und eindringlich, und ihm war, als erklinge sie im Innern seines Kopfes, wo sie all seine Gedanken �bert�nte. �Also, Jackon - willst du mir dienen? Willst du so m�chtig werden wie Corvas?�</p><p>Jackon schluckte. In seinem Kopf drehte sich alles. �Ja�, h�rte er sich schlie�lich sagen. �Ich will Euch dienen, so gut ich kann.�</p><p>�ber der Kuppel kr�chzte eine Kr�he, und es klang wie Triumphgeschrei.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>5</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Spiegelm�nner</emphasis></strong></p></title><p><strong>D</strong>as Knarren einer T�r weckte Liam. Verschlafen w�lzte er sich herum und zog den Vorhang auf. Drau�en war es bereits hell und das Viertel l�ngst erwacht. Stimmen und das Klappern, H�mmern und S�gen der Werkst�tten Scotias klangen zur Sternwarte herauf.</p><p>Normalerweise schlief Liam nicht so lang. Wegen des Gewitters war er jedoch erst sp�t ins Bett gekommen. Inzwischen blitzte und donnerte es nicht mehr: Der Himmel �ber Bradost war blau und versprach einen weiteren hei�en Tag. Die Morgenluft roch dank des Regens sauber und frisch.</p><p>Als er Ger�usche aus dem Eingangsraum h�rte, schl�pfte er hastig in Hose und Hemd und �ffnete die T�r seiner Kammer. �Vater?�</p><p>Fellyn Satander stand hinter dem Tisch und w�hlte in den Papieren. Anders als Liam hatte er dunkles Haar; es wirkte ungek�mmt und fettig. Bartstoppeln bedeckten seine Wangen, seine Kleidung war zerknittert. Er blickte seinen Sohn aus m�den Augen an. �Morgen, Liam�, murmelte er und setzte seine Suche fort.</p><p>�Bist du etwa jetzt erst nach Hause gekommen?�</p><p>�Ja. Hatte zu tun.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Dies und das.�</p><p>�Und das Gewitter?�, fragte Liam.</p><p>�Oh�, meinte sein Vater geistesabwesend. �War recht heftig, was?�</p><p>�Recht heftig? Es war das beste seit Monaten! Wie konntest du dir das nur entgehen lassen?�</p><p>�Du brauchst mich doch nicht mehr daf�r. Du bist l�ngst ein viel besserer Blitzh�ndler, als ich es jemals war.�</p><p>Die Gleichg�ltigkeit seines Vaters war nichts Ungewohntes f�r Liam, trotzdem �rgerte er sich jedes Mal aufs Neue dar�ber. �Darum geht�s doch gar nicht�, sagte er ungehalten. �Du bleibst n�chtelang fort, und ich muss mich um alles k�mmern. Ich dachte, wir machen das hier gemeinsam!�</p><p>Endlich lie� sein Vater von den Papieren ab und sah ihn an. �Wie viele hast du rausgeholt?�</p><p>�Neunzehn Blitze und ein bisschen Elmsfeuer.�</p><p>�Ordentlich, ordentlich. Hast du sie schon verkauft?�</p><p>Liam seufzte. �Wie denn, Vater? Das Gewitter war erst letzte Nacht.�</p><p>�Ach ja, richtig.�</p><p>�Sie sind noch oben. Ich war gestern zu m�de, um sie nach unten zu bringen. Willst du sie sehen?�</p><p>�Sp�ter�, meinte Fellyn. �Lass mich erst meine Notizen finden.�</p><p>Liam h�tte schreien m�gen. Dann fiel ihm auf, wie angespannt sein Vater war. Er schien vor Nervosit�t regelrecht zu vibrieren. �Willst du mir nicht sagen, wo du letzte Nacht warst?�</p><p>�Ich sagte doch, ich hatte zu tun.�</p><p>Antworten wie diese h�rte Liam seit Monaten. Er war nicht l�nger bereit, sich damit abspeisen zu lassen. Nicht, wenn er allein daf�r sorgte, dass regelm��ig Geld hereinkam. �Jetzt h�r mir mal zu�, begann er �rgerlich. Doch als er zum Tisch trat, verstummte er. Durch das Fenster neben der T�r sah er drei Gestalten den H�gel heraufkommen: zwei Spiegelm�nner und Corvas. �Was wollen die denn hier?�, murmelte er mit einem Anflug von Unbehagen.</p><p>Sein Vater hob den Kopf - und erbleichte. �Der Himmel sei uns gn�dig�, hauchte er.</p><p>�Was soll das hei�en?�, fragte Liam alarmiert. �Sind die etwa auf dem Weg zu <emphasis>uns</emphasis>?�</p><p>�Sie m�ssen irgendwie auf mich aufmerksam geworden sein.�</p><p>�Wann denn?�</p><p>Sein Vater zerriss ein St�ck Papier in kleine Fetzen, die er in den Papierkorb warf. Mit einem gehetzten Blick aus dem Fenster kam er hinter dem Tisch hervor. �Heute Morgen. Bei meinen Nachforschungen. Und ich dachte, ich w�re vorsichtig gewesen!�</p><p>�Was denn f�r Nachforschungen? Erkl�r mir endlich, was hier los ist!�</p><p>�Ich f�rchte, ich bin zu weit gegangen.�</p><p>�Wobei?� Liams Verwirrung verwandelte sich in Angst, als er sah, dass Corvas und die beiden Spiegelm�nner zielstrebig auf die Sternwarte zukamen. �Wobei zu weit gegangen?�</p><p>Fellyn packte ihn an den Schultern und sah ihm in die Augen. �H�r mir jetzt gut zu: Wenn mir etwas zust��t, musst du zu Nestor Quindal gehen, dem Erfinder...�</p><p>�Was soll das hei�en, wenn dir etwas zust��t?�</p><p>�Zuh�ren, nicht fragen�, befahl sein Vater. �Bitte Quindal, das Gelbe Buch von Yaro D�ar zu beschaffen. Es gibt davon nur ein Exemplar. Lady Sarka besitzt es. Hast du das verstanden?�</p><p>�J-ja�, stammelte Liam. �Aber warum...�</p><p>�Wiederhole, was ich gesagt habe.�</p><p>�Ich soll zu Nestor Quindal gehen und ihn bitten, das Gelbe Buch von Yaro D�ar zu beschaffen. Von der Lady.�</p><p>�Gut. Und jetzt versteck dich im Geheimraum. Ich versuche, Corvas irgendwie abzuwimmeln.�</p><p>Sein Vater lie� ihn los, doch Liam war nicht f�hig, sich zu bewegen.</p><p>�Bitte, Liam! Das ist kein Spa�.�</p><p>Erst als Liam die nackte Angst in den Augen seines Vaters sah, �berwand er seine Erstarrung. Er hastete zur Aussparung unter der Treppe und dr�ckte auf einen Ziegelstein, woraufhin ein quadratisches Mauersegment aufschwang. Liam schl�pfte hinein und zog die verborgene Klappe von innen zu - keine Sekunde zu fr�h, denn im selben Moment klopfte es.</p><p>Mit eingezogenem Kopf kauerte er in der muffigen Kammer. Durch eine Ritze in den Mauerfugen konnte er beobachten, wie sein Vater die T�r �ffnete.</p><p>�Fellyn Satander?�, fragte Corvas.</p><p>�Der bin ich.�</p><p>Der bleiche Mann gab den beiden Spiegelm�nnern einen Wink, woraufhin sie in die Sternwarte eindrangen und Liams Vater festhielten, w�hrend Corvas ihnen folgte und die T�r hinter sich schloss.</p><p>�Was soll das? Was wollt ihr von mir?�</p><p>�Du stehst im Verdacht, in gewisse Aktivit�ten verwickelt zu sein.�</p><p>�Welche denn?�</p><p>�Eine Verschw�rung zum Schaden der Stadt.�</p><p>Liam glaubte, sich verh�rt zu haben. Sein Vater und eine Verschw�rung? Angestrengt starrte er durch den Mauerschlitz und f�rchtete dabei, das heftige Pochen seines Herzens k�nnte ihn verraten.</p><p>�Das ist doch l�cherlich�, sagte sein Vater barsch. �Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Lasst mich verdammt noch mal los!�</p><p>Mit einem Handzeichen befahl Corvas den Spiegelm�nnern, von ihm abzulassen. Liams Vater rieb sich die schmerzenden Arme und bedachte die Eindringlinge mit einem finsteren Blick.</p><p>Corvas schritt durch den Raum und betrachtete mit ausdrucksloser Miene die Aetherf�sser, das Ger�mpel, den Tisch. �Was sind das f�r Papiere?�</p><p>�Gesch�ftsunterlagen.�</p><p>�Du handelst mit Blitzen, richtig?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Lebst du hier allein?�</p><p>Liams Vater nickte.</p><p>Corvas warf einen Blick in die beiden angrenzenden Schlafkammern. �Und wer schl�ft dort?�</p><p>�Das Zimmer geh�rt meinem Sohn.�</p><p>�Wo ist er?�</p><p>�Ich habe ihn vor zwei Wochen zu meinem Bruder nach Torle geschickt.�</p><p>Liam staunte, wie leicht seinem Vater diese L�ge �ber die Lippen kam, obwohl er nicht gerade der geborene Schwindler war. Es erschien ihm, als h�tte sich sein Vater diese Antwort schon vorher zurechtgelegt. Liam schauderte, als ihm klar wurde, was das bedeutete: Offenbar f�rchtete sein Vater seit L�ngerem, eines Tages Besuch von Corvas zu bekommen.</p><p>�Nach Torle, so�, sagte das Oberhaupt der Geheimpolizei. �Weswegen?�</p><p>�Weil ein Junge dort besser leben kann und nicht st�ndig Angst vor den verdammten Spiegelm�nnern haben muss�, erwiderte Liams Vater bei�end.</p><p>Der Glanz in Corvas� Augen wurde kalt. �Ich warne dich, Satander�, sagte er leise. �Treib es nicht zu weit.� Er wandte sich an die Spiegelm�nner, die reglos im Raum standen. �Nehmt die Papiere an euch und durchsucht alles.�</p><p>Einer der Spiegelm�nner stopfte die Notizen und Aufzeichnungen in einen Beutel, w�hrend der andere von Zimmer zu Zimmer ging. Liam hatte schon oft Spiegelm�nner im Viertel gesehen, aber noch nie waren sie ihm so nahe gekommen. Die Kutte verh�llte ihren K�rper vom Kopf bis zu den Stiefeln, in ihren gew�lbten Masken spiegelte sich seltsam verzerrt die Umgebung. Ihre H�nde steckten in Handschuhen, schwarzen Bandagen �hnlich. An ihren G�rteln hingen Rabenschn�bel, schreckliche Hiebwaffen mit einem eisernen Dorn an der Spitze, der jeden Helm, jeden Panzer durchschlagen konnte. Niemand hatte sie je sprechen geh�rt, niemand wusste, woher sie kamen, obwohl manche behaupteten, sie seien S�ldner aus den fernen L�ndern jenseits des Meeres und h�tten geschworen, Lady Sarka bis zum Tod zu dienen. Furcht folgte ihnen auf Schritt und Tritt, denn �berall, wo sie und ihr bleicher Anf�hrer auftauchten, verschwanden wenig sp�ter Menschen.</p><p><emphasis>Mach, dass alles nur ein Missverst�ndnis ist, und lass sie wieder gehen</emphasis>, betete Liam in seiner Kammer, und das Herz schlug ihm bis zum Hals.</p><p>Sein Vater stand w�hrenddessen mit verschr�nkten Armen da. Als Corvas ihm einmal kurz den R�cken zuwandte, sp�hte er verstohlen in eine Ecke des Raumes. Die Apparatur, die dort lag, halb unter einer Decke versteckt, besa� eine l�ngliche, spitz zulaufende Kupferspirale. Ein Blitzwerfer. Sie hatten ihn vor Jahren gekauft und seitdem nie benutzt, und Liam wusste nicht einmal, ob er �berhaupt noch funktionierte. Als er begriff, was sein Vater m�glicherweise vorhatte, atmete er scharf ein. <emphasis>Mach keine Dummheiten!</emphasis>, h�tte er ihm am liebsten zugerufen.</p><p>Just in diesem Moment kam der Spiegelmann aus dem Nebenraum. Liam dachte, er w�rde die Treppe hinaufsteigen, doch pl�tzlich, vielleicht weil er Liams Keuchen geh�rt hatte, blieb der Schwarzgekleidete stehen und beugte sich zu der verborgenen Klappe herunter.</p><p>Liams Kopf ruckte zur�ck, als er f�r den Bruchteil einer Sekunde seine Augen in der Spiegelmaske sah. Er duckte sich, vergrub das Gesicht zwischen den Knien, machte sich so klein wie m�glich. <emphasis>Geh weg</emphasis>, dachte er und hielt den Atem an. <emphasis>Bitte geh weg.</emphasis></p><p>Etwas strich �ber das Mauerwerk, vielleicht die Hand des Spiegelmanns. Wer immer f�r den Bau der Geheimkammer verantwortlich gewesen war, hatte die Klappe so geschickt in die Wand eingef�gt, dass man sie mit blo�em Auge nicht erkennen konnte. Deshalb hatten Liams Eltern das Versteck erst Jahre nach dem Kauf der Sternwarte entdeckt. Liam hoffte inst�ndig, dass der Spiegelmann darauf hereinfiel - und nicht durch Zufall auf den Stein dr�ckte, der die Klappe �ffnete.</p><p>�Halt�, sagte sein Vater in diesem Augenblick. �Das sind meine Gesch�ftsb�cher. Sei gef�lligst vorsichtig damit.�</p><p>Stoff raschelte, als der Spiegelmann aufstand; dann erklangen Schritte. Liam riskierte einen Blick durch den Mauerschlitz. Der Spiegelmann ging zu seinem Vater, der versuchte, dem anderen Schwarzgekleideten eine ledergebundene Kladde wegzunehmen. Der Maskierte schob Liams Vater vom Tisch weg, damit sein Kumpan das Buch an sich nehmen konnte.</p><p>Erleichtert atmete Liam auf. <emphasis>Danke, Vater.</emphasis> Die Kladde war vollkommen wertlos; sie enthielt Zahlen aus dem vorletzten Jahr. Sein Vater hatte den Spiegelmann lediglich von seinem Versteck weglocken wollen.</p><p>Mit Erfolg - der Spiegelmann kehrte nicht zur Geheimt�r zur�ck. Corvas wies ihn an, das Obergeschoss zu durchsuchen.</p><p>�Etwas gefunden?�, fragte der Bleiche, als sein Handlanger wenig sp�ter zur�ckkehrte.</p><p>Der Maskierte sch�ttelte kaum merklich den Kopf.</p><p>Corvas ging daraufhin zur T�r. �Mitkommen, Satander�, befahl er.</p><p>Liams Vater r�hrte sich nicht von der Stelle. �Nein.�</p><p>Das Oberhaupt der Geheimpolizei blickte ihn mit stechenden Augen an. �Widersetzt du dich uns?�</p><p>�Ich will wissen, wohin ihr mich bringt.�</p><p>�Ergreift ihn�, sagte Corvas.</p><p>Als die Spiegelm�nner auf ihn zukamen, wich Liams Vater in die Ecke zur�ck. �Nicht!�, �chzte Liam, doch da riss sein Vater bereits die Decke zur�ck und griff nach dem Blitzwerfer. Er schrie und richtete die Waffe auf Corvas. Knisternde Elektrizit�t b�ndelte sich in der Kupferspirale. Einer der Spiegelm�nner st�rzte sich auf ihn, er taumelte gegen die Wand. Der Blitz entlud sich und schlug krachend in die Zimmerdecke ein. Die Spiegelm�nner wurden zu Boden geschleudert, ihr Anf�hrer warf sich hinter dem Tisch in Deckung. Papiere wirbelten durch die Luft, Rauch und Staub f�llten den Raum, und Liam beobachtete voller Entsetzen, wie Corvas ein Messer z�ckte. Sein Vater lie� den Blitzwerfer fallen und hastete zur Treppe. Corvas sprang auf und warf die Klinge. Liams Vater brach mit einem Keuchen zusammen.</p><p>Liam unterdr�ckte einen Schrei. <emphasis>Bitte, Vater, steh auf</emphasis>, flehte er. <emphasis>Steh auf!</emphasis> Beinahe h�tte er die Klappe ge�ffnet und w�re nach drau�en gest�rzt.</p><p>Die Spiegelm�nner erhoben sich benommen, die Kutten voller Staub. Corvas schritt �ber die verstreuten Papiere und drehte Liams Vater mit dem Fu� auf den R�cken. Blut rann aus Fellyns Mundwinkel. Aus seinem Hals ragte der Messerschaft.</p><p>Liam musste die Z�hne zusammenbei�en, um nicht zu schluchzen. Sein Vater war nicht tot - er <emphasis>konnte</emphasis> nicht tot sein. Das war undenkbar. Unm�glich. Eben hatte er doch noch gesprochen, sich bewegt, um sein Leben gek�mpft.</p><p>�Versiegelt das Haus und holt heute Nacht die Leiche�, befahl Corvas, bevor er und die Spiegelm�nner die Sternwarte verlie�en.</p><p>Die T�r fiel ins Schloss. Liam blieb allein in der Dunkelheit zur�ck und begann zu weinen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>6</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Umbra</emphasis></strong></p></title><p><strong>J</strong>ackon wachte auf und blinzelte gegen das Sonnenlicht, das ihn im Gesicht kitzelte. Dies war nicht sein Zimmer im Haus der stummen Zwillinge - dort schien die Sonne nie so hell herein. Wo war er dann?</p><p>Er setzte sich auf und kratzte sich am Hinterkopf. Im Palast, richtig. Allm�hlich fiel ihm alles wieder ein. Umbra, die Frau aus der Kutsche, hatte ihn nach seiner Begegnung mit Lady Sarka zum Gesindefl�gel gef�hrt, zu der Kammer, in der er fortan wohnen w�rde. Die Lady hatte ihm nicht zu viel versprochen: Seine Unterkunft war ger�umig und behaglich und enthielt einen Waschzuber, einen Schrank voll mit neuen Kleidern und ein �beraus bequemes Bett.</p><p>Trotzdem hatte er nicht sonderlich gut geschlafen. Es gab einfach zu viele Dinge, �ber die er hatte nachdenken m�ssen. Er war ein Traumwanderer - allm�chtiger Tessarion! Und als w�re das nicht bereits genug, diente er au�erdem von nun an der Herrscherin von Bradost. Kein Wunder, dass seine Nacht unruhig gewesen war.</p><p>Jackon wusch sich und zog sich an, wobei es ihm nicht leichtfiel, unter den vielen Kleidern eine Wahl zu treffen. Er entschied sich schlie�lich f�r eine schlichte Hose und ein einfaches Wams, dazu Halbstiefel. Anschlie�end setzte er sich ans offene Fenster und machte sich �ber das frische Obst auf dem Tisch her.</p><p>Er konnte sich nicht erinnern, ob er jemals einen so sch�nen Morgen erlebt hatte. Die Sonne schien durch die B�ume im Palastgarten. V�gel zwitscherten, Erde und Gras rochen feucht vom Regen der vergangenen Nacht. Die Fr�chte schmeckten saftig und honigs��, und er konnte essen, bis er satt war. Jackon �berlegte, wie der Morgen ausgesehen h�tte, wenn er in die Kan�le zur�ckgegangen w�re: qu�lender Hunger, aber kein Geld f�r Essen; stumpfsinniges Warten bei den Netzen, in der Hoffnung auf ein paar Knochen oder Leinenreste; st�ndige Furcht vor Darren oder den Ghulen; K�lte und verpestete Luft, �berall Schmutz, Ratten und Ungeziefer.</p><p>Wie hatte er nur je in Erw�gung ziehen k�nnen, das Angebot von Lady Sarka auszuschlagen?</p><p>Nein, er hatte sich richtig entschieden. Er konnte sich zwar nicht im Geringsten vorstellen, wie es sein w�rde, ihr zu dienen, aber schlimmer als sein bisheriges Leben konnte es nicht werden.</p><p>Zumal Lady Sarka ganz anders war, als er immer gedacht hatte. Sie herrsche mit eiserner Hand �ber die Stadt und verfolge ihre Feinde erbarmungslos, sagten die Schlammtaucher und die Bewohner des Hafenviertels. Ihm jedoch hatte sie nichts als Freundlichkeit entgegengebracht. War sie wom�glich gar nicht so grausam, wie man sich �berall erz�hlte?</p><p>Irgendwann tauchte Umbra auf. Anders als in der Nacht trug sie ein schlichtes schwarzes Gewand und ging barfu�. Die Schatten unter ihren Augen waren verschwunden. Sie f�hrte ihn im Palast herum, zeigte ihm Flure, Kammern, S�le und erkl�rte ihm das eine oder andere. Dabei behandelte sie ihn nicht viel freundlicher als gestern in der Kutsche. Trotzdem war Jackon froh, dass sie es war, die ihm den Palast zeigte - und nicht der furchterregende Corvas.</p><p>Bei Tag, wenn warmes Licht durch die Fenster fiel und die Schatten von Baumkronen und B�schen auf die get�felten W�nde zeichnete, wirkte das Anwesen nicht mehr ganz so unheimlich. Der Eindruck eines nahezu verlassenen Geb�udes blieb jedoch: W�hrend sie durch die stillen Korridore gingen, begegnete ihnen keine Menschenseele.</p><p>�Warum stehen so viele Zimmer leer?�, erkundigte sich Jackon, als sie an einem Erker vorbeikamen, in dem Staub auf den alten M�beln lag.</p><p>�Weil die Leute, die darin wohnten, tot sind�, erwiderte Umbra m�rrisch.</p><p>�Tot?�</p><p>�Gestorben. Den Weg alles Irdischen gegangen. Was verstehst du daran nicht?�</p><p>�Wurden sie umgebracht?�, fragte er schaudernd.</p><p>Umbra seufzte. �Die Sarkas waren einst eine der gr��ten Familien der Stadt. Deshalb die vielen Zimmer. Aber das ist Jahrzehnte her; inzwischen ist die Herrin die einzige lebende Sarka. Das ist das ganze Geheimnis.�</p><p>�Also wohnt sie hier allein mit den Spiegelm�nnern?�</p><p>�Es gibt f�nf Bedienstete. Abgesehen von Corvas, Amander und mir nat�rlich.�</p><p>�Amander?�</p><p>�Geduld. Du lernst ihn schon noch kennen.�</p><p>Sie stiegen eine enge Wendeltreppe hinauf und gelangten in einen anderen Trakt. Jackon gewann allm�hlich den Eindruck, dass der Palast im Innern gr��er sein musste, als er von au�en wirkte. Er fragte sich, wie er sich in den verwinkelten und verschachtelten Korridoren und R�umen jemals zurechtfinden sollte.</p><p>�Wohin gehen wir jetzt?�</p><p>�Wart�s ab.�</p><p>Eingesch�chtert von ihrer Ruppigkeit hielt er eine Weile den Mund. Kurz darauf durchquerten sie auf einer h�lzernen Galerie einen Raum, der sich �ber zwei Stockwerke erstreckte. Tr�bes Licht fiel durch die blinden Bleiglasfenster. Rostige Rohre verliefen zwischen einem gro�en Ofen und dem Kamin. Auf einem Steintisch stand eine komplizierte Vorrichtung aus Schl�uchen, Messingzylindern, gl�sernen R�hren, Trichtern und Flaschen, alles von einer dicken Staubschicht bedeckt. Jackon blieb auf der Galerie stehen und betrachtete fasziniert die seltsame Apparatur. �Was ist das?�</p><p>�Sag blo�, du hast noch nie ein alchymistisches Labor gesehen?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Bei allen D�monen, dir muss man wirklich <emphasis>alles</emphasis> erkl�ren, was? Warum musste uns die Herrin ausgerechnet eine Kanalratte aufhalsen?�</p><p>�Ich bin keine Kanalratte�, erwiderte er beleidigt.</p><p>�Doch, bist du. Also gut, h�r zu. Die Sarkas waren eine Familie von Alchymisten...�</p><p>�Wie die Trankmischer im Chymischen Weg?�</p><p>�Nein. Richtige Alchymisten. Keine Quacksalber und Wunderheiler. Das da unten ist eine alchymistische K�che mit dem Athanor und verschiedenen Destillierkolben, Retorten und Kupellen. Es gibt noch zwei weitere im Palast, aber die Herrin benutzt sie nicht mehr. Sie hat ihr eigenes Labor tief unter dem gro�en Saal.�</p><p>�Sie ist auch eine Alchymistin?�</p><p>�Vielleicht die gr��te, die je gelebt hat. K�nnen wir jetzt weiter?�</p><p>Sie verlie�en die staubige K�che und folgten einem Flur, der Jackon bekannt vorkam. Der Gang f�hrte an mehreren Fenstern vorbei zu einer Treppe, vor der zwei Spiegelm�nner Wache standen. Ihre Masken glei�ten im Sonnenlicht.</p><p>�Hier geht es zum Saal mit den Gem�chern der Herrin�, erkl�rte Umbra. �Du darfst ihn nur betreten, wenn die Herrin dich einl�dt, so wie gestern Nacht. Niemals eigenm�chtig, hast du verstanden?�</p><p>Jackon nickte. Unbehagen erf�llte ihn beim Anblick der beiden schwarzgekleideten Gestalten.</p><p>�Unheimliche Kerle, was?�, sagte Umbra leise. �Wenn ich dir einen Rat geben darf: Halte dich von ihnen fern. Niemand wei�, was hinter ihren Masken vorgeht. Und sie gehorchen ausschlie�lich der Herrin und Corvas.�</p><p>�Dir nicht?�</p><p>�Ich habe nichts mit ihnen am Hut. Komm, es wird Zeit, dass wir zu Amander gehen.�</p><p>Sie kehrten um, und Jackon erschien es, als sei Umbra genauso froh wie er, den Gang mit den Spiegelm�nnern zu verlassen.</p><p>Wenig sp�ter betraten sie einen halbdunklen Salon, in dem mehrere Tische, Sessel und eine Vitrine mit Gl�sern und Flaschen standen. Es roch nach Tabakrauch. In einem Lehnstuhl mit abgewetztem Polster, die F��e auf dem Tisch, l�mmelte sich ein Mann in Wildlederhosen und einem altmodischen R�schenhemd. Er hatte eine wallende schwarze M�hne und trug eine gelangweilte Miene zur Schau; seine H�nde steckten in wei�en Handschuhen. Er streichelte eine Ratte.</p><p>�Darf ich vorstellen: Amander�, sagte Umbra.</p><p>�Ist das der Junge?�, fragte der Mann im Ohrensessel ohne gro�es Interesse.</p><p>�Ja. Und du wirst ihn anst�ndig behandeln. Befehl der Herrin, kapiert?�</p><p>�Spiel dich nicht so auf�, erwiderte Amander und r�kelte sich. �Wo steckt eigentlich die alte Kr�he? Ich warte hier seit einer Stunde.�</p><p>�Er ist vor Tagesanbruch verschwunden. Irgendeine Sache in Scotia.�</p><p>�Wann kommt er zur�ck?�</p><p>�Woher soll ich das wissen?� Umbra wandte sich wieder an Jackon. �Corvas und ich sind f�r die Sicherheit der Herrin verantwortlich. Amanders Aufgaben sind... spezieller Natur.�</p><p>�Soll ich es ihm zeigen?�, fragte der Schwarzhaarige.</p><p>�Tu, was du nicht lassen kannst�, erwiderte Umbra unfreundlich.</p><p>Amander streifte einen Handschuh ab und strich der Ratte mit Zeige- und Mittelfinger �ber das Fell. Das Tier zuckte und starb in seiner Hand. Gr�ner Schaum quoll aus dem kleinen Maul. Amanders Lippen formten ein d�nnes L�cheln.</p><p>�Alles, was er mit blo�en H�nden ber�hrt, verwandelt sich in Gift�, erkl�rte Umbra.</p><p>Jackon schluckte und wandte hastig den Blick ab. Als sie den Saal verlie�en, fragte er leise: �Hei�t das, er t�tet Menschen?�</p><p>�Wenn es sein muss.�</p><p>Ihm fielen die Ger�chte wieder ein, die er geh�rt hatte, Geschichten von Leuten, die spurlos verschwunden waren, nachdem sie sich Lady Sarka widersetzt hatten. Er schauderte.</p><p>�Das gef�llt dir nicht, richtig?�, meinte Umbra.</p><p>�Es ist falsch, jemanden umzubringen�, sagte er und erwartete, Umbra w�rde sich deswegen �ber ihn lustig machen. Umso �berraschter war er, als sie ihm zustimmte:</p><p>�Ja, das ist es. Aber manchmal bleibt der Herrin keine andere Wahl. Wer herrscht, hat Feinde.�</p><p>�Muss man sie deswegen gleich t�ten?�</p><p>�Lady Sarka ist f�r das Wohl unz�hliger Menschen verantwortlich. Was, wenn jemand danach trachtet, die Stadt ins Chaos zu st�rzen? W�rdest du an ihrer Stelle nicht auch versuchen, das mit allen Mitteln zu verhindern?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Siehst du? Zuweilen muss ein Herrscher ein Leben opfern, um viele zu retten. So ist das nun mal. Deine Schlammtaucherfreunde und die Leute auf den Stra�en m�gen das anders sehen, aber sie m�ssen den Laden auch nicht am Laufen halten.�</p><p>Jackon schwieg nachdenklich. So hatte er das noch nie betrachtet.</p><p>Sie stiegen Treppen hinab und gingen Flure entlang. Nach einer Weile fragte er: �Lady Sarka hat gesagt, du w�rdest die Schatten beherrschen. Was bedeutet das?�</p><p>Umbra schnaubte unwillig. �Du gehst mir allm�hlich auf die Nerven mit deinen Fragen, Junge.�</p><p>�Sagst du mir wenigstens, was einmal meine Aufgabe sein wird? In den Diensten der Lady, meine ich. Als Traumwanderer.�</p><p>�Noch bist du keiner. Und bis es so weit ist, hat die Herrin andere Aufgaben f�r dich.�</p><p>�Welche denn?�</p><p>�Gartenarbeit.�</p><p>Jackon blieb abrupt stehen. �Gartenarbeit?�</p><p>�F�r deine Ausbildung brauchst du gesunden, tiefen Schlaf. Aber den bekommst du nicht, wenn du den ganzen Tag auf der faulen Haut liegst. Jetzt glotz mich nicht so an; ich habe mir das nicht ausgedacht. Da entlang, wenn ich bitten darf. Der G�rtner erwartet dich bereits.�</p><p>Einigerma�en verwirrt folgte er Umbra durch einen Nebenfl�gel nach drau�en. Als er sich die Nacht �ber gefragt hatte, was die Lady wohl von ihm verlangen w�rde, wenn er in ihren Diensten stand, hatte er mit allem gerechnet - aber gewiss nicht damit, Unkraut zu j�ten und Beete umzugraben.</p><p>�Es gibt ein paar Regeln f�r dich, also h�r gut zu�, fuhr Umbra fort. �Erstens, solange deine Ausbildung nicht abgeschlossen ist, wirst du wie ein gew�hnlicher Diener behandelt. Das hei�t, du wohnst im Gesindetrakt, isst mit den anderen Bediensteten und bekommst den gleichen Lohn. Wenn man dich fragt, warum du hier bist, sagst du, du warst vorher Erntehelfer bei einem Plantagenbesitzer, und die Herrin hat dich holen lassen, damit du f�r sie arbeitest. Hast du das verstanden?�</p><p>�Ja�, sagte Jackon.</p><p>�Zweitens, du sprichst mit niemandem �ber deine Gabe, auch nicht mit den Bediensteten im Palast. Nur mit der Herrin und mir, klar? Niemand darf wissen, dass du hier bist.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Drittens�, knurrte Umbra, �du h�rst auf, mich zu l�chern.�</p><p>Im Schatten des Palasts folgten sie einem Pfad aus verwitterten Steinplatten. Der Garten stellte eine kleine Insel inmitten der Altstadt dar, umgeben von einer Mauer mit rostigen Dornen auf der Krone. Efeu rankte sich an steinernen Mantikoren und Harpyien empor. Fliederbl�ten schwebten durch die laue Luft, Kirschb�ume kr�mmten sich unter der Last ihrer eigenen Gr��e wie bucklige Greise. Obwohl es fast Mittag war, verloren sich weite Teile des Gartens in gr�nlichem Zwielicht, als l�ge eine Glocke aus ewiger D�mmerung �ber dem Anwesen, gegen die selbst die w�rmsten Sonnenstrahlen nichts ausrichten konnten.</p><p>Sie durchquerten einen kleinen Hain aus Apfelb�umen und kamen zu einer Buchsbaumhecke, die sich mannshoch �ber die gesamte Wiese erstreckte. Verschlungene Pfade f�hrten ins Innere, begrenzt von undurchdringlichen W�nden aus �sten, Zweigen und Bl�ttern. Jackon konnte sein Erstaunen nicht verbergen. Die Hecke bildete ein Labyrinth, �hnlich den Tunneln unter der Grambeuge. So etwas hatte er noch nie gesehen.</p><p>Umbra blieb vor einem der Eing�nge des Irrgartens stehen. �Der G�rtner hei�t Ibbott Hume�, erkl�rte sie. �Von nun an arbeitest du f�r ihn, also tu, was er sagt.�</p><p>�Aber ich verstehe nichts von Gartenarbeit�, erwiderte Jackon.</p><p>�Man muss nicht gerade ein Genie sein, um den Rasen zu m�hen. Jetzt geh schon.�</p><p>Der G�rtner schien sich irgendwo im Innern des Labyrinths aufzuhalten - Jackon konnte das Klappern einer Heckenschere h�ren. Als er gerade durch den Eingang treten wollte, fiel ihm noch etwas ein. Er wandte sich um.</p><p>�Wie viel Lohn bekomme...� Jackon verstummte.</p><p>Umbra war verschwunden, als h�tte sie sich in Luft aufgel�st.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>7</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Abschied</emphasis></strong></p></title><p><strong>L</strong>iam wusste nicht, wie lange er bereits neben seinem Vater sa�. Stunden, vielleicht Tage. Die Zeit hatte jede Bedeutung f�r ihn verloren. Von fern erklang das gesch�ftige Treiben Scotias. Das Licht der Abendsonne sickerte durch die Fensterl�den, warm und golden und viel zu sch�n f�r diesen Tag.</p><p>Seine Tr�nen waren l�ngst versiegt. Er kauerte auf dem Steinboden, die H�nde zu F�usten geballt, und betrachtete das vertraute Gesicht und die Augen, die ins Nichts starrten. Manchmal erschien ihm der Anblick seltsam unwirklich, und er fragte sich, ob er all das nur tr�umte. <emphasis>Ja</emphasis>, dachte er dann, <emphasis>nat�rlich; es muss ein Traum sein. Spiegelm�nner, die pl�tzlich auftauchen und Vater ermorden - einfach l�cherlich.</emphasis> In solchen Momenten �berkam ihn j�he Euphorie, und er rechnete damit, wie jeden Morgen in seinem Bett aufzuwachen, geweckt von den Ger�uschen seines Vaters, der seit Sonnenaufgang in der Sternwarte werkelte.</p><p>Doch er wachte nicht auf. Wie er hier sa�, neben der Leiche und all dem Blut, das war kein Traum. <emphasis>Er ist tot. Er wird nie wieder aufstehen, lachen, Blitze fangen.</emphasis> Und immer, wenn Liam das dachte, wich die Euphorie einer alles verzehrenden Leere, woraufhin er sich noch einsamer f�hlte als zuvor.</p><p>Wenn er ihn wenigstens begraben k�nnte... Aber er durfte seinen Vater nicht anr�hren, durfte ihm nicht einmal die Augen schlie�en. Bei Nacht w�rden die Spiegelm�nner wiederkommen und die Leiche holen, und wenn sie dann nicht genauso dal�ge, wie sie sie zur�ckgelassen hatten, w�rden sie wissen, dass jemand bei ihm gewesen war. Von da an w�re Liams Leben in Gefahr, und Fellyn Satander h�tte seines umsonst geopfert.</p><p>Wieso hatte er sterben m�ssen? Welche Geheimnisse hatte er geh�tet, dass der schreckliche Corvas auf ihn aufmerksam geworden war? Liam w�nschte, sein Vater h�tte mit ihm gesprochen, h�tte ihn eingeweiht oder wenigstens einen Teil seiner Absichten preisgegeben. Doch was auch immer er gewusst oder erfahren hatte, es war mit ihm gestorben, und Liam blieben nichts als ein paar r�tselhafte Andeutungen.</p><p>Nestor Quindal... das Gelbe Buch von Yaro D�ar... Von solch einem Buch hatte er noch nie geh�rt. Er hatte nicht einmal gewusst, dass sein Vater den ber�hmten Erfinder pers�nlich gekannt hatte.</p><p>Er durfte nicht hierbleiben. Er musste verschwinden, bevor es dunkel wurde, musste zu Nestor Quindal gehen, wie er es versprochen hatte. Aber er brachte es nicht �ber sich, zu fliehen und seinen Vater zur�ckzulassen, in der Gewissheit, dass die Spiegelm�nner ihn mitnehmen und in einem namenlosen Grab verscharren w�rden wie einen verendeten Hund. Erst als die Nacht hereinbrach und sich jemand an der versiegelten T�r zu schaffen machte, fand er die Kraft aufzustehen. <emphasis>Auf Wiedersehen, Vater</emphasis>, murmelte er stumm, bevor er durch das Fenster seiner Kammer schl�pfte, es leise hinter sich schloss und durch das Gestr�pp hinter der Sternwarte huschte, wo die Dunkelheit ihn umfing.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>8</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Eisen, St�dte und L�rm</emphasis></strong></p></title><p><strong>S</strong>ie standen in der gro�en Halle des Palasts, Hunderte, das gesamte Volk der Alben. Gew�nder raschelten leise. M�hsam gez�gelte Ungeduld sprach aus den schwarzen Gesichtern. Lucien sp�rte, dass sie das Warten kaum noch ertrugen.</p><p>Er fand den Harlekin auf der Galerie, von wo aus er in den Saal hinabblickte, die H�nde auf der Br�stung. Sein neues Flickengewand leuchtete rot und gr�n und gelb und wirkte in diesen Hallen mit ihrem ewigen Zwielicht so fehl am Platz wie ein bunter Stoffbezug auf einem antiken Lehnstuhl.</p><p>�Sollte ein frischgebackener K�nig keine Robe tragen? Oder wenigstens eine Krone?�</p><p>Die Schellen an seiner Narrenkappe klimperten, als sich der Harlekin umdrehte. L�chelnd blickte er an sich herunter. �Nur mein alter Rebellenaufzug. Am Tag meines gr��ten Triumphs konnte ich der Versuchung einfach nicht widerstehen.�</p><p>Lucien trat an die Br�stung. �Scheint so, als w�ren dir alle gefolgt. Sogar Aziels Anh�nger.�</p><p>�Nach seiner Niederlage war es nicht gerade schwer, sie zu �berzeugen. Niemand mag Verlierer.�</p><p>�Selbst dann nicht, wenn man mit einem faulen Trick gewonnen hat, richtig?�</p><p>Die Augen des Harlekins blitzten sp�ttisch. �Wirfst du mir etwa vor, ich h�tte nicht fair gespielt? Ausgerechnet du, der Dieb?�</p><p>�Du h�ttest Aziel t�ten k�nnen.�</p><p>�Komm schon, Lucien. Einen Kerl wie ihn t�tet man nicht so leicht. Er ist z�h; er wird sich erholen.�</p><p><emphasis>Wird er das?</emphasis>, fragte sich Lucien. Aziel versteckte sich seit seiner Niederlage irgendwo in Bradost. Als er ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er noch sehr schwach gewesen. Ganz im Gegensatz zum Harlekin: Der neue Herrscher der Alben wirkte kr�ftiger denn je. Er hatte sich vollst�ndig von seiner Gefangenschaft und den Nachwirkungen von Jernigans Lampe erholt. Sogar seine verbrannte Hand war geheilt. <emphasis>Die Macht scheint ihm gutzutun.</emphasis></p><p>�Er h�tte herkommen sollen�, fuhr der Harlekin fort. �Wir h�tten einander verzeihen und gemeinsam die Welt verlassen k�nnen.�</p><p>�Du wei�t, dass er das niemals k�nnte. Er nimmt seine Aufgabe ernst.� Lucien betrachtete die wartenden Alben in der Halle. �Ihr seid also entschlossen zu gehen.�</p><p>�Es ist h�chste Zeit.�</p><p>�Und die Menschen? Sie brauchen euch.�</p><p>�Menschen�, knurrte der Harlekin. �Sie haben uns l�ngst vergessen.�</p><p>�Das ist nicht wahr�, widersprach Lucien.</p><p>�Du machst dir etwas vor. Was ist mit der Wilden Jagd? Den Werw�lfen, Mantikoren und Greifen? Sie sind fort, lange schon. V�len gibt es vielleicht noch zwei Dutzend, Harpyien noch weniger. Sie haben begriffen, dass die Zeit der Schattenwesen vorbei ist. Sieh dich doch um: �berall Eisen, St�dte und L�rm. Die Welt geh�rt jetzt den Menschen und ihren Maschinen. Darin ist kein Platz mehr f�r Magie und Geheimnisse.�</p><p>�Die Welt hat sich immer ver�ndert�, erwiderte Lucien halbherzig.</p><p>�Aber noch nie so schnell. Lucien, h�r dich reden. Du lebst schon zu lange unter den Menschen. Du kannst die Belange deines Volkes nicht mehr verstehen.�</p><p>Lucien w�nschte, er k�nnte abstreiten, was der Harlekin ihm vorwarf. Doch er wusste nur zu genau, dass der Herrscher der Alben der Wahrheit damit sehr nahe kam.</p><p>�Komm mit uns�, schlug der Harlekin vor. �Lass die Vergangenheit hinter dir und fang noch einmal von vorne an.�</p><p>�Ihr habt mich verbannt�, sagte Lucien l�chelnd, �schon vergessen?�</p><p>�Ich kann den Bann aufheben. Ein Wort von dir, und du bist wieder einer von uns.�</p><p>�Du wei�t, dass es damit nicht getan w�re. So schnell vergisst unser Volk nicht.�</p><p>�Warte, bis sie erst auf der anderen Seite sind. Dort gelten andere Regeln. Was du getan hast, spielt bald keine Rolle mehr.�</p><p>�Nein, mein Freund. Mein Platz ist hier.�</p><p>�Du wirst einsam sein.�</p><p>�Das bin ich schon lange. Auf ein paar Jahrhunderte mehr kommt es nicht an.�</p><p>�Dein letztes Wort?�</p><p>�Mein letztes Wort.�</p><p>�Eigensinnig bis zum Ende, was?�</p><p>�Hast du etwas anderes erwartet?�</p><p>Der Harlekin l�chelte wieder. �Falls du es dir anders �berlegst - du wei�t, wo du uns findest. Viel Gl�ck, alter Dieb.� Dann stieg er die Treppe herunter und durchquerte die Halle, wo die Alben eine Gasse f�r ihn bildeten.</p><p>Wind kam auf und wirbelte Luciens Haar durcheinander, als mitten im Saal ein Riss aufklaffte. F�r einen Augenblick sah er B�ume, wo Mauern und S�ulen h�tten sein sollen, Lichtungen, umgeben von undurchdringlichem Dickicht, Sterne, die im Bl�tterwerk aufblitzten - und dann verschwanden die Alben. Der Riss schloss sich, der Wind flaute ab, und Lucien stand allein in dem riesigen Palast mit seinen weiten Hallen und endlosen Fluren.</p><p>�Viel Gl�ck�, murmelte er leise.</p><empty-line/><empty-line/><p>Sp�ter in der Nacht wanderte er gedankenverloren durch das Labyrinth, das Vergn�gungsviertel Bradosts. Niemand konnte ihn sehen, obwohl sich zu dieser Stunde Scharen von Menschen durch die Stra�en treiben lie�en. Wie alle Schattenwesen konnte er unauff�llig sein, wenn er wollte, wie ein alter Kratzer an der Wand, den man irgendwann nicht mehr wahrnimmt. Nur Betrunkene und Opiums�chtige bemerkten ihn dann noch, weshalb er um Tavernen und Spelunken einen weiten Bogen machte.</p><p>Adlige und Tagel�hner begegneten ihm auf seinem Weg durch Gassen und H�fe, K�nstler, J�nglinge und gelangweilte Damen, alle auf der Suche nach ein wenig Zerstreuung, bevor die Sonne aufging und sie in das triste Einerlei ihres Lebens zur�ckkehren mussten. Ausgelassene Musik drang aus Variet�s und Kaschemmen mit Buntglasscheiben. Der Rauch der Opiumpfeifen vermengte sich mit dem Geruch von Ale, Schnaps und billigen Duftwassern. Huren und Wunderheiler boten in den Torb�gen ihre Dienste feil. An jeder Ecke warben Zirkusleute f�r das neuste Monstrosit�tenkabinett oder f�hrten Taschenspieler, Gaukler und Feuerspucker ihre Kunstst�cke auf.</p><p>Lucien dachte an die Worte des Harlekins. <emphasis>Sieh dich doch um: �berall Eisen, St�dte und L�rm. Die Welt geh�rt jetzt den Menschen und ihren Maschinen. Darin ist kein Platz mehr f�r Magie und Geheimnisse.</emphasis></p><p>Vielleicht, vielleicht auch nicht. Auf eine seltsame Weise liebte er diese Stadt und ihre Bewohner, trotz des L�rms und des Gestanks, den sie verursachten, trotz ihrer Dummheit und der Leidenschaften, die sie antrieben und die den Alben so fremd waren.</p><p>Hier wollte er leben, nirgendwo sonst. Dennoch f�hlte er sich einsam - so einsam wie noch nie zuvor in den unz�hligen Jahrhunderten seiner Existenz.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>9</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die Herzkammer</emphasis></strong></p></title><p><strong>R</strong>auch stieg aus einem Wald von Schloten und Kaminen auf und vereinte sich �ber dem Viertel zu einer undurchdringlichen Glocke. Ein Luftschiff durchstie� den Qualm und beschrieb mit dr�hnenden Motoren einen Bogen �ber den Bleid�chern der Manufakturen, bevor es am Ankermast einer Kanonengie�erei andockte. Liam beobachtete, wie es �ber dem Geb�ude stand, w�hrend M�nner auf der Plattform erschienen, Kisten aus der Gondel auffingen und zur Rampe trugen.</p><p>Kessel wurde dieser Stadtteil genannt, denn er lag in einer Senke zwischen drei H�geln, im S�den begrenzt vom Fluss, eine einzige Ansammlung von Schmieden, Gie�ereien und Schmelz�fen. Liam kannte sich einigerma�en in den Gassen und Stra�en aus, denn er war ein paar Mal mit seinem Vater hier gewesen, um Blitze zu verkaufen. Wo Nestor Quindals Werkstatt lag, wusste er jedoch nur vom H�rensagen. M�de machte er sich auf den Weg.</p><p>Rauch drang aus Fenstern und vergitterten Sch�chten. �lige Abw�sser str�mten offene Kan�le entlang, die man auf wackeligen Planken �berqueren musste. Der L�rm, der ihm aus den Hallen und H�fen der Fabriken entgegenschlug, war unbeschreiblich: �berall dr�hnten und wummerten aetherbetriebene Maschinen, bizarre Unget�me aus Stahl, Messing und Kupfer. Arbeiter br�llten, geschmolzener Stahl f�llte zischend die Gussformen, gl�hendes Eisen wurde zurechtgeh�mmert. Und unaufh�rlich regnete es Asche. Anfangs wischte sich Liam die Flocken noch aus dem Gesicht, doch bald schon gab er es auf. Er hatte die Nacht in den Abwasserkan�len Scotias verbracht und kaum geschlafen; er war so ersch�pft, dass er sich nur noch mit purer Willenskraft auf den Beinen hielt. Au�erdem knurrte sein Magen.</p><p>In seiner Verwirrung hatte er vergessen, aus der Sternwarte etwas zu essen oder Geld mitzunehmen. Gl�cklicherweise fand er in seiner Hosentasche noch einen Viertelschilling, von dem er sich in einer Gark�che etwas Brot und gekochtes Kalbfleisch kaufte. Es reichte kaum, um satt zu werden, aber wenigstens bekam er etwas zwischen die Z�hne.</p><p>Und wie er aussah: An seinem Hosenbein klebte Blut, an seinem Wams der Schmutz der unterirdischen Tunnel, an den Stiefeln Rattenkot. Er wollte nicht wissen, wie er stank - vermutlich wie eine wandelnde Sickergrube. Und so sollte er dem ber�hmtesten Erfinder der Welt unter die Augen treten? Er konnte von Gl�ck sagen, wenn Quindal ihn nicht f�r einen bettelnden Schlammtaucher hielt und auf der Stelle fortjagte.</p><p>Als er den leeren Napf zur�ckgeben wollte, schlug ihm der Verk�ufer hinter der Durchreiche pl�tzlich den Laden vor der Nase zu. Die Arbeiter vor der Gark�che lie�en ihr Essen fallen und suchten hastig das Weite. Verwundert wandte Liam sich um und sah vier Spiegelm�nner herbeieilen. Von j�hem Entsetzen durchzuckt, verbarg er sich hinter der Hausecke. <emphasis>Bitte lass sie mich nicht gesehen haben</emphasis>, betete er, doch die Spiegelm�nner hatten es nicht auf ihn abgesehen. Sie blieben vor der T�r eines heruntergekommenen Stadthauses stehen. Mit wild pochendem Herzen beobachtete er, wie die Maskierten anklopften. Als niemand �ffnete, zertr�mmerten sie die T�r mit ihren Rabenschn�beln und drangen ein.</p><p>Kurz darauf erklang Geschrei. Die Spiegelm�nner zerrten zwei M�nner mit blut�berstr�mten Gesichtern aus dem Haus und warfen sie in einen Gefangenenwagen, der am Anfang der Gasse vorgefahren war.</p><p>Liam schloss die Augen, als Bilder in ihm aufstiegen, Erinnerungen an seinen Vater, der zur Treppe hastete und zusammenbrach, getroffen von Corvas� Messer. Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen. �berall in der Stadt geschah dasselbe, Tag f�r Tag. Er w�rde niemals sicher sein, wohin er auch ging. Niemand war das, in Scotia nicht, nirgendwo.</p><p>Er blieb in seinem Versteck, bis der Gefangenenwagen fort war, und noch lange danach. Erst als der Verk�ufer wieder die L�den �ffnete und sich Leute vor der Gark�che einfanden, brachte er den Mut auf, den Winkel zu verlassen.</p><p>Quindals Werkstatt lag mitten im Kessel, nur ein paar Stra�en vom Chymischen Weg entfernt, den seltsamen Ger�chen nach zu schlie�en. Liam ging zum offenen Tor der verwinkelten Halle, wo ihn ohrenbet�ubender L�rm empfing.</p><p>Hier und da brannte eine Gaslampe und brachte etwas Licht in das Halbdunkel. Unter der Decke aus Stahltr�gern hing der Mittelteil eines Luftschiffes; Mechaniker kletterten in dem Gerippe herum und arbeiteten an den Motorgondeln. Riesige Zahnr�der drehten sich knirschend, als ein Lastkran einen mannsgro�en Propeller hochhob. Rohre verliefen an den W�nden, versorgten verschiedene Maschinen mit Aether und sonderten dabei zischend goldenen Dampf ab. M�nner trugen Kupferf�sser, Rauchglasbeh�lter und Bauteile herum, andere r�ckten Apparaten, deren Funktion sich Liam nicht erschloss, mit Schraubenschl�sseln zu Leibe. Irgendwo im Zwielicht zuckte ein Blitz zur Hallendecke, gefolgt von einem Funkenregen und lautstarken Fl�chen.</p><p>Liam sprach eine Maschinistin in einem �lverschmierten Kittel an. �Ich suche Nestor Quindal.�</p><p>�Er ist dr�ben in Halle zwei. Aber sei vorsichtig; sie haben gerade den Koloss mit Aether gef�ttert.�</p><p>Er ging in die Richtung, die die Frau ihm wies, und kam in einen kleineren Raum, wo Kisten voller seltsam geformter Glasr�hren herumstanden. Ein Mann entnahm einem Erdloch einen Klumpen geschmolzenen Glases und blies ihn mit einer R�hre zu einem gl�henden Ball auf, den er mit einer Art Schere zerteilte. Dem Raum schloss sich ein breiter Korridor an, in dem Liam ein saurer Geruch entgegenschlug. In einer mannshohen R�hre schwebte eine Kreatur, die mit ihrem pulsierenden Schirm und den durchsichtigen Fangarmen einer Qualle �hnelte. Er hatte von diesen Tieren geh�rt: Es war eine Zitteranemone, ein Wesen, das in riesigen Schw�rmen �ber den Himmel zog und sich von Blitzen ern�hrte. Eine zweite Zitteranemone lag auf einem Steintisch, wo sie von zwei Frauen in lederner Schutzkleidung in Teile geschnitten wurde. Die Tentakel stopften sie in Gl�ser; elektrische Entladungen schlugen zuckend gegen die Becherw�nde.</p><p>Liam stieg eine Treppe hinauf und gelangte in eine Halle, die der ersten glich, nur dass dort kein Luftschiff hing. Augenblicklich begriff er, was die Maschinistin mit �Koloss� gemeint hatte: Ein halbes Dutzend Leute umringten ein Gesch�pf, das ganz aus Kupfer bestand. Es �berragte selbst den gr��ten Mann um einen Fu� und besa� zwei wuchtige Beine, einen abgeflachten Kopf, der ohne Hals auf den gepanzerten Schultern sa�, sowie vier mit Werkzeugen und Greifern best�ckte Arme. Sein Korpus mit den surrenden Zahnr�dern wirkte wie ein riesiges Uhrwerk. Ventile stie�en goldenen Aetherdampf aus, Blitze knisterten im Innern der bizarren Apparatur. Der Koloss machte zwei Schritte, unter denen der Hallenboden erzitterte, dann blieb er pl�tzlich stehen und schien nicht mehr in der Lage zu sein, den Fu� zu heben. Kurz darauf lie� er die Arme sinken, und die Zahnr�der h�rten auf, sich zu drehen, woraufhin unter den Anwesenden eine heftige Diskussion ausbrach.</p><p>Liam wartete, bis der Streit zu Ende war. Mit einer Hebevorrichtung brachte man den Koloss in eine liegende Position. Einer der M�nner ging zu einem Tisch mit Konstruktionspl�nen und beugte sich br�tend dar�ber. Als er sich auf der Tischplatte aufst�tzte, sah Liam, dass er nur noch eine Hand besa�. Die andere war mechanisch und bestand aus winzigen kupfernen Teilen, schien jedoch genauso beweglich zu sein wie ihr Pendant aus Fleisch und Knochen.</p><p>Z�gernd ging Liam zu ihm. Der Mann war einen halben Kopf kleiner als er und trug einen abgewetzten schwarzen Gehrock. Das graue Haar hatte er in dem misslungenen Versuch, die kahlen Stellen zu �berdecken, nach vorne geb�rstet. �Sind Sie Nestor Quindal?�</p><p>�Was willst du?�, schnarrte der Mann.</p><p>�Ich bin Fellyn Satanders Sohn.�</p><p>�Ich kenne keinen Fellyn Satander.�</p><p>�Das kann nicht sein. Er hat von Ihnen gesprochen. Er...� Liam stockte. �Er ist tot.�</p><p>Quindal hob sein zerknittertes Gesicht und blickte ihn aus stahlgrauen Augen an. Dann erwiderte er: �Das tut mir leid f�r dich, Junge. Aber ich habe zu tun. Geh jetzt.�</p><p>Liam war so fassungslos, dass er keinen Ton mehr herausbrachte. Sein Vater hatte ihm nichts als diesen Hinweis hinterlassen, und Quindal schickte ihn einfach fort. Er schluckte und sagte: �Lassen Sie es mich erkl�ren. Mein Vater wollte, dass ich...�</p><p>Der Erfinder kritzelte etwas auf einen Zettel, dann kam er hinter dem Tisch hervor, packte ihn mit seiner mechanischen Hand und schob ihn unsanft zum Ausgang. �Verschwinde! Ich habe keine Zeit f�r dahergelaufene Bengel, die mich mit ihrer Lebensgeschichte behelligen.�</p><p>�Nein, warten Sie. Es ist wichtig...� Pl�tzlich bemerkte Liam, dass Quindal ihm unauff�llig etwas in die Hand dr�ckte, bevor der Erfinder sich abwandte und ohne ein weiteres Wort zum Tisch zur�ckging.</p><p>Der Zettel. Liam verbarg ihn in seiner Faust, blickte Quindal unschl�ssig hinterher und entschied dann, die Werkstatt zu verlassen.</p><p>Drau�en suchte er sich eine stille Ecke und betrachtete das Papierst�ck. Seine H�nde schwitzten vor Aufregung, und die Tinte war etwas verwischt, aber er konnte sie noch gut lesen. Auf dem Fetzen stand: <emphasis>Chim. Br�cke. N-Ufer. In einer halben Std.</emphasis></p><p>Also war er doch nicht umsonst hergekommen. Er zerkn�llte den Zettel, warf ihn in einen Gully und machte sich auf den Weg.</p><p>Auf der Chim�renbr�cke herrschte reger Verkehr aus Kutschen, Ochsenwagen und Fu�g�ngern. Ihr Name kam nicht von ungef�hr: Auf den Br�stungen kauerten gefl�gelte L�wen, Harpyien, Greife und Mantikore mit t�ckischen Stachelschw�nzen. Gelegentlich bewegte sich eines der steinernen Ungeheuer, drehte langsam den Kopf und beobachtete die vorbeifahrenden Droschken und Fuhrwerke. Als Liam noch ein Kind gewesen war, hatte ihm sein Vater erz�hlt, dass diese Gesch�pfe in der alten Zeit �ber den D�chern Bradosts gelebt h�tten, bevor sie allm�hlich zu Stein geworden seien. Manchmal weckte der L�rm der Stadt sie aus ihrem Schlaf, aber meistens sa�en sie reglos da und gaben sich ihren uralten Tr�umen hin.</p><p>Liam sp�rte, wie ihm bei dieser Erinnerung abermals die Tr�nen kamen, und er schob sie hastig fort. Er durfte jetzt nicht an seinen Vater denken. Er brauchte einen klaren Kopf.</p><p>Im Schatten einer Platane setzte er sich auf die Ufermauer und wartete. Quindal tauchte wenig sp�ter auf. Liam wollte ihm entgegengehen, doch der Erfinder tat, als sei er gar nicht da, und stieg die Treppe zum Fluss hinab. War dieses seltsame Verhalten eine Vorsichtsma�nahme? Liam beschloss, darauf einzugehen, und folgte Quindal erst, als dieser bereits in einer �ffnung unter der Br�cke verschwunden war.</p><p>Dahinter tat sich ein dunkler Tunnel auf. Wasser tropfte aus l�chrigen Rohren und sammelte sich auf dem Boden zu einem rostroten Rinnsal. Liam konnte Quindal nirgends entdecken und ging hinein.</p><p>Pl�tzlich tauchte ein Gesicht aus den Schatten auf. Er keuchte vor Schreck.</p><p>�Komm�, sagte Quindal. �Und sei um Himmels willen leise.�</p><p>Mit einer Mischung aus Furcht und Aufregung folgte Liam dem Erfinder tiefer in den Tunnel hinein, bis sich der Gang in einen Raum �ffnete. Irgendwo sickerte tr�bes Licht herein und fiel auf metallene W�nde, Gitterb�den, hydraulische Kolbenvorrichtungen und schwarze Sch�chte, in denen Wasser rauschte. Nirgendwo schien es gerade Formen und Kanten zu geben; der gesamte Raum wirkte gew�lbt und seltsam organisch.</p><p>�Was ist das f�r ein Ort?�, fl�sterte Liam.</p><p>�Die alte Frischwasser-Pumpstation. Man nennt sie die Herzkammer. Sie ist seit Jahrzehnten au�er Betrieb. Kaum jemand wei�, dass sie �berhaupt existiert.�</p><p>Erst jetzt fiel Liam auf, dass der Raum tats�chlich wie ein menschliches Herz geformt war. �Warum treffen wir uns hier und nicht in der Werkstatt?�</p><p>�Dort sind zu viele Menschen. Zu viele Ohren, die Dinge h�ren, die sie nichts angehen.� Der Erfinder wandte sich ihm zu. Die sp�rlichen Lichtstrahlen spiegelten sich auf dem Kupfer seiner Hand. �Dein Vater ist also tot.�</p><p>Liam nickte.</p><p>�Wie ist es geschehen?�</p><p>�Corvas und zwei Spiegelm�nner sind gestern Morgen in der Sternwarte aufgetaucht. Corvas hat ihn beschuldigt, in eine Verschw�rung verwickelt zu sein. Als sie ihn mitnehmen wollten, hat er sich gewehrt. Dabei hat Corvas ihn get�tet.�</p><p>�Das musste ja so kommen�, sagte Quindal leise, und Liam h�rte den Schmerz in seiner Stimme.</p><p>�Sie... kannten meinen Vater?�</p><p>Anstelle einer Antwort fragte der Erfinder: �Ist Corvas auch hinter dir her?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Bist du dir da sicher?�</p><p>Liam erz�hlte, wie er sich versteckt hatte, und berichtete von der L�ge seines Vaters, er habe Bradost schon vor Wochen verlassen. �Corvas scheint vorher nichts von mir gewusst zu haben. Er glaubt, ich sei in Torle. Er wei� nicht einmal, wie ich aussehe.�</p><p>�Und wenn die Geheimpolizei eure Sternwarte beobachtet hat?�</p><p>�Das glaube ich nicht. Sonst h�tte Corvas nicht gefragt, ob mein Vater allein lebt.�</p><p>Das schien Quindal einigerma�en zu beruhigen. �Wo wohnst du jetzt?�</p><p>�Nirgendwo. In die Sternwarte kann ich nicht zur�ck.�</p><p>�Wenn du willst, kannst du in der Werkstatt unterkommen. Bis du eine andere Bleibe gefunden hast.�</p><p>�Danke�, sagte Liam. Er leckte sich �ber die trockenen Lippen. �Ist es wahr, was Corvas gesagt hat? War mein Vater wirklich in eine Verschw�rung verwickelt?�</p><p>Quindal starrte ihn an. Zahnr�der surrten leise, als er seine k�nstliche Hand zur Faust ballte und wieder �ffnete. �Ich werde dir jetzt etwas �ber deinen Vater erz�hlen - wenn du mir dein Wort gibst, mit niemandem dar�ber zu sprechen.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Du verstehst mich nicht, Junge�, sagte der Erfinder barsch. �Dies ist kein Spa�. Ein kleiner Fehler, ein unbedachtes Wort zur falschen Zeit, und es geht uns beiden an den Kragen. Dass ich �berhaupt mit dir rede, liegt allein daran, dass du Fellyn Satanders Sohn bist.�</p><p>�Was soll ich tun?�, fragte Liam verunsichert. �Etwa... schw�ren?�</p><p>�Genau das. Bei deinem Leben. Und ich verspreche dir: Wenn du deinen Schwur brichst, sorge ich daf�r, dass du es bereust.�</p><p>Liam zweifelte nicht daran, dass Quindal es mit seiner Drohung ernst meinte. �Bei meinem Leben. Ich schw�re es.�</p><p>Der Wissenschaftler nickte knapp. Der Gitterboden klapperte beunruhigend, als er einige Schritte durch die Herzkammer ging. In der Tiefe rauschte das Wasser. �Du bist noch jung. Was wei�t du �ber die alte Republik und Lady Sarka?�</p><p>�Sie meinen das Ende des Magistrats?�</p><p>�Genau das.�</p><p>Nat�rlich wusste Liam �ber diese Dinge Bescheid - so jung war er auch wieder nicht. �Sie hat den Magistrat entmachtet, nachdem sie zur Lordkanzlerin gew�hlt wurde. Seitdem gibt es keine Republik mehr. Sie herrscht allein �ber die Stadt.�</p><p>�Vor f�nf Jahren war das�, best�tigte Quindal. �Seitdem geht alles den Bach runter. Erdr�ckende Steuern. Hungersn�te. Keine Woche ohne Unruhen. Und �berall die verdammten Spiegelm�nner, die jeden ins Gef�ngnis werfen, der seinen Mund aufmacht. Nachdem deine Mutter gestorben war, hat dein Vater die Zust�nde in der Stadt nicht mehr ertragen. Er schloss sich einer Gruppe an, die plante, etwas gegen die Lady zu unternehmen. Die M�nner, die er dort traf, litten genau wie er unter ihrer Willk�r und der Grausamkeit ihrer Diener. Leider waren sie nur gew�hnliche B�rger. �rzte, Handwerker oder H�ndler wie dein Vater, keine Krieger und geborenen Aufr�hrer. Feiglinge im Grunde ihres Herzens. Kaum wurden die Spiegelm�nner auf sie aufmerksam, l�sten sie sich auf, ohne das Geringste bewirkt zu haben.�</p><p>Obwohl Quindal es nicht aussprach, vermutete Liam, dass auch er dieser Gruppe angeh�rt hatte. �Was geschah dann?�</p><p>�Fellyn war der Einzige, der nicht aufgeben wollte. Er glaubte, es g�be nur einen Weg, die Herrschaft der Lady zu brechen.�</p><p>�Welchen?�</p><p>�Kannst du dich noch an den Ph�nix erinnern?�</p><p>�Nat�rlich.� Liam war noch ein Kind gewesen, als der Ph�nix die Welt der Menschen verlassen hatte, wie so viele magische Wesen vor ihm. Aber er w�rde nie vergessen, wie die Spitze des Ph�nixturms in Flammen gestanden hatte, ein Leuchtfeuer �ber den D�chern der Stadt und ein Zeichen f�r Freund und Feind, dass der Ph�nix �ber Bradost wachte. Einmal hatte er sogar gesehen, wie der Feuervogel am Himmel seine Bahnen zog, anmutiger und schneller als jedes Luftschiff.</p><p>�Dein Vater wollte den Ph�nix zur�ckholen�, sagte Quindal. �Er war davon �berzeugt, dass die Republik ihren W�chter braucht.�</p><p>�Aber der Ph�nix ist fort. Unwiederbringlich. Genau wie Greife und Einh�rner.�</p><p>�Mir brauchst du das nicht zu sagen. Aber Fellyn wollte das nicht h�ren. Er stellte Nachforschungen �ber den Ph�nix an. Er war regelrecht besessen von dieser Idee.�</p><p>Das also hatte Liams Vater in den vergangenen anderthalb Jahren getan. Deshalb war er n�chtelang fortgeblieben, war er immer verschlossener geworden. �Hat er etwas herausgefunden?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete der Wissenschaftler. �Ich glaube, Fellyn sp�rte, dass ich sein Vorhaben f�r verr�ckt hielt. Er h�rte auf, mir davon zu erz�hlen.�</p><p>Liam w�nschte abermals, sein Vater h�tte ihn ins Vertrauen gezogen. Wie viel Streit w�re ihnen erspart geblieben, wie viele N�chte h�tte er nicht wach gelegen und sich gefragt, wo sein Vater steckte... �Diese Widerstandsgruppe - wann hat sie sich aufgel�st?�</p><p>�Vor einem Jahr.�</p><p>�Wieso ist Corvas erst jetzt darauf aufmerksam geworden?�</p><p>�Ich glaube nicht, dass diese Dinge etwas miteinander zu tun haben. Dein Vater hat wom�glich etwas entdeckt, das er nicht h�tte entdecken d�rfen.�</p><p>�Er hat davon gesprochen, dass er diesmal zu weit gegangen ist.�</p><p>Quindal nickte. �Wer wei�, was er getan hat. Vielleicht ist es nicht bei Nachforschungen �ber den Ph�nix geblieben.�</p><p>Liam lehnte sich gegen einen eisernen Handlauf. Er war aufgekratzt und gleichzeitig so m�de, dass er sich am liebsten an Ort und Stelle hingelegt h�tte. �Er hat noch etwas gesagt. F�r den Fall, dass ihm etwas zust��t, sollte ich zu Ihnen gehen. Ich sollte Sie bitten, das Gelbe Buch von Yaro D�ar zu beschaffen.�</p><p>�Das Gelbe Buch von Yaro D�ar?�, wiederholte der Erfinder stirnrunzelnd.</p><p>�Ja. Die Lady besitzt das einzige Exemplar.�</p><p>�Und er wollte, dass ich es ihr stehle?�</p><p>�Das hat er nicht gesagt.�</p><p>�Dein Vater und seine verr�ckten Ideen�, knurrte Quindal. �Als ob ich in der Lage w�re, in den Palast hineinzukommen. Ich bin Wissenschaftler, kein Einbrecher.�</p><p>�Was ist das �berhaupt f�r ein Buch?�</p><p>�Frag mich was Leichteres, Junge.�</p><p>�Hei�t das, Sie wissen es nicht?�</p><p>�Ich habe noch nie davon geh�rt.�</p><p>Liam schwieg best�rzt. Er war in der festen Annahme hergekommen, Quindal w�rde ihm sagen, was es mit den Andeutungen seines Vaters auf sich hatte. Nicht im Traum h�tte er gedacht, der Erfinder k�nnte genauso ahnungslos sein wie er. �Aber wie wollen Sie das Buch finden, wenn Sie nichts dar�ber wissen?�</p><p>�Wer sagt, dass ich das will?�, erwiderte Quindal.</p><p>�Interessiert es Sie nicht, worauf mein Vater gesto�en ist?�</p><p>�Nein. Ich bin ein f�r alle Mal fertig mit Verschw�rungen. Ich hatte in meinem Leben wei� Gott genug �rger.�</p><p>�Aber es war sein letzter Wille, dass Sie das f�r ihn tun!�</p><p>�Dein Vater war ein mutiger Mann. Ich bin es nicht. Ich bin nur ein alter T�ftler, der in Ruhe an seinen Apparaten herumbasteln will, solange seine Augen noch mitspielen. Tut mir leid, dass ich dich entt�uschen muss, Junge. Aber so ist es nun einmal.�</p><p>F�r einen Augenblick stieg Wut in Liam auf. Doch wer war er, von einem Fremden zu verlangen, sich f�r die verr�ckten Pl�ne seines Vaters in Gefahr zu bringen? Er hatte gesehen, wozu die Spiegelm�nner f�hig waren. Er konnte es Quindal nicht verdenken, dass er mit alldem nichts zu schaffen haben wollte. �Was werden Sie jetzt unternehmen?�</p><p>�Nach Hause gehen und so weitermachen wie bisher�, erwiderte der Erfinder. �Und du solltest das auch tun, wenn du meinen Rat h�ren willst.�</p><p>�Das kann ich nicht.�</p><p>Quindal musterte ihn, und zum ersten Mal zeigte sich so etwas wie Mitgef�hl in seinen Augen. �Mein Angebot mit der Werkstatt gilt ab sofort. Und wenn du Arbeit brauchst - ich suche immer Leute, die etwas von Blitzen verstehen.�</p><p>�Nein, das meine ich nicht. Ich kann nicht so tun, als w�re nichts geschehen. Ich muss wissen, was mein Vater herausgefunden hat. Immerhin war es so wichtig, dass er daf�r sein Leben aufs Spiel gesetzt hat.�</p><p>�Davon rate ich dir ab. Diese Sache ist zu gro� f�r dich.�</p><p>�Das ist mir egal.�</p><p>�Es wird dir nicht mehr egal sein, wenn du in einer dunklen Zelle sitzt und auf Corvas� Folterknechte mit ihren Zangen und Messern wartest.�</p><p>Das Bild, das Quindal damit heraufbeschwor, jagte Liam einen Schauder �ber den R�cken. War er wirklich bereit, dieses Risiko auf sich zu nehmen? Ja, sagte eine Stimme tief in seinem Innern, obwohl schon der Gedanke an Corvas und die Spiegelm�nner neue Furcht in ihm aufsteigen lie�. Noch vor zwei Tagen hatte er ein ganz gew�hnliches Leben gef�hrt; jetzt lag es in tausend Scherben vor ihm. Was konnte er noch anderes tun, als fortzuf�hren, was sein Vater begonnen hatte?</p><p>�Dazu wird es nicht kommen�, erwiderte er. �Nicht, wenn ich vorsichtig bin.�</p><p>�Vorsichtig bei was?�, fragte Quindal argw�hnisch.</p><p>�Ich gehe zu Lady Sarka und hole das Buch.�</p><p>�Und wie willst du das anstellen?�</p><p>�Mir f�llt schon etwas ein.�</p><p>�Sei doch kein Narr!�, fuhr der Erfinder ihn an. �Kein Geb�ude in Bradost wird so gut bewacht wie das Sarka-Anwesen. Dort wimmelt es von Spiegelm�nnern. Und einige Diener der Lady haben magische Kr�fte. Nicht einmal eine K�chenschabe gelangt dort unbemerkt hinein.�</p><p>�Ich k�nnte versuchen, Arbeit im Palast zu bekommen.�</p><p>�Unm�glich. Nicht ohne Beziehungen.�</p><p>�Ich habe Beziehungen.�</p><p>�Wen?�</p><p>�Sie.�</p><p>Das verschlug Quindal die Sprache. �Ich soll dir eine Stelle im Palast verschaffen?�, fragte er schlie�lich.</p><p>�Warum nicht? Sie sind der ber�hmteste Wissenschaftler der Welt. Jeder wei�, wie sehr Lady Sarka Ihre Arbeit bewundert. Vielleicht tut sie Ihnen den Gefallen.�</p><p>�Du �bersch�tzt meinen Einfluss.�</p><p>�Sie k�nnten es wenigstens versuchen�, sagte Liam ver�rgert. �Oder sind Sie sogar daf�r zu feige?�</p><p>�Pass auf, was du sagst, Junge�, knurrte der Erfinder. �Meine Geduld hat Grenzen.�</p><p>Liam bereute augenblicklich seine Unbeherrschtheit. Es stand ihm nicht zu, so mit Quindal zu sprechen. �Es tut mir leid�, sagte er. �Das war undankbar von mir. Sie h�ren mir zu und bieten mir sogar eine Unterkunft an. Und ich habe nichts Besseres zu tun, als Sie zu beleidigen.�</p><p>�Schon gut�, erwiderte Quindal. �Du hast ja recht. Ich bin feige geworden, feige und kleinm�tig. Vielleicht ist es an der Zeit, daran etwas zu �ndern.�</p><p>�Hei�t das, Sie helfen mir?�, fragte Liam mit neuer Hoffnung.</p><p>�Ich werde sehen, was ich tun kann. Und jetzt lass uns gehen. Ich habe genug von diesem Loch. Ich bin ein alter Mann, und tote Herzen machen mich nerv�s.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>10</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Laterna Magica</emphasis></strong></p></title><p><strong>L</strong>ucien schlug widerwillig die Augen auf, als irgendwo das Signalhorn einer Schaufelbarke ert�nte. Er betrachtete die modrigen Tapeten, die l�chrigen Fensterl�den, das Tischchen mit dem Grammofon und seine Wasserpfeife und begriff allm�hlich, dass er sich in einem seiner Verstecke befand. Nur in welchem? Offenbar das alte Hotel am Fluss, dem L�rm nach zu schlie�en. Irgendwie war er in der vergangenen Nacht hier gestrandet.</p><p>Nach und nach fiel ihm auch alles andere wieder ein: der Harlekin in seinem Flickenanzug, das Verschwinden der Alben, sein Selbstmitleid. Diverse Flaschen neben dem Bett gaben Aufschluss dar�ber, was danach geschehen war. Es waren <emphasis>sehr viele</emphasis> Flaschen. Lucien st�hnte leise und beschloss, im Bett zu bleiben, bis sich sein Kopf nicht mehr anf�hlte, als w�rde jemand von innen gegen die Sch�deldecke h�mmern.</p><p>Irgendwann erklang ein metallisches Summen. Er war sich nicht sicher, ob es sich dabei um eine Begleiterscheinung seiner Kopfschmerzen handelte, also �ffnete er ein Auge. Durch eines der zersplitterten Fenster flog ein Moskito herein. Kein gew�hnlicher Moskito: Dieser war so gro� wie eine Kinderhand und bestand ganz aus Kupfer. Das mechanische Insekt landete auf einem Bettpfosten. Die hauchd�nnen Blechfl�gel kamen zur Ruhe. Am R�cken �ffnete sich eine winzige Klappe, der ein Traum entstieg.</p><p>�Bitte nicht�, �chzte Lucien.</p><p>Der Traum quoll als unf�rmige Blase aus dem Moskito hervor, fiel neben das Bett, wuchs und nahm die Gestalt eines aristokratischen jungen Mannes an. Mit einem herablassenden L�cheln sah er sich im Zimmer um. �Gebl�mte Tapete? Dagegen solltest du dringend etwas unternehmen, alter Freund.�</p><p>Lucien kannte den Traum - es war einer von der Sorte, bei dem man erst in der Schule merkte, dass man keine Hose anhatte. �Verschwinde�, sagte er und presste sich das Kopfkissen aufs Gesicht.</p><p>�Wo du es hier so nett hast? Ist das da etwa Absinth? Lucien, ich beginne, mich um dich zu sorgen.�</p><p>Der Alb lugte unter dem Kissen hervor. �Was willst du?�</p><p>�Aziel w�nscht dich zu sehen.�</p><p>�Er lebt also noch? Wo ist er?�</p><p>�Im Variet� im Labyrinth. Bei der Alten Arena.�</p><p>�Richte ihm aus, ich komme morgen.�</p><p>�Du hast mich nicht verstanden�, sagte der Traum liebensw�rdig. �Er will dich <emphasis>jetzt</emphasis> sehen. Auf der Stelle.�</p><p>�Er kann mich mal.�</p><p>�Ts, ts, was ist denn das f�r eine Ausdrucksweise? Du h�rst dich schon an wie ein Mensch.�</p><p>Lucien warf das Kopfkissen fort und stand auf. �Ich bin nicht Aziels Lakai. Ich gehe zu ihm, wann es mir passt.�</p><p>�Er wusste, dass du das sagen w�rdest�, erwiderte der Traum. �Deshalb hat er einige Ghule hergeschickt, mit dem Auftrag, dich zu eskortieren.�</p><p>�<emphasis>Ghule?</emphasis>�, fragte Lucien entgeistert.</p><p>�Vier, um genau zu sein. Sie warten unten im Foyer.�</p><p>�Er wagt es, mir diese stinkenden Aasfresser auf den Hals zu hetzen?�</p><p>�So drastisch w�rde ich es nicht formulieren; aber ja: Genau das hat er getan.�</p><p>�Wir haben eine Abmachung! Er darf nicht einfach �ber mich verf�gen, als w�re ich sein Leibeigener.�</p><p>�Ich soll dir au�erdem ausrichten, dass eure �bereinkunft unter den ver�nderten Umst�nden hinf�llig ist�, lie� ihn der Traum wissen.</p><p>�So�, knurrte Lucien, �ist sie das?�</p><p>�Aber er ist bereit, mit dir �ber eine neue Vereinbarung zu verhandeln. Wirst du dich nun auf den Weg machen, oder soll ich die Ghule �ber deine Weigerung in Kenntnis setzen?�</p><p>�Das macht dir Spa�, was?�, erwiderte Lucien missmutig. �Du genie�t das richtig.�</p><p>�Ein gewisses Vergn�gen kann ich nicht bestreiten.�</p><p>�W�re das alles?�</p><p>�Ja.� Eine Zigarette erschien in den feingliedrigen Fingern, und der Traum begann, gelangweilt zu rauchen. Dann starrte er Lucien erschrocken an. �Nein, warte, da ist doch noch etwas...�</p><p>�Auf Wiedersehen�, sagte Lucien.</p><p>Der Traum verschwamm. �Bitte, schick mich nicht wieder zur�ck! Du wei�t nicht, wie es da drin ist. Aaaaaar...� Der junge Mann wurde wieder zu einer Blase, die schrumpfte und schlie�lich verschwand. Die Klappe des Moskitos schloss sich klickend. Lucien steckte das mechanische Insekt in seine Hosentasche.</p><p><emphasis>Ghule</emphasis>, dachte er. <emphasis>Ist das zu fassen?</emphasis></p><p>Er legte keinen Wert darauf, den Untoten zu begegnen, also machte er sich unauff�llig, stieg aus dem kaputten Fenster und balancierte den Sims an der Au�enmauer des verlassenen Hotels entlang, bis er zu einer Stelle kam, wo er hinunterklettern konnte. Es war Abend, aber immer noch viel zu hell f�r seinen schmerzenden Kopf, weswegen er sich f�r den Weg durch die Katakomben entschied. Als er die Tunnel unter dem Labyrinth erreichte, erklomm er eine rostige Leiter und gelangte in einen heruntergekommenen Hinterhof, wo es von Ratten wimmelte. Kurz darauf betrat er das Variet�.</p><p>In dem abgedunkelten Saal fand gerade eine Laterna-magica-Vorstellung statt. Knochenm�nner erschienen auf den wallenden Rauchschwaden, Phantasmagorien aus purem Licht, die mal hierhin, mal dahin zuckten. Der Pianist spielte eine unheilvolle Melodie, w�hrend eine Stimme verk�ndete: �H�rt, ihr Leute, was in jener Nacht in den W�ldern geschah - h�rt es und erschaudert!�</p><p>Die Knochenm�nner verschwanden, wurden von einem Wald �berlagert. Rauch brodelte im Lichtkegel der Laterna magica, und ein Reiter tauchte zwischen den toten B�umen auf - ein Reiter ohne Kopf. Einige Frauen schrien erschrocken auf.</p><p>Der Rauch wallte auf, als Lucien ungesehen den Raum durchquerte. Er teilte einen Vorhang und betrat einen Gang, in dem es nach Pfeifentabak, schalem Ale und Urin roch. Ein Betrunkener torkelte ihm entgegen und glotzte ihn aus tr�ben Augen an.</p><p>�Schlaf�, wisperte Lucien. Der Mann sank in sich zusammen.</p><p>Lucien stieg �ber ihn hinweg, �ffnete eine verklemmte Luke, kletterte eine Leiter hinab, die bei jeder Bewegung gef�hrlich knarrte, und bahnte sich einen Weg durch verstaubte Requisiten, bis er schlie�lich zu einer vergessenen T�r im hintersten Winkel des Kellers gelangte, wo die schaurige Klaviermusik nur noch ged�mpft zu h�ren war.</p><p>Als er sie �ffnete, wobei er mit einem Tritt nachhelfen musste, schlug ihm ein Geruch entgegen, der ihm ganz und gar nicht gefiel.</p><p>Augenpaare leuchteten fahl in der Dunkelheit. Gestalten traten aus den Schatten hervor, reckten krallenartige H�nde nach ihm. Lippenlose M�nder entbl��ten Fangz�hne. Totes Fleisch und schmutzstarrende Lumpen klafften auf und gaben den Blick auf Kieferknochen, bleiche Rippen und Wadenbeine frei. Der Gestank raubte ihm schier den Atem. Langsam wich er zur T�r zur�ck.</p><p><emphasis>Hunger</emphasis>, wisperten die Ghule.</p><p><emphasis>Wir sind so hungrig.</emphasis></p><p><emphasis>Fleisch.</emphasis></p><p><emphasis>Gib uns Fleisch...</emphasis></p><p>�Was habt ihr hier zu suchen?�, fragte Lucien scharf und schlug eine Krallenhand fort, die ihm �ber die Wange kratzen wollte. �Gibt es in euren L�chern keine Knochen mehr, die ihr auslutschen k�nnt?�</p><p><emphasis>Wir wollen Menschenfleisch</emphasis>, erwiderten die abscheulichen Stimmen.</p><p><emphasis>Warmes Fleisch.</emphasis></p><p><emphasis>Jaaa. Und Blut. S��es Blut...</emphasis></p><p>Pl�tzlich knarrte eine T�r, und Licht flutete in die Kammer. Die widerw�rtigen Gesch�pfe kr�chzten und st�hnten w�tend, hoben die Arme vor ihre Gesichter und lie�en von ihm ab, w�hrend sie zur�ckwichen. Lucien kniff die Augen zusammen und vermied es, in die Quelle der glei�enden Helligkeit zu blicken.</p><p>�An deiner Stelle w�rde ich mich beeilen�, sagte jemand. �Das Licht h�lt sie nicht lange in Schach.�</p><p>Lucien hastete zur T�r. Die Laterne wurde abgeblendet, und er konnte endlich wieder etwas sehen. Vor ihm stand ein Mann, dessen eng anliegender Anzug dieselbe Farbe wie sein Haar aufwies: ein so dunkles Rot, dass es schon beinahe Schwarz war. �Habe ich mich im Haus geirrt?�</p><p>�Keineswegs�, sagte der Rotgekleidete, in dessen Augen ein unheilvolles Feuer gl�hte. Er schloss die T�r und ging mit schaukelnder Laterne voraus.</p><p>Lucien erkannte einen D�mon, wenn er einen sah. Bei diesem handelte es sich um eine seltene Sorte: um einen Incubus, gezeugt von einem Gesch�pf des Pand�moniums, geboren von einer sterblichen Frau. Erst die Ghule, und nun das. War Aziel noch bei Sinnen?</p><p>Sie betraten einen unterirdischen Salon. Kerzen brannten in angelaufenen Kupferleuchtern, ihre Flammen spiegelten sich geisterhaft in den blinden Spiegeln an den W�nden. Kaputte Tische und St�hle standen herum. Die Holzt�felung an der Decke war morsch, schimmelig und wurmzerfressen. Lucien war, als rieche seine feine Nase trotz des Modergestanks uralten Zigarrenrauch, der so tief in Tapeten und Mobiliar eingesunken war, dass er in hundert Jahren nicht verschwinden w�rde.</p><p>Auf einem kleinen Podest erwartete ihn die n�chste �berraschung. Dort sa�en zwei Frauen mit kalten Augen und violetten Haaren, deren Gew�nder an Leichent�cher erinnerten. V�len, obendrein Zwillinge. Und vermutlich noch b�sartiger als dieser Halbd�mon. Aber wenigstens handelte es sich um Schattenwesen, nicht um H�llenbrut.</p><p>Ein zerfetzter roter Vorhang teilte sich, und Aziel kam herein. �Lucien�, sagte er zur Begr��ung. �Das sind Fay und Whisper. Seth kennst du ja schon.�</p><p>�Ghule, V�len und ein Incubus?�, fuhr Lucien ihn an. �Hast du den Verstand verloren?�</p><p>�Hab keine Angst. Sie sind mir treu ergeben.�</p><p>�Seit wann umgibst du dich mit solchem Gesindel?�</p><p>�Schwierige Aufgaben liegen vor mir. Daf�r brauche ich Diener mit gewissen F�higkeiten.�</p><p>�V�len und D�monen, meinetwegen�, schnarrte Lucien. �Aber <emphasis>Ghule</emphasis>? Das kann nicht dein Ernst sein!�</p><p>�Sie sind n�tzlich.�</p><p>�Sie sind widerw�rtig. Wei� �berhaupt der Madenk�nig davon?�</p><p>�Sie sind mit seinem Einverst�ndnis hier.�</p><p>�Hast du etwa mit ihm geredet?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Lucien war ersch�ttert. Niemand, der bei Vernunft war, lie� sich mit dem Madenk�nig ein. Er musterte den vormaligen Herrscher der Alben und versuchte, Anzeichen von Wahnsinn zu erkennen. �berrascht h�tte es ihn nicht, nach allem, was der Harlekin ihm angetan hatte. Doch Aziel wirkte nicht im Mindesten verr�ckt. Er hatte sich sogar von seinen Verletzungen erholt. Seine einstige St�rke und Macht hatte er allerdings verloren. Vor Lucien stand ein alter und gebrochener Alb, der sichtlich unter der eigenen Schw�che litt. Vielleicht war das der Grund f�r Aziels seltsame Gefolgschaft: Er hatte Angst und war deshalb nicht w�hlerisch, was seine Anh�nger betraf.</p><p>�Na sch�n. Deine Sache�, sagte Lucien barsch. �Reden wir lieber �ber die Art und Weise, wie du mich herbeordert hast.� Er warf den Moskito. Das Kupferinsekt schaffte es nicht rechtzeitig, seine Fl�gel zu entfalten, und fiel Aziel vor die F��e, wo es ungeschickt versuchte, seine sechs Beine zu sortieren.</p><p>�Ein Traum ist der einfachste Weg, mit dir in Verbindung zu treten�, erwiderte Aziel.</p><p>�Ich meine die verdammten Ghule in meinem Hotel!�</p><p>�In der Vergangenheit hat sich deine Unzuverl�ssigkeit als sehr zeitraubend erwiesen. Ich bin in Eile. Deshalb musste ich meiner Nachricht etwas Nachdruck verleihen.�</p><p>�Ich bin nicht dein Sklave!�, fauchte Lucien. �Und was f�llt dir ein, unsere Abmachung aufzuk�ndigen?�</p><p>�Sie beruht auf Voraussetzungen, die nicht mehr bestehen.�</p><p>Luciens Sch�del tat zu weh, um sich noch l�nger zu streiten. Er schluckte eine zornige Erwiderung herunter und w�nschte, es g�be hier irgendwo ein Becken mit kaltem Wasser, in das er seinen Kopf tauchen k�nnte.</p><p>Und im Grunde hatte Aziel nicht unrecht. Fr�her war Lucien seine Verbindung zur Welt der Menschen gewesen. Im Gegenzug hatte Aziel den Bann, der auf seinem Untertanen lag, gelockert. Nun waren die Alben fort, und Luciens �chtung besa� keine Bedeutung mehr. Zeit, neu zu verhandeln.</p><p>�Also gut�, sagte Lucien m�de. �Vergessen wir die Ghule. Versprich mir nur, das n�chste Mal auf solche Ma�nahmen zu verzichten.�</p><p>Aziel nickte.</p><p>Lucien lie� sich in einen Sessel fallen, aus dem das Innenfutter hervorquoll. �Gibt es hier Wasser? Oder Kaffee?�</p><p>Aziel nahm ihm gegen�ber Platz und ignorierte seine Frage. �Du warst dabei, als unser Volk verschwunden ist, richtig?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Hast du mit dem Harlekin gesprochen?�</p><p>�Er hat sich nach dir erkundigt�, berichtete Lucien. �Er hoffte, ihr h�ttet euren Zwist beilegen und gemeinsam fortgehen k�nnen.�</p><p>�Dieser Hund�, knurrte Aziel. �Nach allem, was er angerichtet hat.�</p><p>�Mit einem hat er recht: Was h�lt dich noch hier?�</p><p>�Irgendjemand muss auf die Tr�ume aufpassen.�</p><p>�Das ist nicht mehr deine Aufgabe.�</p><p>�Es wird so lange meine Aufgabe bleiben, bis ein anderer sie auf sich nimmt. Dieser pflichtvergessene Bastard von Harlekin konnte ja nicht schnell genug verschwinden.�</p><p>�Du bist allein, Aziel. Wie willst du das schaffen?�</p><p>�Ich muss. Ganz einfach.�</p><p>Lucien schwieg nachdenklich. Jahrtausendelang hatten die Alben unter den wachsamen Augen ihres Herrschers die Tr�ume geh�tet, sie geordnet und daf�r gesorgt, dass sie im Gleichgewicht blieben und nichts ihren Fluss st�rte. Ohne die Alben war Aziel dieser Aufgabe unm�glich gewachsen. Ein paar Wochen vielleicht, aber nicht l�nger. Und was dann geschah, wusste niemand. �Weswegen hast du mich gerufen?�, fragte Lucien schlie�lich.</p><p>�Deswegen.� Aziel legte Jernigans Lampe auf den Tisch - besser gesagt, das, was davon �brig war, seit der Harlekin sie gez�ndet hatte: verbogenes Kupfer und Glassplitter.</p><p>Lucien betrachtete die Bruchst�cke. Eine gemeinere Waffe h�tte der Harlekin nicht finden k�nnen. Alben hassten grelles Licht. Und das Licht von Jernigans Lampe war heller als die Sonne. So hell, dass es keinen Schatten warf. Ihn schauderte.</p><p>�Der Harlekin ist nicht aus eigener Kraft freigekommen�, sagte Aziel. �Jemand muss ihm geholfen haben.�</p><p>�Derselbe, der ihm die Lampe gegeben hat?�</p><p>�Vermutlich.�</p><p>�Wer sollte so etwas tun?�</p><p>�Deshalb bist du hier: um dies herauszufinden.�</p><p>Lucien konnte nicht behaupten, dass ihn Aziels Bitte sonderlich �berraschte. �Wozu? Was geschehen ist, ist geschehen. Daran �ndern auch deine Nachforschungen nichts.�</p><p>�Wir werden sehen�, erwiderte Aziel. �Hilfst du mir?�</p><p>�Was bietest du mir daf�r?�</p><p>�Gar nichts.�</p><p>Lucien hustete. �Du hast mir schon bessere Angebote gemacht.�</p><p>Aziel packte ihn am Arm. �Willst du in einer Welt ohne Alben leben, Lucien? Willst du f�r alle Zeit allein sein?�</p><p>Lucien schwieg. Das Verschwinden der Alben machte ihm in der Tat zu schaffen, mochte er sich noch so sehr einreden, dass ihre Angelegenheiten ihn schon lange nicht mehr betrafen. Aziel war das offenbar nicht entgangen.</p><p>�Wir fangen mit dem Kerker des Harlekins an�, sagte der einstige K�nig, und in seinen Augen erschien ein Glanz, der an seine alte Macht gemahnte. �Du bist doch bereit f�r einen Streifzug ins Reich des Madenk�nigs?�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>11</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Das geheime Zimmer</emphasis></strong></p></title><p><strong>J</strong>ackon hob den Brocken mit beiden H�nden hoch und warf ihn zu den anderen. Die Schubkarre war schon fast voll, obwohl er gerade einmal ein Drittel der abgesteckten Fl�che umgegraben hatte. Offenbar bestand der Boden in diesem Teil des Gartens haupts�chlich aus Steinen, was Ibbott Hume aber nicht davon abhielt, hier ein Blumenbeet anlegen zu wollen. Mit zusammengebissenen Z�hnen griff Jackon zur Schaufel und stie� sie in die Erde. Ihm stand ein anstrengender Nachmittag bevor - und ein hei�er obendrein, denn am Himmel war nach wie vor nicht die kleinste Wolke zu sehen. Der Schwei� lief ihm in Str�men �ber Gesicht und Brust.</p><p>Hume goss w�hrenddessen die Rosenhecke. Der Palastg�rtner war ein rundlicher Mann mit gewaltigen Tr�nens�cken und ein paar vereinzelten Haaren auf dem Sch�del. Stets trug er eine speckige Ledersch�rze, aus der die Griffe seiner Messer und Scheren ragten. Gem�tliche Gleichg�ltigkeit schien die einzige Regung zu sein, zu der er f�hig war, weshalb Jackon nur vermuten konnte, was Hume von ihm hielt. Einige Anzeichen sprachen jedoch daf�r, dass sich der G�rtner �ber den Umstand freute, einen Helfer bekommen zu haben: Er behandelte Jackon einigerma�en freundlich und bem�hte sich, seinen neuen Gehilfen in die Geheimnisse der Gartenarbeit einzuweihen. Dies tat er, indem er ununterbrochen redete: von s�mtlichen Gew�chsen des Gartens; von der Art und Weise, wie man sie gedeihen lie�; von den Sch�dlingen, die ihm tagein, tagaus zu schaffen machten. Anfangs hatte Jackon noch versucht, Humes Ausf�hrungen zu folgen, im ehrlichen Bestreben zu lernen. Doch bald schon hatte er ersch�pft aufgegeben. Hume war offenbar nicht an Zuh�rer gew�hnt und erz�hlte so monoton und umst�ndlich, dass selbst die interessanteste Information wie ein starkes Bet�ubungsmittel wirkte. Inzwischen beschr�nkte sich Jackon darauf, hin und wieder �Ja� und �Ach, tats�chlich?� zu murmeln und w�hrenddessen seinen eigenen Gedanken nachzuh�ngen.</p><p>Schlie�lich gab es einiges, �ber das er nachdenken musste. Beispielsweise die Ausbildung, von der Lady Sarka gesprochen hatte. Er wusste immer noch nicht, was er sich darunter vorstellen musste. Wie bildete man einen Traumwanderer aus? Umbra konnte er nicht fragen, denn er hatte die Leibw�chterin nicht mehr gesehen, seit sie gestern vor dem Heckenlabyrinth so pl�tzlich verschwunden war.</p><p>Als die Schubkarre voll war, fuhr er sie zur Palastmauer, wo er die Steine in eine Grube sch�ttete. Arme und R�cken taten ihm weh. Die Arbeit im Garten war h�rter, als er gedacht hatte. Jackon hatte den Verdacht, dass Hume ihm haupts�chlich die Aufgaben �bertrug, die ihm selbst zu anstrengend waren. W�hrend der G�rtner Blumen goss, Unkraut j�tete und Hecken schnitt, musste er Steine ausgraben, Gr�ben schaufeln und Baumst�mme zers�gen. Jackon machte das nichts aus; im Grunde gefiel ihm diese Arbeit sogar. Er war den ganzen Tag an der frischen Luft und konnte so schnell oder langsam arbeiten, wie er wollte, und in der vergangenen Nacht hatte er so gut geschlafen wie schon lange nicht mehr. Au�erdem war alles besser, als in einem dunklen, stinkenden Abwasserkanal zu hocken und das Fangnetz zu bewachen.</p><p>Wenn nur die Hitze nicht w�re... Er war einfach nicht daran gew�hnt, in der Sonne zu arbeiten. Jackon machte eine Pause, zog sich in den Schatten unter einem Apfelbaum zur�ck und trank etwas Wasser. Den Rest des Flascheninhalts sch�ttete er sich �ber den Kopf. Anschlie�end f�hlte er sich besser und machte sich daran, den Rest des Beetes umzugraben.</p><p>Er arbeitete bis zum Abend. Nachdem er eine weitere Schubkarrenladung weggebracht hatte, rammte er seine Schaufel versuchsweise an verschiedenen Stellen in die lockere Erde. Nirgendwo stie� der Spaten auf Widerstand. Offenbar hatte er s�mtliche Steine ausgegraben.</p><p>�Ich bin fertig�, meldete er Hume.</p><p>Der G�rtner unterbrach seinen Monolog �ber Blattl�use und die Bek�mpfung derselben. �Gut�, sagte er, nachdem er das Beet in Augenschein genommen hatte. �Bring das Werkzeug zum Schuppen, dann ist Schluss f�r heute.�</p><p>Jackon legte Schaufel und Hacke in die Karre und schob sie zu dem Bretterverschlag, bevor er zum Gesindefl�gel schlurfte. Abendessen gab es fr�hestens in einer Stunde. Er war zu m�de, um auf die anderen Bediensteten zu warten, also holte er sich etwas Brot und K�se aus der Vorratskammer des Gemeinschaftsraums. Nachdem er gegessen hatte, zog er sich in seine Unterkunft zur�ck, wo er sich mitsamt den Kleidern ins Bett fallen lie�. Waschen konnte er sich sp�ter, wenn er sich ausgeruht hatte.</p><p>Er d�ste ein.</p><p>�Zieh dir was Ordentliches an. Die Herrin will dich sehen.�</p><p>Jackon fuhr so j�h auf, dass er beinahe �ber die Bettkante gerutscht w�re. Umbra stand vor dem Fenster seiner Kammer, umgeben vom roten Gl�hen des Himmels. Seltsam, dass er sie nicht hatte hereinkommen h�ren. Normalerweise wachte er vom kleinsten Ger�usch auf.</p><p>�Mach schon. Sie wartet nicht gern.�</p><p>Er musste mindestens eine Stunde geschlafen haben. Es war jener Moment des Abends, an dem die Schatten am l�ngsten waren, kurz bevor die hereinbrechende Nacht sie in sich aufnahm. Umbra wirkte wacher als sonst, kr�ftiger. Und sichtlich ungeduldig. Mit schweren Gliedern stand er auf, wusch sich hastig und zog sich vor Umbra um.</p><p>�Gut so?�, fragte er und blickte an sich herunter.</p><p>�Wenn du mich fragst, siehst du immer noch aus wie eine Vogelscheuche. Aber es wird gen�gen, sch�tze ich... Wo willst du hin?�</p><p>��h, zur T�r?�</p><p>�Lass den Unsinn und komm her.�</p><p>Verwirrt ging er zur Fensterseite, wo Umbra ihn am Nacken packte, als w�re er ein schlachtreifer Stallhase. Sie schob ihn zu einem Winkel, wo sich die Schatten verdichteten. Sie traten in das Zwielicht... <emphasis>und durch die Wand.</emphasis> Jackon schrie und erwartete, in den Garten zu fallen, doch dann stellte er fest, dass sie sich nicht au�erhalb der Palastmauern befanden, sondern in einer Art Tunnel, dessen gew�lbte W�nde man nur deshalb erkennen konnte, weil sie noch schw�rzer waren als die Dunkelheit in seinem Innern.</p><p>�Wo...�, begann er, doch Umbra fiel ihm scharf ins Wort.</p><p>�Sei still. Du willst doch keine D�sterkralle anlocken, oder?�</p><p>�Was ist das?�, fragte Jackon, leiser nun.</p><p>�Bete, dass du das niemals erf�hrst.�</p><p>Ihr Griff um seinen Nacken wurde fester, und sie schob ihn nach links, wo eine �ffnung erschien. Licht glei�te und zerschmolz die Schatten, und vor ihnen tat sich eine Kammer auf.</p><p>Zu seiner Erleichterung befanden sie sich wieder im Palast, zumindest sah dieses Zimmer danach aus. �Wie hast du das gemacht?� Sein Herz pochte immer noch schnell und hart.</p><p>�Ich habe gar nichts gemacht. Ich habe es nur <emphasis>zugelassen</emphasis>.� Umbra gab ihm einen Sto�, woraufhin er nach vorn stolperte.</p><p>�Umbra�, erklang die sanfte und melodische Stimme von Lady Sarka. �Sei nicht so hart zu dem Jungen. Er wei� es doch nicht besser.�</p><p>�Seine Begriffsstutzigkeit kann einen zum Wahnsinn treiben.�</p><p>�Vergiss nicht, wo er aufgewachsen ist. Gib ihm Zeit. Er wird sich an alles gew�hnen. Lass uns jetzt allein.�</p><p>Jackon sah, dass Umbra in den Schatten verschwand, bevor er sich zur Lady umwandte. Das Zimmer hatte keine Fenster, und wie gro� es war, lie� sich nicht feststellen, denn jenseits des roten und gelben Lampenscheins verlor es sich im Zwielicht. Dunkle Holzverkleidungen befanden sich an den W�nden. Ein Teppich d�mpfte seine Schritte. Die rote Couch, das geschnitzte Tischchen mit einer blau funkelnden Karaffe darauf und die Vitrinen wirkten alt und ein wenig abgenutzt, aber nicht sch�big. In der Luft lag ein Geruch, dessen Quelle er nicht ausmachen konnte: ein feiner, w�rziger, berauschender Duft.</p><p>Lady Sarka trat in das Lampenlicht, und der rotgelbe Schein floss �ber ihre Gestalt und das cremefarbene Gewand. Ehrfurcht stieg in ihm auf.</p><p>�Es gibt Zimmer im Palast, die nicht jedermann zug�nglich sind�, sagte sie. �Deshalb darfst du es Umbra nicht �bel nehmen, falls sie dich erschreckt hat. Manchmal ist sie ein wenig grob.�</p><p>Nun fiel Jackon auf, dass es in dem Zimmer keine T�r zu geben schien. Doch vielleicht verbarg sie sich auch nur in den Schatten.</p><p>Die Lady l�chelte. �Umbra sagt, du hattest heute deinen ersten Tag bei Ibbott Hume. Gef�llt dir die Arbeit im Garten?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Ibbott ist eine Seele von Mensch. Ich bin sicher, du wirst dich bei ihm sehr wohlf�hlen. Setz dich�, forderte sie ihn auf.</p><p>Das rote und rissige Leder der Couch gab mit leisem Knarren nach, als Jackon sich neben Lady Sarka niederlie�. Sie bewegte sich mit solcher Anmut, dass er sich daneben wie eine struppige Kanalratte vorkam. Ihr Haar floss wie Honig �ber ihre Schultern, und ihr Duft vermengte sich mit dem Wohlgeruch des Zimmers zu einer erregenden Mischung. Ihm wurde bewusst, dass er noch nie einer so sch�nen Frau begegnet war. Allerdings hatte er sich bisher auch nicht sonderlich f�r Frauen interessiert.</p><p>Ihm war, als w�rde ihr Blick die verborgensten Winkel seiner Seele ergr�nden und jedes Geheimnis offenlegen. �Eine besondere Nacht steht uns bevor, Jackon�, sagte sie. �Es ist Neumond. Die Grenzen zwischen den Welten sind d�nn. T�ren �ffnen sich daher leicht.�</p><p>Es waren beunruhigende Worte, die sie sprach, doch irgendetwas bewirkte, dass keine Furcht in ihm aufstieg. Vielleicht der Duft. Schwer legte er sich auf seine Gedanken, machte ihn gleichm�tig und ruhig.</p><p>�Die richtige Nacht f�r dich�, fuhr sie fort. �Keine Widerst�nde, keine Schranken. Keine Hindernisse, die dich aufhalten.�</p><p>Jackon verstand kein Wort, aber daran war er inzwischen gew�hnt. Er wartete geduldig.</p><p>�Lass uns mit deiner Ausbildung beginnen�, sagte Lady Sarka. �Bist du daf�r bereit?�</p><p>Seine Ausbildung... Seit zwei Tagen dachte er an nichts anderes. Aber bereit war er deswegen noch lange nicht. �J-ja�, antwortete er z�gernd.</p><p>Die Lady stand auf und setzte sich in einen Lehnstuhl. �Mach es dir bequem.�</p><p>Jackon streckte sich auf der Couch aus und bettete seinen Kopf auf ein Kissen. Es kam ihm mehr als seltsam vor, so dazuliegen, w�hrend die Lady ihn beobachtete.</p><p>�Wenn ein Mensch einschl�ft, verl�sst seine Seele den K�rper�, erkl�rte sie. �Sie zieht sich in die Traumlande zur�ck, wo sie eine Zuflucht besitzt, das Seelenhaus. Dort ruht sie sich aus, w�hrend der K�rper schl�ft.�</p><p>�Meine Seele auch?�</p><p>Die Lady nickte. �Sie sucht Schutz in deinem Seelenhaus. Die Tr�ume, die zu ihr kommen, helfen ihr, sich zu erholen.�</p><p>Jackon konnte sich nicht an ein solches Haus erinnern. Aber vielleicht hatte er es nur vergessen, so wie er auch stets seine Tr�ume verga�.</p><p>�Eine Seele kann ihre Zuflucht normalerweise nicht verlassen. Sie wandert durch die Tr�ume, bis sie in ihren K�rper zur�ckkehrt. Du jedoch bist anders, Jackon. Du kannst die T�r deines Seelenhauses �ffnen und hindurchtreten.�</p><p>�Was ist dort? Hinter der T�r, meine ich.�</p><p>�Eine riesige Stadt. Gr��er, als du dir vorstellen kannst, denn sie besteht aus den Seelenh�usern aller Menschen. Du warst schon oft dort, auch wenn du dich vielleicht nicht daran erinnern kannst. Du hast die T�r ge�ffnet, bist durch die Stra�en gewandert und hast die Seelenh�user anderer Menschen betreten, weswegen sie Angst vor dir bekommen haben.�</p><p>Jackon schauderte, wenn er nur daran dachte. �Das war nicht meine Absicht.�</p><p>�Nat�rlich nicht. Deine Kr�fte haben sich verselbstst�ndigt, w�hrend sie st�rker und st�rker wurden. Aber deswegen bist du hier. Ich werde dir beibringen, deine Gabe zu beherrschen, damit sie deinem Willen gehorcht.�</p><p>�Was soll ich jetzt tun?�</p><p>�Zun�chst musst du lernen, die T�r deines Seelenhauses zu finden. Sie wird von den Tr�umen �berlagert und ist irgendwo darin versteckt. Du hast sie schon viele Male gefunden, aber immer nur zuf�llig. Mit meiner Hilfe wird es dir bald gelingen, sie aufzusp�ren, sobald du dein Seelenhaus betreten hast.�</p><p>Pl�tzlich wurde Jackon klar, warum Lady Sarka ihn aufgefordert hatte, sich hinzulegen. �Ihr meint, ich soll schlafen? Hier?�</p><p>Sie l�chelte. �Wie willst du die T�r deines Seelenhauses finden, wenn du wach bist?�</p><p>Er kam sich dumm vor. Nat�rlich musste er schlafen; schlie�lich wollte er ein <emphasis>Traum</emphasis>wanderer werden.</p><p>�Hab keine Angst�, sagte die Lady. �Dieses Zimmer ist der sicherste Ort des ganzen Palasts. Niemand kann dir etwas antun, w�hrend du schl�fst. Au�erdem passe ich auf dich auf.�</p><p>�Was ist, wenn ich nicht einschlafen kann?�</p><p>�Keine Sorge, das wirst du.�</p><p>Sie hatte recht: Kurz darauf war er wieder so m�de wie vor einer Stunde, bevor Umbra ihn geholt hatte. Die Arbeit im Garten hatte ihn zu Tode ersch�pft. Und der seltsame Geruch tat sein �briges, dass ihm die Lider schwer wurden.</p><p>�Niemand kann vorhersagen, welche Tr�ume dich in deinem Seelenhaus erwarten�, sagte die Lady, w�hrend er immer schl�friger wurde. �Sie werden dich verwirren, deshalb musst du versuchen, dich daran zu erinnern, die T�r zu finden. Denk an nichts anderes. Sonst vergisst du es, sowie du eingeschlafen bist.�</p><p><emphasis>Muss die T�r finden</emphasis>, sagte er sich, w�hrend die Lady, die Couch, das ganze Zimmer in die Ferne entglitten.</p><p>�Versuch sie zu �ffnen�, war das Letzte, was er h�rte, bevor ihre Stimme verklang.</p><p>Er fand sich in einem Garten wieder. Ein unbestimmtes Gef�hl sagte ihm, dass dies nicht der Ort war, an dem er sein sollte. Aus irgendeinem Grund hatte er ein Haus erwartet, ein Seelenhaus. Doch wohin er auch blickte, sah er B�ume, Str�ucher und Statuen, von Kletterpflanzen umrankt. Weit und breit kein Haus in Sicht.</p><p><emphasis>Such die T�r</emphasis>, dachte er, aber schon im n�chsten Moment wusste er nicht mehr, woher dieser Gedanke kam. Obwohl er wichtig zu sein schien, gelang es ihm nicht, ihn festzuhalten, denn er war vollauf damit besch�ftigt, ein Beet umzugraben.</p><p>Mechanisch und selbstvergessen trieb er seine Schaufel ins Erdreich und arbeitete sich Schritt f�r Schritt voran, schuftete, bis er seine Arme nicht mehr sp�rte. Er konnte nicht sagen, wie viel Zeit w�hrenddessen verging, Stunden, vielleicht sogar Tage. Dabei war ihm vage bewusst, dass er eigentlich etwas Besseres zu tun hatte, als Erde umzuw�lzen. Er w�nschte nur, er k�nnte sich daran erinnern, was. Irgendetwas mit einer T�r. Aber eine T�r war nirgendwo zu sehen.</p><p>Pl�tzlich sp�rte er, dass er beobachtet wurde. Verstohlen blickte er sich um, konnte jedoch niemanden entdecken. Er war allein in dem riesigen Garten.</p><p>War Darren hinter ihm her? Oder, schlimmer noch, der unheimliche Kr�henmann? Jackon beschloss zu fliehen, solange er noch konnte. Er verga� die T�r, warf die Schaufel weg und nahm die Beine in die Hand.</p><p>Und dann war der Garten verschwunden. Jackon hetzte durch dunkle Tunnel, die so niedrig waren, dass er den Kopf einziehen musste. Wasser rauschte in der Finsternis, und der Gestank von Unrat und Exkrementen raubte ihm den Atem. Diese Tunnel waren ihm so vertraut, dass er blind den Weg fand. Hatte er einmal hier gelebt? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Er konnte sich nicht erinnern.</p><p>Aus der Finsternis h�rte er hastige Schritte. Also hatte er sich nicht geirrt - er wurde wirklich verfolgt! Und offenbar nicht von einer einzelnen Person, sondern von einer ganzen Horde.</p><p>Er warf einen Blick �ber die Schulter und sah Augenpaare, die in der Finsternis gl�hten, h�rte wispernde Stimmen, die nach seinem Fleisch riefen. <emphasis>Ghule!</emphasis>, kam es ihm in den Sinn. Also war eingetreten, wovor er sich sein halbes Leben lang gef�rchtet hatte. Sie hatten ihn gefunden, sie w�rden ihn hetzen, bis er vor Ersch�pfung zusammenbrach, um sich dann auf ihn zu st�rzen und ihn mit ihren Klauen und gelben Fangz�hnen zu zerrei�en.</p><p>Er musste noch schneller laufen, musste einen Ort finden, wo es Licht gab, denn Licht bedeutete Sicherheit. Am besten verlie� er die Kan�le, in der Hoffnung, dass es drau�en zu hell f�r die Ghule war. Doch mit seinen Beinen stimmte etwas nicht. Sie bewegten sich, so wie sich Beine bewegten, wenn man wie der Teufel rannte, trotzdem kam er nicht vom Fleck. Er trat auf der Stelle, w�hrend die Untoten immer n�her kamen.</p><p>Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Wenn er nicht schleunigst einen Ausweg fand, war er verloren.</p><p>Vor ihm landete eine Kr�he. Obwohl es stockdunkel war, konnte er sie genau erkennen. Sie starrte ihn aus ihren Knopfaugen an, �ffnete ihren Schnabel und kr�chzte: �Wieso gehst du nicht durch die T�r?�</p><p>Verbl�fft blieb er stehen. Seit wann konnten Kr�hen sprechen? �Ich sehe keine T�r�, rief er.</p><p>�Sie ist genau neben dir, Dummkopf�, erwiderte der Vogel.</p><p>Jackon wandte sich zur Wand um. Richtig, da war eine T�r. Seltsam, dass er sie nicht schon vorher bemerkt hatte.</p><p><emphasis>Eine T�r...</emphasis></p><p>Pl�tzlich fiel ihm alles wieder ein. Deswegen war er hergekommen! Um die T�r zu finden! Wie hatte er das nur vergessen k�nnen? Dabei hatte man ihm eingesch�rft, sich unter allen Umst�nden daran zu erinnern.</p><p>Sie stand mitten in einem Garten, auf einer Wiese, eingefasst in einen schlichten Holzrahmen. Der Messingknauf gl�nzte im Sonnenlicht.</p><p><emphasis>Ein Garten?</emphasis>, dachte Jackon verwirrt. War er nicht eben noch woanders gewesen? Er drehte sich um die eigene Achse und blickte sich um. �berall B�ume und Hecken. Er h�tte schw�ren k�nnen, dass er erst vor wenigen Augenblicken durch einen Tunnel gerannt war.</p><p>Und wieso hatte er Angst? Dieser Garten war nicht im Mindesten Furcht einfl��end. Die Sonne schien. Von den �sten regneten Bl�tenbl�tter. In den Baumwipfeln zwitscherten V�gel.</p><p>Dennoch blieb das vage Gef�hl der Bedrohung. Besser, er sah sich ein wenig um und fand heraus, ob er wirklich allein in dem Garten war. M�glicherweise lauerten irgendwo Ghule, obwohl er sich nicht recht erkl�ren konnte, wie er ausgerechnet auf Ghule kam.</p><p>Als er losstapfte, �berkam ihn die dr�ngende Sorge, dass er etwas Wichtiges vergessen hatte - nur was? So sehr er auch dar�ber nachgr�belte, es fiel ihm nicht mehr ein.</p><p>Er setzte sich an einen reich gedeckten Tisch, den er zwischen den Hecken fand. Ein livrierter Diener tauchte auf und schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein.</p><p>�Kannst du mir sagen, weswegen ich hier bin?�, fragte Jackon.</p><p>Der Diener �ffnete den Mund. Er hatte keine Zunge mehr.</p><p>Jackon zuckte mit den Schultern und trank von seinem Kaffee, der seltsamerweise wie Orangensaft schmeckte.</p><empty-line/><empty-line/><p>Er erwachte auf der Couch. Das Kissen unter seiner Wange war feucht von seinem Speichel. Die Lampen verstr�mten tr�bes Licht. Irgendetwas sagte ihm, dass drau�en der Morgen d�mmerte, obwohl kein Tageslicht in das Zimmer fiel.</p><p>Benommen setzte er sich auf.</p><p>�Hast du die T�r gefunden?�, fragte Lady Sarka, die aus den Schatten trat.</p><p>Es dauerte einen Augenblick, bis er den Sinn ihrer Frage erfasste. �Ja... nein. Sie war wieder weg, bevor ich sie �ffnen konnte.�</p><p>Sie setzte sich in den Lehnstuhl. �Aber du hast sie gesehen.�</p><p>�Nur kurz.� Er konnte sich kaum noch daran erinnern. Auch der Rest des Traumes verblasste zusehends. Er wusste nur noch, dass es ein �beraus verr�ckter und beklemmender Traum gewesen war. �Es tut mir leid�, f�gte er hinzu.</p><p>Sie l�chelte aufmunternd. �F�r den Anfang bist du weit gekommen.�</p><p>�F�r den Anfang?�</p><p>�Morgen Abend kommst du wieder hierher. Und �bermorgen auch. So lange, bis du die T�r auf Anhieb findest.�</p><p>�Was, wenn ich es niemals schaffe?�</p><p>�Das wird nicht geschehen. Vertraue deinen Kr�ften. Du musst lediglich versuchen, dich an deine Aufgabe zu erinnern, w�hrend du schl�fst.�</p><p>�Aber die Tr�ume sind so verwirrend. Sie lenken mich immerzu ab.�</p><p>�Hab Geduld. Du wirst lernen, dich in deinem Seelenhaus zurechtzufinden.�</p><p>�Ich habe kein Seelenhaus gesehen.�</p><p>Anstelle einer Antwort erhob sich Lady Sarka. �Genug f�r heute, Jackon. Warte hier auf Umbra. Sie bringt dich zur�ck zu deiner Kammer.� Dann wandte sie sich ab und verschwand im Halbdunkel jenseits des Lampenscheins.</p><p>Nach einer Weile stand er auf. Er drehte die Lampe heller und warf einen verstohlenen Blick hinter den Wandschirm, der den hinteren Teil des Zimmers abtrennte.</p><p>Holzget�felte W�nde, ein Tischchen mit einem Grammofon, eine Vitrine mit Kristallgl�sern - aber nirgendwo ein Ausgang.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>12</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Audienz bei Lady Sarka</emphasis></strong></p></title><p><strong>R</strong>auch zog an den Fenstern von Quindals Droschke vorbei, w�hrend das Gef�hrt durch die Gassen des Kessels rumpelte.</p><p>�Ab jetzt lautet dein Nachname Hugnall�, sagte der Erfinder. �Ich habe entfernte Verwandte in Torle, die so hei�en. Du hast deine Eltern beim letzten Ausbruch der Cholera verloren. Au�er mir hast du keine Angeh�rigen, also bist du mit dem Luftschiff nach Bradost gekommen. Wiederhole das.�</p><p>Liam tat, was Quindal von ihm verlangte. <emphasis>Hugnall.</emphasis> Er sagte sich diesen Namen mehrmals stumm vor, damit er nicht z�gerte, wenn man ihn danach fragte.</p><p>Die Droschke rollte durch ein Schlagloch, und der Sto� fuhr ihm unangenehm in den Magen. Seine Aufregung wurde von Minute zu Minute schlimmer. Er war tats�chlich im Begriff, bei Lady Sarka vorzusprechen und sie um eine Stelle in ihrem Palast zu bitten - er musste verr�ckt geworden sein. Dabei war ihm dieser Plan gestern noch vern�nftig erschienen.</p><p>Wenigstens sah er inzwischen wieder wie ein normaler Mensch aus. In der Kammer in Quindals Werkstatt, wo er die Nacht verbracht hatte, gab es eine Waschgelegenheit. Der Erfinder hatte ihm au�erdem neue Kleider und Schuhe besorgt, denn so schmutzig, wie er gewesen war, h�tte er der Lady unm�glich unter die Augen treten k�nnen.</p><p>��berlass mir das Reden�, fuhr Quindal fort. �Sprich nur, wenn man dich dazu auffordert. Lady Sarka ist sehr misstrauisch. M�glicherweise wird sie versuchen, mehr �ber dich herauszufinden. �berleg dir also genau, was du sagst.�</p><p>Liam war nicht auf den Mund gefallen. Als Blitzh�ndler musste er sich tagt�glich mit den Aethermaklern herumschlagen, jenen Meistern in der Kunst des Feilschens. Wenn es sein musste, konnte er l�gen und schauspielern, was das Zeug hielt. Aber konnte er es auch gut genug, um die m�chtige und gerissene Herrscherin von Bradost hinters Licht zu f�hren?</p><p>�Das wird nicht einfach�, sagte der Erfinder, dem die Anspannung anzusehen war. �Und selbst wenn wir es schaffen, fangen die Schwierigkeiten erst an. Im Palast bist du auf dich gestellt. Wenn man dich erwischt, kann und werde ich nichts f�r dich tun. Ich werde behaupten, all das sei deine Idee gewesen, und ich h�tte davon nicht das Geringste gewusst.�</p><p>Liam nickte. Dies war die Bedingung, unter der Quindal eingewilligt hatte, ihm zu helfen. Ob das dem Erfinder etwas nutzte, wenn man Liam auf die Schliche kam, stand jedoch auf einem anderen Blatt.</p><p>�Ich war erst ein paar Mal im Sarka-Anwesen und kann dir nur wenig dar�ber sagen. Die meisten Zimmer stehen leer. Der Hauptfl�gel wird f�r gesellschaftliche Anl�sse genutzt; dahinter befindet sich der Kuppelsaal mit den Gem�chern der Lady. Wenn das Buch wirklich so wichtig ist, wie dein Vater glaubte, bewahrt sie es vermutlich in ihrer pers�nlichen Bibliothek auf. Soweit ich wei�, hat der Kuppelsaal nur einen Zugang. Er wird bewacht sein, also sei auf der Hut.�</p><p>�Wie erkenne ich das Buch?�, fragte Liam. �Ich wei� nicht, wie es aussieht.�</p><p>�Ich versuche, mehr dar�ber herauszufinden. Als Palastdiener hast du einen freien Tag in der Woche. Diesen Tag nutzen wir, um uns zu treffen und uns gegenseitig auf den neusten Stand zu bringen.�</p><p>�Ist das nicht zu auff�llig?�</p><p>�Man h�lt dich f�r meinen Verwandten. Niemand wird sich etwas dabei denken, wenn du mich besuchst.�</p><p>Die Droschke hielt an. Liam blickte aus dem Fenster und stellte fest, dass sie zum Magistratsgeb�ude gefahren waren. �Was tun wir hier? Ich dachte, wir fahren zum Sarka-Anwesen.�</p><p>�Die Lady ist tags�ber im Magistrat und geht ihren Regierungsgesch�ften nach.� Als Liam aussteigen wollte, hielt Quindal ihn zur�ck. �Warte. Eine Sache noch: Egal, was du im Palast tust, nimm dich vor den Kr�hen in Acht.�</p><p>�Kr�hen?�</p><p>�Sie nisten im Dachgeb�lk des Anwesens. Corvas spricht ihre Sprache und setzt sie als Kundschafter und Spione ein. Wenn du eine Kr�he siehst, verhalte dich unauff�llig. Versuch nicht, sie zu vertreiben; das macht dich verd�chtig. Und jetzt kein Wort mehr von diesen Dingen�, sagte Quindal barsch und �ffnete die Droschkent�r.</p><p>Der Magistrat war ein imposanter Bau, der am Flussufer stand und �ber zahlreiche Fl�gel und Nebentrakte verf�gte. Ru�graue S�ulen s�umten die Treppenaufg�nge, hohe Fenster mit eisernen Gittern gew�hrten Blicke in die S�le und Zimmer. Drei Jahrhunderte lang hatten gew�hlte Magistrate darin die Geschicke der Stadtrepublik Bradost gelenkt; seit ein paar Jahren diente das Geb�ude der Lady und ihren Beratern als Amtssitz. Gegen�ber befanden sich die Reste der alten Festung, deren T�rme, Bastionen und Kasematten vor langer Zeit zu Kasernen umfunktioniert worden waren. Bewaffnete gingen darin ein und aus, Pikeniere, Kavalleristen und Soldaten der Miliz, die im Namen der Lady die Ordnung in der Stadt aufrechterhielten.</p><p>Liam und Quindal stiegen die breite Treppe zum Hauptfl�gel des Magistratsgeb�udes empor. Die Wachen vor dem Portal gr��ten den Erfinder respektvoll und lie�en ihn ungehindert eintreten. Quindal hatte erz�hlt, nach dem Niedergang der Republik sei ihm nichts anderes �brig geblieben, als sich f�r seine Arbeit private Geldgeber zu suchen: reiche B�rger und Adlige, die sich um die Wissenschaft verdient machen wollten. Zu seinen wichtigsten F�rderern geh�rte auch Lady Sarka, der daran gelegen war, Luftschiffentwicklung und Aethertechnik voranzutreiben. Deshalb konnte Quindal bei ihr stets mit einem offenen Ohr rechnen.</p><p>In der Eingangshalle mit ihren Statuen von l�ngst verstorbenen Kriegshelden wurden sie von einem livrierten Amtmann in Empfang genommen. Quindal brachte sein Anliegen vor, woraufhin sie der Beamte zu einem d�steren Zimmer mit holzget�felten W�nden f�hrte. Er bat sie, hier zu warten, und verschwand in einer T�r, vor der zwei Spiegelm�nner Wache standen. Liam vermied es, die Maskierten anzuschauen. Er f�rchtete, man k�nnte ihm seinen Zorn ansehen, den er in ihrer N�he unweigerlich empfand.</p><p>Kurz darauf kam der Beamte zur�ck und bat sie herein. Liam folgte Quindal in ein gr��eres und helleres Zimmer. Ein Tisch voller Schriftst�cke dominierte den Raum. Dahinter, in einem Stuhl mit hoher Lehne, sa� Lady Sarka.</p><p>Es war nicht das erste Mal, dass Liam die Lady sah. Sie zeigte sich oft in der Stadt, bei Paraden, festlichen Anl�ssen oder der Einweihung wichtiger Geb�ude wie der Aetherb�rse im vorigen Jahr. Aber noch nie war er ihr so nahe gekommen, und w�hrend er sich verneigte, erschien ihm sein ganzes Vorhaben immer mehr wie blanker Wahnsinn. Er konnte nur hoffen, dass sie sein Entsetzen f�r Ehrfurcht angesichts ihrer Gegenwart hielt.</p><p>Die Lordkanzlerin war nicht allein im Zimmer. Hinter dem Tisch stand eine rothaarige Frau, ganz in Schwarz gekleidet, mit verschr�nkten Armen und grimmigem Blick. Auch sie war Liam nicht unbekannt, denn sie wich ihrer Herrin nie von der Seite. Es handelte sich um Umbra, die Leibw�chterin der Lady und neben Corvas einer ihrer wichtigsten Diener.</p><p>�Nestor�, sagte Lady Sarka mit einem warmen L�cheln. �Was f�r eine angenehme �berraschung. Ich rechne schon gar nicht mehr damit, dir au�erhalb deiner Werkstatt zu begegnen. Verl�sst du sie �berhaupt noch?�</p><p>�Kaum, Euer Gnaden�, erwiderte der Erfinder. �Meine Arbeit beansprucht mich zu sehr.�</p><p>�Dein Pflichteifer ist vorbildlich. Oder sollte ich Besessenheit sagen?�</p><p>�Ich lebe eben f�r die Wissenschaft.�</p><p>�Was w�rde Bradost nur ohne dich anfangen? Es g�be keine Luftschiffe, keine Gaslampen, keine Aethermaschinen. Wir w�ren immer noch im Altertum.�</p><p>�Ich glaube, Ihr �bersch�tzt meinen Anteil am Fortschritt, Euer Gnaden.�</p><p>�Sei nicht so bescheiden, Nestor. Wir alle wissen, was du f�r unsere Stadt getan hast. Wer ist der Junge?�</p><p>Liam war, als bemerke die Lady ihn erst jetzt. Ehrf�rchtig senkte er den Blick.</p><p>�Liam Hugnall, mein Gro�neffe aus Torle�, stellte Quindal ihn vor. �Seinetwegen bin ich hier.�</p><p>�Ich wusste gar nicht, dass du Familie im fernen Torle hast�, sagte die Lady, w�hrend sie Liam musterte.</p><p>�Ein entfernter Zweig v�terlicherseits, zu dem ich bisher kaum Kontakt hatte. Doch jetzt sind Liams Eltern gestorben, und ich musste ihn bei mir aufnehmen.�</p><p>�Deine Eltern sind gestorben?�, erkundigte sich Lady Sarka freundlich. �Darf ich fragen, woran?�</p><p>�Die Cholera�, antwortete Liam scheu.</p><p>�Ich habe davon geh�rt. Die dritte Welle in f�nf Jahren, nicht wahr? Ich frage mich, wann unsere Nachbarn endlich etwas gegen die katastrophalen Zust�nde in ihren St�dten unternehmen.�</p><p>�Ich bin Liams letzter lebender Verwandter�, fuhr Quindal fort. �Es wird also das Beste sein, wenn er vorerst in Bradost bleibt.�</p><p>Die Lady nickte. �Du kannst dich gl�cklich sch�tzen, einen so ber�hmten Gro�onkel zu haben.�</p><p>�Ja�, murmelte Liam.</p><p>�Was kann ich also f�r dich tun?�, wandte sie sich an Quindal.</p><p>�Ich habe gehofft, Ihr k�nntet dem Jungen Arbeit geben, wenn Ihr mir die Direktheit gestattet.�</p><p>�Kann er nicht in deiner Werkstatt arbeiten?�</p><p>Liam zuckte innerlich zusammen. Nat�rlich! Was die Lady vorschlug, war mehr als offensichtlich. Wieso hatten sie das nicht bedacht?</p><p>Gl�cklicherweise hatte Quindal die passende Erkl�rung parat: �Das habe ich bereits versucht. Aber ich f�rchte, er ist f�r diese Art von Arbeit einfach nicht geschaffen.�</p><p>�Was hast du denn in Torle gemacht?�, sprach die Lady Liam an.</p><p>Seine Gedanken �berschlugen sich schier, als er versuchte, eine Antwort zu finden, die zu seinen Pl�nen passte. Abermals kam ihm der Erfinder zuvor:</p><p>�Er war Hausdiener und G�rtner bei einem Seidenh�ndler.�</p><p>�G�rtner�, wiederholte Lady Sarka. �Nun, er k�nnte in den G�rten meines Palastes arbeiten, wenn er m�chte.�</p><p>�Das w�rdet Ihr f�r ihn tun?�, erwiderte Quindal. �Ich danke Euch, Euer Gnaden. Ihr erweist mir damit eine gro�e Ehre.�</p><p>�Das ist selbstverst�ndlich, Nestor. Bradost steht so tief in deiner Schuld, dass ich gar nicht genug f�r deine Familie tun kann.�</p><p>�Du hast Ihre Gnaden geh�rt, Junge�, fl�sterte Quindal. �Zeig ihr gef�lligst deinen Respekt!�</p><p>Liam verneigte sich erneut und murmelte, er nehme das Angebot dankbar an.</p><p>�Herrin�, mischte sich Umbra ein. �Brauchen wir wirklich noch einen G�rtner? Wir haben doch gerade erst den anderen Jungen eingestellt.�</p><p>�Na und? Hume liegt mir seit Jahren in den Ohren, er brauche noch mindestens zwei Hilfskr�fte.� L�chelnd wandte sich die Lady Liam zu. �Du kannst sofort anfangen. Einer meiner Diener, Jocelyn, wird dich zu meinem Anwesen bringen.�</p><p>Kurz darauf verlie�en sie das Zimmer. Liams Herz pochte so heftig, dass er f�rchtete, es k�nnte jeden Moment zerspringen. Er hatte es tats�chlich geschafft! Dank Quindal war es nicht einmal besonders schwer gewesen.</p><p>Als sie zur Eingangshalle kamen, sagte der Erfinder leise: �Der erste Schritt ist getan. Alles Weitere liegt bei dir. Viel Gl�ck.�</p><p>Nachdem Quindal sich verabschiedet hatte, blieb Liam in der Halle zur�ck und wartete auf Jocelyn. Wenig sp�ter tauchte der Diener auf und stieg mit ihm drau�en in eine Droschke ein. W�hrend der kurzen Fahrt durch die Altstadt sprach Jocelyn nur das N�tigste mit ihm - offensichtlich hielt er es f�r unter seiner W�rde, mit einem Hilfsg�rtner zu reden, mochte dieser auch ein Verwandter des ber�hmten Erfinders sein.</p><p>Lady Sarkas Anwesen stand auf einem H�gel und war von einem weitl�ufigen Garten umgeben, wodurch es Liam wie eine Insel im Gassengewirr erschien - eine Insel der Stille inmitten der st�dtischen Gesch�ftigkeit. Uralte B�ume, verwitterte Statuen von gefl�gelten Fabelwesen und Dornenhecken umgaben das mehrst�ckige Geb�ude, dessen vier Fl�gel kreuzf�rmig um eine Kuppel aus Eisenstreben und Glas in der Mitte angeordnet waren. Efeu rankte sich an den dunklen Mauern empor, stellenweise so dicht, dass Simse und Fenster darunter verschwanden. Selbst im Licht der Morgensonne wirkte das Anwesen d�ster und bedrohlich, und wie es da stand und die Umgebung �berragte, erweckte es den Anschein, als w�rde es die Stadt und ihre Bewohner unaufh�rlich beobachten. In den angrenzenden Gassen hielten sich kaum Menschen auf, denn wer konnte, machte einen weiten Bogen um den Palast. Niemand war erpicht darauf, der gef�rchteten Herrscherin von Bradost zu nahe zu kommen.</p><p>Spiegelm�nner bewachten das eiserne Tor. Die Maskierten �ffneten es f�r die Droschke, sodass sie bis vor das Anwesen fahren konnten. Nachdem Liam ausgestiegen war, blickte er mit einer Mischung aus Angst und gespannter Erwartung zu den Erkern und Fenstern des verwinkelten Geb�udes auf. Irgendwo dort drinnen, versteckt in einem der zahllosen Zimmer, befand sich das Gelbe Buch von Yaro D�ar, das seinen Vater das Leben gekostet hatte. Er w�rde es aufsp�ren und seinem Geheimnis auf den Grund gehen, allen Gefahren zum Trotz.</p><p>Dann h�rte er einen Kr�henschrei und entdeckte Dutzende, wenn nicht Hunderte von schwarzen V�geln auf den Wasserspeiern, Giebeln und Kaminen. Ein Schauder lief ihm �ber den R�cken, und er fragte sich zum tausendsten Mal, worauf er sich nur eingelassen hatte.</p><p>Jocelyn f�hrte ihn durch die Eingangshalle, in der sich weitere Spiegelm�nner aufhielten, stumm und regungslos wie die Standbilder im Garten. Sie betraten den Gesindetrakt, wo Jocelyn ihm eine Kammer zuwies. Zu Liams �berraschung befand sich darin nur eine Einrichtung f�r eine Person. Er hatte erwartet, gemeinsam mit den anderen Bediensteten in einem Saal zu wohnen, wie dies in solchen Anwesen �blich war. Standen in dem Geb�ude so viele Zimmer leer, dass die Lady es sich erlauben konnte, jedem ihrer Diener eine eigene Kammer zu �berlassen?</p><p>Nachdem Liam den Zimmerschl�ssel erhalten hatte, durchquerten sie den Garten, bis sie zu einem Apfelhain kamen. An einem der B�ume lehnte eine Leiter. Ein untersetzter Mann in einer Ledersch�rze stand darauf und beschnitt die �ste. Ein rothaariger Junge sammelte die herabgefallenen Zweige auf und warf sie auf einen Haufen.</p><p>�Hume?�, rief Jocelyn. �Hier ist ein neuer Gehilfe f�r dich.�</p><p>Der Angesprochene kletterte von der Leiter und musterte Liam mit gutm�tiger, aber verwirrter Miene. �Noch ein Gehilfe? Wo kommen die auf einmal alle her?�</p><p>�Er soll sofort anfangen. Gehei� der Herrin.� Und damit empfahl sich der d�nkelhafte Dienstbote.</p><p>Der Mann namens Hume schob die Hand unter die Ledersch�rze und kratzte sich am Bauch. �Nun ja, mir soll�s recht sein. Gibt hier wei� Gott genug zu tun. Wie hei�t du?�</p><p>�Liam Hugnall�, stellte Liam sich vor.</p><p>Hume winkte den rothaarigen Jungen zu sich, der Liam neugierig musterte. �Du hast Jocelyn geh�rt. Von nun an arbeitet ihr zusammen. Zeig Liam alles und gib ihm sein Werkzeug.�</p><p>Der G�rtner stieg wieder die Leiter hinauf, w�hrend der Rothaarige �Da entlang� murmelte und vorausging. Er war schm�chtig und mochte etwas j�nger als Liam sein, vielleicht vierzehn oder f�nfzehn. Sein blasses Gesicht war ger�tet. Offenbar hatte er sich bei der Gartenarbeit einen Sonnenbrand zugezogen.</p><p>Er f�hrte Liam durch den Apfelhain zu einem Bretterverschlag, der beinahe unter Kletterpflanzen verschwand. Drinnen standen S�cke, Kisten und F�sser herum. Es roch nach frischer Erde.</p><p>�Hier findest du alles, was wir f�r die Arbeit brauchen�, erkl�rte der Rothaarige. �Da sind Messer und Heckenscheren, da dr�ben Schaufeln, Harken und Gie�kannen. In den S�cken ist Samen und in den F�ssern D�nger. Mach sie besser nicht auf; das Zeug stinkt scheu�lich. Sieh mal, hier sind Sch�rzen. Die m�sste dir passen.�</p><p>�Danke.� Liam nahm den Lederkittel entgegen. Als er gerade hineinschl�pfen wollte, bemerkte er aus dem Augenwinkel einen Schatten, der flatternd herangeschossen kam. Erschrocken fuhr er herum.</p><p>Im Eingang des Schuppens landete eine Kr�he und starrte ihn an.</p><p>Zischend lie� Liam den Atem entweichen. Er war so nerv�s, dass er hinter jeder Ecke Gefahr vermutete. Wenn es ihm nicht bald gelang, sich zu entspannen, machte er sich noch verd�chtig.</p><p>�Du magst Kr�hen nicht, was?�</p><p>Liam hielt es f�r kl�ger, nicht darauf zu antworten.</p><p>�Ich kann sie auch nicht leiden.� Der Rothaarige scharrte mit dem Fu� �ber den Boden, sodass der Vogel von einer Ladung Sand getroffen wurde. Kr�chzend flog er davon.</p><p>�Ich bin �brigens Jackon�, sagte Humes Gehilfe und l�chelte sch�chtern.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>13</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Im Reich des Madenk�nigs</emphasis></strong></p></title><p><strong>G</strong>ebeine stapelten sich in den Nischen, vergilbte Sch�del, Rippen und Armknochen, die bei der kleinsten Ber�hrung zu Staub zerbr�ckelten.</p><p>Lucien vermochte nicht zu sagen, wie tief unter der Stadt sie sich befanden - eine halbe Meile, vielleicht mehr. Diese Tunnel stammten aus einer Zeit, als die Menschen noch grausamen G�tzen gehuldigt hatten, lange bevor Tessarion mit seinen J�ngern und Propheten �ber das Meer gekommen war. Bodenlose Sch�chte g�hnten in den Gangwinkeln. Treppen verbargen sich unter Schutt und Tr�mmern. Gewundene Korridore �ffneten sich in Gew�lbes�le, erf�llt von einer Finsternis, die so alt und ewig war, dass Lampen und Fackeln dagegen machtlos erschienen.</p><p>Niemand sprach, w�hrend sie dem Gang folgten. Hinter Lucien gingen Fay und Whisper, die bleichen Schwestern, vor ihm Aziel und Seth. Eine Flamme brannte in der ge�ffneten Hand des Incubus und �berzog das uralte Mauerwerk mit einem orangefarbenen Schein. Nicht, dass Licht wirklich n�tig gewesen w�re - sie alle konnten im Dunkeln sehen. Aber manchmal erklangen Ger�usche aus der Ferne, Schritte und zischende Stimmen, die sie daran erinnerten, dass sie nicht allein waren. Und wenn die Bewohner dieser nachtschwarzen Kavernen eines hassten, dann Helligkeit.</p><p>Trotzdem wunderte es Lucien, dass ihnen noch keine Ghule begegnet waren, abgesehen von jenen im Keller des Variet�s. Der Madenk�nig duldete keine Eindringlinge in seinem Reich. �Ich habe mit ihm eine Vereinbarung getroffen�, hatte Aziel gesagt, w�hrend sie in den Schlund des Hauptsammlers hinabgestiegen waren. �Warum dann das Licht?�, hatte Lucien gefragt, jedoch keine Antwort bekommen. Seitdem rechnete er hinter jeder Ecke mit Horden von gierigen Untoten.</p><p>Ghule... Kein Gesch�pf verabscheute er mehr. Niemand wusste, woher sie kamen. Seit ein paar Jahren machten sie die Katakomben und Kan�le unsicher. Manchmal, wenn ihre Gier nach frischem Fleisch zu qu�lend wurde, wagten sie sich sogar an die Oberfl�che und durchstreiften die n�chtlichen Gassen der Grambeuge. Um die Plage einzud�mmen, hatte Lady Sarka einmal eine Abteilung ihrer besten Soldaten in die Tunnel geschickt. Die eine H�lfte der M�nner war Tage sp�ter schwer verletzt oder dem Wahnsinn nahe zur�ckgekehrt, die andere wurde bis heute vermisst. Auf weitere Expeditionen in die Unterwelt Bradosts hatte die Lady daraufhin verzichtet. Was bedeutete schon das Wohlergehen von ein paar Tausend Armen, Bettlern und Schlammtauchern gegen das Leben ihrer Soldaten?</p><p>�Sind wir nicht bald da?�, fragte Lucien.</p><p>�Ja�, sagte Aziel leise.</p><p>Kurz darauf �ffnete sich der Tunnel in einen unterirdischen Saal. Die Flamme in Seths Hand loderte auf, wurde fast wei� und trieb die Dunkelheit in Ecken und Winkel zur�ck. M�chtige S�ulen in bizarren Formen tauchten auf. Eine Treppe f�hrte in die Halle hinab.</p><p>Ein fauliger Geruch stieg Lucien in die Nase. Verwesungsgestank. �Ghule!�, fl�sterte er.</p><p>�Nein�, erwiderte Aziel und deutete auf etwas, das am Rande des Lichtscheines lag: ein K�rper.</p><p>Die V�len blieben am Eingang zur�ck, w�hrend die anderen die Treppe hinabstiegen. Lucien war froh, die beiden schweigsamen Frauen nicht mehr hinter sich zu haben. Die K�lte, die sie verstr�mten, lie� ihn schaudern.</p><p>Neben dem K�rper ging er in die Hocke. Ein Alb, der bereits so stark verwest war, dass die Knochen zum Vorschein kamen. Seine Hornmaske lag in zwei Teile zerbrochen neben ihm, ebenso die Lanze. In der N�he entdeckte er noch mehr Leichen, insgesamt vier. Lucien versp�rte einen schmerzhaften Stich. Ein toter Alb war kein allt�glicher Anblick. Normalerweise lebten Lucien und Seinesgleichen ewig.</p><p>Seth lie� mehrere Feuers�ulen entstehen, woraufhin flackerndes Licht den Felsendom erhellte. Lucien blickte hinauf zu den Ketten, die wie riesige Wurzelf�den von der Decke hingen. Die Kugel, die sie hundert Jahre lang gehalten hatten, lag zersplittert auf dem steinernen Podest.</p><p><emphasis>Ein schreckliches Gef�ngnis</emphasis>, dachte er. <emphasis>Kein Wunder, dass der Harlekin so voller Hass war.</emphasis></p><p>Er schritt zu Aziel, der die glasartigen Bruchst�cke der Kugel untersuchte. �Hat der Harlekin sie umgebracht?�</p><p>�Sie waren schon tot, als er aus der Kugel stieg.�</p><p>�Woher willst du das wissen?�</p><p>�Hier�, sagte Aziel und ging zu einer Leiche. �Schusswunden.�</p><p>Lucien betrachtete die beiden L�cher im Wams des Toten. Aziel hatte recht: Wie h�tte der Harlekin in seinem Kerker an eine Pistole kommen sollen? Au�erdem hassten Alben Technik aller Art und verwendeten keine Feuerwaffen.</p><p>�Glaubst du mir jetzt?�</p><p>�Du meinst, der Harlekin ist nicht aus eigener Kraft freigekommen?�</p><p>�Jemand hat ihn herausgeholt�, knurrte Aziel. �Wer immer das war, ich will ihn finden.�</p><p>�Wieso fragen wir nicht deinen Freund, den Madenk�nig?�</p><p>�Er hat nichts gesehen. Oder er wollte nichts sehen, da bin ich mir nicht so sicher. Hier ist die Lampe. Finde heraus, wer sie dem Harlekin gegeben hat.�</p><p>Lucien nahm das zerbrochene Glas an sich und betrachtete es im Schein der Feuers�ulen. Es schimmerte, als erwache das schreckliche Licht, das darin gefangen gewesen war, zu neuem Leben.</p><p>Ihm fiel nur eine Person ein, die genug von solchen Dingen verstand, um mehr �ber Jernigans Lampe wissen zu k�nnen.</p><p>Ungl�cklicherweise versuchte dieselbe Person seit zehn Jahren, ihn zu t�ten.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>14</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Dornen und Basilisken</emphasis></strong></p></title><p><strong>�J</strong>a�, ert�nte Jocelyns m�rrische Stimme.</p><p>Liam �ffnete die T�r und betrat das Arbeitszimmer. Es war vollgestopft mit B�chern und Schriftrollen, die sich ohne erkennbare Ordnung in den Regalen stapelten. Eine Kerze brannte, obwohl die Sonne durch ein kleines Bleiglasfenster hereinschien. Aber in Jocelyns Kammer wurde es nie richtig hell. Was f�r den gesamten Palast galt, wie Liam schon am ersten Tag aufgefallen war.</p><p>Der Hausdiener hielt eine Schreibfeder in der Hand und sa� an seinem Schreibtisch, auf dem sich Listen, aufgeschlagene Hefte und Pergamentstapel t�rmten. Missmutig blickte er Liam an. �Was willst du?�</p><p>�Hume schickt mich. Er braucht den Schl�ssel zum hinteren Keller.�</p><p>�Wof�r?�</p><p>�Hat er mir nicht gesagt.�</p><p>Schnaubend stand Jocelyn auf und �ffnete einen Holzkasten an der Wand, in dem diverse Schl�ssel unterschiedlichster Form und Gr��e hingen. Einen nahm er vom Haken, ein schweres Exemplar aus angelaufenem Eisen. �Da. Richte Hume aus, dass er ihn sp�testens heute Abend zur�ckbringen soll. Und jetzt verschwinde, ich habe zu tun.�</p><p>Jocelyns Arroganz ging Liam zunehmend auf die Nerven, obwohl er inzwischen wusste, dass der Hausdiener all seine Untergebenen herablassend behandelte, nicht nur ihn. Aber er wollte unauff�llig bleiben, und das erreichte er nicht, indem er Streit anfing. Also schluckte er eine bissige Bemerkung hinunter, murmelte unterw�rfig �Danke� und schloss die T�r hinter sich.</p><p>Es war Liams dritter Tag im Palast. Bisher hatte er nichts anderes getan, als sich mit der Arbeit im Garten vertraut zu machen und die Palastbewohner kennenzulernen. Er wollte nichts �berst�rzen, so sehr er auch darauf brannte, sich nach dem Buch umzusehen. Der Palast war gro� und un�bersichtlich; �berall konnte man unversehens Spiegelm�nnern �ber den Weg laufen. Er musste sich erst besser darin auskennen, bevor er sich auf die Suche machte. Deshalb �bernahm er mit Vorliebe Boteng�nge f�r Hume oder andere Aufgaben, die von ihm verlangten, etwas aus dem Anwesen zu holen oder dort abzuliefern, denn dadurch konnte er sich nach und nach einen �berblick �ber das Geb�ude verschaffen. Auf diese Weise pr�gte er sich ein, welcher Flur zu welchem Fl�gel f�hrte und wo er �berall mit Wachen rechnen musste.</p><p>Er schob den Schl�ssel in seine Hosentasche und sah sich in einem Korridor um, der an Jocelyns B�ro angrenzte und in dem er noch nicht gewesen war. Allerdings stie� er nur auf leere Zimmer. Nachdem er hier und da einen Blick hineingeworfen hatte, ging er zu Hume zur�ck.</p><p>Der G�rtner hielt sich im Gew�lbekeller unter dem Gesindefl�gel auf und st�berte in den Kisten und K�rben, die dort kreuz und quer herumstanden. Staub wirbelte im Lichtkegel seiner Karbidlampe. Liam gab ihm den Schl�ssel, den Hume in seiner Sch�rze verschwinden lie�. �Ich habe hier noch eine Weile zu tun�, sagte der G�rtner. �Hol dir Werkzeug und fang schon mal mit der Hecke an. Jackon soll dir helfen.�</p><p>Liam nickte. �Wir sollen sie ausrei�en, nehme ich an.�</p><p>�Bis zur letzten Wurzel. Ich kann sie nicht mehr sehen. Und den Baumstumpf auch. Bevor der Herbst kommt, will ich dort Rasen anlegen.�</p><p>Liam verlie� den Keller und fand Jackon hinter dem Heckenlabyrinth, wo er eine Vogeltr�nke von Moos und Flechten reinigte. Gemeinsam beluden sie eine Karre mit Hacken, Spaten und �xten und schoben sie zur Brombeerhecke, die Hume meinte. Eigentlich war es gar keine richtige Hecke, sondern ein undurchdringliches Gestr�pp aus verschlungenen Dornenstr�ngen, die eine Fl�che von zehn mal zehn Schritt bedeckte. Eine verwitterte Statue stand inmitten des Dickichts. Sie stellte einen Basilisken dar, ein Mischwesen mit Fl�geln, dem K�rper eines Reptils und dem Kopf eines Hahns. Efeu wuchs am Sockel empor und rankte sich um den steinernen Schlangenleib.</p><p>Die Hecke musste jahrelang gewuchert sein, ohne dass sich jemand darum gek�mmert hatte. Da Hume nun �ber zwei Gehilfen verf�gte, war er fest entschlossen, den Garten auf Vordermann zu bringen - angefangen mit dieser verwilderten Ecke.</p><p>Liam und Jackon griffen sich �xte und r�ckten dem Dickicht von zwei Seiten zu Leibe. Es war nicht ganz so hei� wie an den vergangenen Tagen, was die Arbeit erleichterte. Ein seltsames Licht lag �ber der Stadt. D�cher und Kuppeln zeichneten sich scharf umrissen gegen den stahlblauen Himmel und den Aetherdunst aus den Schloten des Kessels ab. Die dunklen Konturen des Wasserturms im S�den der Altstadt glichen einer geballten Faust.</p><p>Liam arbeitete gern mit Jackon zusammen. In den vergangenen Tagen hatte er den Rothaarigen ein wenig kennengelernt und erfahren, dass dieser auch erst seit ein paar Tagen im Palast lebte. Jackon war ein angenehmer und zur�ckhaltender Zeitgenosse, der ihn nicht mit Fragen bel�stigte. Lediglich am ersten Abend, als Liams Geschichte im Gemeinschaftsraum die Runde machte, hatte er versucht, ihn auszufragen - nat�rlich war der Rothaarige genauso neugierig auf den Neffen des ber�hmten Nestor Quindal wie die anderen Bediensteten. Liam hatte ihm zu verstehen gegeben, dass er nicht �ber seine Vergangenheit sprechen wollte, obwohl er wusste, dass er seinen neuen Gef�hrten damit wahrscheinlich vor den Kopf stie�. Doch Jackon war nicht beleidigt. Er respektierte seine Verschlossenheit und h�rte auf, ihn zu bedr�ngen.</p><p>Die Arbeit ging gut voran. Am fr�hen Nachmittag hatten sie die Fl�che vollst�ndig gerodet. Gestr�pp und Dornenranken bildeten einen mannshohen Haufen auf der Wiese. Die Basiliskenstatue ragte einsam inmitten der zerw�hlten Erde auf, wodurch das Steingesch�pf Liam noch grotesker erschien. Offenbar hatte hier fr�her ein Geb�ude gestanden: Zwischen den Wurzeln waren sie �berall auf Mauerreste gesto�en. Vielleicht ein alter Schuppen, vermutete er, oder ein Pferdestall.</p><p>�Ist noch Wasser da?�, fragte Jackon, nachdem sie die letzten Ranken aufgesammelt hatten.</p><p>Liam reichte ihm die Flasche.</p><p>Der Rothaarige trank einen Schluck und deutete auf die verwitterten Mauerst�cke. �Was ist damit? Sollen wir die ganzen Steine ausgraben?�</p><p>�Davon hat Hume nichts gesagt. Warten wir besser, bis er da ist. Komm, nehmen wir uns die Wurzel vor.�</p><p>Sie holten ihr Werkzeug und stapften zu den �berresten des Baums am Rand des gerodeten Feldes. Er musste bereits vor mehreren Jahren abges�gt worden sein, denn der Stumpf war so morsch, dass sich nicht mehr feststellen lie�, was f�r ein Baum es gewesen war. Ein dicker, nur so viel konnte Liam sagen; allein h�tte er den Stamm nicht umspannen k�nnen. Seine Wurzeln reichten vermutlich tief in die Erde. Sie zu entfernen w�rde nicht leicht werden.</p><p>Sie zerhackten den Stumpf, bis er nur noch halb so gro� war. Das tiefer liegende Wurzelwerk gruben sie aus. Es war eine m�hsame Arbeit, denn das Erdreich war von Wurzelfasern durchsetzt, sodass man den Spaten nur mit gro�em Krafteinsatz hineinsto�en konnte. Als sie etwa anderthalb Fu� tief gegraben hatten, stie�en sie auf Stein, offenbar die Grundmauern des alten Geb�udes. Die Baumwurzeln klammerten sich daran fest.</p><p>Jackons Gesicht war rot vor Anstrengung und Frustration. �Das haben wir gleich�, schnaubte er. �Gib mir die Axt.�</p><p>Liam holte ihm das Werkzeug. Der Rothaarige begann, auf die Wurzeln einzuhacken.</p><p>�Warte. Ich wei� nicht, ob das so gut ist.�</p><p>�Wieso nicht?�</p><p>�Das klingt irgendwie... hohl, findest du nicht?�</p><p>�Ist mir egal, wie das klingt.� Verbissen arbeitete Jackon weiter.</p><p>Jedes Mal, wenn die Axtklinge eine Wurzel durchtrennte und auf das Mauerwerk darunter traf, war Liam, als w�rde kaum merklich der Boden unter seinen F��en vibrieren. Ein mulmiges Gef�hl stieg in ihm auf, aber Jackon war fast fertig, und er wollte ihn nicht unterbrechen.</p><p>�So�, meinte der Rothaarige. �Ich glaube, der Stumpf ist jetzt locker. Hilf mir mal.� Er warf die Axt weg und trieb die Schaufel unter die Wurzeln, den Schaft als Hebel benutzend. Gleichzeitig stellte sich Liam breitbeinig auf den Rand der kleinen Grube, packte die Reste des Strunks von oben und zog.</p><p>Der Baumstumpf bewegte sich etwas, sa� aber immer noch fest. Jackon trat dagegen, w�hrend er mit der Schaufel hebelte.</p><p>Ein Knirschen erklang.</p><p>Liam lie� den Stumpf los und keuchte: �H�r sofort auf!�</p><p>�Nein, wir haben es gleich. Nur noch ein bisschen...�</p><p>Der Rothaarige trat weiter. Es knirschte wieder - und pl�tzlich sackte der Stumpf weg, verschwand in einer klaffenden �ffnung. Jackon blieb der Triumphschrei im Hals stecken, als er das Gleichgewicht verlor. �Liam!�, �chzte er und ruderte mit den Armen. Liam bekam das Hemd seines Gef�hrten zu fassen und sp�rte gleichzeitig, dass das Erdreich, auf dem er kniete, ins Rutschen geriet. Er konnte nicht verhindern, dass Jackon von der �ffnung verschluckt wurde.</p><p>Im n�chsten Moment gab der Boden unter ihm nach.</p><p>Es war kein tiefer Sturz. Dennoch keuchte Liam vor Schmerz, als er auf den F��en landete und hinfiel. Instinktiv rollte er sich zur Seite, denn es regnete Steine und Sand. Sch�tzend vergrub er seinen Kopf in den Armen und rechnete jeden Augenblick damit, von einem m�hlradgro�en Mauerst�ck getroffen zu werden. Doch nichts dergleichen geschah. Kurz darauf verklang das Grollen von br�ckelndem Stein.</p><p>Vorsichtig hob er den Kopf. �Jackon?�, rief er leise in die Dunkelheit.</p><p>Keine Antwort.</p><p>Liam rappelte sich auf. Sand rieselte von seinen Kleidern. Au�er einigen Kratzern und Prellungen schien er sich keine Verletzungen zugezogen zu haben. Vor ihm lag ein Haufen aus Steinen und Erde, aus dem der Baumstumpf ragte. Dar�ber, in einer H�he von vier Schritt, klaffte ein unf�rmiges Loch, durch das ein Ausschnitt des Himmels zu sehen war.</p><p>�Jackon?�, rief er noch einmal. �Bist du in Ordnung?�</p><p>Wieder keine Antwort.</p><p>Panik stieg in ihm auf. War Jackon verletzt? Oder, schlimmer noch, versch�ttet worden?</p><p>Pl�tzlich h�rte er ein St�hnen, und auf der anderen Seite des Schutthaufens regte sich ein Schemen. Erleichtert eilte Liam hin und half Jackon aufzustehen.</p><p>�Geht es dir gut?�</p><p>Der Rothaarige war noch sichtlich benommen. �Ich glaube schon�, murmelte er, rieb sich Sand aus dem Gesicht und blinzelte. �Was ist eigentlich passiert?�</p><p>Liam blickte sich um. Was er zun�chst f�r ein Loch oder einen alten Brunnen gehalten hatte, war in Wirklichkeit ein gr��erer Raum. Er konnte steinerne Rippenb�gen erkennen, die in der Dunkelheit verschwanden. Offenbar hatten sie durch ihre unvorsichtige Arbeit an der Baumwurzel ein Loch in die Gew�lbedecke gebrochen. �Sieht so aus, als w�ren wir in eine Art Keller gefallen.�</p><p>�Keller wovon?�</p><p>�Dem Geb�ude, das fr�her hier stand.�</p><p>Jackons Schritte knirschten, als er �ber den schuttbedeckten Boden ging. �Sieh mal. Hier sind Kisten. Und Schr�nke.�</p><p>Liam folgte dem Rothaarigen. Der Raum hatte die Form einer halben Tonne: Die Decke w�lbte sich an zwei Seiten zum Boden, w�hrend die anderen beiden W�nde senkrecht waren. Das Mauerwerk bestand aus ru�farbenen, eng verfugten Steinen und roch alt und feucht. Die M�belst�cke, die Jackon gefunden hatte, befanden sich in einem schlechten Zustand. Das Holz war gesplittert, wurmzerfressen und aufgequollen, die Scharniere und Blechbeschl�ge waren verrostet. Zwei mannshohe Schr�nke flankierten eine morsche T�r. An der Wand dar�ber entdeckte Liam ein kleines Relief. Es stellte einen Basilisken dar.</p><p>Er runzelte die Stirn. Erst die Statue und nun ein Steinmetzzeichen - was hatte das zu bedeuten?</p><p>Eine Warnung?</p><p><emphasis>Vor einem Basilisken?</emphasis></p><p><emphasis>Unsinn</emphasis>, dachte er. Es gab schon lange keine Basilisken mehr. Die letzten waren vor Jahrzehnten verschwunden, wie die meisten Schattenwesen.</p><p>Aber was, wenn einer �berlebt hatte, versteckt in den Tiefen dieses vergessenen Kellers? Der, aufgeweckt von dem Erdrutsch, auf dem Weg zu ihnen war, bereit, sie mit seinem Giftatem zu t�ten?</p><p>Liam sch�ttelte diesen t�richten Gedanken ab. An einem Ort wie diesem in Schauergeschichten zu schwelgen war nicht gerade hilfreich.</p><p>Er schrak zusammen, als ein Knarren ert�nte. �Was machst du da?�</p><p>�Ich will wissen, was da drin ist�, antwortete Jackon, w�hrend er einen der Schr�nke �ffnete. �Schau dir das an! Glasflaschen, R�hren, eine Zunderb�chse, Schutzkleidung... Was ist das hier?�</p><p>�Nicht anfassen�, mahnte Liam, doch der Rothaarige hatte den Gegenstand bereits in die Hand genommen. Lederne Schl�uche baumelten herunter.</p><p>�Eine alte Gasmaske. Was ist das f�r ein komischer Keller?�</p><p>Liam betrachtete den grotesk geformten Gesichtsschutz... und begann zu ahnen, wo sie gelandet waren. Die Sarkas waren eine alte Familie von Alchymisten, wie jedermann in Bradost wusste. Vermutlich handelte es sich bei dem Gew�lbe um die Reste eines Laborgeb�udes. Deshalb die Statue und das Relief: Der Basilisk war ein traditionelles Symbol f�r die Verwandlungskr�fte der alchymistischen Wissenschaft.</p><p>Jackon legte die Gasmaske zur�ck und machte sich an dem anderen Schrank zu schaffen.</p><p>�H�r auf�, sagte Liam. �Lass uns lieber �berlegen, wie wir hier rauskommen.�</p><p>Er betrachtete die �ffnung, die sich am h�chsten Punkt der Decke befand, genau da, wo die Rippenb�gen zusammenliefen. Besorgt stellte er fest, dass �berall Staub herabrieselte. Wom�glich hatte der Einsturz das gesamte Gew�lbe destabilisiert.</p><p>�Meinst du, wir k�nnen da raufklettern?�, fragte Jackon.</p><p>�Zu hoch.�</p><p>�Mit R�uberleiter?�</p><p>Liam sch�ttelte den Kopf. Selbst wenn Jackon auf seine Schultern stieg, w�rde er Schwierigkeiten haben, das Loch zu erreichen. �Vielleicht, wenn wir erst auf den Schrank klettern. Hilf mir.�</p><p>Mit vereinten Kr�ften versuchten sie, einen der Schr�nke zum Schutthaufen zu ziehen. Sie schafften es kaum, ihn zu bewegen. Er war aus massivem Holz gefertigt, das sich obendrein mit Feuchtigkeit vollgesogen hatte, und wog so viel, als best�nde er aus Stein.</p><p>Immer mehr Staub rieselte von der Decke.</p><p>�Wieso warten wir nicht einfach, bis Hilfe kommt?�, fragte Jackon. �Vielleicht hat irgendwer mitgekriegt, was passiert ist.�</p><p>�Keine gute Idee�, erwiderte Liam.</p><p>Ein unheilvolles Knirschen erklang. Jetzt bemerkte auch Jackon den rieselnden Staub. Seine Augen weiteten sich.</p><p>�Raus hier!�, stie� er hervor.</p><p>Ein Stein l�ste sich von einem Rippenbogen und fiel polternd zu Boden, als Liam herumwirbelte und sich gegen die T�r warf. Sie lie� sich nicht �ffnen - entweder war sie verzogen oder verriegelt.</p><p>Jackon w�hlte im Schrank herum.</p><p>�Was soll das? Komm her, verdammt!�, schrie Liam.</p><p>Noch ein Stein st�rzte herab, gefolgt von einer Ladung Schutt und Erde. Offenbar war das marode Mauerwerk nur noch von den Baumwurzeln zusammengehalten worden. Das Gew�lbe �chzte, als sich �berall in den Fugen Risse bildeten.</p><p>�<emphasis>Jackon!</emphasis>�</p><p>Endlich kam ihm der Rothaarige zu Hilfe. Gemeinsam r�ttelten sie an der T�r und stemmten sich dagegen, bis sie schlie�lich nachgab. Liam stolperte in die Dunkelheit und schlug der L�nge nach hin, als Jackon von hinten gegen ihn prallte. Er drehte sich auf den R�cken und sah gerade noch, wie sich die Gew�lbedecke in einzelne Steine aufl�ste und unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrach. Eine Staubwolke walzte auf die T�r zu - und im n�chsten Augenblick war es stockfinster.</p><p>Auf das Get�se folgte Stille.</p><p>Die Luft war voller Staub. Liam h�rte Jackon husten.</p><p>�Das war knapp�, �chzte der Rothaarige.</p><p>Liam stand auf. Wieder hatte er verteufeltes Gl�ck gehabt. Sein Fu�kn�chel schmerzte ein wenig, aber davon abgesehen war ihm nichts passiert. Er tastete sich an der Wand entlang zur T�r. Teile der Decke hatten sich dahinter verkeilt, und der Schutt war einen halben Meter weit in den Gang gerutscht.</p><p>Nirgendwo der kleinste Lichtschein.</p><p>Liam versuchte, ruhig zu bleiben und nicht auf die Stimme in seinem Kopf zu h�ren, die beharrlich fl�sterte: <emphasis>Wir sind hier unten eingeschlossen. Wie lange wird es wohl dauern, bis uns die Luft ausgeht?</emphasis></p><p>�Was machen wir jetzt?�, fragte er.</p><p>Jackon antwortete nicht. Es klackte, als er etwas auf den Boden schlug.</p><p>�Was tust du da?�</p><p>Funken spr�hten. Dann flackerte eine kleine Flamme auf.</p><p>Jackon kauerte auf dem Boden, �ber die Zunderb�chse gebeugt. �Schnell, gib mir ein Holzst�ck.�</p><p>�Hier gibt es kein Holz.�</p><p>�Doch, die T�r!�</p><p>Die T�r war an einer Stelle gesplittert, als sie sie aufgebrochen hatten. Mit einem Fu�tritt gelang es Liam, ein armlanges St�ck herauszubrechen.</p><p>�Dein Hemd�, sagte Jackon, �wickle es herum. Mach schnell, das Feuer geht gleich aus!�</p><p>Hastig zog Liam sein Hemd aus und machte aus dem Holzst�ck eine provisorische Fackel. Sie fing augenblicklich Feuer, als Jackon das brennende Zunderst�ck daranhielt.</p><p>�Wenigstens sitzen wir jetzt nicht mehr im Dunkeln�, sagte er.</p><p>Mit einer Mischung aus Unglauben und Bewunderung f�r Jackons Geistesgegenwart sah Liam zu, wie dieser die Zunderb�chse einsteckte. �Die Decke st�rzt ein, und das Erste, woran du denkst, ist das Ding da?�</p><p>�Unter der Erde ist man ohne Licht verloren�, erwiderte der Rothaarige entschieden.</p><p>Im Fackelschein sahen sie sich die versch�ttete T�r�ffnung an. Liam versuchte gar nicht erst, sie freizulegen. Ger�ll und gro�e Mauerst�cke bildeten eine undurchdringliche Wand, hinter der sich wahrscheinlich Tonnen von Erde auft�rmten. �Hier kommen wir nicht raus.�</p><p>Jackon blickte in die Dunkelheit des Tunnels. �Vielleicht gibt es noch einen anderen Ausgang.�</p><p>Die Aussicht, ein vergessenes Laborgeb�ude zu durchsuchen, das au�er bauf�lligen Kellerr�umen vielleicht noch viel schlimmere Gefahren enthielt, war nicht gerade verlockend. Aber was hatten sie schon f�r eine Wahl? Selbst wenn die Palastbewohner den Gew�lbeeinsturz inzwischen bemerkt hatten und sich umgehend auf die Suche nach ihnen machten, w�rde es m�glicherweise Tage dauern, bis sie den Schutt beseitigt hatten.</p><p>�Sehen wir uns an, wohin der Tunnel f�hrt�, sagte Liam und ging mit der Fackel in der Hand voraus.</p><p>Der Keller war nicht sonderlich gro�. Er bestand aus mehreren Gew�lber�umen, von denen zwei teilweise eingest�rzt waren. Die anderen enthielten alte Kisten, rostige Stahlf�sser, aus denen seltsam riechende Substanzen sickerten, und Schr�nke aus Blech und morschem Holz voller Plunder. Eine Treppe hatte an der Wand eines runden Raumes entlang nach oben gef�hrt, doch jetzt waren von den Stufen nur noch gesplitterte St�mpfe �brig, die aus dem Mauerwerk ragten. Alles war voller Moder, Schimmel und schmieriger Feuchtigkeit. Ihre Fackel drohte mehrmals auszugehen, so schwach brannte sie in der dicken und klebrigen Luft.</p><p>Sie suchten Raum f�r Raum ab, in der Hoffnung, dass diese Gew�lbe mit dem Palastkeller verbunden waren. Doch alles, was sie fanden, war ein zugemauerter Durchgang.</p><p>Niedergeschlagen setzte sich Liam auf eine Kiste. �Und jetzt?�</p><p>Jackon trieb sich im hinteren Teil des Raumes herum. Aus einem Tischbein und einigen halbwegs trockenen Lumpen hatte er sich eine zweite Fackel gemacht. �Du darfst nicht so schnell aufgeben.�</p><p>Es war Liam schon vor einer Weile aufgefallen, dass die Dunkelheit und die stickige Luft seinem Gef�hrten nicht halb so viel ausmachten wie ihm. Manchmal erschien es ihm sogar, als w�rde sich Jackon hier unten wohlf�hlen. �Vergiss es. Wir sitzen fest.�</p><p>�Glaube ich nicht.� Der Rothaarige zw�ngte sich durch die kaum anderthalb Schritt hohe �ffnung, die in den Nebenraum f�hrte. Liam seufzte.</p><p>Er hatte mit allen m�glichen Gefahren gerechnet, als er in den Palast gekommen war, hatte sich damit abgefunden, dass er vielleicht von den Spiegelm�nnern get�tet oder von Corvas ins Gef�ngnis geworfen wurde, wenn er einen Fehler machte. Niemals w�re er auf die Idee gekommen, dass ihm ein dummes Missgeschick bei der Gartenarbeit zum Verh�ngnis werden k�nnte. Nun w�rde er in diesem Keller verrotten, ohne auch nur in die N�he des Gelben Buches gekommen zu sein. Und alles wegen einer verdammten Baumwurzel. Was f�r ein erb�rmliches Ende.</p><p>�Liam�, rief Jackon. �Komm mal her.�</p><p>M�de stand Liam auf und trat ebenfalls durch den schmalen Durchgang.</p><p>Der Rothaarige stand vor einer Wand, vor der sich Ger�mpel auft�rmte. �Hier muss es irgendwo einen Ausgang geben.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Sp�rst du nicht den Luftzug?�</p><p>Liam sp�rte gar nichts, aber er sah, dass seine Fackel aufloderte.</p><p>Jackon stemmte sich gegen einen Blechschrank. Liam legte behutsam seine Fackel weg, damit sie nicht ausging, und half ihm, den Spind wegzuschieben.</p><p>Dahinter kam eine kreisrunde �ffnung zum Vorschein.</p><p>�Siehst du?�, meinte Jackon grinsend.</p><p>Liam leuchtete mit seiner Fackel in das gemauerte Loch. Rostige St�mpfe deuteten darauf hin, dass es einst vergittert gewesen war. Dahinter erstreckte sich ein Gang, der sich nach einigen Schritten in der Dunkelheit verlor. Anders als der Keller bestand er aus Ziegelsteinen.</p><p>Wenn ihn sein Orientierungssinn nicht g�nzlich verlassen hatte, f�hrte der Tunnel vom Palast weg.</p><p>�Wahrscheinlich geh�rt der Gang zum Abwassersystem�, sagte Jackon. �H�r genau hin. Irgendwo rauscht Wasser.�</p><p>Liam wusste, dass viele H�user in Scotia eine Verbindung zur Unterwelt Bradosts aufwiesen. F�r die Altstadt mit ihren jahrhundertealten Anwesen galt das vermutlich in gleichem Ma�.</p><p>Er sch�pfte neuen Mut. Vielleicht waren sie doch noch nicht verloren.</p><p>�Also gut�, sagte er. �Nach dir, wenn ich bitten darf.�</p><p>Nacheinander schl�pften sie durch das Loch und folgten dem Gang. Jackon behielt recht mit seiner Vermutung: Als der Tunnel abknickte, trafen sie auf einen Raum, in dem sich Abw�sser sammelten. Jenseits eines rostigen Gel�nders g�hnte ein Schacht, in den aus diversen Rohren stinkende Br�he st�rzte und rauschend in der schwarzen Tiefe verschwand. �ber ihren K�pfen verliefen dicke Leitungen aus Stein. Sie geh�rten zur Frischwasserversorgung der Stadt, erkl�rte Jackon, und verbanden die Wassert�rme mit den einzelnen Brunnen und H�userblocks.</p><p>Als sie den Sammler durchquerten, bemerkte Liam, dass der Rothaarige sorgenvoll die Lippen zusammenpresste. �Was ist?�</p><p>�Die Fackeln. Sie sind gef�hrlich.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Manchmal bilden sich in den Kan�len brennbare Gase. Wenn man dann offenes Licht bei sich tr�gt...�</p><p>Liam schauderte, als er sich vorstellte, was Jackon nicht aussprach. �Kann man sich irgendwie davor sch�tzen?�</p><p>�Wenn du etwas riechst, das dir verd�chtig vorkommt, l�sch sofort die Fackel.�</p><p>�Wie soll das gehen, Jackon? Hier stinkt es so sehr, dass man kaum Luft bekommt.�</p><p>�Versuch trotzdem, darauf zu achten. Es ist ein fauliger Geruch. Ein bisschen wie verdorbene Eier. Aber vielleicht haben wir Gl�ck. Das Gas ist meistens nur in den tieferen G�ngen.�</p><p>Wieder fiel Liam auf, wie sehr sich sein Gef�hrte in der letzten Stunde ver�ndert hatte. Bei der Arbeit im Garten und w�hrend der Mahlzeiten mit den anderen Bediensteten war Jackon stets sch�chtern und versuchte, nicht aufzufallen. Hier unten dagegen wirkte er sicher und selbstbewusst, als k�nnten ihm die Dunkelheit und die Gefahren dieser Tunnel nichts anhaben.</p><p>Sie stiegen eine Treppe hinab, deren Eisenstufen bei jedem Schritt unheilvoll knarrten und quietschten. Danach wurde der Gang noch niedriger. Au�erdem mussten sie hintereinander gehen, denn mehr als die H�lfte des Tunnels wurde von einem Kanal eingenommen, durch den ein stinkendes Rinnsal floss. Jackon �bernahm die F�hrung.</p><p>�Du scheinst dich hier drin auszukennen�, meinte Liam.</p><p>Der Rothaarige warf ihm einen seltsamen Blick zu. �Wie kommst du darauf?�</p><p>�Nun ja... Die Sache mit dem Gas und die ganzen anderen Dinge, �ber die du Bescheid wei�t. Das ist nicht gerade Allgemeinbildung, oder?�</p><p>Jackon schwieg eine Weile. Schlie�lich sagte er: �Mein Vater hat in den Kan�len gearbeitet. Er hat mir das eine oder andere beigebracht.�</p><p>Liam gab sich mit dieser Antwort zufrieden, obwohl er sp�rte, dass der Rothaarige ihm etwas verschwieg. Jackon bel�stigte ihn nicht mit Fragen, also w�rde er es umgekehrt genauso halten.</p><p>Der Gang endete an einer gusseisernen Luke, deren Riegel sich mit etwas M�he �ffnen lie�. Dahinter kreuzte ein weiterer Kanal ihren Weg, in dem klares Wasser mit beachtlicher Geschwindigkeit dahinstr�mte. Offenbar waren sie auf einen unterirdischen Nebenarm des Rodis gesto�en.</p><p>Ein rostiger Steg �berspannte den vier Schritt breiten Wasserlauf. Er besa� nur auf einer Seite einen Handlauf, der obendrein verbogen und unbrauchbar war.</p><p>Voller Unbehagen betrachtete Liam die wenig vertrauenerweckende Br�cke. Zwar konnte er schwimmen, wenn es sein musste, aber nicht besonders gut.</p><p>�Wir m�ssen da r�ber�, sagte Jackon.</p><p>�Gibt es keinen anderen Weg?�</p><p>�Ich habe keinen gesehen. Es sei denn, du willst durch die Abwasserrohre kriechen. Warte. Ich gehe zuerst.�</p><p>Jackon begann, �ber den Steg zu balancieren, Schritt f�r Schritt, so vorsichtig wie m�glich. Als er die Mitte erreichte, neigte sich die Blechkonstruktion pl�tzlich quietschend zur Seite. Liam sog scharf den Atem ein und sah seinen Gef�hrten schon im Wasser verschwinden, doch Jackon hatte sich blitzschnell am Handlauf festgehalten und sein Gleichgewicht zur�ckgewonnen. Wohlbehalten kam er auf der anderen Seite an.</p><p>�Jetzt du.�</p><p>Liam schluckte trocken. Dann setzte er seinen Fu� auf die Br�cke.</p><p>Rostpartikel rieselten ins Wasser, wenn er nur minimal sein Gewicht verlagerte, doch wie durch ein Wunder trug ihn der Steg. Um nicht denselben Fehler wie Jackon zu begehen, vermied er es, auf den wackeligen Mittelteil zu treten, sondern machte einen gro�en Schritt. Diesmal schwankte die Konstruktion nur ein wenig. Liam wartete, bis sie zu quietschen aufgeh�rt hatte, bevor er weiterging.</p><p>Als er noch eine Arml�nge vom Ufer entfernt war, gab der Steg nach.</p><p>Metall �chzte ohrenbet�ubend, und pl�tzlich stand er mit den F��en in kaltem Wasser. Der vordere Teil der Br�cke war aus der Verankerung gebrochen und schabte �ber die Kanalwand, als er nach unten rutschte. Liam lie� seine Fackel fallen und hielt sich reflexartig am Gel�nder fest. Jackon rief seinen Namen, fiel auf die Knie und streckte die Hand nach ihm aus, doch bevor Liam sie ergreifen konnte, brach das Stegsegment vollst�ndig weg. Wasser schlug �ber ihm zusammen.</p><p>Hektisch ruderte er mit den Armen, bis sein Kopf die Wasseroberfl�che durchstie�. Er kam nicht gegen die Str�mung an und wurde mitgerissen. Jackon war bereits mehrere Schritte entfernt.</p><p>Aus dem Augenwinkel sah er, dass er auf eine schwarze �ffnung in der Wand zutrieb.</p><p>�Halt dich irgendwo fest!�, br�llte Jackon.</p><p>Liam gelang es, zur Kanalwand zu schwimmen. Seine Fingerkuppen fanden in den Mauerfugen Halt. Allerdings machte ihm die K�lte des Wassers zu schaffen. Seine H�nde wurden bereits taub. Lange w�rde er sich nicht festhalten k�nnen.</p><p>Jackon konnte ihm nicht zu Hilfe kommen, denn der begehbare Teil des Kanals endete einen Schritt links und rechts des Stegs. Er beugte sich �ber den Sims und rief: �Schwimm gegen den Strom!�</p><p>Liam lie� die Mauer los und machte einige Schwimmz�ge. Er erreichte damit jedoch nur, dass er noch weiter weggetrieben wurde. Die Str�mung war einfach zu stark. Er k�mpfte die aufkeimende Panik nieder und hielt sich abermals an der Wand fest.</p><p>Seine Gedanken �berschlugen sich. Er durfte nicht aufgeben. Wenn er aufgab, war er verloren.</p><p>Jackon hatte die Fackel auf den Boden gelegt und schl�pfte aus seinen Schuhen. �Nicht!�, stie� Liam hervor, als er begriff, was sein Gef�hrte vorhatte. Jackon h�rte nicht auf ihn. Kopf�ber sprang er in den Kanal und verschwand im Wasser.</p><p>Hatte er den Verstand verloren? Gen�gte es nicht, dass einer von ihnen ertrank?</p><p>Jackon tauchte nicht wieder auf. Vermutlich hatte ihn die Str�mung mitgerissen und in den dunklen Schlund gesp�lt. Liam klammerte sich mit einer Hand fest und tastete sich mit der anderen vor, bis seine Finger Halt fanden. Auf diese Weise versuchte er, sich St�ck f�r St�ck an der Wand entlangzuziehen. Er konnte seine H�nde kaum noch sp�ren. Nicht mehr lange, und ihn w�rden die Kr�fte verlassen.</p><p>Da durchstie� ein roter Schopf die Fluten. Jackon spie einen Schwall Wasser aus, aber er schien wohlauf zu sein. Er hielt eine Art Stange in der Hand und rief etwas. Liam hatte Wasser in den Ohren und verstand nur: �Halte... ziehe dich...�</p><p>Er stie� sich von der Wand ab und schwamm mit all seiner verbliebenen Kraft gegen die Str�mung an. Streckte die Hand aus, bis er die Stange ber�hren konnte.</p><p>�Halt dich fest!�, br�llte Jackon, ging unter und tauchte im n�chsten Augenblick wieder auf. Das rote Haar klebte nass an seiner Stirn. Irgendwie gelang es ihm, sich gegen die Str�mung zu behaupten.</p><p>Liam griff nach der Stange und erkannte im selben Moment, dass es sich um den Handlauf der Br�cke handelte. Jackon hielt sich an den Resten des Stegs fest, sodass er sich an der Stange entlangziehen konnte.</p><p>Wenig sp�ter erreichte er den rettenden Sims. Jackon half ihm, aus dem Wasser zu klettern, bevor er ihm folgte. Benommen vor Entkr�ftung blieben sie nebeneinander auf dem Steinboden liegen und sch�pften Atem.</p><p>�Bist du in Ordnung?�, erkundigte sich Jackon nach einer Weile.</p><p>Liam brachte nur ein Nicken zustande. Sein K�rper war so schwer wie Blei. �Danke�, murmelte er irgendwann.</p><p>Der Rothaarige grinste, w�hrend er sich aufsetzte und nach seinen Schuhen griff. �Ich sollte dir bei Gelegenheit schwimmen beibringen.�</p><p>�Ich kann schwimmen!�</p><p>�O ja, und wie.�</p><p>Liam schnaubte. �Sehen wir lieber zu, dass wir hier rauskommen.�</p><p>�Gute Idee.�</p><p>Wider Erwarten gelang es Liam aufzustehen. Allm�hlich kehrte das Gef�hl in seine Gliedma�en zur�ck, was jedoch nur bedingt ein Gewinn war, denn nun begann er zu frieren. So gut er konnte, rieb er seinen nackten Oberk�rper trocken und w�rmte sich an den Flammen der Fackel auf.</p><p>Schlie�lich gingen sie weiter. Liam �berlie� Jackon die F�hrung und folgte ihm nachdenklich. Der Rothaarige hatte ihm das Leben gerettet. Und nicht nur das - er hatte sein eigenes Leben in Gefahr gebracht, als er ins Wasser gesprungen war. Obwohl sie sich gerade einmal ein paar Tage kannten.</p><p>Wie es schien, hatte Liam unverhofft einen Freund gefunden... und h�tte es in seiner Verzweiflung und Trauer beinahe nicht bemerkt.</p><empty-line/><empty-line/><p>Kurz nach der zerst�rten Br�cke verzweigte sich der Tunnel. Abwasserkan�le und begehbare Wasserleitungen kreuzten den Gang, vergitterte Treppen und Sch�chte f�hrten in die tiefer gelegenen Katakomben hinab. Jackon musste sich bei der Suche nach einem Ausgang ganz auf seinen Instinkt verlassen, denn in diesem Teil der st�dtischen Unterwelt war er noch nie gewesen. Sorgen bereiteten ihm au�erdem die Schlammtaucher, die eine stillgelegte Zisterne in der N�he des Flusses bewohnten und sich in den Kloaken unter der Altstadt herumtrieben. Wenn er ihnen begegnete, erkannten sie ihn wom�glich als einen der Ihren, was Probleme nach sich ziehen konnte. Schlie�lich hielt Liam ihn f�r einen ehemaligen Plantagenarbeiter - und das sollte auch so bleiben.</p><p>Doch allen Schwierigkeiten und Gefahren zum Trotz f�hlte er sich hier unten auf seltsame Weise wohl. Die Kan�le waren in gewisser Weise immer noch seine Heimat. Nicht, dass er sich hierher zur�cksehnte - er hatte den Palast mit seinem Komfort zu sch�tzen gelernt und wollte nie mehr darauf verzichten. Das �nderte jedoch nichts daran, dass ihn die Welt Lady Sarkas und ihrer Diener nach wie vor verwirrte und einsch�chterte und ihm stets das Gef�hl gab, alles falsch zu machen. In den Kan�len dagegen wusste er, wie man sich verhielt, er kannte ihre T�cken und Gesetzm��igkeiten. Hier war er kein unbeholfener T�lpel, sondern ein gewitzter �berlebensk�nstler, und er genoss es.</p><p>Sie blieben in den Haupttunneln, um sich nicht im Gewirr der G�nge zu verlaufen. Wenig sp�ter h�rten sie ged�mpftes Wummern und Stampfen, das mit jedem Schritt n�her klang. Offenbar befanden sie sich am Rande des Kessels, dessen Maschinen die Erde zum Vibieren brachten.</p><p>Jackon entdeckte ein rotes Gl�hen, das aus einem Nebengang drang, und machte Liam darauf aufmerksam.</p><p>�Ein Ausgang?�, fragte der Blonde hoffnungsvoll.</p><p>�Sehen wir es uns an.�</p><p>Der Gang, durch den sie gehen mussten, war schmal, niedrig und unglaublich schmutzig. Wasser tropfte von der Decke, sodass sie schon nach ein paar Schritten von oben bis unten mit Rost und Schlamm bedeckt waren. An den W�nden klebte altes �l. Jackon musste aufpassen, es nicht versehentlich mit seiner Fackel anzuz�nden.</p><p>Das Gl�hen kam aus einem engen Deckenschacht. Eiserne Trittstufen f�hrten darin empor. Oben konnte er ein Gitter ausmachen, durch das lautes H�mmern und Zischen klang. �Anscheinend f�hrt er zu einer Manufaktur.�</p><p>�Worauf wartest du noch? Klettern wir rauf.�</p><p>Jackon h�tte lieber nach einem anderen Ausgang gesucht, wo sie den Tunnel unbeobachtet verlassen konnten. Schlie�lich mochten die meisten Leute die Bewohner der Unterwelt nicht sonderlich oder hassten sie sogar. Aber Liam fror so sehr, dass er zitterte. Jackon konnte nicht von ihm verlangen, noch l�nger durch die Finsternis zu wandern.</p><p>Er warf die Fackel weg, die durch das tr�pfelnde Wasser fast erloschen war, und kletterte die Sprossen hinauf.</p><p>Auf halbem Weg fragte er sich, ob dieser Schacht wirklich f�r Menschen angelegt worden war. Selbst ihm fiel es schwer, sich hindurchzuzw�ngen, und er war nicht gerade ein H�ne. Zu allem �berfluss waren die W�nde von Schmier�l, Rost und Schlimmerem bedeckt. Als er das Gitter wegschob und hinauskletterte, gab es kaum noch eine Stelle seines K�rpers, die nicht schmutzig war.</p><p>Er fand sich in einer Halle wieder, die in rotem Licht ergl�hte. Geschmolzenes Metall quoll aus einem Hochofen in verschiedene Gussformen. Arbeiter schoben gl�hende Barren in Maschinen aus Kettenz�gen, Zahnr�dern und stampfenden Kolben, die den Stahl pressten und schnitten und dabei fauchend goldene Aetherwolken ausstie�en.</p><p>Hastig half er Liam aus dem Schacht. Gerade als sie zum Ausgang der Schmiede huschen wollten, bemerkten die Arbeiter sie.</p><p>Drei der M�nner rissen angstvoll die Augen auf, lie�en ihr Werkzeug fallen und ergriffen die Flucht. Der vierte starrte die beiden Eindringlinge voller Abscheu an. Mit einem Fluch auf den Lippen griff er nach einem Sch�rhaken und kam auf sie zu.</p><p>Obwohl Jackon mit solch einer Reaktion gerechnet hatte, war er so entsetzt, dass er nichts anderes tun konnte, als den w�tenden Arbeiter anzuglotzen. Der Mann lie� den Sch�rhaken kreisen und h�tte ihn mit voller Wucht am Kopf getroffen, wenn Liam nicht im letzten Moment nach vorne geschnellt w�re und ihm die Beine weggetreten h�tte. Keuchend fiel der Arbeiter zu Boden. Liam griff nach dem Sch�rhaken und schwang ihn drohend �ber dem Kopf. Von Grauen erf�llt rappelte der Mann sich auf und floh.</p><p>�Danke�, �chzte Jackon.</p><p>Nun war es Liam, der grinsen musste. �Ich glaube, jetzt sind wir quitt.� Der Blonde half ihm auf. �Verschwinden wir, bevor sie zur�ckkommen.�</p><p>Unbemerkt von den Arbeitern hasteten sie im rot gl�henden Zwielicht zu einer Hintert�r, durch die sie in eine Gasse zwischen zwei Ziegelw�nden gelangten, wo sich niemand aufhielt.</p><p>Ersch�pft lehnte sich Liam gegen eine Mauer. �Endlich�, sagte er. �Ich dachte schon, wir w�rden da nie rauskommen. Warum hat uns dieser Kerl angegriffen?�</p><p>�Ich glaube, er hat uns f�r Ghule gehalten.�</p><p>�Ghule? Soll das ein Witz sein?�</p><p>�Schau dich mal an.�</p><p>Liam sah an sich herunter. Genau wie Jackon bot er einen entsetzlichen Anblick: zerkratzt, durchn�sst und schmutzig von Kopf bis Fu�. �Lieber Himmel�, murmelte er. �Die armen Arbeiter...�</p><p>Pl�tzlich musste Jackon lachen - warum, wusste er selbst nicht. Vielleicht weil ihm klar wurde, wie knapp er eben dem Tod entronnen war, vielleicht auch nur, weil er sich vorstellte, was f�r ein j�mmerliches Bild sie beide abgeben mussten: zwei Gestalten in einer Gasse, dreckig und stinkend und fassungslos dar�ber, was sie gerade erlebt hatten. Er lachte, bis er keine Luft mehr bekam.</p><p>Und dann lachte auch Liam.</p><p>Verwundert starrte er Jackon an, bevor er zu kichern begann, zuerst ganz leise, dann immer lauter, bis er so sehr br�llte, dass ihm die Tr�nen herunterliefen. Schlie�lich kauerten sie nebeneinander auf dem Boden und hielten sich die B�uche.</p><p>Als es Jackon endlich gelang aufzuh�ren, blickte er in das Gesicht des Arbeiters, der ihn angegriffen hatte. Der Mann hielt eine Axt in den H�nden und wirkte verwirrt, genau wie der H�ne neben ihm.</p><p>�Das sollen Ghule sein?�, knurrte der Vorarbeiter. �Zwei verdammte Bettler sind das, du Dummkopf! Wolltest mich wohl zum Narren halten, was? Na warte, daf�r ziehe ich dir einen Schilling vom Lohn ab. Und jetzt zur�ck an die Arbeit, oder ich trete dir in den Hintern...�</p><empty-line/><empty-line/><p>Einige Stunden sp�ter sa� Jackon im Gemeinschaftsraum des Gesindetrakts und st�rkte sich mit einer Tasse Kaffee. Er hatte sich ausgiebig gewaschen, seine Blessuren verarztet und frische Kleider angezogen. Jetzt f�hlte er sich wieder einigerma�en sauber. Liam erz�hlte den anderen Bediensteten gerade zum zweiten Mal, was geschehen war, damit sie endlich aufh�rten, sie mit Fragen zu best�rmen.</p><p>Es hatte eine Weile gedauert, bis sich die Aufregung im Palast gelegt hatte. Als Jackon und Liam zur�ckgekommen waren, hatten sie Hume und die anderen Bediensteten bei der Einsturzstelle vorgefunden - ein zehn Schritt durchmessender und zwei Schritt tiefer Krater -, wo sie im Schutt w�hlten, in der Hoffnung, ein Lebenszeichen von Jackon und Liam zu finden. Wie sich herausstellte, hatte Hume gerade den Keller verlassen, als das Gew�lbe einst�rzte. Nachdem er begriffen hatte, was passiert war, hatte er umgehend die anderen Palastbewohner alarmiert. Auch jetzt war der G�rtner immer noch kreidebleich, denn der Schreck sa� ihm tief in den Knochen. Au�erdem war Umbra f�r eine halbe Stunde mit ihm verschwunden, vermutlich um ihm die Leviten zu lesen, weil Jackon seinetwegen in Gefahr geraten war. Jackon konnte sich lebhaft vorstellen, wie es sein musste, wenn Umbra w�tend war. Hume tat ihm aufrichtig leid.</p><p>Was f�r ein seltsamer Tag... Um ein Haar w�re er von einer Ger�lllawine begraben worden. Wenig sp�ter h�tte man ihn fast mit einem Sch�rhaken erschlagen, kurz nachdem er bis zur Ersch�pfung gegen einen rei�enden Fluss gek�mpft hatte. Alles nicht gerade erfreuliche Erlebnisse, und doch bereute Jackon keine Sekunde davon. Fast sein halbes Leben lang war er auf sich allein gestellt gewesen. Heute hatte er zum ersten Mal Hilfe von einem Gef�hrten bekommen. Gemeinsam Schwierigkeiten zu meistern gefiel ihm viel besser.</p><p>Er hatte noch nie einen Freund gehabt. F�hlte es sich so an, wenn man einen fand?</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>15</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Das Ding in den Schatten</emphasis></strong></p></title><p><strong>D</strong>ie n�chsten Tage waren hei� und trocken. Nur selten zeigte sich eine Wolke am Himmel �ber der Stadt oder sorgte eine Brise f�r Abk�hlung. Eine tr�ge, schl�frige Stimmung herrschte im Palast. Sogar die Kr�hen d�sten und verlie�en kaum ihre Schlupfl�cher im Dachgeb�lk.</p><p>Lady Sarka hatte Arbeiter angeheuert, die s�mtliche Kellerr�ume des alten Laborgeb�udes zusch�tteten, damit es nicht noch einmal zu einem Einsturz kam. Ibbott Hume schien wegen des Vorfalls ein schlechtes Gewissen zu haben und gab Liam und Jackon nur noch leichte Arbeiten. Sie m�hten den Rasen, j�teten Unkraut oder gossen die Rosenhecken, womit sie meist schon am fr�hen Nachmittag fertig waren. Den Rest des Tages ruhten sie sich aus, schlenderten durch die Altstadt oder badeten im Feuersee beim Magistratsgeb�ude. Es gefiel Liam, Zeit mit Jackon zu verbringen. Die gemeinsam �berstandene Gefahr hatte sie zusammengeschwei�t, und dank Jackon f�hlte er sich nicht mehr ganz so einsam auf der Welt.</p><p>Dennoch verlor er niemals sein Ziel aus den Augen. So oft er konnte, sah er sich unauff�llig im Palast um, bis er sich allm�hlich darin zurechtfand. Schlie�lich f�hlte er sich bereit, nach dem Buch zu suchen.</p><p>Abends, bei Sonnenuntergang, traf er sich mit Jackon und den anderen Bediensteten im Gemeinschaftsraum. Auf dem Tisch standen Brot, Hartk�se, ger�ucherte Wurst und Ale. Jocelyn erz�hlte Neuigkeiten aus der Stadt, w�hrend gegessen wurde. Anschlie�end zogen sich die Bediensteten einer nach dem anderen in ihre Unterk�nfte zur�ck, denn nach einem langen Arbeitstag und zwei Kr�gen Ale wollten die meisten nichts als schlafen. Jackon war einer der Ersten, der ging. Liam schloss sich ihm wenig sp�ter an, legte sich angezogen ins Bett und l�schte das Licht.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis Stille im Gesindefl�gel einkehrte. Um sicherzugehen, wartete Liam noch eine halbe Stunde. Schlie�lich stand er auf, �ffnete leise die T�r und trat barf��ig auf den Gang.</p><p>Dunkelheit erf�llte den Korridor. Durch das kleine Fenster am Ende war der Mond �ber den D�chern Bradosts zu sehen. In keiner der angrenzenden Kammern brannte noch Licht.</p><p>Liam durchquerte den Gemeinschaftsraum und folgte einem Flur, der zur K�che, der W�scherei und den anderen Wirtschaftsr�umen f�hrte. Er w�hlte diesen Weg, um nicht durch die Eingangshalle gehen zu m�ssen, wo, wie er annahm, auch nachts Spiegelm�nner Wache standen.</p><p>Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie viele Spiegelm�nner sich im Palast aufhielten. Au�er jenen in der Eingangshalle gab es zwei weitere am Tor der Palastmauer und gewiss noch viele andere in den Gem�chern der Lady und anderen Geb�udetrakten, in die ein Hilfsg�rtner wie er niemals einen Fu� setzte. Manchmal, etwa zur Wachabl�sung, zeigten sich auch welche im Garten. Wenn sie mit ihren Kutten und Spiegelmasken an ihm vorbeischritten, lief ihm stets ein kalter Schauder �ber den R�cken. Er w�rde sich niemals an ihre Anwesenheit gew�hnen, in hundert Jahren nicht.</p><p>Von der K�che gelangte er in einen Saal, der den gr��ten Teil des Hauptfl�gels einnahm. Vermutlich wurden hier B�lle und Bankette abgehalten. Durch die Fenster war der Nachthimmel zu sehen; im Licht der Sterne erahnte Liam Tische, Lehnst�hle und Vitrinen mit kostbarem Kristallgeschirr. Dicke Teppiche d�mpften seine Schritte, sodass er sich erlaubte, etwas schneller zu gehen. Eine Holztreppe, die er hinaufstieg, knarrte, und er f�rchtete, den ganzen Palast aufzuwecken. Oben angekommen, hielt er den Atem an und lauschte, doch es herrschte weiterhin Stille im Saal. Niemand schien ihn geh�rt zu haben.</p><p>Auf leisen Sohlen huschte er die Galerie entlang, �ffnete eine T�r und betrat kurz darauf den Korridor, der zum Kuppelsaal mit den Gem�chern der Lady f�hrte. Normalerweise gelangte man durch die Eingangshalle hierher. Auf den Weg durch den Bankettsaal war er zuf�llig gesto�en, als er in Humes Auftrag etwas aus der K�che geholt und sich danach ein wenig umgesehen hatte.</p><p>Er folgte dem Gang, bis er zu einer Biegung kam. Dort sp�hte er um die Ecke. Etwa zehn Schritte vor ihm begann die Treppe zur Pforte des Kuppelsaals. Davor hielten zwei Spiegelm�nner Wache. Es gab keine Lampe, nicht einmal eine Kerze, und es hatte etwas Gespenstisches, wie die beiden Gestalten in der Dunkelheit des Korridors standen. H�tten sich nicht die Sterne in ihren Masken gespiegelt, w�re Liam vermutlich geradewegs in sie hineingelaufen.</p><p>Unm�glich, an ihnen vorbeizukommen. Er verbarg sich hinter der Gangecke und �berlegte, wie er weiter vorgehen sollte. Quindal hatte gesagt, dass die Lady das Buch mit gro�er Wahrscheinlichkeit im Kuppelsaal aufbewahrte. Allerdings war das nur eine Vermutung des Erfinders; ebenso gut konnte das Buch auch woanders sein.</p><p>Mutlosigkeit �berkam Liam bei dem Gedanken, die zahllosen Zimmer des Palasts nach einem Folianten zu durchsuchen, von dem er nicht einmal wusste, wie er aussah. Nein, besser er hielt sich an den einzigen Hinweis, den er hatte. Er musste versuchen, in Lady Sarkas Bibliothek hineinzukommen.</p><p>Nur wie? Solange die beiden Spiegelm�nner nicht verschwanden, war die T�r unerreichbar f�r ihn.</p><p>Er stand kurz davor umzukehren, �berlegte es sich dann jedoch anders. Jetzt schon aufzugeben kam nicht infrage. Das schuldete er seinem Vater.</p><p><emphasis>Nimm dir ein Beispiel an ihm. Er war hartn�ckig. Anderthalb Jahre hat er seine Nachforschungen betrieben. Glaubst du, er musste w�hrenddessen nie einen R�ckschlag hinnehmen?</emphasis></p><p>Ein schmerzhafter Gedanke schob sich Liam ins Bewusstsein: <emphasis>Und wohin hat ihn seine Beharrlichkeit am Ende gef�hrt?</emphasis></p><p>Er k�mpfte die aufwallende Trauer nieder und zwang sich, noch einmal �ber seine Situation nachzudenken. Quindal hatte zugegeben, dass er nur wenig �ber den Palast wusste. Was, wenn er sich irrte? Wenn der Kuppelsaal noch einen weiteren Eingang besa�? Wom�glich einen weniger gut bewachten? Bei der Gr��e des Geb�udes hielt Liam dies nicht f�r ausgeschlossen.</p><p>So leise, wie er gekommen war, machte er kehrt und ging zum Bankettsaal zur�ck. Da er das Erdgeschoss inzwischen einigerma�en kannte, beschloss er, in den oberen Stockwerken zu suchen. Dort war er allerdings noch nie gewesen, weshalb er noch vorsichtiger und aufmerksamer sein musste. Vor allem tat er gut daran, sich die Lage der Flure und Zimmer genau einzupr�gen, damit er sp�ter wieder zur�ckfand.</p><p>Er kam in einen Trakt, der genauso still und menschenleer zu sein schien wie die meisten Teile des Anwesens. Es <emphasis>roch</emphasis> sogar verlassen: staubig, nach altem Holz und ersten Anzeichen von Moder. Liam versuchte sich nur an jenen T�ren, von denen er glaubte, dass die Flure und Zimmer dahinter an den Kuppelsaal angrenzten. Keine Einzige war verschlossen, sie knarrten nicht einmal, was ihn jedes Mal aufs Neue �berraschte. �lte etwa jemand die Angeln dieser T�ren, obwohl niemand sie je �ffnete?</p><p>Einige der R�umlichkeiten, die er betrat, waren vollkommen leer. Andere enthielten alte M�bel, von einer dicken Staubschicht bedeckt. Wieder andere ein un�bersichtliches Durcheinander aus aufeinandergestapelten St�hlen, Tischen, Truhen und Schr�nken, verborgen unter zerschlissenen Laken, die Liam unwillk�rlich an Leichent�cher erinnerten - doch nirgendwo fand er einen Zugang zum Kuppelsaal.</p><p>Nachdem er sicher war, dass er den Trakt vollst�ndig abgesucht hatte, folgte er einem Gang zur anderen Seite des Anwesens und kam zu einer T�r. Als er sie �ffnete, sah er im Schein des Mondlichtes, das durch ein nahes Fenster fiel, dass das Holz mit einer Schnitzerei versehen war: Sie stellte einen Basilisken dar und glich dem Relief, das er im Keller des alten Labors gefunden hatte.</p><p>Vorsichtig trat er auf eine Galerie mit eisernem Gel�nder und blickte in einen gro�en Raum hinab. Der Geruch, der ihm in die Nase stieg, war sehr schwach, aber �beraus unangenehm. Es roch nach Kot, Schwei� und Erbrochenem - und nach Blut. Gebilde hingen an schweren Ketten von den Deckenbalken. Sein Mund wurde trocken vor Furcht, als er Rippenk�sten und Sch�del zu erkennen meinte. Skelette? Nein, K�fige. Manche waren der Form des menschlichen K�rpers angepasst, doch es gab auch andere, kastenartige, mit dornenbewehrten Stangen.</p><p>Am Rande seines Blickfelds bemerkte er pl�tzlich eine Bewegung, ein Huschen in der Dunkelheit. Liam fuhr herum und horchte angestrengt. Nichts. Nur das Pochen seines Herzens. Vielleicht hatte er sich alles nur eingebildet. So angespannt, wie er war, w�re das kein Wunder.</p><p>Der n�chste Raum war kleiner und enthielt einen steinernen Ofen sowie einen Tisch voller Apparaturen, deren Glasr�hren und -kolben im Sternenlicht wie geschliffener Obsidian schimmerten. Eine alchymistische K�che. Allerdings sah sie nicht aus, als w�re sie noch in Gebrauch, wenngleich die absonderlichen Ger�tschaften nach wie vor seltsame D�fte verstr�mten, schweflige, faulige und ganz und gar fremdartige.</p><p>Schaudernd dachte er an die K�fige im Nebenraum - <emphasis>K�fige in Menschenform</emphasis>. Er wagte sich nicht vorzustellen, welcher Art die Experimente gewesen waren, die einst hier stattgefunden hatten. Er konnte nur hoffen, dass diese R�umlichkeiten Relikte aus alter Zeit waren und nichts mit Lady Sarka zu tun hatten.</p><p>Ein Kr�chzen lie� ihn aufschrecken. Ein Oberlicht des Labors stand offen, auf dem Fensterrahmen hockte eine Kr�he. Blitzschnell ging Liam hinter dem Tisch in Deckung. Er hatte Quindals Warnung nicht vergessen. Hoffentlich hatte ihn der Vogel nicht bemerkt.</p><p>Vorsichtig blickte er zum Fenster auf. Konnten Kr�hen im Dunkeln sehen? Er w�nschte, er w�sste es. Allerdings machte das Tier nicht den Eindruck, als w�rde es ihn beobachten. Es pickte etwas auf, vielleicht ein Insekt, dann flatterte es kreischend davon. In diesem Moment flog ein ganzer Schwarm Kr�hen am Fenster vorbei, so viele, dass sie die Sterne �ber den Baumkronen verdunkelten, bevor sie verschwanden.</p><p>Liam wagte sich erst nach ein paar Minuten hinter dem Tisch hervor. Sein ganzes Vorhaben kam ihm immer t�richter vor. Schierer Wahnsinn, in der Dunkelheit ein Geb�ude zu erkunden, das er nur oberfl�chlich kannte. Hinter jeder Ecke konnte Gefahr lauern. Er beschloss, so schnell wie m�glich den Rest des Fl�gels abzusuchen und es dann f�r den Anfang gut sein zu lassen.</p><p>Er huschte durch Flure und Korridore, bis er zu einer halb offenen T�r kam, durch die schwaches Licht fiel. Liam pirschte sich heran und erblickte einen Mann mit wallender schwarzer M�hne, der eine Kristallkaraffe von einer Kommode nahm und sich Absinth einschenkte, glitzernd wie ein geschmolzener Smaragd. Liam hatte diesen Mann gestern kurz im Garten gesehen und wusste von Jackon, dass er Amander hie�. Jackon schien Angst vor ihm zu haben, allerdings hatte er nicht herausbekommen, weswegen.</p><p>Amander betrat eine Kammer und schloss die T�r hinter sich. Liam hielt es f�r zu riskant, den beleuchteten Raum zu betreten, zumal er sich nichts davon versprach. Er kehrte um und stieg eine Treppe hinauf, an der er auf dem Weg hierher vorbeigekommen war.</p><p>Sein Gef�hl sagte ihm, dass er sich ganz in der N�he des Kuppelsaals befand, aber er wusste, dass er sich t�uschen konnte. Bei all den verwinkelten Gangfluchten, Zwischengeschossen und gewundenen Wendeltreppen war es unm�glich, die Orientierung zu behalten, schon gar nicht bei Nacht. Sicher war nur, dass er sich im obersten Stockwerk aufhielt, denn Teile davon waren zum Dachgeb�lk hin offen. Jene R�ume mied er, denn darin stank es nach Vogelkot, und er wollte um keinen Preis weiteren Kr�hen begegnen.</p><p>Er bog in einen Korridor ein - und hielt inne. Er hatte ein Ger�usch geh�rt; es kam von der Treppe. Als er sich umwandte, erblickte er erneut eine Bewegung in der Dunkelheit. Nein, keine richtige Bewegung, eher ein kurzes Zucken der Schatten, doch diesmal war er sich sicher, dass er es sich nicht eingebildet hatte.</p><p>Eine Kr�he? Er hoffte es beinahe, denn die Vorstellung, dass ihm etwas durch die finsteren Flure folgte, lie� eisiges Grauen in ihm aufsteigen. Ratten? M�glich, bei diesem alten Gem�uer. Gewiss wimmelte es in den W�nden und Zwischenb�den nur so von Nagetieren und anderem Ungeziefer.</p><p>Liam schluckte trocken. Wem wollte er eigentlich etwas vormachen? Keine Ratte verursachte solch ein Ger�usch. Es war ein schleifender Laut gewesen, seltsam fleischig, als w�rde etwas Massiges �ber die Steinstufen kriechen.</p><p>Er versuchte, ruhig zu atmen, und w�nschte, sein Herz w�rde nicht wie verr�ckt wummern, damit er besser h�ren konnte, was in der Schw�rze vor sich ging. Langsam wich er zur�ck, bis er mit dem R�cken gegen eine T�r stie�. Sie war nur angelehnt und gab nach. Er stolperte �ber die Schwelle und fiel mit einem erstickten Schrei auf sein Hinterteil. Staub wallte auf.</p><p>W�hrend er ungeschickt versuchte aufzustehen, rechnete er damit, dass sich jeden Moment etwas auf ihn st�rzen w�rde. Zu seiner �berraschung geschah gar nichts. Dabei war sein Sturz so laut gewesen, dass man ihn noch drei R�ume weiter geh�rt haben musste. Also doch nur eine Ratte? Allm�hlich traute er seinen Sinnen nicht mehr.</p><p>Leise klopfte er sich den Staub von den Kleidern. Erst jetzt sah er, in was f�r einem Raum er sich befand. Der Mond schien durch mehrere Dachfenster herein, Regale standen kreuz und quer und enthielten... <emphasis>Dinge</emphasis>. Sch�del, menschliche und tierische. K�sten voller Knochen. Leere Geh�use riesiger K�fer und Insekten. Gl�ser, in denen absto�ende Gebilde schwammen, F�ten mit aufgequollenen K�pfen und Gliedma�en an Stellen, wo keine sein sollten. Missgebildete Tiere und Organe, aufgespie�t und in Fl�ssigkeit konserviert.</p><p>Ekel und Entsetzen lie�en seinen Atem stocken. Sein Blick fiel auf einen Glaskolben, der zerbrochen auf dem Boden lag. Er schluckte, als in seinen Gedanken ein h�ssliches Bild entstand: Was, wenn eines dieser Dinge entkommen war und sich drau�en herumtrieb?</p><p>Unsinn. Der Inhalt dieser Gl�ser war tot. Toter als tot, seit vielen Jahren schon. Nichts davon kroch irgendwo herum. Und er h�rte besser auf, sich solche Dinge auszumalen. Sinnlose Panik war gewiss das Letzte, was er jetzt brauchte.</p><p>Trotzdem wollte er nichts mehr, als dieses Schreckenskabinett so schnell wie m�glich zu verlassen. Da es ihm nicht sonderlich behagte, in den Gang zur�ckzukehren, wo er das Ger�usch geh�rt hatte, entschied er, die gegen�berliegende T�r zu �ffnen. Vielleicht befand sich dahinter ja ein Zugang zum Kuppelsaal. Gewundert h�tte es ihn nicht: Ein Raum wie dieser schreckte Eindringlinge wirkungsvoller ab als zehn Spiegelm�nner.</p><p>Die Pforte war massiver und schwerer als die anderen. Als Liam sie �ffnete, h�rte er Gekr�chze.</p><p>Kr�hen, diesmal war er ganz sicher. Und offenbar viele davon. Nur sehen konnte er sie nicht. Aber wenige Schritte vor sich entdeckte er eine weitere T�r. Vorsichtig schlich er dorthin. In das eisenverst�rkte Holz war ein vergittertes Fenster eingelassen.</p><p>Mit angehaltenem Atem sp�hte er hindurch. Was er erblickte, war so bizarr, dass er mehrmals blinzeln musste, bis er seinen Augen traute.</p><p>Vor ihm befand sich ein runder Raum, das Innere eines kuppelf�rmigen Erkert�rmchens, zwei oder drei Mannsl�ngen hoch, mit offenen Fensterschlitzen in den W�nden. Auf einer steinernen Kanzel stand Corvas, wie immer in seinen schwarzen Mantel geh�llt. Dutzende von Kr�hen umschwirrten ihn, einige sa�en auf seinen ausgebreiteten Armen und kr�chzten.</p><p>Und Corvas lauschte.</p><p>Quindals Warnung war eine Sache, doch mit eigenen Augen zu beobachten, wie die Kr�hen ihre Botschaften �berbrachten, eine ganz andere. Liam konnte nicht anders, als sich zu fragen, ob es hier in diesem Erker gewesen war, dass Corvas von den Nachforschungen seines Vaters erfahren hatte, aus dem Schnabel eines Rabenvogels. Und welche Nachrichten empfing der bleiche Mann gerade jetzt? An wessen T�r w�rden die Spiegelm�nner im Morgengrauen klopfen, nur weil eine Kr�he ein unbedachtes Wort aufgeschnappt hatte? Liam hatte in dieser Nacht viele unheimliche Dinge gesehen, doch der Anblick von Corvas, wie er seinen gefiederten Spionen zuh�rte, war mit Abstand am beklemmendsten.</p><p>Er durfte nicht l�nger hierbleiben. Irgendwann w�rde eine der Kr�hen ihn entdecken, und dann w�re es um ihn geschehen. Liam wandte sich ab und schlich in die Kammer mit den konservierten Monstrosit�ten zur�ck, wo er lautlos die T�r hinter sich schloss.</p><p>Er hatte genug. Falls es einen zweiten Zugang zum Kuppelsaal gab, w�rde er ihn finden, aber nicht in dieser Nacht. Die st�ndige Angst vor Entdeckung hatte ihn so sehr ersch�pft, dass er nur noch schlafen wollte.</p><p>Doch als er sich der Alchymistenk�che n�herte, h�rte er abermals das Ger�usch.</p><p>Er erstarrte. Da war es, ganz deutlich. Ein Schleifen, wie von ledriger Haut auf Stein.</p><p>Oder wie von Schuppen...</p><p>Langsam wandte er sich um, blickte in den Korridor, aus dem er gekommen war, jede Faser seines K�rpers zum Zerrei�en gespannt.</p><p>Etwas bewegte sich in der Dunkelheit. Es kam jedoch nicht n�her, als f�rchte es das Sternenlicht, das durch die hohen Fenster des Labors fiel.</p><p>Aber es war da. Liam h�rte es atmen.</p><p>Und es beobachtete ihn.</p><p>Eisesk�lte breitete sich in ihm aus, von den Haarspitzen bis zu den Zehen. Alles in ihm schrie nach Flucht. Doch noch m�chtiger war das Verlangen, endlich zu erfahren, was ihm seit dem Raum mit den K�figen folgte. Andernfalls, so f�rchtete er, w�rde er den Verstand verlieren.</p><p>Es kostete ihn all seine Willenskraft, sich zu bewegen, einen Schritt zu tun. Das Ding in den Schatten gab einen fleischigen Laut von sich, als es zur�ckwich.</p><p>Noch einen Schritt. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Am Eingang, wo es sa�, verdichtete sich die Dunkelheit zu einem tiefschwarzen Kern, zu einem unf�rmigen Klumpen Finsternis.</p><p>�Zeig dich�, fl�sterte er mit br�chiger Stimme.</p><p>Pfeifendes Atmen. Dann ein Keuchen voller unterdr�ckter Qual.</p><p>Es machte eine ruckartige Bewegung, und f�r einen fl�chtigen Moment erhaschte Liam einen Blick auf das Ding, oder auf Teile davon, er wusste es nicht. <emphasis>O Gott, nein</emphasis>, durchfuhr es ihn, er wirbelte herum und stie� gegen den Tisch, Glas schepperte, er rannte durch das Labor, den Raum mit den K�figen, hastete, all seine Vorsicht vergessend, die Treppe hinab, nur fort von diesen Kammern und dem Grauen, das darin hauste.</p><empty-line/><empty-line/><p>Schlaflos w�lzte sich Umbra in ihrem Bett von einer Seite auf die andere und verfluchte die Nacht.</p><p>Bei Einbruch der Dunkelheit zog sie sich stets in ihre Kammer zur�ck. Wenn die Sonne hinter dem Horizont versank, verschmolzen die Schatten mit der Finsternis, bis sie schlie�lich verschwanden und f�r Umbra unerreichbar wurden. Deshalb mied sie die Dunkelheit, so gut sie konnte. Ohne die Schatten war sie schwach.</p><p>Sie verlor ihre Kr�fte, sowie der letzte Sonnenstrahl erlosch. Gegen die Ersch�pfung, die sie anschlie�end �berkam, war sie machtlos, weswegen sie meist fr�h zu Bett ging. Sie l�schte die Kerze und schlief wenig sp�ter ein, um nach einigen Stunden vom ersten Licht des Tages geweckt zu werden, erf�llt von neuer Vitalit�t, die sie den langen Schatten des Morgens verdankte.</p><p>Heute jedoch fand sie keinen Schlaf. Wenn sie die Augen schloss, kamen die Bilder - Erinnerungen an eine <emphasis>andere</emphasis> Nacht, eine Nacht voller Feuer und Blut. Sie hatte diese Bilder tief in sich eingeschlossen, in einem dunklen Winkel ihrer Seele, und meist gelang es ihr, nicht daran zu denken. Manchmal jedoch kehrten sie unvermittelt zur�ck, so klar und deutlich, als w�rde sie die Ereignisse jener Stunden noch einmal durchleben.</p><p>Sogar die Schreie konnte sie h�ren.</p><p>Lange nach Mitternacht stand Umbra schlie�lich auf, zog sich trotz der bleiernen Schwere in ihren Gliedern an und verlie� ihr Zimmer. Ziellos streifte sie durch Flure und S�le des Palasts, floh vor der Vergangenheit, in der Hoffnung, den qu�lenden Erinnerungen zu entkommen.</p><p>Seit vier Jahren lebte sie hier. Sie kannte jedes Zimmer, jede Nische des verwinkelten Anwesens, fand sich sogar bei Nacht darin zurecht. Die Finsternis in den Korridoren machte ihr zu schaffen, doch sie widerstand dem Drang, zu ihrer Kammer zur�ckzukehren. Die Dunkelheit war leichter zu ertragen als die Stille in ihrem Zimmer, in der sie mit ihren Gedanken allein war. Au�erdem ging bald die Sonne auf. Sie konnte bereits sp�ren, wie die Ersch�pfung nachlie�.</p><p>Sie hatte keine Stiefel angezogen. Sie liebte es, die k�hlen Steinfliesen unter ihren nackten Fu�sohlen zu sp�ren. Barfu� stieg sie eine Wendeltreppe hinauf, staubige Stufen, die sich in einem Eckturm emporwanden. Oben angekommen, trat sie an ein milchiges Bleiglasfenster, wischte die Spinnweben weg und blickte �ber die Stadt, die sich vor ihr ausbreitete. Hunderte von Laternen glitzerten in den dunklen Gassen, wie ein Meer aus Sternen.</p><p>Sie wollte zusehen, wie die Sonne hinter den H�geln �stlich des Kessels aufstieg und die Schatten von Dachgiebeln, Kaminen und Wetterfahnen auf Stra�en und Pl�tze zeichnete. Wenn ihre Kr�fte erwachten, w�rde sie stark genug sein, die Erinnerungen zu bezwingen. So war es jedes Jahr.</p><p>Im Osten f�rbte sich der Himmel erst violett, dann blau, schlie�lich orange. Tr�bes Morgenlicht kroch �ber die Anh�he. Stadth�user und Villen tauchten aus der Dunkelheit auf. Umbra stand reglos am Fenster, als die Sonne hinter den D�chern erschien. Sp�rte, wie ihr Schatten in die L�nge wuchs. F�hlte ihre Kraft zur�ckkehren.</p><p>Die Nacht war zu Ende. Umbra l�chelte.</p><p>Sie blieb noch eine Weile auf der Turmspitze und lauschte den Ger�uschen der erwachenden Stadt, die kaum h�rbar zu ihr heraufdrangen, ehe sie schlie�lich die Treppe hinunterstieg und bei jedem Schritt die Energie genoss, die durch ihren K�rper str�mte. Die qu�lenden Bilder verblassten bereits. Irgendwann im Lauf des Tages, w�hrend sie ihren Pflichten nachging, w�rden sie g�nzlich verschwinden.</p><p><emphasis>Bis zum n�chsten Mal</emphasis>, fl�sterte eine Stimme in ihrem Innern, doch Umbra schenkte ihr keine Beachtung.</p><p>Ihr Tag begann stets damit, dass sie Jackon im geheimen Zimmer abholte, wohin sie ihn jeden Abend brachte. Allerdings w�rde der Junge fr�hestens in einer halben Stunde aufwachen, sodass sie noch genug Zeit hatte, zu fr�hst�cken. Nach solch einer Nacht brauchte sie dringend einen Kaffee.</p><p>W�hrend sie zu dem Trakt ging, den Corvas, Amander und sie bewohnten, h�rte sie ein Ger�usch. Es kam aus einem verlassenen Korridor.</p><p>Umbra blieb stehen und horchte. Da war es wieder: platschende Schritte, gefolgt von schnaufendem Atem.</p><p>Sie seufzte. Primus. Nicht schon wieder. Wann brachte die Herrin an seinem K�fig endlich ein Schloss an, mit dem er nicht so einfach fertig wurde?</p><p>Mit einer Zornesfalte zwischen den Augenbrauen folgte sie dem Flur. Die aufgehende Sonne schien durch die Buntglasscheiben und �berzog W�nde und Boden mit einem verwirrenden Farbenspiel.</p><p>Primus hatte sie offenbar bemerkt. Er kauerte in einer Nische, wo tiefe Schatten ihn verbargen.</p><p>�Spar dir die M�he�, schnarrte sie. �Ich kann dich sehen.�</p><p>Die missgestaltete Kreatur machte sich so klein wie m�glich.</p><p>�Komm raus. Oder ich helfe nach.�</p><p>Primus gab eine Art Winseln von sich. Manchmal war Umbra, als versuche er, Silben und Worte zu formen, allerdings brachte er nie mehr als ein Kr�chzen zustande. Sie schauderte. Der kleine Mistkerl war einfach widerw�rtig.</p><p>�Also gut. Du hast es nicht anders gewollt.�</p><p>Sie konzentrierte sich, woraufhin ihr Schatten zu wachsen begann und �ber den Boden kroch, bis er Primus� Versteck erreichte. Das Gesch�pf keuchte panisch, als sich schattenhafte Arme um ihn schlangen und ihn aus der Nische zerrten.</p><p>�Ich frage mich�, knurrte Umbra, �warum die Herrin dich nicht l�ngst get�tet hat.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>16</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Seelenh�user</emphasis></strong></p></title><p><strong>N</strong>acht f�r Nacht, wenn die anderen Bewohner des Palasts l�ngst schliefen, holte Umbra Jackon ab und brachte ihn durch den schattenhaften Tunnel zu dem geheimen Zimmer, wo er unter den Augen der Lady seine Gabe schulte.</p><p>Langsam machte er Fortschritte. Bevor er einschlief, nahm er sich stets vor, die T�r zu finden, sodass er mit der Zeit lernte, sich daran zu erinnern, w�hrend er tr�umte. Indem er sich bewusst machte, dass alles, was er in seinen Tr�umen sah und erlebte, nicht real war, verirrte er sich nicht mehr so leicht darin. Wenn er sich M�he gab, konnte er sie sogar nach seinem Willen ver�ndern. Als er wieder einmal vor einer Horde Ghule durch die Kan�le floh, fokussierte er seine Gedanken und w�nschte sich an einen sicheren Ort. Im n�chsten Moment wanderte er �ber eine sonnige Wiese, und seine Furcht einfl��enden Verfolger waren verschwunden.</p><p>Lady Sarka schien das Zimmer nicht zu verlassen, w�hrend er schlief. Wenn er aufwachte, sa� sie stets in ihrem Lehnstuhl, um sich nach seinen Erfahrungen zu erkundigen, ihn f�r seine Fortschritte zu loben oder ihn aufzumuntern, wenn er das Gef�hl hatte, nicht voranzukommen.</p><p>�Ist sie wirklich die ganze Nacht bei mir?�, fragte er eines Abends Umbra.</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Wann schl�ft sie?�</p><p>�Niemals�, antwortete die rothaarige Frau so einsilbig wie immer.</p><p>�Niemals? Aber sie muss doch irgendwann schlafen. Jeder Mensch muss das.�</p><p>�Die Herrin nicht. Und jetzt beeil dich gef�lligst. Sie wartet schon auf dich.�</p><p>Nach einigen Tagen fiel es ihm nicht mehr schwer, die T�r zu finden, obwohl sie sich jede Nacht an einer anderen Stelle befand. Wie die Lady gesagt hatte, war sie stets irgendwo in den Tr�umen versteckt. Mal stand sie mitten auf einer Stra�e, die er entlangging, mal war sie in die Wand der Alten Glasbl�serei eingelassen oder schwebte �ber einer Wasserfl�che. Doch sowie er seine Hand auf den Messsingknauf legen wollte, ver�nderte sich die Umgebung, und die T�r verschwand. Offenbar wollten die Tr�ume verhindern, dass er sie �ffnete.</p><p>Lady Sarka spornte ihn an, nicht aufzugeben, sich nicht von den Tr�umen verwirren zu lassen. Hartn�ckig �bte er weiter.</p><p>Seit dem Beginn seiner Ausbildung war eine Woche vergangen. Jackon hatte sich angew�hnt, gleich nach dem Abendbrot auf sein Zimmer zu gehen, wo er sich wusch und saubere Kleider anzog. Wie an den vergangenen Abenden lie� Umbra nicht lange auf sich warten. Als sie in einer Ecke der Kammer erschien, stand er vom Bett auf und folgte ihr in den Tunnel, der sich durch die Dunkelheit schl�ngelte.</p><p>Voller Unbehagen betrachtete er die schwarzen W�nde, die nicht richtig fest waren, aber auch nicht durchsichtig. Einmal glaubte er zu sehen, wie sich etwas in der Finsternis bewegte.</p><p>�War das eine D�sterkralle?�, fragte er leise.</p><p>�Schon m�glich.�</p><p>Es gebe eine Vielzahl von Wesen, die in der Zwischenwelt der Schatten lebten, hatte Umbra ihm erz�hlt. Gl�cklicherweise war ihnen bisher keines davon begegnet.</p><p>�Wieso m�ssen wir immer durch diesen Tunnel gehen? Gibt es keinen anderen Weg?�</p><p>�Das ist der k�rzeste. Und der unauff�lligste.�</p><p><emphasis>Und vermutlich der gef�hrlichste</emphasis>, dachte Jackon und war erleichtert, als wenig sp�ter Licht die Wand aus Dunkelheit durchbrach. Er trat durch den Spalt und stolperte im n�chsten Moment �ber den ausgeblichenen Teppich. �Wir sehen uns morgen fr�h�, sagte Umbra, bevor sie verschwand und ihn schwindelnd und mit pochenden Schl�fen zur�cklie�. Er w�rde sich nie an diese Art der Fortbewegung gew�hnen.</p><p>Jackon atmete tief ein und aus, bevor er langsam �ber den Teppich ging. Wie immer erf�llte ein seltsamer Duft die fensterlose Kammer - fremdartig, aber wohltuend. Lampen verstr�mten warmes Licht. Lady Sarka kniete hinter dem Wandschirm und fl�sterte leise. Als sie aufstand, sah er etwas in die Schatten huschen, klein, grau, mit ledriger Haut. Bevor er mehr sehen konnte, war es auch schon verschwunden.</p><p>�Was war das?�, fragte er.</p><p>�Nur ein Haustier. Nichts, wovor du Angst haben musst�, f�gte die Lady hinzu, als sie sein Unbehagen bemerkte.</p><p>Er konnte sich kein Tier vorstellen, das so merkw�rdig aussah. Aber ein Mensch war es ganz sicher nicht gewesen. Ihn schauderte.</p><p>L�chelnd kam sie n�her. �Setz dich, Jackon.�</p><p>Er lie� sich auf der Couch nieder. Lady Sarkas karmesinrotes Kleid knisterte, als sie sich in ihren Lehnstuhl setzte.</p><p>�Umbra hat mir berichtet, dass du einen Freund gefunden hast�, sagte sie.</p><p>�Meint Ihr Liam Hugnall?�</p><p>Die Lady nickte. �Hast du ihm erz�hlt, warum du hier bist?�</p><p>�Nein. Nat�rlich nicht.�</p><p>�Das ist wichtig, Jackon. Niemand darf von deiner Gabe wissen. Nicht einmal dein bester Freund. Vergiss das niemals.�</p><p>Ihre Stimme war sanft und freundlich, so wie immer, dennoch h�rte er den warnenden Unterton. �Liam erf�hrt es nicht. Ihr habt mein Wort.�</p><p>�Ich muss mich auf dich verlassen k�nnen. Nun lass uns anfangen.�</p><p>Er machte es sich auf der Couch bequem und nahm sich fest vor, heute die T�r zu �ffnen. Lady Sarka drehte die Lampen dunkler und schaltete das Grammofon hinter dem Wandschirm ein. Eine seltsame Melodie erklang, sanft und monoton wie die Ges�nge in einer Kirche, nur viel beruhigender. Seine Lider wurden schwer. Er schlief ein.</p><p>Er ging durch ein Heckenlabyrinth mit haushohen W�nden. Eine Weile wanderte er ziellos durch die gewundenen G�nge, bevor ihm einfiel, dass er sich in einem Traum befand. Augenblicklich wurden seine Gedanken klarer, das Labyrinth erschien ihm weniger verwirrend. Er machte sich auf die Suche nach der T�r.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis er sie fand. Sie war in die Heckenwand eingelassen. Konzentriert f�hrte er seine Hand zum Knauf. Diesmal w�rde er nicht zulassen, dass sie vor seinen Augen verschwand.</p><p>Die Umgebung ver�nderte sich, als er das Messing ber�hrte. Wo eben noch das Labyrinth gewesen war, erstreckte sich nun ein Kuppelsaal, der in blauem Licht erstrahlte. Eine Stimme rief seinen Namen, und er war versucht, sich umzudrehen.</p><p>Nein. Er durfte sich nicht ablenken lassen.</p><p>Seine Hand schloss sich um den Knauf.</p><p>Der Saal wich einer Menschenmenge. Gesichtslose Leute br�llten und rempelten ihn an. Seine Gedanken wurden verschwommener und begannen, sich in der Kaskade aus Bildern, Ger�chen und Ger�uschen zu verlieren.</p><p><emphasis>Es ist nur ein Traum</emphasis>, sagte er sich. <emphasis>Nur ein Traum.</emphasis></p><p>Er lie� den Knauf nicht los, obwohl er sich schon nicht mehr richtig daran erinnern konnte, weswegen er hergekommen war.</p><p>Die T�r. Er musste die T�r �ffnen.</p><p>Mit einem letzten Rest von Willenskraft drehte er den Knauf und warf sich gegen das Holz. Knarrend schwang die T�r auf. Getragen vom eigenen Schwung stolperte er hindurch.</p><p>Er hatte es geschafft!</p><p>Das Triumphgef�hl erm�glichte es ihm, seine Gedanken zu fokussieren, und er stellte fest, dass er auf einer breiten Stra�e stand. Zu beiden Seiten befanden sich H�user unterschiedlichster Gr��en und Bauweisen: sch�bige H�tten aus Holz und Wellblech neben Pal�sten mit mehreren Fl�geln, Erkern und T�rmen.</p><p><emphasis>Seelenh�user</emphasis>, kam es ihm in den Sinn.</p><p>Er drehte sich um und betrachtete sein eigenes Seelenhaus.</p><p>Es bestand aus Ziegelsteinen und besa� ein schlichtes Schieferdach. Schmiedeeiserne Gitter befanden sich vor den Fenstern, in denen er Ausschnitte seiner Tr�ume erkennen konnte. Hinter der offenen T�r wogte die Menschenmenge, die ihn eben noch umgeben hatte.</p><p>Jackon dachte an die Landschaften, die er in seinen Tr�umen gesehen hatte, die weitl�ufigen G�rten, H�gel und Gew�sser. Daf�r, dass sein Seelenhaus nicht sonderlich gro� war, passte eine Menge hinein.</p><p>In der Stra�e herrschte Stille und d�mmriges Zwielicht. Der Himmel �ber den D�chern war blauschwarz, es gab weder Mond noch Sterne. Silbriger Staub wirbelte um die Kamine und Turmspitzen, und Jackon sp�rte, wie Wind an seiner Kleidung riss.</p><p>Nirgendwo waren Menschen zu sehen, auch keine Kutschen oder Tiere. Als er schon dachte, er w�re vollkommen allein, bemerkte er zwei seltsame Wesen. Sie glichen zwei Fu� hohen W�rfeln aus einer schwamm�hnlichen Substanz und krochen langsam die Stra�e entlang, wobei sie eine feuchte Spur auf dem Kopfsteinpflaster hinterlie�en. Nacheinander glitten sie durch die T�r eines Seelenhauses, ohne sie zu �ffnen. Sie krochen einfach durch das Holz, als w�re es nicht da.</p><p>Jackon h�rte ein Summen und blickte auf. Ein riesiges Insekt schwirrte durch die Luft. Seine vier Fl�gel bewegten sich so schnell, dass man sie kaum erkennen konnte; mit seinen langen, behaarten Beinen umklammerte es einen Tropfen grau schimmernden Materials. Es flog zu einem Seelenhaus, �nderte kurz vorher die Richtung und kam auf ihn zu. Mit vibrierenden Fl�geln schwebte es vor ihm in der Luft und streckte eine Art R�ssel nach seinem Gesicht aus.</p><p>Entsetzen �berkam Jackon. Er wich zur�ck, stolperte und fiel zu Boden. Das Insekt landete auf seiner Brust.</p><p>Schreiend wachte er auf. Er schlug mit den Armen nach dem Untier, bevor er feststellte, dass es gar nicht mehr da war.</p><p>�Alles in Ordnung?�, fragte Lady Sarka.</p><p>Jackon begriff, wo er sich befand. Benommen setzte er sich auf.</p><p>�Hier, trink das.�</p><p>Mit zitternden H�nden griff er nach dem Becher. Das k�hle Wasser tat ihm gut.</p><p>�Ich habe die T�r ge�ffnet�, sagte er mit belegter Stimme.</p><p>Die Lady l�chelte. �Ich wusste, du w�rdest es schaffen.�</p><p>Es fiel Jackon zusehends leichter, sich nach dem Aufwachen an seine Tr�ume zu erinnern. �Ich habe die Seelenh�user gesehen, von denen Ihr gesprochen habt�, berichtete er, als das Grauen nachlie�. �Auf der Stra�e treiben sich merkw�rdige Gesch�pfe herum. Eines hat versucht, mich anzugreifen.�</p><p>�Wie sah es aus?�</p><p>�Wie ein riesiger Moskito. Die anderen wie Schw�mme.�</p><p>�Das waren nur Boten und Sammler. Sie sind harmlos. Wenn sie dich wieder bel�stigen, verjagst du sie einfach.�</p><p>Jackon nahm noch einen Schluck. Er versp�rte nicht das geringste Verlangen, zu dieser seltsamen Stadt zur�ckzukehren. �Ist meine Ausbildung jetzt beendet?�, fragte er matt.</p><p>�Wie kommst du darauf?�</p><p>�Nun ja, ich habe die T�r ge�ffnet.�</p><p>Die Lady lie� ein glockenhelles Lachen erklingen. �Und du meinst, das macht dich bereits zu einem Traumwanderer? Ich f�rchte, ich muss dich entt�uschen, Jackon. Deine Ausbildung f�ngt jetzt erst an.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>17</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Blut f�r Bradost</emphasis></strong></p></title><p><strong>L</strong>iam machte einen Zug, nahm einen Stein vom Brett und legte ihn zu den anderen in die Kiste. Auffordernd blickte er Jackon an.</p><p>Jackon betrachtete das achteckige Spielbrett mit den braunen, wei�en und gelben Steinen in verschiedenen Gr��en und versuchte, sich an die Regeln dieses Spiels zu erinnern. Es waren so viele, dass er die meisten schon wieder vergessen hatte. Unsicher zog er einen Stein.</p><p>�Das ist eine Harpyie�, sagte Liam. �Sie kann drei Felder springen.�</p><p>�So?�</p><p>�Ja. Aber meinen Stein kann sie nicht schlagen. Silber schl�gt Kupfer, nicht umgekehrt.�</p><p>�Tut mir leid.�</p><p>�Macht nichts. Wir fangen einfach von vorne an, und ich erkl�re es dir noch einmal, in Ordnung?�</p><p>Jackon h�rte aufmerksam zu, wie Liam ihm die Regeln erl�uterte. Beim n�chsten Anlauf verlor er haushoch, aber wenigstens wusste er jetzt, wie man die verschiedenen Steine zog. Beim dritten Spiel gelang es ihm beinahe, Liams Basilisk zu schlagen, doch Liam drehte die Partie im letzten Moment, fegte all seine Kobolde vom Brett und holte sich den Stein der Weisen. Trotz der Niederlage begann das Spiel Jackon Spa� zu machen.</p><p>�Noch eins?�</p><p>�Gern.�</p><p>Sie sa�en im Palastgarten, unter den ausladenden �sten eines Apfelbaums, wo die Hitze einigerma�en ertr�glich war. Das Brett lag auf einer umgedrehten Weinkiste. Ibbott Hume hatte ihnen den Nachmittag freigegeben, denn f�r den fr�hen Abend stand ein offizieller Empfang an, bei dem sie nicht gebraucht wurden.</p><p>Nachdem sie die Partie zu Ende gespielt hatten, stand Liam auf. �Genug f�r heute. Ich muss los.�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Zu meinem Gro�onkel. Ich habe versprochen, ihn zu besuchen. Wir sehen uns heute Abend.�</p><p>Nachdem Liam gegangen war, legte Jackon das Spielbrett und die Steine in den Korb und genoss das Nichtstun. Die vergangenen Tage geh�rten zu den sch�nsten seines Lebens. Seit ihrem unfreiwilligen Ausflug in die st�dtische Unterwelt erledigten er und Liam die Gartenarbeit nach M�glichkeit gemeinsam. In den Pausen sa�en sie zusammen, redeten oder alberten im Heckenlabyrinth herum. Liam lehrte ihn die Brett- und Kartenspiele, die sie im Gemeinschaftsraum fanden, und hatte sogar angeboten, ihm Lesen und Schreiben beizubringen. Der Blonde war so viel gebildeter als er, dennoch f�hlte sich Jackon in seiner Gegenwart niemals unwissend oder unterlegen.</p><p>Lady Sarka hatte recht: Liam und er waren tats�chlich Freunde geworden.</p><p>Dabei wusste er kaum etwas �ber ihn: nur dass er aus dem fernen Torle stammte und dass seine Eltern an der Cholera gestorben waren, weswegen sein Gro�onkel ihn bei sich aufgenommen hatte - mehr nicht. Liam war sehr verschlossen, was seine Vergangenheit anging.</p><p>Das machte Jackon nichts aus. Viel schlimmer fand er, dass er nichts von <emphasis>seiner</emphasis> Vergangenheit erz�hlen konnte. Immer, wenn die Sprache darauf kam, musste er die dumme L�ge wiederholen, die die Lady sich f�r ihn ausgedacht hatte, obwohl Liam seit ihrem Abenteuer in den Kan�len vermutlich l�ngst ahnte, dass er ihm etwas verheimlichte.</p><p>Jackon hasste es, ihn zu bel�gen. Sie waren gerade erst Freunde geworden, und schon war er gezwungen, Liam etwas vorzumachen. Andererseits - wie w�rde Liam reagieren, wenn er erf�hre, dass Jackon ein Schlammtaucher gewesen war? M�glicherweise w�re er dann nicht mehr so nett zu ihm. Schlie�lich mochte niemand Schlammtaucher. Nicht einmal die freundlichsten und gro�herzigsten Menschen.</p><p>Jackon seufzte. Besser, er h�rte auf, sich dar�ber den Kopf zu zerbrechen, bevor alles noch komplizierter wurde.</p><p>Am fr�hen Abend tauchten nach und nach die G�ste auf, M�nner in doppelreihigen Gehr�cken und Frauen in kostbaren Kleidern. In ihren Droschken fuhren sie vor das Anwesen, wo Lady Sarka sie empfing und zu einem Pavillon geleitete, den Hume, Liam und Jackon am Vormittag unter den B�umen aufgebaut hatten. Vier Musiker spielten dort auf ihren Instrumenten, Jocelyn und der Palastkoch servierten Wein und Absinth. Von Umbra wusste Jackon, dass es sich bei den G�sten um Patrizier, Aethermakler, Adlige, Luftschiffeigner und andere bedeutende B�rger handelte. Sogar zwei Alchymisten waren gekommen, leicht zu erkennen an ihren flie�enden Gew�ndern. Umbra hielt sich unauff�llig am Rande des Geschehens auf, von wo aus sie die Lady im Auge behielt. Sp�ter gesellten sich Corvas und Amander zu ihr. Die beiden M�nner waren den G�sten sichtlich unheimlich. Wer konnte, machte einen weiten Bogen um sie.</p><p>Eigentlich sollte Jackon gar nicht hier sein - Hume hatte ihm verboten, sich w�hrend des Empfangs drau�en herumzutreiben. Aber da alle viel zu besch�ftigt waren, nahm niemand Notiz von ihm. Er machte sich diesen Umstand zunutze und suchte sich ein Pl�tzchen im Heckenlabyrinth, von dem aus er einen guten Blick auf den Pavillon hatte. Denn neugierig, wie er war, dachte er gar nicht daran, seine Kammer aufzusuchen.</p><p>Allerdings erwies sich das kleine Gartenfest bald als recht langweilig. Die Leute standen herum, rauchten und nippten an ihren Gl�sern. Lady Sarka ging von einem Gr�ppchen zum n�chsten, scherzte mit ihren G�sten und unterhielt sich mal mit diesen, mal mit jenen. Geredet wurde �ber die Unruhen der j�ngsten Zeit und �ber andere Dinge, von denen Jackon nichts verstand. Als er gerade beschloss zu gehen, entdeckte er das Luftschiff.</p><p>Es fuhr �ber die Altstadt, ein gewaltiger Zapfen vor dem rot gl�henden Himmel, dessen silberne H�lle in der Abendsonne schimmerte. Das allein war nicht sonderlich ungew�hnlich; jeden Tag kreisten Dutzende von Luftschiffen �ber Bradost. Dieses jedoch schwebte so tief, dass es beinahe die Kamine von den D�chern riss. Und es kam genau auf den Palast zu.</p><p>Beunruhigt beobachtete Jackon den fliegenden Koloss. Hatte das Schiff Lande- oder Startschwierigkeiten? Es sah nicht danach aus. Die Motoren brummten gleichm��ig, es verlor keine H�he und schlingerte nicht.</p><p>Er blickte zum Gartenfest. Dort hatte noch niemand das Luftschiff bemerkt, nicht einmal Umbra und ihre beiden Gef�hrten. Sollte er sie warnen? Nein, besser, er wartete noch, ob das Schiff abdrehte.</p><p>Doch es behielt seine Richtung bei, und wenig sp�ter kroch sein Schatten �ber den unteren Teil des Palasth�gels. Inzwischen �bert�nte der Motorenl�rm deutlich die Musik. Die ersten G�ste drehten die K�pfe und deuteten verwundert auf das silberne Unget�m.</p><p>Jetzt wurde auch Umbra darauf aufmerksam. Besorgnis erschien in ihrer Miene, sie fl�sterte Corvas etwas zu und bahnte sich durch die Menge einen Weg zu Lady Sarka.</p><p>Jackon blinzelte gegen die versinkende Sonne. Sein K�rper spannte sich an, und pl�tzlich schrie alles in ihm: Gefahr!</p><p>Die Motoren summten wie zehntausend Bienenschw�rme und sonderten goldenen Aetherdampf ab. Das Luftschiff schwebte nun �ber den H�gel, in einer H�he von nicht mehr als f�nfzehn Schritt.</p><p>Kaum befand sich die Bugschnauze �ber Jackon, begann es zu feuern.</p><p>Ein Blitz zuckte fauchend durch die Luft und riss das Dach des Pavillons weg, ein zweiter fuhr in einen Baum. Die G�ste schrien und rannten durcheinander, Tische und St�hle fielen um, Menschen st�rzten zu Boden.</p><p>Jackon war wie erstarrt und blickte zu der silbernen H�lle �ber seinem Kopf empor - bis er Rufe h�rte, die das panische Geschrei �bert�nten. Er schaute durch die Hecke und sah, dass einige der G�ste Waffen gez�ckt hatten, Messer, Pistolen und winzige Armbr�ste. �Blut f�r Bradost!�, schrien sie. �Blut f�r den Magistrat!�</p><p>Als Jackon begriff, was vor sich ging, schien sein Herz stillzustehen. Diese M�nner wollten die Lady ermorden!</p><p>In dem Durcheinander konnte er weder Umbra noch Lady Sarka ausmachen. Spiegelm�nner kamen aus dem Palast gerannt. Ein Blitz zuckte von der Luftschiffgondel herab, traf einen Maskierten und verwandelte ihn in einen unf�rmigen Klumpen Asche. Die anderen verteilten sich und st�rzten sich mit gez�ckten Rabenschn�beln auf die Attent�ter.</p><p>Im n�chsten Moment wurde �berall gek�mpft. Ein junger Mann mit einem Messer warf sich br�llend einem Spiegelmann entgegen und wurde niedergestreckt. Ein anderer legte mit seiner Pistole an und traf einen Maskierten in die Brust, woraufhin der Schwarzgekleidete zu Boden st�rzte, um sich gleich darauf wieder aufzurappeln und dem Sch�tzen die Pistole aus der Hand zu schlagen.</p><p>Jackon kauerte sich in seinem Winkel zusammen und machte sich so klein wie m�glich. Pl�tzlich brachen neben ihm ein Spiegelmann und ein Attent�ter durch die Hecke und rangen miteinander. Jackon sprang auf. Er musste hier fort - nur wohin? Er rannte an den K�mpfenden vorbei, zum Ausgang des Labyrinths und von dort aus durch den Garten. Pulverdampf wogte in der Luft. Wei�es Licht glei�te, als sich ein weiterer Blitz in den Boden bohrte. Vor Angst erstarrte Menschen versteckten sich hinter B�schen und umgeworfenen B�nken.</p><p>Jackon schlug Haken, sprang �ber reglose K�rper. Als ihm drei bewaffnete M�nner entgegenkamen, darunter einer der Alchymisten, warf er sich im zerst�rten Pavillon unter einen Tisch. Der Alchymist schoss mit seiner Miniaturarmbrust und traf einen Spiegelmann in der Schulter, was dem Maskierten nicht das Geringste anzuhaben schien. Hektisch lud der Alchymist nach, w�hrend sich seine beiden Gef�hrten mit ihren Messern auf den Spiegelmann st�rzten.</p><p>In diesem Moment erschien Amander hinter dem Alchymisten, der ihn nicht bemerkte. Seelenruhig zog er seine wei�en Handschuhe aus, warf sie fort und ber�hrte den Attent�ter am Hals. Dieser lie� vor Schreck seine Armbrust fallen und fuhr herum. Seine Augen weiteten sich vor Grauen, als er Amander erkannte. Dann stockte sein Atem, blutiger Schaum quoll aus seinem Mund, und er brach zusammen. Mit einem d�nnen L�cheln betrachtete Amander sein Werk.</p><p>Entsetzt wandte Jackon sich ab. Doch was sich im Rest des Gartens abspielte, war nicht weniger schrecklich. Der Spiegelmann, aus dessen Schulter der winzige Armbrustbolzen ragte, wurde von mehreren Messerstichen getroffen. <emphasis>Warum stirbt er nicht?</emphasis>, durchfuhr es Jackon. Aber der Maskierte taumelte nicht einmal. M�helos streckte er die Angreifer nieder.</p><p>Am Rande des Apfelhains stand Corvas. Der Bleiche starrte das Luftschiff an, das am Palastgeb�ude vorbeigeglitten war, einen engen Bogen beschrieb und zur�ckkam. Pl�tzlich breitete er seine Arme aus, wodurch sein Mantel zwei Schwingen glich. Kr�hen l�sten sich aus der Schw�rze seines K�rpers, ein ganzer Schwarm, der ihn wie eine Windhose umkreiste, bevor er einen spitzen Keil bildete und zu dem Luftschiff hinaufflog. Kreischend, mit Krallen und Schn�beln st�rzten sich die V�gel auf die silberne H�lle und rissen winzige L�cher hinein. Aetherdampf trat aus und umgab das Schiff wie einen glitzernden Schleier.</p><p>Jackon schluckte. Corvas� Macht war noch gr��er und schrecklicher, als er je f�r m�glich gehalten h�tte.</p><p>Er musste irgendwie ins Haus gelangen. Nur dort war er sicher. Als er sich nach einem Fluchtweg umsah, entdeckte er Lady Sarka.</p><p>Sie kauerte inmitten des Durcheinanders zwischen zwei umgest�rzten Tischen. Umbra war bei ihr. Da um die beiden Frauen herum gek�mpft wurde, sa�en sie fest.</p><p>Jackon fasste den Entschluss, ihnen zu helfen. Er kroch unter dem Tisch hervor und hastete geduckt zwischen den B�umen entlang, bis ihn das Handgemenge zwischen einem Spiegelmann und einem Attent�ter zwang, hinter einem Steinl�wen in Deckung zu gehen.</p><p>W�hrenddessen versuchte sich ein Bewaffneter an das Versteck der Lady heranzupirschen. Umbra entdeckte ihn und tat... irgendetwas. Der Mann schrie, wurde nach hinten gerissen, verlor seine Pistole, w�hrend er st�rzte, und bewegte sich nicht mehr.</p><p>Den zweiten Angreifer sah nur Jackon. Der Mann kroch �ber den Rasen, in der Hand einen Dolch. �Herrin!�, schrie Jackon, doch seine Warnung kam zu sp�t. Der Attent�ter sprang auf, warf sich �ber den Tisch und stach zu.</p><p>Lady Sarka wirbelte herum, als sie Jackons Ruf h�rte, sodass sich der Dolch in ihre Schulter bohrte. Blut quoll aus der Wunde und tr�nkte ihr Kleid, mit einem schmerzerf�llten Keuchen fiel sie zur Seite. Der Angreifer kniete sich breitbeinig auf sie und stach wieder und wieder zu, bevor Umbra reagierte und ihm einen Tritt versetzte. Er prallte gegen den Tisch, Umbra verdrehte ihm den Arm, woraufhin er das Messer fallen lie�. Sie stie� ihn von sich, hob das Messer auf und rammte es ihm in den R�cken.</p><p>Jackon war w�hrenddessen aufgestanden und rannte �ber den Rasen, ohne einen Gedanken an die Pistolensch�sse und Schreie um ihn herum. Neben Lady Sarka fiel er auf die Knie. Sie blutete aus einem halben Dutzend Wunden. Ihre Augen tr�bten sich.</p><p>�Herrin�, brachte er mit erstickter Stimme hervor.</p><p>Leise fl�sterte sie seinen Namen und ergriff seine Hand. Ihre Finger waren kalt.</p><p>Er durfte nicht zulassen, dass sie starb. Er musste etwas tun, ihre Wunden verbinden, wenigstens ihr Kleid �ffnen, damit sie atmen konnte. Aber das Entsetzen l�hmte ihn so sehr, dass er nur dasitzen und ihre Hand halten konnte.</p><p>�Jackon!�, rief Umbra. �Wir m�ssen sie fortbringen. Hilf mir.�</p><p>Der barsche Klang ihrer Stimme riss ihn aus seiner Erstarrung. Er sprang auf und ergriff Lady Sarkas Beine, w�hrend Umbra sie an den Schultern hochhob. Gemeinsam trugen sie die Verletzte �ber die Wiese. Ihr Kopf war nach hinten gefallen. Sie hatte das Bewusstsein verloren.</p><p>�Nicht da entlang�, schnarrte Umbra, als er zum Eingang des Anwesens laufen wollte, und dirigierte ihn zum Pavillon.</p><p>Als Jackon sich noch fragte, was sie vorhatte, wankte ein Attent�ter auf sie zu. Der Mann bleckte die Z�hne und presste eine Hand auf eine Schulterwunde; in der anderen hielt er eine Pistole.</p><p>�Vorsicht!�, kreischte Jackon, doch Umbra hatte den Angreifer bereits gesehen. Ihre Augen verengten sich, als sie zu den Apfelb�umen blickte, deren Laubkronen sich dunkel vor der untergehenden Sonne abzeichneten. Der Schatten des h�chsten Baumes begann zu wachsen und bewegte sich auf den Attent�ter zu. Das schwarze Gewirr der �ste auf dem Boden wand sich wie ein Kn�uel Vipern und besa� pl�tzlich Festigkeit und Substanz. Schattenhafte Arme umschlangen den Mann, bevor er mit seiner Pistole anlegen konnte, wickelten sich um seine Brust, seinen Hals, sein Gesicht. Er schrie und brach zusammen, die Schatten lie�en von ihm ab. Rote Striemen wie von Peitschenhieben �berzogen seine Haut.</p><p>In Jackons Kopf drehte sich alles. Er wusste schon lange nicht mehr, ob er all das wirklich erlebte oder ob er durch einen grauenvollen Traum wanderte. Wie in Trance half er Umbra, die Lady in den Pavillon zu bringen. Dort kauerte sie sich in den Schatten und befahl ihm, die Verletzte loszulassen.</p><p>�Nein, du nicht�, sagte sie barsch, als er zu ihr gehen wollte. Die Schatten h�llten die beiden Frauen ein, und im n�chsten Moment waren sie verschwunden.</p><p>Jackon lehnte sich gegen die Pavillonwand und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Wenn er nur nicht so viel Angst h�tte! Unauff�llig schaute er sich um und stellte fest, dass die Spiegelm�nner inzwischen die meisten Attent�ter �berw�ltigt hatten. Trotzdem f�hlte er sich im Garten nach wie vor nicht sicher.</p><p>Er lief in Richtung des Palasteingangs und verbarg sich hinter den Rosenb�schen, als in seiner unmittelbaren N�he ein Pistolenschuss donnerte. Jemand brach vor der Hecke zusammen. Ein Spiegelmann, wie Jackon mit einem verstohlenen Blick feststellte. Seine Spiegelmaske war zerbrochen, zahllose Splitter lagen glitzernd im Gras. Und das Gesicht, das darunter zum Vorschein gekommen war... Jackon schob die Dornen�ste zur Seite, um besser sehen zu k�nnen.</p><p>Es war nicht menschlich.</p><p>Er riss den Kopf herum, als ein gewaltiger Schatten �ber ihn hinwegstrich.</p><p>Das Luftschiff st�rzte ab.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>18</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Vivana</emphasis></strong></p></title><p><strong>H</strong>eruntergekommene Mietskasernen und �rmliche Bretterbuden s�umten die Gasse, der Liam folgte. An der H�gelflanke wirkten die Geb�ude wie aufeinandergestapelt, ein verschachteltes Wirrwarr aus Ziegelstein, Blech und Schiefer. Wo der Hang zu steil war, wich das Kopfsteinpflaster ausgetretenen Treppen, �ber denen sich die Fassaden der oberen Stockwerke beinahe ber�hrten. Abw�sser flossen in einer Rinne talw�rts. Die Luft roch nach Asche und Rauch.</p><p>Liam kam von Quindals Werkstatt. Der Erfinder wollte sich in seinem Haus mit ihm treffen, musste vorher jedoch seine Arbeit zu Ende bringen, weswegen er ihn aufgefordert hatte, schon vorauszugehen. Das Anwesen des Wissenschaftlers stand auf dem �stlichen der drei H�gel, die sich rings um den Kessel erhoben. Der Weg dorthin war nicht sonderlich weit, aber anstrengend, da er ausnahmslos hangaufw�rts f�hrte.</p><p>Liam bekam von seiner Umgebung kaum etwas mit, denn er dachte zum tausendsten Mal an seinen n�chtlichen Streifzug durch den Palast. Ein paar Tage waren seitdem vergangen, doch das Grauen sa� ihm immer noch in den Gliedern. Was immer er in der Alchymistenk�che gesehen hatte, es schien ihm nicht gefolgt zu sein, als er Hals �ber Kopf geflohen war. Dennoch hatte es einen vollen Tag gedauert, bis er sich in seiner Kammer wieder sicher gef�hlt hatte. Ob Hume und die anderen Bediensteten wussten, dass sich nachts seltsame Gesch�pfe in den Fluren herumtrieben? Der Vorfall machte Liam so sehr zu schaffen, dass er am liebsten Jackon davon erz�hlt h�tte. Aber wie sollte er erkl�ren, warum er sich mitten in der Nacht in einem Fl�gel des Palasts aufhielt, in dem er nichts zu suchen hatte? So sehr er Jackon mochte, erschien es ihm doch zu riskant, ihn ins Vertrauen zu ziehen.</p><p>Wenn er dieses Ding wenigstens deutlicher gesehen h�tte... Er hatte lediglich erkennen k�nnen, dass es eine Art Kopf, graue Haut und missgestaltete Gliedma�en besa�. Ein Schauder lief ihm �ber den R�cken, wenn er nur daran dachte.</p><p>Auf der H�gelkuppe blieb er stehen. Vor ihm verlief eine Stra�e, die deutlich breiter und wohnlicher war als die Gassen des Kessels. Zwischen den alten Villen und Herrenh�usern erstreckten sich gepflegte G�rten, in denen Brunnen pl�tscherten. Obwohl die Sonne gerade erst untergegangen war, machten bereits die Lampenanz�nder die Runde, und die Granitfassaden erstrahlten im Schein der Gaslaternen.</p><p>Ein Schild verriet Liam, dass er sich in der richtigen Stra�e befand. Kurz darauf hatte er Quindals Haus gefunden. Gusseiserne Gitter befanden sich vor den Fenstern des zweist�ckigen Anwesens. Das ru�graue Mauerwerk wirkte verwittert, einer der Erker erweckte den Anschein, als k�nnte er jeden Moment auf die Stra�e st�rzen, so zerfallen sah er aus. Eine Kuppel aus Bleiglas kr�nte den Eckturm, und Liam konnte darin die eisernen B�gen eines drehbaren Teleskops erkennen: ein Observatorium, das schon lange nicht mehr benutzt wurde, den blinden Scheiben nach zu urteilen.</p><p>Er holte den Schl�ssel hervor, den er von Quindal bekommen hatte, schloss die Haust�r auf und trat ein. Ein kurzer Flur f�hrte zu einem runden Raum, der sich �ber beide Stockwerke erstreckte. Abendlicht fiel durch eine Kuppel aus Messingstreben und Glas. Im Boden aus Porphyr spiegelte sich schattenhaft seine Gestalt. B�cher, hunderte, wenn nicht sogar tausende, f�llten die Wandregale. Die Holzt�felungen gl�nzten rotbraun im Schein der Lampen. Es roch nach frischem Kaffee.</p><p>Lampen? Kaffeeduft? Quindal hatte ihm nichts davon gesagt, dass er mit jemandem zusammenlebte. Vielleicht ein Diener?</p><p>�Hallo?�, rief Liam.</p><p>Keine Antwort. Vielleicht hatte der Erfinder lediglich vergessen, die Lampen zu l�schen, bevor er aus dem Haus gegangen war. Obwohl er eigentlich nicht zerstreut wirkte.</p><p>Liam beschloss, hier auf Quindal zu warten, und sah sich um. Gem�lde hingen unterhalb der Kuppel, und obwohl er nicht viel von Kunst verstand, sah er auf den ersten Blick, dass es sich um Kostbarkeiten handelte. Eines stellte Tessarion dar, wie er mit hocherhobenem Stab der Todesgefahr trotzte und den Heiden von Varusia predigte. Ein anderes zeigte eine beklemmende Landschaft aus titanischen Ruinen, seltsamen Fl�ssen und schwarzen Felsenk�mmen, in der sich Scharen grotesker Kreaturen tummelten: das Pand�monium, Kerker und Heimstatt der D�monen und verdammten Seelen.</p><p>Im Boden befand sich ein Mosaik: eine Weltkarte aus abertausenden winzigen Steinen. Bradost lag genau in der Mitte, jenseits des Gebirges erstreckte sich Torle, das Land der tausend Fl�sse sowie die Heimat eines gewissen Liam Hugnall, und daneben das von ewigen Kriegen zerrissene Barkisien. Auf der anderen Seite des Meeres: Aquinia mit seinen unergr�ndlichen W�ldern, die Zwillingsinseln Kairis und Jandis und im S�den das W�stenreich Yaro D�ar. Weltkarten waren kostbar und selten; Liam hatte in seinem Leben erst eine einzige zu Gesicht bekommen, eine vergilbte und unleserliche im Atlas seines Vaters. Er konnte sich kaum daran sattsehen.</p><p>Ein Zischen erklang.</p><p>Er erschrak so sehr, dass er gegen die Regalwand prallte. Aus einem der Flure kam ein seltsames Wesen gekrochen. Im ersten Moment dachte er, es sei das Ding aus dem Labor - Tessarion allein wusste, wie es hierhergekommen war. Dann stellte er zu seiner Erleichterung fest, dass es keinerlei �hnlichkeit mit der missgestalteten Monstrosit�t aufwies. Es war eine Art Echse von der Gr��e einer Katze. Aus dem schwarz geschuppten Schlangenleib wuchsen zwei krallenbewehrte Pfoten, mit denen sich das Tier robbend fortbewegte. Es fauchte ihn an und stellte drohend seine R�ckenstacheln auf.</p><p>Langsam wich Liam zur Haust�r zur�ck.</p><p>�Ruac tut dir nichts�, sagte jemand. �Er ist nur ein Tatzelwurm.�</p><p>Ein M�dchen betrat den Saal. Sie trug einen bunten Rock und mochte etwa so alt sein wie er. Das lange braune Haar hatte sie mit silbernen Spangen zur�ckgesteckt. Liam war erleichtert, als sie das Echsengesch�pf zu sich rief. Der Wurm robbte �ber den Boden, kletterte an ihrem Arm empor und machte es sich auf ihren Schultern bequem, indem er seinen Schwanz um ihren Nacken schlang.</p><p>�Du wei�t doch, was ein Tatzelwurm ist, oder?�, fragte sie.</p><p>��h, ja. Nat�rlich�, log er.</p><p>Das M�dchen war sehr h�bsch.</p><p>Liam r�usperte sich. �Wer bist du?�</p><p>�Vivana�, stellte sie sich vor. �Und du bist wohl Liam Hugnall.�</p><p>�Du kennst meinen Namen?�</p><p>�Vater hat von dir erz�hlt.�</p><p>�Vater?�, wiederholte er verwirrt. �Du meinst Nestor Quindal?�</p><p>�Er hat mich mit keinem Wort erw�hnt, richtig?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, woraufhin sie den Mund verzog.</p><p>Liam h�tte nicht verbl�ffter sein k�nnen. Der Gedanke, Quindal k�nnte eine Familie haben, war ihm aus irgendeinem Grund nie gekommen. �Tut mir leid, dass ich einfach so hereinplatze. Quindal... ich meine, dein Vater hat mir den Schl�ssel gegeben. Ich soll hier auf ihn warten.�</p><p>�Macht nichts. M�chtest du Kaffee? Ich habe gerade welchen aufgesetzt.�</p><p>Er folgte ihr ins Nebenzimmer, einen gem�tlichen Salon mit holzget�felten W�nden, Ohrensesseln und noch mehr B�chern. Der Tatzelwurm starrte Liam argw�hnisch mit seinen gelben Reptilienaugen an, w�hrend Vivana an der Anrichte stand und Kaffee einschenkte.</p><p>�Milch? Zucker?�</p><p>�Nur Milch, danke.�</p><p>Sie nahmen Platz. Der Tatzelwurm reckte die Schnauze, um an Vivanas Kaffee zu schn�ffeln. Sie setzte ihn auf den Boden, wo er unter die Anrichte watschelte und sich zusammenrollte.</p><p>�Was hat dein Vater gesagt, als er mich erw�hnte?�, erkundigte sich Liam betont beil�ufig.</p><p>�Dass du dich als mein Gro�cousin aus Torle ausgibst.�</p><p>�Also kennst du die Geschichte, die er sich ausgedacht hat.�</p><p>�Er war so nett, sie mir zu erz�hlen.� Vivana zog die Nase kraus. �Obwohl er mir sonst nicht gerade viel erz�hlt.�</p><p>�Ist das alles, was du wei�t?�</p><p>�Ziemlich.�</p><p>Vermutlich hatte Quindal seine Tochter eingeweiht, um zu verhindern, dass sie ihn und Liam versehentlich verriet, indem sie der falschen Person erz�hlte, sie habe gar keinen Gro�cousin namens Liam. Das war einerseits umsichtig; andererseits erf�llte es Liam mit Sorge, dass nun noch jemand von dieser Sache wusste. Wenn Vivana sich verplapperte, war es um ihn geschehen.</p><p>�Mach dir keine Sorgen�, sagte sie, als h�tte sie seine Gedanken gelesen. �Dein Geheimnis ist bei mir sicher. Was auch immer dein Geheimnis ist.�</p><p>�Habe ich dein Wort?�, fragte er z�gernd.</p><p>�Erwartest du etwa von mir, dass ich schw�re?�</p><p>�Nein. Aber es ist wichtig, dass niemand wei�, wer ich wirklich bin. Mein Leben...�</p><p>�... h�ngt davon ab, ich wei�. Mein Vater hat mir das mehr als deutlich eingesch�rft, das kannst du mir glauben.�</p><p>�Gut�, erwiderte Liam, obwohl er sich immer noch unwohl f�hlte.</p><p>Vivana nippte an ihrem Kaffee und bedachte ihn mit einem seltsamen Blick. �Also, Liam <emphasis>Hugnall</emphasis>, weswegen bist du hier?�</p><p>�Ich muss etwas mit deinem Vater besprechen.�</p><p>�Geheime Dinge, nehme ich an.�</p><p>�So ungef�hr.� Pl�tzlich kam sich Liam wie ein Narr vor. Da sa� er nun mit diesem M�dchen, das er eben erst kennengelernt hatte, und benahm sich wie eine Figur aus einem billigen Kriminalroman.</p><p>Sie seufzte. �M�chtest du, dass ich dir das Haus zeige, bevor mein Vater kommt?�</p><p>�Gern.� Alles war besser, als diese seltsame Unterhaltung weiterzuf�hren.</p><p>Sie tranken ihren Kaffee aus, dann verlie�en sie den Salon und gingen vom Kuppelsaal aus einen Flur entlang. Quindals Haus war ger�umig und verwinkelt, und genau wie im Palast der Lady hatte Liam den Eindruck, dass manche Teile schon lange nicht mehr benutzt wurden.</p><p>�Wohnt ihr hier allein, dein Vater und du?�</p><p>�Wir hatten mal einen Diener, aber Vater war so unzufrieden mit ihm, dass er ihn schon nach zwei Tagen hinausgeworfen hat.�</p><p>�Und deine Mutter?�</p><p>�Sie ist tot.�</p><p>�Oh�, sagte Liam. �Tut mir leid. Ich wollte nicht -�</p><p>�Schon gut. Es ist lange her. Ich war noch ein Kind, als sie gestorben ist. Komm, ich zeige dir ein Bild von ihr.�</p><p>Sie gingen zu einer Nische, wo das Abendlicht auf ein Gem�lde fiel. Darunter stand eine Vase mit Rosen, die die K�pfe h�ngen lie�en. Vivana runzelte die Stirn. �Vater vergisst immer, ihnen Wasser zu geben. Bin gleich wieder da.�</p><p>W�hrend sie mit der Vase davonging, betrachtete Liam das Bild. Es stellte eine Frau dar, der Vivana auffallend �hnlich sah. Dieselben braunen Haare, dieselben dunklen Augen. Und genau wie ihre Tochter trug sie einen bunten Rock, au�erdem ein rotes Kopftuch.</p><p>So kleidete sich keine Frau aus Bradost. Liam brauchte einen Moment, bis er die farbenfrohe Tracht einordnen konnte.</p><p>Vivana kam zur�ck und stellte die Vase auf die Kommode.</p><p>�Deine Mutter war eine Manusch?�, fragte er.</p><p>Sie nickte. �Sie kam vor siebzehn Jahren nach Bradost. Als sie meinen Vater kennengelernt hat, entschloss sie sich hierzubleiben. Ein paar Monate sp�ter wurde ich geboren.�</p><p>Liam wusste nicht viel �ber jenes geheimnisvolle Volk, das in bunten Wagen von Stadt zu Stadt zog, denn nach Scotia kamen nur selten Manusch. Doch als er Vivana nun anblickte, fiel es ihm pl�tzlich auf: die mandelf�rmigen Augen, der olivfarbene Teint - Vivana sah selbst wie eine Manusch aus.</p><p>�Sie war sehr sch�n, nicht wahr?�, sagte Vivana mit einem Anflug von Wehmut in der Stimme.</p><p>�Vermisst du sie?�</p><p>�Ja. Sehr.�</p><p>�Ich meine Eltern auch�, rutschte es ihm heraus.</p><p>Sie blickte ihn argw�hnisch an. �Ich dachte, das ist erfunden. Dass sie tot sind, meine ich.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte sie.</p><p>�Ich glaube, dar�ber sollte ich nicht reden.�</p><p>�Verstehe. Dein gro�es Geheimnis.�</p><p>Er bereute, dass er davon angefangen hatte, und beschloss, das Thema zu wechseln. �Erz�hl mir von den Manusch.�</p><p>�Was willst du denn wissen?�</p><p>�Woher sie kommen. Warum sie durch das Land ziehen und nirgendwo lange bleiben.�</p><p>Vivanas Blick kehrte zu dem Gem�lde zur�ck. �Sie haben keine Heimat mehr. Deshalb m�ssen sie umherwandern und dort leben, wo man sie willkommen hei�t. Leider ist das nicht an vielen Orten der Fall.�</p><p>�Stimmt es, dass sie Schwarze Magie betreiben?�</p><p>�Dummer Aberglaube�, erwiderte sie ver�rgert. �Erz�hlt man sich das da, wo du herkommst?�</p><p>�Manchmal.�</p><p>�H�r nicht auf solches Geschw�tz. Wenn die Leute etwas nicht verstehen, ist es immer gleich Schwarze Magie. Die Manusch verf�gen �ber altes Wissen, das sie benutzen, um den Menschen zu helfen. Wissen �ber die Schattenwelt und ihre Bewohner.�</p><p>Liam betrachtete das Bild. Aus irgendeinem Grund wirkte Vivanas Mutter todtraurig, obwohl sie l�chelte. Er h�tte Vivana gerne noch mehr gefragt, doch in diesem Moment knarrte eine T�r.</p><p>�Das ist Vater.� Sie wandte sich ab und ging zum Saal zur�ck.</p><p>Liam versp�rte leises Bedauern, als er ihr folgte. Mit ihr zu reden hatte ihm gefallen. Quindal h�tte sich ruhig noch ein wenig Zeit lassen k�nnen.</p><p>Der Erfinder war so m�rrisch wie eh und je, als er seine Tochter begr��te. �Ich sehe, ihr habt euch schon miteinander bekannt gemacht. Hast du Liam Kaffee angeboten?�</p><p>�Nat�rlich�, erwiderte Vivana k�hl. �Ich wei�, wie man mit G�sten umgeht.�</p><p>Er musterte sie mit gerunzelter Stirn. �Wie du aussiehst. Hat dir deine Tante diesen Rock aufgeschwatzt?�</p><p>�Tante Livia hat ihn mir geschenkt.�</p><p>�Wann?�</p><p>�Vorgestern.�</p><p>�Also hast du dich wieder bei den Manusch herumgetrieben.�</p><p>�Und wenn schon.�</p><p>Liam tat, als betrachte er fasziniert das Mosaik. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was sich gerade zwischen Quindal und Vivana abspielte, und wollte es auch gar nicht wissen. Er w�nschte, sie h�tten mit ihrem Streit gewartet, bis er gegangen war.</p><p>�Morgen bleibst du zu Hause�, sagte Quindal. �Ich habe einen neuen Hauslehrer gefunden. Er will dich kennenlernen.�</p><p>�Aber morgen muss ich Onkel Madalin im Wanderzirkus helfen.�</p><p>�Sag ihm ab.�</p><p>�Das geht nicht. Ich habe es ihm versprochen. Schon letzte Woche.�</p><p>�Dein Unterricht ist wichtiger als dieser Manuschunfug.�</p><p>�Manuschunfug?�, fauchte Vivana. �Wenn Mutter dich h�ren k�nnte!�</p><p>Mit verkniffener Miene wandte sich der Erfinder an Liam. �Entschuldigst du uns?�</p><p>�Nat�rlich�, erwiderte Liam und war erleichtert, als die beiden im Salon verschwanden und dort weiterstritten. Sie bem�hten sich, leise zu sein, dennoch h�rte er Wortfetzen wie �undankbar�, �nur das Beste f�r dich� und �nicht so aufs�ssig�. Der Streit endete, als Vivana rief: �Ich gehe morgen zu Onkel Madalin, und wenn du eine Million Hauslehrer einbestellst!�</p><p>Sie rauschte mit zornigem Gesicht an Liam vorbei. �Hat mich gefreut�, sagte er mit einem schiefen L�cheln, doch sie nahm keine Notiz von ihm. Kurz darauf knallte eine T�r.</p><p>Liam blies die Backen auf. Schon w�hrend seines kurzen Gespr�chs mit Vivana hatte er den Eindruck gewonnen, dass ihr Verh�ltnis zu Quindal nicht gerade das beste war. Doch dass es so schlimm stand, h�tte er nicht gedacht.</p><p>Er wartete darauf, dass Quindal wieder aus dem Salon kam. Als das nicht geschah, trat er z�gernd ein.</p><p>�Ich muss mich f�r meine Tochter entschuldigen�, sagte der Wissenschaftler. �Sie ist mitunter ein wenig aufbrausend.�</p><p>�Warum haben Sie nicht gesagt, dass Sie Familie haben?�</p><p>�Du hast es doch auch so erfahren.� Quindals Gesicht verfinsterte sich, als er den Tatzelwurm unter der Anrichte entdeckte. �Verschwinde. Na los!�</p><p>Widerwillig kroch das Gesch�pf aus dem Zimmer, nicht ohne den Erfinder dabei anzufauchen.</p><p>�Ein eigenartiges Tier�, meinte Liam, als das Schweigen unangenehm zu werden drohte.</p><p>�Gr�sslich, nicht wahr? Ich w�nschte, Vivana w�re nicht so vernarrt in dieses Vieh.�</p><p>�Was ist das f�r ein Wanderzirkus, von dem sie gesprochen hat?�</p><p>�Herumh�pfende Artisten, Wahrsagerei und anderer Kinderkram. Geh zum Platz der Erztugenden, dort kannst du dir diesen Mummenschanz mit eigenen Augen ansehen. Aber deswegen bist du nicht hier, oder?�</p><p>�Nein.�</p><p>Quindal nickte knapp. �Ich habe ein Pl�tzchen, wo wir uns ungest�rt unterhalten k�nnen.� Zu Liams Verwunderung schraubte er einen Finger seiner mechanischen Hand ab. Darunter kam ein gezackter Metallstift zum Vorschein, den er in ein winziges Loch in der Holzt�felung schob und drehte.</p><p>Hinter sich h�rte Liam ein Schaben von Holz auf Stein. Er wandte sich um und sah, dass ein Regalsegment nach innen schwang und den Blick auf einen Durchgang mit unverputzten Mauern freigab.</p><p>�Eine Geheimt�r�, stellte er fest.</p><p>�Theatralisch, ich wei߫, erwiderte Quindal. �Aber gewisse Vorsichtsma�nahmen sind in diesen Zeiten leider unumg�nglich.�</p><p>Er schraubte den Finger wieder an und nahm eine Gaslampe, und sie betraten den Gang. Der Erfinder bet�tigte einen Hebel, woraufhin sich das Regalsegment wieder schloss. Dann schob er ein verschn�rkeltes Gitter beiseite, hinter dem sich eine Kabine aus r�tlichem Holz befand. Sie stiegen ein, Quindal fischte eine Aetherkapsel aus seiner Hosentasche und schlug sie an der Kabinenwand auf wie eine Nuss. Als der Aether auszustr�men begann, steckte er die Kapsel in die daf�r vorgesehene �ffnung. Verborgene Mechanik setzte sich knirschend in Gang. Quindal schloss das Gitter und dr�ckte einen der kupfernen Kn�pfe. Langsam und ruckelnd fuhren sie nach unten.</p><p>Liam fiel etwas ein. Er schob seine Hand in die Hosentasche. �Hier. Der Haust�rschl�ssel.�</p><p>�Behalte ihn. Schlie�lich geh�rst du gewisserma�en zur Familie.�</p><p>�Vivana hat mir �brigens gesagt, dass sie Bescheid wei�. Was meinen falschen Namen betrifft, meine ich.�</p><p>�Ich musste sie einweihen. Sie h�tte dich sonst in Gefahr bringen k�nnen.�</p><p>�Werden Sie ihr auch den Rest erz�hlen?�</p><p>�Nein.� Quindal bedachte ihn mit einem warnenden Blick. �Und du auch nicht, verstanden? Es gen�gt, dass wir beide in der Sache drinstecken.�</p><p>Hinter dem Gitter zog die verwitterte und von Spinnweben bedeckte Ziegelsteinwand des Schachtes vorbei. Nach zwanzig, drei�ig Fu� tat sich schlie�lich ein Durchgang vor ihnen auf. Der Aufzug hielt an, und Quindal �ffnete das Gitter.</p><p>Sie betraten einen unterirdischen Raum, in dem es zu Liams �berraschung beinahe so hell war wie in dem Saal unter der Glaskuppel, obwohl nirgendwo Lampen brannten. Er entdeckte zwei �ffnungen in der Decke, durch die D�mmerlicht fiel.</p><p>�Spiegel�, erkl�rte Quindal. �Sie leiten das Tageslicht durch Sch�chte in den Mauern.�</p><p>Liam blickte sich um. Der Keller war voller Pflanzen: exotische B�sche mit handtellergro�en Bl�ten und fleischigen Bl�ttern sowie Klettergew�chse, die an den Steinmauern emporwuchsen. Sie schienen hier unten pr�chtig zu gedeihen. �Was ist das f�r ein Raum?�</p><p>�Ein Versteck f�r schlechte Zeiten. Kaum jemand wei� davon - und das soll auch so bleiben, wenn du verstehst, was ich meine.�</p><p>Liam nickte. Unwillk�rlich fragte er sich, ob dies der Raum war, in dem sich sein Vater mit den anderen Verschw�rern getroffen hatte.</p><p>Quindal hatte die Gaslampe heller gedreht, denn das Tageslicht wurde von Minute zu Minute schw�cher. Er durchquerte den Keller und warf einen Blick in jeden Winkel.</p><p>In seiner gesunden Hand hielt er eine Pistole.</p><p>�Wof�r ist die Waffe?�, fragte Liam verwundert.</p><p>�Der Keller hat Verbindungen zu den Katakomben. Man wei� nie, was aus der Dunkelheit heraufkriecht. Einmal hat sich ein Ghul hierherverirrt.�</p><p>Liam unterdr�ckte ein Schaudern. Er hatte die Ger�chte um diese unheimlichen Gesch�pfe immer f�r Ammenm�rchen gehalten, f�r Geschichten, um Kinder zu erschrecken. Zum Gl�ck erfuhr er erst jetzt, dass es sie wirklich gab. H�tte er das schon gewusst, als er mit Jackon in der Kanalisation umhergeirrt war, h�tte er sich vermutlich vor lauter Angst nicht mehr r�hren k�nnen.</p><p>Offenbar drohte keine Gefahr, denn Quindal schob die Pistole wieder in das verborgene Halfter unter seiner Weste. �Also�, meinte er, �was wolltest du mir erz�hlen?�</p><p>�Ich habe mich nachts im Palast umgeschaut und versucht, in den Kuppelsaal zu gelangen. Aber er wird zu gut bewacht. Es ist unm�glich, an den Spiegelm�nnern vorbeizukommen. Ich habe nach einem anderen Eingang gesucht, doch es scheint nur diesen einen zu geben.�</p><p>Quindal nickte. �Ich habe dir gesagt, dass es nicht leicht werden wird. Lady Sarka ist vorsichtig. Was wirst du jetzt tun?�</p><p>�Weitersuchen�, antwortete Liam. �Der Palast ist gr��er, als er aussieht. M�glich, dass ich etwas �bersehen habe. Allerdings ist da noch eine andere Sache...�</p><p>�Hat man dich entdeckt?�</p><p>�Nein... nicht richtig. Irgendetwas ist auf mich aufmerksam geworden. Ein Tier, dachte ich zuerst. Aber es muss etwas anderes gewesen sein. Ein verkr�ppelter Zwerg�, f�gte er in Ermangelung einer besseren Beschreibung hinzu.</p><p>�Und dieses Ding hat dich nicht verraten?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wieso bist du dir da so sicher?�</p><p>�Nun ja, ich sitze nicht im Gef�ngnis.�</p><p>Der Erfinder stie� ein kurzes, freudloses Lachen aus. �Da hast du wohl recht.�</p><p>�Was war das f�r ein Wesen?�</p><p>Quindal zuckte mit den Achseln. �Vergiss nicht, dass Lady Sarka Alchymistin ist. Wer wei�, was sich alles in ihrem Haus herumtreibt.�</p><p>Liam h�tte sich eine beruhigendere Antwort erhofft. Bei der Vorstellung, auf seinem n�chsten Streifzug vielleicht noch schrecklicheren Wesen zu begegnen, stellten sich die H�rchen an seinen Armen auf.</p><p>�Ich war auch nicht unt�tig�, sagte Quindal. Er gab Liam mit einer Geste zu verstehen, ihm zu einem Tisch zu folgen, auf dem eine Eisenkassette lag. Der Erfinder schloss sie auf und holte ein Buch heraus. Es besa� einen Ledereinband. Die Seiten waren gelb vor Alter.</p><p>�Was ist das?�, fragte Liam.</p><p>�Ich habe ein paar Nachforschungen angestellt. An dieses Buch heranzukommen war nicht ganz ungef�hrlich. Bete, dass mich Corvas� Kr�hen nicht beobachtet haben. Sonst ergeht es mir wie deinem Vater.�</p><p>Erinnerungen flackerten auf: Corvas, wie er den Botschaften der Rabenv�gel lauschte. Sein Vater, tot auf dem Boden der Sternwarte. Doch Liam lie� nicht zu, dass der Schmerz ihn �berw�ltigte.</p><p>�Ich habe darin etwas gefunden, das dich interessieren wird.� Quindal bl�tterte in dem Folianten, bis er zu der gesuchten Stelle kam.</p><p>Liam betrachtete die aufgeschlagene Seite. Illustrationen befanden sich an den R�ndern, winzige, ineinander verschlungene Tiere und Fabelwesen, mit gro�er Kunstfertigkeit gezeichnet. Das alte Pergament bedeckten Zeichen und Symbole, deren Bedeutung er nicht kannte. Darunter befand sich eine Zeichnung. Das Buch, das sie darstellte, besa� einen gelben Einband, verziert mit einem Vogel, der mit ausgebreiteten Schwingen aus einem Flammenmeer aufstieg.</p><p>�Das Gelbe Buch von Yaro D�ar!�, stie� er hervor.</p><p>�Zumindest wei�t du jetzt, wie es aussieht�, erwiderte Quindal.</p><p>Liam bl�tterte in den Seiten. �berall Symbole und handschriftliche, unleserliche Zeilen. �Steht darin noch mehr?�</p><p>�Nein. Nichts.�</p><p>�Aber das ergibt keinen Sinn. Warum bildet man ein Buch ab, ohne zu erkl�ren, worum es sich handelt?�</p><p>�Hier, siehst du das? Es wurden Seiten herausgerissen. �brigens nicht nur aus diesem Buch - aus fast allen alten Folianten in der Bibliothek von Bradost.� Die Zahnr�der der mechanischen Hand surrten, als der Erfinder sie auf die vergilbten Seiten presste. �Jemand gibt sich offenbar gro�e M�he zu verschleiern, was es mit dem Gelben Buch von Yaro D�ar auf sich hat.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Vivana hatte ihr Bett zur Seite geschoben und kauerte in der Zimmerecke. Dort, eine Arml�nge �ber dem Boden und normalerweise hinter dem Kopfteil des Bettes versteckt, befand sich ein Loch in der Wand. Sie hatte es vor zwei Jahren gemacht, nachdem sie zuf�llig herausgefunden hatte, dass einer der Lichtsch�chte des Kellers an ihrem Zimmer vorbeif�hrte. Mit ihrem Brief�ffner hatte sie den Putz abgeschabt und den M�rtel aus den Fugen gekratzt, bis sich ein Stein herausnehmen lie� und man einen Blick in den Schacht werfen konnte. Eine langwierige, m�hsame Arbeit. Doch Vivana konnte hartn�ckig sein, wenn es darauf ankam.</p><p>Ihr Vater wusste nichts von dem Loch.</p><p>Und er w�rde nie erfahren, dass Vivana, wenn sie an der �ffnung lauschte und ganz leise war, jedes Wort h�ren konnte, das im Keller gesprochen wurde.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>19</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Homunculi</emphasis></strong></p></title><p><strong>E</strong>hrf�rchtig betrachtete Jackon die Heckflosse, die so hoch wie ein mehrst�ckiges Haus vor ihm aufragte. Ein H�henruder war zersplittert, im Rumpf klafften unz�hlige kleine L�cher und gaben den Blick auf das eiserne Gerippe im Innern frei. Eine abgebrochene Motorgondel hatte die Erde aufgerissen und lag mit verbogenen Propellerbl�ttern am Ende einer zwanzig Fu� langen Furche. Goldener Aetherdampf str�mte aus der Blechh�lse.</p><p>Es war eine Sache, ein Luftschiff hoch am Himmel zu bestaunen, aber eine v�llig andere, unmittelbar neben einem dieser Unget�me zu stehen. Jackon streckte die Hand aus und ber�hrte die silbrige Au�enhaut. Glatt f�hlte sie sich an, metallisch und k�hl.</p><p>Er trat einige Schritte zur�ck und betrachtete das Bild der Zerst�rung.</p><p>Das Schiff war beim Absturz in der Mitte eingeknickt und hatte eine breite Schneise in die Palastmauer gerissen. Der Bug hatte sich in ein Stadthaus gebohrt und das Geb�ude zum Einsturz gebracht. Der hintere Teil lag im Garten, umgeben von entwurzelten B�umen. Corvas� Kr�hen sa�en auf der H�lle wie Aasfresser auf einem Kadaver, von den Lecks in den Traggaszellen stiegen Aetherschwaden zum Nachthimmel auf. Hunderte von Menschen waren auf der Stra�e zusammengestr�mt, Laternen und Karbidlampen in den H�nden. Manche halfen den Bewohnern des eingest�rzten Hauses, doch die meisten standen einfach nur da, in sicherer Entfernung von den Spiegelm�nnern, die das Luftschiff umstellten.</p><p>Aeronauten in ledernen Schutzanz�gen, die meisten verletzt, kletterten aus der zerschmetterten Gondel. Die ersten beiden wehrten sich, als die Spiegelm�nner sie ergreifen wollten. Die Maskierten umringten sie und hieben mit ihren Rabenschn�beln auf sie ein; Sekunden sp�ter lagen sie tot auf dem Kopfsteinpflaster. Die anderen Besatzungsmitglieder ergaben sich daraufhin und wurden zum Palast getrieben.</p><p>Jackon betrachtete die d�steren Gesichter der M�nner und Frauen, die an ihm vorbeimarschierten, die H�nde hinter den K�pfen verschr�nkt. Sie waren Attent�ter und M�rder, die nichts als den Tod verdient hatten. Dennoch versp�rte er weder Hass noch den Wunsch nach Rache. Das Entsetzen der vergangenen Stunde sa� noch zu tief und lie� keine andere Empfindung zu.</p><p><emphasis>Lady Sarka ist tot.</emphasis></p><p>Er hatte gegen diesen Gedanken angek�mpft, hatte versucht, sich einzureden, dass er sich irrte, doch allm�hlich wurde ihm klar, dass er sich etwas vormachte. Er hatte gesehen, wie der Attent�ter auf die Lady einstach, wie sie aus einem halben Dutzend Wunden blutete, als Umbra sie fortbrachte. Niemand �berlebte solche Verletzungen. Nicht einmal die m�chtige, engelsgleiche, Ehrfurcht gebietende Herrscherin von Bradost.</p><p><emphasis>Tot.</emphasis></p><p>Die Heftigkeit seiner Trauer �berraschte Jackon. Was wurde jetzt aus ihm? Lady Sarka hatte ihn aus dem Elend der Kan�le geholt und ihm ein besseres Leben geschenkt. Ohne sie war er wieder ein Schlammtaucher. Ein Niemand.</p><p>Wie in Trance ging er zum Palast zur�ck.</p><p>Der Kampf war l�ngst zu Ende. Die unbeteiligten G�ste und Musiker hatten sich aus ihren Verstecken hervorgewagt. Corvas befahl Jocelyn, die Leute wegzuschaffen, woraufhin die Diener die ver�ngstigten M�nner und Frauen in den Palast f�hrten. Von den Attent�tern waren die meisten tot oder so schwer verletzt, dass sie keine Gefahr mehr darstellten. Offenbar hatten nur zwei den Kampf unbeschadet �berstanden. Sie lagen auf dem Boden, bewacht von Spiegelm�nnern.</p><p>Auch die Aeronauten mussten sich hinlegen. Jackon traute sich nicht n�her heran, also kletterte er auf einen Apfelbaum, der ihm eine gute Sicht auf das Geschehen bot. Corvas befahl zwei Spiegelm�nnern, den Luftschiffkommandanten herzubringen, woraufhin die Maskierten einen Aeronauten vor ihm auf die Knie zwangen.</p><p>�Wer steckt hinter diesem Anschlag?�, fragte der Bleiche.</p><p>�Mit Verr�tern an Bradost und der Republik rede ich nicht�, erwiderte der Kapit�n barsch und spuckte aus.</p><p>Wortlos nickte Corvas Amander zu, der zu den beiden �berlebenden Attent�tern ging, einer jungen Frau und einem Mann mit vernarbtem Gesicht. Dem Mann legte Amander die Hand auf den Kopf, nur eine fl�chtige Ber�hrung, die jedoch ausreichte, dass sein Gift zu wirken begann. Der Attent�ter zuckte am ganzen Leib, hustete Blut, verzerrte vor Qual das Gesicht und starb.</p><p>Jackon konnte das Grauen der anderen Gefangenen f�rmlich sp�ren.</p><p>�Antworte, oder all deine Freunde erleiden dasselbe Schicksal�, sagte Corvas mit seiner tonlosen Stimme.</p><p>�Lass dich nicht einsch�chtern, Coel�, rief die junge Frau. �Die Lady ist tot! Ich habe es gesehen. Will hat sie abgestochen...�</p><p>Corvas machte eine herrische Geste, und Amander brachte sie mit einer Ber�hrung seiner H�nde zum Schweigen. Obwohl sie ebenso qualvoll starb wie ihr Gef�hrte, l�chelte der Kapit�n.</p><p>�Habt ihr geh�rt, Freunde?�, rief er. �Wir haben gesiegt! Bradost ist frei...�</p><p>Ein paar der Gefangenen riefen �Bradost!� und �Ein Hoch auf die Republik!�, bevor die Spiegelm�nner dem Jubel ein Ende machten, indem sie mit den Sch�ften ihrer Rabenschn�bel auf die Aeronauten einschlugen.</p><p>�Ihr irrt euch�, sagte Corvas. �Die Lordkanzlerin ist nicht tot.�</p><p>Der Kapit�n kr�mmte sich von einem Schlag in die Magengrube. �Erz�hl deine L�gen, wem du willst�, �chzte er. �Meine Leute wissen, was sie gesehen haben.�</p><p>Corvas machte sich nicht die M�he, darauf zu antworten. Wortlos drehte er den Kopf und blickte zu einem Balkon empor, auf dem Umbra stand.</p><p>Hinter der rothaarigen Leibw�chterin erschien Lady Sarka.</p><p>Jackon musste zweimal blinzeln, bis er sicher war, dass ihm seine Augen keinen Streich spielten. Es war die Lady, ohne jeden Zweifel. Blass und sch�n trat sie an die Br�stung. Das Haar fiel in weichen Locken auf ihre Schultern, ihr zierlicher Leib zeigte keinerlei Anzeichen von Verletzung, nicht einmal Blut war zu sehen. Statt ihres Abendgewands trug sie nichts als eine Decke, mit der sie ihren nackten K�rper verh�llte.</p><p>Wie, bei allen Namen Tessarions, war das nur m�glich?</p><p>Stille breitete sich im Garten aus, als die Lady ihren Blick �ber die Gefangenen gleiten lie�.</p><p>�Ich habe dir eine Frage gestellt�, wandte sich Corvas an den Kapit�n.</p><p>�Wir haben sie sterben sehen�, stie� der Aeronaut hervor. �Was ist das f�r eine Teufelei?�</p><p>Corvas packte ihn am Kinn. �Rede!�</p><p>Es mussten keine weiteren Gefangenen sterben. Das unvermittelte Auftauchen von Lady Sarka hatte gen�gt, den Widerstand des Kapit�ns zu brechen. Stockend beantwortete er Frage um Frage, die Corvas auf ihn abschoss.</p><p>Jackon versuchte gar nicht erst zuzuh�ren. Er starrte die Lady an, die reglos an der Br�stung stand. Hatte ein Arzt oder irgendeine machtvolle Medizin sie gerettet? Nein, unm�glich. Nichts und niemand h�tte etwas gegen ihre Wunden ausrichten k�nnen. Sie h�tte binnen weniger Minuten verblutet sein m�ssen.</p><p>Ihm war, als erwache er aus einem schrecklichen Albtraum. Es spielte keine Rolle, wer oder was die Lady vor dem Tod bewahrt hatte. Sie lebte. Allein das war wichtig.</p><p>Ein L�cheln erschien auf seinem Gesicht, als eine Welle ungeheurer Erleichterung �ber ihn hinwegsp�lte.</p><p>Und im selben Moment brach der Ast ab.</p><empty-line/><empty-line/><p>Allm�hlich kehrte Ruhe im Palast ein. Nachdem Corvas die Gefangenen verh�rt hatte, lie� er die G�ste gehen. Seine Spiegelm�nner brachten die Aeronauten zum Gef�ngnis, kehrten anschlie�end aber nicht zum Palast zur�ck. Warum, wusste Jackon nicht genau. Offenbar suchten sie nach weiteren Verschw�rern, die sich irgendwo in der Stadt versteckten.</p><p>Laternen erhellten den n�chtlichen Garten. Gemeinsam mit Jocelyn, Ibbott Hume und den anderen Dienern beseitigte Jackon die Tr�mmer des Pavillons und legte die Toten auf einen Karren. Hume redete ununterbrochen von dem Luftschiff und der Verw�stung, die es in seinem geliebten Garten angerichtet hatte. Der G�rtner war deswegen so au�er sich, dass Jocelyn ihn zu seiner Kammer f�hren und ihm eine Flasche Gin bringen musste.</p><p>Auch Jackon h�tte einen Schluck Schnaps gebrauchen k�nnen. Wenn er das Luftschiff betrachtete, ein gewaltiger Fremdk�rper inmitten der Hecken und B�ume, erschien es ihm wie ein Sinnbild f�r den unwahrscheinlichsten Abend seines Lebens. Corvas, aus dessen Mantel ein Kr�henschwarm flog. Schatten, die einen Mann t�teten. Ganz zu schweigen von Lady Sarka.</p><p>Jackon sch�ttelte den Kopf. Wenn er noch l�nger dar�ber nachdachte, w�rde ihm schwindelig werden.</p><p>Als er sich nach einem Holzst�ck b�ckte, verzog er vor Schmerz das Gesicht. Er konnte f�rmlich sp�ren, wie sich sein Ges�� in einen einzigen blauen Fleck verwandelte. Dieser verdammte Ast! Da �berstand er einen t�dlichen Kampf ohne einen einzigen Kratzer, nur um sich anschlie�end beinahe s�mtliche Knochen zu brechen.</p><p>Er warf das Holzst�ck auf den M�llhaufen und wollte sich gerade ein wenig ausruhen, als sein Blick auf eine schwarze Kutte fiel.</p><p>Schaudernd erinnerte er sich daran, was er kurz vor dem Absturz des Luftschiffs entdeckt hatte.</p><p>Er ging zu der Kutte. Der K�rper des Spiegelmanns war verschwunden. Vor der Treppe lagen nur das Gewand und die zerbrochene Spiegelmaske.</p><p>Sein Mund wurde trocken, als er an das Gesicht unter der Maske dachte. Grau und runzelig war es gewesen, mit einer klaffenden �ffnung anstelle des Mundes und zwei kleinen L�chern anstelle der Nase. Und wo die Augen h�tten sein sollen, hatte sich d�nne Haut gespannt.</p><p><emphasis>Keine Menschen...</emphasis></p><p>Er rief sich Einzelheiten des Kampfes in Erinnerung. Erst jetzt wurde ihm klar, was er gesehen hatte: Spiegelm�nner, die noch lebten, obwohl sie von Pistolenkugeln getroffen worden waren. Die mit den schrecklichsten Hieb- und Stichwunden weiterk�mpften. Und dennoch waren mindestens zwei gestorben. Einer, als ihn der Blitz traf, und dieser hier, geradezu von Blei durchl�chert.</p><p>Jackon stie� die Kutte mit der Fu�spitze an. Etwas, das wie Asche aussah, rieselte heraus.</p><p>Er schluckte. Wenn die Spiegelm�nner starben, zerfielen sie etwa zu...</p><p>Ein Ger�usch lie� ihn erschrocken herumfahren.</p><p>Umbra. Sie stand vor ihm auf dem Weg.</p><p>Jackon lie� den angehaltenen Atem entweichen. Warum musste sie immer ohne Vorwarnung auftauchen?</p><p>�Bist du in Ordnung?�, fragte sie unvermittelt.</p><p>�Ja. Ja, ich denke schon.�</p><p>�Die Herrin macht sich Sorgen um dich. Sie will sichergehen, dass dir nichts zugesto�en ist.�</p><p>�Mir geht es gut. Wirklich.�</p><p>F�r einen Moment glaubte er, Besorgnis in ihren Augen zu sehen. Hatte Umbra etwa Angst um ihn? Sie, die ihn mit Vorliebe Kanalratte nannte und bei jeder Gelegenheit herumschubste? Doch schon im n�chsten Augenblick war ihre Miene wieder so m�rrisch wie eh und je.</p><p>�Wo ist die Herrin hingegangen?�, fragte er.</p><p>�In ihre Gem�cher. Sie muss sich ausruhen.�</p><p>�Wie hat sie das gemacht? Ich meine, die ganzen Messerstiche... Sie h�tte sterben m�ssen. Aber sie hatte nicht einmal einen Kratzer.�</p><p>�Was du nicht sagst�, meinte Umbra.</p><p>�Sie war so gut wie tot! Ich habe es gesehen!�</p><p>�Und am besten vergisst du es rasch wieder.�</p><p>Er blickte sie vorwurfsvoll an. �Nie erkl�rst du mir irgendwas.�</p><p>Die Leibw�chterin seufzte. �Die Herrin hat gewisse Vorkehrungen getroffen, f�r den Fall, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet. Gen�gt dir das f�r den Anfang?�</p><p>Das war nicht gerade eine ersch�pfende Erkl�rung, aber Jackon kannte Umbra inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er nicht mehr erwarten durfte. Er nickte.</p><p>Sein Blick kehrte zu der Kutte zur�ck.</p><p>�Scheu�liche Dinger, was?�, sagte Umbra leise.</p><p>Es war nicht das erste Mal, dass sie voller Abscheu von den Spiegelm�nnern sprach. �Die Asche�, sagte er. �Ist er -�</p><p>�Ja. Wenn sie sterben, werden sie wieder zu dem Stoff, aus dem sie erschaffen wurden.�</p><p>�Erschaffen?�</p><p>�Nat�rlich. Du hast doch nicht gedacht, sie sind menschlich?�</p><p>Er zuckte nur mit den Schultern.</p><p>�Man nennt sie Homunculi. Denk an meinen Rat: Halte dich von ihnen fern, wenn du kannst.� Umbra gab ihm einen Klaps auf die Schulter, bevor sie zum Haus zur�ckging und ihn mit seinen Fragen allein lie�.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>20</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Der Alchymist</emphasis></strong></p></title><p><strong>J</strong>eder Einbruch erforderte Vorbereitungen. Man musste sich umh�ren, Informationen einholen, sich mit der Gegend vertraut machen, das richtige Werkzeug ausw�hlen. Diesmal war Lucien noch sorgf�ltiger gewesen als sonst. Und trotzdem reichte es vielleicht nicht. Denn Silas Torne war wom�glich der gerissenste Mistkerl der ganzen Stadt.</p><p>Verborgen in der Dunkelheit kauerte Lucien auf einem Rohr, von dem rostige Feuchtigkeit tropfte. Rauchschwaden quollen aus mehreren Schloten in seiner N�he und verh�llten den Blick auf den n�chtlichen Chymischen Weg. Die H�user von Alchymisten, Giftmischern, Wunderheilern und anderen Quacksalbern standen dicht an dicht zu beiden Seiten der engen Stra�e, h�ssliche Geb�ude, die mit ihren verwitterten Backsteinfassaden an Manufakturen erinnerten. Unz�hlige Kamine, Rohre und Abz�ge wuchsen aus Mauern und Bleid�chern, �berall traten D�mpfe aus, manche in den seltsamsten Farben. Die Ger�che lie�en einem die Augen tr�nen und vernebelten einem den Verstand, und um die schillernden Pf�tzen auf dem Kopfsteinpflaster machte man besser einen Bogen.</p><p>Die meisten Leute, die hier wohnten, waren harmlose Spinner oder Betr�ger, die leichtgl�ubigen Kunden Wunderarznei und Liebestr�nke aufschwatzten. Einige jedoch verf�gten �ber altes Wissen und machtvolle Formeln, die sie eifers�chtig h�teten. Ihre H�user erkannte man an den stabilen T�ren und den Gittern vor den Fenstern.</p><p>Oder sie hatten erst gar keine Fenster eingebaut, wie Silas Torne.</p><p>Lucien balancierte auf dem Rohr �ber die Kluft zwischen den beiden H�usern, zog sich an der Dachkante hoch und schl�pfte in einen rostigen Luftschacht, in den er gerade so hineinpasste. Im Innern umfing ihn ein feiner Nebel aus lauwarmem Wasserdampf. Von fern erklang das Stampfen von hydraulischen Pumpen.</p><p>Vorsichtig kroch er durch den absch�ssigen Tunnel, bis er zu einem Gitter kam, an dem der Dampf Tropfen bildete. Er wollte das Gitter aus der Halterung l�sen, hielt jedoch inne, als er einen Draht entdeckte, der in einem winzigen Loch in der Schachtwand verschwand.</p><p><emphasis>Sogar hier</emphasis>, dachte er mit einer Mischung aus Beklemmung und Respekt.</p><p>Er stemmte F��e und Ellbogen gegen die W�nde, zog den Bauch ein und zupfte an dem Draht. Zwischen Bauchnabel und Schl�sselbein, keinen Fingerbreit von seiner Haut entfernt, schnellten Klingen aus den Blechplatten, stellten sich auf wie die R�ckenstacheln einer Echse.</p><p>Lucien schluckte. Seine Hand wanderte zu seinem G�rtel und fand blind eine Kneifzange, mit der er den Draht durchtrennte. Die Klingen verschwanden wieder.</p><p>Er klappte das Gitter auf und kroch weiter, noch wachsamer als zuvor.</p><p>Irgendwann wurde der Tunnel eben. Lucien lauschte mit angehaltenem Atem. Nichts. Nur das Zischen der Pumpen. Er z�ckte einen Schraubenzieher und hebelte ein Bodensegment auf.</p><p>Der Raum unter ihm war dunkel. Aus einem runden Treppenschacht schien flackerndes Licht herauf. Der Steinboden gl�nzte vor Feuchtigkeit. Von irgendwoher kam ein unangenehmer fauliger Geruch.</p><p>Leise entfernte Lucien die Blechplatte. Als er gerade durch das Loch klettern wollte, h�rte er ein Ger�usch.</p><p>Schlurfende Schritte.</p><p>Hastig bedeckte er die �ffnung mit der Platte, lie� nur einen schmalen Spalt und sp�hte hindurch.</p><p>Ein zerlumpter Mann trat mit schleppenden Schritten in den Lichtschein, das Gesicht bleich, die Augen leer. Wurzelartige Triebe wuchsen aus seiner Haut und rankten sich �ber seine Schultern und Arme, seinen Nacken, verschwanden in seinem Ohr.</p><p>Die Gestalt war nicht allein. Mindestens f�nf oder sechs weitere schlurften in dem Halbdunkel umher.</p><p>Lotossklaven. Vermutlich arme Teufel aus der Grambeuge, die Torne unter einem Vorwand in sein Haus gelockt und zu willenlosen Knechten gemacht hatte. Gef�hrliche Gegner. Und leider zu dumm, um auf seine Unauff�lligkeit hereinzufallen.</p><p>Er musste wohl oder �bel weiterkriechen. Allerdings wurde der Schacht kurz darauf so absch�ssig, dass Lucien beinahe auf dem Kopf stand. Bei jeder Bewegung musste er darauf achten, nicht den Halt zu verlieren, damit er nicht b�uchlings in die Tiefe rutschte. Zu allem �berfluss war der Nebel jetzt so dicht, dass er kaum noch etwas sah.</p><p>Was, wenn der Schacht weitere Fallen enthielt? In diesem Dampf hatte er keine Chance, sie rechtzeitig zu entdecken.</p><p>Seine Bauchdecke kribbelte unangenehm.</p><p>Licht fiel durch die Ritzen zwischen den Wandsegmenten. Lucien versuchte gar nicht erst, etwas zu h�ren, denn die Pumpen waren inzwischen viel zu laut. Er musste es einfach riskieren.</p><p>Mit seinem Schraubenzieher machte er sich an der Blechwand zu schaffen. Pl�tzlich blieb sein �rmel an der gelockerten Platte h�ngen, und das Werkzeug rutschte ihm aus der Hand. Polternd verschwand es im Schacht.</p><p>Lucien erstarrte. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis das Klappern endlich aufh�rte. Er konnte nur hoffen, dass die Pumpen den L�rm �bert�nt hatten.</p><p>Er bog die Platte mit blo�en H�nden auf, kroch kopf�ber durch die �ffnung, lie� sich fallen, rollte sich auf dem Boden ab und gelangte blitzschnell auf die F��e, die Hand auf dem Knauf seines Wurfmessers.</p><p>Niemand da. Gl�ck gehabt.</p><p>Er befand sich in einem Gang mit nackten Steinw�nden. An einem Eisenhaken hing eine Laterne. Lautlos huschte er in den n�chsten Raum, eine runde Kammer mit Regalen. Hunderte von Flaschen, Phiolen, Ampullen und Dosen standen darin.</p><p>Lucien ging an den Regalen entlang und las die Beschriftungen. Duftwasser, Aphrodisiaka, Medizin f�r alle erdenklichen Krankheiten und Leiden. Opium, Traumlotos und zwei Dutzend andere Drogen. Daneben die Gifte: leichte wie Brechwurz und K�nigspfeffer, aber auch t�dliche wie Nuriat und Silberstaub. Viele dieser Substanzen waren sehr wertvoll und zeugten vom Geschick ihres Herstellers, allerdings konnte man die meisten davon im Laboratorium beinahe jedes Alchymisten finden.</p><p>Nicht jedoch die Elixiere in der Glasvitrine.</p><p>Voller Unbehagen betrachtete Lucien das halbe Dutzend Bleiphiolen, sp�rte die unheimliche Pr�senz, die sie umgab. Was sie genau enthielten, konnte er nur vermuten. Harpyienblut vielleicht oder Chim�renessenz. Tr�nke, die dem, der sie zu sich nahm, unvorstellbare Kr�fte verliehen. Denn f�r jedes dieser Fl�schchen hatte ein Schattenwesen sein Leben gelassen.</p><p>Ein unbezahlbarer Schatz. Lucien spielte mit dem Gedanken, die Vitrine aufzubrechen, verwarf ihn jedoch wieder. Es w�re falsch, sich daran zu bereichern. Schlie�lich w�re er beinahe selbst in einer solchen Phiole geendet.</p><p>Er schob einen Vorhang zur Seite und gelangte in einen kleineren Raum, wo sich Kisten und Korbtornister stapelten. Lucien sah sich ein wenig darin um. Beim Hinausgehen fiel ihm eine Truhe auf, halb von einem l�chrigen Tuch bedeckt. Sie war mit Blei verkleidet, was seine Neugierde weckte. Sein Instinkt sagte ihm, dass es sich lohnen k�nnte, sie n�her anzuschauen. Wenn er schon die Vitrine mit ihren Kostbarkeiten verschonte, so fand er vielleicht hier etwas, das er zu Geld machen konnte.</p><p>Er schob das Tuch zur Seite, z�ckte seinen Dietrich und machte sich an dem Schloss zu schaffen, bis es klickte und sich der Deckel �ffnen lie�.</p><p>Die Truhe enthielt einen G�rtel aus ru�farbenem Metall, einen Silberdolch mit gebogener Klinge, eine Kette aus Raubtierz�hnen, einen gefiederten Lederhut, eine Affenpfote, eine Kerze aus menschlichem Talg und andere Dinge. Das meiste davon war Plunder, doch Lucien konnte sp�ren, dass einige dieser Utensilien noch einen Rest magischer Kraft bargen.</p><p>Torne war nicht nur Alchymist, sondern auch eine Art Antiquit�tenh�ndler. Er kaufte diese Gegenst�nde Leuten ab, die nicht im Traum ahnten, was da seit Ewigkeiten in ihrem Keller verstaubte. Oder er nahm sie den Schattenwesen ab, die er get�tet hatte, und verkaufte sie f�r viel Geld an jemanden, der sich ihre Magie zunutze machen wollte.</p><p>Lucien fragte sich, ob auch Jernigans Lampe durch seine H�nde gegangen war.</p><p>Er w�hlte in der Truhe und entdeckte ein Amulett. Es bestand aus gr�n schimmernder Keramik und war neuneckig, nicht viel gr��er als ein Schilling und mit verschlungenen Linien versehen, die, wenn man sie auf eine bestimmte Weise betrachtete, ein fratzenhaftes Gesicht zu bilden schienen.</p><p>Die Haut an Luciens Fingern prickelte. Sein Instinkt hatte ihn nicht get�uscht. Das Amulett war kostbarer als der �brige Inhalt der Truhe zusammen. Dass es einfach so inmitten dieses Plunders lag, deutete darauf hin, dass Torne selbst nicht wusste, was er da besa�.</p><p>Lucien schob den Talisman in seine Hosentasche, schloss den Truhendeckel und ging weiter, dem Stampfen und Zischen entgegen.</p><p>Vor ihm tat sich das Herzst�ck des Hauses auf, ein riesiger Saal, dessen Decke in den Dampfschwaden verschwand. Die Luft war zum Schneiden dick. Pf�tzen bedeckten den Steinboden. Gewaltige �fen, mit metaphysischen Symbolen versehen, gl�hten vor Hitze. Ventile zischten. Zahnr�der trieben die Pumpen an. Blubbernde Fl�ssigkeiten quollen durch Rohre aus Kupfer und Glas und pl�tscherten in bauchige Kessel, die an feuchten Ketten �ber den Kohlepfannen hingen. Der m�chtigste Kessel stand in der Mitte des Saales, ein Monstrum von der Gr��e einer Droschke, von dem gr�nlicher Dampf aufstieg.</p><p>Lautlos huschte Lucien hinein, verbarg sich hinter Pumpzylindern, �fen und geb�ndelten Rohren, die wie Pfeiler aus dem Boden ragten. Als er ein Br�llen h�rte, blieb er stehen und sp�hte zu einer Ecke des Saals.</p><p>Dort stand ein K�fig, in dem ein Mantikor gefangen war.</p><p>Das Ungeheuer br�llte noch einmal und warf seinen L�wenk�rper gegen die Eisenst�be, sein Skorpionstachel zuckte w�tend. Unter normalen Umst�nden hielt kein Gef�ngnis dieser Welt einen Mantikor lange auf. Dieser jedoch war bereits zu geschw�cht, um etwas gegen das Gitter auszurichten. Blutige Striemen verliefen kreuz und quer �ber seinen Leib, sein Fell war stumpf, die Schwingen waren zerrupft und l�chrig.</p><p>Lucien konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal einen echten Mantikor gesehen hatte. Vielleicht vor hundertf�nfzig, zweihundert Jahren. Sie waren selten geworden, und er sch�tzte, dass es auf der ganzen Welt noch h�chstens zwei Dutzend dieser furchterregenden Kreaturen gab. Es musste extrem aufwendig gewesen sein, ihn zu finden und zu fangen.</p><p>Beim Anblick des Gesch�pfs versp�rte Lucien einen Anflug von Mitleid. Nicht mehr lange, und Torne hatte den Mantikor gebrochen. Vielleicht steckte seine Lebenskraft schon n�chste Woche in einer Bleiphiole.</p><p>In diesem Moment entdeckte er den Alchymisten.</p><p>Torne sa� an einem Tisch, tauchte seinen Federkiel in ein Tintenfass und schrieb. Eine silbrige Robe verh�llte seinen mageren Leib, die F��e steckten in Schnabelschuhen, das Haar bildete verfilzte B�schel, wo es nicht l�ngst ausgefallen und wunden Flecken gewichen war.</p><p>Lucien l�chelte. Er h�tte nicht erwartet, dass es so einfach werden w�rde.</p><p>Er pirschte sich an den Alchymisten heran, bis er zwei Schritte hinter ihm stand. �Schlaf�, sagte er.</p><p>Torne erschlaffte, sein Kopf sank auf das Pergament.</p><p>Behutsam setzte Lucien Torne aufrecht hin, dann l�ste er sein Seil vom G�rtel und fesselte die Arme des Alchymisten hinter der Stuhllehne, bevor er zur Seite trat und den schlafenden Mann betrachtete.</p><p>�Was bist du doch f�r ein abgrundtief h�sslicher Kerl�, murmelte er.</p><p>Torne war recht gro� und so d�nn, dass sich �berall unter der Robe seine Knochen abzeichneten. Seine Wangenknochen stachen hervor, sein d�nner Bart glich einem umgedrehten U und reichte bis zu seinem Schl�sselbein. Die jahrzehntelange Arbeit mit giftigen und �tzenden Substanzen war nicht spurlos an ihm vor�bergegangen: kaum eine Stelle seiner Haut, die nicht von Ausschlag und n�ssenden Pusteln bedeckt war.</p><p>Pl�tzlich bekam das Gesicht des Alchymisten Risse, wie Lehm, der in der Sonne trocknete. Die Haut bl�tterte ab, und darunter kam das wei�h�utige Antlitz eines J�nglings zum Vorschein, der nicht die geringste �hnlichkeit mit Torne hatte.</p><p>Lucien keuchte. Ein verdammter Doppelg�nger! Mit dem Messer in der Hand wirbelte er herum, doch es war bereits zu sp�t. Glas zerplatzte vor seinen F��en, gr�ner Rauch wallte auf. Er wich zur�ck und wedelte mit der Hand, vergebens. Der Rauch bildete tentakel�hnliche Schwaden, die seine Arme und Beine umschlangen. Das Messer entglitt seiner Hand, er fiel zu Boden. Der Rauch hielt ihn wie ein Netz fest. Seine Haut brannte, wo die gr�nen Str�nge sie ber�hrten.</p><p>Ein Kichern erklang.</p><p>Lucien hob den Kopf, soweit es die Fesseln zulie�en. Der echte Silas Torne stand in dem riesigen Kessel. �lige Fl�ssigkeit rann �ber seinen nackten, von Geschw�ren �bers�ten K�rper. Seelenruhig entstieg er seinem widerw�rtigen Bad, trocknete sich ab und schl�pfte in einen Mantel.</p><p>�Lucien, Lucien�, sagte er, w�hrend er herkam. �All die Jahre versuche ich, dich zu fangen, und dann spazierst du einfach hier herein. Was f�r ein ungew�hnlicher Gl�cksfall.�</p><p>Lucien blieb reglos liegen. Je heftiger er gegen den Rauch ank�mpfte, desto schlimmer brannte seine Haut. Au�erdem l�hmte der Rauch seine Albenkr�fte. �Wer hat mich verraten?�, �chzte er.</p><p>�Niemand. Aber um Silas Torne zu �bert�lpeln, muss man fr�her aufstehen. Von einem Meisterdieb deines Formats h�tte ich eigentlich mehr erwartet.�</p><p>Der Doppelg�nger war zwischenzeitlich aufgewacht und bedachte Lucien mit einem finsteren Blick. Torne machte keine Anstalten, ihn loszubinden.</p><p>�Ich bin neugierig�, sagte der Alchymist liebensw�rdig. �Wolltest du mich berauben? Entf�hren? In wessen Auftrag? Schickt dich die Familie Addock? Tragen sie mir den Vorfall in den Aetherk�chen etwa immer noch nach?�</p><p>�Ich bin hier, um dir einen Handel vorzuschlagen.�</p><p>�Einen Handel? Und daf�r wolltest du mich fesseln? Ts, ts, Lucien, geht man so mit einem Gesch�ftspartner um?�</p><p>�Ich brauche eine Information. Daf�r biete ich dir etwas, das dich interessieren wird.�</p><p>�Ich h�re�, sagte Torne.</p><p>�Zuerst die Fesseln.�</p><p>�H�ltst du mich f�r einen Narren?� Der Alchymist band seinen Doppelg�nger los und fl�sterte ihm etwas ins Ohr, woraufhin der wei�h�utige J�ngling einen Schrank neben dem K�fig �ffnete. Der Mantikor br�llte ihn an, doch der J�ngling nahm keine Notiz davon. �Du solltest etwas �ber den Rauch wissen�, wandte sich Torne wieder an Lucien. �Noch brennt er nur auf deiner Haut, aber nach einer Weile f�ngt er an, sich in dein Fleisch zu fressen. Kein angenehmes Gef�hl, ganz bestimmt nicht.�</p><p>Lucien biss die Z�hne zusammen. �Der Harlekin hat Aziel im Zweikampf besiegt. Ich muss wissen, wie...�</p><p>�Du scheinst immer noch nicht zu verstehen�, fiel Torne ihm ins Wort. �Zuerst dein Angebot. Dann entscheide ich, ob wir ins Gesch�ft kommen.�</p><p>Das Brennen wurde bereits schlimmer. Besser, er tat, was Torne verlangte. �Ich kann dir verraten, wo du vier Alben findest.�</p><p>�Lebendige?�, fragte der Alchymist mit erwachendem Interesse.</p><p>�Tote.�</p><p>�Tote Alben sind ohne Wert f�r mich.�</p><p>�Sie sind noch nicht lange tot. Zwei, h�chstens drei Wochen. Die K�rper sind gut erhalten. Ihre Essenz hat sich noch nicht verfl�chtigt.�</p><p>�Danke, kein Bedarf.�</p><p>Der Doppelg�nger kam zur�ck und �bergab Torne eine Bleiphiole. Panik stieg in Lucien auf.</p><p>�Warte�, stie� er hervor. �Das sind die letzten Alben, die du je finden wirst. Die anderen haben die Welt verlassen...�</p><p>�Alle bis auf einen�, sagte Torne mit einem unheilvollen Funkeln in den Augen.</p><p>Mit der Phiole in der Hand ging er zum Schreibtisch, �ffnete eine Schublade und holte ein Messer heraus. Die d�nne Klinge glitzerte im Schein der Kohlepfannen, als der Alchymist n�her kam.</p><p>Luciens Gedanken rasten. Er brauchte sein Messer, einen Wurfpfeil, irgendetwas, mit dem er diesen Wahnsinnigen aufhalten konnte. Doch an seinen G�rtel kam er nicht heran. Jedes Mal, wenn er es versuchte, schlang sich der Rauch noch fester um seinen Arm, und das Brennen wurde schier unertr�glich.</p><p><emphasis>Egal. Vergiss den Schmerz. Du hast keine andere Wahl.</emphasis></p><p>Seine Hand streifte seine Hosentasche, ber�hrte etwas Festes darin. Das Amulett! Vielleicht war das die Rettung.</p><p>Vorsichtig schob er die Hand in die Tasche, schloss sie um das geschliffene Keramikst�ck. Jetzt sp�rte er die Macht des Talismans so intensiv, dass sein Arm warm wurde.</p><p>�Um noch einmal auf unseren Handel zur�ckzukommen�, sagte er.</p><p>Torne zog einen Schemel her und setzte sich. �Sag blo�, dir ist ein besseres Angebot eingefallen als deine toten Alben. Vielleicht ein Schwarm seniler Harpyien?�</p><p>�Noch besser. Wenn du mich freil�sst, t�te ich dich nicht.�</p><p>�Jetzt h�r schon auf�, erwiderte der Alchymist ungehalten. �Zeig ein wenig W�rde. Ich verspreche dir auch, dass es schnell gehen wird.� Er �ffnete die Phiole und stellte sie auf den Boden.</p><p>�Hei�t das Nein? Wenn das so ist, muss ich wohl einen Blutgeist rufen.�</p><p>�Du? Einen Blutgeist? Wie willst du das anstellen?�</p><p>�Damit�, sagte Lucien und zog das Amulett aus der Hosentasche.</p><p>Tornes Gesicht verfinsterte sich. �Woher hast du das?�</p><p>�Du solltest deine Sachen nicht so offen herumliegen lassen.�</p><p>�Es ist wertlos. Es hat seine Magie l�ngst verloren.�</p><p>�F�r euch Menschen vielleicht. Ich kann sie immer noch sp�ren.�</p><p>Der Alchymist sprang so heftig auf, dass der Schemel umkippte. �Das ist nur wieder einer von deinen Tricks!�</p><p>�Bist du dir da so sicher?�</p><p>Torne war sich offenbar alles andere als sicher, denn er wich zwei Schritte zur�ck. �Bleib, wo du bist�, fuhr er den wei�h�utigen J�ngling an, der ihm zu Hilfe eilen wollte. Zu Lucien sagte er: �Gib mir den Talisman.�</p><p>�Vorher l�st du die Fesseln.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich warne dich, Torne. Es wird allm�hlich schmerzhaft. Siehst du meine Hand? Sie f�ngt an zu zucken. Nicht ausgeschlossen, dass ich das Amulett aus Versehen zerbreche.�</p><p>Mit einem zornigen Schnauben wirbelte der Alchymist herum und griff nach einem Glasfl�schchen auf dem Schreibtisch.</p><p>�Was ist das?�, fragte Lucien.</p><p>�Ein Bannpulver�, knurrte Torne.</p><p>�Herzeigen.�</p><p>Torne hielt ihm das Fl�schchen vors Gesicht. Lucien verstand ein wenig von Alchymie. Das Pulver schien kein Gift oder dergleichen zu sein, aber ganz sicher sein konnte er nicht.</p><p>�Tu ein wenig davon auf deine Hand�, forderte er den Alchymisten auf.</p><p>�Das ist l�cherlich.�</p><p>�Wie lange war der Blutgeist in dem Amulett? Ein paar hundert Jahre, oder? Ich sch�tze, er wird hungrig sein.�</p><p>In Tornes Augen gl�hte der Zorn. Dann �ffnete er das Fl�schchen und streute eine Prise des Pulvers auf seine Hand. Nichts geschah.</p><p>�Gut�, sagte Lucien. �Jetzt die Fesseln.�</p><p>Torne verstreute das Pulver �ber ihm. Augenblicklich verfl�chtigte sich der Rauch. Mit schmerzenden Gliedern stand Lucien auf. Es gab kaum eine Stelle seines K�rpers, die nicht brannte. Aber bleibende Sch�den schien er keine erlitten zu haben. Die roten Striemen, die der Rauch verursachte hatte, verschwanden bereits.</p><p>�Her mit dem Amulett�, sagte der Alchymist.</p><p>�Meine Bedingungen haben sich soeben ge�ndert. Zuerst beantwortest du meine Fragen.�</p><p>Tornes Kiefer mahlten. Dann war sein Zorn pl�tzlich wie weggeblasen, und ein L�cheln erschien auf seinem Gesicht, wobei er verfaulte Z�hne entbl��te. �Wieso reden wir nicht wie vern�nftige M�nner miteinander? H�ren wir auf, einander zu bedrohen und zu betr�gen. Schlie�lich sind wir beide Gesch�ftsleute, nicht wahr? Ich bin sicher, dass wir uns einig werden k�nnen.�</p><p>Lucien musterte Torne misstrauisch. Dieser Sinneswandel ging ihm eindeutig zu schnell. Ohne den Alchymisten aus den Augen zu lassen, legte er die Bruchst�cke von Jernigans Lampe auf den Tisch. �Ich nehme an, du wei�t, was das ist.�</p><p>Torne setzte sich, griff nach einer Juwelierlupe und begutachtete die Einzelteile fachm�nnisch. �Jernigans gr��te Sch�pfung�, sagte er, und seine Ehrfurcht war nicht gespielt. �Obwohl der Wahnsinn bereits nach ihm gegriffen hat, als er die Lampe konstruierte. Er f�rchtete sich vor den Tr�umen, die die Alben ihm sandten - so sehr, dass er sich Tag und Nacht mit einem Licht umgeben wollte, das kein Alb ertragen kann.�</p><p>�Ich kenne die Geschichte�, sagte Lucien ungeduldig. �Der Harlekin hat die Lampe benutzt, um Aziel im Zweikampf zu besiegen. Obwohl sie als verschollen galt. Ich will wissen, woher er sie hatte.�</p><p>�Sie war nicht verschollen. Sie befand sich im Besitz eines Sammlers. Ein reicher Patrizier aus Scotia, Duncan Banister.�</p><p>�Hat man sie ihm gestohlen?�</p><p>�Keineswegs. Ich h�rte, Corvas hat nach der Lampe gesucht. Er soll Banister viel Geld daf�r bezahlt haben.�</p><p>�<emphasis>Der</emphasis> Corvas?�, fragte Lucien alarmiert. �Die alte Kr�he?�</p><p>�Kein Geringerer.�</p><p>�Wann war das?�</p><p>�Vor ein oder zwei Monaten.�</p><p>Also vor dem Zweikampf. Das passte zusammen. Nun begriff Lucien, warum Aziel so versessen darauf war, die Wahrheit �ber die Lampe herauszufinden.</p><p>Pl�tzlich fiel ihm auf, dass der wei�h�utige J�ngling, der die ganze Zeit reglos neben dem Tisch gestanden hatte, verschwunden war.</p><p>Torne l�chelte... und blickte f�r einen Wimpernschlag an ihm vorbei.</p><p>Instinktiv wirbelte Lucien herum. Ein wei�er Schemen sprang aus dem Halbdunkel, eine Klinge verfehlte ihn und schrammte �ber die Tischplatte. Der J�ngling schrie vor Zorn.</p><p>Lucien versetzte ihm einen Tritt, der den Doppelg�nger gegen den Schrank schleuderte. Dabei verlor er jedoch das Gleichgewicht und st�rzte zu Boden.</p><p>Das Amulett entglitt seinen Fingern, schlitterte �ber die Steinplatten und blieb genau vor Torne liegen.</p><p>Der Alchymist stellte den Fu� darauf und rief: �Hast du wirklich gedacht, ich lasse mir einen frischen, kraftstrotzenden Alben entgehen?�</p><p>Lucien sp�rte, dass seine Kr�fte zur�ckgekehrt waren. �Schlaf�, befahl er.</p><p>Torne lachte ihn aus. �Vergiss es. Deine billigen Tricks helfen dir hier nicht.�</p><p>Der Alb riss ein Messer aus seinem G�rtel und warf es. Torne �chzte vor Schmerz, als ihn die Klinge am Arm verletzte. Blut tr�nkte seine Robe. Mit wutverzerrtem Gesicht zertrat er das Amulett.</p><p>Entsetzen wallte in Lucien auf. Bevor er sich herumwarf und losrannte, sah er noch, wie Torne gegen den Tisch taumelte, w�hrend vor ihm blutrote Schleier emporwirbelten, begleitet von unmenschlichem Heulen.</p><p>Der Mantikor verfiel in Raserei. Wieder und wieder rannte er gegen die Gitterst�be an und br�llte dabei.</p><p>Lucien ging hinter dem K�fig in Deckung. �Wenn ich dir helfe, versprichst du dann, mich nicht zu fressen?�</p><p>Das Ungeheuer h�rte auf zu toben. Ein tiefes Grollen drang aus seinem Maul. Tr�be Augen musterten ihn. Vielleicht hatte es verstanden - vielleicht aber auch nicht.</p><p>Lucien blickte zu den Schemen und Fratzen aus Blutnebel, die um die Rohre und Kessel heulten und immer k�rperhafter wurden. Ihm blieb keine andere Wahl. Er stie� seinen Dietrich in das Schloss des K�figs und r�hrte hektisch darin herum. Pl�tzlich �ffnete sich die Gittert�r. Er wurde zu Boden gesto�en, als der Mantikor mit einem gewaltigen Sprung sein Gef�ngnis verlie�. Das Ungeheuer br�llte markersch�tternd, sein Stachelschwanz zuckte durch die Luft.</p><p>Tornes Doppelg�nger rappelte sich auf und versuchte zu fliehen, doch er war viel zu langsam. Der Mantikor st�rzte sich auf ihn und zerfetzte ihm mit einem Prankenhieb die Brust, bevor er Torne entdeckte und mit ausgebreiteten Schwingen �ber den Tisch sprang.</p><p>Lucien nutzte die Gelegenheit und lief los, vorbei an dem Schrank, wo der J�ngling lag. W�hrend der Doppelg�nger starb, erschienen auf seinem Gesicht die Z�ge all jener Menschen, die er in seinem Leben nachgeahmt hatte, M�nner und Frauen, Alte und Junge, Blasse und Dunkelh�utige, als setze er st�ndig neue Masken auf.</p><p>Lucien versteckte sich hinter dem gro�en Kessel, denn er f�rchtete, andernfalls den Blutgeist auf sich aufmerksam zu machen. Torne kroch w�hrenddessen unter das Gewirr der Rohre und Pumpen. Der Mantikor setzte ihm nach und schlitzte mit seinen Krallen einen Ofen auf, der daraufhin in einer Wolke aus Dampf barst und das Ungeheuer durch die Luft schleuderte. Torne kreischte vor Schmerz, als die hei�en Schwaden ihn verbr�hten.</p><p>�Lucien!�, schrie er. �Das wirst du mir b��en! Hol ihn dir!�, befahl er dem Blutnebel, doch die geisterhaften Schemen hatten bereits ein anderes Opfer ausgemacht. Heulend st�rzten sie sich auf den Mantikor, der mit seinen Pranken nach ihnen schlug.</p><p>Durch den explodierten Ofen war das gesamte System der Kessel und Pumpen aus dem Gleichgewicht geraten. Rohre platzten, als der Druck zu stark f�r die Ventile wurde. Schaum quoll aus den Kolben. Glas bekam Risse. Eisen �chzte.</p><p>Lucien rannte, sprang �ber �tzende Pf�tzen, wich Dampffont�nen aus, duckte sich unter zischenden Rohren hindurch, w�hrend Torne schrie und schrie und schrie, bis ihn das Fauchen der Kessel und das Heulen der Geister �bert�nte.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>21</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die Manusch</emphasis></strong></p></title><p><strong>D</strong>er Duft von frisch aufgebr�htem Kaffee weckte Liam. M�de setzte er sich auf. Er hatte in Quindals G�stezimmer geschlafen, denn gestern Nacht hatte er noch lange mit dem Erfinder geredet, bis es schlie�lich zu sp�t gewesen war, zum Palast zur�ckzukehren. Er wusch sich am Messingzuber, schl�pfte in seine Kleider und ging zum Saal.</p><p>Es war noch fr�h. Das Licht der Morgend�mmerung fiel durch die Glaskuppel und �berzog die Buchr�cken in den Wandregalen und das Mosaik mit einem roten Gl�hen. Aus dem Salon, wo der Kaffeeduft herkam, drangen leise Stimmen.</p><p>Hatte sich Vivana etwa mit ihrem Vater vers�hnt? Bei dem Gedanken daran, ihr wiederzubegegnen, begann es in Liams Magen zu kribbeln. Gestern abend schon hatte er die ganze Zeit an sie denken m�ssen. Und nun das. Was war nur mit ihm los?</p><p>Kritisch betrachtete er sein Spiegelbild in einer Lampenhalterung und ordnete seine Haare, ehe er den Salon betrat.</p><p>Zu seiner Entt�uschung war es nicht Vivana, mit der Quindal redete. In der offenen Geheimt�r, halb verdeckt von dem Regalsegment, stand ein Mann in einem fadenscheinigen Tweedanzug, eine Melone auf dem Kopf. Er hatte ein langes Gesicht und kr�nklich blasse Haut, und w�hrend er fl�sternd mit Quindal sprach, wurden seine H�nde f�r einen Augenblick durchsichtig. Goldene Schlieren folgten ihren Bewegungen, bevor sie sich wieder verfestigten und wie gew�hnliche H�nde aussahen.</p><p>Liam blinzelte. Hatte er so wenig geschlafen, dass er schon halluzinierte?</p><p>Der Fremde verabschiedete sich von Quindal und schloss die Geheimt�r hinter sich. Kurz darauf erklang das Rasseln des Fahrstuhls. Erst jetzt bemerkte der Erfinder Liam.</p><p>�Wie lange stehst du schon da?�, schnarrte er.</p><p>�Ich bin eben erst gekommen. Wer war das?�</p><p>�Ein Freund.�</p><p>�Was ist mit seinen...�</p><p>�Setz dich�, fiel Quindal ihm ins Wort. �Wir m�ssen reden.�</p><p>Beunruhigt nahm Liam auf einem der Lehnst�hle Platz. �Ist etwas passiert?�</p><p>Der Wissenschaftler goss Kaffee in zwei Tassen. Sein Gesicht war noch zerfurchter als sonst. �Auf Lady Sarka wurde ein Anschlag ver�bt.�</p><p>Pl�tzlich war Liam hellwach. �Wann?�</p><p>�Gestern Abend, w�hrend du hier warst. Die Attent�ter haben das Fest �berfallen, das sie im Palastgarten gab. Aber ihre Leibw�chter konnten den Angriff zur�ckschlagen. Die Lady wurde anscheinend nicht verletzt.�</p><p>�Und die Bediensteten? Sind sie wohlauf?�</p><p>�Dar�ber habe ich keine Informationen.�</p><p>Liam schwieg best�rzt. Er hoffte inst�ndig, dass Jackon nichts zugesto�en war.</p><p>�Die Attent�ter geh�rten zu einer Gruppe, die plante, dem Magistrat seine Macht zur�ckzugeben und Bradost wieder zu einer Republik zu machen�, fuhr Quindal fort. �Deshalb wollten sie die Lady ermorden. Und offenbar auch einige ihrer Vertrauten. Das w�rde zumindest erkl�ren, warum sie w�hrend des Festes zugeschlagen haben.�</p><p>�Woher wissen Sie das alles?� Liam kam ein beunruhigender Gedanke. �Sie haben doch nichts damit zu tun, oder?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, erwiderte der Erfinder barsch. �Ich habe dir doch gesagt, dass ich mit Verschw�rungen fertig bin. H�r zu: Seit Mitternacht streifen Corvas und seine Spiegelm�nner durch die Stadt und verhaften jeden, der im Verdacht steht, in die Sache verwickelt zu sein. Ich kenne Corvas. Er wird erst aufh�ren, wenn er sicher ist, dass er jegliche Bedrohung f�r die Lordkanzlerin im Keim erstickt hat. Jeden kann es treffen. Auch dich. Deshalb musst du ab jetzt zehnmal so vorsichtig sein wie bisher. Verhalte dich unauff�llig. Tue nichts, womit du dich verd�chtig machen k�nntest. Hast du verstanden?�</p><p>Liam nickte verunsichert.</p><p>�Noch lieber w�re es mir, du w�rdest dir diese Geschichte aus dem Kopf schlagen�, fuhr Quindal fort.</p><p>�Ich soll aufh�ren, nach dem Buch zu suchen?�</p><p>�Ja. Es ist zu gef�hrlich. Ich w�nschte, ich h�tte dich nie dazu ermutigt.�</p><p>�Sie wissen, dass ich das nicht kann.�</p><p>�Warum nicht? Niemand zwingt dich dazu.�</p><p>�Aber ich bin es meinem Vater schuldig.�</p><p>�Immerzu redest du von deinem Vater�, knurrte der Erfinder. �Dein Vater h�tte gewollt, dass du ein normales Leben f�hrst.�</p><p>�F�r mich gibt es kein normales Leben mehr�, erwiderte Liam.</p><p>�Das glaubst du jetzt. Aber du bist noch jung - jung genug, um von vorne anzufangen. Ich habe dir schon einmal angeboten, dass du f�r mich arbeiten kannst. Du bist ein kluger Kopf. Unter meiner Anleitung k�nntest du es zu etwas bringen.�</p><p>Liam wusste es zu sch�tzen, dass sich Quindal so viele Gedanken um sein Wohlergehen machte. Aber er hatte seine Entscheidung getroffen. �Nein�, sagte er. �Ich muss wissen, worauf mein Vater gesto�en ist. Vorher kann ich nicht neu anfangen.�</p><p>Quindal schnaubte. �Warum mache ich mir �berhaupt die M�he, mit dir zu reden? Du h�rst ja doch nicht auf mich.�</p><p>�Ich verspreche Ihnen ja, vorsichtig zu sein.�</p><p>�Als ob ich dadurch ruhiger schlafen k�nnte. Also gut. Trink deinen Kaffee. Ich rufe derweil eine Droschke, die dich zum Palast zur�ckbringt. Sicher vermisst man dich bereits.�</p><p>Wenig sp�ter fuhr Liam in einem Zweisp�nner durch den Kessel. Vom Sonnenaufgang war hier unten kaum etwas zu sehen, denn in der Nacht war Nebel aufgezogen, der vom Fluss durch die Gassen kroch und sich zwischen den H�usern und Fabrikmauern festsetzte. Die Gaslaternen gl�hten wie Irrlichter in den dunstigen Schwaden.</p><p>Als sie die Altstadt erreichten, wurde die Droschke von Soldaten angehalten. Obwohl der Kutscher protestierte und drohte, sich bei Quindal zu beschweren, bestanden die M�nner darauf, das Gef�hrt zu durchsuchen. Liam musste einige harmlose Fragen beantworten, dann lie� man ihn in Ruhe. Als sich abzeichnete, dass die Kontrolle l�nger dauerte, beschloss er, den Rest des Weges zu Fu� zu gehen.</p><p>In der Stadt herrschte eine seltsame Stimmung. An jeder Stra�enecke waren Soldaten postiert, zum Schutz gegen den Nebel in Filzm�ntel geh�llt, Piken und Hakenlanzen in den H�nden. Die Nachricht von dem Anschlag hatte sich offenbar schon �berall herumgesprochen, denn wohin Liam blickte, standen Leute zusammen und unterhielten sich fl�sternd, die Gesichter voller Angst und Misstrauen. Von einem Zeitungsjungen kaufte er ein Exemplar der Morgenausgabe, in der �ber die j�ngsten Geschehnisse berichtet wurde. Allerdings unterschied sich der Artikel sehr von Quindals Darstellung des Vorfalls: Darin wurden die Attent�ter als M�rder und Banditen bezeichnet, die Lady Sarka heimt�ckisch nach dem Leben trachteten, um Bradost ins Chaos zu st�rzen. Kein Wort von ihrer Absicht, die Stadt zu befreien und eine neue Republik auszurufen. Es war dieselbe Art von L�gen, die seit Jahren s�mtliche Zeitungen f�llte. Liam zerkn�llte das Blatt und warf es in den Rinnstein.</p><p>Vor dem Palast wimmelte es von Soldaten. Mehrmals musste er erkl�ren, dass er zur Dienerschaft geh�rte, bis man ihm endlich glaubte und ihn einlie�. Drinnen bot sich ihm ein Anblick, bei dem ihm der Atem stockte. Nach Quindals Schilderung des Angriffs hatte er sich auf alles M�gliche gefasst gemacht, auf Kampfspuren, Leichen - aber nicht auf ein zerst�rtes Luftschiff, das im Garten lag. Dutzende von Arbeitern, offenbar von den Werften, kletterten auf dem Rumpf herum, entfernten die zerfetzte H�lle und begannen, das Stahlgerippe darunter zu zerlegen.</p><p>Auf dem Weg zum Anwesen traf er Jackon, der mit einer Axt einen entwurzelten Baum bearbeitete. Zu seiner Erleichterung war der Rothaarige wohlauf.</p><p>�Liam! Du glaubst nicht, was hier passiert ist! Wo warst du �berhaupt?�</p><p>�Ich habe bei meinem Gro�onkel �bernachtet. Wo kommt das Luftschiff her?�</p><p>Im gleichen Moment tauchte Hume auf. Der G�rtner machte einen verkaterten Eindruck. �Da bist du ja endlich, Liam�, tadelte er ihn halbherzig. �Geh und zieh dich um. Es gibt viel zu tun.�</p><p>Hume wies sie an, die B�ume zu beseitigen, die das Luftschiff umgeknickt hatte, sodass sie die n�chsten Stunden nur damit besch�ftigt waren. Jackon erz�hlte ihm w�hrenddessen in allen Einzelheiten von dem Anschlag und dem Absturz des Luftschiffs, doch Liam h�rte nur mit einem Ohr zu. Besorgt beobachtete er die Spiegelm�nner, die im Anwesen ein- und ausgingen. Ihre Anzahl musste sich verdoppelt haben. Jeder Zugang wurde jetzt bewacht, sogar der Eingang des Gesindefl�gels. Wenn es dabei blieb, w�rde das seine Pl�ne nicht gerade vereinfachen.</p><p>Gegen Mittag rief ihn Hume zu sich. Das Gesicht des G�rtners war verschwitzt und ger�tet. Die brutale St�rung seines gewohnten Tagesablaufs schien den armen Kerl heillos zu �berfordern.</p><p>�Du musst mir einen Gefallen tun, Liam. Bring diese Nachricht zur Luftschiffreederei von Jasper Brent. Er soll noch mehr Arbeiter schicken. Sonst dauert es Tage, bis dieses Monstrum aus meinem Garten verschwunden ist.�</p><p>Liam nahm den verschlossenen Umschlag entgegen. �Wo ist die Reederei?�</p><p>�Am Wollmarkt. Die Altstadt ist immer noch abgeriegelt, deswegen gehst du am besten zu Fu�. Und lass dich nicht von Brent abwimmeln. Umbra macht mir andernfalls die H�lle hei�.�</p><p>Liam machte sich gleich auf den Weg. Die Sonne hatte den Nebel l�ngst vertrieben, und eine dr�ckende Hitze lastete auf der Stadt. Menschenmassen str�mten zum Magistratsgeb�ude am Flussufer, denn �berall verk�ndeten Ausrufer, Lady Sarka wolle zu den Stadtbewohnern sprechen, um die Ger�chte �ber ihren Tod zu zerstreuen. Liam ging in die entgegengesetzte Richtung, denn der Wollmarkt lag am n�rdlichen Rand der Altstadt, an einem Wasserkanal, der das alte Stadtzentrum vom Labyrinth, dem Vergn�gungsviertel Bradosts, trennte. In der Markthalle aus verwitterten Ziegelsteinen, wo an sieben Tagen die Woche von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang Handel getrieben wurde, herrschte kaum Betrieb. Wegen der angespannten Lage in der Stadt waren die meisten Wollh�ndler offenbar zu Hause geblieben.</p><p>Die Luftschiffreederei befand sich in einem mehrst�ckigen Eckhaus, dessen Fassade der Rauch der Kamine im Lauf der Jahrzehnte fast schwarz gef�rbt hatte. Hinter den Fenstern im Erdgeschoss sa�en Schreiber und gingen ihrer Arbeit nach. Das Blechschild �ber dem Eingang zeigte ein k�hn aufsteigendes Luftschiff.</p><p>Mit der Nachricht in der Hand trat Liam ein.</p><empty-line/><empty-line/><p>Vivana wartete, bis ihr Vater zur Arbeit gegangen war, bevor sie ihr Zimmer verlie�, Ruac f�tterte und sich auf den Weg machte, sodass sie erst am sp�ten Vormittag beim Wanderzirkus eintraf. Die Kinder tollten zwischen den bunten Reisewagen herum und schrien freudig, als sie Vivana entdeckten. Sie gab ihnen die Bonbons, die sie unterwegs gekauft hatte, und ging zu ihrem Onkel und dessen Br�dern. Die vier M�nner arbeiteten an einem Wagen, der dringend zwei neue Achsen und einen frischen Anstrich ben�tigte.</p><p>�Vivana�, begr��te Madalin sie l�chelnd. Der hochgewachsene Manusch trug sein rotes Kopftuch, was ihn verwegen erscheinen lie�, obwohl er einer der gelassensten und sanftesten Menschen war, die sie kannte. �Wir haben uns schon gefragt, wo du steckst.�</p><p>�Tut mir leid. Wobei soll ich euch helfen?�</p><p>�Du kannst dich sp�ter um die Pferde k�mmern. Andulin lahmt. Vielleicht bringst du ihn zu Farkas, damit er ihn sich ansieht. Aber das hat Zeit. Jetzt setz dich erst einmal zu uns und iss etwas. Ich habe Suppe auf dem Feuer.�</p><p>Vivana war nicht nach Gesellschaft zumute. �Wo ist Tante Livia?�</p><p>�In ihrem Wagen.�</p><p>Ruac regte sich auf ihren Schultern, als sie in den Schatten des Sonnensegels trat. Er liebte Hitze und wollte offenbar in der Sonne bleiben. Vivana setzte ihn auf das warme Kopfsteinpflaster, wo sich der Tatzelwurm zusammenrollte und die Schnauze unter die Schwanzspitze schob.</p><p>Sie �ffnete die T�r von Tante Livias Wagen und kletterte hinein.</p><p>Der Duft von glimmendem Sandelholz empfing sie, und wegen der zugezogenen Vorh�nge herrschte ein schattiges Zwielicht im Innern des Wagens. Ihr war, als betrete sie einen verzauberten Ort fern vom L�rm und Gestank Bradosts. Ein halbes Dutzend alter Folianten stand auf einem kleinen Regal. Zedernholztruhen enthielten Tr�nke und Talismane aus Kupfer. Kr�uter trockneten an Schn�ren unter der Decke.</p><p>Tante Livia sa� an einem Tischchen, die �ppigen rotbraunen Locken mit einem Tuch zur�ckgebunden. Sie warf Knochen in eine silberne Schale.</p><p>�Setz dich�, sagte sie, ohne von den Knochen aufzusehen.</p><p>Vivana nahm auf einem dreibeinigen Hocker Platz. �Was siehst du?�</p><p>Ihre Tante wirkte beunruhigt. �Die Zeichen sind nicht eindeutig. Etwas geschieht in der Schattenwelt.�</p><p>Vivana betrachtete die Knochen in der Schale und w�nschte, sie w�re in der Lage, ihre Geheimnisse zu erkennen. �Etwas, das dir Angst macht?�</p><p>�Kannst du dich noch daran erinnern, wie der Ph�nix verschwunden ist?�</p><p>�Nat�rlich.� Vivana w�rde diesen Tag nie vergessen.</p><p>�Etwas �hnliches ist wieder passiert.�</p><p>�Ein Schattenwesen hat die Welt verlassen?�</p><p>�Nicht nur eines. Viele.�</p><p>�Aber Schattenwesen verschwinden jeden Tag.�</p><p>�Nicht in diesem Ausma�. Etwas ist diesmal anders. Aber Genaueres kann ich noch nicht sagen. Ich muss mich mit anderen Wahrsagern beraten.�</p><p>Vivana hatte ihre Tante schon lange nicht mehr so nachdenklich erlebt. �Zeig mir die Kunst des Knochenorakels�, sagte sie. �Dann kann <emphasis>ich</emphasis> dir helfen.�</p><p>�Du kennst doch meine Meinung dazu.�</p><p>Livia war der Ansicht, sie sei noch zu jung f�r die geheimen K�nste der Manusch, dabei wusste Vivana mit ihren sechzehn Jahren mehr �ber die Schattenwelt als die meisten Bewohner Bradosts. �Ich bin alt genug�, gab sie zur�ck.</p><p>��berlass es mir, das einzusch�tzen.� Livia steckte die Knochen in einen Lederbeutel, den sie zusammen mit der Silberschale in eine Kiste legte.</p><p>Vivana seufzte. Es war zwecklos, mit ihrer Tante dar�ber zu reden. Sie stand auf und betrachtete die B�cher auf dem Bord, deren Lederr�cken mit unverst�ndlichen Schriftzeichen versehen waren.</p><p>�Was suchst du?�, erkundigte sich Livia.</p><p>�Hast du schon einmal etwas vom Gelben Buch von Yaro D�ar geh�rt?�</p><p>�Wieso fragst du?�</p><p>�Mein Vater hat davon gesprochen.�</p><p>�Dein Vater? Seit wann interessiert er sich f�r solche Dinge?�</p><p>Vivana zuckte mit den Schultern. Sie schlug eines der B�cher auf und bl�tterte darin, allerdings konnte sie den Text nicht lesen. Zwar beherrschte sie die Sprache der Manusch einigerma�en, die Schrift jedoch hatte sie nie gelernt.</p><p>�Sei vorsichtig damit�, sagte Livia. �Das Buch ist sehr alt.�</p><p>�Kennst du dieses Buch nun oder nicht?�</p><p>�Es ist sehr selten. Ich kenne niemanden, der es je gesehen hat. Manche bezweifeln gar, dass es �berhaupt existiert.�</p><p>�Wovon handelt es?�</p><p>�Man sagt, es enthalte alte Zauberspr�che. Magische Rituale des S�dens, die vor langer Zeit in Vergessenheit geraten sind.�</p><p>Dass sich ihr Vater, ein verbissener Verfechter von Wissenschaft und Vernunft, mit Zauberei besch�ftigte, war in der Tat erstaunlich. Und was hatte Liam Hugnall, oder wie immer er hie�, damit zu tun? �Glaubst du, Lady Sarka besitzt ein Exemplar?�</p><p>�M�glich. Viele Alchymisten studieren die alten K�nste. In welchem Zusammenhang hat dein Vater das Buch erw�hnt?�</p><p>�Das wei� ich nicht so genau.�</p><p>Livia hob eine Augenbraue. �Du hast ihn wieder belauscht, richtig?�</p><p>Mit gerunzelter Stirn stellte Vivana das Buch zur�ck. �Was bleibt mir schon anderes �brig? Er erz�hlt mir ja nichts.�</p><p>�Wieso machst du so ein Gesicht? Habt ihr euch gestritten?�</p><p>�Er wollte mir verbieten herzukommen.�</p><p>Livia wurde ernst. �Weswegen diesmal?�</p><p>�Ich sollte zu Hause bleiben, damit ich meinen neuen Hauslehrer kennenlerne.�</p><p>�Du brauchst keinen Hauslehrer. Bei uns lernst du alles, was eine Manusch wissen muss.�</p><p>Vivana h�tte sich denken k�nnen, dass ihre Tante wieder <emphasis>damit</emphasis> anfing. H�tte sie ihren Vater besser nicht erw�hnt. �Ich bin keine Manusch�, erwiderte sie.</p><p>�Doch, das bist du. Egal, was dein Vater sagt.�</p><p>�Ich kann nicht einmal richtig eure Sprache.�</p><p>�Weil du nicht bei deiner Familie lebst.�</p><p>Vivana ahnte, was nun kam. Sie schwieg.</p><p>�Hast du noch einmal �ber Madalins Angebot nachgedacht?�, fragte Livia.</p><p>�Ich kann nicht mit euch kommen. Wie oft soll ich das noch sagen?�</p><p>�Warum nicht? Was h�lt dich noch hier?�</p><p>Ja, was? Es war nicht so, dass Vivana nicht davon tr�umte, sich den Manusch anzuschlie�en und mit ihnen durch das Land zu ziehen, wenn sie Bradost wieder f�r einige Monate verlie�en. Aber was wurde dann aus ihrem Vater? Sie liebte ihn, trotz der Abneigung, die er f�r die Manusch empfand, trotz der st�ndigen Auseinandersetzungen mit ihm. Wenn sie ging, hatte er niemanden mehr. Doch Livia w�rde das niemals verstehen. F�r sie war er der Mann, der das Leben ihrer Schwester zerst�rt hatte und nun auch Vivana ins Ungl�ck trieb. �Ich habe meine Gr�nde�, antwortete sie leise.</p><p>Livia blickte sie lange an. Wie die Wahrsagerin da sa�, im Zwielicht ihres Wagens, sah sie Vivanas Mutter so �hnlich, dass es schmerzte. �Du bist immer bei uns willkommen�, sagte sie, sanfter nun. �Wenn du es dir anders �berlegst, lass es uns wissen.�</p><p>In diesem Moment f�hlte sich Vivana so zerrissen, dass sie am liebsten davongelaufen w�re. Warum war es so schwer, eine Heimat zu finden, einen Ort, wo sie hingeh�rte?</p><p>�Ich sehe jetzt nach den Pferden.� Sie �ffnete die T�r und verlie� den Wagen.</p><empty-line/><empty-line/><p>Jasper Brent war nicht erfreut, als er erfuhr, dass Lady Sarka noch mehr Arbeiter brauchte. Nachdem er die Nachricht gelesen hatte, knallte er sie auf seinen Schreibtisch und knurrte etwas von einem wichtigen Auftrag, den er nun in den Wind schreiben k�nne. Doch der Reeder wagte nicht, sich der Anweisung zu widersetzen. Er schluckte seinen Zorn herunter, sagte gepresst, dass es ihm stets eine Ehre sei, Lady Sarka zu dienen, und versprach, seine Leute so schnell wie m�glich zum Palast zu schicken. Liam hatte Mitleid mit ihm.</p><p>Kurz darauf verlie� er die Reederei. Als er sich gerade auf den R�ckweg machen wollte, bemerkte er auf der anderen Seite des Kanals eine Gruppe von M�nnern. Man sah ihnen auf den ersten Blick an, dass sie nicht aus Bradost stammten. Sie hatten dunkle Haut und trugen Kopft�cher und bunte Westen �ber den Leinenhemden, an ihren G�rteln hingen Messer.</p><p>Manusch.</p><p>Pl�tzlich sah er Vivana vor sich, wie sie vor dem Gem�lde in Quindals Haus stand, ein j�ngeres Ebenbild ihrer wundersch�nen Mutter. Seltsam, wie gut er sich trotz ihrer kurzen Begegnung an ihr Gesicht erinnern konnte. Als w�rde er sie schon eine Ewigkeit kennen.</p><p>Er beobachtete die Manusch, bis sie in einer der zahllosen Gassen verschwanden. Ob sie zu dem Wanderzirkus geh�rten, von dem Vivana gesprochen hatte?</p><p>Zu dumm, dass sie sich mit ihrem Vater gestritten hatte. Er h�tte sie gerne besser kennengelernt. Leider w�rde er sie fr�hestens in einer Woche wiedersehen, bei seinem n�chsten Treffen mit Quindal.</p><p>Auf einmal war da wieder dieses Kribbeln in seinem Magen, genau wie heute Morgen. Nein, eine Woche war viel zu lang.</p><p>Ihm kam eine Idee. So chaotisch, wie es gerade im Palast zuging, fiel es gewiss niemandem auf, wenn er eine Weile fortblieb. Und falls doch, konnte er sp�ter immer noch behaupten, er sei in der Reederei aufgehalten worden.</p><p>Er �berquerte die Kanalbr�cke und machte sich auf den Weg durch das Labyrinth.</p><p>Zun�chst �hnelte das Viertel stark der Altstadt, doch mit jedem H�userblock, den er passierte, ver�nderte sich die Gegend. Die ehrw�rdigen Patrizieranwesen wichen Kaffeeh�usern und Variet�s mit blinden Scheiben. Sch�bige Geb�ude s�umten die engen Gassen. In den Kellern befanden sich Opiumh�hlen und Tavernen, in den oberen Stockwerken winzige Mietwohnungen, aus denen Kindergeschrei drang. Schilder, von denen die Farbe abbl�tterte, warben f�r Hundek�mpfe, Wahrsager und Kuriosit�ten aller Art. Im Schatten der Toreinfahrten schliefen Betrunkene ihren Rausch aus, Gaukler jonglierten zu ausgelassener Musik mit Messern und Fackeln, Ausrufer in phantasievollen Kost�men lockten Passanten in ihre bunten Schaubuden. In den Gassen und Hinterh�fen herrschte reges Treiben, obwohl es noch lange nicht Abend war; von der beklemmenden Atmosph�re in der Altstadt war nicht das Geringste zu sp�ren. Falls die Menschen auf den Stra�en und in den Spelunken von dem Anschlag geh�rt hatten, so scherten sie sich nicht darum.</p><p>Liam war erst ein einziges Mal hier gewesen, vor einem Jahr mit Freunden aus Scotia, obwohl sein Vater es ihm verboten hatte. Er konnte nicht gerade behaupten, sich in den Gassen auszukennen. Nachdem er die Manusch aus den Augen verloren hatte, wanderte er eine Weile ziellos herum, bis er feststellte, dass er sich verlaufen hatte - das Labyrinth trug seinen Namen zurecht.</p><p>�Aus dem Weg�, dr�hnte eine Stimme, so tief und grollend, dass er sie zun�chst f�r das Knurren eines Tieres gehalten hatte. Er wandte sich um - und wich im letzten Moment einem riesenhaften Gesch�pf aus, das sich schwankend seinen Weg durch die Gasse bahnte. Das Wesen �berragte ihn um mehr als einen Kopf, obwohl es geb�ckt ging, weil es ein Bierfass auf den Schultern trug. H�tte es sich aufgerichtet, w�re es gewiss anderthalb mal so gro� gewesen wie er. Unter den Lumpen aus Tierh�uten und Fellen verbargen sich schwellende Muskeln und graue, warzige Haut. Verfilztes Haar wuchs in langen Str�hnen aus dem Sch�del und rahmte ein menschen�hnliches Gesicht ein, aus dem eine Hakennase ragte, flankiert von zwei kleinen, gelben Augen. Grob geschmiedete und rostige Eisenreifen, mit �sen f�r Ketten, befanden sich an Armen und Beinen.</p><p><emphasis>Ein Oger</emphasis>, begriff Liam. Ehrfurcht regte sich in ihm, als ihm klar wurde, dass er vielleicht eines der letzten dieser Gesch�pfe vor sich hatte. Offenbar arbeitete der Oger im Labyrinth und verdiente sich seinen Lebensunterhalt damit, Lasten zu schleppen, die f�r Menschen zu schwer waren. Damit geh�rte er zu jener kleinen Gruppe von Schattenwesen, die sich, aus welchen Gr�nden auch immer, weigerten, die Welt zu verlassen. Stattdessen versuchten sie, sich anzupassen und sich mit den Menschen zu arrangieren. Liam wusste von einem Vodjanoj, der im Hafen hauste und von den Kapit�nen der Aetherbarken und Teeklipper angeheuert wurde, um Muscheln von den Schiffsr�mpfen zu kratzen, sowie von einer Harpyie, die in einer verrufenen Gasse irgendwo in der Grambeuge einen Laden betrieb. Man sah sie nur ganz selten, denn sie versuchten, nicht aufzufallen. Aber es gab sie, wie der Oger eindrucksvoll bewies.</p><p>Er blickte dem Furcht einfl��enden Wesen nach, bis es im Hofeingang einer Taverne verschwand. Anschlie�end ging er zu einem Zelt, vor dem ein Ausrufer in einer altmodischen Gardeuniform mit Messingkn�pfen stand. �Ich suche einen Wanderzirkus, der einem Manusch geh�rt. Kannst du mir helfen?� An den Namen von Vivanas Onkel konnte Liam sich nicht mehr erinnern.</p><p>�Meinst du Madalin? Du findest ihn auf dem Platz der Erztugenden. Einfach die Stra�e runter. Du kannst es nicht verfehlen. Aber wieso kommst du nicht rein, mein Junge? Maestra Lynette beschw�rt einen D�mon - nur f�r dich! Er sitzt auf deiner Hand und fl�stert dir die dunkelsten Geheimnisse zu!�</p><p>�Danke, ein andermal�, meinte Liam lachend und wandte sich ab.</p><p>Kurz darauf erreichte er den Platz der Erztugenden, wie ein rostiges Stra�enschild verk�ndete. Warum er diesen Namen trug, war Liam ein R�tsel. Taverne reihte sich an Taverne, und Plakate an den Gaslaternen priesen billiges Ale und leicht bekleidete T�nzerinnen an.</p><p>Das Zentrum des Platzes nahmen f�nf bemalte Reisewagen ein, halbkreisf�rmig angeordnet. Unter einem Sonnensegel, das zwischen ihnen aufgespannt war, spielten drei Kinder. Eine Frau, die Vivanas Mutter verbl�ffend �hnlich sah, nahm �pfel aus einem Korb und legte sie in ihre Sch�rze. Ein sechster Wagen lag auf der Seite; vier Manusch befestigten neue R�der an den Achsen, w�hrend sie sich lachend und scherzend unterhielten. Was sie sagten, konnte Liam nicht verstehen, denn sie redeten in ihrer Muttersprache miteinander. Er hatte einmal geh�rt, es sei eine geheime Sprache, die ausschlie�lich Manusch lernen durften.</p><p>Liam war zuversichtlich, Vivana anzutreffen, obwohl ihr Vater darauf bestanden hatte, dass sie zu Hause blieb. So, wie er sie einsch�tzte, war sie niemand, der sich von irgendwelchen Verboten ins Bockshorn jagen lie�.</p><p>Allerdings konnte er sie nirgendwo entdecken. Er sprach die Frau an, die gerade die �pfel an die M�nner verteilt hatte und nun zu ihrem Wagen zur�ckging. �Ist Vivana da?�</p><p>Die Frau musterte ihn. �Bist du ein Freund von ihr?�, fragte sie in seiner Sprache.</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie hat gerade ein Pferd weggebracht. Sie m�sste gleich wieder da sein. Setz dich doch.�</p><p>Er nahm auf einer Bank unter dem Sonnensegel Platz.</p><p>�Willst du einen Apfel?�</p><p>�Gern.�</p><p>Die Manusch reichte ihm den Apfel und setzte sich neben ihn. �Ich bin Livia. Vivanas Tante.�</p><p>Liam erinnerte sich, dass Vivana jemanden mit diesem Namen erw�hnt hatte. �Liam Hugnall�, stellte er sich vor.</p><p>�Sie hat noch nie von dir gesprochen. Kennt ihr euch schon lange?�</p><p>�Erst seit gestern. Ich habe sie kennengelernt, als ich ihren Vater besuchte.�</p><p>Argwohn flackerte in ihren Augen auf. �Er hat dich doch nicht hergeschickt, oder?�</p><p>�Nein�, antwortete er verwundert.</p><p>�Das will ich ihm auch geraten haben�, murmelte Livia und blickte wieder zu den Kindern, die auf dem Platz herumtollten.</p><p>Liam begann, sich unbehaglich zu f�hlen. Erst der Streit zwischen Vivana und ihrem Vater, dann Quindals abf�llige Bemerkungen �ber den Wanderzirkus - und nun das. Ganz offensichtlich herrschten zwischen Quindal und der Familie seiner verstorbenen Frau betr�chtliche Spannungen.</p><p>�Sind das Ihre Kinder?�, erkundigte er sich, als ihm das Schweigen unangenehm wurde.</p><p>Livia nickte. �Das sind Tamas und Arpad. Das M�dchen hei�t Dijana.�</p><p>�Vivana hat ihren Onkel erw�hnt. Madalin. Ist er einer der vier, die den Wagen reparieren?�</p><p>�Ja�, antwortete sie einsilbig.</p><p>Liam fragte sich, was er tun konnte, um ihr Misstrauen zu zerstreuen. In diesem Moment fiel das M�dchen hin und fing an zu br�llen. Livia seufzte. �Entschuldige mich�, sagte sie und nahm das Kind auf den Arm. Es hatte sich das Knie aufgeschlagen und blutete. Livia strich ihm tr�stend �ber das Haar, w�hrend sie es zu einem der Wagen trug. Froh dar�ber, dass diese seltsame Unterhaltung beendet war, a� Liam seinen Apfel.</p><p>Wenig sp�ter tauchte Vivana auf. Sie hielt ein Pferd am Z�gel und trug denselben bunten Rock wie gestern. Das kastanienbraune Haar hatte sie zu einem Zopf zusammengebunden. Eine einzelne Str�hne fiel ihr auf die Wange.</p><p>Liam fand sie noch h�bscher als gestern.</p><p>Er wischte sich die klebrigen H�nde an der Hose ab und stand auf. �Hallo, Vivana.�</p><p>�Liam.� Sie blieb stehen. �Was machst du denn hier?�</p><p>�Ich war zuf�llig in der Gegend und dachte, ich pr�fe nach, was du �ber die Manusch erz�hlt hast. Du wei�t schon, die Sache mit der Schwarzen Magie.�</p><p>Sie lachte. �Und zu welchem Schluss bist du gekommen?�</p><p>�Ich habe gehofft, du k�nntest mir bei meinen Nachforschungen behilflich sein.�</p><p>�Warte hier�, sagte sie und f�hrte das Pferd an den Manuschwagen vorbei zu einer alten Herberge, die nicht mehr benutzt wurde. Nachdem sie das Tier in die Stallungen gebracht hatte, wechselte sie ein paar Worte mit einem der M�nner.</p><p>�Dein Onkel?�, fragte Liam, als sie zu ihm zur�ckkam.</p><p>Vivana nickte. �Ihm und Tante Livia geh�rt dieser Zirkus.�</p><p>�Deine Tante habe ich gerade kennengelernt.�</p><p>�Und? Hat sie dich mit ihrer Schwarzen Magie verhext?�</p><p>�W�re sie dazu f�hig?�</p><p>�Das h�ngt ganz davon ab, ob du nett zu ihr warst.�</p><p>�Ich habe mich bem�ht�, sagte Liam. �Aber ich f�rchte, sie glaubt, dein Vater h�tte mich geschickt, um dir nachzuspionieren.�</p><p>�Hat er?�, fragte Vivana.</p><p>Er lachte. �Fang du nicht auch noch an. Er wei� nicht einmal, dass ich hier bin.�</p><p>Sie strich die Haarstr�hne hinter das Ohr. �Du bist also nur wegen der Manusch hier?�</p><p>�Rein wissenschaftliche Neugier. Ich schw�re es.�</p><p>�Na gut, Liam Hugnall. Dann will ich dir glauben.� Sie ging zu einem Tischchen unter dem Sonnensegel, auf dem ein Tonkrug stand, und f�llte zwei Becher mit einer klaren, gr�nlichen Fl�ssigkeit.</p><p>�Was ist das?�</p><p>�<emphasis>Korkas</emphasis>. Ein Tee nach einem alten Manuschrezept. Versuch es. Es ist besser als Kaffee.�</p><p>Liam nippte an dem Getr�nk. Es schmeckte bitter, aber sehr erfrischend.</p><p>�Was gestern passiert ist, tut mir leid�, sagte Vivana. �Wir h�tten uns nicht vor dir streiten d�rfen. Das war sehr unh�flich von uns.�</p><p>�Warum will dein Vater nicht, dass du die Manusch besuchst?�</p><p>Sie verzog den Mund. �Es ist... kompliziert.�</p><p>Liam sp�rte, dass sie nicht dar�ber reden wollte. Er betrachtete die bunten Reisewagen. �Einen Wanderzirkus habe ich mir anders vorgestellt.�</p><p>�Wie denn?�</p><p>�Mit einem Zelt. Und Schaubuden mit wilden Tieren.�</p><p>�Madalin und seine Br�der sind Gaukler. Sie jonglieren, machen Musik und f�hren Kunstst�cke auf.�</p><p>�Und deine Tante?�</p><p>�Sie erz�hlt Geschichten und liest den Leuten aus der Hand.�</p><p>�Also doch Schwarze Magie�, meinte er grinsend.</p><p>�Ertappt�, sagte Vivana.</p><p>Der Tatzelwurm kam unter einem Wagen hervorgekrochen. Vivana nahm das Gesch�pf auf den Arm.</p><p>�Woher hast du ihn?�</p><p>�Letzten Sommer habe ich am Stadtrand ein schwarzes Ei gefunden, am Ufer eines Sees. Ich habe es f�r einen seltsam geformten Stein gehalten und mit nach Hause genommen. Naja, und ein paar Tage sp�ter ist Ruac geschl�pft. Ich bin fast in Ohnmacht gefallen, wie du dir vorstellen kannst.�</p><p>�So ein Tier habe ich noch nie gesehen.�</p><p>�Er ist kein Tier. Tatzelw�rmer sind Schattenwesen. Allerdings gibt es nicht mehr viele von ihnen. Die Manusch erz�hlen sich, dass es fr�her, als die Magie noch stark war, in den Schluchten von Karst nur so von ihnen gewimmelt hat. Die st�rksten sind im Lauf der Jahrhunderte zu Lindw�rmern herangewachsen.�</p><p>�Dein Vater kann ihn nicht leiden, was?�</p><p>�Er hat Angst vor Ruac. Alles, was mit Magie zu tun hat, ist ihm unheimlich.�</p><p>�Seltsam, wenn man bedenkt, was er f�r einen Umgang pflegt.�</p><p>�Was meinst du damit?�, fragte Vivana.</p><p>�Heute Morgen hat er mit einem blassen Mann im Tweedanzug geredet. Irgendetwas hat mit dem Kerl nicht gestimmt. Wie soll ich es erkl�ren...�</p><p>Sie lachte. �Ach, das war nur Godfrey. Keine Sorge, er ist harmlos.�</p><p>�Du kennst ihn?�</p><p>�Er ist ein alter Freund meines Vaters. Er besucht ihn ab und zu und versorgt ihn mit Informationen. Ist er mal wieder durchsichtig geworden?�</p><p>�Ja.� Also hatte er es sich doch nicht eingebildet.</p><p>�Godfrey verwandelt sich manchmal teilweise in Aether. Er kann nichts daf�r.�</p><p>�In Aether?�, fragte Liam ungl�ubig.</p><p>�Er war Mechaniker in der Werkstatt meines Vaters. Vor ein paar Jahren gab es einen Unfall. Der Aetherumwandler ist explodiert. Mein Vater hat seine Hand verloren, und einige seiner Arbeiter wurden verletzt. Godfrey traf es am schlimmsten. Er wurde fast vollst�ndig zu Aether verdampft. Irgendwie ist es meinem Vater gelungen, sein Leben zu retten und ihn wiederherzustellen - wenigstens zum gr��ten Teil.�</p><p>In Bradost machten viele solcher Geschichten �ber Quindals Werkstatt die Runde. Liam hatte sie jedoch immer f�r Schauerm�rchen gehalten. Ihn fr�stelte. �Was hei�t das, er versorgt deinen Vater mit Informationen?�</p><p>�Seit seinem Unfall ertr�gt Godfrey die Gegenwart anderer Menschen nicht mehr. Er hat sich in die Katakomben zur�ckgezogen. Was er dort macht, wei� ich nicht genau. Ich glaube, er redet mit Schlammtauchern, Vogelfreien und Dieben und erf�hrt so, was in der Stadt vor sich geht. Seine Informationen verkauft er. Mein Vater bekommt sie kostenlos, zum Dank daf�r, dass er ihm das Leben gerettet hat.�</p><p>Liam sch�ttelte den Kopf. Eine unglaubliche Geschichte. Aber sie erkl�rte, wie Quindal so fr�hzeitig von dem Anschlag erfahren hatte.</p><p>Rufe erklangen. Die Manusch hatten den Wagen repariert und stellten ihn mit vereinten Kr�ften auf die R�der. Anschlie�end klopften sie sich gegenseitig auf die Schultern.</p><p>�Ich sollte jetzt weiterarbeiten�, sagte Vivana. �Ich habe meinem Onkel versprochen, die Pferde zu striegeln. Es war sch�n, dich wiederzusehen, Liam.�</p><p>�Ja.� Er l�chelte. �Das war es.�</p><p>Mit Ruac auf dem Arm ging sie zu den Stallungen. Nach ein paar Schritten drehte sie sich noch einmal um. ��bermorgen ist Ph�nixtag. Ich werde am Turm sein, wenn sie die Feuer anz�nden. Kommst du mit?�</p><p>�Ph�nixtag?�</p><p>�Spar dir die M�he�, erwiderte sie. �Ich wei�, dass du aus Bradost bist.�</p><p>Liam grinste gequ�lt. �Es steht mir auf der Stirn geschrieben, richtig?�</p><p>�Das nicht gerade. Als Schauspieler bist du ganz passabel. Mein Vater hat es mir gesagt.�</p><p>Er atmete auf. �Also dann, �bermorgen am Ph�nixturm.�</p><p>Es war nur ein fl�chtiges L�cheln, mit dem sie sich von ihm verabschiedete, doch er konnte den ganzen restlichen Tag an nichts anderes denken.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>22</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die Traumlande</emphasis></strong></p></title><p><strong>D</strong>iesmal hatte Lucien vorgesorgt. Er drehte die Laterne heller und hielt sie vor sich, w�hrend er die Augen zusammenkniff und die T�r aufstie�. Die Ghule fauchten hasserf�llt und wichen vor dem Licht zur�ck. Eilends durchquerte er den Raum, schl�pfte durch die gegen�berliegende T�r und warf sie hinter sich zu, womit er das Zischen der Untoten abschnitt.</p><p><emphasis>Stinkende Kadaver. Ekelhaft.</emphasis></p><p>Lucien l�schte die Laterne und sah sich um.</p><p>Wie bei seinem letzten Besuch erhellten Kerzen den alten Salon. Er folgte dem leisen Gel�chter und gelangte zu einer Nische mit einer abgewetzten Ledercouch, auf der sich ein junger Mann l�mmelte. Fay und Whisper, die bleichen V�la-Schwestern, schmiegten sich an ihn, k�ssten seine Halsbeuge und strichen mit ihren krallenartigen Fingern �ber seine Arme und die entbl��te Brust. Der J�ngling hatte die Augen geschlossen und l�chelte gl�ckselig. Vermutlich ein vergn�gungss�chtiger Adliger oder Patriziersohn, den die Schwestern irgendwo im Labyrinth aufgegabelt und mit verruchten Versprechungen hierhergelockt hatten. Noch w�hnte er sich im Himmel und schob die zunehmende Benommenheit auf den Absinth, den er trank. Wenn er endlich begriff, dass die Schwestern ihm mit jeder Ber�hrung einen Teil seiner Lebenskraft stahlen, w�rde es l�ngst zu sp�t sein.</p><p>Fay bemerkte Lucien und musterte ihn kalt.</p><p>�Wo ist Aziel?�, fragte er.</p><p>Wortlos wies die V�la auf den zerschlissenen Vorhang, bevor sie sich wieder ihrem Opfer widmete.</p><p>�Wenn ich dir einen Rat geben darf�, wandte sich Lucien an den J�ngling, �geh nach Hause, solange du noch kannst.�</p><p>Der blickte ihn aus verschleierten Augen an und l�chelte matt. �Nach Hause? Wo denkst du hin, mein Freund! Das hier ist das Paradies.� Er hob sein Absinthglas, das im Kerzenlicht gr�n schimmerte. �Setz dich zu uns. Trink. Lass uns feiern.�</p><p>Lucien seufzte und wandte sich ab.</p><p>Er teilte den Vorhang und folgte einem Gang mit schimmeligen Wandt�felungen, bis er eine Steintreppe erreichte. Unten, in dem Kellergew�lbe, zwischen morschen Kisten und F�ssern, standen Aziel und Seth und redeten leise miteinander. Der Halbd�mon deutete eine Verneigung an, bevor er sich zur Kellerwand umdrehte. Das Mauerwerk wurde durchsichtig, und es erschien eine wabernde, ovale Fl�che. Obwohl es schlagartig hei� wurde, schauderte Lucien, als er einen Blick auf die bizarre Landschaft hinter der �ffnung erhaschte: Dunst verh�llte gewaltige Treppen und Pfeiler, Rauch stieg aus Sch�chten und Abgr�nden auf. Schwarze Fl�sse schl�ngelten sich zwischen scharfkantigen Felszacken entlang.</p><p>Seth trat durch die �ffnung, woraufhin sich das Tor schloss. Zur�ck blieb ein leichter Schwefelgestank.</p><p>Lucien stieg die Treppe hinab. �Was, um alles in der Welt, treibt ihr hier?�</p><p>�Seth stellt Nachforschungen f�r mich an�, erkl�rte Aziel.</p><p>�Im Pand�monium?�</p><p>Der einstige Herrscher der Alben antwortete nicht. Der Saum seiner Robe strich �ber den Boden, als er Lucien entgegenschritt. �Wo warst du so lange?�, fragte er barsch.</p><p>�Zum letzten Mal: Ich bin nicht dein Leibeigener. Ich komme und gehe, wann es mir passt.�</p><p>Ein metallischer Glanz erschien in Aziels Augen. �Hast du etwas herausgefunden?�</p><p>Lucien nickte.</p><p>�Gut. Gehen wir nach oben.�</p><p>�Wir reden hier. Ich will deine Dienerinnen nicht bei ihrem Vergn�gen st�ren.�</p><p>�Sie sind V�len�, entgegnete Aziel. �Sie gehorchen nur ihrer Natur.�</p><p>Lucien war nicht gekommen, um sich Vortr�ge �ber Geisterfrauen anzuh�ren. �Ich wei�, wie der Harlekin an Jernigans Lampe gekommen ist�, begann er ohne Umschweife. �Du hattest recht: Jemand hat ihm geholfen.�</p><p>�Wer?�, fragte Aziel schneidend.</p><p>�Corvas.�</p><p>�Und daran besteht kein Zweifel?�</p><p>Lucien war gewiss der Letzte, der etwas auf Silas Tornes Wort gab. Dennoch glaubte er nicht, dass der Alchymist gelogen hatte, was die Lampe betraf. �Ich f�rchte nein.�</p><p>�Corvas�, murmelte Aziel angewidert, als h�tte der Name einen �blen Geschmack. �Also steckt die Lady hinter alldem.�</p><p>�Das ist nicht gesagt. Corvas hat m�glicherweise eigene Pl�ne.�</p><p>�Die alte Kr�he? Nein. Corvas w�rde nie eigenm�chtig handeln. Lady Sarka hat ihm befohlen, die Lampe zu beschaffen, genau wie er in ihrem Auftrag den Kerker des Harlekins aufgebrochen hat.�</p><p>Lucien dachte an die toten Alben in den Katakomben, an die Schusswunden in ihren verwesenden Leibern. Der Anordnung der Leichen nach zu schlie�en war es ein kurzer Kampf gewesen, falls es �berhaupt einen gegeben hatte. Sie waren mit genau jener grausamen Effizienz angegriffen worden, f�r die man Corvas in ganz Bradost f�rchtete. �Du glaubst, die Lady hat den Harlekin benutzt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Warum sollte ihr daran gelegen sein, dich zu entmachten?�</p><p>�Es wird Zeit, das herauszufinden�, knurrte Aziel und ergriff Luciens Hand.</p><p>Die Kellerw�nde verblassten, und f�r einen Wimpernschlag hatte Lucien das Gef�hl, zu fallen. Im n�chsten Moment waren die feuchten Mauern und die Kistenstapel verschwunden. Sie fanden sich im gro�en Saal des Albenpalastes wieder.</p><p>Lucien blickte zu den Galerien auf, wo sich bei seinem vorletzten Besuch hunderte von Alben gedr�ngt hatten. Die S�ulen verloren sich im Zwielicht, und die Stille, die in dem gewaltigen Geb�ude herrschte, wirkte gespenstisch.</p><p>�Was tun wir hier?�</p><p>�Ich will mir Lady Sarkas Tr�ume ansehen.� Aziel ging zur Treppe, die zu den Emporen f�hrte.</p><p>Lautloser Wind strich durch die Korridore. W�hrend Lucien dem �lteren Alb durch die Hallen und Flure folgte, fiel ihm auf, dass sich der Palast seit dem Zweikampf ver�ndert hatte. S�ulen und Pfeiler bekamen Risse. Bodenplatten waren gesprungen. W�nde begannen zu br�ckeln.</p><p>Der Palast des Albenherrschers verfiel. Aziel bot all seine Kr�fte auf, um die Tr�ume zu kontrollieren, aber offenkundig gelang es ihm nicht, die Sch�den, die �berall entstanden, einzud�mmen oder gar zu beheben. Selbst ein alter und machtvoller Alb wie er war dieser Aufgabe ohne die Hilfe seines Volkes nicht gewachsen.</p><p>�Alles verkommt�, sagte Aziel d�ster, als h�tte er Luciens Gedanken gelesen. �Ich schaffe es gerade noch, die Seelenh�user vor dem Verfall zu bewahren, doch ich werde von Tag zu Tag schw�cher. Dort drau�en k�nnten die schrecklichsten Dinge geschehen, und ich w�rde es nicht einmal bemerken. Geschweige denn, dass ich etwas dagegen tun k�nnte. Was, wenn die Tr�ume au�er Kontrolle geraten? Was dann, Lucien?�</p><p>Diese Frage war so gro�, so bedrohlich, dass Lucien es stets vermieden hatte, dar�ber nachzudenken. Er schwieg bedr�ckt.</p><p>Sie stiegen die Wendeltreppe zum h�chsten Turm des Palastes hinauf. Unter dem Kuppeldach, hoch �ber den Zinnen, befand sich ein kreisrunder Raum. Lucien trat an eines der Spitzbogenfenster und betrachtete die Stadt, die sich um den Palast ausbreitete.</p><p>Sie war so gewaltig, dass nicht einmal Lucien mit seinen scharfen Augen ausmachen konnte, wo sie endete. Abermillionen von Seelenh�usern dr�ngten sich aneinander, bedeckten die Ebene bis zum Horizont. Ewiges Zwielicht herrschte in den Gassen, ein Schleier aus Silberstaub lag �ber den D�chern. Die Luft unter dem nachtblauen Firmament war erf�llt vom unaufh�rlichen Wispern und Raunen der Tr�ume. Sammler krochen durch die Stra�en und holten verbrauchte Traumsubstanz aus den Seelenh�usern. Gefl�gelte Boten brachten frische, die sie in den H�hlen unter dem Palast ernteten und in Form tropfenf�rmiger Blasen in die Kamine fallen lie�en. Sowohl die schwamm�hnlichen Sammler als auch die insektenartigen Boten waren geistlose Kreaturen; sie folgten Abl�ufen, die seit Jahrtausenden feststanden, weswegen sie noch nicht bemerkt hatten, dass es keine Alben mehr gab. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis sie begriffen, dass niemand mehr auf sie aufpasste und sie tun und lassen konnten, was ihnen gefiel. Lucien wagte nicht, sich das Chaos vorzustellen, das unweigerlich die Folge sein w�rde.</p><p>�Hast du noch Kraft f�r einen Sprung?�, fragte Aziel.</p><p>�Ja. Aber ich f�rchte, ohne deine Hilfe finde ich das Seelenhaus der Lady nicht.�</p><p>�Fr�her hast du es doch auch gekonnt.�</p><p>�Ich bin aus der �bung.�</p><p>�Gib mir deine Hand�, knurrte Aziel unwirsch.</p><p>Sie landeten irgendwo in der Stadt. Lucien blinzelte benommen, als er Aziels Hand loslie�. Er war an all das nicht mehr gew�hnt.</p><p>Geb�ude s�umten die Stra�e, gro�e und kleine, pr�chtige und sch�bige, je nachdem, wie die Seelen, die sie beherbergten, beschaffen waren. Verk�mmerte Seelen hausten in H�tten, w�hrend sich sehr intelligente, willensstarke oder phantasiebegabte Schl�sser und Prachtbauten schufen, in denen sie sich ihren Tr�umen hingaben, um sich von den M�hen des Tages zu erholen.</p><p>Lady Sarkas Seelenhaus glich einem dunklen Ebenbild ihres Palastes in Bradost. Es �berragte s�mtliche Geb�ude weit und breit.</p><p>Aziel ging zu einem kleineren Haus in der N�he.</p><p>�Was machst du da?�, rief Lucien.</p><p>�Etwas in Ordnung bringen.�</p><p>Die Fenster des Geb�udes waren dunkel, denn es enthielt gerade keine Seele und folglich auch keine Tr�ume. Die W�nde und das Dach wiesen Risse auf. Aziel legte seine Hand auf die T�r, woraufhin die Sch�den verschwanden.</p><p>�Gehen wir�, sagte er.</p><p><emphasis>Eins kann er wiederherstellen</emphasis>, dachte Lucien. <emphasis>Aber was ist mit den unz�hligen anderen, die gerade zerfallen?</emphasis></p><p>Sie folgten dem Pfad, der den H�gel zu Lady Sarkas Seelenhaus hinauff�hrte. Seltsame, gekr�mmte Pflanzen wuchsen auf den H�ngen. Lucien konnte sich nicht daran erinnern, je eine menschliche Seele gesehen zu haben, die in der Lage war, die Gegend <emphasis>au�erhalb</emphasis> ihrer Zuflucht zu beeinflussen. Lady Sarka musste sehr m�chtig sein. Oder sehr gr��enwahnsinnig.</p><p>Aziel stie� die T�r auf, und sie traten ein.</p><p>Das Seelenhaus war leer. Eine d�nne Schicht Traumsubstanz bedeckte den Boden. Ein Sammler kroch durch die Zimmer und Flure und nahm die silbrige Materie in sich auf.</p><p>�Sieht so aus, als m�ssten wir abwarten, bis sie das n�chste Mal tr�umt�, sagte Lucien.</p><p>�Nein.� Aziel nahm etwas Traumsubstanz auf und lie� sie durch seine Finger rinnen. �Schau dir das an. Unverbraucht.�</p><p>�Was hat dann der Sammler hier zu suchen?�</p><p>�Er ist ein geistloses Wesen, das nur seine Arbeit tut. Er begreift nicht, dass die Traumsubstanz nicht verbraucht wurde. Vermutlich taucht bald ein Bote auf und liefert frische.�</p><p>�Ich f�rchte, ich kann dir nicht folgen.�</p><p>�Lady Sarka tr�umt nicht mehr�, erkl�rte Aziel.</p><p>�Aber Menschen <emphasis>m�ssen</emphasis> tr�umen. Wenn sie nicht tr�umen, verlieren sie sp�testens nach einem Monat den Verstand.�</p><p>�Es sei denn, sie finden einen Weg, ihre Seele zu sch�tzen.�</p><p>�Das ist nicht m�glich.�</p><p>�Wer wei�, wozu Lady Sarka f�hig ist. Schau dir ihr Seelenhaus an. Sie hat einen unbeugsamen Willen und gro�e Macht.�</p><p>�Aber um den Schlaf zu besiegen, m�sste sie...�</p><p>�Nicht das Wie ist entscheidend, sondern das Warum�, fiel ihm Aziel barsch ins Wort. �Sie wusste, dass ich herkommen w�rde. Deshalb hat sie daf�r gesorgt, dass ihr Seelenhaus leer ist - aus Angst, ich k�nnte herausfinden, was sie vorhat.�</p><p>Beklemmung stieg in Lucien auf. Falls der einstige Albenk�nig recht hatte, war Lady Sarka m�chtiger, als er je f�r m�glich gehalten h�tte. �Was willst du jetzt tun?�</p><p>Aziels Augen funkelten. �Geh zur�ck nach Bradost. Dring in ihren Palast ein und sieh dich um. Such nach Hinweisen auf ihre Pl�ne. Und beeil dich, bevor es zu sp�t ist.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>23</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Das Labor</emphasis></strong></p></title><p><strong>U</strong>mbra fand Amander im Salon, wo er sich wie �blich in einem Sessel l�mmelte.</p><p>�Was machst du hier?�, fuhr sie ihn an. �Die Herrin erwartet uns!�</p><p>Der Schwarzhaarige sah von der Zeitung auf, in der er gelangweilt gebl�ttert hatte. �Ich warte auf Corvas.�</p><p>�Er ist schon bei ihr.�</p><p>Amander seufzte und faltete das Blatt zusammen. Umbra blickte ihn voller Ungeduld an, w�hrend er sich schwerf�llig erhob. Sie hatte nicht viel �brig f�r ihn, nicht nur wegen seiner chronischen Unzuverl�ssigkeit. Sein ganzes Wesen war ihr zuwider. Umbra hatte nichts dagegen, dass er hin und wieder Leute beseitigte, die sich als st�rend erwiesen - wohl aber gegen die Art und Weise, <emphasis>wie</emphasis> er es tat. Er genoss es regelrecht.</p><p>Amander griff nach einer Laterne und stellte sich dicht neben sie, obwohl er genau wusste, dass sie das nicht mochte. Sie warf ihm einen w�tenden Blick zu und r�ckte von ihm ab, woraufhin er anz�glich l�chelte.</p><p>�Komm schon�, begann er.</p><p>�Halt den Mund. Ich muss mich konzentrieren.�</p><p>Sie �ffnete ein Tor. Die Sonne ging gerade unter, weswegen es ihr kaum M�he bereitete. Ihre Kr�fte waren abends genauso stark wie am fr�hen Morgen.</p><p>Sie traten durch das Tor und folgten schweigend dem Schattentunnel. Nachdem sie eine Weile abw�rts gegangen waren, schuf Umbra eine �ffnung, durch die sie in die H�hlen tief unter dem Palast gelangten.</p><p>W�hrend sich der Spalt hinter ihnen schloss, drehte Amander die Lampe auf. Das Licht fiel auf unregelm��ig geformte W�nde, die nicht aus Stein bestanden, sondern aus einer glasartigen Substanz.</p><p>�Wieso hast du den Jungen nicht mitgenommen?�, fragte Amander, w�hrend sie den Stollen entlanggingen.</p><p>�Jackon ist noch nicht so weit.�</p><p>Der Schwarzhaarige kicherte leise.</p><p>�Was gibt�s da zu lachen?�</p><p>�Wei�t du noch, wie er gesehen hat, was ich mit der Ratte gemacht habe? Sein Gesicht... Der arme Kerl h�tte sich vor Angst fast nass gemacht.�</p><p>�Herrgott, er ist erst f�nfzehn.�</p><p>�Er ist ein Waschlappen, wenn du mich fragst. Er hat nicht das Zeug dazu, einer von uns zu werden.�</p><p>�Zum Gl�ck fragt dich keiner�, erwiderte Umbra unfreundlich.</p><p>Amander warf ihr einen sp�ttischen Blick zu. �Sag blo�, du nimmst die kleine Kanalratte in Schutz. Was bist du - sein Kinderm�dchen?�</p><p>Sie fuhr zu ihm herum. Ihr Schatten wuchs im schwankenden Laternenlicht in die L�nge und kr�mmte sich die Tunnelwand hinauf. �Ich will das nie wieder h�ren, verstanden?�, erwiderte sie leise.</p><p>�Was - Kanalratte oder Kinderm�dchen?�</p><p>Der Schatten streckte die Arme nach dem Schwarzhaarigen aus. Amander wich zur�ck und hob abwehrend die freie Hand. �Ho!�, sagte er. �Schon gut. Es war nur ein Witz.�</p><p>Umbra starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. �Spar dir deine Witze�, knurrte sie, lie� ihren Schatten auf seine normale Gr��e schrumpfen und ging weiter.</p><p>Kinderm�dchen - pah! Sie befolgte nur die Befehle der Herrin. Dar�ber hinaus gab sie Jackon hin und wieder einen Sto� in die richtige Richtung, damit er nicht unter die R�der geriet. Nat�rlich konnte er eine schreckliche Nervens�ge sein. Aber das gab Amander nicht das Recht, ihn Kanalratte zu nennen. Wenn jemand den Jungen Kanalratte nennen durfte, dann sie.</p><p>Sie erreichten jenen Teil der H�hlen, der stets von einem fahlen blauen Gl�hen erf�llt war, und betraten eine weitl�ufige Kaverne. Nischen befanden sich in den W�nden. In zweien hingen kokonartige Gebilde. Offenbar hatte die Herrin gleich nach dem Attentat begonnen, neue Homunculi heranzuz�chten, als Ersatz f�r jene, die von den Angreifern vernichtet worden waren. Allerdings w�rde es noch Wochen dauern, bis die Gesch�pfe reif waren. Noch waren ihre Kokons nicht gr��er als eine Schweinsblase.</p><p>Umbra versp�rte ein leichtes Schaudern beim Anblick der spindelf�rmigen H�llen. Manchmal schien sich etwas darin zu bewegen. Sie war im Lauf ihres Lebens D�monen und Schattenwesen begegnet, darunter einigen wirklich scheu�lichen Exemplaren. Aber an diese <emphasis>Dinger</emphasis> w�rde sie sich nie gew�hnen.</p><p>Eine Ecke der Kaverne wurde von einem Athanor eingenommen, einem Ofen, von dem mehrere R�hren zu einer alchymistischen Apparatur auf einem Steintisch verliefen. Kochende Fl�ssigkeiten str�mten durch Zylinder und Destillierkolben, Ventile sonderten fauchend Dampf ab, der durch �ffnungen in der Decke abzog.</p><p>Corvas stand in der Mitte der H�hle und beobachtete die Herrin, die an der Apparatur arbeitete. Sie trug lederne Schutzkleidung und eine Maske, die �ber mehrere schlauchartige Atemstutzen verf�gte und auf bizarre Weise an einen Tintenfisch erinnerte.</p><p>Umbra wusste, warum die Herrin sie gerufen hatte, und konnte die Anspannung in der Luft beinahe k�rperlich sp�ren. Sie versuchte, in Corvas� Miene zu lesen, um einen Hinweis zu bekommen, was sie erwartete. Aber nat�rlich gab das bleiche Antlitz nicht das Geringste preis.</p><p>Lady Sarka streifte die Maske ab, warf die Handschuhe auf den Tisch und wischte sich das schwei�nasse Haar aus dem Gesicht, bevor sie die Kaverne durchquerte. Jemand, der nicht wusste, was geschehen war, w�re nicht im Traum darauf gekommen, dass sie erst gestern mehrere schreckliche Verletzungen erlitten hatte. Umbra jedoch bemerkte, dass sie sich noch nicht vollst�ndig erholt hatte: Einige ihrer Bewegungen wirkten seltsam eckig, ihre Haut war ein wenig blasser als sonst. Die... Verwandlung musste sie unsagbar viel Kraft gekostet haben.</p><p>Ein diamantenes Glitzern lag in Lady Sarkas Augen, als sie ihre drei Leibw�chter anblickte. �Habt ihr eine Erkl�rung f�r euer Versagen?�</p><p>Umbra war sich durchaus im Klaren, wie gef�hrlich die derzeitige Stimmung der Herrin war, weshalb sie ihre Worte sehr genau abw�gte. Allerdings kam Corvas ihr zuvor.</p><p>�Was geschehen ist, ist unverzeihlich�, sagte er. �Daf�r gibt es keine Entschuldigung.�</p><p>�Unverzeihlich?�, fauchte die Lady. �Es war st�mperhaft! Ein Attentat in meinem eigenen Haus - was f�r eine Schande. Nenn mir einen Grund, warum ich euch nicht alle drei aus der Stadt jagen soll.�</p><p>�Wir haben vorab s�mtliche Namen auf der G�steliste �berpr�ft�, sagte Umbra vorsichtig. �Es gab keinen Hinweis, dass jemand etwas plante.�</p><p>Lady Sarka wandte sich ihr ruckartig zu. �Weil ihr schlampig gearbeitet habt! Der Anschlag wurde seit Monaten vorbereitet. Wie kann es sein, dass euch so etwas entgeht?�</p><p>�Meine Kr�hen sehen viel, aber nicht alles�, erkl�rte Corvas.</p><p>�Ach wirklich? Vielleicht fehlt ihnen nur der richtige Ansporn. Vielleicht geben sie sich mehr M�he, wenn ich ab und zu einem deiner Lieblinge den Hals umdrehe.�</p><p>�Das wird nicht n�tig sein�, entgegnete der Schwarzgekleidete tonlos.</p><p>�Das will ich hoffen. Denn einen weiteren Fehler werde ich nicht hinnehmen. Von keinem von euch.�</p><p>Lady Sarka schritt zum Tisch, wo sie begann, die Verschl�sse des Schutzanzuges zu �ffnen. Umbra atmete unmerklich aus. Wie es schien, waren sie glimpflich davongekommen.</p><p>�Komm her�, befahl die Herrin.</p><p>Umbra half ihr, aus dem Anzug zu schl�pfen. Obwohl sie splitterfasernackt war, machte die Lady keine Anstalten, sich vor den Blicken ihrer drei Leibw�chter zu verbergen. Ungeniert ging sie zu einem Stuhl, griff nach ihrem Gewand und streifte es sich �ber.</p><p>�Wie geht die Suche nach den Verschw�rern voran?�, erkundigte sie sich bei Corvas.</p><p>�Einige wollten die Stadt verlassen, als sie von dem gescheiterten Attentat erfahren haben. Meine Leute haben sie festgenommen, bevor ihr Luftschiff startklar war. Der Rest der Gruppe scheint sich im Kessel zu verstecken.�</p><p>�Scheint?�, fragte Lady Sarka scharf.</p><p>�Wir suchen noch nach ihnen�, erkl�rte der Schwarzgekleidete nach einem kaum merklichen Z�gern.</p><p><emphasis>Bei allen D�monen</emphasis>, dachte Umbra. <emphasis>Sogar</emphasis> er <emphasis>hat Angst vor ihr.</emphasis></p><p>�Findet sie. Und dann schafft sie in den Magistrat. Ich will sie pers�nlich verh�ren.�</p><p>�Gewiss.�</p><p>�Du l�sst jeden verhaften, dessen Name im Verlauf der Ermittlungen f�llt. Ich will, dass dieser Sumpf trockengelegt wird. Und so lange betritt niemand ohne meine ausdr�ckliche Erlaubnis den Palast, ist das klar?�</p><p>Corvas nickte.</p><p>Lady Sarka blickte in die Runde. Mit einer Hand st�tzte sie sich auf der Stuhllehne ab. Umbra bemerkte, dass sie zitterte.</p><p>�Ihr solltet Euch ausruhen�, murmelte sie.</p><p>�Nein�, erwiderte die Herrin barsch. �Es gibt noch viel zu tun. Was ich bisher unternommen habe, reicht offensichtlich nicht aus. Ihr werdet mir einen Doppelg�nger beschaffen.�</p><p>Die Worte hingen in der Luft. Umbra war die Erste, die ihre �berraschung �berwand.</p><p>�Einen Doppelg�nger? Wozu?�</p><p>�Zu meinem Schutz, was sonst?�</p><p>�Aber Ihr seid gesch�tzt. Der Anschlag hat das bewiesen...�</p><p>�Wer wei�, wie lange noch�, fiel Lady Sarka ihr ins Wort. �Meine Feinde schlafen nicht. Sie werden alles versuchen, um das Geheimnis meiner Macht zu ergr�nden.�</p><p>Umbra konnte sich nicht vorstellen, wie. Allerdings hatte sie es auch nicht f�r m�glich gehalten, dass jemand so verr�ckt sein k�nnte, die Herrin in ihrem eigenen Palast anzugreifen. �Ein Doppelg�nger w�rde vieles erleichtern�, r�umte sie ein. �Aber es wird schwierig sein, einen zu finden. Sie sind selten geworden.�</p><p>�Ich habe geh�rt, Silas Torne aus dem Chymischen Weg besitzt einen.�</p><p>�Tornes Haus ist in der vergangenen Nacht abgebrannt�, sagte Corvas.</p><p>�Abgebrannt?�, wiederholte Lady Sarka.</p><p>�Offenbar gab es in seinem Laboratorium einen Unfall. Meine Kr�hen haben gemeldet, dass ein Blutgeist ausgebrochen ist und alles verw�stet hat.�</p><p>�Hat Torne �berlebt?�</p><p>�Ja. Allerdings ist er kurz nach dem Feuer verschwunden.�</p><p>�Finde ihn. Vielleicht ist er bereit, mir seinen Doppelg�nger zu verkaufen.�</p><p>�Der Doppelg�nger ist vermutlich bei dem Brand gestorben.�</p><p>�Bring Torne trotzdem her. Wenn mir jemand helfen kann, dann er.�</p><p>Umbra �u�erte ihre Bedenken: �Der Mann hat nicht gerade einen guten Ruf. Ich wei� nicht, ob es klug ist, Gesch�fte mit ihm zu machen...�</p><p>�Sein Ruf k�mmert mich nicht. Und jetzt verschwindet und macht eure Arbeit.�</p><p>Corvas und Amander verlie�en die Kaverne, w�hrend sich die Herrin wieder der Apparatur zuwandte.</p><p>�Wieso bist du immer noch hier, Umbra?�, fragte sie ungehalten.</p><p>�Wegen Jackon. Wollt Ihr seine Ausbildung fortsetzen?�</p><p>�Es war nie die Rede davon, damit aufzuh�ren.� Lady Sarka warf einen Blick �ber ihre Schulter. �Mein derzeitiger Zustand wird mich jedenfalls nicht davon abhalten. Das ist es doch, woran du denkst, nicht wahr?�</p><p>�Ihr solltet warten, bis Ihr wieder bei Kr�ften seid.�</p><p>�Mir geht es gut.�</p><p>�Ihr seid schwach�, widersprach Umbra.</p><p>�Schwach�, stie� die Herrin hervor und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. �Was hast du denn erwartet? Vor weniger als einem Tag bin ich gestorben und wieder auferstanden. Wie w�rdest du dich an meiner Stelle f�hlen?�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>24</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Quindals Warnung</emphasis></strong></p></title><p><strong>D</strong>as Luftschiff verdeckte die Sonne, als es mit dr�hnenden Propellern den Ankermast ansteuerte. Heerscharen von M�nnern fingen die Haltetaue und zogen es mit vereinten Kr�ften zum Erdboden, wo es behutsam aufsetzte. Die Motoren verstummten, goldener Aetherdampf verfl�chtigte sich im Wind. In der Gondel �ffnete sich eine Luke. Passagiere stiegen die Trittleiter hinab und wurden von einem Bodenoffizier begr��t. Wenig sp�ter bugsierte die Haltemannschaft das Schiff zu einer der tonnenf�rmigen Hallen aus Ziegelsteinen und Stahlstreben, die das Flugfeld umgaben.</p><p>Liam fuhr seinen Pferdewagen zu einer benachbarten Halle und hielt vor dem Tor. Ein Arbeiter in �lverschmierter Kleidung schirmte seine Augen vor dem Sonnenlicht ab, w�hrend er die Ladung begutachtete. �Sind das die Letzten?�, fragte er.</p><p>�Ja.� Liam nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche, nachdem er vom Kutschbock gestiegen war.</p><p>�Abladen!�, br�llte der Arbeiter, woraufhin mehrere M�nner herbeieilten und begannen, Eisentr�ger, Rotorbl�tter und andere Luftschiffteile zur Halle zu tragen. Als sie fertig waren, verteilte Liam ein paar M�nzen Trinkgeld, was ihm freudige Dankesrufe einbrachte. Dann stieg er wieder auf und fuhr los.</p><p>In der Stadt herrschte eine beinahe gespenstische Ruhe. Die Menschen sahen zu, dass sie ihre Gesch�fte erledigten, und gingen auf dem schnellsten Weg nach Hause, falls sie ihre Wohnungen �berhaupt verlie�en. Viele L�den hatten geschlossen. Niemand wagte es, laut zu sprechen oder auf andere Weise aufzufallen, aus Angst, die Aufmerksamkeit der Pikeniere zu erregen, die in Vierergruppen durch die Stra�en patrouillierten. Der Ph�nixplatz, wo fast alle Unruhen der letzten Wochen ihren Anfang genommen hatten und wo es normalerweise vor fliegenden H�ndlern, obskuren Predigern und Spontanrednern nur so wimmelte, wirkte wie ausgestorben. Liam begegnete lediglich einem Tross von Arbeitern, die das Kopfsteinpflaster ausbesserten. Sogar die Aetherb�rse hatte vor�bergehend die Gesch�fte eingestellt.</p><p>Und auf s�mtlichen D�chern sa�en Kr�hen und beobachteten das Geschehen auf den Stra�en.</p><p>Auch am zweiten Tag nach dem Anschlag hatte die Angst Bradost fest im Griff. Jeder f�rchtete, er k�nnte der N�chste sein, an dessen T�r die Spiegelm�nner klopften.</p><p>Als Liam die Chim�renbr�cke erreichte, hielt er den Wagen an. Vor ihm lag Scotia mit seinen windschiefen D�chern, Wetterfahnen und bemalten T�ren. Mit seinen Gassen, die er wie seine Westentasche kannte. Es war gerade einmal zwei Wochen her, dass er seinen Karren mit den Aetherf�ssern durch die Stra�en geschoben hatte und in den Aufruhr geraten war. Doch es erschien ihm wie eine Ewigkeit.</p><p>Er blickte zum H�gel hinauf. Die Kuppel der Sternwarte gl�hte in der Abendsonne.</p><p>Jemand hatte die Fenster zugenagelt. An der T�r hing vermutlich ein Schild, das ihn aufforderte, sich bei seiner R�ckkehr nach Bradost umgehend beim Ministerium der Wahrheit zu melden. Liam stellte sich vor, wie er durch die Zimmer ging: von seiner Kammer in den Eingangsraum, weiter in die K�che und das Zimmer seines Vaters, die Treppe hinauf zur Kuppel mit dem Blitzf�nger. �berall sah er Staub liegen, auf den Aetherf�ssern, den M�beln, seinen B�chern, bevor ihm klar wurde, dass die Spiegelm�nner wahrscheinlich das meiste davon beschlagnahmt und leere Zimmer zur�ckgelassen hatten.</p><p>Auch seinen Vater hatten sie mitgenommen und in irgendeinem namenlosen Grab am Stadtrand verscharrt.</p><p>Liam schlang die Z�gel so fest um seine Hand, dass das Lederband schmerzhaft in sein Fleisch schnitt. Zum hundertsten, zum tausendsten Mal fragte er sich, warum sein Vater ihn nicht fr�her ins Vertrauen gezogen hatte. H�tte Liam von seinen Pl�nen gewusst, h�tte er vielleicht verhindern k�nnen, dass er in Gefahr geriet, h�tte ihm helfen k�nnen, mehr �ber das Gelbe Buch herauszufinden, ohne dass Corvas davon erfuhr. Aber in seiner Vorsicht hatte sein Vater niemandem vertraut, nicht einmal dem eigenen Sohn.</p><p>Liam w�nschte sich nichts mehr, als ein letztes Mal zur Sternwarte zu gehen, durch die Zimmer zu wandern und nachzuholen, was er wegen seiner �berst�rzten Flucht nicht hatte tun k�nnen: Abschied zu nehmen - von seinem Zuhause, seinem alten Leben, seinem Vater. Aber es war zu gef�hrlich. Im Grunde durfte er sich nicht einmal hier aufhalten, am Rande Scotias, denn das Risiko, dass ihn jemand sah und erkannte, war zu gro�. Er war jetzt Liam Hugnall. Liam Satander existierte nicht mehr. Besser, er fand sich endlich damit ab.</p><p>Er trieb die Pferde an und fuhr �ber die Br�cke.</p><p>Die Sonne stand bereits tief �ber den D�chern, als er den Palast erreichte. Das Luftschiff war inzwischen verschwunden, allerdings erinnerten nach wie vor umgeknickte B�ume, ausgerissene B�sche und zerfurchtes Erdreich an den Absturz. Zwar hatten Jackon, Ibbott Hume und er die schlimmsten Sch�den beseitigt, doch bis sich der Garten von der Zerst�rung vollst�ndig erholt haben w�rde, w�rden Monate vergehen.</p><p>Liam stellte den Wagen im Schuppen ab und brachte die Pferde zu den St�llen, bevor er in den Gesindefl�gel ging und mit den anderen zu Abend a�. Jackon sp�rte wohl, dass ihm etwas zu schaffen machte, und erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei. Liam gab eine ausweichende Antwort und zog sich wenig sp�ter unter dem Vorwand, er sei m�de, in seine Kammer zur�ck.</p><p>Er lag lange wach, bis er endlich einschlief. In seinem Traum ging er ziellos durch die Sternwarte, durch Zimmer, die nichts enthielten als Staub, der bei jedem seiner Schritte aufwallte. Er suchte nach seinem Vater, doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte ihn nicht finden, er rief seinen Namen und bekam keine Antwort. Als er aufwachte, war sein Gesicht feucht von Tr�nen, sein Hals f�hlte sich eng und rau an, sodass er M�he hatte zu atmen.</p><p>Er sch�lte sich aus der verschwitzten Decke, �ffnete das Fenster und blickte hinaus in die Nacht. Die Glocken der Kathedrale schlugen zwei Uhr, das einzige Ger�usch in der Stille, die auf der Stadt lastete.</p><p>Liam sah wieder vor sich, wie sein Vater verzweifelt auf ihn einredete und ihm das Versprechen abnahm, mit Quindals Hilfe nach dem Gelben Buch von Yaro D�ar zu suchen. Da wurde ihm klar, dass er nicht l�nger warten konnte. Er musste das Buch finden, damit er endlich erfuhr, wof�r sein Vater gestorben war.</p><p>Quindals Warnung kam ihm in den Sinn. <emphasis>Du musst ab jetzt zehnmal so vorsichtig sein wie bisher. Verhalte dich unauff�llig. Tue nichts, womit du dich verd�chtig machen k�nntest...</emphasis></p><p>Zum Teufel mit Quindal und seiner Vorsicht! Er konnte nicht noch einen Tag unt�tig herumsitzen. Was er vorhatte, war nun einmal gef�hrlich. Das w�rde sich niemals �ndern, auch wenn er zehn Jahre wartete.</p><p>Er zog sich an. Als er gerade seine T�r �ffnen wollte, fiel ihm das unheimliche Zwergenwesen wieder ein, das ihm bei seinem ersten Streifzug durch die dunklen Flure gefolgt war. Leises Grauen regte sich in ihm. Er hoffte inst�ndig, dass es zu keiner weiteren Begegnung dieser Art kam, aber ausschlie�en konnte er es nicht.</p><p>Er holte ein Messer aus dem Schrank, schob es sich hinter den G�rtel und verlie� leise seine Kammer.</p><p>Im Gemeinschaftsraum hing noch der Geruch der Kohlsuppe, die es zum Abendessen gegeben hatte. Durch die Fenster konnte er die beiden Spiegelm�nner erkennen, die seit dem Anschlag vor dem Seiteneingang des Gesindefl�gels Wache standen. Er huschte an der T�r vorbei und folgte dem Korridor zu den Wirtschaftsr�umen, bis er zur K�che kam.</p><p>Obwohl er sich inzwischen besser im Palast auskannte, hatte er bislang nicht in Erfahrung bringen k�nnen, ob es au�er dem bewachten Flur im Hauptfl�gel noch einen anderen Zugang zu den Gem�chern der Lady gab. Also blieb ihm nichts anderes �brig, als seine Suche in den verlassenen Fl�geln des Anwesens fortzusetzen.</p><p>Vorsichtig �ffnete er die T�r. Stille herrschte im Bankettsaal. Als er gerade eintreten wollte, bemerkte er ein Glitzern auf den Galerien. Spiegelmasken! Ruckartig wich er in die K�che zur�ck. Sogar hier hatte Corvas Wachen postiert. Er z�hlte drei - nein, vier. Unm�glich, an ihnen vorbeizukommen. Lautlos schloss er die T�r.</p><p>Welche M�glichkeiten blieben ihm jetzt noch? Der einzige Weg zu den anderen Palastfl�geln, der f�r ihn infrage kam, f�hrte durch den Bankettsaal. An die Treppe in der Eingangshalle brauchte er gar nicht erst zu denken - dort wimmelte es Tag und Nacht von Spiegelm�nnern.</p><p>Dieser verdammte Anschlag! W�re der Angriff auf Lady Sarka nicht gewesen, h�tte er sich in Ruhe im Palast umsehen k�nnen. Aber so, mit Wachen an jeder Ecke, hatte er nicht den Hauch einer Chance.</p><p>Frustriert ging er zu seiner Kammer zur�ck.</p><p>An Schlaf war nicht zu denken, deswegen setzte er sich ans offene Fenster und atmete die k�hle Nachtluft ein. Quindal hatte recht: Er musste abwarten, bis in der Stadt wieder so etwas wie Normalit�t eingekehrt war, ob ihm das gefiel oder nicht.</p><p>Irgendwann h�rte er Schritte. Er blickte aus dem Fenster und sah eine Gestalt um die Ecke des Gesindefl�gels kommen.</p><p>Corvas.</p><p>Liam zog den Kopf ein. Der Bleiche blieb wenige Schritte von seinem Fenster entfernt stehen und b�ckte sich. Als er sich wieder aufrichtete, sah Liam, dass er etwas in der Hand hielt. Einen Regenwurm. Das Tier wand sich in den blassen Fingern, bevor Corvas es zu seinem Mund f�hrte - und a�.</p><p>Ekel stieg in Liam auf, gefolgt von j�hem, verzehrendem Hass. Er zog sein Messer. Was, wenn er aus dem Fenster kletterte, sich lautlos anpirschte und Corvas von hinten die Kehle aufschlitzte? Bis die beiden Spiegelm�nner vor dem Gemeinschaftsraum etwas bemerkten, w�re er l�ngst wieder in seiner Kammer. Niemand w�rde je herausfinden, dass er es getan hatte.</p><p>Seine schwei�nassen Finger krampften sich um den Messerknauf. <emphasis>H�r auf zu denken - tu es einfach!</emphasis> Wenn er Corvas t�tete, machte er Bradost auf einen Schlag zu einem besseren Ort, dann w�re keiner mehr da, der dem verr�terischen Kr�chzen der Kr�hen lauschte.</p><p>Doch dann ging Corvas seines Weges, und der g�nstige Moment war vor�ber. Liam duckte sich, kauerte sich unter der Fensterbank zusammen und hielt den Atem an, bis die Schritte des Bleichen verklangen.</p><p>Er schluckte schwer. Seine Hand zitterte, als er das Messer auf den Boden legte.</p><p>Er konnte niemanden t�ten. Nicht einmal einen M�rder wie Corvas.</p><p>Liam f�hlte sich mutlos und schwach und hasste sich daf�r.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>25</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Springen</emphasis></strong></p></title><p><strong>K</strong>urz nachdem Liam gegangen war, verabschiedete sich auch Jackon von den anderen und schlurfte m�de zu seiner Kammer. Obwohl es ein anstrengender Tag gewesen war, konnte er nicht einschlafen. In seinen Arbeitskleidern lag er auf dem Bett und dachte �ber Liam nach. Es war nicht das erste Mal, dass er seinen Freund so verschlossen und in sich gekehrt erlebt hatte. Jackon vermutete, dass er an seine Eltern gedacht hatte. Liam trauerte immer noch um sie - nat�rlich tat er das. Wie viel Zeit war seit ihrem Tod vergangen? H�chstens ein paar Wochen. Viel zu wenig, um �ber so viel Trauer und Schmerz hinwegzukommen. Jackon konnte sich noch gut daran erinnern, wie verzweifelt er nach dem Tod seiner Eltern gewesen war. Acht Jahre war das nun her, aber er vermisste sie immer noch.</p><p>Als er gerade das Licht l�schen wollte, erschien Umbra.</p><p>Verwundert setzte er sich auf. �Du?�</p><p>�Die Herrin will mit deiner Ausbildung weitermachen.�</p><p>�Jetzt schon? Ich meine, es ist doch gerade erst zwei Tage her, dass sie...�</p><p>�Jetzt fang nicht wieder damit an�, fiel die Leibw�chterin ihm ins Wort. �Frag die Herrin, wenn du mehr wissen willst.�</p><p>Kurz darauf fand er sich im geheimen Zimmer wieder, wo Lady Sarka ihn bereits erwartete. Sie sa� in ihrem Lehnstuhl. Blonde Locken fielen auf ihre Schultern.</p><p>Jackon konnte nicht anders, als sie unverhohlen anzuglotzen, w�hrend er auf der Couch Platz nahm. Ihr Gesicht, ihr ganzer K�rper war so sch�n und makellos wie eh und je. Nirgendwo die kleinste Spur der grausamen Verletzungen, die sie erlitten hatte. Nicht einmal ein Kratzer.</p><p>�Was schaust du mich so an?�, fragte sie freundlich.</p><p>�Die Messerwunden�, stammelte er. �Das viele Blut... Wie kann es sein, dass Ihr...�</p><p>�... dass ich vor dir sitze, als w�re nie etwas geschehen?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Du solltest doch inzwischen bemerkt haben, dass ich �ber Kr�fte verf�ge, die die M�glichkeiten gew�hnlicher Menschen weit �bersteigen.�</p><p>Jackon konnte gerade noch akzeptieren, dass es Leute gab, die nicht schlafen mussten. Doch dass jemand dem sicheren Tod entkam, noch dazu vollkommen unbeschadet, ging ihm �ber den Verstand. �Ja, aber...�, begann er.</p><p>�Sp�ter, Jackon. Zu gegebener Zeit wirst du mehr erfahren. Jetzt sollten wir zusehen, dass wir deine Ausbildung fortsetzen.� Lady Sarka stand auf, verschwand hinter dem Wandschirm und kam mit einer Tasse zur�ck, die eine gelbliche Fl�ssigkeit enthielt. �Trink davon.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Ein Tee aus Bittergras. Du bist sehr aufgeregt. Er wird dir beim Einschlafen helfen.�</p><p>Er nippte an der Tasse.</p><p>�Dir ist es gelungen, die T�r zu �ffnen�, sagte die Lady. �Nun musst du lernen, dich au�erhalb deines Seelenhauses zurechtzufinden.�</p><p>Schaudernd dachte Jackon daran, wie der monstr�se Moskito - der Bote - auf seiner Brust gelandet war. Er war nicht gerade versessen darauf, an diesen seltsamen Ort zur�ckzukehren.</p><p>�Die Stadt, die du gesehen hast, besteht aus Millionen von Seelenh�usern. Sie ist unermesslich gro�. Zu Fu� w�rst du Tage unterwegs, um auch nur zum benachbarten Viertel zu gelangen. Deshalb musst du dich auf andere Weise fortbewegen. Du musst springen.�</p><p>�Springen?�, fragte er verst�ndnislos.</p><p>�Denk immer daran, dass es nur deine Seele ist, die sich in der Stadt der Tr�ume aufh�lt. F�r deine Seele sind Entfernungen bedeutungslos. Sie kann innerhalb eines Augenblicks jeden Ort erreichen, zu dem sie will.�</p><p>�Wie?�</p><p>�Indem du all deine Gedanken auf diesen Ort richtest.�</p><p>�So, als w�rde ich die T�r suchen?�</p><p>�Ja. Denk an dein Ziel, stell es dir vor, so klar und deutlich du kannst, und im n�chsten Moment bist du dort. Das ist springen.�</p><p>�Aber wohin soll ich springen? Ich kenne keine Orte in der Stadt.�</p><p>�Such die Seelenh�user von Menschen, die du kennst. Denk an ihren Namen, ihr Gesicht, den Klang ihrer Stimme. Je besser du sie kennst, desto leichter wird es dir fallen, ihr Seelenhaus zu erreichen.�</p><p>�Habt Ihr auch ein Seelenhaus?�</p><p>�Nat�rlich.� Der Glanz in ihren Augen wurde kalt. �Aber du wirst dich davon fernhalten, verstanden?�</p><p>Er nickte eingesch�chtert.</p><p>�Ebenso von den Seelenh�usern von Umbra, Corvas und all meinen �brigen Bediensteten. Ich will nicht, dass du ihre Tr�ume st�rst. Du kennst gen�gend andere Leute. Spring zu den Seelenh�usern von Schlammtauchern.�</p><p>�Was soll ich tun, wenn ich dort bin?�</p><p>�Geh hinein. Schau dir ihre Tr�ume an. Lerne, sie zu ver�ndern. Aber pass auf, dass du dich nicht darin verirrst.�</p><p>Jackon hatte die Tasse ausgetrunken und stellte sie auf das Tischchen. Der Tee begann bereits zu wirken. Er f�hlte sich zunehmend schl�frig und legte sich hin.</p><p>�Noch etwas musst du wissen�, sagte die Lady. �Im Herzen der Stadt steht ein gewaltiger Palast. M�glicherweise siehst du ihn bei deinen Streifz�gen. Du darfst ihm unter keinen Umst�nden zu nahe kommen.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Aziel, der Herrscher der Tr�ume, lebt dort. Er duldet keine Menschen in seiner Stadt und k�nnte versuchen, dich anzugreifen, wenn er dich bemerkt. Meide deshalb Aziels N�he, so gut du kannst.�</p><p><emphasis>Palast meiden. Seelenh�user suchen</emphasis>, versuchte er sich einzupr�gen, bevor ihm die Augen zufielen.</p><p>Er tr�umte, dass er einen schummrigen Abwasserkanal entlangging. Schlammtaucher hausten in den Nischen und Abzweigungen. Einige von ihnen waren keine richtigen Menschen, sondern hatten Kr�henk�pfe und kr�chzten mit ihren Schn�beln. Jackon schenkte ihnen keine Beachtung und machte sich auf die Suche nach der T�r. Es dauerte nicht lange, bis er sie in der Tunnelwand fand. Diesmal musste er sich nicht sonderlich anstrengen, um sie zu �ffnen - es schien nur beim ersten Mal schwierig zu sein und danach nicht mehr.</p><p>Er trat hindurch.</p><p>Drau�en bot sich ihm derselbe Anblick wie bei seinem ersten Besuch: D�mmriges Zwielicht herrschte in der Stra�e, Tr�ume flackerten in den Fenstern der Seelenh�user. Schwammartige Sammler krochen von T�r zu T�r, w�hrend gefl�gelte Boten um die D�cher schwirrten.</p><p>Jackon fokussierte seine Gedanken und erinnerte sich an seine Anweisungen.</p><p>Er musste lernen zu springen.</p><p>Lady Sarka hatte gesagt, er k�nne jeden Ort erreichen, zu dem er wollte. Am besten fing er mit einem Ort ganz in seiner N�he an.</p><p>Einen Steinwurf entfernt stand ein Geb�ude, das an die Patrizierh�user der Altstadt erinnerte. Jackon betrachtete die Spitze des kleinen Eckturms. <emphasis>Dort will ich hin</emphasis>, dachte er und richtete all seine Gedanken auf dieses Ziel.</p><p>Im n�chsten Moment schlitterte er die Dachschr�ge hinab. Er bekam die Wetterfahne zu fassen und hielt sich daran fest. Er hatte es geschafft! Er war von seinem Seelenhaus zur Turmspitze gesprungen, und es war ihm nicht einmal besonders schwer gefallen. Er f�hlte sich nur ein wenig benommen.</p><p>Rittlings setzte er sich auf die Turmspitze, den Mast der Wetterfahne zwischen den Oberschenkeln, und lie� seinen Blick �ber die Stadt schweifen.</p><p>Die Aussicht raubte ihm schier den Atem. Seelenh�user aller Gr��en und Bauweisen, so weit das Auge reichte. Und �berall fliegende Boten, die silbrige Tropfen in die Kamine fallen lie�en.</p><p>Er f�hlte sich bereit f�r einen schwierigeren Sprung.</p><p>Er dachte an Liam, so wie die Lady es ihm erkl�rt hatte: Er stellte sich Liams Gesicht vor, seine blonden Haare, seine Stimme, bis er seinen Freund deutlich vor sich sah. �Bring mich zu seinem Seelenhaus�, sagte er laut.</p><p>Dieser Sprung kostete ihn wesentlich mehr Kraft als der erste. Er taumelte, als er in einer anderen Stra�e landete, und fiel zu Boden. Ein neugieriger Bote wurde auf ihn aufmerksam und schwirrte um ihn herum. �Hau ab!�, schrie Jackon und wedelte mit den Armen, bis das Gesch�pf davonflog.</p><p>Er sp�rte, dass er seine Konzentration zu verlieren drohte. Er fing bereits an zu vergessen, was er hier tat. Mit all seiner Willenskraft sammelte er sich.</p><p><emphasis>Ich lerne zu springen</emphasis>, sagte er sich mit geschlossenen Augen. <emphasis>Ich habe Liams Seelenhaus gesucht.</emphasis></p><p>Als seine Gedanken wieder klarer wurden, �ffnete er die Augen.</p><p>Das Seelenhaus seines Freundes war ungef�hr so gro� wie seines und besa� schlichte wei�e W�nde und eine eiserne Kuppel anstelle eines Daches. <emphasis>Eine Sternwarte</emphasis>, dachte Jackon verwundert. <emphasis>Warum eine Sternwarte?</emphasis></p><p>Er trat zu einem der Fenster.</p><p>Liam tr�umte. Er streifte durch staubige Korridore und Zimmer, rief einen Namen und wirkte dabei so verzweifelt, dass Jackon Mitleid �berkam. Offenbar suchte er seine Eltern und konnte sie nirgendwo finden.</p><p>Jackon griff nach dem T�rknauf. Sollte er hineingehen und seinem Freund Trost spenden? Nein, besser nicht. Schlie�lich hatte Lady Sarka ihm befohlen, sich von den Tr�umen ihrer Bediensteten fernzuhalten.</p><p>Er nahm die Hand vom T�rknauf und �berlegte, wessen Seelenhaus er stattdessen besuchen k�nnte.</p><p>Ihm kam eine Idee.</p><p>Auch der n�chste Sprung war sehr anstrengend, doch diesmal traf ihn der Schock der Landung wenigstens nicht unvorbereitet. Als er in der Gasse erschien, fokussierte er augenblicklich seine Gedanken, womit er verhinderte, dass ihn die Verwirrung �berw�ltigte. Er sch�ttelte die Benommenheit ab und blickte sich um.</p><p>Darrens Seelenhaus glich einer sch�bigen Baracke aus Holz, Wellblech und l�chrigem Segeltuch. Durch die Ritzen in den W�nden sah Jackon das Flimmern von Darrens Tr�umen.</p><p>Er �ffnete die T�r und trat ein.</p><p>Anders als in seinem eigenen Seelenhaus konnte er W�nde, Boden und Decke des Verschlags auch dann noch erkennen, als er drinnen war. Halbdurchsichtige Traumbilder f�llten das Innere aus, schemenhaft wie die Phantasmagorien einer Laterna magica.</p><p>F�r Darren jedoch war der Traum �beraus real. Der missgestaltete H�ne hetzte durch Abwasserkan�le und Katakomben, auf der Flucht vor einer Horde geifernder Ratten.</p><p>Wut stieg in Jackon auf, als er sich daran erinnerte, wie Darren ihm jahrelang das Leben schwer gemacht, ihn bedroht und gedem�tigt hatte. H�chste Zeit, es ihm heimzuzahlen.</p><p>Er stellte sich dem Missgestalteten in den Weg. �Hallo, Darren.�</p><p>Der H�ne blieb ruckartig stehen. Seine blutunterlaufenen Augen weiteten sich. �Du!�</p><p>�Ziemlich viele Ratten�, bemerkte Jackon. �Und sie scheinen nicht gut auf dich zu sprechen zu sein. Was ist passiert? Hast du ihr Futter gestohlen?�</p><p>Darren warf einen panischen Blick �ber seine Schulter. �Lass mich vorbei! Sie haben mich gleich eingeholt!�</p><p>�Warum l�ufst du dann in eine Sackgasse?�</p><p>Seine eigenen Tr�ume zu beeinflussen kostete Jackon viel Kraft, doch diese durchsichtigen Bilder zu ver�ndern war nicht sonderlich schwer.</p><p>�Das ist keine Sackgasse!�, schrie Darren. �Das ist...� Er verstummte. Wo eben noch ein Tunnel gewesen war, erhob sich pl�tzlich eine Wand. �Was hast du gemacht?�</p><p>Der H�ne wirbelte herum und rannte in eine Abzweigung. Die Rattenhorde flutete �ber den Boden und folgte ihm.</p><p>Jackon musste nur ein paar Schritte zur Seite gehen, um abermals vor Darren zu stehen. Auch diesen Tunnel verschloss er mit einer Wand.</p><p>�Geh weg!�, kreischte sein alter Feind. �Ich habe dir doch gesagt, du sollst mich in Ruhe lassen!�</p><p>�Das habe ich nicht vergessen�, erwiderte Jackon. �Dabei hast du alle meine Sachen in den Kanal geworfen. Du wei�t, was das f�r einen Schlammtaucher bedeutet. Ich h�tte sterben k�nnen.�</p><p>Darren sprang ins Wasser und watete durch die stinkende Schlammbr�he, bis er festen Boden erreichte. Bevor er weiterlaufen konnte, erschien Jackon vor ihm.</p><p>�Du kannst nicht vor mir weglaufen. Nicht hier.�</p><p>Wimmernd fiel der H�ne auf die Knie. �Bitte�, heulte er. �Ich r�hre dich nie wieder an. Ich schw�re es. Nur geh... endlich... weg.�</p><p>�Ich f�rchte, daf�r ist es leider zu sp�t�, sagte Jackon.</p><p>Scharen von Ratten schwammen durch das Kanalwasser. Darren schrie, als sie den Sims hinaufkletterten und sich quiekend auf ihn st�rzten. Sie verbissen sich in seinen Armen und Beinen, er w�lzte sich auf dem Boden und war im n�chsten Moment �ber und �ber von Ratten bedeckt.</p><p>Er verschwand - und mit ihm die Traumbilder. Eine silbrige Schicht bedeckte den Boden der leeren Baracke. Ein Sammler kam durch die T�r gekrochen und begann, die verbrauchten Tr�ume aufzusaugen.</p><p>Jackon l�chelte bei der Vorstellung, dass Darren gerade irgendwo in den Kan�len schwei�gebadet aufwachte und schreiend gegen Ratten k�mpfte, die gar nicht existierten. Zu gerne h�tte er den H�nen in seinem Loch besucht und ihm erkl�rt, dass er ihm noch viel schlimmere Albtr�ume bescheren konnte, wenn ihm der Sinn danach stand.</p><p>Als er wenig sp�ter auf der Couch im geheimen Zimmer erwachte, l�chelte er immer noch.</p><p>Allm�hlich fand er an der Sache Gefallen.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>26</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Der Drudenfuss</emphasis></strong></p></title><p><strong>L</strong>ucien vermutete, dass er sich inzwischen unter Lady Sarkas Palast befand. Die Tunnel sahen vollkommen anders aus als die Katakomben unter der Altstadt. Die W�nde wirkten glasartig und wiesen W�lbungen und seltsame Ausw�chse auf, so als w�re das Gestein bei gro�er Hitze geschmolzen und zu bizarren Formen erstarrt, als es erkaltete. Von irgendwoher kam ein blaues Gl�hen, das die H�hlen mit fahlem Licht erf�llte.</p><p>Er f�hlte sich nicht wohl in seiner Haut, w�hrend er durch die G�nge schlich. In den Palast der Lady einzudringen stellte selbst f�r einen Dieb seines Ranges eine Herausforderung dar. Er h�tte sich gerne sorgf�ltig darauf vorbereitet, aber Aziel hatte ihn zur Eile gedr�ngt und ihm so die M�glichkeit genommen, alle Eventualit�ten zu durchdenken. Also musste er sich wohl oder �bel auf sein Improvisationstalent verlassen und zusehen, dass er irgendwie zurechtkam.</p><p><emphasis>Ich h�tte ihm sagen sollen, dass er sich selbst darum k�mmern soll, wenn es ihm so wichtig ist</emphasis>, dachte er missmutig. <emphasis>Warum bin ich nur so verdammt gutm�tig?</emphasis></p><p>Er bog um eine Ecke und verbarg sich hastig hinter einem Wandvorsprung, als er zwei Spiegelm�nner entdeckte. Sogar hier unten hatte Lady Sarka Posten aufgestellt. Ihre Wachsamkeit kannte wahrlich keine Grenzen.</p><p>Verstohlen sp�hte er an dem steinernen Wulst vorbei. Die Spiegelm�nner standen vor einer Treppe, die nach oben f�hrte - vermutlich der Zugang zum Palast, den er suchte. Das Licht lie� ihre Masken blau schimmern. In den H�nden hielten sie ihre bevorzugten Waffen, Rabenschn�bel.</p><p>Gegen diese Kreaturen war seine magische Unauff�lligkeit nutzlos; dank ihrer Spiegelmasken konnten sie ihn sehen. Gl�cklicherweise kannte er noch andere Methoden, um sich vor unwillkommenen Blicken zu verbergen.</p><p>Er zog eine Rauchglasphiole aus einer Schlaufe seines G�rtels, entkorkte sie und trank die winzige Menge Fl�ssigkeit, die sie enthielt. Schwindel �berkam ihn, und er schloss die Augen, bis es vor�ber war. Die Substanz hie� <emphasis>javva</emphasis>. Sie verf�gte �ber einige erstaunliche Eigenschaften - unter anderem bewirkte sie, dass einen die Spiegelm�nner der Lady nicht sehen konnten. Es war nicht leicht gewesen, an das Elixier heranzukommen. Au�er den Manusch kannten nur zwei oder drei Alchymisten das Geheimnis seiner Herstellung, und sie h�teten es wie einen Schatz.</p><p>Nachdem Lucien die Phiole wieder in seinen G�rtel geschoben hatte, huschte er lautlos den Gang entlang. Unbemerkt schl�pfte er zwischen den Spiegelm�nnern hindurch und eilte die Treppe hinauf.</p><p>Er kam zu einer T�r, die er vorsichtig �ffnete. Dahinter verlief ein Gang mit mehreren Fenstern. Es war eine Stunde vor Sonnenaufgang, und tr�bes D�mmerlicht fiel durch das Bleiglas.</p><p>Die Hinweise, die er suchte, befanden sich vermutlich in den Gem�chern der Lady. Wie er dorthin gelangte, wusste er nicht; Aziel hatte ihm keine Zeit gelassen, Baupl�ne von dem Anwesen aufzutreiben. Ihm blieb nichts anderes �brig, als sich von seinem Instinkt leiten zu lassen.</p><p>Er schlich durch menschenleere Flure und Zimmer und erreichte schlie�lich die Eingangshalle. Gaslampen an den geschnitzten Pfeilern verstr�mten gr�nliches Licht. �berall standen Spiegelm�nner herum, mindestens ein halbes Dutzend.</p><p>Lucien machte einen Durchgang aus, der, so nahm er an, zum Kuppelsaal f�hrte. Da er sich nicht zu sehr auf das <emphasis>javva</emphasis> verlassen wollte, hielt er sich im Schatten der Galerien, w�hrend er die Halle durchquerte. Unbemerkt betrat er den Durchgang, hastete einen Korridor entlang und stahl sich an den Spiegelm�nnern vorbei, die ihm unterwegs begegneten.</p><p>Wenig sp�ter tat sich ein gewaltiger Saal vor ihm auf. Ehrf�rchtig betrachtete er die gl�serne Kuppel hoch �ber seinem Kopf. Dies war das Herzst�ck des Palastes. Niemand kam hier hinein, es sei denn, er wurde von Lady Sarka eingeladen.</p><p>Jetzt musste er nur noch ihre Gem�cher finden.</p><p>Stimmen erklangen. Lucien versteckte sich hinter einem Wandschirm und beobachtete zwei Gestalten, die den Saal durchquerten.</p><p>Corvas und Umbra.</p><p>Es gab nur wenige Menschen, die ihm ebenb�rtig waren - diese beiden geh�rten dazu. Als er vor zwei Jahren in das Anwesen der Familie Damon eingebrochen war, um den Medusenring zu stehlen, hatte Lady Sarka Corvas und Umbra auf ihn angesetzt, denn Lord Damon war ein enger Freund von ihr. Ihre beiden Leibw�chter hatten ihn tagelang durch die Stadt gejagt und sogar einen seiner Schlupfwinkel gefunden. Zwar war er mit knapper Not entkommen, aber den Medusenring hatte er zur�cklassen m�ssen - eine Schlappe, die ihm heute noch zu schaffen machte.</p><p>Er tat gut daran, sich nicht von ihnen im Palast erwischen zu lassen.</p><p>�Macht der Junge Fortschritte?�, fragte Corvas, w�hrend er am Wandschirm vorbeiging. Lucien schauderte beim Anblick des bleichen Sch�dels. Corvas wurde von Jahr zu Jahr kr�henhafter. Er <emphasis>roch</emphasis> sogar wie eine Kr�he.</p><p>�Die Herrin ist sehr zufrieden mit ihm�, antwortete Umbra. �Ihr habt ihn untersch�tzt. Er gibt sich M�he. Heute Nacht hat er sich so verausgabt, dass er sich in seinem Zimmer noch mal hinlegen musste...�</p><p>Zu Luciens Erleichterung verlie�en die beiden die Halle.</p><p>Abgesehen von dem zweifl�gligen Portal, durch das er hereingekommen war, gab es im Kuppelsaal nur eine einzige T�r. Sie befand sich auf der Galerie. Er schlich die Treppe hinauf.</p><p>Mehrere Spiegelm�nner machten im Zwielicht ihre Runden. Lucien wartete, bis keines der Gesch�pfe in seiner N�he war, und griff nach dem T�rknauf. Furcht durchzuckte ihn, ehe er das Silber ber�hrte. Seine Hand begann zu brennen, und er zog sie hastig zur�ck, bevor der Schmerz intensiver wurde.</p><p>Was zum Teufel...</p><p>Im gleichen Moment entdeckte er den Drudenfu�. Er war in den T�rsturz eingekerbt, ein kleiner f�nfzackiger Stern, von einem Kreis umgeben.</p><p>Lucien fluchte innerlich. Gegen einen Drudenfu� war er machtlos.</p><p>Warum, bei allen D�monen, sch�tzte Lady Sarka ihre Gem�cher mit solch einem Symbol?</p><p>Dabei ahnte er die Antwort bereits: Weil sie wusste, dass Aziel oder einer seiner Diener in ihren Palast eindringen w�rde. Weil sie ihre Geheimnisse vor den Alben sch�tzen wollte.</p><p>Er schlich die Treppe hinunter, versteckte sich hinter einer S�ule und dachte nach.</p><p>Wenn diese T�r mit einem Drudenfu� versehen war, konnte er davon ausgehen, dass die Lady auch alle �brigen Zug�nge zu ihren Gem�chern gesichert hatte, umsichtig, wie sie war. Nach einem anderen Weg brauchte er sich gar nicht erst umzusehen. Vermutlich waren sogar die Fenster mit Bannzeichen gesch�tzt. Ihm blieb nichts anderes �brig, als sich zur�ckzuziehen und in Ruhe zu �berlegen, was er gegen den Drudenfu� unternehmen konnte.</p><p>Vorher aber musste er etwas erledigen. Wenn Aziel ihn schon nicht f�r seine Dienste bezahlte, musste er eben sehen, wie er anderweitig auf seine Kosten kam.</p><p>Er huschte zu einer Vitrine, die ihm auf dem Weg zur Galerie aufgefallen war, und machte sich mit einem seiner Dietriche daran zu schaffen. Mit einem kaum h�rbaren Klicken �ffnete sich das Schloss. Vorsichtig klappte Lucien die Vitrine auf und betrachtete das Silbergeschirr darin.</p><p>Er entschied sich f�r etwas Besteck und einen ziselierten Kelch. Nicht gerade die Ausbeute des Jahrhunderts, aber mehr konnte er nicht tragen, ohne dass ihn das Gewicht behinderte.</p><p>Wenigstens war der Einbruch nun nicht v�llig erfolglos gewesen. Er verstaute die Beute in seinen Hosentaschen, arrangierte das �brige Geschirr so, dass das Fehlen der St�cke nicht auf den ersten Blick auffiel, und verschloss die Vitrine.</p><p>In diesem Moment sp�rte er die Pr�senz.</p><p>Sie machte sich als Kribbeln auf seiner Haut bemerkbar, als leichte Unruhe in seinen Gliedern. Eigentlich war sie schon die ganze Zeit da gewesen, aber er hatte sich so intensiv auf seine Aufgabe konzentriert, dass sie ihm nicht aufgefallen war.</p><p>Er horchte in sich hinein. Es dauerte eine Weile, bis ihm allm�hlich klar wurde, um was f�r eine Pr�senz es sich handelte.</p><p><emphasis>Nein. Das kann nicht sein. Ich muss mich irren.</emphasis></p><p>Das letzte Mal, dass er etwas Vergleichbares gesp�rt hatte, war mehrere hundert Jahre her. Damals hatte er gedacht, es handele sich um ein einmaliges Ph�nomen, das sich nicht wiederholen w�rde.</p><p>Bei einer Angelegenheit dieser Tragweite durfte er sich nicht allein auf sein Gesp�r verlassen. Er musste sich Gewissheit verschaffen.</p><p>Er verlie� den Kuppelsaal und eilte durch die Flure, bis er zur Eingangshalle kam. Dort war die Pr�senz merklich st�rker. Lucien schlich in die Richtung, in der er ihre Quelle vermutete, huschte an den Wachen vorbei und fand sich wenig sp�ter in einem Geb�udetrakt wieder, der wesentlich schlichter beschaffen war als der Rest des Anwesens. Die K�che und diverse Wirtschaftsr�ume befanden sich hier.</p><p>Er betrat einen Korridor mit mehreren T�ren, hinter denen vermutlich die Unterk�nfte der Bediensteten lagen. Vor einer Kammer blieb er stehen.</p><p>Die H�rchen an seinen Armen stellten sich auf, so machtvoll war hier die Pr�senz.</p><p>Er �ffnete die T�r und schl�pfte in das halbdunkle Zimmer. Es war karg eingerichtet. Schmutzige Kleider hingen �ber einer Stuhllehne. Auf dem kleinen Tisch stand ein Krug mit Wasser.</p><p>Im Bett lag ein Junge.</p><p>Er mochte vielleicht vierzehn oder f�nfzehn Jahre alt sein, war recht mager und hatte blasse Haut und rote Haare. Ein ganz normaler Heranwachsender, dem man die F�higkeiten, die in ihm schlummerten, nicht im Mindesten ansah.</p><p>Um sicherzugehen, ber�hrte Lucien den Jungen behutsam an der Stirn.</p><p>Ja. Ein Traumwanderer. Seine Gabe erwachte gerade erst, was vermutlich die Erkl�rung daf�r war, warum Aziel noch nichts davon wusste. Aber Lucien sp�rte auch, dass seine Kr�fte rasch wuchsen.</p><p>Lady Sarka hatte den Harlekin befreit, damit er Aziel besiegte und mit den Alben die Welt verlie�. Nun stellte sich heraus, dass in ihren Diensten ein Traumwanderer stand.</p><p>Was hatte sie vor?</p><p>Der Junge regte sich, als Lucien seine Hand fortnahm. Er �ffnete die Augen und blickte den Alb verschlafen an.</p><p>�Du kannst mich sehen?�, fragte Lucien. Nur au�ergew�hnliche Menschen waren dazu f�hig, seine Unauff�lligkeit zu durchschauen. Menschen wie Corvas.</p><p>Der Junge blinzelte verwirrt. �Schlaf�, fl�sterte Lucien, woraufhin er auf das Kissen zur�cksank, die Augen schloss und regelm��ig zu atmen begann. Vermutlich w�rde er sich nach dem Aufwachen nicht mehr an seinen Besucher erinnern.</p><p>Wenig sp�ter eilte Lucien durch die glasartigen Tunnel unter dem Palast. Er durfte Aziel nichts von seiner Entdeckung verraten. Aziel f�hlte sich bedroht wie noch nie zuvor. Wenn er erfuhr, dass die Lady einen Traumwanderer gefunden hatte, w�re dessen Leben in Gefahr. Lucien liebte die Menschen - er liebte sie viel zu sehr. Er w�rde es nicht ertragen, wenn dem Jungen seinetwegen etwas zustie�e.</p><p>Er hatte keine andere Wahl, als unterzutauchen, bis er wusste, was er tun sollte.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>27</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Ph�nixtag</emphasis></strong></p></title><p><strong>E</strong>s war fr�h am Abend, als Liam den Palast verlie�. Im Westen glich der Himmel einem flammenden Streifen, und die Gassen und Kan�le der Altstadt versanken allm�hlich in Schatten. Wind strich raschelnd �ber die Platanen am Stra�enrand, trieb Staub und Abfall vor sich her und verwehte den Aetherdampf, der golden von den Schloten des Kessels aufstieg.</p><p>Kaum hatte Liam das Magistratsgeb�ude hinter sich gelassen, konnte er den Ph�nixturm sehen. Wie eine Nadel �berragte das schlanke Geb�ude die benachbarten Stadth�user und zeichnete sich dunkel vor dem Abendhimmel ab. Die Spitze mit ihren sechs steinernen B�gen �hnelte einer Laterne, der Turm selbst bestand aus Gestein, das viel Rost enthielt und von innen heraus zu gl�hen schien, wenn das Sonnenlicht im richtigen Winkel darauf fiel.</p><p>Liam konnte sich noch gut daran erinnern, wie der Ph�nixtag entstanden war. Vor sieben Jahren, auf den Tag genau zw�lf Monate nach dem Verschwinden des Ph�nix, hatte ein Unbekannter neben dem Turm ein Feuer angez�ndet, um des alten W�chters von Bradost zu gedenken und ihm zu zeigen, wie sehr er der Stadt fehlte. Seitdem versammelten sich Jahr f�r Jahr Menschen auf dem Platz, entz�ndeten Feuer, die bis zum n�chsten Morgen brannten, und zogen um Mitternacht mit Fackeln durch die Stra�en, um den Ph�nix zu bitten, zur�ckzukehren und wieder �ber die Stadt zu wachen. Lady Sarka duldete diese Tradition, obwohl sie normalerweise �ffentliche Festlichkeiten aller Art zu unterbinden versuchte, aus Angst vor Aufst�nden. Sie wusste, wie viel der Ph�nixtag den Menschen bedeutete. Ihn zu verbieten h�tte die Leute nur noch unzufriedener gemacht, als sie ohnehin waren.</p><p>Liam f�hlte sich nicht wohl in seiner Haut, w�hrend er die Chim�renbr�cke �berquerte. Er fragte sich, ob es eine gute Idee gewesen war, sich ausgerechnet hier mit Vivana zu treffen. Der Ph�nixtag erfreute sich bei den Bewohnern Scotias gro�er Beliebtheit. Es war nicht ausgeschlossen, dass ihn jemand erkannte.</p><p>Als er kurz darauf den Platz erreichte, stellte er fest, dass diesmal nur wenige Menschen gekommen waren, verglichen mit den Vorjahren. Vermutlich hatte die angespannte Stimmung in der Stadt die meisten veranlasst, zu Hause zu bleiben. Unauff�llig blickte er sich um. Nirgendwo ein bekanntes Gesicht. Er beruhigte sich etwas.</p><p>Die Leute hatten bereits begonnen, Reisig und Holz zu gro�en Haufen aufzuschichten. Nat�rlich waren auch Soldaten anwesend. Sie st�tzten sich auf ihre Hakenlanzen und beobachteten wachsam das Geschehen. Zus�tzlich hockten Dutzende von Kr�hen auf den unteren Turmsimsen. Lady Sarka mochte den Ph�nixtag dulden - weniger vorsichtig war sie deswegen nicht.</p><p>Er fand Vivana auf der anderen Seite des Platzes, wo sie im Schatten stand.</p><p>�Hallo, Liam�, sagte sie l�chelnd.</p><p>Er h�tte sie beinahe nicht erkannt, denn statt ihres bunten Rocks trug sie eine schlichte Hose, �hnlich seiner eigenen, sowie abgenutzte Lederschuhe und ein helles Leinenhemd, das ihr ein wenig zu gro� war. Sogar darin sah sie h�bsch aus. Er r�usperte sich, als ihm klarwurde, dass er sie anstarrte. �Wo hast du Ruac gelassen?�, erkundigte er sich.</p><p>�Zu Hause. Die Leute reagieren manchmal komisch auf ihn.�</p><p>�Vorgestern hattest du ihn doch auch dabei.�</p><p>�Naja, das war im Labyrinth. Dort ist alles ein bisschen anders.�</p><p>Sie setzten sich auf den Bordstein vor dem Hoftor eines Hotels. Das Schweigen, das sich einstellte, war keins von der Sorte, bei der man sich den Kopf zerbrach, was man als n�chstes sagen k�nnte, nur damit es aufh�rte. Liam genoss es einfach, neben ihr zu sitzen.</p><p>W�hrenddessen versank die Sonne hinter den D�chern, und die Grenze zwischen Schatten und Licht wanderte langsam an der Turmmauer nach oben. Bald erstrahlte nur noch die Spitze in rostrotem Gl�hen.</p><p>�Er ist wundersch�n, nicht wahr?�, sagte Vivana.</p><p>�Ja.�</p><p>�Hast du gewusst, dass er das �lteste Geb�ude Bradosts ist?�</p><p>Liam betrachtete das Mauerwerk. Es wies keine Fenster auf, denn der Turm war vollst�ndig massiv. Weder Treppen noch Leitern f�hrten zur Spitze hinauf. �Ich habe mich immer gefragt, wer ihn gebaut hat.�</p><p>�Der Legende nach hat ihn der Ph�nix selbst errichtet, als er nach Bradost kam.�</p><p>Liam kannte diese Geschichte, genau wie alle anderen, die sich um den Ph�nix rankten. Sein Vater hatte sie ihm erz�hlt, als er klein gewesen war.</p><p>�Kannst du dich noch daran erinnern, wie er verschwunden ist?�, fragte Vivana.</p><p>�Ich wei� noch, dass es ein eiskalter Morgen war.�</p><p>Sie nickte. �Ich bin von seinem Schrei aufgewacht. Ich bin zum Fenster gerannt und habe gesehen, dass er fort war. Einfach verschwunden, als h�tte es ihn nie gegeben. Ich glaube, ich habe mich noch nie so einsam gef�hlt.�</p><p>Liam wusste, was sie meinte. Er hatte genauso empfunden.</p><p>Sie strich sich eine Haarstr�hne hinter das Ohr. �Was hast du an diesem Morgen gemacht?�</p><p>�Ich bin fr�h aufgewacht, genau wie du. Als ich gesehen hatte, dass der Ph�nix nicht mehr da war, wollte ich meine Eltern wecken, aber sie wussten es schon. Gemeinsam sind wir hierhergegangen, so wie die halbe Stadt. Irgendwann ist uns wohl klar geworden, dass er nicht zur�ckkommen w�rde, und meine Mutter hat mich in den Arm genommen. Ich glaube, es war das erste Mal, dass ich sie weinen sah.� So viel hatte er gar nicht erz�hlen wollen. Verlegen zuckte er mit den Schultern.</p><p>�War das lange, bevor sie gestorben sind?�</p><p>�Meine Mutter starb vor anderthalb Jahren. Mein Vater vor zwei Wochen.�</p><p>�Oh�, murmelte sie. �Erst vor zwei Wochen?�</p><p>Liam nickte.</p><p>�Tut mir leid. Ich h�tte nicht davon anfangen sollen.�</p><p>�Macht nichts.� Er sah ihr an, dass etwas sie besch�ftigte. �Was ist?�</p><p>�Ach, nichts.�</p><p>�Nun sag schon.�</p><p>�Ich habe mich nur gefragt, ob du deswegen einen anderen Namen angenommen hast�, begann Vivana z�gernd. �Weil dein Vater gestorben ist, meine ich.�</p><p>Liam wusste, dass er nicht mit ihr �ber diese Dinge sprechen sollte. Aber er hatte diese ewige Geheimniskr�merei satt, und er war es leid, dass in beinahe jedem Gespr�ch unweigerlich der Moment kam, an dem er entweder schweigen oder l�gen musste. Was war schon dabei, wenn er ihr ein wenig von seiner Vergangenheit erz�hlte? Schlie�lich hatte sie ihm versprochen, sein Geheimnis zu wahren. �Mein Vater wurde umgebracht�, sagte er. �Corvas hat ihn ermordet. Wenn er gewusst h�tte, dass ich in der Stadt bin, h�tte er mich festgenommen und eingesperrt. Ich musste untertauchen und einen anderen Namen annehmen, damit er mich nicht findet.�</p><p>Falls diese Enth�llung sie erschreckte, so zeigte sie es nicht. Liam studierte ihr Gesicht und gewann den Eindruck, als h�tte sie so etwas erwartet.</p><p>�Aber du wohnst im Palast�, erwiderte sie. �Dort begegnest du Corvas jeden Tag.�</p><p>�Er wei� nicht, wer ich bin. Er glaubt, ich h�tte die Stadt schon vor Wochen verlassen.�</p><p>�Wieso hast du nicht? Anderswo w�rst du viel sicherer.�</p><p>�Ich habe meine Gr�nde�, antwortete er knapp.</p><p>�Warum erz�hlst du mir das alles? Ich meine, ich k�nnte ein Spitzel der Geheimpolizei sein oder so.�</p><p>Er grinste. �Bist du einer?�</p><p>�Klar. Ich bessere mein Taschengeld auf, indem ich Verschw�rer ans Messer liefere. Im Ernst, Liam. Warum? Neulich abend warst du noch so misstrauisch, dass du mich am liebsten h�ttest schw�ren lassen, dass ich niemandem etwas verrate.�</p><p>�Ich wei�. Aber diese Heimlichtuerei ist auf Dauer erm�dend. Immer nur zu l�gen und anderen etwas vorzumachen, das liegt mir einfach nicht.�</p><p>Vivana blickte ihn forschend an. �Danke f�r deine Offenheit. Ich wei� das zu sch�tzen, Liam... Hugnall.�</p><p>�Das macht dir Spa�, was?�</p><p>�Ein bisschen.� Sie l�chelte verschmitzt.</p><p>�Also gut. In Wirklichkeit hei�e ich Liam Satander. Aber am besten vergisst du das gleich wieder.�</p><p>�Zu Befehl, Herr Hugnall.�</p><p>Es d�mmerte, und die Leute z�ndeten ihre Fackeln an. Liam stellte fest, dass sich der Platz in der Zwischenzeit gef�llt hatte. Offenbar hatten sich viele Menschen im letzten Moment entschlossen, doch den Ph�nixtag zu feiern, allen Widrigkeiten zum Trotz. Ein Reisighaufen flammte auf, ein zweiter, ein dritter, bis wenig sp�ter ein Dutzend Feuer den Platz in flackerndes Licht tauchten. Jemand stimmte ein Lied an. Es war ein altes Lied, das davon handelte, dass die Flamme des Ph�nix f�r immer �ber den D�chern von Bradost brennen und niemals erl�schen w�rde.</p><p>�Als ich ein Kind war�, sagte Vivana, �habe ich mir immer gew�nscht, dass der Ph�nix aufwacht und �ber die Stadt fliegt. Es muss ein phantastischer Anblick gewesen sein.�</p><p>�Ich habe es einmal gesehen�, erwiderte Liam.</p><p>�Wie alt warst du da?�</p><p>�Vier oder f�nf.�</p><p>�Das muss sein letzter Flug gewesen sein. Vater hat mir davon erz�hlt. Angeblich habe ich es auch gesehen, aber ich kann mich nicht daran erinnern.�</p><p>�Ich wei� es noch genau. Es war abends. Pl�tzlich hat seine Flamme ganz hell gebrannt, so als w�re eine zweite Sonne aufgegangen. Er hat seine Fl�gel ausgebreitet und ist in einem Bogen von Scotia nach Norden geflogen, �ber die Altstadt und das Labyrinth, ohne auf die Luftschiffe R�cksicht zu nehmen. Eins h�tte er sogar fast zum Absturz gebracht.�</p><p>Sie lachte. �Wirklich?�</p><p>�Ja. Es musste auf dem Fluss notlanden, glaube ich.�</p><p>�Was ist dann passiert?�</p><p>�Er ist ein paar Runden geflogen. Wahrscheinlich wollte er sich vergewissern, dass der Stadt keine Gefahr droht, so wie er es fr�her immer getan hat.�</p><p>Sie betrachtete die Turmspitze, als w�re der Ph�nix gerade eben dort gelandet. Orangefarbener Feuerschein lag auf ihrem Gesicht. �Schade, dass ich damals noch so klein war.�</p><p>�Glaubst du, er kommt eines Tages wieder?�, fragte Liam.</p><p>�Er ist ein Schattenwesen. Die Manusch sagen, wenn Schattenwesen einmal die Welt verlassen haben, bleiben sie f�r immer fort. Aber wer wei�, vielleicht h�rt er ja die Leute singen und �berlegt es sich noch mal.�</p><p>Der Gesang endete abrupt, als w�tende Rufe erklangen. Liam erblickte in ihrer N�he einen Mann, der Steine nach den Kr�hen warf. Er war gro� und bullig gebaut und trug eine Filzkappe, schwere Stiefel und �lverschmierte Kleider - vielleicht ein Arbeiter vom Luftschiffhafen oder ein Mechaniker aus dem Kessel. Mit hochrotem Gesicht holte er einen neuen Stein aus seinem Beutel und br�llte: �Hinterlistige Mistviecher! H�ssliche Aasfresser!�</p><p>Der Stein prallte vom untersten Turmsims ab. Die Kr�hen kr�chzten angriffslustig.</p><p>�H�rt auf, uns nachzuspionieren! Lasst uns endlich in Ruhe!�</p><p>Noch ein Stein flog durch die Luft.</p><p>Liam stand auf und schaute sich besorgt um. Die Stimmung auf dem Platz ver�nderte sich merklich. S�mtliche Gespr�che waren verstummt. Die Leute reckten die K�pfe, um zu sehen, was vor sich ging. Die Gesichter der Soldaten verfinsterten sich.</p><p>�Corvas!�, schrie der H�ne. �Du verdammter Hurensohn! Komm her, damit ich dir in deinen bleichen Hintern treten kann. Und bring auch den Rest von deiner Bande mit, Umbra und Amander und deine verfluchten Spiegelm�nner. Ich breche euch allen die Knochen!�</p><p>Ein Mann mit grauem Bart trat vor. �H�r auf damit�, redete er auf den H�nen ein. �Du bringst dich noch in Schwierigkeiten.�</p><p>�Lass mich!�, knurrte der Arbeiter mit gl�hendem Gesicht. �Diese Stadt stinkt!�, br�llte er der Menge entgegen. �Lady Sarka hat uns alle verraten und verkauft. Verraten und verkauft, h�rt ihr? Und wir Feiglinge lassen uns das gefallen. Nieder mit ihr!, sage ich. Holen wir uns zur�ck, was uns geh�rt!�</p><p>Voller Unbehagen beobachtete Liam die Soldaten. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie eine derartige Ansprache gleichm�tig hinnahmen. Prompt bildete die Menge eine Gasse, durch die ein Trupp Bewaffneter marschiert kam.</p><p>�Das sieht nicht gut aus�, raunte er Vivana zu. �Sollen wir gehen?�</p><p>�Warte. Vielleicht ist es halb so schlimm�, sagte sie, trotz der Furcht in ihren Augen.</p><p>Der Captain baute sich vor dem H�nen auf. �Gibt es hier ein Problem?�, schnarrte er.</p><p>�Allerdings�, erwiderte der Angesprochene herausfordernd. �Und was f�r eins. Du und deine Soldaten, ihr seid das Problem!�</p><p>�Ich warne dich, Freundchen. F�r solches Gerede k�nnte ich dich festnehmen.�</p><p>�Das kannst du ja mal versuchen, du Winzling.�</p><p>�Na sch�n, du willst es nicht anders. Ich verhafte dich wegen aufr�hrerischer Reden und Hetze gegen die Lordkanzlerin. Ergreift ihn�, befahl der Captain seinen M�nnern.</p><p>�Lasst den armen Kerl in Ruhe�, mischte sich der B�rtige ein. �Seht ihr nicht, dass er betrunken ist?�</p><p>�Halt den Mund, oder wir nehmen dich auch mit!�, fuhr der Offizier ihn an... und wurde im n�chsten Moment umgerissen, als sich der H�ne br�llend auf ihn st�rzte.</p><p>Pl�tzlich ging alles sehr schnell. Die Soldaten hieben mit ihren Lanzensch�ften auf den Betrunkenen ein, der B�rtige rief: �Aufh�ren!�, woraufhin ihn zwei Bewaffnete wegziehen wollten. Als er sich wehrte, stie�en sie ihn zu Boden. Aus der Menge kamen ihm mehrere M�nner und Frauen zu Hilfe und griffen die Soldaten mit blo�en H�nden an.</p><p>Liam fluchte. �Weg hier�, sagte er zu Vivana, und sie liefen los.</p><p>Was dann geschah, konnte er nicht mehr erkennen. �berall brach Geschrei los, Leute rangelten mit Soldaten, die verzweifelt versuchten, sich um ihren gest�rzten Captain zu formieren.</p><p>Liam ergriff Vivanas Hand und versuchte, sich durch die Menge zu dr�ngen. Es wurde gesto�en und geschoben, als Menschen vor dem Handgemenge fliehen wollten, w�hrend andere nach vorne st�rzten, um in den Kampf einzugreifen. Frauen schrien und pressten ihre Kinder an sich.</p><p>Panisch hielt Liam nach einem Ausweg Ausschau, doch wohin er auch blickte, sah er nichts als wogende Leiber. �Da entlang�, rief Vivana und zog ihn zu einer L�cke, die sich pl�tzlich hinter ihnen auftat. So schnell es das Gedr�nge zulie�, liefen sie in Richtung Chim�renbr�cke. Allerdings waren sie noch keine zehn Schritte weit gekommen, als irgendwo jemand br�llte: �Sie haben ihn umgebracht. M�rder! M�rder!�</p><p>Liam konnte f�rmlich sp�ren, wie sich binnen eines Augenblicks die aufgestaute Wut der Menschen auf die Willk�r der Soldaten entlud. Gesichter verzerrten sich vor Zorn. Leute schwenkten Fackeln und schrien Fl�che und Beleidigungen. M�nner griffen nach brennenden Holzscheiten. Wo eben noch die L�cke gewesen war, herrschte nun ein noch schlimmeres Gedr�nge als vorher.</p><p>�Liam!�, rief Vivana. Ihre Hand entglitt seiner, als sie von der Flut der herandr�ngenden K�rper mitgerissen wurde, und er musste mit ansehen, wie sie in der Menge verschwand.</p><p>Er br�llte ihren Namen, w�hrend er sich einen Weg durch das Get�mmel zu bahnen versuchte. Ein Ellbogen traf ihn im Gesicht, er wurde zur�ckgesto�en und w�re gest�rzt, wenn er nicht mit jemandem zusammengeprallt w�re. Mit aller Kraft warf er sich nach vorne, rempelte Menschen zur Seite und sah f�r einen Moment ihr Haar in dem Chaos aufblitzen.</p><p>Eine Gestalt fuhr herum, schrie etwas, eine Fackel versengte seine Wange. Er versetzte dem Mann einen Sto� und bekam Vivanas Arm zu fassen. Sie versuchte, ihn abzusch�tteln, bevor sie ihn erkannte und er sie zu sich ziehen konnte.</p><p>�Bist du in Ordnung?�</p><p>Sie nickte, bleich, aber unversehrt. Sch�tzend presste Liam sie an sich, w�hrend sie sich durch die Menge schoben.</p><p>Pl�tzlich donnerten Pistolensch�sse, und die Leute liefen auseinander. Im Feuerschein sah er weitere Soldaten von der Chim�renbr�cke kommen, begleitet von einem halben Dutzend Reiter, die in die Luft feuerten, bevor ein Hagel aus Holzscheiten und Pflastersteinen auf sie niederprasselte.</p><p>Liam konnte kaum noch etwas sehen. Als er sich das Gesicht abwischte, entdeckte er Blut auf seinem �rmel. Er �berlie� Vivana die F�hrung, und Hand in Hand flohen sie vor den Soldaten, die in geschlossener Formation vorr�ckten. Die Menge hatte sich auf der anderen Seite des Platzes gesammelt, sodass sie ungehindert zu einer Gasse zwischen zwei Stadth�usern gelangen konnten. Sie hasteten durch das Halbdunkel und fanden sich kurz darauf am Flussufer wieder.</p><p>Liams Lunge brannte bei jedem Atemzug. Ersch�pft sank er auf die gemauerte B�schung. Abermals wischte er das Blut weg, das ihm ins Auge rann.</p><p>�Warte, ich helfe dir�, sagte Vivana. Sie suchte ihre Hosentaschen nach einem Tuch ab. Als sie keines fand, fing sie an, ihren �rmel zu zerrei�en.</p><p>�Was machst du da?�</p><p>�Du hast eine ganz sch�ne Schramme.� Sie faltete einen Fetzen Stoff zusammen, den sie behutsam auf seine Augenbraue presste.</p><p>�Danke�, murmelte er.</p><p>�Halt es fest. Es sieht nicht schlimm aus. Es m�sste gleich aufh�ren zu bluten.�</p><p>Sie setzte sich neben ihn. Das Geschrei der Menge und das Donnern der Pistolen klangen weit entfernt.</p><p>�Diese Bastarde�, sagte Vivana nach einer Weile. �Die Leute haben ihnen �berhaupt nichts getan. Sie wollten nur in Ruhe den Ph�nixtag feiern.�</p><p>Es dauerte eine Weile, bis das Entsetzen von Liam abfiel. Das war nicht der erste Aufruhr, den er erlebt hatte, aber noch nie zuvor hatte er die Gewalt so unmittelbar erfahren.</p><p>�Was machen wir jetzt?�, fragte er schlie�lich. �Soll ich dich nach Hause bringen?�</p><p>�Lass uns lieber einen Arzt suchen, der sich deine Wunde ansieht.�</p><p>�Ich brauche keinen Arzt.�</p><p>�Bist du sicher?�</p><p>�Es hat schon aufgeh�rt zu bluten.�</p><p>Vivana sah ihn an und strich sich eine Haarstr�hne hinter das Ohr. �Danke, dass du mir geholfen hast.�</p><p>Er grinste schief. �Wer hat hier wem geholfen?�</p><p>�H�r auf, Liam. Ich sa� da oben ziemlich in der Klemme. Wer wei�, was ohne dich passiert w�re.�</p><p>�Reiner Eigennutz. Ich h�tte deinem Vater nur ungern erkl�ren wollen, dass seine Tochter zertrampelt wurde.�</p><p>Sie musste lachen. �Ja, das h�tte eurer Freundschaft wahrscheinlich nicht gut getan.� Sie schien in der k�hlen Abendluft zu fr�steln und schlang die Arme um den Oberk�rper. �Eine Bitte: Sag ihm nicht, wo wir waren. Er macht sich auch so schon zu viele unn�tige Sorgen um mich.�</p><p>�So schlimm?�</p><p>Sie verzog den Mund. �Ich sollte jetzt gehen. Besser, ich bin zu Hause, bevor er von der Werkstatt kommt.�</p><p>�Lass mich lieber mitkommen. In den Stra�en wird es vor Soldaten nur so wimmeln.�</p><p>�Also gut�, murmelte sie.</p><p>Bewaffnete hatten die Chim�renbr�cke abgeriegelt, weshalb sie am Ufer entlanggingen und den Fluss weiter �stlich �berquerten. Im Chymischen Weg und dem Kessel war von dem Aufruhr nichts zu sp�ren, und sie begegneten nur einer einzigen Patrouille, die sie jedoch in Ruhe lie�. Wenig sp�ter kamen sie zu Quindals Haus.</p><p>�Alles dunkel�, stellte Vivana erleichtert fest. �Er macht offenbar wieder �berstunden.� Sie schloss die T�r auf.</p><p>Liam blickte zum Ph�nixturm. Der Platz war weit entfernt, aber da Quindals Haus auf einem H�gel stand, konnte er ihn dennoch erkennen. Schatten bewegten sich im Feuerschein, hin und wieder trug der Wind fernes Geschrei und Sch�sse herauf. Es sah nicht danach aus, als w�re der Aufruhr bald zu Ende. �Das war wohl der letzte Ph�nixtag�, sagte er.</p><p>�Meinst du?�</p><p>�Ich glaube nicht, dass Lady Sarka weitere �ffentliche Versammlungen dulden wird. Nicht nach allem, was in letzter Zeit passiert ist.� Er wandte sich zu Vivana um. �Also dann...�</p><p>Sie lehnte am T�rrahmen. �Normalerweise w�re das jetzt der Moment, sich f�r den sch�nen Abend zu bedanken, aber das einen sch�nen Abend zu nennen w�re etwas seltsam, oder?�</p><p>Er lachte. �Allerdings.�</p><p>Sie schwiegen. Liam wollte sich nicht einfach von ihr verabschieden, als w�re nichts gewesen, und er sp�rte, dass es ihr ebenso erging.</p><p>�Und du bist wirklich sicher, dass mit deinem Auge alles in Ordnung ist?�, fragte sie.</p><p>�Ich denke schon.�</p><p>�Lass es mich lieber noch einmal ansehen. Mein Vater hat irgendwo ein Mittel zum Desinfizieren.�</p><p>Er nickte. �Ich warte hier drau�en.�</p><p>�Unsinn. Du kannst dich in den Salon setzen, w�hrend ich danach suche.�</p><p>Sie gingen hinein. Im Salon machte Vivana Licht. Ruac kroch unter der Anrichte hervor und zischte vorwurfsvoll.</p><p>�Ich wei�, der Herr hat Hunger�, sagte Vivana. �Aber du musst dich noch einen Moment gedulden.�</p><p>Liam nahm in einem Lehnstuhl Platz, w�hrend sie im Nebenraum verschwand. Zu seiner �berraschung kletterte Ruac auf seinen Scho� und machte es sich dort bequem.</p><p>�Seine Schuppen sind warm�, sagte er, als Vivana zur�ckkam.</p><p>�Mit der Temperatur seiner Schuppen dr�ckt er seine Gef�hle aus. Warm bedeutet, dass er dich mag.�</p><p>Allerdings ging Ruacs Zuneigung nicht so weit, dass er dar�ber seinen Hunger verga�. Vivana hatte den Napf kaum auf den Boden gestellt, da sprang der Tatzelwurm schon von Liams Knien und machte sich �ber die Fleischbrocken her.</p><p>Vivana �ffnete das Fl�schchen mit der Tinktur. �Achtung, das brennt jetzt etwas.�</p><p>Liam zuckte zusammen, als sie die Schramme an seiner Augenbraue einrieb.</p><p>�So, jetzt kann sie sich wenigstens nicht mehr entz�nden.� Sie ging zu einem der Regale und holte die Gaslampe heraus, die Quindal im Keller benutzt hatte.</p><p>�Was hast du vor?�</p><p>�Du willst doch nicht schon nach Hause, oder?�</p><p>Liam dachte gar nicht daran - er genoss das Zusammensein mit ihr viel zu sehr. �Sehe ich so aus?�, fragte er grinsend.</p><p>�Komm mit. Ich will dir etwas zeigen.�</p><p>Sie gingen zur Eingangshalle und von dort aus durch einen Flur, der zum Eckturm des Hauses f�hrte. W�hrend er Vivana die Treppe hinauffolgte, sah Liam im Schein ihrer Lampe, dass Staub auf den Stufen lag und die W�nde in einem schlechten Zustand waren. �berall zeigten sich Risse und br�ckelte der Putz herunter.</p><p>�Ihr benutzt diesen Fl�gel schon eine Weile nicht mehr, was?�</p><p>�Mein Vater l�sst alles verkommen. Wenn ich nicht hin und wieder sauber machen und die schlimmsten Sch�den ausbessern w�rde, w�re der Turm wahrscheinlich l�ngst in sich zusammengefallen.�</p><p>Die Treppe endete an einer T�r, die so verzogen war, dass Vivana sie nur mit M�he �ffnen konnte. Dahinter lag das kleine Observatorium, das Liam von au�en gesehen hatte.</p><p>Sie drehte die Lampe ab und stellte sie auf den Boden. Die unteren Segmente der Glaskuppel waren blind vor Staub und Spinnweben, aber die oberen boten einen ungetr�bten Blick auf das n�chtliche Firmament. Sternenlicht fiel auf das Teleskop, das in der Mitte des Raumes stand.</p><p>Vivana setzte sich auf das Messinggest�nge der Apparatur und lie� die Beine baumeln. �Manchmal, wenn ich nicht einschlafen kann, komme ich hier herauf und sehe mir den Himmel an. Erwirkt so unfassbar weit, dass einem Bradost dagegen winzig erscheint. Irgendwie beruhigend, oder? Zu wissen, dass unsere Probleme im Grunde bedeutungslos sind.�</p><p>�Benutzt dein Vater das Observatorium noch?�, fragte Liam.</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Er hat es f�r meine Mutter eingerichtet. Sie liebte die Sterne. Fr�her sind sie oft gemeinsam hier gewesen und haben die Sternbilder betrachtet, aber seit ihrem Tod hat er den Turm kaum noch betreten. Ich glaube, er ertr�gt die Erinnerungen an sie nicht.�</p><p>Liam setzte sich neben sie. Ihre Arme ber�hrten sich, aber Vivana r�ckte nicht von ihm weg. �Woran ist sie gestorben?�</p><p>�Der Kummer hat ihr das Herz gebrochen.� Vivana streifte ihn mit einem Blick, dann schaute sie wieder zum Sternenhimmel auf. �Sie war eine Wahrsagerin wie Tante Livia. Mein Vater ist damit nicht zurechtgekommen - ich habe dir ja erz�hlt, was er von Magie h�lt. Es verging keine Woche, in der sie nicht deswegen stritten. Irgendwann hat er angefangen, alles abzulehnen, was mit den Manusch zu tun hat. Ihre Sprache, ihre Musik, ihre gesamte Lebensweise. Ich glaube, am liebsten h�tte er meine Mutter verwandelt. In eine gew�hnliche Frau aus Bradost oder, noch besser, in eine Wissenschaftlerin, die genauso denkt wie er.�</p><p>�Warum hat sie ihn nicht verlassen?�</p><p>�Das hat sie versucht, aber sie konnte es nicht. Trotz allem liebte sie ihn. Irgendwann wurde sie schwerm�tig und hat immer weniger gegessen. Ein paar Monate sp�ter ist sie gestorben.�</p><p>Liam begann zu verstehen, warum die Manusch und Quindal einander ablehnten. �Hasst du ihn deswegen?�</p><p>�Ich hasse ihn nicht�, sagte sie, �auch wenn es vielleicht so aussieht. In gewisser Weise kann ich sogar verstehen, warum er sich so verhalten hat. Die Welt der Manusch macht ihm Angst. Er f�rchtete, meine Mutter daran zu verlieren.�</p><p>Liam musterte sie. Ein M�dchen wie Vivana hatte er noch nie getroffen. Sie war so anders als die M�dchen von Scotia, mit denen er aufgewachsen war, nachdenklicher und irgendwie... erwachsener. Vielleicht war das der Grund, warum er das Gef�hl hatte, sie schon ewig zu kennen, obwohl sie sich erst vor wenigen Tagen begegnet waren.</p><p>Sie bemerkte seinen Blick. �Du bist der Erste, dem ich diese Dinge erz�hle. Merkw�rdig, oder?�</p><p>Er l�chelte. �Ein bisschen.�</p><p>�Na ja, du warst offen zu mir. Da ist es nur fair, dass ich auch offen zu dir bin.� Sie wippte mit den Beinen und begann, auf ihrer Unterlippe zu kauen. Als sie weitersprach, lag leichte Anspannung in ihrer Stimme. �Wie ist es, Liam, vertr�gst du heute Abend noch ein bisschen mehr Ehrlichkeit?�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Ich f�rchte, ich muss dir etwas gestehen. Etwas, das dir nicht gefallen wird.�</p><p>�Du bist doch von der Geheimpolizei?�</p><p>Sie verpasste ihm einen Sto� mit dem Ellbogen. �Mach keine Witze. Ich meine es ernst.�</p><p>�Nur zu. So schlimm wird es schon nicht werden.�</p><p>Ihr Blick sagte etwas anderes. �Als du neulich bei meinem Vater gewesen bist, habe ich euch heimlich zugeh�rt.�</p><p>�Wann? W�hrend wir im Keller waren?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Aber dein Vater hat gesagt, dort w�re es sicher.�</p><p>�An meinem Zimmer f�hrt einer der Lichtsch�chte vorbei. Ich habe vor Jahren ein Loch in die Wand gemacht. Mein Vater wei� nichts davon.�</p><p>�Und durch das Loch hast du uns belauscht?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Das ist... nicht gut�, sagte er �berrumpelt.</p><p>�Du bist jetzt sauer, oder?�, fragte sie.</p><p>Liam war sicher, dass, h�tte ihm jemand anderes dieses Gest�ndnis gemacht, er nicht nur �rgerlich, sondern fuchsteufelswild geworden w�re. Auf Vivana jedoch konnte er nicht w�tend sein. Nicht nach allem, was heute Abend passiert war. �Hast du jemandem davon erz�hlt?�</p><p>�Nein... das hei�t, doch. Tante Livia. Aber dich habe ich nicht erw�hnt. Ich habe sie nur gefragt, was es mit diesem Gelben Buch auf sich hat, von dem ihr geredet habt.�</p><p>�Mehr hast du ihr nicht gesagt?�</p><p>�Wirklich nicht. H�r zu, Liam, es tut mir leid. Ich h�tte das nicht tun sollen. Aber da war dieser Streit mit meinem Vater. Au�erdem habe ich seine ewige Heimlichtuerei nicht mehr ertragen.� Sie schwieg ungl�cklich.</p><p>Pl�tzlich konnte Liam nicht anders, als leise zu kichern.</p><p>�Warum lachst du denn?�</p><p>�Ich muss mir nur gerade deinen Vater vorstellen. Er w�rde toben, wenn er das w�sste.�</p><p>�Allerdings�, murmelte sie. �Vor allem, wenn er herausbek�me, was ich noch alles belauscht habe.�</p><p>�Das war nicht das erste Mal?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Ich wei� so ziemlich alles, was er seit Jahren vor mir zu verbergen versucht.�</p><p>Liam vermutete, dass sie damit die Verschw�rung meinte, in die ihr Vater verwickelt gewesen war. Ja, Quindal <emphasis>w�rde</emphasis> toben. �Und der arme Kerl ahnt nicht das Geringste. Man k�nnte fast Mitleid mit ihm haben.�</p><p>�Hei�t das, du bist nicht w�tend?�</p><p>�W�rde das etwas �ndern?�</p><p>Er konnte h�ren, wie sie aufatmete. �Danke�, sagte sie leise. �Ich habe schon bef�rchtet, du w�rdest davonlaufen und mich nie wieder sehen wollen, wenn ich dir das erz�hle.�</p><p>�Warum hast du es mir dann erz�hlt?�</p><p>�Weil... Ach, einfach so. Weil es nicht richtig ist, jemanden zu hintergehen.�</p><p>Sie wich seinem Blick aus, und er konnte sp�ren, dass sie noch mehr sagen wollte, viel mehr. Aber dann war der Moment vor�ber, und in der Stille, die folgte, h�rte er nichts als das Klopfen seines Herzens.</p><p>�Los, sag etwas�, forderte sie ihn auf, als sie das Schweigen nicht mehr ertrug.</p><p>Liam musste zuerst seine Gedanken sortieren. Die Heftigkeit, mit der er sich pl�tzlich zu ihr hingezogen f�hlte, verwirrte ihn zutiefst. �Die Dinge, die dein Vater und ich beredet haben�, begann er schlie�lich, �was davon hast du geh�rt?�</p><p>�Alles�, antwortete sie. �Ich wei�, dass du kein G�rtner bist. Das ist nur deine Tarnung. In Wahrheit suchst du ein Buch. Das Gelbe Buch von Yaro D�ar. Lady Sarka bewahrt es in ihren Gem�chern auf, aber wegen der Spiegelm�nner kommst du nicht hinein.�</p><p>�Wei�t du auch, warum ich das Buch suche?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>Liam beschloss, ihr den Rest seiner Geschichte zu erz�hlen. W�hrend der letzten Minuten war ihm klar geworden, dass Vivana der einzige Mensch war, dem er wirklich vertraute, so merkw�rdig ihm das auch erschien. �Mein Vater war Blitzh�ndler in Scotia. Wir wohnten in der Sternwarte auf dem H�gel am Fluss. Er hat Lady Sarka gehasst und wollte daf�r k�mpfen, dass Bradost wieder eine Republik wird, so wie fr�her. Daf�r wollte er den Ph�nix zur�ckholen.�</p><p>�Den Ph�nix? Wie wollte er das machen?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Er hat Nachforschungen angestellt. Welche, kann ich dir nicht sagen; er war sehr verschlossen. Eines Tages ist er auf das Gelbe Buch von Yaro D�ar gesto�en, doch bevor er es finden konnte, ist ihm Corvas auf die Schliche gekommen. Die Spiegelm�nner wollten ihn verhaften, und als er sich wehrte, haben sie ihn get�tet.�</p><p>�Aber du konntest fliehen�, sagte Vivana.</p><p>Liam nickte. �Kurz vorher hat er mich gebeten, das Buch aufzusp�ren. Es gibt nur ein Exemplar - es ist im Palast versteckt. Er wollte, dass ich deinen Vater um Hilfe bitte, also bin ich zur Werkstatt gegangen und habe mit ihm geredet. Zuerst wollte dein Vater von der ganzen Sache nichts h�ren, aber dann hat er sich bereit erkl�rt, mir zu helfen. Er hat mich der Lady vorgestellt und sie �berredet, mir Arbeit zu geben. So wurde ich G�rtner in ihrem Palast.�</p><p>Vivana dachte lange �ber seine Worte nach. �Was erhoffst du dir davon?�, fragte sie schlie�lich. �Ich meine, was du tust, ist gef�hrlich. Es ist sogar reiner Wahnsinn. Ein Fehler, und es ergeht dir wie deinem Vater.�</p><p>�Das ist mir klar�, sagte er. �Aber ich habe keine Wahl. Ich muss erfahren, was so wichtig an diesem Buch ist, dass er bereit war, daf�r zu sterben.�</p><p>�Livia sagt, es enth�lt alte Zauberspr�che und Rituale.�</p><p>Liam hatte beinahe vergessen, dass Vivana mit ihrer Tante �ber das Buch gesprochen hatte. Aufregung erfasste ihn. �Was wei� sie noch?�</p><p>�Sie meint, es sei so selten, dass manche glaubten, es w�rde gar nicht existieren.�</p><p>�Das ist alles?�, fragte er entt�uscht.</p><p>�Leider.�</p><p>Liam fluchte leise. Er hatte schon gehofft, mit der Hilfe der Manusch mehr �ber das Buch herauszufinden.</p><p>Vivana kaute wieder auf ihrer Unterlippe. �Was w�rdest du davon halten, wenn ich dir helfe?�, fragte sie unvermittelt.</p><p>�Wobei? Das Buch zu finden?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Eben hast du noch gesagt, dass es zu gef�hrlich ist.�</p><p>�F�r dich allein. Aber nicht f�r uns beide.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>Ihre Augen waren schwarz in der Dunkelheit, als sie ihn anblickte. �Ich h�tte da eine Idee...�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>28</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Jackons Rache</emphasis></strong></p></title><p><strong>J</strong>ackon wurde von Nacht zu Nacht besser. Indem er sich beim Eintritt in sein Seelenhaus bewusst machte, dass er nur tr�umte, besa�en die verwirrenden Bilderfluten, die ihn dort erwarteten, kaum noch Macht �ber ihn. Er fokussierte seine Gedanken, sodass er m�helos die T�r fand und sein Seelenhaus verlassen konnte. Auch das Springen fiel ihm immer leichter.</p><p>Seine Kr�fte wuchsen, und er genoss es.</p><p>In der vergangenen Nacht hatte er Asher einen Besuch abgestattet. Dessen Seelenhaus glich einem Palast aus Unrat und M�ll, protzig und absto�end zugleich. Jackon hatte Asher in einem Saal aufgesp�rt, wo dieser sich gro�spurigen Tr�umen von Reichtum und Macht hingab. Indem er hier und da eine Kleinigkeit ver�nderte, hatte er bewirkt, dass sich der Lumpensammler pl�tzlich in einem schrecklichen Albtraum wiederfand. Seine Macht war verschwunden, sein Reichtum ebenfalls, und er hatte sich so schwach und hilflos gef�hlt wie die Schlammtaucher und Bettler, die er tagt�glich ausbeutete. Als Jackon sich ihm zu erkennen gab, hatte er gewimmert wie Darren und ihm alles versprochen, wenn er nur aufh�rte, seine Tr�ume heimzusuchen. �Wirklich alles?�, hatte Jackon gefragt, woraufhin Asher verzweifelt nickte. Also hatte Jackon ihn aufgefordert, die Schlammtaucher von nun an gut zu behandeln und f�r ihre Funde anst�ndig zu bezahlen. F�r den Fall, dass Asher den Traum verga� oder sich nicht an die Abmachung hielt, hatte er angek�ndigt, wiederzukommen und dem Lumpensammler noch schrecklichere Albtr�ume zu bescheren.</p><p>Au�er Darren und Asher gab es noch viele andere Leute, die ihn gedem�tigt und schikaniert und ihm das Leben schwer gemacht hatten. Er w�rde sie alle heimsuchen.</p><p>Heute Nacht kam ein Schlammtaucher namens Han an die Reihe. Han war es gewesen, der damals durchgesetzt hatte, dass Jackon aus den Behausungen der Schlammtaucher am Flussufer versto�en wurde, als immer mehr Ger�chte um seine unheimlichen Kr�fte die Runde machten. Han hatte ihn damit zu einem elenden und einsamen Leben in den tiefer gelegenen Kan�len verurteilt, obwohl er genau wusste, wie gef�hrlich es dort war.</p><p>Aber das w�rde er bald bereuen.</p><p>Nachdem Jackon sein Seelenhaus verlassen hatte, konzentrierte er sich und versuchte, sich Hans Gesicht vorzustellen, seine Stimme, sein Wesen, alles, was den Schlammtaucher ausmachte. Es fiel ihm wesentlich schwerer als bei Darren und Asher, denn es war mehr als ein Jahr her, dass er Han das letzte Mal gesehen hatte. Kurz darauf sprang er.</p><p>Er kam vor einer sch�bigen H�tte auf. Nachdem er die Benommenheit abgesch�ttelt hatte, warf er einen Blick durch das einzige Fenster. Tr�ume huschten und waberten durch das winzige Seelenhaus, allerdings geh�rten sie nicht Han, sondern einem anderen Schlammtaucher, der am Flussufer wohnte.</p><p>Jackon wurde klar, dass er sich nicht genug konzentriert hatte. Er gab sich mehr M�he als beim ersten Mal und malte sich Han in seinen zerlumpten Kleidern in allen Einzelheiten aus.</p><p>Er landete in einer anderen Gasse. Zwei Spr�nge so kurz hintereinander waren sehr anstrengend, und er musste sich eine Weile an eine Mauer gelehnt ausruhen. Seine Gedanken tanzten wild und ungeordnet durch seinen Kopf. Es kostete ihn all seine Kraft, nicht zu vergessen, weswegen er hergekommen war.</p><p>Er fuhr herum, als er ein vertrautes Summen h�rte. Vier Boten n�herten sich der Gasse, ihre Fl�gelpaare schillerten im ewigen Zwielicht der Stadt wie hauchd�nnes Silber. Die Gesch�pfe wurden auf ihn aufmerksam, umkreisten ihn neugierig und betasteten ihn mit den r�sselartigen Forts�tzen an ihren K�pfen. Obwohl Jackon inzwischen wusste, dass sie ungef�hrlich waren, erf�llten ihn der Anblick der riesigen Insekten und besonders ihre Ber�hrung nach wie vor mit Ekel. Er schrie und wedelte mit den Armen, doch als sie sich nicht verjagen lie�en, beschloss er, sich mit einem Sprung zu retten.</p><p>Er landete... irgendwo. Seelenh�user umgaben ihn, �ber den D�chern erstreckte sich das dunkle Firmament. Der Sprung hatte ihn so sehr ersch�pft, dass er seine Konzentration verlor. Im n�chsten Moment wusste er weder, was er hier tat, noch, wovor er geflohen war.</p><p>Er beschloss, sich ein wenig umzusehen, bis es ihm wieder einfiel. Ziellos streifte er durch die Stra�en, wobei er einen Bogen um die widerw�rtigen Sammler machte, die �berall herumkrochen.</p><p>Er hatte etwas gesucht - aber was?</p><p>Pl�tzlich lichteten sich die Seelenh�user und gaben den Blick auf ein gewaltiges Geb�ude frei, m�chtiger als alles, was er je in dieser Stadt gesehen hatte. Zinnengekr�nte Mauern erhoben sich vor ihm, �berragt von spitzen T�rmen mit schwarzen Fenstern, die wie Augen auf ihn herabblickten. Der unaufh�rliche Wind lie� glitzernden Staub um das Gem�uer tanzen.</p><p>Jackon konnte sich dunkel daran erinnern, dass Lady Sarka einmal von einem Palast gesprochen hatte, der im Herzen der Seelenstadt stand.</p><p>War er deswegen hergekommen?</p><p>Leider wusste er nicht mehr, was die Lady �ber den Palast gesagt hatte.</p><p>Es war wohl am besten, er sah sich das Bauwerk aus der N�he an.</p><p>Wind zerzauste seine Haare, w�hrend er auf den Palast zuging. Der silberne Staub legte sich auf seine Kleidung und brannte in seinen Augen. Ein mulmiges Gef�hl stieg in ihm auf. Drohte hier Gefahr?</p><p>Nein, nicht ihm. Er war ein Traumwanderer. Es gab nichts, wovor er sich f�rchten musste.</p><p>Er entdeckte ein Tor und trat ein. Nach wenigen Schritten gelangte er in eine S�ulenhalle, von der verwinkelte Flure und enge Treppenfluchten abzweigten. Es war weder hell noch dunkel. Das Mauerwerk wies Risse auf. Steinbrocken waren von der Decke gefallen und auf dem Boden zersplittert.</p><p>Falls es sich bei diesem Geb�ude um ein Seelenhaus handelte, musste es einer �beraus beeindruckenden Pers�nlichkeit geh�ren. Umso merkw�rdiger, dass es verfiel.</p><p>Nirgendwo waren Tr�ume zu sehen.</p><p>Jackon wanderte durch leere Korridore und R�ume. In einer gewaltigen Halle blieb er stehen. Balustraden umliefen den Saal, die Galerien hinter den S�ulen verloren sich im Zwielicht. Die Decke war so hoch, dass er sie kaum erkennen konnte.</p><p>In einem Durchgang stand eine Gestalt.</p><p>Sie war gro�, viel gr��er als er, und trug eine Robe aus flie�endem Stoff. Langes, schlohwei�es Haar fiel auf die breiten Schultern und betonte die dunkle Haut des Mannes.</p><p>Seine Augen glitzerten, als er Jackon musterte.</p><p>�Wer bist du?�, fragte er mit einer Stimme, die so alt, so machtvoll war, dass Jackon vor Ehrfurcht erstarrte.</p><p>Der Mann kam n�her. �Sag mir deinen Namen�, befahl er. �Sag mir, wer es wagt, in Aziels Schloss einzudringen.�</p><p>Aziel! Auf einen Schlag fiel Jackon alles wieder ein. Dies war der Herr der Tr�ume, der unerbittliche Herrscher der Seelenstadt, vor dem ihn Lady Sarka gewarnt hatte - und er war geradewegs in dessen Palast hineingeschlendert.</p><p>Voller Entsetzen wirbelte Jackon herum und ergriff die Flucht. Rannte durch Flure und Hallen, wie er noch nie gerannt war. Doch als er endlich das Tor erreichte, stand Aziel bereits dort.</p><p>�Du kannst mir nicht entkommen�, sagte er. �Dies ist mein Reich. Nur ich entscheide, was hier geschieht.�</p><p>Jackon machte kehrt und lief zur�ck in das Labyrinth aus Treppen und G�ngen. Er hastete die Stufen hinauf, in der verzweifelten Hoffnung, einen Winkel zu entdecken, wo Aziel ihn nicht fand.</p><p>Er konnte den Palast nicht verlassen. Er hatte keine Kraft mehr f�r einen Sprung.</p><p>Er lehnte sich gegen die Wand, keuchend vor Ersch�pfung, obwohl er sich hundertmal sagte, dass er nicht ersch�pft sein konnte, weil dies gar nicht sein K�rper war, sondern nur dessen Seelenabbild. Er versuchte, ruhig zu atmen und seine verbliebenen Kr�fte darauf zu konzentrieren aufzuwachen. Dies war seine einzige Chance, von hier zu entkommen.</p><p>Aziel erschien vor ihm, streckte die m�chtigen H�nde nach ihm aus, wollte ihn packen.</p><p>Jackon erwachte mit einem Schrei.</p><p>Er fuhr von der Couch auf und blickte sich gehetzt um. Der Palast war verschwunden. Er befand sich im geheimen Zimmer - in Sicherheit.</p><p>�Was ist geschehen?�, fragte Lady Sarka behutsam. �Bist du in einen Albtraum geraten?�</p><p>�Ich habe Aziel gesehen�, brachte er leise hervor.</p><p>Sie blickte ihn alarmiert an. �Hat er dich gefunden?�</p><p>�Nein. Ich... ich war in seinem Palast.�</p><p>Lady Sarka stand ruckartig auf. �Ich habe dir doch gesagt, dass du dich davon fernhalten sollst!�</p><p>�Es war ein Versehen�, stammelte er. �Ich wollte das nicht. Es ist... einfach passiert.�</p><p>�Du Narr! Damit hast du uns beide in Gefahr gebracht!�</p><p>Eingesch�chtert versank Jackon in der Couch. Er hatte die Lady noch nie so zornig erlebt.</p><p>�Hat er dich auch gesehen?�, fragte sie barsch.</p><p>�Leider ja.�</p><p>�Was hat er getan? Dich angesprochen?�</p><p>�Er wollte meinen Namen wissen.�</p><p>�Hast du ihm geantwortet?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Ich bin geflohen.�</p><p>Sie begann, unruhig im Zimmer umherzugehen. �Das ist schlecht. Sehr schlecht. Jetzt wird er nach dir suchen.�</p><p>�Und was passiert, wenn er mich findet?�</p><p>�Er wird dich t�ten.�</p><p>Jackon schluckte. �Wirklich?�</p><p>�Er duldet keine Traumwanderer. Er wei�, dass du eine Gefahr f�r ihn bist.�</p><p>�Aber ich habe doch gar nicht vor, ihm etwas...�</p><p>�Halt den Mund!�, fuhr sie ihn an. �Lass mich nachdenken.�</p><p>Sie �ffnete eine kleine Zedernholzkiste und holte eine Phiole aus Rauchglas heraus. �Trink das�, befahl sie. �Aber nur einen kleinen Schluck.�</p><p>Jackon entfernte den Pfropfen und roch an der �ffnung. Die Fl�ssigkeit darin verstr�mte einen schweren, s��lichen Duft. �Was ist das?�</p><p>�Ein Mittel, das dich f�r ein paar Tage traumlos schlafen l�sst. Vielleicht verliert er dann deine Spur. Jetzt trink schon.�</p><p>Verunsichert gehorchte er. Der Trank schmeckte genauso, wie er roch. �lig rann die Fl�ssigkeit seine Kehle hinab.</p><p>�Ich f�rchte, das wird nicht ausreichen�, fuhr Lady Sarka fort. �Aziel kann unsere Welt betreten. Er wird auch hier nach dir suchen. Du brauchst noch einen anderen Schutz.� Sie streifte ihre Halskette �ber den Kopf und reichte sie ihm. An dem d�nnen Silberband hing ein f�nfzackiger Stern, umgeben von einem Kreis. �Das ist ein Drudenfu�. Aziel f�rchtet ihn. Solange du ihn tr�gst, kann er dir nichts anhaben. Leg die Kette deshalb niemals ab, auch nachts nicht. Besonders nachts nicht.�</p><p>Mit zitternden H�nden zog Jackon die Kette an und schob den Drudenfu� unter sein Hemd. Das Silber lag k�hl auf seiner Haut.</p><p>�Aber was ist mit meiner Ausbildung?�, fragte er nach einer Weile. �Wenn ich nicht tr�ume, kann ich sie nicht fortsetzen.�</p><p>Lady Sarka bedachte ihn mit einem lodernden Blick. �Vergiss deine Ausbildung�, sagte sie. �Von nun an wirst du nur noch eines tun.�</p><p>�Was?�</p><p>�Versuchen, um jeden Preis zu �berleben.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>29</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Vivanas Plan</emphasis></strong></p></title><p><strong>W</strong>olken t�rmten sich im Norden auf und zogen brodelnd �ber Bradost. Manchmal brach die Sonne durch, woraufhin sich dr�ckende Hitze breitmachte; dann wieder war die Wolkendecke so undurchl�ssig, dass in den Stra�en ein schwefliges Zwielicht herrschte. Ein seltsamer warmer Wind pfiff um die Kamine, trieb Staub und Unrat vor sich her und machte die Menschen gereizt und �bellaunig. Es war ein verr�cktes Wetter, passend zur nerv�sen Stimmung in der Stadt.</p><p>Vivana hatte die allgegenw�rtige Anspannung gesp�rt, kaum dass sie das Haus verlassen hatte. W�hrend sie am fr�hen Abend mit Liam durch die Altstadt ging, sah sie �berall die Auswirkungen des j�ngsten Aufruhrs. Die Zeitungen wetteiferten darum, wer die schrillsten L�gen �ber die Ereignisse auf dem Ph�nixplatz verk�ndete. Soldaten patrouillierten durch die Gassen, mehr noch als an den Tagen nach dem Anschlag. Plakate wiesen auf die Ausgangssperre hin, die die Geheimpolizei auf Anordnung der Lordkanzlerin verh�ngt hatte: Wer sich nach Einbruch der Dunkelheit drau�en herumtrieb, musste damit rechnen, verhaftet zu werden. Und genau wie Liam vorhergesagt hatte, waren �ffentliche Versammlungen auf unbestimmte Zeit verboten.</p><p>Nicht einmal das Labyrinth, wo man normalerweise alles daf�r tat, um die Sorgen der Welt zu vergessen, blieb von alldem verschont. Auch hier wimmelte es von Soldaten. Viele Tavernen, Variet�s und Schaubuden hatten geschlossen. Die Menschen auf den Stra�en blickten sich furchtsam um und sahen zu, dass sie auf dem schnellsten Weg nach Hause kamen. Die wenigen Gaukler und Musiker, die weiterhin ihre Kunst darboten, wirkten verzweifelt in ihrer Ausgelassenheit, so als w�ssten sie, dass selbst das fr�hlichste Lied, der albernste Taschenspielertrick niemanden dar�ber hinwegt�uschen konnte, was gerade in Bradost geschah.</p><p>Vivana und Liam mieden die Hauptstra�en, um m�glichst wenigen Patrouillen zu begegnen. Damit sie vor der Ausgangssperre wieder zu Hause waren, beeilten sie sich, aber nicht �berm��ig, denn sie wollten nicht auffallen.</p><p>�Hast du deinem Vater gesagt, wohin wir gehen?�, erkundigte sich Liam, w�hrend sie einen der zahlreichen Wasserkan�le �berquerten.</p><p>�Warum fragst du?�</p><p>�Eigentlich habe ich ihm versprochen, dich nicht in diese Sache hineinzuziehen.�</p><p>�Du hast mich nirgendwo hineingezogen�, sagte Vivana. �Es war meine Entscheidung.�</p><p>�Er wird das anders sehen.�</p><p>Sie seufzte. In seinem Bem�hen, sie zu besch�tzen, behandelte ihr Vater sie wie ein kleines Kind. �Er wei� nicht, dass wir uns treffen. Er war noch in der Werkstatt, als ich gegangen bin, und vermutlich kommt er erst sp�t in der Nacht zur�ck.�</p><p>�Trotz der Ausgangssperre?�</p><p>�Glaubst du, darum schert er sich? Er, der ber�hmteste Erfinder der Welt?�</p><p>Am Ende der Gasse kam der Platz der Erztugenden mit dem Wanderzirkus in Sicht. Vivana blieb stehen. �Warte hier. Es ist besser, wenn ich allein mit Livia spreche.�</p><p>Er nickte. �Und du glaubst wirklich, sie kann uns helfen?�</p><p>�Vertrau mir�, erwiderte sie, obwohl sie alles andere als sicher war. Sie musste ihre Tante um ein altes Geheimnis der Manusch bitten und konnte nicht sagen, wie Livia darauf reagieren w�rde. Es war nicht ausgeschlossen, dass sie Vivanas Bitte zur�ckweisen oder sogar �rgerlich werden w�rde.</p><p>Kurz darauf �berquerte sie den Platz. Ihre Familie sa� unter dem Sonnensegel und a� zu Abend. Die Stimmung unter den Manusch war schlecht, denn wegen der Situation in der Stadt kamen kaum noch Besucher zu ihren Vorstellungen. Vivanas Onkel sprach sogar davon, Bradost zu verlassen und weiterzuziehen, wenn sich die Lage nicht in den n�chsten Tagen besserte.</p><p>Ihre Verwandten forderten sie auf, sich zu ihnen zu setzen, und boten ihr Brot, Oliven und K�se an. Aus H�flichkeit a� Vivana einige Bissen, bevor sie ihre Tante fragte, ob sie unter vier Augen mit ihr sprechen k�nne.</p><p>�Hast du wieder Streit mit deinem Vater?�, erkundigte sich Livia, nachdem sie sich in ihren Wagen zur�ckgezogen hatten.</p><p>�Ich muss dich um etwas bitten�, begann Vivana. �Es wird dir nicht gefallen, aber es ist wirklich ungeheuer wichtig, denn es h�ngt viel davon ab, mehr als du dir vorstellen kannst. Also sag bitte nicht gleich Nein.�</p><p>�Wieso verr�tst du mir nicht erst einmal, worum es �berhaupt geht?�</p><p>Vivana holte tief Luft. �Ich brauche <emphasis>javva</emphasis>.�</p><p>Ihre Tante war so verbl�fft, dass es ihr f�r einen Moment die Sprache verschlug. �Weswegen?�</p><p>�Eigentlich brauche nicht ich es, sondern Liam. Du wei�t schon, der Junge, der mich neulich besucht hat.�</p><p>�Was ist mit ihm? Ist er verletzt?�</p><p>�Nein. Er braucht es wegen der... anderen Wirkung.�</p><p>�Hat er etwa �rger mit der Geheimpolizei?�</p><p>�Ja... in gewisser Weise.�</p><p>�In gewisser Weise?�, wiederholte Livia. �K�nntest du dich etwas deutlicher ausdr�cken?�</p><p>�Er sucht etwas. Etwas, das ihm sehr viel bedeutet und das von Spiegelm�nnern bewacht wird.�</p><p>�Das ist nicht gerade eine zufriedenstellende Erkl�rung, Vivana.�</p><p>�Mehr kann ich dir aber nicht sagen. Ich habe Liam mein Wort gegeben.�</p><p>Livia zog einen Schemel unter dem Tisch hervor, raffte ihre R�cke und setzte sich. �Ich soll ihm also eines unserer wichtigsten Geheimnisse �berlassen, ohne dass ich erfahren darf, was er damit vorhat?�</p><p>�Du erf�hrst es. Wenn Liam nicht mehr in Gefahr ist. Ich verspreche es dir.�</p><p>�Wei�t du, was du da von mir verlangst? Es hat einen Grund, dass wir unser Wissen vor Fremden h�ten. Wenn Lady Sarka erf�hrt, dass wir etwas besitzen, das uns vor den Spiegelm�nnern sch�tzt, sind wir hier nicht mehr sicher. Au�erdem ist <emphasis>javva </emphasis>selten und kostbar. Wir benutzen es nur in Notf�llen.�</p><p>Das Gespr�ch verlief nicht so, wie Vivana es sich erhofft hatte. �Bitte, Tante Livia�, sagte sie. �Du bist die Einzige, die Liam helfen kann.�</p><p>Die Wahrsagerin seufzte. �Setz dich.�</p><p>Nachdem Vivana an dem kleinen Tisch Platz genommen hatte, fragte Livia: �Was ist das �berhaupt f�r ein Junge?�</p><p>�Er ist mein Freund.�</p><p>�Du hast ihn doch gerade erst kennengelernt, oder?�</p><p>�Was hat das damit zu tun?�</p><p>�Eine Menge. Er muss dir viel bedeuten, dass du mit so einer Bitte zu mir kommst.�</p><p>Vivana wusste nicht, wie sie ihrer Tante erkl�ren sollte, was sie f�r Liam empfand. Sie verstand ihre Gef�hle selbst kaum. Liam und sie hatten einander ihre Geheimnisse anvertraut, w�hrend das Sternenlicht durch die Kuppel des kleinen Observatoriums schien, obwohl sie ihn erst wenige Tage kannte. Die vergangene Nacht hatte eine Verbindung zwischen ihnen geschaffen, ein Vertrauen, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte. Und nicht nur das... Sie war mit dem Gedanken an Liam eingeschlafen und heute Morgen damit aufgewacht, und sie hatte es gar nicht abwarten k�nnen, ihn wiederzusehen. Ein �beraus verwirrender Zustand. Sch�n. Und gleichzeitig ein bisschen be�ngstigend.</p><p>Livia musterte sie lange, bevor sie sagte: �Du magst ihn sehr, nicht wahr?�</p><p>�Ich will einfach nicht, dass ihm etwas zust��t.�</p><p>�Du brauchst dich f�r deine Gef�hle nicht zu sch�men. Ich war auch einmal sechzehn - glaub mir, ich wei�, wie du empfindest.�</p><p>Es gefiel Vivana ganz und gar nicht, was ihre Tante da sagte. Konnte ihr etwa jeder ansehen, was in ihr vorging? Sie zog die Nase kraus. �Sag mir lieber, ob du Liam helfen wirst.�</p><p>�Ich kann ihm kein <emphasis>javva</emphasis> geben. Es w�re zu gef�hrlich. Versteh das bitte.�</p><p>�Aber er w�rde es niemandem verraten! Du kannst ihm vertrauen.�</p><p>�Wie, wenn ich nichts �ber ihn und seine Absichten wei�? Herrgott, Vivana, ich kenne diesen Jungen nicht einmal.�</p><p>�Du hast doch mit ihm geredet.�</p><p>�Ein einziges Mal. Und nicht gerade lange.�</p><p>Vivana schwieg entmutigt. Dass es so schwer werden w�rde, h�tte sie nicht gedacht. Dabei war sie davon �berzeugt, dass ihre Tante Liam bereitwillig helfen w�rde, wenn sie seine Geschichte h�rte. Aber Vivana hatte ihm nun einmal versprochen, nur so viel von seinen Pl�nen preiszugeben wie unbedingt n�tig. �Und wenn er dir sagen w�rde, was er vorhat? W�rdest du es dir dann nochmal �berlegen?�</p><p>�Hei�t das, er ist hier?�</p><p>�Er wartet eine Stra�e weiter auf mich. Ich hole ihn, wenn du einverstanden bist.�</p><p>Livia seufzte erneut, tiefer diesmal. �Und wer garantiert mir, dass er nicht l�gt? Oder mir etwas verschweigt?�</p><p>�Weil Liam das nicht tun w�rde.�</p><p>�Das kannst du nicht wissen. Nein, Vivana. Bei solch einem bedeutenden Geheimnis kann ich kein Risiko eingehen. Es tut mir leid.�</p><p>Vivana gab auf. Sie kannte ihre Tante. Wenn die Wahrsagerin einmal eine Entscheidung getroffen hatte, konnte nichts und niemand sie umstimmen.</p><p>�Nein, mir tut es leid�, erwiderte sie resigniert. �Das war eine dumme Idee. Mach�s gut.�</p><p>�Du willst schon gehen?�</p><p>�Was soll ich noch hier, wenn du mir nicht helfen willst?�</p><p>�Warte�, sagte die Manusch, als Vivana die Wagent�r �ffnen wollte. �Bedeutet dir das wirklich so viel?�</p><p>�Ja.�</p><p>Livia blickte sie schweigend an. �Mit Liam zu reden gen�gt nicht�, sagte sie schlie�lich. �Aber vielleicht gibt es eine andere M�glichkeit.�</p><p>�Welche?�</p><p>�Ich k�nnte ihn pr�fen.�</p><p>�Ihn pr�fen?�</p><p>�Ja. Um herauszufinden, ob er vertrauensw�rdig ist. Allerdings ist dieses... Verfahren nicht unbedingt angenehm.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Das wirst du sehen�, erwiderte die Wahrsagerin. �Denkst du, er w�re damit einverstanden?�</p><p>�Ich rede mit ihm. Bin gleich wieder da.�</p><p>W�hrend sie aus dem Wagen stieg, fragte sich Vivana, was ihre Tante wohl vorhatte. Doch sie war zu erleichtert, dass sie Liam eine Chance geben wollte, um auf einer genaueren Auskunft zu bestehen.</p><p>Sie eilte �ber den Platz zur Gasse, wo ihr Liam entgegenkam. Der Wind pfl�gte durch sein blondes Haar. Als sie ihn sah, spielte irgendetwas in ihr f�r einen Augenblick verr�ckt, allerdings auf eine seltsam gl�ckliche Art. So ging es ihr schon den ganzen Tag. Sie hoffte wirklich, dass er sie nicht so leicht durchschaute wie ihre Tante.</p><p>�Und, was hat sie gesagt?�, fragte er.</p><p>�Sie will mit dir reden, bevor sie entscheidet, ob sie uns hilft.�</p><p>�H�lt sie mich etwa immer noch f�r einen Spion deines Vaters?�</p><p>�Es ist noch vertrackter, f�rchte ich. Sie will dich pr�fen.�</p><p>�Wie?�</p><p>�Das hat sie nicht gesagt. Aber wenn du ihr Vertrauen gewinnen willst, wirst du dich wohl darauf einlassen m�ssen.� Z�gernd f�gte Vivana hinzu: �Ich habe ihr au�erdem vorgeschlagen, dass du ihr deine Geschichte erz�hlst. Wer du wirklich bist und was du vorhast.�</p><p>�Du wei�t doch, dass ich das nicht kann�, erwiderte er mit einem Anflug von �rger. �Es ist zu riskant.�</p><p>�Du hast von meiner Tante nichts zu bef�rchten. Sie ist verschwiegen. Und sie hasst Lady Sarka und Corvas genauso sehr wie du.�</p><p>Liam wirkte nicht �berzeugt.</p><p>Vivana musste sich bem�hen, nicht die Geduld zu verlieren. Wie konnte es sein, dass zwei vern�nftige, kluge und ehrliche Menschen wie Liam und ihre Tante einander so viel Misstrauen entgegenbrachten? �Die Manusch haben viele Feinde�, erkl�rte sie. �Tante Livia versucht nur, ihre Familie und ihr Volk vor Schaden zu bewahren. Kannst du das nicht verstehen?�</p><p>�Ich habe auch Feinde.�</p><p>�Sicher. Aber meine Tante geh�rt nicht dazu.�</p><p>�Wenn ich wenigstens w�sste, ob dieses omin�se Manuschmittel den ganzen Aufwand wert ist�, meinte Liam.</p><p>�Ist es. Glaub mir.�</p><p>Sie konnte ihm ansehen, wie er mit sich rang. �Also gut�, sagte er schlie�lich. �Ich rede mit ihr und lasse mich pr�fen... Was auch immer das hei�t.�</p><p>Vivana atmete innerlich auf. �Komm mit�, sagte sie und griff unwillk�rlich nach seiner Hand, als sie losging.</p><empty-line/><empty-line/><p>Liam hatte noch nie einen Manuschwagen von innen gesehen. Neugierig blickte er sich um, nachdem er Vivana durch die bemalte T�r gefolgt war, betrachtete die Zedernholztruhen, die Kr�uterschn�re an der Decke, die alten B�cher auf dem Regalbrett. Ein kaum merklicher Duft lag in der Luft, w�rzig und exotisch. Pl�tzlich wurde ihm bewusst, wie fremd ihm die Welt der Manusch war. Worauf hatte er sich nur eingelassen?</p><p>Vivanas Tante sa� an einem Tisch, auf dem ein kleiner Lederbeutel lag. �Ich nehme an, Vivana hat dir gesagt, was ich tun will�, sprach sie ihn ohne Umschweife an.</p><p>�Ja.�</p><p>�Gut. Dann lass uns gleich anfangen. Setz dich.�</p><p>Vivana hatte sich auf einer Truhe niedergelassen und nickte ihm aufmunternd zu, woraufhin er an dem Tischchen Platz nahm. Er konnte immer noch die Ber�hrung ihrer Finger auf seiner Hand sp�ren. Das gab ihm ein wenig Sicherheit.</p><p>Vivanas Tante �ffnete den Lederbeutel und holte einen kleinen Gegenstand heraus.</p><p>Eine Perle, makellos und schwarz wie ein St�ckchen reinste Dunkelheit.</p><p>Die Wahrsagerin legte sie in seine ge�ffnete Hand.</p><p>�Wof�r ist das?�, fragte er.</p><p>�Die Perle hilft mir herauszufinden, ob ich dir trauen kann.�</p><p>�Gen�gt es nicht, dass ich Ihnen mein Wort gebe?�</p><p>�Nein�, sagte die Manusch entschieden.</p><p>Er warf Vivana einen fragenden Blick zu. Sie zuckte nur mit den Schultern. Offenbar war ihr diese Prozedur genauso fremd wie ihm.</p><p>�Sieh mich an�, befahl ihre Tante.</p><p>Liam wandte sich zu ihr um und versp�rte im gleichen Moment ein Kitzeln auf seiner Handfl�che. Was er sah, lie� ihm den Atem stocken. Aus der Perle wuchsen <emphasis>Beine</emphasis>. Sie verformte sich, bildete einen zweigeteilten K�rper und Bei�scheren, wurde innerhalb weniger Augenblicke zu einer Spinne aus Perlmutt. �Was... was ist das?�, stammelte er.</p><p>Vivanas Tante gab keine Antwort, blickte ihn nur abwartend an. Liam war vor Entsetzen wie gel�hmt. Pl�tzlich setzte sich das schwarzschimmernde Gesch�pf in Bewegung und krabbelte seinen Arm hinauf.</p><p>Er erwachte aus seiner Erstarrung, sprang mit einem panischen �chzen auf und versuchte, die Spinne abzusch�tteln. Doch so heftig er sich auch bewegte, sie fiel einfach nicht herunter. Sie klammerte sich irgendwie an seinem �rmel fest, und er konnte durch das Tuch sp�ren, wie die d�nnen Beine in seine Haut pieksten. �Vivana!�, schrie er und schlug nach der Spinne, verfehlte sie jedoch.</p><p>Vivana war aufgesprungen. �Sie ist auf deiner Schulter. Warte, ich helfe dir...�</p><p>�Nein, wirst du nicht�, sagte ihre Tante scharf. �Setz dich wieder hin.�</p><p>�Mach sie weg!�, schrie Liam, w�hrend er sich im Kreis drehte und sich dabei auf die Schulter schlug, ohne die Spinne zu erwischen.</p><p>�Stillhalten�, rief Vivana. Aus dem Augenwinkel sah er, dass sie mit einem Buch ausholte. Gleichzeitig versp�rte er einen stechenden Schmerz im Nacken. Im n�chsten Moment streifte ihn das Buch, und die Spinne flog durch den Raum. Sie landete auf dem Tisch, wo sie liegen blieb und hilflos mit den Beinen zappelte.</p><p>Ein warmes Taubheitsgef�hl folgte auf den Schmerz und breitete sich vom Nacken �ber das R�ckgrat in seinem gesamten K�rper aus. Zuerst waren Schultern und Arme betroffen, dann die Beine, und er taumelte gegen das B�cherregal. <emphasis>Gift</emphasis>, kam es ihm in den Sinn, <emphasis>das Biest hat mich gebissen...</emphasis> Dann erreichte die Taubheit seinen Kopf und �berlagerte seine Gedanken wie Nebel. Schwerf�llig st�tzte er sich auf dem Tisch ab und sank auf den Hocker. Die Umgebung verschwamm. Wie aus weiter Ferne h�rte er zwei Stimmen.</p><p>�Was hast du mit ihm angestellt?�</p><p>�Ich habe dir gesagt, dass es nicht angenehm f�r ihn werden wird.�</p><p>�Aber <emphasis>davon</emphasis> hast du mir nichts gesagt!�</p><p>�Jetzt beruhige dich. Das Gift ist nicht gef�hrlich. Es h�lt ihn nur davon ab, L�gen zu erz�hlen.�</p><p>�Warum hast du ihn nicht gewarnt?�</p><p>�Er h�tte sich kaum darauf eingelassen, wenn er gewusst h�tte, was geschehen wird.�</p><p>H�nde ber�hrten ihn. �Er hat Schmerzen.�</p><p>�Hat er nicht. Jetzt sei still.�</p><p>Die H�nde lie�en von ihm ab. Wenig sp�ter l�ste sich die Benommenheit allm�hlich auf. Er f�hlte sich immer noch schwer und schl�frig, aber wenigstens konnte er wieder einigerma�en klar denken, wenngleich eine seltsame Gleichg�ltigkeit von ihm Besitz ergriffen hatte. Er empfand weder Furcht noch Wut, obwohl einem Teil von ihm bewusst war, dass er allen Grund dazu gehabt h�tte.</p><p>Eine der beiden Stimmen begann, ihm Fragen zu stellen: Woher er Nestor Quindal kannte. Seit wann er im Palast von Lady Sarka arbeitete. Warum er Hilfe ben�tigte. Ob er wirklich der war, der er vorgab zu sein. Liam hatte eine vage Ahnung, dass es nicht klug war, darauf zu antworten. Die Stimme besa� jedoch eine eigent�mliche Macht �ber ihn, der er sich nicht widersetzen konnte, also sagte er alles, was sie wissen wollte. Schl�frig wie er war, konnte er nur einsilbige Antworten geben, weswegen die Stimme immer wieder nachhakte und ihm weitere Fragen stellte.</p><p>�Du suchst also das Gelbe Buch von Yaro D�ar?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Wegen meines Vaters.�</p><p>�Bist du sicher, dass es �berhaupt existiert?�</p><p>�Ja.�</p><p>Neue Fragen, die er gehorsam beantwortete, bis die Stimme alles wusste: Wer sein Vater gewesen war. Warum er hatte sterben m�ssen. Wo Liam das Buch vermutete. Warum es ihm bisher nicht gelungen war, es aufzusp�ren.</p><p>�Dein Vater glaubte also, er k�nnte den Ph�nix zur�ckholen?�</p><p>�Wei� nicht.�</p><p>�Aber er dachte, dass das Buch etwas mit dem Ph�nix zu tun haben k�nnte.�</p><p>�Ich glaube schon.�</p><p>�Wie kam er darauf?�</p><p>�Hat er nicht... gesagt.�</p><p>Irgendwann endete der Strom der Fragen. Liams Kopf war auf den Tisch gesunken, lag auf seinem Arm. Er h�rte wieder die beiden Stimmen, deutlicher diesmal.</p><p>�Bist du jetzt zufrieden?�</p><p>�Ich wei� alles, was ich wissen muss, falls du das meinst.�</p><p>Eine Pause. Dann: �Wann wird die Wirkung nachlassen?�</p><p>�Bald.�</p><p>�Und du bist ganz sicher, dass ihm das Gift nicht irgendwie geschadet hat?�</p><p>�Nat�rlich. Wof�r h�ltst du mich?� Noch eine Pause, bevor die Stimme fortfuhr: �Du willst ihn also begleiten, wenn er in die Gem�cher der Lady eindringt.�</p><p>�Du hast doch geh�rt, was er gesagt hat�, erwiderte die andere Stimme m�rrisch.</p><p>�H�ttest du es mir auch gesagt, wenn er es nicht verraten h�tte?�</p><p>�Es war unfair, ihn das zu fragen.�</p><p>�Das ist keine Antwort, Vivana.�</p><p>Liam war, als erwache er aus einem verwirrenden Traum. Die Empfindungslosigkeit, die seinen K�rper und seinen Verstand beherrscht hatte, lie� langsam nach und wich dumpfem Kopfschmerz. Er hob den Kopf, blinzelte und stellte fest, dass er wieder klar sehen konnte. Auf der anderen Seite des Tisches sa� eine Frau in bunten R�cken. Liam brauchte einen Moment, bis er begriff, dass es sich um Vivanas Tante handelte.</p><p>�Liam!� Vivana st�rzte zu ihm. �Wie geht es dir?�</p><p>Er blickte sich um. Bemalte Holzw�nde, alte B�cher, Kr�uterschn�re - er wusste wieder, wo er war. Entsetzen und Ekel hallten in ihm nach, und er konnte sich vage daran erinnern, dass er vor irgendetwas schreckliche Angst gehabt hatte.</p><p><emphasis>Die Spinne...</emphasis></p><p>Er fuhr so j�h auf, dass der Hocker umfiel, fasste sich in den Nacken und schaute sich hektisch um. �Wo -�</p><p>�Keine Sorge�, sagte Vivanas Tante, �die Spinne ist fort.� Sie hob den Lederbeutel.</p><p>�Warum haben Sie dieses... Ding auf mich losgelassen?�, kr�chzte er.</p><p>�Das geh�rt nun einmal zur Pr�fung der Wahrheit.�</p><p>Liam wandte sich zu Vivana um. �Hast du das gewusst?�</p><p>�Nein. Ehrlich�, antwortete sie.</p><p>Er verzog das Gesicht, als der Kopfschmerz von Neuem aufwallte. Vivana stellte den Hocker hin, und er setzte sich. Ihre Tante schob ihm eine Tasse �ber den Tisch. Sie enthielt Wasser, in dem getrocknete Bl�tter schwammen.</p><p>�Trink das.�</p><p>�Was ist das?�, fragte er misstrauisch.</p><p>�Ein Mittel gegen die Nachwirkungen des Giftes.�</p><p>Z�gernd nippte er an der Tasse. Der Tee war kalt und schmeckte frisch und pfeffrig. Schon nach wenigen Schlucken ging es ihm besser. Nach einer Weile fragte er: �Was ist eigentlich gerade passiert?�</p><p>�Ich wei� nun, wer du bist und was du vorhast, Liam Satander�, sagte Vivanas Tante.</p><p>Sie nannte ihn Satander? An das, was nach dem Spinnenbiss geschehen war, konnte er sich nur noch verschwommen erinnern. Sie hatte ihm zahllose Fragen gestellt... Und er hatte sie beantwortet, jede einzelne davon, hatte der Wahrsagerin all seine Geheimnisse offenbart.</p><p>Er fluchte derb.</p><p>�Nichts von alldem verl�sst meinen Wagen�, sagte sie. �Du hast mein Wort.�</p><p>Liam blickte die Manusch unfreundlich an. �Also gut. Sie haben mich gepr�ft. Und? Bin ich Ihrer Hilfe w�rdig?�</p><p>�Du hast viel Leid erfahren, und deine Absichten sind redlich.�</p><p>�Hei�t das Ja?�</p><p>�Das h�ngt davon ab, ob ihr mit meinen Bedingungen einverstanden seid.�</p><p>�Welche Bedingungen?�, wollte Vivana wissen.</p><p>�Es gibt zwei�, sagte ihre Tante und wandte sich an Liam. �Erstens: Wenn du das Buch gefunden hast, bringst du es zu mir.�</p><p>�Wozu?�, fragte er mit neu erwachtem Argwohn.</p><p>�Damit ich es studieren kann. Ich will �berpr�fen, ob die Vermutung deines Vaters zutrifft. Ob es tats�chlich einen Zusammenhang zwischen dem Buch und dem Ph�nix gibt.� Als Liam z�gerte, f�gte sie hinzu: �Ihr werdet ohnehin jemanden brauchen, der etwas von solchen Dingen versteht.�</p><p>Liam dachte dar�ber nach. Was die Wahrsagerin verlangte, klang akzeptabel, zumal sie vermutlich recht damit hatte, dass sie ihre Unterst�tzung ben�tigen w�rden, um ein derartiges Schriftst�ck zu entziffern. �Einverstanden. Und Ihre zweite Bedingung?�</p><p>�Du gehst allein�, antwortete die Wahrsagerin.</p><empty-line/><empty-line/><p>Vivana konnte nicht glauben, was sie da h�rte. �Nein. Ich komme mit. So haben Liam und ich es vereinbart.�</p><p>�Ich werde nicht zulassen, dass du dich in Gefahr begibst�, erwiderte ihre Tante.</p><p>�Ich kann auf mich aufpassen!�</p><p>�Mag sein. Trotzdem ist das Risiko zu gro�. Ich habe bereits deine Mutter verloren�, f�gte die Manusch hinzu. �Ich will nicht auch noch dich verlieren.�</p><p>Vivana h�tte sich denken k�nnen, dass es darauf hinauslief. <emphasis>Immer</emphasis> lief es darauf hinaus. �Du h�rst dich an wie Vater. Dabei habe ich immer gedacht, wenigstens <emphasis>du</emphasis> w�rdest mich ernst nehmen.�</p><p>Doch Tante Livia lie� sich auf keinerlei Diskussion ein. �Das sind meine Bedingungen. Wenn du damit nicht einverstanden bist, bekommt niemand das <emphasis>javva</emphasis>.�</p><p>�Das ist Erpressung.�</p><p>�Ich tue das, um dich zu sch�tzen, Vivana. Nicht, um dich zu �rgern.�</p><p>Vivana h�tte vor Wut am liebsten gegen die Kisten getreten. Tante Livia hatte sie in der Hand. Wenn sie auf ihrem Willen beharrte, w�rde sie Liam schaden. Die Wahrsagerin wusste genau, dass sie ihm das nicht antun w�rde.</p><p>�Also�, sagte ihre Tante, �kannst du das akzeptieren?�</p><p>�Habe ich eine andere Wahl?�</p><p>�Ich will, dass du mir dein Wort gibst. Versprich mir, dass du Liam allein gehen l�sst.�</p><p>�Versprochen!�, fauchte sie.</p><p>�Was ist mit dir?�, wandte sich die Wahrsagerin an Liam.</p><p>�Ich sch�tze, die Entscheidung ist schon gefallen, oder?�</p><p>�Gut. Dann sind wir uns also einig.� Tante Livia warf ihr einen <emphasis>Versuch-ja-nicht-mich-zu-hintergehen-</emphasis>Blick zu, bevor sie eine ihrer Truhen �ffnete. Vivana setzte sich und beobachtete mit finsterer Miene, wie ihre Tante eine Rauchglasphiole auf den Tisch stellte und eine Lederschnur danebenlegte, an der ein winziges Flakon befestigt war. Als die Wahrsagerin gerade nicht hinsah, hob Liam die Schultern und verzog entschuldigend den Mund. <emphasis>Nicht dein Fehler</emphasis>, formte sie stumm mit den Lippen.</p><p>�Hier�, sagte Tante Livia. �Das ist <emphasis>javva</emphasis>.�</p><p>Liam nahm die Phiole in die Hand und betrachtete die quecksilbrige Fl�ssigkeit darin. �Was bewirkt es?�</p><p>�Es beschleunigt die Heilung von Wunden aller Art und Knochenbr�chen.�</p><p>Er runzelte die Stirn. �Aber was n�tzt das gegen die Spiegelm�nner?�</p><p>�Eine Menge. <emphasis>Javva</emphasis> enth�lt Staub, der aus dem Herzen eines Vampirs gewonnen wird. Er ist es, der dem Elixier seine Kraft verleiht.�</p><p>�Eines Vampirs?�, fragte Liam ungl�ubig. �Ich dachte immer, das sind nur alte Geschichten. Schauerm�rchen und so weiter.�</p><p>�Vampire gab es wirklich, aber es ist lange her�, erkl�rte die Wahrsagerin. �In Karst gibt es H�hlen, wo welche begraben liegen. Ihre Herzen enthalten einen Rest ihrer Macht, weshalb sie sehr begehrt sind. Irgendwann fanden wir durch Zufall heraus, dass <emphasis>javva</emphasis> eine besondere Nebenwirkung hat. Eine Art... Echo der Kr�fte, die der Vampir einst besa�. Wenn man es einnimmt, verliert man f�r einige Stunden sein Spiegelbild. Dadurch wird man unsichtbar f�r die Spiegelm�nner. Sie haben keine Augen. Sie k�nnen nur sehen, was sich in ihren Masken spiegelt. Ihre einzige Schw�che.�</p><p>�Keine Augen?�</p><p>�Sie sind keine Menschen. Sie sind Homunculi. Alchymistische Kreaturen, erschaffen von Lady Sarka. Sehr m�chtig und gleichzeitig unvollst�ndig.�</p><p>Liam verzog angewidert den Mund.</p><p>Tante Livia nahm ihm die Phiole weg, entkorkte sie und gab vorsichtig einen winzigen Tropfen <emphasis>javva</emphasis> in das kaum fingergliedgro�e Glasflakon. Die silbrige Substanz vermischte sich mit dem Wasser darin.</p><p>�Nur so wenig?�, fragte er.</p><p>�<emphasis>Javva</emphasis> ist selten und kostbar; mehr kann ich nicht entbehren. Aber die Wirkung eines Tropfens h�lt acht oder zehn Stunden an. Das sollte f�r deine Zwecke gen�gen.�</p><p>Vivana hatte dem Gespr�ch nur mit einem Ohr zugeh�rt, denn sie zerbrach sich den Kopf dar�ber, wie sie ihre Tante dazu bringen k�nnte, von ihrer zweiten Bedingung abzur�cken. Jetzt horchte sie auf. Acht oder zehn Stunden? Das war lange genug, dass sie vielleicht... Ihre Wut verrauchte, als sie �ber ihre Idee nachdachte. <emphasis>Ja. Das m�sste klappen.</emphasis></p><p>�Obendrein w�re mehr gef�hrlich�, fuhr die Wahrsagerin fort. �Einige der Ingredienzen sind giftig. Zu viel davon ist sch�dlich f�r K�rper und Seele. Hier.�</p><p>Liam nahm das Flakon entgegen. �Danke.�</p><p>�Dank mir, wenn du wohlbehalten zur�ck bist.�</p><p>In diesem Moment schlug irgendwo eine Turmuhr. Vivana blickte aus dem Wagenfenster und stellte fest, dass die Sonne bereits hinter den D�chern versank. �Wir sollten jetzt gehen�, sagte sie. �Die Ausgangssperre.�</p><p>�Verdammt�, murmelte Liam, als ihm klar wurde, wie sp�t es war. Er stand auf und verstaute das Flakon in seiner Hosentasche. Tante Livia brachte sie zur Wagent�r.</p><p>�Viel Gl�ck. Sei vorsichtig. Und denkt daran: Zu niemandem ein Wort �ber das <emphasis>javva</emphasis>.�</p><p>Vivana lie� Liam zuerst aussteigen und wandte sich zu ihrer Tante um. �Was vorhin passiert ist... Ich h�tte nicht so mit dir reden d�rfen. Es tut mir leid.�</p><p>Die Manusch hob eine Augenbraue. �Tats�chlich?�</p><p>�Ich war undankbar. Ich wei� es zu sch�tzen, dass du Liam hilfst.�</p><p>�Es ist besser, wenn er allein geht. Glaub mir.�</p><p>�Schon gut. Ich sehe es ja ein.�</p><p>Tante Livia war von ihrem Sinneswandel nicht restlos �berzeugt. �Ich verlasse mich auf dich, Vivana.�</p><p>Vivana gab ihr einen Kuss auf die Wange. �Danke f�r alles�, sagte sie, sprang aus dem Wagen und winkte ihr zum Abschied, bevor sie mit Liam davoneilte.</p><p>�Tut mir leid, dass ich dir nicht geholfen habe�, meinte er, als sie kurz darauf durch die Gassen gingen. �Aber mir ist einfach nichts eingefallen, wie ich deine Tante h�tte umstimmen k�nnen.�</p><p>�Macht nichts. Ich wei� schon, was wir jetzt tun.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Ganz einfach: Wir teilen uns das <emphasis>javva</emphasis>.�</p><p>Liam war so �berrascht, dass er stehen blieb. �Du meinst, das geht?�</p><p>�Nat�rlich. Tante Livia hat gesagt, ein Tropfen h�lt acht oder zehn Stunden an. Also m�sste die H�lfte vier oder f�nf Stunden wirken. Das ist immer noch lange genug, oder?�</p><p>�Und das Versprechen, das du ihr gegeben hast?�</p><p>Vivana blickte zu Boden, als sich ihr schlechtes Gewissen regte. Sie hatte ihre Tante noch nie hintergangen und war nicht gerade stolz auf das, was sie vorhatte. Aber die Vorstellung, unt�tig herumzusitzen, w�hrend Liam allein durch den Palast schlich, konnte sie noch weniger ertragen. Das w�re so, als lie�e sie ihn im Stich. �Na ja, sie hat mir schlie�lich keine Wahl gelassen. So ein Versprechen muss man nicht halten, oder?�</p><p>Er grinste verschmitzt. �Ich sch�tze, man k�nnte es als Vertrag unter Zwang bezeichnen. Der somit nichtig w�re. Das w�rde dir jedes Gericht best�tigen.�</p><p>Vivana l�chelte schief. Dass Liam sie verstand, linderte das schlechte Gewissen - zumindest ein wenig.</p><p>In diesem Moment kam ein Soldatentrupp um die Ecke. Die M�nner trugen Filzm�tzen sowie graue R�cke mit dem goldenen Ph�nix auf Brust und R�cken und hatten ihre Hakenlanzen geschultert. Ihr Captain rief: �Noch eine halbe Stunde! Geht nach Hause, Leute!�</p><p>Vivana und Liam folgten der breiten Gasse zum Wollmarkt, wo sie das Labyrinth verlie�en. Wenig sp�ter kam der Palasth�gel in Sicht, sodass es Zeit f�r den Abschied wurde.</p><p>�Danke, dass du dich so f�r mich eingesetzt hast�, sagte Liam. �Das bedeutet mir sehr viel.� Er l�chelte sie an - und da war es wieder, dieses seltsame Gef�hl, das ihr Herz wie verr�ckt klopfen lie�. Hastig senkte sie den Blick, damit er nicht bemerkte, was in ihr vorging. Obwohl sie sich gar nicht sicher war, ob sie �berhaupt wollte, dass er es nicht bemerkte.</p><p>�Keine Ursache�, murmelte sie.</p><p>Leise sprach er weiter: �Komm morgen bei Einbruch der Dunkelheit zur Nordseite des Gartens. Ich erwarte dich hinter der Mauer, neben dem gefl�gelten L�wen. Du kannst ihn von au�en sehen.�</p><p>�W�re es nicht einfacher, ich besuche dich im Palast? Offiziell sind wir schlie�lich miteinander verwandt.�</p><p>�Man wird dich nicht hineinlassen. Die Spiegelm�nner sind vorsichtig geworden. Es ist besser, wir machen es so.�</p><p>�Also gut.�</p><p>Pl�tzlich herrschte verlegenes Schweigen zwischen ihnen. Es gab so vieles, das Vivana gerne gesagt h�tte, aber irgendwie fand sie nicht die richtigen Worte daf�r.</p><p>�Es wird Zeit�, sagte Liam schlie�lich. �Also, pass auf dich auf.�</p><p>Er wollte nach ihrer Hand greifen, doch dann z�gerte er und streifte sie nur. Er l�chelte noch einmal, bevor er sich abwandte und in Richtung Palast ging.</p><p>Vivana sah ihm nach, bis ihn die Schatten zwischen den Gaslaternen verschluckten. Ihr Herz klopfte immer noch heftig.</p><p>Sie hatte es geschafft. Sie hatte Tante Livia ein Flakon mit <emphasis>javva</emphasis> abgerungen, und morgen w�rde sie gemeinsam mit Liam das gr��te Abenteuer ihres Lebens bestehen. F�r einen Augenblick war sie so gl�cklich wie schon lange nicht mehr.</p><p>Doch die Euphorie hielt nicht lange an. Als sie zum Palast aufblickte, kam ihr der ganze Plan pl�tzlich wie die abwegigste Idee der Welt vor. Sie wollten in den Palast von Lady Sarka einbrechen, in die Privatgem�cher der m�chtigen Herrscherin von Bradost, ein Junge und ein M�dchen, die nichts besa�en als ihren Mut und ein Fl�schchen mit magischem Elixier. So ein Vorhaben musste einfach scheitern.</p><p>Bedr�ckt machte sie sich auf den Heimweg.</p><p>Ein Blitz flackerte am Himmel auf, gefolgt von Donner, der �ber die Stadt rollte.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>30</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Erinnerungen</emphasis></strong></p></title><p><strong>G</strong>edankenverloren streifte Lucien durch Flure und Zimmer, w�hrend von drau�en das Klagen des Windes hereindrang. Nirgendwo brannte eine Lampe oder wenigstens eine Kerze, und das vergehende Abendlicht, das durch die Fensterscheiben sickerte, wich allm�hlich der Dunkelheit in den Korridoren.</p><p>Das Haus stand irgendwo in der Altstadt Bradosts und wirkte unscheinbar und klein inmitten der herrschaftlichen Patrizieranwesen, die es umgaben. Efeu kletterte an der verwitterten Fassade empor und �berdeckte Simse und Steinmetzornamente mit seinen Ranken. Kamine, von denen niemals Rauch aufstieg, kr�nten das steile Schieferdach. Die Zimmer enthielten M�bel aus Ebenholz, kostbare Teppiche bedeckten die B�den, die Decken waren mit Stuckarbeiten versehen. Auf der R�ckseite gab es einen Hof mit hohen Mauern, in den kaum je ein Sonnenstrahl drang. Ein Brunnen stand dort. Das Wasser pl�tscherte aus dem Schnabel eines steinernen Greifen, im Becken schwammen die Bl�tter der alten Birke, die in einer Ecke wuchs.</p><p>Das Haus war verlassen, lange schon. Wem es geh�rte, wusste niemand. Die M�nner, die es instand hielten, glaubten, es sei im Besitz einer alten Adelsfamilie. Lucien selbst hatte dieses Ger�cht verbreitet. Seine Anweisungen hinterlegte er einmal im Monat schriftlich auf einem Tischchen in der Eingangshalle, zusammen mit dem Lohn und dem Geld f�r die Reparaturen, sodass er den Arbeitern niemals begegnete. Sie stellten keine Fragen, wof�r er sie gut bezahlte.</p><p>Fast jeder Schilling, den er mit dem Verkauf von Diebesgut verdiente, floss in dieses Haus. Lucien h�tte es nicht ertragen, es verfallen zu sehen. Es steckte voller Erinnerungen - Erinnerungen an Caitlin.</p><p>In den Wandregalen standen ihre B�cher. In der Schatulle auf der Kommode lag ihr Silberschmuck. In den Schr�nken hingen ihre Kleider.</p><p>Dort, am Fenster, hatte sie jeden Abend gesessen und dem Treiben in den Gassen zugeschaut.</p><p>Da, vor dem Spiegel, hatte sie ihr kastanienbraunes Haar geb�rstet.</p><p>In der kupfernen Wanne hatte sie ein Bad genommen, wenn es drau�en st�rmte und schneite.</p><p>Im Bett mit dem nachtblauen Baldachin hatten sie sich geliebt.</p><p>Lucien ging von Zimmer zu Zimmer, strich behutsam �ber M�belst�cke, Wandteppiche, Vorh�nge. Keine Ecke, die nicht von ihrem Wesen durchdrungen war, kein Winkel, wo es nichts gab, das an sie erinnerte. Manchmal sp�rte er ihre Gegenwart so deutlich, als w�re sie eben noch hier gewesen. Dann glaubte er f�r einen Moment, ihr Lachen zu h�ren oder den Duft ihres Parf�ms zu riechen, woraufhin er die Augen schloss und ihr Gesicht vor sich sah. Von Jahr zu Jahr verblasste es ein wenig mehr, so sehr er auch dagegen ank�mpfte, und er fragte sich, wann der Tag kommen w�rde, an dem er sie endg�ltig verga�.</p><p>Er liebte dieses Haus und hasste es zugleich. Bei allem Gl�ck, das er hier fand, erinnerte es ihn stets daran, wie einsam er war.</p><p>Lucien seufzte. Zwei Tage in diesen stillen Fluren und Zimmern waren mehr, als er ertragen konnte. Und gebracht hatte es ihm nicht das Geringste - er wusste immer noch nicht, was er wegen Aziel unternehmen sollte.</p><p>Er goss etwas Absinth in ein Glas, mischte ihn mit Eiswasser und Zucker und setzte sich an ein Fenster. Drau�en bogen sich die Pappeln im Wind, der durch die menschenleere Stra�e wehte. Seit gestern Nacht hingen Gewitterwolken �ber der Stadt. Gelegentlich blitzte und donnerte es, aber das Unwetter brach aus irgendeinem Grund nicht los. Als w�rde es auf etwas warten.</p><p>Lucien nippte an seinem Glas und dachte zum hundertsten Mal �ber das Dilemma nach, in dem er steckte. Wenn er Aziel von seiner Entdeckung im Palast der Lady berichtete, w�rde dieser zweifellos versuchen, den Traumwanderer auszuschalten. Tat er es nicht, w�rde sich Lady Sarka die Kr�fte des Jungen zunutze machen, was gewiss nichts Gutes bedeutete. F�r beides wollte er nicht die Verantwortung tragen. Er konnte nur hoffen, dass sich das Problem irgendwie von selbst erledigte, wenn er sich nur lange genug ruhig verhielt - obwohl so etwas nach seiner Erfahrung eigentlich nie geschah.</p><p>D�ster vor sich hinbr�tend betrachtete er den brodelnden Himmel �ber den D�chern. Als er den Absinth ausgetrunken hatte, ging er zur Anrichte, um sich einen neuen zu mischen.</p><p>Im gleichen Moment h�rte er ein Ger�usch.</p><p>Es klang wie das Brechen von Holz und kam aus dem Untergeschoss. Blitzschnell huschte Lucien zu dem Stuhl, �ber dem sein G�rtel hing, zog ein Messer und schlich zur Treppe, wo er den Atem anhielt und lauschte.</p><p>Jemand war im Keller.</p><p>Fast jedes Haus in der Altstadt besa� einen Zugang zur Unterwelt von Bradost, so auch seines. Als die Ghulplage immer schlimmer geworden war, hatte er die T�r zugenagelt, aber wie es schien, hatte das den Eindringling nicht aufgehalten.</p><p>Er sp�hte nach unten und erhaschte einen Blick auf zwei wei�e Gestalten mit violettem Haar. Die V�la-Zwillinge! Lucien fluchte. Also hatte Aziel ihn gefunden. Lautlos hastete er den Flur entlang. Vielleicht konnte er durch die Eingangshalle entkommen.</p><p>Doch bevor er die T�r erreichte, flog diese mit einem Krachen auf. Seth kam herein. Eine Woge aus hei�er, fast brennender Luft begleitete ihn.</p><p>Lucien wirbelte zum Flur herum. Die beiden V�len erschienen am oberen Ende der Treppe. Blieb als Fluchtweg nur noch das n�chstgelegene Fenster.</p><p>Mit einem geschickten Sprung h�tte er es vermutlich erreichen k�nnen, bevor Seth bei ihm war, doch pl�tzlich �berkam ihn Resignation. Er konnte nicht ewig davonlaufen. Irgendwann musste er sich Aziel stellen, also konnte er es genauso gut jetzt tun.</p><p>Er lie� das Messer sinken und setzte eine gelassene Miene auf. �Na, wieder aus dem Pand�monium zur�ck?�, fragte er Seth.</p><p>Der Halbd�mon antwortete mit einem w�lfischen Grinsen.</p><p>Hinter ihm erschien ein massiger Schemen. Der Wind zerrte an Aziels Robe und peitschte sein schlohwei�es Haar hierhin und dorthin, als der uralte Alb durch die T�r trat. W�hrend er gemessenen Schrittes den Raum durchquerte, glitt sein Blick �ber W�nde, T�ren, M�belst�cke. �Ich nehme an, das ist das Haus, wo du mit dieser Menschenfrau gelebt hast.�</p><p>�Wie hast du mich gefunden?�, fragte Lucien.</p><p>�Ich habe meine Mittel und Wege. Warum versteckst du dich vor mir?�</p><p>�Um nachdenken zu k�nnen.�</p><p>Der einstige Albenherrscher betrachtete die Gem�lde an der Wand. �Wor�ber?�, fragte er beil�ufig. �Traumwanderer und dergleichen?�</p><p>Also war Aziel dahintergekommen. Lucien hatte nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen w�rde. Doch er verbarg sein Erstaunen und schwieg abwartend.</p><p>Aziel fuhr zu ihm herum. �Er hat mich in meinem eigenen Palast �berrascht!�, sagte er schneidend. �Das w�re mir erspart geblieben, wenn du mich gewarnt h�ttest.�</p><p>�Wie kommst du darauf, dass ich davon wei�?�</p><p>�H�r auf, mich zum Narren zu halten! Ich gebe dir den Auftrag, den Palast der Lady zu untersuchen, doch statt zur�ckzukommen, verschwindest du spurlos. Keinen Tag sp�ter taucht ein Traumwanderer auf. Ein seltsamer Zufall, was?�</p><p>�Zuf�lle geschehen�, sagte Lucien.</p><p>Aziels Augen glitzerten unheilvoll. �Ich habe allm�hlich genug von deinen Spielchen. Was hast du herausgefunden? Steht der Traumwanderer in den Diensten von Lady Sarka?�</p><p>�Angenommen, es w�re so - was w�rdest du dann unternehmen?�</p><p>�Seth�, knurrte der �ltere Alb.</p><p>Die Luft um den Incubus begann zu flirren. Flammen tanzten �ber seinen roten Anzug.</p><p>�Ein Wort von mir, und er legt dieses Haus in Schutt und Asche�, sagte Aziel. �Du h�ngst doch sehr daran, oder? All diese Erinnerungen... Ich sch�tze, es w�rde dich schmerzen, sie verbrennen zu sehen.�</p><p>Lucien rieb mit dem Daumen �ber die Messerklinge. �Wenn irgendetwas in diesem Zimmer Schaden nimmt, schicke ich deine H�llenbrut zur�ck ins Pand�monium�, erwiderte er kalt.</p><p>�Womit? Diesem Messer? Mach dich nicht l�cherlich. Du wei�t selbst, wie m�chtig er ist.�</p><p>�Pfeif ihn zur�ck.�</p><p>�Wirst du dann vern�nftig sein?�</p><p>�Ich sage dir, was ich wei�.�</p><p>Aziel gab dem Incubus ein Zeichen, woraufhin die Flammen auf dessen Armen erloschen. Doch das Gl�hen in Seths Augen war ein Versprechen, dass er das Feuer, das in seinem Innern loderte, jederzeit zur�ckholen konnte.</p><p>Lucien lie� den Halbd�mon nicht aus den Augen, w�hrend er sagte: �Ich habe nicht viel herausgefunden. Lady Sarka sch�tzt ihre Gem�cher mit einem Drudenfu�. Offenbar wusste sie, dass fr�her oder sp�ter einer von uns auftauchen w�rde.�</p><p>�Und der Traumwanderer?�, fragte Aziel bohrend.</p><p>�Wohnt im Palast. Er ist noch ein Junge, h�chstens f�nfzehn Jahre alt.�</p><p>�Ich wei�. Ich habe ihn gesehen.�</p><p>�Seine Gabe ist gerade erst erwacht. Sie ist noch nicht voll ausgepr�gt.�</p><p>�Was hat die Lady mit ihm vor?�</p><p>�Ich nehme an, dass sie ihn ausbildet, damit er lernt, seine Gabe zu beherrschen.�</p><p>�Genau wie damals bei Corvas, Umbra und Amander�, sagte Aziel d�ster. �Sie wird ein Monster aus dem Jungen machen.�</p><p>�Das ist nicht gesagt�, erwiderte Lucien.</p><p>�Erspar mir deine Ansichten!�, fuhr ihn der �ltere Alb an. �Schau dir an, was geschehen ist, und dann wei�t du, was sie plant. Diese ganze Sache mit dem Harlekin hatte nur einen Zweck: Sie wollte, dass die Tr�ume schutzlos sind.�</p><p>�Dazu h�tte sie wissen m�ssen, dass der Harlekin mit unserem Volk die Welt verlassen wird, sowie er K�nig ist.�</p><p>�Das war kein Geheimnis. Zumindest nicht f�r Leute wie Lady Sarka, die etwas von diesen Dingen verstehen.�</p><p>Lucien musste ihm widerwillig recht geben. Als der Harlekin vor hundert Jahren aus demselben Grund gegen Aziel rebelliert hatte und besiegt und eingekerkert worden war, hatte jeder halbwegs begabte menschliche Seher binnen weniger Tage davon erfahren. Derartige Ereignisse ersch�tterten die Schattenwelt wie ein Erdbeben.</p><p>�Und jetzt dieser Traumwanderer�, fuhr Aziel fort. �Siehst du nicht, wie alles zusammenpasst? Zuerst hat sie ihm den Weg frei gemacht, und jetzt wird sie mit seiner Hilfe nach den Tr�umen greifen. Und komm mir nicht damit, dass er nicht die Macht dazu h�tte! Wir haben schon einmal einen Traumwanderer erlebt. Du wei�t so gut wie ich, wozu ein Mensch mit dieser Gabe f�hig ist.�</p><p>Lucien hatte diesen Vorfall noch gut in Erinnerung, obwohl er Jahrhunderte in der Vergangenheit lag. Auch jener Traumwanderer war ein gew�hnlicher Mensch gewesen, ein Gelehrter aus Torle. Schon damals hatte niemand erkl�ren k�nnen, warum ein Sterblicher diese Kr�fte besa� - offenbar eine Laune des Schicksals, genau wie jetzt. Es hatte Monate gedauert, ihm das Handwerk zu legen und die Sch�den zu beseitigen, die er an den Tr�umen angerichtet hatte. Aziels Bef�rchtungen waren nicht �bertrieben, und je l�nger Lucien dar�ber nachdachte, desto mehr kam er zu dem Schluss, dass Aziels Verdacht zutreffen k�nnte. Lady Sarkas Herrschaft war br�chig. St�ndig gab es Unruhen, und Attent�ter trachteten ihr nach dem Leben. M�glicherweise erhoffte sie sich einen Gewinn an Macht, wenn sie die Tr�ume und damit die Seelen ihrer Untertanen kontrollierte.</p><p>Lucien schauderte. Was f�r ein wahnwitziger Plan...</p><p>Aziel starrte ihn an. �Sag mir, wo genau sich der Traumwanderer aufh�lt.�</p><p>�Warum willst du das wissen?�</p><p>�Ich muss ihn aufhalten.�</p><p>Das war genau die Antwort, die Lucien bef�rchtet hatte. �Warum gehst du nicht zu seinem Seelenhaus? Sprich mit ihm, wenn er das n�chste Mal tr�umt. Sag ihm, dass es falsch ist, was er tut.�</p><p>�Sein Seelenhaus ist leer. Er wei�, dass ich ihn suche. Er hat irgendetwas unternommen, dass er nicht mehr tr�umt.�</p><p>�Dann rede hier mit ihm.�</p><p>�Nein. Die Tr�ume sind bedroht wie nie zuvor. Eine solche Gefahr l�sst sich nicht mit guten Worten aus der Welt schaffen.�</p><p>�Was hei�t das? Willst du ihn t�ten?�</p><p>Aziels Schweigen war Antwort genug.</p><p>�Das kannst du nicht tun�, sagte Lucien. �Bei allen H�llen, Aziel, er ist nur ein Junge!�</p><p>�Ein Junge mit mehr Macht, als einem Sterblichen zusteht.�</p><p>�Daf�r kann er nichts.�</p><p>Der einstige Albenk�nig wandte sich ab und machte eine herrische Geste, die das ganze Haus einschloss. �Es ist wegen dieser Frau, nicht wahr?�, bellte er. �Du bist so vernarrt in die Menschen, dass du blind geworden bist. Blind f�r ihre Machtgier und Bosheit.�</p><p>�Caitlin war nicht boshaft.�</p><p>�Sie ist seit zweihundert Jahren tot! Komm endlich dar�ber hinweg!�</p><p>�Hundertf�nfzig�, sagte Lucien. �Es ist erst hundertf�nfzig Jahre her.�</p><p>Aziels Augen verengten sich zu Schlitzen. �Na sch�n, Lucien, ich frage dich ein letztes Mal: Wo im Palast ist der Junge?�</p><p>Lucien schwieg.</p><p>�Du verweigerst mir deine Hilfe?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann betrachte ich dich nicht l�nger als Freund.� Aziel schritt durch die Halle und befahl den V�len mit einer Handbewegung, ihm zu folgen.</p><p>�Wohin gehst du?�</p><p>�Den Jungen suchen. Ich finde ihn auch ohne dich.�</p><p>Lucien bemerkte, dass sich Seth nicht von der Stelle r�hrte. �Was ist mit ihm?�</p><p>�Er wird hierbleiben und dich im Auge behalten, bis alles �berstanden ist.�</p><p>�Du setzt mich gefangen? In meinem eigenen Haus?�</p><p>�Du l�sst mir keine andere Wahl. Seth, sieh zu, dass er nicht versucht zu fliehen.�</p><p>Der Incubus richtete den Blick seiner gl�henden Augen auf Lucien. Flammen z�ngelten aus dem Boden. Sie bildeten einen Kreis, der Lucien einzuschlie�en begann.</p><p>�Aziel!�, schrie er. �Du verdammter Bastard, komm sofort zur�ck!�</p><p>Doch Aziel wandte sich nicht um, w�hrend er mit den V�len zum Flur ging.</p><p>Die Flammen reichten Lucien bereits bis zu den Knien und wuchsen weiter in die H�he. Die Hitze raubte ihm schier den Atem, sodass er husten musste.</p><p>Seth l�chelte d�nn. �Das bisschen Feuer macht dir schon zu schaffen? Und <emphasis>du</emphasis> wolltest mich ins Pand�monium zur�ckschicken?�</p><p>Lucien k�mpfte mit zusammengebissenen Z�hnen gegen Schmerzen und Schw�che an. �Inzwischen reicht es mir, dir wehzutun�, �chzte er.</p><p>�Ach ja? Wie denn?�</p><p>Der Wurfdolch bohrte sich in Seths Oberarm. Der Incubus taumelte zur�ck und glotzte ihn ungl�ubig an, bevor sich sein Gesicht in eine Fratze des Hasses verwandelte. Als er den Messerschaft packte, um die Klinge aus der Wunde zu ziehen, sprang Lucien �ber die Flammen und rammte ihm den Kopf in den Bauch. Seth prallte gegen einen Schrank und keuchte vor Schmerz. Lucien bef�rderte ihn mit einem Faustschlag zu Boden, setzte mit einem Sprung �ber den benommenen Halbd�mon hinweg, rannte durch die Halle und klopfte im Laufen die Flammen aus, die an seinem Hosenbein leckten.</p><p>Alles war so schnell gegangen, dass Aziel erst jetzt bemerkte, was geschah. �Haltet ihn auf!�, dr�hnte er, woraufhin die bleichen Zwillinge ihre krallenartigen H�nde nach Lucien ausstreckten. Er schlug einen Haken, stie� einer V�la den Ellbogen ins Gesicht, dann war der Weg frei. Lucien hastete zur Treppe und nahm mit jedem Schritt mehrere Stufen auf einmal, w�hrend er nach unten rannte.</p><p>Er musste in die Katakomben fliehen. Nur dort hatte er eine Chance zu entkommen.</p><p>�Bleib stehen!�, br�llte Aziel ihm nach. �Was du tust, ist Verrat!�</p><p>Lucien erreichte den Keller, wo sich in den Gew�lbekammern leere Weinf�sser und Kisten voll mit Erinnerungsst�cken auft�rmten. Er schl�pfte durch die T�r, die die V�len bei ihrem Eindringen zertr�mmert hatten, und hetzte den dunklen Tunnel entlang. Als er kurz darauf zu einer Kreuzung kam, entschied er sich nach kurzem Z�gern, nach S�den zu laufen. Dem Jungen w�rde es nicht helfen, dass Aziel nicht wusste, wo er sich aufhielt. Aziel w�rde seine Pr�senz sp�ren, sowie er den Palast betrat, und ihn daraufhin m�helos finden. Lucien musste ihn warnen.</p><p>Ihm fiel ein, dass er kein <emphasis>javva</emphasis> mehr hatte. Ohne das Elixier kam er nicht an den Spiegelm�nnern vorbei. Egal - irgendwie w�rde er es schaffen, zu dem Jungen vorzudringen.</p><p>Er h�rte Stimmen und hastige Schritte n�her kommen. In der Dunkelheit hinter ihm flackerte Feuer auf. Seth war offenbar nicht so schwer verletzt, dass er zur�ckbleiben musste.</p><p>Ein Incubus, zwei V�len und der m�chtigste aller Alben waren ihm auf den Fersen - und er hatte keine einzige Waffe bei sich. Lucien rannte, so schnell er konnte.</p><p>Im Haupttunnel durfte er nicht bleiben, denn dort konnte Seth ihn aus sicherer Entfernung mit seinem H�llenfeuer niederstrecken. Er bog in einen Seitengang ein, in der Hoffnung, seine Verfolger in dem labyrinthischen Tunnelgewirr abzusch�tteln.</p><p>Die Luft roch stickig, nach Moder und F�ulnis. Das Mauerwerk war alt, uralt, Knochen stapelten sich in den Nischen. Lucien setzte mit einem Sprung �ber einen Tr�mmerhaufen hinweg, gelangte zu einer weiteren Kreuzung - und blieb abrupt stehen.</p><p>Augenpaare gl�hten in der Finsternis auf.</p><p>Ghule.</p><p>Und sie kamen geradewegs auf ihn zu.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>31</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Das gelbe Buch von Yaro D�ar</emphasis></strong></p></title><p><strong>A</strong>m sp�ten Nachmittag wurde der Wind immer heftiger. Als es kaum noch m�glich war, im Garten zu arbeiten, gab Ibbott Hume seinen Gehilfen f�r den Rest des Tages frei, woraufhin sich Liam und Jackon in den Gemeinschaftsraum setzten und die Zeit totschlugen. Nach einer halben Stunde sagte Jackon, er sei m�de, und zog sich in seine Kammer zur�ck. Es war Liam schon gestern aufgefallen, dass mit Jackon etwas nicht stimmte. Der Rothaarige war wortkarg und wirkte �bern�chtigt und bedr�ckt. Er hatte sich nicht einmal nach Liams Treffen mit Vivana erkundigt, obwohl er noch am Tag zuvor vor Neugierde schier geplatzt war, als Liam sie einmal erw�hnt hatte. Liam sprach ihn darauf an, bekam jedoch nur eine ausweichende Antwort. Was immer Jackon zu schaffen machte, er wollte nicht dar�ber reden.</p><p>Nachdem der Rothaarige gegangen war, wurde Liams innere Unruhe immer gr��er. Die Zeit bis Sonnenuntergang verstrich qu�lend langsam. Um auf andere Gedanken zu kommen, bl�tterte er in den Zeitungen, die im Gemeinschaftsraum herumlagen, doch er konnte sich nicht auf den Text konzentrieren. Wieder und wieder dachte er �ber die bevorstehende Nacht und die Gefahren nach, die Vivana und ihn erwarteten. Mit dem <emphasis>javva</emphasis> w�rde es nicht schwierig werden, in den Kuppelsaal einzudringen. Aber was, wenn es dort auch andere W�chter gab, gegen die das Elixier wirkungslos war - Wesen wie das unheimliche Zwergending? Oder wenn sie gar Lady Sarka h�chstpers�nlich begegneten? Je l�nger Liam sich Gedanken machte, desto mehr T�cken und Hindernisse, auf die sie sto�en k�nnten, fielen ihm ein. Schlie�lich fragte er sich, ob dieser verr�ckte Plan sie nicht geradewegs ins Verderben f�hrte.</p><p>Ibbott Hume, der mit ihm im Gemeinschaftsraum sa�, bemerkte irgendwann seine Nervosit�t. Liam schob seine Unrast auf das seltsame Wetter und ging zu seiner Kammer, bevor Hume misstrauisch werden konnte. Dort setzte er sich ans Fenster und wartete darauf, dass es endlich dunkel wurde.</p><p>Der Wind peitschte B�sche und B�ume und lie� Bl�tter und Zweige durch die Luft wirbeln. Vom Karst im Norden kam ein nicht endender Strom von Wolken, die schwarz und tief �ber der Stadt hingen und zum Meer weiterzogen, ohne ihre Gewitterlast unterwegs abzuladen. Es war mehr als einen Tag her, dass Liam das letzte Mal die Sonne gesehen hatte.</p><p>Schlie�lich, nach endlosen Stunden, begann sich die Nacht herabzusenken. Gaslaternen flammten in den Gassen auf. In der Altstadt machten Ausrufer die Runde, verk�ndeten den Beginn der Ausgangssperre in einer halben Stunde und forderten die Leute auf, nach Hause zu gehen. Ihre Stimmen waren im Heulen des Windes kaum zu verstehen.</p><p>Liam atmete zweimal tief durch, bevor er seine Kammer verlie�.</p><p>F�r den Fall, dass jemand wissen wollte, wohin er ging, hatte er sich den Vorwand zurechtgelegt, er habe seine Jacke im Garten vergessen. Doch niemand sprach ihn an, als er nach drau�en trat.</p><p>Der Wind war so stark, dass er sich mit seinem ganzen K�rpergewicht dagegenstemmen musste, um voranzukommen. Abgesehen von den Spiegelm�nnern vor dem Hauptportal und jenen vor dem Gesindetrakt hielt sich niemand drau�en auf. Liam ging gem�chlich den Weg entlang, bis das Buschwerk ihn verdeckte, und huschte dann zur Mauer, der er folgte, bis er zu der Statue des gefl�gelten L�wen kam.</p><p>Kletterpflanzen �berwucherten die verwitterte Steinfigur, der ein Fl�gel fehlte. Liam presste sich gegen das Mauerwerk und vergewisserte sich, dass niemand in der N�he war, bevor er leise rief: �Vivana? Bist du da?�</p><p>�Hallo, Liam�, lautete ihre Antwort. �Kannst du mir helfen?�</p><p>Er setzte einen Fu� auf den Sockel und zog sich an der Statue hoch. Vivana reichte ihm erst ihre lederne Umh�ngetasche, bevor sie seine Hand ergriff und mit seiner Hilfe �ber die Mauer kletterte, wobei sie darauf achtete, sich nicht an den Eisendornen auf der Mauerkrone zu verletzen.</p><p>�Es kann losgehen�, sagte sie und grinste ihn an. Sie hatte ihr Haar zusammengebunden und trug unauff�llige Kleidung: Lederschuhe, ein graues Hemd und dunkle Hosen. �Hast du das <emphasis>javva</emphasis>?�</p><p>Er holte das Flakon aus seiner Hosentasche und schraubte es auf. Gespannt beobachtete sie, wie er das Fl�schchen an seine Lippen setzte. Unwillk�rlich musste er daran denken, wie Vivanas Tante gesagt hatte, einige der Ingredienzen seien giftig. Schlie�lich gab er sich einen Ruck und trank.</p><p>Zuerst sp�rte er gar nichts. Dann durchlief ihn pl�tzlich ein fiebriger Schauer, zuerst hei�, dann kalt, und er f�rchtete, das Gleichgewicht zu verlieren. Mit einer Hand hielt er sich an der Statue fest, w�hrend die Benommenheit langsam schwand. �Ist es normal, dass sich das so anf�hlt?�</p><p>�Keine Ahnung. Ich habe das Zeug auch noch nie probiert.�</p><p>�Jetzt du.�</p><p>Sie trank den Rest der Fl�ssigkeit und blinzelte, als das Elixier zu wirken begann.</p><p>�Wenn wir alles richtig gemacht haben, d�rften wir jetzt kein Spiegelbild mehr haben, oder?�, fragte Liam.</p><p>�Ich habe meinen Handspiegel dabei. Drinnen k�nnen wir nachsehen.�</p><p>Inzwischen war das seltsame Schwindelgef�hl verschwunden. �Komm!� Im Schutz der B�sche gelangten sie zum Gesindefl�gel, wo sie sich wenige Schritte von Liams Kammer entfernt hinter einer Hecke versteckten. Sein Fenster hatte er wohlweislich offen gelassen und festgebunden, damit es nicht im Wind klapperte. Mit klopfendem Herzen blickte er zu den Spiegelm�nnern vor der T�r des Traktes, von denen in der D�mmerung kaum mehr zu erkennen war als die beiden glitzernden Masken.</p><p>�Warte�, sagte Vivana, als er loslaufen wollte. �Vergiss nicht, dass uns das <emphasis>javva</emphasis> nur unsichtbar macht. H�ren k�nnen uns die Spiegelm�nner weiterhin. Sei also leise.�</p><p>So schnell es der Wind zulie�, eilten sie zum Fenster. Die Spiegelm�nner bemerkten sie nicht - ob wegen des <emphasis>javva</emphasis> oder wegen der zunehmenden Dunkelheit, konnte Liam nicht beurteilen. Nacheinander kletterten sie hinein.</p><p>�Was jetzt?�, fragte Vivana.</p><p>�Zuerst m�ssen wir durch den Gesindefl�gel. Um diese Zeit sollten die Bediensteten normalerweise alle in ihren Betten liegen, aber zur Sicherheit sollten wir noch etwas warten.�</p><p>Sie �ffnete ihre Tasche, holte den Handspiegel heraus und warf einen Blick hinein. �Es funktioniert! Hier, sieh es dir an.�</p><p>Liam nahm den kleinen Spiegel und hielt ihn sich vor das Gesicht. Er zeigte das Fenster seiner Kammer. Von ihm selbst war nicht das Geringste zu sehen. G�nsehaut bildete sich an seinen Armen.</p><p>Er gab Vivana den Spiegel zur�ck und lauschte an der T�r. Wenig sp�ter h�rte er jemanden eine Melodie pfeifen: Hume, der gerade zu seiner Kammer ging. Als seine Schritte verklungen waren, kehrte Stille ein. Nach einer Weile �ffnete Liam die T�r.</p><p>Auf dem Gang und im Gemeinschaftsraum war es dunkel. Au�er dem Heulen des Windes h�rte er nichts.</p><p>Er lehnte die T�r an und wandte sich zu Vivana um. �Ich habe nachgedacht�, sagte er z�gernd. �Vielleicht sollten wir auf deine Tante h�ren. Warum wartest du nicht hier, w�hrend ich das Buch suche?�</p><p>�Was redest du da?�, erwiderte sie. �Ich komme mit dir.�</p><p>�Aber ich will dich nicht in Gefahr bringen.�</p><p>�Keine Sorge. Ich bin vorbereitet.� Aus der Tasche zog sie die Pistole ihres Vaters.</p><p>Liam konnte kaum glauben, was er sah. �Bist du verr�ckt? Du kannst doch nicht mit einer Waffe herumlaufen!�</p><p>�Und warum nicht?�, fragte sie ruhig.</p><p>�Weil... Verdammt, kannst du �berhaupt damit umgehen?�</p><p>�Nat�rlich. Mein Vater hat es mir beigebracht. Inzwischen bin ich sogar besser als er.� Sie lie� die Pistole wieder in der Tasche verschwinden. �Wollen wir reden oder endlich losgehen?�</p><p>Liam gab auf. Im Grunde wollte er gar nicht, dass Vivana hier blieb. Schlie�lich brauchte er jede Hilfe, die er bekommen konnte. Und was die Waffe betraf - vielleicht w�rde sie sich als n�tzlich erweisen, obwohl er inst�ndig hoffte, dass es nicht dazu kam. �Hast du noch etwas in deiner Tasche, von dem ich wissen sollte?�</p><p>�Was man eben so braucht. Vertrau mir.�</p><p>Sie traten hinaus auf den Gang. Im Gesindefl�gel begegnete ihnen niemand. Kurz darauf kamen sie zur Eingangshalle.</p><p>Liams Mund wurde trocken vor Angst, als sie an den Spiegelm�nnern unter den Galerien vorbeischlichen. Kein Maskierter r�hrte sich von der Stelle, nicht einmal dann, als sie einer der Gestalten so nahe kamen, dass Liam sie h�tte ber�hren k�nnen. Die Spiegelm�nner konnten sie tats�chlich nicht sehen. Trotzdem legte sich seine Furcht nicht vollst�ndig. Er w�nschte, es h�tte einen anderen Weg gegeben, als sein Leben einem magischen Elixier anzuvertrauen, dessen Wirkung er nicht einmal ansatzweise begriff.</p><p>Von der Halle aus folgten sie dem Korridor zum Kuppelsaal. Es war dunkel; die Nacht presste sich gegen die Scheiben der hohen Fenster. In der Ferne, jenseits der Stadt, zuckten Blitze. Falls es Donner gab, so �bert�nte ihn der Wind.</p><p>Genau wie bei Liams erstem Streifzug standen vor der Treppe, die zu der zweifl�geligen T�r hinauff�hrte, zwei Spiegelm�nner.</p><p>Er hielt den Atem an und huschte zwischen den beiden statuengleichen Wachen hindurch, die Treppe hinauf. Vivana folgte ihm.</p><p>Vorsichtig �ffnete Liam einen T�rfl�gel. Zu seiner Erleichterung waren die Angeln so gut ge�lt, dass sie nicht das kleinste Ger�usch verursachten. Sie schl�pften hinein und schlossen die T�r hinter sich.</p><p>Blaues Licht erf�llte den Kuppelsaal.</p><p>Trotz seines Unbehagens versp�rte Liam f�r einen Moment ein Gef�hl ungeheuren Triumphs. So weit war er noch nie gekommen! Jetzt musste es ihnen nur noch gelingen, in Lady Sarkas Gem�cher einzudringen und das Buch zu finden. Pl�tzlich durchstr�mte ihn die Gewissheit, dass sie es schaffen w�rden.</p><p>Leise stiegen sie die Stufen zur Empore hinauf, wo sich die einzige T�r befand, unbemerkt von den Spiegelm�nnern, die auf der Galerie Wache hielten.</p><p>Liam vergewisserte sich, dass die Maskierten von ihrer Position aus die T�r nicht sehen konnten. Er griff nach dem silbernen Knauf - und hielt inne, als er ein seltsames Zeichen bemerkte, das in den T�rsturz eingekerbt war.</p><p>Vivana ber�hrte ihn am Arm und machte ihn mit einer Geste darauf aufmerksam, dass einer der Spiegelm�nner seinen Posten verlassen hatte und sich lautlos wie ein Schatten n�herte. Liams Herz setzte einen Schlag aus, als er dachte, der Maskierte habe sie bemerkt. Doch nichts deutete darauf hin, dass das Gesch�pf sie sehen konnte; offenbar machte es nur einen routinem��igen Rundgang. Liam wartete, bis ein Pfeiler dem Spiegelmann die Sicht versperrte, und �ffnete die T�r.</p><p>Sie betraten einen Raum mit holzget�felten W�nden. Regale bildeten verwinkelte G�nge, in denen tiefe Schatten herrschten. Irgendwo verstr�mte eine Lampe tr�bes Licht. Es roch nach Staub, Kerzentalg und altem Pergament.</p><p>Es schien niemand da zu sein. Liam atmete auf und sah sich um. Die Regale enthielten B�cher, Unmengen davon. Die meisten hatten br�chige Ledereinb�nde, versehen mit unverst�ndlichen Schriftzeichen. Liam vermutete, dass es sich um alchymistische Aufzeichnungen handelte.</p><p>Irgendwo hier musste das Gelbe Buch von Yaro D�ar sein.</p><p>�Wir brauchen Licht�, fl�sterte Vivana.</p><p>Die Bibliothek bestand aus mehreren Kammern, die man �ber offene Durchg�nge erreichte. Sie gingen zur Lampe, die auf einem Tisch stand, inmitten von aufgeschlagenen B�chern. Dort lag au�erdem eine Kette mit einem Silberanh�nger in Form eines f�nfeckigen Sterns.</p><p>�Sieh mal�, sagte Liam. �Dasselbe Zeichen wie �ber der T�r.�</p><p>�Ein Drudenfu߫, sagte Vivana. �Ein altes Bannsymbol. Es wird benutzt, um Schattenwesen abzuwehren.�</p><p>�Wieso hat es die Lady �ber der T�r angebracht?�</p><p>�Keine Ahnung.�</p><p>Liam sah sich die Schriftst�cke auf dem Tisch an. Das Gelbe Buch war nicht darunter. Die meisten B�cher und Pergamentrollen waren in fremden Sprachen verfasst. Das wenige, das er lesen konnte, schien von Tr�umen zu handeln, von Methoden, Tr�ume zu beeinflussen, und von den Geheimnissen des Schlafs. Eine alte Abbildung stellte eine gewaltige Stadt in ewigem Zwielicht dar - <emphasis>Die Stadt der Seelen</emphasis> stand darunter. Liam fand das Bild verst�rend und wandte den Blick ab.</p><p>�Am besten teilen wir uns auf�, sagte er. �Du suchst da dr�ben und ich...�</p><p>Er verstummte, als ein Laut erklang: das Rasseln von Ketten, dann ein seltsames Schmatzen.</p><p>Liam stockte der Atem. Er hatte dieses Ger�usch schon einmal geh�rt und w�rde es nie mehr vergessen. Das missgestaltete Zwergenwesen - es war hier! Er packte Vivana am Arm. �Wir m�ssen sofort von hier verschwinden!�</p><p>�Nein, warte.� Sie nahm die Lampe und trat zu dem Durchgang, aus dem die Laute gekommen waren.</p><p>Wieder rasselten Ketten. Liam konnte nicht glauben, dass Vivana geradewegs darauf zuging, w�hrend in ihm alles danach schrie davonzulaufen. Fluchend gab er sich einen Ruck und folgte ihr.</p><p>Der Lampenschein fiel in eine kleine Kammer ohne Fenster. Ein kaum wahrnehmbarer Geruch nach verdorbenem Fleisch lag in der Luft. In der Mitte hing ein eiserner K�fig - und darin kauerte die absto�endste Kreatur, die Liam je gesehen hatte.</p><p>Das Wesen war halb so gro� wie ein Mensch und besa� graue, ledrige Haut, die �berall verhornte W�lste bildete. Die kurzen Beine waren verkr�ppelt, die beiden Arme unterschiedlich lang; mit seinen Krallenh�nden umklammerte es die Gitterst�be. Auf dem Rumpf sa� ein gedrungener Kopf, der anstelle von Augen zwei H�hlungen aufwies.</p><p>Liam wusste sofort, dass er jenes Gesch�pf vor sich hatte, das ihm bei seinem ersten Streifzug durch den Palast gefolgt war. Vor Entsetzen brachte er kein einziges Wort heraus.</p><p>Mit der Lampe in der Hand ging Vivana n�her an den K�fig heran. In ihrem Gesicht zeigte sich eine Mischung aus Abscheu und Faszination. �Ich glaube, ich wei�, was das ist�, sagte sie.</p><p>�Was?�, �chzte Liam.</p><p>�Ein Homunculus. Vermutlich der erste, den die Lady erschaffen hat. Sie hatte die Prozedur noch nicht vollst�ndig verstanden, weshalb einiges... danebenging.�</p><p>�Du meinst, er h�tte ein Spiegelmann werden sollen?�</p><p>�Ich glaube schon. Wahrscheinlich musste sie viele Experimente durchf�hren, bis es ihr endlich gelungen ist, einen Homunculus in menschlicher Gestalt zu erschaffen. Dieser arme Kerl ist ein misslungener Versuch, sch�tze ich.�</p><p>�Woher wei�t du das alles?�</p><p>�Tante Livia versteht ein wenig von Alchymie. Sie erz�hlt mir das eine oder andere.�</p><p>Liam bezwang seinen Ekel und trat neben Vivana. Das Gesch�pf gab einen weiteren schmatzenden Laut von sich. Es war offensichtlich, dass es nicht sprechen konnte - was Liams Gl�ck war, andernfalls h�tte es ihn wom�glich verraten.</p><p>Als er begriff, dass keine Gefahr von dem Wesen ausging, regte sich ein unerwartetes Gef�hl in ihm: Mitleid. Er begann, die Kreatur zu bedauern. Sie lebte gefangen in einem K�fig, verurteilt zu einer Existenz als Missgeburt, nur weil Lady Sarka beschlossen hatte, sich eine Horde nichtmenschlicher Krieger zu erschaffen. Liam fragte sich, ob sich das Gesch�pf manchmal nach Freiheit sehnte. Vielleicht hatte er es deswegen getroffen - weil es aus seinem Gef�ngnis ausgebrochen war und versucht hatte zu fliehen.</p><p>�Sieh mal da�, sagte Vivana mit einem seltsamen Unterton in der Stimme. Sie wies auf ein kleines Schild, das am K�fig angebracht war. Darauf stand ein Name: Primus.</p><p>�Warum gibt die Lady diesem Ding einen Namen?�, fragte Liam fassungslos. �H�ngt sie etwa daran?�</p><p>Diese Vorstellung schien Vivana genauso zu verst�ren wie ihn. Sie zuckte nur mit den Schultern. �Komm. Lass uns nach dem Buch suchen.�</p><p>Liam war erleichtert, als sie die Kammer endlich verlie�en. In einem Regal entdeckten sie eine zweite Lampe, sodass er einen Teil der Bibliothek absuchen konnte und Vivana den anderen. Sie wusste, worauf sie achten musste, denn er hatte ihr von der Abbildung erz�hlt, die Quindal ihm gezeigt hatte.</p><p>Eine halbe Stunde lang schritt Liam die Regale ab, ohne etwas zu finden. Als Vivana leise nach ihm rief, eilte er zu ihr.</p><p>Sie kniete neben einer Kiste, deren Deckel offen stand. Darin lag ein Buch. Der Einband bestand aus einem leder�hnlichen, ockergelben Material. Darauf war ein Ph�nix abgebildet, der mit ausgebreiteten Fl�geln aus einem Feuer aufstieg.</p><p>�Das ist es!�, fl�sterte Liam und holte das Buch heraus. Ehrf�rchtig strich er �ber das rissige Leder. �Wie bist du darauf gekommen, dass es in der Kiste ist?�</p><p>�Ich dachte, dass ein wichtiges Buch wie dieses nicht einfach so im Regal steht. Los, schlag es auf.�</p><p>Nerv�s biss er sich auf die Unterlippe, w�hrend er in den vergilbten Seiten bl�tterte. Sie waren voller fremdartiger Buchstaben und Symbole. Er hatte nicht damit gerechnet, ein Buch, das aus dem fernen Yaro D�ar stammte, lesen zu k�nnen, dennoch versp�rte er einen Hauch von Entt�uschung. Irgendwie hatte er doch gehofft, darin augenblicklich die Antworten zu finden, die er suchte. �Was ist das f�r eine Sprache?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Vivana.</p><p>�Glaubst du, deine Tante kann das lesen?�</p><p>�Fragen wir sie einfach.�</p><p>�Gut.� Mit dem Buch in den H�nden stand er auf. �Verschwinden wir.�</p><p>Vivana verstaute den Folianten in ihrer Umh�ngetasche, und sie stellten die Lampen zur�ck an ihren Platz. Liam �ffnete die T�r einen Spalt und �berzeugte sich davon, dass gerade kein Spiegelmann in ihre Richtung blickte. Dann verlie�en sie die Bibliothek und huschten verstohlen an den Maskierten vorbei, die ihnen im Kuppelsaal und dem Korridor begegneten.</p><p>Sie hatten es tats�chlich geschafft. Alles war so schnell gegangen, dass Liam es noch gar nicht glauben konnte. Nun w�rde er endlich erfahren, was die Pl�ne seines Vaters gewesen waren.</p><p>In der Eingangshalle h�rte er, wie irgendwo eine T�r zugeschlagen wurde. Hallende Schritte n�herten sich aus einem der Flure. Liam ergriff Vivanas Arm und zog sie hinter einen Pfeiler. Keine zwei Sekunden sp�ter trat eine Gestalt aus dem Durchgang. Lady Sarka. Der Saum ihres karmesinroten Kleides strich �ber die Bodenplatten, w�hrend sie mit herrischer Miene durch die Halle schritt.</p><p>Liam hielt den Atem an. Wenn die Lady sie bemerkte und wissen wollte, was sie hier zu suchen hatten, konnte er sich vielleicht herausreden. Entdeckte sie aber das Buch in Vivanas Tasche... Er wagte sich nicht vorzustellen, was dann geschehen w�rde.</p><p>Die Schritte n�herten sich ihrem Versteck. <emphasis>Geh weiter! Nicht stehen bleiben!</emphasis>, betete er und presste sich gegen den k�hlen Stein der S�ule.</p><p>Er glaubte zu h�ren, dass Lady Sarka kaum merklich langsamer wurde. Hatte sie etwas geh�rt? Er machte sich darauf gefasst, dass sie jeden Moment neben ihm erscheinen und ihn mit ihren kalten Augen anblicken w�rde.</p><p>Sie ging weiter. Kurz darauf verschwand sie im Korridor, der zum Kuppelsaal f�hrte.</p><p>Leise lie� Liam den angehaltenen Atem entweichen. Der Schreck sa� ihm so tief in den Gliedern, dass er beschloss, hier zu warten, bis er sich wieder einigerma�en beruhigt hatte.</p><p>Pl�tzlich wurde ihm bewusst, dass er beide Arme um Vivana gelegt und sie eng an sich gedr�ckt hatte. Er wusste, er sollte sie loslassen, aber er konnte es nicht.</p><p>Sie blickte ihn an: dunkle Augen, so geheimnisvoll wie die Nacht. Ihr Gesicht war so nah bei seinem, dass er ihren Atem auf seiner Haut sp�rte. Er konnte f�hlen, wie ihr Herz klopfte, noch heftiger als seines.</p><p>Bevor ihre Lippen einander ber�hrten, fl�sterte sie: �Nicht.�</p><p>Verwirrt sah er sie an. Er war sich so sicher gewesen, dass sie es auch wollte.</p><p>�Nicht hier.� Sie l�chelte z�gernd und wies ihn mit einem Nicken auf die Spiegelm�nner auf der anderen Seite des Saales hin.</p><p>�Oh. Nat�rlich.�</p><p>Sie ergriff seine Hand, und lautlos eilten sie durch die Halle, durch stille Flure und R�ume, zu seiner Kammer. Liam schloss die T�r hinter sich und sank mit dem R�cken gegen das Holz.</p><p>Sie waren in Sicherheit. Vorl�ufig wenigstens.</p><p>Vivana legte ihre Tasche ab. Dann stand sie reglos da, nichts als ein Schemen in der Dunkelheit seines Zimmers. Langsam trat sie zu ihm, hob die Hand, legte sie auf seine Wange, fuhr ihm durch das Haar.</p><p>Sie k�sste ihn.</p><p>�ber der Stadt brach das Gewitter los.</p><empty-line/><empty-line/><p>Lucien hetzte durch nachtschwarze Tunnel und halb eingest�rzte Gew�lbe, sprang �ber bodenlose Gr�ben und Haufen aus Schutt, zw�ngte sich durch verrostete Gitter, erklomm eiserne Leitern, hastete ausgetretene Stufen hinauf. Sein Wams war zerrissen, seine Haut brannte von unz�hligen Schrammen und Kratzern, wo die Krallenh�nde der Ghule ihn verletzt hatten, bevor er ihnen entkommen war. Doch er hatte seine grausigen Verfolger noch lange nicht abgesch�ttelt. Manchmal konnte er ihre gl�henden Augen in der Finsternis sehen, konnte h�ren, wie sie kr�chzten und wisperten, voller Gier nach seinem Blut. Dann lief er noch schneller, obwohl ihn allm�hlich die Kr�fte verlie�en.</p><p>Eine unterirdische Halle tat sich vor ihm auf. Rost und Moder bedeckten den Boden, die W�nde gl�nzten feucht. Riesige Zahnr�der und die Gest�nge und Kessel alter Maschinen erhoben sich vor ihm, bizarre Gebilde aus Stahl und Messing, verbogen, geschmolzen und lange vergessen. Durch einen Deckenschacht fiel das Flackern eines Blitzes herein.</p><p>Lucien rannte eine Rampe hinauf und warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen eine T�r, bis das Blech �chzend nachgab und er ins Freie stolperte. Regen klatschte ihm ins Gesicht. Sturmb�en pfiffen um Kamine und Bleid�cher.</p><p>Einen Steinwurf entfernt, auf einem H�gel, stand das Anwesen von Lady Sarka: ein schwarzer Kasten, der nur dann zu sehen war, wenn am Himmel ein Blitz zuckte.</p><p>Er k�mpfte sich die Stra�e hinauf, zog sich an der Mauer hoch und sprang in den Garten. Geduckt lief er zum Gesindefl�gel und verbarg sich hinter einem Strauch.</p><p>Zwei Spiegelm�nner standen vor der T�r, reglos, als k�nnte ihnen das Unwetter nichts anhaben. Ihre Kutten flatterten im Wind.</p><p>Lucien blickte zum Fenster des Jungen. Zu nah. Wenn er an die Scheibe klopfte, w�rden die Wachen ihn bemerken. Er musste einen unauff�lligeren Weg finden.</p><p>Er huschte zur anderen Seite des Geb�udetrakts und sp�hte in die Fenster, bis er ein Zimmer fand, in dem niemand schlief. Mit klammen Fingern l�ste er einen Stein aus dem gepflasterten Weg und schlug die Scheibe ein. Das Glas splitterte ohrenbet�ubend, aber vielleicht waren Sturm und Donner laut genug, dass niemand es geh�rt hatte.</p><p>Er kletterte am Efeu empor und hielt sich am Sims fest, w�hrend er das Fenster �ffnete. Flink schl�pfte er hinein und konzentrierte sich, bis er die Pr�senz des Jungen klar und deutlich sp�rte.</p><p>Ihm blieb nicht mehr viel Zeit.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>32</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Klauen und Z�hne</emphasis></strong></p></title><p><strong>R</strong>egen prasselte gegen das Fenster, begleitet vom Rauschen des Windes in B�schen und Baumkronen.</p><p>Jackon lag in seinem Bett und starrte in die Dunkelheit. Er war so m�de, dass seine Augen brannten, aber schlafen konnte er nicht. �ber eine Stunde schon w�lzte er sich herum, ohne Ruhe zu finden.</p><p>Seit zwei Tagen konnte er an nichts anderes denken als an seine Begegnung mit Aziel und seine Flucht durch das gespenstische Schloss. Warum nur hatte er den Palast betreten? Wieso hatte er nicht auf Lady Sarka geh�rt und sich davon ferngehalten? Es war ein dummer Fehler gewesen, nat�rlich, ein leichtsinniges Versehen, das er allein seinem �bermut verdankte. Aber das half ihm auch nicht weiter. Vermutlich suchte der Herr der Tr�ume bereits nach ihm, und alles, was er zu seinem Schutz besa�, war ein silberner Anh�nger.</p><p>Jackon ber�hrte den Drudenfu� unter seinem Schlafgewand. <emphasis>Der Palast ist sicher</emphasis>, sagte er sich. <emphasis>Sicherer als jeder andere Ort in Bradost. �berall stehen Spiegelm�nner Wache. Und Corvas, Umbra und Amander sind auch noch da. Selbst wenn Aziel mich hier findet, er kann mir nichts antun.</emphasis></p><p>Doch so sehr er sich auch an diesen Gedanken klammerte, besser f�hlte er sich nicht.</p><p>Denn Aziel war beileibe nicht sein einziges Problem. Mit seinem Fehler hatte er alles zerst�rt, was er in den vergangenen Wochen erreicht hatte. Er konnte die Ausbildung nicht fortsetzen und seine neu erworbenen Kr�fte nicht mehr benutzen, obwohl er gerade begonnen hatte, seine Macht zu genie�en. Er war f�r Lady Sarka nutzlos geworden. Ein Wunder, dass sie ihn noch nicht zum Teufel gejagt hatte. Vermutlich gew�hrte sie ihm nur deshalb weiterhin Obdach und Schutz, weil sie hoffte, den Schaden, den er angerichtet hatte, irgendwie aus der Welt schaffen zu k�nnen. Allerdings zweifelte er nicht daran, dass sie die Geduld mit ihm verlieren und ihn in die Kan�le zur�ckschicken w�rde, sollte sich herausstellen, dass sie nichts f�r ihn tun konnte. Und dann w�re er wieder ein Schlammtaucher, ohne Heim, ohne Freunde, ohne Zukunft.</p><p>Der Trank, den er jeden Abend vor dem Zubettgehen einnehmen musste, trug auch nicht gerade zu seinem Wohlergehen bei. Die Substanz machte ihn unruhig und nerv�s, sodass er Stunden brauchte, um einzuschlafen. Und wenn er endlich einnickte, f�hlte es sich an, als w�rde er in einem bodenlosen schwarzen Loch versinken. Am n�chsten Morgen dann war er noch ersch�pfter als am Abend zuvor; au�erdem begannen seine Gedanken ein seltsames Eigenleben zu entwickeln.</p><p>Wurde er allm�hlich verr�ckt? Wie lange konnte ein Mensch ohne Tr�ume auskommen, ehe er den Verstand verlor?</p><p>Jackon drehte sich auf die andere Seite. <emphasis>Schlaf endlich!</emphasis>, dachte er. Doch schon im selben Moment begann die Gr�belei von Neuem.</p><p>Er setzte sich auf, als er ein Ger�usch h�rte. Es hatte sich angeh�rt wie das Bersten von Glas. Vielleicht hatte der Sturm irgendwo ein Fenster besch�digt. Er beschloss nachzusehen. Das war allemal besser, als sich im Bett herumzuw�lzen.</p><p>Er stand auf, schl�pfte in seine Kleider und z�ndete eine Kerze an.</p><p>Ein leises Knarren erklang. Im Licht der Flamme sah er, dass sich seine T�r �ffnete. Jemand kam herein, ein Mann.</p><p>�Wer...�, begann Jackon und verstummte. Das Gesicht des Fremden war schwarz wie Ebenholz. Das lange, wei�e Haar klebte nass und str�hnig an seiner Haut.</p><p>Entsetzen packte ihn.</p><p>�Aziel�, �chzte er und taumelte zur�ck, stolperte �ber den Hocker und fiel zu Boden. W�hrend der Eindringling n�her kam, kroch er r�ckw�rts, bis er gegen die Wand stie�.</p><p>�Geh weg�, fl�sterte er. �Geh weg, oder ich rufe die Wachen.�</p><p>�Ich bin nicht Aziel�, knurrte der Wei�haarige. �Aber er wird bald hier sein. Jetzt steh auf. Wir haben nicht viel Zeit.�</p><p>Jackon konnte sich vor Grauen nicht bewegen. Wieso behauptete der Mann, er sei nicht Aziel, wenn er doch genauso aussah?</p><p>Der Fremde beugte sich �ber ihn, hob die Kerze auf und hielt sie sich vor das Gesicht. �Sieh mich an. Glaubst du mir jetzt?�</p><p>Jackon blinzelte. Langsam wurde ihm klar, dass der Mann Aziel nur sehr stark �hnelte, dank seiner schwarzen Haut und seines schlohwei�en Haares. Aber das Gesicht war anders geschnitten, und er trug auch keinen Bart.</p><p>�Wer... wer bist du?�, stammelte er.</p><p>�Mein Name ist Lucien.�</p><p>Eine verschwommene Erinnerung huschte durch Jackons Gedanken. Er hatte diesen Fremden schon einmal gesehen - aber wo? Er wusste es nicht mehr. Vielleicht in einem Traum?</p><p>Als er keine Anstalten machte aufzustehen, wollte der Mann ihn an den Schultern packen, zog jedoch pl�tzlich seine H�nde zur�ck, als w�rde ihn die Ber�hrung schmerzen.</p><p>�Was ist das da an deinem Hals?�, fragte er scharf.</p><p>�Ich... verstehe nicht...�</p><p>�Ist das ein Talisman? Ein Drudenfu�amulett?�</p><p>�Ja�, antwortete Jackon verwirrt.</p><p>�Gut. Behalte es an. Du wirst es noch brauchen. Und jetzt steh endlich auf.�</p><p>M�hsam kam er auf die F��e.</p><p>�H�r mir zu�, befahl der Mann. �Du musst sofort von hier verschwinden. Aziel sucht nach dir. Es kann nicht mehr lange dauern, bis er im Palast ist.�</p><p>�Im Palast?�, echote Jackon. �Aber die Spiegelm�nner...�</p><p>�Vergiss sie. Er hat eine Horde Ghule dabei, und sie sind hungrig. Die Spiegelm�nner k�nnen sie vielleicht eine Weile aufhalten, aber mehr auch nicht.�</p><p>Jackon war kaum noch in der Lage, klar zu denken, denn ein einziger Gedanke �bert�nte alle anderen: <emphasis>Aziel hat mich gefunden, und er ist bereits auf dem Weg hierher!</emphasis> Als er jedoch h�rte, wovon der Fremde sprach, verschwand seine Verwirrung schlagartig und wich neuem Grauen. �Ghule? Wieso Ghule?�</p><p>Der Mann gab keine Antwort. Stattdessen eilte er zur T�r. �Komm. Du musst dich irgendwo verstecken.�</p><p>Jackon r�hrte sich nicht von der Stelle. �Aber wir m�ssen die anderen warnen. Die Ghule werden sie sonst t�ten!�</p><p>�Daf�r haben wir keine Zeit!�</p><p>�Das ist mir egal. Ich lasse nicht zu, dass Liam etwas geschieht.�</p><p>�Wer zum Teufel ist Liam?�, fragte Lucien.</p><p>Doch Jackon hatte sich bereits an ihm vorbeigeschoben und st�rzte aus dem Zimmer.</p><empty-line/><empty-line/><p>Liam strich Vivana �ber das Haar und schloss die Augen, um sie abermals zu k�ssen, doch sie l�ste sich aus seiner Umarmung.</p><p>�Genug f�r heute�, sagte sie. �Wir haben noch etwas anderes zu tun, schon vergessen?�</p><p>�Wirklich?� Er grinste schief. �Hilf mir auf die Spr�nge. Ich bin gerade etwas... durcheinander.�</p><p>�Nicht nur du. Trotzdem m�ssen wir das Buch fortschaffen. Hast du hier irgendwo eine Lampe oder so?�</p><p>Er holte die Kerze, die auf seinem Tisch stand, und z�ndete sie an. Flackerndes Licht erf�llte das Zimmer. Liam schaute Vivana an und stellte verwundert fest, dass er zum ersten Mal seit vielen Tagen etwas anderes als Schmerz empfand - dass er gl�cklich war. Die Trauer um seinen Vater, die Furcht und der Hass, die ihn seit Wochen qu�lten, waren nicht verschwunden, aber jetzt, in diesem Augenblick, wusste er, dass er die Kraft hatte, damit fertig zu werden. Vielleicht nicht morgen, vielleicht nicht einmal in einem Monat - aber irgendwann.</p><p>�Was ist?�, fragte Vivana, als sie seinen Blick bemerkte.</p><p>�Nichts. Ich habe nur nachgedacht.�</p><p>�Das geht alles ganz sch�n schnell, oder?�, erwiderte sie nachdenklich. �Ich meine, es ist gerade mal ein paar Tage her, dass wir uns das erste Mal gesehen haben.�</p><p>�Ja.� Er lachte leise.</p><p>�Hast du gewusst, dass es so kommen w�rde?�</p><p>�Irgendwie schon.�</p><p>�Ich auch. Seltsam, nicht wahr?�</p><p>Sie schwiegen.</p><p>�Ich glaube, wir haben einiges zu bereden, Liam Satander�, sagte Vivana schlie�lich.</p><p>�Sieht ganz so aus.�</p><p>�Was h�ltst du davon: zuerst das Buch und dann wir?�</p><p>�Einverstanden.� Liam setzte sich aufs Bett. �Gibst du mir deine Tasche? Ich will es mir noch mal ansehen.�</p><p>Sie setzte sich neben ihn und reichte ihm die Tasche, aus der er das Buch nahm. Schwer lag es auf seinen Knien, w�hrend er in den alten Seiten bl�tterte. Doch so sorgf�ltig er auch suchte, er fand nirgendwo eine Passage, die er lesen konnte.</p><p>�Wir m�ssen es von hier fortbringen�, sagte Vivana. �Wenn die Lady bemerkt, dass es weg ist, wird sie sicher zuerst im Palast danach suchen.�</p><p>�Ich bringe es morgen fr�h deiner Tante.�</p><p>�Warum erst morgen?�</p><p>�Die Ausgangssperre. Mir ist das Risiko zu gro�, mit dem Buch erwischt zu werden.�</p><p>�Schau mal aus dem Fenster. Ich glaube nicht, dass sich bei diesem Wetter Soldaten auf den Stra�en herumtreiben.�</p><p>Liam blickte nach drau�en und sah nichts als heulende Schw�rze, in der gelegentlich ein Blitz aufflackerte. Der Sturm schien immer st�rker zu werden. �Also gut�, sagte er. �Gehen wir gleich. Allerdings bef�rchte ich, dass das ein ziemlich ungem�tlicher Spaziergang...� Er unterbrach sich und runzelte die Stirn. �Hast du das geh�rt?�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Da war ein Ger�usch.�</p><p>�Sicher nur der Wind.�</p><p>�Nein. Es kam aus Jackons Zimmer.� Er rutschte auf dem Bett zur Wand und presste das Ohr dagegen.</p><p>�Jackon?�</p><p>�Ein Freund. Er arbeitet hier.� Liam hatte ein Rumpeln geh�rt, wie von einem umfallenden M�belst�ck. Jetzt erklangen Stimmen. Was sie sagten, konnte er nicht verstehen, aber der Tonfall gefiel ihm nicht. Mit wem redete Jackon um diese Zeit? Liam �berlegte, ob er nachsehen sollte. Jackon hatte sich in den letzten zwei Tagen sehr seltsam benommen. Vielleicht steckte er in Schwierigkeiten.</p><p>In diesem Moment flog die T�r auf. Fluchend zog Liam die Bettdecke �ber das Buch, bevor er sah, dass es Jackon war, der hereingest�rzt kam. �Wieso klopfst du nicht an?�, fragte er mit einem Anflug von �rger.</p><p>�Du musst sofort mitkommen!�, stie� Jackon hervor. �Ghule sind auf dem Weg hierher!�</p><p>�Ghule? Was redest du da?�</p><p>�Bitte, Liam! Wir haben nicht mehr viel Zeit!�</p><p>Der Rothaarige sah nicht aus, als erlaube er sich einen Scherz. Er war kreidebleich, seine Augen waren vor Entsetzen aufgerissen. �Du meinst das ernst, oder?�</p><p>�Ja!�</p><p>�Aber was haben sie hier zu suchen? Ich dachte, Ghule hausen unter der Erde...�</p><p>�Ich kann dir das jetzt nicht erkl�ren!�</p><p>Liam blickte ratlos zu Vivana, die Jackon mit besorgter Miene musterte.</p><p>�Vielleicht tun wir besser, was er sagt�, murmelte sie und verstaute das Buch in ihrer Tasche.</p><p>Ein Fremder erschien neben Jackon, ein ungew�hnlich aussehender Mann mit schwarzer Haut und wei�em Haar, der sich au�erdem in einem schrecklichen Zustand befand. �Ich habe Ger�usche geh�rt�, sagte er zu Jackon. �Ich glaube, Aziel ist in den Keller eingedrungen.�</p><p>�Wer ist das?�, wollte Liam wissen.</p><p>�Lucien�, antwortete der Rothaarige ungeduldig. �K�nnen wir jetzt endlich gehen?�</p><p>Der Fremde wollte sich gerade abwenden, als er Vivana bemerkte. Er erstarrte und blickte sie entgeistert an.</p><p>�Kennen wir uns?�, fragte sie.</p><p>�Wie hei�t du?�, brachte der Mann mit schwacher Stimme hervor.</p><p>�Vivana. Du bist ein Alb, nicht wahr?�</p><p>��h, woher -�</p><p>Das Klirren von Glas schnitt dem Fremden das Wort ab. Liam st�rzte zum Fenster, und was er drau�en erblickte, lie� ihm schier das Blut in den Adern gefrieren. Monstr�se Gesch�pfe hetzten durch den Garten auf das Geb�ude zu, Dutzende davon. Die beiden Spiegelm�nner vor dem Gesindetrakt stellten sich ihnen mit schlagbereiten Rabenschn�beln entgegen und wurden regelrecht �berrannt.</p><p>Liam wirbelte herum und schrie: �Lauft!�</p><p>Sie hasteten aus dem Zimmer. Die T�r am Ende des Korridors wurde aufgerissen, und Hume taumelte heraus, das Gesicht blut�berstr�mt. Der G�rtner st�rzte zu Boden, als ihn ein Gesch�pf ansprang, ein Wesen wie aus einem Albtraum. Ledrige Haut spannte sich �ber Gebeine und Rippenb�gen. Unter dem verwesenden Fleisch schimmerten Knochen auf. In dem Sch�del, von dem d�nne Haare abstanden, gl�hten zwei tierhafte Augen. Es schlug seine Fangz�hne in Humes Nacken und riss einen Fetzen Fleisch heraus.</p><p>Liam war nicht in der Lage, sich zu bewegen. Wie angewurzelt stand er da und starrte das Gesch�pf an. �Liam, komm!�, schrie Vivana und zog ihn am Arm. Bevor er losrannte, sah er noch, wie die Fensterscheibe in seinem Zimmer zersplitterte und ein Ghul auf dem Bett landete, das Maul zu einem Fauchen ge�ffnet. Weitere Untote sprangen auf den Fenstersims und dr�ngten in die Kammer.</p><p>Liam folgte Vivana und den anderen durch den Gemeinschaftsraum und weiter zur K�che. Er wagte nicht zur�ckzublicken, zu entsetzlich waren die Laute, die aus den Gesindeunterk�nften drangen: Fauchen, kr�chzende, unmenschliche Stimmen, Schreie voller Grauen und Schmerz. Offenbar hatten die Ghule die Bediensteten in ihren Betten �berrascht und fielen �ber sie her. Liam w�nschte, er k�nnte ihnen helfen, und wusste doch, dass er gegen den Ansturm der untoten Kreaturen machtlos war. Er hatte keine andere Wahl, als zu laufen, so schnell er konnte.</p><p><emphasis>Warum?,</emphasis> fragte er sich voller Entsetzen. <emphasis>Warum greifen die Ghule den Palast an? Das ergibt doch keinen Sinn!</emphasis></p><p>Jackon riss eine T�r auf, und sie rannten in die Eingangshalle. Auch dort tobte das Chaos. Die Spiegelm�nner hatten das Portal verrammelt und k�mpften gegen Untote, die durch die zerst�rten Fenster zu klettern versuchten. Einem Ghul gelang es, in die Halle einzudringen, indem er �ber die Verteidiger hinwegsprang. Ein Spiegelmann streckte ihn augenblicklich nieder, doch schon im n�chsten Moment musste sich der Maskierte zweier neuer Angreifer erwehren. Als ein Blitz die Nacht erhellte, erhaschte Liam einen Blick auf die Gestalten vor dem Geb�ude. Es waren zu viele. Lange w�rden die Spiegelm�nner dieser �bermacht nicht standhalten.</p><p>Sie liefen zum r�ckw�rtigen Teil der Halle, wo sie sich hinter einem St�tzpfeiler verbargen.</p><p>�Was machen wir jetzt?�, stie� Liam hervor.</p><p>�Wir m�ssen ihn von hier fortbringen�, sagte Lucien und meinte offensichtlich Jackon. �Wenn er im Palast bleibt, wird Aziel ihn fr�her oder sp�ter finden.�</p><p>Liam starrte seinen Freund an. �Hei�t das, all das geschieht deinetwegen? Die Ghule jagen <emphasis>dich</emphasis>?�</p><p>�Ja�, antwortete der Rothaarige verzweifelt.</p><p>�Weswegen? Und wer ist Aziel?�</p><p>�Nicht jetzt�, sagte Lucien barsch, als Jackon zu einer Erkl�rung ansetzte. �Wir brauchen Licht. Lampen. Irgendetwas, mit dem wir die Ghule blenden k�nnen. Vielleicht gelingt es uns, sie abzulenken und aus dem Palast zu fliehen.�</p><p>�Im Lagerraum neben der K�che werden Laternen aufbewahrt�, erwiderte Liam.</p><p>Vivana, die sich an ihn presste, beobachtete die T�r zum Gesindefl�gel. �Dort ist inzwischen alles voller Ghule. Ich habe geh�rt, wie sie uns gefolgt sind.�</p><p>�Dann m�ssen wir hinunter in den Keller. Unter der Treppe stehen ein paar Karbidlampen.�</p><p>�Nein, nicht in den Keller�, sagte Lucien. �Aziel und seine Leute sind dort. Vermutlich sind sie durch die Katakomben eingedrungen.�</p><p>�Wieso zeigt er sich nicht?�, fragte Jackon voller Angst.</p><p>�Ich nehme an, er wartet, bis die Ghule alles verw�stet haben, damit er leichtes Spiel mit uns hat.�</p><p>Gerade als Liam abermals fragen wollte, wer Aziel sei, tauchten die Ghule aus dem Gesindetrakt auf. Kreischend str�mten sie aus dem Korridor und st�rzten sich auf die Spiegelm�nner. Sekunden sp�ter waren die Maskierten umzingelt, und f�r jeden Untoten, den sie erschlugen, r�ckten zwei weitere nach. Krallen zerfetzten Kutten, schlitzen B�uche auf und rissen Spiegelmasken herunter, unter denen augenlose Homunculi-Gesichter zum Vorschein kamen. Liam sah Spiegelm�nner, die trotz schrecklicher Wunden weiterk�mpften, als h�tten sie nur eine Schramme erlitten. Sie schienen um ein Vielfaches kr�ftiger und widerstandsf�higer als gew�hnliche Menschen zu sein. Trotzdem war es nur eine Frage von Minuten, bis die untote Horde sie �berw�ltigt haben w�rde.</p><p>�Weg hier!�, schrie Lucien.</p><p>Panisch schaute Liam sich um. Wohin er auch blickte, wimmelte es von Ghulen. �Wohin?�</p><p>�Egal. Nach oben. Zum Dach.�</p><p>Sie hasteten zur Galerietreppe. Liam, der als Letzter der vier hinter dem Pfosten hervorkam, h�rte pl�tzlich ein Fauchen. Verwesungsgestank schlug ihm entgegen. Er taumelte zur�ck, sodass die Klaue des Ghuls haarscharf sein Gesicht verfehlte. Keuchend vor Entsetzen fiel Liam auf den R�cken, der Untote landete mit einem Sprung auf ihm und packte ihn am Kragen. Geifer tropfte von seinen Fangz�hnen.</p><p>Ein Schuss donnerte. Der Kopf der Kreatur platzte, und sie fiel nach hinten um.</p><p>Liam rollte sich herum. Licht flammte auf, und er kniff geblendet die Augen zusammen. Eine schemenhafte Gestalt stand inmitten der glei�enden Helligkeit.</p><empty-line/><empty-line/><p>Jackon wirbelte herum, als er den Schuss h�rte. Zu seinem Entsetzen sah er Liam auf dem Boden liegen. War sein Freund verletzt? Tot? Er st�rzte zu ihm, doch das M�dchen kam ihm zuvor und half Liam aufzustehen.</p><p>�Alles in Ordnung?�, fragte sie.</p><p>�Ja�, antwortete Liam, immer noch bleich vor Angst, �nichts passiert.�</p><p>Die Gestalt mit der Laterne kam auf sie zugelaufen. Jackon sah, dass es sich um Umbra handelte. Sie hielt eine Pistole.</p><p>�Dem Himmel sei Dank�, sagte sie. �Ich dachte schon, diese Biester h�tten dich erwischt.�</p><p>�Aziel steckt dahinter�, stie� Jackon hervor. �Er hat mich gefunden.�</p><p>�Ich wei�. Komm in den Kuppelsaal. Dort seid ihr sicher.�</p><p>Lucien trat in den Lichtkreis. �Nicht in den Kuppelsaal�, sagte er. �Dort sitzt er in der Falle. Er muss den Palast so schnell wie m�glich verlassen.�</p><p>Umbra blickte den Wei�haarigen wenig freundlich an. �Was hast <emphasis>du</emphasis> hier zu suchen?�</p><p>�Ich habe den Jungen gewarnt�, antwortete Lucien k�hl. �Ohne mich w�re er bereits tot.�</p><p>�L�g mich nicht an. Du steckst doch mit Aziel unter einer Decke.�</p><p>�Er sagt die Wahrheit�, mischte Jackon sich ein. �Jetzt lass uns gehen, Umbra, bitte!�</p><p>Lucien blickte ihn beschw�rend an. �Du machst einen Fehler. Die T�r des Kuppelsaals widersteht vielleicht den Ghulen, aber nicht Aziel und seinen Leuten. Seth ist bei ihm, und Whisper und Fay, alles Gesch�pfe von gro�er Macht...� Er fuhr herum, als ein Ghul auf sie zugerannt kam. Umbra legte mit der Pistole an und schoss ihn nieder.</p><p>�Der Junge kommt mit mir�, sagte sie barsch. �Wenn es dir nicht passt, kannst du ja hierbleiben.�</p><p>Sie packte Jackon am Arm, sodass ihm nichts anderes �brig blieb, als ihr zu folgen.</p><p>Sie rannten den Korridor entlang, erst Umbra und Jackon, dann Lucien, Liam und das M�dchen. Jemand war so klug gewesen, im Kuppelsaal s�mtliche Lampen aufzudrehen, sodass ein vielfarbiges Gl�hen den runden Raum erf�llte. Regen prasselte auf die Glaskuppel. Anderthalb Dutzend Spiegelm�nner hatten sich hinter dem Portal versammelt, ihre Rabenschn�bel in den H�nden. Au�erdem waren Corvas und Amander anwesend.</p><p>Umbra wartete, bis Liam und das M�dchen durch die T�r geschl�pft waren, bevor sie das Portal schloss und verriegelte.</p><p>�Du bleibst hier�, sagte sie. �Amander und Corvas werden daf�r sorgen, dass dir nichts geschieht.�</p><p>�Wohin gehst du?�, fragte Jackon, als Umbra sich abwandte.</p><p>�Zur Herrin. Ich muss sie sch�tzen, falls die Ghule durchbrechen.�</p><p>Umbra stieg die Treppe hinauf und verschwand in der T�r auf der Galerie. W�hrend sich die Spiegelm�nner in einem Halbkreis vor der T�r aufstellten, zogen sich Jackon und seine Gef�hrten in den hinteren Teil des Saales zur�ck.</p><p>Jackon zitterte am ganzen Leib. Zwar bewirkte die Anwesenheit von Corvas, Amander und so vielen Spiegelm�nnern, dass er sich einigerma�en sicher f�hlte, aber das Grauen der vergangenen Minuten sa� ihm so tief in den Gliedern, dass es ihn nicht so bald loslassen w�rde.</p><p>Lucien hatte die Augen zusammengekniffen. Offenbar machte ihm das helle Licht zu schaffen. �Warum hast du auf Umbra geh�rt?�, fragte er aufgebracht. �Sieh dich um. Nirgendwo ein Fluchtweg. Hier drin sitzen wir fest.�</p><p>Voller Unbehagen beobachtete Jackon das Portal. �Was hast du damit gemeint, dass Aziel Gesch�pfe von gro�er Macht bei sich hat? Was sind das f�r Wesen?�</p><p>�Seth ist ein Incubus, ein Halbd�mon, der �ber das Feuer gebietet. Fay und Whisper sind V�len. Sie dienen Aziel, genau wie die Ghule.�</p><p>�V�len?�</p><p>�Geister. Untote, die sich von menschlicher Lebenskraft ern�hren.�</p><p>Jackon schauderte. �Glaubst du, Corvas und Amander werden mit ihnen fertig?�</p><p>�Ich sch�tze, das werden wir gleich sehen�, erwiderte Lucien d�ster.</p><p>Pl�tzlich f�hlte sich Jackon so schwach, dass seine Beine nachzugeben drohten. Was hatte er nur angerichtet? Wie konnte es sein, dass ein kleiner Fehler ausreichte, sein Leben in einen Albtraum zu verwandeln, aus dem es kein Entkommen zu geben schien? Er w�nschte, er h�tte die Kan�le nie verlassen und w�re immer noch ein Schlammtaucher, der nichts von Tr�umen, Seelenh�usern und Gesch�pfen wie Aziel wusste.</p><p>Liam kam zu ihm. �Erkl�rst du mir jetzt endlich, was hier vor sich geht?�, fragte er scharf. �Wer ist Aziel? Und was will er von dir?�</p><p>�Mich t�ten�, murmelte Jackon.</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil ich die Tr�ume st�re.�</p><p>�Weil du <emphasis>was</emphasis>?�</p><p>Jackon blickte ihn schuldbewusst an. �Es gibt da ein paar Dinge, die du nicht �ber mich wei�t.�</p><p>�Ja, diesen Eindruck habe ich allm�hlich auch.�</p><p>�Ich kann dir das nicht erkl�ren. Ich musste der Lady mein Wort geben.�</p><p>�Der Lady? Was hat die Lady damit zu tun?�</p><p>�Ich bin nicht hier, um im Garten zu arbeiten. Das ist nur ein Vorwand. In Wirklichkeit bin ich ein Traumwanderer.�</p><p>Verst�ndnislos starrte Liam ihn an. Bevor er nachfragen konnte, was Jackon damit meinte, erregten Ger�usche vom Portal ihre Aufmerksamkeit. Die Spiegelm�nner wichen einige Schritte zur�ck, als Flammen unter den T�rfl�geln hervorschossen und am Holz leckten. Rauch wallte auf.</p><p>�Das ist Seth!�, stie� Lucien hervor. �Versteckt euch!�</p><p>Die Flammen h�llten das Portal ein und verzehrten es binnen weniger Augenblicke. Eine Gestalt erschien in der lodernden Wand wie ein dunkler Engel, ehe das Feuer sich um sie sammelte und auf die Spiegelm�nner zuschoss. Zwei der Maskierten wurden davon erfasst und w�lzten sich brennend auf dem Boden. Dann sanken die Flammen herab, und die Ghulhorde quoll in den Saal, eine Masse aus verwesendem Fleisch und gelben Knochen. Die Untoten kreischten und schirmten ihre Augen vor dem Licht ab, doch ihre Furcht vor der Helligkeit w�hrte nicht lange. Schon im n�chsten Moment gewann ihre Gier nach lebendem Fleisch die Oberhand, und sie st�rzten sich auf die Spiegelm�nner.</p><p>Jackon machte sich hinter der Vitrine klein, zitterte noch heftiger als zuvor und w�nschte, er m�sste die grauenerregenden Schreie nicht h�ren.</p><empty-line/><empty-line/><p>Lucien verbarg sich hinter einem Wandschirm und beobachtete den Kampf - zumindest versuchte er es. Seine Augen waren f�r die Dunkelheit geschaffen; das Licht der zahlreichen Lampen lie� sie schmerzen, sodass er M�he hatte, Einzelheiten zu erkennen.</p><p>�berall im Saal k�mpften Spiegelm�nner gegen die �bermacht der Ghule. Amander, dessen giftige Ber�hrung gegen die Untoten wirkungslos war, hatte sich auf die Galerie zur�ckgezogen und lud eine Pistole. Corvas dagegen stand mitten im Get�mmel, in jeder Hand ein Messer, stie� einem Ghul eine Klinge in die Augenh�hle, trat der Kreatur gegen den Brustkorb und wirbelte blitzschnell herum, um einer anderen den Hals aufzuschlitzen.</p><p>Seth und Aziel traten ungehindert durch die schwelenden �berreste des Portals, gefolgt von den V�len. Lucien kniff die Augen zusammen. Die Verletzung, die er Seth beigebracht hatte, schien fast vollst�ndig verschwunden zu sein. Lucien war nicht �berrascht. Gesch�pfen des Pand�moniums, selbst wenn sie nur zur H�lfte D�monen waren, konnte man mit gew�hnlichen Waffen lediglich Schmerzen zuf�gen - wirklich schaden konnte man ihnen damit nicht.</p><p>Seth wartete an der Pforte, w�hrend Aziel hinter den Pfeilern der Galerie verschwand und die bleichen Zwillinge mit flatternden Gew�ndern Richtung Kuppeldach zu schweben begannen, zweifellos, um nach dem Jungen Ausschau zu halten. Lucien fluchte leise. Das war genau die Situation, die er hatte vermeiden wollen: Sie sa�en im Saal fest, ohne jede Fluchtm�glichkeit. Seine einzige Hoffnung bestand darin, dass Aziel in der Welt diesseits der Mauern des Schlafes kaum Macht besa�. Zwar konnte er auch hier Tr�ume heraufbeschw�ren, aber anders als in der Stadt der Seelen waren diese zu schwach, um in einem Kampf von Nutzen zu sein. Aziel musste sich auf seine Helfer und seine K�rperkraft verlassen. Damit war er immer noch ein schrecklicher Gegner, aber wenigstens einer, gegen den Lucien etwas ausrichten konnte.</p><p>Geduckt hastete er zu seinen drei Sch�tzlingen, die sich hinter einer Vitrine versteckten. Als das M�dchen ihn anblickte, versp�rte er abermals einen Stich in seinem Innern, und ungeachtet der Gefahr, in der sie schwebten, konnte er nicht anders, als sie kurz anzustarren. Sie sah nicht genauso aus wie Caitlin; ein paar Kleinigkeiten waren anders: Das Haar war etwas heller, der Mund etwas breiter, das Gesicht ein klein wenig feiner geschnitten. Dennoch war die �hnlichkeit so gro�, dass er Vivana bei ihrer ersten Begegnung einen schmerzhaften, ungewissen Augenblick lang f�r <emphasis>sie</emphasis> gehalten hatte.</p><p>�Was machen wir jetzt?�, fragte das M�dchen.</p><p><emphasis>Sogar die Stimme</emphasis>, dachte er und k�mpfte gegen die Flut der Erinnerungen an, die in ihm aufstieg. Nicht jetzt. Wenn sie heil hier herauskommen wollten, brauchte er einen klaren Kopf. �Wir m�ssen den Saal verlassen, bevor Aziel euren Freund findet. Vielleicht k�nnen wir uns das Chaos zunutze machen und fliehen, ohne dass er etwas bemerkt.�</p><p>�Was ist mit dem Kerl an der T�r?�, fragte der Junge, der Liam hie�.</p><p>�Ich versuche, Seth abzulenken�, antwortete Lucien. �H�rt zu: Wir laufen unter der Galerie zur anderen Seite des Saales. Haltet euch im Schutz von Stellw�nden und M�beln, damit Fay und Whisper euch nicht sehen. Wenn ich euch ein Zeichen gebe, lauft ihr zur T�r.�</p><p>Der rothaarige Junge wandte ihm sein schreckensbleiches Gesicht zu. Lucien hatte inzwischen herausgefunden, dass er Jackon hie�. �Warum bleiben wir nicht hier? Vielleicht schaffen es Corvas und Amander ja, Aziel zu vertreiben.�</p><p>�Das ist zu riskant. Solange du in seiner N�he bist, kann er deine Pr�senz sp�ren. Du musst dich anderswo verstecken, am besten weit weg von hier. Vielleicht verliert er dann deine Spur. Einverstanden?�</p><p>Jackon nickte; dann sah er ihn fragend an. �Warum hilfst du mir? Du kennst mich doch �berhaupt nicht.�</p><p>�Lange Geschichte�, erwiderte Lucien und lief los.</p><empty-line/><empty-line/><p>Bevor Vivana Liam und den anderen folgte, warf sie einen letzten Blick zu den beiden bleichen Frauen, die �ber den K�pfen der K�mpfenden schwebten, umwogt von ihren leichentuchartigen Gew�ndern und ihrem violetten Haar. <emphasis>V�len - allm�chtiger Tessarion!</emphasis>, dachte sie mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination. Seit sie ein Kind war, hatten ihr die Manusch von diesen und anderen Bewohnern der Schattenwelt erz�hlt, von Alben wie Lucien und Aziel und Incubi wie Seth, und sie hatte nie daran gezweifelt, dass all diese Gesch�pfe wirklich existierten. Doch sie mit eigenen Augen zu sehen, mit ihnen zu reden, vor ihrer �bernat�rlichen Macht zu zittern war eine Erfahrung, auf die keine Geschichte sie je vorbereitet hatte. Und sie hatte immer gedacht, sie w�sste �ber derartige Dinge Bescheid. Gar nichts wusste sie. Sie konnte froh sein, wenn sie mit heiler Haut davonkam, um Livia von ihrer Begegnung mit der Schattenwelt zu berichten.</p><p>Die Ledertasche an ihren Bauch gepresst, huschte Vivana unter der Galerie entlang und verbarg sich hinter S�ulen und Wandschirmen, w�hrend wenige Schritte entfernt der Kampf tobte.</p><p>Vor ihr wurde eine Stellwand umgerissen, als ein Spiegelmann dagegenprallte und zu Boden st�rzte. Vivana blieb so ruckartig stehen, dass sie beinahe das Gleichgewicht verlor. Ein Ghul sprang den Liegenden an, riss dessen Maske herunter und schlug seine Z�hne in den Hals des Homunculus.</p><p>Voller Grauen starrte Vivana den Untoten und sein Opfer an, bevor ihr ein Sekundenbruchteil sp�ter klar wurde, in welcher Gefahr sie sich befand. Sie rannte los, doch der Ghul hatte sie bereits bemerkt. Er sprang von dem toten Homunculus herunter und fauchte.</p><p>Vivana schwang ihre Tasche und erwischte den Ghul am Kopf. Das Buch darin war so schwer, dass das Gesch�pf zu Boden geschleudert wurde, allerdings rappelte es sich sofort wieder auf, ein b�ses Gl�hen in den Augen.</p><p>�Du hast es nicht anders gewollt�, sagte sie und holte abermals mit ihrer Tasche aus. Der Ghul sprang vor, bekam den Lederriemen zu fassen und riss ihr die Tasche aus den H�nden. Sie rutschte �ber den Boden und verschwand zwischen den F��en der K�mpfenden.</p><p>�Nein!�, schrie Vivana. Gleichzeitig schlug der Ghul nach ihrem Gesicht, sie zog den Kopf ein und entging den messerscharfen Krallen um Haaresbreite. Der Untote holte zu einem zweiten Klauenhieb aus, doch bevor er ihn ausf�hren konnte, tauchte hinter ihm ein Spiegelmann auf und zerschmetterte ihm mit seinem Rabenschnabel den Sch�del.</p><p>Vivana wusste, dass sie nur durch pures Gl�ck dem Tod entronnen war, aber sie wartete nicht, bis sie sich von dem Schreck erholt hatte. Kaum war der Ghul zusammengebrochen, reckte sie den Kopf und hielt nach der Tasche Ausschau. Sie musste sie finden. Wenn sie das Buch verlor, hatten Liam und sie all die Gefahren umsonst auf sich genommen, w�rde Liam nie erfahren, wonach sein Vater gesucht hatte.</p><p>Jemand packte sie am Arm. �Was machst du hier?�, stie� Lucien hervor. �Weiter, bevor dich die V�len entdecken!�</p><p>�Nicht! Die Tasche -�, keuchte sie, doch der Alb zog sie bereits fort.</p><p>Sie hasteten zu einem umgefallenen Tisch in der N�he der T�r, hinter dem Liam und Jackon kauerten.</p><p>�Wo ist die Tasche?�, fragte Liam, als Vivana und Lucien neben ihnen in Deckung gingen.</p><p>�Ein Ghul hat sie mir weggerissen.�</p><p>Er fluchte.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte sie verzweifelt. �Ich konnte nichts machen. Es ging zu schnell.�</p><p>�Wo hast du sie verloren?�</p><p>�Irgendwo dahinten, wo die Stellwand umgefallen ist.�</p><p>Liam sp�hte am Tisch vorbei zu der Stelle. �Wartet hier auf mich.�</p><p>Als er loslaufen wollte, hielt Lucien ihn fest. �Du bleibst hier�, sagte er scharf. �Wir m�ssen so schnell wie m�glich fliehen.�</p><p>�Ohne die Tasche gehe ich nirgendwo hin�, erwiderte Liam, riss sich los und hastete davon.</p><empty-line/><empty-line/><p>Jackon beobachtete, wie sein Freund in den Schatten unter der Galerie verschwand.</p><p>�Was ist denn so wichtig an dieser Tasche?�, fragte er das M�dchen, doch sie starrte Liam hinterher und h�rte ihn nicht.</p><p>�Ich muss ihm helfen�, sagte sie und setzte ihm nach.</p><p>�Vivana, nicht!�, rief Lucien und schlug vor Wut mit der Faust auf den Boden. �Verdammt!�</p><p>Jackon blickte ihn ratlos an. �Und jetzt?�</p><p>�Wir warten�, fauchte der Wei�haarige. �Was bleibt uns schon anderes �brig?�</p><p>Jackon zog den Kopf ein und beobachtete mit klopfendem Herzen den Kampf. Das Gefecht hatte sich inzwischen in die Mitte des Saales verlagert, und es war immer noch nicht abzusehen, wer den Sieg erringen w�rde. Zwar hatten die Spiegelm�nner die H�lfte der Ghule erschlagen, doch sie hatten einen hohen Preis daf�r gezahlt: Viele Maskierte waren gefallen. Im Tod verwandelten sich ihre K�rper in den Staub, aus dem sie erschaffen worden waren.</p><p>Sch�sse peitschten durch die Halle, als Amander von der Galerie aus auf die V�len feuerte. Eine der bleichen Frauen traf er an der Schulter, woraufhin sich das Gesch�pf mit vor Hass verzerrtem Gesicht auf ihn st�rzte. Die V�la landete auf der Br�stung und schlug mit ihren Krallen nach Amander, der seine Pistole weggeworfen hatte und dem Angriff beh�nde auswich. Mit seiner Hand streifte er die Geisterfrau am Arm, doch seine Ber�hrung, die Menschen den Tod brachte, schien auf sie keine Wirkung zu haben. �Corvas!�, br�llte er, nachdem ein Klauenhieb sein Hemd zerfetzt hatte und er verzweifelt zur�ckwich.</p><p>Jackon entdeckte Corvas auf der Treppe der Galerie. Der Anf�hrer der Spiegelm�nner hastete die Stufen hinauf, warf ein Messer und verletzte die V�la am Arm. Es war keine tiefe Wunde, kaum mehr als eine Schramme, doch sie bewirkte, dass das Gesch�pf von Amander ablie� und gemeinsam mit ihrer Schwester auf Corvas zuschwebte. Corvas blieb stehen, blickte die V�len stechend an und breitete die Arme aus. Genau wie beim Kampf gegen die Attent�ter gab sein Mantel einen Kr�henschwarm frei, der auf die Geisterfrauen zuschoss. Die V�len verschwanden in einer Wolke aus V�geln, die mit ihren Schn�beln auf sie einhackten. Ihre qualvollen Schreie wurden vom Kreischen der Kr�hen �berlagert.</p><p>Jackon schluckte trocken. Es war nun schon das zweite Mal, dass er Zeuge von Corvas� bizarren Kr�ften wurde, doch das Entsetzen, das er beim Anblick des Kr�henschwarms versp�rte, war deswegen keineswegs geringer.</p><p>�Jackon�, sagte Lucien und machte ihn auf Seth aufmerksam. Der Incubus z�ckte einen Dolch, dessen Klinge in Flammen geh�llt war, und erwartete den Angriff eines Spiegelmanns, der gerade einen Ghul niedergestreckt hatte und auf ihn zukam. �Wenn sie anfangen zu k�mpfen, l�ufst du so schnell du kannst zur T�r.�</p><p>�Was ist mit Liam?�</p><p>�Ich k�mmere mich um ihn und Vivana.�</p><p>�Aber ich will nicht ohne sie gehen.�</p><p>Lucien ergriff seinen Arm und umschloss ihn so fest, dass es schmerzte. �H�r mir zu, Jackon�, sagte er, und in seinen Augen gl�hte ein kaltes Feuer. �Du l�ufst jetzt auf der Stelle zur T�r. Das ist vielleicht deine letzte Chance, also benimm dich nicht wie ein Narr.�</p><p>�Einverstanden�, stammelte Jackon eingesch�chtert.</p><p>Als Lucien ihn loslie�, richtete er sich auf und sah sich um. Seth k�mpfte mit dem Spiegelmann, in der N�he hielten sich keine Ghule auf. Die V�len waren vernichtet; was die V�gel von ihnen �brig gelassen hatten, lag als blutiger Haufen auf dem Boden. Corvas� Kr�henschwarm kreiste wie ein schwarzer Strudel unter der Kuppel.</p><p>Der Weg zur T�r war frei.</p><p>Jackon sprang �ber den Tisch und rannte in Richtung des Portals.</p><p>Da entdeckte Aziel ihn.</p><p>Der Herr der Tr�ume rang mit einem Spiegelmann, packte den Maskierten und warf ihn gegen einen Pfeiler. Sein Blick fand Jackon, der vor Schreck stehen blieb und Hilfe suchend zu Lucien schaute.</p><p>�Lauf!�, schrie der Wei�haarige.</p><p>Doch Jackon war nicht in der Lage, sich zu bewegen. Alles, was er tun konnte, war dazustehen, w�hrend Aziel auf ihn zukam. Er empfand kein Entsetzen, nicht einmal einen Hauch von Angst, sondern lediglich ein erdr�ckendes Gef�hl der Sinnlosigkeit. Warum sollte er fliehen? Er konnte nicht entkommen. Aziel war der Herrscher der Tr�ume, ein Wesen von unvorstellbarer Macht. Er w�rde ihn finden, wohin er auch ging.</p><p>Lucien kam zu ihm gelaufen, hob den Rabenschnabel eines toten Spiegelmanns auf und stellte sich sch�tzend vor ihn.</p><p>��berlass mir den Jungen, und ich lasse dich gehen�, sagte Aziel.</p><p>�Nein.�</p><p>Aziels Augen verengten sich zu Schlitzen - und er griff an. Flink wich Lucien aus, wirbelte herum, sodass er hinter seinen Gegner gelangte, und schlug zu. Aziel br�llte, als sich der Eisendorn des Rabenschnabels in seine Schulter grub. Er versetzte Lucien einen Schlag, der den Wei�haarigen gegen die Wand schleuderte, wo er benommen liegen blieb.</p><p>Jackon beobachtete das Geschehen mit aufgerissenen Augen. Mit einem Mal l�ste sich die L�hmung, die von ihm Besitz ergriffen hatten, und Furcht stieg in ihm auf, heftiger als je zuvor. Aziel versperrte ihm den Weg zur T�r, weshalb er zur�ck zur Galerie rannte. Als er aus den Augenwinkeln sah, dass Aziel dicht hinter ihm war und nach ihm greifen wollte, schlug er einen Haken, rutschte aus und prallte gegen den Tisch.</p><p>Dunkles Blut tr�nkte Aziels Gewand, und sein Gesicht war vor Schmerzen verzerrt. Jackon kroch r�ckw�rts, doch er war nicht schnell genug. Der Herr der Tr�ume streckte die H�nde nach ihm aus, und genau wie in seinem Traum sp�rte Jackon die uralte Macht, die ihn wie eine Aura umgab.</p><p>Mit einem w�tenden Schnauben zuckte Aziel zur�ck.</p><p><emphasis>Das Amulett!</emphasis>, durchfuhr es Jackon. <emphasis>Er kann mich nicht ber�hren!</emphasis> Er nestelte an seinem Hemdkragen, bis er den Drudenfu� zu fassen bekam. Mit zitternder Hand hielt er den silbernen Stern vor sein Gesicht. Furcht flackerte in Aziels Augen auf.</p><p>�Glaubst du, das rettet dich, Traumwanderer?�, knurrte er. �Seth, t�te ihn.�</p><p>Der Incubus hatte den Spiegelmann niedergestochen und kam mit dem flammenden Dolch in der Hand n�her. Irgendwie gelang es Jackon aufzustehen. Doch bevor er loslaufen konnte, hielt Seth ihn fest.</p><p>Die Augen des Halbd�mons loderten. Er hob den Dolch, und die Klinge bohrte sich in Jackons Leib.</p><empty-line/><empty-line/><p>Liam versteckte sich hinter einer S�ule und beobachtete das Chaos aus Ghulen und Spiegelm�nnern, die miteinander k�mpften. Wo war die verdammte Tasche? Eben noch hatte er sie gesehen, aber im gleichen Moment hatte ein Spiegelmann, der vor einem Gegner zur�ckwich, dagegengetreten, sodass sie tiefer ins Get�mmel gerutscht war.</p><p>Er lief zu einer umgefallenen Vitrine am Rand des Kampfgeschehens und versteckte sich dahinter, in der Hoffnung, von hier aus besser sehen zu k�nnen.</p><p>Der Schrank erzitterte unter einem Schlag, als ein Ghul dagegenprallte. Ein Spiegelmann sprang herbei und hieb auf den Untoten ein, ehe dieser sich aufrappeln konnte. Dadurch klaffte eine L�cke in den K�mpfenden auf, sodass Liam die Tasche entdeckte.</p><p>Sie lag in der Mitte des Saales, wo das Gefecht am heftigsten tobte.</p><p>Er atmete einmal tief ein und aus, bevor er sich ins Get�mmel st�rzte. Das Geschrei der Ghule war ohrenbet�ubend. Liam schlug Haken, wich K�rpern aus, entging nur knapp einem herabsausenden Rabenschnabel und sp�rte eine Kralle an seinem Hemd zerren. Er rammte dem Untoten den Ellbogen ins Gesicht, riss sich los und bekam die Tasche zu fassen. Er presste sie sich an die Brust, w�hrend er geduckt zur anderen Seite des Saales rannte, wo er hinter einem Pfeiler in Deckung ging.</p><p>Geschafft! Als sich sein Atem etwas beruhigte, sp�rte er ein Brennen an seiner Seite. Wo der Ghul ihn erwischt hatte, war sein Hemd zerrissen und blutig, aber zu seiner Erleichterung sah es schlimmer aus, als es war. Die Krallen hatten seine Haut zerkratzt, mehr nicht.</p><p>Pl�tzlich begannen sich die Wunden zu schlie�en. Binnen weniger Sekunden verheilten sie, bis nicht einmal mehr die kleinste Narbe zu sehen war. Verbl�fft starrte Liam die unversehrte Haut an. Das <emphasis>javva</emphasis>, nat�rlich. Der eigentliche Zweck des Elixiers war, Verletzungen zu heilen. Allerdings h�tte er nicht gedacht, dass es so schnell gehen w�rde.</p><p>Liam �berlegte, wie er zu Vivana und den anderen zur�ckkehren konnte, ohne sich allzu sehr in Gefahr zu begeben. Am besten lief er durch den vorderen Teil des Saales, wo kaum noch gek�mpft wurde.</p><p>Er sp�hte an der S�ule vorbei und sah, wie Jackon niedergestochen wurde.</p><p>Seth stie� ihm seinen brennenden Dolch in die Brust, genau unter dem Schl�sselbein. Der Rothaarige schrie vor Schmerz auf und brach zusammen.</p><p>Liam war, als w�rde sein Herz einen Schlag aussetzen. Der Incubus hatte Jackon umgebracht, ihn einfach erstochen, und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Dann jedoch sah er, dass sein Freund sich bewegte und davonzukriechen versuchte. Allerdings war er viel zu schwach, um sich gegen Seth zur Wehr setzen zu k�nnen. Der Halbd�mon zog ihn an den Haaren auf die Knie.</p><p>Fieberhaft blickte Liam sich um.</p><p>Er brauchte eine Waffe, irgendetwas, mit dem er Seth aufhalten konnte.</p><p>Die Pistole! Fahrig �ffnete er die Tasche. Vor einigen Jahren hatte ihm sein Vater beigebracht, mit Schusswaffen umzugehen, allerdings war er nicht gerade ein Meistersch�tze. Aber vielleicht gelang es ihm, den Incubus lange genug in Schach zu halten, damit sich Jackon in Sicherheit bringen konnte.</p><p>Als Seth gerade seine Klinge zu Jackons Kehle f�hrte, stand Liam auf und schoss.</p><p>Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Pistole solch einen enormen R�cksto� besa�. Sein Arm wurde nach oben gerissen, als der Schuss durch den Saal donnerte, und er taumelte gegen die S�ule.</p><p>Seth lie� den Dolch fallen und wurde von der Wucht des Treffers zu Boden geworfen. F�r einen fl�chtigen Moment hatte Liam sich gefragt, ob eine Pistolenkugel einem D�mon �berhaupt etwas anhaben konnte, weshalb ihn die Wirkung mehr als �berraschte. Schwerf�llig richtete Seth sich auf. Aus einer Wunde an seinem Oberarm quoll dampfendes Blut.</p><p>Er starrte Liam an, und aus seinen Augen sprach blanker Hass.</p><p>Erst langsam, dann immer schneller, kam er n�her. Flirrende Hitze umgab ihn und lie� seine Augen gl�hen wie fl�ssiges Feuer.</p><p>Liam schluckte. Er hatte noch einen Schuss. Er hob die Pistole, zielte und dr�ckte ab.</p><empty-line/><empty-line/><p>Als Vivana zu der umgefallenen Stellwand kam, konnte sie Liam nirgends entdecken. Sie vermutete, dass er sich ins Kampfget�mmel gest�rzt hatte, um die Tasche zu holen, doch auch inmitten der Ghule und Spiegelm�nner war er nicht zu sehen. Zum hundertsten Mal verfluchte Vivana sich daf�r, dass sie die Tasche verloren hatte. Warum war sie nicht vorsichtiger gewesen? Wenn Liam sich in Gefahr befand, war das allein ihre Schuld.</p><p>Ein Schuss erklang. Sie reckte den Kopf und sah Liam auf der anderen Seite der Halle stehen, in der Hand die Pistole ihres Vaters.</p><p>Die K�mpfenden versperrten ihr die Sicht, und sie konnte nicht erkennen, warum er geschossen hatte und auf wen. Sie rannte ein St�ck zur�ck, um besser sehen zu k�nnen. Jackon lag auf dem Boden und wimmerte vor Schmerz. Corvas und Amander eilten die Treppe hinunter, um ihm zu Hilfe zu kommen.</p><p>Seth lief in Liams Richtung. Er war verletzt; hei�es Blut tr�nkte seinen roten Anzug.</p><p>Grauen erfasste Vivana, als sie begriff, was Liam getan hatte. Seth war ein Incubus, ein Gesch�pf des Pand�moniums. Ein Sterblicher, der ihm Schaden zuf�gte, musste mit schrecklichen Qualen rechnen, mit dem Tod und Schlimmerem. Doch statt zu rennen, wie er noch nie gerannt war, zielte Liam ein zweites Mal auf den Halbd�mon.</p><p>�Nicht!�, schrie Vivana und lief durch den Saal, aber sie kam zu sp�t. Liam schoss und traf Seth an der Schulter, was den Incubus taumeln und vor Schmerz und Zorn aufschreien lie�. Siedend hei�e Luft schlug Vivana entgegen, sodass sie kaum noch atmen konnte. �Liam, lauf�, kr�chzte sie, doch entweder h�rte er sie nicht oder die Hitze schw�chte ihn so sehr, dass er sich nicht vom Fleck bewegen konnte. Er hatte die Pistole fallen lassen und st�tzte sich benommen gegen eine S�ule.</p><p>Seth blieb stehen; sein verletzter Arm hing steif und nutzlos herab. �Du wagst es, mich herauszufordern?�, fauchte er, und sein Zorn sandte eine neue Hitzewoge durch den Saal, so heftig diesmal, dass Vivana zu Boden fiel. Auch Liam war gest�rzt. Mit angstgeweiteten Augen versuchte er, sich aufzurichten, aber er schaffte es nicht.</p><p>Furcht und Hitze l�hmten Vivana, sodass sie hilflos mit ansehen musste, was sich wenige Schritte von ihr entfernt abspielte. Die Luft flimmerte und flirrte, eine wabernde S�ule, die Liam und Seth umgab. Alles, was sich darin befand, Liam, der Incubus, tote Ghule und Spiegelm�nner, wirkte pl�tzlich seltsam verschoben, wie ein Bild in einem zersplitterten Spiegel. Vivana war, als w�rde der Saal zeitweise verschwinden, �berlagert von Ansichten aus einem anderen Geb�ude, von uralten S�ulen, Mauern und Treppen, die unbest�ndig flackerten.</p><p>Wei�es Licht blitzte auf. Schmerz bohrte sich in ihren Sch�del, sie vergrub ihr Gesicht in den Armen. Sie f�rchtete, bei lebendigem Leib zu verbrennen, doch dann verschwand die Hitze schlagartig. Schlie�lich wagte sie, die Augen zu �ffnen.</p><p>Die flirrende S�ule war fort. Seth blickte sich suchend im Saal um. Als er feststellte, dass Amander und Corvas bei Jackon waren, ging er zu einem Mann, der Lucien �hnlich sah und in einer Ecke kauerte: Aziel, vermutete Vivana. Seth half ihm aufzustehen und legte den Arm um den verwundeten Alb, und die beiden Gesch�pfe verschwanden so pl�tzlich, als h�tten sie sich in Luft aufgel�st.</p><p>Im gleichen Moment lie�en die wenigen Ghule, die noch nicht erschlagen worden waren, von ihren Gegnern ab, reckten die K�pfe und zischten und wisperten mit ihren unmenschlichen Stimmen. Als sie feststellten, dass ihr Anf�hrer verschwunden war, hasteten sie in heilloser Flucht durch den Saal, sprangen �ber Vivana hinweg, die hastig den Kopf einzog, und dr�ngten durch das Portal. Die �berlebenden Spiegelm�nner setzten ihnen nach und streckten so manchen Untoten nieder, bevor die Horde fliehen konnte.</p><p>Stille kehrte in der Halle ein. Corvas� Kr�hen hatten sich auf den K�rpern der toten Ghule niedergelassen und labten sich an ihrem verrotteten Fleisch.</p><p>Vivana kroch auf allen vieren �ber den Boden. �Liam�, fl�sterte sie, doch sie konnte ihn nicht finden. Wo er eben noch gelegen hatte, waren die Marmorplatten so hei�, dass sie sich die Hand daran verbrannte.</p><p>M�hsam stand sie auf und blickte sich um. �Liam, bist du da?�</p><p>Keine Antwort. Kalte Furcht erfasste sie. �berall lagen K�rper und bewegten sich nicht. War Liam so schwer verletzt, dass er nicht antworten konnte? War er... tot?</p><p>Sie suchte die Mitte des Saales ab. Von Liam keine Spur.</p><p>Ein schmerzerf�lltes Wimmern erklang. Jackon. Sie lief zu ihm.</p><p>Corvas hatte ihm einen zusammengerollten Teppich unter den Kopf geschoben. Er atmete schwer. Dicht �ber seinem Herzen befand sich eine schreckliche Wunde, als h�tte sich ein St�ck gl�hendes Metall in seine Brust gebohrt und das Fleisch verbrannt.</p><p>�Jackon�, sagte sie. �Kannst du mich h�ren?�</p><p>Er fl�sterte etwas, vielleicht ihren Namen. Es war so leise, dass sie es nicht verstehen konnte.</p><p>�Liam ist fort. Seth hat irgendetwas mit ihm angestellt. Ich kann ihn nirgendwo finden.�</p><p>Abermals formten Jackons Lippen lautlose Silben. Seine Augen tr�bten sich zusehends - von ihm konnte sie keine Hilfe erwarten. Verzweifelt schaute Vivana sich um. Vielleicht konnte Lucien ihr sagen, was geschehen war. Aber der Alb schien ebenfalls verschwunden zu sein.</p><p>�Wo ist Lucien?�, fragte sie Jackon, nur um festzustellen, dass der Rothaarige das Bewusstsein verloren hatte.</p><p>Erst jetzt bemerkte sie, dass Corvas sie anstarrte.</p><p>�Bist du nicht Nestor Quindals Tochter?�, fragte der Schwarzgekleidete mit seiner monotonen Stimme.</p><p>Sie nickte.</p><p>�Was hast du hier zu suchen?�</p><p>Sie zuckte mit den Schultern, woraufhin Corvas sie mit einem stechenden Blick bedachte. �Hast du etwas mit dieser Sache zu tun?�</p><p>�Mit den Ghulen? Nat�rlich nicht!�</p><p>Er schien ihr nicht zu glauben. Doch bevor er ihr weitere Fragen stellen konnte, kam Lady Sarka die Treppe herunter, gefolgt von ihrer Leibw�chterin Umbra. Sie kniete sich neben Jackon. �Wie geht es ihm?�</p><p>�Es hat ihn �bel erwischt�, antwortete Amander. �Aber er wird durchkommen, denke ich.�</p><p>�In meine Gem�cher mit ihm. Und ruft meinen Leibarzt.�</p><p>Corvas hob Jackon hoch und trug ihn die Treppe hinauf, ohne Vivana eines weiteren Blickes zu w�rdigen. Vivana atmete auf. Nicht auszudenken, was geschehen w�re, wenn der Anf�hrer der Geheimpolizei beschlossen h�tte, sie zu verh�ren.</p><p>In diesem Moment wurde Lady Sarka auf sie aufmerksam. �Du?�, fragte die Herrscherin von Bradost verwundert.</p><p>�Lady Sarka�, murmelte Vivana respektvoll. Die Lady und sie waren einander schon oft begegnet, bei verschiedenen offiziellen Empf�ngen, zu denen man ihren Vater eingeladen hatte.</p><p>�Was machst du in meinem Haus?�</p><p>Umbra antwortete an Vivanas Stelle: �Sie war offenbar bei Jackon und Quindals Gro�neffen, als die Ghule angegriffen haben.�</p><p>�Wei� dein Vater davon?�, fragte die Lady.</p><p>�Nat�rlich�, log Vivana.</p><p>Lady Sarkas Stimme bekam einen schneidenden Klang. �Hatte ich euch nicht den Befehl gegeben, niemanden in den Palast zu lassen?�</p><p>�Wir wissen nicht, wie sie hereingekommen ist�, erwiderte Umbra.</p><p>�Sieh zu, dass sie nach Hause kommt. Wir haben Wichtigeres zu tun.� Die Lady stieg die Treppe hinauf.</p><p>�Wartet�, rief Vivana. �Was ist mit Liam?�</p><p>Lady Sarka wandte sich um und blickte sie voller Ungeduld an.</p><p>�Er ist verschwunden. Ich muss wissen, was mit ihm geschehen ist.�</p><p>�K�mmere dich darum�, befahl die Lady Umbra, ehe sie zu ihren Gem�chern ging.</p><p>Dann war Vivana mit der Leibw�chterin allein. Sie stieg �ber zertr�mmerte M�bel und die Kutten zu Staub zerfallener Spiegelm�nner, als sie den verw�steten Saal durchquerte.</p><p>�Er stand hier, als es passiert ist.�</p><p>�Als <emphasis>was</emphasis> passiert ist?�</p><p>Vivana wusste, dass sie jetzt sehr vorsichtig sein musste. Umbra war auf ihre Weise genauso gef�hrlich wie Corvas. Ein falsches Wort, und es war um sie geschehen. Am besten spielte sie das naive M�dchen, das unversehens in etwas hineingeraten war, das es nicht einmal ansatzweise verstand. �Ich wei� es nicht. Der Mann im roten Anzug hat ihn angegriffen und irgendetwas mit ihm gemacht. Anschlie�end war Liam fort.�</p><p>�Welcher Mann im roten Anzug?�, fragte Umbra.</p><p>�Ich glaube, er war ein Incubus. Das hat zumindest dieser Alb gesagt.�</p><p>�Lucien?�</p><p>�Ja.�</p><p>Umbra seufzte und kam zu ihr. �Erz�hl mir genau, was geschehen ist.�</p><p>Vivana berichtete von dem Kampf und wie Seth die seltsame S�ule aus purer Hitze erschaffen hatte. Dass Liam ihn zuvor angeschossen hatte, behielt sie f�r sich. Besser, Umbra wusste nichts von der Pistole.</p><p>Die Leibw�chterin h�rte geduldig zu. Schlie�lich sagte sie: �Ich f�rchte, f�r deinen Cousin gibt es keine Hoffnung mehr. Der Incubus hat ihn verbrannt.�</p><p>�Das glaube ich nicht. Hier liegt nirgendwo seine Leiche.�</p><p>�Ein Incubus kann das Feuer des Pand�moniums heraufbeschw�ren. Es brennt so hei�, dass nichts �brig bleibt.�</p><p>�Nein�, erwiderte Vivana leise. �Liam ist nicht tot. Ich <emphasis>wei�</emphasis> es.�</p><p>Der Blick, mit dem Umbra sie bedachte, war voller Mitleid. �Komm. Du solltest jetzt nach Hause gehen.�</p><p>�Ich will nicht nach Hause�, protestierte Vivana schwach, doch als die Leibw�chterin sie behutsam Richtung T�r f�hrte, war ihr, als verlie�en sie all ihre Kr�fte.</p><p>Wie in Trance ging sie neben Umbra her, bis sie zur Eingangshalle kamen. Beil�ufig registrierte sie, dass dort dasselbe Ausma� an Verw�stung herrschte wie im Kuppelsaal: T�ren und M�bel waren zerst�rt, Teppiche zerrissen. Durch die zersplitterten Fenster regnete es herein, �berall lagen tote Ghule. Die wenigen Spiegelm�nner, die den Kampf unbeschadet �berstanden hatten, waren auf ihre Posten unter und auf der Galerie zur�ckgekehrt und standen dort in gespenstischer Stille, als w�re nie etwas geschehen.</p><p>Umbra trat zum Portal und blickte hinaus in die Nacht. �Ein scheu�liches Wetter. Ich besorge dir besser eine Droschke.�</p><p>�Ich brauche keine Droschke.� Vivana wollte allein sein und zu Fu� gehen. Sie musste nachdenken.</p><p>�Bist du sicher? Du wirst v�llig durchn�sst sein, bevor du zu Hause bist. Und vielleicht treiben sich immer noch Ghule in den Gassen herum.�</p><p>�Mir passiert schon nichts.�</p><p>�Gut. Wie du willst. Falls man dir wegen der Ausgangssperre Schwierigkeiten macht, sagst du �Basilisk�. Das ist das Losungswort. Damit wird man dich gehen lassen.�</p><p>Vivana nickte. Dann trat sie hinaus in den Regen.</p><p>�Eine Frage noch�, sagte Umbra. �Wie bist du an den Wachen vorbeigekommen?�</p><p>�Welche Wachen?�</p><p>�Du hast doch die Herrin geh�rt. Die Spiegelm�nner haben den Befehl, niemanden in den Palast zu lassen. Du h�ttest gar nicht hier sein d�rfen.�</p><p>Vivana strich sich eine nasse Haarstr�hne aus dem Gesicht. �Euer Misstrauen kennt keine Grenzen, was?�</p><p>�Beantworte meine Frage.�</p><p>�Ich bin �ber die Mauer geklettert. Liam hat mir dabei geholfen.�</p><p>�Und wie bist du ins Haus gelangt?�</p><p>�Durch das Fenster von Liams Zimmer.�</p><p>�Ohne dass die Spiegelm�nner etwas bemerkt haben?�</p><p>�Sieht ganz so aus.�</p><p>�Ziemlich viel Aufwand, nur um deinen Cousin zu besuchen�, meinte die Leibw�chterin.</p><p>Vivana schwieg.</p><p>�W�re es nicht einfacher gewesen, ihr h�ttet euch anderswo getroffen? Stell dir vor, man h�tte euch erwischt. Ihr h�ttet in gro�e Schwierigkeiten kommen k�nnen.�</p><p>�Man hat uns aber nicht erwischt.�</p><p>�Und genau das ist es, was mich wundert�, sagte Umbra. �Die Spiegelm�nner standen vor jedem Zugang. Und ihnen entgeht nichts.�</p><p>�Es war dunkel. Und es hat gest�rmt. Da war es nicht besonders schwer, unbemerkt an ihnen vorbeizukommen.�</p><p>�Ja. Ich sch�tze, so ist es gewesen, nicht wahr?�, erwiderte die Leibw�chterin. Vivana sah ihr jedoch an, dass diese Erkl�rung sie nicht restlos �berzeugte.</p><p>�Darf ich jetzt gehen?�</p><p>Umbra nickte. �Sei vorsichtig.�</p><p>Vivana schlurfte mit eingezogenem Kopf durch den Regen und sp�rte, dass die Leibw�chterin ihr nachblickte, bis die Finsternis sie vollst�ndig einh�llte.</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>33</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Entscheidungen</emphasis></strong></p></title><p><strong>E</strong>s war ein heftiger, aber kurzer Sturm gewesen. Als Vivana den Palast verlie�, blitzte und donnerte es nicht mehr. Auch der Wind hatte nachgelassen. Regen fiel monoton auf D�cher und Pflastersteine, legte einen tr�ben Schleier um die Gaslaternen und gurgelte in den vergitterten Abflusssch�chten.</p><p>Sie wanderte durch die Gassen, ohne sich darum zu k�mmern, dass sie nass bis auf die Haut war und die Kleidung klamm an ihrem K�rper klebte. Ziellos streifte sie durch die Altstadt. Sie wollte nicht nach Hause oder zu ihrer Tante gehen. Sie war zu m�de, um endlose Fragen und Vorw�rfe �ber sich ergehen zu lassen.</p><p>Hatte Umbra recht? War Liam tot?</p><p>Wieder und wieder sah sie vor sich, wie das glei�ende Licht alles �berstrahlte, und jedes Mal wurde ihre Verzweiflung gr��er. Wenn sie ihm nur geholfen h�tte... Aber sie hatte nur dagestanden, gel�hmt vor Furcht und unf�hig, <emphasis>irgendetwas</emphasis> zu tun.</p><p>Sie bemerkte nicht, dass sie weinte.</p><p>Am Stra�enrand, unter dem Vordach einer dunklen Taverne, sa� eine Gestalt. Sie stand auf und trat ins Laternenlicht, als Vivana n�herkam.</p><p>�Wieso bist du einfach verschwunden?�, fragte sie.</p><p>�Corvas und Umbra sind nicht sonderlich gut auf mich zu sprechen�, antwortete Lucien. �Deshalb bin ich untergetaucht, als der Kampf vor�ber war.�</p><p>Er sah schrecklich aus. Sein Wams war zerrissen, seine dunkle Haut von Kratzern und Schrammen �bers�t. Sein wei�es Haar klebte klatschnass an seinem Sch�del.</p><p>�Jackon ist schwer verletzt.�</p><p>�Ich wei�. Aber mit ein wenig Gl�ck kommt er durch. Was ist mit Aziel passiert?�</p><p>�Seth hat ihn weggebracht.�</p><p>Lucien nickte, als h�tte er sich dergleichen schon gedacht.</p><p>�Wo sind sie hingegangen?�, fragte Vivana.</p><p>�Aziel hat sich vermutlich in seinen Palast zur�ckgezogen, um sich von seinen Wunden zu erholen. Falls er sich je davon erholt. Diese Niederlage hat ihn sehr geschw�cht.�</p><p>�Und Seth?�</p><p>�Er ist im Pand�monium, sch�tze ich. Hoffen wir, dass er f�r immer dort bleibt.�</p><p>Vivana stand eine Weile reglos da, w�hrend der Regen auf sie niederprasselte. Schlie�lich sagte sie: �Liam ist fort.�</p><p>�Ich habe es gesehen�, erwiderte Lucien.</p><p>�Was hat Seth mit ihm gemacht?�</p><p>�Liam hat ihn schwer verwundet. Daf�r hat er sich ger�cht.�</p><p>�Umbra hat gesagt, er ist tot.�</p><p>�Es ist noch schlimmer, f�rchte ich.�</p><p>�Schlimmer?�, wiederholte sie leise.</p><p>�Seth hat ein Tor ge�ffnet und ihn hineingeschleudert.�</p><p>�Was hei�t das?�</p><p>�Liam ist im Pand�monium�, sagte der Alb.</p><p>Vivana schwieg lange. Sie dachte an die Geschichten der Manusch, die sich um das Pand�monium rankten, diesen schrecklichen Ort jenseits von Zeit und Raum, wo D�monen hausten und die Seelen jener qu�lten, die so b�se und verdorben waren, dass der Himmel sich weigerte, sie nach ihrem Tod aufzunehmen. Es sei eine Welt voller Feuer, L�gen und Hass, sagten die Manusch. Und nun irrte Liam darin umher, allein. �Aber er lebt.�</p><p>�Ja... noch.�</p><p>�Was geschieht, wenn er stirbt?�</p><p>�Dann wird er zu einer verdammten Seele.�</p><p>�Obwohl er ein guter Mensch ist?�</p><p>�Das Pand�monium kennt keine Gerechtigkeit. Wer durch seine Pforten tritt, ist verloren. Gleichg�ltig, ob er edel oder schlecht war.�</p><p>Vivana senkte den Blick. Lucien hatte recht: So ein Schicksal war noch schlimmer als der Tod.</p><p>Sie hob den Kopf, schaute ihn an. �Was muss ich tun, um ihn zu retten?�</p><p>�Du kannst nichts tun�, sagte der Alb. �Es gibt keine Hoffnung mehr f�r ihn.�</p><p>�Aber es wurden doch schon Menschen aus dem Pand�monium gerettet�, beharrte sie. �Ich habe geh�rt, dass es Wege dorthin gibt. Verborgene Tore.�</p><p>�Das ist richtig.�</p><p>�Wie kann ich sie finden?�</p><p>Lucien seufzte. �Das ist verr�ckt. Es sind schon m�chtige Zauberer und Krieger daran gescheitert, ins Pand�monium einzudringen, sie sind gestorben oder haben noch viel Schrecklicheres erlitten. Und du - du bist nur ein M�dchen.�</p><p>�Ich habe Mut. Ich f�rchte mich nicht vor D�monen und verdammten Seelen.�</p><p>�Das solltest du aber.�</p><p>�Sag mir, wo das Tor ist. Bitte.�</p><p>Lucien musterte sie mit seinen schimmernden Augen. �Dir liegt viel an diesem Jungen, was?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Liebst du ihn?�</p><p>�Ja�, antwortete Vivana, und als sie es aussprach, wusste sie, dass es die Wahrheit war.</p><p>�Bist du dir ganz sicher? Im Pand�monium lauern Gefahren, die so entsetzlich sind, dass du sie dir nicht vorstellen kannst. Der kleinste Zweifel in deinem Herzen kann dir zum Verh�ngnis werden.�</p><p>�Ich bin mir sicher�, sagte sie.</p><p>�Liebe allein gen�gt vielleicht nicht.�</p><p>�Ich muss es trotzdem versuchen.�</p><p>Lucien nickte. �Wenn du wirklich dazu entschlossen bist, sage ich dir, wo das Tor versteckt ist - unter einer Bedingung.�</p><p>�Welche?�</p><p>�Ich werde mit dir kommen.�</p><p>�Du willst mich ins Pand�monium begleiten?�, fragte Vivana z�gernd.</p><p>�Du wirst einen F�hrer brauchen. Jemanden, der D�monen und ihre Heimt�cke kennt.�</p><p>�Eben hast du noch gesagt, was ich vorhabe, w�re verr�ckt.�</p><p>�Das ist es auch, und ich bin ein Narr, weil ich dabei mitmache. Aber ich sch�tze, ich kann nicht anders�, sagte der Alb mit einem seltsamen L�cheln.</p><p>�Warum?�</p><p>�Du erinnerst mich an jemanden. An eine Person, an der <emphasis>mir</emphasis> einst sehr viel lag.�</p><p>Es war Vivana schon bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen, dass sich Lucien ihr gegen�ber merkw�rdig verhielt. Aber sie war zu ersch�pft, zu niedergeschlagen, um dar�ber nachzudenken. �Einverstanden�, sagte sie. �Lass uns gehen.�</p><p>�Nein. Wir d�rfen nichts �berst�rzen.�</p><p>�Aber Liam braucht uns!�</p><p>�Wenn wir Hals �ber Kopf aufbrechen, bringen wir uns nur in Gefahr. Liam ist damit nicht geholfen. Wenn wir eine Chance haben wollen, im Pand�monium zu �berleben, m�ssen wir uns vorbereiten. Verpflegung besorgen. Waffen. Informationen. Davon abgesehen �ffnet sich das Tor jeden Tag nur f�r kurze Zeit.�</p><p>�Wann?�</p><p>�In der Stunde nach Mitternacht. Wir haben also noch fast einen Tag Zeit. Geh nach Hause. Ruh dich aus und pack Sachen f�r eine lange Reise ein. Bei Sonnenuntergang treffen wir uns an der Alten Arena.�</p><p>�Das Tor ist in der Arena?�</p><p>�Tief unter ihren Grundmauern�, erkl�rte Lucien. �In einem vergessenen Gew�lbe.�</p><p>�Und man kann einfach hindurchgehen?�</p><p>�Nein. Nichts von dem, was uns bevorsteht, ist einfach. Aber noch schwieriger wird es, das Pand�monium wieder zu verlassen, selbst wenn wir von unserer Suche unbeschadet zur�ckkehren.�</p><p>Vivana unterdr�ckte ein Schaudern. Sie durfte nicht daran denken, was sie erwartete. Alles was z�hlte, war, dass sie Liam fand. �Heute Abend an der Alten Arena�, sagte sie. �Ich werde dort sein.�</p><p>Lucien nickte zum Abschied, verschwand vor ihren Augen und lie� sie allein im Regen zur�ck.</p><p><emphasis>Ich komme, Liam</emphasis>, dachte sie, w�hrend sie durch die Nacht eilte. <emphasis>Halte durch. Bitte halte durch.</emphasis></p><empty-line/></section><section><title><p><strong>34</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Pand�monium</emphasis></strong></p></title><p><strong>B</strong>linzelnd schlug Liam die Augen auf. Er war schwach, so schwach, dass er kaum den Kopf heben konnte. �belkeit stieg in ihm auf, als er versuchte, sich zu bewegen, und es schien keine Stelle seines K�rpers zu geben, die nicht schmerzte.</p><p>Wenigstens war es nicht mehr so hei�. Seth war fort. Es herrschte Stille. Kein Kr�hengeschrei, keine wispernden Ghulstimmen. Er schien allein zu sein.</p><p>�Jackon? Vivana?�</p><p>Keine Antwort. Liam k�mpfte gegen den Brechreiz an, als er sich aufsetzte. Dies war nicht der Kuppelsaal des Palastes. Er lag auf einem Podest aus verwitterten Steinplatten, umgeben von geborstenen S�ulen, die fremdartige Schriftzeichen aufwiesen. Feuerschein gl�hte aus einem Schacht in der N�he herauf, der Boden war karg und steinig. Mehr konnte er nicht sehen, denn Rauch und ein seltsamer Dunst verh�llten alles.</p><p>Was war das f�r ein Ort? Wie war er hierhergekommen?</p><p>Und der Himmel... Manchmal glaubte er, meilenweit �ber seinem Kopf eine kathedralenartige H�hlendecke zu erkennen, bestehend aus titanischen Steinbl�cken und Rippenb�gen. Dann war wieder nur der allgegenw�rtige Dunst zu sehen, sodass er sich fragte, ob er sich alles nur eingebildet hatte.</p><p>Schwankend stand er auf. �Vivana? Bist du hier irgendwo?�</p><p>Wieder antwortete niemand. Er blickte sich um und entdeckte am Rand des Podests die Tasche. Erleichtert nahm er sie an sich. Wenigstens hatte er das Buch nicht verloren.</p><p>Ein Ger�usch erklang: das Schlagen zweier Schwingen. Ein schwarzer Schemen erschien, wuchs riesenhaft vor ihm in die H�he.</p><p>Er wich einen Schritt zur�ck. Und noch einen. <emphasis>Nein</emphasis>, dachte er voller Grauen. <emphasis>O Gott, nein...</emphasis></p><p>Eine unmenschliche Stimme hallte durch den Dunst, alt und b�se und knarzend wie verrosteter Stahl: �Na, kleiner Sterblicher? Suchst du den Weg nach Hause?�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>ENDE DES ERSTEN BANDES</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Copyright</emphasis></p></title><empty-line/><p>1. Auflage</p><p>Originalausgabe Dezember 2010</p><p>Copyright � 2010 by Christoph Lode</p><p>Copyright � dieser Ausgabe 2010</p><p>by Wilhelm Goldmann Verlag, M�nchen,</p><p>in der Verlagsgruppe Random House GmbH</p><p>Dieses Werk wurde vermittelt durch die</p><p>Literarische Agentur Thomas Schl�ck GmbH,</p><p>30827 Garbsen.</p><empty-line/><empty-line/><p>Redaktion: Kerstin von Dobsch�tz </p><p>Karte: Andreas Hancock / Feo Vogt </p><p>NG � Herstellung: Str. </p><p>Satz: DTP Service Apel, Hannover</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>eISBN 978-3-641-05252-2</strong></p><empty-line/><empty-line/><p><a l:href="http://www.goldmann-verlag.de/">www.goldmann-verlag.de</a></p><empty-line/><p><a l:href="http://www.randomhouse.de/">www.randomhouse.de</a></p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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