<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Christoph</first-name><last-name>Lode</last-name></author><book-title>Phoenixfeuer</book-title><annotation><p>Niemals h�tte Liam gedacht, dass sein Freund Jackon, der Traumwanderer, ihn verraten w�rde. Jetzt ist Liam ein Gefangener der Herrscherin von Bradost und sitzt fest. Dabei k�nnen sich Liam und seine Verb�ndeten keine Verz�gerungen leisten. Die b�sartige Lady Sarka hat bereits unz�hlige Menschen auf dem Gewissen und unendlich viele Tr�ume manipuliert. Sie muss so schnell wie m�glich gestoppt werden, bevor die ganze Welt zerbricht und die Finsternis das Land verseucht...</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Pandaemonia" number="3"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-09-23">23 September 2012</date><id>0E6FA8CF-4176-4486-8968-A3FE41DBD42E</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><isbn>9783641079321</isbn></publish-info></description><body><title><p><strong>Christoph Lode</strong></p><empty-line/><p><emphasis><strong>Phoenixfeuer</strong></emphasis></p><empty-line/><p>Pand�monia</p></title><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Buch</emphasis></p></title><empty-line/><p>Die Herrscherin von Bradost wird mit jedem Tag m�chtiger und st�rker. Wieder einmal hat sie ihre Schergen, die dunklen Spiegelm�nner ausgesendet. Diesmal hat ihr Jackon von Liams Pl�nen berichtet und somit seinen Freund verraten, der nun im Gef�ngnis der Lady ausharren muss. Einzig Vivana konnte der Festnahme entgehen. Als sie jedoch in das Geheimversteck des Aethermanns Godfrey zur�ckkehrt, ist sie schockiert. Die Spiegelm�nner haben alles verw�stet und ihre Tante Livia schwer verwundet zur�ckgelassen. Mit letzter Kraft �bertr�gt diese Vivana ihre magischen Kr�fte und ihr Wissen. Vivana wei�, es liegt nun an ihr, Liam zu befreien und mit ihm der m�chtigen Lady Einhalt zu gebieten, w�hrend die Lichtmauern des Pand�moniums immer schw�cher werden und die Horden von D�monen nur darauf warten, ins Diesseits einzudringen...</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Autor</emphasis></p></title><empty-line/><p>Christoph Lode, geboren <emphasis>1977,</emphasis> ist in Hochspeyer bei Kaiserslautern aufgewachsen und lebt heute mit seiner Frau in Mannheim. Er studierte in Ludwigshafen am Rhein und arbeitete in einer psychiatrischen Klinik bei Heidelberg. Heute widmet er sich ganz dem Schreiben. Bisher ist er als Autor erfolgreicher historischer Romane bei Page &amp; Turner in Erscheinung getreten. Nun hat er seine �phantastische� Seite entdeckt und legt mit Pand�monia seine erste Fantasy-Trilogie bei Goldmann vor.</p><empty-line/><p>Au�erdem von Christoph Lode lieferbar:</p><p>Der letzte Traumwanderer. Pand�monia I <emphasis>(47173)</emphasis></p><p>Die Stadt der Seelen. Pand�monia II <emphasis>(47174)</emphasis></p><p>Der Gesandte des Papstes. Roman <emphasis>(46799)</emphasis></p><p>Das Verm�chtnis der Seherin. Roman <emphasis>(46798)</emphasis></p><p>Die Bruderschaft des Schwertes. Roman <emphasis>(47376)</emphasis></p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>Was bisher geschah</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>E</strong>s ist eine Zeit der Dunkelheit: Die uralten Schattenwesen verlassen die Welt der Menschen, und die Bewohner der Metropole Bradost leiden unter der Herrschaft der Alchymistin Lady Sarka.</p><p>Liam Satander, ein junger Blitzh�ndler, erf�hrt, dass sein Vater einst einer Widerstandsgruppe angeh�rte. Seit Monaten sucht er nach dem Gelben Buch von Yaro D'ar, um herauszufinden, warum der Ph�nix, der mythische W�chter Bradosts, verschwunden ist. Kurz darauf wird Liams Vater von der Geheimpolizei ermordet, und Liam muss fliehen. Er ist entschlossen, das Gelbe Buch von Yaro D'ar aufzusp�ren, und wendet sich an den ber�hmten Erfinder Nestor Quindal. Quindal verschafft ihm eine Stelle als G�rtner in Lady Sarkas Palast, wo das r�tselhafte Buch versteckt ist.</p><p>Im Palast lernt Liam Jackon kennen, einen ehemaligen Schlammtaucher, der �ber au�ergew�hnliche Kr�fte verf�gt: Jackon ist ein Traumwanderer, er kann in fremde Tr�ume eindringen und so Macht �ber andere Menschen erlangen. Lady Sarka will sich Jackons Kr�fte zu Nutze machen und hilft ihm, seine magische Gabe zu meistern. Obwohl Liam Jackon nicht in seine Pl�ne einweiht, werden die beiden nach einem unfreiwilligen Abenteuer in den st�dtischen Katakomben Freunde.</p><p>Das Buch aufzusp�ren erweist sich als �u�erst schwierig.</p><p>Erst als sich Liam Vivana, der Tochter von Nestor Quindal, anvertraut, findet er ein Mittel, die unheimlichen Spiegelm�nner, die W�chter des Palastes, zu �berlisten. Liam und Vivana stehlen das Buch, doch gleichzeitig wird das Anwesen von Schattenwesen und untoten Ghulen angegriffen. Jackon, auf den es die Kreaturen abgesehen haben, wird bei den K�mpfen schwer verletzt. Eines der Wesen, ein Incubus, schleudert Liam ins Pand�monium, das Gef�ngnis der D�monen und verdammten Seelen.</p><p>Vivana ist verzweifelt. Sie liebt Liam und beschlie�t, ins Pand�monium hinabzusteigen, um ihn zu retten. Gemeinsam mit ihrem Vater und dem Alb Lucien durchwandert sie das menschenfeindliche Reich und trotzt zahlreichen Gefahren, bis es ihr schlie�lich gelingt, Liam zu finden. Er hat die Gefangenschaft im Pand�monium nicht unbeschadet �berstanden: Ein D�mon ist in ihn gefahren und beansprucht seinen K�rper.</p><p>Bevor die Freunde das Pand�monium verlassen, machen sie eine beklemmende Entdeckung: Die Lichtmauern, die das Pand�monium von der Welt der Menschen trennen, bekommen Risse. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Horden von D�monen ins Diesseits eindringen k�nnen.</p><p>W�hrenddessen erholt sich Jackon von seiner Verletzung. Lady Sarka treibt seine Ausbildung voran, in der Absicht, mit seiner Hilfe das Reich der Tr�ume zu unterwerfen. Jackon ger�t mehr und mehr unter ihren Einfluss und willigt schlie�lich ein, Aziel, den Herrn der Tr�ume, zum Kampf herauszufordern. Dank seiner Kr�fte kann er Aziel bezwingen und Lady Sarka zur neuen Herrscherin �ber die Traumlanden erheben.</p><p>Wieder zur�ck in Bradost, kann Vivanas Tante Livia, eine Wahrsagerin, den D�mon in Liam vernichten und Liam von dessen Einfluss befreien. Lucien kl�rt wenig sp�ter auf, wer f�r die Risse in den Lichtmauern verantwortlich ist: Lady Sarka zerst�rt mit ihrer Machtgier die Traumlanden und besch�digt damit das Gef�ge der gesamten Sch�pfung, was in naher Zukunft unweigerlich den Zusammenbruch der Grenzmauern des Pandmoniums bewirken wird.</p><p>Gleichzeitig �bersetzen Liam und seine Freunde das Gelbe Buch von Yaro D'ar und finden heraus, dass Lady Sarka hinter dem Verschwinden des Ph�nix steckt. Sie hat das gottgleiche Schattenwesen versklavt und mit Schwarzer Magie an sich gebunden � der Quell ihrer gewaltigen Macht. Die Gef�hrten beschlie�en, den Bindezauber zu brechen, den Ph�nix zu befreien und Lady Sarka zu vernichten.</p><p>Schlie�lich kommt es zu einem Wiedersehen von Jackon und Liam. Liam hofft, Jackon f�r seine Pl�ne zu gewinnen, muss jedoch feststellen, dass sein Freund blind f�r Lady Sarkas Machtgier und Grausamkeit ist und sie geradezu verg�ttert. Er erkennt, dass sie auf verschiedenen Seiten stehen. Ihre Freundschaft zerbricht.</p><p>Lady Sarka erf�hrt von dem geheimen Treffen und zwingt Jackon, Liam zu verraten. Spiegelm�nner st�rmen das Geheimversteck des Aethermanns Godfrey und nehmen Liam und dessen Freunde gefangen. Vivana, die gerade ihren Lindwurm Ruac besucht, entgeht dem Hinterhalt. Als sie zu dem Versteck zur�ckkehrt, bietet sich ihr ein Bild der Verw�stung. Livia, ihre Tante, wurde von den Spiegelm�nnern zur�ckgelassen. Amander, ein gedungener M�rder Lady Sarkas, hat sie verwundet, und sie ringt mit dem Tod. Mit ihren letzten Atemz�gen bittet sie Vivana, etwas �u�erst Wichtiges f�r sie zu tun...</p><empty-line/></section><section><title><p><emphasis>DRAMATIS PERSONAE</emphasis></p></title><empty-line/><p>Bewohner von Bradost</p><p>Liam Satander, ein Blitzh�ndler</p><p>Vivana Quindal, eine angehende Wahrsagerin</p><p>Jackon, ein Traumwanderer</p><p>Nestor Quindal, ein ber�hmter Erfinder und Vivanas Vater</p><p>Silas Torne, ein Alchymist</p><p>Godfrey, der Aethermann</p><p>Vorod Khoroj, ein Aetherh�ndler aus Yaro D'ar</p><p>Koner Maer, ein Aeronaut und Kommandant der Ph�nix</p><p>Caitlin, Luciens lange verstorbene Geliebte</p><p>Fellyn Satander, ein Blitzh�ndler und Liams Vater</p><p>Lady Sarka und ihr Gefolge</p><p>Lady Sarka, die Herrscherin von Bradost</p><p>Corvas, das Oberhaupt der Geheimpolizei</p><p>Umbra, eine Leibw�chterin von Lady Sarka</p><p>Amander, ein Leibw�chter von Lady Sarka und Auftragsm�rder</p><p>Ibbott Hume, ein Palastg�rtner</p><p>Doktor Addock, der Leibarzt von Lady Sarka</p><p>Cedric, der Hausdiener von Lady Sarka</p><p>Schattenwesen und D�monen</p><p>Lucien, ein Alb</p><p>Ruac, ein Lindwurm</p><p>Aziel, ein Alb</p><p>Mama Ogda, eine Harpyie</p><p>Der Harlekin, ein abtr�nniger Alb</p><p>Seth, ein Incubus</p><p>Der Madenk�nig, der Anf�hrer der Ghule</p><p>Nachach, ein D�monenf�rst</p><p>Manusch</p><p>Madalin, das Oberhaupt der Familie</p><p>Livia, eine Wahrsagerin und Madalins Ehefrau</p><p>Nedjo, Jovan und Sandor, Madalins j�ngere Br�der</p><p>Tamas, Arpad und Dijana, Livias und Madalins Kinder</p><p>Bajo, das Oberhaupt einer anderen Manuschfamilie</p><p>Bewohner von Yaro Dar</p><p>Jerizhin Landa, die Kapit�nmagistratin von Suuraj</p><p>Mahoor Shembar, ein Sterndeuter und Nigromant</p><p>Tymerion Vai, der Admiral der Aeronauten von Suuraj</p><p>Narade, eine Krankenpflegerin</p><empty-line/></section><section><empty-line/><p><image l:href="#2"/></p><empty-line/></section><section><title><p>TEIL I</p><empty-line/><p><emphasis>Spiegel und Dunkelheit</emphasis></p></title><section><title><p>1</p><empty-line/><p><emphasis>Livias Geschenk</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>V</strong>ivana schloss die Augen. <emphasis>Ist das wirklich geschehen? Was, wenn ich alles nur tr�ume? Ja. So muss es sein...</emphasis></p><p>Doch es war kein Traum, nat�rlich nicht. Als sie die Augen aufschlug, war alles noch so wie zuvor: die zerw�hlte Tasche, die Glassplitter, das Blut auf dem Boden.</p><p>Und Livia auf ihrem Bett.</p><p>�Vivana�, fl�sterte ihre Tante. �Das Amulett.�</p><p>Vivana wischte sich die Tr�nen weg. Sie musste tun, worum ihre Tante sie bat. Wenigstens das musste sie schaffen.</p><p>St�ck f�r St�ck nahm sie Livias Sachen aus der Tasche und breitete sie auf dem Boden aus. Vorsichtig, damit sie nichts besch�digte. Die ledergebundenen B�cher. Das Messer. Mehrere Beutel mit getrockneten Kr�utern. Ganz unten fand sie die schwarze Perle, die Livia einst benutzt hatte, um Liam zu pr�fen.</p><p>Daneben lag ein Stein. Ein scharfkantiger Granitsplitter in Form einer Pfeilspitze. Zeichen und Symbole waren darin eingeritzt.</p><p>�Da ist kein Amulett�, sagte sie und nahm den Stein in die Hand. �Nur das.�</p><p>�Das ist es�, murmelte Livia. Ihre Stimme klang schwach, so schwach.</p><p>Vivana betrachtete den Stein. Tief in ihr schien es einen unbeteiligten Beobachter zu geben, der trotz des Grauens, das sie empfand, k�hl die Situation analysierte. <emphasis>Du kennst diese Runen. Es sind die Schriftzeichen des Verlorenen Volkes.</emphasis> Die Symbole waren unermesslich alt und voller Macht.</p><p>Jemand legte ihr eine Hand auf die Schulter.</p><p>�Wir m�ssen fort�, sagte Godfrey.</p><p>�Fort?�, echote sie verwirrt.</p><p>�Wir k�nnen hier nicht bleiben. Wenn Corvas und Umbra merken, dass du und Nedjo nicht bei den Gefangenen seid, werden sie zur�ckkommen.�</p><p>�Und Livia?�</p><p>�Wir m�ssen sie mitnehmen.�</p><p>�Das geht nicht. Schau sie dir doch an. Sie ist viel zu schwach.�</p><p>�Ich kenne einen Platz, wo wir uns verstecken k�nnen. Es ist nicht weit.�</p><p>�Aber...� Vivana bemerkte, dass Tante Livia etwas sagen wollte. Die Manusch brauchte einen Moment, bis sie die Kraft dazu fand.</p><p>�Godfrey hat Recht�, fl�sterte sie. �Ich schaffe das schon.�</p><p>Der Aethermann und Nedjo eilten davon, um eine Trage zu holen. Vivana setzte sich auf die Bettkante. Livia presste die Hand auf die blutigen Verb�nde. Sie war blass, und ihre Augen gl�nzten fiebrig. Auf eine seltsame Weise wirkte sie so noch sch�ner als sonst.</p><p>Vivana wandte den Blick ab. Sie hatte einen Klo� im Hals. �Wof�r ist der Stein?�</p><p>�Sp�ter�, sagte Livia und schloss die Augen. �Vergiss die Sachen nicht�, murmelte sie nach einer Weile. �Die Perle und die B�cher... Sie geh�ren jetzt dir.�</p><p>�Nein, tun sie nicht. Sie geh�ren <emphasis>dir.�</emphasis></p><p>Die Manusch erwiderte nichts darauf, vielleicht weil sie den Rest ihrer Kr�fte nicht damit vergeuden wollte zu streiten. Vivana presste die Lippen zusammen und begann, Livias Sachen in die Tasche zu stopfen.</p><p>Godfrey und Nedjo kamen mit der Trage zur�ck. Der junge Manusch war bleich und fuhr sich mit zitternder Hand durch das Haar, w�hrend sein Blick hierhin und dorthin huschte. Vivana hatte ihn noch nie so ersch�ttert erlebt.</p><p>Behutsam hoben die beiden M�nner Livia vom Bett. Die Wahrsagerin versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch Vivana sah, dass sie gro�e Schmerzen litt. Als Godfrey und Nedjo sie auf die Trage legten, st�hnte sie leise auf.</p><p>Die M�nner brachten sie in den Hauptraum des Verstecks, wo immer noch Schwaden von Pulverdampf �ber den zerschossenen Maschinen hingen. Ruac hatte hier auf sie gewartet. Der einstige Tatzelwurm, der nun zu einem Lindwurm herangewachsen war, betrachtete Livia mit seinen gelben Reptilienaugen. Er beschnupperte ihr Gesicht, als k�nne er nicht glauben, die energische Wahrsagerin so hilflos zu sehen. Livia l�chelte schwach und strich ihm �ber die Schnauze.</p><p>Sie stiegen �ber die Tr�mmer des Tores und folgten dem stillgelegten Abwasserkanal, eine stumme Prozession durch die Dunkelheit. Ruac sp�rte, dass sie Schutz brauchten, und huschte voraus. Vivana trug die Tasche mit Livias Sachen �ber der Schulter. In der einen Hand hielt sie Godfreys Lampe, in der anderen das Runenamulett. Sie umklammerte den Stein so fest, dass die Kanten in ihre Haut schnitten.</p><p>Godfrey f�hrte sie durch ein Gewirr aus Tunneln, in denen man das dumpfe Maschinenwummern des Kessels h�ren konnte, bis sie schlie�lich zu einer alten T�r kamen. Sie war so verzogen, dass Godfrey sie nur mit M�he aufbekam. Muffige Luft schlug ihnen entgegen. Vivana leuchtete hinein. Offenbar ein vergessener Lagerraum, in dem sich morsche Kisten und Blechf�sser bis zur spinnwebenverhangenen Gew�lbedecke stapelten.</p><p>�Hier findet uns niemand�, sagte Godfrey. Er und Nedjo trugen Livia hinein.</p><p>Die Manusch gab keinen Laut von sich, als sie die Trage abstellten. Vollkommen reglos lag sie da, die Augen geschlossen. Vivana kniete sich neben sie.</p><p>�Tante Livia?� Sie ber�hrte die Wange der Wahrsagerin. Ihre Haut war kalt.</p><p>Vivana legte die Finger auf Livias Hals, tastete, wartete. Endlich sp�rte sie den Puls, ganz schwach zwar, aber er war da.</p><p>�Wach auf, Tante Livia. Bitte. Du musst aufwachen.� Nach endlosen Sekunden �ffnete Livia die Augen.</p><p>�Wo sind wir?�</p><p>�In Sicherheit.�</p><p>Nedjo holte einen Wasserschlauch aus seinem Rucksack und half Livia beim Trinken. Anschlie�end klang ihre Stimme ein wenig kr�ftiger. �Hast du den Stein?�</p><p>Vivana nickte und �ffnete ihre Hand.</p><p>�H�r mir jetzt gut zu. Wir haben... nur einen Versuch. Nichts darf schiefgehen.�</p><p>�Was f�r einen Versuch? Ich verstehe nicht...�</p><p>�Die Tradition verlangt, dass ich mein Wissen weitergebe, bevor ich sterbe.�</p><p>Vivana wollte protestieren, wollte rufen <emphasis>Du stirbst nicht!,</emphasis> doch der n�chterne Beobachter in ihr wusste, dass sie damit lediglich Livias letzte Minuten verschwenden w�rde. Ihre Tante lag im Sterben � nichts und niemand konnte das verhindern. Alles, was Vivana jetzt noch tun konnte, war, ihre W�nsche zu respektieren.</p><p>Sie k�mpfte gegen die Tr�nen an und sagte: �Du willst es an mich weitergeben.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Auch deine Zauberspr�che und magischen Kr�fte?�</p><p>�Sie d�rfen nicht verloren gehen.�</p><p>�Aber ich bin nicht bereit daf�r. Du hast doch immer gesagt, man m�sse jahrelang studieren, bis man...�</p><p>�Daf�r haben wir jetzt keine Zeit mehr.�</p><p>Vivana schluckte. �Was muss ich tun?�</p><p>�Das Amulett enth�lt... magische Kraft. Du musst es gut festhalten. Es b�ndelt die Magie, die wir f�r das Ritual brauchen. Gib mir deine Hand.�</p><p>Vivana gehorchte. Die kalten Finger der Wahrsagerin schlossen sich um ihre Hand mit dem Stein und pressten sie auf Livias Brust.</p><p>�Komm her�, sagte Livia leise. �Du musst genau zuh�ren.�</p><p>Vivana hielt ihr Ohr nah an Livias Lippen. Ein Kraftschub schien durch den K�rper der Wahrsagerin zu str�men, und sie umklammerte ihre Hand so fest, dass sich Vivana vor Schmerz auf die Lippe biss.</p><p>Livia begann zu fl�stern.</p><p>Etwas in ihrer Stimme versetzte Vivana in hypnotische Trance und lie� sie vergessen, wo sie sich befand und was gerade geschah. Ihr war, als sickerten die Worte bis in die tiefsten Bereiche ihres Bewusstseins und br�chten dort etwas zum Schwingen, von dem sie bis jetzt nicht gewusst hatte, dass sie es in sich trug. Obwohl Livia in der Sprache der Manusch redete, verstand sie jedes Wort � und nicht nur das, sie erfasste die verborgenen Bedeutungen der einzelnen Silben und Laute, so, als lausche sie der puren Essenz der Sprache.</p><p>Der Runenstein wurde warm und schlie�lich so hei�, dass sie ihn am liebsten fallen gelassen h�tte. Doch der Griff der Wahrsagerin war unerbittlich.</p><p>Es waren uralte Geheimnisse, die Livia ihr anvertraute. Sie waren schon alt gewesen, als die Manusch ihre Heimat verloren hatten und begannen, rastlos durch die L�nder des Nordens zu ziehen. Viele Jahrhunderte lang waren sie von Mund zu Ohr gewandert, wurden stetig angereichert durch neues Wissen, durch neue Erfahrungen, sodass sie auch dann noch die T�r zu betr�chtlicher Macht �ffnen konnten, als die Magie l�ngst schwach geworden war. Innerhalb weniger Augenblicke sah Vivana die Welt durch die Augen zahlloser Manusch � Wahrsager und Heiler, Zauberer und Totenbeschw�rer �, die das Wissen ihrer Vorfahren erhalten hatten und es h�teten und mehrten, bevor sie starben und es ihrerseits an ihre Nachkommen weitergaben.</p><p>Die Flut der Bilder und Ger�usche und Gef�hle, die auf sie einst�rzte, war so gewaltig, dass sie vor Schmerz aufst�hnte. Sie versuchte, sich dagegen abzuschotten, die fremden Erinnerungen auszusperren und sie nicht mehr in ihr Inneres zu lassen � doch Livias Stimme durchdrang m�helos die Barrieren ihres Verstandes, so machtvoll war sie dank der Kraft des Amuletts.</p><p>�belkeit erfasste Vivana. Sie schien zu fallen, in einem Meer aus Schw�rze zu versinken, das ihr Bewusstsein mit Dunkelheit �berschwemmte.</p><p>H�nde griffen nach ihr, drehten sie auf den R�cken, ber�hrten ihre Wange. Schmerz durchfuhr ihren Kopf, und sie st�hnte abermals. Schlie�lich �ffnete sie blinzelnd die Augen und erblickte Godfrey und Nedjo, die sich �ber sie beugten.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte der Manusch.</p><p>Vivana atmete ruhig, bis die Benommenheit verschwand. Gern h�tte sie Nedjo geantwortet, Worte formuliert, doch es gelang ihr nicht. Unz�hlige Stimmen fl�sterten in ihrem Verstand und �bert�nten jeden Gedanken.</p><p>Sie hielt sich an Nedjos Arm fest und setzte sich auf �Alles in Ordnung? Du bist pl�tzlich umgekippt.�</p><p>Blitze tanzten vor ihren Augen. Sie sp�rte, dass sie nach wie vor den Stein umklammerte. Als sie ihre Hand �ffnete, blieben Partikel an ihrer Haut kleben. Der Stein zerbr�ckelte, und seine �berreste rieselten wie Asche durch ihre Finger.</p><p>Sie <emphasis>wusste</emphasis> Dinge. <emphasis>Erinnerte</emphasis> sich an Ereignisse, die sie nie erlebt hatte. Ihr Kopf war so voll davon, dass er sich anf�hlte, als w�rde er jeden Moment platzen.</p><p>Ruac rieb seine Schnauze an ihrer Schulter. Dankbar f�r seine Gegenwart schmiegte sie sich an ihn, sp�rte die W�rme, die seine Flanken verstr�mten. Seine Zuneigung war etwas Konkretes, gab ihr Halt. Half ihr, sich nicht in den fremden Leben zu verlieren, die sie dutzendfach gesehen und in sich aufgenommen hatte.</p><p>Ein einzelner Gedanke durchdrang ihre Verwirrung: <emphasis>Livia.</emphasis></p><p>Sie fuhr herum. Nedjo kauerte neben der Trage, das Gesicht grau vor Kummer.</p><p>Vivana ergriff die Hand der Wahrsagerin, betrachtete ihr Gesicht. Ihre Z�ge hatten sich entspannt. Sie wirkten sanft und ersch�pft zugleich, so als h�tte sie sich nach einem langen Arbeitstag hingelegt, um ein wenig zu ruhen.</p><p>Leise sprach Nedjo ein Gebet.</p><empty-line/></section><section><title><p>2</p><empty-line/><p><emphasis>In den Glash�hlen</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>I</strong>n Lady Sarkas Palast war der Herbst nie weit entfernt. Selbst im Hochsommer, wenn Bradost unter der Hitze �chzte, lagen Schatten �ber dem Garten, sodass es in den Fluren und Hallen kaum je richtig hell wurde. Ein immerw�hrendes Zwielicht umgab die uralten B�ume und verwitterten Statuen, und stets erf�llte ein Hauch von Moder die Luft.</p><p>Aber nun war Oktober, und der Herbst hatte den Palast tats�chlich fest im Griff. Feuerrotes Laub bedeckte Wege und Rasenfl�chen. Fr�h am Morgen ragte das Anwesen wie eine Klippe aus dem Nebel, der vom Fluss durch die Gassen kroch. Die Schwaden verfingen sich in den G�ngen des Heckenlabyrinths und verschwanden manchmal bis zum Nachmittag nicht.</p><p>Jackon wanderte einen menschenleeren Korridor entlang und blieb an einem Bleiglasfenster stehen, das auf die kahl werdenden B�ume vor dem Ostfl�gel wies. Er wusste nicht, wie lange er schon durch das Anwesen streifte. Er hatte die Enge seines Zimmers nicht mehr ertragen und streunte ziellos umher. Das Mittagessen, das Cedric ihm gebracht hatte, hatte er auch nicht anger�hrt. Er bezweifelte, dass er je wieder etwas zu sich nehmen konnte, ohne dass es ihm sofort wieder hochkam.</p><p>Regengraue Wolken zogen von Karst heran und hingen tief �ber den D�chern. Wind lie� den Rauch aus den Kaminen zerfasern. Im Nordosten, weit hinter den T�rmen der Kathedrale, befand sich ein H�gel. Mit etwas M�he konnte Jackon das Geb�ude erkennen, das darauf stand. Es war gro� und grau und abweisend und besa� Gitter vor jedem Fenster.</p><p>Das Ministerium der Wahrheit.</p><p>Just in diesem Moment befand sich Liam irgendwo da drinnen, gefangen in einer Zelle, und wartete darauf, dass...</p><p>Nein. Jackon beschloss, diesen Gedanken nicht weiterzuverfolgen, am besten <emphasis>�berhaupt nicht mehr zu</emphasis> denken, er hatte ja gesehen, wohin das f�hrte. Er musste sich ablenken, musste irgendetwas tun, das ihn daran hinderte, sich immer wieder zu fragen, was er h�tte tun m�ssen, damit es nicht so weit gekommen w�re.</p><p><emphasis>Du bist ein Traumwanderer. Ein Leibw�chter von Lady Sarka. H�r auf mit diesem albernen Selbstmitleid!</emphasis></p><p>Seine innere Unruhe wurde so stark, dass er weitergehen musste. Mit h�ngenden Schultern schlurfte er durch das tr�be Farbenspiel der Buntglasfenster, und irgendwann fand er sich auf der Treppe wieder, die zum Palastkeller und von dort aus zu den H�hlen unter den Gew�lbekammern f�hrte. Stufe f�r Stufe stieg er hinab, dem blauen Licht entgegen. Er wusste nicht recht, warum er ausgerechnet diesen Weg genommen hatte. Vielleicht weil er hoffte, jemanden zum Reden zu finden. Jemanden, der ihm sagte, dass er das Richtige getan hatte.</p><p>Die Treppe m�ndete in einen Gangkomplex, dessen W�nde, B�den und Decken aus einer wulstigen, glasartigen Substanz bestanden. Jackon war schon ein paarmal hier unten gewesen, aber er hatte nie herausgefunden, woher das blaue Licht kam. In manchen Felsnischen hingen papierne Spindeln, die zu gro� geratenen Wespennestern �hnelten. Mit Grausen erinnerte er sich, dass es sich dabei um H�llen handelte, in denen neue Spiegelm�nner heranwuchsen.</p><p>Er ging zum Zentrum der H�hlen. Dort, umgeben von S�ulen aus gewuchertem Glas, befand sich das Labor von Lady Sarka.</p><p>Seit die Lady Aziels Platz eingenommen hatte und �ber die Tr�ume herrschte, hielt sie sich kaum noch in der Wachwelt auf. Doch wenn sie es tat, war sie meist hier unten. Gerade unterhielt sie sich mit Corvas. Das silbrige Tuch ihres Gewandes nahm das H�hlenlicht und den Feuerschein des alchymistischen Ofens auf und schimmerte wie Perlmutt in geheimnisvollen Farben, als sie sich zu Jackon umwandte.</p><p>�Da ist ja unser Held des Tages. Bei Tessarion, du siehst ja furchtbar aus. Ist etwas passiert?�</p><p>�Ich habe mir nur den Magen verdorben�, murmelte Jackon. �Es geht schon wieder.�</p><p>�Corvas hat mir gerade erz�hlt, dass er die Verr�ter festgenommen hat. Heute ist ein gro�er Tag f�r Bradost. Und wessen Verdienst ist das? Allein der deine. Ich bin stolz auf dich.�</p><p>Fr�her hatte ihr L�cheln ihn stets aufgemuntert. Jetzt bewirkte es nur, dass er sich noch elender f�hlte.</p><p>Lady Sarka hob eine Augenbraue. �Es ist wegen Liam, nicht wahr? Hast du seinetwegen etwa ein schlechtes Gewissen?�</p><p>Er zuckte mit den Schultern.</p><p>�Dazu besteht wirklich kein Grund. Er wollte mir schaden. Er hat bekommen, was er verdient.�</p><p>�Er war mein Freund.�</p><p>�Du brauchst keine Freunde. Du hast uns.�</p><p>Jackon blickte von ihr zu Corvas, der mit seiner bleichen Haut und dem knochigen Sch�del im Zwielicht wie eine lebende Leiche wirkte. Ein Schauder lief ihm �ber den R�cken.</p><p>�Du hast das Richtige getan�, erkl�rte Lady Sarka sanft. �Jetzt h�r auf, so ein Gesicht zu machen. Heute ist f�r uns alle ein Tag der Freude.�</p><p>Da war er, der Satz, den er unbedingt hatte h�ren wollen. Doch er beruhigte ihn nicht, im Gegenteil, er klang wie grausamer Hohn in seinen Ohren. Am liebsten w�re er davongelaufen und h�tte sich irgendwo verkrochen, f�r immer.</p><p>In diesem Moment zogen sich in einem Winkel der H�hle die Schatten zusammen und verdichteten sich zu einem nachtschwarzen Kern. Ein Schattentor. Umbra trat heraus, gefolgt von Silas Torne und zwei Spiegelm�nnern. Die Maskierten trugen eine Gestalt. Obwohl ihr der Kopf auf die Brust gesunken war, erkannte Jackon auf den ersten Blick, um wen es sich handelte.</p><p>�Lucien�, sagte er �berrascht und lief Umbra entgegen.</p><p>Die Spiegelm�nner hielten den Alb an den Armen fest; seine F��e schleiften �ber den Boden. Ohnm�chtig war er nicht � seine Augen waren offen �, aber er schien irgendwie gel�hmt zu sein.</p><p>�Wieso hast du ihn nicht zum Ministerium gebracht, so wie die anderen?�, fragte Jackon.</p><p>�Weil er mir geh�rt�, antwortete Silas Torne an Umbras Stelle.</p><p>Die Leibw�chterin bedachte Torne mit einem Blick voller Abscheu. �Er geh�rt dir, wenn ich ihn verh�rt habe�, erinnerte sie ihn. �So lautet unsere Abmachung.�</p><p>�Gewiss�, erwiderte der entstellte Alchymist mit einem boshaften L�cheln.</p><p>Umbra befahl den Spiegelm�nnern, Lucien nach oben zu bringen. Torne folgte ihnen und rieb sich dabei die H�nde.</p><p>Jackon wagte sich nicht vorzustellen, was f�r ein Schicksal Lucien in Tornes Hexenk�che erwartete. <emphasis>Er hat mich vor Aziel gewarnt. Ohne ihn w�re ich jetzt tot.</emphasis> Hastig schob er auch diesen Gedanken beiseite.</p><p>Umbra �ffnete eine lederne Umh�ngetasche und �bergab Lady Sarka einen alten W�lzer. �Das Gelbe Buch von Yaro D'ar. Wir haben es bei dem Jungen gefunden.�</p><p>Lady Sarka legte den Folianten behutsam auf den Labortisch und strich mit den Fingerkuppen �ber den Ledereinband. �Gute Arbeit. Ich bin zufrieden mit euch.�</p><p>�Leider hat die Sache einen kleinen Sch�nheitsfehler�, sagte Umbra mit gerunzelter Stirn. �Godfrey ist uns entwischt. Au�erdem waren Quindals Tochter und einer der Manusch nicht in dem Versteck. Dummerweise ist uns das erst aufgefallen, als wir die Gefangenen ins Ministerium gebracht hatten. Wir haben sofort Leute zu dem Unterschlupf geschickt. Falls sie dort auftauchen, nehmen wir sie fest.�</p><p>�Gut.� Lady Sarka wandte sich an Corvas. �Fang an, die Gefangenen zu verh�ren. Ich will alles wissen. Was ihre Pl�ne gewesen sind und vor allem, was sie mit dem Buch vorhatten. Und frag Quindal nach seiner Tochter. Er wird wissen, wo sie sich versteckt.�</p><p>Corvas deutete eine Verneigung an. Dann verwandelte er sich in eine Kr�he, flog los und verschwand im blauen Zwielicht.</p><p>Eine Frage brannte Jackon auf den Lippen. �Wenn Corvas fertig ist�, begann er z�gernd, �was passiert dann mit den Gefangenen?�</p><p>�Was dann mit Liam passiert, willst du doch wissen, oder?�, erwiderte Lady Sarka.</p><p>�Ihr habt versprochen, dass ihm nichts angetan wird. Dass er nur ins Gef�ngnis kommt.�</p><p>�So, habe ich das?�</p><p>Ihr Ton gefiel ihm ganz und gar nicht. �Ihr habt mir Euer Wort gegeben!�</p><p>�Sei doch kein Narr. Sie sind Verr�ter. Daf�r gibt es nur eine Strafe.�</p><p>�Welche?�</p><p>�Herrgott, Jackon. Frag nicht so dumm.�</p><p>�Das k�nnt Ihr nicht tun�, �chzte er.</p><p>�Ich kann nicht nur, ich muss. Die Sicherheit Bradosts h�ngt davon ab.�</p><p>Pl�tzlich war Jackon, als g�be der Boden unter ihm nach, und er schien zu fallen, immer tiefer, immer schneller. �Ihr habt das von Anfang an gewusst, nicht wahr? Das Versprechen � das war nur eine L�ge, damit ich mache, was Ihr sagt. Wahrscheinlich habt Ihr gedacht: Der kleine, dumme Jackon merkt das sowieso nicht.�</p><p>�Jackon!�, sagte Umbra scharf.</p><p>�Wenn man �ber eine Stadt wie Bradost herrscht, muss man gelegentlich unangenehme Entscheidungen treffen�, entgegnete Lady Sarka ruhig. �Versteh das bitte. Jetzt lass uns allein. Umbra und ich m�ssen einiges besprechen.�</p><p>�Nein. Ich gehe erst, wenn ich wei�, dass Liam und seinen Freunden nichts geschieht. Ich will, dass Ihr es schw�rt, und diesmal ist Umbra mein Zeuge.�</p><p>Lady Sarka gab der Leibw�chterin mit einem Kopfnicken ein Zeichen, woraufhin Umbra ihn am Arm packte.</p><p>�Lass mich los!�</p><p>�Jetzt rei� dich zusammen! Du benimmst dich wie ein kleines Kind.� Umbra �ffnete ein Schattentor.</p><p>�L�gnerin!�, schrie Jackon. �Ihr seid eine L�gnerin, habt Ihr geh�rt?�</p><p>Im n�chsten Moment umfingen ihn die Schatten. Jackon versuchte, sich loszurei�en und zum Eingang des Tunnels zu laufen, doch Umbra hielt ihn mit eisernem Griff fest, bis er sich wenige Sekunden sp�ter in seinem Zimmer wiederfand.</p><p>�Ich schlage vor, du bleibst hier, bis du zur Besinnung gekommen bist�, knurrte die Leibw�chterin, bevor sie wieder verschwand.</p><p>Jackon kauerte auf dem Boden und schlug mit der Faust auf das Parkett, wieder und wieder. Er merkte nicht, dass ihm dabei Tr�nen �ber die Wangen liefen.</p><empty-line/></section><section><title><p>3</p><empty-line/><p><emphasis>Silas Tornes Meisterst�ck</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>N</strong>icht einmal die Augenlider konnte Lucien noch bewegen. Ein Gro�teil seiner Muskeln hatte sich verh�rtet, als w�re das Blut in seinen Adern zu einer festen Masse geronnen. Nur ein paar K�rperteile � die Finger, die F��e, sein Gesicht � waren davon nicht betroffen; daf�r waren sie gel�hmt und vollkommen taub. Seine Nervenbahnen dagegen arbeiteten ungl�cklicherweise einwandfrei. Immer neue Wellen brennender Pein sandten sie durch seine Glieder und verwandelten seinen K�rper in eine H�lle aus Schmerz.</p><p>Die Spiegelm�nner hatten ihn zu Silas Tornes Labor gebracht und auf einen steinernen Tisch gelegt. Der Alchymist hielt sich seit ein paar Minuten im hinteren Teil des Raumes auf und tat... irgendetwas. Was genau, wusste Lucien nicht � da er seinen Kopf nicht bewegen konnte, sah er lediglich die ru�verschmierte Gew�lbedecke. Doch was er h�rte, klang nicht gerade beruhigend. Ger�te klickten und surrten metallisch, und Torne summte gut gelaunt vor sich hin.</p><p>Lucien versuchte, seine Muskeln anzuspannen, seine Hand zur Faust zu ballen, irgendwie die Kontrolle �ber seinen K�rper zur�ckzuerlangen � vergeblich. Er konnte nicht einmal um Hilfe rufen, geschweige denn, sich unauff�llig machen oder in die Traumlanden entkommen. Das Gift legte sich wie Nebel �ber seinen Verstand, machte seine Gedanken schwerf�llig und blockierte seine Albenf�higkeiten. Diesmal hatte Torne wirklich an alles gedacht.</p><p>Irgendwann erschien das entstellte Gesicht des Alchymisten �ber ihm. Seine mumienhaft vertrockneten Lippen formten ein L�cheln.</p><p>�Lucien, alter Freund, du ahnst gar nicht, wie gl�cklich du mich machst. Wei�t du, wie oft ich mir diesen Moment vorgestellt habe? Hundertmal. Tausendmal. Ach, noch viel �fter. Nacht f�r Nacht habe ich wachgelegen und mir ausgemalt, wie du auf meinem Tisch liegst, hilflos und voller Angst. Und jetzt ist mein Wunsch endlich in Erf�llung gegangen.�</p><p>Torne verschwand aus Luciens Sichtfeld und redete weiter, w�hrend er in einem Regal herumw�hlte.</p><p>�Monatelang habe ich mir den Kopf zerbrochen, wie ich dich zur Strecke bringen k�nnte. Wie f�ngt man einen Alb, der so gerissen ist wie Lucien?, habe ich mich gefragt. Am besten mit Giftgas, dachte ich mir, aber nat�rlich durfte es kein gew�hnliches Giftgas sein. Ich musste eine v�llig neuartige Rezeptur erfinden, eine Substanz, die genau auf die speziellen Widerstandkr�fte eines Alben abgestimmt ist. Du machst dir keine Vorstellung, wie schwierig es ist, ein solches Gift zu destillieren. Was man dabei alles bedenken muss. Es gab Tage, an denen ich beinahe aufgegeben h�tte, und ich bin sicher, ein Wald-und-Wiesen-Alchymist w�re an dieser Aufgabe verzweifelt. Aber wie du wei�t, bin ich kein gew�hnlicher Trankmischer. Ich bin ein Meister meines Fachs, und so habe ich schlie�lich eine Rezeptur gefunden, die meine k�hnsten Erwartungen �bertroffen hat.�</p><p>Der Alchymist kam mit zwei Lederriemen zur�ck. �Leider h�lt die Wirkung nicht ewig. Wenn du also entschuldigst...� Er befestigte die Riemen an einer Seite des Tisches, schlang sie Lucien �ber Brust und Arme und �ber die Oberschenkel, zog sie fest und hakte sie auf der anderen Tischseite ein.</p><p>�Und wei�t du, was mich ganz besonders stolz macht? Das Giftgas ist nicht einmal mein Meisterst�ck.� Etwas quietschte wie die Scharniere einer Kiste, und Torne erschien mit einem Messer in der Hand. <emphasis>�Das</emphasis> ist mein Meisterst�ck.�</p><p>Das Messer bestand vom Griff bis zur Spitze aus gr�nem Glas, in dem sich der Lampenschein brach wie in geschliffenem Smaragd.</p><p>�Wundersch�n, nicht wahr? Es besteht aus Millionen von Kristallen, angereichert mit raffinierten und kostbaren Wirkstoffen, und es ist nicht gelogen, wenn ich dir sage, dass es eine verfluchte Schufterei war, sie zu gewinnen. Jeden Tag h�chstens einen Fingerhut voll. Aber es hat sich gelohnt. Es ist ein Prachtst�ck. Der Gipfel der alchymistischen Kunst, wenn du mir das Eigenlob gestattest. So etwas hat es noch nie gegeben.�</p><p>Torne drehte das Glasmesser so, dass das Licht auf der Schneide glei�te. Dann strich er mit der Spitze sanft �ber Luciens Wange. Lucien konnte sp�ren, dass es <emphasis>sehr</emphasis> scharf war. H�tte der Alchymist ein wenig mehr Druck ausge�bt, h�tte er sein Gesicht verletzt.</p><p>�Wei�t du, was geschieht, wenn ich dich damit schneide? Die Klinge entzieht dir einen winzigen Teil deiner Albenkr�fte und speichert sie in den Kristallen, sodass ich sie sp�ter extrahieren und zu einer n�tzlichen Essenz verarbeiten kann. Auf diese Weise zu sterben ist �beraus qualvoll, denn es dauert <emphasis>lang.�</emphasis></p><p>Die Klinge wanderte weiter, von Luciens Wange zu den Lippen, zum Kinn, �ber die Kehle, strich ganz sanft �ber seine Haut. Schlie�lich verharrte sie auf seinem Adamsapfel. Lucien bekam kaum noch Luft.</p><p>�Wir werden viel Spa� miteinander haben, wir zwei�, fl�sterte ihm der Alchymist ins Ohr. Sein Atem roch Ekel erregend, nach schlechten Z�hnen und entz�ndetem Zahnfleisch. �Wo soll ich anfangen? Am Arm? Du darfst entscheiden. Vielleicht k�nntest du ein bisschen zusammenzucken, wenn du einverstanden bist.�</p><p>In diesem Moment knarrte die Labort�r. Silas Torne richtete sich ruckartig auf. Dabei zischte die gr�ne Klinge an Luciens Gesicht vorbei und verfehlte sein Auge um h�chstens einen halben Zoll.</p><p>�Was machst du da?� Das war Umbras Stimme.</p><p>�Verschwinde�, fauchte Torne. �Siehst du nicht, dass ich zu tun habe?�</p><p>Lucien h�rte, dass die Leibw�chterin mit energischen Schritten hereinkam. Sie war nicht allein.</p><p>�Ist das deine Art, dich an eine Abmachung zu halten?�, fuhr sie den Alchymisten an. �Du sollst ihn einsperren, hab ich gesagt. Einsperren, nicht abstechen! Herrgott, Torne, hast du deinen Sadismus nicht mal f�r f�nf Minuten im Griff?�</p><p>�Dazu hast du kein Recht!�, kreischte Torne, als sich zwei Schemen dem Tisch n�herten.</p><p>Zwei Spiegelm�nner l�sten die Lederriemen, ergriffen Lucien an den Armen und stellten ihn auf die F��e. Torne schrie vor Wut.</p><p>�Schafft ihn zur�ck in den Keller�, befahl Umbra. Lucien war noch nie so froh gewesen, sie zu sehen.</p><p>�Das darfst du nicht!�, tobte der Alchymist. �Gib ihn mir zur�ck!�</p><p>�Nein. Wenn ich ihn hierlasse, kommst du nur in Versuchung.�</p><p>�Wann kriege ich ihn wieder?�</p><p>�Wenn ich ihn verh�rt habe.�</p><p>�Aber es dauert noch mindestens f�nf Stunden, bis er wieder sprechen kann!�</p><p>�Dein Pech�, sagte Umbra.</p><p>Dem Get�se nach zu schlie�en, warf der Alchymist in seinem Zorn Regale und Ger�tschaften um, w�hrend die Spiegelm�nner Lucien wegtrugen. Umbra ging voraus, und wenig sp�ter stiegen sie die Treppe zum Keller hinab.</p><p>Lucien sp�rte immer noch die Glasklinge an seiner Kehle. Ein Schwei�tropfen rann ihm �ber die Stirn. So knapp war es schon lange nicht mehr gewesen...</p><p>Man brachte ihn in die Glash�hlen zur�ck. In einer von blauem Licht erf�llten Kaverne schloss Umbra eine eiserne T�r auf, hinter der sich ein kleiner Raum mit gemauerten W�nden befand.</p><p>Seit Lucien sich von seinem Entsetzen erholt hatte, dachte er angestrengt dar�ber nach, wie er sich diese g�nstige Wendung der Ereignisse zu Nutze machen konnte. Als er sein neues Gef�ngnis sah, konnte er sein Gl�ck kaum fassen. Glaubte Umbra wirklich, so eine l�cherliche Zelle konnte ihn aufhalten?</p><p>�Du bist nicht das erste Schattenwesen, das wir hier gefangen halten�, sagte die Leibw�chterin, als h�tte sie seine Gedanken gelesen. �Deine Albenkr�fte werden dir nichts n�tzen, also versuch es gar nicht erst.�</p><p>Jetzt erst sah er, dass in die Decke ein Drudenfu� eingeritzt war. Seine Zuversicht verschwand so schnell, wie sie gekommen war.</p><p>Die Spiegelm�nner legten ihn unsanft auf den Zellenboden. Umbra warf die T�r zu und schloss ab.</p><p>Lucien lag auf dem R�cken, unf�hig, auch nur einen Muskel zu r�hren. Er war noch keine Minute hier drin, doch er sp�rte bereits, wie die Macht des magischen Symbols in ihn eindrang und seine letzten Kr�fte bet�ubte.</p><p>F�nf Stunden � so viel Zeit blieb ihm, bis Umbra zur�ckkam. Er konnte nur hoffen, dass die Wirkung des Giftgases vorher nachlie� und er sich wenigstens wieder bewegen konnte, wenn sie aufkreuzte.</p><p>Allm�hlich schien das Gef�hl in seine H�nde zur�ckzukehren � er meinte, die rauen Steinplatten unter seinen Fingerkuppen zu sp�ren. Er konzentrierte sich, b�ndelte seine Willenskraft, stellte sich vor, wie seine Finger zuckten, die Steifheit absch�ttelten... nichts. Das Gift war zu stark.</p><p>Aus der Dachflanke des Ostfl�gels wuchs ein Erkert�rmchen, eins von einem guten Dutzend, die das Anwesen kr�nten. Efeu klammerte sich an die Fassade, umrankte die gesplitterten Buntglasfenster und wurde erst von den Bleiplatten des Spitzdachs aufgehalten. Zwei Wasserspeier lugten aus dem Bl�ttergestr�pp; Wind und Wetter hatten sie so sehr abgeschliffen, dass sie konturlosen Steinzapfen glichen.</p><p>Jackon kauerte auf dem kleinen Balkon und tippte mit den Fu�spitzen gegen das rostzerfressene Gel�nder. Erinnerungen zogen an ihm vorbei wie die Geisterbilder einer Laterna magica.</p><p>Er dachte an die Nacht, in der Corvas ihn in seinem Schlupfwinkel gefunden hatte. An die Tage im Haus der stummen Zwillinge, wo er zum ersten Mal in einem richtigen Bett geschlafen hatte. An seine erste Begegnung mit Lady Sarka im Kuppelsaal, w�hrend drau�en ein Gewitter tobte. An den Beginn seiner Ausbildung, die N�chte im geheimen Zimmer und wie die Lady ihn gelehrt hatte, seine Kr�fte zu meistern und zu vergr��ern.</p><p>Es war eine unbeschwerte, eine aufregende Zeit gewesen, doch sie w�hrte nicht ewig. Aziel wurde auf ihn aufmerksam und versuchte, ihn zu t�ten. Schwer verletzt �berlebte er, erholte sich langsam von seinen Wunden. Dachte, er k�nne sein Leben nur retten, wenn er Aziel vernichtete. �bte weiter, wurde m�chtiger und m�chtiger.</p><p>Lady Sarka belohnte ihn f�r seine Entschlossenheit, machte ihn zu einem Leibw�chter, schenkte ihm Einfluss, Wohlstand und Ansehen. Er dankte es ihr, indem er noch h�rter �bte, bis er schlie�lich stark genug war, Aziel zu besiegen.</p><p>Und da zeigte sich pl�tzlich, dass es von Anfang an Lady Sarkas Plan gewesen war, Aziels Platz einzunehmen und �ber die Tr�ume zu herrschen. Jackon f�hlte sich hintergangen, doch sie redete auf ihn ein, zerstreute seine Bedenken, �berzeugte ihn von der Redlichkeit ihrer Absichten. Er glaubte ihr, so wie er ihr stets geglaubt hatte. Sie hatte ihm ein neues Leben geschenkt � wer war er, an ihr zu zweifeln?</p><p>Dann �berschlugen sich die Ereignisse. Liam, den er f�r tot gehalten hatte, lebte � und nicht nur das, er geh�rte zudem einer Verschw�rung gegen Lady Sarka an. W�hrend ihre Leute Jagd auf Liam und dessen Gef�hrten machten, versuchte Jackon verzweifelt, die Katastrophe abzuwenden, seinen Freund zu retten. Vergebens � ihr heimliches Treffen endete im Streit, die Freundschaft zerbrach.</p><p>Schlimmer noch, Lady Sarka kam ihm auf die Schliche, verlangte von ihm, Liam auszuliefern. Er wollte sich weigern, wollte sich ihr widersetzen, aber da zeigte sich, dass sie ihn l�ngst in der Hand hatte. Zu tief war er in ihre Machenschaften verstrickt, so sehr war er von ihr abh�ngig, dass er gehorchte � und Liam verriet.</p><p>W�hrend Jackon die vorbeiziehenden Wolken beobachtete, erschien es ihm, als w�ren die Ereignisse der vergangenen Monate nur Stationen eines Weges gewesen, der ihn unweigerlich zu diesem Ende gef�hrt hatte. Er w�re ein Dummkopf und ein Feigling, wenn er behauptete, dass er dagegen nichts h�tte tun k�nnen. Er hatte immer eine Wahl gehabt, vom ersten Tag an. <emphasis>Seine</emphasis> Entscheidungen waren es, denen er verdankte, dass es so gekommen war.</p><p>Liam hatte Recht gehabt: Lady Sarka hatte ihn nur benutzt. Von Anfang an hatte sie ihn beeinflusst, hatte ihn mit Versprechungen, L�gen und Drohungen gef�gig gemacht, bis ihm Macht und Einfluss zu Kopf gestiegen waren und er nicht mehr auf sein Gewissen geh�rt hatte. Und er war zu blind gewesen, das zu sehen. Auch damit hatte Liam Recht gehabt.</p><p>Er w�nschte, er k�nnte die Zeit zur�ckdrehen bis zu jener Nacht im Kuppelsaal, als er zum ersten Mal Lady Sarka begegnet war. Damals hatte alles in ihm danach geschrien, zu fliehen, das Weite zu suchen, kein Wort von dem zu glauben, was sie sagte. H�tte er nur darauf geh�rt.</p><p>�Hier bist du. Ich habe dich �berall gesucht.�</p><p>Jackon wandte sich um und entdeckte Umbra, die ihren Kopf durch eines der L�cher in der Buntglasscheibe steckte. Sie �ffnete die rostige T�r und trat auf den Balkon.</p><p>�Was machst du hier oben?�</p><p>Er schwieg. Er hoffte, dass sie wieder ging.</p><p>�Ich bin auf dem Weg zum Ministerium. Kommst du mit? Corvas und ich k�nnten deine Hilfe gebrauchen.�</p><p>�Wobei?�</p><p>�Die Gefangenen zu verh�ren.�</p><p>�Nein, danke�, murmelte er.</p><p>�Du hast immer noch ein schlechtes Gewissen, was?�</p><p>�Kann schon sein.�</p><p>�H�r auf damit. Du hast...�</p><p>�... das Richtige getan, ich wei߫, sagte er bitter.</p><p>�Manchmal muss man eben Dinge tun, die man nicht tun will�, meinte Umbra. �Es ist schwer, das einzusehen, aber irgendwann wirst du verstehen, dass es richtig war, Lady Sarka zu gehorchen. Das Wohlergehen vieler Menschen h�ngt davon ab.�</p><p>Jackon gab ein Schnauben von sich. Umbra glaubte das wirklich. Sie konnte einem beinahe leidtun.</p><p>�Was ist jetzt? Hast du vor, den ganzen Tag hier zu sitzen?�</p><p>�Lass mich in Ruhe.�</p><p>�Wie du willst. Aber lass die Gr�belei. Das bringt nichts.�</p><p>Die T�r knarrte, als Umbra sie hinter sich schloss.</p><p>Jackon zog die Knie an den Oberk�rper, legte die Arme darauf und blickte zu den Wolken empor. Sie bildeten immer neue Formen, w�hrend der Wind sie �ber die Stadt trieb, und er w�nschte, er k�nnte mit ihnen fliegen, fort, bis ans Ende der Welt.</p><empty-line/></section><section><title><p>4</p><empty-line/><p><emphasis>Das Ministerium der Wahrheit</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>ie Dunkelheit lastete so schwer auf Liam, dass er glaubte, sie w�rde ihn erdr�cken. Er kauerte in einer Ecke seiner Zelle. Es war so finster, dass er nicht einmal die T�r und die kleine Holzpritsche sehen konnte. Die Luft roch nach altem Mauerwerk, nach Furcht und Hoffnungslosigkeit.</p><p>Er war allein. Wohin man Quindal, Lucien, die Manusch und die Kinder gebracht hatte, wusste er nicht � es musste Stunden her sein, dass man ihn von seinen Freunden getrennt und in diese winzige Kammer tief in den Gew�lben des Ministeriums der Wahrheit geworfen hatte. Manchmal h�rte er Schritte auf dem Gang, leise Stimmen und das Klappern von Schl�sseln. Ger�usche, bei denen er jedes Mal zusammenzuckte und bang darauf wartete, dass die Stille zur�ckkehrte.</p><p>Er kannte die Geschichten �ber das Ministerium. Nur wichtige Gefangene wurden hierhergebracht, <emphasis>Feinde von Bradost,</emphasis> wie man sie nannte � Leute, die man verh�ren wollte. Es hie�, Corvas und seine Gehilfen bes��en ausgefeilte Techniken, mit denen sie jeden zum Reden brachten. Bis jetzt hatte man ihm keine einzige Frage gestellt. Worauf warteten sie? Dass Dunkelheit und Furcht ihn zerm�rbten?</p><p>Er hatte versucht zu schlafen, um f�r ein paar Stunden der Verzweiflung zu entkommen. Doch immer, wenn er die Augen schloss, sah er Vivanas Gesicht vor sich. War es den Spiegelm�nnern gelungen, sie aufzusp�ren? Was, wenn sie von der Alten Arena zu Godfreys Versteck zur�ckgekehrt und ihnen geradewegs in die Arme gelaufen war? Er betete, dass sie sich in Sicherheit befand. Die Vorstellung, sie k�nnte wie er in einer dunklen Zelle sitzen und auf Corvas' Folterknechte warten, brachte ihn schier um den Verstand.</p><p>Er lehnte sich zur�ck, bis sein Kopf die Mauer ber�hrte, und schloss die Augen. Er war so ein Narr. Ein �berheblicher Dummkopf. Wie hatte er nur je glauben k�nnen, er k�nne etwas gegen Lady Sarka ausrichten? Sie war viel zu m�chtig. Er hatte nie auch nur den Hauch einer Chance gehabt. Und zu allem �berfluss hatte er auch noch seine Freunde mit hineingezogen. Dass sie litten, war allein seine Schuld.</p><p>Sein Vater hatte es gewusst. Er hatte geahnt, dass die Suche nach dem Gelben Buch von Yaro D'ar nur Leid nach sich ziehen w�rde. Deshalb hatte er Liam all die Jahre verheimlicht, was er tat � um ihn zu sch�tzen.</p><p>Liam w�nschte, er h�tte nie jemandem von dem Buch erz�hlt, Quindal nicht, und erst recht nicht Vivana. H�tte er versucht, es ohne fremde Hilfe zu finden, w�re es nie so weit gekommen.</p><p>Stimmen erklangen vor der Zellent�r. Ihm wurde kalt, als er sie erkannte. Corvas und Umbra.</p><p><emphasis>Lass sie weitergehen. Bitte lass sie weitergehen!</emphasis></p><p>Ein Schl�ssel knirschte im Schloss. Von pl�tzlicher Furcht gepackt, stand Liam auf. Die T�r �ffnete sich, und Licht flutete herein, so hell, dass er sch�tzend die Hand vor das Gesicht halten musste.</p><p>�Lasst mich allein mit ihm�, sagte Corvas. Die T�r schloss sich, und der Bleiche stellte die Lampe auf den Boden. �Setz dich�, befahl er.</p><p>Liam nahm die Hand herunter. Er r�hrte sich nicht von der Stelle.</p><p>�Ich habe einige Fragen an dich. Ich rate dir, sie zu beantworten. Du ersparst dir damit viel Leid.�</p><p>Liam schluckte. Nun war es also so weit: Das Verh�r begann.</p><p>�Erz�hl mir von euren Pl�nen�, sagte Corvas ohne Umschweife. �Was hattet ihr mit dem Buch vor? Habt ihr es gelesen? Hat euch jemand dabei geholfen?�</p><p>Liam war entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen, obwohl er den kr�henhaften Ausdruck in Corvas' Augen kaum ertrug. �Wie geht es meinen Freunden? Wo sind sie?�</p><p>Corvas gab keine Antwort. Reglos stand er da. Der Lampenschein zeichnete seinen Schatten auf die Zellenwand. �Warum konnten die Spiegelm�nner euch in Godfreys Versteck nicht sehen?�, fuhr er fort. �Haben die Manusch etwas damit zu tun?�</p><p>Er blickte Liam abwartend an. Schlie�lich sagte er mit seiner tonlosen Stimme: �Wenn du nicht kooperierst, hole ich einen unserer Alchymisten. Sie verf�gen �ber Mittel und Wege, deine Zunge zu lockern. Aber ich warne dich: Dieser Vorgang ist �beraus unangenehm.�</p><p>Er lie� einige Sekunden verstreichen, die Liam wie Stunden vorkamen. �Wo verstecken sich Quindals Tochter und der Manusch namens Nedjo? Wieso haben sie das Versteck verlassen? Wohin sind sie gegangen?�</p><p>In seinem Entsetzen ben�tigte Liam einen Moment, bevor er begriff, was diese Frage bedeutete: Die Spiegelm�nner hatten Vivana nicht gefasst � sie war in Sicherheit! Er h�tte am liebsten gejubelt vor Erleichterung. Er l�chelte Corvas an. �Ich habe keine Ahnung, wo die beiden stecken. Aber eins wei� ich sicher: Sie werden sie nie finden.�</p><p>�Ist das alles, was du zu sagen hast?�</p><p>Anstelle einer Antwort setzte sich Liam auf die Pritsche und schaute den Chef der Geheimpolizei herausfordernd an.</p><p>�Wie du willst. Aber du wirst dein Schweigen noch bereuen.� Corvas hob die Lampe auf und klopfte an die T�r. Nachdem er gegangen war, erf�llte wieder vollkommene Dunkelheit die Zelle. Liam wippte mit beiden Knien. Das Grauen sa� ihm immer noch tief im Leib, aber zu wissen, dass es Vivana gutging, dass sie frei war, erf�llte ihn mit unb�ndiger Energie. Sollte Corvas doch eine ganze Armee Alchymisten holen! Von ihm w�rden sie nichts erfahren.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis sich die T�r abermals �ffnete. Drau�en auf dem Korridor stand Corvas mit zwei Wachsoldaten. Ein Mann in einer schlichten Robe, grau wie Blei, trat ein. Er war noch bleicher als Corvas.</p><p>In der Hand hielt er eine kleine Kapsel aus Messing.</p><p>�Was ist das?�, fragte Liam gedehnt.</p><p>Der Alchymist dr�ckte den Verschluss der Kapsel ein, und violetter Dampf str�mte heraus. Die Schwaden bildeten mehrere Str�nge, die auseinanderf�cherten und sich wie neugierige Schlangen in der Luft wanden � und sich pl�tzlich zielstrebig auf Liam zubewegten, als verf�gten sie �ber einen eigenen boshaften Willen.</p><p>Liam federte hoch und wich in eine Ecke der Zelle zur�ck, doch die Dampftentakel bewegten sich so schnell, dass er ihnen nicht entkommen konnte. Sie schossen �ber den Boden, krochen an seinen Beinen empor und schlangen sich um seinen Torso, seine Arme, seine H�nde, so fest wie Drahtseile. Liam prallte gegen die Mauer, wand sich, k�mpfte dagegen an, doch ohne Erfolg.</p><p>Ein Strang schloss sich um seinen Hals und erstickte seine Schreie.</p><empty-line/></section><section><title><p>5</p><empty-line/><p><emphasis>Vivanas Schwur</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>K</strong>nisternd schlugen die Flammen h�her, bis sie Livia vollt�ndig einh�llten. Rauch stieg zu den Baumkronen auf, verfing sich zwischen d�rren �sten und feuerroten Bl�ttern, zerfaserte im Wind.</p><p>Vivana und ihre Gef�hrten standen am Rand der kleinen Lichtung, die K�pfe gesenkt, die Kapuzen tief in die Gesichter gezogen. Die Luft war feucht und kalt hier in den H�geln, und zwischen den Wipfeln der Ahornb�ume konnte man in der Ferne die nebelverhangenen Felsh�nge von Karst sehen. Godfrey kannte einen alten Tunnel, der von den Katakomben des Labyrinths zum n�rdlichen Rand der Stadt f�hrte, zu den Plantagen am Fu� der H�gel. Hierher hatten sie Livia gebracht, um ihren K�rper unter freiem Himmel zu verbrennen, wie es Sitte bei den Manusch war.</p><p>Nedjo hatte ein altes Gebet gesprochen und die Totenklage gesungen, bevor er seine Fackel an das �lgetr�nkte Holz hielt. Niemand sprach ein Wort. Vivana schloss die Augen und sp�rte den Erinnerungen nach, die Livia ihr geschenkt hatte, lie� sie an sich vor�berziehen. Unz�hlige Menschen hatte die Wahrsagerin in ihrem Leben getroffen, sie mit ihrer Freundlichkeit und ihrer Hingabe ber�hrt, ihnen Hoffnung gegeben, ihre Leiden gemindert. Sie alle h�tten da sein sollen, Verwandte und Freunde, Manusch und Leute aus Bradost, sie h�tten da sein sollen, um Abschied von ihr zu nehmen, um f�r sie zu beten. Doch niemand war da, nicht einmal ihr geliebter Madalin, nicht einmal ihre Kinder. Nur Vivana und Nedjo, Godfrey und Ruac. Vier Gestalten, schmutzig, ver�ngstigt und zu Tode ersch�pft.</p><p>Vivana ballte die F�uste, bis sich die Fingern�gel in ihre Haut gruben. In ihr war ein Zorn, wie sie ihn noch nie versp�rt hatte. Stumm bewegten sich ihre Lippen, w�hrend sie unter den kahlen �sten stand und dem Rauch nachblickte, der die Asche forttrug. Wind bauschte ihren Mantel auf, als sie Amanders Namen verfluchte und schwor, Rache zu nehmen f�r das, was er getan hatte.</p><empty-line/></section><section><title><p>6</p><empty-line/><p><emphasis>Gestohlene Kr�fte</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>I</strong>rgendwann wurde Jackon bewusst, dass es nieselte. Es musste schon seit einer ganzen Weile regnen, denn sein Wams war durchn�sst, und Haarstr�hnen klebten an seiner Stirn; er hatte es nur nicht bemerkt. Er blinzelte, als w�re er gerade aufgewacht. Dann �ffnete er die Balkont�r und stieg die Treppe des Erkert�rmchens hinab. Er war so ausgelaugt, dass er sich am liebsten hingelegt h�tte, doch mit jedem Schritt f�hlte er sich ein klein wenig kr�ftiger.</p><p>Er hatte eine Entscheidung getroffen.</p><p>Er ging zu seinem Zimmer, wo er sich trockene Sachen anzog. Anschlie�end �ffnete er den Schrank im Salon der Leibw�chter und betrachtete die Waffen darin. Es gab Pistolen und Messer, S�bel und Rapiere. Seine Wahl fiel auf zwei Dolche. Er schob sich die Klingen hinter den G�rtel und verbarg sie unter seinem Mantel.</p><p>Niemand begegnete ihm, w�hrend er den Palast durchquerte. Das Anwesen wirkte noch verlassener als sonst. Schlie�lich kam er zu Silas Tornes Labor. Er lauschte an der T�r, bevor er sie vorsichtig �ffnete. Drinnen roch es nach Schwefel und Schlacke und all den anderen Substanzen und Giften, mit denen der Alchymist Tag und Nacht hantierte. Jackons Blick wanderte �ber die Apparaturen, den Steintisch, die Regale. �berall zerbrochene Phiolen, umgeworfene Ger�tschaften, seltsam riechende Pf�tzen auf dem Boden. In dem Raum herrschte ein Chaos, als h�tte ein Wahnsinniger einen Tobsuchtsanfall erlitten und alles verw�stet.</p><p>Es war niemand da.</p><p>Jackon legte die Hand auf die Stelle, wo er die Dolche verbarg, und stieg so leise wie m�glich �ber das Durcheinander. Als er gerade den Vorhang im hinteren Teil des Labors �ffnen wollte, wurde dieser zur Seite gerissen.</p><p>Silas Torne stand vor ihm. Sein Kittel war von oben bis unten besudelt, er stank, und sein verbliebenes Auge schien zu gl�hen. �Was hast du hier zu suchen?�, fragte er barsch.</p><p>�Ich bin wegen Lucien hier. Umbra schickt mich. Ich soll nach ihm sehen.�</p><p>�Soll das ein Witz sein?�</p><p>��h, wieso?�, fragte Jackon verwirrt.</p><p>�Sie hat ihn weggebracht�, schnarrte der Alchymist. �Schon vor Stunden. Wenn du ihn sehen willst, geh verdammt noch mal in den Keller.�</p><p>Damit war sein ganzer Plan dahin. Jackon w�nschte, er h�tte sich einen besseren ausgedacht. Er setzte eine ver�rgerte Miene auf und fragte: �Wieso hat sie mir das nicht gesagt?�</p><p>�Woher soll ich das wissen? Jetzt verschwinde, und geh jemand anders auf die Nerven.� Torne schloss den Vorhang.</p><p>Jackon schlurfte ratlos aus dem Labor. Umbra hatte Lucien also in den Keller gebracht. Wo w�rde sie einen Alben einsperren, der bekannt daf�r war, dass keine Zelle der Welt ihn lange halten konnte? Im ganzen Palast gab es nur einen Raum, der infrage kam: das Schattenwesengef�ngnis in den H�hlen. Umbra hatte es ihm gezeigt, als sie ihn nach seiner Ernennung zum Leibw�chter im Palast herumgef�hrt hatte.</p><p>Es wurde allm�hlich Nacht. Jackon hastete durch dunkle Korridore und eilte wenig sp�ter die Treppe hinab. Die Glash�hlen waren so verlassen wie der Rest des Anwesens � der gr��te Teil der Spiegelm�nner hielt sich immer noch im Ministerium der Wahrheit auf. Stille erf�llte die blau gl�henden Tunnel.</p><p>Dummerweise waren nicht alle Homunculi fort: Ausgerechnet vor der Zellent�r stand einer Wache. Als Jackon um die Ecke bog und den Maskierten entdeckte, verkniff er sich einen Fluch.</p><p>Wie k�nnte er das Gesch�pf loswerden? Normalerweise gaben nur Lady Sarka und Corvas ihnen Befehle, aber er wusste, dass sie die Anweisung hatten, auch Umbra, Amander und ihm zu gehorchen. Allerdings hatte er das noch nie ausprobiert. Schon der Gedanke, einen Spiegelmann anzusprechen, jagte ihm eine Heidenangst ein.</p><p>Betont gelassen schritt er zur T�r. Wenn man direkt vor diesen Wesen stand, wirkten sie noch gr��er, noch unheimlicher als sonst. Jackons Antlitz spiegelte sich seltsam verzerrt in der gew�lbten Maske, und er musste an das augenlose Gesicht denken, das sich dahinter verbarg.</p><p>�Du kannst gehen�, sagte er im herrischsten Ton, den er zu Stande brachte. �Ich k�mmere mich jetzt um den Gefangenen.�</p><p>Keine Reaktion. Jackon sp�rte, wie ihm der Schwei� ausbrach. Es funktionierte nicht. Musste er seinen Befehl pr�ziser formulieren?</p><p>�Geh nach oben zur Eingangshalle, und warte dort, bis Umbra dir neue Anweisungen erteilt.� Das war genau die Art und Weise, wie Corvas stets mit den Spiegelm�nnern sprach. Es musste einfach klappen. Fest blickte er das Wesen an � und pl�tzlich setzte es sich in Bewegung, schritt davon.</p><p>Jackon atmete tief durch. Als der Spiegelmann verschwunden war, fischte er mit schwei�nassen Fingern seinen Schl�sselbund aus der Hosentasche. Das n�chste Problem. Zwar besa� er wie alle Leibw�chter einen kompletten Satz Schl�ssel f�r s�mtliche T�ren des Palasts, aber er hatte noch nie nachgepr�ft, ob er damit auch die T�ren in den Glash�hlen �ffnen konnte.</p><p>Nacheinander probierte er all seine Schl�ssel aus, in der st�ndigen Furcht, der Spiegelmann k�nne zur�ckkommen. �Ja!�, rief er triumphierend, als einer der Schl�ssel passte.</p><p>Auf dem Boden der Zelle lag Lucien. Er sah schrecklich aus. Er zitterte am ganzen Leib, Schwei� glitzerte auf seiner Haut.</p><p>Jackon entdeckte den Drudenfu� an der Decke. Kein Wunder, dass es Lucien so schlecht ging.</p><p>Wenigstens schien er sich wieder bewegen zu k�nnen. Jackon half ihm, sich aufzusetzen.</p><p>�Du?�, murmelte Lucien.</p><p>Jackon st�tzte ihn, sodass er aufstehen konnte. Gemeinsam verlie�en sie die Zelle.</p><p>Drau�en l�ste sich der Alb unsanft von Jackon. Schwankend hielt er sich auf den Beinen. Er war offenbar nicht ganz so schwach, wie es den Anschein hatte. �Was willst du von mir?� Seine Stimme klang schwer und belegt.</p><p>�Dich befreien, bevor Umbra zur�ckkommt.�</p><p>Lucien gab ein freudloses Lachen von sich. Dann wankte er zu einer wulstigen Bodenwelle und setzte sich.</p><p>�Wirklich�, sagte Jackon. �Du musst mir glauben. Bitte, Lucien.�</p><p>�Dir glauben? Wieso habe ich nur solche Probleme damit? Lass mich nachdenken... Ach ja, richtig: Du bist ein Verr�ter. Du hast meine Freunde ins Gef�ngnis gebracht. Deinetwegen h�tte Torne mich beinahe gefoltert und get�tet. Nichts f�r ungut, Jackon, aber ich w�rde dir nicht einmal dann glauben, wenn du einen verdammten Heiligenschein �ber deinem Rotschopf h�ttest.�</p><p>�Ja, ich habe euch verraten. Aber ich habe eingesehen, dass das falsch war.�</p><p>�Falsch�, wiederholte Lucien ver�chtlich. �Du hast Gl�ck, dass ich so erledigt bin. Sonst w�rde ich dir auf der Stelle den Hals umdrehen.�</p><p>Jackon leckte sich nerv�s die Lippen. Luciens Hass war mehr als verst�ndlich. Doch er brauchte den Alb. Wie konnte er ihn nur von der Redlichkeit seiner Absichten �berzeugen?</p><p>Er w�nschte, er h�tte mehr Zeit. Umbra hatte nicht gesagt, wie lange sie und Corvas im Ministerium bleiben w�rden. Vielleicht waren sie bereits auf dem Weg hierher.</p><p>�Was passiert ist, tut mir leid. Es war dumm. Ich h�tte das niemals tun d�rfen.�</p><p>�Und diese Erkenntnis ist dir jetzt ganz pl�tzlich gekommen.�</p><p>�Lady Sarka hat mich belogen. Sie hat gesagt, ihr w�rdet nur ins Gef�ngnis kommen. Aber jetzt will sie davon auf einmal nichts mehr wissen.�</p><p>�Lass mich raten: Sie will Liam und die anderen hinrichten lassen.�</p><p>�Ja!�</p><p>�Unfassbar�, bemerkte Lucien. �Wer h�tte das gedacht?�</p><p>�Na sch�n, ich war ein Idiot. Aber ich wollte das nicht. Wirklich.�</p><p>�Stattdessen wolltest du uns nur im Kerker verrotten lassen. Wie gn�dig. Wir sollten dich zum Wohlt�ter des Jahres ernennen.�</p><p>Ihre Stimmen hallten durch den Tunnel. Jackon f�rchtete, dass jeden Moment Spiegelm�nner auf sie aufmerksam wurden � oder gar Lady Sarka h�chstpers�nlich. Nicht ausgeschlossen, dass sie sich nach wie vor in ihrem Labor aufhielt. Das befand sich zwar am anderen Ende des H�hlenkomplexes, aber so laut, wie Lucien redete, h�rte man ihn vermutlich im ganzen Palast.</p><p>�Ich wei�, ich habe einen Fehler gemacht�, sagte Jackon. �Sogar viele Fehler. Eine ganze Million. Ich kann das nicht mehr �ndern. Also lass mich wenigstens versuchen, es wiedergutzumachen.�</p><p>�Wer sagt mir, dass das kein Trick ist?�</p><p>�Was h�tte ich davon? Du warst in einer Zelle eingesperrt. Wenn ich dir schaden wollte, h�tte ich dich da drinnen schmoren lassen.�</p><p>Lucien musterte ihn stechend. Er schien sich langsam vom schw�chenden Einfluss des Drudenfu�es zu erholen. �Gut�, meinte er. �Nehmen wir an, du sagst die Wahrheit. Was hast du jetzt vor?�</p><p>�Wir gehen zum Ministerium der Wahrheit und befreien Liam und die anderen.�</p><p>�Wir beide?�</p><p>Jackon nickte.</p><p>�Wie willst du das anstellen?�</p><p>�Mir f�llt schon etwas ein.�</p><p>�Das ist Wahnsinn, das wei�t du.�</p><p>�Es ist immer noch besser, als sie im Stich zu lassen.�</p><p>Lucien seufzte. Dann blickte er sich suchend um. �Hast du zuf�llig irgendwo meinen G�rtel gesehen? Und meine Messer?�</p><p>�Leider nicht. Aber ich habe das.� Jackon reichte ihm einen seiner Dolche. Lucien begutachtete die Klinge, verzog den Mund und legte sie neben sich.</p><p>�Also hilfst du mir?�, fragte Jackon.</p><p>�Sieht ganz so aus, als bliebe mir nichts anderes �brig, was?�</p><p>�Gut! Dann lass uns keine Zeit verlieren.�</p><p>�Gib mir noch ein paar Minuten. Einen halben Tag mit einem Drudenfu� eingesperrt zu sein, steckt man nicht so einfach weg. Und Tornes Gift wirkt auch noch nach.�</p><p>Jackon musste sich zwingen, nicht ungeduldig von einem Fu� auf den anderen zu treten. Er hatte Lucien befreit und ihn dazu gebracht, ihm zu helfen, aber das war erst der Anfang. Die anderen zu retten, w�rde weitaus schwieriger werden. Und selbst wenn ihm das gelang, musste er sie davon �berzeugen, dass er auf ihrer Seite stand. Dass Lucien ihm zugeh�rt hatte, war allein seinem geschw�chten Zustand zu verdanken. Jackon bezweifelte, dass die anderen genauso geduldig mit ihm sein w�rden.</p><p>Nach einer Weile stand Lucien auf.</p><p>�Bist du so weit?�, fragte Jackon.</p><p>�Es wird gehen, sch�tze ich. Solange du keine Heldentaten von mir verlangst.�</p><p>�Ich schlage vor, dass wir nach oben schleichen und den Palast durch den Nordfl�gel verlassen. Da ist normalerweise niemand.�</p><p>�Und wie willst du die Spiegelm�nner umgehen?�</p><p>�Es sind kaum welche im Palast. Sie sind immer noch im Ministerium.�</p><p>�Die Wachen in den H�hlen auch?�</p><p>�Ich glaube schon. Seit dem Ghulangriff hat Lady Sarka nicht mehr viele Spiegelm�nner. Sie hat fast alle zu Godfreys Versteck geschickt.�</p><p>�Ich habe eine bessere Idee. Es gibt einen Tunnel, der von den Glash�hlen zu den Katakomben der Altstadt f�hrt. Vielleicht haben wir Gl�ck, und er ist nicht bewacht.�</p><p>�Woher wei�t du von dem Tunnel?�</p><p>�Ich war schon einmal hier�, antwortete Lucien geheimnisvoll. �Komm. Wir m�ssen da lang.�</p><p>Als sie zu einem der Ausg�nge der Kaverne liefen, trat pl�tzlich eine Gestalt ins Zwielicht und verstellte ihnen den Weg.</p><p>�Nicht so hastig, Freunde�, sagte Silas Torne. �Wo wollt ihr denn hin?�</p><p>Der Alchymist hielt einen Dolch in der Hand. Die Klinge bestand aus einem gr�nen, durchsichtigen Material und wirkte so scharf wie gesplittertes Vulkangestein.</p><p>�Bist du mir etwa nachgeschlichen?�, fragte Jackon.</p><p>�Mein Junge, du bist ein lausiger L�gner. Hast du wirklich gedacht, ich kaufe dir deine l�cherliche Geschichte ab? Ich wei�, was hier l�uft. Aber da habt ihr die Rechnung ohne den alten Silas gemacht. Niemand wird mir Lucien wegnehmen. Umbra nicht, und erst recht nicht du.�</p><p>Torne l�chelte d�nn. Das Glasmesser glitzerte. Langsam kam er n�her und sah dabei aus wie eine von b�sen Kr�ften belebte Vogelscheuche.</p><p>Als Jackon noch voller Panik �berlegte, was er jetzt tun sollte, sprang Lucien nach vorne und stach mit seinem Dolch zu. Allerdings hatte er seine alte Schnelligkeit noch l�ngst nicht zur�ckerlangt, und Torne wich m�helos aus. Die beiden M�nner rangen miteinander, prallten gegen die Wand und fielen zu Boden. Torne w�lzte sich auf Lucien und holte mit dem Glasmesser aus, doch der Alb hielt seinen Arm fest.</p><p>�Worauf wartest du?�, rief Lucien. �Hilf mir, verdammt!�</p><p>Jackon k�mpfte sein Entsetzen nieder und st�rzte sich auf den Alchymisten. Der schrie vor Wut und riss seine Hand los, die gr�ne Klinge blitzte auf. Das Messer schrammte �ber Jackons Arm.</p><p>Lucien machte sich Jackons Angriff zu Nutze und federte hoch. Er verpasste Torne einen Tritt, der diesen zu Boden schleuderte. Jackon wollte sich auf ihn werfen, aber der Alchymist rammte ihm die Faust ins Gesicht und legte in den Schlag eine Kraft, die man dem ausgezehrten und entstellten Mann niemals zugetraut h�tte. Jackon rollte �chzend �ber den Boden.</p><p>Benommen sah er, dass Lucien ihrem Gegner den Dolchknauf gegen den Hinterkopf schlug. Torne sackte zusammen und r�hrte sich nicht mehr.</p><p>Jackon griff nach seinem Dolch und rappelte sich auf �Ist er tot?�</p><p>�Keine Ahnung.� Luciens Brust hob und senkte sich heftig. Der kurze Kampf musste ihn sehr ersch�pft haben.</p><p>�Du bist ja verletzt�, sagte Jackon, als er einen blutenden Schnitt auf Luciens Handr�cken bemerkte.</p><p>�Halb so wild. Wie geht's deinem Arm?�</p><p>Jackon untersuchte den Kratzer. Ein wenig Blut quoll daraus hervor. Daf�r, dass die Wunde nicht viel mehr als eine Schramme war, brannte sie wie Feuer. �Tut ziemlich weh, aber ich werde es �berleben.�</p><p>�Vielleicht hat uns jemand geh�rt. Sehen wir zu, dass wir verschwinden.�</p><p>Sie packten den Alchymisten an Armen und Beinen und legten ihn in die Zelle. Er atmete noch, wie Jackon erleichtert feststellte. Er hatte schon genug Unheil angerichtet; er wollte nicht auch noch f�r einen Mord mitverantwortlich sein.</p><p>Nachdem er die T�r abgeschlossen hatte, hasteten sie durch die H�hlen. Als sie an einer der Treppen vorbeikamen, die zu den h�her gelegenen Kellergew�lben f�hrten, lief Jackon hinauf und holte eine Karbidlampe. Er musste nicht lange danach suchen � neben jedem Kellerzugang standen welche bereit.</p><p>Wenig sp�ter erreichten sie den Tunnel, von dem Lucien gesprochen hatte. Die glasartigen W�nde gingen in gew�hnliches Mauerwerk �ber, und am Rand des blauen Gl�hens erahnte Jackon eine eisenverst�rkte T�r. Zu seiner Erleichterung sah er nirgendwo Spiegelm�nner.</p><p>Lucien griff nach dem T�rknauf, doch die T�r war abgeschlossen. �Jetzt br�uchte ich mein Werkzeug.�</p><p>�Warte mal.� Jackon z�ckte den Schl�sselbund und versuchte sein Gl�ck. Der f�nfte Schl�ssel passte.</p><p>Als er ihn umdrehte, �berkamen ihn pl�tzlich Zweifel, ob er das Richtige tat. <emphasis>Ich habe Lucien zur Flucht verholfen, und Silas Tarne kann das best�tigen. Die Folgen werden schrecklich sein, wenn Lady Sarka davon erf�hrt. Will ich das</emphasis> wirklich? <emphasis>Noch kann ich umkehren. Ich k�nnte Lady Sarka beichten, was ich getan habe, und hoffen, dass sie mir verzeiht. Aber wenn ich durch diese T�r gehe, gibt es kein Zur�ck mehr. Ich schlage mich damit endg�ltig auf die Seite Liams � auf die Seite ihrer Gegner. Und was Feinde Lady Sarkas zu erwarten haben, wei� ich ja jetzt.</emphasis></p><p>Sein Mund wurde trocken. <emphasis>Tu es, na los!</emphasis></p><p>�Worauf wartest du?�, fragte Lucien ungeduldig.</p><p>Jackon hielt den Atem an, gab sich einen Ruck und �ffnete die T�r.</p><p>Er hatte es getan! Er hatte sich ein f�r alle Mal von Lady Sarka losgesagt.</p><p>Sie traten in den alten Tunnel, wo der unverkennbare Modergeruch der Katakomben sie umfing. Jackon schloss die T�r, als ihn auf einmal schwindelte. Blinzelnd lehnte er sich gegen die Wand.</p><p>�Alles in Ordnung?�, fragte Lucien.</p><p>�Ich wei� nicht... Irgendetwas stimmt nicht.�</p><p>�Ja. Geht mir auch so. Ich glaube, das liegt an Tornes Messer.�</p><p>�Das Messer?� Jackon wurde kalt. �Meinst du, es war vergiftet?�</p><p>�Schlimmer, f�rchte ich.� Lucien nahm ihm die Lampe aus der Hand und z�ndete sie an. �Komm. Wir m�ssen weiter.�</p><p>Jackon eilte ihm nach. �Schlimmer? Was meinst du mit schlimmer?�</p><p>�Torne hat dir mit dem Messer deine Kr�fte gestohlen.�</p><p><emphasis>�Was?�</emphasis></p><p>�Deine Traumf�higkeiten. Ich f�rchte, sie sind weg.�</p><p>�Bist du sicher?�</p><p>�Ziemlich.�</p><p>�Aber wie hat er das gemacht?�</p><p>�Das war kein gew�hnliches Messer. Eher ein alchymistisches Folterinstrument. Torne hat sich gro�e M�he damit gegeben.�</p><p>�Und sie sind jetzt <emphasis>f�r immer</emphasis> weg?�</p><p>�Unwahrscheinlich. Die Wunde ist kaum der Rede wert. Ich sch�tze, wenn sie verheilt ist, kehren deine Kr�fte zur�ck.�</p><p>�Wie lange dauert das?�</p><p>�Schwer zu sagen. Ein paar Tage vielleicht.�</p><p><emphasis>Keine Traumf�higkeiten mehr.</emphasis> Widerspr�chliche Gef�hle erf�llten Jackon, als er �ber die Konsequenzen dieser unerwarteten Wendung nachdachte. Einerseits Angst, denn seine Kr�fte waren inzwischen so sehr Teil von ihm, dass er sich nicht vorstellen konnte, ohne sie zu leben. Andererseits Erleichterung, schlie�lich hatten sie ihm bisher nichts als �rger und Leid eingebracht.</p><p>Sie liefen durch die Dunkelheit. Der Strahl der Karbidlampe huschte �ber feuchtes Mauerwerk.</p><p>�Moment mal�, sagte Jackon. �Du wurdest doch auch verletzt. Was ist mit deinen Kr�ften?�</p><p>�Dreimal darfst du raten.�</p><p>�Sie sind weg?�</p><p>�Du hast es erfasst.�</p><p>�Deine ganzen Albenf�higkeiten? Du kannst dich nicht mehr unauff�llig machen und so?�</p><p>�Keine Unauff�lligkeit mehr. Und auch keine anderen Kr�fte. Bis die Wunde verheilt ist, bin ich einfach ein stinknormaler Kerl mit seltsamen Haaren, kapiert?� Lucien blieb abrupt stehen. �Du hast das Messer doch mitgenommen, oder?�</p><p>�Nein. H�tte ich das tun sollen?�</p><p>�Wir k�nnen es nicht einfach da liegen lassen. Es enth�lt unsere Kr�fte. Wer es findet, stellt wom�glich etwas damit an. Wir m�ssen noch einmal zur�ck.�</p><p>�Das geht nicht�, sagte Jackon. �Es ist zu gef�hrlich.�</p><p>Lucien biss die Z�hne zusammen und starrte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. �Verdammter Mist!�, fluchte er schlie�lich und lief weiter auf ihr urspr�ngliches Ziel zu.</p><p>An einer Abzweigung blieb er stehen und leuchtete mit der Lampe in den Gang. Ratten flohen vor der Helligkeit in Spalten und L�cher.</p><p>�Ich glaube, zum Ministerium geht es da lang�, sagte Jackon.</p><p>�Ich wei�. Ich habe nur �berlegt, ob es nicht besser w�re, zuerst nach Vivana zu suchen. Sie war nicht im Versteck, als die Spiegelm�nner auftauchten. Du wei�t nicht zuf�llig, ob man sie festgenommen hat?�</p><p>Jackon sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Wir m�ssen versuchen, sie zu finden�, sagte der Alb. �Nicht, dass sie Corvas' Leuten in die Arme l�uft.�</p><p>�Nein. Wir gehen zum Ministerium. Je l�nger Liam und die anderen dort gefangen sind, desto gef�hrlicher wird es f�r sie. Wenn Vivana bei ihnen ist, befreien wir sie gleich mit, und wenn nicht, umso besser. Dann k�nnen wir sie anschlie�end immer noch suchen.�</p><p>Lucien dachte dar�ber nach. �Also gut. Aber ich hoffe, du hast einen Plan, wie wir sie da rausholen. Ich n�mlich nicht.�</p><p>�Ich habe eine Idee. Wir m�ssen nur abwarten, bis Corvas und Umbra nicht mehr im Ministerium sind...�</p><empty-line/></section><section><title><p>7</p><empty-line/><p><emphasis>Misstrauen</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>V</strong>ivana sch�ttelte ihren Beutel aus. Ruac schn�ffelte an den Essensresten, die sie auf einem Komposthaufen gefunden hatte, und blickte sie vorwurfsvoll an.</p><p>�Ich wei�, nicht gerade ein Festessen�, sagte sie. �Aber etwas anderes gibt's nicht. Tut mir leid.�</p><p>Der Lindwurm machte sich �ber ein steinhartes Brot her. Es knirschte, als er den Laib zerbiss.</p><p>�Wir sind nicht viel besser dran�, sagte Nedjo in der Dunkelheit. �Hier. Eine halb volle Dose mit Keksen. Zwei �pfel. Etwas Hartk�se. Guten Appetit.�</p><p>Vivana setzte sich zu den beiden M�nnern und nahm einen Apfel. Sie hatten vor dem Regen in einer Scheune Schutz gesucht, am Rand der Plantagen, wo sich um diese Jahreszeit kaum ein Mensch aufhielt. Unter dem Heuboden war genug Platz f�r drei Personen und einen Lindwurm, obwohl Ruac inzwischen mehr als vier Schritt lang war und so viel wog wie ein Pferd. Es roch nach Stroh, Erde und fauligem Obst und war nicht ganz so ungem�tlich wie drau�en.</p><p>Lustlos nagte Vivana an ihrem Apfel. Sie war m�de und niedergeschlagen, und sie hatte es satt, sich st�ndig zu verstecken. Noch nie zuvor hatte sie sich so sehr nach ihrem Zuhause gesehnt, nach der Geborgenheit ihres Zimmers und den vielen Kleinigkeiten, auf die sie seit Wochen verzichten musste: ihrem Bett, ihren B�chern, einem ordentlich eingerichteten Badezimmer. Ob sie das Haus mit der Glaskuppel jemals wiedersehen w�rde?</p><p>�Da drau�en sind Leute�, sagte Godfrey, der am Fenster sa� und in die Nacht hinausblickte.</p><p>�Spiegelm�nner?�, fragte sie alarmiert.</p><p>�Schwer zu sagen. Seid besser leise.�</p><p>Sie wagte kaum zu atmen. Mit den anderen dr�ngte sie sich am Fenster und versuchte, die Gestalten, die sich auf dem Acker herumtrieben, genauer zu erkennen. Eine von ihnen hatte eine Laterne, doch der Regen war zu stark, als dass sie mehr h�tte sehen k�nnen.</p><p>��h, Vivana?�, fl�sterte Nedjo. �Ich glaube, Ruac ist weg.�</p><p>Sie fuhr herum. Ruac sa� an derselben Stelle wie vorhin, den Kopf wachsam in die H�he gereckt. Wollte Nedjo sie auf den Arm nehmen? Dann begriff sie: Ruac hatte auf die Gefahr reagiert und sich <emphasis>unauff�llig</emphasis> gemacht. Er war jetzt ein ausgewachsener Lindwurm und besa� alle Eigenschaften eines echten Schattenwesens.</p><p>�Keine Sorge, er ist noch da. Du kannst ihn nur nicht mehr sehen.�</p><p>�Aber du kannst es?�, fragte Nedjo.</p><p>Es war nicht so, dass Ruacs Unauff�lligkeit keine Wirkung auf sie gehabt h�tte � sie musste sich schon ein wenig anstrengen, damit sie ihn erkennen konnte. Aber dass sie es �berhaupt konnte, war neu. Vor ein paar Tagen hatte sie von dem unauff�lligen Lucien nur einen Schemen gesehen, obwohl er genau neben ihr stand. Vermutlich eine Nebenwirkung ihrer neuen magischen Kr�fte.</p><p>�Das sind nur Betrunkene�, stellte Godfrey fest. �Von denen haben wir nichts zu bef�rchten.�</p><p>Ein paar Minuten sp�ter war das ferne Gel�chter der Gestalten verklungen. Vivana hatte keine Lust mehr, im Dunkeln zu sitzen, und z�ndete die Laterne an, die sie im Schuppen fand. Nedjo und Godfrey setzten sich zu ihr in den Lichtschein.</p><p>�Wir m�ssen uns �berlegen, was wir jetzt machen�, sagte sie.</p><p>�Was <emphasis>k�nnen</emphasis> wir denn noch machen?�, erwiderte Nedjo. �Ohne Madalin und die anderen sind wir am Ende.�</p><p>�Richtig. Deswegen m�ssen wir sie befreien.�</p><p>�Wie? Wir wissen ja nicht einmal, wohin die Spiegelm�nner sie gebracht haben.�</p><p>�Sie sind im Ministerium der Wahrheit�, sagte Godfrey. �Sicher?�</p><p>�Politische Gegner der Lady werden immer im Ministerium inhaftiert.�</p><p>�Gut�, sagte Vivana. �Lasst uns dort hingehen.�</p><p>�Du willst sie aus dem Ministerium befreien?�, fragte Nedjo mit gerunzelter Stirn.</p><p>Sie nickte.</p><p>�Aber du kennst doch die Geschichten. Wer einmal im Gef�ngnis der Geheimpolizei sitzt, kommt nie wieder raus.�</p><p>�Ich habe ja auch nicht vor auszubrechen. Ich will <emphasis>ein</emphasis>brechen.�</p><p>�Trotzdem. Das ist viel zu gef�hrlich.�</p><p>�Du willst sie also im Stich lassen? Deine Br�der? Die Kinder?�</p><p>�Du kennst mich � unter anderen Umst�nden w�re ich der Erste, der etwas unternehmen w�rde. Aber du musst das realistisch sehen. Was k�nnen wir drei schon ausrichten? Wir haben nicht einmal mehr <emphasis>javva.�</emphasis></p><p>�Wir sind vier�, widersprach Vivana, und Ruac z�ngelte, wie um ihre Worte zu bekr�ftigen. �Ich wei� ja, dass es schwierig ist�, fuhr sie fort. �Aber irgendetwas m�ssen wir tun. Ich finde, wir sollten uns wenigstens das Ministerium aus der N�he anschauen. Vielleicht f�llt uns dann etwas ein. Was meinst du, Godfrey?�</p><p>�Ich sehe es wie Nedjo. Wir haben kaum eine Chance.�</p><p>�Aber es spricht doch nichts dagegen, dass wir uns dort umsehen, oder?�</p><p>�Untersch�tz nicht die Gefahr. Auf der Kr�henh�he wimmelt es von Soldaten und Geheimpolizisten.�</p><p>�Dann passen wir eben auf. Jetzt kommt schon. Oder wollt ihr lieber hier herumsitzen und darauf warten, dass man euch auch ins Gef�ngnis steckt?�</p><p>Als sie die Kr�henh�he, jenen H�gel im Nordosten der Stadt, erreichten, war es bereits Mitternacht. Sie waren durch die Katakomben gegangen und verlie�en den Tunnel im Keller eines leer stehenden Stadthauses. Es hatte aufgeh�rt zu regnen, und der tr�be Schein der Gaslaternen erf�llte die Stra�en.</p><p>Godfrey, der als Einziger die Gegend kannte, f�hrte sie durch das Gewirr der Gassen. Ruac hatte sich wieder unauff�llig gemacht und folgte ihnen lautlos. Halb verfallene Mietskasernen, st�dtische Beh�rden mit ru�grauen Fassaden und die verschiedenen Geb�ude der Irrenanstalt s�umten ihren Weg; es gab weder Tavernen noch Kaffeeh�user, und ihnen begegnete keine Menschenseele.</p><p>Das Ministerium thronte wuchtig auf dem H�gel, ein kastenf�rmiges Geb�ude mit vergitterten Fenstern und massiven Mauern. Vivana wusste, dass es einst das Gildenhaus der Alchymisten gewesen war, bevor die Gilde ihren Sitz in die Aetherk�chen verlegt hatte. Ein halbes Dutzend Soldaten mit Filzm�nteln, Brustpanzern und Hakenlanzen stand im Durchgang zum Innenhof. Auch die �brigen Zug�nge waren bewacht. Vivana sank der Mut. Es w�rde sehr schwer werden, unbemerkt an das Geb�ude heranzukommen, geschweige denn, hineinzugelangen.</p><p>Die Gef�hrten verbargen sich in einer Gasse, von der aus man die Vorderfront �berblicken konnte. Mitten in der Nacht schienen sich kaum Leute darin aufzuhalten � nur in zwei Fenstern brannte Licht.</p><p>�Und jetzt?�, fragte Nedjo leise.</p><p>�Lass mich �berlegen.� Was h�tte Livia an ihrer Stelle getan? Gab es einen Zauberspruch, mit dem sie die Wachen verwirren oder in die Flucht schlagen konnte? Vivana horchte in sich hinein, doch alles, was sie dort fand, war ein unbeschreibliches Durcheinander. Die magische Kraft in ihr war noch viel zu frisch, viel zu wild und ungeordnet. Vivana bezweifelte, dass sie je in der Lage sein w�rde, sie zu beherrschen und etwas N�tzliches damit anzufangen.</p><p>�Kannst du dich in Aether verwandeln?�, fragte sie Godfrey.</p><p>�Um was zu tun?�</p><p>�Du k�nntest ins Gef�ngnis eindringen und die Zellen aufmachen.�</p><p>�Und dann? Das Gef�ngnis ist voller Wachen. Selbst wenn ich es schaffe � wie sollen dein Vater und die anderen an ihnen vorbeikommen?�</p><p>Vivana verzog den Mund. Warum musste Godfrey sie immerzu darauf hinweisen, was <emphasis>nicht</emphasis> ging? Konnte er nicht wenigstens ein Mal einen konstruktiven Vorschlag machen?</p><p>Sie h�rte ein leises Ger�usch in der Gasse und fuhr herum. Nedjo hob seine Pistole und starrte angespannt in die Dunkelheit.</p><p>Eine Gestalt huschte aus der Schw�rze.</p><p>�Lucien!�, sagte Vivana verbl�fft.</p><p>Der Alb prallte zur�ck und hob die H�nde, als er die auf ihn gerichtete Waffe sah. �Ho! Ganz ruhig.�</p><p>Nedjo atmete erleichtert aus und senkte die Pistole. Lucien kam n�her.</p><p>�Was machst du hier?�, fragte Vivana. �Wir dachten, du w�rst im Gef�ngnis, genau wie die anderen.� Sie war so gl�cklich, ihn zu sehen, dass sie ihn umarmte.</p><p>�Lange Geschichte.� Lucien musterte sie von oben bis unten. �Was ist denn mit dir passiert? Du wirkst so anders. Und... bei der ewigen Nacht, ist das etwa <emphasis>Ruac?�</emphasis></p><p>�Ich erkl�r's dir sp�ter. Wie hast du uns gefunden?�</p><p>�Wir sind auch gerade erst gekommen. Wir haben euch zuf�llig gesehen. Ihr seid ganz sch�n laut. Sei froh, dass die Wachen da dr�ben keine Alben sind.�</p><p><emphasis>�Wir?�,</emphasis> wiederholte Vivana und versp�rte j�he Hoffnung in sich aufsteigen. �Hei�t das, es konnte noch wer entkommen?�</p><p>�Leider nicht. Aber ich habe jemanden mitgebracht, der uns helfen will. Bin gleich wieder da.�</p><p>Lucien verschwand in der Dunkelheit und kam wenig sp�ter mit seinem geheimnisvollen Begleiter zur�ck.</p><p>�Du!�, sagte Vivana.</p><p>Es war Jackon.</p><p>�Bevor du jetzt w�tend wirst, h�r mir zu�, begann Lucien, doch sie <emphasis>war</emphasis> bereits w�tend.</p><p>�Hast du vergessen, was er angerichtet hat? Er hat uns verraten. Er ist schuld daran, dass Tante Livia tot ist. Und du bringst ihn einfach zu uns!�</p><p>�Es ging nicht anders. Wir brauchen ihn, wenn wir die anderen retten wollen.�</p><p>Vivana konnte nicht glauben, was sie da h�rte. Sie fuhr zu Jackon herum. �Du verdammter Bastard! Du Verr�ter!�, zischte sie leise. �Verschwinde! Hau ab und lass dich nie wieder blicken, kapiert?�</p><p>�Jetzt warte doch�, stammelte der Rothaarige und wich erschrocken zur�ck. �Lass mich wenigstens erkl�ren, was ich vorhabe...�</p><p>�L�gner! Du wartest doch nur auf eine Gelegenheit, uns fertigzumachen.� Vivana packte ihn am Kragen. Am liebsten h�tte sie ihn zu Boden gesto�en und verpr�gelt.</p><p>�H�r auf�, ging Nedjo dazwischen. �Willst du, dass die Wachen uns h�ren?�</p><p>�Er soll verschwinden. Mir wird schlecht, wenn ich ihn nur ansehe.�</p><p>�Nein�, widersprach Lucien. �Er bleibt bei uns.�</p><p>Vivana war so zornig, dass sie kein Wort mehr herausbrachte. Jackon strich mit betretener Miene seine Kleider glatt. Sie wandte den Blick ab. Sie f�rchtete, wenn sie noch einmal in sein schuldbewusstes Gesicht blicken musste, w�rde sie ihn umbringen.</p><p>�Lucien hat Recht�, sagte Nedjo. �Mir gef�llt das auch nicht, aber denk doch mal nach. Wenn der Kerl wirklich etwas im Schilde f�hrt, dann ist es besser, er bleibt hier. Damit wir ihn im Auge behalten k�nnen, verstehst du? Wir fesseln und knebeln ihn, dann kann er nichts anstellen.�</p><p>�Macht doch, was ihr wollt!�, fauchte Vivana.</p><p>Der junge Manusch holte ein Seil aus seinem Beutel. Als er und Godfrey Jackon festhielten, begann der Rothaarige zu zappeln.</p><p>�Lucien! Sag ihnen, dass sie aufh�ren sollen.�</p><p>�Das ist nicht n�tig�, wandte sich der Alb an die beiden M�nner. �Ich denke nicht, dass er eine Gefahr darstellt.�</p><p>�Wieso nimmst du ihn in Schutz?�, fragte Vivana. �Kannst du mir das mal erkl�ren?�</p><p>�Er hat mich gerettet. Ohne ihn w�re ich wom�glich schon tot.�</p><p>�K�nnte ein Trick sein�, bemerkte Nedjo.</p><p>�Lady Sarka hat bekommen, was sie wollte. Tricks hat sie keine mehr n�tig.�</p><p>�Wer wei� schon, was sie in ihrem kranken Hirn ausbr�tet.� Der Manusch drehte Jackon die Arme auf den R�cken. Der Rothaarige verzog vor Schmerz das Gesicht. Godfrey schob ihm ein zusammengekn�lltes Tuch in den Mund, das seinen Schrei erstickte, bevor sie ihn fesselten. Als die beiden M�nner fertig waren, sa� Jackon wie ein verschn�rtes Paket auf dem Boden und konnte sich kaum noch bewegen.</p><p>�Na sch�n�, sagte Lucien. �Niemand verlangt von euch, ihm zu vertrauen. Aber wir sind auf ihn angewiesen. Er hat mir seinen Plan erz�hlt. Mit ihm haben wir vielleicht eine Chance, die anderen zu befreien.�</p><p>�Wir brauchen seine Hilfe nicht�, erwiderte Vivana. �Wir schaffen das auch so.�</p><p>�Und wie?�</p><p>�Siehst du den Nebeneingang da dr�ben? Er ist weit genug weg vom Haupttor. Da gehen wir rein.�</p><p>Lucien sp�hte zu der T�r. �Davor steht eine Wache.�</p><p>�Wirst du mit ihr fertig?�</p><p>�Ich denke schon. Aber die T�r wird verschlossen sein.�</p><p>�Darum k�mmert sich Godfrey.� Sie blickte in die Runde. �Nedjo, du bleibst mit Ruac hier und passt auf Jackon auf. Wir drei gehen zum Ministerium. Einverstanden?�</p><p>�Das ist verr�ckt�, sagte Lucien.</p><p>Vivana verlor allm�hlich die Geduld. W�hrend sie diskutierten, sa�en ihre Gef�hrten in dunklen Gef�ngniszellen und litten. �Genug geredet. Jetzt kommt!�</p><p>Sie lief los. Ihr Plan sah vor, durch den Nebeneingang ins Ministerium einzudringen und den Zugang zum Gef�ngnis zu suchen. Ein sehr waghalsiger Plan, zugegeben, aber sie konnte schlie�lich auf die Hilfe von Lucien und Godfrey z�hlen. Die beiden M�nner mit ihren au�ergew�hnlichen F�higkeiten waren schon mit weit schlimmeren Gefahren fertiggeworden.</p><p>Au�erdem gab es keine andere M�glichkeit. Schnell und lautlos zuzuschlagen, die W�chter zu �berrumpeln und rasch wieder zu verschwinden, war ihre einzige Chance.</p><p>Da direkt vor dem Ministerium mehrere Laternen standen, eilte sie in die Gasse zur�ck, umrundete den H�userblock und �berquerte die Stra�e zweihundert Schritt vom Ministerium entfernt, wo es dunkler war. Vorsichtig pirschte sie sich an den Seitenfl�gel des Geb�udes heran und ging hinter einer Hausecke in Deckung. Der Nebeneingang befand sich auf der anderen Stra�enseite, keine f�nfzehn Schritt von ihr entfernt. Wenn sie um die Ecke sp�hte, konnte sie den Wachsoldaten sehen. Er st�tzte sich auf seine Hakenlanze und hatte den Kragen seines Filzmantels hochgeschlagen. Auf H�he seines Gesichts leuchtete ein roter Punkt: die Glut seiner Zigarette.</p><p>Lucien huschte heran und presste sich hinter ihr gegen die Mauer. �Ich mag es nicht, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden�, sagte er leise.</p><p>�W�re ich nicht losgelaufen, w�rdet ihr immer noch reden. Wo ist Godfrey?�</p><p>�Da.� Der Aethermann tauchte aus der Dunkelheit auf und gesellte sich zu ihnen. Er schien den ganzen Weg in aller Gem�tsruhe geschlendert zu sein. Godfrey zog es vor, sich nicht �berm��ig schnell zu bewegen, wenn er es vermeiden konnte.</p><p>�Kannst du die Wache einschlafen lassen, so wie damals den Kerl in der Alten Arena?�, fragte Vivana Lucien.</p><p>�Ich f�rchte, mit solchen Kunstst�cken ist es f�rs Erste vorbei. Aber ich schaffe das auch so.�</p><p>W�hrend Vivana noch r�tselte, was er damit meinte, zog der Alb seinen Dolch und schlich davon. <emphasis>Wieso macht er sich nicht unauff�llig?,</emphasis> fragte sie sich besorgt. Doch auch so war Lucien dank seiner katzenhaften Flinkheit nahezu unsichtbar. Geschickt das Wechselspiel von Licht und Schatten ausnutzend, pirschte er sich an den Soldaten heran und verpasste ihm mit dem Dolchknauf einen Hieb in den Nacken. Bewusstlos brach der Mann zusammen. Lucien fing ihn auf, damit seine R�stung nicht klapperte, und legte ihn behutsam auf das Kopfsteinpflaster.</p><p>Vivana und Godfrey eilten zu ihm. An dieser Seite des Ministeriums waren alle Fenster dunkel. Niemand schien etwas bemerkt zu haben.</p><p>Vivana gab Lucien ihr letztes Seil, mit dem der Alb den Soldaten fesselte. W�hrenddessen versuchte sie sich an der T�r. �Abgeschlossen. Hat er einen Schl�ssel bei sich?�</p><p>Lucien durchsuchte den Bewusstlosen fl�chtig. �Leider nicht.�</p><p>Das war Godfreys Stichwort. Er trat vor und verwandelte seinen Zeigefinger in Aetherdunst, den er in das Schl�sselloch str�men lie�. Klickend entriegelten sich Stifte und Sperrfedern, trotzdem ging die T�r nicht auf, als Godfrey die Klinke herunterdr�ckte. �Sie ist zus�tzlich verriegelt. Um sie zu �ffnen, muss ich mich vollst�ndig in Aether verwandeln.�</p><p>Raschelnd sanken seine Kleider zu Boden. Wo Godfrey eben noch gestanden hatte, hing nun eine Wolke aus goldenem Dunst in der Luft. Wie ein Nebelstreif waberte der Aether auf das Geb�ude zu und kroch unter dem T�rschlitz hindurch. Kurz darauf erklang das Ger�usch eines Riegels, der aufgeschoben wurde.</p><p>Die T�r �ffnete sich einen Spalt. �Meine Kleider, bitte�, sagte Godfrey.</p><p>Vivana reichte sie ihm. Nachdem Godfrey sich angezogen hatte, trat er nach drau�en und r�ckte seine Melone zurecht. �Schaffen wir den Soldaten hinein�, sagte Lucien.</p><p>Gerade als er und Godfrey den Bewusstlosen hochheben wollten, h�rte Vivana das Klappern von Kutschenr�dern auf dem Kopfsteinpflaster. �Vorsicht!�, fl�sterte sie und presste sich mit ihren Gef�hrten gegen die Geb�udewand, verborgen hinter einem Mauervorsprung.</p><p>Ein Zweisp�nner fuhr an der Gasse vorbei. Ein Trupp Spiegelm�nner folgte der Kutsche, w�hrend sie langsam die Stra�e vor dem Ministerium entlangrollte.</p><p>�Kannst du erkennen, wer drinsitzt?�, fragte Vivana Lucien, der auch in tiefster Dunkelheit gut sehen konnte.</p><p>�Corvas, Umbra und Amander. Sieht so aus, als w�ren sie fertig f�r heute und w�rden zum Palast zur�ckkehren.�</p><p>�Fertig womit?�</p><p>�Die Gefangenen zu verh�ren.�</p><p>Vivana biss sich auf die Unterlippe. <emphasis>Verh�ren.</emphasis> Wie h�sslich dieses Wort klang. Es beschwor schreckliche Bilder herauf von halbdunklen R�umen mit nackten W�nden, von Folterwerkzeugen, von Schmerz, Furcht und Verzweiflung. Sie schloss die Augen, als ihre Angst um Liam, ihren Vater und die Manusch so stark wurde, dass sie es kaum noch ertrug.</p><p>Das Klappern der Kutschenr�der verklang.</p><p>�Beeilen wir uns�, sagte Lucien leise. Er und Godfrey trugen den Soldaten hinein, Vivana schloss die Pforte. Vor ihnen erstreckte sich ein Korridor, von dem mehrere T�ren abzweigten. Es war dunkel und vollkommen still, sodass Godfrey es riskierte, die Karbidlampe zu entz�nden, die Vivana mitgebracht hatte. Die T�ren f�hrten zu kleinen R�umen mit Aktenschr�nken und Schreibtischen; die meisten der B�ros wirkten, als w�rden sie schon seit l�ngerer Zeit nicht mehr benutzt werden. In einer der Schreibstuben legten sie den Soldaten auf den Boden, bevor sie vorsichtig dem Korridor tiefer in das Geb�ude hinein folgten.</p><p>Kurz darauf erreichten sie einen gewaltigen Saal, der einen gro�en Teil dieses Traktes einnahm. Der Strahl ihrer Lampe strich �ber holzget�felte W�nde und unz�hlige Regale, die so hoch waren, dass man ihre oberen F�cher nur �ber verschiebbare Leitern erreichte. Wie in einer alten Bibliothek, in der vergessene Geheimnisse lagerten, roch es nach Staub, vergilbtem Papier und br�chigem Leder.</p><p>Vivana ging an den Regalen vorbei und stellte fest, dass sie ledergebundene Mappen enthielten, alphabetisch geordnet nach den Namen, die auf den Einb�nden standen. Es mussten Tausende sein.</p><p>�Was ist das hier?�, fragte sie, w�hrend ihr Blick �ber die endlosen Regale wanderte.</p><p>�Das Archiv der Geheimpolizei�, erkl�rte Lucien.</p><p>�Und diese Mappen?�</p><p>�Akten �ber die Bewohner Bradosts. �ber jeden, der den Leuten der Lady irgendwann einmal aufgefallen ist.�</p><p>�Hei�t das, hier gibt es auch eine Akte �ber mich?�</p><p>��ber dich, deinen Vater, Liam. Vermutlich �ber jeden von uns.�</p><p>Vivana lief ein Schauder �ber den R�cken. Sie wusste schon lange, dass Corvas' Geheimpolizei die Bewohner der Stadt ausspionierte. Aber der Anblick all dieser Akten f�hrte ihr erstmals das wahre Ausma� von Lady Sarkas Machtbesessenheit vor Augen. Um diese unfassbare Menge von Informationen zusammenzutragen, war ein gewaltiger Apparat notwendig, der rund um die Uhr arbeitete, seit vielen Jahren. Was f�r ein Mensch musste man sein, dass man es f�r n�tig hielt, mit einer derartigen Akribie und Energie anderen nachzuspionieren?</p><p>�Wir sollten weitergehen�, sagte Lucien. �Godfrey? Was machst du da?�</p><p>Der Aethermann stand vor einem Regal, und sein Zeigefinger wanderte �ber die R�cken der Einb�nde. Schlie�lich zog er eine Mappe heraus. �Ich suche meine Akte.�</p><p>�Wozu?�</p><p>�Ich w�rde gerne nachlesen, was Lady Sarka �ber mich wei�.� Er schob die Mappe unter sein Wams.</p><p>Sie verlie�en das Archiv und durchquerten einen Lesesaal voller Sessel, der f�r die tristen Verh�ltnisse des Ministeriums erstaunlich gem�tlich wirkte. Vivana stellte sich vor, wie hier tags�ber Geheimpolizisten sa�en und bei einer Pfeife oder einer Tasse Kaffee Berichte lasen und sie in die Akten irgendwelcher armen Teufel einhefteten, die bald danach Besuch von den Spiegelm�nnern bekamen.</p><p>Sie sch�tzte, dass sie sich inzwischen im Hauptgeb�ude des Ministeriums befanden.</p><p>�Das Gef�ngnis ist im Keller�, sagte Lucien, �in den alten Laboren und Lagerr�umen der Alchymistengilde. Sucht eine Treppe. Aber passt auf die Wachen auf. Mach besser die Lampe aus, Godfrey.�</p><p>Im Dunkeln folgten sie dem Flur, der sich dem Lesesaal anschloss. Von drau�en zeichneten die Stra�enlaternen die Gitter der Oberlichter an die get�felte Wand, und Vivana h�rte die leisen Stimmen der Wachen, die vor dem Haupttor standen.</p><p>Hinter einer Gangbiegung kam Lampenlicht aus einem Durchgang.</p><p>Lucien sp�hte um die Ecke. �Da hinten ist eine Treppe. Sie f�hrt zum Untergeschoss, wahrscheinlich zum Gef�ngnis. Leider wird sie bewacht.�</p><p>�Wie viele sind es?�, wollte Godfrey wissen.</p><p>�Zwei.�</p><p>�Suchen wir besser nach einer anderen Treppe�, sagte Vivana.</p><p>�Ich glaube nicht, dass wir eine finden, die unbewacht ist�, erwiderte Lucien. �Wir m�ssen die Wachen irgendwie �berw�ltigen, uns bleibt nichts anderes �brig.�</p><p>Fl�sternd begannen Godfrey und er einen Plan zu schmieden, wie sie die beiden Soldaten �berrumpeln k�nnten. Vivana h�tte ihnen gerne geholfen, doch Lucien bestand darauf, dass sie sich aus dem Kampf heraushielt.</p><p>Pl�tzlich �ffnete sich hinter ihnen eine T�r. Vivana fuhr herum � und sah einen Soldaten in den Flur treten. Der Mann starrte sie verbl�fft an.</p><p>Lucien reagierte sofort. Er sprang vor und versuchte, ihn mit einem Fausthieb niederzuschlagen. Obwohl er sich blitzschnell bewegte, gelang es dem Soldaten noch, �Alarm!� zu br�llen, bevor sie beide zu Boden gingen und miteinander rangelten.</p><p>Von j�her Panik erf�llt sp�hte Vivana um die Ecke. Schritte trampelten auf der Treppe, dann st�rzten die zwei Wachposten aus dem Durchgang, in den H�nden ihre Hakenlanzen.</p><p>Godfrey sprang vor, schwang die Lampe und traf einen am Kopf. Der Mann prallte gegen die Wand und sackte zusammen. Der andere griff ihn an.</p><p>Auch er br�llte: �Alarm! Alarm! Eindringlinge!�</p><p>Vivana zog ihr Messer und k�mpfte das Entsetzen nieder. Die Gefahren der letzten Wochen hatten sie gelehrt, sich in einem solchen Augenblick nicht von ihrer Furcht �berw�ltigen zu lassen, sondern k�hl zu �berlegen, was sie tun konnte. Leider war das nicht viel. In dem Korridor war es zu dunkel und zu eng, als dass sie in den Kampf h�tte eingreifen k�nnen. Die Gefahr, anstelle der Soldaten Lucien oder Godfrey zu verletzen, war viel zu gro�.</p><p>Lucien gelang es, seinen Gegner niederzuschlagen. Er sprang auf und rief �Lauf, Vivana!�</p><p>�Was ist mit Godfrey?�</p><p>Der Alb rannte zu ihr. Der andere Soldat versuchte gerade, Godfrey mit seiner Lanze zu treffen, doch der Aethermann hielt sie mit beiden H�nden fest, woraufhin die M�nner miteinander rangen. Als der W�chter Lucien sah, entschied er zu fliehen. Er lie� die Lanze los und rannte davon.</p><p>�Schnell, zur�ck zum Archiv, bevor Verst�rkung kommt�, sagte Lucien.</p><p>Sie hasteten den Korridor entlang. Von drau�en erklangen aufgeregte Stimmen: die Torwachen, die die Alarmschreie geh�rt haben mussten. Lucien riss die T�r des Lesesaals auf und blieb nach ein paar Schritten abrupt stehen.</p><p>Irgendwo in der Dunkelheit des Saals war eine T�r aufgeflogen, und Soldaten st�rmten herein, vier, f�nf, oder sogar noch mehr.</p><p><emphasis>Wo kommen die auf einmal her?,</emphasis> durchfuhr es Vivana, bevor sie Lucien folgte, der zum n�chstgelegenen Durchgang lief. Ein weiterer Korridor mit T�ren. Die Soldaten waren ihnen dicht auf den Fersen. Der Boden vibrierte unter ihren trampelnden Schritten, und sie br�llten: �Stehen bleiben!� Lucien r�ttelte an der T�r am Ende des Flurs, aber sie war verschlossen. Er nahm die n�chste � und verschwand in der Dunkelheit. Vivana und Godfrey folgten ihm, und der Alb schloss die T�r hinter ihnen, schob den Riegel vor.</p><p>Dann erst sah Vivana, wo sie sich befanden: in einem kleinen Zimmer mit verstaubten Aktenschr�nken aus Blech. Schwaches Licht fiel durch ein winziges Fenster dicht unterhalb der Decke.</p><p>Es gab keine Ausg�nge.</p><p>�Wir sitzen in der Falle!�</p><p>Lucien verschob einen der Aktenschr�nke. �Kletter da hoch, und versuch, das Fenster zu erreichen.�</p><p>�Da passen wir nie im Leben durch.�</p><p>�Mach es einfach!�</p><p>Die Soldaten h�mmerten bereits gegen die T�r.</p><p>Vivana kletterte auf den Schrank. Selbst wenn sie sich streckte, erreichte sie das Oberlicht nur mit den Fingerkuppen. Um es zu �ffnen, brauchte sie jedoch ihre ganze Kraft, denn es war v�llig verrostet und verzogen.</p><p>�Hilf ihr�, befahl Lucien Godfrey. �Verwandle dich in Aether, und tu irgendwas!�</p><p>�Ich habe mich gerade erst verwandelt. Es dauert ein paar Stunden, bis ich wieder dazu f�hig bin.�</p><p>�Warum erfahre ich das erst jetzt?�</p><p>�Bindest du jedem deine Schw�chen auf die...�</p><p>Godfreys Worte gingen in Get�se unter, als die T�r barst. Holz splitterte, sie flog auf, und Soldaten fluteten herein.</p><p>Lucien entwand dem ersten die Lanze und schlug ihn damit nieder, bevor er in der Masse aus gepanzerten Leibern verschwand.</p><empty-line/></section><section><title><p>8</p><empty-line/><p><emphasis>Jackon der L�gner</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>N</strong>edjo und Godfrey hatten ganze Arbeit geleistet: Die Fesseln sa�en so fest, dass Jackon ohne Hilfe nicht einmal aufstehen konnte. Inzwischen waren seine Glieder vollkommen taub.</p><p>Au�erdem schien Vivanas Haustier es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, auf ihn aufzupassen. Der Lindwurm sa� neben ihm und starrte ihn mit einem beunruhigenden Glitzern in den Reptilienaugen an. Jackon hatte Ruacs Rei�z�hne gesehen und zweifelte nicht daran, dass das Gesch�pf im Stande w�re, ihm den Kopf abzubei�en � und das auch tun w�rde, sollte Jackon ihm einen Grund dazu geben.</p><p>Gefesselt und geknebelt wie ein gef�hrlicher Krimineller und bewacht von einem monstr�sen Schattenwesen... Er konnte es Vivana und ihren Freunden nicht einmal verdenken, dass sie so mit ihm umsprangen. Wenn es stimmte, was Vivana gesagt hatte � dass er die Schuld am Tod ihrer Tante trug �, dann konnte er froh sein, dass sie ihn nicht auf der Stelle umgebracht hatten.</p><p>Die Folgen seiner Dummheit waren offenbar noch viel schlimmer, als er bef�rchtet hatte. Er hatte sich geschworen, all das wiedergutzumachen, doch nun fragte er sich, ob er das �berhaupt konnte. Dieser Ausdruck in Vivanas Augen... So viel Hass hatte ihm noch nie jemand entgegengebracht.</p><p>Aber versuchen musste er es. Wenn er schon nicht ungeschehen machen konnte, was er angerichtet hatte, so musste er wenigstens daf�r sorgen, dass alles nicht noch schlimmer wurde.</p><p>Er musste so schnell wie m�glich zu Vivana und Lucien. Ohne ihn hatten sie keine Chance.</p><p>Pl�tzlich erklangen aufgeregte Stimmen vom Ministerium. Was dort vor sich ging, konnte Jackon nicht sehen, weil Ruac ihm die Sicht versperrte. Offenbar nichts Gutes, denn Nedjo sagte: �Oh nein. Bitte nicht.�</p><p>Jetzt h�rte Jackon es auch: Jemand schlug Alarm.</p><p>Der junge Manusch griff nach seiner Pistole, und f�r einen Moment sah es so aus, als wollte er zum Ministerium laufen. Gl�cklicherweise besann er sich eines Besseren. Er fuhr sich durch die Haare, lief in der Gasse hin und her und murmelte: �Verdammt! Was mach ich jetzt? Denk nach, Nedjo. Denk nach.�</p><p>Jackon wand sich in seinen Fesseln und rief nach ihm, so gut das mit einem Knebel im Mund eben m�glich war. <emphasis>�Mh-mh!�</emphasis></p><p>�Sei still�, fuhr ihn der Manusch an.</p><p>Jackon schnitt Grimassen, bis es ihm schlie�lich gelang, den Knebel auszuspucken. Ruac zischte.</p><p>�Du musst mich losbinden!�</p><p>�H�ltst du mich f�r dumm? Du bleibst sch�n gefesselt.� Nedjo wollte ihm den Knebel wieder in den Mund stecken.</p><p>�Nicht!�, bat Jackon schnell. �Jetzt h�r mir doch zu. Ich muss ihnen helfen.�</p><p>�Und wie, wenn ich fragen darf?�</p><p>�Lass mich zum Ministerium gehen. Wenn ich mit den Soldaten rede, kann ich vielleicht verhindern, dass Vivana, Lucien und Godfrey etwas passiert. Ich bin ein Leibw�chter von Lady Sarka. Sie werden auf mich h�ren.�</p><p>�Nein�, sagte Nedjo. �Das ist nur wieder eine von deinen L�gen.�</p><p>�Ist es nicht. Ich schw�re es! Bitte!�, stie� Jackon hervor. �Wenn du mich nicht gehen l�sst, wirft man sie ins Gef�ngnis. Oder hast du eine bessere Idee?�</p><p>Nedjo blickte zum Ministerium. Das ganze Geb�ude befand sich inzwischen in Aufruhr. Er fluchte und begann, Jackons Fesseln zu l�sen. �Daf�r wird Vivana mich umbringen.�</p><p>Jackon konnte kaum aufstehen, so taub waren seine Beine. Nedjo half ihm. Ruac zischte feindselig und stellte die R�ckenstacheln auf.</p><p>�Sag diesem Vieh, es soll mich in Ruhe lassen.�</p><p>Der Lindwurm hatte sich unauff�llig gemacht, deshalb konnte Nedjo ihn im Gegensatz zu Jackon nicht sehen. Er schaute zu der Stelle, wo er das Gesch�pf vermutete, und sagte: �Lass ihn gehen. Er will Vivana helfen... wenigstens hoffe ich das.�</p><p>In Ruacs Augen blitzte es. Eine Drohung?</p><p>�Warte hier auf mich. Und stell nichts Dummes an, ja?� Schwankend setzte Jackon sich in Bewegung.</p><p>W�hrend er den kleinen Platz vor dem Ministerium �berquerte, kehrte allm�hlich das Gef�hl in seine Beine zur�ck. Wegen des Alarms waren die meisten Torwachen nach drinnen gegangen, nur zwei standen noch da. Vor ein paar Wochen war er mit Corvas und Umbra hier gewesen � er konnte nur hoffen, dass sich die M�nner an ihn erinnerten. Innerlich bereitete er sich darauf vor, so arrogant und befehlsgewohnt aufzutreten, wie man es von einem Leibw�chter Lady Sarkas erwartete, damit die Soldaten und Geheimpolizisten trotz seiner Jugend auf ihn h�rten. Dass Corvas nicht mehr da war � Jackon hatte ihn, Umbra und Amander vor einer halben Stunde mit der Kutsche wegfahren gesehen �, kam ihm dabei zugute, denn damit war er der rangh�chste Leibw�chter. Er stand zwar au�erhalb der offiziellen Befehlskette, aber die einfachen Soldaten hatten so viel Respekt vor Lady Sarkas Leibw�chtern, dass sie es normalerweise nicht wagten, sich ihnen zu widersetzen.</p><p>Allerdings musste er sich beeilen. Umbra musste inzwischen wieder im Palast sein. Wenn sie Lucien noch heute Nacht verh�ren wollte und in der Zelle Silas Torne entdeckte, fand sie bald heraus, was geschehen war.</p><p>Fieberhaft dachte er sich eine L�gengeschichte f�r die Soldaten aus, wohl wissend, dass er nicht gerade ein Meister im L�gen war. Wenigstens ein Mal musste er es richtig hinbekommen. Leider waren die Umst�nde nicht auf seiner Seite. Ein Leibw�chter von Lady Sarka kam nicht zu Fu� � er fuhr mit einer Kutsche vor. Und normalerweise war er auch nicht von oben bis unten voller Dreck.</p><p>Er setzte eine herrische Miene auf, als er am Tor ankam. Zu seiner Erleichterung erkannten die beiden Soldaten ihn und nahmen Haltung an. Sie hatten hagere, verschlagene und von Narben �bers�te Gesichter, die ihn daran erinnerten, was f�r ein Menschenschlag in der Wache des Ministeriums Dienst tat: ehemalige Kriminelle, Halsabschneider und Galgenv�gel. Der Abschaum von Bradost. Er musste auf der Hut sein.</p><p>�Was ist hier los?�</p><p>�Nur ein paar Leute, die in das Geb�ude eingedrungen sind, Herr�, meldete der Soldat. �Wir haben die Situation unter Kontrolle.�</p><p>�Wie konnte das passieren?�, fragte Jackon schneidend.</p><p>�Das konnten wir noch nicht aufkl�ren. Vermutlich haben sie die Wache vor einem der Nebeneing�nge �berw�ltigt.�</p><p>�Haben sie versucht, die neuen Gefangenen zu befreien?�</p><p>�So sieht es aus, Herr.�</p><p>Ermutigt durch den Respekt des Soldaten verlangte Jackon, dass man ihn einlie�. Anstandslos machten die M�nner Platz. Der eine bemerkte die Verletzung an seinem Arm.</p><p>�Ist Ihnen etwas zugesto�en?�</p><p>�Im Palast gab es Schwierigkeiten�, erwiderte Jackon. �Sind Corvas, Umbra und Amander noch da?�</p><p>�Leider nicht. Sie sind vor einer halben Stunde gefahren.�</p><p>�Verdammt�, murmelte Jackon mit gespieltem �rger. �Nun, dann muss ich mich eben darum k�mmern. Bring mich zu den Gefangenen, die heute Morgen gekommen sind.�</p><p>�Ich f�rchte, das ist nicht m�glich, Herr�, sagte der Soldat z�gernd. �Corvas hat den Befehl gegeben, dass nur er zu ihnen vorgelassen werden darf.�</p><p>�Er ist aber nun einmal nicht da.�</p><p>�Der Befehl war unmissverst�ndlich, Herr.�</p><p>�Jetzt h�r mir mal gut zu�, sagte Jackon barsch und mit all der Arroganz, die er sich in den Diensten der Lady angeeignet hatte. �Wei�t du, woher ich diesen Kratzer habe? Es gab einen Anschlag auf Lady Sarka. Die Attent�ter konnten fliehen, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass sie zur�ckkommen. Die Herrin hat mich hergeschickt, damit ich herausfinde, wer dahintersteckt. Deshalb l�sst du mich jetzt <emphasis>sofort zu</emphasis> den Gefangenen.�</p><p>Der Soldat haderte sichtlich mit sich. Damit er nicht auf die Idee kam, Fragen zu stellen, setzte Jackon nach: �Aber wenn du lieber auf Corvas warten willst � nur zu. Ich bin nicht derjenige, der Lady Sarka morgen erkl�ren muss, warum wertvolle Zeit vergeudet wurde.�</p><p>Der W�chter schluckte. �Also gut�, meinte er schlie�lich. �Unter diesen Umst�nden ist es wohl vertretbar, eine Ausnahme zu machen.�</p><p>Er ging voraus Richtung Innenhof.</p><p>Jackons Herz schlug bis zum Hals, w�hrend er dem Mann folgte. Was er da tat, war absoluter Wahnsinn. Jetzt musste er so �berzeugend sein wie noch nie zuvor in seinem Leben. Nur ein falsches Wort, nur einen Moment der Unsicherheit, und es w�re um ihn geschehen.</p><p>Und schon im Innenhof gab es eine b�se �berraschung. W�hrend sie den viereckigen Platz �berquerten, �ffnete sich eine T�r, und mehrere Soldaten traten heraus.</p><p>Sie f�hrten Vivana, Lucien und Godfrey ab.</p><p>Vor Anspannung krampfte sich sein Magen zusammen. <emphasis>Nichts anmerken lassen,</emphasis> sagte er sich. <emphasis>Einfach weitergehen.</emphasis></p><p>Vivana sah zu ihm her � und ihre Augen weiteten sich. Er konnte ihr f�rmlich ansehen, was sie dachte: <emphasis>Hilft er uns, oder verr�t er uns wieder?</emphasis> Jackon betete, dass sie nichts tat, das ihn in Schwierigkeiten brachte.</p><p>Es gab einen kurzen Wortwechsel zwischen seinem F�hrer und den anderen Soldaten.</p><p>�Das sind die Eindringlinge, Herr�, erkl�rte der W�chter.</p><p>�Wohin bringt ihr sie?�</p><p>�Zu den Zellen. Corvas wird sie morgen verh�ren wollen.�</p><p>Jackons Gedanken rasten. Wenn die Soldaten Vivana, Lucien und Godfrey ins Gef�ngnis warfen, w�rde das seinen Plan verkomplizieren. �Nein. Ich verh�re sie selbst. Wartet hier oben mit ihnen.�</p><p>�Dieses Vorgehen ist un�blich�, meinte der Soldat unsicher.</p><p>�Du kannst dich ja morgen bei Corvas beschweren. Weiter jetzt! Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit.�</p><p>Nachdem sein Befehl an den Trupp weitergegeben worden war, brachte ihn der W�chter zum Gef�ngnis des Ministeriums, ein un�bersichtliches und verwinkeltes Gewirr aus Kammern und G�ngen. Von einem zentralen Raum, der sich �ber alle drei unterirdische Geschosse erstreckte, f�hrten vergitterte Durchg�nge zu den verschiedenen Zellentrakten. Zwei h�lzerne Galerien, erreichbar �ber mehrere Treppen, umliefen den Saal, von dessen Gew�lbedecke rostige Ketten mit �llampen hingen.</p><p>Jackons Anspannung wuchs. Es w�rde viel Zeit kosten, Liam und die anderen aus diesem Labyrinth herauszuholen. Und mit jeder Minute, die verstrich, stieg das Risiko, dass man ihm auf die Schliche kam.</p><p>Wenigstens begegneten ihnen keine Spiegelm�nner. Corvas hatte offenbar alle mitgenommen. Auch menschliche Wachen gab es hier unten kaum, und die wenigen, die sie antrafen, litten sichtlich unter den Traumst�rungen. Sein F�hrer trug den �berm�deten M�nnern Jackons Anliegen vor. Es gab eine kurze Diskussion, bei der sich die Soldaten auf Corvas' Befehl beriefen und Jackon zun�chst den Zutritt zum Zellentrakt verweigern wollten, doch schlie�lich f�gten sie sich. Jackons F�hrer lie� sich einen Schl�sselring aush�ndigen, und sie stiegen eine der Treppen hinunter.</p><p>Der Soldat schloss ein Gitter auf. Dahinter erstreckte sich ein Gew�lbe, dessen Rundb�gen mit seltsamen Symbolen versehen waren, alchymistische Schriftzeichen und Figuren, die Basilisken, Chim�ren und andere Mischwesen darstellten.</p><p>�Die Gefangenen sind in diesem Trakt untergebracht�, sagte der Soldat.</p><p>�Gut. Bring mich zu der Zelle, in der Liam Hugnall festgehalten wird.�</p><p>�Wir haben hier nur einen Liam Satander.�</p><p>�Das ist er.�</p><p>Der W�chter ging zu einer eisenverst�rkten T�r und schob den Schl�ssel ins Schloss � und pl�tzlich wurde Jackon klar, wovor er <emphasis>wirklich</emphasis> Angst hatte. Nicht vor den Soldaten oder davor, dass Umbra ihm auf die Schliche kam. Nicht vor der Strafe, die ihm drohte, wenn Lady Sarka von seinem Verrat erfuhr.</p><p>Er hatte Angst davor, Liam zu begegnen.</p><empty-line/></section><section><title><p>9</p><empty-line/><p><emphasis>Sirenengesang</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>S</strong>timmen sangen in der Dunkelheit. Sie waren k�rperlos, erklangen mal hier, mal da, schienen Liam zu umkreisen wie eine Geisterschar, und ihr Lied war verf�hrerisch. Er wollte es nicht h�ren und presste sich die H�nde auf die Ohren, doch alles, was er damit erreichte, war, dass sie ihn verspotteten und auslachten.</p><p>Er lag auf dem Boden und sp�rte die kalten Steinplatten unter seinem K�rper, zu schwach, um sich aufzurichten, mehr schlafend als wach. Er wusste, dass ihm seine Sinne einen Streich spielten. Die Stimmen sangen nicht irgendwo in seiner Zelle. Sie befanden sich in seinem Kopf Eine Nachwirkung des Elixiers.</p><p><emphasis>Sirenenessenz,</emphasis> hatte der Alchymist es genannt. Gewonnen aus dem Blut und der Lebenskraft eines Schattenwesens. Es hatte seinen Willen gebrochen und seinen Widerstand zersetzt, sodass Corvas ein wimmerndes B�ndel Furcht und F�gsamkeit vorgefunden hatte, als er abermals in die Zelle gekommen war.</p><p>Wieder hatte er Liam Fragen gestellt.</p><p><emphasis>Was waren eure Pl�ne?</emphasis></p><p><emphasis>Was hattet ihr mit dem Buch vor?</emphasis></p><p><emphasis>Habt ihr es gelesen?</emphasis></p><p><emphasis>Warum konnten die Spiegelm�nner euch nicht sehen?</emphasis></p><p><emphasis>Haben die Manusch etwas damit zu tun?</emphasis></p><p>Dieselben Fragen wie beim ersten Mal. Und Liam hatte sie alle beantwortet. Er hatte Corvas erz�hlt, was es mit dem <emphasis>javva</emphasis> auf sich hatte. Was sie �ber den Ph�nix und Mahoor Shembars Bindezauber wussten. Dass sie nach einem Weg suchten, den Zauber zu brechen. Dass Lucien deswegen zu den Bleichen M�nnern gehen wollte. Dass sie planten, Lady Sarka zu vernichten, um Bradost und die Traumlanden zu retten.</p><p>Er hatte ihm alles erz�hlt. Einfach alles.</p><p>Er hatte versucht, der Essenz zu widerstehen, hatte dagegen angek�mpft, vergebens. Er war nicht stark genug gewesen.</p><p>Nicht stark genug...</p><p>Sein Vater hatte sein Leben daf�r gegeben, seine Pl�ne vor Lady Sarka zu verbergen, denn er vertraute darauf, dass Liam das Richtige tun und zu Ende f�hren w�rde, was er begonnen hatte. Sein Sohn jedoch hatte versagt, und damit war sein Opfer sinnlos geworden.</p><p><emphasis>Du bist umsonst gestorben, Vater. Meinetwegen.</emphasis></p><p>Liam war so verzweifelt, dass er w�nschte, Corvas h�tte ihn get�tet.</p><p>Nur einmal hatte er einen letzten Rest von Willenskraft in sich gefunden und Corvas' Fragen widerstanden. Er hatte weder verraten, wohin Vivana und Nedjo gegangen waren, noch dass Vorod Khoroj ihnen geholfen hatte, das Buch zu entziffern. Wenigstens seine Freunde hatte er besch�tzt. Wenigstens das war ihm gelungen.</p><p>Dabei h�tte er sich die M�he vermutlich sparen k�nnen. Corvas stellte Quindal und den anderen gewiss dieselben Fragen. Wenn nur einer von ihnen Vivana und Khoroj verriet, war es um die beiden geschehen.</p><p>Der Gesang in seinem Kopf wurde leiser, als die Wirkung des Elixiers nachlie�. Liam war zu ersch�pft, um aufzustehen.</p><p>Er blieb liegen, starrte in die Dunkelheit und dachte an Vivana. Betete, dass Corvas sie nicht fand. Dass sie klug genug gewesen war, Bradost zu verlassen und fortzugehen, weit weg, wo es keine Spiegelm�nner und keine Lady Sarka gab, auch wenn das hie�, dass er sie nie wieder sehen w�rde. Aber das konnte er leichter ertragen als die Vorstellung, dass sie hier w�re, gefangen und gedem�tigt, und auf den Tod wartete.</p><p>Denn der Tod war ihnen sicher. Seit man sie in das Gef�ngnis gebracht hatte, wusste Liam, dass seine Freunde und er dieses Geb�ude nicht lebendig verlassen w�rden. Lady Sarka konnte es sich nicht erlauben, sie gehen zu lassen.</p><p>Er schreckte auf. Ger�usche erklangen vor seiner T�r. Soldaten, die ihn abholen kamen?</p><p>Ein Schl�ssel knirschte im Schloss. Er setzte sich auf.</p><p>Eine Gestalt kam herein. Um wen es sich handelte, konnte Liam nicht erkennen, da ihn das Licht der Lampen auf dem Korridor blendete.</p><p>�Aufstehen, Satander. Da ist jemand, der mit dir...�</p><p>Die Gestalt verstummte, als ein dumpfer Schlag erklang.</p><p>Sie fiel vorn�ber auf den Boden und blieb reglos liegen. Liam blinzelte verwirrt. Es war ein Soldat.</p><p>Er stand auf und sah eine zweite Gestalt auf dem Gang stehen. Sie hielt einen Dolch.</p><p>�Schnell, Liam!�, sagte sie. �Nimm dir seine Lanze und komm mit.�</p><p>Er kannte diese Stimme. Sie zu h�ren, brachte ihn so aus der Fassung, dass er f�r einen Moment keinen Ton herausbekam.</p><p><emphasis>�Jackon?�</emphasis></p><p>�Nun mach schon. Wir m�ssen die anderen befreien, bevor die Wachen etwas merken.�</p><p>Liam trat blinzelnd auf den Korridor. Kein Zweifel, vor ihm stand Jackon.</p><p>�Du bist wirklich der Letzte, mit dem ich hier gerechnet habe. Hast du etwa die Wache niedergeschlagen?�</p><p>�Wir haben jetzt keine Zeit f�r Erkl�rungen. Los, hilf mir.� Jackon versuchte, den bewusstlosen Soldaten auf die Seite zu drehen. Schlie�lich gelang es ihm auch ohne Liams Hilfe, und er hob den Schl�sselring auf, den der Mann unter sich begraben hatte.</p><p>Liam konnte nur mit M�he einen klaren Gedanken fassen. Die Stimmen waren zwar verschwunden, aber jetzt brummte sein Kopf, als h�tte er am Abend zuvor zu viel getrunken. Er wusste, dass er w�tend sein sollte, doch er war so durcheinander, dass sein Zorn nicht recht in Fahrt kommen wollte.</p><p>�Dass du es wagst, hier aufzukreuzen!�</p><p>�Verstehst du denn nicht? Ich will euch retten.�</p><p>�Uns retten? Du hast uns doch hierhergebracht!�</p><p>�Ich war dumm�, sagte Jackon leise, kaum h�rbar. �Ich will es wiedergutmachen.� Er hob den Kopf, und in seinem Blick lagen so viel Schmerz und Reue, dass Liam statt Wut pl�tzlich etwas ganz anderes empfand: Mitleid.</p><p><emphasis>Er hat uns verraten. Er verdient kein Mitleid,</emphasis> dachte er, doch im n�chsten Moment durchfuhr stechender Schmerz seinen Sch�del und der letzte Rest seines Zorns verschwand.</p><p>�Wei� Lady Sarka, dass du hier bist?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Die Lanze, Liam. Wir werden Waffen brauchen, wenn wir hier rauskommen wollen.� Jackon begann, auch die anderen T�ren des Zellentraktes aufzuschlie�en.</p><p>Mit der Hakenlanze in der Hand ging Liam zur Nachbarzelle. Drei kleine Gestalten kauerten darin auf dem Boden und blickten ihn furchtsam an. Tamas, Arpad und Dijana. Sein Herz zog sich beim Anblick der Kinder zusammen. Er h�tte nicht gedacht, dass Corvas' Grausamkeit so weit ging, sie ebenfalls hier unten einzusperren.</p><p>�Kommt�, sagte er. �Wir sind frei.�</p><p>�Wo ist Vater?�, fl�sterte Tamas.</p><p>�Ich bin hier!�, br�llte Madalin und st�rzte in die Zelle. Er dr�ckte die drei an sich und murmelte immer wieder: �Ich bin hier.�</p><p>Jovan und Sandor, Madalins j�ngere Br�der, kamen zu Liam gelaufen. �Was ist hier los?�, fragte Jovan atemlos. �Hast du uns befreit?�</p><p>Gerade als Liam antworten wollte, h�rte er einen Schrei. Jackon hatte die letzte Zelle des Traktes ge�ffnet, und herausgetreten war Quindal, der ihn mit seiner mechanischen Hand packte und gegen die Wand dr�ckte.</p><p>�Du Verr�ter!�, keuchte der Erfinder. �Du kleiner Bastard! Ich bringe dich um!�</p><p>Liam schob sich an den Manusch vorbei und rannte zu ihm. �H�rt auf damit. Ihr lockt noch die Wachen an.�</p><p>�Und wenn schon. Vorher breche ich dieser Ratte das Genick.� Jackons Augen quollen beinahe aus den H�hlen, als der Erfinder ihn an der Wand hinaufschob, sodass nur noch seine Zehenspitzen den Boden ber�hrten. Er umklammerte Quindals Arm und versuchte, den Griff zu l�sen, doch er hatte der �bermenschlichen Kraft der k�nstlichen Hand nichts entgegenzusetzen.</p><p>Panisch blickte Liam zum Eingang des Zellentrakts � und entdeckte zwei Soldaten, die gerade hereinkamen. Als sie die offenen Zellent�ren und die Gefangenen sahen, packten sie ihre Hakenlanzen mit beiden H�nden und griffen an.</p><p>�Jovan, Vorsicht!�, rief Liam.</p><p>Die beiden jungen Manusch hatten die W�chter bereits gesehen. Geistesgegenw�rtig hatte Sandor den Dolch des bewusstlosen Soldaten an sich gebracht und warf ihn. Der erste W�chter brach zusammen, woraufhin der zweite, der offenbar nicht mit Gegenwehr gerechnet hatte, abrupt stehen blieb. Jovan und Sandor st�rzten sich mit blo�en H�nden auf ihn. Erst jetzt fiel Liam auf, wie �berm�det und ersch�pft der Mann wirkte. Bevor er begriff, wie ihm geschah, hatten ihm die beiden kampferprobten Manusch die Lanze abgenommen und ihn damit niedergeschlagen.</p><p>�Liam! Nestor!�, rief Jovan. �Ihr m�sst uns helfen. Es kommen noch mehr.�</p><p>Quindal lie� Jackon los. Der Rothaarige sackte zusammen und rang r�chelnd um Atem.</p><p>�Diesmal hast du Gl�ck gehabt�, knurrte der Erfinder. �Aber glaub ja nicht, dass ich vergesse, was du angerichtet hast.�</p><p>Liam und er liefen zu den Manusch, die sich mit den Hakenlanzen der Soldaten am Zugang des Zellentraktes postiert hatten. Liam sp�hte nach drau�en in den gro�en Eingangsraum des Gef�ngnisses. Drei weitere W�chter rannten die Treppe herunter.</p><p>Ein Pistolenschuss peitschte durch den Saal, und Liam zog den Kopf ein. Steinsplitter regneten auf ihn herab, als die Kugel neben ihm in die Wand einschlug.</p><p>�Wir m�ssen angreifen�, sagte Sandor. �Sonst sitzen wir hier in der Falle.� Mit einem grimmigen Glitzern in den Augen blickte er in die Runde. �Seid ihr bereit? Dann los!�</p><p>Sie st�rmten aus dem Zellentrakt. Sofort feuerten die Soldaten mit ihren Pistolen. Liam ging hinter einem Pfeiler vor den Kugeln in Deckung und wagte sich erst hervor, als er sah, dass die Soldaten ihre leer geschossenen Pistolen wegsteckten und mit Lanzen und S�beln angriffen. Gemeinsam mit Quindal, Jovan und Sandor rannte er durch die Halle, den W�chtern entgegen, die ihren Angriff auf der Treppe erwarteten. Mit einem fl�chtigen Blick vergewisserte er sich, dass keiner seiner Gef�hrten von dem Kugelhagel Schaden genommen hatte, bevor der Kampf begann.</p><p>Quindal fing mit seiner mechanischen Hand einen S�belhieb auf, zerbrach die Waffe und konterte mit einem Faustschlag, der seinen Gegner aufkeuchen lie�. Jovan und Sandor bedr�ngten einen Soldaten mit ihren Lanzen und zwangen ihn, die Stufen hinauf zur�ckzuweichen.</p><p>Auf der Treppe herrschte ein solches Gedr�nge, dass Liam nicht in das Handgemenge eingreifen konnte. W�hrend er noch �berlegte, wie er seinen Freunden helfen konnte, schwang sich der dritte W�chter �ber das Treppengel�nder und griff ihn an.</p><p>Liam hatte noch nie zuvor mit einer Hakenlanze gek�mpft und fand den Umgang mit der unhandlichen Waffe nicht gerade einfach. Er wich den Lanzenst��en seines Gegners aus, schaffte es jedoch nicht, zum Angriff �berzugehen. Au�erdem litt er immer noch unter den Nachwirkungen des Elixiers. Zu seinem Gl�ck war sein Gegner auch nicht in Hochform. Er sah aus, als h�tte er mehrere N�chte nicht geschlafen, und seine Angriffe waren unpr�zise und kraftlos.</p><p>Doch obwohl der Mann unkonzentriert k�mpfte, war er ihm dank seiner Erfahrung �berlegen. Liam musste immer weiter zur�ckweichen und fand sich schlie�lich zwischen Treppe und Wand in die Ecke gedr�ngt. Schon setzte der Soldat zu einem gef�hrlichen Sto� an, als er pl�tzlich vor Schmerz aufschrie und herumfuhr. Jackon hatte ihn von hinten angegriffen und mit dem Dolch am Arm verletzt. Liam nutzte die Gelegenheit und hieb ihm den Lanzenschaft �ber den Hinterkopf Er brach zusammen.</p><p>�Danke�, murmelte Liam schwer atmend.</p><p>�Bist du in Ordnung?�, fragte Jackon.</p><p>�Ja. Nichts passiert.�</p><p>Inzwischen war auch der Kampf auf der Treppe zu Ende. Quindals Gegner lag reglos und mit geschwollener Wange auf den Stufen. Der andere Soldat hatte seine Lanze fallen gelassen, floh vor den Manusch und verschwand in einem der Durchg�nge auf der obersten Galerie.</p><p>�Wir m�ssen ihn verfolgen, bevor er Hilfe holen kann�, sagte Sandor.</p><p>�Das hat keinen Sinn�, erwiderte Quindal. �Die Pistolensch�sse hat man vermutlich im gesamten Geb�ude geh�rt. Bleiben wir lieber zusammen und sehen zu, dass wir die Kinder in Sicherheit bringen.�</p><p>Jovan lief los und holte Madalin, der mit Tamas, Arpad und Dijana im Zellentrakt geblieben war.</p><p>�Wei�t du etwas �ber Vivana?�, wandte sich Liam an Jackon. �Ist sie hier?�</p><p>�Ja. Lucien und Godfrey auch. Sie sind oben.�</p><p>�Was ist mit Nedjo?�, wollte Sandor wissen.</p><p>�Er wartet drau�en und passt auf Ruac auf.�</p><p>�Wieso Godfrey?�, fragte Liam. �Konnte er nicht fliehen?�</p><p>�Sie haben versucht, euch zu befreien, und wurden gefangen genommen.�</p><p>�Uns befreien? Wieso hast du ihnen nicht dabei geholfen?�</p><p>�Wollte ich ja�, sagte Jackon. �Aber Vivana hat mir nicht zugeh�rt.�</p><p>�Wie geht es ihr? Ist sie verletzt?�</p><p>�Ich glaube nicht.�</p><p>Liam atmete erleichtert auf. �Wir m�ssen ihnen helfen. Kannst du uns zu ihnen f�hren?�</p><p>�Ich denke schon.�</p><p>�Der Junge f�hrt uns nirgendwohin�, mischte sich Quindal ein. �Ich bin daf�r, dass wir ihn einsperren und allein weitergehen. Wer wei�, was er wieder im Schilde f�hrt.�</p><p>�Jackon kommt mit uns�, widersprach Liam.</p><p>�Hast du vergessen, was er uns angetan hat?�</p><p>Liam konnte Quindals Misstrauen gut verstehen. Er wusste selbst nicht, was er von Jackons Sinneswandel halten sollte. Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um ihn f�r seinen Verrat zur Rechenschaft zu ziehen. �Nein. Aber wenn wir Vivana und die anderen finden wollen, brauchen wir ihn.�</p><p>�Na sch�n�, meinte der Wissenschaftler m�rrisch. �Aber wenn er auch nur eine falsche Bewegung macht, kn�pfe ich ihn mir vor.�</p><p>In diesem Moment kam Madalin mit den Kindern zu ihnen. Erst jetzt fiel Liam auf, wie schlecht der Manusch aussah. Er war grau im Gesicht und schien seine einstige St�rke und Entschlossenheit v�llig verloren zu haben.</p><p>�Wei� jemand, wie es Livia geht?�, fragte er in die Runde.</p><p>Kurz bevor man sie zum Ministerium gebracht und voneinander getrennt hatte, hatten die Kinder gesagt, Livia sei von Amander angeschossen worden. Das war das Letzte, was Liam von der Wahrsagerin geh�rt hatte. �Wei�t du etwas?�, fragte er Jackon.</p><p>Der Rothaarige hielt seinem Blick nicht stand und starrte zu Boden.</p><p>�Sie ist tot, nicht wahr?�, sagte Madalin.</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich habe es gewusst�, murmelte der Manusch. �Ich habe es die ganze Zeit gesp�rt.�</p><p>Liam war, als h�tte man ihm einen Schlag versetzt. Tief in seinem Innern hatte er es geahnt, genau wie Madalin, aber er hatte seine Bef�rchtungen stets weggeschoben und sich geweigert, auch nur daran zu denken. Weil er einfach nicht glauben konnte, nicht glauben <emphasis>wollte,</emphasis> dass Livia nicht mehr bei ihnen war.</p><p>Fassungsloses Schweigen herrschte unter den Gef�hrten, bis Quindal leise sagte: �Daf�r wirst du bezahlen.�</p><p>Jackon wies die Schuld an Livias Tod nicht von sich, er verteidigte sich nicht � er sagte gar nichts. Tr�nen rannen ihm �ber das Gesicht.</p><p>Liam h�rte Rufe und trampelnde Schritte n�her kommen, doch er war so in seinem Schmerz gefangen, dass er erst nach einigen Augenblicken begriff, was der L�rm bedeutete. �Soldaten!�</p><p>Jovan war der Erste, der seine Best�rzung �berwand. �Wie viele Wege gibt es nach oben?�, fragte er Jackon.</p><p>�Keine Ahnung.�</p><p>�Dann m�ssen wir uns den Weg freik�mpfen. Madalin, du bleibst hinten und besch�tzt die Kinder. Sandor, Nestor, holt euch die Pistolen. Macht schnell!�</p><p>Quindal und der Manusch schafften es gerade noch, die Waffen und die Munition der Bewusstlosen an sich zu bringen, als schon die ersten Kugeln durch die Halle pfiffen. Mehrere Soldaten waren auf der oberen Galerie erschienen und schossen. Liam und seine Gef�hrten hasteten die Treppe hinauf und suchten unter der Galerie Deckung, in einem toten Gang, der nach wenigen Schritten an einer Mauer endete.</p><p>Hektisch luden Quindal und Sandor die Pistolen. Als die Soldaten die Stufen herunterkamen, feuerten sie. Die erste Kugel prallte Funken spr�hend vom Treppengel�nder ab, die zweite traf einen W�chter, der zu Boden geschleudert wurde. Die anderen vier M�nner schossen zur�ck, doch Quindal und Sandor zogen rechtzeitig die K�pfe ein.</p><p>Die Soldaten hielten sich nicht damit auf, ihre Pistolen nachzuladen. Mit S�beln und Hakenlanzen griffen sie an. Liam, Quindal, Sandor und Jovan st�rmten ihnen entgegen, und ein heftiges Handgemenge entbrannte. Liam h�rte einen Schrei und begriff pl�tzlich, dass er selbst es war, der br�llte, w�hrend er sich auf einen W�chter st�rzte. Jackon kam ihm abermals zu Hilfe. Gemeinsam nahmen sie den Mann in die Zange. Eine Lanzenspitze zuckte ihm entgegen, er warf sich zur Seite und sp�rte hei�en Schmerz an seiner Schulter, als die Klinge seine Haut aufritzte. Das stachelte seinen Zorn nur noch mehr an, und er trieb seinen Gegner mit wilden St��en und Hieben zur�ck. All die Verzweiflung der letzten Stunden, die Angst um Vivana und die Trauer um Livia brachen sich Bahn und erf�llten ihn mit unb�ndiger Kampfeswut. Seinen Freunden erging es offenbar �hnlich. Unter lautem Gebr�ll warfen sie sich den Soldaten entgegen, dr�ngten sie zur�ck und �berrannten die verbl�fften M�nner schier.</p><p>Das Gefecht dauerte nur kurz, und es erschien Liam wie ein Rausch. Als er daraus erwachte, stellte er fest, dass er seinen Gegner entwaffnet, am Arm verletzt und zu Boden gesto�en hatte. Daneben lag ein weiterer W�chter, der sich nicht mehr bewegte. Die anderen waren geflohen.</p><p>Die Wunde an Liams Schulter blutete, war jedoch nicht tief. Auch die anderen hatten Schrammen und Kratzer davongetragen. Nichts davon war ernst, doch es zeigte Liam, dass das <emphasis>javva,</emphasis> das sie in Godfreys Versteck eingenommen hatten, nicht mehr wirkte. Jeder Kampf war jetzt ein Kampf auf Leben und Tod.</p><p>�Aufstehen�, befahl Jovan dem verwundeten Soldaten. �Du kommst mit.�</p><p>Der Mann verzog vor Schmerz das Gesicht, als er sich aufrichtete, und presste die Hand auf die Wunde.</p><p>Jovan zwang ihn, vorauszugehen, und sie stiegen zur oberen Galerie hinauf, wo sich der Ausgang des Gef�ngnisses befand. Liam sp�hte in den Korridor und sah am anderen Ende zuckende Schatten im fahlen Lampenlicht. Offenbar n�herte sich ihnen ein weiterer Soldatentrupp, ein wesentlich gr��erer als der, gegen den sie eben gek�mpft hatten. Er warf die T�r zu und schob den Riegel vor.</p><p>�Gibt es noch einen anderen Weg nach oben?�, fragte er ihren Gefangenen.</p><p>�Ja. Da dr�ben.�</p><p>�F�hr uns hin.�</p><p>Sie nahmen Madalin und die ver�ngstigten Kinder in die Mitte und rannten die Galerie entlang zur anderen Seite des Raums. Hinter ihnen erbebte die T�r, als sich die Soldaten mit aller Kraft dagegenwarfen.</p><p>Der W�chter f�hrte sie zu einem Korridor, der an einer Treppe endete.</p><p>�Warte�, sagte Quindal, als Liam nach oben laufen wollte. �Wir k�nnen ihn nicht mitnehmen. Wenn wir k�mpfen m�ssen, f�llt er uns wom�glich in den R�cken.�</p><p>Sie sperrten ihren Gefangenen in einen der R�ume, an denen der Gang vorbeif�hrte. Jackon holte seinen Schl�sselring hervor und schloss die T�r ab.</p><p>Auf dem Weg nach oben kamen ihnen weitere Soldaten entgegen. Es waren nur drei, aber sie wirkten ausgeruhter als die Wachleute im Gef�ngnis. Es kam zu einem kurzen, aber heftigen Kampf. Jovan wurde von einem S�belhieb am Bein verletzt, bevor Sandor den Angreifer niederschie�en konnte. Einem zweiten schmetterte Quindal seine mechanische Faust in die Magengrube und schlug ihn zu Boden. Als der letzte Soldat begriff, dass er gegen eine solche �bermacht nichts ausrichten konnte, lie� er seine Waffen fallen und floh in einen dunklen Nebengang.</p><p>Liam lief zu Jovan, der auf dem oberen Treppenabsatz kauerte. Blut tr�nkte seine Hose. Sandor zog dem toten Soldaten den G�rtel aus und half Liam, die Wunde abzubinden.</p><p>�Kannst du gehen?�, fragte der Manusch seinen Bruder.</p><p>�Ich glaube schon�, antwortete Jovan, aber als er sich aufrichtete, keuchte er vor Schmerz und w�re beinahe zusammengebrochen. Madalin st�tzte ihn.</p><p>Sie befanden sich in einem Korridor mit halb blinden Oberlichtern, durch die das Licht der Stra�enlaternen fiel. Es herrschte v�llige Stille.</p><p>�Hast du eine Ahnung, wo wir sind?�, fragte Liam Jackon fl�sternd.</p><p>�Ich glaube, hier bin ich schon mal gewesen. Umbra hat mich vor ein paar Wochen ein bisschen herumgef�hrt. Da hinten ist das Archiv mit dem Lesesaal. Wenn wir zu Vivana wollen, m�ssen wir da entlang.�</p><p>Leise suchten sie sich ihren Weg durch die dunklen Flure. �ber dem ganzen Geb�ude lastete eine Atmosph�re dr�ckender D�sternis, als w�re das Mauerwerk von der Furcht und Verzweiflung unz�hliger Menschen durchsetzt. Eine Trostlosigkeit, die Liam noch mehr zu schaffen machte als das ewige Zwielicht in Lady Sarkas Palast. Wenn sie Vivana, Lucien und Godfrey nur schon gefunden h�tten...</p><p>Jackon hatte die F�hrung �bernommen. Als sie zu einer T�r kamen, in die ein kleines Gitterfenster eingelassen war, blieb der Rothaarige stehen.</p><p>�Sie f�hrt auf den Hof�, erkl�rte er. �Auf der anderen Seite ist eine Wachstube. Ich glaube, dort werden Vivana und die anderen festgehalten.�</p><p>Liam sp�hte durch das Gitterfenster. In einem Fenster der Wachstube brannte Licht, vor dem sich die Schattenrisse von zwei Soldaten abzeichneten. Falls sich Vivana, Lucien und Godfrey darin aufhielten, konnte er sie nicht sehen.</p><p>Er blickte zum Tor des Ministeriums. Zwei weitere W�chter, schwarze Schemen in der Finsternis. Sonst schienen sich keine Soldaten im Innenhof aufzuhalten, auch nicht in den angrenzenden R�umen, denn abgesehen von der Wachstube waren alle Fenster dunkel.</p><p>Er berichtete seinen Freunden, was er gesehen hatte.</p><p>�Das k�nnen wir riskieren�, sagte Quindal. �Zuerst kn�pfen wir uns die Wachen am Tor vor, dann die in der Wachstube.�</p><p>Sandor und er luden ihre Pistolen nach. Dann �ffnete der Erfinder vorsichtig die T�r, und die beiden huschten hinaus.</p><p>Im Innenhof brannte nur eine einzige Laterne. Sie hing �ber dem Eingang des Hauptfl�gels und beleuchtete die breite Treppe vor dem rot lackierten Portal. Der Rest des Hofs lag im Dunkeln. So konnten sich Quindal und Sandor im Schutz der Finsternis an die W�chter heranpirschen, die unter dem Torbogen standen und sich unterhielten.</p><p>�Waffen auf den Boden und umdrehen�, sagte der Erfinder leise. Die beiden M�nner fuhren mit einem erschrockenen Keuchen herum, die Lanzen in ihren H�nden � und stellten fest, dass sie in die M�ndungen von zwei Pistolen blickten. Langsam legten sie ihre Lanzen hin.</p><p>Sandor befahl ihnen, ihre G�rtel auszuziehen und sich b�uchlings auf das Kopfsteinpflaster zu legen. Der Manusch hielt sie mit der Pistole in Schach, w�hrend Quindal ihnen mit den G�rteln die H�nde fesselte. Als er fertig war, gab er Liam ein Zeichen.</p><p>Liam vergewisserte sich, dass die Soldaten in der Wachstube nichts bemerkt hatten, bevor er mit Jackon, Madalin, Jovan und den Kindern zu Quindal lief. Einer der Torw�chter hatte eine Pistole dabei, und Quindal reichte sie ihm.</p><p>Unbehagen erf�llte Liam, als er das Schie�eisen in die Hand nahm. Seit dem Kampf mit Seth hatte er keine Schusswaffe mehr anger�hrt. Aber die Situation erforderte es nun einmal. Wenigstens f�r ein paar Minuten.</p><p>Madalin blieb mit Jovan und den Kindern bei Sandor, der auf die beiden Soldaten aufpasste. Liam, Jackon und Quindal schlichen unterdessen zur Wachstube und duckten sich unter dem Fenster.</p><p>In einer kalten und feuchten Nacht wie dieser war es geschlossen. Durch die Scheibe konnte Liam die Stimme von einem Soldaten h�ren. Der Mann erz�hlte etwas von einer Wette, die er mit einem Kerl namens Duncan am Laufen hatte, und prahlte herum. Liam h�tte zu gerne einen Blick hineingeworfen, um herauszufinden, ob Vivana und die anderen sich wirklich dort drinnen befanden, doch er wollte auf keinen Fall riskieren, dass man sie entdeckte.</p><p>Quindal erkl�rte seinen Plan mit einigen Handzeichen. Liam nickte, und sie schlichen geduckt zur T�r.</p><p>Der Erfinder riss sie auf. Liam und er richteten ihre Pistolen auf die beiden Wachen. �Runter auf den Boden!�, sagte Quindal.</p><p>�berrumpelt gehorchten die beiden M�nner. Jackon schl�pfte hinein und nahm ihnen die Waffen ab. Liam atmete auf. Es war ein �beraus riskanter Plan gewesen. H�tte es nur einen Soldaten mehr gegeben, h�tte er vielleicht nicht funktioniert.</p><p>Vivana und die anderen waren nicht in der kleinen Stube. �Vater!�, erklang in diesem Moment Vivanas Stimme. Sie kam von einer T�r.</p><p>Liam versuchte, sie zu �ffnen, doch sie war verschlossen. Er st�rzte zu den Soldaten. �Wo ist der Schl�ssel?�</p><p>�An meinem G�rtel�, grunzte der Mann.</p><p>Liam griff unter den Brustpanzer des Soldaten, zog den Schl�sselring vom G�rtel und lief zur T�r. �Vivana!�, rief er, w�hrend er die verschiedenen Schl�ssel durchprobierte. �Ich bin gleich bei dir! Geht es dir gut?�</p><p>�Mir schon�, sagte sie. �Aber Godfrey nicht. H�r zu, du musst das Fass aufmachen.�</p><p>�Fass?�, echote Liam verwirrt. Endlich passte ein Schl�ssel. Er drehte ihn im Schloss und riss die T�r auf.</p><p>Vivana st�rzte aus der Kammer und umarmte ihn. Er dr�ckte sie an sich, vergrub sein Gesicht in ihrem Haar, h�tte sie am liebsten f�r immer festgehalten, aber schon nach einem Augenblick l�ste sie sich von ihm und lief zu einem Fass in der Ecke der Wachstube.</p><p>�Schnell, du musst mir helfen. Du auch, Paps.�</p><p>Es handelte sich um ein rostiges Blechfass, wie man es benutzte, um �l oder Farbe aufzubewahren. Da der Deckel mit Pech versiegelt war, kam Jackon ihnen mit seinem Dolch zu Hilfe. Quindal hebelte damit den Deckel auf.</p><p>Sie kippten das Fass auf die Seite. Heraus kroch Godfrey, keuchend und um Atem ringend.</p><p>�Was haben sie mit ihm gemacht?�, fragte Liam fassungslos.</p><p>�Sie hatten Angst, dass er sich in Aether verwandelt�, antwortete Vivana. �Deswegen haben sie ihn da reingesteckt.�</p><p>�Er h�tte ersticken k�nnen!�</p><p>�Das war ihnen egal.� Sie streifte die beiden Soldaten mit einem Blick voller Abscheu. Dann ging sie neben Godfrey in die Hocke, lie� sich von ihrem Vater ein Tuch geben und tupfte ihm den Schwei� von der Stirn. �Geht es wieder?�</p><p>Godfrey deutete ein Nicken an. �Gib mir... noch eine Minute�, kr�chzte er.</p><p>Inzwischen war auch Lucien aus der kleinen Kammer gekommen, in die man Vivana und ihn gesperrt hatte. Er betrachtete erst die beiden M�nner auf dem Boden und dann Liam und Quindal. �Was ist passiert? Wie seid ihr aus dem Gef�ngnis gekommen?�</p><p>�Jackon hat uns geholfen�, antwortete Liam. �Die Einzelheiten erz�hlen wir euch sp�ter. Wir sollten zusehen, dass wir hier wegkommen. Helft mir mit den Soldaten.�</p><p>Sie fesselten die M�nner mit ihren G�rteln und knebelten sie mit Putzlappen, die Jackon in einer Ecke fand. Godfrey hatte sich inzwischen einigerma�en erholt. Er war aufgestanden und strich seinen Anzug glatt.</p><p>�Verschwinden wir�, sagte Liam.</p><p>�Einen Moment noch.� Der Aethermann holte seine Melone, die auf dem Schreibtisch lag, setzte sie auf und r�ckte sie zurecht. Dann verpasste er den beiden Soldaten jeweils einen kr�ftigen Tritt. �Jetzt k�nnen wir.�</p><p>Sie eilten nach drau�en. W�hrend sie zu den Manusch liefen, flog im hinteren Teil des Hofs eine T�r auf, und jemand br�llte: �Stehen bleiben!�</p><p>Liam erstarrte. Soldaten str�mten ins Freie, ein Dutzend oder mehr. Zu viele, um gegen sie zu k�mpfen. �Lauft!�, schrie er und rannte mit seinen Freunden zum Tor.</p><p>�Stehen bleiben!�, rief der Captain des Trupps noch einmal. �Oder wir schie�en euch nieder.�</p><p>Vivana, Sandor und Quindal nahmen je eins von den Kindern auf den Arm und liefen auf die Stra�e. Madalin, der Jovan st�tzen musste, fiel immer weiter zur�ck. <emphasis>Wir sind viel zu langsam,</emphasis> durchfuhr es Liam. <emphasis>Das schaffen wir nicht.</emphasis></p><p>Er blieb stehen, um Madalin zu helfen, und sah, dass die Soldaten ihre Pistolen auf sie anlegten. Gleichzeitig h�rte er Geschrei von der anderen Stra�enseite. Es war Nedjo, der mit rudernden Armen auf sie zugelaufen kam. Liam verstand nur ein paar Worte von dem, was der Manusch rief.</p><p>�Ruac... weg... passt auf!�</p><p>In diesem Moment sp�rte Liam, wie ein Luftzug �ber ihn hinwegstrich. Er blickte nach oben und sah etwas in der Luft auftauchen, eine gefl�gelte Gestalt, die wie aus dem Nichts erschien.</p><p>�Bei allen D�monen�, fl�sterte Madalin.</p><p>Der Anblick des Wesens ersch�tterte Liam so sehr, dass er einen Augenblick lang nichts anderes tun konnte, als es mit offenem Mund anzustarren � bis ihm pl�tzlich klar wurde, dass er das Gesch�pf nur zu gut kannte.</p><p>Es war Ruac.</p><p>Liams erster Gedanke war: <emphasis>Er ist riesig.</emphasis></p><p>Sein zweiter: <emphasis>Er hat Fl�gel.</emphasis></p><p>Sein dritter: <emphasis>Und er kann damit fliegen.</emphasis></p><p>Ruac landete mit ausgebreiteten Schwingen vor den Soldaten, �ffnete sein Maul und gab einen schrecklichen Laut von sich, eine Mischung aus Fauchen und Br�llen. Dann schnappte er nach dem Captain, erwischte ihn an der H�fte und schleuderte ihn durch die Luft.</p><p>Die M�nner schrien auf und ergriffen die Flucht.</p><p>Liam und Madalin nahmen Jovan in die Mitte, legten ihm die Arme um die Taille und rannten los.</p><empty-line/></section><section><title><p>10</p><empty-line/><p><emphasis>Umbras Entdeckung</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>U</strong>mbra f�hlte sich unwohl, wie immer, wenn sie das Schlafgemach der Herrin betrat. Wie sie da lag, reglos, blass, sch�n, mehr ein Kunstwerk als ein menschliches Wesen...</p><p>Und wie immer wachte Lady Sarka auf, kaum dass Umbra, Corvas und Amander hereingekommen waren, obwohl die T�r kein nennenswertes Ger�usch verursachte. Selbst wenn ihre Seele in den Traumlanden weilte, unermesslich weit entfernt, konnte sie die Gegenwart anderer Menschen sp�ren.</p><p>Umbra unterdr�ckte ein Schaudern. Die Herrin wurde ihr von Tag zu Tag unheimlicher.</p><p>Lady Sarka erhob sich von ihrem Lager. �Habt ihr die Gefangenen verh�rt?�</p><p>�Quindal, Satander und den Manusch namens Madalin�, antwortete Corvas, w�hrend Cedric hereinhuschte und die Lampen entz�ndete. �Die Sirenenessenz hat nicht ausgereicht, um auch die anderen zu befragen. Die Alchymisten m�ssen zuerst neue herstellen, aber das wird einige Tage dauern.�</p><p>�Irgendeine Spur von Quindals Tochter?�</p><p>�Die M�nner, die ich zu Godfreys Versteck geschickt habe, fanden niemanden. Und die Gefangenen weigern sich, ihren Aufenthaltsort preiszugeben.�</p><p>�Trotz der Sirenenessenz?�</p><p>�Manchmal gelingt es Delinquenten, sich der Wirkung des Serums zu widersetzen. Beispielsweise wenn starke Emotionen im Spiel sind.�</p><p>�Nun gut, wir finden sie schon noch. Jetzt erz�hl mir, was die Verr�ter vorhatten.�</p><p>Als Corvas anfangen wollte zu berichten, sagte Umbra: �Wenn Ihr erlaubt, Herrin, k�mmere ich mich jetzt um Lucien. Ich w�rde ihm gerne ein paar Fragen stellen und ihn dann zum alten Labor bringen lassen, damit Torne endlich Ruhe gibt.�</p><p>�Gut. Tu das. Und sag Torne, dass er verschwinden soll, sowie er seinen Willen bekommen hat. Ich will ihn nicht mehr sehen.�</p><p>M�de verlie� Umbra die Privatgem�cher der Herrin. Es war ein langer Tag gewesen. Alles in ihr schrie nach Schlaf, doch sie wollte die Sache mit Lucien hinter sich bringen, damit sie endlich ein vollst�ndiges Bild der Ereignisse der letzten Wochen und Monate bekam. Wenn Torne nicht gelogen hatte, musste der Alb inzwischen wieder sprechen k�nnen. Sie durchquerte den Kuppelsaal, befahl zwei Spiegelm�nnern, ihr zu folgen, und stieg zu den Glash�hlen hinab.</p><p>Als sie in die Kaverne kam, wo sich der Zugang zu Luciens Zelle befand, bemerkte sie ein gr�nliches Glitzern auf dem Boden. Tornes Messer. Sie hob die Glasklinge auf und betrachtete sie. Hatte der Alchymist hier herumgeschn�ffelt? Ver�rgert verzog sie den Mund. Sie h�tte wissen m�ssen, dass er es nicht lassen konnte.</p><p>Sie z�ckte ihren Schl�sselring. Als sie die Zellent�r �ffnete, rechnete sie halb damit, dass die kleine Kammer leer sein w�rde. Das war nicht der Fall � allerdings war es nicht Lucien, der darin lag.</p><p>Silas Torne st�hnte leise. Umbra drehte ihn unsanft auf den R�cken und schlug ihm mehrmals gegen die Wange. �Aufwachen!�</p><p>Blinzelnd �ffnete er die Augen. �Was zum Teufel ist passiert?�, kr�chzte er.</p><p>�Das ist exakt die Frage, die mir auch gerade auf der Zunge liegt.�</p><p>Torne setzte sich auf, rieb sich den schmerzenden Sch�del und sp�hte an Umbra vorbei nach drau�en. �Wo sind Lucien und Jackon?�</p><p>�Jackon? Wieso Jackon?�</p><p>�Der kleine Schei�er hat Lucien befreit.�</p><p>�Er hat <emphasis>was?�</emphasis></p><p>�Du hast schon verstanden. Dein Sch�tzling ist ein Verr�ter und ein Rabenaas dazu. Ich bin auf sie gesto�en, als sie gerade durch die Katakomben verschwinden wollten.�</p><p>�Wieso hast du sie nicht aufgehalten, verdammt noch mal?�</p><p>�Weil sie mir eins �bergebraten haben�, sagte Torne s�uerlich. Er entdeckte das Kristallmesser in Umbras Hand. �Her damit�, knurrte er und lie� die Klinge in seiner Tasche verschwinden.</p><p>Sie rieb sich die m�den Augen. �Noch mal von vorn. Was hattest du �berhaupt hier unten zu suchen?�</p><p>Der Alchymist erz�hlte eine wirre Geschichte, die haupts�chlich aus Verw�nschungen und Schimpftiraden bestand, sodass es eine Weile dauerte, bis Umbra eine ungef�hre Vorstellung davon bekam, was w�hrend ihrer Abwesenheit im Palast geschehen war: Jackon hatte Lucien befreit. Torne war ihnen auf die Schliche gekommen. Es gab einen Kampf. Lucien schlug Torne nieder und sperrte ihn in die Zelle. Die beiden flohen in die Katakomben.</p><p><emphasis>Jackon, du Narr.</emphasis></p><p>Sie konnte nicht fassen, dass der Junge wirklich so dumm war. Aus einer Laune heraus warf er alles weg, was er in den letzten Monaten erreicht hatte, und machte sich obendrein Lady Sarka zum Feind. Andererseits... V�llig �berraschend kam das nicht. Sie dachte an ihre kurze Begegnung auf dem Balkon. Wie er dagesessen hatte, ein H�ufchen Elend, verzweifelt und zerfressen von Schuldgef�hlen.</p><p>Umbra w�nschte, sie h�tte ihn nicht allein gelassen. �Komm mit�, befahl sie Silas Torne schroff.</p><p>�Wohin gehen wir?�</p><p>�Zu Lady Sarka. Sie muss erfahren, was passiert ist.�</p><p>W�hrend sie die enge Wendeltreppe hinaufstiegen, fragte Umbra: �Haben Jackon und Lucien dir gesagt, wohin sie fliehen wollten?�</p><p>�Komischerweise wollten sie diesbez�glich keine Auskunft geben�, knurrte der Alchymist.</p><p>�Weit k�nnen sie jedenfalls nicht gekommen sein.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Du hast doch gesagt, du hast sie verletzt. Beide.�</p><p>�Ich habe sie nur ein bisschen mit dem Messer angeritzt. Nicht der Rede wert.�</p><p>�Nun ja, man muss kein Genie sein, um darauf zu kommen, was sie jetzt vorhaben.� Umbra wandte sich um. �Geht es ein bisschen schneller?�</p><p>Als sie die Gem�cher der Herrin betraten, beendete Corvas gerade seinen Bericht. Lady Sarkas Miene verfinsterte sich beim Anblick des Alchymisten.</p><p>�Ich habe dir doch gesagt, ich will ihn nicht mehr sehen.�</p><p>�Lucien ist weg, Herrin. Und Jackon auch. Erz�hl, was passiert ist�, forderte Umbra ihren Begleiter auf.</p><p>Und Torne wiederholte seine Geschichte. Mit jedem Satz wurde Lady Sarka w�tender, bis sie schlie�lich explodierte.</p><p>�Dieser kleine Bastard! Was glaubt er eigentlich, wer er ist? Ich habe ihn aufgenommen und aus einer stinkenden Kanalratte ein menschliches Wesen gemacht � und so dankt er es mir? Aber das wird er bereuen. Bitter bereuen.�</p><p>Es gab nicht viele Dinge, die Umbra Angst machten - der Zorn von Lady Sarka geh�rte dazu. Z�gernd sagte sie: �Wenn ich Jackon richtig einsch�tze, wird er versuchen, Liam Satander zu helfen. Wir sollten vorsichtshalber zum Ministerium gehen und nach dem Rechten sehen.�</p><p>�Der Junge kann nichts tun�, sagte Corvas. �Die Gefangenen sind sicher.�</p><p>�Vergiss nicht, dass Lucien bei ihm ist. Und Godfrey ist auch noch auf freiem Fu�. Ich halte es wirklich f�r besser, wir pr�fen nach, ob alles in Ordnung ist.�</p><p>Lady Sarka wirbelte zu Corvas herum. �Geh zum Ministerium�, befahl sie. �Wenn Jackon dort auftaucht, schaff ihn her.�</p><p>�Gewiss�, sagte der Bleiche tonlos, verneigte sich und ging.</p><p>Die Lady starrte ins Nichts. Eisesk�lte glitzerte in ihren Augen, und in ihrem Gesicht bewegte sich kein Muskel. Umbra hielt es f�r angeraten, sie allein zu lassen.</p><p>�Gehen wir�, forderte sie Amander und Silas Torne auf �Die Herrin braucht Ruhe.�</p><p>Der Alchymist r�hrte sich nicht von der Stelle.</p><p>�Ich gehe nirgendwo hin�, sagte er m�rrisch. �Ich bleibe so lange hier, bis ich wei�, wer mir meinen Verlust ersetzt.�</p><p>Umbra hielt den Atem an. Kannte Tornes Unversch�mtheit denn keine Grenzen? �Komm mit�, fuhr sie ihn an. �Oder soll ich dir Beine machen?�</p><p>�Nein. Wir haben eine Abmachung. Ich verlange, dass sie eingehalten wird.�</p><p>Lady Sarka schien ihn erst jetzt zu registrieren. �Er hat Recht, Umbra.� Ihre Stimme klang pl�tzlich sehr sanft. �Er soll bekommen, was er verdient.�</p><p>Der Alchymist verschr�nkte die Arme vor der Brust. Offenbar entging ihm, dass sich die Stimmung im Zimmer ver�ndert hatte. �Lucien geh�rt mir. So war es vereinbart. Ich will, dass er zu mir zur�ckgebracht wird. Wenn das nicht geht, verlange ich eine angemessene Entsch�digung. Nichts f�r ungut, aber ich sehe nicht ein, dass ich um meinen Lohn gebracht werde, nur weil Ihr nicht in der Lage seid, auf einen Gefangenen aufzupassen.�</p><p>�Ja, dein Lohn�, erwiderte Lady Sarka freundlich. �Dein Lohn... Wof�r eigentlich, frage ich mich?�</p><p>�Der Doppelg�nger, den ich f�r Euch auftreiben sollte. Ich habe viel Arbeit in diesen Auftrag investiert.�</p><p>�Allerdings ohne Erfolg, nicht wahr?�</p><p>�Das war nicht meine Schuld. Umbra kann das bezeugen.�</p><p>�Nun, wenn das so ist... Amander, gib ihm seinen verdienten Lohn.�</p><p>Torne machte ein selbstgef�lliges Gesicht � bis er bemerkte, dass Amander mit d�nnem L�cheln seine Handschuhe auszog. Sein Auge weitete sich. �Nein. Nicht!�, keuchte er und wich zur�ck, doch da war es schon zu sp�t. Amander ber�hrte ihn am Hals, er begann zu r�cheln und umklammerte seine Kehle. Seine Knie knickten ein, er fiel zu Boden, und blutiger Schaum quoll aus seinem Mund, w�hrend er unter Kr�mpfen starb.</p><p>Unger�hrt betrachtete Umbra den entstellten K�rper. Sie konnte nicht behaupten, dass sie Mitleid empfand. Silas Tornes Tod war nicht gerade ein Verlust f�r die Welt.</p><p>�Widerw�rtig�, murmelte die Lady. �Schafft ihn weg.�</p><p>Umbra und Amander hoben die Leiche hoch � und das Messer rutschte aus Tornes Robe.</p><p>Lady Sarka runzelte die Stirn und hob es auf. �Was ist das?�</p><p>�Ein alchymistisches Messer. Torne hat es gemacht, um Lucien zu foltern.�</p><p>�Es besteht ganz aus Kristallen. Sieh dir das an. Ein Meisterst�ck. Kaum zu glauben, dass ein Verr�ckter wie Torne zu so etwas f�hig gewesen ist, nicht war? Hat er nicht gesagt, er hat Lucien und Jackon damit verletzt?�</p><p>Umbra fragte sich, warum dieses unwichtige Detail die Herrin so besch�ftigte. Sie hatten wahrlich andere Sorgen. �Ja, das hat er gesagt�, antwortete sie, doch Lady Sarka schien sie gar nicht zu h�ren. Versunken betrachtete sie das Messer, strich �ber die Klinge, drehte es im Licht, und das Glas zeichnete eine Sichel auf ihr Gesicht, gr�n und scharf und gezackt wie eine Narbe.</p><empty-line/></section><section><title><p>11</p><empty-line/><p><emphasis>Die schwarze Perle</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>V</strong>ivana trat auf etwas Weiches und hob erschrocken den Fu�, als es quiekte. Eine Ratte blickte sie vorwurfsvoll an, bevor sie in der Finsternis verschwand.</p><p>Vivana verzog den Mund. Sie hatte die Kan�le jetzt schon satt. Und das war erst der Anfang. Wenn keiner von ihnen eine gute Idee hatte, w�rden sie wahrscheinlich gezwungen sein, sich tage- oder gar wochenlang hier unten zu verstecken.</p><p>Verlockende Aussichten.</p><p>Sie wanderten seit zwei oder drei Stunden durch die Unterwelt von Bradost. An ihre Flucht vom Ministerium, eine atemlose Hatz durch die Gassen der Kr�henh�he, konnte sie sich nur verschwommen erinnern. Abwechselnd hatten sie Jovan und die Kinder getragen und waren gerannt, so schnell es unter diesen Umst�nden m�glich war. Vivana glaubte, dass die meisten ihrer Gef�hrten nicht genau gewusst hatten, vor wem sie eigentlich flohen, vor den Soldaten � oder vor Ruac. Der Lindwurm war die ganze Zeit hinter ihnen durch die Luft geflogen, mal unauff�llig, mal sichtbar, und hatte mit seinem Furcht erregenden Gebr�ll daf�r gesorgt, dass die Wachen sie nicht jagten. Falls ihnen �berhaupt welche gefolgt waren � Vivana hatte keinen einzigen gesehen. Wom�glich versteckten sich die M�nner vor Angst im Keller des Ministeriums.</p><p>Auch jetzt tat Ruac sein Bestes, um sie und ihre Freunde zu besch�tzen. Wie ein Schatten huschte er durch die Tunnel und sicherte ihren Weg, f�r den Fall, dass etwas in der Dunkelheit lauerte und ihnen B�ses wollte.</p><p>Lucien und Jackon f�hrten sie durch das unterirdische Labyrinth; die Gef�hrten folgten ihnen einzeln oder paarweise. Vivana ging hinter Madalin, der den schlafenden Arpad trug. Sie machte sich gro�e Sorgen um ihren Onkel. Vor einer Weile hatte er darauf bestanden, dass sie ihm die exakten Umst�nde von Livias Tod schilderte. Sie war seinem Wunsch nachgekommen, obwohl sie kein gutes Gef�hl dabei gehabt hatte. Sp�ter w�nschte sie, sie h�tte geschwiegen, denn seitdem ging es Madalin immer schlechter. Vivana bef�rchtete, dass er unter der Last seiner Trauer zerbrach. Sie konnte von Gl�ck sagen, dass er sich um die Kinder k�mmern musste. Andernfalls h�tte ihn der Schmerz vermutlich l�ngst �berw�ltigt.</p><p>Sie sehnte sich nach Liam. Er <emphasis>war</emphasis> vor einer halben Stunde zur Spitze der Gruppe gegangen, um etwas mit ihrem Vater zu besprechen. Als h�tte er ihre Gedanken geh�rt, blieb er stehen und wartete, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte.</p><p>�Du siehst m�de aus�, sagte er besorgt.</p><p>�Bin ich auch. Ich glaube, ich k�nnte drei Tage schlafen.�</p><p>�Bald kannst du dich ausruhen. Jackon hat gesagt, es ist nicht mehr weit.� Arm in Arm gingen sie weiter. Vivana legte den Kopf an seine Schulter.</p><p>�Wor�ber hast du mit meinem Vater gesprochen?�</p><p>�Das Verh�r. Ihn und Madalin hat Corvas auch mit der Sirenenessenz gef�gig gemacht. Ich wollte wissen, ob sie etwas �ber Vorod Khoroj gesagt haben.�</p><p>�Haben sie?�</p><p>�Nein. Wir haben alle drei dichtgehalten. Wenigstens, was das angeht�, f�gte Liam niedergeschlagen hinzu.</p><p>Er hatte ihr erz�hlt, was die Sirenenessenz mit ihm angestellt hatte. Sie schauderte, wenn sie nur daran dachte. �Mach dir keine Vorw�rfe. Ihr konntet nichts dagegen machen. Hauptsache, euch ist nichts Schlimmeres passiert.�</p><p>�Ja�, murmelte er, aber es klang nicht �berzeugt.</p><p>In der Ferne rauschte Wasser.</p><p>�H�rt ihr das?�, rief Jackon. �Das ist der Hauptsammler der Grambeuge. Dort sind wir sicher. Hierher kommen nicht einmal die Schlammtaucher.�</p><p>�Wieso nicht?�, fragte Nedjo.</p><p>�Wegen der Ghule.�</p><p>�Na toll.�</p><p>�Die Ghule hausen nicht im Hauptsammler, sondern in den Katakomben darunter�, sagte Lucien. �Wenn wir sie nicht st�ren, lassen sie uns in Ruhe.�</p><p>�Da habe ich aber andere Geschichten geh�rt�, erwiderte Vivanas Vater.</p><p>�Gef�hrlich wird es nur, wenn man so leichtsinnig ist, allein dort hinunterzusteigen�, r�umte der Alb ein. �Aber ich habe noch nie geh�rt, dass sie gr��ere Gruppen �berfallen.�</p><p>�Und der Angriff auf Lady Sarkas Palast und die ganzen Spiegelm�nner?�, fragte Vivana.</p><p>�Das war etwas anderes.�</p><p>War es nicht, fand sie. �Warum gehen wir nicht zu einem deiner Verstecke?� Lucien besa� in jedem Stadtviertel mindestens einen geheimen Zufluchtsort. Unterwegs hatte er zu seinem Schlupfwinkel im Kessel einen Abstecher gemacht und frische Kleidung und Ausr�stung geholt, darunter gen�gend warme Decken f�r alle, denn die Herbstn�chte in Bradost waren kalt und feucht.</p><p>�Sie sind nicht geeignet f�r so viele Leute.�</p><p>�Wir k�nnten zu Bajo gehen�, schlug Nedjo vor.</p><p>�Bei Bajo ist es nicht mehr sicher�, erwiderte Lucien. �Au�erdem waren wir uns doch einig, ihn nicht noch tiefer in diese Sache hineinzuziehen. Der Hauptsammler ist das beste Versteck, das wir im Moment kriegen k�nnen. Hier sind wir weit genug weg vom Ministerium und von Lady Sarkas Palast. Sobald wir uns ausgeruht haben, k�nnen wir uns immer noch ein anderes suchen, einverstanden?�</p><p>Widerstrebend folgten die Gef�hrten Jackon und Lucien zur Zisterne des Hauptsammlers. Es stank so sehr, dass Vivana am liebsten die Luft angehalten h�tte. Das Tosen der Abw�sser war ohrenbet�ubend; Jackon musste schreien, um sich verst�ndlich zu machen. Er dirigierte die Gruppe zu einem Steinsims, der die Zisterne auf der H�he des Gangs umlief, aus dem sie kamen. Der Steg war h�chstens einen Schritt breit und rutschig vor N�sse, und das Gel�nder war an vielen Stellen so verrostet, dass es kaum noch Halt bot. Da mussten sie entlang? Vivana schluckte. Ein falscher Schritt, und man st�rzte in die Tiefe, wo man vom Mahlstrom der Abw�sser verschlungen wurde.</p><p>Im G�nsemarsch folgten die Gef�hrten Jackon, der sich so sicher bewegte, als w�re er diesen Weg schon hundertmal gegangen. Vivana dachte an das, was ihr Liam unterwegs erz�hlt hatte: Der Rothaarige sei fr�her ein Schlammtaucher gewesen und habe viele Jahre in den Kan�len gelebt. Er kannte diese Tunnel wie seine Westentasche.</p><p>Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie endlich in einen Gang schl�pften, wo sie wieder sicheren Boden unter den F��en hatten. Nach ein paar Minuten war das Tosen des Hauptsammlers nur noch ein fernes Murmeln. Einige der Kan�le, durch die sie wanderten, f�hrten sauberes Wasser, doch die meisten waren nicht mehr in Betrieb und teilweise eingest�rzt. Schlie�lich kamen sie zu einer Stelle, die einem Anlegesteg �hnelte. Von dort aus gelangten sie in einen kleinen Komplex aus Kammern und Gew�lber�umen.</p><p>�Wir sind da�, sagte Jackon.</p><p>Ersch�pft legten sie ihr weniges Gep�ck ab und richteten sich in den Kammern h�uslich ein, so gut das unter den gegebenen Umst�nden eben m�glich war. Lucien verteilte die Decken und den k�mmerlichen Rest ihrer Vorr�te.</p><p>Ruac machte es sich unterdessen vor dem Eingang bequem. Vivana entging nicht, dass die anderen hin und wieder verstohlen in seine Richtung sp�hten. Sie konnte ihnen ihr Unbehagen nicht verdenken. F�r ihre Freunde war er kein putziges Haustier mehr, sondern ein Ehrfurcht gebietendes Schattenwesen mit t�dlichen Klauen und Z�hnen. Sie versprach ihnen, dass sie nichts von ihm zu bef�rchten hatten, aber sie war nicht sicher, ob man ihr glaubte.</p><p>Es stellte sich heraus, dass es sich bei den R�umen um den Keller eines alten Wasserturms handelte, der schon lange nicht mehr genutzt wurde. Als Vivana sich ein wenig umschaute, entdeckte sie eine Treppe, die nach oben f�hrte und an einer vernagelten T�r endete � offenbar der Zugang zum Turm. Sie r�ttelte daran. Wenn man sich ein bisschen anstrengte, konnte man sie aufbrechen. Flucht war also m�glich, sollte ihnen aus den Kan�len Gefahr drohen.</p><p>Vielleicht kein ideales, aber doch ein passables Versteck. Zufrieden kehrte Vivana zu den anderen zur�ck.</p><p>Kaum einer ihrer Freunde hatte die K�mpfe im Ministerium der Wahrheit unbeschadet �berstanden. Zwar war nur Jovan ernstlich verletzt, aber auch die anderen hatten zahlreiche Prellungen, Schnitte und Kratzer erlitten. Vivana holte die Salben, Phiolen und Heilkr�uter aus Livias Tasche und k�mmerte sich der Reihe nach um ihre Gef�hrten, angefangen mit Jovan, dessen Beinwunde sie s�uberte und sorgf�ltig verband.</p><p>�Du machst das gut�, sagte der Manusch und l�chelte matt. �Livia w�re stolz auf dich.�</p><p>Vivana schwieg. Genau genommen war nicht sie es, die ihn verarztete, sondern jener Teil von Livia, der nun in ihr steckte. Er lenkte jeden ihrer Handgriffe und lie� sie stets nach dem richtigen Fl�schchen greifen, obwohl sie noch gestern nicht einmal die Namen all dieser Mittel und Tinkturen gekannt hatte.</p><p>Das alles war sehr verwirrend.</p><p>�Ich wusste gar nicht, dass du das kannst�, sagte ihr Vater sp�ter, w�hrend sie einen Schnitt an seinem Arm versorgte.</p><p>�Tja. Ich auch nicht.�</p><p>Er schwieg einen Moment. �Nedjo hat gesagt, Livia h�tte dir ihre Kr�fte �bertragen.�</p><p>�Ja, das stimmt.�</p><p>�Wie hat sie das gemacht?�</p><p>�Schwer zu erkl�ren... K�nntest du bitte aufh�ren, so zu zappeln?�</p><p>Er hielt seinen Arm still und verzog das Gesicht, als sie den Verband verknotete. �Was ist mit ihren ganzen Tricks und Zauberspr�chen? Kannst du die jetzt auch?�</p><p>�Ich sch�tze schon.� Vivana bemerkte den seltsamen Ausdruck in seinem Gesicht. �Was ist?�</p><p>�Diese Dinge sind gef�hrlich.�</p><p>�Auch nicht gef�hrlicher als deine Maschinen.�</p><p>�Das sehe ich anders.�</p><p>Sie seufzte. �Es geht doch gar nicht um Livia und meine neuen Kr�fte. Du hast Angst, dass ich nicht mehr die bin, die du kennst, stimmt's?�</p><p>Er stritt es nicht ab. �Ist meine Angst berechtigt?�</p><p>�Nein, Paps. Ich bin immer noch dieselbe. Wirklich.�</p><p>�Wenn du es sagst�, erwiderte er z�gernd.</p><p>Vivana tat gedankenverloren die Arzneien in die Tasche zur�ck. Hatte sie ihrem Vater die Wahrheit gesagt? <emphasis>War</emphasis> sie noch dieselbe? Oder waren die fremden Erinnerungen so m�chtig, dass sie nach und nach alles verdr�ngten, was ihre Pers�nlichkeit ausmachte? Sie fand keine Antwort darauf. Au�erdem war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um sich �ber solche Dinge den Kopf zu zerbrechen, entschied sie. Sie hatten genug andere Probleme.</p><p>Jackon beispielsweise.</p><p>Der Rothaarige hatte sich in eine Ecke zur�ckgezogen und versuchte offenbar, nicht aufzufallen. Es gelang ihm nicht. Kaum waren die Gef�hrten etwas zur Ruhe gekommen, kehrte ihre Wut auf ihn zur�ck. Man sah es deutlich in den Blicken, die sie ihm zuwarfen. Irgendwann setzte Lucien sich zu ihm, offenbar um zu signalisieren, dass er auf Jackons Seite stand. Als Sandor, Jovan und Nedjo zu tuscheln begannen, sagte der Alb: �Warum so leise? Ihr redet doch �ber etwas, das uns alle angeht, oder?�</p><p>�Wir reden �ber Jackon�, entgegnete Sandor herausfordernd. �Wir beraten, was wir jetzt mit ihm machen.�</p><p>Augenblicklich geh�rte ihm die Aufmerksamkeit der ganzen Gruppe. Madalin, Liam und Godfrey kamen aus den Nachbarr�umen � und pl�tzlich herrschte eine Stimmung wie in einer Gerichtsverhandlung, fand Vivana.</p><p>�Und zu welchem Ergebnis seid ihr gekommen?�, fragte Lucien.</p><p>�Er sollte bestraft werden.�</p><p>�Und du glaubst, das w�rde etwas �ndern? Was passiert ist, ist nun einmal passiert.�</p><p>�Es w�re gerecht�, sagte Sandor scharf.</p><p>�Ich wei� nicht�, mischte sich Liam ein. �Er hat uns immerhin aus dem Gef�ngnis befreit. Und Lucien hat er auch gerettet.�</p><p>�Na und?�, wandte der Manusch ein. �Er hat uns verraten. Seinetwegen wurde Livia ermordet.�</p><p>Blass und schweigend h�rte Jackon der Diskussion zu. Er schien sich v�llig seinem Schicksal zu ergeben. Vivana wusste nicht, ob sie ihn daf�r bewundern oder verachten sollte. �berhaupt waren ihre Gef�hle ihm gegen�ber h�chst widerspr�chlich. Sie empfand nach wie vor eine Wut auf ihn, die an Hass grenzte. Sie bezweifelte jedoch, dass Rache und Vergeltung auch nur eines ihrer Probleme l�sten. Au�erdem fragte sie sich, <emphasis>wie</emphasis> Sandor Jackon bestrafen wollte. Wollte er ihn auspeitschen? Ihn hinrichten? Schon die Vorstellung war absurd.</p><p>�Was meinen die anderen?�, fragte Lucien in die Runde. �Seid ihr auch der Ansicht, dass Jackon zur Rechenschaft gezogen werden sollte?�</p><p>�Ich finde, Madalin soll das entscheiden�, antwortete Vivanas Vater.</p><p>Alle Augen richteten sich auf den hochgewachsenen Manusch. Vivana erwartete, dass er sich Sandor und Jovan anschloss und f�r eine Bestrafung Jackons aussprach, so wie sie es an seiner Stelle vermutlich getan h�tte. Stattdessen sagte er: �Diese Diskussion ist unserer unw�rdig. Wir machen uns l�cherlich, wenn wir nicht damit aufh�ren.�</p><p>�Aber Livia...�, begann Sandor von Neuem, ehe Madalin ihn unterbrach: �Amander hat sie get�tet. Nicht Jackon.�</p><p>�Jackon hat Corvas und seine Leute zu uns gef�hrt�, sagte Vivanas Vater.</p><p>�Weil Lady Sarka ihn dazu gezwungen hat�, gab der Manusch zu bedenken. �Schaut ihn euch doch an. Er ist noch ein Junge. Was h�tte er denn tun sollen?�</p><p>Stille schloss sich diesen Worten an. F�r Madalin war damit offenbar alles gesagt, und er ging zur�ck zu den Kindern. In diesem Moment w�nschte Vivana, sie k�nnte so sein wie er. Er war einfach nicht dazu f�hig, andere Menschen zu hassen. Nicht einmal jetzt.</p><p>�Trotzdem�, sagte ihr Vater nach einer Weile. �Wir k�nnen das nicht einfach auf sich beruhen lassen und so tun, als w�re nichts geschehen.�</p><p>�Uns bleibt aber nichts anderes �brig�, meinte Lucien. �Ich glaube, ihr habt etwas Wichtiges vergessen: Wir brauchen Jackon.�</p><p>�Wof�r?�, fragte Nedjo.</p><p>Pl�tzlich wurde Vivana klar, warum ihr der ganze Streit so sinnlos vorkam. Die Situation war wesentlich komplizierter, als sie auf den ersten Blick aussah. �Er ist der Einzige, der vielleicht etwas gegen den Verfall der Traumlanden ausrichten kann�, antwortete sie an Luciens Stelle. �Ohne ihn sind wir machtlos gegen Lady Sarka.�</p><p>Wieder kehrte Stille ein, als die Gef�hrten dar�ber nachdachten.</p><p>�Was hei�t <emphasis>vielleicht?�,</emphasis> fragte Nedjo schlie�lich. �Kann er, oder kann er nicht?�</p><p>Lucien wandte sich an Jackon. �W�rst du bereit, Lady Sarka in den Traumlanden anzugreifen?�</p><p>Der Rothaarige schien seine Worte genau abzuw�gen, bevor er antwortete. �Ja, w�re ich. Leider gibt es da ein Problem. Ich habe meine Kr�fte verloren.�</p><p>�Du auch?�, fragte Vivana �berrascht.</p><p>Lucien streifte Jackon mit einem Blick. Offenbar war er nicht gl�cklich dar�ber, dass der Rothaarige diesen Punkt angesprochen hatte. �Silas Torne hat uns beide verletzt. Aber es waren nur Kratzer. Unsere Kr�fte m�ssten bald zur�ckkehren.�</p><p>�Silas Torne?�, wiederholte Vivanas Vater. �Ich glaube, ich habe da etwas nicht mitbekommen.�</p><p>In knappen Worten erz�hlte Lucien, wie Jackon und er bei ihrer Flucht aus dem Palast von dem Alchymisten angegriffen worden waren und wie dieser ihnen mit einem speziellen Messer die Kr�fte geraubt hatte. �Jedenfalls dauert es h�chstens ein paar Wochen, bis er seine Traumf�higkeiten wiederhat�, schloss er.</p><p><emphasis>Ein paar Wochen,</emphasis> dachte Vivana mutlos. Sie bezweifelte, dass ihnen noch so viel Zeit blieb.</p><p>�Gut. Wir brauchen ihn also�, sagte Sandor, den diese Aussicht nicht gerade zu begeistern schien. �Bleibt das Problem, dass wir nicht wissen, ob wir ihm trauen k�nnen.�</p><p>Auf dem Weg hierher hatte Vivana lange dar�ber gegr�belt. Vielleicht konnte sie dieses Problem ein f�r alle Mal aus der Welt schaffen. �Ich glaube, ich kann herausfinden, ob er uns anl�gt.�</p><p>�Wie?�, fragte ihr Vater.</p><p>�Damit.� Sie griff in die Tasche, �ffnete die Hand und hielt sie so, dass jeder sehen konnte, was darin lag.</p><p>Livias schwarze Perle.</p><p>�Oh�, murmelte Liam. Er hatte keine guten Erinnerungen an die Perle.</p><p>Godfrey trat vor und betrachtete die kleine Kugel aus der N�he. �Was ist das?�</p><p>�Ein Mittel, mit dem ich Jackon pr�fen kann�, antwortete Vivana.</p><p>�Ist es zuverl�ssig?�</p><p>�Kann man wohl sagen�, meinte Liam.</p><p>Sie betrachtete die Gesichter der Manusch, aus denen nun Ehrfurcht sprach. Offenbar kannten sie die Perle und ihre Kr�fte.</p><p>�Die Pr�fung der Wahrheit�, sagte Nedjo und nickte. �Ja. Das ist es, was Livia getan h�tte.�</p><p>Als auch die anderen Manusch nickten, verschwanden Vivanas Zweifel, ob sie das Richtige tat. Sie wandte sich an Jackon. �Bist du damit einverstanden, dass ich dich pr�fe?�</p><p>Der Rothaarige kaute nerv�s auf der Lippe, als alle ihn anstarrten. �Ja. Schon. Aber wie kannst du mit einer Perle herausfinden, ob ich die Wahrheit sage?�</p><p>�Ich verwandele sie in eine Spinne, die dich bei�en wird. Ihr Gift bewirkt, dass du nicht l�gen kannst, egal, was ich dich frage.�</p><p>Sie h�tte nicht gedacht, dass Jackon noch blasser werden k�nnte. �Gift?�, wiederholte er.</p><p>�Es ist nicht gef�hrlich. Nicht wahr, Liam?�</p><p>�Gef�hrlich nicht. Aber unangenehm�, sagte Liam.</p><p>�Hast du diese Pr�fung auch schon �ber dich ergehen lassen m�ssen?�, fragte Jackon ihn.</p><p>�Ja. Bei Vivanas Tante vor ein paar Wochen.�</p><p>Der Rothaarige rang mit sich und warf Lucien einen Hilfe suchenden Blick zu.</p><p>�Ich kann dir die Entscheidung nicht abnehmen�, sagte der Alb. �Aber ich f�rchte, es ist die einzige M�glichkeit, sie zu �berzeugen.�</p><p>�Na gut�, murmelte Jackon. �Wenn es nicht anders geht, mache ich es.�</p><p>�Setz dich hier auf den Boden�, forderte Vivana ihn auf. �Und bring deine Decke mit. Es kann sein, dass du dich hinlegen willst. Das Gift wird dich ziemlich schl�frig machen.�</p><p>Er breitete seine Decke auf dem Boden aus und setzte sich. Sie sah die Angst in seinen Augen und empfand pl�tzlich Respekt vor ihm. Sich einem unbekannten magischen Ritual zu unterziehen und dabei von allen angestarrt zu werden, dazu geh�rte eine Menge Mut. Vivana wusste nicht, ob sie dazu im Stande w�re.</p><p>�Deine Hand�, sagte sie und legte die Perle hinein, als er sie ausstreckte.</p><p>Gespannte Stille herrschte im Raum. Besonders die Manusch blickten sie erwartungsvoll an. Hier ging es nicht allein um Jackon, sp�rte Vivana. Nicht nur seine Vertrauensw�rdigkeit wurde gepr�ft, sondern auch ihre F�higkeit, Livias Kr�fte zu beherrschen und sich ihres Erbes w�rdig zu erweisen. <emphasis>Und wenn ich versage?</emphasis></p><p>Sie verbannte diesen Gedanken aus ihrem Bewusstsein und schloss die Augen. Sie durfte sich jetzt von nichts und niemandem ablenken lassen. Mit jeder Faser ihres Seins musste sie sich auf ihre Aufgabe konzentrieren.</p><p>Behutsam sp�rte sie den neuen Kr�ften in ihrem Innern nach. Sie wusste genau, was sie tun musste, so wie vor einer halben Stunde, als sie ihre Gef�hrten verarztet hatte. Einen Augenblick sp�ter fand sie die richtige Kraftlinie, griff danach � und h�tte sie beinahe wieder verloren, so heftig und unerwartet war der Energieschub, der durch ihren K�rper floss. Mit gro�er M�he gelang es ihr, ihn zu b�ndigen und einen kleinen Teil der Kraft durch ihre Fingerspitzen hinauszuschicken.</p><p>Jackon stie� einen erstickten Schrei aus. Vivana �ffnete die Augen und sah, dass sich die Perle in seiner Hand in eine Spinne verwandelte.</p><p>Sie hatte es geschafft.</p><p>Sekunden sp�ter war die Verwandlung abgeschlossen. Mit schreckgeweiteten Augen begann Jackon zu zappeln, als die Perlmuttspinne seinen Arm hinaufkrabbelte.</p><p>�Nicht�, sagte Vivana. �Bleib ruhig sitzen.�</p><p>�Was passiert jetzt? Was passiert jetzt?�, keuchte er.</p><p>Kerzengerade sa� er da, jeden Muskel angespannt. Die Spinne erreichte seinen Nacken, und Vivana sah, dass sie ihre Bei�zangen in die Haut unter seinem Haaransatz grub. Jackon schrie auf vor Schmerz und Panik und schlug unwillk�rlich nach dem winzigen Gesch�pf. Es fiel auf die Decke, zuckte wie im Todeskampf mit den Beinen und verwandelte sich in die Perle zur�ck.</p><p>Genau wie damals bei Liam dauerte es nicht lange, bis das Gift anfing zu wirken. Jackon blinzelte und fasste sich mit der Hand an die Stirn. Er schwitzte und sah so elend aus, dass Vivana glaubte, er m�sse sich �bergeben. Dann fielen ihm die Augen zu, und er sank in sich zusammen.</p><p>�Kannst du mich h�ren?�, fragte sie.</p><p>Kaum merklich nickte er.</p><p>�Ich stelle dir jetzt ein paar Fragen. Ich m�chte, dass du mir antwortest, so gut du kannst. Hast du verstanden?�</p><p>�Ja�, murmelte Jackon so leise, dass sie es kaum h�rte. �Frag ihn, ob er seine Kr�fte wirklich verloren hat oder ob das wieder nur ein Trick ist�, warf Nedjo ein.</p><p>Mit einer Bestimmtheit, die sie selbst �berraschte, erwiderte Vivana: �Ich entscheide, was ich ihn frage. Ihr anderen seid still.�</p><p>�Klar. Nat�rlich�, murmelte der Manusch und err�tete leicht.</p><p>Und Vivana begann. Sie fragte Jackon, was ihn dazu bewogen hatte, ihnen zu helfen, und ob er plane, sie abermals zu verraten. Ob er sich wirklich von Lady Sarka losgesagt habe oder ob er in Wirklichkeit etwas anderes im Schilde f�hre. Frage um Frage schoss sie auf ihn ab, und das Gift zwang Jackon, die Wahrheit zu sagen und all seine Motive zu enth�llen.</p><p>Jackon antwortete einsilbig, aber stets klar und deutlich. Nach und nach erkannte Vivana, dass es die Unstimmigkeiten und L�gen, nach denen sie suchte, nicht gab. Alles, was er sagte, stimmte mit der Geschichte �berein, die er einige Stunden zuvor Lucien erz�hlt hatte.</p><p>Er hatte nicht gelogen. Und er bereute, was er getan hatte. Bereute es bitter.</p><p>Schlie�lich fielen ihr keine Fragen mehr ein. Ersch�pft blickte sie in die Runde. Nicht nur Jackon schien den Test bestanden zu haben. Aus den Gesichtern der Manusch sprach neuer Respekt, beinahe Ehrfurcht. Egal, wie ihre Entscheidung nun ausfiel, sie w�rden sie anerkennen.</p><p>�Er sagt die Wahrheit. Ich denke, wir sollten ihm vertrauen.�</p><p>Die Manusch, Lucien und Liam nickten. Godfrey sagte nichts, aber er widersprach auch nicht. Nur ihr Vater wirkte nach wie vor skeptisch.</p><p>�Ich halte es immer noch f�r zu riskant�, meinte er.</p><p>�Das war die Pr�fung der Wahrheit, und Jackon hat sie bestanden�, erwiderte Nedjo. �Du solltest das akzeptieren.�</p><p>Ihr Vater schien zu begreifen, dass er auf verlorenem Posten stand. �Gut. Wenn ihr das alle so seht, beuge ich mich der Mehrheit�, sagte er mit gerunzelter Stirn. �Aber ich werde den Jungen im Auge behalten.�</p><p>Ein leises St�hnen erklang. Vivana blickte zu Jackon, der die Augen geschlossen hatte und sich die Stirn hielt. Offenbar lie� die Wirkung des Giftes allm�hlich nach. Von Liam wusste sie, dass man danach scheu�liche Kopfschmerzen bekam.</p><p>Liam eilte zu ihm. �Hier, trink das�, sagte er und half dem Rothaarigen, die Wasserflasche zum Mund zu f�hren.</p><p>Vivana hob die Perle auf Es steckte noch ein winziger Rest der Kraft darin, die sie zum Leben erweckt hatte, und ihre Finger prickelten bei der Ber�hrung.</p><p>Pl�tzlich, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, f�llten sich ihre Augen mit Tr�nen.</p><p>�Alles in Ordnung?�, fragte Liam besorgt.</p><p>Sie nickte. Das seltsame Gef�hl verschwand so schnell, wie es gekommen war. Aber eine Sekunde lang hatte sie geglaubt, Tante Livia w�re hier, gleich neben ihr.</p><p>Jackon schloss die Augen und atmete gleichm��ig. Wenn er ganz ruhig dalag, war das Pochen in seinem Kopf einigerma�en ertr�glich. Aber sobald er aufstand und sich bewegte, wurden die Schmerzen so heftig, dass er sich beinahe �bergeben musste.</p><p><emphasis>Gef�hrlich nicht. Aber unangenehm,</emphasis> hatte Liam gesagt. Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. So erb�rmlich hatte Jackon sich schon lange nicht mehr gef�hlt.</p><p>Er versuchte zu schlafen, h�rte jedoch wenig sp�ter Schritte n�her kommen und �ffnete die Augen.</p><p>�Ich bringe dir noch etwas Wasser�, sagte Liam. �Du hast bestimmt Durst.�</p><p>Durst war gar kein Ausdruck � Jackons Kehle <emphasis>brannte.</emphasis> M�hsam brachte er sich in eine sitzende Position und verzog das Gesicht, als Wellen der Pein durch seinen Sch�del rollten. Er nahm die Wasserflasche entgegen und trank sie zur H�lfte leer. Anschlie�end f�hlte er sich ein wenig besser.</p><p>�Danke�, murmelte er.</p><p>�Nimm's mir nicht �bel, aber du siehst beschissen aus�, bemerkte Liam, w�hrend er sich setzte. Sie waren allein in der kleinen Kammer. Vivana und die anderen hatten sich auf die �brigen Kellerr�ume des Wasserturms verteilt.</p><p>�Kein Wunder. So f�hle ich mich auch.�</p><p>Der Blonde grinste schief. �Ich habe dich gewarnt.�</p><p>�Ich werde es �berleben�, sagte Jackon.</p><p>Als das Schweigen unangenehm wurde, r�usperte Liam sich. �Ich wollte dir nur sagen, dass ich zu sch�tzen wei�, was du getan hast. Dass du uns aus dem Gef�ngnis geholt hast, meine ich. Und das mit der Pr�fung der Wahrheit. Das war mutig von dir.�</p><p>�Das war ich euch schuldig.�</p><p>�Als Vivana dich befragt hat, da hast du etwas gesagt. �ber mich. Hast du das wirklich so gemeint?�</p><p>�Was habe ich denn gesagt? Tut mir leid, ich kann mich kaum daran erinnern.�</p><p>�Dass ich der einzige Freund war, den du jemals hattest�, antwortete Liam verlegen.</p><p>�Ja�, sagte Jackon. �Ja, das habe ich so gemeint.�</p><p>�Das wusste ich nicht.�</p><p>Jackon nahm all seinen Mut zusammen und fragte: �Meinst du, wir k�nnen irgendwann wieder Freunde sein?�</p><p>Liam dachte lange nach, bevor er antwortete. �Ich wei� es nicht. Es ist viel passiert.�</p><p>�Glaubst du auch, dass ich schuld daran bin, dass Vivanas Tante tot ist?�</p><p>�Nein. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die anderen das auch nicht denken.�</p><p>�Aber sie haben es gesagt.�</p><p>�Sie waren w�tend. Da sagt man eben solche Sachen.�</p><p>�Ja, vielleicht�, murmelte Jackon ohne echte �berzeugung.</p><p>Wieder schwiegen sie.</p><p>�Na ja�, sagte Liam und stand auf �Ich sch�tze, ich sollte dich jetzt schlafen lassen. Du siehst aus, als k�nntest du es gebrauchen. Also dann, gute Nacht.�</p><p>Nachdem er gegangen war, legte sich Jackon hin und starrte an die Kellerdecke. Er kam sich vor wie ein Narr. Wie hatte er nur annehmen k�nnen, Liam wolle wieder mit ihm befreundet sein? Er war es nicht wert, jemandes Freund zu sein.</p><p>Er fiel in einen unruhigen Schlaf. In seinen Tr�umen wanderte er eine endlose Stra�e entlang und erreichte niemals sein Ziel, so sehr er sich auch anstrengte.</p><p>Vorsichtig, um Nedjo, Sandor und Jovan nicht zu wecken, durchquerte Liam den Eingangsraum. Stille herrschte in dem alten Kellergew�lbe, denn auch der Rest seiner Gef�hrten schlief bereits � er h�rte ihr gleichm��iges Atmen aus den angrenzenden Kammern. Sogar Lucien, der viel weniger Schlaf als ein Mensch brauchte, hatte sich hingelegt. Die Ereignisse des Tages hatten sie alle tief ersch�pft.</p><p>Auch Liam war todm�de, doch er wusste, dass er so bald keinen Schlaf finden w�rde. Er war viel zu aufgew�hlt. Damit er auf andere Gedanken kam, sah er nach den beiden Lampen, die sie zum Schutz gegen die Ghule angelassen hatten. Eine flackerte bedenklich. Vermutlich hatte sie bei ihrem Gewaltmarsch durch die Katakomben einen Sto� abgekommen und gab bald den Geist auf.</p><p>Er drehte sie herunter, setzte sich und schraubte das Geh�use mit Nedjos Messer auf. Wie sich herausstellte, war Dreck in das Gasventil gekommen. Nachdem er es gereinigt hatte, funktionierte die Lampe wieder einwandfrei, und er stellte sie zu der anderen neben den Kellereingang. Das Licht war hell genug, dass es selbst den hungrigsten Ghul fernhalten sollte, entschied er. Und falls nicht, war da immer noch Ruac. Der Lindwurm hatte sich so vor dem Eingang zusammengerollt, dass sein Kopf auf der Schwanzspitze lag. Mit einem halb offenen Auge beobachtete er den Tunnel.</p><p>Die vergangenen Stunden waren so chaotisch gewesen, dass Liam noch keine Gelegenheit gehabt hatte, Ruac richtig zu betrachten. Innerhalb weniger Tage war aus dem kleinen Tatzelwurm ein m�chtiges Gesch�pf aus Mythen und Legenden geworden. Sogar Fl�gel waren ihm gewachsen.</p><p>Unglaublich. Wie so vieles in den letzten Wochen.</p><p>Ruac g�hnte so herzhaft, dass Liam es ihm unwillk�rlich gleichtat. Er sollte wirklich schlafen gehen. Die n�chsten Tage w�rden gewiss nicht weniger anstrengend werden als dieser.</p><p>Er schlurfte zu seiner Kammer, zog seine Schuhe aus und legte sich hin. Gerade als er sich in seine Decke eingewickelt hatte, erschien ein Schemen im Eingang.</p><p>�Hey�, sagte Vivana. �Du bist ja noch wach.�</p><p>�Ich konnte nicht schlafen.�</p><p>�Ich auch nicht.� Z�gernd kam sie herein. �Ich habe dich geh�rt und dachte, ich schaue mal, wie es dir geht.�</p><p>Sie setzte sich und hielt dabei die Decke fest, die sie sich um den K�rper gewickelt hatte. Darunter trug sie ein Hemd ihres Vaters, das ihr viel zu gro� war. Ihre Beine waren nackt.</p><p>�Ich bin in Ordnung. Und du?�</p><p>�Ja. Schon. Wie man es nach so einem Tag eben sein kann.�</p><p>Sie war alles andere als in Ordnung, er sah es ihr an. Kein Wunder. Als w�re es nicht schon schlimm genug, dass ihre Tante gestorben war, musste sie auch noch mit Dingen fertigwerden, die er nicht einmal im Ansatz verstand. Und dass die Manusch nun Livias Nachfolgerin in ihr sahen und offenbar von ihr erwarteten, dass sie sie durch die Gefahren der Zukunft f�hren w�rde, machte es nicht einfacher f�r sie.</p><p>�Komm her�, sagte er, setzte sich neben sie und legte ihr den Arm um die Schultern. Sie schmiegte sich an ihn, und er sp�rte, wie sehr sie sich nach seiner Ber�hrung gesehnt hatte.</p><p>Eine Weile sa�en sie schweigend da � und pl�tzlich erinnerte die Situation an die Nacht in Godfreys Versteck, als sie zu ihm gekommen war und er sie bitten musste, wieder zu gehen, weil er ihre N�he nicht ertragen hatte. Diesmal war es anders, doch woher sollte Vivana das wissen? Behutsam l�ste sie sich von ihm, obwohl er sp�rte, dass sie nichts lieber getan h�tte, als bei ihm zu bleiben.</p><p>�Ich sollte jetzt gehen. Schlaf gut.�</p><p>Sie k�sste ihn und stand auf.</p><p>�Nein. Warte�, sagte er. �Bleib noch ein bisschen.�</p><p>�Bist du sicher?�</p><p>�Ja. Wirklich.�</p><p>Sie setzte sich wieder, achtete jedoch darauf, ihm nicht zu nahe zu kommen.</p><p>Er hatte genug. Genug davon, dass er sie st�ndig verunsicherte, dass sie sich immerzu von ihm zur�ckgesto�en f�hlte. All das waren Nachwirkungen seiner Besessenheit, doch er war nicht l�nger bereit, damit zu leben. Wozu hatten sie den D�mon vernichtet, wenn das b�sartige Gesch�pf nach wie vor Macht �ber ihn besa�?</p><p>Er legte seine H�nde auf ihre Wangen und k�sste sie.</p><p>Sie blickte ihn an. Fragend. Verwirrt.</p><p>�Es ist in Ordnung�, sagte er.</p><p>Er glaubte das Blitzen eines L�chelns in ihren Augen zu sehen, als sie zu ihm unter seine Decke schl�pfte. Er sp�rte die W�rme ihres K�rpers, das Pochen ihres Herzens.</p><p>Pl�tzlich erf�llte ihn ein tiefes Gef�hl der Geborgenheit. Wenn er an die vergangenen Tage dachte, erschienen sie ihm wie ein einziger Albtraum � ein Albtraum, der endlich vorbei war. Nach der Vernichtung des D�mons war er so voller Selbsthass und Selbstmitleid gewesen, dass er gedacht hatte, Vivanas Zuneigung zu ihm w�re eine unertr�gliche Last. Dabei war sie das Heilmittel, das er nach dem Grauen des Pand�moniums so dringend brauchte. Alles, was er hatte tun m�ssen, war, aus seinem Kokon zu kriechen und Vertrauen zu haben � Vertrauen zu ihr.</p><p>�Bleib heute Nacht bei mir�, sagte er.</p><p>�Mach ich�, murmelte sie m�de.</p><p>Arm in Arm schliefen sie ein.</p><empty-line/></section><section><title><p>12</p><empty-line/><p><emphasis>Alte und neue Pl�ne</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>R</strong>uac war der Erste, der etwas bemerkte. Er hob den Kopf und z�ngelte. Kurz darauf kam Lucien herein. �Da bist du ja�, sagte Vivana. �Wir haben uns schon Sorgen gemacht.�</p><p>�Als ich gegangen bin, habt ihr alle noch geschlafen. Ich wollte euch nicht wecken.� Der Alb stellte einen Sack auf den Boden. �Hier. Ich dachte, ich besorge uns Fr�hst�ck.�</p><p>Vivana �ffnete den Sack. Als sie den Inhalt begutachtete, lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Brot. K�se. Hartwurst. �pfel. Trauben. Fleisch. Karotten. Gurken. Genug f�r alle und genug f�r mehrere Tage. �Wo hast du das her?�</p><p>�Vom Hafenviertel. Da ist heute Morgen Markt.�</p><p>�Aber wir hatten doch gar kein Geld mehr.�</p><p>Er blickte sie strafend an.</p><p>�Du hast es gestohlen�, stellte sie fest und runzelte die Stirn. �Hast du nicht deine Kr�fte verloren?�</p><p>�Auch so bin ich immer noch ein ganz passabler Dieb. Jetzt esst, bevor Ruac euch alles wegschnappt.�</p><p>Beim Anblick der Speisen wurde Ruacs Hals immer l�nger. Vivana warf ihm ein St�ck Fleisch hin, damit er Ruhe gab, und machte sich mit ihren Freunden �ber die unerwartete Mahlzeit her. Ihr war, als h�tte sie seit Wochen nichts Anst�ndiges gegessen. All ihre Sinne waren aufs �u�erste gespannt, auf eine angenehme Art, und der Geschmack des frischgebackenen Brots und der �pfel explodierte geradezu in ihrem Mund. Mit Liam, der neben ihr sa�, tauschte sie st�ndig verstohlene Blicke, ein L�cheln, eine Ber�hrung. Nedjo und Sandor grinsten schon die ganze Zeit. Sie wussten genau, was vor sich ging, aber das war ihr egal. Sie war gl�cklich.</p><p>Godfrey war der Einzige, der nichts a�. Schon den ganzen Morgen war er verschlossen und noch wortkarger als sonst. Er sa� ein wenig abseits der Gruppe und bl�tterte mit gerunzelter Stirn in einer Mappe. Ihr fiel wieder ein, dass es sich dabei um seine Akte handelte, die er aus dem Archiv der Geheimpolizei mitgenommen hatte.</p><p>�Und, steht was Interessantes drin?�, erkundigte sich Lucien beil�ufig.</p><p>�Nur L�gen�, erwiderte Godfrey kurz angebunden, stand auf und warf die Akte in den Wasserkanal.</p><p>Vivanas Vater a� den letzten Bissen seines Brots und rieb seine H�nde aneinander, um sie von Kr�meln und Mehl zu reinigen. �Wir m�ssen uns �berlegen, wie wir jetzt weiter vorgehen. Irgendwelche Vorschl�ge?�</p><p>Madalin wollte etwas sagen, aber es kostete ihn offenbar gro�e �berwindung. �Ich habe heute Morgen eine Entscheidung getroffen�, begann er schlie�lich. �Ich habe keine Kraft mehr weiterzuk�mpfen. Was mit Livia passiert ist...� Er stockte. �Au�erdem muss ich mich um die Kinder k�mmern. Ich kann nicht zulassen, dass sie st�ndig in Gefahr geraten. Deshalb ist es am besten, wir verlassen Bradost.�</p><p>Stille schloss sich seinen Worten an.</p><p>�Wer ist �wir�?�, fragte Vivana.</p><p>�Ich habe schon mit Jovan und Sandor gesprochen. Sie kommen mit.�</p><p>�Und du, Nedjo?�</p><p>�Ich bleibe vorerst bei euch�, sagte der j�ngere Manusch und grinste schief �Irgendwer muss schlie�lich auf euch aufpassen.�</p><p>Madalins Entscheidung kam nicht �berraschend f�r Vivana. Nach allem, was passiert war, verstand sie nur zu gut, dass sein einziges Bestreben jetzt der Sicherheit seiner Familie galt.</p><p>�Du musst tun, was f�r euch das Beste ist�, sagte ihr Vater. �Wann wollt ihr aufbrechen?�</p><p>�Noch heute. Wir werden unser Gl�ck in Karst versuchen. Vielleicht finden wir dort andere Manusch, bei denen wir eine Weile bleiben k�nnen. Wenn nicht, wandern wir weiter nach Torle.�</p><p>Madalins Gesicht war blass, regelrecht eingefallen, und die Trauer hatte tiefe Linien hineingegraben. Ob er seinen Schmerz je �berwinden w�rde? Vivana hoffte es f�r ihn. �K�nnen wir irgendetwas f�r euch tun?�</p><p>Als Madalin antwortete, lag ein dunkler Glanz in seinen Augen. �Versprich mir, dass ihr Amander nicht davonkommen lasst, egal, was geschieht.�</p><p>�Ja�, sagte Vivana. �Ich verspreche es.� Und im Stillen erneuerte sie den Schwur, den sie bei Livias Bestattung geleistet hatte.</p><p>W�hrend des restlichen Fr�hst�cks wurde kaum gesprochen. Nach einer Weile wandte sich ihr Vater an Godfrey: �Was sind jetzt deine Pl�ne?�</p><p>Der Aethermann s�uberte seine Melone. �Ich habe keine Pl�ne.�</p><p>�Also bleibst du bei uns und hilfst du uns?�</p><p>�Sag mir, warum ich das tun sollte. Was hat es mir bis jetzt eingebracht, dass ich euch geholfen habe? Mein Versteck wurde zerst�rt, und ich habe alles verloren, was ich mir geschaffen habe.� Godfrey sagte das so gleichf�rmig und steif wie immer, doch es war etwas in seiner Stimme, ein leichtes Zittern, das Vivana verriet, wie w�tend er in Wirklichkeit war. So hatte sie ihn noch nie reden h�ren. Auch die anderen starrten ihn �berrascht an.</p><p>�Hei�t das, du gibst uns die Schuld daran?�, fragte ihr Vater.</p><p>Pl�tzlich schien Godfrey klar zu werden, was er gerade gesagt hatte. Seine Z�ge wurden weicher. �Nein. Nat�rlich nicht. Vergib mir, alter Freund. Ich h�tte das nicht sagen d�rfen.� Er setzte seine Melone auf, und Vivana hatte den Eindruck, als sch�me er sich. �Also, wenn ihr einverstanden seid, bleibe ich bei euch.�</p><p>Ihr Vater nickte. �Nat�rlich sind wir das. Ohne dich w�ren wir schlie�lich nie so weit gekommen.�</p><p>Vivana f�hlte Erleichterung in sich aufsteigen. Godfreys unvermittelter Wutausbruch hatte ihr einen geh�rigen Schrecken versetzt. Wegen seiner au�ergew�hnlichen Kr�fte und seiner emotionslosen Art wirkte er, als st�nde er �ber den Dingen, und dadurch verga� man manchmal, dass er trotz allem ein menschliches Wesen war, mit ganz normalen Gef�hlen und Bed�rfnissen. Wer konnte es ihm ver�beln, dass er wegen der Zerst�rung seines Verstecks verbittert war? Er hatte Jahre damit verbracht, es bewohnbar zu machen und die ganzen Apparate zu konstruieren. Vivana w�re es an seiner Stelle nicht anders gegangen. <emphasis>Wenn das alles vorbei ist, m�ssen wir ihm helfen, es wieder aufzubauen,</emphasis> nahm sie sich vor. <emphasis>Das sind wir ihm schuldig.</emphasis></p><p>�Um auf Nestors Frage zur�ckzukommen�, sagte Lucien. �Ich schlage vor, dass wir noch ein paar Tage hierbleiben und uns ausruhen. Vielleicht kehren in der Zwischenzeit ja Jackons Kr�fte zur�ck. Aber verlassen sollten wir uns nicht darauf. Deshalb halte ich es f�r das Beste, wenn wir unseren urspr�nglichen Plan aufgreifen.�</p><p>�Die Bleichen M�nner�, sagte Vivana.</p><p>Der Alb nickte.</p><p>�Was ist das f�r ein Plan?�, wollte Jackon wissen.</p><p>�Wei�t du noch, was ich dir vor ein paar Tagen in der alten Gie�erei gesagt habe?�, fragte Liam.</p><p>�Nicht genau�, antwortete der Rothaarige, und Vivana sah ihm an, dass er nicht gern an dieses Treffen mit Liam erinnert wurde.</p><p>�Lady Sarka zerst�rt die Tr�ume, wenn sie so weitermacht wie bisher. Dadurch brechen die Mauern des Pand�moniums auf. Wenn wir sie nicht aufhalten, dringen irgendwann D�monen in unsere Welt ein. Vielleicht schon bald.�</p><p>�Seid ihr da ganz sicher?�, fragte Jackon zweifelnd. �Der Zerfall der Traumlanden hat begonnen, bevor sie Aziels Platz eingenommen hat.�</p><p>�Das ist richtig�, stimmte Lucien ihm zu. �Aber was sie tut, verschlimmert es rapide. Wir haben die Hoffnung, dass der Zerfall der Traumlanden verlangsamt wird, wenn Lady Sarka nicht mehr da ist. Vielleicht verschafft uns das Zeit, um die Tr�ume irgendwie zu retten.�</p><p>�Und diese Sache mit dem Pand�monium?�</p><p>�Es ist so, wie Liam gesagt hat�, erwiderte der Alb. �Glaub mir. Wir haben die Risse mit eigenen Augen gesehen.�</p><p>Jackon blickte Liam an. �Also war das gar nicht gelogen. Du warst wirklich im Pand�monium.�</p><p>�Ja, war ich.�</p><p>Vivana wusste, dass Jackon Liam nicht geglaubt hatte, als sie in der Gie�erei �ber diese Dinge gesprochen hatten. Jetzt schien der Rothaarige anders dar�ber zu denken. Er wirkte wieder genauso verunsichert und �ngstlich wie gestern. Vermutlich weil ihm allm�hlich klar wurde, was er mit seinen Kr�ften angerichtet hatte.</p><p>�Aber ihr k�nnt sie nicht aufhalten�, sagte er. �Sie ist unsterblich. Ich habe es gesehen.�</p><p>�Wann?�, fragte Vivanas Vater.</p><p>�Bei dem Anschlag vor ein paar Monaten. Ein Attent�ter hat mit dem Messer auf sie eingestochen. Sie war von oben bis unten voll mit Blut, aber ein paar Stunden sp�ter war sie pl�tzlich wieder gesund.�</p><p>Die Gef�hrten tauschten Blicke. Schon seit einer Weile kursierten in der Stadt Ger�chte �ber die angebliche Unverwundbarkeit von Lady Sarka, aber sie hatten nie etwas auf diese Geschichten gegeben. Wie es schien, wusste Jackon es besser.</p><p>�Wir hatten ohnehin nicht vor, sie einfach so anzugreifen�, sagte Liam. �Unser Plan ist, den Ph�nix zu befreien, damit sie ihre Kr�fte verliert. Deshalb will Lucien mit den Bleichen M�nnern sprechen. Er glaubt, dass sie wissen, wie wir das anstellen k�nnten.�</p><p>�Wer sind die Bleichen M�nner?�, fragte Jackon.</p><p>�Kennst du nicht das M�rchen?�, entgegnete Vivana.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Die Bleichen M�nner sind sehr alte und gef�hrliche Wesen�, erkl�rte Lucien. �Ich w�rde euch empfehlen, nicht �ber sie zu sprechen, wenn ihr nicht m�sst. Leider kann ich erst zu ihnen gehen, wenn ich wei�, wo sie sich aufhalten. Daf�r muss ich ein paar Nachforschungen anstellen. Wenn ihr einverstanden seid, fange ich gleich damit an.�</p><p>�Tu das�, sagte Vivanas Vater und blickte in die Runde. �Eins muss uns aber klar sein: Lady Sarka kennt jetzt unsere Pl�ne. Wir m�ssen damit rechnen, dass sie Gegenma�nahmen ergreifen wird.�</p><p>�Nestor hat Recht�, stimmte Lucien ihm zu. �Seid vorsichtig, w�hrend ich fort bin. Wir scheinen hier zwar sicher zu sein, aber man kann nie wissen.�</p><p>�Und was ist mit dir?�, fragte Vivana. �Willst du etwa allein gehen?�</p><p>�Ja.� Und ehe sie widersprechen konnte, f�gte der Alb hinzu: �Es ist besser so, glaub mir. Da, wo ich hingehe, ist es f�r Menschen zu gef�hrlich.�</p><p>�Ohne deine Kr�fte bist du genauso schwach wie wir.�</p><p>�Darum geht es nicht.�</p><p>Vivana kannte diesen Tonfall. Er w�rde sich nicht umstimmen lassen, egal, wie viel M�he sie sich gab. Sie verzog den Mund und schwieg.</p><p>Lucien stand auf und blickte Madalin an. �Ich werde wohl erst gegen Abend zur�ck sein. Ich nehme an, dann seid ihr schon fort?�</p><p>Der Manusch nickte. �Wir brechen so bald wie m�glich auf.�</p><p>�Dann w�nsche ich euch Gl�ck auf eurem Weg�, sagte der Alb.</p><p>�Gl�ck auch auf deinem�, erwiderte Madalin den traditionellen Abschiedsgru� der Manusch. �Deine Freundschaft erf�llt uns mit Stolz, Letzter der Alben.�</p><p>Lucien und die Manusch umarmten einander, dann huschte er in die Dunkelheit der Kan�le davon.</p><empty-line/></section><section><title><p>13</p><empty-line/><p><emphasis>Schlechte Nachrichten</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>U</strong>mbra und Corvas traten aus dem Schattentor und gingen mit hallenden Schritten zum Labor auf der anderen Seite der H�hle. Das Feuer im Athanor brannte so hei�, dass Umbra die Hitze selbst aus einiger Entfernung sp�rte. Dampfdruck trieb brodelnde Substanzen durch die Glasr�hren auf dem Steintisch, und in der Luft lag ein pfeffriger Geruch, der ihre Augen tr�nen lie�.</p><p>Die Herrin, von Kopf bis Fu� in lederne Schutzkleidung geh�llt, �ffnete eines der Ventile, das daraufhin zischend Dampf entlie�, und gab etwas Pulver in einen Kolben. Der Glaszylinder enthielt eine durchsichtige Fl�ssigkeit, und auf seinem Boden lag ein gr�nlicher Gegenstand. Silas Tornes Kristallmesser.</p><p>Sie warteten, bis sich die Herrin zu ihnen umwandte und ihre Atemmaske abzog. Das blonde Haar klebte schwei�nass in ihrem Gesicht.</p><p>�Lasst mich raten�, sagte sie. �Noch mehr schlechte Nachrichten.�</p><p>In Corvas' Gesicht regte sich nicht der kleinste Muskel. Umbra h�tte zu gerne gewusst, was er gerade empfand. Versp�rte er wenigstens ein kleines bisschen Angst, oder war das eine viel zu menschliche Gef�hlsregung f�r die alte Kr�he?</p><p>�Unsere Bef�rchtungen sind ungl�cklicherweise eingetreten, Herrin�, berichtete er in einem Tonfall, der wie immer bar jeglicher Emotionen war. �Die Gefangenen sind heute Nacht geflohen. Als ich im Ministerium eintraf, war es bereits zu sp�t.�</p><p>Umbra rechnete mit einem Zornesausbruch, doch Lady Sarka blieb erstaunlich ruhig. Sie murmelte lediglich einen lautlosen Fluch. �Wie?�, fragte sie.</p><p>�Offenbar hatten sie Hilfe. Einer der M�nner hat berichtet, Jackon habe die Wachmannschaften get�uscht und dazu gebracht, dass man ihn zu den Gefangenen vorl�sst.�</p><p>�Entgegen deinen Befehlen.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und anschlie�end hat niemand versucht, ihn aufzuhalten?�</p><p>�Die Gefangenen haben mehrere Posten �berw�ltigt und sich den Weg freigek�mpft. Wie sie das Ministerium verlassen konnten, ist noch nicht vollst�ndig gekl�rt. Diesbez�glich sind die Berichte der M�nner recht... widerspr�chlich.�</p><p>�Widerspr�chlich? Was soll das hei�en?�</p><p>Umbra hatte noch nie erlebt, dass Corvas mit Worten rang. Aber was er zu sagen hatte, war auch zu absurd. �Dem Anschein nach hat eine Art Ungeheuer in die K�mpfe eingegriffen.�</p><p>Lady Sarka starrte ihn an. �Nimmst du mich auf den Arm?�</p><p>�So lautet der Bericht des Dienst habenden Sergeants, Herrin.�</p><p>Sie warf die Schutzmaske auf einen Stuhl. �Ein Ungeheuer�, wiederholte sie ver�chtlich. �Ein <emphasis>Ungeheuer!</emphasis> F�r diesen Unsinn sollte ich dich eigenh�ndig auspeitschen.�</p><p>�Ich bin bereit, die Folgen meines Versagens zu tragen�, sagte Corvas tonlos.</p><p>�Oh, wie ehrenhaft von dir. Aber das bringt die Gefangenen auch nicht zur�ck.�</p><p>F�r einen Augenblick glaubte Umbra, die Herrin w�rde Corvas schlagen, aber dann wandte sie sich pl�tzlich ab, ging zum Tisch und �berpr�fte die Ventile der Glasapparatur. Umbra wurde nicht klug aus ihr. Vorf�lle wie dieser machten sie normalerweise rasend vor Zorn, aber so, wie sie sich gerade verhielt, konnte man den Eindruck gewinnen, dass die ganze Angelegenheit sie im Grunde nicht interessierte.</p><p>�Gibt es irgendeinen Hinweis, wo sie jetzt sein k�nnten?�, fragte Lady Sarka, w�hrend sie die Ventile neu justierte.</p><p>�Wir vermuten, dass sie in die Katakomben geflohen sind, aber dort verliert sich ihre Spur�, antwortete Corvas. �Ich habe bereits die Kr�hen nach ihnen ausgesandt.�</p><p>�Und Jackon hat sich ihnen angeschlossen.�</p><p>�Darauf deutet alles hin, ja.�</p><p>Nicht einmal jetzt kam es zu einem ihrer gef�rchteten Wutausbr�che. Nur ein verstimmt wirkender Seitenblick. �Soll er tun, was er f�r richtig h�lt. Ich habe ohnehin keine Verwendung mehr f�r ihn.�</p><p>Diese Bemerkung war Umbra ein R�tsel. War sie nicht darauf angewiesen, dass Jackon ihr half, sich in den Traumlanden zurechtzufinden?</p><p>Lady Sarka wandte sich zu ihnen um. �Deine Kr�hen sind nutzlos, wenn sie sich in den Katakomben verstecken. Aber wir finden sie auch so. Wenn sie nicht aufgeben, wovon ich ausgehe, werden sie fr�her oder sp�ter ihren urspr�nglichen Plan aufgreifen und versuchen, mit den Bleichen M�nnern zu sprechen. Im Verh�r haben sie gesagt, dass sie noch nicht wissen, wo sich die Bleichen M�nner verstecken, richtig?�</p><p>�Das ist korrekt�, best�tigte Corvas.</p><p>�Gut. Das verschafft uns etwas Zeit. Findet heraus, wo sich der Spiegelsaal der Bleichen M�nner befindet, und stellt ihnen dort eine Falle. Wie darf ich diesen Blick verstehen, Umbra? Hast du Einw�nde dagegen?�</p><p>�Das ist nur ein M�rchen, Herrin�, begann Umbra vorsichtig. �Ich bin mir nicht sicher, ob wir wirklich...�</p><p>�Nein. Kein M�rchen�, unterbrach Lady Sarka sie. �Alles andere als ein M�rchen. Die Bleichen M�nner sind so real wie du und ich. Und wenn jemand im Stande ist, eine L�cke in Shembars Bindezauber zu finden, dann sie. Wir tun gut daran, das ernst zu nehmen.�</p><p>Umbra war nicht �berzeugt, doch sie beschloss, ihre Bedenken f�r sich zu behalten. Das Wissen der Herrin �ber die alten Geheimnisse Bradosts war gewaltig, und sie hatte gelernt, darauf zu vertrauen.</p><p>�Geht zur Gro�en Bibliothek�, befahl Lady Sarka. �Sucht in den Kellerarchiven nach Aufzeichnungen aus der Zeit der ersten Choleraepidemie. Wenn ihr dort nichts findet, wendet euch an die Alchymisten. In der Gilde gab es immer wieder Dummk�pfe, die verzweifelt genug waren, die Bleichen M�nner um Rat zu bitten.� Sie setzte ihre Schutzmaske auf, wandte sich wieder ihren Apparaturen zu und signalisierte Umbra und Corvas damit, dass sie entlassen waren.</p><p>Bevor Umbra ein Schattentor �ffnete, sah sie noch, wie die Herrin mit einer Zange das Kristallmesser aus der milchigen Fl�ssigkeit fischte und es so vorsichtig, als w�re es ein kostbares Kunstwerk, in eine Schale aus Silber legte.</p><empty-line/></section><section><title><p>14</p><empty-line/><p><emphasis>Mama Ogdas destillierte Erinnerungen</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>E</strong>s war das erste Mal seit Tagen, dass Lucien durch die Stadt ging, und was er sah, gefiel ihm nicht. Eine ungute Stimmung erf�llte die Gassen. Beinahe jedes zweite Gesicht, das ihm begegnete, wirkte �berm�det. Die Menschen schleppten sich nur so dahin und verrichteten blass und ersch�pft ihr Tagwerk. Am schlimmsten war es im Rattennest, wo sich das Elend der Grambeuge in geballter Form pr�sentierte. �berall entlud sich die Gereiztheit. Bettler und Huren br�llten einander an, einmal kam es sogar zu einer Messerstecherei zwischen Matrosen, die sich wegen einer Belanglosigkeit stritten. Mehrmals begegneten ihm Leute, die offensichtlich den Verstand verloren hatten, die brabbelnd Selbstgespr�che f�hrten oder ihn mit aufgerissenen Augen anglotzten, w�hrend ihnen der Speichel aus dem Mund troff. Bei den meisten handelte es sich um Opiums�chtige oder Geisteskranke, um Menschen also, die nicht mehr die notwendigen Widerstandskr�fte besa�en, um dem Zerfall der Seelenh�user etwas entgegenzusetzen. Lucien ahnte jedoch, dass es nicht mehr lange dauerte, bis auch geistig Gesunde so sehr unter den Traumst�rungen litten, dass es ihren Verstand angriff.</p><p>Zu allem �berfluss spielte auch noch das Wetter verr�ckt. Als er die Kan�le verlassen hatte, war der Himmel im Norden schwefelgelb gewesen. Kurz darauf hatte es gehagelt, mit kurzen Unterbrechungen, in denen die Sonne schien. Jetzt heulte auf einmal ein frostiger Wind durch die Gassen. Irgendetwas ging vor sich, er konnte es sp�ren. Und es war ganz sicher nichts Gutes.</p><p>Mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze �berquerte er den Platz, ging, so gut er konnte, den Menschen aus dem Weg und huschte zu einer tunnelartigen Gasse zwischen den Geb�uden. An der Ecke stand ein in Lumpen geh�llter Prediger und verk�ndete das nahende Ende der Welt. Lucien wandte den Blick ab, als der Mann ihm etwas Unverst�ndliches zurief, und eilte die Stufen hinab. Seine Hand lag immerzu auf dem Messerknauf. Dies war eine gef�hrliche Gegend f�r ein Schattenwesen. Ganz besonders f�r eines, das seine Kr�fte verloren hatte.</p><p>Gl�cklicherweise war die Gasse so gut wie menschenleer, denn die meisten Leute waren vor dem launischen Wetter in die Tavernen und Teestuben geflohen. Lucien schl�pfte in einen Tunnel, teilte einen mit okkulten Symbolen bestickten Vorhang und gelangte in ein Gew�lbe. Es wirkte mehr wie eine nat�rlich gewachsene H�hle als ein von Menschenhand geschaffener Keller. Regale ragten bis zur Decke empor. Irgendwo brannte schummriges Licht, und die Phiolen glitzerten in phantastischen Farben.</p><p>Seine feinen Albensinne nahmen eine verwirrende Kaskade von Eindr�cken auf, von D�ften und Stimmungen, so als w�re er von den Geistern vergangener Jahrhunderte umgeben, die ihn fl�sternd lockten. Er nahm ein absinthgr�nes Fl�schchen aus dem Regal und strich mit dem Daumen den Staub von der Beschriftung.</p><p><emphasis>Kuss im Sommerregen, Jahr des Greifs.</emphasis></p><p>Er stellte die Phiole zur�ck.</p><p>�Komm raus�, sagte er. �Ich wei�, dass du mich beobachtest.�</p><p>Eine zwergenhafte Gestalt trat aus den Schatten.</p><p>�Lucien�, sagte Mama Ogda und l�chelte verschlagen. �Mein lieber Freund. Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Was verschafft mir die Ehre?�</p><p>�Ich muss mit dir reden.�</p><p>�Gewiss. Komm nach hinten. Ich habe gerade Tee aufgesetzt.�</p><p>Mama Ogda watschelte zu einem Tischchen. �Bitte. Setz dich�, forderte sie Lucien auf, verschwand in der Dunkelheit und kam mit einer dampfenden Kanne zur�ck. W�hrend sie Tee in zwei Porzellantassen goss, nahm er wachsam in einem der beiden Ohrensessel Platz. Obwohl Mama Ogda keinen Hehl aus ihrer Sympathie f�r ihn machte, beschloss er, auf der Hut zu sein. Nur weil sie eine Schw�che f�r ihn hatte, w�rde sie nicht darauf verzichten, ihn �bers Ohr zu hauen, wenn sich ihr die Gelegenheit dazu bot. Immerhin war sie eine Harpyie.</p><p>Sie setzte sich zu ihm, nahm einen Schluck von ihrem Tee und schl�rfte recht unappetitlich. Ihr Fl�gelpaar, das ahnungslose Besucher f�r den Buckel eines alten Weibs hielten, bewegte sich dabei unter dem braunen Gewand, das ihren absto�enden Leib verh�llte. �Einen scheu�lichen Tag hast du dir f�r deinen Besuch ausgesucht. Dieses verr�ckte Wetter! Es macht mich ganz kribbelig. Etwas liegt in der Luft, ich sp�re es in Federn und Knochen.�</p><p>Nat�rlich wusste Mama Ogda, was Lady Sarka getan hatte und was in den Traumlanden geschah, und wie jedes Schattenwesen litt sie darunter. Nicht, weil sie wie die Menschen nicht mehr richtig tr�umte, sondern weil es ihr beinahe k�rperliche Schmerzen bereitete, dass das Gef�ge der Welt auf solch verst�rende Weise durcheinandergeriet.</p><p>�Wo soll das alles nur hinf�hren?�, fuhr Mama Ogda fort. �Manchmal frage ich mich, ob es nicht an der Zeit w�re, den Laden aufzugeben und zur Anderwelt aufzubrechen. So wie Grubb. Hat von heute auf morgen alles hingeworfen und die Welt der Menschen verlassen.�</p><p>�Grubb ist fort?�, fragte Lucien. In den vergangenen Jahren hatte er den Oger nur selten gesehen. Zuletzt hatte er im Labyrinth als Lastentr�ger gearbeitet.</p><p>�Seit zwei Wochen. Er h�lt es nicht l�nger aus, hat er gesagt. Und Beryl und die anderen spielen auch mit dem Gedanken. Ja, alter Freund, es sieht so aus, als w�ren wir zwei bald die Letzten.�</p><p>Nachdenklich nippte Lucien an seiner Tasse. Wenn nun auch jene Schattenwesen flohen, die sich l�ngst mit dem Menschen arrangiert hatten, stand es wom�glich noch schlimmer, als er gedacht hatte.</p><p>Schweigend tranken sie ihren Tee. Doch Harpyien neigten nicht zu Melancholie, und wenig sp�ter kehrte das listige Glitzern in Mama Ogdas Augen zur�ck.</p><p>�Willst du mir nicht erz�hlen, was dir zugesto�en ist?�, fragte sie unvermittelt.</p><p>Er h�tte sich denken k�nnen, dass Mama Ogda sp�rte, was mit seinen Kr�ften geschehen war. Sie war unvorstellbar alt, und ihr entging nichts. �Es gab einen kleinen Unfall.�</p><p>�Silas hat das getan, nicht wahr?� Als er darauf keine Antwort gab, verzog sie ihre Lippen und entbl��te dabei spitze Z�hne. �Nat�rlich steckt er dahinter. Das tr�gt seine Handschrift. Nun, das �berrascht mich nicht. Seit der Sache mit seinem Haus war er ziemlich w�tend auf dich, und er war schon immer ein rachs�chtiger kleiner Bastard.�</p><p>�Er wird jetzt noch viel w�tender auf mich sein.�</p><p>�Ich f�rchte, da irrst du dich, mein lieber Lucien. Silas ist tot.�</p><p>�Tot?�, fragte er �berrascht. �Wann ist das passiert?�</p><p>�Heute Nacht. Lady Sarka hat ihn ermorden lassen. Von Amander.�</p><p>Lucien konnte nicht behaupten, dass ihn diese Neuigkeit betr�bte. Aber er wollte es nicht allzu deutlich zeigen. Mama Ogda und Torne hatten jahrelang undurchsichtige Gesch�fte miteinander betrieben, und er wusste nicht genau, in welcher Beziehung sie zueinander standen. �Wieso wei�t du davon?�</p><p>�Ich bin eine Harpyie. Gewisse Dinge wei� ich einfach.�</p><p>Er beschloss, endlich zur Sache zu kommen. �Ja. Deshalb bin ich hier. H�r zu. Ich stelle gerade ein paar Nachforschungen an. Ich habe gehofft, du k�nntest mir dabei helfen.�</p><p>�Wonach suchst du denn?�</p><p>�Die Bleichen M�nner.�</p><p>Die Harpyie lachte meckernd. �Du machst Witze.�</p><p>�Es ist mein Ernst, Mama Ogda. Ich muss sie finden.�</p><p>�Und warum, wenn ich fragen darf?�</p><p>�Wegen der Dinge, die geschehen. Es muss endlich etwas unternommen werden. Aber daf�r brauche ich Antworten.�</p><p>�Warum �berl�sst du die Sache nicht den Menschen? Sie haben die Katastrophe angerichtet. Sollen sie zusehen, wie sie da mit heiler Haut rauskommen.�</p><p>�Du wei�t, dass das nicht so einfach ist.�</p><p>�Der gute alte Lucien�, sagte Mama Ogda. �F�hlt sich immerzu verantwortlich, was?�</p><p>�Hilfst du mir jetzt oder nicht?�, fragte er.</p><p>�Wie kommst du darauf, dass ausgerechnet ich dazu im Stande bin?�</p><p>��Erinnerungen f�r alle Lebenslagen� � stand das nicht fr�her an deiner T�r?�</p><p>Ihre �uglein glitzerten sp�ttisch. Dann stand sie auf und sagte: �Komm mit.�</p><p>Sie gingen zu der Holztheke, die wie ein Altar aus pr�historischer Zeit im hinteren Teil des Ladens stand. Dahinter schob Mama Ogda einen L�ufer weg, �ffnete eine Kellerluke und kletterte eine Stiege hinab.</p><p>Unter dem Laden befand sich ein Gew�lbekeller. Die Harpyie z�ndete eine Laterne an und f�hrte Lucien durch das Gewirr aus Regalen. Unz�hlige Phiolen standen darin. Jede einzelne enthielt eine gestohlene Erinnerung, von Mama Ogda auf magische Weise destilliert und konserviert. In einem dunklen Winkel, verborgen unter einer Staubschicht, erreichten sie eine weitere Luke im Boden. Mama Ogda schloss das rostige Vorh�ngeschloss auf und �ffnete sie. Darunter kam ein Loch zum Vorschein, in dem eine Eisenkiste stand.</p><p>�Na los, nun hol sie schon heraus.�</p><p>Lucien ging auf die Knie, griff nach der Kiste, �chzte unter ihrem Gewicht und stellte sie neben die Luke.</p><p>Die Harpyie w�hlte einen anderen Schl�ssel von ihrem Ring und schob ihn ins Schloss.</p><p>�Was ist da drin?�</p><p>�Erinnerungen, die ich nicht jedem Dahergelaufenen verkaufe.� Sie begann, die Truhe zu durchsuchen, die wie die Regale voller Glasr�hrchen und -fl�schchen war. �Wo ist sie denn? Ich k�nnte schw�ren, dass ich sie irgendwo... Hier!� Sie wandte sich zu Lucien um und hielt eine Rauchglasphiole in ihren krallenhaften Fingern.</p><p>Er wollte danach greifen, doch sie zog die Hand zur�ck. �Nicht so schnell, alter Freund. Von Mama Ogda gibt es nichts umsonst. Wenn du meine Hilfe willst, musst du etwas f�r mich tun.�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>�Ich habe noch eine offene Rechnung mit Umbra. Sie hat einen Denkzettel verdient.�</p><p><emphasis>�Die</emphasis> Umbra?�</p><p>�Sie war neulich hier. Dabei war sie nicht gerade freundlich zu mir. Ich will sie daran erinnern, dass man mit einer Harpyie so nicht umspringt. Ist dieser rothaarige Junge noch bei der Lady � Jackon?�</p><p>�Nein. Er ist jetzt bei mir.� Mama Ogda wusste viel, aber offenbar nicht alles.</p><p>�Umso besser. Gib ihm dieses Fl�schchen und sorg daf�r, dass er es trinkt.�</p><p>�Was enth�lt es?�</p><p>�Eine Erinnerung, von der ich schon gar nicht mehr wusste, dass ich sie besitze.�</p><p>�Ich glaube, ich verstehe nicht ganz�, sagte Lucien. �Du willst dich an Umbra r�chen, indem du Jackon dieses Fl�schchen trinken l�sst?�</p><p>�Wenn ich den Jungen richtig einsch�tze, wird er meine Rache f�r mich ausf�hren.�</p><p>�Der Trank ist doch nicht gef�hrlich?�</p><p>�Nicht f�r ihn�, sagte Mama Ogda, und ihre Mundwinkel zuckten.</p><p>�Also gut. Ich gebe ihm das Fl�schchen.� Er lie� die Phiole in seiner Hosentasche verschwinden.</p><p>�Guter Junge.� Sie verschwand in der Finsternis und kam ein paar Minuten sp�ter zur�ck. �Hier. Das ist f�r dich. Sie enth�lt das, was du suchst.� Die Harpyie gab ihm eine zweite Glasphiole. Lucien wollte den Staub und die Spinnweben wegpusten, doch sie klebten daran fest und bildeten eine dicke Schicht. Das R�hrchen musste schon viele Jahre in diesem Keller lagern.</p><p>�Allerdings muss ich dich warnen�, fuhr Mama Ogda fort. �Die Erinnerung ist nicht angenehm. Der Kerl, dem sie geh�rt hat, konnte es gar nicht abwarten, sie loszuwerden und mir zu verkaufen. Genutzt hat es ihm nichts. Ein paar Tage danach hat er sich umgebracht.�</p><p>Lucien schloss den Deckel der Kiste, setzte sich darauf und entkorkte die Phiole. Ein seltsamer Duft stieg ihm in die Nase. Mit wachsendem Unbehagen betrachtete er die klare Fl�ssigkeit darin � dann gab er sich einen Ruck und trank sie in einem Zug aus.</p><p>Es dauerte keine Sekunde, bis das Elixier wirkte. Ein Gewitter aus Bildern und Sinneseindr�cken aller Art explodierte in seinem Kopf, er sp�rte noch, wie er das Gleichgewicht verlor und zu Boden fiel � und pl�tzlich war ihm, als befinde er sich in einem anderen K�rper.</p><p>Er sah die Welt durch fremde Augen, h�rte ihre Ger�usche durch fremde Ohren. Sein K�rpergef�hl sagte ihm, dass es ein Mann war, dessen Erinnerungen er erlebte. Ein junger und sehr starker Mann. Mit kraftvollen Schritten ging er eine Stra�e entlang, und die Menschen, die ihm entgegenkamen, wichen ihm respektvoll aus.</p><p>Die Stra�e f�hrte zweifellos durch Scotia � Lucien sah die f�r dieses Viertel so typischen Holzfassaden, die bemalten T�ren und Schnitzarbeiten im Dachgeb�lk. Am Himmel �ber der Stadt zeigten sich keine Luftschiffe. In den Handwerksbetrieben links und rechts der Stra�e waren keine Aethermaschinen zu sehen. Die Leute trugen l�ngst aus der Mode gekommene Kleidung. Jener Teil von Lucien, der noch in der Lage war, klar zu denken, analysierte pr�zise jede Einzelheit, und er kam zu dem Schluss, dass der Mann vor hundert bis hundertzwanzig Jahren gelebt haben musste.</p><p>Der Mann versp�rte Angst, aber auch erregte Vorfreude. Seine Gedanken, die Lucien als leises Fl�stern im Hinterkopf h�rte, verrieten, dass er nach etwas suchte. Lucien konzentrierte sich, lauschte den tiefer liegenden Bewusstseinsschichten. Nach einem Schattenwesen. Einem m�chtigen Schattenwesen. Der Mann wollte es jagen, wollte es fangen und in einem K�fig nach Bradost bringen. All seine Gedanken kreisten darum, er war wie besessen davon. Wenn ihm das gel�nge, w�rde ihn das �ber Nacht zu einem der reichsten und ber�hmtesten M�nner der Stadt machen.</p><p>Heftige Wut packte Lucien. Er kannte M�nner wie diesen. Ein J�ger von Schattenwesen. Inzwischen war dieser Beruf selten geworden, aber fr�her, als die Magie noch stark gewesen war, hatte es viele von ihnen gegeben. Einige besa�en eine leichte magische Gabe, eine Art sechsten Sinn, der sie bef�higte, magische Unauff�lligkeit zu durchschauen und Schattenwesen aufzusp�ren. Ein grausamer und geldgieriger Menschenschlag. Luciens Abscheu war so gro�, dass er die Erinnerung am liebsten abgebrochen h�tte. Doch er konnte nichts tun. Er musste warten, bis die Wirkung des Elixiers von allein aufh�rte.</p><p>Der J�ger betrat einen alten Friedhof. Moos und Flechten �berwucherten die Grabsteine, von denen die meisten bereits halb im Erdreich versunken waren. Kletterpflanzen rankten sich an Statuen empor. Der J�ger stieg �ber die Reste einer eingest�rzten Mauer und stapfte mit klopfendem Herzen durch einen verwilderten Park, der sich an den Totenacker anschloss, bis er schlie�lich zu einer weiteren Mauer kam, einer mannshohen, gekr�nt von Eisendornen.</p><p>Ab hier wurde die Erinnerung verschwommen und bruchst�ckhaft � als h�tte der J�ger so sehr gegen die Bilder in seinem Kopf angek�mpft, dass Teile davon seinem Ged�chtnis entschwunden waren. Das N�chste, was Lucien sah, war, dass sich der Mann einen Weg durch ein Dickicht aus stacheligen Str�uchern bahnte, zwischen denen die �berreste eines Geb�udes aufragten. Dann stieg er pl�tzlich Stufen hinunter, eine Treppe in einem alten Brunnenschacht, und betrat einen unterirdischen Saal.</p><p>Von irgendwoher kam Licht, ein schwacher Strahl aus vielen Farben, der kaum gegen die Finsternis in dem Gew�lbe ankam. Spiegel standen an den W�nden, polierte Scheiben aus gr�nem Obsidian.</p><p>Geisterhafte Schemen erschienen darin, und Lucien h�rte Stimmen.</p><p><emphasis>Warum st�rst du uns?</emphasis></p><p>Die Furcht des J�gers wurde immer gr��er, doch er war ein mutiger Mann, der sich davon nicht beirren lie�. �Ich bin hier, weil ich eure Hilfe brauche�, sagte er fest.</p><p><emphasis>Unsere Hilfe,</emphasis> wisperten die Stimmen. <emphasis>Es ist lange her, dass jemand den Mut gefunden hat, zu uns zu kommen. Was willst du?</emphasis></p><p>�Ich suche Charministra, die K�nigin der Mantikore. Ich jage sie seit Wochen, aber ich kann sie nicht finden. Helft mir, sie aufzusp�ren.�</p><p><emphasis>Was erhoffst du dir davon? Ruhm? Reichtum?</emphasis></p><p>�Ja.�</p><p><emphasis>Und du glaubst, das wird dich gl�cklich machen? Auch uns hat es einst nach solchen Dingen verlangt, und sieh, was aus uns geworden ist.</emphasis></p><p>�Ich will sie finden�, sagte der J�ger barsch. �Koste es, was es wolle.�</p><p><emphasis>Du wei�t, unsere Hilfe hat einen Preis.</emphasis></p><p>�Welchen?�</p><p><emphasis>Wir wollen die Liebe deines Sohnes.</emphasis></p><p>Der J�ger schwieg eine Weile. Schlie�lich sagte er: �Was geschieht, wenn ich sie euch gebe?�</p><p><emphasis>Er wird sich von dir abwenden und dich vergessen. Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?</emphasis></p><p>�Ja. Das bin ich. Bei meiner Seele�, schwor der J�ger, obwohl er insgeheim l�ngst den Beschluss gefasst hatte, die Bleichen M�nner zu betr�gen.</p><p><emphasis>Dann soll es so sein.</emphasis> Die Geister verschwanden in den Tiefen ihrer Spiegel, und ihr Wispern wurde so leise, dass Lucien es kaum noch h�rte � bevor sie wieder auftauchten und sagten: <emphasis>Charministra versteckt sich in Karst. Geh morgen Nacht zu den Ruinen von Lormac, und du wirst sie dort finden.</emphasis></p><p>�Die Ruinen von Lormac�, wiederholte der J�ger. �Ich danke Euch.�</p><p><emphasis>Jetzt unser Preis. Komm n�her, Mensch, damit wir uns holen k�nnen, was uns zusteht.</emphasis></p><p>Langsam ging der J�ger zu einem der Spiegel � und versetzte ihm einen Tritt. Die Obsidianplatte schwankte und fiel mitsamt dem Eisengestell donnernd zu Boden. Staub und trockenes Laub wirbelten auf.</p><p>Ein unmenschlicher Schrei gellte durch den Spiegelsaal, ein Schrei aus vielen Kehlen. Der J�ger wirbelte herum und rannte zur Treppe. Er war schnell, doch nicht schnell genug. Arme reckten sich ihm entgegen, packten ihn und zogen ihn in einen der Spiegel. Schatten schlugen �ber ihm zusammen, und Lucien war, als m�sse er ertrinken, w�hrend eiskalte H�nde nach dem J�ger griffen, seine Haut zerkratzten und ihn noch tiefer ins gr�ne Zwielicht zogen.</p><p>Und dann empfand Lucien nur noch Schmerz. Einen Schmerz, der seinen ganzen K�rper erf�llte, als w�rden messerscharfe Werkzeuge sein Fleisch zerschneiden und seine Knochen brechen. Und er schien niemals aufzuh�ren.</p><p>Irgendwann lichtete sich die Dunkelheit. Der J�ger lag auf dem Boden, schwach, dem Tode nah. Tr�nen rannen ihm �ber die Wangen, w�hrend er Stufe um Stufe hinaufkroch. Mehrmals musste er innehalten, weil seine Kr�fte nicht ausreichten. Schlie�lich erreichte er den Garten, wo die Sonne durch das Bl�tterdach schien. Ihr Licht war so hell, dass seine Augen brannten, und er schrie vor Schmerz, ehe ihn abermals Dunkelheit umfing.</p><p>Lucien wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis er begriff, dass er nicht in dem Garten lag, sondern im Keller von Mama Ogdas Laden. Jede Faser seines K�rpers schien wehzutun, und in seinem Mund schmeckte es nach Blut. Ersch�pft hob er eine Hand, betrachtete sie im Laternenlicht. <emphasis>Seine</emphasis> Hand. Sein K�rper. Erleichtert lie� er sie sinken.</p><p>Eine Gestalt trat in den Lampenschein, blickte mit schwarzen �uglein auf ihn herab. �Ich habe dich gewarnt�, sagte Mama Ogda.</p><empty-line/></section><section><title><p>15</p><empty-line/><p><emphasis>Abschied im Nebel</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>E</strong>s dauerte eine halbe Stunde, bis Liam klar wurde, dass sie denselben G�ngen folgten, durch die sie bei ihrer Flucht gekommen waren � f�r ihn sahen die Tunnel und Kan�le alle gleich aus. Der Weg �nderte sich erst irgendwo unter der Kr�henh�he, als sie in einen Gang einbogen, der zum Stadtrand f�hrte. Dort wollten sie die Manusch verabschieden. Liam hatte gehofft, sie w�rden wenigstens einen Teil der Strecke oberirdisch gehen, denn er sehnte sich danach, endlich wieder einmal das Tageslicht zu sehen. Aber nat�rlich war das zu gef�hrlich.</p><p>Diesmal war es Godfrey, der sie durch das unterirdische Labyrinth f�hrte. Jackon war mit Ruac im Versteck geblieben, um auf ihre Sachen aufzupassen.</p><p>Nach einem zweist�ndigen Fu�marsch erblickten sie tr�bes Tageslicht in der Ferne. Kurz darauf erreichten sie den Ausgang des Tunnels. Liams Sorge, sie k�nnten dort auf Kr�hen oder Soldaten treffen, erwies sich als unbegr�ndet. Der Gang sei nur sehr wenigen Menschen bekannt, versicherte ihm Godfrey. Die Geheimpolizei wisse nichts davon.</p><p>Vor ihnen lagen die Plantagen, matschige und unkrautbewachsene �cker, die sich bis zu den H�geln erstreckten. Der Nebel war so dicht, dass man keine zwanzig Schritt weit sehen konnte.</p><p>�Ich w�nschte, wir h�tten unsere Wagen�, sagte Jovan, der sich auf eine improvisierte Kr�cke st�tzte.</p><p>�Ich kann zu Bajo gehen und ihn bitten, sie zu der Wegkreuzung an der Grenze zu bringen�, erwiderte Godfrey.</p><p>�Bajo wird vielleicht �berwacht�, gab Madalin zu bedenken.</p><p>�Lass das meine Sorge sein.�</p><p>�Das w�re uns eine gro�e Hilfe. Aber sei vorsichtig. Du hast unseretwegen schon genug durchgemacht.�</p><p>Die Freunde schwiegen. Der Moment des Abschieds war gekommen.</p><p>�Wir m�ssen aufbrechen�, meinte Madalin schlie�lich. �Ich will in Karst sein, bevor es dunkel wird.�</p><p>�Passt auf euch auf�, sagte Vivana. �Nehmt euch in Acht vor den Kr�hen. Und lasst irgendwann einmal was von euch h�ren.�</p><p>Der hochgewachsene Manusch nickte. �Wir schicken euch eine Nachricht, sowie wir in Sicherheit sind. Viel Gl�ck, Vivana. Euch anderen auch.�</p><p>Sie umarmten einander. Liam hatte einen Klo� im Hals, w�hrend er Madalin, Jovan, Sandar und die Kinder an sich dr�ckte. In den vergangenen Tagen hatte er sie alle ins Herz geschlossen, und er vermisste sie schon jetzt.</p><p>Dann schulterten die Manusch ihre Beutel und machten sich auf den Weg. Madalin blickte ein letztes Mal zur�ck, bevor die kleine Gruppe im Nebel verschwand.</p><p>Vivanas Hand schloss sich um Liams; ihre Finger waren kalt. Er ahnte, was in ihr vorging. Ihr ganzes Leben lang hatte sie nicht gewusst, wohin sie geh�rte, war zerrissen gewesen zwischen zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein k�nnten. Erst als ihr Vater gelernt hatte, die Manusch und ihre fremde Lebensweise zu akzeptieren, war es ihr gelungen, ihren eigenen Weg zu finden. Und nun, da sie endlich gl�cklich war, wurde ihre Familie auseinandergerissen. Liam w�nschte, er k�nnte etwas dagegen tun.</p><p>Irgendwann kam Wind auf und zerstreute den Nebel. Liam tauchte aus seinen Gedanken auf, als etwas Kaltes seine Wange ber�hrte und schmolz.</p><p>�Verdammt�, brummte Quindal. �Jetzt f�ngt's auch noch an zu schneien.�</p><p>Vivana sch�tzte, dass es bereits Abend war, als sie zu ihrem Versteck zur�ckkehrten. Zu ihrer Erleichterung war Lucien bereits da. Allerdings sah er ziemlich mitgenommen aus.</p><p>�Was ist denn mit dir passiert?�</p><p>�Unwichtig. Setzt euch. Wir haben einiges zu besprechen.� Der Alb blickte in die Runde. �Wo ist Godfrey?�</p><p>�Er erledigt noch etwas f�r Madalin�, antwortete Vivana.</p><p>Nachdem sich die Gef�hrten an den Vorr�ten gest�rkt hatten, erz�hlte Lucien von seinem Besuch bei Mama Ogda und was er dort herausgefunden hatte. Sein Bericht fiel �u�erst knapp aus, und Vivana hatte den Verdacht, dass er ihnen auf typische Lucienart wieder einmal die H�lfte verschwieg.</p><p>�Die Bleichen M�nner verstecken sich also in einem alten Garten in Scotia�, sagte Vivana.</p><p>Lucien nickte. �Morgen gehen wir dorthin.�</p><p>�Wieso nicht gleich?�</p><p>�Du willst ihnen nicht bei Nacht begegnen, glaub mir.�</p><p>Sie schauderte und musste wieder an den alten Kinderreim denken: <emphasis>Gr�ne Spiegel, tote Augen, lass dir nicht die Seel' aussaugen.</emphasis></p><p>�Au�erdem m�ssen wir zuerst einen Weg finden, um uns vor ihnen zu sch�tzen, bevor wir sie aufsuchen�, fuhr Lucien fort. �Am besten benutzt du daf�r deine neuen Kr�fte.�</p><p>Vivana zuckte innerlich zusammen. �Aber das kann ich nicht. Es... es ist noch zu fr�h.�</p><p>�Unsinn. Als du Jackon pr�fen wolltest, konntest du es doch auch.�</p><p>�Das war etwas anderes.� Bei Jackons Pr�fung hatte sie nur etwas nachgemacht, das sie sich bei Tante Livia abgeschaut hatte. Das war einfach gewesen, einfach und berechenbar, und das meiste hatte die Perle von allein erledigt. Bei dem Gedanken, ihre Kr�fte ohne jegliche Orientierung einzusetzen, bekam sie es mit der Angst zu tun.</p><p>�Ich f�rchte, du hast keine Wahl�, sagte der Alb. �Die Bleichen M�nner sind m�chtig. Ohne Magie sind wir ihnen nicht gewachsen. Aber ich kann dir helfen, wenn du m�chtest. Wir schauen uns gemeinsam Livias B�cher an und suchen nach einem geeigneten Schutzzauber.�</p><p>�Verstehst du �berhaupt etwas von Manuschzauberei?�</p><p>�Ein wenig.�</p><p>Vivana drehte eine Haarstr�hne zwischen den Fingern. Es hatte keinen Sinn, noch l�nger zu warten � irgendwann musste sie sich ihren neuen Kr�ften stellen. Ob es ihr gefiel oder nicht. Sie stand auf.</p><p>�Wo willst du hin?�, fragte Lucien.</p><p>�Livias B�cher holen. Es ist wohl am besten, wir fangen gleich an.�</p><p>Nachdem Vivana den Raum verlassen hatte, griff Lucien in seine Hosentasche und holte eine Rauchglasphiole hervor. �Die ist f�r dich�, wandte er sich an Jackon. �Ich musste Mama Ogda versprechen, sie dir zu geben, als Gegenleistung f�r ihre Hilfe.�</p><p>Mit gerunzelter Stirn nahm Jackon das Fl�schchen entgegen. �Was ist das?�</p><p>�Eine destillierte Erinnerung.�</p><p>�Eine was?�</p><p>�Die Erinnerung einer fremden Person. Mama Ogda hat sie so verarbeitet, dass andere Leute sie erleben k�nnen, als w�re es ihre eigene.�</p><p>�Und was soll ich damit?�</p><p>�Mama Ogda m�chte, dass du sie trinkst.�</p><p>�Wieso? Und warum schenkt sie mir so etwas? Ich kenne sie doch �berhaupt nicht.�</p><p>�Die Erinnerung hat etwas mit Umbra zu tun.�</p><p>Jackons Interesse erwachte. Umbra mochte auf der falschen Seite stehen, doch er vermisste sie sehr. �Was passiert, wenn ich sie trinke?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Mama Ogda hat mir zwar versichert, dass die Erinnerung nicht gef�hrlich f�r dich ist, aber ich w�rde nicht die Hand f�r sie ins Feuer legen. Ich sage dir offen, wie es ist, Jackon: Ich habe mit ihr einen Handel abgeschlossen � einen Handel zwischen Schattenwesen. Daran f�hle ich mich gebunden. Da die Vereinbarung von mir verlangt, dich dazu zu bringen, die Erinnerung zu trinken, muss ich dich bitten, es zu tun. Aber zwingen werde ich dich nicht.�</p><p>In diesem Moment kam Vivana mit den B�chern zur�ck, und Lucien und sie verzogen sich in eine der Kammern, wo sie ungest�rt waren.</p><p>Jackon wusste nicht, was er von alldem halten sollte. Er legte die Phiole zu seinen Sachen und beschloss, morgen weiter dar�ber nachzudenken, was dieses seltsame Geschenk bedeuten mochte.</p><p>Im Lauf des Abends wurde seine Neugier jedoch immer qu�lender. Wieso wollte eine wildfremde Person, dass er eine Erinnerung trank, die etwas mit Umbra zu tun hatte? Sp�ter, als seine Gef�hrten bereits schliefen, holte er die Phiole hervor, setzte sich in den Eingangsraum und betrachtete sie im Licht der Gaslampen.</p><p>Was war schlimmer? Vor Neugier die ganze Nacht nicht schlafen zu k�nnen � oder ein Elixier mit unbekannter Wirkung zu trinken?</p><p>Er dachte eine geschlagene Stunde dar�ber nach.</p><p>Umbra war ein einziges R�tsel. Nur ein einziges Mal hatte sie ihm einen Einblick in ihre Vergangenheit gew�hrt. Er hatte sich stets gew�nscht, mehr �ber sie zu erfahren.</p><p>Bot sich ihm nun die Gelegenheit dazu?</p><p>Aber was, wenn Lucien sich irrte und die Erinnerung doch gef�hrlich war?</p><p>Jackon verzog den Mund. <emphasis>Sie wird schon nicht vergiftet sein.</emphasis> Warum sollte diese Mama Ogda ihm schaden wollen?</p><p>Er entkorkte die Phiole und trank.</p><p>Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Wirkung des Tranks so machtvoll sein w�rde. Sein K�rper verkrampfte sich, und er fiel zu Boden, als Bilder sein Bewusstsein �berfluteten.</p><p>Irgendwann war es vor�ber. Jackon blinzelte. Ihm war, als erwache er aus einem besonders bizarren Traum. Es dauerte eine Weile, bis er wieder klar genug denken konnte, um die Bedeutung dessen zu begreifen, was er eben gesehen hatte.</p><p>Er setzte sich auf und rieb sich die schmerzende Stirn. Es war ungeheuerlich! Umbra musste unbedingt davon erfahren � nur wie? Er konnte unm�glich mit ihr Kontakt aufnehmen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. <emphasis>Wenn ich nur meine Kr�fte noch h�tte,</emphasis> dachte er und w�nschte, er k�nnte sie einfach im Traum besuchen und ihr alles erz�hlen.</p><p>Er starrte ins Nichts.</p><p>Er musste sich etwas einfallen lassen. Und zwar schnell.</p><empty-line/></section><section><title><p>16</p><empty-line/><p><emphasis>Der geheime Garten</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>L</strong>iam wachte auf und stellte fest, dass Vivana nicht mehr neben ihm lag. Er h�rte ihre Stimme aus dem Eingangsraum. Mit dem restlichen Wasser aus seiner Flasche wusch er sich rasch, dann fuhr er sich durch die widerspenstigen Haare, schl�pfte in seine Kleider und verlie� die Kammer.</p><p>Er war wieder einmal als Letzter wach geworden. Jackon, Vivana, ihr Vater, Lucien und Nedjo sa�en bereits zusammen und fr�hst�ckten. Vivana k�sste ihn zur Begr��ung.</p><p>�Ist Godfrey noch nicht wieder zur�ck?�, fragte er, als er sich zu seinen Freunden setzte.</p><p>�Doch�, antwortete Vivana. �Er ist irgendwann gestern Nacht gekommen. Aber er ist schon wieder weg. Keine Ahnung, wo er steckt.�</p><p>�Macht euch keine Sorgen um ihn�, sagte Quindal. �Godfrey kommt und geht, wie es ihm gef�llt. So ist er nun mal.�</p><p>Liam nahm sich etwas Brot, Hartwurst und K�se. Er hatte kaum den ersten Bissen hinuntergeschluckt, als Godfrey unversehens hereintrat. Der Aethermann begr��te sie mit einem Nicken und setzte sich.</p><p>�Ich habe mich umgeh�rt�, sagte er. �Die Geheimpolizei sucht in der ganzen Stadt nach uns. Aber sie glauben offenbar, dass wir uns im Labyrinth verstecken. Hier scheinen wir jedenfalls f�rs Erste sicher zu sein.�</p><p>�Gut�, sagte Lucien. �Wenn wir gegessen haben, machen Vivana und ich uns auf den Weg.�</p><p>�Ihr wollt allein gehen?�, fragte Liam. �Was ist mit uns?�</p><p>�Ihr bleibt hier. Glaub mir, es ist besser so. Bei den Bleichen M�nnern w�rt ihr uns ohnehin keine Hilfe.�</p><p>�Nein�, widersprach Quindal. �Ich lasse Vivana nicht allein gehen.�</p><p>�Ich kann auf mich aufpassen, Paps�, erwiderte sie.</p><p>�Darum geht es nicht�, sagte Liam. �Lucien hat gesagt, dass es gef�hrlich werden wird. Ihr k�nnt nicht von uns verlangen, dass wir hier tatenlos herumsitzen und hoffen, dass euch nichts zust��t.� Au�erdem ertrug er die Vorstellung nicht, schon wieder von Vivana getrennt zu sein.</p><p>Lucien seufzte. �Also gut. Ihr k�nnt mitkommen. Aber nur ihr zwei. F�r mehr Leute ist der Schutzzauber nicht stark genug.�</p><p>Wenig sp�ter verabschiedeten sie sich von Jackon, Nedjo, Godfrey und Ruac, nahmen eine Lampe und zwei doppell�ufige Pistolen mit und brachen auf. Gl�cklicherweise kannte Lucien einen alten Tunnel, der unter dem Fluss hindurchf�hrte, sodass sie einen Gro�teil des Weges durch die Katakomben gehen konnten und nicht f�rchten mussten, von Kr�hen oder Geheimpolizisten entdeckt zu werden. Erst in Scotia verlie�en sie die Kan�le. Sie kletterten durch ein dickes Abflussrohr in der Decke, gelangten in die Kellergew�lbe einer alten Brauerei und suchten sich einen Weg zur Oberfl�che. Im Innenhof des halb verfallenen Geb�udes hatten fliegende Kr�mer Verkaufsst�nde und bunte Zelte aufgeschlagen. Sie hielten sich von den H�ndlern fern und stahlen sich unbemerkt davon.</p><p>Drau�en sah Liam sich um. Sie befanden sich in den Au�enbezirken von Scotia, wo er sich nicht gut auskannte. Lucien jedoch schien die Gegend vertraut zu sein. In ihre Kapuzenumh�nge geh�llt folgten Vivana, Quindal und er dem Alb durch die Gassen.</p><p>Es hatte aufgeh�rt zu schneien, aber seltsam war das Wetter immer noch. Ziegelsteinrote Kumuluswolken t�rmten sich am Himmel auf, und der Wind war viel zu warm f�r Oktober. Er roch nach Regen, der jedoch ausblieb. Es war ein Wetter, bei dem man unruhig wurde und f�rchtete, jeden Moment k�nnte etwas Schlimmes geschehen. <emphasis>Hoffentlich,</emphasis> dachte Liam, <emphasis>ist das kein schlechtes Omen.</emphasis></p><p>Diese Gegend Scotias hatte kaum �hnlichkeit mit dem engen und farbenfrohen Gassengewirr, in dem er aufgewachsen war. Die H�user, herrschaftliche Anwesen mit Bleid�chern, Butzenscheiben und Erkern, standen weit auseinander; dazwischen erstreckten sich G�rten mit Brunnen und uralten B�umen. Lucien f�hrte sie eine Stra�e entlang, die verlassen wirkte und sich einen H�gel hinaufwand. Dort, verborgen hinter dichten B�schen und B�umen, befand sich ein Friedhof. Er war alt, wie alles in dieser Gegend. Aus dem Dornengestr�pp erhoben sich die S�ulen und Kuppeln kunstvoller Grabm�ler, im Gras lagen umgest�rzte Steinfiguren. Der gepflasterte Pfad, den sie einschlugen, war unter all dem Unkraut kaum zu erkennen. Voller Unbehagen betrachtete Liam eine Statue von Tessarion, die mit himmelw�rts gereckten H�nden �ber einer Grabplatte stand, das Gesicht voller Trauer. Sein Herz klopfte wild.</p><p>Schon die ganze Zeit spukte ihm das M�rchen von den Bleichen M�nnern im Kopf herum. Es erz�hlte von einer Gruppe b�ser Alchymisten, die von der K�nigin von Bradost als Strafe f�r ihre Untaten in f�nf Obsidianspiegel gebannt wurden. Seitdem streiften sie, schattenhaften Geistern gleich, durch ein Reich jenseits der Wirklichkeit, auf der Suche nach Erl�sung. Es hie�, im Morgengrauen, w�hrend die Stadt in graues Zwielicht getaucht war, k�nne man sie manchmal im Spiegel sehen, bleiche Gesichter, die stumm um Vergebung flehten, bevor sie wieder im Nirgendwo verschwanden. Liam war noch ein Kind gewesen, als ihm sein Vater diese Geschichte erz�hlt hatte. Danach hatte er sich tagelang nicht in die N�he eines Spiegels gewagt.</p><p>Er schloss zu Lucien auf. �Darf ich dich etwas fragen?�</p><p>�Nur zu.�</p><p>�Du kennst doch das M�rchen von den Bleichen M�nnern, oder? Entspricht davon eigentlich etwas der Wahrheit?�</p><p>�Es erz�hlt eine verkl�rte Version der Geschichte. Ich f�rchte, die Wahrheit ist viel schrecklicher.�</p><p>�Inwiefern?�</p><p>Lucien bog die �ste eines Buschs, der den Pfad �berwucherte, zur Seite. �Wahr ist, dass die Bleichen M�nner einst Alchymisten gewesen sind. Sie lebten vor ungef�hr siebenhundert Jahren. Sie waren m�chtiger und einflussreicher als jeder andere ihrer Zunft, und mit der Zeit wurden sie immer �berheblicher. Sie glaubten, mit ihrer Kunst schlichtweg <emphasis>alles</emphasis> bewirken zu k�nnen. In ihrem Gr��enwahn f�hrten sie ein gewaltiges Experiment durch, um auf einen Schlag alle Krankheiten auszurotten. Leider schlug es fehl. Anstatt s�mtliche Krankheiten zu besiegen, schufen sie eine neue. Eine, die schlimmer war als jede Seuche, die Bradost bisher erlebt hatte: die Cholera.�</p><p>�Die Bleichen M�nner haben die Cholera in die Welt gebracht?�, fragte Liam ersch�ttert.</p><p>Lucien nickte. �Die Krankheitserreger entkamen ihren Laboren, und in der Stadt brach eine Epidemie aus. Tausende starben. Die K�nigin wusste, wer dahintersteckte. Sie lie� die Alchymisten verhaften und verurteilte sie zum Tod am Galgen. Allerdings gab es in der Gilde Kr�fte, die das gewaltige Wissen der f�nf unbedingt erhalten wollten. Als sie hingerichtet wurden, gelang es anderen Alchymisten, ihre Seelen zu retten und an f�nf Obsidianspiegel zu binden. So lebten sie als k�rperlose Geister weiter und konnten ihren Rettern ihr Wissen weitergeben.�</p><p>�Wieso sind die Spiegel dann hier und nicht bei der Alchymistengilde in den Aetherk�chen?�</p><p>�Die Spiegel wurden an einen geheimen Ort gebracht. Als die K�nigin erfuhr, was die Gilde getan hatte, war sie au�er sich vor Zorn � sie hatte bei der Epidemie ihren einzigen Sohn und Thronerben verloren. Sie lie� die Verantwortlichen festnehmen und hinrichten. Ihr Wissen um das Versteck des Spiegelsaals nahmen die M�nner mit ins Grab, wodurch es schlie�lich in Vergessenheit geriet.�</p><p>Sie hatten das Ende des Friedhofs erreicht. Sie kletterten �ber die br�chige Mauer und stapften durch ein Kastanienw�ldchen. Es war v�llig verwildert. Totes Holz t�rmte sich zwischen den Baumst�mmen auf, und an manchen Stellen war das Gestr�pp undurchdringlich.</p><p>Die Gef�hrten schwiegen einige Minuten. Den nachdenklichen Gesichtern von Vivana und Quindal entnahm Liam, dass sie die wahre Geschichte der Bleichen M�nner auch noch nicht gekannt hatten.</p><p>�Wieso glaubst du, dass uns die Bleichen M�nner helfen k�nnen?�, fragte Vivana schlie�lich. �Meinst du wirklich, sie wissen etwas �ber den Ph�nix und den Bindezauber von Lady Sarka?�</p><p>�Vermutlich haben die Bleichen M�nner zu ihren Lebzeiten das Gelbe Buch von Yaro D'ar gekannt�, antwortete Lucien. �Wenn nicht sogar sie es waren, die es nach Bradost gebracht haben.�</p><p>�Warum haben sie das Wissen darin nicht f�r sich benutzt?�, fragte Liam.</p><p>�Vielleicht, weil nicht einmal die Bleichen M�nner so skrupellos sind.� Lucien blieb stehen. �Wir sind da.�</p><p>Liam blickte sich um und sah nichts als Gestr�pp, Farne und moosbewachsene Baumst�mpfe. �Hier ist doch gar nichts.�</p><p>�Du musst dich konzentrieren. Der Garten ist unauff�llig � wie ein Schattenwesen. Dadurch sieht er f�r normale Menschen wie ein gew�hnliches St�ck Wald aus.�</p><p>�Aber du kannst ihn sehen?�</p><p>�Ja. Und Vivana auch.�</p><p>Liam streifte sie mit einem Blick. Er konnte sich einfach nicht daran gew�hnen, dass sie neuerdings �ber seltsame Kr�fte verf�gte.</p><p>�Ich glaube, ich sehe etwas�, bemerkte Quindal. �Da ist eine Mauer.�</p><p>�Genau�, sagte Lucien. �Kommt her. Wir m�ssen dr�berklettern.�</p><p>Wenn Liam sich anstrengte, konnte er die Mauer auch erkennen. Sie verlief da, wo eben noch B�sche und morsche Aste gewesen waren. Allerdings durfte er nicht aufh�ren, sich zu konzentrieren, sonst entglitt sie sofort seiner Aufmerksamkeit.</p><p>Lucien machte eine R�uberleiter und half erst Vivana beim Klettern, dann Quindal und schlie�lich Liam. Es war nicht ganz einfach, eine Mauer zu erklimmen, die man mal sah und mal nicht, und dass sie oben mit eisernen Dornen gespickt war, erschwerte es zus�tzlich. Aber schlie�lich gelangte Liam wohlbehalten hin�ber. Lucien landete leichtf��ig neben ihm auf dem Waldboden.</p><p>Vor ihnen erstreckte sich der geheime Garten, den Liam nun deutlich erkennen konnte. Offenbar bildete die Mauer eine unsichtbare Barriere, die die Anlage vor Blicken abschirmte, w�hrend der Garten selbst nicht unauff�llig war. Stachelige B�sche sprossen zwischen den Resten eines Bauwerks � vielleicht eine alte Kirche oder ein Herrenhaus. Tote Kastanienbl�tter bedeckten das Gras und die moosigen Steine. Es roch nach Moder und F�ulnis. Liam konnte f�rmlich sp�ren, dass dieser Ort durch und durch vom B�sen durchdrungen war.</p><p>Wachsam durchquerten sie den Garten, bis sie zu einem Brunnenschacht kamen. Eine Treppe mit feuchten Stufen wand sich darin nach unten.</p><p>�Das ist der Eingang�, sagte Lucien leise, als f�rchtete er, er k�nnte das B�se aufwecken, wenn er zu laut spr�che. �Denk an unseren Plan�, wandte er sich an Vivana. �Bist du bereit?�</p><p>Sie nickte und �ffnete ihre Hand. Darin lag die schwarze Perle, die Liam nur zu gut kannte.</p><p>Vivana blickte ihre Gef�hrten an, als wolle sie sich vergewissern, dass sie wirklich bei ihr waren. Dann ballte sie die Hand zur Faust und stieg Stufe um Stufe hinab, der Finsternis am Grund des Schachts entgegen.</p><empty-line/></section><section><title><p>17</p><empty-line/><p><emphasis>Das Kellerarchiv</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>U</strong>mbra klappte das Buch zu, legte es zu den anderen und betrachtete resigniert den Stapel auf dem Tisch. Berge von Papier, stundenlange Arbeit � und nicht der kleinste Hinweis. Amander schimpfte schon die ganze Zeit vor sich hin und war drauf und dran, die Arbeit einzustellen. Sie war nicht oft seiner Meinung, doch diesmal stimmte sie ihm von ganzem Herzen zu: Was sie hier taten, war sinnlos. Sinnlos und l�cherlich.</p><p>F�r Corvas dagegen war dies ein Auftrag wie jeder andere, und er erledigte ihn genauso methodisch wie die Jagd auf Attent�ter. Beinahe reglos sa� er an seinem Tisch, nahm sich Buch f�r Buch vor und lie� ohne das kleinste Anzeichen von M�digkeit seinen Blick �ber die Zeilen wandern.</p><p><emphasis>H�ssliche alte Kr�he,</emphasis> dachte Umbra missmutig und streckte sich. Sie hatte das Archiv mit seiner muffigen Luft, dem allgegenw�rtigen Staub und dem schummrigen Licht so satt. Seit mehr als zw�lf Stunden waren sie bereits hier, irgendwo in den Kellergew�lben der Gro�en Bibliothek von Bradost, und jagten M�rchengestalten nach. Sogar die Nacht hatten sie hier verbracht. Umbra sehnte sich danach, endlich einmal wieder mehr als drei Stunden am St�ck zu schlafen.</p><p>Tausende von Schriftst�cken aus l�ngst vergessenen Zeitaltern lagerten unter den Gew�lbeb�gen. B�cher, Schriftrollen, lose Pergamentstapel, Tonnen davon. Ein kleines Heer von Archivaren durchk�mmte die Regale nach Dokumenten, die Hinweise auf die Bleichen M�nner enthielten. Davon gab es unz�hlige, wie der Stapel auf Umbras Tisch bewies � beinahe jedes Schriftst�ck aus der Zeit der ersten Choleraepidemie erw�hnte die f�nf Alchymisten. Aber keines verriet, wo sich der verdammte Spiegelsaal befand.</p><p>Mit finsterer Miene beobachtete Umbra die Archivare, die zwischen den Regalen umherhuschten. Dem n�chsten, der ihr ein Buch hinlegte, w�rde sie ganz sicher den Hals umdrehen.</p><p>Sie brauchte eine Pause.</p><p>Mit m�den Gliedern schlurfte sie zum Kaffeetischchen, goss sich eine Tasse ein und lehnte sich gegen den Rahmen der Eingangst�r. W�hrend sie trank, wanderten ihre Gedanken zu Jackon. Sie versp�rte nach wie vor das starke Bed�rfnis, ihn f�r seine Dummheit zu ohrfeigen. Doch ein Teil von ihr konnte nicht anders, als ihn zu bewundern. Man brauchte Mut f�r das, was er getan hatte. Eine Menge Mut. Der Junge besa� R�ckgrat, das musste man ihm lassen.</p><p>Sie stellte fest, dass sie ihn vermisste.</p><p><emphasis>H�r auf mit der Gef�hlsduselei,</emphasis> schalt sie sich. Jackon war jetzt ihr Feind. Wenn sie ihm das n�chste Mal begegnete, w�rde sie gezwungen sein, ihn entweder gefangen zu nehmen oder zu t�ten.</p><p>Sie verbannte jeden Gedanken an den Jungen und blickte zu den Oberlichtern aus blindem Glas unter der Gew�lbedecke. Drau�en herrschte strahlender Sonnenschein wie im Hochsommer, obwohl es wenige Stunden zuvor noch geschneit hatte. Dieses verr�ckte Wetter schlug ihr allm�hlich aufs Gem�t. Umbra war kein abergl�ubischer Mensch, aber sie hatte es gern, wenn die Dinge so abliefen, wie es sich geh�rte. Eine derart launenhafte Witterung war jedoch alles andere als normal, und sie wurde das Gef�hl nicht los, dass mit der Welt etwas nicht stimmte.</p><p>Vielleicht lag es auch nur am Schlafmangel. Umbra rieb sich die m�den Augen.</p><p>In diesem Moment flog eine Kr�he durch ein offenes Oberlicht herein. Es war schon die vierte oder f�nfte heute. Sie landete auf Corvas' ausgestrecktem Arm und kr�chzte leise. Der Bleiche h�rte ihr zu, bis sie die Fl�gel spreizte und davonflog. Umbra suchte seinen Blick. Er sch�ttelte den Kopf. Immer noch keine Spur von den Verr�tern. Ihnen blieb also nichts anderes �brig, als weiterzusuchen.</p><p>Gerade als sie zu ihrem Tisch zur�ckschlurfen wollte, wo bereits neue B�cher auf sie warteten, trat jemand durch die T�r.</p><p>�Cedric?�, sagte Umbra verwundert. �Was machst du denn hier?�</p><p>�Die Herrin schickt mich�, antwortete der Diener. �Ich habe eine dringende Nachricht f�r Corvas.� Er entdeckte den Bleichen und stolzierte wichtigtuerisch zu ihm. Dieser nahm die Nachricht entgegen, faltete sie auseinander und las sie.</p><p>�Was gibt's?�, erkundigte sich Umbra.</p><p>�Cedric, geh zum Ministerium und leite diesen Befehl an den Captain weiter�, sagte Corvas. �F�nfzehn Mann sollen umgehend zur Grambeuge reiten. Die Verr�ter verstecken sich dort im alten Wasserturm. Die Manusch haben gestern die Stadt verlassen und sind auf dem Weg nach Karst. Weitere f�nfzehn Berittene sollen die Verfolgung aufnehmen.�</p><p>�Warte mal�, sagte Umbra. �Das steht alles da drin? Von wem hat die Herrin diese Hinweise?�</p><p>�Von unserem Informanten.�</p><p>�Seit wann haben wir einen Informanten?�</p><p>Der Bleiche starrte sie an, und sie glaubte, Triumph in seinen Augen zu sehen. Nein, es war eine andere Regung. Die Gier eines Raubtiers. �Bring uns nach Scotia. Ich wei�, wo sich der Spiegelsaal befindet.�</p><empty-line/></section><section><title><p>18</p><empty-line/><p><emphasis>Spiegelgeister</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>V</strong>ivanas Hand schloss sich fest um die schwarze Perle, und die magische Kraft darin lie� ihre Haut prickeln. Sie setzte einen Fu� auf den Boden des Schachts, zog den anderen nach und �berzeugte sich noch einmal davon, dass ihre Gef�hrten dicht bei ihr waren, bevor sie in den halbdunklen Gang trat.</p><p>Ihr Vater und Liam hielten ihre Pistolen bereit.</p><p>�ber Vivana w�lbte sich eine feuchte Decke. K�fer und Tausendf��ler flohen vor dem Licht von Liams Lampe und schl�pften in Ritzen und Spalten im Mauerwerk. Auf dem Boden lagen herabgefallene Steine und trockenes Herbstlaub, das der Wind hereingeweht hatte. Die Bl�tter knirschten unter ihren Schritten.</p><p>Der Geruch nach Verfall und Tod wurde immer intensiver.</p><p>Ihr Mund wurde trocken vor Furcht. <emphasis>Konzentrier dich,</emphasis> befahl sie sich und begann, den Kr�ften in ihrem Innern nachzusp�ren, bereitete sich darauf vor, sie zu dem Schutzzauber zu verkn�pfen, den Lucien und sie ausgew�hlt hatten. Normalerweise erforderte der Zauber, dass man okkulte Runen und Symbole auf den Boden zeichnete, um die magischen Energien in Erde und Luft zu b�ndeln. Doch daf�r w�rden sie nicht genug Zeit haben. Sie brauchten eine andere Kraftquelle, einen Fokus wie Livias Amulettstein, der bereits genug Energie enthielt. Die schwarze Perle war der einzige Gegenstand in Vivanas Besitz, der daf�r infrage kam. Der Zauber w�rde sie zerst�ren, aber das musste sie in Kauf nehmen. Sie hoffte nur, dass die Kraft darin ausreichte. Falls nicht, waren sie verloren.</p><p>�Du schaffst das, h�rst du?�, murmelte Lucien neben ihr.</p><p>Sie l�chelte ihm zu, fl�chtig nur, denn sie wollte nicht riskieren, dass ihre Konzentration nachlie�.</p><p>Der Gang �ffnete sich in einen runden Saal. Rippenb�gen trugen die Kuppeldecke und bildeten am Scheitelpunkt einen achtstrahligen Stern. Keine der Bodenplatten glich einer anderen; manche hatten vier Ecken, andere f�nf, sechs, sieben oder noch mehr, wodurch der Boden aussah, als w�re er von einem wirren Netz aus Linien durchzogen. Schmutz und faulige Bl�tter bildeten kleine Haufen. Durch ein einzelnes Buntglasfenster dicht unter der Kuppel fiel gr�nes, rotes und orangefarbenes Licht. Einige der Glassegmente zwischen den Bleiruten waren zerbrochen, sodass das Fensterbild viele L�cken aufwies. Vivana konnte einen nackten Mann erkennen, der auf einem Tisch lag. Eine Gestalt in schwarzer Robe beugte sich �ber ihn, in der Hand ein Messer.</p><p>Vier Obsidianspiegel, oval und zwei Schritt hoch, standen vor den W�nden. Ein f�nfter lag auf dem Boden.</p><p>Mit klopfendem Herzen betrachtete Vivana die Scheiben, die gr�n schimmerten, als w�re ein unirdisches Feuer darin gefangen. Das also waren die Kerker der Bleichen M�nner. Tore zu einer Welt des Zwielichts, zu einem Gef�ngnis f�r ihre Seelen.</p><p>Das B�se in diesem Saal war beinahe mit H�nden zu greifen. Niemand wagte zu sprechen.</p><p>Lucien machte Liam ein Zeichen, woraufhin dieser die Lampe l�schte. Dann trat er vor, in die Mitte des Saals.</p><p>�Gro�meister der Gilde und H�ter der geheimen Formeln, zeigt euch�, sagte der Alb. �Steigt herauf aus eurem Spiegelkerker. Hier sind Besucher, die euren Rat ben�tigen.�</p><p>Vivana hielt den Atem an. Das Feuer in den Obsidianscheiben erlosch, und ihr war, als w�lbten sich die Oberfl�chen nach innen, sodass Tunnel entstanden, die sich im Nebel verloren.</p><p>Gesichter erschienen darin, schemenhaft wie Spiegelbilder auf blindem Glas. Fahle Haut spannte sich �ber eingefallene Wangen. Augenpaare gl�hten kalt.</p><p>Ein Wispern erklang, ein Chor, der sich zu einer einzigen Stimme verband. Vivana vermochte nicht zu sagen, wo das Fl�stern herkam. Es erf�llte die Luft wie das Rascheln von Baumkronen im Wind.</p><p><emphasis>Wer ruft uns?</emphasis></p><p>�Lucien von den Traumlanden und Letzter der Alben.�</p><p><emphasis>Ein Schattenwesen? Wieso bist du noch hier? Verlangt es dich nicht danach, diese Welt zu verlassen?</emphasis></p><p>�Nein. Die Sterblichen brauchen meine Hilfe.�</p><p><emphasis>Nichts kann den Sterblichen jetzt noch helfen, Lucien von den Alben. Sie sind dem Untergang geweiht. Du solltest gehen, solange du noch kannst.</emphasis></p><p>�Wovon sprecht ihr?�</p><p>Das Fl�stern wurde leiser und zerfaserte zu einem Stimmengewirr, sodass Vivana nur noch einzelne Wortfetzen verstand.</p><p><emphasis>... Ende...</emphasis></p><p><emphasis>... Zeit gekommen...</emphasis></p><p><emphasis>... Strafe f�r ihren Hochmut...</emphasis></p><p>�Wer wird f�r seinen Hochmut bestraft?�, fragte Lucien. �Antwortet!�</p><p>Doch die Stimmen schwiegen. Vivana sah huschende Bewegungen im Nebel, der in den Spiegeln waberte, und glaubte schon, die Bleichen M�nner w�rden verschwinden, als sich die fahlen Gesichter abermals zeigten.</p><p><emphasis>Sag uns, warum du hier bist, Lucien von den Alben,</emphasis> befahlen sie herrisch.</p><p>Lucien wandte sich zu Vivana um, und sie trat vor. Die Perle verbarg sie in ihrer Faust.</p><p><emphasis>Warum l�sst du eine Sterbliche f�r dich sprechen!</emphasis></p><p>�Weil sie es ist, die den Preis zahlen wird�, antwortete Lucien.</p><p>Vivana f�hlte die Blicke der Spiegelgeister auf sich ruhen. Sie wusste, dass sie sich ihre Furcht nicht anmerken lassen durfte. Diese Wesen waren wie Raubtiere: Ein winziges Anzeichen von Schw�che, und sie w�rden versuchen, sie zu vernichten.</p><p><emphasis>Sprich,</emphasis> verlangten die Bleichen M�nner.</p><p>�Wir sind hier, weil wir euren Rat suchen�, sagte Vivana mit fester Stimme. �Lady Sarka hat ein schreckliches Verbrechen begangen. Sie hat den Ph�nix von Bradost gefangen und mit einem Zauberbann an sich gebunden. Wir m�ssen wissen, wie wir diesen Zauber brechen und den Ph�nix befreien k�nnen.�</p><p>Abermals huschten Schemen durch die Spiegel, und erneut ert�nte das Fl�stern von allen Seiten.</p><p>�K�nnt ihr uns helfen?�, fragte Vivana, nachdem Stille eingekehrt war.</p><p><emphasis>Ja,</emphasis> antworteten die Bleichen M�nner.</p><p>�Dann nennt euren Preis.�</p><p>Die Gesichter zogen sich in den Nebel zur�ck, und ihr Fl�stern wurde so leise, dass Vivana es kaum noch verstand.</p><p><emphasis>... Sch�nheit...</emphasis></p><p><emphasis>... so lebendig...</emphasis></p><p><emphasis>... Feuer in ihren Augen...</emphasis></p><p>�Nun?�, fragte sie.</p><p>Die Gesichter erschienen alle in einem Spiegel und starrten sie an. Die Gier in ihren Augen war unertr�glich.</p><p><emphasis>Wir wollen ihre Erinnerungen an ihre Mutter,</emphasis> fl�sterten sie wie aus einem Mund.</p><p>Vivana biss sich auf die Lippe. Ein schrecklicher Preis.</p><p>Wenn ihr Plan schiefging, w�rden die Folgen f�r sie furchtbar sein.</p><p>�Der Handel gilt�, sagte sie.</p><p><emphasis>Wei� sie, worauf sie sich einl�sst?</emphasis>, wisperten die Bleichen M�nner. <emphasis>Wenn sie den Preis zahlt, wird jede Erinnerung an ihre Mutter erl�schen, und sie wird sie vergessen.</emphasis></p><p>�Das wei� ich.�</p><p><emphasis>Dann soll es so sein. Komm her, damit wir uns holen k�nnen, was uns geh�rt.</emphasis></p><p>�Nein�, sagte Lucien schneidend. �Zuerst die Antwort.�</p><p>Die Bleichen M�nner zischten, und ihre Gesichter verzerrten sich vor Zorn.</p><p><emphasis>... Betr�ger...</emphasis></p><p><emphasis>... will uns bestehlen...</emphasis></p><p><emphasis>... sollten ihn t�ten...</emphasis></p><p>�Wir sind keine Betr�ger�, sagte Vivana. �Aber es gibt Regeln, und ihr werdet euch daran halten.�</p><p>Die Spiegelgeister beruhigten sich.</p><p><emphasis>Nur einer kann den Bindezauber aufheben,</emphasis> fl�sterten sie. <emphasis>Der, der ihn einst geschaffen hat.</emphasis></p><p>�Mahoor Shembar?�, fragte Vivana ungl�ubig.</p><p><emphasis>So lautet sein Name.</emphasis></p><p>�Aber er ist tot. Schon seit Jahrtausenden.�</p><p><emphasis>Ja. Trotzdem wandelt er noch auf eurer Welt. Der Ph�nix von Ilnuur hat ihn f�r seine Verbrechen verflucht und dazu verdammt, niemals Frieden zu finden.</emphasis></p><p>�Er ist ein Geist, so wie ihr?�</p><p><emphasis>Ja.</emphasis></p><p>�Wo ist er?�, wollte Lucien wissen.</p><p><emphasis>Er ist in seine Heimatstadt zur�ckgekehrt und versteckt sich, in den Ruinen von Ilnuur.</emphasis></p><p>�Und wir m�ssen ihn finden und dazu bringen, den Bindezauber von Lady Sarka aufzuheben�, sagte Vivana.</p><p><emphasis>Ja.</emphasis></p><p>Vivana blickte ihre Gef�hrten an. Das war nicht gerade die Antwort, die sie sich erhofft hatten.</p><p><emphasis>Jetzt der Preis,</emphasis> fl�sterten die Bleichen M�nner.</p><p>Lucien nickte kaum merklich. Vivana schloss die Augen, griff nach der Kraftquelle in ihrem Innern und begann, daraus den Schutzzauber zu formen. Gleichzeitig bereitete sie sich darauf vor, die Magie mit den Kr�ften aus der Perle zu n�hren.</p><p><emphasis>Was tut sie da?</emphasis>, fragten die Bleichen M�nner argw�hnisch. <emphasis>Was hat sie da in ihrer Hand?</emphasis></p><p>In diesem Moment schrie Lucien: �Lauft!�</p><p>Vivana �ffnete die Augen.</p><p>Jetzt.</p><p>Sie sp�rte, wie die Perle in ihrer Hand hei� wurde. Doch etwas stimmte nicht � die Perle gab ihre Kr�fte nicht frei. Dabei hatte sie alles richtig gemacht. Der Zauber wartete nur darauf, dass sie ihn durch ihre Fingerspitzen entlie�. Aber ohne die Energie der Perle w�re er wirkungslos.</p><p>Die Bleichen M�nner schrien vor Zorn. Sie huschten durch die Spiegel, und pl�tzlich schlug Vivana von allen Seiten ein eisiger Hauch entgegen. Sie wich zur�ck. Dabei stolperte sie �ber eine gesprungene Bodenplatte � und die Perle fiel ihr aus der Hand.</p><p>�Mach schon!�, br�llte Lucien.</p><p>Panik wallte in ihr auf Sie fiel auf die Knie und suchte nach der Perle.</p><p>Nebelstr�nge wuchsen aus den Spiegeln und reckten sich ihr entgegen, formten H�nde und krallenhafte Finger, die nach ihr griffen. Sie duckte sich, doch eine der Nebelh�nde streifte sie an der Schulter. Die K�lte war so intensiv, dass sie vor Schmerz aufschrie.</p><p>Liam und ihr Vater waren bereits zum Ausgang gerannt. Als sie bemerkten, dass sie in Schwierigkeiten steckte, blieben sie stehen. Liam schrie ihren Namen, riss seine Pistole hoch und schoss, und dann schoss auch ihr Vater. Die Kugeln peitschen durch das Gew�lbe und trafen den Spiegel, der ihr am n�chsten war. Die Geschosse richteten kaum Schaden an und schlugen nur winzige Splitter aus dem Obsidian, doch die Treffer bewirkten immerhin, dass sich zwei der Nebelh�nde in den Spiegel zur�ckzogen.</p><p>Das Geschrei der Spiegelgeister war nicht auszuhalten.</p><p>Vivana ertastete die Perle in einer Fuge zwischen zwei Bodenplatten � und wusste augenblicklich, was sie falsch gemacht hatte. Sie war davon ausgegangen, dass die Perle ihre Kr�fte freiwillig hergab, so wie Livias Amulettstein. Sie hatte �bersehen, dass die Magie darin einen Funken eigenen Willen besa�. Die Perle wollte ihre Kr�fte nicht f�r einen Zauher hergeben, der nichts mit ihrem eigentlichen Zweck zu tun hatte. Vivana musste sie zwingen.</p><p>Sie lie� sich flach auf den Bauch fallen, umschloss die Perle fest mit der Faust und richtete all ihre Willenskraft auf die magische Macht darin.</p><p><emphasis>Hilf mir.</emphasis></p><p>Der Widerstand der Perle brach. Die Energie floss heraus und verlieh ihr die Kraft, die sie brauchte. Ein Schwall Hitze schoss durch ihre Arme, als sie den Zauber freigab.</p><p>Die Magie formte Schleier aus silbrigem Staub, der matt in der Luft aufleuchtete und sich wie ein Schwarm neugieriger Gl�hw�rmchen �berall auf ihrem K�rper niederlie�. Vivana rollte sich herum und lenkte einen Teil der magischen Kraft in Richtung ihrer Gef�hrten. Weitere Staubschleier wirbelten durch den Saal und legten sich sch�tzend um Liam, Lucien und ihren Vater.</p><p>Keine halbe Sekunde sp�ter schossen die Nebelh�nde vor. Doch als sie Vivana ber�hrten, zuckten sie zur�ck. Auch ihren Gef�hrten konnten die Spiegelgeister nichts mehr anhaben. Die Bleichen M�nner heulten vor Pein, als erlitten sie unsagbare Qualen, wenn sie nur in die N�he des schimmernden Staubs kamen.</p><p>Lucien st�rzte zu ihr und half ihr auf. Der Zauber hatte sie so ersch�pft, dass sie sich auf ihn st�tzen musste, w�hrend sie zum Ausgang des Saales hasteten.</p><p><emphasis>Kommt zur�ck,</emphasis> heulten die Bleichen M�nner. <emphasis>Betr�ger! Diebe! Kommt zur�ck!</emphasis></p><p>Was dann geschah, erlebte sie wie in Trance. Geschrei erf�llte den Tunnel, hallte von den W�nden wider. Vivana fand einen letzten Rest Kraft in sich und rannte so schnell sie konnte. Liam lief neben ihr, Sch�sse donnerten, sie h�rte ihren Vater etwas rufen. Sie kam zur Treppe, nahm mehrere Stufen auf einmal, st�rzte, kroch auf H�nden und Knien weiter. Irgendwann sah sie Tageslicht, sp�rte Gras unter ihren Fingern. Zwischen dem Gestr�pp lie� sie sich fallen und atmete gierig die frische Waldluft ein.</p><p>Das Geheul der Spiegelgeister drang aus dem Brunnenschacht, aber es war so leise, als k�me es aus weiter Ferne.</p><p>Liam, ihr Vater und Lucien lagen neben ihr im Gras, atmeten schwer. Sie waren wohlauf. Wohlauf und unversehrt.</p><p>Vivana bemerkte, dass etwas an ihrem rechten Handteller klebte. Ru�. Die �berreste der Perle, die zu Staub zerfallen war.</p><p><emphasis>Wir haben es geschafft,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Geschafft.</emphasis></p><p>Irgendwann erhob sich Lucien und wischte Gras und Erde von seinem Wams. �Kannst du aufstehen?�</p><p>Vivana setzte sich auf. Der Zauber hatte lange nicht so von ihren Kr�ften gezehrt wie der Lichtblitz, den sie im Pand�monium beschworen hatte. Ihr war noch etwas schwindelig, aber die Ersch�pfung verschwand bereits. �Ja. So schlimm ist es nicht.�</p><p>�Gut. Dann lasst uns gehen. Ich will mich hier nicht l�nger als n�tig aufhalten.�</p><p>Sie rappelten sich auf, sammelten die Lampe und die beiden Pistolen ein und stapften los. Die Wirkung des Schutzzaubers lie� bereits nach. Das Leuchten der Staubpartikel wurde schw�cher und schw�cher und verschwand kurz darauf.</p><p>Als sie die Mauer erreichten, stie� Vivanas Vater pl�tzlich einen Fluch aus, riss seine Pistole hoch und dr�ckte ab. Anstelle eines Schusses erklang jedoch nur ein metallisches Klicken � es waren keine Kugeln mehr im Lauf.</p><p>Im gleichen Moment entdeckte Vivana die Kr�he. Das Tier sa� auf einem Ast, flog auf � und ver�nderte in der Luft seine Gestalt. Alles ging so schnell, dass Vivana nichts anderes tun konnte, als wie erstarrt dazustehen. Aus Schwingen wurden Arme, aus Krallenf��e Beine, der Vogelk�rper wuchs und verwandelte sich in Corvas, w�hrend er auf dem Boden aufkam.</p><p>Lucien war der Einzige, der reagierte. W�hrend Corvas sich aufrichtete, sprang er vor und versetzte dem Bleichen einen Tritt gegen die Brust, der ihn ins Gestr�pp schleuderte.</p><p>�Weg hier!�, schrie Liam, packte ihre Hand und zog sie mit sich.</p><p><emphasis>Das ist unm�glich,</emphasis> durchfuhr es Vivana. <emphasis>Wir waren doch so vorsichtig. Er</emphasis> kann <emphasis>uns nicht gefunden haben!</emphasis></p><p>�Du zuerst!� Liam verschr�nkte die H�nde zu einer R�uberleiter, sie stellte ihren Fu� hinein, griff nach den Eisenspitzen und zog sich mit Liams Hilfe hoch. Als sie mit dem Knie auf der Mauerkrone Halt gefunden hatte, richtete sie sich auf und sprang auf der anderen Seite herunter.</p><p>Zwei Gestalten kamen durch das Unterholz auf sie zugelaufen, in den H�nden Pistolen. Vivana stockte der Atem, als sie sie erkannte.</p><p>Umbra und Amander.</p><empty-line/></section><section><title><p>19</p><empty-line/><p><emphasis>Zwei Tropfen Macht</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>iesmal hatte es funktioniert. Sie konnte es sp�ren. Die ganze Apparatur stand unter Druck wie ein Heizkessel kurz vor dem Explodieren. Kolben vibrierten. Destilliergl�ser klirrten. Der Athanor war so hei�, dass er beinahe gl�hte. Sie �ffnete s�mtliche Ventile, zischend entwich Dampf und schoss zur H�hlendecke hinauf.</p><p>Fast. <emphasis>Fast.</emphasis></p><p>Ihre Maske beschlug. Halb blind tastete sie �ber den Tisch, fand einen Lappen und wischte den Augenschutz ab. Dann �ffnete sie die Ofenklappe und biss die Z�hne zusammen. Die Hitze war so intensiv, dass sie sich trotz der Lederhandschuhe die Haut versengte. Sie sch�ttete einen Eimer Wasser in die Flammen. Noch mehr Dampf. Sie wedelte mit der Hand, rang um Atem und widerstand dem Impuls, sich die Maske vom Gesicht zu rei�en. Es w�re ihr Tod gewesen. Die hei�e Luft war ges�ttigt mit Substanzen, die ihr augenblicklich Haut und Lunge ver�tzt h�tten.</p><p>Langsam k�hlte die Apparatur ab. Die brodelnden Fl�ssigkeiten in den R�hren und Schl�uchen kamen zur Ruhe. Als sich die Schwaden lichteten, trat sie an den Tisch. An den Glaskolben war der Dampf zu feinen Tr�pfchen kondensiert.</p><p>Sie wagte kaum, die Ger�tschaften zu ber�hren. Dies war ihr letzter Versuch. Der kleinste Fehler, und alles war umsonst gewesen.</p><p>Sie entstammte einer alten Familie von Alchymisten. Ihre Vorfahren hatten jahrhundertelang die hermetischen K�nste studiert, sie verfeinert und zur Meisterschaft gebracht. Sie hatten ihr einen gewaltigen Schatz des Wissens hinterlassen. Niemand war so sehr in die Geheimnisse des Lebens, in die verborgenen Kr�fte des Universums eingeweiht wie sie.</p><p>Aber wusste sie genug?</p><p>Vorsichtig entfernte sie die Schrauben einer Halterung und l�ste einen bauchigen Kolben aus der Apparatur. Sie hielt den Atem an, w�hrend sie das beschlagene Glas abwischte.</p><p>Auf dem Boden des Kolbens hatte sich gr�nes Pulver abgelagert. Tornes Messer war in seine kristallinen Bestandteile zerfallen.</p><p>Der erste Teil des Experiments war gelungen. Aber der zweite war weitaus wichtiger � und schwieriger.</p><p>Das Messer hatte etwas magische Essenz in sich aufgenommen und in den Kristallen gespeichert. Eine winzige Menge nur, h�chstens zwei kleine Tropfen. Die Gefahr war gro�, dass es w�hrend der Extraktion verkocht war.</p><p>Sie hielt den Kolben schr�g. Ein rostroter Tropfen rann an der Innenwand des Glases entlang.</p><p>Beinahe h�tte sie vor Triumph aufgeschrien. Sie mahnte sich zur Geduld. Sie hatte es noch nicht geschafft.</p><p>Behutsam brachte sie den Glaskolben zum Ende des Tisches, wo ein Bleibecher bereitstand. Das Elixier, das er enthielt, war klar wie Wasser. Sie neigte den Kolben, sodass die Essenz den Hals hinabrann und in den Becher fiel.</p><p>Abermals hielt sie den Atem an. Nichts geschah. Keine unerw�nschten Wechselwirkungen. Das magische Destillat vermengte sich einfach mit dem Elixier und l�ste sich darin auf.</p><p>Es war die Essenz eines Alben und eines Traumwanderers. Zusammen mit dem Elixier besa� sie unvorstellbare Macht.</p><p>Sie ergriff den Becher und verlie� das Labor mit seinen giftigen D�mpfen, eilte in die Glastunnel, wo die Luft sauber war. Dort riss sie sich die Maske vom Kopf, setzte den Becher an die Lippen und trank.</p><p>Wie Feuer rann das Elixier ihre Kehle hinab. Sie sp�rte seine Kraft, sp�rte sie mit jeder Faser ihres K�rpers.</p><p>Endlich!</p><p>Fieberschauer durchliefen ihren Leib. Sie musste sich hinlegen, musste schlafen. Die Traumlanden warteten auf sie.</p><p>Den Gang entlang, zur Treppe. W�hrend sie schwach die Stufen hinaufstieg, h�rte sie ein fernes Grollen.</p><p>Der Boden zitterte. Tief unter den H�hlen barst knirschend das Felsgestein.</p><p>Die Erde begann zu beben.</p><empty-line/></section><section><title><p>20</p><empty-line/><p><emphasis>Schrecken aus der Tiefe</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>M</strong>it einer Kerze in der Hand schlenderte Jackon den Tunnel entlang. Das Warten auf Liam und die anderen machte ihn so nerv�s, dass er es nicht mehr ausgehalten hatte, unt�tig in ihrem Versteck herumzusitzen. Also hatte er beschlossen, sich ein wenig die F��e zu vertreten und die Kan�le in der Umgebung zu erkunden. Das erinnerte ihn an alte Zeiten und brachte ihn vielleicht auf andere Gedanken.</p><p>Die Bleichen M�nner... Er kannte die Legende nicht, von der alle die ganze Zeit redeten, und er war froh dar�ber. Die Sache war f�r seinen Geschmack zu unheimlich. Er hoffte nur, dass Liam und die anderen heil zur�ckkamen.</p><p>Er ging Richtung Hauptsammler. Vom Tunnel zweigten einige schmale Seiteng�nge ab, von denen er nicht genau wusste, wohin sie f�hrten. Er wollte sie sich genauer anschauen, f�r den Fall, dass sie einmal einen Fluchtweg brauchten.</p><p>Pl�tzlich war Jackon, als h�tte er ein Blitzen in der Dunkelheit gesehen. Er schirmte die Kerze mit der Hand ab und schaute genauer hin.</p><p>Da! Im Hauptsammler bewegte sich Licht. Wahrscheinlich eine Gaslampe.</p><p>Vor Furcht zog sich sein Magen zusammen. Sollte er zur�ckgehen und die anderen warnen? Nein, er musste sich das aus der N�he ansehen. Vielleicht handelte es sich nur um wagemutige Schlammtaucher.</p><p>Er blies die Kerze aus und hoffte, dass er es nicht verlernt hatte, sich zur Not auch im Dunkeln zurechtzufinden. Verstohlen huschte er den Gang hinauf, bis er einen Blick in die Zisterne werfen konnte.</p><p>Das Licht kam aus dem Zugang auf der anderen Seite des gewaltigen Raums und tastete wie ein Finger �ber W�nde und Rippenb�gen. M�nner standen dort und stritten. Das Wasserrauschen war viel zu laut, als dass er sie h�tte verstehen k�nnen. Ihren Gesten entnahm er, dass sie diskutierten, ob sie �ber den Sims gehen sollten oder nicht.</p><p>Schlie�lich setzte einer der M�nner einen Fu� darauf und befahl den anderen mit einer herrischen Handbewegung, ihm zu folgen. Jackon hielt den Atem an, als er den Helm, die Hakenlanze und den Filzmantel des Mannes sah.</p><p>Ein Geheimpolizist! Corvas hatte sie gefunden.</p><p>Jackon wirbelte herum und hastete durch den Tunnel zur�ck, so schnell es die Finsternis zulie�. Wie war das nur m�glich? Sie hatten doch alles daf�r getan, dass niemand erfuhr, wo sie sich versteckten!</p><p>Er hatte sich den Weg eingepr�gt und h�tte eigentlich in der Lage sein m�ssen, sich zurechtzufinden, indem er seine Schritte z�hlte und sich an den W�nden entlangtastete. Aber er war aus der �bung. Mehrmals fiel er hin oder prallte schmerzhaft gegen einen Mauervorsprung, bis er endlich das Licht ihres Verstecks erblickte.</p><p>Ruac, der wie immer vor dem Eingang lag, hob den Kopf, als er an ihm vorbeirannte und nach drinnen st�rmte.</p><p>�Nedjo! Godfrey! Wir m�ssen sofort verschwinden. Die Geheimpolizei! Sie hat uns gefunden!�</p><p>Die beiden M�nner kamen aus den Nebenr�umen. Nedjo hielt in der einen Hand einen �ligen Lappen und in der anderen seinen Dolch. �Die Geheimpolizei? Das kann nicht sein.�</p><p>�Doch! Sie sind schon im Hauptsammler. Beeilt euch!� Der Manusch stie� einen Fluch aus und begann, seine Habseligkeiten zusammenzuraffen.</p><p>�Daf�r haben wir keine Zeit!�, schrie Jackon. �Zur Treppe, schnell!�</p><p>Endlich erkannten die beiden den Ernst der Lage. Gemeinsam mit Ruac folgten sie ihm durch die Kammern zu den Stufen, die zum Wasserturm hinauff�hrten.</p><p>�Wir m�ssen die T�r aufbrechen. Das ist unsere einzige Chance.�</p><p>�Lass mich das machen�, sagte Nedjo und eilte die enge Treppe hinauf. Gerade als er bei der T�r ankam, erzitterte diese unter einem heftigen Sto�. Raue Stimmen drangen durch das Holz.</p><p>Entsetzen packte Jackon. Sie waren umzingelt.</p><p>�Was machen wir jetzt?�, schrie Nedjo. �Godfrey, du musst etwas unternehmen!�</p><p>Der Aethermann �berlegte. Wie schaffte er es, selbst in dieser Situation so ruhig zu bleiben? �Durch die Kan�le�, entschied er. �Vielleicht finden wir einen anderen Fluchtweg.�</p><p>�Aber wir wissen doch nicht, wo die G�nge hinf�hren�, erwiderte Jackon und w�nschte, er h�tte die Umgebung schon gestern erkundet. �Wir k�nnten in einer Sackgasse landen.�</p><p>�Eine andere M�glichkeit haben wir nicht. Kommt.�</p><p>Die Geheimpolizisten h�mmerten gegen die T�r. Nicht mehr lange, und sie w�rde nachgeben.</p><p>Jackon und seine Gef�hrten hetzten zum Ausgang des Verstecks. Als er nach drau�en st�rzte, sah er, dass Lampenschein durch den Tunnel irrlichterte. Sie kamen zu sp�t � die Soldaten waren noch h�chstens vierzig oder f�nfzig Schritt entfernt.</p><p>�Im Namen der Lordkanzlerin�, rief jemand, �ihr seid verhaftet!�</p><p>Jackon h�tte schreien m�gen. Sie hatten die Geheimpolizei �bert�lpelt, waren aus dem Ministerium der Wahrheit geflohen � und nun das.</p><p>�Wir m�ssen k�mpfen�, sagte Nedjo und rang pl�tzlich um sein Gleichgewicht. Der Boden fing an zu wackeln. Aus der Ferne erklang ein Grollen.</p><p>�Was ist das?�, keuchte der Manusch und st�tzte sich mit einer Hand an der Wand ab. Von der Decke rieselte Staub. �Ein Erdbeben�, sagte Godfrey.</p><p>�Ein Erbeben?�, schrie Jackon. �Wie, bei allen D�monen...� Die Frage blieb ihm im Hals stecken, als ein zweiter Erdsto� den Tunnel ersch�tterte. Er war weit heftiger als der erste. Jackon prallte gegen die Wand und fiel zu Boden. Er konnte f�rmlich sp�ren, wie die Felsen tief unter ihm von unfassbaren Kr�ften verschoben wurden.</p><p>So etwas hatte es noch nie gegeben. In all den Jahren nicht, in denen er in den Kan�len gelebt hatte.</p><p>Nedjo kam zu ihm, taumelnd wie auf dem Deck eines schlingernden Schiffs, und half ihm auf. Er rief etwas, doch ein ohrenbet�ubendes Donnern �bert�nte seine Worte.</p><p>Steine regneten von der Tunneldecke und fielen platschend in den Kanal, keine zehn Schritte von ihnen entfernt, eine ganze Lawine aus geborstenem Mauerwerk, Erde und Ger�ll. Die Soldaten schrien, das Licht ihrer Lampe erlosch.</p><p>�Wir m�ssen sofort hier raus!�, br�llte Nedjo. Er packte Jackon am Arm und bahnte sich hustend einen Weg durch den Staub.</p><p>�Und die Soldaten?�</p><p>�Zum Teufel mit ihnen! Wenn wir in den Tunneln bleiben, ist das unser Tod.�</p><p>Noch ein Beben. Sie k�mpften sich die Stufen zum Eingang des Verstecks hinauf. Drinnen lichtete sich der Staub, und sie erblickten Godfrey und Ruac, die sich rechtzeitig in den Eingangsraum zur�ckgezogen hatten. Auf den ersten Blick sah es so aus, als h�tte der Gew�lbekeller den Erdst��en widerstanden. Doch dann entdeckte Jackon einen Riss, der quer �ber die Decke verlief. Lange w�rde das Mauerwerk nicht mehr halten.</p><p>�Zur Treppe�, sagte Nedjo und zog seinen Dolch. �K�mpfen wir uns den Weg frei.�</p><p>Jackon ergriff das erstbeste Messer, das er finden konnte, und rannte seinen Gef�hrten nach. Das Beben war schw�cher geworden. Nach wie vor lie�en Erdst��e den Boden erzittern, jedoch nicht mehr so stark, dass er das Gleichgewicht verlor.</p><p>Entgegen Jackons Hoffnung waren die Geheimpolizisten nicht geflohen, als das Erdbeben angefangen hatte. Sie hatten die T�r aufgebrochen und kamen mit gez�ckten Hakenlanzen und Pistolen die Treppe herunter. Nedjo wollte sich ihnen entgegenwerfen, wurde jedoch zur Seite gesto�en, als Ruac auf die M�nner zuschoss.</p><p>Die Soldaten begannen vor Entsetzen zu schreien. Einige feuerten wild drauflos, jedoch ohne den Lindwurm zu verletzen, die anderen suchten ihr Heil in der Flucht. Augenblicklich herrschte auf der engen Treppe das Chaos. M�nner stolperten die Stufen hinauf und fielen dabei �bereinander.</p><p>Ruac schnappte nach dem vordersten Soldaten, erwischte ihn am Arm und schleuderte ihn mit einer Drehung seines Kopfes so heftig herum, dass er gegen die Wand prallte und bewusstlos zu Boden fiel. Ruac wollte sich den n�chsten vornehmen, als Jackon rief: �H�r auf Sie fliehen doch schon.�</p><p>Der Lindwurm h�rte nicht auf ihn. Er spreizte die Fl�gel, machte einen Satz durch die Luft und landete auf dem unteren Drittel der Treppe, was die Soldaten in ihrem Entschluss best�rkte, so schnell wie m�glich das Weite zu suchen. Dr�ngelnd st�rmten sie zur T�r. Ruac legte die Fl�gel an und verfolgte sie nach drau�en.</p><p>Jackon wankte, als abermals der Boden bebte. In den Mauern knirschte es, und im Nachbarraum fiel ein Stein von der Decke. Er nahm die Beine in die Hand, rannte die Stufen hinauf und gelangte ins Innere des Wasserturms. Das Bauwerk war vollkommen leer. Licht fiel durch einige Fensterschlitze hoch �her ihm. Rostige Halterungen, die aus den W�nden ragten, deuteten darauf hin, dass es hier einst Pumpen, riesige Wasserbeh�lter und Eisenstiegen gegeben hatte.</p><p>Von den Soldaten keine Spur. Eine T�r stand offen. Von Ruac, der gerade nach drau�en schoss, sah Jackon nur noch die Schwanzspitze.</p><p>Nun kamen auch Nedjo und Godfrey die Treppe herauf. Im gleichen Moment ersch�tterte ein Erdsto� den Turm. Ziegel fielen vom l�chrigen Dach und zerplatzten keine zwei Schritt von Jackon entfernt auf dem Boden. Er flitzte nach drau�en, wo ihn ein unbeschreibliches Chaos erwartete.</p><p>Weinende Menschen irrten auf der Stra�e umher. Viele der bauf�lligen oder mit einfachsten Mitteln errichteten H�tten der Grambeuge waren durch das Beben wie Kartenh�user in sich zusammengefallen und hatten die Bewohner unter Tr�mmern begraben. Staub erf�llte die Luft.</p><p>Nedjo blickte sich ersch�ttert um. Auch in Godfreys Gesicht, dessen Miene sonst nie etwas preisgab, glaubte Jackon Entsetzen zu sehen.</p><p>�Wo sind die Soldaten?�, fragte der Manusch.</p><p>�Keine Ahnung. Weggelaufen.� Auch von Ruac war nichts zu sehen.</p><p>Ein neuer Erdsto� erinnerte sie daran, dass sie noch lange nicht in Sicherheit waren. Ziegel rutschten von den D�chern. Von einem alten Stadthaus in der N�he brach der Erker ab und zerschellte auf der Stra�e. Die Leute schrien.</p><p>�Zum H�gel�, sagte Godfrey. �Ich glaube, dort ist es nicht ganz so schlimm.�</p><p>�Was ist mit Ruac?�, stie� Jackon hervor.</p><p>�Er findet uns schon. Jetzt komm!�</p><p>Der Wasserturm stand auf halbem Weg zwischen dem Rattennest und dem Chymischen Weg. Nur ein paar Blocks n�rdlich davon, am �u�ersten Rand der Grambeuge, erhob sich einer der drei H�gel, die den Kessel umgaben. Dorthin rannten sie, vorbei an zerst�rten Geb�uden und verzweifelten Menschen. Es gab noch einmal einen heftigen Erdsto�, der sie von den F��en riss und eine der mehrst�ckigen Mietskasernen, die sich an die H�gelflanke klammerten, in einer gewaltigen Staubwolke einst�rzen lie�. Dann schien das Beben vor�ber zu sein. Sie rappelten sich auf und k�mpften sich weiter den H�gel hinauf.</p><p>Godfrey hatte Recht: Hier oben hatte das Erdbeben kaum gew�tet. Die alten Stadth�user und wohlhabenden Anwesen, die die Stra�e s�umten, hatten so gut wie keine Sch�den erlitten. An einer Stelle, wo eine Gasse in den Kessel hinabf�hrte, dr�ngten sich Hunderte von Menschen und reckten die K�pfe. Die, die etwas sehen konnten, waren blass vor Best�rzung oder schlugen die Hand vor den Mund.</p><p>�Was ist da?�, fragte Jackon.</p><p>Diese Frage schien sich Nedjo auch zu stellen. �Kommt mit.�</p><p>Der Manusch versuchte nicht, sich durch die Menschenmenge zu dr�ngen � die Leute standen so dicht, dass die vorderen Reihen unerreichbar waren. Nedjo lief zu einem Stadthaus, dessen Eingangst�r offen stand. Drinnen schien sich niemand aufzuhalten. Offenbar waren die Bewohner ins Freie geflohen.</p><p>Sie eilten eine Treppe hinauf und gelangten in einen Flur, wo der Putz von den W�nden br�ckelte. Wohnungst�ren befanden sich links und rechts. Sie sp�hten aus dem vergitterten Fenster am Ende des Korridors, konnten jedoch nichts erkennen, denn die benachbarten Mietsh�user versperrten ihnen die Sicht. Also begaben sie sich ins n�chsth�here Stockwerk, von dem aus sie einen besseren Blick auf den Kessel hatten.</p><p>Nedjo und Godfrey waren vor Jackon an dem Fenster, das zu klein war, als dass drei Leute hindurchschauen konnten. �Lasst mich auch�, sagte er. Als sie nicht reagierten, zw�ngte er sich zwischen sie.</p><p>Er konnte nicht fassen, was er sah. Der Kessel war vollkommen verw�stet. Was sie in den letzten Minuten erlebt hatten, war nichts verglichen damit, was sich im industriellen Zentrum der Stadt abgespielt haben musste. Das Erdbeben war mit vernichtender Urgewalt hineingefahren. Kaum ein Stein stand noch auf dem anderen. H�user, Manufakturen, Fabriken waren bis auf die Grundmauern zusammengest�rzt, hatten Menschen und Maschinen unter sich begraben. �berall stieg Rauch auf. Der Wind trug Schreie voller Schmerz und Verzweiflung �ber die Ruinen.</p><p>Doch so schrecklich die Zerst�rung auch war, es gab etwas, das Jackon noch viel mehr entsetzte: In der Stadt klaffte eine Erdspalte. Sie musste zahllose Geb�ude verschlungen haben. Gezackt verlief sie durch den Kessel, ein gewaltiger Halbmond, der n�rdlich der Alten Festung begann und bis zum Rodis reichte. Sch�umend st�rzte das Flusswasser in die Tiefe und riss Boote und Geb�udeteile mit.</p><p>Jackon stockte der Atem. Das konnte nicht sein. So etwas war einfach nicht m�glich.</p><p>�Da! Seht ihr das?�, stie� Nedjo hervor. �Tessarion sei uns gn�dig!�</p><p>Er deutete auf den Riss. Etwas bewegte sich in der Finsternis.</p><p>Gesch�pfe mit schwarzen Schwingen stiegen aus der Tiefe empor.</p><empty-line/></section></section><section><title><p>TEIL II</p><empty-line/><p><emphasis>Yaro D'ar</emphasis></p></title><section><title><p>21</p><empty-line/><p><emphasis>Der Abgrund</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>L</strong>iam sprang hoch, griff nach einer Eisenspitze und wollte sich hinaufziehen, als die Mauer pl�tzlich anfing zu wackeln. Vor Schreck verlor er den Halt und fiel auf den R�cken.</p><p>Was, bei allen D�monen, war das?</p><p>Aus dem Wald drang das Bersten von Holz und Wurzelwerk. Die Baumwipfel schwankten, als zerrten Sturmb�en an ihnen.</p><p>�Liam, beeil dich!�, schrie Vivana auf der anderen Seite der Mauer. �Da kommen Umbra und Amander!�</p><p>Er schnellte auf die F��e und versuchte erneut, an der Mauer emporzuklettern. Allerdings hatte er nicht bedacht, dass der Garten einen Fu� tiefer lag als der Wald und die Mauer somit innen h�her als au�en war. Ohne Hilfe w�rde es sehr schwer werden, sie zu erklimmen.</p><p>Hektisch blickte er sich nach Lucien um. Der Alb lie� nicht zu, dass Corvas sich von seinem Angriff erholte, sondern versetzte seinem Gegner einen harten Schlag ins Gesicht, bevor er herumwirbelte und auf Liam zugelaufen kam.</p><p>�Liam! Lucien! Hier r�ber!�, rief Quindal. Er stand an einer Stelle, wo das Mauerwerk br�chig wirkte, ballte seine mechanische Hand zur Faust und schlug zu. Mit �bermenschlicher Kraft zerschmetterte er das Gestein, ein zweiter Schlag schuf eine Spalte, ein dritter vergr��erte die Bresche.</p><p>Liam rannte zu ihm und fiel beinahe hin, als sich der Boden unter ihm hob und senkte. Im n�chsten Moment war es schon wieder vorbei. Ein Erdbeben! Er konnte es nicht fassen. Erdbeben gab es in Karst und in Torle. Aber doch nicht hier, in Bradost!</p><p>�Du zuerst�, sagte Quindal.</p><p>Liam quetschte sich durch die Mauerspalte, gefolgt von Lucien und dem Erfinder. Auf der anderen Seite erwartete sie Vivana. �Da entlang!�, schrie Lucien. Sie rannten los, weg von dem Garten, aber nicht in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Ein Schuss donnerte. Liam zog unwillk�rlich den Kopf ein und warf einen Blick �ber die Schulter. Irgendwo hinter ihnen im Unterholz sah er zwei Gestalten, die ihnen mit gez�ckten Pistolen nachrannten.</p><p>�Wie haben sie uns gefunden?�, fragte er atemlos, w�hrend er durch den Wald hetzte, sich unter �sten duckte und �ber Baumwurzeln sprang.</p><p>�Corvas' Kr�hen vermutlich�, erwiderte Lucien, bevor er abrupt stehen blieb. Vor ihm fiel krachend ein armdicker Ast zu Boden.</p><p>Der ganze Wald knarrte und st�hnte. Neue Ersch�tterungen lie�en den Boden zittern. Sie waren nicht so stark, dass die Erde aufriss, aber stark genug, dass all das tote Holz, das die Herbstst�rme abgerissen hatten, nun aus den Baumwipfeln gesch�ttelt wurde. �berall regnete es �ste, manche so dick, dass sie einen erschlagen konnten. Der Wald war zu einer Todesfalle geworden. Aber nicht nur f�r sie, auch f�r ihre Verfolger. Liam konnte Umbra und Amander nicht mehr sehen. Offenbar hatte das herabfallende Holz ihnen den Weg abgeschnitten oder sie gezwungen, Deckung zu suchen.</p><p>Das Erdbeben war ihre Chance! Vielleicht half es ihnen, zu entkommen.</p><p>W�hrend sie darauf warteten, dass der Boden zur Ruhe kam, lud Quindal seine Pistole nach. Der Erfinder zitterte und versch�ttete das Schwarzpulver, bis es ihm endlich gelang. Liam konnte es ihm nicht verdenken. Erst die Bleichen M�nner, dann das pl�tzliche Auftauchen von Corvas, und jetzt auch noch das Erdbeben � das war einfach zu viel f�r ihn, zu viel f�r sie alle.</p><p>�Weiter!�, dr�ngte Lucien, als das Beben nachlie�, und sie hasteten geduckt unter den niedrigen �sten hindurch.</p><p>Sie rannten �ber eine kleine Lichtung, auf der sich mehrere morsche Baumst�mme auft�rmten. �Achtung, da oben!�, rief Vivana und deutete auf eine Kr�he, die zwischen den Wipfeln erschien.</p><p>�Diesmal krieg ich dich, du Hurensohn�, knurrte ihr Vater und schoss. Die Kugel verfehlte ihr Ziel und zerfetzte einen Ast. Die Kr�he verschwand zwischen den Baumwipfeln. Quindal wollte noch einmal auf sie anlegen, doch Vivana ergriff seine Hand und zog ihn mit sich.</p><p>Ihr Weg f�hrte nun hangabw�rts. Das Erdbeben schien aufgeh�rt zu haben, und ihre Verfolger holten auf. F�r einen fl�chtigen Moment konnte Liam Umbra im Bl�ttergewirr erkennen. �Amander, hier dr�ben�, br�llte sie und legte mit der Pistole an. Ein Schuss peitschte durch das Unterholz und schlug so dicht neben Liam in einen Baumstamm ein, dass er von einem Hagel aus Holzsplittern getroffen wurde. Gleichzeitig begannen sich die Schatten der �ste zu bewegen, belebt von Umbras unheimlichen Kr�ften, gewannen Festigkeit und griffen nach ihm wie Tentakel aus rauchiger Dunkelheit.</p><p>Liam duckte sich darunter hindurch und lief schnell weiter. Zu seiner Linken glaubte er, eine Gestalt n�her kommen zu sehen. �Passt auf, da ist Amander!�</p><p>Lucien hatte den Leibw�chter auch gesehen, schlug einen Haken und �nderte seine Richtung. Liam und die anderen hefteten sich an seine Fersen. Auf ihrer Hast den Hang hinab mussten sie immer wieder zuckenden Schatten ausweichen, die versuchten, sie zu packen und zu Fall zu bringen.</p><p>Kurz darauf lichtete sich der Wald. Vor ihnen lag der Norden von Scotia mit seinem Gassenlabyrinth, das sich vom Waldrand bis zum Ufer des Rodis erstreckte. Liam bemerkte, dass das Erdbeben zahlreiche Geb�ude in Mitleidenschaft gezogen hatte, besonders die h�heren. Einige waren eingest�rzt, viele schwer besch�digt.</p><p>Pl�tzlich bebte die Erde abermals. W�hrend Liam und seine Gef�hrten die Richtung zur Stadt einschlugen, erzitterte der Boden unter mehreren leichten St��en.</p><p>�In die Gassen!�, sagte Lucien. �Dort versuchen wir, sie abzuh�ngen.�</p><p>Zwischen dem Waldrand und der ersten H�userzeile befanden sich kleine G�rten, die terrassenartig am Hang angelegt waren. Sie folgten der Treppe zwischen den Grundst�cken und nahmen mit jedem Schritt mehrere Stufen auf einmal. Aus den Augenwinkeln sah Liam Umbra und Amander aus dem Wald kommen. Umbra deutete auf sie und rief etwas, woraufhin ihr Kumpan zu ihr gelaufen kam. Sie packte ihn unsanft am Arm, wich zur�ck in den Schatten � und verschwand.</p><p>Liam blieb ruckartig stehen, als ihm klar wurde, was sie vorhatte. �Vorsicht!�, schrie er. Im gleichen Moment erschienen Umbra und Amander in der Gasse, auf die seine Gef�hrten zuliefen.</p><p>Quindal schoss, und die beiden Leibw�chter suchten Deckung hinter einem Mauervorsprung. Das verschaffte den Gef�hrten genug Zeit, um zur benachbarten Gasse zu laufen.</p><p>Die Hatz durch den Wald und die G�rten hatte Liam so sehr ersch�pft, dass jeder Atemzug wie Feuer in seinen Lungen brannte. Er sp�rte, wie ihn allm�hlich die Kr�fte verlie�en. Seinen Freunden ging es �hnlich. Quindal war knallrot im Gesicht, und Vivana klebten schwei�feuchte Haarstr�hnen an Wangen und Hals. Lange w�rden sie dieses Tempo nicht mehr durchhalten.</p><p><emphasis>Nur noch ein paar H�userblocks,</emphasis> dachte Liam. Wenn sie erst in den Gassen waren, mit all dem Durcheinander und den vielen Menschen, konnten sie ihre Verfolger vielleicht absch�tteln.</p><p>Lucien war der Einzige, der keinerlei Anzeichen von Erm�dung erkennen lie�. Leichtf��ig rannte er voraus. Aus weiter Ferne h�rte Liam ein Grollen, und pl�tzlich war ihm, als hebe sich das Pflaster empor. Er stolperte und prallte gegen die Hauswand. Ziegel rutschten von den Dachschr�gen und zersplitterten auf dem Boden.</p><p>Gleichzeitig bemerkte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Er wirbelte herum und sah Corvas, der sich wenige Schritt von ihm entfernt, am Eingang der Gasse, in Menschengestalt zur�ckverwandelte. Der Boden bebte noch immer. Liam ruderte mit den Armen und fiel auf sein Hinterteil. Corvas kam mit flatterndem Mantel auf ihn zu.</p><p>Liam wusste, dass er es nicht mehr rechtzeitig schaffen w�rde aufzustehen, bevor der Bleiche bei ihm war. Hinter ihm rief jemand seinen Namen, und er sah Vivana zu ihm st�rzen. Hastig riss er seine doppell�ufige Pistole aus dem G�rtel und dr�ckte ab. Nichts geschah. Er hatte bereits beide Kugeln im Spiegelsaal der Bleichen M�nner verschossen und seither keine Zeit gefunden, sie nachzuladen.</p><p>Verdammte Pistolen! Brachten ihm nichts als Pech.</p><p>Er schleuderte Corvas die Waffe entgegen, zwang den Bleichen, den Kopf einzuziehen, und federte hoch. Wieder erzitterte die Erde. Ein Knirschen erklang. Liam sah nach oben, w�hrend er zur�cktaumelte. Im Mauerwerk des Hauses zu seiner Rechten hatten sich tiefe Risse gebildet. Das Eckt�rmchen sackte nach unten weg und kippte in die Gasse.</p><p>In diesem Moment packte Vivana seinen Arm und zog ihn nach hinten. Keinen Wimpernschlag sp�ter fiel das T�rmchen an der Stelle, wo er eben noch gestanden hatte, mit einem lauten Krachen zu Boden und zerbarst. Corvas sprang zur�ck und verschwand in einer Wolke aus Staub. Hand in Hand rannten Liam und Vivana ihren Gef�hrten nach.</p><p>Kurz darauf befanden sie sich mitten in Scotia. �berall Panik, Verzweiflung, weinende Menschen. Schutt und Tr�mmer bedeckten die Stra�en. Wie durch ein Wunder gelang es Liam, seine Freunde nicht aus den Augen zu verlieren.</p><p>�Schnell, da hinein�, sagte Lucien und dirigierte sie zu einer offenen T�r. Rasch betrachtete Liam die Fassade des Hauses, bevor er dem Alb folgte. Eine Taverne. Sie sah einigerma�en intakt aus, trotzdem war ihm nicht wohl bei dem Gedanken, im Innern eines Geb�udes Zuflucht zu suchen. Mehrere H�user in der Nachbarschaft waren eingest�rzt.</p><p>�Was ist mit dem Erdbeben?�</p><p>�Ich glaube, es hat aufgeh�rt. Kopf runter!�</p><p>Sie duckten sich unter dem vorderen Fenster des Schankraums. Vorsichtig sp�hte Liam hinaus und erblickte einen staubbedeckten Corvas, der auf der Stra�e mit Umbra und Amander zusammentraf. Die drei br�llten sich an und gestikulierten wild und liefen schlie�lich die Stra�e hinunter.</p><p>Liam schloss die Augen und lie� seinen Kopf gegen die Wand sinken. Sie hatten es geschafft. Sie waren in Sicherheit.</p><p>Vivana, Quindal und er waren so au�er Atem, dass sie eine ganze Weile nicht sprachen. Liam betrachtete die Verw�stung drau�en. Erst jetzt begriff er, was in der vergangenen halben Stunde geschehen war: Eine Katastrophe unvorstellbaren Ausma�es war �ber Scotia hereingebrochen, wahrscheinlich sogar �ber ganz Bradost. Vermutlich hatten unz�hlige Menschen ihr Leben verloren und noch viel mehr all ihr Hab und Gut. Liam biss sich auf die Lippen. Als ob die Leute nicht schon genug gelitten h�tten...</p><p>Seine Gef�hrten schienen �hnliche Gedanken zu hegen, ihren Mienen nach zu schlie�en. �Ein Erdbeben.� Quindal sch�ttelte fassungslos den Kopf. �Das hat es in Bradost noch nie gegeben. In den ganzen zweitausend Jahren seiner Geschichte nicht.�</p><p>�Das war kein normales Erdbeben�, sagte Lucien.</p><p>�Nicht?�, fragte Liam. �Was dann?�</p><p>Der Alb gab keine Antwort. Er stand auf. �Kommt. Wir m�ssen zum Versteck und herausfinden, ob die anderen wohlauf sind.�</p><p>M�de machten sie sich auf den Weg. Lucien bestand darauf, dass sie aus Sicherheitsgr�nden zur alten Brauerei zur�ckkehrten, wo sie die Katakomben verlassen hatten. Als sie dort ankamen, stellte sich jedoch heraus, dass der Tunnel nicht mehr begehbar war � das uralte Mauerwerk war nach knapp hundert Schritt eingest�rzt. Also blieb ihnen nichts anderes �brig, als Scotia oberirdisch zu durchqueren. Liam f�rchtete, Corvas und seine Kumpane k�nnten sie entdecken, doch von den drei Leibw�chtern war weit und breit nichts zu sehen. Auch Kr�hen zeigten sich keine. Anscheinend hatte das Erdbeben Corvas' gefl�gelte Spione verjagt.</p><p>Sie gingen am Flussufer entlang. Die Chim�renbr�cke hatte die Katastrophe wundersamerweise ohne einen Kratzer �berstanden. Sie war voller Menschen � Fl�chtlinge aus dem Kessel, wo das Beben am schlimmsten gew�tet hatte. Die Gef�hrten k�mpften sich durch die Menge. Auf der anderen Seite des Flusses bot sich ihnen ein Bild vollkommener Zerst�rung. Der Magistratspalast stand noch, aber die Alte Festung auf dem H�gel war zum gr��ten Teil eingest�rzt. Dasselbe galt f�r die meisten H�user und Anwesen an der Kupferstra�e.</p><p>Von der Alten Pumpstation aus, der Herzkammer, versuchten sie, in die Kan�le zu gelangen, doch auch hier waren viele der Tunnel eingest�rzt oder so schwer besch�digt, dass es zu gef�hrlich war, sie zu betreten. Als sie gerade umkehren wollten, verschwand Lucien pl�tzlich in einem Nebengang. �Kommt her�, rief er.</p><p>Liam folgte ihm � und traute seinen Augen nicht. Der Tunnel brach nach wenigen Schritten ab und �ffnete sich in einen Abgrund. Der Alb stand reglos da, eine Hand an der Wand, das Haar wehte im Luftzug.</p><p>Langsam trat Liam neben ihn. Vor ihnen klaffte eine gewaltige Erdspalte. Abgerissene Rohre ragten wie Wurzelwerk aus den Felsw�nden, hier und da waren die �berreste von Kellern und Katakomben zu sehen. Aus Kan�len, die im Nichts endeten, st�rzte Wasser. Zu seiner Rechten erblickte Liam einen tosenden Wasserfall: der Rodis, der in den Abgrund str�mte. Und auf der anderen Seite, wenige Schritt �ber ihnen: die Ruinen von Manufakturen und Fabriken. Manche Geb�ude hingen, von Strahltr�gern zusammengehalten, teilweise in der Luft; gelegentlich brachen Teile ab und fielen in die Tiefe. �berall stiegen Rauch und Aetherdampf von zerschmetterten Maschinen auf und vermischten sich mit den Staubschwaden, die �ber der Stadt lagen.</p><p>�Meine Werkstatt�, �chzte Quindal. Liam folgte dem Blick des Erfinders zum Rand der Spalte und entdeckte das vertraute Geb�ude � oder was davon �brig war. Nur noch ein Nebengeb�ude stand. Die beiden Hallen hatte die Spalte verschluckt.</p><p>�Da�, sagte Lucien und deutete auf einen Punkt in der Tiefe.</p><p>Liam machte einen Schritt nach vorne und f�hlte namenloses Entsetzen in sich aufsteigen. Aus der Dunkelheit am Grund der Spalte, viele hundert Fu� unter ihm, krochen Wesen herauf. Flink kletterten sie an den zerkl�fteten Felsw�nden empor, gro�e und kleine, menschen�hnliche und ganz und gar bizarre mit viel zu vielen Gliedma�en und deformierten Leibern.</p><p>�D�monen�, fl�sterte er.</p><p>�Ja. Die Mauern des Pand�moniums sind aufgebrochen. Sie dringen in unsere Welt ein.�</p><p>Der Anblick �bte eine morbide Faszination auf Liam aus. Er hatte gedacht, er w�re dem Grauen des Pand�moniums f�r immer entronnen, doch nun holte es ihn unversehens ein. Nur mit M�he konnte er sich abwenden, als Lucien, Vivana und Quindal zur�ckgingen.</p><p>Die Erdspalte zwang sie zu einem Umweg. Von der Herzkammer aus folgten sie der Kupferstra�e nach Norden, wandten sich auf der H�he der alten Gie�erei nach Osten und durchquerten den Kessel. Es war eine beschwerliche Wanderung. Viele Stra�en waren wegen der Tr�mmer kaum passierbar. Au�erdem w�teten in den Ruinen Feuersbr�nste, und �berall wimmelte es von verzweifelten und verletzten Menschen, die sie um Hilfe anflehten. Gefl�gelte Rabend�monen, riesige Verschlinger, kreisten �ber der Glocke aus Rauch und Staub und machten Jagd auf die Fl�chtlinge. Es war eine apokalyptische Szenerie, die sich Liam darbot � und dabei war das erst der Anfang. Bald schon w�rden ganze Legionen von D�monen aus dem Abgrund heraufkriechen, und was Bradost dann bevorstand, wagte er sich nicht vorzustellen.</p><p>Stunden nach ihrer Flucht aus dem Waldst�ck sahen sie den Wasserturm �ber den D�chern aufragen. Voller Erleichterung stellte Liam fest, dass er weitgehend unbesch�digt war.</p><p>Vielleicht hatte das Erdbeben ihr Versteck verschont, sodass Jackon, Godfrey, Nedjo und Ruac mit einem Schrecken davongekommen waren.</p><p>Da auch die Grambeuge stark zerst�rt war, versuchten sie gar nicht erst, durch die Kan�le zu ihrem Unterschlupf zu gelangen. Sie eilten die Stra�e entlang und sahen schon von Weitem, dass die T�r des Wasserturms offen stand.</p><p>�Sieht so aus, als w�ren sie vor dem Erdbeben geflohen�, bemerkte Liam.</p><p>�Oder Corvas' Leute haben sie �berfallen�, erwiderte Lucien d�ster.</p><p>�Du meinst, sie haben das Versteck gefunden?�</p><p>��berraschen w�rde mich das nicht. Uns haben sie ja auch aufgesp�rt.�</p><p>Sie betraten den Wasserturm und stiegen in den Keller hinab. Es war dunkel. Quindal holte die Lampe aus seinem Rucksack und z�ndete sie an. Auf der Treppe fand Liam Blutspuren, einen S�bel und eine geladene Pistole von der Art, wie die Geheimpolizei sie benutzte. Nun gab es keinen Zweifel mehr, was hier geschehen war: Corvas' M�nner waren in das Versteck eingedrungen und hatten ihre Gef�hrten festgenommen.</p><p>Neue Verzweiflung �berkam Liam. Nahmen denn die Schrecken nie ein Ende?</p><p>Pl�tzlich bemerkte er am Rand des Lichtscheins einen K�rper. Er sprang von der Treppe und rannte in eine Ecke der Kammer, wo ein Soldat der Geheimpolizei lag. An seinem Arm und der Schulter klafften schwere Verletzungen. Er war tot. Verblutet.</p><p>�Das war Ruac�, sagte Vivana, als sie die Wunden des Mannes untersuchte. �Hier, siehst du? Bissverletzungen.�</p><p>�Wie lange ist er schon tot?�</p><p>�Er ist noch warm. Ein paar Minuten vielleicht.�</p><p>Liam runzelte die Stirn. Das Blut auf der Treppe war bereits getrocknet. Es musste also schon eine Weile her sein, dass die Geheimpolizisten das Versteck verlassen hatten. �Aber wenn er eben noch gelebt hat, wieso haben seine Kameraden ihn zur�ckgelassen?�</p><p>�Vielleicht sind sie vor dem Erdbeben geflohen�, sagte Lucien. Er durchsuchte die anderen R�ume und kam zur�ck. �Der Zugangstunnel ist eingest�rzt, aber davon abgesehen ist der Keller intakt.�</p><p>�Irgendeine Spur von den anderen?�, erkundigte sich Quindal.</p><p>�Leider nicht.�</p><p>�Was machen wir jetzt?�, fragte Liam niedergeschlagen.</p><p>�Zuerst einmal sollten wir zusehen, dass wir von hier verschwinden�, antwortete Lucien. �Wenn ich Corvas w�re, w�rde ich hier nach uns suchen.�</p><p>Just in diesem Moment h�rte Liam von der T�r zum Wasserturm ein Ger�usch und fuhr herum. Ein ihm wohl bekannter Lindwurm streckte seine Schnauze herein und schoss die Stufen hinab.</p><p>�Ruac!�, rief Vivana und dr�ckte das Gesch�pf an sich. Ruacs Flanken verstr�mten behagliche W�rme.</p><p>Kurz darauf tauchten auch Jackon, Nedjo und Godfrey auf. �Tessarion sei Dank, ihr lebt!�, schrie der Rothaarige, w�hrend er die Treppe hinunterst�rmte. �Wir haben schon gedacht, die Bleichen M�nner h�tten euch erwischt oder ihr w�rt versch�ttet worden. Wo wart ihr denn so lange?� Er umarmte Liam.</p><p>Anschlie�end erz�hlte Liam, was geschehen war: von ihrer Begegnung mit den Bleichen M�nnern, ihrer Flucht vor den Leibw�chtern, dem Erdbeben. �Im Kessel ist die Erde aufgerissen, und wir mussten einen Riesenumweg machen�, schloss er. �Sonst w�ren wir schon viel fr�her hier gewesen.�</p><p>�Habt ihr den Riss gesehen?�, wandte sich Lucien an Nedjo und Godfrey.</p><p>Der Manusch nickte d�ster. �Und wir haben auch gesehen, was da herauskriecht.�</p><p>�Wie konntet ihr der Geheimpolizei entkommen?�, fragte Liam.</p><p>�Ruac hat sie in die Flucht geschlagen, als sie hier eingedrungen sind�, berichtete Jackon. �Ich glaube, er hat sie durch das ganze Viertel gejagt. Jedenfalls sind sie nicht wieder aufgetaucht.�</p><p>Vivana streichelte Ruac �ber den Kopf. �Wo seid ihr eben gewesen?�</p><p>�Wir sind vor dem Erdbeben auf den H�gel geflohen. Als es vorbei war, sind wir zur�ckgegangen. Wir hatten Angst, euch in dem Durcheinander zu verlieren, und dachten uns, dass ihr fr�her oder sp�ter zum Wasserturm kommen werdet. Nedjo hielt es f�r kl�ger, dass wir uns auf der anderen Stra�enseite verstecken und abwarten, was passiert. Dort ist eine Ruine, von der aus man den Turm beobachten kann. Das haben wir gemacht � bis Ruac euch gewittert hat.�</p><p>Alle waren einverstanden mit Luciens Vorschlag, das Versteck zu verlassen, und sie sammelten ihre Habseligkeiten und die restlichen Vorr�te ein. Liam war froh, wieder mit seinen Freunden vereint zu sein. Das linderte die Verzweiflung, die er angesichts all des Grauens empfand, wenigstens ein bisschen.</p><p>Ein paar Minuten sp�ter waren sie abmarschbereit.</p><p>�Wir haben noch nicht gekl�rt, wohin wir gehen�, sagte Quindal.</p><p>�Am besten nach S�den, zum Hafenviertel�, schlug Liam vor. �Das ist weit genug weg vom Riss und den D�monen. Vielleicht nimmt Vorod Khoroj uns auf.�</p><p>�Gute Idee�, sagte Vivana. �In Vorods Haus sind wir vermutlich sicherer als sonst irgendwo in der Stadt. Was meinst du, Paps?�</p><p>�Fragen wir ihn einfach�, erwiderte der Wissenschaftler. �Schlie�lich hat er uns seine Hilfe angeboten.�</p><p>Sie schulterten ihr Gep�ck und machten sich auf den Weg. Als sie drau�en die Stra�e �berquerten, fiel Liam auf, dass einer von ihnen fehlte. �Wartet mal�, sagte er. �Wo ist Godfrey?�</p><p>Die Gef�hrten wandten sich zum Wasserturm um. Der Aethermann erschien in der T�r und schloss im Laufschritt zu ihnen auf.</p><p>�Da ist er doch�, sagte Lucien ungeduldig. �Kommt jetzt. Je eher wir bei eurem Freund sind, desto besser.�</p><empty-line/></section><section><title><p>22</p><empty-line/><p><emphasis>Ein fragw�rdiger Befehl</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>�B</strong>itte, Herr, hilf uns�, flehte die dicke Frau. �Mein Mann liegt unter den Tr�mmern. Und meine Schwester. Bitte, bei der Gnade Tessarions...� Tr�nen str�mten ihr �ber die Wangen.</p><p>Amander sch�ttelte ihre H�nde ab. �Verschwinde, du Abschaum�, knurrte er und klopfte sich mit finsterer Miene den Staub vom �rmel, w�hrend er zu Umbra stapfte. �Was machen wir jetzt?�</p><p>�Du hast Corvas doch geh�rt. Wir sollen hier warten.�</p><p>�Und die Verr�ter? Lassen wir sie einfach laufen?�</p><p>�Vergiss die Verr�ter. In diesem Chaos finden wir sie nie.�</p><p>Amander murmelte einen Fluch, setzte sich auf einen Tr�mmerbrocken und lud seine Pistole nach. Umbra blickte die verw�stete Hauptstra�e von Scotia hinunter und presste die Lippen aufeinander.</p><p>Ein Erdbeben in ihrer Heimatstadt. Unfassbar.</p><p>Eine Kr�he durchbrach die Staubschwaden, die zwischen den H�usern hingen.</p><p>�Da ist er.�</p><p>Amander und sie eilten zur Gasse, in der die Kr�he verschwunden war. Aus den Schatten kam ihnen Corvas entgegen, in Menschengestalt. Er zupfte sein schwarzes Wams zurecht.</p><p>�Wie schlimm ist es?�, erkundigte sich Umbra.</p><p>�Der Kessel ist v�llig zerst�rt. Auch die Grambeuge und der S�den der Altstadt sind betroffen. Zwischen der Kupferstra�e und dem Fluss ist eine Erdspalte aufgerissen.� Der Bleiche z�gerte kaum merklich. �Wesen klettern darin empor. Ich f�rchte, es sind D�monen.�</p><p>Umbra blinzelte. �Hast du gerade <emphasis>D�monen</emphasis> gesagt?�</p><p>�Bring uns zum Palast�, sagte Corvas.</p><p>Umbra schwirrte der Kopf, und sie brauchte einige Minuten, bis es ihr gelang, ihre Kr�fte zu sammeln und im Schatten der Gasse ein Portal zu �ffnen. Im Palastgarten, im Eingang des Heckenlabyrinths, verlie�en sie den Tunnel. Umbra trat durch den Torbogen in der gr�nen Wand und blickte zum Anwesen auf. Zu ihrer grenzenlosen Erleichterung war es unversehrt. Auf einem Balkon am Ostfl�gel standen Cedric und die anderen Bediensteten und gafften Richtung Kessel.</p><p>�Wo ist die Herrin?�, rief Umbra zu ihnen hinauf.</p><p>�Ich glaube, in ihrem Labor�, antwortete Cedric.</p><p>�Du glaubst? Habt ihr Trottel es nicht f�r n�tig gehalten, nach ihr zu sehen?�</p><p>�Uns ist es doch verboten...�</p><p>Umbra vergeudete keine Zeit damit, sich Cedrics Ausfl�chte anzuh�ren. Sie �ffnete ein neues Tor und betrat kurz darauf mit Corvas und Amander die Glash�hlen. Bei�ende D�mpfe waberten durch die Tunnel. Von Lady Sarka keine Spur.</p><p>Wachsende Besorgnis erf�llte Umbra, als sie den Palast nach ihr absuchten. Schlie�lich fanden sie die Herrin in einem Erkert�rmchen in der N�he ihrer Gem�cher. Sie schien unverletzt zu sein. Umbra atmete auf.</p><p>Lady Sarka stand vollkommen reglos am Fenster, in ihren Schutzanzug gekleidet. Sie schien ihre Leibw�chter nicht zu bemerken, nicht einmal dann, als Umbra neben sie trat. Stumm betrachtete sie das Bild der Verw�stung, das der Kessel bot.</p><p>Nun sah es auch Umbra. Feuer, Rauch und eine Spalte, die wie eine gewaltige Wunde im Fundament der Stadt klaffte. Und am Himmel... gefl�gelte Schatten, die �ber den Ruinen kreisten. V�gel? Nein. Viel zu gro� f�r V�gel.</p><p>Ihr Mund wurde trocken. <emphasis>Das kann nicht sein. Das ist einfach nicht m�glich.</emphasis></p><p>�Habt ihr die Verr�ter gefasst?�, fragte die Herrin unvermittelt.</p><p>�Wir mussten die Suche abbrechen, als das Erdbeben angefangen hat�, antwortete Umbra. �Wir wollten uns vergewissern, dass Euch nichts zugesto�en ist.�</p><p>Lady Sarkas Blick glitt zu dem Tr�mmerfeld im Herzen der Stadt zur�ck. Ihre Miene glich einer Maske aus Porzellan.</p><p>�Diese Wesen�, begann Umbra. �Sind das wirklich...�</p><p>�Ja. D�monen. Ungeheuer aus dem Pand�monium. Tief unter der Stadt ist ein Tor aufgebrochen.�</p><p>�Wie konnte das geschehen?�</p><p>Die Herrin gab keine Antwort. Sie wandte sich vom Fenster ab, und pl�tzlich war ihre Stimme voller Sch�rfe.</p><p>�Ich werde nicht zulassen, dass meine Stadt zerst�rt wird. Ruft alle verf�gbaren Soldaten zusammen. Sie sollen die D�monen in das H�llenloch zur�cktreiben, aus dem sie gekrochen sind.�</p><p>Corvas trat vor. �Ich f�rchte, das ist nicht so einfach, Lordkanzlerin. Die Garnison der Alten Festung d�rfte kaum noch einsatzf�hig sein, und die Regimenter, die au�erhalb der Stadt liegen, werden...�</p><p>�Du hast meinen Befehl geh�rt, Corvas.�</p><p>Der Bleiche neigte andeutungsweise den Kopf. �Gewiss, Herrin.�</p><p>�Amander, du wirst das Kommando �bernehmen. Die Soldaten sollen den Kessel abriegeln. Kein D�mon darf ihn verlassen. Kein einziger, verstanden? Was ist los, Umbra? Missf�llt dir meine Anordnung?�</p><p>�Bei allem Respekt, Herrin, aber in der Vergangenheit hat es sich bew�hrt, dass Corvas und ich milit�rische Eins�tze leiten.�</p><p>�Seit wann verteilen wir Aufgaben nach pers�nlichen Vorlieben? Amander macht das. Ihr beide sucht weiter nach den Verr�tern!�</p><p>Dass Amander die Regimenter anf�hrte, konnte Umbra gerade noch akzeptieren. Aber dieser Befehl war schlichtweg absurd. Sie r�usperte sich und sagte z�gernd: �W�re es nicht besser, wir w�rden all unsere Kr�fte darauf konzentrieren, die D�monen zur�ckzuschlagen? Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, ist schlie�lich ungleich gr��er als die Bedrohung durch ein paar...�</p><p>�Ach ja, meinst du?�, fiel Lady Sarka ihr ins Wort. �Darf ich dich daran erinnern, dass Quindal und seine Bande danach trachten, mich zu vernichten? Du magst das ja f�r nebens�chlich halten, aber ich h�nge sehr an meinem Leben. Ihr benachrichtigt die Regimenter, und anschlie�end bringt ihr mir die Verr�ter. War das jetzt verst�ndlich genug? Oder soll ich es noch einmal wiederholen?�</p><p>Umbra wusste, wann es kl�ger war einzulenken. �Nicht n�tig, Herrin. Eure Befehle sind klar und eindeutig.� Sie verneigte sich dem�tig.</p><p>�Das freut mich zu h�ren�, erwiderte Lady Sarka bei�end. Sie klatschte zweimal in die H�nde. �Worauf wartet ihr? An die Arbeit, na los.�</p><p>Umbra �ffnete ein Schattentor. Bevor sie hindurchtrat, sah sie noch, dass die Herrin wieder den verw�steten Kessel betrachtete � und einen Moment lang zeigte sich in dem makellosen Gesicht eine ganz und gar untypische Regung.</p><p>Schuldgef�hle?</p><empty-line/></section><section><title><p>23</p><empty-line/><p><emphasis>Fluchtpl�ne</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>�S</strong>ieht so aus, als h�tte die halbe Grambeuge die gleiche Idee gehabt wie wir�, sagte Liam. Menschenmassen dr�ngten sich zwischen den Lagerh�usern. Ganze Familien kauerten auf der Stra�e, umgeben von den wenigen Habseligkeiten, die sie in der Eile hatten zusammenraffen k�nnen. Es waren Fl�chtlinge aus dem Rattennest und anderen Vierteln, die an den Kessel grenzten. In Scharen flohen sie vor dem Grauen, das aus dem bodenlosen Abgrund im Stadtzentrum kroch, und str�mten nach S�den. Einige waren auf D�cher und Lastkr�ne geklettert und beobachteten den Abendhimmel und die Stra�en zur Grambeuge, um die Menge warnen zu k�nnen, falls sich D�monen n�herten. Das Hafenviertel schien jedoch sicher zu sein. Zumindest waren so weit s�dlich des Chymischen Weges bis jetzt keine Ungeheuer gesehen worden.</p><p><emphasis>Wahrscheinlich, weil sie in den Ruinen des Kessels f�rs Erste genug Beute finden,</emphasis> dachte Liam d�ster.</p><p>�Bis zu den Kais ist es nicht mehr weit�, sagte Quindal. �Kommt weiter.�</p><p>Die Gef�hrten bahnten sich ihren Weg durch das Chaos. Beim Anblick der vielen Fl�chtlinge musste Liam an all die Menschen denken, die nicht so viel Gl�ck gehabt hatten wie seine Freunde und er � die gerade in einer Manufaktur oder Gie�erei gearbeitet hatten, als die Erde bebte. Vermutlich waren Tausende in die Spalte gest�rzt oder von zusammenbrechenden Mauern zermalmt worden oder lagen eingeklemmt und hilflos unter Tr�mmern. Und das war noch ein gn�diges Los, verglichen mit dem Schicksal, das jenen bevorstand, die in die Klauen der D�monen fielen.</p><p>Erinnerungen stiegen in Liam auf. Titanische Ruinen. Eine pulsierende Burg. Kreischende Horden. Bilder, die er f�r immer vergessen wollte.</p><p>Er schloss die Augen. <emphasis>Nein. Ihr sollt mich in Ruhe lassen. Geht weg.</emphasis></p><p>Jemand ergriff seine Hand. �Alles in Ordnung mit dir?�, fragte Vivana besorgt.</p><p>�Ja�, murmelte er, und die Bilder verblassten. �Es geht schon wieder. Sehen wir zu, dass wir ein Boot auftreiben.�</p><p>Es wurde allm�hlich dunkel, als sie zu den Kais kamen. Kutschen standen kreuz und quer, Leute stritten mit den Matrosen und wedelten mit Geldscheinen. Es handelte sich um wohlhabende B�rger, die die Schiffskapit�ne �berreden wollten, sie aus der Stadt zu bringen. Die Seeleute witterten das gro�e Gesch�ft und lie�en nur die Meistbietenden an Bord.</p><p>�Es ist besser, wenn ich mich erst einmal allein umsehe�, sagte Lucien, der sein Gesicht in der Umhangkapuze verbarg. �Wartet hier.� Der Alb verschwand im Gew�hl.</p><p>Die Freunde setzten sich auf eine Mauer und ruhten sich von dem anstrengenden Marsch aus.</p><p>�Wo steckt eigentlich Ruac?�, fragte Liam Vivana.</p><p>�Er sitzt da dr�ben, auf der stillgelegten Werft.�</p><p>Liam konnte ihn nicht sehen � der Lindwurm war seit ihrem Aufbruch vom Wasserturm unauff�llig. Liam betrachtete das unw�rdige Spektakel, das sich an den Anlegestegen abspielte, und hoffte inst�ndig, dass Ruac nicht auf die Idee kam, sich sichtbar zu machen. Die aufgekratzte Menge w�rde das gefl�gelte Gesch�pf mit Sicherheit f�r einen D�mon halten. Und eine Panik war das Letzte, was sie jetzt brauchten.</p><p>�Ich glaube, ich habe das vorhin nicht ganz kapiert�, sagte Nedjo nach einer Weile. �Ihr wollt also nach Yaro D'ar gehen, einen dreitausend Jahre alten Sterndeuter finden und ihn bitten, den Ph�nix zu befreien?�</p><p>�Die Bleichen M�nner haben gesagt, Mahoor Shembar w�re der Einzige, der den Zauber brechen kann�, erwiderte Vivana.</p><p>�F�r mich klingt das eher wie ein schlechter Witz. Wenn du mich fragst, haben sie euch reingelegt.�</p><p>�Haben sie nicht�, sagte Liam. �Glaub mir. Ich war dabei.�</p><p>�Und was macht dich da so sicher?�</p><p>�Wesen wie sie haben es nicht n�tig zu l�gen.� Liam konnte immer noch die geisterhaften Stimmen h�ren. Stimmen, die bis auf den Grund der Seele drangen.</p><p>Der Manusch rieb sich m�de die Stirn. Die Zuversicht, die er immerzu ausstrahlte, war restlos verschwunden. �Also gut. Nehmen wir an, es gibt diesen Sterndeuter wirklich. Was hat das jetzt noch f�r einen Sinn? Was wir verhindern wollten, ist eingetreten. Die D�monen sind da. Es spielt keine Rolle mehr, ob der Ph�nix zur�ckkehrt oder nicht.�</p><p>�Doch, tut es�, widersprach Vivana. �Bradost braucht seinen W�chter mehr denn je.�</p><p>�Aber kann der Ph�nix etwas gegen die D�monen ausrichten? Kann er die Risse in den Lichtmauern schlie�en?�</p><p>�Er ist eines der m�chtigsten Schattenwesen �berhaupt. Wenn jemand es kann, dann er.�</p><p>�Du bist dir also nicht sicher.�</p><p>�Trotzdem m�ssen wir es versuchen. Es ist unsere einzige Chance.�</p><p>Nedjo verzog den Mund und schwieg.</p><p>�Wo liegt dieses Yaro-Dings, von dem ihr die ganze Zeit redet?�, fragte Jackon.</p><p>Liam starrte den Rothaarigen ungl�ubig an, bis ihm wieder einfiel, dass Jackon noch vor einem halben Jahr ein Schlammtaucher gewesen war. Er hatte nie eine Schule besucht und wusste kaum etwas �ber die Welt jenseits der Stadtgrenzen. �Yaro D'ar�, sagte er. �Es ist ein Land im S�den, auf der anderen Seite des Meeres.�</p><p>�Wie wollen wir dorthin kommen? Mit dem Schiff?�</p><p>�Vorod Khoroj besitzt ein Luftschiff�, antwortete Quindal. �Ich werde ihn bitten, uns hinzubringen.�</p><p>Dar�ber hatte Liam auch schon nachgedacht. �Das ist ziemlich viel verlangt, oder?�</p><p>�Vorod ist kein Dummkopf. Er wird verstehen, dass es wichtig ist. Und so viel verlangt ist es auch wieder nicht. Yaro D'ar ist schlie�lich seine Heimat. Fr�her war er st�ndig dort.�</p><p>Liam wollte gerade seine Wasserflasche aus dem Rucksack holen, als ihm auffiel, dass Godfrey angestrengt die Stra�e hinaufsp�hte. �Ist uns jemand gefolgt?�, fragte er alarmiert.</p><p>Der Aethermann schien ihn erst gar nicht zu h�ren. Dann lehnte er sich zur�ck. �Nein, alles in Ordnung�, sagte er kurz angebunden.</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter kehrte Lucien zur�ck. �Ich habe ein Boot gefunden. Kommt.�</p><p>Sie folgten dem Alb den Kai entlang. Vivana rief nach Ruac, als sie an der Werft vorbeigingen. F�r einen kurzen Moment sp�rte Liam einen Lufthauch im Gesicht. Offenbar zog Ruac es vor zu fliegen, obwohl ihm erst vor ein paar Tagen die Fl�gel gewachsen waren. Er lernte unglaublich schnell.</p><p>Sie erreichten den Teil des Hafens, wo kleinere Boote, haupts�chlich Fischerk�hne, ankerten. Liam sah auf den ersten Blick, dass es sehr schwer werden w�rde, eines zu stehlen. Auch hier waren die Anlegestege voller Menschen.</p><p>Lucien schien jedoch andere Pl�ne zu haben. Im Schutz der Dunkelheit f�hrte er sie zu einem heruntergekommenen Bootshaus, das etwas zur�ckgesetzt von der Kaimauer stand. Die T�r knarrte, als er sie �ffnete. Drinnen war es finster und roch nach Algen, Brackwasser und verfaultem Fisch.</p><p>Es enthielt ein einziges und recht altersschwaches Ruderboot.</p><p>�Ein bisschen klein f�r sieben Leute, oder?�, meinte Quindal.</p><p>�Es muss reichen�, sagte Lucien. �Los, tragen wir es zum Wasser.�</p><p>Liam �ffnete das Tor, von dem aus eine Rampe zum Hafenbecken f�hrte. Anschlie�end half er Lucien, Quindal, Godfrey und Nedjo, das Boot hinauszutragen. Vivana und Jackon folgten ihnen mit den Rudern.</p><p>Niemand nahm Notiz von ihnen, als sie die Nussschale ins Wasser schoben und einstiegen. Es stellte sich heraus, dass sieben Leute hineinpassten � gerade so. Quindal und Nedjo ruderten, w�hrend sich die anderen d�nn machten und versuchten, nicht im Weg zu sein. Obwohl es windstill war, w�hlten Wellen das schwarze Wasser auf. Dass keine zwei Meilen flussaufw�rts gewaltige Wassermassen in die Erdspalte st�rzten, sorgte im Hafenbecken f�r t�ckische Str�mungen, die Quindal und Nedjo alles abverlangten. Mehr als einmal schaukelte das Boot bedrohlich. Reines Gl�ck bewahrte die Gef�hrten vor dem Kentern.</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter tauchte vor ihnen die Steilk�ste am Westufer auf. Etwa hundert Schritt davor ragte eine Klippe wie ein riesiger Rei�zahn aus dem Wasser. Sie umfuhren den Felsen und erblickten Vorod Khorojs Palast.</p><p>Lampen in verschiedenen Farben tauchten das Geb�ude in unwirkliches Licht. Jackon stand vor Staunen der Mund offen. Auch Liam empfand Ehrfurcht beim Anblick der schwimmenden Insel, obwohl er sie schon einmal gesehen hatte. Die gesamte Konstruktion war ein technisches Meisterst�ck, mehr noch: ein Kunstwerk.</p><p>Er blickte zur Landeplattform auf dem Dach und stellte best�rzt fest, dass das Luftschiff nicht da war. Hatte Vorod Khoroj Bradost aus Angst vor den D�monen verlassen?</p><p>Quindal und Nedjo ruderten zum Anlegesteg, wo sie das Boot festmachten. Die Gef�hrten halfen sich gegenseitig beim Aussteigen und gingen die Treppe zum Haus hinauf.</p><p>Bei ihrem letzten Besuch hatten sie hier zwei W�chter in Empfang genommen. Jetzt war von den beiden Bewaffneten nichts zu sehen.</p><p>�Wo ist euer Freund?�, erkundigte sich Lucien.</p><p>�Weg�, sagte Quindal m�rrisch. �Wahrscheinlich schon �ber alle Berge. Ich kann's ihm nicht verdenken.�</p><p>�H�tte er dann nicht die Lampen gel�scht?�, fragte Liam.</p><p>�Vermutlich ist er �berst�rzt geflohen. Dann vergisst man schon mal, das Licht zu l�schen.�</p><p>�Paps, sieh mal da�, rief Vivana.</p><p>Sie deutete auf zwei blinkende Scheinwerfer am Nachthimmel, die sich ihnen n�herten.</p><p>�Das ist er!�, sagte Liam erleichtert.</p><p>Sie warteten, bis Khorojs Luftschiff auf der Plattform gelandet war. Es war so klein und wendig, dass es daf�r keine Bodenmannschaft brauchte. Khoroj lie� etwas Aetherdampf aus den Traggaszellen ab und setzte sanft auf. Kurz darauf stieg der S�dl�nder aus der Gondel, gefolgt von seinen Leibw�chtern, die dieselben sonderbaren R�stungen und muschelartigen Helme wie beim letzten Mal trugen. W�hrend die beiden M�nner das Luftschiff vert�uten, kam Khoroj die Treppe herunter.</p><p>Liam sah auf den ersten Blick, dass er zutiefst ersch�ttert war. �berrascht blickte der S�dl�nder seine Besucher an. �Was machst du denn hier, alter Freund?�, wandte er sich an Quindal.</p><p>�Wir brauchen schon wieder deine Hilfe�, antwortete der Erfinder. �Ich hoffe, wir kommen nicht ungelegen.�</p><p>Khoroj legte eine Hand auf das Treppengel�nder. Er konnte nicht verbergen, dass er zitterte. �Wei�t du, was in der Stadt geschehen ist?�</p><p>�Deswegen sind wir hier.�</p><p>�Ein Abgrund, mitten im Kessel. Und diese Kreaturen... Bei allen Sternen des Himmels, was sind das f�r Wesen?�</p><p>�D�monen.�</p><p>�D�monen�, wiederholte Khoroj mit erstickter Stimme. �Wie ist so etwas m�glich?�</p><p>�Ich glaube, das erkl�rt dir besser Lucien.�</p><p>Der S�dl�nder nickte geistesabwesend. �Gehen wir hinein. Ich muss zuerst etwas trinken. Etwas Starkes.�</p><p>�Wieso halten wir an?�, fragte Umbra.</p><p>Corvas warf einen Blick aus dem Kutschenfenster. �Tr�mmer versperren den Weg. Das sieht ernst aus. Wir gehen besser zu Fu� weiter.�</p><p>Sie stiegen aus. Corvas holte die Spiegelm�nner aus der zweiten Kutsche und befahl den Fahrern, hier zu warten. Dann kletterten er und Umbra �ber die Tr�mmer des eingest�rzten Hauses und gingen mit den sechs Maskierten im Schlepptau die verw�stete Stra�e entlang.</p><p>Umbra fluchte leise. Das hatte man davon, wenn man mit primitiven Fortbewegungsmitteln reiste. Mit einem Schattentor w�ren sie in wenigen Minuten beim Wasserturm gewesen. Leider war es inzwischen so dunkel, dass sie ihre Kr�fte kaum noch einsetzen konnte. Noch eine Viertelstunde, und sie w�rde schwach sein. So schwach wie ein gew�hnlicher Mensch.</p><p>Ein anstrengender Nachmittag lag hinter ihr. Es war nicht damit getan gewesen, Amander bei den Kasernen am Stadtrand abzusetzen und den Kommandanten der Regimenter Lady Sarkas Befehle zu �bermitteln. Die Offiziere hatten nur vage Informationen �ber das Erdbeben gehabt und infolgedessen mit Unglauben und Entsetzen reagiert, als Umbra vom Auftauchen der D�monen berichtete. Corvas und sie mussten zahllose Fragen �ber sich ergehen lassen. All das hatte Zeit gekostet. <emphasis>Zu viel</emphasis> Zeit. Und darum musste Umbra jetzt ohne ihre Kr�fte auf Verschw�rerjagd gehen.</p><p>Die Stra�e f�hrte von Norden in die Grambeuge und war nicht weit vom Kessel entfernt. Ein paar H�userblocks weiter brannte eine Fabrik. Im Flammenschein bewegte sich etwas, ein riesenhafter Rabe, der �ber den Ruinen der Nachbargeb�ude kreiste. Er stie� herab und flog mit einer zappelnden Gestalt im Schnabel zum Nachthimmel hinauf. Trotz der Entfernung sp�rte Umbra die Bosheit, die das Gesch�pf verstr�mte. Pl�tzlich �berkam sie verzehrende Wut. Sie zog ihre Pistole und kniff die Augen zusammen.</p><p>Zu weit weg. <emphasis>Verdammt.</emphasis></p><p>�Wir sind nicht hier, um D�monen zu jagen�, sagte Corvas. �Konzentrier dich auf unseren Auftrag.�</p><p><emphasis>�Konzentrier dich auf unseren Auftrag�,</emphasis> �ffte Umbra ihn leise nach, bevor sie ihre Pistole ins G�rtelholster rammte. �Dich l�sst das alles vielleicht kalt, aber es gibt Leute, denen liegt etwas an unserer Stadt. Verdammter W�rmerfresser!�</p><p>Corvas blieb stehen. �Hast du etwas gesagt?�</p><p>Sie ignorierte ihn und stapfte weiter. Umbra h�tte es niemals zugegeben, aber er hatte richtig gehandelt, sie an ihre Pflicht zu erinnern. Die Ereignisse der vergangenen Stunden hatten sie so tief greifend ersch�ttert, dass sie kaum noch klar denken konnte. Wenn sie sich nicht schleunigst zusammenriss, brachte sie sich noch in Gefahr.</p><p><emphasis>D�monen in Bradost! Was f�r ein Albtraum.</emphasis></p><p>Kurz darauf erreichten sie den Platz mit dem Wasserturm, der wie durch ein Wunder noch stand.</p><p>�Wo sind deine Leute?�, fragte Umbra.</p><p>�Sie haben den Befehl, drinnen zu warten.�</p><p>Sie lie�en die Spiegelm�nner vorausgehen und folgten ihnen mit gez�ckten Pistolen. Eine Treppe f�hrte in einen stockfinsteren Keller hinab. Umbra warf Corvas einen fragenden Blick zu, woraufhin er zwei Maskierten befahl, ihre Lampen zu entz�nden.</p><p>Das Licht kroch �ber Stufen voller Blut. Weiter unten lagen ein S�bel und eine Pistole.</p><p>Kampfspuren.</p><p>Im n�chsten Moment entdeckte Umbra neben der Treppe einen K�rper. Sie dr�ngte sich an den Spiegelm�nnern vorbei und untersuchte ihn. Ein Geheimpolizist. Er war tot. �Die Sache ist wohl nicht so gelaufen, wie du dir gedacht hast.�</p><p>�Suchen wir alles ab�, entgegnete Corvas mit unbewegter Miene.</p><p>Der Keller war vollkommen leer. Umbra forderte einen Spiegelmann auf, ihr seine Lampe zu geben, und sah sich den Tunnel an, der den Wasserturm mit den Kan�len verband. Er war eingest�rzt. Aus dem Schuttberg sickerte das Wasser des Kanals, das sich dahinter staute.</p><p>Umbra r�umte zwei Steine weg und legte einen Arm frei, der aus den Tr�mmern ragte. Noch ein Geheimpolizist.</p><p>Sie konnte nur spekulieren, was sich hier abgespielt hatte. <emphasis>Lucien, Quindal, Quindals Tochter und der junge Satander waren in Scotia, als das Erdbeben anfing. Godfrey, der Manuscb und Jackon haben hier auf sie gewartet. Corvas schickt M�nner zum Wasserturm. Sie vermuten, dass der Turm zwei Zug�nge hat, also teilen sie sich auf. Eine Gruppe geht durch die Kan�le und wird versch�ttet. Die andere dringt durch den Turm ein. Es gibt einen Kampf � und dann? Wie schaffen es zwei M�nner und ein Junge, einen ganzen Trupp von Geheimpolizisten zu �berw�ltigen?</emphasis></p><p>Umbra dachte an den Toten, der im Keller lag. Seine Verletzungen stammten nicht von einer Waffe. Sein Arm war regelrecht <emphasis>zerfleischt</emphasis> worden.</p><p><emphasis>Das Monster, das die Soldaten im Ministerium angegriffen hat! Angenommen, sie haben es sich nicht eingebildet.</emphasis> Sie spann diesen Gedanken weiter. <emphasis>Das Ungeheuer oder was auch immer schl�gt den zweiten Trupp in die Flucht, und Jackon, Godfrey und der Manusch k�nnen fliehen.</emphasis></p><p>War diese Theorie plausibel? Oder machte sie sich nur etwas vor, weil sie die Vorstellung nicht ertrug, Jackon k�nnte genau wie Corvas' M�nner unter Tonnen von Schutt begraben liegen?</p><p><emphasis>H�r auf mit der Gef�hlsduselei und konzentrier dich!</emphasis> Die entscheidende Frage war jetzt: Wo steckten die anderen vier? Waren sie gleich nach ihrer Flucht aus Scotia hierher zur�ckgekehrt und hatten sich auf die Suche nach ihren Freunden gemacht? Hatte das Erdbeben sie aufgehalten, sodass sie erst in ein paar Stunden auftauchten? Oder kamen sie gar nicht, weil sie ahnten, dass sie im Wasserturm in eine Falle laufen w�rden?</p><p>Corvas rief nach ihr.</p><p>Sie fand den Bleichen im Treppenraum.</p><p>�Der Informant hat uns eine Nachricht hinterlassen�, sagte er und hielt die Lampe an die Wand.</p><p>Die Botschaft war mit Kohlestift und offenbar in gro�er Eile geschrieben worden. Es fiel Umbra nicht leicht, das Gekrakel auf dem Mauerwerk zu entziffern.</p><p><emphasis>SIND BEI VOROD KHOROJ,</emphasis> stand da.</p><p>�Vorod Khoroj? Ist das nicht der Kerl mit dem schwimmenden Haus? Der Aetherh�ndler?�</p><p>�Ja.�</p><p>Umbra runzelte die Stirn. Wenn Khoroj in diese Sache verwickelt war, wieso wussten sie nichts davon? �Komm. Schnappen wir sie uns.�</p><p>Sie eilten die Treppe hinauf.</p><p>Als sie den Wasserturm verlie�en, sagte Umbra: �Also gut. Wer ist es?�</p><p>�Wovon sprichst du?�, entgegnete Corvas. �Dr�ck dich bitte deutlicher aus.�</p><p>�Dein omin�ser Informant. Ich will endlich wissen, woran ich bin. Und fang nicht wieder mit deiner albernen Geheimniskr�merei an.�</p><p>�Inzwischen sollte dir klar sein, wer es ist.�</p><p>�Gehen wir mal davon aus, dass ich heute ein bisschen schwer von Begriff bin, in Ordnung?�</p><p>Corvas sagte es ihr. Sie verzog den Mund. Darauf h�tte sie wirklich von allein kommen k�nnen.</p><p>Das war einfach nicht ihr Tag.</p><p>Vorod Khoroj f�hrte Jackon und seine Gef�hrten in den Hauptraum seines Palastes, einen kleinen Saal mit kostbarer Einrichtung, wo er sie aufforderte, in den geschnitzten Sesseln Platz zu nehmen. Er bot ihnen Geb�ck und Getr�nke an und genehmigte sich einen t�chtigen Schluck Brandy.</p><p>Danach beruhigte er sich etwas. Er erz�hlte, er sei gleich nach dem Erdbeben mit seinem Luftschiff gestartet, um sich einen Eindruck von der Lage zu verschaffen. Seine Aetherlager, die sich mitten im Kessel befanden, waren schwer besch�digt worden, aber seine Leute hatten das Beben gl�cklicherweise unverletzt �berstanden. Khoroj brachte sie in Sicherheit und flog anschlie�end zur�ck, um Verletzte zu bergen. Es gelang ihm, mehr als zwei Dutzend Menschen aus den Tr�mmern zu retten und zu einem Hospital in Scotia zu bringen. Bei Einbruch der Dunkelheit wurden jedoch die D�monen auf ihn aufmerksam, und er musste aufgeben.</p><p>Als der S�dl�nder mit seiner Geschichte fertig war, wirkte er pl�tzlich sehr ersch�pft. M�de rieb er sich die Stirn. �Du musst mir verzeihen, Nestor. Es war ein langer Tag � ich vergesse meine Manieren. Du hast mich um Hilfe gebeten. Was kann ich f�r dich tun?�</p><p>Quindal stellte sein Brandyglas auf den Tisch und r�usperte sich. �Ich will nicht lange um den hei�en Brei reden. Kurzgefasst: Wir m�ssen so schnell wie m�glich nach Yaro D'ar. Kannst du uns hinbringen?�</p><p>Khoroj lie� sich Zeit mit seiner Antwort. W�hrenddessen herrschte gespannte Stille im Raum. �Tut mir leid, Nestor, aber das ist unm�glich�, sagte er schlie�lich. �Ich kann Bradost jetzt nicht verlassen. Ich muss mich um mein Gesch�ft k�mmern.�</p><p>Jackon sp�rte, wie sich bei seinen Gef�hrten ma�lose Entt�uschung breitmachte.</p><p>�Aber es ist wichtig�, platzte es aus Vivana hervor, was einen strafenden Blick ihres Vaters zur Folge hatte. �Ohne Ihre Hilfe kommen wir nie nach Yaro D'ar!�</p><p>�Ihr k�nnt ein Schiff nehmen.�</p><p>�Das geht nicht�, sagte Liam. �Am Hafen herrscht das reinste Chaos. Es kann Tage dauern, bis wir ein Schiff finden, das uns mitnimmt.�</p><p>�Wieso wollt ihr �berhaupt dorthin? Seid ihr auf der Flucht vor der Geheimpolizei? Oder den D�monen?�</p><p>�Es geht um den Ph�nix�, antwortete Quindal. �Wir haben vielleicht einen Weg gefunden, ihn zu befreien.�</p><p>Jackon sah Khoroj an, wie er mit sich rang. �W�ren die Umst�nde anders, w�rde ich euch ohne Z�gern helfen, glaubt mir�, sagte der S�dl�nder. �Aber ihr m�sst euch in meine Lage versetzen. Ich habe Verpflichtungen. Wenn es mir nicht gelingt, wenigstens einen Teil meiner Ware aus dem Kessel zu retten, bin ich ruiniert.�</p><p>�Ich sage das nicht gern�, erwiderte Quindal, der m�hsam um Geduld rang, �aber wenn du uns nicht nach Yaro D'ar bringst, wirst du erst recht ruiniert sein. Dann ist ganz Bradost verloren, verstehst du? Ganz Bradost! Und der Rest der Welt vermutlich auch.�</p><p>Das �berzeugte Khoroj nicht. Liam, Vivana und Quindal redeten weiter auf ihn ein, und der Wortwechsel wurde von Minute zu Minute heftiger. Jackon h�tte seinen Freunden gerne geholfen, doch er wusste nicht, wie. Er lie� seinen Blick durch das exotisch eingerichtete Zimmer wandern. Der Palast erf�llte ihn immer noch mit Staunen, so sehr, dass er sogar seine Angst vor den D�monen verga�. Ein schwimmendes Haus! So etwas h�tte er nie f�r m�glich gehalten.</p><p>W�hrend seine Gef�hrten mit Khoroj stritten, sah er sich eine Vitrine mit seltsam geformten Glaskelchen an. Ihr Gastgeber musste unvorstellbar reich sein, dass er sich all diese wunderbaren Dinge leisten konnte.</p><p>Er schaute aus dem Fenster und bemerkte Lichter drau�en auf dem Wasser. Ein Boot. Es war noch weit weg, schien aber n�her zu kommen.</p><p>Ein ungutes Gef�hl fuhr ihm in den Magen. Leider war es zu dunkel, als dass er Einzelheiten h�tte erkennen k�nnen. �Lucien, komm mal her.�</p><p>Der Alb trat zu ihm ans Fenster und sp�hte mit seinen scharfen Augen hinaus. �Corvas!�, keuchte er. �Er hat uns gefunden!�</p><p>Ihre Gef�hrten st�rzten zum Fenster.</p><p>�Wie ist das m�glich?�, rief Liam mit schreckgeweiteten Augen. �Wie hat er herausgefunden, wo wir sind?�</p><p>Lucien und Nedjo zogen ihre Waffen. Quindal fluchte derb und fuhr zu Khoroj herum. �Bitte, Vorod, du musst sofort...�</p><p>�Ja�, stie� der S�dl�nder hervor. �Zum Luftschiff, schnell!�</p><p>Sie lie�en alles stehen und liegen und st�rmten nach drau�en. Motorenger�usche n�herten sich dr�hnend der Insel. Nun konnte Jackon das Boot genauer erkennen. Es war ein aetherbetriebener Kutter, dessen Heckschraube das Wasser aufw�hlte. Aus einem Schornstein quoll goldener Dampf.</p><p>Auf dem Deck standen Corvas, Umbra und mehrere Spiegelm�nner.</p><p>Der Kutter war verdammt schnell. Als Jackon und seine Freunde die Treppe zur Landeplattform hinaufrannten, trennten ihn nur noch f�nfzig, sechzig Schritt von der schwimmenden Insel.</p><p>Khorojs Leibw�chter begannen, hektisch die Haltetaue zu l�sen. Der S�dl�nder �ffnete die Luke der Gondel.</p><p>�Hei�t das, du hast deine Meinung ge�ndert?�, fragte Quindal atemlos.</p><p>�Glaubst du, ich lasse zu, dass Corvas euch zu fassen bekommt? Los, rein mit euch!�</p><p>Es gab Gedr�nge, als alle gleichzeitig versuchten, in die Gondel zu klettern. �Der Reihe nach!�, rief Khoroj. Vivana schl�pfte als Erste hinein.</p><p>Der Aetherkahn drosselte seine Geschwindigkeit. Corvas und Umbra sprangen �ber die Bordwand auf die Insel, gefolgt von sechs Spiegelm�nnern mit gez�ckten Rabenschn�beln. Khorojs Leibw�chter zogen ihre Pistolen und er�ffneten das Feuer. Sch�sse peitschten �ber die Insel und zwangen Corvas und Umbra, hinter den Mantikorfiguren am Anlegesteg in Deckung zu gehen.</p><p>Die Spiegelm�nner jedoch lie�en sich von dem Kugelhagel nicht aufhalten. Sie teilten sich in Dreiergruppen auf und st�rmten zu den beiden Freitreppen. Lucien stellte sich ihnen mit gez�ckten Messern entgegen, wich dem geschwungenen Rabenschnabel des vordersten aus und schlitzte ihm mit seinem Messer die Kutte auf. �Nedjo, da r�ber!�, br�llte er. Der Manusch st�rzte zur Treppe auf der anderen Seite der Plattform, schoss einem Spiegelmann ins Gesicht, sodass dessen Maske in tausend Splitter zerbarst, und schwang seinen S�bel, um die Gesch�pfe zur�ckzutreiben. Auf den engen Treppen konnten die Spiegelm�nner ihre zahlenm��ige �berlegenheit nicht ausnutzen, was Lucien und Nedjo einen kleinen Vorteil verschaffte. Aber ewig w�rden sie die Maskierten nicht aufhalten k�nnen.</p><p>Jackon sprang zur Seite, als ein riesiger Schatten an ihm vorbeirauschte. Es war Ruac, der die ganze Zeit unauff�llig auf der Plattform gesessen hatte. Der Lindwurm machte sich sichtbar und stieg mit ausgebreiteten Schwingen in die Luft auf. Im Sturzflug schnappte er nach einem Spiegelmann, doch der Maskierte duckte sich rechtzeitig. Ruac schoss �ber das Boot hinweg, flog einen weiten Bogen und kam zur�ck.</p><p>Khoroj war in der Gondel verschwunden. Die Scheinwerfer des Luftschiffs flammten auf, und die Propeller begannen sich summend zu drehen.</p><p>Jackons Gedanken rasten. Er wusste, er sollte so schnell wie m�glich in die Gondel steigen, doch er konnte nur dastehen und zu Umbra glotzen, die hinter der Statue kauerte.</p><p>Er musste ihr sagen, was er in der destillierten Erinnerung gesehen hatte! Vielleicht konnte er damit diesem Wahnsinn ein Ende bereiten.</p><p>In diesem Moment bemerkte er, dass Corvas verschwunden war. Eine Kr�he flog ins Scheinwerferlicht und verwandelte sich in Sekundenbruchteilen in Menschengestalt. Quindal schoss auf Corvas, verfehlte ihn jedoch. Der Bleiche griff ihn mit blitzenden Messern an, und im n�chsten Moment rangen die beiden M�nner miteinander.</p><p>Jackon st�rzte an Godfrey vorbei, der wie angewurzelt dastand, und lehnte sich �ber die Br�stung. �Umbra!�, schrie er. �Umbra!�</p><p>Khorojs S�ldner mussten ihre Pistolen nachladen. Die Leibw�chterin hob vorsichtig den Kopf. �Jackon�, rief sie. �Sag deinen Freunden, dass sie sich ergeben sollen. Ihr habt keine Chance!�</p><p>Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus. �H�r auf, gegen uns zu k�mpfen! Wir sind keine Feinde. Wir stehen auf derselben Seite. Lady Sarka hat dich get�uscht <emphasis>� sie</emphasis> steckt hinter dem Mord an deiner Familie. Verstehst du? <emphasis>Sie</emphasis> hat dir das angetan! Ich habe alles gesehen, in einer Erinnerung von Mama Ogda. Du musst dich von ihr lossagen und mit uns kommen!�</p><p>Umbra starrte ihn fassungslos an. �Was zum Teufel redest du da?�</p><p>�Du musst mir glauben, Umbra. Bitte! Es ist die Wahrheit!�</p><p>Seine Worte ersch�tterten sie so sehr, dass sie trotz der Gefahr, die ihr drohte, aus ihrer Deckung kam.</p><p>Das Luftschiff schwebte bereits einen Schritt �ber der Plattform. Die Propeller dr�hnten. �Jackon, komm!�, schrie Liam aus der Gondel.</p><p>�Ich kann nicht! Umbra... sie ist... sie muss...�</p><p>Die Stimme der Leibw�chterin lie� Jackon herumfahren. �Du hast das alles in einer destillierten Erinnerung gesehen?�, rief sie.</p><p>�Ja!�</p><p>�L�g mich nicht an!�</p><p>�Ich l�ge nicht. Wirklich!�</p><p>�Woher hattest du sie?�</p><p>In diesem Moment geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Quindal versetzte Corvas einen machtvollen Schlag mit seiner mechanischen Hand, woraufhin der Bleiche die Br�stung durchbrach und ins Wasser st�rzte. Anschlie�end hastete Quindal zur Gondel.</p><p>Nedjo geriet gegen die Spiegelm�nner zunehmend in Bedr�ngnis. Stufe um Stufe wich er zur�ck und wehrte verzweifelt Hiebe ab. Gl�cklicherweise kam ihm Ruac zu Hilfe. Br�llend st�rzte der Lindwurm herab, rauschte mit brachialer Wucht gegen die Maskierten und fegte sie von der Treppe.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Jackon, dass Lucien seinen vordersten Gegner zu Fall gebracht hatte. Das behinderte die anderen Spiegelm�nner gerade lange genug, dass er herumwirbeln und zum Luftschiff laufen konnte.</p><p>�Die Erinnerung�, br�llte Umbra. �Sag mir, woher du sie hattest!�</p><p>Bevor Jackon antworten konnte, packte der Alb ihn am Arm und zerrte ihn mit sich.</p><p>�Nicht! Sie muss die Wahrheit erfahren.�</p><p>�Jetzt sei kein Narr und steig ein�, fauchte Lucien und schob ihn unsanft zur Luke, wo Quindal und Liam ihn ergriffen. �Nein...�</p><p>W�hrend die beiden ihn in die Luke zogen, bemerkte Jackon, dass einer der S�ldner auf Umbra anlegte. �Pass auf!�, �chzte er. Der Schuss donnerte, die Leibw�chterin warf sich flink zur Seite und rollte sich ab, wodurch die Kugel sie verfehlte. Als der S�ldner ein zweites Mal feuerte, sprang sie hinter der Statue in Deckung.</p><p>Dann war Jackon in der Gondel. Er verlor das Gleichgewicht, als Liam und Quindal ihn loslie�en, fiel zu Boden und schlug sich schmerzhaft die Knie auf. Er griff nach Liams Hand, kam auf die F��e und st�rzte zur Luke. �Umbra!�, rief er noch einmal, �bitte komm mit uns!�</p><p>�Weg von der Luke!�, schrie Lucien ihn an. Als Jackon nicht reagierte, zog jemand ihn nach hinten, und der Alb kletterte hinein.</p><p>Wenige Sekunden, nachdem Lucien eingestiegen war, kamen Khorojs Leibw�chter zum Luftschiff gerannt. Sie feuerten noch einmal auf Corvas und die Spiegelm�nner, bevor sie ihre Pistolen in die Luke warfen und sich von Quindal und Liam hineinziehen lie�en.</p><p>�Wo ist Nedjo?�, schrie Vivana. Sie stand mit wild klopfendem Herzen neben Khoroj, der an den Kontrollen sa� und alle m�glichen Hebel und Schalter bet�tigte, und sp�hte durch ein Seitenfenster der Gondel. Sie konnte den Manusch nirgendwo entdecken.</p><p>�Ich bin hier�, keuchte Nedjo, w�hrend Khorojs S�ldner ihm in die Gondel halfen. Der kurze, aber heftige Kampf hatte ihn so ersch�pft, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Aber von ein paar Schrammen abgesehen war er unversehrt.</p><p>Vivana hielt nach Ruac Ausschau. Der Lindwurm umkreiste das Luftschiff in einem weiten Bogen, ein pfeilschneller Schemen, den man nur sehen konnte, wenn er in die N�he der Scheinwerfer kam. Jetzt schoss er von links heran und flog einen neuen Angriff auf die Spiegelm�nner. Einen erwischte er mit den Krallen und schleuderte ihn auf die Plattform vor dem Haus.</p><p>�Was machen wir mit ihm?�, wandte sich Vivana an Khoroj.</p><p>�Geh�rt dieses Monstrum etwa dir?�</p><p>�Ruac ist kein Monstrum. Er ist ein Lindwurm!�</p><p>�Er ist zu gro� f�r die Gondel. Er muss uns nachfliegen.�</p><p>Vivanas Herz zog sich zusammen. Ruac hatte gerade erst fliegen gelernt. Wie lange konnte er in der Luft bleiben, bevor ihn die Kr�fte verlie�en?</p><p>�Alle da?�, rief Khoroj nach hinten.</p><p>Vivana blickte zu ihren Gef�hrten, die sich in der Gondel dr�ngten. �Godfrey fehlt!�</p><p>In der Verwirrung der letzten Minuten war offenbar niemand aufgefallen, dass der Aethermann noch nicht eingestiegen war. Vivanas Vater streckte den Kopf aus der Luke und rief: �Godfrey! Worauf wartest du?�</p><p>Von dem Seitenfenster aus konnte Vivana den Aethermann nicht sehen. Sie st�rzte zum gro�en Vorderfenster und erblickte ihn am Rand der Plattform, wo er reglos dastand. Was war nur in ihn gefahren?</p><p>Ihr Vater, Liam, Nedjo und Lucien br�llten durcheinander und forderten ihn auf, zur Luke zu kommen. Godfrey schaute sie an, r�hrte sich jedoch nicht vom Fleck. Seine Lippen formten Worte, die im Geschrei und dem Dr�hnen der Motoren untergingen. Vivana verstand sie trotzdem.</p><p><emphasis>Es tut mir leid.</emphasis></p><p>Godfrey wandte sich ab und ging ruhigen Schrittes den Spiegelm�nnern entgegen.</p><p>�Was macht er da?�, tobte ihr Vater. �Ist er verr�ckt geworden?�</p><p>�Schlie�t die Luke, wir m�ssen starten�, sagte Khoroj scharf, als die Maskierten auf die Plattform st�rmten.</p><p>�Und Godfrey?�, rief Vivanas Vater aufgebracht. �Wir k�nnen ihn doch nicht einfach im Stich lassen!�</p><p>Ein Leibw�chter des S�dl�nders schob ihn von der Luke weg und schloss die Klappe. Das Luftschiff hob ab.</p><p>Fassungslos starrte Vivana aus dem Fenster. Ein Spiegelmann packte Godfrey. Er h�tte noch genug Zeit gehabt, die Luke zu erreichen. Stattdessen hatte er sich ihren Feinden ausgeliefert. Freiwillig, ohne Not.</p><p>Das Luftschiff stieg weiter auf und befand sich jetzt �ber dem Wasser, drei Schritt von der Plattform entfernt und f�nf dar�ber. Die beiden Spiegelm�nner, die zur Gondel gelaufen waren, hatten keine Chance mehr, es zu erreichen. Sie gaben auf und gingen zu dem dritten, der Godfrey festhielt. Corvas stand tropfnass am Fu� der Treppe und rief etwas, woraufhin der Maskierte Godfrey loslie�. Dieser strich seinen Anzug glatt, stieg die Stufen hinab und begann, mit dem Bleichen zu reden.</p><p>Auf einen Schlag war Vivana alles klar.</p><p>�Bei Tessarions Gnade, er hat uns verraten�, fl�sterte sie.</p><p>�Was?�, fragte Liam entgeistert.</p><p>Die Worte schienen in ihrer Kehle festzustecken. �Wieso hat Corvas gewusst, wo der Spiegelsaal der Bleichen M�nner ist? Oder dass wir uns im Wasserturm verstecken? Oder dass wir Vorod um Hilfe bitten w�rden? Weil es ihm jemand gesagt hat. Aber nicht die Kr�hen. Es war Godfrey.�</p><p>�Das kann nicht sein�, mischte sich ihr Vater ein. �Wann h�tte er das tun sollen? Er war die ganze Zeit bei uns.�</p><p>�War er nicht. Heute Morgen ist er verschwunden, wisst ihr noch? Da hat er sich mit Corvas getroffen und ihm alles erz�hlt. Wahrscheinlich hat er gestern Abend das erste Mal Kontakt mit Corvas aufgenommen, nachdem er Madalins Wagen bei Bajo abgeholt hat. Das w�rde erkl�ren, warum er so lange fortgeblieben ist.� Vivana dachte an all die Kleinigkeiten, �ber die sie sich in den letzten Tagen gewundert hatten. Godfreys unvermittelter Zornesausbruch. Seine Verschlossenheit. Sein Verrat kam nicht aus heiterem Himmel. Etwas war mit ihm geschehen, aber sie hatten den vielen Zeichen nicht genug Beachtung geschenkt.</p><p>�Jetzt wei� ich auch, warum er als Letzter den Wasserturm verlassen hat, als wir losgegangen sind�, sagte Liam. �Wahrscheinlich hat er Corvas eine Nachricht hinterlassen.�</p><p>�Godfrey�, murmelte Vivanas Vater. �Warum tust du uns so etwas an?�</p><p>�Hinsetzen und festhalten�, befahl Khoroj. �Die Sache ist noch nicht �berstanden.�</p><p>Die Gef�hrten nahmen auf den B�nken im hinteren Teil des Steuerraums Platz und klammerten sich irgendwo fest. Vivana lie� sich in den Sessel neben Khoroj fallen. Die Motoren heulten auf, als der S�dl�nder auf vollen Schub beschleunigte. Das Luftschiff fuhr auf die Klippe zu, die pl�tzlich aus der Schw�rze auftauchte, beschrieb eine steile Kurve und schoss in den Nachthimmel hinauf. Dabei wurden sie so heftig durchgesch�ttelt, dass Vivana beinahe aus ihrem Sessel geschleudert wurde. Im letzten Moment konnte sie sich an den Armlehnen festhalten.</p><p>Pl�tzlich �bert�nte schrilles Kreischen den Motorenl�rm. Eine schwarze Wolke h�llte das Luftschiff ein. Fl�gel schlugen gegen die Fenster, Schn�bel und Krallen kratzten �ber das Glas.</p><p>�Bei Assamiras Blitzen, was ist das?�, keuchte Khoroj.</p><p>�Corvas hat seine Kr�hen losgelassen!�, stie� Vivana hervor.</p><p>�Er will, dass wir abst�rzen�, rief Jackon von hinten. �Die Kr�hen picken L�cher in die H�lle. Sie k�nnen das. Ich hab es schon mal gesehen!�</p><p>Khorojs Gesicht nahm einen grimmigen Ausdruck an. �Keine Angst, das Schiff ist gepanzert. Es widersteht sogar Gewehrkugeln.� Er zog einen Hebel durch. Die j�he Beschleunigung fuhr Vivana wie ein Faustschlag in den Magen und presste sie in die Sitzpolsterung. Das Luftschiff schoss Richtung Meer und sch�ttelte den Kr�henschwarm ab.</p><p>Umbra starrte dem Luftschiff nach, das in der Nacht verschwand, gefolgt von einem Schweif aus Aetherdampf. Jackons Worte wirbelten durch ihren Kopf, wieder und wieder, bis sie zu einem einzigen Hohngeschrei verschmolzen.</p><p><emphasis>Lady Sarka hat dich get�uscht -</emphasis> sie <emphasis>steckt hinter dem Mord an deiner Familie.</emphasis> Sie <emphasis>hat dir das angetan! Ich habe alles gesehen, in einer Erinnerung von Mama Ogda.</emphasis></p><p>Das war lachhaft, unm�glich, vollkommen absurd. Jackon hatte das gesagt, um sie aus der Fassung zu bringen, damit er und seine Freunde fliehen konnten. Er kannte sie. Er wusste, wo er sie treffen konnte.</p><p><emphasis>Nein,</emphasis> dachte Umbra, und eine schreckliche Gewissheit erf�llte sie. <emphasis>Er hat nicht gelogen. Der Junge</emphasis> kann <emphasis>doch gar nicht l�gen!</emphasis></p><p>Corvas packte sie am Arm, sagte etwas. Verst�ndnislos blickte sie ihn an. <emphasis>Warum ist er so nass?</emphasis></p><p>Sein Griff wurde fester, fast schmerzhaft. �Umbra!�</p><p>Der scharfe Befehl durchdrang ihre Benommenheit. �Lass mich los, verdammt�, fuhr sie ihn an und sch�ttelte seine Hand ab.</p><p>�Was war das f�r ein Wesen? Ein Lindwurm? Wieso hat es ihnen geholfen?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Komm�, sagte Corvas. �Wir m�ssen sofort zum Luftschiffhafen.� Er rief die Spiegelm�nner zu sich und eilte zu ihrem Boot.</p><p>Langsam ging Umbra ihm nach. Zu jedem Schritt musste sie sich zwingen. Ihr K�rper war schwer wie Blei. Bevor sie Corvas' Hand ergriff und �ber die Reling kletterte, blickte sie noch einmal zum Himmel auf, zu den blinkenden Scheinwerfern in der Ferne.</p><p><emphasis>Lady Sarka hat dich get�uscht... Sie hat dir das angetan.</emphasis></p><empty-line/></section><section><title><p>24</p><empty-line/><p><emphasis>Ph�nix und Sandsturm</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>N</strong>achdem Khoroj das Tempo des Luftschiffs etwas gedrosselt hatte und man sich wieder gefahrlos im Steuerraum bewegen konnte, sah Vivana sich die Gondel zum ersten Mal genauer an. Das Innere �hnelte dem Salon in seinem Haus. �berall lackiertes Holz, kostbare Teppiche und Messing, das im sanften Licht der Alabasterlampen funkelte. Sessel, Kisten und alle anderen Einrichtungsgegenst�nde waren an den Boden geschraubt oder festgebunden, f�r den Fall, dass das Luftschiff in einen Sturm geriet. Ein schmaler Gang f�hrte zum Maschinen- und Navigationsraum, wo sich die beiden Leibw�chter aufhielten, und weiter zu den vier Passagierkabinen, der Speisekammer und dem Badezimmer. Im hinteren Teil der Gondel befanden sich ein Frachtraum und ein kleiner Aufenthaltsbereich. F�r neun Personen war das Luftschiff eigentlich zu klein, aber wenn sie etwas zusammenr�ckten, w�rde es gehen.</p><p>�Die <emphasis>Jaipin</emphasis> ist ein Schmuckst�ck, nicht wahr?�, sagte Khoroj l�chelnd. �Sie ist eine Spezialanfertigung; ich habe sie vor zwei Jahren bauen lassen, nach meinen eigenen Entw�rfen. In ganz Bradost gibt es kein leichteres und schnelleres Luftschiff. Wie du gesehen hast, braucht sie zum Landen und Starten nicht einmal eine Haltemannschaft. Zur Not kann ich sie sogar allein steuern.�</p><p>�<emphasis>Jaipin</emphasis>?�</p><p>�Das ist Yarodi und bedeutet Sandsturm.�</p><p>Vivana blickte aus dem Seitenfenster. �Wo ist Ruac?�</p><p>�Ich nehme an, er fliegt hinter uns. Ein echter Lindwurm, ja? Ich dachte, sie w�ren alle verschwunden. Woher hast du ihn?�</p><p>�Lange Geschichte. Ich sehe mal nach, ob er noch da ist.�</p><p>Sie ging zum Aufenthaltsraum und trat ans Heck der Gondel, das vollst�ndig verglast war. Tief unter dem Luftschiff zog das Meer dahin, und in der Ferne glitzerten die Lichter Bradosts. Es dauerte eine Weile, bis sie Ruac am Nachthimmel entdeckte. Sie erahnte ihn mehr, als dass sie ihn sah: ein dunkler Fleck, der dort, wo er flog, die Sterne verdeckte. Unbeirrt folgte er dem Luftschiff, aber ihm auf gerader Bahn nachzufliegen, schien dem Lindwurm auf Dauer zu langweilig zu sein. Manchmal sauste er Richtung Meer und verschwand aus ihrem Blickfeld, um weniger sp�ter blitzschnell aus der Tiefe aufzusteigen und mit ausgebreiteten Schwingen einen Looping zu vollf�hren.</p><p>�H�r auf mit dem Unsinn�, sagte Vivana. �Du musst deine Kr�fte einteilen. Das wird ein langer Flug.�</p><p>Doch selbst wenn Ruac sie h�tte h�ren k�nnen, h�tte er vermutlich einfach so weitergemacht. Er genoss die Reise viel zu sehr. Zum ersten Mal konnte er richtig fliegen, er ganz allein in der Weite des Himmels, ohne die bedr�ckende Enge der Stadt.</p><p>Sie seufzte und ging zu den anderen zur�ck.</p><p>Bei ihren Gef�hrten im Steuerraum machte sich Niedergeschlagenheit breit. Niemand konnte fassen, was Godfrey getan hatte.</p><p>�Er hat f�r mich gearbeitet. Er war mein Freund�, sagte ihr Vater gerade. �Nicht im Traum h�tte ich gedacht, dass er zu so etwas f�hig ist. Er wei� doch, dass Lady Sarka ein Monster ist.�</p><p>Vivana setzte sich zu Liam. Er legte den Arm um sie, und sie schmiegte sich an ihn.</p><p>�Vielleicht wollte er uns damit die Zerst�rung seines Verstecks heimzahlen�, mutma�te Nedjo.</p><p>�Das hat ihn schwer getroffen�, sagte Lucien. �Aber ich glaube nicht, dass das die Ursache f�r seinen Verrat war. Zumindest nicht die einzige. Vermutlich hat Lady Sarka ihn irgendwie gekauft.�</p><p>�Womit?�, fragte Vivanas Vater. �Geld? Das hat Godfrey nie interessiert.�</p><p>�Ich sch�tze, wenn wir seine Akte aus dem Archiv der Geheimpolizei h�tten, w�ssten wir mehr.�</p><p>�Godfreys Akte?�, wiederholte Vivana. �Wieso?�</p><p>�Ich werde das Gef�hl nicht los, dass damit alles angefangen hat�, erwiderte der Alb.</p><p>Die Diskussion ging noch eine Weile weiter, ohne dass die Gef�hrten eine befriedigende Erkl�rung f�r Godfreys Verhalten fanden. Schlie�lich zogen sich Vivanas Vater, Nedjo und Jackon in die Passagierkabinen zur�ck, und Lucien ging nach hinten in den Aufenthaltsraum, um eine Pfeife zu rauchen.</p><p>Vivana und Liam blieben im Steuerraum zur�ck. Von drau�en drang leise das Summen der Propeller herein. Am Bugfenster sa� Vorod Khoroj, ein schwarzer Umriss im Widerschein der roten Kontrolllampen, und steuerte das Luftschiff sicher durch die Nacht.</p><p>�Ich mache mir Sorgen um Madalin und die anderen�, sagte Vivana. �Godfrey hat Corvas bestimmt gesagt, wohin sie gegangen sind.�</p><p>�Und wenn schon�, erwiderte Liam. �Wahrscheinlich sind sie l�ngst �ber alle Berge. Au�erdem ist dein Onkel gerissen. Wenn er merkt, dass Corvas' Leute hinter ihm her sind, wird er sie einfach absch�tteln.�</p><p>�Ja, wahrscheinlich�, murmelte sie, obwohl sie sp�rte, dass er das nur sagte, um sie zu beruhigen. In Wahrheit sorgte er sich ebenso sehr um die Manusch wie sie.</p><p>Pl�tzlich �berkam sie bleierne M�digkeit. Die Augen fielen ihr zu, doch sie schlief nicht richtig ein. Sie sp�rte die W�rme von Liams K�rper und h�rte in weiter Ferne das Summen der Motoren, w�hrend die Bilder dieses endlosen Tages an ihr vor�berzogen. Erinnerungen, glasklar und gestochen scharf und gleichzeitig so rauschhaft und unwirklich wie ein Traum.</p><p>Irgendwann h�rte sie jemanden hereinkommen.</p><p>�Hinter uns ist ein Luftschiff aufgetaucht�, sagte Lucien. �Ich glaube, es verfolgt uns.�</p><p>Vivana war von einer Sekunde auf die andere hellwach. Liam, der ebenfalls eingenickt war, schlug die Augen auf.</p><p>�Ein Luftschiff aus Lady Sarkas Flotte?�, fragte Khoroj alarmiert.</p><p>�M�glich.�</p><p>Khoroj �bergab das Steuer einem seiner Leibw�chter, holte ein Fernrohr aus einer Schublade und ging mit den Gef�hrten nach hinten, wo sie durch das Heckfenster blickten.</p><p>Das fremde Luftschiff war noch so weit entfernt, dass Vivana es kaum erkennen konnte. Auch Ruac hatte es bemerkt und sich angesichts der potenziellen Gefahr unauff�llig gemacht.</p><p>�Sie haben die Scheinwerfer und alle Lichter im Innern gel�scht�, sagte Khoroj mit gerunzelter Stirn. �Offenbar wollen sie nicht gesehen werden.� Er ging ganz nah an die Scheibe heran und beobachtete das Luftschiff mit seinem Fernrohr. �Es ist sehr gro�. Drachenklasse. Wenn sie es wirklich auf uns abgesehen haben, sind wir in Schwierigkeiten.�</p><p>�Sie haben doch gesagt, die <emphasis>Jaipin</emphasis> sei das schnellste Luftschiff von Bradost�, sagte Vivana.</p><p>�Ja, aber die <emphasis>Jaipin</emphasis> ist nicht bewaffnet. Im Gegensatz zu diesem Monstrum.�</p><p>Vivanas Vater, Jackon und Nedjo kamen herein. �Was ist denn los?�, erkundigte sich der junge Manusch verschlafen.</p><p>Khoroj machte sie auf das andere Luftschiff aufmerksam, das inzwischen merklich n�her gekommen war. Offenbar fuhr es mit H�chstgeschwindigkeit.</p><p>�Nat�rlich�, knurrte Vivanas Vater. �Das w�re ja auch viel zu einfach gewesen.�</p><p>�Darf ich mal?�, fragte Jackon, lie� sich von Khoroj das Fernrohr geben und blickte hindurch. �Ich kenne dieses Luftschiff. Es ist die <emphasis>Ph�nix</emphasis>. Lady Sarkas Flaggschiff.�</p><p>�Bist du sicher?�, fragte Liam.</p><p>�Absolut. Lady Sarka hat mich vor ein paar Wochen auf einen Rundflug mitgenommen. Ich w�rde es unter tausend Luftschiffen wiedererkennen.�</p><p>Nerv�s biss sich Vivana auf die Unterlippe. Sie konnte sich noch gut an die Berichte in den Zeitungen �ber den legend�ren Jungfernflug der <emphasis>Ph�nix</emphasis> erinnern. Sie war der Stolz von Bradosts Luftflotte, hervorragend gepanzert und bewaffnet � eine fliegende Festung. Koner Maer, der Kommandant, galt als der beste Aeronaut der Welt, und seine Mannschaft bestand aus abgebr�hten Haudegen mit der Erfahrung von hundert Schlachten. Gegen die <emphasis>Ph�nix</emphasis> hatten sie nicht den Hauch einer Chance.</p><p>�Vielleicht ist das ja nur ein dummer Zufall�, sagte Nedjo. �Vielleicht wollen sie gar nichts von...�</p><p>In diesem Moment zuckte ein Blitz heran. Er schoss horizontal durch die Luft und verfehlte sie nur um wenige Fu�. Die Gef�hrten schrien gleichzeitig auf.</p><p>�Das war ein Warnschuss!�, stie� Vorod Khoroj hervor. �Sie wollen uns zum Umkehren zwingen. Aber so leicht machen wir es ihnen nicht. Festhalten! Jetzt wird es ungem�tlich.�</p><p>W�hrend der S�dl�nder zum Steuerraum hastete, setzten sich Vivana und ihre Gef�hrten in die Sessel und umklammerten die Armlehnen. Die <emphasis>Ph�nix</emphasis> feuerte weitere Warnsch�sse ab, nicht nur mit Blitzwerfern, auch mit normalen Pulvergesch�tzen. Kanonenkugeln und Schrotladungen sausten pfeifend an ihnen vorbei.</p><p>�Ruac!�, schrie Vivana, als sie feststellte, dass der Lindwurm verschwunden war. War er getroffen worden?</p><p>Die Propeller dr�hnten lauter, w�hrend die <emphasis>Jaipin</emphasis> beschleunigte. Vivana wurde beinahe aus ihrem Sitz geschleudert � doch das war nichts, verglichen mit dem, was danach geschah. Das Luftschiff sackte so j�h ab, dass ihr der Mageninhalt hochkam. Sie biss die Z�hne zusammen und krallte ihre Finger ins Polster. Jackon hatte nicht so viel Gl�ck. Er flog quer durch den Raum, rollte �ber den Teppich und prallte �chzend gegen die Wand, bevor er sich an einem Pfosten festhalten konnte.</p><p>Blitze zuckten durch die Nacht, erf�llten die Gondel mit geisterhaftem Flackern und kamen ihnen gef�hrlich nah. Das waren keine Warnsch�sse mehr, begriff Vivana. Die <emphasis>Ph�nix</emphasis> wollte sie abschie�en und feuerte aus allen Rohren.</p><p>Sie erhaschte einen Blick nach drau�en und versuchte, Ruac zu entdecken, doch bevor sie etwas sehen konnte, kippte der Sternenhimmel pl�tzlich nach oben weg. Die <emphasis>Jaipin</emphasis> legte sich auf die Seite, als Khoroj dem Gesch�tzfeuer auswich. Nach ein paar Sekunden schwenkte er zur�ck nach links, diesmal so ruckartig, dass Vivana das Knarren von strapaziertem Metall zu h�ren glaubte.</p><p>Weitere Ausweichman�ver folgten, eines waghalsiger als das vorherige. Irgendwann sp�rte Vivana einen dumpfen Schmerz im Ellbogen und stellte fest, dass sie auf dem Boden lag, obwohl sie sich nicht erinnern konnte, gefallen zu sein. Auch ihre Freunde sa�en nicht mehr in ihren Sesseln.</p><p>Kreuz und quer lagen sie auf dem Teppich und klammerten sich irgendwo fest, w�hrend drau�en die Geschosse vorbeiheulten.</p><p>Vivana rollte sich herum und schaute aus dem Heckfenster. Die <emphasis>Ph�nix</emphasis> war ein gutes St�ck n�her gekommen, wodurch Vivana sie genauer erkennen konnte. Es war ein Unget�m von einem Luftschiff, gegen das die <emphasis>Jaipin</emphasis> geradezu winzig wirkte. An mehreren Stellen flammte M�ndungsfeuer auf, am Bug der gepanzerten Gondel, vorne an der Spitze und ganz oben auf der H�lle, wo sich eine Plattform mit Gesch�tzen befand. Eine monstr�se Maschine, die einzig und allein dem Zweck diente, den Feinden Lady Sarkas Tod und Vernichtung zu bringen.</p><p><emphasis>Ruac, wo bist du?,</emphasis> fragte sich Vivana verzweifelt.</p><p>Die <emphasis>Jaipin</emphasis> mochte schneller sein, aber durch die aberwitzigen Schlangenlinien, die Khoroj flog, konnte die <emphasis>Ph�nix</emphasis> immer weiter aufholen. Bald w�rde das riesige Luftschiff so nah sein, dass es unm�glich sein w�rde, seinem Gesch�tzfeuer auszuweichen.</p><p>Khoroj tat das einzig Richtige. Er gab seinen Zickzack-Kurs auf und flog mit maximaler Geschwindigkeit geradeaus, in der Hoffnung, die <emphasis>Ph�nix</emphasis> abzuh�ngen, obwohl er damit riskierte, dass sie getroffen wurden.</p><p>Ein Blitz sengte so nah an der Gondel vorbei, dass Vivana den bei�enden Geruch verbrannten Lacks riechen konnte. Sie schloss die Augen und betete, dass es Khoroj gelang, sie aus der Reichweite der Gesch�tze und Blitzwerfer zu bringen, bevor eine Schrotladung ihre H�lle zerfetzte oder eine Kanonenkugel die Gondel zerschmetterte.</p><p>Am schlimmsten war das Gef�hl der Hilflosigkeit. Vivana konnte <emphasis>nichts</emphasis> tun. In der Gondel gab es keine Deckung, keinen Schutz vor den Geschossen, die mit t�dlicher Gewalt heranrasten. Wenn sie getroffen wurden, w�rde sie sterben, ganz egal, was sie tat. Sie war gefangen in einem fliegenden Sarg.</p><p>�Da ist Ruac!�, schrie Jackon.</p><p>Vivana �ffnete die Augen. �Wo?�</p><p>Der Rothaarige lag neben ihr und deutete auf einen Punkt irgendwo am Himmel. �Da oben! �ber der <emphasis>Ph�nix</emphasis>!�</p><p>Sie kroch zur Heckscheibe und hielt sich an einem Sessel fest. Sie sah gar nichts... doch! Hinter dem Gesch�tzstand auf der Oberseite der H�lle schwebte ein Schemen, kaum zu erkennen in der Dunkelheit. Die M�nner an den Drehbassen und Blitzwerfern bemerkten Ruac nicht, zum einen, weil er unauff�llig war, zum anderen, weil sie vollauf damit besch�ftigt waren, ihre Waffen nachzuladen.</p><p>Vivana ahnte, was Ruac vorhatte. <emphasis>Bitte sei vorsichtig!</emphasis></p><p>�Was macht er?�, fragte Liam, der den Lindwurm nat�rlich ebenso wenig sehen konnte wie die beiden Kanoniere.</p><p>Vivana war nicht in der Lage zu antworten. Sie hielt den Atem an, als Ruac hinter der Plattform landete. Was er dort tat, konnte sie nicht erkennen, aber kurz darauf quollen Aetherschwaden aus der H�lle und tr�bten den Blick auf die Sterne.</p><p>Anschlie�end stemmte sich der Lindwurm gegen den Fahrtwind und kroch Richtung Heck. Offenbar riss er unterwegs weitere L�cher in die Au�enhaut, denn pl�tzlich gab es nicht nur das eine Leck, aus dem Gas str�mte, sondern zwei, drei, vier. Zufrieden mit seinem Werk spreizte Ruac die Schwingen, lie� sich in die Tiefe fallen und verschwand hinter dem Luftschiff.</p><p>Die Kanoniere bemerkten nichts.</p><p>Keine Minute sp�ter h�rte die <emphasis>Ph�nix</emphasis> auf zu feuern.</p><p>�Da hat wohl jemand den Druckabfall in den oberen Traggaszellen entdeckt�, sagte Vivanas Vater mit grimmiger Zufriedenheit.</p><p>Das riesige Luftschiff wurde langsamer und verlor an H�he.</p><p>Und dann drehte es bei.</p><p>�Ruac hat uns gerettet�, murmelte Vivana. �Er hat uns schon wieder gerettet.�</p><p>Die Freunde standen einer nach dem anderen auf, traten an die Heckscheibe und blickten der <emphasis>Ph�nix</emphasis> nach.</p><p>Im n�chsten Moment erf�llte donnernder Jubel die <emphasis>Jaipin</emphasis>.</p><empty-line/></section><section><title><p>25</p><empty-line/><p><emphasis>Dein schlimmster Albtraum</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>V</strong>ivana wachte auf und stellte fest, dass sie im Bett in einer der Passagierkabinen lag. Jemand musste sie hierhergebracht haben, als sie schon geschlafen hatte, denn das Letzte, woran sie sich erinnerte, war, dass sie es sich in einem Sessel im Aufenthaltsraum gem�tlich gemacht hatte.</p><p>Es war fr�h am Morgen; graues D�mmerlicht drang durch das kleine Bullauge. Sie entschied, Liam, der neben ihr lag, weiterschlafen zu lassen, und verlie� leise die Kabine. Sie g�hnte und versuchte erfolglos, ihre zerknitterten Kleider glatt zu streichen, w�hrend sie zum Aufenthaltsraum schlurfte.</p><p>Wie sie roch! Sie brauchte ein Bad. Dringend.</p><p>Verschlafen ging sie zur Heckscheibe. Die <emphasis>Jaipin</emphasis> befand sich mitten �ber dem Ozean: stahlgraue Wellen, so weit das Auge reichte. Ruac folgte ihnen nach wie vor unverdrossen. Im Sturzflug tauchte er ins Meer, blieb f�r eine Minute unter Wasser und schoss dann in einer Font�ne aus Gischt Richtung Himmel. Im Maul hatte er einen gro�en Fisch, den er im Fliegen verschlang.</p><p>Er wirkte nicht im Mindesten ersch�pft � aber wie lange noch? Bis nach Yaro D'ar waren es viele hundert Meilen. Was, wenn ihm unterwegs die Kr�fte ausgingen?</p><p>�Mach dir nicht so viele Sorgen um ihn. Ruac ist ein z�her Bursche.�</p><p>Erst jetzt bemerkte sie Lucien, der in einer Ecke sa�, die F��e auf dem Tisch, und Pfeife rauchte.</p><p>�Ich frage mich nur, ob er schon gut genug fliegen kann f�r so eine lange Reise�, sagte Vivana. �Er hat es ja gerade erst gelernt.�</p><p>�Zum Gl�ck ist er ein Schattenwesen und kein Mensch�, erwiderte Lucien l�chelnd.</p><p>Sie runzelte fragend die Stirn.</p><p>�Wir brauchen nicht lange, um uns mit neuen F�higkeiten vertraut zu machen�, fuhr der Alb fort. �Ruac hat begriffen, wie man fliegt, und jetzt kann er es. Mehr gibt es da nicht zu lernen.� Er nahm den letzten Zug und klopfte die Pfeife im Aschenbecher aus. �Lass uns nach vorne gehen. Vorod wollte Kaffee machen.�</p><p>Vivana fiel auf, dass Lucien recht angespannt wirkte, w�hrend sie zum Steuerraum gingen. Sie hatte diesen Zustand schon einmal bei ihm erlebt, vor ein paar Tagen in Godfreys Versteck. Die vielen Apparate, die ihn umgaben, machten ihn nerv�s. Wie alle Schattenwesen verabscheute er menschliche Technik jeder Art.</p><p>Im Maschinenraum werkelten Khorojs Leibw�chter. Zum ersten Mal sah Vivana die beiden M�nner ohne ihre R�stungen und Helme; stattdessen trugen sie graue und �lverschmierte Arbeitskleidung. Sie waren dunkelh�utige und schwarzhaarige S�dl�nder wie Khoroj und sahen einander so �hnlich, dass sie Br�der sein mussten, wenn nicht gar Zwillinge. Leise unterhielten sie sich auf Yarodi. Vivana hatte noch nicht herausgefunden, ob sie sich mit ihnen verst�ndigen konnte.</p><p>Zu ihrer �berraschung war es nicht Khoroj, der das Luftschiff steuerte, sondern ihr Vater. Er bediente die Schalter und Hebel auf dem Armaturenbrett mit einer Selbstverst�ndlichkeit, als h�tte er nie etwas anderes getan.</p><p>�Ich wusste gar nicht, dass du ein Luftschiff steuern kannst, Paps.�</p><p>�Na h�r mal�, erwiderte ihr Vater. �Ich habe mein halbes Leben an Luftschiffen herumgebastelt. Da sollte ich wohl im Stande sein, auf die richtigen Kn�pfe zu dr�cken.�</p><p>�Dein Vater hat sich bereiterkl�rt, mich f�r eine Weile abzul�sen�, sagte Vorod Khoroj. �Ich brauche dringend ein paar Stunden Schlaf, und meine M�nner m�ssen die Sch�den an der H�lle und an den Antrieben reparieren.�</p><p>�Sch�den?�, fragte Vivana. �Vom Angriff der <emphasis>Ph�nix</emphasis>?�</p><p>�Keine Angst. Nur ein paar Risse in der Au�enhaut und ein durchgeschmorter Brenner. Das passiert, wenn man eine Stunde lang mit �ber f�nfundsiebzig Knoten durch die Luft rast. Nichts, was wir nicht beheben k�nnen. Wir haben zwar etwas Aethergas verloren, doch nach Yaro D'ar schaffen wir es trotzdem.�</p><p>�Wie weit ist es noch?�</p><p>�Ich sch�tze, wenn die Wind- und Wetterverh�ltnisse so g�nstig bleiben, brauchen wir bis zur K�ste noch zweieinhalb Tage.�</p><p><emphasis>Zweieinhalb Tage,</emphasis> dachte Vivana voller Unbehagen. W�rde Ruac so lange durchhalten?</p><p>Der S�dl�nder ging zu einem Gaskocher in einer kleinen Nische, nahm einen Topf mit kochendem Wasser herunter und goss damit den Kaffee auf. �Setzt euch in den Aufenthaltsraum. Ich mache uns Fr�hst�ck. Ihr habt gewiss Hunger.�</p><p>Vivana verschwand im kleinen Badezimmer, wo sie sich den Schmutz der letzten Tage abwusch. Ihre Kleider starrten vor Dreck. Sie stopfte sie in den W�schesack und zog die Sachen an, die sie von Khoroj bekommen hatte: einen Satz Arbeitskleider. Sie waren ihr viel zu gro�, aber wenigstens waren sie sauber. Vivana schl�pfte hinein und krempelte �rmel und Hosenbeine hoch. Endlich f�hlte sie sich wieder erfrischt.</p><p>Als sie zu den anderen in den Aufenthaltsraum ging, t�rmten sich auf den beiden Tischen bereits Brot, Obst, R�ucherwurst, Hartk�se, Konfit�re und andere Sch�tze aus der Speisekammer der <emphasis>Jaipin</emphasis>. W�hrend sie a�en, erz�hlte Khoroj von seinen Reisen. Vivana wurde klar, dass er nun in Bradost als Verr�ter und Verschw�rer galt. Sollte er je zur�ckkehren, musste er damit rechnen, verhaftet und eingesperrt zu werden. Au�erdem w�rde die Geheimpolizei systematisch seine Existenz vernichten, seine Bankkonten einfrieren und all seinen Besitz beschlagnahmen. Er hatte alles verloren � nur weil er ihnen geholfen hatte.</p><p><emphasis>Genau wie Madalin und Godfrey,</emphasis> dachte sie niedergeschlagen. Sie bewunderte Khoroj f�r die Gelassenheit, mit der er sein Schicksal hinnahm.</p><p>Schlie�lich kamen auch Jackon, Nedjo und Liam aus den Kabinen. Nach dem Fr�hst�ck brachte Liam die Sprache auf den gestrigen Abend.</p><p>�Was war das, was du Umbra zugerufen hast?�, wandte er sich an Jackon. �Was f�r ein Mord an ihrer Familie?�</p><p>�Umbra hat mir erz�hlt, dass ihre Familie vor ein paar Jahren ausgel�scht worden ist. Sie hat immer gedacht, ein verfeindeter Clan aus dem Rattennest h�tte das getan. Aber das stimmt nicht. Lady Sarka steckt dahinter.�</p><p>�Das hat dir die destillierte Erinnerung von Mama Ogda gezeigt?�, fragte Lucien.</p><p>Jackon nickte. �Ich w�nschte, sie h�tte mir geglaubt. Sie h�tte mit uns kommen und uns helfen k�nnen.�</p><p>�Diese Hexe h�tte uns gerade noch gefehlt�, brummte Quindal.</p><p>�Sie ist keine Hexe. Sie ist vielleicht ein bisschen, na ja, ungehobelt, aber in Wahrheit ist sie ein guter Mensch.�</p><p>�Das glaubst auch nur du.�</p><p>�Wirklich! Sie ist nicht wie Corvas und Amander.�</p><p>�Gro�er Gott!�, keuchte Nedjo.</p><p>�Was ist denn?�, fragte Vivana.</p><p>�Seht mal da drau�en.�</p><p>Sie st�rzten zum Heckfenster. Eine Meile von ihnen entfernt w�hlte ein gewaltiger Wasserstrudel den Ozean auf. Er hatte einen Durchmesser von mehreren hundert Schritt und klaffte wie ein Krater im Meer. Treibgut tanzte auf den Trichterw�nden und verschwand in den tosenden Tiefen.</p><p>Gebannt betrachtete Vivana das Naturspektakel. In der N�he des Wirbels entdeckte sie mehrere Schemen, die unter den Wellen dahinhuschten. Fische? Falls ja, waren es sehr gro�e.</p><p>�Noch ein Riss�, murmelte Lucien.</p><p>�Was?�, fragte Vivana.</p><p>�Auf dem Meeresboden hat sich ein Tor zum Pand�monium ge�ffnet und w�hlt den Ozean auf. Hast du etwa gedacht, die Spalte in Bradost w�re der einzige Riss in den Lichtmauern? Es passiert �berall auf der Welt. Und es werden immer mehr.�</p><p>Leise h�rte Vivana sich sagen: �Diese Schemen da dr�ben... Das sind also gar keine Fische, das sind...�</p><p>�D�monen, ja.�</p><p>�Ich habe noch nie geh�rt, dass es welche gibt, die schwimmen k�nnen�, bemerkte Nedjo.</p><p>�Ich auch nicht, aber was hei�t das schon�, erwiderte Lucien. �Das Pand�monium ist riesig, und D�monen k�nnen sich an jede Umgebung anpassen.�</p><p>Stille herrschte im Raum, w�hrend der Wirbel langsam in der Ferne verschwand. Vivana dachte an das Pand�monium, an die Ebenen voller Asche und die verbrannten H�gel unter dem gl�henden Himmel, wo es nichts gab au�er Tod und Verderben.</p><p>Sah ihre Welt bald genauso aus?</p><p>Der Rest des Tages verlief ereignislos. Jackon versuchte, sich n�tzlich zu machen, indem er Khorojs Leibw�chtern half, Aetherf�sser und Ersatzteile vom Fracht- in den Maschinenraum zu schleppen. Anschlie�end schlug er die Zeit tot und sah Liam und Nedjo dabei zu, wie sie im Aufenthaltsraum Fechten �bten. Der Manusch hatte angeboten, Liam den Umgang mit Dolch und S�bel beizubringen, damit er sich wehren konnte, wenn sie das n�chste Mal auf Feinde trafen. Verbissen trainierte der Blonde verschiedene Angriffs- und Verteidigungstechniken und wurde dabei st�ndig von Nedjo korrigiert, obwohl Jackon fand, dass er sich nicht schlecht schlug.</p><p>Begebenheiten wie diese f�hrten ihm vor Augen, dass er nach wie vor nicht zur Gruppe geh�rte. Er hatte es genauso n�tig, sich verteidigen zu k�nnen, doch Nedjo war gar nicht auf die Idee gekommen, ihn zu fragen, ob er bei dem Training mitmachen wolle. Vivanas Pr�fung der Wahrheit mochte Liam und seine Gef�hrten davon �berzeugt haben, dass er auf ihrer Seite stand � als Freund betrachteten sie ihn deswegen noch lange nicht. Lucien war der Einzige, der ihn wie ein gleichwertiges Mitglied ihrer Gemeinschaft behandelte. Wenn er wenigstens seine F�higkeiten gehabt h�tte... Ohne seine Kr�fte kam er sich vor wie ein Klotz am Bein.</p><p>Jackon hatte es so satt. Wie lange sollte er noch f�r seine Fehler b��en?</p><p>Ruckartig stand er auf. �Ich will auch k�mpfen lernen.� Nedjo und Liam lie�en die Waffen sinken. �Bist du sicher?�, fragte der Manusch.</p><p>�Glaubst du, mir gef�llt es, wehrlos zu sein, wenn uns Spiegelm�nner angreifen? Ich will mich verteidigen k�nnen und nicht immer darauf angewiesen sein, dass irgendwer mich besch�tzt.�</p><p>Nedjo musterte ihn von oben bis unten, und sein Blick sagte: <emphasis>Du H�nfling willst also k�mpfen lernen?</emphasis> Jackon beschloss, es ihm zu zeigen. Er war vielleicht klein und schm�chtig, aber das Leben in den Kan�len mit ihren tausend Gefahren hatte ihn z�h gemacht.</p><p>�Also gut. Hast du schon einmal mit einem S�bel gek�mpft?�</p><p>�Ich hatte fr�her einen alten Kavalleries�bel, aber die Klinge war abgebrochen.�</p><p>�Dann ist es wohl besser, wir fangen nicht mit scharfen Waffen an.� Nedjo gab ihm ein handliches Holzst�ck, mit dem schon Liam die ersten Schritte ge�bt hatte. �Stell dir vor, das ist ein S�bel. Halt ihn so � genau. Wenn du angreifst, hol nicht zu weit aus, damit �ffnest du deine Deckung. Dreh den Oberk�rper von deinem Gegner weg. Das macht es ihm schwerer, gef�hrliche Stellen zu treffen. So. Jetzt versuch, mich anzugreifen.�</p><p>Jackon sprang vor und deckte Nedjo, der ebenfalls ein Holzst�ck schwang, mit einer schnellen Serie von Hieben ein. Zwar gelang es ihm nicht, den Manusch zu treffen, doch er schaffte es immerhin, seinen Gegner so heftig zu bedr�ngen, dass dieser ins Schwitzen kam.</p><p>�Das war nicht schlecht f�r den Anfang�, sagte Nedjo beinahe widerwillig. �Ich denke, wir k�nnen doch mit richtigen Waffen beginnen.�</p><p>�Zeig's ihm, Jackon!�, rief Liam, als Jackon den S�bel nahm.</p><p>Mehr als eine Stunde lang �bte er die verschiedenen Techniken, die Nedjo ihm zeigte. Die wichtigsten wiederholte er so oft, bis der Manusch nichts mehr daran auszusetzen hatte.</p><p>Es war so m�hsam, dass er am liebsten schon nach zehn Minuten aufgeh�rt h�tte. Dass er durchhielt, war allein Liam zu verdanken, der ihn unaufh�rlich anfeuerte. Am Ende str�mte ihm der Schwei� aus allen Poren.</p><p>�Gut gemacht�, sagte Nedjo grinsend. �Du hast Talent.� Und dann klopfte er Jackon freundschaftlich auf den R�cken.</p><p>Als es dunkel wurde, legte Jackon sich im Frachtraum hin. Es machte ihm nichts aus, den anderen die Passagierkabinen zu �berlassen. Er war daran gewohnt, an zugigen und unbequemen Orten zu n�chtigen, mit lediglich einer d�nnen Strohmatte als Bett.</p><p>Jeder Muskel im Leib tat ihm weh, aber das war es ihm wert. Mit seinem Geschick und Durchhalteverm�gen beim Fechttraining hatte er Nedjos Respekt erworben. Anschlie�end hatten der Manusch, Liam und er noch zwei Stunden zusammengesessen und sich wie alte Krieger �ber die Feinheiten der Kampfkunst ausgetauscht. Zum ersten Mal hatte Jackon das Gef�hl gehabt, nicht blo� geduldet, sondern gesch�tzt zu sein. Das L�cheln auf seinen Lippen wollte gar nicht mehr verschwinden.</p><p>Mit dem Summen der Motoren im Ohr schlief er schlie�lich ein. In seinem Traum eilte er durch die dunklen Flure von Lady Sarkas Palast. Er war auf der Suche nach Umbra, um sie vor einer schrecklichen Gefahr zu warnen, konnte sie jedoch nirgendwo entdecken. Seine Kr�fte waren noch nicht zur�ckgekehrt. Zwar gelang es ihm, seine Gedanken zu fokussieren und die T�r seines Seelenhauses aufzusp�ren, aber er war zu schwach, um sie aufzusto�en. Verzweifelt r�ttelte er am T�rknopf, verfluchte Silas Torne und das t�ckische Kristallmesser und gab schlie�lich auf.</p><p>�Hallo Jackon.�</p><p>Erschrocken fuhr er herum. Aus den Schatten trat Lady Sarka.</p><p>�Da staunst du, was?�, fragte sie l�chelnd. Die Flammen des Ph�nix z�ngelten �ber ihr Gewand, und in ihren Augen gl�hte eisiges Feuer.</p><p>Er wich zur�ck, bis er mit dem R�cken gegen ein Hindernis stie�. �Verschwinde, du dumme Traumgestalt!�, sagte er unwirsch. �Ich habe keine Angst vor dir.�</p><p>�Ich bin keine Traumgestalt, Jackon. Ich bin leibhaftig hier. In deinem Seelenhaus.�</p><p>�Das kann nicht sein. Ohne meine Hilfe habt Ihr es noch nie geschafft, fremde Seelenh�user zu finden.�</p><p>�Das war fr�her. Aber jetzt trage ich deine und Luciens Essenz in mir. Und sie macht mich stark.�</p><p>�Essenz?�, echote Jackon.</p><p>�Ich habe eure Kr�fte aus Silas Tornes Messer extrahiert und zu mir genommen. Das hat mir die F�higkeiten eines Traumwanderers verliehen � und die eines Alben! Ist das nicht wunderbar? Endlich kann ich meine neue Macht beherrschen, auch ohne deine Hilfe. Und nicht nur das � die Albenessenz hat Kr�fte geweckt, von denen ich gar nicht wusste, dass sie in mir schlummern. Stell dir vor, ich muss nicht mehr schlafen, um zu den Traumlanden zu gelangen. Ich kann sie jederzeit betreten, genau wie ein Alb. Ich bin m�chtiger, als du je sein wirst, Jackon. Sogar m�chtiger als Aziel.�</p><p>�Nein�, fl�sterte Jackon. �Das ist nicht wahr. Ihr l�gt.�</p><p>�Sei nicht albern�, r�gte sie ihn sanft. �Dass ich hier vor dir stehe, ist doch Beweis genug. Oder m�chtest du, dass ich dir meine Macht demonstriere?�</p><p>Pl�tzlich war ihre Pr�senz so intensiv, so erdr�ckend, dass er kaum noch atmen konnte.</p><p>�Siehst du? Du sp�rst meine Macht. Du wei�t, dass ich die Wahrheit spreche.�</p><p>Alles in Jackon schrie nach Flucht, aber ein winziger Teil von ihm konnte einfach nicht aufh�ren zu hoffen, dass noch ein Rest von Vernunft in ihr war. Sie war doch so klug. Vielleicht konnte er sie davon �berzeugen, wenigstens einmal das Richtige zu tun. �Dann nutzt Eure Kraft�, sagte er. �Nutzt sie, um die Traumlanden zu heilen. Wenn Ihr die Ordnung in der Stadt der Seelen wiederherstellt, schlie�en sich vielleicht auch die Risse in den Mauern des Pand�moniums.�</p><p>�F�ngst du schon wieder mit diesem Unsinn an?�, unterbrach sie ihn scharf �Was in den Tr�umen geschieht, hat nichts mit dem Pand�monium zu tun. <emphasis>Nichts,</emphasis> hast du verstanden? Wer das behauptet, l�gt.�</p><p>�Bitte, Ihr m�sst mir glauben. Nur Ihr habt die Macht, das B�se aufzuhalten.�</p><p>�Genug jetzt�, befahl Lady Sarka. �Ich bin nicht hier, um mit dir zu plaudern. Du hast mich betrogen und verraten, Jackon. Daf�r wirst du jetzt b��en.�</p><p>Er lief davon.</p><p>So schnell er konnte, hastete er durch Flure und S�le des schattenhaften Palastes, stie� T�ren auf und eilte Treppen hinab. Er musste sich irgendwo verstecken. Ihre Macht war gewaltig. Es gab nichts, was er dagegen ausrichten konnte.</p><p>Er blieb abrupt stehen, als sie vor ihm aus dem Nichts erschien.</p><p>�Ich bin die Herrin der Tr�ume. Dies ist mein Reich. Du kannst mir nicht entkommen.�</p><p>Er wirbelte herum und rannte den Gang zur�ck, aus dem er gekommen war. Er kam keine zehn Schritte weit, bevor sie ihm abermals den Weg abschnitt.</p><p>�Es ist zwecklos, Jackon. Ich bin dein schlimmster Albtraum.�</p><p>Seine Gedanken rasten. Es gab nur eines, was er tun konnte: Er musste aufwachen. In der Wachwelt war er sicher vor ihr.</p><p>�Nein!�, fauchte sie, als das Seelenabbild seines K�rpers zu verblassen begann. Ihre Hand schnellte vor und packte ihn mit �bermenschlicher Kraft am Hals. �Du bleibst hier. Ich entscheide, wann du gehen darfst.�</p><p>Sie schleuderte ihn gegen die Wand. Die Schatten verdichteten sich, schlossen ihn ein. Und pl�tzlich �ffneten sich �berall M�nder. Riesige M�uler voller Z�hne.</p><empty-line/></section><section><title><p>26</p><empty-line/><p><emphasis>�ber dem Meer</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>J</strong>ackon erwachte zitternd und schwei�gebadet. Er fuhr zusammen, als zwischen den Kisten etwas klapperte, und kroch r�ckw�rts in eine Ecke des Frachtraums, wo er sich zusammenkauerte und die Decke bis zum Kinn zog.</p><p>Wieder das Klappern. Mit angehaltenem Atem starrte er den Kistenstapel an. Etwas rollte �ber den Boden.</p><p>Nur eine leere Aetherkapsel.</p><p>Keine zahnbewehrten Schl�nde. Keine hungrigen Schatten.</p><p>Er atmete aus. Sein Herz raste. Normalerweise verblassten seine Tr�ume kurz nach dem Aufwachen, doch dieser war anders. So intensiv. So <emphasis>real.</emphasis> Mit zusammengepressten Lippen betrachtete er seine H�nde, seine F��e. Fast �berraschte es ihn, dass nichts fehlte.</p><p>Er streifte die durchgeschwitzte Decke ab und verlie� den Frachtraum. Er f�hlte sich so schwach, dass er sich bei jedem Schritt irgendwo festhalten musste. Vorne im Steuerraum sa� Vorod Khoroj und unterhielt sich leise mit einem seiner Leibw�chter. Der Anblick hatte etwas seltsam Beruhigendes an sich.</p><p>Eine Gestalt l�ste sich aus dem Halbdunkel und kam den Gang herunter. Liam. In der Hand hielt er die Kaffeekanne. Er sah nicht gut aus. Bleich, mit tiefen Ringen unter den Augen.</p><p>Er musterte Jackon. �Du also auch? Komm nach hinten. Die anderen sind schon alle wach.�</p><p>Sie gingen zum Aufenthaltsraum, wo Vivana, Quindal, Nedjo und Lucien sa�en. Der Alb war der Einzige, der nicht �bern�chtigt aussah. Die anderen waren leichenblass.</p><p>�Lady Sarka ist uns allen im Traum erschienen�, sagte Liam, nachdem er den Kaffee verteilt hatte. �Sie hat uns mit Albtr�umen heimgesucht, den schlimmsten, die wir je erlebt haben. Ich wurde von D�monen gehetzt. Vivana hat von ihrer toten Mutter getr�umt. Bei Nedjo muss es besonders schrecklich gewesen sein, aber er will uns nicht sagen, was er gesehen hat.�</p><p>Jackon blickte zu dem jungen Manusch, der geistesabwesend auf seiner Unterlippe kaute und nicht zu h�ren schien, dass �ber ihn gesprochen wurde.</p><p>�Zu mir hat sie gesagt, dass sie morgen Nacht wiederkommen wird�, sagte Vivana. �Und in den n�chsten N�chten auch. Bis sie uns vernichtet hat.�</p><p>�Ja�, murmelte Jackon. �Das hat sie mir auch gesagt.�</p><p>�Ich verstehe nicht, wie das m�glich ist�, meinte Lucien. �Woher hat sie auf einmal diese Macht? Ich dachte, sie w�re in den Traumlanden weitgehend hilflos ohne dich.�</p><p>�Fr�her war sie das, aber jetzt nicht mehr.� Jackon berichtete, was er von Lady Sarka erfahren hatte.</p><p>�Unsere Essenz�, wiederholte Lucien. �Nun, das erkl�rt einiges. Ich wusste doch, es war ein Fehler, Tornes Messer liegen zu lassen.�</p><p>�Was ist eine Essenz?�, fragte Jackon.</p><p>�Konzentrierte magische Energie.�</p><p>�H�lt die Wirkung f�r immer an?�</p><p>�Nein, ausgeschlossen. Bei der geringen Menge magischer Kraft, die in Tornes Messer gewesen ist, vielleicht eine Woche. H�chstens zwei.�</p><p>�Aber dann ist es ja nicht so schlimm�, sagte Jackon. �Wenn die Wirkung der Essenz nachl�sst, verliert sie ihre Macht und ist wieder so schwach wie fr�her.�</p><p>�So einfach ist es leider nicht�, erwiderte Lucien. �Lady Sarka verdankt ihre F�higkeiten ja nicht der Essenz, die sie aus unseren Kr�ften gewonnen hat. Die Essenz hilft ihr nur, ihre Macht zu kontrollieren. Sobald sie genug �bung hat, ist sie darauf nicht mehr angewiesen.�</p><p>�Du glaubst also, ihre Kr�fte bleiben, auch wenn die Essenz nicht mehr wirkt?�, fragte Vivana.</p><p>�Ich f�rchte, so ist es.�</p><p>�Hei�t das, wir m�ssen diese Albtr�ume jetzt jede Nacht ertragen?�, fragte Quindal.</p><p>�Wenn uns nichts einf�llt, wie wir uns dagegen sch�tzen k�nnen � ja.�</p><p>Leider war dies nicht die einzige schlechte Nachricht des Tages. Gegen Mittag t�rmten sich am Horizont brodelnde Wolkenberge auf, und das Luftschiff wurde von heftigen Windb�en durchgesch�ttelt. Quindal, der Khoroj im Steuerraum abgel�st hatte, weckte den S�dl�nder und besprach mit ihm die Situation.</p><p>Liam und Jackon gesellten sich zu ihnen.</p><p>�Sind wir in Gefahr?�, fragte der Blonde.</p><p>�Mach dir keine Sorgen�, antwortete Khoroj. �Die <emphasis>Jaipin</emphasis> hat schon so manchen Sturm �berstanden. Aber wenn der Gegenwind so stark bleibt, brauchen wir einen Tag l�nger bis nach Yaro D'ar.�</p><p>�Kann uns der Aether ausgehen?�</p><p>Quindal �berpr�fte die Kontrollen. �Der Reservetank ist voll. Das sollte reichen, selbst wenn uns der Sturm zu einem Umweg zwingt.�</p><p>Vivana kam angelaufen. �Ruac hat Probleme. Ich glaube, er kann nicht mehr.�</p><p>Jackon eilte mit ihr, Liam und Khoroj nach hinten zum Aufenthaltsraum, und sie schauten aus dem Heckfenster. Schr�g hinter der <emphasis>Jaipin</emphasis> durchbrachen mehrere Klippen die windgepeitschten Wellen. Auf einem der schwarzen Felsen sa� Ruac und hatte die Fl�gel angelegt.</p><p>�Er braucht eine Pause�, sagte Vivana. �Wir m�ssen so lange auf ihn warten.�</p><p>�Maschinen auf halbe Kraft!�, rief Khoroj nach vorne, und Quindal drosselte die Motoren. Kurz darauf stand das Luftschiff eine halbe Meile von den Felsen entfernt in der Luft. Quindal lie� die Propeller mit geringer Leistung weiterlaufen, damit sie nicht vom Wind abgetrieben wurden.</p><p>Die Stunden verstrichen. Der Sturm zog gl�cklicherweise an ihnen vorbei, aber der Wind lie� nicht nach. Irgendwann am sp�ten Nachmittag war Ruac ausgeruht genug, um weiterzufliegen. Er spreizte die Schwingen, erhob sich in die Luft und schloss zu ihnen auf. Quindal fuhr die Motoren hoch, und sie setzten ihre Reise nach S�den fort.</p><p>Jackon sa� im Steuerraum und bemerkte, dass Khoroj mit sorgenvoller Miene die Kontrollen studierte.</p><p>�Die Pause hat uns viel Treibstoff gekostet�, sagte der S�dl�nder. �Wenn sich der Lindwurm noch mal ausruhen muss, bevor wir die K�ste erreichen, k�nnte es Probleme geben.�</p><p>�Dann hoffen wir besser, dass er es schafft�, erwiderte Quindal leise.</p><p><emphasis>Und wenn nicht?,</emphasis> dachte Jackon. <emphasis>Lassen wir ihn zur�ck?</emphasis></p><p>Er sp�hte den Gang hinunter zum Aufenthaltsraum. Vivana sa� am Fenster, als sei sie entschlossen, Ruac nicht mehr aus den Augen zu lassen. Sie w�rde nie erlauben, dass sie ohne ihn weiterflogen. In tausend Jahren nicht.</p><p>Auch Jackon hing inzwischen an Ruac. Der Lindwurm war ein vollwertiges Mitglied ihrer Gruppe, ein Gef�hrte, genau wie die anderen. Und er hatte sie gerettet, dreimal sogar. Jackon w�rde ihn nicht im Stich lassen. Niemals.</p><p><emphasis>Du kannst auf mich z�hlen,</emphasis> versicherte er Vivana stumm.</p><p>Nach Einbruch der Dunkelheit versammelten sich die Gef�hrten im Aufenthaltsraum. Keiner war erpicht darauf, schlafen zu gehen, also tranken sie starken Kaffee und hielten sich gegenseitig mit Geschichten und R�tselspielen wach.</p><p>Jackon setzte sich zu Lucien. �Kann ich dich etwas fragen?�</p><p>�Was gibt es?�</p><p>�Ich habe noch einmal �ber alles nachgedacht. Die Tr�ume und das Pand�monium und so weiter. Wir �berlegen uns die ganze Zeit, wie wir Lady Sarka aufhalten k�nnen, aber was danach mit den Traumlanden geschieht, dar�ber macht sich keiner Gedanken. Wer sorgt daf�r, dass die Tr�ume wieder in Ordnung kommen? Wer passt auf die Boten und Sammler auf und repariert die Seelenh�user, wenn sie kaputt gehen?�</p><p>Lucien kaute am Mundst�ck seiner Pfeife. �Mein Volk nicht, so viel steht fest. Sie haben ihre Entscheidung getroffen.�</p><p>�Aber irgendwer muss sich darum k�mmern.�</p><p>�Wir fragen den Ph�nix.�</p><p>�Und du meinst, er wei� eine L�sung?�</p><p>�Seine Macht ist gewaltig, beinahe gottgleich. Er wird die Tr�ume retten, wenn er erst wieder frei ist. Hab Vertrauen.�</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>�Eins nach dem anderen, Jackon. Jetzt m�ssen wir erst einmal wohlbehalten nach Yaro D'ar kommen. Dann sehen wir weiter.�</p><p>Jackon w�nschte, er h�tte Luciens Gelassenheit. Lustlos nahm er einen Schluck aus seiner Tasse und lie� den Rest kalt werden. Er konnte keinen Kaffee mehr sehen.</p><p>�Du bist dran�, wandte sich Liam an Lucien.</p><p>�Womit?�</p><p>�Gib uns ein R�tsel auf. Oder erz�hl uns eine Geschichte.�</p><p>�Aber eine spannende, wenn ich bitten darf�, sagte Quindal. �Ich schlafe gleich ein.�</p><p>�Also gut.� Lucien nahm seine Geschichtenerz�hlerpose ein und stopfte seine Pfeife. �Kennt ihr die Legende von Fene und Usin? Nein? Nun, das wundert mich nicht, sie ist sehr alt. Heute kann sich kaum noch jemand daran erinnern.</p><p>Fene war eine Vila und lebte in den H�geln von Karst. Wie alle Vilen ern�hrte sie sich von der Lebenskraft der Menschen, die so leichtsinnig waren, ihre Schlucht zu betreten. Eines Tages traf sie Usin, einen jungen Manusch. Usin war ein Wahrsager, und obwohl er erst zweiundzwanzig Sommer z�hlte, besa� er betr�chtliche Macht, denn damals war die Magie noch stark. Er floh vor R�ubern und wusste sich nicht anders zu helfen, als sich in Fenes Schlucht zu verstecken. Fene wollte �ber ihn herfallen und seine Lebenskraft aussaugen, doch als sie ihn sah, verliebte sie sich in ihn. Sie gew�hrte Usin Zuflucht in ihrer H�hle, bis die R�uber die Jagd nach ihm aufgaben.</p><p>Usin blieb viele Tage bei ihr und erholte sich von seinen Wunden. Bis jetzt hatte Fene die Menschen verachtet und sie f�r dumme, schwache Gesch�pfe gehalten, f�r Schlachtvieh, dessen einziger Lebenszweck darin besteht, get�tet und verspeist zu werden. Ihre Liebe zu Usin lehrte sie jedoch, dass die Sterblichen eine Seele besa�en und obendrein Klugheit, Einfallsreichtum, Witz und Mut, und da schwor sie, niemals wieder einen Menschen zu t�ten.</p><p>Usin nahm sie mit zu seinem Clan. Die anderen Manusch f�rchteten sich vor der Vila, doch da sie gro�e Achtung vor den Wesen der Schattenwelt empfanden und Usin respektierten, �berwanden sie bald ihre anf�ngliche Abscheu und behandelten Fene wie eine der ihren.</p><p>So erfuhr sie, dass die Manusch seit vielen Jahren von einem b�sen Nigromanten geknechtet wurden. Der Totenbeschw�rer verschleppte ihre Kinder, stahl ihr Vieh und t�tete jeden, der sich ihm widersetzte. Usin und die Krieger waren machtlos gegen ihn. Als Fene die Verzweiflung des Clans sah, beschloss sie, den Manusch zu helfen. Nur wie? Mit Waffengewalt konnte man nichts gegen den Nigromanten ausrichten. Au�erdem hatte er seinen Turm mit Bannspr�chen vor Schattenwesen gesch�tzt, sodass Fene sich nicht an ihn anschleichen und ihn t�ten konnte. Schlie�lich traf sie eine Entscheidung: Sie schenkte ihre gesamte magische Kraft ihrem Geliebten, damit er die Macht besa�, den Totenbeschw�rer zu bezwingen. Noch in derselben Nacht ging Usin zum Turm des Nigromanten und streckte seinen Feind mit einem Zauberspruch nieder.</p><p>Endlich waren die Manusch frei, doch Fene hatte einen hohen Preis gezahlt. Durch den Verlust ihrer magischen Kraft war sie sterblich geworden. Wenige Jahre sp�ter wurde sie krank und starb in Usins Armen. Dennoch bereute sie ihre Entscheidung nicht, denn Usins Liebe und die Freundschaft der Manusch bedeuteten ihr mehr als ewiges Leben.�</p><p>�Das ist aber ein trauriges Ende�, meinte Liam.</p><p>�Ja�, sagte Lucien. �Die alten Geschichten sind immer traurig. Aber wenn ihr wollt, erz�hle ich euch jetzt eine lustige. Es war einmal ein Schweinez�chter, der hie� Will...�</p><p>Die Stunden verstrichen, w�hrend Lucien, Quindal, Liam und Vivana abwechselnd M�rchen und Legenden zum Besten gaben. Jackon blieb wach bis zum Morgengrauen. Dann forderten die Strapazen der letzten Tage ihren Tribut, und er wurde so m�de, dass er kaum noch die Augen offen halten konnte. Mit letzter Kraft schleppte er sich zum Frachtraum und legte sich auf seine Matte. <emphasis>Nur f�nf Minuten,</emphasis> dachte er. <emphasis>F�nf Minuten, und dann stehe ich wieder auf.</emphasis></p><p>Er schloss die Augen und schlief auf der Stelle ein.</p><p>�Hallo Jackon�, <emphasis>wisperte</emphasis> Lady Sarka.</p><empty-line/></section><section><title><p>27</p><empty-line/><p><emphasis>Der Handelsposten</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>�N</strong>och eine Nacht stehen wir nicht durch�, sagte Quindal am n�chsten Morgen. �Wir m�ssen etwas unternehmen.�</p><p>Liam umklammerte mit beiden H�nden seine Kaffeetasse. Er war noch ganz gefangen in seinem Albtraum, obwohl er bereits seit einer halben Stunde hiersa�. Ein Teil von ihm schien nach wie vor durch die dunklen Grabg�nge zu irren, verfolgt von Schritten, die n�her und n�her kamen. Wenn er die Augen schloss, sah er wieder das Leichengesicht seines Vaters, halb verwest und voller Maden, und h�rte ihn leise fl�stern: <emphasis>Sieh mich an, Liam. Das ist deine Schuld. Du h�ttest mich retten k�nnen, aber du warst zu feige... zu feige... zu feige...</emphasis></p><p>Er wusste nicht, was die anderen getr�umt hatten. Ihren blassen Gesichtern nach zu schlie�en, war es noch schlimmer gewesen als in der Nacht davor. Keinem seiner Gef�hrten war es gelungen, wach zu bleiben. Irgendwann in den fr�hen Morgenstunden hatte die M�digkeit sie einen nach dem anderen �berw�ltigt, und sie waren hinabgeglitten in dunkle Tr�ume aus den Abgr�nden ihrer Seelen, heraufbeschworen von Lady Sarka.</p><p>Am meisten sorgte sich Liam um Nedjo. Der Manusch hatte heute Morgen noch kein einziges Wort gesagt. Bleich und in sich gekehrt sa� er da und zuckte bei jedem unerwarteten Ger�usch zusammen. Beim Fr�hst�ck hatte er keinen Bissen anger�hrt und die ganze Zeit nerv�s mit seinem Messer hantiert, bis Lucien es ihm behutsam weggenommen hatte.</p><p>�Das ist einfacher gesagt als getan�, griff der Alb Quindals Appell auf. �Wenn Jackon und ich unsere Kr�fte noch h�tten, k�nnten wir versuchen, eure Seelenh�user vor Lady Sarka zu sch�tzen. Aber so sind wir machtlos.�</p><p>�Kannst du etwas Magisches machen, um uns zu sch�tzen?�, wandte sich Liam an Vivana.</p><p>�Ich habe schon in Livias B�chern nachgesehen�, antwortete sie. �Es gibt leider keinen Schutzzauber gegen Albtr�ume.�</p><p>�Aber es gibt einen <emphasis>Schutztrank�,</emphasis> sagte Jackon. �Wenn man ihn einnimmt, tr�umt man nicht mehr. Lady Sarka hat ihn mir gegeben, als Aziel nach mir gesucht hat.�</p><p>�Wir kennen diesen Trank�, erwiderte Liam m�de. �Aber wo sollen wir ihn hernehmen? Wir sind mitten �ber dem Ozean. Hier gibt es weit und breit nur Wasser.�</p><p>�Nicht ganz�, sagte Vorod Khoroj. Er hatte das Steuer der <emphasis>Jaipin</emphasis> seinen Leibw�chtern �bergeben, damit er mit den Gef�hrten fr�hst�cken konnte. Liams Hoffnung, Lady Sarka w�rde wenigstens ihn verschonen, hatte sich nicht erf�llt. Nachdem sich Khoroj gegen vier Uhr morgens f�r zwei Stunden hingelegt hatte, war er prompt von ihr heimgesucht worden. �Hier in der N�he gibt es eine Insel mit einem kleinen Handelsposten�, fuhr der S�dl�nder fort. �Soweit ich wei�, lebt dort auch ein Hermetiker. Vielleicht haben wir Gl�ck und finden dort Jackons Trank.�</p><p>�Hermetiker?�, wiederholte Liam mit gerunzelter Stirn. �So nennen wir in Yaro D'ar Alchymisten.�</p><p>�Liegt die Insel auf unserem Weg?�, fragte Quindal.</p><p>�Leider nicht. Wir m�ssten einen Umweg von einem halben Tag machen.�</p><p>�Reicht daf�r der Treibstoff?�</p><p>�Das sollte kein Problem sein. Auf der Insel k�nnen wir die Tanks der <emphasis>Jaipin</emphasis> auff�llen.�</p><p>Ein paar Stunden sp�ter kam die Insel in Sicht. Es handelte sich um ein karges Eiland, auf dem kaum etwas wuchs, mit Steilklippen im Norden, an denen sich Gischt sch�umend die Wellen brachen. Ein paar Ginsterb�sche klammerten sich an die salzverkrusteten Felsen, die nach S�den hin abfielen und eine kleine Bucht bildeten. Ein knappes Dutzend H�user stand dort, einst�ckige Steingeb�ude mit kleinen Fenstern und Schieferd�chern. An einem Anlegesteg lag ein Fischerboot; die anderen waren leer.</p><p>Khoroj steuerte die <emphasis>Jaipin</emphasis> zu einem Ankermast auf einer freien Fl�che hinter der Siedlung. Heftige Windb�en zerrten an dem Luftschiff, wurden jedoch schw�cher, als es im Schutz der Felsen landete.</p><p>Der S�dl�nder gab Quindal ein B�ndel Geldscheine. �Kauf so viel Aether, wie du bekommen kannst�, wies er den Erfinder an. �Ich warte hier auf euch.�</p><p>Die Maschinen verstummten. Liam und seine Gef�hrten stiegen aus und �berquerten das Landefeld. Der Wind riss an ihrer Kleidung und zerzauste ihnen das Haar. Es roch nach Algen.</p><p>Liam hielt nach Ruac Ausschau und entdeckte ihn oben auf den Steilklippen. Der Lindwurm hatte sich zusammengerollt und schien zu schlafen.</p><p>�Viel los ist hier ja nicht gerade�, sagte Vivana. �Wo sind denn die ganzen Leute?�</p><p>�Irgendetwas stimmt hier nicht�, murmelte Quindal. �Wir h�tten unsere Waffen mitnehmen sollen.�</p><p>�Hier, nimm die�, sagte Nedjo und reichte ihm eine Pistole. Eine zweite steckte hinter seinem G�rtel. Der gehetzte Ausdruck in seinen Augen gefiel Liam ganz und gar nicht.</p><p>Wachsam folgten sie dem Weg. Als sie die H�user erreichten, bemerkte Liam, wie still es hier war. Die Siedlung wirkte vollkommen verlassen. Es gab keine Menschen, keine Tiere, nichts.</p><p>�In Ordnung�, sagte er angespannt. �Ich schlage vor, wir suchen den Trank und den Aether und verschwinden, so schnell wir k�nnen.�</p><p>Vor ihnen lag ein etwa drei�ig Schritt durchmessender Platz, gepflastert mit Steinplatten. Holzf�sser und ein Handkarren standen herum. Lucien ging zu einem Geb�ude, das wie eine Mischung aus Laden und Lagerhaus aussah. Vorsichtig und mit gez�cktem Messer �ffnete er die angelehnte T�r. Knarrend schwang sie nach innen.</p><p>Der Alb setzte einen Fu� auf die T�rschwelle � und prallte zur�ck.</p><p>�Was ist da?�, keuchte Liam. Bevor Lucien die T�r zuschlug, sah er noch, dass drinnen jemand auf dem Boden lag, in einer Lache aus getrocknetem Blut.</p><p>�Zur�ck zum Luftschiff, sofort!�, rief der Alb.</p><p>Im gleichen Moment fing Nedjo an zu schie�en.</p><p>Liam wirbelte herum und bemerkte eine Gestalt auf dem Dach des Nachbarhauses, ein Wesen wie ein Wasserspeier, mit H�rnern, Fl�geln und Klauen. Es kam hinter dem Dachfirst hervor und �ffnete fauchend ein Maul voller Fangz�hne, bevor es die Schwingen spreizte und sprang.</p><p>Quindal schoss ihm in den Kopf. Es fiel vor ihnen zu Boden, zuckte noch einmal und starb.</p><p>�Lauft!�, br�llte der Erfinder.</p><p>Liam war wie gel�hmt. <emphasis>Ein D�mon,</emphasis> dachte er wieder und wieder, w�hrend er das tote Gesch�pf anstarrte. Als er schrilles Kreischen h�rte, hob er den Kopf. Aus den Fenstern eines Hauses auf der anderen Seite des Platzes kletterten weitere D�monen, koboldartige Wichte mit knochigen Gesichtern und spitzen Ohren, die gezackte Messer und Hornspeere schwangen. Sie lachten meckernd und warteten auf einen riesigen schwarzen K�fer, der zwischen den Geb�uden erschien. Auf dem R�cken des Insekts ritt ein etwas gr��erer Koboldd�mon, in einer Klaue eine Lanze, in der anderen ein Netz aus knotigen Str�ngen. Als er seine Waffe in die H�he reckte, griff die Horde an.</p><p>�Liam!�, schrie Vivana.</p><p>Liam setzte sich in Bewegung, erst langsam, dann immer schneller, und hastete hinter seinen Gef�hrten den Pfad hinauf. Einer der Wichte l�ste sich aus der Horde und st�rmte n�her, das Messer zum Sto� erhoben. Ein Schuss donnerte, und der Kobold wurde von der Wucht des Treffers zu Boden geschleudert.</p><p>�Beeilt euch!�, rief Khoroj aus der Luke der <emphasis>Jaipin</emphasis>, als sie das Landefeld erreichten. Er hatte die Motoren gestartet, und das Luftschiff schwebte einen Schritt �ber dem Boden. Seine Leibw�chter waren ausgestiegen und feuerten auf die Ungeheuer.</p><p>Jackon und Vivana stiegen ein. Liam warf einen Blick zur�ck und sah, dass es in der Siedlung inzwischen von D�monen nur so wimmelte. �berall krochen sie hervor, aus Wohnh�usern und Schuppen, aus Kellerfenstern und Regenzisternen, wie Maden, die aus einem Kadaver quollen, hundsk�pfige Kynokephalen, Schlangenmenschen und insektenhafte Kreaturen mit summenden Fl�geln, einer abscheulicher als der andere. Ihr Geheul lie� Liam das Blut in den Adern gefrieren.</p><p>Nedjo stand neben ihm, aschfahl. Leise fluchend lud er seine Pistole nach und zitterte dabei so stark, dass er mehrere Patronen fallen lie�.</p><p>�Was machst du da?�, stie� Liam hervor. �Komm, wir m�ssen einsteigen!�</p><p>�Zuerst hole ich mir den Trank.�</p><p>�Spinnst du? Die D�monen werden dich abschlachten!�</p><p>�Lieber sterbe ich, als noch eine solche Nacht zu ertragen.�</p><p>Nedjo lief zu Khorojs Leibw�chtern, die hinter dem Ankermast kauerten und auf die D�monen schossen. Zwei Wichte lagen bereits tot auf dem Hang; die anderen waren hinter den Felsen in Deckung gegangen.</p><p>�Was ist denn los mit ihm?�, br�llte Quindal aus der Luke der <emphasis>Jaipin</emphasis>. �Wieso steigt er nicht ein?�</p><p>�Er ist verr�ckt geworden�, rief Liam. �Er will nicht ohne den Trank gehen.�</p><p>Fluchend sprang der Erfinder aus der Gondel. Liam und er rannten zum Ankermast. Nedjo verbarg sich hinter einem Strebepfeiler, presste sich gegen das Holz und murmelte leise vor sich hin, w�hrend er mit flackerndem Blick die Siedlung beobachtete. Pl�tzlich sprang er aus seiner Deckung und gab zwei ungezielte Sch�sse auf die D�monen ab. Gerade als er losrennen wollte, packte Quindal ihn mit seiner mechanischen Hand.</p><p>�Lass mich los!�</p><p>�Nein. Du kommst mit uns.�</p><p>�Ich brauche den Trank!�</p><p>�Wir finden einen anderen Weg, um uns zu sch�tzen. Jetzt komm endlich. Du bringst uns alle in Gefahr.�</p><p>�Ihr versteht das nicht�, keuchte Nedjo mit erstickter Stimme. �Diese Gesichter... Sie starren mich an. Sie fl�stern. Und die W�rmer... sie sind �berall. In meinem Kopf. Unter meiner Haut...�</p><p>Er schrie auf, als Quindal ihm den Arm verdrehte und ihn zwang, die Pistole fallen zu lassen. �Hilf mir, Liam!�</p><p>Nedjo tobte wie ein Wahnsinniger. Er schrie und wand sich und trat nach Liam, der versuchte, seine Beine festzuhalten. Liam bekam einen heftigen Tritt ins Gesicht, bevor es ihnen endlich gelang, den Manusch zu �berw�ltigen. Gemeinsam trugen sie ihn zum Luftschiff, gefolgt von den beiden Leibw�chtern.</p><p>�Nein!�, br�llte Nedjo, als sie ihn in die Luke schieben wollten. �Nein!� Khoroj und Jackon versuchten, ihn von innen hochzuziehen. Er wehrte sich erbittert. �Lasst mich den Trank holen! Bitte! Bitte, lasst mich!�</p><p>Liam blickte zum Ankermast. �Die D�monen kommen!�</p><p>Quindal lie� Nedjo los. �Tut mir leid, aber du zwingst mich dazu.� Er versetzte dem Manusch mit seiner normalen Hand einen Kinnhaken, der Nedjo benommen gegen die Gondel taumeln lie�. Mit vereinten Kr�ften schoben und zogen sie ihn hinein und kletterten ihm nach.</p><p>Die Motoren heulten auf, und die <emphasis>Jaipin</emphasis> startete � keine Sekunde zu sp�t, denn im n�chsten Moment st�rmten die Wichte heran und schwenkten w�tend ihre Waffen.</p><p>Quindal warf die Lukent�r zu. Nedjo kam zu sich, rappelte sich st�hnend auf und begriff, wo er war. Augenblicklich begann er wieder zu toben.</p><p>�Lasst mich aussteigen!�, br�llte er und schlug auf die beiden Leibw�chter ein, als diese ihn nicht zur Luke lie�en. �Ich halte es hier drin nicht mehr aus!�</p><p>Die M�nner rangen ihn zu Boden und hielten ihn fest. Einer der S�ldner rief Khoroj etwas auf Yarodi zu.</p><p>�Er macht noch alles kaputt!�, schrie Khoroj aus dem Steuerraum. �Fesselt ihn, wenn er nicht damit aufh�rt!�</p><p>In seiner Raserei entwickelte der Manusch solche Kr�fte, dass sogar die kampferprobten S�ldner M�he hatten, mit ihm fertigzuwerden. Liam schauderte, als er den Ausdruck in Nedjos Augen sah. Es war kein Wahnsinn, der ihn so toben lie�, sondern pure Verzweiflung.</p><p>�Jackon, hol ein Seil aus dem Frachtraum, schnell�, befahl Quindal. �Liam, Lucien, ihr helft mir, ihn in seine Kabine zu bringen.�</p><p>Nedjo wehrte sich so heftig, dass es ihnen nur mit M�he gelang, ihn hochzuheben. Liam wurde mehrmals geschlagen und getreten, bis sie es schafften, ihn in den Gang zu tragen. Erschwerend kam hinzu, dass das Luftschiff nun �ber den Klippen schwebte, wo starke Windb�en es durchsch�ttelten.</p><p>Liam stie� die T�r der Passagierkabine auf, und sie zerrten Nedjo aufs Bett. Jackon kam mit dem Seil. Lucien fesselte dem Manusch Arme und Beine und band ihn ans Bettgestell, w�hrend Liam und Quindal ihn festhielten. Nedjo atmete schwer und versuchte, sich aufzub�umen, doch Lucien hatte das Seil so fest gezogen, dass er sich kaum noch bewegen konnte.</p><p>Liam wischte sich den Schwei� vom Gesicht. Er konnte Nedjo nicht ansehen. Der Manusch war ihr Gef�hrte, ihr Freund � und sie wussten sich nicht anders zu helfen, als ihn zu fesseln.</p><p>Vivana rief nach ihm.</p><p>�Kommt ihr ohne mich klar?�</p><p>�Wir passen auf ihn auf�, sagte Lucien. �Geh schon.�</p><p>Liam trat auf den Gang und entdeckte Vivana im Aufenthaltsraum. Er lief zu ihr und prallte einmal gegen die Wand, als Khoroj die Klippen in einem Bogen umfuhr und sich das Luftschiff dabei leicht zur Seite neigte.</p><p>�Ruac!�, sagte Vivana. �Er ist zu schwach.�</p><p>Liam blickte aus dem Fenster. Die Klippe, auf der Ruac sa�, befand sich inzwischen gut f�nfzig Schritt unter ihnen. Der Lindwurm breitete seine Fl�gel aus, doch er schaffte es nicht, ihnen nachzufliegen. Ersch�pft sank er zur�ck auf die Felsen. Der zweit�gige Flug mit nur einer kurzen Rast hatte ihn offensichtlich v�llig entkr�ftet.</p><p>�Wir m�ssen Vorod sagen, dass er auf ihn warten muss�, stie� Vivana hervor.</p><p>Sie liefen den Gang hinunter. Auf halbem Weg kam ihnen Jackon entgegen.</p><p>�Was ist?�</p><p>�Ruac�, antwortete Liam. �Er kann nicht mehr.�</p><p>Zu dritt eilten sie zum Steuerraum.</p><p>�Wir k�nnen noch nicht starten�, sagte Vivana. �Ruac muss sich ausruhen.�</p><p>�Ausgeschlossen�, erwiderte Khoroj mit harter Miene. �Wir starten jetzt.�</p><p>�Sie wollen ihn zur�cklassen?�, fragte Jackon emp�rt.</p><p>�Wir k�nnen nicht auf ihn warten. Es ist zu gef�hrlich.�</p><p>�Hier oben passiert uns doch nichts�, entgegnete Liam.</p><p>�Wir haben nicht mehr genug Treibstoff. Au�erdem kriegen wir gerade Besuch.� Khoroj wies auf drei gefl�gelte Schemen, die sich ihnen vom Meer aus n�herten. Verschlinger.</p><p>�Haltet euch fest�, sagte der S�dl�nder, zog an einem Hebel und beschleunigte die <emphasis>Jaipin</emphasis>.</p><p>Liam, Vivana und Jackon redeten auf ihn ein, flehten ihn an, umzukehren und Ruac nicht im Stich zu lassen. Doch Khoroj blieb hart. Unbeirrt steuerte er das Luftschiff nach Osten, fort von der Insel, fort von Ruac.</p><p>�Bitte�, sagte Vivana mit Tr�nen in den Augen. �Die Verschlinger werden ihn t�ten.�</p><p>�Das reicht jetzt.� Khoroj gab seinen Leibw�chtern einen Befehl, woraufhin die M�nner sie aus dem Steuerraum schoben und ihnen die T�r vor der Nase zuschlugen.</p><p>�Wissen Sie, was Sie sind?�, schrie Jackon. �Ein Feigling!� Er trat gegen die T�r.</p><p>Sie liefen zum Aufenthaltsraum und blickten zur Insel. Ruac auf seinem Felsen wurde immer kleiner. Das Letzte, was Liam sah, war, dass die drei D�monenv�gel zu den Klippen flogen und den Lindwurm umkreisten wie Aasfresser ein sterbendes Tier. Dann wurde die Insel zu einem dunklen Fleck in der Ferne, der allm�hlich im Grau des Meeres verschwand.</p><p>Vivana legte eine Hand auf das Fensterglas. Tr�nen rannen �ber ihr Gesicht, das sich blass und tr�b in der Scheibe spiegelte.</p><p>Liam nahm sie in die Arme.</p><empty-line/></section><section><title><p>28</p><empty-line/><p><emphasis>Die Stadtfl��e von Yaro D'ar</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>L</strong>eise �ffnete Vivana die T�r und betrat die Passagierkabine. Nedjo war wach.</p><p>�Wie geht's dir?� Sie klappte den Tisch aus, stellte das Tablett ab und setzte sich auf die Bettkante.</p><p>�Gro�artig�, kr�chzte er. �Ich k�nnte B�ume ausrei�en.�</p><p>Vivana kaute auf der Unterlippe. Es tat ihr weh zu sehen, wie Nedjo dalag, ans Bett gefesselt wie ein gef�hrlicher Irrer in einer Anstalt f�r Geisteskranke. Unter der Schlafstelle schaute eine improvisierte Bettpfanne hervor. Ihr Vater hatte sie aus einem alten Motorgeh�use zurechtgebogen, denn es war ihnen zu riskant erschienen, Nedjo loszubinden, wenn er auf die Toilette musste.</p><p>Wenigstens hatte er aufgeh�rt zu toben � weil er viel zu ersch�pft war. Genau wie Vivana, ihr Vater, Liam, Jackon und Khoroj hatte er die letzte Nacht durchgemacht. Sie hatten aus der Nacht zuvor ihre Lehre gezogen und Khorojs M�nner gebeten, sich nachmittags hinzulegen, damit sie bei Einbruch der Dunkelheit ausgeruht waren und aufpassen konnten, dass keiner von ihnen einnickte. Obwohl die S�dl�nder mehrere Stunden geschlafen hatten, waren sie nicht von Lady Sarka heimgesucht worden. Warum sie die beiden verschonte, dar�ber konnten die Gef�hrten nur Vermutungen anstellen. M�glicherweise, so Luciens Theorie, wusste sie nichts von den S�ldnern und kam daher nicht auf die Idee, in ihre Seelenh�user einzudringen.</p><p>Nach der durchwachten Nacht war Vivana todm�de, aber das nahm sie gern in Kauf, wenn ihr daf�r Lady Sarkas Albtr�ume erspart blieben.</p><p>�Hier�, sagte sie. �Ich habe dir Fr�hst�ck gebracht. Du hast bestimmt Hunger.�</p><p>Nedjo grinste schief. �Ich f�rchte, du musst mich f�ttern.�</p><p>�Das macht mir nichts aus. K�nntest du mit dem Kopf ein bisschen hochrutschen? Ja. So ist es gut.�</p><p>Vivana presste die Lippen zusammen, f�hrte ihm die Kaffeetasse zum Mund � und hielt inne. Nein. Das war entw�rdigend. Sie stellte die Tasse aufs Tablett und begann, einen Knoten zu l�sen.</p><p>�Was machst du da?�</p><p>�Ich binde dich los, das siehst du doch.�</p><p>�Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?�</p><p>�Wieso? Hast du vor, mich anzugreifen?�</p><p>�Ich habe Angst, dass ich wieder die Kontrolle �ber mich verliere. So wie gestern. Dieser Anfall ist einfach �ber mich gekommen. Ich wei� nicht, was mit mir los war. Ich konnte nichts dagegen tun.�</p><p>�Du hattest einen Nervenzusammenbruch. Verst�ndlich, nach allem, was passiert ist.�</p><p>Nedjo verzog den Mund. �Ich komme mir vor wie ein Narr.�</p><p>�Du kannst doch nichts daf�r. Wenn wir in Yaro D'ar sind, bringen wir dich zu einem Arzt.�</p><p>�Mir w�re es lieber, du w�rdest mir helfen.�</p><p>�Leider �bersteigt das meine F�higkeiten. Au�erdem habe ich keine Heilkr�uter mehr.�</p><p>�Aber ich hasse �rzte.�</p><p>�Du gehst trotzdem hin�, beharrte Vivana. �Keine Widerrede. Ich bestehe darauf.�</p><p>�Du h�rst dich schon an wie Livia�, murmelte er missmutig.</p><p>Sie �ffnete den letzten Knoten, rollte das Seil zusammen und legte es auf den Boden. Nedjo setzte sich auf und massierte seine schmerzenden Handgelenke. Dann trank er etwas Kaffee und a� von dem Brot und dem K�se, schaffte jedoch nur ein paar Bissen.</p><p>Anschlie�end legte er sich wieder hin. Er war sehr schwach und brauchte Ruhe. Vivana wollte ihn nicht allein lassen und blieb noch eine Weile bei ihm. Nedjo fiel es nicht leicht, die Augen offen zu halten.</p><p>�Meinst du, die Albtr�ume kommen auch, wenn wir tags�ber schlafen?�, fragte er. �Lady Sarka kann unsere Seelenh�user doch nicht rund um die Uhr beobachten.�</p><p>�Wir wissen nicht genug �ber ihre F�higkeiten. Besser, du probierst es nicht aus.�</p><p>Vivanas Vater trat herein.</p><p>�Wieso hast du ihn losgebunden?�, fragte er mit Blick auf das Bett.</p><p>�Es geht ihm besser. Er braucht die Fesseln nicht mehr.�</p><p>�Das kannst du nicht beurteilen.�</p><p>�Doch, kann ich.� Sie tippte sich an die Schl�fe. �Tante Livia, erinnerst du dich?�</p><p>Er gab ein Schnauben von sich. Es fiel ihm nach wie vor schwer zu verstehen, dass sie Dinge wusste, die sie eigentlich nicht wissen konnte. �Na sch�n. Keine Fesseln mehr. Aber wir beaufsichtigen ihn, bis wir in Yaro D'ar sind.�</p><p>Vivana bemerkte, dass Nedjo die Augen zugefallen waren. Sie schlug ihm sanft gegen die Wange. �He! Nicht einschlafen. Hier, trink noch einen Schluck Kaffee.�</p><p>Mit zitternden H�nden nahm Nedjo die Tasse entgegen.</p><p>�Du hast noch gar nichts gegessen�, sagte ihr Vater. �Geh fr�hst�cken. Ich �bernehme hier.�</p><p>Vivana trottete zum Aufenthaltsraum, wo die Reste des Fr�hst�cks auf den Tischen standen. Sie hatte �berhaupt keinen Appetit. Sie nahm sich einen Kaffee und setzte sich ans Heckfenster. Wenig sp�ter ertappte sie sich dabei, dass sie jeden Quadratzoll des Himmels absuchte. Gegen alle Vernunft hoffte sie immer noch, Ruac k�nnte pl�tzlich am Horizont auftauchen.</p><p>Der dunkle Fleck da dr�ben � sah er nicht aus wie ein Lindwurm mit ausgebreiteten Schwingen?</p><p>Nein. Nur ein Schwarm Zugv�gel.</p><p>Vivana senkte den Blick. Sie sollte aufh�ren, sich etwas vorzumachen. Sie waren inzwischen mehrere hundert Meilen von der Insel entfernt. Selbst wenn es Ruac gelungen war, die D�monen in die Flucht zu schlagen und einen letzten Rest Kraft zu mobilisieren, hatte er keine Chance mehr, sie einzuholen.</p><p>Er w�rde nicht zur�ckkommen.</p><p><emphasis>Wir haben ihn im Stich gelassen.</emphasis></p><p>Sie dachte an das Versprechen, das sie ihm gegeben hatte, als er noch klein gewesen war: <emphasis>Ich passe immer auf dich auf. Ich lasse nicht zu, dass dir etwas zust��t. Niemals.</emphasis></p><p>Ihre Augen f�llten sich erneut mit Tr�nen.</p><p>Pl�tzlich bemerkte sie, dass jemand neben ihr stand. �Hey, Jackon�, murmelte sie und wischte sich das Gesicht mit dem �rmel ab.</p><p>Der Rothaarige wirkte verlegen. �Ich halte auch schon den ganzen Morgen nach ihm Ausschau. Wir d�rfen die Hoffnung nicht aufgeben.�</p><p>�Nein. D�rfen wir nicht.�</p><p>�Vielleicht hat er die D�monen ja besiegt. Er ist sehr stark. Nicht mal vor den Spiegelm�nnern hatte er Angst.�</p><p>Vivana w�nschte, sie k�nnte seine Zuversicht teilen. Sie schwieg.</p><p>�Na ja.� Jackon r�usperte sich. �Du willst bestimmt allein sein. Falls du jemanden zum Reden brauchst oder so, sag einfach Bescheid, in Ordnung?�</p><p>�Warte�, sagte sie.</p><p>Er drehte sich um.</p><p>�Danke, dass du mir gestern geholfen hast. Das rechne ich dir hoch an.�</p><p>�Keine Ursache�, erwiderte er mit dem Anflug eines L�chelns und setzte sich wieder zu Liam und Lucien.</p><p>Vivana beobachtete ihn verstohlen. Sie hatte immer gedacht, Jackon und sie k�nnten niemals Freunde werden � nicht nach allem, was geschehen war. Aber vielleicht war er doch nicht so �bel.</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter rief Khoroj aus dem Steuerraum: �Land in Sicht!�</p><p>Liam und Jackon sprangen auf und st�rmten nach vorn. �Kommst du nicht mit?�, fragte Lucien, w�hrend er seine Pfeife ausklopfte.</p><p>�Ich bleibe lieber hier�, sagte Vivana.</p><p>�Du verpasst etwas. Man fliegt nicht alle Tage mit dem Luftschiff �ber ein fremdes Land.�</p><p>�Ich bin nicht in Stimmung daf�r, in Ordnung?�</p><p>�Gut, wie du meinst.� Lucien schob seine Pfeife hinter den G�rtel und schlenderte zum Steuerraum.</p><p>Vivana blickte abermals aus dem Fenster. Ja, sie war zu niedergeschlagen und m�de, um fremde Landschaften zu bestaunen, aber der wahre Grund, warum sie nicht nach vorne gehen wollte, hie� Vorod Khoroj. Sie hatte keine Lust, sich mit dem S�dl�nder in einem Raum aufzuhalten. Eigentlich wollte sie ihn �berhaupt nicht sehen, wenn es sich vermeiden lie�. <emphasis>Er</emphasis> hatte die Entscheidung getroffen, Ruac zur�ckzulassen. <emphasis>Er</emphasis> war ohne ihn weitergeflogen. Nat�rlich wusste Vivana, dass er richtig und vern�nftig gehandelt hatte, rein logisch betrachtet. Aber zum Teufel mit der Logik! Ihr Herz beharrte darauf, dass er ein gemeiner und egoistischer Mistkerl war.</p><p><emphasis>Sei nicht ungerecht,</emphasis> meldete sich ihr Gewissen zu Wort. <emphasis>Es war nicht seine Schuld, dass wir Ruac nicht retten konnten. Au�erdem ist er kein Egoist, ganz im Gegenteil. Ohne ihn s��en wir jetzt im Gef�ngnis. Er hat uns geholfen und daf�r seine Existenz geopfert. Und so dankst du es ihm?</emphasis></p><p>Pl�tzlich kam sie sich sehr kleinlich und engherzig vor. Seufzend stand sie auf und ging zum Steuerraum.</p><p>Ihre Gef�hrten dr�ngten sich an den Fenstern. Sogar Nedjo war da. Er hielt sich an einem Pfosten fest und blickte fasziniert in die Ferne.</p><p>Einige Meilen vor ihnen erstreckte sich die K�ste, ein schmaler Streifen aus Braun, Grau und Gr�n. Nicht gerade ein spektakul�rer Anblick, trotzdem verga� Vivana f�r einen Moment ihre d�steren Gedanken. Nach drei Tagen �ber dem offenen Meer tat es gut, wieder einmal Land zu erblicken. Mit B�umen, Wiesen, H�geln und Felsen.</p><p>Ein paar Minuten sp�ter fuhr das Luftschiff �ber einen Wald, einen gewaltigen Dschungel, der kein Ende zu nehmen schien. Dunstschleier hingen wie Spinnweben in Schluchten und Talsenken. Schw�rme grellbunter V�gel stiegen zwischen turmhohen B�umen auf, deren St�mme aus knotigen und ineinander verdrehten Wurzelstr�ngen bestanden. Fl�sse, manche breiter als der Rodis, durchzogen den Wald, m�anderten durch das Gr�n, verzweigten sich und fanden wieder zusammen, ges�umt von Str�uchern und B�schen mit fleischigen Bl�ttern und farbenfrohen Bl�ten. Alles wirkte warm und feucht und prall von Leben. Vivana konnte das Kreischen der V�gel und Summen der Insekten beinahe h�ren.</p><p>Ehrfurcht ergriff sie, obwohl sie schon einmal �hnlich riesige Waldgebiete gesehen hatte, in Torle, wo ein Teil ihrer Familie lebte. Wie mussten sich da erst Liam und Jackon f�hlen, die Bradost noch nie verlassen hatten? Sie unterdr�ckte ein Schmunzeln, als sie sah, dass den beiden vor Staunen die M�nder offen standen.</p><p>�Ich habe immer gedacht, Yaro D'ar w�re eine riesige W�ste�, sagte Nedjo.</p><p>�Yaro D'ar ist sehr gro߫, erkl�rte Khoroj. �Die W�ste ist weit im S�den. Wir sind noch ganz im Norden, im Grenzland. Da dr�ben, das m�sste schon Aquinia sein.�</p><p>Die Gef�hrten blieben im Steuerraum, denn hier war die Aussicht am besten. Zwei Stunden sp�ter �berflogen sie den gr��ten Fluss, den Vivana je gesehen hatte. Er musste mehr als f�nf Meilen breit sein, die zahllosen Nebenarme und angrenzenden Sumpfgebiete nicht mitgerechnet, und glich einem schlammbraunen Band, das sich tr�ge durch den Dschungel w�lzte. Die <emphasis>Jaipin</emphasis> folgte seinem Lauf, bis sie nach weiteren zwei Stunden die M�ndung erreichten. Der Strom bildete ein Delta, das so riesig war, dass man das Meer im Osten nur erahnen konnte.</p><p>�Fahren wir nach Vavanodii?�, erkundigte sich Vivanas Vater.</p><p>Vivana erinnerte sich, dass so Khorojs Heimatstadt hie�.</p><p>�Leider nicht�, antwortete der S�dl�nder. �Vavanodii ist im Herbst weiter flussaufw�rts. Daf�r reicht unser Treibstoff nicht. Wir m�ssen die n�chste Siedlung ansteuern, die wir sehen.�</p><p><emphasis>Im Herbst weiter flussaufw�rts?</emphasis> Vivana r�tselte, was diese Bemerkung bedeuten mochte. Wie konnte eine Stadt den Standort �ndern?</p><p>Wenige Minuten sp�ter erhielt sie die Antwort. Vor ihnen erblickte sie die T�rme und D�cher einer Ortschaft, �ber der gem�chlich drei Luftschiffe kreisten. Die Siedlung befand sich mitten auf dem Fluss und wies keine Br�cken zum Ufer auf. Zuerst dachte Vivana, sie st�nde auf einer Insel oder auf Pf�hlen, aber dann wurde ihr klar, dass sie sich irrte.</p><p>Die kleine Stadt <emphasis>schwamm.</emphasis></p><p>Eine Plattform trug die Geb�ude, ein h�lzerner Unterbau, der auf dem Wasser trieb. Die Konstruktion �hnelte Khorojs Haus. Nur dass sie viel, viel gr��er war.</p><p>�Wir haben Gl�ck�, sagte Khoroj erfreut. �Das ist Suuraj. Die Kapit�nmagistratin ist eine alte Freundin von mir. Sie wird uns herzlich empfangen.�</p><p>�Unglaublich�, fl�sterte Jackon, der die schwimmende Stadt mit aufgerissenen Augen betrachtete.</p><p>Der S�dl�nder l�chelte. �Ja, staunt, meine Freunde. So etwas sieht man nicht jeden Tag, nicht wahr? Yaro D'ar ist voller Wunder, und das ist nur eines davon.�</p><p>�Ich habe dar�ber gelesen�, sagte Liam. �Das ist ein Stadtflo�, richtig?�</p><p>�Ja. Eines der kleineren, aber daf�r das sch�nste, das je gebaut wurde.�</p><p>�Hei�t das, es gibt mehrere davon?�, fragte Vivana.</p><p>�Fast zwei Dutzend. Auf den gro�en wie Vavanodii leben mehr als zwanzigtausend Menschen.�</p><p>Kurz darauf konnte Vivana Einzelheiten erkennen. Der Fluss um das Stadtflo� war gesprenkelt mit Booten und kleinen Kuttern, die an den Anlegestegen ihr Frachtgut l�schten oder vollbeladen von dort kamen. Spezielle K�hne mit Ankermasten und ausladenden Decks trugen weitere Luftschiffe, die wie urzeitliche Leviathane auf dem Wasser trieben und sich die Sonne auf die B�uche scheinen lie�en. Eines startete gerade und kam ihnen von schr�g unten entgegen, bis es die Richtung �nderte und mit summenden Motoren s�dw�rts zum Dschungel fuhr.</p><p>Das Stadtflo� selbst glich einer chaotischen Ansammlung von Holz und war weder rund noch eckig, sondern irgendetwas dazwischen, so als h�tten sich die Planken wie Treibgut und Wrackteile zuf�llig auf dem Wasser zusammengefunden. Sie formten ein schwimmendes Eiland, das aus mehreren Plattformen bestand, zwei oder drei gro�en und unz�hligen kleineren, miteinander verbunden durch Br�cken, Stege und abenteuerlichen Konstruktionen aus Stangen und Tauwerk. Getragen wurde das Ganze von gewaltigen Blechf�ssern, aufgereiht an der Unterseite der Plattformen. Vivana erblickte mehrere haushohe Motoren aus schimmerndem Messing; vermutlich trieben sie das Stadtflo� an, wenn es den Fluss hinauf- oder hinunterfuhr. Momentan jedoch war das nicht der Fall. Riesige Ankerketten reichten straff gespannt ins Wasser und stellten sicher, dass es nicht abtrieb.</p><p>Die Geb�ude waren ausnahmslos aus Holz gefertigt. Mit ihren Kuppeln, kunstvoll verzierten T�ren und geschwungenen Freitreppen erinnerten sie Vivana an Khorojs Haus.</p><p>Die meisten waren einst�ckig, doch in der Mitte der schwimmenden Insel gab es auch einige mit zwei, drei oder vier Stockwerken � augenscheinlich die Residenzen der Stadtoberen. Farbenfroh bemalte T�rme reckten sich dem Himmel entgegen und fingen mit ihren vergoldeten D�chern das Sonnenlicht ein.</p><p>Niemand sprach. Obwohl Vivana und ihre Gef�hrten schrecklich m�de waren, hatte der Anblick des Stadtflo�es sie schier �berw�ltigt.</p><p>Der Bann brach, als die Maschinen zu stottern begannen. �Der Treibstoff geht uns aus�, erkl�rte Khoroj. �Wir m�ssen sofort landen.�</p><p>Der S�dl�nder steuerte eine erh�hte Basis im Zentrum des Stadtflo�es an, auf der bereits ein etwas gr��eres Luftschiff ankerte. Er lie� Gas aus den Traggaszellen ab und landete buchst�blich mit dem letzten Tropfen Aether: Die <emphasis>Jaipin</emphasis> setzte gerade auf der Plattform auf, als die Motoren endg�ltig verstummten. Seine M�nner stiegen aus und vert�uten das Schiff am Ankermast.</p><p>�Ich schlage vor, dass wir zuerst einen Arzt f�r Nedjo suchen�, wandte sich Khoroj an die Gef�hrten. �Anschlie�end gehen wir zu Jerizhin. Sie wohnt dort dr�ben im Kapit�nspalast.�</p><p>�Das ist deine Bekannte, nehme ich an�, sagte Vivanas Vater.</p><p>�Sie ist das Oberhaupt von Suuraj. Ich kenne sie schon viele Jahre. Von ihr bekommen wir alles, was wir brauchen.�</p><p>�Gut�, sagte Nedjo. �Ich warte hier auf euch.�</p><p>Vivana stellte fest, dass er noch blasser als heute Morgen aussah. Die neuen Eindr�cke waren eindeutig zu viel f�r ihn. �Soll ich bei dir bleiben?�, fragte sie besorgt.</p><p>�Nicht n�tig. Ich komme schon klar.�</p><p>Vivanas Vater hielt es jedoch f�r zu riskant, Nedjo allein zu lassen, und bestand darauf, auf ihn aufzupassen.</p><p>Nachdem sich die Gef�hrten von den beiden M�nnern verabschiedet hatten, stiegen sie aus. Die Luft drau�en war so hei� und feucht, dass Vivana sich wie in einem Dampfbad f�hlte. Augenblicklich brach ihr am ganzen K�rper der Schwei� aus. Es roch wie auf einem Schiff: nach feuchtem Holz, Algen und fauligem Bilgewasser.</p><p>Von der Landebasis f�hrte eine Rampe hinab ins Gassengewirr. Es war eine Sache, das Stadtflo� aus der Luft zu betrachten, aber eine ganz andere, es zu durchqueren und die prachtvollen Kuppeln und anmutigen Balkone aus unmittelbarer N�he zu sehen. Vivana wusste nicht, wohin sie zuerst schauen sollte, so viel gab es zu entdecken. Beim Bau der H�user waren die verschiedensten Holzsorten zum Einsatz gekommen, schwarze und wei�e, braune und beigefarbene mit bizarren Maserungen, wodurch jedes Geb�ude einzigartig war und sich gleichzeitig harmonisch in die Umgebung einf�gte. Fenster- und T�rrahmen waren mit verschlungenen Mustern bemalt. Geschnitzte Greifen und gefl�gelte L�wen wachten vor den Eing�ngen. In den engen und schattigen H�fen pl�tscherten Brunnen aus Alabaster und Kupfer und sorgten f�r ein wenig K�hle.</p><p>M�ckenschw�rme ballten sich �ber den zahllosen Kan�len zwischen den Plattformen. Ein paar Schritt tiefer schaukelten die von Rost, Muscheln und trockenem Seetang bedeckten F�sser auf dem Wasser. Der begrenzte Platz zwang die Bewohner des Stadtflo�es, erfindungsreich zu bauen. Verwinkelte H�user nutzten jeden Quadratzoll aus. Manche ragten gar �ber die Plattformen hinaus und besa�en Anbauten, die von waghalsigen St�tzger�sten getragen wurden. Viele Gassen waren so schmal, dass zwei M�nner mit Handkarren Schwierigkeiten hatten, aneinander vorbeizukommen.</p><p>Daher spielte sich das Leben haupts�chlich auf den D�chern ab. Zwischen den Kuppeln befanden sich Terrassen mit kleinen G�rten, �ber denen Sonnensegel aufgespannt waren. Die Menschen, die im Schatten sa�en, trugen bunte Gew�nder mit weiten �rmeln und hatten sich wie Khoroj das schwarze Haar an der linken Schl�fe zu einem komplizierten Knoten gebunden. Die meisten waren von schlankem Wuchs und besa�en fein geschnittene Gesichter und mandelf�rmige Augen. Egal, ob sie schnitzten, ein Ruderboot bauten, K�rbe flochten oder Fisch ausnahmen, sie taten alles mit solch einer Anmut, dass sich Vivana daneben ein wenig plump vorkam.</p><p>Auch in den Gassen und H�fen wurde unabl�ssig gearbeitet. M�nner tauschten insektenzerfressene und morsche Planken durch neue aus, strichen W�nde und dichteten L�cher in den B�den mit Teer ab. Der Alltag auf dem Stadtflo� war ein st�ndiger Kampf gegen F�ulnis und Zerfall.</p><p>Nicht nur die harte Arbeit machte den Bewohnern von Suuraj zu schaffen. Vivana entdeckte �berall Anzeichen, dass sie nicht von den Ereignissen der letzten Tage und Wochen verschont worden waren. Viele Menschen litten sichtlich unter den Verwerfungen in den Traumlanden und wirkten �bern�chtigt, nerv�s und �ngstlich. Auf den T�rmen und D�chern standen Soldaten, wie Khorojs Leibw�chter in muschelartige R�stungen und Helme geh�llt, und beobachteten wachsam die Flussufer. Vivana vermutete, dass sie nach D�monen Ausschau hielten.</p><p>Viele Leute, die ihnen in den Gassen begegneten, gr��ten Khoroj freundlich. Offenbar war er in Suuraj ein bekannter und angesehener Mann.</p><p>Am Ende der Gasse befand sich ein Hospital. Auf dem Weg dorthin kamen ihnen zwei seltsam gekleidete Personen entgegen. Sie trugen nachtschwarze Roben mit weiten Kapuzen und verbargen ihre Gesichter, die wie ihre H�nde ungew�hnlich blass waren, hinter silbernen Halbmasken.</p><p>�Was sind das f�r M�nner?�, fragte Vivana, w�hrend sie versuchte, den beiden unheimlichen Gestalten nicht zu auff�llig nachzustarren.</p><p>�Astrophilosophen�, sagte Khoroj, der vor den Kapuzentr�gern respektvoll das Haupt geneigt hatte. �Ich f�rchte, ich kann dir nicht zufriedenstellend erkl�ren, was das ist � in Bradost gibt es daf�r keine Entsprechung. Man k�nnte es eine Mischung aus Sterndeuter, Priester und Mystiker nennen. Astrophilosophen versetzen sich in Meditation, beobachten die Sterne an Assamiras Himmelszelt und erforschen so die Schattenwelt. Sie sind sehr m�chtig und einflussreich in Yaro D'ar... So, da w�ren wir. Wartet am besten hier, w�hrend ich mit den �rzten spreche.�</p><p>Das Hospital war nicht sehr gro�. Dem Eingangsraum schloss sich ein lichter Kuppelsaal an, in dem auf zwei Ebenen etwa f�nfzehn Betten standen, mit Stellw�nden dazwischen. Mehrere �rzte und Pfleger k�mmerten sich um die Patienten.</p><p>Khoroj kam mit einer jungen �rztin zur�ck und erkl�rte, sie wolle Nedjo sehen. Die Gef�hrten brachten sie zum Luftschiff, wo sie den Manusch untersuchte. Da sie nur Yarodi sprach, musste Khoroj ihre Fragen und Nedjos Antworten �bersetzen. Die �rztin sagte, Nedjo m�sse sich einige Tage im Hospital behandeln lassen, da er absolute Ruhe brauche. Erwartungsgem�� weigerte er sich zun�chst und willigte erst ein, als Vivana drohte, ihm die Freundschaft zu k�ndigen, wenn er nicht auf die �rztin h�rte. Schlie�lich kamen zwei Pfleger, setzten den missmutigen Manusch in einen Rollstuhl und brachten ihn zum Hospital.</p><p>Anschlie�end machten sich die Gef�hrten auf den Weg zum Kapit�nspalast, einem Geb�udekomplex in der N�he der Landeplattform. Die Anspannung, die Vivana �berall in der Stadt gesp�rt hatte, war hier am intensivsten. Auf dem kleinen Platz vor den Toren wimmelte es von Soldaten und nerv�sen M�nnern und Frauen in Amtsroben.</p><p>Der Palast selbst glich einem Bienenstock. Die Eingangshalle war voller Aeronauten, die von ihren Offizieren Befehle bekamen. Schreiber nahmen Berichte auf und eilten davon. Khoroj sprach einen W�chter an und wurde laut, als er eine abweisende Antwort erhielt. Schlie�lich lenkte der Mann ein, befahl ihnen, hier zu warten, und verschwand im Gew�hl. Eine halbe Stunde sp�ter tauchte ein anderer W�chter auf und f�hrte sie zu einem aetherbetriebenen Aufzug, in dem Vivana und ihre Freunde nach oben fuhren.</p><p>�Jerizhin ist gerade sehr besch�ftigt�, sagte Khoroj. �Aber sie wird uns empfangen, sobald ihre Pflichten es erlauben. Wir sollen so lange in ihren Gem�chern warten.�</p><p>Der Aufzug hielt, und sie betraten ein Zimmer hoch �ber Suuraj, dessen Fenster einen atemberaubenden Blick auf die schwimmende Stadt boten. Sonnenlicht verfing sich in den orangefarbenen Seidenvorh�ngen. Auf dem Boden lagen erlesene Teppiche, deren Kn�pfmuster Orchideen nachempfunden waren.</p><p>Zwei Diener forderten sie auf, in den geschnitzten Sesseln Platz zu nehmen, und brachten Schalen mit frischem Obst. Die exotischen Fr�chte waren leuchtend rot und sahen aus wie eine Kreuzung aus Banane und Paprika. Vivana nahm ein St�ck und fragte sich, wie man dieses seltsame Gew�chs a�. Biss man einfach hinein? Khoroj half ihr, die Schale zu entfernen, und sie kostete von dem rosafarbenen Fruchtfleisch. Es schmeckte k�stlich und s��, so �hnlich wie Erdbeeren. Dazu gab es k�hlen und erfrischenden Tee.</p><p>Es dauerte mehr als zwei Stunden, bis Jerizhin kam. Sie trug eine rote Uniform, einen Einteiler mit zwei Reihen aus polierten Messingkn�pfen, der ihren schlanken Leib betonte. Ihr nachtschwarzes Haar war am Hinterkopf hochgebunden, und an ihrem Nasenfl�gel glitzerte ein winziger Rubin. Sie war so sch�n, dass es Vivana f�r einen Moment den Atem verschlug.</p><p>L�chelnd umarmte sie Khoroj. Die beiden sprachen einige Minuten auf Yarodi miteinander, bevor Khoroj sie seinen Begleitern vorstellte. Die Art, wie Khoroj und Jerizhin miteinander umgingen, sagte Vivana, dass sie einst ein Liebespaar gewesen waren. Offenbar gab es zwischen ihnen immer noch freundschaftliche Gef�hle.</p><p>Lucien hatte seine Kapuze zur�ckgeschlagen. Falls Jerizhin sich �ber sein ungew�hnliches Aussehen wunderte, so zeigte sie es nicht.</p><p>�Bitte entschuldigt, dass ihr so lange warten musstet�, sagte die Kapit�nmagistratin, nachdem sie sich zu ihnen gesetzt hatte. �Ich versinke gerade in Arbeit. In den letzten Tagen sind Besorgnis erregende Dinge geschehen. Und st�ndlich gibt es neue schlechte Nachrichten.� Sie beherrschte die Sprache des Nordens beinahe akzentfrei.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Khoroj, obwohl sie alle l�ngst die Antwort kannten.</p><p>Jerizhin legte die H�nde auf die Armlehnen. Sie wirkte ersch�pft, wenngleich sie ihre Gef�hle so gut unter Kontrolle hatte, dass es Vivana kaum auffiel. �Ich f�rchte, ihr habt euch einen schlechten Zeitpunkt f�r euren Besuch in Suuraj ausgesucht. Im Dschungel sind merkw�rdige Kreaturen aufgetaucht. D�monen, sagen die Astrophilosophen. Wir wissen nicht, woher sie kommen, aber es steht fest, dass sie keine freundlichen Absichten haben. Einige haben uns vorgestern angegriffen. Gl�cklicherweise konnten wir sie zur�ckschlagen. Flussaufw�rts soll es noch schlimmer sein. Heute Morgen ist ein Luftschiff aus Kamanuii gelandet. Die Besatzung sagt, die D�monen h�tten das Stadtflo� �berrannt und viele Bewohner get�tet. Meine Kundschafter suchen den Fluss nach �berlebenden ab, aber bis jetzt haben sie keine gefunden. Aus dem S�den h�ren wir �hnliche Dinge. Die D�monen treiben offenbar im ganzen Land ihr Unwesen.�</p><p>�Nicht nur in Yaro D'ar�, sagte Khoroj. �Auch Bradost wird angegriffen. Und vermutlich viele andere St�dte. Sogar im Meer haben wir welche gesehen. Sie scheinen �berall ins Diesseits einzudringen.�</p><p>Jerizhin nickte d�ster, als h�tte sie so etwas erwartet. �Die Astrophilosophen haben die Theorie, dass ihr Auftauchen etwas mit den Traumst�rungen zu tun hat, die vor einigen Wochen aufgetreten sind. Aber sie k�nnen nicht erkl�ren, warum die D�monen pl�tzlich in der Lage sind, das Pand�monium zu verlassen. Es sind schlimme Zeiten, Vorod. Und ich f�rchte, das ist erst der Anfang.�</p><p>F�r einen Moment herrschte bedr�cktes Schweigen. Vivana spielte mit dem Gedanken, Jerizhin zu erz�hlen, was sie �ber die D�monen und den Niedergang der Traumlanden wussten. Doch Liam, der ihr ansah, was sie dachte, sch�ttelte kaum merklich den Kopf. Sie hatten sich darauf geeinigt, Jerizhin vorerst nicht in ihre Pl�ne einzuweihen. Khoroj hatte zwar versichert, dass sie der Kapit�nmagistratin bedingungslos vertrauen konnten, doch sie wollten kein Risiko eingehen.</p><p>�Du hast noch gar nicht erz�hlt, was euch nach Suuraj f�hrt�, sagte Jerizhin schlie�lich. �Seid ihr auf der Flucht vor den D�monen?�</p><p>�Wir sind nur auf der Durchreise�, antwortete Khoroj. �In ein oder zwei Tagen, wenn wir uns ausgeruht haben, fahren wir weiter nach S�den. Meine Gesch�fte erfordern dort meine Anwesenheit.�</p><p>Jerizhin musterte Vivana und ihre Freunde und schien sich zu fragen, welches Gesch�ft solch seltsame Weggef�hrten erforderte. Doch sie war so diskret, Khoroj nicht weiter zu bedr�ngen. �Gut. Dann seid so lange meine G�ste. Meine Diener werden euch Zimmer herrichten. Ich werde nicht viel Zeit f�r euch haben, aber so m�sst ihr wenigstens nicht in den Aeronauten-Quartieren unten in der Stadt wohnen.�</p><p>�Das ist sehr freundlich von Euch�, sagte Vivanas Vater. �Ich hoffe, wir machen Euch keine Umst�nde.�</p><p>�Das ist selbstverst�ndlich. Und h�rt bitte mit diesem Ihr- und Euch-Unsinn auf. Ich bin Kapit�nmagistratin, keine K�nigin.�</p><p>Vivana unterdr�ckte ein L�cheln. Jerizhin wurde ihr immer sympathischer.</p><p>�Kann ich sonst noch etwas f�r euch tun?�, fragte die S�dl�nderin.</p><p>�Ja�, sagte Khoroj. �Aber es ist mir sehr unangenehm, dich darum zu bitten.�</p><p>�Sei nicht albern, Vorod. Wir kennen uns jetzt seit f�nfzehn Jahren. Wir haben uns immer gegenseitig geholfen.�</p><p>�Wir brauchen Treibstoff und Ersatzteile f�r die <emphasis>Jaipin</emphasis>. Leider haben wir nicht genug Geld. Wir mussten Bradost sehr �berst�rzt verlassen.�</p><p>�Wie viel brauchst du?�</p><p>�Ich sch�tze, sechshundert <emphasis>Shii.�</emphasis></p><p>�Wenn das alles ist...� Jerizhin gab einem ihrer Diener eine entsprechende Anweisung. Dabei klang ihre Stimme befehlsgewohnt, aber nicht herrisch. Sie besa� eine nat�rliche Autorit�t und schien bei ihren Untergebenen gro�en Respekt zu genie�en. Der Mann verschwand im Nebenraum und kam mit einer geschnitzten Kassette aus Teakholz zur�ck. �Das m�sste gen�gen. Falls nicht, lass es mich wissen.�</p><p>Sichtlich verlegen nahm Khoroj die Kassette entgegen. �Da w�re noch etwas. Wir leiden sehr unter den Traumst�rungen und suchen einen Trank, der uns davor sch�tzt. Wei�t du, ob die hiesigen Hermetiker so etwas haben?�</p><p>�Ich f�rchte, dieses Elixier ist gerade sehr begehrt. Nur ein Hermetiker in der Stadt stellt es her. Ich glaube nicht, dass er noch Vorr�te hat. Aber ich habe genug gekauft. Andernfalls w�re ich schon l�ngst nicht mehr in der Lage, dieses Stadtflo� zu f�hren. Ihr k�nnt davon haben.�</p><p>In diesem Moment kam ein uniformierter Bote herein und �berreichte ihrer Gastgeberin eine Nachricht. Mit d�sterer Miene studierte Jerizhin den Bericht, ging ins Nebenzimmer, wo ihr Schreibtisch stand, und verfasste eine Antwort, die sie dem Boten mitgab.</p><p>�Leider muss ich euch jetzt allein lassen. Die Aeronauten haben zwei Dutzend Fl�chtlinge aus Kamanuii aus dem Fluss gerettet. Ich muss mich um sie k�mmern. F�hlt euch hier wie zuhause. Meine Diener bringen euch den Trank und zeigen euch eure Zimmer.�</p><p>Die Kapit�nmagistratin ging.</p><p>Vivana h�rte ein Brummen und blickte aus dem Fenster. Ein Luftschiff fuhr dicht am Kapit�nspalast vorbei und verdeckte dabei die Sonne, sodass es f�r einen Moment dunkel im Turmzimmer wurde.</p><p>Pl�tzlich war sie so m�de, dass sie es kaum noch schaffte, aufzustehen und dem Diener zu ihrem Bett zu folgen.</p><p>Knistern von Papier weckte Liam. Ein paar Sekunden blieb er reglos liegen, betrachtete die gew�lbte Zimmerdecke und dachte einen Moment, er w�re in der Passagierkaj�te eines Schiffs. Das runde Fenster gl�hte im abendlichen Sonnenlicht. Es war �berraschend k�hl.</p><p>Er f�hlte sich so ausgeruht wie seit Tagen nicht. <emphasis>Ein Hoch auf Jerizhins Wundertrank!</emphasis> Damit schlief man zwar nicht ganz so erholsam wie sonst, aber das war immer noch besser, als von Lady Sarka und ihren Albtr�umen geplagt zu werden.</p><p>Vivana sa� auf der Bettkante und las in einem Buch. Er beobachtete sie eine Weile und l�chelte, weil sie �berhaupt keine Notiz von ihm nahm. Sie besa� die Gabe, sich so sehr in eine Sache zu vertiefen, dass sie die Welt um sich herum v�llig verga�.</p><p>�Was liest du da?�</p><p>�Das ist eins von Livias B�chern�, antwortete sie, ohne aufzusehen. �Ich muss etwas nachschauen.�</p><p>Liam umschlang Vivanas Oberk�rper mit den Armen, k�sste ihren Nacken und setzte sich neben sie. Unverst�ndliche Buchstaben bedeckten das vergilbte Pergament � die geheime Schriftsprache der Manusch. Im Moment ihres Todes hatte Livia Vivana beigebracht, sie zu lesen. <emphasis>Innerhalb von ein paar Sekunden hat sie eine ganze Sprache gelernt.</emphasis> Liam schauderte. Er w�rde nie verstehen, was vor ein paar Tagen in Godfreys Versteck vorgefallen war.</p><p>�Tante Livia kannte mehrere Zauberspr�che, um mit ruhelosen Geistern fertigzuwerden�, sagte Vivana. �Aber ich f�rchte, das, was wir brauchen, ist nicht dabei.�</p><p>�Ruhelose Geister?�</p><p>�Mahoor Shembar. Wenn er so b�se ist, wie ich glaube, wird er uns kaum freiwillig helfen. Wir werden ihn zwingen m�ssen, mit uns nach Bradost zu kommen.�</p><p>Liam kaute auf seiner Unterlippe. Er hatte den Gedanken, dass sie wom�glich bald einem dreitausend Jahre alten Untoten begegneten, in den letzten Tagen erfolgreich verdr�ngt.</p><p>Pl�tzlich fiel ihm auf, was Vivana gerade gesagt hatte. �Was meinst du damit, er muss mit uns nach Bradost kommen?�</p><p>�Na ja, wie soll er sonst den Bindezauber aufheben?�</p><p>�Kann er das nicht dort machen, wo er ist?�</p><p>�So funktioniert das nicht. Er muss Lady Sarka sehen. Noch besser w�re es, er ber�hrt sie, damit er die Aura des Ph�nix sp�ren kann.�</p><p>Liam stand auf und fuhr sich durch die Haare. �Wissen die anderen davon?�</p><p>�Ich dachte, das w�re euch klar.�</p><p>�Du bist die Einzige von uns, die einen Schnellkurs in Magie gemacht hat, schon vergessen? Komm. Wir m�ssen das den anderen sagen. Ich f�rchte, sie gehen davon aus, dass es damit getan ist, nach Ilnuur zu fliegen und den Sterndeuter zu finden.�</p><p>Eine halbe Stunde sp�ter sa�en sie in Jerizhins Gem�chern. Die Kapit�nmagistratin war nicht da, aber ihre Diener sorgten daf�r, dass es ihnen an nichts fehlte, und brachten Essen und kalte Getr�nke. Alle hatten ein paar Stunden geschlafen und wirkten einigerma�en ausgeruht. Auch Lucien sah frischer aus. Er schien sich auf dem Stadtflo� bedeutend wohler zu f�hlen als an Bord der <emphasis>Jaipin</emphasis>.</p><p>Erwartungsgem�� reagierten Quindal und Khoroj best�rzt, als Liam berichtete, dass es ein neues Problem gab.</p><p>�Warum hast du uns das nicht fr�her gesagt?�, wandte sich der Erfinder an Vivana. �Das wirft unsere ganzen Pl�ne �ber den Haufen!�</p><p>�Ach, wir haben Pl�ne?�, erwiderte sie gereizt. �Unser gro�artiger Plan lautet, nach Ilnuur zu gehen und einen untoten Sterndeuter zu suchen. Aus irgendwelchen Gr�nden ist uns noch nicht mehr eingefallen. Lass mich mal �berlegen, warum. Vielleicht weil wir seit Tagen auf der Flucht sind und versuchen, nicht zu sterben?�</p><p>�H�rt auf damit�, sagte Lucien, der rittlings im offenen Fenster sa� und Pfeife rauchte. �Lasst uns lieber �berlegen, was wir jetzt machen. Angenommen, wir schaffen es, Mahoor Shembar zu finden und davon zu �berzeugen, uns zu helfen � wie bringen wir ihn unbemerkt nach Bradost? Lady Sarka wei�, was wir vorhaben. Sie wird uns vernichten, bevor wir auch nur in ihre N�he kommen.�</p><p>�Das Problem ist die <emphasis>Jaipin</emphasis>,� sagte Khoroj. �Lady Sarka kennt jetzt mein Luftschiff. Wenn ihre Leute uns sehen, schie�en sie uns sofort ab.�</p><p>�K�nnen wir die Jai<emphasis>pin</emphasis> nicht irgendwie tarnen?�, fragte Jackon. �Oder uns von Jerizhin ein anderes Luftschiff leihen?�</p><p>�Das bringt nichts�, erwiderte Quindal. �Wie ich Corvas und die Lady kenne, lassen sie jedes Luftschiff �berpr�fen, das sich der Stadt n�hert.�</p><p>�Sie haben gerade andere Sorgen�, sagte Liam. �Die Soldaten sind wahrscheinlich alle damit besch�ftigt, gegen die D�monen zu k�mpfen. Vielleicht bemerken sie uns nicht.�</p><p>�Darauf w�rde ich mich nicht verlassen.�</p><p>�Und wenn wir nachts fliegen, ohne Licht?�</p><p>�Zu gef�hrlich�, antwortete Khoroj. �Wir m�ssten irgendwo in der Stadt oder am Stadtrand landen, damit uns niemand sieht. Also auf einer Stra�e oder einem Platz. So etwas ist selbst bei Tag riskant, sogar mit einem kleinen Schiff wie der <emphasis>Jaipin</emphasis>. Im Dunkeln w�re es selbstm�rderisch. Au�erdem sind da immer noch die D�monen. Bei Nacht w�ren wir leichte Beute f�r sie.�</p><p>�Wie w�re es mit einem Ablenkungsman�ver?�, schlug Lucien vor. �Ein Luftschiff allein hat wahrscheinlich keine Chance, nach Bradost zu kommen. Mehrere schon.�</p><p>�Wie meinst du das?�, fragte Quindal stirnrunzelnd.</p><p>�Ich sch�tze, es l�uft so: Wir fliegen nach Bradost, irgendwer sieht uns und meldet es Corvas, er l�sst die <emphasis>Ph�nix</emphasis> starten, damit sie uns abf�ngt. Angenommen, wir h�tten eine kleine Flotte � sagen wir, sieben oder acht Luftschiffe. Sie k�nnten die <emphasis>Ph�nix</emphasis> und die anderen Schiffe von Lady Sarka in K�mpfe verwickeln und von uns weglocken. Das w�rde uns die Zeit verschaffen, die wir brauchen, um Mahoor Shembar in die Stadt zu bringen.�</p><p>�Und wo willst du so viele Luftschiffe hernehmen?�</p><p>�Da drau�en sind genug�, entgegnete der Alb. �Ich z�hle zehn. Nein, elf.�</p><p>�Das ist die Luftflotte von Suuraj�, sagte Khoroj. �Sie hat die Aufgabe, das Stadtflo� zu sch�tzen, nicht, Bradost anzugreifen.�</p><p>�Rede mit Jerizhin. Sag ihr, was wir vorhaben. Sie ist klug. Wenn sie erf�hrt, dass Lady Sarka f�r das Auftauchen der D�monen verantwortlich ist, wird sie uns helfen.�</p><p>�Du willst sie in unsere Pl�ne einweihen?�, fragte Quindal.</p><p>�Seht ihr eine andere M�glichkeit?�, erwiderte Lucien.</p><p>Liam dachte dar�ber nach. Was der Alb vorschlug, lief darauf hinaus, dass viele Aeronauten von Suuraj f�r Liam und seine Freunde in den Krieg zogen. Er konnte nicht behaupten, dass ihm das gefiel. Aber so sehr er sich auch den Kopf zerbrach, ihm fiel keine andere L�sung f�r ihr Problem ein. Lady Sarka war zu m�chtig f�r sie. Ohne Hilfe hatten sie keine Chance.</p><p>�Ihr k�nnt das nicht von Jerizhin verlangen�, sagte Khoroj. �Suuraj wird von D�monen bedroht. Sie braucht jedes einzelne Luftschiff hier.�</p><p>Quindal schien sich f�r Luciens Idee zu erw�rmen. �Der beste Schutz vor den D�monen ist, daf�r zu sorgen, dass die Risse in den Lichtmauern verschwinden. Andernfalls werden immer neue D�monen in unsere Welt eindringen. Diesen Krieg kann sie auf Dauer nicht gewinnen. Niemand kann das. Sag ihr das.�</p><p>�Sie wird uns nicht glauben.�</p><p>�Doch, das wird sie�, widersprach Lucien. �Sie hat uns von den Theorien der Astrophilosophen erz�hlt, die der Wahrheit recht nahe kommen, und ihnen glaubt sie auch. Wie steht sie zu Lady Sarka?�</p><p>�Sie ist ihr noch nie pers�nlich begegnet, aber sie wei�, was in Bradost geschieht. Sie h�lt sie f�r gef�hrlich und gr��enwahnsinnig.�</p><p>�Dann wird es sie nicht �berraschen zu h�ren, dass Lady Sarka hinter den Traumst�rungen steckt.�</p><p>Khoroj gab auf. �Gut. Versuchen wir es. Aber erwartet nicht zu viel. Jerizhin kann sehr stur sein, wenn es um die Sicherheit Suurajs geht.�</p><p>�Das will ich doch hoffen. Sonst w�re ich eine schlechte Kapit�nmagistratin, nicht wahr?�</p><p>Liam und seine Freunde blickten zur T�r. Jerizhin stand dort. Leiser Spott glitzerte in ihren Augen.</p><p><emphasis>�Oh-oh�,</emphasis> murmelte Jackon.</p><p>Khoroj r�usperte sich verlegen. �Bist du schon lange hier?�</p><p>�Etwa ab da, als du so treffend meine Meinung �ber Lady Sarka dargestellt hast.� Jerizhin schloss die T�r und setzte sich an den Tisch. �Warum fangt ihr nicht noch einmal von vorne an?�</p><empty-line/></section><section><title><p>29</p><empty-line/><p><emphasis>Aufbruch nach Ilnuur</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>E</strong>s war bereits nach Mittag, als Jackon, Liam, Vivana und Lucien vom Hospital zur�ckkamen, wo sie Nedjo besucht hatten. Die Luft �ber der Landeplattform kochte geradezu, so hei� war es. Die H�lle der <emphasis>Jaipin</emphasis> gl�hte in der Sonne wie reines Silber. Khorojs Leibw�chter luden gerade die letzten Aetherf�sser ein.</p><p>Jackon wischte sich den Schwei� vom Gesicht. Er war f�r dieses Klima einfach nicht geschaffen. Und dabei stand ihm das Schlimmste noch bevor: die W�ste. Sehns�chtig betrachtete er den Ausschnitt des Flusses, den man von der Plattform aus sehen konnte. Am liebsten w�re er hineingesprungen.</p><p>�Wie geht es Nedjo?�, erkundigte sich Vivanas Vater, der bei Khoroj neben der Gondel stand.</p><p>�Sein Zustand hat sich kaum ver�ndert�, antwortete Vivana. �Die �rzte wollen ihn noch ein paar Tage dabehalten.�</p><p>Quindal schnaubte belustigt. �Heute Abend ist er weg. Sp�testens morgen Fr�h. Vielleicht h�tten wir ihnen sagen sollen, dass sie ihn einsperren m�ssen.�</p><p>�Er hat gesagt, er will bleiben. Es scheint ihm dort zu gefallen.�</p><p>�Im Krankenhaus? Reden wir vom gleichen Nedjo?�</p><p>�Ich glaube, es gibt da eine Pflegerin, die er mag. Er wollte es nicht zugeben, aber er wurde immer ganz nerv�s, wenn sie aufgetaucht ist. Ich habe es gesehen.�</p><p>Ein seltenes L�cheln blitzte in den Augen des Erfinders auf. �Eine Pflegerin, soso. Hoffen wir, dass er sich anst�ndig benimmt. Holt eure Sachen. Wir starten in einer halben Stunde.�</p><p>Liam und Vivana eilten davon. Jackon, der seine wenigen Habseligkeiten bereits im Luftschiff verstaut hatte, setzte sich auf die unterste Querstrebe des Ankermasts in den Schatten und w�nschte sich an den Nordpol.</p><p>Khoroj erkl�rte Quindal gerade, was er bei einer mehrt�gigen Fahrt mit der <emphasis>Jaipin</emphasis> beachten musste. F�r ihre Reise nach Ilnuur hatte der Erfinder die volle Verantwortung f�r das Luftschiff, denn Khoroj blieb in Suuraj bei Jerizhin, um der Kapit�nmagistratin dabei zu helfen, eine Flotte f�r den Angriff auf Bradost aufzustellen.</p><p>Es war nicht leicht gewesen, Jerizhin f�r ihre Pl�ne zu gewinnen. Sie war willensstark und obendrein sehr klug; wer sie von etwas �berzeugen wollte, brauchte nicht weniger als die besten Argumente. Gl�cklicherweise waren auch Quindal, Lucien, Vivana und Liam nicht auf den Kopf gefallen.</p><p>Bis sp�t in die Nacht hatten sie Jerizhins Fragen beantwortet und mit ihr diskutiert und gestritten. Jackon hatte die meiste Zeit stumm daneben gesessen und sich gew�nscht, er w�re genauso schlagfertig und redegewandt wie seine Gef�hrten.</p><p>Wenigstens hatte die Kapit�nmagistratin ihnen auf Anhieb geglaubt. Dank der Astrophilosophen, deren Rat sie sch�tzte, wusste sie mehr als die meisten Menschen �ber die Traumlanden und das Pand�monium. Da sie bereits vermutete, dass es zwischen den Traumst�rungen und dem Erscheinen der D�monen einen Zusammenhang gab, mussten Lucien und Jackon ihr nicht lange erkl�ren, was Lady Sarka getan hatte und warum dies solch schreckliche Folgen nach sich zog. Dabei kam ihnen zugute, dass Jerizhin die Herrscherin von Bradost f�r skrupellos und machtgierig hielt. Sie traute ihr jedes Verbrechen zu, selbst ein derart unfassbares.</p><p>Anschlie�end hatte Liam von ihren Pl�nen berichtet, Lady Sarka aufzuhalten. Er erz�hlte vom Ph�nix, von Mahoor Shembars Bindezauber, von der W�stenstadt Ilnuur und was sie dort zu finden hofften.</p><p>Und dann kam die Sprache auf die Luftschiffe.</p><p>Jerizhin h�rte sich ihren Plan an und dachte lange dar�ber nach. Schlie�lich sagte sie: �Ich w�nschte, ich k�nnte euch helfen. Aber wir k�nnen auf kein einziges Luftschiff verzichten � nicht jetzt. Wir rechnen damit, dass die D�monen zur�ckkehren. Ohne die Luftschiffe ist Suuraj schutzlos.�</p><p>�Aber wenn wir nichts unternehmen, werden immer mehr D�monen kommen�, erwidert Quindal. �Bald schon werden es so viele sein, dass sie Suuraj einfach �berrennen, egal, wie viele Luftschiffe das Stadtflo� besch�tzen. Sie <emphasis>m�ssen</emphasis> uns helfen!�</p><p>Doch so einfach lie� sich die Kapit�nmagistratin nicht �berzeugen. Sie war f�r Suuraj verantwortlich und weigerte sich, das Stadtflo� und seine Bewohner Gefahren auszusetzen, nur um einen wahnwitzigen Plan zu unterst�tzen. Es kam zu einer langen und hitzigen Auseinandersetzung, die bis weit nach Mitternacht andauerte. Jackon war so m�de, dass er irgendwann einnickte. Als er eine Stunde sp�ter aufwachte, stritten seine Gef�hrten und Jerizhin immer noch.</p><p>Schlie�lich war es Liam, der sie umstimmte. Er berichtete vom Pand�monium und den Schrecken, die er dort erlitten hatte, und tat dies so anschaulich, dass es selbst Jackon, der die Geschichte schon kannte, eiskalt �ber den R�cken lief.</p><p>�D�monen bestehen aus nichts als Hass�, sagte der Blonde. �Sie hassen das Leben, die Menschen, einfach alles. Aber am meisten hassen sie sich selbst und ihre eigene H�sslichkeit. Insgeheim w�ren sie gern wie wir und sehnen sich nach einem menschlichen K�rper. Das ist der Grund, warum sie in unsere Welt eindringen � weil sie wissen, dass sie hier Menschen in H�lle und F�lle finden. Menschen, deren K�rper sie stehlen und deren Seelen sie qu�len k�nnen, so, wie es Nachachs Bruder mit mir gemacht hat. Ich w�nsche niemandem, dass er das erleben muss. Aber genau das wird geschehen, wenn die D�monen erst so zahlreich sind, dass wir uns nicht mehr vor ihnen sch�tzen k�nnen. Tausendfach wird das geschehen. In Bradost, in Suuraj, �berall. Es sei denn, wir tun etwas dagegen.�</p><p>Es war keine flammende Rede, die Liam hielt. Er sprach ruhig und sachlich, beinahe leidenschaftslos. Trotzdem � oder vielleicht gerade deswegen � verfehlten seine Worte ihre Wirkung nicht. Jerizhin sa� mehrere Minuten schweigend da, sichtlich ersch�ttert von Liams Erlebnissen. Nach einer Weile sagte sie: �Ihr sollt eure Luftschiffe bekommen.�</p><p>Und damit war die Entscheidung gefallen.</p><p>Jackon wischte sich abermals mit dem �rmel das Gesicht ab und nahm einen Schluck aus der Wasserflasche, die er schon den ganzen Tag mit sich herumtrug. Er w�nschte, sie w�rden endlich starten. Er sehnte sich mit allen Fasern seines K�rpers nach der K�hle, die bei einer Fahrth�he von tausendf�nfhundert Schritt in der <emphasis>Jaipin</emphasis> herrschte.</p><p>Jerizhin erschien auf der Rampe der Landeplattform und trat zu Khoroj, Quindal und Lucien. Sie wirkte besorgt. Die vier redeten ein paar Minuten miteinander, dann kam Lucien zu Jackon.</p><p>�Was ist denn los? Gibt es Probleme?�</p><p>�Leider ja. Jerizhin hat �rger mit dem Rat.�</p><p>�Welcher Rat?�</p><p>�Die Leute, die zusammen mit ihr das Stadtflo� f�hren. Jemand hat von der Luftschiff Sache Wind bekommen und eine alte Vorschrift ausgegraben. Daraufhin hat der Rat ihr verboten, uns zu helfen. Er hat sogar gedroht, ihr den Befehl �ber die Luftflotte zu entziehen.�</p><p>�Was? Gestern hat sie doch gesagt, dass sie allein entscheidet, was...�</p><p>�Ich wei�. Aber so einfach ist es anscheinend nicht. Bei Gro�eins�tzen weit entfernt von Suuraj braucht sie offenbar die Zustimmung des Rates. Jetzt muss sie eine Versammlung einberufen und hoffen, dass sie die anderen umstimmen kann.�</p><p>�Kriegt sie das hin?�</p><p>�Schwer zu sagen. Die Astrophilosophen stehen wohl auf ihrer Seite. Aber die Priesterschaft des Assamira kann sie nicht einsch�tzen, und der Befehlshaber der Aeronauten ist eindeutig gegen sie. Er war es auch, der das Verbot erwirkt hat.�</p><p>�Und was machen wir jetzt?�</p><p>�Wir m�ssen ihr helfen. Deshalb bleibst du in Suuraj.�</p><p>�Ich?�, fragte Jackon verbl�fft. �Wieso?�</p><p>�Weil ich das Gef�hl habe, dass Jerizhin bald einen Traumwanderer gebrauchen kann.�</p><p>�Aber meine Kr�fte sind weg, das wei�t du doch!�</p><p>�L�g mich nicht an�, sagte Lucien streng. �Meine F�higkeiten kehren allm�hlich zur�ck. Und ich wei�, dass es dir genauso ergeht.�</p><p>Jackon f�hlte sich ertappt. Ja, seine Kr�fte erholten sich tats�chlich; seit gestern sp�rte er, dass sie langsam erwachten, wie Knospen nach einem langen und harten Winter. Er hatte mit niemandem dar�ber gesprochen, denn er stand seiner Gabe nach wie vor sehr zwiesp�ltig gegen�ber. Gewiss, sie verlieh ihm gro�e Macht, doch bis jetzt hatte er es nicht verstanden, sie sinnvoll zu nutzen. Manchmal w�nschte er, er h�tte sie f�r immer verloren.</p><p>�Ist es nicht so?�, hakte Lucien nach.</p><p>�Ja�, gab Jackon widerwillig zu. �Aber meine Kr�fte sind noch sehr schwach. Es wird mindestens eine Woche dauern, bis ich sie wieder richtig einsetzen kann.�</p><p>�Das glaube ich nicht. Noch ein oder zwei Tage, und du bist wieder auf dem Damm.�</p><p>�Wieso hilfst du Jerizhin nicht?�</p><p>�Ich kann hier nichts ausrichten. Au�erdem brauchen mich die anderen in Ilnuur. Also, bist du einverstanden?�</p><p>�Was genau soll ich machen?�, fragte Jackon.</p><p>�Mit Jerizhin und Vorod zur Ratssitzung gehen. Die Augen offen halten. Die Ratsleute beobachten. Wenn Jerizhin nicht weiterkommt, versuchst du, ihr zu helfen.�</p><p>�Und wie?�</p><p>�Dir f�llt schon etwas ein. Komm. Sagen wir den anderen Bescheid.�</p><p>Als Lucien bemerkte, dass Jackon ihm nicht folgte, blieb er stehen. �Was ist?�</p><p>�Ich wei� nicht, ob das so eine gute Idee ist.�</p><p>�Unsinn. Du schaffst das schon.�</p><p>�Das meine ich nicht. Es ist wegen meiner Gabe. Sie hat mir bis jetzt nichts als Arger eingebracht. Ich... ich will kein Traumwanderer mehr sein�, f�gte Jackon z�gernd hinzu.</p><p>Lucien schwieg lange, ehe er erwiderte: �Was meinst du, wie oft ich mir gew�nscht habe, ich w�re ein Mensch? Trotzdem bin ich ein Alb geblieben. Wir k�nnen uns nun einmal nicht aussuchen, was wir sind. Also m�ssen wir zusehen, dass wir das Beste daraus machen. Du bist ein Traumwanderer, Jackon, ob es dir gef�llt oder nicht. Aber jetzt hast du die Chance, deine Kr�fte f�r etwas Sinnvolles einzusetzen. Lass sie dir nicht entgehen, nur weil du Angst hast.�</p><p><emphasis>Leichter gesagt als getan,</emphasis> dachte Jackon niedergeschlagen, schob die H�nde in die Hosentaschen und folgte Lucien zu den anderen.</p><p>�K�nnen wir?�, fragte Khoroj, als Vivana und Liam ihr Gep�ck seinen Leibw�chtern reichten, die es in der Gondel der <emphasis>Jaipin</emphasis> verstauten.</p><p>Vivana nickte. �Wir sind so weit.�</p><p>�Viel Gl�ck�, sagte Jackon. �Seid vorsichtig.�</p><p>W�hrend sich Vivana von ihm und Jerizhin verabschiedete, starteten die Motoren des Luftschiffs. Ihr Vater, Khoroj und Liam stiegen ein.</p><p>Pl�tzlich erklang das L�uten einer Glocke.</p><p>Verwundert wandte Vivana sich um und sah mehrere Soldaten im Laufschritt die Treppen heraufkommen. �Was ist denn los?�</p><p>�D�monen!�, stie� Jerizhin hervor.</p><p>Im n�chsten Moment herrschte auf der Plattform heillose Aufregung. Jerizhin gab einem Offizier Befehle und eilte mit den Soldaten zur Br�stung. Von den Magistratsgeb�uden kamen noch mehr Bewaffnete. Auf einem Turm in der N�he luden zwei Kanoniere hektisch ein Gesch�tz.</p><p>Vivana und Jackon liefen um die <emphasis>Jaipin</emphasis> herum. Jetzt konnten sie sehen, was den Alarm ausgel�st hatte: ein gefl�gelter Schemen, der sich von Norden n�herte. Noch war er weit entfernt, aber so schnell, wie er flog, w�rde er das Stadtflo� in wenigen Minuten erreicht haben.</p><p>Die Soldaten gingen hinter der Br�stung in Deckung und legten mit ihren Gewehren an.</p><p>Vivana hielt den Atem an, als eine ganz und gar unvern�nftige Hoffnung in ihr aufstieg.</p><p>Konnte das wirklich sein?</p><p>Sie kniff die Augen zusammen. <emphasis>Ja. Eindeutig.</emphasis></p><p>Wie war das nur m�glich?</p><p>Sie rannte zu Jerizhin.</p><p>Der Offizier br�llte etwas, und die Soldaten zielten auf das fliegende Gesch�pf.</p><p>�Nicht!�, rief Vivana. �Das ist kein D�mon! Es ist Ruac!�</p><p>�Was redest du da?�, knurrte die Kapit�nmagistratin. �Geh sofort zur�ck zur <emphasis>Jaipin</emphasis>!�</p><p>�Das ist mein Lindwurm! Bitte, Sie d�rfen nicht auf ihn schie�en! Er geh�rt zu uns. Er wird niemandem etwas antun.�</p><p>Der Hauptmann begann, auf Jerizhin einzureden. Offenbar bat er um die Erlaubnis, feuern zu d�rfen. Die Kapit�nmagistratin z�gerte jedoch, denn jetzt kamen auch Khoroj, Jackon, Liam und Lucien angerannt und br�llten: �Nicht schie�en! Nicht schie�en!�</p><p>�Wir haben gedacht, er w�re tot�, sprudelte es aus Vivana hervor, �aber er muss es irgendwie geschafft haben, den D�monen zu entkommen und uns nachzufliegen. Keine Ahnung, wie er das gemacht hat, aber er ist es, ganz sicher.�</p><p>�Ja, das ist Ruac, zweifellos�, wandte sich Khoroj an Jerizhin. �Sag deinen M�nnern, dass sie nichts zu bef�rchten haben.�</p><p>Die S�dl�nderin rief einen Befehl, und die M�nner lie�en unschl�ssig die Waffen sinken. Der Hauptmann schien die Welt nicht mehr zu verstehen und warf fluchend die H�nde in die Luft.</p><p>Ruac war nun nur noch gute hundert Schritt von Suuraj entfernt. Vivana lief ihm entgegen. Als der Lindwurm sie entdeckte, stie� er herab und landete auf der Plattform.</p><p>Sie schlang die Arme um seinen Hals, dr�ckte ihn an sich und lachte und weinte gleichzeitig. �Oh Ruac! Du hast mir einen ganz sch�nen Schrecken eingejagt, wei�t du das? Ich habe gedacht, ich sehe dich nie wieder.�</p><p>Der Lindwurm rieb seinen Kopf an ihr. Liam, Jackon und Lucien umringten ihn, streichelten ihm lachend die Schuppen und nannten ihn �guter Junge� und �Teufelskerl�. Ruacs Augen leuchteten voller Wiedersehensfreude. Jerizhin und die Soldaten beobachteten das Geschehen aus sicherer Entfernung.</p><p>�Wie hat er uns gefunden?�, fragte Liam.</p><p>�Vermutlich ist er der Aetherspur der <emphasis>Jaipin</emphasis> gefolgt�, erkl�rte Lucien. �Lindw�rmer haben ein sehr feines Gesp�r f�r solche Dinge. Au�erdem wusste er ungef�hr, wohin wir wollen.�</p><p>�Und die D�monen?�</p><p>�Schau ihn dir doch an. Offenbar hat er ihnen einen harten Kampf geliefert.�</p><p>Erst jetzt fiel Vivana auf, wie zugerichtet Ruac aussah. Er war nicht ernstlich verletzt, aber von der Schnauze bis zur Schwanzspitze zerkratzt und zerschrammt. An seinen Krallen klebte schwarzes D�monenblut.</p><p>�Der lange Flug hat ihn v�llig ersch�pft�, sagte sie. �Er muss sich ein paar Tage ausruhen, damit er wieder zu Kr�ften kommt.�</p><p>�Ich kann mich um ihn k�mmern, w�hrend ihr in Ilnuur seid�, bot Jackon an.</p><p>�Das w�rdest du machen?�</p><p>�Ja. Nat�rlich nur, wenn Ruac das m�chte.�</p><p>Der Lindwurm rieb seinen Sch�del an Jackons Schulter und warf den Rothaarigen beinahe um.</p><p>�Ich glaube, das hei�t Ja�, meinte Liam.</p><empty-line/></section><section><title><p>30</p><empty-line/><p><emphasis>Die Stadt im Sand</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>V</strong>ivanas Vater steuerte die <emphasis>Jaipin</emphasis> auf geradem Kurs nach S�den. Vivana sa� bei ihm auf der Br�cke und betrachtete den Regenwald, der viele hundert Fu� unter ihnen dahinzog.</p><p><emphasis>Diese Weite...</emphasis></p><p>Obwohl sie vor dem Start die Karten im Navigationsraum studiert hatte, wurde ihr erst jetzt bewusst, wie riesig Yaro D'ar war. Allein der Dschungel im Norden des Landes musste gr��er sein als Torle und Barkisien zusammen, denn das Luftschiff brauchte bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von achtundrei�ig Knoten mehr als f�nf Stunden, bis es den Waldrand erreichte.</p><p>Jenseits davon erstreckte sich eine endlose Steppe, erst gr�n und von Fl�ssen durchzogen, dann trocken und immer karger. Die Bewohner dieser Gegend lebten nicht in Stadtfl��en, sondern in gew�hnlichen Siedlungen an Seen und Flussl�ufen. Auf ihrer Fahrt folgte die <emphasis>Jaipin</emphasis> einige Stunden der K�ste, wo Vivana mehrere gro�e Hafenst�dte erblickte: dicht gedr�ngte Ansammlungen wei� get�nchter Steinh�user, blitzender Kuppeln und schlanker T�rme, umgeben von Wehrmauern, �ckern und Plantagen. Das Meer war gesprenkelt von Fischerbooten und aetherbetriebenen Barken, und am Himmel zogen Luftschiffe ihre Bahnen.</p><p>Im Lauf des Nachmittags wechselten sich schroffe Gebirgsz�ge ab mit immergr�nen W�ldern, H�geln und fruchtbarem Flachland. Als es Abend wurde, hatte die <emphasis>Jaipin</emphasis> vierhundert Meilen zur�ckgelegt, und trotzdem war die Grenze von Yaro D'ar noch lange nicht in Sicht � so gewaltig war dieses Land. Wenn Vivana nach Osten blickte, erahnte sie in der Ferne die W�ste. Irgendwo dort lag die geheimnisvolle Stadt Ilnuur. Das Ziel ihrer Reise.</p><p>Bei Einbruch der Dunkelheit �bernahm einer von Khorojs Leibw�chtern das Steuer, und die Gef�hrten gingen schlafen. Als Vivana aufwachte, schien die Morgensonne in die Passagierkabine. Liam war bereits aufgestanden. W�hrend sie ihr Haar b�rstete, schaute sie aus dem Bullauge. Das Luftschiff befand sich inzwischen �ber der W�ste. Nichts als zerkl�ftete Felsen, Sandd�nen und Ebenen, �ber die der Staub tanzte, so weit das Auge reichte. Tief unter ihr kroch der winzige Schatten der <emphasis>Jaipin</emphasis> �ber die �dnis.</p><p>Vivana hatte �ber die W�ste von Yaro D'ar gelesen, aber B�cher waren eine Sache und die Wirklichkeit eine vollkommen andere. Diese Gegend war genauso menschenfeindlich wie das Pand�monium. Hier gab es kein Wasser, kein Leben, nichts, und schon eine einzige falsche Entscheidung konnte den Tod bedeuten.</p><p>Mit einem Gef�hl beklemmender Enge in der Brust verlie� sie die Kabine.</p><p>Ihre Gef�hrten hielten sich auf der Br�cke auf. Liam sa� am Steuer und lie� sich von ihrem Vater die Funktionen der verschiedenen Armaturen und Kontrollen erl�utern.</p><p>�Dein Vater war so nett, mich ans Steuer zu lassen�, erkl�rte Liam, als er Vivanas verwunderten Blick bemerkte. �Ich habe mir schon immer gew�nscht, mal ein Luftschiff zu fahren.�</p><p>�Der Junge ist ein Naturtalent�, f�gte der Erfinder hinzu. �Er hat auf Anhieb alles richtig gemacht, ohne dass ich ihm etwas erkl�ren musste.�</p><p>�Na ja, es ist auch nicht schwieriger, als einen Blitzf�nger zu bedienen.�</p><p>�Wie lange brauchen wir noch bis nach Ilnuur?�, fragte Vivana.</p><p>�Es ist nicht mehr weit�, antwortete Lucien. �Noch ein, zwei Stunden, sch�tze ich.�</p><p>Sie setzte sich und betrachtete die ockerfarbene Landschaft, w�hrend sie an ihrem Kaffee nippte. Die W�ste war nicht so unbewohnt und verlassen, wie es den Anschein hatte. Am Horizont entdeckte sie eine Staubwolke, die sich �ber eine ausgetrocknete Ebene bewegte. Sie konnte keine Einzelheiten erkennen, aber als die <emphasis>Jaipin</emphasis> in einer Entfernung von wenigen Meilen daran vorbeifuhr, wurde ihr klar, dass es sich nicht um Tiere handelte, wie sie zuerst gedacht hatte � sondern um D�monen, eine ganze Horde davon.</p><p><emphasis>Sogar hier,</emphasis> dachte sie. <emphasis>Es werden immer mehr.</emphasis></p><p>Bedr�ckt schwiegen die Gef�hrten. Erst als eine Stunde sp�ter ein rostroter Bergr�cken in Sicht kam, sagte Vivanas Vater: �Wir sind gleich da. Macht euch bereit f�r die Landung. Liam, es w�re mir recht, wenn du mich wieder ans Steuer lassen k�nntest. In Gebirgsn�he gibt es h�ufig gef�hrliche Aufwinde, das ist nichts f�r Anf�nger.�</p><p>Liam machte dem Erfinder bereitwillig Platz. Vivanas Vater steuerte die <emphasis>Jaipin</emphasis> parallel zu dem Felsmassiv, das auf einer L�nge von mehreren Meilen wie der schrundige Hornpanzer eines gigantischen Schalentiers aus dem D�nenmeer ragte. Er lie� sich eine von Jerizhins Landkarten geben und breitete sie auf seinen Knien aus. �Laut der Karte m�sste Ilnuur am Fu� dieses Ausl�ufers liegen.�</p><p>�Ich glaube, da vorne ist es�, sagte Lucien.</p><p>Vivana und Liam traten ans Bugfenster. Es dauerte einen Moment, bis Vivana die Ruinenstadt ausmachen konnte � sie bestand g�nzlich aus dem kupferfarbenen Gestein des Bergr�ckens und war vor dem Hintergrund der rotbraunen H�nge schwer zu erkennen. Sie lag am Fu� einer nahezu senkrechten Felswand und besa� zur W�ste hin Bollwerke und Wehrmauern, gegen die die D�nen anbrandeten, als wollten sie Ilnuur verschlingen. Die �berreste einst anmutiger T�rme reckten sich wie gesplitterte Baumst�mpfe dem Himmel entgegen. Stra�en, zerfallene Pal�ste und Kuppelbauten versanken im Sand.</p><p>Aus der Bergflanke wuchs eine zerkl�ftete Felsnadel. Sie �berragte die Ruinen um gut dreihundert Fu�, und ihre Spitze kr�nte ein Ring aus ru�geschw�rzten S�ulen.</p><p>Der Horst des Ph�nix. Hier hatte der Feuervogel einst �ber Ilnuur gewacht, bevor Mahoor Shembar ihn mit seiner Gier nach Macht und Unsterblichkeit vertrieben hatte.</p><p>Trauer �berkam Vivana beim Anblick des verlassenen S�ulenrings, beinahe wie an jenem Morgen vor acht Jahren, als das Feuer auf der Spitze des Bradoster Ph�nixturms erloschen war. Die Ruinenstadt strahlte eine derart erdr�ckende Einsamkeit aus, dass sie sich f�r einen Moment wie der letzte Mensch auf Erden f�hlte.</p><p>Die Winde, die gegen das Felsmassiv peitschten, sch�ttelten die <emphasis>Jaipin</emphasis> kr�ftig durch, doch Vivanas Vater steuerte das Luftschiff mit ruhiger Hand zum Zentrum Ilnuurs. Dort, auf einem freien Platz inmitten der Ruinen, landete er. Die Propeller wirbelten den W�stensand auf, sodass man f�r einige Augenblicke vor den Fenstern nur ockerfarbene Schlieren sah, bevor die <emphasis>Jaipin</emphasis> sanft aufsetzte und die Motoren verstummten.</p><p>In Suuraj hatten sich die Gef�hrten mit Ausr�stung aller Art und passender Kleidung eingedeckt. Sie schl�pften in wei�e �berw�rfe, wie sie die W�stenbewohner trugen, schlangen sich zum Schutz gegen die Sonne T�cher um Kopf und Hals und schulterten Rucks�cke, die Werkzeug, Seile, Lampen und reichlich Wasser enthielten. Vivanas Vater schob sich au�erdem eine doppell�ufige Pistole hinter den G�rtel, w�hrend Liam eine Hakenlanze und Vivana einen Dolch an sich nahmen.</p><p>�Ich schlage vor, dass Vorods M�nner hierbleiben, w�hrend wir uns in der Stadt umsehen�, sagte der Erfinder. �Ich will die <emphasis>Jaipin</emphasis> nicht unbewacht zur�cklassen.�</p><p>�Einverstanden�, erwiderte Lucien. �Aber bevor wir uns auf die Suche nach Shembar machen, verschaffe ich mir einen �berblick �ber die Lage. Ich habe keine Lust, hier dasselbe Desaster zu erleben wie in dem Handelsposten.�</p><p>Vivanas Vater �ffnete die Luke der Gondel, und trockenhei�e Luft schlug ihnen entgegen. Lucien kletterte hinaus und huschte �ber den Platz. Bevor er zwischen den Ruinen verschwand, bemerkte Vivana, dass er sich unauff�llig machte.</p><p>Nach einer Stunde kehrte er zur�ck.</p><p>�Keine D�monen weit und breit�, berichtete er. �Die Stadt ist so verlassen wie ein Friedhof.�</p><p>Die Gef�hrten stiegen aus der Gondel.</p><p>�Du hast ja deine Kr�fte wieder�, sagte Vivana.</p><p>�Nur die Unauff�lligkeit. Die anderen sind noch ziemlich schwach.�</p><p>�Irgendeine Spur von Shembar?�, fragte Vivanas Vater.</p><p>�Nein, aber ich habe auch nicht danach gesucht�, antwortete Lucien. �Es w�rde mich wundern, wenn er sich hier oben in den Ruinen aufh�lt. Untote m�gen kein Sonnenlicht.�</p><p>�Du meinst, er versteckt sich unter der Erde, so wie die Ghule?�, fragte Liam.</p><p>�Die meisten gr��eren Geb�ude scheinen Keller zu haben. M�glich, dass die ganze Stadt wie Bradost von Katakomben und alten Abwasserkan�len untertunnelt ist. Dort sollten wir suchen. Ich habe etwas gesehen, das ein Zugang sein k�nnte.�</p><p>Sie folgten dem Alb zu einer Prachtstra�e, die, ges�umt von den �berresten imposanter Pal�ste, zu einem der Tore Ilnuurs f�hrte. Der Marsch durch die Geisterstadt war eine beklemmende Erfahrung. Abgesehen von dem Wind, der klagend um D�cher und Turmspitzen heulte und Staubschwaden vor sich hertrieb, war es vollkommen still. Trotzdem f�hlte Vivana sich beobachtet, als sie zu den schwarzen Fenstern der Ruinen aufblickte.</p><p><emphasis>Wir sind hier nicht allein, vergiss das nicht. Irgendwo in diesen Gem�uern haust Mahoor Shembar, und er ist alt und b�se.</emphasis></p><p>Die Geb�ude, an denen sie vorbeikamen, besa�en eine Architektur, die sich grundlegend von der Bradosts unterschied. Die gew�hnlichen Wohnh�user waren einst�ckig und glichen einfachen Quadern mit meist einem Eingang und einer Treppe, die an der Au�enseite zum Dach hinauff�hrte. Viele waren beinahe vollst�ndig von W�stensand bedeckt. Die gr��eren Pal�ste und Tempel besa�en fast alle einen zentralen achteckigen Kuppelbau, den verschachtelte Nebentrakte umgaben. Vor den Toren standen S�ulen und Statuen von Panthern mit Fl�geln und Skorpionschw�nzen, vom ewigen Wind abgeschliffen und ihrer Konturen beraubt. Alles war aus rostrotem Gestein erbaut, was die Atmosph�re von Verfall und unvorstellbarem Alter noch verst�rkte.</p><p>Vivana hatte sich gefragt, wie eine Stadt mit einst Tausenden von Einwohnern in solch einer menschenfeindlichen Gegend existieren konnte. W�hrend sie mit ihren Gef�hrten die Stra�e entlangging, gewann sie den Eindruck, dass dieses Land nicht immer eine W�ste gewesen war. Aqu�dukte und Brunnen deuteten darauf hin, dass es einst Wasser im �berfluss gegeben hatte, und verwitterte Reliefs an den Tempelmauern zeigten herrliche Landschaften mit Ackern, Wiesen und kleinen W�ldern.</p><p>Sie konnte nur Vermutungen dar�ber anstellen, was hier geschehen war. Hatten die Menschen Ilnuur aufgegeben, nachdem der Ph�nix verschwunden war? Hatte die W�ste daraufhin dieses fruchtbare Fleckchen Erde nach und nach zur�ckerobert?</p><p>�Hier ist es�, sagte Lucien, als sie einen kleinen Platz im Schatten einer Turmruine erreichten. Den gr��ten Teil davon nahm eine kreisrunde Grube ein, eine alte Zisterne, zu der ein zerfallenes Aqu�dukt f�hrte. Ein steinernes Dach, das auf mehreren S�ulen ruhte, hatte sie weitgehend vor dem Sand gesch�tzt.</p><p>�ber einen Tr�mmerhaufen stiegen die Gef�hrten in die f�nf Schritt tiefe Grube hinab. Mehrere mannshohe Wasserleitungen f�hrten in die Dunkelheit.</p><p>Vivana und ihr Vater z�ndeten ihre Karbidlampen an. Der Erfinder leuchtete nacheinander in die Tunnel.</p><p>�Das scheint ein zentraler Verteiler gewesen zu sein�, sagte er. �Sieht mir nach einem ziemlichen Labyrinth aus. Die G�nge verzweigen sich nach ungef�hr zwanzig Fu�.�</p><p>�Wenn das Tunnelsystem so gro� wie die Stadt ist, finden wir Mahoor Shembar nie�, meinte Liam.</p><p>�Irgendwo m�ssen wir mit der Suche anfangen. Also, meine Herrschaften, wenn ich bitten darf...�</p><p>�Warte, Paps�, sagte Vivana, als ihr Vater Anstalten machte, das Gewirr der Tunnel zu betreten. �Ich habe eine bessere Idee.�</p><p>Sie zog ihren Rucksack vom R�cken, setzte sich auf einen Steinblock und begann, mit dem Dolch Symbole in den Sand auf den Steinplatten zu kratzen. Zeichen des Verlorenen Volkes, uralt und kraftvoll. Das Wissen um ihre Macht war pl�tzlich da, und ihre Hand bewegte sich wie von selbst.</p><p>�Was machst du da?�, fragte Liam.</p><p>�Im Pand�monium hat uns Livia mit einem Suchzauber aufgesp�rt. Ich versuche, damit Mahoor Shembar zu finden. Das ist sicherer als einfach so in die Tunnel zu spazieren.�</p><p>�Brauchst du daf�r nicht einen pers�nlichen Gegenstand desjenigen, den du suchst?�, erkundigte sich Lucien.</p><p>�Normalerweise schon. Aber zur Not geht es auch ohne. Jetzt seid bitte still. Ich muss mich konzentrieren.�</p><p>Schweigend schauten ihre Gef�hrten dabei zu, wie sie Symbol um Symbol in den Sand zeichnete. In Bradost war die Magie viel zu schwach f�r einen derartigen Zauber, aber hier in Ilnuur, fernab jeglicher Zivilisation, war sie ein klein wenig st�rker � wenn sie die Augen schloss, sp�rte sie die unsichtbaren Kraftlinien in der Erde. Vielleicht gen�gte es.</p><p>Damit der Zauber wirkte, musste sie versuchen, sich Mahoor Shembar m�glichst genau vorzustellen. Was wusste sie �ber ihn?</p><p>So gut wie nichts.</p><p>Sie stand auf, blickte zu der Felsnadel, die �ber den Ruinen aufragte. Doch <emphasis>... Er war reich. Ein angesehener Sterndeuter und Nigromant, von seinen Nachbarn geachtet, von seinen Feinden gef�rchtet. Er hat Schattenwesen versklavt und sich ihre Kr�fte einverleibt, um Macht zu gewinnen. Doch das gen�gte ihm nicht. Er wollte noch mehr Macht, und seine Gier danach war so gro�, dass er eines Tages beschloss, den Ph�nix an sich zu binden.</emphasis></p><p><emphasis>Grausam und skrupellos. Heimt�ckisch und gerissen.</emphasis></p><p>Hitze durchstr�mte Vivana, als Energien in der Erde heraufstiegen und sich mit den Kr�ften in ihrem Innern verbanden.</p><p>Die Symbole begannen zu gl�hen.</p><p>Vivana schloss die Augen.</p><p><emphasis>Wo ist er?</emphasis></p><p>Die Zeichen im Sand verbrannten zu Schlacke. Die Hitze ebbte ab und hinterlie� eine Ahnung, eine Art innerer Kompass, der ihr sagte, wohin sie gehen musste. Das Gef�hl war sehr schwach; aufgrund der sp�rlichen Informationen, die sie �ber Mahoor Shembar besa�, konnte sich der Zauber nicht voll entfalten.</p><p>�Wir m�ssen da entlang�, sagte Vivana, schulterte ihren Rucksack und f�hrte ihre Gef�hrten zu einer der unterirdischen Wasserleitungen.</p><p>�Du lernst allm�hlich, deinen neuen Kr�ften zu vertrauen�, bemerkte Lucien anerkennend.</p><p>Vivana war sich nicht sicher, ob das stimmte. Sie hatte nach wie vor das Gef�hl, Livias Verm�chtnis nicht gewachsen zu sein. �Noch haben wir Mahoor Shembar nicht gefunden�, erwiderte sie unbestimmt.</p><p>Der Tunnel besa� Mauern aus Ziegelsteinen und eine tonnenf�rmige Decke und war so schmal, dass den Freunden nichts anderes �brig blieb, als ihm im G�nsemarsch zu folgen. Vivanas Vater ging mit seiner Lampe voraus und nahm bei jeder Abzweigung die Richtung, die sie ihm nannte.</p><p>Es handelte sich tats�chlich um ein Labyrinth, und ohne Vivanas Suchzauber h�tten sie sich bald hoffnungslos verlaufen. Die Tunnel bildeten ein verzweigtes Netz, das s�mtliche Zisternen und Brunnen der Stadt miteinander verband. An vielen Stellen blockierten Schutt und Sand die G�nge, sodass sie h�ufig nicht in die Richtung gehen konnten, die der Zauber anzeigte. Mehrmals mussten sie umkehren und einen anderen Weg einschlagen, in der Hoffnung, an einer sp�teren Stelle wieder auf den richtigen Tunnel zu sto�en. Dabei wurde Vivanas innerer Kompass manchmal so schwach, dass sie stehen bleiben und die Augen schlie�en musste, bis sie ihn wieder sp�rte.</p><p>�Ich frage mich, wie wir hier je wieder hinausfinden sollen�, murmelte ihr Vater, w�hrend er mit seiner Lampe im Vorbeigehen eine halb eingest�rzte Kammer ausleuchtete.</p><p>�Vertrau deiner Tochter�, sagte Lucien. �Sie wei�, was sie tut.�</p><p><emphasis>Wei� ich das?,</emphasis> fragte sich Vivana bedr�ckt.</p><p>Sie waren etwa eine halbe Stunde unterwegs, als sich die Beschaffenheit der Tunnel �nderte. Die G�nge, durch die sie nun wanderten, schienen nicht mehr zu dem alten System der Wasserversorgung zu geh�ren; sie waren breiter und h�her, und die W�nde bestanden wie die Bauten in der Stadt aus rostroten Steinquadern. Treppen, die einst nach oben gef�hrt hatten, lagen unter Tr�mmern begraben. Feiner W�stensand bedeckte den Boden und bildete in Ecken und Winkeln winzige D�nen. Nischen klafften im Mauerwerk, gef�llt mit etwas, das wie klobige Amphoren aussah.</p><p><emphasis>Urnen,</emphasis> dachte Vivana. <emphasis>Das sind Grabkammern.</emphasis></p><p>Mit jedem Schritt wurde ihr innerer Kompass st�rker. �Passt auf, wir sind gleich da�, sagte sie leise.</p><p>Der Gang endete an einem Schuttberg, der sich unter einem g�hnenden Loch in der Decke auft�rmte. Flink stieg Lucien hinauf, nahm die Lampen entgegen und half den Gef�hrten der Reihe nach beim Klettern. Auf der anderen Seite war der Sand auf dem Boden so tief, dass man bis zu den Kn�cheln darin versank. Er war durch Spalten und Risse in den W�nden eingedrungen, und wenn man den Haufen zu nahe kam, rieselte sofort neuer nach.</p><p>�Seht mal da�, sagte Liam mit einem Zittern in der Stimme. Er war stehen geblieben und leuchtete in einen Winkel.</p><p>Ein Gesicht blickte ihnen entgegen, ledrig, eingefallen, den lippenlosen Mund vor Qual verzerrt. Der Rest des K�rpers war vollst�ndig von Sand bedeckt.</p><p>�Nur eine Leiche�, sagte Lucien. �Lasst uns weitergehen.�</p><p>Es blieb nicht bei diesem grausigen Fund. Als sie tiefer in die Grabg�nge vorstie�en, entdeckten sie weitere Tote, fast ein Dutzend. Die meisten waren teilweise im Sand vergraben, sodass man nur Arme oder Beine sehen konnte. Manche jedoch lagen aufgebahrt in Nischen oder auf Steinbl�cken. Hitze und Trockenheit hatten sie vollst�ndig mumifiziert.</p><p><emphasis>Man hat sie vor langer Zeit hier bestattet,</emphasis> dachte Vivana. <emphasis>Aber was ist mit denen in den G�ngen?</emphasis> So, wie die Leichen im Sand steckten, mit verkr�mmten Gliedern und von Entsetzen gezeichneten Gesichtern, sah es eher danach aus, als w�ren sie bei einem Ungl�ck ums Leben gekommen.</p><p>�Was tun wir, wenn wir Mahoor Shembar gefunden haben?�, fragte ihr Vater. �Reden wir mit ihm? Ich sch�tze, er wird uns nicht verstehen � falls man mit einem Untoten <emphasis>�berhaupt</emphasis> reden kann.�</p><p>�Vielleicht doch�, erwiderte Lucien. �Er war zu Lebzeiten ein gebildeter Mann. Vermutlich beherrscht er mehrere Sprachen.�</p><p>�Ja. Bei unserem Gl�ck solche, die seit Jahrhunderten kein Mensch mehr spricht, Alt-Barkisisch oder...�</p><p>�Seid leise�, befahl Vivana. Einige Schritte vor ihnen m�ndete der Tunnel in einen gr��eren Raum. Sie lie� sich von Liam die Lampe geben und bedeutete den anderen zu warten, w�hrend sie vorsichtig weiterging.</p><p>Vor ihr tat sich eine Halle auf, ein weitl�ufiger Saal mit baumdicken S�ulen. Er besa� Ausg�nge auf zwei Ebenen, einige auf Bodenniveau und die anderen auf einer Empore, die den Saal umlief. Schwaches Tageslicht fiel durch einen runden Schacht in der Kuppeldecke auf die Sandverwehungen zwischen S�ulen und Schutthaufen.</p><p>Mehrere mumifizierte K�rper lagen zusammengekr�mmt auf dem Boden.</p><p>Vivana wagte kaum zu atmen.</p><p>Wind kam auf, lie� die Flamme ihrer Lampe flackern, heulte durch die Tunnel und wirbelte den Sand auf. Er war eiskalt.</p><p>Auf der Empore erschien eine Gestalt. Ihre Augen gl�hten fahl.</p><p>Die verderbte Pr�senz, die den untoten Sterndeuter umgab, war so intensiv, dass Vivana unwillk�rlich zur�ckwich. Ein vielstimmiges Wispern erklang aus den Schatten, als die b�se Macht Mahoor Shembars den Saal erf�llte � und in die leblosen K�rper fuhr.</p><p>�Nicht!�, rief sie. �H�r uns an, bitte!�</p><p>�Vivana, zur�ck!�, schrie in diesem Moment Liam hinter ihr.</p><p>Die Leichen auf dem Boden erwachten aus jahrhundertelangem Schlaf, erhoben sich mit knarzenden Gliedern und knackenden Gelenken. D�rre Finger griffen nach rostigen Klingen und Schwertern, w�hrend Sand herabrieselte.</p><p>Ein Schuss donnerte. Vivana wirbelte herum und sah im Lampenlicht ihrer Gef�hrten mehrere schwankende Gestalten, die sich aus dem Tunnel n�herten. Ihr Vater hatte eine der wandelnden Leichen niedergeschossen, doch die Mumie stand einfach wieder auf und bewegte sich mit schleppenden Schritten vorw�rts, als w�re nichts geschehen.</p><p>Vivanas Freunde rannten in den Saal.</p><p>�Da entlang�, rief Lucien und deutete auf einen Tunnel, der sicher zu sein schien.</p><p>�Nein. Er muss wissen, warum wir hier sind.� Vivana lief in die entgegengesetzte Richtung, zu jenem Teil der Empore, auf der Mahoor Shembar stand.</p><p>Ein Untoter tauchte aus den Schatten auf. Lumpen hingen wie die Reste eines Leichentuchs von seinen Armen und Schultern, und das getrocknete Fleisch seines Gesichts war l�chrig, sodass der Sch�delknochen hindurchschimmerte. Ungelenk schwang er einen uralten Krumms�bel. Vivana prallte zur�ck, die Waffe schmetterte gegen eine S�ule und zerbrach. Der Untote streckte die Krallenhand aus, um sie zu packen.</p><p>Sie riss ihren Dolch aus der Lederscheide und stie� ihn in den d�rren Arm, was das Gesch�pf jedoch nicht einmal zu bemerken schien.</p><p>Krallenfinger gruben sich in ihre Schulter. Vivana keuchte vor Schmerz, lie� die Lampe fallen und sah gerade noch, dass ein zweiter Untoter hinter ihr aufgetaucht war, bevor sie herumgerissen wurde und zu Boden fiel.</p><p>Vier H�nde griffen nach ihr. Abermals peitschte ein Schuss durch den Saal und riss einem der Angreifer den Kopf von den Schultern. Der Untote brach zusammen und regte sich nicht mehr. Der andere lie� von ihr ab und blickte sich um, offenbar um herauszufinden, woher der Schuss gekommen war. Vivana machte sich seine Verwirrung zu Nutze, verpasste ihm einen Tritt gegen das Knie und rappelte sich auf, w�hrend ihr Gegner um sein Gleichgewicht rang. Im n�chsten Moment st�rzte Lucien herbei und stie� der Mumie beide Messer in den Nacken, woraufhin sie zusammensackte.</p><p>�Warum hast du nicht auf mich geh�rt?�, fragte der Alb scharf.</p><p>�Wir m�ssen mit Mahoor Shembar reden. Wir d�rfen jetzt nicht weglaufen.�</p><p>�Sieh dich mal um. Irgendwie habe ich das Gef�hl, dass er keine Lust auf ein Schw�tzchen mit uns hat.�</p><p>Die Untoten, mindestens anderthalb Dutzend, n�herten sich nun von allen Seiten. Dass sie Vivana und ihre Gef�hrten noch nicht umzingelt hatten, war allein dem Umstand zu verdanken, dass sie recht langsam und offenbar nicht sonderlich klug waren. Liam und ihr Vater standen neben einem Schutthaufen. W�hrend der Erfinder hektisch seine Pistole nachlud, versuchte Liam, mit seiner Hakenlanze zwei Mumien, die sie bedr�ngten, in Schach zu halten.</p><p>Lucien rannte zu ihnen. Vivana wusste, dass sie eine andere Waffe brauchte � solange sie nicht so gut wie Lucien mit dem Dolch umgehen konnte, war das Messer nutzlos gegen Gesch�pfe wie diese. Sie hob das Schwert der gek�pften Mumie auf und folgte dem Alb.</p><p>Lucien und Liam hatten den ersten Untoten mit vereinten Kr�ften zu Fall gebracht und stachen auf ihn ein, bis er sich nicht mehr bewegte. Vivana kam gerade hinzu, als der zweite ihren Vater angreifen wollte. Sie hieb der wandelnden Leiche das Schwert in den Hinterkopf und spaltete ihr den Sch�del. Als sie herumfuhr, schwang Vivana die breite Klinge mit aller Kraft und k�pfte sie.</p><p>Dass die beiden Mumien besiegt waren, verschaffte den Gef�hrten nur eine kurze Atempause. Die anderen Untoten schlurften mit erhobenen Waffen heran, ein nahezu undurchdringlicher Wall aus mumifizierten Leibern, der s�mtliche Fluchtwege blockierte.</p><p>�Auf den Schutthaufen!�, br�llte Lucien.</p><p>Hektisch kletterten die Gef�hrten auf den H�gel aus Tr�mmern und Ger�ll. Oben stellten sie sich Schulter an Schulter auf und beobachteten den Ring aus n�her r�ckenden Mumien.</p><p>�Zielt auf Stellen, die das Skelett zusammenhalten�, sagte Lucien. �Den Hals, das Schl�sselbein, das Becken. Nur so kann man sie vernichten.�</p><p>�Es sind zu viele�, stie� Vivanas Vater hervor. �Wir k�nnen sie nicht alle zerst�ren.�</p><p>�Wir versuchen, uns den Weg freizuk�mpfen. Sowie in ihren Reihen eine L�cke entsteht, fliehen wir.�</p><p>Vivana umklammerte den Schwertgriff mit beiden H�nden. �Das schaffen wir nicht. Vermutlich sind die Tunnel voll von Untoten. Wir m�ssen Mahoor Shembar begreiflich machen, dass wir nicht seine Feinde sind.�</p><p>�Zum letzten Mal�, sagte Lucien aufgebracht. �Er wird uns nicht zuh�ren. Er ist ein Monster, und alles, was er will, ist, uns zu t�ten.�</p><p>Die Mumien griffen an.</p><p>Schwerf�llig erklommen sie den Schutthaufen. Vivanas Vater feuerte zweimal. Der erste Schuss ging daneben, doch der zweite zerfetzte einem Untoten die Wirbels�ule, woraufhin er zusammenbrach. Liam sprang vor und streckte einen Angreifer nieder, indem er ihm die Lanze in den Nacken rammte, bevor das Gesch�pf die Kuppe des Tr�mmerh�gels erreichte und sich aufrichten konnte. Auch Lucien st�rzte in den Nahkampf, tauchte unter Schwerthieben hindurch und stie� seine Dolche in vertrocknete Leiber. Vivana kam ihm zu Hilfe, schlug einer Mumie den Arm ab und trat ihr so fest gegen die H�fte, dass sie r�ckw�rts den Ger�llhaufen hinunterfiel.</p><p>Den Untoten, der sich ihr von der Seite n�herte, bemerkte sie zu sp�t. Eine S�belklinge schrammte �ber ihren Arm und schlitzte das Tuch des �berwurfs auf. Vivana schlug die Waffe zur Seite, ehe der Untote nachsto�en konnte, doch der Schwung ihrer unhandlichen Klinge lie� sie das Gleichgewicht verlieren. Sie strauchelte, ihr Gegner griff nach ihrer Kehle und dr�ckte zu.</p><p>Die Untoten mochten langsam und ungeschickt sein, ihre K�rperkraft dagegen war weit gr��er als die eines Lebenden. Vivana bekam keine Luft mehr, als die Knochenfinger ihren Hals umklammerten. Sie rammte dem Gesch�pf das Knie in den Bauch, richtete damit jedoch nicht das Geringste aus. Im n�chsten Moment lag sie auf dem Schutt und k�mpfte dagegen an, das Bewusstsein zu verlieren, w�hrend der Untote immer fester zudr�ckte.</p><p>Das Klirren der Waffen, das Geschrei ihrer Freunde, all das sank zu einem Fl�stern in der Ferne herab. Der Schmerz in ihren Lungen, eben noch so intensiv, dass er ihr Denken ausl�schte, verschwand pl�tzlich, und sie sah die ledrige Fratze des Untoten, die klaffenden Augenh�hlen und die gelben Zahnst�mpfe mit einer seltsamen Klarheit.</p><p><emphasis>Diese Qual... Er k�mpft dagegen an. Er will das nicht tun.</emphasis></p><p>Pl�tzlich lockerte sich der Griff um ihre Kehle. Ihr Vater versetzte der Mumie einen Schlag mit seiner mechanischen Hand, und als sie taumelte, packte er sie und schleuderte sie vom Schutthaufen.</p><p>Keuchend rang Vivana um Atem. Sie rollte sich herum, st�tzte sich auf dem scharfkantigen Ger�ll ab, versuchte aufzustehen, hustete. Rote Sterne platzten vor ihren Augen.</p><p>Liam half ihr auf. �Bist du verletzt?�</p><p>Sie blinzelte, als der Schwindel sie schwanken lie�. Sch�ttelte den Kopf. �Haben wir sie vertrieben?�</p><p>�Ich glaube nicht. Sie formieren sich neu.�</p><p>Vivana sah, dass ihre Freunde f�nf oder sechs Mumien vernichtet hatten. Die �brigen hatten sich vom Schutthaufen zur�ckgezogen und standen reglos da.</p><p>Vivanas Blick glitt zu Mahoor Shembar auf der Empore. Die Schatten schienen sich um den Untoten zu verdichten, und ihr war, als starre er sie an.</p><p>�Das ist unsere Chance�, sagte Lucien. �Lauft!�</p><p>Er hatte die Worte noch nicht zu Ende gesprochen, als eine neue Woge dunkler Macht durch die Halle rollte. Die Untoten setzten sich in Bewegung und erklommen abermals den Tr�mmerhaufen, und aus den Tunneln kamen neue hinzu, die schwankend zur Mitte des Saales str�mten.</p><p>Es waren mehr als doppelt so viele wie zuvor.</p><p>Vivanas Vater hatte seine Pistole nachgeladen und schoss die ersten beiden nieder. Liam schwang seine Hakenlanze, Vivana ihr Schwert. Lucien tanzte wie ein t�dlicher Schatten zwischen den welken Leibern und schlitzte Kehlen und Brustk�rbe auf. In den ersten Minuten des Kampfes vernichteten die Gef�hrten mehr als ein halbes Dutzend Mumien. Wenn man auf die richtigen Stellen zielte, war es nicht schwer, die uralten K�rper zu zerst�ren, und solange man wachsam und vorsichtig war, konnte man ihren langsamen und ungeschickten Angriffen leicht entgehen. Gleichwohl begriff Vivana, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen konnten, denn neben ihrer gro�en Anzahl besa�en die Untoten einen t�dlichen Vorteil: Sie kannten keine Ersch�pfung. Dank Mahoor Shembars b�ser Macht, die sie beseelte, konnten sie k�mpfen und k�mpfen, ohne jemals m�de zu werden, w�hrend Vivana und ihre Gef�hrten bereits nach wenigen Minuten sp�rten, wie ihre Glieder allm�hlich schwer wurden. Jeder Schwerthieb zehrte von ihren Kr�ften, und die trockene und stickige Luft des unterirdischen Gew�lbes lie� ihre Kehlen austrocknen.</p><p>Und die Untoten g�nnten ihnen keine Pause. In immer neuen Wellen griffen sie an und kletterten zur Kuppe des Schutth�gels, wo die Waffen der Gef�hrten sie erwarteten. Mahoor Shembar schien es gleichg�ltig zu sein, wie viele seiner K�mpfer fielen. Vivana begriff, dass er die Absicht hatte, sie mit der blo�en �bermacht seines Gefolges zu erdr�cken.</p><p>�Wir brauchen Feuer�, keuchte Lucien, w�hrend er einem plumpen Schwerthieb auswich und dem Untoten gegen die Brust trat. �Wir m�ssen sie verbrennen. Die Lampe, Liam! Versuch, sie irgendwie als Waffe einzusetzen.�</p><p>Vivanas Vater nahm die Hakenlanze an sich und sch�tzte Liam, w�hrend dieser am Brenner der Karbidlampe herumfummelte. Er verbrannte sich die Finger am hei�en Metall, zog sich fluchend den �rmel �ber die Hand und drehte das Ventil auf. Gleichzeitig riss er die Lampe hoch. Ein Strahl brennenden Gases traf eine Mumie. Binnen Sekunden brannte der ausgetrocknete K�rper wie Zunder, der Untote taumelte umher und setzte einen zweiten in Brand.</p><p>Lucien und Vivanas Vater jubelten, doch ihre Freude war nur von kurzer Dauer. Die Lampe war f�r einen derartigen Einsatz nicht gedacht, und Liam hatte gro�e M�he zu verhindern, sich in der Hitze des Gefechts nicht selbst an der unkontrolliert flackernden Gasflamme zu verletzen. Au�erdem erkannten die Untoten rasch die Gefahr, die von ihm ausging, und konzentrierten ihre Angriffe auf ihn. Liam musste die Lampe hochrei�en, um einen S�belhieb abzuwehren; dabei wurde sie ihm aus der Hand geschlagen, rollte den Schutthaufen hinunter und erlosch.</p><p>Die Untoten, die nun gelernt hatten, Feuer zu f�rchten, wichen zur Seite, als die Lampe �ber das Ger�ll kullerte. Dadurch �ffneten sich ihre Reihen f�r einige Sekunden. Vivana erkannte ihre Chance und lief los.</p><p>�Nicht!�, br�llten ihr Vater und Liam gleichzeitig, doch da hatte sie bereits den Boden der Halle erreicht. Sie schl�pfte zwischen den Mumien hindurch, schlug Haken, wich zupackenden H�nden aus. Ihre Kehle begann wieder zu brennen. Sie schenkte dem Schmerz keine Beachtung, rannte weiter, zur Treppe, die sie entdeckt hatte. Einer der Untoten versuchte, ihr den Weg zu versperren. Sie schwang ihr Schwert und traf den leblosen Krieger am Arm, was diesem keinerlei Schaden zuf�gte, ihn jedoch einen Schritt zur�ckweichen lie� � genau den Schritt, den sie brauchte, um zur Treppe zu gelangen. Stufe um Stufe hastete sie hinauf, sah, dass die Mumien ihr folgten, lief schneller.</p><p>Mahoor Shembar beobachtete sie. Seine Augen gl�hten. Vivana blieb stehen, als sie nur noch ein paar Schritte von ihm entfernt war. Ging langsam auf ihn zu.</p><p>�Ruf deine Krieger zur�ck. Bitte. Wir sind nicht deine Feinde.� Ihre Stimme zitterte vor Furcht.</p><p>Der Nigromant stand reglos da wie eine Statue. Fetzen eines einst pr�chtigen Gewandes verh�llten kaum seinen vertrockneten Leib. Goldene Ringe steckten an seinen knochigen Fingern.</p><p>�Kannst du mich verstehen?�</p><p>Mahoor Shembars Robe raschelte wie altes Pergament, als er die Hand hob. Vivana blieb stehen.</p><p>Krallenfinger packten sie von hinten und zwangen sie auf die Knie.</p><empty-line/></section><section><title><p>31</p><empty-line/><p><emphasis>Der Rat von Suuraj</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>ie Soldaten stocherten mit ihren Hakenlanzen im Wasser, bis einer von ihnen die Leiche zu fassen bekam. Die anderen warfen ein Netz aus und zogen sie mit vereinten Kr�ften aus dem Fluss.</p><p>Jackon stand an der Reling des Stadtflo�es und schaute nerv�s dabei zu, wie die M�nner den toten K�rper auf die Planken hievten. Abgesehen von seiner Begegnung mit Seth war es das erste Mal, dass er einen D�mon aus der N�he sah. Die Kreatur war etwas kleiner als ein Mensch und besa� bleiche, glitschige Haut an Armen und Beinen, die am gedrungenen Rumpf in gr�nliche Schuppen �berging. Schwimmh�ute spannten sich zwischen Fingern und Zehen. Der Kopf war der eines Fischs, mit Glupschaugen, einem breiten Maul voller Z�hne und vier langen Barteln am Unterkiefer. Am Hals entdeckte Jackon mehrere Vertiefungen. <emphasis>Kiemen,</emphasis> dachte er. Das Wesen war noch absto�ender, als er erwartet hatte.</p><p>Es war nicht allein das monstr�se Aussehen des D�mons, das ihn so erschreckte, sondern haupts�chlich seine Aura. Obwohl das Ungeheuer zweifellos tot war � in seiner Brust klaffte eine faustgro�e Schusswunde �, verstr�mte es nach wie vor Bosheit und Grausamkeit wie einen �blen Geruch.</p><p><emphasis>Genau wie Seth.</emphasis></p><p>Die Fischd�monen hatten vor zwei Stunden angegriffen. Pl�tzlich waren Dutzende von ihnen aus dem Wasser aufgetaucht und wie Amphibien an den Schwimmf�ssern emporgeklettert. Gl�cklicherweise rechneten die Soldaten Suurajs st�ndig mit Angriffen, sodass sie rasch zur Stelle gewesen waren. Nach einem kurzen, aber heftigen Gefecht gelang es ihnen, die D�monen zu vertreiben, bevor sie ernsthaft Schaden anrichten konnten.</p><p>Kein Soldat war bei dem Kampf get�tet worden, und nur wenige hatten Verletzungen erlitten. Ein eindeutiger Sieg also. Und trotzdem war den Menschen Suurajs nicht nach Jubeln oder Feiern zu Mute. Das unerwartete Auftauchen amphibischer D�monen hatte ihnen gezeigt, dass sie in der Mitte des Flusses, wo das Stadtflo� ankerte, nicht ann�hernd so sicher waren wie gedacht.</p><p>Die Soldaten machten Platz, als zwei maskierte M�nner in dunklen Roben auftauchten. Die beiden Astrophilosophen untersuchten den toten D�mon und gaben anschlie�end den Befehl, die Leiche auf einen Karren zu legen. Jackon blickte den Mystikern nach, bis sie in der Menge der Schaulustigen verschwanden. Trotz der Hitze fr�stelte ihn. Was, wenn die Fischkreaturen in der Nacht zur�ckk�men, besser vorbereitet und so zahlreich, dass sie das Stadtflo� einfach �berrannten?</p><p>Er verbannte diesen Gedanken und versuchte auch, sich nicht mehr vorzustellen, was noch alles in den Tiefen des Flusses lauern mochte. <emphasis>Sieh lieber nach Ruac. Er wartet bestimmt schon auf sein Futter.</emphasis></p><p>Tr�ge schlenderte er durch die abendlichen Gassen. Trotz der bedr�ckten Stimmung gingen die Leute weiterhin ihrem Tagwerk nach, flickten Boote, r�ucherten Fisch und hegten die kleinen G�rten auf den D�chern. In den vergangenen zwei Tagen hatte Jackon gelernt, dass das Leben auf dem Stadtflo� hart war. Der st�ndige Kampf gegen das unberechenbare Wetter und die Gefahren des Dschungels hatten einen z�hen Menschenschlag hervorgebracht. Der �berfall der D�monen mochte die Bewohner Suurajs �ngstigen, aber er nahm ihnen nicht ihren �berlebenswillen.</p><p>Vorod Khoroj hatte Jackon etwas Geld gegeben, von dem er eine T�te Fischabf�lle kaufte, bevor er zum Magistratsgeb�ude im Zentrum des Stadtflo�es zur�ckging. Ruac lag den ganzen Tag auf einer der Luftschifflandeplattformen und sonnte sich; im Gegensatz zu Jackon konnte er von der Hitze nicht genug kriegen. Seit seiner Ankunft tat er kaum etwas anderes, als zu fressen und zu d�sen. Die Strapazen des Fluges hatten ihn so sehr ersch�pft, dass er sogar den D�monenangriff verschlafen hatte.</p><p>Als Jackon die Rampe heraufkam, stellte er fest, dass die Soldaten ihm wieder einmal zuvorgekommen waren. Zwei Aeronauten warfen Ruac Fleischst�cke zu und lachten, wenn er sie mit dem Maul aus der Luft fing. So ging das seit zwei Tagen. Es hatte nicht lange gedauert, bis die Soldaten ihre anf�ngliche Furcht vor dem Lindwurm abgelegt und ihn ins Herz geschlossen hatten. Nun f�tterten sie ihn bei jeder Gelegenheit und brachten ihm st�ndig irgendwelche Leckereien.</p><p>Die M�nner klopften Jackon freundschaftlich auf den R�cken und widmeten sich wieder ihrer Arbeit. Ruac machte einen langen Hals und schn�ffelte an der T�te.</p><p>�Sag blo�, du hast immer noch Hunger? Was soll ich Vivana sagen, wenn sie zur�ckkommt und du bist fett geworden?�</p><p>Ruac rieb den Kopf an seiner Schulter, bis Jackon sich schlie�lich erweichen lie� und die T�te auf den Planken aussch�ttelte. Hei�hungrig, als h�tte er tagelang nichts gefressen, machte sich der Lindwurm �ber die Fischk�pfe her, die er � Jackon w�rde es nie verstehen � mehr liebte als jedes andere Futter.</p><p>Anschlie�end sah Jackon sich Ruacs Kratzer und Schrammen an. Zu seiner Erleichterung verheilten sie gut. Er h�tte auch nicht gewusst, was er h�tte tun sollen, wenn es anders gewesen w�re. Einen Tierarzt rufen? Wusste ein Tierarzt, wie man Schattenwesen behandelte?</p><p>Ruac lie� die Prozedur klaglos �ber sich ergehen. Jackon sp�rte, dass der Lindwurm ihm inzwischen vertraute. <emphasis>Wenigstens einer,</emphasis> dachte er traurig.</p><p>Er sah Vorod Khoroj den Magistratspalast verlassen und winkte ihm zu. Der S�dl�nder stieg die Rampe zu den Landeplattformen hinauf.</p><p>�Wie geht es Ruac?�, erkundigte er sich.</p><p>�Besser. Aber er frisst ziemlich viel. K�nnte ich noch etwas Geld haben?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Jackon steckte die M�nzen ein. Ihm fiel auf, dass Khoroj besorgt wirkte. �Stimmt etwas nicht?�</p><p>�Ich war eben bei Jerizhin. Sie hat den ganzen Tag mit den Ratsleuten verhandelt. Ich f�rchte, f�r unseren Plan sieht es nicht gut aus.�</p><p>�Sind die Priester immer noch unentschlossen?�</p><p>�Die Priesterschaft konnte sie inzwischen �berzeugen. Aber das hilft uns nichts, solange Vai sich stur stellt.�</p><p>Tymerion Vai war der Befehlshaber der Aeronauten. Jackon hatte ihn heute Morgen bei der Ratssitzung gesehen, bei der er mit Khoroj und Jerizhin gewesen war.</p><p>�Er hasst Bradost�, fuhr Khoroj fort. �Er sieht nicht ein, warum er f�r uns seine Luftschiffe und seine Leute in Gefahr bringen soll.�</p><p>�Es geht �berhaupt nicht um Bradost. Es geht um Lady Sarka und die D�monen.�</p><p>�Das hat Jerizhin ihm auch gesagt. Aber Vai ist nun einmal ein verbohrter alter Soldat. Mit vern�nftigen Argumenten kommt man bei ihm nicht weit. Und jetzt erst recht nicht mehr. Den D�monen�berfall heute Mittag betrachtet er als Best�tigung, dass Suuraj alle Luftschiffe f�r seine Verteidigung braucht.�</p><p>�Die Luftschiffe haben sich doch �berhaupt nicht an den K�mpfen beteiligt.�</p><p>�Ja, und selbst wenn sie es getan h�tten, w�ren sie gegen die Flussd�monen vermutlich nutzlos gewesen. Doch davon will Vai nichts h�ren. Du h�ttest ihn eben sehen sollen. Er hat getobt vor Zorn und Jerizhin vorgeworfen, die Interessen von Ausl�ndern �ber die Suurajs zu stellen. Bornierter Narr.�</p><p>Jackon hatte sich gefragt, warum Jerizhin den Aeronauten nicht einfach befahl, ihr zu gehorchen � immerhin war sie das gew�hlte Oberhaupt des Stadtflo�es. Inzwischen wusste er, dass die Dinge nicht so einfach lagen. Die Aeronauten besa�en seit dem Aufkommen der ersten Luftschiffe einen politischen Sonderstatus und achteten sorgsam darauf, ihre Unabh�ngigkeit zu wahren. Das machte es den Kapit�nmagistraten seit jeher schwer, sie zu kontrollieren.</p><p>�Die n�chste Ratssitzung ist morgen Fr�h, richtig?�, fragte er.</p><p>Khoroj nickte.</p><p>�Darf ich wieder mitkommen?�</p><p>�Nat�rlich. Aber stell dich besser auf einen langweiligen Vormittag ein. Jerizhin bleibt nichts anderes �brig, als weiter mit Vai zu verhandeln, in der Hoffnung, ihm Zugest�ndnisse abzuringen. Das kann dauern.�</p><p>Nachdem sich Khoroj verabschiedet hatte, ging Jackon zum Hospital und besuchte Nedjo. Der Manusch erholte sich langsam von seinem Nervenzusammenbruch und wirkte schon etwas kr�ftiger als gestern. Sie unterhielten sich eine Weile, bis die h�bsche Pflegerin auftauchte. Von da an war Nedjo kaum noch in der Lage, sich auf das Gespr�ch mit seinem Besucher zu konzentrieren. Jackon kam sich schlie�lich �berfl�ssig vor und ging, was der Manusch nicht einmal zu bemerken schien.</p><p>Es wurde bereits dunkel, als er zum Magistratspalast zur�ckkehrte. Wegen der Hitze war er st�ndig m�de, und er beschloss, fr�h schlafen zu gehen. In dem G�stezimmer, das Jerizhin ihm zugeteilt hatte, legte er sich ins Bett und griff nach der Phiole mit dem Anti-Traum-Trank auf seinem Nachttisch.</p><p>Schon die ganze Zeit musste er an Luciens Worte denken: <emphasis>jetzt hast du die Chance, deine Kr�fte f�r etwas Sinnvolles einzusetzen. Lass sie dir nicht entgehen, nur weil du Angst hast.</emphasis></p><p>Er begriff allm�hlich, warum Lucien darauf bestanden hatte, dass er hierblieb. Und es dauerte nicht lange, bis er sich einen Plan zurechtgelegt hatte. Aber es gab sehr viele Unw�gbarkeiten.</p><p>Wenn er seine F�higkeiten einsetzen wollte, durfte er den Trank nicht mehr nehmen. Doch damit lief er Gefahr, dass Lady Sarka ihn wieder in den Tr�umen heimsuchte. Er wusste nicht, ob er noch einen Angriff von ihr �berstehen w�rde. M�glicherweise setzte ihm eine neuerliche Traumattacke so sehr zu, dass es ihm wie Nedjo erging.</p><p>Und waren seine Kr�fte �berhaupt schon stark genug? Wegen des Tranks hatte er noch keine Gelegenheit gehabt, es auszuprobieren. Vielleicht war es noch viel zu fr�h.</p><p>Und dann war da noch das grundlegende Misstrauen, das er seiner Gabe entgegenbrachte. Bisher hatte sie nichts als Unheil verursacht. Warum sollte es diesmal anders sein?</p><p>Lange lag er da und betrachtete die Phiole � bis er sie schlie�lich �ffnete und an die Lippen setzte.</p><p><emphasis>Du j�mmerlicher Feigling,</emphasis> dachte er.</p><p>W�hrend er gem�tlich im Bett lag und sich den Luxus von Selbstzweifeln leistete, blickten Liam, Vivana, Lucien und Quindal bereitwillig den Gefahren eines unbekannten Landes ins Auge und setzten ihr Leben aufs Spiel, um einen untoten Sterndeuter zu finden. Wie konnte er jemals erwarten, dass sie ihn als gleichwertigen Gef�hrten betrachteten, wenn er nicht bereit war, einen Beitrag zu leisten, weil er selbst das kleinste Risiko scheute?</p><p>Er verschloss die Phiole und stellte sie zur�ck auf den Nachttisch. Wenig sp�ter schlief er ein.</p><p>In seinem Seelenhaus erwarteten ihn verworrene Tr�ume. Er eilte durch ein d�steres Bradost, das nur aus brennenden Ruinen bestand. Schwarze Riesenv�gel kreisten am flammenden Himmel, und �berall irrten verzweifelte Menschen umher. Umbra war auch da. <emphasis>Du hast mich belogen!,</emphasis> warf sie ihm vor und weinte gleichzeitig, was ihn zutiefst verst�rte. Er hatte sie noch nie weinen gesehen. Er hatte nicht einmal f�r m�glich gehalten, dass sie �berhaupt weinen <emphasis>konnte.</emphasis></p><p>Jackon war aus der �bung, weshalb es ihm erst nach einer Weile gelang, seine Gedanken zu fokussieren.</p><p><emphasis>Es ist nur ein Traum. Mir kann nichts geschehen.</emphasis></p><p>Er h�ngte Umbra ab, versteckte sich in einer Ruine und hielt nach Lady Sarka Ausschau. Zu seiner Erleichterung war sie nirgendwo zu sehen. Dabei h�tte sie l�ngst bemerken m�ssen, dass er wieder tr�umte. Hatte sie nach ein paar N�chten, in denen sein Seelenhaus leer gewesen war, aufgeh�rt, es zu beobachten?</p><p>Er beschloss, aufs Ganze zu gehen, und das Seelenhaus zu verlassen.</p><p>Er musste recht lange nach der T�r suchen, doch als er sie endlich fand, bereitete es ihm keinerlei M�he, sie zu �ffnen. Da wusste er, dass seine Kr�fte vollst�ndig zur�ckgekehrt waren. Seine Nervosit�t wich frischer Zuversicht.</p><p>Die brauchte er auch, denn was er drau�en vorfand, �bertraf seine schlimmsten Bef�rchtungen.</p><p>Jackon erblickte kaum ein Seelenhaus, das nicht besch�digt war. Tr�mmer lagen auf den Stra�en. Geflohene Tr�ume huschten umher und versteckten sich vor ihm in den Schatten. Sammler krochen ziellos durch die Gassen, ohne ihrer Aufgabe nachzugehen. Auf den D�chern k�mpften gefl�gelte Boten gegeneinander, lie�en achtlos Traumsubstanz fallen oder brachten sie in Seelenh�user, die l�ngst von der silbrigen Materie �berquollen.</p><p>Jackon brauchte einen Moment, bis er seinen Schrecken �berwand. Die Traumlanden zerfielen viel schneller, als Lucien und er gedacht hatten.</p><p>Er wagte kaum, sich umzudrehen. Auch sein eigenes Seelenhaus hatte sich auf bedrohliche Weise ver�ndert. Es geh�rte zu jenen, die unkontrolliert wuchsen. Wie ein rasant wuchernder Bienenstock hatte es zahlreiche neue R�ume und Flure herausgebildet, womit es den Nachbarh�usern schwere Sch�den zuf�gte.</p><p>Er musste etwas dagegen unternehmen. Gl�cklicherweise hatte er gelernt, wie man ein kaputtes Seelenhaus reparierte: Er legte die Hand auf das Mauerwerk und begann, die Substanz des Geb�udes zu ver�ndern. Gewucherte Zimmer fielen in sich zusammen. Risse und L�cher schlossen sich. Kurz darauf sah sein Seelenhaus wieder so aus wie fr�her.</p><p><emphasis>Nur f�r wie lange?,</emphasis> fragte er sich besorgt. Au�erdem waren da noch die anderen H�user in der Stra�e, die ebenfalls dringend eine Reparatur ben�tigten.</p><p>Nein. Wenn er damit anfing, w�re er die ganze Nacht besch�ftigt und w�rde es vermutlich trotzdem nicht schaffen. Der Kampf gegen den Niedergang der Traumlanden war nicht zu gewinnen. Allenfalls konnte er sich um die Seelenh�user seiner Gef�hrten k�mmern.</p><p>Nacheinander sprang er zu den H�usern von Liam, Vivana, Quindal und Nedjo. Alle waren besch�digt � dass seine Freunde das noch nicht bemerkt hatten, lag allein daran, weil sie in den letzten N�chten nicht tr�umten. Besonders Nedjos Seelenhaus, das einem bunten Zirkuszelt glich, hatte gelitten: �berall klafften L�cher in den W�nden. Kein Wunder, dass der junge Manusch um ein Haar verr�ckt geworden w�re. Jackon reparierte sie, so gut er konnte. Er war gerade mit Nedjos Seelenhaus fertig, da bemerkte er Lady Sarka.</p><p>Hastig versteckte er sich im Innern des Zirkuszelts und sp�hte aus dem T�rspalt. Sch�n und schrecklich zugleich schritt Lady Sarka durch die Gassen, umgeben von einer Aura aus frostig gl�hendem Licht, beinahe wie eine Vila aus der Schattenwelt. Sie betrat ein Seelenhaus, und kurz darauf drangen Schreie aus den Fenstern.</p><p><emphasis>Sie besucht die Tr�ume ihrer Untertanen,</emphasis> dachte Jackon voller Grauen. <emphasis>Und wer nicht auf ihrer Seite steht, wird bestraft.</emphasis></p><p>Leise schloss er die T�r und betete, dass sie ihn nicht entdeckte. Geduckt schlich er zu einem Fenster und sah die Herrin der Tr�ume das Seelenhaus mit kaltem Triumph in den Augen verlassen. Sie sprang � und war von einem Moment auf den n�chsten verschwunden.</p><p>Jackon lehnte sich gegen die Wand, schloss die Augen und wartete, bis sein Herz nicht mehr wie wild pochte.</p><p><emphasis>Sie hat ihre Kr�fte tats�chlich gemeistert. Sie kann alles, was ich kann � nur viel besser.</emphasis></p><p>Pl�tzlich erschien ihm ihr Vorhaben, sie aufzuhalten, vollkommen aussichtslos, ja, einfach verr�ckt.</p><p>Mutlos verlie� er Nedjos Seelenhaus. Drau�en machte er eine weitere beklemmende Entdeckung. Mit ihrem Sprung hatte Lady Sarka so viel psychische Energie freigesetzt, dass mehrere Boten und Sammler in der N�he get�tet worden waren. Und nicht nur das � die Energiewelle hatte au�erdem die Sch�den an den umliegenden Geb�uden vergr��ert. <emphasis>Es ist genau so, wie Lucien sagt: Seit Lady Sarka �ber die Traumlanden herrscht, wird alles noch schneller zerst�rt.</emphasis></p><p>Die unerwartete Begegnung mit seiner einstigen Herrin hatte ihn so aus der Fassung gebracht, dass er beinahe vergessen h�tte, warum er hergekommen war. Er fokussierte seine Gedanken und konzentrierte sich auf Tymerion Vai, dachte an dessen dr�hnende Stimme, das b�rtige Gesicht, den herrischen Glanz in den Augen � und sprang.</p><p>Erwartungsgem�� besa� Vai ein eindrucksvolles Seelenhaus. Es �hnelte den anmutigen Holzpal�sten der besseren Gesellschaft Suurajs und besa� elegante Balkone, geschwungene Treppen und eine Kuppel.</p><p>Verwundert stellte Jackon fest, dass die Fenster dunkel waren. Mit gerunzelter Stirn warf er einen Blick hinein.</p><p>Das Seelenhaus war leer. Keine Spur von Tr�umen.</p><p>Nat�rlich � der Admiral hatte zum Schutz vor den Traumst�rungen den Anti Traum Trank zu sich genommen, wie wahrscheinlich jeder hochrangige Beamte und Offizier Suurajs. Jackon h�tte es sich denken k�nnen.</p><p>�Verdammter Mist�, murmelte er und wachte auf.</p><p>Schlaftrunken z�ndete er die Kerze auf seinem Nachttisch an und schaute zur Wanduhr. Kurz nach drei. Er trat zum Fenster, atmete die k�hle Nachtluft ein und lauschte dem Pl�tschern der Wellen, die viele Fu� unter ihm gegen die Schwimmf�sser schlugen.</p><p>Es hatte keinen Zweck. Ohne Hilfe konnte er seinen Plan nicht in die Tat umsetzen. Er musste Khoroj und Jerizhin einweihen.</p><p>Zwanzig Minuten sp�ter sa� er im B�ro der Kapit�nmagistratin. Die beiden waren nicht gerade begeistert, dass er sie aus den Betten geholt hatte.</p><p>�Noch mal von vorne�, sagte Jerizhin m�de. �Ich soll die Ratssitzung um einen Tag verschieben und Tymerion �berreden, den Trank nicht mehr zu nehmen. Habe ich das richtig verstanden?�</p><p>�Es gen�gt, wenn er ihn morgen Abend... ich meine <emphasis>heute</emphasis> Abend nicht nimmt. Er muss nur eine Nacht tr�umen.�</p><p>�Damit du <emphasis>was</emphasis> tun kannst?�</p><p>�Ich werde ihn dazu bringen, unsere Pl�ne nicht mehr zu behindern.�</p><p>�Und wie, wenn ich fragen darf?�</p><p>Sie hatten Jerizhin nicht erz�hlt, dass er es gewesen war, der Lady Sarka zur Herrin der Tr�ume gemacht hatte. Folglich wusste sie auch nicht, dass er ein Traumwanderer war, und Jackon wollte, dass das so blieb.</p><p>Als er noch �ber eine Antwort nachdachte, sagte Khoroj: �Der Junge hat gewisse F�higkeiten. Du solltest ihm vertrauen.�</p><p>�Gewisse F�higkeiten, so. Mir scheint, ich wei� �ber deine neuen Freunde nicht halb so viel, wie ich dachte.� Jerizhin musterte Jackon argw�hnisch. �Damit eins klar ist: Ich lasse nicht zu, dass du Tymerion Schaden zuf�gst. Er ist ein sturer Ochse, und er geht mir auf die Nerven, aber ich m�chte nicht, dass ihm etwas zust��t, verstanden? Immerhin ist er ein Admiral von Suuraj.�</p><p>�Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass er Angst bekommt. Das ist alles.� Dass er vorhatte, Vai entsetzliche, Blut gefrierende Angst und an schreienden Wahnsinn grenzendes Grauen einzufl��en, behielt Jackon f�r sich.</p><p>�Gut. Ich hoffe, du wei�t, was du tust�, sagte Jerizhin skeptisch.</p><p>�Kannst du die Ratssitzung verschieben?�, fragte Khoroj.</p><p>�Das sollte kein Problem sein. Der Rat hat ohnehin keine gro�e Lust, sich mit dieser Angelegenheit zu befassen. Viel schwieriger wird es, Tymerion dazu zu bringen, den Trank nicht zu nehmen.�</p><p>�K�nnten Sie daf�r sorgen, dass der Trank verschwindet?�, fragte Jackon.</p><p>�Tymerion hat wie ich einen gr��eren Vorrat davon. Es w�re zu auff�llig, alle Phiolen verschwinden zu lassen. Au�erdem kann er sich jederzeit neuen besorgen. Nein, wir m�ssen anders vorgehen.�</p><p>�Wie sind seine Gewohnheiten?�, erkundigte sich Khoroj. �Hat er einen Diener, der ihm den Trank vor dem Schlafengehen darreicht?�</p><p>�Vermutlich stellt Samui, sein Leibdiener, ihm die Phiole jeden Abend mit seiner Arznei hin.�</p><p>�Wir k�nnten den Trank austauschen lassen�, schlug der S�dl�nder vor. �Durch ein Mittel, das genauso schmeckt, aber v�llig wirkungslos ist.�</p><p>Jerizhin nickte langsam. �Ja, das k�nnte klappen. Mein Hermetiker kann so etwas sicher anr�hren.�</p><p>�Aber wie kommt der falsche Trank auf Vais Nachttisch?�, fragte Jackon.</p><p>�Das �berlassen wir dem guten alten Samui. Es w�re nicht das erste Mal, dass er mir einen Gefallen tut. Er ist immer knapp bei Kasse und wei� einen funkelnden Silber-Shii durchaus zu sch�tzen. Tymerion will einfach nicht begreifen, dass man seine Diener anst�ndig bezahlen muss�, f�gte die Kapit�nmagistratin mit einem listigen L�cheln hinzu.</p><p>Die Stunden bis zum Abend verbrachte Jackon in gespannter Erwartung. Jerizhin gelang es mit einem Vorwand, die Ratssitzung auf den n�chsten Tag zu verschieben. Als Jackon der Kapit�nmagistratin bei Einbruch der Dunkelheit auf dem Korridor begegnete, nickte sie ihm kaum merklich zu.</p><p>Er wartete noch eine Stunde, dann legte er sich ins Bett und schlief ein.</p><p>Diesmal sprang er ohne Umwege zu Vais Seelenhaus. Angespannt schaute er zu den Fenstern auf und erblickte das Flackern erwachender Tr�ume. Ihr Plan hatte funktioniert!</p><p>Jackon �ffnete die T�r, und seine Augen weiteten sich. Tymerion Vai tr�umte von Frauen... von vielen Frauen... und besonders von solchen, die nicht viele Kleider trugen. Jackon wusste nicht, wohin er zuerst schauen sollte. Mit starrem Blick schritt er durch samtige Korridore. Dass ihm einige der Frauen zuwinkten und sich im Vorbeigehen an ihn schmiegten, erleichterte es ihm nicht gerade, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren.</p><p>Er fand Vai in einem holzget�felten Salon, den weiches Licht erf�llte. Der Admiral war ein h�nenhafter Mann, der sich breitbeinig auf eine Couch fl�zte, an einem Weinglas nippte und zufrieden l�chelte, als die �ppige junge Frau, die auf seinem Scho� sa�, sein Hemd aufkn�pfte und seine behaarte Brust streichelte.</p><p>Er begriff sofort, dass Jackon kein Teil seines Traums war, und knurrte etwas. Obwohl Jackon kein Wort Yarodi sprach, verstand er es auf Anhieb: <emphasis>Wer zum Teufel bist du?</emphasis></p><p>�Der Spielverderber�, antwortete er und lie� die Frauen, den Weinkelch und den gesamten Salon verschwinden, sodass nur die nackten W�nde des Seelenhauses zur�ckblieben.</p><p>Vai fiel aufs Ges��, als sich die Couch unter ihm aufl�ste. Er br�llte vor Zorn und st�rmte mit geballten F�usten heran. Jackon hob erstaunt die Augenbraue. Nur extrem selbstsichere Personen gerieten nicht in Panik, wenn man ihre Tr�ume manipulierte.</p><p>H�chste Zeit, die Spielregeln zu �ndern.</p><p>Er erschuf eine Grube. Es platschte, als Vai in das stinkende Brackwasser fiel.</p><p>Rauschhafte Erregung durchstr�mte Jackon, w�hrend er den Schreien des Admirals lauschte. Es war genau wie damals, in der Anfangszeit seiner Ausbildung, als er seine alten Peiniger heimgesucht und sich an ihnen ger�cht hatte. Ihm wurde klar, wie sehr ihm seine Kr�fte gefehlt hatten. Vor lauter Reue und Selbstmitleid hatte er ganz vergessen, wie gro�artig es sich anf�hlte, sie zu gebrauchen, die eigene St�rke auszukosten, in seiner Macht zu baden. Er w�nschte, dieser Moment w�rde nie zu Ende gehen.</p><p><emphasis>Schau dich an,</emphasis> fl�sterte eine verr�terische Stimme in seinen Gedanken. <emphasis>Lady Sarka nennst du ein Monster, weil sie ihre Macht nutzt, um ihre Feinde zu strafen. Und was tust du? Genau dasselbe! Du bist kein bisschen besser als sie.</emphasis></p><p>Schlagartig verschwand das Hochgef�hl, und er kam sich vor wie ein kleiner, dummer Narr.</p><p>Hatte er denn gar nichts aus seinen Fehlern gelernt? Es war falsch, seine Kr�fte auf diese Weise einzusetzen � er hatte doch gesehen, wohin das f�hrte. Warum hatte er nicht auf sein Gef�hl geh�rt? Er h�tte sich nie auf Luciens Plan einlassen d�rfen.</p><p>Vai rief etwas, und seine Stimme war voller Angst.</p><p><emphasis>Hilf mir!</emphasis></p><p>Jackon ging neben der Grube in die Hocke. Der Admiral k�mpfte verzweifelt gegen die Tentakel, die sich im Wasser wanden und seine Beine umschlangen. Wenn er versuchte, hinauszuklettern, �ffneten sich in der Grubenwand schnappende M�uler.</p><p>Jackon war drauf und dran, den Albtraum abzubrechen, den armen Admiral zu erl�sen und in die Wachwelt zur�ckzukehren. Aber dann w�rde Jerizhin nie ihre Luftschiffe bekommen, sie hatten keine Chance, Mahoor Shembar nach Bradost zu bringen, Lady Sarka w�rde triumphieren, und die D�monen w�rden die Welt zerst�ren.</p><p>Es war vertrackt!</p><p><emphasis>Also gut,</emphasis> dachte Jackon. <emphasis>Nur noch dieses eine Mal. Aber dann ist Schluss. Und h�r vor allem auf, es zu genie�en!</emphasis></p><p>�Verstehst du mich?�, rief er in die Grube.</p><p>�Was machst du mit mir?�, schrie Vai, der, wie sich nun zeigte, die Sprache des Nordens beinahe so gut beherrschte wie Jerizhin.</p><p>�Ich habe dir diesen Albtraum geschickt. Und ich werde dir weitere schicken, wenn du nicht tust, was ich dir sage.�</p><p>�Aber ich habe doch den Trank genommen!�</p><p>�Na und? Wie du siehst, bin ich trotzdem hier. H�r zu: Morgen bei der Ratssitzung wirst du Jerizhins Antrag ohne Wenn und Aber unterst�tzen. Du wirst aufh�ren, dich ihr zu widersetzen, und ihr so viele Luftschiffe zur Verf�gung stellen, wie sie haben will. Wenn du das nicht tust, werde ich n�chste Nacht wiederkommen. Und in der �bern�chsten Nacht. Jede Nacht, bis du mir gehorchst. Hast du verstanden?�</p><p>Falls der Admiral antwortete, so h�rte Jackon es nicht, denn in diesem Moment zogen die Tentakel Vai unter Wasser.</p><p>Der Rat Suurajs kam in der gro�en Halle des Magistratspalastes zusammen. Filigran geschnitzte S�ulen st�tzten die Kuppeldecke und verliehen diesem Ort einen w�rdevollen, beinahe sakralen Charakter. Als Jackon und Vorod Khoroj eintrafen, sa�en bereits mehr als vierzig Frauen und M�nner auf den terrassenf�rmig angelegten B�nken: die Astrophilosophen mit ihren seltsamen Halbmasken, die Priesterschaft des Assamira sowie die Sprecher der Hermetikergilde und anderer einflussreicher Gruppen des Stadtflo�es.</p><p>Jackon und Khoroj, die kein Stimmrecht besa�en, mussten auf der Empore Platz nehmen. Sie waren nicht die einzigen Besucher: Neben ihnen stand ein junger Mann mit Nickelbrille, der sich eifrig Notizen machte. Offenbar ein Berichterstatter der Zeitung Suurajs, die an jeder Stra�enecke verkauft wurde.</p><p>Tymerion Vai tauchte als Letzter auf. Der sichtlich angeschlagene Admiral, dessen blaue Aeronautenuniform heute nicht richtig zu sitzen schien, schleppte sich zu seinem Platz. Als er Jackon entdeckte, schrak er zusammen und lie� seine Akten fallen. Ein Saaldiener eilte herbei und half ihm beim Aufsammeln der Schriftst�cke.</p><p>Kurz darauf er�ffnete der Rats�lteste die Sitzung, indem er genau wie vorgestern die Tagesordnung verlas. Da diese lediglich einen Punkt umfasste, dauerte die Prozedur nur wenige Sekunden.</p><p>Anschlie�end trat Jerizhin an das Rednerpult und begann zu sprechen.</p><p>�Was sagt sie?�, fragte Jackon fl�sternd.</p><p>�Sie wiederholt noch einmal ihren Antrag und bittet den Rat, ihr die Befehlsgewalt �ber einen Teil der Luftschiffflotte zu �bertragen�, �bersetzte Khoroj ebenso leise.</p><p>Jerizhin kehrte zu ihrem Platz zur�ck, und der Rats�lteste ergriff erneut das Wort.</p><p>�Was passiert jetzt?�</p><p>�Die verschiedenen Positionen zu dem Antrag wurden bereits ausf�hrlich dargelegt, deshalb schl�gt der �lteste vor, auf eine erneute Debatte zu verzichten und gleich zur Abstimmung �berzugehen. Es sieht so aus, als h�tte niemand Einw�nde dagegen.�</p><p>H�nde wurden gehoben. Genau wie bei der ersten Sitzung stimmte eine deutliche Mehrheit f�r Jerizhins Antrag.</p><p>�Jetzt fragt der �lteste den Befehlshaber der Aeronauten, ob er von seinem Vetorecht Gebrauch machen will�, erkl�rte Khoroj.</p><p>Jackon biss sich nerv�s auf die Lippe, als Tymerion Vai zum Rednerpult schritt. Er war sich sicher, dass sein Albtraum die gew�nschte Wirkung erzielt hatte, aber vielleicht hatte er Vai untersch�tzt. Immerhin war der Admiral ein z�her Soldat, der schon so manche Gefahr ausgestanden hatte. Jackon starrte ihn an, doch Vai mied seinen Blick.</p><p>Der Admiral begann zu sprechen. Ein Raunen ging durch die Versammlung.</p><p>�Was hat er gesagt? Was hat er gesagt?�, fragte Jackon aufgeregt.</p><p>�Er l�sst den Rat wissen, dass er seine Position noch einmal gr�ndlich �berpr�ft hat... Unglaublich! Er zieht sein Veto gegen Jerizhins Antrag zur�ck!�</p><p>Die Rede des Admirals �berraschte den Rat so sehr, dass viele Ratsleute, die ein stundenlanges Ringen um Formalit�ten erwartet hatten, von ihren Sitzen aufsprangen und durcheinanderredeten. Niemand bemerkte, dass Vai fl�chtig zur Empore aufblickte.</p><p>Jackon nickte zufrieden.</p><empty-line/></section><section><title><p>32</p><empty-line/><p><emphasis>Der Nigromant</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>L</strong>iam schlug einer heranwankenden Mumie seitlich den Lanzenschaft gegen das Knie, brachte sie zu Fall und stie� ihr mit zusammengebissenen Z�hnen die Eisenspitze zwischen die Halswirbel. Der vertrocknete K�rper erschlaffte, doch sofort r�ckten neue Untote nach. W�hrend sie schwerf�llig �ber Schutt und erschlagene Leiber stiegen, hielt er nach Vivana Ausschau.</p><p>�Wo ist sie hin?�, rief er panisch.</p><p>Quindal schwang einen verrosteten Krumms�bel und hielt sich damit zwei Gegner vom Leib. �Ich wei� es nicht�, erwiderte er nach Luft japsend. �Pl�tzlich war sie weg.�</p><p>Liam versuchte, zwischen den wandelnden Leichen, die sie von allen Seiten bedr�ngten, eine L�cke auszumachen, doch bevor er sehen konnte, was unten im Saal vor sich ging, griff ihn der n�chste Untote an. Er wich zur�ck, damit er seine Lanze einsetzen konnte, und stolperte beinahe �ber einen abgeschlagenen Arm. Das Glied knirschte unter seiner Schuhsohle wie ein Reisigb�ndel. Im letzten Moment fing er sich und wehrte die herabsausende Eisenkeule ab.</p><p><emphasis>Ich muss zu ihr. Ich muss mir irgendwie den Weg freik�mpfen.</emphasis></p><p>Es war aussichtslos. Er war voll und ganz damit besch�ftigt, sich zu verteidigen und auf dem t�ckischen Ger�ll nicht auszurutschen. Wenn er fiel, w�re er verloren. Die Mumien w�rden sich augenblicklich auf ihn st�rzen, ihre Krallen in sein Fleisch schlagen und ihn zerrei�en.</p><p>Ununterbrochen dachte er an die kurze Nahkampf-Lektion, die Nedjo ihm an Bord der <emphasis>Jaipin</emphasis> erteilt hatte. <emphasis>Solange du unerfahren bist, k�mpfe mit Waffen, mit denen du den Gegner auf Abstand halten kannst,</emphasis> hatte der Manusch gesagt. <emphasis>Sto� zu, bevor er in deine N�he kommt. Nutze die �berraschung aus. Mach kurzen Prozess. Lass dich nie auf ein Handgemenge ein � das kannst du nur verlieren.</emphasis></p><p>Nedjos Ratschlag hatte ihm in den letzten Minuten mehr als einmal das Leben gerettet, aber das �nderte nichts daran, dass er kein ausgebildeter K�mpfer war. Irgendwann w�rden die Untoten ihn �berw�ltigen, sp�testens, wenn ihn die Kr�fte verlie�en. Was nicht mehr lange dauern w�rde. Schon jetzt lief ihm der Schwei� in Str�men �ber das Gesicht, sein Atem ging keuchend, seine Glieder wurden m�de.</p><p>Neben ihm streckte Quindal eine Mumie nieder. F�r eine Sekunde �ffneten sich die Reihen ihrer Gegner � und Liam entdeckte Vivana.</p><p><emphasis>O Gott, nein!</emphasis></p><p>Sie ging �ber die Empore, n�herte sich langsam Mahoor Shembar.</p><p>Der untote Nigromant hob die Hand. Zwei Mumien ergriffen Vivana und zwangen sie vor ihrem Meister auf die Knie.</p><p><emphasis>Wer bist du?</emphasis></p><p>Ein eisiger Luftzug schien durch die Halle zu wehen, als Mahoor Shembar sprach. Seine Stimme ert�nte in Liams Gedanken, wie ein Fl�stern in den Grabkammern eines uralten Mausoleums, wie eine rostige Klinge, die �ber eine Schiefertafel schabte.</p><p>Die Untoten lie�en die Waffen sinken und erstarrten augenblicklich.</p><p>Liams H�nde umklammerten den Schaft der Hakenlanze. Wenn er jetzt losst�rmte, konnte er sicher eine oder zwei Mumien vernichten, die �brigen �berrumpeln und ihre Reihen durchbrechen. Mit ein bisschen Gl�ck w�re er in wenigen Augenblicken bei Vivana.</p><p>�Warte�, murmelte Lucien, der seine Absichten durchschaute. �Vielleicht tut sie das Richtige.�</p><p>Vivana begann zu sprechen.</p><p><emphasis>Rei� dich zusammen! Lass ihn nicht sp�ren, dass du Angst vor ihm hast.</emphasis> Vivana hob den Kopf und sah Mahoor Shembar in die Augen, obwohl sie der Anblick seines welken Mumiengesichts zutiefst entsetzte.</p><p>�Ich hei�e Vivana Quindal�, sagte sie so fest, wie es ihr m�glich war. �Meine Gef�hrten und ich sind hier, weil wir deine Hilfe brauchen.�</p><p><emphasis>Du sprichst eine Sprache, die ich schon lange nicht mehr vernommen habe. Woher kommst du?</emphasis></p><p>Die Stimme des Nigromanten schnitt wie Eissplitter durch ihr Bewusstsein. Sie biss die Z�hne zusammen, bis sie verklang. �Aus der Stadt Bradost im Norden.�</p><p><emphasis>Diesen Ort kenne ich nicht. L�gst du mich an?</emphasis></p><p>Die Knochenfinger lagen noch immer auf ihren Schultern. Vivana hatte nicht den geringsten Zweifel, dass die beiden untoten Krieger sie auf der Stelle t�ten w�rden, wenn sie etwas sagte, das Mahoor Shembar missfiel. �Ich l�ge nicht. Du hast mein Wort. Du hast noch nie von Bradost geh�rt, weil es viel j�nger ist als Ilnuur. Zu deinen Lebzeiten war es nur ein kleines Dorf an der M�ndung des Rodis.�</p><p><emphasis>Zu meinen Lebzeiten?</emphasis> Shembars Gedankenstimme wurde so schneidend, dass sie vor Schmerz zusammenfuhr. <emphasis>Wie kannst du es wagen! Sieh mich an. Ich bin ein Haufen aus morschen Knochen und verdorrtem Fleisch. Meine Gedanken sind so kalt wie die Finsternis zwischen den Sternen. Ich kann nicht mehr atmen, nicht mehr schmecken. Das Sonnenlicht bereitet mir Schmerzen. Wie f�hlt sich hei�es Blut an, das durch Venen str�mt? Ich habe es vergessen, denn es ist zu lange her. Und du besitzt die Dreistigkeit, mich daran zu erinnern, was ich einst gewesen bin!</emphasis></p><p>Vivana h�tte sich am liebsten f�r ihre Dummheit geohrfeigt. �Bitte verzeih mir. Das war t�richt und respektlos.�</p><p><emphasis>Du und deine Gef�hrten sind nicht die ersten Lebenden, die nach Ilnuur kommen,</emphasis> sagte der Nigromant. <emphasis>Dutzende sind in den letzten hundert Jahren hier gewesen. Narren, die glaubten, sie k�nnten in diesen Kammern Sch�tze finden. Ich habe sie alle vernichtet, einen nach dem anderen, ohne Gnade. Ich hasse die W�rme eurer K�rper, eure Leidenschaften und Begierden, ich hasse alles, was ihr seid. Sag mir warum ich nicht auch dich t�ten soll.</emphasis></p><p>Vivanas Furcht war so gro�, dass sie ihrer Stimme jede Kraft nahm. �Weil wir dir helfen k�nnen, endlich Ruhe zu finden.�</p><p>Sie h�tte nicht gedacht, dass Shembar noch zorniger werden k�nnte. <emphasis>Willst du mich verspotten?</emphasis>, donnerte er.</p><p>�Der Ph�nix�, �chzte Vivana. �Seinetwegen sind wir hier.�</p><p>Pl�tzlich herrschte Stille. Die Augen des Nigromanten glitzerten in kaltem Feuer. Sie h�tte zu gerne gewusst, was gerade in ihm vorging.</p><p><emphasis>Der Ph�nix?</emphasis>, fragte er schlie�lich. <emphasis>Wo ist er?</emphasis></p><p>�In Bradost, meiner Heimatstadt. Aber ich wei� nicht, ob es derselbe ist, der einst �ber Ilnuur gewacht hat.�</p><p><emphasis>Es gibt nur einen Ph�nix.</emphasis> Wieder schwieg der Untote f�r einen Kurzen Moment. <emphasis>Wieso hat er sich nicht l�ngst in die Anderwelt zur�ckgezogen wie all die anderen Schattenwesen?</emphasis></p><p>�Weil er gefangen ist. Lady Sarka, die Herrscherin von Bradost, hat dein Buch gefunden und das Ritual ausgef�hrt. Sie hat ihn versklavt und an sich gebunden.�</p><p><emphasis>Ihr ist gelungen, worin ich versagt habe?</emphasis></p><p>�Ja. Nun nutzt sie seine Macht, um die Welt zu unterwerfen. Sie hat die Herrschaft �ber die Traumlanden an sich gerissen. Sie ist daf�r verantwortlich, dass D�monen ins Diesseits eindringen. Aber solange der Ph�nix in ihr steckt, kann niemand sie aufhalten.�</p><p><emphasis>Und der Ph�nix hat sie nicht daf�r bestraft? Er hat sie nicht verflucht, so wie er es mit mir getan hat?</emphasis></p><p>�Er war nicht mehr so stark wie fr�her, als sie ihn gefangen hat. Er konnte sich nicht wehren.�</p><p><emphasis>Also wirkt das Ritual.</emphasis> Shembars Stimme ver�nderte sich kaum merklich. Vivana konnte nicht sagen, ob er Stolz oder Schmerz empfand. Oder beides.</p><p>�Du bist der Einzige, der ihn retten kann�, sagte sie. �Nur du bist stark genug, den Bindezauber zu brechen und ihn zu befreien. Bitte, komm mit uns nach Bradost.�</p><p><emphasis>Warum sollte ich das tun? Der Ph�nix war es, der mir dies angetan hat. Ich hasse ihn mehr als alles andere auf der Welt.</emphasis></p><p>�Wenn du ihn befreist, wird er den Fluch von dir nehmen.�</p><p><emphasis>Der Ph�nix ist so m�chtig wie ein Gott. Er wird mir mein Verbrechen nie vergeben.</emphasis></p><p>�Vielleicht doch. Er ist auch g�tig.�</p><p>Der Blick des Nigromanten schien sie zu durchbohren. <emphasis>Ich sp�re eine Kraft in dir, die selten geworden ist. Wer bist du, dass du glaubst, du k�nntest den Willen des Ph�nix voraussehen?</emphasis></p><p>�Ich bin eine Wahrsagerin der Manusch, und ich trage das Wissen der Ahnen in mir.� Und als Vivana es aussprach, wusste sie: Dies war ihre Bestimmung.</p><p><emphasis>Auf meinen Reisen in den Norden habe ich Manusch getroffen. Ihr seid weise. Die Schattenwelt achtet euch.</emphasis></p><p>�Also wirst du mit uns kommen?�</p><p><emphasis>Was, wenn du dich irrst? Wenn mich der Ph�nix zur�ckweist?</emphasis></p><p>�Was hast du zu verlieren?�</p><p>Mahoor Shembar schwieg, regte sich nicht. K�lte und Schatten umgaben ihn wie ein fein gewebtes Gespinst.</p><p>�Wenn du hierbleibst, wird dein Leid niemals enden�, sagte Vivana vorsichtig. �Was ich dir anbiete, ist deine einzige Chance.�</p><p>Langsam, mit einem Knarzen wie von totem Holz, hob der Nigromant die Hand. Ein Luftzug bewegte die Gewandfetzen an seinen Armen.</p><p>Die Mumien fielen zu Boden, als sich Shembars Macht aus ihnen zur�ckzog, und sie bewegten sich nicht mehr.</p><p><emphasis>Lass uns gehen.</emphasis></p><p>Liams Kehle f�hlte sich an wie zugeschn�rt, als sie Mahoor Shembar durch die G�nge der Grabanlage folgten. Mit gemessenen Schritten ging der Untote voraus, und das Fleisch unter der zerschlissenen Robe knirschte wie br�chiges Leder. Das B�se, das von ihm ausging, war st�rker als die dunklen Kr�fte, die Liam im Spiegelsaal der Bleichen M�nner gesp�rt hatte. Ihm wurde klar, dass Shembar weitaus �lter und m�chtiger war als die Geister der f�nf Alchymisten.</p><p><emphasis>Und Vivana hat ihn �berredet, mit uns zu kommen � einfach</emphasis> so. Er konnte immer noch nicht glauben, was sich eben in dem unterirdischen Saal abgespielt hatte. Sie hatte von Anfang an Recht gehabt. Shembar war nicht ihr Feind. Es war sein Hass auf alles Lebende, der ihn dazu getrieben hatte, sie anzugreifen. Trotzdem war Vivana so mutig gewesen, mit ihm zu sprechen � weil sie erkannt hatte, dass er bei all seiner Grausamkeit nach wie vor einen Funken Menschlichkeit in sich trug.</p><p>In einem gr��eren Raum blieb der Nigromant stehen. Eine halb zerfallene Treppe f�hrte zwischen den S�ulen nach oben.</p><p><emphasis>Das ist der Ausgang</emphasis>, wisperte er mit seiner Gedankenstimme.</p><p>�Gro�artig. Na los, gehen wir.� Liam konnte es kaum erwarten, endlich diesen Ort zu verlassen.</p><p><emphasis>Nein. Wir warten, bis die Sonne untergegangen ist.</emphasis></p><p>�Oh. Nat�rlich.� Liam bemerkte den schwachen Lichtschein im Treppenschacht und setzte sich auf einen Steinblock. Auch seine Gef�hrten nutzten die Gelegenheit, sich von den Strapazen der vergangenen Stunden auszuruhen. Shembar stand einfach da und wirkte wie abgeschaltet.</p><p>Nach einer halben Stunde schwand das Licht.</p><p><emphasis>Weiter,</emphasis> sagte der Nigromant und stieg die Treppe hinauf.</p><p>Sie gelangten in den gro�en Saal eines verfallenen Palastes. Gl�hendes Abendlicht fiel durch L�cher im Dach und in den W�nden und zeichnete die Schatten von S�ulen und gezacktem Mauerwerk auf den Boden.</p><p>Shembar blickte zu der einst pr�chtigen Kuppel auf.</p><p>�Hier hast du fr�her ge...wohnt, nicht wahr?�, fragte Vivana. Liam entging die kurze Pause nicht. Eigentlich hatte sie <emphasis>gelebt</emphasis> sagen wollen.</p><p><emphasis>Ich war lange nicht mehr hier. Ich kann mich kaum daran erinnern.</emphasis></p><p>�Vermisst du dein Zuhause?�</p><p><emphasis>Ich empfinde weder Sehnsucht noch Traurigkeit. Au�er Hass sind mir alle Gef�hle fremd.</emphasis></p><p>Der Nigromant schritt nach drau�en.</p><p>�Warum tust du das?�, fragte Liam leise, w�hrend sie ihm folgten.</p><p>�Was?�, erwiderte Vivana.</p><p>�Mit ihm reden. Das ist gef�hrlich!�</p><p>�Ich wei� nicht... Ich glaube, er tut mir leid.�</p><p>�Liam hat Recht. Sprich nur mit ihm, wenn es unbedingt n�tig ist�, mischte Lucien sich ein. �Nur weil er beschlossen hat, uns zu helfen, ist er nicht weniger b�sartig.�</p><p>Schweigend marschierte die seltsame Gruppe durch die Ruinen Ilnuurs, bis sie kurz darauf zum Platz mit der <emphasis>Jaipin</emphasis> kamen. Khorojs Leibw�chter hatten den Gaskocher aufgestellt und machten Suppe. Als sie Shembar bemerkten, standen sie auf und griffen nach ihren Waffen. Es gelang ihnen nur schwer, ihr Grauen zu verbergen.</p><p><emphasis>Was ist das f�r eine wundersame Apparatur?</emphasis>, fragte der Nigromant.</p><p>�Ein Luftschiff�, erkl�rte Quindal. �Es wird uns nach Bradost bringen.�</p><p><emphasis>Es fliegt?</emphasis></p><p>�Ja.�</p><p><emphasis>Erstaunlich. Ich dachte, die Magie w�re l�ngst zu schwach, um solche Ger�tschaften hervorzubringen.</emphasis></p><p>�Es ist nicht in dem Sinne magisch, vielmehr wird es mit Aether...� Der Erfinder verstummte, als Vivana ihn mit dem Ellbogen anstie�.</p><p>�Wir sollten gleich aufbrechen�, sagte sie. �Je eher wir in Suuraj sind, desto besser.�</p><p>Die Leibw�chter l�schten den Gaskocher, kletterten in die Gondel und starteten die Maschinen. Shembar stieg nach Liam und Vivana ein, folgte ihnen zu den Passagierkabinen und schaute sich um.</p><p><emphasis>Wirklich eine bemerkenswerte Apparatur.</emphasis> Liam glaubte, in den gl�henden Augen so etwas wie Staunen zu sehen.</p><p>Vivana �ffnete eine T�r. �Hier, das ist deine Kabine. Das Fenster kannst du schlie�en, wenn dich die Sonne st�rt.�</p><p><emphasis>Ich danke dir, Vivana-von-den-Manusch.</emphasis></p><p>Ein eisiger Hauch schien Liam �ber das Gesicht zu streichen, als der Nigromant an ihm vorbei in die Kabine trat und die T�r hinter sich schloss.</p><p>Er lie� den angehaltenen Atem entweichen und versuchte, nicht daran zu denken, dass er sich die engen R�umlichkeiten der <emphasis>Jaipin</emphasis> tagelang mit einem Untoten w�rde teilen m�ssen.</p><empty-line/></section><section><title><p>33</p><empty-line/><p><emphasis>Die Flotte von Suuraj</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>Z</strong>wei Tage sp�ter kamen die T�rme von Suuraj in Sicht. Die gesamte Luftflotte des Stadtflo�es schwebte �ber dem Fluss, und die H�llen der Schiffe glei�ten in der Abendsonne wie gewaltige Diamanten.</p><p>Liam, der unter Quindals Aufsicht den gr��ten Teil der Strecke gefahren war, sa� auch jetzt am Ruder der <emphasis>Jaipin</emphasis>. Es war harte Arbeit, ein Luftschiff zu steuern. Es erforderte ein hohes Ma� an Konzentration, die Kontrollen im Auge zu behalten und gleichzeitig auf die Windrichtung und all die anderen Faktoren zu achten, die das Schiff auf seiner Fahrt beeinflussten. Trotzdem machte es ihm gro�en Spa�. Au�erdem hatte es den Vorteil, dass er nicht dazu kam, �ber ihren unheimlichen Passagier nachzudenken, solange er am Steuer sa�.</p><p>�Wei�t du noch, was ich dir �ber das Landen gesagt habe?�, fragte Quindal.</p><p>�Gleichm��ig Aethergas ablassen und den Kiel eben halten�, antwortete Liam.</p><p>�Genau. Und vergiss nicht, mit dem H�henruder vorsichtig zu sein � wir wollen nicht durchgesch�ttelt werden. Steuere die Plattform von S�dwesten an und geh langsam runter.�</p><p>Mit wachsender Anspannung bediente Liam das Ruder. Die Landung geh�rte zu den schwierigsten Man�vern der Aeronautik; dabei kam es am h�ufigsten zu Unf�llen. Quindal beobachtete jeden seiner Handgriffe, um sofort eingreifen zu k�nnen, falls er einen Fehler machte. Doch er machte keinen. Obwohl auf einer H�he von achthundert Fu� leichte Turbulenzen auftraten, landete er die <emphasis>Jaipin</emphasis> sicher auf dem Stadtflo�.</p><p>Quindal, Lucien und Khorojs Leibw�chter jubelten, Vivana gab ihm einen Kuss auf die Wange. Liam platzte schier vor Stolz. Er hatte seine erste Landung mit Bravour gemeistert.</p><p><emphasis>Wenn das alles vorbei ist,</emphasis> dachte er, <emphasis>werde ich Aeronaut.</emphasis></p><p>Die Gef�hrten stiegen aus. Jeder war heilfroh, nicht mehr mit Mahoor Shembar eingesperrt zu sein. Shembars dunkle Aura hatte gleich einem widerw�rtigen Geruch die gesamte Gondel durchdrungen, obwohl der Nigromant w�hrend der ganzen Fahrt seine Kabine kein einziges Mal verlassen hatte. Auch jetzt blieb er an Bord des Luftschiffs und zeigte sich nicht.</p><p>Auf der Landeplattform wurden sie bereits von Jackon, Vorod Khoroj, Jerizhin und Ruac erwartet. Die vier waren erleichtert, sie gesund und munter zu sehen. Besonders Ruac bereitete ihnen einen st�rmischen Empfang.</p><p>Vivana schlang die Arme um seinen Hals. �He, h�r auf damit!�, sagte sie lachend, als der Lindwurm sie mit der Zunge an der Wange kitzelte. �Ich hoffe, er hat nichts angestellt�, wandte sie sich an Jackon.</p><p>�Eigentlich hat er die meiste Zeit geschlafen. Daf�r geht es ihm jetzt wieder gut. Und er hat viele neue Freunde gewonnen. Die Aeronauten lieben ihn.�</p><p>�Danke, dass du dich um ihn gek�mmert hast.�</p><p>�War doch selbstverst�ndlich�, murmelte der Rothaarige verlegen.</p><p>Khoroj hatte w�hrenddessen die <emphasis>Jaipin</emphasis> begutachtet. Liam sah ihm an, wie erleichtert er war, dass das Luftschiff die Fahrt heil �berstanden hatte. �Hat sie euch gute Dienste geleistet?�</p><p>�Sie ist das beste Luftschiff, mit dem ich je gefahren bin�, antwortete Quindal. �Obwohl ich zugeben muss, dass Liam die meiste Zeit am Steuer sa�.�</p><p>�Du?�, fragte Khoroj erstaunt.</p><p>�Keine Sorge, die <emphasis>Jaipin</emphasis> war bei ihm in guten H�nden. Der Junge wird mal ein ausgezeichneter Aeronaut.�</p><p>�Habt ihr den Sterndeuter gefunden?�, fragte Jackon Liam.</p><p>�Ja. Er ist in seiner Kabine. Er mag kein Sonnenlicht.�</p><p>Jackons Blick wanderte zu dem verschlossenen Fenster der Gondel. Offenbar konnte er Shembars unheilvolle Pr�senz sp�ren, denn Liam sah, dass f�r einen Moment ein Schatten �ber sein Gesicht huschte.</p><p>Die Gef�hrten zogen sich unter ein Sonnensegel zur�ck, und Lucien erz�hlte, was in Ilnuur geschehen war.</p><p>�Wir waren auch nicht unt�tig�, sagte Jerizhin. �Ich konnte den Rat von eurem Plan �berzeugen. Er ist einverstanden, euch Luftschiffe zur Verf�gung zu stellen. Die Mannschaften treffen gerade die letzten Vorbereitungen. Morgen Fr�h k�nnt ihr nach Bradost aufbrechen.�</p><p>Liam atmete auf. Nach den Problemen vor ihrer Abreise hatten Quindal, Vivana und er kaum noch daran geglaubt, dass Jerizhin es schaffen w�rde. Lediglich Lucien hatte, unersch�tterlich wie immer, nie die Hoffnung aufgegeben.</p><p>�Danke�, sagte Quindal schlicht. �Ich wei� nicht, was wir ohne Ihre Hilfe getan h�tten.�</p><p>�Der Dank geb�hrt Jackon, nicht mir�, erwiderte die Kapit�nmagistratin. �Er war es, der Admiral Vai dazu gebracht hat, sein Veto gegen den Antrag zur�ckzuziehen � wenngleich ich immer noch nicht ganz verstanden habe, wie er das gemacht hat.�</p><p>Liam ahnte, was geschehen war. �Hast du ihn...�</p><p>�Ja�, entgegnete Jackon knapp. Sein Blick streifte Lucien, und der Alb l�chelte hintergr�ndig.</p><p>�Gut�, sagte Vivana. �Wenn alles gekl�rt ist, k�nnen wir ja endlich Nedjo besuchen.�</p><p>Der Pfleger f�hrte Vivana und ihre Freunde zu einer T�r, durch die sie in den Garten des Hospitals gelangten. Holzw�nde umgaben ein kleines Areal, in dem duftende Str�ucher wuchsen und ein Alabasterbrunnen pl�tscherte. Auf dem gewundenen Kiespfad schlenderten zwei Patienten umher.</p><p>Nedjo sa� im Schatten auf einer Bank neben der h�bschen Pflegerin. Er hielt ihre Hand.</p><p><emphasis>Aha,</emphasis> dachte Vivana.</p><p>Als der junge Manusch seine Besucher entdeckte, sprang er auf und dr�ckte sie lachend der Reihe nach an sich. Er wirkte viel kr�ftiger als vor ihrer Abreise.</p><p>�Ihr m�sst mir unbedingt erz�hlen, was ihr in Ilnuur erlebt habt. Ich will alles wissen!�, sprudelte es aus ihm heraus. �Aber vorher muss ich euch jemanden vorstellen. Das ist Narade.�</p><p>�Freut mich sehr, euch kennen zu lernen�, sagte die Pflegerin l�chelnd und verneigte sich, wie es bei ihrem Volk Sitte war. �Nedjo hat mir schon viel von euch erz�hlt.� Zu Vivanas �berraschung beherrschte sie die Sprache des Nordens flie�end.</p><p>Narade f�hrte sie zu einem kleinen Pavillon, wo es genug Sitzpl�tze f�r alle gab. Auch diesmal �berlie� Vivana es Lucien, von ihren Erlebnissen zu berichten. Der Alb war einfach der beste Geschichtenerz�hler von ihnen.</p><p>�Morgen geht es also los�, sagte Nedjo. �Gut. Wurde auch Zeit.�</p><p>�Willst du etwa mitkommen?�, fragte Vivana.</p><p>�Klar. Hast du gedacht, ich lasse euch h�ngen?�</p><p>�Nein, Nedjo�, sagte Narade. �Das ist noch zu fr�h.�</p><p>�Aber der Arzt hat gesagt, dass ich das Hospital morgen verlassen darf?�</p><p>�Ja, aber er hat auch gesagt, dass du dich anschlie�end noch mindestens zwei Wochen schonen und jede Aufregung vermeiden sollst. Wenn du dich nicht daran h�ltst, wirst du wieder krank.�</p><p>Vivana warf Jackon einen warnenden Blick zu, damit der Rothaarige nicht auf die Idee kam, das zu wiederholen, was er auf dem Weg zum Hospital erz�hlt hatte: dass er Nedjos Seelenhaus repariert habe und der Manusch nun wieder �ber gen�gend psychische Widerstandskr�fte verf�ge. Vielleicht hatte Jackon Recht damit, trotzdem war Vivana das Risiko zu gro�, dass Nedjo seine Genesung aufs Spiel setzte, nur weil er den Helden spielen wollte.</p><p>�Ich werde schon nicht krank�, sagte er stur. �Mir geht es gut. Und morgen komme ich mit. Ende der Diskussion.�</p><p>Vivana, Narade, Liam und Vivanas Vater redeten auf den Manusch ein und beschworen ihn, den Rat des Arztes zu beherzigen. Doch Nedjo wollte davon nichts h�ren. Vivana wurde klar, dass er Angst hatte, vor Narade als Feigling dazustehen.</p><p>Schlie�lich hatte Lucien den rettenden Einfall. �Es gibt noch einen viel wichtigeren Grund, warum du in Suuraj bleiben solltest�, sagte er. �Ich habe vorhin mit Jerizhin gesprochen. Ihre Offiziere rechnen mit weiteren D�monenangriffen in den n�chsten Tagen. Sie brauchen dringend jemanden, der Erfahrung im Kampf gegen D�monen hat. Du w�rst der richtige Mann daf�r. Immerhin warst du schon einmal im Pand�monium.�</p><p>Vivana war beeindruckt. Sie konnte sich nicht an ein derartiges Gespr�ch erinnern, doch so, wie Lucien es erz�hlte, klang jedes Wort wahr.</p><p>Nedjos Starrsinn verlor deutlich an Schwung. �Sie k�nnten tats�chlich jemanden gebrauchen, der Erfahrung mitbringt. Ich habe den Kampf gegen die Fischd�monen von meinem Fenster aus beobachtet. Die Soldaten h�tten sie viel eher zur�ckschlagen k�nnen, wenn ihnen jemand gesagt h�tte, dass man immer auf den Kopf zielen muss.�</p><p>�Jerizhin w�re dir sehr verbunden, wenn du ihre Offiziere beraten k�nntest. Und ich bin sicher, auch Narade w�rde sich viel sicherer f�hlen, wenn sie dich in Suuraj w�sste.�</p><p>�Nun ja, wenn man mich so dringend braucht, muss ich wohl hierbleiben�, sagte Nedjo z�gernd. �Ich kann Jerizhin schlie�lich nicht im Stich lassen, nach allem, was sie f�r uns getan hat. Denkt ihr, dass ihr ohne mich klarkommt?�</p><p>�Dein Mut wird uns fehlen, aber Suuraj ist nun einmal auf dich angewiesen�, erwiderte Vivana.</p><p>Narade warf Lucien einen Blick voller Dankbarkeit zu.</p><p>Bei Einbruch der Dunkelheit sah Vivana noch einmal nach Ruac. Der Lindwurm lag auf seinem Lieblingsplatz auf den Landeplattformen und war sofort hellwach, als sie, Liam und Jackon die Rampe heraufkamen.</p><p>Sie war noch gar nicht dazu gekommen, seine Schrammen und Kratzer anzuschauen, und untersuchte ihn von der Schnauze bis zur Schwanzspitze. Ihre Sorge erwies sich als unbegr�ndet: Ruac hatte sich dank Jackons Pflege pr�chtig erholt.</p><p>Sie strich mit der Hand �ber die Schuppen an seinem Bauch. �Sag mal, hast du zugenommen?�</p><p>�Daran sind die Aeronauten schuld�, sagte Jackon. �Sie f�ttern ihn von morgens bis abends.�</p><p>�Dir fehlt Bewegung.� Vivana klopfte Ruac auf den Hals. �Ich glaube, es ist ganz gut, dass dein kleiner Urlaub morgen vorbei ist.�</p><p>�Hast du eigentlich schon einmal daran gedacht, auf ihm zu reiten?�, fragte eine Stimme aus der Dunkelheit.</p><p>Es war Lucien. Er sa� auf dem Gel�nder der Plattform und rauchte.</p><p>Vivana runzelte die Stirn. �Wie bitte?�</p><p>Der Alb klopfte seine Pfeife aus und kam zu ihnen. �Lindw�rmer eignen sich bestens als Reittiere. Wusstest du das nicht? Fr�her haben die Bewohner von Karst welche abgerichtet und sind auf ihnen bis nach Torle geflogen.�</p><p>�Bist du sicher?�</p><p>�Wieso versuchst du es nicht einfach mal? Es funktioniert ausgezeichnet, glaub mir.�</p><p>Zweifelnd musterte Vivana Ruac. Der Lindwurm blickte sie an, als h�tte er genau verstanden, wovon sie sprachen. <emphasis>Warum eigentlich nicht?</emphasis></p><p>Sie legte ihm die H�nde auf den Hals. �Ich versuche jetzt, auf dir zu reiten. Wenn du das nicht m�chtest, lass es mich bitte wissen, ja?�</p><p>Unter den gespannten Blicken von Liam und Jackon stieg sie auf, indem sie sich an seinem Hals festhielt und mit gespreizten Beinen vor die R�ckenstacheln setzte. Ruac str�ubte sich nicht, im Gegenteil; auf subtile Weise ver�nderte er seine K�rperhaltung, was ihr das Aufsteigen erleichterte. Offenbar wusste er genau, was zu tun war.</p><p>Lucien l�chelte. �Na los, worauf wartest du?�</p><p>Vivana r�usperte sich. �Ah... H�?�</p><p>Und Ruac flog los.</p><p>Er schlug so stark mit den Fl�geln, dass Vivana sich erschrocken an seinem Hals festklammerte. Pl�tzlich befanden sie sich in der Luft, stiegen immer h�her und schossen auf eines der ankernden Luftschiffe zu.</p><p>�Ausweichen! <emphasis>Ausweichen!</emphasis>�</p><p>Ruac flog eine scharfe Kurve, und Vivana w�re beinahe heruntergerutscht. Gl�cklicherweise besa� der Lindwurm ein instinktives Gesp�r f�r seine Reiterin und ver�nderte seine Flugbahn gerade genug, dass sie wieder sicher aufsa�.</p><p>Luftschiffe rasten unter ihr vorbei, D�cher, G�rten. Leute schrien verbl�fft. Vivana bekam davon kaum etwas mit. Sie umschlang Ruacs Hals mit beiden Armen und presste ihr Gesicht an seine Schuppen.</p><p>Ihr Haar flatterte im Wind wie ein Kometenschweif. Ihr Herz pochte, als w�rde es jeden Moment zerspringen.</p><p>Sie schossen �ber ein Kuppeldach und verfehlten es um h�chstens zwei Schritt. �H�her, Ruac�, brachte Vivana hervor. �Du musst h�her fliegen.�</p><p>Der Lindwurm gehorchte. F�nf oder sechs kr�ftige Fl�gelschl�ge und sie befanden sich so hoch �ber dem Stadtflo�, dass sie die Turmd�cher <emphasis>von oben</emphasis> sehen konnte.</p><p><emphasis>Wenn er mich fallen l�sst, bin ich tot,</emphasis> dachte sie panisch. Doch ein Teil von ihr sp�rte, dass Ruac sie niemals fallen lassen w�rde. Niemals.</p><p>Pl�tzlich war ihr Entsetzen wie weggeblasen. Ihr wurde klar, dass sie Ruac erw�rgte, wenn sie so weitermachte, und l�ste ihre verkrampften Arme von seinem Hals. Es gen�gte v�llig, sich mit beiden H�nden ein wenig daran festzuhalten.</p><p><emphasis>Ich kann ihm vertrauen.</emphasis></p><p>Sie richtete ihren Oberk�rper auf und betrachtete die Lichter Suurajs tief unter ihr, w�hrend ihr der Nachtwind ins Gesicht blies. Ihre Augen tr�nten, sie sp�rte das Auf und Ab von Ruacs Muskeln unter den Schuppen, wenn der Lindwurm mit den Fl�geln schlug, und pl�tzlich war ihr, als w�ren sie zu einer Einheit verschmolzen, pfeilschnell und unbesiegbar. Sie schien zu bersten vor Energie, wollte schreien und jubeln, und als Ruac einen Bogen �ber das Magistratsgeb�ude flog, wehte ihr Lachen �ber die D�cher.</p><p>Liam trug den Rucksack mit seinen Sachen �ber der rechten Schulter und hielt den Ledergurt mit einer Hand fest, w�hrend er �ber die Landeplattform schlenderte. Die Morgensonne lugte �ber das Magistratsgeb�ude und zeichnete lange Schatten auf die Bodenplanken. Um ihn herum herrschte summende Betriebsamkeit. Offiziere br�llten Befehle. Aeronauten eilten umher, trugen Ausr�stung zu den Gondeln, betankten die Luftschiffe mit Aether und nahmen an den Maschinen die letzten Wartungsarbeiten vor. Jerizhin hatte es f�r kl�ger gehalten, nur die Kapit�ne in die Einzelheiten des Plans einzuweihen und den einfachen Aeronauten nichts von Mahoor Shembar zu sagen � abergl�ubische Furcht, die die Mannschaften verunsicherte, war das Letzte, was sie jetzt brauchten. Trotzdem sp�rte jeder auf der Landeplattform unterschwellig die Anwesenheit des Nigromanten. Die Aeronauten machten instinktiv einen Bogen um die verschlossene Fensterluke der <emphasis>Jaipin</emphasis>, hinter der sich der Untote aufhielt.</p><p>Ruac wurde gerade von zwei Maschinistinnen �ber eine Rampe in den Frachtraum der <emphasis>Zhila</emphasis> gef�hrt, das Flaggschiff von Suuraj. Vivana wollte ihm nicht noch einmal einen solch langen Flug zumuten, weshalb sie den Kommandanten der <emphasis>Zhila</emphasis> gebeten hatte, Ruac mitzunehmen. Das Luftschiff war viel gr��er als die <emphasis>Jaipin</emphasis> und m�helos in der Lage, neben Mannschaft und Ausr�stung einen Lindwurm zu transportieren. Die Aeronauten waren froh �ber diesen ungew�hnlichen Passagier: Sie glaubten, ein Schattenwesen an Bord bringe Gl�ck.</p><p>Liam fand seine Gef�hrten bei der Einstiegsluke der <emphasis>Jaipin</emphasis>. Quindal sagte gerade etwas zu Khoroj, und aus seiner zerknitterten Miene sprach tiefe Besorgnis.</p><p>Liam stellte seinen Rucksack ab. �Gibt es Probleme?�</p><p>�Paps ist der Meinung, dass f�nf Luftschiffe zu wenig sind�, antwortete Vivana.</p><p>�Lady Sarka hat mehr als zwanzig Schiffe�, sagte der Erfinder. �Wie sollen wir dagegen ankommen? Mit dieser Miniaturflotte k�nnen wir es gerade einmal mit der <emphasis>Ph�nix</emphasis> aufnehmen. Aber nur, wenn sie allein ist und Koner Maer zuf�llig einen schlechten Tag hat.�</p><p>�Jerizhin hat getan, was in ihrer Macht steht�, entgegnete Khoroj. �Mehr k�nnen wir nicht von ihr verlangen.�</p><p>�Au�erdem haben wir nicht vor, gegen die gesamte Flotte von Lady Sarka zu k�mpfen�, f�gte Liam hinzu. �Jerizhins Luftschiffe sollen uns nur dabei helfen, unbeschadet nach Bradost zu kommen und angreifende Schiffe abzulenken, bis wir gelandet sind.�</p><p>�Leider k�nnen wir uns nicht aussuchen, wie viele Luftschiffe in Bradost auf uns warten.�</p><p>�Die <emphasis>Ph�nix</emphasis> und vielleicht noch zwei oder drei Patrouillenschiffe�, gab Lucien zu Bedenken. �Es w�rde mich sehr wundern, wenn es mehr w�ren, schlie�lich wei� Lady Sarka nicht, dass wir Verst�rkung dabeihaben. Sie rechnet damit, dass wir mit der <emphasis>Jaipin</emphasis> zur�ckkommen.�</p><p>�Hoffen wir, dass du Recht hast�, erwiderte Quindal d�ster. �Denn wenn es zu einer richtigen Luftschlacht kommt, sehen wir alt aus.�</p><p>Er unterbrach sich, als Jerizhin, Nedjo und Narade zu ihnen traten.</p><p>�Wir wollten euch noch Gl�ck w�nschen, bevor ihr startet�, sagte die Kapit�nmagistratin l�chelnd.</p><p>�Vielen Dank f�r alles, was Sie f�r uns getan haben�, entgegnete Vivana.</p><p>�Unsinn. Wenn hier einer zu danken hat, bin ich es. Immerhin tut ihr all das auch f�r Suuraj.�</p><p>Der Kommandant der <emphasis>Zhila</emphasis> bellte Befehle in ein kupfernes Sprechrohr, woraufhin die Maschinen des Flaggschiffs dr�hnend zum Leben erwachten.</p><p>�Die Flotte ist startklar�, sagte Khoroj. �Wir sollten an Bord gehen.�</p><p>Der Moment des Abschieds war gekommen.</p><p>�Pass auf dich auf�, sagte Nedjo, nachdem er Liam umarmt hatte. �Und gib auf Vivana Acht. Ich will euch alle gesund und munter wiedersehen, hast du verstanden?�</p><p>�Versprochen.� Und Liam verabschiedete sich mit einem L�cheln, obwohl ihm viel mehr nach weinen zu Mute war.</p><p>�Worauf wartet ihr?�, rief Jackon aus der Luke der <emphasis>Jaipin</emphasis>, als Liam und Vivana keine Anstalten machten einzusteigen.</p><p>�Wir fahren mit der <emphasis>Zhila</emphasis>�, sagte Liam. �Vivana will Ruac nicht schon wieder allein lassen. Wir sehen uns in Bradost, Jackon.�</p><p>Kurz darauf standen Vivana und er am Fenster ihrer Kabine, beobachteten, wie Schiff um Schiff von den Landeplattformen startete, und hielten sich an den H�nden, w�hrend die Flotte ihrem Flaggschiff folgte und mit brummenden Propellern zum Himmel aufstieg.</p><empty-line/></section></section><section><title><p>TEIL III</p><empty-line/><p><emphasis>Phoenixfeuer</emphasis></p></title><section><title><p>34</p><empty-line/><p><emphasis>Zweifel</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>U</strong>mbra trat in einem Hoftor aus den Schatten und zog sich fr�stelnd den Ledermantel enger um die Schultern. Hier oben auf dem H�gel war es noch k�lter und zugiger als unten in der Stadt. Die Soldaten hatten in Ecken und Hauseing�ngen Schutz vor dem widerw�rtigen Wetter gesucht oder w�rmten sich an einem Kanonenofen, aus dem dicker Rauch quoll. Helme gl�nzten feucht; Regentropfen rannen �ber Filzm�ntel und Brustpanzer. Als die M�nner und Frauen Umbra bemerkten, traten sie hastig ihre Zigaretten aus, griffen nach Gewehren und Piken und nahmen Haltung an.</p><p>Sie ging die Gasse entlang zu einem rostroten Backsteingeb�ude � eine stillgelegte Kanonengie�erei, die die Soldaten zu einer befestigten Stellung umfunktioniert hatten �, stieg die Au�entreppe hinauf und gelangte auf das flache Dach. Zwei Artilleristen lehnten an einem Blitzwerfergesch�tz, dessen spiralf�rmige Spitze wie ein �berdimensionaler Bohrer �ber die Br�stung ragte. Daneben stapelten sich Rauchglasr�hren, in denen gefangene Blitze zuckten. Auf der rostzerfressenen Plattform neben dem Dach landete gerade ein bewaffneter Frachter. W�hrend die Soldaten das Luftschiff am Ankermast vert�uten, �ffnete sich die Luke der Gondel. Mehrere Aeronauten sprangen heraus und begannen, Kisten mit Munition und Verbandsmaterial auszuladen.</p><p>Eine junge Soldatin kam zu Umbra gelaufen und salutierte.</p><p>�Wo ist euer Captain?�</p><p>�Heute Morgen gegen sechs Uhr drei�ig gab es einen Angriff, Frau Kommandantin. Mehrere D�monen haben versucht, am alten Pulverturm durchzubrechen. Der Captain �berpr�ft gerade die Stra�ensperren.�</p><p>�Geh ihn holen.�</p><p>�Zu Befehl.� Die Milizion�rin eilte mit geschulterter Hakenlanze davon.</p><p>Umbra lie� sich von den Artilleristen ein Fernrohr geben, trat an die Br�stung und betrachtete den Kessel. Was sie sah, ersch�tterte sie jedes Mal aufs Neue.</p><p>Das Zentrum Bradosts glich der albtraumhaften Landschaft des Pand�moniums. �berall ru�schwarze Ruinen, von denen Rauch aufstieg. Tr�mmerberge und verbogene Metallgerippe. Monstr�se Schemen, die durch die Stra�en huschten. Und dazwischen die g�hnende Sichel des Abgrunds.</p><p>Bevor Corvas und Umbra das Kommando �ber die Regimenter �bernommen hatten, hatte Amander mit allen verf�gbaren Kr�ften mehrere Angriffe auf den Kessel befohlen und versucht, die D�monen in den Schlund zur�ckzutreiben, mit verheerenden Folgen. Sie verloren hunderte von Soldaten und erreichten nicht das Geringste � die D�monen waren einfach zu zahlreich. Umbra machte ihm keinen Vorwurf. Amander hatte lediglich Lady Sarkas Befehle befolgt; sie an seiner Stelle h�tte genauso gehandelt. Schlie�lich waren sie dazu �bergegangen, den Kessel abzuriegeln und in allen Stra�en und Gassen bewachte Absperrungen zu errichten, um die D�monen wenigstens daran zu hindern, in die benachbarten Stadtviertel einzudringen. Das war nur eine Notl�sung, aber sie funktionierte, zumindest vom milit�rischen Standpunkt aus betrachtet. F�r die Bewohner des Kessels war es eine Katastrophe, denn alle, die es nicht geschafft hatten, rechtzeitig zu fliehen, waren nun mit den D�monen eingeschlossen. Umbra wagte nicht zu sch�tzen, wie viele Menschen noch in den Ruinen hausten und sich in Kellern und unterirdischen Tunneln versteckten. Hunderte, vielleicht tausende. Nachts h�rte man ihre Schreie.</p><p>Die Barrieren aus Stacheldraht, Sands�cken und angespitzten Pf�hlen schlossen die Alte Festung und das Magistratsgeb�ude ein und erstreckten sich von der Kupferstra�e im Nordosten bis zum Flussufer im S�den und dem Chymischen Weg im Osten. Tausendsechshundert Soldaten und Milizion�re waren im Einsatz, um sie zu verteidigen. Momentan herrschte eine Art Waffenstillstand. Abgesehen von einzelnen Scharm�tzeln wie dem heute Morgen wagten die D�monen keine neuen Angriffe gegen die Absperrungen. Die Soldaten nutzten die Gelegenheit, um ihre Kr�fte zu schonen, w�hrend sie darauf warteten, dass die frischen Regimenter aus Karst eintrafen.</p><p>Umbra beobachtete den Magistratspalast. Sie wusste nicht, was mit dem Geb�ude geschah, doch es gab keinen Zweifel, dass es sich auf bizarre Weise ver�nderte. Ein graues Pilzgeflecht wucherte aus Fenstern und Kaminen und �berzog W�nde und D�cher mit wulstigen Geschw�ren � die an manchen Stellen bereits wieder abstarben. Das Mauerwerk, das darunter zum Vorschein kam, glitzerte feucht und wirkte seltsam organisch.</p><p><emphasis>Das ist Nachachs Werk,</emphasis> dachte Umbra. Vor ein paar Tagen hatten Corvas' Kr�hen herausgefunden, dass die D�monen von einem m�chtigen F�rst des Pand�moniums angef�hrt wurden. Nachach und seine Blutsklaven hatten sich in dem Palast eingenistet und alle Menschen darin get�tet. Ihre Leichen hingen wie grausiger Schmuck in den Platanen vor dem Geb�ude.</p><p>Der Erzd�mon hatte auch veranlasst, dass der Rodis gestaut worden war. Umbras Blick wanderte zu der Stelle, wo die gewaltige Erdspalte den Fluss ber�hrte. Die D�monen hatten dort Tr�mmer und Baumst�mme aufget�rmt, damit das Wasser nicht die Spalte flutete.</p><p>Umbra richtete das Fernrohr auf den Abgrund, aber sogar von hier oben konnte sie nicht erkennen, was darin vor sich ging. Die Kr�hen hatten eine seltsame Beobachtung gemacht: Im Innern der Spalte k�mpften D�monen gegeneinander. Offenbar wollten Nachachs Blutsklaven verhindern, dass neue D�monen durch den Riss in den Grenzw�llen des Pand�moniums ins Diesseits eindrangen. Weder Umbra noch Corvas hatten daf�r eine Erkl�rung.</p><p><emphasis>Will Nachach Bradost f�r sich allein?</emphasis></p><p>Sie hatte dar�ber nachgedacht, ihn umzubringen. Nach Wochen des Kampfes wusste Umbra, dass man D�monen � obgleich wesentlich st�rker und z�her als Menschen � recht einfach t�ten konnte. Ein gezielter Schuss in den Kopf gen�gte. Es w�re ein Leichtes f�r sie gewesen, mittels eines Schattentores unbemerkt in den Magistratspalast einzudringen, Nachach zu erledigen und wieder zu verschwinden, bevor ihr Nachachs Blutsklaven gef�hrlich werden konnten. Doch was w�rde danach geschehen? W�rden die anderen D�monen auch ohne ihren Anf�hrer die Erdspalte abriegeln? Vermutlich nicht. Immer neue Ungeheuer w�rden durch den Riss str�men, bis Umbra und ihre Soldaten den monstr�sen Horden schlie�lich nichts mehr entgegenzusetzen hatten. Nein, es war kl�ger, Nachach am Leben zu lassen. Vorerst.</p><p>Der Captain kam die Treppe herauf. Umbra schob das Fernrohr zusammen und gab es dem Artilleristen zur�ck. �Sie haben mich rufen lassen, Frau Kommandantin.�</p><p>�Ich warte auf Ihren Lagebericht. Ich habe geh�rt, heute Morgen gab es einen Angriff?�</p><p>�Nur eine Hand voll D�monen, die die Stra�ensperren durchbrechen wollten. Zwei Krieger und mehrere Kynokephalen. Wir konnten sie ohne Probleme zur�ckschlagen.�</p><p>�Verluste?�</p><p>�Zwei Milizion�re und ein Meldel�ufer wurden leicht verletzt. Der Feldarzt hat sie bereits versorgt. Morgen sollten sie wieder einsatzf�hig sein.�</p><p>�Weitere Vorkommnisse?�, fragte Umbra.</p><p>�Heute Nacht haben wir einen Verschlinger get�tet. Er hat versucht, im Schutz der Dunkelheit in die Altstadt zu gelangen. Und dann w�re da noch der gestrige Vorfall. Ich nehme an, man hat Sie bereits dar�ber in Kenntnis gesetzt?�</p><p>�Mir ist nichts bekannt.�</p><p>�Aber wir haben ihn vorschriftsgem�� dem Hauptquartier gemeldet�, beharrte der Captain.</p><p>Umbra seufzte resigniert. Da sich die eigentliche Regimentskommandantur in der Alten Festung befand, waren sie gezwungen gewesen, sie Hals �ber Kopf zu r�umen und in die Altstadt zu verlegen, in ein leer stehendes Patrizierhaus, das Corvas kurzerhand beschlagnahmte. Seitdem funktionierte �berhaupt nichts mehr. T�glich verschwanden wichtige Informationen, Befehle kamen nie bei ihrem Bestimmungsort an. Umbra nahm sich vor, den Schreibtischhengsten und verantwortlichen Stabsoffizieren den Kopf zu waschen, nachdem sie Lady Sarka Bericht erstattet hatte. �Sagen Sie einfach, was passiert ist.�</p><p>�Es ist so...�, begann der Captain und unterbrach sich, als laute Rufe erklangen. �Bitte entschuldigen Sie, Frau Kornmandantin. Ich f�rchte, das ist wichtig.�</p><p>Umbra folgte ihm zur anderen Seite des Dachs, wo mehrere Milizion�re zur Stra�e hinabstarrten. Hangabw�rts waren zwischen den verlassenen Mietskasernen zwei schmutzige Menschen erschienen: ein Mann und eine junge Frau.</p><p>�Was ist los?�</p><p>�Sie wollen zu uns, Captain�, meldete einer der Soldaten. �Wir haben ihnen befohlen, nicht n�her zu kommen.�</p><p>Der Captain trat an die Br�stung. �Wir lassen niemanden durch�, rief er den Leuten zu. �Gehen Sie, oder wir er�ffnen das Feuer.�</p><p>Umbra glaubte, sich verh�rt zu haben. �Sind Sie verr�ckt geworden?�, fuhr sie den Offizier an. �Lassen Sie sofort die Leute durch!�</p><p>�Das k�nnen wir nicht riskieren.�</p><p>�Riskieren? Was reden Sie da, Mann? Es ist unsere vorrangige Pflicht, die Bewohner des Kessels in Sicherheit zu bringen.�</p><p>�Das ist mir klar, Frau Kommandantin�, erwiderte der Captain vorsichtig. �Dar�ber wollte ich gerade mit Ihnen sprechen. Es betrifft den gestrigen Vorfall. Es ist wohl am besten, ich zeige es Ihnen. Bitte folgen Sie mir.�</p><p>Die Soldaten blickten von Umbra zu ihrem Captain und wussten nicht, was sie jetzt tun sollten. Der Offizier befahl ihnen, die beiden Fl�chtlinge nicht in die N�he der Kanonengie�erei zu lassen, und stieg eine Treppe hinab.</p><p>�H�tten Sie die G�te, mir Ihren grotesken Befehl zu erkl�ren?�, fragte Umbra barsch, w�hrend sie dem Captain folgte. �Die Erkl�rung sitzt in dem Schacht da dr�ben.�</p><p>Sie durchquerten die Werkhalle und gingen an verstaubten Hoch�fen vorbei, zwischen denen rostiges Werkzeug und alte Gussformen f�r Gesch�tzrohre herumlagen. Bei einer runden Grube blieb der Captain stehen. Es handelte sich um ein altes Becken, das vermutlich einst K�hlwasser enthalten hatte. Es war mit einem Gitter abgedeckt.</p><p>Am Boden des Schachts kauerte ein Junge.</p><p>�Das ist der Grund, warum wir keine Fl�chtlinge mehr durch die Stra�ensperren lassen�, erkl�rte der Captain.</p><p>Der Junge war etwa f�nfzehn Jahre alt und so schmutzig wie ein Schlammtaucher aus der Grambeuge. Man hatte ihm H�nde und F��e gefesselt und einen Knebel in den Mund gestopft.</p><p>�Das ist ein Kind, na und?�</p><p>In diesem Moment hob der Gefangene den Kopf und starrte sie an � und aus seinen Augen sprach solcher Hass, dass sie unwillk�rlich einen Schritt zur�ckwich. Nein, mehr als Hass � pure, kondensierte B�sartigkeit.</p><p>�Die D�monen haben ihre Strategie ge�ndert�, sagte der Captain d�ster. �Sie �bernehmen jetzt menschliche K�rper. Dringen irgendwie in sie ein und ergreifen von ihnen Besitz. Wir wissen noch nicht genau, wie sie es anstellen. Der hier kam gestern Morgen zu unseren Stellungen und rief um Hilfe. Meine Leute hatten Mitleid mit dem armen Kerl und haben ihn zu sich geholt, wollten ihm Essen geben. Er hat drei von ihnen get�tet, bevor die anderen begriffen haben, dass der Junge kein Mensch ist. Zum Gl�ck konnten wir ihn �berw�ltigen und hier einsperren. Er hat geschrien und getobt wie ein Teufel. Danken Sie Tessarion, dass Sie nicht dabei waren.�</p><p>Umbra konnte den Blick nicht von dem Jungen abwenden. Das B�se, das ihn umgab, war so machtvoll, dass sie es beinahe k�rperlich sp�rte. �u�erlich glich er einem Kind, aber sie f�hlte, dass sich in seiner Seele ein Gesch�pf eingenistet hatte, das �lter und schrecklicher war als alles, was sie sich vorstellen konnte.</p><p>Der Junge � <emphasis>der D�mon</emphasis> � wand sich in seinen Fesseln, als er aufzustehen versuchte. Dabei gab er Grunz- und Knurrlaute von sich, bei denen es Umbra eiskalt �ber den R�cken lief.</p><p>�Wir sind nicht die Einzigen, die auf diese Weise angegriffen wurden�, fuhr der Captain fort. �Die Melder aus den benachbarten Abschnitten haben �hnliches berichtet. �berall dasselbe: Die Wachen an den Stra�ensperren lie�en sich t�uschen und wurden hinterr�cks abgeschlachtet. Verstehen Sie jetzt meinen Befehl?�</p><p>Umbra wandte sich von der Grube ab. D�monen an sich waren schon entsetzlich, aber das �bertraf alles. �Was haben Sie mit dem Jungen vor?�</p><p>�Ich bin Soldat � ich verstehe nichts von solchen Dingen. Meine Leute w�rden ihn am liebsten t�ten, aber das erscheint mir falsch. Immerhin <emphasis>war</emphasis> dieses Ding mal ein Kind. Einer meiner Unteroffiziere hat Manuschvorfahren. Er meint, man k�nne den D�mon vielleicht austreiben.� Der Captain blickte sie an. Er erwartete offenbar, dass sie ihm die Entscheidung abnahm.</p><p>�Ich muss mit Lady Sarka dar�ber sprechen. So lange bleibt der Junge in der Grube. Und er soll bewacht werden.� Umbra hatte die �bermenschlichen Kr�fte des D�mons gesp�rt. Sie bezweifelte, dass ihn Fesseln und ein rostiges Gitter lange aufhielten.</p><p>Sie kehrten zum Dach der Gie�erei zur�ck. Der Captain schickte zwei Milizion�re nach unten und wandte sich dann an die Soldaten, die die beiden Fl�chtlinge im Auge behielten. Diesmal lie� Umbra ihn gew�hren, als er seinen Befehl wiederholte, auf die Leute zu schie�en, wenn sie nicht verschw�nden.</p><p>Mit zusammengekniffenen Lippen betrachtete sie die rauchverhangenen Ruinen des Kessels. �ber dem Abgrund kreiste ein Verschlinger. Der Wind trug ferne Schreie herauf.</p><p><emphasis>Ein Riss in den Mauern des Pand�moniums. D�monen, die Menschengestalt annehmen. Wie sollen wir diesen Krieg je gewinnen?</emphasis></p><p>Sie stieg die Treppe hinab, �ffnete in einer dunklen Ecke ein Schattentor und trat hindurch.</p><p>Im Kuppelsaal des Palastes verlie� sie den Tunnel. Blauer und gr�ner Lampenschein vermengten sich mit dem tr�ben Licht des Nachmittags, das durch die Glaskuppel fiel, ein Farbenspiel wie auf dem Grund eines verwunschenen Brunnens. Auf der Galerie patrouillierten lautlos zwei Spiegelm�nner.</p><p>�Seid ihr da, Herrin?�, fragte Umbra in die Stille.</p><p>Sie h�rte ein leises Ger�usch und fuhr herum. Lady Sarka war wie aus dem Nichts im Saal erschienen. Es war ein neuer und irritierender Aspekt ihrer Macht, dass sie wie ein Alb von den Traumlanden in die Wachwelt und umgekehrt wechseln konnte.</p><p>�Was gibt es, meine Liebe?�, fragte die Herrin sanft.</p><p>�Ich komme gerade von den Stellungen im Norden des Kessels. Einer der Captains hat beunruhigende Neuigkeiten.� Umbra berichtete, was sie in der Kanonengie�erei erfahren hatte... und w�hrend sie das tat, kehrten die Zweifel zur�ck, die sie seit zwei Wochen qu�lten.</p><p><emphasis>Was, wenn es stimmt, was Jackon gesagt hat � dass sie hinter dem Massaker an meiner Familie steckt?</emphasis></p><p>All die Jahre hatte sie Lady Sarka treu gedient. Konnte es wirklich sein, dass ihre Loyalit�t auf L�ge und Verrat fu�te? Sie hatte die Herrin noch in derselben Nacht auf Jackons <strong>Be</strong>hauptung angesprochen, aber nat�rlich hatte Lady Sarka es als Unsinn abgetan, als eine L�ge, um einen Keil zwischen sie zu treiben.</p><p>Ja, eine L�ge. Oder ein perfider Racheakt, immerhin hatte Jackon die Erinnerung von Mama Ogda bekommen. Die Harpyie hatte Umbra die Dem�tigung in ihrem Laden nicht verziehen und versuchte nun, sie mit den D�monen ihrer Vergangenheit zu qu�len und gegen die einzige Person aufzubringen, die Umbra wirklich etwas bedeutete.</p><p>Das passte zu Mama Ogda, und eine Weile konnte Umbra sich mit dem Gedanken beruhigen, einem grausamen Scherz aufgesessen zu sein. Dann aber kehrten die Zweifel wieder. <emphasis>Was, wenn mehr dahintersteckt?,</emphasis> fragte sie sich wieder und wieder. <emphasis>Wenn die Geschichte einen wahren Kern hat? Schlie�lich deutet einiges daraufhin, dass Jackon die destillierte Erinnerung tats�chlich</emphasis> gesehen <emphasis>hat. Der Junge ist viel zu einf�ltig, um sich so etwas auszudenken. Wenn Mama Ogda ihm nicht gerade gef�lschte Erinnerungen untergejubelt hat, muss etwas an der Sache dran sein.</emphasis></p><p>Vor einer Woche waren die Zweifel unertr�glich geworden, woraufhin Umbra begann, heimlich Nachforschungen anzustellen. Sie stattete Mama Ogda noch einmal einen Besuch ab, fand den Laden jedoch verlassen vor. Offenbar war die Harpyie vor dem D�monenangriff, der auch das Rattennest in Mitleidenschaft gezogen hatte, geflohen und verkroch sich irgendwo. Seitdem suchte Umbra nach ihr.</p><p>�Umbra?� Lady Sarkas Stimme riss sie aus ihren Gedanken. �Was wolltest du mir sagen?�</p><p>Ihr wurde bewusst, dass sie ihren Bericht mitten im Satz unterbrochen hatte. <emphasis>Rei� dich zusammen! Du machst dich noch zum Narren.</emphasis> �Ich bitte um Entschuldigung. Ich war mit meinen Gedanken woanders.�</p><p>Die Herrin l�chelte nachsichtig. �Es ist wegen der Sache mit Mama Ogda, nicht wahr? Es macht dir immer noch zu schaffen.�</p><p>Umbra f�hlte sich ertappt. �Ich frage mich nur, was Jackon <emphasis>wirklich</emphasis> in der Erinnerung gesehen hat�, gestand sie z�gernd.</p><p>�Er hat gar nichts gesehen. Das sind alles nur L�gen, Umbra. L�gen, die dich verunsichern und uns entzweien sollen. Wenn du weiter dar�ber nachgr�belst, haben unsere Feinde genau das erreicht, was sie wollen.�</p><p>Exakt das gleiche Gespr�ch hatten sie vor zwei Wochen gef�hrt.</p><p>Lady Sarka legte ihr die Hand auf die Wange, strich ihr sanft mit den Fingerkuppen �ber die Haut, wie eine Mutter, die ein weinendes Kind tr�stet. �Du wei�t doch, ich habe immer nur das Beste f�r dich gewollt. Ich brauche dich. Niemals w�re ich im Stande, dir so etwas Schreckliches anzutun.�</p><p>Bei jedem anderen h�tte Umbra eine solche Ber�hrung als Bel�stigung empfunden. Bei Lady Sarka jedoch hatte sie etwas seltsam Bes�nftigendes. �Ihr habt Recht. Ich h�tte nicht wieder damit anfangen sollen. Bitte verzeiht mir.�</p><p>�Daf�r gibt es keinen Grund. Dein Verhalten ist nur zu verst�ndlich. Harpyien sind Meister der Irref�hrung. Sie verstehen es, mit ihren L�gen und Illusionen selbst den st�rksten Charakter zu ersch�ttern. Aber nun genug davon. Bitte fahre mit deinem Bericht fort.�</p><p>Wie in Trance beendete Umbra ihren Rapport. Nachdem Lady Sarka ihr die Anweisung gegeben hatte, einen Alchymisten zu dem besessenen Jungen zu schicken, verschwand sie in die Traumlanden und lie� Umbra allein im Kuppelsaal zur�ck.</p><p>Sie blickte die leere Stelle an, wo eben noch die Herrin gestanden hatte. Auch Minuten sp�ter sp�rte sie die samtweichen Fingerkuppen auf ihrer Wange, doch ein Teil von ihr war immer noch voller Zweifel.</p><p>Beschwichtigende Worte gen�gten ihr nicht. Sie brauchte endlich Gewissheit.</p><p>Ein Schemen l�ste sich aus dem Zwielicht unter der Galerie und kam angeschlichen, obwohl er mehr kroch als ging. Die Ger�usche, die er dabei machte, waren Ekel erregend.</p><p>Es war der Verr�ter.</p><p>Angewidert blickte Umbra ihn an. Sie begegnete Godfrey jeden Tag, denn er schlich von morgens bis abends im Haus herum. Sein Anblick stie� sie ab. �Ich habe dir doch gesagt, du sollst mich in Ruhe lassen. Verschwinde, na los!�</p><p>Seine Stimme klang noch verzerrter und unmenschlicher als fr�her und war durchsetzt von abscheulichen Schmatz-und Gluckerlauten. �Ich habe euer Gespr�ch<emphasis>-chch</emphasis> mitgeh�rt.�</p><p>�Lauschen tust du also auch noch. Wei� Lady Sarka das?�</p><p>�Das interessiert mich nicht. Ich<emphasis>-ch</emphasis> hasse sie.�</p><p>�Ja�, knurrte Umbra, �warum wohl?� Sie machte sich bereit, ein Schattentor zu �ffnen.</p><p>�Du suchst <emphasis>mtz-</emphasis>nach Mama Ogda, richtig?�, schmatzte Godfrey.</p><p>Verbl�fft hielt Umbra inne. Der Schattenkern fiel in sich zusammen wie ein implodierender Stern. �Woher wei�t du das? Hast du mich etwa heimlich beobachtet?�</p><p>�Wenn du sie finden willst, geh nach Scotia <emphasis>ch-</emphasis>zur alten Nathanaelkirche. Sie hat dort einen Schlupfwinkel, wo sie sich versteckt, wenn es ihr in der Stadt <emphasis>chch-</emphasis>zu gef�hrlich wird. Wie ich sie kenne, wartet sie dort <emphasis>mtz-</emphasis>auf bessere Zeiten.�</p><p>�Die Nathanaelkirche in Scotia, ja? Die Ruine auf dem H�gel?� Es war sehr schwer, Godfrey zu verstehen.</p><p>�Dorthin <emphasis>mtz</emphasis>-musst du gehen.�</p><p>Das Licht machte Godfrey sichtlich zu schaffen. Er humpelte davon.</p><p>Umbra schloss f�r einen Moment die Augen. Die Kopfschmerzen, an denen sie seit Tagen litt, wurden schlimmer. �Warum sagst du mir das?�</p><p>�Weil ich mich r�chen will�, antwortete er. �Habe ich<emphasis>-chch</emphasis> kein Recht auf Rache?�</p><p>Sie blickte ihm nach, bis er in den Schatten verschwand. Schon Sekunden sp�ter erschien ihr diese Begegnung so surreal, dass sie sich fragte, ob sie �berhaupt stattgefunden hatte.</p><p><emphasis>Erst Primus und jetzt auch noch Godfrey,</emphasis> dachte sie missmutig. <emphasis>Als ob ein Monster im Palast nicht genug w�re.</emphasis></p><empty-line/></section><section><title><p>35</p><empty-line/><p><emphasis>Himmelsfeuer</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>V</strong>iolettes Flackern erf�llte die Br�cke der <emphasis>Zhila</emphasis>, zeichnete zuckende Schatten auf die W�nde und lie� die Messingarmaturen gl�hen wie verzauberte Artefakte. Winzige Blitze tanzten �ber die Frontscheiben, ver�nderten sich st�ndig, bildeten immer neue Ver�stelungen.</p><p>Ergriffen betrachtete Liam das Naturschauspiel. Er hatte von diesem Ph�nomen geh�rt. Es konnte auftreten, wenn ein Gewitter heraufzog, und war �u�erst selten. Seefahrer und Aeronauten sch�tzten sich gl�cklich, wenn sie ein- oder zweimal in ihrem Leben Zeuge davon wurden.</p><p><emphasis>Himmelsfeuer</emphasis> wurde es genannt.</p><p>Die Steuerleute und Maschinisten der <emphasis>Zhila</emphasis> lachten und klopften einander auf die Schultern. Sie hielten das Lichterspiel f�r ein gutes Omen, f�r einen Beweis der Gunst, die die Geister der L�fte ihnen gew�hrten.</p><p>Liam eilte zu ihrer Passagierkabine und riss die T�r auf. �Vivana, komm schnell! Das musst du dir ansehen!�</p><p>Vivana sa� auf ihrem Bett und las in einem von Livias B�chern. Eine tiefe Falte hatte sich zwischen ihren Augenbrauen gebildet, wie immer, wenn sie so in einer Aufgabe versunken war, dass sie alles um sich herum verga�.</p><p>�Vivana?�</p><p>Sie hob fl�chtig den Kopf �Ich kann nicht. Ich muss das fertig kriegen.�</p><p>Liam setzte sich zu ihr. �Was machst du da?�</p><p>�Ich suche nach einem Zauber, um Amander zur Strecke zu bringen.�</p><p>Er unterdr�ckte ein Schaudern, als er den grimmigen Ton in ihrer Stimme h�rte. Es war ihr ernst mit ihrem Racheschwur.</p><p>Vivana zog ein Pergamentblatt aus ihrer Tasche, strich es auf dem Buch auf ihren Knien glatt und begann, die darin abgebildeten Runen und Symbole abzuschreiben.</p><p>�Was bewirken die Runen?�, fragte Liam.</p><p>�Habe ich dir schon erz�hlt, wie Amander zu dem wurde, was er ist?�</p><p>�Nein.�</p><p>Sie h�rte nicht auf zu schreiben, w�hrend sie sprach. �Bis vor ungef�hr zehn Jahren war er ein ganz gew�hnlicher Auftragsm�rder. Er hat f�r verschiedene Unterweltclans in Torle gearbeitet und Verr�ter, Feinde und unliebsame Konkurrenten aus dem Weg ger�umt. Eines Tages bekam er den Auftrag, das Oberhaupt einer Manuschsippe zu ermorden. Er erledigte das routiniert wie immer, wurde jedoch von der Frau des Manusch auf frischer Tat ertappt. Sie war eine Wahrsagerin wie Tante Livia. Bevor Amander sie ebenfalls t�ten konnte, belegte sie ihn mit einem alten Manuschfluch: Jeder Mensch, der ihm etwas bedeutete, sollte durch seine Hand sterben.�</p><p>Vivana bl�tterte um und kopierte auch die Symbole auf der n�chsten Seite. �In den folgenden Tagen vergiftete Amander seine ganze Familie und seine Auftraggeber, ehe er begriff, was der Fluch bewirkte. Entsetzt floh er aus Torle und tauchte in Bradost unter. Er suchte nach einem Mittel, sich von dem Fluch zu reinigen, doch selbst die f�higsten Alchymisten und Mystiker erwiesen sich als machtlos dagegen. Schlie�lich wurde Lady Sarka auf ihn aufmerksam. Sie war beeindruckt von seinen t�dlichen Kr�ften, schlug ihm vor, seine Not zur Tugend zu machen, und nahm ihn in ihre Dienste.�</p><p>Liam schwieg lange. In der Ferne grollte Donner und �bert�nte f�r einen Augenblick das Brummen der Luftschiffmotoren. �Das ist wieder eine von den Sachen, die du einfach wei�t, richtig?�</p><p>�Seit Tante Livia mir ihr Wissen �bertragen hat, ja.�</p><p>Er betrachtete die seltsamen Zeichen auf dem Pergament. Pl�tzlich erschienen sie ihm dunkel und bedrohlich. �Was hat der Zauber mit alldem zu tun?�</p><p>�Der Fluch war nicht vollst�ndig. Ich werde ihn vollenden.�</p><p>Liam kaute auf seiner Unterlippe. In Momenten wie diesem fragte er sich, ob die Vivana, die neben ihm sa�, noch dieselbe war, die er vor wenigen Wochen in Quindals Haus kennen gelernt hatte.</p><p>Sie schrieb die letzten Runen ab, klappte das Buch zu und legte es zusammen mit dem Pergament aufs Bett. �Lass uns nach Ruac sehen. Es wird Zeit, dass wir ihn f�ttern.�</p><p>Windb�en r�ttelten an der <emphasis>Zhila</emphasis>, w�hrend sie durch die Nacht glitt, lie�en die Gondel des Luftschiffs vibrieren und knarzen. Liam hielt sich an einer Metallstrebe fest und blickte aus dem Bullauge der Kabine. Drau�en herrschte vollkommene Dunkelheit, und er sah kein Meer, keine Wolken, keine Sterne � nur absolute, beinahe massive Schw�rze. Manchmal leuchtete am Horizont ein Blitz auf.</p><p><emphasis>Irgendwo dort vorn liegt Bradost. Falls es �berhaupt noch existiert. Vielleicht haben die D�monen es l�ngst zerst�rt und alle Bewohner get�tet.</emphasis></p><p>Er rieb sich die Arme. Es war k�hl geworden.</p><p>�Du bist so still.� Vivana trat neben ihn. �Ist alles in Ordnung mit dir?�</p><p>�Ich frage mich nur, ob dein Vater nicht doch Recht hatte. F�nf Luftschiffe sind wirklich verdammt wenig. Wenn wir es nicht schaffen, die Flotte von Bradost zu �berraschen, wird sie uns in f�nf Minuten vernichten.�</p><p>�Ich wei�. Aber was h�tten wir denn tun sollen?�</p><p>�Was wir da vorhaben, ist Wahnsinn�, sagte Liam leise. �Wahrscheinlich sterben wir.�</p><p>Sie nahm ihn in die Arme und legte den Kopf in seine Halsbeuge. Er f�hlte ihr Herz klopfen; sie hatte Angst, genau wie er. Pl�tzlich wirkte sie wieder so zerbrechlich wie am Abend des Ph�nixtages und gar nicht mehr wie die abgekl�rte Manuschwahrsagerin, die das Erbe ihrer Vorfahren angetreten hatte.</p><p>�Wir sind erst in ein paar Stunden da�, sagte sie. �Die Nacht geh�rt uns.�</p><p>Sie f�hrte ihn zum Bett. Nahm sein Gesicht in die H�nde und k�sste ihn. Im n�chsten Moment lagen sie auf dem Schlaflager, sie kniete mit gespreizten Beinen auf ihm und k�sste ihn erneut.</p><p>�Warte. Wenn jemand hereinkommt...�</p><p>�Die T�r ist abgeschlossen.�</p><p>Das N�chste, was geschah, war, dass Vivana die Kn�pfe von Liams Hemd �ffnete.</p><p>Und dann geschah noch ein bisschen mehr.</p><empty-line/></section><section><title><p>36</p><empty-line/><p><emphasis>Land in Sicht</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>I</strong>rgendwann am fr�hen Morgen wachte Liam auf. D�mmerlicht fiel durch das Bullauge in die kleine Kabine. Vivana schlief noch. Ihr Kopf lag auf dem angewinkelten Arm; dunkle Haarstr�hnen fielen ihr auf die Wange, den Hals, den Mund. Ihre nackten F��e schauten unter der Decke hervor.</p><p>Die Zeit schien stillzustehen, w�hrend Liam sie betrachtete.</p><p>Er hatte sich immer gefragt, wie sie sein w�rde, seine erste Nacht mit einem M�dchen. Man konnte nicht gerade behaupten, dass er dabei an ein Luftschiff, eine karge Passagierkabine mit verkratzten W�nden und eine muffig riechende Filzdecke gedachte hatte. Trotzdem war die letzte Nacht auf ihre Weise vollkommen gewesen. Er hatte sie mit Vivana verbracht, und das war alles, was z�hlte.</p><p>Trampelnde Schritte auf dem Korridor zerst�rten die Stille. Einer der Aeronauten rief etwas und pochte im Vorbeilaufen gegen die Kabinent�r.</p><p>Liam seufzte und stand auf. W�hrend er in seine Hose schl�pfte, warf er einen Blick aus dem Bullauge.</p><p>Am Horizont war ein heller Streifen zu sehen. Die K�ste von Bradost.</p><p>Die Ruhe, die ihn eben noch erf�llt hatte, war mit einem Schlag dahin. �Vivana, wach auf? Wir sind bald da.�</p><p>Verschlafen strich sie sich das Haar aus dem Gesicht. Sie reckte den Kopf, sah aus dem Fenster und war sofort hellwach.</p><p>�Sind andere Schiffe aufgetaucht?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Lass uns nach vorne gehen.�</p><p>Rasch schl�pften sie in ihre Kleider. Vivana wandte ihm den R�cken zu, w�hrend sie ihre Hemdkn�pfe schloss. Liam stand reglos da und betrachtete sie, betrachtete jede ihrer Bewegungen. Er dachte an ihre erste Begegnung in Quindals Haus, als sie wie aus dem Nichts erschienen war, ein M�dchen in einem bunten Rock und mit silbernen Spangen im Haar. Sie hatte ihn vom ersten Augenblick an verzaubert und tat es jeden Moment wieder.</p><p>�K�nnen wir?�, fragte sie.</p><p>�Warte.� Er wollte ihr sagen, dass die letzte Nacht wundervoll gewesen war. <emphasis>Wundervoll?</emphasis> Was f�r ein dummes Wort. Doch auch alle anderen Worte erschienen ihm schal und l�cherlich f�r das, was sie gemeinsam erlebt hatten.</p><p>Vivana legte ihm die Hand auf die Wange, ber�hrte mit den Fingerkuppen seine Haut. Es war nur eine einfache Geste, aber sie zeigte ihm, dass er nichts erkl�ren musste, dass sie verstand, was in ihm vorging, besser als er selbst.</p><p>Er k�sste sie und l�chelte. �Wir k�nnen.�</p><p>Kurz darauf standen sie auf der Br�cke der <emphasis>Zhila</emphasis>, wo sich auch ein Gro�teil der Mannschaft eingefunden hatte. Der Kommandant beobachtete die K�ste durch ein Fernrohr.</p><p>�Wir haben Gl�ck�, sagte er. �Nur zwei Patrouillenschiffe. Wir greifen an, bevor sie Verst�rkung bekommen.�</p><p>Er bellte Befehle. Die Aeronauten st�rmten auf ihre Posten und machten die <emphasis>Zhila</emphasis> gefechtsklar.</p><p>Liams Herz begann heftig zu pochen. Dies war der Moment � der Moment, vor dem er sich seit Tagen f�rchtete. Er ergriff Vivanas Hand und betrachtete nerv�s den hellen K�stenstreifen in der Ferne.</p><p>Die kleine Flotte �nderte ihre Formation. Die <emphasis>Jaipin</emphasis> und die anderen Schiffe aus Suuraj flankierten die <emphasis>Zhila</emphasis> und n�herten sich der K�ste auf breiter Linie.</p><p>Einige Minuten sp�ter konnte Liam die beiden Patrouillenschiffe mit blo�em Auge erkennen. Sie schwebten etwa eine Meile vor den Steilklippen und standen bewegungslos in der Luft. So als warteten sie.</p><p>�Da stimmt doch was nicht�, sagte er. �M�ssten sie nicht versuchen, vor uns zu fliehen?�</p><p>Pl�tzlich stiegen zwei d�nne Streifen aus Rauch von den fremden Schiffen auf. Leuchtraketen. Die Geschosse zerplatzten am Himmel, zwei gl�hend wei�e Sterne leuchteten auf und sanken langsam herab.</p><p>Der Kommandant riss ein Sprachrohr aus der Halterung und rief etwas hinein. Die Motoren heulten auf, als die <emphasis>Zhila</emphasis> beschleunigte.</p><p>�Festhalten�, befahl er Liam und Vivana. �Jetzt wird es brenzlig.�</p><p>Liam wurde klar, dass sie den Steuerleuten nur im Weg standen, wenn sie auf der Br�cke blieben. Vivana und er zogen sich in den Korridor zur�ck, umklammerten die Handl�ufe und sp�hten an den Aeronauten vorbei aus dem Bugfenster.</p><p>Die Motoren liefen jetzt auf voller Kraft und lie�en die Gondel vibrieren. Liam k�mpfte um sein Gleichgewicht, denn w�hrend die <emphasis>Zhila</emphasis> beschleunigte, verlie� sie au�erdem ihre Fahrth�he von dreitausend Fu� und sank so steil, wie es die H�henruder zulie�en. Er h�rte das Zischen der Ventile, als die Maschinisten Aether aus den Traggaszellen ablie�en.</p><p>Der Kapit�n rief einen weiteren Befehl in sein Sprachrohr. Liam wusste, dass in diesem Moment ein Aeronaut, der auf der Plattform oben auf der H�lle stand, das Kommando mit Flaggensignalen an die anderen Schiffe weitergab.</p><p>Die Flotte befand sich nun auf der gleichen H�he wie die beiden Patrouillenschiffe. Wenn Liam den Kopf reckte, konnte er am �u�ersten rechten Rand des Fensters die M�ndung des Rodis mit den Aetherk�chen und dem Hafen sehen.</p><p>Endlich reagierten die feindlichen Luftschiffe. Schwerf�llig setzten sie sich in Bewegung und fuhren Richtung K�ste.</p><p><emphasis>Fliehen sie?,</emphasis> fragte sich Liam verwirrt.</p><p>Als die Flotte von Suuraj nur noch eine Viertelmeile von ihnen entfernt war, gab der Kommandant den Befehl zum Angreifen. Gesch�tze auf der Plattform und in der H�llenspitze spien knisternde Blitze, Schrotladungen und Kanonenkugeln. Ihr R�cksto� war so heftig, dass er das gesamte Schiff ersch�tterte. Auch die anderen Schiffe schossen mit Blitzwerfern und Drehbassen. Sie konzentrierten ihr Feuer auf das linke Patrouillenschiff, und Liam war, als verwandele sich der Himmel in ein Inferno aus Donner und Rauch.</p><p>Mehrere schwere Treffer zerfetzten die H�lle des feindlichen Schiffs, rissen riesige L�cher hinein, aus denen goldene Aetherschwaden str�mten. Es kippte auf die Seite, unternahm einen letzten verzweifelten und aussichtslosen Versuch, beizudrehen � und st�rzte ab.</p><p>Der Jubel der Mannschaft erf�llte die <emphasis>Zhila</emphasis>, und Liam bemerkte, dass auch er aus vollem Hals schrie.</p><p>�Wir schaffen es!�, rief er. �Wir schaffen es!�</p><p>Das andere Patrouillenschiff fuhr mit maximaler Schubkraft der Rodism�ndung entgegen. Die Flotte von Suuraj nahm die Verfolgung auf und feuerte dabei aus allen Rohren. Das fliehende Schiff war bereits zu weit weg, sodass die Blitze und Schrotladungen sie verfehlten. Die eleganten Schiffe aus Yaro D'ar waren jedoch eine Winzigkeit schneller und holten Schritt um Schritt auf.</p><p>Liam wagte kaum zu atmen. Er blickte fl�chtig aus dem Seitenfenster und sah, dass die <emphasis>Jaipin</emphasis> begann, sich von der Flotte abzusetzen. Khoroj hatte offenbar begriffen, dass er die Gelegenheit nutzen musste, sobald der Weg nach Bradost frei war.</p><p>Noch eine gemeinschaftliche Salve brachte den Himmel zum Lodern. Die Heckspitze des Patrouillenschiffs wurde getroffen, doch das Loch in der H�lle war nicht gro� genug, um seine Man�vrierf�higkeit merklich zu mindern.</p><p>Es schoss noch eine Leuchtrakete ab.</p><p>�Schneller!�, murmelte Liam. �Fahrt schneller!�</p><p>Der Abstand zu dem fliehenden Schiff verringerte sich zunehmend. Die n�chste Salve fetzte gro�e L�cher in die H�lle, ein gut gezielter Blitz brannte einen langen Riss in die Au�enhaut und schlitzte sie fast bis zur Schiffsmitte auf.</p><p>Der Jubel blieb Liam im Hals stecken.</p><p>Von den Aetherk�chen n�herten sich Luftschiffe.</p><p><emphasis>Viele</emphasis> Luftschiffe.</p><p>Jeder auf der Br�cke schien den Atem anzuhalten. Liam erblickte die <emphasis>Ph�nix</emphasis>, die die feindliche Flotte anf�hrte. Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander, als er die �brigen Schiffe z�hlte.</p><p>Siebzehn.</p><p><emphasis>Siebzehn.</emphasis></p><p>Das war nicht m�glich. Seit dem ersten Leuchtsignal waren noch keine zehn Minuten vergangen. Niemand konnte in einer solch kurzen Zeit eine derartig gro�e Flotte startklar machen. Daf�r waren hunderte von Leuten n�tig, Bodenpersonal, Haltemannschaften, ganz zu schweigen von den Aeronauten, die zusammengetrommelt werden mussten.</p><p><emphasis>Unm�glich,</emphasis> dachte Liam noch einmal.</p><p>Es sei denn...</p><p>�Sie haben auf uns gewartet�, fl�sterte er.</p><empty-line/></section><section><title><p>37</p><empty-line/><p><emphasis>Rache auf Harpyienart</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>D</strong>er Morgen war tr�b und kalt und passte ausgezeichnet zu Umbras Stimmung. Novembernebel kroch durch die Gassen von Scotia und wallte um die windschiefen D�cher. Der H�gel, den sie hinaufstieg, ragte daraus hervor wie eine Insel aus einem dunstigen T�mpel. Ein gusseiserner Zaun umgab den Friedhof, umrankt von Kletterpflanzen und verwildertem Brombeergestr�pp. Das Tor quietschte, als sie es �ffnete.</p><p>Es war ein verlassenes Grundst�ck, wie es so viele in Scotia gab, vergessen von den Bewohnern des Viertels, obwohl sie Tag f�r Tag daran vorbeigingen. Efeu und Unkraut �berwucherten die Gr�ber. Ein Weg aus geborstenen Steinplatten, bedeckt von fauligem Laub, f�hrte zur Kirche.</p><p>Die Fenster des Gotteshauses waren vernagelt. Tauben nisteten im Dachgeb�lk. Das Querschiff war teilweise eingest�rzt, ebenso der Altarraum. Lediglich der Glockenturm schien einigerma�en intakt zu sein. Umbra blickte zur Turmspitze auf und wusste pl�tzlich, wo sie Mama Ogda finden w�rde. Harpyien liebten hochgelegene Orte.</p><p>Sie machte einen Schritt �ber eine zerbrochene Tessarionstatue und stieg die Stufen zum Kirchenportal hinauf. Ein T�rfl�gel stand ein St�ck offen. Vorsichtig schob sie sich durch den Spalt.</p><p>Modergeruch umfing sie. Haufen aus Schutt, zersplitterte Dachschindeln und vom Wind hereingewehte Bl�tter bedeckten den Granitboden. Das Kirchengest�hl stand kreuz und quer zwischen den S�ulen und war weitgehend zerst�rt, so als h�tte jemand die B�nke mutwillig mit einer Axt zerschlagen.</p><p>W�hrend Umbra wachsam den Saal durchquerte, suchte sie den Boden nach Spuren ab. Nichts. Kein Ger�usch st�rte die Stille dieses Ortes. Sogar die Laute der erwachenden Stadt waren im Zwielicht des Kirchenschiffs kaum zu h�ren.</p><p>Sie fand den Zugang zum Turm und z�gerte. Nein, kein Schattentor. Sie wusste nicht, was sie dort oben erwartete.</p><p>So leise, wie es die verrosteten Angeln zulie�en, �ffnete sie die Pforte, erklomm die enge Wendeltreppe und gelangte in den Glockenstuhl. Taubendreck klebte auf den morschen Balken. Die Glocken waren fort, vermutlich gestohlen. Zinn und Bronze waren begehrte Werkstoffe in den Handwerksstuben des Viertels.</p><p>Umbra kletterte eine Leiter hinauf, deren Sprossen bedenklich knarrten, und versetzte der Dachluke einen Sto�. Die verzogene Holzklappe flog auf, und Umbra blickte in eine Kammer im Geb�lk der Turmspitze.</p><p>Meckerndes Lachen t�nte aus den Schatten.</p><p>Umbra zw�ngte sich durch die �ffnung. Die Dachkammer war so niedrig, dass sie den Kopf einziehen musste. Durch ein winziges Bleiglasfenster mit milchigen Scheiben fiel Licht auf Kisten voller Phiolen und Fl�schchen mit schillerndem Inhalt. Neben einem Tischchen mit Teegeschirr kauerte Mama Ogda kr�tengleich auf einem Lager aus Kissen, saugte an einer Wasserpfeife und blies einen formvollendeten Rauchring. Sie wirkte nicht im Mindesten �berrascht.</p><p>�Ich dachte mir schon, dass du irgendwann hier auftauchen w�rdest. Jackon hat dir also gesagt, was <emphasis>wirklich</emphasis> passiert ist.� Ihre �uglein funkelten. �Du wirst verstehen, dass ich dich nicht in meinem Laden empfangen konnte. Ich musste davon ausgehen, dass deine Herrin erf�hrt, was der Junge erz�hlt hat. Du wei�t ja, wie sie ist. Wer ihr auf die Schliche kommt, bekommt schon in der n�chsten Nacht Besuch von ihren M�rdern. Sag mir, wie hat sie es aufgenommen, als du sie gefragt hast, ob sie hinter dem Massaker an deiner Familie steckt? Hat sie alles abgestritten? Es als b�swillige Verschw�rung abgetan? Hat sie behauptet, man wolle dich nur gegen sie aufbringen?�</p><p>Umbras Wut vergr��erte ihre Kr�fte noch. Blitzschnell wuchs ihr Schatten, zwei rauchartige Arme schossen vor und umschlangen Mama Ogda. Die Harpyie strampelte und stie� die Wasserpfeife und das Tischchen um, als Umbra sie hochhob.</p><p>�Du sagst mir jetzt genau, was Jackon gesehen hat, oder ich t�te dich.�</p><p>�Lass mich runter�, kr�chzte Mama Ogda. �Du bekommst alles, was du willst!�</p><p>Umbra lie� von ihr ab, und sie plumpste wie ein Beutel voller Schweinespeck auf die Kissen.</p><p>�Immer musst du so grob sein�, zischte die Harpyie, w�hrend sie sich aufrappelte. �H�ttest du mich damals im Rattennest anst�ndig behandelt, w�rst du nie in diese Lage gekommen. Ich h�tte dir vielleicht sogar geholfen. Starr mich nicht so b�se an. Dass es dir so dreckig geht, hast du dir selbst zuzuschreiben.�</p><p>Sie schlurfte zu ihren Kisten. �Du kannst von Gl�ck sagen, dass ich nicht so sorglos gewesen bin, eine solch wichtige Erinnerung aus der Hand zu geben, ohne mich abzusichern. Ich habe sie schon vor Jahren dupliziert.� Mama Ogda holte eine Rauchglasphiole hervor und blickte Umbra verschlagen an. �Wenn du willst, kannst du sehen, was Jackon gesehen hat.�</p><p>�Wer sagt mir, dass das keine gef�lschte Erinnerung ist?�, fragte Umbra schroff.</p><p>�Ich hatte meine Rache. Ich habe kein Interesse daran, dir zu schaden. Aber wenn du mir nicht glaubst, stecke ich die Phiole eben wieder in die Kiste, es ist ja auch nicht so wichtig...�</p><p>Umbra riss ihr das Fl�schchen aus den Krallenfingern, entfernte den Korken und trank den Inhalt in einem Zug.</p><p>�Durch das Duplizieren ist die Erinnerung stark verd�nnt�, sagte Mama Ogda. �Aber wenn du dich konzentrierst, solltest du im Stande sein, alles zu erkennen.�</p><p>Schwindel �berkam Umbra. Wenn dies eine verd�nnte Erinnerung war, wollte sie nicht wissen, wie sich eine hochkonzentrierte anf�hlte. Sie hielt sich an einem Dachbalken fest, doch als die fremden Sinneseindr�cke immer heftiger auf sie einstr�mten, musste sie sich setzen.</p><p>Ihr war, als stecke ihr Bewusstsein in einem anderen K�rper. Ihr Gef�hl sagte ihr, dass die Person, aus deren Augen sie blickte und deren Erinnerungen sie miterlebte, kein Mensch war. <emphasis>Bei allen D�monen, ich bin ein Schattenwesen!</emphasis></p><p>Sie stand in einer Bibliothek, und nach wenigen Sekunden wurde ihr klar, dass es sich um die Bibliothek des Palastes handelte. Lady Sarka war da und redete mit ihr. Umbra konnte die Worte nicht verstehen, aber Lady Sarkas Lippen formten eindeutig die Silben <emphasis>Ma-lu-mo.</emphasis></p><p>Die Erinnerung verschwamm wie eine tr�gerische Luftspiegelung in der Sommerhitze. Als die Bilder wieder klarer wurden, schritt Umbra durch die Gassen des Rattennests � durch ein <emphasis>�lteres</emphasis> Rattennest. Die m�chtigen Sklavenhallen hatten sich noch nicht in die Schrottpal�ste der Lumpenbarone verwandelt, und nirgendwo lie�en sich Soldaten der Stadtmiliz blicken. Es war das Rattennest der Clans, das Viertel von Umbras Vergangenheit.</p><p>Sie hielt den Atem an, als das Schattenwesen zu dem Hotel an der Stirnseite des gro�en Platzes ging, das Heim der Malumos � Umbras Zuhause. Es sah genauso aus wie in ihren Erinnerungen: sauber, pr�chtig, Ehrfurcht gebietend, ohne Spuren des Feuers, das es zerst�rt hatte. Der Anblick riss alte Wunden auf, und der Schmerz, der sie durchzuckte, war so intensiv, dass sie sich w�nschte, das Schattenwesen w�rde weitergehen. Doch es blieb in einem dunklen Winkel stehen, beohachtete das Tor des Hotels und wartete.</p><p>Irgendwann trat ein junger Mann heraus.</p><p>�Lumisco�, fl�sterte Umbra mit vor Trauer erstickter Stimme.</p><p>Ihr Cousin schlenderte �ber den Platz, rief den fliegenden H�ndlern fr�hliche Gr��e zu und stapfte mit einem L�cheln auf den Lippen durch die Menge. Das Schattenwesen blickte ihm nach, und Umbra sp�rte, wie es sich Lumisco genau einpr�gte, sein Gesicht, seine K�rperhaltung, seine Art zu gehen.</p><p>Eine neue Erinnerung l�ste die vorherige ab. Das Schattenwesen stand vor einem Spiegel, und Umbra erblickte ein unauff�lliges M�nnergesicht mit Bartstoppeln, einem Hemdkragen und kurzem, str�hnigem Haar. Dann ver�nderte das Schattenwesen sein Aussehen so lange, bis es Lumisco aufs Haar glich.</p><p><emphasis>Ein Doppelg�nger!,</emphasis> durchfuhr es Umbra, ehe ihr ein anderer, verwirrender Gedanke kam: <emphasis>Er hat Lady Sarka gedient. Was ist aus dem Gesch�pf geworden? Und wieso hat sie ihn nicht erw�hnt, als sie mich damit beauftragt hat, einen neuen Doppelg�nger f�r sie zu finden?</emphasis></p><p>Abermals ver�nderte sich die Erinnerung. Der Doppelg�nger eilte durch halbdunkle Flure. Fackellicht flackerte in den Durchg�ngen. Umbra h�rte fernes Geschrei. Eine Gestalt tauchte aus dem Zwielicht auf. Der Doppelg�nger schoss auf sie, und als sie mit zerfetztem Bauch zu Boden ging, erkannte Umbra Balthus Dyne, den �ltesten Sohn von Elder Dyne und genau wie sein Vater und alle anderen Dynes ein Todfeind der Familie Malumo. Der Doppelg�nger rannte weiter, warf die Pistole fort und z�ckte einen Dolch, mit dem er zwei weitere Dynes niederstach, bevor er von einer Pistolenkugel getroffen wurde und voller Schmerzen aus einem Fenster sprang.</p><p>Hier endete die destillierte Erinnerung.</p><p>Umbra wachte aus der Trance auf. Sie lag auf dem Boden und blickte zum morschen Dachgeb�lk auf. Tr�nen rannen ihr �ber das Gesicht.</p><p><emphasis>Jackon hatte Recht � Lady Sarka steckt dahinter. Sie ist schuld daran, dass alle umgebracht wurden, Vater, Onkel Degory, Lumisco und die anderen.</emphasis></p><p><emphasis>Diese Hure.</emphasis></p><p>Es war so simpel, so offensichtlich, dass sie sich fragte, warum sie nicht l�ngst von selbst darauf gekommen war. Im ersten Jahr ihrer Herrschaft waren die m�chtigen und einflussreichen Clans der Grambeuge Lady Sarka ein Dorn im Auge. Sie wollte sie loswerden � und was w�re einfacher, als daf�r zu sorgen, dass sie sich gegenseitig ausl�schten? Mithilfe des Doppelg�ngers lie� sie die Dynes glauben, Umbras Cousin Lumisco h�tte nachts ihr Haus �berfallen, wohl wissend, dass die Dynes f�r diesen Anschlag blutige Vergeltung �ben w�rden. Und genauso kam es. Die Dynes vernichteten die Malumos, waren von den K�mpfen jedoch so stark geschw�cht, dass die Geheimpolizei nur noch die �berreste zusammenfegen musste. Obendrein hatte das den n�tzlichen Nebeneffekt, dass Lady Sarka sich vor Umbra, die sie zuvor vergeblich versucht hatte anzuwerben, als Lebensretterin darstellen konnte, in der Hoffnung, dass Umbra zum Dank in ihre Dienste treten w�rde. Was Umbra auch prompt getan hatte. <emphasis>Ein perfider Plan. Und ich bin darauf reingefallen.</emphasis></p><p>Umbra bekam kaum noch Luft; sie war unf�hig, sich zu bewegen. Wieder und wieder sah sie die Nacht des Massakers vor sich, sp�rte die Hitze des Feuers, h�rte die Schreie ihrer Familie.</p><p>�Was hast du damit zu tun?�, brachte sie leise hervor.</p><p>�Gar nichts�, antwortete Mama Ogda, die wieder ihre Wasserpfeife rauchte. �Ich habe in jener Nacht gesehen, was passiert ist, schlie�lich befanden sich euer Hotel und das Haus der Dynes ganz in der N�he meines Ladens. Ich habe mitbekommen, dass die Dynes �berfallen wurden. Der Attent�ter sah zwar auf den ersten Blick aus wie dein Cousin, aber als er verletzt geflohen ist, habe ich sofort erkannt, dass er in Wahrheit ein Doppelg�nger ist. Das hat mich neugierig gemacht. Ich bin ihm zum Flussufer gefolgt, wo er wenig sp�ter an seinen Verletzungen starb. Kurz vor seinem Tod habe ich seine Erinnerungen extrahiert � der Vorfall erschien mir interessant genug, ihn f�r die Nachwelt zu erhalten. Als ich mir die Erinnerung zuhause ansah und feststellte, dass hinter dem Attentat eine h�bsche kleine Verschw�rung steckt, dachte ich mir: Mama Ogda, was du da in den H�nden h�ltst, ist ein Schatz, f�r den dir Lady Sarka wom�glich ein nettes S�mmchen bezahlt, damit ich ihn nicht ihren Feinden zuspiele. Leider ist es anders gekommen. Deine Herrin hat kurz darauf die Clans des Rattennests vernichtet, und die Erinnerung war wertlos geworden. Ich hatte keine Verwendung mehr daf�r und verga� sie � und w�rde mich vermutlich immer noch nicht daran erinnern, wenn du nicht vier Jahre sp�ter in meinen Laden gekommen w�rst und nach Silas Torne gefragt h�ttest.�</p><p>�Von wem hatte sie den Doppelg�nger?�, fragte Umbra mit schwacher Stimme.</p><p>Die Harpyie grinste listig. �Das ist die Frage, nicht wahr? Warum l�sst sie ausgerechnet Silas nach einem Doppelg�nger suchen, obwohl sie doch schon einmal einen besessen hatte?</p><p>Ja, ich wei�, warum du Silas geholt hast � ich habe euch zugeh�rt, als du bei ihm in meinem Keller warst. Keine Ahnung, wer ihr damals den Doppelg�nger beschafft hat. Vermutlich ein armer Teufel, den sie anschlie�end umbringen lie�, damit er sich nicht verplappern kann. Dumm von ihr, wenn du mich fragst. H�tte sie ihn am Leben gelassen, h�tte sie sich sp�ter nicht mit Silas herum�rgern m�ssen. Wie ich Silas kenne, hat er gar nicht versucht, ihr zu helfen, sondern hat sie von vorne bis hinten betrogen.�</p><p>Umbra f�hlte sich get�uscht, erniedrigt, gedem�tigt. An Lady Sarkas H�nden klebte das Blut ihrer Familie. <emphasis>Und daf�r habe ich ihr Treue geschworen, sie geliebt, sie mit meinem Leben besch�tzt.</emphasis></p><p>Ein Zorn, wie sie ihn noch nie erlebt hatte, stieg in ihr auf, gab ihr die Kraft, sich zu erheben, in einem Winkel des Dachstuhls ein Schattentor zu �ffnen. Sie trat hindurch.</p><p>Das Letzte, was sie h�rte, war Mama Ogdas meckerndes Lachen.</p><p>Im Kuppelsaal des Palastes standen Lady Sarka, Corvas und Amander.</p><p>�Gut, dass du da bist�, begr��te die Lady sie. �Wir werden angegriffen.�</p><p>Umbra h�rte die Worte kaum. Sie lie� ihren Schatten wachsen, griff nach der Herrin, versuchte ihren Hals zu umschlingen.</p><p>Corvas packte sie schmerzhaft am Arm. �Hast du den Verstand verloren?�</p><p>Sie stie� ihn weg, fesselte ihn mit seinem eigenen Schatten und hob Lady Sarka in die Luft.</p><p>�Haltet diese Wahnsinnige auf, ihr Narren!�, schrie die Lordkanzlerin. �T�tet sie, verdammt noch mal!�</p><p>Umbra sp�rte einen scharfen Schmerz am Arm. Sie lie� Lady Sarka los, wirbelte herum und sah, dass Corvas sich befreit und seine Messer gezogen hatte. Amander legte mit der Pistole auf sie an. Mit einem Sprung rettete sie sich hinter eine S�ule, bevor der Schuss durch den Saal peitschte und Splitter aus dem Pfeiler schlug.</p><p>Sie �ffnete ein Schattentor und schob sich hindurch. Irgendwo au�erhalb des Palastes, in einer Gasse der Altstadt, trat sie ins Tageslicht, sank auf das Kopfsteinpflaster. Weinte und fluchte, fluchte und weinte.</p><p>Am Himmel donnerten die Kanonen.</p><empty-line/></section><section><title><p>38</p><empty-line/><p><emphasis>Inferno</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>�I</strong>ch habe es euch gesagt!�, rief Quindal mit �berschlagender Stimme. �Aber ihr wolltet ja nicht h�ren.�</p><p>�Daran k�nnen wir jetzt nichts mehr �ndern.� Khoroj dr�ckte voller Konzentration am Steuerpult der <emphasis>Jaipin</emphasis> Kn�pfe und bet�tigte Schalter. �Sehen wir lieber zu, dass wir uns an den Plan halten.�</p><p>�Es sind zu viele. Wir werden sterben.�</p><p>�Werden wir nicht. Jetzt setz dich hin und sei still.�</p><p>Quindal lie� sich in einen der Sessel auf der Br�cke fallen. Jackon, der neben dem Erfinder sa�, klammerte sich an den Armlehnen fest und beobachtete voller Entsetzen den Schwarm aus Luftschiffen, der sich ihnen von der K�ste n�herte. Die gewaltige <emphasis>Ph�nix</emphasis> war etwas zur�ckgefallen, wie das Leittier eines Wolfsrudels, das geduldig abwartete, w�hrend sich seine j�ngeren Artgenossen auf die Beute st�rzten. Kleinere Luftschiffe zogen an der fliegenden Vernichtungsmaschine vorbei und n�herten sich der Flotte von Suuraj in breiter Formation. Aeronauten auf den Plattformen oben auf den H�llen machten Gesch�tze und Blitzwerfer gefechtsklar.</p><p>Jackon verstand nichts von Luftk�mpfen, doch angesichts der ungleichen Kr�fteverh�ltnisse zweifelte er nicht daran, wie die Schlacht ausgehen w�rde. <emphasis>Auf ein Luftschiff von uns kommen drei von denen. Wir haben keine Chance.</emphasis></p><p>Er blickte zur <emphasis>Zhila</emphasis> und hoffte, in den Fenstern Liam und Vivana zu sehen, aber nat�rlich war das Flaggschiff viel zu weit weg, um Einzelheiten zu erkennen. Er hatte schreckliche Angst um seine Freunde, mehr noch als um sein eigenes Lehen. W�hrend die <emphasis>Jaipin</emphasis> aufgrund ihrer Entfernung zum Rest der Flotte noch w�rde fliehen k�nnen, befand sich die <emphasis>Zhila</emphasis> im Zentrum der bevorstehenden Schlacht. Nicht mehr lange, und sie w�rde den Angriffen der feindlichen Armada ausgesetzt sein.</p><p><emphasis>Bitte passt auf euch auf,</emphasis> betete Jackon.</p><p>Er zuckte zusammen, als das Feuer begann.</p><p>Die Schiffe von Bradost hielten sich nicht damit auf, die Flotte von Suuraj mit Flaggen- oder Lichtsignalen zum Umkehren aufzufordern oder Warnsch�sse abzugeben � sie feuerten sofort aus allen Rohren, sowie die S�dl�nder in die Reichweite ihrer Gesch�tze kamen. Binnen weniger Herzschl�ge f�llte sich der Himmel mit Rauch, Donner, dem Fauchen von Kanonenkugeln und dem Knistern der Blitze. Die <emphasis>Zhila</emphasis> und die anderen Luftschiffe aus Yaro D'ar taten das in ihrer Lage einzig Richtige: Sie l�sten ihre Formation auf und machten sich ihre �berlegene Wendigkeit zu Nutze, indem sie feindliche Zeppeline in Nahk�mpfe verwickelten, damit diese riskierten, befreundete Schiffe zu treffen, und so ihre zahlenm��ige �berlegenheit nicht voll zur Geltung bringen konnten.</p><p>Vorod Khoroj ergriff im Chaos der Schlacht ihre einzige Chance. Er umfuhr die K�mpfe in einem weiten Bogen, in der Hoffnung, unbemerkt zur Stadt zu gelangen.</p><p>Jackon wurde beinahe aus dem Sessel geschleudert, als der S�dl�nder mit vollem Schub beschleunigte und gleichzeitig eine enge Kurve fuhr. Sekunden sp�ter verlief die Flugbahn wieder gerade, und die <emphasis>Jaipin</emphasis> schoss auf die K�ste zu.</p><p>Leider hatte Khoroj die Rechnung ohne die <emphasis>Ph�nix</emphasis> gemacht. Die anderen Schiffe der Flotte mochten abgelenkt sein, das Flaggschiff von Bradost jedoch beobachtete die K�mpfe nur, ohne sich daran zu beteiligen. Koner Maer, ihr Kommandant, musste die <emphasis>Jaipin</emphasis> bemerkt haben, denn in diesem Moment l�sten sich zwei kleinere Schiffe von der <emphasis>Ph�nix</emphasis> und kamen auf sie zu.</p><p>�Feinde auf steuerbord�, meldete Lucien, doch Khoroj hatte die Angreifer bereits gesehen. Hart riss er das Steuer herum, und auch diesmal bewahrte nur der Sicherheitsgurt Jackon davor, aus dem Sessel zu purzeln. Khorojs Leibw�chter bet�tigten die H�henruder, woraufhin die <emphasis>Jaipin</emphasis> gleichzeitig nach links kippte und steil abw�rtssteuerte. W�hrend Jackon gegen den Brechreiz ank�mpfte, h�rte er das Heulen von Kanonenkugeln, die an der Gondel vorbeipfiffen, und einmal kam ihnen ein zuckender Blitz so nahe, dass die Br�cke f�r eine Sekunde von wei�em Licht erf�llt war.</p><p>Als er wieder klar sehen konnte, entdeckte er die beiden gegnerischen Schiffe weit �ber ihnen. Die <emphasis>Jaipin</emphasis> schoss unter ihnen hindurch, im toten Winkel ihrer Bordgesch�tze. Vermutlich w�rden sie jetzt wenden, doch bevor sie in der Lage w�ren, die Verfolgung aufzunehmen oder gezielt zu feuern, w�rde die <emphasis>Jaipin</emphasis> uneinholbar entfernt sein.</p><p>Das halsbrecherische Man�ver hatte Jackon zu sehr durchgesch�ttelt, als dass er Erleichterung h�tte empfinden k�nnen � in seinem Kopf drehte sich alles. Quindal schien es nicht besser zu gehen, und sogar Lucien und die beiden Leibw�chter wirkten ein wenig mitgenommen. Die S�dl�nder klammerten sich ge�bt an den Haltegriffen neben den H�henrudern fest und hielten nach ihren Verfolgern Ausschau.</p><p>�Seht ihr? Wir haben es geschafft�, sagte Khoroj mit Befriedigung in der Stimme.</p><p>�Freu dich nicht zu fr�h�, murmelte Lucien.</p><p>Jackon blickte in die Richtung, in die der Alb starrte.</p><p>Von schr�g hinten n�herte sich ihnen die <emphasis>Ph�nix</emphasis>.</p><p>Ein Blitz teilte zischend den Himmel.</p><p>W�hrend die <emphasis>Zhila</emphasis> ein waghalsiges Ausweichman�ver einleitete, k�mpfte sich Liam durch die schwankende Gondel und prallte zweimal gegen die Korridorwand, bis es ihm schlie�lich gelang, die T�r ihrer Kabine aufzusto�en.</p><p>�Vivana, jetzt komm!� Er musste schreien, so laut war das Gesch�tzfeuer der angreifenden Schiffe.</p><p>Vivana hielt sich am Handlauf fest. �Da drin sind wir auch nicht sicherer als auf der Br�cke!�</p><p>�Aber hier sind wir niemandem im Weg.�</p><p>Zwei Aeronauten hasteten den Flur entlang. Als sie verschwunden waren, ergriff Liam Vivanas Hand, zog sie in die Kabine und warf die T�r zu.</p><p>Blitze und M�ndungsfeuer erf�llten den kleinen Raum mit flackerndem Licht. Die Au�enw�nde der Gondel waren mit Metallplatten gepanzert, trotzdem bezweifelte Liam, dass sie einem Volltreffer widerstehen w�rden. Er f�hlte sich so ausgeliefert und schutzlos, als schwebe er nackt zwischen all diesen schwer bewaffneten Schiffen.</p><p>Die <emphasis>Zhila</emphasis> fuhr eine steile Kurve, sodass er abermals das Gleichgewicht verlor. W�hrend er sich am Bett festhielt, blickte er aus dem Bullauge und sah nichts als blaugraue Wellen, so schr�g stand das Flaggschiff in der Luft. H�tte er losgelassen, w�re er geradewegs durch die Kabine gefallen und gegen die Wand geprallt.</p><p>�Runter auf den Boden!�</p><p>Ohne das Bett loszulassen, legten sich Vivana und er flach hin. Das war die sicherste Methode, nicht verletzt zu werden, w�hrend die <emphasis>Zhila</emphasis> den Angreifern auswich.</p><p>Sein Herz schlug so wild, dass er kaum atmen konnte. <emphasis>Bitte kein Treffer,</emphasis> betete er mit geschlossenen Augen.</p><p>Irgendwann sp�rte er, dass das Luftschiff wieder geradeaus fuhr. Er stand auf und wankte zum Bullauge. Was er sah, lie� ihm das Blut gefrieren.</p><p>Zwei Luftschiffe st�rzten mit zerfetzten H�llen ab und sanken langsam dem Meer entgegen, ein drittes stand in Flammen � ob es sich dabei um eigene oder feindliche handelte, konnte er bei all dem Rauch und Aetherdampf nicht erkennen. Die anderen Luftschiffe bek�mpften sich weiterhin erbittert. Motoren dr�hnten. Kanonen donnerten. Geschosse sausten durch die Luft. Zwei der fliegenden Unget�me schwebten dicht nebeneinander und deckten sich gegenseitig mit Schrotsalven ein, die klaffende L�cher in H�llen und Gondelw�nde schlugen.</p><p>Liam hielt nach der <emphasis>Jaipin</emphasis> Ausschau und entdeckte sie am �u�eren linken Rand seines Sichtfeldes, wo der Rauch nicht ganz so dicht war. Offenbar hatte sie zwei Verfolger abgeh�ngt und raste der K�ste entgegen. Doch sie war noch l�ngst nicht au�er Gefahr.</p><p>�Was siehst du?�, fragte Vivana.</p><p>�Die <emphasis>Jaipin</emphasis>. Sie wird von der <emphasis>Ph�nix</emphasis> verfolgt.�</p><p>Vivana schob ihn zur Seite und �berzeugte sich selbst davon. �Wir m�ssen ihnen helfen. Die <emphasis>Ph�nix</emphasis> schie�t sie sonst ab.�</p><p>�Und wie willst du das anstellen?�</p><p>�Komm mit.� Sie �ffnete die T�r und lief auf den Gang.</p><p>Die Luft in der Gondel roch nach Pulverdampf und knisternder Elektrizit�t. Liam folgte Vivana zum Heckteil der Gondel. Einer der Propeller hatte offenbar einen Treffer abbekommen; zwei Maschinistinnen arbeiteten fieberhaft in der Motorengondel. Ein Aeronaut wuchtete ein Aetherfass eine Steigleiter hinauf und br�llte, als Vivana ihn im Vorbeilaufen anrempelte.</p><p>Ein Sto� lie� das gesamte Schiff erbeben.</p><p>�Was war das?�, rief Vivana atemlos.</p><p>�Ich glaube, wir sind getroffen worden.�</p><p>�St�rzen wir ab?�</p><p>Liam sp�hte durch eine Luke, die hinauf in die H�lle f�hrte, doch er konnte nichts erkennen au�er einem Gewirr aus Metallstangen, das den Laufgang �berw�lbte. Irgendwo im Zwielicht schrie jemand. �Ich wei� es nicht. Soll ich nachsehen?�</p><p>�Nein, das bringt nichts. Los, weiter.�</p><p>Sie rannten zum Frachtraum. Als Vivana die T�r aufstie�, wurde sie beinahe von Ruac erdr�ckt, der ihr entgegenkam. Es hatte den Lindwurm ganz verr�ckt gemacht, in einer engen Kammer eingesperrt zu sein, w�hrend drau�en eine Schlacht tobte. Er zischte und bebte am ganzen K�rper.</p><p>Vivana umschlang seinen Hals und dr�ckte sich an ihn. �Ruhig�, fl�sterte sie. �Ich bin ja bei dir.�</p><p>�Was hast du vor?�, fragte Liam.</p><p>�Wir fliegen der <emphasis>Jaipin</emphasis> nach. Mit Ruac.�</p><p>�Was?�</p><p>�So lautet unser Plan, wei�t du nicht mehr? Wie wollen wir sonst zu Lady Sarkas Palast kommen?�</p><p>�Ja, aber als wir das beschlossen haben, dachten wir nicht, dass uns die ganze Flotte von Bradost angreifen wird. Wie sollen wir das Inferno da drau�en lebendig �berstehen?�</p><p>Ein Sirren erklang. Liam und Vivana zogen instinktiv die K�pfe ein, und einen Sekundenbruchteil sp�ter krachte es. Splitter flogen durch den Frachtraum. Ruac br�llte w�tend. Als Liam die Augen wieder �ffnete, klaffte ein kopfgro�es Loch in der Au�enwand, durch das der Wind hereinfauchte. Schrotsplitter steckten in der Wand neben der T�r.</p><p>�Hier drin ist es auch gef�hrlich�, sagte Vivana entschlossen und begann, sich an der Ladeluke des Frachtraums zu schaffen zu machen.</p><p>Liam bekam ein �u�erst flaues Gef�hl im Magen, als sie versuchte, den schweren Riegel aufzuschieben. Er litt nicht an H�henangst, aber bei dem Gedanken, auf Ruacs R�cken durch die Luft zu fliegen, viele hundert Fu� �ber dem Meer und umgeben von feuernden Zeppelinen und t�dlichen Blitzen, wurde ihm angst und bange. �Warte. Wir wissen doch gar nicht, ob Ruac uns beide tragen kann. Wir h�tten das vorher ausprobieren sollen.�</p><p>�Nat�rlich kann er uns tragen. Er ist stark. Auf einem Pferd kann man schlie�lich auch zu zweit sitzen.�</p><p>�Das ist etwas anderes.�</p><p>�Willst du lieber mit der <emphasis>Zhila</emphasis> abst�rzen? Jetzt hilf mir mit der T�r.�</p><p>Liam schluckte und zog den Riegel zur�ck. Die Ladeluke des Frachtraums lief auf einer Schiene und lie� sich nun m�helos �ffnen. Eisiger Fahrtwind peitschte ihm entgegen, riss an seinem Hemd, seiner Hose, trieb ihm die Tr�nen in die Augen. Der L�rm der Schlacht war markersch�tternd. Mit einer Hand an einer Metallstrebe blickte er zu den Wellen tief unter ihm. Unwillk�rlich machte er einen Schritt zur�ck. Er w�nschte, er h�tte nicht hinabgesehen.</p><p>�Das ist Wahnsinn, Vivana. Einfach Wahnsinn.�</p><p>Sie sa� bereits auf Ruacs R�cken. Der Lindwurm schien es kaum abwarten zu k�nnen, endlich loszufliegen. �Steig auf und halte dich an mir fest.�</p><p>Er r�hrte sich nicht von der Stelle.</p><p>�Vertrau mir�, sagte sie.</p><p>Liam gab sich einen Ruck und kletterte hinter sie, setzte sich zwischen zwei R�ckenstacheln und winkelte die Beine so an, dass Ruac ungehindert seine Fl�gel bewegen konnte. Die Oberschenkel presste er fest gegen die Schuppenhaut, und die Arme schlang er um Vivanas Taille.</p><p>Unruhig scharrte Ruacs Schwanz �ber den Boden. Er hatte die Fl�gel so weit entfaltet, wie es der enge Frachtraum erlaubte.</p><p>�Kann's losgehen?�, fragte Vivana.</p><p>�Ich wei� nicht. Keine Ahnung. Vielleicht warten wir lieber noch einen Moment...�</p><p>�Los!�, rief sie und klammerte sich an Ruacs Hals fest.</p><p>Der Lindwurm schoss nach vorne, Liam presste sich an Vivana und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar � und dann waren sie pl�tzlich drau�en in der Luft. Wirbelnde B�en h�llten sie ein, und Liam sp�rte, wie die g�hnende Tiefe an ihnen saugte.</p><p>Ruac fiel wie ein Stein.</p><p><emphasis>Wir sind zu schwer!,</emphasis> durchfuhr es Liam, bevor die Panik jeden seiner Gedanken wegsp�lte und er nichts mehr tun konnte als zu schreien, zu schreien, bis er heiser war.</p><p>Er erwartete, jeden Moment auf der betonharten Oberfl�che des Meeres zerschmettert zu werden. Doch pl�tzlich verlangsamte sich ihr Fall, und er h�rte das gleichm��ige <emphasis>Wapp-Wapp-Wapp</emphasis> schlagender Fl�gel.</p><p>Vorsichtig �ffnete er die Augen. Sie schwebten irgendwo im Nichts, fielen nicht, stiegen aber auch nicht auf. Trotz der Eisesk�lte schwitzte Liam am ganzen K�rper. Er sp�rte, wie sich Ruacs m�chtige Muskeln im Takt des Fl�gelschlags unter den Schuppen bewegten. Offenbar gew�hnte sich der Lindwurm allm�hlich an das zus�tzliche Gewicht zweier Reiter und bekam die Lage unter Kontrolle.</p><p>Sie waren gut dreihundert Fu� gefallen. Hoch �ber ihnen tobte die Schlacht. Es regnete Tr�mmer.</p><p>�Da lang, Ruac!�, rief Vivana und deutete auf dir <emphasis>Jaipin</emphasis>, die sich, verfolgt von der <emphasis>Ph�nix,</emphasis> inzwischen �ber der Hafenzufahrt Bradosts befand.</p><p>Ruac flog in die Richtung, erst m�hsam und schwerf�llig, dann immer schneller. Liam erinnerte sich, wie Vivana ihren ersten Flug mit dem Lindwurm beschrieben hatte: <emphasis>Am Anfang hatte ich schreckliche Angst, aber dann war es einfach wundervoll.</emphasis> Liam entspannte sich ein wenig. Er sp�rte, dass er Ruac vertrauen konnte und der Lindwurm niemals zulassen w�rde, dass Vivana oder er herunterfielen. Trotzdem war er weit davon entfernt, die ganze Angelegenheit �wundervoll� zu finden.</p><p>Er klammerte sich an Vivana fest und kniff die Augen gegen den Wind zusammen.</p><p>Sie flogen auf die Steilklippen zu, und Liam sah Vorod Khorojs Palast aufblitzen, bevor die schwimmende Insel zwischen den Felsen verschwand und der verwinkelte Komplex der Aetherk�chen unter ihnen vorbeizog. Er versp�rte Erleichterung beim Anblick all der vertrauten Geb�ude, Stra�en und Br�cken, denn ein Teil von ihm hatte gef�rchtet, seine Heimatstadt k�nnte w�hrend ihrer Abwesenheit von den D�monen zerst�rt worden sein und nicht mehr existieren.</p><p>Ruac holte langsam zur <emphasis>Ph�nix</emphasis> auf. Als sie noch ungef�hr eine Viertelmeile entfernt waren, h�rte Liam den Kanonendonner des riesigen Luftschiffs. W�hrend es die <emphasis>Jaipin</emphasis> verfolgte, schoss es aus allen Rohren, und Khoroj, oder wer auch immer gerade am Steuer sa�, versuchte auszuweichen, indem er einen wilden Schlangenlinienkurs fuhr.</p><p>Mit knappen Befehlen dirigierte Vivana Ruac zur <emphasis>Ph�nix</emphasis>. Offenbar wollte sie den Lindwurm dazu bringen, das Luftschiff zu besch�digen und es wie bei ihrer Flucht aus Bradost zur Landung zu zwingen.</p><p>Wegen seiner Last war Ruac nur geringf�gig schneller als die <emphasis>Ph�nix</emphasis>. Pro Minute schrumpfte der Vorsprung des Flaggschiffs lediglich um ein paar Schritt. W�hrenddessen folgten sie dem Lauf des Rodis, und Liam erblickte das Hafenviertel, die Grambeuge, die Chim�renbr�cke. Der verw�stete Kessel tauchte zwischen den H�geln auf. Bevor er dazu kam, die gewaltige Erdspalte zu betrachten, zuckte ein Blitz gef�hrlich nah an ihnen vorbei.</p><p>�Sie schie�en auf uns!�</p><p>�Ist mir nicht entgangen�, bemerkte Vivana.</p><p>�Warum macht Ruac sich nicht unauff�llig?�</p><p>Anstelle einer Antwort befahl sie dem Lindwurm, steil nach unten abzutauchen. Wind rauschte Liam in den Ohren. Noch ein Blitz zuckte durch die Luft, doch er verfehlte sie weit. Kurz darauf konnten die Kanoniere auf der Plattform der <emphasis>Ph�nix</emphasis> nicht mehr auf sie zielen, denn das eigene Heck war ihnen im Weg.</p><p>�Er kann sich nicht unauff�llig machen � der Flug kostet ihn zu viel Kraft�, rief Vivana. �Oder er ist es l�ngst, aber uns beide sehen die Sch�tzen trotzdem.�</p><p>Wenn das stimmte, musste sich den Kanonieren ein bizarres Bild bieten: zwei Leute, die aneinandergeklammert und mit gespreizten Beinen durch die Luft sausten. Unter anderen Umst�nden h�tte Liam laut dar�ber gelacht.</p><p>Jetzt allerdings war ihm nicht nach Lachen zu Mute. W�hrend Ruac im toten Winkel der <emphasis>Ph�nix</emphasis> aufstieg und sich dem Luftschiff von schr�g unten n�herte, sah er, dass die <emphasis>Jaipin</emphasis> getroffen worden war. Mindestens zwei L�cher klafften in ihrer H�lle, und das kleine Schiff verlor betr�chtliche Mengen an Aether. Seine Fahrt verlangsamte sich bereits. Nicht mehr lange, und die <emphasis>Ph�nix</emphasis> w�rde nah genug herangekommen sein, um es gezielt unter Feuer zu nehmen und zu vernichten.</p><p>Jenseits der Chim�renbr�cke flogen sie Richtung Nordwesten, auf die Alte Festung zu. Die Luft �ber der Tr�mmerlandschaft des Kessels war voller Rauch, der Liam in der Kehle brannte. Ruac befand sich nun dicht unter der <emphasis>Ph�nix</emphasis> und flog mal nach links, mal nach rechts. Offenbar wusste er nicht, wie er das Luftschiff angreifen sollte, ohne seine beiden Reiter zu gef�hrden.</p><p>�Er muss nach oben fliegen!�, rief Liam.</p><p>�Aber dann schie�en sie wieder auf uns.�</p><p>�Das m�ssen wir riskieren.�</p><p>Vivana gab Ruac den entsprechenden Befehl, und der Lindwurm schwenkte zur Seite, schlug kraftvoll mit den Fl�geln und stieg neben der H�lle der <emphasis>Ph�nix</emphasis> auf. Liam legte den Kopf in den Nacken. Die Kanoniere auf der Plattform starrten weiterhin zum Heck des Schiffs und hatten sie noch nicht bemerkt.</p><p>�Liam � da!�, rief Vivana.</p><p>Sie deutete auf mehrere schwarze Schemen, die vom Magistratspalast aufstiegen und sich ihnen n�herten.</p><p>�O Gott, das sind Verschlinger!�, stie� Liam hervor.</p><p>�Es sieht ganz so aus, als h�tten sie es auf uns abgesehen.� Vivana lie� Ruac wieder unter das Luftschiff fliegen. Die schwarzen Riesenv�gel, f�nf an der Zahl, kr�chzten unheilvoll und f�cherten auf, offenbar in der Absicht, Ruac von mehreren Seiten anzugreifen. Der Lindwurm br�llte zornig und schnappte nach einem Verschlinger, der an ihm vorbeischoss, verfehlte ihn jedoch.</p><p>Gleichzeitig flog von links ein zweiter D�monenvogel heran. Er �ffnete den dolchspitzen Schnabel und spreizte wie ein Greifvogel die Klauen, und Liam konnte die boshafte Intelligenz in seinen Augen sehen, ehe ihn ein Fl�gel im Gesicht traf und ihn zwang, den Kopf wegzudrehen. Er beugte sich nach vorne und sch�tzte Vivana mit seinem K�rper, sodass er nicht mitbekam, was als N�chstes geschah. Ruac erhielt einen heftigen Sto�, und Liam spannte seine Oberschenkel an, um nicht abgeworfen zu werden. Dann schien der Verschlinger verschwunden zu sein.</p><p>Liam sah, dass Ruac verletzt worden war. Dunkles Blut floss aus einer tiefen Wunde, die sich an der Stelle befand, wo der Fl�gel mit dem Rumpf verbunden war. Der Lindwurm br�llte vor Schmerz und schien Schwierigkeiten zu haben, die Schwinge zu bewegen.</p><p>�Vivana!�, rief Liam.</p><p>�Ich habe es gesehen. Ruac h�lt das nicht lange durch. Wir m�ssen landen.�</p><p>Die f�nf Verschlinger umkreisten sie in sicherer Entfernung. Offenbar hatten sie begriffen, dass Ruac so gut wie besiegt war, und wollten sich nicht in unn�tige Gefahr begeben, indem sie ihn noch einmal attackierten.</p><p>Ruac selbst war zu schwach und zu langsam, um zum Gegenangriff �berzugehen; es kostete ihn all seine Kraft, in der Luft zu bleiben und nicht abzust�rzen. Trotzdem sanken sie unaufhaltsam dem Erdboden entgegen.</p><p>Mit schreckgeweiteten Augen betrachtete Liam die Ruinen, �ber die sie hinwegflogen. Nichts als Tr�mmer und Asche. Nirgendwo waren Menschen zu sehen. Am Ende einer Gasse erblickte er eine Barriere aus Sands�cken und Stacheldraht und dahinter Soldaten.</p><p>�Versuch, in der Altstadt zu landen!�, br�llte er. �Im Kessel sitzen wir in der Falle.�</p><p>Das Rauschen des Windes, Ruacs Gebr�ll und das Kr�chzen der Verschlinger waren so laut, dass er nicht sagen konnte, ob Vivana ihn geh�rt hatte.</p><p>Das Blut aus Ruacs Wunde glich einen d�nnen Schweif aus Spr�hnebel.</p><p>D�cher rasten unter ihnen dahin, Schutthaufen, ru�geschw�rzte Mauern, manchmal so dicht, dass Liam f�rchtete, sie w�rden sie rammen. Die Kupferstra�e kam in Sicht � sie lag au�erhalb der Stra�ensperren und verhie� Sicherheit vor den D�monen.</p><p>Noch f�nfzig Schritt.</p><p>Vierzig.</p><p><emphasis>Wir schaffen es nicht,</emphasis> dachte Liam panisch. Er konnte sp�ren, dass Ruac H�llenqualen litt. Der Lindwurm steuerte eine Stra�e an, die weitgehend frei von Tr�mmern und anderen Hindernissen war, legte die Fl�gel an � und landete.</p><p>Es war keine elegante Landung. Sie schlitterten �ber das Kopfsteinpflaster, Ruac suchte erfolglos mit den Krallen nach Halt, drehte sich und schoss auf eine niedrige Mauer zu. Keinen halben Herzschlag vor dem Zusammenprall riss Liam Vivana vom R�cken des Lindwurms. Hart schlugen sie auf der Stra�e auf und rollten �ber den Boden.</p><p>Dumpfer Schmerz f�llte Liams Sch�del aus, �berlagerte alle Gedanken � bis auf einen: Er durfte nicht liegen bleiben. Wenn er liegen blieb, holten ihn die D�monen. Taumelnd richtete er sich auf Vivana lag neben ihm, st�hnte.</p><p>�Du musst aufstehen.�</p><p>Als sie nicht reagierte, schob er die H�nde unter ihre Achseln, zog sie hoch. Langsam kam sie zu sich.</p><p>�Bist du verletzt?�</p><p>Sie gab keine Antwort, blinzelte nur. Dann fuhr sie herum. �Ruac!�</p><p>Sie wankte zu dem Lindwurm, der benommen vor der Mauer lag. Die Wunde an seinem Fl�gel blutete st�rker.</p><p>Liam hob den Kopf. Die Verschlinger kreisten �ber ihnen und kr�hten angriffslustig. �Wir m�ssen fort, zu der Stra�ensperre da vorn.�</p><p>�Aber da sind Soldaten!�</p><p>�Willst du lieber den D�monen in die H�nde fallen?�</p><p>Sie gingen los. Humpelnd kroch Ruac neben ihnen her. Offenbar hatte er sich auch den rechten Fu� verletzt.</p><p>Liam blickte zum Ende der Gasse, sah jedoch nur ausgebrannte Ruinen, keine Stra�ensperre. Sie waren nicht dort, wo er gedacht hatte. Er musste bei der Landung die Orientierung verloren haben.</p><p>�Wo m�ssen wir hin?�, fragte Vivana.</p><p>�Da lang, glaube ich.�</p><p>Als er sich gerade in Bewegung setzen wollte, landeten die Verschlinger auf den umliegenden D�chern und Ruinen, bereit herabzusto�en, wenn sie auch nur einen Schritt wagten.</p><p>Liam griff zu seinem Messer. Er wusste, dass sie keine Chance gegen die Riesenv�gel hatten, trotzdem war er entschlossen zu k�mpfen. Er w�rde lieber sterben, als sich noch einmal D�monen auszuliefern.</p><p>Vivana griff nach einem Stein, umschloss ihn fest mit den Fingern. Ruac �ffnete sein Maul und fauchte mit letzter Kraft.</p><p>Fratzen erschienen zwischen den Ruinen, Hundsk�pfe und geh�rnte Sch�del. D�monen krochen aus �ffnungen und L�chern und kreisten sie ein.</p><empty-line/></section><section><title><p>39</p><empty-line/><p><emphasis>Der Absturz</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>J</strong>ackon wurde in seinem Sessel hin- und hergeworfen, als Khoroj die <emphasis>Jaipin</emphasis> in einem halsbrecherischen Zickzack-Kurs �ber die Ruinen des Kessels steuerte. Jedes Mal, wenn die Kanonen der <emphasis>Ph�nix</emphasis> donnerten oder hinter ihnen das grellwei�e Licht eines Blitzes aufflackerte, erwartete er, ein Treffer w�rde die Gondel aufrei�en oder das kleine Luftschiff so schwer besch�digen, dass sie in den Tod st�rzten.</p><p>Er klammerte sich an den Armlehnen fest und machte sich so klein wie m�glich. Am schlimmsten war, dass er nichts unternehmen konnte, um sich zu sch�tzen. Seine Gef�hrten und er sa�en in der zerbrechlichen Gondel gefangen, dem Zufall ausgeliefert, und konnten nur beten, dass sie irgendwie mit heiler Haut davonkamen.</p><p>�Wir verlieren zu viel Aether�, sagte Khoroj gepresst. �Lange k�nnen wir uns nicht mehr in der Luft halten.�</p><p>�In ein oder zwei Minuten sind wir �ber der Altstadt�, erwiderte Quindal. �Dann kannst du uns runterbringen.�</p><p>�Und wie? Die <emphasis>Ph�nix</emphasis> wird uns zermalmen, wenn ich das Tempo verringere.�</p><p>Der S�dl�nder sagte noch etwas, doch es wurde von lautem Krachen �bert�nt. Jackon zuckte zusammen. Ein Treffer! Die <emphasis>Jaipin</emphasis> sackte einige Schritt nach unten, als w�re sie in ein Luftloch gefallen. Offenbar hatten sie eine weitere Traggaszelle verloren.</p><p>Einer der Leibw�chter st�rzte herein und redete hektisch auf Khoroj ein.</p><p>�Was sagt er?�, wollte Quindal wissen.</p><p>�Liam und Vivana folgen uns � sie reiten auf Ruac.� Khoroj stierte geradeaus und hielt das Steuer mit beiden H�nden fest. �Offenbar versuchen sie, uns zu helfen. Aber sie scheinen in Schwierigkeiten zu sein.�</p><p>Wie auf Kommando �ffneten Jackon, Quindal und Lucien ihre Sicherheitsgurte und st�rzten in den Korridor.</p><p>�Hiergeblieben!�, rief Khoroj. �Da hinten ist es zu gef�hrlich!�</p><p>Weder Jackon noch Quindal oder Lucien h�rten auf ihn. So schnell es in der schwankenden Gondel m�glich war, hasteten sie zum Heck.</p><p>Der Aufenthaltsraum war v�llig verw�stet. Die Scheiben waren zersprungen, �berall lagen Glassplitter und Schrotkugeln. Ein Blitz hatte W�nde und M�bel versengt.</p><p>Das Rauschen des Fahrtwindes vereinte sich mit dem Dr�hnen der Motoren zu einem einzigen Get�se. Die silberne Bugspitze der <emphasis>Ph�nix</emphasis> f�llte einen gro�en Teil des Himmels aus, umweht von den goldenen Aetherschwaden, die aus der H�lle der <emphasis>Jaipin</emphasis> drangen. Das gewaltige Luftschiff war so dicht hinter ihnen, dass Jackon die Kanoniere oben auf der H�lle sehen konnte. Sie luden die Gesch�tze nach.</p><p>Er hielt sich an Tischen und B�nken fest, w�hrend er sich zum Fenster vork�mpfte. Es dauerte nicht lange, bis er Ruac entdeckte: Der Lindwurm mit Liam und Vivana auf seinem R�cken flog schr�g unter der <emphasis>Ph�nix</emphasis>, nur wenige Schritt �ber den D�chern. Mehrere schwarze Schemen hatten sie eingekreist.</p><p><emphasis>D�monen!,</emphasis> dachte Jackon voller Grauen.</p><p>Eisiger Wind zerzauste sein Haar, als er sich am Fensterrahmen festklammerte und nach vorne beugte.</p><p>�Ruac ist verletzt!�, schrie er. �Sie st�rzen ab!�</p><p>Lucien packte ihn an den Schultern und zog ihn zur�ck.</p><p>�Sieh doch!� Jackon riss sich los. �Wir m�ssen ihnen helfen!�</p><p>�Wir k�nnen nichts f�r sie tun. Jetzt bleib hier, oder willst du dich zu Tode st�rzen?�</p><p>Schweigend standen sie an dem zerschmetterten Fenster und schauten dabei zu, wie Ruac von den D�monen �ber die D�cher gejagt wurde. Als der Lindwurm unbeholfen in einer Gasse landete und auf eine Mauer zuschlitterte, murmelte Quindal einen lautlosen Fluch.</p><p>Im n�chsten Moment verschwanden Ruac, Liam und Vivana hinter ru�geschw�rzten Gem�uern.</p><p>Das Donnern einer Kanone erinnerte Jackon daran, dass auch sie sich immer noch in t�dlicher Gefahr befanden. M�ndungsfeuer schoss aus dem Buggesch�tz der <emphasis>Ph�nix</emphasis>, Holz barst, Splitter flogen umher. Jackon taumelte zur�ck und fiel hin. Keine zwei Schritt von ihm entfernt war ein Loch in der Gondelwand aufgerissen, so gro� wie der Tisch.</p><p>�Zur�ck zur Br�cke!�, keuchte Quindal und half Jackon beim Aufstehen.</p><p>Ein Sto� ersch�tterte die <emphasis>Jaipin</emphasis>, als sie noch einmal getroffen wurde. Abermals sackte sie ein St�ck in die Tiefe. Jackon prallte gegen die Korridorwand, rappelte sich auf und k�mpfte sich zur Br�cke vor.</p><p>�Gerade hat sich die f�nfte Traggaszelle verabschiedet�, stie� Khoroj hervor. �Festhalten! Wir gehen runter.�</p><p>Jackon klammerte sich an der Sessellehne fest und sah zu seinem Entsetzen, dass sie sich noch h�chstens zwanzig, drei�ig Schritt �ber der Stadt befanden. D�cher rasten unter ihnen dahin, Wetterfahnen, Erkert�rmchen. Die Motoren der <emphasis>Jaipin</emphasis> gaben einen hohen, heulenden Ton von sich. Die gesamte Gondel vibrierte. Khorojs Leibw�chter arbeiteten fieberhaft an den H�henrudern, doch es gelang ihnen nicht, den steilen Sinkflug aufzuhalten.</p><p>Jackon st�rzte zu Boden, als das Luftschiff einen Kamin streifte, und purzelte �ber Quindal, der ebenfalls das Gleichgewicht verloren hatte. M�hsam zog er sich am Handlauf hoch.</p><p>Die <emphasis>Jaipin</emphasis> schoss eine Stra�e entlang. Leute flohen vor ihnen.</p><p>Khoroj schrie etwas. Krachend prallte das Schiff auf den Boden, h�pfte hoch wie ein Gummiball, setzte abermals auf und schlitterte �ber das Pflaster. Drehte sich und schrammte mit der zerfetzten Heckspitze an den Fassaden entlang. Rasierte Ladenschilder und Balkone ab.</p><p>Das Letzte, was Jackon sah, bevor er erneut hinfiel, war die Front eines Stadthauses, die rasend schnell n�her kam.</p><p>Mit ungeheurer Wucht rammte die <emphasis>Jaipin</emphasis> das Geb�ude. Jackon rollte �ber den Boden, suchte vergeblich nach Halt und stie� sich den Kopf an. Ihm wurde schwarz vor Augen.</p><p>Als er Sekunden sp�ter wieder zu sich kam, herrschte Stille. St�hnend drehte er sich auf den R�cken. Er konnte Arme und Beine bewegen, und au�er seinem Kopf tat ihm nichts weh. Wie es schien, war er mit einem Schrecken davongekommen.</p><p>Auf der anderen Seite der Br�cke rappelte sich Lucien auf, offenbar unverletzt, genau wie die beiden Leibw�chter, die ebenfalls nur ein paar blaue Flecken und Schrammen davongetragen hatten.</p><p>�Mein Bein�, �chzte Quindal mit schmerzverzerrtem Gesicht.</p><p>Schwankend stand Jackon auf und hielt sich die pochende Stirn. Vorod Khoroj sa� noch in seinem Sessel. Sein Kopf war auf das Armaturenbrett gesunken. Er blutete und schien ohnm�chtig zu sein � oder tot.</p><p>�Wir m�ssen sofort hier raus�, sagte Lucien. �Hilf mir mit Nestor.�</p><p>Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als ein Blitz das zerschmetterte Heck der <emphasis>Jaipin</emphasis> traf. Holz ging in Flammen auf.</p><p>Erf�llt von neuer Panik legte Jackon Quindal einen Arm um die Taille und half ihm gemeinsam mit Lucien beim Aufstehen. Der Erfinder st�tzte sich auf sie und biss die Z�hne zusammen.</p><p>�Kannst du gehen?�, fragte Lucien.</p><p>�Ich glaube, es ist gebrochen.�</p><p>Khorojs Leibw�chter hoben den S�dl�nder aus dem Sessel und nahmen ihn in die Mitte. Er �ffnete die Lider einen Spalt und st�hnte leise, wie Jackon erleichtert bemerkte. Er war also nicht tot, aber zweifellos schwer verletzt.</p><p>Sie machten sich nicht die M�he, die Verwundeten zur Einstiegsluke zu tragen. Lucien gab der besch�digten Gondelwand einen Tritt, ein Holzpaneel brach heraus, und sie zw�ngten sich durch das Loch.</p><p>Drau�en auf der Stra�e blickte Jackon nach oben. Die <emphasis>Ph�nix</emphasis> stand hoch �ber den D�chern. Noch ein Blitz fuhr von der Bugspitze herab, traf die H�lle und setzte die Au�enhaut in Brand.</p><p>�Zum Haus, schnell!�, sagte Lucien. �Und bleibt im Schutz der <emphasis>Jaipin</emphasis>, dann denken sie vielleicht, wir w�ren noch drin.�</p><p>Jackon stellte fest, dass sie Gl�ck im Ungl�ck gehabt hatten: Das Haus, das Khorojs Luftschiff gerammt hatte, stand leer, sodass niemand verletzt worden war. Das brennende Wrack der <emphasis>Jaipin</emphasis> lag wie ein gestrandeter Wal auf der Stra�e und im kleinen Vorgarten � es war mit voller Wucht gegen die Fassade geprallt, was dem massiven Sandsteingeb�ude jedoch kaum Sch�den zugef�gt hatte. Lediglich die Fenster in den ersten beiden Stockwerken waren zerbrochen. Die <emphasis>Jaipin</emphasis> dagegen war nur noch mit viel Phantasie als Luftschiff zu erkennen.</p><p>Lucien stie� die T�r auf, und sie trugen die Verwundeten in den Hausflur. Nachdem sie Quindal und Khoroj auf den Boden gelegt hatten, fiel Jackon pl�tzlich etwas ein.</p><p>�Wir haben Mahoor Shembar vergessen!�</p><p>Lucien schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. �Verdammter Mist! Er ist immer noch in seiner Kabine. Wir m�ssen ihn holen, Jackon. Ich hoffe, er hat den Absturz �berstanden, sonst war alles umsonst.�</p><p>Sie st�rzten nach drau�en.</p><p>Im gleichen Moment erschien eine Gestalt im Loch der Gondel. W�hrend Blitz um Blitz auf die H�lle der <emphasis>Jaipin</emphasis> niederfuhr, kletterte Mahoor Shembar ins Freie und schritt in aller Seelenruhe �ber die Stra�e. Dabei schaute er sich um wie ein neugieriger Tourist. Das herbstlich-tr�be Morgenlicht schien ihn nicht zu st�ren.</p><p>�Hierher!�, rief Lucien.</p><p><emphasis>Dieser wilde Flug mit eurem Wunderapparat war eine au�ergew�hnliche Erfahrung,</emphasis> sagte der Untote, als er zu ihnen trat. <emphasis>Und erst eure k�hne Landung! So viel Aufregung habe ich seit Jahrhunderten nicht erlebt. Ich danke euch.</emphasis></p><p>Jackon fragte sich, ob sich der Nigromant einen Scherz mit ihnen erlaubte. Dann rieb er sich fr�stelnd die Arme. Er w�rde sich nie an die Gegenwart des Untoten gew�hnen.</p><p>Mahoor Shembar blickte zu den D�chern auf. <emphasis>Eine bemerkenswerte Stadt, wirklich. Worum handelt es sich bei diesen Bauwerken? Tempel und Anwesen f�r die hohe Priesterschaft?</emphasis></p><p>�Stinknormale Wohnh�user�, sagte Lucien. �Jetzt komm rein, bevor man dich sieht.�</p><p><emphasis>Wohnh�user,</emphasis> wiederholte der Nigromant, w�hrend er ihnen folgte. <emphasis>Erstaunlich. Das Volk von Bradost muss h�chst seltsame Sitten besitzen, dass es den niederen P�bel in solch ehrw�rdigen Pal�sten wohnen l�sst.</emphasis></p><p>Von einem Fenster aus beobachteten sie die <emphasis>Ph�nix</emphasis>. Das Flaggschiff schoss mehrere Blitze ab, bis von der <emphasis>Jaipin</emphasis> nur noch brennende Tr�mmer �brig waren. Dann drehte es bei und verschwand mit dr�hnenden Motoren hinter den D�chern.</p><p>Jackon atmete auf und schloss f�r einen Moment die Augen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie knapp er gerade dem Tod entronnen war. Es hatte nicht viel gefehlt, und er und seine Gef�hrten w�ren bei dem Absturz zerschmettert oder von den Blitzen der <emphasis>Ph�nix</emphasis> zu Asche verbrannt worden.</p><p>Er wandte sich zu Lucien um, der nach Khoroj sah. Der S�dl�nder war ohnm�chtig geworden. Seine Leibw�chter verbanden die Wunde an seiner Stirn.</p><p>�Wie geht es ihm?�</p><p>�Schwer zu sagen. Ich f�rchte, er hat viel Blut verloren.�</p><p><emphasis>Ich verf�ge �ber beachtliche Kenntnisse in Heilkunst und Medizin,</emphasis> wisperte Mahoor Shembar aus den Schatten. <emphasis>Vielleicht vermag ich zu helfen.</emphasis></p><p>Jackon grauste bei der Vorstellung, dass sich der Untote mit seinen Knochenfingern an Khoroj zu schaffen machte. Lucien schien das gl�cklicherweise �hnlich zu sehen.</p><p>�Das �berlassen wir sch�n seinen Dienern�, sagte der Alb. �Bei ihnen ist er in guten H�nden.�</p><p>Quindal kauerte mit dem R�cken an der Wand und hatte sein verletztes Bein ausgestreckt. �Ihr m�sst Vivana und Liam suchen. Wahrscheinlich brauchen sie eure Hilfe.�</p><p>Lucien nickte. �Jackon und ich gehen sie holen. Ihr wartet hier. Versteckt euch am besten im Keller, f�r den Fall, dass Soldaten oder Spiegelm�nner auftauchen. Unseren Absturz hat man vermutlich meilenweit gesehen.�</p><p>Kurz darauf eilten sie durch die Altstadt. Zu Jackons �berraschung begegnete ihnen kaum eine Menschenseele, obwohl sich um diese Zeit normalerweise die Gassen mit Leuten f�llten, die ihren Gesch�ften und ihrer Arbeit nachgingen. Offenbar wagten sich die Menschen seit dem Auftauchen der D�monen nicht mehr auf die Stra�e. Die wenigen, die sich au�erhalb der eigenen vier W�nde aufhielten, versammelten sich auf den D�chern und beobachteten die Luftschlacht vor der K�ste.</p><p>Es war nicht weit bis zur Kupferstra�e, die die Altstadt vom Kessel trennte. Jackon und Lucien verbargen sich hinter einer Hausecke und beobachteten die Gassen, die von der breiten Allee zum Industrieviertel f�hrten. Jede war mit einer bewachten Stra�ensperre abgeriegelt.</p><p>�Was machen wir jetzt?�, fragte Jackon. �Wenn die Soldaten uns sehen, verhaften sie uns.�</p><p>�Wir gehen durch die Katakomben. Vielleicht haben wir Gl�ck und finden einen Tunnel, der beim Erdbeben nicht eingest�rzt ist. Siehst du die Weberei da dr�ben? In ihrem Keller gab es fr�her einen Zugang.�</p><p>Sie rannten �ber die Stra�e. Von Norden kamen mehrere Soldaten anmarschiert. Rasch schl�pften sie in das Hoftor der Manufaktur und versteckten sich hinter einem Stapel Kisten, bis der Trupp verschwunden war.</p><p>Jackon sah sich um. Die Weberei schien menschenleer zu sein. Im Hof herrschte ein heilloses Durcheinander aus Karren, vom Regen durchweichten Tuchballen und Werkzeug. Offenbar hatten die Arbeiter alles stehen und liegen gelassen, als die D�monen gekommen waren.</p><p>Pl�tzlich trat eine Gestalt aus den Schatten.</p><p>�Umbra�, hauchte Jackon fassungslos.</p><p>�Gro�artig. Die hat uns gerade noch gefehlt.� Lucien zog sein Messer.</p><p>Umbra hob die Arme, als wollte sie sich ergeben, und kam langsam n�her. �Ich will euch nichts tun. Lasst uns reden.�</p><p>�Bleib, wo du bist�, verlangte Lucien barsch und hielt sein Messer so, dass er es jederzeit werfen konnte.</p><p>Jackon bemerkte, dass Umbra verletzt war. Sie konnte den linken Arm nicht so hoch heben wie den rechten, und ihr Wams war oberhalb des Ellbogens blutgetr�nkt. �Warte. Ich glaube nicht, dass sie uns schaden will.�</p><p>�Oh, das glaube ich aber doch�, knurrte Lucien.</p><p>Jackon sp�hte �ber den Kistenstapel. Umbra war stehen geblieben und presste eine Hand auf die Armwunde. �Wieso bist du hier?�</p><p>�Ich habe gesehen, was passiert ist. Deine Freunde, die von D�monen gefangen genommen wurden. Euer Absturz mit dem Luftschiff. Ich will euch helfen.�</p><p>�Liam und Vivana wurden von D�monen gefangen genommen?�, fragte Jackon entsetzt.</p><p>�Sie bringen sie gerade zum Magistratspalast�, antwortete Umbra. �Wenn wir sie retten wollen, m�ssen wir uns beeilen.�</p><p>�Riecht mir verdammt nach einer Falle, wenn du mich fragst�, bemerkte Lucien.</p><p>�Nein. Keine Falle. Ihr habt mein Wort.�</p><p>Insgeheim war Jackon �bergl�cklich, Umbra wiederzusehen. Seit ihrer Flucht aus Bradost hatte er sich das gew�nscht. Doch er durfte sich jetzt nicht von seinen Gef�hlen leiten lassen � daf�r war die Sache zu gef�hrlich. �Warum willst du uns helfen? Wir sind deine Feinde.�</p><p>�Ich will, dass ihr Lady Sarka zur Strecke bringt.�</p><p>Jackon jubelte innerlich. �Du hast herausgefunden, dass es stimmt, was ich gesagt habe, richtig? Die Sache mit dem Mord an deiner Familie und dass Lady Sarka dahintersteckt.�</p><p>�Du hattest Recht. Mit allem.�</p><p>�Hei�t das, du stehst jetzt auf unserer Seite?�</p><p>�Sieht ganz so aus, oder?�</p><p>Jackon konnte nicht anders, als zu ihr zu laufen, obwohl Lucien ihm w�tend befahl dazubleiben. Er st�rmte �ber den Hof und umarmte sie, lachend und weinend zugleich.</p><p>�Na na�, sagte Umbra steif �Kein Grund, gleich loszuflennen, du Mutters�hnchen.�</p><p>Jackon h�rte Lucien derb fluchen und wandte sich zu ihm um. �Jetzt komm schon her. Du hast doch geh�rt, was sie gesagt hat.�</p><p>Der Alb streckte den Kopf hinter dem Kistenstapel hervor und blickte ihn und Umbra finster an. �Sie war eine Dienerin von Lady Sarka und wird es immer bleiben. Ich kann nicht glauben, dass du auf ihre L�gen hereinf�llst.�</p><p>�Lass ihn reden�, meinte Umbra. �Ich schlage vor, wir holen jetzt deine Freunde, in Ordnung?�</p><p>�Warte hier auf uns�, rief Jackon Lucien zu, bevor er ganz wie in alten Zeiten mit Umbra durch das Schattentor trat.</p><empty-line/></section><section><title><p>40</p><empty-line/><p><emphasis>Der D�monenf�rst</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>L</strong>iam war innerlich wie erstarrt, sodass er den Peitschenhieb kaum sp�rte. Er zuckte zusammen, als der Lederriemen auf seinen R�cken klatschte, und stolperte weiter den Weg entlang, flankiert von zwei Kobolden auf schwarzen Reitk�fern, die immerzu kicherten und ihn mit ihren Speeren bedrohten. Der hy�nenk�pfige D�mon hinter ihm grunzte. Sein Atem stank nach Verwesung.</p><p>Es war keine gew�hnliche Furcht, die Liam gepackt hatte, sondern ein allumfassendes Entsetzen, das wie schwarzes Gift jeden Winkel seiner Seele ausf�llte und seinen Verstand zersetzte. Er hatte gedacht, er w�re den Schrecken des Pand�moniums entronnen, h�tte den D�mon, der seinen K�rper gestohlen hatte, besiegt, doch nun holte ihn das Grauen wieder ein, mitten in Bradost, mitten in seiner Heimat. Und er konnte nichts dagegen tun.</p><p>Der Trupp bestand aus mehr als zwanzig Ungeheuern � viel zu viele, um gegen sie zu k�mpfen oder die Flucht zu wagen. Sie hatten Liam und Vivana in die Mitte genommen und zirpten vergn�gt, w�hrend sie ihre Gefangenen vorw�rtsstie�en, die Stra�e zwischen den verlassenen Manufakturen entlang. Ruac hatten sie einen Strick um den Hals gebunden; zwei Kynokephalen zogen ihn, ein dritter schlug mit einer siebenschw�nzigen Peitsche auf ihn ein. Der Lindwurm wehrte sich nicht. Er war so schwach, dass er kaum noch kriechen konnte.</p><p>Liam wusste, was ihnen bevorstand. <emphasis>Sie bringen uns zu ihrem Anf�hrer. Dort werden sie uns foltern, und dann �bernehmen sie meinen K�rper � und ihren auch,</emphasis> dachte er mit Blick auf Vivana, und das Grauen umschloss sein Herz wie eine Knochenhand.</p><p>�O Gott, Liam, sieh mal�, fl�sterte sie.</p><p>Wie in Trance hob er den Kopf. Erst jetzt bemerkte er, dass die D�monen sie zum Magistratspalast gebracht hatten � aber es war nicht der Magistratspalast, den er kannte.</p><p>Eine graue Masse quoll aus Fenstern und T�ren, eine Art Schimmelpilz, der wie Flechten die W�nde �berzog. Wo die wulstigen Fladen abgefallen waren, hatte sich das Mauerwerk ver�ndert, sah fleischig aus und schien kaum merklich zu pulsieren. Die einst gepflegten Rasenfl�chen vor dem Hauptfl�gel hatten sich in sumpfige Schlammpisten verwandelt, aus denen abgestorbene Str�ucher ragten. Auf den Wegen glitzerten stinkende Pf�tzen.</p><p>Bilder einer Burg regten sich in Liams Ged�chtnis. T�rme wie Dornen. Organische Mauern. Eine Festung hoch oben auf einer Felsnadel, um die immerzu der Wind heulte. Er erinnerte sich, dass er dort gewesen war, w�hrend der D�mon seinen K�rper kontrollierte.</p><p>Liam wurde klar, dass der Magistratspalast begann, sich in ein Ebenbild jenes bizarren Bauwerks zu verwandeln. Mit den D�monen war auch ihre kranke Architektur nach Bradost gekommen, die vergiftete Luft des Pand�moniums und all das B�se, das jeden Stein, jedes Staubkorn durchdrang. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Welt der Menschen zu einem �dland aus Asche und F�ulnis wurde, in dem kein Leben existieren konnte.</p><p>Ein weiterer Peitschenhieb traf ihn zwischen den Schulterbl�ttern, und er schleppte sich mit gesenktem Kopf weiter. Die D�monen f�hrten sie ins Innere des Palasts, durch Flure und Hallen, in denen die Verwandlung des Geb�udes schon weit vorangeschritten war. W�nde glitzerten feucht. S�ulen glichen knotigen Str�ngen. Ehemals rechtwinklig geformte R�ume �hnelten gew�lbten Kavernen.</p><p>Schlie�lich gelangten sie in den Parlamentssaal der alten Republik, wo einst der Magistrat zusammengekommen war, um �ber die Geschicke Bradosts zu entscheiden. Die D�monen hatten die gestuften B�nke zerst�rt, die Gem�lde von den W�nden gerissen, die Statuen umgest�rzt. Verbranntes Holz t�rmte sich in den Ecken. Das Buntglas des gro�en Rosettenfensters an der Stirnseite war gesplittert; graues Licht str�mte durch die �ffnung.</p><p>Monstr�se Kreaturen aller Gr��en und Formen dr�ngten sich in den Schatten und starrten Liam und Vivana gierig an.</p><p>Auf dem Stuhl des Lordkanzlers sa� eine junge Frau, eine Sch�nheit mit schwarzen Haaren und mandelf�rmigen Augen. Sie sah Vivana so �hnlich, dass sie ihre �ltere Schwester h�tte sein k�nnen.</p><p>Liam sp�rte die Aura des B�sen, die sie umgab, und wusste sofort, dass er einen D�mon vor sich hatte. Einen D�mon, der einen menschlichen K�rper bewohnte.</p><p>Die Kynokephalen zwangen sie vor dem Podest auf die Knie und richteten ihre Speere auf sie. Ruac fauchte und wurde mit einem Peitschenhieb zum Schweigen gebracht.</p><p>Die junge Frau l�chelte d�nn. �Was f�r eine angenehme �berraschung. Sieht ganz so aus, als w�re heute mein Gl�ckstag.� Sie sprach mit einer Stimme, die schmirgelnd und metallisch und ganz und gar unmenschlich klang. Liam war, als br�chte sie seine Knochen zum Vibrieren.</p><p>�Nachach�, fl�sterte Vivana.</p><p>�Du hast nicht erwartet, mich je wiederzusehen, nicht wahr? Es ist ja auch ein unerh�rter Zufall. Ich sitze hier und denke gerade dar�ber nach, wo sich die M�rder meines Bruders versteckt haben k�nnten, als ihr pl�tzlich an meinem Haus vorbeifliegt. Einfach so. Glaubte ich an solche Dinge, w�rde ich sagen, es ist Schicksal.�</p><p>�Wir haben deinen Bruder nicht ermordet�, erwiderte Vivana. �Tante Livia hat ihn ausgetrieben und ins Pand�monium zur�ckgeschickt, wo er hingeh�rt.�</p><p>�Ihr habt ihn zu einem formlosen Geist gemacht, ohne K�rper, ohne Verstand, ohne eigenen Willen! Das ist schlimmer als der Tod. Er wird Jahrhunderte brauchen, bis er seine einstige Macht zur�ckgewonnen hat.�</p><p>�Das hat er verdient, nach allem, was er Liam angetan hat.�</p><p>Zorn verzerrte das Gesicht des M�dchens zu einer h�sslichen Grimasse, und es stieg die Stufen hinab, wobei es sich seltsam ungelenk bewegte. Der Rock, den es trug, war bis zur H�fte geschlitzt, und Liam sah, dass sein linkes Bein schrecklich deformiert war. Der menschliche K�rper war Nachachs Macht nicht gewachsen und begann, sich dem verdrehten Geist des D�monenf�rsten anzupassen. F�r das M�dchen gab es keine Rettung mehr.</p><p>Nachach baute sich vor ihnen auf, die H�nde krallenhaft gekr�mmt. �Du hast Dutzende meiner Blutsklaven get�tet und versucht, mich zu blenden, und du wagst es, so mit mir zu sprechen! Ich sollte euch vom Schritt bis zur Kehle aufschlitzen und euch an den Ged�rmen an einer Stra�enlaterne aufkn�pfen. Aber das w�re viel zu gn�dig f�r euch zwei Maden. Ich lasse euch foltern, tagelang, wochenlang, bis mir die Ideen f�r neue Qualen ausgehen, und ich verspreche euch: Das kann dauern. Und wenn ich mit euch fertig bin, �bergebe ich euch meinen treuesten Blutsklaven, die sich schon auf zwei so h�bsche junge K�rper freuen. Nicht wahr, Chagak und Ssiri'ssel?�</p><p>Die beiden D�monen, ein vierbeiniger Krieger mit narben�bers�ter Haut und eine schlangenk�pfige Kreatur, zischten voller Vorfreude und stampften mit ihren Lanzen auf.</p><p>Nachach beugte sich zu Liam und Vivana herunter, und der Gestank nach Blut und Verfall, den er verstr�mte, raubte Liam den Atem. �Diesmal werdet ihr mir nicht entkommen�, wisperte er. �Ich werde eure Marter feiern wie ein Fest, eure Schreie werden wie Musik f�r mich sein und eure Verzweiflung der Nektar, an dem ich mich labe.� Er richtete sich auf und hob die Arme. �Sch�rt das Feuer. Holt die Zangen und Messer. Lasst uns beginnen!�, donnerte er.</p><p>Die versammelten D�monen brachen in Jubel aus. Klauenh�nde zerrten Liam und Vivana zu einem Metalltisch, den zwei Kynokephalen hereintrugen.</p><p>�Zuerst der Junge�, befahl Nachach. �Das M�dchen soll zusehen, wie er leidet.�</p><p>Geifer troff Liam auf die Wangen, als die Kreaturen ihn auf den Tisch legten. Er schrie, versuchte sie abzusch�tteln, trat einem spitzohrigen Wicht ins Gesicht, doch schlie�lich �berw�ltigten sie ihn und schlangen Seile um seine Arme und Beine.</p><p>Ruac b�umte sich br�llend auf, und mehrere Schlangend�monen mussten ihn in Schach halten.</p><p>�Was soll mit dem Lindwurm geschehen, o mein Meister?�, zischte ein Kobold und schleckte sein Messer ab.</p><p>�Schlagt ihm den Kopf ab!�, dr�hnte Nachach.</p><p>�Nein!�, schrie Vivana, als Chagak der Krieger die Schlangenwesen zur Seite stie�, eine riesige Schlachtklinge zog und sie �ber Ruacs Hals schwang.</p><p>Liam stemmte sich gegen die H�nde, die ihn auf den Tisch pressten, doch er war der vereinten Kraft der D�monen nicht gewachsen. In diesem Moment verdichteten sich neben einer S�ule in seiner N�he die Schatten, zogen sich zu einem schwarzen Knoten zusammen, in dem zwei Gestalten erschienen.</p><p>Jackon und Umbra.</p><p>Liam war so verbl�fft, dass er jegliche Gegenwehr einstellte. Die �berraschten D�monen wichen vor dem Schattentor zur�ck, sodass pl�tzlich niemand mehr da war, der ihn festhielt.</p><p>Bevor Chagak zuschlagen konnte, hatte Umbra ihre Pistole gezogen und schoss ihm in den Kopf. Der Krieger wankte, lie� das Schwert fallen, seine Beine knickten ein, und er fiel zu Boden.</p><p>Nachach schrie vor Wut. �Worauf wartet ihr?�, br�llte er seine Blutsklaven an. �T�tet sie!�</p><p>Umbra schoss auch ihm in den Kopf. Ohne einen Laut kippte er um.</p><p>W�hrenddessen war Jackon zum Tisch gerannt und half Liam, die Fesseln abzustreifen.</p><p>�Wo kommt ihr auf einmal her?�, sprudelte es aus Liam heraus. �Und Umbra... Ich verstehe nicht...�</p><p>�Sp�ter�, sagte Jackon knapp, ergriff seine Hand und zog ihn zu Vivana, die ebenso �berrumpelt war wie er.</p><p>Nachachs pl�tzlicher Tod hatte die D�monen in eine Art Schockstarre versetzt � zumindest f�r einige Sekunden. Jetzt br�llten sie alle gleichzeitig, z�ckten ihre Waffen und st�rmten los.</p><p>Umbra hatte neben der S�ule ein neues Schattentor erschaffen. �Ruac!�, rief Vivana, und der Lindwurm kroch, so schnell es seine Verletzung zulie�, zu ihr.</p><p>Keinen halben Herzschlag, bevor die D�monen bei ihnen waren, sprangen sie in den Schattentunnel, und Umbra verschloss den Eingang.</p><empty-line/></section><section><title><p>41</p><empty-line/><p><emphasis>Alamanders Fluch</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>L</strong>iam betrachtete die W�nde aus purer Dunkelheit, die seine Gef�hrten und ihn umgaben. Alles war so schnell gegangen, dass ihm erst jetzt klar wurde, wo er sich befand.</p><p>�Was ist das f�r ein komischer Tunnel?�, wandte er sich an Jackon. �Wohin f�hrt er?�</p><p>�Hab keine Angst. Der Schattentunnel bringt uns zur�ck zu Lucien. Bleibt in Umbras N�he, dann kann euch nichts passieren.�</p><p>�Hat sie etwa die Seiten gewechselt?�, fragte Vivana, die mit Ruac dicht hinter ihnen ging.</p><p>�Genau.� Rasch erz�hlte Jackon, was geschehen war, w�hrend sie sich in der Gewalt der D�monen befunden hatten.</p><p>Liam wusste nicht, was er von dieser Geschichte halten sollte. Dass Lady Sarkas langj�hrige Leibw�chterin und Vertraute sich pl�tzlich gegen ihre Herrin wandte und sich ihren einstigen Feinden anschloss, klang einerseits ziemlich unglaubw�rdig. Andererseits hatte Umbra sie gerade unter Einsatz des eigenen Lebens gerettet. Wenn das eine Falle war, dann eine �u�erst unlogische. �Vertraust du ihr?�</p><p>�Ja�, antwortete Jackon. �Und ihr solltet das auch. Unsere Chancen stehen viel besser, wenn sie uns hilft.�</p><p>Umbra, die ein St�ck vor ihnen durch den Schattenkorridor schritt, warf ihnen einen �rgerlichen Blick zu. �Seid leise! Ihr lockt noch eine D�sterkralle an.�</p><p>Wenige Augenblicke sp�ter stie� sie die H�nde in die Tunnelwand, als wollte sie einen Vorhang teilen, und schuf eine �ffnung, durch die Tageslicht hereinstr�mte. Umbra und Jackon traten hindurch, und Liam h�rte die Stimme von Lucien. �Ausgesprochen nett von euch, dass ihr zur�ckgekommen seid�, sagte der Alb bissig. �Wenn es nicht zu viel verlangt ist, warnt mich bitte das n�chste Mal, bevor ihr euch in Luft aufl�st. Ich h�tte auch nichts dagegen gehabt, mitzukommen, nebenbei bemerkt.�</p><p>�Beruhige dich�, sagte Jackon. �Es ist alles gut gegangen. Wir haben sie gerettet.�</p><p>Liam, Vivana und Ruac schoben sich durch den Lichtspalt und fanden sich auf dem Hof einer verlassenen Manufaktur wieder. Liam konnte nirgendwo D�monen entdecken � sie schienen tats�chlich in Sicherheit zu sein. Er atmete auf.</p><p>Lucien war noch lange nicht bes�nftigt. Missmutig be�ugte er Liam und Vivana. �Ist alles in Ordnung mit euch? Hat Umbra euch etwas angetan?�</p><p>�Na klar�, knurrte die ehemalige Leibw�chterin. �Ich rette ihnen den Hintern, nur um ihnen anschlie�end eine reinzuhauen.� Schnaubend �ffnete sie ihre Pulverflasche und lud ihre Pistole nach.</p><p>�Alles bestens�, sagte Liam. �Es geht uns gut. Wir verdanken ihr unser Leben.�</p><p>�Na sch�n�, meinte Lucien. �Dann lasst uns zur�ck zu den anderen gehen � aber ohne sie.�</p><p>�Was?�, fuhr Jackon auf. �Nach allem, was sie f�r uns getan hat? Das ist nicht fair. Au�erdem brauchen wir sie.�</p><p>�Wir kommen sehr gut ohne sie zurecht. Wer wei�, was ihr in den Sinn kommt, wenn sie Lady Sarka begegnet. Vielleicht f�llt ihr pl�tzlich ein, dass sie lieber doch keine �berl�uferin sein will.�</p><p>�Jetzt h�r mir mal zu, Alb�, sagte Umbra barsch. �Ich nehme an, ihr wollt zum Palast. Dort wimmelt es von Spiegelm�nnern. Lady Sarka hat s�mtliche Wachen zusammengezogen, um sich vor den D�monen zu sch�tzen. Ohne mich habt ihr nicht den Hauch einer Chance hineinzukommen. Sie w�rden euch abschlachten, bevor ihr auch nur �ber die Mauer geklettert seid. Entweder vertraust du mir, oder du gehst in den sicheren Tod.�</p><p>Lucien hielt ihrem Blick stand, und Liam konnte beinahe h�ren, wie die Luft zwischen ihnen knisterte. �Gut�, sagte er schlie�lich. �Du bringst uns zu Lady Sarka. Aber glaub ja nicht, du k�nntest uns aufs Kreuz legen. Ich habe ein Auge auf dich.�</p><p>�Die D�monen sollen dein Auge holen.� Umbra wandte sich Jackon zu. �Wo versteckt sich der Rest von euch?�</p><p>�In einem leer stehenden Haus. Am Ende der Greifengasse, glaube ich.�</p><p>�Ich wei�, wo das ist.� In den Schatten zwischen der Hofmauer und dem Kistenstapel �ffnete sie ein neues Tor. �Meine Damen und Herren, wenn ich bitten darf.�</p><p>Sie schritten durch den Tunnel. Liam blickte stur geradeaus und versuchte, nicht auf die huschenden Bewegungen in der Dunkelheit jenseits des schmalen Pfades zu achten. Umbras Art der Fortbewegung mochte unauff�llig und Zeit sparend sein, doch er konnte nicht behaupten, dass sie ihm Spa� machte.</p><p>Vivana dagegen schien sich bereits daran gew�hnt zu haben. Sie stapfte den Korridor entlang, als w�re es der normalste Vorgang der Welt. �Ich muss dich etwas fragen�, wandte sie sich leise an Umbra. �Nachdem wir aus dem Ministerium der Wahrheit geflohen sind, haben mein Onkel Madalin, seine Br�der und seine Kinder die Stadt verlassen. Wei�t du, was aus ihnen geworden ist?�</p><p>�Sie wurden jedenfalls nicht von der Geheimpolizei geschnappt, falls es das ist, was du wissen willst. Corvas' Leute haben sie zwar verfolgt, aber irgendwo in Karst ihre Spur verloren und die Suche schlie�lich abgebrochen, weil sie hier gebraucht wurden. Ich nehme an, sie sind l�ngst in Torle oder im Norden.�</p><p>Vivana wandte sich zu Liam um. �Hast du geh�rt? Sie haben es geschafft!�</p><p>Sie verlie�en den Tunnel in einer dunklen Ecke am Ende der Greifengasse. Als sie sicher waren, dass niemand sie beobachtete, eilten sie zu dem Stadthaus, vor dem das Wrack der <emphasis>Jaipin</emphasis> lag. Von Jackon wusste Liam, dass au�er Vivanas Vater und Khoroj niemand bei dem Absturz verletzt worden war, was ihm jetzt, da er das verbrannte Gerippe sah, wie ein Wunder erschien.</p><p>In einem spinnwebenverhangenen Kellergew�lbe fanden sie den Rest ihrer Gef�hrten. Khorojs Leibw�chter hatten die Kopfverletzung des S�dl�nders mit Kleiderfetzen verbunden. Er war bei Bewusstsein, wirkte jedoch fiebrig und geschw�cht.</p><p>Die Freunde umarmten einander. Quindal war so froh, Vivana wiederzuhaben, dass er beinahe weinte.</p><p>Dann bemerkte er Umbra.</p><p>�Was hat <emphasis>sie</emphasis> hier zu suchen?�</p><p>�Keine Sorge, Paps�, sagte Vivana. �Das geht in Ordnung.� Sie fasste die Ereignisse der letzten Stunde zusammen. Erwartungsgem�� war ihr Vater der ehemaligen Leibw�chterin gegen�ber noch misstrauischer als Lucien. Erst nach einer hitzigen Diskussion sah er widerwillig ein, dass es sie nicht weiterbrachte, Umbra zu fesseln oder fortzujagen.</p><p>�Also gut�, brummte er. �Aber ich warne dich � ich behalte dich im Auge.�</p><p>�Ach, du auch?� Umbra hob eine Braue. �Hoffentlich bekomme ich bei so viel Publikum kein Lampenfieber.�</p><p>�Hat man nach euch gesucht?�, sprach Lucien den Erfinder an.</p><p>�Wir hatten Gl�ck, es war niemand da. Vorods M�nner haben mehrere Soldaten beobachtet, aber sie sind nicht ins Haus gekommen. Offenbar haben sie das Wrack der <emphasis>Jaipin</emphasis> gesehen und uns f�r tot gehalten.�</p><p>�Was sind jetzt eure Pl�ne?�, fragte Umbra ungeduldig.</p><p>Mahoor Shembar trat aus den Schatten jenseits des Treppenaufgangs. <emphasis>Ihr bringt mich zu Lady Sarka, damit ich den Bindezauber aufheben und den Ph�nix befreien kann,</emphasis> wisperte er.</p><p>�Bei allen D�monen!�, keuchte Umbra und riss ihre Pistole aus dem Holster. Bevor sie auf den Untaten schie�en konnte, hielt Liam ihren Arm fest.</p><p>�Nicht! Er geh�rt zu uns.�</p><p>�Was ist das � ein verdammter Ghul?�</p><p>�So �hnlich. Aber er stellt keine Gefahr f�r uns dar. Er hei�t Mahoor Shembar.�</p><p><emphasis>Es ist mir ein Vergn�gen, meine Dame.</emphasis> Der Nigromant neigte knarzend den Kopf.</p><p>Umbra schluckte und steckte ihre Pistole weg. �Wer kommt noch alles mit?�</p><p>Es meldeten sich Liam, Jackon, Vivana und Lucien.</p><p>�Ich w�rde gern, aber ich f�rchte, mit meinem Bein halte ich euch nur auf�, sagte Quindal. �Vorod bleibt ebenfalls hier. Er muss sich ausruhen. Was ist mit deinen M�nnern, Vorod?�</p><p>Der S�dl�nder sa� an der Wand, das Gesicht von einem Schwei�film bedeckt. �Ich f�rchte, sie werden nicht von meiner Seite weichen, selbst wenn ich es ihnen befehle.�</p><p>�Sechs Leute sind ohnehin das Maximum f�r ein Schattentor�, sagte Umbra. �Der Lindwurm muss auch hierbleiben. Aber er w�re uns in einem Kampf sowieso keine gro�e Hilfe.�</p><p>Vivana war einverstanden. �K�nnen Ihre M�nner seine Wunde versorgen?�, fragte sie.</p><p>�Nat�rlich�, antwortete der S�dl�nder leise.</p><p>Viel mehr gab es nicht zu sagen.</p><p>�Dann wollen wir mal�, meinte Lucien.</p><p>W�hrend Umbra ein Tor �ffnete, verabschiedeten sich die Gef�hrten voneinander. Vivana dr�ckte Ruac und ihren Vater an sich. �Viel Gl�ck�, murmelte Quindal, und sein Gesicht war grau vor Angst um sie. �Und seid bitte vorsichtig, versprich mir das.�</p><p>�Versprochen, Paps�, sagte Vivana heiser.</p><p>Ehe Liam den schwarzen Tunnel betrat, wandte er sich noch einmal um, hob die Hand und brachte ein schwaches L�cheln zu Stande. Er versuchte, nicht daran zu denken, dass er Ruac und den alten Erfinder und Khoroj vielleicht zum letzten Mal sah.</p><p>�Wohin bringst du uns?�, fragte Jackon, w�hrend sie dem Schattenkorridor folgten.</p><p>�Zu einem Nebenraum der Bibliothek, wo sich aller Wahrscheinlichkeit nach keine Spiegelm�nner aufhalten�, antwortete Umbra. �Au�erdem steht dort ein Waffenschrank, wo ihr euch mit Pistolen und Munition eindecken k�nnt. Wenn ihr meinen Rat h�ren wollt: Sollten wir Corvas und Amander begegnen, haltet euch nicht mit Reden auf � schie�t. Sie werden es ihrerseits genauso machen.�</p><p><emphasis>Du hast bemerkenswerte F�higkeiten,</emphasis> sagte Mahoor Shembar, und seine Augen gl�hten im Zwielicht. <emphasis>Wo hast du gelernt, dir die Schatten untertan zu machen?</emphasis></p><p>�In der Sonntagsschule.� Umbra �ffnete in der Tunnelwand einen Spalt und sp�hte hindurch. �Die Luft ist rein. Aher seid trotzdem leise.�</p><p>Sie verlie�en das Zwischenreich der Schatten und gelangten in ein Zimmer, in dem sich ein Durchgang zum Hauptraum der Bibliothek befand. Unangenehme Erinnerungen stiegen in Liam beim Anblick der B�cherregale auf. Als er das letzte Mal hier gewesen war, hatte er das Gelbe Buch von Yaro D'ar gefunden und war kurz darauf von Seth ins Pand�monium geschleudert worden.</p><p>Umbra z�ckte einen Schl�sselbund, schloss einen Waffenschrank auf und begann, Pistolen, Munitionstaschen und Pulverflaschen zu verteilen.</p><p>�Danke, ich bleibe bei meinen Messern�, lehnte Lucien ab.</p><p>Vivana und Jackon nahmen jeweils eine Waffe an sich und lie�en sich von Umbra erkl�ren, wie man sie lud. Liam griff nach einem S�bel.</p><p>�Keine Pistole?�, fragte die ehemalige Leibw�chterin. �Ich habe meine Prinzipien.�</p><p>Er registrierte eine Bewegung im Augenwinkel und fuhr mit der Klinge in der Hand herum.</p><p>Eine Gestalt kauerte im Eingang.</p><p>�Keine Angst, das ist nur Primus�, sagte Jackon nach dem ersten Schreck.</p><p>Das Grauen drohte Liam die Kehle zuzuschn�ren. �Nein�, kr�chzte er. �Das ist nicht Primus... das ist Godfrey.�</p><p>Der Aethermann � besser gesagt: das, was von ihm �brig war � kam langsam herein. Sein K�rper war deformiert und bucklig und passte nicht mehr richtig in den Anzug, weswegen das Tweed an mehreren Stellen gerissen war. Tuchfetzen spannten sich �ber verwachsenes Fleisch und graue Haut. Sein linkes Bein wirkte d�nn, schwach und nutzlos; er schleifte es nach und benutzte es nur, um sich abzusto�en, w�hrend er mit dem rechten einen Schritt nach vorne machte und sich dabei wie ein Affe mit beiden H�nden an W�nden und Regalen entlangzog. Liam h�tte ihn nicht erkannt, w�re da nicht Godfreys blasses Gesicht unter der abgewetzten Melone gewesen. Es war ebenfalls entstellt, aber nicht so stark wie der Rest seines K�rpers.</p><p>Keiner der Gef�hrten brachte einen Ton heraus. Umbra dagegen wirkte eher angewidert als entsetzt.</p><p>�Was willst du?�, fragte sie unwirsch.</p><p>Die schmatzende, gluckernde, knarzende Stimme, mit der Godfrey sprach, ersch�tterte Liam noch mehr als der Anblick seines missgestalteten K�rpers.</p><p>�Euch<emphasis>-chch</emphasis> um Vergebung bitten.�</p><p>�Was... Was ist mit ihm passiert?�, wandte sich Liam an Umbra. Er brachte es nicht �ber sich, Godfrey anzusprechen.</p><p>�Lady Sarka � das ist ihm passiert.�</p><p><emphasis>�Sie</emphasis> hat ihm das angetan?�, fragte Vivana mit einem Zittern in der Stimme.</p><p>�Mehr als alles andere habe ich<emphasis>-chch</emphasis> mir einen richtigen K�rper gew�nscht�, kr�chzte Godfrey. �Einen menschlichen K�rper aus Fleisch und Blut. So wie fr�her <emphasis>mtz-</emphasis>vor meinem Unfall. Lady Sarka hat mir versprochen, mich<emphasis>-chch</emphasis> zum Dank f�r meine Dienste mit ihrer alchymistischen Kunst zu heilen. Aber es hat nicht <emphasis>mtz-</emphasis>funktioniert. Sie hat ein Monster <emphasis>mtz-</emphasis>aus mir gemacht.�</p><p>�Oder sie hat es absichtlich getan�, murmelte Umbra. �Inzwischen traue ich ihr alles zu.�</p><p>��Zum Dank f�r meine Dienste��, wiederholte Lucien ver�chtlich. �Du hast uns <emphasis>verraten,</emphasis> Godfrey. Deinetwegen w�ren wir fast get�tet worden. Erwartest du, dass wir Mitleid mit dir haben?�</p><p>�Nein. Ich<emphasis>-chch</emphasis> habe den Lohn bekommen, den ich verdiene.�</p><p>�Beantworte mir eine Frage: Du hast beschlossen, uns Corvas auszuliefern, als du deine Geheimpolizei-Akte gelesen hast, richtig? Was stand in der Akte?�</p><p>Umbra antwortete an Godfreys Stelle: �Die Geheimpolizei hatte die Anweisung, Godfrey bei seinen Aktivit�ten gew�hren zu lassen, solange er Bradost nicht schadete. Corvas wollte ihn nur dann vernichten, wenn er sich zu einer Gefahr f�r Lady Sarka entwickelte. Aber er wusste, dass das sehr schwer werden w�rde. Also hat er beschlossen, ihn zu kaufen, sollte es n�tig werden, und ihm das anzubieten, wonach er sich am meisten sehnte: die Wiederherstellung seines K�rpers.�</p><p>Lucien starrte den Missgestalteten bohrend an. �Stimmt das? Wir waren also der Preis f�r deine Heilung?�</p><p>�Ja. Ich<emphasis>-chch</emphasis> war ein Narr.�</p><p>Liam schluckte. Jetzt war ihm alles klar. Nachdem Godfrey in seiner Akte von Corvas Pl�nen gelesen hatte, musste in ihm die Hoffnung aufgestiegen sein, eine m�chtige Alchymistin wie Lady Sarka k�nne ihm vielleicht seinen Wunsch erf�llen. Eine Hoffnung, die st�rker war als seine Loyalit�t zu Quindal und dessen Gef�hrten � zumal ihre Freundschaft durch die Zerst�rung seines Verstecks Risse bekommen hatte. Also hatte er sich entschieden, sie zu verraten.</p><p>Liam schloss f�r einen Moment die Augen. Godfreys Schicksal war so traurig und entsetzlich, dass er einfach nicht f�hig war, ihn zu hassen. Er w�nschte, der Aethermann h�tte sich ihnen anvertraut, damit sie gemeinsam h�tten versuchen k�nnen, ihm zu helfen. Gewiss w�re es ihnen irgendwie gelungen, das Leid und die Einsamkeit, die ihn qu�lten, zu lindern.</p><p>�K�nnt ihr mir <emphasis>mtz-</emphasis>vergeben?�, kr�chzte Godfrey.</p><p>Lange Zeit herrschte Schweigen, und man h�rte nur Godfreys pfeifenden Atem. Vivana war die Erste, die sprach: �Du wurdest betrogen und get�uscht. Daf�r kannst du nichts. Ja, ich vergebe dir.�</p><p>�Ich auch�, murmelte Liam, und die anderen schlossen sich ihm an, wenngleich Lucien einen Moment z�gerte.</p><p>�Wir m�ssen jetzt weiter�, dr�ngte Umbra.</p><p>�Warte hier auf uns�, sagte Liam zu Godfrey. �Wenn wir Lady Sarka besiegt haben, kommen wir zur�ck und holen dich. Bestimmt f�llt uns etwas ein, wie wir dir helfen k�nnen.�</p><p>�Niemand kann mir jetzt noch helfen. Ich<emphasis>-chch</emphasis> habe nur noch einen Wunsch.�</p><p><emphasis>Bitte nicht,</emphasis> dachte Liam und biss sich auf die Lippe.</p><p>�T�tet mich�, kr�chzte Godfrey.</p><p>�Nein�, fl�sterte Vivana. �Das kannst du nicht von uns verlangen.�</p><p>�Bitte. Ihr m�sst mir diesen Wunsch erf�llen. Ich<emphasis>-chch</emphasis> kann so nicht leben. Ich bin ein Ungeheuer. Die Menschen f�rchten mich. Sogar ihr, mtz-meine Freunde. Und die Schmerzen werden immer schlimmer.�</p><p>�Er hat Recht�, sagte Lucien. �Wir k�nnen ihm diese Gnade nicht verwehren. Es sei denn, du kannst ihn irgendwie zur�ckverwandeln�, wandte er sich an Mahoor Shembar.</p><p><emphasis>Nein,</emphasis> wisperte der Untote. <emphasis>Das �bersteigt meine Macht.</emphasis></p><p>Lucien schaute in die Runde. Die Gef�hrten wichen seinem Blick aus.</p><p>�Tu du es�, sagte Liam mit belegter Stimme. �Ich schaffe das nicht.�</p><p>Mit einem harten Zug um den Mund zog der Alb sein Messer. Einen Augenblick sp�ter war es getan.</p><p>�Ich danke dir, mein Freund�, fl�sterte Godfrey und starb. Jemand klatschte Applaus.</p><p>�Wie r�hrend�, h�hnte Lady Sarka. �Der Verr�ter winselt um Vergebung, und mit Tr�nen in den Augen erl�st man ihn von seinem Elend. Das ist wahre Freundschaft.�</p><p>Sie stand im Hauptraum der Bibliothek, flankiert von Corvas und Amander, die in jeder Hand eine doppell�ufige Pistole hielten.</p><p>�Was seid ihr nur f�r ein erb�rmlicher Haufen. Ihr glaubt allen Ernstes, ihr k�nntet mich besiegen? Niemand kann das. Meine Macht ist viel zu gro�, gr��er noch als Aziels...�</p><p>Umbra schoss. Die Kugel verfehlte jedoch ihr Ziel, denn Lady Sarka verschwand, als h�tte sie sich in Luft aufgel�st.</p><p>�T�tet sie!�, erklang ihre Stimme aus dem Nichts.</p><p>Keine Sekunde sp�ter pfiffen die Kugeln durch die Bibliothek.</p><p>Corvas und Amander gaben jeweils einen Schuss ab und hechteten hinter eine S�ule und eine Vitrine. Liam und seine Gef�hrten gingen links und rechts des Durchgangs in Deckung.</p><p>�Warum hast du nicht den Ph�nix befreit?�, fuhr Lucien Mahoor Shembar an.</p><p><emphasis>So schnell geht das nicht.</emphasis> Der Untote schien nicht die Absicht zu haben, sich an dem Gefecht zu beteiligen. Lautlos verschmolz er mit den Schatten.</p><p>Noch ein Schuss peitschte durch den Raum und traf die Regalwand. �Was machen wir jetzt?�, stie� Liam hervor. �Hier sitzen wir fest!�</p><p>�Zuerst m�ssen wir die T�r zum Kuppelsaal verriegeln�, sagte Lucien. �Wenn die Spiegelm�nner reinkommen, sind wir geliefert. Umbra, ich brauche deinen Schl�ssel. Wenn ich �jetzt� rufe, gebt ihr mir Feuerschutz.�</p><p>Amander kam hinter der Vitrine hervor und gab einen Schuss ab, der �ber Umbras Kopf in den Rahmen des Durchgangs einschlug. Umbra erwiderte das Feuer und zwang ihn, hinter einem Pfeiler in Deckung zu gehen. Daraufhin wurde sie von Corvas beschossen, der sie jedoch verfehlte.</p><p><emphasis>Acht Sch�sse,</emphasis> dachte Liam. Wenn er sich nicht verz�hlt hatte, mussten Corvas und Amander nun nachladen.</p><p>�Jetzt!�, rief Lucien und rannte los.</p><p>Umbra lie� ihren Schatten wachsen und brachte ein Regal zum Umkippen. Amander �chzte, als er von einer Lawine aus schweren B�chern getroffen wurde. Gleichzeitig schossen Vivana und Jackon auf die S�ule, hinter der sich Corvas verbarg. Aus einem der angrenzenden R�ume drang das Klirren von Ketten � der Homunculus Primus, der in seinem K�fig tobte. Der Pistolendonner machte ihn vollkommen verr�ckt.</p><p>Liam riskierte einen Blick in den Hauptraum. Lucien verschloss die T�r zum Kuppelsaal � buchst�blich im letzten Moment: Kaum zog er den Schl�ssel ab, erzitterte die T�r unter den St��en der Spiegelm�nner.</p><p>Flink verschwand Lucien zwischen den Regalen. Gleichzeitig begann Corvas wieder zu feuern, und Liam musste den Kopf einziehen.</p><p>Routiniert f�llte Umbra Schwarzpulver in ihre Pistole und stopfte mit dem Ladestock die Kugeln fest. �Jackon und Vivana, ihr feuert weiter auf Corvas und Amander�, befahl sie. �Wechselt euch ab, damit immer einer schie�en kann, w�hrend der andere nachl�dt. Ich versuche derweil, mit einem Schattentor hinter sie zu gelangen. Und du�, wandte sie sich an Liam, �besorgst dir endlich eine Pistole. Dein S�bel ist hier so n�tzlich wie ein Tortenheber.�</p><p>Vivana legte ihre Waffe auf den Boden. �Das bringt nichts.� Sie griff in ihren Hemdkragen und zog ein zerknittertes Pergament heraus.</p><p>Es war der Zauber, den sie auf der <emphasis>Zhila</emphasis> vorbereitet hatte.</p><p>�Was soll das werden?�, fragte Umbra stirnrunzelnd.</p><p>�Etwas, auf das ich mich schon seit Tagen freue.� Mit grimmiger Miene las sie die Runen, und ihre Lippen bewegten sich stumm.</p><p>Zwei weitere Kugeln schlugen Steinsplitter aus der Wand. Liam h�rte das Bersten von Holz, als die Spiegelm�nner mit ihren Rabenschn�beln auf die T�r einschlugen. Sie bestand aus massiven Balken, dennoch w�rde sie den Homunculi nicht ewig standhalten.</p><p>�Gebt auf�, rief Amander hinter dem Pfeiler. �Ihr k�nnt nicht gewinnen!�</p><p>�Du hast dir die Manusch zum Feind gemacht�, sagte Vivana. �In Torle bist du mit dem Leben davongekommen, aber ich werde daf�r sorgen, dass dieser Fehler behoben wird.�</p><p>Amander lachte, aber es lag ein Hauch Unsicherheit darin. �Du h�ltst dich f�r eine Hexe wie deine Tante, was? Aber sag mir, was hat ihr dieser ganze Manuschhokuspokus am Ende genutzt? Krepiert ist sie, genau wie du gleich krepieren wirst.�</p><p>Vivana schloss die Augen und fl�sterte ein uraltes Wort. G�nsehaut bildete sich auf Liams Armen, als er den Strom der unsichtbaren Energien sp�rte, der sie umfloss. Die Runen begannen zu gl�hen � und dann ging das Pergament in Flammen auf.</p><p>Sie warf es in den Hauptraum. Amander h�rte auf zu lachen und schnappte nach Luft.</p><p>�Wie f�hlt es sich an, wenn sich das Gift in deinem Blut, mit dem du so viele Menschen ermordet hast, pl�tzlich gegen dich wendet?�</p><p>�Was tust du?�, kr�chzte Amander. �H�r auf damit.�</p><p>�Tut mir leid. Das geht nicht, selbst wenn ich es wollte. Aber was hast du? Es ist doch nur Manuschhokuspokus.�</p><p>Liam hielt den Atem an und sp�hte nach drau�en. Amander stand auf und kam hinter dem Pfeiler hervor. Sein Gesicht war eine Grimasse der Qual, seine Hand krampfte sich vor seiner Brust zusammen.</p><p>�Amander!�, sagte Corvas scharf �Geh wieder in Deckung.�</p><p>Der Schwarzhaarige taumelte einen Schritt nach vorne und rutschte beinahe auf den B�chern auf dem Boden aus. Er hielt sich an der S�ule fest, als seine Knie einknickten. �Das ist f�r Tante Livia�, fl�sterte Vivana.</p><p>Blutiger Schaum quoll aus Amanders Mund. Er kippte nach vorne, fiel mit dem Gesicht voran auf den Boden und h�rte auf zu zucken.</p><p>Liam presste die Lippen aufeinander. Amander war ein M�rder, ein Sadist, der den Tod verdiente; trotzdem nahm es ihn mit, den Leibw�chter so qualvoll sterben zu sehen.</p><p>�Schnappen wir uns Corvas, bevor die Spiegelm�nner kommen�, sagte Umbra.</p><p>Der Bleiche lud gerade seine Pistole nach, als Liam und seine Gef�hrten in den Hauptraum der Bibliothek st�rmten. Er warf Waffe und Pulverflasche weg, verwandelte sich in eine Kr�he und flog aus einem offenen Fenster. Umbra feuerte, verfehlte ihn jedoch.</p><p>Mit einem Fluch auf den Lippen wandte sie sich zu Liam, Jackon und Vivana um. �Die T�r, schnell! Verbarrikadiert sie.�</p><p>Liam sah, dass es nur noch eine Frage von Sekunden war, bis die Spiegelm�nner die T�r eingeschlagen hatten. Jackon und Vivana halfen ihm dabei, eine Vitrine voll mit B�chern umzukippen und den Eingang von innen zu blockieren.</p><p>Der Eisendorn eines Rabenschnabels bohrte sich durch das Holz. Der T�rknauf brach ab und kullerte �ber den Boden.</p><p>�Das reicht noch nicht!�, keuchte Liam.</p><p>Jackon und er warfen ein zweites Regal um. Vivana schob einen Tisch heran und verkeilte ihn zwischen den M�belst�cken. Ein Spiegelmann schob seine Hand durch eines der L�cher in der T�r und packte ihren Arm.</p><p>�Liam!�</p><p>Er hob seinen S�bel auf und versetzte der Hand einen kr�ftigen Schlag, woraufhin sie Vivana loslie�.</p><p>Das zerschmetterte Schloss brach aus dem Holz, und die T�r �ffnete sich einen Spalt. Liam und Jackon stemmten sich gegen die Barriere aus M�belst�cken, w�hrend die Spiegelm�nner von der anderen Seite dagegen dr�ckten.</p><p>�Umbra!�, rief Vivana. �Du musst uns von hier wegbringen. Wo ist Lucien?�</p><p>�Hier�, erklang eine schwache Stimme.</p><p>Liam sah den Alb zwischen den B�cherregalen auftauchen. Er schien sich kaum noch auf den Beinen halten zu k�nnen und st�tzte sich auf einem Lesetischchen ab.</p><p>�Bist du verletzt?�, fragte Vivana.</p><p>�Ich habe ganz vergessen, dass dieser Teil des Palasts gegen Schattenwesen abgeschirmt ist. Die Bannsymbole an der T�r und den Fenstern setzen mir zu.� Er verzog das Gesicht.</p><p>Umbra schuf ein Schattentor. �Wo ist der verdammte Ghul?�</p><p><emphasis>Kein Ghul, meine Dame. Ein Wiederg�nger, durch einen machtvollen Fluch an diesen K�rper gebunden und zur Unsterblichkeit verdammt.</emphasis> Mahoor Shembar kam aus dem Nebenraum und schritt durch die Bibliothek.</p><p>�Geht es ein bisschen schneller?�, fauchte Umbra. Sie packte den Untoten am Arm und zog ihn in den Tunnel.</p><p>Der L�rm der Spiegelm�nner verstummte, als sie den Eingang schloss. Liam und Jackon st�tzten Lucien, w�hrend sie dem schattenhaften Korridor folgten.</p><p>�Wie schlimm ist es?�, fragte Liam.</p><p>�Ein paar Minuten l�nger, und ich w�re jetzt tot.�</p><p>Sie verlie�en den Tunnel in einem der vielen leer stehenden Zimmer des Palasts. Liam sp�hte aus der T�r auf den staubigen Flur. Stille. Nirgendwo waren Spiegelm�nner zu sehen.</p><p>Lucien setzte sich in einen abgewetzten Ohrensessel.</p><p>�K�nnen wir etwas f�r dich tun?�, erkundigte sich Vivana besorgt.</p><p>�Gebt mir eine halbe Stunde, dann sollte ich wieder auf den Beinen sein.�</p><p>�Wohin ist Lady Sarka verschwunden?�, fragte Liam.</p><p>�In die Traumlanden�, antwortete Jackon. �Ihre Macht ist inzwischen so gro�, dass sie sie betreten und verlassen kann wie ein Alb.�</p><p>�Kannst du den Bindezauber brechen, wenn sie nicht da ist?�, wandte sich Vivana an Mahoor Shembar, der am Fenster stand und die Stadt betrachtete.</p><p><emphasis>Nein. Der Gegenzauber erfordert, dass ich sie ber�hre.</emphasis></p><p>�Mit anderen Worten�, sagte Liam, �solange Lady Sarka in den Traumlanden ist, k�nnen wir nichts ausrichten. Sie kann sich beliebig lange vor uns verstecken.�</p><p>�Es gibt einen Weg�, sagte Lucien. �Wir m�ssen sie zwingen, die Traumlanden zu verlassen.�</p><p>�Und wie?�</p><p>�Jackon muss sie in den Tr�umen besiegen, so wie er einst Aziel besiegt hat.�</p><p>Jackons Augen weiteten sich. �Aber das kann ich nicht! Sie ist viel zu stark.�</p><p>�Du musst ja nicht allein gegen sie k�mpfen�, erwiderte der Alb. �Ich komme mit. Meine Kr�fte in den Traumlanden sind zwar nicht mehr so stark wie fr�her, aber zu zweit haben wir vielleicht eine Chance gegen sie.�</p><p>Jackon blickte nacheinander Liam, Lucien, Vivana und Umbra an. �Also gut. Ich mache es. Es gibt da nur ein Problem: Wie soll ich einschlafen? Ich bin viel zu nerv�s.�</p><p>�W�rde dir das Bittergras helfen, dass du immer von Lady Sarka bekommen hast?�, fragte Umbra.</p><p>�Ich glaube nicht. Es ist nicht stark genug.�</p><p>�Also brauchen wir ein richtiges Schlafmittel. Ich bringe uns zu Lady Sarkas Labor. Dort bewahrt sie alle m�glichen Substanzen und Tr�nke auf. Da finden wir sicher was f�r dich.�</p><p>�Warte noch ein paar Minuten�, sagte Lucien. �Ich muss bei Kr�ften sein, wenn ich Jackon helfen will.�</p><p>Liam sp�hte durch den T�rspalt. �Ich f�rchte, so viel Zeit haben wir nicht. Ich habe Ger�usche geh�rt. Wahrscheinlich die Spiegelm�nner, die den Palast nach uns absuchen.�</p><p>Der Alb seufzte und stemmte sich hoch. �Also los.�</p><p>Diesmal f�hrte Umbras Tunnel steil abw�rts. Liam und seine Gef�hrten traten durch die �ffnung in der Schattenwand und gelangten in eine H�hle, die von einem fahlen, blauen Gl�hen erf�llt war. Die W�nde waren glatt und transparent wie Eis.</p><p>�Wo sind wir?�, fragte Liam, w�hrend er sich umschaute.</p><p>�In den Glash�hlen unter dem Palastkeller.� Umbra schritt zu einer ger�umigen Nische, worin sich ein Athanor und ein Tisch mit einer alchymistischen Apparatur, bestehend aus allerlei R�hren und Glaskolben, befanden. Sie �ffnete einen Blechschrank und durchsuchte die Tiegel und Trankfl�schchen. �Hier. Ein starkes Beruhigungsmittel. Das sollte gehen. Nimm einen Schluck, aber nicht zu viel, h�rst du? Wir wollen nicht, dass du ins Koma f�llst.�</p><p>Skeptisch betrachtete Jackon die rotbraune Glasphiole, entfernte den Korkpfropfen und setzte sie an die Lippen. Er verzog das Gesicht. �Schmeckt scheu�lich.�</p><p>�Wie jede wirksame Medizin.� Umbra schob die Ger�tschaften vom Tisch. Glas zersplitterte auf dem H�hlenboden. �Leg dich da drauf Etwas Bequemeres haben wir leider nicht.�</p><p>Der Rothaarige streckte sich auf dem Steintisch aus. Die ehemalige Leibw�chterin faltete einen ledernen Schutzumhang zusammen und schob ihn unter seinen Kopf. Das Mittel begann bereits zu wirken: Liam sah, wie Jackon die Lider schwer wurden.</p><p>Lucien trat zu ihm. �Wir treffen uns an deinem Seelenhaus, in Ordnung?�</p><p>�Bis gleich.� Jackon schlief ein.</p><p>�W�nscht mir Gl�ck�, sagte der Alb und verschwand.</p><empty-line/></section><section><title><p>42</p><empty-line/><p><emphasis>Der letzte Kampf</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>V</strong>orsichtig tastete Nestor Quindal �ber sein ausgestrecktes Bein. Er konnte sp�ren, dass der Oberschenkel gebrochen war, genau da, vier Zoll �ber dem Knie. Er verzog das Gesicht, als der Schmerz von Neuem aufflammte.</p><p>Ausgerechnet jetzt lie�en ihn seine alten Knochen im Stich. Nun sa� er da, zur Unt�tigkeit verurteilt, w�hrend Vivana Lady Sarka und ihren Leibw�chtern gegen�bertrat.</p><p>Verdammtes Bein. Verdammte <emphasis>Jaipin</emphasis>. Warum nur hatten sie abst�rzen m�ssen?</p><p>Wenn er wenigstens gewusst h�tte, ob Vivana und die anderen wohlauf waren...</p><p>Er schloss die Augen und wartete, dass der Schmerz verging. In der Ferne h�rte er leisen Kanonendonner.</p><p>Pl�tzlich ertrug er die Enge und die Dunkelheit des Kellers nicht mehr. �Sag deinen M�nnern, dass sie mich nach oben bringen sollen�, bat er Khoroj.</p><p>�Wozu?�, fragte der S�dl�nder.</p><p>�Ich will mich umsehen.�</p><p>Khoroj murmelte etwas, woraufhin einer seiner Leibw�chter Quindal beim Aufstehen half. Mit zusammengebissenen Z�hnen st�tzte er sich auf den muskul�sen Mann und k�mpfte sich die Treppe nach oben.</p><p>�Noch eins�, murmelte er im Erdgeschoss und deutete auf die Stiege zum ersten Stock.</p><p>Stufe f�r Stufe h�pfte er hinauf, der Schmerz war nahezu unertr�glich. Oben, in einem weitl�ufigen Salon, der nichts enthielt au�er br�ckelnden Putz und Spinnweben, lie� er sich zum Fenster f�hren.</p><p>�ber der K�ste tobte die Schlacht. Luftschiffe brannten. Aether str�mte aus zerfetzten H�llen. Blitze zerschnitten den Himmel.</p><p>Ein Schiff, das g�nzlich in Flammen stand, st�rzte ab und sank dem Meer entgegen wie ein gl�hender Meteor. Quindal kniff die Augen zusammen. Die <emphasis>Zhila?</emphasis> Die <emphasis>Ph�nix</emphasis>? Er konnte es nicht erkennen.</p><p>�Da r�ber�, sagte er, und der Leibw�chter f�hrte ihn zu einem anderen Fenster.</p><p>Wie ein steingewordener Schatten �berragte Lady Sarkas Palast die D�cher der Altstadt. Quindals Blick glitt �ber Erker, Fassaden, Wasserspeier.</p><p>Da � ein Flackern im Fenster: das M�ndungsfeuer einer Pistole?</p><p>Sein Mund wurde trocken. <emphasis>Gib auf dich Acht, Vivana.</emphasis></p><p>Und dann tat er etwas, das er schon Jahrzehnte nicht mehr getan hatte.</p><p>Nestor Quindal betete.</p><p>Jackon schritt zielstrebig durch die Phantasmagorien seiner Tr�ume und �ffnete die T�r. Vor seinem Seelenhaus erwartete ihn Lucien.</p><p>Der Alb sah nicht gut aus.</p><p>�Bist du sicher, dass du mir helfen willst?�, fragte Jackon besorgt.</p><p>�Oh, was ich tun <emphasis>will,</emphasis> ist auf meiner Couch liegen und Wasserpfeife rauchen. Aber das w�rde uns nicht weiterbringen, oder?�</p><p>�Nein, ich meine...�</p><p>�Es wird schon irgendwie gehen. Komm, bringen wir es hinter uns.�</p><p>Sie wandten sich zur Stra�e um. Der immerw�hrende Wind war st�rker als sonst. Er riss an ihrer Kleidung und wirbelte Silberstaub �ber die D�cher. Die Seelenh�user sahen aus, als w�re ein Tornado �ber sie hinweggefegt und h�tte Erker, Balkone und Dachziegel mitgerissen. �berall lagen Tr�mmer, zwischen denen herrenlose Tr�ume herumirrten.</p><p>�Es ist furchtbar, oder?�, fl�sterte Jackon.</p><p>�Lass uns zum Palast springen�, erwiderte der Alb m�de.</p><p>�Warte. Ich brauche noch Traumsubstanz.�</p><p>Jackon ging zu einem Seelenhaus, in das ein Bote gerade frische Traumsubstanz geliefert hatte, sch�pfte etwas davon auf und trank sie Schluck f�r Schluck. Er musste sich konzentrieren, damit ihn die Geschmacksexplosion in seinem Mund nicht aus dem Schlaf riss.</p><p>�Wir k�nnen�, sagte er, als er wieder drau�en war. �Soll ich dir helfen?�</p><p>�Ja, das w�re wohl besser.�</p><p>Jackon ergriff Luciens Hand und sprang. Sie landeten vor dem Palasttor.</p><p>�Lady Sarka wird bereits auf uns warten�, sagte der Alb. �Mach dir so viele Tr�ume wie m�glich, damit wir sofort angreifen k�nnen.�</p><p>�Wirst du auch Tr�ume erschaffen?�</p><p>�Aziel hat mir die Macht �ber die Tr�ume genommen, als er mich verbannte. Ich versuche, dich mit meinen Messern zu unterst�tzen.�</p><p>Jackon schloss die Augen. Aus seinen H�nden wuchsen Blasen, fielen zu Boden und formten sich zu Albtr�umen. Kurz darauf war Jackon von mehr als einem Dutzend schrecklicher Monstren umgeben, von ein�ugigen Riesen, klauenbewehrten Schatten, schwarzen Spinnen so gro� wie Pferde.</p><p>�Beeindruckend�, murmelte Lucien. �Aber wird es gen�gen?�</p><p>Jackon blickte zu den blauschwarzen T�rmen und Zinnen auf, w�hrend der Wind sein Haar zerzauste. Schon zweimal hatte sein Schicksal an diesem Ort eine Wendung genommen, und nun w�rde es sich ein f�r alle Mal entscheiden. Zum Guten oder zum Schlechten.</p><p>Er atmete tief durch und schritt an der Spitze seiner albtraumhaften Horde durch das Tor.</p><p>Lady Sarka sa� auf ihrem Thron im Gro�en Saal. Albtr�ume standen in Reih und Glied zwischen den S�ulen, ein undurchdringlicher Wall aus Klauen, Z�hnen und missgestalteten Leibern.</p><p><emphasis>So viele,</emphasis> dachte Jackon, und Grauen kroch sein R�ckgrat hinauf. Es mussten mindestens vierzig sein, einer grausiger als der andere. Nicht einmal Aziel war in der Lage gewesen, eine solche Armee zu kontrollieren.</p><p>Lady Sarkas Augen glitzerten wie Eissplitter. Jackon fragte sich, wie er sie jemals f�r sch�n hatte halten k�nnen. Sie war absto�end in ihrer Makellosigkeit, so perfekt wie behauener Marmor und gleichzeitig so leblos und kalt. Zerfressen von Machtgier, ausgeh�hlt von Hass. Das Feuer des Ph�nix umloderte sie. Sie machte sich nicht mehr die M�he, es zu verbergen. Sie wollte ihn damit verh�hnen.</p><p>�Hast du mir etwas zu sagen, Jackon?�, fragte sie liebensw�rdig.</p><p>Er verlieh seiner Stimme einen festen Klang, obwohl er am liebsten davongelaufen w�re. �Ihr habt den Ph�nix versklavt, die Traumlanden unterworfen und D�monen in unsere Welt geholt. Daf�r werden wir euch bestrafen.�</p><p>Sie l�chelte d�nn. �Ein kranker Alb und ein Schlammtaucher glauben, sie k�nnten die Herrin der Tr�ume herausfordern. Ein ausgezeichneter Scherz. Ich werde dar�ber lachen, w�hrend ich eure kleinen Seelen zerstampfe und in die ewige Nacht schleudere.�</p><p>Br�llend wie ein Orkan st�rmten ihre Albtr�ume los.</p><p>Liam stand am Labortisch, hielt den Atem an und betrachtete Jackon. Stocksteif lag der Rothaarige da, die H�nde zu F�usten geballt. Kalter Schwei� glitzerte auf seiner Stirn. Seine Augen zuckten unter den Lidern. Gelegentlich bewegte sich in seinem Gesicht ein Muskel.</p><p>�Es hat angefangen�, murmelte Umbra.</p><p>�Was geschieht mit Jackon, wenn <emphasis>Lady</emphasis> Sarka ihn in den Tr�umen t�tet?�</p><p>�Wenn er Gl�ck hat, wacht er einfach auf. Wenn nicht, erleidet er schwere seelische Sch�den.�</p><p><emphasis>So wie Nedjo.</emphasis> Fr�stelnd rieb sich Liam die Arme. Er blickte zu Mahoor Shembar, der im Blechschrank ein St�ck Kreide gefunden hatte und damit okkulte Symbole und Ornamente auf die H�hlenwand zeichnete.</p><p>�Wie weit bist du?�, fragte Vivana.</p><p><emphasis>Fast fertig. Etwas Wichtiges fehlt jedoch noch.</emphasis></p><p>Der Untote kam auf Liam zu.</p><p><emphasis>Gib mir deine Hand.</emphasis></p><p>�Wozu?�, fragte Liam voller Unbehagen.</p><p>Anstelle einer Antwort packte Shembar seinen Arm. In seiner anderen Knochenhand hielt er pl�tzlich ein kleines Messer. Der Nigromant bewegte sich so schnell, dass Liam sich weder befreien noch zur�ckweichen konnte.</p><p>�Au! Verdammt, spinnst du?�</p><p><emphasis>Runen aus Blut sind wirksamer.</emphasis> Der Nigromant tauchte seinen Finger in das Blut, das aus dem Schnitt an Liams Unterarm quoll, und schritt zur H�hlenwand zur�ck.</p><p>Liam presste seine Hand auf die Wunde und starrte Shembar finster an. Der Untote schmierte das Blut auf den glasigen Fels und zeichnete einen kleinen roten Halbmond.</p><p>Ferne Ger�usche hallten durch die Tunnel. �Spiegelm�nner!�, stie� Umbra hervor.</p><p>�Was machen wir jetzt?�, fragte Liam. �Wir k�nnen hier nicht weg, solange Jackon schl�ft.�</p><p>�Wir m�ssen uns verbarrikadieren.�</p><p>�Wie, ohne T�ren in den Zug�ngen?�</p><p>Umbra eilte zu einem Hebel an der Wand. Als sie ihn umlegte, sauste aus einem Schlitz in der H�hlendecke, den Liam bisher nicht bemerkt hatte, ein Eisengitter. Auch den zweiten Eingang der Kaverne verschloss sie auf diese Weise.</p><p>Die Ger�usche kamen n�her. Trampelnde Schritte. Eine Bewegung lie� Liam herumfahren.</p><p><emphasis>Ich brauche mehr Blut,</emphasis> wisperte Mahoor Shembar.</p><p>Um Jackon wogten die Albtr�ume, zerfetzten und zerschmetterten einander mit Pranken und Klauen. Eine Riesenspinne sprang einen Oger an und schlug ihm die gifttriefenden Mandibeln in die Kehle, bevor ein riesiger Henker heranst�rmte und sie mit seiner Axt spaltete. Schmerz durchbohrte Jackons Sch�del, so viel Konzentration kostete es ihn, all die wimmelnden Gesch�pfe zu kontrollieren. Wenn einer seiner Nachtmahre vernichtet wurde, erschuf er einen neuen und warf ihn in die Schlacht.</p><p>Lady Sarka lachte.</p><p>Die Flut ihrer Kreaturen nahm kein Ende.</p><p>Lucien wirbelte durch das Get�mmel, wich Angriffen aus und stie� seine Messer in die halbmateriellen Leiber. Jackon sah, wie zwei Gegner Luciens zu roher Traumsubstanz zerliefen, ehe sich die Reihen der Tr�ume wieder schlossen und der Alb im Gew�hl verschwand.</p><p>Jackon wich zur�ck und prallte mit dem R�cken gegen eine S�ule. Er hatte versucht, sich aus dem Kampf herauszuhalten, damit er aus sicherer Entfernung seine Nachtmahre lenken konnte. Doch Lady Sarkas Monster waren einfach zu zahlreich. Sie umzingelten seine Albtr�ume und str�mten durch den Saal, bis auch er sich inmitten des Gefechts wiederfand. Pl�tzlich musste er schnappenden Hornscheren und herabsto�enden Stacheln ausweichen und konnte sich kaum noch konzentrieren.</p><p>Lady Sarka hielt sich nicht damit auf, seine Nachtmahre zu vernichten. Sie wollte ihn t�ten und die Schlacht auf einen Schlag entscheiden.</p><p>Rasch machte sich Jackon einen Helm, einen Brustpanzer, einen Schild und einen S�bel und parierte die Angriffe der Albtr�ume. Einem gefl�gelten Schatten stie� er die Klinge ins Maul, doch kaum hatte sich das Wesen aufgel�st, wurde sein Platz von einem neuen Ungeheuer eingenommen, das ihn mit seiner knochigen Faust traf und zu Boden schleuderte.</p><p>Jackon riss den Schild hoch. Hiebe prasselten auf das Metall.</p><p>�Lucien!�, schrie er.</p><p>Es gelang ihm, sich aufzurappeln. Verzweifelt schlug er mit dem S�bel um sich. Hackte eine Klaue ab und k�pfte einen Ghul.</p><p>Zwei Albtr�ume erstarrten und begannen sich aufzul�sen. Lucien erschien zwischen den zerlaufenden Leibern, in jeder Hand einen Dolch, das Haar schmutzig und schwei�nass. Er blutete aus mindestens einem Dutzend kleinen Wunden. Offenbar verdankte er es allein seiner eisernen Willenskraft, dass er nicht l�ngst vor Ersch�pfung zusammengebrochen war.</p><p>�Du musst hier raus!�, rief der Alb. �Bleib dicht bei mir.�</p><p>Jackon verwandelte seinen S�bel in einen Speer. Seite an Seite k�mpften sie sich voran, bahnten sie sich einen Weg durch die Halle, erschlugen Nachtmahre und wateten durch Pf�tzen aus roher Traumsubstanz. Irgendwann erreichten sie einen Durchgang, den sie leicht gegen die anst�rmenden Horden verteidigen konnten. Jackon konzentrierte sich wieder auf seine Albtr�ume, w�hrend Lucien ihn vor den Ungeheuern besch�tzte.</p><p>Fast die H�lfte seiner Kreaturen war vernichtet worden, als er die Kontrolle �ber sie verloren hatte. Die �brigen warf er mit neuer Entschlossenheit ins Gefecht. Doch inzwischen war die �bermacht so erdr�ckend, dass sie kaum eine Chance hatten. Sie wurden schneller erschlagen, als Jackon neue erschaffen konnte.</p><p>Schritt f�r Schritt mussten Lucien und er in den Gang zur�ckweichen.</p><p>�Wir k�nnen nicht gewinnen!�, keuchte Jackon. �Lady Sarka ist viel zu m�chtig.�</p><p>�Wir geben nicht auf. Halte durch!�</p><p>Der Alb st�hnte auf, als ihn der Stachel eines Dornenmonsters an der Schulter verletzte. Mit zusammengebissenen Z�hnen schlitzte er dem Albtraum den Bauch auf und wirbelte herum, um dem Angriff eines anderen zu entgehen.</p><p>Pl�tzlich zogen sich Lady Sarkas Nachtmahre in die Halle zur�ck. Jackon scharte seine Kreaturen um sich. Es waren sieben an der Zahl. Sie wirkten verloren angesichts der riesigen Horde vor dem Thron.</p><p>�Hast du endlich begriffen, dass du nichts gegen mich ausrichten kannst?�, rief Lady Sarka. �Schau dich an. Du bist schwach. Deine Konzentration l�sst nach. Noch ein Angriff, und meine Albtr�ume werden dich einfach �berrennen. Ich mache dir ein Angebot: Gib auf und t�te den Alb als Beweis deiner Treue. Dann verschone ich dein Leben und nehme dich wieder in meine Dienste. Ich wei� doch, dass du dich insgeheim danach sehnst.�</p><p>�Nein�, sagte Jackon ersch�pft. �Niemals. Ich diene keinem Monster.�</p><p>�Denk gut dar�ber nach. Ich mache dir dieses Angebot kein zweites Mal.�</p><p>�Versuch, sie hinzuhalten�, fl�sterte Lucien ihm ins Ohr. �Ich habe eine Idee.�</p><p>�Eine Idee?�</p><p>�Ich bin so ersch�pft, dass ich dir im Kampf bald keine Hilfe mehr bin. Aber wenn ich dir meine Albenkr�fte �bertrage, kannst du sie vielleicht schlagen.�</p><p>�Deine Albenkr�fte?�, wiederholte Jackon verwirrt. �Ich verstehe nicht...�</p><p>�Wenn ich sie dir schenke, kannst du sie benutzen, als w�ren es deine eigenen. Viele sind es zwar nicht mehr, aber mit etwas Gl�ck gen�gt es.�</p><p>Lady Sarkas Stimme hallte durch den Saal. �Nun, Jackon? Hast du dich entschieden?�</p><p>�Mach dich bereit�, fl�sterte Lucien und nahm seine Hand.</p><p>�Warte! Ist das nicht gef�hrlich? Wenn du mir deine gesamten Albenkr�fte gibst, dann hei�t das doch, dass du...� Eine Woge ungeheurer Energie rollte durch Jackons K�rper. Seine Beine gaben nach, und er fiel zu Boden.</p><p>�Mach sie fertig�, sagte Lucien und verschwand.</p><p>Spiegelm�nner str�mten aus den Schatten und sammelten sich hinter den Gittern. Ihre Masken gl�hten blau. Es waren mindestens f�nfzehn.</p><p>Unwillk�rlich wich Vivana einen Schritt zur�ck. <emphasis>Wir sitzen in der Falle!,</emphasis> durchfuhr es sie.</p><p>Die schwarz gekleideten Gestalten bildeten eine Gasse, durch die Corvas schritt. �Mach das Gitter auf, Umbra�, sagte er kalt.</p><p>Umbra schoss. Der Bleiche zog rechtzeitig den Kopf ein, und die Kugel traf die H�hlendecke.</p><p>�Ergreift sie�, befahl er, woraufhin die Spiegelm�nner begannen, an den Gittern zu r�tteln und mit ihren Rabenschn�beln auf die Eisenst�be einzuschlagen.</p><p>Umbra erschoss einen, dann warf sie ihre Pistole weg. Offenbar war ihr die Munition ausgegangen.</p><p>�Was ist mit Jackon?�, rief Liam, um den L�rm zu �bert�nen. �Wann kommt er endlich zur�ck?� Er presste die Hand auf den Schnitt an seinem Unterarm.</p><p>�Woher soll ich das wissen?� Die ehemalige Leibw�chterin w�hlte in dem Blechschrank. �Jetzt hilf mir verdammt noch mal beim Suchen!�</p><p>�Nach was?�</p><p>��l. Ich will die Bastarde anz�nden.�</p><p>Gerade als Liam zu ihr lief, erschien Lucien. Der Alb taumelte und fiel Vivana vor die F��e.</p><p>Sie st�rzte zu ihm. �Was ist passiert?�</p><p>�Er ist ihr jetzt ebenb�rtig�, murmelte Lucien und l�chelte schwach.</p><p>Vivana wandte sich zum Labortisch um.</p><p>Jackon verschwand.</p><p>Jackon schrie vor Schmerz. Die Energie, die ihn durchfloss, war so intensiv, dass er glaubte, innerlich zu verbrennen. Luciens magische Macht mochte f�r Albenverh�ltnisse schwach sein, aber sie war trotzdem weitaus st�rker als alles, was ein Sterblicher bew�ltigen konnte.</p><p>Ein gew�hnlicher Mensch w�re daran zu Grunde gegangen. Jackon jedoch war kein gew�hnlicher Mensch, er war ein Traumwanderer. Luciens Kr�fte durchdrangen sein Blut, sein Fleisch, seine Knochen und sanken schlie�lich in seine Seele ein, verschmolzen mit seinem Wesen.</p><p>Der Schmerz verschwand so pl�tzlich, wie er gekommen war. Blinzelnd stemmte Jackon seine H�nde auf den Boden und richtete sich auf.</p><p>�Was war das?�, fragte Lady Sarka argw�hnisch. �Was hat der Alb mit dir angestellt?�</p><p>Jackon nahm einen tiefen Atemzug. Er f�hlte sich <emphasis>vollst�ndig.</emphasis> Nahm jeden Sinneseindruck, jedes Ger�usch viel klarer wahr. All seine fr�heren Reisen in die Traumlanden erschienen ihm pl�tzlich seltsam schal, so als h�tte er die Wunder dieses Reichs immer nur durch eine dicke Glaswand betrachtet, gefiltert, ged�mpft und all ihrer Lebendigkeit beraubt.</p><p>Er begriff, dass er nicht mehr nur mit seiner Seele hier war, sondern auch mit seinem physischen K�rper. Mit seinem gesamten Wesen.</p><p>Es f�hlte sich <emphasis>gut</emphasis> an.</p><p>Er schritt in die Halle. Die gegnerischen Albtr�ume sp�rten seine neue Macht und wichen zur�ck.</p><p>�Bleib stehen�, rief Lady Sarka. �Wage es ja nicht, n�her zu kommen!�</p><p>Er erschuf neue Albtr�ume. Was ihn noch vor wenigen Minuten sehr viel Kraft gekostet hatte, ging ihm nun so leicht von der Hand, als t�te er etwas vollkommen Allt�gliches � wie Atmen. Er musste nicht einmal dar�ber nachdenken. Blase um Blase rollte �ber den Boden und wuchs zu einem Nachtmahr heran.</p><p>�Vernichtet sie�, befahl er.</p><p>Die Schlacht begann von Neuem. Doch diesmal herrschten ausgewogene Verh�ltnisse, denn Jackon kontrollierte genauso viele Albtr�ume wie Lady Sarka � und erschuf st�ndig neue. Bald quoll die Halle �ber vor k�mpfenden Monstern, und die Kreaturen st�rzten �ber die Br�stung der Galerie, w�hrend sie einander vernichteten.</p><p>Jackon machte sich eine unzerst�rbare R�stung, st�rzte sich ins Get�mmel, schwang ein Schwert, das aus purem Licht zu bestehen schien, und erschlug Albtr�ume. Zwei. Vier. Sieben. Zehn.</p><p>Es war eine erbitterte Schlacht, ein Gemetzel, gegen das sein Kampf mit Aziel wie eine Rangelei unter Schuljungen wirkte. Trotz seiner neu gewonnenen Kraft verlor Jackon mehr als einmal fast die Kontrolle �ber seine Albtr�ume und gewann sie nur mit �u�erster Konzentration zur�ck. Er parierte Hiebe und wich Zangen und Schattenklingen aus und h�rte auf zu z�hlen, wie oft er um Haaresbreite dem sicheren Tod entronnen war.</p><p>Und dann war das Gefecht pl�tzlich vor�ber.</p><p>Jackon erstach einen Albtraum und fuhr herum, um den Angriffen eines neuen Feindes zu begegnen. Doch es war kein Feind mehr da. In den Ecken der Halle rangen seine Nachtmahre gerade die letzten Gegner nieder. Von den �brigen war nur noch rohe Traumsubstanz �brig. Silberstaub flirrte in der Luft.</p><p>Die R�stung wurde ihm schwer. Jackon lie� sie verschwinden und schlurfte ersch�pft zum Thron.</p><p>Lady Sarka lag auf den Steinstufen. Offenbar war es einem seiner Albtr�ume gelungen, sie zu verwunden: Blut tr�nkte ihr Gewand.</p><p>Als sie ihn entdeckte, versuchte sie davonzukriechen. Die Flammen des Ph�nix wallten auf. Wieder sah Jackon Schwingen und den Kopf eines riesigen Vogels darin, und diesmal war er sicher, dass er sich die leise Stimme nicht einbildete.</p><p><emphasis>Hilf mir.</emphasis></p><p>Er stellte Lady Sarka den Fu� zwischen die Schulterbl�tter, drehte sie auf den R�cken und hielt ihr die Schwertschneide an den Hals. �Ihr seid geschlagen. Ich verbanne euch aus den Traumlanden und verbiete euch, jemals zur�ckzukehren.�</p><p>Hass verzerrte ihr Gesicht. �Du Narr! Du glaubst, du w�rdest die Tr�ume damit retten? Ihr werdet euch noch nach mir zur�cksehnen.�</p><p>Jackon packte sie am Arm und sprang mit ihr in die Wachwelt.</p><p>Die Spiegelm�nner hatten begriffen, dass sie mit ihren Waffen nichts gegen die Eisenst�be ausrichteten. Sie umklammerten die Gitter und versuchten, sie mit vereinten Kr�ften anzuheben. Eines ruckte einen halben Fu� nach oben, als sie es aus der Verankerung im Boden rissen.</p><p>�Sie brechen durch!� Umbra eilte zu Vivana, die neben Lucien kauerte. �Wie viel Munition hast du noch?�</p><p>Fahrig �ffnete Vivana die kleine Ledertasche an ihrem G�rtel. �Acht Schuss. Nein, sieben.�</p><p>�Gib mir vier.�</p><p>Sie tat wie gehei�en, und Umbra lud ihre Pistole.</p><p>�Schie� auf Corvas. Wenn wir ihn erledigt haben, wissen die Spiegelm�nner mit etwas Gl�ck nicht mehr, was sie machen sollen.�</p><p>Vivana nickte. Sie w�nschte, es g�be einen Zauber, mit dem sie Corvas so einfach wie Amander zur Strecke bringen k�nnte. Mit einer Pistole in der Hand f�hlte sie sich weit weniger stark.</p><p>Pl�tzlich erschien Jackon in der Mitte der Kaverne. Eine gekr�mmte Gestalt war bei ihm: Lady Sarka. Er stie� sie zu Boden.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Vivana klar wurde, was das bedeutete.</p><p>�Du hast es geschafft!�, schrie Liam und sprang auf. �Du hast es tats�chlich geschafft!�</p><p>Lady Sarka hob den Kopf und starrte ihn und Vivana und Umbra mit sengendem Blick an. �Ihr denkt, ihr habt mich vernichtet, aber da irrt ihr euch�, fauchte sie. �Niemand kann das. Ich bin unbesiegbar. Unsterblich!�</p><p>Knirschend hob sich das Gitter. Die Spiegelm�nner schl�pften darunter hindurch und str�mten in die Laborh�hle.</p><p>Lady Sarka wollte ihnen entgegenkriechen, doch Mahoor Shembar trat lautlos zu ihr, packte sie mit seiner Knochenhand und dr�ckte sie zu Boden. W�hrend sie vor Entsetzen keuchte, begann er, uralte Silben und Worte zu fl�stern.</p><p>Vivana hielt den Atem an. Die Blut- und Kreiderunen an der Wand gl�hten auf, erstrahlten in wei�em Feuer, als sie die magische Energie des Zaubers b�ndelten.</p><p>Eine Woge aus hei�er Luft rollte durch die Kaverne und warf jeden zu Boden, erst Mahoor Shembar und Jackon, dann die Spiegelm�nner, dann Liam, Umbra und Vivana.</p><p>�Hinter den Tisch!�, br�llte jemand, und Vivana sp�rte noch, wie H�nde sie auf die F��e zogen und sie ein paar Schritte vorw�rtsstolperte.</p><p>Dann wurde die Welt wei�.</p><p>Vivana konnte nicht sagen, wie lange sie hinter dem Steintisch kauerte, ohne etwas zu sehen, ohne etwas zu h�ren, das Gesicht in den Armen verborgen. Irgendwann h�rte sie das Schlagen gewaltiger Schwingen. Sie �ffnete die Augen, kniff sie gegen das blendend helle Licht zusammen und sp�hte �ber den Tisch.</p><p>In der H�hle schwebte der Ph�nix.</p><p>Er bestand aus purem Feuer, ein Gesch�pf von solcher Gr��e und Macht, dass Vivana es kaum wagte, ihn anzublicken. Er war sch�n und schrecklich zugleich.</p><p>Und er war zornig.</p><p>Lady Sarka wich voller Grauen zur�ck, ihre Finger krallten sich in den Fels, als sie sich r�ckw�rts von ihm fortschob.</p><p><emphasis>Yvain Sarka. Du hast mich gefangen, versklavt und meine Kr�fte gestohlen. F�r diesen Frevel geb�hrt dir der Tod.</emphasis></p><p>Die Stimme des Ph�nix lie� die W�nde erzittern. Vivana presste sich die H�nde auf die Ohren und h�rte sie trotzdem.</p><p>�Nein�, wimmerte Lady Sarka. �Bitte. Hab Gnade.�</p><p>Feuer fuhr auf sie herab, h�llte sie von Kopf bis Fu� ein und verwandelte sie in eine menschliche Fackel. Sie versuchte aufzustehen, brach zusammen, w�lzte sich auf dem Felsboden und ruderte verzweifelt mit den Armen. Ihre Schmerzensschreie wurden immer h�her, immer schriller, immer qualvoller, bis sie endlich verstummte. Lady Sarka h�rte auf zu zucken und lag still da, nur noch ein schwarzes Gebilde, das kaum �hnlichkeit mit einem menschlichen K�rper aufwies. Wenige Sekunden sp�ter verschlangen die Flammen die Reste ihres Fleisches und schlie�lich ihre Knochen � und erloschen.</p><p><emphasis>Deine Diener sind aus der Asche geboren. Sie sollen wieder zu Asche werden.</emphasis></p><p>Der Ph�nix schlug mit den Schwingen. Eine Wand aus Feuer traf die Spiegelm�nner. Die Gesch�pfe loderten auf und taumelten umher, w�hrend sie verbrannten.</p><p><emphasis>Und dir, Corvas, nehme ich den Verstand und das Bewusstsein und den letzten Rest deiner Menschlichkeit und verdamme dich zu einer Existenz als Aasfresser. Du sollst dich von W�rmern ern�hren bis ans Ende deiner Tage und vergessen, wie es einst gewesen ist, ein Mensch zu sein.</emphasis></p><p>Corvas lie� seine Pistole fallen, als ihn pl�tzlich Kr�mpfe auf die Knie zwangen. Er schrumpfte, Haut wurde zu Gefieder, Arme wurden zu Fl�geln, und er verwandelte sich in eine Kr�he, ein letztes Mal. Verschreckt flatterte der Vogel in der Luft, bevor er durch den Tunnel davonflog.</p><p>Vivana konnte kaum noch atmen. Tr�nen rannen ihr �ber die Wangen. In der Kaverne war es so hei�, dass ihr Gesicht zu brennen schien. Als der Ph�nix abermals mit den Schwingen schlug, wurden sie und ihre Freunde von einem Schwall kochender Luft zu Boden geworfen.</p><p>Wie ein Pfeil aus Sonnenglut schoss er in den Gang.</p><p>St�hnend rappelten sich die Gef�hrten auf und halfen einander. Jackon und Mahoor Shembar, die direkt neben Lady Sarka gestanden hatten, als der Ph�nix ausgebrochen war, hatten Verbrennungen erlitten � aber nur leichte. Keinesfalls so schwere, wie es angesichts der Umst�nde zu erwarten gewesen w�re. Offenbar hatte der Ph�nix darauf geachtet, sie nicht zu verletzen.</p><p>Von Lady Sarka und den Spiegelm�nnern dagegen war nur noch Asche �brig.</p><p>Vivana betrachtete das H�ufchen Schlacke. Sie konnte nicht glauben, dass Lady Sarka nicht mehr lebte, so schnell war alles gegangen. Der Ph�nix hatte die Lordkanzlerin Bradosts und gef�rchtete Herrin der Tr�ume mit einem blo�en Gedanken vernichtet, in wenigen Augenblicken ausgel�scht, einfach aus der Welt getilgt. Sie hatte gedacht, sie k�nne die ganze Welt unterwerfen und das Gef�ge des Universums umformen, doch ohne ihre gestohlene Macht war sie letztlich nichts als ein gew�hnlicher Mensch gewesen, schwach, verwundbar und hilflos angesichts einer so uralten und gott�hnlichen Kreatur.</p><p>Vivana versp�rte pl�tzlich den �berw�ltigenden Drang, diese H�hlen zu verlassen. Sie sp�hte in den Tunnel, in dem der Ph�nix verschwunden war. W�nde, Boden und Decke waren geschmolzen und warfen Blasen. In ein paar Stunden, wenn das Gestein erkaltete, w�rde es wieder zu jener seltsamen glas�hnlichen Masse werden. Vivana begriff, dass das schon einmal geschehen war, vor einigen Jahren, als Lady Sarka den Ph�nix entf�hrt und in diesen H�hlen gefangen gehalten hatte, bevor sie ihn an sich band.</p><p>�Lasst uns nach oben gehen�, schlug Lucien vor.</p><p>�Wir k�nnen dem Ph�nix unm�glich durch den Gang folgen�, sagte Liam. �Wir w�rden verbrennen.�</p><p>�Zum Gl�ck m�ssen wir das nicht.� Umbra �ffnete ein Schattentor und machte eine einladende Handbewegung. �Nach euch.�</p><p>Im Garten traten sie aus dem Tunnel.</p><p>Der Palast brannte.</p><p>Im Dach des Hauptfl�gels klaffte ein gro�es Loch. Auf seinem Weg in die Freiheit hatte der Ph�nix das Erdgeschoss und die oberen Stockwerke in Brand gesetzt. Flammen leckten aus gesplitterten Fenstern.</p><p>�O Gott, wir m�ssen Cedric retten!�, rief Jackon. �Und die anderen Diener!�</p><p>�Sie kommen gut allein zurecht�, sagte Umbra. �Schau mal da.�</p><p>Die Palastdiener standen neben dem Heckenlabyrinth und starrten fassungslos zu dem brennenden Geb�ude auf.</p><p>Vivana entdeckte einen Schemen zwischen den B�umen. �Primus hat es also auch geschafft.� Der missgestaltete Homunculus huschte durch den Apfelhain und verschwand in den Hecken.</p><p>�Willkommen in der Freiheit�, sagte Liam leise. �Freunde, seht nur � hier dr�ben!�, rief Lucien.</p><p>Die Gef�hrten wandten sich um. Ein feuriger Streif schoss �ber den Himmel, als der Ph�nix Richtung K�ste flog. �ber dem Kessel wurde er von mehreren Verschlingern attackiert, die er allesamt in Flammen aufgehen lie�, ehe er die Luftschiffe Lady Sarkas angriff. Jene, die so dumm waren, nicht sofort zu fliehen, schossen mit Kanonen und Blitzwerfern auf ihn. Sie verfehlten das schnelle und wendige Gesch�pf jedoch und wurden Sekunden sp�ter von seinem Feuer vernichtet.</p><p>Liam legte den Arm um Vivana.</p><p>Bradost hatte seinen W�chter wieder.</p><empty-line/></section><section><title><p>43</p><empty-line/><p><emphasis>Erl�sung</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>�K</strong>annst du etwas sehen?�, rief Liam.</p><p>Jackon war auf den h�chsten Apfelbaum im Garten geklettert, hielt sich am Stamm fest und drehte sich vom Rauch weg, der vom brennenden Palast her�berwehte. Selbst wenn er den Kopf reckte, konnte er keines der Luftschiffe aus Suuraj ausmachen. Entweder waren sie irgendwo gelandet oder allesamt vernichtet worden.</p><p>�Nein, nichts.�</p><p>�Und der Ph�nix?�</p><p>Jackon sah, dass der Magistratspalast und einzelne Geb�ude im Kessel brannten. Huschende Schatten flohen vor einem Streif aus purem Feuer, der durch die Ruinen brauste. Schreie erklangen, als haushohe Flammen aufloderten. �Ich glaube, er macht Jagd auf die D�monen.�</p><p>In diesem Moment bemerkte er mehrere Leute, die sich dem Tor der Palastmauer n�herten. Es waren Quindal und Khoroj. Die beiden wurden von den Leibw�chtern des S�dl�nders gest�tzt und humpelten den Weg herauf, gefolgt von Ruac.</p><p>Jackon kletterte vom Baum.</p><p>Die Freunde umarmten einander. Ruac wuselte trotz seiner Verletzung um sie herum, stie� Jackon, Liam und Lucien mit dem Kopf an und schleckte Vivana �bers Gesicht.</p><p>�Ich st�re eure Wiedersehensfreude ja nur ungern�, sagte Umbra, �aber wir sollten wirklich zusehen, dass wir wegkommen. Der Palast sieht aus, als mache er es nicht mehr lang.�</p><p>Auf ihre Worte folgte ohrenbet�ubendes Krachen. Das Dachgeb�lk eines Seitenfl�gels gab nach und st�rzte in die Flammen, wodurch der ganze Geb�udeteil zusammenbrach. Zusammen flohen sie den H�gel hinab. Eine gewaltige Funken- und Rauchwolke wallte auf, und brennende Tr�mmer rollten �ber den Rasen.</p><p>Aus sicherer Entfernung schauten sie zu, wie Trakt um Trakt des Anwesens von der Feuersbrunst verschlungen wurde. Auch die Palastbediensteten hatten in dieser Ecke des Gartens Schutz gesucht. Cedric jammerte unaufh�rlich.</p><p>�Was ist passiert, nachdem wir uns getrennt haben?�, fragte Khoroj nach einer Weile. Quindal und er hatten sich auf dem Sockel einer Greifenstatue niedergelassen.</p><p>Liam und Vivana berichteten, was im Palast geschehen war. Als die Sprache auf die Flotte von Suuraj kam, sagte Quindal: �Ich habe die Luftschlacht von unserem Versteck aus beobachtet. Nur zwei Schiffe haben die K�mpfe �berstanden, die <emphasis>Zhila</emphasis> und ein anderes, beide allerdings schwer besch�digt. Nachdem der Ph�nix Lady Sarkas Flotte vertrieben hat, sind sie vor der K�ste heruntergegangen, um ihre abgest�rzten Kameraden aus dem Meer zu retten.�</p><p>Die Gef�hrten schwiegen. Sie alle dachten an die vielen M�nner und Frauen, die in der Schlacht verletzt oder get�tet worden waren. Der Preis f�r ihren Sieg war viel h�her, als sie bei ihrem Aufbruch von Suuraj gedacht hatten.</p><p>Jackon fiel auf, dass Quindal schon die ganze Zeit Lucien beobachtete. �Irgendetwas ist anders an dir�, brach der Erfinder das Schweigen. �Und an dir auch�, f�gte er mit Blick auf Jackon hinzu. �Ihr habt uns nicht alles erz�hlt, richtig?�</p><p>�Der Kampf gegen Lady Sarka in den Traumlanden ist anfangs nicht besonders gut gelaufen�, erkl�rte Lucien. �Sie h�tte Jackon und mich vernichtet, wenn wir nicht spezielle Ma�nahmen ergriffen h�tten.�</p><p>��Spezielle Ma�nahmen�?�</p><p>�Ich habe Jackon meine verbliebenen Albenkr�fte geschenkt, damit er stark genug ist, sie zu schlagen.�</p><p>�So wie diese Vila in deiner Geschichte?�</p><p>�So wie Fene, richtig.�</p><p>Quindal starrte Jackon stechend an. �Hei�t das, du kannst dich jetzt unauff�llig machen und andere Leute einschlafen lassen und so weiter?�</p><p>�Ich habe es noch nicht ausprobiert, aber ich glaube schon.�</p><p>�Lebst du jetzt auch ewig wie ein Alb?�</p><p>�Tue ich?�, fragte Jackon.</p><p>Lucien nickte.</p><p>Ewiges Leben. Die F�higkeiten eines Schattenwesens. Jackon kaute auf seiner Lippe. Vermutlich gab es unz�hlige Menschen, die alles getan h�tten, um derartige Kr�fte zu erlangen. Ihm jedoch erschienen sie wie eine unertr�gliche B�rde, nun, da die rauschhafte Ekstase, die ihn w�hrend des Kampfes mit Lady Sarka erf�llt hatte, verschwunden war. Er hatte nie um diese Macht gebeten. Warum konnte er kein ganz normales Leben f�hren?</p><p>Quindal wandte sich wieder an Lucien. �Aber wenn es dir ergeht wie Fene, dann hei�t das ja, dass du jetzt sterblich bist.�</p><p>�Ich bin kein Schattenwesen mehr, sondern ein normaler Mensch wie du�, best�tigte Lucien und l�chelte, als Quindal ihn betreten anschaute. �Dein Mitgef�hl spricht <emphasis>f�r</emphasis> dich, aber daf�r gibt es wirklich keinen Grund. Ich habe ein Opfer gebracht, ja, aber kein besonders gro�es, wenn ich ehrlich bin. Ich habe mich schon vor vielen Jahren von meinem Volk abgewandt. Dass ich Jackon meine magische Macht geschenkt habe, war nur der letzte Schritt eines Weges, den ich bereits vor langer Zeit eingeschlagen habe. Und ich h�tte es gewiss nicht getan, wenn ich mir nicht sicher w�re, dass mein Platz bei euch Sterblichen ist.�</p><p>Jackon h�rte ihrem Gespr�ch nur mit einem Ohr zu. Das Bed�rfnis, allein zu sein, wurde so stark, dass er in einem unbeobachteten Moment durch die Hecken schl�pfte und sich auf eine alte Steinbank setzte, von der aus man die s�d�stliche Altstadt und den Kessel �berblicken konnte.</p><p>Tief ersch�pft betrachtete er die Ruinen und Tr�mmerfelder und brennenden H�user. Er musste nachdenken. Musste Klarheit dar�ber gewinnen, was er nun mit seinen gewaltigen Kr�ften anfing. Nie wieder wollte er den Fehler begehen, sie unbedacht zu gebrauchen und damit Ungl�ck �ber andere zu bringen, wie er es schon so oft getan hatte.</p><p>Nachdenken, ja. Nur wo sollte er anfangen? Der Ph�nix frei. Lady Sarka tot. Die Welt war nicht mehr dieselbe wie heute Morgen noch, und in seinem Kopf herrschte solch eine Verwirrung, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte.</p><p>Also sa� er da und lie� die Zeit verstreichen. Irgendwann fielen ihm die Augen zu. Er schlief nicht, war jedoch auch nicht richtig wach. Bilder huschten an ihm vorbei, Erinnerungen an die vergangenen Stunden, Tage, Wochen, begleitet vom Knistern des Feuers, den fernen Schreien des Ph�nix und dem Raunen der Stadt, das sich anh�rte wie das Wispern erwachender Tr�ume in den Seelenh�usern.</p><p>Geb�sch raschelte.</p><p>�Hier bist du�, sagte Liam. �Wir dachten schon, du w�rst fortgegangen, in die Traumlanden oder so.�</p><p>Er setzte sich neben ihn. Jackon blinzelte die Schl�frigkeit fort.</p><p>�Da hinten, Ibbott Humes alter Schuppen�, meinte der Blonde. �Da haben wir uns das erste Mal getroffen, wei�t du noch? Hume hat dich aufgefordert, mir Werkzeug und eine Sch�rze zu geben.�</p><p>Jackon musste grinsen. �Eine Kr�he kam rein, und du hast dich zu Tode erschreckt.�</p><p>�Ja. Verdammte Biester. Na ja, die Zeiten sind wohl vorbei. Ohne Corvas sind Kr�hen wieder einfach nur Kr�hen, sch�tze ich.� Liam r�usperte sich. �Jedenfalls wollte ich dir sagen, dass ich dir dankbar bin. Es war sehr mutig von dir, gegen Lady Sarka anzutreten. Ich h�tte das nicht gekonnt.�</p><p>�Mit Mut hatte das nichts zu tun. Es ist ja nicht so, dass ich eine Wahl gehabt h�tte.�</p><p>�Doch, hattest du. Lucien hat mir erz�hlt, dass sie dich �berreden wollte, die Seiten zu wechseln. Es w�re einfacher f�r dich gewesen, darauf einzugehen. Um ehrlich zu sein, habe ich bef�rchtet, dass du das tun w�rdest. Aber du hast ihr widerstanden. Du bist viel st�rker, als wir alle gedacht haben.�</p><p>Verlegen scharrte Jackon mit dem Stiefelabsatz �ber die Pflastersteine. �Ich bin nicht stark. Die meiste Zeit habe ich mir vor Angst fast in die Hosen gemacht. Ich habe immer Angst, verstehst du? Jeden Tag, seit ich wei�, dass ich ein Traumwanderer bin. Und jetzt auch noch die ganzen Kr�fte von Lucien. Ich wei� nicht, wie ich das alles schaffen soll.�</p><p>�Fr�her warst du allein, aber jetzt hast du uns. Vivana, Lucien, Ruac, mich. Wir helfen dir schon, damit klarzukommen.�</p><p>Jackon hob den Kopf und blickte ihn fragend an.</p><p>Liam hielt ihm die Hand hin. �Freunde?�</p><p>Er ergriff sie l�chelnd. �Freunde.�</p><p>Allm�hlich brach der Abend herein. Jackon und Liam erinnerten sich an ihre gemeinsamen Wochen im Palast und lachten �ber ihr Abenteuer in der Kanalisation, und f�r eine Stunde oder zwei f�hlte sich Jackon wieder so unbeschwert wie damals, als er einen endlosen Sommer lang mit Liam im Garten gearbeitet und keine Sorgen gekannt hatte.</p><p>Als es dunkel wurde, kam der Ph�nix zur�ck. Liam sprang auf und lief zu den anderen. Jackon dagegen blieb noch einen Moment sitzen. Er betrachtete den flammenden Streif am Himmel und w�nschte, der Ph�nix h�tte sich noch einen Tag Zeit gelassen, oder wenigstens ein paar Stunden, denn tief in seinem Innern wusste er, was nun geschehen w�rde.</p><p>Traurig stand er auf und stapfte �ber den Rasen.</p><p>Der Ph�nix landete auf einer alten Statue, und der Schein seiner Flammen tauchte den Garten in flackerndes Licht und tanzende Schatten. Die Hitze, die er verstr�mte, war derart stark, dass Jackon und seine Freunde sich ihm nur bis auf zwanzig Schritt n�hern konnten.</p><p>Als er sprach, sp�rte Jackon seine Stimme mit jeder Faser seines K�rpers.</p><p><emphasis>Mahoor Shembar.</emphasis></p><p>Der Untote, der sich seit ihrer Flucht aus dem Palast vor der Mittagssonne im Geb�sch versteckt hatte, erschien zwischen den B�umen und trat vor.</p><p><emphasis>Einst hast du versucht, mich mit T�cke und Zauberei zu versklaven. Daf�r habe ich dich bestraft. Nun ist dein Frevel ges�hnt. Ich erl�se dich.</emphasis></p><p><emphasis>Ich danke dir,</emphasis> wisperte der Nigromant.</p><p>Ein k�hler Hauch schien durch B�ume und Bl�tter zu streichen, als Mahoor Shembars Seele den welken K�rper verlie�. Der Untote legte sich aufs Gras und zerfiel binnen weniger Augenblicke zu Staub. Die b�se Macht, die er verstr�mte, verschwand. Jackon hoffte, dass Mahoor Shembar den Frieden fand, nach dem er sich gesehnt hatte.</p><p><emphasis>Was wollt ihr hier?</emphasis>, donnerte der Ph�nix.</p><p>Jackon bemerkte eine Bewegung am �u�ersten Rand des Lichtscheins und sah Gestalten �ber die Palastmauer klettern. Geschmeidig wie Raubtiere der Nacht sprangen sie in den Garten und huschten den H�gel herauf.</p><p>�Ghule!�, rief er.</p><p>Entsetzt fuhren sie alle herum. Umbra knurrte einen Fluch, griff nach ihrer Pistole und fluchte noch einmal, als ihr auffiel, dass sie die Waffe im Palast gelassen hatte. Die anderen halfen Quindal und Khoroj dabei, zu fliehen.</p><p>�Wartet�, hielt Lucien sie zur�ck. �Sie sind nicht unseretwegen hier.�</p><p>Mit angehaltenem Atem beobachtete Jackon die Ghule. Es sah ganz so aus, als h�tten es die Untoten tats�chlich nicht auf seine Freunde und ihn abgesehen. Sie warteten zwischen den B�umen am Rand des Rasens, obwohl der Feuerschein des Ph�nix sie blenden musste. Einige zischten voller Schmerz und sch�tzten ihre Augen mit den Klauenh�nden.</p><p>Ihre Reihen teilten sich, und ein Ghul in einem zerschlissenen Anzug und mit einem durchl�cherten Zylinder auf dem Kopf erschien. Obwohl Jackon ihn noch nie gesehen hatte, wusste er augenblicklich, dass es sich um den Madenk�nig handelte, den Anf�hrer der Untoten.</p><p><emphasis>Wieso sind sie hier?,</emphasis> fragte er sich voller Unbehagen. <emphasis>Hat die R�ckkehr des Ph�nix sie angelockt?</emphasis></p><p>Eine Woge aus hei�er Luft brandete durch den Garten, als der Feuervogel seine Schwingen spreizte.</p><p><emphasis>Ihr seid Diebe und M�rder. Ihr habt Yvain Sarka geholfen, mich in Ketten zu legen und zu ihrem Sklaven zu machen. Und nun wagt ihr es, mir unter die Augen zu treten?</emphasis></p><p>Das Wispern der Ghule klang wie raschelndes Herbstlaub im Wind.</p><p><emphasis>Vergebung? Nein. F�r euch gibt es keine Vergebung. Ihr seid dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit das Licht der Sonne zu f�rchten und in Dunkelheit und K�lte zu wandeln. Ihr sollt niemals Frieden finden.</emphasis></p><p>Als die Ghule abermals um Gnade flehten, fiel Jackon etwas ein, das Umbra ihm vor einigen Wochen anvertraut hatte: <emphasis>Lady Sarka hat den Ph�nix aus der Stadt gelockt und gefangen. Ein paar Banditen aus Torle haben ihr geholfen.</emphasis> Pl�tzlich begriff er. Der Ph�nix hatte die Banditen verflucht, als Strafe f�r ihren Frevel, wie einst Mahoor Shembar. Sie wurden untot, flohen in die Katakomben und fristeten von nun an ein Dasein als leichenfressende Monster.</p><p>Ein Schauder lief ihm �ber den R�cken. Was f�r ein schreckliches Schicksal.</p><p><emphasis>Verschwindet,</emphasis> sagte der Ph�nix. <emphasis>Kriecht zur�ck in die Dunkelheit und kehrt nie wieder.</emphasis></p><p>Jackon trat vor, obwohl die Hitze das Atmen zur Qual machte. �Schick sie nicht weg. Ich wei�, sie haben dir etwas Furchtbares angetan, und sie verdienen ihre Strafe. Trotzdem m�chte ich dich bitten, sie zu erl�sen.�</p><p>Der Ph�nix neigte ihm seinen Kopf entgegen, als m�sse er Jackon erst eingehend betrachten, bevor er ihn einer Antwort f�r w�rdig befand. <emphasis>Warum sollte ich das tun, Traumwanderer? Mahoor Shembar hat seinen Frevel Jahrhunderte ges�hnt und sie erst wenige Jahre. Und ihr Verbrechen wiegt schwerer.</emphasis></p><p>�Aber du strafst damit nicht nur sie! Wei�t du, was sie tun? Sie streifen nachts durch die Kan�le und fressen die Schlammtaucher. Wenn du wirklich der W�chter von Bradost bist, kannst du das nicht zulassen!�</p><p>�Jackon!�, warnte Lucien.</p><p>Der Ph�nix richtete sich zu seiner vollen Gr��e auf, und f�r einen Moment f�rchtete Jackon, er werde ihn vor Zorn mit einem Flammenstrahl vernichten.</p><p><emphasis>Sie jagen die Bewohner der Kan�le?</emphasis></p><p>�Ja. Ich war fr�her selbst ein Schlammtaucher. Ich wei�, wie es ist, immerzu Angst vor den Ghulen zu haben.�</p><p><emphasis>Das habe ich nicht gewollt. Wenn ihre Strafe Unschuldige trifft, ist es die falsche Strafe. Aber nun sag mir, Traumwanderer � was soll ich stattdessen mit ihnen tun?</emphasis></p><p>�Erl�se sie von deinem Fluch. Sie haben doch nur getan, was Lady Sarka ihnen befohlen hat. Wahrscheinlich wussten sie gar nicht, was sie damit anrichteten.�</p><p><emphasis>So soll es sein. Ich gebe eure Seelen frei. Findet Frieden.</emphasis></p><p>Mit einem letzten Fl�stern sanken die Ghule und ihr Anf�hrer zu Boden. Ihre Leiber vertrockneten innerhalb weniger Augenblicke, bis auch von ihnen nur noch Staub �brig war.</p><p>Stille herrschte im Garten. Schlie�lich sagte der Ph�nix: <emphasis>Ihr alle habt geholfen, mich zu befreien. Daf�r stehe ich in eurer Schuld. Gibt es etwas, das ich f�r euch tun kann?</emphasis></p><p>�Wie du wei�t, dringen �berall D�monen in unsere Welt ein�, ergriff Lucien das Wort. �Kannst du die Risse in den Mauern des Pand�moniums schlie�en und die Tr�ume heilen?�</p><p><emphasis>Das �bersteigt meine Macht. Aber es gibt jemanden, der das vermag.</emphasis></p><p>�Wer?�</p><p><emphasis>Der Traumwanderer.</emphasis></p><p>Jackon schloss die Augen. Er hatte es gewusst. �Wie soll ich das anstellen?�</p><p><emphasis>Du hast grosse Macht. Du tr�gst jetzt die Kr�fte eines Schattenwesens in dir.</emphasis></p><p>�Aber ich bin allein! Lady Sarka und Aziel haben doch bewiesen, dass ein Einzelner die Tr�ume nicht beherrschen kann, und wenn er noch so m�chtig ist. Man braucht die Hilfe der Alben.�</p><p><emphasis>Die Alben haben entschieden, eure Welt zu verlassen. Ich kann sie nicht zur�ckholen. Ausserdem neigt sich das Zeitalter der Schattenwesen dem Ende zu. Yvain Sarka hatte in einem Recht: Es ist nun die Aufgabe der Sterblichen, �ber die Tr�ume zu wachen. Du musst Menschen ausw�hlen, die dir dabei helfen.</emphasis></p><p>�Welche Menschen?�, fragte Jackon.</p><p><emphasis>Deine Helfer brauchen magische Kr�fte die sie bef�higen, einige Traumf�higkeiten zu lernen. Es ist deine Aufgabe, ihnen diese F�higkeiten zu verleihen und sie darin auszubilden. Es wird viele Monate dauern, aber wenn du es gewissenhaft tust, wird es euch gelingen die Tr�ume zu heilen, und die Risse in den Mauern des Pand�moniums werden sich schliessen.</emphasis></p><p>�Aber ich kann niemandem F�higkeiten verleihen.�</p><p><emphasis>Ich kann dir diese Macht geben. Dies hat jedoch einen Preis: Es kostet mich einen Grossteil meiner Kraft. Ich werde die Welt der Menschen bald verlassen m�ssen und kann eure Stadt nur noch wenige Monate sch�tzen. Ihr werdet lernen m�ssen, selbst auf euch aufzupassen.</emphasis></p><p>�Das ist nicht alles, nicht wahr?�, fragte Jackon mit erstickter Stimme.</p><p><emphasis>Auch du musst einen Preis zahlen. Wenn du dich entschliesst, mein Geschenk anzunehmen, ist dir ein normales Leben, wie du es dir ersehnst, f�r immer verwehrt. Du tr�gst die Verantwortung f�r die Tr�ume aller Menschen und damit f�r das Schicksal eurer Welt, solange du lebst. Niemand kann dir diese Last abnehmen, und vielleicht wirst du daran zerbrechen. Du wirst einsam sein, denn deine Pflichten werden es dir nur selten gestatten, die Wachwelt zu besuchen. Die Jahre werden langsam an dir vor�berziehen, w�hrend sie f�r deine Freunde wie im Flug vergehen. Wenn du noch ein junger Mann bist, werden sie alt sein, und schliesslich wirst du mit Ansehen m�ssen, wie sie sterben.</emphasis></p><p>Jackon liefen Tr�nen �ber die Wangen. Der Ph�nix sagte ihm nichts Neues � er wusste, was vor ihm lag. Er weinte, weil ihm nun klar wurde, dass diese Zukunft unausweichlich war.</p><p><emphasis>Nun, Traumwanderer, wie lautet deine Entscheidung? Nimmst du diese Aufgabe auf dich?</emphasis></p><p>Jackon wandte sich zu seinen Gef�hrten um und schaute in blasse, traurige Gesichter.</p><p>��berleg dir das gut, Junge�, sagte Quindal.</p><p>�Da gibt es nichts zu �berlegen�, erwiderte Liam heftig. �Jackon bleibt bei uns. Wir finden einen anderen Weg.�</p><p>Jackon wischte sich die Tr�nen weg. Er konnte kaum noch sprechen. �Es ist in Ordnung, Liam. Es gibt niemanden, der mir diese Aufgabe abnehmen kann. Au�erdem ist es meine Schuld, dass es �berhaupt so weit kommen konnte. Ich muss das wiedergutmachen.�</p><p>Liam stand stocksteif da und brachte keinen Ton heraus. �Egal, was geschieht, du wirst immer mein Freund sein.� Jackon wandte sich zum Ph�nix um. �Ich bin bereit.�</p><p><emphasis>Du m�chtest, dass ich dich zum Herrn der Tr�ume mache und dir die Macht gebe, anderen Menschen Traumf�higkeiten zu verleihen?</emphasis></p><p>�Ja.�</p><p>Der Ph�nix breitete die Fl�gel aus und reckte sich in die H�he. Aus seinem Schnabel ert�nte ein melodischer Schrei, woraufhin seine Flammen so hell aufloderten, dass Jackon geblendet zur�cktaumelte. Er schwankte und fiel hin, als ein j�her Kraftsto� durch seinen K�rper schoss. Seine Muskeln und Knochen schienen vor Energie zu bersten. Er st�hnte vor Schmerz.</p><p>Umbra und Liam eilten zu ihm und halfen ihm auf.</p><p>�Danke, es geht schon wieder�, murmelte Jackon benommen. �Dass mir die Leute ihre Kr�fte �bertragen, wird ja langsam zur Gewohnheit.�</p><p>Der Ph�nix wirkte kleiner als vorher. Auch seine Flammen hatten an Kraft verloren. <emphasis>Da musst nun deinen ersten Helfer ausw�hlen. Es sind zwei Menschen hier, die genug Magie f�r diese Aufgabe in sich tragen.</emphasis></p><p>Jackon blickte Vivana an.</p><p>�Nein�, sagte sie. �Vor mir liegen andere Aufgaben.�</p><p>�Denk doch noch einmal dar�ber nach. Bitte, Vivana.�</p><p>�Mein Entschluss steht fest. Es tut mir leid.�</p><p>�Schon gut�, meinte Umbra unwirsch. �H�rt auf zu diskutieren. Ich melde mich freiwillig.�</p><p>�Bist du sicher?�, fragte Jackon.</p><p>Mit gerunzelter Stirn wandte sie sich an den Ph�nix. �Ich kann doch hierbleiben, oder? Ich muss doch nicht in die Traumlanden wechseln und f�r immer dort leben.�</p><p><emphasis>Du kannst in der Wachwelt bleiben. Es gen�gt, wenn du Jackon hilfst, w�hrend du schl�fst.</emphasis></p><p>�Na also. Dann ist ja alles bestens.�</p><p>Jackon umarmte sie. �Danke, Umbra.�</p><p>�H�r auf damit!�, knurrte sie. �Was sollen die anderen von uns denken?� Doch w�hrend sie das sagte, strich sie ihm �ber den Kopf.</p><p><emphasis>Gemeinsam werdet ihr euch auf die Suche nach anderen Menschen machen, die geeignet sind, die Tr�umme zu h�ten. Sucht �berall, in Bradost und Torle und den L�ndern jenseits des Meeres. Je zahlreicher ihr seid, desto besser k�nnt ihr �ber die Tr�ume wachen. Und vergesst nie, dass ihr Menschen und fehlbar seid. Ihr tragt eine gewaltige Verantwortung. Ihr d�rft sie niemals missbrauchen.</emphasis></p><p><emphasis>Auch vor euch liegen gro�e Herausforderungen und Gefahren,</emphasis> wandte sich der Ph�nix an den Rest der Gruppe. <emphasis>Bis es Jackon gelungen ist, die Traumlanden zu heilen, werden die Angriffe der D�monen nicht aufh�ren. Zwar habe ich alle D�monen in Bradost vernichtet, aber solange der Riss offen ist, werden neue kommen.</emphasis></p><p>�Kannst du uns helfen, sie zu bek�mpfen?�, fragte Quindal.</p><p><emphasis>Ich kann nur Bradost sch�tzen, nicht aber die vielen anderen St�dte und L�nder, wo sich Tore zum Pand�monium ge�ffnet haben. Dies ist die Aufgabe von euch Menschen.</emphasis></p><p>�Was k�nnen wir tun?�</p><p><emphasis>Sendet Nachrichten um die Welt. Berichtet den anderen V�lkern, was geschehen ist. Sagt ihnen, dass sich die Tore bald schlie�en werden und sie nicht die Hoffnung verlieren d�rfen. Schickt ihnen Soldaten und Waffen, damit sie die Risse abriegeln k�nnen. D�monen sind nicht unbesiegbar. Gemeinsam k�nnt ihr es schaffen, sie zur�ckzuschlagen.</emphasis></p><p>Der Ph�nix spreizte ein letztes Mal seine Schwingen.</p><p><emphasis>Meine Kr�fte sind schwach. Ich muss nun ruhen. Lebt wohl.</emphasis></p><p>Er schlug mit den Fl�geln, erhob sich in die L�fte und flog davon. Wie eine Sternschnuppe zog er �ber den Abendhimmel. Die Gef�hrten blickten ihm nach, bis er sich auf der Spitze des Ph�nixturms niederlie�: Das Leuchtfeuer �ber den D�chern der Stadt brannte wieder. Nicht mehr so hell wie einst, doch immer noch Ehrfurcht gebietend und tr�stlich f�r jeden, der es sah.</p><p><emphasis>Er schl�ft und wacht, wie er es immer getan hat,</emphasis> dachte Jackon.</p><p>Er trat zu seinen Freunden.</p><p>�Zeit, Abschied zu nehmen, was?�, meinte Lucien leise. �Ihr habt geh�rt, was der Ph�nix gesagt hat � ich habe eine Aufgabe zu erf�llen.�</p><p>Jackon umarmte sie der Reihe nach. Liam war der Letzte, von dem er sich verabschiedete.</p><p>�Schau mich nicht so traurig an. Das ist auch so schon schwer genug.�</p><p>�Eben erst haben wir beschlossen, wieder Freunde zu sein, und jetzt verschwindest du einfach�, erwiderte Liam harsch. �Ein beschissenes Ende, wenn du mich fragst.�</p><p>�Kein Ende, Liam. Ein Neubeginn.�</p><p>Liam schnaubte nur.</p><p>�Ich verspreche dir, dass ich dich besuche, so oft ich kann�, sagte Jackon, als ihm wieder die Tr�nen kamen.</p><p>�Der Ph�nix hat doch gesagt, dass du keine Zeit haben wirst. Du hast ja jetzt Wichtigeres zu tun.�</p><p>�Ich kann dich jede Nacht im Traum besuchen, wenn du magst.�</p><p>�Das ist nicht dasselbe.�</p><p>Jackon wusste nicht, was er noch sagen sollte. Er hatte seine Entscheidung getroffen und war sich �ber die Folgen bewusst. Liam hatte Recht: Dies war ein Abschied. Wozu es leugnen? �Ich danke dir, f�r alles. Ohne dich h�tte ich nie den Mut gefunden, mich von Lady Sarka loszusagen.�</p><p>Er trat ein paar Schritte zur�ck, damit er noch einmal all seine Freunde ansehen konnte. �Macht's gut.� Er zwang sich zu einem L�cheln. �Ihr werdet mir fehlen.�</p><p>�Wir sehen uns sp�ter, du Kanalratte�, sagte Umbra.</p><p>Der Garten verblasste, als er in die Traumlanden hin�berglitt.</p><p>Wind riss an seinem Haar, seiner Kleidung. Er stand vor dem Tor des Albenpalastes <emphasis>� seines</emphasis> Palastes. Er schluckte den Klo� in seinem Hals hinunter und lie� seinen Blick �ber die verfallenen Seelenh�user schweifen.</p><p>Genug Arbeit f�r ein ganzes Menschenleben.</p><p>�Dann mal los�, murmelte er.</p><p>Liam sa� auf der Steinbank und rieb mit dem Daumen �ber das Geh�use der goldenen Taschenuhr. Sie war erstaunlich gut gepflegt. Er lie� den Deckel aufschnappen. Darin befand sich das Bild einer jungen Frau. Sie war blass und recht h�bsch. In ihren blauen Augen lag ein Hauch von Sehnsucht.</p><p><emphasis>Nein � Traurigkeit,</emphasis> dachte er. <emphasis>Sie hat gerade von jemandem Abschied genommen.</emphasis></p><p>Lucien und Vivana tauchten auf und setzten sich zu ihm. Vivana schob ihren Arm unter seinen und legte ihren Kopf auf seine Schulter.</p><p>�Was hast du da?�</p><p>�Eine Uhr. Ich habe sie bei den Sachen des Madenk�nigs gefunden. Wahrscheinlich hat er sie einem armen Opfer abgenommen, bevor er es gefressen hat.�</p><p>�Die Uhr geh�rte ihm�, widersprach Lucien. �Aziel hat sie ihm zur�ckgebracht, als Lohn, dass die Ghule ihm geholfen haben, den Palast anzugreifen.�</p><p>�Wer ist die Frau?�</p><p>�Vermutlich das M�dchen, das er geliebt hat, als er noch ein Mensch gewesen ist.�</p><p>�Konnte er sich an sie erinnern? Ich dachte immer, die Ghule w�ssten nicht mehr, wer sie zu Lebzeiten waren.�</p><p>�Ein Teil von ihm wahrscheinlich schon. Sonst h�tte er nicht von Aziel verlangt, die Uhr zu finden.�</p><p>Liam klappte den Deckel wieder zu. �Will sie jemand haben?�</p><p>�Behalte sie ruhig�, sagte Vivana.</p><p>Er steckte sie in seine Tasche. Es erschien ihm wichtig, sie aufzubewahren, obwohl er nicht recht erkl�ren konnte, wieso. Vielleicht weil ihn die Uhr immer an eine Epoche erinnern w�rde, die heute zu Ende ging.</p><p>�Du bist immer noch traurig, oder?�, fragte Vivana sanft.</p><p>�Ich frage mich, ob unser Sieg nicht zu teuer erkauft war.�</p><p>�Wir haben einen hohen Preis gezahlt�, stimmte Lucien zu. �Livia und Godfrey und viele andere sind gestorben. Jackon ist fort. Auch der Ph�nix wird nicht mehr lange bleiben. Aber das k�nnen wir nicht �ndern. Wir haben getan, was wir konnten. Wir m�ssen jetzt in die Zukunft schauen.�</p><p>�Ja�, murmelte Liam. �Da hast du wohl Recht.�</p><p>�Seht mal, die Leute�, sagte Vivana.</p><p>Liam hob den Kopf und bemerkte, dass die Gassen der Altstadt voller Lichter waren. Offenbar hatten die Menschen begriffen, was geschehen war, und feierten die Vernichtung der D�monen und das Ende von Lady Sarkas Herrschaft.</p><p>Von �berallher str�mten Fackelz�ge zum Ph�nixturm. Freudenges�nge erf�llten die Stra�en.</p><p>�Wundersch�n, nicht wahr?�, sagte Vivana und ergriff Liams Hand. �Es ist lange her, dass es in Bradost Hoffnung gegeben hat.�</p><p>Schweigend betrachteten sie das Lichtermeer und die feiernden Menschen, lauschten ihren Liedern. Etwas lag in der Luft, eine prickelnde Erregung, die von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse sprang wie ein elektrischer Funke. Liam konnte f�rmlich sp�ren, wie Angst und Verzweiflung, die Bradost so viele Jahre fest im Griff gehabt hatten, verschwanden und etwas Neuem Platz machten. <emphasis>Zuversicht,</emphasis> dachte er. <emphasis>Vertrauen in die Zukunft.</emphasis></p><p>Daf�r hatte sein Vater gek�mpft, daf�r hatte er sein Leben gegeben. Liam schloss die Augen und sah ihn so klar und deutlich vor sich, als st�nde er auf dem Rasen, sah sein L�cheln, sein zerzaustes blondes Haar, die G�te in seinen Augen. Er w�nschte, sein Vater k�nnte jetzt hier sein und erleben, dass sich sein Traum von einem freien Bradost erf�llte.</p><p>�Habt ihr euch schon �berlegt, was wir jetzt tun?�, fragte Vivana unvermittelt.</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Na, was wir jetzt mit unserem Leben anfangen. Es wird h�chste Zeit, dass wir uns dar�ber Gedanken machen, findest du nicht? Also, wie soll es weitergehen, Liam Satander?�</p><p>Er musste lange �ber Vivanas Frage nachdenken. <emphasis>Was fange ich nun mit meinem Leben an?</emphasis> Es musste Monate, wenn nicht Jahre her sein, dass er sich dies gefragt hatte. Bis vor einem halben Tag hatte er nicht einmal gewusst, ob er �berhaupt eine Zukunft <emphasis>besa�.</emphasis></p><p>Er war zu Tode ersch�pft. Er war niedergeschlagen von all dem Leid, das er gesehen hatte. Die Angst steckte ihm immer noch tief in den Gliedern, und die Begegnung mit dem Ph�nix hatte ihn zutiefst ersch�ttert. Er war so durcheinander, dass er kaum einen Plan f�r die n�chsten Stunden fassen konnte, geschweige denn f�r sein restliches Leben. Und doch versp�rte er pl�tzlich einen unb�ndigen Lebenshunger, eine Lust auf die Zukunft, als h�tte die ausgelassene Stimmung in den Stra�en ihn angesteckt.</p><p>�Ich denke, ich ziehe wieder in die Sternwarte�, sagte er. �Sie muss dringend renoviert werden, und der Blitzf�nger k�nnte auch die eine oder andere Reparatur vertragen. Hilfst du mir?�</p><p>�Klar doch�, antwortete Vivana.</p><p>�Und dann � mal sehen. Ich sch�tze, ich handele wieder mit Blitzen. In ein paar Jahren, wenn ich genug Geld gespart habe, kaufe ich mir ein Luftschiff und werde Aeronaut. Wir k�nnten Fracht und Passagiere bef�rdern und in der Welt herumreisen, wann immer wir Lust dazu haben. Was h�ltst du davon?�</p><p>�Eine gro�artige Idee!�</p><p>�Und du? Was willst du machen?�</p><p>�Zuerst m�chte ich Madalin und die anderen suchen�, sagte Vivana. �Kommt ihr mit?�</p><p>�Ehrensache�, antworteten Liam und Lucien wie aus einem Mund.</p><p>�Wenn sie wieder in Bradost sind, studiere ich in Ruhe Livias B�cher, damit ich ihre Nachfolge antreten kann. Ich habe mit Umbra gesprochen. Sie will das Kommando �ber die Regimenter �bernehmen und den Riss abriegeln, damit keine neuen D�monen nach Bradost kommen. Ich m�chte ihr helfen � Zauberspr�che nutzen ihr mehr als Pistolen und Gewehre. Gemeinsam mit dem Ph�nix sollten wir es schaffen, sie zur�ckzuschlagen, bis der Riss sich schlie�t. Und dann w�ren da noch die Besessenen. Irgendwer muss sich um sie k�mmern.�</p><p>�Welche Besessenen?�, erkundigte sich Liam.</p><p>�Die st�rkeren D�monen haben sich Menschen gesucht und ihre K�rper gestohlen. Die Soldaten haben einige gefangen genommen, doch Umbra vermutet, dass es noch viel mehr gibt. Vermutlich verstecken sie sich im Kessel. Ich werde die anderen Manuschwahrsager in Bradost bitten, mir zu helfen, die Besessenen zu finden und die D�monen auszutreiben.� Sie blickte Lucien an. �Und du?�</p><p>Auch Lucien musste lange �berlegen. �Ich glaube, als Erstes verkaufe ich Caitlins Haus.�</p><p>�Bist du sicher?�, fragte Vivana �berrascht.</p><p>�Es ist an der Zeit, mit gewissen Dingen abzuschlie�en.� Er l�chelte. �Ich bin jetzt sterblich, wei�t du? Ich habe nicht mehr ewig Zeit. Ich will mein restliches Leben nicht damit verbringen, der Vergangenheit nachzutrauern. Danach werde ich versuchen, mich n�tzlich zu machen. Dein Vater hat angek�ndigt, er wolle so schnell wie m�glich einen neuen Magistrat auf die Beine stellen und Wahlen abhalten. Ich denke, ich helfe ihm dabei. Beim Aufbau einer neuen Republik braucht er gewiss Unterst�tzung. Und es schadet sicher nicht, wenn die Schattenwesen, die noch da sind, jemanden haben, der sich f�r ihre Interessen einsetzt.�</p><p>�Du willst die Schattenwesen im Magistrat vertreten?�, fragte Liam.</p><p>�Warum nicht? Sie sind genauso B�rger Bradosts wie die Menschen. Sie haben ein Recht darauf und m�ssen besser vor Leuten mit �blen Absichten gesch�tzt werden. Vielleicht kann ich Nestor �berzeugen, ein Amt f�r Angelegenheiten der Schattenwelt einzurichten. H�tte es so etwas vor zehn Jahren gegeben, w�re es Lady Sarka wom�glich nicht gelungen, den Ph�nix einzufangen und die Alben aufzuwiegeln.�</p><p>Nun, da Liam angefangen hatte, mit seinen Freunden Pl�ne zu schmieden, konnte er gar nicht mehr aufh�ren. Ihm kamen st�ndig neue Ideen, was er anpacken k�nnte. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das Gef�hl, nicht blo� Opfer einer feindlichen Welt und Spielball h�herer M�chte zu sein, sondern die Chance zu haben, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen.</p><p>Ihm war, als w�rde er bersten vor Energie. Er stand auf, ergriff Vivanas H�nde und zog sie von der Bank. �Kommt! Fangen wir endlich an zu feiern.�</p><p>Hand in Hand gingen sie �ber den Rasen, schritten Bradost entgegen, ihrem neuen Leben.</p><p>Es gab viel zu tun.</p><empty-line/><p>ENDE</p><empty-line/></section></section><section><title><p>DANKSAGUNG</p></title><empty-line/><p>Mein Dank gilt all jenen Menschen, ohne deren Hilfe die Pand�monia Trilogie niemals entstanden w�re:</p><p>meinen Lektorinnen Kerstin von Dobsch�tz und Nicole Geismann sowie meinem Agenten Bastian Schl�ck, f�r ihre kompetente und geduldige Unterst�tzung;</p><p>den Alchymistinnen Lisa Dickreiter, Uschi Timm-Winkmann und Natalja Schmidt, die mit ihrem Sachverstand stilistische Laborunf�lle verhinderten und die Geschichte so lange destillierten, bis sie die richtige Wirkung hatte;</p><p>den Aethermechanikern Markus Opper, Dimitrije Pauljev, Christoph Hardebusch und Heiko Wolz, die mit Umsicht und Scharfblick Sch�den im Plot-Getriebe aufsp�rten und mich vor dem logischen Totalschaden bewahrten;</p><p>Claudia Wichmann, die so freundlich war, einem von Handwerkerl�rm geplagten Schattenwesen Zuflucht zu gew�hren;</p><p>und schlie�lich meiner Frau und Magierin Sandra � deine Zauberkraft hat Bradost erschaffen. Ich wei� nicht wie, aber es hat funktioniert.</p><p>Christoph Lode</p><p>Mannheim, Februar 2011</p><empty-line/></section><section><title><p>10 FRAGEN AN CHRISTOPH LODE</p></title><empty-line/><p><emphasis>1 Ihr Deb�troman �Der Gesandte des Papstes� erschien Anfang 2008. Damals waren Sie noch als Sozialarbeiter in einer psychiatrischen Klinik bei Heidelberg besch�ftigt und nebenbei als Autor t�tig. Seit Anfang 2009 arbeiten Sie hauptberuflich als Schriftsteller. Hat dieser Schritt viel Mut erfordert, und was hat sich seither f�r Sie ver�ndert?</emphasis></p><p>Nat�rlich ist mir dieser Schritt nicht leichtgefallen � eine sichere Stelle in einem interessanten T�tigkeitsfeld gibt man nicht auf, ohne es sich vorher gut zu �berlegen. Aber die Verlockung, mich ganz dem Schreiben meiner Romane widmen zu k�nnen, war so stark, dass ich ihr, allem Sicherheitsdenken zum Trotz, nicht widerstehen konnte. Au�erdem hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits Vertr�ge f�r weitere B�cher und h�tte die �Doppelbelastung� von Job und Schreiben kaum noch schultern k�nnen.</p><p>Ge�ndert hat sich seitdem sehr viel. Fr�her musste ich nach der Arbeit oder an freien Tagen schreiben. Dieser Zeitdruck hat sich deutlich reduziert, was mir die M�glichkeit gibt, neue Ideen zu entwickeln oder ein Manuskript auch mal ruhen zu lassen, wenn ich nicht weiterkomme. �berhaupt habe ich jetzt viel mehr Zeit zum Nachdenken, was der Qualit�t meiner Geschichten zugute kommt.</p><p><emphasis>2 In Ihrem zweiten Buch �Das Verm�chtnis der Seherin�, das wie Ihr Deb�troman im Mittelalter angesiedelt ist, haben Sie verst�rkt phantastische und mystische Elemente eingesetzt. Nun wird als n�chstes Ihre �Pand�monia�-Trilogie erscheinen, in der Sie sich ganz in ein phantastisches Reich begeben. Zeigt sich hier eine konsequente Entwicklung, die Sie vom historischen Roman zur Fantasy gef�hrt hat, oder lieben Sie das Spiel mit unterschiedlichen Genres?</emphasis></p><p>So unterschiedlich finde ich meine ersten beiden B�cher und die Pand�monia Trilogie gar nicht. Sowohl �Der Gesandte des Papstes� als auch �Das Verm�chtnis der Seherin� sind keine reinen historischen Romane, sondern im Grunde auch Phantastik, wenngleich eine ganz andere Art. Die Entwicklung sehe ich eher darin, dass ich mich schriftstellerisch mehr traue als fr�her und Pand�monia breiter und komplexer angelegt habe, als ich es vor ein paar Jahren gekonnt h�tte.</p><p><emphasis>3 Was fasziniert Sie als Autor besonders an der Fantasy?</emphasis></p><p>Fantasy ist sense of wonder. Sie erz�hlt von Dingen, die in unserer geordneten und rationalen Welt keinen Platz mehr haben. Ich erfinde gerne fremdartige Orte, wo man hinter jeder Ecke auf seltsame Gesch�pfe oder bizarre Geheimnisse sto�en kann, wo es exotische Gesellschaftsformen und Kulturen gibt. Eine solche Welt bunt und spannend und trotzdem glaubw�rdig zu schildern stellt f�r mich den gr��ten Reiz an Fantasy dar.</p><p><emphasis>4 In Ihrer Trilogie gibt es drei Realit�tsebenen, die als getrennte Welten nebeneinander existieren und nicht von allen Menschen gleicherma�en wahrgenommen werden k�nnen: die f�r alle sichtbare Metropole Bradost, die Stadt der Tr�ume und das Pand�monium. Diese Welten bedingen einander und beeinflussen sich gegenseitig. Eine besondere Herausforderung muss es f�r Sie gewesen sein, das Pand�monium, das Reich der D�monen, zu beschreiben, da es sich am st�rksten von der uns bekannten Welt unterscheidet. Gab es bestimmte Quellen wie Mythen, Sagen oder Heldenepen, die Sie zur Darstellung des Pand�moniums angeregt haben ?</emphasis></p><p>Nur bedingt. Nat�rlich denkt man sofort an die christliche H�lle, wenn man die Bezeichnung �Pand�monium� h�rt, aber ich habe beim Schreiben darauf geachtet, dass das Pand�monium keinem bekannten mythischen Ort oder religi�sen Konzept allzu sehr �hnelt. Religion spielt in der Pand�monia Trilogie eine sehr untergeordnete Rolle; entsprechend hat auch das Pand�monium keine religi�se Funktion in der Geschichte.</p><p><emphasis>5 Die zweite Parallelwelt ist die der Tr�ume. Woran haben Sie sich bei der Beschreibung der Tr�ume orientiert?</emphasis></p><p>Zun�chst habe ich mir angeschaut, was die Sagen- und G�tterwelten von diversen europ�ischen und au�ereurop�ischen V�lkern dazu zu sagen haben. Mythologie ist immer eine Fundgrube f�r Ideen, und in diesem Fall hat mir der indianische Schamanismus die eine oder andere Anregung geliefert. Gleichzeitig habe ich zu moderner Traumforschung recherchiert und mich lange mit einer befreundeten Tiefenpsychologin und Expertin f�r Tr�ume unterhalten. So ist das Konzept der Seelenh�user entstanden. Zu guter Letzt habe ich mir angesehen, wie andere Autoren der Phantastik, Lovecraft beispielsweise oder Neil Gaiman, an das Thema herangegangen sind � um dann alles ganz anders zu machen.</p><p><emphasis>6 Welche Rolle spielt die Magie in Ihren Romanen?</emphasis></p><p>Die allermeisten Bewohner der Pand�monia-Welt bekommen Magie nie zu Gesicht, denn sie ist aus dem Alltag beinahe vollst�ndig verschwunden. F�r die Protagonisten der B�cher gilt das jedoch nicht. Sie werden aus ihrem Alltag herausgerissen und im Verlauf der Geschichte in bizarre und bedrohliche Ereignisse verwickelt, wodurch sie auf Schattenwesen, Ghule und Alchymisten treffen und allerlei magische und unheimliche Ph�nomene erleben.</p><p><emphasis>7 Fantasyliteratur wird gelegentlich vorgeworfen, sie bef�rdere Eskapismus und blende die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Realit�ten unserer Zeit aus. Was w�rden Sie im Hinblick auf die �Pand�monia�-Trilogie entgegnen?</emphasis></p><p>Zun�chst einmal halte ich diesen Vorwurf f�r Unsinn. Gute Fantasy hat immer einen Bezug zur Gegenwart und kann als Kommentar zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen gelesen werden � man denke nur an die Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett. Nat�rlich gibt es Fantasy, die Eskapismus bef�rdert und ein r�ckst�ndiges Menschenbild vertritt, aber das gilt in gleichem Ma� f�r andere Genres.</p><p>Die Pand�monia-Trilogie handelt von politischer Unterdr�ckung und der Frage, wie sich der Einzelne dagegen zur Wehr setzen kann. Ferner erz�hlt die Geschichte davon, wie Macht Menschen ver�ndert und korrumpiert. Diese Themen sind so alt wie das Erz�hlen selbst und gleichzeitig hochaktuell. Ich glaube daher nicht, dass ich mir Eskapismus und Realit�tsferne vorwerfen lassen muss.</p><p><emphasis>8 Welche Fantasyromane haben Sie besonders gern gelesen, und finden sich darunter B�cher, die Sie inspiriert haben?</emphasis></p><p>Begeistert hat mich zuletzt George R.R. Martins �Das Lied von Eis und Feuer�. Von Terry Pratchett und Neil Gaiman kaufe ich blind jedes Buch. Deutsche Autoren, die ich sehr sch�tze, sind Christoph Hardebusch, Oliver Plaschka und Kai Meyer. Zu Pand�monia inspiriert haben mich �ltere Sachen von Michael Moorcock, die ich als Jugendlicher gelesen habe, und die His-Dark-Materials-Reihe von Philip Pullman.</p><p><emphasis>9 In Ihrem Internet-Journal beziehen Sie Leser bereitwillig in den Schaffensprozess Ihrer Romane ein. Was bewegt Sie dazu?</emphasis></p><p>Wer erz�hlt nicht gern �ber seinen Beruf? Au�erdem werde ich oft gefragt, wie man sich die Arbeit eines Schriftstellers vorstellen muss. Leser interessiert es, wie ein Buch entsteht und was ein Schriftsteller tut, damit aus einer Idee eine spannende Geschichte wird.</p><p><emphasis>10 Neben der �Pand�monia�-Trilogie wird 2011 im Goldmann Verlag Ihr dritter historisch phantastischer Roman �Die Bruderschaft des Schwertes� erscheinen. Wissen Sie schon, in welche Richtung Sie Ihr n�chstes Projekt f�hren wird?</emphasis></p><p>Das steht noch nicht fest. Aber ich glaube, es wird etwas sein, das an meine Vorg�ngerromane ankn�pft und gleichzeitig in eine ganz neue Richtung geht.</p><empty-line/></section><section><title><p>Copyright</p></title><p>1. Auflage</p><p>Originalausgabe Oktober 2011</p><p>Copyright � 2011 by Christoph Lode</p><p>Copyright � dieser Ausgabe 2011</p><p>by Wilhelm Goldmann Verlag, M�nchen,</p><p>in der Verlagsgruppe Random House GmbH</p><p>Dieses Werk wurde vermittelt durch die</p><p>Literarische Agentur Thomas Schl�ck GmbH,</p><p>30827 Garbsen.</p><p>Redaktion: Kerstin von Dobsch�tz</p><p>Karte: Andreas Hancock/Feo Vogt</p><p>NG &#x22C5; Herstellung: Str.</p><p>Satz: DTP Service Apel, Hannover</p><empty-line/><p>eISBN 9783641079321</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><a l:href="http://www.goldmann-verlag.de/">www.goldmann-verlag.de</a></p><p><a l:href="http://www.randomhouse.de/">www.randomhouse.de</a></p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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