<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Christoph</first-name><last-name>Lode</last-name></author><book-title>Die Stadt der Seelen</book-title><annotation><p>Wer Macht �ber die Tr�ume der Menschen besitzt, gebietet auch �ber ihre Gedanken. Lady Sarka, die allgewaltige Herrscherin von Bradost, wei� das und will sich die Gabe des Traumwanderers Jackon daf�r zunutze machen. Doch sie hat viele Feinde: Liam ist einer von ihnen. Er will den Tod seines Vaters r�chen und ihre Macht brechen. Aber er ist im Pand�monium gefangen, dem dunklen Reich der verdammten Seelen und D�monen. Seine Freundin Vivana ist verzweifelt. Sie liebt Liam, doch reicht das aus, um ihn zu retten?</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Pandaemonia" number="2"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-09-23">23 September 2012</date><id>8636F515-80FF-429D-B227-27ABE2C517C5</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><isbn>9783442471744</isbn></publish-info></description><body><title><p><strong>Christoph Lode</strong></p><empty-line/><p><emphasis><strong>Die Stadt der Seelen</strong></emphasis></p><empty-line/><p>Pand�monia</p></title><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p><image l:href="#0"/></p><empty-line/></section><section><title><p><strong><emphasis>Buch</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p>Unversehens findet sich Liam Satander im Zentrum dunkler Machenschaften wieder. Sein Vater wurde von Spiegelm�nnern ermordet, und das Einzige, was er Liam hinterlie�, war eine Bitte: Er soll das geheimnisvolle Gelbe Buch von Yaro D�ar finden. Auf der Suche nach Antworten dringt Liam in den Palast von Lady Sarka ein, der grausamen Herrscherin von Bradost. Er stiehlt das Buch, doch gerade als er mit seiner Gef�hrtin Vivana fliehen will, greift eine Horde von Schattenwesen den Palast an. Sie haben es auf den Traumwanderer Jackon abgesehen, dessen Gabe sich Lady Sarka zunutze machen will. Ein Kampf entbrennt, und Liam wird mitsamt dem Buch ins Pand�monium geschleudert � den Kerker der D�monen und verdammten Seelen. Vivana ist verzweifelt. Sie liebt Liam und w�rde alles daf�r tun, ihn zu retten. Der Alb Lucien, ein uraltes Schattenwesen und einstiger H�ter der Tr�ume, hat Mitleid mit ihr und weist ihr den Weg in die Unterwelt. Zusammen mit ihm und ihrem Vater, Nestor Quindal, steigt Vivana ins Pand�monium hinab, entschlossen, sich den Gefahren dieses t�dlichen Ortes zu stellen. Doch selbst gro�e Krieger und Zauberer sind schon daran gescheitert. Denn nur, wer reinen Herzens ist, kann in der Dunkelheit bestehen. Wird ihre Liebe sie zu Liam f�hren? Und kann sie ihn den M�chten der Unterwelt wieder entrei�en?</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>Autor</strong></p></title><empty-line/><p>Christoph Lode, geboren 1977, ist in Hochspeyer bei Kaiserslautern aufgewachsen und lebt heute mit seiner Frau in Mannheim. Er studierte in Ludwigshafen am Rhein und arbeitete in einer psychiatrischen Klinik bei Heidelberg. Heute widmet er sich ganz dem Schreiben. Bisher ist er als Autor erfolgreicher historischer Romane bei Page &amp; Turner in Erscheinung getreten. Nun hat er seine �phantastische� Seite entdeckt und legt mit Pand�monia seine erste Fantasy-Trilogie bei Goldmann vor.</p><empty-line/><p>Au�erdem von Christoph Lode lieferbar: </p><p>Der letzte Traumwanderer. Pand�monia I </p><p>Der Gesandte des Papstes. Roman </p><p>Das Verm�chtnis der Seherin. Roman</p><empty-line/></section><section><title><p>Bradost</p></title><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><title><p><strong>TEIL I</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Pand�monium</emphasis></strong></p></title><section><title><p><strong>1</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die Alte Arena</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>utzende waren gekommen, um den Ghul zu sehen. Dr�ngelnd bev�lkerten sie den kleinen Platz und glotzten zu dem K�fig empor, der auf der Wagenpritsche stand. Ein paar Halbw�chsige bewiesen sich gegenseitig ihren Mut, indem sie St�cke durch die Gitterst�be stie�en und den Ghul so lange reizten, bis er feindselig fauchte und mit seinen Krallen nach den Angreifern schlug. Wenn er vor Zorn zu toben begann und drohte, den K�fig umzuwerfen, hob der Besitzer des Wagens seine Karbidlaterne hoch, woraufhin der Untote schmerzerf�llt zischte und geblendet in eine K�figecke zur�ckwich.</p><p>Der Mann mit der Lampe war ein rotgesichtiger Kerl, ein Bierkutscher, der eine Melone und ein Leinenhemd mit hochgekrempelten �rmeln trug. Breitbeinig stand er auf dem Wagenbock und prahlte mit seiner Heldentat: �... bin gerade auf dem Weg zum Stall, um die Pferde zu f�ttern, wie ich�s jeden Morgen tu. Es ist stockdunkel und sch�ttet wie verr�ckt, deswegen seh ich unseren Freund hier erst, als er pl�tzlich vor mir steht, als w�r er aus dem Nichts aufgetaucht. Jeder andere h�tte sich vor Angst in die Hosen gemacht und w�r gerannt wie der Teufel, aber nicht der alte Calver, oh nein. Hab n�mlich Mumm in den Knochen, und das nicht zu knapp. Ich frag mich also: Was, wenn das Viech zum erstbesten Haus geht und vor lauter Hunger �ber die Leutchen in ihren Betten herf�llt? Nicht mit Calver, denk ich mir, und brat dem h�sslichen Kerl eins mit dem Gewehrkolben �ber, Tessarion ist mein Zeuge. Hab n�mlich zum Gl�ck meine alte Flinte dabei. Aber glaubt ihr, er kippt um? Anspringen tut er mich und will mir das Fleisch von den Knochen rei�en! Das glaubt ihr nicht? Dann seht euch mal <emphasis>das</emphasis> an...� Der Bierkutscher kn�pfte sein Hemd auf und entbl��te eine Wunde auf seiner Brust, vier rote Striemen, wo ihm die Ghulkrallen die Haut aufgerissen hatten. Die Menge raunte. Sichtlich zufrieden mit der Reaktion lie� der Mann das Hemd offen und fuhr fort, seinen Kampf mit dem Ghul zu schildern, bis zu dem Moment, als es ihm endlich gelungen war, ihn zu �berw�ltigen. Tosender Beifall schloss sich an.</p><p>Vivana stand in der hintersten Reihe und rieb sich die Arme. Ruac, ihr Tatzelwurm, hatte es sich auf ihren Schultern bequem gemacht und schmiegte seinen schwarz geschuppten Schlangenleib um ihren Nacken. Sie fror, obwohl das Unwetter l�ngst vor�ber war und ein warmer Sommertag zu Ende ging.</p><p>Der Bierkutscher widerte sie an. Er stand hier und br�stete sich mit seinem Sieg �ber den Ghul und ahnte nicht, dass ihn nur Gl�ck oder purer Zufall davor bewahrt hatte, in St�cke gerissen zu werden. Das n�mlich w�re geschehen, wenn er auch die anderen Ghule getroffen h�tte, die nach ihrem Angriff auf Lady Sarkas Palast im Morgengrauen durch die Gassen gestreift waren. <emphasis>Sei froh, dass du nicht erlebt hast, was ich erlebt habe</emphasis>, dachte sie finster. <emphasis>Sonst w�rdest du deine Klappe nicht so weit aufrei�en.</emphasis></p><p>Eigentlich hatte sie dem Bierkutscher gar nicht zuh�ren wollen. Doch die Schrecken der vergangenen Nacht waren noch zu lebendig, als dass sie an dem K�fig mit seinem abscheulichen Gefangenen einfach h�tte vorbeigehen k�nnen. Sie musste das Gesch�pf nur ansehen, und schon st�rzte eine Flut von Bildern und Ger�uschen auf sie ein. Feuer. Schreie. Wirbelnde Schatten. Kr�hen, die unter der Kuppel kreisten wie ein schwarzer Mahlstrom. So als w�re der m�rderische Kampf gerade erst vor�ber.</p><p>Sie schloss f�r einen Moment die Augen. Sie stand immer noch vollkommen neben sich. Vermutlich w�rde es Tage dauern, bis sie sich von dem Grauen erholt hatte.</p><p>Vivana wurde bewusst, dass der Ghul sie �ber die Schaulustigen hinweg anstarrte. Der Untote umfasste die Gitterst�be mit seinen Klauenh�nden und �ffnete das von gelben Fangz�hnen bewehrte Maul zu einem Fauchen. Unwillk�rlich wich sie einen Schritt zur�ck. Erkannte das Wesen sie etwa?</p><p>Sie fand es nie heraus, denn in diesem Moment drehte der Bierkutscher schimpfend seine Lampe heller, und das Zischen des Gesch�pfs verwandelte sich in ein qualvolles Kreischen. Die Jugendlichen johlten und piesackten den Ghul nun umso heftiger mit ihren St�cken, zur Begeisterung der restlichen Zuschauer.</p><p>Vivana hatte genug. �Lass uns gehen, Ruac�, murmelte sie und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Die Sonne stand bereits tief �ber den D�chern des Viertels, und es gab noch viel zu tun.</p><p>Zum Beispiel musste sie sich �berlegen, was sie ihrer Tante sagte.</p><p><emphasis>Etwas Schreckliches ist geschehen, Tante Livia. Bitte h�r mir zu und lass mich ausreden, auch wenn es verr�ckt klingt. Liam ist im Pand�monium. Bitte frag nicht, wie er dort hingekommen ist. Wichtig ist nur, wie ich ihn retten kann...</emphasis></p><p>Nein. Wenn sie so anfing, forderte sie geradezu heraus, dass Tante Livia sie mit einer Million Fragen bombardierte. Sie musste anders vorgehen.</p><p><emphasis>Liam ist in gro�er Gefahr! Du musst mir helfen. F�r Erkl�rungen ist jetzt keine Zeit.</emphasis></p><p>Auch nicht. Daf�r war die Wahrsagerin viel zu misstrauisch.</p><p><emphasis>Heute Nacht betrete ich das Pand�monium. Was muss ich tun, um dort zu �berleben?</emphasis></p><p>Vivana seufzte. Es hatte keinen Zweck. Egal, wie sie es anstellte, fr�her oder sp�ter w�rde ihre Tante herausfinden, dass sie sich mit Liam das <emphasis>javva</emphasis> geteilt hatte und mit ihm in Lady Sarkas Palast eingedrungen war. Vivana hatte ihr Versprechen gebrochen und Livias Vertrauen missbraucht. Daran w�rden auch wortreiche Erkl�rungen nichts �ndern.</p><p>Und was tat man, wenn man seine Tante hintergangen hatte? Man bat sie gleich noch einmal um Hilfe. Vivana kam sich unsagbar sch�big vor, w�hrend sie durch das Gassengewirr des Vergn�gungsviertels eilte. Aber was blieb ihr anderes �brig? Um Liam zu retten, durfte sie nichts unversucht lassen. Und au�er Livia kannte sie niemanden, der etwas von Magie und D�monen verstand.</p><p>Wenn sie nur mehr Zeit gehabt h�tte... Noch h�chstens eine Stunde, bis die Sonne unterging. Dabei h�tte sie schon viel fr�her hier sein k�nnen, wenn der Tag nicht eine einzige Katastrophe gewesen w�re. Erst der Streit mit ihrem Vater, dann ihre Flucht durch die halbe Stadt und das l�cherliche Versteckspiel in den Gassen des Labyrinths. Bei ihrer Ankunft in der Namenlosen Herberge war Vivana bereits seit drei�ig Stunden auf den Beinen. Sie war so ersch�pft gewesen, dass sie, kaum hatte sie sich hingelegt, sofort eingenickt war. Sie hatte nur ein bisschen ausruhen wollen, doch ihr Vater lie� sie schlafen, weil er dachte, er t�te ihr damit einen Gefallen � mit dem Ergebnis, dass sie erst vor einer halben Stunde aufgewacht war. Vivana h�tte sich am liebsten daf�r geohrfeigt.</p><p>Sie kam zum Platz der Erztugenden mit dem kleinen Wanderzirkus ihrer Manuschfamilie. Um den Halbkreis der bunten Reisewagen war es ungew�hnlich ruhig. Livias Kinder spielten Ball; Nedjo, einer der j�ngeren Br�der ihres Onkels, sa� unter dem Sonnensegel und schnitzte, w�hrend er das M�dchen und die beiden Jungen beaufsichtigte. Sonst schien niemand da zu sein.</p><p>�Wo sind denn alle?�, erkundigte sich Vivana, nachdem sie Nedjo begr��t hatte.</p><p>Der Manusch legte Holzst�ck und Schnitzmesser weg. �Heute Nacht haben sich Ghule im Viertel herumgetrieben. Madalin und die anderen sind seit Sonnenaufgang auf den Beinen und suchen alles ab, um die Mistviecher zu verjagen, falls sich noch irgendwo welche verstecken.�</p><p>�Euch ist doch nichts passiert, oder?�</p><p>�Uns geht es gut, keine Sorge. Aber Farkas wurde verletzt. Ein Ghul hat ihn angefallen, als er im Morgengrauen nach Hause kam.�</p><p>Farkas war das Oberhaupt einer anderen Manuschfamilie, die sich zeitweise in Bradost aufhielt. Vivana kannte ihn fl�chtig. �Ist es schlimm?�</p><p>�Kann ich nicht sagen. Livia ist noch nicht zur�ck.�</p><p>�Sie ist bei ihm?�</p><p>�Farkas� Frau hat sie gerufen, damit sie sich die Verletzungen ansieht.�</p><p>�Aber ich muss dringend mit ihr sprechen.�</p><p>�Ich wei�. Livia hat den ganzen Tag auf dich gewartet.� Nedjo grinste schief. �Und sie war ziemlich w�tend, weil du nicht aufgetaucht bist. Jedenfalls soll ich dir ausrichten, dass du hierbleiben sollst, bis sie zur�ck ist.�</p><p>Vivana runzelte die Stirn. Ihre Tante wusste, dass sie herkommen w�rde? <emphasis>Richtig � sie wartet auf das Buch.</emphasis> �Wie lange dauert das?�</p><p>�Schwer zu sagen. Wie ich Livia kenne, wird sie bis zur Ausgangssperre bei Farkas bleiben.�</p><p>�So viel Zeit habe ich aber nicht!�</p><p>�Macht dein Vater wieder �rger?�</p><p>Vivana hatte nicht die geringste Lust, Nedjo zu erz�hlen, was geschehen war. Er w�rde sie nur auslachen oder mit Fragen best�rmen oder wom�glich gar versuchen, sie aufzuhalten. �Wohnt Farkas immer noch unten am Fluss?�</p><p>�An derselben Stelle wie jedes Jahr.�</p><p>Das war zu weit. Selbst wenn sie sich beeilte, selbst wenn es ihr gelang, ihre Tante dazu zu bringen, ihr zuzuh�ren, w�rde sie niemals rechtzeitig bei der Alten Arena sein. Vivana fluchte innerlich. Tante Livias Hilfe konnte sie abschreiben. Schlimmer noch: Nun konnte sie sich nicht einmal von ihr verabschieden.</p><p>�Willst du mir nicht erz�hlen, was los ist?�, fragte Nedjo.</p><p>�Kann ich Livia eine Nachricht hinterlassen?�</p><p>�Nat�rlich. Schau mal in ihrem Wagen nach. Sie m�sste irgendwo Papier und Tinte haben.�</p><p>Vivana setzte Ruac ab und stieg die Trittleiter von Livias Reisewagen hinauf. Der Tatzelwurm watschelte �ber das Kopfsteinpflaster und rollte sich im letzten Fleckchen Sonne auf dem Platz zusammen.</p><p>Sie �ffnete die Wagent�r und trat ein. Nachdem sie in einer von Livias Zedernholzkisten Schreibzeug gefunden hatte, setzte sie sich an den kleinen Tisch und tunkte den Federkiel in das Tintenglas.</p><p>Ihr Blick schweifte �ber die Regalbretter mit den alten Folianten, �ber die Schn�re mit getrockneten Kr�utern, die von der Decke hingen. Es gab so vieles, was sie ihrer Tante sagen wollte. Sie wusste nicht, womit sie anfangen sollte.</p><p>W�hrend sie nach Worten suchte, wurde ihr pl�tzlich bewusst, dass sie vielleicht zum letzten Mal hier sa�. Das Pand�monium war ein schrecklicher Ort, schlimmer als alles, was sie sich vorstellen konnte. Nicht ausgeschlossen, dass sie ihre Tante nie wiedersehen w�rde.</p><p>Sie kaute auf ihrer Unterlippe, strich das Papier glatt und begann zu schreiben.</p><cite><p><emphasis>Liebe Tante Livia,</emphasis></p><p><emphasis>Ich habe mein Versprechen nicht gehalten und Liam geholfen, in die Bibliothek von Lady Sarka einzubrechen � ich konnte ihn einfach nicht allein gehen lassen. Es tut mir leid.</emphasis></p><p><emphasis>Heute Nacht ist etwas Schreckliches geschehen. Nachdem wir das Buch gefunden hatten, haben Ghule und Schattenwesen den Palast angegriffen. Eines der Wesen, ein Incubus, hat Liam ins Pand�monium geschleudert. Ich wei�, wie sich das anh�ren muss � ich kann es selbst kaum glauben �, trotzdem ist es wahr.</emphasis></p><p><emphasis>Ich glaube fest daran, dass Liam noch am Leben ist, aber wenn ich ihn retten will, darf ich keine Zeit verlieren. Deshalb kann ich nicht auf dich warten. Wenn du diesen Brief liest, werde ich schon auf dem Weg ins Pand�monium sein. Ich habe herausgefunden, wo ein Tor ist. In wenigen Stunden �ffnet es sich.</emphasis></p><p><emphasis>Bitte mach dir keine Sorgen um mich. Ich gehe nicht allein. Mein Vater ist bei mir und ein Freund. Du hast vielleicht schon von ihm geh�rt. Sein Name ist Lucien. Er ist ein Alb. Wahrscheinlich bist du jetzt w�tend auf mich. Glaub mir, ich h�tte dir all das lieber pers�nlich gesagt.</emphasis></p><p><emphasis>W�nsch mir Gl�ck.</emphasis></p><p><emphasis>Vivana</emphasis></p></cite><empty-line/><p>Sie blies die Tinte trocken und faltete den Brief zusammen. Dann stand sie auf und blickte sich ein letztes Mal in dem Reisewagen um, der ihr immer wie eine zweite Heimat erschienen war, wie eine Zuflucht, wenn sie Bradost und die Welt ihres Vaters nicht mehr ertrug. �Leb wohl�, murmelte sie und schluckte den Klo� in ihrem Hals hinunter.</p><p>�Willst du nicht doch lieber warten?�, erkundigte sich Nedjo, als sie nach drau�en trat. �Vielleicht hast du Gl�ck, und Livia kommt gleich.�</p><p>�Nein. Ich muss los. Kannst du ihr das geben?�</p><p>�Nat�rlich.� Der Manusch nahm die Nachricht entgegen. Er runzelte die Stirn. �Es ist doch alles in Ordnung, oder?�</p><p>�Klar. Mach�s gut, Nedjo�, sagte Vivana und umarmte ihn.</p><p>�Du tust gerade so, als wolltest du fortgehen�, meinte er verwirrt.</p><p>�Livia wird dir alles erkl�ren.� Sie blickte auf. Nicht mehr lange bis Sonnenuntergang. H�chste Zeit, dass sie sich auf den Weg machte. Sie rang sich ein L�cheln ab, hob Ruac auf und schlenderte betont gelassen davon.</p><p>Als der Wanderzirkus au�er Sicht war, ging sie schneller, rannte beinahe, die Arme um Ruac geschlungen. Sie konnte nur hoffen, dass Nedjo nicht auf dumme Ideen kam. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war ein misstrauischer Verwandter, der ihr heimlich folgte. Verstohlen blickte sie �ber die Schulter, konnte ihn jedoch nirgends entdecken. Um sicherzugehen, nahm sie einen Schleichweg durch Seitengassen, Hinterh�fe und trockengelegte Kan�le, wo sie sich rasch in einem dunklen Winkel verstecken konnte, wenn es sein musste.</p><p>Kurz darauf betrat sie den Platz, der die Alte Arena umgab. Die Lampenanz�nder machten gerade die Runde, und das gewaltige Geb�ude, eben noch ein konturloser Block im Zwielicht der Abendd�mmerung, erstrahlte nun im Schein der Gaslaternen. Rundb�gen durchbrachen das ru�ige, verwitterte Mauerwerk, das ein gewaltiges Oval bildete und drohend aus dem Kopfsteinpflaster wuchs. Risse und L�cher klafften darin, manche so breit, dass Vivana die terassenf�rmig angelegten Zuschauerr�nge im Innern erkennen konnte. Dutzende von Statuen kr�nten den Mauerring, von Wind und Wetter im Lauf vieler Jahrhunderte zu unf�rmigen Zapfen abgeschliffen, grotesk verwachsene Formen vor dem gl�henden Himmel.</p><p>Tavernen und L�den befanden sich in den Arkaden im Erdgeschoss, die �belsten Spelunken und Spielh�llen der ganzen Stadt. Rotes, gelbes und gr�nes Licht gl�hte in den Torb�gen. Ausgelassene Geigen- und Pfeifenmusik vermischte sich mit rauem Gel�chter und dem Gr�len der Betrunkenen. Rauch quoll aus den Luftsch�chten und wurde zusammen mit dem Dampf der Gark�chen und dem Geruch von Opium, Ale und scharfem Branntwein vom Wind �ber die D�cher getragen.</p><p>Vivana kam gerade rechtzeitig: Eben versank die Sonne hinter dem Wald aus Kaminen, Wetterfahnen und Erkert�rmchen.</p><p>Leider hatte sie nicht die geringste Ahnung, wo Lucien sie erwartete. Sie hatten keinen genauen Treffpunkt vereinbart.</p><p>Sie warf einen Blick zu der Herberge am Rand des Platzes. Vermutlich kauerte ihr Vater gerade am Fenster und beobachtete sie argw�hnisch. Sie wollte sich keine Bl��e geben, indem sie den Eindruck erweckte, nicht zu wissen, was sie tat. Zielstrebig ging sie auf die Arena zu.</p><p>Ruac z�ngelte und fing zu zappeln an.</p><p>�Mir gef�llt es hier auch nicht�, murmelte sie. �Aber uns wird schon nichts passieren. Lucien wartet bestimmt bereits auf uns.�</p><p>Fauliger Gestank erf�llte den Platz. Das Unwetter der vergangenen Nacht war so heftig gewesen, dass die Abflusssch�chte die Wassermassen nicht mehr hatten aufnehmen k�nnen. �berall waren Unrat und �bel riechender Schlamm durch die rostigen Gitter heraufgequollen. Vivana lie� Ruac auf ihre Schultern klettern und betrat den erstbesten Torbogen.</p><p>An einem St�tzpfeiler hing eine Messinglaterne, die so beschaffen war, dass sie die Schatten von Reitern und geh�rnten Ungeheuern auf die W�nde warf. Ein Tunnel f�hrte ins Innere des Bauwerks; in den Nischen standen runde Tische, an denen ausnahmslos M�nner sa�en, die Ale und Gin hinunterst�rzten, Karten spielten oder in fl�sternde Gespr�che vertieft waren. Einige glotzten Vivana unverhohlen an, w�hrend sie an ihnen vorbeiging. Sie tat, als bemerke sie es nicht.</p><p>Aus einem Durchgang ert�nten Knurren, Hundegebell und Gebr�ll; es stank nach Kot, Blut und Schnaps. Sie sah eine Menschenmenge, die sich im Schein einer Gaslampe um eine Grube dr�ngte, und konnte zwei Hunde erkennen, die mit gefletschten Z�hnen aufeinander losgingen. Der kleinere der beiden, ein ein�ugiger Mischling, biss dem gr��eren die Flanke blutig, woraufhin ein Teil der Menge jubelte, w�hrend der andere fluchte und schimpfte.</p><p>Angewidert wandte sich Vivana ab. Es wunderte sie immer weniger, dass sich das Tor zum Pand�monium irgendwo hier befand. Sie sp�rte f�rmlich, wie durch und durch verkommen dieses Gem�uer war.</p><p>Wo steckte nur Lucien? War er aufgehalten worden?</p><p>Sie folgte dem Tunnel, der eine Biegung beschrieb. In den Nischen standen nun keine Tische mehr, sondern gestapelte Kisten und F�sser. Eine Treppe f�hrte zu einer offenen T�r hinab. Dar�ber hing ein Schild, auf das jemand mit roter Farbe die Worte KURIOSIT�HTEN ALLER ART gepinselt hatte.</p><p>Nirgendwo eine Spur von Lucien.</p><p>Vivana hatte nicht das geringste Verlangen, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Sie beschloss, umzukehren und anderswo nach dem Alb zu suchen. Als sie sich umdrehte, stie� sie beinahe mit einer Gestalt zusammen.</p><p>�Ein interessantes Tier hast du da.�</p><p>Aus den Schatten tauchte ein Mann auf. Obwohl er sehr gro� sein musste, �berragte er sie nur um einen halben Kopf, denn er stand krumm da, als sei sein R�ckgrat nicht stabil genug, um Schultern und Kopf zu tragen. Sch�bige Kleider verh�llten den d�rren Leib. Aus seinem Kinn, das wie der Rest des Gesichtes von Ausschlag ger�tet war, sprossen hier und da vereinzelte Barthaare.</p><p>Ruac stellte die R�ckenstacheln auf und zischte feindselig.</p><p>�Ein Tatzelwurm, nicht wahr?�, meinte der Kerl. �Ein waschechtes Schattenwesen. Sieht man nicht oft heutzutage.�</p><p>�Lass mich durch�, sagte Vivana.</p><p>�Wo hast du ihn gefunden?�</p><p>Sie machte einen Schritt zur Seite, doch der Fremde lie� sie nicht vorbei. Trotz seiner Gr��e und unm�glichen K�rperhaltung war er sehr flink. Seine Bewegungen hatten etwas Absto�endes, etwas... Spinnenhaftes. Leise Furcht stieg in ihr auf.</p><p>�Wei�t du, wie wertvoll ein echter Tatzelwurm ist? Die Trankmischer im Chymischen Weg w�rden ein h�bsches S�mmchen daf�r zahlen.�</p><p>�Ruac ist nicht zu verkaufen!�, fuhr Vivana ihn an.</p><p>�Tats�chlich? Wir haben doch noch gar nicht �ber den Preis gesprochen.�</p><p>Vivana biss die Z�hne zusammen und gab dem Mann einen Sto�. Als er zur Seite taumelte, hielt sie Ruac fest und wollte an ihm vorbeihuschen, fort aus dem halbdunklen Tunnel. Doch seine Hand schnellte nach vorne und packte ihren Arm.</p><p>�Nicht so hastig, junge Dame. Wir kommen doch gerade erst ins Gesch�ft.�</p><p>Vivana trat ihm mit aller Kraft gegen das Schienbein. Er heulte vor Schmerz auf, bevor sich sein Gesicht zu einer Grimasse der Wut verzerrte. �Na warte�, kr�chzte er und holte zum Schlag aus. Vivana duckte sich rechtzeitig, aber dabei entwand sich Ruac ihren H�nden. Der Tatzelwurm schoss mit vor Zorn gl�henden Flanken auf den Schlaksigen zu.</p><p>�Ruac, nicht!�, rief sie, doch es war bereits zu sp�t. Der Tatzelwurm biss dem Fremden in den Stiefel, woraufhin dieser fluchend auf einem Bein zu h�pfen begann und versuchte, ihn abzusch�tteln. Im n�chsten Moment segelte das Reptil in hohem Bogen durch die Luft und prallte gegen einen Kistenstapel.</p><p>Vivana wollte zu ihm laufen, als sie sah, dass der Schlaksige hinkend auf sie zukam. Sein Gesicht leuchtete rot, er schnaufte und ballte die F�uste. �Das machst du nicht nochmal, du Mistst�ck...�</p><p>Pl�tzlich wurden seine Augen glasig, er brach ohne einen Laut zusammen und blieb mit verdrehten Gliedern liegen.</p><p>�Keine Angst�, sagte Lucien, �er schl�ft nur.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>2</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Nestor Quindal taucht unter</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>V</strong>ivana st�rzte zu dem Kistenstapel und hob Ruac auf. Der Tatzelwurm z�ngelte, als er sich in ihre Arme schmiegte; seine Schuppen strahlten immer noch Hitze ab. Zu ihrer grenzenlosen Erleichterung war ihm nichts passiert. Ruac mochte klein sein, aber er war hart im Nehmen.</p><p>Sie wandte sich zu Lucien um, der aus dem Halbdunkel in das Laternenlicht des Kuriosit�tenladens trat. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie ihn richtig erkennen konnte. Wie alle Schattenwesen besa� er die Gabe, sich unauff�llig zu machen, sodass man einfach durch ihn hindurchsah, selbst wenn er direkt vor einem stand.</p><p>�Du h�ttest ruhig ein bisschen fr�her kommen k�nnen�, sagte sie. �Der Kerl wollte mir Ruac wegnehmen.�</p><p>�Da vorne waren zu viele Leute�, erwiderte Lucien. �Wieso hast du nicht drau�en auf mich gewartet?�</p><p>�Weil ich dachte... Ach, egal, jetzt bist du ja da. Wie lange wird er schlafen?�, fragte Vivana mit Blick auf den Bewusstlosen.</p><p>�Ein paar Stunden. Wenn niemand ihn aufweckt.�</p><p>�Danke�, murmelte sie.</p><p>Lucien nickte nur. Er sah wesentlich besser aus als letzte Nacht. Er hatte seine Schrammen und Kratzer versorgt, sich gewaschen und umgezogen. Das wei�e Haar floss wie Sternenlicht �ber seine Schultern und das nagelneue, mondstaubfarbene Wams. In seinem G�rtel steckten Messer und allerlei obskure Werkzeuge. Au�erdem trug er einen kleinen Lederrucksack. �Der Tatzelwurm geh�rt dir, nehme ich an.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Willst du ihn mitnehmen?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Gut. Tatzelw�rmer sind n�tzliche Gef�hrten. Hast du dich auf unsere Reise vorbereitet?�, fragte der Alb.</p><p>Sie nickte.</p><p>�Wo sind deine Sachen?�</p><p>�Bei meinem Vater. Er kommt mit�, f�gte sie hinzu.</p><p>Lucien nahm diese Neuigkeit schweigend auf. �Das war nicht abgesprochen.�</p><p>�Er hat darauf bestanden. Ich konnte ihn nicht davon abbringen.�</p><p>�Wei� er, worauf er sich einl�sst?�</p><p>�Glaube ich kaum. Er ist der Meinung, es gibt kein Pand�monium.�</p><p>�Dein Vater ist Wissenschaftler, richtig? Nun, er wird bald Gelegenheit bekommen, seine Ansichten zu �berdenken. Ich hoffe nur, er h�lt uns nicht auf. Wo ist er?�</p><p>�Er wartet in der Namenlosen Herberge. Ich wollte mich zuerst allein mit dir treffen.�</p><p>�Geh ihn holen. Das Tor �ffnet sich bald, und es ist noch ein weiter Weg.�</p><p>Lucien begann, sich unauff�llig zu machen. Vivana hatte bereits M�he, ihn zu erkennen. �Warte! Wie finden wir dich?�</p><p>�Ich finde euch�, sagte der Alb und verschwand.</p><p>Vivana wandte sich zum Gehen, obwohl sie gro�e Lust hatte, ihren Vater einfach in der Herberge sitzen zu lassen, nach allem, was er heute Morgen zu ihr gesagt hatte.</p><p>�Meinst du, er kriegt es hin, mit Lucien keinen Streit anzufangen?�, fragte sie.</p><p>Ruac blickte sie mit seinen gelben Reptilienaugen an.</p><p>�Du hast recht. War eine bl�de Frage.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Vivana wusste nicht, wie oft sie sich in den letzten Jahren mit ihrem Vater gestritten hatte. Tausendmal, vielleicht noch mehr, sie hatte aufgeh�rt zu z�hlen. Doch so schlimm wie heute Morgen war es noch nie gewesen.</p><p>Sie war gegen f�nf Uhr nach Hause gekommen, ersch�pft, durchn�sst und niedergeschlagen. Leise hatte sie die T�r aufgeschlossen und war hineingeschlichen, um ihren Vater nicht zu wecken. Sie wollte nicht mit ihm reden und hatte beschlossen, ihm auf dem K�chentisch eine Nachricht zu hinterlassen. <emphasis>Ich bin ein paar Tage fort, mach dir keine Sorgen um mich.</emphasis> Das war zwar nicht gerade fair ihm gegen�ber, eigentlich war es sogar ziemlich mies, aber wenn sie versuchte, ihm alles zu erkl�ren, w�rde es nur wieder Streit geben.</p><p>In der Eingangshalle kam ihr Ruac entgegen und blickte sie vorwurfsvoll an. Vivana hob ihn hoch. �Es tut mir leid�, fl�sterte sie. �Aber ich konnte dich nicht mitnehmen. Es war zu gef�hrlich. Das verstehst du doch, oder? Komm, ich gebe dir was zu Fressen.�</p><p>Als sie gerade zur K�che schleichen wollte, erklang eine Stimme aus dem Halbdunkel: �Wo warst du?�</p><p>Vivana fuhr erschrocken herum. �Oh. Du bist schon wach?�</p><p>Ihr Vater stand von dem Ohrensessel auf und kam n�her. �Wieso bist du gestern Abend nicht nach Hause gekommen? Ich habe dich �berall gesucht! Hast du dich wieder bei den Manusch herumgetrieben?�</p><p>Sie seufzte. Genau das hatte sie vermeiden wollen. �Sp�ter, Paps. Schau mal, wie ich aussehe. Ich muss mich waschen. Au�erdem bin ich m�de...�</p><p>�Nein. Du sagst mir auf der Stelle, wo du die ganze Nacht gewesen bist.�</p><p>�Nicht bei den Manusch, falls es dich beruhigt.�</p><p>�Wo dann? Verdammt noch mal, rede mit mir!�</p><p>Vivana gab auf. Es hatte keinen Sinn. Er w�rde sie nicht eher in Ruhe lassen, bis sie ihm alles erz�hlt hatte. �Ich war bei Liam, wenn du es unbedingt wissen willst. Wir waren im Palast von Lady Sarka. Ich habe ihm geholfen, das Gelbe Buch von Yaro D�ar zu holen, aber dann ist etwas Schreckliches geschehen...�</p><p>�Wieso wei�t du von dem Buch?�, fiel er ihr ins Wort.</p><p>�Ich wei� es eben.�</p><p>�Liam hat dich da hineingezogen, nicht wahr? Ich wusste es! Dabei habe ich ihm ausdr�cklich gesagt, dass er mit niemandem dar�ber sprechen soll, und mit dir schon gar nicht!�</p><p>�Er hat mich nirgendwo hineingezogen. Er hat sich mir anvertraut, weil er nicht weiterwusste. Da habe ich beschlossen, ihm zu helfen.�</p><p>�Du kennst ihn doch �berhaupt nicht.�</p><p>�Doch, tue ich. Ich liebe ihn. Und er liebt mich.�</p><p>Das verschlug ihm die Sprache.</p><p>Vivana nutzte die Gelegenheit, schob sich an ihm vorbei und eilte mit Ruac auf dem Arm zu ihrem Zimmer.</p><p>�Was ist im Palast passiert?�, fragte ihr Vater und lief ihr nach. �Habt ihr das Buch gefunden?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wie seid ihr an den Spiegelm�nnern vorbeigekommen?�</p><p>�Lange Geschichte.� Sie setzte Ruac auf den Boden und �ffnete die T�r ihres Zimmers.</p><p>�Hat euch jemand gesehen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Bist du dir ganz sicher? Wenn es auch nur den kleinsten Hinweis gibt, dass ihr das Buch gestohlen habt, kommen wir alle drei in Teufels K�che!�</p><p>�H�r zu, Paps. Niemand wei�, dass wir das Buch haben. Aber darum geht es �berhaupt nicht. Was passiert ist, ist viel schlimmer.� Sie holte ihren Lederranzen unter dem Bett hervor, warf ihn auf die Bettdecke und �ffnete den Kleiderschrank. <emphasis>Was packt man f�r eine Reise ins Pand�monium ein?</emphasis>, fragte sie sich ratlos.</p><p>Ihr Vater stand in der T�r. In seiner Wut bemerkte er nicht, dass Ruac ihn die ganze Zeit anfauchte. �Schlimmer? Was meinst du damit?�</p><p>�Liam ist verschwunden.�</p><p>�Wie verschwunden? Ist er mit dem Buch abgehauen? Herrgott, Vivana, lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!�</p><p>Sie nahm ein Hemd vom Kleiderb�gel und holte tief Luft. �Ghule haben den Palast in der Nacht angegriffen. Ghule und ein paar Schattenwesen. Dabei war auch ein Incubus. Er hat Liam ins Pand�monium geworfen.�</p><p>�Falls das ein Witz sein soll, ist es ein sehr schlechter�, schnarrte der Erfinder.</p><p>�Du kannst ja Lady Sarka fragen, wenn du mir nicht glaubst.� Sie nahm das Hemd und eine Hose und stopfte sie in den Ranzen.</p><p>�Wieso sollten die Ghule den Palast angreifen?�</p><p>�Weil Lady Sarka einen Traumwanderer hat und Aziel ihn umbringen wollte... glaube ich.�</p><p>�Vivana, ich verstehe kein Wort.�</p><p>Vivana entdeckte ihre Winterjacke oben im Schrank. Sollte sie die Jacke mitnehmen? In den alten Geschichten hie� es, das Pand�monium sei ein hei�er Ort, aber vielleicht stimmten die Geschichten ja gar nicht. Sie faltete die Jacke zusammen und steckte sie ein.</p><p>�Was zum Teufel machst du da?�, fragte ihr Vater.</p><p>�Ich packe.�</p><p>�Das sehe ich. Und wof�r?�</p><p>�Lucien und ich gehen Liam suchen.�</p><p>�Wer bitte ist Lucien?�</p><p>�Ein Alb.�</p><p>�Was?�</p><p>Vivana begutachtete den Inhalt ihres Ranzens. Genug Kleider. Sie musste noch Platz f�r Verpflegung und Ausr�stung lassen. Sie stopfte ein zweites Paar Schuhe und eine Wolldecke hinein und verlie� das Zimmer.</p><p>Ihr Vater ging so dicht hinter ihr, dass er ihr fast auf die Hacken trat. �Und wo wollt ihr Liam suchen, wenn ich fragen darf?�</p><p>�Hab ich doch gesagt. Er ist im Pand�monium.�</p><p>�Es gibt kein Pand�monium.�</p><p>�Wenn du meinst�, murmelte sie.</p><p>�Das Pand�monium ist eine Metapher. Eine Parabel. Ein Hirngespinst religi�ser Spinner. Kein realer Ort. Man kann dort nicht hingehen.�</p><p>�Doch, kann man. Lucien kennt ein Tor. Es ist unter der Alten Arena.� Vivana betrat die K�che, �ffnete die Vorratskammer und verstaute Konserven und Lebensmittel in ihrem Ranzen.</p><p>�Das ist v�lliger Unsinn.�</p><p>�Halte davon, was du willst. Aber lass mich in Ruhe, in Ordnung?� Sie stellte den Ranzen auf den Tisch und �ffnete die T�r der Rumpelkammer. Sie brauchte eine Lampe. Ein Messer. Vielleicht ein Seil. <emphasis>Halt</emphasis>, dachte sie. <emphasis>Zuerst die Medikamente. Medikamente sind wichtiger.</emphasis> Sie machte den H�ngeschrank �ber der Sp�le auf.</p><p>�Ich verbiete es dir�, sagte ihr Vater.</p><p>�Was verbietest du mir?�, fragte sie scharf, w�hrend sie das Desinfektionsmittel suchte.</p><p>�Du gehst nicht zur Alten Arena. Dort ist es gef�hrlich. Und wer wei�, was dieser Lucien im Schilde f�hrt.�</p><p>�Er will mir helfen.�</p><p>�Behauptet er vielleicht. Aber er ist ein Schattenwesen. Schattenwesen kann man nicht trauen.�</p><p>�Ich gehe. Ob es dir passt oder nicht.�</p><p>�Nein. Ich erlaube nicht, dass meine Tochter bei so einem Irrsinn mitmacht.�</p><p>Vivana knallte das Desinfektionsmittel auf die Anrichte. �Ich soll Liam also im Stich lassen und so tun, als w�re nichts gewesen? Das kann nicht dein Ernst sein!�</p><p>�Niemand redet davon, Liam im Stich zu lassen. Aber vielleicht versuchen wir erst einmal herauszufinden, was �berhaupt passiert ist, bevor du dich von irgendwelchen Schauerm�rchen zu Dummheiten verleiten l�sst.�</p><p>�Ich wei�, was passiert ist. Ich war <emphasis>dabei</emphasis>.� Sie warf das Desinfektionsmittel, ein paar Tablettenpackungen und Verbandsmaterial in den Ranzen.</p><p>�Ich sperre dich in dein Zimmer, wenn du nicht gehorchst.�</p><p>�Das kannst du ja mal versuchen.�</p><p>�Du legst es wirklich darauf an, was? Ich h�re mir diesen Unsinn jedenfalls nicht l�nger an. Du gehst jetzt auf dein Zimmer und bleibst da, bis du zur Vernunft gekommen bist.� Er packte sie mit seiner mechanischen Hand am Arm, doch sie riss sich los.</p><p>�Keine Macht der Welt wird mich davon abhalten, zur Alten Arena zu gehen! Und wag es ja nicht, mich noch einmal mit deinen Blechkrallen anzufassen!�</p><p>Erschrocken von der Heftigkeit ihrer Wut lie� ihr Vater die Hand sinken. Vivana ging zur Rumpelkammer und w�hlte in einer Kiste, bis sie die alte Karbidlampe gefunden hatte. Ihr Ranzen war viel zu klein f�r all die Sachen, die sie mitnehmen musste. Sie stellte die Lampe auf den Tisch und machte sich an dem Tragekorb zu schaffen, der, begraben unter Ger�mpel, im hintersten Eck der Kammer stand. Sie zerrte ihn heraus und sch�ttete den Inhalt des Ranzens hinein.</p><p>�Wann triffst du dich mit Lucien?�, fragte ihr Vater m�rrisch.</p><p>�Heute Abend. Bei Sonnenuntergang.�</p><p>�Ich komme mit.�</p><p>�Ich dachte, du h�ltst das alles f�r Unfug.�</p><p>�Darum geht es nicht. Ich will nicht, dass dir etwas zust��t. In der Alten Arena wimmelt es von Halsabschneidern und Opiums�chtigen.�</p><p>Vivana w�nschte einmal mehr, es w�re ihr gelungen, ihre Sachen zu holen und sich unbemerkt davonzustehlen. Ihr Vater w�rde ihnen nur Schwierigkeiten machen, und sie hatten wahrlich Besseres zu tun, als sich mit ihm herumzuschlagen. Doch sie w�rde ihn niemals davon abbringen k�nnen � sie sah es seinem Gesicht an. M�de rieb sie sich die Augen. �Ich halte das zwar f�r keine gute Idee, aber wenn du darauf bestehst � bitte. Komm, hilf mir beim Packen.�</p><p>Er griff in den Tragekorb und holte eine Dose heraus. �Wof�r sind die ganzen Vorr�te?�</p><p>�Lucien hat gesagt, ich soll Sachen f�r eine lange Reise einpacken.�</p><p>�Was brauchen wir noch?�</p><p>�Etwas, mit dem wir uns verteidigen k�nnen. Ein scharfes Messer oder so. Im Pand�monium ist es gef�hrlich.�</p><p>�Zum letzten Mal: Das Pand�monium existiert nicht.� �Bitte, Paps�, erwiderte sie ersch�pft. �Pack einfach den Korb, in Ordnung?�</p><p>�Ich hole meine Pistole�, knurrte er.</p><p>�Ich f�rchte, sie ist nicht mehr da. Ich habe sie gestern mitgenommen, und sie ist in dem ganzen Chaos verloren gegangen.�</p><p>�Na gro�artig.�</p><p>�Ich dachte, wir w�rden eine Waffe brauchen.�</p><p>�Und jetzt liegt sie irgendwo im Palast herum? Ist dir schon einmal in den Sinn gekommen, dass man sie vielleicht zu mir zur�ckverfolgen kann?�</p><p>�Sie liegt nicht herum. Ich glaube, sie ist verbrannt, als Liam von dem Incubus angegriffen wurde.�</p><p>�Hoffen wir, dass du Recht hast�, sagte ihr Vater d�ster. �Wo waren eigentlich Corvas, Umbra und die Spiegelm�nner, als die Ghule gekommen sind? Haben sie nicht versucht, sie zu vertreiben?�</p><p>�Nat�rlich. Aber die Ghule konnten trotzdem in den Palast eindringen. Es waren einfach zu viele.�</p><p>�Und Liam und du? Habt ihr euch versteckt?�</p><p>�Umbra hat uns in den Kuppelsaal gebracht, weil sie dachte, dass wir dort sicher sind...� Vivana biss sich auf die Lippe, als ihr klar wurde, was sie gerade gesagt hatte.</p><p>�Umbra?�, wiederholte der Erfinder scharf. �Also hat man euch doch gesehen.�</p><p>�Sie hat sich nichts dabei gedacht. Ich habe ihr gesagt, ich h�tte Liam besucht. Von der Sache mit dem Buch wei� sie nichts. Wirklich!�</p><p>�Und das hat sie dir geglaubt? Umbra, das Misstrauen in Person?�</p><p>�Sie hat mir ein paar Fragen gestellt. Aber dann hat sie mich gehen lassen.�</p><p>�Was f�r Fragen?� �Wie ich unbemerkt in den Palast gekommen bin. Und warum ich mich nicht woanders mit Liam getroffen habe. Mehr nicht.�</p><p>�Das ist schlecht. Sehr schlecht.� Ihr Vater begann, unruhig durch die K�che zu wandern. �Sie ahnt etwas.�</p><p>�Unsinn. Tut sie nicht.�</p><p>�Denk doch mal nach! Wenn Lady Sarka merkt, dass das Buch verschwunden ist, f�llt der Verdacht sofort auf euch. Umbra muss nur eins und eins zusammenz�hlen.�</p><p>�Lady Sarka wird denken, dass Aziel dahintersteckt. Oder einer seiner Diener.�</p><p>Ihr Vater schien sie gar nicht zu h�ren. �Pack deine Sachen�, befahl er harsch. �Wir m�ssen sofort weg.�</p><p>�Was?�</p><p>�Mach schon! Wahrscheinlich tauchen hier jeden Moment Corvas und die Spiegelm�nner auf, um uns festzunehmen.�</p><p>�Das ist doch l�cherlich!�</p><p>�Ich glaube, du begreifst nicht, worum es hier geht!�, herrschte der Erfinder sie an. �Jeder, der im Verdacht steht, sich f�r das Buch zu interessieren, ist in Gefahr. Liams Vater wurde deswegen ermordet!�</p><p>Vivana kaute nerv�s auf ihrer Lippe. So hatte sie ihn noch nie gesehen. Hinter seiner Wut verbarg sich Angst. Entsetzliche Angst. �Was hast du jetzt vor?�</p><p>�Tja, wenn ich das w�sste... Zuerst m�ssen wir uns irgendwo verstecken. Dann versuche ich herauszufinden, ob uns die Geheimpolizei schon auf den Fersen ist.�</p><p>�Aber wo...�</p><p>�Lass mich nachdenken!�, knurrte er. �Wir gehen ins Labyrinth. Dort kenne ich einen Ort, wo wir sicher sind. Aber ewig k�nnen wir da nicht bleiben. Ich bef�rchte, uns bleibt nichts anderes �brig, als Bradost zu verlassen.�</p><p>�Findest du das nicht etwas �bertrieben? Was ist mit dem Haus? Und deiner Werkstatt?�</p><p>�Das h�ttest du dir �berlegen sollen, bevor du uns beide in Gefahr gebracht hast.�</p><p>Jetzt wurde auch Vivana w�tend. �In Ordnung. Ich habe vielleicht einen Fehler gemacht. Aber wenigstens habe ich versucht, das Richtige zu tun. Du denkst immer nur an dich und deine Sicherheit. Dass alles den Bach runtergeht, interessiert dich nicht, solange du nur in der Werkstatt sitzen und an deinen albernen Erfindungen basteln kannst!�</p><p>�Meine albernen Erfindungen haben dir ein Leben erm�glicht, von dem Hunderttausende in Bradost nur tr�umen k�nnen. Aber wenn dir das l�stig ist, habe ich eine gute Nachricht f�r dich: Mit dem sch�nen Leben ist es jetzt vorbei. Denn mit deinem Leichtsinn hast du unsere Existenz ruiniert. Ich hoffe, du bist stolz auf dich.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>3</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Das Tor</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>ie Nacht senkte sich allm�hlich �ber Bradost herab. Finsternis kroch aus Gassen und Hinterh�fen �ber den Platz, und die Gaslaternen tauchten die Sandsteinfassaden in tr�bes Licht. Soldaten mit geschulterten Hakenlanzen verk�ndeten den Beginn der Ausgangssperre. Nach und nach schlossen Tavernen und Variet�s. Menschen mit tief ins Gesicht gezogenen H�ten stiegen in die wartenden Droschken oder eilten verstohlen nach Hause. Nur in der Alten Arena scherte sich niemand um die Ausgangssperre. Aus den Kaschemmen ert�nten weiterhin Musik und Gel�chter, denn selbst die mutigsten Ordnungsh�ter wagten sich nicht in die rauchgeschw�ngerten Tunnel und Gew�lbehallen unter dem uralten Gem�uer hinab.</p><p>Als Vivana die Arkaden verlie�, zog gerade ein Luftschiff am Himmel vorbei. F�r eine Minute verdeckte es die Sterne, ein zapfenf�rmiger Kern aus Schw�rze, bevor es mit summenden Aethermotoren und blinkenden Scheinwerfern s�dw�rts verschwand. Vivana vergewisserte sich, dass keine Soldaten in der N�he waren, dann �berquerte sie den Platz. Mit Ruac auf den Schultern huschte sie zu einem Eckhaus mit steilem Dachgiebel und windschiefem Kamin, stie� die T�r auf und wurde von schummrigem Licht und Pfeifenrauch empfangen. Die schattenhaften Gestalten in den Nischen raunten einander ihre Geheimnisse zu und beachteten sie nicht, w�hrend sie die knarrenden Holzstufen hinaufstieg. In der Namenlosen Herberge fanden Gegner Lady Sarkas eine sichere Zuflucht. Wer hierherkam, wollte nicht gesehen und geh�rt werden und respektierte, dass die anderen G�ste denselben Wunsch hatten.</p><p>Sie klopfte an die T�r ihrer Unterkunft und wartete. �Ich bin�s. Mach auf.�</p><p>�Zuerst die Losung�, erklang ged�mpft die Stimme ihres Vaters.</p><p>Vivana verzog den Mund. �Aetherumwandler.�</p><p>Er lie� sie herein.</p><p>�Das ist albern, Paps.�</p><p>�Man kann nicht vorsichtig genug sein.�</p><p>�Wir sind hier sicher.�</p><p>�Darauf w�rde ich nicht wetten. W�hrend du fort warst, habe ich drau�en zwei Spiegelm�nner gesehen.�</p><p>�Sie suchen immer noch nach den Attent�tern. Das hat nichts mit uns zu tun.�</p><p>Er sp�hte aus dem Fenster. �Hast du darauf geachtet, dass dir niemand folgt?�</p><p>�Ja!�</p><p>�Und? Konnte deine Tante dir weiterhelfen?�</p><p>�Sie war nicht da. Wir m�ssen jetzt los. Lucien wartet schon auf uns. Nun mach schon!�, dr�ngte sie, da ihr Vater sich nicht von der Stelle r�hrte.</p><p>Mit einem missmutigen Zug um den Mund stellte er den Tragekorb aufs Bett und schl�pfte in die Lederschlaufen, sodass er ihn bequem auf dem R�cken tragen konnte. Vivana schulterte ihren Ranzen. Neben der Ersatzkleidung und der Ausr�stung hatte sie Wasser und Verpflegung eingepackt.</p><p>Ruac nahm sie auf den Arm. Ihr Vater blickte den Tatzelwurm wenig freundlich an.</p><p>�Er kommt mit, ob es dir passt oder nicht�, sagte sie.</p><p>Schnaubend ging er zu dem kleinen Tisch und griff mit seiner mechanischen Hand nach einem gefalteten und mit Kerzenwachs versiegelten St�ck Papier.</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Ein Brief an die Werkstatt. Ich habe meinen Leuten geschrieben, dass ich spontan verreisen musste. Ich bin ein bekannter Mann in Bradost; ich kann nicht einfach ohne eine Erkl�rung verschwinden. Das g�be nur Gerede, und Aufmerksamkeit ist das Letzte, was ich jetzt will.�</p><p>�Hast du auch geschrieben, wohin du reisen musstest? Und wie lange du fort sein wirst?�</p><p>�Weder noch.�</p><p>�Wird deinen Leuten das nicht seltsam vorkommen?�</p><p>�Ich bin der Chef. Ich bin ihnen keine Rechenschaft schuldig. Sie werden annehmen, ich habe Urlaub genommen. Ich hatte schlie�lich seit Jahren keinen.�</p><p>�Aber in sp�testens drei oder vier Wochen werden sie ahnen, dass etwas nicht stimmt.�</p><p>�Ich habe nicht vor, dann noch in Bradost zu sein.�</p><p>Also war es ihm ernst damit. Vivana hielt seine Angst, Lady Sarka k�nne ihnen auf die Schliche kommen, immer noch f�r ma�los �bertrieben, aber sie wollte keinen neuen Streit, deshalb lie� sie es auf sich beruhen. Vielleicht beruhigte er sich, wenn er nach ihrer R�ckkehr feststellte, dass die Geheimpolizei nicht hinter ihnen her war.</p><p>Sie verlie�en das Zimmer und stiegen die Treppe zum Schankraum hinunter. Vivanas Vater dr�ckte dem Wirt seinen Brief zusammen mit einem Silberschilling in die Hand und erkl�rte ihm leise, wohin er die Nachricht schicken solle. Der Mann nickte und lie� Brief und M�nze in seiner Sch�rze verschwinden.</p><p>Drau�en war keine Menschenseele mehr unterwegs. Vivana und ihr Vater blieben neben einer Plakats�ule stehen, wo es stockdunkel war.</p><p>Sie schwiegen. Seit ihrer Ankunft in der Namenlosen Herberge hatten sie kein Wort �ber ihren Streit verloren, doch vergessen war er deswegen noch lange nicht. Etwas war heute Morgen zwischen ihnen zerbrochen, etwas Grundlegendes, und Vivana fragte sich, ob sie je wieder Vertrauen zueinander fassen konnten. Eines stand jedenfalls fest: Wenn er Frieden wollte, w�rde er den ersten Schritt tun m�ssen. Sie war dazu nicht in der Lage. Seine Worte hatten sie zu sehr verletzt.</p><p>Kurz darauf erklang Luciens Stimme: �Ihr seid sp�t dran.�</p><p>Die Worte schienen aus dem Nichts zu kommen. F�r einen kurzen Moment glaubte Vivana, den Alb zu erkennen, eine schemenhafte Gestalt in der Dunkelheit.</p><p>�Entschuldige�, sagte sie. �Wir sind so schnell gekommen, wie es ging.�</p><p>�Das ist dein Vater, nehme ich an. Der ber�hmte Nestor Quindal. Es ist mir ein Vergn�gen.�</p><p>Mit gerunzelter Stirn betrachtete ihr Vater die Stelle, wo er den Alb vermutete. �Warum zeigst du dich nicht?�</p><p>�Alles zu seiner Zeit�, erwiderte Lucien. �Was ist in dem Korb?�</p><p>�Verpflegung und Ausr�stung f�r eine lange Reise�, erkl�rte Vivana, �so wie du gesagt hast.�</p><p>�Deswegen h�ttet ihr nicht den halben Hausrat einpacken m�ssen. Mit so viel Gep�ck kommen wir im Pand�monium keine f�nf Meilen weit. Egal, darum k�mmern wir uns nachher. Geht jetzt zum Eingang an der S�dseite und folgt dem Tunnel, bis ihr zu einer Treppe auf der rechten Seite kommt. Dort gebe ich euch weitere Anweisungen.�</p><p>�Wieso sollten wir dir trauen?�, fragte Vivanas Vater.</p><p>�Weil er der Einzige ist, der wei�, wo das Tor ist�, sagte Vivana ungeduldig. �Jetzt komm schon.�</p><p>�H�r auf deine Tochter, Quindal. Sie ist ein kluges M�dchen.�</p><p>Vivana h�rte leise Schritte, die sich von ihnen entfernten, und ging los. Ihr Vater folgte ihr widerwillig.</p><p>�llampen mit milchig-tr�ben Glasfassungen hingen im Eingang auf der S�dseite und tauchten ihn in fahles Licht. Niemand war zu sehen, aber aus den Gitterfenstern des Untergeschosses ert�nte Tavernenl�rm.</p><p>Vivana konnte sp�ren, dass Lucien immerzu in ihrer N�he war, w�hrend sie den Tunnel entlanggingen. Rampen, die zu den Zuschauerr�ngen hinauff�hrten, zweigten links und rechts ab, waren jedoch mit Brettern vernagelt. Plakate von Variet�s, Laterna-Magica-Vorf�hrungen und Schauerkabinetten klebten daran.</p><p>Als sie die Treppe fanden, h�rten sie abermals Luciens Stimme: �Da unten erwartet uns der Abschaum von Bradost. Also seht zu, dass ihr keinen �rger bekommt. Ich bleibe dicht bei euch und sage euch, wohin ihr gehen m�sst.�</p><p>Schaudernd dachte Vivana an ihre Begegung mit dem entstellten H�ndler, der ihr Ruac wegnehmen wollte. �Gibt es keinen anderen Weg?�</p><p>�Doch. Aber der ist noch schlimmer.�</p><p>Eine kurze und kaum merkliche Verschiebung von Licht und Schatten verriet ihr, dass Lucien vorausgegangen war. Sie h�llte Ruac in ihr Cape, sodass nur noch seine Schnauze zu sehen war, und stieg die engen Stufen hinab.</p><p>Die Treppe f�hrte in einen weitl�ufigen Gew�lbesaal. Feuer brannten in mehreren Kohlepfannen, die Luft war zum Schneiden dick von �ligem Rauch und dem Geruch von Ale, saurem Wein und Opium. Tische standen kreuz und quer zwischen den S�ulen, bev�lkert von zechenden Menschen. Vivana sah Matrosen mit vernarbten Armen und bunten Kopft�chern, rotgesichtige Patrizier und junge Edelleute, die mit den Huren sch�kerten oder sich an ihren Absinthkelchen labten. Irgendwo spielte jemand auf einer Pfeife eine wilde Melodie, begleitet von einem Tamburin, und auf einem der Tische tanzte ein leicht bekleidetes M�dchen, das h�chstens so alt wie Vivana war. Ihre Zwillingsschwester sa� auf dem Scho� eines Mannes und kicherte, als der seine Hand unter ihre R�cke schob.</p><p>�Sieh da nicht hin�, knurrte ihr Vater und zog sie weiter. Vivana konnte sich kaum vom Anblick all dieser betrunkenen und l�sternen Menschen losrei�en. In den Tavernen und Kaffeeh�usern, die sie kannte, ging es immer recht gesittet zu. So eine Orgie hatte sie noch nie gesehen. Pl�tzlich kam sie sich sehr beh�tet vor.</p><p>W�hrend sie den Saal durchquerten, bemerkte sie, dass hin und wieder jemand zu ihnen herstarrte.</p><p>�K�nnen die Leute dich etwa sehen?�, fragte sie Lucien leise.</p><p>�Ein paar schon. Unauff�lligkeit funktioniert nicht besonders gut bei Betrunkenen und Opiums�chtigen. Es macht nichts. Mit etwas Gl�ck halten sie mich f�r eine Wahnvorstellung.�</p><p>Lucien dirigierte sie durch die Rauchschwaden zu einem Gang, beleuchtet von Fackeln in rostigen Wandhalterungen. Aus einer Nische klang leises Seufzen, und Vivana erblickte ein Paar, das sich innig k�sste und umarmte. �Was gibt�s da zu glotzen?�, blaffte der Mann sie an, bevor er damit fortfuhr, das Wams der Frau aufzukn�pfen.</p><p>Der verwinkelte Tunnel beschrieb, immer wieder unterbrochen von kurzen Treppen, mehrere Biegungen, sodass Vivana bald die Orientierung verlor. In den angrenzenden Kammern hielten sich Leute auf, die aus diesem oder jenem Grund ungest�rt sein wollten. Ein vornehm gekleideter J�ngling kauerte mit seinen beiden Begleiterinnen auf einem Lager aus Kissen und zog an einer Opiumpfeife. Eine rothaarige Alchymistin in bleifarbenen Gew�ndern stritt mit einem Halbw�chsigen, entriss ihm einen Beutel und verpasste ihm eine Ohrfeige.</p><p>Schlie�lich gelangten sie zu einem dunklen Winkel, wo sich eine �ffnung im Mauerwerk befand. Das Gitter vor dem Loch war so verrostet, dass nur noch St�mpfe von den Eisenst�ben �brig waren. Nacheinander schl�pften sie hindurch und fanden sich auf einer Treppe wieder, die sich steil nach unten wand. Licht flammte auf, und vor ihnen erschien Lucien, in der Hand eine Lampe.</p><p>Der Alb �bernahm die F�hrung und geleitete sie tiefer in die Gew�lbe hinab. Das Gaslicht irrlichterte �ber die feuchten W�nde und offenbarte ihnen fl�chtige Blicke in die S�le und Tunnel, an denen sie vorbeikamen. Nachtschwarze Finsternis herrschte darin. Vivana konnte nur raten, welchem Zweck diese Kammern und G�nge einst gedient hatten, w�hrend ihr Blick die vergitterten Sch�chte, m�chtigen Zahnr�der und rostzerfressenen Kettenz�ge darin streifte.</p><p>Mit jeder Treppenstufe f�hlte sie sich unwohler, das Atmen fiel ihr schwer. Doch es war nicht die Dunkelheit oder die zunehmende K�lte, die ihr zu schaffen machten � Vivana konnte f�rmlich sp�ren, dass das Mauerwerk um sie herum vom B�sen durchsetzt war, von einer dunklen, unheilvollen Kraft, die den Stein wie ein ver�steltes Pilzgewebe durchzog, gen�hrt von der Lasterhaftigkeit der Spelunken und Hurenh�user in den oberen Geschossen, wenngleich ihr Ursprung viel �lter und grausiger war.</p><p>�Fr�her wurden in der Arena Gladiatorenk�mpfe abgehalten�, erkl�rte Lucien, als sie ihn darauf ansprach. �Tierhetzjagden, Hinrichtungen, Gefechte Mann gegen Mann. Ein furchtbares Gemetzel, Woche f�r Woche, dreihundert Jahre lang. Nirgendwo im ganzen Land wurde auf so kleinem Raum so viel Blut vergossen. Das hat Spuren hinterlassen. Ein fernes Echo der Gewalt. Diese Tunnel sind voll davon.�</p><p>�Und deshalb gibt es hier ein Tor zum Pand�monium?�</p><p>Der Alb nickte. �Solche Tore entstehen �berall, wo das B�se lange Zeit am Werk gewesen ist.�</p><p>�Einfach l�cherlich�, murmelte Vivanas Vater.</p><p>Seine Skepsis war Vivana unbegreiflich. �Wenn du nicht an solche Dinge glaubst, wie erkl�rst du dir eigentlich, dass Lucien existiert?�</p><p>�Nur weil es Schattenwesen gibt, muss ich nicht jede Schauergeschichte f�r bare M�nze nehmen.�</p><p>�Und was ist deiner Meinung nach mit Liam geschehen?�</p><p>�Vermutlich hat er sich in einem seltenen Anfall von Vernunft aus dem Staub gemacht. Oder er ist tot�, f�gte er leise hinzu.</p><p>�Ist er nicht�, widersprach sie entschieden. �Wieso sagst du so etwas?�</p><p>Ihre Stimmen hallten durch den Treppenschacht.</p><p>�Seid leise�, sagte Lucien. �Wer wei�, was sich hier unten alles herumtreibt.�</p><p>Schweigend folgten sie den uralten Stufen. Irgendwann endete die Treppe an einem Schutthaufen, wo die Wand eingest�rzt war, und sie kletterten durch einen Spalt in einen weiteren Komplex aus R�umen und G�ngen. Die Kammern waren so alt und verwittert, dass man nicht mehr erkennen konnte, ob sie nat�rlichen Ursprungs oder von Menschenhand geschaffen waren. Geometrische Formen wechselten sich mit Kurven, B�gen und wuchernden Felsw�lsten ab, als w�re das Mauerwerk teilweise organisch gewachsen.</p><p>Heller Staub bedeckte den Boden. Es knirschte, als Vivana einen Fu� darauf setzte, und mit leisem Grauen wurde ihr klar, dass es sich um Knochenreste handelte.</p><p>�Wir sind gleich da�, murmelte Lucien. Er schien den Weg genau zu kennen, denn obwohl es eine Vielzahl von Abzweigungen gab, ging er zielstrebig voraus.</p><p>Vivana bemerkte, dass Decken und W�nde von Schlieren einer �ligen Substanz �berzogen waren. Sie war schwarz und sonderte einen widerw�rtigen Gestank von Krankheit und F�ulnis ab.</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Nicht anfassen�, sagte Lucien. �Das ist b�se Energie. Eine ihrer Erscheinungsformen, genauer gesagt. Sie sickert aus der ganzen Stadt herein. Das Tor zieht sie an.�</p><p>Kurz darauf hob Ruac den Kopf und blickte sich wachsam um. Er besa� �beraus feine Sinne. Offenbar nahm der Tatzelwurm etwas wahr, das Menschen verborgen blieb, weswegen es Vivana nicht �berraschte, als Lucien schlie�lich stehen blieb und sagte: �Da ist es.�</p><p>Ihr Weg endete in einem nicht sonderlich gro�en, teilweise eingest�rzten Raum.</p><p>Am oberen Ende einer kleinen Schutthalde befand sich das Tor.</p><p>Das Gestein dort ging in fleischige Str�nge �ber, die ein knotiges Nest bildeten, eine Art Membran. Die �lige Substanz an den W�nden sammelte sich in dem Gebilde, das pulsierte wie ein Organ und die verdorbene Energie in sich aufsog.</p><p>Der Gestank war entsetzlich. Vivana musste an Siechenh�user denken, an Folterkammern und Schlachtfelder, an Orte, wo Gewalt, Schmerz und Grauen regierten � und mit einem Mal wurde ihr der ganze Wahnsinn ihres Vorhabens bewusst. Bereits hier war die Pr�senz des B�sen derart intensiv, dass sie f�rchtete, davon erdr�ckt zu werden. Wie schrecklich w�rde es erst im Pand�monium werden?</p><p>Mit belegter Stimme fragte sie ihren Vater: �Glaubst du mir jetzt?�</p><p>�Das beweist gar nichts�, erwiderte er und starrte dabei das Tor an, doch seiner Stimme fehlte die Entschiedenheit, mit der er �blicherweise seine Ansichten vorbrachte.</p><p>�Ist es offen?�, wandte sich Vivana an Lucien.</p><p>�Noch nicht.� Der Alb �ffnete seinen Lederrucksack und entnahm ihm drei Gegenst�nde, die er auf einen Steinblock legte. �Ich habe ein paar Dinge mitgebracht, die uns hoffentlich die Suche erleichtern. Seht her.�</p><p>Es handelte sich um ein ledernes Kartenfutteral, eine Kerze und ein Brandeisen, dessen Schaft mit seltsamen Schriftzeichen versehen war.</p><p>�Das Futteral enth�lt eine Karte des Pand�moniums�, erkl�rte Lucien. �Sie ist alt und wahrscheinlich ungenau, aber besser als nichts.�</p><p>�Wer hat sie gezeichnet?�, fragte Vivana.</p><p>�Wir sind nicht die Ersten, die ins Pand�monium hinabsteigen. Es gab immer wieder Leute, die das versucht haben, und manchmal ist sogar jemand zur�ckgekehrt. Die Kerze ist verzaubert. Ihr Licht h�lt die verdammten Seelen fern, denen wir mit Sicherheit begegnen werden. Wir sollten also sparsam damit umgehen. Mit dem Brandeisen k�nnen wir D�monen unseren Willen aufzwingen.� Er verstaute die Gegenst�nde wieder in seinem Rucksack. �Ich bewahre die Sachen auf, aber ihr solltet ebenfalls darauf achten, dass sie nicht verloren gehen. Unser Leben k�nnte davon abh�ngen. Jetzt sollten wir uns euer Gep�ck vornehmen.�</p><p>Lucien forderte Vivanas Vater auf, den Tragekorb zu �ffnen. �Wir m�ssen vermutlich tagelang zu Fu� gehen, deswegen nehmen wir nur mit, was wir unbedingt brauchen. Alles andere lassen wir hier. Was ist das?�</p><p>�Mein altes Zelt�, antwortete Vivana.</p><p>Der Alb warf die zusammengerollte Plane und die Zeltstangen weg und begann, einen Gro�teil des Korbinhalts auszusortieren. Vivana und ihr Vater sahen hilflos zu, wie Kleider und Ausr�stungsst�cke zu Boden fielen, bis der Tragekorb bald nur noch halb voll war.</p><p>Schlie�lich leerte Lucien auch ihren Wasserschlauch aus.</p><p>�Was machst du da?�, protestierte Vivana. �Wir brauchen das Wasser!�</p><p>�Ja, aber keine zwei Gallonen. Das ist viel zu schwer. Eine halbe muss gen�gen. Unterwegs k�nnen wir den Schlauch ja wieder auff�llen.�</p><p>�Im Pand�monium gibt es Wasser?�</p><p>�In allen alten Berichten, die ich kenne, ist von Quellen und Wasserstellen die Rede. Auf meiner Karte sind sogar ein paar eingezeichnet. Es sollte kein Problem sein, sie zu finden.�</p><p>In diesem Moment gab Ruac ein Zischen von sich, woraufhin sich Lucien zum Tor umwandte. �Es �ffnet sich!�</p><p>Die W�lste bewegten sich, als w�rden sich riesige W�rmer in der Wand winden und dabei das Mauerwerk aufwerfen. Die Membran w�lbte sich nach innen und bildete eine fleischige Mulde. Vivana wurde beinahe �bel, so absto�end war der Anblick.</p><p>�Sowie man das Tor ber�hrt, saugt es einen hinein�, sagte Lucien, w�hrend er die Riemen seines Rucksacks festzog. �Es dauert eine Weile, bis man auf der anderen Seite ist, also haltet die Luft an. Es ist unvermeidlich, dass ihr mit der b�sen Energie in Ber�hrung kommt. Lasst euch auf keinen Fall davon beeinflussen.�</p><p>�Wie meinst du das?�, fragte Vivana.</p><p>�Das wirst du schon sehen. Viel Gl�ck.�</p><p>�Nein, warte!�, rief sie, doch bevor sie auch nur eine ihrer zahllosen Fragen loswerden konnte, war der Alb bereits die Schutthalde hinaufgeklettert und stie� eine Hand in das Tor. Die Membran zog ihn hinein, und Sekunden sp�ter war er verschwunden, als w�re er in der teigigen Masse versunken.</p><p>�Ich gehe als N�chste�, sagte Vivana, nachdem sie ihr Entsetzen �berwunden hatte.</p><p>�Kommt gar nicht infrage�, erwiderte ihr Vater. �Wer wei�, was dieser Kerl vorhat.� Er schob sie zur Seite und stieg unbeholfen das Ger�ll hinauf, den Tragekorb auf dem R�cken. �Ich kann nicht glauben, dass ich das tue�, knurrte er und ber�hrte die Membran.</p><p>Das Gebilde begann ihn zu verschlucken wie zuvor Lucien. Doch anders als der Alb k�mpfte er pl�tzlich dagegen an, versuchte, sich gegen den Sog der Membran zu wehren, vergeblich. Ein erstickter Schrei drang aus seinem Mund, und Vivana sah das Grauen in seinem Gesicht, bevor auch er verschwand.</p><p>Eisesk�lte breitete sich in ihren Gliedern aus. Mit fahrigen Bewegungen griff sie nach Luciens Laterne, dr�ckte Ruac an sich und erklomm die Schutthalde.</p><p>Die Membran schmatzte leise. In Vivanas Kopf drehte sich alles.</p><p><emphasis>Ich komme, Liam</emphasis>, dachte sie. <emphasis>Halte durch. Bitte halte durch.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>4</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Trauer</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>R</strong>oter Nebel umgab Jackon und h�llte ihn von Kopf bis Fu� ein. Blind und taub taumelte er darin umher, erf�llt von einem unbestimmten Gef�hl der Furcht, von einer vagen Ahnung, dass er fliehen sollte, obwohl er sich nicht erinnern konnte, wovor. Manchmal murmelten Stimmen und tauchten schemenhafte Gesichter auf, doch sie verschwanden wieder, bevor er sie erkannte oder verstand, was sie sagten.</p><p>Der Nebel lichtete sich auch dann nicht, als er aufwachte, zumindest nicht sofort. Jackon lag reglos da, atmete flach und wartete. Irgendwo gl�hte ein Licht.</p><p>Er blinzelte die letzten Dunstschleier fort. Eine seltsame Taubheit erf�llte seinen K�rper, am st�rksten in Armen und Beinen, die er kaum bewegen konnte. Langsam drehte er den Kopf.</p><p>Holzget�felte W�nde.</p><p>Ein karmesinroter Teppich auf dem Boden.</p><p>Eine Stellwand.</p><p>Vitrinen, ein abgenutzter Ohrensessel, ein geschnitztes Tischchen, auf dem verschiedene Phiolen standen.</p><p>Nirgendwo Fenster oder eine T�r.</p><p><emphasis>Das geheime Zimmer</emphasis>, dachte er benommen. <emphasis>Ja.</emphasis> Er hatte viele N�chte hier verbracht und kannte es in- und auswendig.</p><p>Er lag auf der roten Couch, zur H�lfte von einem durchgeschwitzten Laken bedeckt, das sich um seine Beine schlang. Er hatte Durst, war jedoch zu schwach, um nach der Wasserkaraffe auf dem Tischchen zu greifen.</p><p>Jackon erinnerte sich, dass er hergetragen worden war... von Corvas und Amander. Er hatte Schmerzen gehabt, schreckliche Schmerzen. Ein fremder Mann hatte ihm eine Spritze gegeben; wenig sp�ter war er eingeschlafen.</p><p>Was war davor geschehen?</p><p>Eine missgestaltete Fratze tauchte aus den Tiefen seines benebelten Ged�chtnisses auf � und schlagartig fiel ihm alles wieder ein: die Ghule. Ihre heillose Flucht. Der Kampf im Kuppelsaal. Aziel, der versucht hatte, ihn zu t�ten.</p><p>Jackon keuchte vor Entsetzen, als ihm klar wurde, dass er vielleicht immer noch in Gefahr schwebte. Er musste fort, so schnell wie m�glich, und sich irgendwo verstecken.</p><p>Schwerf�llig streifte er das Laken ab, um sich aufzurichten. Doch der Schmerz, der daraufhin in seiner Brust aufwallte, war so heftig, dass er beinahe das Bewusstsein verlor. Schwer atmend blieb er liegen und vermied jede weitere Bewegung, bis das Stechen und Brennen nachgelassen hatte.</p><p>Vorsichtig, Zentimeter f�r Zentimeter, f�hrte er die Hand zu seinem Schl�sselbein. Er war nackt bis auf die Unterhose; um seine Brust hatte man Bandagen geschlungen. Das Fleisch darunter begann zu pochen, als er die Kompresse ber�hrte.</p><p>Seth hatte ihn angegriffen, hatte ihm eine gl�hende Dolchklinge in den K�rper gesto�en. Die Erinnerung daran war verschwommen, �berlagert von Grauen und Schmerz, doch eines wusste er noch ganz genau: Der Incubus h�tte ihn get�tet, wenn Liam den Halbd�mon nicht abgelenkt h�tte.</p><p>Jackon schloss die Augen und versuchte, seine spr�den Lippen zu befeuchten. Seine Zunge war taub und angeschwollen. Er brauchte dringend etwas zu trinken.</p><p>Irgendwann h�rte er leise Schritte. Er erwartete schon, Aziel oder einen Ghul zu sehen, als er den Kopf zur Seite drehte, aber er erblickte nur einen Mann in schlichter Livree. Jackon kannte ihn: Es war einer der stummen Zwillinge, die vor ein paar Wochen auf ihn aufgepasst hatten. Wellcott... oder Kendrick. Jackon konnte die beiden M�nner nicht auseinanderhalten.</p><p>Der Diener l�chelte, stellte eine Schale mit dampfender Suppe auf den Tisch, ersetzte das Laken durch ein frisches und schob ihm behutsam ein zweites Kissen unter den Kopf. Dann f�llte er einen Becher mit Wasser und half Jackon beim Trinken. Endlich lie� der qu�lende Durst nach, und der scheu�liche Geschmack in seinem Mund verschwand.</p><p>Anschlie�end f�tterte der Mann ihn. Die Gem�sesuppe war hei�, weswegen er auf den L�ffel blies, bevor er ihn Jackon zum Mund f�hrte. Jackon schaffte nicht einmal die halbe Schale. Sogar zum Essen war er zu schwach. Er sank auf das Kissen zur�ck, sch�pfte Atem und brachte leise hervor: �Wo ist die Herrin?�</p><p>Der Diener machte eine unbestimmte Geste, hob das Tablett mit dem Suppennapf an und verschwand hinter der Stellwand. Jackon legte die H�nde auf das Laken, darum bem�ht, das Pochen in seiner Brust zu ignorieren. Wenigstens schien er in Sicherheit zu sein. Man w�rde ihm kaum Suppe bringen, wenn noch Ghule in der N�he w�ren.</p><p>Er versuchte, sich an weitere Einzelheiten des Kampfes zu erinnern. Was war mit Liam geschehen, nachdem Corvas und Amander ihn die Treppe hinaufgetragen hatten? Was mit Lucien und dem M�dchen � Vivana? Und wie viel Zeit war seitdem vergangen? Ein paar Stunden? Mehrere Tage?</p><p>Auf all diese Fragen fand er keine Antwort, denn er war viel zu m�de, um konzentriert nachzudenken. Als er gerade am Einschlafen war, tr�bte etwas den Lichtschein der Lampe. In einer Zimmerecke ballten sich die Schatten zu einem schwarzen Kern zusammen, aus dem Umbra und Lady Sarka traten. Bei ihnen war eine dritte Person, ein unauff�lliger Mann mittleren Alters, der eine Ledertasche trug. Das Schattentor schloss sich, w�hrend die Lady und der Mann n�her kamen. Umbra wartete in der Ecke.</p><p>�Jackon.� Lady Sarka l�chelte ihn an. �Wellcott hat mir mitgeteilt, dass du endlich aufgewacht bist. Wie geht es dir?�</p><p>�Herrin�, �chzte er und wollte sich schon aufsetzen � mit dem Ergebnis, dass ihn abermals bohrender Schmerz durchzuckte.</p><p>�Nicht bewegen�, sagte der fremde Mann. �Die Wunde k�nnte sonst aufplatzen.� Er setzte sich auf einen Schemel, �ffnete seine Tasche und holte eine Spritze und Verbandsmaterial heraus.</p><p>�Doktor Addock, mein Leibarzt�, stellte Lady Sarka ihn vor. �Er wird sich um dich k�mmern, bis es dir besser geht.�</p><p>�Du hattest verteufeltes Gl�ck, mein Junge�, meinte der Doktor. �Ein paar Zentimeter weiter unten und die Dolchklinge h�tte dein Herz durchbohrt. Wenn sich die Wunde nicht entz�ndet, solltest du in ein paar Wochen wieder auf den Beinen sein. Am schlimmsten sind jetzt die Schmerzen. Ich gebe dir Morphium, damit du schlafen kannst... Halt still, ich muss den Verband erneuern.�</p><p>Jackon biss die Z�hne zusammen, als der Doktor die Kompresse von der Wunde entfernte. Getrocknetes Blut klebte daran.</p><p>�Was ist mit Aziel geschehen?�, fragte er, w�hrend Doktor Addock seine Arbeit tat.</p><p>�Hab keine Angst�, erwiderte Lady Sarka. �Er ist fort. Und die Ghule auch. Die Spiegelm�nner haben sie vertrieben.�</p><p>�Ist er tot?�</p><p>�Nein. Aber sehr geschw�cht. Er kann dir vorerst nichts tun.�</p><p>�Vorerst?�, wiederholte Jackon alarmiert.</p><p>�Nun ja, du bist ein Traumwanderer. Aziel f�rchtet dich mehr als sonst etwas auf der Welt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er noch einmal versuchen wird, dich zu t�ten.�</p><p>Das war nicht gerade die Antwort, die er sich erhofft hatte. Beunruhigt kaute er auf seiner Lippe.</p><p>�Aber mach dir deswegen keine Sorgen�, fuhr Lady Sarka fort. �In diesem Zimmer kann dir nichts geschehen. Sieh zu, dass du gesund wirst. Das ist jetzt am wichtigsten.� Sie griff in ihre Robe und holte einen Anh�nger hervor. �Leg das an. Nur zur Sicherheit.�</p><p>Es war das Drudenfu�amulett. Jackon erinnerte sich, dass der Silberanh�nger sowohl Lucien als auch Aziel daran gehindert hatte, ihn zu ber�hren. Mit Doktor Addocks Hilfe streifte er die Kette �ber den Kopf, aber besser f�hlte er sich dadurch nicht, im Gegenteil. Wenn Lady Sarka wollte, dass er den Anh�nger trug, war er in dieser Kammer offenbar nicht so sicher, wie sie behauptete.</p><p>�Was ist aus Lucien geworden?�</p><p>�Wissen wir nicht�, antwortete Umbra. �Er ist kurz nach dem Kampf verschwunden.�</p><p>�Und Liam? Ich will ihn sehen.�</p><p>Die Leibw�chterin und Lady Sarka wechselten einen Blick. Umbra sagte langsam: �H�r zu, Jackon. Au�er Corvas, Amander und uns beiden hat niemand den Angriff �berlebt. Jocelyn, Ibbot Hume und die anderen Bediensteten wurden get�tet, als die Ghule den Gesindefl�gel st�rmten.�</p><p>�Aber Liam war nicht im Gesindefl�gel. Er war bei mir. Wir sind gemeinsam zum Kuppelsaal geflohen, wei�t du nicht mehr?�</p><p>�Der Incubus hat ihn verbrannt.�</p><p>�Verbrannt? Ich verstehe nicht... Er hat doch auf Seth geschossen. Zweimal!�</p><p>�Er ist tot, Jackon�, sagte Umbra.</p><p>In Jackons Kopf drehte sich alles. �Nein. Nein, das glaube ich nicht.�</p><p>�Es tut mir leid�, bemerkte Lady Sarka sanft. �Ich wei�, er war dein Freund.�</p><p>Er grub die Finger in den Couchbezug und stemmte sich hoch, trotz der Schmerzen und der Proteste des Doktors. �Hat es jemand gesehen? Hat jemand gesehen, wie er gestorben ist?�</p><p>�Nein�, antwortete Umbra. �Aber niemand �berlebt das Feuer eines D�mons.�</p><p>Der Gleichmut, mit dem sie das sagte, machte ihn zornig, so zornig, dass er sogar die Schmerzen verga�. �Ich will in den Kuppelsaal! Ich will genau wissen, was passiert ist, jetzt sofort...� Als er Anstalten machte, aufzustehen, dr�ckte Doktor Addock ihn mit sanfter Gewalt auf die Couch zur�ck.</p><p>�Das reicht jetzt, Junge. Willst du dich umbringen?�</p><p>Jackon versuchte, sich zu wehren, aber er war viel zu schwach. Seine Wut legte sich so pl�tzlich, wie sie gekommen war, und wich l�hmender, alles erdr�ckender Traurigkeit. Tr�nen rannen �ber seine Wangen.</p><p>�Du solltest jetzt schlafen�, meinte Lady Sarka und nickte ihrem Leibarzt zu.</p><p>�Ich will nicht schlafen�, protestierte Jackon schwach, doch im gleichen Moment gab ihm der Doktor eine Spritze.</p><p>Der r�tliche Nebel kehrte zur�ck und h�llte ihn ein, als das Morphium seine Wirkung entfaltete. Jackon weinte, bis er wenig sp�ter einschlief.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>5</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Umbras Auftrag</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>U</strong>mbra f�hrte die Herrin und Doktor Addock durch den Schattentunnel und �ffnete nach wenigen Schritten ein Tor, durch das sie in den gro�en Saal gelangten. Die Sonne war vor einer Stunde aufgegangen, und die Glaskuppel gl�hte in der Morgend�mmerung. Ein roter Schein wie von geschmolzenem Stahl lag auf W�nden und S�ulen.</p><p>�Der Junge schl�ft jetzt einige Stunden�, sagte der Doktor. �Ich sehe heute Nachmittag wieder nach ihm. Ruft mich, sollte es ihm schlechter gehen.� Mit einer Verneigung verabschiedete er sich von Lady Sarka.</p><p>Umbra blickte ihm nach, w�hrend er zum Portal ging. Der Saal bot immer noch ein Bild der Verw�stung, obwohl die Spiegelm�nner inzwischen das schlimmste Chaos beseitigt hatten. �berall standen und lagen zerst�rte Wandschirme und M�belst�cke herum. Ru�spuren markierten die Stelle, wo das H�llenfeuer des Incubus gew�tet hatte. Wenigstens die toten Ghule und die beiden V�len waren verschwunden. Die Spiegelm�nner hatten die Leichen gestern im Garten verbrannt.</p><p>Schaudernd dachte Umbra an die vorletzte Nacht. Corvas und sie hatten damit gerechnet, dass Aziel irgendwann versuchen w�rde, Jackon zu t�ten. Aber dass der Herr der Tr�ume den Palast mit einer Horde Ghule angreifen w�rde, hatte sie, gelinde gesagt, �berrascht. Wie, bei allen D�monen, war es Aziel gelungen, den Madenk�nig zu solch einer Wahnsinnstat zu bewegen?</p><p>Lady Sarka zog eine versiegelte Nachricht aus einer Falte ihres Gewands. �Hier. Ich m�chte, dass du das Quindal bringst.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Ein Brief, in dem ich ihn �ber den Tod seines Gro�neffen unterrichte und ihm mein Beileid ausspreche. Du wei�t, wie wichtig mir seine Loyalit�t ist. Er soll nicht denken, es w�re mir gleichg�ltig, was mit dem Jungen passiert ist.�</p><p>�Quindal ist nicht zuhause�, sagte Umbra. �Ich war gestern dort, weil ich mich erkundigen wollte, ob seine Tochter wohlbehalten angekommen ist, aber ich habe niemanden angetroffen. Die Leute in seiner Werkstatt behaupten, er h�tte die Stadt verlassen. Offenbar ist er mit seiner Tochter verreist.�</p><p>�Verreist?� Lady Sarka runzelte die Stirn. �Quindal? Das w�re das erste Mal seit zehn Jahren. Wei�t du, weswegen? Und wo sie hingefahren sind?�</p><p>�Leider nicht.�</p><p>�Finde heraus, wann er zur�ckkommt. Ich glaube, ich spreche besser pers�nlich mit ihm �ber die Sache... �brigens: Wellcott und Kendrick. Ich war �berrascht, sie zu sehen. Seit wann sind sie hier?�</p><p>�Gestern Abend. Ich habe sie geholt, damit sie sich um das Haus k�mmern, bis wir Ersatz f�r Jocelyn und die anderen gefunden haben. Au�erdem brauchen wir jemanden, der nach Jackon sieht, wenn Doktor Addock nicht da ist.�</p><p>�Gut. Sag ihnen, sie sollen so oft wie m�glich zu ihm gehen und ihn aufmuntern. Ich will nicht, dass er in Kummer versinkt.�</p><p>�Wellcott m�chte wissen, ob er Jackons altes Zimmer im Gesindefl�gel herrichten soll.�</p><p>�Der Junge bleibt vorerst in meinen Gem�chern. Wenn er genesen ist, bekommt er eine Kammer im S�dfl�gel.�</p><p>Dort befanden sich die Unterk�nfte von Umbra, Corvas und Amander. �Also soll er nicht mehr im Garten arbeiten?�</p><p>�Nein, das ist nicht mehr n�tig. Ich werde ihn bald offiziell zu meinem Leibw�chter ernennen. Er muss seine Kr�fte nicht l�nger verstecken.�</p><p>�Er hat gro�e Angst vor Aziel�, bemerkte Umbra.</p><p>�Nicht ganz zu Unrecht, oder?�</p><p>�Ich frage mich nur, ob es klug war, ihn deswegen zu beunruhigen. Er braucht jetzt Ruhe.�</p><p>Unmut flackerte in Lady Sarkas Augen auf, wie immer, wenn man ihre Entscheidungen infrage stellte. �Aziel ist sein Feind. Je eher er das begreift, desto besser.�</p><p>�Aziel ist so gut wie besiegt.�</p><p>�In der Wachwelt vielleicht. In den Traumlanden ist seine Macht nach wie vor gro�. Jackon t�te also gut daran, bald seine Ausbildung fortzusetzen.�</p><p>�Hat das nicht Zeit, bis er sich erholt hat?� �Was macht der Junge gerade den ganzen Tag?�, erwiderte Lady Sarka barsch. �Er schl�ft von morgens bis abends. Da kann er genauso gut an seinen F�higkeiten arbeiten.�</p><p>Umbra war anderer Meinung, aber sie wusste, wann es kl�ger war, ihre Ansichten f�r sich zu behalten.</p><p>�Sag mir lieber, wo dieser Alchymist bleibt � Silas Torne�, fuhr die Herrin fort. �Ich warte seit Tagen auf ihn.�</p><p>�Er ist nach dem Unfall in seinem Haus spurlos verschwunden. Corvas hat seine Kr�hen nach ihm ausgesandt. Er wollte mir Bescheid geben, wenn sie ihn gefunden haben.�</p><p>�Er soll sich gef�lligst beeilen. Ich will Torne sp�testens morgen sehen. Sag ihm das.� Lady Sarka wandte sich ab und schritt mit knisternden Gew�ndern die Treppe zur Galerie hinauf.</p><p><emphasis>Zu Befehl</emphasis>, dachte Umbra missmutig. Sie verlie� den Kuppelsaal nur zu gern. Seit dem Angriff auf den Palast war die Herrin in einer gef�hrlichen Stimmung, und Umbra zog es vor, ihr aus dem Weg zu gehen.</p><p>Sie durchquerte die Eingangshalle und stieg eine enge Wendeltreppe hinauf. Im Gegensatz zum Erdgeschoss, wo der Angriff �berall Spuren der Zerst�rung hinterlassen hatte, waren die oberen Stockwerke unversehrt. Ihr Weg f�hrte sie durch verlassene Korridore und Gem�cher, durch alte Labore und verstaubte Dachkammern voller Ger�mpel, bis sie kurz darauf eine eisenverst�rkte T�r �ffnete.</p><p>Ohrenbet�ubendes Gekr�chze empfing sie im Kr�henturm. Corvas stand auf der steinernen Kanzel und lauschte den Rabenv�geln, die auf seinen ausgebreiteten Armen sa�en oder ihn flatternd umkreisten.</p><p>Umbras Miene verfinsterte sich. Sie konnte Corvas� V�gel nicht leiden. Dieser Gestank, dieser L�rm... wie ertrug er das nur?</p><p>Der Bleiche bemerkte sie und kam die Treppe herunter. Die Kr�hen stoben auf und lie�en sich schimpfend auf Fenstersimsen und Dachbalken nieder.</p><p>�Wieso st�rst du mich?�, fragte er mit seiner tonlosen Stimme. �Du siehst doch, ich habe zu tun.�</p><p>�Die Herrin wird allm�hlich ungeduldig. Ich soll dir ausrichten, dass sie Torne sehen will. Sp�testens morgen.�</p><p>�Gut. Meine Kr�hen haben ihn aufgesp�rt.�</p><p>�Wann?�</p><p>�Vor zwei Tagen.�</p><p>�Vor zwei Tagen?�, wiederholte Umbra gereizt. �Und das sagst du mir erst jetzt?�</p><p>�Ich muss dich wohl nicht daran erinnern, dass es seit Aziels Angriff Wichtigeres zu tun gab�, erwiderte der Bleiche.</p><p>Sie verzog den Mund. �Wo steckt der Kerl?�</p><p>�Er ist in der Grambeuge untergetaucht.�</p><p>�Geht es ein bisschen genauer?�</p><p>�Im Rattennest. Mama Ogda gew�hrt ihm Unterschlupf.�</p><p>Umbras Herz schien einen Schlag auszusetzen. �Dort? Bist du sicher?�</p><p>�Nat�rlich. Meine Kr�hen irren sich nie.�</p><p>�Und wann hattest du vor, mit ihm zu sprechen?�</p><p>�Gar nicht. Du wirst zu Torne gehen. Ich werde im Ministerium erwartet.�</p><p>�Was? Ich werde <emphasis>nicht</emphasis> gehen. Du wei�t ganz genau, dass...� Corvas verwandelte sich in eine Kr�he und flog aus dem Fenster.</p><p>�Komm zur�ck! Verdammter Bastard!�</p><p>Die V�gel auf den Simsen kr�chzten sp�ttisch. Umbra verlie� den Turm, warf die T�r ins Schloss und lehnte sich mit dem R�cken gegen das Holz.</p><p>Das Rattennest. Es gab so viele Orte in Bradost, wo man untertauchen konnte. Wieso musste sich Torne ausgerechnet im einzigen Viertel verkriechen, das sie nie wieder betreten wollte?</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>6</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Verdammte Seelen</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>unkelheit. Und wispernde Stimmen.</p><p>Vivana h�rte sie fl�stern, w�hrend sie durch das Tor glitt. Manche warnten sie, andere drohten ihr oder machten sich �ber sie lustig. <emphasis>Lasst mich in Ruhe!</emphasis>, wollte sie rufen, doch etwas geriet ihr in den Mund und lie� sie vor Ekel w�rgen.</p><p>Und dann die Gef�hle...</p><p>Von allen Seiten str�mten sie auf sie ein. Hass. Neid. Mordlust. Habgier. Anfangs gelang es ihr, sich davor zu sch�tzen, indem sie die Z�hne zusammenbiss und sich sagte: <emphasis>Sie sind nicht real. Sie k�nnen mir nichts anhaben.</emphasis> Doch bald schon wurden die fremden Empfindungen so intensiv, dass Vivana sie nicht mehr von ihren eigenen unterscheiden konnte. Wie ein Seziermesser durchbohrte die b�se Energie Schicht f�r Schicht ihrer Pers�nlichkeit und drang bis in den Kern ihrer Seele.</p><p>Vivana bekam keine Luft mehr.</p><p>Verzweifelt ruderte sie mit den Armen. Als sie glaubte, sie m�sse ersticken, wich die Finsternis pl�tzlich glei�ender Helligkeit, und sie fiel. Der Aufprall war hart und schmerzhaft. Sie rollte �ber felsigen Boden, stie� gegen ein Hindernis und blieb liegen. Keuchend rang sie um Atem.</p><p>Irgendwann verschwand die Todesangst. Anschlie�end f�hlte sie sich so niedergeschlagen, ersch�pft und leer wie noch nie zuvor in ihrem Leben.</p><p>Es gab so viel B�ses auf der Welt, es war allgegenw�rtig, allm�chtig. Wie klein, wie sinnlos waren dagegen ihre eigenen Bem�hungen. Was sie auch tat, es war aussichtslos. Das B�se siegte immer.</p><p>Vivana begann zu weinen.</p><p>Ruac stie� sie mit der Schnauze an. Mit schmerzenden Gliedern setzte sie sich auf, drehte sich von dem Licht weg und dr�ckte den Tatzelwurm an sich. Alles, was sie wollte, war schlafen, vergessen. Ihren Verstand f�r einige Stunden ausschalten, damit sie nicht unentwegt daran denken musste, wie schwach und unbedeutend sie war.</p><p>Ihr Vater erschien zwischen den Felsen.</p><p>�Wo ist der verdammte Alb?�, knurrte er.</p><p>Vivana hatte M�he zu sprechen. Ihr Rachen f�hlte sich rau, hei� und verklebt an, wie bei einer Erk�ltung. Als ihr Vater n�her kam, sah sie, dass er ein Messer in der Hand hielt. �Was hast du vor?�</p><p>�Den Mistkerl abstechen.�</p><p>�Was? Bist du verr�ckt geworden?�</p><p>Er blickte sich um und schnaubte w�tend, als er Lucien nirgends entdeckte. �Gib mir den Tatzelwurm�, verlangte er.</p><p>Vivana verbarg Ruac sch�tzend in den Armen. �Was ist denn auf einmal mit dir los?�</p><p>Er beugte sich zu ihr herunter. Das glei�ende Licht fiel von der Seite auf sein Gesicht, und sie sah, dass es vor Hass verzerrt war. �Gib ihn mir!�</p><p>Er streckte seine mechanische Hand nach Ruac aus. Vivana wich zur�ck. �Lass ihn in Ruhe!�</p><p>�Diese absto�ende Missgeburt! �berall kriecht er herum und schn�ffelt und z�ngelt. Ich habe das lange genug ertragen. Jetzt ist Schluss. Ich schlitze ihn auf und ziehe ihm die Haut ab!�</p><p>Als er abermals nach Ruac greifen wollte, biss ihm der Tatzelwurm in den Arm. Vivanas Vater br�llte vor Zorn und holte mit dem Messer aus. Vivana duckte sich gerade noch rechtzeitig, sodass die Klinge �ber den Felsen schrammte.</p><p>�H�r auf!�, schrie sie. �Du h�ttest mich beinahe verletzt!�</p><p>Er schien sie gar nicht zu h�ren. Mit zusammengekniffenen Augen kam er auf sie zu, seine Lippen ein schmaler Strich.</p><p>Vivana hielt Ruac fest, kroch r�ckw�rts und versuchte gleichzeitig, sich aufzurichten. Pl�tzlich bemerkte sie einen Schemen, der sich ihrem Vater von hinten n�herte.</p><p>�Schlaf.�</p><p>Der Erfinder sank zu Boden und fing sofort an zu schnarchen.</p><p>Vivana blickte erst ihn an, dann Lucien. Sie brachte kein Wort heraus.</p><p>Ruac entwand sich ihren H�nden, sprang zu Boden und schn�ffelte an ihrem Vater, als wolle er sich davon �berzeugen, dass keine Gefahr mehr von ihm ausging. Vivana war, als erwache sie aus einer Trance.</p><p>�Was ist blo� in ihn gefahren?�</p><p>�Das B�se, das durch das Tor sickert�, sagte Lucien. �Es hat seinen Verstand vergiftet. Das geschieht leicht, wenn man nicht aufpasst.�</p><p>Vivana untersuchte ihren Vater, vermied es jedoch, ihn zu ber�hren. Er atmete gleichm��ig und schien sich bei seinem Sturz nicht verletzt zu haben. �Wird es wieder weggehen?�</p><p>�Mit etwas Gl�ck verfl�chtigt sich die b�se Energie nach ein paar Stunden. Aber wenn wir Pech haben, setzt sie sich in seiner Seele fest. Es h�ngt ganz davon ab, wie empf�nglich dein Vater daf�r ist.�</p><p>Sie musterte den Schlafenden. Ihr Vater besa� ein verbittertes Wesen und neigte zu Pessimismus und J�hzorn. <emphasis>Keine guten Voraussetzungen</emphasis>, dachte sie und unterdr�ckte ein Schaudern.</p><p>�Wie geht es dir?�, fragte Lucien.</p><p>Sie zuckte mit den Schultern.</p><p>�Es macht dir zu schaffen, richtig? Jeder reagiert anders darauf. Manche werden aggressiv, andere verfallen in Melancholie. Am besten ruhst du dich aus, w�hrend dein Vater schl�ft.�</p><p>�Dir scheint es nicht viel auszumachen�, stellte Vivana fest.</p><p>�Ich bin ein Schattenwesen. Wir bestehen aus Magie und haben keine Seele, wo sich das B�se einnisten k�nnte. Zumindest keine wie ihr.�</p><p>Vivana beobachtete Ruac, der neugierig �ber das Felsplateau watschelte. Offenbar war der Tatzelwurm � ebenfalls ein Schattenwesen � genau wie Lucien unempfindlich gegen den Einfluss der b�sen Energien, die durch das Tor flossen und als stinkende Rinnsale den Abhang hinabstr�mten.</p><p>Sie half dem Alb, ihr verstreutes Gep�ck einzusammeln und zwischen den Felszacken ein Lager herzurichten. Allerdings war sie so ersch�pft, dass Lucien darauf bestand, sie solle die Arbeit ihm �berlassen. Er f�tterte Ruac und gab ihr den Wasserschlauch und etwas Brot, damit sie sich st�rken konnte.</p><p>Vivana setzte sich zu ihrem Vater, dem Lucien eine Decke unter den Kopf geschoben hatte. Er schlief tief und fest. Hin und wieder zuckte ein Muskel in seinem Gesicht, sein Kiefer mahlte, oder er gab ein leises St�hnen von sich. Er schien gegen das B�se anzuk�mpfen, das Besitz von ihm ergriffen hatte. Vivana betete, dass er den Kampf gewinnen w�rde.</p><p>Sie zog die Knie an die Brust. W�hrend sie lustlos an dem Brotst�ck knabberte, betrachtete sie die bizarre Landschaft, die sich vor ihr ausbreitete.</p><p>Es war ein trostloser und beklemmender Anblick. Felsk�mme ragten wild und scharfkantig empor, groteske Formen bildend; der Wind trieb roten Staub �ber die zerkl�fteten H�gel. Schluchten und Schr�nde durchschnitten Ebenen und T�ler, in manchen str�mten schwarze Fl�sse dahin. Und �ber allem lag ein seltsamer gelblicher Dunst, der sich in der Ferne zu einem tr�ben Schleier verdichtete, sodass Vivana h�chstens eine oder zwei Meilen weit blicken konnte.</p><p>Es herrschte eine matte Helligkeit, obwohl nirgendwo eine Sonne zu sehen war. Schlieren durchzogen den rot gl�henden Himmel und bildeten lava�hnliche Wirbel, die sich mit der Zeit langsam ver�nderten. Es gab keine Wolken, keine Sterne, keinen Mond.</p><p>Manchmal, wenn sich der Dunst f�r einen Moment lichtete, konnte Vivana Bauwerke erkennen, riesige Ruinen von einer fremdartigen Architektur. Die zyklopischen Mauern und T�rme, geschaffen aus schwarzen Steinbl�cken, wiesen gezackte Fenster und g�hnende L�cher auf und wirkten wie seit Ewigkeiten verlassen. Gefl�gelte Wesen kreisten um steinerne B�gen und Vorspr�nge.</p><p>Am seltsamsten jedoch war der Wall aus Licht. Er gl�hte golden und verlor sich in der dunstigen Ferne. Es war schwer zu sagen, wo er endete und der Himmel begann, so hoch ragte er auf.</p><p>Die glei�ende Mauer verlief �ber den H�gel, auf dem Vivana und ihre Gef�hrten rasteten. Was sich dahinter befand, konnte sie nicht erkennen, denn die Barriere war undurchsichtig; au�erdem konnte man das Licht nicht lange anschauen, ohne dass es einen blendete. Das Tor befand sich an der h�chsten Stelle der Felskuppe und glich einem dunklen Fleck in der ansonsten makellosen Helligkeit. Auf dieser Seite hatte es keinerlei �hnlichkeit mit der fleischigen Membran, sondern sah aus wie ein langsam wirbelnder Strudel.</p><p>Vivana fr�stelte im kalten Wind, der um die Felsen pfiff. Sie sp�rte, dass alles unter dem roten Himmel vom B�sen durchdrungen war, jeder Stein, jedes Staubkorn, sogar die stinkende Luft. Das Pand�monium war noch menschenfeindlicher, als sie sich vorgestellt hatte. Wie nur sollte Liam hier �berleben?</p><p>Sie zog ihre Jacke an und deckte ihren Vater zu. Lucien setzte sich zu ihr, z�ndete die magische Kerze an und steckte sie zwischen zwei Steine, in einer Mulde, damit sie nicht vom Wind ausgeblasen wurde. Ihr Licht war viel heller als das einer gew�hnlichen Kerze und floss warm �ber die Felsen.</p><p>�Wieso hast du sie angez�ndet?�</p><p>�Schau mal da unten.�</p><p>Am Fu� des H�gels verlief eine Stra�e � oder das, was davon �brig war: ein paar zersplitterte Steinplatten, die im Staub versanken. Daneben hielten sich mehrere Gestalten auf. Sie waren h�chst unterschiedlich gekleidet: Die meisten trugen Gehr�cke oder Gew�nder wie in Bradost, einige jedoch W�mser, Roben und eiserne R�stungen aus l�ngst vergangenen Epochen oder Kleidungsst�cke und Kopfbedeckungen aus fernen L�ndern. Als sie sich bewegten, sah Vivana, dass sie durchsichtig waren.</p><p>�Geister!�</p><p>�Totenseelen, um genau zu sein.�</p><p>�Haben sie uns gesehen?�</p><p>�Ich glaube schon�, sagte Lucien. �Aber sie sind so in ihrem Leid gefangen, dass es eine Weile dauern kann, bis sie richtig auf uns aufmerksam werden.�</p><p>�Sind sie gef�hrlich?�</p><p>�Sehr. Sie hassen alles Lebende. Doch das Licht wird sie verjagen.�</p><p>Pl�tzlich kam Bewegung in die geisterhafte Schar. Die Gestalten marschierten � oder schwebten � die H�gelflanke hinauf.</p><p>�Sitzen bleiben�, murmelte Lucien, als er Vivanas Unruhe bemerkte. �Entferne dich auf keinen Fall vom Licht.�</p><p>Die Totenseelen str�mten auf das Lager zu, eine nebelhaft schimmernde Masse aus einander �berlagernden Leibern. Ihre Gesichter waren ausgemergelte Fratzen der Qual und des Hasses, aber sie schienen stumm zu sein, denn sie gaben nicht das leiseste Ger�usch von sich. Der Anblick war so Furcht erregend, dass Vivana all ihren Mut aufbringen musste, um nicht davonzulaufen. Sie presste Ruac an sich, der vor Schreck erstarrt war.</p><p>Als das erste Geistwesen in die N�he des Kerzenscheins geriet, riss es die Augen auf und �ffnete den Mund zu einem lautlosen Schrei. Anschlie�end ergriff es die Flucht. Die �brigen erkannten die Gefahr und verharrten in sicherem Abstand zum Lager. Sie machten Drohgeb�rden, ihre Lippen formten stumme Fl�che.</p><p>Vivana wagte kaum zu atmen. �Was machen wir jetzt?�, fl�sterte sie.</p><p>�Gar nichts. Mit der Zeit verlieren sie das Interesse an uns. Wenn sie uns vergessen haben, sehen wir zu, dass wir von hier verschwinden.�</p><p>Genauso kam es. Nach und nach zogen sich immer mehr Seelen zur�ck, bis nach etwa einer Stunde die letzten verschwunden waren. Vivana sah, dass sie zur Stra�e zur�ckgekehrt waren oder ziellos �ber die Ebene schlurften, bis der allgegenw�rtige Dunst sie verschlang.</p><p>Lucien l�schte die Kerze. Er verlor kein Wort dar�ber, aber ihr war nicht entgangen, dass der Talgstummel um ein Viertel heruntergebrannt war. Lange w�rde die Kerze also nicht halten. Wenn sie aufgebraucht war � was dann?</p><p>Kurz darauf erwachte ihr Vater. Vivana spannte ihren K�rper an, als er sich mit verkniffener Miene aufsetzte. �Was ist passiert?�, fragte er kr�chzend.</p><p>�Du wolltest Ruac umbringen. Lucien musste dich bet�uben.�</p><p>Sein Blick fand den Alb. Vivana rechnete mit einem erneuten Zornesausbruch, doch der Erfinder wirkte eher zerknirscht als w�tend. �Das wollte ich nicht. Ich wei� nicht, was �ber mich gekommen ist...�</p><p>�Die b�se Energie war daran schuld. Du kannst nichts daf�r.�</p><p>Er rieb sich den schmerzenden Hinterkopf, argw�hnisch be�ugt von Ruac, der auf Vivanas Scho� sa�. �Ich habe dir doch nichts getan, oder?�</p><p>�Nein. Ist jetzt wieder alles in Ordnung?�</p><p>Zu ihrer Erleichterung nickte er. �Danke�, sagte er widerwillig zu Lucien.</p><p>Der Alb reichte ihm wortlos den Wasserschlauch. Gerade als ihr Vater daraus trinken wollte, schien ihm klar zu werden, wo er sich befand. Er stand auf und schaute sich schweigend um. Sein Blick wanderte �ber die Felsk�mme, den tanzenden Staub, die seltsamen Ruinen und blieb schlie�lich an der Mauer aus Licht h�ngen. �Was ist das?�</p><p>�Der Grenzwall des Pand�moniums�, erkl�rte Lucien.</p><p>Der Erfinder kletterte �ber das verstreute Ger�ll, bis er nur noch einen Schritt von der himmelhohen Wand entfernt war. Er kniff die Augen zusammen und hob die Hand, wagte jedoch nicht, das Licht zu ber�hren. �Woraus besteht er?�</p><p>�Aus G�te, Demut, Selbstlosigkeit, hei�t es in den alten Legenden. Den kollektiven guten Kr�ften der Menschheit.�</p><p>Vivanas Vater wandte sich mit gerunzelter Stirn zu ihnen um. �Nimmst du mich auf den Arm?�</p><p>�Dieser Ort ist nichts anderes als ein Gef�ngnis�, fuhr Lucien fort. �Der Wall hindert die D�monen daran, ins Diesseits einzudringen.�</p><p>�Ammenm�rchen. Es muss eine vern�nftige Erkl�rung f�r all das geben.� Der Erfinder begann, die Lichtmauer abzuschreiten und eingehend zu untersuchen.</p><p>Vivana seufzte. Kein Zweifel, er war wieder ganz der Alte.</p><p>Ihr ging es allm�hlich besser. Nun, da die Wirkung der b�sen Energien nachlie�, hellte sich ihre Stimmung auf. Doch kaum dachte sie an Liam, �berkam sie abermals Niedergeschlagenheit. Sie stand auf und blickte �ber das �dland. Es schien endlos zu sein, so weit sie das bei all dem Dunst, Rauch und Staub beurteilen konnte. Und sie hatte nicht den kleinsten Anhaltspunkt, wo er sein k�nnte. �Wie um alles in der Welt sollen wir Liam finden?�, fragte sie Lucien.</p><p>�Indem wir uns wie vern�nftige Reisende verhalten und nach dem Weg fragen.�</p><p>�Was?�</p><p>�Pack deine Sachen�, sagte der Alb. �Es wird Zeit, dass wir aufbrechen.�</p><p>Nachdem sie die Decken und ihre �brige Ausr�stung verstaut hatten, machten sie sich auf den Weg. Ein Pfad schl�ngelte sich den H�gel hinunter; alle zwanzig oder drei�ig Schritt waren Stufen in den Fels geschlagen worden. Die Seelenschar hatte sich zerstreut und war nicht mehr zu sehen. Nur noch zwei Geistwesen hielten sich in der N�he auf, eine Frau in einem altmodischen Kleid und ein dunkelh�utiger Mann mit wei�en T�chern vor dem Gesicht, die lediglich einen Spalt f�r die Augen freilie�en. Lucien f�hrte sie in einem weiten Bogen an den beiden Gestalten vorbei.</p><p>Sie marschierten an einer Erdspalte entlang, in der b�se Energie floss: ein d�nner, stinkender Bach, der in dieselbe Richtung str�mte, in die sie gingen. Lucien achtete darauf, dass sie stets im Schutz der Felsen blieben, die sie vor unwillkommenen Blicken verbargen.</p><p>�Sieht so aus, als w�re ich nun dein Vergil, was?�, sagte er nach einer Weile zu Vivana.</p><p>�Vergil? Wer ist das?� �Oh. Richtig. In deiner Welt gibt es das Buch ja gar nicht. Was �brigens sehr betr�blich ist. Jeder sollte es mal gelesen haben. Wenn du willst, leihe ich es dir bei Gelegenheit. Ich m�sste irgendwo noch ein Exemplar haben.�</p><p>�In meiner Welt?�, fragte sie verwirrt. �Wovon redest du?�</p><p>�Vergiss es.� Lucien blieb pl�tzlich stehen. �K�pfe runter. Wir sind da.�</p><p>Der Weg hatte zu einer Anh�he hinaufgef�hrt, die wenige Schritte vor ihnen senkrecht abbrach. Unterhalb der kleinen Felswand befand sich eine schrundige Mulde, in der sich die Substanz aus der Erdspalte sammelte und einen �ligen T�mpel bildete. Daneben erstreckte sich eine von Ger�ll �bers�te Ebene, mit zahlreichen L�chern im Boden. Manche gl�hten, aus anderen quoll Rauch.</p><p>Vivana und ihr Vater befolgten Luciens Anweisung und gingen hinter einigen vom Wind abgeschliffenen Steinbrocken in Deckung.</p><p>�Was tun wir hier?�, fragte sie leise.</p><p>�Warten.�</p><p>Der Alb lehnte sich gegen einen Felsen, holte das Brandeisen aus seinem Rucksack und strich mit Zeige- und Mittelfinger �ber die Schriftzeichen auf dem ru�schwarzen Metall.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>7</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Das Rattennest</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>I</strong><emphasis>ch h�tte nicht herkommen d�rfen</emphasis>, dachte Umbra, als sie aus den Schatten der Gasse trat.</p><p>Das Rattennest hatte sich in den letzten Jahren kaum ver�ndert. Genau wie fr�her wimmelte es auf dem Platz von fliegenden H�ndlern und Schlammtauchern, die allerlei Plunder anboten, von Kr�ppeln, Halsabschneidern und halb nackten Huren, die potenziellen Kunden derbe Offerten zuriefen. Schmieriger Rauch stieg von den M�llfeuern auf; es stank nach Unrat, Exkrementen und dem brutzelnden Fett der Gark�chen. Unz�hlige Durchg�nge, Passagen und Treppenfluchten befanden sich zwischen den heruntergekommenen Stadth�usern. Sie f�hrten zu dem Gewirr aus tunnel�hnlichen und teilweise unterirdischen Gassen, dem das Viertel im Norden der Grambeuge seinen Namen verdankte.</p><p>Ein halbes Dutzend Geb�ude mit vergitterten Toren und wuchtigen Mauern beherrschte den Platz: ehemalige Sklavenpferche und -m�rkte. Nach dem Verbot von Menschenhandel in der fr�hen Republik hatten sich die Unterweltclans von Bradost darin eingenistet, denn die wehrhaften Bauwerke lie�en sich leicht verteidigen und standen in einer Gegend, die von der Obrigkeit gemieden wurde. Allerdings war die Macht der gro�en Einbrecher- und Hehlerbanden seit vielen Jahren am Schwinden. Soweit Umbra wusste, lebten nur noch zwei der alten Familien hier, und ihr Einfluss reichte obendrein kaum �ber die Grambeuge hinaus. Das Rattennest geh�rte nun Abschaum wie Asher und anderen Lumpenh�ndlern, die die alten Sklavenhallen in Pal�ste aus M�ll und Schrott verwandelt hatten.</p><p>Umbra �berquerte den Platz mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, denn es war nicht ausgeschlossen, dass jemand sie erkannte. Nicht, dass sie vor all diesen finsteren und abgerissenen Kreaturen Angst gehabt h�tte � in der Abendd�mmerung waren ihre Kr�fte so stark, dass ein gew�hnlicher Dieb oder Messerstecher ihr kaum etwas anhaben konnte. Aber sie wollte �rger vermeiden und diesen unangenehmen Auftrag so schnell wie m�glich hinter sich bringen.</p><p>Unz�hlige Erinnerungen st�rzten auf sie ein, wachgerufen von den vertrauten Ger�chen und Ger�uschen. Der Kerl mit dem Bauchladen dort an der Ecke hatte schon da gestanden, als sie noch ein Kind gewesen war � er verkaufte Zigaretten und Z�ndh�lzer. Die Spelunke gegen�ber geh�rte einem ehemaligen S�ldner namens Hodge. Er hatte unter der Hand Schie�pulver verkauft, bis die Warwicks, die den Waffenhandel kontrollierten, ihm ein Auge ausstachen. Da dr�ben, vor dem Kettentor, hatte Umbra ihren ersten Kampf bestanden. Sie war vierzehn gewesen und hatte Drogo Brock, der ihr eine Lektion erteilen wollte, zwei Z�hne ausgeschlagen und ihm sein eigenes Messer in den Arm gesto�en. Als ihre Leute davon erfuhren, hatten sie Umbras Sieg �ber einen verhassten Brock die ganze Nacht gefeiert. Sie hatte sich wie die k�nftige K�nigin der Grambeuge gef�hlt.</p><p>An all diese Dinge erinnerte sie sich, als w�ren sie erst gestern geschehen. Dabei hatte sie vier Jahre lang versucht, sie zu vergessen.</p><p>Sie fluchte leise. Sie h�tte darauf bestehen m�ssen, dass Corvas sich um diese Sache k�mmerte. Aber diese Erkenntnis kam nun leider zu sp�t. Sie musste zusehen, dass sie irgendwie damit fertigwurde.</p><p><emphasis>Jetzt sei nicht kindisch. Es sind nur Erinnerungen. Konzentrier dich einfach auf deinen Auftrag, und vergiss alles andere.</emphasis></p><p><emphasis>Vergiss vor allem das Hotel.</emphasis></p><p>Mit diesem Vorsatz im Kopf bahnte sich Umbra einen Weg durch das Menschengewimmel. Doch kaum hatte sie das Gedr�nge an den St�nden hinter sich gelassen, versp�rte sie den �berm�chtigen Drang, stehen zu bleiben und zu der Ruine an der Nordseite des Platzes zu schauen, beinahe so, als h�tte sie eine entz�ndete Stelle im Mund und k�nnte nicht aufh�ren, sie mit der Zunge zu ber�hren, obwohl es h�llisch wehtat.</p><p>Viel war nicht mehr �brig von dem einst so imposanten Anwesen. Ein Fl�gel war eingest�rzt; aus den Tr�mmern ragten Balken, von Feuer geschw�rzt. Schutt t�rmte sich in den Eing�ngen und Torwegen. Im Hof wucherten Unkraut, Brennnesseln und dorniges Gestr�pp. Die Scheiben waren gesplittert, Ru� umrahmte die Fenster�ffnungen. Am schlimmsten hatte das Feuer im Dachstuhl gew�tet: Die Kupferabdeckung war geschmolzen, das verbrannte Geb�lk glich einem Gerippe.</p><p>Niemand schien sich in dem Gem�uer aufzuhalten, nicht einmal Bettler und Auss�tzige, vor denen normalerweise kein verlassenes Geb�ude sicher war. Vielleicht, weil sie glaubten, die Geister der einstigen Bewohner gingen darin um.</p><p><emphasis>Geister</emphasis>, dachte Umbra, <emphasis>wer wei�?</emphasis> W�hrend ihr Blick von Fenster zu Fenster glitt, h�rte sie wieder die Schreie, sah den flackernden Feuerschein und das Aufblitzen der Messerklingen. Die Erinnerungen waren so lebendig, so intensiv, dass sie die Augen schlie�en musste.</p><p>Tr�nen stiegen in ihr auf. <emphasis>Nein</emphasis>, befahl sie sich zornig. Was geschehen war, war geschehen, sie konnte nichts daran �ndern. Sie hatte ein neues Leben und w�rde nicht zulassen, dass die Vergangenheit eine solche Macht �ber sie bekam. Forsch wandte sie sich ab, stie� dabei einen Bettler zur Seite und ignorierte sein Fluchen, w�hrend sie weiterging, ohne sich noch einmal nach dem Hotel umzublicken.</p><p>Kurz darauf erreichte sie die Gasse. Sie f�hrte zwischen den Kellergeschossen zweier Stadth�user entlang und wurde in unregelm��igen Abst�nden von Steinb�gen �berw�lbt. Umbra lehnte sich in einem dunklen Winkel gegen die Mauer. In der N�he des Hotels war ihr das Atmen so schwergefallen, dass sie schon gedacht hatte, sie m�sse ersticken. Sie holte tief Luft, bis das Gef�hl der Enge in ihrer Brust verschwand.</p><p>Verdammtes Rattennest. Verdammter Auftrag. Sie hatte jetzt schon die Nase voll.</p><p>Zornig folgte sie der Gasse und schob sich nicht sonderlich r�cksichtsvoll durch das Gew�hl. In den Nischen links und rechts hatten Kr�mer winzige St�nde aufgebaut, an denen sie Wasser, Essen, gebrauchte Kleider und Hehlerware aller Art verkauften. Dampf quoll aus T�pfen, es roch nach ged�nstetem Stockfisch. Nach einigen Schritten bog sie in einen Tunnel ein, in dem sie den Kopf einziehen musste. Sie schob einen glitzernden Vorhang beiseite und betrat ein Gew�lbe, das so mit Regalen vollgestopft war, dass sie sich kaum bewegen konnte, ohne eines der zahllosen Fl�schchen herunterzuwerfen.</p><p>Eine Gestalt trat ins Licht der Gaslaterne.</p><p>Sie war fast zwei K�pfe kleiner als Umbra und trug einen fadenscheinigen Umhang, unter dem sich ein Buckel w�lbte. Aus der Kapuze blickten zwei verschlagene �uglein, die in einem faltigen und unglaublich absto�enden Gesicht sa�en. Die meisten Leute, die den Laden betraten, hielten die Gestalt vermutlich f�r eine sehr alte und sehr h�ssliche Frau. Umbra jedoch wusste es besser: Vor ihr stand eine Harpyie, ein Schattenwesen, das sich an das Leben in Bradost angepasst hatte. Der Buckel war nichts anderes als ein Fl�gelpaar, das sie unter der Kutte verbarg, und ihre knotigen, vierfingrigen H�nde konnten eine gewisse �hnlichkeit mit Vogelkrallen nicht verleugnen.</p><p>�Umbra�, kr�chzte die Harpyie. �Welch Glanz in meiner H�tte. Was verschafft mir die Ehre deines Besuchs? Schickt dich deine Herrin? Verlangt es sie nach ein wenig Zerstreuung? Mein Angebot wird dich nicht entt�uschen. Sieh dich um: �berall taufrische Ware, eine raffinierter als die andere. Suchst du etwas Bestimmtes, oder darf Mama Ogda dir etwas empfehlen?� Die Krallenfinger schlossen sich um eine Rauchglasphiole. �Hier, ein erster Kuss � sehr beliebt. Oder diese: ein fr�hlicher Kindergeburtstag im Sonnenschein.�</p><p>Die Harpyie handelte mit gestohlenen Erinnerungen.</p><p>�Sag mir, wo sich der Alchymist versteckt�, knurrte Umbra.</p><p>Mama Ogda l�chelte und entbl��te dabei faulige Zahnst�mpfe. �Welcher Alchymist? Ich wei� nicht, wovon du redest, meine Liebe.�</p><p>Umbra war nicht in der Stimmung f�r langes Gerede. Sie sammelte sich und sp�rte, wie die Kraft durch ihre Glieder str�mte. Ihr Schatten begann zu wachsen und sich �ber die schmutzige Theke auszudehnen.</p><p>�Was machst du da?�, kreischte die Harpyie und wich ungeschickt zur�ck. Sie zappelte, als sich Umbras Schattenarme um ihren K�rper schlangen und sie vom Boden hochhoben. Dabei trat sie versehentlich gegen eines der Regale, woraufhin einige ihrer kostbaren Phiolen zu Boden fielen und zerbrachen. Die Substanzen darin verfl�chtigten sich augenblicklich in der warmen Luft. Bilder, Ger�usche und D�fte huschten durch Umbras Verstand, Fetzen von Erinnerungen, die sie zornig absch�ttelte.</p><p>�Jetzt sieh dir an, was du angerichtet hast!�, jammerte Mama Ogda und wand sich in der schattenhaften Umklammerung.</p><p>�Ich habe noch gar nicht richtig angefangen�, erwiderte Umbra. �Willst du sehen, was passiert, wenn ich richtig anfange? Oder willst du lieber reden?�</p><p>�Lass mich runter!�</p><p>�Ich frage dich nur noch einmal, Mama Ogda: Wo ist Silas Torne?�</p><p>�Ich wei� es nicht!�</p><p>Der Schatten dr�ckte fester zu. Der Harpyie quollen beinahe die Augen aus dem Kopf. �Schon gut!�, �chzte sie, �aufh�ren! Torne ist unten. Im Keller.�</p><p>�Zeig mir die Treppe.�</p><p>�Keine Treppe. Nur eine Luke. Hinter der Theke.�</p><p>Umbras Schattenarme lie�en Mama Ogda nicht los, w�hrend sie in den hinteren Teil des Ladens ging. Tats�chlich, hinter der Theke, halb verborgen unter einem sch�bigen L�ufer, befand sich eine Kellerluke.</p><p>�Ich lasse dich jetzt runter. Aber ich warne dich: irgendwelche Tricks und ich werde ungem�tlich.�</p><p>Mama Ogda bewegte die Fl�gel, als sie wieder festen Boden unter den F��en hatte, wodurch der Buckel unter der Kutte grotesk hin und her ruckte. Durch den Schmerz der Umklammerung hatte sie Schwierigkeiten, ihr wahres Aussehen zu verbergen, und f�r einen Augenblick sah sie noch h�sslicher und harpyienhafter aus. Mit einem feindseligen Glitzern in den �uglein starrte sie ihre Peinigerin an.</p><p>�Das war nicht n�tig�, zischte sie.</p><p>Umbra lie� ihren Schatten auf normale Gr��e schrumpfen. �Nein, war es nicht. Aber du wolltest mich ja unbedingt zum Narren halten.� Es hatte gutgetan, ihre Kr�fte spielen zu lassen. Nun f�hlte sie sich nicht mehr ganz so aufgekratzt und weinerlich.</p><p>�Umbra, die gef�rchtete Leibw�chterin von Lady Sarka � pah!�, murmelte die Harpyie. �Die Macht ist dir zu Kopf gestiegen. Fr�her h�ttest du es nicht gewagt, mich anzur�hren. Du hast mich respektiert, denn du hast gewusst, dass es Regeln gibt � Regeln, an die sich jeder im Rattennest halten muss. Aber das hast du offenbar vergessen, Umbra... oder sollte ich Umbra <emphasis>Malumo</emphasis> sagen? Du brauchst mich nicht so anzuglotzen � ich wei�, wer du bist. Viele im Rattennest wissen das, denn die Leute hier haben ein gutes Ged�chtnis, im Gegensatz zu...� Mama Ogda verstummte, als Umbra drohend einen Schattenarm in die L�nge wachsen lie�.</p><p>�Es reicht�, sagte Umbra leise, und in den Augen des Gesch�pfs flackerte neuerliche Furcht auf.</p><p>Mit dem Fu� schob sie den L�ufer weg und sah sich nach etwas um, womit sie die Luke aufhebeln konnte, denn sie wies keinen Griff oder Ring auf. �Wei�t du, was ich mich schon die ganze Zeit frage? Wieso l�sst du dich mit einem Kerl wie Torne ein? Hast du keine Angst, dass er dich zu Harpyienessenz verarbeitet?�</p><p>�Silas w�rde mir nie etwas tun. Wir kennen uns schon viele Jahre.�</p><p>Umbra entdeckte ein Stemmeisen unter der Theke und machte sich damit an der Luke zu schaffen. �Sag blo�, du magst ihn.�</p><p>�Ihn m�gen?� Mama Ogda lachte meckernd. �F�r wie dumm h�ltst du mich? Wir haben Abmachungen. Zu beiderseitigem Nutzen.�</p><p>Knarrend �ffnete sich die Klappe. �Du wartest hier oben�, sagte Umbra, bevor sie die Holztreppe hinabstieg. �Und denk daran: keine faulen Tricks.�</p><p>Vor ihr tat sich ein muffiger Gew�lbekeller auf, voller Regale mit Erinnerungen, sorgf�ltig destilliert und abgef�llt in Fl�schchen und Glasr�hren. Sie ging auf den Fackelschein zu und gelangte in den angrenzenden Raum.</p><p>Dort sa� Silas Torne, einer der m�chtigsten Alchymisten Bradosts. Und er sah schrecklich aus.</p><p>Er war schon fr�her h�sslich gewesen, denn die jahrzehntelange Arbeit mit giftigen und �tzenden Substanzen hatte ihn krankgemacht und entstellt. Jetzt aber glich er einem Monster. Sein Gesicht und seine H�nde waren von Wunden �bers�t, von zahllosen n�ssenden L�chern in der Haut, als h�tten winzige M�uler das Fleisch zerbissen. Tornes Lippen waren ausgetrocknet wie bei einer Moorleiche, aus der verbrannten Kopfhaut sprossen vereinzelte Haare. Eine klaffende H�hle befand sich anstelle des linken Auges.</p><p>Umbra schluckte. Sie wusste von Tornes Unfall, aber <emphasis>damit</emphasis> hatte sie nicht gerechnet.</p><p>Der Alchymist sa� an einem Tisch, bl�tterte in einem Folianten und machte sich manisch Notizen. Er war so in seiner Arbeit versunken, dass er Umbras Auseinandersetzung mit Mama Ogda und ihr Eindringen in den Keller nicht bemerkt hatte. Erst als sie n�her kam, schreckte er auf und stie� dabei fast sein Tintenfass um.</p><p>�Wer zum Teufel...� Es dauerte einen Augenblick, bis er sie erkannte. �Oh. Du bist es. Was willst du?�</p><p>�Mit dir reden. Lady Sarka schickt mich.�</p><p>Sein Gesicht � oder das, was davon �brig war � verfinsterte sich. �Ich will nichts mit ihr zu tun haben. Sie soll mich in Ruhe lassen.�</p><p>�Sie ist die Lordkanzlerin von Bradost � deine Gebieterin. Du wirst mir brav zuh�ren, mein Bester, oder wir sehen uns im Ministerium der Wahrheit. Hast du verstanden?�</p><p>Torne kauerte mit ausgebreiteten Armen �ber dem verstreuten Papier wie ein Aasfresser, der seine Beute bewacht. Die graue Robe, die er trug, war viel zu gro� f�r seinen abgemagerten Leib. �Wie hast du mich �berhaupt gefunden?�</p><p>�Corvas� Kr�hen haben dich aufgesp�rt.�</p><p>�Corvas�, schnaubte der Alchymist. �H�tte ich mir ja denken k�nnen... Also, warum bist du hier? Wie kann ich unserer geliebten Lordkanzlerin zu Diensten sein?�</p><p>�Lady Sarka hat von deinem Doppelg�nger geh�rt. Sie m�chte ihn dir abkaufen.�</p><p>�Wozu braucht sie einen Doppelg�nger?�</p><p>�Das geht dich nichts an.�</p><p>Tornes mumienhafte Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. �Lass mich raten: Das Attentat hat sie auf die Idee gebracht, richtig?�</p><p>�Sie bietet dir eine gro�z�gige Summe�, sagte Umbra.</p><p>�Wie gro�z�gig?�</p><p>�Zw�lftausend Silberschilling.�</p><p>�Zu wenig. Sie sollte eigentlich wissen, was ein Doppelg�nger kostet.�</p><p>�Sie ist bereit, �ber die Einzelheiten des Gesch�fts zu verhandeln.�</p><p>Torne lehnte sich zur�ck. �Es gibt da nur ein kleines Problem. Der Doppelg�nger ist tot. Verbrannt wie der Rest meines Besitzes.�</p><p>�In diesem Fall erteilt dir Lady Sarka den Auftrag, ihr einen neuen Doppelg�nger zu beschaffen.�</p><p>�Schwierig. Sie wachsen nicht gerade auf B�umen, wei�t du?�</p><p>�Du hast einmal einen gefunden. Es kann doch nicht so schwer sein, noch einen aufzutreiben.�</p><p>�Und wenn ich gerade Besseres zu tun habe?�</p><p>�Das da w�re?�</p><p>�Privatsache�, sagte Torne.</p><p>Umbra drehte den Folianten und betrachtete die aufgeschlagenen Seiten. �Alben und ihre Kr�fte? Machst du wieder Jagd auf unschuldige Schattenwesen?�</p><p>�Schon m�glich.�</p><p>�Es gibt keine Alben mehr.�</p><p>�Einer ist noch da.�</p><p>�Sag blo�, du suchst nach Aziel.�</p><p>�Nach Lucien!�, sagte Torne und spie den Namen aus wie ein widerliches St�ckchen Knorpel.</p><p>Sein Hass lie� die Luft in dem Gew�lbe vibrieren. Umbra musterte ihn nachdenklich. Lucien... Dieser Name fiel in letzter Zeit verd�chtig oft. �Weswegen?�</p><p>Torne schwieg finster.</p><p>�Steckt <emphasis>er</emphasis> hinter deinem Unfall?�, fragte sie ins Blaue hinein.</p><p>Der Alchymist versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch sie konnte sehen, dass ein Muskel in seinem Gesicht zuckte.</p><p>�Lucien hat dir das angetan, nicht wahr?�</p><p>Torne fuhr auf und schlug krachend auf den Tisch. �Ich werde ihn finden!�, schrie er. �Und dann koche ich diesen Bastard aus, Knochen f�r Knochen, bei lebendigem Leib!�</p><p>Umbra beschloss, ihre Strategie zu �ndern. Wenn Geld allein Torne nicht interessierte, musste sie ihm eben etwas anbieten, das ihn mehr reizte. Und wenn sie dabei ein paar Antworten bekam � umso besser. Schlie�lich war ihr immer noch nicht klar, welche Rolle Lucien bei Aziels Angriff auf Jackon gespielt hatte. �Ich habe ihn gesehen.�</p><p>�Lucien? Wann?�</p><p>�Vor zwei Tagen. Er war im Palast.�</p><p>Tornes gesundes Auge verengte sich zu einem Schlitz. �Tats�chlich?�</p><p>�Ich kann dir mehr sagen, wenn du mir verr�tst, was in deinem Labor vorgefallen ist.�</p><p>�Lucien ist vor knapp zwei Wochen in meinem Haus aufgetaucht. Er wollte mich zwingen, ihm bei seinen Nachforschungen zu helfen.�</p><p>�Welche Nachforschungen?� �Er wollte herausfinden, wer dem Harlekin Jernigans Lampe gegeben hat.�</p><p>Umbra hatte so etwas geahnt. Sie wussten seit Langem, dass Lucien gelegentlich f�r Aziel arbeitete � oder gearbeitet <emphasis>hatte</emphasis>. W�hrend Aziels Angriff auf den Palast hatten sich die beiden Alben mitnichten wie Verb�ndete verhalten, sondern gegeneinander gek�mpft. Eines der vielen R�tsel jener Nacht. �Was hast du ihm gesagt?�</p><p>�Das wenige, das ich wei�. Dass Corvas die Lampe beschafft hat.�</p><p>Eigentlich h�tte Torne nichts von der Lampe wissen d�rfen. Doch das Auftauchen eines solch kostbaren und m�chtigen Gegenstands blieb nie lange geheim � und M�nner wie Torne waren stets die Ersten, die davon h�rten. �Was ist dann geschehen?�</p><p>�Es kam zu einem... Missverst�ndnis�, sagte der Alchymist gedehnt.</p><p>�Ihr habt versucht, euch gegenseitig �bers Ohr zu hauen�, mutma�te Umbra.</p><p>�Diese Kakerlake hat meinen Mantikor befreit! Er ist schuld am Tod meines Doppelg�ngers!�</p><p>�Hat er auch den Blutgeist gerufen?�</p><p>�Wieso wei�t du davon?�</p><p>�Ich wei� es eben.�</p><p>�Ich habe ihn beschworen�, brummte Torne. �Um Lucien aufzuhalten.�</p><p>Den Rest der Geschichte konnte Umbra sich zusammenreimen. Drei magische Wesen und ein verr�ckter Alchymist auf engstem Raum � kein Wunder, dass von dem Laboratorium nur noch Schutt und Asche �brig waren. �Kommen wir zum Gesch�ftlichen�, sagte sie.</p><p>Der Alchymist starrte sie bohrend an. �Du hast gesagt, Lucien ist im Palast gewesen. Wieso?�</p><p>�Eine Horde von Ghulen hat den Palast angegriffen. Er hat uns gewarnt.�</p><p>�Ghule?�, fragte er ungl�ubig.</p><p>Umbra verlor allm�hlich die Geduld. F�r ihren Geschmack dauerte das Gespr�ch schon viel zu lange. �H�r zu�, sagte sie barsch. �Wir helfen dir, Lucien aufzusp�ren. Im Gegenzug beschaffst du Lady Sarka einen Doppelg�nger. Ist das ein Angebot?�</p><p>�Ich brauche keine Hilfe.�</p><p>�Du sitzt in einem stinkenden Loch, ohne Freunde, ohne Geld, und sogar ein Blinder sieht, dass du dich vor Schmerzen kaum bewegen kannst. Und <emphasis>wie</emphasis> du Hilfe brauchst.�</p><p>�Ich wohne hier nur �bergangsweise. Und in sp�testens zwei Wochen habe ich mich erholt.�</p><p>�Bis dahin ist Lucien l�ngst �ber alle Berge.�</p><p>Tornes Finger kr�mmten sich krallenhaft, als sein Zorn von Neuem erwachte.</p><p>�Er ist zu gerissen. Allein findest du ihn nie�, fuhr Umbra fort. �Aber mit der Geheimpolizei und Corvas� Kr�hen hast du vielleicht eine Chance.�</p><p>�Corvas w�rde mir helfen?�, fragte er argw�hnisch.</p><p>Sie nickte.</p><p>�K�nnt ihr mir auch eine bessere Unterkunft beschaffen?�</p><p>�Du kannst f�r die Dauer des Auftrages im Palast wohnen, wenn du willst.�</p><p>�Ein neues Labor w�re auch nicht schlecht.� �Im Palast stehen mehrere Labore leer. Lady Sarka hat sicher nichts dagegen, wenn du eins benutzt.�</p><p>�Mit vierzig Jahre alter Ausstattung kann ich nichts anfangen. Ich brauche die beste und modernste, die auf dem Markt ist.�</p><p>�Jetzt werde nicht unversch�mt. Sei froh, dass du �berhaupt ein Labor von uns bekommst.�</p><p>�Du verstehst mich nicht. Mit veralteter Ausr�stung kann ich den Auftrag nicht ausf�hren. Um Schattenwesen aufzusp�ren, muss ich mich in h�here Bewusstseinszust�nde versetzen. Hierzu ben�tige ich Elixiere, die niemand au�er mir herstellen kann. Die meisten bestehen aus Substanzen, die instabil und leicht verderblich sind, weswegen man sie unter keinen Umst�nden in...�</p><p>�Schon gut�, unterbrach Umbra das alchymistische Kauderwelsch. �Ich werde sehen, was sich machen l�sst.�</p><p>�Und Geld�, sagte Torne. �Ich brauche f�nftausend Silberschilling zur freien Verf�gung. Vielleicht auch mehr.�</p><p>�F�r was, bei allen D�monen?�</p><p>�Mindestens zwei Apparate, die ich brauche, gibt es nicht zu kaufen. Ich muss sie bauen, und das Material ist selten und schwer zu beschaffen.�</p><p>�Nein. Das neue Labor ist schon teuer genug. Mehr ist nicht drin.�</p><p>�Dann gibt es auch keinen Doppelg�nger. Tut mir leid.�</p><p>Umbra verschr�nkte die Arme vor der Brust. Jeder Narr konnte sehen, dass Torne im Begriff war, sie �ber den Tisch zu ziehen. Aber sie war machtlos dagegen. Seine speziellen F�higkeiten waren einzigartig in Bradost. Er hatte sie in der Hand und wusste es. �Dreitausend. Und keinen Viertelschilling mehr.�</p><p>�Viertausend.�</p><p>�Abgemacht.�</p><p>Der Alchymist beugte sich lauernd �ber den Tisch. �Noch etwas: Wenn wir Lucien finden, geh�rt er mir allein, klar?�</p><p>�Erst verh�re ich ihn. Danach kannst du ihn haben.�</p><p>�Unbesch�digt, bitte.�</p><p>�Das sollte sich machen lassen.�</p><p>Tornes Lippen verzogen sich zu seinem Schurkenl�cheln. �Ich muss sagen, mit der Lordkanzlerin Gesch�fte zu machen ist ganz nach meinem Geschmack.�</p><p>Umbra kam zu dem Schluss, dass sie diesen Kerl noch weniger mochte als Corvas und Amander zusammen. �Los, pack deine Sachen. Ich will im Palast sein, bevor es dunkel wird.�</p><p>�Ich brauche nur das Buch und meine Aufzeichnungen...�</p><p>�Gut.� Sie packte den verbl�fften Alchymisten am Kragen seiner Robe, �ffnete mitten im Raum ein Schattentor und stie� ihn hinein.</p><p>Sein Schrei war eindeutig das Beste an diesem Tag.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>8</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Krieger, L�gner und Verschlinger</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>V</strong>ivana beobachtete die rauchverhangene Ebene jenseits des T�mpels. Manchmal schien sich etwas in dem goldenen Dunst in der Ferne zu bewegen, aber vermutlich bildete sie sich das nur ein. Etwas sagte ihr, dass man sich an diesem seltsamen Ort nicht auf seine f�nf Sinne verlassen sollte.</p><p>Sie wandte sich zu ihrem Vater und Lucien um, die genau wie sie im Schutz der Felsen kauerten und die Umgebung im Auge behielten. Wie lange sie schon hier sa�en, konnte sie schlecht sch�tzen. Vielleicht eine halbe Stunde. Der allgegenw�rtige Dunst, der flammende Himmel und der klagende Wind bewirkten, dass man jegliches Zeitgef�hl verlor. Ruac schien sich an alldem nicht zu st�ren. Er hatte sich zusammengerollt und d�ste.</p><p>�Du bist wirklich sicher, dass wir hier auf D�monen treffen?�, fragte sie den Alb.</p><p>�Siehst du nicht die Spuren?�</p><p>Vivana sah gar nichts, aber ihre Augen waren auch nicht so scharf wie seine.</p><p>�Sie kommen her, um sich an dem T�mpel zu laben�, sagte Lucien. �D�monen ern�hren sich von b�ser Energie.�</p><p>�berraschenderweise lie� sich ihr Vater nicht zu einer abf�lligen Bemerkung hinrei�en. Er schwieg schon die ganze Zeit. Offenbar wurde sein wissenschaftliches Weltbild gerade geh�rig ersch�ttert.</p><p>Voller Unbehagen betrachtete sie die Gegenst�nde, die Lucien ausgepackt hatte: ein Netz, eine Seilrolle, einen Kn�ppel und nat�rlich das runenverzierte Brandeisen. Damit wollte er einen D�mon fangen, um ihn nach Liam zu befragen. Vivana war nicht gerade begeistert von diesem Plan, denn von ihrer Tante wusste sie, wie gef�hrlich D�monen sein konnten. Aber etwas Besseres fiel ihr nicht ein.</p><p>Lucien bemerkte ihre Skepsis. �Was ist los? Vertraust du mir nicht?�</p><p>�Das Pand�monium ist riesig, oder? Und es ist voll mit D�monen.�</p><p>Der Alb nickte.</p><p>�Wie sollen wir unter diesen Umst�nden einen D�mon finden, der wei�, wo Liam ist? Ich meine, das ist ungef�hr so, als h�tte man irgendwo in Bradost einen Schilling verloren und w�rde einen x-beliebigen Fu�g�nger fragen, ob er ihn gesehen hat.�</p><p>�Hier funktionieren die Dinge ein wenig anders als in Bradost�, sagte er l�chelnd. �Die wenigsten D�monen d�rften etwas �ber Liam wissen, das ist richtig. Deswegen m�ssen wir versuchen, einen ganz bestimmten zu finden. Einen L�gner.�</p><p>�Einen L�gner?�</p><p>�Es gibt verschiedene Arten von D�monen. L�gner sind Meister der T�uschung. Sie erz�hlen pausenlos die Unwahrheit und lieben nichts mehr, als andere in die Irre zu f�hren und ins Verderben zu locken.�</p><p>�Und ausgerechnet so jemanden willst du nach dem Weg fragen?�, erwiderte sie stirnrunzelnd.</p><p>�L�gner sind nahezu allwissend, zumindest was die Vorg�nge im Pand�monium betrifft. Die Chancen stehen gut, dass sie von Liam geh�rt haben.�</p><p>�Aber wird er nicht versuchen, uns, na ja, zu bel�gen?�</p><p>�Nat�rlich. Aber daf�r haben wir das hier.� Er klopfte auf das Brandeisen.</p><p>Vivana blickte zu ihrem Vater, der fluchend seine Taschenuhr sch�ttelte. �Was ist?�</p><p>�Das verdammte Ding spielt verr�ckt�, murrte der Erfinder. �Wahrscheinlich hat sich eine Feder gel�st, als wir aus dem Tor gefallen sind.� Er w�hlte in ihrem Tragekorb und holte einen winzigen Schraubenzieher heraus. Vivana hatte ihn nicht davon abbringen k�nnen, ein Werkzeugset einzupacken. Ohne sein Werkzeug gehe er nirgendwohin, hatte er gesagt.</p><p>�Deine Uhr ist in Ordnung�, sagte Lucien. �Es liegt am Pand�monium, dass sie nicht richtig funktioniert. Die Zeit verl�uft hier anders als in eurer Welt.�</p><p>�Wie meinst du das?�, fragte Vivana.</p><p>�Es kann sein, dass wir wochenlang unterwegs sind, w�hrend in Bradost nur ein paar Stunden vergehen. Oder umgekehrt. Das Pand�monium liegt im Nichts. Im Nirgendwo. Naturgesetze gelten hier nicht.�</p><p>Sie verzog den Mund. Kein Wunder, dass sie kein Zeitgef�hl mehr hatte.</p><p>Ihr Vater lie� sich nicht beirren, �ffnete die Uhr und schraubte darin herum. Nach einer Weile gab er jedoch schimpfend auf.</p><p>Vivana beobachtete wieder die Ebene. Pl�tzlich entdeckte sie einen Schemen im Dunst, und diesmal war sie sicher, dass ihre Augen ihr keinen Streich spielten. �Lucien, da!�, stie� sie hervor.</p><p>Er sah es auch. �Ein D�mon! Versteckt euch!�</p><p>Sie zogen die K�pfe ein. Vivana lag neben Lucien und sp�hte durch einen Spalt zwischen den Felsen. Ruac war aufgewacht und zu ihr gekrochen. H�chste Wachsamkeit sprach aus seinen Reptilienaugen.</p><p>Aus dem Dunst trat eine groteske Gestalt. Das Gesch�pf besa� ledrige Haut, einen menschlichen Torso und einen knochigen Sch�del mit einer �ffnung, wo sich bei Menschen die Nase befand, zwei kleinen L�chern anstelle der Ohren und einem Maul voller Rei�z�hne. Seine Augen gl�hten gelb. In einer Hand hielt es eine Lanze mit gezackter Spitze, in der anderen einen Schild, der aussah, als w�re er mit menschlicher Haut bespannt. Der Unterleib ging in vier Beine �ber, die in hornartigen Spitzen endeten.</p><p>Vivana schluckte trocken. Sie hatte sich gerade erst von ihrer Begegnung mit Ghulen und V�len erholt. Dieser D�mon jedoch war noch um einiges schrecklicher. �Ist das ein L�gner?�, fl�sterte sie.</p><p>�Ein Krieger�, antwortete Lucien. �Seid leise. Er ist gef�hrlich.�</p><p>Der D�mon blieb am Ufer des T�mpels stehen und tauchte seine Lanze in den schwarzen Schleim. Voller Ekel beobachtete Vivana, wie er mit seiner langen Zunge die Spitze der Waffe ableckte.</p><p>Sie war ma�los erleichtert, als das Gesch�pf kurz darauf wieder im Dunst verschwand. Auch ihren Vater und sogar Lucien hatte der Anblick sichtlich verst�rt, und es dauerte eine Weile, bis wieder jemand zu sprechen wagte.</p><p>Obwohl seit ihrer Ankunft einige Stunden vergangen sein mussten, �nderten sich die Lichtverh�ltnisse nicht � stets lag ein r�tliches Zwielicht �ber dem Land. Lucien erkl�rte, dass es im Pand�monium weder Tag noch Nacht gebe, nur diesen unver�nderlichen Zwischenzustand. Daf�r lichtete sich irgendwann der Dunst, vielleicht weil der Wind gedreht hatte, und Vivana konnte wieder die titanischen Ruinen am Horizont erkennen. Die bizarren Gebilde erschienen ihr beinahe noch unheimlicher als der vierbeinige D�mon.</p><p>�Wer hat all das erbaut?�, fragte sie.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Lucien.</p><p>�D�monen?�</p><p>�Wohl kaum. Sie sind nicht dazu f�hig, etwas zu erschaffen. Sie k�nnen nur vernichten und zerst�ren.�</p><p>�Als Kind hatte ich einen Hauslehrer, der Priester war�, sagte Vivana. �Er hie� Vater Cuthbert. Wei�t du noch, Paps?�</p><p>�Er war ein Fanatiker und ein Dummkopf dazu�, meinte ihr Vater. �Ein Gl�ck, dass er es nicht lange mit dir ausgehalten hat.�</p><p>�Statt mir Rechnen und Geographie beizubringen, hat er mir stundenlang Predigten gehalten�, fuhr sie fort. ��ber die Kirche und wie Tessarion �ber das Meer gekommen ist, um uns den wahren Glauben zu bringen, und so weiter. Meistens ging es dabei auch um das Pand�monium.�</p><p>�Inwiefern?�, fragte Lucien ohne gro�es Interesse. �Er hat gesagt, Tessarion h�tte das Pand�monium erschaffen und die D�monen darin eingesperrt, um das B�se zu bezwingen.�</p><p>�Priester erz�hlen st�ndig solche Dinge�, sagte der Alb. �Du darfst das nicht so ernst nehmen.�</p><p>�Ich wei�. Aber wenn das alles falsch ist, was im Buch Tessarion steht � was ist dann die Wahrheit?�</p><p>�Ich habe nicht gesagt, dass <emphasis>alles</emphasis> falsch ist, was eure Priester sagen. Nur manches. Besonders die Geschichten �ber das Pand�monium.� Lucien setzte sich so, dass er gleichzeitig mit ihr reden und den T�mpel im Auge behalten konnte. �Vor wie vielen Jahren hat euer Gott gelebt? Vor ein paar Jahrhunderten, richtig? Das Pand�monium ist viel �lter. Es war schon da, als ich erwacht bin � und glaub mir, ich bin <emphasis>sehr</emphasis> alt.�</p><p>Sie wollte ihn fragen, was er damit meinte, er sei �erwacht�, doch da fuhr er bereits fort: �Es ist richtig, dass das Pand�monium ein Gef�ngnis f�r die D�monen ist. Aber wer es erschaffen hat, wei� niemand. Vielleicht war es schon immer da.�</p><p>W�hrend Lucien erz�hlte, n�herten sich von den Ruinen drei der gefl�gelten Wesen, die Vivana kurz nach ihrer Ankunft gesehen hatte. Als Lucien sie bemerkte, befahl er ihnen abermals, in Deckung zu gehen und sich auf keinen Fall zu bewegen. Wenig sp�ter landeten die Kreaturen am T�mpel. Jeder der schwarzen Riesenv�gel war beinahe so gro� wie ein Pferd und besa� einen langen Hals und ungesund gl�nzendes Gefieder, in dem es vor Parasiten nur so wimmelte. Ihre gekr�mmten Schn�bel waren mit winzigen Rei�z�hnen best�ckt, und in ihren Augen gl�hte eine boshafte Intelligenz. Sie labten sich am Schleim, gaben raspelnde Kr�chzlaute von sich, bei denen es Vivana kalt �ber den R�cken lief, und stiegen wieder zum flammenden Himmel auf.</p><p>�Das waren Verschlinger�, erkl�rte Lucien, als die D�monenv�gel fort waren. �Nehmt euch vor ihnen in Acht. Normalerweise fressen sie verdammte Seelen, aber vermutlich wissen sie auch Menschenfleisch zu sch�tzen.�</p><p>Die Stunden verstrichen � falls es im Pand�monium �berhaupt so etwas wie Stunden gab. In unregelm��igen Abst�nden kamen weitere D�monen zum T�mpel, Wesen, die genauso absto�end wie der Krieger und die Verschlinger waren, aber vergleichsweise harmlos. Eine kleine Schar gedrungener und aufgedunsener Gesch�pfe, die sich ungelenk auf drei Stummelbeinen fortbewegten, erschien irgendwann und stopfte sich die M�uler mit Schleim voll. Nachdem sie verschwunden waren, kroch aus einem der rauchenden L�cher ein fleischfarbener Wurm mit Reihen rudiment�rer Gliedma�en an den Flanken, gefolgt von zwei wasserspeierartigen Gesch�pfen, die sich zischend unterhielten und mit ihren Messern herumfuchtelten, nachdem sie sich satt gefressen hatten.</p><p>Vivanas Vater machte sich ununterbrochen Notizen und fertigte skizzenhafte Zeichnungen von den Ungeheuern an. Anfangs erz�hlte Lucien ihnen das eine oder andere zu den verschiedenen Bewohnern des Pand�moniums, doch nach einer Weile verfiel er in Schweigen, ganz in seine eigenen Gedanken versunken.</p><p>Vivana musste schlie�lich eingenickt sein, denn pl�tzlich schreckte sie auf. Lucien hatte sie angesto�en.</p><p>�Ein L�gner ist da�, fl�sterte der Alb. �Halte dich bereit.�</p><p>Schlagartig war sie hellwach und sp�hte zwischen den Felsen hindurch. Das Wesen, das sich dem T�mpel n�herte, sah auf den ersten Blick aus wie ein Mensch: Es ging auf zwei Beinen und besa� einen Torso, zwei normal geformte Arme und einen Kopf. Damit jedoch endeten die Gemeinsamkeiten. Anstelle von H�nden verf�gte der D�mon �ber lange, vierfingrige Krallen. Er trug weder Kleidung noch Waffen und wies keine erkennbaren Geschlechtsorgane auf. Seine ockergelbe Haut war mit verschlungenen Linien versehen � ob es sich dabei um eine schm�ckende Bemalung oder eine nat�rliche Zeichnung handelte, konnte Vivana nicht erkennen. Am wenigsten menschen�hnlich war der Kopf. Mehr als ein Dutzend lidlose Augen sa�en in dem haarlosen Sch�del, vorne, hinten und an den Seiten, sodass der D�mon gleichzeitig in alle Richtungen blicken konnte.</p><p>Stumm nickte Lucien Vivana und ihrem Vater zu. Sie hatten sich schon vor Stunden auf eine gemeinsame Vorgehensweise geeinigt, und jeder kannte seine Aufgabe. Vivana rief sich Luciens Warnung ins Ged�chtnis: Der D�mon w�rde mit allen Mitteln versuchen, sie zu t�uschen und zu manipulieren, denn das lag in seiner Natur. Deswegen war es am sichersten, seinen L�gen nicht zuzuh�ren, bis Lucien ihn gebrandmarkt hatte und er ihnen gehorchen musste.</p><p>Der D�mon kniete neben dem T�mpel und sch�pfte mit den Krallenh�nden Schleim heraus.</p><p>Lucien griff nach dem Kn�ppel und dem Brandeisen. �Jetzt!�, fl�sterte er, woraufhin sie aufsprangen und den Steilhang zur Mulde hinunterst�rmten, mehr schlitternd als rennend und begleitet von einer kleinen Lawine aus Staub und Ger�ll. Sie versuchten gar nicht erst, leise zu sein und sich anzuschleichen, denn dank seiner Augen am Hinterkopf h�tte der D�mon sie ohnehin entdeckt. Er fuhr auf und wirbelte zu ihnen herum. Vivana und ihr Vater warfen das Netz, es schlang sich um seinen Kopf, seine Schultern und Arme, und er verhedderte sich augenblicklich darin. Dabei riss er seinen breiten, mit spitzen Z�hnen bewehrten Mund auf und schrie vor Zorn. Vivana f�rchtete, das Netz k�nnte zerrei�en, doch die Maschen widerstanden seinen heftigen Bewegungen. Der D�mon st�rzte zu Boden und w�lzte sich im Staub, wodurch er sich nur noch mehr verstrickte.</p><p>Vivana blickte zu Lucien, der zu einem der rauchenden L�cher gelaufen war und das Brandeisen in die Flammen hielt, die aus den Tiefen heraufz�ngelten. Ihr Herz klopfte wie wild, als sie nach dem Seil griff, das sie sich hinter den G�rtel gesteckt hatte. Nun kam der gef�hrlichste Teil.</p><p>Ihr Vater und sie sprangen in die Mulde, wo sich der T�mpel befand. Der Erfinder packte den zappelnden D�mon und versuchte, ihn auf den Bauch zu w�lzen. Dabei ber�hrte er die Magengegend des Gesch�pfs, wo pl�tzlich <emphasis>ein zweites Maul</emphasis> aufklaffte und nach ihm schnappte. Gl�cklicherweise erwischte es nur seine mechanische Hand, sodass die spitzen Z�hne keinen Schaden anrichten konnten. Ihr Vater versetzte dem D�mon einen Faustschlag und begann, sein Seil um ihn zu schlingen.</p><p>Vivana war beeindruckt. Ihr Vater besa� eine tiefsitzende Furcht vor allem Magischen, und sie h�tte nicht gedacht, dass er so beherzt gegen eine derartige Kreatur k�mpfen w�rde. Mit ihrem Seil in den H�nden kam sie ihm zu Hilfe. Der D�mon wehrte sich kaum noch. Der Hieb mit der mechanischen Hand, die wesentlich kr�ftiger war als eine gew�hnliche, hatte ihm offenbar schwer zugesetzt. Sie fesselten seine Arme und Beine.</p><p>Kurz darauf kam Lucien zu ihnen. Als er feststellte, dass sie den D�mon bereits �berw�ltigt hatten, lie� er den Kn�ppel sinken. Die Spitze des Brandeisens gl�hte.</p><p>Mit dem Fu� drehte er ihren Gefangenen auf den R�cken. Die Kreatur bleckte die Z�hne. Sengendes Feuer erf�llte ihre Augen. Vivana sp�rte, dass der D�mon sie regelrecht durchleuchtete, dass sein Blick bis in Bereiche ihrer Seele vordrang, die sie vor jedermann verbarg, sogar vor sich selbst. Auch davor hatte Lucien sie gewarnt. Sie wehrte sich mit aller Kraft dagegen, so wie man einen unerw�nschten Gedanken oder eine schmerzhafte Erinnerung unterdr�ckte.</p><p>�H�r auf damit�, sagte Lucien und hob warnend den Kn�ppel.</p><p>�Was wollt ihr?�, fauchte der D�mon.</p><p>�Deinen Gehorsam.� Lucien presste ihm das Brandeisen auf die Brust. Es zischte, der D�mon kreischte, und der widerw�rtige Gestank verkohlten Fleisches breitete sich aus.</p><p>Auf seiner Haut prangte ein feuerrotes Zeichen, eine fremdartige Glyphe, die den Runen auf dem Eisenschaft �hnelte.</p><p>�Du kennst dieses Zeichen�, fuhr Lucien fort. �Es ist alt und m�chtig. Du geh�rst jetzt mir.�</p><p>Der D�mon wand sich vor Schmerzen. Geifer troff aus seinen beiden M�ulern, sowohl aus dem normalen als auch aus der zahnbewehrten Spalte in seinem Bauch. �Du bist ein Narr, wenn du das glaubst�, keifte er. �Das Zeichen hat schon lange keine Macht mehr.�</p><p>Zu Vivanas Entsetzen begann nun auch das zweite Maul zu sprechen. Seine Stimme klang anders als die normale, tiefer, kratziger, noch weniger menschlich. �Du hast dich mit dem Falschen angelegt, Alb�, sagte der Bauch und schmatzte obsz�n. �Binde uns los. Dann lassen wir dich und deine Menschenfreunde vielleicht am Leben.�</p><p>�Steh auf�, befahl Lucien unbeeindruckt.</p><p>Zun�chst geschah nichts. Vivana f�rchtete schon, der D�mon k�nnte recht haben und das Brandzeichen w�re wirkungslos. Dann aber bemerkte sie, dass ihr Gefangener gegen den Befehl ank�mpfte � sie konnte die Anstrengung in jedem einzelnen Auge sehen. Schlie�lich musste sich der D�mon der Macht des Zeichens beugen, und er w�lzte sich hin und her.</p><p>�Du musst die Fesseln l�sen!�, kr�chzte er.</p><p>�Nein.�</p><p>Irgendwie gelang es dem D�mon, sich trotz des Netzes und der beiden Seile so weit aufzurichten, dass er vor Lucien kniete. �Das hat nichts zu sagen�, zischte er.</p><p>�Gar nichts!�, f�gte der Bauch knurrend hinzu.</p><p>Lucien zog eines seiner Messer. �Ich k�nnte dir befehlen, dich in diesen Dolch zu st�rzen. Willst du es darauf ankommen lassen?�</p><p>Die beiden M�uler knirschten vor Wut mit den Z�hnen, gaben jedoch keinen Laut von sich.</p><p>�Gut�, sagte der Alb. �Je eher du mich als deinen neuen Herrn akzeptierst, desto besser f�r dich. Jetzt halte still, damit ich dich losbinden kann.�</p><p>�Sollten wir ihn nicht sicherheitshalber gefesselt lassen?�, fragte Vivanas Vater.</p><p>�Nicht n�tig. Er wird keinem von uns etwas tun.�</p><p>Lucien l�ste die Seilknoten und schnitt das Netz auf. Der D�mon sch�ttelte die Fetzen ab und ber�hrte das Brandzeichen, zog die Krallenhand ruckartig zur�ck und verzog vor Schmerz den Mund. Dann beobachteten seine Augen abermals Vivana und ihren Vater.</p><p>�Ich gebe dir jetzt ein paar Befehle, die gelten, bis ich sie aufhebe, also h�r gut zu�, sagte Lucien. �Erstens, du unterl�sst es, in den Erinnerungen meiner Begleiter herumzuw�hlen.�</p><p>Der D�mon gehorchte. Vivana sp�rte augenblicklich, wie sich seine tastenden Gedankenfinger aus ihrem Verstand zur�ckzogen.</p><p>�Zweitens, du wirst keinem von uns ein Leid antun, weder k�rperlich noch psychisch noch sonst wie. Drittens, du wirst uns nicht an andere D�monen oder verdammte Seelen verraten oder die Bewohner des Pand�moniums in irgendeiner Weise auf uns aufmerksam machen.�</p><p>Dass Lucien seine Anweisungen derartig pr�zise und beinahe wie ein Advokat formulierte, geschah nicht aus einer Laune heraus. Er hatte Vivana erkl�rt, dass L�gner Meister der Hinterlist und des Verrats waren. Wenn seine Befehle nicht l�ckenlos waren oder einen noch so kleinen Interpretationsspielraum aufwiesen, w�rde der D�mon versuchen, seine Worte zu verdrehen.</p><p>�Viertens, du bleibst immer in meiner N�he und wirst dich nie mehr als zehn Schritte entfernen. F�nftens, du wirst nicht versuchen, zu fliehen. Und sechstens, du sprichst nur, wenn ich dich dazu aufforderte. Verstanden?�</p><p>Der D�mon schwieg. Die Blicke seiner Augen schienen Lucien zu durchbohren.</p><p>�Ich habe dir eine Frage gestellt.�</p><p>�Verstanden�, schnarrte der L�gner.</p><p>�Vor unserer Rache wird dich das nicht bewahren�, erg�nzte der Bauch.</p><p>�Siebtens�, sagte Lucien, �f�r jeden Versuch, mich zu t�uschen oder meine Befehle zu missachten, steche ich dir ein Auge aus.�</p><p>Sie kehrten zu den Felsen zur�ck. Widerwillig, aber gehorsam folgte ihnen der D�mon. Lucien wollte aufbrechen und bat die anderen, ihre Sachen zu packen.</p><p>�Wohin gehen wir?�, erkundigte sich Vivana.</p><p>�Zu einer H�hle, die ich unterwegs gesehen habe. Dort befragen wir den D�mon.�</p><p>�Warum nicht gleich hier?�</p><p>�Zu gef�hrlich. Ich wei� nicht, wie er sich verh�lt, wenn andere D�monen auftauchen.�</p><p>�Obwohl du ihm befohlen hast, uns nicht zu verraten?�</p><p>Lucien warf einen verstohlenen Blick zu ihrem Gefangenen, der am Rande des Lagers wartete. �Er ist sehr gerissen. Wir machen uns besser auf die eine oder andere �berraschung gefasst.�</p><p>Kurz darauf waren sie bereit zum Abmarsch. Als ihr Vater gerade den Tragekorb aufziehen wollte, sagte der Alb: �Nein. Er soll das tragen.� Er gab dem D�mon einen Wink.</p><p>�Ich bin nicht dein Lakai�, knurrte der L�gner � besser gesagt, sein Bauch �, und er k�mpfte erneut gegen die Macht des Brandzeichens an.</p><p>Lucien legte seine Hand auf den Messerknauf. �Auf welches Auge kannst du verzichten?�</p><p>Betont langsam kam der D�mon angeschlurft und schulterte den Korb. Vivana fragte sich, wie sie ihn dazu bringen sollten, sie zu Liam zu f�hren, wenn er bereits bei solchen Kleinigkeiten Probleme machte.</p><p>Sie gingen den Weg zur�ck, den sie gekommen waren. Nach einer Viertelmeile erreichten sie die H�hle: eine �ffnung in der H�gelflanke, im Innern ger�umig genug f�r eine kleine Gruppe wie ihre und nach oben offen in Form einer schmalen Spalte, in der sich pfeifend der Wind verfing.</p><p>Lucien befahl dem D�mon, sich auf einen Felsen zu setzen.</p><p>�Wir suchen einen menschlichen Jungen namens Liam Satander�, begann er. �Sag uns, wo wir ihn finden.�</p><p>�Warum sollte ich das wissen?�</p><p>�Weil du ein L�gner bist, deswegen.�</p><p>�L�gner?� Die beiden M�nder des D�mons formten ein h�hnisches Grinsen. �So nennt ihr mich also? Ich bin zutiefst gekr�nkt. Von meinem neuen Meister h�tte ich ein wenig mehr H�flichkeit erwartet.�</p><p>�Beantworte meine Frage.�</p><p>�Eigentlich war es keine Frage, sondern eine Aufforderung.�</p><p>�Wei�t du, wo Liam ist, oder nicht?�, erwiderte Lucien barsch.</p><p>Der D�mon schien nachzudenken � oder tat nur so. �Liam Satander... Sechzehn oder siebzehn Menschenjahre alt? Blond? H�bsches Kerlchen?�</p><p>Vivana war so aufgeregt, dass sie nicht sitzen bleiben konnte. �Das ist er! Wo hast du ihn gesehen? Geht es ihm gut?�</p><p>Lucien warf ihr einen warnenden Blick zu, der <emphasis>Halte dich besser zur�ck</emphasis> zu sagen schien. �Hast du wirklich von ihm geh�rt?�, wandte er sich wieder an den D�mon. �Oder ist das nur eine von deinen L�gen?�</p><p>�Deine st�ndigen Unterstellungen sind erm�dend. Ja, ich habe von ihm geh�rt. Wie k�nnte ich sonst wissen, wie er aussieht?�</p><p>�Vielleicht weil du ihn in Vivanas Erinnerungen gesehen hast.�</p><p>�Vielleicht habe ich das.� Der D�mon grinste wieder. �Deine Erinnerungen sind �brigens auch recht interessant...�</p><p>�Mach dich nicht l�cherlich. Du kannst meine Gedanken nicht lesen. Gut. Du hast also von dem Jungen geh�rt. Wo ist er?�</p><p>�Wozu macht ihr euch solche M�he? Wahrscheinlich ist er l�ngst gefressen worden. Oder ein gefl�gelter Belial hat ihn gefunden und ihm seine unsterbliche Seele ausgesaugt. Es k�nnte auch sein, dass man ihm das Herz herausgerissen und���</p><p>�Lass das�, befahl Lucien barsch. �Sag uns, wo Liam angekommen ist.�</p><p>�Am Ufer des Schreienden Flusses�, antwortete der D�mon.</p><p>�Falsch�, widersprach sein Bauch. �Es war in den H�geln jenseits der Brennenden Ebene.�</p><p>In gespieltem Bedauern zuckte der D�mon mit den Schultern. �Ich f�rchte, wir sind uns nicht einig.�</p><p>�Wie du willst�, erwiderte Lucien. �Verabschiede dich von einem Auge.�</p><p>�Nur ein kleiner Scherz�, lenkte das Gesch�pf ein. �Es war am Schreienden Fluss. Nicht wahr?�</p><p>�Gewiss�, stimmte der zweite Mund zu.</p><p>�Wie weit ist das entfernt?�</p><p>�Zu weit f�r euch. Der Weg f�hrt mitten durch Nachachs Reich. Seine Blutsklaven werden euch t�ten, bevor ihr auch nur in die N�he gekommen seid.�</p><p>�Nachach � wer ist das?�</p><p>�Der Herrscher dieser Gegend.�</p><p>�Dienst du ihm?�</p><p>�Ich diene dir, mein geliebter Meister�, s�uselte der D�mon, �niemandem sonst.�</p><p>�Zeig mir den Weg auf der Karte.� Lucien holte das Futteral hervor und entrollte das vergilbte Pergament.</p><p>Der D�mon begann zu kichern. �<emphasis>Das</emphasis> ist deine Karte? Dieses vergammelte St�ck Papier? Du bist verloren, mein Freund. Hoffnungslos verloren.�</p><p>�Spar dir dein Geschw�tz. Wo ist der Schreiende Fluss?�</p><p>Ein d�nner Krallenfinger tippte auf die Karte. �Hier.�</p><p>�F�hr uns hin.�</p><p>�Mit Vergn�gen.� Der L�gner machte eine sp�ttische Verneigung. �Nach dir, Meister.�</p><p>Vivana verlie� die kleine H�hle als Letzte. Sie sp�rte, dass das Gesch�pf etwas im Schilde f�hrte, sie sp�rte es �berdeutlich.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>9</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Fiebertr�ume</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>I</strong>rgendwo unter dem Nebel des Morphiums, der schwer auf seinem Verstand lag, tr�umte Jackon.</p><p>Seite an Seite mit Liam streifte er durch dunkle G�nge und Abwassertunnel und erlebte noch einmal ihr gemeinsames Abenteuer in den Katakomben. Sie flohen aus einem einst�rzenden Kellergew�lbe und halfen einander, einen unterirdischen Fluss zu �berqueren. Sie schl�pften durch vergessene T�ren, kletterten zugige Sch�chte hinauf und sprachen sich gegenseitig Mut zu, dass sie gewiss bald einen Ausgang finden w�rden. Sie lachten Tr�nen, weil die Arbeiter einer Gie�erei sie f�r zwei Ghule hielten und panisch die Flucht ergriffen.</p><p>Der Traum war so real, dass Jackon den Gestank der Abw�sser roch und das eiskalte Flusswasser auf seiner Haut sp�rte. Er f�hlte nagende Furcht, sie k�nnten sich in dieser lichtlosen Unterwelt verlaufen, und grenzenlose Erleichterung, als sie endlich einen Weg hinaus entdeckten. Doch all das war nichts gegen die Freude, die er empfand, Freude dar�ber, in Liam einen Gef�hrten gefunden zu haben. Zum ersten Mal in seinem Leben war er nicht mehr allein, zum ersten Mal hatte er jemanden, mit dem er reden und lachen konnte, dem er vertraute. Einen Freund.</p><p>Irgendwann jedoch verblassten die Bilder, die Eindr�cke wurden schw�cher. Als Jackon begriff, dass er aufwachte, k�mpfte er dagegen an. Er wollte weiterschlafen, weitertr�umen, denn eine Stimme tief in seinem Innern sagte ihm, dass in der Wirklichkeit nichts als Trauer und Einsamkeit auf ihn warteten. Dass Liam fort war und er ihn nie wiedersehen w�rde. Aber so sehr er sich auch dagegen wehrte, langsam glitt er in die Wachwelt hin�ber, bis er schlie�lich die Augen aufschlug und sich in seinem Bett wiederfand.</p><p>Seine Kehle f�hlte sich an wie zugeschn�rt. Er musste geweint haben, denn das Kopfkissen war feucht von seinen Tr�nen. Die gelbe Lampe brannte und erf�llte das geheime Zimmer mit schummrigem Licht. Es roch nach Schwei�, Eiter und dem scharfen Geruch der Wundsalbe.</p><p>Er blieb reglos liegen und starrte an die Zimmerdecke.</p><p><emphasis>Liam ist tot.</emphasis></p><p>Es war dieser Gedanke, mit dem er seit Tagen aufwachte. Jackon schloss die Augen, um abermals einzuschlafen, denn er wollte zu seinem Traum zur�ckkehren, wo Liam am Leben war, wo er nicht dieses erdr�ckende Gef�hl der Einsamkeit empfand. Vergeblich. Er hatte lange geschlafen. Er w�rde fr�hestens wieder in einigen Stunden m�de sein.</p><p>Und so lange war er allein mit seinen Gedanken und seiner Trauer.</p><p><emphasis>Liam ist tot � und ich bin schuld daran.</emphasis></p><p>H�tte er seine Anweisungen befolgt und sich von Aziels Palast ferngehalten, w�re der Herr der Tr�ume nicht auf ihn aufmerksam geworden, w�re es nie zum Angriff der Ghule und der Schlacht im Kuppelsaal gekommen. Seth h�tte ihn nicht verwundet, und Liam h�tte nicht versuchen m�ssen, ihn vor dem Incubus zu besch�tzen.</p><p>Alles seine Schuld. Nur weil er dumm und �berm�tig gewesen war.</p><p>Ihm kamen erneut die Tr�nen, Tr�nen des Selbsthasses und der Trauer. Nachdem er geweint hatte, f�hlte er sich ausgelaugt und leer.</p><p>Es war das erste Mal, dass er so genau �ber diese Dinge nachdachte. W�hrend der vergangenen Tage w�re er gar nicht dazu in der Lage gewesen, so benommen und m�de, wie ihn das Morphium machte. Heute jedoch f�hlte er sich einigerma�en klar im Kopf. Offenbar hatte Doktor Addock die Dosis des Schmerzmittels reduziert.</p><p>Er wusste nicht genau, wie viel Zeit seit dem Kampf vergangen war. Eine knappe Woche vielleicht. Die Schmerzen waren inzwischen l�ngst nicht mehr so stark wie am Anfang, und der Juckreiz unter dem Verband deutete darauf hin, dass die Wunde verheilte. Auch seine Kr�fte kehrten allm�hlich zur�ck. Er traute sich zu, ohne Hilfe das Bett zu verlassen.</p><p>Er beschloss, den Versuch zu wagen, auch auf die Gefahr hin, wieder Schmerzen zu bekommen oder hinzufallen. Alles war besser, als dazuliegen und vor sich hin zu gr�beln.</p><p>Vorsichtig schlug er die Decke zur�ck und setzte sich auf die Bettkante... und hatte pl�tzlich das Gef�hl, dass etwas nicht stimmte. Etwas war nicht so, wie es sein sollte. Wenn er nur h�tte sagen k�nnen, was...</p><p>Der Traum � nat�rlich. Eigentlich durfte er gar nicht tr�umen. Nach seiner unfreiwilligen Begegnung mit Aziel in der Stadt der Seelen hatte Lady Sarka ihm ein Mittel verabreicht, das ihn am Tr�umen hinderte. Sie hatte ihm befohlen, den Trank jeden Abend vor dem Schlafengehen einzunehmen, damit Aziel ihn nicht in seinem Seelenhaus aufsp�ren konnte.</p><p>Warum also hatte er getr�umt? Er blickte zu dem Tischchen, auf dem die Phiolen und Tiegel von Doktor Addock standen. Der Trank war nicht dabei. Es sah ganz danach aus, als h�tte man vergessen, ihm davon zu geben, w�hrend er bewusstlos gewesen war.</p><p>Ein flaues Gef�hl breitete sich in seinem Magen aus. Hatte er auch in den anderen N�chten getr�umt? Wegen des Morphiums konnte er sich nicht daran erinnern. Wenn ja, war das sehr schlecht. In der Wachwelt mochte Aziel vorerst besiegt sein, aber in seinem Reich besa� er immer noch Macht. Wenn er erfuhr, dass Jackon wieder tr�umte, konnte er ihn m�helos aufsp�ren und seiner schutzlosen Seele Schaden zuf�gen oder sie sogar vernichten.</p><p>Er musste dringend mit jemandem dar�ber reden, mit Umbra oder, besser noch, mit Lady Sarka. Er stand auf und h�tte beinahe das Gleichgewicht verloren. Hastig hielt er sich am Bettpfosten fest. Er hatte so lange gelegen, dass ihm vom Aufstehen schwindelig wurde.</p><p>Vorsichtig ging er zur Truhe, auf der seine Kleider lagen. Mit M�h und Not schaffte er es, sein Nachthemd aus- und die anderen Sachen anzuziehen. Mehrmals musste er die Z�hne zusammenbei�en, denn die Wunde schmerzte bei jeder unbedachten Bewegung.</p><p>Wellcott und Kendrick hatten ihn regelm��ig gewaschen, trotzdem sah er mit seinen fettigen Haaren und der schwei�verklebten Haut schrecklich aus und roch entsprechend. Konnte er so Lady Sarka unter die Augen treten? <emphasis>Egal</emphasis>, dachte er. Ohne Hilfe brachte er bestenfalls eine Katzenw�sche zu Stande, also konnte er es genauso gut sein lassen. Au�erdem hatte ihn die Lady schon in einem wesentlich schlimmeren Zustand gesehen.</p><p>W�hrend seiner Ausbildung hatte er sich immer gefragt, wie Lady Sarka das geheime Zimmer betrat und verlie�. Inzwischen wusste er, dass sich in der Ecke hinter dem Wandschirm, wo das Grammophon stand, eine verborgene T�r befand. Auch die stummen Zwillinge benutzten sie, und er hatte einmal beobachtet, wie sie ge�ffnet wurde.</p><p>Er fuhr mit den Fingern eine Spalte zwischen zwei Wandpaneelen entlang, bis er einen metallenen Knopf ertastete. Er dr�ckte ihn, woraufhin ein Teil der Wand lautlos aufschwang. Dahinter verlief ein Gang mit nackten Steinw�nden.</p><p>Durch einen vergitterten Fensterschlitz fiel etwas Licht. Es war Abend, und Jackon konnte einen Teil des Palastgartens erkennen. Er sog den Anblick der B�ume und der Altstadt, die sich hinter der Gartenmauer erstreckte, regelrecht in sich auf. Es schien eine Ewigkeit her zu sein, dass er etwas anderes als die Einrichtung des geheimen Zimmers gesehen hatte.</p><p>Langsam, mit einer Hand an der Wand, folgte er dem Gang. Er hatte es nicht geschafft, Schuhe anzuziehen. Die Steinplatten unter seinen Fu�sohlen f�hlten sich k�hl an.</p><p>Der kurze Korridor endete an einer schlichten Holzt�r, die er vorsichtig �ffnete. Vor ihm erstreckte sich ein verwinkelter Raum voller B�cherregale. Irgendwo brannten Lampen. Durchg�nge f�hrten zu Nebenzimmern, die ebenfalls B�cher enthielten. Er stellte fest, dass die T�r nur von seiner Seite aus als solche zu erkennen war. Von der anderen Seite aus glich sie der holzget�felten Wand und w�re nicht mehr zu sehen, wenn er sie schlie�en w�rde.</p><p>�Herrin?�, fragte er.</p><p>Ein Ger�usch erklang, ein leises Knarren. Jackon ging zu dem Durchgang, aus dem der Laut gekommen war � und prallte vor Schreck zur�ck. In der Kammer, befestigt an vier Ketten, hing ein K�fig, der leicht hin- und herschwankte. Darin sa� ein Wesen, ein unsagbar h�ssliches Ding mit grauer Haut, verkr�ppelten Gliedma�en und Krallenh�nden, mit denen es sich an den Gitterst�ben festhielt. Es starrte ihn an � oder <emphasis>h�tte</emphasis> ihn angestarrt, wenn es Augen gehabt h�tte, was nicht der Fall war. Der klobige Sch�del wies lediglich zwei verwachsene L�cher auf.</p><p>Es dauerte eine volle Minute, bis sich sein Entsetzen legte. Schlie�lich wurde ihm klar, dass er dieses Gesch�pf schon einmal gesehen hatte, wenn auch nur ganz fl�chtig. Es war eines Abends im geheimen Zimmer gewesen, im Beisein von Lady Sarka. Die Lady hatte es �Haustier� genannt.</p><p>Das Ding schmatzte. Z�gernd ging Jackon n�her zum K�fig. Ein kleines Schild, auf dem etwas geschrieben stand, war daran angebracht. Zwar hatte Liam ihm ein paar Buchstaben beigebracht, aber nicht genug, um das Wort zu entziffern.</p><p>�Was bist du?�, fl�sterte Jackon.</p><p>�Sein Name ist Primus.�</p><p>Keuchend fuhr er herum und w�re um ein Haar hingefallen. Im Durchgang stand Lady Sarka. Sie l�chelte und kam n�her.</p><p>�Wie sch�n, dass du aufstehen kannst. Dir geht es besser, nicht wahr?�</p><p>Jackon nickte.</p><p>�Doktor Addock ist der Beste seines Fachs. Ich habe nie an seinem Erfolg gezweifelt, obwohl es anfangs nicht besonders gut um dich stand. Aber er hat sich ganz vorz�glich um dich gek�mmert.�</p><p>�Ja, das hat er�, murmelte Jackon. Er konnte nicht anders, als abermals das Wesen im K�fig zu betrachten. Das albtraumhafte Gesch�pf �bte eine morbide Faszination auf ihn aus.</p><p>�Nicht gerade das, was man in einer Bibliothek zu finden erwartet, nicht wahr?�, meinte Lady Sarka.</p><p>�Nein.�</p><p>�Primus ist meine erste Sch�pfung, deswegen bringe ich es nicht fertig, ihn im Keller einzusperren. Leider ist er zu klug f�r diesen K�fig. Manchmal �berkommt ihn die Sehnsucht nach Freiheit, dann bricht er aus und streift nachts durch das Anwesen. Sehr zu Umbras Leidwesen, die ihn wieder einfangen muss.�</p><p>�Was ist das f�r ein Tier?�</p><p>�Kein Tier. Ein Homunculus. Ein alchymistisches Wesen.�</p><p>Primus gab erneut ein Ger�usch von sich, eine Art Brummen, das sich anh�rte, als w�rde er sich beklagen.</p><p>�Kann es... kann <emphasis>er</emphasis> sprechen?�</p><p>�Ich habe versucht, ihm Stimmb�nder zu geben, aber das ist leider missgl�ckt. Sprechorgane sind ein Merkmal h�herer Lebewesen, genau wie Augen. Es ist sehr schwierig, Homunculi damit auszustatten. Deswegen habe ich bei den Spiegelm�nnern darauf verzichtet.�</p><p>Jackon unterdr�ckte ein Schaudern. �Darf ich mich setzen?�</p><p>�Nat�rlich.� Lady Sarka f�hrte ihn zu einer Ecke der Bibliothek, wo ein Tisch mit zwei Ohrensesseln stand. Jackon nahm Platz. Er gab vor, zu schwach zum Stehen zu sein, was auch stimmte, aber nur zum Teil. In Wahrheit hatte er Primus� Anblick nicht mehr ertragen.</p><p>Lady Sarka setzte sich mit raschelnder Robe in den anderen Sessel.</p><p>�Eigentlich bin ich hier, weil ich mit Euch sprechen muss�, begann er. �Ich habe heute Nacht getr�umt. Dabei sollte ich doch nicht tr�umen. Wegen des Mittels, das Ihr mir gegeben habt.�</p><p>�Du hast es zum letzten Mal vor f�nf Tagen bekommen.�</p><p>�Warum bekomme ich es jetzt nicht mehr?�</p><p>�Weil es den Schlaf st�rt. Wegen deiner Verletzung hast du dringend erholsamen Schlaf ben�tigt. Deshalb hat Doktor Addock darauf bestanden, dass du den Trank nicht mehr nimmst.�</p><p>�Und was ist mit Aziel?�</p><p>�Ich bin auch nicht gl�cklich mit Doktor Addocks Entscheidung. Aber er h�tte andernfalls nicht f�r deine Genesung garantieren k�nnen.�</p><p>Sie legte ihre Hand auf seine � eine jener unerwarteten Ber�hrungen, die sie ihm in der Anfangszeit seiner Ausbildung gelegentlich hatte zuteilwerden lassen, um ihn aufzumuntern oder zu ermutigen. Das letzte Mal, dass sie das getan hatte, lag schon eine Weile zur�ck, denn nach seinem verh�ngnisvollen Missgeschick in den Traumlanden war sie so w�tend auf ihn gewesen, dass er schon bef�rchtet hatte, sie w�rde ihn hinauswerfen. Davon war jedoch nichts mehr zu sp�ren, im Gegenteil: Seit dem Kampf und seiner Verwundung war sie so freundlich und f�rsorglich zu ihm wie nie zuvor.</p><p>�Ich glaube nicht, dass du etwas zu bef�rchten hast�, fuhr sie fort. �Wenn Aziel dir etwas antun wollte, h�tte er das l�ngst getan.�</p><p>�Ich dachte, er hat Angst vor mir.�</p><p>�Ja, aber er ist im Moment sehr schwach. Er wird Monate, vielleicht Jahre brauchen, um sich von seiner Niederlage zu erholen. So lange bist du sicher, auch in den Tr�umen.�</p><p>Jackon war nicht beruhigt. �Vor ein paar Tagen habt Ihr gesagt, Aziel wird irgendwann wieder versuchen, mich zu t�ten.�</p><p>�Gewiss wird er das�, best�tigte Lady Sarka. �Deswegen solltest du dich schleunigst darauf vorbereiten.�</p><p>�Aber wie?�</p><p>�Aziel wei� nun, dass du in der Wachwelt zu gut gesch�tzt bist. Deshalb wird er dich das n�chste Mal in den Tr�umen angreifen. Damit du ihm gewachsen bist, musst du so bald wie m�glich deine Ausbildung fortsetzen und deine F�higkeiten vergr��ern.�</p><p>�Ich soll gegen ihn k�mpfen? Gegen den Herrn der Tr�ume?�</p><p>�Ich f�rchte, ja. Er wird nicht zulassen, dass ein Traumwanderer am Leben bleibt.�</p><p>�Und wenn ich wieder das Mittel nehme? So lange, bis er mich vergisst?�</p><p>�Dann bist du sp�testens in zwei Monaten tot oder wahnsinnig. Kein Mensch kann auf Dauer ohne Tr�ume leben.�</p><p><emphasis>Ihr schon</emphasis>, h�tte er beinahe erwidert, besann sich jedoch eines Besseren. Er hatte sie schon einmal auf den Umstand angesprochen, dass sie nicht schlief. Wenn er wieder damit anfing, ver�rgerte er sie wahrscheinlich nur.</p><p>�Du hast keine Wahl, Jackon�, sagte Lady Sarka sanft. �Je eher du dich damit abfindest, desto besser. So, genug geplaudert. Wellcott bringt dich gleich zu deinem Zimmer zur�ck, damit du dich ausruhen kannst. F�r deine Ausbildung musst du bei Kr�ften sein.�</p><p>Damit ging sie und lie� ihn mit seiner Niedergeschlagenheit allein.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>10</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die letzte Malumo</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>J</strong>ackon sa� auf dem Bett, die Kr�cken �ber die Knie gelegt, und sah dabei zu, wie die stummen Zwillinge den Inhalt seines Kleiderschranks in eine Kiste packten.</p><p>Seine Tage als Hilfsg�rtner waren gez�hlt. Lady Sarka wollte, dass er seine F�higkeiten nun voll und ganz in ihre Dienste stellte, sowie er genesen war. Er geh�re jetzt zu ihrer Leibwache, hatte Umbra ihm erkl�rt, genau wie sie, Corvas und Amander. Folglich musste er nicht mehr im Gesindefl�gel wohnen, sondern bekam ein neues Zimmer im S�dfl�gel. Wellcott und Kendrick r�umten nun seine alte Kammer aus, denn Jackon selbst war noch zu schwach daf�r.</p><p>Es war ein seltsames Gef�hl gewesen, die kleine Stube zu betreten. Die Morgensonne schien durch das offene Fenster herein, und es roch nach den bl�henden Rosenhecken im Garten. Als er das letzte Mal hier gewesen war, hatte ein heftiger Sturm �ber Bradost getobt. Lucien war aus dem Nichts aufgetaucht und hatte ihn vor Aziel gewarnt, und wenig sp�ter war er mit dem Alb, Liam und Vivana durch den Palast geflohen, gejagt von der Ghulhorde. Er konnte sich haargenau an jede Einzelheit erinnern, viel klarer als an die Tage danach, denn die Ereignisse jener Nacht hatten sich tief in sein Ged�chtnis eingebrannt. Das machte es nicht gerade leicht, hier zu sitzen, aber das nahm Jackon in Kauf. Denn er war aus einem bestimmten Grund hergekommen.</p><p>Als Wellcott und Kendrick die Kiste wegtrugen, stand er mithilfe der Gehst�cke auf. Er wartete, bis die Schritte der Zwillinge verklangen, trat auf den Korridor und �ffnete die T�r der benachbarten Kammer.</p><p>Sein Blick glitt �ber das Bett, den Tisch, den Schrank. Alles sah noch genauso aus wie vor einer Woche � und doch ganz anders. Das Fenster, durch das die Ghule eingedrungen waren, hatte man repariert, die Glasscherben beseitigt. Die M�bel standen immer noch dort, wo Liam sie hinger�ckt hatte, um die Einrichtung seinen Bed�rfnissen anzupassen, aber seine Kleider und seine Sachen waren verschwunden. Das Zimmer wirkte verlassen und auf eine unpers�nliche Art aufger�umt und sauber. Als h�tte nie jemand darin gewohnt.</p><p>Dennoch wurde Jackon von Erinnerungen �berw�ltigt, w�hrend er mit den Fingerspitzen �ber die M�bel strich. Hier hatten sie manchmal nach der Arbeit gesessen, wenn ihnen Jocelyn und die anderen Bediensteten im Gemeinschaftsraum auf die Nerven gegangen waren. Hatten Karten gespielt oder geredet, �ber Ibbott Hume gel�stert und sich dabei eine Flasche Ale geteilt. Liam und er waren nicht lange Freunde gewesen, nur ein paar Wochen. Trotzdem erschien es Jackon in diesem Augenblick, als h�tten sie unendlich viel miteinander erlebt.</p><p>Er konnte noch immer nicht richtig glauben, dass Liam tot war, f�r immer aus seinem Leben verschwunden. Erst mit Liam an seiner Seite hatte er sich im Palast heimisch gef�hlt; vorher war er ein Fremder gewesen, der nicht hierhergeh�rte, der vor allem und jedem Angst hatte. Nun war er wieder allein, ein ehemaliger Bettler und Schlammtaucher, verloren in einer Welt, die er nicht verstand.</p><p>Er hatte darauf bestanden, die Zwillinge zu begleiten, weil er den Wunsch versp�rte, von Liam Abschied zu nehmen. Doch nun, als er in Liams Kammer stand, wurde ihm klar, dass er das nicht konnte. Er war noch lange nicht bereit daf�r. Der Schmerz war noch viel zu frisch.</p><p>Kurz darauf h�rte er Wellcott und Kendrick zur�ckkommen. Leise verlie� er das Zimmer, schloss die T�r und tat so, als h�tte er in seiner Kammer gewartet. Er wollte nicht, dass ihn jemand trauern sah. Das war allein seine Sache und ging niemanden etwas an.</p><p>Nachdem die Zwillinge den Rest seiner Sachen zusammengepackt hatten, brachte Wellcott ihn zu seinem neuen Zimmer. Der Wohnbereich der Leibw�chter lag auf der anderen Seite des Anwesens, sodass sie das gesamte Geb�ude durchqueren mussten. Schon auf dem Weg zum Gesindefl�gel hatte Jackon nirgendwo die kleinste Spur des Ghulangriffs entdecken k�nnen. W�hrend er sich von seiner Verletzung erholt hatte, hatte Lady Sarka offenbar veranlasst, dass s�mtliche Sch�den beseitigt wurden. Das Anwesen sah aus, als w�re nie etwas geschehen, mit einer Ausnahme: In den Fluren und auf den Galerien hielten sich viel weniger Spiegelm�nner auf, denn etwa die H�lfte der stummen W�chter war bei dem Versuch, den Angriff abzuwehren, vernichtet worden. Dadurch wirkte das Anwesen noch stiller, noch verlassener als zuvor.</p><p>W�hrend sie durch einen leer stehenden Trakt gingen, bemerkte Jackon einen bei�enden Geruch, der aus einem alten Labor kam. Im Vorbeigehen sp�hte er durch die halb offene T�r und sah Dampfschwaden, die sich unter der Gew�lbedecke sammelten. Ventile an den kupfernen Rohren und Kesseln zischten, und in dem Dunst bewegte sich eine Gestalt, deren Kopf merkw�rdig deformiert war und mehrere tentakelartige Ausw�chse aufwies. Jackon wich vor Schreck zur�ck � und begriff im n�chsten Moment, dass die Gestalt lediglich eine lederne Schutzmaske mit Atemstutzen trug.</p><p>Er runzelte die Stirn. Seit wann stand ein Alchymist in Lady Sarkas Diensten?</p><p>Einige Minuten sp�ter betraten sie den Salon, in dem sich Umbra und die anderen in ihrer Freizeit aufhielten. Wellcott �ffnete eine T�r und pr�sentierte ihm sein neues Zimmer.</p><p>Jackon war �berw�ltigt. Vor ihm lag ein �beraus ger�umiger Wohnraum, den man, verglichen mit der Gesindekammer, geradezu luxuri�s eingerichtet hatte. Es gab einen Schreibtisch aus dunklem Holz, einen gusseisernen Ofen, eine kleine Sitzgruppe mit drei Ohrensesseln und eine Vitrine voller kostbarer Gl�ser und Kelche. Hinter einem weinroten und samtbezogenen Wandschirm stand ein breites Bett, davor ein Waschzuber aus schimmerndem Messing. Der Kleiderschrank und die beiden Truhen waren offen; darin hingen und lagen seine Kleider, die die Zwillinge hergebracht hatten, sowie zahlreiche neue, darunter feine Gehr�cke, Stiefel und H�te. Ein Regal enthielt mindestens drei Dutzend in Leder gebundene B�cher, obwohl sich inzwischen herumgesprochen haben musste, dass er nicht lesen konnte. Am meisten jedoch beeindruckte ihn das aetherbetriebene Grammophon auf der Kommode. Solche s�ndhaft teuren Apparate besa�en normalerweise nur die reichsten der Reichen.</p><p>Wellcott gab ihm zu verstehen, dass er sich melden solle, falls er noch etwas brauchte. Nachdem der Diener gegangen war, setzte sich Jackon in einen Ohrensessel, denn der Marsch durch den Palast hatte ihn ersch�pft. Ein wenig ratlos betrachtete er den Brief�ffner, der auf dem Tischchen lag: versilbert, mit einem eingravierten Ph�nix versehen und vermutlich so viel wert wie der Wochenlohn eines Hafenarbeiters. Wer, bei der Gnade Tessarions, brauchte so etwas?</p><p>Noch vor drei Monaten war er ein bettelarmer Schlammtaucher gewesen, der wie eine Kakerlake in einem stinkenden Loch hauste � und nun das. Jackon wurde schwindelig, wenn er dar�ber nachdachte, wie sehr sich sein Leben seitdem ver�ndert hatte.</p><p>Wenig sp�ter tauchte Umbra auf. �Darf ich reinkommen?�</p><p>�Klar.�</p><p>�Wir m�ssen ein paar Sachen besprechen. Du musst dich doch nicht schon wieder hinlegen, oder?�</p><p>�So schlecht geht�s mir auch wieder nicht.�</p><p>�Gut. Heute fangen die neuen Bediensteten an. Einen wirst du sp�ter kennen lernen. Sein Name ist Cedric. Er �bernimmt Jocelyns Aufgaben und wird uns als Diener zur Verf�gung stehen.�</p><p>�Ihr habt einen eigenen Diener?�</p><p>�Nicht �ihr�. <emphasis>Wir.</emphasis> Du geh�rst jetzt dazu.�</p><p>Ja, er geh�rte jetzt dazu. War gewisserma�en ein Kamerad des gef�rchteten Corvas. Jackon sch�ttelte innerlich den Kopf. Daran w�rde er sich nie gew�hnen.</p><p>�Wann immer du etwas brauchst�, fuhr Umbra fort, �rufst du Cedric. Er k�mmert sich darum.�</p><p>�Was ist mit Wellcott und Kendrick?�</p><p>�Sie sind nur noch heute und morgen hier. Die Herrin hat andere Aufgaben f�r sie.�</p><p>Jackon bedauerte es, dass die beiden gingen. Er mochte sie. �Heute Morgen hast du gesagt, du f�hrst mich herum.�</p><p>�Sp�ter, wenn du dich ausgeruht hast�, best�tigte Umbra. �Es wird Zeit, dass ich dir den Rest des Hauses zeige.�</p><p>�Welchen Rest?�</p><p>�Na, die Teile, die du noch nicht kennst. Den Keller. Den Kr�henturm. Die Privatgem�cher der Herrin. Als ihr Leibw�chter musst du dich �berall auskennen.�</p><p>Ihm fiel die seltsame Gestalt in der alchymistischen K�che wieder ein. �Wer ist das eigentlich in dem alten Labor?�</p><p>�Wollte ich dir gerade erz�hlen. Das Anwesen hat einen neuen Bewohner. Er hei�t Silas Torne.�</p><p>Jackon h�tte nicht �berraschter sein k�nnen. �<emphasis>Der</emphasis> Silas Torne?�</p><p>�Er arbeitet seit ein paar Tagen f�r die Herrin�, erwiderte Umbra. �Sein Haus ist abgebrannt, deshalb wohnt er hier. Was schaust du denn so? Kennst du ihn etwa?�</p><p>Jeder in der Grambeuge kannte den Alchymisten. Die Bewohner der Kan�le f�rchteten ihn und fl�sterten seinen Namen nur hinter vorgehaltener Hand, als w�re er ein b�ser Geist. Seit Jahren machte das Ger�cht die Runde, Torne lauere Schlammtauchern auf und verschleppe sie in sein Labor, um abscheuliche Experimente an ihnen durchzuf�hren. �Nur vom H�rensagen�, erwiderte er und unterdr�ckte ein Schaudern.</p><p>�Ich f�rchte, er tickt nicht mehr richtig seit der Sache mit Lucien. Geh ihm am besten aus dem Weg.�</p><p>�Lucien? Was hat Lucien damit zu tun?�</p><p>Umbra ging nicht darauf ein und sah sich stattdessen um. �Du hast noch gar nicht gesagt, wie du dein neues Zimmer findest.�</p><p>�Ich wei� nicht... Es ist so gro�.�</p><p>�Ja. So ging es mir damals auch. Du gew�hnst dich daran.�</p><p>�Damals?�</p><p>�Als ich zur Herrin kam.�</p><p>�Wann war das?�</p><p>�Vor vier Jahren.�</p><p>Die Antwort �berraschte Jackon. Irgendwie war er davon ausgegangen, dass Umbra der Lady bereits seit ewigen Zeiten diente. �Und davor? Was hast du da gemacht?�</p><p>Die Leibw�chterin stand vor dem B�cherregal und warf ihm einen m�rrischen Seitenblick zu. �Du kannst es einfach nicht lassen, was?�</p><p>�Ich frage ja nur.�</p><p>Sie seufzte. �Na sch�n. Irgendwann erf�hrst du es sowieso. Ich komme aus der Grambeuge, genau wie du. Ich war eine Malumo. Der Name sagt dir hoffentlich was.�</p><p>�Die Bande aus dem Rattennest.�</p><p>�Keine Bande�, erwiderte Umbra unwirsch. �Eine Familie. Ein Clan, um genau zu sein. Fast zehn Jahre lang hat uns der Norden des Viertels geh�rt.�</p><p>Jackon konnte sich nur vage daran erinnern. Seit seiner Kindheit beherrschten Asher und die anderen Lumpensammler die Grambeuge. �Hat jeder in deiner Familie Kr�fte wie du?�</p><p>�Nicht jeder. Aber einige schon. F�nf, mit mir. Wenig verglichen mit fr�her, als die Magie noch stark war. Vor zweihundert Jahren konnte angeblich der halbe Clan die Schatten beherrschen.�</p><p>�Was ist aus euch geworden?�</p><p>�Es kam zum Krieg mit den Dynes, einem verfeindeten Clan. Ich habe nie erfahren, was der Ausl�ser war, obwohl die Dynes sp�ter behaupteten, einer von uns sei bei ihnen eingedrungen und h�tte mehrere ihrer Leute get�tet. Vermutlich nur ein Vorwand, um uns anzugreifen. Sie kamen nachts. Niemand hat damit gerechnet, weswegen viele von uns im Schlaf abgeschlachtet wurden. Die anderen starben im Kampf oder verbrannten, als die Dynes unser Haus anz�ndeten.�</p><p>Ersch�ttert h�rte Jackon zu. Ihm fiel wieder ein, dass er damals von dem Massaker geh�rt hatte. Die Clans und Banden der Grambeuge hatten sich fr�her st�ndig bek�mpft � Alltag in den Stra�en zwischen dem Chymischen Weg und dem Hafen, weshalb er dem Vorfall keine besondere Beachtung geschenkt und ihn wieder vergessen hatte. Doch wie schrecklich musste diese Nacht f�r Umbra gewesen sein. �Und du?�, fragte er z�gernd. �Wie hast du �berlebt?�</p><p>�Die Herrin hat mich gerettet.�</p><p>�Die Herrin?�</p><p>�Wir kannten uns. Ein paar Monate vorher wollte sie mich anwerben, denn sie hatte von meinen F�higkeiten geh�rt. Ich habe abgelehnt, aber sie lie� nicht locker und lud mich hin und wieder in den Palast ein. Sp�ter hat sie zugegeben, dass sie mich beobachten lie�. So erfuhr sie noch in der gleichen Nacht vom Angriff der Dynes und schickte Corvas los, um mich zu retten. Er kam gerade rechtzeitig. Ein vergifteter Dolch hatte mich verletzt, und ich w�re gestorben, wenn er mich nicht zur Herrin gebracht h�tte.�</p><p>�Hat sie dich geheilt?�</p><p>�Sie gab mir ein Gegenmittel und hat sich um mich gek�mmert, bis ich wieder gesund war.�</p><p>Jackon hatte sich immer gefragt, woher Umbras bedingungslose Treue zu Lady Sarka kam. Allm�hlich verstand er es. �Und anschlie�end bist du bei ihr geblieben?�</p><p>�Ich konnte nirgendwohin. Die Dynes hatten meinen Clan ausgel�scht. Ich bin die letzte Malumo.�</p><p>Falls die Leibw�chterin Schmerz oder Trauer bei den Erinnerungen an ihre Familie empfand, so hatte sie sich nichts anmerken lassen, w�hrend sie davon erz�hlte. Jetzt bemerkte Jackon jedoch, wie sich f�r einen Moment ihre Augen verdunkelten. <emphasis>Ich bin die letzte Malumo.</emphasis> Er schwieg betroffen.</p><p>�So�, meinte Umbra. �Jetzt kennst du meine Geschichte.�</p><p>Jackon wusste nicht, was er sagen sollte. Er r�usperte sich verlegen. �Und was ist dann passiert? Hast du dich ger�cht?�</p><p>�Die Frage kannst du dir selbst beantworten. Du wei�t doch, was damals geschehen ist.�</p><p>�Lady Sarka hat die Clans vernichtet.�</p><p>�Sie wurden ihr zu m�chtig, als es die Malumos nicht mehr gab. Sie hat sie der Reihe nach zerschlagen. Auch die Dynes.�</p><p>Umbra sagte es nicht ausdr�cklich, doch Jackon konnte heraush�ren, dass sie beim Kampf gegen die Clans ihre Rache bekommen hatte. Er stellte fest, dass er die Leibw�chterin nun mit neuen Augen sah. Andere an ihrer Stelle w�ren vermutlich an der Trauer zerbrochen, Umbra jedoch lebte ihr Leben weiter, obwohl sie wahrscheinlich noch einsamer war als er. Daf�r bewunderte er sie. �Erz�hlst du mir auch, warum Corvas und Amander hier sind?�</p><p>�Nein. Die M�rchenstunde ist zu Ende�, antwortete sie, wieder so m�rrisch wie eh und je. �Und du solltest dich endlich hinlegen. Wenn ich dich sp�ter abhole, will ich nicht h�ren, dass du m�de bist, klar?�</p><p>Er griff nach seinen Kr�cken und stand m�hsam auf, w�hrend sie zur T�r ging.</p><p>�Umbra?�</p><p>�Was ist denn noch?�</p><p>�Warum gibst du nicht endlich zu, dass du mich magst?�, fragte er grinsend.</p><p>Sie schnaubte unwillig. �Bis sp�ter, du Kanalratte.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>11</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Klartr�ume</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>J</strong>ackon h�tte nicht f�r m�glich gehalten, dass es jemanden gab, der noch steifer, blasierter und herablassender war als Jocelyn � bis Cedric ihn eines Besseren belehrte.</p><p>Der neue Diener tauchte auf, kurz nachdem Jackon von seinem Rundgang mit Umbra zur�ckgekommen war. Er trug einen schwarzen Rock mit polierten Kn�pfen und besa� einen penibel gestutzten Kinnbart, der besser zu einem Patrizier als zu einem Bediensteten gepasst h�tte. K�hl stellte er sich Jackon vor und brachte ihm anschlie�end das Abendessen aufs Zimmer: Gem�sesuppe, ofenwarmes Brot, Butter, Hartk�se und Kochschinken. Mit formvollendeter Eleganz stellte er die Speisen auf das Tischchen und w�nschte einen guten Appetit.</p><p>Cedric verf�gte �ber geschliffene Umgangsformen und war �beraus h�flich. Gleichzeitig gelang ihm das Kunstst�ck, Jackon sp�ren zu lassen, dass er ihn seiner Dienste f�r unw�rdig erachtete. Jede Geste, jedes Wort, jeder Blick triefte geradezu vor Arroganz.</p><p>Das �rgerliche dabei war, dass Cedric nur ihn so behandelte. Jackon hatte ihn beobachtet: Umbra, Corvas und Amander gegen�ber verhielt sich der Diener so freundlich, dass es schon an Unterw�rfigkeit grenzte. Er hatte den Verdacht, Cedric hatte irgendwie erfahren, woher er stammte und dass er einst ein Schlammtaucher gewesen war.</p><p>In finsterer Stimmung verzehrte Jackon sein Abendbrot. Um den Diener zu �rgern, schickte er ihn den Salzstreuer holen. Als Cedric zur�ckkam, stellte Jackon den Streuer demonstrativ neben seinen Teller, ohne ihn zu benutzen. Cedrics Blick nach zu schlie�en hatte er damit einen neuen Feind gewonnen, aber das war ihm egal. Er war jetzt ein Leibw�chter Lady Sarkas und hatte Respekt verdient.</p><p>Kurz vor Sonnenuntergang kam Umbra und brachte ihn mit einem Schattentor ins geheime Zimmer. Lady Sarka war noch nicht da, also setzte er sich auf die Couch und wartete.</p><p>Es fiel ihm schwer, die Augen offen zu halten. Ein anstrengender Tag lag hinter ihm. Umbra hatte ihn im Anwesen herumgef�hrt und ihm jene Fl�gel, Zimmer und verborgenen Treppen gezeigt, die nur Lady Sarka und ihren Vertrauten zug�nglich waren: ihre Privatgem�cher; das Dachgeschoss mit dem Kr�henturm, wo Corvas die Botschaften seiner gefl�gelten Spione empfing; und schlie�lich die bizarren Glash�hlen tief unter dem Palastkeller mit den Laboren der Lady. Schaudernd dachte Jackon an die papiernen Spindeln, die wie Wespennester in Nischen und Felsspalten hingen, Dutzende von Kokons, in denen neue Homunculi heranwuchsen. Ersatz f�r die vielen toten Spiegelm�nner.</p><p>Mehr als zwei Stunden hatte der Rundgang gedauert � zu lange f�r Jackon, der noch l�ngst nicht bei Kr�ften war. Seine Verletzung hatte wieder angefangen zu schmerzen, weswegen ihm Doktor Addock eine Spritze geben musste. Die Morphiumdosis war nicht sonderlich hoch gewesen, dennoch machte sie ihn schl�frig und matt.</p><p>Irgendwann h�rte er Schritte und schreckte aus seinem D�mmerzustand auf. Eine Gestalt trat in den Lampenschein.</p><p>�Verzeih, dass du warten musstest�, erklang die sanfte Stimme von Lady Sarka. �Ich wurde aufgehalten. Es gab Schwierigkeiten im Magistrat. Dinge, die sich leider nicht aufschieben lie�en.�</p><p>�Macht nichts�, murmelte er und w�nschte, sein Kopf w�re klarer.</p><p>Sie setzte sich in den Ohrensessel. �K�nnen wir anfangen?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Deine Ausbildung ist fast zu Ende, Jackon. Du hast gelernt, dich in den Tr�umen zurechtzufinden und die T�r deines Seelenhauses zu �ffnen. Du kannst die Tr�ume anderer Menschen beeinflussen und wei�t, wie man springt. Um gegen Aziel zu bestehen, musst du nur noch eines lernen. Allerdings etwas sehr Schwieriges.�</p><p>�Was?�, fragte er.</p><p>�Wie man in den Tr�umen k�mpft.�</p><p>Jackon hatte mit so etwas gerechnet. Er schluckte nerv�s.</p><p>�Alben bek�mpfen ihre Gegner, indem sie Albtr�ume formen und ins Gefecht schicken�, fuhr Lady Sarka fort. �Aziel ist ein Meister darin. Auf dem Gipfel seiner Macht konnte er ganze Horden von Nachtmahren erschaffen. Wenn du ihn bezwingen willst, musst du ihm ebenb�rtig werden.�</p><p>�Aber ich kann keine Tr�ume erschaffen.�</p><p>�Doch, kannst du�, widersprach sie. �Jeder Mensch kann das. Wenn du schl�fst, tust du nichts anderes. Was glaubst du, woher all die Tr�ume kommen, die du in deinem Seelenhaus gesehen hast?�</p><p>�Ich dachte, sie entstehen aus dem silbernen Zeug, das die Boten in die Seelenh�user bringen. Aus der Traumsubstanz�, f�gte er hinzu, als ihm das Wort wieder einfiel.</p><p>�Die Traumsubstanz ist nichts als rohe Materie. Dein Verstand ist es, der ihr Form gibt und sie zu Tr�umen macht. Genauer gesagt, dein Unterbewusstsein.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Der Bereich deiner Seele, der deine geheimen W�nsche und verborgenen �ngste enth�lt.�</p><p>Jackon dachte an all die Dinge, die �blicherweise seine Tr�ume bev�lkerten, an die Ghule und Fratzen und unheimlichen Schatten aus den Tiefen der Katakomben. Nicht gerade ein angenehmer Ort, sein Unterbewusstsein.</p><p>�Du musst lernen, diesen Vorgang zu kontrollieren�, sagte Lady Sarka. �Es funktioniert genauso wie Springen. Nur dass du dich nicht auf einen Ort konzentrierst, sondern mit purer Willenskraft Tr�ume und Nachtmahre formst.�</p><p>Allm�hlich verstand er, worauf sie hinauswollte. �Brauche ich daf�r nicht Traumsubstanz?�</p><p>�Nat�rlich. Ohne Traumsubstanz keine Tr�ume. Deswegen musst du dir welche beschaffen. Aber keine verbrauchte, aus der bereits Tr�ume entstanden sind. Es muss frische sein.�</p><p>�Soll ich sie etwa den Boten stehlen?� Schaudernd dachte er an die gefl�gelten, moskito�hnlichen Gesch�pfe, obwohl er inzwischen wusste, dass sie harmlos waren.</p><p>�Es ist einfacher, wenn du in ein Seelenhaus eindringst, in das die Boten gerade neue Traumsubstanz gebracht haben. Eine Hand voll sollte gen�gen. Du nimmst sie auf und isst sie.�</p><p>�Ich soll sie <emphasis>essen</emphasis>?�, fragte Jackon irritiert.</p><p>�Du musst sie jederzeit einsetzen k�nnen. Daf�r muss sie ein Teil deiner Seele werden.�</p><p>Bei der Vorstellung, sich die seltsame, quecksilbrige Substanz in den Mund zu stopfen, empfand er Ekel. �Geht das nicht anders?�</p><p>�Nein. Jetzt versuch zu schlafen. Denk an das, was ich gesagt habe, wenn du in deinem Seelenhaus bist. Beschaffe dir Traumsubstanz und forme Tr�ume daraus.�</p><p>�Was, wenn ich Aziel begegne?�</p><p>�Wahrscheinlich versteckt er sich in seinem Palast. Halte dich davon fern, dann geschieht dir nichts.�</p><p>Jackon bef�rchtete, nach all diesen komplizierten Erkl�rungen w�rde er M�he haben, einzuschlafen. Doch kaum war Lady Sarka verstummt, kehrte seine M�digkeit zur�ck. Die Lady dimmte das Licht und schaltete das Grammophon ein. Beruhigende Musik erklang. Wenig sp�ter fielen ihm die Augen zu.</p><p>In seinem Traum durchlebte er noch einmal den Angriff der Ghule und seine verzweifelte Flucht durch den Palast. Er war aus der �bung, weswegen es eine Weile dauerte, bis ihm klar wurde, dass nichts davon wirklich geschah. Als er sich bewusst machte, dass er nur tr�umte, bezwang er seine Angst und ignorierte die Gefahr. Die Ghulhorde verschwand, und er wanderte einsam und allein durch ein schattenhaftes Abbild des Anwesens.</p><p>Kurz darauf fand er die T�r seines Seelenhauses. Sie stand mitten in der Eingangshalle, eine schlichte h�lzerne Pforte, umgeben von blauem Licht und tiefen Schatten. Er musste sich darauf konzentrieren, damit sie nicht vor seinen Augen verschwand, wie es bei seinen fr�heren Versuchen, sie aufzusp�ren, der Fall gewesen war.</p><p>Jackon legte die Hand auf den T�rknopf aus Messing, z�gerte jedoch, sie zu �ffnen. Was, wenn Lady Sarka sich irrte? Wenn Aziel nur darauf wartete, dass er sein Seelenhaus verlie�, um ihn zu vernichten? Seine Furcht vor dem Herrn der Tr�ume kehrte zur�ck, beinahe so heftig wie in jenem Moment, als Aziel ihn packen wollte und ihn nur das Drudenfu�amulett vor dem sicheren Tod bewahrt hatte.</p><p>Nein. Lady Sarka hatte Recht. Alles sprach daf�r, dass Aziel zu schwach war, um ihn zu t�ten. Andernfalls h�tte er es l�ngst getan.</p><p>Entschlossen drehte er den Messingknauf und stie� die T�r auf.</p><p>Es ging nicht. Irgendetwas blockierte sie von au�en, sodass er sie nur ein paar Zoll �ffnen konnte.</p><p>Jackon sp�hte durch den Spalt. Str�hnige Ranken verliefen kreuz und quer vor dem Ausgang seines Seelenhauses und bildeten ein wurzelartiges Geflecht, das wie ein Netz �ber der Pforte lag.</p><p>So etwas hatte er noch nie gesehen. Vorsichtig ber�hrte er eine der Ranken. Sie f�hlte sich an wie Holz, schien aber nicht sehr stabil zu sein. Er musste nur mit den Fingerkuppen dar�berreiben, dass winzige Sp�ne abbl�tterten.</p><p>Ohne Zweifel Aziels Werk. Pl�tzlich wallte Wut in ihm auf. Das Haus war die Zuflucht seiner Seele. Niemand hatte das Recht, es zu ver�ndern oder ihn gar darin einzusperren. Er zog mit aller Kraft an der Ranke, sie riss ab und zerbr�ckelte. Anschlie�end stemmte er sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die T�r. Weitere Ranken zerrissen, schlie�lich gab das Geflecht nach, die T�r ging auf, und er stolperte, getragen von seinem eigenen Schwung, nach drau�en.</p><p>Er rappelte sich auf und betrachtete sein Seelenhaus. Das Wurzelwerk befand sich nicht nur vor der T�r, auch vor den Fenstern, den W�nden, �ber dem Dach. Es �berzog das ganze Geb�ude, ein bizarres Gebilde aus Str�ngen, teilweise so d�nn wie Bindf�den, teilweise so dick wie sein Unterarm, die hier und da knotige Nester bildeten und aus dem Mauerwerk sprossen.</p><p>Aziel wollte offensichtlich verhindern, dass er sein Seelenhaus verlie�. Was das bedeutete, wurde Jackon erst nach einer Weile klar: Der Herr der Tr�ume f�rchtete ihn. Seine Niederlage musste ihn so sehr geschw�cht haben, dass er eine Konfrontation vermeiden wollte.</p><p>Aus irgendeinem Grund machte Jackon diese Feststellung noch w�tender. Er begann, Ranke f�r Ranke abzurei�en, um das Wurzelwerk zu zerst�ren. Nach wenigen Augenblicken stellte er jedoch fest, dass er sich die M�he sparen konnte. Die Str�nge zerbr�ckelten von allein. Dass er beim �ffnen der T�r ein Loch in das Rankennetz gerissen hatte, bewirkte offenbar, dass das gesamte Gebilde abstarb. Es dauerte nicht lange, bis von den Str�ngen nur noch Haufen aus braunen Partikeln �brig waren, die der Wind verwehte.</p><p>Das Geflecht war ein Witz. Hatte Aziel wirklich geglaubt, er k�nnte ihn <emphasis>damit</emphasis> aufhalten?</p><p>Oder hatten seine Kr�fte f�r ein stabileres Netz nicht ausgereicht?</p><p>Jackon blickte sich um und entdeckte eine Turmspitze, die sich in der N�he �ber die D�cher erhob � das h�chste Geb�ude weit und breit. Er konzentrierte sich, schloss die Augen... und sprang. Im n�chsten Moment fand er sich auf der Turmspitze wieder und hielt sich an der Wetterfahne fest, damit er nicht auf dem Kupferdach abrutschte.</p><p>Der immerw�hrende Wind zerzauste seine Haare. Silberstaub tanzte um die Kamine der Seelenh�user und legte einen schimmernden Schleier �ber die stille Stadt, so weit das Auge reichte. Bilder und Lichter flackerten in den Fenstern, winzige Ausschnitte tausendfacher Tr�ume, mal ausgelassen und fr�hlich, mal gespenstisch und bedr�ckend.</p><p>In der Ferne, so winzig klein, dass er ihn kaum erkennen konnte, stand Aziels Palast.</p><p>Irgendwo in den Tiefen des Schlosses, in seinen labyrinthischen Korridoren und S�len, verbarg sich der Herr der Tr�ume, versteckte sich <emphasis>vor ihm</emphasis>. Aziel hatte versucht, ihn zu t�ten, und w�rde es jederzeit wieder tun, wenn er die Macht dazu h�tte, doch zum ersten Mal erf�llte Jackon dieser Gedanke nicht mit Furcht. �Hol mich doch, wenn du kannst!�, schrie er und versp�rte ein wildes Triumphgef�hl, als seine Stimme �ber die D�cher schallte. Sollte Aziel ihn doch herausfordern! Diesmal w�rde er nicht davonlaufen, sondern sich dem Kampf stellen, und dann w�rde sich zeigen, wer von ihnen der St�rkere war.</p><p>Pl�tzlich konnte er es gar nicht abwarten, gegen Aziel anzutreten.</p><p>Doch er durfte jetzt nichts �berst�rzen. Sein Leichtsinn hatte ihn schon einmal beinahe das Leben gekostet. Aziel mochte zwar geschw�cht sein, aber er war immer noch der Herr der Tr�ume. Wenn Jackon eine Chance gegen ihn haben wollte, musste er sich vorbereiten.</p><p>Er hielt Ausschau nach einem Seelenhaus, dessen Fenster dunkel waren. Darin fand er m�glicherweise unverbrauchte Traumsubstanz.</p><p>Erst jetzt fiel ihm auf, dass sich die Stadt seit seinem letzten Besuch ver�ndert hatte. Nicht sehr viel, aber ausgepr�gt genug, dass es einem aufmerksamen Beobachter nicht entging. Viele Seelenh�user waren besch�digt: D�cher und Mauerwerk wiesen Risse auf, manche so breit, dass er darin das Flackern der Tr�ume sehen konnte. Eines war sogar schon so verfallen, dass die Tr�ume ins Freie sickerten und als geisterhafte Schatten durch die Gassen huschten. Andere schienen auf seltsame Weise zu <emphasis>wuchern</emphasis>. Jackon wusste, dass sich Seelenh�user ver�ndern konnten, aber normalerweise ging das sehr langsam vonstatten, nicht so wie hier. Die betroffenen H�user hatten offenbar in kurzer Zeit immer neue Mauervorspr�nge, Erker und Anbauten herausgebildet, wie rasant wachsende Korallenriffe. Die meisten davon breiteten sich in die umliegenden Gassen und Stra�en aus, manche jedoch wucherten um benachbarte Seelenh�user herum, wodurch sie diesen betr�chtliche Sch�den zuf�gten oder sie gar, wie in einem Fall, regelrecht absorbierten.</p><p>Auch die Boten und Sammler verhielten sich nicht so, wie er es gewohnt war. Die schwammartigen Sammler zogen normalerweise einzeln oder zu zweit von Haus zu Haus und saugten die verbrauchte Traumsubstanz auf, und die gefl�gelten Boten lie�en frische in Form silbriger Tropfen in die Kamine fallen. Viele Sammler jedoch krochen ziellos durch die Gassen, als w�ssten sie nicht mehr, was ihre Aufgabe war. Manche Boten flogen �ber den nachtblauen Himmel und lie�en die Traumsubstanz achtlos fallen oder bev�lkerten D�cher und Simse, ohne ihrer Arbeit nachzugehen.</p><p>Jackon konnte sich darauf keinen Reim machen. Waren diese Ver�nderungen Auswirkungen von Aziels Niederlage? War der Herr der Tr�ume nicht mehr im Stande, auf sein Reich aufzupassen? Jackon beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Doch zuerst musste er etwas anderes �berpr�fen � etwas, das er sich schon vor Tagen vorgenommen hatte.</p><p>Er schloss die Augen und dachte an Liam, stellte sich das Gesicht seines Freundes, Liams Stimme und sein Wesen so genau er konnte vor. Lie� die Wetterfahne los und sprang.</p><p>Er landete in einer Stra�e irgendwo in der Stadt. Dort, wo er eine L�cke, ein klaffendes Loch zwischen den Seelenh�usern erwartet hatte, stand zu seiner �berraschung eine wei� get�nchte Sternwarte.</p><p>Wieso war Liams Seelenhaus noch da?</p><p>Es h�tte verschwunden sein m�ssen. Es war ein Teil der Seele � wenn diese starb, m�sste es sich nach den Gesetzen der Logik im Augenblick des Todes in Luft aufl�sen. Warum also stand die Sternwarte da, als w�re nichts geschehen?</p><p>Weil Liam in Wahrheit noch am Leben war?</p><p>Jackons Herz machte einen Sprung, als ihn j�he Hoffnung durchstr�mte. Doch schon im n�chsten Augenblick k�mpfte er sie nieder und lie� nicht zu, dass sie sich festsetzte. Er fand sich allm�hlich damit ab, Liam nie wiederzusehen. Wenn er anfing, an Liams Tod zu zweifeln, w�rde die Trauer nie ein Ende haben.</p><p>Es musste eine andere Erkl�rung geben. Er sp�hte durch die Fenster und sah totenstille Zimmer und Flure. Nirgendwo die kleinste Spur eines Traums. Die Sternwarte war so leer, wie ein Seelenhaus nur sein konnte. Und das nicht erst seit gestern.</p><p>Nein, Liam war tot, ganz eindeutig. Dass sein Seelenhaus noch nicht verschwunden war, lag vermutlich an den seltsamen Ver�nderungen in der Stadt. Vielleicht gab es Gesch�pfe, die die Aufgabe hatten, die H�user verstorbener Seelen zu beseitigen, und die genau wie die Boten und Sammler verr�cktspielten, weswegen sie sich nicht um die Sternwarte k�mmerten. Oder es dauerte stets eine Weile, bis ein Seelenhaus verschwand. Liams Tod lag schlie�lich erst eine gute Woche zur�ck. Vielleicht musste noch mehr Zeit verstreichen.</p><p>Jackon gr�belte dar�ber nach und streifte w�hrenddessen durch die Sternwarte. Er ging von Zimmer zu Zimmer und hoffte, etwas zu finden, das an Liam erinnerte, den Rest eines Traums, aber da war nichts, nat�rlich nicht. Das Seelenhaus glich einer H�lle, abgestorben und ausgeh�hlt wie die Muscheln, die man manchmal am Flussufer fand. Und doch war Jackon, als k�nnte er manchmal die Gegenwart seines Freundes sp�ren, einen winzigen Augenblick nur, bevor dr�ckende Leere in die Zimmer zur�ckkehrte. Machte er sich wieder einmal etwas vor? Er wusste es nicht, und in diesem Moment spielte es keine Rolle f�r ihn. Denn die Sternwarte war alles, was von Liam geblieben war.</p><p>Er blieb viel l�nger, als er vorgehabt hatte � beinahe zu lange. Er hatte sich so sehr in Erinnerungen verloren, dass er fast seine eigentliche Aufgabe verga�. Mit einem stummen Gru� verabschiedete er sich von Liam und versprach, wiederzukommen, als er die Sternwarte verlie�.</p><p>L�ngst nicht alle Seelenh�user, die Jackon sah, wiesen Sch�den auf � die meisten waren von den Ver�nderungen gar nicht betroffen. Auch ein Gro�teil der Boten und Sammler ging nach wie vor seinen Aufgaben nach, sodass Jackon bald ein Seelenhaus fand, in das ein Bote gerade frische Traumsubstanz gebracht hatte. Er �ffnete die T�r und warf einen Blick hinein. Es enthielt noch keine Tr�ume. Der silbrige Stoff hatte sich gleichm��ig auf dem Boden verteilt.</p><p>Z�gernd tauchte er seine H�nde hinein und sch�pfte etwas davon auf. Die Traumsubstanz f�hlte sich k�hl und seidig an, als sie durch seine Finger rann. Ganz und gar nicht schleimig oder Ekel erregend. Auch der Geruch war angenehm. Seltsam fremdartig, aber nicht absto�end.</p><p>Er f�hrte die H�nde zum Mund und trank die Substanz Schluck f�r Schluck. Zuerst schmeckte sie nach gar nichts. Aber dann... Jackon war, als w�rden sich schlagartig alle Geschmacksrichtungen der Welt in seinem Mund entfalten, hunderttausend Aromen, die auf seiner Zunge explodierten. Er taumelte r�ckw�rts, stolperte �ber die T�rschwelle, fiel mit den Armen nach Halt rudernd hin � und wachte auf.</p><p>�chzend fuhr er auf und stellte nach einem Moment der Verwirrung fest, dass er auf der Couch lag. Er betrachtete seine H�nde und erwartete, Traumsubstanz w�rde daran kleben, aber nat�rlich war das nicht der Fall. Trotzdem schmeckte er sie nach wie vor. Mit zitternden H�nden griff er nach der Karaffe und trank, bis der Geschmack verschwunden war.</p><p>�Alles in Ordnung?�, erkundigte sich Lady Sarka.</p><p>Jackon stellte die Karaffe zur�ck, rieb sich die Augen und sch�ttelte sich. Es dauerte einen Moment, bis er sprechen konnte. �Die Traumsubstanz... Ich habe davon getrunken.�</p><p>�Wie hat es sich angef�hlt?�</p><p>�Schwer zu beschreiben...�</p><p>�Du bist davon aufgewacht, richtig?�</p><p>Jackon nickte. Normalerweise verblassten die Geschehnisse in den Tr�umen kurz nach dem Aufwachen. An dieses Erlebnis w�rde er sich jedoch noch lange erinnern.</p><p>�Das macht nichts. Sie bleibt eine Weile in dir. Du kannst beim n�chsten Mal versuchen, sie zu benutzen.�</p><p>�Irgendwas geschieht mit der Stadt�, sagte er. �Die Seelenh�user gehen kaputt. Und die Boten und Sammler machen nicht mehr, was sie sollen.�</p><p>�Ja. Das war zu erwarten.�</p><p>Er blickte sie fragend an.</p><p>�Die Alben sind fort�, erkl�rte Lady Sarka. �Nun gibt es niemanden mehr, der die Tr�ume h�tet.�</p><p>�Was ist mit Aziel?�</p><p>�Er allein ist daf�r zu schwach.�</p><p>�Hei�t das, die Stadt der Seelen zerf�llt, und es gibt bald keine Tr�ume mehr?�</p><p>�Unsinn. Tr�ume wird es immer geben.�</p><p>�Aber wenn die Seelenh�user L�cher bekommen...�</p><p>�Das ist nichts, weswegen du dir Sorgen machen musst�, fiel sie ihm ins Wort. �Du k�mmerst dich einzig und allein um deine Ausbildung, hast du verstanden?�</p><p>Sie schrie nicht, aber da war ein Ton in ihrer Stimme, den er zu f�rchten gelernt hatte. �Ja�, murmelte er.</p><p>�Gut. In Zukunft ist es nicht mehr n�tig, dass du hierherkommst. Du kannst allein �ben, in deinem Zimmer. Du wei�t ja jetzt, was du zu tun hast. Oder?�</p><p>�Tr�ume erschaffen.�</p><p>�Du �bst, so oft du kannst. Jede Nacht. Immer dann, wenn du schl�fst. Da es noch einige Wochen dauern wird, bis du gesund bist, hast du ausreichend Gelegenheit dazu. Einmal pro Woche kommst du zu mir und berichtest, wie du vorankommst.�</p><p>Er nickte eingesch�chtert.</p><p>�Bald wirst du m�chtig sein, Jackon�, sagte sie leise. �M�chtiger noch als Corvas und Umbra. Denk immer daran.�</p><p>Und da war ein Glitzern in ihren Augen, das ihn schaudern lie�.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>12</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Lucien und Caitlin</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>er Wind wirbelte Asche und Staub auf und legte einen Sch�delknochen frei. Augenh�hlen starrten zum gl�henden Himmel hinauf. In der N�he lagen noch mehr Gebeine: Rippen, Wadenbeine und zersplitterte Hirnschalen. Sie bedeckten die Talsohle bis zu den dunstverhangenen Felsenk�mmen in der Ferne und ragten aus dem Erdreich hervor wie abgestorbenes Wurzelwerk.</p><p>Die B�en waren hei� und rochen nach Schlacke, nach Schwefel und verbranntem Gestein. Vivana kniff die Augen zusammen, w�hrend sie �ber die Ebene blickte. Die meisten Knochen wirkten menschlich, soweit sich das bei dem schlechten Zustand, in dem sie sich befanden, beurteilen lie�. Manche jedoch waren viel zu gro� und wiesen seltsame Ausw�chse auf, dornartige Stacheln, die aus R�ckenwirbeln wuchsen, oder H�rner und zus�tzliche Gliedma�en. Wie diese Wesen zu Lebzeiten ausgesehen hatten, stellte sie sich lieber nicht vor.</p><p>�Was ist das?�, wandte sie sich an Lucien. �Ein altes Schlachtfeld?�</p><p>�Sieht ganz so aus.�</p><p>�Wer hat hier gek�mpft?�</p><p>Lucien zuckte mit den Schultern und blickte zu dem D�mon, der am Rand des Knochenfelds wartete, wo ihr Vater auf ihn aufpasste. �M�ssen wir da durch?�</p><p>�Nein. Der Schreiende Fluss liegt hinter den H�geln.� Das war das erste Mal seit ihrem Aufbruch, dass der D�mon sprach. Offenbar hielt er sich an Luciens Befehle. Zumindest hatte er bis jetzt weder versucht zu fliehen noch sie anzugreifen.</p><p>Lucien forderte das Gesch�pf auf, vorauszugehen, und sie folgten ihrem unheimlichen F�hrer im Abstand von einigen Schritten die felsige Anh�he hinauf. Ruac watschelte neben ihnen her. Obwohl er mehr kroch als ging, hielt er m�helos mit ihnen Schritt � was Vivana zu sch�tzen wusste, denn der Tatzelwurm konnte mit der Zeit ziemlich schwer werden.</p><p>Schon seit einer Weile hatten sie keine Ruinen mehr gesehen. Sie wanderten durch �dland, durch staubtrockene T�ler und H�gel aus rostroten Felsen, in denen es nichts gab, nicht einmal verdammte Seelen. Das einzige Ger�usch war der Wind, der �ber die Felszacken pfiff.</p><p>Vivana dachte �ber den Ghulangriff nach. In den vergangenen zwei Tagen war so viel geschehen, dass sie erst jetzt dazu kam, sich mit den vielen ungekl�rten Fragen und R�tseln jener Nacht auseinanderzusetzen. Warum war es �berhaupt zu dem Angriff gekommen? Es hatte etwas mit Jackon zu tun, Liams Freund, der offenbar ein schreckliches Geheimnis h�tete, weswegen Aziel, der Herr der Tr�ume, ihn t�ten wollte. Doch das war im Grunde schon alles, was sie wusste.</p><p>Sie sprach Lucien darauf an. Der Alb nahm sich die Zeit und erkl�rte ihr ausf�hrlich, wer Jackon wirklich war, �ber welche Kr�fte er verf�gte und warum Aziel versucht hatte, ihn zu ermorden. Nun ergab so manches einen Sinn.</p><p>�Wof�r braucht Lady Sarka einen Traumwanderer?�, fragte Vivana.</p><p>�Tja. Das ist die Frage. Ich konnte noch nicht herausfinden, was sie im Schilde f�hrt. Aber ich f�rchte, es ist nichts Gutes.�</p><p>Vivana dachte lange �ber Luciens Geschichte nach. Ein Detail besch�ftigte sie besonders. �Wohin sind sie gegangen?�</p><p>�Wer?�</p><p>�Die Alben. Dein Volk. Du hast gesagt, sie h�tten unsere Welt verlassen, nachdem der Harlekin K�nig geworden ist.�</p><p>Lucien nickte. �Sie haben sich an einen Ort zur�ckgezogen, der uns Schattenwesen eine Zuflucht bietet, wenn wir der Welt der Menschen �berdr�ssig sind.�</p><p>Vivana dachte daran, wie Tante Livia das Knochenorakel geworfen hatte. <emphasis>Sie hat es gewusst.</emphasis> �Was ist das f�r ein Ort?�</p><p>�Eine Welt, die eurer �hnelt und gleichzeitig ganz anders ist. Ein Reich hinter der Wirklichkeit.�</p><p>�Die Anderwelt.�</p><p>�Ja, so wird sie manchmal genannt.�</p><p>�Und dort gibt es genug Magie f�r euch.�</p><p>�Mehr jedenfalls als in eurer Welt�, sagte Lucien.</p><p>�Stimmt es, dass es am Fortschritt liegt, dass die Magie verschwindet? An den vielen Maschinen �berall?�</p><p>�Daran�, best�tigte der Alb. �Am L�rm eurer St�dte. Am k�nstlichen Licht, durch das es keine richtige Nacht mehr gibt. Und an dem Umstand, dass eure Wissenschaft langsam, aber unausweichlich jedes Geheimnis zerst�rt. Im Grunde sind M�nner wie dein Vater daf�r verantwortlich.�</p><p>Vivana blickte �ber die Schulter. Ihr Vater war etwas zur�ckgefallen, weil er wieder einmal damit besch�ftigt war, sich Notizen zu machen. Er schrieb alles auf, was er im Pand�monium beobachtete, vielleicht weil er hoffte, doch noch eine wissenschaftliche Erkl�rung f�r die Existenz dieses Ortes zu finden. Durch das Heulen des Windes konnte er unm�glich h�ren, was sie mit Lucien besprach. <emphasis>Besser so</emphasis>, dachte sie. Andernfalls h�tte er nur wieder Streit angefangen. �Hasst du ihn deswegen?�, fragte sie den Alb.</p><p>�Nein. Was passiert, passiert. Es ist der Lauf der Welt. Daran kann man nichts �ndern. Dein Vater tut nur, was er f�r richtig h�lt.�</p><p>Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Der Wind lie� etwas nach, denn sie durchquerten eine Kluft, die von hohen Felsk�mmen flankiert wurde. Magmaartige Wolkenschlieren bewegten sich am Himmel.</p><p>�Bist du der einzige Alb, der noch da ist?�, fragte Vivana schlie�lich.</p><p>�Ja. Au�er Aziel nat�rlich.�</p><p>�Wieso bist du geblieben? W�rst du nicht lieber bei deinem Volk?�</p><p>�Ich verstehe mich besser mit euch Menschen�, erwiderte Lucien mit einem seltsamen L�cheln.</p><p>Sie erinnerte sich an etwas, das er am Morgen nach dem Ghulangriff gesagt hatte. �Hat das etwas mit der Frau zu tun?�</p><p>�Was meinst du?�</p><p>�Die Frau, die dir einst viel bedeutet hat. Und an die ich dich erinnere.�</p><p>�Du hast ein verteufelt gutes Ged�chtnis�, stellte er fest. �Ja, hat es.� Lucien z�gerte und f�gte schlie�lich hinzu: �Ihr Name war Caitlin. Und du siehst ihr wirklich sehr �hnlich. Zumindest auf den ersten Blick.�</p><p>�Bin ich vielleicht mit ihr verwandt oder so?�</p><p>�Nicht, dass ich w�sste. Die �hnlichkeit ist wohl einfach Zufall.�</p><p>Vivana hatte sich gefragt, ob der Alb m�glicherweise etwas f�r sie empfand, Gef�hle, die eigentlich einer anderen Person galten � dieser Frau namens Caitlin. Doch inzwischen war sie sich ziemlich sicher, dass Lucien lediglich freundschaftliche Sympathie f�r sie hegte. �Was ist passiert?�</p><p>�Nicht so laut. Es ist besser, wenn er so wenig wie m�glich �ber uns erf�hrt.� Er meinte den D�mon, der stehen geblieben war, weil sich die Kluft gabelte. Die Kreatur entschied sich f�r den linken Weg und ging weiter. Die Augen an ihrem Hinterkopf beobachteten sie unabl�ssig.</p><p>�Caitlin und ich verliebten uns ineinander�, fuhr Lucien leiser fort. �Allerdings verbieten es die Gesetze der Alben, dass wir uns mit Menschen einlassen. Als mein Volk davon erfuhr, stellte man mich vor die Wahl, sie entweder zu verlassen oder in die Verbannung zu gehen. Ich entschied mich f�r Caitlin und wurde ausgesto�en.�</p><p>�War Aziel damals schon euer Herrscher?�</p><p>�Ja. Er hat den Bann �ber mich verh�ngt.�</p><p>�Ich dachte, du hast bis zu der Sache mit Jackon f�r ihn gearbeitet.�</p><p>�Nach meiner �chtung wohnte ich mit Caitlin in Bradost und schlug mich als Dieb durch. Aziel begriff irgendwann, dass ihm ein Alb, der unter den Menschen lebt, n�tzlich sein k�nnte. Er lockerte den Bann, und im Gegenzug lieferte ich ihm Informationen oder f�hrte hin und wieder Auftr�ge f�r ihn aus.�</p><p>�Und darauf hast du dich eingelassen? Warst du nicht w�tend auf ihn?�</p><p>�Auch die gr��te Wut k�hlt irgendwann ab. Und hundertf�nfzig Jahre sind eine lange Zeit, sogar f�r uns Alben. Ich war einsam.�</p><p>�Hundertf�nfzig Jahre?�, wiederholte Vivana. �So lange ist das schon her? Aber das hei�t ja, dass Caitlin... dass sie...� Sie brachte es nicht �ber sich, den Satz zu beenden.</p><p>�Dass sie tot ist, richtig. Sie wurde alt und starb, wie Menschen es nun einmal tun.�</p><p>Vivana schwieg. Sie kam sich so plump vor. Dass Caitlin nicht mehr lebte, war schlie�lich offensichtlich.</p><p>�Mach nicht so ein Gesicht�, sagte Lucien l�chelnd. �Es ist ja nicht deine Schuld.�</p><p>�Vermisst du sie?�</p><p>�Sehr. Aber noch schlimmer ist, dass meine Erinnerung an sie von Jahr zu Jahr schw�cher wird.�</p><p>�Hilfst du mir deswegen? Damit du dich wieder an sie erinnerst?�</p><p>�Ja. Ich muss dich nur ansehen, und mir fallen zahllose Dinge ein, von denen ich glaubte, dass ich sie l�ngst vergessen h�tte. Kleinigkeiten. Zum Beispiel, wie sie ihr Haar zur�ckgestrichen hat, wenn sie... Was gibt�s da zu lachen?�, fuhr er den D�mon an.</p><p>Vivana hatte nicht auf die Kreatur geachtet und bemerkte erst jetzt, dass sie sich zu ihnen umgedreht hatte. Beide M�uler formten zahnbewehrte Sicheln, aus denen kehliges, zweistimmiges Kichern drang. �Nichts. Ich habe eine Schw�che f�r r�hrende Liebesgeschichten, das ist alles.�</p><p>Vivana hatte noch nie gesehen, dass Lucien sich so schnell bewegte. Er sprang vor, fegte dem D�mon mit einem Tritt die Beine weg und stemmte ihm ein Knie auf die Brust, als das Gesch�pf zu Boden fiel. Sein Messer lag am Hals des Wesens. �Und ich habe eine Schw�che daf�r, wenn der B�se am Ende umgebracht wird. Du auch?�</p><p>Der D�mon knurrte, aber er wehrte sich nicht.</p><p>�Du wei�t, was passiert, wenn du uns noch mal belauschst�, sagte Lucien barsch und lie� von ihm ab. �Jetzt steh auf, na los.�</p><p>Umst�ndlich erhob sich die Kreatur. Ihre Augen funkelten b�se, bevor sie sich abwandte und weiterging.</p><p>�War das wirklich n�tig?�, fragte Vivana, als das Wesen wieder au�er H�rweite war. �Er hat doch gar nichts getan.�</p><p>�Er ist ein D�mon. Spar dir dein Mitleid f�r jemanden auf, der es verdient.� Lucien steckte sein Messer weg. �Jetzt komm weiter. Es ist noch ein langer Weg.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>13</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Gefangene Erinnerungen</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>V</strong>ivana vermochte nicht zu sagen, wie lange sie durch die H�gel wanderten. F�nf, sechs Stunden vielleicht, aber es h�tten auch zwei Tage sein k�nnen. Als sie sich vor Ersch�pfung kaum noch auf den Beinen halten konnte, suchte Lucien eine Stelle, wo sie rasten konnten. Unter einem �berh�ngenden Felsen, der sie vor dem Wind und den Blicken gefl�gelter Wesen sch�tzte, lie�en sie sich nieder und ruhten sich aus.</p><p>Obwohl Lucien dem D�mon befohlen hatte, stets in ihrer N�he zu bleiben, fesselte er ihm zur Sicherheit H�nde und F��e und band ihn an einem Felsen fest � nah genug bei ihrem Lager, dass sie ihn im Auge behalten konnten, aber weit genug weg, dass das Gesch�pf nicht jedes ihrer Gespr�che mitbekam. Die Art, wie Lucien mit ihrem Gefangenen umsprang, grenzte an Brutalit�t, und Vivana beschloss, mit ihm dar�ber zu reden, wenn sie nicht mehr so m�de war. Vielleicht war es dumm, mit einer Ausgeburt des B�sen Mitgef�hl zu haben, aber sie konnte nun einmal nicht anders.</p><p>Laut Luciens Karte befand sich in der N�he des Lagerplatzes eine Wasserstelle. Vivana und Lucien machten sich auf die Suche danach, konnten sie jedoch nicht finden � offenbar war die Karte zu ungenau oder die Quelle l�ngst ausgetrocknet. Doch so schnell wollte Lucien nicht aufgeben. Da, wo die Quelle h�tte sein m�ssen, grub er im Boden. In einer Tiefe von zwei Fu� stie� er schlie�lich auf feuchtes Erdreich.</p><p>�Siehst du?�, sagte er triumphierend. �Ich wusste doch, dass ich mich auf meinen Riecher verlassen kann.� Mit blo�en H�nden schaufelte er den Schlamm aus dem Loch.</p><p>Skeptisch betrachtete Vivana die stinkende Br�he, die sich am Grund des Lochs sammelte. �Und du bist wirklich sicher, dass man das trinken kann?�</p><p>�Es ist nicht gerade Tafelwasser, aber wenn wir es gut abkochen, wird es seinen Zweck erf�llen.�</p><p>Sie sch�pften die Schlammbr�he mit ihrem Topf aus der Grube, filterten sie, so gut es ging, mit einem Tuch und erhitzten sie �ber dem Gaskocher. Das Wasser, das sie auf diese Weise gewannen, hatte eine ungesunde Farbe und schmeckte scheu�lich, und sie bekamen alle drei Bauchschmerzen davon, doch Vivana sagte sich, dass das immer noch besser war, als zu verdursten.</p><p>W�hrend sich ihr Vater und sie hinlegten, hielt der Alb Wache. Da er einen K�rper aus Fleisch und Blut besa�, hatte er dieselben Bed�rfnisse wie ein sterbliches Gesch�pf � er musste essen, trinken und schlafen. Allerdings kam er mit weit weniger Schlaf als ein Mensch aus, weswegen er ihnen den Vortritt lie�. Vivana machte es sich so bequem, wie es der felsige Boden erlaubte, und lie� Ruac unter ihre Decke schl�pfen. Der Tatzelwurm schmiegte sich an sie; seine Schuppen verstr�mten behagliche W�rme. Wenig sp�ter fielen ihr die Augen zu.</p><p>Der Schlaf war kurz und alles andere als erholsam. Mit schmerzenden Gliedern und pochenden Schl�fen setzte sie sich auf und rieb sich das Gesicht. Lucien hatte sie darauf vorbereitet. Wenn ein Mensch schlief, verlie� die Seele den K�rper und zog sich in ihr Seelenhaus zur�ck, wo sie tr�umte und sich ausruhte, hatte er erkl�rt. Im Pand�monium jedoch war dieser nat�rliche Vorgang gest�rt, denn die Mauern aus Licht verhinderten, dass die Seele ihre sch�tzende Zuflucht aufsuchte. Sie musste im K�rper bleiben, konnte nicht tr�umen und sich folglich auch nicht erholen.</p><p>Schattenwesen, die keine menschliche Seele besa�en, waren von alldem nat�rlich nicht betroffen. Ruac hatte bestens geschlafen; er g�hnte und bog den R�cken durch, als er sich gen�sslich streckte. Vivana beneidete ihn von Herzen.</p><p>Sie streifte die Decke ab und betrachtete den goldenen Dunst in der Ferne und den Himmel, der immerzu aussah, als ginge gerade die Sonne unter. Sie fragte sich, wie viel Zeit w�hrend ihrer Wanderung durch die H�gel zuhause vergangen war � weniger oder mehr als hier? � und ob Tante Livia ihren Brief inzwischen bekommen hatte. Vivana w�nschte, ihre Tante und die anderen Manusch w�ren hier. Mit ihrem Mut und ihrer unersch�tterlichen Fr�hlichkeit h�tten sie gewiss daf�r gesorgt, dass ihr diese Ein�de nicht ganz so trostlos erschienen w�re.</p><p>Ihr Vater war ebenfalls wach. Er sa� mit dem R�cken an einem Felsen und l�ffelte Bohnen aus einer Dose. �Ich bin also nicht der Einzige, der nicht schlafen kann�, sagte er, als sie sich zu ihm setzte. Er hielt ihr die Bohnen hin. �Du auch?�</p><p>Sie nickte, und er machte ihr eine Dose auf. �Wo ist Lucien?�</p><p>�Schl�ft. Ich habe ihm gesagt, dass ich f�r ihn �bernehme.�</p><p>Sie stellte fest, dass sich der Alb in der N�he des D�mons hingelegt hatte, damit er es sofort mitbekam, wenn dieser etwas Unerwartetes tat. Sein Misstrauen dem Wesen gegen�ber kannte keine Grenzen.</p><p>Vivana schlang die Bohnen herunter, obwohl sie kalt nicht gerade erstklassig schmeckten. Ihr Vater war noch m�rrischer als an einem durchschnittlichen Morgen zuhause, aber davon abgesehen hielt er sich erstaunlich gut. Sie hatte Schlimmeres erwartet, schlie�lich stellte das Pand�monium alles infrage, woran er sein ganzes Leben lang geglaubt hatte.</p><p>Sie war so hungrig, dass sie noch eine zweite Dose a�. W�hrenddessen lichtete sich der Dunst, und sie entdeckte an der H�gelflanke, versteckt zwischen den Felsen, eine Ruine. Das Gem�uer war viel kleiner als die Bauwerke, die sie in der Ferne gesehen hatte, bestand aber anscheinend aus dem gleichen Material.</p><p>�Ich seh mir das mal an.�</p><p>�Nein�, sagte ihr Vater. �Du bleibst bei mir.�</p><p>�Was soll schon passieren? Hier ist doch nichts.�</p><p>�Das wei�t du nicht. Ich komme mit.�</p><p>�Irgendwer sollte auf den D�mon aufpassen�, gab Vivana zu bedenken.</p><p>Mit gerunzelter Stirn blickte er zu ihrem Gefangenen. �Also gut. Aber geh nicht so weit weg.�</p><p>Sie schob sich ein Messer hinter den G�rtel � mehr um ihn zu beruhigen und weniger in dem Glauben, dass sie es brauchen w�rde � und stieg den Hang hinunter. Ruac wollte mitkommen, also nahm sie den Tatzelwurm auf den Arm.</p><p>Die Ruinen waren nicht einmal f�nfzig Schritt von ihrem Lager entfernt und befanden sich auf einer nat�rlichen Stufe im Hang, ungef�hr auf halber H�he zwischen Talsohle und H�gelkuppe. Von Weitem konnte man die Mauern kaum von den Felsen unterscheiden. Erst als sie n�her herankam, konnte sie erkennen, dass es sich vermutlich um die �berreste eines Turmes handelte. Die Grundfl�che war weder eckig noch rund, sondern irgendetwas dazwischen, ein Vieleck. Das Geb�ude musste einst sehr merkw�rdig ausgesehen haben.</p><p>Vivana wusste selbst nicht, warum diese Ruinen eine solche Faszination auf sie aus�bten. Lucien hatte gesagt, sie seien nicht von D�monen erbaut worden. Wenn das zutraf, mussten im Pand�monium einst noch andere Wesen gelebt haben. Was war aus ihnen geworden? Hatten die D�monen sie vernichtet? Das riesige Knochenfeld, das sie gestern gesehen hatten, fiel ihr wieder ein. Allm�hlich gewann sie den Eindruck, dass sich in dieser Ein�de vor Urzeiten eine schreckliche Katastrophe ereignet hatte.</p><p>Die Mauern bestanden aus schwarz gemaserten Steinbl�cken, die Obsidian �hnelten, und reichten ihr h�chstens bis zur H�fte. �berall lagen Quader und Pfeiler herum, zerbrochen und halb in der Erde versunken. Nur an einer Stelle war die Wand ein klein wenig h�her und bildete eine gezackte Spitze.</p><p>Sie setzte Ruac ab und betrat vorsichtig die Turmruine. Roter Staub hatte sich in Ecken und Winkeln angesammelt, winzige D�nen, hereingeweht und geformt vom Wind. Sie entdeckte keine Spuren, nichts, das auf Leben hindeutete. Das Gem�uer war schon lange verlassen.</p><p>In einer der zahllosen Ecken stand eine Tafel, eine Art Stele, die wie ein schiefer Grabstein aus dem Boden ragte. Ein Netz aus Rissen �berzog die Platte, der Zahn der Zeit hatte ihre Ecken und Kanten abgeschliffen.</p><p>Schriftzeichen und Symbole waren darauf abgebildet.</p><p>Die Hieroglyphen �hnelten jenen auf Luciens Brandeisen. Hatten die Erbauer der Ruinen etwa auch das Eisen geschmiedet?</p><p>Vivana ging in die Hocke. Z�gernd f�hrte sie ihre Hand zu der Steintafel, obwohl sie ein ungutes Gef�hl dabei hatte. Aber da war etwas an der Stele, das sie magisch anzog, das in ihr den Drang weckte, mehr dar�ber herauszufinden, jeder Gefahr zum Trotz.</p><p>Ihre Haut begann zu prickeln, als sie die Platte mit den Fingerkuppen ber�hrte. Der Stein schien warm zu sein, aber m�glicherweise bildete sie sich das nur ein, so aufgeregt, wie sie war. Sie legte die Handfl�che auf die Schriftzeichen... und pl�tzlich floss Hitze durch ihren Arm, ein Strom sengender Energie, der ihre Schultern, ihre Brust, ihren ganzen K�rper erf�llte. Sie wollte ihre Hand zur�ckziehen, doch es gelang ihr nicht, so als w�re die Haut mit dem Stein verwachsen. Bilder blitzten in ihrem Kopf auf, begleitet von tausendfachen Stimmen und Ger�uschen, eine Kaskade, eine gewaltige Flut von Eindr�cken, die j�h �ber sie hereinbrach. Sie sah riesige St�dte mit himmelhohen T�rmen, Menschen in seltsamen Kleidern mit noch seltsameren Waffen und Ger�ten, Heerscharen von fliegenden D�monen, die den Himmel verdunkelten, und grausame Schlachten, die gr�nes und fruchtbares Land in eine W�ste aus Staub, Asche und Schwefel verwandelten. Sturmb�en von unfassbar m�chtiger Magie walzten �ber Berge und Ebenen, entflammten das Firmament und brachten Meere zum Kochen.</p><p>All das sah Vivana innerhalb weniger Augenblicke. Sie �chzte vor Entsetzen und Schmerz und verlor das Bewusstsein.</p><p>Es war Ruac, der sie weckte. Der Tatzelwurm sa� auf ihrem Bauch, die Krallenpfoten auf ihrem Schl�sselbein, und z�ngelte. Sie blinzelte und stellte fest, dass sie neben der Stele auf dem R�cken lag.</p><p>�Was war das?�, fragte sie Ruac mit belegter Stimme.</p><p>Sie dr�ckte ihn mit einer Hand an sich, w�hrend sie die andere zu Hilfe nahm, um sich aufzusetzen. Ihr war schwindelig, und ihr Kopf tat weh. Wenigstens sah sie keine Bilder mehr.</p><p>Benommen betrachtete sie die Stele. Was, bei allen Namen Tessarions, hatte dieses Steinding mit ihr gemacht?</p><p>Sie drehte den Kopf, als sie ihren Namen h�rte. Ihr Vater hatte offenbar gesehen, was passiert war, und rannte den Hang hinunter, gefolgt von Lucien.</p><p>M�hsam stand sie auf. Ihr Vater sollte nicht denken, dass es ihr schlecht ging. Er w�rde ihr nur wieder Vorhaltungen machen, dass sie besser auf ihn geh�rt h�tte und im Lager geblieben w�re.</p><p>�Was ist los?�, fragte er, als die beiden M�nner die Ruine erreichten. �Du bist pl�tzlich umgekippt. Geht es dir gut?�</p><p>�Alles in Ordnung, Paps. Mach dir nicht schon wieder Sorgen.�</p><p>�Was ist denn passiert?�</p><p>�Ich habe diese Platte da angefasst und bin ohnm�chtig geworden.�</p><p>�Einfach so?�</p><p>�Ich habe Sachen gesehen. Bilder. Von einem Krieg, glaube ich.�</p><p>�Nachdem du die Tafel ber�hrt hast?�, fragte Lucien argw�hnisch.</p><p>Sie nickte.</p><p>Der Alb ging zur Stele und untersuchte sie, ohne sie anzufassen. Schlie�lich z�ckte er sein Messer und kratzte damit �ber den Stein, zog die Klinge jedoch sofort wieder zur�ck. �Du hattest verteufeltes Gl�ck. Du h�ttest den Verstand verlieren k�nnen. Mach so etwas nie wieder, h�rst du?�</p><p>Vivana zog die Nase kraus. �Was ist das �berhaupt f�r ein Ding?�</p><p>�Der Stein enth�lt gespeicherte Erinnerungen. Sehr alt. Und ziemlich gef�hrlich.�</p><p>�Gespeicherte Erinnerungen?�, fragte ihr Vater. �Von wem?�</p><p>�Den Leuten, die diesen Turm gebaut haben�, antwortete Vivana. �Und die anderen Ruinen.�</p><p>�Woher wei�t du das?�</p><p>�Weil ich es gesehen habe.�</p><p>�Was genau hast du gesehen?�, wollte Lucien wissen.</p><p>Es fiel ihr schwer, sich an Einzelheiten zu erinnern. Au�erdem war die Abfolge der Bilder � der <emphasis>Erinnerungen</emphasis> � willk�rlich und chaotisch gewesen, sodass sie bestenfalls vermuten konnte, was damals, vor unbegreiflich langer Zeit, geschehen war. �Fr�her haben hier Menschen gelebt. Aber keine wie wir, sondern... h�her entwickelte.� Eine bessere Beschreibung f�r die magische Zivilisation, die sie gesehen hatte, fiel ihr nicht ein.</p><p>�Was meinst du mit �hier�?�, fragte ihr Vater. �Im Pand�monium?�</p><p>�Dieses Land war nicht immer das Pand�monium. Fr�her war es ein ganz normales Land. Die Heimat dieser Menschen.�</p><p>�Du hast von einem Krieg gesprochen�, sagte Lucien.</p><p>�Ja. Ein Krieg gegen die D�monen. Die Menschen haben ihn beinahe verloren, also �berlie�en sie den D�monen ihr Land und... trennten es ab.�</p><p>�Trennten es ab?�, wiederholte ihr Vater.</p><p>�Sie nutzten ihre Magie und schleuderten es ins Nichts, wo es zum Pand�monium wurde�, sagte Lucien. �Das meinst du doch, oder?�</p><p>�Ich denke schon�, erwiderte Vivana ein wenig ratlos. Es war schwierig, diese Dinge zu beschreiben � f�r vieles, was sie gesehen hatte, gab es in ihrer Sprache keine passenden W�rter. Sie bemerkte den Gesichtsausdruck ihres Vaters. �Du glaubst mir nicht, richtig?�</p><p>�Ein ganzes Land, das einfach verschwindet�, sagte er. �Du musst zugeben, dass das nicht gerade plausibel klingt. Und wieso steht davon nichts in den Geschichtsb�chern?�</p><p>�Weil es lange her ist. L�nger als du dir vorstellen kannst.�</p><p>Er war nicht �berzeugt. �Was wurde aus diesem mysteri�sen Volk?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete sie.</p><p>�V�lker verschwinden eben mit der Zeit�, sagte Lucien. �Oder der Zauber, mit dem sie die D�monen aus der Welt geschafft haben, hat sie so viel Kraft gekostet, dass sie ausgestorben sind.�</p><p>�Ja�, meinte Vivana. �Ja, ich glaube, so ist es gewesen.�</p><p>Ihr Vater hatte sein B�chlein gez�ckt, um sich Notizen zu machen. Er steckte es zur�ck in seine Brusttasche und stapfte durch die Ruine.</p><p>�Was hast du vor?�</p><p>�Ich will sehen, was du gesehen hast.�</p><p>Lucien hielt ihn fest. �Habe ich nicht gerade gesagt, dass es gef�hrlich ist?�</p><p>�Vivana ist auch nichts passiert�, erwiderte der Erfinder unwirsch.</p><p>�Sie war ohnm�chtig, schon vergessen? Au�erdem ist nicht gesagt, dass mit dir dasselbe geschieht. Magische Ger�tschaften sind unberechenbar, besonders wenn sie so alt sind.�</p><p>�Die Tafel ist hier, <emphasis>damit</emphasis> man sie anfasst. Dieses Volk <emphasis>wollte</emphasis>, dass jemand seine Geschichte erf�hrt.�</p><p>�Mag sein�, sagte Lucien. �Aber das n�tzt dir wenig, wenn dir das Hirn aus den Ohren quillt.�</p><p>Unsanft sch�ttelte Vivanas Vater seine Hand ab und stapfte mit finsterer Miene zum Lager zur�ck.</p><p>Vivana blickte sich noch einmal nach der Stele um, bevor sie dem Erfinder folgte. Es war ein seltsames Gef�hl, ihr den R�cken zuzudrehen. Beinahe so, als w�rde sie beobachtet.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>14</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die Horde</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>E</strong>in paar Stunden sp�ter, als sie einigerma�en ausgeruht waren, brachen sie auf. Nach einem anstrengenden Marsch durch die H�gel, die immer h�her und zerkl�fteter wurden, gelangten sie irgendwann in eine Ebene. Schwefliger Rauch stieg aus zahlreichen Spalten und Rissen in der ausgetrockneten Erde auf, sodass man selten weiter als hundert Schritt blicken konnte. W�hrend der D�mon sie in Richtung der Berge f�hrte, musste Vivana an die magischen Feuerst�rme aus ihrer Vision denken. Vielleicht war diese Ebene einst fruchtbares Weideland gewesen, mit �ckern, Obstg�rten und Plantagen. Unvorstellbar, dass hier vor �onen Menschen gelebt hatten.</p><p>Der Rauch war bei�end und giftig und machte jeden Atemzug zur Qual. Vivana sp�rte, wie ihr Rachen wund wurde, und sie musste so heftig husten, dass stechende Schmerzen ihre Brust durchzuckten. Lucien und ihrem Vater erging es nicht besser. Nur dem D�mon machte der Rauch nichts aus. Vivana fragte sich, ob er sie hergef�hrt hatte, um sie umzubringen.</p><p>Ein Gutes allerdings hatte der Qualm: Er verbarg sie vor den D�monenv�geln, die gelegentlich am Himmel kreisten. Manchmal stie� eine der gefl�gelten Kreaturen herab und kam ihnen gef�hrlich nahe. Einmal mussten sie sich deswegen in einer Felsspalte verstecken. Es dauerte nicht lange, bis der Riesenvogel wieder verschwand, trotzdem erstickten sie beinahe an den D�mpfen, die aus der Erde quollen.</p><p>Schlie�lich wich die Ebene karstigen H�geln, �hnlich jenen, die sie vor einem halben Tag durchquert hatten. Felsen bildeten haushohe Haufen, manche in gro�er Hitze zu glasigen Klumpen und wilden Formen zerschmolzen. T�mpel und Pfuhle aus blubberndem Schwefel befanden sich in Mulden und Talsenken, teilweise so gro� wie Vulkankrater. Sie erf�llten die Luft mit gelben Schwaden und �tzendem Gestank. Schon in der Ebene hatten sich die Gef�hrten wassergetr�nkte T�cher vor Mund und Nase gebunden, was das Atmen ein wenig erleichterte.</p><p>Lucien studierte seine Karte, w�hrend er mit dem D�mon vorausging. Vivana stapfte neben ihrem Vater her, der sich dar�ber beklagte, dass er keines seiner Messger�te dabeihatte und sich somit bei der Erforschung des Pand�moniums allein auf seine Beobachtungsgabe verlassen musste. Ruac folgte ihnen watschelnd und fiel gelegentlich ein paar Schritte zur�ck, weil er an einem Schwefelpfuhl schnupperte.</p><p>Nach einer Weile h�rte der Erfinder auf, vor sich hin zu schimpfen. �Ich glaube, ich muss mich bei dir entschuldigen�, sagte er unvermittelt.</p><p>�Wof�r?�</p><p>�Was ich zu dir gesagt habe, bevor wir zur Namenlosen Herberge gegangen sind. Dass du unser Leben zerst�rt h�ttest und so weiter. Das h�tte ich nicht tun sollen. Ich war w�tend auf dich und habe mich im Ton vergriffen.�</p><p>Vivana war sprachlos. Sie hatte die Hoffnung schon aufgegeben.</p><p>�Du hast nur versucht, das Richtige zu tun�, fuhr er fort. �Dass wir deswegen in Schwierigkeiten geraten sind, ist nicht deine Schuld. Schlie�lich war es meine Entscheidung, Liam zu helfen. Ich wusste, worauf ich mich einlie�.�</p><p>�Danke, Paps�, sagte Vivana verdattert. �Ich wei� das zu sch�tzen.�</p><p>�Na ja�, murmelte er. �Das wollte ich dir nur sagen.�</p><p>Vivana sp�rte, dass das l�ngst nicht alles war, wor�ber er mit ihr sprechen wollte. Aber er hatte den ersten Schritt gemacht. Mehr konnte sie nicht von ihm verlangen. Nun war sie am Zug.</p><p>Sie holte innerlich tief Luft. Vielleicht war dies das Gespr�ch, das sie sich schon so lange erhoffte. �Du hast mich nie gefragt, wieso Liam und ich... wie es dazu gekommen ist, dass wir Freunde geworden sind.�</p><p>Er blickte stur gerade aus. �Das ist deine Sache und geht mich nichts an.�</p><p>�Nat�rlich tut es das. Du bist mein Vater.�</p><p>�Du wei�t doch, ich bin nur ein alter T�ftler. Ich verstehe nichts von solchen...�</p><p>�Von solchen M�dchendingen, meinst du? Du musst auch nichts davon verstehen. Es reicht, wenn du mir zuh�rst. Also, das war so: Liam und ich haben uns angefreundet, nachdem er dich zuhause besucht hat. Wir haben uns ein paar Mal getroffen und, na ja, irgendwie ging dann alles ziemlich schnell. Wir waren zusammen beim Ph�nixtag, und abends hat er mir verraten, wer er wirklich ist und was er im Palast von Lady Sarka tut. Da ist mir klar geworden, dass ich mehr f�r ihn empfinde.�</p><p>Der Erfinder schwieg. Dieses Vater-Tochter-Gespr�ch fiel ihm offensichtlich nicht leicht. �Und Liam... empfindet er auch etwas f�r dich?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Obwohl ihr euch erst seit zwei Wochen kennt?� �Was spielt das f�r eine Rolle?�, erwiderte Vivana mit einem Anflug von �rger. Tante Livia hatte dasselbe gefragt. Als ob das etwas zur Sache tat.</p><p>�Du hast Recht. Tut es nicht. Bei deiner Mutter und mir war es damals so �hnlich.�</p><p>Diese Antwort �berraschte sie. Sie h�tte nicht gedacht, dass er ihre Gef�hle ernst nehmen w�rde. �Hei�t das, du bist nicht sauer deswegen?�</p><p>�Warum sollte ich?�</p><p>�Ich wei� nicht � keine Ahnung. Ich dachte einfach, du w�rst es.�</p><p>�Eigentlich gibt es nur eins, das ich dir �bel nehme�, sagte er.</p><p>�Das w�re?�</p><p>�Dass du mich nicht eingeweiht hast. Du h�ttest mir sagen m�ssen, was los ist und dass du vorhast, Liam zu helfen.�</p><p>�Und was w�re dann passiert? Du h�ttest getobt, oder?�</p><p>�H�tte ich nicht.�</p><p>�Oh doch. H�ttest du.�</p><p>�Na sch�n. H�tte ich�, murmelte er missmutig hinter seinem Mundschutz.</p><p>�Wir haben uns in den letzten Jahren so oft gestritten. Ich bin es einfach leid.�</p><p>�Nicht nur du.�</p><p>�Warum tun wir es dann?�</p><p>�Ich sch�tze, wir haben verlernt, vern�nftig miteinander zu reden.�</p><p>�Dabei ist es doch gar nicht so schwer.�</p><p>�Stimmt. Ist es wirklich nicht.�</p><p>Schweigend und ein bisschen verlegen folgten sie dem Pfad. Vivana war pl�tzlich seltsam zu Mute. Sie brauchte eine Weile, bis es ihr gelang, dieses ungewohnte Gef�hl zu identifizieren: Zum ersten Mal seit langer Zeit war sie nicht w�tend auf ihren Vater. Sie hatte sich schon so an ihren latenten Zorn gew�hnt, dass sie gar nicht mehr wusste, wie es sich anf�hlte, sich nicht �ber ihn zu �rgern.</p><p><emphasis>Das h�tten wir schon viel fr�her tun sollen</emphasis>, dachte sie.</p><p>�In Zukunft wird sich jedenfalls einiges �ndern�, murmelte ihr Vater.</p><p>Kurz darauf wanderten sie auf einem Grat entlang, der aus der Bergflanke wuchs wie eine nat�rlich gewachsene Wehrmauer. Zu ihrer Rechten fiel der Hang fast senkrecht hundert Schritt ab. Knochen bedeckten den Boden der Schlucht, die Gebeine und Sch�del unz�hliger Kreaturen. Allgemeine Ersch�pfung machte sich breit, und Vivanas Vater schlug Lucien vor, einen Platz zum Rasten zu suchen. Der Alb achtete jedoch nicht auf ihn. Mit zusammengekniffenen Augen fixierte er den Eingang der Schlucht und sagte unvermittelt: �Versteckt euch!�</p><p>Sie gingen hinter dem Felsenkamm in Deckung. Lucien befahl dem D�mon, den Kopf einzuziehen, damit er von der Schlucht aus nicht gesehen werden konnte. �Was ist denn los?�, fragte Vivana den Alb, woraufhin er wortlos nach unten deutete.</p><p>D�monen erschienen in dem Abgrund, einer nach dem anderen kam um eine Biegung, und sie marschierten in einer Schlange aus Zweier- und Dreierreihen die Schlucht entlang. Es mussten Dutzende sein, vielleicht sogar Hunderte, die in der Tiefe vorbeizogen, eine Horde aus aufgebl�hten und deformierten Leibern mit Fl�geln, H�rnern, R�ckenstacheln, Klauen und Fangz�hnen. Es waren Gesch�pfe darunter, wie Vivana sie an dem schwarzen T�mpel gesehen hatte, Krieger mit vier d�nnen Beinen und knochigen Sch�deln, und mehrere L�gner, die ihrem F�hrer �hnelten. Aber bei den meisten handelte es sich um D�monen, die sie noch nicht kannte. Klobige Monstren so gro� wie ein Baum, deren K�rper von chitinartigen Panzerplatten bedeckt waren. Schwarze K�fer, auf denen Wichte mit schr�g stehenden Augen ritten. Gesch�pfe mit Schlangenk�pfen, die Hornschilde und Dornenkeulen trugen. Absto�ende Mischwesen, teils Mensch, teils Insekt. Und manche so fremdartig, dass Vivana sie unm�glich h�tte beschreiben k�nnen.</p><p>Ihr stockte der Atem. Schon ein einzelner D�mon bot einen be�ngstigenden Anblick. Doch das war nichts verglichen mit diesem Heerzug der H�lle.</p><p>�Nachachs Blutsklaven�, fl�sterte Lucien.</p><p>�Wie scharfsinnig du doch bist, Meister�, s�uselte der D�mon. Seine beiden M�uler �ffneten sich zu einem Grinsen, und zwei Zungen leckten sich �ber die Lippen, wie in Erwartung eines k�stlichen Mahls. Vivana bemerkte, dass Lucien dem D�mon seinen Dolch in die Seite presste. Offenbar wollte er sicherstellen, dass das Gesch�pf sie nicht verriet. Vertraute er etwa der Macht des Brandeisens nicht mehr?</p><p>Schrilles Geschrei lenkte ihre Aufmerksamkeit zur�ck auf die Schlucht. Einer der koboldartigen Wichte war von seinem K�fer abgeworfen worden und hatte sich verletzt. Augenblicklich sprangen f�nf oder sechs seiner Artgenossen von ihren Reittieren und fielen kreischend �ber ihn her, zerhackten ihn mit Messern und Knochen�xten und stopften sich sein Fleisch in die M�uler. Die anderen D�monen in der N�he schauten zu und kicherten und zirpten vergn�gt.</p><p>Angewidert wandte sich Vivana ab... und stellte fest, dass Ruac verschwunden war.</p><p>Eben noch hatte der Tatzelwurm neben ihr gelegen. Sie blickte sich um und sp�hte den Grat entlang, den sie heraufgekommen waren.</p><p>�Was ist?�, fragte ihr Vater leise.</p><p>�Ruac � er ist weg!�</p><p>Sie richtete sich geduckt auf und begann, die Felsen abzusuchen.</p><p>�Was machst du da?�, fuhr Lucien sie an. �Bleib unten!�</p><p>Auch ihr Vater sah sich um. �Gerade war er doch noch da. Weit kann er nicht gekommen sein.�</p><p>Vivana fand Ruac nicht. Der Tatzelwurm hatte auch keine Spuren hinterlassen � daf�r war der Boden zu hart. �Hast du etwas damit zu tun?�, fragte sie den D�mon.</p><p>�Ich? Wie kommst du denn darauf, Kindchen?� Wieder dieses absto�ende Grinsen. Sie h�tte ihn am liebsten in die Schlucht gesto�en.</p><p>�Wo ist er? Sag es!�</p><p>�Schau mal da.� Mit einem langen Krallenfinger wies der D�mon auf eine Stelle unterhalb ihres Verstecks, wo der Steilhang eine Stufe bildete.</p><p>Ruac kroch zwischen den Felsbrocken herum und schn�ffelte neugierig an einem kleinen Schwefelt�mpel, der sich dort befand.</p><p>�Ruac!�, rief sie leise. �Komm sofort her!�</p><p>�Sei still!�, zischte Lucien. �Willst du, dass man uns entdeckt?�</p><p>Der Tatzelwurm ignorierte ihren Ruf, falls er ihn �berhaupt geh�rt hatte, und verschwand zwischen den Steinen.</p><p>Vivanas Herz pochte wie verr�ckt. Hatte Ruac etwa vor, zu den D�monen hinabzuklettern? Was war nur in ihn gefahren? Sie hielt nach ihm Ausschau, aber er tauchte nicht wieder auf. Noch einmal zu rufen wagte sie nicht, denn die Horde zog immer noch durch die Schlucht. Und ihm nachzuklettern kam erst recht nicht infrage.</p><p>Sie sp�hte zwischen den Felsen hindurch und betete, dass Ruac keine Dummheiten anstellte.</p><p>D�mon um D�mon marschierte an ihnen vorbei. Es erschien ihr wie eine Ewigkeit, bis die letzte der missgestalteten Kreaturen hinter der n�chsten Wegbiegung verschwand und sie endlich ihr Versteck verlassen konnte.</p><p>�Bist du verr�ckt geworden?�, schimpfte Lucien. �Du hast uns alle in Gefahr gebracht!�</p><p>Vivana achtete nicht auf ihn. Sie nahm ihren Ranzen ab und begann, den Hang hinunterzuklettern.</p><p>�Wo willst du hin?�</p><p>�Ruac suchen.�</p><p>�Warte. Ich helfe dir.� Zu ihrer �berraschung war es ihr Vater, der das sagte. Er stellte den Tragekorb ab und folgte ihr.</p><p>Es w�re eine Untertreibung zu sagen, ihr Vater k�nne Ruac nicht leiden � er <emphasis>verabscheute</emphasis> den Tatzelwurm und h�tte ihm gewiss keine Tr�ne nachgeweint, wenn er verschwunden w�re. Dass er ihr trotzdem suchen half, war vermutlich seine Art, ihr zu zeigen, dass er einiges gutzumachen hatte.</p><p>Sie erreichten die Stelle, wo sie Ruac gesehen hatte. Scharfkantige Felsen schufen ein kleines Plateau, das an zwei Seiten gut zwei- oder dreihundert Fu� senkrecht abfiel. Vivana achtete sorgf�ltig darauf, wo sie hintrat, damit sie nicht auf dem losen Ger�ll ausrutschte und in die Tiefe st�rzte. Der pfeifende Wind und die Dampfschwaden, die in den Augen brannten und die Sicht vernebelten, machten die Suche nicht gerade leichter.</p><p>Besonders viele Verstecke gab es auf dem Plateau nicht. Trotzdem konnte Vivana Ruac nicht finden, obwohl sie jeden Stein umdrehte.</p><p>Der Wind peitschte ihr das Haar ins Gesicht, als sie in den knochen�bers�ten Abgrund starrte. Sie fror. Was, wenn Ruac dort hinuntergefallen war? Er war ein z�her kleiner Kerl, aber einen derartig tiefen Sturz konnte er unm�glich �berstehen.</p><p>�Er ist hier.�</p><p>Vivana fuhr herum und wischte sich die Tr�nen aus den Augen. Ihr Vater stand an dem blubbernden T�mpel, ein Schemen hinter den Dampfschwaden.</p><p>�Wo?�</p><p>�Da drin.�</p><p>Sie ging n�her heran... und konnte kaum glauben, was sie sah. Ruac hockte <emphasis>in</emphasis> dem T�mpel. Nur seine Augen und seine Schnauze schauten aus dem kochenden Schwefel hervor.</p><p>�O Gott, ist er da reingefallen?� Sie streckte die H�nde aus, um Ruac zu helfen � und zog sie sofort wieder zur�ck. Dicht �ber dem T�mpel waren die D�mpfe so hei�, dass man sich daran verbr�hte.</p><p>�Ich glaube, er hat sich absichtlich hineingesetzt�, sagte ihr Vater.</p><p>�Absichtlich?�, fragte sie entgeistert.</p><p>Ruac kroch zum Ufer des T�mpels und sch�ttelte den Schwefel ab. Vivana ging einen Schritt zur�ck, damit sie nicht von den hei�en Tropfen getroffen wurde. Der Tatzelwurm wirkte nicht nur gesund und munter, er schien sich dank seines ungew�hnlichen Bades pudelwohl zu f�hlen. Vivana wusste, dass er Hitze mochte und unempfindlich dagegen war. Doch dass seine Vorliebe so weit ging, dass er sich in kochendem Schwefel suhlte, h�tte sie nicht erwartet.</p><p>Ruac kratzte sich. Wo die Krallen �ber seinen Leib scharrten, l�ste sich die Haut ab. Darunter kamen neue, wie Perlmutt schimmernde Schuppen zum Vorschein.</p><p>�Und jetzt h�utet er sich�, stellte ihr Vater fest.</p><p>Vivana war so erleichtert, Ruac wiederzuhaben, dass sie ihn aufhob und an sich dr�ckte, obwohl sie sich beinahe die Finger an ihm verbrannte. �Mach das nie wieder, h�rst du?�</p><p>Der Tatzelwurm z�ngelte.</p><p>�K�nnen wir jetzt endlich weitergehen?�, rief Lucien ihnen von oben zu.</p><p>Eine Stunde sp�ter, als sie schlie�lich eine H�hle gefunden hatten und sich von den Strapazen des Marschs ausruhten, hatte Ruac sein altes, vom Schwefel aufgeweichtes Schuppenkleid g�nzlich abgestreift. St�cke davon lagen in dem Winkel, in dem er sich zusammengerollt hatte, pergamentartige Fetzen, die Schlangenleder �hnelten. Seine neue Haut glich der alten, nur wirkte sie gl�nzender und irgendwie... fester.</p><p>Aber das war nicht die einzige Ver�nderung, die Vivana feststellte.</p><p>Ruac begann zu wachsen.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>15</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Nachachs Burg</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>A</strong>uch die zweite Rast war kaum erholsam. Vivana schlief ein paar Stunden und erwachte genauso m�de, wie sie sich hingelegt hatte. Dass sie nicht tr�umen konnte, machte sich allm�hlich bemerkbar: Sie wurde d�nnh�utig und so gereizt, dass ihr schon Kleinigkeiten auf die Nerven gingen; au�erdem fiel es ihr immer schwerer, sich zu konzentrieren.</p><p>Inzwischen befanden sie sich tief im Gebirge. Kalter Wind wehte Staub und Verwesungsgestank durch Schluchten und bodenlose Kl�fte. Vivana, ihr Vater und Lucien trugen mehrere Lagen Kleidung gegen die K�lte. Auf den Mundschutz konnten sie dagegen verzichten � so weit oben gab es kaum noch Schwefelt�mpel. An einer Quelle, auf die sie zuf�llig stie�en, f�llten sie ihren Schlauch. Das Wasser hier war etwas sauberer als das in der Ebene, und nachdem sie es abgekocht hatten, war es sogar einigerma�en genie�bar.</p><p>Manchmal, wenn sie die T�ler verlie�en und �ber die Felsk�mme wanderten, konnte Vivana in der Ferne die Lichtmauer sehen, ein leuchtender Streifen im Dunst, der die Erde mit dem Himmel verband. Die Grenze des Pand�moniums war eine Sch�pfung des Verlorenen Volkes, das sie in ihrer Vision gesehen hatte, ein Produkt seiner Magie und ein weiterer Beweis daf�r, wie unvorstellbar m�chtig diese fr�hen Menschen gewesen waren. Sogar ihr Vater empfand Ehrfurcht beim Anblick der glei�enden Barriere, und Vivana fiel auf, dass er schon lange nicht mehr gesagt hatte, es m�sse eine wissenschaftliche Erkl�rung daf�r geben.</p><p>Dass Ruac gr��er wurde, hatte sie sich nicht eingebildet. Seit seinem Bad in dem Schwefelpfuhl war er um die H�lfte gewachsen. Sie wusste, dass Tatzelw�rmer gewisserma�en kleine Lindw�rmer waren und sich im Lauf der Zeit zu jenen drachen�hnlichen Gesch�pfen entwickelten. Aber normalerweise dauerte dieser Prozess Jahrzehnte � dass ein Tatzelwurm so rasch wuchs, hatte sie noch nie geh�rt. M�glicherweise, vermutete Lucien, hatte die Hitze des Schwefelt�mpels Ruacs Wachstum extrem beschleunigt. Besorgt beobachtete Vivana ihren geschuppten Gef�hrten und fragte sich, was sie tun sollte, wenn Luciens Vermutung zutraf. Wie hielt man einen Lindwurm als Haustier?</p><p>Kurz darauf sahen sie abermals die D�monenhorde, allerdings waren die Kreaturen diesmal zu weit weg, um eine Gefahr darzustellen. Sie wanderten durch ein benachbartes Tal, mindestens f�nf Meilen entfernt.</p><p>�Sieht aus, als w�rden sie in den Krieg ziehen�, bemerkte Vivanas Vater.</p><p>�Tun sie vermutlich auch�, erwiderte Lucien. �Die Herrscher des Pand�moniums k�mpfen st�ndig gegeneinander.�</p><p>Ein paar Stunden sp�ter stellte sich heraus, dass die D�monenhorde keineswegs in die Schlacht zog, sondern scheinbar auf dem Weg nach Hause war. Vor Vivana und ihren Gef�hrten erstreckte sich ein weiter Talkessel, in dessen Zentrum eine gewaltige S�ule auf ragte, durch einen Sattel mit den Bergh�ngen verbunden. Ob die S�ule nat�rlichen Ursprungs war oder ob es sich um ein Bauwerk des Verlorenen Volkes handelte, war schwer zu sagen, denn geometrische Formen und ebene Fl�chen durchsetzten den gewachsenen Fels. Auf der Spitze des Gebildes stand eine Burg, eine Festungsanlage mit dornartigen T�rmen und wulstigen Wehrmauern, die seltsam organisch wirkte, obwohl sie zweifellos aus Stein bestand. Mehrere Verschlinger, schwarze Riesenv�gel, umkreisten das Gem�uer.</p><p>Das D�monenheer kroch die Bergflanke empor, zog �ber den Sattel und marschierte schlie�lich die Serpentinen hinauf, die zu den Toren der Burg f�hrten.</p><p>Vivana empfand Beklemmung und Ekel, als sie zur Festung aufblickte. Wie ein Geschw�r wuchs das Geb�ude aus der Felss�ule, und sie konnte f�rmlich sp�ren, wie sich dort oben das B�se ballte. �Wem geh�rt die Burg?�</p><p>�Nachach, dem Herrn dieser Berge�, antwortete Lucien.</p><p>�Ist er ein D�mon?�</p><p>�Ein sehr m�chtiger. Ein F�rst des Pand�moniums.�</p><p>�K�nnen wir das Tal nicht umgehen?�</p><p>Der Alb wandte sich an ihren F�hrer. �K�nnen wir?� �Bedauerlicherweise nicht�, erwiderte der D�mon glattz�ngig. �Dies ist der einzige Weg.�</p><p>�Glaube ich dir nicht.�</p><p>�W�rde ich dich je bel�gen, Meister?�</p><p>�Du wartest doch nur darauf, dass Nachach uns erwischt. F�hr uns �ber die Berge�, sagte Lucien. �Aber so, dass wir keinem von Nachachs Blutsklaven begegnen, verstanden?�</p><p>�Dein Wunsch ist mir Befehl�, meinte der D�mon und verneigte sich, woraufhin sein Bauch obsz�n zu schmatzen begann.</p><p>Die Umgebung der Burg war keineswegs so verlassen, wie es den Anschein hatte. Als sie tiefer in die Berge vordrangen, trafen sie immer wieder auf kleine Gruppen von D�monen, offenkundig Patrouillen von Nachach, die die Gegend nach Eindringlingen absuchten. Meist handelte es sich um vierbeinige Kriegerd�monen, doch einmal erblickten sie auch eine Schar hundsk�pfiger Menschen � Kynokephale, wie Lucien die Gesch�pfe nannte. Der Alb bemerkte die D�monen dank seiner scharfen Sinne stets, lange bevor diese sie sehen konnten, sodass sie sich rechtzeitig hinter einem Felsen oder in einer Spalte verstecken konnten, bis die Patrouille verschwunden war.</p><p>Die Wanderung durch die Berge war �beraus beschwerlich, und der gest�rte Schlaf zehrte so sehr an ihren Kr�ften, dass sie nur ein paar Meilen vorankamen, ehe sie wieder rasten mussten. Lucien fand die Ruine einer kleinen Bergfestung, die gut verborgen zwischen den Felsen lag. Dort, im Windschatten der Obsidianmauern, schlugen sie ihr Lager auf.</p><p>Vivana hatte sich kaum hingelegt, als sie auch schon in Schw�rze versank. Sie hatte mit ihrem Vater vereinbart, dass sie ihn mit der Wache abl�ste. Deswegen �berraschte es sie, dass nicht er es war, der sie weckte, sondern Ruac.</p><p>�Was ist denn?�, murmelte sie verschlafen und wischte sich das Haar aus dem Gesicht. Ruhe herrschte im Lager. Lucien schlief, und ihr Vater kauerte in seine Decken geh�llt an einer Mauer.</p><p>Fragend blickte sie den Tatzelwurm an, der neben ihr sa� und z�ngelte. Er war bereits gr��er als ein Sch�ferhund, und der stumpfe Glanz seiner Schuppen deutete darauf hin, dass er sich bald wieder h�utete. Doch das war es nicht, was ihr auffiel: Er hatte seine R�ckenstacheln aufgerichtet � ein untr�gliches Zeichen f�r Gefahr.</p><p>Alarmiert stand sie auf. Seltsamerweise kam keine Reaktion von ihrem Vater... weil er schlief. Erst jetzt bemerkte sie, dass sein Kopf auf die Brust gesunken war und er leise schnarchte.</p><p>Vivana murmelte einen Fluch. Hatte Ruac sie darauf aufmerksam machen wollen? Sie wollte den Erfinder gerade wecken, als sie ein Ger�usch h�rte, ein schmerzhaftes Keuchen. Es kam vom D�mon, der au�erhalb der Mauern auf dem Boden sa�, wo Lucien ihn an einen Felsen gefesselt hatte. Irgendwie war es ihm gelungen, eine Hand zu befreien, und er rieb sich die Brust. Was genau er tat, konnte sie nicht erkennen, denn er hatte ihr den R�cken zugewandt.</p><p>Wieder ein unterdr�ckter Schmerzenslaut. �Aufwachen!�, rief Vivana ihrem Vater zu und r�ttelte ihn, bevor sie nach seinem Messer griff.</p><p>Dank seiner Augen am Hinterkopf bemerkte der D�mon sie, sowie sie �ber den Schutt im Eingang der Ruine stieg. Er bleckte die Z�hne und schnaubte zornig und voller Pein.</p><p>�Was machst du da?�, fragte Vivana scharf. Sie sah, dass er versuchte, seine Fesseln zu l�sen; wo er mit seinen Krallen dar�berkratzte, begann der Strick aufzufasern.</p><p>�H�r auf damit! Lucien hat dir das verboten!�</p><p>Der D�mon kicherte und kr�chzte gleichzeitig. �Dein Freund h�lt seine Befehle f�r wasserdicht. Dabei hat dieser Narr den wichtigsten vergessen.�</p><p>Vivana schlitterte die B�schung hinab, die sich zwischen der Ruine und dem Felsen befand. Der D�mon zerrte an seinen Fesseln; Blut glitzerte an seinen Krallen. Vivanas Augen weiteten sich, als sie die Wunde auf der Brust der Kreatur erblickte. Die Haut und das Fleisch waren so zerfetzt, dass man das Brandzeichen kaum noch erkennen konnte.</p><p>Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Niemand hatte daran gedacht, dem D�mon zu verbieten, das Brandzeichen abzukratzen. Vivana h�tte so etwas nicht einmal f�r m�glich gehalten. Der D�mon musste uns�gliche Schmerzen in Kauf genommen haben, um das Zeichen von seinem K�rper zu entfernen.</p><p>�Nicht!� Sie rief sich ins Ged�chtnis, wie Lucien mit dem D�mon geredet hatte. �Ich befehle dir, das sofort zu lassen.�</p><p>�Du bist nicht mein Meister�, erwiderte die Kreatur. �Au�erdem ist es daf�r jetzt zu sp�t.�</p><p>Er hatte das Seil schon so weit gelockert, dass er aufstehen konnte. Vivana wurde klar, in welcher Gefahr sie sich befand � wenn der D�mon im Stande war, sich zu befreien, besa�en auch alle anderen Befehle keine Macht mehr �ber ihn. �Weck Lucien auf, schnell!�, rief sie ihrem Vater zu, der endlich zu sich gekommen war.</p><p>Der D�mon schlug nach ihrem Gesicht. Dass die Krallenhand sie verfehlte, war allein Ruac zu verdanken, der in diesem Moment zu ihr kam und nach dem D�mon schnappte. Seine Z�hne gruben sich in den Arm der Kreatur, sie schrie und schmetterte Ruac gegen den Felsen, sodass der Tatzelwurm die B�schung hinunterrollte.</p><p>Mit einer einzigen w�tenden Bewegung packte der D�mon die Reste seiner Fesseln und zerriss sie. Geifer troff aus beiden M�ulern und vermischte sich mit dem Blut, das aus der Wunde quoll. Vivana wich zur�ck und stolperte. Das Messer rutschte ihr aus der Hand und verschwand zwischen den Steinen.</p><p>Der D�mon grinste voller Vorfreude. �Lauf nicht weg�, sagte er. �Wir sind schon gespannt, wie deine kleine, unschuldige Seele schmeckt.�</p><p>Vivana bezwang ihr Entsetzen, als er seine Krallenh�nde nach ihr ausstreckte. Sie packte einen Stein und schleuderte ihn dem D�mon ins Gesicht. Die Kreatur schrie vor Wut und taumelte, was ihr Zeit verschaffte, um aufzustehen.</p><p>�Lauf!�, rief Lucien ihr zu. Der Alb musste blitzschnell aufgewacht sein, denn er kam noch vor ihrem Vater die B�schung heruntergelaufen, in der Hand seinen Waffeng�rtel. Er warf ein Messer und traf den D�mon an der Schulter. Mit einer Flinkheit, die Vivana dem D�mon niemals zugetraut h�tte, st�rzte er sich auf Lucien, der einen zweiten Dolch gez�ckt hatte und ihn seinem Gegner in die Seite stie�, ohne das Gesch�pf damit merklich zu beeintr�chtigen.</p><p>Vivana lief zu Ruac, der zwar unverletzt, aber sichtlich benommen war. Seine Flanken gl�hten zornig. �Wir m�ssen Lucien helfen�, stie� sie hervor. �Hilf mir, mein Messer zu finden.�</p><p>Sie begann, hektisch die Steine abzusuchen, w�hrend Lucien vor den Krallenhieben des D�mons zur�ckwich. Der Blutverlust und die Schmerzen schienen die Kreatur nicht im Mindesten zu schw�chen; im Gegenteil, sie verfiel in Raserei und h�tte den Alb zerfetzt, wenn dieser nicht so beh�nde gewesen w�re.</p><p>Da entdeckte sie ihr Messer und zog es aus einer Ritze im Boden. Im gleichen Moment st�rzte Lucien, als er einem Hieb auswich, und verlor seinen G�rtel. Der D�mon versuchte, ihn mit einem kraftvollen Tritt zu zerstampfen, er rollte sich geschickt zur Seite und griff nach seinen Waffen. Diesmal war er zu langsam. Sein Gegner bekam ihn zu fassen, zog ihn weg und dr�ckte ihm den Hals zu.</p><p>Vivana schluckte hart. Der Gedanke, den D�mon anzugreifen, erf�llte sie mit Entsetzen. Aber sie konnte nicht unt�tig zusehen. Wenn sie nichts unternahm, erw�rgte er Lucien.</p><p>Mit dem Messer in der Hand hastete sie �ber die B�schung.</p><p>Lucien wehrte sich gegen die Umklammerung, doch er war den Kr�ften seines Gegners nicht gewachsen. Vivana stach zu. Eine Krallenhand des D�mons schnellte vor und erwischte sie am Arm, wodurch sie ihn verfehlte. Der Hieb war so heftig, dass sie zur�cktaumelte und f�rchtete, ihre Hand sei gebrochen. Lucien machte es sich zu Nutze, dass der D�mon ihn f�r eine Sekunde loslie�, trat der Kreatur mit aller Kraft gegen den Torso und befreite sich so aus dem W�rgegriff. Hustend kroch er zu seinem G�rtel.</p><p>Der D�mon richtete sich auf; seine beiden M�nder glichen zahnbewehrten Halbmonden. �Pass auf!�, rief Vivana Lucien zu, als sich die Kreatur abermals dem Alb n�herte.</p><p>In diesem Moment trat ihr Vater hinter dem Felsen hervor. In den H�nden hielt er einen Steinbrocken, der so gro� war wie ihr Tragekorb und den er nur dank seiner mechanischen Hand heben konnte. Der D�mon bemerkte ihn und wirbelte herum, doch es gelang ihm nicht rechtzeitig, auszuweichen oder ihren Vater niederzuschlagen. Der Stein krachte gegen seinen Kopf und schleuderte ihn zu Boden, wo er benommen liegen blieb. Vivana wandte sich ab, als ihr Vater den Felsbrocken aufhob und ihn auf die Kreatur herabsausen lie�.</p><p>Im n�chsten Augenblick war alles vorbei. Vivana war mit einem Schlag so ersch�pft, dass sie sich setzen musste. Ruac kam zu ihr gewatschelt, und sie streichelte ihm �ber den Kopf.</p><p>Ihr Vater ballte seine normale Hand zur Faust. Vermutlich tat sie weh, weil das Gewicht des Steins das Gelenk belastet hatte. �Bist du in Ordnung?�</p><p>�Ja. Nichts passiert.� Ihr Arm schmerzte immer noch, aber sie konnte ihn bewegen, also war wahrscheinlich nichts gebrochen.</p><p>Auch Lucien war wohlauf, obwohl er schrecklich aussah. Sein Wams war zerrissen und voller Blut; er rieb sich den Hals und verzog das Gesicht. �Ich bin ein Dummkopf�, knurrte er. �Ich h�tte daran denken m�ssen.�</p><p>�Es war nicht deine Schuld. Das ist doch Wahnsinn. Ich meine, dass er sich selbst die Haut zerfetzt...� Vivana schauderte, wenn sie nur daran dachte.</p><p>�Bei L�gnern muss man mit allem rechnen.� Mit gerunzelter Stirn schnallte sich Lucien den Waffeng�rtel um.</p><p>�Was machen wir jetzt?�, fragte Vivanas Vater. �Wie wollen wir Liam ohne den D�mon finden?�</p><p>�Das ist unser geringstes Problem. Ich habe den D�mon gezwungen, die Stelle, wo Liam angekommen ist, auf der Karte einzuzeichnen. Schwierig wird es nur, wenn Liam nicht mehr dort ist. Aber in dem Fall h�tte uns auch der D�mon nicht weiterhelfen k�nnen.�</p><p>�Wenn du die Stelle kennst, wieso sind wir nicht allein weitergegangen?�</p><p>�Ich wollte sichergehen, dass er uns nicht betr�gt. Au�erdem w�re es zu gef�hrlich gewesen, ihn fortzuschicken. Wir h�tten ihn t�ten m�ssen. Und ihr habt ja jetzt gesehen, dass das nicht so einfach ist.�</p><p>�Was meinst du damit, unser geringstes Problem?�, fragte Vivana. �Gibt es noch ein anderes?�</p><p>�Es kann sein, dass uns der D�mon an Nachach verraten hat�, antwortete Lucien.</p><p>Beunruhigt stand sie auf. �Wie denn? Du hast es ihm doch verboten. Au�erdem konnte er gar nicht mit anderen D�monen reden.�</p><p>�Ich wei� nicht genau, welche Kr�fte er hatte. M�glicherweise stand er irgendwie mit anderen L�gnern in Verbindung � telepathisch. Meine Befehle haben verhindert, dass er um Hilfe rief, das ist richtig. Aber wer wei�, was er getan hat, als das Brandzeichen nicht mehr wirkte.�</p><p>Vivana fr�stelte. Ihr Blick glitt zu dem D�mon, allerdings bot die Leiche keinen sch�nen Anblick, weswegen sie sofort wieder wegsah.</p><p>�Hilf mir, ihn zu begraben�, sagte Lucien zu ihrem Vater. �Wenn wir fertig sind, brechen wir auf.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>16</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Der Schreiende Fluss</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>M</strong>�de stieg Vivana zu Ruac auf das kleine Felsplateau und betrachtete das Meer aus goldenem Dunst. Sie vermochte nicht zu sagen, wie weit die Schlucht war, die sich vor ihr erstreckte � weit genug, dass man die gegen�berliegende Seite nicht sehen konnte. Das Gebirge brach auf einer Breite von mehreren Meilen senkrecht ab, als w�re es von einer titanischen Axt durchschlagen worden. Auch die Tiefe der Kluft lie� sich nicht absch�tzen, denn nach f�nfzig oder hundert Schritt wurde der Dunst so dicht, dass sich die Felswand und die Klippen, die hier und da wie Rei�z�hne aufragten, darin verloren.</p><p>So �hnlich hatte sie sich immer das Ende der Welt vorgestellt.</p><p>Der Wind bauschte ihr Haar auf, und sie schlang die Arme um den Oberk�rper. Der Anblick der gewaltigen Schlucht erf�llte sie mit Ehrfurcht, mit einem Gef�hl von Verlorenheit. Welche M�chte auch immer all das geschaffen hatten � dagegen war sie nur ein Staubkorn, unbedeutend und klein.</p><p>Irgendwo dort unten floss der Schreiende Fluss. Die Hoffnung, Liam bald wiederzusehen, wurde so stark, dass es schmerzte. Gleichzeitig wuchs ihre Angst um ihn, denn seit seiner Ankunft im Pand�monium konnte alles M�gliche geschehen sein. Dass sie ihn auf Anhieb fanden, war unwahrscheinlich.</p><p>Sie kletterte vom Felsen und forderte Ruac auf, mitzukommen. Tragen konnte sie ihn nicht mehr, denn daf�r war er inzwischen zu schwer. Gl�cklicherweise tat er meistens, was sie sagte. Mit dem Tatzelwurm im Schlepptau ging sie zu ihrem Vater und Lucien, die bei ihrem Gep�ck warteten. Die beiden M�nner hatten kaum gesprochen, seit sie von der alten Bergfestung aufgebrochen waren. Auch jetzt schwiegen sie. Niemand, der diese Schlucht und das Dunstmeer unter dem gl�henden Himmel erblickte, blieb davon unber�hrt, nicht einmal Lucien, der in seinem langen Leben gewiss schon vieles gesehen hatte.</p><p>�Gibt es einen Weg nach unten?�, erkundigte sich der Alb.</p><p>�Schwer zu sagen�, antwortete Vivana. �Bei all dem Dunst kann man kaum etwas erkennen.�</p><p>�Auf der Karte ist ein Abstieg verzeichnet, der zu einer Br�cke f�hrt. Eine Treppe, falls die Kritzelei nicht symbolisch gemeint ist. Sie muss hier irgendwo sein. Haltet nach Ruinen Ausschau.� Lucien schulterte seinen Rucksack und ging los, gefolgt von Vivana, ihrem Vater und Ruac. Da sie dem Verlauf der Schlucht folgen mussten, konnten sie nur nach links oder rechts gehen. Lucien hatte sich f�r rechts entschieden, was genauso gut wie die andere Richtung war, denn seine Karte war viel zu ungenau, um den Abstieg zum Fluss exakt zu lokalisieren.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis sie auf Ruinen stie�en, allerdings nicht am Rand der Schlucht, sondern <emphasis>darin</emphasis>. Wie Klippen und Riffe wuchsen sie aus dem Dunst, scharfkantige Turmspitzen, Mauern, �berreste von steinernen B�gen und Pfeilern. Auf den ersten Blick erschien es Vivana, als handele es sich um viele verschiedene Geb�ude, doch als sie genauer hinschaute, wurde ihr klar, dass sie sich irrte. In der Schlucht stand ein <emphasis>einziges</emphasis> Bauwerk, viel gewaltiger als alles, was sie je gesehen hatte. Allein in den Teil, den sie erkennen konnte, h�tte die Kathedrale von Bradost mehrmals hineingepasst.</p><p><emphasis>Kein Bauwerk � eine Stadt</emphasis>, dachte Vivana. <emphasis>Eine Stadt des Verlorenen Volkes.</emphasis> Sie glaubte sich zu erinnern, �hnliche Gebilde in ihrer Vision gesehen zu haben.</p><p>Kurz darauf entdeckten sie die Treppe.</p><p>Sie war in die Wand der Schlucht geschlagen worden und so breit wie eine der Hauptstra�en Bradosts. Nach drei- oder vierhundert Schritt knickte sie rechtwinklig ab und f�hrte von der Felswand weg, auf die Ruinen zu, getragen von k�nstlich geschaffenen Pfeilern und nat�rlichen Steins�ulen. Obwohl die Stufen im Dunst verschwanden, war Vivana sicher, dass man viele Stunden hinabsteigen musste, um den Grund der Schlucht zu erreichen.</p><p>Sie unterdr�ckte ein Schaudern.</p><p>Wenigstens waren weit und breit weder D�monen noch verdammte Seelen zu sehen.</p><p>Sie begannen mit dem Abstieg. Die Treppe bestand aus demselben schwarz schimmernden Material wie die anderen Ruinen, die sie gesehen hatten, und war trotz ihres unvorstellbaren Alters in erstaunlich gutem Zustand. Manche Stufen waren gesprungen oder abgesplittert und aus der Br�stung hier und da Steine gebrochen, doch davon abgesehen wies sie keine nennenswerten Sch�den auf.</p><p>Sie schwiegen, denn der Weg in den Abgrund war eine beklemmende Erfahrung. Mit jeder Stufe wurde der Dunst dichter, bis man das obere Ende der Felswand nicht mehr ausmachen konnte. Da der Boden der Schlucht noch lange nicht in Sicht war, hatte Vivana zeitweise das Gef�hl, mitten im Nichts zu schweben � ein Eindruck, der sich noch verst�rkte, als sie die Stelle passierten, wo die gigantische Stiege von der Felswand wegf�hrte. Wenig sp�ter war die Schluchtwand verschwunden, und Vivana sah nichts au�er einem etwa hundert Schritt langen Ausschnitt der Treppe und einigen nat�rlichen Klippen links und rechts, umgeben von blassgoldenen Schlieren. Manchmal erahnte sie riesenhafte Schemen im Dunst, vermutlich Teile der Ruine, doch sie befanden sich zu weit weg, als dass sie Einzelheiten h�tte erkennen k�nnen.</p><p>Irgendwann lichtete sich f�r einen Moment der allgegenw�rtige Dunst, und sie erhaschten einen Blick auf eine kathedralenartige Decke mit steinernen Streben und Rippenb�gen viele hundert oder gar tausend Schritt �ber ihren K�pfen. Lucien brach daraufhin das Schweigen und sprach aus, was sie alle dachten: �Ich glaube, wir sind schon l�ngst im Innern dieses Bauwerks.�</p><p>Vivana wusste, dass er Recht hatte, und doch gelang es ihr einfach nicht, sich diese Tatsache vorzustellen. Ein Geb�ude, das so gro� war, dass man gar nicht mitbekam, wenn man es betrat � unfassbar.</p><p>Pl�tzlich h�rten sie Schreie.</p><p>Sie kamen von weit unten, aus den Tiefen der Schlucht. Klagelaute voller Qual, die meistens menschlich klangen, manchmal aber auch durch und durch fremdartig. Vivana beugte sich �ber die Br�stung, um herauszufinden, wer oder was sie ausstie�, aber da war nichts au�er Dunst.</p><p>�Wenigstens wissen wir jetzt, woher der Schreiende Fluss seinen Namen hat�, bemerkte ihr Vater.</p><p>�Was ist da unten los?�, fragte Vivana. �Wer schreit dort?�</p><p>�Ich sch�tze, das finden wir bald heraus�, erwiderte Lucien d�ster.</p><p>Es zerrte an den Nerven, tiefer in den Dunst hinabzusteigen, w�hrend ununterbrochen Schreie aus der Tiefe heraufhallten, die mit der Zeit immer lauter wurden. Offenbar n�herten sie sich dem Fluss, dem Quell der unheimlichen Laute. Wenn Vivana sich anstrengte, glaubte sie in der Ferne Wasserrauschen zu h�ren.</p><p>�Halt�, sagte ihr Vater nach einer Weile. �Seht mal da.�</p><p>Er deutete auf eine schattenhafte Gestalt, die sich vor ihnen aus dem Dunst sch�lte. Eine Frau, eine verdammte Seele. Und sie war nicht allein: Nach und nach kamen weitere Geistwesen zum Vorschein, eine ganze Schar, die die Br�cke blockierte, versunken in Trance und Teilnahmslosigkeit.</p><p>�An denen kommen wir nicht vorbei�, sagte Lucien. �Wir brauchen die Kerze.� Er �ffnete seinen Rucksack, und kurz darauf verstr�mte die Zauberkerze ihr Licht.</p><p>Die verdammten Seelen wichen zu den R�ndern der Br�cke zur�ck, als die Gef�hrten weitergingen, die durchscheinenden Gesichter von Furcht und Hass verzerrt. Von ihnen kamen die Schreie nicht � sie waren genauso stumm wie die Geistwesen, die sie am Tor getroffen hatten. Vivana und ihre Begleiter blieben dicht beisammen, denn die Seelen folgten ihnen und umringten sie au�erhalb des Lichtscheins � ein Wall aus bleichen Leibern, aus dem gelegentlich ein tastender Arm wuchs, der rasch wieder zur�ckgezogen wurde, wenn er mit dem Kerzenlicht in Ber�hrung kam.</p><p>L�hmende K�lte ging von den untoten Gesch�pfen aus. Vivanas Vater verteilte Decken, die sie sich �ber die Schultern warfen, was jedoch kaum etwas half.</p><p>Als das Rauschen immer lauter wurde, trieb Lucien die verdammten Seelen mit der Kerze auseinander und trat an die Br�stung. Etwa f�nfzig Schritt unter ihnen str�mte der Fluss dahin und umsp�lte die Treppenpfeiler. Er bestand nicht aus Wasser, sondern aus einer aschefarbenen Fl�ssigkeit, die leicht nach Verwesung stank. Gesichter bildeten sich an der Oberfl�che, Masken des Schmerzes und der Furcht, die die M�nder aufrissen und Klagerufe ausstie�en, bevor sie sich wieder aufl�sten und mit dem Fluss verschmolzen.</p><p>�Was ist das?�, hauchte Vivana voller Entsetzen.</p><p>�Verdammte Seelen�, antwortete Lucien, �gefangen im Fluss. Lass uns weitergehen.�</p><p>Obwohl sie der Anblick der geisterhaften Gesichter zutiefst verst�rte, musste sie sich zwingen, sich von dem Fluss loszurei�en. Sie wusste nicht, was schlimmer war: als untoter Schatten durch das Pand�monium zu irren oder f�r immer Teil dieses Flusses zu sein, allein mit seiner Qual und ohne Aussicht auf Erl�sung.</p><p><emphasis>H�r auf damit</emphasis>, sagte sie sich. <emphasis>Denk an Liam.</emphasis></p><p>Doch kaum stellte sie sich sein Gesicht vor, kamen ihr wieder Luciens Worte in den Sinn. Wenn Liam im Pand�monium starb, hatte der Alb gesagt, wurde er zu einer verdammten Seele, und dann gab es keine Hoffnung mehr f�r ihn.</p><p>Vivana schob diesen Gedanken weg, k�mpfte mit aller Kraft dagegen an. Sie biss sich auf die Lippe, folgte Lucien und ihrem Vater und senkte den Blick, damit sie die bleichen Gesichter, die sie umringten, nicht sehen musste.</p><p>Kurz darauf erreichten die Gef�hrten das andere Ufer, wo sich eine breite Mole befand. Das graue Wasser umsp�lte mehrere Steinquader, die �berreste alter Anlegestege. Das Geschrei war unertr�glich.</p><p>Auch auf der Mole lie�en die Geistwesen nicht von ihnen ab � sie schienen nur darauf zu warten, dass die Kerze erlosch.</p><p>�Wir m�ssen sie irgendwie absch�tteln�, raunte Vivana Lucien und ihrem Vater zu.</p><p>�Seht ihr die Mauern da vorne?�, erwiderte der Alb ebenso leise. �Dort versuchen wir, uns zu verstecken. Auf mein Zeichen laufen wir los.�</p><p>Jenseits der Mole erstreckte sich ein gepflasterter Platz, �bers�t mit Schutt. Inmitten der Tr�mmer stand ein Pfeiler, eine S�ule mit asymmetrischer Grundform, dick wie ein Turm und so hoch, dass sie im Dunst �ber ihren K�pfen verschwand.</p><p>Sie hatten schon vor Tagen beobachtet, dass verdammte Seelen weder fliegen noch feste Materie durchqueren konnten, obwohl ihre K�rper weniger Substanz als Rauch aufwiesen. Wie Lebende waren sie der Schwerkraft unterworfen und mussten Hindernisse, die ihnen den Weg versperrten, umgehen. Diese Tatsache machten sich Vivana und ihre Gef�hrten zu Nutze, indem sie sich durch eine enge L�cke zwischen zwei Tr�mmerhaufen zw�ngten, sodass die Geistwesen sie nicht mehr umzingeln konnten, sondern ihnen einzeln folgen mussten.</p><p>�Jetzt!�, rief Lucien, als sie die Schutthaufen hinter sich lie�en. Er schirmte die Kerzenflamme mit der Hand ab und lief los. Vivana und ihr Vater setzen ihm nach. Ihre pl�tzliche Flucht �berrumpelte die Geisterschar. Die Totenseelen sammelten sich vor den Tr�mmerhaufen und standen einen Moment ratlos herum, ehe sie begriffen, dass ihre Opfer im Begriff waren, zu entkommen. Als sie die Verfolgung aufnahmen, hatten Vivana und ihre Gef�hrten bereits einen betr�chtlichen Vorsprung.</p><p>Allerdings drohte Ruac zur�ckzufallen. Obwohl der Tatzelwurm flink �ber das Pflaster watschelte, war er nicht schnell genug, um mit ihnen Schritt zu halten. Vivana und ihr Vater mussten ihn mit vereinten Kr�ften tragen, wodurch sie langsamer wurden und die Geisterschar aufholen konnte. Lucien schimpfte lautstark auf Ruac, blieb jedoch bei ihnen, um die verdammten Seelen notfalls mit der Kerze zur�ckzutreiben.</p><p>Schlie�lich kamen sie zu den Mauern, die Lucien gemeint hatte, die �berbleibsel einiger Geb�ude. Nur noch wenige Schritte trennten sie von den Totenseelen, und Vivana sp�rte in ihrem Nacken die Eisesk�lte, die von ihnen ausging. Lucien hatte eine Spalte im Mauerwerk entdeckt. Er lie� Vivana und ihren Vater mit Ruac hindurchschl�pfen, bevor er ihnen folgte. Die Kerze stellte er in die �ffnung, damit ihr Licht die Geistwesen aussperrte. Vor der Spalte sammelten sie sich, ein Halbkreis aus hasserf�llten Gesichtern.</p><p>Schwer atmend blickte Vivana sich um. Die Ruine, in der sie Zuflucht gesucht hatten, ma� ungef�hr zehn mal zehn Schritt. Ein lausiges Versteck, denn die W�nde waren gerade einmal mannshoch, und �berall klafften Spalten und Breschen darin. Es war h�chstens eine Frage von Minuten, bis die verdammten Seelen sie abermals ganz umzingelten. Sie wollte tiefer in das Labyrinth aus Mauerresten und Schutthaufen fliehen, doch Lucien hielt sie zur�ck.</p><p>�Warte�, sagte er. �Mit etwas Gl�ck verlieren sie bald das Interesse an uns.�</p><p>�Aber hier sind wir nicht sicher. Sieh doch, wie viele L�cher die W�nde haben.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass ihnen das auff�llt. Sie sind nicht besonders klug.�</p><p>Lucien behielt Recht: In ihrem Zorn waren die Geistwesen so sehr auf die �ffnung mit der Kerze fixiert, dass sie gar nicht auf die Idee kamen, anderswo in die Ruine einzudringen. Da sie nichts gegen das Licht ausrichten konnte, zerstreute sich die Schar nach einigen Minuten. Nach und nach verschwanden die Totenseelen im Dunst.</p><p>Der lange Marsch die Treppe hinunter, die K�lte, die von den verdammten Seelen ausging, und die Flucht hatten Vivana und ihre Gef�hrten ersch�pft, sodass sie sich eine Weile ausruhen mussten. Vivana nutzte die Gelegenheit, um Ruac zu f�ttern. Dabei stellte sie fest, dass sein Trockenfleisch allm�hlich zur Neige ging. Ruac fra� inzwischen das Doppelte der �blichen Menge. Wenn er weiter wuchs und es ihr nicht gelang, neues Futter aufzutreiben, hielt der Rest noch h�chstens drei Tage. Ihr blieb nichts anderes �brig, als seine Portionen zu halbieren. Der Tatzelwurm war davon nicht gerade begeistert � er verschlang das k�mmerliche Fleischst�ck mit einem Bissen und bettelte um mehr. �Tut mir leid�, sagte sie bedauernd, �ab heute musst du Di�t halten.� Doch Ruac lie� nicht locker. Er kroch um den Tragekorb herum und versuchte, an sein Futter heranzukommen. Schlie�lich hatte sie Mitleid mit ihm und gab ihm einen Keks, den sie eigentlich selbst hatte essen wollen.</p><p>Die Schreie, die unaufh�rlich vom Fluss heraufhallten, waren wegen des Dunstes nur ged�mpft zu h�ren, aber das machte sie nicht weniger beklemmend. Vivanas innere Unruhe wurde immer gr��er, und sie ging zu ihrem Vater und Lucien, die bei der �ffnung sa�en und den Platz beobachteten.</p><p>�Wo wollen wir mit der Suche nach Liam anfangen?�, fragte sie den Alb.</p><p>�Am besten hier.�</p><p>�Aber wir wissen doch nur, dass er in der N�he des Schreiendes Flusses angekommen ist. Er k�nnte auch ganz woanders sein.�</p><p>�W�hrend der letzten Rast, als ihr geschlafen habt, habe ich den D�mon noch einmal verh�rt. Er hat ausdr�cklich gesagt, dass Liam in diesen Ruinen gelandet ist.�</p><p>Vivanas Vater a� ein paar Trockenfr�chte. �Hat er noch mehr gesagt? Irgendetwas, mit dem wir die Suche auf einen bestimmten Bereich eingrenzen k�nnen? Ihr habt gesehen, wie gro� die Ruinen sind. Es wird Tage dauern, alles abzusuchen, selbst wenn wir systematisch vorgehen.�</p><p>�Leider nein�, erwiderte Lucien. �Deswegen sollten wir keine Zeit vergeuden.�</p><p>Kurz darauf verlie�en sie ihr Versteck. Lucien stieg auf den h�chsten Tr�mmerhaufen, um sich einen �berblick �ber das Gel�nde zu verschaffen, allerdings konnte er wegen des Dunstes nicht sonderlich viel erkennen. Sie beschlossen daher, zuerst das Flussufer abzusuchen und sich dann tiefer in die Ruinen vorzuarbeiten.</p><p>W�hrend sie am Fluss entlanggingen und nach Liam riefen, kamen sie st�ndig an gewaltigen Mauerresten vorbei, an Pfeilern, die der m�chtigen S�ule auf dem Platz �hnelten, an Rampen und Treppen, die zu h�her gelegenen Bereichen f�hrten. Das kathedralenartige Dach hoch �ber ihren K�pfen schien gro�e L�cher aufzuweisen oder die Ruinen nicht vollst�ndig abzudecken, denn manchmal, wenn der Wind den Dunst f�r ein paar Augenblicke zerstreute, sah Vivana den gl�henden Himmel anstelle der riesigen Rippenb�gen. Turmhohe Steinw�lle wuchsen aus dem Felsenboden, einige massiv, andere von waben�hnlichen Gewirren aus Kammern und G�ngen durchsetzt. Welchem Zweck all das einst gedient hatte, blieb ein Geheimnis.</p><p>�Ich frage mich, wo der ganze Aetherdampf herkommt�, bemerkte Vivanas Vater irgendwann.</p><p>�Meinst du den goldenen Nebel?�</p><p>�Ich habe noch nie so viele Mengen davon gesehen�, fuhr er fort. �Irgendetwas muss ihn freigesetzt haben... eine unvorstellbar zerst�rerische Kraft.�</p><p>Vivana dachte an ihre Vision, an den Krieg des Verlorenen Volkes gegen die D�monen. �Magie?�</p><p>Er gab keine Antwort. �Seltsam ist auch, dass er sich nicht verfl�chtigt. Normalerweise h�lt er sich keine f�nf Minuten in der Luft. Vielleicht liegt es an den Lichtmauern. Wenn das Pand�monium wirklich ein geschlossener Raum ist, wie Lucien behauptet, kann der Dampf nirgendwo hin. Bei Tessarion, ich w�nschte wirklich, ich h�tte meine Messger�te mitgenommen. Dieser Ort ist eine Goldgrube f�r die Wissenschaft...� Mit unzufrieden gerunzelter Stirn z�ckte er sein B�chlein und machte sich Notizen.</p><p>Vivana seufzte. �Kann das nicht warten, bis wir Liam gefunden haben?�</p><p>Er hob den Kopf, noch ganz gefangen in seinen �berlegungen. �Ja. Nat�rlich�, sagte er. �Tut mir leid. Eine Berufskrankheit, sch�tze ich. Du hast recht: Liam ist jetzt wichtiger.� Er steckte sein Notizbuch weg.</p><p>Am Flussufer hielten sich hier und da kleinere Gruppen von verdammten Seelen auf, die sie jedoch ohne besondere M�he umgehen konnten. D�monen schien es hier keine zu geben � zumindest hatten sie bisher keinen einzigen gesehen. Trotzdem bestand Lucien darauf, dass sie stets zusammenblieben, denn auch ohne D�monen waren die uralten und einsturzgef�hrdeten Ruinen alles andere als ungef�hrlich.</p><p>Schlie�lich versperrte ihnen ein Tr�mmerbrocken von der Gr��e des Bradoster Magistratspalastes den Weg. Der gewaltige Block war vermutlich von weit oben heruntergefallen und hatte im Umkreis von mehreren hundert Schritt den Uferfels zerschmettert. Das aschegraue Flusswasser staute sich dahinter und quoll sch�umend durch die Engstelle zwischen der Barriere und der Steilwand. Die im Wasser gefangenen Seelen schrien hier besonders laut, so als litten sie Schmerzen.</p><p>Hinter dem Tr�mmerbrocken war die Ruine offenbar zu Ende � Vivana sah keine weiteren Pfeiler und Mauern, nur noch nackten Fels. Folglich hatten sie das gesamte Ufer innerhalb des Bauwerks abgesucht.</p><p>M�de suchten sie sich eine Stelle zum Rasten. Da in der N�he des Flusses wegen der Schreie an Ruhe oder gar Schlaf nicht zu denken war, drangen sie tiefer in die Ruine vor. In einem kaum einsehbaren Hohlraum unter einem umgest�rzten Pfeiler schlugen sie schlie�lich ihr Lager auf.</p><p>Gleich nach dem Aufwachen setzten sie die Suche fort. Die Ruine systematisch abzulaufen, war wegen der unregelm��igen Architektur der Anlage und der zahllosen Hindernisse in Form von Schutthaufen, Felsspalten und Mauern so gut wie unm�glich. Vivanas Vater schlug deshalb vor, einen Lageplan des Bauwerks anzufertigen, damit sie wenigstens einen groben �berblick �ber das Gel�nde bekamen und nicht Gefahr liefen, im Kreis zu gehen. Er begann, auf einer Doppelseite seines Notizbuches eine Skizze anzufertigen. Lucien stand dem Vorhaben anfangs skeptisch gegen�ber, doch als er feststellte, dass Vivanas Vater �ber ein au�ergew�hnliches r�umliches Vorstellungsverm�gen verf�gte und der Lageplan mit der Zeit Form annahm, schwanden seine Zweifel.</p><p>Viele Stunden lang wanderten sie durch die Ruinen, riefen Liams Namen, leuchteten mit ihrer Karbidlampe in dunkle �ffnungen � und fanden trotzdem nicht den kleinsten Hinweis darauf, ob Liam je hier gewesen war, geschweige denn, ob er noch lebte. Laut ihrer Karte hatten sie nicht einmal ein Zehntel des Bauwerks abgesucht. Vivana sagte sich immer wieder, dass sie Geduld haben musste, dass sie so lange nicht die Hoffnung aufgeben durfte, bis sie nicht auch den Rest durchk�mmt hatten. Trotzdem schwand ihre Zuversicht zusehends. Die Ruine war so un�bersichtlich, dass sie Liam mit hoher Wahrscheinlichkeit einfach �bersahen, selbst wenn sie noch so gr�ndlich suchten. Was, wenn er in einem der zahllosen Felsl�cher lag, bewusstlos oder so schwer verletzt, dass er nicht auf sich aufmerksam machen konnte? Oder wenn er sich irgendwo in den unerreichbaren H�hen des Bauwerks befand, gefangen in einer fensterlosen Kammer tausend Schritt �ber dem Erdboden? Je l�nger Vivana dar�ber nachdachte, desto aussichtsloser erschien ihr ihre Suche, und am Ende des Tages war sie deswegen so verzweifelt, dass sie heimlich weinte.</p><p>Sie w�rden Liam niemals finden. Und sie w�rde nie erfahren, was mit ihm geschehen war.</p><p>Schlie�lich kehrten die Gef�hrten zu ihrem Lagerplatz unter dem geborstenen Pfeiler zur�ck. Niedergeschlagen a�en sie ein paar Bissen und legten sich hin. Der Tatzelwurm passte auf sie auf, w�hrend sie schliefen. In den vergangenen Tagen hatten sie gelernt, seinen scharfen Sinnen zu vertrauen.</p><p>Deswegen war Vivana sofort hellwach, als Ruac sie mit der Schnauze anstie�. Sie setzte sich auf und griff nach ihrem Messer. Es war still, abgesehen vom leisen Schnarchen ihres Vaters, der genau wie Lucien tief und fest schlief.</p><p>�Was ist los?�, fl�sterte sie.</p><p>Ruac z�ngelte und starrte mit aufgerichteten R�ckenstacheln zum Eingang ihres Schlupflochs. Vorsichtig sp�hte sie nach drau�en, konnte jedoch nichts Auff�lliges entdecken.</p><p>Sie weckte ihre Begleiter. Ihr Vater brauchte eine Weile, um zu sich zu kommen. Lucien dagegen war augenblicklich munter und erfasste mit einem Blick auf Ruac die Situation.</p><p>�Ist da drau�en jemand?�</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte sie. �Irgendetwas hat Ruac gewittert.�</p><p>Er griff nach seinem G�rtel und zog einen Dolch. Als er gerade zum Eingang schleichen wollte, fiel etwas auf den Schutt, der in der �ffnung lag, und rutschte in den Hohlraum.</p><p>Vivana hielt vor Schreck die Luft an. Dann erst sah sie, um was es sich handelte.</p><p>�Meine Tasche!�, rief sie.</p><p>Sie hob das Lederst�ck auf. Kein Zweifel, es war die Umh�ngetasche, die sie mitgenommen hatte, als sie mit Liam in die Gem�cher von Lady Sarka eingedrungen war. Mit zitternden Fingern �ffnete sie die Verschl�sse. Darin steckte ein Buch.</p><p>�Das Gelbe Buch von Yaro D�ar!� Vivana musste sich zwingen, nicht zu schreien. �Versteht ihr, was das hei�t? Liam ist hier. Er w�rde nie ohne das Buch weggehen.�</p><p>�Das ergibt doch keinen Sinn�, sagte Lucien. �Wenn er hier ist, wieso wirft er die Tasche herein, anstatt herzukommen?�</p><p>Vivana h�rte ihm schon nicht mehr zu. Sie legte die Tasche auf den Boden und kletterte den Schutt hinauf. Lucien rief ihr etwas nach, doch da war sie bereits drau�en und hastete auf den freien Platz vor den Tr�mmern. Ihr Herz pochte so heftig, dass sie kaum noch Luft bekam. Liam lebte, sie hatte es immer gewusst. Und nun sah sie ihn endlich wieder, obwohl sie die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte.</p><p>�Liam!�, rief sie. �Bist du da?�</p><p>Sie h�rte ein Ger�usch und drehte sich um. Eine Gestalt sprang von einem der Schutthaufen, die den Zugang ihres Unterschlupfs umgaben.</p><p>Liam.</p><p>Sein Gesicht, seine H�nde waren schwarz vor Schmutz, sein blondes Haar stand verfilzt in alle Richtungen ab, seine Kleider glichen Lumpen � aber er war wohlauf, unverletzt, am Leben. Vivana lachte vor Gl�ck, als sie zu ihm rannte, und Tr�nen liefen ihr �ber die Wangen.</p><p>Aber warum kam er ihr nicht entgegen? Er stand einfach da, reglos wie eine Statue, das Gesicht unbewegt. Vivana ging langsamer. �Bist du in Ordnung?�, fragte sie verunsichert.</p><p>Keine Antwort. Nicht einmal der kleinste Laut. Seine Augen waren stumpf, ausdruckslos.</p><p>Erkannte er sie wom�glich nicht? Hatte er so viel durchgemacht, dass er sich nicht an sie erinnerte?</p><p>�Liam, ich bin�s�, sagte sie. �Freust du dich nicht?�</p><p>Pl�tzlich trat Leben in seine Augen, erf�llte sie mit einem seltsamen Glanz, einem dunklen Feuer � und seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. �Liam ist tot, kleiner Mensch�, kr�chzte er. �Sein K�rper geh�rt jetzt mir, und ich gebe ihn nie wieder her.�</p><p>Seine Hand schnellte vor und schloss sich um ihre Kehle.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>17</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Albtr�ume</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>W</strong>�hrend die Wochen vergingen, lernte Jackon, in den Tr�umen zu k�mpfen.</p><p>Er �bte wie ein Besessener. Jedes Mal, wenn ihn das Morphium so m�de machte, dass er sich hinlegen musste, jede Nacht, wenn er schlief, wanderte er durch seine Tr�ume, auf der Suche nach der T�r seines Seelenhauses. Er wurde so gut darin, dass er bald nur noch wenige Augenblicke brauchte, sie aufzusp�ren. Sowie er sie gefunden hatte, �ffnete er sie und sprang zu einem kleinen Platz in der N�he, auf den er bei seinen Streifz�gen gesto�en war. Hohe Geb�ude umgaben das gepflasterte Areal, mehrst�ckige Seelenh�user mit T�rmen und steilen Giebeld�chern, die ihn, so hoffte er, vor Aziels Blicken verbargen.</p><p>Dort erschuf er Tr�ume.</p><p>Es funktionierte tats�chlich so �hnlich wie Springen. Er musste sich die Tr�ume nur vorstellen, und schon erschienen sie: Produkte seiner Phantasie, denen die Traumsubstanz, die er gegessen hatte, K�rper und Form verlieh. Sie wuchsen aus seiner Hand, unf�rmige Blasen, die zu Boden fielen, sich aufbl�hten und schlie�lich die Gestalt annahmen, die er f�r sie vorgesehen hatte.</p><p>Es war leichter als gedacht. Jackon hatte in seinem Leben schon so viele Albtr�ume gehabt, dass an Angst einf��enden Ausgeburten seines Unterbewusstseins wahrlich kein Mangel herrschte. Er erschuf mordl�sterne Ghule und missgestaltete Riesen. Lebendig gewordene Schatten aus den Tiefen der Katakomben. Monstr�se Kanalratten. Ungeheuer mit Schwingen und Klauen. Spinnen, so gro� wie eine Droschke und mit vor Gift triefenden Bei�werkzeugen. Und wenn ihm doch einmal die Ideen ausgingen, musste er nur einen Blick in die Fenster der umliegenden Seelenh�user werfen. Irgendwo hatte immer jemand einen Albtraum, aus dem er sich Anregungen f�r neue Abscheulichkeiten holen konnte.</p><p>Anfangs wirkten seine Kreaturen noch unfertig und verschwommen. Mit wachsender �bung gelang es ihm jedoch, ihnen mehr Substanz und Kontur zu geben, sodass er manchmal vor seinen eigenen Sch�pfungen erschrak, so lebensecht und real erschienen sie ihm. Er lernte, ihnen mit reiner Willenskraft Leben einzuhauchen und sie Kraft seines Verstandes wie Marionetten zu steuern, sie zu bewegen und mit Fangz�hnen, F�usten, Klauen und Stacheln angreifen zu lassen.</p><p>Er schuf zwei Albtr�ume und lie� sie gegeneinander k�mpfen. Nachdem er diese �bung gemeistert hatte, rief er vier Nachtmahre herbei und hetzte sie aufeinander. Dann sechs. Dann eine ganze Horde. Es kostete ihn seine gesamte Kraft, so viele verschiedene Gesch�pfe zu kontrollieren, und mehr als einmal f�rchtete er, vor Ersch�pfung zusammenzubrechen und seinem Verstand damit unheilbaren Schaden zuzuf�gen. Doch er meisterte auch diese Herausforderung. Und er wurde immer besser.</p><p>All das tat er, um sich auf seine unvermeidliche Konfrontation mit Aziel vorzubereiten. Immer neue Variationen des Kampfes dachte er sich aus und spielte sie durch, damit er mit jeder erdenklichen Situation fertigwerden konnte.</p><p>Die Traumsubstanz hielt erstaunlich lange. Erst nach einer Woche war sie aufgebraucht. In einem Seelenhaus, das die Boten gerade beliefert hatten, holte er sich neue.</p><p>Nicht nur Albtr�ume konnte man mit der silbrigen Materie erschaffen, sondern alles, was einem in den Sinn kam: Mauern, hinter denen man sich verstecken konnte. Messerscharfe Dornen, die unversehens aus dem Boden wuchsen. R�stungen, die einen vor Angriffen sch�tzten. Und jede erdenkliche Waffe � Dolche, Schwerter, �xte, Speere, Armbr�ste und Pistolen. Jackon machte bei seinen �bungen ausgiebig davon Gebrauch. Er erschuf sich einen Helm und einen Brustpanzer, wie ihn die Soldaten von Lady Sarka trugen, befahl seinen Albtr�umen, ihn anzugreifen, und verteidigte sich, indem er Speere auf seine Kreaturen warf, mit dem Schwert nach ihnen schlug oder sie mit dornenbewehrten Keulen zerschmetterte. So lernte er nicht nur, Angriffe abzuwehren; auf diese Weise entdeckte er au�erdem die Schwachstellen seiner Kreaturen und konnte sie beim n�chsten Mal st�rker und widerstandsf�higer machen.</p><p>Zu Anfang war es allein sein Pflichtbewusstsein, das ihn dazu trieb, Nacht f�r Nacht zu �ben. Lady Sarka hatte ihm ein besseres Leben geschenkt, zum Dank daf�r, dass er ihr diente � deshalb musste er tun, was sie befahl. Nach zwei Wochen jedoch begann er, Gefallen daran zu finden. Er hatte schon fast vergessen, wie gro�artig es sich anf�hlte, seine Gabe zu entfalten und die Macht auszukosten, die er dadurch gewann. Es war wie in der unbeschwerten Anfangszeit seiner Ausbildung, als er seine erwachenden Kr�fte benutzt hatte, um sich an seinen alten Feinden zu r�chen � nur dass seine F�higkeiten inzwischen weitaus gr��er waren.</p><p>Und sie wuchsen stetig weiter. Mit jedem Tag, den er auf dem kleinen Platz �bte und Albtr�ume aufmarschieren lie�, wurde er st�rker. Lady Sarka hatte Recht: Bald w�rde er m�chtig sein, m�chtiger noch als Corvas und Umbra. In ganz Bradost w�rde man ihn f�rchten. Und nicht nur in Bradost � �berall da, wo Menschen tr�umten. In Torle, in Yaro D�ar, in jedem Land der Welt.</p><p>Ein ungeheures Gl�cksgef�hl durchstr�mte Jackon bei dieser Vorstellung.</p><p>Am meisten freute ihn, dass Aziel ihn f�rchtete. W�hrend all der Wochen zeigte sich der Herr der Tr�ume kein einziges Mal. Er wagte sich nicht aus seinem Versteck, aus Angst vor Jackons Macht. Manchmal sa� Jackon auf dem Turm in der N�he seines Seelenhauses, beobachtete den fernen Palast und w�re am liebsten vor seine Tore gesprungen, um Aziel aufzufordern, sich ihm zu stellen. Es war nicht so, dass er keine Angst mehr vor dem Herrn der Tr�ume hatte � im Gegenteil, manchmal war seine Furcht so stark, dass er nicht schlafen konnte. Aber gr��er noch war sein Verlangen nach Rache, besonders an Tagen, wenn seine Verletzung trotz Doktor Addocks Heilkunst wieder zu schmerzen begann. Dann sehnte er sich danach, es Aziel heimzuzahlen.</p><p>Nicht mehr lange, und er w�rde stark genug sein, ihn herauszufordern.</p><p>All das erz�hlte er Liam. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jede Nacht zu dessen Seelenhaus zu gehen, durch die Flure und Zimmer zu wandern und dar�ber zu sprechen, was am Tag zuvor geschehen war. Das half ihm, seine Gedanken zu ordnen, wenn er bei seinen �bungen nicht weiterkam und ihn Zweifel und �ngste plagten. Denn w�hrend er das tat, hatte er das Gef�hl, Liam h�re ihm zu. Nat�rlich wusste er, dass das nicht sein konnte, aber das war ihm egal. Er war gerne hier. In den Kammern der Sternwarte f�hlte er sich nicht ganz so einsam wie in Lady Sarkas Palast.</p><p>Er hatte aufgeh�rt, dar�ber nachzugr�beln, warum das Seelenhaus noch nicht verschwunden war, obwohl Liams Tod inzwischen mehr als vier Wochen zur�cklag. Er nahm es einfach hin, so wie all die anderen Ver�nderungen, die seit einiger Zeit die Stadt der Seelen heimsuchten. Vielleicht, dachte er eines Nachts, verschwand es nicht, weil er sich tagt�glich an Liam erinnerte. Glaubten nicht manche Menschen, man sei erst dann wirklich tot, wenn niemand mehr an einen dachte? Er verstand nichts von solchen Dingen, aber wenn es seine Aufgabe war, die Erinnerung an seinen Freund zu bewahren, w�rde er sie erf�llen, so lange er konnte. Das war er Liam schuldig.</p><p>Als Jackon sp�ter in der Nacht zu seinem eigenen Seelenhaus zur�ckkehrte, machte er eine seltsame Entdeckung.</p><p>Es schien gewachsen zu sein.</p><p>Beunruhigt betrachtete er Mauern und Dach des unscheinbaren Geb�udes. Ja, kein Zweifel, es wirkte h�her und ger�umiger und wies einen Erker auf, der gestern noch nicht da gewesen war. Er ging um das Haus herum. Auf der R�ckseite entdeckte er einige neue Mauervorspr�nge. Offenbar wuchs es weiter und war im Begriff, einen neuen Trakt herauszubilden.</p><p>Jackon biss sich nerv�s auf die Unterlippe. Seit dem Verschwinden der Alben ver�nderten sich immer mehr Seelenh�user, verfielen oder wucherten oder sahen von heute auf morgen anders aus. Aus irgendeinem Grund war ihm nie der Gedanke gekommen, dass davon eines Tages auch seines betroffen sein k�nnte.</p><p>W�hrend der vergangenen Wochen war er zu besch�ftigt gewesen, um sich n�her mit den Ver�nderungen in der Stadt auseinanderzusetzen. Wenn ihm Tr�ume begegneten, die aus einem verfallenden Seelenhaus entkommen waren und durch die Gassen irrlichterten, ging er ihnen aus dem Weg; Boten und Sammler, die sich merkw�rdig verhielten, versuchte er nicht zu beachten. Trotzdem war ihm nicht entgangen, dass das Durcheinander von Tag zu Tag schlimmer wurde. Welche Auswirkungen das auf die Seelen der Tr�umenden hatte, konnte er nicht einsch�tzen � vermutlich keine guten.</p><p>Lady Sarka hatte ihm befohlen, sich �ber all das nicht den Kopf zu zerbrechen, sondern sich auf seine Ausbildung zu konzentrieren. Das war leichter gesagt als getan, wenn sich das eigene Seelenhaus zu ver�ndern begann.</p><p>Er musste noch einmal mit ihr dar�ber reden.</p><p>Jackon �ffnete die T�r und trat ein. Seine Tr�ume, die geruht hatten, w�hrend er drau�en gewesen war, erwachten und erf�llten das Haus mit irisierenden Bildern und fl�sternden Stimmen. Er beachtete sie nicht, sondern richtete seine gesamte Willenskraft darauf, aufzuwachen. Auch das hatte er in den vergangenen Wochen zur Meisterschaft gebracht: Wenn er wollte, konnte er die Stadt der Seelen jederzeit verlassen und in die Wachwelt zur�ckkehren.</p><p>Er schlug die Augen auf und fand sich in seinem Bett wieder. Es war bereits Tag � Sonnenstrahlen sickerten durch die geschlossenen Fensterl�den seines Zimmers. Seine Wunde schmerzte wie jeden Morgen, aber l�ngst nicht mehr so schlimm wie noch vor einer Woche. Sie verheilte so gut, dass Doktor Addock den Verband abgenommen hatte. Inzwischen kam er sogar ohne Morphium aus.</p><p>Jackon rief sich ins Ged�chtnis, was er sich in den Tr�umen vorgenommen hatte. Eilig stand er auf, wusch sich und kleidete sich an. Kurz darauf kam Cedric herein und brachte ihm das Fr�hst�ck.</p><p>�Keine Zeit!�, sagte er und hastete an dem Diener vorbei, der indigniert eine Augenbraue hob.</p><p><emphasis>Bl�dmann</emphasis>, dachte Jackon. Er eilte zum Kuppelsaal, ging zur T�r auf der Empore und klopfte an.</p><p>Umbra �ffnete ihm.</p><p>�Ich muss mit der Herrin sprechen.�</p><p>�Komm rein�, sagte die Leibw�chterin. �Sie wartet schon auf dich.�</p><p>Lady Sarka erwartete ihn? <emphasis>Nat�rlich</emphasis>, dachte er. <emphasis>Heute ist Samstag.</emphasis> Samstags traf er sich stets mit ihr und berichtete, wie er mit seinem Training vorankam.</p><p>Sie sa� in einem Erker und unterzeichnete im Licht der Morgensonne Dokumente, die sie von einem Stapel nahm. L�chelnd begr��te sie ihn und schob die Papiere zur Seite, damit er sich zu ihr an den kleinen Tisch setzen konnte. Dann erkundigte sie sich, ob er bei seinen �bungen Fortschritte machte, woraufhin er ein paar einsilbige Antworten gab.</p><p>�Du bist heute so still�, sagte sie nach einer Weile. �Stimmt etwas nicht?�</p><p>Jackon gab sich einen Ruck. �Mein Seelenhaus�, begann er, �es ver�ndert sich.�</p><p>�Inwiefern?�</p><p>�Es wird gr��er.�</p><p>�Nun, das war zu erwarten�, entgegnete Lady Sarka.</p><p>�Aber was mache ich, wenn es weiterw�chst und die Nachbarh�user kaputt macht? Oder wenn es anf�ngt zu zerfallen wie die vielen anderen Seelenh�user und meine Tr�ume nicht mehr...�</p><p>�Beruhige dich�, unterbrach sie ihn. �Was mit deinem Seelenhaus geschieht, hat nichts mit dem Chaos in den Traumlanden zu tun. Es ist ein vollkommen normaler Vorgang. Du bist gerade dabei, dich zu ver�ndern � also ver�ndert sich auch die Zuflucht deiner Seele.�</p><p>Er war so verbl�fft, dass ihm f�r einen Moment die Worte fehlten. �Wirklich?�</p><p>�Nat�rlich. Du wei�t doch, dass Seelenh�user ein Abbild unserer Pers�nlichkeit sind. Unbedeutende und schwache Seelen haben kleine H�user, w�hrend willensstarke und kluge in pr�chtigen Pal�sten wohnen. Du bist nicht mehr der kleine Schlammtaucher, der vor allem und jedem Angst hat. Du bist jetzt Jackon, der Traumwanderer. Dir steht ein gr��eres Seelenhaus zu.�</p><p>So hatte er das noch gar nicht betrachtet. Aber so, wie Lady Sarka es erkl�rte, ergab es einen Sinn. <emphasis>Jackon, der Traumwanderer.</emphasis> Stolz stieg in ihm auf. Pl�tzlich erschien es ihm wie die selbstverst�ndlichste Sache der Welt, dass sein Seelenhaus wuchs.</p><p>Ein m�chtiges Haus f�r eine m�chtige Seele...</p><p>�Also mach dir keine Gedanken�, fuhr sie fort. �Es ist alles in bester Ordnung.�</p><p>Er beruhigte sich, zumindest was den Zustand seines Seelenhauses betraf. Allerdings waren da noch all die anderen Dinge, die er beobachtet hatte...</p><p>Lady Sarka sp�rte, dass ihn etwas bedr�ckte. �M�chtest du mir noch etwas sagen?�, fragte sie.</p><p>�Das Durcheinander in den Tr�umen... Die Boten und Sammler, die nicht mehr gehorchen... Ich glaube, es wird immer schlimmer.�</p><p>Der Klang ihrer Stimme ver�nderte sich, wurde h�rter, ungeduldiger. �Ich habe dir doch gesagt, dass du dir dar�ber nicht den Kopf zerbrechen sollst. Deine Ausbildung ist jetzt alles, was z�hlt.�</p><p>�Ich mache mir eben Sorgen�, beharrte er.</p><p>Lady Sarka seufzte. �Also gut. H�r mir zu, Jackon. Was gerade in der Stadt der Seelen geschieht, ist nur eine Phase des �bergangs. Du brauchst deswegen keine Angst zu haben. Bald schon haben sich die Tr�ume stabilisiert, auch ohne die Alben. Dann wird alles wieder so sein, wie es immer war.�</p><p>�Seid Ihr sicher?�</p><p>�Habe ich mich jemals geirrt?�</p><p>�Nein�, gab er z�gernd zu.</p><p>�Die Tr�ume sind widerstandsf�higer, als du glaubst. Vertrau mir.� Sie l�chelte ihn an, und der letzte Rest seiner Bedenken schwand.</p><p><emphasis>Die Herrin hat Recht</emphasis>, dachte er wenig sp�ter, als er die Bibliothek verlie�. <emphasis>Ich habe Besseres zu tun, als mir den Kopf �ber solche Sachen zu zerbrechen. Ich bin jetzt ein Traumwanderer.</emphasis></p><p>Und das war das letzte Mal, dass er �ber den Zustand der Tr�ume nachdachte.</p><empty-line/><empty-line/><p>Vorsichtig �ffnete Umbra die T�r des Labors und warf einen Blick durch den Spalt. Erst als sie sicher war, dass sie nicht damit rechnen musste, von kochend hei�en D�mpfen verbr�ht oder von giftigen Gasen ver�tzt zu werden, trat sie ein.</p><p>Die �fen waren kalt. Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie die alchymistischen Apparaturen auf dem Steintisch und die Werkzeuge und Chemikalien in den Regalen. Alles war nagelneu, vom kleinsten St��el bis zum Athanor, denn Silas Torne hatte noch am Tag seines Einzuges daf�r gesorgt, dass eine moderne Laboreinrichtung angeschafft wurde. Umbra wagte nicht daran zu denken, was all das gekostet hatte.</p><p>Ihre Miene verfinsterte sich, als sie Tornes neueste Erwerbung entdeckte: die Zentrifuge. Das Messingunget�m stand auf drei Beinen in einer Ecke und glitzerte provozierend im Licht der Gaslampen. Zwei H�ndler aus dem Kessel hatten sie geliefert und dreist achthundert Silberschilling daf�r verlangt. Achthundert! Wenn Cedric oder ein anderer Diener eigenm�chtig so viel Geld ausgegeben h�tte, h�tte Lady Sarka ihn in hohem Bogen hinausgeworfen. Aber Torne durfte das, obwohl er sich nicht einmal die M�he machte, zu erkl�ren, wof�r genau er all die teuren Ger�tschaften brauchte.</p><p><emphasis>Ich hoffe f�r dich, dass das Geld gut angelegt ist</emphasis>, dachte Umbra, w�hrend sie das Chaos neben dem Steintisch durchquerte<emphasis>. Sonst wirst du dir gleich w�nschen, du w�rst zusammen mit deiner H�tte verbrannt.</emphasis></p><p>�Torne?�, rief sie. �Komm raus, wenn du da bist.�</p><p>�Was willst du?�, erklang die Stimme des Alchymisten.</p><p>Umbra stieg �ber eine Kiste voller Tiegel und Phiolen, stie� sich das Schienbein an einem Eisenkessel und humpelte fluchend zum hinteren Teil des Labors, wo sie einen Vorhang zur Seite riss. Silas Torne stand vor ihr � splitterfasernackt. Blutegel krochen �ber seinen von Geschw�ren und Ekzemen entstellten K�rper und zogen Schleimspuren �ber die totenbleiche Haut.</p><p>Sie brauchte einen Moment, bis sie ihre Fassung zur�ckerlangte. �Wieso bist du nicht im Kuppelsaal? Lady Sarka wartet auf dich!�</p><p>�So? Weswegen denn?�</p><p>�Wei�t du nicht, was heute f�r ein Tag ist?�</p><p>�Samstag, wenn mich nicht alles t�uscht.�</p><p>Umbra versuchte angestrengt, nicht auf Tornes verschrumpeltes Gem�cht zu schauen. �Nein! Ich meine, nat�rlich ist heute Samstag, aber das ist �berhaupt nicht der Punkt. Worauf ich hinauswill, ist, dass wir, also sie...� Sie blinzelte. �Verdammt, Torne, zieh dir was an. So kann ich mich nicht konzentrieren.�</p><p>Der Alchymist machte keine Anstalten, sich zu bedecken. Er hockte sich auf einen Schemel und stellte die F��e in eine Kupferwanne mit gr�nlicher Fl�ssigkeit. Seelenruhig holte er zwei weitere Blutegel aus einem Einmachglas und setzte sich einen auf den Arm und den anderen auf den Bauch. Schaudernd stellte Umbra fest, dass die Tiere irgendetwas mit seinen Geschw�ren anstellten.</p><p>�Du wolltest etwas sagen�, erinnerte Torne sie.</p><p>�Du sollst in den Kuppelsaal kommen und Lady Sarka den Doppelg�nger �bergeben.�</p><p>�Das kann nicht sein. Der Termin ist fr�hestens in zwei Wochen.�</p><p>�Du hattest sechs Wochen, und die sind um. Auf den Tag genau.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Ja! Also, wo ist er?�</p><p>Torne lehnte sich zur�ck und starrte ins Nichts.</p><p>�Es gibt keinen Doppelg�nger, richtig?�, fragte Umbra.</p><p>�Es gibt schon einen.�</p><p>�Aber?�</p><p>�Er ist nicht hier.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Ich dachte, es g�be noch einen Doppelg�nger in Bradost, den ich aufsp�ren und einfangen k�nnte, doch das war ein Irrtum. Offenbar hat er die Stadt schon vor einer Weile verlassen. Jetzt suche ich woanders. Allerdings ist das aufw�ndiger und langwieriger, als ich erwartet habe.�</p><p>�Mit anderen Worten: Du hast versagt.�</p><p>�Ich brauche nur mehr Zeit.�</p><p>�Du hattest genug Zeit�, knurrte Umbra. �Wei�t du, was ich glaube? Du hast �berhaupt nicht gesucht. Du hast dir ein sch�nes Leben auf Lady Sarkas Kosten gemacht, Unsummen f�r die Zentrifuge und den ganzen anderen Plunder verprasst und sechs Wochen lang wei� Gott was getrieben. Ich h�tte es mir denken k�nnen. Ich war von Anfang an dagegen, mit einem L�gner und Giftmischer wie dir Gesch�fte zu machen. Aber du hast uns lange genug zum Narren gehalten. Pack deine Sachen. In einer Stunde komme ich wieder. Wenn du dann noch hier bist, gnade dir Tessarion.�</p><p>�Du willst mich vor die T�r setzen?�, fragte Torne.</p><p>�Ich kann dich auch zu Lady Sarka bringen, damit du ihr pers�nlich erkl�rst, warum sie keinen Doppelg�nger bekommt, wenn dir das lieber ist.�</p><p>Der Alchymist beugte sich nach vorne, und sein gesundes Auge glitzerte b�se. �Darf ich dich daran erinnern, dass wir eine Abmachung haben? Sie lautet: Ich beschaffe euch einen Doppelg�nger, und ihr seid mir im Gegenzug dabei behilflich, Lucien zu finden. Du hast mir sogar zugesichert, ihr w�rdet die Geheimpolizei und Corvas� Kr�hen auf ihn ansetzen. Aber passiert ist bis jetzt nichts. Wenn also jemand einen Grund hat, sich �ber ausbleibende Resultate zu beklagen, bin ich das.�</p><p>�Im Gegensatz zu dir haben wir versucht, unseren Teil der Abmachung zu erf�llen. Corvas� Leute gehen seit Wochen jedem Hinweis nach. Dass sie Lucien noch nicht gefunden haben, ist nicht unsere Schuld.�</p><p>�Du willst mir weismachen, Bradosts gef�rchtete Geheimpolizei sei nicht in der Lage, ein einzelnes Schattenwesen aufzusp�ren?�</p><p>�Lucien ist kein Kleinkrimineller aus dem Rattennest. Du wei�t selbst, wie gerissen er ist. Au�erdem ist nicht gesagt, dass er sich noch in Bradost aufh�lt. Einiges deutet daraufhin, dass er Wind von der Sache bekommen und die Stadt verlassen hat.�</p><p>�Ach so ist das�, sagte Torne. �Ich werde beim kleinsten Auftreten von Schwierigkeiten an die Luft gesetzt, aber wenn ihr an einer simplen Aufgabe scheitert, habe ich das klaglos hinzunehmen. Wenn ich gewusst h�tte, dass das eure Vorstellung von einem Gesch�ft ist, h�tte ich mich nie darauf eingelassen.�</p><p>Umbra schwieg w�tend. Torne hatte das unangenehme Talent, jeden Angriff auf sich in einen Vorteil umzum�nzen. Seiner unversch�mten und hinterh�ltigen Art war sie nicht gewachsen.</p><p>�Ich mache dir einen Vorschlag�, fuhr der Alchymist fort. �Wir vergessen diese Unterhaltung und machen weiter wie gehabt. Ich beschaffe euch einen Doppelg�nger, den ihr bekommt, sowie ihr mir Lucien gebracht habt. Das ist euch hoffentlich ein Ansporn, eure Suche von nun an mit ein wenig mehr Einsatz zu betreiben.�</p><p>Umbra gab auf. �Wie viel Zeit brauchst du?�, fragte sie barsch.</p><p>�Noch einmal sechs Wochen.�</p><p>�Du kriegst zwei.�</p><p>�Sechs Wochen. Oder ich erz�hle in der ganzen Stadt herum, dass die Geheimpolizei ein Haufen unf�higer Trottel ist.�</p><p>Umbra versp�rte das starke Bed�rfnis, ihn mit seinem eigenen Schatten zu erw�rgen. �Gut. Aber keinen Tag l�nger. Und glaub ja nicht, du kannst uns �bers Ohr hauen, hast du verstanden?�</p><p>�Nichts liegt mir ferner. Jetzt lass mich bitte allein. Ich muss mich ausruhen. Gespr�che mit dir sind immer so erm�dend.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>18</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die Aetherk�chen</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>er Galgen stand im Schatten der Kathedrale: ein h�lzernes Podest mit einer Treppe und sechzehn Schlingen, die von einem Querbalken hingen. Tausende hatten sich auf dem Tessarionplatz versammelt, um der Hinrichtung zuzusehen. Soldaten der Miliz sperrten den Galgen ab und sorgten daf�r, dass niemand den vier K�figwagen mit den Verurteilten zu nahe kam. Die warme Sp�tsommerluft vibrierte schier vor Anspannung.</p><p>Jackon hielt sich auf einer kleinen Trib�ne auf, die man eigens f�r diesen Anlass aufgestellt hatte. Mit Corvas, Umbra und Amander sa� er hinter Lady Sarka, die weithin sichtbar auf einem hohen Lehnsessel Platz genommen hatte. Sie trug ein pr�chtiges schwarzes Kleid, und ihre Amtskette funkelte in der Sonne. Flankiert wurde sie von einigen Beamten und W�rdentr�gern Bradosts. Jackon f�hlte sich nicht wohl inmitten all dieser m�chtigen Patrizier und Minister, doch Umbra hatte ihm klargemacht, dass er sich besser daran gew�hnte. Lady Sarka zu �ffentlichen Anl�ssen zu begleiten geh�rte nun zu seinen Aufgaben.</p><p>Es war das erste Mal, dass er in der Stadt als Leibw�chter der Lordkanzlerin in Erscheinung trat. Er hatte sich ein wenig vor diesem Tag gef�rchtet, denn er hatte erwartet, dass die Leute hinter vorgehaltener Hand �ber ihn lachten: <emphasis>Ein f�nfzehnj�hriges B�rschchen Leibw�chter der Lady? Einfach l�cherlich!</emphasis> Zu seiner Verwunderung war nichts dergleichen geschehen. In den verstohlenen Blicken, die man ihm zuwarf, sah er nichts als Ehrfurcht und Respekt. Offenbar stand sein Alter hinter dem Umstand zur�ck, dass er in Begleitung von Corvas, Umbra und Amander auftrat. Die Angst einfl��ende Aura der drei schien irgendwie auf ihn abzuf�rben.</p><p>Nachdem sich seine anf�ngliche Verwirrung gelegt hatte, fand er allm�hlich Gefallen daran, auf dieser Trib�ne zu sitzen, umgeben von einer riesigen Menschenmenge. Ganz Bradost f�rchtete ihn � genauso, wie er es sich in seinen Tr�umen ausgemalt hatte.</p><p>Die gro�e Glocke der Kathedrale begann zu schlagen. Die Soldaten �ffneten die K�figwagen und f�hrten die Verurteilten der Reihe nach auf das Podest, wo der Scharfrichter ihnen die Schlinge um den Hals legte. Einige der M�nner und Frauen in den grauen Str�flingskitteln hatte Jackon schon einmal gesehen � er erkannte in ihnen die Attent�ter, die vor einigen Wochen versucht hatten, Lady Sarka zu ermorden. Bei den anderen handelte es sich um Drahtzieher und Hinterm�nner der Verschw�rung. Au�erdem waren zwei M�nner darunter, die nichts mit dem Attentat zu tun hatten. Sie waren in der Nacht nach dem Ph�nixtag verhaftet worden, denn sie steckten hinter dem verheerenden Aufruhr auf dem Ph�nixplatz.</p><p>Der Scharfrichter entrollte eine Liste und las der Menge vor, weswegen man die sechzehn M�nner und Frauen zum Tod verurteilt hatte: Teilnahme an einer Verschw�rung mit dem Ziel, Lady Sarka zu t�ten. Gef�hrdung des Friedens. Hochverrat. Als der Henker anschlie�end zum Hebel der Fallt�r trat, breitete sich Totenstille auf dem Platz aus. Tausende Menschen schienen den Atem anzuhalten.</p><p>Es war nicht die erste Hinrichtung, der Jackon beiwohnte. Fr�her, als er noch in den Kan�len gelebt hatte, war er manchmal zum Hafenviertel gegangen, wenn dort Meuterer oder Piraten hingerichtet wurden. Eine morbide Neugier hatte ihn dazu getrieben, aber er hatte damit aufgeh�rt, als ihm klar geworden war, dass es ihn abstie�, Menschen sterben zu sehen. Auch jetzt h�tte er am liebsten den Blick abgewandt, doch er wollte sich vor den anderen keine Bl��e geben. Also blickte er stur geradeaus.</p><p>Der Henker legte den Hebel um. Die Fallt�r klappte auf, sechzehn Seile strafften sich. Einige der Verurteilten zappelten, bevor sie starben.</p><p>Jackon war zusammengezuckt. Er hoffte, dass es niemand bemerkt hatte. Verstohlen beobachtete er seine drei Gef�hrten. Corvas� Gesicht war so maskenhaft wie immer. Umbra wirkte abgelenkt, als w�rde sie gerade �ber etwas ganz anderes nachdenken. Amander l�chelte d�nn.</p><p><emphasis>Schweinehund</emphasis>, dachte Jackon.</p><p>Sein Ekel beim Anblick der Geh�ngten hatte nichts mit Mitleid zu tun. Der alte Jackon h�tte Mitleid gehabt. Der <emphasis>neue</emphasis> Jackon dachte daran, wie diese M�nner und Frauen Lady Sarka niedergestochen hatten, mit der Absicht, Bradost ins Chaos zu st�rzen. Wer so etwas tat, hatte es nicht besser verdient.</p><p>Anders als bei anderen Hinrichtungen, wo die Menge jubelte, wenn der M�rder oder Vergewaltiger durch die Hand des Scharfrichters starb, blieben die Leute auf dem Tessarionplatz stumm. Es gab keine ausgelassenen Rufe, niemand bewarf die Geh�ngten mit faulem Obst.</p><p>�Undankbares Pack�, h�rte Jackon Umbra murmeln, als sie Lady Sarka von der Trib�ne begleiteten.</p><p>Die Menge zerstreute sich z�gig, als k�nnten die Leute es nicht abwarten, nach Hause zu kommen. Jackon und seine Gef�hrten brachten die Herrin zu den beiden Droschken, die am Rand des Platzes warteten, und kurz darauf fuhren sie die Kupferstra�e hinunter, flankiert von einem Trupp berittener Soldaten.</p><p>Gespenstische Stille herrschte in den Gassen der Altstadt. Die Leute hatten nun gesehen, was mit Verbrechern und Rebellen geschah. Es w�rde lange dauern, bis wieder jemand wagte, gegen Lady Sarka aufzubegehren. Jackon erinnerte sich an ein Gespr�ch, das er vor langer Zeit mit Umbra gef�hrt hatte. Die Leibw�chterin hatte gesagt, als Herrscherin von Bradost sei Lady Sarka f�r das Wohl unz�hliger Menschen verantwortlich. Deshalb sei es ihre Pflicht, jeden zu vernichten, der versuche, die Ordnung zu st�ren. Jackon war anderer Meinung gewesen und hatte argumentiert, es sei falsch, Menschen einzusperren und zu t�ten.</p><p>Er musste l�cheln, wenn er daran dachte. Wie naiv er damals gewesen war. Er hatte wirklich nicht die geringste Ahnung von den politischen Zust�nden in der Stadt gehabt. Wie auch? Er war schlie�lich nur ein Schlammtaucher gewesen, mit dem geistigen Horizont einer Kanalratte. Gl�cklicherweise wusste er es inzwischen besser. Ein Moloch wie Bradost lie� sich nur mit harter Hand regieren, und Rebellen und Aufr�hrer verdienten keine Gnade. Das war nicht sch�n. Aber so sah die Welt nun einmal aus.</p><p>Nach einer Viertelstunde erreichten sie den Palast. Jackons Tag war jedoch noch lange nicht zu Ende. Schon in zwei Stunden wurde Lady Sarka in den Aetherk�chen erwartet, deshalb befahl sie ihren Leibw�chtern, rasch eine Kleinigkeit zu essen und sich frischzumachen, bevor sie weiterfuhren. Jackon ging auf sein Zimmer und zog die staubigen Kleider aus. Die Stelle, wo Seth ihn verletzt hatte, rieb er mit Salbe ein. Die Wunde war fast verheilt, er litt kaum noch Schmerzen und war wieder so kr�ftig und beweglich wie fr�her. Doch ganz verschwinden w�rde die Verletzung nie. Dicht �ber seinem Herzen befand sich eine sternf�rmige Narbe, die ihn immerzu daran erinnerte, wie knapp er dem Tod entronnen war.</p><p>Nachdem er sich umgezogen hatte, brachte Cedric ihm etwas zu essen. Jackon setzte sich und machte sich ein Brot. �Bring die schmutzigen Sachen in die W�scherei�, befahl er dem Diener.</p><p>�Gewiss. W�nschen der Herr noch etwas Kaffee?�</p><p>�Klar, her damit.�</p><p>Cedric stellte ihm eine Tasse hin, nahm die staubigen Kleider an sich und verlie� das Zimmer so lautlos wie ein Geist. Zufrieden mit sich trank Jackon einen Schluck. Von Cedrics Arroganz war kein Staubkorn mehr �brig. Vor ein paar Tagen hatte Jackon seine blasierte �berheblichkeit nicht mehr ertragen und ihn daraufhin in seinen Tr�umen aufgesucht. Er hatte ihm den Albtraum seines Lebens beschert und ihm klargemacht, dass er Nacht f�r Nacht wiederkommen w�rde, wenn Cedric sich nicht endlich benahm, wie es sich f�r einen Diener geh�rte. Seitdem war der Mann die Unterw�rfigkeit in Person und behandelte Jackon, als w�re er der Gottk�nig von Varusia.</p><p><emphasis>Wurde auch Zeit</emphasis>, dachte er mit finsterer Befriedigung. Er war ein Traumwanderer und Leibw�chter der Lordkanzlerin. Niemand tanzte ihm mehr auf der Nase herum.</p><p>Am fr�hen Nachmittag fuhren sie los � diesmal nur mit einer Droschke, denn Corvas und Amander hatten andere Aufgaben und blieben im Palast. Sie fuhren nach S�den �ber die Chim�renbr�cke, weiter zum Ph�nixplatz und am Luftschiffhafen vorbei. Jackon war noch nie auf dieser Seite des Flusses gewesen. Er konnte sich kaum sattsehen an dem Landefeld mit seinen Ankermasten, den muschel�hnlichen Hangars und den prachtvollen Luftschiffen, die zur Sonne aufstiegen und �ber den Himmel glitten, mit einer Leichtigkeit und Eleganz, die ihre Gr��e L�gen straften.</p><p>�Du bist noch nie mit einem Luftschiff gefahren, nicht wahr?�, fragte Lady Sarka.</p><p>�Nein�, murmelte Jackon.</p><p>Sie l�chelte hintergr�ndig.</p><p>Das Viertel, durch das sie anschlie�end fuhren, hatte keinen bestimmten Namen, denn es war noch recht neu. Da der Kessel l�ngst �berquoll vor Geb�uden, Maschinen und Arbeitern, wichen viele Fabrikanten in den S�den der Stadt aus und stampften beinahe t�glich neue Manufakturen, Gie�ereien und Hoch�fen aus dem Boden. Die Luft war erf�llt von Rauch, Dampf und dem Dr�hnen der Apparate. Rostige Abw�sser sammelten sich in den Kan�len und flossen ins nahe Meer. Aetherbetriebene H�ngeloren ruckelten �ber die Bleid�cher und bef�rderten F�sser, Erzbrocken und Maschinenteile zu den Sch�chten der Werkhallen.</p><p>An der Steilk�ste lagen die Aetherk�chen, ein verschachtelter Komplex aus Ziegelsteinhallen mit gusseisernen Toren, weitl�ufigen Gew�lbekellern und einem Wald aus Schloten, �ber dem Tag und Nacht eine Glocke aus goldenem Dunst hing. Das Lebenselixier der zivilisierten Welt, der Aether, wurde hier gewonnen und mit Fuhrwerken, Luftschiffen und Schaufelbarken in alle Himmelsrichtungen geliefert. Als er noch in den Kan�len gelebt hatte, waren Jackon die Aetherk�chen immer wie ein mythischer Ort erschienen, unerreichbar f�r einen Schlammtaucher. Entsprechend aufgeregt war er, als die Droschke schlie�lich vor dem Geb�udekomplex hielt. Endlich lernte er die ber�hmten Hallen kennen, ohne die Bradost in Stillstand und Chaos versunken w�re.</p><p>Lady Sarka, Umbra und er stiegen aus und fanden sich vor dem Haupttor wieder. Der gepflasterte Vorplatz summte vor Gesch�ftigkeit. Heerscharen von Arbeitern verstauten kupferne Aetherf�sser und -kapseln in Kisten und luden diese auf Paletten und Ochsenkarren. Alchymisten in flie�enden Roben eilten hin und her, manche mit krakenartigen Atemmasken vor dem Gesicht. M�nner, in lederne Schutzanz�ge geh�llt, trugen bizarr aussehende Glaskolben von Halle zu Halle oder schoben seltsame Messingapparate ins Freie, wo sie sie zerlegten.</p><p>Der Hauptmann der Soldaten, die sie begleiteten, br�llte einen Befehl, woraufhin seine M�nner Aufstellung bezogen. Augenblicklich kam die Betriebsamkeit zum Erliegen. Als die Alchymisten und Arbeiter Lady Sarka bemerkten, lie�en sie alles stehen und liegen und senkten respektvoll die K�pfe.</p><p>Jackon ging mit Umbra und der Herrin �ber den Platz und f�hlte sich wichtig und angesehen.</p><p>Ein Alchymist in einem bleigrauen Kapuzenumhang schritt ihnen entgegen, gest�tzt auf einen Stock mit silbernem Knauf. Sein Gesicht hatte eine ungesunde Farbe, bedingt durch die jahrelange Arbeit mit giftigen Substanzen. Die rechte Gesichtsh�lfte verbarg er hinter einer Porzellanmaske, seine H�nde steckten in Handschuhen. Jackon vermutete, dass der Mann schwere Verbrennungen erlitten hatte und den Anblick seiner verw�steten Haut niemandem zumuten wollte.</p><p>Er ahnte, wen er vor sich hatte: Magister Harmon, den ber�hmten Leiter der Aetherk�chen.</p><p>Der Alchymist machte eine Verbeugung, so weit es seine gebrechliche Gestalt zulie�. �Euer Gnaden�, sagte er. �Euer Besuch ist uns eine Ehre.�</p><p>Lady Sarka schenkte ihm ein L�cheln. �Die Ehre ist ganz meinerseits, Magister Harmon. Corvas hat mir berichtet, dass der Bau der neuen Halle gro�e Fortschritte macht. Ich bin gespannt darauf, die Anlagen zu besichtigen.�</p><p>�Dank Eurer Anweisungen haben die Baumeister Au�ergew�hnliches geleistet. Aber �berzeugt Euch selbst. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt.�</p><p>�Lasst mich Euch vorher meinen neuen Leibw�chter vorstellen�, erwiderte Lady Sarka. �Das ist Jackon. Er dient mir seit einigen Wochen.�</p><p>�Jackon�, wiederholte Magister Harmon mit einem warmen L�cheln. �Wir haben bereits von ihm geh�rt. Herzlich willkommen.�</p><p>Und dann � Jackon konnte es nicht fassen � verneigte sich der Magister vor ihm.</p><p>�Jackon besucht die Aetherk�chen zum ersten Mal�, fuhr Lady Sarka fort. �Es w�re ihm eine Freude, wenn Ihr ihm ein wenig von Eurer Arbeit erz�hlen k�nntet.�</p><p>�Gewiss. Ich schlage vor, dass wir einen Rundgang durch die Anlagen machen und Euren Besuch mit der Besichtigung des neuen Trakts abschlie�en.�</p><p>Sie folgten dem greisen Alchymisten durch das Haupttor in eine gro�e Halle. Die M�nner und Frauen, die sich darin aufhielten, Alchymisten und Hilfskr�fte, starrten Lady Sarka ehrf�rchtig an, woraufhin ihnen der Magister befahl, weiterzuarbeiten.</p><p>�Meine Leute sind erleichtert, dass die Attent�ter endlich hingerichtet wurden, wenn Ihr mir diese Bemerkung gestattet�, sagte Magister Harmon. �Seit Tagen reden sie von nichts anderem. Es hat ihnen sehr zu schaffen gemacht, dass unter den Verschw�rern auch zwei Alchymisten waren. Sie haben bef�rchtet, diese Verr�ter k�nnten unsere gesamte Gilde in Misskredit bringen. Ihr k�nnt Euch vorstellen, wie froh sie waren, dass der Gerechtigkeit Gen�ge getan wurde.�</p><p>�Die beiden M�nner waren verblendete Einzelt�ter und hatten nichts mit der Gilde zu tun�, erwiderte Lady Sarka. �Ich wei�, dass Eure Leute treue B�rger Bradosts sind, nicht zuletzt dank Eurer F�hrung, mein Freund. Aber dieser Vorfall ist Vergangenheit. Lasst uns nun �ber erfreulichere Dinge sprechen.�</p><p>Jackon sah sich w�hrenddessen neugierig um. Sie durchquerten die Halle auf einem eisernen Steg, der zwei Mannsl�ngen �ber dem Boden verlief. Steinerne Pfeiler mit gew�lbten Streben st�tzten die Decke, die wegen des Aetherdunstes in der Luft kaum zu erkennen war. Aus mehreren runden Sch�chten z�ngelten Flammen und leckten an gusseisernen Kesseln.</p><p>Mehr als hundert Menschen arbeiteten in der verwinkelten Halle, bedienten Zentrifugen oder andere kompliziert aussehende Apparate. Kupferrohre verbanden die Hoch�fen und Maschinen miteinander, versehen mit �berdruckventilen, die zischend Dampf absonderten. Auf Steintischen standen alchymistische Ger�tschaften � sie �hnelten jenen in den Palastlaboren, waren jedoch viel gr��er. Blubbernde Fl�ssigkeiten krochen durch die gl�sernen Stutzen und Kolben.</p><p>Welchem Zweck all das diente, war Jackon ein R�tsel.</p><p>�Ich nehme an, du wei�t, was Aether ist�, sagte Magister Harmon.</p><p>�Nicht genau�, erwiderte Jackon, der nicht die geringste Ahnung hatte.</p><p>�Aether ist der Grundstoff, aus dem jegliche Materie besteht�, erkl�rte der Alchymist. �Eine Art Urelement. Die Quintessenz der stofflichen Welt. In reiner Form handelt es sich um pure Energie, die die Kraft besitzt, tote Dinge zu beleben, wenn bestimmte Voraussetzungen erf�llt sind. Das ist der Grund, warum wir mit Aether Maschinen und Motoren antreiben k�nnen, und das obendrein weit effektiver als mit Blitzen, Brennstoffen oder anderen Energiequellen.�</p><p>Jackon bem�hte sich, eine kluge Frage zu stellen. �Wie wird er gewonnen?�</p><p>�Er ist in jedem St�ck Materie enthalten. In den Bodenplatten, diesem Handlauf, sogar in der Luft, die wir just in diesem Moment atmen. Aber es w�re zu aufw�ndig, ihn aus gew�hnlicher Materie zu extrahieren, weswegen wir nur die vier Grundelemente verwenden.�</p><p>�Wasser, Erde, Luft und, �h, Feuer.� Jackon hatte einmal geh�rt, wie der Priester, der regelm��ig zum Predigen in die Kan�le kam, dar�ber gesprochen hatte.</p><p>�Korrekt. Aus diesen vier Grundstoffen besteht die materielle Welt. Letztlich sind sie nichts anderes als verdichteter Aether.� Magister Harmon deutete auf eine Maschine, eine Art Ofen, die von zwei Alchymisten bedient wurde. Sie schlossen einen Rauchglasbeh�lter an, woraufhin der darin gefangene Blitz in die Apparatur floss. Zahnr�der und Kolben erwachten zum Leben. �Die Elektrizit�t spaltet das Wasser in dem Kupferkessel, sodass der Ofen es in reinen Aether zur�ckverwandeln kann. �hnlich verfahren wir mit den anderen Elementen.�</p><p>Jackon sah, dass die Alchymisten den frischgewonnenen Aether mit Schl�uchen in Kupferf�sser f�llten. �So einfach ist das?�</p><p>�Nicht ganz�, erwiderte der Magister l�chelnd. �Aber die wissenschaftlichen Einzelheiten w�rden dich nur langweilen. Kommt, Euer Gnaden, hier entlang.�</p><p>Sie kamen in einen Hof, wo auf einer Plattform �ber den Hallend�chern ein Luftschiff gelandet war. Die Aeronauten trugen Paletten mit Kupferf�ssern die Rampen hinauf und schafften sie in die Lader�ume der Mannschaftsgondel.</p><p>�Die Aetherk�chen arbeiten so effektiv, dass wir seit Jahren �bersch�sse produzieren�, erkl�rte Magister Harmon nicht ohne Stolz. �Aether, der in Bradost nicht ben�tigt wird, verkaufen wir ins Ausland. Nach Torle und �bersee, sogar nach Yaro D�ar, Tausende Gallonen jeden Monat. Der Aetherhandel ist die Hauptursache f�r den wachsenden Wohlstand Bradosts.�</p><p>Ergriffen betrachtete Jackon das Luftschiff, dessen silberne H�lle in der Nachmittagssonne glitzerte. Einmal nur mit solch einem Wunderwerk der Technik in den Himmel aufsteigen, einmal nur...</p><p>�Hat Euch die neue Aetherb�rse die erhofften Vorteile verschafft?�, erkundigte sich Lady Sarka.</p><p>�Sie hat unsere Erwartungen sogar noch �bertroffen�, antwortete der leitende Alchymist. �Sie erleichtert den innerst�dtischen Handel ungemein. Statt unz�hliger Kleinh�ndler haben wir nun eine �berschaubare Gruppe von lizenzierten Maklern, was sich g�nstig auf die Preise auswirkt. Und den Aetherschmuggel scheint es ebenfalls einzud�mmen.�</p><p>Jackons Blick haftete an dem Luftschiff, bis sie den Hof verlassen hatten. Doch schon im n�chsten Raum fesselte ein weiteres Wunder seine Aufmerksamkeit. Riesige Glaszylinder ragten bis zur kuppelf�rmigen Decke auf, angef�llt mit Aetherdampf, der den kreisrunden Saal in ein goldenes, beinahe magisches Gl�hen tauchte. Hier werde Aether aus der Luft gewonnen, erl�uterte der Magister und f�gte eine ausf�hrliche Erkl�rung hinzu. Jackon jedoch war von dem Anblick so gebannt, dass er nur mit einem Ohr zuh�rte. Und damit war der Rundgang noch lange nicht zu Ende. Magister Harmon f�hrte sie von einem Ende der Aetherk�chen zum anderen, und Jackon erschien es, als hielte jedes Geb�ude, jeder Raum eine neue Kuriosit�t f�r ihn bereit, �ber die er staunen konnte.</p><p>Lady Sarka hatte ihm wahrlich eine neue Welt er�ffnet, eine Welt voller �berw�ltigender �berraschungen, in der man ihn obendrein mit Respekt und Wohlwollen behandelte. Noch vor ein paar Monaten h�tte er das nie f�r m�glich gehalten.</p><p>Er war von alldem so �berw�ltigt, dass er die ganze R�ckfahrt kein Wort herausbrachte.</p><p>�Unser Ausflug hat dir offenbar gefallen�, bemerkte Lady Sarka.</p><p>Jackon nickte.</p><p>�Ausgezeichnet. Dann kannst du dich schon auf morgen freuen.�</p><p>�Was ist morgen?�, fragte er.</p><p>Sie l�chelte geheimnisvoll.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>19</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Ph�nix</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>J</strong>ackon zupfte sein Wams zurecht und betrachtete sich im Spiegel. Hose und Gehrock standen ihm ausgezeichnet, ebenso die frischgeputzten Halbstiefel. Den feinen Flaum an Wangen und Kinn hatte er sich abrasiert, das Haar an der Seite sorgf�ltig gescheitelt.</p><p>Ja, so konnte er sich sehen lassen. Er griff nach seinem Hut und machte sich auf den Weg nach unten.</p><p>Es war noch fr�h. Er hatte Cedric die Anweisung gegeben, ihn zur sechsten Stunde zu wecken, damit er genug Zeit hatte, sich fertig zu machen. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was Lady Sarka im Schilde f�hrte, aber er wollte sie auf keinen Fall warten lassen.</p><p>Er war so aufgeregt, dass er sich zwingen musste, nicht zu rennen.</p><p>Lady Sarka betrat kurz nach ihm die Eingangshalle. Sie sah wundersch�n aus mit ihrem hochgesteckten Haar und dem karmesinroten Kleid, und ein bet�render Duft umgab sie.</p><p>�Jackon�, sagte sie l�chelnd. �Wie sch�n, dass du da bist. Lass uns gehen. Meine Droschke steht schon bereit.�</p><p>�Wo sind Umbra und die anderen?�</p><p>�Sie kommen nicht mit. Dieser Tag geh�rt dir allein.�</p><p>Verwirrt folgte er ihr nach drau�en, wo sie Lady Sarkas Droschke bestiegen. Genau wie gestern wurden sie von berittenen Soldaten eskortiert.</p><p>�Wohin fahren wir?�, erkundigte er sich, als sich die Droschke in Bewegung setzte.</p><p>�Ich m�chte dir ein Geschenk machen. Eines, das du nie vergessen wirst.�</p><p>�Ein Geschenk? Wof�r?�</p><p>�Die letzten Monate waren nicht leicht f�r dich. Du hast hart an deinen F�higkeiten gearbeitet und gro�e Fortschritte gemacht. Es ist h�chste Zeit, dass ich mich daf�r erkenntlich zeige.�</p><p>Er konnte nicht glauben, was er da h�rte. Sie hatte ihm ein neues Leben erm�glicht, ihm ein prachtvolles Zimmer und haufenweise Kleider gegeben � und nun wollte sie ihm noch mehr schenken? �Aber... das ist doch nicht n�tig.�</p><p>�Unsinn. Du hast es dir verdient, Jackon. Und jetzt will ich nichts mehr h�ren.�</p><p>Mit klopfendem Herzen blickte er aus dem Kutschenfenster und stellte fest, dass sie nach S�den fuhren, Richtung Magistratsgeb�ude. Es war ein sch�ner Sp�tsommermorgen, und die Gassen der Altstadt f�llten sich allm�hlich mit Fu�g�ngern und fliegenden H�ndlern. Tiefe Schatten herrschten in Torb�gen und Innenh�fen, w�hrend Wetterfahnen, Kuppeld�cher und Bleiglasfenster in den Strahlen der aufgehenden Sonne glei�ten. Wenn er nur gewusst h�tte, was Lady Sarka plante...</p><p>Sie fuhren denselben Weg wie gestern: �ber die Chim�renbr�cke, vorbei am Ph�nixturm, von dort aus nach Osten. Nur dass sie diesmal nicht zu den Aetherk�chen abbogen, sondern am Rand des Luftschiffhafens hielten.</p><p>�Steig aus, Jackon. Wir sind da.�</p><p>Die Soldaten warteten bei der Droschke, w�hrend Jackon und Lady Sarka �ber das Landefeld schritten. Die Luftschiffe, die an den st�hlernen Masten ankerten, wirkten aus der N�he betrachtet noch gewaltiger. Mehr als ein Dutzend befanden sich auf dem Feld oder in den Hangars. Noch mal so viele kreisten am Himmel, setzten zur Landung an oder starteten gerade. Jackon wusste nicht, wohin er zuerst schauen sollte.</p><p>Pl�tzlich stellte er fest, dass sie geradewegs auf das gr��te Luftschiff zugingen. �Fliegen wir etwa damit?�, platzte es aus ihm heraus.</p><p>�Du magst doch Luftschiffe. Da dachte ich mir, dass dir ein Rundflug �ber Bradost gefallen k�nnte.�</p><p>Er wusste nicht, was er sagen sollte. Schweigend betrachtete er das Luftschiff, ein gut und gerne zweihundert Schritt langes Unget�m mit einem goldenen, von Flammen umgebenen Vogel auf den Flanken. Der Name des Schiffs stand auf der Gondel, doch Jackon war nicht in der Lage, das Wort zu entziffern.</p><p>�Die <emphasis>Ph�nix</emphasis>�, erkl�rte Lady Sarka. �Mein Flaggschiff. Gef�llt es dir?�</p><p>�Es ist wundervoll�, hauchte er. Seit er sich erinnern konnte, w�nschte er sich, er k�nnte einmal mit einem solchen Schiff zum Himmel aufsteigen. Manchmal hatte er Stunden am Flussufer gesessen und den startenden und landenden Zeppelinen zugeschaut, erf�llt von der Sehnsucht nach Freiheit, nach einer Weite, die es in den Kan�len nicht gab.</p><p>�Komm�, sagte Lady Sarka. �Die Mannschaft wartet schon auf uns.�</p><p>Armdicke Taue hielten das Luftschiff am Erdboden. Die Mitglieder der Haltemannschaften verneigten sich, als sie zur Gondel gingen. Die Holzw�nde waren mit Blechplatten gepanzert, und die kleinen Fenster konnten mit eisernen Klappen verschlossen werden, was dem Schiff ein milit�risches Erscheinungsbild verlieh.</p><p>Neben der Klapptreppe zur Einstiegsluke erwartete sie ein Mann in schwarzer Lederuniform, deren Brustteil mit einem goldenen Ph�nix versehen war. Sein kantiger, haarloser Sch�del war braun gebrannt und hatte offenbar schon so manchen S�belhieb �berstanden, den vielen Narben nach zu schlie�en. Die Offiziersm�tze hatte er sich unter den Arm geklemmt, und seine blauen Augen leuchteten wie zwei Kristalle, als er die Herrin zur Begr��ung anl�chelte. �Herzlich willkommen an Bord, Euer Gnaden�, sagte er.</p><p>�Das ist Koner Maer, der Kommandant der <emphasis>Ph�nix</emphasis>�, stellte Lady Sarka ihn vor.</p><p>�Und du musst Jackon sein�, sagte Koner Maer. �Wir haben schon viel von dir geh�rt. Es ist uns eine Ehre, dass du heute bei uns bist.�</p><p>Der Kommandant lie� ihnen den Vortritt und folgte ihnen ins Innere der Gondel, wo er sie zur Br�cke f�hrte. H�tte Jackon es nicht besser gewusst, h�tte er angenommen, er betr�te einen Salon im Palast. Sein Blick schweifte �ber holzget�felte W�nde, Teppiche mit verschlungenen Mustern, vergoldete T�rkn�ufe, geschnitzte St�tzpfeiler, kupferne Kontrollen und riesige, in Messing eingefasste Fenster, und er verga� bei all dieser Pracht, wie kriegerisch und abweisend das Schiff von au�en aussah.</p><p>Die Besatzungsmitglieder, wie ihr Kommandant in Schwarz gekleidet, standen im Halbkreis auf der Br�cke und verbeugten sich vor der Lady. �Auf eure Posten�, befahl Koner Maer, woraufhin die M�nner und Frauen davoneilten oder Leitern emporkletterten. Jackon und Lady Sarka nahmen in zwei bequemen Sesseln Platz.</p><p>Er konnte noch immer nicht fassen, was gerade geschah. Er sa� tats�chlich in einem Luftschiff.</p><p>Koner Maer rief Befehle in ein Sprachrohr. Die Steuerm�nner ergriffen die Ruder, und die Gondel vibrierte, als sich die riesigen Luftschrauben zu drehen begannen. Drau�en l�sten die Haltemannschaften die Taue von den Pfl�cken, und geschmeidig, als best�nde die <emphasis>Ph�nix</emphasis> lediglich aus Luft und Seide, stieg sie auf.</p><p>Jackon beobachtete, wie die Taue eingeholt wurden und die Haltemannschaften zur�ckwichen, als die Besatzung Sands�cke abwarf und die Wassertanks leerte, damit die <emphasis>Ph�nix</emphasis> schneller an H�he gewann. Der Ankermast glitt unter ihnen hinweg, die Hallen und Geb�ude des Hafens, und wenig sp�ter schwebten sie auf den Rodis zu: ein stahlblauer Strang, der in der Sonne schimmerte, bev�lkert von Booten, K�hnen und aetherbetriebenen Heckschraubenbarken. Die Stadt breitete sich vor Jackon aus, und all die Pal�ste, Kirchen und Prachtbauten, bei deren Anblick er sich stets klein und unbedeutend gef�hlt hatte, zogen nun wie verstreutes Spielzeug unter ihm dahin. Von Minute zu Minute stiegen sie h�her auf, doch in seinem Sessel sp�rte er nichts davon, so geschickt beherrschten Koner Maer und seine Mannschaft ihr Handwerk.</p><p>Es wurde merklich k�lter in der Gondel. Jackon und Lady Sarka zogen die M�ntel an, die f�r sie bereitlagen. Eine junge Aeronautin, die Jackon mit �Ihr� und �Euch� anredete, servierte ihnen Kaffee, dem Zimt und andere Gew�rze ein exotisches und w�rziges Aroma verliehen.</p><p>Inzwischen befanden sie sich mehrere tausend Fu� �ber dem Erdboden. Der Anblick, der sich ihm darbot, war atemberaubend. Zum ersten Mal in seinem Leben sah er, wie riesig Bradost wirklich war. Die Metropole breitete sich von der K�ste zu beiden Seiten des Rodis �ber die Ebene aus, ein viele Meilen durchmessender Flickenteppich aus Stra�en, Pl�tzen, Kan�len, G�rten und H�userblocks, verschleiert vom Rauch aus zehntausend Kaminen.</p><p>Aber mehr noch beeindruckte ihn das, was sich jenseits der Stadtgrenzen befand: eine Landschaft, die fremdartiger war als alles, was er je gesehen hatte. Er kannte die richtigen Worte f�r die Dinge, die er erblickte, aber da er sie so gut wie nie gebrauchte, fielen sie ihm erst nach und nach ein. <emphasis>Plantagen</emphasis>, dachte er. <emphasis>Wiesen. W�lder. H�gel.</emphasis></p><p>H�gel... Im Norden von Bradost erstreckte sich Karst, ein weites Land aus Schluchten und Felsgraten, karg und unbewohnt. Und im S�den das Meer: glitzernd wie ein Spiegel aus Saphir und so unermesslich gro�, dass es bis zum Horizont reichte. Mit einem Klo� im Hals lie� Jackon seinen Blick �ber die endlosen Wellenk�mme schweifen und dachte, wie arm sein Leben bis jetzt gewesen war. Es gab eine Welt au�erhalb der Kan�le und Stra�en Bradosts, und sie war wunderbarer, als er sich je h�tte tr�umen lassen.</p><p>�Zitteranemonen auf Steuerbord!�, br�llte in diesem Moment der Beobachter. Koner Maer gab seinen Steuerm�nnern einen Befehl, und die Luftschrauben heulten auf, als die <emphasis>Ph�nix</emphasis> den Kurs �nderte und Richtung Meer beidrehte.</p><p>�Was ist los? Was ist los?�, fragte Jackon und sprang auf.</p><p>�Warte. Gleich siehst du es�, erwiderte Lady Sarka.</p><p>Eine seltsame Wolke erschien am Himmel und kam rasch n�her... nein, keine Wolke, ein Schwarm exotischer Tiere. Ihr durchscheinender Schirm pulsierte rot, orange und violett, der Schweif aus Tentakeln wogte seltsam k�rperlos in den Luftstr�mungen, umspielt von winzigen Blitzentladungen, w�hrend sie an der <emphasis>Ph�nix</emphasis> vorbeischwebten. Bald war das Luftschiff von Hunderten dieser Gesch�pfe umgeben, und das vielfarbige Gl�hen, das sie wie eine �berirdische Aura umfing, erf�llte die Br�cke.</p><p>�Sind sie nicht wundersch�n?�, fragte Lady Sarka leise.</p><p>�Ja�, fl�sterte Jackon.</p><p>Sie l�chelte und ergriff seine Hand, und pl�tzlich war er so gl�cklich, dass er alles f�r sie getan h�tte, alles.</p><empty-line/><empty-line/><p>Umbra sa� im Salon und bl�tterte gerade in einer Zeitung, als Cedric hereinkam.</p><p>�Die Herrin ist zur�ck�, sagte der Diener. �Sie m�chte Euch sprechen.�</p><p>�Heute ist mein freier Tag. Hat sie das vergessen?�</p><p>�Sie sagt, es sei wichtig.�</p><p>Seufzend legte Umbra die Zeitung hin und stand auf. �Ist sie in ihren Gem�chern?�</p><p>Cedric nickte. �In der Bibliothek.�</p><p>Es war bereits zu dunkel f�r ein Schattentor. M�de machte sie sich auf den Weg.</p><p>Auf der Treppe st�rzte ihr ein aufgeregter Jackon entgegen.</p><p>�Umbra!�, sprudelte es aus ihm heraus. �Ich muss dir etwas erz�hlen! Wir sind mit dem Luftschiff geflogen! Mit der <emphasis>Ph�nix</emphasis> ! Und wei�t du, was wir gesehen haben? Zitteranemonen! Ein ganzer Schwarm! Sie haben...�</p><p>Umbra bekam schlagartig Kopfschmerzen. �Stopp�, sagte sie unwirsch. �Nicht jetzt. Ich muss zur Herrin.�</p><p>�Sehen wir uns sp�ter? Es war gro�artig! Ich muss dir unbedingt alles erz�hlen.�</p><p>�Wenn es sich nicht vermeiden l�sst�, seufzte Umbra und lie� ihn stehen.</p><p>Lady Sarka stand mit verschr�nkten Armen an einem Fenster der Bibliothek und warf einen fl�chtigen Blick �ber die Schulter, als sie Umbra hereinkommen h�rte.</p><p>�Ihr wolltet mich sprechen, Herrin?�</p><p>In Gedanken versunken betrachtete Lady Sarka die abendliche Stadt. �Welchen Eindruck hast du von Jackon?�, fragte sie nach einer Weile.</p><p>�Was meint Ihr?�</p><p>�Die Art, wie er sich entwickelt. Wie seine Kr�fte wachsen und Teil von ihm werden.�</p><p>�Er scheint auf einem guten Weg zu sein�, sagte Umbra. �Er wird immer selbstbewusster und scheint allm�hlich zu lernen, mit seinen Kr�ften umzugehen.�</p><p>�Er hat gro�e Fortschritte gemacht. Ich glaube, er ist jetzt so weit.�</p><p>�Wof�r?�</p><p>�Aziel herauszufordern.�</p><p>Umbra w�hlte ihre n�chsten Worte mit Bedacht. �Es w�re gef�hrlich, etwas zu �berst�rzen.�</p><p>�Ich wei߫, erwiderte Lady Sarka scharf. �Aber ich kann nicht l�nger warten. Ich warte schon zu lange.�</p><p>�Gebt ihm mehr Zeit. Nur ein paar Wochen. Damit er seine Kr�fte festigen kann.�</p><p>�In ein paar Wochen hat sich Aziel vielleicht von seiner Niederlage erholt.�</p><p>Umbra konnte sp�ren, wie die Ungeduld in Lady Sarka arbeitete, sie von innen heraus auffra�. �Darf ich offen sprechen?�</p><p>�Bitte.�</p><p>�Jackon hat Angst. Er f�rchtet Aziel mehr als alles andere. Es d�rfte schwer werden, ihn dazu zu bringen, gegen ihn zu k�mpfen.�</p><p>�Nat�rlich hat er Angst. Aber Liebe ist st�rker.� Lady Sarka l�chelte d�nn. �Der Junge verg�ttert mich, Umbra. Du h�ttest ihn heute sehen sollen. Ein Wort von mir, und er w�rde in den Tod gehen, nur um mir zu gefallen. Mit Freuden w�rde er das tun.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>20</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Der K�rperdieb</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>V</strong>ivana bekam keine Luft mehr. Sie packte Liams H�nde und versuchte, sich zu befreien, doch sein Griff war unglaublich stark. Erst als sie ihm einen Faustschlag ins Gesicht versetzte, lie� er von ihr ab. Sie taumelte zur�ck, fiel hin und hustete. Jeder Atemzug brannte wie Feuer.</p><p>�Was soll das?�, schrie sie. �Bist du verr�ckt geworden?�</p><p>Lucien half ihr auf. �Das ist nicht Liam. Lauf.�</p><p>Mit krallenhaft gekr�mmten Fingern stand Liam da, ein Lauern im Blick und bereit zum Sprung. �Misch dich nicht ein, Alb�, knurrte er. �Das M�dchen geh�rt mir.�</p><p>Seine Stimme klang harsch, alt, kratzig � ganz und gar nicht wie Liams.</p><p>Vivana schluckte. Der unerwartete Angriff hatte sie v�llig aus der Fassung gebracht. <emphasis>Sein K�rper geh�rt jetzt mir, und ich gebe ihn nie wieder her...</emphasis> Und dann der Ausdruck in seinen Augen � der blanke Hass. �Nicht Liam? Was ist mit ihm los?�</p><p>Liam stie� ein kehliges Kichern aus � und sprang. Lucien warf sich ihm entgegen, sie gingen zu Boden und w�lzten sich auf dem Schutt.</p><p>�Nicht!�, rief Vivana. Sie st�rzte sich auf die K�mpfenden, bekam einen Schlag ins Gesicht, versuchte irgendwie, Lucien und Liam voneinander zu trennen. Lucien sch�ttelte sie ab, w�hrend er Liam mit einer Hand am Boden hielt.</p><p>�Aufh�ren! Du tust ihm weh!�</p><p>�Verdammt, Vivana, er ist besessen!�, stie� der Alb hervor. �Er ist ein D�mon! Er hat...� Er keuchte, als Liam ihm einen Hieb in die Magengrube versetzte und dadurch freikam.</p><p>In ihrem Kopf drehte sich alles. <emphasis>Besessen</emphasis>, dachte sie, <emphasis>besessen.</emphasis> Benommen richtete sie sich auf. Liam hatte sich w�hrenddessen auf Lucien gew�lzt und seine Arme gepackt.</p><p>�Nestor�, �chzte der Alb. �Hilf mir...�</p><p>Erst jetzt bemerkte Vivana, dass ihr Vater zu ihnen gesto�en war. Mit seiner mechanischen Hand ergriff er Liam von hinten und warf ihn zu Boden. Die beiden M�nner st�rzten sich auf den Blonden und hielten ihn fest.</p><p>�Mein Seil�, rief Lucien ihr zu. �Mach schnell!�</p><p>Vivana bezwang das Entsetzen, das sie schier l�hmte, und lief zu Lucien. Das Seil steckte hinter seinem G�rtel. Um heranzukommen, h�tte er Liam loslassen m�ssen, der zappelte und keuchte und sich mit aller Kraft wehrte. Vivana zog es hervor.</p><p>�Fessel ihn�, keuchte der Alb. �Zuerst die Beine.�</p><p>Vivana biss die Z�hne zusammen. Ein D�mon hatte Liams K�rper gestohlen, steckte irgendwie in ihm, lenkte seine Bewegungen. Doch daran durfte sie jetzt nicht denken. Sie schlang das Seil um Liams Fu�kn�chel. Er trat nach ihr, obwohl ihr Vater seine Beine festhielt. Mit zitternden H�nden machte sie einen Knoten.</p><p>Nein, falsch. Sie durfte den Strick nicht so weit in der Mitte verknoten. Sie musste es so anstellen, dass noch genug Seil f�r seine Arme �brig blieb.</p><p><emphasis>Konzentrier dich!</emphasis></p><p>Fahrig l�ste sie den Knoten wieder und band ihm das kurze Ende um die Kn�chel. Liam tobte, schnappte mit den Z�hnen nach Lucien und ihrem Vater und gab dabei Laute von sich, die sie noch nie von einem menschlichen Wesen geh�rt hatte. Als sie fertig war, drehten sie Liam auf den Bauch. Er bekam einen Arm frei und zerkratzte ihrem Vater die Wange. Der Erfinder schlug ihm mit der mechanischen Hand ins Gesicht, und sein Kopf prallte gegen den Steinboden. Benommen blieb er liegen.</p><p>Vivana fesselte ihm die Arme. Lucien �berpr�fte die Knoten. �Gut gemacht�, murmelte er und wischte sich den Schwei� von der Stirn.</p><p>Liam bewegte sich schwach und st�hnte leise.</p><p>�Du hast ihn doch nicht verletzt, oder?�, fragte sie ihren Vater.</p><p>�Er kommt schon wieder zu sich.�</p><p>Wie in Trance setzte Vivana sich auf einen Steinblock. Sie f�hlte sich innerlich taub, wie tot, als w�ren ihr K�rper und ihr Verstand nicht in der Lage, ein solches �berma� an Entsetzen zu fassen, wie sie es angesichts der vergangenen Minuten h�tte empfinden m�ssen.</p><p>Ihr Vater und Lucien standen ratlos da. �Bringen wir ihn zur H�hle�, sagte der Alb schlie�lich. �Dort �berlegen wir dann, was wir mit ihm machen.�</p><p>Mechanisch half Vivana dabei, Liam zu ihrem Unterschlupf zu tragen. Drinnen legten sie ihn auf den Boden und zogen die Fesseln fester, damit er sich nicht aufrichten und wom�glich befreien konnte.</p><p>�Vorsichtig!�, sagte sie zu Lucien, der nicht gerade zimperlich vorging.</p><p>�Es muss sein. Er hat versucht, dich zu t�ten.�</p><p>Liams Wange begann von dem Faustschlag anzuschwellen. Alles in Vivana schrie, wie sie ihn so zugerichtet und zusammengeschn�rt daliegen sah, und sie musste sich wieder und wieder sagen: <emphasis>Das ist nicht Liam. Das ist nicht Liam.</emphasis></p><p>�Ich verstehe das alles nicht�, murmelte ihr Vater. �Was ist mit ihm passiert?�</p><p>�Ein D�mon hat von ihm Besitz ergriffen�, erkl�rte Lucien. �Vermutlich der Bewohner dieser Ruinen. Es hat mich schon gewundert, warum wir hier keine D�monen angetroffen haben. Er muss Liam gefunden haben, nachdem er durch Seths Tor gefallen ist. Statt ihn zu t�ten, hat er sich seinen K�rper geschnappt.�</p><p>�Hei�t das, der D�mon ist <emphasis>in</emphasis> ihm?�</p><p>�So ungef�hr.�</p><p>Vivana war nicht l�nger in der Lage, dem Gespr�ch zu folgen. Sie starrte Liam an, der allm�hlich zu sich kam.</p><p><emphasis>Bist du wirklich tot?</emphasis></p><p>Lucien und ihr Vater wandten sich zu ihr um. Sie begriff, dass sie ihre Gedanken offenbar laut ausgesprochen hatte.</p><p>�Hat das der D�mon gesagt?�, wollte Lucien wissen. �Dass Liam tot ist?�</p><p>Sie nickte. �Glaube ich nicht�, sagte der Alb. �Wahrscheinlich ist er noch da, gefangen in seinem eigenen K�rper.�</p><p>Schweigend blickte Vivana ihn an. Sagte er das nur, um sie zu beruhigen?</p><p>Der Gedanke zerfaserte, l�ste sich auf. Sie f�rchtete, dass sie den Verstand verlor, wenn ihr wirklich klar wurde, was geschehen war.</p><p>Liam kam wieder zu Bewusstsein. �Bindet mich los�, kr�chzte er.</p><p>�Gib diesen K�rper frei, und du kannst gehen�, erwiderte Lucien.</p><p>�Du Narr! Ich k�nnte den Leib des Jungen in St�cke rei�en, wenn ich wollte. Ich k�nnte ihn von innen heraus verbrennen oder von Maden auffressen lassen. Es gibt nichts, was ihr dagegen tun k�nntet.�</p><p>�Doch�, sagte der Alb und hob das Brandeisen auf.</p><p>Liams Augen verengten sich zu Schlitzen. �Was ist das?�</p><p>�Das wei�t du genau.�</p><p>�Das wagst du nicht! Du w�rdest den Jungen mit dem Ding t�ten.�</p><p>�Ich w�rde ihn schlimmstenfalls verletzen. Nestor, mach Feuer.�</p><p>�Komm mir nicht zu nahe�, fauchte der D�mon, als Lucien mit dem Brandeisen in den H�nden zu ihm trat.</p><p>Vivanas Vater packte ihren Gaskocher aus und griff nach den Z�ndh�lzern. <emphasis>Sie meinen es ernst</emphasis>, durchfuhr es Vivana. �Nein�, sagte sie und stand auf. �H�rt auf. Das k�nnt ihr nicht tun.�</p><p>�H�r auf das M�dchen, Alb�, sagte der D�mon. �Du wei�t nicht, was du dem Jungen damit antust.�</p><p>Lucien beachtete weder Vivana noch ihn. Er ging vor ihm in die Hocke und legte sich das Brandeisen �ber die Knie. �Lebt Liam noch?�</p><p>Der D�mon starrte ihn an. Ein fahler Glanz erf�llte seine Augen.</p><p>�Antworte!�</p><p>�Ja, er lebt noch. Ich habe ihn in einem Winkel seines Verstandes eingesperrt.�</p><p>�Wehe, du l�gst.� Lucien legte das Brandeisen hin, schnitt mit dem Messer ein St�ck von einer Decke ab und knebelte den D�mon, der schimpfte und schrie und sich vergeblich dagegen wehrte.</p><p>Anschlie�end bat Lucien Vivana und ihren Vater in eine Ecke der H�hle, wo sie sich leise unterhielten, damit der D�mon sie nicht h�rte. Ruac sa� neben ihm und z�ngelte feindselig.</p><p>�Das ist kein gew�hnlicher D�mon�, fl�sterte Lucien. �Ich kann sp�ren, dass er stark ist.�</p><p>�St�rker als der L�gner?�, fragte Vivanas Vater.</p><p>�Ja. Dass er einen menschlichen K�rper �bernehmen kann, spricht daf�r, dass wir es mit einem Belial zu tun haben. Oder einem anderen Erzd�mon.�</p><p>�Und das hei�t?�</p><p>Lucien antwortete nicht, aber er streifte Vivana mit einem Blick, der ihr den letzten Rest ihrer Zuversicht raubte. Lucien hatte kaum noch Hoffnung f�r Liam, sie sah es ihm an.</p><p>�Das Brandeisen�, murmelte sie. �Ich will nicht, dass du es benutzt.�</p><p>�Das hatte ich auch nicht vor. Ich wollte ihn nur einsch�chtern.�</p><p>�Aber das Brandeisen ist vielleicht unsere einzige Chance�, widersprach ihr Vater. �Du k�nntest den D�mon brandmarken und ihm befehlen, Liams K�rper zu verlassen.�</p><p>�Das ist zu gef�hrlich. Ich wei� nicht, ob das Brandzeichen bei einem gestohlenen K�rper funktioniert. M�glicherweise hat es keine Macht. Oder es schadet Liam wirklich. Au�erdem k�nnte es ihn t�ten, wenn der D�mon seinen K�rper freigibt.�</p><p>Vivana hatte kaum noch Kraft, aufrecht zu stehen. �Ihn t�ten?�, wiederholte sie.</p><p>�Liam hat vermutlich seit Tagen nichts gegessen und getrunken. Wahrscheinlich h�lt ihn nur der D�mon am Leben.�</p><p>Alle drei blickten zu ihrem Gefangenen, der gegen seine Fesseln ank�mpfte. Liam sah nicht gut aus � aber auch nicht so schlimm, wie man angesichts dessen, was er durchgemacht hatte, erwarten w�rde. Die d�monische Kraft in seinem Innern schien seinen K�rper vor Sch�den zu bewahren. Vivana fiel au�erdem auf, dass er nirgendwo Verbrennungen aufwies, obwohl Seths Tor aus purem Feuer bestanden hatte. <emphasis>Nat�rlich � das javva,</emphasis> kam es ihr in den Sinn. <emphasis>Javva</emphasis> machte einen nicht nur unsichtbar f�r die Spiegelm�nner, es heilte auch Wunden aller Art, solange die Wirkung anhielt. Liam hatte genug <emphasis>javva</emphasis> f�r ein paar Stunden eingenommen, bevor sie in den Palast von Lady Sarka eingedrungen waren. Vermutlich hatte es alle Verletzungen, die er durch Seths Angriff und kurz danach erlitten hatte, geheilt.</p><p>�Aber es muss doch irgendetwas geben, das wir tun k�nnen�, sagte sie.</p><p>�Vielleicht kann der D�mon ausgetrieben werden�, entgegnete Lucien z�gernd.</p><p>�Kannst du das?�</p><p>�Nein. Und hier schon gar nicht. Wir m�ssen Liam nach Bradost bringen. Dort finden wir vielleicht jemanden, der ihm helfen kann.�</p><p>�Bleibt das Problem, dass er ohne den D�mon nicht leben kann�, warf Vivanas Vater ein.</p><p>�Wir p�ppeln ihn unterwegs auf, damit er wieder zu Kr�ften kommt�, sagte Vivana. �Das m�sste doch klappen, oder?�</p><p>�Ich denke schon�, meinte Lucien.</p><p>Was der D�mon �ber Liam gesagt hatte, ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. �Was, wenn der D�mon seine Drohung wahrmacht?�</p><p>�Und Liam zerfetzt oder verbrennt, meinst du?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Ich halte das f�r eine leere Drohung�, sagte der Alb. �Er hat seinen alten K�rper aufgegeben, als er in Liam gefahren ist. Ohne Liam w�re er nur wieder der k�rperlose Geist, der er einst gewesen ist, bevor er seine d�monische Gestalt bekommen hat. Er wird alles tun, um das zu verhindern.�</p><p>�Trotzdem hast du nicht viel Hoffnung f�r Liam, nicht wahr?�, fragte sie leise.</p><p>Er schwieg. Nur wieder dieser Blick.</p><p>�Sag es mir. Bitte.�</p><p>�Nur sehr starke Menschen �berstehen eine Besessenheit unbeschadet.�</p><p>�Liam ist stark�, sagte Vivana.</p><p>�Dann hat er vielleicht eine Chance. Jetzt pack deine Sachen. Wir sollten sofort aufbrechen.�</p><p>Hastig sammelten Vivana und ihr Vater ihr Gep�ck auf. Lucien ging w�hrenddessen zu ihrem Gefangenen. �Ich binde jetzt deine F��e los. Du wirst mit uns kommen, ohne Schwierigkeiten zu machen. Wenn du versuchst, zu fliehen, benutze ich das Brandeisen. Nicke, wenn du verstanden hast.�</p><p>Der D�mon gab einen w�tenden Grunzlaut von sich. Dann nickte er.</p><p>Lucien l�ste den Knoten an seinen F��en und hielt das Seilende fest, damit der D�mon nicht davonlaufen konnte. Seine Arme blieben auf dem R�cken gefesselt.</p><p>�Mh-mhhh-mh�, nuschelte er mit dem Stoffstreifen im Mund.</p><p>�Nein. Der Knebel bleibt.�</p><p>Vivana hob ihre alte Tasche auf. Die Verschl�sse waren offen, und der R�cken des Gelben Buches schaute heraus. Sie nahm es in die Hand und betrachtete den Ph�nix, der auf dem ledernen Einband abgebildet war. Mit diesem Buch hatte alles angefangen � seinetwegen hatte sich Liam in Todesgefahr begeben, seinetwegen war er ins Pand�monium geschleudert worden. Pl�tzlich wurde sie so w�tend, dass sie den Folianten am liebsten zerrissen h�tte. Sie stopfte ihn in ihre Tasche, verschloss sie und h�ngte sie sich um.</p><p>Mit dem D�mon im Schlepptau wanderten sie Richtung Fluss, dem Geheul der verdammten Seelen entgegen. Die Geisterschar, der sie auf dem Herweg begegnet waren, hatte sich zerstreut, sodass sie ungehindert die Treppe hinaufgehen konnten. Der Aufstieg war noch anstrengender als der Weg hinunter, und es kam Vivana wie eine Ewigkeit vor, bis sie endlich die Felswand erreichten und schlie�lich das obere Ende der Treppe. Sie waren viel zu ersch�pft, um weiterzugehen, deshalb schlugen sie am Rand der Schlucht ihr Lager auf.</p><p>Nachdem sie etwas gegessen hatten, fragte Vivanas Vater: �M�ssen wir den ganzen Weg zum Tor zur�ckgehen?�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete Lucien. �Wie sollen wir sonst nach Hause kommen?�</p><p>�Ich habe nachgedacht. �ber das, was du �ber die Lichtmauern gesagt hast. Es sind Barrieren, die D�monen nicht durchqueren k�nnen, richtig?�</p><p>�Worauf willst du hinaus?�, fragte der Alb ersch�pft.</p><p>�Wenn die Lichtmauern aus guten Energien bestehen, halten sie D�monen auf, aber uns nicht. Folglich m�ssten wir nicht das Tor benutzen, sondern k�nnten auf dem k�rzesten Weg zur Grenze des Pand�moniums gehen und dort die Mauer durchqueren.�</p><p>�Und was ist mit Liam?�, warf Vivana ein. �Das Licht w�rde ihn nicht durchlassen.�</p><p>�Oder es w�rde den D�mon in ihm vernichten�, gab der Erfinder zu bedenken.</p><p>�Zu riskant�, sagte Lucien. �Selbst wenn du recht hast und wir einfach hindurchgehen k�nnten, wissen wir nicht, wo der Mauerabschnitt an eure Welt angrenzt. Wir k�nnten <emphasis>irgendwo</emphasis> herauskommen. In einem fernen Land. Auf dem Grund des Ozeans. Oder zwei Meilen �ber dem Erdboden. Nein, wir gehen zum Tor. Mir gef�llt das auch nicht, aber etwas anderes bleibt uns nicht �brig.�</p><p>Dem D�mon hatten sie wieder die Beine gefesselt und ihn an einem Felsvorsprung festgebunden. Lucien f�hrte Vivana und ihren Vater ein St�ck von ihm weg und sagte: �H�rt gut zu. Was wir da tun, ist viel gef�hrlicher als die Sache mit dem L�gner. Das Einzige, was den D�mon davon abh�lt, uns zu t�ten, ist das Seil. Wir m�ssen ihn rund um die Uhr bewachen und d�rfen niemals seine Fesseln l�sen. Auch den Knebel nicht.�</p><p>�Aber er muss essen und trinken�, sagte Vivana.</p><p>Lucien dachte dar�ber nach. �Also gut. Den Knebel nur entfernen, wenn wir ihm etwas zu essen geben. Aber das ist die einzige Ausnahme.�</p><p>�Hei�t das, wir m�ssen ihn f�ttern?�, fragte ihr Vater.</p><p>�Es geht nicht anders. Ihm die H�nde loszubinden ist zu gef�hrlich.� Der Alb schien noch etwas sagen zu wollen, z�gerte jedoch.</p><p>�Was ist?�, hakte Vivana nach.</p><p>�Ein Erzd�mon hat normalerweise ein Gefolge. Mindere D�monen, die ihm dienen. So wie Nachach und seine Blutsklaven. Ich frage mich, wo seine Anh�nger sind.�</p><p>�Wir haben seit Tagen keine anderen D�monen gesehen�, meinte der Erfinder.</p><p>�Das ist es ja, was mir seltsam vorkommt. Wahrscheinlich hat er keine, aber haltet trotzdem die Augen auf. Sicher ist sicher.�</p><p>�Wir sollten ihm jetzt Wasser geben�, sagte Vivana und ging zum Lager zur�ck.</p><p>�Warte�, sagte ihr Vater. �Lass mich das machen.�</p><p>�Ich schaffe das schon, Paps.�</p><p>Doch er und Lucien bestanden darauf, mitzukommen, als sie zu ihrem Gefangenen ging. Sie hatte ihren Wasserschlauch und etwas Brot mitgenommen und setzte sich ihm gegen�ber. Die beiden M�nner standen daneben, bereit, sofort einzugreifen, falls etwas geschah. Auch Ruac sa� in Habachtstellung da.</p><p>�Ich entferne jetzt deinen Knebel, damit du etwas trinken kannst�, sagte Vivana. �Bitte versuch nicht, mich zu bei�en oder so, sonst muss Lucien sein Brandeisen holen, klar?�</p><p>Z�gernd stand sie auf. Es bereitete ihr Widerwillen, den D�mon anzufassen, denn das Gesch�pf, das da vor ihr sa�, sah zwar aus wie Liam, war in Wirklichkeit jedoch eine Ausgeburt des Hasses und der Bosheit. Und es stank � nicht nach Schmutz und ungewaschener Haut, sondern nach Schwefel, Blut und Verwesung. <emphasis>Was hat man dir nur angetan?</emphasis>, dachte sie voller Verzweiflung.</p><p>Sie l�ste den Knebel. Der D�mon schmatzte und warf einen herablassenden Blick in die Runde.</p><p>�H�rt auf, st�ndig mit dem Brandeisen zu drohen�, sagte er mit seiner unmenschlichen Stimme. �Ihr macht euch l�cherlich. Ich wei�, dass ihr es nicht benutzen werdet. Ihr habt viel zu viel Angst um das Leben des Jungen.�</p><p>�Willst du jetzt etwas trinken oder nicht?�, fragte Vivana.</p><p>�Behaltet euer Ges�ff.�</p><p>�Wenn du nichts trinkst, stirbt dein K�rper.�</p><p>Der D�mon bleckte gelbe Z�hne. �Vielleicht will ich ja, dass das passiert. Vielleicht gef�llt es mir, diesen Fleischsack verfaulen zu sehen.�</p><p>�Unsinn. Du brauchst Liams K�rper.�</p><p>�Ich kann ihn so lange am Leben erhalten, wie ich will. Auch ohne euer abgestandenes Wasser.� Er spuckte aus.</p><p>�Dann m�ssen wir dich eben zwingen.�</p><p>�Das Wasser kriegen wir irgendwie in ihn hinein�, sagte ihr Vater. �Aber was ist mit dem Brot? Irgendwann muss er auch etwas essen.�</p><p>�Er bekommt Suppe�, schlug Lucien vor. �Genug Fl�ssigkeit und gleichzeitig nahrhaft.�</p><p>Sie knebelten den D�mon wieder und z�ndeten den Gaskocher an. Vivana machte eine d�nne Brotsuppe mit etwas Salz und achtete darauf, dass sie nicht zu hei� wurde. Anschlie�end legten sie den D�mon auf den R�cken und entfernten den Knebel. Er wand sich in seinen Fesseln und schrie und fluchte. Lucien setzte sich mit gespreizten Beinen auf ihn, ihr Vater hielt seinen Kopf fest. Vivana schluckte nerv�s, als sie den Blechnapf zu seinen Lippen f�hrte. Mit der freien Hand �ffnete sie ihm den Mund, wobei sie zweimal gebissen wurde, und goss die Suppe hinein. Er spie ihr einen Schwall der lauwarmen Fl�ssigkeit entgegen, doch schlie�lich musste er schlucken.</p><p>�Das werdet ihr bereuen�, �chzte er, als Vivana fertig war.</p><p>�Sch�n, dass es dir geschmeckt hat�, sagte Lucien barsch und stopfte ihm den Knebel in den Mund.</p><p>Zu Tode ersch�pft legte sie sich hin. Es war nicht der Vorgang an sich, der sie so viel Kraft gekostet hatte, sondern die Tatsache, dass sie gezwungen war, Liam so etwas anzutun.</p><p>Sie hasste diesen Ort, hasste ihn mehr als sonst etwas auf der Welt.</p><p>Und pl�tzlich schlug die ganze Verzweiflung, die sie seit Stunden unterdr�ckte, �ber ihr zusammen, und sie begann, leise zu weinen.</p><p>�Nicht�, murmelte ihr Vater. �Wir schaffen das.� Unbeholfen strich er ihr �ber das Haar. Sie ergriff seine Hand und hielt sie fest, auch dann noch, als sie l�ngst schlief.</p><p>Als sie aufwachte, hatte sie bohrende Kopfschmerzen, wie nach jedem Schlaf im Pand�monium. Ihr Vater und Lucien brachen das Lager ab. Verwirrt setzte sie sich auf. �Bin ich mit der Wache dran?�</p><p>�Dein Vater und ich haben auf den D�mon aufgepasst�, sagte Lucien. �Wir hielten es f�r besser, dich schlafen zu lassen.�</p><p>Sie sch�lte sich aus ihrer Decke und stand auf. �Ich will nicht, dass ihr das macht. Ihr sollt keine R�cksicht auf mich nehmen.�</p><p>�Wir wissen, wie schwer das alles f�r dich ist. Du musst uns nichts vormachen.�</p><p>Sie wollte nicht mit ihm streiten, also lie� sie es auf sich beruhen. M�de packte sie ihre Sachen zusammen. Als sie ihre Umh�ngetasche aufhob, stellte sie fest, dass das Gelbe Buch nicht mehr darin steckte. Von pl�tzlicher Panik erf�llt fing sie hektisch an, das Lager abzusuchen.</p><p>�Was ist denn?�, erkundigte sich ihr Vater.</p><p>�Das Buch � es ist weg!�</p><p>�Beruhige dich. Es ist hier.� Er hob eine Decke auf, und der Foliant kam zum Vorschein.</p><p>Vivana hob ihn auf und presste ihn sch�tzend an sich. �Was f�llt dir ein, mir so einen Schrecken einzujagen? Du h�ttest mich fragen m�ssen, bevor du es nimmst!�</p><p>�Entschuldige. Ich wollte es mir nur ansehen, als du geschlafen hast.�</p><p>Sie steckte das Buch in die Tasche. Ihr Zorn verrauchte. Sogar zum W�tendsein war sie zu ersch�pft. �Und, was hast du herausgefunden?�</p><p>�Nichts. Die Schrift, in der es verfasst ist, habe ich noch nie gesehen. Wahrscheinlich ein alter Dialekt aus Yaro D�ar. Wenn wir wieder in Bradost sind, m�ssen wir es zu einem alten Freund von mir bringen. Er kommt aus Yaro D�ar. Vielleicht kann er uns helfen.�</p><p>�Ich habe Tante Livia versprochen, ihr das Buch zu bringen�, erwiderte Vivana.</p><p>�Livia?�, wiederholte ihr Vater argw�hnisch. Sein Verh�ltnis zu den Manusch im Allgemeinen und Vivanas Tante im Besonderen war nicht gerade gut. �Ich glaube nicht, dass sie die richtige Person f�r diese Aufgabe ist.�</p><p>Vivana seufzte. �Lass uns dar�ber reden, wenn wir zuhause sind, in Ordnung? Im Moment haben wir genug andere Sorgen.�</p><p>Wenig sp�ter hatten sie die Schlucht hinter sich gelassen und wanderten durch das Gebirge. Vivanas Vater und Lucien wechselten sich damit ab, den D�mon zu f�hren. Ruac, der inzwischen so gro� wie ein Wolfshund war, hielt sich stets in der N�he ihres Gefangenen auf. Offenbar hatte es sich der Tatzelwurm zur Aufgabe gemacht, auf den D�mon aufzupassen.</p><p>Nach einer Weile fiel Vivana auf, dass sie nicht den Weg entlanggingen, auf dem sie gekommen waren. Sie sprach Lucien darauf an.</p><p>�Wir umgehen Nachachs Burg�, erkl�rte der Alb. �Das ist ein Umweg, aber ich halte das f�r sicherer. Mit ihm im Schlepptau� � er warf dem D�mon einen Blick zu � �will ich unter keinen Umst�nden Nachachs Blutsklaven begegnen.�</p><p>Nach ein paar Stunden rasteten sie. Vivana hielt an ihrem Vorhaben fest, Liam zu f�ttern, obwohl ihr schon den ganzen Tag davor graute, ihn wieder zwingen zu m�ssen, die Suppe zu essen. Doch wie es schien, hatte der D�mon aus dem Vorfall gelernt. Als sie den Knebel l�ste und den L�ffel zu seinem Mund f�hrte, a� er ohne Widerstand und gab keinen Ton von sich.</p><p>Der Gestank und die Bosheit, die von ihm ausgingen, waren unertr�glich. Trotzdem blieb Vivana bei ihm sitzen, nachdem er aufgegessen hatte. Ihr Blick glitt �ber sein Gesicht, das so vertraut und gleichzeitig so fremd war.</p><p><emphasis>Wo bist du, Liam?</emphasis></p><p>�Kneble ihn�, forderte Lucien sie auf.</p><p>Sie hielt den Knebel in ihrer Hand, doch sie brachte es nicht �ber sich, ihn dem D�mon anzulegen. Manchmal war ihr, als durchdringe Liams Wesen die schmutzigen und verzerrten Gesichtsz�ge, als leuchte in seinen Augen ein Funken seiner Pers�nlichkeit auf, f�r eine Sekunde nur, bevor der D�mon wieder vollst�ndig die Herrschaft �ber den K�rper �bernahm.</p><p>�Liam, kannst du mich h�ren?�, fl�sterte sie.</p><p>�Nicht mit ihm reden!�, fuhr Lucien dazwischen.</p><p>Sie beachtete ihn nicht. �Sag etwas, Liam. Bitte.�</p><p>Der D�mon grinste und entbl��te dabei schmutzig-gelbe Z�hne. �Er kann dir nicht antworten. Und selbst wenn er k�nnte, w�rde er nicht wollen.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Weil du ihm gleichg�ltig bist.�</p><p>�Du l�gst.�</p><p>�Ich kenne die Gef�hle des Jungen�, fuhr der D�mon fort. �Er ist ein Teil von mir. Ich wei�, was er denkt und f�hlt. Er empfindet nichts f�r dich. Er hat dir nur etwas vorgemacht, damit du ihm hilfst.�</p><p>Jedes Wort traf Vivana wie ein Schlag ins Gesicht. �Das ist nicht wahr�, sagte sie leise. �Ich wei�, dass er mich liebt.�</p><p>Die Z�ge des D�mons ver�nderten sich und wurden weicher, als die Bosheit daraus verschwand. Die Grausamkeit in seinen Augen wich dem klugen und aufmerksamen Glitzern, das sie so gut kannte. �Du t�uschst dich�, sagte er mit einer Stimme, die pl�tzlich genau wie Liams klang. �Ich liebe dich nicht und werde es niemals tun. Ist das so schwer zu verstehen?�</p><p>Liams Gesicht ver�nderte sich abermals, und das d�monische Grinsen kehrte zur�ck.</p><p>�Nicht!�, stie� Vivana hervor und packte den D�mon an den Schultern. �Liam, bleib da...�</p><p>�Das reicht jetzt�, knurrte Lucien. Unsanft nahm er ihr den Knebel weg und stopfte ihn dem D�mon in den Mund.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>21</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>D�monen</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>N</strong>ach ein paar Stunden Rast setzten sie ihren Marsch durch die Berge fort. Bei�ender Wind peitschte Staubschwaden durch die T�ler und Kl�fte und trieb den goldenen Dunst auf den Felsk�mmen auseinander.</p><p>Vivana sprach kaum ein Wort. Unentwegt musste sie daran denken, was der D�mon � oder Liam � gesagt hatte.</p><p><emphasis>Ich liebe dich nicht und werde es niemals tun.</emphasis></p><p><emphasis>Ich liebe dich nicht...</emphasis></p><p>Seit Stunden kreisten diese Worte in ihrem Kopf � und als w�re der Kummer, den sie deswegen empfand, nicht genug, �rgerte sie sich auch �ber sich selbst. Sie h�tte nie mit dem D�mon reden d�rfen. Warum hatte sie nicht auf Lucien geh�rt?</p><p>�H�r auf zu gr�beln�, sagte der Alb irgendwann. �Das ist doch genau das, was er will.�</p><p>�Das war nicht Liam, oder?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Er hat versucht, dich zu t�uschen. Er will, dass du schwach wirst, damit du Fehler machst.�</p><p>�Diesen Gefallen tue ich ihm nicht�, sagte Vivana grimmig.</p><p>Lucien l�chelte im Schatten seiner Kapuze und legte den Arm um sie. �Gut so. Lass dich nicht unterkriegen. Denk daran, was wir schon alles geschafft haben. Wir sind durch das halbe Pand�monium gewandert, haben D�monen und verdammte Seelen �berlistet und Liam gefunden. Da sollte der Rest doch ein Kinderspiel sein, oder?�</p><p>�Ja.� Jetzt musste auch Vivana l�cheln. Es tat gut, mit Lucien zu reden. Dennoch blieb ein Rest von Zweifel. <emphasis>Was, wenn er sich irrt? Wenn es wirklich Liam war, der zu mir gesprochen hat?</emphasis> Sie versuchte, nicht mehr daran zu denken.</p><p>Eine Weile gingen sie Arm in Arm den von Felsen ges�umten Pfad entlang.</p><p>�Wieso hat der D�mon das getan?�, fragte Vivana. �Liam den K�rper gestohlen, meine ich.�</p><p>�D�monen verabscheuen ihre eigene Gestalt. Sie wissen, dass sie h�sslich sind, und sehnen sich insgeheim nach einem menschlichen K�rper. Deswegen z�gern sie nicht, ihren D�monenleib aufzugeben, wenn sie jemanden gefunden haben, von dem sie Besitz ergreifen k�nnen.�</p><p>�Du hast gesagt, nur starke Menschen �berstehen eine Besessenheit. Was geschieht, wenn man schwach ist?�</p><p>Lucien schwieg einen Moment, ehe er erwiderte: �Du solltest nicht zu viel �ber diese Dinge nachdenken.�</p><p>Vivana blieb stehen. �Du brauchst mich nicht zu schonen. Ich komme schon damit klar.�</p><p>�Bist du sicher?�</p><p>�Ja. Am schlimmsten ist f�r mich die Ungewissheit.�</p><p>�Wie du meinst�, sagte Lucien zweifelnd. �Also, d�monische Besessenheit greift die Seele an. Der Betroffene kann den Verstand verlieren oder krank werden. Au�erdem ver�ndert sich mit der Zeit sein K�rper, denn der menschliche Leib ist nicht daf�r geschaffen... Was machst du da?�</p><p>Vivana hatte im Wind Ger�usche geh�rt, die wie Stimmen klangen, und lief geduckt zu einem Felsen. Dahinter befand sich ein steiler Abhang, an dessen Fu� sich zwei vierbeinige Krieger aufhielten.</p><p>�D�monen!�, stie� sie hervor.</p><p>Lucien bedeutete ihrem Vater, der den Liam-D�mon f�hrte und etwas zur�ckgefallen war, mit einem Handzeichen, stehen zu bleiben. Dann kam er zu ihr gelaufen und ging neben ihr in Deckung.</p><p>Vivana biss sich auf die Lippe und beobachtete die beiden Krieger. Die Gesch�pfe stocherten mit ihren Lanzen in einer Erdspalte herum und unterhielten sich zischend. �Was machen sie da?�</p><p>�Sieht ganz so aus, als w�rden sie etwas suchen.�</p><p>�Uns?�</p><p>Lucien gab keine Antwort. Sie konnte ihm die Anspannung ansehen.</p><p>�Sind das Blutsklaven von Nachach?�, fragte Vivana fl�sternd.</p><p>�Wenn, dann ist Nachachs Reich gr��er, als ich dachte.� Sie atmeten auf, als die D�monen kurz darauf im Dunst verschwanden. Anschlie�end gingen sie zu Vivanas Vater, der mit Ruac und ihrem Gefangenen im Schutz einiger Felsen wartete.</p><p>�Ab jetzt bleiben wir dicht zusammen�, sagte Lucien. �Wenn wir wieder einer Patrouille begegnen, m�ssen wir in der Lage sein, uns rasch zu verstecken.�</p><p>Allm�hlich erreichten sie die Randregionen des Gebirges. Die Bergmassive wichen H�geln, die genauso karg und zerkl�ftet, aber nicht ann�hernd so hoch waren. Vivana roch bei�enden Gestank im Wind, der von den Schwefelt�mpeln in der Ebene kam. <emphasis>Nicht mehr weit bis zum Tor</emphasis>, dachte sie und versp�rte zum ersten Mal seit einer Ewigkeit leise Zuversicht.</p><p>Einen halben Tag nach ihrer Begegnung mit den Kriegerd�monen lagerten sie. Vivanas Vater bot an, ihren Gefangenen zu f�ttern, damit der D�mon keine Gelegenheit bekam, sie zu beeinflussen. Vivana war damit einverstanden und k�mmerte sich stattdessen um Ruac.</p><p>Der Tatzelwurm h�utete sich schon wieder. Sie rieb ihm die alte Haut ab, was Ruac sichtlich genoss. Aus alter Gewohnheit wollte er ihr auf den Scho� klettern. Sie konnte ihn nur mit M�he davon abhalten. Er war inzwischen so schwer, dass er sie erdr�ckt h�tte. Vivana gab ihm ein St�ck Fleisch und betrachtete ihn besorgt, w�hrend er fra�. Ruac hatte seine Gr��e mehr als vervierfacht, seit er sich in dem kochenden Pfuhl gesuhlt hatte. Das Futterproblem wurde immer heikler. Hin und wieder gab sie ihm von ihren eigenen Vorr�ten, aber das war auf Dauer auch keine L�sung.</p><p>Sie sah auf, als sie ihren Vater schimpfen h�rte. Suppe troff von seinem Wams � offenbar hatte der D�mon ihn angespuckt. Er drohte, ihm die Suppe mit Gewalt einzufl��en, falls er das noch einmal machte, und schlurfte fluchend zum Gaskocher, um seinen Napf nachzuf�llen.</p><p>In diesem Moment legte der D�mon den Kopf in den Nacken und stie� einen Schrei aus. Es war kein gew�hnlicher Schrei, sondern ein kreischender Ton von einer solchen Lautst�rke, dass Vivana vor Schmerz aufkeuchte und sich unwillk�rlich die Ohren zuhielt. Lucien lie� seine Sch�ssel fallen. Ruac ergriff die Flucht und verkroch sich hinter einem Felsen. Ihr Vater fiel zu Boden und vergrub seinen Kopf in den Armen.</p><p>Vivana hatte schon viele schreckliche Ger�usche geh�rt. Das Kr�chzen der Ghule. Die Todesschreie der V�len. Doch dieser Laut �bertraf alles. Ihr war, als raspelten sich rostige S�gebl�tter durch ihren Sch�del.</p><p>Als es endlich vorbei war, stellte sie fest, dass sie auf dem Boden lag � genau wie ihre Gef�hrten. Lucien war der Erste, der wieder aufstand. Mit gezogenem Messer sprang er vor, packte den D�mon an den Haaren und hielt ihm die Klinge an die Kehle. �Was hast du getan?�</p><p>Der D�mon kicherte nur. �Das wirst du gleich sehen, Alb.�</p><p>Lucien lie� ihn los. �Packt alles zusammen!�, rief er Vivana und ihrem Vater zu. �Wir m�ssen sofort hier weg.�</p><p>Hastig begann Vivana, ihre Sachen in die Taschen zu stopfen, obwohl ihre Ohren klingelten und ihre H�nde zitterten. Doch auch ohne Luciens Aufforderung war ihr klar, dass sie hier nicht bleiben konnten. Den Schrei hatte man meilenweit geh�rt. Vermutlich wurden davon s�mtliche D�monen im Gebirge angelockt.</p><p>Eilends schulterten sie ihr Gep�ck und machten sich auf den Weg. Lucien w�hlte einen schmalen Pfad, der im Schutz der Felsen hangabw�rts f�hrte und auf dem sie, wie er hoffte, nicht gesehen wurden.</p><p>Doch schon wenige Minuten sp�ter war der Himmel �ber ihnen voller Verschlinger. Die schwarzen Riesenv�gel kreisten �ber den H�geln und suchten das Felslabyrinth ab. Einer der gefl�gelten D�monen entdeckte sie schlie�lich und schrie durchdringend.</p><p>�Lauft schneller!�, rief Lucien. �Wir m�ssen uns irgendwo verstecken!�</p><p>Der Pfad war so steil und t�ckisch, dass sie nur langsam vorw�rtskamen. Vivanas Vater rutschte auf dem losen Ger�ll aus und fiel hin. Der schwere Tragekorb hinderte ihn am Aufstehen, und er versuchte mit schmerzverzerrtem Gesicht, die Riemen abzustreifen.</p><p>�Vivana! Der D�mon!�, stie� er hervor.</p><p>Sie stellte fest, dass er das Seil losgelassen hatte. Ihr Gefangener machte sich dies zu Nutze und rannte den Pfad zur�ck. Vivana setzte ihm nach und bekam den Strick zu fassen. Sie zog so heftig daran, dass der D�mon auf den R�cken fiel.</p><p>�Halt ihn fest!�, schrie Lucien. �Lass ihn nicht entkommen!�</p><p>�Hilf meinem Vater�, rief sie. Mit dem Seil in den H�nden wandte sie sich dem D�mon zu. �Steh auf!�</p><p>Er r�hrte sich nicht. Trotz des Knebels konnte sie sehen, dass er grinste.</p><p>�<emphasis>Steh auf!</emphasis>�</p><p>Pl�tzlich erklang von �berall her Kreischen und Zirpen. D�monen erschienen zwischen den Felsen und kamen auf sie zu, vierbeinige Krieger, hundsk�pfige Kynokephale, M�nner mit Schlangenh�uptern. Lucien schleuderte ein Wurfmesser und t�tete einen Krieger, doch schon im n�chsten Moment waren er und Vivanas Vater von den grotesken Leibern eingekreist.</p><p>Vivana zog ihr Messer und blickte sich hektisch um. Sie wollte ihren Gef�hrten zu Hilfe kommen, doch als sie loslief, versperrten ihr mehrere Riesenk�fer, die den Hang heraufkrabbelten, den Weg. Spitzohrige Wichte mit Messern und Speeren in den Klauenh�nden ritten auf den Insekten und kicherten voller Vorfreude, als sie Vivana erblickten.</p><p>Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Nirgendwo ein Fluchtweg. �Vater! Lucien!�, schrie sie und st�rzte den Pfad hinunter. Einer der Wichte wollte sie packen. Sie trieb ihm das Messer in den Arm, woraufhin er kreischend von ihr ablie� und von seinem K�fer fiel. Die anderen Zwergd�monen stie�en mit den Speeren nach ihr, sodass sie zur�ckweichen musste. Jemand ergriff sie von hinten und riss sie zu Boden. Ihr Messer rutschte klappernd �ber das Ger�ll. Zwei Wichte richteten ihre Waffen auf sie und verzogen die M�uler zu einem triumphierenden Grinsen.</p><p>Sie h�rte ein Fauchen. �Ruac!�, keuchte sie und w�re aufgesprungen, wenn ihr nicht einer der Wichte seine Speerspitze an die Kehle gehalten h�tte. Der Tatzelwurm hatte auf einem Felsen Zuflucht gesucht und schnappte nach den D�monen. Einen der Wichte bekam er mit dem Maul zu fassen und schleuderte ihn durch die Luft, dann eilten zwei Kynokephale mit einem Netz herbei und fingen ihn ein. Seine Flanken gl�hten, doch das Netz bestand aus einem wurzelartigen Material, dem Hitze nichts anhaben konnte.</p><p>Die n�chsten Minuten verbrachte Vivana in einer stumpfen Trance. Die Wichte fesselten ihr die H�nde, kicherten dabei und kniffen ihr mit ihren Krallenfingern in Arme und Beine. Ihr Vater und Lucien stolperten den Pfad herauf, gesto�en von den Speersch�ften der Schlangenm�nner. Auch ihnen hatte man die H�nde gebunden. Zu Vivanas Erleichterung waren sie unverletzt, abgesehen von einigen Kratzern und Schrammen.</p><p>Die Kynokephale hatten ihnen all ihre Ausr�stung weggenommen. Die hundsk�pfigen D�monen w�hlten in den Taschen, schn�ffelten an einzelnen St�cken und luden schlie�lich alles auf einen Riesenk�fer. Den Chitinpanzer des monstr�sen Insekts hatte man in der Mitte aufgebrochen und ausgeh�hlt; die Kynokephale stopften das Gep�ck in die verhornte Mulde. Auch Vivanas Ledertasche mit dem Gelben Buch verschwand darin.</p><p>W�hrenddessen hatte einer der Krieger Liam von seinen Fesseln befreit. Vivana entging nicht, dass die D�monen voller Ehrfurcht zur�ckwichen, als er durch die Horde schritt.</p><p>�Er hat einen K�rper!�, wisperte einer der Wichte. �Einen richtigen K�rper! Oh, wie ich ihn beneide!�</p><p>Liam baute sich vor ihnen auf und bedachte sie mit einem triumphierenden L�cheln. �Bringt sie zu meinem Bruder�, befahl er, woraufhin man die Gef�hrten zwang, aufzustehen und inmitten der d�monischen Schar den Pfad hinaufzumarschieren. Ruac hatte man ein dickes Seil um den Hals geschlungen. Zwei Kynokephale zogen ihn, zwei andere schlugen mit dreischw�nzigen Peitschen auf ihn ein, wenn er sich widersetzte.</p><p>�Bruder?�, fl�sterte Vivana. �Hei�t das, er und Nachach sind Geschwister?�</p><p>�M�glich�, antwortete Lucien und zuckte zusammen, als einer der Schlangenm�nner ihm einen Peitschenhieb versetzte und ihm mit zischender Stimme befahl, den Mund zu halten. </p><p>Vivana empfand weder Furcht noch Verzweiflung, w�hrend sie mit der Horde durch die Berge zog. Der Weg war so beschwerlich, dass sich eine empfindungslose Leere in ihr ausbreitete und alle Gef�hle verdr�ngte. Ihre gesamte Konzentration richtete sie darauf, den n�chsten Schritt zu tun, nicht zu st�rzen. Die meiste Zeit hielt sie den Kopf gesenkt, denn wenn sie aufschaute oder gar einen ihrer Gef�hrten ansprach, riskierte sie, geschlagen und angespuckt zu werden.</p><p>Irgendwann erreichten sie den Talkessel, in dem Nachachs Burg stand. Liam schritt an der Spitze der Schar, herrisch wie ein Eroberer, als der Trupp �ber den Sattel zog, der den Bergr�cken mit der Felsnadel verband. Endlose Serpentinen schraubten sich an dem turmartigen Gebilde empor, das aus wuchernden Felsstr�ngen bestand, durchsetzt von St�tzw�nden und klaffenden �ffnungen. Eisig heulte der Wind um Wegbiegungen und Plattformen, und es erschien Vivana wie eine Ewigkeit, bis sie schlie�lich zum Tor gelangten. Das B�se, das sie vor einigen Tagen aus einer Entfernung von mehreren Meilen gesp�rt hatte, war hier so intensiv, dass sie kaum noch atmen konnte.</p><p>D�monen mit geschnitzten Knochenhelmen erschienen auf der Br�stung, Befehle wurden gebr�llt, und das Tor �ffnete sich knarrend. Der Trupp marschierte in eine Halle voll von Schatten und gl�hendem Zwielicht. Nirgendwo schien es geometrische Formen zu geben; Steinw�lste bildeten W�nde, wuchsen um �ffnungen herum, verdichteten sich zu Pfeilern und sehnenartigen Streben, wodurch der Raum wie das Innere eines gewaltigen Organs wirkte. Feuer z�ngelte aus Sch�chten herauf, und im Schein der Flammen erschienen fratzenhafte Gesichter, Scharen von D�monen, die aus L�chern und Durchg�ngen schl�pften, um die Gefangenen anzuglotzen. Das Halbdunkel war erf�llt von Fl�stern und Zirpen.</p><p>An der Stirnseite der Halle blieb die Horde stehen. Vivana konnte sp�ren, dass die Bewohner der Festung ihnen gefolgt waren und sich dicht hinter ihr zusammendr�ngten. Stufen und Rampen f�hrten zu einem Podest, auf dem zwei flackernde Feuerpfannen standen. Dahinter erhob sich ein Thron, der kaum als solcher zu erkennen war, denn er bestand g�nzlich aus rostigen Metallteilen, aus R�dern, Waffen und Stangen, die man ohne erkennbare Ordnung aneinandergeschmiedet hatte.</p><p>Das Gesch�pf, das darauf sa�, war anderthalb mal so gro� wie ein Mensch und besa� einen knochigen Leib, d�nne Beine und Arme mit Krallenh�nden, die auf den Thronlehnen lagen. Der Sch�del hatte eine seltsam eckige Form und wies ein mit spitzen Z�hnen bewehrtes Maul und schr�g stehende Augen auf. Ob das Wesen m�nnlich oder weiblich war, konnte Vivana nicht einsch�tzen, denn das Gesicht vereinte auf verwirrende Weise Eigenschaften beider Geschlechter in sich.</p><p>Der D�mon � zweifellos Nachach � bot einen Furcht erregenden Anblick, dennoch versp�rte Vivana weit gr��eres Entsetzen, als sie die Gestalt erkannte, die neben dem Thron stand.</p><p>Es war Seth.</p><p><emphasis>Er?</emphasis>, dachte sie. <emphasis>Aber wieso?</emphasis> Der Incubus schien ihre Verwirrung und Furcht genau zu sp�ren und bedachte sie mit einem d�nnen L�cheln.</p><p>In diesem Moment trat Liam vor. �M�chtiger Nachach, mein Bruder�, sagte er und verneigte sich vor dem Thron. �Es ist lange her. Dich zu sehen macht mich gl�cklich.�</p><p>Bei dem Ger�usch, das Nachach von sich gab, lief Vivana ein Schauder �ber den R�cken. Es war ein raspelndes Lachen, wie das Schmirgeln eines Wetzsteins auf rostigem Stahl. Dann sprach er. Seine Stimme war nicht laut, aber so unangenehm und durchdringend, dass Vivana sie mit jeder Faser ihres K�rpers sp�rte. �Ich bewundere deinen Mut. Du kommst einfach in mein Haus und trittst vor meinen Thron, nach allem, was du getan hast. Hast du vergessen, dass ich dir den Kopf abrei�en wollte, wenn du dich je wieder blicken l�sst?�</p><p>�Es ist viel zwischen uns vorgefallen, und ich verstehe deinen Zorn�, erwiderte der Liam-D�mon mit einer Demut, die gar nicht zu seiner �blichen Gro�spurigkeit passte. �Aber ich bin hier, um unseren Streit beizulegen. Ich erbitte deine Verzeihung und bringe dir zum Dank f�r deinen Gro�mut Geschenke.�</p><p>�Geschenke?�, fragte Nachach.</p><p>�Wie du siehst, habe ich einen neuen K�rper. Einen menschlichen Leib, wie ich ihn mir immer ersehnt habe. Ich habe ihn einem Jungen gestohlen, der in deinem Reich gestrandet ist.� Der Liam-D�mon wies auf Vivana, ihren Vater und Lucien, die vor dem Podest knieten. �Dies sind seine Gef�hrten. Sie sollen dir geh�ren, als Zeichen meiner Freundschaft.�</p><p>Nachach erhob sich von seinem Thron und stieg die Treppe hinunter. Obwohl seine Bewegungen wegen der langen Gliedma�en seltsam staksig wirkten, zweifelte Vivana nicht daran, dass der D�monenf�rst jedem Menschen an Kraft und Schnelligkeit weit �berlegen war. Als er den Boden der Halle erreichte, fauchte Ruac und versuchte, ihn anzugreifen. Vier D�monen waren n�tig, Vivanas geschuppten Gef�hrten festzuhalten.</p><p>�Was ist das?�, wollte Nachach wissen.</p><p>�Ein Tatzelwurm�, sagte der Liam-D�mon. �Nicht mehr lange und er w�chst zu einem Lindwurm heran. Er wird ein prachtvolles Reittier f�r dich abgeben, mein Bruder.�</p><p>Nachach schritt an ihnen vorbei und musterte sie der Reihe nach. �Ein Alb? Was soll ich mit einem Alb? Sein K�rper ist nutzlos f�r mich.�</p><p>�Er ist ein guter K�mpfer. Lass ihn zu deiner Unterhaltung in den Sklavengruben k�mpfen.�</p><p>Der Vorschlag fand Anklang bei den versammelten D�monen. Sie zirpten und kr�chzten in freudiger Erwartung.</p><p>�Die anderen beiden sind Menschen�, fuhr der Liam-D�mon fort. �Der Mann ist h�sslich und verkr�ppelt, aber das M�dchen ist noch jung. Ihr K�rper wird dir gefallen. Du wirst dich wie neugeboren darin f�hlen.�</p><p>Nachach beugte sich herunter, sodass sein Gesicht nur noch wenige Finger breit von Vivanas entfernt war. Er neigte den Kopf erst auf die eine, dann auf die andere Seite, hob ihr Kinn mit seinen d�nnen Fingern und schien jeden Zoll ihrer Z�ge genau zu studieren. Vivana bem�hte sich, ihm in die Augen zu sehen, obwohl sie vor Entsetzen am ganzen Leib zitterte. Sie war entschlossen, ihre Angst nicht zu zeigen.</p><p>Nachachs Maul �ffnete sich, klaffte zu einem Grinsen auf, eine zahnbewehrte Sichel, die so breit war, dass sie den Kopf in zwei H�lften zu trennen schien. �Ja�, sagte der D�monenf�rst. �Ja, das ist ein h�bscher K�rper. Ich glaube, ich werde ihn m�gen.�</p><p>Er lie� von Vivana ab und wandte sich Liam zu. �Ich nehme deine Geschenke an, kleiner Bruder. Unser Zwist ist vergessen. Nun lass uns unser Wiedersehen feiern!�</p><p>Die D�monen br�llten und jubelten und stampften mit F��en und Speersch�ften auf. Trommeln wurden geschlagen, und es erklang misst�nende Musik. Die Feuer brannten h�her und erf�llten den Saal mit dunklem Flammenschein. Kessel wurden herbeigeschafft. Nachach und Liam fassten einander an den H�nden und f�hrten einen grotesken Tanz auf, in den nach und nach die anderen D�monen einfielen.</p><p>Die Kynokephale packten Vivana und ihre Gef�hrten und zerrten sie zu einem Loch im Boden. �Ruac!�, schrie Vivana, als sie sah, dass der Tatzelwurm zu einer anderen �ffnung gef�hrt wurde. �Wohin bringt ihr ihn?�, rief sie, doch statt ihr eine Antwort zu geben, stie� man sie in das Loch.</p><p>Hart schlug sie auf dem Boden auf. Klauenh�nde griffen nach ihren Armen und schleiften sie den Tunnel entlang. Ein D�mon grunzte etwas und schwenkte eine Fackel, woraufhin man eine unf�rmige T�r aufschloss und sie in eine dunkle Kammer warf. Ihr Vater und Lucien landeten neben ihr. Pl�tzlich packte Vivana j�he und unvern�nftige Wut, sie sprang auf und wollte zur T�r laufen, doch etwas schlang sich um ihren Fu�kn�chel und brachte sie zu Fall. Gerade als sie feststellte, dass es sich dabei um eine Art Ranke handelte, schossen weitere Str�nge aus dem knotigen Boden und wickelten sich um ihre Arme und Beine. Verzweifelt warf sie sich hin und her. Je heftiger sie sich wehrte, desto fester wurde die Umklammerung. Schlie�lich gab sie es auf und blieb reglos liegen. Die seltsamen Ranken lie�en sie nicht los, lockerten sich jedoch ein wenig, sodass sie zu Lucien und ihrem Vater kriechen konnte. Die beiden M�nner waren auf die gleiche Weise gefesselt wie sie.</p><p>Vivana versuchte, ihre tobenden Gedanken zu ordnen. Ihre Augen gew�hnten sich an die Dunkelheit, und sie sah, dass ihr Gef�ngnis �hnlich organisch beschaffen war wie die gro�e Halle der Burg. Wurzelartige F�den hingen von der Decke, die Luft war feucht und stickig. Der Boden bestand nicht aus Stein, sondern aus einer weichen und fleischigen Substanz. Er pulsierte leicht. Der Kerker sah nicht nur lebendig aus, begriff sie � er <emphasis>war</emphasis> lebendig.</p><p>Lange sprach niemand. Vivana lauschte dem Herzschlag der Festung und dem fernen Geschrei der D�monen, das immer wilder, immer ausgelassener wurde. Ihre Angst war einer seltsamen Ruhe gewichen. <emphasis>Wir werden sterben</emphasis>, dachte sie � und dann: <emphasis>Nein, Paps und Lucien werden sterben. Ich werde leben, als H�lle f�r Nachach.</emphasis> Sie schloss die Augen, und ihr war, als treibe sie in einem Ozean aus Finsternis.</p><p>Als ein Schl�ssel im Schloss knirschte, schreckte sie auf. Die Ranken hatten sich so weit gelockert, dass sie sich aufsetzen konnte.</p><p>Eine Gestalt kam herein, gekleidet in einen dunkelroten Anzug. �ber ihrem Handteller schwebte eine Flamme.</p><p>�Ein M�dchen, ein alter Mann und ein abgehalfterter Alb�, sagte Seth. �Ihr seid wirklich ein kurioser Haufen. So etwas sieht man im Pand�monium nicht alle Tage.�</p><p>�Was willst du?�, fragte Lucien barsch.</p><p>�Nun, ich h�tte nicht gedacht, dass wir uns so bald wiedersehen, alter Freund. Da geh�rt es sich, dass man wenigstens guten Tag sagt.�</p><p>�Na sch�n. Das hast du getan. Jetzt kannst du wieder verschwinden.�</p><p>Seth ging vor Lucien in die Hocke. Die Flamme schwebte von seiner Hand unter die Decke und erf�llte die Kerkerzelle mit geisterhaftem Licht. Vivana bemerkte, dass der Incubus unverletzt war � die Schusswunden, die Liam ihm zugef�gt hatte, waren verschwunden. Offenbar genasen D�monen viel schneller als Menschen.</p><p>�Willst du gar nicht wissen, warum ich hier bin?�, fragte der Halbd�mon freundlich.</p><p>�Lass mich raten�, erwiderte Lucien. �Nach Aziels Niederlage hast du ihn im Stich gelassen und bist ins Pand�monium geflohen. Du magst keine Verlierer. Stattdessen hast du dir einen neuen Herrn gesucht. Einen m�chtigeren, einen mit besseren Aussichten f�r die Zukunft. Deswegen musste es schon ein D�monenf�rst wie Nachach sein, nicht wahr?�</p><p>Seth lachte leise. �Ausgerechnet <emphasis>du</emphasis> wirfst mir vor, ich h�tte Aziel im Stich gelassen? Ich war es nicht, der ihn fast get�tet hat.�</p><p>�Wenigstens habe ich ihn nicht verraten. Bei mir wusste er immer, woran er ist.�</p><p>�Gut. Dann bin ich eben ein Verr�ter. Das k�mmert mich einen Dreck. Aziels �ra ist vorbei. Die Zukunft geh�rt uns D�monen.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>Seth stand auf und blickte sp�ttisch auf Lucien herab. �Das wirst du schon noch sehen � vorausgesetzt, du lebst lange genug, was bezweifelt werden darf.�</p><p>Lucien spannte seine Muskeln an, als wollte er den Incubus anspringen. Doch als er sich in seinen Fesseln bewegte, zogen sich die Ranken augenblicklich fester um seine Arme und Beine.</p><p>�Noch nie hat jemand Nachachs Kerker lebendig verlassen�, bemerkte der Halbd�mon. �Nicht einmal du schaffst das, Meisterdieb. Also gib es auf und genie�e deine letzten Stunden.�</p><p>Vivanas Vater hatte die ganze Zeit geschwiegen. Als er zu sprechen begann, klang seine Stimme rau und belegt. �Was hat Nachach mit uns vor?�</p><p>�Woher soll ich das wissen? Nachach ist so launisch wie ein Fischweib. Was er eben entschieden hat, ist schon im n�chsten Moment nicht mehr von Belang. Vielleicht t�tet er dich und den Alb. Vielleicht schenkt er deinen K�rper einem seiner Blutsklaven, nachdem er dich gefoltert hat. Sicher ist nur, dass er den Leib deiner Tochter f�r sich beansprucht. Er scheint sich richtig in sie verliebt zu haben. Kein Wunder, sie ist ja auch ein h�bsches Ding.�</p><p>Vivana h�tte nicht gedacht, dass sie f�hig war, so viel Abscheu zu versp�ren, wie sie in diesem Moment f�r Seth empfand. �Liam h�tte dich t�ten sollen, als er die Chance dazu hatte�, fl�sterte sie.</p><p>�Dein Liam ist ein Narr. Er hat bekommen, was er verdient.� Seth lachte. �Besessen von Nachachs Bruder � ist das nicht eine wundervolle Ironie?�</p><p>�Willst du behaupten, du hast das geplant?�, fragte Lucien. </p><p>�Nein. Ich wollte, dass er einen langsamen und qualvollen Tod stirbt. Aber was stattdessen geschehen ist, gef�llt mir viel besser. Das liebe ich so am Pand�monium: Es steckt voller �beraschungen.�</p><p>Vivana h�tte den Incubus am liebsten angesprungen, so heftig war ihr Hass auf ihn. Doch die Ranken reagierten auf die kleinste Bewegung und fesselten sie an den Boden der Kammer, sodass sie nichts tun konnte. Sie f�hlte sich hilflos und ohnm�chtig, und das machte ihren Zorn schier unertr�glich.</p><p>�Genug geplaudert�, meinte Seth schlie�lich. �Oben findet ein Fest statt, das ich nur ungern verpasse. Gehabt euch wohl, Freunde. Wir sehen uns in der Folterkammer.�</p><p>Kichernd verlie� er die Zelle. Als die T�r ins Schloss fiel, erlosch die Flamme unter der Decke. Finsternis senkte sich herab.</p><p>In der Ferne kreischten und johlten die D�monen zum Klang von Trommeln und Pfeifen.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>22</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Aziel</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>M</strong>ehr als ein Dutzend Albtr�ume kauerten auf dem Platz und warteten auf Jackons Befehle. Riesenspinnen waren darunter, Ratten so gro� wie ein Ochse, Gebilde aus Schatten und Klingen � Ungeheuer und Manifestationen seiner schlimmsten �ngste, eine scheu�licher als die andere.</p><p>Jackon sa� ersch�pft auf dem Dach eines Seelenhauses. So viele Albtr�ume auf einmal hatte er noch nie erschaffen und kontrolliert. Er hatte sie gegeneinander k�mpfen lassen, hatte sich mit Helm und Schwert mitten ins Get�mmel gest�rzt, Schl�ge ausgeteilt und sich gegen Hiebe und Bisse verteidigt, bis jeder Muskel seines K�rpers schmerzte. Jeder andere h�tte den Verstand verloren bei dem Versuch, dieses Gewimmel zu beherrschen, oder w�re binnen weniger Sekunden von den Albtr�umen zerfetzt worden. Jackon jedoch hatte ihnen seinen Willen aufgezwungen, und sie gehorchten und taten alles, was er von ihnen verlangte. Und er hatte nicht den kleinsten Kratzer abbekommen.</p><p>Euphorie stieg in ihm auf, und er erwog, noch mehr Albtr�ume zu erschaffen. Doch schlie�lich siegte die Vernunft. Er musste sich ausruhen. Jede Nacht an die Grenzen seiner Kr�fte zu gehen war nicht der Sinn der Sache. Wenn er seinen pers�nlichen Rekord erst morgen brach, war das fr�h genug.</p><p>Er lie� die Albtr�ume verschwinden und wachte auf.</p><p>Dass er sich im Traum so verausgabt hatte, sp�rte er auch im wachen Zustand. Er f�hlte sich ger�dert und abgespannt, obwohl er gut acht Stunden lang tief und fest geschlafen hatte. Es wurde h�chste Zeit, dass er wieder einmal eine ganze Nacht tr�umte wie ein gew�hnlicher Mensch, ohne Albtr�ume zu erschaffen oder irgendjemanden heimzusuchen.</p><p>Gl�cklicherweise hatte er heute keinerlei Verpflichtungen. Er blieb noch eine Weile im Bett liegen und d�ste vor sich hin, dann stand er auf und a� das Fr�hst�ck, das Cedric ihm brachte. Umbra, Corvas und Amander waren nicht da, sodass er den S�dfl�gel f�r sich allein hatte. Er drehte sein Aethergrammophon auf volle Lautst�rke auf und h�rte Musik, bis ihm langweilig wurde. Anschlie�end zog er sich an, schlenderte durch die Altstadt und machte ein paar Besorgungen.</p><p>Anfangs war es ihm schwergefallen, nur zum Vergn�gen Geld auszugeben. Sein ganzes Leben lang hatte er kaum genug besessen, um den n�chsten Tag zu �berstehen. In den Diensten Lady Sarkas jedoch bekam er so viel Lohn, dass er sich jeden Tag etwas kaufen konnte, das ihm gefiel, zumal er weder f�r Essen noch f�r ein Dach �ber dem Kopf aufkommen musste. Heute kaufte er sich einen neuen Hut. Eigentlich besa� er bereits drei H�te, aber dieser hatte es ihm angetan, denn er war elegant und gleichzeitig streng geformt � genau die richtige Kopfbedeckung f�r einen Leibw�chter von Lady Sarka. Au�erdem liebte er den <emphasis>Vorgang</emphasis> des Einkaufens. Inzwischen hatte es sich in der ganzen Stadt herumgesprochen, wer er war. Die H�ndler nannten ihn �Herr�, umschw�rmten ihn in Scharen, lasen ihm alle W�nsche von den Augen ab und gaben ihm gro�z�gig Rabatt.</p><p>Er lie� sich Zeit und trank in einem Kaffeehaus am Tessarionplatz in Ruhe einen Tee, sodass es bereits Abend war, als er zum Palast zur�ckkehrte. Im Salon der Leibw�chter erwartete ihn Umbra.</p><p>�Da bist du ja�, sagte sie. �Die Herrin wartet auf dich. Du sollst sofort zu ihr kommen.�</p><p>�Weswegen? Ist etwas passiert?�</p><p>�Das wird sie dir schon sagen. Komm, ich bringe dich hin.�</p><p>In einem Winkel des Salons, wo sich die Abendd�mmerung zu tiefen Schatten verdichtete, �ffnete Umbra ein Tor, das sie gemeinsam durchschritten. Die Leibw�chterin war ungew�hnlich schweigsam. Sie sprach erst, als Jackon gerade durch die �ffnung am Ende des Schattentunnels treten wollte. �Warte.�</p><p>�Was ist denn?�</p><p>�Du musst mir etwas versprechen.� Umbra z�gerte. �Was die Herrin auch von dir verlangt, du musst vorsichtig sein, hast du verstanden? Mach nichts, dem du dich nicht gewachsen f�hlst.�</p><p>�Was verlangt sie denn von mir?�</p><p>�Versprich es einfach.�</p><p>�Schon gut. Ich verspreche es�, sagte Jackon verunsichert. So nachdenklich hatte er Umbra noch nie erlebt. �Aber was ist denn �berhaupt los? Jetzt sag schon.�</p><p>Anstelle einer Antwort schob die Leibw�chterin ihn durch die �ffnung. Er h�rte noch, wie sie �Viel Gl�ck� murmelte, ehe sich das Tor schloss.</p><p>Verwirrt und ein wenig ver�rgert starrte er in die Schatten. Umbra und ihre r�tselhaften Andeutungen... Warum sagte sie nie, was sie wirklich meinte? Er stellte fest, dass sie ihn zum Kuppelsaal gebracht hatte. An den Pfeilern brannten Lampen und erf�llten die Halle mit einem vielfarbigen Wechselspiel der Lichter, das sich mit dem Gl�hen der Abendd�mmerung vermischte.</p><p>Lady Sarka trat aus den Schatten. Der Lampenschein floss �ber den silbernen Stoff ihres Kleides und lie� es mal rot, mal gelb, mal blau schimmern, beinahe so, als best�nde es aus dem Licht des Regenbogens.</p><p>Ihre Sch�nheit schlug Jackon jedes Mal aufs Neue in den Bann. �Ihr habt mich rufen lassen, Herrin�, sagte er und verneigte sich.</p><p>Sie l�chelte, und ihre Stimme war so geschmeidig wie Samt.</p><p>�Heute ist ein gro�er Tag, Jackon. Deine Ausbildung ist zu Ende. Du hast deine Bestimmung gefunden. Du bist jetzt ein Traumwanderer mit allen Kr�ften, die ein Mensch mit deiner Gabe besitzen kann.�</p><p>Ihre Worte erf�llten ihn mit Stolz � obwohl sich ein Teil von ihm fragte, wie sie das so genau wissen konnte. Von seinen j�ngsten Fortschritten hatte er ihr noch gar nichts erz�hlt.</p><p>�Du hast gelernt, dein Seelenhaus zu verlassen und zu springen�, fuhr sie fort. �Du wei�t, wie man die Tr�ume anderer beeinflusst und wie man k�mpft. Bei alldem hast du meine Erwartungen weit �bertroffen. Kein anderer Mensch hat im Reich der Tr�ume je so viel Macht besessen wie du, Jackon. Das macht mich stolz.�</p><p>�Ich danke Euch.� Er verneigte sich erneut.</p><p>�Dein Schicksal hat sich beinahe erf�llt.�</p><p>�Beinahe?�</p><p>�Eines gibt es noch zu tun�, antwortete Lady Sarka. �Heute Nacht wirst du vor Aziels Thron treten und ihn herausfordern.�</p><p>Jackon schwieg. Er wusste seit Wochen, dass dieser Tag irgendwann kommen w�rde, und es hatte Zeiten gegeben, da hatte er ihn sogar herbeigesehnt. Dennoch stieg Angst in ihm auf, eisige, alles verschlingende Furcht.</p><p>�Was ist?�, fragte Lady Sarka sanft. �F�rchtest du dich?� �Es gibt noch so viel, das ich lernen muss�, erwiderte er z�gernd. �Warum ausgerechnet heute Nacht? Kann ich nicht gegen ihn k�mpfen, wenn ich besser bin?�</p><p>�Aziel erholt sich allm�hlich von seiner Niederlage. Mit jedem Tag wird er st�rker. Wenn du zu lange wartest, wird er dir bald �berlegen sein.�</p><p>�Aber Ihr habt gesagt, es wird Monate dauern, bis er sich erholt hat. Oder sogar Jahre. Es ist doch erst ein paar Wochen her, dass er...�</p><p>�Genug jetzt�, fiel ihm die Lady ins Wort. �Aziel hasst dich. Er wird nicht ruhen, bis er dich vernichtet hat. Du kannst entweder warten, bis er dich im Schlaf �berrascht, oder du kommst ihm zuvor. Was ist dir lieber?�</p><p>Jackon schluckte eingesch�chtert. Woher kam auf einmal diese Ungeduld? Vor einer Sekunde war sie doch noch die Freundlichkeit in Person gewesen. �Ich frage mich nur, ob ich ihm gewachsen bin�, erwiderte er.</p><p>�Nat�rlich bist du das. Deine Kr�fte sind gro�. Du wirst Aziel zerschmettern, bevor er auch nur begreift, was geschieht.�</p><p>Jackon war nicht �berzeugt. Er dachte an die �berw�ltigende Macht, die von Aziel ausgegangen war, als er ihn in seinem Palast getroffen hatte. Aziel war uralt, er herrschte seit Anbeginn der Zeit �ber die Tr�ume. Selbst in geschw�chtem Zustand w�rde er ein schrecklicher Gegner sein.</p><p>Lady Sarkas Zorn verschwand so schnell, wie er gekommen war, und wich einem warmen L�cheln. �Jackon�, sagte sie. �Von all meinen Dienern bist du mir der liebste. Ich habe dir ein besseres Leben geschenkt und dich gepflegt, als du dem Tode nah warst. Ich habe deine Kr�fte geschult und dir gro�e Macht gegeben. Glaubst du wirklich, ich w�rde leichtfertig zulassen, dass du dich in Gefahr begibst?�</p><p>Gegen dieses L�cheln war er machtlos. �Nein�, h�rte er sich sagen.</p><p>�Siehst du. Ich will nur dein Bestes, damit du mir noch viele Jahre dienen kannst. Aber dazu geh�rt nun einmal, dass du tust, was ich dir sage. Das verstehst du doch, oder?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Sch�n. Also, Jackon � wirst du Aziel herausfordern, wie ich es dir befohlen habe?�</p><p>Er schluckte seine Furcht herunter. �Das werde ich�, murmelte er.</p><p>Lady Sarka wirkte so gl�cklich, dass sie innerlich zu leuchten schien. �Ich wusste, dass ich auf deinen Mut z�hlen kann. Ein gro�artiger Sieg steht dir bevor. Was du heute Nacht tun wirst, hat noch nie ein Mensch getan.�</p><p>Jackon blickte zur Glaskuppel auf. W�hrend sie gesprochen hatten, war es dunkel geworden, und Myriaden von Sternen sprenkelten den Nachthimmel �ber Bradost. Mit einem Mal f�hlte er sich leicht und unbeschwert, so wie in der Stadt der Seelen, wo er Kraft seines Willens viele Meilen weit springen konnte. Pl�tzlich fragte er sich, wovor er eigentlich solche Angst hatte. Er war ein Traumwanderer. Nichts und niemand konnte ihn aufhalten.</p><p>�Ja�, sagte er leise. �Ein gro�artiger Sieg.�</p><p>�Bevor du gehst, musst du noch etwas wissen�, sagte die Lady. �Sowie du Aziel besiegt hast, musst du sofort zu meinem Seelenhaus kommen. Ich erwarte dich dort. Unter keinen Umst�nden darfst du das vergessen.�</p><p>�Zu Eurem Seelenhaus? Aber ich dachte, Ihr m�sst nicht schlafen.�</p><p>�Ich werde dort sein�, sagte sie nur.</p><p>�Wieso?�</p><p>�Es ist von gr��ter Wichtigkeit f�r die Zukunft der Tr�ume. Vertrau mir einfach.�</p><p>Er nickte. �Ich komme. Ihr habt mein Wort.�</p><p>Sie l�chelte wieder. �Viel Gl�ck, mein Traumwanderer.�</p><p>Kurz darauf betrat Jackon sein Zimmer. Er zog sich aus, l�schte das Licht und legte sich ins Bett. Sein Herz pochte wie verr�ckt. Das Entsetzen, das er vorhin im Kuppelsaal versp�rt hatte, war zwar verschwunden, aber die Euphorie auch. Alles, was er empfand, war eine gewaltige Anspannung, eine vibrierende Nervosit�t, die jede Faser seines K�rpers ausf�llte.</p><p><emphasis>Was du heute Nacht tun wirst, hat noch nie ein Mensch getan.</emphasis></p><p>F�r einen kurzen Moment fragte er sich, ob er im Begriff war, einen enormen Fehler zu begehen. Aber dann rief er sich Lady Sarkas Worte ins Ged�chtnis: <emphasis>Glaubst du wirklich, ich w�rde leichtfertig zulassen, dass du dich in Gefahr begibst?</emphasis> Er musste ihr vertrauen. Sie war so viel kl�ger als er. Sie wusste immer, was zu tun war, und sie hatte ihn noch nie im Stich gelassen.</p><p>Er w�rde ihr gehorchen. Das war er ihr schuldig.</p><p>Mit der Zeit wurde er ruhiger. Trotzdem gelang es ihm nicht, einzuschlafen. Gl�cklicherweise hatte Cedric vorgesorgt und ihm einen Tee aus Bittergras gekocht. Jackon trank die Tasse in einem Zug aus und legte sich wieder hin.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis das Bittergras Wirkung zeigte. Kurz darauf schlief er ein.</p><p>Er fand sich in seinem Seelenhaus wieder, wo seine Tr�ume erwachten und ihn mit verwirrenden Bildern umgarnten. Er fokussierte seine Gedanken auf seine Aufgabe, verlie� das Haus und sprang auf einen nahen Turm. Von dem Dach des Geb�udes aus blickte er �ber die verfallende Stadt der Seelen und sp�hte zu Aziels Palast, dessen Mauern und Minarette in der Ferne aufragten.</p><p><emphasis>Jetzt ist es also so weit</emphasis>, dachte er, schloss die Augen und konzentrierte sich auf den Sprung.</p><p>Keinen Wimpernschlag sp�ter ragte das dunkle Schloss vor ihm auf. Windb�en rissen an seiner Kleidung und wirbelten den Silberstaub auf, der sich auf Zinnen und Dachschr�gen ablagerte. In den Seelenh�usern, die den weiten Platz umgaben, fl�sterten die Tr�ume.</p><p>Ein festes Tor, das bei seinem ersten Besuch noch nicht da gewesen war, verschloss den Eingang. Jackon r�ttelte daran. Es gab nicht nach.</p><p>Sollte er ins Innere des Palastes springen? Nein. Er kam als Herausforderer. Er schlich sich nicht an.</p><p>�Aziel!�, rief er zu den Zinnen hinauf. �Zeig dich!�</p><p>Keine Antwort.</p><p>Grimmig runzelte er die Stirn und streckte den Arm aus. Eine Blase aus Traumsubstanz wuchs aus seiner Handfl�che, fiel zu Boden und wuchs zu einem Koloss heran, zu einem h�sslichen Riesen, der eine gewaltige Axt schwang. Der Gigant warf sich gegen das Tor, das schon beim ersten Ansturm barst und in sich zusammenfiel.</p><p>�Folge mir�, befahl Jackon, stieg �ber das gesplitterte Holz und betrat die Festung.</p><p>Mit dem Traumkoloss im Schlepptau schritt er durch Korridore und Hallen und rief Aziels Namen. Nichts geschah. Der Palast war noch stiller und verlassener als beim letzten Mal.</p><p>Schlie�lich, im gro�en Saal im Herzen des Schlosses, zeigte sich der Herr der Tr�ume. Er trat aus den Schatten und blieb im Zwielicht zwischen den S�ulen stehen.</p><p>Jackon h�tte ihn beinahe nicht erkannt. Aziel wirkte <emphasis>alt</emphasis>. Er war abgemagert und ging leicht nach vorne gebeugt, als h�tte er nicht genug Kraft, sich vollst�ndig aufzurichten. Der Glanz seiner Augen war erloschen, ebenso die Aura der Macht, die ihn stets umgeben hatte. An der Art, wie er sich bewegte, sah Jackon, dass er Schmerzen litt. Selbst ein Blinder h�tte gesehen, dass er sich von seinen Verletzungen l�ngst nicht erholt hatte.</p><p>Und dennoch versp�rte Jackon einen Anflug von Furcht beim Anblick des einstigen Albenk�nigs. Hier stand das Gesch�pf, das mit aller Macht versucht hatte, ihn zu t�ten. Das ihn hasste und bis ans Ende der Welt verfolgt h�tte, wenn es nicht zu schwach gewesen w�re.</p><p>�Hallo Aziel�, sagte er.</p><p>Der Herr der Tr�ume kam nicht n�her. �Dir ist es also gelungen, dein Seelenhaus zu verlassen.�</p><p>�Nat�rlich. Hast du etwa geglaubt, diese l�cherlichen Ranken w�rden mich aufhalten?�</p><p>�Du bist m�chtig geworden. Bei unserer letzten Begegnung warst du noch ein kleiner, ver�ngstigter Junge.�</p><p>Zorn keimte in Jackon auf und half ihm, seine Furcht zu bezwingen. �Bei unserer letzten Begegnung hast du versucht, mich zu t�ten!�</p><p>�Bist du deswegen hier? Weil du Rache willst?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Das ist t�richt. Begreifst du denn nicht, dass man dich nur benutzt?�</p><p>�Niemand benutzt mich. Ich bin hier, weil ich es so will!�</p><p>�Sei doch kein Narr. Du bist ein Diener von Lady Sarka, genau wie Corvas. Sie hat deinen Verstand vergiftet...�</p><p>Jackon hatte genug von Aziels Gerede. �Es reicht. Ich fordere dich heraus, Aziel. K�mpf gegen mich.�</p><p>�Du machst einen Fehler.�</p><p>�K�mpfe!�, schrie Jackon.</p><p>Er wartete nicht ab, ob Aziel seine Herausforderung annahm, sondern befahl dem Traumkoloss, anzugreifen. Gleichzeitig erschuf er weitere Albtr�ume. Blase um Blase wuchs aus seiner Handfl�che, rollte �ber den Steinboden und begann zu wachsen. Er arbeitete mechanisch, ohne nachzudenken, und spulte alles ab, was er in den vergangenen Wochen und Monaten gelernt hatte.</p><p>Jetzt w�rde sich zeigen, ob seine Kr�fte ausreichten.</p><p>Auch Aziel rief Tr�ume herbei. Zwei Angst einfl��ende Gestalten wuchsen in die H�he und stellten sich dem heranst�rmenden Koloss in den Weg. Keine Sekunde sp�ter brach der Kampf los und erf�llte die Halle mit flackernden Lichtern.</p><p>Neue Furcht wallte in Jackon auf, als er sah, wie die Tr�ume gegeneinander k�mpften. Er versuchte, ruhig zu atmen und sich zu konzentrieren. Er machte sich einen Helm, einen Brustpanzer und eine Lanze und warf seine Nachtmahre ins Gefecht.</p><p>Wenig sp�ter wimmelte es zwischen den S�ulen von Albtr�umen. Jackon konnte kaum noch sagen, welche seine waren und welche Aziel kontrollierte. Die Gesch�pfe schlugen mit Klauen, Waffen, Stachelschw�nzen und Speeren aus purer Finsternis auf ihre Gegner ein, sie zerhackten, zerstampften, verschlangen einander. Wenn ein Traum vernichtet wurde, wurde er augenblicklich ersetzt, formte sich ein anderer aus einer Blase aus Traumsubstanz und st�rzte sich ins Get�mmel.</p><p>Bei seinen �bungen hatte Jackon versucht, sich auf jede erdenkliche Situation, jede Variante des Kampfes vorzubereiten � doch <emphasis>damit</emphasis> hatte er nicht gerechnet. Dies war ein Gefecht auf Leben und Tod. Aziel strebte an, ihn zu vernichten, und daf�r war ihm jedes Mittel recht. Er lie� seine Nachtmahre auf breiter Front angreifen, damit sie Jackons Verteidigungslinie durchbrachen und ihn umzingelten. Bald war Jackon gezwungen, sich gegen herabsto�ende Dornen und zupackende Klauen zu wehren, sodass seine Konzentration nachlie� und er seine Albtr�ume nicht mehr wirkungsvoll lenken konnte. Einer nach dem anderen wurden sie vernichtet, und Jackon war so damit besch�ftigt, um sein Leben zu k�mpfen, dass er keine neuen erschaffen konnte.</p><p>Und das, obwohl Aziel sichtlich geschw�cht war. Er konnte nur eine Hand voll Albtr�ume kontrollieren, die obendrein nicht sonderlich widerstandsf�hig waren. Doch was ihm an Kraft fehlte, machte der Herr der Tr�ume durch jahrtausendelange Erfahrung mehr als wett.</p><p>Jackon wirbelte durch das Gewimmel der Traumgesch�pfe, wehrte Hiebe und Stiche mit seinem Schild ab und stie� seinen Speer in die halb materiellen Leiber. Da die Waffe f�r den Nahkampf nicht gut geeignet war, verwandelte er sie kurzerhand in einen S�bel, mit dem er nach missgestalteten Gliedma�en schlug. Krallen schabten �ber seinen Brustpanzer, er duckte sich und hackte einer schattenhaften Riesenspinne zwei Beine ab.</p><p>Verzweifelt versuchte er, sich aus dem Get�mmel freizuk�mpfen. Er musste sich unbedingt einen �berblick �ber den Kampf verschaffen � wenn ihm das nicht gelang, war er verloren. Wo war Aziel? Er konnte seinen Feind nirgends entdecken.</p><p>Er wich einem Keulenschlag aus und trieb einem zweik�pfigen H�nen sein Schwert in den Bauch, woraufhin das Gesch�pf zu roher Traumsubstanz zerlief. Dadurch entstand eine L�cke in der Reihe seiner Gegner. Jackon hielt sch�tzend seinen Schild vor sich, schwang sein Schwert und bahnte sich einen Weg durch die Albtr�ume.</p><p>Er war noch keine drei Schritte weit gekommen, als er von hinten einen Schlag auf den Helm bekam, der seine Ohren klingeln lie�. �chzend vor Schmerz fuhr er herum, um den Angreifer niederzustrecken, doch bevor er das Schwert heben konnte, erwischte ihn ein zweiter Hieb und schleuderte ihn durch die Luft. Er prallte gegen eine S�ule und fiel zu Boden. Der Helm rutschte ihm �ber die Augen.</p><p>Alles drehte sich. <emphasis>Steh auf!</emphasis>, befahl er sich, war jedoch zu benommen. Er lie� den Helm verschwinden und blinzelte.</p><p>Er musste f�r eine Sekunde bewusstlos gewesen sein, denn seine Albtr�ume taumelten orientierungslos durch die Gegend und wehrten sich nicht, als Aziels Nachtmahre sie zerstampften. Die Traumgesch�pfe seines Gegners machten jedoch keine Anstalten, ihn anzugreifen. Sie schienen abzuwarten. Zwei verschwammen und l�sten sich schlie�lich in Traumsubstanz auf.</p><p>Jackon ben�tigte einen Moment, bis er begriff, was geschah. Er entdeckte Aziel auf der anderen Seite des Saales, wo er sich gegen eine S�ule lehnte. Der Herr der Tr�ume war ersch�pft. Er besa� nicht mehr genug Kraft, um seine Kreaturen zum Angriff zu f�hren.</p><p>Jackon sch�pfte neuen Mut. Schwankend richtete er sich auf, machte sich einen neuen Helm und lie� die L�cher und Kratzer in seinem Brustpanzer verschwinden, sodass die R�stung wie neu schimmerte. Obwohl es kaum eine Stelle seines K�rpers gab, die nicht schmerzte, gelang es ihm, seine Gedanken zu fokussieren. Blasen wuchsen aus seiner Hand und bildeten Albtr�ume, erst vier, dann acht, dann ein ganzes Dutzend. Er war so w�tend, dass er kaum noch atmen konnte. Aziel hatte ihn zum letzten Mal in Angst und Schrecken versetzt.</p><p>An der Spitze seiner albtraumhaften Horde schritt er durch den Saal.</p><p>Aziels Tr�ume, nur noch drei an der Zahl, scharten sich um ihren Meister. Der einstige Albenk�nig hob die Hand. �Warte�, sagte er schwach. �Lass uns reden.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich werde nicht mehr versuchen, dich zu t�ten. Du hast mein Wort.�</p><p>�Daf�r ist es jetzt zu sp�t.�</p><p>Und Jackon lie� seine Schar vorr�cken.</p><p>Aziels Kreaturen bildeten eine Verteidigungslinie, die er verst�rkte, indem er neue Tr�ume erschuf. Seine Kraft reichte jedoch nicht mehr aus, ihnen Form zu geben, sodass sich aus den Blasen konturlose Wesen bildeten, Gesch�pfe mit silbrigen Leibern und teigigen Gliedma�en.</p><p>Der Kampf, der nun entbrannte, war heftig, aber kurz. Jackons Nachtmahre st�rzten sich auf ihre Gegner und zerfetzten die schwachen und unfertigen Wesen regelrecht. In seiner Hilflosigkeit griff Aziel auf seine alte Strategie zur�ck und lie� zwei Tr�ume durchbrechen, damit sie sich auf Jackon st�rzten. Jackon verwandelte sein Schwert in eine Armbrust und schoss den ersten Angreifer nieder. Der zweite wollte ihn schon packen, doch er schlug die unf�rmige Hand mit seinem Schild zur Seite, sprang in die H�he und machte sich im gleichen Moment ein Rapier, das er dem Wesen in den Leib stie�. Als er wieder auf dem Boden aufkam, hatte es sich bereits in eine Pf�tze aus Traumsubstanz verwandelt.</p><p>Aziel hatte die H�lfte von Jackons Albtr�umen vernichtet, dabei allerdings fast alle seiner Kreaturen verloren. Jackon b�ndelte den Rest seiner Willenskraft und befahl seinen Traumgesch�pfen, Aziels letzten verbliebenen Nachtmahr zu vernichten. Einen Augenblick sp�ter war das Wesen verschwunden. Auch zwei von Jackons Albtr�umen l�sten sich auf � erverf�gte nicht mehr �ber genug Konzentration, um sie zu lenken. Die �brigen verschwammen und wurden teilweise durchsichtig. Nicht mehr lange und sie w�rden ebenfalls verschwinden.</p><p>Aziel lag auf dem Boden. Ersch�pft schlurfte Jackon zu ihm. Der einstige Albenk�nig versuchte, ihn aufzuhalten, indem er neue Tr�ume herbeirief. Zwei Blasen dehnten sich aus � und fielen schon im n�chsten Moment wieder in sich zusammen. Der Herr der Tr�ume hatte keine Kraft mehr.</p><p>Als Jackon vor ihm stand, sah er, dass Aziel verletzt war. Seine silbergraue Robe war zerfetzt; einer der Tr�ume hatte seinen Arm aufgeschlitzt. Dunkles Blut sammelte sich auf den Steinfliesen.</p><p>�Gibst du auf?�, fragte Jackon.</p><p>Das Licht in Aziels Augen flackerte. �Habe ich... eine andere Wahl?�, fl�sterte er.</p><p>Jackon fiel neben ihm auf die Knie und hielt ihm das Rapier an die Kehle. �Ich habe dich besiegt. Verschwinde von hier und kehre nie wieder zur�ck.�</p><p>Aziels Hand schloss sich um seinen Arm, die Finger gruben sich schmerzhaft in Jackons Fleisch. �Du bist m�chtig, Traumwanderer. M�chtig, aber dumm. Bald schon wirst du all das bereuen.�</p><p>Und damit verschwand der Herr der Tr�ume.</p><p>L�hmende Ersch�pfung �berkam Jackon. Er sank zusammen, blieb auf dem k�hlen Boden liegen und blickte zur Hallendecke empor. Seine Waffe und seine R�stung l�sten sich auf, ebenso seine Albtr�ume.</p><p>Er hatte gesiegt. Hatte Aziel bezwungen und verjagt. Leise begann er zu lachen, wenngleich sich das �berw�ltigende Triumphgef�hl, mit dem er gerechnet hatte, nicht einstellte. Er war viel zu ersch�pft, um etwas anderes zu empfinden als bleierne M�digkeit.</p><p>Er wusste nicht, wie lange er dalag, umgeben vom Zwielicht des Albenpalasts. Irgendwann erinnerte er sich an das Versprechen, das er Lady Sarka gegeben hatte. Als er sich kr�ftig genug f�hlte, ihr Seelenhaus aufzusuchen, stand er auf und schleppte sich zum Tor des Palastes.</p><p>Er trat vor die Mauern, wo der ewige Wind an seinen Kleidern zerrte, schloss die Augen und dachte an ihr Gesicht, an ihre Stimme, ihre Art zu l�cheln. Dann sprang er � und landete vor dem eindrucksvollsten Seelenhaus, das er je gesehen hatte.</p><p>Es stand auf einem H�gel, auf dessen H�ngen verkr�ppelte Pflanzen wuchsen, und �hnelte ihrem Anwesen in Bradost � nur dass es weitaus d�sterer und beklemmender erschien. Es war das gr��te Seelenhaus weit und breit.</p><p>Jackon erinnerte sich daran, wie Lady Sarka ihm am Anfang seiner Ausbildung verboten hatte, hierherzukommen. Er schluckte. Dann �ffnete er das Gittertor in der Palastmauer und folgte dem gewundenen Pfad zum Anwesen hinauf.</p><p>Schon von Weitem h�rte er das Wispern der Tr�ume und sah ihren verwirrenden Reigen aus Bildern, Farben und Gesichtern in den Fenstern. Also schlief Lady Sarka, zum ersten Mal seit langer Zeit.</p><p>Vorsichtig �ffnete er die T�r und trat ein. Augenblicklich umfingen ihn Tr�ume, doch sie wirkten seltsam kraftlos, als w�ren sie noch nicht richtig zum Leben erwacht. Es dauerte nicht lange, bis er Lady Sarkas Seele fand. Er schritt durch die Zimmer und Flure und entdeckte sie schlie�lich in einem dunklen Abbild des Kuppelsaales.</p><p>In den Tr�umen war sie noch Ehrfurcht gebietender als in der Wachwelt. Wie eine G�ttin der Nacht stand sie inmitten der wirbelnden Schatten, bleich und sch�n und mit einem kalten Glitzern in den Augen. Jackon hatte schon viele Seelen gesehen, aber noch nie eine, die so viel Macht verstr�mte. Doch das war nicht alles, was sie von gew�hnlichen Seelen unterschied: Feuer umgab sie, liebkoste ihre Haut und vermengte sich mit den Schatten, und Jackon war, als k�nne er Gesichter in den z�ngelnden Flammen erkennen, Augen und M�nder, die aufblitzten und wieder verschwanden.</p><p>�Herrin�, sagte er und verneigte sich. �Ich habe getan, was Ihr befohlen habt. Aziel ist besiegt.�</p><p>Ihre Reaktion entt�uschte ihn ein wenig. Sie nickte nur. Kein Wort des Dankes, keine Geste der Anerkennung. �Bring mich zu seinem Palast.�</p><p>�Ihr k�nnt mir glauben. Er ist fort und wird nie mehr zur�ckkommen.�</p><p>�Nicht deswegen, du Narr�, herrschte sie ihn an. �Du sollst mich zu seinem Thron f�hren, damit ich mir hole, was mir zusteht.�</p><p>Jackon blinzelte. Erst nach einem Moment begriff er, worauf sie hinauswollte. �Ihr... wollt �ber die Tr�ume herrschen?�, fragte er entgeistert.</p><p>�Die �ra der Schattenwesen ist vorbei. Es ist an der Zeit, dass wir Menschen die Tr�ume regieren.�</p><p>�Warum sagt Ihr mir das erst jetzt?�</p><p>�Du bist mein Diener�, erwiderte sie barsch. �Ich bin dir keine Erkl�rung schuldig.�</p><p>�Aber Ihr k�nnt die Tr�ume nicht allein beherrschen. Niemand kann das. Nicht einmal Aziel hat das geschafft. Seht Euch doch um. Alles geht kaputt...�</p><p>�Ich bin die Einzige, die die Macht hat, die Stadt der Seelen wiederherzustellen. Au�erdem bin ich nicht allein. Ich habe dich.�</p><p>Best�rzt blickte er zu ihr auf. Sie hatte recht � sie war ihm keine Erkl�rung schuldig. Trotzdem f�hlte er sich hintergangen.</p><p>Ihm kam ein aufr�hrerischer Gedanke: Was, wenn er sich einfach weigerte, sie zum Palast zu bringen? In den Tr�umen war schlie�lich er derjenige, der die Macht besa�. Ohne seine Unterst�tzung war sie hilflos und konnte nicht einmal ihr Seelenhaus verlassen.</p><p>Als h�tte sie seine Gedanken gelesen, l�chelte sie pl�tzlich. �Es tut mir leid, Jackon. Ich war ungerecht zu dir. Aber ich konnte dir meine Pl�ne nicht offenbaren. Die Gefahr war zu gro�, dass meine Feinde davon erfahren h�tten.�</p><p>�Ich h�tte sie schon niemandem verraten.�</p><p>�Ich wei�. Du bist verl�sslich und verschwiegen. Aber ich konnte nicht vorhersagen, wie der Kampf gegen Aziel ausgeht. Wer wei�, was geschehen w�re, wenn er gewonnen h�tte.�</p><p>�Trotzdem h�ttet Ihr mich nicht anl�gen d�rfen�, erwiderte er halbherzig.</p><p>�H�r zu, Jackon�, sagte sie. �Meine Herrschaft �ber Bradost ist st�ndig in Gefahr. �berall wimmelt es von Rebellen und Attent�tern, die mir nach dem Leben trachten. Deswegen muss ich �ber die Tr�ume herrschen � um meine Macht ein f�r alle Mal zu festigen, zum Wohle Bradosts. Das verstehst du doch, oder?�</p><p>Widerwillig sp�rte er, wie ihre Worte ihn bes�nftigten. �Aber wenn Ihr die Stadt der Seelen beherrscht, betrifft das nicht nur die Leute von Bradost. Es betrifft die Tr�ume aller Menschen.�</p><p>�Du hast mein Wort, dass ich behutsam mit meiner Macht umgehe.� Sie legte ihm die Hand auf die Wange. Die Flammen ber�hrten sein Gesicht, doch sie verbrannten es nicht, im Gegenteil: Sie f�hlten sich wohltuend an, wie Samt, der �ber seine Haut strich. Wieder erschien ein Gesicht darin und �ffnete den Mund, als wollte es ihm etwas sagen. Es verschmolz mit dem orangefarbenen Schein des Feuers und verschwand. �Bringst du mich jetzt zum Palast?�, fragte Lady Sarka freundlich.</p><p>�Woher kommt dieses Feuer?�</p><p>�Eine Nachwirkung der Substanzen, die meine Tr�ume unterdr�ckt haben. Nichts von Bedeutung.�</p><p>Jackon ergriff ihre Hand. �Es ist ein weiter Weg zum Palast. Wir m�ssen springen. Haltet Euch gut an mir fest.�</p><p>Er wusste, dass er kaum noch Kraft f�r einen Sprung hatte. Er ignorierte das Pochen in seinem Sch�del, konzentrierte sich und sprang. F�r einen Moment, k�rzer als der Fl�gelschlag einer Libelle, drifteten seine Gedanken weg, mit dem Resultat, dass sie nicht vor dem Palasttor landeten, sondern einen Steinwurf davon entfernt. Jackon kam unsanft auf und st�rzte zu Boden.</p><p>Lady Sarka wartete nicht, bis er sich aufgerappelt hatte, und schritt voraus, auf das Schloss zu. Jackon folgte ihr ersch�pft und holte sie erst im Torbogen ein.</p><p>�Bring mich zu Aziels Thron�, befahl sie.</p><p>Er f�hrte sie durch die Hallen zum gro�en Saal, wo er gegen Aziel gek�mpft hatte. Silberstaub schimmerte in der Luft, die einzigen �berreste der Traumsubstanz, die sein Gegner und er verbraucht hatten.</p><p>Vor Aziels Thron lie� er ihre Hand los.</p><p>Der Herrschersitz stand in einer halbrunden Nische an der Stirnseite des Saales. Jackon konnte nicht sagen, aus welchem Material er gefertigt war. Es sah aus wie geschliffener Granit, doch die Muster und Reliefs auf dem Sockel und den Armlehnen ver�nderten sich st�ndig, so wie die Tr�ume in den Seelenh�usern.</p><p>Langsam, Schritt f�r Schritt, stieg Lady Sarka die Stufen des Podestes hinauf. Beinahe and�chtig fuhr sie mit der Hand �ber die R�ckenlehne. Schlie�lich setzte sie sich.</p><p>Was dann geschah, war so fein und grazil, dass man nicht das Geringste sah oder h�rte, und gleichzeitig so umw�lzend, dass es die Tr�ume von Millionen Menschen aufst�rte. Aziels Niederlage hatte Kr�fte freigesetzt, die seit dem Verschwinden des Albenk�nigs keinen Fokus mehr besa�en und sich allm�hlich in der Stadt der Seelen verteilten. Als Lady Sarka auf dem Thron Platz nahm, b�ndelten sich diese Energien und str�mten in den Palast, flossen unsichtbar durch die Korridore und sammelten sich in der Nische mit dem Herrschersitz, wo die Lady sie in sich aufnahm.</p><p>Nach ein paar Herzschl�gen war es vor�ber. Fr�stelnd blickte Jackon zum Thron auf. Lady Sarka hatte sich nicht ver�ndert, dennoch sp�rte er die neue Macht, die nun in ihrer Seele wohnte.</p><p>�Geh nach Hause, Jackon�, sagte sie. �Geh nach Hause und ruh dich aus.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>23</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>In Nachachs Kerker</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>as Fest der D�monen nahm kein Ende. Das Gel�chter von Nachachs Blutsklaven und die misst�nende Musik hallten durch die Tunnel der Festung und wurden immer schriller, immer ausgelassener. Erst viele Stunden, nachdem man Vivana und ihre Gef�hrten in den Kerker geworfen hatte, kehrte Ruhe ein. Erst verstummten die Trommeln und Pfeifen, dann die kr�chzenden und zirpenden D�monenstimmen, bis schlie�lich Stille herrschte.</p><p>Vivana rechnete damit, dass jeden Moment die Zellent�r aufschwang und man sie holen kam. Doch nichts dergleichen geschah. Sie stellte sich vor, wie Nachach und seine Gefolgsleute in der gro�en Halle lagen und schliefen, ersch�pft von ihren wilden T�nzen und berauscht von dem widerw�rtigen Sud, der in den Kesseln kochte.</p><p>Niemand sprach. Vivana, ihr Vater und Lucien hatten jeden Gedanken an Flucht l�ngst aufgegeben. Zwar hatten sich ihre Fesseln inzwischen gelockert, doch kaum bewegte man sich zu hastig, zogen sie sich zusammen und schnitten schmerzhaft ins Fleisch. Die Ranken waren viel zu fest, um sie zu zerrei�en, sogar f�r die mechanische Hand von Vivanas Vater. Ohne Hilfe hatten sie nicht den Hauch einer Chance.</p><p><emphasis>Wir sind verloren</emphasis>, dachte Vivana. Seltsamerweise versp�rte sie deswegen keine Angst. Nur ein �berw�ltigendes Gef�hl von Hoffnungslosigkeit und Schuld, weil sie Lucien und ihren Vater in diese Sache hineingezogen hatte. Weil sie ihretwegen sterben w�rden.</p><p>Sie dachte an Liam und an ihren ersten Kuss in Lady Sarkas Palast. Die Erinnerung daran hatte ihr stets die Kraft gegeben, durchzuhalten und nicht den Mut zu verlieren, war ihre Lage noch so aussichtslos gewesen. Doch wie viel war diese Erinnerung wert, wenn Liam nichts f�r sie empfand? Sie versuchte, nicht an die Worte des D�mons zu denken, und sagte sich wieder und wieder, dass es nur L�gen waren, mit denen er sie verunsichern wollte. Die Zweifel blieben jedoch und wurden in der Dunkelheit des Kerkers immer qu�lender.</p><p>Der Gedanke, dass Liam sie nicht liebte, dass sie sich die ganze Zeit nur etwas vorgemacht hatte, war schlimmer als alles andere.</p><p>Sie bemerkte, dass ihre Gef�hrten sich leise unterhielten.</p><p>��Die Zukunft geh�rt uns D�monen��, wiederholte ihr Vater Seths Worte. �Was hat der rothaarige Kerl damit gemeint?�</p><p>�Vermutlich gar nichts�, erwiderte Lucien. �Seth ist ein aufgeblasener Wichtigtuer. Er wollte uns nur zeigen, dass er uns in der Hand hat.�</p><p>�Er mag dich nicht, was?�</p><p>�Ich habe ihn verwundet. Das vergisst er mir nicht so bald.�</p><p>Vivanas Vater schwieg eine Weile. Dann sagte er: �Ich sollte mich bei dir entschuldigen. Bei euch beiden.�</p><p>�Wof�r denn diesmal?�, fragte Vivana.</p><p>�Weil ich euch nicht geglaubt habe. Dass Liam im Pand�monium ist, meine ich. Dass das Pand�monium �berhaupt existiert. Ich war ein verbohrter alter Mann, der nicht wahrhaben wollte, dass es Dinge gibt, die man nicht erkl�ren kann.�</p><p>�Ja�, sagte Lucien. �Warst du. Davon abgesehen bist du kein �bler Kerl... f�r einen Wissenschaftler.�</p><p>�Danke�, meinte ihr Vater trocken.</p><p>In diesem Moment n�herten sich Ger�usche der Zellent�r. Schritte. Und wispernde Stimmen.</p><p><emphasis>Jetzt ist es so weit.</emphasis> Augenblicklich spannte sich Vivanas ganzer K�rper an.</p><p>�Wenn sie uns losgebunden haben, versuchen wir, zu entkommen�, fl�sterte Lucien. �Wartet auf mein Zeichen.�</p><p>Was er vorschlug, war aussichtslos, ja verr�ckt � sie hatten keine Waffen, nichts, womit sie die D�monen angreifen k�nnten. Dennoch machte sich Vivana bereit. Es war ihre einzige Chance.</p><p>Die Stimmen verstummten. Dann lie� ein Schlag die T�r erzittern. <emphasis>Was geht da vor? Warum benutzen sie nicht den Schl�ssel?</emphasis>, dachte Vivana verwirrt. Noch ein Schlag und die Zellent�r flog krachend auf. Fackellicht str�mte herein. Nach den Stunden in der Finsternis war es so hell, dass sie geblendet die Augen zusammenkniff.</p><p>�Schneidet sie los�, rief jemand. �Macht schnell!�</p><p>Die Stimme klang vertraut. Als sich jemand an ihren Fesseln zu schaffen machte, hatten sich Vivanas Augen an die Helligkeit gew�hnt, sodass sie Einzelheiten erkennen konnte.</p><p>�Onkel Madalin!�, stie� sie entgeistert hervor.</p><p>Kein Zweifel, er war es wirklich. Der Manusch trug sein unverkennbares rotes Kopftuch und sein besticktes Wams. Mit einem Messer durchschnitt er die Ranken an ihren Armen.</p><p>Er grinste sie an. �Ich bin so froh, dich zu sehen. Geht es dir gut?�</p><p>Ihr Onkel war nicht allein. Vivana blinzelte gegen das Licht und sah drei weitere Gestalten: Madalins j�ngere Br�der. Nedjo hielt die Fackel, w�hrend Jovan und Sandor ihren Vater und Lucien losschnitten.</p><p>War das ein Trick? Eine Illusion der D�monen, um ihr erst Hoffnung zu machen und sie dann zu verh�hnen? Doch die vier M�nner sahen so echt aus...</p><p>�W-was macht ihr hier?�, stammelte sie. �Wie habt ihr uns gefunden?�</p><p>�Livia ist fast verr�ckt geworden vor Angst um dich, als sie deinen Brief gelesen hat.� Madalin durchtrennte eine weitere Ranke. Der wurzelartige Strang verspritzte Schleim und verschwand zuckend im Boden. �Sie hat sich sofort auf die Suche nach dem Tor gemacht und drei Tage lang alte B�cher gew�lzt. In einem gab es zum Gl�ck einen Hinweis, dass es unter der Alten Arena versteckt ist. Wir sind eurer Spur gefolgt, aber in den H�geln haben wir sie verloren. Livia hat euch schlie�lich mit einem Suchzauber gefunden.�</p><p>�Tante Livia?�, echote Vivana dumpf. �Hei�t das, sie ist hier?�</p><p>�Sie wartet drau�en und passt auf, ob jemand kommt. Ich sollte dich besser warnen: Sie ist ziemlich sauer auf dich.�</p><p>�H�rt auf zu quatschen und beeilt euch!�, dr�ngte Sandor.</p><p>Kurz darauf hatte Madalin s�mtliche Fesseln entfernt. Vivana hatte so lange in gekr�mmter Haltung dagesessen, dass sich ihre Beine taub anf�hlten. Schwankend stand sie auf.</p><p>�Lass dich ansehen�, sagte Madalin und legte ihr die H�nde auf die Schultern. Dann dr�ckte er sie an sich. Vivana war so gl�cklich �ber diese unerwartete Rettung, dass sie gleichzeitig lachen und weinen musste. Nacheinander umarmte sie auch Nedjo, Jovan und Sandor und h�tte sie am liebsten nie wieder losgelassen. Die Verzweiflung, die sie noch vor ein paar Minuten versp�rt hatte, war vergessen.</p><p>�Ich nehme an, das ist der Alb, von dem du geschrieben hast�, sagte Madalin mit Blick auf Lucien.</p><p>�Ja.� Vivana bemerkte den Respekt in den Gesichtern der vier M�nner. Die Manusch begegneten den Gesch�pfen der Schattenwelt seit jeher mit gro�er Ehrfurcht. �Ihr k�nnt ihm vertrauen. Er ist mein Freund.�</p><p>Ihre Verwandten und Lucien begr��ten einander mit einem Kopfnicken. Ihren Vater dagegen beachteten die Manusch nicht. Sie mochten ihn nicht sonderlich � was auf Gegenseitigkeit beruhte. Er bedankte sich mit keinem Ton f�r seine Rettung.</p><p>Die Manusch waren nicht nur mit Messern bewaffnet. An ihren G�rteln hingen handliche Armbr�ste und Bolzentaschen; Nedjo trug au�erdem einen S�bel. �Vielleicht m�ssen wir uns den Weg nach drau�en freik�mpfen�, sagte Madalin und dr�ckte Vivana seine Armbrust in die Hand. �Kannst du damit umgehen?�</p><p>�Ich wei�, wie man mit einer Pistole schie�t.�</p><p>�Eine Armbrust funktioniert genauso. Zielen und abdr�cken. Ganz einfach.�</p><p>Nachdem Lucien und ihr Vater jeweils ein Messer bekommen hatten, verlie�en sie die Zelle und eilten im Licht von Nedjos Fackel durch die gewundenen Tunnel. Die W�nde glitzerten feucht, und die Luft war stickig und hei�. Sie trafen keine Wachen; offenbar schliefen alle Bewohner der Burg ihren Rausch aus. Auf ihrem Weg durch die G�nge sahen sie lediglich einen vierbeinigen Krieger. Der D�mon lag tot in einem Winkel, durchbohrt von mehreren Armbrustbolzen.</p><p>�Wenn dich ein D�mon angreift, ziel immer auf den Kopf�, erkl�rte Madalin Vivana leise. �Alle anderen Treffer richten kaum etwas aus und machen sie nur w�tend.�</p><p>Sie kamen zu der �ffnung, die zur Halle f�hrte. Flackernder Feuerschein fiel durch das Loch, zu dem sich eine Rampe emporwand. Alles war still. Die D�monen schienen tats�chlich zu schlafen.</p><p>Am Fu� des Aufgangs stand Tante Livia, die Arme vor der Brust verschr�nkt.</p><p>Vivana sah ihren Gesichtsausdruck und schluckte. Madalin hatte geh�rig untertrieben: Die Wahrsagerin war nicht nur ver�rgert, sie kochte vor Wut.</p><p>Vivana konnte ihr nicht in die Augen schauen. �Hallo, Tante Livia�, murmelte sie. �Danke, dass du gekommen bist.�</p><p>�Hallo und danke?�, erwiderte die Manusch. �Ist das alles, was du zu sagen hast?�</p><p>Vivana ahnte, dass es mit einer Entschuldigung nicht getan sein w�rde. Sie musste es trotzdem versuchen. �Es tut mir leid, dass ich dich angelogen habe. Ich h�tte das nicht tun d�rfen.�</p><p>�Angelogen? Du hast mich hintergangen!�</p><p>�Liam hat meine Hilfe gebraucht. Ich konnte ihn nicht allein gehen lassen. Versteh das doch.�</p><p>�Nein, ich verstehe das nicht. Du hast von mir verlangt, dass ich ihm <emphasis>javva</emphasis> gebe, obwohl er kein Manusch ist. Ich habe zugestimmt, weil ich dachte, ich k�nnte dir vertrauen und du w�rdest tun, was ich sage. Aber offensichtlich habe ich mich in dir get�uscht. Hattest du �berhaupt je vor, dein Versprechen zu halten? Oder hast du mir ins Gesicht gelogen und dir gedacht: �Dumme Tante Livia, sie merkt es sowieso nicht�?�</p><p>�So denke ich nicht von dir. Wirklich nicht.�</p><p>�Und dann die Sache mit dem Brief�, fuhr Livia fort und zog das zerknitterte St�ck Papier mit Vivanas Nachricht aus der Tasche. �Erst missbrauchst du mein Vertrauen, und dann hast du nicht einmal den Mut, es mir ins Gesicht zu sagen. Ich bin entt�uscht von dir. Sehr entt�uscht.�</p><p>Vivana f�hlte sich elend. �Ich wollte es dir ja sagen. Aber es war schon so sp�t. Ich musste weg, sonst h�tte ich den Zeitpunkt verpasst, als sich das Tor �ffnete.�</p><p>�Erspar mir deine Ausreden. Du hattest den ganzen Tag Zeit.� Livia zerriss den Brief und warf die Fetzen weg. �Ich frage mich, warum ich �berhaupt hier bin. Ich h�tte dich das alles allein ausbaden lassen sollen. Verdient h�ttest du es.�</p><p>Nedjo trat neben Vivana. �Hat das nicht bis sp�ter Zeit?�, meinte er unwirsch. �Wir sind in einer Burg voller D�monen, schon vergessen? Wir sollten lieber zusehen, dass wir...�</p><p>Livia musste den jungen Manusch nur ansehen, damit er eingesch�chtert verstummte.</p><p>Vivana hob den Kopf. �Kann ich etwas tun, um es wiedergutzumachen?�, fragte sie leise.</p><p>�Das wei� ich noch nicht�, antwortete die Wahrsagerin. �Zuerst musst du mir beweisen, dass ich dir wieder vertrauen kann.�</p><p>Vivana nickte. Sie h�tte <emphasis>alles</emphasis> getan, damit ihre Tante ihr verzieh. Doch bevor sie etwas sagen konnte, mischte sich ihr Vater ein. �Jetzt sei nicht so streng mit ihr�, wandte er sich an Livia. �Sie hat doch nur versucht, das Richtige zu tun.�</p><p>Die Wahrsagerin tat, als bemerke sie ihn erst jetzt, und bedachte ihn mit einem eisigen Blick. �Halt dich da raus, Nestor. Das ist eine Sache unter Manusch und geht dich nichts an.�</p><p>�Und ob es mich etwas angeht. Vivana ist verdammt noch mal meine Tochter!�</p><p>Vivana wusste es zu sch�tzen, dass er sich f�r sie einsetzte. Doch damit machte er alles nur noch schlimmer. �Lass gut sein, Paps. Ich komme schon klar.� Dabei dr�ckte sie seine Hand. Er verstand die Geste und schwieg, wenn auch widerwillig.</p><p>Sie wandte sich wieder ihrer Tante zu. �Was ich getan habe, war falsch. Ich werde dich nie wieder bel�gen und hintergehen. Du hast mein Wort.�</p><p>�Hoffen wir, dass es mehr wert ist als beim letzten Mal.� Livias Gesichtsz�ge wurden kaum merklich weicher. �Komm her, du dummes Kind.� Sie nahm Vivana in die Arme, dr�ckte sie an sich und strich ihr �ber das Haar. �Was f�llt dir ein, ins Pand�monium hinabzusteigen? Bist du denn v�llig verr�ckt geworden?�</p><p>Vivana war so erleichtert, dass sie ihr Gesicht in Livias Halsbeuge vergrub und anfing zu schluchzen.</p><p>�K�nnen wir jetzt endlich von hier verschwinden?�, fragte Nedjo.</p><p>Livia k�sste Vivana auf die Stirn. �Zuerst muss ich wissen, was passiert ist�, sagte sie. �Wo ist Liam? Wir haben gesehen, dass er bei euch war, als die D�monen euch zur Burg brachten.�</p><p>�Ihr habt uns beobachtet?�, wollte Lucien wissen.</p><p>�Als wir euch eingeholt hatten, wart ihr bereits in der Gewalt der D�monen�, antwortete Madalin. �Gegen so viele konnten wir nichts ausrichten, sonst h�tten wir schon fr�her versucht, euch zu befreien. Wir haben die Burg beobachtet und auf einen geeigneten Moment gewartet, um einzudringen.�</p><p>�Das war nicht Liam, den ihr gesehen habt�, sagte Vivana und wischte ihre Tr�nen weg. �Ein D�mon steckt in seinem K�rper. Er ist nicht mehr er selbst.�</p><p>Tante Livia nickte ernst, als h�tte sie so etwas erwartet. �Was ist mit dem Gelben Buch von Yaro D�ar?�</p><p>�Die D�monen haben es uns weggenommen.� In knappen Worten erz�hlte Vivana, wie sie Liam gefunden hatten und was seitdem geschehen war.</p><p>�Kannst du etwas f�r Liam tun?�, fragte Madalin die Wahrsagerin.</p><p>�Vielleicht. Aber nicht hier. Wir m�ssen ihn nach Bradost bringen.�</p><p>�Gut�, sagte Madalin. �Dann lasst uns den Jungen holen.� Mit Messern und Armbr�sten in den H�nden huschten sie die Rampe hinauf. Oben in der Halle erwartete Vivana ein bizarrer Anblick: Auf dem Boden, im Schein der Feuer, die in den Sch�chten flackerten, lagen Dutzende von D�monen und schliefen. Sie lagen kreuz und quer und teilweise �bereinander oder eng umschlungen, als h�tten sie bis zur Besinnungslosigkeit getanzt und w�ren dann zusammengebrochen. Geifer troff aus M�ulern und Schnauzen. Klauen und vielfingrige H�nde umklammerten abgenagte Knochen und Trinkbecher, aus denen scharf riechende Fl�ssigkeit rann. Die Luft war zum Schneiden dick.</p><p>Vivana biss sich auf die Lippe, als sie ihren Blick durch die Halle schweifen lie�. Sie wollte gar nicht wissen, was f�r Szenen sich in den vergangenen Stunden hier abgespielt hatten...</p><p>�Sucht Liam�, sagte Tante Livia im Fl�sterton. �Aber seid um Himmels willen leise.�</p><p>Sie schw�rmten einzeln oder zu zweit aus und achteten darauf, keinen D�mon zu ber�hren oder L�rm zu machen, w�hrend sie den Saal absuchten. Vivana stieg �ber die liegenden K�rper und hielt angestrengt nach einem blonden Haarschopf Ausschau. Sie atmete durch den Mund, denn der Gestank war �berw�ltigend. Der Sud, an dem sich die D�monen berauscht hatten, sah verd�chtig wie Blut aus und roch faulig, s��lich und auf eine widerw�rtige Weise bet�rend.</p><p>Sie sah, dass Lucien ihr ein Zeichen gab, und eilte zu ihm. Der Alb stand mit ihrem Vater in einer Nische der Halle. Sie hatten nicht Liam gefunden, wie Vivana entt�uscht feststellte, sondern ihre Ausr�stung � besser gesagt, das, was davon �brig war. Die D�monen hatten ihr Gep�ck aufgerissen, die Vorr�te gefressen und alles zerst�rt, was keinen Wert f�r sie besa�. Das wenige, das nicht zerbrochen oder zerfetzt war, nahmen sie an sich. Lucien fand seinen Waffen- und Werkzeugg�rtel und seine Karte. Die magische Kerze und das Brandeisen hatten Nachachs Blutsklaven zerst�rt.</p><p>Vivana fischte das Gelbe Buch aus dem Unrat. Zu ihrer Erleichterung war es unversehrt. Offenbar hatten sich die D�monen nicht daf�r interessiert und es achtlos in die Ecke geworfen.</p><p>�Gib das mir�, sagte Tante Livia leise.</p><p>�Nein�, widersprach Vivanas Vater. �Wir haben es gefunden. Wir behalten es.�</p><p>�Deine Tochter hat mir ihr Wort gegeben, dass sie das Buch zu mir bringt, sowie sie es gefunden hat.�</p><p>�Was damit geschieht, entscheiden wir, wenn wir zuhause sind.�</p><p>Die Manusch blickte Vivanas Vater b�se an. �Du kannst es nicht lassen, was? Immer musst du uns zeigen, wie sehr du uns verachtest. Du hast dich kein bisschen ver�ndert, Nestor. Kein Wunder, dass Vivana ungl�cklich ist.�</p><p>�Lass Vivana aus dem Spiel!�, fuhr er sie an.</p><p>Vivana konnte es nicht fassen. Sogar hier, inmitten einer schlafenden D�monenhorde, mussten ihr Vater und Tante Livia miteinander streiten. �H�rt auf damit�, ging sie dazwischen. �Wollt ihr die D�monen aufwecken? Ich behalte das Buch.� Sie hob ihre Ledertasche auf, die zum Gl�ck noch heil war, und schob den Folianten hinein.</p><p>�Dar�ber sprechen wir noch�, sagte Tante Livia und stolzierte davon.</p><p>Vivanas Vater blickte ihr mit gerunzelter Stirn nach, ehe er sich an Vivana wandte. �Stimmt das? Bist du wirklich ungl�cklich?�</p><p>Sie seufzte. �Nein. Jetzt lass uns weiter nach Liam suchen.�</p><p>In diesem Moment winkte Madalin sie zu sich. Das Oberhaupt der Manusch hatte Nachach gefunden, der grotesk zusammengerollt inmitten seiner bewusstlosen Gefolgsleute lag und schlief. Vivanas Herz machte einen Sprung. In der Armbeuge des D�mons hatte es sich Liam bequem gemacht. Aus seinem Mundwinkel rann r�tlicher Speichel � offensichtlich hatte auch er von dem stinkenden Sud getrunken.</p><p>Lucien ging neben ihm in die Hocke. �Wir fesseln und knebeln ihn. Wenn er aufwacht, schlag ihn bewusstlos�, wies er Jovan an, der einen Kn�ppel hielt.</p><p>Madalin steckte Liam einen Knebel in den Mund und verknotete den Tuchfetzen behutsam am Hinterkopf. Vivana hielt den Atem an. Mit Liam wurden sie fertig, wenngleich ihr bei der Vorstellung �bel wurde, dass die Manusch ihm m�glicherweise Gewalt antun mussten. Aber was, wenn Nachach aufwachte? Selbst im Schlaf war die b�se Macht, die er verstr�mte, so stark, dass sie die H�rchen an ihren Armen elektrisierte. Wenn er zu sich kam, w�rde es keine Minute dauern, bis er sie alle mit seinen Klauenh�nden zerfetzt hatte.</p><p>Lucien und Madalin entrollten ein Seil und schlangen es Liam um die Arme. Liams Atem stockte. Er schien zu sp�ren, dass ihm etwas im Mund steckte � und �ffnete die Augen. Er war sofort hellwach und erfasste die Situation, gab ein boshaftes Schnauben von sich und schlug nach Madalin. Der Manusch packte seine Arme, woraufhin Liam begann, sich zu winden und hin und her zu werfen, wobei er gegen Nachach stie�.</p><p>�Schlag zu!�, befahl Lucien dem erschrockenen Jovan.</p><p>Der junge Manusch, der kaum �lter war als Vivana, schluckte und holte aus. Vivana schloss die Augen. Als sie sie wieder �ffnete, lag Liam bewusstlos auf dem Boden.</p><p>Nachach regte sich nicht. Sie konnte f�rmlich h�ren, wie die gesamte Gruppe gleichzeitig aufatmete.</p><p>Lucien und Madalin beeilten sich, Liam zu fesseln. Vivana entdeckte Blut an der Stelle, wo Jovans Kn�ppel ihn getroffen hatte.</p><p>�Geht es ihm gut?�, fragte sie mit br�chiger Stimme.</p><p>�Keine Sorge�, erwiderte Madalin, �er schl�ft nur.� Der hochgewachsene Manusch warf sich Liam �ber die Schulter. �Lasst uns verschwinden.�</p><p>�Noch nicht�, sagte Vivana. �Zuerst muss ich Ruac finden.�</p><p>�Das ist zu gef�hrlich�, meinte Lucien. �Du wei�t doch gar nicht, wo sie ihn hingebracht haben. Er kann �berall sein.�</p><p>�Das ist mir egal. Ohne Ruac gehe ich nirgendwohin.� Vivana wandte sich an Madalin. �Bringt Liam nach drau�en. Ich komme gleich nach.�</p><p>Die Manusch z�gerten. �Dann geh wenigstens nicht allein�, sagte Tante Livia. �Nimm Sandor und Nedjo mit.�</p><p>�Ich komme auch mit�, sagte Vivanas Vater.</p><p>Die Wahrsagerin nickte. �Gut. Wir warten beim Tor auf euch.�</p><p>Sie, Lucien, Madalin und Jovan eilten zum Ausgang der Burg, w�hrend Vivana mit dem Rest der Gruppe zu dem Durchgang schlich, in dem die D�monen mit Ruac verschwunden waren.</p><p>Der Weg war absch�ssig und m�ndete in ein Gewirr aus Tunneln �hnlich dem Kerker, nur dass die G�nge hier breiter und h�her waren. Scharfer Schwefelgestank lag in der Luft.</p><p>Vivana blickte sich um. Die Tunnel sahen alle mehr oder weniger gleich aus. Ihr sank der Mut. Wie sollte sie Ruac je in diesem Labyrinth finden?</p><p>In diesem Moment erklang von irgendwoher ein Br�llen und hallte durch die G�nge. �Das ist er!�, stie� Vivana hervor. �Er sp�rt, dass ich da bin.�</p><p>�Das war Ruac?� Nedjo erbleichte. �Klingt mir eher wie ein verdammtes Monster.�</p><p>�Ruac ist ein wenig gewachsen�, erkl�rte Vivana, w�hrend sie loslief.</p><p>�Gewachsen?�</p><p>�Lange Geschichte. Jetzt komm!�</p><p>Sie eilten in die Richtung, aus der das Br�llen kam. Der Schwefelgestank wurde immer st�rker; Dampf sammelte sich unter der Decke und lie� die fleischigen W�nde und Mauervorspr�nge glitzern wie die Felsen einer Tropfsteinh�hle. Vivana und ihre Gef�hrten banden sich T�cher vor Mund und Nase.</p><p>Kurz darauf kamen sie in einen kuppelartigen Saal. Durch zwei Sch�chte in der Decke fiel das Gl�hen des Himmels herein. In der Mitte befand sich ein steinernes Becken, in dem Schwefel blubberte. Der Dampf brannte in den Augen und war so dicht, dass man kaum etwas sehen konnte.</p><p>Ein Schemen erhob sich aus dem T�mpel und kroch ans Ufer.</p><p>�Allm�chtiger�, fl�sterte Nedjo.</p><p>Mit einem Anflug von Furcht blieb Vivana stehen. Sie hatte erwartet, dass Ruac weitergewachsen sein w�rde � doch <emphasis>damit</emphasis> hatte sie nicht gerechnet. Er war nun fast so gro� wie ein Pony. Das Bad im Schwefelbecken musste sein Wachstum immens beschleunigt haben. Offenbar hatte Nachach angestrebt, seine Verwandlung in einen Lindwurm z�gig voranzutreiben.</p><p>Schwefelsud rann �ber Ruacs schwarz gl�nzende Haut. Die Schuppenreste rings um den T�mpel deuteten daraufhin, dass er sich mehrfach geh�utet hatte. Er verstr�mte eine solche Hitze, dass Vivana einen Schritt zur�ckweichen musste. Der Tatzelwurm z�ngelte, und ihr war, als sei er entt�uscht.</p><p>�Pass auf, du verbrennst mich�, erkl�rte sie ihm. �Au�erdem bist du jetzt ein bisschen zu gro�, um auf meinen Schultern zu sitzen. Das verstehst du doch, oder? Komm, wir bringen dich von hier weg.�</p><p>Es klirrte, als Ruac sich bewegte. Erst jetzt bemerkte Vivana die Kette, die von einem Eisenring um seinen Hals zu einer Steins�ule f�hrte. Sie griff nach dem Stift, der den Ring zusammenhielt, und verbrannte sich dabei fast die Hand.</p><p>�Lass mich das machen�, sagte ihr Vater. Er wollte mit seiner mechanischen Hand nach dem Stift greifen, doch Ruac zuckte zur�ck und �ffnete drohend sein Maul.</p><p>�Lass ihn�, sagte Vivana. �Er will dir nur helfen.�</p><p>Ruac schien sich etwas zu beruhigen. Sichtlich angespannt streckte ihr Vater abermals die Hand aus. Diesmal lie� der Tatzelwurm es zu, dass er den Stift herauszog und den Eisenring entfernte.</p><p>Vivana atmete auf. Ruac war inzwischen so gro�, dass er einen erwachsenen Mann m�helos in zwei Teile bei�en konnte. Sie konnte nur hoffen, dass sich seine Abneigung gegen ihren Vater legte. Andernfalls standen dem Erfinder gef�hrliche Zeiten bevor.</p><p>Als die Gef�hrten gerade den Saal verlassen wollten, trat eine Gestalt aus dem Dunst.</p><p>�Wo wollt ihr denn hin?�, fragte Seth und blieb im Ausgang des Saales stehen.</p><p>�Lass uns durch�, sagte Vivana. �Oder du bekommst es mit Ruac zu tun.�</p><p>�Ich wei� nicht, was hier l�uft, aber ich schlage vor, ihr geht jetzt sch�n brav in eure Zelle zur�ck. Oder ich werde �rgerlich.� Der Incubus breitete die Arme aus, und aus seinen Handfl�chen wuchsen Flammen. Vivana sp�rte die Hitze, die von ihm ausging, und wusste, was gleich geschehen w�rde.</p><p>Pl�tzlich schien alles ganz langsam zu gehen. Vivana �berlegte, Ruac zu befehlen, ihn anzugreifen, doch dieser Gedanke wurde von einer Woge des Zorns, die innerhalb eines Augenblicks �ber ihr zusammenschlug, weggesp�lt.</p><p>Seth war daf�r verantwortlich, was mit Liam geschehen war. Nur ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie sich an diesem entsetzlichen Ort befand und mehrmals nur knapp dem Tod entronnen war. Ohne Seth w�re sie jetzt zuhause, mit Liam, ihrem Vater und Ruac, und alles w�re noch so wie fr�her.</p><p>Wie von fremden Kr�ften gelenkt hob sie ihre Handarmbrust und dr�ckte ab.</p><p><emphasis>Wenn dich ein D�mon angreift, ziel immer auf den Kopf...</emphasis></p><p>Der Bolzen bohrte sich in Seths Stirn. Der Halbd�mon starrte sie an, mit einem Ausdruck der Fassungslosigkeit in den Augen. Er lie� die Arme sinken, und die Flammen erloschen. Dann kippte er ohne einen Laut um.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis jemand wagte, sich zu r�hren. Vorsichtig n�herte sich Nedjo dem reglosen Incubus und stie� ihn mit dem Fu� an. �Er ist tot.� Er hob den Kopf, blickte Vivana an. �Du hast ihn erschossen.�</p><p>Der Zorn verschwand so pl�tzlich, wie er gekommen war. Vivana konnte sich nicht erkl�ren, was sie gerade getan hatte � es war, als h�tte ein Teil von ihr, den sie noch nicht kannte, die Kontrolle �ber ihren K�rper �bernommen. Ihre Hand begann zu zittern. Sie warf die Armbrust weg. �Gehen wir�, murmelte sie.</p><p>Die Gef�hrten machten einen weiten Bogen um Seth, als sie den Saal verlie�en. �Du hast einen verdammten Incubus erschossen�, keuchte Nedjo, w�hrend sie durch die G�nge hasteten. �Wei�t du, wie schwer sie zu t�ten sind?�</p><p>Sie kamen zur gro�en Halle, wo sich nach wie vor keiner der D�monen regte. Vivana hatte Sorge, dass Ruac die Schlafenden aufwecken w�rde, doch der Tatzelwurm �berraschte sie ein weiteres Mal. Trotz seiner Gr��e kroch er geschmeidig wie eine Katze durch die Halle, ohne einen einzigen D�mon zu ber�hren.</p><p>Der Rest ihrer Gruppe erwartete sie am Ausgang der Burg. Das Haupttor war verschlossen, doch eine kleine Pforte unter dem Wehrgang stand offen. Die Manusch mussten sie von au�en aufgebrochen haben, als sie in die Festung eingedrungen waren.</p><p>�Das ist Ruac?�, fragte Madalin entgeistert.</p><p>Vivana berichtete kurz, was geschehen war und dass sie Seth getroffen hatten.</p><p>�Sie hat ihn erschossen�, erg�nzte Nedjo.</p><p>�Sie hat <emphasis>was</emphasis>?�, fragten Lucien und Tante Livia gleichzeitig.</p><p>�Seth ist tot. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen�, erwiderte Vivana. �Jetzt lasst uns endlich gehen.�</p><p>Die Manusch schulterten ihr Gep�ck, das sie bei der Pforte zwischen den Felsen versteckt hatten. Madalin und Lucien trugen Liam, der immer noch ohnm�chtig war. Ohne sich noch einmal nach der Festung umzuschauen, machten sie sich auf den Weg die windgepeitschten Serpentinen hinab.</p><p>Vivana fragte sich, wo die Verschlinger steckten, die st�ndig die Felsnadel umkreist hatten. Unterwegs fand sie die Antwort. Die schwarzen D�monenv�gel lagen tot auf dem Pfad, von Armbrustbolzen durchbohrt. Die Manusch waren von ihnen angegriffen worden, als sie zur Burg hinaufgestiegen waren, und hatten sie erschossen.</p><p>Sie erreichten den Sattel, der die Felsnadel mit dem Bergr�cken verband, und gut eine Stunde sp�ter wanderten sie durch das Tal.</p><p>Sie hatten gerade den Rand des Kessels erreicht, als ein Schrei erklang, ein Laut voller Zorn und Hass, der aus der Festung drang und von den Winden in jeden Winkel des Tales getragen wurde.</p><p>Kurz darauf �ffneten sich die Tore der Burg.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>24</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die Flucht</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>�monen ergossen sich aus der Pforte der Festung, vierbeinige Krieger, Kynokephale und Kobolde auf schwarzen Riesenk�fern. Kreischend und ihre Waffen schwenkend marschierten die Kreaturen die Serpentinen hinab. Nachach ragte wie ein Rachegott zwischen ihnen auf, br�llte vor Zorn und schlug mit einer dreischw�nzigen Peitsche auf seine Blutsklaven ein.</p><p>Obwohl es ein Furcht erregender Anblick war, versp�rte Vivana in diesem Moment nichts als Wut. In den vergangenen Tagen hatte sie so oft Angst gehabt, dass ein paar D�monen sie nicht mehr erschrecken konnten. Au�erdem hatte sie es satt, sich immerzu zu f�rchten.</p><p>Voller Unbehagen stellte sie fest, dass es ihr gefallen hatte, Seth zu t�ten. Es war ein gutes Gef�hl gewesen, ihrem Zorn und ihren Rachegedanken freien Lauf zu lassen und einfach abzudr�cken. Sie sp�rte, dass sie sich ver�nderte � in einer Weise, die ihr nicht unbedingt gefiel.</p><p><emphasis>Es wird Zeit, dass wir nach Hause kommen</emphasis>, dachte sie.</p><p>Die Gef�hrten beeilten sich, den Talkessel zu verlassen und die Berge zu erreichen. Ihr Vorsprung vor den D�monen schwand zusehends, denn wegen Liam kamen sie nur langsam voran, obwohl sich die Manusch, Vivanas Vater und Lucien abwechselten, ihn zu tragen. Schlie�lich weckte Lucien ihn, l�ste die Fesseln an seinen Beinen und wollte ihn zwingen, zu Fu� zu gehen. Liam weigerte sich jedoch und lie� sich einfach auf den Boden fallen. Der D�mon wusste genau, dass Vivana es nicht zulassen w�rde, dass ihm Gewalt angetan wurde. Somit blieb ihnen nichts anderes �brig, als Liam wieder zu fesseln und weiterzutragen.</p><p>Ihre Verfolger waren deutlich im Vorteil. Sie kannten keine Ersch�pfung, und die Furcht vor ihrem Herrn trieb sie zu gr��ter Eile an. Nach ein paar Stunden war die Horde nur noch knapp zwei Meilen entfernt.</p><p>Vivana und ihre Gef�hrten hatten einen Pfad eingeschlagen, der sich den Bergr�cken emporschl�ngelte und zu einer schmalen Kluft zwischen zwei scharfkantigen Gipfeln f�hrte. Ersch�pft von dem Gewaltmarsch mussten sie eine Pause einlegen. Von einem kleinen Felsplateau aus beobachteten sie die D�monen, die immer n�her kamen.</p><p>�Das hat keinen Sinn�, sagte Madalin. �Wir m�ssen uns irgendwo verstecken.�</p><p>�Nein�, erwiderte Lucien. �Nachach kennt diese Berge wie seine Westentasche. Wir haben nur dann eine Chance, wenn wir vor ihnen das Tor erreichen.�</p><p>�Das sind mindestens zwei Tagesm�rsche. Das schaffen wir nie.� Es war Vivanas Vater, der das einwarf. Er lehnte an einem Felsen und massierte sich die Schulter. Gemeinsam mit Nedjo hatte er Liam getragen, bis er vor Ersch�pfung fast zusammengebrochen war.</p><p>Vivana sp�rte die Hoffnungslosigkeit, die sich unter ihren Gef�hrten ausbreitete. Sogar die beherzten und stets zuversichtlichen Manusch verlie� angesichts dieser �bermacht allm�hlich der Mut. Vivana wusste, dass sie etwas dagegen unternehmen musste. Sie waren so weit gekommen � sie durften jetzt nicht aufgeben. Doch so sehr sie sich auch den Kopf zerbrach, ihr wollte einfach kein Ausweg aus dieser aussichtslosen Situation einfallen.</p><p>Lediglich Tante Livia lie� sich nicht von der allgemeinen Mutlosigkeit anstecken. Die Wahrsagerin hatte die H�nde in die �rmel ihres Umhangs geschoben und starrte in Gedanken versunken zum Fu� des Berghanges, wo die D�monenhorde den Pfad zu erklimmen begann.</p><p>Vivana kannte diesen Gesichtsausdruck nur zu gut. �Du planst etwas, oder?�</p><p>Ihre Tante nickte. �Vielleicht k�nnen wir etwas tun, um sie aufzuhalten.�</p><p>Augenblicklich galt ihr die Aufmerksamkeit der ganzen Gruppe. �Was?�, fragte Madalin.</p><p>�Ich kenne einen alten Zauberspruch, mit dem wir sie in die Flucht schlagen k�nnen. Aber daf�r brauche ich Zeit.�</p><p>�Zeit haben wir nicht�, sagte Lucien.</p><p>�Dann m�sst ihr mir eben welche verschaffen.�</p><p>Madalin trat zu ihr. �Wie viel brauchst du?�</p><p>�Zwei Stunden. Vielleicht etwas mehr.�</p><p>�Das schaffen wir.� Der Anf�hrer der Manusch deutete auf die Kluft am oberen Ende des Bergpfades. �Seht ihr die Schlucht da oben? Dort verschanzen wir uns und verteidigen den Pass so lange, bis Livia bereit ist. Oder ist jemand dagegen?�</p><p>�Was ist das f�r ein Zauberspruch?�, fragte Vivanas Vater und sprach das letzte Wort betont abf�llig aus.</p><p>�Einer, der dir den Hintern retten wird�, entgegnete Tante Livia ungehalten. �Aber vielleicht hast du ja eine bessere Idee und wei�t, wie wir die D�monen mit wissenschaftlichen Methoden loswerden.�</p><p>Sein Gesicht verfinsterte sich, doch er war klug genug, den Mund zu halten und keinen neuen Streit anzufangen.</p><p>Sonst erhob niemand Einw�nde.</p><p>�Also los�, sagte Madalin.</p><p>Erf�llt von neuer Zuversicht machten sie sich auf den Weg. W�hrend sie dem Pfad folgten, nahm Tante Livia Vivana zur Seite.</p><p>�Du hast dir doch immer gew�nscht, mehr �ber die alten K�nste zu erfahren�, sagte die Manusch leise.</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Es war nicht einfach, dich im Pand�monium aufzusp�ren. Ich bin ersch�pft; meine Kr�fte reichen f�r den Zauber wahrscheinlich nicht aus. Ich werde deine Hilfe brauchen.�</p><p>Aufregung erfasste Vivana. Seit Jahren bedr�ngte sie ihre Tante, sie in die Geheimnisse der Manusch einzuweihen, doch die Wahrsagerin hatte immer gesagt, sie sei noch zu jung. �Was muss ich machen?�</p><p>�Du musst mir helfen, den Zauberspruch vorzubereiten. Aber das schaffe ich zur Not allein. Wichtiger ist etwas anderes. Der Zauber ben�tigt einen Fokus. Eine Art... Gef�� f�r die magische Energie. Du wirst dieses Gef�� sein.�</p><p>�Und du glaubst, das kriege ich hin?�</p><p>�Du musst. Ganz einfach.�</p><p>Vivana h�rte die Anspannung in Livias Stimme und kaute nerv�s auf ihrer Unterlippe. Ihr wurde klar, dass ihre Tante ihr soeben die alleinige Verantwortung f�r das Leben ihrer Gef�hrten �bertragen hatte. Sie konnte nicht behaupten, dass ihr das gefiel. Andererseits war es irgendwie... gerecht. Sie hatte ihre Verwandten und Freunde in diese Lage gebracht � also war es verdammt noch mal ihre Pflicht, daf�r zu sorgen, dass ihnen nichts zustie�.</p><p>Sie bemerkte, dass ihr Vater stehen geblieben war. Seiner Mimik nach zu schlie�en hatte er das Gespr�ch mit angeh�rt. �Mach diesen Hokuspokus, wenn du unbedingt willst, aber lass Vivana aus dem Spiel�, sagte er zu Livia.</p><p>�Gut�, meinte die Wahrsagerin. �Dann werden wir eben sterben.�</p><p>�Wieso fragst du nicht Madalin? Oder Nedjo?�</p><p>�Weil sie nicht stark genug f�r diese Aufgabe sind.�</p><p>�Aber Vivana ist es?�</p><p>�Ja.�</p><p>Vivana wusste, dass der Missmut in seinem Gesicht nichts anderes war als Angst. �Wir haben keine Wahl, Paps. Wir m�ssen Tante Livia vertrauen.�</p><p>Der Erfinder starrte die Wahrsagerin an. �Kann ihr dabei etwas geschehen?�</p><p>�Willst du eine beruhigende Antwort oder eine ehrliche?�</p><p>�Sag mir einfach die Wahrheit!�</p><p>�Magie ist immer gef�hrlich�, sagte Livia. �Ein Fehler gen�gt, und schreckliche Dinge passieren.�</p><p>�Wenn ihr etwas zust��t, mache ich dich daf�r verantwortlich�, knurrte er und stapfte davon.</p><p>Vivana hatte diese endlosen Auseinandersetzungen so satt. �Er meint es nicht so�, meinte sie resigniert. �Er hat nur Angst.�</p><p>�Wir alle haben Angst�, murmelte Tante Livia leise und verfiel dann in Schweigen.</p><p>Wenig sp�ter erreichten sie die Kluft zwischen den Berggipfeln. Ru�schwarze Felsw�nde ragten links und rechts des Pfades auf und bildeten eine schmale Schlucht. Ger�ll t�rmte sich in ihrem Eingang auf und schuf eine Engstelle, die sich leicht verteidigen lie�.</p><p>Nachach und seine Blutsklaven hatten weiter aufgeholt und waren noch h�chstens eine Stunde entfernt. Vivanas Vater, Lucien und die Manusch begannen, sich auf den Angriff vorzubereiten, indem sie Waffen verteilten und Steine zu W�llen und Barrieren aufschichteten. Ruac war auf den Ger�llhaufen geklettert und zischte mit gl�henden Flanken. Er schien es gar nicht abwarten zu k�nnen, gegen die D�monen zu k�mpfen.</p><p>Tante Livia holte ein B�ndel Phiolen aus ihrer Tasche. <emphasis>Javva</emphasis>. Sie betrachtete die Fl�schchen nachdenklich und stopfte sie wieder hinein.</p><p>�W�re es nicht besser, wir w�rden alle einen Schluck davon nehmen?�, fragte Vivana. �Falls wir verletzt werden.�</p><p>�Ich habe nur noch wenig <emphasis>javva</emphasis>. Ich w�rde es gerne aufheben. Wer wei�, wof�r wir es noch brauchen. Wir schaffen es auch so.� Livia nahm eine Schriftrolle aus ihrer Tasche, breitete sie auf dem Boden aus und beschwerte sie mit einem Stein. �Zuerst m�ssen wir die Zeichen auf die Felsen schreiben. Schau sie dir genau an. Du darfst keine Fehler machen.�</p><p>�In welcher Reihenfolge?�</p><p>�Spielt keine Rolle. Sie haben nur den Zweck, die Magie herzuholen und zu b�ndeln. Je mehr Zeichen, desto besser.� Die Wahrsagerin brach ihr Kreidest�ck durch und gab Vivana eine H�lfte.</p><p>Vivana betrachtete das Pergament. Die Schrift darauf war frisch und ein wenig verschmiert. Offenbar hatte Tante Livia die Symbole hastig aus einem ihrer B�cher kopiert, bevor sie zum Tor aufgebrochen war. Die Zeichen kamen Vivana bekannt vor, denn sie �hnelten den Runen auf Luciens Brandeisen und der Stele mit den gespeicherten Erinnerungen. �Was bewirkt der Zauber?�</p><p>Die Manusch begann, die Zeichen wahllos auf Boden und Felsw�nde zu schreiben. �Mach schon. Wir haben nicht ewig Zeit.�</p><p>Vivana zeichnete einige der Symbole auf die Erde. Anfangs gingen ihr die seltsamen Zeichen nicht leicht von der Hand, doch als sie sich die Runen eingepr�gt hatte, wurde es einfacher. War das ein Zauber des Verlorenen Volkes? Die �hnlichkeit der Symbole sprach daf�r. Dank der Manusch, die das alte Wissen bewahrten, hatte er die Jahrtausende �berstanden. Vivana bekam eine G�nsehaut. Pl�tzlich war ihr, als w�rde sie mit den Sch�pfern des Pand�moniums in Verbindung treten, w�hrend sie die Runen auf die Felsen �bertrug.</p><p>�Der Zauber erschafft einen Funken des Lichts, aus dem die Grenzw�lle des Pand�moniums bestehen�, beantwortete Tante Livia ihre Frage. �D�monen f�rchten es, denn es kann sie t�ten.�</p><p>�Nur einen Funken?�</p><p>�Es ist unfassbar m�chtig. Ein einziger Blitz davon gen�gt v�llig, glaub mir.�</p><p>�Lucien hat gesagt, die Lichtmauern bestehen aus den guten Kr�ften der Menschheit�, sagte Vivana. �Aus G�te und Selbstlosigkeit und so weiter.�</p><p>�Das ist richtig. Leider ist die Menschheit weit weg. Deshalb musst du versuchen, jedes bisschen positiver Energie zu nutzen, das du hier finden kannst. Ich hoffe, das reicht aus�, f�gte die Wahrsagerin d�ster hinzu.</p><p>�Wie mache ich das?�</p><p>�Konzentriere dich auf uns acht, wenn es so weit ist. Versuche, dich an alles zu erinnern, was wir jemals Gutes getan haben. Den Rest erledigen die Zaubersymbole.�</p><p>�Soll ich mich auch auf Lucien konzentrieren?�</p><p>�Ich wei� nicht, ob es bei ihm funktioniert. Versuch es einfach.�</p><p>Hastig schrieb Vivana Zeichen um Zeichen auf die Felsen. Inzwischen sahen der Boden und die Felsw�nde aus, als h�tte ein verr�ckter Maler in der Schlucht seiner Phantasie freien Lauf gelassen.</p><p>Ein zorniger Schrei erklang. Vivana hob den Kopf und sah Nachach einen Steinwurf von dem Ger�llhaufen entfernt seine Peitsche schwingen. Kriegerd�monen und Kynokephale st�rmten den Hang hinauf. Die Manusch und ihr Vater beschossen sie mit ihren Armbr�sten. Lucien schleuderte ein Wurfmesser und traf einen D�mon am Kopf.</p><p>Vivana schluckte. Jetzt gab es kein Zur�ck mehr.</p><p>�Nicht aufh�ren!�, befahl Tante Livia. �Das gen�gt noch nicht!�</p><p>Vivana schrieb, bis ihre Hand schmerzte. Bei dem Geschrei ihrer Gef�hrten und dem Kr�chzen und Zirpen der D�monen war es nahezu unm�glich, sich auf die Zeichen zu konzentrieren. Sie konnte nicht anders, als immer wieder aufzublicken und den Kampf zu beobachten.</p><p>Ihre Gef�hrten verteidigten erbittert die Schlucht. Gl�cklicherweise ging Madalins Plan auf: Wegen der Engstelle konnten immer nur zwei oder drei D�monen gleichzeitig angreifen, wodurch sich Nachachs �bermacht nicht auswirkte. Armbrustbolzen sirrten durch die Luft und streckten Angreifer um Angreifer nieder; mehr als ein Dutzend D�monen lag bereits tot oder verletzt auf dem Pfad. Wenn es einer der Kreaturen trotzdem gelang, die Schlucht zu erreichen, streckten sie Nedjo und Jovan mit S�bel- und Keulenhieben nieder. Vivanas Vater packte einen spitzohrigen Wicht mit seiner mechanischen Hand und schleuderte ihn durch die Luft. Ruac schnappte nach einem Krieger und biss ihm den Arm ab. <emphasis>Wenigstens</emphasis>, dachte sie mit finsterer Genugtuung, <emphasis>muss ich mir jetzt nicht mehr �berlegen, wie ich Futter f�r ihn auftreibe.</emphasis></p><p>Doch es war abzusehen, dass ihre Gef�hrten nicht ewig durchhalten w�rden � daf�r war die Zahl der D�monen einfach zu gro�. Sandor konnte schon nicht mehr mitk�mpfen. Der Manusch kauerte bleich und verletzt auf dem Boden und biss die Z�hne zusammen, w�hrend Madalin einen Umhang zerriss und eine b�se Schnittwunde an seinem Arm verband.</p><p><emphasis>Ich muss sie retten</emphasis>, dachte Vivana und schrieb umso hektischer.</p><p>�Das muss gen�gen.� Tante Livia stand auf. �berall bedeckten die bizarren Runen des Verlorenen Volkes die Erde und die W�nde der Schlucht. �Stell dich dorthin und tu, was ich dir gesagt habe. Du musst sp�ren, wie sich die Macht des Lichts in dir sammelt. Wenn der richtige Moment gekommen ist, gib sie frei.�</p><p>Vivana wusste, dass es blanker Wahnsinn war, was sie da tat. Die Wahrsager der Manusch verbrachten Monate und Jahre damit, die alten Zauber und Rituale zu lernen. Und sie versuchte, die Magie innerhalb weniger Minuten zu meistern. Es konnte nur schiefgehen.</p><p>Tante Livia hatte ein Zeichen auf den Boden gemalt, das gr��er als die anderen Symbole war: eine Art Drudenfu�, ein Neuneck, das aus einem Gewirr von Linien und Kreisen bestand. Breitbeinig stellte sich Vivana darauf.</p><p>Das Kampfgeschrei war verstummt. Nachach hatte seine Blutsklaven zur�ckgerufen und um sich geschart. Offenbar hatte der D�monenf�rst begriffen, dass er mit seiner bisherigen Taktik nicht weiterkam. Seinem Gebr�ll und seinen herrischen Gesten nach zu schlie�en, plante er, die Schlucht mit all seinen D�monen zu st�rmen, gleichg�ltig, wie viele Gefolgsleute er dadurch verlor.</p><p>Alle Augen waren auf Vivana gerichtet. In den Gesichtern der Manusch las sie Hoffnung und Sorge, in der Miene ihres Vaters blanke Angst. Nur Luciens Zuversicht war ungebrochen. Als er ihr zuzwinkerte, wusste sie, dass sie es schaffen w�rde.</p><p>Sie schloss die Augen. Stellte sich ihre Gef�hrten vor, ihre Stimmen, ihre Art zu lachen und Geschichten zu erz�hlen. Dachte daran, wie sich die Manusch selbst in Zeiten der Not umeinander k�mmerten, ohne je einen Lohn daf�r zu erwarten. Wie Onkel Madalin und seine Br�der im letzten Winter zwei Tage nichts gegessen hatten, damit seine Familie den Arzt bezahlen konnte, den seine Kinder so dringend ben�tigten. Oder wie Nedjo einmal gr�n und blau geschlagen worden war, weil er ein wildfremdes M�dchen vor zwei aufdringlichen Soldaten besch�tzt hatte.</p><p>Dutzende solcher Geschichten fielen Vivana ein, wenn sie an die Manusch dachte, Geschichten voller Mut und Liebe, denn jeder Einzelne von ihnen w�re jederzeit bereit gewesen, sich f�r das Wohlergehen der anderen in die gr��te Gefahr zu st�rzen.</p><p>W�rme begann durch ihren K�rper zu str�men, durch ihre Arme und Beine, ihr Blut und ihre Knochen, und sammelte sich in ihrer Brust. Die Schriftzeichen erwachten zum Leben � es f�hlte sich an wie das Pochen eines gewaltigen Herzens in der Dunkelheit hinter ihren Augenlidern. Doch es war noch nicht genug.</p><p>Sie dachte an Lucien, der einst eine menschliche Frau geliebt hatte und ohne einen Moment des Z�gerns mit ihr ins Pand�monium hinabgestiegen war. Seine Schl�ue und seine Tapferkeit kannten keine Grenzen, und niemals lie� er sich entmutigen, mochten die Schwierigkeiten und Hindernisse auf ihrem Weg noch so gro� sein.</p><p>Sie dachte an Tante Livia, die Liam das <emphasis>javva</emphasis> geschenkt hatte, obwohl sie damit ein uraltes Geheimnis der Manusch preisgab. Wie oft hatte die Wahrsagerin Vivana getr�stet, wenn sie am Starrsinn ihres Vaters verzweifelt war und nicht wusste, wohin sie geh�rte. Die Manusch opferte sich f�r ihre Familie auf, ohne etwas daf�r zu erwarten, und fand trotzdem noch die Zeit, sich um die Kranken der anderen Manuschsippen zu k�mmern und das alte Wissen ihres Volkes zu h�ten.</p><p>Und schlie�lich dachte sie an ihren Vater. Die vergangenen Jahre waren nicht einfach gewesen. Beinahe t�glich hatten sie miteinander gestritten, waren sich immer fremder geworden, bis sie schlie�lich geglaubt hatte, ihr Vater sei durch und durch verbittert und interessiere sich f�r nichts und niemanden, au�er f�r seine Arbeit. Die letzten Tage hatten jedoch bewirkt, dass sie ihn mit anderen Augen sah. Sie wusste nun, dass der Grund f�r sein Verhalten Angst war � die Angst, sie zu verlieren, so wie er einst Vivanas Mutter verloren hatte. Trotz allem liebte er sie, und wenngleich er seine Liebe auf eine unbeholfene und manchmal verquere Art zeigte, gab es doch keinen Zweifel daran, dass sie ihm mehr bedeutete als sonst etwas auf der Welt. Und er hatte bewiesen, dass er gewaltigen Mut besa�: nicht weil er bereitwillig gegen D�monen k�mpfte, sondern weil er den Willen aufbrachte, sich zu �ndern. Vivana wusste, wie schwer ihm das fiel.</p><p>Die Hitze erf�llte ihren K�rper von Kopf bis Fu�, floss durch jede Faser ihres Leibes, durch ihre Finger, ihre Haut, ihre Organe. Vivana glaubte, bersten zu m�ssen.</p><p>Sie �ffnete die Augen. Die Schriftzeichen gl�hten, als w�ren sie mit Feuer geschrieben, und erf�llten die Kluft mit wei�em Glosen.</p><p>Die D�monen begannen zu br�llen. Mit Nachach an der Spitze st�rmten sie den Berghang hinauf, dr�ngten sich zu einer Masse aus Leibern zusammen, trampelten einander tot und st�rmten dennoch weiter, der Schlucht entgegen.</p><p>Lucien schien zu wissen, was nun kam. Er warf sich auf den Boden und vergrub seinen Kopf in den Armen.</p><p>Vivana gab die Hitze frei. Licht schoss aus ihren Fingerspitzen, aus ihren Augen, brach durch ihre Haut, schien sie von innen heraus zu verschlingen. Sie h�rte Gebr�ll, Schreie voller Panik und Entsetzen, roch verbranntes Fleisch � und dann war ihr, als w�rde sie fallen, immer weiter fallen, bis sie schlie�lich aufschlug und die Besinnung verlor.</p><p>Irgendwann kam sie wieder zu sich. Jemand �chzte. Sie blinzelte und sah Tante Livia, die auf dem Boden lag und sich bewegte. Von der Hitze war nichts mehr zu sp�ren. Sie betrachtete ihre Hand, die aussah wie immer. Keine Verbrennungen, keine Spuren dessen, was gerade geschehen war.</p><p>M�hsam stand sie auf. Die Schriftzeichen hatten sich ins Gestein eingebrannt und strahlten W�rme ab. Ihre Gef�hrten lagen hinter der Ger�llbarriere, als h�tte eine Sturmb�e sie von den F��en gerissen. St�hnend rappelten sie sich auf. Auch Lucien wirkte reichlich benommen, obwohl er seine empfindlichen Augen rechtzeitig vor der strahlenden Helligkeit gesch�tzt hatte. Lediglich Ruac hatte das Licht nichts anhaben k�nnen.</p><p>Vivana eilte zu ihrem Vater und half ihm auf die F��e. Er war verwirrt, aber unversehrt. �Bist du in Ordnung?�</p><p>Er brachte ein Nicken zu Stande und wandte sich dann zum Berghang um. Der Anblick, der sich ihnen dort bot, war grauenhaft. Dutzende von D�monen lagen auf den Felsen, verbrannt und tot. Die wenigen �berlebenden, darunter Nachach, rannten den Hang hinab und hasteten in heilloser Flucht durch das Tal.</p><p>�Wir haben gesiegt!�, rief Madalin, und seine Br�der versammelten sich um ihn.</p><p>Tante Livia kam zu Vivana und l�chelte. �Ich wusste, du w�rdest es schaffen.� Im n�chsten Moment hatten die Manusch sie hochgehoben, warfen sie unter Freudenschreien in die Luft und fingen sie wieder auf. Vivana war immer noch so ersch�pft, dass sie gar nicht wusste, wie ihr geschah.</p><p>Pl�tzlich fiel ihr Blick auf Liam. Er kauerte neben dem Felsen, wo sie ihn vor dem Kampf festgebunden hatten, und sein Kopf war auf die Brust gesunken. �Lasst mich runter�, bat sie die Manusch und lief zu ihm.</p><p>Sie nahm sein Gesicht in die H�nde. Seine Augen waren geschlossen, seine Haut war bleich. Er regte sich nicht.</p><p>Voller Angst begriff sie, was sie angerichtet hatte. Das Licht � es wirkte auf den D�mon in seinem Innern ebenso zerst�rerisch wie auf Nachach und seine Blutsklaven. Der Kampf und das magische Ritual hatten ihre ganze Aufmerksamkeit beansprucht, sodass sie nicht daran gedacht hatte, Liam davor zu sch�tzen.</p><p>�Er lebt noch�, sagte Tante Livia, nachdem sie ihn untersucht hatte. �Er ist nur bewusstlos. Liams K�rper hat den D�mon vermutlich vor dem Schlimmsten bewahrt.�</p><p>�Und wenn das Licht ihn aus Liam vertrieben hat?�, fragte Madalin.</p><p>�Liam und der D�mon sind zu einem Wesen verschmolzen. Das Licht hat entweder beiden geschadet � oder keinem.�</p><p>Vivana entfernte den Knebel, damit Liam atmen konnte, und lockerte seine Fesseln. �Kannst du etwas f�r ihn tun?�</p><p>�Warte�, sagte Tante Livia und ging zu Sandor, der ebenfalls dringend ihre Hilfe brauchte. Sie gab ihm einen Tropfen <emphasis>javva</emphasis>, woraufhin sich die Wunde an seinem Arm augenblicklich schloss.</p><p>Vivana tupfte Liam w�hrenddessen mit einem k�hlen Tuch die Stirn. Nachdem Livia sich davon �berzeugt hatte, dass keiner der anderen ernstlich verwundet war, kam sie zur�ck und r�hrte einen Kr�utertrunk an, den sie Liam vorsichtig einfl��te. Er konnte schlucken, aber es gelang ihr nicht, ihn aufzuwecken. �Wir m�ssen ihn so schnell wie m�glich nach Bradost bringen.�</p><p>Vivana w�re am liebsten sofort aufgebrochen, doch ihre Gef�hrten ben�tigten dringend eine Rast. Die Flucht und der Kampf hatten sie alle bis an die Grenzen ihrer Kr�fte ersch�pft. Schlie�lich sp�rte auch Vivana, dass sie ein paar Stunden Schlaf brauchte. Der Zauber hatte ihr mehr abverlangt, als ihr im ersten Moment klar gewesen war.</p><p>Sie trugen Liam den Pass hinauf und rasteten in einer Felsspalte. Vivana wollte neben ihm wachen, doch sie war so m�de, dass sie nach wenigen Minuten einschlief.</p><p>Die n�chsten Tage waren beschwerlich. Sie wanderten durch das �dland, der fernen Lichtmauer entgegen und immer auf der Hut vor D�monen. Wegen Liam, den sie abwechselnd tragen mussten, kamen sie nur sehr langsam voran. Au�erdem mussten sie viele Pausen machen und verdammten Seelen aus dem Weg gehen, denn ohne Luciens magische Kerze konnten sie es nicht riskieren, den Geistwesen zu nahe zu kommen.</p><p>Liams Zustand schien sich zu bessern, doch er wachte nicht auf.</p><p>Wenigstens stritten Vivanas Vater und Tante Livia nicht mehr. Sie ignorierten einander, was zwar nicht sch�n war, aber immer noch besser als der st�ndige Zank. Manchmal erschien es Vivana, als betrachte ihr Vater die Wahrsagerin mit neuen Augen. Vielleicht hatte er dank des Lichtzaubers begriffen, dass die alten K�nste der Manusch mehr waren als Hokuspokus und Budenzauber, wie er immer behauptet hatte.</p><p>Einmal rasteten sie in einer alten Ruine, die sich in einem Tal befand, unweit einer kleinen Wasserstelle. Vivana legte sich neben Liam, denn sie wollte es auf keinen Fall verpassen, sollte er aus seiner Ohnmacht aufwachen.</p><p>Rufe rissen sie aus dem Schlaf. Sie schreckte hoch und sah Madalin und Lucien umherrennen und Fackeln schwenken.</p><p>�Verdammte Seelen!�, schrie der Alb. �Lauft!�</p><p>Voller Grauen stellte sie fest, dass sich der Ruine von zwei Seiten Geister n�herten, mindestens ein Dutzend. Madalin und Lucien versuchten, sie mit ihren Fackeln zu verjagen, doch die Untoten schienen das Feuer nicht einmal zu bemerken.</p><p>Im n�chsten Moment herrschte Chaos. Die Schlafenden erwachten, und die eine H�lfte wusste nicht, was geschah, w�hrend die andere hektisch das Gep�ck zusammenraffte. Nedjo schrie, als eine verdammte Seele ihn am Hals ber�hrte. Vivana sprang auf, packte Liam unter den Armen und hob ihn hoch. �Jovan!�, rief sie. Mit schreckensbleichem Gesicht eilte der junge Manusch herbei und half ihr, Liam wegzutragen.</p><p>Pl�tzlich tauchte aus dem Zwielicht ein Geistwesen auf, ein Mann mit fremdl�ndischen Z�gen, die von Hass und Qual verzerrt waren. Er ber�hrte Vivana an der Schulter, seine geisterhaften Finger drangen tief in ihr Fleisch ein, woraufhin Eisesk�lte ihren K�rper durchstr�mte. Sie keuchte vor Schmerz und h�tte Liam beinahe fallen gelassen. Nur der Gedanke, dass er dann verloren gewesen w�re, lie� sie die Z�hne zusammenbei�en.</p><p>Auch Jovan, ihr Vater und die Manusch wurden von verdammten Seelen angegriffen. Schmerzensschreie hallten durch das Tal. Die Untoten gaben sich jedoch damit zufrieden, ihre Opfer nur einmal zu ber�hren. Dann zogen sie sich zur�ck, als w�re ihre Gier befriedigt.</p><p>Die Gef�hrten flohen in die H�gel. Als sie feststellten, dass die Totenseelen keine Anstalten machten, ihnen zu folgen, lie�en sie ihr Gep�ck fallen und sanken ersch�pft zu Boden. Vivana und Jovan legten Liam hin und lehnten sich schwer atmend gegen die Felsen. Die Schmerzen verschwanden allm�hlich, doch die unnat�rliche K�lte sa� Vivana tief in den Gliedern und lie� auch dann nicht nach, als sie sich in eine dicke Decke h�llte. Sie versp�rte eine Leere in ihrem Innern, eine tief greifende Hoffnungslosigkeit. Das Geistwesen hatte ihr nicht nur die K�rperw�rme geraubt, sondern auch einen Teil ihrer Vitalit�t, ihres Lebenswillens. Es f�hlte sich an, als klaffe in ihrer Seele ein Loch.</p><p>Ihren Gef�hrten erging es �hnlich. Niemand sprach; der Fackelschein lag auf maskenhaften Gesichtern. Bedr�ckt zog Vivana die Decke enger um die Schultern und starrte ins Nichts.</p><p>Lucien war der Erste, der sich von dem Angriff erholte. Er stieg auf die H�gelkuppe und blickte zur Lichtmauer, die inzwischen nah genug war, dass man sie trotz des Dunstes deutlich erkennen konnte.</p><p>�Kommt her�, sagte er nach einer Weile. �Das solltet ihr euch ansehen.�</p><p>Vivana ging zu ihm, gefolgt von den anderen. Sie sah auf den ersten Blick, was der Alb meinte: Der Grenzwall des Pand�moniums hatte sich seit ihrer Ankunft vor gut einer Woche ver�ndert. Das Licht strahlte nicht mehr wei� und blendend � es flackerte und wies hier und da dunkle Stellen auf.</p><p>�Was ist das?�, fragte ihr Vater.</p><p>�Sieht aus, als bek�me die Mauer Risse�, antwortete der Alb.</p><p>�Risse?� Tante Livia trat neben ihn. �Unm�glich. Die Mauern des Pand�moniums bestehen seit Jahrtausenden. Nichts kann ihnen etwas anhaben.�</p><p>�Seht mal da�, sagte Nedjo und deutete auf einen H�gel anderthalb oder zwei Meilen entfernt. Der Dunst hatte sich gelichtet, und Vivana erblickte einige winzige Gestalten, die sich auf der Anh�he aufhielten. Zweifellos D�monen. Es sah ganz so aus, als untersuchten sie das Flackern der Lichtmauer.</p><p>�Den D�monen ist es also auch schon aufgefallen�, bemerkte Lucien mit einem seltsamen Klang in der Stimme.</p><p>Eine erschreckende Vorstellung stieg in Vivana auf: Noch waren die Lichtmauern stabil genug. Aber wenn sich die Risse und Schwachstellen ausweiteten, konnten bald D�monen hindurchschl�pfen und ins Diesseits eindringen � in ihre Welt.</p><p>Sie schob diesen Gedanken von sich. Nein. So ein Szenario war nicht nur unrealistisch, es war blanker Unsinn. Das Pand�monium gab es seit �onen. Warum sollten seine Mauern auf einmal zusammenbrechen? Dennoch blieb eine ungute Ahnung.</p><p>�Hat Seth die Risse gemeint, als er gesagt hat, die Zukunft geh�rt den D�monen?�, wandte sie sich an Lucien.</p><p>�Wer wei�. Jedenfalls wird mir jetzt einiges klarer.�</p><p>Sie blickte ihn fragend an.</p><p>�Vor ein paar Wochen hat Aziel Seth ins Pand�monium geschickt, um Nachforschungen anzustellen�, erkl�rte der Alb. �Er wollte mir nicht sagen, warum. Vielleicht hat er geahnt, dass irgendetwas geschieht.�</p><p>�Was hat Seth herausgefunden?�</p><p>�Offenbar etwas, das ihn dazu gebracht hat, Aziel den Laufpass zu geben und sich Nachach anzuschlie�en.� Lucien betrachtete die Lichtmauer mit zusammengekniffenen Augen. �Wie es aussieht, muss ich mich mit Aziel unterhalten, wenn wir zuhause sind.�</p><p>�Aber ihr seid doch Feinde.�</p><p>�Ja, das d�rfte die Sache interessant machen. Jetzt lass uns gehen. Es ist noch ein weiter Weg.�</p><p>Wenig sp�ter wanderten die Gef�hrten durch die H�gel. Gl�cklicherweise verlief der Marsch ereignislos. Die D�monen auf der Anh�he beachteten sie nicht, falls die Kreaturen sie �berhaupt bemerkt hatten. Auch die verdammten Seelen lie�en sie in Ruhe. Sie hatten ihren Hunger gestillt und sich in den Dunst zur�ckgezogen.</p><p>Schlie�lich erreichten sie das Tor. Vivana betrachtete den dunklen Wirbel in der Lichtmauer, und es kam ihr vor, als w�re seit ihrer Ankunft im Pand�monium eine Ewigkeit vergangen, so viel war seitdem geschehen. Voller Unbehagen dachte sie an das Durchschreiten des Tors, an die endlosen Sekunden in der Dunkelheit und die Verzweiflung, die sie anschlie�end gepackt hatte. Lucien hatte sie vorgewarnt, dass der R�ckweg genauso unangenehm werden w�rde.</p><p>Madalin und ihr Vater legten Liam behutsam auf den Boden. Vivana schob ihm eine zusammengerollte Decke unter den Kopf und gab ihm etwas zu trinken. <emphasis>Bald sind wir zuhause</emphasis>, dachte sie und strich ihm eine Haarstr�hne aus der Stirn. Wenn er nur endlich aufwachen w�rde...</p><p>�K�nnen wir irgendwie herausfinden, wann sich das Tor das n�chste Mal �ffnet?�, fragte sie Lucien.</p><p>�Ich glaube nicht, dass wir lange warten m�ssen�, erwiderte der Alb. �Als wir nach unserer Ankunft hier gelagert haben, habe ich gesehen, dass es sich zweimal kurz hintereinander ge�ffnet und wieder geschlossen hat. Auf der Pand�monium-Seite scheint es sich h�ufiger zu �ffnen, daf�r immer nur f�r ein paar Minuten. Vermutlich weil die Zeit hier anders verl�uft...� Er unterbrach sich, als Tante Livia zu ihnen trat.</p><p>�Kann ich dich kurz sprechen?�</p><p>Lucien und die Wahrsagerin entfernten sich ein paar Schritte von der Gruppe. Livia war die einzige Manusch, die dem Alb unbefangen begegnete � die anderen empfanden nach wie vor extreme Ehrfurcht in seiner Gegenwart. Die beiden unterhielten sich leise und kehrten dann mit ernsten Gesichtern zur Gruppe zur�ck.</p><p>�Lucien und ich sind auf ein Problem gesto�en, das wir nicht bedacht haben�, begann Tante Livia. �Es betrifft das Tor. Ihr habt euch wahrscheinlich schon gefragt, wieso die D�monen es nicht benutzen, um in unsere Welt einzudringen. Wir glauben, es liegt am Licht. Da, wo sich das Tor befindet, ist die Mauer zwar durchl�ssig, aber das Licht ist auch hier noch stark genug, dass es ihnen schadet, wenn sie damit in Ber�hrung kommen.�</p><p>�Worauf willst du hinaus?�, fragte Madalin.</p><p>Luciens Blick fand Liam � und Vivana begriff. Sie schloss f�r einen Moment die Augen. <emphasis>Nein.</emphasis> �Liam kann das Tor nicht durchqueren�, sagte sie leise. �Das meint ihr doch, nicht wahr? Solange der D�mon in ihm steckt, wird das Licht ihn t�ten.�</p><p>Tante Livia blickte sie voller Mitgef�hl an. �Das ist nicht gesagt. Liam ist stark � vermutlich wird er es �berstehen. Aber v�llig ausschlie�en k�nnen wir es nicht. Daf�r wissen wir zu wenig �ber das Tor.�</p><p>Vivana versp�rte pl�tzlich den Drang, aufzustehen und herumzulaufen. Sie war durch das halbe Pand�monium gewandert und hatte gegen D�monen und verdammte Seelen gek�mpft, nur um am Ende an einer haarstr�ubenden Verkettung der Umst�nde zu scheitern. Sie griff sich an die Stirn. Ihr Kopf schien zu gl�hen. <emphasis>Das kann einfach nicht sein...</emphasis></p><p>Die Gef�hrten schwiegen betreten. Vivanas Vater murmelte einen Fluch.</p><p>�Kannst du den D�mon nicht gleich hier austreiben?�, fragte Madalin.</p><p>�Ich bin mir nicht sicher, ob ich es <emphasis>�berhaupt</emphasis> kann�, erwiderte Livia. �Ich habe keine Erfahrung mit dem Ritual. Wenn ich es versuche, dann nur in Bradost. Auf keinen Fall hier.�</p><p>Alle Augen ruhten auf Vivana. Energisch wischte sie sich mit dem �rmel die Tr�nen ab. �Das Licht ist also schw�cher, ja? <emphasis>Wie</emphasis> schwach?�</p><p>�Schwer zu sagen�, antwortete Lucien. �Vielleicht so wie die Blitze, die du mit dem Zauber beschworen hast.�</p><p>�Das nennst du schwach?�, meinte Vivanas Vater.</p><p>�Jedenfalls haben sie Liam nicht get�tet.�</p><p>�Au�erdem sickert st�ndig B�ses durch das Tor�, sagte Tante Livia. �Das ist schlecht f�r uns, aber gut f�r den D�mon. Vielleicht hilft es ihm, halbwegs unbeschadet durchzukommen.�</p><p>�Seht mal.� Nedjo deutete auf das Tor. �Ich glaube, es �ffnet sich.�</p><p>Der Wirbel in der Lichtmauer wurde gr��er und w�lbte sich nach innen, wie die Fleischmembran in den Gew�lben der Alten Arena.</p><p>�Beeilt euch�, forderte Lucien die Gef�hrten auf. �Es wird nicht lange offen bleiben.�</p><p>Vivana kaute auf ihrer Unterlippe. Sie spielten mit Liams Leben Roulette, wenn sie mit ihm durch das Tor gingen. Er konnte sterben � oder auch nicht. Genauso gut h�tten sie eine M�nze werfen k�nnen. �Wartet�, sagte sie. �Lasst mich nachdenken. Es muss doch noch einen anderen Weg geben.�</p><p>�Ich f�rchte, daf�r haben wir keine Zeit.� Madalin machte sie auf den H�gel aufmerksam, wo sie die D�monen gesehen hatten. In der Zwischenzeit hatten die Kreaturen das Interesse an der Lichtmauer verloren und kamen n�her. Es waren mindestens zehn.</p><p>Vivanas Gedanken �berschlugen sich. Wie konnte sie Liam vor dem Licht sch�tzen? Ihr fiel nichts ein � sie wusste einfach zu wenig �ber das Licht und das Tor und D�monen.</p><p>Ihre Gef�hrten warteten offenbar darauf, dass sie eine Entscheidung traf � als ob es irgendetwas zu entscheiden g�be. Als ob es ihr Recht w�re, �ber Liams Leben zu bestimmen. �Wir gehen durch das Tor�, sagte sie und f�gte leise hinzu: �Liam und ich gehen zuerst.�</p><p>Sie h�ngte sich ihre Tasche mit dem Gelben Buch um und hob Liam an den Schultern hoch. Wortlos kam ihr Vater ihr zu Hilfe und fasste nach seinen Beinen. Er nickte ihr zu, als wollte er sagen: <emphasis>Ich lasse dich nicht im Stich.</emphasis></p><p>Gemeinsam trugen sie Liam zur H�gelkuppe. Trotz der vielen flackernden Stellen glei�te die Lichtmauer so hell, dass es in den Augen schmerzte. Vivana wandte dem Wall den R�cken zu und betrachtete Liams Gesicht. <emphasis>Bitte sei stark.</emphasis></p><p>Die D�monen hetzten in einer Staubwolke durch das Tal. Sie waren bereits so nah, dass Vivana ihr Kreischen im Wind h�ren konnte. Der Reihe nach blickte sie ihre Gef�hrten an: Lucien. Ruac. Nedjo. Sandor. Jovan. Madalin. Livia. Ihren Vater.</p><p>�Viel Gl�ck�, sagte ihre Tante.</p><p>Vivana schloss die Augen und k�sste Liam � dann trat sie r�ckw�rts durch das Tor.</p><p>Der Weg durch die Dunkelheit war genauso schrecklich wie beim ersten Mal. Verzweifelt versuchte sie, Liam festzuhalten, w�hrend das B�se sie einh�llte, doch er entglitt ihr und verschwand in der Finsternis. Sie bekam keine Luft mehr und ruderte panisch mit den Armen, bis sie pl�tzlich von der Membran ausgespien wurde und unsanft auf dem Ger�ll landete.</p><p>Es war stockdunkel. Vivana f�hlte sich ausgelaugt, entkr�ftet und so voller Verzweiflung, dass sie nicht einmal weinen konnte. Das B�se hatte jede Faser ihres Wesens, jeden Winkel ihrer Pers�nlichkeit durchdrungen.</p><p>Es dauerte mehrere Minuten, bis sie im Stande war, sich zu bewegen, sich aufzusetzen.</p><p>�Liam?�, rief sie in die Dunkelheit.</p><p>Keine Antwort.</p><p>Schlie�lich erklang die Stimme ihres Vaters: �Er ist hier... bei mir.�</p><p>Mit einem Anflug von Furcht dachte sie daran, was das B�se das letzte Mal mit ihm gemacht hatte. �Geht es dir gut?�</p><p>�Keine Angst. Alles in Ordnung.� Er klang kraftlos und m�de und kein bisschen aggressiv. Vivana kroch zu ihm.</p><p>Die Membran schmatzte.</p><p>�Lucien?�, rief sie.</p><p>�Ja�, sagte der Alb. �Wartet. Ich mache Licht.�</p><p>Er z�ndete die Karbidlampe an, die sie aus Nachachs Burg gerettet hatten. Mit der Laterne in der Hand stieg er den Schutt hinab, um Platz f�r Ruac, Nedjo und Sandor zu machen, die in diesem Moment von der Membran ausgespuckt wurden.</p><p>Vivanas Vater kauerte neben dem Ger�llhaufen und hatte Liams Kopf auf seinen Scho� gebettet. Sie ging neben ihm auf die Knie und nahm Liams Gesicht in ihre H�nde. Es war eiskalt.</p><p>�Wir haben Gl�ck�, murmelte der Erfinder und f�hrte ihre Hand zu Liams Hals, presste sie sanft auf die Haut.</p><p>Sein Puls war so schwach, dass sie ihn kaum sp�rte. Doch sein Herz schlug, daran gab es keinen Zweifel.</p><empty-line/><empty-line/></section></section><section><title><p><strong>TEIL II</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die Stadt der Seelen</emphasis></strong></p></title><section><title><p><strong>25</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Das Kristallmesser</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>S</strong>ilas Torne sa� an seinem Labortisch und inspizierte mit der Lupe einen gr�nlichen Gegenstand, der auf einem Tuch lag. �Ausgezeichnet�, murmelte er, �wirklich ausgezeichnet�, doch wegen der Zentrifuge, die in der Ecke brummte und vibrierte, war es kaum zu verstehen.</p><p>Als er aufstand, bemerkte er Umbra, die mit verschr�nkten Armen in der T�r stand. Blitzschnell ergriff er den Gegenstand und verbarg ihn hinter dem R�cken. �Wie lange bist du schon hier?�</p><p>�Was hast du da?�, fragte Umbra, w�hrend sie hereinkam.</p><p>�Das geht dich nichts an.�</p><p>Sie lie� ihren Schatten in die L�nge wachsen, und bevor Torne begriff, wie ihm geschah, hatte sie sein Handgelenk gepackt und mit einem Ruck nach vorne gezogen. Torne schrie vor Schreck und lie� den Gegenstand fallen. Umbra fing ihn mit einem schattenhaften Arm auf und hob ihn hoch, sodass er vor ihr in der Luft zu schweben schien.</p><p>Es war ein Messer aus gr�nem Kristall.</p><p>�Gib es mir zur�ck�, verlangte der Alchymist. �Dazu hast du kein Recht!�</p><p>�Zuerst will ich wissen, was das ist.� Als Torne schwieg, f�gte Umbra hinzu: �Es sieht zerbrechlich aus. Ich frage mich, was passiert, wenn es herunterf�llt.� Um ihre Drohung zu veranschaulichen, lie� sie ihren Schattenarm zucken, sodass es f�r einen Sekundenbruchteil tats�chlich so aussah, als w�rde das Messer ihrem Griff entgleiten.</p><p>�Nicht!�, kreischte Torne. �Pass doch auf, verdammt!� Er wollte ihr die Kristallklinge wegnehmen, doch Umbras Schatten schnellte nach oben, und er kam nicht mehr heran.</p><p>�Es ist ein alchymistisches Werkzeug�, erkl�rte er mit finsterer Miene. �Eine Spezialanfertigung aus k�nstlichen Kristallen.�</p><p>�Seit wann braucht man ein Messer, um nach einem Doppelg�nger zu suchen?�</p><p>�Ich brauche es f�r Lucien.�</p><p>�Das hast du also in den letzten Wochen getrieben. Seit du hier bist, hast du nichts anderes getan, als an diesem Messer zu arbeiten, richtig?� Umbra lie� ihren Schatten schrumpfen, und das Messer fiel klirrend zu Boden. Fluchend hob der Alchymist es auf, untersuchte, ob es besch�digt war, und lie� die Klinge in den Falten seiner Robe verschwinden. Anschlie�end ging er zur Zentrifuge und legte einen Hebel um, woraufhin das Ger�t zur Ruhe kam.</p><p>�Wieso bist du �berhaupt hier?�, knurrte er. �Ich hatte doch darum gebeten, nicht gest�rt zu werden.�</p><p>�Dreimal darfst du raten.�</p><p>�Du willst mir schon wieder Druck machen, was? Du bist zu fr�h dran. Die sechs Wochen sind noch nicht vorbei. Ich habe noch zwei Tage. Schau in den Kalender, wenn du mir nicht glaubst. Au�erdem haben wir vereinbart, dass ihr den Doppelg�nger erst bekommt, wenn ihr mir Lucien gebracht habt.�</p><p>�Das haben wir nicht vereinbart. Das hast du so entschieden.�</p><p>�Wie auch immer. Ohne Lucien kein Doppelg�nger. Und da dieser j�mmerliche Haufen, der sich Geheimpolizei nennt, nach wie vor keinen Schimmer hat, wo er sich verkrochen hat, sehe ich keine Veranlassung, mich zu beeilen.�</p><p>�Corvas� Leute haben heute Morgen die Suche eingestellt�, sagte Umbra.</p><p>Torne starrte sie argw�hnisch an. �Muss ich das verstehen?�</p><p>�Lady Sarka hat entschieden, dass sie keinen Doppelg�nger mehr braucht. Ich soll dir auszurichten, dass du entlassen bist.�</p><p>Zum ersten Mal erlebte Umbra den Alchymisten sprachlos. Dann blitzte Zorn in seinem gesunden Auge auf. �Ich nehme an, ihr Sinneswandel hat damit zu tun, dass sie neuerdings �ber die Traumlanden herrscht und sich jetzt f�r unbesiegbar h�lt. Du brauchst mich nicht so anzuglotzen � habt ihr erwartet, ihre Pfuscherei an den Tr�umen f�llt niemandem auf? Aber wenn sie glaubt, sie wird mich so einfach los, irrt sie sich. Wir haben einen Vertrag. Einen V-e-r-t-r-a-g. Sie kann nicht davon zur�cktreten, blo� weil sie gerade Lust darauf hat. Das ist rechtswidrig.�</p><p>�Mach dich nicht l�cherlich. Sie ist die Herrscherin von Bradost. Sie kann tun, was sie will. Also, gehst du freiwillig, oder muss ich nachhelfen?�</p><p>�Ich gehe erst, wenn ich bekommen habe, was mir zusteht.�</p><p>Diesmal war es nicht ihr eigener Schatten, den Umbra wachsen lie�. Tornes Schatten dehnte sich aus, l�ste sich vom Boden und gewann Festigkeit. Mit schreckgeweiteten Augen wich der Alchymist zur�ck, stolperte �ber seinen Hocker und fiel hin. Ein rauchartiger Arm schlang sich wie ein Tentakel um seinen Hals. Mit tiefer Befriedigung sah Umbra dabei zu, wie er blau anlief.</p><p>Kurz bevor Torne erstickte, l��te sich der Schattenstrang auf. R�chelnd rang der Alchymist um Atem.</p><p>Umbra beugte sich zu ihm herunter. �Versteh das als Warnung. Beim n�chsten Mal dr�cke ich fester und l�nger zu. Und jetzt steh auf. Ich will, dass du in zehn Minuten verschwunden bist.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>26</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Lady Sarkas Geheimnis</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>J</strong>ackon landete auf dem Kopfsteinpflaster und blickte die Gasse hinab, in der Liams Seelenhaus stand.</p><p>Das Viertel war in einem schlechten Zustand. Die Seelenh�user an der Stra�e verfielen zusehends. Jedes dritte wies klaffende Risse im Mauerwerk auf, Traumgestalten entwichen ins Freie, huschten schattenhaft an ihm vorbei oder drangen in fremde Tr�ume ein. Eines war zu einem pr�chtigen Anwesen mit T�rmen und mehreren Fl�geln gewuchert und hatte sich in alle Richtungen ausgedehnt. Nicht mehr lange und es w�rde die benachbarten Geb�ude besch�digen.</p><p>Zu allem �berfluss arbeiteten die Boten und Sammler immer schlechter. Nur noch h�chstens die H�lfte kam ihren Aufgaben nach; die �brigen krochen oder flatterten ziellos durch die Gassen.</p><p>Jackon biss sich auf die Lippe, scheuchte einige Tr�ume in die Seelenh�user zur�ck, aus denen sie geflohen waren, und wandte sich der anderen Stra�enseite zu.</p><p>Liams Seelenhaus war noch da.</p><p>Er atmete auf und untersuchte die Sternwarte von allen Seiten. Zu seiner Erleichterung war sie trotz des Durcheinanders in den Tr�umen unversehrt. Er trat ein.</p><p>Eine Weile wanderte er schweigend durch die leeren Korridore. Er hatte ein schlechtes Gewissen, denn er hatte Liam ein Versprechen gegeben und es nicht gehalten.</p><p>�Entschuldige, dass ich so lange nicht da war�, sagte er. �Ich wei�, ich habe dir versprochen, jede Nacht herzukommen. Aber in den letzten Wochen gab es einfach so viel zu tun. Lady Sarka herrscht jetzt �ber die Tr�ume... das hei�t, sie versucht es, aber unter uns gesagt, kommt sie nicht besonders gut damit zurecht. Du siehst ja, was hier los ist. Jedenfalls muss ich ihr helfen, so gut ich kann, sonst kriegt sie das Durcheinander nie in den Griff.�</p><p>Er blickte aus einem Fenster und betrachtete den nachtblauen Himmel und die D�cher, die sich vor ihm erstreckten. Erst gestern hatte er mit Lady Sarka �ber diese Dinge geredet. Sie hatte versucht, ihn zu beruhigen, aber er machte sich immer noch Sorgen.</p><p>�Sie muss erst noch lernen, mit ihren neuen Kr�ften umzugehen�, fuhr er fort. �Zwar ist sie st�rker als Aziel, aber sie hat �berhaupt keine �bung. Sie kann nicht mal richtig springen. Aber vielleicht sollte ich mir nicht so viele Gedanken machen. Sicher lernt sie es bald, so m�chtig, wie sie ist. Und wenn sie erst mehr �bung hat, wird sie bestimmt eine gute Herrin der Tr�ume.�</p><p>Jackon musste daran denken, was er bei seinem Spaziergang durch die Altstadt heute Morgen gesehen hatte. �Dumm ist nur, dass sich das ganze Durcheinander inzwischen auch auf die Wachwelt auswirkt. Die Leute schlafen nicht mehr richtig und werden immer gereizter. Die Miliz musste sogar schon ein paar ins Gef�ngnis werfen, weil sie sich auf der Kupferstra�e gepr�gelt haben. Man traut sich kaum noch aus dem Haus. Aber wahrscheinlich legt sich das, wenn mit den Tr�umen wieder alles in Ordnung ist. Lady Sarka hat es mir jedenfalls versprochen.�</p><p>Es tat gut, Liam seine Sorgen anzuvertrauen. Und heute erschien Jackon die Pr�senz seines Freundes in den Zimmern und Korridoren der Sternwarte besonders intensiv.</p><p>�Na ja, ich muss jetzt weiter. War sch�n, mit dir zu reden. In Zukunft komme ich wieder jede Nacht, versprochen. Und mach dir keine Sorgen wegen deines Seelenhauses. Ich k�mmere mich darum, dass es nicht kaputt geht.�</p><p>Er legte seine Hand auf die Wand, wie er es immer tat, wenn er sich von Liam verabschiedete. Dann verlie� er die Sternwarte.</p><p>Er beschloss, sich um die benachbarten Seelenh�user zu k�mmern, wenn er schon einmal da war. Sie zu reparieren funktionierte so �hnlich wie die Erschaffung von Tr�umen: Er musste sich nur genug konzentrieren, dann konnte er die Substanz der Seelenh�user ver�ndern. Auf diese Weise flickte er Risse und L�cher, schuf Kamine f�r die Boten und zerst�rte wuchernde Geb�udeteile, die angrenzende H�user bedrohten. Kurz darauf sah die Gasse wieder aus wie fr�her, und wenn die herumstreunenden Boten und Sammler nicht gewesen w�ren, h�tte man glauben konnen, es sei alles in Ordnung. Leider w�rde es nicht so bleiben � vermutlich traten schon morgen neue Sch�den auf.</p><p>Jackon seufzte und sprang.</p><p>Er landete im gro�en Saal des Palastes. Es �berraschte ihn nicht, dass Lady Sarka nicht auf ihrem Thron sa�. Meist hielt sie sich im h�chsten Turm des Palasts auf und betrachtete die Stadt der Seelen � ihr neues Reich.</p><p>Um seine Kr�fte zu schonen ging er zu Fu�. Er fand die runde Turmkammer leer vor � Wind pfiff um das Kuppeldach und lie� Silberstaub wie eine Heerschar winziger Feen vor den Spitzbogenfenstern tanzen. Der Reihe nach suchte er auch ihre anderen Lieblingspl�tze ab, konnte sie jedoch nirgendwo entdecken.</p><p>Ihm schwante �bles. Offenbar hatte sie wieder ohne ihn angefangen zu �ben und sich in Schwierigkeiten gebracht.</p><p>In den vergangenen Wochen hatten Lady Sarka und er die Rollen getauscht: Nun war er es, der <emphasis>sie</emphasis> ausbildete. Anfangs hatte Lady Sarka gedacht, sie k�nne ihre neu gewonnene Macht umgehend f�r ihre Zwecke nutzen, doch nach einer Reihe von verheerenden Fehlschl�gen hatte sie widerstrebend eingesehen, dass sie noch nicht bereit daf�r war. Zuerst musste sie lernen, sich in der Welt des Schlafes zurechtzufinden. Jackon brachte ihr bei, wie man seine Gedanken fokussierte, nachdem man eingeschlafen war. Wie man sprang. Wie man bestimmte Seelenh�user und Orte fand. Da sie kein Traumwanderer war und ihr die nat�rliche Begabung fehlte, brauchte sie viel l�nger als er, um solche Dinge zu lernen � trotz der gewaltigen Macht, die sie besa�. Sie war wie ein Kind, das sich nicht einmal ohne fremde Hilfe anziehen konnte und gleichzeitig kr�ftig genug war, ein Haus zum Einsturz zu bringen.</p><p>Seit Jackon Nacht f�r Nacht mit ihr �bte, war ihm klar geworden, wie au�ergew�hnlich seine Gabe war. Was er ihr beibrachte, war f�r ihn inzwischen so selbstverst�ndlich, dass er nicht mehr dar�ber nachdachte. F�r Lady Sarka dagegen bedeutete in den Traumlanden jeder Handgriff, jede Bewegung, sogar jeder konzentrierte Gedanke die gr��ten M�hen.</p><p>Leider besa� sie keine Geduld. Sie wollte alles auf Anhieb schaffen, und wenn ihr das nicht gelang, wurde sie zornig. Fast jeden Tag wurde Jackon Opfer eines Wutanfalls, weil er darauf bestand, dass sie eine �bung wiederholte. Oder weil er ihre Ungeduld kritisierte. Oder weil sie keine Fortschritte machte.</p><p>Wenigstens musste er ihr nicht zeigen, wie man die T�r seines Seelenhauses aufsp�rte. Wenn sie einschlief, erschien ihre Seele nicht in ihrem Seelenhaus, sondern in Aziels Palast. Warum, wusste er nicht � es schien ein Aspekt ihrer neuen Kr�fte zu sein. Innerhalb des Palastes konnte sie sich ohne M�hen bewegen. Schwierig wurde es nur, wenn sie das Gem�uer verlie�.</p><p>Jackon seufzte zum zweiten Mal f�r heute, schloss die Augen und konzentrierte sich mit all seiner Willenskraft auf Lady Sarka.</p><p>Es war ein weiter Sprung. So weit, dass er bei der Landung vor Ersch�pfung taumelte.</p><p>Er blinzelte die Benommenheit weg. Vereinzelte Seelenh�user standen in seiner N�he, und alle sahen sehr fremdartig aus. Die Stra�e f�hrte aus der Stadt hinaus und verschwand in einer Wand aus Dunkelheit.</p><p><emphasis>Hier</emphasis> war er also.</p><p>Es war noch nicht lange her, da hatte er gedacht, die Stadt der Seelen sei unendlich gro� � oder zumindest so gewaltig, dass man niemals ihre R�nder erreichen konnte, so sehr man sich auch anstrengte. Irgendwann hatte er jedoch herausgefunden, dass das nicht stimmte. Zwar war die Stadt wirklich sehr, sehr gro� � immerhin bestand sie aus den Seelenh�usern <emphasis>aller</emphasis> Menschen �, doch wenn man sich M�he gab, konnte man mit einem beherzten Sprung zu ihren Randbereichen gelangen. Jenseits der Stadt erstreckten sich seltsame Landschaften, H�gel und Ebenen, die in ewiger Dunkelheit lagen. Die Stadt war folglich nur ein Teil der Traumlanden. Was sich in der Dunkelheit befand, wusste Jackon nicht � und wollte es auch gar nicht wissen. Die Finsternis verdichtete sich nach wenigen Schritten, bis sie so undurchdringlich wurde wie die Schw�rze des Alls. Wenn man sie betrachtete, vernahm man nach einer Weile fl�sternde Stimmen. Irgendetwas sagte Jackon, dass es nicht gut war, ihren lockenden Rufen zuzuh�ren, und er hielt sich von der unheimlichen Dunkelheit jenseits der Stadtgrenzen nach M�glichkeit fern.</p><p>Lady Sarka sa� auf einer Mauer neben der Stra�e, reglos wie eine Statue. Ihr Blick ruhte auf der Schw�rze, als k�nne sie darin etwas sehen, das ihm verborgen blieb.</p><p>W�hrend sie hier sa�, lag ihr K�rper in ihrem Gemach in Bradost und schlief. Es bereitete ihr viel weniger M�he als Jackon, die Traumlanden zu betreten � wenn sie den Entschluss dazu gefasst hatte, legte sie sich einfach hin und schlief, ob sie m�de war oder nicht. Ein weiteres R�tsel ihrer Macht.</p><p>In den vergangenen drei Wochen war sie kaum noch in der Wachwelt gewesen. Nur einmal am Tag stand sie f�r eine Stunde auf, um sich zu waschen und etwas zu essen. Die �brigen dreiundzwanzig Stunden lag sie wie tot auf ihrer Liege und versuchte, sich in den Traumlanden zurechtzufinden, wie besessen von dem Wunsch, endlich all das tun zu k�nnen, was auch Jackon tat. Umbra machte sich deswegen Sorgen um sie und hatte ihn gebeten, auf sie aufzupassen.</p><p>�Herrin�, sagte er respektvoll.</p><p>Sie gab mit keiner Regung zu verstehen, dass sie ihn bemerkt hatte.</p><p>Z�gernd trat er neben sie. Die Macht der Traumlanden hatte ihre Sch�nheit noch vergr��ert. Bisweilen war ihm, als w�re sie von einer leuchtenden Aura umgeben, einem engelsgleichen Licht, das mal golden und warm, mal schmerzhaft kalt wirkte.</p><p>Sie blickte ihn mit verschleierten Augen an und schien ihn nicht zu erkennen. Sie hatte sich wieder in der Unwirklichkeit der Tr�ume verloren, weil es ihr nicht gelungen war, ihre Gedanken zu fokussieren. Das geschah st�ndig, wenn sie den Palast verlie�.</p><p>�Ich bin�s, Jackon. Ihr m�sst Euch konzentrieren. Ihr d�rft nicht zulassen, dass Eure Gedanken abschweifen.�</p><p>Sie ergriff seine Hand und stand auf. Jackon zwang sie, ihn anzuschauen. Allm�hlich kl�rte sich ihr Blick.</p><p>�Wo bin ich?�</p><p>�Im Grenzland. Es ist alles in Ordnung�, f�gte er hinzu, als sie die Wand aus Dunkelheit bemerkte. �Euch kann nichts geschehen.�</p><p>�Wie bin ich hierhergekommen?�</p><p>�Ein misslungener Sprung. Ihr m�sst auf mich warten, bevor Ihr mit dem �ben anfangt.�</p><p>Sie lie� seine Hand los, ging einige Schritte auf die Dunkelheit zu und fuhr dann zu ihm herum. �Ich �be, wann es mir passt.�</p><p>�Dar�ber haben wir doch schon gesprochen. Ihr seid noch nicht so weit, den Palast ohne meine Hilfe zu verlassen. Seht doch, was passiert ist. Ihr hattet Gl�ck, dass Euch nichts zugesto�en ist. Ein paar Schritte weiter, und Ihr w�rt mitten in die Dunkelheit gesprungen...�</p><p>�Unsinn. Ich hatte alles unter Kontrolle.�</p><p><emphasis>Nat�rlich</emphasis>, dachte Jackon und schwieg resigniert.</p><p>�Ich bin die Herrscherin dieses Reichs�, fuhr sie mit Sch�rfe in der Stimme fort. �Ich beuge mich nicht seinen Gesetzen. Die Tr�ume gehorchen <emphasis>mir</emphasis>, h�rst du? Sie gehorchen <emphasis>mir</emphasis>!�</p><p>Diese Einstellung war der Grund, warum sie so langsam Fortschritte machte. Sie wollte einfach nicht verstehen, dass sie trotz ihrer Macht nicht tun und lassen konnte, was ihr gefiel. Leider brachte sie damit nicht nur sich in Gefahr, sondern ihr ganzes Reich. Mit ihren ungeschickten Versuchen, ihre Kr�fte zu b�ndigen, vergr��erte sie das Durcheinander, das hier herrschte, noch. Immer wenn sie sprang, setzte sie versehentlich so viel Energie frei, dass Dutzende von Seelenh�usern besch�digt wurden. Als sie einmal versucht hatte, einen Schwarm Boten ihrem Willen zu unterwerfen, hatte sie die Gesch�pfe einfach vernichtet � sie waren im Ansturm ihrer Macht verbrannt wie M�cken in einer Gasflamme.</p><p>Doch es hatte keinen Sinn, mit ihr dar�ber zu sprechen. Sie w�rde ihm nur wieder vorwerfen, �bervorsichtig und kleingeistig zu sein.</p><p>�Wir sollten zum Palast zur�ckkehren�, sagte er.</p><p>Bevor sie auf die Idee kommen konnte, selbst zu springen, ergriff er ihre Hand. Einen Wimpernschlag sp�ter fanden sie sich im gro�en Saal wieder.</p><p>Als Jackon sich noch von den Nachwirkungen des Sprungs erholte, bemerkte er wieder die seltsamen Flammen, die Lady Sarka manchmal umgaben und �ber ihr Gewand z�ngelten, wenn sie sich bewegte. Sie waren nur einen Herzschlag lang zu sehen, ehe sie wieder verschwanden. Dennoch h�tte er schw�ren k�nnen, dass er abermals Augen darin gesehen hatte. Ein Gesicht, das ihn voller Qual anblickte.</p><p>Wenn es sich bei den Flammen wirklich um die Nachwirkungen einer alchymistischen Substanz handelte, wie Lady Sarka ihm erkl�rt hatte, h�tten sie l�ngst verschwunden sein m�ssen, denn sie r�hrte den fraglichen Trank seit Wochen nicht an. Die Flammen tauchten jedoch immer wieder auf, nur nicht mehr ganz so oft wie am Anfang � so als w�re es ihr gelungen, sie die meiste Zeit zu unterdr�cken.</p><p>Was versuchte sie, vor ihm zu verbergen?</p><p>In den vergangenen Wochen hatte Jackon sie heimlich beobachtet. Immer wenn die Flammen erschienen, war ihm, als k�nnte er f�r einen winzigen Augenblick gewaltige Schwingen aus goldenem Licht erkennen, die sich um ihren K�rper schmiegten. Und das Gesicht, das er gerade wieder gesehen hatte, war nicht menschlich � es glich dem Antlitz eines Vogels.</p><p>Er hatte einmal geh�rt, dass es Alchymisten gab, die sich die Essenz von Schattenwesen einverleibten, um sich deren Kr�fte anzueignen. Hatte Lady Sarka so etwas getan? War sie gewisserma�en mit der Seele eines anderen Gesch�pfs <emphasis>verschmolzen</emphasis> ? Er hatte Stunden und Tage dar�ber nachgedacht. Und schlie�lich war in ihm ein Verdacht aufgekeimt, der ihn zutiefst verst�rte.</p><p>�Was starrst du mich so an?�, wollte sie wissen.</p><p>�Die Flammen�, begann er z�gernd. �Das sind keine Nachwirkungen von irgendetwas, nicht wahr? Sonst w�ren sie l�ngst nicht mehr da.�</p><p>Sie gab keine Antwort, blickte ihn nur schweigend an.</p><p>�Was hat es damit auf sich?�</p><p>�Ich glaube, das wei�t du l�ngst.�</p><p>Ein schwer zu deutender Unterton lag in ihrer Stimme. Wollte sie ihn auf die Probe stellen? Jackon fasste sich ein Herz. �Es ist der Ph�nix, oder? Der Ph�nix von Bradost. Er ist nicht verschwunden, wie alle glauben. Er ist irgendwie... <emphasis>in</emphasis> Euch.�</p><p>�Na endlich. Ich habe mich schon gefragt, wann du dahinterkommst.�</p><p>Jackon schluckte. Er w�nschte, er h�tte sich geirrt. �Was habt Ihr mit ihm gemacht?�</p><p>�Ich habe ihn an mich gebunden. Er ist der Quell meiner Macht.�</p><p>�Ihn an Euch gebunden?�</p><p>�Mich mit ihm vereinigt. Ich zehre von seinen Kr�ften.�</p><p>�Der Ph�nix ist der Grund, warum Ihr nicht schlafen musstet? Und warum Ihr nicht sterben k�nnt?�</p><p>�Ich kann sterben, Jackon�, widersprach Lady Sarka ihm. �Wei�t du noch, wie der Attent�ter auf mich eingestochen hat? Du hattest Recht, als du sagtest, niemand k�nne solche Verletzungen �berleben. Wenig sp�ter bin ich gestorben. Der Ph�nix gab mir jedoch die Kraft, meinen Leib zu verbrennen und im Feuer neu geboren zu werden.�</p><p>Er dachte daran, wie sie kurz nach dem Anschlag auf einem Balkon des Anwesens erschienen war, nackt und vollkommen unversehrt. So sehr er es auch versuchte, er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sie wenige Minuten vorher wie der Ph�nix verbrannt und aus ihrer eigenen Asche auferstanden war. Ihm wurde schwindelig. �Aber das k�nnt Ihr nicht tun�, brachte er hervor. �Er ist der W�chter von Bradost!�</p><p>�Bradost braucht den Ph�nix nicht mehr�, erwiderte sie. �Ich bin jetzt der W�chter der Stadt.�</p><p>�Aber das ist einfach nicht richtig...�</p><p>�Lass uns in die Wachwelt zur�ckkehren. Es ist h�chste Zeit, dass du ein paar Dinge erf�hrst. Komm zur Bibliothek. Ich erwarte dich dort.�</p><p>Sie verschwand.</p><p>Jackon starrte die Stelle an, wo Lady Sarka eben noch gewesen war. <emphasis>Der Ph�nix... an mich gebunden... Quell meiner Kraft</emphasis>, hallte es in ihm nach. Tausende von Menschen, die glaubten, der Ph�nix habe Bradost im Stich gelassen, irrten sich. Die Wahrheit war viel schrecklicher.</p><p>Mit diesem Gedanken wachte er auf.</p><p>Es war fr�h am Morgen. Er sprang aus dem Bett, schl�pfte hastig in seine Kleider und lief wie der Teufel zum Kuppelsaal. Als er in der Bibliothek eintraf, kam Lady Sarka gerade durch die T�r herein, die zu ihren Privatgem�chern f�hrte. Im Gegensatz zu ihm trug sie weder zerknitterte Kleider noch deutete irgendetwas darauf hin, dass sie eben noch geschlafen hatte. Ihr �u�eres war so sch�n und makellos wie eh und je.</p><p>Sie f�hrte ihn zu einem Winkel der Bibliothek, in den kaum Tageslicht drang. Der Schein ihrer Gaslaterne strich �ber Regalw�nde und lederne Buchr�cken. �Damit du verstehst, was ich getan habe, musst du dir etwas ansehen. �ffne die Truhe und gib mir das Buch darin�, forderte sie ihn auf.</p><p>Jackon ging neben der Kiste in die Hocke und klappte den Deckel auf. �Da ist kein Buch.�</p><p>Lady Sarka schob ihn zur Seite und leuchtete mit der Lampe in die Kiste. �Es muss da sein!�, zischte sie, sah hinter der Kiste nach und begann, die Regale abzusuchen.</p><p>Ihre Best�rzung wich binnen weniger Augenblicke rasendem Zorn. Sie zog B�cher aus den Regalen und warf sie fluchend auf den Boden. Jackon wahrte sicheren Abstand.</p><p>�Hol Corvas und Umbra!�, fuhr sie ihn an.</p><p>Er beeilte sich, ihrer Anweisung nachzukommen, und hastete zum Wohnbereich der Leibw�chter zur�ck. Corvas und Umbra waren inzwischen aufgestanden. Sie sa�en am Tisch, tranken Kaffee und gingen einen Stapel Dokumente durch.</p><p>�Ihr m�sst sofort kommen!�, sagte Jackon atemlos. �Lady Sarka will euch sehen. In der Bibliothek.�</p><p>�Was ist denn los?�, erkundigte sich Umbra.</p><p>�Wei� nicht. Irgendwas mit einem Buch, das verschwunden ist.�</p><p>Ohne zu z�gern �ffnete Umbra ein Schattentor, durch das sie in die Bibliothek gelangten. B�cher lagen kreuz und quer auf dem Boden. Primus r�ttelte aufgeregt an den Gitterstangen seines K�figs. Lady Sarka trat zwischen zwei Regalen hervor, sengendes Feuer in den Augen.</p><p>�Das Gelbe Buch ist weg�, sagte sie.</p><p>Die beiden Leibw�chter �berzeugten sich mit eigenen Augen davon.</p><p>�Seid Ihr sicher, dass Ihr es nicht verlegt habt?�, fragte Umbra.</p><p>�Wof�r h�ltst du mich?�, herrschte Lady Sarka sie an. �F�r eine vergessliche alte Schachtel?�</p><p>�Ihr glaubt, es wurde gestohlen?�, meinte Corvas.</p><p>�Was denn sonst?�</p><p>Umbra lie� ihren Blick �ber das Durcheinander und die Regale schweifen. �Aziel?�, mutma�te sie.</p><p>�Nein�, sagte Corvas. �Dieser Fl�gel ist vollst�ndig gegen Schattenwesen gesch�tzt. Aziel oder seine Handlanger w�ren des Todes, wenn sie hier hereink�men.�</p><p>Jackon h�rte den drei Erwachsenen zu und verstand kein Wort.</p><p>�Wann habt Ihr das Buch das letzte Mal aus der Kiste genommen?�, fragte Umbra.</p><p>�Vielleicht vor einem halben Jahr�, antwortete Lady Sarka.</p><p>�Wer au�er uns dreien wei� noch von dem Buch?�</p><p>�Amander. Sonst niemand.�</p><p>�Ich f�rchte, das stimmt nicht ganz�, sagte Corvas. �Erinnert Ihr Euch an diesen Blitzh�ndler aus Scotia? Sein Name war Fellyn Satander. Ich wollte ihn vor einigen Monaten verhaften, weil er nach dem Buch gesucht hatte. Er widersetzte sich, weshalb ich ihn t�ten musste.�</p><p>�Wenn er tot ist, kann er kaum der Dieb sein, oder?�, entgegnete Umbra.</p><p>�Vielleicht hatte der Mann Komplizen�, meinte Lady Sarka. �Was haben deine Ermittlungen damals ergeben?�</p><p>�Nur dass er einen Sohn hat, der in Torle bei Verwandten lebt�, antwortete Corvas.</p><p>�Der Kerl hat in der Sternwarte am Fluss gewohnt, richtig? Was ist aus dem Haus geworden?�</p><p>�Meine M�nner haben es nach Satanders Tod versiegelt.�</p><p>�Geht noch einmal hin�, befahl Lady Sarka. �Durchsucht es von oben bis unten. Vielleicht ist dir beim letzten Mal etwas entgangen.�</p><p>�Ist diese Geschichte nicht etwas weit hergeholt?�, gab Umbra zu bedenken. �Satander ist garantiert nicht der Einzige, der je von dem Buch geh�rt hat. Silas Torne und ein paar andere Giftmischer aus dem Chymischen Weg kennen es sicher auch. Genauso gut k�nnten wir dort nach dem Dieb suchen.�</p><p>�Keiner der Alchymisten hat gezielt Nachforschungen nach dem Buch angestellt�, erwiderte Corvas. �Der Blitzh�ndler wusste etwas. Und er war bekannterma�en ein Anh�nger der Republik.�</p><p>�Es ist der einzige Hinweis, den wir haben�, sagte die Lady. �Jetzt geht. Und Cedric soll das Anwesen von oben bis unten auf den Kopf stellen. Ich will, dass das verdammte Buch so schnell wie m�glich gefunden wird!�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>27</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die Sternwarte</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>S</strong>ie verlie�en Umbras Schattentunnel in einem sch�bigen Hinterhof, den mehrere H�user mit vernagelten Fenstern umgaben. In einer Regenpf�tze spiegelte sich der wolkenverhangene Himmel. Es klapperte blechern, als eine Katze vor ihnen floh und von einem Stapel rostiger F�sser auf die Hofmauer sprang.</p><p>Umbra und Corvas gingen z�gig zu einem gusseisernen Tor. Jackon musste sich beeilen, um mit ihnen Schritt zu halten.</p><p>�Ich verstehe nicht, was die ganze Aufregung soll�, sagte er. �Es ist doch nur ein Buch.�</p><p>�Du hast mal wieder keinen Schimmer, worum es geht, was?�, erwiderte Umbra.</p><p>�Wie auch, wenn mir keiner was erkl�rt?�</p><p>Corvas �ffnete das Gitter, und sie betraten das Gassengewirr Scotias. Jackon war zum ersten Mal in diesem Teil der Stadt und nahm verwundert zur Kenntnis, wie sehr sich das Viertel von der Altstadt, dem Kessel oder der Grambeuge unterschied. Windschiefe Fachwerkh�user und Sandsteinbauten s�umten die Stra�e. Rauch und der Bratgeruch der Gark�chen erf�llten die Morgenluft, und von �berallher kam das Klappern und H�mmern der Handwerksstuben. Die Dachbalken der alten H�user waren mit geschnitzten Fratzen und Schutzzeichen gegen das B�se versehen, auf den Kaminen knarrten Wetterfahnen. H�hner, die auf dem Kopfsteinpflaster nach K�rnern suchten, stoben gackernd auseinander, als eine Droschke die Gasse entlangrumpelte.</p><p>Corvas und Umbra nahmen keine Notiz von den Menschen, die sie mit unverhohlener Feindseligkeit anstarrten. Jackon wusste, dass die Bewohner Scotias f�r Lady Sarka keine Liebe empfanden. Er f�hlte sich nicht wohl in seiner Haut und schritt mit herrischer Miene aus, damit man ihm nichts anmerkte.</p><p>Die Leute litten sichtlich unter dem Durcheinander in den Tr�umen. Genau wie in der Altstadt sah man an jeder Ecke �bern�chtigte Gesichter, und die Luft knisterte schier vor Gereiztheit.</p><p>Jackon konnte weit und breit keine Sternwarte entdecken. Vermutlich kannte sich Umbra in der unmittelbaren Umgebung des Observatoriums nicht aus und hatte es vorgezogen, den Schattentunnel in einer vertrauteren Ecke zu verlassen. Ihre Kr�fte waren nicht ohne T�cken: ein falscher Schritt und sie landete im Innern einer massiven Mauer.</p><p>�Es ist nicht einfach irgendein Buch�, erkl�rte die Leibw�chterin, w�hrend sie der Stra�e folgten. �Es ist das Gelbe Buch von Yaro D�ar. Aber davon hat eine Kanalratte wie du wahrscheinlich noch nie geh�rt.�</p><p>�Was hat es mit dem Ph�nix zu tun?�, fragte Jackon.</p><p>Sie warf ihm einen erstaunten Blick zu. �Du wei�t davon?�</p><p>�Die Herrin hat das gesagt.�</p><p>�Was hat sie <emphasis>genau</emphasis> gesagt?�</p><p>Er erz�hlte ihr das Wenige, das er von Lady Sarka erfahren hatte. Corvas warf ihm einen warnenden Blick zu, woraufhin er seine Stimme senkte, damit ihn au�er Umbra niemand h�rte.</p><p>�Ich habe mich schon gefragt, wann sie dich endlich einweiht�, meinte Umbra. �Gut. Jetzt kennst du also ihr Geheimnis.�</p><p>�Aber wie hat sie das gemacht? Den Ph�nix an sich zu binden, meine ich. Und wieso hat niemand was gemerkt?�</p><p>�Ich wei� nicht genau, was damals passiert ist. Das war vor meiner Zeit. Sie hat ihn aus der Stadt gelockt und gefangen. Ein paar Banditen aus Torle, die sie daf�r angeheuert hat, haben ihr geholfen. Der Ph�nix war schon lange nicht mehr so stark wie fr�her. Deswegen hatte sie leichtes Spiel mit ihm.�</p><p><emphasis>Aus der Stadt gelockt und gefangen</emphasis>... Jackon schwieg ersch�ttert.</p><p>�Mach nicht so ein Gesicht�, sagte Umbra. �Fr�her oder sp�ter w�re er sowieso verschwunden. Auch ohne die Herrin.�</p><p>Vielleicht war das so � Jackon wusste nicht mehr, was richtig oder falsch war. Ihm schwirrte der Kopf, wenn er �ber diese ungeheuerliche Geschichte nachdachte. �Und der Ph�nix ist wirklich <emphasis>in</emphasis> ihr?�</p><p>�Wenn du so willst.�</p><p>�Wieso sieht man ihn in der Wachwelt nicht?�</p><p>�Weil die Zauberspr�che aus dem Gelben Buch das verhindern, sch�tze ich.�</p><p>�Zauberspr�che?�</p><p>�Das Buch enth�lt uralte Rituale und magische Formeln aus dem S�den. Unter anderem auch, wie man m�chtige Schattenwesen wie den Ph�nix bindet.�</p><p>�Deswegen will sie es unbedingt zur�ckhaben.�</p><p>�Genau.�</p><p>Die Gasse f�hrte einen H�gel am Flussufer hinauf. H�user dr�ngten sich um die Anh�he, ein verschachteltes Wirrwarr aus D�chern, Terrassen und Innenh�fen. Auf der Kuppe, weithin zu sehen, stand die Sternwarte. Das Gespr�ch mit Umbra hatte Jackon jedoch so beansprucht, dass er sie erst jetzt bemerkte.</p><p>Er blieb wie angewurzelt stehen und starrte an dem wei� get�nchten Observatorium empor. Er konnte f�rmlich sp�ren, wie ihm jegliche Farbe aus dem Gesicht wich.</p><p>Die Sternwarte glich Liams Seelenhaus bis aufs Haar.</p><p>Die Form und Gr��e des Geb�udes, die Stahlkuppel, die Farbe und Beschaffenheit der W�nde, die Anordnung der Fenster � alles sah genauso aus wie in den Traumlanden. Es gab nicht die kleinste Abweichung.</p><p>Wie war das nur m�glich?</p><p>�Kommst du?�, rief Umbra ihm zu.</p><p>Wie in Trance schloss er zu den beiden Leibw�chtern auf. Corvas riss einen vom Regen durchweichten Anschlag ab, der am Eingang der Sternwarte hing, zog sein Messer und hebelte die Bretter auf, die seine Leute an der T�r angebracht hatten. In einiger Entfernung hatte sich eine kleine Menschenmenge eingefunden und beobachtete sie.</p><p>Der Schwarzgekleidete warf die Bretter auf das sp�rliche Gras neben dem Weg und �ffnete die T�r. Mit einem Klo� im Hals folgte Jackon ihm und Umbra hinein.</p><p>Auch das Innere stimmte mit Liams Seelenhaus �berein, abgesehen von den verstaubten M�beln, die darin herumstanden. Wie oft war Jackon durch diese Flure und Zimmer geschlendert und hatte Liam von seinen Erlebnissen erz�hlt. Er kannte das Geb�ude in- und auswendig � obwohl er in der Wachwelt nie hier gewesen war.</p><p>�Sucht alles ab�, sagte Corvas. �Ruft mich, wenn ihr etwas findet, das euch verd�chtig vorkommt.�</p><p>Er und Umbra nahmen sich Zimmer f�r Zimmer vor, verr�ckten M�bel, tasteten W�nde und B�den ab, untersuchten jede noch so kleine Ritze im Mauerwerk. Jackon tat so, als w�rde er sich im oberen Stockwerk umsehen, doch in Wirklichkeit wollte er nur allein sein.</p><p>Zahllose Fragen tobten durch seinen Kopf.</p><p>Eine vage �hnlichkeit zwischen der Sternwarte und Liams Seelenhaus h�tte er als seltsamen Zufall abtun k�nnen. Aber nicht diese exakte �bereinstimmung.</p><p>Die meisten Menschen bildeten ihr Seelenhaus dem Geb�ude nach, in dem sie in der Wachwelt lebten. Das konnte nur bedeuten, dass Liam f�r l�ngere Zeit in der Sternwarte gewohnt hatte oder das Observatorium zumindest sehr gut kannte.</p><p>Aber Liam stammte aus dem fernen Torle. Vor dem Tod seiner Eltern war er nie in Bradost gewesen.</p><p>Hatte er zumindest behauptet. Was, wenn das eine L�ge gewesen war?</p><p>Corvas hatte gesagt, der einstige Bewohner der Sternwarte, der Blitzh�ndler Fellyn Satander, habe einen Sohn, der bei Verwandten in Torle lebe.</p><p>War Liam Fellyn Satanders Sohn?</p><p><emphasis>Das kann nicht sein</emphasis>, dachte Jackon. <emphasis>Das kann einfach nicht sein...</emphasis></p><p>Ein Teil von ihm registrierte, dass Umbra nach ihm rief, doch er war nicht f�hig, sich von der Stelle zu bewegen. Schlie�lich erschien die Leibw�chterin auf der Treppe.</p><p>�Kommst du endlich?�, fragte sie. �Wir haben etwas gefunden.�</p><p>Mechanisch stieg er die Stufen hinab.</p><p>Corvas hatte eine verborgene T�r entdeckt, eingelassen ins Mauerwerk unter der Treppe. Dahinter befand sich ein Geheimfach, gro� genug, dass sich ein erwachsener Mensch darin verstecken konnte. Corvas untersuchte es gr�ndlich und klopfte sich den Staub von seinem schwarzen Rock, als er aufstand. �Nichts�, stellte er fest.</p><p>�Die anderen Zimmer sind auch leer�, sagte Umbra und wandte sich an Jackon. �Was ist mit dem Obergeschoss?� Als er nicht reagierte, wiederholte sie ungeduldig: �Das Obergeschoss, Jackon. Hast du etwas gefunden?�</p><p>�Nein�, murmelte er. �Da ist nichts. Gar nichts.�</p><p>�Was zum Teufel ist denn los mit dir? Seit wir hier sind, machst du ein Gesicht, als h�ttest du eine Harpyie gesehen.�</p><p>Er zuckte mit den Schultern. �Ich f�hle mich nicht wohl, das ist alles.�</p><p>Die beiden Leibw�chter musterten ihn durchdringend. Sie glaubten ihm nicht. Kein Wunder � er war schon immer ein lausiger L�gner gewesen.</p><p>�Du verheimlichst uns doch etwas�, hakte Umbra nach.</p><p>Die Stimmung im Raum ver�nderte sich, wurde mit einem Mal bedrohlich. Corvas� Blick wurde so stechend, dass Jackon ihm nicht l�nger standhielt. Unwillk�rlich wich er einen Schritt zur�ck und stie� mit dem Ges�� gegen den Tisch. Er sa� in der Falle � zumindest f�hlte es sich so an.</p><p>�Mir ist etwas aufgefallen�, gab er z�gernd zu. �Aber wahrscheinlich hat es nichts zu bedeuten.�</p><p>�Das werden wir sehen�, entgegnete Umbra. �Nun sag schon.�</p><p>Jackon schluckte. Er hatte es mit den gef�hrlichsten Verh�rspezialisten von Bradost zu tun. Niemand war ihnen gewachsen, nicht einmal die gewieftesten Verschw�rer. Er gab auf. �Die Sternwarte�, sagte er. �Sie sieht genauso aus wie Liams Seelenhaus.�</p><p>�Liam Hugnall?�</p><p>Jackon nickte.</p><p>�Ich glaube, das musst du uns erkl�ren.�</p><p>Corvas und Umbra wussten nur wenig �ber Seelenh�user und die Traumlanden. Er erkl�rte ihnen die Zusammenh�nge, so gut er konnte, und was es seiner Ansicht nach bedeutete, dass die Sternwarte und Liams Seelenhaus einander glichen.</p><p>Die beiden Leibw�chter h�rten ihm schweigend zu.</p><p>�Du meinst also, Liam hat hier gelebt?�, fragte Umbra schlie�lich.</p><p>�Es muss so sein. Anders kann ich mir das nicht erkl�ren.�</p><p>Sie zog daraus dieselben Schl�sse wie er. �K�nnte er Satanders Sohn sein?�</p><p>�Angenommen, er ist es�, sagte Corvas, �dann h�tte Quindal ihn in den Palast eingeschleust. Damit der Junge das Gelbe Buch suchen und fortsetzen kann, was sein Vater begonnen hat.�</p><p>�Dazu w�rde passen, dass Quindals Tochter in der Nacht von Aziels Angriff im Palast gewesen ist�, erg�nzte Umbra. �Ich habe sie nach dem Angriff befragt. Sie hat gesagt, sie h�tte ihren Gro�cousin Liam besucht, aber das kam mir wie eine Ausrede vor.�</p><p>�Hast du die Angelegenheit weiterverfolgt?�</p><p>�Wir hatten damals andere Sorgen, wenn du dich erinnerst.� Umbra begann, nachdenklich im Raum umherzugehen. �K�nnte Liam mit Quindals Tochter das Buch gestohlen haben?�</p><p>�Unwahrscheinlich�, erwiderte der Bleiche. �Wie h�tten sie an den Spiegelm�nnern im Kuppelsaal vorbeikommen sollen?�</p><p>�Trotzdem sieht es ganz danach aus. Ich frage mich, welche Rolle Quindal bei alldem gespielt hat. Ist er deinen Leuten schon einmal aufgefallen?�</p><p>�Nie. Er war immer ein treuer Anh�nger der Herrin.�</p><p>�Ist er eigentlich inzwischen wieder in Bradost?�</p><p>�Ich glaube nicht.�</p><p>�Ein ganz sch�n langer Urlaub, oder?�</p><p>�Meines Wissens ist das sein erster Urlaub seit vielen Jahren.�</p><p>�Gehen wir mal alles der Reihe nach durch�, sagte Umbra mit gerunzelter Stirn. �Quindal schleust einen fremden Jungen in den Palast ein, indem er seine Beziehungen spielen l�sst. Seine Tochter besucht Liam, obwohl die Spiegelm�nner die strikte Anweisung haben, niemanden hineinzulassen. Das Gelbe Buch verschwindet. Wir erfahren, dass Liam m�glicherweise Fellyn Satanders Sohn ist, der nach dem Buch gesucht hat. Und <emphasis>zuf�llig</emphasis> sind Quindal und seine Tochter seit ein paar Wochen nicht in der Stadt. Wenn du mich fragst, machen sie keinen Urlaub, sondern verstecken sich.�</p><p>Jackon h�rte dem Gespr�ch mit wachsendem Entsetzen zu. Schlimm genug, dass Liam nicht der war, f�r den er ihn hielt. Doch nun sah es pl�tzlich so aus, als w�re er ein Dieb, ein Verschw�rer. Sollte er sich so in seinem Freund get�uscht haben?</p><p>Die beiden Leibw�chter schauten ihn unverwandt an.</p><p>�Was wei�t du dar�ber?�, fragte Umbra.</p><p>�Nichts�, beteuerte Jackon. �Ich h�re das alles zum ersten Mal.�</p><p>�Liam war dein Freund. Du hast jede freie Minute mit ihm verbracht. Dir muss doch aufgefallen sein, dass mit ihm etwas nicht stimmt.�</p><p>�Wieso? Er war ein ganz normaler Bediensteter. Au�erdem hat er nicht gern �ber pers�nliche Sachen gesprochen.�</p><p>�Versuchst du ihn zu decken?�, bohrte Umbra nach.</p><p>�Warum sollte ich das machen?� Jackon schrie jetzt fast. �Er ist tot!�</p><p>Corvas und Umbra schwiegen eine Weile. Schlie�lich sagte der Bleiche: �Kehren wir zum Palast zur�ck. Die Herrin muss davon erfahren.�</p><p>Sie verlie�en die Sternwarte und versiegelten die T�r. Im Schatten hinter dem Geb�ude, unbeobachtet von der argw�hnischen Menschenmenge, �ffnete Umbra ein Tor. Sie und Corvas nahmen Jackon in die Mitte, als sie den Tunnel betraten. Er kam sich vor wie ein �berf�hrter Verbrecher.</p><p>Kurz darauf erreichten sie die Eingangshalle des Palasts und machten sich auf den Weg zum Kuppelsaal. Das Anwesen glich einem summenden Bienenstock. S�mtliche Bedienstete waren auf den Beinen und durchsuchten jedes Zimmer, jeden Schrank, jeden Winkel nach dem Buch.</p><p>Sie fanden Lady Sarka im Kuppelsaal, wo sie gerade Cedric anherrschte. Bleich und sichtlich um Haltung bem�ht schlich der Hausdiener davon.</p><p>�Endlich�, sagte die Lady, als Jackon, Umbra und Corvas hereinkamen. �Dieser Narr kann das Buch nirgendwo finden. Ich hoffe, eure Suche war ergiebiger.�</p><p>�Vielleicht�, erwiderte Umbra. �Jackon scheint etwas Interessantes herausgefunden zu haben.�</p><p>Stockend begann Jackon zu berichten. Er war so durcheinander, dass er kaum einen klaren Satz zu Stande brachte, bis Lady Sarka schlie�lich die Geduld verlor und ihn heftig anfuhr. Er riss sich zusammen und erkl�rte in knappen Worten, was er in der Sternwarte festgestellt hatte. Umbra erg�nzte die Vermutungen, die Corvas und sie daraus abgeleitet hatten.</p><p>Lady Sarkas Miene war so unbewegt wie eine Maske.</p><p>�Quindal ein Verr�ter?�, sagte sie nach einer Weile. �Nein, das glaube ich nicht. Der Mann war immer loyal. Au�erdem lebt er f�r seine Arbeit. Er w�rde sie niemals leichtfertig aufs Spiel setzen.�</p><p>�Noch wissen wir zu wenig�, r�umte Umbra ein. �Aber nach dem jetzigen Kenntnisstand k�nnen wir nicht ausschlie�en, dass Quindal etwas mit dem Verschwinden des Buchs zu tun hat.�</p><p>�Schon wieder eine Verschw�rung?�, fragte Lady Sarka gedehnt.</p><p>�So lange das Buch verschwunden bleibt, sollten wir davon ausgehen, dass jemand es gestohlen hat, um den Quell Eurer Macht offenzulegen.�</p><p>�Angenommen, ihr habt Recht und Quindal steckt dahinter � warum hat er nicht l�ngst etwas unternommen? Immerhin hat er das Buch seit ein paar Wochen.�</p><p>�Vielleicht hat er Schwierigkeiten, es zu entziffern�, sagte Umbra. �Wenn ich mich richtig erinnere, ist es in einer Sprache geschrieben, die in Bradost nur eine Hand voll Leute beherrschen.�</p><p><emphasis>Um den Quell Eurer Macht offenzulegen...</emphasis> Jackon versuchte, sich vorzustellen, welche Auswirkungen dies haben w�rde. Die Menschen liebten den Ph�nix. Jedes Jahr am Ph�nixtag beteten sie f�r seine R�ckkehr. Wenn sie herausfanden, dass Lady Sarka hinter seinem Verschwinden steckte und ihn gewisserma�en versklavt hatte... Die Folgen w�ren nicht auszudenken.</p><p>Und hinter alldem steckte Liam. Liam, dem er immer vertraut hatte, um den er bis zum heutigen Tag trauerte.</p><p>Es konnte sich nur um ein Missverst�ndnis handeln, um einen schrecklichen Irrtum. F�r all das musste es eine andere Erkl�rung geben.</p><p>�Am wichtigsten ist jetzt, dass wir das Buch finden, bevor man es gegen Euch verwendet�, fuhr Umbra fort. �Wenn unsere Annahmen zutreffen, gibt es zwei M�glichkeiten, was damit passiert ist. Erstens, Quindal und seine Tochter haben es mitgenommen. Zweitens, es ist mit Liam verbrannt.�</p><p>�Es gibt noch eine dritte M�glichkeit�, erwiderte Lady Sarka. �Das Buch ist bei dem Jungen.�</p><p>�Aber Liam ist tot.�</p><p>�Nein. Er lebt. Andernfalls w�re sein Seelenhaus l�ngst verschwunden. Wenn ich Jackon richtig verstanden habe, war es heute Nacht noch da.�</p><p>Es dauerte eine Weile, bis die Worte von Lady Sarka zu Jackon durchsickerten. Liam... <emphasis>lebte</emphasis>? Aber das war nicht m�glich. Seth hatte ihn umgebracht. Alle, die dabei gewesen waren, hatten das best�tigt.</p><p>�Corvas und Amander haben gesehen, wie der Incubus ihn verbrannt hat�, beharrte Umbra. �Das kann er unm�glich �berlebt haben.�</p><p>�Ich wei� nicht, was ihr gesehen habt�, sagte die Lady. �Der Kuppelsaal war voller Ghule. �berall Geschrei und Chaos. Vielleicht konnte der Junge fliehen, bevor das Feuer ihn erwischt hat. Jedenfalls ist er am Leben. Sein Seelenhaus beweist das.�</p><p>Alles um Jackon herum begann sich zu drehen. Die Pr�senz, die er Nacht f�r Nacht in Liams Seelenhaus sp�rte, das Gef�hl, sein Freund sei in der N�he und h�re ihm zu � all das hatte er sich nicht eingebildet.</p><p>Liam lebte.</p><p>Tief in seinem Innern hatte er es immer gewusst. Er war nur nicht bereit gewesen, es zu glauben, denn er h�tte die Ungewissheit nicht ertragen.</p><p>Er wandte den Blick ab, damit die anderen nicht sahen, wie sich seine Augen mit Tr�nen f�llten.</p><p>�Aber sein Seelenhaus ist leer�, sagte Umbra. �Wenn der Junge nicht tot ist, wieso tr�umt er nicht mehr?�</p><p>�Woher soll ich das wissen?�, erwiderte Lady Sarka gereizt. �Vielleicht hat er herausbekommen, �ber welche Kr�fte Jackon verf�gt, und nimmt ein Medikament, das seine Tr�ume unterdr�ckt, aus Angst, sich zu verraten. Solche Mittel kann man bei jedem besseren Trankmischer bekommen. Was ist mit den Seelenh�usern von Quindal und seiner Tochter?�, wandte sie sich an Jackon. �Sind sie ebenfalls leer?�</p><p>Er blinzelte. �Ich wei� nicht. Ich war noch nie dort.� �Bring mich hin. Ich will mir ihre Tr�ume anschauen. Vielleicht verschaffen sie uns etwas Klarheit.�</p><p>�Jetzt?�</p><p>�Nein, erst n�chstes Jahr. Nat�rlich jetzt, du Narr! Komm zum Tor des Schlosses. Ich erwarte dich dort.�</p><p>Im n�chsten Moment eilte Jackon durch die Flure und S�le des Anwesens. In seinem Zimmer setzte er sich aufs Bett und starrte an die Wand. Drau�en wurde es allm�hlich dunkel, doch an Schlaf war nicht zu denken, so aufgekratzt wie er war. Er nahm etwas von seinem Vorrat an Bittergras, den er in seinem Nachttisch aufbewahrte, br�hte sich am Kamin einen starken Tee auf und legte sich hin.</p><p>Diesmal dauerte es lange, bis die Kr�uter ihre Wirkung entfalteten. Doch schlie�lich wurden ihm die Lider schwer, und er schlief ein.</p><p>Es �berraschte ihn nicht sonderlich, dass seine Tr�ume von Liam handelten und von dem Wiedersehen mit seinem tot geglaubten Freund. Er widerstand der Versuchung, sich darin zu verlieren, verscheuchte sie und stie� die T�r seines Seelenhauses auf. Mit einem Sprung gelangte er zum Albenpalast.</p><p>Lady Sarka stand im Tor des Schlosses. Der Wind riss an ihren Gew�ndern und peitschte ihr Haar mal hierhin, mal dorthin. Der Ausdruck ihres blassen Gesichts war so herrisch und kalt wie schon lange nicht mehr.</p><p>�Wohin wollt Ihr zuerst?�</p><p>�Zu Quindals Seelenhaus.�</p><p>Jackon nahm ihre Hand und konzentrierte sich. Quindals Seelenhaus zu finden w�rde nicht leicht werden. Er war dem Wissenschaftler noch nie begegnet und musste sich an das Wenige halten, das er �ber den ber�hmten Erfinder wusste. Gl�cklicherweise hatte er im Magistratsgeb�ude einmal ein Portr�t von Quindal gesehen, sodass er sich wenigstens dessen Gesicht vorstellen konnte.</p><p>Dank der Erfahrung, die er inzwischen besa�, gl�ckte der Sprung, und sie landeten vor Quindals Seelenhaus. Jackon wusste sofort, dass sie hier richtig waren, denn das Geb�ude glich Quindals Werkstatt im Kessel.</p><p>Lady Sarkas Finger gruben sich schmerzhaft fest in seinen Arm. �Wo bin ich?�</p><p>�Bei Quindals Seelenhaus. So, wie es Euer Wunsch gewesen ist.�</p><p>Sie lie� ihn los und schritt davon.</p><p>Es gelang ihr schon wieder nicht, ihre Gedanken zu fokussieren, und der Sprung musste sie zus�tzlich verwirrt haben. Jackon lief ihr nach. �Wartet! Ihr m�sst Euch konzentrieren.�</p><p>�Wer bist du?�, fuhr sie ihn an.</p><p>�Jackon.� Er hielt sie fest. �Jackon, der Traumwanderer. Seht mich an. Erkennt Ihr mich?�</p><p>�Jackon�, murmelte sie. Der Schleier vor ihren Augen verschwand, und sie schien wieder zu wissen, warum sie hergekommen war. �Suchen wir den Eingang�, sagte sie, nachdem sie Quindals Seelenhaus eingehend betrachtet hatte.</p><p>Bei dem Geb�ude handelte es sich um eine flache, verwinkelte Halle mit Ziegelsteinmauern und einem Bleidach. Es war weitgehend unbesch�digt. Vor der T�r, einem doppelfl�gligen Portal, trieben sich einige Boten herum. Jackon scheuchte die schwammartigen Wesen weg, und sie traten ein.</p><p>Durchg�nge verbanden die verschiedenen Geb�udeteile. An den W�nden verliefen Kupferrohre, und rostige Stahltr�ger st�tzten die Decke. Im Zwielicht, das die Halle ausf�llte, erahnte Jackon riesige Zahnr�der, die zu bizarren Apparaturen geh�rten.</p><p>Von Tr�umen keine Spur.</p><p>Jackon und Lady Sarka gingen von Raum zu Raum. Bei jedem Schritt blieb unverbrauchte Traumsubstanz an ihren Stiefelsohlen kleben und zog F�den.</p><p>�Leer�, stellte Lady Sarka fest. �Schon seit Wochen.�</p><p>Jackon war der gleichen Ansicht. In der Halle herrschte dieselbe Stimmung wie in Liams Sternwarte: Sie war nicht einfach nur leer, wie das Seelenhaus einer Person, die gerade nicht tr�umte � sie war verlassen. Die Stille darin wirkte so erdr�ckend, als h�tte sie sich hartn�ckig im Mauerwerk festgesetzt.</p><p>�Was bedeutet das?�, fragte er.</p><p>�Bring uns zum Seelenhaus seiner Tochter�, erwiderte Lady Sarka.</p><p>Dieser Sprung fiel Jackon ein wenig leichter, schlie�lich hatte er Vivana schon einmal gesehen und mit ihr geredet.</p><p>Das Geb�ude, vor dem sie aufkamen, war eines der ungew�hnlichsten, das er je erblickt hatte. Es war recht gro� f�r das Seelenhaus einer Sechzehnj�hrigen und wies alle Merkmale der klassischen Bauweise von Bradost auf: granitgraue Mauern, hohe Spitzbogenfenster, ein Schieferdach und mehrere Kamine. Einige Elemente jedoch wirkten exotisch, obwohl sie sich harmonisch in das Gesamtbild einf�gten. Ein Teil des Seelenhauses bestand vollst�ndig aus Holz und war genau wie die T�r und die Fensterl�den farbenfroh bemalt. Eine Plane aus Segeltuch �berspannte den Eingang, wodurch der Anbau an einen Wanderzirkus erinnerte.</p><p>Jackon und Lady Sarka sahen sich darin um und fanden ihre Vermutung best�tigt: Vivanas Seelenhaus war so leer und verlassen wie Liams und das ihres Vaters.</p><p>�Was versucht ihr vor mir zu verbergen?�, fragte Lady Sarka in die Stille hinein.</p><p>�Vielleicht versuchen sie das gar nicht�, sagte Jackon. �Vielleicht sind sie krank und tr�umen deswegen nicht mehr. Oder sie sind...�</p><p>�Krank? Alle drei gleichzeitig? Ich bitte dich.�</p><p>�Was wollt Ihr jetzt tun?�</p><p>�Sie finden, was denn sonst? Wahrscheinlich haben sie Bradost gar nicht verlassen, wie Quindal uns glauben machen will, sondern verstecken sich irgendwo. Aber Corvas wird sie schon aufsp�ren. Er findet jeden.�</p><p>Sie begann zu verblassen, als sie aufwachte und die Traumlanden verlie�.</p><p>�Nicht! Wartet!�, rief Jackon, doch da war sie bereits verschwunden.</p><p>Leise fluchend begann er, durch das Seelenhaus zu wandern. Eine Katastrophe bahnte sich an, wenn er nichts unternahm. Er beschloss, zur Wachwelt zur�ckzukehren, denn dort fiel ihm das Nachdenken leichter. Wenig sp�ter wachte er in seinem Bett auf. Er musste mehrere Stunden in den Traumlanden gewesen sein, denn inzwischen herrschte tiefe Nacht. Ohne eine Lampe anzuz�nden, schl�pfte er in seinen Morgenrock und setzte sich in den Lehnsessel.</p><p>Vielleicht konnte er Schlimmeres verhindern, wenn er mit Liam redete und ihn dazu brachte, seine Pl�ne aufzugeben und das Buch zur�ckzubringen � falls dieser es �berhaupt gestohlen hatte. Doch wie sollte er das anstellen? Er hatte nicht die geringste Ahnung, wo Liam sich aufhielt. Und solange sein Freund nicht tr�umte, hatte er keine M�glichkeit, mit ihm Kontakt aufzunehmen.</p><p>Bedr�ckt starrte er aus dem Fenster und betrachtete den Nachthimmel und das Lichtermeer Bradosts.</p><p>Ein ohrenbet�ubendes Kreischen erklang, als Tausende von Kr�hen ihre Nester im Dachgeb�lk verlie�en und den Palast wie ein Mahlstrom aus Schwingen und Schn�beln umkreisten, bevor sie sich in die L�fte erhoben und auf ihrem Weg in die Stadt mit der Masse ihrer Leiber die Sterne ausl�schten.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>28</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Alte Freunde und ein Ritual</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>L</strong>uciens Laterne lie� schwankende Schatten �ber die Mauern des Gew�lberaums tanzen, w�hrend Madalin und Vivanas Vater aus den Stangen und der Plane von Vivanas Zelt, das die Gef�hrten vor dem Tor zur�ckgelassen hatten, eine Trage bauten. Behutsam legten sie Liam, der immer noch ohne Bewusstsein war, darauf.</p><p>Vivana deckte ihn zu, blieb neben ihm sitzen und tupfte ihm die Stirn. Er schwitzte, obwohl er von Kopf bis Fu� eiskalt war. <emphasis>Du hast es fast geschafft</emphasis>, dachte sie. <emphasis>Wir sind wieder in Bradost. Zuhause.</emphasis></p><p>�Er kann von Gl�ck sagen, dass es die Risse in der Mauer gab�, sagte Tante Livia, als sie sich neben sie setzte.</p><p>�Du meinst, das hat Liam gerettet?�</p><p>�Sie schw�chen das Licht. Es hat ihm zumindest nicht geschadet.�</p><p>Vivana betrachtete Liams w�chsernes Gesicht. Nicht auszudenken, was geschehen w�re, wenn sie ihn der unverminderten Kraft des Lichts ausgesetzt h�tten. Leider hatte auch der D�mon den �bergang �berstanden � sie konnte seine Gegenwart sp�ren, seine Boshaftigkeit, die Liam wie eine Gestankwolke umgab. Vermutlich war er stark geschw�cht, aber das �nderte nichts daran, dass er nach wie vor mit Liam verschmolzen war und seinen K�rper beherrschte. Und seine Gedanken, seine Worte.</p><p><emphasis>Ich liebe dich nicht und werde es niemals tun...</emphasis></p><p>Energisch schob Vivana die Erinnerung daran weg. Der D�mon war so gut wie besiegt. Seine L�gen besa�en keine Macht mehr �ber sie.</p><p>Lucien trat zu ihnen. �Den anderen geht es allm�hlich besser. Wir sollten aufbrechen, bevor uns das B�se hier drin noch mehr zusetzt.�</p><p>Sie blickte in die Runde. Allen ihren menschlichen Gef�hrten, besonders aber Madalins Br�dern, hatte der Weg durch das Tor zu schaffen gemacht � das B�se, das hindurchsickerte, hatte ihnen jegliche Zuversicht genommen und ihnen die Kr�fte geraubt. Doch inzwischen hatten sie sich einigerma�en davon erholt. Niemand schien bleibende Sch�den erlitten zu haben, und Nedjo machte sogar schon wieder Scherze.</p><p>�Bringen wir Liam zum Wanderzirkus�, sagte Tante Livia. �Dort werde ich sehen, was ich f�r ihn tun kann.�</p><p>�Sollten wir nicht einen Priester um Hilfe bitten?�, mischte sich Vivanas Vater ein. �Oder einen Arzt?�</p><p>Der Blick, mit dem die Wahrsagerin ihn bedachte, war nicht gerade freundlich. �Eure Priester sind machtlos gegen D�monen. Von euren �rzten ganz zu schweigen. Wir nehmen den Jungen mit zu uns, ob es dir passt oder nicht.�</p><p>Vivana seufzte innerlich. <emphasis>Bitte keinen Streit � nicht ausgerechnet jetzt.</emphasis> �Tante Livia hat Recht, Paps. Wenn ihm jemand helfen kann, dann sie. Au�erdem magst du keine Priester. Und �rzte magst du auch nicht.�</p><p>Tiefe Falten zerfurchten seine Stirn. Sie rechnete mit einer Schimpftirade �ber �Hokuspokus� und �Manuschunfug� und war umso �berraschter, dass er lediglich ein Schnauben von sich gab.</p><p>�Wie ihr wollt�, knurrte er und griff nach den Holmen der Trage. �Hauptsache, wir verschwinden endlich von hier.�</p><p>Vivana konnte ihr Erstaunen nicht verhehlen. Sollte er seine Vorurteile den Manusch gegen�ber tats�chlich revidiert haben? Das w�re zu sch�n, um wahr zu sein.</p><p>Sie machten sich auf den Weg durch die Dunkelheit und stiegen die Treppe hinauf. Mit jeder Stufe, die sie zur�cklegten, sp�rte Vivana, wie das B�se, das in diesen Gew�lben lauerte, schw�cher wurde. Es kam ihr vor, als erwache sie aus einem endlosen Albtraum. Sie war dem Einfluss des B�sen so lange ausgesetzt gewesen, dass sie schon gar nicht mehr wusste, wie es sich anf�hlte, nicht st�ndig davon umgeben zu sein.</p><p>Als sie nicht mehr weit von den unterirdischen Spelunken und Opiumh�hlen in den Kellern der Alten Arena entfernt waren, blieb Lucien vor einem Durchgang stehen. �Das ist der Raum, den ich meine�, sagte er zu Vivana. �Hier kann Ruac ein paar Tage bleiben, bis wir wissen, was wir mit ihm machen.�</p><p>Sie hatten sich darauf geeinigt, den Tatzelwurm vorerst in der Alten Arena zur�ckzulassen. Er war inzwischen ein halber Lindwurm und w�rde in der Stadt zu viel Aufsehen erregen � und Aufsehen war das Letzte, was sie jetzt brauchten. So gut Vivana Luciens Argumente nachvollziehen konnte, war ihr doch nicht wohl dabei, Ruac hierzulassen. Seit sie ihn gefunden hatte, war er noch nie l�ngere Zeit von ihr getrennt gewesen. �Du meinst wirklich, das ist n�tig?�</p><p>�Wir haben doch dar�ber gesprochen�, erwiderte der Alb. �Wir holen ihn nach, sowie sich die Gelegenheit ergibt.�</p><p>�Und wenn ihm etwas zust��t? Wenn jemand ihn findet und ihm etwas antut?�</p><p>�Derjenige tut mir jetzt schon leid. Du machst dir zu viele Sorgen. Er kann auf sich aufpassen.�</p><p>Vivana gab sich geschlagen. �Komm�, sagte sie zu Ruac und f�hrte ihn in den Raum. Die Gew�lbekammer war gro� genug, dass er ausreichend Platz darin hatte, selbst wenn er noch weiterwuchs. Von ihren Gef�hrten sammelte sie die restlichen Vorr�te ein und lie� sie da, damit Ruac f�r die n�chsten Tage genug zu fressen hatte. Zum Abschied dr�ckte sie ihn. �Mach�s gut�, murmelte sie. �Ich komme dich holen, sobald ich kann. Und stell nichts an, h�rst du?�</p><p>Der Tatzelwurm z�ngelte, und f�r einen Augenblick war ihr, als blitze in seinen Augen echte, menschliche Intelligenz auf. Mit einem unguten Gef�hl verlie� sie die Kammer.</p><p>Kurz darauf erreichten sie das Ende der Treppe und zw�ngten sich durch die �ffnung im Mauerwerk. In den Katakomben der Alten Arena hielt sich kaum jemand auf. Es schien fr�h am Morgen zu sein. Der Geruch von schalem Ale und kaltem Rauch lag in der Luft. In den Nischen und Tavernen d�sten einige Betrunkene und Nachtschw�rmer, die keine Notiz von ihnen nahmen. Lucien zog es dennoch vor, sich unauff�llig zu machen.</p><p>K�hle Morgenluft schlug ihnen entgegen. Ein feiner Nebel f�llte die Gassen, der jedoch nicht dicht genug war, um das Licht der Laternen zu tr�ben. Ein Bierkutscher lud vor einer Sch�nke F�sser ab; sonst war niemand auf den Beinen.</p><p>Vivana bemerkte, dass sich in den Rinnsteinen fauliges Laub angesammelt hatte. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, was dieses Detail bedeutete, aber dann traf sie die Erkenntnis mit erschreckender Klarheit: In Bradost herrschte Herbst. Als sie mit ihrem Vater und Lucien zum Tor aufgebrochen war, war noch Hochsommer gewesen.</p><p>�Seht euch das an�, sagte sie aufgeregt und scharrte mit dem Fu� im Laub. �Ist euch klar, was das hei�t? Wir sind ein paar Wochen im Pand�monium gewesen. Oder sogar Monate.�</p><p>�Aber das kann doch nicht sein�, erwiderte Nedjo. �Es waren acht oder neun Tage. H�chstens.�</p><p>�F�r uns schon. Aber im Pand�monium verl�uft die Zeit anders als hier. Nicht wahr, Lucien? Das hast du doch gesagt.�</p><p>�Ich f�rchte, Vivana hat Recht�, erklang Luciens Stimme aus dem Nichts. �Ich wusste nur nicht, ob sie dort schneller oder langsamer vergeht.�</p><p>Ihre Gef�hrten schwiegen best�rzt. Vivana wollte sich Gewissheit verschaffen und lief zu dem Bierkutscher. �Was f�r ein Tag ist heute?�, erkundigte sie sich.</p><p>�Na, Samstag nat�rlich�, knurrte der Mann.</p><p>�Ich meine, welches Datum.�</p><p>�Sechzehnter Oktober.�</p><p><emphasis>Drei Monate</emphasis>, dachte sie und schluckte. <emphasis>Wir waren drei Monate fort. Lieber Himmel...</emphasis> Sie dankte dem Kutscher. Als sie gerade gehen wollte, kam ihr pl�tzlich ein unsch�ner Gedanke.</p><p>��h, welches Jahr?�, fragte sie.</p><p>Der Bierkutscher blickte sie aus zusammengekniffenen Augen an, als sei sie nicht ganz richtig im Kopf. �Meinst du das ernst?�</p><p>�Ich muss es wissen. Bitte.�</p><p>�Immer noch das Jahr des Mantikors. Ob du�s glaubst oder nicht.�</p><p>Sie atmete auf. Wenigstens das stimmte noch.</p><p>Sie lief zu ihren Gef�hrten zur�ck und erz�hlte ihnen, was sie erfahren hatte.</p><p>Ihr Vater und Madalins Br�der fluchten. Madalin und Livia waren bleich vor Schreck. �O Gott, die Kinder!�, stie� die Wahrsagerin schlie�lich hervor und eilte los.</p><p>Vivana hatte Tamas, Arpad und Dijana v�llig vergessen. Ihr Wiedersehen mit den Manusch hatte unter solch dramatischen Umst�nden stattgefunden, dass sie sich kein einziges Mal gefragt hatte, wer sich eigentlich um die drei k�mmerte, w�hrend Madalin und Livia im Pand�monium waren.</p><p>Sie lief ihrer Tante nach. �Wo sind sie?�</p><p>�Wir haben sie zu Bajo und seinen Leuten gebracht, bevor wir aufgebrochen sind.� Bajo war das Oberhaupt einer anderen Manuschfamilie. Vivana kannte ihn fl�chtig. �Wir haben ihnen gesagt, dass wir h�chstens ein paar Tage fort sein w�rden. Sie m�ssen denken, wir sind tot.�</p><p>Die Gef�hrten eilten durch die Gassen des Labyrinths, so schnell sie mit der Trage konnten. Auf dem Platz der Erztugenden erwartete sie die n�chste b�se �berraschung.</p><p>Der Wanderzirkus war nicht mehr da.</p><p>Die Reisewagen, die Tiere, s�mtliche Besitzt�mer von Madalins Familie waren spurlos verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Madalin war den Tr�nen nah.</p><p>�Wahrscheinlich steckt die Miliz dahinter�, sagte Nedjo. �Irgendjemand hat gemeldet, dass wir verschwunden sind, und da haben sie unsere Sachen beschlagnahmt.�</p><p>�Dieser Abschaum�, murmelte Madalin.</p><p>�Wir holen sie uns zur�ck�, sagte Livia. �Aber jetzt lass uns nach den Kindern sehen.�</p><p>Bajos Familie wohnte ganz in der N�he des Platzes der Erztugenden, in einer alten Schnapsbrennerei, die Bajo vor vielen Jahren gekauft und umgebaut hatte. Das einst�ckige Geb�ude stand am Ufer eines der zahllosen Wasserkan�le und bestand aus verschiedenen Anbauten, manche aus Granit, die meisten aus farbenfroh angestrichenem Holz. Die Familie war einer der wenigen Manuschclans, die dauerhaft in Bradost lebten. Bajo und seine Leute galten als z�he K�mpfer und arbeiteten als Leibw�chter und Geleitschutz f�r reiche Patrizier und Kaufleute.</p><p>Die Fenster des Hauses waren samt und sonders dunkel � so fr�h am Morgen schlief die Familie offenbar noch. Madalin pochte so lange an der T�r, bis ihm schlie�lich ein verschlafener Bajo im Morgenrock �ffnete.</p><p>Der Manusch war nicht sehr gro�, aber bullig gebaut und besa� ein breites, gutm�tiges Gesicht. Wenn er den Mund �ffnete, entbl��te er eine Zahnl�cke zwischen den Schneidez�hnen. Vivana mochte ihn, denn er war selbst nach Manuschma�st�ben �beraus gastfreundlich und hilfsbereit.</p><p>�Ihr?�, sagte Bajo, als er sie endlich erkannte. �Bei den Geistern des Feuers und der Erde, wir hielten euch f�r tot! Rein mit euch, schnell. Ihr seht ja furchtbar aus. Und wer ist der Junge auf der Trage?�</p><p>Sie traten ein. Bajo schloss die T�r hinter ihnen.</p><p>�Wie geht es den Kindern?�, fragte Livia. �Sind sie noch bei euch?�</p><p>�Nat�rlich. Sie sind wohlauf. Esmeralda!�, br�llte Bajo in die Stille des Hauses. �Madalin und seine Leute sind zur�ck. Weck die Kinder! Beeil dich! Jetzt lasst euch ansehen�, wandte er sich wieder an seine Besucher. �Ihr seid wieder da. Allm�chtiger. Ich habe schon nicht mehr daran geglaubt.�</p><p>Er umarmte sie und zerdr�ckte sie dabei schier mit seinen gewaltigen Armen. Tr�nen der Freude liefen ihm �bers Gesicht. Als die Reihe an Vivana war, musterte er sie von oben bis unten. �Das M�dchen, das ins Pand�monium hinabgestiegen ist, um ihren Liebsten zu retten�, sagte er beinahe ehrf�rchtig. �Ihr habt sie also gefunden.�</p><p>�Mutter!�, erklang in diesem Moment ein Schrei, und Tamas, Arpad und Dijana st�rmten herein. Madalin und Livia schlossen sie in die Arme; alle f�nf weinten.</p><p>�Onkel Bajo hat gesagt, ihr seid tot�, rief Dijana.</p><p>�Es tut mir so leid, mein Schatz�, fl�sterte Livia. �Ich lasse dich nie mehr allein. Nie mehr, h�rst du?�</p><p>Nach und nach tauchten Bajos Frau und seine Verwandten und Kinder auf, sodass sich bald gut drei�ig Manusch in dem Eingangsraum dr�ngten. Bajo f�hrte die gesamte Schar in einen ger�umigen Saal und wies seine Br�der an, Speisen und Getr�nke aufzutragen. Obwohl es h�chstens sechs Uhr morgens war, bahnte sich ein ausgelassenes Fest an.</p><p>�Unsere Wagen!�, br�llte Madalin und lief auf den Hof, wo am Kanalufer die Reisewagen seiner Familie standen.</p><p>�Wir haben sie hergeholt, um sie vor Dieben zu sch�tzen�, erkl�rte Bajo. �Euren Tieren geht es gut. Sie sind im Stall.�</p><p>Lachend dr�ckte Madalin den st�mmigen Manusch an sich.</p><p>�Nun erz�hlt�, sagte Bajo voller Eifer. �Erz�hlt von eurem Abenteuer. Wir brennen darauf, alles zu erfahren. Das tun wir doch, oder?�, rief er in den Raum.</p><p>Seine Leute jubelten vor Begeisterung.</p><p>�Unsere Geschichte muss bis sp�ter warten�, sagte Livia. �Zuerst m�ssen wir uns um den Jungen k�mmern.�</p><p>Vivana war w�hrenddessen bei Liam geblieben, der in einer Ecke des Saales auf der Trage lag. Nun kamen die anderen zu ihr.</p><p>�Ist das dein Liebster?�, erkundigte sich Bajo.</p><p>Sie nickte und sp�rte, wie sie err�tete.</p><p>�Was ist mit ihm?�</p><p>�Er ist besessen�, antwortete Tante Livia. �Ein D�mon hat seinen K�rper gestohlen.�</p><p>Augenblicklich herrschte Stille im Raum. Einige Manusch wichen von der Trage zur�ck, andere machten Schutzzeichen gegen das B�se.</p><p>�Ein D�mon?�, fragte Bajo mit einem Anflug von Furcht.</p><p>�Ein Erzd�mon. Aber er ist schwach. Vielleicht kann ich ihn vernichten und den Jungen retten.�</p><p><emphasis>Vielleicht</emphasis>, hallte es in Vivana nach. Sie biss sich auf die Lippe und ergriff Liams Hand. Sie durfte jetzt nicht die Hoffnung verlieren.</p><p>�Bringen wir ihn in den Keller�, sagte Bajo.</p><p>Madalin und Vivanas Vater hoben die Trage hoch und folgten dem st�mmigen Manusch. Keiner von Bajos Leuten best�rmte Livia mit Fragen oder bezichtigte sie der L�ge, wie es geb�rtige Bradoster vermutlich getan h�tten. Wie alle Manusch glaubten sie fest an die Welt der Magie und waren von der Existenz von D�monen �berzeugt. Hinzu kam, dass Livia eine angesehene Wahrsagerin war, deren Wort unter den hiesigen Manusch viel galt.</p><p>�Sag deinen Leuten, dass sie ihre Waffen holen sollen�, wandte sich Livia an Bajo. �Wenn das Ritual fehlschl�gt, sollen sie vorbereitet sein.�</p><p>Bajo rief einen entsprechenden Befehl, woraufhin seine Verwandten, M�nner wie Frauen, ausschw�rmten. Dann griff er nach einer Lampe und f�hrte Vivana und ihre Gef�hrten die Treppe hinab. Nedjo, Sandor und Jovan blieben auf Livias Gehei� bei den Kindern.</p><p>Sie kamen in einen Gew�lbekeller voller Kisten und K�rbe. Mehrere angelaufene Kupferf�sser standen herum, �berreste aus der Zeit, als das Geb�ude noch eine Schnapsbrennerei gewesen war.</p><p>�Ich brauche einen Raum, in dem wir uns einschlie�en k�nnen�, sagte Livia.</p><p>Bajo schloss eine eisenbeschlagene T�r auf, die allem Anschein nach schon Jahre nicht mehr ge�ffnet worden war, denn als er sie aufmachte, knarrten die Angeln, und Rost und Staub rieselten herab. Dahinter befand sich ein feuchter Kellerraum. Spinnweben hingen von der Decke.</p><p>Als Vivanas Vater Liam hineintragen wollte, hielt Livia ihn auf. �Du nicht�, sagte sie barsch. �Ich brauche niemanden, der die alten K�nste f�r Mummenschanz h�lt.�</p><p>�Ich verspreche, dich nicht zu st�ren�, erwiderte der Erfinder. Es klang erstaunlich gelassen.</p><p>Vivana sah, dass ihre Tante zu einer scharfen Erwiderung ansetzte. �Lass ihn�, mischte sie sich ein. �Ohne seine Hilfe h�tte ich Liam nicht gefunden.�</p><p>�Du verstehst das nicht...�</p><p>�Bitte. Ich m�chte es so.�</p><p>Die Wahrsagerin musterte ihren Vater kalt. �Na sch�n�, sagte sie schlie�lich. �Vivana zuliebe. Aber ich will kein Wort h�ren, verstanden?�</p><p>Sie trugen Liam in die Gew�lbekammer.</p><p>�Soll ich die T�r verriegeln?�, fragte Bajo.</p><p>�Noch nicht�, antwortete Livia. �Zuerst brauche ich Verschiedenes. Die Sachen aus meinem Wagen und ein Ochsenherz, ein m�glichst frisches. Kannst du eins auftreiben?�</p><p>�Nur ein Schweineherz. Wir haben gestern geschlachtet.� �Das geht auch.�</p><p>Bajo eilte davon. Kaum hatte er den Keller verlassen, tauchte Lucien auf.</p><p>�Gut, dass du da bist�, meinte Livia. �Ich brauche vielleicht deine Hilfe.�</p><p>Sie warteten schweigend, bis Bajo zur�ckkam. Der Manusch trug eine Kiste, auf der ein blutiger Beutel lag. Als er Lucien erblickte, erschrak er so sehr, dass er die Sachen beinahe fallen lie�.</p><p>�Wer ist das?�</p><p>�Ein Alb�, erkl�rte Livia. �Sein Name ist Lucien. Hab keine Angst. Er ist ein Freund.�</p><p>�Merkw�rdige Freunde habt ihr�, murmelte Bajo kaum h�rbar und be�ugte Lucien voller Unbehagen, ehe er die Kiste abstellte.</p><p>�Verriegele die T�r�, bat die Wahrsagerin ihn. Als das geschehen war, �ffnete sie die Kiste und breitete ihre Sachen auf dem Steinboden aus: Schriftrollen und in Leder gebundene Folianten, getrocknete Kr�uter, ein Messer mit geheimnisvollen Zeichen auf der Klinge, Salbentiegel und Trankphiolen, deren Inhalt im Lampenlicht in seltsamen Farben schimmerte. �Fesselt Liam�, befahl sie. �Bindet ihn an der Trage fest.�</p><p>�Ist das wirklich n�tig?�, fragte Vivana.</p><p>�Ja. Der D�mon wird versuchen, sich der Austreibung zu widersetzen.�</p><p>Livia gab Madalin ein Seil, und der Manusch leistete ihrer Anweisung Folge. Zu Vivanas Erleichterung ging ihr Onkel dabei einigerma�en behutsam zu Werke.</p><p>�Was wirst du jetzt mit ihm tun?�</p><p>�Ich muss ein Ritual durchf�hren, um Liams Seele von dem Eindringling zu trennen und den D�mon zu zwingen, seinen K�rper zu verlassen.�</p><p>�Wof�r ist das Herz?�</p><p>�Es ist ein Gef��. Ich banne den D�mon hinein, dann vernichten wir es.�</p><p>�Brauchst du wieder meine Hilfe?�</p><p>�Diesmal nicht. Meine Kr�fte sind so weit wiederhergestellt. Au�erdem ist das Ritual zu gef�hrlich f�r dich.�</p><p>Inzwischen hatte Livia den gr��ten Teil ihrer Sachen in die Kiste zur�ckgetan. �brig geblieben waren eine Schriftrolle, ein Trankfl�schchen, ein Gebilde, das Vivana f�r eine getrocknete Knolle oder Wurzel hielt, das Messer sowie ein St�ckchen Kreide. �Aber du kannst mir ein bisschen unter die Arme greifen, wenn du willst�, sagte Livia, entrollte die Schriftrolle und beschwerte sie mit dem Trankfl�schchen und dem Messer. �Hilf mir, die Runen abzuschreiben. So viele wie m�glich, genau wie beim letzten Mal.�</p><p>Sie brach die Kreide entzwei. Vivana pr�gte sich die Zeichen und Symbole ein, die auf der Schriftrolle abgebildet waren. Es waren andere als bei der Beschw�rung des Lichts. Dann machte sie sich an die Arbeit.</p><p>�Was ist unsere Aufgabe?�, fragte Madalin.</p><p>�Ihr haltet Liam fest, wenn es losgeht.�</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter waren Boden und W�nde der Gew�lbekammer mit Symbolen �bers�t. Das Gewirr aus Kreidezeichen bot einen beklemmenden Anblick, doch Vivanas Unbehagen hatte noch einen anderen Grund: Sie konnte sp�ren, dass sich der Raum mit einer unsichtbaren Kraft f�llte, mit einer schwer fassbaren Pr�senz, einem Knistern in der Luft, das darauf wartete, sich zu entladen.</p><p>Livia versuchte, Liams Mund zu �ffnen. Sein Kiefer hatte sich verkrampft, sodass es ihr nicht auf Anhieb gelang. Sie zerbrach die Wurzel und schob ihm ein kleines St�ck unter die Zunge.</p><p>�Wof�r ist das?�, fragte Vivana.</p><p>Die Wahrsagerin gab keine Antwort. Sie war so in Konzentration versunken, dass sie sie wom�glich gar nicht geh�rt hatte. Anschlie�end �ffnete sie die Phiole und betr�ufelte Liam mit einer �ligen Fl�ssigkeit, die scharf roch: zuerst auf die Stirn, dann auf die Brust und den Bauch und zum Schluss auf die Beine.</p><p>�Jetzt�, sagte sie und gab Madalin ein Zeichen, woraufhin der Manusch, Lucien, Vivanas Vater und Bajo vortraten und Liam an Armen und Beinen festhielten. Vivana wollte ihnen helfen, doch Livia hielt sie zur�ck.</p><p>�Du nicht. Der D�mon wei�, dass du das schw�chste Glied der Kette bist. Dich greift er zuerst an, wenn er kann.�</p><p>Die Wahrsagerin stellte sich am Ende der Trage auf, legte Liam die Hand aufs Gesicht und begann, mit geschlossenen Augen zu murmeln. Sie gebrauchte die alte Sprache der Manusch, doch es waren auch Worte darunter, die anders klangen, ganz und gar fremdartig. Keine richtigen Silben, sondern seltsam kehlige Laute. Vivana sp�rte, wie sich die Energie im Raum um Liam zusammenzog. Ihr Herz klopfte schneller, und ihre Handfl�chen wurden feucht.</p><p>Ein kaum h�rbares Fl�stern erf�llte das Halbdunkel des Kellers. M�hsam unterdr�ckte Furcht sprach aus den Gesichtern von Bajo, Madalin und ihrem Vater.</p><p>Die Lampe begann zu flackern.</p><p>�Das Licht!�, stie� Livia hervor, �es darf nicht ausgehen!�</p><p>Vivana st�rzte zur Laterne und drehte sie heller, wobei sie sich an dem hei�en Metall die Hand verbrannte. Die Flamme flackerte st�rker. Als w�rde irgendeine unsichtbare Kraft gegen das Licht ank�mpfen.</p><p>Livia nahm ihren Sprechgesang wieder auf, wiederholte monoton die immer gleichen Worte. Ihr K�rper bebte vor Anspannung. Schwei� glitzerte auf ihrer Haut, und ihre Hand auf Liams Gesicht verkrampfte sich, sodass sie einer gespreizten Klaue glich.</p><p>Die M�nner schraken zusammen, als ein Zucken Liams K�rper durchlief. Unwillk�rlich wichen sie zur�ck. Nur Lucien zeigte keine Furcht.</p><p>�Nicht loslassen!�, sagte Livia.</p><p>Liam wurde nun von Kr�mpfen gesch�ttelt. Er biss die Z�hne zusammen, keuchte und stemmte sich mit Armen und Beinen gegen die Fesseln. Die M�nner hatten M�he, ihn festzuhalten.</p><p>Er schlug die Augen auf.</p><p>Vivana h�tte beinahe vor Freude aufgeschrien � endlich, endlich war er wieder bei Bewusstsein �, doch als sie den Ausdruck in seinen Augen sah, blieb ihr der Ausruf im Hals stecken. Sie gl�hten schier vor Bosheit und Mordlust. Es war nicht Liam, der da zwischen Livias Fingern hindurchblickte, es war der D�mon. Obwohl Madalin die Fesseln so fest wie m�glich gezogen hatte, warf er sich auf der Trage hin und her, bog seinen K�rper durch und wehrte sich mit aller Kraft gegen den Griff der vier M�nner. Er versuchte, Livias Hand abzusch�tteln und schnappte nach ihr. Dabei verspr�hte er Speichel und keuchte wie ein Tier.</p><p>Livia presste ihm beide H�nde auf Schl�fen und Kieferknochen, hielt seinen Kopf fest und setzte beharrlich den Beschw�rungsgesang fort, ohne die Augen zu �ffnen.</p><p>�Nein!�, fauchte der D�mon. �Der K�rper geh�rt mir. Mir! Mir! Mir!�</p><p>�Vorsicht, Paps!�, schrie Vivana, als sie sah, dass sich das Seil an Liams Arm lockerte. Ihr Vater bemerkte es eine halbe Sekunde zu sp�t. Liam stemmte sich dagegen, der Knoten �ffnete sich, und er bekam den Arm frei, ehe der Erfinder etwas dagegen unternehmen konnte. Liam versetzte ihm einen Schlag und schleuderte ihn zu Boden.</p><p>Vivana z�gerte nicht, nahm seine Stelle ein und packte Liams Arm. Versuchte, ihn herunterzudr�cken und festzubinden. Unm�glich. Die Kraft, mit der Liam sich wehrte, war �bermenschlich. Sie wurde hin und her geworfen, als er versuchte, sie abzusch�tteln.</p><p>�Ich habe dich gewarnt�, keifte der D�mon. �Wenn ihr mich zwingt, seinen K�rper zu verlassen, zerrei�e ich ihn.�</p><p>Er griff nach Vivanas Hemdkragen und zog sie zu sich. Sie wehrte sich dagegen, doch sein Griff war so fest wie eine Schraubzwinge. Sie konnte seinen stinkenden Atem riechen, als ihr Gesicht nah an seinem war, und die Bosheit, die von ihm ausging, war so intensiv, dass ihre Haut zu brennen schien.</p><p>�Ich t�te den Jungen�, fl�sterte er. �Ich zerfetze ihn in tausend St�cke, wenn du dem Weib nicht befiehlst, aufzuh�ren.�</p><p>Ihr Vater packte Liams Arm mit seiner mechanischen Hand und dr�ckte zu, bis der D�mon vor Schmerz aufschrie und sie loslie�. Vivana taumelte zur�ck und rang um Atem.</p><p>�Das Herz�, rief Livia. �Mach schnell.�</p><p>Vivana langte nach dem Beutel und warf ihn ihrer Tante zu. Die Wahrsagerin sch�ttelte ihn aus, und das Schweineherz plumpste Liam auf die Brust.</p><p>Der D�mon br�llte vor Zorn und b�umte sich auf. Das Seil riss. Die Enden peitschten durch die Luft, er bekam beide Arme frei und stie� Vivanas Vater, Madalin, Bajo und Livia von sich. Lucien, der sich auf ihn werfen wollte, fasste er am Nacken und warf ihn zu Boden. Holz brach splitternd, als er die Trage zerst�rte, um seine Beine freizuk�mpfen. Wie ein Raubtier kauerte er da, lauernd und bereit zum Sprung.</p><p>�Lasst ihn nicht entkommen�, rief Livia.</p><p>Vivana entdeckte das Herz � es lag in einer Ecke des Kellers und hatte eine blutige Spur auf dem Boden hinterlassen, als es dort hingerollt war. Sie kroch los.</p><p>Der D�mon begriff, was sie vorhatte, und sprang. Lucien stellte sich ihm in den Weg, und beide st�rzten zu Boden. Die anderen kamen ihm zu Hilfe. Der D�mon schlug, biss und trat nach ihnen, und mehr als einmal erwischte er einen seiner Gegner so hart, dass der Getroffene f�r ein paar Sekunden benommen dalag, ehe er wieder in das Handgemenge eingreifen konnte.</p><p><emphasis>Sie schaffen es nicht</emphasis>, dachte Vivana panisch. <emphasis>Er ist immer noch zu stark.</emphasis></p><p>Livia raffte ihre R�cke und kam zu ihr gelaufen. �Hast du das Herz?�</p><p>�Ja, hier.�</p><p>Die Wahrsagerin nahm es. �Es hat ihn ber�hrt. Vielleicht gen�gt es.� Sie begann mit einer neuen Beschw�rungsformel.</p><p>Augenblicklich erlahmte die Gegenwehr des D�mons. Bajo und Madalin nutzten die Gelegenheit und ergriffen seine Arme. Vivanas Vater und Lucien setzten sich auf seine Beine. Liams Gesicht verzerrte sich, als erleide er unsagbare Qualen, und er �ffnete den Mund zu einem stummen Schrei. Ein erneuter Krampf durchlief seinen K�rper. Schlie�lich versteifte er sich.</p><p>Die Kraftwelle, die durch den Kellerraum rollte, war so machtvoll, dass Vivana und ihre Gef�hrten umgeworfen wurden. Die Schriftzeichen auf den Steinplatten gl�hten auf, so hell und glei�end, dass es in den Augen schmerzte � und erloschen.</p><p>Liam lag reglos da.</p><p>Vivana rappelte sich auf und lief zu ihm. Er atmete � unregelm��ig zwar, aber er atmete. Der Ausdruck der Bosheit war aus seinem Gesicht verschwunden. Der D�mon war fort, sie konnte es sp�ren.</p><p>�Macht ein Feuer�, befahl Tante Livia. �Beeilt euch.�</p><p>Das Herz lag auf dem Boden. Rauch drang aus Adern und Rissen im Gewebe. Es begann, von innen heraus zu verbrennen.</p><p>Lucien schichtete die �berreste der Trage zu einem Haufen auf. Bajo zerschlug die Laterne auf dem Boden. Das auslaufende �l fing sofort Feuer, das auf die Stoff- und Holzreste �bergriff.</p><p>Livia warf das Herz in die Flammen.</p><p>Der widerw�rtige Geruch gebratenen Fleisches breitete sich aus. Ein fratzenhaftes Gesicht erschien im Rauch, Fl�gel und mit Dornen versehene Gliedma�en, die in die Luft griffen, als suchten sie nach Halt, bevor sie sich wieder aufl�sten. Die schemenhaften Umrisse verdichteten sich zu einer Form, und f�r einen Augenblick glaubte Vivana zu erkennen, wie der D�mon in seiner wahren Gestalt ausgesehen hatte: so �hnlich wie Nachach, nur kleiner und mit vier Schwingen auf dem R�cken wie ein monstr�ser Schmetterling. Ein Schrei voller Schmerz und Qual erklang. Vivana h�rte ihn nicht mit den Ohren � er hallte irgendwo in ihrem Kopf wider. Noch einmal breitete sich die Aura des B�sen im Raum aus, doch schon einen Moment sp�ter verfl�chtigte sie sich und mit ihr die Gestalt im Rauch.</p><p>Es war vorbei.</p><p>Das Feuer sank herab, erlosch.</p><p>Bajo kroch zur T�r, �ffnete den Riegel und stie� sie auf. Der Rauch zog ab, und der Gestank wich allm�hlich k�hler Kellerluft. Die anderen kauerten oder lagen entkr�ftet auf dem Boden und sch�pften Atem. Niemand sprach.</p><p>Eine halbe Stunde verstrich auf diese Weise.</p><p>Vivana war bereits bei ihrer Ankunft in Bajos Haus zu Tode ersch�pft gewesen. Die Ereignisse der letzten zwei Stunden hatten ihre allerletzten Reserven aufgebraucht. Sie war so ausgelaugt, dass sie nichts empfand. Keine Erleichterung, keine Freude �ber ihren Sieg. Sie wollte nur noch schlafen.</p><p>Irgendwann h�rte sie ein leises St�hnen. Sie blickte zu Liam und sah, dass er sich bewegte. M�hsam richtete sie sich auf und kroch zu ihm.</p><p>Seine Lider flatterten.</p><p>�H�rst du mich?�</p><p>Er �ffnete die Augen, sah sie an. Erkannte sie.</p><p>Sie hatte sich geirrt: Sie war doch noch in der Lage, etwas zu f�hlen. Gl�ck. Sie l�chelte. �Liam�, sagte sie nur. �Liam.�</p><p>Sie ber�hrte seine Wange. Er versuchte, etwas zu sagen, doch es dauerte einen Augenblick, bis sie ihn verstand.</p><p>�Nicht.�</p><p><emphasis>Nicht?</emphasis> Sie begriff nicht, was er damit meinte, strich ihm �ber die Wange, den Hals.</p><p>�H�r auf�, fl�sterte er.</p><p>Sie zog die Hand weg. Blickte ihn verwirrt an.</p><p>�Fass mich... nicht an�, murmelte er leise, kaum h�rbar. �Bitte. Ich... ertrage das nicht.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>29</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Neue Fragen und ein Abschied</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>er Kanal floss so langsam, dass man die Str�mung kaum wahrnahm. Auf dem moosgr�nen Wasser spiegelten sich die verwitterten Ufermauern, die Pfosten eines morschen Bootsanlegestegs und das Gestr�pp, das �berall zwischen den Steinen spross. Irgendwo spielten Kinder. Ihr Geschrei hallte durch die Hinterh�fe, seltsam k�rperlose Stimmen, die sich bald im fernen L�rm des Viertels verloren.</p><p>Vivana wusste nicht, wie lange sie schon auf der kleinen Treppe sa�. Eine Stunde, vielleicht auch zwei. Ihre Finger ertasteten einen Kieselstein, sie pulte ihn aus dem Moos und warf ihn in den Kanal, wo er mit einem Platschen versank. Als Kind hatte sie sich vorgestellt, die Steine w�ren Taucher, die auf dem Grund des Wassers nach Sch�tzen suchten, und sie hatte Stunden damit zugebracht, sich Geschichten auszudenken, eine abenteuerlicher als die andere.</p><p>Wie wenig damals gen�gt hatte, sie gl�cklich zu machen.</p><p>Sie warf noch einen Stein. Noch ein Schatzsucher, der der Gefahr ins Gesicht lachte und furchtlos in die Tiefen hinabtauchte. Allm�hlich gingen ihr die Kiesel aus. Sie �berlegte, woanders hinzugehen, ein wenig den Kanal hinauf, zum Fluss. Am Ufer k�nnte sie nach S�den gehen, zur Chim�renbr�cke. Irgendwie sehnte sie sich danach, den Ph�nixturm zu sehen. Vielleicht w�rde ihr der vertraute Anblick das Gef�hl geben, endlich zuhause zu sein.</p><p>Au�erdem wollte sie weg. Vom Labyrinth, von ihrer Familie, weg von allem.</p><p>Als sie gerade losmarschierte, entdeckte sie Tante Livia. Die Wahrsagerin bog die Brombeerstr�ucher zur Seite, die hinter Bajos Haus wuchsen, und kam auf sie zu.</p><p>�Hier bist du�, sagte sie. �Wir haben dich �berall gesucht.�</p><p>�Lass mich in Ruhe. Ich muss nachdenken.�</p><p>Livia erholte sich allm�hlich von den Strapazen des Rituals. Sie hatte frische Kleider angezogen und wirkte nicht mehr ganz so bleich und ausgelaugt. �Liam geht es besser. Er hat nach dir gefragt.�</p><p>Vivana zog die Nase kraus. �Ach ja?�</p><p>�Ich finde, du solltest mit ihm reden.�</p><p>�Ich halte das f�r keine gute Idee.�</p><p>Die Wahrsagerin legte ihr die Hand auf die Wange. �Komm wenigstens ins Haus�, bat sie. �Du solltest jetzt nicht allein sein.�</p><p>�Der D�mon hatte recht�, sagte Vivana leise und musste gegen die Tr�nen ank�mpfen. �Er hatte von Anfang an recht.�</p><p>�Es ist nicht so, wie du denkst.�</p><p>�Woher willst du das wissen? Du hast doch geh�rt, was Liam gesagt hat.�</p><p>�Rede mit ihm�, wiederholte die Manusch. �Reden hilft immer, glaub mir.�</p><p>Vivana folgte ihrer Tante zum Haus, obwohl sie davon �berzeugt war, einen Fehler zu machen. Die Manusch hatten sich im gro�en Saal versammelt. Bajos Familie bildete einen Kreis um Madalin und Nedjo, die den staunenden Zuh�rern von ihren Abenteuern im Pand�monium erz�hlten und ihre Erlebnisse in den buntesten Farben ausschm�ckten. Vivana war nicht in Stimmung f�r ihre Fragen und mitleidigen Blicke. Sie blieb im Innenhof stehen. �Wo ist er?�</p><p>�Im Zimmer neben der K�che. Dein Vater ist bei ihm.�</p><p>Vivana ging durch die Waschk�che, damit sie nicht den Saal durchqueren musste, und klopfte an der T�r des Nachbarzimmers an. Ihr Vater sa� an Liams Bett. Das Gespr�ch der beiden verstummte, als sie hereinkam.</p><p>�Ich lasse euch dann mal allein�, sagte ihr Vater und schlurfte davon.</p><p>Liam hatte sich im Bett aufgesetzt. Er sah viel besser aus als heute Morgen. Er hatte sich gewaschen und trug einen sauberen Morgenrock von Bajo. Vivana hatte ihn richtig eingesch�tzt: Er war stark. Er schien den Einfluss des D�mons ohne gr��ere Sch�den �berstanden zu haben.</p><p>�Hallo Vivana.�</p><p>Als sie nichts sagte, meinte er: �Willst du dich nicht setzen?�</p><p>Sie schob die H�nde in die �rmel ihrer Weste. �Dir geht es besser, oder?�</p><p>Er nickte. �Deine Tante hat mir einen Trank gegeben. Und die andere Manusch...�</p><p>�Esmeralda.�</p><p>�Sie hat meine ganzen Schrammen mit Salbe eingerieben. Ein paar Tage, dann bin ich wieder auf dem Damm.�</p><p>Sie schwiegen. <emphasis>Ich h�tte nicht auf Livia h�ren sollen</emphasis>, dachte Vivana verdrossen. �Ich gehe jetzt besser. Du brauchst bestimmt deine Ruhe.�</p><p>�Ich bin nicht m�de.�</p><p>�Bis sp�ter, Liam.�</p><p>�Warte�, sagte er. �Bleib. Bitte.�</p><p>�Du brauchst mir nichts vorzumachen. Ich komme schon damit klar.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis er verstand, wovon sie sprach. �Es ist wegen heute Morgen, nicht wahr? Wegen dem, was ich gesagt habe.�</p><p>Sie rollte mit den Augen und ging zur T�r.</p><p>�Es tut mir leid, Vivana. Ich wollte das nicht.�</p><p>�Du hast gesagt, du ertr�gst meine Ber�hrung nicht�, fuhr sie ihn an. �Nach allem, was passiert ist.�</p><p>�Das hatte nichts mit dir zu tun.�</p><p>�Mit was dann?�</p><p>Liam suchte lange nach Worten. �Wei�t du, wie das ist, wenn man einen D�mon in sich hat? Du kannst dir das nicht vorstellen. Als w�re man lebendig begraben. Ich habe mich vor mir selbst geekelt. Mein K�rper hat sich angef�hlt wie ein... wie ein totes St�ck Fleisch.�</p><p>Vivana sah ihm an, wie sehr ihm die Erinnerung daran zu schaffen machte. �Und deshalb wolltest du mich nicht in deiner N�he haben?�</p><p>�Ich wollte allein sein, verstehst du? Bis ich wieder wusste, wer ich bin.�</p><p>Sie setzte sich. Pl�tzlich kam sie sich kleinlich und egoistisch vor. Sie hatte nur an ihre eigenen W�nsche gedacht und sich kein einziges Mal gefragt, wie er sich f�hlte, nach all dem Leid, das er erfahren hatte. �Und jetzt wei�t du es wieder?�</p><p>�Es wird besser.� Dabei drehte er seine Hand von einer Seite auf die andere und betrachtete sie, als frage er sich, ob sie wirklich Teil seines K�rpers war.</p><p>Vivana starrte ihre Schuhe an. Sie konnte Liam nicht ansehen. Ihre Gef�hle f�r ihn waren noch zu verwirrend, zu widerspr�chlich. Sie r�usperte sich. �Kurz, nachdem wir dich gefunden haben, hat der D�mon etwas zu mir gesagt. Dass du nichts f�r mich empfinden w�rdest... Und dass du nur so getan h�ttest, damit ich dir helfe.�</p><p>�Er hat gelogen.�</p><p>�Aber er hat geklungen wie du.�</p><p>�Ich liebe dich�, sagte Liam schlicht. �Egal, was der D�mon gesagt hat.�</p><p>Und seine Hand fand ihre, hielt sie fest.</p><p>Vivana wollte ihn in die Arme schlie�en, ihn k�ssen. Sie sp�rte jedoch, dass er noch nicht so weit war, dass er Zeit brauchte. Deshalb blieb sie neben ihm sitzen und hielt seine Hand, und es gen�gte ihr.</p><p><emphasis>Ich liebe dich.</emphasis></p><p>Nach einer Weile fragte Liam: �Was ist im Palast passiert, nachdem Seth mich angegriffen hat?�</p><p>�Lucien hat Aziel verletzt. Er und Seth sind verschwunden. Als sie weg waren, haben die Spiegelm�nner die Ghule in die Flucht geschlagen.�</p><p>�Was ist mit Jackon? Hat er �berlebt?� �Ich wei� es nicht. Lady Sarka hat ihn zu ihrem Leibarzt bringen lassen. Ob er es geschafft hat � keine Ahnung. Lucien und ich sind gleich am n�chsten Tag zum Tor gegangen.�</p><p>Liam kaute nerv�s auf der Lippe. Offenbar machte er sich Sorgen um Jackon. Der Rothaarige und er waren enge Freunde gewesen.</p><p>Pl�tzlich weiteten sich seine Augen. �Das Buch! Wo ist es?�</p><p>�Keine Angst, wir haben es gefunden. Es ist in meiner Tasche. Vater passt darauf auf.�</p><p>�Tessarion sei Dank�, murmelte er erleichtert.</p><p>�Kannst du dich an gar nichts mehr erinnern, was im Pand�monium passiert ist?�, fragte Vivana.</p><p>�Das Letzte, was ich wei�, ist, dass der D�mon aufgetaucht ist. Danach wird es... verschwommen. Ich war ein Gefangener in meinem eigenen K�rper. Manchmal habe ich Stimmen geh�rt und Dinge gesehen. Aber vielleicht habe ich es mir auch nur eingebildet.�</p><p>�Reden wir nicht mehr davon, in Ordnung?�</p><p>�In Ordnung�, sagte Liam, allerdings schien es ihm schwerzufallen, sich von den Erinnerungen zu l�sen. �Ich frage mich, was aus Seth wurde. Meinst du, er wei�, dass ich noch mal davongekommen bin?�</p><p>�Seth ist tot�, erwiderte Vivana.</p><p>�berrascht blickte er sie an.</p><p>�Wir haben ihn im Pand�monium getroffen. Es kam zum Kampf, und wir haben ihn get�tet.� Sie verschwieg ihm, dass sie es war, die den Incubus erschossen hatte. Die Manusch mochten das f�r eine Heldentat halten, sie selbst war nicht gerade stolz darauf.</p><p>�Ich muss zugeben, dass ich dar�ber nicht gerade ungl�cklich bin.� Liam verzog den Mund. �Kein sch�ner Zug von mir, was?�</p><p>�Er war ein D�mon. Er verdient kein Mitleid.� Nicht einmal zwei Wochen war es her, dass sie entsetzt gewesen war, als Lucien etwas ganz �hnliches zu ihr gesagt hatte. Das Pand�monium hatte sie ver�ndert, hatte sie h�rter gemacht. Vivana wusste nicht, ob sie dagegen ank�mpfen oder sich einfach damit abfinden sollte. Aber vermutlich hatte sie gar keine Wahl. Es war zu viel geschehen. Es gab kein Zur�ck mehr.</p><p>In diesem Moment klopfte es, und Lucien kam herein. �St�re ich?�</p><p>Vivana sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Kannst du aufstehen?�, wandte sich der Alb an Liam.</p><p>�Sicher.�</p><p>�Gut. Dann kommt in den Saal. Wir m�ssen einiges besprechen.�</p><p>Liam war noch unsicher auf den Beinen. Er ergriff Vivanas Hand, w�hrend sie nach drau�en gingen. Als sie den Saal betraten, richteten sich alle Augen auf ihn. Bajos Leute, aber auch Madalins Br�der, empfanden sichtliches Unbehagen in seiner Gegenwart. Die Manusch f�rchteten D�monen mehr als alles andere. Es w�rde eine Weile dauern, bis sie eingesehen hatten, dass von Liam keine Gefahr mehr ausging.</p><p>Auf den Tischen standen Kr�ge mit Ale und Platten mit Brot, K�se und Fleisch. Der Bratenduft erinnerte Vivana an den Geruch des verbrannten Herzens, und ihr verging augenblicklich der Appetit.</p><p>�Setzt euch�, sagte Livia. �Bajo hat Neuigkeiten f�r uns.�</p><p>Sie nahmen an dem Tisch Platz, an dem Vivanas Familie sa�.</p><p>�W�hrend ihr fort wart, sind in Bradost merkw�rdige Dinge geschehen�, begann Bajo. �Fast jeder wird Nacht f�r Nacht von beunruhigenden Tr�umen heimgesucht. Viele haben seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen. Ihr solltet mal sehen, was auf den Stra�en los ist. Die Leute sind so gereizt, dass es st�ndig zu Schl�gereien kommt. Und es wird immer schlimmer. Allein im Labyrinth haben in der vergangenen Woche vier Leute den Verstand verloren, darunter auch der alte Mica, den ihr alle kennt. Die Schlaflosigkeit hat den armen Kerl in den Wahnsinn getrieben. Aus anderen Vierteln h�rt man �hnliches. Die Irrenanstalt auf der Kr�henh�he platzt allm�hlich aus allen N�hten.�</p><p>Nun, da Bajo davon sprach, fiel Vivana auf, dass der Manusch und einige Mitglieder seiner Familie �bern�chtigt wirkten. Offenbar litten sie selbst unter dem Ph�nomen, das er schilderte.</p><p>Aus Luciens Gesicht sprach tiefe Besorgnis. �Beunruhigende Tr�ume? Inwiefern?�</p><p>�Sollte ein Alb nicht am besten �ber diese Dinge Bescheid wissen?�, fragte Bajo verwundert.</p><p>�Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass ich so viel oder so wenig wei� wie ihr�, meinte Lucien.</p><p>�Unsere Wahrsager haben versucht herauszufinden, was es damit auf sich hat�, fuhr Bajo nerv�s fort. �Sie haben Schattenwesen befragt und die Zeichen gedeutet. Sie sind sich einig, dass Lady Sarka dahintersteckt.�</p><p>�Das wissen wir bereits�, sagte Tante Livia. Sie hatte schon vor Wochen gesp�rt, dass es Ver�nderungen in der Schattenwelt gab, und sich in den vergangenen Tagen ausgiebig mit Lucien dar�ber ausgetauscht. �Sie hat den Harlekin befreit und ihm geholfen, gegen Aziel zu rebellieren. Die Tr�ume sind in Unordnung, weil Luciens Volk unsere Welt verlassen hat und niemand mehr da ist, der auf sie aufpasst.�</p><p>�Das dachten wir auch zuerst�, erwiderte Bajo. �Leider ist es noch schlimmer. Die Wahrsager behaupten, dass Lady Sarka die Herrschaft �ber die Tr�ume an sich gerissen hat.�</p><p>�Aber das ist doch nicht m�glich!�, fuhr Vivanas Vater auf. �Sie ist ein Mensch wie wir, kein Alb.�</p><p>�Sie ist keine gew�hnliche Frau�, warf Nedjo ein. �Sie hat seltsame Kr�fte. Nehmen wir nur das Attentat vor ein paar Wochen. Ich habe geh�rt, dass man sie niedergestochen hat, aber schon eine Stunde sp�ter war sie wieder wohlauf. Wer wei�, wozu sie <emphasis>noch</emphasis> f�hig ist.�</p><p>�Das sind nur Ger�chte, Nedjo�, sagte Madalin mit einem Anflug von �rger. �Solche Dinge h�rt man st�ndig. Das bedeutet gar nichts.�</p><p>�Es hei�t, dass jemand der Lady geholfen hat�, fuhr Bajo fort. �Ihr neuer Leibw�chter, den sie seit ein paar Wochen �berall herumzeigt. Er ist noch jung, aber er besitzt gro�e Macht. Er soll Aziel verjagt und Lady Sarka zur Herrscherin �ber die Tr�ume gemacht haben.�</p><p>�Jackon�, hauchte Liam, bleich vor Entsetzen. Vivana wurde klar, wie unfassbar sich all dies f�r ihn anh�ren musste. Er hatte erst in der Nacht des Ghulangriffs erfahren, dass Jackon mehr war als ein Diener. �ber die absonderlichen Kr�fte seines Freundes wusste er so gut wie nichts.</p><p>�Wir kennen den Jungen�, erkl�rte Lucien, als alle Liam anblickten.</p><p>�Was Bajo gerade erz�hlt hat � hast du davon gewusst?�, fragte Tante Livia den Alb.</p><p>�Woher denn? Aber es �berrascht mich nicht sonderlich. Aziel und ich vermuten schon seit einer Weile, dass Lady Sarka Jackon benutzen will.�</p><p>�Wenn ihr von der Gefahr wusstet, warum habt ihr nichts unternommen?�, fragte Bajo.</p><p>�Lange Geschichte�, antwortete Lucien.</p><p>Einer von Bajos Br�dern rief: �Wenn die Alben uns nicht verlassen h�tten, w�re es nie so weit gekommen.� Viele der Anwesenden nickten d�ster.</p><p>Ihre Ehrfurcht vor Lucien war zu gro�, als dass Bajos Leute es gewagt h�tten, den Alb anzugreifen oder zu beschimpfen. Die Stimmung, die pl�tzlich im Raum herrschte, war jedoch eindeutig. Die Schattenwesen geh�rten zum Leben der Manusch wie das Wetter oder der Wechsel der Jahreszeiten. Eine Welt ohne Alben war f�r sie nicht vorstellbar. Sie f�hlten sich von ihnen im Stich gelassen.</p><p>�Mein Volk ist gegangen, weil es keinen Platz mehr in eurer Welt hat�, entgegnete Lucien ruhig. �Die Zeit der Schattenwesen ist vorbei. Die Magie schwindet, weil ihr Menschen das so wollt, und Lady Sarka nutzt dies aus. Also gebt nicht den Alben die Schuld.�</p><p>�Die Manusch haben die Schattenwesen immer respektiert�, rief ein anderer Verwandter von Bajo.</p><p>�Mag sein. Aber ihr seid nur wenige. Die meisten Menschen haben uns l�ngst vergessen.�</p><p>Lucien sagte diese Dinge ohne Bitterkeit, was seine Worte umso wirkungsvoller machte. Bajos Leute schwiegen besch�mt.</p><p>In die Stille sagte Vivana: �Ich verstehe nicht, warum die Lady nichts gegen dieses Durcheinander unternimmt. Ich meine, sie ist jetzt die Herrin der Tr�ume. Es ist doch ihre Aufgabe, auf die Tr�ume aufzupassen, oder?�</p><p>�Wenn nicht einmal Aziel damit fertiggeworden ist, wie soll es einer Sterblichen gelingen?�, erwiderte Lucien. �Niemand kann die Tr�ume ohne die Alben beherrschen. Lady Sarka �bersch�tzt ihre Macht.�</p><p>�Das hei�t, ihre Kr�fte sind nutzlos?�, fragte Madalin. �Sie kann uns nicht damit schaden?�</p><p>�Da w�re ich mir nicht so sicher. Aber das ist nebens�chlich. Sie wird den Verfall der Tr�ume nicht aufhalten k�nnen. <emphasis>Das</emphasis> ist die eigentliche Gefahr.�</p><p>Vivana griff nach Liams Hand. Angesichts der Bedrohung, die Lucien schilderte, kamen ihr ihre Erlebnisse im Pand�monium und die Gefahren, die sie gemeistert hatte, unbedeutend und klein vor. Mit ihrer Furcht war sie nicht allein. Aus den Gesichtern der Manusch sprach nackte Angst.</p><p>�Sollen wir ihnen von den Rissen erz�hlen?�, fl�sterte sie ihrer Tante zu.</p><p>Die Wahrsagerin nickte. �Leider gibt es noch mehr Besorgnis erregende Neuigkeiten�, wandte sie sich an die Anwesenden. �Auf dem R�ckweg zum Tor haben wir in den Grenzmauern des Pand�moniums Risse gesehen. Sie m�ssen sich gerade erst gebildet haben, denn bei unserer Ankunft waren sie noch nicht da.�</p><p>�Was meinst du mit Rissen?�, fragte Bajo.</p><p>�Bruchstellen. Es sieht so aus, als w�rden die Mauern durchl�ssig werden. Die D�monen haben sie auch schon bemerkt. Offenbar hoffen sie auf eine Gelegenheit, ins Diesseits einzudringen.�</p><p>�K�nnten sie das schaffen?�</p><p>�Schwer zu sagen. Vielleicht handelt es sich dabei um ein vor�bergehendes Ph�nomen, und die Risse bilden sich mit der Zeit wieder zur�ck.�</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>�Zuerst m�ssen wir mehr dar�ber wissen. Lucien will uns dabei helfen.�</p><p>Bajos Leute begannen, aufgeregt durcheinanderzureden. Die M�glichkeit, D�monen k�nnten aus dem Pand�monium ausbrechen, hatte sie zutiefst erschreckt, mehr noch als die Gefahr, die von Lady Sarka ausging.</p><p>�Willst du immer noch mit Aziel sprechen?�, fragte Vivana Lucien, als niemand auf sie achtete.</p><p>�Ja. Und es ist wohl am besten, ich gehe gleich. Hier scheint alles gesagt zu sein.�</p><p>�Sei vorsichtig, ja?�</p><p>Er l�chelte zum Abschied und verschwand.</p><p>Vivana vermisste ihn schon jetzt. Lucien und sie waren w�hrend ihrer Wanderung durch das Pand�monium gute Freunde geworden, und sie hoffte inst�ndig, dass er sich nicht in Gefahr begab, wenn er Aziel aufsuchte.</p><p>Liam blickte die leere Stelle an, wo der Alb eben noch gewesen war. Er wirkte verwirrt und verst�rt von den beunruhigenden Entwicklungen der vergangenen Wochen und den vielen schlechten Neuigkeiten. Er hatte sich noch lange nicht von den Auswirkungen der Besessenheit erholt, auch wenn er das Gegenteil behauptete.</p><p>�Willst du dich hinlegen?�, fragte sie besorgt.</p><p>�Nein, es geht schon.� Er l�chelte schief. �Es ist nur alles ein bisschen viel auf einmal.�</p><p>W�hrenddessen war es Tante Livia gelungen, die Manusch zu beruhigen. Bajo war der Erste, der Luciens Fehlen bemerkte.</p><p>�Wo ist der Alb?�</p><p>�Er ist gegangen�, erkl�rte Livia. �Es gibt wichtige Dinge, um die er sich k�mmern muss.�</p><p>�Was ist mit uns?�, fragte Madalin. �Was k�nnen wir tun?�</p><p>�Ich k�nnte mit Jackon reden�, schlug Liam vor. �Er ist mein Freund. Vielleicht kann ich ihn davon abbringen, f�r Lady Sarka zu arbeiten.�</p><p>�Zu gef�hrlich�, sagte Vivanas Vater. �Was, wenn er dich an die Lady verr�t?�</p><p>�Das w�rde Jackon nicht tun.�</p><p>�Bist du sicher? Wie gut kennst du ihn denn?�</p><p>Darauf wusste Liam nichts zu sagen. �Trotzdem w�re es einen Versuch wert�, meinte er schlie�lich. �Immerhin war er es, der Lady Sarka zur Herrin �ber die Tr�ume gemacht hat. Vielleicht kann er es wieder r�ckg�ngig machen.�</p><p>�Die Idee ist nicht dumm�, erwiderte Tante Livia. �Vorher sollten wir aber herausfinden, was es mit dem Gelben Buch auf sich hat.�</p><p>Liams Augen weiteten sich, als die Wahrsagerin das Buch vor den Manusch erw�hnte. Seine Suche danach war stets sein Geheimnis gewesen.</p><p>�Keine Sorge�, raunte Vivana ihm zu. �Bajos Leute sind unsere Freunde. Du kannst ihnen vertrauen.�</p><p>Liams Argwohn verschwand nicht g�nzlich. �Vivana und ich haben das Buch gefunden�, sagte er zu Livia. �Wir entscheiden, was damit geschieht.�</p><p>�Nat�rlich�, stimmte die Wahrsagerin zu. �Aber du hast mir etwas versprochen. Ich m�chte das Buch studieren, sowie wir es entziffert haben.�</p><p>Liam nickte. �Das habe ich nicht vergessen.�</p><p>Vivana wandte sich an ihren Vater. �Hast du nicht gesagt, du w�rdest jemanden kennen, der die Sprachen des S�dens spricht?�</p><p>�Ein alter Freund�, best�tigte der Erfinder. �Sein Name ist Vorod Khoroj. Mit etwas Gl�ck ist er gerade in Bradost. Wenn ihr einverstanden seid, bringen wir das Buch morgen zu ihm.�</p><p>�K�nnen wir ihm trauen?�, fragte Liam.</p><p>�Ich kenne Vorod seit vielen Jahren. Er ist verschwiegen und zuverl�ssig.�</p><p>�Gut. Dann lasst uns gleich zu ihm gehen.�</p><p>�Nein�, sagte Tante Livia. �Morgen ist fr�h genug. Du brauchst Ruhe. Mindestens eine Nacht.�</p><p>�Warum sagen alle, dass ich mich ausruhen muss?�, erwiderte Liam gereizt. �Mir geht es gut.� Um es zu beweisen, stand er auf � allerdings eine Spur zu ruckartig. Er wurde blass und musste sich am Tisch festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Vivana legte den Arm um ihn und zog ihn zur�ck auf die Bank.</p><p>�Tante Livia hat recht�, sagte sie. �Es reicht, wenn wir morgen zu Vaters Freund gehen.�</p><p>�Au�erdem brauchen wir alle ein wenig Ruhe�, meinte die Wahrsagerin. �Seit wir zur�ck sind, hatten wir noch keine Gelegenheit, uns von den Strapazen zu erholen. Und richtig geschlafen haben wir in den letzten Tagen auch nicht.�</p><p>�Ihr werdet euch noch nach den N�chten im Pand�monium zur�cksehnen�, murmelte Bajo d�ster.</p><empty-line/><empty-line/><p>Zwei Stunden sp�ter sa� Vivana in einem Ledersessel am Kamin und w�rmte sich an den Flammen, die knisternd an den Holzscheiten leckten. Sie war unter eine Decke geschl�pft, hatte die Knie an den Oberk�rper gezogen und wackelte mit den Zehen.</p><p>Sie brauchte dringend neue Str�mpfe. Ihren alten sah man jeden Schritt an, den sie im Pand�monium gegangen war.</p><p>Es wurde allm�hlich Abend. Regen klatschte gegen die Fensterscheiben und durchn�sste die st�dtischen Lampenanz�nder, die der undankbaren Aufgabe nachgingen, in den Gassen des Labyrinths f�r ein wenig Licht zu sorgen. Vivana war allein im Saal. Um der beklemmenden Stimmung entgegenzuwirken hatte Bajo seinen Leuten befohlen, ihrem Tagwerk nachzugehen. Liam hatte schlie�lich auf Tante Livia geh�rt und sich wieder hingelegt. Kurz darauf war er ersch�pft eingeschlafen.</p><p>Auch Vivana war todm�de, doch ihr war noch nicht danach, schlafen zu gehen. Es gab zu viele Dinge, �ber die sie nachdenken musste.</p><p>Liam... Ihn zu sehen, bei ihm zu sein, zu wissen, dass er wieder er selbst war, erf�llte sie mit einer stillen Freude, trotz all der be�ngstigenden Dinge, die geschahen. Die Zukunft mochte weitere Gefahren f�r sie bereithalten, vielleicht sogar noch schlimmere als jene, die sie bereits �berstanden hatte, doch sie wusste, solange Liam bei ihr w�re, w�rde sie niemals verzweifeln.</p><p>Sie schloss die Augen und dachte an sein Gesicht, sein L�cheln, den Duft seines Haars. <emphasis>Ich liebe dich</emphasis>, hatte er gesagt. <emphasis>Ich liebe dich.</emphasis></p><p>Sie h�rte Schritte n�her kommen. Es war ihr Vater.</p><p>�St�re ich dich?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf.</p><p>Er setzte sich und legte seine mechanische Hand auf die Sessellehne. Er hatte etwas auf dem Herzen. Es schien ihm peinlich zu sein. �Es geht um deine Tante�, begann er. �Meinst du, ich sollte mit ihr reden?�</p><p>�Wor�ber denn?�</p><p>�Ich denke, es ist an der Zeit, dass Livia und ich ein paar Dinge klarstellen. Reinen Tisch machen. Das eine oder andere aus der Welt schaffen.�</p><p>Vivana war sich nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Sie streifte die Decke ab und setzte sich richtig hin. �Du willst dich mit ihr aussprechen?�, fragte sie ungl�ubig.</p><p>�Ja.�</p><p>�Du meinst, so, wie es ein vern�nftiger Mensch tun w�rde?�</p><p>�Mach dich nicht lustig�, schnarrte er. �Du wei�t, wie schwer mir das f�llt.�</p><p>Vivana grinste. �Schon gut, Paps. War doch nur ein Witz.�</p><p>Er gab ein Schnauben von sich. �Also, was meinst du? Ist das eine gute Idee?�</p><p>�Eine sehr gute sogar.�</p><p>�Und du denkst, sie h�rt mir zu?�</p><p>�Das liegt an dir, sch�tze ich. Wenn du wieder anf�ngst, auf die Manusch zu schimpfen � eher nicht.�</p><p>�Dein Vater ist vielleicht ein alter Sturkopf, aber kein Narr. Genau darum geht es doch. Livia soll wissen, dass ich gewisse Dinge inzwischen anders sehe.�</p><p>�Die Manusch und ihr altes Wissen.�</p><p>�Zum Beispiel.�</p><p>�Du hast dich ziemlich ver�ndert, Paps.�</p><p>�Ich hoffe doch zum Besseren.�</p><p>�Wie man�s nimmt.�</p><p>Sein Gesicht verfinsterte sich. �Herrgott, was soll ich eigentlich noch alles anstellen, damit du endlich zufrieden bist?�</p><p>Sie l�chelte. �Du lernst es nie, oder?�</p><p>�Schon wieder ein Witz?�, fragte er argw�hnisch.</p><p>�Du hast es erfasst.�</p><p>Mit zerfurchter Stirn und zusammengekniffenen Lippen erhob er sich. �Ich gehe dann mal.�</p><p>�Paps?�</p><p>Er wandte sich zu ihr um.</p><p>�Du schaffst das schon.�</p><p>Nachdem er gegangen war, schl�pfte Vivana wieder unter die Decke und betrachtete das Feuer. Sah zu, wie die Flammen aufloderten und zusammenfielen, immer neue Formen und seltsame Landschaften bildeten und mit ihrer Glut das Holz aufzehrten. Manchmal war ihr, als k�nne sie Bilder darin sehen, fl�chtige Erinnerungen und geisterhafte Phantasmagorien, die aufflackerten und wieder verschwanden. <emphasis>Ich sollte Angst haben</emphasis>, dachte sie, w�hrend ihr die Lider immer schwerer wurden. <emphasis>Warum habe ich keine?</emphasis></p><p>Sie schlief ein und tr�umte, sie st�nde mit Liam auf dem Ph�nixturm, hoch �ber den D�chern der Stadt und ganz nah am Himmel.</p><empty-line/><empty-line/><p>Staunend betrachtete Jackon sein Seelenhaus.</p><p>Es war schon wieder gewachsen. W�hrend in der Nachbarschaft alles verfiel, wurde es gr��er und gr��er. Aus dem schlichten H�uschen war ein ansehnliches Anwesen mit Erkern und drei Stockwerken geworden. Wenn es so weiterging, �berragte es bald alle Geb�ude in der Stra�e.</p><p>Bei allem Stolz war Jackon auch ein wenig unbehaglich zu Mute. Vermutlich hatte Lady Sarka recht und das Seelenhaus spiegelte nur sein gewachsenes Selbstvertrauen wider. Doch ganz nat�rlich erschien ihm dieser Vorgang nicht. Seelenh�user sollten nicht so schnell wachsen.</p><p>Aber immer noch besser, als wenn es verfiel, wie der Rest der Stadt. Seufzend wandte er sich ab und machte sich bereit zum Sprung.</p><p>Lady Sarka hatte ihm befohlen, Nacht f�r Nacht die Seelenh�user von Liam, Nestor Quindal und Vivana zu beobachten und ihr zu melden, falls einer der drei wieder anfing zu tr�umen. Nicht gerade ein spannender Auftrag. Es war Wochen, wenn nicht Monate her, dass sie das letzte Mal getr�umt hatten, und Jackon ging nicht davon aus, dass sich das so bald �ndern w�rde. Aber Befehl war Befehl.</p><p>Er landete vor der Sternwarte und stapfte lustlos zum Eingang. Gerade als er die T�r �ffnen wollte, sah er ein Flackern im Fenster.</p><p>Jackon traute seinen Augen nicht. Bilder formten sich wie Blasen aus der Traumsubstanz und f�llten die Zimmer und Flure, die so lange leer gewesen waren. Mit einem Freudenschrei auf den Lippen riss er die T�r auf. Nun gab es endg�ltig keinen Zweifel mehr, dass Liam lebte.</p><p>Dunkelheit umfing ihn, als er die Sternwarte betrat. Gestalten huschten durch die Finsternis und fl�sterten in den Schatten titanischer Ruinen. Riesige Schwingen schlugen, M�uler voller Z�hne blitzten auf. Es waren unheilvolle Tr�ume, die Liam heimsuchten, Albtr�ume aus den Abgr�nden seiner Erinnerungen. Was hatte er Schreckliches erlebt, dass ihn solche Bilder qu�lten?</p><p>Jackon machte sich auf die Suche nach seinem Freund, blieb jedoch nach ein paar Schritten stehen. Ihm bot sich die Gelegenheit, die er herbeigesehnt hatte, die Chance, mit Liam zu sprechen, bevor Corvas und seine Kr�hen ihn fanden. Aber damit w�rde er Lady Sarka hintergehen. Wollte er das wirklich tun?</p><p>Es hatte sich herausgestellt, dass er weniger �ber Liam wusste, als er glaubte. Besser, er beobachtete eine Weile seine Tr�ume, bevor er sich ihm zeigte. Fand heraus, wer Liam <emphasis>wirklich</emphasis> war, ehe er mit ihm sprach. Lady Sarka brauchte vorerst nichts von seiner Entdeckung zu wissen. Er musste nicht bef�rchten, dass sie ihm auf die Schliche kam � ohne seine Hilfe fand sie die Sternwarte nie.</p><p>Jackon stahl sich davon, huschte durch die nachtschwarzen Ruinen. Schl�pfte durch die T�r und schloss sie leise. Durch ein Fenster beobachtete er, wie Liam durch seine Tr�ume irrte, allein, verloren und verzweifelt.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>30</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Vorod Khoroj</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>S</strong>timmen weckten Vivana. Sie stellte fest, dass sie zusammengekauert im Ledersessel lag. Sie war zu m�de gewesen, ins Bett zu gehen, und vor dem Kamin in ihren Kleidern eingeschlafen.</p><p>Das Feuer war l�ngst erloschen; graues Tageslicht drang durch die Fenster. Verschlafen setzte sie sich auf, strich sich eine Haarstr�hne aus dem Gesicht und sp�hte aus verquollenen Augen �ber die Sessellehne.</p><p>Madalin, Livia und die Kinder kamen herein. �Du bist ja wach�, sagte ihre Tante. �Komm, ich habe uns Fr�hst�ck gemacht.�</p><p>�Wie sp�t ist es?�</p><p>�Nach acht. Die anderen sind auch gerade erst aufgestanden.�</p><p>Sie hatte mehr als vierzehn Stunden geschlafen. An ihre Tr�ume konnte sie sich kaum erinnern. Sie hatte von Liam getr�umt und vom Ph�nixturm, aber mit der Zeit war es immer wirrer geworden. Vielleicht erging es ihr nun so wie Bajo und seinen Leuten. Ihr Schlaf war jedenfalls nicht so erholsam gewesen, wie er nach vierzehn Stunden h�tte sein m�ssen. Aber immer noch erholsamer als im Pand�monium, sodass sie sich einigerma�en ausgeruht f�hlte.</p><p>Sie setzte sich. �Habt ihr es auch gemerkt? Du wei�t schon...� Sie suchte nach einem passenden Wort.</p><p>�Die Traumst�rungen? Ich nicht. Madalin schon�, antwortete Livia. �Nedjo und Sandor sind sich nicht sicher. Dass man nach allem, was passiert ist, seltsame Tr�ume hat, ist schlie�lich kein Wunder. Und du?�</p><p>�Ich wei� nicht. Vielleicht. Komisch, dass es nicht jeden betrifft.�</p><p>Ihre Tante half Dijana, Butter auf ein Brot zu schmieren. �Abwarten. Nach einer Nacht ist das schwer einzusch�tzen.�</p><p>Schweigend a� Vivana ihr Fr�hst�ck. Was geschah mit einer Welt, in der niemand mehr richtig tr�umte? Wenn Lucien Recht behielt, w�rde dieser Zustand bald eintreten � und niemand konnte etwas dagegen tun. Gew�hnte man sich irgendwann daran? Oder w�rden immer mehr Menschen wahnsinnig werden, so wie der arme alte Mica? Sie versuchte, sich vorzustellen, was dann geschehen w�rde, aber es gelang ihr einfach nicht. Die Gefahr war zu abstrakt, zu schwer zu fassen � was sie bedrohlicher machte als D�monen und Spiegelm�nner.</p><p>Die Zuversicht, die sie gestern Abend versp�rt hatte, war jedenfalls restlos verflogen.</p><p>�Wo ist mein Vater?�, fragte sie.</p><p>�Er wird gleich kommen, nehme ich an�, antwortete Tante Livia.</p><p>�Ist er gestern Abend bei dir gewesen?�</p><p>�Ja, ist er.�</p><p>�Und?�</p><p>�Nun, wir haben geredet. Lange.�</p><p>�Also habt ihr endlich Frieden geschlossen.�</p><p>�Ein Anfang ist gemacht, ja.�</p><p>�Ein Anfang?�</p><p>�Zwischen uns ist viel vorgefallen, Vivana. Du kannst nicht erwarten, dass wir das von heute auf morgen aus der Welt schaffen.�</p><p>�Wor�ber habt ihr denn geredet?�</p><p>�Vor allem �ber deine Mutter.�</p><p>Das hatte Vivana insgeheim erhofft. Tante Livia warf ihrem Vater seit Jahren vor, er w�re verantwortlich f�r den fr�hen Tod ihrer Mutter � Livias Schwester �, was die Hauptursache daf�r gewesen war, dass sich ihr Verh�ltnis stetig verschlechtert hatte. �Was hat er gesagt?�</p><p>�Ich bin sicher, er m�chte nicht, dass ich das erz�hle.�</p><p>�Sag wenigstens, ob du ihretwegen immer noch w�tend auf ihn bist.�</p><p>Z�gernd antwortete Livia: �Ich wei� es nicht. Vielleicht habe ich ihm unrecht getan. Deine Mutter hatte immer eine Wahl. Sie h�tte ihn verlassen und zu uns kommen k�nnen. Aber sie wollte in Bradost bleiben, bei ihm. Er hat sie zu nichts gezwungen.�</p><p>�Was damals passiert ist, tut ihm leid. Er hat sie wirklich geliebt.�</p><p>�Ja�, meinte die Wahrsagerin. �Ja, das glaube ich auch.�</p><p>Sie konnten das Gespr�ch nicht fortsetzen, denn in diesem Moment kam ihr Vater und setzte sich zu ihnen. Unauff�llig beobachtete Vivana ihn und Livia. Die unterschwelligen Spannungen zwischen ihnen, die Ursache so vieler Auseinandersetzungen, waren verschwunden. Wo gegenseitige Abneigung gewesen war, herrschte nun Respekt. Livia irrte sich: Das war mehr als ein Anfang, viel mehr. Noch vor zwei Wochen h�tte Vivana niemals zu hoffen gewagt, dass die beiden einmal an einem Tisch sitzen k�nnten, ohne zu streiten. Das half ihnen vielleicht nicht gegen die Gefahren, die vor ihnen lagen � ganz gewiss aber machte es Vivanas Leben ein wenig einfacher.</p><p>Nach und nach tauchten auch die anderen auf. Liam war der Letzte, der am Fr�hst�ckstisch erschien. Er erz�hlte, Albtr�ume h�tten ihn die ganze Nacht geplagt. Trotzdem wirkte er wesentlich frischer und kr�ftiger als gestern und f�hlte sich im Stande, mit zu Vorod Khoroj zu gehen.</p><p>�Wo sind Bajo und seine Leute?�, erkundigte er sich.</p><p>�Au�er Haus, alle au�er Esmeralda und den Kindern�, antwortete Tante Livia. �Bajo ist es lieber, wenn er nicht allzu viel �ber unsere Pl�ne wei�. Und mir auch. Ich m�chte ihn da nicht hineinziehen.�</p><p><emphasis>Unsere Pl�ne...</emphasis> Diese beiden Worte erinnerten Vivana daran, dass sie im Begriff waren, etwas sehr Gef�hrliches zu tun. Das Gelbe Buch von Yaro D�ar hatte Liams Vater das Leben gekostet � und er hatte nur danach <emphasis>gesucht</emphasis>. Sie aber hatten es gestohlen und versuchten nun, es zu entziffern. Es gab nicht den geringsten Zweifel, was mit ihnen geschehen w�rde, wenn man ihnen auf die Schliche kam.</p><p>�Wo wohnt dieser Vorod Khoroj?�, wollte Madalin wissen.</p><p>�Sein Haus befindet sich irgendwo in der Rodism�ndung�, antwortete Vivanas Vater.</p><p>Liam runzelte die Stirn. �<emphasis>In</emphasis> der M�ndung?�</p><p>�Wenn du es siehst, wirst du es verstehen.� Das Gesicht des Erfinders wirkte an diesem Morgen noch zerfurchter als sonst. �Wir wissen immer noch nicht, ob die Geheimpolizei nach Vivana und mir sucht. Deshalb sollten wir zusehen, dass wir unbemerkt hinkommen.�</p><p>�Warum sollten sie nach euch suchen?�, fragte Liam alarmiert.</p><p>Vivana unterdr�ckte ein Seufzen. Ihr Vater war einfach nicht davon abzubringen. �Umbra hat mir ein paar Fragen gestellt, in der Nacht nach dem Ghulangriff, als alles vorbei war. Mein Vater glaubt, dass sie etwas ahnt. Aber sie wei� nichts.�</p><p>�Bist du da ganz sicher?�</p><p>�Ja! Jetzt fang du nicht auch noch an.�</p><p>�Trotzdem sollten wir tun, was dein Vater sagt�, meinte ihre Tante. �Sicher ist sicher. Immerhin haben wir das Buch bei uns.�</p><p>�Fahrt mit dem Boot�, schlug Madalin vor. �Auf dem Fluss kontrolliert euch niemand. Bajo hat sicher nichts dagegen, wenn ihr seins nehmt.� Nach einem Moment des Z�gerns wandte er sich an Livia: �Und nimm etwas <emphasis>javva</emphasis> mit. Man kann nie wissen.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Reglos kauerte Liam am Bug des kleinen Bootes, das Gesicht im Wind und die Haut klamm vor K�lte. Eine Hand dicht �ber dem Wasser, sodass seine Fingerkuppen die Bugwellen streiften, die andere auf dem feuchten Holz der Bank. Es regnete nicht mehr. Tropfen rannen am Saum seiner Kapuze herab und perlten �ber den schweren Filzumhang.</p><p>Er hatte vergessen, wie Flusswasser roch. Wie das ewige Summen und Raunen der Stadt klang. Wie es sich anf�hlte, wenn einem der Wind durch das Haar pfl�gte. All das hatte er vergessen, w�hrend er in seinem eigenen K�rper gefangen gewesen war, eingeh�llt von der Bosheit des D�mons und abgeschnitten von jeder Empfindung. Eine Marionette aus Fleisch und Knochen. Lebendig und doch tot.</p><p>Ein Brummen erklang, vertraut und zugleich neu und fremd. Er hob den Kopf und entdeckte ein Luftschiff, das �ber den Bleid�chern am S�dufer erschien und nordw�rts fuhr, gefolgt von einem Schweif aus blassgoldenem Aetherdampf. Er blickte ihm nach, bis es im Dunst und Rauch des Kessels verschwand. Er lechzte nach Bildern, nach Ger�uschen und Ger�chen, nach jedem noch so kleinen Sinneseindruck. Dem Prasseln eines Kaminfeuers. Dem Glitzern des Sonnenlichts auf einer Fensterscheibe. Dem Duft einer Karotte, an der noch Erde klebte. Mit jeder Empfindung, die er auskostete, kehrte die Erinnerung zur�ck, die Erinnerung daran, wie es war, ein Mensch zu sein. Und doch wusste er, dass es noch viele Tage dauern w�rde, bis er die Nachwirkungen der Besessenheit endg�ltig abgesch�ttelt hatte. Zu machtvoll, zu erdr�ckend war die Pr�senz des D�mons gewesen.</p><p>Sie lie�en sich von der Str�mung treiben. Quindal sa� an den Rudern, benutzte sie jedoch nur, um das Boot in der Mitte des Flusses zu halten und den Lastk�hnen und Schaufelbarken auszuweichen, die ihnen dann und wann entgegenkamen. F�r Liam war die Fahrt den Rodis hinab wie eine Reise durch die Zeit, durch die vergangenen Wochen und Monate. Da war der Magistrat, wo er bei Lady Sarka vorgesprochen hatte, um Arbeit im Palast zu bekommen. Dort der Eingang zur Alten Pumpstation, wo Quindal und er Geheimnisse getauscht hatten. Auf der anderen Seite des Flusses der Ph�nixturm, dessen laternenartige Spitze die Stadth�user und Kamine �berragte. Es erschien ihm wie gestern, dass Vivana und er vor dem Aufruhr geflohen waren und Schutz in einer menschenleeren Gasse gesucht hatten. In jener Nacht war ihm klar geworden, was er f�r sie empfand, dass er ihr mehr vertraute als jedem anderen Menschen. Eine gl�ckliche Erinnerung. Eine der wenigen in den letzten Monaten.</p><p>Und dann war da noch die Sternwarte von Scotia, sein Zuhause. Lange haftete sein Blick an der regennassen Eisenkuppel auf dem H�gel am Flussufer, und alles fiel ihm wieder ein. Corvas und die Spiegelm�nner. Der Tod seines Vaters. Seine Flucht. Hier hatte alles angefangen, hier hatte er zum ersten Mal von dem Gelben Buch geh�rt. Und heute w�rde er endlich erfahren, wonach sein Vater gesucht hatte, wof�r er bereit gewesen war, sein Leben zu geben.</p><p>Vivana bemerkte seinen Blick und setzte sich neben ihn, nahm seine Hand. Sie sagte nichts, musste nichts sagen. Ihre N�he gen�gte, seine Trauer zu lindern.</p><p>Eine Viertelmeile, nachdem sie die Chim�renbr�cke passiert hatten, zog Quindal die Ruder ein und starrte zum Nordufer, zu den Manufakturen des Kessels.</p><p>�Du denkst an deine Werkstatt, nicht wahr?�, erkundigte sich Vivana behutsam.</p><p>�Ich frage mich, ob sie noch meine Werkstatt ist�, erwiderte der Erfinder. �Wir waren lange fort. Wenn die Geheimpolizei uns zu Verr�tern erkl�rt hat, wie ich bef�rchte, hat Lady Sarka die wissenschaftliche Leitung vermutlich schon vor Wochen einem ihrer Hampelm�nner aus dem Magistrat �bertragen�, f�gte er d�ster hinzu.</p><p>Vivana hatte Liam von den Bef�rchtungen ihres Vaters hinsichtlich des Gelben Buches und der Nacht des Ghulangriffs berichtet. �Das glaube ich nicht�, sagte er. �Wenn es so w�re, h�tte Bajo uns gewarnt.�</p><p>�Bajo ist nicht allwissend. Ich muss mit Godfrey reden, wenn wir bei Vorod fertig sind. Wenn einer wei�, wie die Dinge liegen, dann er.�</p><p>�Wer ist Godfrey?�</p><p>�Ein alter Freund von Vater�, antwortete Vivana. �Du hast ihn schon mal gesehen. Verwandelt sich immer in Aether.�</p><p>Liam erinnert sich wieder. Godfrey war ein ehemaliger Mitarbeiter von Quindal. Er hatte sich bei einem Unfall auf bizarre Weise ver�ndert und sich daraufhin in den Untergrund zur�ckgezogen. Seine Kr�fte und weit verzweigten Kontakte nutzte er, um Quindal mit Informationen zu versorgen.</p><p>Mit grimmiger Miene griff der Erfinder erneut nach den Rudern und begann, sie gleichm��ig durchzuziehen. Seine mechanische Hand gab bei jeder Bewegung klickende und surrende Ger�usche von sich.</p><p>�Dieser Vorod Khoroj�, meinte Vivanas Tante nach einer Weile, �was ist das f�r ein Mann?�</p><p>�Ich kenne ihn seit mehr als drei�ig Jahren�, sagte Quindal. �Wir waren zusammen auf der Akademie. Er ist Aetherh�ndler. Ich habe ihn l�nger nicht gesehen, aber ich wei�, dass er immer noch in Bradost lebt.�</p><p>�Und er stammt aus Yaro D�ar?�</p><p>�Aus Vavanodii, der Hauptstadt. Er ist der j�ngste Sohn einer angesehenen Familie. Er kam als junger Student nach Bradost.�</p><p>�Und er ist wirklich verschwiegen?� Liam war nicht wohl dabei, das Buch einem Fremden zu zeigen.</p><p>�So verschwiegen, wie man nur sein kann. Dein Vater kannte ihn �brigens auch. Er hat Vorod damals in seine Pl�ne eingeweiht.�</p><p>�Khoroj war Mitglied der Verschw�rung?�, fragte Liam �berrascht.</p><p>Quindal nickte schweigend. Auch er hatte der Gruppe um Liams Vater angeh�rt, allerdings war dies ein Kapitel seines Lebens, �ber das er nicht gerne sprach.</p><p>Jenseits der Grambeuge wurde der Fluss breiter. Bleigraue Wellen schlugen gegen die Hafenmauern. Dreimastige Klipper und Hochseebarken lagen an den Kais vor Anker und wurden von aetherbetriebenen Kr�nen be- und entladen. Eine goldene Dunstglocke hing �ber den Steilklippen im Westen, wo sich die Aetherk�chen befanden. In der Ferne war das Meer zu sehen. Eine Mole aus aufgesch�tteten Steinbrocken sch�tzte den Hafen vor der rauen Brandung.</p><p>Liam war mit seinem Vater einige Male im Hafenviertel gewesen, aber noch nie so weit drau�en in der M�ndung des Rodis. Gespannt hielt er nach Vorod Khorojs Haus Ausschau. Stand es auf einer Insel? Allerdings waren s�mtliche Eilande in der Flussm�ndung zu klein, um darauf ein Geb�ude zu errichten.</p><p>Schon vor einer Weile hatten sie die Fahrrinne f�r die gro�en Schiffe verlassen. Quindal ruderte zu einer Klippe in der N�he der Steilk�ste und umfuhr die Felsen in einem weiten Bogen.</p><p>Dahinter kam ein Palast zum Vorschein.</p><p>Liam blinzelte und fragte sich, ob ihm seine Augen einen Streich spielten. Das Geb�ude stand <emphasis>auf</emphasis> dem Wasser. Erst einen Moment sp�ter begriff er, dass es schwamm. Zwei Dutzend oder mehr F�sser aus poliertem Blech, jedes so gro� wie eine Droschke, trugen eine runde Plattform, die einen Durchmesser von mindestens drei�ig Schritt aufwies. Mehrere Messingmotoren, aetherbetriebene Stabilisatoren, glichen den Wellengang aus. Schwere Ankerketten sorgten daf�r, dass die Plattform nicht abtrieb.</p><p>Das Haus, das darauf stand, war eines der pr�chtigsten und zugleich seltsamsten Geb�ude, die Liam je gesehen hatte. Es schien g�nzlich aus kostbarem Ebenholz und schimmerndem Messing zu bestehen und hatte eine verwinkelte, aber symmetrische Grundform. Es gab nur ein Stockwerk; sieben gleichm��ig angeordnete Kuppeln, mit Blattgold versehen, bildeten das Dach. Gezwirbelte S�ulen aus Porphyr standen vor den Eingangst�ren, die wie die Br�stung der Plattform mit kunstvollen und verschlungenen Schnitzereien versehen waren. Schwere Vorh�nge aus weinrotem Tuch hinter den Fenstern verwehrten den Blick ins Innere.</p><p>Zwei geschwungene Freitreppen f�hrten hinauf zu einer Terrasse. Dort ankerte ein kleines Luftschiff mit goldener H�lle, dessen Passagiergondel dieselben ungew�hnlichen Formen wie das Haus aufwies.</p><p>Die Gef�hrten schwiegen �berw�ltigt. Liam erinnerte sich, dass er vor Jahren ein Buch �ber die s�dlichen Reiche gelesen hatte. Darin hie� es, die Menschen von Yaro D�ar lebten in schwimmenden St�dten, die Tausende Bewohner aufnehmen konnten. Wie es schien, wohnte Vorod Khoroj in einer kleinen Nachbildung jener riesigen Stadtfl��e.</p><p>Quindal ruderte zum Anlegesteg, an dem ein kleiner Kahn auf den Wellen schaukelte. Zwei goldene Mantikorfiguren bewachten die Treppe zur Plattform.</p><p>Als der Erfinder das Boot festband und sie ausstiegen, erschien zwischen den Statuen ein Ungeheuer.</p><p>Das Wesen hatte einen muschelf�rmigen Kopf aus einer kupferartigen Substanz mit einem Schlitz f�r die Augen, und rote Fl�gel bauschten sich hinter ihm auf. <emphasis>Keine Fl�gel � ein Umhang</emphasis>, dachte Liam, als ihm klar wurde, dass er einen Mann vor sich hatte � allerdings einen �beraus seltsam gekleideten Mann. Unter dem Umhang trug er einen lackierten Brustpanzer, einen knielangen Kettenschutz sowie hohe Stiefel, und was Liam f�r einen monstr�sen Kopf gehalten hatte, war ein Helm. Am G�rtel des W�chters hingen ein S�bel und eine Pistole. Wie alles hier waren auch die Waffen ungew�hnlich und kunstvoll geformt.</p><p>Ein zweiter W�chter trat neben ihn. Er hielt eine Lanze mit gezackter Spitze in der behandschuhten Faust.</p><p>�Mein Name ist Nestor Quindal�, sprach Vivanas Vater die M�nner an. �Ich bin ein Freund eures Herrn. Bringt mich zu ihm.�</p><p>Schweigend f�hrten die beiden W�chter sie zum Haus.</p><p>Sie betraten den Eingangsraum, dessen Pracht Liam schier �berw�ltigte, wenngleich sie zur�ckhaltender Natur war und nichts Pomp�ses an sich hatte. Das warme Licht der Alabasterlampen fiel auf kostbare M�bel und St�tzpfeiler und Teppiche mit verschlungenen Linien und Mustern. Das Holz der W�nde war so bearbeitet, poliert und lackiert worden, dass seine Maserung zur Geltung kam und sich in die weichen Formen der Architektur einf�gte. Es duftete nach Sandelholz.</p><p>Einer der W�chter verschwand im angrenzenden Zimmer. Kurz darauf kehrte er zur�ck und wies mit ausgestreckter Hand auf den Durchgang. Liam und seine Gef�hrten traten ein.</p><p>Es handelte sich um den Hauptraum des schwimmenden Palasts, um einen kleinen Saal, der unter der zentralen Kuppel lag. Zwei Lampen brannten und lie�en die Messingkn�ufe von Schr�nken und Truhen und die geschliffenen Kelche in einer Ebenholzvitrine glitzern. Vorh�nge aus roten und orangefarbenen Stoffen trennten die Nachbarzimmer ab.</p><p>Einer davon teilte sich, als ein Mann hereinkam. Wie die W�chter war er in farbenfrohe Kleider geh�llt, in eine Art Cape, das auf komplizierte Weise um seinen K�rper geschlungen war. Goldene Stickereien befanden sich am Saum und an den �rmelaufschl�gen.</p><p>�Nestor�, sagte er l�chelnd. �Welche �berraschung. Lass dich umarmen, alter Freund.�</p><p>Vorod Khoroj war ein mittelgro�er Mann von schlanker, beinahe graziler Gestalt und mit einem anmutig geschnittenen Gesicht. Das schwarze Haar hatte er an der linken Schl�fe zu einem Knoten gebunden, wie es bei seinem Volk Sitte war. Seine bronzene Haut bildete einen seltsamen Gegensatz zu seinen Augen, deren Farbe sich nicht eindeutig bestimmen lie�. Liam war, als w�rde sie best�ndig wechseln, je nachdem, wie sie das Licht einfingen.</p><p>Dunkle Schatten unter seinen Augen zeugten davon, dass auch er unter den Traumst�rungen litt.</p><p>Ein seltenes L�cheln huschte �ber Quindals Gesicht, als er seinen Freund in die Arme schloss. �Das sind Liam Satander, Livia, meine Schw�gerin, und Vivana, meine Tochter�, stellte er seine Begleiter vor.</p><p>Khoroj verneigte sich vor ihnen, was jedoch nicht im Mindesten unterw�rfig wirkte, sondern elegant und freundlich. �Du hast gro�es Gl�ck, Nestor.� Er sprach mit einem weichen Akzent. �Deine Tochter ist eine wundersch�ne Perle und ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich begl�ckw�nsche dich.�</p><p>Vivana err�tete verlegen.</p><p>�Bitte, nehmt Platz�, fuhr der S�dl�nder fort. �Es ist lange her. Zwei Jahre, wenn ich mich recht erinnere. Lass uns reden.�</p><p>Sie setzten sich um einen niedrigen Tisch, auf dem ein Teeservice bereitstand. Einer der W�chter brachte ein Tablett mit einer dampfenden Kupferkanne in Form eines Kranichs, bevor er sich mit seinem Gef�hrten zur�ckzog. Khoroj schenkte ihnen ein. Liam nippte an seiner Tasse und stellte fest, dass der Tee so �hnlich schmeckte wie <emphasis>Korkas</emphasis>, das Getr�nk der Manusch.</p><p>�Erz�hl�, sagte Quindal. �Wie laufen deine Gesch�fte?�</p><p>�Wechselhaft�, antwortete Khoroj. �Zwar steigt die Aethernachfrage von Jahr zu Jahr, aber die Lage in der Stadt wird immer schwieriger. �berall Geheimpolizisten und Spiegelm�nner, sogar in der B�rse. Vergangenen Monat wurden zwei meiner Leute verhaftet, beide grundehrliche M�nner. Und wei�t du, warum? Weil sie Steine nach einer Kr�he geworfen haben. Bei Assamiras Blitzen! Ich musste zwei der teuersten Advokaten beauftragen, um sie aus dem Gef�ngnis zu holen. Es ist sch�ndlich, was Lady Sarka aus Bradost macht. Wenn das so weitergeht, werde ich die Stadt verlassen und nach Torle ziehen.� M�hsam unterdr�ckter Zorn lie� Khorojs Hand zittern, und er stellte seine Tasse auf den Untersetzer.</p><p>Liam wusste, wie gef�hrlich es war, so offen zu sprechen. Quindal und Khoroj mussten einander wirklich vertrauen.</p><p>�Und du?�, fragte der S�dl�nder. �Ich habe beunruhigende Ger�chte geh�rt. Ein Aethermakler hat erz�hlt, du seist verschwunden.�</p><p>�Ja. In gewisser Weise stimmt das.�</p><p>��rger?�, erkundigte sich Khoroj besorgt.</p><p>Quindals Gesicht nahm einen d�steren Ausdruck an. �Erinnerst du dich noch an das Treffen in meinem Haus? Wir haben uns damals geschworen, einander beizustehen, wenn einer von uns in Schwierigkeiten ger�t.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Deswegen bin ich hier. Weil ich deine Hilfe brauche.�</p><p>�Ich werde tun, was ich kann�, sagte der Kaufmann, ohne zu z�gern. �Nun sag mir � was ist geschehen?�</p><p>�Vielleicht ist es besser, wenn Liam erz�hlt�, erwiderte Quindal. �Er ist Fellyns Junge.�</p><p>�berrascht blickte Khoroj Liam an. �Liam <emphasis>Satander</emphasis>, nat�rlich. Bitte vergib mir, dass ich dich nicht gleich erkannt habe.� Seine Augen verdunkelten sich. �Ich habe geh�rt, was deinem Vater zugesto�en ist. Er war mir ein guter Freund, und sein Mut war uns allen ein Vorbild. Ich trauere mit dir.�</p><p>Einmal mehr wurde Liam bewusst, wie viele Geheimnisse sein Vater all die Jahre geh�tet hatte. Er hatte nie von einem Freund namens Vorod Khoroj gesprochen.</p><p>�Fellyn hat nie aufgegeben�, sagte Quindal. �Er war einem alten Buch auf der Spur, das offenbar etwas mit dem Ph�nix oder mit Lady Sarka zu tun hat. So genau wissen wir das nicht. Nach seinem Tod hat Liam weitergemacht und das Buch gefunden. Aber es ist besser, er erz�hlt selbst.�</p><p>Liam schluckte nerv�s. Er h�tte seine Geschichte lieber f�r sich behalten. Nur weil Quindal dem S�dl�nder vertraute, hie� das nicht, dass er das ebenfalls tun sollte. Aber er hatte keine Wahl. Sie waren auf Khorojs Hilfe angewiesen.</p><p>In wohl �berlegten Worten erz�hlte er vom Tod seines Vaters und wie Quindal ihn in den Palast Lady Sarkas eingeschleust und er nach vielen R�ckschl�gen schlie�lich das Buch an sich gebracht hatte. Das Pand�monium, das <emphasis>javva</emphasis> und viele andere Einzelheiten lie� er weg � Khoroj musste nicht alles wissen.</p><p>�Jetzt brauchen wir jemanden, der in der Lage ist, das Buch zu lesen�, schloss er seinen Bericht. �Wir haben gehofft, dass Sie uns dabei helfen k�nnen.�</p><p>Khoroj schwieg lange. Er rieb seine schlanken H�nde, w�hrend er �ber Liams Geschichte nachdachte. �Habt ihr das Buch dabei?�, fragte er schlie�lich. �D�rfte ich es sehen?�</p><p>Vivana �ffnete ihre Ledertasche und legte den Folianten auf den Tisch.</p><p>Ehrf�rchtig fuhr der Kaufmann mit den Fingerkuppen �ber den Einband. �Ein altes Buch, nicht wahr?�</p><p>�Sehr alt und sehr m�chtig�, best�tigte Vivanas Tante.</p><p>Khoroj schlug es auf, und sein Blick wanderte �ber die Zeilen. �Schwierig�, murmelte er nach einer Weile.</p><p>�Kannst du es lesen?�, fragte Quindal.</p><p>�Das schon. Aber es ist ein alter Dialekt, und der Text handelt von Dingen, von denen ich nichts verstehe. Zauberei. Beschw�rung. Nigromantie. Nicht leicht, das zu �bersetzen.�</p><p>�Daf�r bin ich da�, sagte Livia. �Ich kenne mich damit aus.�</p><p>Khoroj musterte die Manusch und nickte dann. �Gut. Lasst uns gleich beginnen. Ich hole nur rasch Papier und bitte die Diener, meine Termine abzusagen. Ich sch�tze, wir werden viele Stunden brauchen.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>31</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Antworten</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>as Wummern der Pumpstation hallte durch die Dunkelheit wie das Pochen eines Herzens, wie das Pulsieren eines gewaltigen Organs. Immer leiser wurde es, w�hrend Lucien in die Tunnel unter der Grambeuge hinabstieg, bis es sich schlie�lich in der Ferne verlor. Ewige Stille herrschte in den Katakomben so weit unter der Stadt, nur gest�rt vom Hallen seiner Schritte. Lucien wusste jedoch, dass er nicht allein war, und er rieb mit dem Daumen �ber den Griff seiner Karbidlampe, bereit, sie beim kleinsten Laut aufzudrehen.</p><p>Es war ein unheimliches Reich, durch das er wanderte, eine lichtlose Welt voller Gefahren. Hinter jeder Gangbiegung konnte ein bodenloser Schlund g�hnen oder der Tod in Gestalt von Klauen und Fangz�hnen lauern. Und wer nicht auf seine Schritte achtete, verirrte sich unweigerlich in den endlosen Hallen und Korridoren, die sich viele Meilen weit erstreckten. Nicht einmal Lucien wusste, wer diese Tunnel angelegt hatte. Das Ganggeflecht dicht unter den Kan�len bestand aus alten Kellergew�lben, aus vergessenen Zisternen, Fluchtg�ngen und Werkhallen. Doch je tiefer man hinabstieg, desto fremdartiger wurde die Bauweise, und der urspr�ngliche Zweck der Stollen blieb einem verborgen.</p><p>Als er das letzte Mal hier gewesen war, hatte er gemeinsam mit Aziel den Kerker des Harlekins besucht. Jetzt nahm er einen anderen Weg, folgte einer Rampe tief hinunter in das Felsenfundament der Stadt, obwohl er sich einst geschworen hatte, niemals einen Fu� in diese Tunnel zu setzen.</p><p>Zu seiner Linken befand sich Mauerwerk, so alt und verwittert, dass man es kaum von gewachsenem Fels unterscheiden konnte. Zu seiner Rechten klaffte ein Abgrund, aus dem eisige Luft heraufwehte. Seine Augen waren geschaffen f�r die Nacht, dennoch vermochten sie die Finsternis nicht v�llig zu durchdringen. Hier und da erahnte er einen Pfeiler, einen br�ckelnden Vorsprung, vielleicht die �berreste einer Br�cke; dann wieder war die Schw�rze so kompakt wie eine Wand.</p><p>Irgendwann gelangte er in einen Saal voller S�ulen. Knochenreste splitterten unter seinen Stiefelsohlen. Er blieb stehen und lauschte.</p><p>Ein unverwechselbarer Gestank stieg ihm in die Nase. Rasch machte er sich an der Lampe zu schaffen. Im gleichen Moment h�rte er Stimmen.</p><p><emphasis>Fleisch...</emphasis></p><p><emphasis>Warmes Blut...</emphasis></p><p><emphasis>Sein Herz</emphasis>, wisperten sie. <emphasis>H�rt es schlagen, h�rt es pochen.</emphasis></p><p>Licht glomm in der Lampe auf, wurde heller und heller, sch�lte verwesende Leiber, zerlumpte Kleidung, eingefallene Gesichter aus der Dunkelheit. Die Ghule kamen hinter Pfeilern und Schutthaufen hervor, kletterten aus Sch�chten, krochen aus Felsspalten heraus, mindestens ein Dutzend. Sie fauchten und kr�chzten, als der Lampenschein sie blendete, wichen zur�ck und umringten Lucien im Abstand von einigen Schritten.</p><p><emphasis>Wagt es, die Dunkelheit zu st�ren!</emphasis></p><p><emphasis>Verschwinden soll er!</emphasis></p><p><emphasis>Ja, verschwinden!</emphasis></p><p>Langsam drehte sich Lucien im Kreis und hob die Lampe, sowie es einer der Ghule wagte, sich ihm zu n�hern. Seine Rechte lag auf dem Knauf seines Wurfmessers. Er kniff die Augen zusammen. Auch ihm machte das helle Licht zu schaffen.</p><p>�Ihr wisst, wer ich bin�, sagte er. �Im Palast der Lady habe ich einige von euch get�tet. Bleibt mir vom Leib, und euch wird nichts geschehen.�</p><p><emphasis>Was will er?</emphasis></p><p>�Bringt mich zu eurem Herrn.�</p><p>Er konnte den Hass der Ghule sp�ren, aber auch ihren Respekt. Ihr Fl�stern klang wie das Rascheln von totem Laub, ihr Kr�chzen wie das Knarren rostiger T�rangeln. Schlie�lich setzte sich der Gr��te von ihnen schlurfend in Bewegung, woraufhin ihm die Horde widerstrebend folgte. Die Untoten nahmen Lucien in die Mitte.</p><p>Er wusste, dass lediglich das Licht sie daran hinderte, �ber ihn herzufallen. Sollte seine Lampe aus irgendeinem Grund aufh�ren zu funktionieren, w�re es um ihn geschehen. Er blieb wachsam und lie� sich sein Unbehagen nicht anmerken. Ghule waren wie Raubtiere � nichts stachelte ihre Gier nach lebendigem Fleisch so sehr an wie Furcht.</p><p>Der Weg der Horde f�hrte durch enge Tunnel und halb eingest�rzte Kammern. Immer wieder mussten sie Schutthaufen emporklettern und �ber schrundige L�cher im Boden springen. Schlie�lich �ffnete sich der Gang in eine weite Halle, in einen von Menschenhand geschaffenen Felsendom, den Luciens Lampe nicht auszuleuchten vermochte.</p><p>Es handelte sich um ein Beinhaus, um das gr��te, das er je gesehen hatte. Nischen waren in das Mauerwerk eingef�gt worden, Dutzende, Hunderte, bis hinauf zur Decke, und jede enthielt menschliche Knochen. Gesplitterte Rippen, vergilbte Wadenbeine, grinsende Sch�del. Bei jedem Schritt wirbelte feiner Knochenstaub auf.</p><p>Die Ghule f�hrten Lucien zu einem breiten Alkoven, wo sich weitere Untote aufhielten. Sie zischten und entbl��ten dabei ihre Fangz�hne, als das Lampenlicht in ihren Augen brannte.</p><p>Ein groteskes Bild bot sich Lucien: Die Ghule hatten Sarkophage zu Tischen umfunktioniert, kauerten auf Steinen und Urnen und nagten an Knochen. Blech- und Messinggeschirr stand auf den provisorischen Tafeln, auf den Tellern lagen Gebeinreste. Viele der Untoten trugen nicht ihre �blichen Lumpen, sondern zerschlissene Reste von Abendkleidern, feinen Gehr�cken, kostbaren Roben. Es fehlte nur noch die Kapelle, die f�r die musikalische Untermalung sorgte.</p><p>Es war eine untote Abendgesellschaft, die schauerliche Nachahmung eines Hofstaates. Lucien hatte schon so manche scheu�liche Szenerie gesehen und war einiges gewohnt, trotzdem richteten sich beim Anblick der tafelnden Ghule die H�rchen an seinen Armen auf.</p><p>Er hob die Lampe. Am Ende des Tisches aus Steins�rgen thronte der Madenk�nig.</p><p>Der Anf�hrer der untoten Schar sah aus wie ein gew�hnlicher Ghul, abgesehen von einem absto�enden Detail: St�ndig krochen Insektenlarven und anderes Getier �ber seinen K�rper und verschwanden in �ffnungen seines verwesenden Leibes. Er trug einen schwarzen Anzug, der einst stilvoll und teuer gewesen sein mochte, nun aber voller Risse war, durch die man bleiche Knochen und graue Haut sah. Die Manschettenkn�pfe gl�nzten stumpf, in seinem Zylinder klaffte ein Loch wie von einer Pistolenkugel.</p><p>Vorsichtig n�herte sich Lucien der Tafel. Es war das erste Mal, dass er den Madenk�nig mit eigenen Augen sah, aber er kannte die Geschichten, die man sich �ber ihn erz�hlte. Das Oberhaupt der Ghule galt als verschlagen, gemein und viel gef�hrlicher als seine Untertanen.</p><p>Der Untote nahm jedoch keinerlei Notiz von Lucien. Sein ganzes Interesse galt einem kleinen Gegenstand in seiner Klauenhand � einer Taschenuhr. Wie gebannt betrachtete er das Bild im Deckel des goldenen Chronometers.</p><p>�Ich suche Aziel�, sprach Lucien ihn an. �Du wei�t doch sicher, wo ich ihn finde.�</p><p>Der Madenk�nig hob den Kopf und musterte ihn mit fahl gl�henden Augen. Eine schwer zu deutende Regung erschien darin. Neugier? Belustigung? Schlie�lich widmete sich der Untote wieder seiner Uhr.</p><p>�Er wurde aus den Traumlanden vertrieben. In seinem Variet� ist er nicht, auch nicht in einem anderen Unterschlupf. Also, wo versteckt er sich?�</p><p>Als der Madenk�nig wieder nicht antwortete, trat Lucien mit hoch erhobener Lampe n�her. Die Ghule fauchten, einige flohen in die Schatten. Ihr K�nig sprang von seinem Lehnstuhl auf und bleckte die Fangz�hne, bereit, sich auf ihn zu st�rzen.</p><p>Lucien verbarg seine Furcht. �Ich gehe erst weg, wenn ich es wei�.�</p><p>Fl�stern und Kr�chzen erf�llte das Beinhaus. Bei dem Angriff auf Lady Sarkas Palast hatten die Spiegelm�nner viele Ghule vernichtet, doch es waren immer noch mehr als genug da, um ihn zu umzingeln und binnen weniger Sekunden in St�cke zu rei�en. Er durfte es nicht �bertreiben. Wenn man Ghule zu sehr reizte, hielt sie nicht einmal glei�endes Licht von einem Angriff ab.</p><p>�Ich bin hier�, erklang in diesem Moment eine Stimme aus der Dunkelheit.</p><p>Aziel! Vor Erleichterung w�re Lucien beinahe zu ihm gest�rzt, hielt sich jedoch zur�ck. Aziel und er waren zuletzt Feinde gewesen. Er konnte nicht vorhersagen, wie ihr Wiedersehen verlief.</p><p>Wachsam ging er zu dem Winkel, aus dem die Stimme kam. In einer Nische lag eine Gestalt, auf Lumpen gebettet. Sie versuchte, sich aufzusetzen, war jedoch zu schwach und sank zur�ck auf das Lager.</p><p>Aziel sah schrecklich aus, so abgemagert und entstellt, dass Lucien den letzten Herrscher der Tr�ume fast nicht erkannt h�tte. Sein Gesicht glich einem Sch�del, sein ehemals massiger Leib einem Skelett, �ber das sich ledrige Haut spannte. Sein Haar war ausgefallen; vereinzelte wei�e Str�hnen klebten ihm an Schl�fen und Wangen.</p><p>�Bei der ewigen Nacht, Aziel...�, murmelte Lucien ersch�ttert.</p><p>�Dreh die Lampe herunter. Das Licht schmerzt in meinen Augen.� Aziels Stimme klang schwach, br�chig, alt. �F�rchte dich nicht vor den Ghulen. Sie werden dir nichts tun.�</p><p>Lucien konnte sp�ren, dass die Untoten und ihr Anf�hrer ihn lauernd beobachteten. Widerstrebend dimmte er das Licht.</p><p>Er setzte sich auf eine Urne. �Wie hast du sie dazu gekriegt, dir zu gehorchen?�</p><p>�Der Madenk�nig ist mir dankbar. Ich habe ihm etwas gegeben, das ihm sehr viel bedeutet.�</p><p>�Etwa die goldene Uhr? Was soll ein Ghul mit einer Uhr?�</p><p>�Ich glaube, sie erinnert ihn an fr�her. Als er noch ein Mensch gewesen ist.�</p><p>Niemand wusste, wieso die Ghule vor einigen Jahren aufgetaucht waren und was sie zu dem gemacht hatte, das sie heute waren � nicht einmal sie selbst. Es schien, als h�tten sie es im Lauf der Zeit vergessen.</p><p>�Ist er nicht w�tend auf dich?�, fragte Lucien.</p><p>�Wieso sollte er?�</p><p>�Viele seiner Untertanen wurden vernichtet. Bei einem Kampf, f�r den du verantwortlich bist.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass ihn das k�mmert. Alles, was ihn interessiert, ist die Taschenuhr.� Aziel musste husten, und seine Hand grub sich in die Lumpen. Es dauerte einen Moment, bis er weitersprechen konnte. �Wei�t du, wo Seth sie gefunden hat? Im Keller des Magistratspalastes. Seltsam, nicht wahr?�</p><p>�Seth ist tot�, sagte Lucien.</p><p>Aziel nahm diese Nachricht schweigend auf. �Er war ein Verr�ter�, sagte er nur.</p><p>Lange Zeit sprach keiner der beiden. Lucien musterte seinen einstigen Herrn, dessen Brust sich unregelm��ig hob und senkte, der die Augen schloss, weil ihn selbst diese kurze Unterredung an die Grenze seiner Kr�fte brachte. Aziel war bereits verwundet und schwach gewesen, als er nach dem fehlgeschlagenen Angriff auf Lady Sarkas Anwesen die Flucht ergriffen hatte. Die Niederlage gegen Jackon und seine Vertreibung aus den Traumlanden hatten ihn schlie�lich gebrochen. Er war dem Tode nah, begriff Lucien. Sein Leben ging nach vielen tausend Jahren zu Ende.</p><p>Aziel war sein K�nig gewesen, sein Freund, sp�ter sein Richter und der Verk�nder seines Bannspruchs, zuletzt sein Gegner. Dennoch hatte Lucien nie Hass f�r ihn empfunden. Daf�r gab es zu viel, das sie verband.</p><p>�Ich habe gehofft, du w�rdest kommen�, murmelte Aziel. �Es ist sch�n, dich noch einmal zu sehen.�</p><p>�Obwohl wir Feinde sind?�</p><p>�Ich bin m�de, Lucien. M�de und einsam. Ich habe keine Kraft mehr, dich zu hassen. Was geschehen ist, ist geschehen.�</p><p>�Wenn ich dich nicht verwundet h�tte, w�rst du vielleicht stark genug gewesen, Jackon zu schlagen.� Lucien konnte nicht verhehlen, dass er sich deswegen Vorw�rfe machte.</p><p>�Du wei�t es also.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Das eine Mal vielleicht�, sagte Aziel. �Aber irgendwann h�tte er mich besiegt. Der Junge ist m�chtig.�</p><p>�Lady Sarka herrscht jetzt �ber die Traumlanden.�</p><p>Der einstige Albenherrscher nickte schwach. �Sie hat ihn benutzt. Genau wie wir dachten.�</p><p>�Es zeigt bereits Auswirkungen in der Wachwelt. Viele Menschen tr�umen nicht mehr richtig. Lady Sarka scheint machtlos dagegen zu sein.�</p><p>�Nat�rlich�, erwiderte Aziel mit einem Anflug seiner alten Arroganz. �Sie ist eine Sterbliche.�</p><p>�Ich f�rchte, dass sich eine Katastrophe anbahnt�, meinte Lucien d�ster.</p><p>�M�glich�, war alles, was der �ltere Alb dazu sagte. Er schloss wieder die Augen.</p><p>Angespannt biss sich Lucien auf die Lippe. Er musste mit Aziel �ber seine Entdeckung sprechen � er konnte keine R�cksicht auf dessen Zustand nehmen. Denn wenn Aziel starb, gab es vielleicht niemanden mehr, der etwas dar�ber wusste.</p><p>�Vor einer Weile hast du Seth ins Pand�monium geschickt�, begann er. �Warum?�</p><p>�Damit er etwas f�r mich �berpr�ft.�</p><p>�Ob die Lichtmauern brechen?�</p><p>Schwach drehte Aziel den Kopf, �ffnete seine Augen einen Spalt. Blickte ihn fragend an.</p><p>�Ich war dort�, erkl�rte Lucien. �Im Pand�monium. Ich habe die Risse in den Grenzw�llen gesehen.�</p><p>�Dann wei�t du ja, wie schlimm es um die Welt der Menschen steht�, murmelte der einstige Albenherrscher.</p><p>�Was geschieht da? Was ist f�r die Risse verantwortlich?�</p><p>�Sp�ter. Brauche Ruhe.�</p><p>�Nicht einschlafen�, verlangte Lucien und ergriff Aziels Hand. �Bitte. Ich muss es wissen.�</p><p>�Du kannst nichts mehr tun... Zu sp�t.�</p><p>�Es gibt da einen Zusammenhang, nicht wahr? Zwischen den Verwerfungen in den Tr�umen und dem Pand�monium. Andernfalls h�ttest du Seth nicht ausgeschickt.�</p><p>�Tr�ume sind wichtig�, fl�sterte Aziel, ohne die Augen zu �ffnen. �Viel wichtiger, als die Menschen ahnen.�</p><p>�Hat es etwas mit der Erschaffung der Lichtmauern zu tun? Mit der Magie des Verlorenen Volkes?� Es waren nur Vermutungen, die Lucien da aussprach, vage Ahnungen, gen�hrt durch die Dinge, die Vivana erfahren hatte, als sie der Stele mit den gespeicherten Erinnerungen zu nahe gekommen war.</p><p>Aziel war zu schwach f�r eine Antwort. Als Lucien schon glaubte, er sei eingeschlafen, �ffnete er pl�tzlich die Augen. Offenbar hatte er in sich noch einen Rest von Kraft gefunden. �Du wei�t, woraus die Lichtmauern bestehen�, sagte er. �Aus G�te. Demut. Selbstlosigkeit. Aus den guten Energien der ganzen Menschheit. Das Verlorene Volk hat sie sich zu Nutze gemacht, um die D�monen f�r immer einzukerkern.�</p><p>�Aber sie werden schw�cher, nicht wahr? Deshalb die Risse.�</p><p>�Menschen, die nicht tr�umen k�nnen, sind gef�hrlich�, best�tigte Aziel. �Das Schlechte in ihnen gewinnt allm�hlich die Oberhand. Zorn. Neid. Habgier. Bis sie schlie�lich den Verstand verlieren. Das schw�cht die Lichtmauern.�</p><p>Lucien schloss f�r einen Moment die Augen. Es war schlimmer, viel schlimmer, als er je f�r m�glich gehalten h�tte. �Kann man es aufhalten?�</p><p>�Nein. Niemand vermag das.�</p><p>�Nicht einmal Lady Sarka?�</p><p>�Allein kann sie nichts ausrichten. Dass sie vergeblich versucht, ihrer Kr�fte Herr zu werden, beschleunigt den Verfall der Tr�ume noch.�</p><p>�Wir m�ssen in die Anderwelt reisen. M�ssen den Harlekin �berzeugen, zur�ckzukehren. Er wird nicht zulassen, dass Lady Sarka die Tr�ume zerst�rt.�</p><p>�Es k�mmert ihn nicht, was sie tut. Und es k�mmert ihn nicht, was aus den Menschen wird.�</p><p>�Dann sag mir, was ich stattdessen unternehmen soll�, erwiderte Lucien.</p><p>�Geh zur Anderwelt, zu unserem Volk. Vergiss die Menschen und finde deinen Frieden.�</p><p>�Ich kann sie nicht vergessen.�</p><p>Ein L�cheln stahl sich auf Aziels Gesicht. �Ja. Das dachte ich mir.�</p><p>�Ich finde einen Weg�, sagte Lucien ohne rechte �berzeugung. �Ich lasse nicht zu, dass es so weit kommt.�</p><p>�Lucien, der Meisterdieb. Auf seine alten Tage wird er noch zum Wohlt�ter und Helden.�</p><p>Der einstige Albenherrscher musste wieder husten, schlimmer diesmal. Lucien half ihm, indem er seinen Kopf st�tzte und ihm etwas von dem Wasser gab, das neben der Nische in einem Zinnkrug bereitstand.</p><p>�Ich habe eine Bitte, alter Freund�, kr�chzte Aziel, als die Hustenkr�mpfe nachlie�en. �Ich sterbe bald, ich sp�re es. Bleib bei mir, bis das Ende kommt.�</p><p>�Unsinn�, sagte Lucien. �Niemand stirbt. Ein paar Tage Ruhe und du kommst wieder zu Kr�ften.�</p><p>�Sieh mich an. Glaubst du das wirklich?�</p><p>Er schwieg. Es hatte keinen Sinn, es zu leugnen. Aziels Zustand war zu schlecht, als dass er sich je wieder erholen k�nnte. Nicht einmal eine rasche Flucht in die Anderwelt h�tte ihn jetzt noch retten k�nnen.</p><p>�Nun�, meinte der �ltere Alb, �willst du das f�r mich tun?�</p><p>�Ja�, antwortete Lucien.</p><p>Und so sa� er bei Aziel, gab ihm zu trinken, tupfte ihm den Schwei� von der Stirn und lauschte seinem Atem, w�hrend der einstige Albenk�nig schw�cher und schw�cher wurde. Es schien, als h�tte dieser nur auf Luciens Besuch gewartet, um Abschied von der Welt zu nehmen. Stunde um Stunde verstrich, und aus Aziel wich das Leben, jede Minute ein wenig mehr. Anfangs l�chelte er noch �ber die Geschichten aus alter Zeit, die Lucien erz�hlte, doch bald schon war er sogar daf�r zu schwach. Schlie�lich lag er reglos da, atmete flach, und seine Lider flatterten.</p><p>�Adieu, mein Freund�, fl�sterte Lucien.</p><p>Und Aziel starb. �ber Bradost ging die Sonne auf, vermochte den Nebel in den Gassen jedoch nicht zu durchdringen. Die Ghule nagten an den Knochen, warfen gierige Blicke zur Nische, freuten sich auf frisches Fleisch. Lucien band sich die Lampe an den G�rtel, hob den Leichnam seines Herrschers von seinem Lager aus Lumpen und trug ihn durch den Saal, fort vom Hof des Madenk�nigs.</p><p>Er war nun der letzte der Alben, und er schritt einer ungewissen Zukunft entgegen.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>32</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Der schwimmende Palast</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>N</strong>ebel umgab die Plattform von Vorod Khorojs Haus, so dicht und z�h, dass man kaum die Klippen und die Felsen der Steilk�ste erkennen konnte. S�mtliche Ger�usche verloren sich darin, der L�rm des Hafens, sogar das Rauschen der Brandung. Irgendwo im Osten erahnte Liam die aufgehende Sonne, ein formloses Gl�hen inmitten der Schwaden. Es war, als treibe Khorojs Palast im Nichts, vollst�ndig abgeschnitten von der Welt.</p><p>Liam stand am Rand der Plattform, die H�nde auf dem Messinggel�nder, und atmete tief durch. Keiner von ihnen hatte in der Nacht geschlafen; bis in die fr�hen Morgenstunden hatten sie versucht, den alten Text zu verstehen, den Khoroj f�r sie �bersetzte. Die salzige Luft der Bucht tat ihm gut, half ihm, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.</p><p>Seine Augen brannten, seine Schl�fen pochten, in seinem Magen rumorte der viele Kaffee, den er getrunken hatte � doch er war nicht m�de. Sein ganzer K�rper schien zu vibrieren vor Aufregung, vor Ersch�tterung. Obwohl er immer noch nicht richtig glauben konnte, wovon das Buch berichtete. Und was das f�r Bradost bedeutete.</p><p><emphasis>Wenn du doch nur hier sein k�nntest, Vater</emphasis>, dachte er. <emphasis>Du hast es von Anfang an geahnt.</emphasis></p><p>Er ging zur�ck zu den anderen.</p><p>An der Eingangst�r kam ihm Vivana entgegen. �Gut, dass du kommst. Ich wollte dich gerade holen�, sagte sie. �Vorod und Tante Livia haben den Rest �bersetzt.�</p><p>Sie k�sste ihn auf die Wange. Hand in Hand gingen sie hinein.</p><p>Vivanas Vater, Livia und Khoroj sa�en an einem geschnitzten Tisch. Das Gelbe Buch lag inmitten eines Durcheinanders aus Schriftrollen und Nachschlagewerken, Notizpapieren, Schreibzeug und Tassen. Farbige Lampen vertrieben das D�mmerlicht. Es roch nach Kaffee.</p><p>Khoroj nahm einen tiefen Schluck aus seinem Wasserglas. Der S�dl�nder wirkte genauso �bern�chtigt und ersch�pft wie Livia und Quindal.</p><p>�Habt ihr noch etwas herausgefunden?�, erkundigte sich Liam, als er und Vivana sich zu ihnen setzten.</p><p>�Nichts Wesentliches�, antwortete Livia. �Auf den letzten Seiten wird detailliert das Ritual beschrieben, das ist alles.�</p><p>�Machen wir eine Pause�, sagte Quindal. �Ich muss frische Luft schnappen, sonst kann ich nicht mehr denken.�</p><p>Er und Livia gingen nach drau�en, w�hrend Khoroj im Nebenzimmer verschwand, um frischen Tee aufzusetzen. Unterdessen bl�tterte Liam in Khorojs Notizen. Der S�dl�nder besa� eine gestochen scharfe Handschrift, die man m�helos lesen konnte, obwohl er beim �bersetzen manchmal nur Stichpunkte gemacht hatte. Trotz seines betr�chtlichen Umfangs enthielt das Gelbe Buch recht wenig Text � alles in allem umfasste die �bersetzung etwa drei�ig eng beschriebene Seiten. Bei dem Rest handelte es sich um okkulte Diagramme, um Abbildungen magischer Symbole oder ausf�hrliche Listen mit Hilfsmitteln und Substanzen f�r Zauberges�nge und Rituale.</p><p>Am schwierigsten war es gewesen, die verschiedenen Textfragmente zu ordnen und in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Der Verfasser, ein Edelmann namens Mahoor Shembar, hatte seine Gedanken und Erfahrungsberichte vollkommen ungeordnet niedergeschrieben und das Ganze zu einem Buch gebunden � ohne Inhaltsverzeichnis oder Glossar. Folglich hatte es mehrere Stunden gedauert, bis sie endlich verstanden hatten, wovon das Buch �berhaupt handelte.</p><p>Mahoor Shembar hatte vor mehreren Jahrhunderten in Yaro D�ar gelebt und sich in einer der wenigen St�dte auf dem Festland als Alchymist, Nigromant und Sterndeuter bet�tigt. Seine Berichte lie�en erkennen, dass damals die Magie viel st�rker als heute gewesen war � �berall traf man auf Schattenwesen, und das Wirken von Magiern und Sehern beherrschte das Leben.</p><p>Mahoor Shembars Heimatstadt hie� Ilnuur � laut Khoroj existierte sie schon lange nicht mehr. Sie wurde, genau wie die alte Republik Bradost, von einem Ph�nix besch�tzt, der von einer hohen Felsnadel aus �ber die Geschicke der Stadt wachte. Eines Tages fasste Shembar den Plan, den Ph�nix einzufangen und sich seine Kr�fte einzuverleiben. Las man in seinen Aufzeichnungen zwischen den Zeilen, erhielt man das Bild eines skrupellosen Mannes, der vor nichts zur�ckschreckte, um seinen Einfluss und Wohlstand zu vergr��ern und seine Feinde zu vernichten. Shembar wollte den Ph�nix versklaven und mit ihm verschmelzen, wie er es bereits zur Mehrung seiner Macht mit geringeren Schattenwesen getan hatte. Der Lohn daf�r seien, so glaubte er, �bermenschliche Kr�fte und Unverwundbarkeit.</p><p>Mehrere Jahre brachte er damit zu, einen Zauber zu entwickeln, mit dem er den Ph�nix an sich binden und ihn sich untertan machen konnte. All seinen Reichtum und seine Energie investierte der Alchymist in dieses Vorhaben. So entstand mit der Zeit ein Ritual von unvorstellbarer Macht.</p><p>Jeder Schritt, jedes Element der magischen Bindezeremonie wurden in dem Buch akribisch genau erl�utert. Mit verschiedenen Zauberges�ngen wollte sich Shembar in die notwendige geistige Verfassung versetzten. Alte Symbole, zu Hunderten auf den Boden gezeichnet, sollten die okkulten Energien in die richtigen Bahnen lenken. Dutzende von Kr�utern und Substanzen sollten verbrannt werden, damit ihre Essenzen und Wirkstoffe die Barrieren der Schattenwelt aufbrachen. Magische Wortfolgen, w�hrend des Rituals aufgesagt, sorgten daf�r, dass keine feindlichen M�chte und hungrige Schatten auf Shembar aufmerksam wurden und die Zeremonie st�rten. Vivanas Tante sagte, sie habe noch nie von einem Zauber geh�rt, der so ausgefeilt und komplex war und derartige Kr�fte zu entfesseln vermochte. Sie zweifelte nicht daran, dass der machtgierige Sterndeuter mit seinem Plan h�tte Erfolg haben k�nnen.</p><p>Dazu kam es jedoch nicht. In der Nacht, in der Shembar das Ritual vorbereitete, wurde der Ph�nix auf die Bedrohung aufmerksam. Zornig st�rzte er von seiner Felsnadel hinab und versuchte, den Alchymisten zu vernichten. Shembar wehrte ihn mit m�chtiger Magie ab und verwundete ihn. Der Ph�nix floh und wurde nie wieder in Ilnuur gesehen.</p><p>Was daraufhin aus Shembar wurde, ging aus seinen Aufzeichnungen nicht klar hervor. M�glicherweise musste er Ilnuur verlassen, verjagt von rachs�chtigen B�rgern, die ihn f�r das Verschwinden des Ph�nix verantwortlich machten. Das Buch schloss mit der Bemerkung, dass er plane, sein Wissen um das Ritual zu verkaufen, um seinen verlorenen Reichtum zur�ckzugewinnen. Damit endete Shembars Geschichte.</p><p>War der Ph�nix von Ilnuur derselbe, der sp�ter �ber Bradost wachte? War er nach seinem Kampf mit dem b�sartigen Nigromanten nach Norden geflohen, �ber das Meer, um sich an der M�ndung des Rodis niederzulassen, wo ihm keine Gefahr drohte? Liam und seine Gef�hrten konnten dar�ber nur Vermutungen anstellen, denn nat�rlich enthielt das Buch keine entsprechenden Hinweise. Ein Verdacht jedoch wurde immer dringlicher, je mehr sie �ber Shembar und seine Pl�ne erfuhren, wenngleich er sich nicht beweisen lie�. Es war Quindal, der ihn als Erster aussprach: Der Ph�nix von Bradost hatte sich nicht in die Anderwelt zur�ckgezogen, wie jeder glaubte. Jemand hatte das Ritual benutzt, um ihn einzufangen, ihn zu versklaven: Lady Sarka.</p><p>Anfangs hatte Liam sich geweigert, dergleichen auch nur in Betracht zu ziehen; zu absurd, zu schrecklich war die Vorstellung, Lady Sarka k�nnte f�r das Verschwinden des Ph�nix verantwortlich sein. Doch je l�nger er dar�ber nachdachte, desto plausibler erschien es ihm. Warum sonst h�tte sich das Buch in ihrem Besitz befinden sollen? Abgesehen von Shembars Ritual besa� es keinerlei praktischen Wert. Und warum sollte sie alles daransetzen, die Existenz des Folianten zu verheimlichen, wenn sie nicht bef�rchten musste, dass man mit seiner Hilfe ein unfassbares Geheimnis enth�llen konnte? Ein Geheimnis, das das Potenzial besa�, ganz Bradost in einen rasenden Mob zu verwandeln.</p><p>Nein, alles deutete darauf hin, dass Quindal Recht hatte � dass Lady Sarka mit dem Ph�nix verschmolzen war, um sich �bermenschliche Kr�fte zu verschaffen und Bradost seines W�chters zu berauben.</p><p>Sein Vater hatte das geahnt, hatte nach einem Weg gesucht, es zu beweisen � und daf�r mit dem Leben bezahlt.</p><p>Liams H�nde zitterten, als er die Notizen zur�cklegte. Vivana musterte ihn besorgt.</p><p>�Er h�tte mich einweihen m�ssen�, sagte er leise. �Ich h�tte ihm helfen k�nnen. Er k�nnte jetzt hier bei uns sein.�</p><p>Sie musste nicht fragen, von wem er sprach. �Er wollte dich eben besch�tzen.�</p><p>�Mich besch�tzen? Nein. Er hat mir nicht vertraut.� Es gelang Liam nicht, seine Bitterkeit zu verbergen.</p><p>Die anderen kamen zur�ck. Khoroj goss ihnen frischen Tee ein, als sie sich setzten.</p><p>�Noch mal von vorne�, sagte Quindal mit gerunzelter Stirn. �Lady Sarka ist f�r das Verschwinden des Ph�nix verantwortlich. Sie hat ihn eingefangen und mit magischer Kraft an sich gebunden. K�nnte das eine Erkl�rung f�r die Ger�chte sein?�</p><p>�Welche Ger�chte?�, fragte Liam.</p><p>�Dass man Lady Sarka mit Waffengewalt nichts anhaben kann. Dass sie unverwundbar ist.�</p><p>�K�nnte es�, sagte Livia. �Ein Ph�nix hat die Macht, sich selbst zu verbrennen und neu zu erschaffen und so den Tod zu �berlisten. Wenn es Lady Sarka gelungen ist, mit ihm zu verschmelzen, sind diese Kr�fte auf sie �bergegangen, zumindest teilweise.�</p><p>Liam stellte sich vor, wie Lady Sarka verbrannte und aus ihrer eigenen Asche auferstand. Ein Schauder lief ihm �ber den R�cken. Wenn das wirklich stimmte, war ihre Macht noch viel gr��er, als er je f�r m�glich gehalten hatte.</p><p>�Wie ist so etwas heute �berhaupt noch m�glich?�, fragte Vivana. �Die Magie ist doch viel schw�cher als zu Mahoor Shembars Lebzeiten. So ein Ritual d�rfte doch gar nicht mehr funktionieren.�</p><p>�Im Prinzip hast du Recht�, erwiderte ihre Tante. �Aber es gibt auch heute noch Wege, starke magische Energien zu gewinnen. Etwa indem man Schattenwesen t�tet und sich ihre Essenz einverleibt. Ich vermute, dass Lady Sarka so etwas getan hat. Skrupellos genug ist sie. Ich frage mich nur, wer ihr geholfen hat. Sie kann das Ritual unm�glich allein durchgef�hrt haben. Shembar hat daf�r drei Dutzend Sklaven eingeplant. Leute, die ihm halfen, tausende Kraftsymbole aufzuzeichnen. Die die Kr�uter verbrannten. Die den Ph�nix anlockten.�</p><p>�Es d�rfte ihr nicht schwergefallen sein, gen�gend Helfer zu finden�, sagte Khoroj. �Sie war damals schon reich und m�chtig.�</p><p>�Aber so viele Mitwisser stellen ein Risiko dar. Wie hat sie daf�r gesorgt, dass niemand redet?�</p><p>�Sie hat sie ermordet, ganz einfach�, meinte Quindal.</p><p>�Vielleicht�, sagte Livia, doch sie wirkte nicht �berzeugt.</p><p>Sie verfielen in nachdenkliches Schweigen. Nach einer Weile stellte Liam die Frage, die seit Stunden unausgesprochen im Raum stand: �Was machen wir jetzt?�</p><p>�Wir k�nnten jedem erz�hlen, was Lady Sarka getan hat�, schlug Vivana vor. �Die Leute w�rden sie aus der Stadt jagen.�</p><p>�So einfach ist das nicht�, erwiderte ihr Vater. �Wir m�ssten uns an eine Zeitung wenden, um gen�gend Leute zu erreichen. Es gibt aber kein unabh�ngiges Blatt mehr. Man w�rde uns auf der Stelle verhaften.�</p><p>�Au�erdem d�rfte es schwierig werden, die Geschichte zu beweisen�, pflichtete Livia ihm bei.</p><p>�Wir haben das Buch�, sagte Liam.</p><p>�Ein Buch, das niemand lesen kann und das in den Augen der meisten Menschen nichts als mystischen Hokuspokus enth�lt. Nein, ich f�rchte, es taugt nicht als Beweis.�</p><p>�K�nnte man den Ph�nix befreien?�, fragte Khoroj.</p><p>�Du meinst, ob man den Zauber umkehren und die Verschmelzung r�ckg�ngig machen k�nnte?�, entgegnete die Wahrsagerin. �Dar�ber habe ich auch schon nachgedacht. Der Gegenzauber m�sste genauso stark wie Shembars Ritual sein. Leider kenne ich niemanden, der �ber solche Macht verf�gt.�</p><p>�Vielleicht hat Lucien eine Idee�, sagte Vivana. �Er wei� mehr als wir �ber Magie und solche Sachen.�</p><p>�Ja�, stimmte Livia zu. �Reden wir mit ihm. Vielleicht ist er schon wieder zur�ck.�</p><p>M�de packten sie die Notizen zusammen und steckten sie zusammen mit dem Buch in Vivanas Tasche.</p><p>�Ich hoffe, ich war euch eine Hilfe�, sagte Khoroj, als er sie zur T�r begleitete.</p><p>�Ich wei� nicht, wie ich dir danken soll�, erwiderte Quindal. Nach einem Moment des Z�gerns f�gte er hinzu: �Bitte denk daran � zu niemandem ein Wort �ber all das.�</p><p>�Gewiss. Z�gert nicht, herzukommen, wenn ihr wieder Hilfe braucht. Ihr seid jederzeit willkommen.� Der S�dl�nder verneigte sich zum Abschied.</p><p>Kurz darauf steuerte Quindal das Ruderboot durch den Nebel. Die Schwaden hatten sich ein wenig gelichtet, sodass sie den Ph�nixturm sehen konnten, als sie am Luftschiffhafen vorbeifuhren. Wie eine gewaltige Nadel aus M�rtel und Stein ragte er aus dem Dunst und erschien Liam verlassener und trostloser als je zuvor.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>33</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Godfrey</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>G</strong>egen Nachmittag l�ste sich der Nebel allm�hlich auf, zog sich zum Fluss zur�ck und hinterlie� eine feuchte K�lte in den Gassen des Labyrinths. Ru�iges Wasser tropfte von Fassaden und Dachvorspr�ngen und sammelte sich im Rinnstein. Es war ein dunkler Herbsttag, bedr�ckend und trist.</p><p>Als Vivana und ihre Gef�hrten Bajos Haus erreichten, wurden sie schon von Lucien erwartet. Vivana war heilfroh, den Alb wohlauf zu sehen, allerdings w�hrte ihre Erleichterung nicht lange. Die Neuigkeiten, die er brachte, waren verst�rend. Um Bajo und seine Familie nicht zu beunruhigen zogen sie sich mit Madalin und dessen Br�dern in ein Nebenzimmer des Saales zur�ck, wo Lucien berichtete, was er herausgefunden hatte. Aziels Tod schilderte er in knappen, sachlichen Worten, die seinen Schmerz kaum verbargen. Er hatte den letzten K�nig der Tr�ume an einen geheimen Ort gebracht und dort begraben. Wo, behielt er f�r sich.</p><p>Nachdem Lucien fertig war, schwiegen die Gef�hrten lange. Es ging nicht mehr nur um Tr�ume und die Herrschaft von Lady Sarka. Die Bedrohung war viel gr��er, viel schrecklicher, als sie angenommen hatten. D�monen, die ins Diesseits eindrangen... Vivana sch�ttelte den Kopf. Sie wollte, sie <emphasis>konnte</emphasis> sich so etwas nicht vorstellen.</p><p>Schlie�lich erz�hlte sie von der Nacht in Vorod Khorojs Haus und den Erkenntnissen, die sie dank des Buches gewonnen hatten. Lucien h�rte ihr wortlos zu und sagte auch dann nichts, als die Sprache auf Lady Sarka und ihr unfassbares Verbrechen kam.</p><p>�Tante Livia sagt, der Zauber sei vielleicht umkehrbar�, schloss Vivana. �Allerdings wissen wir nicht, wie. Wir haben gehofft, dass du eine Idee hast.�</p><p>�Ich muss dar�ber nachdenken�, erwiderte Lucien nach einer Weile. �Aber erwartet nicht zu viel. Ich habe noch nie von einem so m�chtigen Bindezauber geh�rt.�</p><p>Nicht nur Vivana hatte sich eine zuversichtlichere Antwort erhofft. Entt�uschung machte sich breit.</p><p>�Angenommen wir schaffen es, den Ph�nix zu befreien � was nutzt uns das?�, fragte Vivanas Vater. �Bradost h�tte seinen W�chter wieder. Aber das �ndert nichts an der Katastrophe, die uns bevorsteht.�</p><p>�Vielleicht doch�, widersprach Livia. �Wenn es stimmt, was Aziel sagt, und Lady Sarka den Verfall der Tr�ume beschleunigt, k�nnen wir die Katastrophe aufhalten oder wenigstens hinausz�gern, wenn wir sie vernichten. Der Ph�nix ist der Quell ihrer �bermenschlichen Macht. Ohne ihn ist sie nur eine gew�hnliche Frau � und verwundbar.�</p><p>�Du willst sie t�ten?�, fragte Vivana.</p><p>�Wenn es sein muss.�</p><p>Vivana betrachtete die Gesichter ihrer Gef�hrten und sah nur grimmige Mienen. Alle schienen Livias Ansicht zu teilen, sogar Liam. <emphasis>Wir denken laut �ber Mord nach</emphasis>, dachte sie schaudernd. <emphasis>So weit sind wir also schon gekommen.</emphasis></p><p>�Lucien hat gesagt, wir sollen nicht zu viel erwarten�, meinte Liam. �Wir sollten uns �berlegen, was wir tun, wenn wir bei der Ph�nix-Sache nicht weiterkommen.�</p><p>�Hast du einen Vorschlag?�, fragte Vivana.</p><p>Der Blonde nickte. �Ich werde versuchen, mit Jackon zu sprechen. Wahrscheinlich ist ihm nicht klar, was er da angerichtet hat. Wenn er begreift, was geschieht, hilft er uns sicher.�</p><p>�Ich halte das immer noch f�r zu riskant�, wandte Vivanas Vater ein.</p><p>�Wieso? Niemand im Palast wei�, wer ich wirklich bin und dass ich das Buch habe. Wenn ich dort auftauche, wird es h�chstens etwas Aufregung geben, weil man mich f�r tot gehalten hat. Mehr nicht. F�r Lady Sarka und ihre Leute bin ich immer noch Liam Hugnall, der Hilfsg�rtner. Und jetzt fangt nicht wieder damit an, dass Jackon mich verraten k�nnte. Das wird er nicht tun.�</p><p>�Gut. Versuch es�, sagte Tante Livia. �Aber sei vorsichtig.�</p><p>Aus dem Saal ert�nten aufgeregte Stimmen. Bajo st�rzte herein, in der Hand ein Messer. �Da ist so ein komischer Kerl. Er war pl�tzlich im Haus. Er sagt, er will zu dir.� Der Manusch nickte Vivanas Vater zu.</p><p>Die Gef�hrten dr�ngten in den Saal. Zwischen den Tischen, umgeben von mehreren Manusch mit blankgezogenen Klingen, stand Godfrey. Wie immer trug er eine ausdruckslose Miene zur Schau. Die auf ihn gerichteten Waffen schienen ihn nicht zu beeindrucken.</p><p>�Hallo Nestor�, sagte er.</p><p>�Du?� Vivanas Vater war ma�los verbl�fft. Er wandte sich an die Manusch. �Lasst ihn. Er ist ein Freund.�</p><p>Z�gernd steckten Bajos Leute ihre Dolche und Messer weg.</p><p>Godfrey war in einen fadenscheinigen Tweedanzug gekleidet, und auf seinem Kopf sa� eine Melone, die sein langes Gesicht betonte. Er war sehr blass, wie jemand, der an einer zehrenden Krankheit litt. Doch dieser Eindruck t�uschte. Godfrey war nicht nur k�rperlich �beraus kr�ftig, sondern kerngesund � sah man von dem Umstand ab, dass er sich gelegentlich in Aether verwandelte.</p><p>�Wie hast du mich hier gefunden?�, fragte Vivanas Vater.</p><p>�Du wei�t doch, ich finde jeden, wenn ich will.� Godfrey besa� die merkw�rdigste Stimme, die Vivana je bei einem menschlichen Wesen geh�rt hatte: gleichm��ig, fast tonlos und seltsam blechern.</p><p>�Das trifft sich gut. Ich wollte ohnehin mit dir reden. Also, was f�hrt dich her?�</p><p>�Ich muss dich warnen. Meine Mittelsm�nner haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass du wieder in Bradost bist. Die Geheimpolizei ist hinter dir her. Corvas hat seine Kr�hen ausgeschickt. Seine Leute haben dein Haus und deine Werkstatt durchsucht und die Arbeiter verh�rt.�</p><p>Der Erfinder erbleichte. �Ich wusste es.�</p><p>Vivana machte sich nicht die M�he nachzufragen, wie Godfrey von alldem erfahren hatte. In Bradost geschah kaum etwas, das er <emphasis>nicht</emphasis> fr�her oder sp�ter mitbekam. �Hat Lady Sarka herausgefunden, dass wir das Gelbe Buch gestohlen haben?�, fragte sie.</p><p>�Es geht um ein Buch, ja.�</p><p>Vivana biss sich auf die Lippe. Also doch. Sie warf ihrem Vater einen entschuldigenden Blick zu, aber er war zu best�rzt, um es zu bemerken.</p><p>�Dich suchen sie auch�, wandte sich Godfrey an Liam.</p><p>Liams Augen weiteten sich. �Mich? Aber sie halten mich doch f�r tot!�</p><p>�Jetzt nicht mehr�, erwiderte der Aethermann schlicht.</p><p>Vivanas Gedanken wirbelten wie verr�ckt durcheinander. Eine schlechte Nachricht folgte der n�chsten... �Wissen sie, dass wir bei Bajo sind?�</p><p>�Nein. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Ihr m�sst untertauchen.�</p><p>�Und wo?�</p><p>�Ich bringe euch zu meinem Versteck�, antwortete Godfrey. �Dort seid ihr sicher.�</p><p>Vivanas Vater rieb sich mit der gesunden Hand �ber das Gesicht. Er wirkte unsagbar m�de. �Ich sch�tze, wir haben keine andere Wahl. Am besten gehen wir gleich, bevor wir Bajo noch in Gefahr bringen.�</p><p>Der Aethermann blickte Livia und Madalin an. �Ihr m�sst mitkommen. Corvas wird fr�her oder sp�ter auch nach euch suchen.�</p><p>Damit hatte die Wahrsagerin offenbar gerechnet. Sie nickte. �Hol die Kinder�, bat sie Madalin.</p><p>�Was ist mit Bajo?�, fragte dieser.</p><p>�Wir bleiben hier�, erwiderte der st�mmige Manusch. �Ich verlasse mein Haus nicht wegen ein paar Kr�hen und Spiegelm�nnern.�</p><p>�Bist du sicher? Was, wenn die Geheimpolizei auftaucht und euch verh�ren will?�</p><p>Bajo grinste breit. �Macht euch um uns keine Sorgen. Wir haben keine Angst vor diesem Pack. Wir sind bis jetzt immer mit ihnen fertiggeworden.�</p><p>Seine Br�der und Verwandten stimmten ihm grimmig nickend zu.</p><p>�Also gut�, sagte Livia. �Wir danken dir f�r alles, Bajo. Was ihr f�r uns getan habt, werden wir euch nie vergessen.�</p><p>Kurz darauf kam Madalin mit den Kindern zur�ck, und der gro�e Abschied begann. J�he Traurigkeit �berkam Vivana, als sie sich unwillk�rlich fragte, ob sie Bajo und seine Leute je wiedersehen w�rde. Vielleicht war es nur eine kurze Trennung, vielleicht �berlebte keiner von ihnen die n�chsten Tage. Beides war m�glich. Niemand vermochte zu sagen, wie die Zukunft aussah.</p><p>Wenig sp�ter hatten sie ihre wenigen Habseligkeiten gepackt und verlie�en das Haus unauff�llig durch den Hinterhof. Godfrey f�hrte sie am Kanal entlang und wollte gerade in eine dunkle Gasse einbiegen, als Liam ihn am Arm festhielt.</p><p>�Da.� Er deutete zum Himmel, an dem mehrere Kr�hen kreisten.</p><p>Rasch versteckten sie sich unter einem Dachvorsprung. Madalin und Livia dr�ckten die Kinder an sich und redeten beruhigend auf sie ein.</p><p>�Wie weit ist es bis zu deinem Versteck?�, fragte Lucien leise.</p><p>�Es liegt unter dem Kessel�, antwortete Godfrey.</p><p>�Aber das schaffen wir nie!�, stie� Vivanas Vater hervor. �Wahrscheinlich wimmelt es im Labyrinth nur so von Kr�hen.�</p><p>�Deswegen gehen wir durch die Katakomben.�</p><p>Sie warteten, bis die V�gel verschwunden waren, und huschten die Gasse entlang. Schlie�lich kamen sie zu einem rostigen Gitter im Kopfsteinpflaster. Godfrey hob es aus dem Rahmen, als w�re es aus Pappe. Ein Beweis seiner au�ergew�hnlichen K�rperkraft.</p><p>�Hinunter mit euch. Du zuerst�, wies der Aethermann Vivana an.</p><p>Sie setzte einen Fu� auf die oberste Sprosse der eisernen Trittleiter, die an der Schachtwand befestigt war, und stieg vorsichtig in die Dunkelheit hinab. In der Tiefe rauschte Wasser; es roch nach F�ulnis, Exkrementen und Moder.</p><p>Vivana schluckte und kletterte weiter.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>34</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die Jagd beginnt</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>�W</strong>o ist das Buch?�</p><p>Lautlos wie eine Erscheinung aus der Schattenwelt trat Lady Sarka ins Licht. Das eisblaue Gl�hen der Lampen nahm ihren Gesichtsz�gen jegliche Weichheit, sodass sie wie aus Marmor gemei�elt wirkten. Jackon war so nerv�s, dass er am liebsten aus dem Saal geflohen w�re.</p><p>Gl�cklicherweise �bernahm Umbra das Reden. �Wir suchen noch danach, Herrin.� Ihre Stimme klang ruhig, doch die verkrampften Schultermuskeln verrieten ihre Anspannung. �Wir haben die Arbeiter in Quindals Werkstatt verh�rt, aber niemand wei�, wo er und seine Tochter sich aufhalten. Corvas hat ein Luftschiff mit seinen Leuten nach Torle geschickt. Sie wollen �berpr�fen, ob Quindal wirklich Familie dort hat, wie er behauptet. Vielleicht versteckt er sich da.�</p><p>Lady Sarkas Robe strich leise �ber den Teppich. �Und sein Haus? Ihr habt es durchsucht, hoffe ich.�</p><p>�Von oben bis unten. Das einzig Verd�chtige, was wir gefunden haben, ist ein geheimer Keller.�</p><p>�Aber kein Buch.�</p><p>Umbra nickte. �Kein Buch.�</p><p>Die Lady schritt an einer Vitrine vorbei und strich sanft mit den Fingerkuppen �ber die Holzkante, als wolle sie nachpr�fen, ob die Diener sorgf�ltig Staub gewischt hatten. �Und nun, Umbra?�</p><p>�Wir suchen weiter, Herrin. Es gibt eine Reihe von Hinweisen, denen wir nachgehen werden. Wir befragen jeden, mit dem Quindal in den letzten Jahren privat und gesch�ftlich verkehrt hat.�</p><p>�Und wenn ihr wieder nichts findet?�</p><p>�Das wird nicht geschehen.�</p><p>�Das hoffe ich. Denn allm�hlich wird es ein wenig peinlich, meine Liebe.�</p><p>Seit zwei Tagen war das Leben im Palast unertr�glich. Je l�nger sich die Suche nach dem Buch hinzog, desto schlechter wurde Lady Sarkas Laune. Erschwerend kam hinzu, dass sie in den Tr�umen keine nennenswerten Fortschritte machte. Gestern hatte sie den ganzen Tag ihren Zorn an den Dienern ausgelassen und dem Koch einmal sogar wegen einer Lappalie ihre Reitgerte durchs Gesicht gezogen. Jackon wusste nicht, was schlimmer war: die st�ndigen Wutausbr�che oder diese gef�hrliche Ruhe.</p><p>Gerade als er zu hoffen wagte, dass sie endlich gehen durften, richtete sie ihren st�hlernen Blick auf ihn. �Hast du ihre Seelenh�user beobachtet?�</p><p>�Ja. Nat�rlich, Herrin.�</p><p>�Und? Irgendein Hinweis, dass sie wieder tr�umen?�</p><p>Nachdem er entdeckt hatte, dass Liams Sternwarte wieder Tr�ume enthielt, war er zu den Seelenh�usern von Quindal und Vivana gesprungen, wo er die gleiche Feststellung machte. In der vergangenen Nacht jedoch waren alle drei wieder leer gewesen. Bedeuten musste das nichts � vielleicht hatten sie tags�ber geschlafen.</p><p>Jackon hielt an seinem Entschluss fest, Lady Sarka nichts davon zu sagen, bis er mit Liam gesprochen hatte � auch wenn das bedeutete, sie anzul�gen. Allerdings fiel es ihm schwerer als gedacht. Es war irgendwie... sch�big, nach allem, was sie f�r ihn getan hatte.</p><p>Er schluckte. �Nein. Nichts�, antwortete er. �Es tut mir leid, Herrin.�</p><p>Ahnte sie etwas? Offenbar nicht, denn sie wandte sich wortlos ab und schritt zur Treppe. �Kommt morgen Fr�h wieder�, befahl sie. �Ich verlasse mich darauf, dass ihr dann bessere Neuigkeiten habt.�</p><p>Jackon atmete auf. Er hatte dieses Verh�r tats�chlich lebendig �berstanden.</p><p>In diesem Moment �ffnete sich das Portal.</p><p>�Wir haben sie�, sagte Corvas und betrat den Kuppelsaal. Bei ihm war Amander, der einen bodenlangen schwarzen Mantel und einen vornehmen Zylinder trug. Die Kleidung der beiden M�nner war nass vom Regen und hinterlie� Pf�tzen auf dem Marmor.</p><p>Lady Sarka fuhr herum. �Alle drei? Quindal, seine Tochter und den Jungen?�</p><p>�Ja. Meine Kr�hen haben sie gesehen. Sie sind im Labyrinth aufgetaucht. Offenbar verstecken sie sich dort bei einem Manusch namens Bajo. Der Alb � Lucien � ist auch bei ihnen.�</p><p>�Worauf wartest du noch? Nimm sie fest und schaff sie her.�</p><p>�Sehr wohl, Herrin.� Corvas neigte den Kopf und schritt mit Amander zum Portal.</p><p>�Ihr beide geht mit ihnen�, wandte sich Lady Sarka an Umbra und Jackon. �Und wehe euch, ihr lasst sie entkommen.�</p><p>Ohne zu z�gern folgte die Leibw�chterin den M�nnern. Jackons Gedanken rasten. Nun geschah, wovor er sich seit Tagen f�rchtete. Wenn sich Liam erst in der Gewalt von Corvas und seinen Spiegelm�nnern befand, hatte er keine Chance mehr, ihm zu helfen und die drohende Katastrophe abzuwenden. Er musste mit ihm reden, jetzt sofort. Vielleicht hatte er Gl�ck und sein Freund schlief gerade. Nachdem Liam eine volle Nacht nicht getr�umt hatte, war das nicht allzu unwahrscheinlich.</p><p>�Worauf wartest du?�, fuhr Lady Sarka ihn an. �Geh schon.�</p><p>Jetzt musste er schon wieder l�gen. Dabei war das nicht gerade sein Spezialgebiet. �Ich glaube, ich f�hle mich nicht wohl�, murmelte er, ohne ihr in die Augen zu sehen. �Ich habe wohl etwas Falsches gegessen. Wenn Ihr erlaubt, lege ich mich hin.�</p><p>Zornig presste sie die Lippen zusammen. �Soll ich Doktor Addock rufen?�, fragte sie barsch.</p><p>�Nein. Nicht n�tig. Ich brauche nur ein bisschen Ruhe.� Jackon schlurfte davon und versuchte, so krank wie m�glich auszusehen. Vielleicht hielt sie das schlechte Gewissen in seinem Gesicht ja f�r die ersten Anzeichen von Schwindel und �belkeit.</p><p>Er sp�rte ihren Blick in seinem R�cken, bis er den Saal verlie� und die Spiegelm�nner das Portal hinter ihm schlossen.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>35</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Der Maschinendom</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>�R</strong>atten! Ratten! �berall Ratten!�, murmelte der Mann mit aufgerissenen Augen. Schwankend torkelte er den Tunnel entlang, in der Hand eine Laterne, die schon lange erloschen war. Sein Haar klebte am Sch�del und war so schmutzig wie sein Gesicht und der braune Overall, den er trug. Vielleicht ein Kanalarbeiter oder ein Mechaniker aus einer der Manufakturen. Er nahm keinerlei Notiz von Vivana und ihren Gef�hrten, taumelte an ihnen vorbei und verschwand brabbelnd in der Dunkelheit.</p><p>Vivana lief ein Schauder �ber den R�cken. Offenbar irrte der arme Kerl seit Tagen hier unten umher, ver�ngstigt und wahnsinnig. Ein Opfer des Durcheinanders, das in den Tr�umen herrschte.</p><p>�Wir k�nnen nichts f�r ihn tun�, sagte Godfrey. �Weiter.�</p><p>Sie folgten dem Aethermann einen stillgelegten Abwasserkanal entlang. Trockener Schlamm klebte in der Rinne neben dem begehbaren Sims. Es stank so sehr, dass man kaum atmen konnte. Dumpfes Wummern und Stampfen deuteten darauf hin, dass sie sich unter dem Kessel befanden.</p><p>�Wie weit ist es noch?�, erkundigte sich Lucien.</p><p>�Ein paar Minuten. Hab Geduld.�</p><p>Vivana und ihr Vater bildeten den Schluss der kleinen Schar. Der Erfinder hatte kein Wort gesagt, seit sie in die Unterwelt hinabgestiegen waren.</p><p>Vivana konnte sich denken, was in ihm vorging. Seine schlimmsten Bef�rchtungen waren eingetreten: Er war jetzt ein gesuchter Verbrecher, ein Feind Bradosts wie sie alle, und w�rde nie wieder in seiner geliebten Werkstatt arbeiten k�nnen. Auf einen Schlag hatte er alles verloren, sein Haus, seinen gesamten Besitz, seinen guten Ruf. <emphasis>Und ich bin schuld</emphasis>, dachte Vivana, aber das war nur ein alter Reflex, dem sie keine Beachtung schenkte. Selbst wenn sie Liam nicht geholfen h�tte, w�re Lady Sarka Liam und ihrem Vater fr�her oder sp�ter auf die Schliche gekommen, denn gegen ihre �berm�chtige Geheimpolizei und ihre verbissene Entschlossenheit, jeden Gegner zu vernichten, hatte niemand eine Chance.</p><p>Sie hakte sich bei ihm ein und w�nschte, sie k�nnte ihn irgendwie aufmuntern, ihm Trost spenden, doch was sagte man jemandem, dessen ganzes Leben gerade zerst�rt worden war?</p><p>Sie stiegen eine Treppe aus rostigen Gitterplatten hinab, die so heftig knirschte und knarrte, dass Vivana f�rchtete, sie k�nnte jeden Moment zusammenbrechen. Wider Erwarten kamen sie wohlbehalten unten an und gelangten in einen Tunnel, der anders beschaffen und wesentlich sauberer war als der Abwasserkanal. Ein alter Versorgungsgang, vermutete Vivana.</p><p>Nach etwa hundert Schritt sagte Godfrey: �Wir sind da.�</p><p>Liam hob seine Lampe. Ein Tor sch�lte sich aus der Finsternis und glitzerte im Licht. Es bestand ganz aus Stahl und Messing und war so massiv und prachtvoll verschn�rkelt wie ein Kirchenportal.</p><p>Godfrey ging zu einer kleinen Messingplatte an der Tunnelwand. Sein Zeigefinger verwandelte sich in Aetherdampf, von dem ein winziger Teil in das Loch in der Platte str�mte. Hydraulische Riegel und Schnappbolzen bewegten sich und sonderten zischend Dampf ab, bevor das Tor langsam aufschwang.</p><p>Lampen flammten auf und erhellten einen riesigen Saal, einen unterirdischen Dom.</p><p>�Herzlich willkommen in meinem Heim�, sagte Godfrey.</p><p>Vivana war sprachlos, als sie den Saal betrat. Sie hatte mit einem schmutzigen Schlupfwinkel gerechnet, mit einem sch�bigen Loch irgendwo in den Kan�len, in dem sich Godfrey seit Jahren verstreckte � nicht <emphasis>damit</emphasis>. Der Dom war so hoch, dass das Haus ihres Vaters hineingepasst h�tte. Simse und elegante Streben verliefen an den Ziegelsteinmauern und trugen die kuppelf�rmige Decke. Und �berall standen Maschinen. Seltsame Apparate aus Kupfer, Eisen und Messing, durch Rohre und Drahtb�ndel miteinander verbunden. Manche klickten und surrten leise, andere standen still. Irgendwo knisterte ein gefangener Blitz in einer Rauchglasr�hre. Vivana hatte nicht die geringste Vorstellung, welchem Zweck diese Ger�tschaften dienten.</p><p>�Die meisten helfen mir dabei, die Tunnel in der Umgebung zu �berwachen�, erkl�rte Godfrey, als h�tte er ihre Gedanken gelesen. �Ein paar sind dazu da, mir das Leben hier unten ein wenig angenehmer zu machen.�</p><p>Staunend schauten sich die Gef�hrten um.</p><p>�Bitte nichts anfassen�, sagte der Aethermann, gerade als Liam die Hand nach einem teleskopartigen Gest�nge ausstrecken wollte.</p><p>�Hier versteckst du dich also seit deinem Unfall�, meinte Vivanas Vater.</p><p>�Hier <emphasis>wohne</emphasis> ich.�</p><p>�Was war das fr�her? Eine Zisterne?�</p><p>�Ein Hauptsammler. Ich habe ihn ges�ubert und umgebaut, nachdem er stillgelegt wurde.�</p><p>�Ich bin beeindruckt, Godfrey�, sagte der Erfinder, w�hrend er sich umblickte. �Wirklich beeindruckt.�</p><p>�Die ganzen Apparate�, sagte Vivana, �hat er die von dir?�</p><p>�Die meisten habe ich geplant. Aber gebaut hat er sie selbst. Er ist einer der geschicktesten Ingenieure, die ich kenne.�</p><p>Godfrey legte einen Hebel um, und das Tor schloss sich.</p><p>Warmes Licht lie� die Apparate und ihre Kolben, Kessel und Rohre schimmern wie geschliffener Porphyr. Godfrey f�hrte sie zu einer ger�umigen Nische, die so gem�tlich wie eine Wohnstube eingerichtet war. Ledersessel standen um einen geschnitzten Tisch, Vitrinen enthielten Weingl�ser und Porzellangeschirr, es gab sogar einen Kamin. Eine Standuhr tickte leise vor sich hin. Die W�nde waren mit Holz verkleidet, und Vorh�nge aus schwerem Tuch hingen vor den Durchg�ngen zu weiteren R�umen. Eine eiserne Treppe f�hrte zwischen den Maschinen zu einer Plattform hinauf, auf der Stellw�nde ein Bett und mehrere Holztruhen umgaben.</p><p>�Ihr k�nnt dahinten schlafen�, sagte ihr Gastgeber, w�hrend er im Kamin Feuer machte. �Ich habe genug Feldbetten f�r alle. Ihr m�sst sie nur aufstellen. Essen d�rfte f�r einen Monat reichen, wenn wir es uns einteilen. Brot, K�se und P�kelfleisch findet ihr in den F�ssern, der Rest ist im Eiskeller da dr�ben. Fragt, wenn ihr etwas braucht. Stimmt etwas nicht?�, wandte er sich an Lucien.</p><p>Der Alb wirkte in der Tat nicht besonders gl�cklich. �Nur zu viele Maschinen f�r meinen Geschmack. Ich gew�hne mich schon daran.�</p><p>�Gut. F�hlt euch wie zuhause.�</p><p>�Danke, Godfrey�, sagte Vivanas Vater schlicht.</p><p>Der Aethermann nickte. �M�chte jemand einen Tee?�</p><empty-line/><empty-line/><p>Nachdem sie sich gest�rkt hatten, bauten Liam und seine Gef�hrten die Feldbetten auf und machten sich frisch. Es stellte sich heraus, dass Godfreys Heim alle Annehmlichkeiten eines modern eingerichteten Hauses besa�: mehrere Schlafr�ume, eine K�che, eine kleine Bibliothek, sogar ein Badezimmer. Ein Apparat pumpte Flusswasser in das Versteck und filterte und erhitzte es, sodass Liam sich den Schmutz von ihrer Wanderung durch die Kan�le abwaschen konnte. Zum ersten Mal seit ihrer R�ckkehr vom Pand�monium f�hlte er sich einigerma�en sicher. Hier fanden die Spiegelm�nner sie nie.</p><p>M�de schlurfte er zu seiner Unterkunft und legte sich ins Bett. Als er gerade am Einschlafen war, �ffnete sich die T�r, und eine Gestalt huschte herein.</p><p>�Darf ich bei dir schlafen?�, fragte Vivana leise.</p><p>�Klar�, antwortete Liam z�gernd.</p><p>Sie schl�pfte unter die Decke und schmiegte sich an ihn. Unbeholfen legte er den Arm um sie. Sie hatte ein Bad genommen und duftete wunderbar, er sp�rte ihre nackten Schenkel und die Rundungen unter ihrem Schlafrock. Dass sie so bei ihm lag, war der Traum eines jeden Jungen � und doch w�nschte er in diesem Moment, sie w�re nicht zu ihm gekommen.</p><p>Dieser Ekel vor seinem eigenen K�rper... Dieses Gef�hl, die Bosheit des D�mons sei ein Teil von ihm geworden, und er k�nne sie nie wieder absch�tteln... Die Eisesk�lte in seinem Innern... Er konnte es einfach nicht. Am liebsten w�re er aufgesprungen und fortgelaufen.</p><p>�Alles in Ordnung?�, fragte Vivana besorgt.</p><p>�Ich glaube, es ist besser... Ich meine, w�rde es dir etwas ausmachen, in deinem Bett zu schlafen?�</p><p>Er sp�rte, dass sie ihn in der Dunkelheit anblickte. �Ist es <emphasis>deswegen</emphasis>?�, fragte sie.</p><p>�Ja.�</p><p>Sie k�sste ihn auf die Wange und kletterte aus dem Bett.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte er.</p><p>�Du kannst doch nichts daf�r. Schlaf gut.� Sie versuchte, unbeschwert und aufmunternd zu klingen.</p><p>Dann ging sie.</p><p>Liam lag auf dem R�cken, starrte in die Finsternis und f�hlte sich wie tot.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>36</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Jackons Plan</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>as ganze Labyrinth schien zu wissen, dass sie kamen. �berall verrammelte T�ren und Fensterl�den und kaum eine Menschenseele auf der Stra�e. <emphasis>Kein Wunder</emphasis>, dachte Umbra und warf den acht Spiegelm�nnern, die Corvas, Amander und ihr folgten, einen finsteren Blick zu. <emphasis>Als ob wir das nicht allein hingekriegt h�tten.</emphasis></p><p>Sie hatte lausig geschlafen in den letzten N�chten, und dieser Auftrag trug nicht dazu bei, ihre Laune zu heben.</p><p>�Ich hab�s dir gesagt�, meinte Amander. �Du h�ttest ein Schattentor machen sollen.�</p><p>�F�r elf Leute? Wie soll das gehen, du Schlaumeier?�</p><p>�Deine Sache.�</p><p>Sie hatte schon einmal versucht, eine gr��ere Gruppe durch ein Schattentor zu f�hren � und sich anschlie�end geschworen, es nie wieder zu tun. Zu viel Unruhe in der Zwischenwelt lockte <emphasis>Dinge</emphasis> an. Au�erdem war es schon beinahe Nacht. �Jetzt h�r mir mal zu�, begann sie gereizt, doch Corvas unterbrach sie.</p><p>�H�rt auf�, sagte er und wies auf ein Stra�enschild.</p><p>Sie waren da.</p><p>Corvas befahl den Spiegelm�nnern, sich so vor der alten Schnapsbrennerei zu verteilen, dass niemand unbemerkt das Geb�ude verlassen konnte. Amander postierte sich mit zwei Homunculi auf der R�ckseite und behielt den zum Kanal offenen Hof im Auge. Dutzende von Kr�hen hatten sich auf dem Dach niedergelassen. Es hatte etwas Gespenstisches, wie die V�gel dasa�en und mit ihren Knopfaugen die Gasse beobachteten. Kein Einziger kr�chzte. Es herrschte vollkommene Stille.</p><p>Corvas klopfte an. Ein st�mmiger Manusch �ffnete die T�r und blickte seinen Besucher wenig freundlich an.</p><p>�Bist du Bajo?�</p><p>Der Manusch nickte knapp.</p><p>�Wir suchen den Wissenschaftler Nestor Quindal, seine Tochter Vivana Quindal und einen jungen Mann namens Liam Satander, der sich m�glicherweise Liam Hugnall nennt. Sie sind Hochverr�ter und Feinde Bradosts. Wir wissen, dass du ihnen Unterschlupf gew�hrst.�</p><p>�Du irrst dich�, sagte Bajo. �Sie sind nicht hier.�</p><p>�Ich warne dich. Dich uns zu widersetzen kommt dich teuer zu stehen.�</p><p>Der Manusch verschr�nkte die muskul�sen Arme vor der Brust. �Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen. Ich bin ein ehrlicher Mann. Ich kenne diesen Quindal nicht einmal.�</p><p>�Lass uns eintreten.�</p><p>�Nein.�</p><p>Corvas wollte ihn zur Seite schieben, doch Bajo presste ihm die Hand auf die Brust.</p><p>�Niemand dringt mit Gewalt in mein Haus ein. Auch du nicht, alte Kr�he.�</p><p>�Ergreift ihn�, befahl der Bleiche zwei Spiegelm�nnern.</p><p>Einige Kr�hen spreizten ihr Gefieder. Umbra fuhr herum, als sie eine Bewegung im Laternenlicht bemerkte. �Corvas!�, murmelte sie warnend.</p><p>Die T�ren der Nachbarh�user hatten sich ge�ffnet. �berall tauchten Manusch auf, schwarze Schemen in den Schatten. Viele waren bewaffnet; Dolche blitzten auf, schwielige H�nde hielten Kn�ppel und Axtsch�fte.</p><p>Auch hinter Bajo erschienen Gestalten und blickten grimmig drein.</p><p>�Was du da tust, ist Verrat�, sagte Corvas schneidend.</p><p>�Wir Manusch stehen f�reinander ein�, erwiderte Bajo. �Richte deiner Herrin aus, wenn sie auch nur einem von uns schadet, herrscht Krieg im Labyrinth. Und jetzt geht. Geht und sucht woanders nach euren Feinden.�</p><p>Er schloss die T�r.</p><p>Corvas taxierte die Manusch in den Schatten, als w�ge er ab, ob sie es mit ihnen aufnehmen konnten. Umbra spannte sich innerlich an und machte sich bereit, nach ihrer Pistole zu greifen. Schlie�lich wandte sich der Schwarzgekleidete ab und schritt mit maskenhafter Miene die Gasse entlang. Umbra lie� leise den angehaltenen Atem entweichen und folgte ihm und den Spiegelm�nnern.</p><p>Die Manusch griffen sie nicht an, bedrohten sie nicht einmal. Sie standen einfach da und starrten ihnen nach.</p><p>Am Ausgang der Gasse stie� Amander zu ihnen. �Was zum Teufel war das?�, fragte er, w�hrend sie zu den Kutschen zur�ckgingen.</p><p>�Gar nichts�, sagte Corvas. Er hob den Arm, und eine Kr�he landete darauf.</p><p>�Und jetzt? Holen wir die restlichen Spiegelm�nner und kn�pfen sie uns vor?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Du willst das diesem Pack doch nicht durchgehen lassen.�</p><p>�Ich will keinen Krieg.�</p><p>�Du glaubst, Bajo macht Ernst mit seiner Drohung?�, fragte Umbra.</p><p>�Es hat einen Grund, dass wir die Manusch all die Jahre in Frieden gelassen haben.�</p><p>�Ich wusste nicht, dass Quindal Freunde bei ihnen hat.�</p><p>�Es scheint, es gibt vieles, das wir nicht �ber ihn wussten.�</p><p>Voller Unbehagen betrachtete Umbra die heruntergekommenen Fassaden, an denen Plakatreste klebten. Im Labyrinth hatte sie sich noch nie wohlgef�hlt. Zu viele Geheimnisse f�r ihren Geschmack. �Also warten wir ab.�</p><p>�Ja. Er kann sich nicht ewig verstecken.� Corvas raunte der Kr�he etwas zu, woraufhin der Vogel mit den Fl�geln schlug und kr�chzend in den Nachthimmel aufstieg.</p><p>�Gut�, meinte Umbra missmutig. �Aber ich erkl�re das nicht der Herrin.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Jackon landete in der Gasse und n�herte sich Liams Seelenhaus mit klopfendem Herzen. Just in diesem Moment waren Umbra, Corvas und Amander im Labyrinth und suchten nach seinem Freund. Das war seine letzte Chance.</p><p>Da � ein Flackern in den Fenstern der Sternwarte. Jackon h�tte am liebsten laut gejubelt. Er hatte es gewusst � Liam tr�umte wieder!</p><p>Er �ffnete die T�r und trat ein. Drinnen umfingen ihn Tr�ume, �hnlich d�ster und bedr�ckend wie beim letzten Mal. Vorsichtig streifte er durch die Schatten und wich fl�sternden Gestalten aus, bis er Liam fand. Sein Freund irrte durch ein Ruinenfeld und rief nach jemandem, doch seine Stimme verhallte zwischen den uralten Mauern.</p><p>�Hallo Liam�, sagte Jackon und l�chelte.</p><p>Der Blonde prallte vor Schreck zur�ck und fiel hin. �Wer... wer bist du?�</p><p>�Erkennst du mich nicht? Ich bin�s, Jackon. Dein Freund.�</p><p>Liams Augen weiteten sich vor Grauen. Er rappelte sich auf und ergriff stolpernd die Flucht.</p><p>�Warte! Ich will doch nur mit dir reden.�</p><p>Jackon fiel es nicht schwer, ihm zu folgen, aber immer, wenn er ihn einholte, wurde Liams Entsetzen noch gr��er. Der Blonde schien ihn f�r einen der Schatten zu halten, die ihn bedr�ngten, f�r eine Ausgeburt seiner Albtr�ume. Solange er in seinen Tr�umen gefangen war, w�rde es kaum m�glich sein, mit ihm zu sprechen.</p><p>Jackon lie� die Ruinen und die wispernde Dunkelheit verschwinden. Traumgebilde fielen zusammen und wurden wieder zu silbriger Rohmaterie. Liam fand sich in den kahlen Fluren seines Seelenhauses wieder und schaute sich verwirrt um.</p><p>�Hab keine Angst�, sagte Jackon. �Du tr�umst nur. Dir kann nichts geschehen.�</p><p>Das Grauen hatte Liam nach wie vor fest im Griff, doch wenigstens lief er jetzt nicht mehr davon. Er hatte sich kein bisschen ver�ndert, sah noch genauso aus, wie Jackon ihn in Erinnerung hatte. Jackon h�tte beinahe geweint vor Freude.</p><p>�Wo warst du? Ich dachte, du bist tot.�</p><p>�Jackon?�, fragte Liam z�gernd.</p><p>�Ja. Du erinnerst dich doch an mich, oder?�</p><p>�Was tust du hier?�</p><p>�Ich wollte dich sehen.�</p><p>�Du bist kein richtiger Traum, nicht wahr?�</p><p>�Ich bin ein Traumwanderer. Ich kann andere Leute in ihren Seelenh�usern besuchen, wenn sie tr�umen.�</p><p>�Traumwanderer�, murmelte Liam, als erinnere er sich an etwas. Dann wurden seine Augen glasig, bevor neue Furcht darin aufflackerte. Langsam wich er zur�ck.</p><p>Jackon bef�rchtete, dass Liam bereits wieder verga�, wer vor ihm stand. So etwas geschah leicht, wenn man keine �bung darin hatte, im Traum seine Gedanken zu fokussieren. Er durfte ihn nicht verwirren. Es war am besten, er hielt das Gespr�ch so kurz wie m�glich.</p><p>�H�r zu. Du bist in gro�er Gefahr. Corvas sucht nach dir.�</p><p>Der Blonde blieb stehen, und sein Blick wurde ein wenig klarer. �Wir haben uns versteckt. Er kann uns nicht finden.�</p><p>�Corvas wei�, dass ihr bei den Manusch seid.�</p><p>�Nicht bei den Manusch. Woanders.�</p><p>Jackon atmete innerlich auf. Entweder besa� Corvas falsche Informationen, oder Liam und seine Freunde waren bereits geflohen. Das war gut, denn es verschaffte ihm die Zeit, die er brauchte.</p><p>�Wo seid ihr jetzt?�</p><p>�Das kann ich dir nicht sagen.�</p><p>Liam schlurfte zu einem Fenster und blinzelte verwundert, als er die anderen Seelenh�user sah. Er hatte offenbar v�llig vergessen, dass er nicht allein war.</p><p>Jackon legte ihm die Hand auf den Arm. Mit gerunzelter Stirn blickte der Blonde ihn an.</p><p>�So geht das nicht. Du musst dich auf mich konzentrieren.�</p><p>�Was ist das f�r eine Stadt da drau�en?� �Die Stadt der Seelen. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Wir m�ssen miteinander reden.�</p><p>�Wor�ber?�</p><p>Es hatte keinen Sinn. Liam besa� keine Erfahrung darin, in den Tr�umen ein Gespr�ch zu f�hren. Er w�rde immer wieder abschweifen und am Ende vermutlich alles vergessen.</p><p>�Pass auf�, sagte Jackon und schaute seinem Freund fest in die Augen. �Wir m�ssen uns in Bradost treffen. Komm morgen Fr�h zu der Gie�erei im Kessel. Du wei�t schon � da, wo wir einen Ausgang gefunden haben, als wir uns in den Kan�len verirrt hatten. Ich erwarte dich dort gegen sieben.�</p><p>Liam l�chelte fl�chtig, als er sich an den Tag ihres Abenteuers erinnerte. �Wir hatten ganz sch�nes Gl�ck damals, was?�</p><p>�Wiederhole, was ich gesagt habe�, verlangte Jackon.</p><p>�Morgen Fr�h um sieben. An der Gie�erei im Kessel.�</p><p>�Ja. Und vergiss es nicht, wenn du aufwachst, h�rst du?�</p><p>�Ich vergesse es nicht�, sagte Liam.</p><p>�Gut. Bis sp�ter.�</p><p>Jackon umarmte seinen Freund und erwachte kurz darauf mit einem L�cheln.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>37</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Eine Falle?</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>L</strong>iam �ffnete die Augen und war sofort hellwach. Licht fiel durch den Vorhang, der die Kammer von den anderen Wohnr�umen abtrennte. Etwas surrte leise: Godfreys Apparate, die Frischluft in das unterirdische Versteck pumpten.</p><p><emphasis>Ich muss zur Gie�erei im Kessel. Um sieben Uhr.</emphasis></p><p>Liam konnte sich nicht erkl�ren, woher dieser Gedanke kam � er war pl�tzlich da und erf�llte ihn mit nerv�ser Unruhe. <emphasis>Ich darf nicht zu sp�t kommen, sonst verpasse ich Jackon.</emphasis></p><p>Jackon?</p><p>Er sah den Rothaarigen so deutlich vor sich, als w�re er ihm gerade begegnet. Hatte er von ihm getr�umt? Liam schloss die Augen und versuchte, sich zu erinnern.</p><p>Ja. Und was f�r ein verr�ckter Traum das gewesen war. Sie hatten sich in der Sternwarte seines Vaters getroffen und geredet. Aber es war nicht die echte Sternwarte gewesen, sondern ein schattenhaftes Ebenbild des Observatoriums, ein bedr�ckendes Gem�uer voller Zwielicht, mit Fenstern, die auf eine gewaltige Metropole wiesen... <emphasis>die Stadt der Seelen</emphasis>.</p><p>Noch so ein Gedanke, der sich fremd anf�hlte, als w�re er ihm eingepflanzt worden.</p><p>Pl�tzlich konnte er sich genau daran erinnern, was Jackon gesagt hatte: <emphasis>Wir m�ssen uns in Bradost treffen. Komm morgen Fr�h zu der Gie�erei im Kessel. Du wei�t schon � da, wo wir einen Ausgang gefunden haben, als wir uns in den Kan�len verirrt hatten. Ich erwarte dich dort gegen sieben.</emphasis> Anschlie�end hatte Jackon ihm eingesch�rft, es auf keinen Fall zu vergessen.</p><p>Was war das f�r ein seltsamer Traum?</p><p>Liam setzte sich auf. Nein, kein Traum. Die Erinnerung daran war viel zu klar. Jackon war wirklich da gewesen. Er hatte es irgendwie geschafft, in seinen Schlaf einzudringen und mit ihm zu sprechen.</p><p><emphasis>Nat�rlich. Wie haben die anderen ihn genannt?</emphasis></p><p>Traumwanderer.</p><p>Liam sprang auf, zog sich hastig an und eilte in den Hauptraum.</p><p>Die anderen waren bereits auf. Lucien und Quindal sa�en mit den Manusch vor dem Kamin und fr�hst�ckten. Alle bis auf Lucien wirkten m�de und unausgeschlafen. Dem Chaos in den Tr�umen konnte man nirgendwo entkommen, auch in Godfreys Versteck nicht.</p><p>�Setz dich zu uns�, forderte Livia ihn auf. �Wir haben Kaffee gemacht.�</p><p>�Wo ist Vivana?�</p><p>�Da. Bei Godfrey.�</p><p>Liam sp�hte auf die Standuhr. Kurz nach sechs. Er hatte noch etwas Zeit. Er stieg die Treppe hinauf, die, ges�umt von Kupferrohren, Eisenstreben und schimmernden Maschinengeh�usen, zu der Plattform hinauff�hrte. Diese lag gut zehn Schritt �ber dem Boden der Halle und bildete gewisserma�en das Herzst�ck der unterirdischen Zuflucht. Nicht nur Godfreys pers�nlicher Wohnbereich befand sich hier oben, sondern auch die Kontrollen der Ger�tschaften.</p><p>Inzwischen konnte sich Liam auch an den Rest seines Traums erinnern. Die d�stere Ruinenlandschaft, die pl�tzlich verschwunden war. Jackons Freude �ber ihr Wiedersehen. Ihre Umarmung zum Abschied. Seine letzten Zweifel schwanden. <emphasis>Ja. Er war wirklich da. Und er will uns helfen.</emphasis></p><p>Der Aethermann sa� an einer Apparatur aus geb�ndelten R�hren und blickte in die trichterf�rmigen �ffnungen. Gestern hatte er Liam vor dem Schlafengehen ein wenig herumgef�hrt und ihm erkl�rt, was es damit auf sich hatte: Die R�hren f�hrten durch das Mauerwerk zu den Tunneln au�erhalb des Verstecks und erm�glichten es Godfrey durch ein raffiniertes System aus Spiegeln, die Umgebung seines Schlupfwinkels auszusp�hen. Verborgene Alarmanlagen warnten ihn, wenn sich jemand der Zuflucht n�herte.</p><p>Vivana war bei ihm. Die beiden stritten.</p><p>�Bitte, Godfrey. Ruac wird keinen �rger machen. Ich passe auf ihn auf. Versprochen.�</p><p>�Nein�, erwiderte der Aethermann. �Es ist zu gef�hrlich. Wie oft soll ich das noch sagen?�</p><p>�Wir binden ihn neben dem Tor an. Dann kann er nichts kaputt machen...� Vivana bemerkte Liam, und ein Schatten huschte �ber ihr Gesicht. Der Vorfall von letzter Nacht machte ihr offenbar immer noch zu schaffen, aber sie schien entschlossen zu sein, sich nichts anmerken zu lassen. Im n�chsten Moment war sie wieder fr�hlich und gab ihm einen Kuss. �Guten Morgen. Na, ausgeschlafen?�</p><p>�Kann ich mit dir reden?�</p><p>�Klar.� Sie gingen zum Rand der Plattform, zum Messinggel�nder, dessen Schn�rkel und Verzierungen wie die Bl�tter und Ranken einer Rosenhecke geformt waren.</p><p>�Hast du geh�rt?� Vivana warf Godfrey einen finsteren Blick zu. �Er will mir verbieten, Ruac zu holen.�</p><p>Liam wollte jetzt nicht �ber den Tatzelwurm reden. �Pass auf, es geht um Jackon. Er ist heute Nacht zu mir gekommen. Im Traum.�</p><p>�Bist du sicher?�, fragte sie mit gerunzelter Stirn.</p><p>�Das ist es doch, was er mit seinen Kr�ften tun kann, oder? Leute in ihren Tr�umen zu besuchen. Jedenfalls will er sich mit mir treffen. Im Kessel. Bei einer Gie�erei hier in der N�he.�</p><p>�Weswegen?�</p><p>�Ich glaube, er m�chte mich vor Lady Sarka warnen.�</p><p>�Wozu? Wir wissen doch, dass sie uns sucht.�</p><p>�Aber das zeigt, dass er auf unserer Seite steht! Vielleicht hat er inzwischen eingesehen, dass es ein Fehler ist, ihr zu helfen.�</p><p>Vivana wirkte nicht �berzeugt. �Ich wei� nicht... Wir sollten mit den anderen dar�ber sprechen.�</p><p>�Sie werden doch nur wieder versuchen, es mir auszureden. Dein Vater war von Anfang an dagegen, dass ich Jackon treffe.�</p><p>�Trotzdem. Diese Sache geht alle an.�</p><p>Widerwillig sah Liam ein, dass sie recht hatte. Er hatte sich so lange allein durchgeschlagen, dass er sich nur schwer daran gew�hnte, seine Gef�hrten in seine Pl�ne einzubeziehen. �Na sch�n. Reden wir mit ihnen.�</p><p>Kurz darauf sa�en sie mit Godfrey bei den anderen am Fr�hst�ckstisch. Liam erz�hlte, was geschehen war, sowie von seiner Absicht, Jackon zu treffen.</p><p>Erwartungsgem�� sagte Vivanas Vater: �Ich halte das f�r keine gute Idee. Sieht mir nach einer Falle aus, wenn du mich fragst.�</p><p>�Das glaube ich nicht. Jackon war �bergl�cklich, mich zu sehen. Er hat mir das nicht vorgespielt.�</p><p>�Und wieso taucht er ausgerechnet jetzt auf, w�hrend Lady Sarka uns sucht? Wenn ihm so viel an dir liegt, warum hat er deine Tr�ume nicht schon vor Wochen besucht?�</p><p>�Damit tust du dem Jungen unrecht, Nestor�, sagte Livia. �Liam hat nicht getr�umt, w�hrend er im Pand�monium war. Jackon konnte ihn gar nicht besuchen. Ich finde, Liam sollte zu dem Treffen gehen. Er sollte sich wenigstens anh�ren, was Jackon zu sagen hat. Wenn er ihn �berzeugen kann, sich uns anzuschlie�en � umso besser. Wir sollten nicht vergessen, dass wir vermutlich auf seine Hilfe angewiesen sind.�</p><p>�Trotzdem ist an Nestors Einwand was dran�, meinte Lucien. �Ganz ungef�hrlich ist die Sache nicht. Das ist nicht mehr der Jackon, den du kennst, Liam. Du kannst ihn nicht einsch�tzen. Lass einen von uns mitkommen. Nur zur Sicherheit.�</p><p>�Ich komme mit�, sagte Vivana.</p><p>�Nein�, widersprach ihr Vater entschieden. �Du bleibst hier.�</p><p>Sie setzte zu einer �rgerlichen Erwiderung an, doch Lucien kam ihr zuvor: �Es ist besser, wenn ich ihn begleite. Ich kann Liam notfalls besch�tzen, falls es �rger gibt.�</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte Liam. �Jackon geht davon aus, dass ich allein komme. Vielleicht f�hlt er sich hintergangen, wenn ich jemanden mitbringe.�</p><p>�Ich sorge schon daf�r, dass er mich nicht sieht.�</p><p>Liam dachte dar�ber nach. Luciens Vorschlag klang vern�nftig. �Also gut. Aber wir sollten gleich losgehen. Sonst komme ich zu sp�t.�</p><p>Sie schl�pften in ihre Kapuzenumh�nge. Lucien legte au�erdem den G�rtel mit seinen Messern an.</p><p>�Sei vorsichtig, ja?�, fl�sterte Vivana und dr�ckte Liams Hand.</p><p>Godfrey ging mit ihnen zum Portal. �Kennst du den Weg nach oben?�</p><p>�Ja�, antwortete Lucien.</p><p>Der Aethermann legte den Hebel um, und das Tor �ffnete sich zischend wie die Schleuse eines gewaltigen Stauwerks.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>38</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Liam und Jackon</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>L</strong>iam und Lucien verlie�en die Kan�le am Rand des Kessels, wo der Tunnel in ein altes Abwassersammelbecken m�ndete. In der Nacht hatte es wieder geregnet, und zwischen den Haufen aus Schutt bildete das Wasser rostige Pf�tzen. Zwei zerlumpte Schlammtaucher w�hlten im M�ll und verschwanden in einem der mannshohen Rohre, als ein Arbeiter, der zuf�llig des Weges kam, fluchend einen Stein nach ihnen warf.</p><p>Lucien machte sich unauff�llig, bevor sie ins Freie traten. Liam eilte mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze die Treppe hinauf und stapfte durch den grauen Morgen.</p><p>Rauch und goldener Aetherdampf hingen zwischen den Bleid�chern der Manufakturen. Aus den Toren und Hinterh�fen drangen H�mmern, Gebr�ll und das Stampfen der Maschinen. Eine gereizte Stimmung lag in der Luft. Viele Arbeiter sahen aus, als h�tten sie seit Tagen nicht geschlafen. Zwei Mechaniker mit ger�teten Augen stritten lautstark und begannen, sich auf offener Stra�e zu pr�geln, bis ein bulliger Vorarbeiter sie mit Gewalt trennte und in die Werkhalle zur�ckscheuchte. Liam w�nschte, er k�nnte sich wie Lucien unauff�llig machen. Es war noch nie angenehm gewesen, sich im Kessel aufzuhalten � jetzt aber war es gef�hrlich.</p><p>Er hielt sich von den belebten Stra�en fern und gelangte kurz darauf zu der Gie�erei. Zu seiner �berraschung waren Fenster und Tore des Geb�udes vernagelt. Offenbar hatte man die Fabrik vor Kurzem stillgelegt. Liam ging zu der Seitengasse, wo sich der Nebeneingang befand, durch den Jackon und er damals geflohen waren. Ein Loch klaffte im morschen Holz der T�r. Verwischte Stiefelspuren befanden sich im Schmutz auf dem Pflaster.</p><p>�Geh allein hinein�, erklang Luciens Stimme aus dem Nichts. �Ich warte hier auf dich.�</p><p>�Wieso kommst du nicht mit?�</p><p>�Jackon hat Magie im Blut. Er kann mich sehen. Ruf mich, wenn es Probleme gibt.�</p><p>Liams Herz klopfte heftig, als er sich durch den Spalt zw�ngte. F�r ihn war es erst ein paar Tage her, dass er Jackon das letzte Mal gesehen hatte, f�r seinen Freund dagegen waren seitdem mehrere Monate vergangen � sehr ereignisreiche Monate obendrein. Er konnte �berhaupt nicht einsch�tzen, was ihn erwartete.</p><p>Stille erf�llte die d�mmrige Halle. Die Hoch�fen waren erkaltet, die Maschinen setzten Staub und Rost an. Liam konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie aus dem Schacht gekrochen waren, heilfroh, endlich einen Ausgang aus dem unterirdischen Labyrinth gefunden zu haben. Was f�r ein Tag das gewesen war! Die Arbeiter hatten sie f�r Ghule gehalten. Einer h�tte Jackon sogar um ein Haar den Sch�del eingeschlagen, wenn Liam nicht dazwischengegangen w�re. Sie waren gerannt wie der Teufel und hatten anschlie�end gelacht, bis sie keine Luft mehr bekamen.</p><p>An jenem Tag waren sie Freunde geworden. <emphasis>Sind wir das immer noch?</emphasis>, fragte er sich bang.</p><p>Er schlug seine Kapuze zur�ck. Rost knirschte unter seinen Sohlen. Viele Maschinen hatte man ausgeschlachtet, und ihre Blechverkleidungen lagen herum wie die ausgeh�hlten Geh�use riesiger Insekten.</p><p>�Jackon?�, rief er in die Stille hinein.</p><p>Eine Gestalt erschien zwischen den Hoch�fen.</p><p>�Liam.� Jackon l�chelte sch�chtern. �Du bist gekommen.�</p><p>F�r einen Moment standen sie schweigend da, und jeder musterte den anderen. Dann umarmten sie einander z�gernd.</p><p>Wie anders Jackon aussah... Anstelle seiner schlichten Arbeitskleider trug er nun einen feinen Gehrock mit Halbstiefeln und Gamaschen. Seinen Hut hatte er unter den Arm geklemmt, sein widerspenstiges rotes Haar war kurz geschnitten und mit Pomade gescheitelt. Doch nicht nur sein �u�eres hatte sich ver�ndert. Er wirkte selbstbewusster und nicht mehr so unscheinbar, und in seinem Gesicht lag ein Zug, der fr�her nicht da gewesen war. Ein herrischer Zug, stellte Liam fest. Unwillk�rlich musste er an Luciens Worte denken: <emphasis>Das ist nicht mehr der Jackon, den du kennst.</emphasis></p><p>�Bist du allein?�</p><p>�Ja�, antwortete Jackon. Die n�chsten Worte sprudelten nur so aus ihm heraus: �Bei Tessarion, wo warst du denn die ganze Zeit? Alle haben gedacht, du w�rst verbrannt!�</p><p>�Ich war im Pand�monium.�</p><p>�Was?�</p><p>�Seth hat das getan. Er hat mich durch eine Art Tor gesto�en. Aber ich konnte entkommen. Vivana und Lucien haben mir geholfen.�</p><p>�Du machst Witze, oder?�</p><p>�Es ist die Wahrheit. Ich schw�re es.�</p><p>Jackon biss sich auf die Lippe und blickte ihn verlegen an. �Du brauchst mich nicht anzul�gen, Liam. Ich wei�, was los ist.�</p><p>�So?�</p><p>�Du hast das Buch gestohlen und bist untergetaucht. Ich wei� auch, dass du nicht Liam Hugnall hei�t, sondern Liam Satander, und dass du gar nicht aus Torle kommst. Das stimmt doch, oder?�</p><p>Liam gab auf. Sollte Jackon glauben, was er wollte. Es machte keinen Unterschied.</p><p>Der Rothaarige interpretierte sein Schweigen offenbar als Zustimmung. �Wieso hast du mir das verschwiegen?�</p><p>�Es ging nicht anders. Dich einzuweihen w�re zu gef�hrlich gewesen.�</p><p>�Na ja. Macht nichts�, murmelte der Rothaarige. �Ich habe dir ja auch nicht alles gesagt.�</p><p>�Das kann man wohl sagen�, meinte Liam. �Ein Traumwanderer, was?�</p><p>�Genau.�</p><p>�Wie kam es dazu? Ich meine, woher hast du diese... Kr�fte?�</p><p>�Keine Ahnung. Sie sind einfach da.� Jackon z�gerte, bevor er fortfuhr. �Fr�her war ich ein Schlammtaucher, musst du wissen. Ich habe in den Kan�len gewohnt, in der Grambeuge. Lady Sarka hat mich gefunden und in den Palast geholt. Sie hat mir geholfen, meine Kr�fte richtig zu benutzen.�</p><p>�Du stehst jetzt in ihren Diensten, habe ich geh�rt.�</p><p>�Ich geh�re zu ihrer Leibwache. Ich wohne jetzt bei Umbra, Corvas und Amander. Ich habe sogar einen eigenen Diener.�</p><p>�Das klingt, als w�rde es dir gefallen.�</p><p>�Es ist eine gute Arbeit. Die Herrin sorgt f�r uns. Und die Leute respektieren mich.�</p><p>Ja, Jackon hatte sich ver�ndert. Und nicht zum Guten, ahnte Liam. �Aber es ist falsch, Jackon.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Na, sieh doch, was sie aus Bradost gemacht hat.�</p><p>�Sie ist eine gute Herrscherin�, erkl�rte Jackon seltsam steif, beinahe so, als gebe er etwas Auswendiggelerntes wieder. �Sie sorgt f�r Ordnung und Wohlstand.�</p><p>Liam konnte nicht glauben, was er da h�rte. �Das ist nicht dein Ernst, oder? Sie wirft jeden ins Gef�ngnis, der ihr nicht passt. Sie l�sst Leute umbringen.�</p><p>�Sie hat eben viele Feinde. Wer auf ihrer Seite steht, hat nichts zu bef�rchten.�</p><p>�Und was ist mit meinem Vater? Corvas hat ihn ermordet, nur weil er ein Buch gesucht hat!�</p><p>�Das war ein Unfall.�</p><p>�Ein <emphasis>Unfall</emphasis>?� Liam musste sich beherrschen, nicht zu schreien.</p><p>Jackon f�hlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. �Umbra hat mir davon erz�hlt. Corvas wollte deinen Vater nur befragen. Wenn er sich nicht gewehrt h�tte, w�re das nicht passiert.�</p><p>�Corvas wollte ihn verhaften! Du wei�t genau, was sie im Ministerium der Wahrheit mit ihm gemacht h�tten.�</p><p>Der Rothaarige fingerte nerv�s an seinem Hut herum. �Ich verstehe ja, dass dich das w�tend macht und dass du trauerst und so�, sagte er. �Aber deswegen darfst du nicht denselben Fehler machen.�</p><p>�Fehler? Was denn f�r einen Fehler?�</p><p>�Das Gelbe Buch. Du musst es zur�ckgeben. Dann l�sst Lady Sarka vielleicht Gnade walten.�</p><p>Liam sog scharf die Luft ein. Nicht zu fassen, dass Jackon all diese Dinge wirklich glaubte, die er da von sich gab. �Deswegen bist du also hier, ja?�, fragte er mit m�hsam unterdr�ckter Wut. �Um das Buch zur�ckzuholen. Sie hat dich hergeschickt, richtig?�</p><p>�Nein! Sie wei� nicht einmal, dass ich hier bin�, beteuerte Jackon. �Du musst mir glauben, Liam. Bitte. Ich will dir doch nur helfen.�</p><p>�Indem du mich aufforderst, mich der Gnade deiner Herrin auszuliefern?�</p><p>�Ich will nur, dass du vern�nftig bist.�</p><p>Liams Zorn verschwand und wich einem Gef�hl der Ratlosigkeit. Er wusste allm�hlich nicht mehr, was er noch sagen sollte. Er hatte ein freudiges Wiedersehen erwartet, ein Zusammentreffen alter Freunde � und nun das. �Ich frage mich, was Lady Sarka mit dir gemacht hat, dass du so blind geworden bist.�</p><p>�Ich bin nicht blind. Wieso denkst du, ich bin blind?�</p><p>�Begreifst du denn nicht, was gerade geschieht? Sie zerst�rt die Tr�ume. Ihretwegen werden die Leute langsam verr�ckt, und alles geht den Bach runter. Und du nennst sie eine gute Herrscherin!�</p><p>�Das Durcheinander in den Traumlanden wird sich bald legen. Sie muss erst lernen, mit ihrer Macht zurechtzukommen.�</p><p>�Gar nichts wird sich legen. Es wird immer schlimmer werden. Wei�t du, was Lucien herausgefunden hat? Durch das Chaos in den Tr�umen brechen die Mauern des Pand�moniums auf. Bald wimmelt es �berall von D�monen.�</p><p>�Was?� Jackon l�chelte irritiert. �Erwartest du im Ernst, dass ich das glaube? D�monen und Tr�ume... das hat doch �berhaupt nichts miteinander zu tun.�</p><p>�Frag Lucien. Er hat mit Aziel gesprochen. Und der wird es wohl wissen, oder?�</p><p>�Er war bei Aziel? Wo ist er?�</p><p>�Er ist gestorben. Seine Niederlage hat ihn zu sehr geschw�cht.�</p><p>�Oh�, murmelte Jackon.</p><p>�Das hast du nicht gewollt, was?�</p><p>�Ich hatte Angst vor ihm. Ich habe ihn verjagt, damit er mir nichts mehr tun kann.�</p><p>Liam unternahm einen letzten Versuch. �Es wird noch mehr passieren, das du nicht gewollt hast. Du musst etwas unternehmen, Jackon. H�r auf, f�r Lady Sarka zu arbeiten. Sie benutzt dich doch nur. Komm mit mir. Gemeinsam schaffen wir es vielleicht, sie aufzuhalten.�</p><p>�Du willst, dass ich mich gegen sie stelle?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Das ist Verrat.�</p><p>�Es ist das einzig Richtige.�</p><p>Eine Zornesfalte erschien zwischen Jackons Augenbrauen. �Ach ja? Woher willst du das wissen?�</p><p>�Weil sie eine Despotin ist. Eine M�rderin. Und weil sie uns alle ins Verderben st�rzen wird.�</p><p>�H�r auf! Ich lasse nicht zu, dass du so �ber sie redest.�</p><p>�Siehst du. Das meine ich. Du bist v�llig verblendet.�</p><p>Jackon bekam einen hochroten Kopf. �Daf�r bin ich nicht der Sohn eines Verr�ters und Aufr�hrers!�, stie� er hervor.</p><p>�Lass meinen Vater aus dem Spiel.�</p><p>�Du bist doch auch nicht besser. Gib�s doch zu: Wahrscheinlich hast du dir gew�nscht, dass die Attent�ter sie umgebracht h�tten.�</p><p>�Das w�re f�r uns alle das Beste gewesen.�</p><p>�Du solltest dich mal h�ren!�</p><p>�Und du erst�, gab Liam zur�ck.</p><p>Jackon setzte zu einer heftigen Erwiderung an, doch der Zorn schien ihm die Stimme abzuschn�ren.</p><p>Liam begriff, dass er zu weit gegangen war. Er h�tte all diese Dinge nicht sagen d�rfen. Damit hatte er alles nur noch schlimmer gemacht. �Sieh uns an�, murmelte er. �Da sehen wir uns endlich wieder, und was tun wir? Uns anbr�llen. Wir sind doch Freunde.�</p><p>Er hoffte, Jackon damit zu bes�nftigen, aber der Rothaarige war viel zu w�tend und verletzt. �So � sind wir das�, meinte er gedehnt.</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Du verschwindest monatelang, und als du wieder auftauchst, hast du nichts Besseres zu tun, als mich zum Verrat anzustiften. Ein sch�ner Freund, wirklich.�</p><p>�Ich will dich zu nichts anstiften. Ich will doch nur...� Liam unterbrach sich, als er sp�rte, dass seine Worte gar nicht zu Jackon durchdrangen.</p><p>Der Rothaarige setzte mit einer zornigen Bewegung seinen Hut auf. �Tut mir leid, dass ich hergekommen bin. Das war eine dumme Idee. Mach�s gut.�</p><p>Er ging.</p><p>�Jetzt warte doch�, rief Liam. �Jackon, bitte. Du machst einen Fehler.�</p><p>�Lass es mich wissen, wenn du zur Vernunft gekommen bist. Aber warte damit nicht zu lange. Wenn du im Gef�ngnis sitzt, ist es zu sp�t.�</p><p>Der Rothaarige schob sich durch den Spalt in der T�r und lie� Liam allein im Halbdunkel der Werkhalle zur�ck.</p><p>Niedergeschlagen betrachtete Liam die Fu�spuren, die Jackon im Staub und Rost hinterlassen hatte. Er hatte gewusst, dass es nicht leicht werden w�rde, seinen alten Freund davon zu �berzeugen, sich ihnen anzuschlie�en � Jackon war noch jung und beeinflussbar, und Lady Sarka hatte sich gro�e M�he gegeben, ihn gef�gig zu machen. Doch damit hatte er nicht gerechnet. Jackon schien seine Herrin regelrecht zu verg�ttern, war blind und taub f�r das Unheil, das sie anrichtete, und weigerte sich strikt, seinen Anteil daran zu sehen.</p><p>Liam h�tte nie gedacht, dass ihre Freundschaft einmal so enden w�rde.</p><p>Er zog seine Kapuze �ber und verlie� die Gie�erei. Drau�en nieselte es.</p><p>�Lucien?�, fl�sterte er in der Seitengasse.</p><p>�Ich bin hier�, sagte der Alb. Wenn Liam sich anstrengte, konnte er die schemenhaften Umrisse einer Gestalt erkennen.</p><p>�Jackon hat dich doch nicht gesehen, oder?�</p><p>�Keine Angst. Ich habe mich versteckt, als er rauskam.�</p><p>Sie gingen zum Sammelbecken zur�ck.</p><p>�Er will uns nicht helfen�, sagte Liam.</p><p>�Ich wei�. Ich habe es geh�rt.�</p><p>�Warum, Lucien? Wie kann es sein, dass jemand so blind ist?�</p><p>�Lady Sarka hat gute Arbeit geleistet, sch�tze ich.�</p><p>�Und jetzt?�, fragte Liam ratlos.</p><p>�Lass uns zu den anderen zur�ckgehen, dann sehen wir weiter.�</p><p>Er achtete darauf, dass niemand ihn beobachtete oder ihm folgte, als er in das Sammelbecken hinabstieg. Eine halbe Stunde sp�ter erreichten sie das Tor von Godfreys Versteck. Godfrey musste sie mithilfe seiner Apparaturen gesehen haben, denn das Portal �ffnete sich, ohne dass sie angeklopft hatten.</p><p>Wenig sp�ter hatte Liam seinen Gef�hrten erz�hlt, was geschehen war. Bedr�cktes Schweigen schloss sich an.</p><p>�Das war sie also, unsere letzte Chance�, meinte Quindal m�rrisch.</p><p>�Sei nicht so pessimistisch�, erwiderte Vivana. �Es muss doch etwas geben, das wir tun k�nnen.�</p><p>�Ich f�rchte, diesmal hat dein Vater Recht�, sagte Livia. �Ohne Jackon haben wir keine M�glichkeit, die Tr�ume vor Lady Sarka zu retten. Es sei denn, du traust dir zu, sie herauszufordern�, wandte sie sich an Lucien.</p><p>�Ich kann die Traumlanden zwar betreten, aber seit meiner Verbannung sind meine F�higkeiten dort begrenzt�, entgegnete der Alb. �Sie ist zu stark f�r mich.�</p><p>�Obwohl sie ihre Kr�fte nicht richtig nutzen kann?�, fragte Liam.</p><p>�Selbst eine schwache Herrscherin der Tr�ume ist ein machtvoller Gegner. Und ich bin inzwischen mehr Mensch als Alb, f�rchte ich.�</p><p>�K�nntest du es mit Jackon aufnehmen?�, wollte Quindal wissen. �Nur f�r den Fall, dass er seine Kr�fte benutzt, um uns zu schaden�, f�gte er hinzu, als Liam ihn erschrocken anblickte.</p><p>�Das wird er nicht tun�, sagte Liam.</p><p>�Bist du dir da so sicher? Er hat doch jetzt gezeigt, auf wessen Seite er steht.�</p><p>Gestern noch h�tte Liam diese Frage eindeutig mit Ja beantwortet. Aber jetzt? Er wusste es nicht. Es kam ihm so vor, als h�tte er in der Gie�erei eine v�llig andere Person getroffen.</p><p>�Was, wenn er irgendwie herauszufindet, wo wir uns verstecken?�, fuhr der Erfinder fort.</p><p>�W�re das m�glich?�, fragte Vivana Lucien.</p><p>�Nat�rlich. Tr�ume spiegeln eure geheimsten W�nsche und Gedanken wider. Ein Beobachter kann leicht Schl�sse daraus ziehen.�</p><p>�Also, was sollen wir machen?�, fragte Madalin. �Nicht mehr schlafen?�</p><p>�Zun�chst einmal betrifft das nur Liam und Vivana, vielleicht noch Nestor�, erwiderte der Alb. �Den Rest von euch kennt Jackon nicht. Ich glaube nicht, dass ihr in Gefahr seid. Und nicht zu schlafen ist nat�rlich keine L�sung. Es gen�gt, wenn ihr eure Tr�ume unterdr�ckt. Es gibt Tr�nke, die das bewirken.�</p><p>�Allerdings sind sie nicht ungef�hrlich�, gab Livia zu bedenken.</p><p>�Nur wenn man sie �ber mehrere Wochen regelm��ig einnimmt. Ein paar Tage d�rften kein Problem sein. Und bis dahin haben wir vielleicht eine andere L�sung gefunden.�</p><p>�K�nntest du so einen Trank brauen?�, erkundigte sich Vivana bei ihrer Tante.</p><p>�Dazu m�sste ich erst die Ingredienzen besorgen. Ich sch�tze, es ist einfacher, einen im Chymischen Weg zu kaufen.�</p><p>�Darum k�mmere ich mich�, bot Godfrey an.</p><p>�Also gut�, sagte Livia widerstrebend. �Vivana und Nestor nehmen den Trank. Aber Liam nicht.�</p><p>�Warum?�, fragte Liam.</p><p>�Du bist immer noch geschw�cht und brauchst gesunden Schlaf. Dazu geh�rt, dass du tr�umst.�</p><p>�Dann machen wir es anders�, sagte Lucien. �Ich passe auf sein Seelenhaus auf, w�hrend er schl�ft. Wenn Gefahr droht, wecke ich ihn. Einverstanden, Liam?�</p><p>Es war noch keine zwei Stunden her, da hatte Liam gedacht, Jackon w�re sein Freund � und jetzt brauchte er auf einmal ein Schattenwesen, das ihn vor dem Rothaarigen besch�tzte. �Wenn ihr das f�r n�tig haltet�, meinte er. Dann schob er seinen Stuhl zur�ck und stand auf.</p><p>�Wo willst du hin?�, fragte Vivana.</p><p>�Ich muss ein paar Minuten allein sein�, murmelte Liam und schlurfte zu seiner Unterkunft.</p><empty-line/><empty-line/><p>Eine Stunde sp�ter sa� Lucien in einer Ecke der Halle und sch�rfte seine Messer. Es half ihm beim Nachdenken.</p><p>Seine menschlichen Gef�hrten taten �hnliche Dinge. Einige hatten sich hingelegt, andere schlugen die Zeit tot, indem sie ihre Kleider wuschen oder Geschirr sp�lten. Jeder versuchte auf seine Weise, mit der Ausweglosigkeit fertigzuwerden. Sie taten ihm leid. Er konnte in der Anderwelt Zuflucht suchen, wenn es ihm in der Welt der Menschen zu gef�hrlich wurde. Alles, was er daf�r tun musste, war, mit dem Harlekin zu reden. Seine Freunde hatten diese M�glichkeit nicht. Sie mussten hierbleiben, egal, was geschah.</p><p>Er war zornig. Auf sein Volk, auf Lady Sarka, auf alle, die die Verantwortung daf�r trugen, dass es so weit gekommen war. Auch auf sich selbst, weil er nicht fr�her eingegriffen hatte.</p><p>Aber vielleicht gab es noch eine winzige Chance.</p><p>Lucien dachte an Geschichten, die so alt waren, dass sich kaum jemand an sie erinnerte. An Spiegel in der Dunkelheit. Bleiche Gesichter. Vergessene Fl�che.</p><p>Vielleicht konnten <emphasis>sie</emphasis> helfen. Allerdings verlangten <emphasis>sie</emphasis> immer einen Preis.</p><p>Er brauchte mehr Zeit. Musste sich umh�ren, Nachforschungen anstellen, Gefahren abw�gen.</p><p>Der Wetzstein glitt �ber schimmernden Stahl, vom Heft zur Spitze, wieder und wieder.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>39</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Der Preis der Macht</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>M</strong>it hochgezogenen Schultern und gesenktem Kopf stapfte Jackon durch den Nieselregen, die F�uste in den Manteltaschen geballt, die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Die N�sse durchweichte seine Kleidung und drang ihm bis auf die Haut, doch er sp�rte sie genauso wenig wie den feuchtkalten Wind, der ihm ins Gesicht blies.</p><p><emphasis>Gemeinsam schaffen wir es vielleicht, sie aufzuhalten</emphasis>, hallten Liams Worte in ihm nach. <emphasis>Sieh doch, was sie aus Bradost gemacht hat... Eine Despotin... Eine M�rderin...</emphasis></p><p>So redete ein Verschw�rer, ein Aufr�hrer und Verr�ter. Die Attent�ter hatten sich wahrscheinlich genauso angeh�rt, als sie zusammensa�en, um den Mordanschlag auf Lady Sarka zu planen. Unfassbar, dass Liam glaubte, er k�nnte ihn dazu bringen, bei so einer t�richten und irrwitzigen Idee mitzumachen. Er musste ihn f�r einen Narren und Einfaltspinsel halten, schlimmer noch: f�r jemanden, der mir nichts, dir nichts jemanden verriet, der so viel f�r ihn getan hatte.</p><p>Dabei war Liam immer so vern�nftig gewesen. Als Jackon heute Morgen zur Gie�erei gegangen war, hatte er keinen Moment daran gezweifelt, dass er seinen alten Freund davon �berzeugen k�nnte, das Buch zur�ckzugeben. Nicht im Traum hatte er mit so viel Zorn und Verbitterung gerechnet. Gewiss, Liam hatte seinen Vater verloren, aber deshalb warf man doch nicht gleich sein ganzes Leben fort. Au�erdem war es ungerecht, Lady Sarka die Schuld daran zu geben. H�tte Liams Vater nicht nach dem Buch gesucht, w�re er noch am Leben. Deswegen gegen die Lady zu k�mpfen, war nicht nur falsch, es war einfach dumm.</p><p>So dumm...</p><p>Die Wut, die Jackon beim Verlassen der Gie�erei versp�rt hatte, wich dumpfer Traurigkeit. Liam hatte ihm klargemacht, wo er stand, und w�rde seine Meinung niemals �ndern. Er hasste Lady Sarka und war ihr Feind.</p><p>Wie konnten sie unter diesen Umst�nden Freunde sein?</p><p>Die Antwort war so simpel wie eindeutig: gar nicht. In dem Augenblick, als er durch die T�r gegangen war, hatte er den einzigen Freund verloren, den er je gehabt hatte.</p><p>Wie bet�ubt schlurfte er durch die Altstadt, nahm keine Notiz von den Menschen in den Gassen, bemerkte es nicht, wenn jemand ihn gr��te. Das Palastgeb�ude betrat er durch einen Nebeneingang, den weder die Diener noch Umbra und die anderen je benutzten. Er wollte niemandem begegnen, mit niemandem sprechen. In seinem Zimmer schloss er die T�r hinter sich ab, zog seine nassen Sachen aus und legte sich aufs Bett.</p><p>Feine Regentropfen prasselten gegen die Fensterscheiben. Hinter den Wasserschlieren auf dem Glas wirkten die B�ume und die fernen Stadth�user verschwommen und unwirklich, wie ein Gem�lde, dessen Farben verliefen.</p><p>Er w�nschte, dies w�re ein Traum. Im Traum m�sste er nur mit den Fingern schnippen, und alles w�re so, wie es sein sollte. Es g�be kein Buch, keinen sinnlosen Hass, und Liam und er s��en in der Sonne unter den B�umen und w�rden sich lachend an ihre Abenteuer in den Kan�len erinnern. Aber dies war die Wachwelt, und es gab nichts, das er tun konnte.</p><p>Nichts.</p><p>Energisches Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken.</p><p>�Mach die verdammte T�r auf, Jackon!�, befahl Lady Sarka.</p><p>Seufzend fragte er sich, was jetzt wieder geschehen war. Er zog ein frisches Wams und trockene Hosen an und schloss auf. Lady Sarka rauschte an ihm vorbei ins Zimmer.</p><p>�Wo warst du heute Morgen?�, fuhr sie ihn an.</p><p>Jackon erstarrte innerlich. Konnte es sein, dass sie davon wusste? Er war doch so vorsichtig gewesen. �Na, hier�, antwortete er und spielte den Ahnungslosen.</p><p>�L�g mich nicht an! Ich habe gesehen, dass du den Palast verlassen hast.�</p><p>�Ich konnte nicht schlafen und habe einen Spaziergang gemacht.� Er zuckte mit den Achseln. �Mache ich manchmal.�</p><p>�Zum Kessel? Bei str�mendem Regen?�</p><p>�Wer hat Euch gesagt, dass ich im Kessel gewesen bin?�</p><p>�Eine von Corvas� Kr�hen.�</p><p>Ihm war, als setze sein Herz einen Schlag aus. �Ihr... lasst mich beobachten?�</p><p>�F�r wie dumm h�ltst du mich?�, fragte Lady Sarka, und ihre Augen glitzerten wie Eiskristalle. �Hast du wirklich gedacht, du k�nntest mich hintergehen?�</p><p>�Ich habe Euch nicht...�</p><p>�Du bist ein lausiger L�gner�, unterbrach sie ihn scharf. �Gestern Abend, als es dir angeblich so schlecht ging, dass du dich hinlegen musstest � da bist du doch zum Seelenhaus deines Freundes gegangen, richtig? Wie lange verheimlichst du mir schon, dass er wieder tr�umt?�</p><p>Jackon �ffnete den Mund, aber seine Stimme versagte ihm ihren Dienst. �Ihr... wart dort?�, brachte er schlie�lich hervor.</p><p>�Nein. Aber ich habe es in deinen Augen gesehen. Ich kann in dir lesen wie in einem offenen Buch, falls du es noch nicht gemerkt hast.�</p><p>Er f�rchtete, seine Knie k�nnten unter ihm nachgeben. Langsam sank er in den Sessel.</p><p>�Wie lange?�, wiederholte sie.</p><p>�Ich wollte Euch nicht bel�gen, Herrin�, stammelte er. �Es ist nur so, dass ich... Liam und ich sind... ich meine... Ich dachte, ich m�sste etwas unternehmen, und da...�</p><p>�Hast du ihn gewarnt, damit er sich rechtzeitig in Sicherheit bringen kann.�</p><p>�Nein! So war es nicht. Wirklich!�</p><p>�Wieso hast du dich dann mit ihm in der Gie�erei getroffen?�</p><p>�Gie�erei?�, echote er schwach.</p><p>�Die Kr�he hat gesehen, wie er kurz nach dir das Geb�ude verlassen hat�, sagte die Lady.</p><p>Jackon schluckte. Es hatte keinen Sinn, es abzustreiten. Sie wusste alles. Er versp�rte ein seltsames Ziehen, das in der Nackengegend begann und sich bis unter seine Sch�deldecke fortpflanzte. Wurde er jetzt ohnm�chtig? Vielleicht w�re das am besten.</p><p>�Also, was habt ihr dort getrieben?�</p><p>�Nichts. Nur geredet. Ich wollte ihn dazu bringen, sich zu stellen und das Buch zur�ckzugeben. Aber das wollte er nicht. Wir haben uns gestritten, und dann bin ich gegangen.�</p><p>�Weswegen habt ihr gestritten?�</p><p>�Er wollte mich �berreden, Euch zu verraten.�</p><p>�Aber das hast du abgelehnt.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�War das alles?�</p><p>Angestrengt versuchte Jackon, sich an das Gespr�ch zu erinnern. Seine Gedanken wirbelten so wild durcheinander, dass es ihm kaum gelang, einen davon festzuhalten. �Liam hat komische Sachen gesagt. Dass durch das Durcheinander in den Tr�umen irgendwelche Mauern zusammenbrechen und es bald �berall von D�monen wimmelt. Und dass man Euch aufhalten m�sste, um das zu verhindern.�</p><p>�Welche Mauern?�</p><p>�Die des Pand�moniums.�</p><p>�Diesen Unsinn hast du geglaubt?�</p><p>�Nicht so richtig.� Er befeuchtete seine Lippen. �Ist es denn Unsinn?�</p><p>Lady Sarka gab keine Antwort. �Und danach bist du einfach gegangen?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Hast du ihn wenigstens gefragt, wo er sich versteckt?�</p><p>�Nein. Er h�tte es mir ohnehin nicht verraten.�</p><p>�L�gst du schon wieder?�, fragte sie bohrend.</p><p>�Ich wei� nicht, wo Liam hingegangen ist�, beteuerte er. �Wirklich nicht!�</p><p>Lady Sarka blickte ihn stechend an. Am liebsten w�re er im Polster des Sessels versunken. �Dann finde es heraus�, befahl sie schlie�lich.</p><p>Er blinzelte. Es dauerte einen Moment, bis ihm klar wurde, was sie da von ihm verlangte. �Das... das kann ich nicht�, sagte er.</p><p>�Nat�rlich kannst du. Wof�r hast du denn deine F�higkeiten? Heute Nacht gehst du wieder zu seinem Seelenhaus und schaust dir seine Tr�ume an. Bestimmt findest du irgendeinen Anhaltspunkt, wo sie sich verkrochen haben. Oder du bringst ihn dazu, es dir zu sagen. Lass dir eben etwas einfallen. Aber nimm dich vor dem Alb in Acht. Er ist schlau; er wird sich denken, was wir vorhaben. Vermutlich passt er auf Liam auf.�</p><p>�Und wenn Liam mich erkennt?�</p><p>�Sorgst du eben daf�r, dass das nicht passiert. Jetzt sei doch nicht so schwer von Begriff!�</p><p>Jackon schluckte erneut. Dann sch�ttelte er den Kopf. �Das geht nicht.�</p><p>�Ach nein? Und wieso nicht, wenn ich fragen darf?�</p><p>�Ich liefere niemanden aus. So etwas tut man einfach nicht.�</p><p>�Sie sind Verr�ter! Feinde! Sie w�rden mich t�ten, wenn sie k�nnten. Dein Anstand in Ehren, aber er ist hier reichlich fehl am Platz.�</p><p>�Trotzdem. Es ist nicht richtig.� Eine mahnende Stimme in seinem Kopf sagte ihm, dass es Wahnsinn war, was er gerade tat. Nicht einmal Umbra und Corvas wagten es, sich so offen gegen Lady Sarka zu stellen. Doch er konnte nicht aufh�ren. Er f�hlte sich wie jemand, der schnurstracks auf einen Abgrund zuschritt und trotzdem nicht in der Lage war, stehen zu bleiben.</p><p>�Ich glaube, du begreifst nicht, worum es hier geht�, sagte sie schneidend. �Das Buch ist gef�hrlich. In den falschen H�nden kann es unermesslichen Schaden anrichten. Willst du das?�</p><p>�Nein. Aber ich will auch nicht, dass Liam meinetwegen ins Gef�ngnis kommt. Auch wenn er es vielleicht verdient hat.�</p><p>Lady Sarkas Zorn war so intensiv, dass Jackon ihn k�rperlich sp�ren konnte. Seine Wangen brannten, und das Atmen fiel ihm schwer. �Du denkst, er ist immer noch dein Freund, was? Du kleiner, dummer Narr. Er hat dich betrogen. Er wollte dich benutzen. W�re er an deiner Stelle, w�rde er keine Sekunde z�gern, dich fallen zu lassen.�</p><p>Vielleicht hatte sie Recht mit dem, was sie sagte. Doch das spielte keine Rolle. Liam war sein Freund gewesen, und einem alten Freund tat man so etwas nicht an, mochten sie inzwischen auch auf gegens�tzlichen Seiten stehen. Das war er Liam trotz allem schuldig.</p><p>Jackon stand auf und ging Richtung T�r.</p><p>�Wo willst du hin?�, fauchte sie.</p><p>�Ich gehe spazieren. Ich wei� noch nicht, wann ich zur�ckkomme.�</p><p>�Wie kannst du es wagen?�</p><p>�Es tut mir leid, dass Ihr w�tend seid. Ich wollte Euch nicht ver�rgern, Herrin. Aber ich kann eben nicht anders.�</p><p>Es waren nur ein paar Schritte bis zur T�r, doch der Weg erschien ihm l�nger als jede andere Strecke, die er je zur�ckgelegt hatte. Lady Sarkas Blick schien seinen Hinterkopf zu durchbohren, und er musste sich auf jede Bewegung konzentrieren, damit er nicht ins Straucheln geriet. Als er den T�rknopf drehte und die T�r �ffnete, dachte er: <emphasis>Ich habe es geschafft.</emphasis> Sie hatte seine Entscheidung akzeptiert. Ihr blieb gar keine andere Wahl. Was h�tte sie schon dagegen tun k�nnen?</p><p>In diesem Moment sagte sie: �Du bleibst hier.�</p><p>Mit der Hand auf dem T�rknauf verharrte er. Dann drehte er sich um.</p><p>Reglos und statuengleich stand Lady Sarka da. Sie schrie nicht, sondern sprach leise, beinahe fl�sternd, und ihre Stimme schnitt durch die Stille wie eine Klinge aus Eis. �Du wirst tun, was ich sage. Andernfalls schicke ich dich noch heute in die Kan�le zur�ck, in das stinkende Loch, aus dem du gekommen bist.�</p><p>Mehrere Sekunden verstrichen, bis Jackon seine Stimme wiederfand. �Das k�nnt Ihr nicht tun. Ihr... braucht mich.�</p><p>�Du irrst dich. Niemand braucht dich. Ein Wort von mir, und man jagt dich mit Stockhieben aus dem Palast. Ich habe dir ein neues Leben geschenkt, ich kann es dir auch wieder wegnehmen. Dieses Zimmer, die kostbaren Kleider, das Grammophon � nichts davon geh�rt dir. Wenn es mir gef�llt, kriechst du schon morgen nackt und frierend durch die Grambeuge, bettelst um Essen und flehst die anderen Schlammtaucher, Huren und Kr�ppel an, dich nicht zu schlagen und anzuspucken. Ohne mich bist du ein Nichts. Ein Niemand. Man wird dich verachten, wie man es immer getan hat, und dann wird man dich vergessen.�</p><p>�Ich bin immer noch ein Traumwanderer.�</p><p>�Ja�, h�hnte sie. �Ein Traumwanderer ohne Freunde, ohne Macht, der im n�chsten Winter an der Cholera krepieren wird, wenn ihn nicht vorher die Ghule holen. Wer wird dann f�r dich da sein? Dein treuer Freund Liam?�</p><p>Das Ziehen in seinem Kopf kehrte zur�ck, wurde schlimmer und schlimmer. �Nein�, brachte er hervor.</p><p>�Es liegt in deiner Hand, was geschehen wird. In deiner Hand.�</p><p>Bilder flackerten in Jackons Erinnerung auf, von einsamen N�chten in K�lte und Dunkelheit, von nagendem Hunger, verpesteter Luft und st�ndiger Furcht. Nie wieder wollte er in die Kan�le zur�ck und ein Ausgesto�ener sein, von allen gehasst und verachtet. Nie wieder. Lieber wollte er sterben.</p><p>Aber was war der Preis daf�r?</p><p>�Also, Jackon, wie lautet deine Entscheidung?�</p><p>�Ich... ich wei� nicht�, sagte er mit brechender Stimme.</p><p>�Es ist doch ganz einfach. Respekt, Wohlstand und Freundschaft oder ein erb�rmliches Leben in elender Armut. Du hast die Wahl.�</p><p>�Schickt mich nicht in die Kan�le zur�ck. Bitte.�</p><p>�Du willst mir also gehorchen?�</p><p>Alles um ihn herum schien zu schwanken. �Ich kann nicht. Ich kann Liam nicht verraten.�</p><p>�Wie du willst. Cedric? Zieh Jackon die Kleider aus und f�hr ihn hinaus. Er hat entschieden, uns zu verlassen.�</p><p>Der Diener war wie aus dem Nichts im Salon aufgetaucht. Er packte Jackon am Arm und f�hrte ihn ins Zimmer. �Das Wams und die Hose bitte�, sagte er.</p><p>Jackon �ffnete den obersten Knopf, dann lie� er die Arme sinken. Sein Blick glitt �ber die Kleidertruhen, das Bett, das Teegeschirr. Seine alte Behausung erschien vor seinem inneren Auge, ein dreckiges, kaltes Loch, in dem es so sehr stank, dass man kaum atmen konnte � und ihm war, als w�rden ihn all seine Kr�fte verlassen.</p><p>�Hilf ihm, Cedric�, befahl Lady Sarka.</p><p>Der Diener machte sich an seinen Kn�pfen zu schaffen. Jackon trat einen Schritt zur�ck. �Wartet.�</p><p>Die Lady blickte ihn erwartungsvoll an. �Ja?�</p><p>Er schloss die Augen, k�mpfte gegen die �belkeit an, die in ihm aufwallte. Er konnte Liam nicht retten. Wenn er sich weigerte, Lady Sarka zu helfen, verschaffte er ihm h�chstens ein paar Tage Aufschub. Fr�her oder sp�ter w�rde sie ihn finden, auch ohne ihn. Alles, was er tat, war sinnlos.</p><p>Sinnlos...</p><p>�Ich mache es�, fl�sterte er.</p><p>�Du hilfst mir, Liam zu finden?�</p><p>�Ja.�</p><p>Ein L�cheln umspielte Lady Sarkas Lippen. �Na also. Ich wusste doch, dass du vern�nftig sein w�rdest. Du bist ein kluger Junge, Jackon. Ein kluger Junge.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>40</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Verrat</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>W</strong>ind zerzauste Jackons Haar und zerrte an seiner Kleidung, als er sein Seelenhaus verlie� und hinaus auf die Gasse trat.</p><p>Er empfand weder Furcht noch Traurigkeit, nicht einmal Scham. All seine Gef�hle schienen erloschen zu sein, verschwunden, abgestorben, beinahe wie an den Tagen nach dem Ghulangriff, als ihn seine Verletzung ans Bett gefesselt und sich das Morphium wie Nebel �ber seine Empfindungen gelegt hatte. Mit dem Unterschied, dass er diesen Zustand diesmal nicht unangenehm fand. Er <emphasis>wollte</emphasis> gar nichts f�hlen. Gef�hle waren etwas f�r Schw�chlinge. Er aber war ein Traumwanderer, ein respektierter und gef�rchteter Diener von Lady Sarka, und er hatte einen Auftrag, der einen klaren Kopf erforderte.</p><p><emphasis>Du bist selbst schuld, Liam. Wenn du auf mich geh�rt h�ttest, m�sste ich das nicht tun.</emphasis></p><p>Bei diesem Gedanken regte sich irgendwo in seinem Innern leiser Zorn. Zorn auf Liam und dessen Dummheit. Er konnte nichts daf�r, dass es so weit gekommen war. Er hatte alles getan, um die Katastrophe abzuwenden, hatte sich sogar in Gefahr gebracht. Liam jedoch schlug seine Hilfe aus, schlimmer noch, er hatte versucht, ihn in seine Machenschaften zu verwickeln. Unter diesen Umst�nden konnte man ihm keinen Vorwurf machen, dass er so handelte, wie er es gerade tat. Im Gegenteil, es war geradezu seine Pflicht.</p><p><emphasis>Selbst schuld.</emphasis></p><p>Je l�nger Jackon dar�ber nachdachte, desto gr��er wurde seine Wut. Er beschloss, sie zu n�hren, sie am Leben zu erhalten. Zorn war gut. Zorn half ihm, die Dinge richtig einzusch�tzen, er war das beste Mittel gegen seine t�richte Gef�hlsduselei, die ihn um ein Haar in gro�e Schwierigkeiten gebracht h�tte.</p><p>Er hatte hart daf�r gearbeitet, ein Traumwanderer in den Diensten von Lady Sarka zu werden, er hatte Entbehrungen und Gefahren auf sich genommen und sich Respekt und Ansehen erk�mpft. Er w�rde nicht zulassen, dass man ihm all das wieder wegnahm.</p><p>Niemals.</p><p>Mit einem harten Zug um den Mund machte er sich bereit f�r den Sprung � und hielt inne. Die Worte von Lady Sarka kamen ihm in den Sinn: <emphasis>Nimm dich vor dem Alb in Acht.</emphasis> Er beschloss, nicht direkt zu Liams Seelenhaus zu springen, sondern sich zuerst einen �berblick �ber die Lage zu verschaffen.</p><p>Zweihundert Schritt von der Sternwarte entfernt landete er, verbarg sich hinter einem Mauervorsprung und sp�hte vorsichtig in die Gasse.</p><p>Wie gut, dass er sich an die Warnung erinnert hatte. Lucien sa� auf einem Dach gegen�ber der Sternwarte, ein dunkler Umriss vor dem ewigen Nachthimmel. Der Alb lehnte am Kamin, hatte ein Bein an die Brust gezogen, das andere entspannt ausgestreckt und rauchte Pfeife. Von dort oben hatte er einen ausgezeichneten Blick auf Liams T�r. Es war nicht m�glich, in das Seelenhaus hineinzukommen, ohne dass er es bemerkte. Jackon musste ihn irgendwie weglocken oder wenigstens lange genug ablenken, dass er ungesehen zur T�r kam. Nur wie? Lucien besa� scharfe Augen und Ohren und war �beraus wachsam. Jackon musste es so anstellen, dass der Alb keinen Verdacht sch�pfte.</p><p>Er zog den Kopf ein und dachte konzentriert nach. Vielleicht konnte er Lucien �berlisten, indem er von hier, wo er stand, <emphasis>in</emphasis> die Sternwarte sprang. Aber so etwas hatte er noch nie versucht. Er wusste nicht einmal, ob es �berhaupt m�glich war.</p><p>Pl�tzlich kam ein Bote angeflogen. Das Gesch�pf schwirrte mit summenden Fl�geln um ihn herum und streckte neugierig den R�ssel nach ihm aus. Ver�rgert �ber die St�rung jagte er es weg. Der Bote schoss nach oben und lie� sich auf der Dachkante nieder. �Mach deine Arbeit, und h�r auf, mich so anzuglotzen�, murmelte Jackon, doch das Wesen dachte gar nicht daran, weiterzufliegen.</p><p>Das brachte ihn auf eine Idee. Er nutzte die restliche Traumsubstanz, die er in sich trug, um ein gutes Dutzend kleiner Tr�ume zu erschaffen, denen er das Aussehen gefl�gelter Boten gab. Kurz darauf sa� ein ganzer Schwarm der moskitoartigen Wesen vor ihm. Jackon war zufrieden mit dem Ergebnis � nichts unterschied die Tr�ume von echten Boten. Kraft seines Willens lie� er sie aufsteigen und �ber die D�cher fliegen.</p><p>In der ganzen Stadt wimmelte es von Boten, die sich merkw�rdig benahmen, seit die Alben fort waren. Auch Lucien musste das inzwischen aufgefallen sein. Mit etwas Gl�ck schob er das Verhalten des Schwarms, der sich ihm n�herte, auf das Durcheinander im Traumland und dachte sich nichts dabei.</p><p>Jackon befahl seinen Tr�umen, anzugreifen. Die Wesen st�rzten sich auf Lucien, der erschrocken aufsprang und um sich schlug, bevor er in einer summenden Wolke aus Fl�geln und Insektenleibern verschwand. Im gleichen Moment sprang Jackon zur Sternwarte, �ffnete die T�r und schl�pfte hinein. Tr�ume umfingen ihn. Er bahnte sich einen Weg durch die wispernden Bilder und sp�hte aus dem Fenster.</p><p>Seine Boten konnten Lucien nichts anhaben, aber es lag auch gar nicht in seiner Absicht, dem Alb zu schaden. Jackon gab ihnen den Befehl, sich zur�ckzuziehen. Lucien blickte ihnen w�tend nach, strich sein Wams glatt und hob seine Pfeife auf.</p><p>Jackon atmete auf. Das Ablenkungsman�ver war gegl�ckt.</p><p>Dann jedoch kletterte der Alb vom Dach und kam auf die Sternwarte zu. Jackon begriff, dass er das Ausma� von Luciens Vorsicht untersch�tzt hatte. Hastig versteckte er sich hinter einer Ecke, wo das Gewebe von Liams Tr�umen besonders dicht war.</p><p>Mit gerunzelter Stirn blickte Lucien durch ein Fenster herein. Jackon machte sich bereit, notfalls mit einem Sprung zu fliehen, falls der Alb auf die Idee kam, das Seelenhaus zu durchsuchen. Doch Lucien gelangte offenbar zu der �berzeugung, alles sei in Ordnung, und kehrte zu seinem Beobachtungsposten zur�ck.</p><p>Jackon r�hrte sich nicht von der Stelle. Erst als der Alb wieder auf dem Dach sa� und seine Pfeife anz�ndete, wagte er sich aus seinem Versteck hervor und machte sich auf die Suche nach Liam.</p><p>Der Blonde hatte wieder einen Albtraum. Er rannte einen endlosen Korridor entlang und folgte einer Gestalt, die sich immer weiter von ihm entfernte. �Vater!�, rief er. �Vater, so warte doch!�</p><p>Jackon blieb au�erhalb des Korridors stehen, damit Liam ihn nicht sehen konnte. F�r ihn hingegen waren die W�nde halb durchsichtig, sodass er das Geschehen m�helos verfolgen konnte.</p><p>Sollte er Liam ansprechen und ihn einfach fragen, wo er sich in der Wachwelt versteckte? Nein � die Gefahr, dass Liam misstrauisch wurde oder vor Schreck aufwachte, war zu gro�. Er musste sich etwas einfallen lassen.</p><p>Sein Blick wanderte zu Liams Vater. Fellyn Satander war ein mittelgro�er Mann mit kurzem blondem Haar, unrasierten Wangen und sanften Augen. Er sah gar nicht wie ein Aufr�hrer und Verr�ter aus. Mit ausdrucksloser Miene schritt er den Korridor entlang. Er ging viel langsamer als Liam, doch wie so oft in der Welt des Schlafs verhinderte eine r�tselhafte Kraft, dass der Tr�umende das Ziel seiner Sehns�chte erreichte, mochte er sich noch so sehr anstrengen.</p><p>Jackon kam eine Idee. Er konzentrierte sich auf Liams Vater und zwang der Traumgestalt seinen Willen auf. Es war nicht besonders schwer � fremde Tr�ume zu ver�ndern geh�rte zu den Dingen, die er schon ganz am Anfang seiner Ausbildung gelernt hatte. Er befahl dem Traumabbild von Fellyn Satander, sich umzudrehen und stehen zu bleiben.</p><p>Liam holte ihn ein. �Warum l�ufst du denn vor mir davon?�</p><p>�Ich habe dich nicht erkannt�, lie� Jackon die Traumgestalt antworten und befahl ihr, zu l�cheln. �Liam. Wie sch�n, dich zu sehen.�</p><p>Z�gernd erwiderte der Blonde das L�cheln. �Was machst du hier? Ich habe gedacht, du bist tot.�</p><p>�Das war ein Irrtum. Ich bin am Leben. Sieh mich an. Alles in Ordnung, nicht wahr?�</p><p>Liam fiel seinem Vater in die Arme. �Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt?�, fragte er mit Tr�nen in den Augen.</p><p>�Ich habe dich gesucht, aber ich konnte dich nicht finden.�</p><p>�Ich musste mich verstecken. Die Sache mit dem Buch hat mich ganz sch�n in Schwierigkeiten gebracht, wei�t du?�</p><p>Jackons schlechtes Gewissen regte sich, als er sah, wie gl�cklich Liam war. Mit aller Macht k�mpfte er dagegen an. Er musste sich konzentrieren und durfte jetzt keinen Fehler machen, denn Liam war genau da, wo er ihn haben wollte. �Versteckt?�, lie� er Fellyn Satander erwidern. �Wo denn?�</p><p>�Bei Godfrey, dem Aethermann. Er hat einen geheimen Schlupfwinkel unter dem Kessel. Quindal ist auch dort. Und Vivana. Und meine anderen Freunde.�</p><p>Jackon staunte nicht schlecht, als er das h�rte. Godfrey war allen Bewohnern der Kan�le ein Begriff, und fast jeder hatte ihn schon einmal gesehen. Der Aethermann tauchte hin und wieder in den Unterk�nften der Schlammtaucher auf und bezahlte gutes Geld f�r Ger�chte und Neuigkeiten aller Art. Trotzdem wusste kaum jemand etwas Genaues �ber ihn, und sein Versteck war vielleicht eines der am besten geh�teten Geheimnisse Bradosts. Lady Sarka h�tte Liam und seine Gef�hrten nie gefunden.</p><p>�Ich will, dass wir wieder zusammen sind, Liam�, sagte Fellyn Satander. �So wie fr�her.�</p><p>�Ich auch.�</p><p>�Dann lass uns gehen. Zeig mir, wo du dich versteckst. Ich m�chte deine Freunde kennen lernen.�</p><p>Liam war so gl�cklich, dass er gar nicht auf die Idee kam, er k�nnte einer T�uschung aufsitzen. Pl�tzlich verschwand der Korridor, und sein Vater und er gingen durch die Gassen des Kessels. Jackon folgte ihnen unbemerkt. Als er die verlassene Gie�erei sah, wo er sich mit Liam getroffen hatte, wusste er, wo er sich befand. Von dort aus schlenderten sie zu einem alten Sammelbecken, stiegen in die Kan�le hinab und durchquerten das Gewirr aus Tunneln.</p><p>Jackon wusste, dass Liams Tr�ume kein exaktes Abbild des Weges darstellten. Wie es in Tr�umen �blich war, vermischte sich die Realit�t mit �lteren Erinnerungen, verschmolzen �hnlich aussehende G�nge zu einem oder �berlagerten die verschiedenen Tunnel einander schattenhaft. Jackon jedoch brauchte die genaue Lage jeder einzelnen Gangbiegung und Abzweigung, zumal er sich in diesem Teil der Unterwelt nicht auskannte. Deswegen lie� er Fellyn Satander nach einer pr�zisen Beschreibung des Weges fragen, unter dem Vorwand, er m�sse ihn kennen, falls er einmal allein unterwegs sei.</p><p>Liam dachte sich nichts dabei und beschrieb ihm, wie er zu Godfreys Versteck kam. Sorgf�ltig z�hlte er auf, wie viel Schritt man in diese oder jene Richtung gehen und wann man sich nach links und wann nach rechts wenden m�sse. Jackon pr�gte sich alles genau ein.</p><p>Irgendwann kamen sie zu einem imposanten Tor, das aus der Dunkelheit vor ihnen auftauchte. Als es sich �ffnete, erblickte Jackon eine riesige Halle voller Maschinen und Apparate.</p><p>Liam und sein Vater traten ein. Jackon folgte ihnen nicht; er hatte genug gesehen. Er gab das Traumabbild von Fellyn Satander frei und wachte auf.</p><p>Es war fr�h am Morgen, als er sich in seinem Bett wiederfand. Er zog sich an und ging zu den Gem�chern von Lady Sarka.</p><p>Sie lag auf ihrer Liege wie eine Eisk�nigin im Zauberschlaf, die blassen H�nde auf dem Bauch gefaltet, vollst�ndig angekleidet und so makellos sch�n, als bef�nde sie sich auf einem Ball. Als Jackon noch �berlegte, ob er es wagen durfte, sie zu wecken, �ffnete sie die Augen und stand auf, von einem Moment auf den n�chsten hellwach.</p><p>�Hast du getan, was ich dir befohlen habe?�, fragte sie.</p><p>�Ich wei� jetzt, wo sich Liam und seine Freunde verstecken. Der Aethermann Godfrey hat ihnen geholfen. Sie sind in seinem Unterschlupf, in den Katakomben unter dem Kessel.�</p><p>Ein lauernder Ausdruck trat in ihre Kristallaugen. �Wie finden wir sie?�</p><p>Jackon schluckte. Wenn er antwortete, gab es kein Zur�ck mehr.</p><p>�Wie, Jackon?�, fragte Lady Sarka mit einem schneidenden Klang in der Stimme.</p><p><emphasis>Sie haben es nicht anders verdient</emphasis>, dachte er � und begann, ihr in stockenden Worten den Weg zu Godfreys Versteck zu beschreiben.</p><p>Als er fertig war, wurden ihm die Knie weich.</p><p>Er hatte es getan. Er hatte Liam verraten.</p><p><emphasis>Nein</emphasis>, dachte er. <emphasis>Ich habe das Richtige getan. Das Richtige.</emphasis></p><p>�Gut gemacht�, sagte die Lady und l�chelte warm. �Das werde ich dir nie vergessen.�</p><p>Nerv�s leckte er sich �ber die Lippen. �Was wird jetzt geschehen?�</p><p>�Das wei�t du doch�, antwortete sie sanft.</p><p>�Ich m�chte Euch um etwas bitten. Es geht doch nur um das Buch. Wenn Liam und seine Freunde es nicht mehr haben, k�nnen sie Euch nicht mehr schaden. Lasst sie gehen, wenn Ihr das Buch gefunden habt. Bitte.�</p><p>�Sie sind Verr�ter, Jackon. Sie m�ssen bestraft werden.�</p><p>Er dachte an die Hinrichtungen auf dem Tessarionplatz. �So wie die Attent�ter?�</p><p>�So wie die Attent�ter.�</p><p>�Gen�gt es nicht, sie ins Gef�ngnis zu werfen? Ich meine, eigentlich haben sie doch gar nichts getan, au�er das Buch zu stehlen.�</p><p>Lady Sarka schwieg. �Na gut. Ihr Leben soll verschont werden.� Dann l�chelte sie wieder. �Jetzt geh, und ruh dich aus. Du hast genug getan.�</p><p>Pl�tzlich f�hlte sich Jackon so ersch�pft, dass er sich am liebsten hingelegt h�tte. M�de schlurfte er zu seinem Zimmer zur�ck und versuchte dabei, an nichts zu denken. Was ihm auch gelungen w�re, wenn er nicht immerzu Liam vor sich gesehen h�tte, der lachend seinen Vater umarmte und zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gl�cklich war.</p><empty-line/><empty-line/><p>Umbras Blick glitt �ber die Reihen der schwarz gewandeten Gestalten. F�nfundzwanzig Spiegelm�nner hatten in der Kaserne Aufstellung bezogen, fast die gesamte Wachmannschaft des Palastes. Ihre Masken reflektierten das blaue Gl�hen der Glash�hlen.</p><p>�Wir greifen in zwei Gruppen an�, sagte Corvas. �Ich f�hre die erste Gruppe, Amander und du die zweite. Ich habe Karten von den Tunneln unter dem Kessel besorgt. Der alte Sammler, in dem Godfrey sich versteckt, hat zwei Zug�nge. Eure Aufgabe ist es, den nordwestlichen abzuriegeln, w�hrend ich im S�den angreife.�</p><p>�Hast du die Karten da?�, fragte Umbra.</p><p>Corvas zog zwei gefaltete und vergilbte Pl�ne aus einer Manteltasche, breitete sie auf dem Boden aus und erl�uterte die exakte Lage von Godfreys Schlupfwinkel. Umbra pr�gte sich alles genau ein. Nach dem Fiasko im Labyrinth hatte Lady Sarka ihnen unmissverst�ndlich klargemacht, dass sie einen weiteren Misserfolg nicht dulden w�rde.</p><p>�Schaut mal, wer da ist�, murmelte Amander.</p><p>Umbra wandte sich um und sah eine Gestalt im Tunnel stehen.</p><p>�Guten Morgen�, sagte Silas Torne. �Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen.�</p><p>�Was hat der Kerl hier zu suchen?�, fragte Amander. �Hast du ihn nicht hinausgeworfen?�</p><p>�Ja, ich dachte, das h�tte ich�, erwiderte Umbra mit finsterer Miene. Sie schritt dem Alchymisten entgegen. Der Gestank von Chemikalien stieg ihr in die Nase. �Hast du vergessen, dass ich dir den Hals brechen wollte, wenn du dich noch einmal blicken l�sst?�, fuhr sie ihn an.</p><p>Tornes Auge funkelte. �Hast du wirklich gedacht, deine l�cherliche Drohung beeindruckt mich?�</p><p>�Wie bist du hereingekommen?�</p><p>Er ging nicht darauf ein. Der Alchymist sp�hte an ihr vorbei zu den Spiegelm�nnern. �Ein imposanter Truppenaufmarsch, so fr�h am Morgen. Ich nehme an, ihr macht das nicht zum Vergn�gen. Lass mich raten: Ihr habt Lucien und die anderen Verr�ter endlich gefunden. Offenbar bin ich gerade rechtzeitig gekommen, nicht wahr?�</p><p>Blitzschnell lie� Umbra ihren Schatten wachsen. Torne �chzte, als ihn halb materielle Arme umschlangen und hochhoben, sodass er fast mit dem Kopf gegen die H�hlendecke stie�.</p><p>�Du hast es nicht anders gewollt�, knurrte Umbra.</p><p>Torne l�chelte d�nn. Erst jetzt bemerkte sie, dass er mit seinen Krallenfingern eine Phiole umklammerte. Hinter dem Rauchglas brodelte es wolkig-gr�n.</p><p>�Was ist das?� �Gift. Ein superstarkes Toxin, das aus den Nesselkapseln von Tiefseequallen gewonnen wird. An der Luft wird es augenblicklich zu Gas, das binnen Sekunden jegliches organisches Gewebe zerst�rt. Ich schlage vor, du l�sst mich runter. Aber behutsam, wenn ich bitten darf. Sonst k�nnte es sein, dass ich das Fl�schchen versehentlich fallen lasse, und das w�rde jedem in diesen H�hlen �u�ert schlecht bekommen.�</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Umbra, dass Corvas und Amander neben sie traten, in den H�nden ihre Pistolen. �Worauf wartet ihr? Knallt ihn ab!�, zischte sie.</p><p>�Und die Phiole?� Anspannung lag in Amanders Stimme.</p><p>�Fange ich auf.�</p><p>�Zu riskant�, sagte Corvas. �Lass ihn runter. Er soll bekommen, wonach es ihn verlangt.�</p><p>�Das ist nicht dein Ernst!� �Er macht uns andernfalls nur �rger. Au�erdem spielt es keine Rolle. Lucien ist nicht wichtig.�</p><p>�Meine Hand wird langsam schwach�, bemerkte Torne. �Ich kann die Phiole nicht mehr lange halten.�</p><p>Umbra murmelte einen Fluch und setzte ihn vorsichtig auf dem Boden ab. Der Alchymist strich seine Robe glatt und lie� das Fl�schchen in einer Falte verschwinden. Verschlagen musterte er Umbra und ihre beiden Gef�hrten. �Habe ich das richtig verstanden? Ihr wollt Lucien mir �berlassen?�</p><p>�Korrekt�, sagte Corvas. �Du wartest hier. Wir bringen dir den Alb.�</p><p>�Nein. Ich komme mit euch. Ich traue euch nicht. Ich will mit eigenen Augen sehen, dass ihr keine faulen Tricks probiert.�</p><p>Der Bleiche nickte kaum merklich. �Du wirst tun, was wir sagen, und dich zur�ckhalten, bis unsere Arbeit beendet ist. Hast du verstanden?�</p><p>�Nat�rlich.� Tornes Mundwinkel zuckten. �Das ist die Abmachung, und ich werde mich daran halten. Ich bin schlie�lich ein Ehrenmann, der Vertr�ge respektiert. Es k�me mir nie in den Sinn, einem Gesch�ftspartner zu schaden.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>41</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die Bleichen M�nner</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>L</strong>iam erwachte mit tr�nenfeuchtem Gesicht. Er starrte in die Dunkelheit und versuchte, sich zu erinnern, wovon er getr�umt hatte. Irgendetwas war geschehen, etwas sehr Wichtiges, doch es fiel ihm einfach nicht mehr ein. Ein freudiges Wiedersehen, eine Wanderung in der Dunkelheit, das war alles, woran er sich entsinnen konnte. Zur�ck blieben ein Gef�hl von Verlust und die Gewissheit, dass etwas nie mehr so sein w�rde, wie es einmal gewesen war.</p><p>Er z�ndete die Gaslampe neben seinem Bett an und setzte sich auf. Seine Kehle f�hlte sich an wie zugeschn�rt. Nachdem er einen Schluck Wasser getrunken hatte, ging es ihm etwas besser.</p><p>Pl�tzlich erschien Lucien aus dem Nichts. Liam lie� beinahe den Krug fallen.</p><p>�Musst du mich so erschrecken!�</p><p>�Entschuldige. Es geht leider nicht anders.�</p><p>�Kommst du gerade aus dem Traumland?�</p><p>Lucien nickte. �Ich habe gesehen, dass du aufgewacht bist.�</p><p>�Du siehst ersch�pft aus.�</p><p>�Der �bergang macht mir zu schaffen. Es f�llt mir nicht mehr so leicht wie fr�her, von einer Welt zur anderen zu reisen. Ich bin wohl aus der �bung.�</p><p>Liam wusch sich und zog sich an. �Ist Jackon aufgetaucht?�</p><p>�Ich habe ihn nicht gesehen.�</p><p>�Wusste ich�s doch. Er macht so etwas nicht. Vivanas Vater sieht wieder alles viel zu schwarz.�</p><p>�Mag sein�, sagte der Alb unbestimmt. �Gehen wir zu den anderen. Sie sitzen bestimmt schon beim Fr�hst�ck.�</p><p>Die Gef�hrten hatten sich am Tisch versammelt und a�en Hafergr�tze, w�hrend Nedjo eine Geschichte zum Besten gab. Offenbar hatte sich die allgemeine Stimmung ein wenig gebessert. Alle waren da, au�er Vivana. Von Quindal erfuhr Liam, dass sie in der K�che sei.</p><p>Sie nahm Fleischst�cke aus einem Fass mit Eis und stopfte sie in einen Sack. Liam blieb im Durchgang stehen und versuchte wieder einmal, seiner widerspr�chlichen Gef�hle Herr zu werden, w�hrend er ihr zusah. Seit dem Vorfall in der vorletzten Nacht verhielt sich Vivana ihm gegen�ber �u�erst vorsichtig. Zwar versicherte sie immer wieder, sie verstehe ihn, aber er hatte genau gesp�rt, wie sehr die Zur�ckweisung sie verletzt hatte. Er hasste sich deswegen, auch wenn er hundertmal nichts daf�r konnte.</p><p>Sie bemerkte ihn und l�chelte ihn an. �Guten Morgen. Hat Lucien gut auf dich aufgepasst?�</p><p>�Kommst du nicht zum Fr�hst�ck?�</p><p>�Ich habe schon gegessen.�</p><p>�Was hast du mit dem Fleisch vor?�</p><p>�Ich mache mir Sorgen wegen Ruac. Er ist jetzt schon viel zu lang allein. Es wird Zeit, dass ich ihm neues Futter bringe. Godfrey erlaubt mir ja nicht, ihn herzuholen�, f�gte sie mit einer Zornesfalte zwischen den Augenbrauen hinzu.</p><p>�Warte, ich mach das. Halte du den Sack auf.�</p><p>�Kommst du mit?�</p><p>�Jetzt gleich?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Ich bleibe lieber hier, wenn es dir nichts ausmacht�, sagte er. �Ich m�chte ein paar Sachen mit Lucien besprechen.�</p><p>Sie wirkte ein wenig entt�uscht. �Na ja, macht nichts. Vielleicht will Nedjo ja mitkommen.�</p><p>Liam h�tte sich am liebsten geohrfeigt. Zu allem �berfluss machte er auch noch solche dummen Fehler. �Ach, eigentlich kann Lucien warten...�</p><p>Sie blickte ihn mit gespielter Strenge an. �Jetzt rede schon mit ihm. Das ist wirklich wichtiger. Ich bin ja bald wieder da.�</p><p>Sie stopfte den Sack in ihren Tragekorb und schulterte ihn. Drau�en bat sie Nedjo, sie zu begleiten. Godfrey gab ihnen eine Karte der Tunnel, auf der er den Weg zur Alten Arena einzeichnete, deren Gew�lbe mit den Katakomben verbunden waren.</p><p>�Gr�� Ruac von mir�, sagte Liam, bevor sich Vivana mit einem Kuss auf die Wange von ihm verabschiedete. Er begleitete sie und Nedjo zum Tor und blickte ihnen nach, bis der Schein ihrer Laterne hinter einer Wegbiegung verschwand. In diesem Moment w�nschte er sich sehnlichst, er k�nnte ein normales Leben f�hren, ohne Sorgen, ohne Angst vor den tausend Gefahren, die ihnen drohten, damit Vivana und er endlich richtig zueinanderfinden konnten, wie ein ganz normales Paar. Es gab so vieles, das er ihr sagen, das er von ihr erfahren wollte, doch hier, in Godfreys Versteck, zusammengepfercht mit ihren Gef�hrten und in st�ndiger Furcht vor Entdeckung, gab es keine M�glichkeit, l�nger als ein paar Minuten allein zu sein. Und selbst wenn es sie gegeben h�tte, war da immer noch diese Abscheu vor seinem eigenen K�rper, dieser Selbstekel, der ihm das Leben zur Qual machte wie ein t�ckischer Fluch. Zwar ging es ihm von Tag zu Tag besser, aber er wusste, dass er noch lange nicht damit fertig war. Und Vivana w�rde gewiss nicht ewig mit ihm Geduld haben.</p><p>Godfrey schloss das Tor. Liam seufzte und ging zur�ck zu den anderen.</p><p>Nach dem Fr�hst�ck blieben er, Lucien, Quindal und Livia sitzen und besprachen noch einmal ihre M�glichkeiten � die, wie alle wussten, sehr begrenzt waren. Als sich schon wieder Hoffnungslosigkeit breitzumachen drohte, sprach Liam etwas an, das im Durcheinander der letzten Tage untergegangen war.</p><p>�Als wir bei Bajo waren�, wandte er sich an Lucien, �da hast du gesagt, du wolltest noch einmal �ber den Ph�nix und den Bindezauber aus dem Gelben Buch nachdenken.�</p><p>Der Alb nickte.</p><p>�Hast du schon eine Idee, was wir deswegen machen k�nnten?�</p><p>�Heute Abend wollte ich ein paar Informationen einholen. Morgen wei� ich vielleicht mehr.�</p><p>�Willst du uns nicht sagen, was du vorhast?�, fragte Livia.</p><p>Lucien antwortete z�gernd. �Ich hoffe, dass uns die Bleichen M�nner helfen k�nnen.�</p><p>�Die Bleichen M�nner?� Liam h�tte beinahe gelacht. �Die aus dem Schauerm�rchen?�</p><p>�Genau die�, erwiderte der Alb ruhig.</p><p>�Das ist kein M�rchen, Liam�, sagte Livia. �Es gab sie wirklich. Und einiges spricht daf�r, dass sie immer noch da sind, irgendwo in der Stadt.�</p><p>Ihr Ton machte deutlich, dass sie es ernst meinte. Liam schluckte. �Und du willst zu ihnen gehen? Weswegen?�</p><p>�Zuerst einmal muss ich herausfinden, wo sie sind�, antwortete Lucien. �Und dann � mal sehen. Es gibt da ein paar Dinge, die ich kl�ren muss.� Er h�llte sich in Schweigen.</p><p>Liam konnte sich gut an das M�rchen von den Bleichen M�nnern erinnern, obwohl es viele Jahre her war, dass sein Vater es ihm erz�hlt hatte. Ein alter Kinderreim fiel ihm ein: </p><cite><p><emphasis>Gr�ne Spiegel, tote Augen</emphasis></p><p><emphasis>Lass dir nicht die Seel� aussaugen</emphasis></p></cite><empty-line/><p>Ein Schauder lief ihm �ber den R�cken. Er hatte diese Geschichte noch nie gemocht.</p><empty-line/><empty-line/><p>Der Lampenschein sch�lte feuchtes Mauerwerk aus der Finsternis und glitzerte auf dem Wasser des Kanals, das dunkel und lautlos neben ihnen dahinstr�mte. Vivana ging mit der Laterne voraus, Nedjo folgte ihr dichtauf und trug den Korb mit dem Fleisch. Der Manusch sprach kaum ein Wort, denn wie die meisten von ihnen hatte er schlecht geschlafen. Vivana machte das nichts aus; es gen�gte ihr, dass er da war und sie nicht allein durch diese Tunnel wandern musste.</p><p>Au�erdem konnte sie so in Ruhe �ber Liam nachdenken.</p><p>Sie wusste nicht, was sie von den vergangenen Tagen halten sollte. Es war sch�n, mit ihm zusammen zu sein, und sie genoss jede Minute, wenn sie redeten oder nur nebeneinandersa�en und gemeinsam ihre Gedanken treiben lie�en. Aber dann gab es wieder Momente, in denen er sie unversehens zur�ckwies, weil er eine Ber�hrung nicht ertrug, weil er allein sein musste. Sie verstand, warum er so reagierte, dennoch tat es ihr jedes Mal weh. Am schlimmsten war, dass sie ihm nicht helfen konnte. Er musste allein damit fertigwerden. Sie konnte nichts tun, als ihm zuzuh�ren oder ihn in den Arm zu nehmen, wenn er sie brauchte.</p><p>Wenn es ihnen wenigstens m�glich gewesen w�re, ein paar Tage auszuruhen, ohne Angst haben zu m�ssen, dass man sie fand und ins Gef�ngnis warf. Seit Wochen st�rzten sie von einer Gefahr in die n�chste, flohen, k�mpften, f�rchteten um ihr Leben. Wie sollte es Liam unter diesen Umst�nden gelingen, je wieder zu sich zu finden?</p><p>Manchmal war sie kurz davor zu verzweifeln.</p><p>�Ich glaube, wir sind fast da�, sagte Nedjo und schreckte sie damit aus ihren d�steren Gedanken auf. Er studierte Godfreys Karte. �Rechts m�sste gleich eine Treppe kommen.�</p><p>Vivana versuchte, nicht mehr �ber diese Dinge nachzudenken. Es f�hrte ohnehin zu nichts. Besser, sie tat das, was ihr geholfen hatte, klaren Verstandes durch die letzten Wochen zu kommen: sich immer nur auf den n�chsten Schritt zu konzentrieren und damit den Berg von Problemen und Gefahren, der vor ihr lag, in �berschaubare Teile zu zerlegen.</p><p>Und jetzt hie� der n�chste Schritt Ruac.</p><p>Seite an Seite stiegen sie die uralte Treppe hinauf und gelangten nach gut zwanzig Stufen in einen Kellerkomplex, der ihr bekannt vorkam: die Gew�lbe der Arena. Ihr Herz klopfte aufgeregt. Sie konnte es kaum erwarten, Ruac wiederzusehen. Gleichzeitig hatte sie ein furchtbar schlechtes Gewissen. Sie hatte den Tatzelwurm aufgezogen, war f�r ihn verantwortlich � sie h�tte ihn niemals so lange allein lassen d�rfen. Hoffentlich hatte ihm das Futter gereicht, und es ging ihm gut.</p><p>Kurz darauf fand Vivana den Raum, in dem sie ihren geschuppten Gef�hrten zur�ckgelassen hatten.</p><p>�Ruac?�</p><p>Aus der Dunkelheit erklang ein Schaben. Sie machte einen Schritt nach vorne und h�rte ein knirschendes Ger�usch. Sie war auf ein trockenes St�ck Schuppenhaut getreten, das auf dem Boden lag. Ein <emphasis>sehr gro�es</emphasis> St�ck Schuppenhaut.</p><p>Vor ihr bewegte sich etwas. Glitzerte. Vivana hob die Lampe.</p><p>�Allm�chtiger Tessarion�, fl�sterte sie.</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>42</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Der �berfall</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>er Kinderreim und das M�rchen von den Bleichen M�nnern riefen irgendetwas in Liam wach, r�hrten an einer vergessenen Erinnerung � und pl�tzlich versp�rte er wieder dieselbe innere Anspannung wie nach dem Aufwachen. Er wurde das Gef�hl nicht los, dass etwas sehr Wichtiges passiert war � nur was? Er kaute auf der Lippe und dachte angestrengt nach. Sein Vater war es gewesen, der ihm das M�rchen erz�hlt hatte, vor vielen Jahren an einem Herbstabend vor dem Kamin. Warum musste er immerzu an dieses Detail denken?</p><p>Sein Vater...</p><p>Nat�rlich � sein Traum! Jetzt fiel ihm alles wieder ein. Ihr Wiedersehen. Sein fassungsloses Gl�ck. Ihre Wanderung durch die Kan�le, Seite an Seite, als w�re nie etwas geschehen.</p><p>Aber warum diese innere Unruhe? Seit dem Tod seines Vaters hatte er st�ndig solche Tr�ume, und er hatte gelernt, sie als einen Teil seiner Trauer zu akzeptieren. Daran war nichts Ungew�hnliches und erst recht nichts, wovor er Angst haben musste.</p><p>Oder doch?</p><p>Etwas unterschied diesen Traum von anderen seiner Art, eine Kleinigkeit nur, die ihm jedoch immer merkw�rdiger vorkam, je l�nger er dar�ber nachdachte. Sein Vater hatte darauf bestanden, dass er ihn zu Godfreys Versteck f�hrte und ihm, wirklich seltsam, pr�zise den Weg dorthin beschrieb.</p><p>Das passte nicht zu so einem Traum. Ganz und gar nicht.</p><p>Konnte es sein, dass ...?</p><p>Pl�tzlich wurde ihm eiskalt.</p><p>�Alles in Ordnung?�, erkundigte sich Livia. �Du bist auf einmal so blass.�</p><p>�Ich glaube, heute Nacht war Jackon in meinem Traum�, sagte Liam mit belegter Stimme.</p><p>Alle am Tisch starrten ihn an.</p><p>�Wie kommst du auf einmal darauf?�, fragte Quindal.</p><p>�Mir ist wieder eingefallen, wovon ich getr�umt habe. Da war mein Vater, er hat gelebt. Aber es war kein normaler Traum. Er hat mich nach dem Weg gefragt. Nach dem Weg <emphasis>hierher</emphasis>.�</p><p>�Das muss nichts bedeuten�, sagte Livia. �Tr�ume handeln von den seltsamsten Dingen.�</p><p>�Aber verd�chtig ist es schon�, erwiderte Quindal. �Wir machen uns Sorgen, Jackon k�nnte uns in den Tr�umen ausspionieren � und kaum legt Liam sich schlafen, tr�umt er so etwas.� Seine Miene verfinsterte sich. �Er war es, wenn ihr mich fragt. Der Junge hat sich in Liams Tr�ume eingeschlichen.�</p><p>Liam konnte das nicht glauben. Er <emphasis>wollte</emphasis> es nicht glauben. �Aber du hast doch gesagt, Jackon sei die ganze Nacht nicht aufgetaucht�, wandte er sich an Lucien.</p><p>Der Alb wirkte pl�tzlich sehr beunruhigt. �Richtig. Aber es gab da einen Vorfall, den ich schon fast wieder vergessen hatte. Ich dachte, er hat nichts zu bedeuten, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.�</p><p>�Was f�r einen Vorfall?�, fragte Quindal.</p><p>�Ein Schwarm von Boten hat mich angegriffen. Das sind Wesen, die f�r frische Traumsubstanz in den Seelenh�usern sorgen. Seit mein Volk fort ist, spielen sie verr�ckt, deswegen habe ich mir nichts dabei gedacht, zumal der Angriff harmlos war. Aber er hat mich kurze Zeit abgelenkt. Vielleicht hat Jackon das ausgenutzt, um in Liams Seelenhaus einzudringen.�</p><p>�Dieser kleine Bastard!�, stie� Quindal hervor. �Ich habe genau gewusst, dass wir ihm nicht trauen k�nnen.�</p><p>�Warte, Nestor�, beschwichtigte Livia ihn. �Das sind doch alles nur vage Vermutungen. Dazu m�sste Jackon die Boten irgendwie beeinflusst haben. Ist er dazu �berhaupt in der Lage?�</p><p>�Vielleicht�, antwortete Lucien. �Ich wei� nicht genau, wie seine Kr�fte beschaffen sind.�</p><p>Kaum hatte er den Satz beendet, begann eine Glocke zu l�uten. Liam erschrak so heftig, dass er auffuhr. Das L�uten kam von der Plattform. Godfrey hastete die Eisenstufen hinauf, riss einen der Schl�uche seiner Beobachtungsapparatur aus der Halterung und starrte in den Trichter.</p><p>�Spiegelm�nner!�, rief er.</p><p>Liam war, als h�tte man ihm ins Gesicht geschlagen. <emphasis>Nein, Jackon</emphasis>, dachte er nur. <emphasis>Nein. Bitte nicht.</emphasis></p><p>Augenblicklich brach Chaos in der Halle aus. Quindal und Lucien waren aufgesprungen und redeten durcheinander. Livia eilte zu Madalin, der die Kinder zu sich rief. Jovan riss den Vorhang zur Seite und st�rzte aus dem Durchgang zu den Schlafquartieren.</p><p>Godfrey trat an die Br�stung der Plattform. �Sie sind auf dem Weg hierher�, sagte er. �Wir m�ssen fliehen. Uns bleibt nicht viel Zeit. Nehmt nur mit, was ihr tragen k�nnt, und geht zu der T�r dahinten. Sie f�hrt zu einem geheimen Fluchttunnel.�</p><p>In diesem Moment ert�nte eine zweite Glocke. Godfrey sp�hte in einen anderen Trichter. Als er sich wieder umwandte, sah Liam zum ersten Mal so etwas wie Furcht im maskenhaften Gesicht des Aethermanns. �Sie... kommen auch durch den Fluchttunnel�, erkl�rte er stockend.</p><p>�Hei�t das, wir sitzen in der Falle?�, rief Lucien zu ihm herauf.</p><p>Anstelle einer Antwort bet�tigte Godfrey hektisch Hebel und Schalter, als k�nne er nicht glauben, was seine Apparatur meldete.</p><p>Mechanisch stand Liam auf und griff nach der Tasche mit dem Gelben Buch, die �ber der Stuhllehne hing, obwohl er selbst nicht wusste, was er damit bezweckte. Das Buch war wichtig. Er durfte es nicht hier zur�cklassen, egal, was geschah.</p><p><emphasis>Jackon hat uns verraten. Er hat uns � verraten.</emphasis></p><p>Das war so absurd, so l�cherlich, dass er es einfach nicht glauben konnte.</p><p>Vivana kam ihm in den Sinn. Sie war nicht hier � das war gut. J�he Erleichterung durchstr�mte ihn beim Gedanken, dass sie gerade bei Ruac war, in der Alten Arena, <emphasis>in Sicherheit</emphasis>, und nicht hier bei ihnen, wo es gleich von Spiegelm�nnern wimmeln w�rde.</p><p>Wie in Trance ging er zu seinen Gef�hrten, die sich am Fu� der Stahltreppe versammelten. Zwei der Kinder weinten, doch davon abgesehen war das Durcheinander dank Luciens Besonnenheit und der Unerschrockenheit der Manusch gespannter Ruhe gewichen.</p><p>�Wenn wir nicht fliehen k�nnen, m�ssen wir k�mpfen�, sagte Madalin. �Genug Waffen f�r alle haben wir.�</p><p>�Wie viele sind es?�, wandte sich Lucien an Godfrey, der immer noch an seiner Apparatur sa�.</p><p>�Ich sehe mindestens zwanzig. Au�erdem sind Corvas, Umbra und Amander bei ihnen.�</p><p>�Zu viele�, stellte Quindal d�ster fest.</p><p>�Gewinnen k�nnen wir nicht�, stimmte ihm der Alb zu. �Aber vielleicht k�nnen wir sie in K�mpfe verwickeln und lange genug besch�ftigen, dass ein paar von uns entkommen k�nnen.�</p><p>�So machen wir es�, entschied Madalin. �Jovan, du holst die Waffen. Livia, du versteckst dich mit den Kindern in den Schlafquartieren, bis wir euch holen kommen.�</p><p>�Warte�, sagte Livia, als Jovan davoneilen wollte. �Zuerst nehmt ihr alle einen Schluck hiervon.� Sie griff in eine Tasche ihres Umhangs und holte die Phiolen mit dem <emphasis>javva</emphasis> hervor.</p><p>�Das bringt nichts�, meinte Sandor. �Godfrey hat doch gesagt, dass auch Corvas und seine Leute dabei sind.�</p><p>Unbeirrt l�ste die Manusch die Lederschnur, die die Fl�schchen zusammenhielt. �Hauptsache, die Spiegelm�nner k�nnen euch nicht sehen. Au�erdem sch�tzt es euch vor Verletzungen. Jetzt trinkt schon�, dr�ngte sie und verteilte die Phiolen.</p><p>Liam hatte nicht vergessen, wie kostbar <emphasis>javva</emphasis> war. Livia besa� so wenig davon, dass sie es nicht einmal im Pand�monium herausgegeben hatte, wo die Manusch mehr als einmal in gro�er Gefahr gewesen waren. Dass sie ihre restlichen Vorr�te jetzt so freigiebig verteilte, machte ihm bewusst, wie aussichtslos ihre Lage war.</p><p>Er setzte die Phiole, die die Wahrsagerin ihm gab, an die Lippen, trank einen Schluck und gab sie an Quindal weiter. Es dauerte nicht lange, bis die Substanz ihre Wirkung entfaltete: Ein hei�kalter Schauer durchlief ihn und machte ihn f�r ein paar Sekunden benommen. Anschlie�end legte sich sein Entsetzen etwas. Zu wissen, dass ihn die Spiegelm�nner von nun an nicht mehr sehen konnten und er f�r mehrere Stunden unempfindlich gegen jede Art von Verletzung sein w�rde, lie� neue Zuversicht in ihm aufsteigen. Vielleicht gelang es ihnen doch, mit heiler Haut davonzukommen.</p><p>Es gab nicht genug <emphasis>javva</emphasis> f�r alle � Livia und Godfrey gingen leer aus. Nachdem die Wahrsagerin den letzten Rest unter ihren Kindern aufgeteilt hatte, f�hrte sie die drei zu den Schlafquartieren. Wieder einmal bewunderte Liam sie und die anderen Manusch f�r ihren Mut. Obwohl sie allen Grund hatten zu verzweifeln, bewahrten sie einen k�hlen Kopf.</p><p>Jovan kam mit den Waffen zur�ck und verteilte sie. Liam wollte gerade nach einer doppell�ufigen Pistole greifen, als ihm wieder einfiel, was beim letzten Mal geschehen war, als er eine Schusswaffe abgefeuert hatte: Seth hatte ihn voller Zorn ins Pand�monium geschleudert. Er �berlie� das Schie�eisen Madalin und nahm stattdessen ein Messer.</p><p>Auch Godfrey bewaffnete sich. Er wuchtete ein Ger�t mit spiralf�rmiger Spitze auf das Gel�nder der Plattform � ein Blitzwerfer, wie Liams Vater einen besessen hatte � und hielt es mit einer Hand fest, w�hrend er weiter in den Trichter starrte.</p><p>�Sie sind da!�, rief er.</p><p>Alle Augen wandten sich dem Tor zu.</p><p>Zwei dr�hnende Schl�ge erklangen. Liam und seine Gef�hrten verteilten sich in der Halle, gingen einzeln oder paarweise hinter Maschinen in Deckung. Liam verbarg sich hinter einem Pfeiler, umklammerte den Knauf seines Messers und versuchte, nicht in Panik zu geraten. <emphasis>Denk daran, dir kann nichts passieren. Du hast schon ganz andere Sachen �berstanden.</emphasis></p><p>Au�erdem musste es den Spiegelm�nnern erst einmal gelingen, das Tor aufzubrechen. Es war so stabil, dass es selbst einem Rammbock stundenlang widerstehen konnte.</p><p>In diesem Moment zerriss eine Explosion die Luft. Ein Feuerblitz schoss in die Halle, gefolgt von einer Woge aus Staub und hei�em Rauch, aus dem Metalltr�mmer geflogen kamen: t�dliche Geschosse, die wie Schrapnelle durch die Luft schwirrten und gegen die Maschinen prallten. Liam befand sich gut zwanzig Schritt vom Tor entfernt, doch die Druckwelle war so stark, dass sie ihn zu Boden warf. Mit klingelnden Ohren rappelte er sich auf, griff nach seinem Messer und versuchte, in all dem Rauch etwas zu erkennen.</p><p>Gestalten erschienen in den Schwaden. Erst zwei, dann vier, dann ein ganzes Dutzend. Spiegelm�nner mit schwarzen Kutten, glitzernden Masken, bandagierten H�nden. Stumm schw�rmten sie in die Halle, ihre Rabenschn�bel zum Schlag erhoben.</p><p>Godfreys Blitzwerfer zischte, und ein ver�stelter Strahl knisternden Lichts traf die ersten beiden Eindringlinge, verbrannte sie zu Asche. Das war f�r Liams Gef�hrten das Signal zum Angriff. Unter w�tendem Gebr�ll feuerten sie mit Pistolen und Handarmbr�sten auf die Spiegelm�nner, schleuderten �xte und Wurfmesser. Mehrere Maskentr�ger wurden getroffen, fielen jedoch nicht. Sie waren viel z�her als gew�hnliche Menschen, und sogar schwere Verletzungen reichten mitunter nicht, sie zur Strecke zu bringen. Allerdings machte sich Verwirrung unter ihnen breit. Au�er Godfrey konnten sie keinen ihrer Gegner sehen, weshalb sie ziellos in den Raum st�rmten und Lucien und die Manusch selbst dann nicht wahrnahmen, wenn diese sich genau vor ihnen befanden.</p><p>Liam beobachtete all dies aus sicherer Entfernung, denn das Gefecht fand in der unmittelbaren Umgebung des Tores statt. Er fragte sich, warum seine Freunde weiterk�mpften, statt die Verwirrung der Spiegelm�nner auszunutzen und zu fliehen. Als sich der Rauch lichtete, fand er die Antwort: Corvas stand in den Tr�mmern des zerst�rten Portals, flankiert von zwei Spiegelm�nnern. Wer die Halle verlassen wollte, musste an ihm vorbei.</p><p>Eine Bewegung zu seiner Linken erregte seine Aufmerksamkeit. Zwei Maskierte hatten sich zur Eisentreppe vorgek�mpft und begannen, die Stufen zu erklimmen. Einer von ihnen war von einer Kugel getroffen worden, die seine halbe Maske und einen Teil seines konturlosen Gesichts weggerissen hatte � was das Gesch�pf jedoch nicht im Mindesten beeintr�chtigte. Hektisch lud Godfrey seinen Blitzwerfer nach, indem er mit einer Rauchglasr�hre hantierte. Als ihm klar wurde, dass er nicht rechtzeitig damit fertig werden w�rde, lie� er von der Waffe ab � und verwandelte sich in Aether. Sein K�rper l�ste sich auf, und seine Kleider sanken zu Boden. Die beiden Spiegelm�nner fanden auf der Plattform nur noch goldenen Dunst vor, der zu einer �ffnung in der Hallendecke hinaufwaberte.</p><p>Liam wandte sich wieder dem Portal zu, wo Corvas inzwischen hinter dem verbliebenen Torfl�gel, der verbogen in den Angeln hing, vor dem t�dlichen Hagel aus Pistolenkugeln und Armbrustbolzen Schutz gesucht hatte. Liams schwei�nasse Finger schlossen sich fester um den Messergriff. Wenn Corvas starb, konnte er mit seinen Gef�hrten fliehen. Aber brachte er den Mut auf, ihn zu t�ten? An Hass mangelte es ihm nicht � Corvas hatte seinen Vater ermordet, hatte sein Leben zerst�rt. Doch Hass allein gen�gte nicht. Liam hatte schon einmal die Gelegenheit gehabt, ihn zu t�ten, und sie nicht genutzt. Die Entschlossenheit hatte ihm gefehlt, die Kaltbl�tigkeit.</p><p>Aber damals war er ein anderer gewesen. Viel war seitdem geschehen, das Grauen des Pand�moniums hatte ihn h�rter gemacht. Liam biss die Z�hne zusammen und hastete mit dem Messer in der Hand durch die Halle, wich Spiegelm�nnern aus, huschte von Deckung zu Deckung Richtung Tor.</p><p>Ein ohrenbet�ubendes Kreischen �bert�nte das Kampfget�se, und pl�tzlich war die Luft von schwarzen Schemen erf�llt, von schlagenden Fl�geln und scharfen Krallen. Kr�hen. Ein ganzer Schwarm, der in die Halle rauschte. Liam warf sich zu Boden und verbarg seinen Kopf in den Armen, als die V�gel �ber ihn hinwegflogen.</p><p>Sein Herz pochte bis zum Hals. Jeden Moment rechnete er damit, dass sich die Kr�hen scharenweise auf ihn st�rzten und mit ihren Schn�beln auf ihn einhackten. Doch sie hatten es offenbar nicht auf ihn abgesehen. Als das Kreischen leiser wurde, wagte er es, den Kopf zu heben. Die Rabenv�gel umflatterten Madalin, der mit einer Axt nach ihnen schlug und vergeblich versuchte, sich ihrer Angriffe zu erwehren. Die Wunden, die sie ihm zuf�gten, schlossen sich zwar dank des <emphasis>javva</emphasis> sofort wieder, doch daf�r klafften gleichzeitig woanders neue auf.</p><p>Eine der Kr�hen verwandelte sich in Corvas � genau hinter Jovan, der Madalin zu Hilfe kommen wollte. �Pass auf!�, rief Liam, doch in all dem L�rm h�rte der Manusch seine Warnung nicht. Corvas z�ckte sein Messer und hieb es Jovan mit dem Knauf in den Nacken. Ohne das <emphasis>javva</emphasis> h�tte ihn der Hieb gewiss niedergestreckt; so st�hnte er nur vor Schmerz auf, wirbelte herum und parierte Corvas� n�chsten Angriff mit dem Schaft seiner Axt.</p><p>Nun, da der Schwarzgekleidete in den Kampf eingegriffen hatte, war der Weg nach drau�en frei. Liam �berlegte, ob er die Gelegenheit nutzen und mit einigen seiner Gef�hrten fliehen sollte. Lucien und Sandor k�mpften ganz in seiner N�he � er konnte sie leicht auf das unbewachte Tor aufmerksam machen und gemeinsam mit ihnen um sein Leben laufen. Aber dann w�rden sie die anderen im Stich lassen. Nein, er musste bleiben. Nur wenn es ihm gelang, Corvas zu t�ten, hatten sie alle eine Chance zu entkommen.</p><p>Jovan erwehrte sich verzweifelt seiner Haut und blutete bereits aus mehreren Verletzungen. Er war Corvas nicht gewachsen und verdankte es allein dem <emphasis>javva</emphasis>, dass dieser ihn nicht l�ngst niedergestochen hatte. Liam sah ein, dass es zwecklos war, sich auf einen Nahkampf mit dem Schwarzgekleideten einzulassen. Er brauchte eine bessere Waffe.</p><p>Der Blitzwerfer!</p><p>Wenn es ihm gelang, unbemerkt zur Plattform hinaufzusteigen, konnte er die Waffe nachladen und Corvas aus sicherer Entfernung vernichten � und seine Kr�hen gleich mit. Er musste nur daf�r sorgen, dass die beiden Maskierten, die immer noch dort oben standen und nach Godfrey suchten, nicht auf ihn aufmerksam wurden.</p><p>Er rannte los, mitten durch die Schar der orientierungslosen Spiegelm�nner, die l�ngst begriffen hatten, dass sie sich auf ihr Sehverm�gen nicht verlassen konnten. Immer wenn ein Ger�usch ihre Aufmerksamkeit erregte, wirbelten sie herum und hieben in die Luft, in der Hoffnung, einen unsichtbaren Gegner zu treffen. Als Liam einmal zu laut auftrat, bemerkte es ein Maskierter und schlug mit seinem Rabenschnabel zu, und er entging der t�dlichen Waffe nur, weil er im letzten Moment den Kopf einzog.</p><p>Er erreichte die Stahltreppe, duckte sich schwer atmend hinter einer Maschine und �berlegte, wie er die beiden Spiegelm�nner von der Plattform weglocken konnte. In diesem Moment st�rzte neben ihm ein Maskierter zu Boden. Lucien landete mit einem Sprung auf dem R�cken des Gesch�pfs und stach so oft mit seinem Messer zu, bis es sich nicht mehr regte. Schlie�lich zerfiel es zu Staub, und die Kutte erschlaffte.</p><p>�Kannst du die Spiegelm�nner da oben ablenken?�, fragte Liam.</p><p>�Was hast du vor?�</p><p>�Ich brauche den Blitzwerfer.�</p><p>Lucien richtete sich auf, zog ein Wurfmesser und schleuderte es. Die Klinge traf den Spiegelmann mit dem zerst�rten Gesicht, bohrte sich in seine Schulter. Das Wesen und sein Kumpan fielen darauf herein und eilten die Treppe hinab.</p><p>�Beeil dich�, sagte der Alb. �Wir sollten zusehen, dass wir hier rauskommen.�</p><p>Liam bereitete sich darauf vor, an den Gesch�pfen vorbeizuhuschen, sowie diese das Ende der Treppe erreichten. Pl�tzlich ert�nte ein Krachen. Die T�r zu Godfreys Fluchttunnel flog auf, und weitere Spiegelm�nner str�mten in die Halle. Bei ihnen waren Umbra und Amander, beide mit Pistolen bewaffnet.</p><p>Liam schluckte. Nun war Corvas nicht mehr der Einzige, der sie sehen konnte. Das machte eine Flucht deutlich schwieriger. Unwillk�rlich zog er den Kopf ein, als die Maskierten, die von der Plattform kamen, stehen blieben und in seine Richtung blickten. Er wartete, bis sie sich ein paar Schritte von der Treppe entfernt hatten, und lief los, presste die Tasche mit dem Buch an sich und eilte die Stufen hinauf.</p><empty-line/><empty-line/><p>Livia sa� auf dem Bett, dr�ckte ihre Kinder an sich und sang ihnen ein Lied.</p><p>Die T�r der Schlafkammer war nicht dick genug, um die schrecklichen Ger�usche des Kampfes vollst�ndig auszusperren, die Sch�sse und das Klirren von Stahl. Livia zuckte jedes Mal zusammen, wenn ein ged�mpfter Schrei erklang, und strich Dijana, die wieder angefangen hatte zu weinen, �ber das Haar.</p><p>Sie war es nicht gewohnt, von Madalin in der Stunde der Gefahr getrennt zu sein. Fast ihr halbes Leben war sie nun mit ihm verheiratet, und stets hatten sie alle Entscheidungen gemeinsam getroffen, gro�e und kleine, bedeutende und unwichtige. Wenn einer nicht weiterwusste, kannte der andere die L�sung, welches Hindernis, welche Bedrohung auch vor ihnen lag.</p><p>Und nun sa� sie hier allein, konnte nichts tun, als f�r ihn zu beten. Das <emphasis>javva</emphasis> mochte Madalin vor Pistolenkugeln und Messerklingen sch�tzen � doch es war machtlos gegen die alten und geheimnisvollen Kr�fte der Diener Lady Sarkas. <emphasis>Bitte pass auf dich auf</emphasis>, dachte sie und hoffte, dass ihre Kinder nicht sp�rten, wie gro� ihre Verzweiflung war. Sie musste stark sein, musste ihnen das Gef�hl geben, dass sie sicher waren.</p><p>Sie sang ihr Lied und lauschte Arpad, der leise mitsang. Sie hatte es ihm schon so oft vorgesungen, abends vor dem Einschlafen, dass er jede Silbe auswendig kannte. <emphasis>Noch einmal</emphasis>, sagte er immer. <emphasis>Sing es noch einmal.</emphasis></p><p>Es war jemand vor der T�r � sie sp�rte es mehr, als dass sie es h�rte.</p><p>Leise stand sie auf.</p><p>�Warum singst du nicht weiter?�, fragte Dijana.</p><p>�Unter das Bett mit euch, schnell.�</p><p>Die Kinder gehorchten, krochen flink unter das eiserne Gestell. Livia griff nach ihrem Messer.</p><p><emphasis>Lass es Madalin sein. Bitte lass es Madalin sein.</emphasis></p><p>Die T�r �ffnete sich.</p><p>Herein kam Amander.</p><p>Ihr Mund wurde trocken. Von allen Dienern Lady Sarkas war er der schlimmste. Die Ber�hrung seiner H�nde brachte den Tod, und es hie�, dass er es genoss, Leben auszul�schen.</p><p>Er trug eine Pistole. Ein d�nnes L�cheln umspielte seine Lippen, als er erst Livia anblickte und dann die Kinder unter dem Bett entdeckte.</p><p>�Verschwinde�, sagte sie. �Lass uns in Ruhe.�</p><p>�Gib mir deine Kinder�, befahl er. �Nein.�</p><p>Er hob die Pistole und schoss. Die Wucht des Treffers riss Livia herum, sie prallte gegen das Bettgestell und lie� das Messer fallen. Ihre Hand grub sich in die Decke, als sie sich festhalten wollte, dann gaben ihre Beine nach. Blut tr�nkte ihr Kleid. Sie wusste nicht genau, wo es herkam, denn sie sp�rte keinen Schmerz. Ihr ganzer K�rper schien mit einem Mal taub zu sein. Es wurde immer mehr, quoll zwischen ihren Fingern hervor, die sie auf den Bauch presste, troff auf die Steinplatten.</p><p>�N�rrin�, sagte Amander.</p><p>Ihre Kinder schrien, als er sie unter dem Bett hervorzog.</p><p><emphasis>Nicht</emphasis>, fl�sterte sie stumm. Sie wollte die Hand heben, wollte Tamas ber�hren, wollte verhindern, was gerade geschah, doch sie war bereits zu schwach.</p><p>Liam lag auf dem Bauch, streckte sich und versuchte fluchend, die Rauchglasr�hre mit den Fingerspitzen zu erreichen. Pures Gl�ck hatte verhindert, dass die R�hre zu Bruch gegangen war, als Godfrey sie mitsamt dem Blitzwerfer fallen gelassen hatte. Leider war das verdammte Ding dabei unter eine der Apparaturen gerollt.</p><p>�Jetzt komm schon!�, murmelte er � und bekam die R�hre endlich zu fassen. Der gefangene Blitz darin begann wie wild zu knistern, als er sie unter dem Blechkasten hervorzog. Dabei richtete er sich eine Spur zu hastig auf und stie� sich den Kopf an einem vorstehenden Messingteil. Sterne zerplatzten vor seinen Augen. Den Schmerz ignorierend robbte er auf den Knien zum Blitzwerfer, der neben der Treppe lag.</p><p>Die Waffe war von einer �hnlichen Bauweise wie jene, die sein Vater besessen hatte, sodass er ungef�hr wusste, was er tun musste, um sie zu laden. Aber eben nur ungef�hr � leider war er nie dazu gekommen, sich den Blitzwerfer seines Vaters genauer anzuschauen. <emphasis>Hier</emphasis> schob man wohl die Glasr�hre ein. Anschlie�end klappte man vermutlich <emphasis>diese</emphasis> Verriegelung ein und legte <emphasis>diesen</emphasis> Hebel um. Liam konnte nur hoffen, dass er alles richtig machte. Falls nicht, konnte es passieren, dass der Blitz nicht seine Feinde traf, sondern ihn.</p><p>W�hrend er mit der Waffe hantierte, registrierte er beil�ufig, dass der Kampfl�rm leiser wurde. Mit dem geladenen Blitzwerfer in den H�nden sp�hte er nach unten. Die Kr�hen hatten von Madalin abgelassen und sa�en scharenweise auf Maschinen und Mauervorspr�ngen. Jovan und Corvas hatten aufgeh�rt, gegeneinander zu k�mpfen; auch Sandor und Quindal lie�en die Waffen sinken.</p><p>Aus dem Aufenthaltsraum kam Amander. Er stie� die Kinder vor sich her. Die drei waren blass vor Entsetzen und blickten sich immer wieder zu dem Durchgang um, der zu den Schlafquartieren f�hrte.</p><p>Amander hatte seinen rechten Handschuh ausgezogen und hielt die Hand so, dass jeder sie sehen konnte.</p><p>�Gebt auf, oder die Kinder sterben�, rief er.</p><p>Liam stockte der Atem. Er wusste, was Amander mit einer blo�en Ber�hrung anrichten konnte � beim Kampf gegen Aziel hatte er damit eine der V�len get�tet. Die Kinder jedoch hatten <emphasis>javva</emphasis> eingenommen. Konnte Amanders Gift ihnen �berhaupt etwas anhaben?</p><p>Dieselbe Frage schienen sich auch seine Gef�hrten zu stellen. Doch niemand wollte ein Risiko eingehen, und so r�hrten sich die M�nner nicht von der Stelle.</p><p>Abgesehen von Madalin. Der Manusch sah schrecklich aus: Seine Kleider waren zerfetzt und blutgetr�nkt, wenngleich die Wunden, die ihm die Kr�hen geschlagen hatten, dank des <emphasis>javva</emphasis> bereits verheilt waren. Mit der Axt in der Hand ging er langsam auf Amander zu. Sein Gang war unsicher, sein Gesicht aschfahl. �Wo ist Livia?�, rief er. �Was hast du mit ihr gemacht?�</p><p>�Keinen Schritt weiter�, sagte Amander und bewegte seine entbl��te Hand gef�hrlich nah zu Dijanas Gesicht.</p><p>Madalin blieb stehen, lie� die Axt sinken.</p><p>�Gut. Und jetzt weg mit den Waffen.�</p><p>Z�gernd gehorchten die Gef�hrten. Es klirrte, als Messer, Beile und S�bel zu Boden fielen.</p><p><emphasis>Nein</emphasis>, dachte Liam. Sie konnten doch nicht einfach aufgeben. Wenn sie sich jetzt geschlagen gaben, waren sie verloren. Er musste etwas unternehmen, musste verhindern, dass es so weit kam. Ein wahnwitziger Plan kam ihm in den Sinn: Wenn es ihm gelang, Amander mit dem Blitzwerfer zu t�ten, w�ren die Kinder gerettet, und sie konnten weiterk�mpfen.</p><p>Nein, unm�glich. Der Blitzwerfer war als Waffe viel zu unpr�zise. Die Gefahr, dass er die Kinder verletzte, war zu gro�. Mit zitternden H�nden setzte er das Ger�t auf dem Gel�nder ab.</p><p>Er h�rte ein Ger�usch hinter sich und wandte sich um. Umbra trat aus dem Schatten eines Pfeilers.</p><p>�Es ist aus, Junge�, sagte sie. �Also sei kein Narr und gib mir das Ding.�</p><p>Liam legte den Blitzwerfer auf den Boden.</p><p>Umbra packte ihn am Arm und f�hrte ihn die Treppe hinunter.</p><empty-line/><empty-line/><p>Lucien verbarg sich hinter einer Maschine und beobachtete, wie Quindal und die Manusch ihre Waffen niederlegten. Er hatte sich vor ein paar Minuten hier versteckt, um sich hinterr�cks an Corvas heranzupirschen, sodass er dem Geschehen unbemerkt zusehen konnte. Vermutlich dauerte es nicht lange, bis sich Corvas oder Umbra auf die Suche nach ihm machten, aber eine Minute hatte er sicher noch.</p><p>Er musste eine Entscheidung treffen. Der Kampf war zu Ende. Das war ihm in dem Moment klar geworden, als er Amander mit den Kindern gesehen hatte. Er stand nun vor der Wahl, sich ebenfalls zu ergeben und seinen menschlichen Freunden ins Gef�ngnis zu folgen � oder das nicht zu tun.</p><p>Noch hatte er die Chance zu fliehen. Das war vielleicht nicht ehrenvoll, daf�r er�ffnete es ihm die M�glichkeit, seinen Gef�hrten sp�ter zu helfen.</p><p>Es war keine schwierige Entscheidung. Was n�tzte es Liam und den anderen, wenn er mit ihnen in einer Zelle vermoderte? Er schob sein letztes Wurfmesser in die Lederh�lle am G�rtel, verabschiedete sich stumm von seinen Freunden und huschte im Schutz der Maschinen zum Tor. Dabei kam ihm zugute, dass Corvas und Umbra damit besch�ftigt waren, ihre Gefangenen zusammenzutreiben, und Amander auf die Kinder aufpasste. Niemand achtete darauf, was im vorderen Teil der Halle geschah, sodass er ungesehen zum Tor kam.</p><p>Dort standen immer noch zwei Spiegelm�nner Wache und sicherten den Tunnel. F�r einen kurzen Moment zog er in Erw�gung, einfach in die Traumlanden zu springen. Das w�re der ungef�hrlichste Fluchtweg � aber auch der anstrengendste. Mit gerunzelter Stirn dachte er daran, wie viel Kraft ihn die Reise zu Liams Seelenhaus gekostet hatte. Nein, seine Kraft brauchte er noch. Besser, er empfahl sich auf Diebesart.</p><p>Lautlos schlich er an den Spiegelm�nnern vorbei, verschmolz kurz darauf mit der Dunkelheit und eilte den Gang entlang.</p><p>Er legte sich verschiedene Pl�ne zurecht. Am besten ging er zuerst zu einem seiner Verstecke und holte sich neue Ausr�stung. Anschlie�end w�rde er versuchen, Godfrey zu finden. Gemeinsam konnten sie vielleicht die anderen befreien.</p><p>Pl�tzlich fiel ihm Vivana ein. Nein, Godfrey musste warten. Zuerst musste er das M�dchen warnen und sie und Nedjo an einen sicheren Ort bringen. Vor allem aber musste er verhindern, dass die beiden hierher zur�ckkehrten und den Spiegelm�nnern geradewegs in die Arme liefen.</p><p><emphasis>Also zur Alten Arena</emphasis>, dachte er.</p><p>Lucien blieb abrupt stehen, als etwas in den Tunnel flog und vor seinen F��en zerplatzte. Ein scharfer Geruch stieg ihm in die Nase.</p><p>Gas.</p><p>Er wich zur�ck, doch die D�mpfe begannen bereits, ihre Wirkung zu entfalten. Seine Glieder wurden steif, und er konnte f�rmlich sp�ren, wie die Substanz gegen das <emphasis>javva</emphasis> in seinem Blut ank�mpfte.</p><p>Das <emphasis>javva</emphasis> verlor den Kampf. Luciens Beine gaben nach, und er fiel hin. Binnen weniger Sekunden konnte er sich nicht mehr bewegen und nur noch stockend atmen.</p><p>Aus der Finsternis erklang eine Stimme, die er nur zu gut kannte.</p><p>�Sieh an, sieh an�, sagte Silas Torne. �Da bist du ja endlich. S��er, kleiner, kostbarer Alb. Jetzt geh�rst du mir.�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>43</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Livias Bitte</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>V</strong>ivana stand reglos da, die Laterne in der Hand, und brachte keinen Ton heraus. Sie hatte gewusst, dass es eines Tages so kommen w�rde, aber es mit eigenen Augen zu sehen, war... best�rzend.</p><p>Ruac war <emphasis>gro�</emphasis>. So gro�, dass sein schwarz geschuppter Leib die halbe Kammer ausf�llte. Vermutlich wog er so viel wie ein Pferd und ma� von der Schnauze bis zur Schwanzspitze gut vier Schritt, obwohl das schwer abzusch�tzen war, weil er sich wie eine Schlange zusammengerollt hatte. Mit seinen Tatzen konnte er m�helos einen Mann der L�nge nach aufschlitzen, und die Z�hne, die er beim G�hnen entbl��te, glichen kleinen Dolchen.</p><p>Am erstaunlichsten aber waren die Fl�gel.</p><p>Das Bad in dem h�llischen Pfuhl und in Nachachs Schwefelbecken hatte offenbar nicht nur sein Wachstum beschleunigt, sondern seine gesamte Entwicklung. An seinen Flanken hatten sich ledrige Schwingen herausgebildet, die vermutlich bei der letzten H�utung zum Vorschein gekommen waren. Elegant und stromlinienf�rmig schmiegten sie sich an seinen K�rper.</p><p>Vivana sch�tzte, dass sie eine Spannweite von mehr als sechs Schritt besa�en. Ob er schon damit fliegen konnte?</p><p>�Er ist ein Lindwurm�, sagte Nedjo tonlos. �Ein waschechter Lindwurm.�</p><p>Ruac begann sich zu regen. Geschmeidig entrollte er seinen Leib, und mit einem schmirgelnden Laut kroch er �ber den Steinboden. Sein massiger Sch�del mit den gl�hend gelben Augen bewegte sich auf Vivana zu, woraufhin sie unwillk�rlich zur�ckwich. Doch er �ffnete das Maul nur, um sie mit seiner gespaltenen Zunge an der Nasenspitze zu kitzeln. Da wusste sie, dass er noch ganz der Alte war. Abgesehen von der Gr��e und den Fl�geln, nat�rlich.</p><p>Nedjo stand stocksteif da, als Ruac am Tragekorb schn�ffelte.</p><p>�Nat�rlich, du hast Hunger�, sagte Vivana. �Warte, wir haben dir etwas mitgebracht. Na los, gib ihm schon das Fleisch�, forderte sie Nedjo auf.</p><p>Umst�ndlich stellte der Manusch den Korb ab und holte den Sack heraus, kam jedoch nicht dazu, ihn zu �ffnen. Ruac dr�ngte ihn zur Seite, biss den Sack auf und machte sich �ber das Fleisch her. Nach nicht einmal zwei Minuten war nichts mehr �brig. Er z�ngelte zufrieden und schmiegte sich an Vivana. �Nicht so fest. Du zerdr�ckst mich ja.� Sie strich ihm �ber die warmen Flanken. �Es tut mir leid, dass ich dich so lange allein gelassen habe. Das mache ich nie wieder, versprochen.�</p><p>W�hrend sie das sagte, dachte ein Teil von ihr: <emphasis>Ich habe einen Lindwurm als Haustier. Ich sch�tze, es gibt nicht viele Leute, die das von sich behaupten k�nnen. Lieber Himmel!</emphasis></p><p>�Was machen wir jetzt mit ihm?�, fragte Nedjo.</p><p>�Wir lassen ihn auf keinen Fall hier.�</p><p>�Aber du kannst ihn doch nicht zum Versteck mitnehmen.�</p><p>�Doch, kann ich.�</p><p>�Und was ist mit Godfrey?�</p><p>�Godfrey hat mir �berhaupt nichts zu sagen.�</p><p>Nedjo schwieg hilflos.</p><p>�Nimm den Korb. Wir gehen�, sagte Vivana.</p><p>�Du entwickelst eine ungute Neigung, andere herumzukommandieren, wei�t du das?�, murrte der Manusch, w�hrend er den Tragebeh�lter an sich nahm. �Fr�her warst du irgendwie netter.�</p><p>�Nette Menschen werden von D�monen gefressen. Jetzt komm. Wir haben den anderen versprochen, nicht so lange fortzubleiben.�</p><p>Sie hob die Laterne auf und ging voraus. Dass Ruac die enge Kammer endlich verlassen durfte, genoss er sichtlich. Sein Bewegungsdrang war so gro�, dass er st�ndig voraushuschte und sie ihn zur�ckrufen musste. In den breiteren Tunneln unter der Altstadt versuchte er mehrmals, seine Fl�gel zu spreizen. Offenbar konnte er es nicht abwarten, die ersten Flugversuche zu starten.</p><p>Etwa eine Stunde sp�ter erreichten sie die Katakomben und Kan�le unter dem Kessel. Als sie in den Gang einbogen, der zu Godfreys Versteck f�hrte, sah Vivana zu ihrer Verwunderung in der Ferne Licht.</p><p>�Wieso ist denn das Tor offen?�</p><p>Nedjo blieb stehen. �Ich glaube, da stimmt was nicht. Riechst du das?�</p><p>Sie schnupperte. Der Geruch war schwach, aber unverkennbar: Pulverdampf.</p><p>J�he Angst fuhr ihr in den Magen. Ruac neben ihr verfiel in Habachtstellung. Seine gesamte K�rperhaltung signalisierte: Gefahr.</p><p>�Irgendwas ist da passiert�, murmelte Nedjo. �Lass mich vorausgehen und nachsehen.�</p><p>Doch ehe er den Tragekorb abstellen und sein Messer ziehen konnte, war Vivana bereits losgelaufen.</p><p>�Warte. Nicht!�</p><p>Sie h�rte nicht auf ihn. Etwas Furchtbares war geschehen, sie konnte es sp�ren. Ruac schoss an ihr vorbei, den Gang entlang, ein schlangenf�rmiger Schatten, der mit der Dunkelheit verschmolz. Am Tor des Verstecks verharrte er und z�ngelte.</p><p>Das Portal war zerst�rt. Irgendeine unfassbare Gewalt hatte es zerfetzt und verbogene Metallteile �ber den Boden der Halle verstreut. Mit zusammengepressten Lippen stieg Vivana �ber die Tr�mmer und betrachtete das Bild der Verw�stung, das sich ihr bot.</p><p>D�nner Rauch erf�llte die Luft, hing wie Nebel zwischen Pfeilern und Maschinent�rmen. Einschussl�cher klafften in den Messingverschalungen. Ruac schn�ffelte an einem schwarzen Stofffetzen, der auf dem Boden lag. Eine Kutte. Vivana stie� sie mit dem Fu� an. Asche rieselte aus dem Kragen.</p><p>Daneben lag der Splitter eines gew�lbten Spiegels. Sie hob ihn auf.</p><p><emphasis>Nein. Das kann nicht sein. Bitte nicht...</emphasis></p><p>Irgendwo summte eine Apparatur, doch davon abgesehen war es vollkommen still. Ihr war, als w�re s�mtliche Kraft aus ihren Muskeln gewichen, und unsicher ging sie weiter, Schritt f�r Schritt.</p><p>�Liam? Vater? Tante Livia?�</p><p>Ihre Stimme hallte von den W�nden wider. Es kam keine Antwort.</p><p>Sie h�rte ein Knirschen und fuhr herum. Nedjo trat durch das Tor, bleich vor Entsetzen. W�hrend sein Blick �ber den Boden und die Maschinen wanderte, murmelte er etwas in der Sprache der Manusch, ein Fluch, ein Gebet vielleicht.</p><p>Vivanas Gedanken wirbelten durcheinander, rissen ab, verloren sich im Grauen, das ihren Verstand, das jede Faser ihres K�rpers erf�llte. Pl�tzlich packte sie j�her Bewegungsdrang, und sie lief los, begann, hinter Maschinen nachzusehen, in den Nischen der verwinkelten Halle.</p><p>�Sie sind fort�, sagte eine blecherne Stimme. �Corvas und die Spiegelm�nner haben sie mitgenommen.�</p><p>Sie wandte sich um. Godfrey stand vor ihr. Er klopfte Staub von seiner Melone und setzte sie auf.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Vivana leise.</p><p>�Der Junge hat uns verraten. Jackon.�</p><p>�Jackon�, wiederholte sie und begann zu zittern. Und Liam hatte ihm vertraut. �Aber... wie? Wir haben doch so gut aufgepasst.�</p><p>�Komm�, sagte Godfrey. �Du musst zu deiner Tante.�</p><p>�Livia? Sie ist hier?�</p><p>�In ihrer Kammer.� Der Aethermann legte ihr die Hand auf den Arm, hielt sie zur�ck, als sie loslaufen wollte. �Es geht ihr sehr schlecht. Sie stirbt.�</p><p>Vivana rannte zum Aufenthaltsraum, durch den Gang zu den Quartieren, riss die T�r auf.</p><p>Ihre Tante lag auf dem Bett. Sie hatte die Augen geschlossen und presste ein zusammengekn�lltes Tuch auf ihren Bauch. Es war voller Blut, genau wie ihr Kleid.</p><p>Vivana st�rzte zu ihr. �Tante Livia. Ich bin�s. Wach auf. Bitte.�</p><p>Die Manusch �ffnete die Augen, drehte ihr den Kopf zu. �Amander�, fl�sterte sie. �Er hat... die Kinder mitgenommen.�</p><p>Vorsichtig hob Vivana das Tuch. Godfrey hatte Livias Kleid am Bauch aufgeschnitten und ihr einen Verband angelegt, der die Blutung jedoch kaum gestillt hatte. �Nicht bewegen. Wir bringen dich zu einem Arzt.�</p><p>�Kein Arzt�, sagte Livia. �Zu sp�t.�</p><p>�Aber wenn du hierbleibst, stirbst du!�</p><p>�Ich sterbe... so oder so.�</p><p>�Nein. Das lasse ich nicht zu. H�rst du? Das erlaube ich dir nicht.� Vivana stand auf und sah sich hektisch um. �Das <emphasis>javva</emphasis>! Wir brauchen das <emphasis>javva</emphasis>! Sag mir, wo du es versteckt hast.�</p><p>�Kein <emphasis>javva</emphasis> mehr.�</p><p>Vivana durchsuchte das Zimmer trotzdem � und entdeckte auf dem Boden mehrere Phiolen. Einige waren zerbrochen. Die �brigen waren leer, allesamt. Sie sah Godfrey und Nedjo an, die schweigend in der T�r standen, und ihre Augen f�llten sich mit Tr�nen.</p><p>�Komm her�, befahl Tante Livia mit einem Anflug ihrer einstigen Autorit�t.</p><p>Vivana setzte sich auf die Bettkante. Livias Finger schlossen sich um ihre Hand. Sie waren eiskalt. Die Manusch schien entschlossen zu sein, sie nicht mehr loszulassen. �H�r zu. Du musst... etwas tun. Etwas sehr Wichtiges.�</p><p>�Was?�, fragte Vivana.</p><p>�Hol... meine Tasche und gib... mir das Amulett.� Livias Stimme war so leise, dass Vivana sie kaum noch h�rte. �Du musst jetzt... genau tun... was ich dir sage...�</p><empty-line/><empty-line/></section><section><title><p><strong>44</strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>Die Botschaft der Kr�he</emphasis></strong></p></title><empty-line/><p><strong>J</strong>ackon sa� am Fenster seines Zimmers, wippte mit dem Knie und spielte mit dem silbernen Brief�ffner. Mit dem Daumen rieb er �ber den eingravierten Ph�nix, rieb wieder und wieder �ber die feinen Linien im Metall.</p><p>Es war ein sch�ner Tag � so als h�tte sich ein St�ckchen Sommer in diesen tr�ben Oktober verirrt. Es regnete nicht mehr. Der Nebel hatte sich aufgel�st, die Morgensonne durchbrach die Wolken und lie� das Laub auf dem Rasen in bunten Farben schimmern. Wenn er die Augen schloss, konnte er den modrigen Geruch der Bl�tter riechen, der sich mit dem Duft der feuchten Erde vermischte.</p><p>Von seinem Fenster aus konnte man die D�cher der Altstadt �berblicken. Hundertachtundsiebzig Kamine konnte man von hier aus sehen. Er hatte sie alle gez�hlt. Als er damit fertig war, z�hlte er die Wetterfahnen.</p><p>Er musste seinen Verstand besch�ftigen. Musste ihm etwas geben, das seine Gedanken davon abhielt, umherzustreifen und gef�hrliche Dinge aufzust�ren. Denn andernfalls w�rde er verr�ckt werden.</p><p><emphasis>Drei Wetterfahnen. Vier. F�nf...</emphasis></p><p>Es klappte gut. Und wenn er sich doch einmal ablenken lie�, presste er rasch den Daumen auf die Spitze des Brief�ffners, bis es wehtat. Der Schmerz vertrieb alle anderen Gef�hle, und er konnte in Ruhe weiterz�hlen.</p><p><emphasis>Siebenundzwanzig. Achtundzwanzig...</emphasis></p><p>Eine Kr�he kam angeflogen. Sie flatterte zu dem kleinen Fenster des Salons, das Tag und Nacht offen stand, und landete auf dem Sims.</p><p><emphasis>K�mmere dich nicht darum. Z�hl weiter!</emphasis>, befahl Jackon sich, wippte schneller mit dem Knie und presste den Daumen derart heftig auf die Brief�ffnerspitze, dass ein Blutstropfen hervorquoll. Doch die Anspannung wurde so gro�, dass er glaubte, sie w�rde ihn zerrei�en.</p><p>Er st�rzte zur T�r.</p><p>Corvas stand im Salon und strich sich gerade den Mantel glatt. Dann bemerkte er Jackon und blickte ihn mit seinen ausdruckslosen Augen an.</p><p>�Habt...� Jackon schluckte. �Habt ihr sie gefunden?�</p><p>�Ja�, sagte der Bleiche.</p><p>�Was geschieht jetzt mit ihnen?�</p><p>�Umbra und Amander bringen sie gerade zum Ministerium der Wahrheit. F�r das Verh�r.� Corvas schritt zur T�r des Salons, wo er sich noch einmal zu ihm umwandte. �Gut gemacht, Jackon�, sagte er und ging.</p><p>Mit h�ngenden Schultern stand Jackon da, den Brief�ffner in der Hand. Immer lauter ert�nten seine Gedanken, und diesmal hatte er keine Kraft mehr, sie wegzuschieben, sie zu ignorieren.</p><p>Er hatte Liam verraten, seinen Freund, seinen einzigen Freund.</p><p>Er rannte zu seinem Waschbottich, sank auf die Knie und erbrach sich, bis nur noch Galle kam.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>ENDE DES ZWEITEN BANDES</p><empty-line/><empty-line/></section></section><section><title><p>Copyright</p></title><empty-line/><p>1. Auflage</p><p>Originalausgabe M�rz 2011</p><p>Copyright � 2011 by Christoph Lode</p><p>Copyright � dieser Ausgabe 2011</p><p>by Wilhelm Goldmann Verlag, M�nchen,</p><p>in der Verlagsgruppe Random House GmbH</p><p>Dieses Werk wurde vermittelt durch die</p><p>Literarische Agentur Thomas Schl�ck GmbH,</p><p>30827 Garbsen.</p><p>Redaktion: Kerstin von Dobsch�tz </p><p>Karte: Andreas Hancock/Feo Vogt </p><p>NG &#x22C5; Herstellung: Str. </p><p>Satz: DTP Service Apel, Hannover</p><empty-line/><p>eISBN 9783641055288</p><empty-line/><empty-line/><p><a l:href="http://www.goldmann-verlag.de/">www.goldmann-verlag.de</a></p><p><a l:href="http://www.randomhouse.de/">www.randomhouse.de</a></p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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