<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Suzanne</first-name><last-name>Collins</last-name></author><book-title>Die Tribute Von Panem. Flammender Zorn</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Suzanne</first-name><last-name>Collins</last-name></author><program-used>calibre 0.8.67, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>12.9.2012</date><id>cfb9ad66-b2aa-4259-b6d6-db3e5dee6729</id><version>1.0</version></document-info></description><body><section><p>Suzanne Collins</p><p><emphasis>Die Tribute von</emphasis><emphasis>PANEM</emphasis></p><p><emphasis>Flammender Zorn</emphasis></p><p>Deutsch von Sylke Hachmeister und Peter Kl�ss</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Teil 1</p><p>Die Asche</p><p><strong>1</strong></p><p>Ich stehe da und schaue zu, wie sich eine d�nne Ascheschicht auf meine abgetragenen Lederschuhe legt. Hier war das Bett, das ich fr�her einmal mit meiner Schwester Prim geteilt habe. Da dr�ben stand der K�chentisch. Die Ziegel des Kamins, der eingest�rzt ist und nun als verkohlter Haufen daliegt, dienen mir als Orientierung im Haus. Wie sollte ich mich sonst in dieser grauen W�ste zurechtfinden?</p><p>Von Distrikt 12 ist praktisch nichts mehr �brig. Vor einem Monat haben die Brandbomben des Kapitols die armseligen H�user der Minenarbeiter im Saum ausradiert, die Gesch�fte in der Stadt, selbst das Gerichtsgeb�ude. Nur das Dorf der Sieger blieb von der Vernichtung verschont. Warum, wei� ich nicht. Vielleicht, damit es als Unterkunft f�r den einen oder anderen dient, der vom Kapitol hergeschickt wird. Ein einsamer TV-Reporter zum Beispiel. Oder eine Expertengruppe, die den Zustand der Kohleminen beurteilen soll. Ein Trupp Friedensw�chter, der nach heimkehrenden Fl�chtlingen sucht.</p><p>Doch niemand ist zur�ckgekommen, au�er mir. Und das auch nur kurz. Die Regierenden von Distrikt 13 waren dagegen, dass ich noch mal herkomme. Sie sahen darin ein kostspieliges und sinnloses Wagnis, denn mindestens ein Dutzend unsichtbare Hovercrafts schwirren zu meinem Schutz �ber mir, und neue Erkenntnisse sind nicht zu erwarten. Aber ich musste es einfach sehen. So sehr, dass ich das zur Bedingung daf�r gemacht habe, bei ihren Pl�nen mitzuwirken.</p><p>Schlie�lich gab Plutarch Heavensbee, der Oberste Spielmacher, der die Rebellenorganisation im Kapitol angef�hrt hat, sich geschlagen: �Lasst sie doch hinfahren. Lieber einen Tag verlieren als noch einen Monat. Vielleicht braucht sie die kleine Tour nach 12 einfach, um sich davon zu �berzeugen, dass wir auf derselben Seite stehen.�</p><p>Dieselbe Seite. Ein stechender Schmerz durchzuckt meine linke Schl�fe, ich presse die Hand dagegen. Es ist die Stelle, wo Johanna Mason mich mit der Drahtrolle getroffen hat. Die Erinnerungen verschwimmen, w�hrend ich versuche herauszufinden, was wahr ist und was falsch. Welche Abfolge von Ereignissen hat dazu gef�hrt, dass ich hier in den Ruinen meiner Heimatstadt stehe? Keine leichte Frage, denn die Gehirnersch�tterung klingt noch immer nach, und noch immer neigen meine Gedanken dazu, durcheinanderzugeraten. Und die Medikamente, die sie mir geben, um Schmerzen und Stimmung zu regulieren, f�hren manchmal dazu, dass ich Dinge sehe. Glaube ich wenigstens. So ganz bin ich immer noch nicht davon �berzeugt, dass es eine Halluzination war, als sich der Boden der Krankenstation neulich nachts in einen Teppich aus sich windenden Schlangen verwandelte.</p><p>Ich wende die Technik an, die einer der Arzte mir empfohlen hat. Ich fange mit den einfachen Dingen an, von denen ich wei�, dass sie wahr sind, und arbeite mich dann zu den komplizierten vor. In meinem Kopf gehe ich die Liste durch �</p><p><emphasis>Ich hei�e Katniss Everdeen. Ich bin siebzehn Jahre alt. Meine Heimat ist Distrikt 12. Ich war in den Hunger spielen. Ich bin geflohen. Das Kapitol hasst mich. Peeta wurde gefangen genommen. Man geht davon aus, dass er tot ist. H�chstwahrscheinlich ist er tot. Es w�re f�r alle das Beste, wenn er tot ist�</emphasis></p><p>�Katniss. Soll ich zu dir runterkommen?� Durch das Headset, auf dem die Rebellen bestanden haben, dringt Gales Stimme zu mir. Gale ist mein bester Freund. Er sitzt oben in einem Hovercraft und wacht �ber mich, bereit zum Sturzflug, falls irgendwas nicht stimmen sollte. Erst jetzt merke ich, dass ich auf dem Boden kauere, Ellbogen auf den Oberschenkeln, Kopf zwischen den H�nden. Vielleicht sehe ich so aus, als ob ich gleich zusammenbreche. Aber das darf ich nicht. Nicht jetzt, da sie endlich die Medikamente absetzen wollen.</p><p>Ich richte mich auf. �Nein. Mir geht�s gut�, sage ich. Zur Bekr�ftigung kehre ich meinem alten Haus den R�cken zu und gehe in Richtung Stadt. Gale wollte zusammen mit mir in Distrikt 12 abgesetzt werden, aber als ich seine Gesellschaft ablehnte, hat er nicht weiter darauf bestanden. Er versteht, dass ich heute niemanden in meiner N�he haben m�chte. Nicht mal ihn. Manche Wege muss man allein gehen.</p><p>Der Sommer war gl�hend hei� und knochentrocken. Die Aschehaufen, die der Angriff hinterlassen hat, blieben nahezu unber�hrt von Regentropfen. Meine Schritte lassen sie einst�rzen und an anderer Stelle wiedererstehen. Kein Windsto� zerstreut sie. Ich hefte den Blick fest auf die Stra�e, die in meiner Erinnerung hier einmal verlaufen ist. Vorhin, als ich auf der Weide gelandet bin, habe ich nicht aufgepasst und bin gegen einen Stein gesto�en. Nur dass es kein Stein war, sondern ein Totensch�del. Er kullerte davon und blieb mit dem Gesicht nach oben liegen, und lange konnte ich den Blick nicht von den Z�hnen wenden, die ganze Zeit fragte ich mich, wem sie wohl mal geh�rt haben. Meine w�rden unter solchen Umst�nden wohl ganz �hnlich aussehen.</p><p>Aus Gewohnheit bleibe ich auf der Stra�e, aber das ist keine gute Idee, denn �berall liegen �berreste der Menschen, die versucht haben zu fliehen. Einige wurden vollst�ndig einge�schert. Andere, die wahrscheinlich im Qualm erstickt sind, entkamen der schlimmsten Feuersbrunst und liegen nun in unterschiedlichen Stadien der Verwesung da und stinken vor sich hin, bedeckt mit Fliegen, Beute f�r die Aasfresser.
<emphasis>Ich habe dich get�tet,</emphasis>
denke ich, w�hrend ich an den Haufen vorbeigehe.
<emphasis>Und dich. Und dich.</emphasis></p><p>Denn das habe ich. Es war mein Pfeil, abgeschossen auf den wunden Punkt im Kraftfeld um die Arena, der diesen Feuersturm der Vergeltung verursacht, ganz Panem ins Chaos gest�rzt hat.</p><p>In meinem Kopf hallen die Worte von Pr�sident Snow nach, die er an dem Morgen sprach, als die Tour der Sieger begann:
<emphasis>�Katniss Everdeen, das M�dchen, das in Flammen stand - von dir ist ein Funke ausgegangen, der sich, wenn wir uns nicht darum k�mmern, zu einem Inferno auswachsen k�nnte, das Panem zerst�rt.�</emphasis>
Man sieht, er hat nicht �bertrieben oder geblufft, um mich einzusch�chtern. Vielleicht wollte er mich wirklich nur einbinden, meine Hilfe gewinnen. Aber das, was ich in Gang gesetzt hatte, lie� sich nicht mehr kontrollieren.</p><p><emphasis>Feuer, immer neues Feuer,</emphasis>
denke ich benommen. In der Ferne sto�en die Br�nde in den Kohleminen schwarzen Rauch aus. Doch es ist niemand mehr da, der sich darum k�mmern k�nnte. Neunzig Prozent der Bev�lkerung im Distrikt sind tot. Die verbliebenen etwa achthundert Menschen leben als Fl�chtlinge in Distrikt 13 - was, soweit es mich betrifft, im Grunde bedeutet, heimatlos zu sein.</p><p>So d�rfte ich nicht denken, ich wei�. Ich m�sste dankbar daf�r sein, wie wir - krank, verletzt, hungernd und mit leeren H�nden - dort aufgenommen wurden. Trotzdem kann ich einfach nicht verdr�ngen, dass Distrikt 13 an der Zerst�rung von 12 ma�geblich beteiligt war. Das nimmt mir bestimmt nicht meine Schuld - ich habe viel Schuld auf mich geladen. Aber ohne die Rebellen w�re ich nicht Teil eines gr��eren Plans zum Sturz des Kapitols geworden, ich h�tte gar nicht die Mittel dazu gehabt.</p><p>Die B�rger von Distrikt 12 besa�en keine eigene organisierte Widerstandsbewegung. Sie hatten mit alldem nichts zu tun. Sie hatten nur das Pech, dass sie
<emphasis>mich</emphasis>
hatten. Manche der �berlebenden sind gl�cklich, endlich weg zu sein aus Distrikt 12, in Freiheit. Den ewigen Hunger und die Unterdr�ckung hinter sich gelassen zu haben, die gefahrvollen Minen, die Peitsche von Romulus Thread, dem letzten Obersten Friedensw�chter von Distrikt 12. Sie betrachten es als Wunder, dass sie �berhaupt ein neues Zuhause haben, denn bis vor Kurzem wussten wir nicht mal, dass es Distrikt 13 �berhaupt noch gibt.</p><p>Das Verdienst der Flucht geb�hrt nach einhelliger Meinung Gale, obwohl er sich str�ubt, das zu akzeptieren. Sobald das Jubel-Jubil�um vorbei war - das hei�t, sobald ich aus der Arena gezogen worden war -, wurde in Distrikt 12 der Strom abgestellt, die Bildschirme wurden schwarz, und im Saum wurde es so still, dass die Leute den Herzschlag ihres Nachbarn h�ren konnten. Niemand regte sich, um zu protestieren oder das Geschehen in der Arena zu bejubeln. Trotzdem tauchten binnen einer Viertelstunde am Himmel Hoverplanes auf und es hagelte Bomben.</p><p>Gale hatte die Idee mit der Weide, einem der wenigen Orte im Distrikt, die nicht mit alten, in Kohlenstaub eingebetteten Holzh�usern bebaut waren. Dorthin trieb er so viele Leute, wie er konnte, einschlie�lich meiner Mutter und Prim. Er stellte eine Gruppe zusammen, die den Zaun niederriss - der nun, da der Strom fehlte, nur noch aus harmlosem Maschendraht bestand -, und f�hrte die Menschen in den Wald. Er brachte sie an den einzigen Ort, der ihm einfiel: den See, den mein Vater mir als Kind gezeigt hat. Von dort aus schauten sie zu, wie in der Ferne die Flammen alles, was sie von der Welt kannten, verschlangen.</p><p>Als der Morgen graute, waren die Bomber l�ngst wieder verschwunden, die Feuer erstarben, die letzten Nachz�gler waren eingesammelt. Meine Mutter und Prim hatten ein Krankenlager eingerichtet und versuchten, die Verletzten mit dem zu behandeln, was sie im Wald fanden. Gale besa� zwei Ausr�stungen mit Pfeil und Bogen, ein Jagdmesser sowie ein Fischernetz, und damit mussten er und diejenigen, die kr�ftig genug waren, mehr als achthundert verschreckte Menschen ern�hren. Drei Tage hielten sie so durch. Dann tauchte pl�tzlich aus heiterem Himmel ein Hovercraft auf und brachte sie nach Distrikt 13, wo es zahllose saubere wei�e Wohneinheiten, ausreichend Kleidung und drei Mahlzeiten am Tag gab. Die Wohneinheiten hatten den Sch�nheitsfehler, dass sie unterirdisch angelegt waren, die Kleidung war f�r alle gleich und das Essen schmeckte praktisch nach nichts, doch die Fl�chtlinge aus Distrikt 12 k�mmerte das alles nicht. Sie waren in Sicherheit. Jemand sorgte sich um sie. Sie waren am Leben und wurden �berschw�nglich willkommen gehei�en.</p><p>Diese Begeisterung wurde allgemein als Freundlichkeit interpretiert. Doch ein Mann namens Dalton, ein Fl�chtling aus Distrikt 10, der es ein paar Jahre zuvor zu Fu� nach 13 geschafft hatte, verriet mir das wahre Motiv. �Sie brauchen uns. Dich, mich, uns alle. Vor einer Weile hatten sie hier eine Pockenepidemie oder so, der viele zum Opfer gefallen sind, und die meisten der �berlebenden wurden unfruchtbar. Neues Zuchtvieh, das sind wir f�r sie.� Dalton hatte in seinem Heimatdistrikt auf einer Rinderfarm gearbeitet und die genetische Vielfalt der Herde gesichert, indem er den K�hen tiefgefrorene Embryonen einpflanzte. Ich vermute stark, er hat recht mit Distrikt 13, denn Kinder sieht man dort so gut wie keine. Aber was soll�s? Wir leben ja nicht eingepfercht, wir werden angelernt, um zu arbeiten, die Kinder gehen zur Schule. Die �ber Vierzehnj�hrigen wurden in die Armee aufgenommen und werden respektvoll mit �Soldat� angesprochen. Jeder Fl�chtling hat automatisch die Staatsb�rgerschaft von Distrikt 13 bekommen.</p><p>Trotzdem, ich hasse sie. Aber inzwischen hasse ich ja fast alle. Am meisten mich selbst.</p><p>Der Boden unter meinen F��en wird auf einmal hart und unter dem Ascheteppich sp�re ich die Pflastersteine des Platzes. Ringsum, wo einst die Gesch�fte standen, sieht man eine flache Begrenzung aus Tr�mmern. Ein ru�geschw�rzter Schutthaufen erhebt sich dort, wo einmal das Gerichtsgeb�ude war. Ich gehe weiter zu der Stelle, wo die B�ckerei von Peetas Familie gestanden haben muss. Es ist kaum mehr davon �brig als ein geschmolzener Klumpen, da, wo fr�her der Ofen stand. Peetas Eltern, seine beiden �lteren Br�der - keiner von ihnen hat es nach 13 geschafft. Kaum ein Dutzend derjenigen, die in Distrikt 12 einmal als die Wohlhabenden galten, sind dem Feuer entkommen. Es w�re also sowieso nichts mehr da, wohin Peeta zur�ckkommen k�nnte. Au�er mir �</p><p>Ich gehe weiter und sto�e gegen etwas, verliere das Gleichgewicht und sitze pl�tzlich auf einem Metallbrocken, den die Sonne erw�rmt hat. Ich gr�bele, was es gewesen sein k�nnte, dann f�llt mir ein, dass Thread den Platz bei seinem Amtsantritt hat umgestalten lassen. Pf�hle, Pranger und das hier, die Galgen - oder was davon �brig geblieben ist. Schlecht. Ganz schlecht. Das ruft wieder die Flut der Bilder hervor, die mich qu�len, ob ich wach bin oder schlafe. Peeta, der gefoltert wird - ertr�nkt, verbrannt, zerfleischt, mit Stromst��en gequ�lt, verst�mmelt, geschlagen -, w�hrend das Kapitol versucht, Informationen �ber die Rebellion aus ihm herauszuholen, die er gar nicht hat. Ich mache die Augen ganz fest zu und versuche, ihn �ber die vielen Hundert Meilen hinweg zu erreichen, ihm meine Gedanken zu �bertragen, um ihm zu sagen, dass er nicht allein ist. Aber er ist es. Und ich kann ihm nicht helfen.</p><p>Schnell weg. Fort von dem Platz, an den einzigen Ort, den das Feuer nicht zerst�rt hat. Ich gehe an der Ruine des B�rgermeisterhauses vorbei, wo meine Freundin Madge einst lebte. Keine Nachricht �ber ihren Verbleib oder den ihrer Familie. Wurden sie dank der Position ihres Vaters ins Kapitol evakuiert oder hat man sie den Flammen �berlassen? Aschewolken wirbeln rings um mich auf und ich ziehe mir den Hemdkragen �ber den Mund. Es ist nicht die Frage,
<emphasis>was ich</emphasis>
einatme, die mir die Kehle zuschn�rt, sondern
<emphasis>wen.</emphasis></p><p>Der Rasen ist versengt, der graue Schnee ist auch hier gefallen, doch die zw�lf sch�nen H�user im Dorf der Sieger sind unversehrt. Ich st�rze in das Haus, in dem ich das ganze letzte Jahr �ber gelebt habe, schlage die T�r hinter mir zu und lehne mich dagegen. Alles scheint unber�hrt. Sauber. Gespenstisch still. Wieso bin ich nach Distrikt 12 zur�ckgekehrt? Wie sollte dieser Besuch mir dabei helfen, die Frage zu beantworten, der ich nicht ausweichen kann?</p><p>�Was soll ich tun?�, fl�stere ich den W�nden zu. Ich wei� es wirklich nicht.</p><p>Die Leute reden auf mich ein, sie reden, reden, reden. Plutarch Heavensbee. Seine berechnende Assistentin, Fulvia Cardew. Eine bunte Truppe von Anf�hrern aus den Distrikten. Milit�rs. Ausgenommen Alma Coin, die Pr�sidentin von Distrikt 13, die alles blo� beobachtet. Sie ist um die f�nfzig, das graue Haar f�llt ihr wie ein Tuch auf die Schultern. Ihre Haare faszinieren mich irgendwie, sie sind so gleichf�rmig, ohne Makel, ohne Str�hnen, kein einziges ist gespalten. Auch Coins Augen sind grau, aber nicht so wie die Augen der Leute aus dem Saum. Sondern blass, fast als w�re alle Farbe aus ihnen gewichen. Die Farbe von Schneematsch, der nur dazu da ist wegzutauen.</p><p>Ich soll die Rolle spielen, die sie sich f�r mich ausgedacht haben. Das Symbol der Revolution. Der Spottt�lpel. Was ich in der Vergangenheit getan habe - dem Kapitol bei den Spielen die Stirn zu bieten und damit alle vereint zu haben -, das ist nicht genug. Jetzt soll ich der tats�chliche Anf�hrer werden, das Gesicht, die Stimme, die Verk�rperung der Revolution. Die Figur, die den Distrikten - von denen sich die meisten inzwischen im offenen Krieg mit dem Kapitol befinden - den Weg zum Sieg weist. Aber nicht nur ich allein. Ein ganzes Team steht bereit, das mich umsorgen, einkleiden, meine Ansprachen verfassen, meine Auftritte planen soll - so schrecklich vertraut klingt das -, ich selbst muss nur meine Rolle spielen, so �berzeugend wie m�glich. Manchmal h�re ich ihnen zu, manchmal betrachte ich auch nur die perfekte Linie von Coins Haar und gr�bele �ber der Frage, ob sie wohl eine Per�cke tr�gt. Irgendwann verlasse ich den Raum, weil ich Kopfschmerzen bekomme oder weil es Essenszeit ist oder weil ich gleich anfange zu schreien, wenn ich nicht ans Tageslicht komme. Ich mache mir nicht die M�he eines Kommentars. Ich stehe einfach auf und gehe hinaus.</p><p>Gestern Nachmittag, als sich die T�r hinter mir schloss, h�rte ich Coin sagen: �Ich habe euch ja gesagt, wir h�tten zuerst den Jungen retten sollen.� Sie meint Peeta. Da bin ich ganz ihrer Meinung. Er h�tte ein vorz�gliches Sprachrohr abgegeben.</p><p>Und wen haben sie sich stattdessen aus der Arena geangelt? Mich, aber ich kooperiere nicht. Dazu noch Beetee, einen �lteren Erfinder aus Distrikt 3, den ich nur selten sehe, weil er in die Waffenabteilung verfrachtet wurde, kaum dass er wieder aufrecht sitzen konnte. Sie haben ihn buchst�blich im Krankenbett auf irgendein Topsecret-Gel�nde gekarrt und seitdem l�sst er sich nur gelegentlich zu den Mahlzeiten blicken. Er ist sehr intelligent und sehr willig, sich in den Dienst der Sache zu stellen, aber ein Agitator ist er sicher nicht. Dann ist da noch Finnick Odair, das Sexsymbol aus dem Fischereidistrikt, der in der Arena daf�r gesorgt hat, dass Peeta �berlebte, als ich dazu nicht in der Lage war. Finnick wollen sie auch in einen Rebellenf�hrer verwandeln, aber erst m�ssen sie es hinkriegen, dass er l�nger als f�nf Minuten wach bleibt. Und selbst wenn er bei Bewusstsein ist, muss man ihm alles dreimal sagen, damit es zu ihm durchdringt. Die �rzte meinen, das kommt von dem Stromschlag, den er in der Arena abbekommen hat, aber ich wei�, dass es so einfach nicht ist. Ich wei�, dass Finnick sich auf nichts in Distrikt 13 konzentrieren kann, weil er unbedingt wissen muss, was das Kapitol mit Annie anstellt, dem verr�ckt gewordenen M�dchen aus seinem Heimatdistrikt, dem einzigen Menschen auf Erden, den er liebt.</p><p>Meinen Vorbehalten zum Trotz habe ich Finnick schlie�lich verziehen, dass er in die Verschw�rung, deretwegen ich hier gelandet bin, eingeweiht war. Er hat wenigstens eine Ahnung davon, was ich durchmache. Au�erdem h�lt man es kaum durch, jemandem b�se zu sein, der die ganze Zeit weint.</p><p>Wie ein J�ger, um ja kein Ger�usch zu machen, schleiche ich mich durchs Erdgeschoss. Ich nehme ein paar Andenken mit: ein Foto meiner Eltern am Tag ihrer Hochzeit, ein blaues Haarband f�r Prim, das Familienbuch �ber Ess-und Arzneipflanzen. Das Buch �ffnet sich auf einer Seite mit gelben Blumen, und ich schlage es sofort wieder zu, denn die Zeichnung stammt von Peetas Pinsel.</p><p><emphasis>Was soll ich tun ?</emphasis></p><p>Hat es �berhaupt einen Sinn, irgendwas zu tun? Meine Mutter, meine Schwester und Gales Familie sind endlich in Sicherheit. Was den Rest aus Distrikt 12 betrifft, so sind die Leute entweder tot, woran ich auch nichts mehr �ndern kann, oder in Distrikt 13. Bleiben noch die Rebellen in den anderen Distrikten. Nat�rlich hasse ich das Kapitol, aber ich glaube nicht daran, dass es denen, die f�r seinen Sturz k�mpfen, irgendetwas bringt, wenn ich der Spottt�lpel bin. Wie kann ich den Distrikten helfen, wenn jeder meiner Schritte nur dazu f�hrt, dass andere leiden oder ihr Leben verlieren? Der alte Mann in Distrikt 11, der erschossen wurde, weil er eine Melodie gepfiffen hat. Das brutale Vorgehen in Distrikt 12, nachdem ich gegen die Auspeitschung von Gale eingeschritten bin. Mein Stylist Cinna, den sie unmittelbar vor Beginn der Spiele blutig geschlagen und bewusstlos aus dem Star tr�um geschleift haben. Plutarchs Informanten vermuten, dass er bei einem Verh�r get�tet wurde. Der geniale, geheimnisvolle, liebenswerte Cinna ist tot, und das nur meinetwegen. Ich schiebe den Gedanken weg, er ist zu schmerzlich, und wenn ich l�nger bei ihm verweile, k�nnte mir die Kontrolle �ber die Situation ganz entgleiten.
<emphasis>Was soll ich tun ?</emphasis></p><p>Wenn ich der Spottt�lpel werde - k�nnte der Schaden, den ich damit anrichte, durch irgendetwas aufgewogen werden? An wen k�nnte ich mich mit dieser Frage wenden? Bestimmt nicht an die Truppe aus Distrikt 13. Jetzt, da meine und Gales Familie in Sicherheit sind, k�nnte ich eigentlich auch einfach davonlaufen. Es gibt allerdings eine unbekannte Gr��e in der Rechnung. Peeta. Wenn ich ganz sicher w�sste, dass er tot ist, k�nnte ich einfach in den Wald verschwinden und nie mehr zur�ckkehren. Aber so sitze ich hier f�rs Erste fest.</p><p>Ein Fauchen l�sst mich herumfahren. In der K�chent�r steht der h�sslichste Kater der Welt, er macht einen Buckel und legt die Ohren an. �Butterblume!�, rufe ich. Tausende sind gestorben, doch er hat �berlebt und sieht sogar wohlgen�hrt aus. Wie hat er das gemacht? Durch ein Fenster in der Speisekammer, das wir immer angelehnt gelassen haben, konnte er nach Belieben rein und raus. Bestimmt hat er sich von Feldm�usen ern�hrt. An anderes mag ich nicht denken.</p><p>Ich gehe in die Hocke und strecke die Hand aus. �Komm her, alter Junge.� H�chst unwahrscheinlich, dass er das tut. Er schmollt, weil er sich selbst �berlassen wurde. Au�erdem biete ich ihm nichts zu fressen an, und nur dass ich ab und zu einen Brocken f�r ihn hatte, lie� mich vor seinen Augen bestehen. Eine Zeit lang trafen wir uns im alten Haus, weil wir beide das neue nicht mochten, und da sah es fast so aus, als w�rden wir uns ein bisschen n�herkommen. Aber diese Zeiten sind eindeutig vorbei. Er blinzelt mit seinen h�sslichen gelben Augen.</p><p>�M�chtest du Prim sehen?� Beim Klang dieses Namens wird der Kater aufmerksam. Neben seinem eigenen Namen ist dies das einzige Wort, das f�r ihn eine Bedeutung hat. Er gibt ein eingerostetes �Miau� von sich und kommt n�her. Ich hebe ihn hoch, streichle sein Fell, gehe hin�ber zum Wandschrank, wo ich meinen Beutel f�r die Jagdbeute aufbewahre, und stopfe ihn kurzerhand hinein. Es gibt keinen anderen Weg, ihn ins Hovercraft zu bef�rdern, und meiner Schwester bedeutet er alles. Ihre Ziege Lady, ein Tier von praktischerem Nutzen, hat sich leider noch nicht blicken lassen.</p><p>Gale meldet sich �ber das Headset und sagt, dass wir fortm�ssen. Aber der Jagdbeutel hat mich noch an etwas anderes erinnert. Ich h�nge den Gurt an eine Stuhllehne und springe die Treppe hinauf in mein Schlafzimmer. Im Schrank dort h�ngt die Jagdjacke meines Vaters. Ich habe sie vor den Jubil�umsspielen aus dem alten Haus mitgebracht, weil ich dachte, sie k�nnte meiner Mutter und meiner Schwester nach meinem Tod ein wenig Trost spenden. Gott sei Dank, sonst w�re sie jetzt Asche.</p><p>Das weiche Leder f�hlt sich wohltuend an, und einen Augenblick lang beruhigen mich die Erinnerungen an die Stunden, in denen ich mich darin eingeh�llt habe. V�llig grundlos werden meine Handfl�chen pl�tzlich schwitzig. Ein komisches Gef�hl kriecht �ber meinen R�cken bis in den Nacken. Ich fahre herum, aber der Raum ist leer. Aufger�umt. Alles an seinem Platz. Es war kein Ger�usch, das mich in Alarm versetzt hat. Was dann?</p><p>Meine Nase zuckt. Es ist der Geruch. S��lich, k�nstlich. Aus der Vase mit den vertrockneten Blumen auf meiner Kommode schaut ein wei�er Farbklecks. Vorsichtig gehe ich n�her heran.</p><p>Dort, halb verdeckt von ihren konservierten Schwestern, prangt eine wei�e Rose. Vollkommen, bis in den letzten Dorn und das letzte seidige Blatt.</p><p>Ich wei� sofort, wer sie mir geschickt hat.</p><p>Pr�sident Snow.</p><p>Von dem Gestank wird mir �bel, ich weiche zur�ck und verlasse den Raum. Wie lange steht sie schon da? Einen Tag? Eine Stunde? Bevor ich hineindurfte, haben die Rebellen das Dorf der Sieger sicherheitshalber nach Sprengstoff, Wanzen und anderen verd�chtigen Sachen abgesucht. Vielleicht haben sie der Rose keine Bedeutung geschenkt? Ich schon.</p><p>Unten schnappe ich mir den Jagdbeutel und schleife ihn achtlos �ber den Boden, bis mir siedend hei� einf�llt, dass ja jemand darin ist. Vom Rasen vor dem Haus aus winke ich wild dem Hovercraft, w�hrend Butterblume heftig strampelt. Ich verpasse ihm einen Schlag mit dem Ellbogen, aber das macht ihn erst richtig w�tend. Das Hovercraft kommt n�her, eine Leiter wird herabgelassen. Ich steige auf, und der Strom bannt mich, bis ich an Bord gezogen bin.</p><p>Gale hilft mir von der Leiter herunter. �Alles in Ordnung bei dir?�</p><p>�Ja�, sage ich und wische mir mit dem �rmel den Schwei� aus dem Gesicht.</p><p><emphasis>Er hat mir eine Rose dagelassen!,</emphasis>
w�rde ich am liebsten schreien, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Information wirklich loswerden will, solange jemand wie Plutarch dabei ist. Weil es sich anh�ren w�rde, als w�re ich �bergeschnappt. Als h�tte ich mir das entweder nur eingebildet, was ja durchaus m�glich ist, oder als w�rde ich �berreagieren, und dann w�rden sie mich wieder in das Traumland des Drogenrauschs schicken, dem ich unbedingt entkommen m�chte. Niemand wird verstehen, wieso das nicht einfach nur irgendeine Blume und auch nicht nur irgendeine Blume von Pr�sident Snow ist, sondern ein Racheversprechen. Denn niemand au�er mir hat mit ihm in dem Arbeitszimmer gesessen, damals, vor der Tour der Sieger, als er mir drohte.</p><p>Die schneewei�e Rose auf meiner Kommode ist eine pers�nliche Botschaft an mich. Sie weist auf eine offene Rechnung hin. Sie fl�stert:
<emphasis>Ich kann dich finden. Ich kann dich erreichen. Vielleicht beobachte ich dich genau in diesem Augenblick.</emphasis></p><p><strong>2</strong></p><p>Kommen jetzt die Hoverplanes des Kapitols angeschossen, um uns vom Himmel zu fegen? W�hrend wir �ber Distrikt 12 hinweggleiten, suche ich beklommen nach Anzeichen f�r einen Angriff, aber niemand verfolgt uns. Nach ein paar Minuten entnehme ich einer Unterhaltung zwischen dem Piloten und Plutarch, dass der Luftraum frei ist, und entspanne mich ein wenig.</p><p>Gale nickt zu dem Gemaunze hin, das aus dem Beutel kommt. �Jetzt verstehe ich, warum du noch mal zur�ckmusstest.�</p><p>�Die Chance war nun wirklich gleich null.� Ich pfeffere den Beutel auf einen Sitz, von dem aus das abscheuliche Tier ein tiefes, kehliges Knurren ausst��t. �Ach, sei still�, sage ich zu dem Beutel, w�hrend ich mich gegen�ber in einen gepolsterten Fensterplatz sinken lasse.</p><p>Gale setzt sich neben mich. �Ziemlich schlimm da unten, was?�</p><p>�Schlimmer geht es kaum�, antworte ich. Ich schaue ihm in die Augen und sehe meinen eigenen Kummer darin gespiegelt. Unsere H�nde finden sich, sie halten einen Teil von Distrikt 12 fest, den Snow nicht hat zerst�ren k�nnen. Den Rest des Fluges nach Distrikt 13, der nur eine Dreiviertelstunde dauert, sitzen wir einfach so da. Zu Fu� w�rde es eine Woche dauern. Bonnie und Twill, die ich letzten Winter im Wald traf, nachdem sie aus Distrikt 8 geflohen waren, waren eigentlich gar nicht mehr weit von ihrem Ziel entfernt. Aber offenbar haben sie es trotzdem nicht geschafft. Als ich in Distrikt 13 nach ihnen fragte, schien niemand zu wissen, von wem ich redete. Vermutlich im Wald gestorben.</p><p>Von oben sieht es in 13 mehr oder weniger genauso einladend aus wie in 12. Anders, als das Kapitol es im Fernsehen zeigt, rauchen die Tr�mmer zwar nicht mehr, aber oberirdisch gibt es so gut wie kein Leben. In den f�nfundsiebzig Jahren seit den Dunklen Tagen - als Distrikt 13 im Krieg zwischen dem Kapitol und den Distrikten angeblich ausgel�scht wurde - wurde fast nur noch unter der Erde gebaut. Schon vorher hatte es hier ausgedehnte unterirdische Anlagen gegeben, die �ber die Jahrhunderte errichtet worden waren, entweder als geheimer Schutzraum f�r die Regierenden in Kriegszeiten oder als letzte Zuflucht f�r die Menschheit, falls �ber der Erde kein Leben mehr m�glich w�re. Entscheidend f�r die Menschen in 13 war, dass das Kapitol hier sein Atomprogramm entwickelte. In den Dunklen Tagen entrissen die Rebellen den Regierungstruppen die Kontrolle �ber die Atomwaffen, richteten sie auf das Kapitol und trafen dann ein Abkommen: Sie w�rden so tun, als w�ren sie tot, und im Gegenzug w�rde das Kapitol sie in Ruhe lassen. Im Westen besa� das Kapitol noch weitere Atomwaffen, aber bei einem Einsatz gegen 13 h�tte es mit Vergeltung rechnen m�ssen. Also musste es dem Abkommen zustimmen. Das Kapitol zerst�rte die sichtbaren �berreste des Distrikts und kappte s�mtliche Verbindungen zur Au�enwelt. Vielleicht rechneten die F�hrer im Kapitol damit, dass Distrikt 13 ohne Hilfe bald von allein zugrunde gehen w�rde. Manchmal war es auch fast so weit, aber durch strenge Rationierung der Ressourcen, eiserne Disziplin und st�ndige Wachsamkeit gegen�ber erneuten Angriffen des Kapitols kamen die Menschen in 13 immer wieder davon.</p><p>Nun leben die Bewohner fast ausschlie�lich unter der Erde. Wer Sport treiben oder ein bisschen Sonne tanken will, darf nach oben, aber nur zu genau festgelegten Zeiten im jeweiligen Tagesplan. Der Tagesplan muss unbedingt eingehalten werden. Jeden Morgen muss man den rechten Arm in eine Vorrichtung in der Wand halten. Dort wird auf die weiche Innenseite des Unterarms mit fieser lila Tinte der t�gliche Stundenplanaufgedruckt.
<emphasis>7.00 Uhr-Fr�hst�ck. 7.30 Uhr-K�chendienst. 8.30 Uhr - Unterrichtscenter, Raum 17.</emphasis>
Und so weiter. Die Tinte ist unausl�schlich bis
<emphasis>22.00 Uhr - Baden.</emphasis>
Was immer die Tinte best�ndig macht, um diese Zeit verliert es seine Wirkung, und der Tagesplan wird weggesp�lt. Das Erl�schen des Lichts um 22.30 Uhr zeigt an, dass jeder, der keine Nachtschicht hat, jetzt im Bett liegen soll.</p><p>Anfangs, als ich todelend in der Krankenstation lag, musste ich mich nicht bedrucken lassen. Nachdem ich zu meiner Mutter und meiner Schwester in Einheit 307 umgezogen war, wurde erwartet, dass ich an dem Programm teilnehme. Doch abgesehen von den Essenszeiten ignoriere ich die Anweisungen auf meinem Arm weitgehend. Ich gehe einfach wieder in unsere Einheit zur�ck, streife durch Distrikt 13 oder lege mich an einem versteckten Ort wieder schlafen. In einem Luftschacht, der au�er Betrieb ist. Hinter den Wasserrohren in der W�scherei. Im Unterrichtscenter gibt es einen prima Wandschrank, der offenbar nicht f�r Lehrmittel ben�tigt wird. Hier wird so sparsam mit den Dingen umgegangen, dass Verschwendung fast schon als Verbrechen gilt. Zum Gl�ck sind die Leute aus Distrikt 12 noch nie verschwenderisch gewesen. Aber als Fulvia Cardew einmal ein Blatt Papier zusammenkn�llte, auf dem nur ein paar W�rter standen, haben die anderen sie angestarrt, als h�tte sie jemanden ermordet. Sie wurde puterrot, was die Silberblumen, die ihre prallen Wangen zieren, noch mehr hervorhob. Ein Sinnbild der Ausschweifung. Zu meinen wenigen Freuden in Distrikt 13 geh�rt es zu beobachten, wie schwer es den paar verh�tschelten �Rebellen� aus dem Kapitol f�llt, sich einzuf�gen.</p><p>Ich wei� nicht, wie lange sie mir die v�llige Missachtung ihrer heiligen P�nktlichkeit noch durchgehen lassen. Im Moment lassen sie mich noch in Ruhe, weil ich als geistig verwirrt gelte - so steht es zumindest auf meinem �rztlichen Plastikarmband - und alle mein Herumstreunen dulden m�ssen. Aber das kann nicht ewig so weitergehen. Und auch ihre Geduld in Sachen Spottt�lpel wird bald ein Ende haben.</p><p>Vom Landeplatz gehen Gale und ich die vielen Treppen hinunter zu Einheit 307. Wir k�nnten auch den Aufzug nehmen, aber das erinnert mich einfach zu sehr an den Aufzug, der mich in die Arena bef�rdert hat. Ich kann mich sowieso kaum daran gew�hnen, so viel Zeit unter Tage zu verbringen. Aber jetzt, nach der unwirklichen Begegnung mit der Rose, gibt mir das Hinuntersteigen zum ersten Mal ein Gef�hl der Sicherheit.</p><p>An der T�r zu Nummer 307 halte ich inne und bereite mich auf die Fragen meiner Familie vor. �Was soll ich ihnen �ber Distrikt 12 erz�hlen?�, frage ich Gale.</p><p>�Ich glaube nicht, dass sie Einzelheiten wissen wollen. Sie haben die Br�nde gesehen. Wahrscheinlich ist ihre gr��te Sorge, wie du damit fertig wirst.� Gale ber�hrt meine Wange. �Und meine auch.�</p><p>Ich lege kurz mein Gesicht in seine Hand. �Ich werd�s �berleben.�</p><p>Dann hole ich tief Luft und �ffne die T�r. Meine Mutter und meine Schwester sind zu Hause:
<emphasis>18.00 Uhr - Besinnung,</emphasis>
eine halbe Stunde der Mu�e vor dem Abendessen. Die Sorge steht ihnen ins Gesicht geschrieben, sie versuchen, meinen Seelenzustand zu erraten. Bevor irgendwer etwas fragen kann, leere ich meinen Jagdbeutel aus und �ndere das Programm um in
<emphasis>18.00 Uhr - Gro�es Katergekuschel,</emphasis>
Prim sitzt, Rotz und Wasser heulend, auf dem Boden und wiegt ihren gr�sslichen Kater in den Armen, der sein Schnurren hier und da unterbricht, um mich anzufauchen. Und als Prim ihm das blaue Band um den Hals bindet, bedenkt er mich mit einem Blick, den man nur als selbstzufrieden bezeichnen kann.</p><p>Meine Mutter dr�ckt das Hochzeitsfoto fest an die Brust und stellt es dann zusammen mit dem Pflanzenbuch auf unsere von der Regierung gestellte Kommode. Ich h�nge die Jacke meines Vaters �ber eine Stuhllehne. Einen Augenblick lang wirkt der Raum fast wie ein Zuhause. Der Ausflug nach 12 war also nicht v�llig sinnlos.</p><p><emphasis>18.30 Uhr - Abendessen.</emphasis>
Wir sind auf dem Weg hinunter in den Speisesaal, als Gales Mailmanschette piepst. Sie sieht aus wie eine �berdimensionale Uhr, empf�ngt aber geschriebene Nachrichten. Eine Mailmanschette ist ein besonderes Privileg und steht nur jenen zu, die wichtig f�r die Sache sind. Gale hat sich diesen Status durch die Rettung der Fl�chtlinge aus Distrikt 12 erworben. �Sie m�chten, dass wir beide in die Kommandozentrale kommen�, sagt er.</p><p>Ich tapere hinter Gale her und versuche mich innerlich auf die n�chste Spottt�lpelsitzung einzustellen, die mich jetzt wohl erwartet. Ich bleibe im Eingang zur Kommandozentrale stehen, dem Hightech-Konferenz- und Kriegsratsraum, der mit computerisierten sprechenden W�nden, elektronischen Karten der Truppenbewegungen in den verschiedenen Distrikten sowie einem gigantischen rechteckigen Tisch mit Kontrollhebeln ausgestattet ist, die ich auf keinen Fall ber�hren darf. Doch niemand beachtet mich, alle haben sich am anderen Ende des Raums um einen Fernsehschirm versammelt, der rund um die Uhr das Programm des Kapitolsenders zeigt. Ich will die Gelegenheit nutzen, um mich davonzuschleichen, als Plutarch, dessen massige Gestalt den Bildschirm verdeckt hat, mich erblickt und energisch heranwinkt. Widerwillig trete ich n�her und versuche mir vorzustellen, was es da f�r mich Interessantes zu sehen geben k�nnte. Es ist immer das Gleiche. Kriegsbilder. Propaganda. Wiederholungen der Bombardierung von Distrikt 12. Eine Unheil verk�ndende Botschaft von Pr�sident Snow. Deshalb ist es fast angenehm, Caesar Flickerman, den ewigen Moderator der Hungerspiele, mit seinem geschminkten Gesicht und dem glitzernden Anzug zu sehen, der sich auf ein Interview vorbereitet. Angenehm, ja - bis die Kamera pl�tzlich zur�ckzoomt und ich sehe, wer sein Gast ist. Peeta.</p><p>Ein Laut entf�hrt meiner Kehle, eine Mischung aus St�hnen und dem Schnappen nach Luft, wie wenn man unter Wasser ist und der Mangel an Sauerstoff unertr�glich wird. Ich bahne mir einen Weg durch die Leute, bis ich genau vor ihm stehe und meine Hand auf den Bildschirm legen kann. Ich suche nach Anzeichen von Verletzungen in seinem Blick, einem Widerschein der Folterqual. Aber da ist nichts. Peeta sieht gesund aus, geradezu kr�ftig. Seine Haut leuchtet makellos, wie nach einer Ganzk�rperpolitur. Er wirkt ernst und gefasst. Ich kann diesen Anblick nicht mit dem zerschundenen, blutenden Jungen in Einklang bringen, der mich in meinen Tr�umen heimsucht.</p><p>Caesar macht es sich in seinem Sessel gegen�ber Peeta bequem und sieht ihn eine Weile an, bevor er spricht. �Tja � Peeta � Herzlich willkommen mal wieder.�</p><p>Peeta l�chelt schmal. �Sch�tze, Sie haben gedacht, Sie h�tten mich zum letzten Mal interviewt, Caesar.�</p><p>�Ich gestehe es, ja�, sagt Caesar. �Am Abend vor dem Jubel-Jubil�um � Mensch, wer h�tte gedacht, dass wir dich noch einmal wiedersehen w�rden?!�</p><p>�War auch nicht geplant, das k�nnen Sie mir glauben�, antwortet Peeta finster.</p><p>Caesar beugt sich ein wenig vor. �Ich glaube, jeder hier wei�, was du geplant hattest. Du wolltest dich in der Arena opfern, damit Katniss Everdeen und dein Kind �berleben.�</p><p>�So ist es. Ganz einfach.� Peeta f�hrt mit den Fingern das Muster auf der gepolsterten Sessellehne nach. �Aber da hatten auch andere Leute ihre Pl�ne.�</p><p><emphasis>Ja, da hatten auch andere Leute ihre Pl�ne,</emphasis>
denke ich. Hat Peeta sich zusammengereimt, dass die Rebellen uns wie Schachfiguren benutzt haben? Dass meine Rettung von Anfang an geplant war? Und dass nicht zuletzt unser Mentor, Haymitch Abernathy, uns beide f�r eine Sache verraten hat, die ihn angeblich �berhaupt nicht interessierte?</p><p>In der Stille, die folgt, bemerke ich, dass sich auf Peetas Stirn eine Falte gebildet hat. Er hat es erraten oder irgendwer hat es ihm gesagt. Trotzdem hat das Kapitol ihn weder get�tet noch bestraft. Im Moment �bersteigt das meine k�hnsten Hoffnungen. Ich schwelge in dem Hochgef�hl, dass er k�rperlich und geistig unversehrt ist. Es wirkt auf mich wie das Morfix, das sie mir auf der Krankenstation verabreichen, um den Schmerz der letzten Wochen zu bet�uben.</p><p>�Warum erz�hlst du uns nicht ein bisschen von der letzten Nacht in der Arena?�, schl�gt Caesar vor. �Hilf uns, die Dinge zu verstehen.�</p><p>Peeta nickt, wartet aber eine Weile, bis er zu sprechen anf�ngt. �Die letzte Nacht� ich soll Ihnen von der letzten Nacht erz�hlen � Nun ja, zun�chst m�ssen Sie sich vorstellen, wie es sich in der Arena anf�hlte. Man kam sich vor wie ein Insekt, das unter einer Glocke voll dampfender Luft gefangen ist. Und um einen herum nichts als Dschungel � gr�n und lebendig und tickend. Diese riesige Uhr, die das Leben wegtickt. Jede Stunde bringt neuen Horror. Sie m�ssen sich vorstellen, dass innerhalb von zwei Tagen sechzehn Menschen gestorben waren - manche von ihnen bei dem Versuch, mich zu besch�tzen. Ich konnte mir ausrechnen, dass bei dem Tempo auch die letzten acht am n�chsten Morgen tot sein w�rden. Bis auf einen. Den Sieger. Und nach meinem Plan w�re das nicht ich gewesen.�</p><p>Bei der Erinnerung bricht mir der Schwei� aus. Meine Hand rutscht am Bildschirm ab und h�ngt schlaff herunter. Peeta braucht keinen Pinsel, um Bilder von den Spielen erstehen zu lassen. Er kann das mit Worten genauso gut.</p><p>�Wenn Sie erst einmal in der Arena sind, r�ckt die �brige Welt in weite Ferne�, f�hrt er fort. �Alle Menschen und Dinge, die Sie lieben und die Ihnen etwas bedeuten, existieren praktisch nicht mehr. Der rosafarbene Himmel, die Monster im Dschungel und die Tribute, die nach Ihrem Blut trachten, werden zur endg�ltigen Wirklichkeit, der einzigen, die je gez�hlt hat. Egal, wie elend Sie sich dabei f�hlen, Sie werden t�ten m�ssen, denn in der Arena haben Sie nur noch ein Ziel. Und das kostet nun mal.�</p><p>�Es kostet dein Leben�, sagt Caesar.</p><p>�Oh nein. Es kostet viel mehr als mein Leben. Unschuldige Menschen zu t�ten?�, sagt Peeta. �Das kostet alles, was uns ausmacht.�</p><p><emphasis>�Alles, was uns ausmacht�,</emphasis>
wiederholt Caesar leise.</p><p>Stille senkt sich �ber das Studio, und ich sp�re, wie sie sich �ber ganz Panem ausbreitet. Eine Nation, die sich zu den Bildschirmen vorbeugt. Niemand hat je davon erz�hlt, wie es in der Arena wirklich ist.</p><p>Peeta spricht weiter. �Also klammern Sie sich an Ihr Ziel. Und ja, in dieser letzten Nacht war es mein Ziel, Katniss zu retten. Aber obwohl ich nichts von den Rebellen wusste, war es irgendwie eigenartig. Es war alles zu kompliziert. Auf einmal bereute ich es, dass ich an diesem Tag nicht mit ihr davongelaufen war, so wie sie es vorgeschlagen hatte. Jetzt gab es keinen Ausweg mehr.�</p><p>�Weil du in Beetees Plan eingebunden warst, den Salzsee unter Strom zu setzen?�, fragt Caesar.</p><p>�Weil ich zu besch�ftigt damit war, so zu tun, als w�re ich mit den anderen verb�ndet. Ich h�tte nie zulassen d�rfen, dass sie uns trennen!�, bricht es aus Peeta heraus. �Denn dabei habe ich sie aus den Augen verloren.�</p><p>�Du meinst, als du bei dem Gewitterbaum geblieben bist, w�hrend Katniss und Johanna Mason sich mit der Drahtrolle auf den Weg zum Wasser machten�, erl�utert Caesar.</p><p>�Ich wollte das nicht!�, ruft Peeta erregt. �Aber ich konnte mich nicht mit Beetee streiten, ohne zu verraten, dass wir das B�ndnis aufk�ndigen wollten. Und als dann der Draht durchgeschnitten wurde, ging pl�tzlich alles drunter und dr�ber. Ich kann mich nur bruchst�ckhaft erinnern. Wie ich nach ihr suchte. Wie Brutus Chaff t�tete. Wie ich Brutus t�tete. Ich wei� auch noch, dass sie nach mir rief. Aber dann schlug der Blitz in den Baum ein und das Kraftfeld rings um die Arena � flog in die Luft.�</p><p>�Katniss hat es in die Luft fliegen lassen, Peeta�, sagt Caesar. �Du hast die Videoaufnahmen gesehen.�</p><p>�Sie wusste nicht, was sie tat. Keiner von uns konnte Beetees Plan durchschauen. Man sieht doch, dass sie gar nicht richtig wei�, was sie mit dem Draht machen soll�, sagt Peeta w�tend.</p><p>�Na gut. Aber es wirkt schon verd�chtig�, sagt Caesar. �Als w�re sie die ganze Zeit in die Pl�ne der Rebellen eingeweiht gewesen.�</p><p>Peeta springt auf und geht ganz nah an das Gesicht seines Interviewers heran, die H�nde fest auf Caesars Armlehnen gestemmt. �Tats�chlich? Und geh�rte es auch zu ihrem Plan, dass Johanna sie fast umbringt? Dass der Stromschlag sie l�hmt? Dass ihr Heimatdistrikt bombardiert wird?� Jetzt br�llt er. �Sie hat nichts davon gewusst, Caesar! Keiner von uns beiden wusste irgendwas, wir haben nur alles daf�r getan, dass der andere �berlebt!�</p><p>Caesar legt die H�nde auf Peetas Brust, eine Geste, die zugleich abwehren und beschwichtigen soll. �Okay, Peeta, ich glaube dir.�</p><p>�Gut.� Peeta l�sst von Caesar ab. Er f�hrt sich mit den H�nden durchs Haar, wodurch er die sorgsam gestylten blonden Locken durcheinanderbringt. Aufgel�st l�sst er sich in seinen Sessel zur�ckfallen.</p><p>Caesar mustert Peeta einen Augenblick. �Was ist mit eurem Mentor, Haymitch Abernathy?�</p><p>Peetas Miene verh�rtet sich. �Ich wei� nicht, wie viel Haymitch gewusst hat.�</p><p>�Meinst du, er war Teil der Verschw�rung?�, fragt Caesar. �Er hat nie etwas erw�hnt�, entgegnet Peeta. Caesar bohrt nach. �Aber was sagt dir dein Gef�hl?�</p><p>�Ich h�tte ihm nicht vertrauen sollen�, sagt Peeta. �Das ist alles.�</p><p>Ich habe Haymitch nicht mehr gesehen, seit ich mich im Hovercraft auf ihn gest�rzt und ihm mit den Fingern�geln das Gesicht zerkratzt habe. Ich wei�, dass er harte Zeiten durchmacht. In Distrikt 13 sind Herstellung und Konsum berauschender Getr�nke n�mlich streng verboten, sogar der Reinigungsalkohol in der Krankenstation wird weggeschlossen. Damit ist Haymitch endlich gezwungen, n�chtern zu bleiben, ohne sich die Entw�hnung durch Geheimvorr�te oder selbst gebrauten Fusel ertr�glicher gestalten zu k�nnen. Solange er nicht ganz trocken ist, bleibt er aus dem Verkehr gezogen; f�r �ffentliche Auftritte gilt er als noch nicht geeignet. Er muss entsetzliche Qualen leiden, aber mein Mitleid f�r Haymitch ist restlos aufgebraucht, seit mir klar geworden ist, wie er uns get�uscht hat. Ich hoffe, dass er diese Sendung jetzt sieht, dann wei� er, dass auch Peeta sich von ihm losgesagt hat.</p><p>Caesar legt Peeta eine Hand auf die Schulter. �Wenn du m�chtest, machen wir hier Schluss.�</p><p>�War denn noch was?�, fragt Peeta sarkastisch.</p><p>�Ich wollte dich noch nach deinen Gedanken zum Krieg fragen, aber wenn du zu aufgew�hlt bist ��, hebt Caesar an.</p><p>�Oh nein, ich bin nicht zu aufgew�hlt, um auf diese Frage zu antworten.� Peeta holt tief Luft und blickt direkt in die Kamera. �Ich m�chte, dass Sie alle - ob Sie nun f�r das Kapitol sind oder f�r die Rebellen - einen Moment lang innehalten und dar�ber nachdenken, was dieser Krieg bedeuten k�nnte. F�r die Menschen. Wir haben uns schon einmal an den Rand der Ausrottung gebracht. Diesmal sind wir noch viel weniger. Unsere Lage ist noch prek�rer. Wollen wir das wirklich? Uns allesamt umbringen? In der Hoffnung, dass - was? Dass irgendeine vernunftbegabte Art die rauchenden Tr�mmer der Erde erbt?�</p><p>�Ich wei� wirklich nicht � Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir folgen kann ��, sagt Caesar.</p><p>�Wir d�rfen uns nicht bekriegen, Caesar�, erkl�rt Peeta. �Es werden nicht genug �brig bleiben, um weiterzumachen. Wenn nicht alle die Waffen niederlegen, und zwar
<emphasis>bald,</emphasis>
dann ist sowieso alles vorbei.�</p><p>�Du � du forderst also zu einem Waffenstillstand auf?�, fragt Caesar.</p><p>�Ja. Ich fordere zum Waffenstillstand auf�, sagt Peeta m�de. �Wieso sagen wir jetzt nicht den Wachen, dass sie mich zur�ck in mein Quartier bringen sollen, damit ich noch ein paar Hundert Kartenh�user bauen kann?�</p><p>Caesar dreht sich zur Kamera. �In Ordnung. Ich denke, das war�s. Damit schalten wir zur�ck zum Vormittagsprogramm.�</p><p>Musik ert�nt, dann werden die beiden ausgeblendet, und man sieht eine Frau, die die Liste der erwarteten Rationierungen f�r das Kapitol verliest - frisches Obst, Solarzellen, Seife. Ich tue so, als w�re ich ganz in ihren Anblick versunken. Ich wei�, dass alle darauf warten, wie ich auf das Interview reagiere. Aber ich kann das alles unm�glich so schnell verarbeiten - einerseits die Freude dar�ber, dass Peeta lebt und unversehrt ist, dass er mich gegen alle Vorw�rfe verteidigt, gemeinsame Sachen mit den Rebellen gemacht zu haben, und andererseits seine unleugbare Komplizenschaft mit dem Kapitol, denn nur so ist zu erkl�ren, warum er zum Waffenstillstand aufruft. Gewiss, er hat es so klingen lassen, als ob er beide Kriegsparteien verurteilte. Doch zum gegenw�rtigen Zeitpunkt, da die Rebellen erst kleine Siege errungen haben, w�rde ein Waffenstillstand nichts anderes bedeuten als die R�ckkehr zum urspr�nglichen Zustand. Wenn nicht Schlimmeres.</p><p>Hinter mir h�re ich, wie Vorw�rfe gegen Peeta laut werden. Die Worte
<emphasis>Verr�ter, L�gner</emphasis>
und
<emphasis>Feind</emphasis>
hallen durch den Raum. Da ich die Emp�rung der Rebellen weder teilen noch zur�ckweisen kann, halte ich es f�r das Beste, einfach zu gehen. Als ich die T�r erreiche, �bert�nt Coins Stimme alle anderen. �Du bist noch nicht entlassen, Soldat Everdeen.�</p><p>Einer von Coins M�nnern legt mir die Hand auf den Arm. Wahrhaftig keine aggressive Geste, aber nach der Arena reagiere ich auf jede fremde Ber�hrung mit Abwehr. Ich rei�e mich los und renne den Flur hinunter. Hinter mir h�re ich Gerangel, aber ich bleibe nicht stehen. In Windeseile gehe ich meine kleinen Verstecke durch und entscheide mich f�r den Wandschrank im Unterrichtscenter, wo ich mich an eine Kiste mit Kreide kauere.</p><p>�Du lebst�, fl�stere ich, w�hrend ich meine H�nde gegen die Wangen dr�cke und das L�cheln f�hle, das so breit ist, dass es aussehen muss, als w�rde ich grinsen. Peeta lebt. Und er ist ein Verr�ter. Aber im Moment ist es mir egal, was er sagt und in wessen Auftrag. F�r mich z�hlt nur, dass er �berhaupt noch sprechen kann.</p><p>Kurz darauf geht die T�r auf und Gale schl�pft herein. Er l�sst sich neben mir auf den Boden sinken, aus seiner Nase tropft Blut.</p><p>�Was ist passiert?�, frage ich.</p><p>�Ich bin Boggs in die Quere gekommen�, antwortet er schulterzuckend. Mit dem �rmel wische ich ihm die Nase ab. �Pass doch auf!�</p><p>Ich versuche, sanfter zu sein. Tupfen statt wischen. �Wer von denen ist das?�</p><p>�Ach, du wei�t schon. Coins Lakai. Der, der versucht hat, dich aufzuhalten.� Er st��t meine Hand weg. �Lass das! Sonst verblute ich noch.�</p><p>Das Tropfen ist zu einem steten Rinnsal geworden. Ich stelle meine Erste-Hilfe-Aktion ein. �Du hast dich mit Boggs gepr�gelt?�</p><p>�Nein, ich hab mich nur in die T�r gestellt, als er dir folgen wollte. Sein Ellbogen hat mich an der Nase getroffen�, erwidert Gale.</p><p>�Wahrscheinlich wirst du jetzt bestraft�, sage ich.</p><p>�Schon passiert.� Er h�lt sein Handgelenk hoch. Verdutzt starre ich darauf. �Coin hat mir die Mailmanschette abgenommen.�</p><p>Ich versuche krampfhaft, ernst zu bleiben. Aber es ist einfach zu l�cherlich. �Das tut mir aber leid, Soldat Gale Hawthorne.�</p><p>�Muss es nicht, Soldat Katniss Everdeen.� Er grinst. �Ich bin mir damit sowieso wie ein Trottel vorgekommen.� Wir prusten los. �Das sollte wohl eine Degradierung sein.�</p><p>Das ist eins der wenigen guten Dinge an Distrikt 13. Dass ich Gale wiederhabe. Nachdem die Anspannung wegen meiner arrangierten Hochzeit mit Peeta vorbei war, haben wir unsere Freundschaft neu entdeckt. Er forciert es nicht weiter, versucht nicht, mich zu k�ssen oder �ber Liebe zu sprechen. Entweder weil ich zu krank war oder weil er mir jetzt mehr Freiraum lassen kann oder weil er wei�, dass mich die Geschichte mit Peeta, der vom Kapitol gefangen gehalten wird, einfach zu sehr mitnimmt. Jedenfalls habe ich jetzt wieder jemanden, dem ich meine Geheimnisse anvertrauen kann.</p><p>�Was sind das blo� f�r Leute?�, frage ich.</p><p>�So w�ren wir auch. Wenn wir Atombomben statt der paar Brocken Kohle gehabt h�tten�, antwortet er.</p><p>�Ich w�rde ja gern daran glauben, dass Distrikt 12 damals in den Dunklen Tagen die anderen Rebellen nicht im Stich gelassen h�tte�, sage ich.</p><p>�Wahrscheinlich h�tten wir es doch getan, bei der Alternative, aufzugeben oder einen Atomkrieg anzuzetteln�, sagt Gale. �Irgendwie ist es schon bemerkenswert, dass sie �berhaupt �berlebt haben.�</p><p>Vielleicht liegt es daran, dass meinen Schuhen immer noch die Asche meines eigenen Distrikts anhaftet, aber zum ersten Mal erweise ich den Leuten aus Distrikt 13 etwas, das ich ihnen bisher verwehrt habe: Anerkennung. Weil sie allen Widrigkeiten zum Trotz �berlebt haben. Die ersten Jahre m�ssen schrecklich f�r die Menschen gewesen sein, zusammengedr�ngt in unterirdischen Kammern, nachdem ihre Stadt dem Erdboden gleichgemacht worden war. Die Bev�lkerung dezimiert, nirgends ein Verb�ndeter, an den man sich um Hilfe h�tte wenden k�nnen. Im Lauf der vergangenen f�nfundsiebzig Jahre haben sie gelernt, gen�gsam zu sein, haben aus den Bewohnern eine Armee aufgebaut und ohne jede Hilfe eine neue Gesellschaft errichtet. Und h�tte nicht diese Pockenepidemie ihre Geburtenrate gegen null sinken lassen, w�ren sie noch m�chtiger. Nur deshalb sind sie nun so versessen auf einen neuen Genpool und neue Erzeuger. Sie m�gen militaristisch, �berm��ig kontrolliert und etwas humorlos sein. Aber sie sind hier. Und sie sind bereit, es mit dem Kapitol aufzunehmen.</p><p>�Trotzdem, es hat lange gedauert, bis sie sich gezeigt haben�, sage ich.</p><p>�Das war halt nicht so einfach. Sie mussten erst eine Rebellenbasis im Kapitol aufbauen und den Untergrund in den Distrikten organisieren�, sagt Gale. �Und dann brauchten sie noch jemanden, der den Stein ins Rollen bringt. Sie brauchten dich.�</p><p>�Peeta brauchten sie auch, aber das scheinen sie vergessen zu haben�,sage ich.</p><p>Gales Miene verd�stert sich. �Peeta hat heute Abend m�glicherweise eine Menge Schaden angerichtet. Die meisten Rebellen werden das, was er gesagt hat, nat�rlich umgehend ablehnen. Doch es gibt Distrikte, in denen der Widerstand wackelt. Das mit dem Waffenstillstand ist eindeutig die Idee von Pr�sident Snow. Aber wenn sie aus Peetas Mund kommt, klingt sie unheimlich vern�nftig.�</p><p>Ich habe Angst vor Gales Antwort, aber ich frage trotzdem: �Warum, glaubst du, hat er das gesagt?�</p><p>�Vielleicht haben sie ihn gefoltert. Oder �berredet. Ich pers�nlich glaube, er ist irgendeinen Handel eingegangen, um dich zu besch�tzen: Er bringt die Idee eines Waffenstillstands aufs Tapet, wenn Snow im Gegenzug erlaubt, dass Peeta dich als verwirrtes schwangeres M�dchen darstellt, das v�llig ahnungslos war, als es von den Rebellen gefangen genommen wurde. Damit best�nde immer noch die Aussicht auf Milde f�r dich, falls die Distrikte verlieren. Und falls du mitspielst.� Ich muss v�llig perplex aussehen, denn den n�chsten Satz spricht Gale sehr langsam aus. �Katniss � er versucht immer noch, dich zu retten.�</p><p><emphasis>Mich zu retten?</emphasis>
Und dann begreife ich. Die Spiele dauern noch immer an. Wir sind zwar nicht mehr in der Arena, aber da Peeta und ich nicht get�tet wurden, hat sein letztes Ziel, also mein Leben zu retten, weiterhin Bestand. Seine Idee ist, dass ich mich versteckt halte, eingesperrt bleibe, solange der Krieg tobt. Dann h�tte eigentlich keine der Seiten einen Grund, mich zu t�ten. Und Peeta? Wenn die Rebellen gewinnen, sieht es �bel f�r ihn aus. Wenn das Kapitol gewinnt, wer wei� � Falls ich sch�n mitspiele, d�rfen wir vielleicht beide am Leben bleiben - und zusehen, wie die Spiele weitergehen �</p><p>Bilder tauchen auf: der Speer in der Arena, der Rues K�rper durchbohrt; Gale, der bewusstlos am Pranger h�ngt; die mit Leichen �bers�te W�stenlandschaft meiner Heimat. Und wozu das alles? Wozu? Je erregter ich werde, desto mehr Erinnerungen kommen hoch. Der erste fl�chtige Hinweis auf den Aufstand in Distrikt 8. Die Sieger Hand in Hand am Abend vor Beginn der Spiele zum Jubel-Jubil�um. Und das ganz und gar nicht zuf�llige Abschie�en meines Pfeils ins Kraftfeld um die Arena. Und wie sehr ich mir w�nschte, ihn tief ins Herz meines Feindes zu versenken.</p><p>Ich springe auf, wobei ich eine Schachtel voll mit Stiften umkippe und sie auf dem Boden verstreue.</p><p>�Was ist los?�, fragt Gale.</p><p>�Es darf keinen Waffenstillstand geben.� Ich b�cke mich, taste nach den dunkelgrauen Grafitst�ben und versuche sie zur�ck in die Schachtel zu stopfen. �Wir d�rfen nicht nachgeben.�</p><p>�Ich wei�.� Gale klaubt eine Handvoll Stifte zusammen und klopft sie auf dem Boden zurecht.</p><p>�Was immer Peeta bewogen hat, solche Sachen zu sagen, er irrt sich�, sage ich. Die bl�den Stifte wollen nicht in die Schachtel und vor Ungeduld breche ich mehrere ab.</p><p>�Ich wei�.� Gale nimmt mir die Schachtel aus der Hand und f�llt sie mit geschickten Bewegungen. �Gib her. Du machst sie ja alle kaputt.�</p><p>�Peeta wei� nicht, was sie mit Distrikt 12 gemacht haben. Wenn er gesehen h�tte, wie es dort unten aussieht ��, sage ich.</p><p>�Katniss, ich will nicht mit dir streiten. Wenn ich einen Knopf dr�cken und jeden, der mit dem Kapitol zusammenarbeitet, t�ten k�nnte, ich w�rd�s tun. Ohne zu z�gern.� Er legt den letzten Stift in die Schachtel und macht sie zu. �Die Frage ist, was wirst du tun?�</p><p>Jetzt wird mir klar, dass es auf die Frage, die so lange an mir genagt hat, die ganze Zeit nur eine m�gliche Antwort gab. Trotzdem bedurfte es Peetas Auftritt, damit ich es einsehe.</p><p><emphasis>Was soll ich tun ?</emphasis></p><p>Ich hole tief Luft. Ich hebe sacht die Arme - wie ein Nachhall der schwarz-wei�en Schwingen, die Cinna mir verliehen hat - und lasse sie wieder sinken.</p><p>�Ich werde der Spottt�lpel sein.�</p><p><strong>3</strong></p><p>Butterblume liegt in Prims Armbeuge - es war immer seine Aufgabe, Prim vor der Nacht zu besch�tzen. In seinen Augen spiegelt sich das matte Glimmen des Sicherheitslichts �ber der T�r. Prim hat sich an meine Mutter gekuschelt, und wie sie so schlafend daliegen, sehen sie aus wie vor einem Jahr, am Morgen der Ernte, die mich in meine ersten Hungerspiele katapultierte. Ich habe ein Bett f�r mich allein, weil ich noch nicht richtig gesund bin und weil sowieso niemand mit mir in einem Bett schlafen kann, bei den Albtr�umen und dem dauernden Hin-und-her-Gew�lze.</p><p>Nachdem ich mich stundenlang von einer Seite auf die andere geworfen habe, akzeptiere ich schlie�lich, dass es eine schlaflose Nacht wird. Unter Butterblumes wachsamem Blick schleiche ich auf Zehenspitzen �ber den kalten Fliesenboden zur Kommode.</p><p>Die mittlere Schublade enth�lt die mir zugeteilten Kleidungsst�cke. Jeder hier tr�gt die gleiche graue Hose und das gleiche graue Hemd, das in den Hosenbund gesteckt wird. Unter der Kleidung verwahre ich die wenigen Dinge, die ich bei mir trug, als ich aus der Arena geholt wurde. Die Brosche mit dem Spottt�lpel. Das Andenken von Peeta, ein goldenes Medaillon mit Fotos: meine Mutter, Prim und Gale. Ein silberner Fallschirm, in den ein Hahn zum Zapfen von Baumsaft eingewickelt ist, sowie die Perle, die Peeta mir geschenkt hat, kurz bevor ich das Kraftfeld in die Luft gejagt habe. Die Tube mit der Salbe hat Distrikt 13 ebenso konfisziert wie meinen Bogen und die Pfeile, denn nur die Wachen haben die Erlaubnis, Waffen zu tragen. Sie liegen jetzt im Arsenal.</p><p>Ich betaste den Fallschirm und fasse hinein, schlie�e die Finger um die Perle. Dann setze ich mich im Schneidersitz aufs Bett und fahre mit der zart irisierenden Perle �ber meine Lippen. Aus irgendeinem Grund tr�stet mich das. Ein k�hler Kuss von dem, der sie mir geschenkt hat.</p><p>�Katniss?�, fl�stert Prim. Sie ist aufgewacht und sp�ht durch die Dunkelheit zu mir her�ber. �Was ist los?�</p><p>�Nichts. Hab nur schlecht getr�umt. Schlaf weiter.� Ein Automatismus. Prim und meine Mutter heraushalten, um sie zu sch�tzen.</p><p>Vorsichtig, damit sie meine Mutter nicht weckt, steigt Prim aus dem Bett, schnappt sich Butterblume und setzt sich neben mich. Sie ber�hrt meine Hand, die sich um die Perle geschlossen hat. �Du frierst ja.� Sie zieht die Wolldecke vom Fu�ende des Bettes herauf und wickelt uns alle drei hinein. Jetzt bin ich in ihre W�rme und in Butterblumes pelzige Hitze eingeh�llt. �Du kannst es mir ruhig sagen, wei�t du. Ich kann ein Geheimnis f�r mich behalten. Sogar vor Mutter.�</p><p>Jetzt ist es endg�ltig verschwunden. Das kleine M�dchen mit der herausgerutschten Bluse, deren Zipfel aussieht wie ein Entenschwanz; dem man bei den Tellern helfen musste, weil es noch nicht so hoch kam, und das so lange bettelte, bis ich mit ihm die verzierten Kuchen im Schaufenster der B�ckerei anschauen ging. Zeit und Schicksalsschl�ge haben Prim notgedrungen �lter werden lassen, zu schnell f�r meinen Geschmack, und jetzt ist sie eine junge Frau, die blutende Wunden zusammenn�ht und wei�, dass man unserer Mutter nicht so viel zumuten kann.</p><p>�Morgen fr�h werde ich mich bereit erkl�ren, der Spottt�lpel zu sein�, vertraue ich ihr an.</p><p>�Weil du es willst oder weil du es musst?�, fragt sie.</p><p>Ich lache kurz auf. �Beides, glaube ich. Nein, ich will es. Ich muss, wenn es den Rebellen hilft, Pr�sident Snow zu besiegen.� Ich dr�cke die Perle in meiner Faust noch fester. �Wenn nur er nicht w�re � Peeta. Ich habe Angst, dass die Rebellen ihn hinrichten, wenn sie gewinnen, weil sie ihn f�r einen Verr�ter halten.�</p><p>Prim denkt dar�ber nach. �Ich glaube, dir ist nicht klar, wie wichtig du f�r die Sache bist, Katniss. Wichtige Leute bekommen gew�hnlich, was sie wollen. Wenn du willst, dass Peeta von den Rebellen verschont wird, dann kriegst du das auch hin.�</p><p>Es stimmt wohl, dass ich wichtig bin. Sie haben eine Menge Scherereien in Kauf genommen, um mich zu retten. Sie haben mir sogar erlaubt, noch mal Distrikt 12 zu besuchen. �Du meinst � ich k�nnte verlangen, dass sie Peeta Straffreiheit zusichern? Und dass ihnen gar nichts anderes �brig bleibt, als Ja zu sagen?�</p><p>�Ich meine, du k�nntest so ziemlich alles verlangen, und ihnen w�rde nichts anderes �brig bleiben, als Ja zu sagen.� Prim runzelt die Stirn. �Die Frage ist nur, wie du sicher sein kannst, dass sie Wort halten.�</p><p>All die L�gen fallen mir ein, die Haymitch Peeta und mir aufgetischt hat, damit wir taten, was er wollte. Was sollte die Rebellen davon abhalten, sich einfach nicht an den Deal zu halten? Ein m�ndlich hinter verschlossenen T�ren gegebenes Versprechen, selbst eine schriftliche Erkl�rung, k�nnte sich nach Kriegsende allzu leicht in nichts aufl�sen, ihre Existenz oder G�ltigkeit geleugnet werden. Zeugen, die dem Kommandostab angeh�ren, bringen auch nichts. Im Gegenteil, vermutlich w�ren sie diejenigen, die Peetas Todesurteil unterschreiben. Ich brauche viel mehr Zeugen. So viele, wie ich kriegen kann.</p><p>�Es muss �ffentlich passieren�, sage ich. Butterblume zuckt mit dem Schwanz, was ich als Zustimmung nehme. �Ich werde daf�r sorgen, dass Coin es vor der gesamten Bev�lkerung von Distrikt 13 verk�ndet.�</p><p>Prim l�chelt. �Das ist gut. Eine Garantie ist es zwar immer noch nicht, aber so wird es wenigstens viel schwieriger f�r sie werden, von ihrem Versprechen abzur�cken.�</p><p>Ich bin erleichtert. Erleichtert, weil wir die L�sung gefunden haben. �Ich sollte dich �fter mal aufwecken, kleine Ente.�</p><p>�Von mir aus jederzeit�, sagt Prim. Sie gibt mir einen Kuss. �Versuch jetzt wieder zu schlafen, ja?� Ich folge ihrem Rat.</p><p>Am Morgen sehe ich, dass der Programmpunkt 7.<emphasis>00 Uhr - Fr�hst�ck</emphasis>
direkt gefolgt wird von
<emphasis>7.30 Uhr - Kommando,</emphasis>
was mir sehr entgegenkommt. Ich kann die Kugel auch jetzt gleich ins Rollen bringen. Im Speisesaal halte ich meinen Tagesplan, auf dem irgendeine ID-Nummer steht, vor einen Sensor. Ich ziehe mein Tablett �ber die Metallablage vor den Beh�ltern mit dem Essen und sehe, dass es mehr oder weniger das Gleiche zum Fr�hst�ck gibt wie immer - eine Schale Getreidebrei, eine Tasse Milch und eine kleine Portion Obst oder Gem�se. Heute zur Abwechslung mal R�benmus. Alle Speisen stammen von den unterirdischen Farmen des Distrikts. Ich setze mich an den Tisch, der den Everdeens, den Hawthornes und einigen weiteren Fl�chtlingen zugewiesen wurde, und schaufele das Fr�hst�ck in mich rein. Ich h�tte gern einen Nachschlag, aber einen Nachschlag gibt es nie. Sie haben hier ein rein technisches Verh�ltnis zum Essen. Man bekommt gerade so viele Kalorien verabreicht, dass man bis zur n�chsten Mahlzeit durchh�lt, nicht mehr und nicht weniger. Die Ration h�ngt ab von Alter, Gr��e, K�rperbau, Gesundheit sowie dem Arbeitspensum, das der Tagesplan verlangt. Wir aus Distrikt 12 bekommen sowieso schon etwas gr��ere Portionen als die Einheimischen, damit wir Gewicht zulegen. Magere Soldaten machen zu schnell schlapp, sch�tze ich. Aber es funktioniert. Schon nach einem Monat sehen wir deutlich ges�nder aus, besonders die Kinder.</p><p>Gale stellt sein Tablett neben mir ab. Ich versuche, nicht allzu mitleiderregend auf seine R�ben zu starren, denn ich h�tte wirklich gern mehr und er w�rde mir sein Essen jederzeit �berlassen. Obwohl ich mich also hingebungsvoll dem Falten meiner Serviette widme, schwappt ein L�ffel voll R�benmus in meine Schale.</p><p>�Du musst damit aufh�ren�, sage ich, nicht recht �berzeugend, da ich das Zeug bereits in mich reinl�ffele. �Echt. Wahrscheinlich ist das sogar verboten.� Was das Essen angeht, sind die Regeln hier sehr streng. Man darf zum Beispiel nicht einfach etwas aus dem Speisesaal mitnehmen, um es f�r sp�ter aufzubewahren. Wahrscheinlich haben die Leute in fr�heren Zeiten Lebensmittel gehortet. Gale und mir, die wir unsere Familien �ber Jahre mit Nahrung versorgt haben, passt das nat�rlich gar nicht. Wir sind daran gew�hnt, hungrig zu sein, aber nicht daran, dass man uns sagt, wie wir mit unseren Vorr�ten umzugehen haben. In gewisser Weise �bt Distrikt 13 noch mehr Kontrolle aus als das Kapitol.</p><p>�Was hab ich schon zu bef�rchten? Meine Mailmanschette haben sie ja schon�, erwidert Gale.</p><p>W�hrend ich meine Schale auskratze, kommt mir eine Idee. �Hey, vielleicht sollte ich das ja zur Bedingung machen, damit ich den Spottt�lpel spiele!�</p><p>�Dass ich dich mit R�ben f�ttern darf?�, fragt er.</p><p>�Nein, dass wir jagen d�rfen.� Jetzt ist sein Interesse geweckt. �Wir m�ssten zwar alles in der K�che abliefern, aber immerhin k�nnten wir �� Ich brauche den Satz nicht zu beenden, er wei� es sowieso. Wir k�nnten �ber Tage sein. Drau�en im Wald. Wir k�nnten wieder wir selbst sein.</p><p>�Gute Idee�, sagt er. �Und jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt daf�r. Du k�nntest das Unm�gliche verlangen und sie m�ssten es irgendwie beschaffen.�</p><p>Er kann nicht wissen, dass ich schon das Unm�gliche verlange, indem ich fordere, dass sie Peeta verschonen. Bevor ich mich entscheiden kann, ob ich es ihm sage, klingelt es und die Essensschicht ist zu Ende. Die Vorstellung, Coin allein gegen�berzutreten, macht mich nerv�s. �Was sagt dein Plan?�</p><p>Gale schaut auf seinen Unterarm. �Unterricht in Atomargeschichte. Wo man �brigens deine Abwesenheit bemerkt hat.�</p><p>�Ich muss in die Kommandozentrale. Kommst du mit?�, frage ich.</p><p>�Ist gut. Aber nach der Szene gestern werfen sie mich vielleicht gleich wieder raus.� W�hrend wir unsere Tabletts zur�ckgeben, sagt er: �H�r mal, Butterblume setzt du am besten auch noch auf die Liste deiner Forderungen. Ich glaube nicht, dass die hier Sinn f�r nutzlose Haustiere haben.�</p><p>�Ach, die finden schon einen Job f�r ihn. Und verpassen ihm dann jeden Morgen ein Tattoo auf seine Pfote�, erwidere ich. Aber ich nehme mir vor, ihn ebenfalls auf die Liste zu setzen, Prim zuliebe.</p><p>Als wir in die Kommandozentrale kommen, sind Coin, Plutarch und die ganze Truppe schon da. Bei Gales Anblick runzeln einige die Stirn, aber niemand setzt ihn vor die T�r. Die Liste der Bedingungen, die ich im Geist immer wieder aufsage, ist v�llig durcheinandergeraten, deshalb lasse ich mir erst mal ein Blatt Papier und einen Stift geben. Dass ich so offensichtlich Interesse am Ablauf zeige - zum ersten Mal, seit ich hier bin -, sorgt f�r Verwunderung. Blicke werden gewechselt. Wahrscheinlich hatten sie eine ganz besondere Standpauke f�r mich vorbereitet. Nun aber reicht Coin pers�nlich mir das Gew�nschte, und alle warten schweigend, w�hrend ich mich an den Tisch setze und meine Liste hinkritzele.
<emphasis>Butterblume. Jagen. Peetas Straffreiheit. �ffentlich verk�nden.</emphasis></p><p>Das hier ist vermutlich meine einzige Chance zu verhandeln.
<emphasis>Also, denk nach. Was willst du noch?</emphasis>
Ich sp�re ihn in meinem R�cken.
<emphasis>Gale,</emphasis>
schreibe ich auf die Liste. Ich glaube nicht, dass ich es ohne ihn schaffen werde.</p><p>Ich bekomme Kopfschmerzen, meine Gedanken verheddern sich. Ich schlie�e die Augen und fange an, still herunterzubeten.</p><p><emphasis>Ich hei�e Katniss Everdeen. Ich bin siebzehn Jahre alt. Meine Heimat ist Distrikt 12. Ich war in den Hunger spielen. Ich bin geflohen. Das Kapitol hasst mich. Peeta wurde gefangen genommen. Er lebt. Er ist ein Verr�ter, aber er lebt. Ich muss ihn retten �</emphasis></p><p>Die Liste. Irgendwie sieht sie immer noch zu kurz aus. Ich muss in gr��erem Ma�stab denken, �ber die gegenw�rtige Situation hinaus, wo ich von gr��ter Bedeutung bin, in die Zukunft, wenn ich vielleicht gar nichts mehr wert bin. Sollte ich nicht noch mehr verlangen? F�r meine Familie? F�r die �berlebenden aus meinem Heimatdistrikt? Ich sp�re wieder die Asche der Toten auf meiner Haut. Wieder sto�e ich mit dem Schuh gegen den Totensch�del. Und wieder sticht mir der Geruch von Blut und Rosen in die Nase.</p><p>Der Stift bewegt sich von allein �ber das Blatt. Ich �ffne die Augen und sehe die krakeligen Buchstaben.
<emphasis>ICH T�TE SNOW.</emphasis>
Wenn er gefangen genommen wird, m�chte ich dieses Vorrecht.</p><p>Plutarch h�stelt diskret. �So weit fertig?� Ich blicke kurz auf und sehe zur Uhr. Zwanzig Minuten sind vergangen. Finnick ist nicht der Einzige, der Probleme mit der Konzentration hat.</p><p>�Ja�, sage ich. Meine Stimme klingt heiser, ich r�uspere mich. �Ja, also: Das ist die Abmachung. Ich werde euer Spottt�lpel sein.�</p><p>Ich halte inne, damit sie erleichtert aufseufzen, einander gratulieren und auf die Schulter klopfen k�nnen. Nur Coin bleibt wie immer gelassen und sieht mich unbeeindruckt an.</p><p>�Aber nur unter ein paar Bedingungen.� Ich streiche die Liste glatt und beginne zu lesen. �Meine Familie darf den Kater behalten.� Schon meine geringste Forderung l�st eine Diskussion aus. Die Rebellen aus dem Kapitol sehen darin kein Problem - selbstverst�ndlich kann ich mein Haustier behalten -, w�hrend die aus Distrikt 13 die gro�en Schwierigkeiten zu bedenken geben, die das mit sich br�chte. Schlie�lich einigen sie sich darauf, dass wir in die oberste Ebene umziehen, die den Luxus eines kleinen Fensters �ber Tage bietet. Da kann Butterblume kommen und gehen, wann er will. Er muss sich allerdings selbst ern�hren. Wenn er die Sperrstunde verpasst, wird er ausgeschlossen und muss drau�en �bernachten. Sollte er irgendwelche Sicherheitsprobleme verursachen, wird er unverz�glich abgeschossen.</p><p>Das klingt okay. Viel anders hat er seit seiner Ankunft hier sowieso nicht gelebt. Bis auf das Abgeschossenwerden. Wenn er zu sehr abmagert, kann ich wohl ein paar Innereien f�r ihn abzwacken - vorausgesetzt, meiner n�chsten Bitte wird entsprochen.</p><p>�Ich will jagen. Zusammen mit Gale. Drau�en im Wald�, sage ich. Allgemeines Schweigen.</p><p>�Wir werden nicht weit gehen. Wir benutzen unsere eigenen Bogen. Und das Fleisch bekommt ihr f�r die K�che�, erg�nzt Gale.</p><p>Bevor irgendjemand Nein sagen kann, rede ich schnell weiter. �Ich � ich kann einfach nicht atmen, wenn ich so eingeschlossen bin � Ich w�rde schneller werden, besser, wenn ich � jagen k�nnte.�</p><p>Plutarch hebt an, um uns die Nachteile darzulegen, die Gefahren, die zus�tzlichen Sicherheitsma�nahmen, das Risiko einer Verletzung, doch Coin unterbricht ihn. �Nein. Lasst sie. Zieht von ihrer Trainingszeit t�glich zwei Stunden ab. Vierhundert Meter Radius. Mit Funkger�ten und Aufsp�rringen an den Kn�cheln. Was noch?�</p><p>Ich �berfliege meine Liste. �Gale. Ich brauche ihn an meiner Seite.�</p><p>�Wie, an deiner Seite? Abseits der Kameras? Die ganze Zeit? M�chtest du ihn als deinen neuen Geliebten pr�sentieren?�, fragt Coin.</p><p>Ich sp�re keine Niedertracht in ihrer Stimme - im Gegenteil, ihre Worte sind geradezu n�chtern. Aber mir klappt trotzdem die Kinnlade runter. �Was?�</p><p>�Ich denke, wir sollten die Romanze so laufen lassen wie bisher. Wenn seine Geliebte sich so schnell von Peeta abwendet, k�nnten die Zuschauer sie weniger sympathisch finden�, sagt Plutarch. �Zumal sie ja glauben, dass sie sein Kind im Leib tr�gt.�</p><p>�Einverstanden. Und bei den Fernsehauftritten kann man Gale einfach als Gefolgsmann der Rebellen darstellen. Ist das in Ordnung?�, fragt Coin. Ich starre sie nur an. Ungeduldig wiederholt sie ihre Frage. �Was Gale betrifft. Reicht das?�</p><p>�Wir k�nnen ihn problemlos als deinen Cousin einbauen�, meint Fulvia.</p><p>�Wir sind aber keine Cousins�, sagen Gale und ich gleichzeitig.</p><p>�Das wissen wir, aber um den Schein zu wahren, sollten wir vor der Kamera weiter so tun, als ob�, sagt Plutarch. �Sobald die Kameras aus sind, geh�rt er dir allein. Noch was?�</p><p>Der Verlauf der Unterhaltung hat mich v�llig verunsichert. Die Interpretation, dass ich Peeta so bereitwillig loswerden will, dass ich in Gale verliebt bin, dass alles nur geschauspielert war. Meine Wangen brennen. Allein die Vorstellung, dass ich unter den gegebenen Umst�nden einen einzigen Gedanken daran verschwenden k�nnte, wer als mein Geliebter pr�sentiert werden soll, ist erniedrigend. Ich bin so ver�rgert, dass ich mit der gr��ten Forderung herausplatze. �Wenn der Krieg vorbei ist, also wenn wir gewonnen haben, dann wird Peeta begnadigt.�</p><p>Totenstille. Ich merke, wie Gales K�rper sich verkrampft. Vermutlich h�tte ich ihm doch vorher Bescheid sagen sollen, aber ich war mir nicht sicher, wie er darauf reagiert h�tte. Weil es ja um Peeta ging.</p><p>�Es wird keine Strafe gegen ihn verh�ngt�, fahre ich fort, und dabei kommt mir ein neuer Gedanke. �Das Gleiche gilt f�r die anderen gefangenen Tribute, Johanna und Enobaria.� Ehrlich gesagt ist Enobaria, meine grausame Gegnerin aus Distrikt 2, mir herzlich egal. Ich kann sie nicht leiden, aber ich finde es trotzdem nicht richtig, sie au�en vor zu lassen. �Nein�, sagt Coin kategorisch.</p><p>�Doch�, schie�e ich zur�ck. �Es ist nicht ihre Schuld, dass ihr sie in der Arena zur�ckgelassen habt. Wer wei�, was das Kapitol mit ihnen anstellt?�</p><p>�Sie werden wie alle Kriegsgefangenen vor Gericht gestellt und entsprechend ihrem Urteil behandelt�, sagt sie.</p><p>�Ihr werdet ihnen Straffreiheit garantieren!� Ich springe auf und spreche mit kr�ftiger, t�nender Stimme. �Und Sie pers�nlich werden das vor der gesamten Bev�lkerung von Distrikt 13 und den �berlebenden aus 12 zusichern. Bald. Noch heute. Und das wird f�r sp�tere Generationen aufgezeichnet. Sie und Ihre Regierung werden pers�nlich f�r die Sicherheit der Tribute garantieren oder Sie k�nnen sich einen anderen Spottt�lpel suchen!�</p><p>Einen Augenblick lang h�ngen meine Worte in der Luft.</p><p>�Bingo!�, raunt Fulvia Plutarch zu. �Genau so brauchen wir sie. Dann noch das Kost�m, Geballer im Hintergrund, ein bisschen Qualm.�</p><p>�Ja, genau so wollen wir sie haben�, fl�stert Plutarch zur�ck.</p><p>Am liebsten w�rde ich ihnen einen w�tenden Blick zuwerfen, aber ich sp�re, dass es ein Fehler w�re, Coin aus den Augen zu lassen. Sie kalkuliert still die Kosten meines Ultimatums, wiegt sie gegen meinen m�glichen Wert ab.</p><p>�Was meinen Sie, Pr�sidentin?�, fragt Plutarch. �Sie k�nnten einen offiziellen Gnadenerlass verk�nden angesichts der Umst�nde. Der Junge � er ist nicht mal vollj�hrig.�</p><p>�Einverstanden�, sagt Coin schlie�lich. �Aber dann spielst du auch mit.�</p><p>�Ich spiele mit, sobald Sie die Sache verk�ndet haben�, erwidere ich.</p><p>�Beruft heute w�hrend der Besinnung die Nationale Sicherheitsversammlung ein�, ordnet Coin an. �Dort werde ich die Sache verk�nden. Steht sonst noch was auf deiner Liste, Katniss?�</p><p>Das Blatt liegt jetzt zerkn�llt in meiner rechten Faust. Ich streiche es auf dem Tisch glatt und lese die krakeligen Buchstaben. �Eins noch. Ich t�te Snow.�</p><p>Zum ersten Mal �berhaupt sehe ich die Andeutung eines L�chelns auf den Lippen der Pr�sidentin. �Wenn es so weit ist, werfen wir eine M�nze.�</p><p>Vielleicht hat sie recht. Ich bin bestimmt nicht die Einzige, die Anspruch auf Snows Leben hat. Und dass Coin das auch hinkriegen w�rde, davon kann ich wohl ausgehen. �Von mir aus.�</p><p>Coin wirft einen schnellen Blick auf ihr Handgelenk, die Uhr. Auch sie hat einen Zeitplan, den sie einhalten muss. �Ich �berlasse sie jetzt Ihnen, Plutarch.� Mit diesen Worten verl�sst sie den Raum, ihre Mannschaft im Schlepptau. Plutarch, Fulvia, Gale und ich bleiben allein zur�ck.</p><p>�Ausgezeichnet. Ausgezeichnet.� Plutarch sinkt zusammen, die Ellbogen auf dem Tisch, und reibt sich die Augen. �Wisst ihr, was mir hier am meisten fehlt? Mehr als alles andere? Kaffee. Ist es denn zu viel verlangt, dass man etwas kriegt, um Haferschleim und R�ben runterzusp�len?�</p><p>�Wir h�tten nicht gedacht, dass es hier so streng zugeht�, erg�nzt Fulvia, w�hrend sie Plutarch die Schultern massiert. �Zumindest nicht in den oberen R�ngen.�</p><p>�Wenn wenigstens die Aussicht auf kleine Nebenerwerbungen best�nde�, sagt Plutarch. �Sogar in Distrikt 12 gab es einen Schwarzmarkt, oder?�</p><p>�Ja, den Hob�, sagt Gale. �Da haben wir unser Fleisch verkauft.�</p><p>�Da, seht ihr? Selbst ihr, die ihr so anst�ndig seid! Buchst�blich unkorrumpierbar!� Plutarch seufzt. �Was soll�s, Kriege dauern nicht ewig. Jedenfalls freue ich mich, dass ihr mitmacht.� Er greift zur Seite, wo Fulvia ihm ein gro�es, in schwarzes Leder eingebundenes Skizzenbuch hinh�lt. �Du wei�t im Groben, was wir von dir wollen, Katniss. Mir ist bewusst, dass du mit gemischten Gef�hlen an die Sache herangehst. Vielleicht wird dir das hier helfen.�</p><p>Plutarch schiebt das Skizzenbuch zu mir her�ber. Einen Augenblick lang mustere ich es misstrauisch. Aber dann siegt meine Neugier. Ich schlage das Buch auf und entdecke ein Bild von mir, aufrecht und stark, in einer schwarzen Uniform, die auf den ersten Blick v�llig zweckm��ig aussieht, sich auf den zweiten aber als wahres Kunstwerk offenbart. Nur ein Mensch kann dieses Outfit entworfen haben. Der Schwung des Helms, die W�lbung der Brustplatte, die leichte F�lle der �rmel, die die wei�en Falten unter den Armen erkennen l�sst. In seinen H�nden bin ich erneut ein Spottt�lpel.</p><p>�Cinna�, fl�stere ich.</p><p>�Ja. Ich musste ihm versprechen, dir dieses Buch erst zu zeigen, nachdem du dich aus freien St�cken entschlossen hast, der Spottt�lpel zu sein. Ich war ganz sch�n in Versuchung, glaub mir�, sagt Plutarch. �Mach weiter. Geh es durch.�</p><p>Langsam bl�ttere ich die Seiten um und betrachte die Uniform in allen Details. Die sorgf�ltig geschneiderten Schichten der Panzerung, die verborgenen Waffen in Stiefeln und G�rtel, die besonderen Verst�rkungen �ber dem Herzen. Auf der letzten Seite, unter einer Darstellung meiner Spottt�lpelbrosche, hat Cinna geschrieben:
<emphasis>Ich wette immer noch auf dich.</emphasis></p><p>�Wann hat er �� Die Stimme versagt mir.</p><p>�Schwer zu sagen. Irgendwann nach der Verk�ndung des Jubel-Jubil�ums. In den Wochen vor den Spielen vielleicht? Die Zeichnungen sind nicht alles. Wir haben auch die Uniformen. Ach ja, und Beetee hat etwas ganz Besonderes, das unten im Arsenal auf dich wartet. Aber ich verrate noch nichts�, sagt Plutarch.</p><p>�Du wirst der bestgekleidete Rebell aller Zeiten sein�, sagt Gale und l�chelt. Pl�tzlich wird mir bewusst, wie erleichtert er ist. Wie Cinna hat er von Anfang an gehofft, dass ich mich so entscheide.</p><p>�Wir planen eine Attacke auf ihr Sendezentrum�, erkl�rt Plutarch. �Wir wollen eine Serie von Propaganda-Spots einspielen - Propos, wie wir sie nennen - und sie der gesamten Bev�lkerung von Panem zeigen.�</p><p>�Aber wie? Das Kapitol kontrolliert die Sender�, sagt Gale.</p><p>�Wir haben doch Beetee. Vor etwa zehn Jahren hat er das unterirdische Leitungsnetz, �ber das die Sendungen �bertragen werden, von Grund auf neu gestaltet. Er ist guter Hoffnung, dass wir es schaffen. Aber nat�rlich brauchen wir erst mal etwas, das wir senden k�nnen. Und deshalb, Katniss, wartet jetzt das Studio auf dich.� Plutarch wendet sich an seine Assistentin. �Fulvia?�</p><p>�Plutarch und ich haben lange �berlegt, wie wir es am besten angehen, und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir dich, unsere Rebellenf�hrerin, von au�en nach innen aufbauen. Das hei�t, dass wir zun�chst einen m�glichst aufregenden Spottt�lpel-Look finden und danach dann deine Pers�nlichkeit so herausarbeiten, dass du seiner auch w�rdig bist!�, sagt sie strahlend.</p><p>�Ihr habt ihre Uniform doch schon�, wirft Gale ein.</p><p>�Ja, aber ist sie abgerissen und blutverschmiert? Glimmt darin das Feuer der Rebellion? Wie schmuddelig darf sie sein, ohne dass die Leute sich angewidert abwenden? So oder so, sie muss etwas verk�rpern. Denn das�, Fulvia tritt rasch auf mich zu und rahmt mit den H�nden mein Gesicht ein, �das allein wird es kaum bringen.� Reflexhaft ziehe ich den Kopf zur�ck, aber da ist sie schon dabei, ihre Sachen zusammenzuraffen. �Wir haben noch eine weitere kleine �berraschung f�r euch. Kommt, kommt.�</p><p>Fulvia winkt uns zu sich, und Gale und ich folgen ihr und Plutarch in den Flur.</p><p>�Gut gemeint, aber echt taktlos�, fl�stert Gale mir ins Ohr.</p><p>�Willkommen im Kapitol�, forme ich mit den Lippen. Doch Fulvias Worte lassen mich kalt. Ich halte mich lieber an das Skizzenbuch und gestatte mir ein wenig Optimismus. Es muss die richtige Entscheidung sein. Wenn Cinna es so wollte.</p><p>Wir betreten einen Aufzug und Plutarch geht seine Notizen durch. �Mal sehen. Einheit drei-neun-null-acht.� Er dr�ckt auf einen Knopf mit einer
<emphasis>39</emphasis>
darauf, aber nichts passiert.</p><p>�Du brauchst den Schl�ssel�, sagt Fulvia.</p><p>Plutarch zieht einen Schl�ssel an einer d�nnen Kette unter dem Hemd hervor und steckt ihn in einen Schlitz, der mir zuvor nicht aufgefallen war. Die T�ren schlie�en sich. �Aha, jetzt aber!�</p><p>Der Aufzug f�llt zehn, zwanzig, drei�ig Ebenen nach unten.</p><p>Dass Distrikt 13 so tief reicht, habe ich nicht gewusst. Die T�ren �ffnen sich auf einen weitr�umigen wei�en Korridor mit einer Reihe roter T�ren, die im Vergleich zu den grauen der oberen Geschosse fast dekorativ wirken. Jede ist deutlich mit einer Zahl beschriftet.
<emphasis>3901, 3902, 3903 �</emphasis></p><p>Ich schaue rasch zur�ck auf den sich schlie�enden Aufzug und sehe, wie sich ein Metallgitter vor die T�ren schiebt. Als ich wieder nach vorn blicke, ist pl�tzlich ein Wachmann aus einem der R�ume am anderen Ende des Korridors aufgetaucht. W�hrend er auf uns zumarschiert, schlie�t sich irgendwo hinter ihm unh�rbar eine T�r.</p><p>Plutarch geht ihm entgegen und hebt die Hand zum Gru�, wir anderen folgen. Mir ist unwohl hier unten. Nicht nur wegen der doppelt gesicherten Aufzugt�ren oder der Platzangst, die einen so weit unter der Erde beschleicht, oder wegen des bei�enden Gestanks nach Desinfektionsmittel. Ein Blick in Gales Gesicht best�tigt mir, dass er genauso empfindet.</p><p>�Guten Morgen, wir suchen ��, hebt Plutarch an.</p><p>�Sie haben sich im Stockwerk geirrt�, sagt der Wachmann schroff.</p><p>�Tats�chlich?� Plutarch sieht noch einmal in seinen Unterlagen nach. �Aber ich habe hier doch drei-neun-null-acht stehen. Vielleicht k�nnten Sie mal anrufen und ��</p><p>�Ich f�rchte, ich muss Sie bitten, sofort zu gehen. F�r Unstimmigkeiten bei der Nummerierung ist das Hauptb�ro zust�ndig�, sagt der Wachmann.</p><p>Raum 3908 liegt direkt vor uns. Nur ein paar Schritte entfernt. An der T�r - eigentlich an allen T�ren - scheint etwas zu fehlen. Die Klinke. Vermutlich handelt es sich um eine Schwingt�r wie die, aus der der Wachmann eben gekommen ist.</p><p>�Wo war das noch mal?�, fragt Fulvia.</p><p>�Das Hauptb�ro befindet sich auf Ebene 7�, sagt der Wachmann und breitet die Arme aus, um uns zur�ck zum Aufzug zu treiben.</p><p>Aus Raum 3908 dringt ein Ger�usch. Kaum h�rbar. Ein Laut, wie ihn vielleicht ein ver�ngstigter Hund machen w�rde, der nicht geschlagen werden will - nur viel zu menschlich und vertraut. Ich tausche einen kurzen Blick mit Gale, aber er ist lang genug, wenn zwei Menschen so miteinander vertraut sind wie wir. Unter Mordsget�se lasse ich dem Wachmann Cinnas Skizzenbuch vor die F��e fallen. Sobald er sich danach b�ckt, b�ckt sich auch Gale, und zwar so, dass sie mit den K�pfen zusammensto�en. �Oh, das tut mir leid�, sagt Gale und lacht auf, w�hrend er sich Halt suchend an den Armen des Wachmanns festh�lt und ihn von mir wegdreht.</p><p>Das ist die Gelegenheit. Ich husche hinter dem abgelenkten Wachmann vorbei, dr�cke die T�r mit der
<emphasis>3908</emphasis>
auf und stehe vor ihnen.</p><p>Halb nackt, zerschrammt und an die Wand gekettet. Die Mitglieder meines Vorbereitungsteams.</p><p><strong>4</strong></p><p>Ein Gestank nach ungewaschenen K�rpern, altem Urin und Eiter sticht durch die Wolke aus Desinfektionsmitteln. Die drei Gestalten sind nur an ihren auff�lligen Modeaccessoires zu erkennen: Venias goldene Gesichtstattoos, Flavius� orangefarbene Korkenzieherlocken, Octavias immergr�ne Haut, die nun ganz schlaff herabh�ngt wie die H�lle eines Ballons, der langsam die Luft verliert.</p><p>Als sie mich bemerken, pressen sich Flavius und Octavia gegen die gefliesten W�nde, als w�rden sie nichts Gutes von mir erwarten, dabei habe ich ihnen nie etwas zuleide getan. Zwar habe ich sie manchmal mit unfreundlichen Gedanken bedacht, aber die habe ich immer f�r mich behalten. Warum schrecken sie blo� vor mir zur�ck?</p><p>Der Wachmann befiehlt mir herauszukommen, aber dem nun folgenden Gerangel entnehme ich, dass Gale ihn irgendwie zur�ckh�lt. Ich will wissen, was hier los ist. Vor Venia, die immer die St�rkste war, gehe ich in die Hocke und ergreife ihre eisigen H�nde, die sich wie Schraubzwingen um meine schlie�en.</p><p>�Was ist passiert, Venia?�, frage ich. �Was macht ihr hier?�</p><p>�Sie haben uns mitgenommen. Aus dem Kapitol�, sagt sie mit heiserer Stimme.</p><p>Plutarch betritt den Raum. �Was um alles in der Welt geht hier vor?�</p><p>�Wer hat euch mitgenommen?�, dr�nge ich. �Leute�, sagt Venia vage. �In der Nacht, als du ausgebrochen bist.�</p><p>�Wir dachten, es w�re dir ein Trost, wenn du dein gewohntes Team um dich h�ttest�, sagt Plutarch hinter mir. �Cinna wollte es so.�</p><p>�Das hat Cinna gewollt?�, fauche ich ihn an. Wenn ich eins wei�, dann das: Cinna ist den dreien immer freundlich und geduldig begegnet, niemals h�tte er gutgehei�en, dass sie misshandelt werden. �Warum werden sie wie Verbrecher behandelt?�</p><p>�Ehrlich gesagt, ich wei� es nicht.� So, wie er es sagt, muss ich ihm glauben, und Fulvias bleiches Gesicht ist die Best�tigung. Plutarch wendet sich an den Wachmann, der mit Gale im Schlepptau erscheint: �Ich wusste nur, dass man sie eingesperrt hat. Weshalb wurden sie auf diese Weise bestraft?�</p><p>�Weil sie Essen gestohlen haben. Es gab eine heftige Auseinandersetzung um Brot und da mussten wir sie in die Schranken weisen�, sagt der Wachmann.</p><p>Venia zieht die Brauen zusammen, als k�nnte sie es immer noch nicht begreifen. �Keiner hat uns was gesagt. Wir hatten solchen Hunger. Sie hat nur eine einzige Scheibe genommen.�</p><p>Octavia schluchzt in ihre zerlumpte Tunika. Ich wei� noch, wie sie mir damals, als ich zum ersten Mal aus der Arena herauskam, heimlich unter dem Tisch ein Br�tchen zugesteckt hat, weil sie meinen Hunger nicht mit ansehen konnte. Ich krabbele zu ihr. �Octavia?� Als ich ihren zitternden K�rper ber�hre, zuckt sie zusammen. �Octavia? Es wird alles gut. Ich hol euch hier raus, ja?�</p><p>�Das geht entschieden zu weit�, sagt Plutarch.</p><p>�Und das alles nur, weil sie eine Scheibe Brot geklaut hat?�, fragt Gale aufgebracht.</p><p>�Es war nicht das erste Mal. Man hat sie gewarnt. Aber sie haben immer weiter Brot gestohlen.� Der Wachmann h�lt kurz inne, als k�nnte er unsere Begriffsstutzigkeit nicht begreifen. �Brot stehlen ist verboten.�</p><p>Ich kann Octavia nicht dazu bewegen, mich anzuschauen, aber immerhin hebt sie den Kopf ein wenig. Die Ketten an ihren Handgelenken rutschen etwas herunter, man sieht das rohe Fleisch. �Ich bringe euch zu meiner Mutter�, sage ich, und zu dem Wachmann gewandt: �Mach sie los.�</p><p>Der Wachmann sch�ttelt den Kopf. �Dazu bin ich nicht befugt.�</p><p>�Mach sie los! Sofort!�, br�lle ich.</p><p>Da ist es mit der Selbstsicherheit des Wachmanns auf einmal vorbei. Gew�hnliche B�rger sprechen ihn so nicht an. �Ich habe keinen Befehl, sie freizulassen. Und Sie sind nicht befugt ��</p><p>�Aber ich bin befugt�, schaltet sich Plutarch ein. �Wir wollten die drei sowieso mitnehmen. Wir brauchen sie, Waffenabteilung. Ich �bernehme die volle Verantwortung.�</p><p>Der Wachmann geht weg, um zu telefonieren. Als er zur�ckkommt, hat er ein Schl�sselbund bei sich. Die drei mussten so lange in verkrampfter K�rperhaltung ausharren, dass sie kaum laufen k�nnen. Gale, Plutarch und ich m�ssen sie st�tzen. Flavius� Fu� bleibt im Metallgitter �ber einer kreisrunden �ffnung im Boden h�ngen, und als ich mir vorstelle, wozu ein Raum einen solchen Abfluss braucht, zieht sich mir der Magen zusammen. Dort l�sst man die Flecken menschlichen Elends verschwinden, die man von den wei�en Fliesen gespritzt hat �</p><p>In der Krankenstation suchen wir meine Mutter. Sie ist die Einzige, der ich die Gefangenen anvertrauen mag. In dem Zustand erkennt meine Mutter sie nicht gleich. Ich bemerke ihren konsternierten Blick, und ich wei�, dass er nicht von dem Anblick misshandelter K�rper herr�hrt - das war f�r sie in Distrikt 12 Alltag -, sondern von der Erkenntnis, dass es solche Dinge auch in Distrikt 13 gibt.</p><p>In der Krankenstation hat man meine Mutter willkommen gehei�en, auch wenn man in ihr, trotz ihrer lebenslangen Erfahrung als Heilerin, eher eine Krankenschwester sieht als eine �rztin. Aber niemand mischt sich ein, als sie das Trio in ein Behandlungszimmer f�hrt, um die Wunden zu untersuchen. Ich setze mich auf eine Bank im Flur vor dem Eingang zur Krankenstation und warte auf ihre Diagnose. Meine Mutter besitzt die F�higkeit, an einem K�rper die Qualen abzulesen, die er erlitten hat.</p><p>Gale setzt sich neben mich und legt mir den Arm um die Schultern. �Deine Mutter kriegt sie wieder hin.� Ich nicke und frage mich, ob er wohl an seine eigene brutale Auspeitschung in Distrikt 12 zur�ckdenken muss.</p><p>Plutarch und Fulvia setzen sich auf die Bank gegen�ber, �u�ern sich aber nicht zum Zustand meines Vorbereitungsteams. Offenbar wussten sie nichts von der Bestrafung. Es muss ihnen peinlich sein, dass Pr�sidentin Coin sie ohne ihr Wissen angeordnet hat. Ich beschlie�e, ihnen aus der Klemme zu helfen.</p><p>�Das d�rfte ein dezenter Hinweis an uns alle sein�, sage ich.</p><p>�Was? Nein. Was willst du damit sagen?�, fragt Fulvia.</p><p>�Dass die Bestrafung meines Vorbereitungsteams eine Warnung ist�, erl�utere ich. �Nicht nur f�r mich. Auch f�r euch. Um uns daran zu erinnern, wer hier das Sagen hat und was mit denen passiert, die nicht gehorchen. Und falls ihr euch der Illusion hingegeben habt, ihr h�ttet Macht, dann solltet ihr euch jetzt davon verabschieden. Eure Herkunft aus dem Kapitol sch�tzt euch hier nicht. Vielleicht ist sie sogar eher hinderlich.�</p><p>�Du willst doch nicht Plutarch, den Organisator beim Ausbruch der Rebellen, mit diesen drei Kosmetikheinis vergleichen?�, sagt Fulvia eisig.</p><p>Ich zucke die Achseln. �Wie du meinst. Aber was, wenn ihr bei Coin in Ungnade fallt, Fulvia? Mein Vorbereitungsteam wurde gekidnappt, sie haben wenigstens noch die Hoffnung, dass sie eines Tages ins Kapitol zur�ckkehren. Gale und ich k�nnen im Wald leben. Aber du und Plutarch? Wohin solltet ihr beide zur�ckgehen?�</p><p>�Vielleicht sind wir doch ein bisschen wichtiger f�r den Krieg, als du annimmst�, erwidert Plutarch zuversichtlich.</p><p>�Nat�rlich seid ihr das. Aber die Tribute sind auch wichtig f�r die Spiele gewesen. Bis sie es irgendwann nicht mehr waren�, sage ich. �Und dann waren wir auf einmal sehr entbehrlich - stimmt�s, Plutarch?�</p><p>Damit ist das Gespr�ch beendet. Schweigend warten wir, bis meine Mutter zu uns kommt. �Sie werden wieder auf die Beine kommen�, sagt sie. �Keine bleibenden k�rperlichen Sch�den.�</p><p>�Gut. Wunderbar�, sagt Plutarch. �Wie lange wird es dauern, bis sie wieder einsatzbereit sind?�</p><p>�Warten wir bis morgen�, antwortet sie. �Nach allem, was sie durchgemacht haben, m�ssen wir mit einer gewissen emotionalen Labilit�t rechnen. Nach dem Leben, das sie im Kapitol f�hrten, hat sie das alles hier v�llig unvorbereitet getroffen.�</p><p>�Gilt das nicht f�r uns alle?�, sagt Plutarch.</p><p>Weil mein Vorbereitungsteam au�er Gefecht gesetzt ist, entbindet Plutarch mich f�r den Rest des Tages von meinen Pflichten als Spottt�lpel. Vielleicht auch, weil ich so angespannt bin. Jedenfalls gehen Gale und ich hinunter zum Mittagessen, wo uns heute ein Bohnen-Zwiebel-Eintopf, eine dicke Scheibe Brot sowie eine Tasse Wasser serviert werden. Nach Venias Geschichte bleibt mir das Brot allerdings im Hals stecken und ich schiebe den Rest auf Gales Tablett r�ber. W�hrend des Essens reden wir nicht viel, doch als unsere Sch�sseln leer sind, krempelt Gale seinen �rmel hoch und zeigt auf seinen Tagesplan. �Ich hab als N�chstes Training.�</p><p>Ich halte meinen Arm neben seinen. �Ich auch.� Im selben Augenblick f�llt mir ein, dass Training jetzt Jagen hei�t.</p><p>Der Wunsch, in den Wald zu entfliehen, und sei es nur f�r zwei Stunden, ist gr��er als meine Sorgen. In Laub und Sonnenlicht einzutauchen, k�nnte mir helfen, meine Gedanken zu ordnen.</p><p>Als wir drau�en auf dem Hauptkorridor sind, laufen Gale und ich wie die Schulkinder los zum Arsenal, und als wir ankommen, bin ich atemlos und benommen. Ein Indiz daf�r, dass ich noch nicht ganz die Alte bin. Die Wachleute h�ndigen uns unsere Waffen sowie Messer und einen Jutebeutel aus, der zur Aufbewahrung der Beute dient. Ich str�ube mich nicht, als der Aufsp�rer um meinen Kn�chel gelegt wird, und mache ein aufmerksames Gesicht, als uns die Funktionsweise des Handfunkger�ts erkl�rt wird. Bei mir bleibt nur h�ngen, dass es eine Uhr besitzt und wir unbedingt zur festgesetzten Zeit zur�ck sein m�ssen, wenn wir nicht riskieren wollen, dass uns das Jagdprivileg wieder entzogen wird. Diese eine Regel werde ich nach Kr�ften befolgen.</p><p>Wir gehen hinaus auf das weitl�ufige eingez�unte �bungsgel�nde am Waldrand. Wachm�nner �ffnen kommentarlos die gut ge�lten Tore. Diesen Zaun auf eigene Faust zu �berwinden, w�re alles andere als ein Kinderspiel: Er ist zehn Meter hoch, man h�rt das Sirren des Stroms, und den Abschluss bilden rasiermesserscharfe Stahlrollen. Wir gehen durch den Wald, bis wir den Zaun nicht mehr sehen. Auf einer kleinen Lichtung bleiben wir stehen und legen die K�pfe zur�ck, um das Licht der Sonne zu genie�en. Ich breite die Arme aus und drehe mich im Kreis, langsam, damit mir nicht schwindelig wird.</p><p>Die Trockenheit, die mir schon in Distrikt 12 aufgefallen ist, hat auch hier die Pflanzen gesch�digt, das d�rre Laub bildet einen Teppich unter unseren F��en. Wir ziehen die Schuhe aus. Meine passen sowieso nicht richtig, denn ganz im Sinne des Sparsamkeitsethos in Distrikt 13 hat man mir gebrauchte gegeben, aus denen der Vorbesitzer herausgewachsen war. Einer von uns muss einen merkw�rdigen Gang haben, denn sie sind ganz komisch eingelaufen.</p><p>Gale und ich jagen wie in alten Zeiten. Schweigend, denn wir brauchen keine Worte, um uns zu verst�ndigen, hier im Wald bewegen wir uns wie ein einziges Wesen. Wir ahnen den n�chsten Schritt des anderen, geben uns gegenseitig Deckung. Wie lange ist das her, seit wir diese Freiheit zuletzt hatten? Acht Monate? Neun? Es ist nicht das Gleiche, wegen allem, was seither passiert ist, wegen der Aufsp�rer an unseren Kn�cheln und der Tatsache, dass ich �fter mal eine Pause einlegen muss. Aber n�her am Gl�ck als in diesem Moment kann ich augenblicklich nicht sein.</p><p>Die Tiere hier sind nicht sehr scheu. Sie brauchen einen Moment zu lange, um unseren Geruch einzuordnen, und das bedeutet f�r sie den Tod. Nach anderthalb Stunden haben wir ein Dutzend Tiere erlegt, Kaninchen, Eichh�rnchen und Truth�hne. Wir beschlie�en, Feierabend zu machen und die verbleibende Zeit an einem Teich zu verbringen, der offenbar von einer unterirdischen Quelle gespeist wird, denn das Wasser ist k�hl und s��.</p><p>Gale bietet an, die Tiere auszunehmen, und ich protestiere nicht. Ich lege mir ein paar Pfefferminzbl�tter auf die Zunge, schlie�e die Augen und lehne mich gegen einen Felsen. In dieser Haltung nehme ich die Ger�usche in mir auf, genie�e die hei�e Nachmittagssonne auf der Haut und bin fast zur Ruhe gekommen, als Gales Stimme den Frieden unterbricht. �Wieso liegt dir eigentlich so viel an deinem Vorbereitungsteam, Katniss?�</p><p>Ich �ffne die Augen, weil ich wissen will, ob er Witze macht, doch er blickt konzentriert auf das Kaninchen hinunter, dem er gerade das Fell abzieht. �Wieso denn nicht?�</p><p>�Tja. Weil sie das letzte Jahr damit verbracht haben, dich f�rs Abschlachten sch�n zu machen, vielleicht?�, sagt er.</p><p>�So einfach ist das nicht. Ich kenne sie. Sie sind nicht b�se oder grausam. Sie sind nicht mal besonders helle. Sie sind wie Kinder. Sie begreifen nicht � Ich meine, sie wissen nicht �� Ich verheddere mich in meinen Worten.</p><p>�Was wissen sie nicht, Katniss?�, fragt er. �Dass die Tribute - die in den Spielen doch die wahren Kinder sind - gezwungen werden, sich bis auf den Tod zu bek�mpfen? Dass du in die Arena geschickt wurdest, damit die Leute ihren Spa� haben? War das im Kapitol ein gro�es Geheimnis?�</p><p>�Nein. Aber sie sehen das nicht so wie wir�, sage ich. �Sie sind damit gro� geworden und ��</p><p>�Willst du sie deswegen auch noch in Schutz nehmen?� Mit einer schnellen Bewegung zieht er dem Kaninchen das Fell ab.</p><p>Das trifft mich, denn, so l�cherlich es ist, genau das tue ich. Verzweifelt suche ich einen logischen Standpunkt. �Ich w�rde jeden in Schutz nehmen, der wegen einer Scheibe Brot so behandelt wird. Wahrscheinlich hat es mich einfach daran erinnert, was man wegen eines Truthahns mit dir gemacht hat!�</p><p>Aber er hat trotzdem recht. Es ist wirklich seltsam, dass ich mir solche Sorgen um mein Vorbereitungsteam mache. Eigentlich m�sste ich sie doch hassen und am liebsten h�ngen sehen. Aber sie sind so unbedarft, au�erdem geh�rten sie zu Cinna, und der war doch auf meiner Seite, oder?</p><p>�Ich will mich wirklich nicht streiten�, sagt Gale. �Aber ich glaube nicht, dass Coin dich warnen wollte, indem sie die Typen daf�r bestrafte, die hiesigen Regeln verletzt zu haben. Wenn �berhaupt, dachte sie wahrscheinlich eher, dass sie dir damit einen Gefallen tut.� Er stopft das Kaninchen in den Beutel und steht auf. �Wir m�ssen los, wenn wir rechtzeitig zur�ck sein wollen.�</p><p>Ich ignoriere seine ausgestreckte Hand und komme wackelig auf die F��e. �Prima.� Auf dem R�ckweg sagt keiner ein Wort, aber nachdem wir das Tor passiert haben, kommt mir ein neuer Gedanke. �W�hrend der Vorbereitungen zum Jubel-Jubil�um mussten Octavia und Flavius ihre Arbeit abbrechen, weil sie die ganze Zeit dar�ber weinten, dass ich noch mal in die Arena musste. Und Venia konnte kaum Auf Wiedersehen sagen.�</p><p>�Ich versuch, dran zu denken, wenn sie dich � neu stylen�, sagt Gale.</p><p>�Tu das�, erwidere ich.</p><p>Wir gehen in die K�che und h�ndigen das Fleisch Greasy Sae aus. Sie f�hlt sich in Distrikt 13 wohl, auch wenn die K�che es f�r ihren Geschmack ein wenig an Erfindungsgeist mangeln lassen. Eine Frau, die aus wildem Hund und Rhabarber einen schmackhaften Eintopf zubereitet, muss sich hier vorkommen, als w�ren ihr die H�nde gebunden.</p><p>Ersch�pft von der Jagd und vom Schlafmangel, gehe ich zur�ck in unsere Wohneinheit. Sie ist leer, und erst da f�llt mir wieder ein, dass wir wegen Butterblume ja umquartiert worden sind. Also fahre ich ins oberste Stockwerk und mache mich auf die Suche nach Einheit E. Es sieht dort genauso aus wie in Einheit 307, nur dass es in der Mitte der Au�enwand ein Fenster gibt - sechzig Zentimeter breit und zwanzig Zentimeter hoch. Dieses Fenster wird durch eine schwere Metallplatte gesichert, doch jetzt steht es offen, und der Kater ist nirgendwo zu sehen. Ich lege mich aufs Bett und genie�e den nachmitt�glichen Sonnenstrahl, der auf mein Gesicht f�llt. Und dann wei� ich nichts mehr, bis meine Schwester mich weckt:
<emphasis>18.00 Uhr - Besinnung.</emphasis></p><p>Prim erz�hlt mir, dass beim Mittagessen die Versammlung angek�ndigt wurde. Abgesehen von jenen, die unabk�mmlich sind, ist die gesamte Bev�lkerung angewiesen, ihr beizuwohnen. Wir folgen den Hinweisschildern zur Versammlungshalle, einem Saal, der so gro� ist, dass er die Tausende, die herbeistr�men, problemlos aufnimmt. Man sieht, dass er f�r noch gr��ere Versammlungen errichtet wurde, wie sie vor der Pockenepidemie vielleicht auch stattgefunden haben. Prim weist schweigend auf die un�bersehbaren Folgen der Katastrophe hin - die Pockennarben auf den K�rpern, die leicht entstellten Kinder. �Die haben hier viel gelitten�, sagt sie.</p><p>Nach dem heutigen Morgen empfinde ich kein besonderes Mitleid mit Distrikt 13. �Nicht mehr als wir in Distrikt 12�, sage ich. Meine Mutter fuhrt eine Schar Patienten herein, die selbst gehen k�nnen. Sie tragen Nachthemden und Badem�ntel der Krankenstation. Finnick ist unter ihnen, er sieht benommen aus und doch sch�n wie immer. In seinen H�nden h�lt er ein St�ck d�nne Schnur, die mit ihren knapp drei�ig Zentimetern L�nge selbst f�r ihn zu kurz w�re, um daraus eine ausreichend gro�e Schlinge zu kn�pfen. Seine Finger bewegen sich schnell, unwillk�rlich kn�pfen und l�sen sie verschiedene Knoten, w�hrend er starr vor sich hin blickt. Wahrscheinlich geh�rt das zu seiner Therapie. Ich gehe zu ihm und sage: �Hallo, Finnick.� Er scheint es nicht zu bemerken, deshalb stupse ich ihn an, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. �Finnick! Wie geht�s dir?�</p><p>�Katniss�, sagt er und greift nach meiner Hand. Er ist wohl erleichtert, ein bekanntes Gesicht zu sehen. �Warum versammeln wir uns hier?�</p><p>�Ich hab zugestimmt, f�r Coin den Spottt�lpel zu spielen. Daf�r muss sie mir versprechen, dass die anderen Tribute nach dem Sieg der Rebellen straffrei ausgehen�, erkl�re ich. �Und zwar �ffentlich, damit es viele Zeugen gibt.�</p><p>�Ah. Gut. Ich mache mir n�mlich Sorgen wegen Annie. Dass sie unbewusst etwas sagt, was als verr�terisch ausgelegt werden k�nnte�, erwidert Finnick.</p><p>Annie. Oje. Die habe ich ganz vergessen. �Keine Sorge, f�r sie gilt es auch.� Ich dr�cke Finnicks Hand und gehe zum Podium an der Stirnseite des Raums. Coin, die gerade noch einmal ihre Erkl�rung �berfliegt, hebt die Augenbraue. �Annie Cresta muss auch noch auf die Liste derjenigen, die straffrei ausgehen�, sage ich zu ihr.</p><p>Die Pr�sidentin runzelt die Stirn. �Wer ist das?�</p><p>�Sie ist die �� Ja, was? Ich wei� wirklich nicht, als was ich sie bezeichnen soll. �Sie ist eine Freundin von Finnick Odair. Aus Distrikt 4. Auch eine Siegerin. Sie wurde verhaftet und ins Kapitol verschleppt, als die Arena in die Luft flog.�</p><p>�Ach, die Verr�ckte. Das ist wirklich nicht n�tig�, sagt sie. �Wir pflegen keine Schwachen zu bestrafen.�</p><p>Ich muss an die Szene von heute Morgen denken. An Octavia, die sich an die Wand kauert. Coin und ich m�ssen v�llig unterschiedliche Begriffe davon haben, was Schw�che bedeutet. Aber ich sage nur: �Nicht? Na, dann d�rfte es doch kein Problem sein, Annie mit draufzusetzen.�</p><p>�Einverstanden�, sagt die Pr�sidentin und schreibt Annies Namen dazu. �M�chtest du hier oben neben mir stehen, wenn ich die Erkl�rung verlese?� Ich sch�ttele den Kopf. �Das dachte ich mir. Dann geh und misch dich unter die Menge. Ich fange jetzt an.� Ich kehre zu Finnick zur�ck.</p><p>Selbst mit Worten gehen sie in Distrikt 13 sparsam um. Coin bittet die Anwesenden um Aufmerksamkeit und teilt ihnen mit, dass ich zugestimmt habe, der Spottt�lpel zu sein, vorausgesetzt, die anderen Sieger - Peeta, Johanna, Enobaria und Annie - werden nicht bestraft, und zwar unabh�ngig davon, ob sie der Sache der Rebellen Schaden zuf�gen oder nicht. In der Menge rumort es. Wahrscheinlich sind alle davon ausgegangen, dass ich unbedingt der Spottt�lpel sein will. Deshalb bringt es sie auf, dass ich einen Preis nenne - und noch dazu einen, der m�gliche Feinde verschont. Ich stehe einfach da und lasse die feindseligen Blicke an mir abprallen.</p><p>Die Pr�sidentin gestattet ein paar Augenblicke der Unruhe, dann macht sie auf ihre kurz angebundene Art weiter. Nur dass das, was sie jetzt verk�ndet, neu f�r mich ist. �Als Gegenleistung f�r diese beispiellose Forderung hat Soldat Everdeen versprochen, sich f�r unsere Sache zu opfern. Daraus folgt, dass jedes Abweichen von ihrer Mission in Wort oder Tat als Versto� gegen diese �bereinkunft betrachtet wird. In einem solchen Fall w�rde die Straffreiheit widerrufen und das Schicksal der vier Sieger dem Gesetz von Distrikt 13 unterworfen. So wie ihr eigenes auch. Danke.�</p><p>Mit anderen Worten: Ein Fehltritt, und wir sind alle tot.</p><p><strong>5</strong></p><p>Noch ein Druck, mit dem ich fertigwerden muss. Noch ein m�chtiger Spieler, der beschlossen hat, mich als Figur zu benutzen, obwohl die Dinge doch nie laufen wie geplant. Zuerst waren da die Spielmacher, die einen Star aus mir machen wollten und dann ihre liebe Not damit hatten, aus der Sache mit den giftigen Beeren wieder herauszukommen. Als N�chstes Pr�sident Snow, der mit meiner Hilfe die Flammen der Rebellion austreten wollte und doch nur erreichte, dass sie mit jedem meiner Schritte h�her loderten. Dann die Rebellen, die mich mit einem st�hlernen Greifer aus der Arena zogen, damit ich ihr Spottt�lpel werde, und die dann erfahren mussten, dass ich die Fl�gel vielleicht gar nicht haben wollte. Und jetzt Coin mit ihren kostbaren Atomraketen und ihrem gut ge�lten Distrikt, die feststellen muss, dass es noch schwieriger ist, einen Spottt�lpel aufzubauen, als ihn einzufangen. Immerhin hat sie vor allen anderen erkannt, dass ich meinen eigenen Kopf habe und man mir nicht trauen sollte. Sie ist die Erste, die mich �ffentlich als Bedrohung bezeichnet hat.</p><p>Ich tauche die Finger in den dicken Schaum. Diese Grundreinigung in der Badewanne ist nur ein erster Schritt, bevor sie meinen neuen Look festlegen. Mein Vorbereitungsteam wird mich so wiederherstellen, dass man die ver�tzten Haare, die sonnenverbrannte Haut und die h�sslichen Narben nicht mehr sieht. Sie werden mich sch�n machen, um mich dann erneut zu ramponieren, zu verbrennen und zu entstellen, aber so, dass es gut aussieht.</p><p>�Bringt sie erst mal auf Beauty Zero�, hat Fulvia heute Morgen angeordnet. �Dann legen wir los.� Beauty Zero entspricht dem Aussehen eines Menschen, der frisch dem Bett entsteigt, makellos, aber nat�rlich. Die N�gel gefeilt, aber nicht lackiert. Das Haar weich und schimmernd, aber nicht frisiert. Die Haut zart und sauber, aber ungeschminkt. Entfernt die K�rperbehaarung mit Wachs und tilgt die schwarzen Ringe unter den Augen, aber unterlasst jede augenf�llige Versch�nerung. Cinna hat bestimmt die gleichen Anweisungen gegeben, als ich das erste Mal als Tribut im Kapitol eintraf. Nur dass ich damals ein Wettkampfteilnehmer war. Als Rebell, h�tte ich gedacht, darf ich mehr wie ich selbst aussehen. Doch ein Fernsehrebell muss offenbar anderen Standards gen�gen.</p><p>Ich brause den Schaum ab und steige aus der Wanne. Octavia wartet schon mit einem Handtuch. Sie ist so anders als die Frau, die ich im Kapitol kennengelernt habe, keine auff�lligen Kleider, kein starkes Make-up, keine T�nungen, kein Strass oder sonstiger Nippes, mit dem sie fr�her ihr Haar schm�ckte. Ich wei� noch, wie sie eines Tages mit pinkfarbenen Z�pfen ankam, in die sie bunte blinkende Plastikm�use eingeflochten hatte. Sie hielt mehrere M�use als Haustiere, erz�hlte sie mir. Damals stie� mich das ab, denn M�use gelten bei uns als Ungeziefer, au�er gekocht. Aber Octavia mochte sie vermutlich, weil sie klein, weich und piepsig waren. Wie sie selbst. W�hrend sie mich trocken tupft, versuche ich mich mit der Distrikt-13-Octavia vertraut zu machen. Ihr Haar ist in Wirklichkeit von einem sch�nen Kastanienbraun. Ihr Gesicht ist gew�hnlich, aber nicht ohne Anmut. Sie ist j�nger, als ich dachte. Anfang zwanzig vielleicht. Ihre Finger, die ohne die sieben Zentimeter langen k�nstlichen N�gel etwas stummelig wirken, zittern die ganze Zeit. Ich w�rde ihr gern sagen, dass alles in Ordnung ist, dass ich daf�r sorgen werde, dass Coin ihr nie wieder wehtut. Doch die vielfarbigen Bluterg�sse unter ihrer gr�nen Haut erinnern mich daran, wie machtlos ich bin.</p><p>Auch Flavius wirkt ohne den lila Lippenstift und die leuchtenden Klamotten wie ausgewaschen. Immerhin hat er seine orangefarbenen Ringellocken halbwegs wieder hingekriegt. Venia hat sich am wenigsten ver�ndert. Ihr einst stacheliges blaues Haar liegt platt am Kopf und man sieht den grauen Haaransatz. Aber das Auff�lligste an ihr waren schon immer die Tattoos und die sind so golden und schockierend wie immer. Sie geht zu Octavia und nimmt ihr das Handtuch ab.</p><p>�Katniss wird uns nicht wehtun�, sagt sie ruhig, aber bestimmt zu Octavia. �Katniss wusste gar nicht, dass wir hier sind. Jetzt wird alles besser.� Octavia nickt kaum merklich, aber sie traut sich immer noch nicht, mir in die Augen zu schauen.</p><p>Trotz des ausgekl�gelten Arsenals an Produkten und Apparaten, die Plutarch in weiser Voraussicht aus dem Kapitol mitgenommen hat, ist es keine leichte Aufgabe, mich auf Beauty Zero zu bringen. Doch mein Vorbereitungsteam kommt gut voran - bis sie sich die Stelle an meinem Unterarm vornehmen, wo Johanna den Aufsp�r er herausgerissen hat. Als die �rzte die klaffende Wunde zusammenflickten, haben sie sich nicht darum gek�mmert, wie das hinterher aussehen mag. Und so prangt dort jetzt eine wulstige, unregelm��ige Narbe von der Gr��e eines Apfels. Normalerweise wird sie vom �rmel bedeckt, doch die �rmel von Cinnas Spottt�lpelkost�m enden knapp �ber dem Ellbogen. Die Sache ist so wichtig, dass Fulvia und Plutarch zurate gezogen werden. Beim Anblick der Narbe muss Fulvia unwillk�rlich w�rgen. F�r die Assistentin eines Spielmachers ist sie ganz sch�n empfindlich. Vermutlich bekommt sie die unerfreulichen Dinge sonst nur auf dem Bildschirm zu sehen.</p><p>�Wei� doch jeder, dass ich an dieser Stelle eine Narbe habe�, sage ich m�rrisch.</p><p>�Es zu wissen und es zu sehen, sind zwei verschiedene Paar Schuh�, sagt Fulvia. �Die Narbe ist zu absto�end. Plutarch und ich werden uns in der Mittagspause etwas �berlegen.�</p><p>�Das kriegen wir schon hin�, erkl�rt Plutarch mit einer wegwerfenden Handbewegung. �Vielleicht ein Armband oder so was.�</p><p>Angewidert ziehe ich mich an, damit ich in den Speisesaal kann. Mein Vorbereitungsteam steht dicht gedr�ngt am Ausgang. �Wird euch das Essen hierher gebracht?�, frage ich.</p><p>�Nein�, sagt Venia. �Wir sollen in irgendeinen Speisesaal gehen.�</p><p>Bei der Vorstellung, mit den dreien im Schlepptau den Speisesaal betreten zu m�ssen, seufze ich still auf. Aber was soll�s, die Leute starren mich sowieso immer an. Viel schlimmer kann es nicht werden. �Ich zeig euch den Weg�, sage ich. �Kommt mit.�</p><p>Normalerweise gibt es verstohlene Blicke und leises Gemurmel, wenn ich auftauche. Aber der bizarre Anblick meines Vorbereitungsteams l�st heftigere Reaktionen aus. Den Leuten bleibt der Mund offen stehen, sie zeigen mit dem Finger auf uns, Rufe werden laut. �Einfach ignorieren�, weise ich mein Team an. Mit gesenkten Blicken folgen sie mir mechanisch zur Warteschlange, nehmen Schalen mit gr�ulichem Fisch und Okraschoteneintopf und Tassen mit Wasser in Empfang.</p><p>Wir setzen uns an meinen Tisch, neben eine Gruppe aus dem Saum. Sie reagieren ein wenig zur�ckhaltender als die Leute aus 13, vielleicht sind sie aber auch nur verlegen. Leevy, die in Distrikt 12 in der Nachbarschaft wohnte, begr��t die drei aus dem Kapitol sch�chtern, und Gales Mutter Hazelle, die �ber ihre Gefangenschaft Bescheid wissen d�rfte, h�lt den L�ffel mit dem Okrabrei hoch. �Keine Angst�, sagt sie. �Schmeckt besser, als es aussieht.�</p><p>Aber erst Posy, Gales kleine Schwester, bricht das Eis. Sie rutscht �ber die Bank zu Octavia und ber�hrt zaghaft ihre Haut. �Du bist gr�n. Bist du krank?�</p><p>�Das ist modisch, Posy. Wie wenn man sich die Lippen anmalt�, sage ich.</p><p>�Es soll sch�ner machen�, fl�stert Octavia, und ich sehe die Tr�nen, die jeden Moment �berlaufen k�nnen.</p><p>Posy denkt dar�ber nach und sagt n�chtern: �Ich glaube, du siehst mit jeder Farbe h�bsch aus.�</p><p>Die winzige Andeutung eines L�chelns erscheint auf Octavias Lippen. �Danke.�</p><p>�Wenn du Posy richtig beeindrucken m�chtest, dann solltest du dich pink f�rben�, sagt Gale und l�sst sein Tablett neben meins krachen. �Das ist ihre Lieblingsfarbe.� Posy kichert und rutscht zur�ck zu ihrer Mutter. Gale nickt zu Flavius� Schale hin. �Ich w�rde das lieber nicht kalt werden lassen. Die Konsistenz wird nicht besser.�</p><p>Alle fangen an zu essen. Der Gem�seeintopf schmeckt nicht schlecht, aber das leicht schleimige Gef�hl im Mund ist schwer ertr�glich. Als m�sste man jeden Happen dreimal hinunterschlucken, bevor er wirklich unten ist.</p><p>Gale, der beim Essen normalerweise nicht viel spricht, versucht die Unterhaltung in Gang zu halten und fragt mich, wie es beim Styling war. Ein Versuch, gut Wetter zu machen, das ist mir klar. Gestern Abend haben wir uns n�mlich wieder mal gestritten. Er meinte, ich h�tte Coin keine Wahl gelassen: Auf meine Forderung nach Straffreiheit f�r die Siegertribute h�tte sie mit eigenen Garantieforderungen reagieren
<emphasis>m�ssen.</emphasis>
�Sie ist es, die diesen Distrikt regiert, Katniss. Es darf nicht so aussehen, als w�rde sie deinem Willen einfach so nachgeben.�</p><p>�Du meinst wohl eher, dass sie keine abweichende Meinung ertragen kann, selbst wenn sie begr�ndet ist�, entgegnete ich.</p><p>�Ich meine, du hast sie in eine dumme Lage gebracht. Sie musste Peeta und den anderen zu einem Zeitpunkt Straffreiheit gew�hren, da wir noch gar nicht wissen, welchen Schaden sie vielleicht anrichten werden.�</p><p>�Ich h�tte also einfach mitmachen und die anderen Tribute ihrem Schicksal �berlassen sollen? Aber was soll�s, das tun wir ja sowieso schon die ganze Zeit!� Und damit schlug ich ihm die T�r vor der Nase zu. Beim Fr�hst�ck habe ich mich an einen anderen Platz gesetzt, und als Plutarch Gale am Vormittag zum Training geschickt hat, habe ich mich nicht von ihm verabschiedet. Ich wei�, dass er nur aus Sorge um mich so redet, aber ich brauche ihn auf meiner Seite, nicht auf Coins. Das muss ihm doch klar sein!</p><p>Nach dem Mittagessen sieht der Tagesplan f�r Gale und mich einen Besuch unten bei Beetee in der Waffenabteilung vor. Im Aufzug sagt Gale schlie�lich: �Du bist immer noch sauer.�</p><p>�Und dir tut es immer noch nicht leid�, erwidere ich.</p><p>�Ich stehe zu dem, was ich gesagt habe. Soll ich dich etwa anl�gen?�, fragt er.</p><p>�Nein, du sollst noch mal dar�ber nachdenken und zu dem richtigen Schluss gelangen�, sage ich. Aber da lacht er nur. Ich muss mich damit abfinden. Gale l�sst sich nicht vorschreiben, was er denken soll. Und ehrlich gesagt, vertraue ich ihm gerade deshalb.</p><p>Die Waffenabteilung befindet sich eine Ebene �ber dem Kerker, wo wir mein Vorbereitungsteam gefunden haben. Ein Gewirr aus zahllosen R�umen voller Computer, Labors, Forschungsausr�stung und Testeinrichtungen.</p><p>Wir fragen nach Beetee und werden durch das Labyrinth geschickt, bis vor eine riesige Glasscheibe. Dahinter befindet sich die erste sch�ne Sache, die ich in Distrikt 13 bisher gesehen habe: die Nachbildung einer Wiese mit echten B�umen, bl�henden Pflanzen und lebendigen Kolibris. Beetee sitzt reglos in einem Rollstuhl in der Mitte der Wiese und schaut einem fr�hlingsgr�nen Vogel zu, der, in der Luft stehend, aus einer gro�en orangefarbenen Bl�te Nektar saugt. Als der Vogel wegfliegt, schaut Beetee ihm hinterher, und da sieht er uns und winkt uns freundlich herein.</p><p>Die Luft ist unerwartet k�hl und angenehm, gar nicht feucht und schw�l. Von allen Seiten h�rt man das Surren winziger Fl�gel, das ich im ersten Augenblick mit dem Gesumme der Insekten in unserem Heimatwald verwechsele. Welchem Gl�cksfall es wohl zu verdanken ist, dass hier so etwas Sch�nes entstehen konnte?</p><p>Beetee ist immer noch sehr blass, doch die Augen hinter der schlecht sitzenden Brille leuchten vor Begeisterung. �Sind die nicht umwerfend? Distrikt 13 hat hier jahrelang das Flugverhalten der Kolibris erforscht. Vorw�rts-und R�ckw�rtsflug, Geschwindigkeiten bis zu hundert Stundenkilometern. Ach, k�nnte ich dir solche Fl�gel konstruieren, Katniss!�</p><p>�Ich bezweifle, dass ich damit zurechtk�me, Beetee�, sage ich lachend.</p><p>�In der einen Sekunde hier, in der n�chsten dort. Kannst du einen Kolibri mit dem Pfeil treffen?�, fragt er.</p><p>�Ich hab�s noch nie versucht. Ist nicht viel dran an den Dingern�, antworte ich.</p><p>�Nein. Und zum Spa� t�test du nicht�, sagt er. �Ich wette, du w�rdest sie nicht erwischen.�</p><p>�Mit einer Falle k�nnte es gehen�, sagt Gale. Sein Gesicht nimmt diesen abwesenden Ausdruck an, wie immer, wenn er etwas aust�ftelt. �Man brauchte ein sehr feinmaschiges Netz. Damit m�sste man ein gr��eres Areal einfassen und nur eine etwa einen Quadratmeter gro�e �ffnung lassen, die mit Nektarbl�ten best�ckt wird. W�hrend die V�gel daran saugen, wird die �ffnung geschlossen. Von dem Ger�usch w�rden sie sofort wegfliegen und sich im Netz verfangen.�</p><p>�Du meinst, das w�rde funktionieren?�, fragt Beetee.</p><p>�Ich wei� nicht. Nur so eine Idee�, sagt Gale. �Vielleicht w�ren sie auch zu clever.�</p><p>�Gut m�glich. Du baust auf ihren nat�rlichen Fluchtinstinkt. Denke wie deine Beute � und du findest ihre Schwachstelle�, sagt Beetee.</p><p>Mir f�llt etwas ein, an das ich mich nicht gern erinnere. Damals bei der Vorbereitung auf das Jubel-Jubil�um habe ich in der Aufzeichnung einer fr�heren Ausgabe der Hungerspiele gesehen, wie Beetee, damals noch ein Junge, zwei Dr�hte miteinander verband. Der Stromschlag t�tete die anderen Tribute, die hinter ihm her waren. Ihre zuckenden K�rper, der groteske Ausdruck in ihren Gesichtern. Und Beetee, der nunmehrige Sieger, sah ihnen beim Sterben zu. Es war nicht seine Schuld.</p><p>Reiner Selbstschutz. Wir alle haben versucht, uns selbst zu sch�tzen �</p><p>Pl�tzlich m�chte ich nur noch raus aus dem Raum mit den Kolibris, bevor irgendjemand auf die Idee kommt, eine Falle aufzustellen. �Plutarch meinte, du h�ttest was f�r mich, Beetee.�</p><p>�Richtig, habe ich. Deinen neuen Bogen.� Er dr�ckt einen Knopf auf der Rollstuhllehne und f�hrt hinaus. W�hrend wir ihm durch die verschachtelten G�nge der Abteilung folgen, erkl�rt er uns, was es mit dem Rollstuhl auf sich hat. �Ich kann schon wieder ein bisschen gehen. Aber ich erm�de schnell. Es ist einfacher, wenn ich mich damit fortbewege. Wie geht�s Finnick?�</p><p>�Er � er hat Konzentrationsprobleme�, antworte ich. Ich m�chte nicht herumerz�hlen, dass er einen richtigen Nervenzusammenbruch gehabt hat.</p><p>�Konzentrationsprobleme, was?� Beetee l�chelt grimmig. �Wenn du w�sstest, was Finnick in den letzten Jahren durchgemacht hat, dann w�sstest du auch, wie bemerkenswert es ist, dass er �berhaupt noch unter uns weilt. Aber sag ihm doch, ich h�tte einen neuen Dreizack f�r ihn entwickelt, ja? Vielleicht lenkt ihn das eine Zeit lang ab.� Ablenkung scheint mir zwar das Letzte, was Finnick n�tig hat, aber ich verspreche trotzdem, die Botschaft zu �berbringen.</p><p>Vier Soldaten bewachen den Eingang zu einer Halle mit der Kennzeichnung GEHEIMWAFFEN. Als Erstes werden die Tagespl�ne auf unseren Unterarmen kontrolliert, aber das ist nur der Anfang. Fingerabdr�cke, Iris und DNA-Sequenzen werden ebenfalls gepr�ft und dann werden wir noch durch spezielle Metalldetektoren geschickt. Beetee muss seinen Rollstuhl drau�en lassen, bekommt aber einen anderen, sobald wir den Sicherheitscheck hinter uns haben. Ich finde das alles ziemlich seltsam, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwer, der in Distrikt 13 aufgewachsen ist, eine Bedrohung darstellt, vor der sich die Regierung sch�tzen m�sste. Oder wurden diese Ma�nahmen als Reaktion auf den j�ngsten Zustrom von Fl�chtlingen eingerichtet?</p><p>Am Eingang zum Arsenal m�ssen wir uns erneut umfassend ausweisen - als h�tte sich mein Erbgut in der Zeit, die wir f�r die zwanzig Meter Flur ben�tigt haben, ver�ndert - und d�rfen dann endlich die Waffensammlung betreten, bei der es mir, das muss ich zugeben, den Atem verschl�gt. Reihe um Reihe Schusswaffen, Raketenwerfer, Sprengstoff, gepanzerte Fahrzeuge. �Die Luftwaffe ist nat�rlich woanders untergebracht�, erl�utert Beetee.</p><p>�Nat�rlich�, sage ich, als l�ge das auf der Hand. Ich frage mich, wo unter all diesem Hightech-Ger�t mein schlichter Pfeil und Bogen eingeordnet worden sein mag, bis wir auf eine Wand mit den tollsten Bogenwaffen sto�en. Im Vorfeld der Spiele habe ich viel mit den Waffen des Kapitals trainiert, aber keine davon war f�r den Kriegseinsatz entwickelt worden. Ich konzentriere mich auf einen t�dlich aussehenden Bogen, der so mit Zielvorrichtungen und sonstigem Zubeh�r befrachtet ist, dass ich ihn bestimmt nicht hochheben und noch viel weniger damit schie�en kann.</p><p>�M�chtest du vielleicht mal einen davon ausprobieren, Gale?�, fragt Beetee.</p><p>�Im Ernst?�, erwidert Gale.</p><p>�Zum K�mpfen bekommst du nat�rlich irgendwann ein Gewehr. Aber in den Propos, wenn du als Mitglied von Katniss�</p><p>Team in Erscheinung trittst, w�re so einer vielleicht ein bisschen auff�lliger. Ich dachte, du m�chtest dir vielleicht einen aussuchen, der zu dir passt�, erkl�rt Beetee.</p><p>�Und ob.� Gales Hand schlie�t sich um den Bogen, der kurz zuvor meine Aufmerksamkeit erregt hat. Er hievt ihn sich auf die Schulter, schaut durchs Visier und zielt im Raum umher.</p><p>�Das scheint mir nicht sehr fair gegen�ber dem Hirsch�, sage ich.</p><p>�Auf Hirsche w�rde ich damit auch kaum schie�en, oder?�, antwortet er.</p><p>�Bin gleich wieder da�, sagt Beetee. Er tippt einen Nummerncode in ein Bedienfeld ein und eine schmale T�r �ffnet sich. Ich schaue ihm nach, bis die T�r sich hinter ihm geschlossen hat.</p><p>�Das k�nntest du so einfach? Damit auf Menschen schie�en?�, frage ich.</p><p>�Das habe ich nicht gesagt.� Gale l�sst den Bogen sinken. �Aber wenn ich eine Waffe gehabt h�tte, mit der ich das, was ich in Distrikt 12 gesehen habe, h�tte beenden k�nnen � Wenn ich eine Waffe gehabt h�tte, mit der ich dich vor der Arena h�tte bewahren k�nnen � ich h�tte sie benutzt.�</p><p>�Ich auch�, gebe ich zu. Doch ich wei� nicht, wie ich ihm erkl�ren soll, wie es hinterher ist, nachdem man einen Menschen get�tet hat. Dass man die Toten nie mehr loswird.</p><p>Beetee kommt zur�ckgerollt. Zwischen der Fu�st�tze und seiner Schulter balanciert er mehr schlecht als recht einen gro�en schwarzen Kasten. Er h�lt vor mir an und l�sst ihn auf mich zukippen. �F�r dich.�</p><p>Ich lege den Kasten auf den Boden und �ffne die Verschl�sse an der Seite. Lautlos klappt der Deckel auf. Darin liegt auf einem Bett aus weinrotem Knautschsamt ein fantastischer schwarzer Bogen. �Oh�, fl�stere ich voller Ehrfurcht. Vorsichtig hebe ich ihn heraus, um die Harmonie der Form, das elegante Design und den Schwung der Arme zu bewundern, die an die Schwingen eines fliegenden Vogels erinnern. Da ist noch etwas. Ich muss ganz stillhalten, um sicherzugehen, dass ich es mir nicht nur einbilde. Nein, der Bogen lebt in meinen H�nden. Ich dr�cke ihn gegen die Wange und sp�re das leise Summen in meinen Gesichtsknochen. �Was macht er da?�, frage ich.</p><p>�Er sagt Guten Tag�, erkl�rt Beetee grinsend. �Er hat deine Stimme geh�rt.�</p><p>�Er erkennt meine Stimme?�, frage ich.</p><p><emphasis>�Nur</emphasis>
deine Stimme�, erl�utert Beetee. �Eigentlich sollte ich blo� einen Bogen entwerfen, der gut aussieht. Als Teil deines Kost�ms, wei�t du? Aber ich dachte mir die ganze Zeit: So eine Verschwendung! Was, wenn du ihn mal gebrauchen musst? Nicht nur als modisches Accessoire, meine ich. Also habe ich sein �u�eres eher schlicht gestaltet und meine Fantasie auf sein Innenleben gerichtet. Am besten l�sst sich das in der Praxis erkl�ren. Wollt ihr sie mal ausprobieren?�</p><p>Gesagt, getan. Eine Zielscheibe f�r uns h�ngt schon da. Die Pfeile, die Beetee entworfen hat, sind genauso ungew�hnlich wie der Bogen. Ich kann damit auf hundert Meter punktgenau treffen. Die unterschiedlichen Eigenschaften der Pfeile - rasiermesserscharf, entz�ndlich, explosiv - verwandelten den Bogen in eine Mehrzweckwaffe. Die jeweilige Eigenschaft erkennt man an der F�rbung des Schafts. Ich kann die Pfeile jederzeit durch einen Befehl stoppen, aber ich kann mir nicht vorstellen, wieso ich das tun sollte. Um den Bogen zu deaktivieren, muss ich nur �Gute Nacht� sagen. Dann geht er schlafen, bis ihn meine Stimme wieder weckt.</p><p>Als ich Beetee und Gale zur�cklasse und mich auf den Weg zu meinem Vorbereitungsteam mache, bin ich bester Laune. Geduldig lasse ich die Schminkprozedur �ber mich ergehen und ziehe mein Kost�m an, das nun um einen blutigen Verband �ber der Narbe an meinem Unterarm erg�nzt ist: Er soll darauf hinweisen, dass ich frisch vom Schlachtfeld komme. Venia steckt mir die Spottt�lpelbrosche �ber dem Herzen an. Ich nehme meinen Bogen und den K�cher mit den normalen Pfeilen aus Beetees Produktion, denn mit den Spezialpfeilen w�rde man mich hier niemals herumspazieren lassen. Anschlie�end gehen wir ins Filmstudio, wo ich stundenlang dastehe, w�hrend sie Make-up, Beleuchtung und Rauchdichte einrichten. Irgendwann werden die Kommandos, die �ber eine Gegensprechanlage von unsichtbaren Personen in dem geheimnisvollen verspiegelten Kabuff gegeben werden, weniger und weniger. Fulvia und Plutarch schauen mich jetzt blo� noch an und m�ssen kaum mehr Anweisung zum Nachbessern geben. Schlie�lich wird es still am Set. Volle f�nf Minuten lang werde ich nur gemustert. Dann sagt Plutarch: �So wird�s gehen, denke ich.�</p><p>Ich werde zu einem Monitor gewinkt. Dort sind die letzten f�nf Minuten zu sehen und ich betrachte die Frau auf dem Bildschirm. Ihr K�rper wirkt gr��er, imposanter als meiner. Ihr Gesicht ist schmutzig, aber sexy. Die Brauen schwarz und in einem trotzigen Winkel nachgezeichnet. Aus der Kleidung steigen kleine Rauchfahnen und suggerieren, dass die Frau entweder eben erst gel�scht wurde oder im n�chsten Augenblick in Flammen aufgeht. Ich kenne diese Person nicht.</p><p>Finnick, der sich schon seit Stunden am Set herumtreibt, tritt hinter mich und sagt in einem Anflug seines alten Humors: �Entweder wollen sie dich t�ten oder k�ssen oder du sein.�</p><p>Alle sind so aufgekratzt, so zufrieden mit ihrem Werk. Eigentlich ist es bald Zeit f�rs Abendessen, aber sie bestehen darauf, dass wir weitermachen. Morgen werden wir uns auf die Reden und Interviews konzentrieren, in denen ich behaupte, Seite an Seite mit den Rebellen zu k�mpfen. Heute brauchen sie nur einen Slogan, eine Zeile, die sie in einen kurzen Propo einbauen und Coin vorf�hren k�nnen.</p><p><emphasis>�Volk von Panem, wir k�mpfen, wir wagen, wir wollen endlich Gerechtigkeit!�</emphasis>
So lautet der Text. An der Art, wie sie ihn pr�sentieren, kann ich erkennen, dass sie Monate, vielleicht Jahre daran gefeilt haben und richtig stolz darauf sind. Aber auf mich wirkt er wie ein Zungenbrecher. Und steif dazu. Ich kann mir nicht vorstellen, so etwas im echten Leben zu sagen - h�chstens ironisch, mit Kapitolakzent. Wie damals, als Gale und ich Effie Trinkets Standardspruch �M�ge das Gl�ck stets mit euch sein!� nachge�fft haben. Doch jetzt stellt Fulvia sich vor mich hin und erz�hlt mir von der Schlacht, die ich gerade geschlagen habe, meine Kameraden liegen allesamt tot da, und ich soll mich der Kamera zuwenden und meinen Text aufsagen, um die Lebenden um mich zu scharen!</p><p>Ich werde zur�ck an meinen Platz gezerrt, die Rauchmaschine wird eingeschaltet. Ruhe wird geboten, die Kameras laufen, dann ruft jemand: �Action!� Ich halte den Bogen �ber meinen Kopf und br�lle, so zornig ich kann:
<emphasis>�Volk von Panem, wir k�mpfen, wir wagen, wir machen unserem Hunger nach Gerechtigkeit ein Ende!�</emphasis></p><p>Stille senkt sich �ber das Set. Und es bleibt still. Totenstill.</p><p>Schlie�lich kr�chzt es in der Gegensprechanlage und Haymitchs �tzendes Lachen hallt durchs Studio. Er muss so lachen, dass er M�he hat, den Satz herauszubringen: �Und damit, Freunde, w�re die Revolution gestorben!�</p><p><strong>6</strong></p><p>Der Schock gestern, Haymitchs Stimme zu h�ren, die Erkenntnis, dass er nicht nur wieder im Einsatz ist, sondern in gewissem Ma� erneut �ber mein Leben bestimmt, hat mich wahnsinnig w�tend gemacht. Ich bin schnurstracks aus dem Studio gerannt, und heute habe ich mich erst mal geweigert, seine Kommentare aus dem Kabuff zu beherzigen. Obwohl ich sofort wusste, dass er recht hat, was meinen Auftritt betrifft.</p><p>Den ganzen Vormittag hat es gebraucht, bis er die anderen davon �berzeugt hatte, dass meine M�glichkeiten begrenzt sind. Dass ich es nicht hinkriege. Ich kann nicht geschminkt und verkleidet und in einer k�nstlichen Rauchwolke in einem Fernsehstudio stehen und die Distrikte auf den Sieg einschw�ren. Es ist schon irre, dass ich �berhaupt so lange vor der Kamera bestanden habe. Dieses Verdienst geb�hrt nat�rlich Peeta. Allein kann ich nicht der Spottt�lpel sein.</p><p>Wir versammeln uns um den gro�en Tisch in der Kommandozentrale. Coin und ihre Leute. Plutarch, Fulvia und mein Vorbereitungsteam. Haymitch, Gale und ein paar andere aus 12, deren Anwesenheit ich mir nicht recht erkl�ren kann, wie Leevy und Greasy Sae. Kurz bevor es losgeht, schiebt Finnick Beetee herein, begleitet von Dalton, dem Viehzuchtexperten aus Distrikt 10. Diese seltsame Gesellschaft hat Coin wohl einberufen, damit sie mein Scheitern bezeugt, denke ich.</p><p>Doch dann ist es Haymitch, der die anderen begr��t und ihnen dankt, dass sie seiner Einladung gefolgt sind. Zum ersten Mal, seit ich ihm das Gesicht zerkratzt habe, sitzen wir gemeinsam in einem Raum. Ich vermeide es, ihn direkt anzusehen, aber auf einer der polierten Schalttafeln an der Wand erhasche ich sein Spiegelbild. Seine Haut sieht gelblich aus, und er hat viel Gewicht verloren, wodurch er geschrumpft wirkt. Auf einmal habe ich Angst, er k�nnte nicht mehr lange leben, aber sofort sage ich mir, dass mir das egal sein kann.</p><p>Zun�chst zeigt Haymitch noch einmal die Aufnahmen, die wir gestern gemacht haben. Unter Plutarchs und Fulvias Anleitung habe ich ganz offensichtlich einen neuen Tiefpunkt erreicht. Stimme und K�rper wirken fahrig, unkoordiniert, wie eine Puppe, die von unsichtbaren Kr�ften gelenkt wird.</p><p>�M�chte einer der Anwesenden die Meinung vertreten, dass uns das dabei hilft, den Krieg zu gewinnen?�, fragt Haymitch, als es vorbei ist. Keiner m�chte. �Gut. Das spart Zeit. Dann lasst uns jetzt einen Moment innehalten. Ich m�chte, dass jeder von euch in sich geht und an ein Ereignis zur�ckdenkt, bei dem Katniss Everdeen euch wirklich ber�hrt hat. Nicht, weil sie so eine tolle Frisur hatte oder weil ihr Kleid in Flammen aufging oder weil sie passabel einen Pfeil abgeschossen hat. Nicht, weil Peeta euch dazu gebracht hat, sie zu m�gen. Mich interessieren die Momente, in denen sie ein echtes Gef�hl bei euch ausgel�st hat.�</p><p>Es wird still, und ich denke schon, diese Stille wird nie enden, als Leevy das Wort ergreift. �Bei der Ernte, als sie freiwillig vortrat, um an Prims Stelle in die Arena zu gehen. Weil ich sicher war, dass sie dachte, sie w�rde sterben.�</p><p>�Gut. Hervorragendes Beispiel�, sagt Haymitch. Mit einem lila Filzstift schreibt er
<emphasis>Meldet sich freiwillig f�r Schwester bei Ernte</emphasis>
auf einen Block und schaut in die Runde: �Der N�chste.�</p><p>Es �berrascht mich, dass sich als N�chster Boggs meldet. Ich hatte ihn f�r einen muskelbepackten Roboter gehalten, der nur dazu da ist, Coins Befehle auszuf�hren. �Als sie das Lied sang. W�hrend das kleine M�dchen starb.� Irgendwo in meinem Kopf steigt ein Bild auf: Boggs, der einen kleinen Jungen auf der H�fte tr�gt. Im Speisesaal, glaube ich. Vielleicht ist er gar kein Roboter.</p><p>�Wen h�tte das kaltgelassen, was?�, sagt Haymitch und schreibt es auf.</p><p>�Als sie Peeta bet�ubte, damit sie Medikamente f�r ihn besorgen konnte, und ihm einen Abschiedskuss gab, da musste ich weinen!�, platzt Octavia heraus. Dann schl�gt sie sich die Hand vor den Mund, als w�re ihr pl�tzlich bewusst geworden, dass sie einen schlimmen Fehler gemacht hat.</p><p>Doch Haymitch nickt nur. �Ach ja. Bet�ubt Peeta, um sein Leben zu retten. Sehr sch�n.�</p><p>Jetzt erinnern sich alle wild durcheinander an solche Momente. Als ich Rue zur Verb�ndeten nahm. Chaff am Abend der Interviews die Hand hinstreckte. Mags zu tragen versuchte. Und immer wieder, als ich diese Beeren hochhielt - ein Akt, der ganz unterschiedlich gedeutet wird: als Liebe zu Peeta. Als Weigerung, in aussichtsloser Lage nachzugeben. Als Widerstand gegen die Unmenschlichkeit des Kapitols.</p><p>Haymitch h�lt seinen Block hoch. �Die Frage ist jetzt, was haben all diese Momente gemeinsam?�</p><p>�Sie geh�rten Katniss�, sagt Gale ruhig. �Niemand hat ihr gesagt, was sie tun oder sagen soll.�</p><p>�Improvisiert, ja!�, ruft Beetee. Er greift nach meiner Hand und t�tschelt sie. �Vielleicht sollten wir dich einfach in Ruhe machen lassen, was?�</p><p>Ein paar lachen. Ich l�chele sogar ein wenig mit.</p><p>�Nun, das ist ja alles sch�n und gut, aber es hilft uns nicht weiter�, sagt Fulvia gereizt. �Hier in Distrikt 13 sind die Gelegenheiten f�r sie, toll dazustehen, leider ziemlich begrenzt. Also, falls hier keiner vorschl�gt, dass wir sie mitten im Kampfgebiet aussetzen ��</p><p>�Genau das ist mein Vorschlag�, unterbricht Haymitch sie. �Stellt sie aufs Schlachtfeld und haltet mit der Kamera drauf.�</p><p>�Aber die Leute denken doch, sie w�re schwanger�, wirft Gale ein.</p><p>�Wir streuen einfach das Ger�cht, sie h�tte das Baby durch den Stromschlag in der Arena verloren�, entgegnet Plutarch. �Ein tragisches Ungl�ck. Zu traurig.�</p><p>Die Idee, mich ins Schlachtget�mmel zu schicken, l�st eine heftige Diskussion aus. Doch Haymitchs Vorschlag ist bestechend. Wenn ich nur unter echten Bedingungen gut bin, dann sollte ich mich genau dahinein begeben. �Jedes Mal, wenn wir sie coachen oder ihr Texte vorgeben, k�nnen wir allenfalls hoffen, dass es ganz okay wird. Es muss aus ihr selbst herauskommen, darauf springen die Leute an.�</p><p>�Egal, wie vorsichtig wir sind, wir k�nnen f�r ihre Sicherheit nicht garantieren�, wendet Boggs ein. �Sie wird eine Zielscheibe f�r jeden ��</p><p>�Ich mache es�, unterbreche ich ihn. �Hier bin ich den Rebellen keine Hilfe.�</p><p>�Und wenn du get�tet wirst?�, fragt Coin.</p><p>�Seht zu, dass ihr es auf Film kriegt. Dann k�nnt ihr ja das benutzen�, entgegne ich.</p><p>�Sch�n�, sagt Coin. �Aber eins nach dem anderen. Wir versuchen die am wenigsten gef�hrliche Situation zu finden, die spontan etwas in dir ausl�st.� Sie tritt vor die erleuchteten Landkarten der Distrikte, die die Truppenbewegungen in diesem Krieg zeigen, und studiert sie. �Heute Nachmittag setzen wir sie in Distrikt 8 ab. Am Morgen hat es dort schwere Bombardements gegeben, aber die Angriffe scheinen vorbei zu sein. Sie geht bewaffnet und mit einem Trupp Leibw�chter als Begleitung, Kamerateam am Boden. Haymitch, du bleibst im Hovercraft und h�ltst von dort den Kontakt. Schauen wir mal, wie�s l�uft. Irgendwelche Anmerkungen?�</p><p>�Sie soll sich das Gesicht waschen�, sagt Dalton. Alle drehen sich zu ihm herum. �Ihr lasst sie wie f�nfunddrei�ig aussehen, dabei ist sie doch noch ein M�dchen. Das f�hlt sich verkehrt an. So was w�rde das Kapitol tun.�</p><p>Als Coin die Sitzung aufhebt, bittet Haymitch darum, unter vier Augen mit mir reden zu d�rfen. Alle verlassen den Raum, bis auf Gale, der unschl�ssig an meiner Seite bleibt. �Wor�ber machst du dir Sorgen?�, fragt Haymitch ihn. �Wenn hier einer einen Leibw�chter braucht, dann ich.�</p><p>�Ist schon okay�, sage ich zu Gale, und da geht auch er. Jetzt h�rt man nur noch das Summen der Instrumente, das Schnurren der Bel�ftung.</p><p>Haymitch setzt sich auf den Stuhl mir gegen�ber. �Sieht so aus, als m�ssten wir wieder zusammenarbeiten. Also los. Spuck�s aus.�</p><p>Ich denke an unseren handgreiflichen Meinungsaustausch neulich im Hovercraft. An die Verbitterung, die folgte. Aber ich sage nur: �Ich verstehe nicht, warum du Peeta nicht gerettet hast.�</p><p>�Ich wei߫, erwidert er.</p><p>Damit ist aber noch nicht alles gesagt. Und ich meine nicht die fehlende Entschuldigung. Wir waren ein Team. Wir hatten die Abmachung, Peeta zu retten. Eine alkoholgeschw�ngerte, unrealistische Abmachung, getroffen in finsterer Nacht, aber eine Abmachung. Und tief in mir sp�re ich, dass wir beide versagt haben.</p><p>�Jetzt du�, fordere ich ihn auf.</p><p>�Ich verstehe nicht, wieso du ihn in der Nacht aus den Augen gelassen hast�, sagt Haymitch.</p><p>Ich nicke. Darum geht�s. �Immer wieder gehe ich es durch. Was ich h�tte tun k�nnen, damit wir zusammenbleiben und trotzdem nicht das B�ndnis aufk�ndigen m�ssen. Aber mir f�llt nichts ein.�</p><p>�Du hattest keine Wahl. Und selbst wenn ich in dieser Nacht Plutarch dazu h�tte bewegen k�nnen, dazubleiben und Peeta zu retten, h�tte es den Verlust des ganzen Hovercrafts bedeutet. Wir sind sowieso nur mit knapper Not da rausgekommen.� Endlich sehe ich Haymitch in die Augen. Augen des Saums. Grau und tiefliegend und mit den Ringen schlafloser N�chte. �Er ist noch nicht tot, Katniss.�</p><p>�Das Spiel geht weiter.� Ich versuche, optimistisch zu klingen, doch meine Stimme versagt.</p><p>�Das Spiel geht weiter. Und ich bin immer noch dein Mentor.� Haymitch deutet mit seinem Filzstift auf mich. �Wenn du nachher da unten bist, denk dran, ich bin �ber dir. Ich habe den besseren �berblick, also tu, was ich dir sage.�</p><p>�Mal sehen�, gebe ich zur�ck.</p><p>Ich gehe wieder in den Ankleideraum, rubbele mir das Make-up vom Gesicht und schaue zu, wie die farbigen Schlieren im Abfluss verschwinden. Die Frau im Spiegel sieht fertig aus, mit unebener Haut und m�den Augen, aber immerhin sieht sie aus wie ich. Ich rei�e das Armband ab und lege die h�ssliche Aufsp�rernarbe frei. Da. Das sieht auch nach mir aus.</p><p>Beetee hilft mir mit der R�stung, die Cinna f�r mich entworfen hat. Ein Helm aus gewebtem Metall, der den Kopf eng umschlie�t und so geschmeidig ist, dass ich ihn wie eine Stoffkapuze zur�ckstreifen kann, falls ich ihn nicht die ganze Zeit aufhaben will. Eine Weste als zus�tzlicher Schutz �ber den lebenswichtigen Organen. Ein kleines wei�es Headset, das �ber Kabel mit dem Kragen verbunden ist. An meinem G�rtel befestigt Beetee eine Maske, die ich aber nur im Fall eines Gasangriffs benutzen soll. �Setz sie sofort auf, wenn du mitbekommst, dass jemand ohne ersichtlichen Grund zu Boden geht�, sch�rft er mir ein. Schlie�lich schnallt er mir einen K�cher mit drei F�chern f�r die Pfeile auf den R�cken. �Denk dran: rechte Seite, Feuer. Linke Seite, Sprengstoff. Mitte, normal. Ich glaube nicht, dass du sie brauchen wirst, aber sicher ist sicher.�</p><p>Boggs erscheint, um mich hinunter zu den Flugzeugen zu bringen. Gerade als sich die Aufzugt�r �ffnet, kommt Finnick aufgeregt angelaufen. �Katniss, die lassen mich nicht mit! Es geht mir gut, hab ich gesagt, aber sie wollen mich nicht im Hovercraft mitfliegen lassen!�</p><p>Ich mustere Finnick - seine nackten Beine, die zwischen Bademantel und Schlappen hervorschauen, sein wirres Haar, die Schnur mit den Knoten zwischen seinen Fingern, der wilde Blick -, und mir wird bewusst, dass jedes Bitten meinerseits sinnlos sein wird. Ich halte es ja selbst f�r keine gute Idee, ihn mitzunehmen. Deshalb schlage ich mir mit der Hand gegen die Stirn, als w�re mir grad was eingefallen, und sage: �Fast h�tte ich es vergessen! Bl�de Gehirnersch�tterung aber auch. Ich sollte dir von Beetee ausrichten, dass du dich bei den Geheimwaffen melden sollst. Er hat einen neuen Dreizack f�r dich entwickelt.�</p><p>Bei dem Wort
<emphasis>Dreizack</emphasis>
kommt der alte Finnick zum Vorschein. �Echt? Inwiefern neu?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Aber wenn es so was ist wie mein Pfeil und Bogen, dann wirst du begeistert sein�, sage ich. �Allerdings musst du erst damit trainieren.�</p><p>�Stimmt. Nat�rlich. Dann schaue ich mal besser gleich unten bei Beetee vorbei�, sagt er.</p><p>�Finnick?�, sage ich. �Wie w�r�s mit einer Hose?�</p><p>Er schaut an seinen Beinen herunter, als w�rde er seinen Aufzug erst jetzt bemerken. Dann rei�t er sich den Bademantel vom Leib und steht nur noch in Unterhose da. �Wieso? Findest du das hier�, er wirft sich in eine alberne Pose, �etwa zu aufreizend?�</p><p>Das ist so lustig, dass ich lachen muss, und besonders lustig ist es, weil Boggs so unangenehm ber�hrt wirkt. Au�erdem bin ich froh, dass Finnick endlich wieder so klingt wie der, den ich beim Jubel-Jubil�um kennengelernt habe.</p><p>�Ich bin auch nur ein Mensch, Odair.� Ich schl�pfe in den Aufzug, die T�r schlie�t sich. �Tut mir leid�, sage ich zu Boggs.</p><p>�Kein Problem. Ich denke, du � du hast das gut hingekriegt�, sagt er. �Jedenfalls besser, als wenn ich ihn verhaftet h�tte.�</p><p>�Ja�, sage ich. Ich werfe ihm einen schnellen Blick von der Seite zu. Er ist ungef�hr Mitte vierzig, hat kurz rasiertes graues Haar und blaue Augen. Unglaubliche Statur. Er hat heute zweimal Dinge gesagt, die mich glauben lassen, dass wir eher Freunde als Feinde werden k�nnten. Vielleicht sollte ich ihm eine Chance geben. Allerdings ist er voll auf Coin gepolt �</p><p>Pl�tzlich klickt es mehrmals laut. Der Aufzug h�lt kurz an und bewegt sich dann nach links. �F�hrt der zur Seite?�, frage ich.</p><p>�Ja. Es gibt hier ein ganzes Netz von unterirdischen Aufzugwegen�, antwortet Boggs. �Dieser hier verl�uft oberhalb der Transportspeiche zur f�nften Luftbr�ckenplattform. Er f�hrt zum Hangar.�</p><p>Der Hangar. Die Kerker. Die Waffenabteilung. Irgendwo werden Nahrungsmittel angebaut. Wird Energie erzeugt. Werden Luft und Wasser gereinigt. �Distrikt 13 ist viel gr��er, als ich dachte.�</p><p>�Das meiste ist nicht auf unserem Mist gewachsen�, sagt Boggs. �Im Grunde haben wir hier fast alles geerbt. Wir mussten es nur noch am Laufen halten.�</p><p>Erneut klickt es. F�r kurze Zeit fahren wir wieder hinunter, nur ein paar Ebenen, dann �ffnet sich die T�r zum Hangar.</p><p>�Oh�, entf�hrt es mir unwillk�rlich beim Anblick der Flotte. Reihenweise Hovercrafts verschiedener Typen. �Habt ihr die auch geerbt?�</p><p>�Manche haben wir selbst gebaut. Andere geh�rten zur Luftwaffe des Kapitols. Aber die wurden nat�rlich auf den neuesten Stand gebracht�, sagt Boggs.</p><p>Wieder empfinde ich diesen Anflug von Hass gegen Distrikt 13. �Und obwohl ihr die alle hattet, habt ihr die anderen Distrikte schutzlos dem Kapitol �berlassen.�</p><p>�So einfach ist es nicht�, entgegnet er. �Bis vor Kurzem waren wir noch nicht in der Lage zur�ckzuschlagen. Wir hatten selbst M�he zu �berleben. Nachdem wir die Leute des Kapitals gest�rzt und hingerichtet hatten, wusste gerade mal eine Handvoll von uns, wie man die Dinger fliegt. Wir h�tten Atomraketen auf sie abfeuern k�nnen, das ja. Aber da stellt sich nat�rlich immer die Frage: Wenn wir einen Atomkrieg gegen das Kapital anzetteln, w�rde es danach �berhaupt noch Menschen geben?�</p><p>�Jetzt redest du schon fast wie Peeta. Und den habt ihr einen Verr�ter genannt�, erwidere ich.</p><p>�Weil er einen Waffenstillstand gefordert hat�, sagt Boggs. �Wie du vielleicht bemerkt hast, hat keine der Seiten Atomwaffen abgefeuert. Wir erledigen die Sache auf die altmodische Art. Da geht�s rein, Soldat Everdeen.� Er deutet auf eins der kleineren Hovercrafts.</p><p>Ich steige die Stufen hinauf und treffe auf das Kamerateam samt Ausr�stung. Alle anderen tragen die dunkelgrauen Milit�roveralls aus Distrikt 13, selbst Haymitch, obwohl ihm der Kragen offensichtlich unbequem ist.</p><p>Fulvia Cardew kommt angerannt und st�hnt, als sie mein ges�ubertes Gesicht sieht. �Die ganze Arbeit f�r die Katz. Ich mache dir keinen Vorwurf, Katniss. Aber es gibt nur ganz wenige Menschen, die mit einem Kameragesicht geboren werden. Er hier zum Beispiel.� Sie schnappt sich Gale, der sich gerade mit Plutarch unterh�lt, und schiebt ihn zu uns. �Sieht er nicht toll aus?�</p><p>Gale sieht wirklich ziemlich gut aus in seiner Uniform. Aber die Bemerkung bringt uns beide in Verlegenheit. Ich �berlege, wie ich die Situation geschickt retten kann, als Boggs einwirft:</p><p>�Sie k�nnen nicht erwarten, dass uns das umhaut - wir haben soeben Finnick Odair in Unterhose gesehen.� Ich beschlie�e, mir einen Ruck zu geben und Boggs zu m�gen.</p><p>Aus dem Lautsprecher kommt die Warnung, dass wir gleich starten werden, und ich schnalle mich auf dem Platz neben Gale fest, gegen�ber von Haymitch und Plutarch. Wir gleiten durch ein Tunnellabyrinth, das sich auf eine Plattform �ffnet. Eine Art Aufzug hebt das Flugger�t langsam durch die Ebenen. Pl�tzlich befinden wir uns drau�en auf einem gro�en Feld, das von B�umen umstanden ist, wir heben ab und werden von Wolken eingeh�llt.</p><p>Jetzt, da die hektische Aktivit�t, die zu dieser Mission gef�hrt hat, vorbei ist, wird mir schlagartig bewusst, dass ich keine Ahnung habe, was mir auf diesem Trip nach Distrikt 8 bl�ht. Ich wei� n�mlich so gut wie nichts �ber den bisherigen Kriegsverlauf. Oder dar�ber, wie man diesen Krieg gewinnen k�nnte. Oder was passieren w�rde, wenn wir ihn gewinnen.</p><p>Plutarch versucht es mir in einfachen Worten darzulegen. S�mtliche Distrikte befinden sich im Kriegszustand mit dem Kapitol, au�er Distrikt 2, dessen Bewohner trotz der Teilnahme an den Hungerspielen seit jeher ein positives Verh�ltnis zu unseren Feinden gehabt haben. Sie hatten mehr zu essen und bessere Lebensbedingungen. Nach den Dunklen Tagen und der vermeintlichen Zerst�rung von Distrikt 13 wurde Distrikt 2 zur neuen Waffenschmiede des Kapitols. Offiziell wurde er als Heimat der nationalen Steinbr�che pr�sentiert, so wie Distrikt 13 f�r Grafitf�rderung stand. In Distrikt 2 werden nicht nur Waffen produziert, er stellt auch viele Friedensw�chter und bildet sie aus.</p><p>�Du meinst � manche der Friedensw�chter sind in Distrikt 2 geboren?�, frage ich. �Ich dachte, sie k�men alle aus dem Kapitol.�</p><p>Plutarch nickt. �Das solltest du auch denken. Viele stammen ja auch von dort. Aber das Kapitol hat gar nicht so viele Einwohner, um solch eine starke Streitmacht zu unterhalten. Au�erdem haben sie Probleme, gen�gend Leute zu finden, die im Kapitol aufgewachsen und trotzdem bereit sind, ein �des Leben voller Entbehrungen in den Distrikten auf sich zu nehmen. Sie m�ssen sich bei den Friedensw�chtern auf zwanzig Jahre verpflichten und d�rfen weder heiraten noch Kinder kriegen. Manche sehen darin eine Ehre, andere willigen ein, um einer Bestrafung zu entgehen. Wer zu den Friedensw�chtern geht, dem werden zum Beispiel die Schulden erlassen. Im Kapitol versinken viele in ihren Schulden, aber nicht alle eignen sich f�r den Milit�rdienst. Um zus�tzliche Truppen anzuwerben, greifen wir deshalb auf Distrikt 2 zur�ck. Der dortigen Bev�lkerung bietet sich so ein Weg, der Armut und einem Leben in den Steinbr�chen zu entkommen. Sie wachsen mit einer kriegerischen Mentalit�t auf. Du hast ja gesehen, wie sich die Kinder darum rei�en, Tribut zu werden.�</p><p>Cato und Clove. Brutus und Enobaria.
Ich habe ihren Eifer gesehen und ihre Mordlust auch. �Aber alle anderen Distrikte stehen auf unserer Seite?�, frage ich.</p><p>�Ja. Unser Ziel ist es, die Distrikte einen nach dem anderen einzunehmen, zuletzt Distrikt 2, und das Kapitol auf diese Weise von der Versorgung abzuschneiden. Wenn es erst mal ausreichend geschw�cht ist, beginnen wir mit dem Einmarsch�, erl�utert Plutarch. �Das wird eine ganz andere Herausforderung werden. Aber wenn es erst mal so weit ist, werden wir diesen Schritt gehen.�</p><p>�Und wenn wir gewinnen, wer w�rde dann die Regierung bilden?�, fragt Gale.</p><p>�Alle�, antwortet Plutarch. �Wir werden eine Republik gr�nden, in der die Einwohner jedes Distrikts einschlie�lich des Kapitals ihre eigenen Vertreter w�hlen k�nnen, damit diese in der Zentralregierung f�r sie sprechen. Schau nicht so skeptisch! Das hat fr�her auch schon mal funktioniert.�</p><p>�In B�chern�, brummt Haymitch.</p><p>�In Geschichtsb�chern�, sagt Plutarch. �Und wenn unsere Vorfahren das konnten, dann k�nnen wir das auch.�</p><p>Mit unseren Vorfahren sollten wir eigentlich nicht so angeben, finde ich. Wenn man sieht, was sie uns hinterlassen haben, die Kriege, den zerst�rten Planeten. Offensichtlich haben sie sich keine Gedanken �ber die Leute gemacht, die nach ihnen kamen. Trotzdem, die Idee mit der Republik klingt verlockend im Vergleich zu unserer jetzigen Regierung.</p><p>�Und wenn wir verlieren?�, frage ich.</p><p>�Wenn wir verlieren?� Plutarch schaut durch das Fenster in die Wolken und ein sarkastisches L�cheln spielt um seine Lippen. �Dann d�rften die n�chsten Hungerspiele ziemlich unvergesslich werden. Apropos �� Er holt ein Fl�schchen aus seinem Gewand, sch�ttet ein paar dunkellila Pillen in seine Hand und reicht sie uns. �Wir haben sie Nachtriegel genannt, dir zu Ehren, Katniss. Im Interesse der Rebellen k�nnen wir es uns jetzt nicht mehr leisten, dass einer von uns in Gefangenschaft ger�t. Aber es ist v�llig schmerzlos, das verspreche ich.�</p><p>Ich nehme eine der Pillen, wei� aber nicht, wo ich sie hintun soll. Plutarch tippt an eine Stelle an meiner Schulter, vorn am linken �rmelansatz. Ich sehe mir die Stelle n�her an und entdecke eine winzige Tasche, in der ich die Pille verstecken kann. Selbst mit gefesselten H�nden k�nnte ich mich nach vorn beugen und die Tasche mit den Z�hnen aufrei�en.</p><p>Wie es aussieht, hat Cinna alle Eventualit�ten bedacht.</p><p><strong>7</strong></p><p>Mit einem kurzen Schlenker abw�rts landet das Hovercraft in den Au�enbezirken von Distrikt 8. Im n�chsten Augenblick �ffnet sich die T�r, die Treppe f�hrt aus und wir werden auf dem Asphalt abgesetzt. Sobald der Letzte drau�en ist, wird die Treppe wieder eingefahren, das Hovercraft hebt ab und verschwindet. Da stehe ich mit meiner Leibwache Gale, Boggs und zwei weiteren Soldaten. Das Fernsehteam besteht aus zwei st�mmigen Kameraleuten aus dem Kapitol, deren K�rper von den schweren tragbaren Kameras wie von Insektenpanzern eingeschlossen werden, einer Regisseurin namens Cressida mit gr�nen Rankentattoos auf dem kahl rasierten Kopf sowie ihrem Assistenten Messalla. Messalla ist ein schlanker junger Mann mit mehreren Reihen Ohrringen und einem Zungenpiercing in Form einer murmelgro�en silbernen Kugel.</p><p>Boggs scheucht uns sofort weg von der Stra�e, hin zu einer Ansammlung von Lagerh�usern. Gleich darauf landet ein zweites Hovercraft, das Kisten mit Arzneimitteln sowie ein sechsk�pfiges �rzteteam absetzt, wie ich an der auff�lligen wei�en Kleidung sehe. Wir folgen Boggs in die Gasse zwischen zwei d�steren grauen Lagerh�usern, deren verschrammte Metallw�nde nur ab und zu von Leitern unterbrochen werden, die aufs Dach f�hren. Als wir an der n�chsten Stra�e wieder herauskommen, ist es, als h�tten wir eine andere Welt betreten. Die Verletzten der Bombardements von heute Morgen werden herbeigebracht. Auf selbst gemachten Tragen, in Schubkarren, auf Leiterwagen, gest�tzt auf Schultern, von Armen gehalten. Blutend, verst�mmelt, bewusstlos. Von verzweifelten Menschen zu einem Lagerhaus getrieben, �ber dessen Eingang fl�chtig ein rotes Kreuz gemalt wurde. Eine Szene, wie ich sie aus unserer alten K�che kenne, wo meine Mutter die Sterbenden versorgte, nur um den Faktor zehn, f�nfzig, hundert gesteigert. Ich hatte ausgebombte Geb�ude erwartet, stattdessen werde ich mit zerst�rten K�rpern konfrontiert.</p><p>Und hier soll ich gefilmt werden? Ich wende mich an Boggs. �Das wird nicht funktionieren�, sage ich. �Hier wird das nichts.�</p><p>Vermutlich sieht er die Panik in meinem Blick, denn er h�lt kurz inne und legt mir die H�nde auf die Schultern. �Du machst das schon. Sie sollen dich nur sehen. Damit kannst du mehr f�r sie tun als alle �rzte der Welt.�</p><p>Eine Frau, die den eintreffenden Patienten Pl�tze zuweist, bemerkt uns, muss noch mal hingucken. Dann kommt sie energisch auf uns zu. Ihre dunkelbraunen Augen sind vor Ersch�pfung geschwollen, sie riecht nach Metall und Schwei�. Der Verband um ihren Hals h�tte schon vor Tagen gewechselt werden m�ssen. Der Riemen des Maschinengewehrs, das sie auf dem R�cken tr�gt, ist ein St�ck nach hinten gerutscht und schn�rt sie ein. Sie bewegt die Schulter, um ihn wieder zurechtzur�cken. Mit dem Daumen weist sie die �rzte an, ins Lagerhaus zu gehen. Sie gehorchen anstandslos.</p><p>�Das ist Commander Paylor aus Distrikt 8�, sagt Boggs. �Commander, darf ich Ihnen Soldat Katniss Everdeen vorstellen?�</p><p>F�r einen Commander sieht sie jung aus. Anfang drei�ig.</p><p>Aber ihre Stimme hat einen gebieterischen Klang, an dem man merkt, dass ihre Ernennung nicht willk�rlich erfolgt sein kann. Neben ihr komme ich mir in meinem funkelnagelneuen Aufzug, geschrubbt und gl�nzend, vor wie ein frisch geschl�pftes K�ken, das erst lernen muss, wie man sich in der Welt bewegt.</p><p>�Ich wei�, wer das ist�, sagt Paylor, und dann, zu mir gewandt: �Du lebst also. Wir waren uns nicht ganz sicher.� Irre ich mich oder schwingt da ein Vorwurf mit?</p><p>�Ich bin mir selbst noch nicht ganz sicher�, erwidere ich.</p><p>�Krankenstation.� Boggs tippt sich an den Kopf. ��ble Gehirnersch�tterung�, sagt er und senkt kurz die Stimme: �Fehlgeburt. Aber sie wollte unbedingt herkommen und eure Verwundeten sehen.�</p><p>�Na, davon haben wir mehr als genug�, sagt Paylor.</p><p>�Haltet ihr das f�r eine gute Idee?�, fragt Gale und blickt stirnrunzelnd auf das Lazarett. �Alle eure Verwundeten auf einem Haufen?�</p><p>Insgeheim pflichte ich ihm bei. Eine ansteckende Krankheit w�rde sich an diesem Ort rasend schnell ausbreiten.</p><p>�Auf jeden Fall besser, als sie sterben zu lassen, denke ich�, sagt Paylor.</p><p>�Das habe ich nicht gemeint�, entgegnet Gale.</p><p>�Im Moment ist das nun mal die einzige Alternative. Aber wenn ihr eine andere Idee habt und Coin damit einverstanden ist - ich bin ganz Ohr.� Paylor winkt mich herein. �Tritt ein, Spottt�lpel. Und bring doch deine Freunde mit.�</p><p>Ich werfe einen Blick hinter mich auf meine skurrile Begleiterschar und folge ihr ins Lazarett, auf das Schlimmste gefasst. Ein schwerer Industrievorhang h�ngt auf ganzer L�nge des Geb�udes herunter und trennt einen ziemlich breiten Gang ab, in dem Seite an Seite tote K�rper liegen. Der Vorhang streicht �ber ihre K�pfe, wei�e Bandagen verbergen die Gesichter. �Etwas westlich von hier haben wir ein Massengrab ausgehoben, aber ich habe im Moment nicht genug Leute, um sie r�berzuschaffen�, sagt Paylor. Sie findet einen Schlitz im Vorhang und schl�gt ihn beiseite.</p><p>Ich klammere mich an Gales Handgelenk. �Lass mich hier blo� nicht allein�, fl�stere ich ihm zu.</p><p>�Ich bin bei dir�, antwortet er leise.</p><p>Ich trete durch den Vorhang und erlebe einen Anschlag auf meine Sinne. Mein erster Impuls ist es, mir die Nase zuzuhalten, um den Gestank nach schmutzigen Laken, verfaulendem Fleisch und Erbrochenem abzuwehren, der von der Hitze, die im Lagerhaus herrscht, ins Unertr�gliche gesteigert wird. Die Luken hoch oben im Metalldach stehen offen, doch die frische Luft vermag den Dunst darunter nicht aufzul�sen. Die schwachen Sonnenstrahlen bilden die einzige Lichtquelle, und als meine Augen sich ans Zwielicht gew�hnt haben, sehe ich Reihe um Reihe von Verletzten, auf Feldbetten, Strohs�cken und auf dem Boden - so viele, dass nirgends ein freier Platz ist. Das Summen der schwarzen Fliegen, das St�hnen der leidenden Menschen und das Schluchzen ihrer Angeh�rigen verbinden sich zu einem herzzerrei�enden Chor.</p><p>In den Distrikten gibt es keine richtigen Krankenh�user. Wir sterben zu Hause, was bei dem Anblick, der sich mir hier bietet, eine annehmbare Alternative darstellen w�rde. Dann wird mir bewusst, dass die meisten Leute hier nach den Bombardements wahrscheinlich kein Zuhause mehr haben.</p><p>Der Schwei� l�uft mir nur so herunter und sammelt sich in meinen Handfl�chen. Damit ich den Gestank nicht so stark wahrnehme, atme ich durch den Mund. Schwarze Flecken wandern �ber mein Gesichtsfeld, mir ist, als k�nnte ich auf der Stelle ohnm�chtig werden. Aber da merke ich, dass Paylor mich scharf beobachtet. Sie will herausfinden, aus was f�r einem Holz ich geschnitzt bin und ob sie alle zu Recht gedacht haben, sie k�nnten auf mich z�hlen. Ich lasse Gale los und zwinge mich, weiter ins Lagerhaus vorzudringen, den schmalen Durchgang zwischen den Liegenden zu betreten.</p><p>�Katniss?�, kr�chzt eine Stimme irgendwo links von mir und �bert�nt den allgemeinen L�rm. �Katniss?� Durch den Dunst fasst eine Hand nach mir. Ich greife danach wie nach einem rettenden Strohhalm. Die Hand geh�rt zu einer jungen Frau mit verletztem Bein. Der schwere Verband ist blutgetr�nkt und von Fliegen bedeckt. In ihrem Gesicht spiegelt sich der Schmerz, aber auch etwas anderes, etwas, das �berhaupt nicht zu ihrer Lage zu passen scheint. �Bist du das?�</p><p>�Ja�, sto�e ich hervor.</p><p>Sie freut sich. Man sieht es in ihrem Gesicht. Beim Ger�usch meiner Stimme hellt es sich auf, f�r kurze Zeit wird das Leiden �berdeckt.</p><p>�Du lebst! Wir waren uns nicht sicher. Es ging das Ger�cht, aber wir wussten es nicht!�, sagt sie erregt.</p><p>�Ich war ziemlich angeschlagen. Aber jetzt geht es mir wieder gut�, sage ich. �Und du wirst auch wieder gesund.�</p><p>�Das muss ich meinem Bruder erz�hlen!� Die Frau setzt sich m�hsam auf und ruft jemanden, der ein paar Betten weiter liegt. �Eddy! Eddy! Sie ist hier! Das ist Katniss Everdeen!�</p><p>Ein etwa zw�lfj�hriger Junge dreht sich zu uns hin. Er hat das halbe Gesicht bandagiert. Die Seite seines Mundes, die ich sehen kann, �ffnet sich, als wollte er etwas rufen. Ich gehe zu ihm, streiche ihm die nassen braunen Locken aus der Stirn. Murmele einen Gru�. Er kann nicht sprechen, aber mit seinem gesunden Auge starrt er mich so intensiv an, als wollte er sich jede Einzelheit meines Gesichts einpr�gen.</p><p>Ich h�re, wie mein Name durch die hei�e Luft ins ganze Lazarett weitergetragen wird. �Katniss! Katniss Everdeen!� Die Schmerzens-und Klagelaute werden leiser, weichen Rufen gespannter Erwartung. Von allen Seiten rufen mich Stimmen herbei. Ich gehe weiter, dr�cke H�nde, die mir entgegengestreckt werden, ber�hre die unverletzten Glieder derjenigen, die Arme und Beine nicht bewegen k�nnen, sage �Hallo�, �Wie geht�s?�, �Sch�n, Sie kennenzulernen�. Nichts Bedeutendes, keine sonderlich inspirierten Worte. Aber das macht nichts. Boggs hat recht. Mein Anblick gen�gt. Dass ich lebe, ist Inspiration genug.</p><p>Gierige Finger greifen nach mir, wollen mein Fleisch bef�hlen. Als ein geschw�chter Mann mein Gesicht in seine H�nde nimmt, schicke ich Dalton meinen stillen Dank f�r den Tipp, mir das Make-up abzuwaschen. Wie l�cherlich, wie pervers w�rde ich mir vor diesen Leuten mit der angemalten Maske des Kapitols vorkommen. Narben, Ersch�pfung, Makel. Daran erkennen sie mich, deshalb bin ich eine von ihnen.</p><p>Trotz des umstrittenen Interviews mit Caesar fragen viele nach Peeta und versichern mir, sie w�ssten, dass er unter Zwang gehandelt habe. Ich gebe mir alle M�he, unsere gemeinsame Zukunft positiv darzustellen, doch als sie erfahren, dass ich das Baby verloren habe, sind die Leute aufrichtig ersch�ttert. Ich w�rde gern mein Gewissen erleichtern und einer Frau, die in Tr�nen ausbricht, sagen, dass es nur ein Schwindel war, ein Schachzug. Aber Peeta als L�gner zu entlarven, w�re seinem Image sicher nicht f�rderlich. Oder meinem. Oder der Sache.</p><p>Langsam begreife ich die gro�en Anstrengungen, die die Menschen unternehmen, um mich zu besch�tzen. Was ich f�r die Rebellen bedeute. Bei meinem st�ndigen Kampf gegen das Kapitol, der sich oft so angef�hlt hat wie eine einsame Reise, war ich nicht allein. Ich hatte Abertausende Menschen in den Distrikten an meiner Seite. Ich war ihr Spottt�lpel, lange bevor ich die Rolle akzeptiert habe.</p><p>Ein neues Gef�hl reift in mir heran. Aber erst als ich auf einem Tisch stehe und dem heiseren Chor, der meinen Namen ruft, zum Abschied zuwinke, kann ich es fassen. Macht. Ich habe eine Macht, von der ich bisher nichts wusste. Snow wusste es von dem Augenblick an, da ich diese Beeren in die Kamera hielt. Plutarch wusste es, als er mich aus der Arena rettete. Und Coin wei� es jetzt auch. So genau, dass sie ihr Volk �ffentlich daran erinnern muss, dass nicht ich die F�hrung habe.</p><p>Als wir wieder drau�en sind, lehne ich mich gegen die Wand des Lagerhauses, ringe nach Atem und nehme nur zu gern die Feldflasche mit Wasser an, die Boggs mir reicht. �Du warst gro�artig�, sagt er.</p><p>Na ja, ich bin nicht ohnm�chtig geworden und musste mich auch nicht �bergeben oder schreiend hinausrennen. Die meiste Zeit bin ich nur auf der Welle der Gef�hle geschwommen, die durch die Halle ging.</p><p>�Das Material ist top�, sagt Cressida. Ich schaue zu den Insektenm�nnern, die unter ihrer Kameraausr�stung schwitzen. Messalla macht sich Notizen. Ich hatte ganz vergessen, dass sie mich gefilmt haben.</p><p>�Ich hab wirklich nicht viel gemacht�, sage ich.</p><p>�Du kannst dir ruhig ein paar Lorbeeren anstecken f�r das, was du in der Vergangenheit getan hast�, sagt Boggs.</p><p>Was habe ich denn in der Vergangenheit getan? Ich denke an die Spur der Verw�stung, die ich hinter mir herziehe - meine Knie geben nach und ich rutsche in eine sitzende Position. �Ziemlich gemischt, meine Bilanz.�</p><p>�Tja, perfekt bist du bestimmt nicht. Aber so, wie die Zeiten nun mal sind, m�ssen wir mit dir vorliebnehmen�, sagt Boggs.</p><p>Gale hockt sich neben mich und sch�ttelt den Kopf. �Unglaublich, dass du dich von all diesen Leuten hast anfassen lassen! Ich h�tte gedacht, du machst auf der Stelle kehrt und rennst raus.�</p><p>�Ach, sei blo� still�, sage ich lachend.</p><p>�Deine Mutter wird sehr stolz auf dich sein, wenn sie die Aufnahmen sieht�, sagt er.</p><p>�Meine Mutter wird mich gar nicht bemerken. Sie wird viel zu entsetzt sein �ber die Zust�nde da drin.� Ich wende mich an Boggs und frage: �Sieht es in allen Distrikten so aus?�</p><p>�Ja. Die meisten werden angegriffen. Wir versuchen, wo immer es geht, Hilfe zu schicken, aber es reicht nicht.� Er unterbricht sich und lauscht auf eine Botschaft in seinem Headset. Erst da wird mir klar, dass ich Haymitchs Stimme nicht h�ren kann. Ich frage mich, ob mein Headset vielleicht kaputtgegangen ist, und fummele daran herum. �Wir sollen zum Landeplatz gehen. Sofort�, sagt Boggs und zieht mich mit einer Hand hoch. �Es gibt ein Problem.�</p><p>�Was f�r ein Problem?�, fragt Gale.</p><p>�Bomber im Anflug�, sagt Boggs. Er greift in meinen Nacken und st�lpt mir Cinnas Helm �ber. �Schnell weg hier!� Ich habe keine Ahnung, was los ist. Mit den anderen renne ich an der Vorderseite des Lagerhauses entlang zu der Gasse, die zum Landeplatz f�hrt. Unmittelbar bedroht f�hle ich mich nicht. Am Himmel nichts als reines, wolkenloses Blau. Die Stra�e ist leer bis auf die Leute, die die Verwundeten ins Lazarett karren. Kein Feind, kein Alarm. Dann beginnen die Sirenen zu heulen. Innerhalb von Sekunden erscheint �ber uns eine tief fliegende V-Formation von Hoverplanes aus dem Kapitol, Bomben fallen. Die Druckwelle rei�t mir den Boden unter den F��en weg und ich werde gegen die Wand des Lagerhauses geschleudert. Ich sp�re einen brennenden Schmerz �ber der rechten Kniekehle. Auch am R�cken bin ich von irgendwas getroffen worden, aber offenbar hat die Weste gehalten. Als ich mich aufrappeln will, st��t Boggs mich wieder nach unten und schirmt meinen K�rper mit seinem ab. Bombe auf Bombe f�llt aus den Hoverplanes und explodiert, bis der Boden unter mir zu wogen scheint.</p><p>Reglos gegen die Wand gepresst zu sein, w�hrend es Bomben hagelt, ist ein schreckliches Gef�hl. Wie hat mein Vater das noch genannt, wenn man leichte Beute machen konnte?
<emphasis>Als w�rde man auf Fische in einem Fass schie�en.</emphasis>
Wir sind die Fische, die Stra�e ist das Fass.</p><p>�Katniss!� Haymitchs Stimme in meinem Ohr schreckt mich auf.</p><p>�Was? Ja, was? Ich bin hier!�, antworte ich.</p><p>�H�r zu! Solange die bombardieren, k�nnen wir nicht landen, aber sie d�rfen dich unter keinen Umst�nden entdecken�, sagt er.</p><p>�Wissen die gar nicht, dass ich hier bin?� Ich war davon ausgegangen, dass meine Anwesenheit mal wieder die Ursache f�r die Bestrafungsaktion war.</p><p>�Die Aufkl�rung meint, nein. Der Angriff war schon vorher geplant�, sagt Haymitch.</p><p>Jetzt h�re ich Plutarchs Stimme, ruhig und doch eindringlich. Die Stimme eines Obersten Spielmachers, der gewohnt ist, unter Druck die F�hrung zu �bernehmen. �Ein paar Geb�ude weiter steht ein hellblaues Lagerhaus. In dessen �u�erster Nordecke befindet sich ein Bunker. Schafft ihr es bis dahin?�</p><p>�Wir geben unser Bestes�, antwortet Boggs. Plutarch muss f�r jeden zu h�ren sein, denn meine Leibw�chter und das Kamerateam stehen sofort auf. Instinktiv schaue ich mich nach Gale um. Er ist auf den Beinen, augenscheinlich unversehrt.</p><p>�Ihr habt maximal f�nfundvierzig Sekunden bis zur n�chsten Welle�, sagt Plutarch.</p><p>Als ich mein Bein belaste, st�hne ich auf, aber ich laufe trotzdem los. Keine Zeit, die Verletzung zu untersuchen. Am besten �berhaupt nicht hinschauen. Zum Gl�ck habe ich die von Cinna entworfenen Schuhe an: Sie haften bei Kontakt am Asphalt fest und l�sen sich beim Abheben wieder. H�tte ich noch das schlecht sitzende Paar Schuhe, das Distrikt 13 mir zugeteilt hat, w�re ich verloren. Boggs l�uft vor, sonst �berholt mich keiner. Stattdessen passen sie sich an meine Geschwindigkeit an, decken meine Flanken, meinen R�cken. W�hrend die Sekunden ticken, zwinge ich mich zu einem Zwischenspurt. Wir lassen das zweite Lagerhaus hinter uns und laufen an einem schmutzig braunen Geb�ude entlang. Weiter vorn erkenne ich eine blassblaue Fassade. Dort befindet sich der Bunker. Wir haben gerade die letzte Gasse erreicht, die uns vom Eingang trennt, als die n�chste Bombenwelle anrollt. Instinktiv hechte ich in die Gasse und lasse mich auf die blaue Wand zurollen. Jetzt wirft Gale sich auf mich und bildet eine weitere Schutzschicht zwischen mir und den Bomben. Diesmal scheint es l�nger zu dauern, daf�r sind wir weiter weg.</p><p>Ich drehe mich auf die Seite und schaue Gale direkt in die Augen. Einen Augenblick lang weicht die Welt zur�ck, nur sein ger�tetes Gesicht ist noch da, die pochenden Schl�fen, seine leicht ge�ffneten Lippen, w�hrend er wieder zu Atem zu kommen versucht.</p><p>�Alles in Ordnung bei dir?�, fragt er. Seine Worte gehen fast in einer Explosion unter.</p><p>�Ja. Ich glaube nicht, dass sie mich gesehen haben�, antworte ich. �Sie verfolgen uns nicht.�</p><p>�Nein, sie hatten was anderes im Visier�, sagt Gale.</p><p>�Ich wei�, aber hier ist doch gar nichts au�er �� Erst jetzt begreifen wir.</p><p>�Das Lazarett.� Gale springt auf und ruft den anderen zu: �Sie bombardieren das Lazarett!�</p><p>�Das ist nicht euer Problem�, sagt Plutarch bestimmt. �Macht, dass ihr zum Bunker kommt.�</p><p>�Aber da sind doch nur Verwundete!�, sage ich.</p><p>�Katniss.� Ich h�re den warnenden Unterton in Haymitchs Stimme und wei�, was jetzt kommt. �Schlag dir den Gedanken gleich wieder aus dem Kopf�!� Ich rei�e mir das Headset aus dem Ohr und lasse es am Kabel baumeln. Jetzt, da ich nicht mehr abgelenkt werde, h�re ich ein anderes Ger�usch. Maschinengewehrfeuer, das vom Dach des schmutzig braunen Lagerhauses auf der anderen Seite der Gasse kommt. Jemand erwidert das Feuer. Bevor irgendwer mich aufhalten kann, st�rme ich auf eine Leiter zu und steige hinauf. Klettern. Wenn ich eins kann, dann das.</p><p>�Nicht stehen bleiben!�, h�re ich Gale hinter mir sagen.</p><p>Dann das Ger�usch seines Stiefels in irgendeinem Gesicht. Falls es das von Boggs war, wird Gale sp�ter teuer daf�r bezahlen m�ssen. Ich erreiche das Dach, wuchte mich auf die Teerpappe und helfe Gale hoch. Dann rennen wir los, hin zu den MG-Nestern an der Stra�enseite des Lagerhauses. Jedes wird offenbar von mehreren Rebellen besetzt. Wir werfen uns in eins der Nester und ducken uns hinter die Schutzwand.</p><p>�Wei� Boggs, dass ihr hier oben seid?� Links von mir hockt Paylor hinter einem der MGs und sieht uns skeptisch an.</p><p>Ich suche nach einer ausweichenden Antwort, ohne sie direkt anzul�gen. �Kein Problem, er wei�, wo wir sind.�</p><p>Paylor lacht auf. �Bestimmt. Haben sie euch gezeigt, wie man damit umgeht?�, fragt sie und schl�gt auf den Schaft ihres Gewehrs.</p><p>�Mir ja. Ich hab�s in Distrikt 13 gelernt�, sagt Gale. �Ich w�rde aber lieber meine eigene Waffe benutzen.�</p><p>�Ja, wir haben unsere Bogen dabei.� Ich halte meinen Bogen hoch und merke im selben Augenblick, wie niedlich er wirken muss. �Er ist gef�hrlicher, als er aussieht.�</p><p>�Das will ich hoffen�, erwidert Paylor. �Gut. Wir erwarten mindestens noch drei weitere Wellen. Bevor sie die Bomben fallen lassen, m�ssen sie den Sichtschutz ausschalten. Das ist unsere Chance. Bleibt unten!� Ich knie nieder und mache mich schussbereit.</p><p>�Als Erstes die Brandpfeile�, sagt Gale.</p><p>Ich nicke und ziehe einen Pfeil aus dem rechten K�cher. Falls wir danebenzielen, werden die Pfeile irgendwo landen, wahrscheinlich auf dem Lagerhaus gegen�ber. Ein Feuer kann man l�schen, aber der Schaden, den ein Sprengpfeil anrichtet, k�nnte irreparabel sein.</p><p>Pl�tzlich tauchen sie auf, zwei Blocks weiter unten, etwa hundert Meter �ber uns. Sieben kleine Bomber in V-Formation. �G�nse!�, schreie ich Gale zu. Ich bin sicher, er wei� sofort, was ich meine. Im Herbst, als wir Jagd auf Zugv�gel machten, haben wir ein System entwickelt, wie wir die V�gel unter uns aufteilen, damit wir nicht beide auf dieselben zielen. Ich �bernehme den fernen Schenkel des V, Gale den nahen, und den ersten Vogel ganz vorne beschie�en wir abwechselnd. Es ist keine Zeit f�r weitere Absprachen. Ich berechne die Flugzeit des Pfeils und schie�e. Der Pfeil trifft einen Fl�gel nah am Rumpf und setzt ihn in Brand. Gale verfehlt den Anf�hrer. Auf dem leeren Dach eines Lagerhauses gegen�ber steigt eine Stichflamme empor. Er flucht leise.</p><p>Das Hoverplane, das ich getroffen habe, schert aus der Formation aus, wirft aber weiter Bomben. Immerhin wird es nicht unsichtbar. Und auch das andere nicht, das wohl von MG-Feuer getroffen worden ist. Offenbar verhindern die Treffer, dass der Sichtschutz reaktiviert wird.</p><p>�Guter Schuss�, sagt Gale.</p><p>�Den hatte ich gar nicht im Visier�, brumme ich. Ich hatte auf den davor gezielt. �Die sind schneller, als man denkt.�</p><p>�In Position!�, ruft Paylor. Schon kommt die n�chste Hoverplanewelle.</p><p>�Feuer bringt�s nicht�, sagt Gale. Ich nicke und wir legen Pfeile mit Sprengspitzen ein. Die Lagerh�user auf der anderen Stra�enseite sehen sowieso verlassen aus.</p><p>Als die Hoverplanes lautlos heranschie�en, fasse ich noch einen Entschluss. �Ich stelle mich hin!�, rufe ich Gale zu und stehe auf. In dieser Position kann ich am besten zielen. Ich justiere neu und rei�e dem Anf�hrer ein Loch in den Rumpf. Gale schie�t einem anderen das Heck ab. Das Hoverplane kippt und st�rzt auf die Stra�e, wo seine Fracht explodiert.</p><p>Ohne Vorwarnung taucht ein drittes Geschwader auf. Diesmal landet Gale einen Volltreffer beim Anf�hrer. Ich schie�e dem zweiten Bomber einen Fl�gel ab, sodass er sich in das nachfolgende Hoverplane hineindreht. Beide krachen in das Dach des Lagerhauses gegen�ber dem Lazarett. Die MGs holen ein viertes vom Himmel.</p><p>�Okay, das war�s wohl�, sagt Paylor.</p><p>Flammen und dichter schwarzer Qualm aus den Wracks nehmen uns die Sicht. �Haben sie das Lazarett getroffen?�</p><p>�Vermutlich�, sagt sie finster.</p><p>Als ich zu den Leitern am anderen Ende des Lagerhauses renne, kommen zu meiner �berraschung Messalla und einer der Insektenm�nner hinter einem L�ftungsschacht hervor. Ich hatte gedacht, sie w�rden noch unten in der Gasse kauern.</p><p>�Die wachsen mir allm�hlich ans Herz�, sagt Gale.</p><p>Ich klettere eine Leiter hinunter. Unten warten ein Leibw�chter, Cressida und der zweite Insektenmann auf mich. Ich bin auf Vorw�rfe gefasst, doch Cressida scheucht mich nur Richtung Lazarett. �Das ist mir egal, Plutarch!�, br�llt sie. �Nur f�nf Minuten!� Ohne die Erlaubnis abzuwarten, renne ich los, auf die Stra�e.</p><p>�Oh nein!�, entf�hrt es mir leise beim Anblick des Lazaretts. Beziehungsweise dessen, was einmal das Lazarett gewesen ist. Ich haste an den Verwundeten vorbei, an den brennenden Wracks der Hoverplanes, und habe nur Augen f�r die Katastrophe vor mir. Menschen schreien, rennen wild durcheinander, unf�hig zu helfen. Die Bomben haben das Dach des Lazaretts zum Einsturz gebracht und das Geb�ude in Brand gesteckt. Jetzt sitzen die Patienten in der Falle. Eine Gruppe von Rettern hat sich zusammengeschart und versucht sich einen Weg ins Innere zu bahnen. Aber ich wei� schon, was sie dort vorfinden werden. Wenn die Insassen nicht durch herabst�rzende Tr�mmer oder Flammen den Tod gefunden haben, dann durch den Rauch.</p><p>Gale steht jetzt hinter mir. Die Tatsache, dass er nichts unternimmt, best�tigt meine Vermutung. Bergleute verlassen einen Ungl�cksort erst, wenn keine Hoffnung mehr besteht.</p><p>�Los, Katniss. Haymitch sagt, sie k�nnen jetzt ein Hovercraft f�r uns schicken�, sagt er. Aber mir ist, als k�nnte ich mich nicht r�hren.</p><p>�Warum haben sie das getan? Warum haben sie die Menschen bombardiert, obwohl sie schon im Sterben lagen?�, frage ich.</p><p>�Um andere abzuschrecken. Damit die Verwundeten keine Hilfe suchen�, sagt Gale. �Die Leute, die du heute besucht hast, waren verzichtbar. Jedenfalls f�r Snow Wenn das Kapitol gewinnt, was soll es mit einer Horde kriegsversehrter Sklaven anfangen?�</p><p>Ich denke an die vielen Jahre im Wald zur�ck, als ich Gale auf das Kapitol habe schimpfen h�ren und nicht weiter darauf geachtet habe. Damals habe ich mich eher gefragt, warum er sich �berhaupt die M�he machte, die Beweggr�nde des Kapitals zu analysieren: Was sollte es bringen, wie unser Feind zu denken? Heute h�tte es eindeutig etwas gebracht. Als Gale die Existenz des Lazaretts hinter fragte, dachte er nicht an eine m�gliche Epidemie, sondern an das hier. Weil er die Grausamkeit unserer Gegner niemals untersch�tzt.</p><p>Langsam drehe ich dem Lazarett den R�cken zu und finde mich Cressida gegen�ber, die ein paar Meter vor mir steht, neben sich die Insekten. Seelenruhig. Geradezu cool. �Katniss�, sagt sie, �Pr�sident Snow hat veranlasst, dass die Bombardierung live gezeigt wird. Dann trat er vor die Kamera und sagte, das sei seine Art, den Rebellen eine Botschaft zu schicken. Was ist mit dir? M�chtest du den Rebellen etwas sagen?�</p><p>�Ja�, fl�stere ich. Das rote Blinklicht auf der Kamera bannt meine Aufmerksamkeit. Ich wei�, dass ich jetzt gefilmt werde. �Ja�, sage ich etwas energischer. Alle treten zur Seite - Gale, Cressida, die Insekten - und �berlassen mir die B�hne. Aber ich starre nur auf das rote Licht. �Ich m�chte den Rebellen sagen, dass ich am Leben bin. Ich stehe hier in Distrikt 8, wo das Kapitol soeben ein Lazarett mit unbewaffneten M�nnern, Frauen und Kindern bombardiert hat. Keiner da drin wird �berleben.� Der Schock, der mich gel�hmt hat, weicht langsam dem Zorn. �Euch allen m�chte ich sagen: Solltet ihr auch nur eine Sekunde lang glauben, dass das Kapitol uns im Fall einer Waffenruhe fair behandeln w�rde, dann macht ihr euch etwas vor. Ihr wisst, wer sie sind und was sie tun.� Meine H�nde heben sich automatisch, als wollten sie auf all das Grauen um mich herum deuten.
<emphasis>�Das</emphasis>
tun sie! Und wir m�ssen zur�ckschlagen!�</p><p>Angetrieben von meinem Zorn, gehe ich auf die Kamera zu. �Pr�sident Snow sendet uns eine Botschaft? Hier habe ich eine f�r ihn. Sie k�nnen uns qu�len und bombardieren und unsere Distrikte niederbrennen, aber sehen Sie das hier?� Die Kamera folgt meinem ausgestreckten Arm, der auf die brennenden Hoverplanes auf dem Dach des Lagerhauses gegen�ber deutet. Das Wappen des Kapitols auf einem Fl�gel leuchtet deutlich durch die Flammen. �Das Feuer breitet sich aus!�, schreie ich jetzt, damit Snow auch ja kein Wort verpasst. �Und wenn wir brennen, brennen Sie mit!�</p><p>Meine letzten Worte h�ngen in der Luft. Die Zeit scheint stillzustehen. Ich f�hle mich emporgetragen von einer Hitzewolke, die nicht von au�en kommt, sondern aus mir selbst.</p><p>�Schnitt!� Cressidas Stimme rei�t mich zur�ck in die Wirklichkeit, l�scht mich. Sie nickt anerkennend. �Das war�s!�</p><p><strong>8</strong></p><p>Boggs kommt zu mir und packt mich fest am Arm, dabei will ich gar nicht weglaufen. Ich schaue zum Lazarett, sehe gerade noch, wie der Rest des Geb�udes einst�rzt, und mein Kampfgeist erlischt. All die Menschen, Hunderte Verletzte, ihre Verwandten, die Sanit�ter aus Distrikt 13, alle sind tot. Ich drehe mich zu Boggs um, sehe die Schwellung in seinem Gesicht, die Gales Stiefel hinterlassen hat. H�chstwahrscheinlich ist seine Nase gebrochen, man muss kein Experte sein, um das zu sehen. Aber als er etwas sagt, klingt es eher resigniert als w�tend. �Alles zur�ck zum Startplatz.� Gehorsam mache ich einen Schritt vorw�rts und zucke zusammen, mein rechtes Knie tut h�llisch weh. Der Adrenalinsto�, der den Schmerz �berlagert hatte, ist abgeebbt, und jetzt klagen meine K�rperteile um die Wette. Ich bin verletzt, ich blute, und in meinem Sch�del scheint jemand zu sitzen, der mir mit einem Hammer gegen die linke Schl�fe haut. Boggs untersucht rasch mein Gesicht, dann hebt er mich hoch und l�uft mit mir zum Startplatz. Auf halbem Weg kotze ich ihm auf die kugelsichere Weste. Ich glaube, er seufzt, aber er ist so au�er Atem, dass es kaum zu h�ren ist.</p><p>Ein kleines Hovercraft, nicht das, mit dem wir gekommen sind, wartet auf dem Startplatz. Kaum bin ich mit meinem Team eingestiegen, heben wir auch schon ab. Keine bequemen Sitze diesmal, keine Fenster. Wir befinden uns offenbar in einer Art Transporter. Boggs versorgt die lebensgef�hrlich Verletzten notd�rftig, damit sie bis zur Landung in Distrikt 13 durchhalten. Ich w�rde gern die Weste ausziehen, denn die hat auch eine ordentliche Ladung von meinem Erbrochenen abbekommen, aber daran ist bei der K�lte nicht zu denken. Ich strecke mich auf dem Boden aus und lege den Kopf in Gales Scho�. Ich nehme so eben noch wahr, wie Boggs mich mit ein paar Leinens�cken zudeckt.</p><p>Als ich aufwache, liege ich in meinem alten Krankenbett. Die Wunden sind versorgt und ich habe es warm. Meine Mutter ist gekommen, um zu sehen, ob ich noch lebe. �Wie geht es dir?�</p><p>�Bin ein bisschen zerschunden, aber sonst ganz gut�, sage ich.</p><p>�Keiner hat uns gesagt, dass du weggehst! Auf einmal warst du verschwunden�, sagt sie.</p><p>Ich habe ein schlechtes Gewissen. Zwei Mal hat meine Familie mit ansehen m�ssen, wie ich in die Hungerspiele geschickt wurde, da h�tte ich das nicht vergessen d�rfen. �Tut mir leid. Der Angriff kam ganz �berraschend. Ich sollte nur die Patienten besuchen�, erkl�re ich. �N�chstes Mal sollen sie das mit dir absprechen.�</p><p>�Katniss, mit mir spricht niemand irgendwas ab�, sagt sie.</p><p>Das ist wahr. Ich ja auch nicht. Jedenfalls nicht seit dem Tod meines Vaters. Warum so tun, als ob? �Na ja, dann sage ich ihnen wenigstens, sie sollen � dir Bescheid geben.�</p><p>Auf dem Nachttisch liegt der Granatsplitter, den sie aus meinem Bein geholt haben. Die �rzte haben vor allem Sorge, mein Gehirn k�nnte durch die Explosionen Schaden genommen haben, die Gehirnersch�tterung war ja noch gar nicht ganz ausgeheilt. Aber ich sehe nicht doppelt und kann einigerma�en klar denken. Seit gestern Nachmittag habe ich geschlafen und jetzt versp�re ich einen B�renhunger. Das Fr�hst�ck ist entt�uschend klein. Nur ein paar Brocken Brot in warmer Milch. Sie haben mich zu einem morgendlichen Treffen in die Kommandozentrale bestellt. Als ich aufstehen will, bedeuten sie mir, dass sie mich im Krankenbett dorthin schieben wollen. Ich w�rde lieber laufen, aber sie lassen mich nicht. Als Kompromiss bekomme ich einen Rollstuhl. Mir geht es wirklich gut. Nur mein Kopf tut weh und das Bein und die Prellungen und seit dem Fr�hst�ck ist mir irgendwie �bel. Vielleicht ist die Idee mit dem Rollstuhl gar nicht so verkehrt.</p><p>Ich lasse mich schieben, und allm�hlich wird mir mulmig bei dem Gedanken an das, was mich erwartet. Gale und ich haben gestern die Befehle missachtet, Boggs� Verletzung ist der Beweis. Das kann nicht folgenlos bleiben, aber wird es so weit kommen, dass Coin unser Abkommen �ber die Straffreiheit der Sieger bricht? Habe ich Peeta das bisschen Schutz genommen, das ich ihm bieten konnte?</p><p>In der Kommandozentrale warten bereits Cressida, Messalla und die Insektenm�nner, sonst ist keiner da. Messalla strahlt und sagt: �Da kommt ja unser kleiner Star!�, und die anderen l�cheln so herzlich, dass ich einfach zur�ckl�cheln muss. Ich war schwer beeindruckt, als sie w�hrend der Bombardierung von Distrikt 8 Plutarchs Anweisungen ignoriert haben und mir aufs Dach gefolgt sind, um an das Filmmaterial zu gelangen. Sie machen nicht einfach nur ihre Arbeit, sie sind auch stolz darauf. Wie Cinna.</p><p>Auf einmal denke ich:
<emphasis>Wenn wir zusammen in der Arena w�ren, w�rde ich sie als Verb�ndete nehmen. Cressida, Messalla, und � und �</emphasis>
�Ich will euch nicht mehr Insektenm�nner nennen�, sage ich unvermittelt zu den beiden Kameraleuten. Ich erkl�re ihnen, was es damit auf sich hat, dass ich ihre Namen nicht kenne und ihre Anz�ge mich an einen Insektenpanzer erinnern. Sie wirken nicht beleidigt. Auch ohne die Kameraausr�stung sehen sie einander sehr �hnlich. Beide haben rotblonde Haare, blaue Augen und einen roten Bart. Der Kameramann mit den abgekauten Fingern�geln stellt sich als Castor vor und den anderen, seinen Bruder, als Pollux. Ich warte darauf, dass Pollux etwas sagt, aber er nickt nur. Erst halte ich ihn f�r sch�chtern oder schweigsam. Aber seine Lippen und sein schweres Schlucken erinnern mich an etwas, und noch ehe Castor es ausspricht, wei� ich Bescheid. Pollux ist ein Avox. Sie haben ihm die Zunge herausgeschnitten und er wird nie wieder sprechen k�nnen. Jetzt brauche ich mich nicht mehr zu fragen, weshalb er sein Leben riskiert hat, um das Kapitol zu st�rzen.</p><p>W�hrend der Raum sich f�llt, mache ich mich auf einen unfreundlichen Empfang gefasst. Aber nur von Haymitch, der sowieso immer m�rrisch ist, und von der sauert�pfischen Fulvia Cardew geht eine unangenehme Stimmung aus. Boggs� Gesicht ist von der Oberlippe bis zur Stirn mit einer hautfarbenen Maske bedeckt - ich hatte also recht mit der gebrochenen Nase -, deshalb l�sst sich seine Miene kaum deuten. Coin und Gale sind in ein Gespr�ch vertieft, das regelrecht freundlich wirkt.</p><p>Als Gale sich kurz darauf auf den Platz neben meinem Rollstuhl setzt, sage ich: �Na, Freundschaft geschlossen?�</p><p>Sein Blick huscht zu Coin und wieder zur�ck. �Einer von uns muss ja kommunikativ sein.� Er ber�hrt mich leicht an der Schl�fe. �Wie geht es dir?�</p><p>Zum Fr�hst�ck gab es offenbar irgendwas mit Knoblauch. Je mehr Leute hereinkommen, desto st�rker werden die Ausd�nstungen. Mir dreht sich der Magen um und das Licht ist mir auf einmal zu grell. �Ein bisschen wacklig auf den Beinen�, sage ich. �Und du?�</p><p>�Mir geht�s gut. Ein paar Granatsplitter. Nichts Wildes�, sagt er.</p><p>Coin erkl�rt die Sitzung f�r er�ffnet. �Unser Medienangriff hat offiziell begonnen. F�r alle, die gestern um 20 Uhr die Ausstrahlung unseres ersten Propos verpasst haben - und auch die siebzehn Wiederholungen, die Beetee seitdem gesendet hat -, werden wir ihn hier noch einmal zeigen.� Noch einmal zeigen? Dann haben sie also aus dem brauchbaren Filmmaterial schon einen ersten Propo zusammengeschustert und mehrfach ausgestrahlt. Bei der Vorstellung, mich selbst im Fernsehen zu sehen, bekomme ich feuchte H�nde. Wenn ich nun immer noch so schlecht r�berkomme? Wenn ich immer noch so steif und dilettantisch wirke wie im Studio und sie nichts Besseres hingekriegt haben? Mehrere Bildschirme werden aus dem Tisch gefahren, das Licht wird leicht gedimmt, die Gespr�che verstummen.</p><p>Zuerst ist der Bildschirm vor mir schwarz. Dann flackert in der Mitte ein winziger Funke auf. Er wird gr��er und heller, verdr�ngt das Schwarz, bis das ganze Bild von einem so echten, intensiven Feuer ausgef�llt ist, dass ich die Hitze zu sp�ren meine. Rotgoldgl�hend erscheint meine Spottt�lpelbrosche. Dann ert�nt die tiefe, hallende Stimme, die mich immer im Traum verfolgt. Claudius Templesmith, der Moderator der Hungerspiele, sagt: �Katniss Everdeen, das M�dchen, das in Flammen stand, brennt immer noch.�</p><p>Statt des Spottt�lpels bin pl�tzlich ich zu sehen, wie ich in Distrikt 8 vor den Flammen und dem Rauch stehe.
<emphasis>�Ich m�chte den Rebellen sagen, dass ich am Leben bin. Ich stehe hier in Distrikt</emphasis><emphasis>8, wo das Kapitol soeben ein Lazarett mit unbewaffneten M�nnern, Frauen und Kindern bombardiert hat. Keiner da drin wird �berleben.�</emphasis>
Dann Schnitt zum einst�rzenden Lazarett, zur Verzweiflung der Umstehenden, die machtlos zusehen m�ssen, w�hrend ich aus dem Off weiterrede.
<emphasis>�Euch allen m�chte ich sagen: Solltet ihr auch nur eine Sekunde lang glauben, dass das Kapitol uns im Fall einer Waffenruhe fair behandeln w�rde, dann macht ihr euch etwas vor. Ihr wisst, wer sie sind und was sie tun.�</emphasis>
Dann wieder Schnitt auf mich, ich hebe die H�nde und zeige auf das Grauen um mich herum. �Das
<emphasis>tun sie! Und wir m�ssen zur�ckschlagen!�</emphasis>
Jetzt kommt eine gro�artige Montage von Aufnahmen der Schlacht. Wie die ersten Bomben fallen, wie wir wegrennen, zu Boden gefegt werden - eine Gro�aufnahme von meiner Wunde, richtig sch�n blutig -, wie wir aufs Dach klettern, in die MG-Nester springen, dann einige beeindruckende Treffer der Rebellen. Gale, aber vor allem ich, ich und wieder ich, wie ich die Hoverplanes vom Himmel schie�e. Ein harter Schnitt zur�ck zu mir, wie ich auf die Kamera zugehe.
<emphasis>�Pr�sident Snow sendet uns eine Botschaft? Hier habe ich eine f�r ihn. Sie k�nnen uns qu�len und bombardieren und unsere Distrikte niederbrennen, aber sehen Sie das hier?�</emphasis>
Die Kamera zoomt die Hoverplanes heran, die auf dem Dach des Lagerhauses brennen. Nahaufnahme vom Wappen des Kapitols auf einem Fl�gel, �berblendung zu meinem Gesicht, wie ich den Pr�sidenten anschreie.
<emphasis>�Das Feuer breitet sich aus! Und wenn wir brennen, brennen Sie mit!�</emphasis>
Wieder f�llen die Flammen den Bildschirm. Dar�ber wird in fetten schwarzen Buchstaben eingeblendet:</p><p>WENN WIR BRENNEN,</p><p>BRENNEN SIE MIT!</p><p>Die Worte fangen Feuer, und die ganze Bildfl�che verbrennt, bis alles schwarz ist.</p><p>Wir genie�en jeder f�r sich den Moment, dann folgt Applaus, und Rufe nach einer Wiederholung werden laut. Gutm�tig dr�ckt Coin die Wiedergabetaste, und da ich jetzt schon wei�, was kommt, stelle ich mir vor, ich w�rde den Film auf unserem Fernseher zu Hause im Saum sehen. Ein Manifest gegen das Kapitol. So etwas hat es noch nie im Fernsehen gegeben. Jedenfalls nicht, seit ich lebe.</p><p>Als das Bild ein zweites Mal verbrennt, will ich mehr erfahren. �Ist das in ganz Panem gezeigt worden? Haben sie es im Kapitol gesehen?�</p><p>�Im Kapitol nicht�, sagt Plutarch. �Wir haben es bisher nicht geschafft, in ihr System einzudringen, aber Beetee arbeitet daran. In den Distrikten ist der Film gelaufen. Sogar in 2 und der ist zu diesem Zeitpunkt vielleicht mehr wert als das Kapitol.�</p><p>�Ist Claudius Templesmith auf unserer Seite?�, frage ich.</p><p>Dar�ber muss Plutarch herzlich lachen. �Nur seine Stimme. Aber an die sind wir leicht rangekommen. Wir mussten sie nicht mal bearbeiten. Genau diesen Satz hat er bei deinen ersten Spielen gesagt.� Er schl�gt mit der Hand auf den Tisch. �Und jetzt noch mal einen Applaus f�r Cressida, f�r ihr gro�artiges Team und nat�rlich f�r unser Talent vor der Kamera!�</p><p>Ich klatsche mit den anderen, bis mir klar wird, dass ich das Talent vor der Kamera bin - vielleicht geh�rt es sich nicht, sich selbst zu beklatschen? Aber niemand achtet darauf. Mir f�llt auf, wie angestrengt Fulvia aussieht. Es muss schlimm f�r sie sein zu sehen, wie erfolgreich Haymitchs Idee unter Cressidas Regie ist, nachdem ihre eigene Studioversion so ein Flop war.</p><p>Coin hat jetzt genug von der Selbstbeweihr�ucherung. �Alles gut und sch�n. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Aber ich muss mich doch wundern, dass ihr ein solches Risiko in Kauf genommen habt. Ich wei�, der Angriff kam �berraschend. Doch unter den gegebenen Umst�nden halte ich es f�r geboten, dass wir �ber die Entscheidung sprechen, Katniss mitten ins Gefecht zu schicken.�</p><p>Entscheidung? Mich ins Gefecht zu schicken? Dann wei� sie also gar nicht, dass ich einfach die Befehle missachtet, mir das Headset vom Kopf gerissen und die Leibw�chter abgeh�ngt habe? Was hat man ihr noch alles verheimlicht?</p><p>�Die Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen�, sagt Plutarch und runzelt die Stirn. �Aber wir waren uns schnell einig, dass wir kein vern�nftiges Material bekommen, wenn wir sie bei jedem Schuss in einen Bunker sperren.�</p><p>�Und du warst damit einverstanden?�, fragt Coin.</p><p>Erst als Gale mir unter dem Tisch einen Fu�tritt verpasst, merke ich, dass ich gemeint bin. �Ach so! Ja, voll und ganz. Ich war froh, dass ich endlich mal was tun konnte.�</p><p>�Meinetwegen, aber ich finde, sie sollte sich trotzdem nicht so unvorsichtig in der �ffentlichkeit zeigen. Vor allem jetzt, da das Kapitol wei�, wozu sie imstande ist�, sagt Coin. Zustimmendes Gemurmel am Tisch.</p><p>Keiner hat Gale und mich verpfiffen. Nicht Plutarch, dessen Befehlsgewalt wir missachtet haben. Nicht Boggs mit seiner gebrochenen Nase. Nicht die Insektenm�nner, die wir in die Schusslinie gef�hrt haben. Und auch Haymitch nicht - obwohl, Moment mal. Haymitch l�chelt mich eisig an und sagt zuckers��: �Nein, wir wollen unseren kleinen Spottt�lpel ja nicht verlieren, jetzt, wo er endlich angefangen hat zu singen.�</p><p>Ich nehme mir vor, mich nicht allein mit ihm in ein Zimmer zu begeben, denn er hat eindeutig Rachegel�ste wegen dieses bl�den Headsets.</p><p>�Was habt ihr noch alles geplant?�, fragt Coin.</p><p>Plutarch nickt Cressida zu, die auf ihr Klemmbrett schaut. �Wir haben ganz fantastisches Bildmaterial von Katniss im Lazarett von Distrikt 8. Das m�sste einen weiteren Propo hergeben unter dem Motto: &gt;Ihr wisst, wer sie sind und was sie tun.&lt; Im Mittelpunkt steht Katniss, wie sie sich um die Patienten k�mmert, vor allem um die Kinder, und anschlie�end zeigen wir die Bombardierung des Lazaretts und die Tr�mmer. Messalla schneidet das gerade zusammen. Au�erdem denken wir an ein St�ck �ber den Spottt�lpel. Katniss� beste Momente, zusammengeschnitten mit Szenen vom Aufstand der Rebellen und Bildmaterial vom Krieg. Den Film nennen wir &gt;Das Feuer breitet sich aus&lt;. Und dann hatte Fulvia noch eine geniale Idee.�</p><p>Vor Schreck vergisst Fulvia einen Moment lang, sauert�pfisch zu gucken, doch sie erholt sich schnell wieder. �Na ja, ob sie wirklich so genial ist, wei� ich nicht, aber ich dachte, wir k�nnten eine Serie von Propos unter dem Titel &gt;In Memoriam&lt; bringen. In jeder Folge kann ein gefallener Tribut im Mittelpunkt stehen. Die kleine Rue aus 11 oder die alte Mags aus 4. So k�nnten wir jeden Distrikt mit einem ganz pers�nlichen Beitrag ansprechen.�</p><p>�Ein Tribut an unsere Tribute sozusagen�, sagt Plutarch.</p><p>�Das ist wirklich genial, Fulvia�, sage ich begeistert. �Besser kann man den Leuten nicht in Erinnerung rufen, wof�r sie k�mpfen.�</p><p>�Es k�nnte funktionieren�, sagt Fulvia. �Ich dachte mir, Finnick k�nnte die Intros zu den Spots machen und sie begleitend kommentieren. Wenn Interesse daran besteht.�</p><p>�Meiner Meinung nach k�nnen wir gar nicht genug solcher &gt;In Memoriam&lt;-Propos haben�, sagt Coin. �Kannst du heute noch damit anfangen?�</p><p>�Aber ja�, sagt Fulvia, offenbar bes�nftigt durch die positive Resonanz.</p><p>Die Wogen in der Abteilung der Kreativen haben sich also wieder gegl�ttet. Mit ihrem Lob f�r Fulvia hat Cressida daf�r gesorgt, dass sie mit ihrer eigenen Darstellung des Spottt�lpels weitermachen kann. Interessanterweise ist Plutarch nicht darauf aus, an der Anerkennung teilzuhaben. Er will nur, dass der Medienangriff funktioniert. Aber er ist ja auch der Oberste Spielmacher, er geh�rt nicht zur Crew. Er ist nicht Teil der Spiele. Die Einzelheiten interessieren ihn nicht. Ihm geht es um den Gesamterfolg der Produktion. Erst wenn wir den Krieg gewinnen, wird Plutarch sich bejubeln lassen. Und eine Belohnung erwarten.</p><p>Pr�sidentin Coin schickt alle an die Arbeit und Gale schiebt mich zur�ck in die Krankenstation. Wir lachen ein bisschen dar�ber, wie wir Coin hinters Licht gef�hrt haben. Gale meint, sie wollten einfach nicht zugeben, dass sie nicht gut genug auf uns aufgepasst haben. Ich bin etwas gn�diger und sage, sie wollten nicht riskieren, dass wir kaltgestellt werden, jetzt, wo sie endlich brauchbare Aufnahmen haben. Vermutlich kommt beides zusammen. Gale muss nach unten zu den Geheimwaffen, wo er sich mit Beetee trifft, also schlafe ich ein bisschen.</p><p>Es kommt mir so vor, als h�tte ich die Augen nur ganz kurz geschlossen. Als ich sie wieder �ffne, zucke ich zusammen - da sitzt Haymitch, nur einen halben Meter von meinem Bett entfernt. Er wartet. M�glicherweise schon seit Stunden, wenn die Uhr richtig geht. Ich �berlege, ob ich nach einem Zeugen rufen soll, aber fr�her oder sp�ter muss ich mich Haymitch doch stellen.</p><p>Er beugt sich vor und l�sst etwas an einem d�nnen wei�en Kabel vor meiner Nase baumeln. Ich kann es nicht richtig erkennen, aber ich glaube, ich wei�, was es ist. Er l�sst es aufs Bett fallen. �Das ist dein Headset. Ich gebe dir noch eine allerletzte Chance, es zu tragen. Wenn du es noch mal absetzt, lasse ich dir das hier verpassen.� Er h�lt etwas hoch, das so aussieht wie eine kieferorthop�dische Apparatur aus Metall. Ich bezeichne es im Stillen als Kopffessel. �Das ist ein akustisches Ger�t, das um deinen Sch�del befestigt und unter dem Kinn verschlossen wird. Es l�sst sich nur mit einem Schl�ssel �ffnen. Und den einzigen Schl�ssel habe ich. Falls es dir irgendwie gelingt, das Ger�t auszuschalten�, Haymitch wirft die Kopffessel aufs Bett und z�ckt einen winzigen silbernen Chip, �werde ich Anweisung geben, dir diesen Sender ins Ohr zu implantieren, damit ich vierundzwanzig Stunden am Tag mit dir sprechen kann.�</p><p>Haymitch rund um die Uhr in meinem Ohr. Der absolute Horror. �Ich werde das Headset aufbehalten�, murmele ich.</p><p>�Wie bitte?�, fragt er.</p><p>�Ich werde das Headset aufbehalten!�, sage ich so laut, dass wahrscheinlich die halbe Krankenstation aufwacht.</p><p>�Bestimmt? Mir ist es n�mlich egal, f�r welche der drei M�glichkeiten du dich entscheidest�, erwidert er.</p><p>�Bestimmt�, sage ich. Ich schlie�e die Hand um das Kabel des Headsets. Mit der anderen Hand schmei�e ich Haymitch die Kopffessel ins Gesicht, doch er f�ngt sie m�helos auf. Wahrscheinlich hatte er schon damit gerechnet. �Sonst noch was?�</p><p>Haymitch erhebt sich. �W�hrend ich gewartet habe � hab ich dein Mittagessen gegessen.�</p><p>Mein Blick f�llt auf die leere Suppensch�ssel und das Tablett auf meinem Nachttisch. �Das werde ich melden�, murmele ich in mein Kopfkissen.</p><p>�Mach das, S��e.� Unbek�mmert verl�sst er das Zimmer. Er wei�, dass ich nicht petze.</p><p><strong>9</strong></p><p>Ich versuche wieder einzuschlafen, aber ich bin zu unruhig. Die Bilder des gestrigen Tages dr�ngen sich in mein Bewusstsein. Die Bombardierung, die Hoverplanes, wie sie abst�rzen und in Flammen aufgehen, die Gesichter der Verwundeten, die es nicht mehr gibt. Tod von allen Seiten. Der letzte Moment, bevor die Granate einschl�gt, die Tragfl�che, die von dem Hoverplane abgerissen wird, der schwindelerregende Senkrechtsturz ins Nichts, das Dach des Lagerhauses, das �ber mir zusammenbricht, w�hrend ich hilflos auf meiner Pritsche liege. Alles, was ich gesehen habe, live oder aufgezeichnet. Alles, was ich mit meinen Pfeilen ausgel�st habe. All das ist f�r immer in mein Ged�chtnis eingebrannt.</p><p>Zum Abendessen kommt Finnick mit seinem Tablett zu mir ans Bett, damit wir den neuesten Propo gemeinsam im Fernsehen anschauen k�nnen. Er hat ein Quartier auf meiner alten Ebene zugewiesen bekommen, aber er bricht so oft zusammen, dass er immer noch mehr oder weniger auf der Krankenstation lebt. Die Rebellen strahlen Messallas �Ihr wisst, wer sie sind und was sie tun�-Propo aus. Zwischen den einzelnen Aufnahmen werden kurze Studio-Clips eingespielt, in denen Gale, Boggs und Cressida den Vorfall erl�utern. Es ist kaum auszuhalten, meinen Empfang im Lazarett von Distrikt 8 anzusehen, mit dem Wissen, was gleich kommt. Als die Bomben auf das Dach niedergehen, vergrabe ich mein Gesicht im Kopfkissen und schaue erst am Schluss wieder hoch. Da sind alle Opfer tot und ich bin noch einmal zu sehen.</p><p>Wenigstens klatscht und jubelt Finnick nicht, als der Film zu Ende ist. Er sagt nur: �Die Leute sollen wissen, was passiert ist. Und jetzt wissen sie es.�</p><p>�Komm, wir schalten aus, bevor sie es noch mal zeigen�, sage ich. Doch als er nach der Fernbedienung greift, rufe ich: �Warte mal!� Das Kapitol strahlt eine Sondersendung aus und irgendetwas daran kommt mir bekannt vor. Ja, das ist Caesar Flickerman. Und ich ahne schon, wen er zu Gast hat.</p><p>Ich bin entsetzt, wie sehr Peeta sich ver�ndert hat. Der gesunde Junge mit dem klaren Blick, den ich noch vor wenigen Tagen gesehen habe, hat mindestens f�nf Kilo abgenommen. Seine H�nde zittern nerv�s. Er wirkt immer noch gepflegt. Aber unter dem Make-up, das die Ringe unter seinen Augen nicht kaschieren kann, und den eleganten Kleidern steckt ein schwer angeschlagener Mensch. Man sieht, dass ihm jede Bewegung Schmerzen bereitet.</p><p>Meine Gedanken rasen, ich versuche mir einen Reim darauf zu machen. Ich habe ihn doch neulich erst gesehen! Vor vier - nein, f�nf Tagen. Wie konnte sein Zustand sich so schnell verschlechtern? Was k�nnen sie ihm in so kurzer Zeit angetan haben? Auf einmal kapiere ich es. Ich lasse sein erstes Interview mit Caesar noch einmal Revue passieren und �berlege, ob es einen Hinweis auf den Zeitpunkt der Aufnahme gibt. Nein. Theoretisch kann das Interview ein oder zwei Tage nachdem ich die Arena gesprengt habe, gef�hrt worden sein, und seitdem k�nnen sie ihm alles M�gliche angetan haben. �Oh, Peeta ��, fl�stere ich.</p><p>Nachdem Caesar und Peeta ein paar Belanglosigkeiten ausgetauscht haben, kommt Caesar darauf zu sprechen, dass ich angeblich in Propos f�r die Distrikte auftrete.</p><p>�Offenbar benutzen sie Katniss�, sagt Peeta, �um die Rebellen anzustacheln. Ich bezweifle, dass sie �berhaupt wei�, was im Krieg genau vor sich geht. Was da auf dem Spiel steht.�</p><p>�M�chtest du ihr irgendetwas mitteilen?�, fragt Caesar.</p><p>�Ja�, sagt Peeta. Er schaut genau in die Kamera, genau in meine Augen. �Sei nicht dumm, Katniss! Gebrauch deinen Verstand! Sie wollen dich als Waffe einsetzen, um die Menschheit zu zerst�ren. Wenn du wirklich Einfluss hast, nutze ihn, um diese Sache zu stoppen! Stopp den Krieg, bevor es zu sp�t ist! Frag dich selbst, ob du den Leuten, f�r die du arbeitest, auch wirklich trauen kannst! Wei�t du �berhaupt, was vor sich geht? Wenn nicht � versuch, es herauszufinden.�</p><p>Der Bildschirm wird schwarz. Das Wappen von Panem. Ende der Sendung.</p><p>Finnick greift zur Fernbedienung und schaltet das Ger�t aus. Gleich werden Leute kommen, um die Wirkung von Peetas schlechter Verfassung und dem, was er gesagt hat, auf mich zu entsch�rfen. Ich werde mich von seinen Worten distanzieren m�ssen. Dabei stimmt es, ich traue den Rebellen, Plutarch und Coin wirklich nicht. Ich wei� nicht genau, ob sie mir die Wahrheit sagen. Und das werde ich nicht verbergen k�nnen. Schritte kommen n�her.</p><p>Finnick packt mich an den Armen. �Wir haben das nicht gesehen.�</p><p>�Was?�, frage ich.</p><p>�Wir haben Peeta nicht gesehen. Nur den Propo �ber Distrikt 8. Dann haben wir den Fernseher ausgeschaltet, weil die Bilder dich so mitgenommen haben. Klar?� Ich nicke. �Iss dein Abendessen auf!� Ich rei�e mich zusammen, und als Plutarch und Fulvia hereinkommen, esse ich gerade etwas Kohl und Brot. Finnick spricht davon, wie gut Gale in dem Film r�bergekommen sei. Wir gratulieren ihnen zu dem Propo. Und lassen durchblicken, dass wir danach sofort ausgeschaltet haben, weil die Eindr�cke zu stark waren. Sie sehen erleichtert aus. Sie glauben uns.</p><p>Niemand erw�hnt Peeta.</p><p>Ich versuche zu schlafen, aber nachdem ich immer wieder von entsetzlichen Albtr�umen geweckt werde, gebe ich auf. Wenn jemand kommt und nach mir sieht, liege ich still da und atme m�glichst gleichm��ig. Am Morgen werde ich entlassen mit der Anweisung, es ruhig angehen zu lassen. Cressida bittet mich, ein paar S�tze f�r einen neuen Spottt�lpel-Propo zu sprechen. Beim Mittagessen warte ich darauf, dass jemand Peetas Auftritt erw�hnt, aber niemand sagt etwas. Es ist ausgeschlossen, dass keiner au�er Finnick und mir das Interview gesehen hat.</p><p>Anschlie�end habe ich Training, und weil Gale mit Beetee an den Waffen arbeiten muss, darf ich Finnick mit in den Wald nehmen. Wir streifen ein wenig umher, dann werfen wir unsere Funkger�te unter einen Busch. In sicherer Entfernung setzen wir uns hin und sprechen �ber das Interview mit Peeta.</p><p>�Zu mir hat kein Mensch was dar�ber gesagt. Zu dir?�, sagt Finnick. Ich sch�ttele den Kopf. Nach einer Weile fragt er: �Nicht mal Gale?� Ich klammere mich an die Hoffnung, dass Gale nichts davon wei�. Aber ich habe ein ungutes Gef�hl. �Vielleicht wartet er auf den richtigen Moment, um es dir unter vier Augen zu erz�hlen.�</p><p>�Vielleicht�, sage ich.</p><p>Wir schweigen so lange, dass ein unaufmerksamer Rehbock auf Reichweite herankommt. Ich erlege ihn mit einem Pfeil. Finnick schleppt ihn zum Zaun.</p><p>Zum Abendessen gibt es Eintopf mit Rehfleischeinlage. Nach dem Essen begleitet Gale mich zur Wohneinheit E. Als ich ihn frage, was heute los war, sagt er wieder kein Wort von Peeta. Sobald meine Mutter und meine Schwester eingeschlafen sind, nehme ich die Perle aus der Schublade und verbringe eine weitere schlaflose Nacht, die zweite mit der Perle in der Hand. Immer wieder gehen mir Peetas Worte durch den Kopf.
<emphasis>Fra� dich selbst, ob du den Leuten, f�r die du arbeitest, auch wirklich trauen kannst. Wei�t du �berhaupt, was vor sich geht? Wenn nicht� versuch es herauszufinden.</emphasis>
Versuch es herauszufinden. Aber was? Und von wem? Und wie kann Peeta irgendetwas wissen au�er dem, was das Kapitol ihm erz�hlt? Es ist nur ein Kapital-Propo. Hei�e Luft. Aber wenn Plutarch der Meinung ist, dass es blo� ein Trick des Kapitals ist, wieso hat er mir dann nichts davon erz�hlt? Wieso hat niemand Finnick und mich informiert?</p><p>Wichtige �berlegungen, doch der wahre Grund f�r meine Verzweiflung verbirgt sich dahinter: Peeta. Was haben sie ihm angetan? Und was tun sie ihm in diesem Moment an? Nat�rlich hat Snow uns die Geschichte, dass Peeta und ich von der Rebellion nichts wussten, nicht abgekauft. Und dass ich als Spottt�lpel aufgetaucht bin, hat ihn in seinem Argwohn best�rkt. Was die Taktik der Rebellen angeht, kann Peeta nur Vermutungen anstellen oder sich Geschichten ausdenken, um seinen Peinigern irgendetwas zu erz�hlen. Wenn herausk�me, dass er gelogen hat, w�rden sie ihn hart bestrafen. Wie verlassen er sich f�hlen muss. In seinem ersten Interview hat er mich und auch die Rebellen vor dem Kapitol zu sch�tzen versucht. Ich dagegen habe nicht nur darin versagt, ihn zu besch�tzen, ich habe alles noch viel schlimmer f�r ihn gemacht.</p><p>Als es Morgen wird, stecke ich den Arm in die Wand und starre ersch�pft auf den Tagesplan. Gleich nach dem Fr�hst�ck habe ich einen Termin in der TV-Produktion. W�hrend ich im Speisesaal mein warmes Getreide mit Milch und Rote-Bete-Brei verschlinge, entdecke ich an Gales Handgelenk eine Mailmanschette. �Wann hast du das Teil zur�ckgekriegt, Soldat Hawthorne?�, frage ich.</p><p>�Gestern. Wenn ich mit dir auf dem Schlachtfeld bin, sollte ich sicherheitshalber ein Kommunikationsmittel dabeihaben, meinen sie�, antwortet Gale.</p><p>Mir hat noch nie jemand eine Mailmanschette angeboten. Ich frage mich, ob ich eine bekommen w�rde, wenn ich darum bitten w�rde. �Ja, einer von uns muss ja kommunikativ sein�, sage ich mit scharfem Unterton.</p><p>�Was willst du damit sagen?�, fragt er.</p><p>�Nichts. Ich wiederhole nur deine Worte�, sage ich. �Und ich bin auch ganz deiner Meinung, dass du der Kommunikative von uns beiden sein sollst. Ich hoffe nur, dass du auch mit mir noch kommunizierst.�</p><p>Unsere Blicke treffen sich, und ich merke, wie w�tend ich auf ihn bin. Keinen Augenblick habe ich geglaubt, dass er Peetas Propo nicht gesehen hat. Ich f�hle mich verraten, weil er mir nichts davon erz�hlt hat. Wir kennen uns so gut, er kann meine Stimmung sofort deuten, und er kann sich auch denken, woher sie kommt.</p><p>�Katniss ��, setzt er an. Ich h�re, dass er ein schlechtes Gewissen hat.</p><p>Ich schnappe mir mein Tablett, gehe zur Geschirrr�ckgabe und knalle das Tablett auf die Ablage. Im Flur holt er mich ein.</p><p>�Warum hast du nichts gesagt?�, fragt er und nimmt meinen Arm.</p><p><emphasis>�Ich?�</emphasis>
Ich rei�e mich los. �Warum hast
<emphasis>du</emphasis>
nichts gesagt, Gale? Au�erdem hab ich doch was gesagt, als ich dich gestern Abend gefragt habe, was los war!�</p><p>�Es tut mir leid, okay? Ich war hin und her gerissen. Ich h�tte es dir gern gesagt, aber alle hatten Angst, dass du es nicht verkraften w�rdest, Peetas Propo zu sehen�, sagt er.</p><p>�Da hatten sie recht. Es war wirklich schlimm. Aber noch schlimmer ist die Tatsache, dass du mich f�r Coin angelogen hast.� In dem Moment piepst seine Mailmanschette. �Da ist sie ja schon. Beeil dich lieber. Du hast ihr was zu berichten.�</p><p>Einen Moment lang ist ihm anzusehen, dass ich ihn verletzt habe. Dann verwandelt sich sein Gesichtsausdruck in kalte Wut. Er macht auf dem Absatz kehrt und geht. Vielleicht war ich zu geh�ssig, habe ihm nicht lange genug zugeh�rt. Vielleicht wollen sie mich mit ihren L�gen nur sch�tzen. Aber das ist mir egal. Ich bin es leid, dass die Leute mich zu meinem vermeintlichen Besten anl�gen. In Wirklichkeit ist es n�mlich vor allem zu ihrem eigenen Besten.
<emphasis>Sagt Katniss blo� nicht die Wahrheit �ber die Rebellion, damit sie keine Dummheiten macht. Schickt sie ahnungslos in die Arena, damit wir sie rausholen k�nnen. Erz�hlt ihr nichts von Peetas Propo, das macht sie nur fertig, und es ist so schon schwer genug, sie vern�nftig vor die Kamera zu kriegen.</emphasis></p><p>Ich bin wirklich fertig. Am Boden zerst�rt. Und zu m�de f�r einen Tag in der Produktion. Aber jetzt stehe ich schon vor der T�r zum Erneuerungsstudio, also gehe ich hinein. Ich erfahre, dass es heute noch einmal nach Distrikt 12 geht. Cressida m�chte spontane Interviews mit Gale und mir machen, in denen es um unsere zerst�rte Heimat gehen soll.</p><p>�Falls ihr euch das zutraut�, sagt Cressida und schaut mich pr�fend an.</p><p>�Ich bin dabei�, sage ich. Unkommunikativ und steif wie eine Schaufensterpuppe stehe ich da, w�hrend das Vorbereitungsteam mich anzieht, frisiert und schminkt. Ganz dezent, gerade so, dass die Ringe unter meinen schlaflosen Augen nicht sofort auffallen.</p><p>Boggs begleitet mich hinunter in den Hangar, aber wir gr��en uns nur und reden nicht weiter miteinander. Ich bin froh dar�ber, nicht schon wieder �ber meinen Ungehorsam in Distrikt 8 reden zu m�ssen, zumal seine Maske wirklich unbequem aussieht.</p><p>Gerade noch rechtzeitig denke ich daran, meiner Mutter Bescheid zu geben, dass ich Distrikt 13 verlasse, und ihr zu versichern, dass es nicht gef�hrlich ist. Die kurze Strecke nach Distrikt 12 legen wir mit dem Hovercraft zur�ck. Plutarch, Gale und Cressida sind schon an Bord und beugen sich �ber einen Tisch mit einer Landkarte. Selbstzufrieden zeigt Plutarch mir auf der Karte, was f�r eine Wirkung die ersten Propos bereits gezeitigt haben. Die Rebellen, die in manchen Distrikten kaum Fu� fassen konnten, haben sich wieder gefangen. Sie haben die Distrikte 3 und 11 eingenommen - 11 ist besonders wichtig, weil dort ein Gro�teil der Nahrungsmittel von Panem erzeugt wird - und sind in mehrere andere Distrikte eingefallen.</p><p>�Es sieht gut aus, sehr gut sogar�, sagt Plutarch. �Heute Abend wird Fulvia den ersten Schwung der &gt;In Memoriam&lt;-Spots fertigstellen, dann k�nnen wir die einzelnen Distrikte mit ihren Toten konfrontieren. Finnick ist unglaublich.�</p><p>�Es tut richtig weh, ihm zuzusehen�, sagt Cressida. �Er hat so viele pers�nlich gekannt.�</p><p>�Deshalb wirkt es ja auch so �berzeugend�, sagt Plutarch. �Es kommt aus dem Herzen. Ihr macht das alle ganz toll. Coin ist begeistert.�</p><p>Dann hat Gale es ihnen also nicht gesagt. Dass ich nur so getan habe, als h�tte ich Peetas Interview nicht gesehen, und sauer bin, weil sie mir etwas vormachen. Trotzdem, es ist zu wenig und zu sp�t, um mich zu vers�hnen. Egal. Er redet sowieso nicht mit mir.</p><p>Erst als wir auf der Weide landen, f�llt mir auf, dass Haymitch nicht bei uns ist. Als ich Plutarch darauf anspreche, sch�ttelt er nur den Kopf und sagt: �Er w�rde es nicht durchstehen.�</p><p>�Haymitch und etwas nicht durchstehen? Der wollte wohl eher einen Tag frei haben�, sage ich.</p><p>�W�rtlich hat er, glaube ich, gesagt: &gt;Ohne eine Flasche w�rde ich es nicht durchstehen&lt;�, sagt Plutarch.</p><p>Ich verdrehe die Augen. Ich habe schon l�ngst die Geduld mit meinem Mentor verloren, mit seiner Schw�che f�rs Trinken und damit, was er ertragen kann und was nicht. Aber schon nach f�nf Minuten in Distrikt 12 h�tte ich selbst gern einen Drink. Ich dachte, ich h�tte mich mit dem Untergang von 12 abgefunden - ich hatte davon geh�rt, hatte den Distrikt von oben gesehen und war sogar durch die Asche gestiefelt. Warum ist der Schmerz jetzt wieder ganz frisch? War ich vorher so neben der Spur, dass ich den Verlust meiner Welt nicht richtig erfassen konnte? Oder liegt es an Gales Gesichtsausdruck, w�hrend er durch die Ruinen wandert, dass es sich anf�hlt, als w�re das Schreckliche gerade erst passiert?</p><p>Cressida erkl�rt dem Kamerateam, sie sollen vor meinem alten Haus mit mir beginnen. Ich frage, was ich machen soll. �Was du willst�, sagt sie. Als ich in unserer K�che stehe, will ich �berhaupt nichts. Ich schaue in den Himmel - das einzige Dach -, weil zu viele Erinnerungen auf mich einst�rzen. Nach einer Weile sagt Cressida: �Das reicht schon, Katniss. Los, gehen wir weiter.�</p><p>Gale kommt bei seinem alten Zuhause nicht so leicht davon. Cressida filmt ihn ein paar Minuten lang stumm, doch gerade als er das einzige �berbleibsel seines fr�heren Lebens aus der Asche zieht - ein verbogenes Sch�reisen -, fragt sie ihn nach seiner Familie aus, nach seiner Arbeit, dem Leben im Saum. Er muss die Nacht der Brandbomben noch einmal durchleben und alles nachstellen, erst vor seinem Haus, dann geht es �ber die Weide und durch den Wald bis zum See. Ich folge der Filmcrew und den Bodyguards unwillig und finde insgeheim, dass sie mit ihrer Anwesenheit meinen geliebten Wald entweihen. Das ist ein intimer Ort, eine Zufluchtsst�tte, wenn auch bereits verdorben vom Kapitol. Auch nachdem wir die verkohlten menschlichen �berreste am Zaun hinter uns gelassen haben, stolpern wir noch �ber verwesende Leichen. Aber m�ssen wir das f�r alle Welt filmen?</p><p>Als wir am See ankommen, scheint Gale seine Sprache verloren zu haben. Alle sind schwei��berstr�mt, vor allem Castor und Pollux in ihren Insektenpanzern, und Cressida bittet um eine Pause. Ich sch�pfe mit den H�nden Wasser aus dem See, am liebsten w�rde ich hineinspringen und allein wieder auftauchen, nackt und unbeobachtet. Eine Weile gehe ich am See entlang. Als ich wieder zu dem kleinen Haus aus Beton gelange, bleibe ich im Eingang stehen und sehe, wie Gale das verbogene Sch�reisen, das er gerettet hat, an die Wand neben dem Kamin lehnt. Ganz kurz habe ich das Bild eines einsamen Fremden vor Augen, irgendwo weit in der Zukunft, der sich in der Wildnis verirrt hat und zu diesem kleinen Zufluchtsort kommt, zu dem Stapel Brennholz, dem Kamin und dem Sch�reisen. Und sich fragt, wie das alles dorthin gekommen ist. Gale dreht sich um, unsere Blicke treffen sich, und ich wei�, dass er an unsere letzte Begegnung hier denkt. Als wir dar�ber gestritten haben, ob wir fliehen sollten oder nicht. Wenn wir geflohen w�ren, w�rde es Distrikt 12 dann noch geben? Ich glaube, ja. Aber dann w�rde das Kapitol immer noch �ber Panem herrschen.</p><p>Es werden K�sebrote herumgereicht und wir essen sie im Schatten der B�ume. Ich habe mich absichtlich an den Rand der Gruppe gesetzt, neben Pollux, damit ich nicht reden muss. Wir reden alle nicht viel. In der relativen Stille kehren die V�gel zur�ck. Ich sto�e Pollux an und zeige auf einen kleinen schwarzen Vogel mit einer Haube. Er h�pft auf einen jungen Zweig, breitet kurz die Fl�gel aus und zeigt seine wei�en Flecken. Pollux deutet auf meine Brosche und zieht fragend die Augenbrauen hoch. Ich nicke:
<emphasis>Ja, es ist ein Spottt�lpel.</emphasis>
Ich hebe einen Finger, um zu sagen:
<emphasis>Warte, ich beweise es dir,</emphasis>
und mache eine Vogelstimme nach. Der Spottt�lpel legt den Kopf schr�g und pfeift direkt zur�ck. Da pfeift Pollux zu meiner �berraschung selbst ein paar T�ne. Der Vogel antwortet sofort. Pollux sieht entz�ckt aus und pfeifend unterh�lt er sich eine Weile mit dem Vogel. Bestimmt ist es sein erstes Gespr�ch seit Jahren. Spottt�lpel f�hlen sich von Musik angezogen wie Bienen von Bl�ten und in k�rzester Zeit sitzt ein halbes Dutzend Artgenossen in den �sten �ber unseren K�pfen. Pollux tippt mir an den Arm und schreibt mit einem St�ckchen ein Wort in die Erde:
<emphasis>Singen ?</emphasis></p><p>Normalerweise mache ich das nicht, aber Pollux kann ich den Wunsch unm�glich abschlagen. Au�erdem w�rde ich die Singstimmen der Spottt�lpel selbst gern wieder einmal h�ren. Und ehe ich recht wei�, was ich da tue, singe ich Rues Melodie, die vier T�ne, mit denen sie in Distrikt 11 immer das Ende des Arbeitstages verk�ndete. Die Melodie, die schlie�lich zur Hintergrundmusik ihres grausamen Todes wurde. Die V�gel wissen das nicht. Sie greifen die einfache Tonfolge auf und lassen sie spielerisch hin und her wandern. Genau wie in der Arena, bevor pl�tzlich die Mutationen zwischen den B�umen auftauchten, uns auf das F�llhorn jagten und Cato langsam in eine blutige Masse verwandelten �</p><p>�Wollt ihr mal ein richtiges Lied h�ren?�, platze ich heraus. Alles w�rde ich tun, um diese Erinnerungen zu verscheuchen. Schon springe ich auf, gehe zu den B�umen und lege eine Hand an den rauen Stamm des Ahorns, auf dem die V�gel hocken. Das Lied vom Henkersbaum habe ich seit zehn Jahren nicht mehr laut gesungen, denn es ist verboten, aber ich wei� noch jedes Wort. Ich beginne langsam und z�rtlich, wie mein Vater es immer gesungen hat.</p><p>Kommst du, kommst du,</p><p>Kommst du zu dem Baum,</p><p>Wo sie h�ngten den Mann, der drei get�tet haben soll?</p><p>Seltsames trug sich hier zu.</p><p>Nicht seltsamer w�re es,</p><p>Tr�fen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.</p><p>Sobald die Spottt�lpel merken, dass ich ihnen etwas Neues anbiete, �ndern sie ihr Lied.</p><p>Kommst du, kommst du,</p><p>Kommst du zu dem Baum,</p><p>Wo der tote Mann zu seiner Liebsten rief: Lauf.</p><p>Seltsames trug sich hier zu.</p><p>Nicht seltsamer w�re es,</p><p>Tr�fen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.</p><p>Jetzt habe ich die Aufmerksamkeit der V�gel. Noch eine Strophe, dann haben sie die Melodie aufgeschnappt, denn sie ist einfach und wird mit nur kleinen Variationen viermal wiederholt.</p><p>Kommst du, kommst du,</p><p>Kommst du zu dem Baum,</p><p>Wohin ich dir riet zu fliehen und uns zu befreien?</p><p>Seltsames trug sich hier zu.</p><p>Nicht seltsamer w�re es,</p><p>Tr�fen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.</p><p>Jetzt ist es ganz still in den B�umen. Nur die Bl�tter rascheln im Wind. Aber keine V�gel sind zu h�ren, weder Spottt�lpel noch andere. Peeta hat recht. Wenn ich singe, verstummen sie. Genau wie bei meinem Vater.</p><p>Kommst du, kommst du,</p><p>Kommst du zu dem Baum,</p><p>Ein Seil als Kette, Seite an Seite mit mir?</p><p>Seltsames trug sich hier zu.</p><p>Nicht seltsamer w�re es,</p><p>Tr�fen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.</p><p>Die V�gel warten darauf, dass ich weitersinge. Doch das Lied ist zu Ende. Das war die letzte Strophe. In der Stille erinnere ich mich daran, wie es war an jenem Tag. Mein Vater und ich kamen aus dem Wald nach Hause. Prim, die damals noch ein Kleinkind war, und ich sa�en auf dem Boden und sangen das Lied vom Henkersbaum. Flochten uns Ketten aus altem Seil, wie es in dem Lied hei�t, ohne den eigentlichen Sinn der Worte zu verstehen. Es war eine einfache Melodie, leicht zu lernen, und damals konnte ich mir nach ein-bis zweimaligem H�ren fast jede Melodie merken. Pl�tzlich riss meine Mutter uns die Ketten aus den H�nden und schrie meinen Vater an. Ich fing an zu weinen, weil meine Mutter sonst nie schrie, dann heulte Prim, und ich lief hinaus, um mich zu verstecken. Weil ich nur ein einziges Versteck hatte - auf der Weide unter einem Gei�blatt -, fand mein Vater mich sofort. Er beruhigte mich und sagte, es sei alles gut, aber dieses Lied sollten wir lieber nicht mehr singen. Meine Mutter wollte, dass ich es einfach verga�. Und deshalb brannte sich mir nat�rlich jedes Wort unwiderruflich ins Ged�chtnis ein.</p><p>Wir sangen das Lied dann nicht mehr, mein Vater und ich, und sprachen auch nicht mehr davon. Nach seinem Tod fiel es mir oft wieder ein. Als ich �lter wurde, verstand ich allm�hlich den Text. Am Anfang h�rt es sich so an, als ob ein Junge seine Freundin �berreden will, ihn heimlich in der Nacht zu treffen. Aber es ist ein seltsamer Ort f�r ein Stelldichein, ein Henkersbaum, an dem ein Mann f�r einen Mord geh�ngt wurde. Die Liebste des M�rders muss etwas mit dem Mord zu tun haben, oder vielleicht soll sie einfach nur so bestraft werden, jedenfalls ruft seine Leiche ihr zu, sie solle weglaufen. Das mit der sprechenden Leiche ist nat�rlich seltsam, aber erst in der dritten Strophe wird das Lied unheimlich. Da wird klar, dass es von dem toten M�rder selbst gesungen wird. Er h�ngt immer noch im Henkersbaum. Und obwohl er seine Liebste auffordert zu fliehen, bittet er sie, ihn zu treffen. Am beklemmendsten ist die Stelle
<emphasis>Wohin ich dir riet zu fliehen und uns zu befreien.</emphasis>
Erst denkt man, sie solle fliehen, damit sie in Sicherheit w�re, aber dann fragt man sich, ob er vielleicht meint, sie solle zu ihm laufen. In den Tod. In der letzten Strophe ist es dann eindeutig, dass er genau darauf wartet. Dass seine Liebste mit einem Seil als Kette tot neben ihm am Baum h�ngt.</p><p>Fr�her fand ich den M�rder wirklich gruselig. Jetzt, nach zwei Ausfl�gen zu den Hungerspielen, w�rde ich nicht mehr so schnell �ber ihn urteilen. Vielleicht war seine Liebste bereits zum Tode verurteilt und er wollte es ihr leichter machen. Vielleicht wollte er ihr sagen, dass er auf sie wartet. Oder er fand, dass der Ort, an dem er sie zur�cklie�, noch schlimmer war als der Tod. Wollte ich Peeta nicht auch mit der Spritze t�ten, um ihn vor dem Kapitol zu bewahren? War das der einzige Ausweg? Wahrscheinlich nicht, aber damals habe ich keinen anderen gesehen.</p><p>Meine Mutter muss wohl der Meinung gewesen sein, dass das Lied f�r eine Siebenj�hrige nicht geeignet war. Schon gar nicht f�r eine, die sich selbst Ketten aus Seil kn�pft. Wir kannten den Tod durch den Strang ja nicht nur aus Geschichten. In Distrikt 12 wurden viele Menschen auf diese Weise hingerichtet. Ganz sicher wollte meine Mutter nicht, dass ich das Lied im Musikunterricht vorsang. Wahrscheinlich w�rde es ihr auch nicht gefallen, dass ich es jetzt Pollux vorsinge, aber wenigstens werde ich nicht - Moment, da habe ich mich get�uscht. Als ich zur Seite schaue, sehe ich, dass Castor mich gefilmt hat. Alle gucken mir gebannt zu. Pollux laufen Tr�nen �ber die Wangen, bestimmt hat mein verr�cktes Lied irgendein schreckliches Ereignis in seinem Leben wieder hochkommen lassen. Na super. Seufzend lehne ich mich an den Baumstamm. Und da singen die Spottt�lpel ihre Version vom �Henkersbaum�. Aus ihren Kehlen klingt es ganz sch�n. Ich bin mir bewusst, dass ich gefilmt werde, und stehe still da, bis Cressida ruft: �Schnitt!�</p><p>Lachend kommt Plutarch auf mich zu. �Wo hast du das denn her? H�tten wir das so geplant, niemand w�rde es dir abnehmen!� Er nimmt mich in die Arme und gibt mir einen Schmatz auf den Kopf. �Du bist Gold wert!�</p><p>�Ich hab das nicht f�r die Kamera gemacht�, sage ich.</p><p>�Umso besser, dass sie eingeschaltet war�, sagt er. �Los jetzt, alle, es geht zur�ck in die Stadt!�</p><p>Der R�ckweg durch den Wald f�hrt uns zu einem Felsen, und wie zwei Hunde, die mit dem Wind eine F�hrte wittern, wenden Gale und ich den Kopf in dieselbe Richtung. Cressida merkt es und fragt, was da ist. Ohne uns abzusprechen, geben wir zu, dass wir uns an der Stelle fr�her immer zur Jagd getroffen haben. Wir sagen ihr, dass da nichts Besonderes ist, aber sie m�chte die Stelle trotzdem sehen.</p><p><emphasis>Nur ein Ort, an dem ich gl�cklich war,</emphasis>
denke ich.</p><p>Unser Felsvorsprung, von dem aus man das Tal �berblickt. Vielleicht nicht so gr�n wie sonst, doch die Brombeerstr�ucher h�ngen voll. Hier begannen zahllose Tage, an denen wir jagten und Fallen stellten, fischten und sammelten, gemeinsam durch den Wald streiften und, w�hrend wir die Jagdtaschen f�llten, unsere Herzen erleichterten. Es war die T�r zu unserem leiblichen und seelischen Wohl. Und wir waren der Schl�ssel zur T�r des jeweils anderen.</p><p>Jetzt gibt es keinen Distrikt 12 mehr, aus dem man fliehen k�nnte, keine Friedensw�chter, die es zu �berlisten g�lte, keine hungrigen M�uler, die gestopft werden m�ssten. Das alles hat uns das Kapitol genommen, und jetzt bin ich nahe dran, auch noch Gale zu verlieren. Was uns all die Jahre so zusammengeschwei�t hat, dass wir aufeinander angewiesen waren, das schmilzt dahin. Zwischen uns ist jetzt kein Licht, nur dunkle Schatten. Wie ist es m�glich, dass wir heute, angesichts des Untergangs von Distrikt 12, so zerstritten sind, dass wir nicht mal miteinander reden k�nnen?</p><p>Gale hat mich mehr oder weniger angelogen. Das finde ich unm�glich, selbst wenn es ihm um mein Wohl ging. Aber seine Entschuldigung wirkte aufrichtig. Und ich habe darauf mit einer geh�ssigen Bemerkung reagiert, die ihn verletzen sollte. Was ist mit uns los? Warum haben wir st�ndig Streit, warum ist alles so verfahren? Irgendwie sp�re ich, dass mein Verhalten die Wurzel des �bels ist. Will ich ihn etwa vertreiben?</p><p>Ich pfl�cke eine Brombeere und rolle sie sanft zwischen Daumen und Zeigefinger. Unvermittelt wende ich mich zu ihm und werfe ihm die Brombeere zu. �Und m�ge das Gl�ck ��, sage ich. Ich werfe sie so hoch, dass er gen�gend Zeit hat, zu entscheiden, ob er sie wegschlagen oder annehmen will.</p><p>Gale schaut zu mir, nicht zu der Beere, doch im letzten Moment macht er den Mund auf und schnappt sie. Er kaut, schluckt und erst nach einer langen Pause sagt er: ��
<emphasis>stets</emphasis>
mit euch sein.� Aber er sagt es.</p><p>Cressida l�sst uns in einer Ecke zwischen den Felsen hinsetzen, wo wir uns unm�glich
<emphasis>nicht</emphasis>
ber�hren k�nnen, und lenkt das Gespr�ch auf die Jagd. Was uns in den Wald getrieben habe, wie wir uns kennengelernt h�tten, besondere Momente, an die wir uns erinnerten. Wir tauen auf, lachen ein wenig, als wir von kleinen Katastrophen mit Bienen, wilden Hunden und Stinktieren erz�hlen. Cressida fragt, was es f�r ein Gef�hl war, unser Geschick im Umgang mit Waffen gegen die Bomber in Distrikt 8 einzusetzen, und ich verstumme. Gale sagt nur: �Das war lange �berf�llig.�</p><p>Als wir auf den Marktplatz kommen, naht schon der Abend. Ich f�hre Cressida zu den Tr�mmern der B�ckerei und bitte sie, dort etwas zu filmen. Ich bringe kein Gef�hl mehr zustande, nur noch Ersch�pfung. �Peeta, das hier ist dein Zuhause. Von deiner Familie fehlt seit der Bombardierung jede Nachricht. Distrikt 12 gibt es nicht mehr. Und du forderst einen Waffenstillstand?� Ich schaue in das Nichts. �Hier ist niemand, der dich h�ren k�nnte.�</p><p>Als wir vor dem Metallklumpen stehen, der einmal der Galgen war, fragt Cressida, ob einer von uns gefoltert worden sei. Anstelle einer Antwort zieht Gale sein Hemd hoch und dreht den R�cken zur Kamera. Ich starre auf die Narben von den Peitschenhieben und h�re wieder das Zischen der Peitsche, sehe, wie er blut�berstr�mt und bewusstlos an den Handgelenken h�ngt.</p><p>�Ich bin fertig�, verk�nde ich. �Wir treffen uns im Dorf der Sieger. Ich will da � was f�r meine Mutter holen.�</p><p>Ich muss zu unserem Haus gelaufen sein, aber ich kann mich nicht dran erinnern. Ich sitze vor den K�chenschr�nken auf dem Fu�boden. Packe Tonkr�ge und Glasflaschen fein s�uberlich in eine Kiste. Lege Baumwollverb�nde zum Schutz dazwischen. Binde Str�u�e aus Trockenblumen.</p><p>Da f�llt mir die Rose auf meiner Kommode wieder ein. War sie wirklich da? Und wenn ja, ist sie immer noch da oben? Ich unterdr�cke den Drang nachzusehen. Wenn sie noch da ist, versetzt mich das nur wieder in Angst und Schrecken. Ich beeile mich mit dem Packen.</p><p>Als die Schr�nke leer sind und ich mich umdrehe, steht pl�tzlich Gale in der K�che. Es ist unheimlich, wie lautlos er auftauchen kann. Er st�tzt sich auf den Tisch, die Finger auf der Holzmaserung weit gespreizt. Ich stelle die Kiste zwischen uns ab. �Wei�t du noch?�, fragt er. �Hier hast du mich gek�sst.�</p><p>Obwohl wir ihm nach der Auspeitschung eine hohe Dosis Morfix verabreicht haben, ist die Erinnerung nicht aus seinem Bewusstsein gel�scht. �Ich h�tte nicht gedacht, dass du das noch wei�t�, sage ich.</p><p>�M�sste schon tot sein, um das zu vergessen. Vielleicht nicht mal dann�, sagt er. �Vielleicht bin ich wie der Mann in dem Lied vom Henkersbaum. Der immer noch auf eine Antwort wartet.� Gale, den ich noch nie habe weinen sehen, hat Tr�nen in den Augen. Bevor sie ihm �ber die Wangen laufen k�nnen, beuge ich mich vor und lege meine Lippen auf seine. Wir schmecken nach Hitze, Asche und Ungl�ck. Ein �berraschender Geschmack f�r einen so zarten Kuss. Gale l�st sich als Erster und l�chelt mich schief an. �Ich wusste, dass du mich k�ssen w�rdest.�</p><p>�Wie das?�, frage ich. Ich selbst habe es n�mlich nicht gewusst.</p><p>�Weil ich leide�, sagt er. �Nur so bekomme ich Zuwendung von dir.� Er hebt die Kiste hoch. �Keine Sorge, Katniss. Das geht schon vor�ber.� Bevor ich etwas sagen kann, ist er drau�en.</p><p>Ich bin zu m�de, um mir �ber seinen Vorwurf den Kopf zu zerbrechen. Den kurzen Flug zur�ck nach Distrikt 13 verbringe ich zusammengerollt auf einem Sitz. Ich versuche Plutarch auszublenden, der sich �ber eines seiner Lieblingsthemen ausbreitet - Waffen, die der Menschheit nicht mehr zur Verf�gung stehen. Hoch fliegende Flugzeuge, milit�rische Satelliten, Zellzersetzer, Drohnen, biologische Waffen mit begrenzter Haltbarkeit. Unsch�dlich gemacht durch die Zerst�rung der Atmosph�re, mangelnde Ressourcen oder moralische Zimperlichkeiten. Man h�rt das Bedauern eines Obersten Spielmachers heraus, der von solchen Spielzeugen nur tr�umen kann und sich jetzt mit Hovercrafts, Boden-Boden-Raketen und l�ppischen Gewehren zufriedengeben muss.</p><p>Nachdem ich mein Spottt�lpelkost�m abgelegt habe, gehe ich, ohne zu essen, ins Bett. Trotzdem muss Prim mich am n�chsten Morgen wach r�tteln. Ich pfeife auf meinen Tagesplan und halte nach dem Fr�hst�ck ein Nickerchen im Wandschrank des Materialraums. Als ich wieder zu mir komme und zwischen den Kisten von Kreide und Stiften hervorkrabbele, ist es schon Zeit zum Abendessen. Ich bekomme eine extragro�e Portion Erbsensuppe und werde wieder zur Wohneinheit E geschickt. Dort f�ngt Boggs mich ab.</p><p>�In der Kommandozentrale ist eine Versammlung. Vergiss deinen Tagesplan�, sagt er.</p><p>�Schon geschehen�, sage ich.</p><p>�Hast du ihn heute �berhaupt befolgt?�, fragt er ver�rgert. �Wer wei�? Ich bin geistig verwirrt.� Ich halte mein Handgelenk hoch, um ihm mein medizinisches Armband zu zeigen, aber es ist nicht mehr da. �Siehst du? Ich kann mich nicht mal daran erinnern, dass sie mir das Armband abgenommen haben. Was soll ich in der Kommandozentrale? Hab ich irgendwas verpasst?�</p><p>�Ich glaube, Cressida wollte dir die Propos aus Distrikt 12 zeigen. Aber die siehst du dann ja, wenn sie ausgestrahlt werden�, sagt er.</p><p>�Daf�r k�nnte ich mal einen Plan brauchen. F�r die Sendezeiten der Propos�, sage ich. Er sieht mich scharf an, verkneift sich jedoch eine weitere Bemerkung.</p><p>In der Kommandozentrale dr�ngen sich schon alle, aber sie haben mir einen Platz zwischen Finnick und Plutarch frei gehalten. Die Bildschirme auf den Tischen sind schon ausgefahren, es laufen die offiziellen Nachrichten aus dem Kapitol.</p><p>�Was ist los? Wollten wir nicht die Propos aus 12 sehen?�, frage ich.</p><p>�Oh nein�, sagt Plutarch. �Das hei�t kann schon sein. Ich wei� nicht genau, welche Aufnahmen Beetee verwenden will.�</p><p>�Beetee glaubt, eine M�glichkeit gefunden zu haben, wie wir in das landesweite Nachrichten�bermittlungssystem eindringen k�nnen�, sagt Finnick. �Dann w�ren unsere Propos auch im Kapitol zu sehen. Er ist gerade in der Waffenabteilung und arbeitet an dem Problem. Heute Abend gibt es eine Livesendung. Einen Auftritt von Snow oder so. Ich glaub, jetzt geht es los.�</p><p>Das Wappen des Kapitols erscheint, begleitet von der Nationalhymne. Dann schaue ich direkt in die Schlangenaugen von Pr�sident Snow, der die Nation gr��t. Er ist hinter seinem Rednerpult verschanzt, doch die wei�e Rose an seinem Revers ist gut zu sehen. Die Kamera f�hrt zur�ck, und jetzt ist auch Peeta im Bild, hinter ihm eine Karte von Panem. Er sitzt auf einem erh�hten Stuhl, die F��e hat er auf eine Metallstange gest�tzt. Mit dem Fu� seines k�nstlichen Beins klopft er einen merkw�rdigen unregelm��igen Rhythmus. Durch die Puderschicht auf seinem Gesicht sind Schwei�perlen auf Oberlippe und Stirn sichtbar. Aber am meisten erschreckt mich sein Blick, unstet und voller Zorn.</p><p>�Es geht ihm schlechter�, fl�stere ich. Finnick nimmt meine Hand, damit ich mich an etwas festhalten kann.</p><p>Aufgebracht spricht Peeta von der Notwendigkeit eines Waffenstillstands. Er betont, dass in mehreren Distrikten die Infrastruktur zerst�rt worden sei. W�hrend er spricht, werden bestimmte Teile der Karte erleuchtet und Bilder der Zerst�rung eingeblendet. Ein gebrochener Damm in Distrikt 7. Ein entgleister Zug mit einer Ladung Giftm�ll, die aus den Kesselwagen l�uft. Ein Getreidespeicher, der bei einem Brand einst�rzt. All das schreibt er den Rebellen zu.</p><p><emphasis>Zack!</emphasis>
Da bin ich pl�tzlich im Bild, wie ich in den Tr�mmern der B�ckerei stehe.</p><p>Plutarch springt auf. �Ha! Beetee hat es geschafft!�</p><p>Alle in der Kommandozentrale sind aus dem H�uschen. Aber da ist Peeta wieder zu sehen, er sieht verwirrt aus. Er hat mich auf dem Monitor gesehen. Er versucht, mit seinem Beitrag fortzufahren, als N�chstes ist die Bombardierung einer Kl�ranlage dran, da wird er von einem Film verdr�ngt, in dem Finnick �ber Rue spricht. Und jetzt versuchen die f�hrenden Techniker des Kapitols, Beetees Attacke abzuwehren, es kommt zur reinsten Sendeschlacht. Das Kapitol ist unvorbereitet, und Beetee, der offenbar schon ahnte, dass er nicht fortlaufend w�rde senden k�nnen, hat eine Reihe von F�nf-bis Zehn-Sekunden-Spots auf Lager, die er einspielen kann. Wir werden Zeuge, wie die offizielle Pr�sentation in sich zusammenbricht, als sie mit Ausschnitten aus den Propos beschossen wird.</p><p>Plutarch ist au�er sich vor Begeisterung, und alle jubeln Beetee zu, nur Finnick neben mir bleibt reglos und stumm. Ich schaue zu Haymitch auf der anderen Seite des Raums, sein Blick spiegelt meine eigene Angst wider. Wir beide wissen, dass Peeta uns mit jedem Jubelruf mehr entgleitet.</p><p>Im Fernsehen ist jetzt wieder das Wappen des Kapitols zu sehen, begleitet von einem monotonen Studioger�usch. Erst nach etwa zwanzig Sekunden erscheinen Snow und Peeta wieder auf dem Bildschirm. Das Studio sieht chaotisch aus. Aus dem Regieraum ist hektischer Wortwechsel zu h�ren. Snow st�rzt nach vorn, er sagt, nun versuchten die Rebellen offenbar, die Verbreitung belastender Informationen zu st�ren, doch am Ende w�rden Wahrheit und Gerechtigkeit siegen. Sobald die Sicherheit wiederhergestellt sei, werde die Sendung fortgesetzt. Er fragt Peeta, ob er Katniss Everdeen noch etwas Abschlie�endes mitteilen wolle.</p><p>Als Peeta meinen Namen h�rt, verzieht er angestrengt das Gesicht. �Katniss � was meinst du, wo das alles hinf�hren soll? Was wird am Ende �brig bleiben? Alle sind in Gefahr. Im Kapitol und in den Distrikten. Und ihr � in Distrikt 13 �� Er atmet scharf ein, als k�nnte er kaum Luft bekommen, der Wahnsinn spricht aus seinem Blick. �� noch vor Tagesanbruch tot!�</p><p>Aus dem Off ist Snow zu h�ren, wie er ruft: �Ausschalten!� Beetee sorgt f�r Chaos, indem er alle drei Sekunden ein Standbild von mir vor dem Lazarett einblendet. Aber zwischen den Einblendungen werden wir Zeugen des Geschehens im Studio. Wie Peeta versucht weiterzusprechen. Wie die Kamera heruntergerissen wird und die wei�en Bodenfliesen filmt. Schritte von Stiefeln. Dann ein heftiger Schlag, vermischt mit Peetas Schmerzensschrei.</p><p>Und sein Blut, das auf die Fliesen spritzt.</p><p>Teil 2</p><p>Der Angriff</p><p><strong>10</strong></p><p>Der Schrei entsteht ganz unten, wandert meinen K�rper hoch und bleibt mir im Hals stecken. Ich bin stumm wie ein Avox, ersticke an meinem Schmerz. Selbst wenn ich die Muskeln im Hals loslassen k�nnte, den Schrei hinauslie�e, w�rde ihn jemand h�ren? Im Raum hat sich ein Tumult erhoben. Fragen und Forderungen werden laut, w�hrend alle versuchen, Peetas Worte zu entschl�sseln.
<emphasis>�Und ihr� in Distrikt 13 � noch vor Tagesanbruch tot!�</emphasis>
Doch niemand fragt nach dem �berbringer der Nachricht, dessen Blut durch ein Grieselbild ersetzt wurde.</p><p>Da ruft jemand: �Ruhe!� Aller Augen richten sich auf Haymitch. �So ein gro�es R�tsel ist das nicht! Der Junge sagt uns, dass ein Angriff auf uns geplant ist. Hier, in 13.�</p><p>�Woher will er das wissen?�</p><p>�Warum sollten wir ihm trauen?�</p><p>�Woher wei�t du das?�</p><p>Haymitch knurrt genervt. �W�hrend wir hier quatschen, schlagen die ihn zusammen. Was wollt ihr noch? Katniss, hilf mir doch mal!�</p><p>Ich muss mich sch�tteln, damit die Worte hinausk�nnen. �Haymitch hat recht. Ich wei� nicht, woher Peeta die Information hat. Oder ob es stimmt, was er sagt. Aber er glaubt es auf jeden Fall. Und sie �� Ich kann nicht laut aussprechen, was Snow ihm antut.</p><p>�Sie kennen ihn nicht�, sagt Haymitch zu Coin. �Wir schon. Rufen Sie Ihre Leute zusammen.�</p><p>Coin wirkt nicht erschrocken, nur ein wenig verdutzt �ber diese Wendung. Sie denkt �ber die Worte nach und tippt mit einem Finger leicht gegen den Rand der Schalttafel vor sich. Dann sagt sie mit ruhiger Stimme zu Haymitch: �Nat�rlich haben wir f�r ein solches Szenario unsere Vorkehrungen getroffen. Obwohl seit Jahrzehnten ausgemacht scheint, dass sich das Kapital mit weiteren direkten Angriffen auf Distrikt 13 nur selbst schaden w�rde. Atomraketen w�rden Strahlen in die Atmosph�re schicken, mit unvorhersehbaren Folgen f�r die Umwelt. Aber auch ein konventioneller Angriff k�nnte unsere Waffenarsenale, auf die sie es abgesehen haben, empfindlich besch�digen. Und nat�rlich riskieren sie einen Gegenschlag. M�glich, dass sie in Anbetracht unseres B�ndnisses mit den Rebellen nun doch bereit sind, all das in Kauf zu nehmen.�</p><p>�Meinen Sie wirklich?�, sagt Haymitch, eine Spur zu ernsthaft, aber die Feinheiten der Ironie kommen in 13 selten an.</p><p>�Ja. So oder so ist eine Luftschutz�bung der Stufe f�nf �berf�llig�, sagt Coin. �Fahren wir mit der Abriegelung fort.� Sie hackt etwas in die Tasten und gibt die entsprechende Anweisung aus. Als sie den Kopf wieder hebt, geht es auch schon los.</p><p>Seit ich in Distrikt 13 bin, hatten wir zwei �bungen auf niedriger Stufe. An die erste kann ich mich kaum noch erinnern. Ich lag auf der Intensivstation, und die Patienten waren wohl von der Teilnahme befreit, denn der Aufwand, uns f�r eine �bung wegzuschaffen, h�tte in keinem Verh�ltnis zum Nutzen gestanden. Ich erinnere mich dunkel an eine mechanische Stimme, die alle anwies, sich in den gelben Zonen zu versammeln. Bei der zweiten �bung, einer �bung der Stufe zwei f�r den kleineren Krisenfall - zum Beispiel eine vor�bergehende Quarant�ne, um die Bewohner auf Grippeviren zu testen -, sollten wir uns in unsere Quartiere begeben. Ich versteckte mich hinter einem Rohr im W�scheraum, ignorierte das pulsierende Tuten der Alarmanlage und schaute einer Spinne zu, die ein Netz webte. Nichts hat mich auf die ohrenbet�ubenden, entsetzlichen Sirenen vorbereitet, die Distrikt 13 jetzt durchdringen. Dieses Ger�usch kann man nicht ignorieren, es soll offenbar die ganze Bev�lkerung in Panik versetzen. Aber wir sind hier in Distrikt 13, da passiert so etwas nicht.</p><p>Boggs f�hrt Finnick und mich aus der Kommandozentrale, durch den Flur zu einem Durchgang und dann auf eine breite Treppe. Menschenstr�me vereinigen sich zu einem Fluss, der einfach nur abw�rtsflie�t. Es wird nicht geschrien und nicht gedr�ngelt. Selbst die Kinder f�gen sich. Stockwerk um Stockwerk gehen wir tiefer, schweigend, denn kein Wort w�rde den Sirenenl�rm durchdringen. Ich halte nach meiner Mutter und Prim Ausschau, aber au�er den Menschen in meiner unmittelbaren N�he kann ich niemanden erkennen. Sie arbeiten heute Abend beide auf der Krankenstation, also k�nnen sie die �bung nicht verpassen.</p><p>Ich habe Druck auf den Ohren und meine Augenlider werden schwer. Wir sind tief unter der Erde, wie in einem Kohlebergwerk. Das hat den einzigen Vorteil, dass die Sirenen nicht mehr ganz so schrill klingen. Als sollten sie uns physisch vom Erdboden vertreiben, und so ist es wohl auch gedacht. Gruppen von Menschen schieben sich durch gekennzeichnete Durchg�nge, und Boggs fuhrt mich immer weiter nach unten, bis die Treppe schlie�lich vor einer riesigen H�hle endet. Ich will direkt hineingehen, doch Boggs sagt, ich m�sse erst meinen Tagesplan vor einen Scanner halten, um mich auszuweisen. Garantiert wird die Information an irgendeinen Computer weitergeleitet, damit niemand verloren geht.</p><p>Die H�hle ist teils nat�rlich, teils von Menschenhand geschaffen. An einigen Stellen sind die W�nde aus Stein, an anderen sieht man Stahltr�ger und Zement als Verst�rkung. In die Felsw�nde sind Schlafkojen gehauen. Es gibt eine K�che, Toiletten, eine Erste-Hilfe-Station. Alles ist f�r einen l�ngeren Aufenthalt ausgelegt.</p><p>Um die H�hle herum sind in regelm��igen Abst�nden wei�e Schilder mit Buchstaben oder Zahlen angebracht. Boggs erkl�rt Finnick und mir gerade, dass wir uns an dem Schild aufstellen sollen, das unserem Quartier entspricht - in meinem Fall
<emphasis>E</emphasis>
f�r Wohneinheit E -, als Plutarch zu uns kommt. �Ach, hier seid ihr�, sagt er. Die Ereignisse der letzten Stunden scheinen ihn nicht sonderlich beeindruckt zu haben. Er ist immer noch hocherfreut �ber Beetees gelungenen Medienangriff. Er hat den Wald im Blick, nicht die B�ume. Dass Peeta misshandelt wird und Distrikt 13 demn�chst in die Luft fliegt, scheint nebens�chlich. �Katniss, ich wei�, dass das f�r dich nicht einfach ist, diese Schlappe f�r Peeta, aber du darfst nicht vergessen, dass du beobachtet wirst.�</p><p>�Was?�, sage ich. Ich fasse es nicht, dass er Peetas schreckliche Lage als Schlappe abtut.</p><p>�Die anderen im Bunker werden sich an dich halten. Wenn du ruhig und tapfer bist, nehmen sie sich daran ein Beispiel. Wenn du in Panik ger�tst, k�nnte sich das ausbreiten wie ein Lauffeuer�, sch�rft Plutarch mir ein. Ich starre ihn nur an. �Es brennt sozusagen�, f�hrt er fort, als w�re ich etwas begriffsstutzig.</p><p>�Am besten tue ich einfach so, als st�nde ich vor der Kamera, oder?�, sage ich.</p><p>�Ja! Perfekt. Vor Publikum ist man immer viel tapferer�, sagt er. �Wir haben ja gerade gesehen, wie viel Mut Peeta aufgebracht hat.�</p><p>Am liebsten w�rde ich ihm eine reinhauen.</p><p>�Ich muss vor der Abriegelung wieder bei Coin sein. Du machst weiter so!�, sagt er und geht davon.</p><p>Ich begebe mich zu dem gro�en
<emphasis>E</emphasis>
an der Wand. Unser Platz besteht aus vier Quadratmetern, die auf dem Steinboden markiert sind. Zwei Kojen sind in die Wand gehauen - einer muss auf dem Boden schlafen -, unten gibt es ein quadratisches Fach f�r Vorr�te. An der Wand h�ngt ein wei�es Blatt in Plastikfolie mit der �berschrift
REGELN F�R DEN BUNKER. Ich starre die kleinen schwarzen Striche auf dem Papier an. Zuerst werden sie von den Blutstropfen �berlagert, die ich einfach nicht aus dem Kopf kriege. Dann werden sie langsam zu Buchstaben und W�rtern. Der erste Absatz tr�gt die �berschrift
<emphasis>Bei der Ankunft.</emphasis></p><p><emphasis>1.</emphasis><emphasis>Stellen Sie sicher, dass alle Mitglieder Ihrer Wohneinheit anwesend sind.</emphasis></p><p>Meine Mutter und Prim sind noch nicht da, aber ich bin auch als eine der Ersten im Bunker angekommen. Wahrscheinlich sind die beiden noch damit besch�ftigt, Patienten zu verlegen.</p><p><emphasis>2.</emphasis><emphasis>Gehen Sie zur Versorgungsstelle und sichern Sie jedem Mitglied Ihrer Wohneinheit einen Kucksack. Bereiten Sie Ihr Lager vor. Geben Sie die Kucks�cke wieder ab.</emphasis></p><p>Ich schaue mich in der H�hle um, bis ich die Versorgungsstelle gefunden habe, einen tiefen Raum, der durch eine Theke abgetrennt ist. Ein paar Leute stehen dahinter, aber es ist noch nicht viel los. Ich gehe hin, nenne den Buchstaben unserer Wohneinheit und verlange drei Rucks�cke. Ein Mann �berpr�ft die Angaben, zieht die f�r uns bestimmten Rucks�cke aus dem Regal und legt sie mit Schwung auf die Theke. Ich setze mir einen auf den R�cken und nehme die anderen beiden in die H�nde. Als ich mich umdrehe, hat sich hinter mir eine Menschenansammlung gebildet. �Entschuldigung�, sage ich, w�hrend ich mich mit den Vorr�ten durch die Leute zw�nge. Ist das nur Zufall? Oder hat Plutarch recht? Orientieren sich die Leute an mir?</p><p>In unserem Lager �ffne ich einen Rucksack. Ich finde eine d�nne Matte, Bettzeug, graue Kleidung zum Wechseln, eine Zahnb�rste, einen Kamm und eine Taschenlampe. In den anderen beiden Rucks�cken befindet sich das Gleiche, zus�tzlich zu der grauen jedoch auch wei�e Kleidung. Die ist bestimmt f�r meine Mutter und Prim gedacht, f�r den Fall, dass ihr medizinischer Einsatz gefragt ist. Nachdem ich die Betten gemacht, die Kleidung verstaut und die Rucks�cke wieder abgegeben habe, kann ich nichts weiter tun, als die letzte Regel zu befolgen.</p><p><emphasis>3. Warten Sie auf weitere Anweisungen.</emphasis></p><p>Also setze ich mich im Schneidersitz auf den Boden und warte. Immer mehr Menschen str�men in die H�hle, nehmen ihre Lager in Beschlag und holen ihre Vorr�te ab. Es dauert nicht lange, da ist die H�hle voll. Ich frage mich, ob meine Mutter und Prim die Nacht an dem Ort verbringen, an den man die Patienten gebracht hat. Aber nein, das glaube ich nicht. Sie standen ja auf der Liste. Ich fange schon an, mir Sorgen zu machen, als meine Mutter endlich kommt. Allein, mitten unter Leuten, die ich nicht kenne. �Wo ist Prim?�, frage ich.</p><p>�Ist sie nicht hier?�, sagt meine Mutter. �Sie wollte direkt von der Krankenstation herkommen. Sie ist zehn Minuten vor mir los. Wo ist sie? Wohin k�nnte sie gegangen sein?�</p><p>Ich kneife die Augen zu, um sie aufzusp�ren, als w�re ich auf der Jagd. Ich sehe sie vor mir, wie sie auf die Sirene reagiert, wie sie sich hastig um die Patienten k�mmert, wie sie nickt, als man sie auffordert, in den Bunker zu gehen. Auf der Treppe z�gere ich mit ihr. Bin einen Moment lang hin und her gerissen. Warum nur?</p><p>Ich rei�e die Augen auf. �Der Kater! Sie holt den Kater!�</p><p>�Oh nein�, sagt meine Mutter. Wir wissen beide, dass ich recht habe. Wir schieben uns gegen den Strom, versuchen aus dem Bunker hinauszukommen. Oben machen sie sich daran, die Fl�gel der schweren Eisent�r zu schlie�en. Langsam drehen sie die Stahlr�der auf beiden Seiten nach innen. Wenn die T�r erst einmal geschlossen ist, das wei� ich, wird nichts auf der Welt die Soldaten dazu bringen, sie wieder zu �ffnen. Vielleicht st�nde es auch gar nicht in ihrer Macht. Ich dr�nge die Leute zur Seite, w�hrend ich den Soldaten zurufe, dass sie warten sollen. Der Abstand zwischen den Fl�geln schrumpft auf einen Meter, einen halben Meter, nur noch ein paar Zentimeter sind �brig, blo� meine Hand passt noch durch den Spalt.</p><p>�Machen Sie auf. Lassen Sie mich raus!�, schreie ich.</p><p>Die Soldaten sind unschl�ssig, dann schieben sie die Fl�gel ein St�ck zur�ck. Nicht so weit, dass ich hindurch kann, aber so weit, dass ich mir nicht die Finger klemme. Ich nutze die Gelegenheit, um mich mit einer Schulter in die �ffnung zu zw�ngen. �Prim!�, br�lle ich nach oben. Meine Mutter spricht beg�tigend auf die Wachen ein, w�hrend ich mich immer weiter durch den Spalt quetsche. �Prim!�</p><p>Da h�re ich es. Leise Schritte auf der Treppe. �Wir kommen!�, ruft meine Schwester.</p><p>�Halt die T�r auf!� Das war Gale.</p><p>�Sie kommen!�, sage ich zu den Wachen, woraufhin sie die T�r ein kleines St�ck weiter aufmachen. Aber vor lauter Angst, dass sie uns alle aussperren, wage ich mich nicht zu r�hren, bis Prim da ist, die Wangen rot vom Rennen, Butterblume auf dem Arm. Ich ziehe sie in die H�hle, Gale kommt hinterher und zw�ngt noch eine Menge Gep�ck durch die �ffnung. Mit einem lauten und endg�ltigen Knall geht die T�r zu.</p><p>�Was hast du dir blo� gedacht?� Aufgebracht sch�ttele ich Prim, dann umarme ich sie und zerdr�cke Butterblume fast.</p><p>Prim hat die Erkl�rung bereits parat. �Ich konnte ihn nicht zur�cklassen, Katniss�, sagt sie. �Nicht schon wieder. Du h�ttest sehen sollen, wie er durchs Zimmer gelaufen ist und gemaunzt hat. Er w�rde auch zur�ckkommen, um uns zu retten.�</p><p>�Ja, ja, schon gut.� Ich atme ein paarmal tief durch, gehe einen Schritt zur�ck und packe Butterblume im Nackenfell. �Ich h�tte dich ertr�nken sollen, als es noch nicht zu sp�t war.� Er legt die Ohren an und hebt eine Pfote. Ich fauche ihn an, bevor er es tut. Das �rgert ihn, er findet, Fauchen sollte ihm vorbehalten sein. Im Gegenzug maunzt er wie ein hilfloses kleines K�tzchen und meine Schwester springt ihm sofort zur Seite.</p><p>�Ach, Katniss, �rgere ihn nicht.� Sie nimmt ihn wieder in die Arme. �Er ist doch so schon au�er sich.�</p><p>Bei der Vorstellung, dass ich die zarten Gef�hle dieses Mistkaters verletzt habe, kriege ich schon wieder Lust, ihn zu �rgern.</p><p>Aber Prim ist wirklich verzweifelt. Also stelle ich mir nur vor, wie sein Fell ein Paar Handschuhe ziert, ein Bild, das mir �ber die Jahre geholfen hat, ihn zu ertragen. �Na gut, tut mir leid. Wir sind unter dem gro�en
<emphasis>E</emphasis>
an der Wand. Such ihm lieber ein Pl�tzchen, bevor er ausrastet.� Eilig geht Prim weg und jetzt stehe ich Gale direkt gegen�ber. In den H�nden h�lt er den Arzneikasten aus unserer K�che in Distrikt 12. Wo unser letztes Gespr�ch stattfand, unser letzter Kuss, unser letzter Streit, egal. Er tr�gt meine Jagdtasche �ber der Schulter.</p><p>�Wenn Peeta recht hat, h�tten die Sachen nicht �berlebt�, sagt er.</p><p>Peeta. Blut wie Regentropfen am Fenster. Wie feuchte Erde an den Stiefeln.</p><p>�Danke f�r � alles.� Ich nehme die Sachen. �Was hast du in unseren R�umen gemacht?�</p><p>�Nur noch mal alles kontrolliert�, sagt er. �Wir sind in siebenundvierzig, falls du mich brauchst.�</p><p>Als die T�r geschlossen wurde, haben sich fast alle auf ihre Pl�tze verzogen, und jetzt schauen mir mindestens f�nfhundert Leute zu, wie ich mich zu unserem neuen Zuhause begebe. Um meine Panikaktion von vorhin wiedergutzumachen, versuche ich jetzt, besonders ruhig und besonnen zu wirken. Als k�nnte ich irgendjemandem etwas vormachen. Ein tolles Vorbild bin ich. Aber was soll�s? Die Leute halten mich sowieso alle f�r verr�ckt. Ein Mann, den ich vermutlich umgesto�en habe, f�ngt meinen Blick auf und reibt sich emp�rt den Ellbogen. Am liebsten w�rde ich ihn auch anfauchen.</p><p>Prim hat Butterblume auf die untere Koje gesetzt und in eine Decke gewickelt, sodass nur sein Kopf herausguckt. So hat er es gern bei Gewitter, das Einzige, wovor er sich richtig furchtet. Meine Mutter stellt ihren Arzneikasten sorgf�ltig in das quadratische Fach. Mit dem R�cken zur Wand kauere ich mich hin und schaue mir an, was Gale alles in meine Jagdtasche gepackt hat. Das Pflanzenbuch, meine Jagdjacke, das Hochzeitsfoto meiner Eltern und die pers�nlichen Sachen aus meiner Schublade. Meine Spottt�lpelbrosche steckt jetzt ja immer an dem Kost�m, das Cinna f�r mich gemacht hat, aber da sind das goldene Medaillon und der silberne Fallschirm mit dem Zapfhahn und Peetas Perle. Ich verknote die Perle im Zipfel des Fallschirms und stecke sie ganz tief in meine Tasche, als w�re sie Peetas Leben und niemand k�nnte sie wegnehmen, solange ich darauf aufpasse.</p><p>Das ferne Ger�usch der Sirenen bricht abrupt ab. �ber die Lautsprecher des Distrikts ist Coins Stimme zu h�ren, sie dankt uns allen f�r eine vorbildliche Evakuierung der oberen Stockwerke. Sie betont, dass es sich nicht um eine �bung handele, da Peeta Mellark, der Sieger aus Distrikt 12, im Fernsehen vor einem Angriff auf 13 gewarnt habe, der m�glicherweise heute Nacht bevorstehe.</p><p>In diesem Moment f�llt die erste Bombe. Erst gibt es einen heftigen Schlag, gefolgt von einer Detonation, die in meinem Innersten nachhallt, in meinen Eingeweiden, im Knochenmark, in den Zahnwurzeln.
<emphasis>Wir werden alle sterben,</emphasis>
denke ich. Mein Blick wandert nach oben, ich rechne damit, gewaltige Risse in der Decke zu sehen, dicke Gesteinsbrocken, die auf uns herabregnen, aber der Bunker bebt nur ein wenig. Die Lichter gehen aus, und ich erlebe, wie orientierungslos man in v�lliger Dunkelheit ist. Die Laute der Menschen, die keine Worte f�r das Geschehen haben - spontane Schreie, unregelm��iges Atmen, das Wimmern von Babys, der Fetzen eines irren Lachens -, tanzen in der aufgeladenen Atmosph�re umher. Dann das Summen eines Generators, ein schwaches Flackern, so ganz anders als die grelle Beleuchtung, die in Distrikt 13 �blich ist. Es ist fast wie damals zu Hause in Distrikt 12, beim schwachen Schein von Kerzen und Kaminfeuer in einer Winternacht.</p><p>Im Zwielicht strecke ich den Arm nach Prim aus, halte mich an ihrem Bein fest und ziehe mich zu ihr hin�ber. Mit fester Stimme spricht sie beruhigend auf Butterblume ein. �Schon gut, Kleiner, alles ist gut. Hier unten kann uns nichts passieren.�</p><p>Meine Mutter nimmt uns in die Arme. Einen Augenblick lang gestehe ich mir zu, mich klein zu f�hlen, und lege den Kopf auf ihre Schulter. �Nichts im Vergleich zu den Bomben in Distrikt 8�, sage ich.</p><p>�Wahrscheinlich eine Bunkerbombe�, sagt Prim. Dem Kater zuliebe spricht sie immer noch mit sanfter Stimme. �Bei der Einf�hrungsveranstaltung f�r Neub�rger haben wir davon geh�rt. Sie dringen tief in die Erde ein, bevor sie losgehen. Weil es ja schon lange keinen Grund mehr gibt, die Oberfl�che von 13 zu bombardieren.�</p><p>�Atombomben?�, frage ich und merke, wie es mich kalt durchl�uft.</p><p>�Nicht unbedingt�, sagt Prim. �Manche enthalten nur eine Menge Sprengstoff. Aber � es k�nnte wohl beides sein.�</p><p>In dem D�mmerlicht ist die schwere Stahlt�r am Ende des Bunkers kaum zu erkennen. W�rde sie uns vor einem atomaren Angriff sch�tzen? Und selbst wenn sie, was sehr unwahrscheinlich ist, die Strahlung zu hundert Prozent abschirmen w�rde, k�nnten wir dann je wieder hier raus? Die Vorstellung, den Rest meines Lebens in dieser Gruft zu verbringen, ist entsetzlich.</p><p>Ich versp�re den Drang, wie eine Verr�ckte zur T�r zu rennen und zu verlangen, dass sie mich rauslassen, was auch immer mich dort erwartet. Aber es ist zwecklos. Sie w�rden mich nie hinauslassen und ich w�rde wom�glich eine Massenpanik ausl�sen.</p><p>�Wir sind so tief unter der Erde, bestimmt sind wir hier sicher�, sagt meine Mutter matt. Denkt sie an meinen Vater, der im Bergwerk in St�cke gerissen wurde? �Aber das war knapp. Gut, dass Peeta das N�tige getan und uns gewarnt hat.�</p><p>Das N�tige. Eine harmlose Umschreibung f�r alles, was n�tig war, um Alarm zu schlagen. Das Wissen, die Gelegenheit, der Mut. Und noch etwas anderes, das ich nicht benennen kann. Peeta schien mit sich ringen zu m�ssen, er musste sich �berwinden, die Botschaft zu �u�ern. Warum? Die Leichtigkeit, mit der er Worte verdrehen kann, ist sein gr��tes Talent. War die Anstrengung eine Folge der Folter? Oder mehr als das? Eine Art Wahnsinn?</p><p>Coins Stimme, vielleicht etwas h�rter als sonst, erf�llt den Bunker, die Lautst�rke flackert ebenso wie das Licht. �Offenbar war Peeta Mellarks Information korrekt und wir sind ihm zu gro�em Dank verpflichtet. Die Messinstrumente zeigen an, dass das erste Geschoss eine gro�e Sprengkraft hatte, jedoch nicht gestrahlt hat. Wir rechnen damit, dass weitere folgen werden. F�r die Dauer des Angriffs haben die Bewohner in ihren zugewiesenen Bereichen zu bleiben, solange keine anderslautenden Anweisungen erfolgen.�</p><p>Ein Soldat teilt meiner Mutter mit, dass sie in der Erste-Hilfe-Station gebraucht wird. Sie l�sst uns ungern allein, obwohl sie nur drei�ig Meter entfernt sein wird.</p><p>�Uns passiert schon nichts�, sage ich. �Glaubst du, an dem k�me jemand vorbei?� Ich zeige auf Butterblume, der mich so halbherzig anfaucht, dass wir alle ein wenig lachen m�ssen. Selbst ich habe Mitleid mit ihm. Nachdem meine Mutter weg ist, sage ich zu Prim: �Warum steigst du nicht mit ihm in die Koje?�</p><p>�Ich wei�, dass es albern ist � aber ich hab Angst, dass das Ding beim n�chsten Einschlag �ber uns zusammenkracht�, sagt sie.</p><p>Wenn die Kojen zusammenkrachen, bricht der ganze Bunker zusammen und begr�bt uns, doch diese Logik ist jetzt wohl wenig hilfreich. Anstatt etwas zu sagen, r�ume ich das Vorratsfach frei und bereite Butterblume darin ein Bett. Davor lege ich f�r meine Schwester und mich eine Matte.</p><p>Wir d�rfen in kleinen Gr�ppchen die Toilette benutzen und uns die Z�hne putzen, Duschen ist f�r heute allerdings gestrichen. Ich kuschele mich mit Prim auf die Matte. Die Decken nehmen wir doppelt, denn in der H�hle ist es feucht und kalt. Butterblume, der ungl�cklich ist, obwohl Prim sich die ganze Zeit um ihn k�mmert, kauert im Vorratsfach und st��t mir seinen Katzenatem ins Gesicht.</p><p>Trotz der misslichen Umst�nde bin ich dankbar f�r die Zeit mit meiner Schwester. Seit ich hier bin - nein, seit den ersten Spielen -, war ich so wahnsinnig besch�ftigt, dass ich mich kaum um sie k�mmern konnte. Ich habe nicht so auf sie aufgepasst wie n�tig, nicht so wie fr�her. Schlie�lich war es Gale, der unsere Wohneinheit durchgesehen hat, nicht ich. Das muss ich wiedergutmachen.</p><p>Ich habe sie noch nicht mal gefragt, wie sie den Schock verkraftet hat, dass es sie hierher verschlagen hat. �Und, Prim, wie gef�llt es dir in Distrikt 13?�, frage ich.</p><p>�Jetzt gerade?�, fragt sie zur�ck. Wir m�ssen lachen. �Manchmal habe ich f�rchterliches Heimweh. Aber dann f�llt mir ein, dass es nichts mehr gibt, wonach ich Heimweh haben k�nnte. Hier f�hle ich mich sicherer. Wir m�ssen keine Angst mehr um dich haben. Na ja, jedenfalls nicht mehr so wie fr�her.� Sie schweigt eine Weile, dann umspielt ein scheues L�cheln ihre Lippen. �Ich glaube, sie wollen mich zur �rztin ausbilden.�</p><p>Davon h�re ich zum ersten Mal. �Na klar. Sie w�ren sch�n bl�d, wenn sie das nicht machen w�rden.�</p><p>�Sie haben mich beobachtet, als ich auf der Krankenstation ausgeholfen habe. Ich besuche bereits die Sanit�tskurse. Das ist nur f�r Anf�nger. Einiges davon wei� ich schon von zu Hause. Trotzdem gibt es noch viel zu lernen�, sagt sie.</p><p>�Das ist ja toll�, sage ich. Prim als �rztin. Davon h�tte sie in Distrikt 12 nicht mal tr�umen k�nnen. Etwas Kleines, Stilles erhellt die Finsternis in meinem Innern, wie ein Streichholz, das angez�ndet wird. So eine Zukunft k�nnte die Rebellion uns bringen.</p><p>�Was ist mit dir, Katniss? Wie kommst du zurecht?� Ganz leicht und z�rtlich bewegt sie die Fingerspitzen zwischen Butterblumes Augen. �Und sag jetzt nicht, dass es dir gut geht.�</p><p>Sie hat recht. Mir geht es alles andere als gut. Also erz�hle ich ihr von Peeta, dass ich im Fernsehen zuschauen konnte, wie sein Zustand immer schlechter wurde, und dass sie ihn wom�glich gerade umbringen. Butterblume muss eine Weile allein klarkommen, denn jetzt wendet Prim sich ganz mir zu. Sie zieht mich fest an sich, streicht mir mit den Fingern die Haare hinter die Ohren. Ich habe aufgeh�rt zu reden, weil es eigentlich nichts mehr zu sagen gibt und weil dort, wo sich mein Herz befindet, ein bohrender Schmerz ist. Vielleicht habe ich sogar einen Herzanfall, aber es lohnt nicht, davon zu sprechen.</p><p>�Katniss, ich glaube nicht, dass Pr�sident Snow Peeta umbringt�, sagt sie. Nat�rlich sagt sie das, sie will mich beruhigen. Aber dann sagt sie etwas �berraschendes. �Sonst h�tte er keinen mehr, an dem dir etwas liegt. Dann k�nnte er dir nicht mehr wehtun.�</p><p>Da muss ich auf einmal an ein anderes M�dchen denken, an eine, die alles B�se gesehen hat, was das Kapitol zu bieten hat. Johanna Mason, Tribut aus Distrikt 7, in der letzten Arena. Ich habe sie davon abzuhalten versucht, in den Dschungel zu gehen, wo die Schnattert�lpel die Stimmen unserer Lieben nachahmten, die gefoltert wurden, aber sie hat mich nur beiseitegesto�en und gesagt:
<emphasis>�Die k�nnen mir nichts anhaben. Ich bin nicht wie ihr. Von meinen Lieben ist keiner mehr da.�</emphasis></p><p>Prim hat recht. Snow kann es sich nicht leisten, Peetas Leben zu vergeuden, schon gar nicht jetzt, da der Spottt�lpel solch ein Chaos anrichtet. Snow hat bereits Cinna get�tet. Mein Zuhause zerst�rt. Meine Familie, Gale und sogar Flaymitch sind au�erhalb seiner Reichweite. Peeta ist alles, was ihm bleibt.</p><p>�Was glaubst du dann, was sie mit ihm machen?�, frage ich.</p><p>Jetzt klingt Prim, als w�re sie tausend Jahre alt. �Was n�tig ist, um dich zu brechen.�</p><p><strong>11</strong></p><p><emphasis>Was wird mich brechen?</emphasis></p><p>Das ist die Frage, die mich in den n�chsten drei Tagen qu�lt, w�hrend wir darauf warten, dass wir aus unserem sicheren Gef�ngnis entlassen werden. Was wird mich in unz�hlige St�cke zerbrechen, sodass ich nicht wieder heil werden kann, nicht mehr zu gebrauchen bin? Ich spreche mit niemandem dar�ber, aber es verschlingt meine wachen Stunden und durchzieht meine Albtr�ume.</p><p>In dieser Zeit werden vier weitere Bunkerbomben abgefeuert, alle gewaltig, jedoch ohne gravierende Wirkung. Die Bomben sind �ber mehrere Stunden verteilt, und gerade wenn wir denken, jetzt ist es vorbei, jagt uns eine erneute Detonation Schockwellen durch die Eingeweide. Offenbar geht es ihnen eher darum, uns hier unten festzuhalten, als darum, Distrikt 13 zu schw�chen. Den Distrikt lahmlegen, ja. Die Leute damit besch�ftigen, ihn wieder funktionsf�hig zu machen. Aber ihn zerst�ren? Nein. In diesem Punkt hatte Coin recht. Das, worauf man es abgesehen hat, zerst�rt man nicht. Ein vordringliches Ziel besteht sicher darin, die Medienangriffe zu stoppen und zu verhindern, dass ich noch mal im Fernsehen von Panem auftrete.</p><p>Wir erhalten kaum Informationen, unsere Bildschirme schalten sich nie ein. Durch die Lautsprecher kl�rt Coin uns nur kurz �ber die Beschaffenheit der Bomben auf. Die Kriegshand hingen sind bestimmt noch nicht vorbei, aber �ber den Stand der Dinge werden wir im Dunkeln gelassen.</p><p>Im Bunker ist Zusammenarbeit das Gebot der Stunde. F�r alles gibt es einen strikten Plan, Mahlzeiten, Waschen, Bewegung und Schlafen. Hin und wieder d�rfen wir zusammenkommen, damit die Unt�tigkeit ertr�glicher wird. Unser Lager ist sehr beliebt, weil die Kinder und auch die Erwachsenen von Butterblume fasziniert sind. Mit seinem abendlichen Spiel �Der verr�ckte Kater� ist er ein richtiger Star. Ich habe es vor ein paar Jahren zuf�llig erfunden, als wir im Winter einen Stromausfall hatten. Man schwenkt eine Taschenlampe durch den Raum und Butterblume jagt dem Strahl hinterher. Fies, wie ich bin, habe ich meinen Spa� daran, weil ich finde, dass er dabei so d�mlich aussieht. Aus unerkl�rlichen Gr�nden finden alle anderen hier ihn klug und niedlich. F�r das Spektakel bekomme ich sogar neue Batterien zugeteilt - was f�r eine Verschwendung. Die Bewohner von 13 gieren wirklich nach Unterhaltung.</p><p>In der dritten Nacht finde ich w�hrend unseres Spiels die Antwort auf die Frage, die mich so qu�lt. Der verr�ckte Kater wird zur Metapher f�r meine Situation. Ich bin Butterblume, und Peeta, den ich unbedingt retten will, ist das Licht. Solange Butterblume das Gef�hl hat, er k�nne das tr�gerische Licht mit den Pfoten festhalten, ist er voller Angriffslust. (So war ich, als ich aus der Arena herauskam und erfuhr, dass Peeta lebt.) Wenn das Licht ganz ausgeht, ist Butterblume zun�chst verst�rt und verwirrt, doch nach kurzer Zeit f�ngt er sich wieder und besch�ftigt sich mit etwas anderem. (Das w�rde passieren, wenn Peeta sterben w�rde.) Doch was Butterblume wirklich fertigmacht, das ist, wenn ich die Taschenlampe eingeschaltet lasse, den Strahl aber hoch an die Wand halte, au�er Reichweite, sodass er nicht mal springen kann. Dann geht er an der Wand hin und her, maunzt und l�sst sich weder tr�sten noch ablenken. Erst wenn ich die Taschenlampe ausschalte, ist er wieder zu etwas zu gebrauchen. (Das versucht Snow jetzt mit mir zu machen, nur dass ich nicht wei�, welche Formen das Spiel annimmt.)</p><p>Vielleicht will Snow ja nur, dass ich das begreife. Es war schlimm genug zu glauben, dass er Peeta in der Hand hat und ihn foltert, um etwas �ber die Rebellen herauszubekommen. Aber zu denken, dass er ihn foltert, um mich au�er Gefecht zu setzen, ist unertr�glich. Und unter der Last dieser Erkenntnis fange ich tats�chlich an zu brechen.</p><p>Nach dem �Verr�ckten Kater� ist Schlafenszeit. Mal haben wir Strom, mal nicht; manchmal brennen die Lampen ganz hell, dann wieder blinzeln wir einander im D�mmerlicht an. Zur Schlafenszeit drehen sie das Licht fast v�llig runter und schalten in jedem Lager Notleuchten an. Prim, die jetzt �berzeugt ist, dass die W�nde halten, kuschelt sich mit Butterblume in die untere Koje. Meine Mutter liegt in der oberen. Ich biete an, mich in eine der Kojen zu legen, aber die beiden bestehen darauf, dass ich auf der Matte am Boden schlafe, weil ich in der Nacht immer so wild um mich schlage.</p><p>Jetzt schlage ich nicht um mich, meine Muskeln sind starr, weil ich mich mit aller Kraft zusammenrei�e. Der Schmerz in meinem Herzen ist wieder da, und ich stelle mir vor, wie sich von dort aus kleine Fissuren in meinem K�rper ausbreiten. Sie wandern durch meinen Oberk�rper und von dort in die Arme und Beine, �ber mein Gesicht, bis es von Rissen �bers�t ist. Eine ordentliche Ersch�tterung durch eine Bunkerbombe und ich w�rde in eigent�mliche, messerscharfe Scherben zersplittern.</p><p>Als die meisten Leute eingeschlafen sind, sch�le ich mich vorsichtig aus meiner Decke und gehe auf Zehenspitzen durch die H�hle, bis ich Finnick gefunden habe. Aus irgendeinem Grund sp�re ich, dass er mich verstehen wird. Er sitzt unter der Notleuchte in seinem Lager und macht Knoten in sein Seil, er tut nicht mal so, als w�rde er schlafen. W�hrend ich ihm zufl�stere, wie Snow mich brechen will, d�mmert es mir. F�r Finnick ist diese Strategie �berhaupt nichts Neues. Genau so haben sie ihn gebrochen.</p><p>�Das Gleiche tun sie dir mit Annie an, stimmt�s?�, sage ich.</p><p>�Sie haben sie jedenfalls nicht gefangen genommen, weil sie ihnen Informationen �ber die Rebellen beschaffen k�nnte�, erwidert er. �Sie wussten, dass ich es nie riskiert h�tte, ihr davon zu erz�hlen. Weil ich sie damit in Gefahr gebracht h�tte.�</p><p>�Oh, Finnick. Es tut mir so leid�, sage ich.</p><p>�Nein, mir tut es leid. Dass ich dich nicht gewarnt habe�, sagt er.</p><p>Pl�tzlich taucht eine Erinnerung auf. Ich, wie ich an mein Bett gefesselt bin, au�er mir vor Wut und Kummer nach der Rettung. Finnick versucht mich wegen Peeta zu tr�sten.
<emphasis>Die werden bald merken, dass er nichts wei�. Und sie werden ihn nicht t�ten, solange sie denken, sie k�nnen ihn gegen dich einsetzen.</emphasis>
�Du hast mich doch gewarnt. Auf der Krankenstation. Aber als du gesagt hast, sie w�rden Peeta gegen mich einsetzen, da dachte ich, du meinst, als K�der. Um mich ins Kapitol zu locken�, sage ich.</p><p>�Nicht mal das h�tte ich sagen sollen. Es war zu sp�t, um dir zu helfen. Wenn ich dich schon nicht vorher, vor dem Jubel-Jubil�um, gewarnt habe, h�tte ich mir auch den Hinweis darauf sparen k�nnen, wie Snow vorgeht.� Finnick rei�t am Ende seines Seils und ein komplizierter Knoten l�st sich auf. �Aber damals, als ich dich kennenlernte, da hab ich es nicht kapiert. Nach euren ersten Spielen dachte ich, die Liebesgeschichte w�re von deiner Seite aus nur Theater. Wir sind alle davon ausgegangen, dass du diese Taktik weiterverfolgen w�rdest. Erst als Peeta das Kraftfeld ber�hrt hat und fast gestorben w�re, da wusste ich �� Finnick z�gert.</p><p>Ich denke zur�ck an die Arena. Wie ich geschluchzt habe, als Finnick Peeta wiederbelebte. Sein verwirrter Gesichtsausdruck. Und wie er mein Benehmen entschuldigt und es auf die angebliche Schwangerschaft geschoben hat. �Was wusstest du da?�</p><p>�Da wusste ich, dass ich dich falsch eingesch�tzt hatte. Dass du ihn liebst. Auf welche Art, wei� ich nicht. Vielleicht wei�t du das selbst nicht. Aber jeder, der dich beobachtet hat, konnte sehen, wie viel er dir bedeutet�, sagt er sanft.</p><p>Jeder? Als Snow mich vor der Tour der Sieger besucht hat, hat er von mir verlangt, jeden Zweifel an meiner Liebe zu Peeta auszul�schen. ��berzeuge
<emphasis>mich�,</emphasis>
hat er gesagt. Unter dem hei�en rosa Himmel, als Peetas Leben an einem seidenen Faden hing, scheint mir das schlie�lich gelungen zu sein. Und indem es mir gelungen ist, habe ich Snow die Waffe zur Verf�gung gestellt, die er braucht, um mich zu brechen.</p><p>Lange sitzen Finnick und ich schweigend da, schauen den Knoten zu, wie sie entstehen und sich wieder aufl�sen, bis ich die Frage �ber die Lippen bringe: �Wie h�ltst du das aus?�</p><p>Finnick schaut mich ungl�ubig an. �Ich halte es nicht aus, Katniss! Nat�rlich nicht. Jeden Morgen qu�le ich mich aus Albtr�umen, um festzustellen, dass das Erwachen keine Erleichterung bringt.� Etwas in meinem Blick l�sst ihn verstummen. �Am besten gar nicht erst nachgeben. Sich wieder zusammenzuflicken, dauert zehnmal so lange, wie zu zerbrechen.�</p><p>Er muss es ja wissen. Ich hole tief Luft und zwinge mich dazu, ganz zu bleiben.</p><p>�Versuch dich abzulenken, das ist das Beste�, sagt er. �Morgen besorgen wir dir als Erstes ein eigenes Seil. Bis dahin kannst du meins haben.�</p><p>Den Rest der Nacht sitze ich auf meiner Matte und mache wie besessen Knoten, die ich dann Butterblume zeige. Wenn einer verd�chtig aussieht, f�ngt er ihn aus der Luft und bei�t ein paarmal hinein, damit er auch ganz sicher tot ist. Am n�chsten Morgen habe ich wunde Finger, aber ich mache weiter.</p><p>Nachdem es vierundzwanzig Stunden ruhig geblieben ist, verk�ndet Coin schlie�lich, dass wir den Bunker verlassen k�nnen. Unsere alten Quartiere sind ausgebombt worden. Alle bekommen ganz genaue Anweisungen, wo sich die neuen Wohneinheiten befinden. Wie angeordnet, r�umen wir unsere Lager und stellen uns gehorsam vor der T�r auf.</p><p>Ehe ich angekommen bin, taucht Boggs auf und zieht mich aus der Schlange. Er gibt Gale und Finnick ein Zeichen, zu uns zu kommen. Die anderen lassen uns durch. Einige l�cheln mich sogar an, durch das Spiel mit dem �Verr�ckten Kater� habe ich offenbar gepunktet. Zur T�r hinaus und die Treppe hoch, durch den Flur und zu den multidirektionalen Aufz�gen, die uns in die Waffenabteilung bringen. Unterwegs haben wir keine Zerst�rungen gesehen, aber wir sind auch noch immer tief unter der Erde.</p><p>Boggs f�hrt uns in einen Raum, der fast genauso aussieht wie die Kommandozentrale. Coin, Plutarch, Haymitch, Cressida und alle anderen am Tisch sehen ersch�pft aus. Irgendwer hat endlich den Kaffee rausgeholt - wenn auch garantiert nur als Aufputschmittel -, und Plutarch hat beide H�nde fest um die Tasse gelegt, als k�nnte sie ihm gleich wieder weggeschnappt werden.</p><p>Pr�sidentin Coin kommt sofort zur Sache. �Wir brauchen euch vier in voller Montur �ber der Erde. Ihr habt genau zwei Stunden Zeit, um Bildmaterial zu sammeln, das erstens die Zerst�rung durch die Bomben zeigt, zweitens beweist, dass die Milit�reinheit von 13 nicht nur funktioniert, sondern �berm�chtig ist, und vor allem, drittens, dass der Spottt�lpel noch lebt. Fragen?�</p><p>�K�nnen wir einen Kaffee bekommen?�, fragt Finnick.</p><p>Dampfende Tassen werden verteilt. Voller Abscheu schaue ich auf die gl�nzende schwarze Fl�ssigkeit. Ich war noch nie ein gro�er Freund von dem Zeug, aber vielleicht kann ich mich damit besser auf den Beinen halten. Finnick kippt mir etwas Sahne in meine Tasse und langt in das Zuckersch�lchen. �M�chtest du ein St�ck Zucker?�, fragt er mit seiner alten Verf�hrerstimme. So haben wir uns kennengelernt, Finnick bot mir Zucker an. Umgeben von Pferden und Wagen, kost�miert und geschminkt f�r die Massen. Bevor wir Verb�ndete wurden. Bevor ich eine Ahnung hatte, wie er tickt. Bei der Erinnerung daran muss ich tats�chlich l�cheln. �Hier, damit schmeckt es besser�, sagt er mit seiner normalen Stimme und l�sst drei St�ck Zucker in meinen Kaffee fallen.</p><p>Als ich mich umdrehe, um mein Spottt�lpelkost�m anzuziehen, sehe ich, wie Gale ungl�cklich zu Finnick und mir schaut. Was soll das jetzt? Denkt er etwa, da l�uft was zwischen uns?</p><p>Vielleicht hat er mitgekriegt, dass ich letzte Nacht bei Finnick war. Auf dem Weg zu ihm bin ich wahrscheinlich am Lager der Hawthornes vorbeigekommen. Das ist ihm wohl gegen den Strich gegangen. Dass ich Finnicks N�he gesucht habe und nicht seine. Na, wennschon. Meine Finger brennen vom Knotenmachen, ich kann die Augen kaum offen halten, ein Kamerateam wartet darauf, dass ich irgendwas Geniales zustande bringe, und Snow hat Peeta in seiner Gewalt. Soll Gale doch denken, was er will.</p><p>Noch ehe der Kaffee abgek�hlt ist, hat mein Vorbereitungsteam mich in dem neuen Erneuerungsstudio in der Waffenabteilung in mein Spottt�lpelkost�m gesteckt, frisiert und dezent geschminkt. Zehn Minuten sp�ter begeben sich die Darsteller und das Team des n�chsten Propos �ber die vielen gewundenen Treppen nach drau�en. Unterwegs schl�rfe ich meinen Kaffee, der durch Sahne und Zucker deutlich gewinnt. Als ich den Kaffeesatz runterkippe, der sich in der Tasse abgesetzt hat, merke ich, dass ich mich leicht berauscht f�hle.</p><p>Nach einer letzten Treppe bet�tigt Boggs einen Hebel und eine Fallt�r �ffnet sich. Frische Luft str�mt herein. Ich atme tief durch, und erst jetzt kann ich mir in G�nze eingestehen, wie gr�sslich ich es im Bunker fand. Wir kommen in den Wald und ich lasse die H�nde durch die Bl�tter �ber meinem Kopf gleiten. Einige fangen schon an, sich zu verf�rben. �Der Wievielte ist heute?�, frage ich niemand Bestimmten. Boggs antwortet, dass n�chste Woche der September anf�ngt.</p><p>September. Dann hat Snow Peeta jetzt schon f�nf oder sechs Wochen in seinen Klauen. Ich schaue auf meine Hand und sehe, dass sie zittert. Ich schaffe es nicht, das Zittern zu unterdr�cken. Ich schiebe es auf den Kaffee und konzentriere mich darauf, langsamer zu atmen, denn f�r das Tempo, in dem ich gehe, atme ich viel zu schnell.</p><p>Je weiter wir vordringen, desto mehr Tr�mmer liegen auf dem Waldboden verstreut. Wir sehen den ersten Bombenkrater, drei�ig Meter breit, wie tief er ist, wei� ich nicht. Sehr tief. Boggs sagt, wahrscheinlich w�re jeder auf den obersten zehn Ebenen get�tet worden. Wir gehen um die Vertiefung herum und marschieren weiter.</p><p>�Kann man das wiederaufbauen?�, fragt Gale.</p><p>�Nicht in n�chster Zeit. Die Bombe hier hat kaum Schaden angerichtet. Nur ein paar Ersatzgeneratoren und eine Gefl�gelfarm�, sagt Boggs. �Wir sperren den Krater einfach ab.�</p><p>Als wir den Zaun hinter uns lassen, gibt es keine B�ume mehr. Die Krater sind von einer Mischung aus altem und neuem Schutt umringt. Vor der Bombardierung war nur ein kleiner Teil von Distrikt 13 oberirdisch. Ein paar Wachstationen. Das �bungsgel�nde. Etwa ein halber Meter der obersten Etage unseres Trakts - wo Butterblumes Fenster hinausging - und dar�ber ein paar Meter Stahl. Selbst das war nicht daf�r gebaut, mehr als einem oberfl�chlichen Angriff standzuhalten.</p><p>�Wie viel Zeit hattet ihr durch Peetas Warnung?�, fragt Haymitch.</p><p>�Ungef�hr zehn Minuten sp�ter h�tte unser Alarmsystem die Geschosse identifiziert�, sagt Boggs.</p><p>�Aber es hat was gebracht, oder?�, frage ich. Ich ertrage es nicht, wenn er jetzt Nein sagt.</p><p>�Auf jeden Fall�, antwortet Boggs. �Die Zivilbev�lkerung konnte vollst�ndig evakuiert werden. Bei einem Angriff z�hlt jede Sekunde. Zehn Minuten bedeuten, dass viele Leben gerettet wurden.�</p><p><emphasis>Prim,</emphasis>
denke ich.
<emphasis>Und Gate.</emphasis>
Sie waren nur wenige Minuten vor der ersten Bombe im Bunker. M�glicherweise hat Peeta die beiden gerettet. Zwei Namen auf der Liste der Dinge, f�r die ich ihm ewig dankbar sein werde.</p><p>Cressida schl�gt vor, mich vor den Ruinen des alten Justizgeb�udes zu filmen - eine witzige Idee, denn es diente dem Kapitol jahrelang als Kulisse f�r gef�lschte Nachrichten. Sie wollten damit zeigen, dass Distrikt 13 nicht mehr existiert. Seit dem letzten Angriff klafft etwa zehn Meter vom Justizgeb�ude entfernt ein Bombenkrater.</p><p>Als wir auf den einst pr�chtigen Eingang zugehen, zeigt Gale pl�tzlich auf etwas, und wir alle halten inne. Erst wei� ich nicht, was los ist, dann sehe ich, dass der Boden mit lauter rosa und roten Rosen �bers�t ist. �Nicht anfassen!�, schreie ich. �Die sind f�r mich!�</p><p>Der widerlich s��e Geruch dringt mir in die Nase und das Herz h�mmert mir gegen die Brust. Also habe ich es mir doch nicht eingebildet. Die Rose auf meiner Kommode. Vor mir liegt Snows zweite Lieferung. Langstielige rosa und rote Sch�nheiten, genau die gleichen, mit denen das Studio dekoriert war, in dem Peeta und ich nach dem Sieg interviewt wurden. Blumen, die nicht f�r eine Person gedacht sind, sondern f�r zwei Liebende.</p><p>Ich erkl�re es den anderen, so gut ich kann. Bei n�herer Untersuchung stellt sich heraus, dass sie genetisch ver�ndert, aber harmlos sind. Zwei Dutzend Rosen. Leicht verwelkt. Vermutlich nach der Bombardierung hier verstreut worden. Eine Mannschaft in Spezialanz�gen sammelt sie ein und karrt sie weg. Doch ich bin mir sicher, dass sie nichts Besonderes daran finden werden. Snow wei� genau, was er mir antut. Es ist genau so, wie als Tribut im Glaszylinder zu stehen und zuzusehen, wie Cinna zusammengeschlagen wird. Es soll mich aus der Fassung bringen.</p><p>Wie damals versuche ich, mich zu fangen und mich zu wehren. Aber als Cressida Castor und Pollux ruft, sp�re ich die Angst in mir hochsteigen. Ich bin so m�de und angespannt, und seit ich die Rosen gesehen habe, kann ich nur noch an Peeta denken. Der Kaffee war ein Riesenfehler. Wenn ich eins nicht gebraucht habe, dann etwas Aufputschendes. Ich zittere am ganzen K�rper und kann nicht richtig atmen. Nach Tagen im Bunker muss ich blinzeln, egal, in welche Richtung ich schaue, das Licht tut mir in den Augen weh. Trotz der k�hlen Brise l�uft mir der Schwei� �bers Gesicht.</p><p>�Was genau wollt ihr noch mal von mir?�, frage ich.</p><p>�Nur ein paar Worte, die zeigen, dass du lebst und immer noch Kampfgeist hast�, sagt Cressida.</p><p>�Na gut.� Ich mache mich bereit, dann starre ich in das rote Licht. Starre und starre. �Es tut mir leid. Mir f�llt nichts ein.�</p><p>Cressida kommt zu mir. �Geht es dir gut?� Ich nicke. Sie nimmt ein kleines Tuch aus der Tasche und tupft mir das Gesicht ab. �Wie w�r�s mit dem guten alten Frage-und-Antwort-Spiel?�</p><p>�Ja. Ich glaub, das war besser.� Ich verschr�nke die Arme, damit das Zittern nicht so auff�llt. Schaue zu Finnick, der den Daumen hochh�lt. Aber er sieht selbst ganz sch�n zittrig aus.</p><p>Cressida nimmt ihre Position wieder ein. �Also, Katniss. Du hast die Bombardierung von Distrikt 13 durch das Kapitol �berlebt. Wie war das im Vergleich zu dem, was du in Distrikt 8 �ber der Erde erlebt hast?�</p><p>�Wir waren diesmal so tief unten, dass keine richtige Gefahr bestand. Distrikt 13 ist wohlauf und das bin �� Mit einem hohen, trockenen Ton erstickt meine Stimme.</p><p>�Versuch den Satz noch mal�, sagt Cressida. �Distrikt 13 ist wohlauf und das bin ich auch.�</p><p>Ich atme tief durch, versuche Luft in mein Zwerchfell zu pressen. �Distrikt 13 ist wohlauf und das �� Nein, so nicht.</p><p>Ich habe immer noch den Duft der Rosen in der Nase.</p><p>�Katniss, nur diesen einen Satz, dann hast du es f�r heute geschafft. Versprochen�, sagt Cressida. �Distrikt 13 ist wohlauf und das bin ich auch.�</p><p>Ich sch�ttele die Arme aus, um lockerer zu werden. Stemme die F�uste in die Seiten. Lasse die Arme sinken. Die Spucke l�uft mir im Mund zusammen und ich sp�re einen Brechreiz im Hals. Ich schlucke schwer und �ffne den Mund, damit ich den bl�den Satz sagen und mich im Wald verstecken kann und � in dem Moment fange ich an zu weinen.</p><p>Ich kann nicht mehr der Spottt�lpel sein. Kann noch nicht mal diesen einen Satz sagen. Denn jetzt wei� ich, dass Peeta unter allem, was ich sage, unmittelbar zu leiden h�tte. Dass sie ihn wieder foltern w�rden. T�ten werden sie ihn nicht, nein, so gn�dig sind sie nicht. Snow wird schon daf�r sorgen, dass Peetas Leben viel schlimmer ist als der Tod.</p><p>�Schnitt�, h�re ich Cressida ruhig sagen.</p><p>�Was hat sie denn?�, fragt Plutarch leise.</p><p>�Sie hat begriffen, wie Snow Peeta benutzt�, sagt Finnick.</p><p>Die Leute, die in einem Halbkreis vor mir stehen, sto�en so etwas wie einen kollektiven Seufzer des Bedauerns aus. Weil ich es jetzt wei�. Weil es mir nie mehr m�glich sein wird, es nicht zu wissen. Weil es nicht nur unter milit�rischen Gesichtspunkten einen Nachteil bedeutet, einen Spottt�lpel zu verlieren, sondern weil ich dar�ber hinaus gebrochen bin.</p><p>Viele wollen mich umarmen. Aber ich will mich nur von einem tr�sten lassen, von Haymitch, weil auch er Peeta liebt. Ich strecke die Arme nach ihm aus und sage seinen Namen, und dann ist er da, h�lt mich fest und t�tschelt mir den R�cken. �Schon gut. Alles wird gut, S��e.� Er setzt mich auf eine umgest�rzte Marmors�ule und h�lt den Arm um meine Schultern, w�hrend ich schluchze.</p><p>�Ich kann das nicht mehr�, sage ich.</p><p>�Ich wei߫, sagt er.</p><p>�Ich kann nur daran denken � was er Peeta antun wird � weil ich der Spottt�lpel bin!�, sto�e ich hervor.</p><p>�Ich wei�.� Haymitch nimmt mich fester in den Arm.</p><p>�Hast du das gesehen? Wie verr�ckt er sich benommen hat? Was machen sie nur mit ihm?� Zwischen den Schluchzern schnappe ich nach Luft, und am Ende bringe ich noch einen Satz heraus: �Ich bin schuld!� Und dann werde ich richtig hysterisch, ich sp�re einen Nadelstich im Arm und die Welt entgleitet mir.</p><p>Es muss etwas Starkes sein, was sie mir da gespritzt haben, denn es dauert einen ganzen Tag, bis ich wieder zu mir komme. Aber ich hatte keinen friedlichen Schlaf. Es f�hlt sich so an, als w�rde ich aus einer unheimlichen, dunklen Welt auftauchen, in der ich allein herumgereist bin. Haymitch sitzt auf dem Stuhl neben meinem Bett, seine Haut w�chsern, die Augen blutunterlaufen. Ich denke an Peeta und fange wieder an zu zittern.</p><p>Haymitch dr�ckt mir die Schulter. �Es wird alles gut. Wir versuchen Peeta rauszuholen.�</p><p>�Was?� Ich verstehe �berhaupt nichts.</p><p>�Plutarch schickt eine Rettungsmannschaft aus. Er hat Leute da drin. Er glaubt, wir k�nnen Peeta lebend rausholen�, sagt er.</p><p>�Warum haben wir das nicht schon vorher gemacht?�, frage ich.</p><p>�Weil es verlustreich wird. Aber alle sind sich einig, dass wir es tun m�ssen. Die gleiche Entscheidung haben wir damals in der Arena getroffen. Alles zu tun, damit du weitermachen kannst. Wir k�nnen es uns jetzt nicht leisten, den Spottt�lpel zu verlieren. Und du kannst deine Rolle nur spielen, wenn du wei�t, dass Snow Peeta nichts anhaben kann.� Haymitch reicht mir eine Tasse. �Hier, trink mal was.�</p><p>Langsam setze ich mich auf und trinke einen Schluck Wasser. �Was meinst du mit verlustreich?�</p><p>Er zuckt die Achseln. �Es werden Leute auffliegen. Manche bezahlen vielleicht mit dem Leben. Aber vergiss nicht, dass jeden Tag welche draufgehen. Und wir wollen nicht nur Peeta rausholen, sondern auch Annie f�r Finnick.�</p><p>�Wo ist er?�, frage ich.</p><p>�Hinter dem Vorhang, schl�ft sein Beruhigungsmittel aus. Gleich nachdem wir dir die Spritze verpasst hatten, ist er ausgeklinkt�, sagt Haymitch. Ich l�chele ein wenig, jetzt komme ich mir nicht mehr ganz so schwach vor. �Ja, das war wirklich ein toller Dreh. Ihr beide mit Nervenzusammenbruch und Boggs allein vor der Aufgabe, Peetas Befreiung zu organisieren. Wir strahlen jetzt Wiederholungen aus.�</p><p>�Wenn Boggs sich um die Sache k�mmert, ist das ja schon mal gut�, sage ich.</p><p>�Oh ja, er hat alles im Griff. Sie haben Freiwillige gesucht, aber meine Hand hat er sicherheitshalber �bersehen�, sagt Haymitch. �Siehst du? Damit hat er doch schon ein gutes Urteilsverm�gen bewiesen.�</p><p>Irgendwas stimmt da nicht. Haymitch versucht ein bisschen zu sehr, mich aufzuheitern. Das sieht ihm so gar nicht �hnlich. �Und wer hat sich noch gemeldet?�</p><p>�Ich glaube, es waren insgesamt sieben�, sagt er ausweichend.</p><p>Ich habe ein unangenehmes Gef�hl in der Magengrube. �Wer, Haymitch?�</p><p>Schlie�lich gibt er das Theater auf. �Das wei�t du doch, Katniss. Du wei�t, wer als Erster vorgetreten ist.�</p><p>Nat�rlich wei� ich es.</p><p>Gale.</p><p><strong>12</strong></p><p><emphasis>Heute k�nnte ich sie beide verlieren.</emphasis>
Ich versuche mir eine Welt vorzustellen, in der sowohl Gales als auch Peetas Stimme verstummt sind. Die H�nde reglos. Die Augen starr. Ich stehe vor ihren K�rpern, schaue sie ein letztes Mal an, verlasse den Raum, in dem sie liegen. Doch als ich die T�r �ffne und in die Welt hinaustrete, ist da nur eine riesengro�e Leere. Meine Zukunft ein blassgraues Nichts.</p><p>�Sollen sie dich bet�uben, bis es vorbei ist?�, fragt Haymitch. Das ist kein Scherz. Er hat jahrelang an der Flasche gehangen und versucht, sich gegen die Verbrechen des Kapitols zu bet�uben. Bestimmt hatte der sechzehnj�hrige Junge, der einst das zweite Jubel-Jubil�um gewonnen hat, Menschen, die er geliebt hat - Verwandte, Freunde, vielleicht eine Liebste - und zu denen er zur�ckwollte. Wo sind sie jetzt? Wie kommt es, dass es, bis er Peeta und mich am Bein hatte, niemanden in seinem Leben gab? Was hat Snow mit ihnen gemacht?</p><p>�Nein�, sage ich. �Ich will mit ins Kapitol. Ich will bei der Rettungsmission dabei sein.�</p><p>�Sie sind schon weg�, sagt Haymitch.</p><p>�Wann sind sie aufgebrochen? Ich k�nnte sie einholen. Ich k�nnte �� Was? Was k�nnte ich tun?</p><p>Haymitch sch�ttelt den Kopf. �Kommt nicht infrage. Du bist zu wertvoll und zu angreifbar. Es stand zur Debatte, dich in einen anderen Distrikt zu schicken, um das Kapital w�hrend der Rettungsaktion abzulenken. Aber wir hatten alle das Gef�hl, dass es dich �berfordern w�rde.�</p><p>�Bitte, Haymitch!� Jetzt flehe ich ihn an. �Ich muss irgendwas machen. Ich kann nicht hier rumsitzen und abwarten, ob sie sterben. Es muss doch irgendwas geben, was ich tun kann!�</p><p>�Na gut. Ich rede mit Plutarch. Du r�hrst dich nicht vom Fleck.� Aber das ist unm�glich. Haymitchs Stimme hallt noch im Flur, als ich durch den Spalt im Vorhang zum Nachbarbett schl�pfe. Finnick liegt ausgestreckt auf dem Bauch, die H�nde ins Kopfkissen vergraben. Obwohl es feige ist und auch grausam, ihn aus dem schemenhaften, ged�mpften Land der Drogen in die harte Wirklichkeit zu holen, wecke ich ihn, weil ich es allein nicht ertragen kann.</p><p>Als ich ihm unsere Situation erkl�re, legt sich seine anf�ngliche Aufregung seltsamerweise. �Verstehst du nicht, Katniss? Jetzt wird sich alles entscheiden. So oder so. Heute Abend sind sie entweder tot oder bei uns. Das ist� das ist mehr, als wir uns erhoffen konnten!�</p><p>Das ist wirklich eine entspannte Sicht auf die Lage. Und doch liegt etwas Beruhigendes in dem Gedanken, dass diese Qual bald ein Ende haben k�nnte.</p><p>Der Vorhang wird zur Seite gerissen. Haymitch. Wenn wir uns zusammenrei�en, hat er eine Aufgabe f�r uns. Es wird immer noch Bildmaterial von Distrikt 13 nach der Bombardierung gebraucht. �Wenn wir das in den n�chsten Stunden kriegen, kann Beetee es w�hrend der Rettungsaktion ausstrahlen und das Kapital damit m�glicherweise ablenken.�</p><p>�Ja, ein Ablenkungsman�ver�, sagt Finnick.</p><p>�Wir brauchen etwas, das die Leute so fesselt, dass selbst Pr�sident Snow sich nicht losrei�en kann. H�ttet ihr da was auf Lager?�, fragt Haymitch.</p><p>Jetzt, mit einer Aufgabe, die f�r die Rettungsaktion vielleicht wichtig ist, kann ich mich wieder konzentrieren. W�hrend ich mein Fr�hst�ck herunterschlinge und zurechtgemacht werde, �berlege ich, was ich sagen k�nnte. Pr�sident Snow fragt sich bestimmt, wie der blutbespritzte Fu�boden und seine Rosen auf mich gewirkt haben. Wenn er mich kaputt haben will, muss ich eben heil sein. Aber es wird bestimmt nicht gen�gen, ein paar trotzige Phrasen in die Kamera zu br�llen. Au�erdem w�rde die Rettungsmannschaft dadurch keine Zeit gewinnen. Ausbr�che sind schnell vorbei. Geschichten dagegen brauchen ihre Zeit.</p><p>Ich wei� nicht, ob es funktionieren wird, aber als das Fernsehteam oben versammelt ist, bitte ich Cressida, mich nach Peeta zu fragen. Ich setze mich auf die umgest�rzte Marmors�ule, wo ich meinen Zusammenbruch hatte, und warte auf das rote Licht und Cressidas Frage.</p><p>�Wie hast du Peeta kennengelernt?�, fragt sie.</p><p>Und dann mache ich das, was Haymitch sich schon bei meinem ersten Interview gew�nscht hat, ich �ffne mich. �Als ich Peeta kennenlernte, war ich elf Jahre alt und halb tot.� Ich erz�hle von dem schrecklichen Tag, als ich versuchte, im Regen Babysachen zu verkaufen, wie Peetas Mutter mich vom Eingang der B�ckerei verjagt hat und wie er Pr�gel daf�r bezog, dass er mir die Brote besorgte, die meiner Familie und mir das Leben retteten. �Wir haben kein Wort miteinander gewechselt. Das erste Mal habe ich mit Peeta gesprochen, als wir zusammen im Zug zu den Spielen sa�en.�</p><p>�Aber da war er schon in dich verliebt�, sagt Cressida.</p><p>�Kann gut sein.� Ich gestatte mir ein kleines L�cheln.</p><p>�Wie kommst du mit der Trennung zurecht?�, fragt sie.</p><p>�Nicht gut. Ich wei�, dass Snow ihn jeden Moment umbringen k�nnte. Vor allem, seit Peeta Distrikt 13 vor der Bombardierung gewarnt hat. Es ist entsetzlich, damit zu leben�, sage ich. �Aber weil sie ihm so etwas antun, gibt es f�r mich auch keinen Grund mehr, mich zur�ckzuhalten. Ich kann jetzt alles daransetzen, das Kapitol zu zerst�ren. Endlich bin ich frei.� Ich schaue nach oben und sehe einen Bussard am Himmel fliegen. �Pr�sident Snow hat mir einmal gestanden, das Kapitol sei wacklig. Damals wusste ich nicht, was er damit meinte. Ich konnte nicht klar denken, weil ich solche Angst hatte. Jetzt habe ich keine Angst mehr. Das Kapitol ist wacklig, weil es in jeder Hinsicht von den Distrikten abh�ngig ist. Lebensmittel, Energie, selbst die Friedensw�chter, die uns in Schach halten. Wenn wir unsere Freiheit verk�nden, bricht das Kapitol zusammen. Pr�sident Snow, Ihnen habe ich es zu verdanken, dass ich heute offiziell meine Freiheit verk�nden kann.�</p><p>Ich war ganz gut, vielleicht sogar umwerfend. Die Geschichte mit dem Brot finden alle unheimlich toll. Und meine Botschaft an Pr�sident Snow hat in Plutarchs Kopf etwas in Gang gesetzt. Schnell ruft er Finnick und Haymitch zu sich, und sie haben ein kurzes, intensives Gespr�ch, mit dem Haymitch offenbar nicht gl�cklich ist. Plutarch scheint sich durchzusetzen - Finnick ist blass, doch schlie�lich nickt er.</p><p>Als Finnick sich anschickt, meinen Platz vor der Kamera einzunehmen, sagt Haymitch zu ihm: �Du musst nicht.�</p><p>�Doch. Wenn es ihr hilft.� Finnick kn�llt das Seil in seiner Hand zusammen. �Ich bin so weit.�</p><p>Ich wei� nicht, was jetzt kommt. Eine Liebesgeschichte �ber Annie? Ein Bericht �ber die Missst�nde in Distrikt 4? Doch Finnick Odair schl�gt eine ganz andere Richtung ein.</p><p>�Pr�sident Snow hat mich � verkauft � genauer gesagt meinen K�rper�, erz�hlt er ausdruckslos, distanziert. �Ich war nicht der Einzige. Wenn ein Sieger als begehrenswert gilt, benutzt der Pr�sident ihn als Belohnung oder bietet ihn f�r eine gro�e Summe an. Weigert man sich, t�tet er jemanden, den man liebt. Also macht man mit.�</p><p>Das ist die Erkl�rung. Finnicks Parade von Geliebten im Kapitol. Sie waren nie richtige Geliebte. Nur solche Menschen wie unser fr�herer Oberster Friedensw�chter Cray, der sich verzweifelte M�dchen kaufte, um sie zu benutzen und wegzuwerfen, weil er es sich leisten konnte. Am liebsten w�rde ich den Dreh unterbrechen und Finnick um Verzeihung daf�r bitten, dass ich ihn so falsch eingesch�tzt habe. Aber wir m�ssen unseren Auftrag ausf�hren, und ich merke, dass Finnicks Beitrag weitaus wirkungsvoller sein wird als meiner.</p><p>�Ich war nicht der Einzige, aber ich war der Beliebteste�, sagt er. �Vielleicht auch der Hilfloseste, weil die Menschen, die ich liebte, so hilflos waren. Die, die das Bett mit mir teilten, beschenkten mich mit Geld oder Schmuck, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Aber ich entdeckte eine viel wertvollere Form der Bezahlung.�</p><p><emphasis>Geheimnisse,</emphasis>
denke ich. Finnick hat mir erz�hlt, dass seine Geliebten ihn damit bezahlten, nur dass ich annahm, er h�tte dieses Arrangement freiwillig gew�hlt.</p><p>�Geheimnisse�, sagt er, ein Echo meiner Gedanken. �Und hier bleiben Sie lieber dran, Pr�sident Snow, denn so viele dieser Geheimnisse handelten von Ihnen. Aber zun�chst ein paar von den anderen.�</p><p>Finnick webt einen Teppich, der mit so vielen Details geschm�ckt ist, dass man nicht an seiner Echtheit zweifeln kann. Geschichten von ungew�hnlichen sexuellen Vorlieben, von Untreue, ma�loser Gier und blutigen Machtspielchen. Geheimnisse, die des Nachts im Rausch auf feuchten Kopfkissen gefl�stert wurden. Finnick wurde gekauft und verkauft. Ein Sklave aus einem Distrikt. Ein gut aussehender zwar, doch im Grunde harmlos. Wem h�tte er schon etwas erz�hlen sollen? Und wer h�tte ihm geglaubt? Aber manche Geheimnisse sind zu k�stlich, um sie nicht weiterzuerz�hlen. Ich kenne die Leute nicht, die Finnick erw�hnt - alle scheinen wohlbekannte Bewohner des Kapitols zu sein -, doch durch das Geplapper meines Vorbereitungsteams wei� ich, wie viel Aufmerksamkeit bereits der kleinste Fauxpas erregen kann. Wenn man sich schon �ber einen misslungenen Haarschnitt stundenlang das Maul zerrei�en kann, was werden dann erst Vorw�rfe von Inzest, Verrat, Erpressung und Brandstiftung ausl�sen? Und w�hrend Schock und Schuldzuweisungen das Kapitol bereits ersch�ttern, warten die Menschen dort, genau wie ich jetzt, gespannt darauf, was es �ber den Pr�sidenten zu erz�hlen gibt.</p><p>�Und jetzt zu unserem guten Pr�sidenten Coriolanus Snow�, sagt Finnick. �So ein junger Mann, als er an die Macht kam. Und so schlau, an der Macht zu bleiben. Gewiss fragen Sie sich, wie er das geschafft hat? Ein Wort. Mehr brauchen Sie nicht zu wissen.
<emphasis>Gift.�</emphasis>
Finnick ruft den Zuschauern Snows politischen Aufstieg in Erinnerung, von dem ich nichts wei�, wie er sich zum Pr�sidenten hochgearbeitet hat und wie seine politischen Gegner und, schlimmer noch, seine Verb�ndeten, sobald sie zur Bedrohung wurden, einer nach dem anderen auf mysteri�se Weise ums Leben kamen. Wie Menschen auf einem Fest pl�tzlich tot umfielen oder langsam und unerkl�rlich �ber Monate hinweg zum Schatten ihrer selbst wurden. Man schob es auf verdorbene Schalentiere, schwer nachweisbare Viren oder eine unentdeckte Schw�che der Hauptschlagader. Wie Snow selbst aus der vergifteten Tasse trank, um den Verdacht zu zerstreuen. Aber ein Gegengift wirkt nicht immer. Man sagt, dass er deshalb die parf�mierten Rosen tr�gt. Sie sollen den Blutgeruch �bert�nchen, der von den offenen Wunden in seinem Mund herr�hrt. Man sagt, man sagt, man sagt � Snow habe eine Liste, und niemand wei�, wer als N�chstes dran ist.</p><p>Gift. Die perfekte Waffe f�r eine Schlange.</p><p>Ich habe eine so niedrige Meinung vom Kapitol und seinem feinen Pr�sidenten, dass mich Finnicks Anschuldigungen nicht sonderlich schockieren. Auf die vertriebenen Rebellen aus dem Kapitol, auf mein Team und Fulvia scheinen sie einen weitaus gr��eren Effekt zu haben - selbst Plutarch wirkt hin und wieder �berrascht, vielleicht fragt er sich, wie ihm die eine oder andere Pikanterie entgehen konnte. Als Finnick fertig ist, lassen sie die Kameras einfach laufen, bis er schlie�lich selbst sagen muss: �Schnitt!�</p><p>Das Team verschwindet schnell, um das Material zu schneiden, und Plutarch nimmt Finnick f�r ein kleines Gespr�ch beiseite. Vermutlich will er herauskriegen, ob er noch mehr Geschichten auf Lager hat. Ich bleibe mit Haymitch in den Tr�mmern zur�ck und frage mich, ob ich eines Tages das gleiche Schicksal erlitten h�tte wie Finnick. Warum nicht? F�r das M�dchen, das in Flammen stand, h�tte Snow einen guten Preis erzielen k�nnen.</p><p>�Hast du das auch durchmachen m�ssen?�, frage ich Haymitch.</p><p>�Nein. Meine Mutter und mein kleiner Bruder. Mein M�dchen. Zwei Wochen nachdem ich zum Sieger gekr�nt wurde, waren sie alle tot. Wegen meiner waghalsigen Aktion mit dem Kraftfeld�, sagt er. �Es gab niemanden mehr, den Snow gegen mich h�tte einsetzen k�nnen.�</p><p>�Erstaunlich, dass er dich nicht einfach umgebracht hat�, bemerke ich.</p><p>�Oh nein. Ich war das abschreckende Beispiel. Mich konnte man den jungen Finnicks und Johannas und Cashmeres vorhalten. Damit sie sahen, was mit einem Sieger passiert, der Probleme macht�, sagt Haymitch. �Aber er hatte nichts, womit er mich unter Druck setzen konnte.�</p><p>�Bis Peeta und ich ins Spiel kamen�, sage ich leise. Er zuckt noch nicht mal mit den Schultern.</p><p>Nachdem Finnick und ich unseren Auftrag erledigt haben, k�nnen wir nur noch warten. Wir versuchen uns die z�hen Minuten in der Waffenabteilung zu vertreiben. Knoten unsere Seile. Schieben unser Mittagessen in den Schalen hin und her. Ballern auf dem Schie�platz alles weg. Von der Rettungsmannschaft gibt es wegen der Entdeckungsgefahr keinerlei Nachricht. Um 15 Uhr, zur festgelegten Zeit, stehen wir angespannt und stumm hinten in einem Raum voller Bildschirme und Computer und schauen zu, wie Beetee versucht, die Herrschaft �ber den �ther zu gewinnen. Seine zappelige Art ist einer Entschlossenheit gewichen, wie ich sie bei ihm noch nie erlebt habe. Der gr��te Teil meines Interviews kommt nicht r�ber, aber jedenfalls sieht man, dass ich lebe und nach wie vor k�mpferisch bin. Finnicks obsz�ner und blutr�nstiger Bericht ist die Nachricht des Tages. Wird Beetee immer geschickter? Oder sind seine Gegenspieler im Kapitol so fasziniert, dass sie Finnick gar nicht abschalten wollen? W�hrend der folgenden sechzig Minuten wechselt das Programm des Kapitols zwischen den �blichen Nachrichten am Nachmittag, Finnicks Insiderbericht und Versuchen, alles abzuschalten. Aber die Techniker der Rebellen wehren sogar das ab und schaffen es in einem regelrechten Coup, fast die gesamte Passage �ber Pr�sident Snow auszustrahlen.</p><p>�Schluss jetzt!�, sagt Beetee, hebt die H�nde und �berl�sst das Programm wieder dem Kapitol. Er wischt sich das Gesicht mit einem Tuch ab. �Wenn sie jetzt nicht wieder drau�en sind, sind sie alle tot.� Er dreht sich in seinem Stuhl herum, weil er sehen will, wie Finnick und ich auf seine Worte reagieren. �Aber der Plan ist richtig gut. Hat Plutarch ihn euch erl�utert?�</p><p>Nat�rlich nicht. Beetee nimmt uns mit in einen anderen Raum und zeigt uns, wie die Mannschaft mit der Hilfe von Verbindungsleuten der Rebellen im Kapitol versuchen wird - versucht hat -, die Sieger aus einem unterirdischen Gef�ngnis zu befreien. Zu dem Plan geh�ren offenbar die Einleitung von Bet�ubungsgas durch die L�ftungsanlage, ein Stromausfall, das Z�nden einer Bombe in einem Regierungsgeb�ude, mehrere Kilometer vom Gef�ngnis entfernt, und zu guter Letzt die St�rung des Fernsehens. Beetee freut sich, dass wir den Plan nicht richtig nachvollziehen k�nnen: Dann wird es unseren Feinden genauso gehen.</p><p>�Wie deine Stromfalle in der Arena?�, frage ich.</p><p>�Genau. Und die hat ja super funktioniert, oder?�, sagt Beetee.</p><p><emphasis>Ja � unheimlich,</emphasis>
denke ich.</p><p>Finnick und ich wollen in die Kommandozentrale, wo die Nachrichten �ber die Rettungsaktion als Erstes eingehen werden, doch sie lassen uns nicht hinein, weil dort wichtige Kriegsangelegenheiten besprochen werden. Wir weigern uns, die Waffenabteilung zu verlassen, und warten schlie�lich im Kolibriraum auf Neuigkeiten.</p><p>Machen Knoten. Noch mehr Knoten. Kein Wort. Noch mehr Knoten. Tick, tack. Nur eine Uhr. Nicht an Gale denken. Nicht an Peeta denken. Knoten machen. Wir m�chten kein Abendessen. Finger rau und blutig. Finnick gibt schlie�lich auf und kauert sich hin wie bei dem Angriff der Schnattert�lpel in der Arena. Ich perfektioniere meine kleine Schlinge. Jetzt habe ich wieder den �Henkersbaum� im Kopf. Gale und Peeta, Peeta und Gale.</p><p>�Hast du dich in Annie sofort verliebt, Finnick?�, frage ich.</p><p>�Nein.� Er schweigt lange, bevor er hinzuf�gt: �Sie hat sich in mich eingeschlichen.�</p><p>Ich durchforste mein Herz, aber im Moment ist der Einzige, den ich heranschleichen f�hle, Pr�sident Snow.</p><p>Es muss schon Mitternacht sein, es muss schon der n�chste Tag sein, als Haymitch die T�r aufmacht. �Sie sind zur�ck. Wir werden auf der Krankenstation gebraucht.� Ich �ffne den Mund zu einem Schwall von Fragen, doch er schneidet mir das Wort ab. �Mehr wei� ich nicht.�</p><p>Ich will losrennen, aber Finnick benimmt sich so merkw�rdig, als k�nnte er sich auf einmal nicht mehr bewegen, also nehme ich seine Hand und f�hre ihn wie ein kleines Kind. Durch die Waffenabteilung, in den Aufzug, der hierhin und dorthin f�hrt, dann weiter zum Krankenhaustrakt. Dort herrscht Chaos, �rzte rufen sich Anweisungen zu und Verwundete werden durch die Flure zu ihren Betten geschoben.</p><p>Eine Trage streift uns, auf der eine bewusstlose junge Frau liegt, ausgezehrt und mit rasiertem Kopf. Ihr K�rper ist mit Bluterg�ssen und eitrigen Wunden bedeckt. Johanna Mason. Sie kannte Geheimnisse �ber die Rebellen, jedenfalls das eine �ber mich. Und so hat sie daf�r bezahlt.</p><p>Durch eine T�r erhasche ich einen Blick auf Gale, nackt bis zur Taille. Der Schwei� l�uft ihm �ber das Gesicht, w�hrend ein Arzt ihm mit einer langen Pinzette etwas unter dem Schulterblatt entfernt. Er ist verwundet, aber er lebt. Ich rufe ihn, will zu ihm gehen, doch eine Krankenschwester schiebt mich zur�ck und macht mir die T�r vor der Nase zu.</p><p>�Finnick!� Ein Schrei zwischen Schreck und Freude. Eine reizende, wenn auch etwas schmutzige junge Frau - dunkles wirres Haar, meergr�ne Augen - l�uft, nur in ein Laken gewickelt, auf uns zu. �Finnick!� Und auf einmal scheint es nur noch diese beiden auf der Welt zu geben, die aufeinander zufliegen. Sie umarmen sich, verlieren das Gleichgewicht und krachen gegen die Wand. Dort bleiben sie, halten sich so fest, dass sie eins sind. Unzertrennlich.</p><p>Ich sp�re einen Stich der Eifersucht. Nicht auf Finnick oder Annie, sondern auf ihre Gewissheit. Niemand, der sie sieht, k�nnte an ihrer Liebe zweifeln.</p><p>Boggs, der ziemlich fertig aussieht, aber unverletzt ist, entdeckt Haymitch und mich. �Wir haben alle rausgeholt. Au�er Enobaria. Aber sie ist aus Distrikt 2, bestimmt wird sie nicht festgehalten. Peeta ist am Ende des Flurs. Die Wirkung von dem Gas l�sst gerade nach. Am besten bist du bei ihm, wenn er aufwacht.�</p><p><emphasis>Peeta.</emphasis></p><p>Wohlbehalten - oder jedenfalls am Leben. Weg von Snow. Au�er Gefahr. Hier. Bei mir. Gleich kann ich ihn anfassen. Sein L�cheln sehen. Sein Lachen h�ren.</p><p>Haymitch grinst mich an. �Komm schon�, sagt er.</p><p>Mir ist ganz schwindelig. Was soll ich sagen? Ach, ist doch egal, was ich sage. Peeta wird �bergl�cklich sein, ganz gleich, was ich mache. Wahrscheinlich wird er mich sowieso k�ssen. Ich frage mich, ob seine K�sse sich so anf�hlen werden wie die letzten K�sse am Strand in der Arena, �ber die ich bis jetzt nicht gewagt habe nachzudenken.</p><p>Peeta ist schon wach, er sitzt auf dem Bettrand und sieht verwirrt aus, w�hrend drei �rzte ihn zu beruhigen versuchen, ihm in die Augen leuchten, seinen Puls f�hlen. Ich bin entt�uscht, dass mein Gesicht nicht das erste war, das er nach dem Aufwachen gesehen hat, aber jetzt sieht er es. In seiner Miene lese ich Unglauben und eine st�rkere Regung, die ich nicht richtig einordnen kann. Verlangen? Verzweiflung? Bestimmt beides, denn er st��t die �rzte zur Seite, springt auf und kommt auf mich zu. Mit ausgebreiteten Armen laufe ich ihm entgegen. Auch er streckt die H�nde nach mir aus, bestimmt, um mein Gesicht zu streicheln.</p><p>Meine Lippen formen gerade seinen Namen, da schlie�t er die H�nde um meine Kehle.</p><p><strong>13</strong></p><p>Mit der kalten Halskrause, die an meinem Hals scheuert, kann ich das Zittern noch schlechter kontrollieren. Wenigstens stecke ich nicht mehr in der klaustrophobischen R�hre, umgeben von tickenden und surrenden Maschinen und einer k�rperlosen Stimme, die mir befiehlt stillzuhalten, w�hrend ich mich davon �berzeuge, dass ich noch atmen kann. Selbst jetzt, mit der Gewissheit, dass ich keine bleibenden Sch�den davontragen werde, lechze ich nach Luft.</p><p>Die gr��ten Sorgen der �rzte - Sch�digung des R�ckenmarks, der Luftwege, Adern und Arterien - konnten zerstreut werden. Bluterg�sse, Heiserkeit, wunder Kehlkopf, dieses merkw�rdige H�steln - das ist alles nicht dramatisch. Das geht vor�ber. Der Spottt�lpel wird seine Stimme nicht verlieren. Kann bitte mal ein Arzt feststellen, ob ich den Verstand verliere? Aber im Moment soll ich nicht sprechen. Ich kann noch nicht mal Boggs danken, als er mich besucht. Er schaut mich genau an und sagt, wenn die Soldaten W�rgegriffe �bten, komme es manchmal zu viel schlimmeren Verletzungen.</p><p>Es war Boggs, der Peeta mit einem einzigen Hieb bewusstlos geschlagen hat, bevor er gr��eren Schaden anrichten konnte. Haymitch h�tte mich gerettet, das wei� ich, w�re er nicht v�llig unvorbereitet gewesen. Es kommt nicht oft vor, dass jemand sowohl mich als auch Haymitch �berrascht. Aber wir waren beide so darauf aus gewesen, Peeta zu retten, und hatten so sehr darunter gelitten, ihn in den H�nden des Kapitols zu wissen, dass wir vor Erleichterung, ihn zur�ckzuhaben, blind waren. H�tte ich mich mit Peeta allein getroffen, h�tte er mich umgebracht. Jetzt, da er geisteskrank ist.</p><p><emphasis>Nein, nicht geisteskrank,</emphasis>
erinnere ich mich.
<emphasis>Eingewebt.</emphasis>
Ich habe geh�rt, wie das Wort zwischen Plutarch und Haymitch hin-und herging, w�hrend ich im Flur an ihnen vorbeigeschoben wurde.
<emphasis>Eingewebt.</emphasis>
Ich wei� nicht, was das bedeuten soll.</p><p>Prim, die kurz nach Peetas Angriff aufgetaucht ist und mir seitdem nicht von der Seite weicht, legt noch eine Decke �ber mich. �Sie nehmen dir die Halskrause bestimmt bald ab, Katniss. Dann ist dir nicht mehr so kalt.� Meine Mutter, die bei einer komplizierten Operation assistiert hat, wei� immer noch nicht, was passiert ist. Prim nimmt meine Hand, die ich zur Faust geballt habe, und massiert sie, bis ich sie �ffne und das Blut wieder durch meine Finger flie�t. Sie macht sich an die andere Faust, dann kommen die �rzte, nehmen die Halskrause ab und verpassen mir eine Spritze gegen die Schmerzen und die Schwellungen. Ich halte den Kopf still, wie verordnet, damit die Verletzungen am Hals nicht schlimmer werden.</p><p>Plutarch, Haymitch und Beetee haben im Flur gewartet, jetzt lassen die �rzte sie zu mir. Ich wei� nicht, ob sie es Gale erz�hlt haben - vermutlich nicht, sonst w�re er sicher auch hier. Plutarch schickt die �rzte hinaus und versucht, auch Prim loszuwerden, aber sie sagt: �Nein. Wenn Sie mich wegschicken, gehe ich sofort in die Chirurgie und erz�hle alles meiner Mutter. Und ich warne Sie, von einem Spielmacher, der �ber Katniss� Leben bestimmt, h�lt sie garantiert nicht viel. Schon gar nicht, wenn er so schlecht auf sie aufpasst.�</p><p>Plutarch sieht beleidigt aus, aber Haymitch kichert. �Gib�s lieber auf, Plutarch�, sagt er. Und Prim bleibt.</p><p>�Katniss, Peetas Zustand hat uns alle erschreckt�, f�hrt Plutarch fort. �Bereits in den letzten beiden Interviews deutete sich an, dass sein Zustand sich sehr verschlechtert hat. Es war offensichtlich, dass er misshandelt worden war, und wir haben seine psychische Verfassung darauf geschoben. Jetzt glauben wir, dass es nicht nur das war. Sondern dass das Kapitol ihn einer ungew�hnlichen Technik ausgesetzt hat, die als Einweben bekannt ist. Beetee?�</p><p>�Es tut mir leid, Katniss�, sagt Beetee, �aber ich kann es dir nicht in allen Details erkl�ren. Die Einzelheiten �ber diese Art der Folter h�lt das Kapitol streng geheim, und ich glaube, die Ergebnisse sind mal so, mal so. Folgendes wissen wir: Es handelt sich um eine Art Angstkonditionierung. Das Wort
<emphasis>weben</emphasis>
f�hrt uns zu der Wespe, die &gt;die Webende&lt; genannt wurde. Wir vermuten, dass dieser Begriff gew�hlt wurde, weil das Gift der J�gerwespe eingesetzt wird. Du bist in deinen ersten Hungerspielen ja von einer gestochen worden, also hast du die Wirkung des Gifts am eigenen Leib erlebt.�</p><p>Panik. Halluzinationen. Albtraumhafte Visionen, meine Liebsten zu verlieren. Denn das Gift zielt auf die Region des Gehirns, in der die Angst beheimatet ist.</p><p>�Bestimmt wei�t du noch, wie furchterregend das war. Hast du in der Folge auch unter geistiger Verwirrung gelitten?�, fragt Beetee. �Hattest du Schwierigkeiten, zwischen Wirklichkeit und Einbildung zu unterscheiden? Die meisten Menschen, die gestochen wurden und es �berlebt haben, berichten von dergleichen.�</p><p>Ja. Die Begegnung mit Peeta. Selbst als ich wieder klar denken konnte, war ich mir nicht sicher, ob er es mit Cato aufgenommen hatte, um mir das Leben zu retten, oder ob ich mir das nur eingebildet hatte.</p><p>�Ereignisse k�nnen nur schwer wieder abgerufen werden, weil die Erinnerungen beeinflusst worden sind.� Beetee tippt sich an die Stirn. �Sie werden ins Bewusstsein geschoben, manipuliert und in der ver�nderten Form wieder gespeichert. Angenommen, du sollst dich an etwas erinnern - entweder fordere ich dich dazu auf, oder ich spiele dir eine Aufnahme des Ereignisses vor -, und w�hrend das Erlebnis aufgefrischt wird, verabreiche ich dir eine Dosis J�gerwespengift. Nicht genug, um dich drei Tage bewusstlos zu machen. Nur so viel, dass die Erinnerung von Angst und Zweifel durchdrungen wird. Und so wird sie dann in deinem Langzeitged�chtnis abgelegt.�</p><p>Allm�hlich wird mir schlecht. Prim stellt die Frage, die mir auf der Zunge liegt. �Haben sie das mit Peeta gemacht? Seine Erinnerungen an Katniss so verzerrt, dass sie be�ngstigend geworden sind?�</p><p>Beetee nickt. �So be�ngstigend, dass er Katniss als lebensbedrohlich betrachtet. Und versucht, sie umzubringen. Ja, das ist unsere aktuelle Theorie.�</p><p>Ich vergrabe das Gesicht in den Armen, weil das einfach nicht wahr sein darf. Es ist unm�glich. Peeta vergessen lassen, dass er mich liebt � das k�nnen sie nicht machen.</p><p>�Aber man kann es wieder r�ckg�ngig machen, oder?�, fragt Prim.</p><p>�Hm � dar�ber ist bisher wenig bekannt�, sagt Plutarch. �Genau genommen gar nichts. Falls schon einmal versucht wurde, jemanden wieder zu entweben, haben wir dar�ber keine Aufzeichnungen.�</p><p>�Aber ihr werdet es versuchen, oder?�, beharrt Prim. �Ihr werdet ihn nicht in eine Gummizelle sperren und ihn seinem Schicksal �berlassen?�</p><p>�Nat�rlich werden wir es versuchen, Prim�, sagt Beetee. �Wir wissen nur nicht, in welchem Ma� wir Erfolg haben. Wenn �berhaupt. Ich vertrete die These, dass furchterregende Ereignisse am schwierigsten auszul�schen sind. An sie erinnern wir uns naturgem�� am besten.�</p><p>�Und wir wissen ja auch noch nicht, was sie noch manipuliert haben, von seinen Erinnerungen an Katniss einmal abgesehen�, sagt Plutarch. �Wir stellen ein Team aus Psychiatern und Milit�rspezialisten zusammen, damit sie eine Gegenstrategie erarbeiten. Ich pers�nlich bin optimistisch, dass er wieder ganz gesund wird.�</p><p>�Ach ja?�, sagt Prim bissig. �Und was glaubst
<emphasis>du,</emphasis>
Haymitch?�</p><p>Ich hebe den Arm etwas, damit ich durch die L�cke seinen Gesichtsausdruck sehen kann. Ersch�pft und mutlos gesteht er: �Ich glaube, dass Peeta sich etwas erholen wird. Aber � ich glaube nicht, dass er wieder der Alte wird.� Ich schiebe die Arme wieder zusammen, schlie�e die L�cke, will keinen sehen.</p><p>�Wenigstens ist er am Leben�, sagt Plutarch, als ob er langsam die Geduld mit uns verliert. �Heute Nacht hat Snow Peetas Stylistin und sein Vorbereitungsteam vor laufender Kamera hinrichten lassen. Wir haben keine Ahnung, was mit Effie Trinket passiert ist. Peeta ist angeschlagen, aber er ist hier. Bei uns. Und das ist eine klare Verbesserung gegen�ber der Situation vor zw�lf Stunden. Daran wollen wir denken, okay?�</p><p>Plutarchs Versuch, mich aufzumuntern, gew�rzt mit der Nachricht von vier, m�glicherweise auch f�nf weiteren Morden, geht nach hinten los. Portia. Peetas Vorbereitungsteam. Effie. Vor lauter Anstrengung, die Tr�nen zur�ckzuhalten, f�ngt es in meinem Hals an zu pochen, bis ich nach Luft ringe. Schlie�lich bleibt ihnen nichts anderes �brig, als mich wieder zu bet�uben.</p><p>Als ich aufwache, frage ich mich, ob ich jetzt nur noch schlafen kann, wenn sie mir Drogen in den Arm jagen. Ich bin froh, dass ich die n�chsten Tage nicht sprechen darf, denn ich will gar nichts sagen. Ich m�chte auch nichts tun. Ich bin eine richtig vorbildliche Patientin, meine Lethargie wird als Zur�ckhaltung verstanden, als Gehorsam gegen�ber den Anweisungen der �rzte. Jetzt ist mir nicht mehr zum Weinen zumute. Ich klammere mich an einen einzigen Gedanken - an das Bild von Snows Gesicht, dazu ein Fl�stern in meinem Kopf:
<emphasis>Ich werde dich t�ten.</emphasis></p><p>Meine Mutter und Prim pflegen mich abwechselnd und �berreden mich dazu, etwas weiche Nahrung zu mir zu nehmen. Von Zeit zu Zeit besuchen mich Leute und halten mich �ber Peetas Zustand auf dem Laufenden. Die hohe Konzentration des J�gerwespengifts in seinem K�rper l�sst allm�hlich nach. Er wird ausschlie�lich von Fremden behandelt, Bewohnern von Distrikt 13. Niemand aus seiner Heimat oder aus dem Kapitol darf ihn sehen, damit keine gef�hrlichen Erinnerungen hochkommen. Ein Spezialistenteam arbeitet intensiv an einer Strategie f�r seine Heilung.</p><p>Gale kann mich nicht besuchen, weil er mit seiner verwundeten Schulter das Bett h�ten muss. Aber am dritten Abend, nachdem ich meine Medikamente bekommen habe und das Licht gedimmt ist, schl�pft er in mein Zimmer. Er sagt nichts, streicht nur mit den Fingern �ber die W�rgemale an meinem Hals, eine Ber�hrung, so zart wie Mottenfl�gel, dr�ckt mir einen Kuss auf die Stirn und verschwindet wieder.</p><p>Am n�chsten Morgen werde ich entlassen, mit der Auflage, mich vorsichtig zu bewegen und nicht mehr zu sprechen als n�tig. Ich habe keinen Tagesplan auferlegt bekommen, also laufe ich ziellos herum, bis Prim von ihren Pflichten auf der Krankenstation entbunden wird, um mich zu unserer neuen Wohneinheit zu begleiten. Nummer 2212. Exakt genau so wie die andere, nur ohne Fenster.</p><p>Butterblume bekommt jetzt eine t�gliche Ration Futter zugeteilt und im Bad steht f�r ihn eine Schale mit Sand unter dem Waschbecken. Als Prim mich ins Bett bringt, springt er auf mein Kopfkissen und buhlt um ihre Aufmerksamkeit. Sie nimmt ihn in den Arm, schaut jedoch mich an. �Katniss, ich wei�, dass die Geschichte mit Peeta entsetzlich f�r dich ist. Aber vergiss nicht, dass Snow ihn wochenlang bearbeitet hat, und wir haben ihn erst ein paar Tage hier. Es kann sein, dass der alte Peeta, der dich liebt, immer noch in ihm drin ist. Und zu dir zur�ckkommen will. Gib ihn nicht auf.�</p><p>Ich sehe meine kleine Schwester an und denke, dass sie die besten Eigenschaften in sich vereint, die unsere Familie zu bieten hat: die heilenden H�nde meiner Mutter, den k�hlen Kopf meines Vaters und meinen Kampfgeist. Und noch etwas ist da, etwas, das nur ihr geh�rt. Die F�higkeit, das Durcheinander des Lebens zu betrachten und die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Kann es sein, dass sie recht hat? K�nnte Peeta zu mir zur�ckkommen?</p><p>�Ich muss jetzt wieder auf die Station�, sagt Prim und setzt Butterblume neben mich aufs Bett. �Ihr beide leistet einander Gesellschaft, ja?�</p><p>Butterblume springt vom Bett und l�uft ihr nach bis zur T�r, und als sie ohne ihn weggeht, beschwert er sich lautstark. Einen Dreck leisten wir einander. Nach ungef�hr drei�ig Sekunden wei� ich, dass ich es in dieser unterirdischen Zelle nicht l�nger aushalte, und �berlasse Butterblume sich selbst. Nachdem ich mich ein paarmal verlaufen habe, finde ich den Weg hinunter zur Waffenabteilung. Alle, an denen ich vorbeikomme, starren meine W�rgemale an, und ich f�hle mich so unwohl dabei, dass ich den Kragen bis zu den Ohren hochziehe.</p><p>Auch Gale ist offenbar heute Morgen entlassen worden, ich treffe ihn mit Beetee in einem der Forschungsr�ume. Die beiden sind ganz vertieft in eine Zeichnung, sie haben die K�pfe dar�bergebeugt und messen etwas ab. Mehrere Versionen der Zeichnung liegen auf Tisch und Fu�boden verstreut. An den Pinnw�nden und auf den Computerbildschirmen sind weitere Zeichnungen. Eine erkenne ich als Rohskizze von Gales Schwippgalgenfalle. �Was ist das denn?�, frage ich heiser, und sie schauen von dem Blatt auf.</p><p>�Ah, Katniss, jetzt bist du uns auf die Schliche gekommen�, sagt Beetee fr�hlich.</p><p>�Wieso? Ist das ein Geheimnis?� Ich wei�, dass Gale hier oft mit Beetee arbeitet, aber ich dachte immer, sie w�ren mit Bogen und Pistolen zugange.</p><p>�Eigentlich nicht. Aber ich hatte schon ein schlechtes Gewissen. Weil ich dir Gale andauernd entf�hre�, sagt Beetee.</p><p>Da ich die meiste Zeit in Distrikt 13 entweder desorientiert, besorgt oder w�tend war und mich haupts�chlich zurechtmachen oder in der Krankenstation behandeln lassen musste, kann ich nicht sagen, dass ich Gale sonderlich vermisst h�tte. Unser Verh�ltnis war ja auch nicht gerade harmonisch. Aber ich lasse Beetee in dem Glauben, er w�re mir etwas schuldig. �Ich hoffe, du hast seine Zeit gut genutzt.�</p><p>�Komm und sieh es dir an�, sagt er und winkt mich zu einem Computerbildschirm her�ber.</p><p>Jetzt sehe ich, was sie machen. Sie nutzen die Ideen, die in Gales Fallen stecken, und bauen daraus Waffen, die man gegen Menschen einsetzen kann. Vor allem Bomben. Es geht weniger um die Mechanik der Fallen als um die Psychologie dahinter. Einen Sprengsatz an einem Ort zu verstecken, der f�r den Gegner etwas Lebenswichtiges bereith�lt. Wasser oder Nahrung. Die Opfer so zu erschrecken, dass sie fliehen und sich selbst ins Verderben st�rzen. Spr�sslinge in Gefahr zu bringen, um an das eigentliche Ziel des Angriffs, die Eltern, heranzukommen. Das Opfer in einen vermeintlich sicheren Hafen zu locken - wo der Tod wartet. Irgendwann haben Gale und Beetee sich von der Wildnis verabschiedet und sich auf menschliche Impulse konzentriert. Wie zum Beispiel Mitleid. Eine Bombe geht hoch. Man l�sst den Menschen Zeit, den Verwundeten zu Hilfe zu eilen. Und dann werden sie von einer zweiten, noch st�rkeren Bombe get�tet.</p><p>�Dass ihr damit eine gewisse Grenze �berschreitet, wisst ihr, oder?�, sage ich. �Dann ist jetzt also alles erlaubt?� Die beiden starren mich an - Beetee zweifelnd, Gale feindselig. �Offenbar gibt es keine Vorschriften daf�r, was man einem anderen Menschen auf keinen Fall antun darf.�</p><p>�Nat�rlich gibt es die. Beetee und ich halten uns an dieselben Vorschriften wie Pr�sident Snow, als er Peeta eingewebt hat�, erkl�rt Gale.</p><p>So hart es ist, es stimmt. Ohne ein weiteres Wort mache ich auf dem Absatz kehrt. Ich muss sofort hier raus, sonst raste ich aus, aber ich bin immer noch in der Waffenabteilung, als Haymitch mich abf�ngt. �Komm mit�, sagt er. �Wir brauchen dich oben in der Krankenstation.�</p><p>�Wof�r?�, frage ich.</p><p>�Sie wollen bei Peeta was ausprobieren�, sagt er. �Wollen ihm die harmloseste Person aus Distrikt 12 schicken, die sie auftreiben k�nnen. Jemanden, mit dem Peeta m�glicherweise Kindheitserinnerungen teilt, der jedoch nicht zu eng mit dir in Verbindung steht. Sie gehen jetzt die einzelnen Leute durch.�</p><p>Das d�rfte gar nicht so einfach sein, denn wer Peetas Kindheitserinnerungen teilt, kommt sehr wahrscheinlich aus der Stadt, und fast niemand dort hat die Flammen �berlebt. Doch sie haben jemanden gefunden. Sie sitzt in dem Raum, der in ein Arbeitszimmer f�r Peetas Genesungsteam verwandelt wurde, und plaudert mit Plutarch. Delly Cartwright. Wie immer l�chelt sie mich an, als w�re ich ihre allerbeste Freundin. So l�chelt sie jeden an. �Katniss!�, ruft sie.</p><p>�Hi, Delly�, sage ich. Ich hatte schon geh�rt, dass sie und ihr j�ngerer Bruder �berlebt haben. Ihre Eltern, die das Schuhgesch�ft in der Stadt besa�en, haben es nicht geschafft. Sie sieht �lter aus, sie hat die eint�nigen Klamotten aus Distrikt 13 an, die niemandem stehen, und die langen blonden Locken tr�gt sie nicht offen, sondern in einem praktischen Zopf. Sie ist etwas d�nner, als ich sie in Erinnerung hatte. Sie war eine der wenigen in Distrikt 12, die ganz gut gen�hrt waren. Das Essen hier, der Stress, die Trauer um ihre Eltern, all das hat seine Spuren hinterlassen. �Wie geht es dir?�, frage ich sie.</p><p>�Ach, das waren ein bisschen zu viele Ver�nderungen auf einmal.� Ihre Augen f�llen sich mit Tr�nen. �Aber hier in 13 sind alle wirklich nett, findest du nicht auch?�</p><p>Delly meint es ernst. Sie ist ein richtiger Menschenfreund. Sie mag alle Menschen, nicht nur ein paar Auserw�hlte, f�r die man sich nach jahrelanger �berlegung entschieden hat.</p><p>�Sie geben sich M�he, damit wir uns willkommen f�hlen�, sage ich. Ich glaube, so kann man das ausdr�cken, ohne sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. �Haben sie dich ausgesucht, damit du Peeta triffst?�</p><p>�Ich glaub schon. Armer Peeta. Und du Arme. Ich werde das Kapitol nie verstehen�, sagt sie.</p><p>�Vielleicht auch besser so�, sage ich.</p><p>�Delly kennt Peeta schon lange�, sagt Plutarch.</p><p>�Oh ja!� Dellys Gesicht leuchtet auf. �Wir haben von klein auf zusammen gespielt. Ich hab immer allen erz�hlt, er w�re mein Bruder.�</p><p>�Was meinst du?�, fragt Haymitch mich. �Gibt es da irgendwas, das Erinnerungen an dich wachrufen k�nnte?�</p><p>�Wir sind alle in dieselbe Klasse gegangen. Aber wir hatten nicht besonders viel miteinander zu tun�, erkl�re ich.</p><p>�Katniss war immer so toll. Nicht im Traum dachte ich, dass sie mich bemerken w�rde�, sagt Delly. �Wie sie jagte und auf den Hob ging und so. Alle haben sie bewundert.�</p><p>Haymitch und ich schauen sie skeptisch an. Soll das ein Witz sein? Delly stellt es so dar, als h�tte ich nur deshalb kaum Freunde gehabt, weil ich so au�ergew�hnlich war und die anderen damit eingesch�chtert habe. Stimmt aber nicht. Es lag daran, dass ich unfreundlich war. Aber soll Delly mich doch in den Himmel heben, wenn sie will.</p><p>�Delly denkt immer nur das Beste von den Menschen�, erkl�re ich. �Ich glaube nicht, dass Peeta im Zusammenhang mit ihr irgendwelche negativen Erinnerungen haben kann.� Da f�llt mir etwas ein. �Moment mal. Im Kapitol. Als ich geleugnet habe, das rothaarige Avox-M�dchen zu kennen. Da ist Peeta mir zur Seite gesprungen und hat gesagt, sie s�he Delly �hnlich.�</p><p>�Ja, ich erinnere mich�, sagt Haymitch. �Aber es stimmte ja nicht und Delly war nicht dabei. Ich glaube nicht, dass das gegen jahrelange Kindheitserinnerungen ankommt.�</p><p>�Schon gar nicht mit einer so netten Spielkameradin wie Delly�, f�gt Plutarch hinzu. �Los, wir wagen mal einen Versuch.�</p><p>Plutarch, Haymitch und ich gehen in den Beobachtungsraum neben dem Zimmer, in dem Peeta eingesperrt ist. Darin sitzen schon zehn Mitglieder seines Genesungsteams, alle mit Klemmbrett und Stift bewaffnet. Durch den Einwegspiegel k�nnen wir Peeta unbemerkt beobachten, und ein Mikrofon �bertr�gt alles, was gesprochen wird. Er liegt auf dem Bett, seine Arme sind angeschnallt. Zwar versucht er nicht, sich zu befreien, doch seine H�nde sind die ganze Zeit in Bewegung. Sein Gesichtsausdruck ist nicht mehr so wirr wie in dem Moment, als er mich angegriffen hat, aber er ist immer noch fremd.</p><p>Als die T�r leise aufgeht, weiten sich seine Augen vor Schreck, dann sieht er verst�rt aus. Delly geht auf ihn zu, z�gernd zun�chst, doch als sie bei ihm ist, l�chelt sie ganz selbstverst�ndlich. �Peeta? Ich bin�s, Delly, von zu Hause.�</p><p>�Delly?� Der Nebel scheint sich ein wenig zu lichten. �Delly. Du bist es.�</p><p>�Ja�, sagt sie, offensichtlich erleichtert. �Wie geht es dir?�</p><p>�Miserabel. Wo sind wir? Was ist passiert?�, fragt Peeta. �Jetzt kommt�s�, sagt Haymitch.</p><p>�Ich habe ihr gesagt, sie soll auf keinen Fall Katniss oder das Kapitol erw�hnen�, sagt Plutarch. �Wir wollen nur sehen, wie viele Erinnerungen an die Heimat sie wachrufen kann.�</p><p>�Tja � wir sind in Distrikt 13. Hier leben wir jetzt�, sagt Delly.</p><p>�Das haben die Leute auch gesagt. Aber ich verstehe das nicht. Wieso sind wir nicht zu Hause?�, fragt Peeta.</p><p>Delly bei�t sich auf die Lippe. �Es gab � einen Unfall. Ich habe auch gro�es Heimweh. Gerade musste ich daran denken, wie wir immer mit Kreide auf die Steine gemalt haben. Du konntest so toll zeichnen. Wei�t du noch, als du in jeden Pflasterstein ein anderes Tier gemalt hast?�</p><p>�Ja. Schweine und Katzen und so�, sagt Peeta. �Du hast was � von einem Unfall gesagt?�</p><p>Ich sehe Schwei� auf Dellys Stirn gl�nzen, sie versucht die Frage zu umgehen. �Das war schlimm. Keiner � konnte dableiben�, sagt sie stockend.</p><p>�Halte durch, M�dchen�, sagt Haymitch.</p><p>�Aber hier wird es dir bestimmt gefallen, Peeta. Alle sind so freundlich zu uns. Es gibt immer was zu essen und saubere Kleider und in der Schule ist es viel interessanter als zu Hause�, sagt Delly.</p><p>�Warum hat meine Familie mich noch nicht besucht?�, fragt Peeta.</p><p>�Das geht nicht.� Jetzt ist Delly wieder den Tr�nen nahe. �Viele haben es nicht geschafft, aus 12 rauszukommen. Wir m�ssen uns hier jetzt ein neues Leben aufbauen. Einen guten B�cker k�nnen sie hier garantiert brauchen. Wei�t du noch, als wir bei deinem Vater M�dchen und Jungen aus Teig machen durften?�</p><p>�Es hat gebrannt�, sagt Peeta unvermittelt.</p><p>�Ja�, fl�stert sie.</p><p>�12 ist abgebrannt, oder? Und sie ist schuld�, sagt er w�tend. �Katniss ist schuld!� Er rei�t an seinen Fesseln.</p><p>�Oh nein, Peeta. Sie konnte nichts daf�r�, sagt Delly.</p><p>�Hat sie dir das gesagt?�, zischt er sie an.</p><p>�Holt sie da raus�, sagt Plutarch. Sofort wird die T�r ge�ffnet und Delly geht langsam r�ckw�rts.</p><p>�Das brauchte sie gar nicht. Ich hab ��, setzt Delly an.</p><p>�Weil sie l�gt! Sie ist eine L�gnerin! Glaub ihr kein Wort! Sie ist eine Mutation, die das Kapitol erschaffen hat und jetzt gegen uns einsetzt!�, ruft Peeta.</p><p>�Nein, Peeta. Das ist sie nicht ��, versucht Delly es erneut.</p><p>�Trau ihr nicht �ber den Weg, Delly�, sagt Peeta au�er sich. �Ich hab ihr vertraut, und sie hat versucht, mich umzubringen. Sie hat meine Freunde umgebracht. Meine Familie. Geh nicht in ihre N�he! Sie ist eine Mutation!�</p><p>Eine Hand schiebt sich durch die T�r, Delly wird hinausgezogen, dann geht die T�r zu. Peeta schreit immer weiter. �Eine Mutation! Sie ist eine widerliche Mutation!�</p><p>Nicht nur, dass er mich hasst und umbringen will, er glaubt gar nicht mehr, dass ich ein Mensch bin. Das ist noch schmerzhafter, als gew�rgt zu werden.</p><p>Die Mitglieder des Genesungsteams um mich herum kritzeln wie verr�ckt, sie halten jedes Wort fest. Haymitch und Plutarch fassen mich an den Armen und schieben mich aus dem Raum. Sie lehnen mich an eine Wand im Flur, wo nichts zu h�ren ist. Aber ich wei�, dass Peeta hinter der T�r und dem Glas immer noch schreit.</p><p>Prim hat sich geirrt. Peeta kann nicht geheilt werden. �Ich kann hier nicht mehr bleiben�, sage ich wie bet�ubt. �Wenn ihr wollt, dass ich der Spottt�lpel bin, m�sst ihr mich wegschicken.�</p><p>�Wo willst du hin?�, fragt Haymitch.</p><p>�Ins Kapitol.� Das ist der einzige Ort, an dem ich etwas ausrichten k�nnte.</p><p>�Ausgeschlossen�, sagt Plutarch. �Nicht, bevor alle Distrikte sicher sind. Die gute Nachricht ist, dass die K�mpfe fast �berall vor�ber sind, au�er in Distrikt 2. Aber der ist eine harte Nuss.�</p><p>Genau. Erst die Distrikte. Dann das Kapitol. Und dann bringe ich Snow zur Strecke.</p><p>�Gut�, sage ich. �Dann schickt mich nach 2.�</p><p><strong>14</strong></p><p>Distrikt 2 ist erwartungsgem�� gro�, er besteht aus mehreren verstreuten Bergd�rfern. Urspr�nglich geh�rte jedes Dorf zu einem Bergwerk oder Steinbruch, doch in diesen Zeiten haben sich viele darauf verlegt, Friedensw�chter zu beherbergen und auszubilden. Da die Rebellen Luftunterst�tzung aus Distrikt 13 haben, stellen die D�rfer kein Problem dar. Eine Herausforderung gibt es aber doch: Im Zentrum des Distrikts befindet sich ein nahezu undurchdringlicher Berg, in dem das milit�rische Herz des Kapitals schl�gt.</p><p>Seit ich Plutarchs Spruch von der �harten Nuss�, die wir knacken m�ssen, an die m�den und entmutigten Rebellenf�hrer weitergegeben habe, nennen wir den Berg nur noch �die Nuss�. Er wurde gleich nach den Dunklen Tagen errichtet, als das Kapital Distrikt 13 verloren hatte und dringend einen neuen unterirdischen St�tzpunkt brauchte. Ein Teil der Streitkr�fte war zwar in den Randgebieten des Kapitals stationiert - Atomraketen, Flugzeuge, Kampftruppen -, aber ein beachtlicher Teil befand sich jetzt in der Hand des Feindes. Distrikt 13 zu kopieren, stand nicht zur Debatte, denn der Aufbau war die Arbeit von Jahrhunderten gewesen. Da boten sich die alten Bergwerke des nahe gelegenen Distrikts 2 f�rmlich an. Aus der Luft sah die Nuss aus wie ein gew�hnlicher Berg mit mehreren Zug�ngen. Doch im Innern fanden sich riesige H�hlen, aus denen der Stein in Platten gebrochen, zutage gef�rdert und �ber schmale, rutschige Wege fortgeschafft worden war, um irgendwo weit entfernt Geb�ude daraus zu erbauen. Es gab sogar eine unterirdische Bahnstrecke, auf der die Bergarbeiter von der Nuss bis in den Hauptort des Distrikts gebracht wurden. Sie f�hrte direkt zu dem Platz mit dem Justizgeb�ude, auf dessen breiter Marmortreppe Peeta und ich damals w�hrend der Tour der Sieger gestanden und es vermieden hatten, allzu genau zu den trauernden Familien von Cato und Clove zu sehen, die versammelt vor uns standen.</p><p>Das Gel�nde war nicht gerade ideal, immer wieder wurde es von Erdrutschen, �berschwemmungen und Steinlawinen heimgesucht. Doch die Vorteile �berwogen. Die Arbeiter hatten sich tief in die Berge hineingew�hlt und gro�e Pfeiler und W�nde aus Stein hinterlassen, die die Sch�chte abst�tzten. Das Kapitol lie� sie verst�rken und begann dort einen neuen St�tzpunkt zu errichten. Es wurden Computer aufgestellt, Besprechungszimmer, Kasernen und Waffenlager errichtet. Die Zug�nge wurden erweitert, damit die Hovercrafts aus der Flughalle herauskonnten, Raketenabschussvorrichtungen wurden installiert. �u�erlich wurde der Berg weitgehend so belassen, wie er war. Ein raues, felsiges Gewirr aus B�umen und Wildnis. Eine nat�rliche Festung zum Schutz des Kapitols vor seinen Feinden.</p><p>Im Vergleich zu den anderen Distrikten wurden die hiesigen Einwohner regelrecht gep�ppelt. Man brauchte die Rebellen von Distrikt 2 nur anzuschauen, um zu sehen, dass sie als Kinder gut ern�hrt und versorgt worden waren. Manche wurden Arbeiter in den Steinbr�chen und Bergwerken. Andere wurden f�r T�tigkeiten in der Nuss ausgebildet oder in den Rang eines Friedensw�chters erhoben. Schon fr�hzeitig wurden sie hart f�r den Kampf trainiert. Die Hungerspiele boten die einzigartige Gelegenheit, zu Ruhm und Wohlstand zu gelangen. Die Leute in Distrikt 2 schluckten die Propaganda des Kapitols nat�rlich leichter als wir anderen und machten sich die Gebr�uche des Kapitols zu eigen. Aber letztendlich waren sie doch Sklaven. Und wenn es auch jenen, die Friedensw�chter wurden oder in der Nuss arbeiteten, nicht bewusst war, die Steinmetze begriffen es sehr wohl, und sie bildeten den Kern des Widerstands.</p><p>Ich bin jetzt zwei Wochen hier und die Lage ist unver�ndert. Die am Rande gelegenen D�rfer sind in der Hand der Rebellen, die Stadt ist geteilt und die Nuss ist unerreichbar wie eh und je. Die wenigen Eing�nge sind stark befestigt, das Herzst�ck ist sicher in den Berg eingebettet. W�hrend sich alle anderen Distrikte frei gek�mpft haben, bleibt Distrikt 2 weiterhin zu einem Gutteil in der Gewalt des Kapitols.</p><p>Jeden Tag tue ich, was ich kann, um zu helfen. Ich besuche die Verwundeten. Nehme mit meinem Kamerateam kurze Propos auf. Richtig mitk�mpfen darf ich nicht, aber ich darf beim Kriegsrat dabei sein, und das ist schon viel mehr als in Distrikt 13. Meine Situation hier ist viel besser. Ich habe mehr Freiheiten, keinen Tagesplan auf dem Arm, weniger Verpflichtungen. Ich wohne oberirdisch in den D�rfern der Rebellen oder in den H�hlen der Umgebung. Aus Sicherheitsgr�nden muss ich das Quartier h�ufig wechseln. Ich habe die Erlaubnis, tags�ber zu jagen, solange ich eine Leibwache mitnehme und mich nicht zu weit entferne. Aus der d�nnen, kalten Bergluft str�mt wieder ein wenig Energie in meinen K�rper, der Nebel in meinen Gedanken lichtet sich. Allerdings begreife ich mit dieser Klarheit noch deutlicher, was sie Peeta angetan haben.</p><p>Snow hat ihn mir weggenommen, bis zur Unkenntlichkeit verbogen und mir dann zum Geschenk gemacht. Boggs, der mit mir nach Distrikt 2 gekommen ist, meint, dass unser Plan zwar gut war, dass es aber doch auch verd�chtig einfach gewesen sei, Peeta zu befreien. Er glaubt, sie h�tten ihn mir so oder so geliefert. H�tten ihn in einem Kriegsgebiet ausgesetzt oder vielleicht in Distrikt 13 selbst. Mit Schleifen verschn�rt, ein Schild mit meinem Namen daran. Programmiert, mich zu t�ten.</p><p>Erst jetzt, da sie ihn zerst�rt haben, wei� ich den echten Peeta richtig zu sch�tzen. Mehr noch, als wenn er gestorben w�re. Seine G�te, seine Zuverl�ssigkeit, die W�rme, hinter der sich ein ungeahntes Feuer verbarg. Wie viele Menschen auf der Welt, abgesehen von Prim, meiner Mutter und Gale, k�nnten mich bedingungslos lieben? Jetzt wohl keiner mehr. Wenn ich allein bin, hole ich manchmal die Perle aus der Tasche und versuche mich an den Jungen mit dem Brot zu erinnern, an seine starken Arme, mit denen er mich im Zug vor den Albtr�umen besch�tzte, an die K�sse in der Arena. Damit ich einen Namen f�r das finde, was ich verloren habe. Aber wozu? Es ist weg. Er ist weg. Was immer da zwischen uns war, es ist verloren. Mir ist nur die Aussicht geblieben, Snow zu t�ten. Das sage ich mir zehn Mal am Tag.</p><p>In Distrikt 13 machen sie mit Peetas Behandlung weiter. Ohne dass ich nachfrage, h�lt Plutarch mich am Telefon auf dem Laufenden. �Gute Neuigkeiten, Katniss!�, sagt er zum Beispiel. �Ich glaube, wir haben ihn bald davon �berzeugt, dass du keine Mutation bist!� Oder: �Heute durfte er schon selbst Pudding essen!�</p><p>Wenn ich danach mit Haymitch spreche, gibt er zu, dass es Peeta kein bisschen besser geht. Der einzige vage Hoffnungsschimmer kommt von meiner Schwester. �Prim hatte die Idee, das Einweben r�ckg�ngig zu machen�, erz�hlt Haymitch. �Die verzerrten Erinnerungen an dich heraufzubeschw�ren und ihm dann eine hohe Dosis Beruhigungsmittel zu verabreichen, Morfix oder so was. Wir haben es erst an einer Erinnerung ausprobiert. Die Aufnahme von euch beiden in der H�hle, als du ihm erz�hlt hast, wie Prim die Ziege bekam.�</p><p>�Irgendeine Verbesserung?�, frage ich.</p><p>�Na ja, wenn extreme Verwirrung gegen�ber extremer Panik eine Verbesserung darstellt, dann schon�, sagt Haymitch. �Aber ich bin mir nicht so sicher. Er konnte mehrere Stunden lang nicht mehr sprechen. Ist in eine Art Starre verfallen. Als sie sich legte, war das Einzige, wonach er fragte, die Ziege.�</p><p>�Aha�, sage ich.</p><p>�Wie l�uft es bei dir?�, fragt er.</p><p>�Bis jetzt geht es nicht vorw�rts�, sage ich.</p><p>�Wir schicken f�r den Berg eine Mannschaft zu Hilfe, Beetee und ein paar von den anderen�, sagt er. �Du wei�t schon, die Experten.�</p><p>Es wundert mich nicht, dass Gale darunter ist. Ich dachte mir schon, dass Beetee ihn mitnehmen w�rde, nicht wegen seines technologischen Fachwissens, sondern in der Hoffnung, ihm w�rde etwas einfallen, wie man einem Berg eine Falle stellt. Gale hatte urspr�nglich angeboten, mich nach Distrikt 2 zu begleiten, aber ich wollte ihn nicht aus seiner Arbeit mit Beetee herausrei�en. Ich sagte ihm, er solle sich gedulden und dort bleiben, wo er am dringendsten gebraucht wurde. Was ich nicht sagte, war, dass es mir in seiner Gegenwart noch schwerer gefallen w�re, um Peeta zu trauern.</p><p>Wir treffen uns an einem Sp�tnachmittag direkt nach ihrer Ankunft. Am Rand des Dorfes, in dem ich gerade wohne, sitze ich auf einem Holzklotz und rupfe eine Gans. Zu meinen F��en liegen ungef�hr ein Dutzend weiterer G�nse. Gro�e Schw�rme sind seit meiner Ankunft hier durchgezogen und sie sind leicht zu erlegen. Wortlos l�sst Gale sich neben mir nieder und nimmt sich auch eine Gans. Wir sind fast fertig, als er fragt: �Kriegen wir was davon ab?�</p><p>�Ja. Die meisten gehen in die Feldk�che, aber ein paar muss ich den Leuten abgeben, bei denen ich heute �bernachte�, sage ich. �Zum Dank.�</p><p>�Ist die Ehre nicht genug?�, fragt er.</p><p>�Sollte man meinen. Aber es hat sich herumgesprochen, dass Spottt�lpel gesundheitssch�dlich sein k�nnen.�</p><p>Eine Weile rupfen wir schweigend weiter. Dann sagt er: �Gestern hab ich Peeta gesehen. Durch die Glasscheibe.�</p><p>�Und?�, frage ich.</p><p>�Ich hatte einen egoistischen Gedanken�, sagt Gale.</p><p>�Dass du jetzt nicht mehr eifers�chtig auf ihn sein musst?� Ich mache eine heftige Handbewegung und die Federn fliegen in einer Wolke um uns herum.</p><p>�Nein. Genau das Gegenteil.� Gale pfl�ckt eine Feder aus meinem Haar. �Ich dachte � dass ich dagegen niemals ankommen werde. Und wenn ich noch so leide.� Er dreht die Feder zwischen Daumen und Zeigefinger. �Wenn er nicht wieder gesund wird, habe ich keine Chance. Du wirst ihn nie loslassen k�nnen. Es w�rde dir immer verkehrt vorkommen, mit mir zusammen zu sein.�</p><p>�Genau so, wie es sich immer verkehrt angef�hlt hat, ihn zu k�ssen, weil es dich gibt�, sage ich.</p><p>Gale schaut mir fest in die Augen. �Wenn das wahr w�re, k�nnte ich das andere fast ertragen.�</p><p>�Es ist wahr�, sage ich. �Aber ebenso wahr ist das, was du �ber Peeta gesagt hast.�</p><p>Gale st��t einen Laut der Verzweiflung aus. Doch als wir mit den G�nsen fertig sind und in den Wald gehen wollen, um Reisig f�r das Abendfeuer zu sammeln, finde ich mich in seiner Umarmung wieder. Seine Lippen streifen die verblassten Bluterg�sse an meinem Hals, wandern hoch zu meinem Mund. Trotz meiner Gef�hle f�r Peeta akzeptiere ich in diesem Moment tief im Innern, dass er nie zu mir zur�ckkommen wird. Und dass ich nie zu ihm zur�ckkehren werde. Ich bleibe hier, bis wir Distrikt 2 erobert haben, dann gehe ich ins Kapitol, t�te Snow und das war es dann mit mir. Peeta wird geistig verwirrt und voller Hass auf mich sterben. Und so schlie�e ich im Zwielicht die Augen und k�sse Gale, um alle K�sse wiedergutzumachen, die ich ihm vorenthalten habe, und weil es keine Rolle mehr spielt und weil ich so unertr�glich einsam bin.</p><p>Gales Ber�hrungen, sein Geschmack und seine W�rme erinnern mich daran, dass wenigstens mein K�rper noch lebendig ist, und f�r den Augenblick ist das ein willkommenes Gef�hl. Ich denke nichts mehr und lasse die Empfindung durch meinen K�rper str�men, genie�e es, mich ganz zu verlieren. Als Gale leicht zur�ckweicht, dr�nge ich mich an ihn, um die L�cke zu schlie�en, doch da sp�re ich seine Hand unter meinem Kinn. �Katniss�, sagt er. In dem Moment, als ich die Augen �ffne, scheint die Welt aus den Fugen geraten zu sein. Das hier sind nicht unsere B�ume, nicht unsere Berge, das ist nicht unser Weg. Automatisch ber�hre ich die Narbe an meiner linken Schl�fe, die ich mit Verwirrung assoziiere. �Jetzt k�ss mich.�</p><p>Verunsichert, mit unverwandtem Blick stehe ich da, w�hrend er sich vorbeugt und seine Lippen kurz auf meine dr�ckt. Er schaut mich pr�fend an. �Was geht in dir vor?�</p><p>�Ich wei� nicht�, fl�stere ich.</p><p>�Dann ist es, als w�rde ich eine Betrunkene k�ssen. Das gilt nicht�, sagt er mit einem schwachen Versuch zu lachen. Er hebt ein B�ndel Reisig hoch und legt es mir in die Arme. Jetzt bin ich wieder bei mir.</p><p>�Woher wei�t du das?�, frage ich, haupts�chlich, um meine Verlegenheit zu �berspielen. �Hast du schon mal eine Betrunkene gek�sst?� Ich glaube, damals in Distrikt 12 h�tte Gale jede k�ssen k�nnen. Interessentinnen gab es jedenfalls genug. Bisher habe ich mir dar�ber keine gro�en Gedanken gemacht.</p><p>Er sch�ttelt nur den Kopf. �Nein. Aber es ist nicht schwer, sich das vorzustellen.�</p><p>�Dann hast du nie irgendwelche anderen M�dchen gek�sst?�, frage ich.</p><p>�Das hab ich nicht behauptet. Du warst ja erst zw�lf, als wir uns kennenlernten. Und au�erdem eine echte Nervens�ge. Du wirst es nicht glauben, aber ich hatte ein Leben au�erhalb der Jagd mit dir�, sagt er, w�hrend er Brennholz aufsammelt.</p><p>Auf einmal bin ich richtig neugierig. �Wen hast du gek�sst? Und wo?�</p><p>�Zu viele, um sie alle zu behalten. Hinter der Schule, auf der Bergehalde, wei� der Henker�, sagt er.</p><p>Ich verdrehe die Augen. �Und wann bin ich was Besonderes geworden? Als sie mich ins Kapitol gekarrt haben?�</p><p>�Nein. Ungef�hr ein halbes Jahr vorher. Kurz nach Silvester. Wir waren auf dem Hob und haben bei Greasy Sae Suppe gegessen. Und Darius neckte dich damit, dass er ein Kaninchen gegen einen Kuss tauschen w�rde. Da hab ich gemerkt � dass es mir was ausmacht�, sagt er.</p><p>Ich erinnere mich an den Tag. Bitterkalt und schon um vier Uhr nachmittags dunkel. Wir waren auf der Jagd gewesen, aber ein heftiger Schneesturm hatte uns zur�ck in die Stadt getrieben. Der Hob war voller Leute, die Zuflucht vor dem Wetter suchten. Greasy Saes Suppe, die aus dem Sud der Knochen eines wilden Hundes gekocht war, den wir eine Woche zuvor geschossen hatten, war nicht so gut wie sonst. Aber immerhin war sie hei�, und ich l�ffelte sie mit Hei�hunger aus, w�hrend ich im Schneidersitz auf ihrem Tresen sa�. Darius lehnte am Pfosten des Marktstands, kitzelte mir mit dem Ende meines Zopfs die Wange, und ich schlug seine Hand weg. Er erkl�rte mir, ein Kuss von ihm sei ein Kaninchen, vielleicht sogar zwei wert, da alle w�ssten, dass rothaarige M�nner besonders m�nnlich seien. Und Greasy Sae und ich lachten, weil er so albern und aufdringlich war und uns eine Frau nach der anderen zeigte, die angeblich weit mehr als ein Kaninchen f�r die Wonne seiner K�sse bezahlt h�tten. �Siehst du? Die da mit dem gr�nen Schal? Geh hin und frag sie. Wenn du unbedingt einen Beweis brauchst.�</p><p>Das ist eine Million Meilen von hier passiert, vor einer Milliarde Tagen. �Darius hat doch nur rumgeflachst�, sage ich.</p><p>�Kann sein. Aber wenn nicht, w�rst du die Letzte, die es mitkriegen w�rde�, sagt Gale. �Guck Peeta an. Oder mich. Selbst Finnick. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, er h�tte auch ein Auge auf dich geworfen, doch jetzt scheint er ja wieder auf Kurs zu sein.�</p><p>�Wenn du denkst, Finnick k�nnte mich lieben, kennst du ihn schlecht�, sage ich.</p><p>Gale zuckt die Achseln. �Ich wei�, dass er verzweifelt war.</p><p>Wenn die Leute verzweifelt sind, machen sie die verr�cktesten Sachen.�</p><p>Ich bin mir fast sicher, dass das auf mich gem�nzt ist.</p><p>Am n�chsten Morgen versammeln sich die Experten in aller Fr�he, um die Nuss zu knacken. Ich werde zu der Versammlung dazugebeten, obwohl ich nicht viel beitragen kann. Abseits vom Konferenztisch hocke ich auf dem breiten Fensterbrett, das einen guten Blick auf den fraglichen Berg bietet. Die Kommandantin von 2, eine Frau mittleren Alters namens Lyme, begibt sich mit uns auf eine virtuelle Rundreise durch die Nuss und ihre Befestigungen und berichtet von den gescheiterten Versuchen, sie einzunehmen. Lyme ist mir seit meiner Ankunft schon ein paarmal kurz begegnet, und jedes Mal hatte ich das Gef�hl, sie von fr�her zu kennen. Jedenfalls ist sie ein Mensch, den man nicht so leicht vergisst, �ber einen Meter achtzig gro� und sehr muskul�s. Aber erst, als ich einen Filmausschnitt von ihr an der Front sehe, wie sie einen Angriff auf den Hauptzugang zur Nuss anf�hrt, erkenne ich sie wieder. Lyme, Tribut aus Distrikt 2, vor �ber einer Generation Siegerin der Hungerspiele. Zur Vorbereitung auf das Jubel-Jubil�um hatte Effie uns, neben anderen, auch ihr Video geschickt. Wahrscheinlich habe ich sie irgendwann sogar mal bei den Spielen gesehen, aber sie hat sich wohl im Hintergrund gehalten. Nachdem ich erfahren habe, wie Haymitch und Finnick behandelt worden sind, frage ich mich automatisch: Was hat das Kapitol ihr nach dem Sieg angetan?</p><p>Als Lyme mit der Pr�sentation fertig ist, sind die Experten mit ihren Fragen dran. Viele Stunden lang, unterbrochen nur durch das Mittagessen, versuchen sie einen realistischen Plan auszut�fteln, wie man die Nuss erobern k�nnte. Beetee meint, er k�nne sich in die Computersysteme einhacken, und es wird dar�ber beratschlagt, ob man die Handvoll Spione einsetzen sollte, die zur Verf�gung stehen, doch keiner hat eine z�ndende Idee. Irgendwann kehrt das Gespr�ch zur�ck zu einer Strategie, die schon des �fteren ausprobiert wurde - die Eing�nge zu st�rmen. Lyme wirkt immer frustrierter, denn dieser Plan ist in so vielen Varianten bereits gescheitert und sie hat schon so viele Soldaten dabei verloren. Schlie�lich platzt sie heraus: �Der N�chste, der vorschl�gt, die Eing�nge zu st�rmen, sollte besser auch eine geniale Idee liefern, wie, denn er darf die Mission dann selbst anf�hren!�</p><p>Gale, der zu unruhig ist, um stundenlang am Tisch zu sitzen, l�uft entweder herum, oder er sitzt bei mir auf dem Fensterbrett. Er hat Lymes Behauptung, die Eing�nge k�nnten nicht gest�rmt werden, sofort akzeptiert und sich aus der Diskussion v�llig ausgeklinkt. Seit einer Stunde sitzt er schweigend und mit gerunzelter Stirn da und starrt durchs Fenster zu der Nuss. In der Stille, die auf Lymes Drohung folgt, meldet er sich zu Wort. �Ist es eigentlich zwingend notwendig, dass wir die Nuss erobern? Oder w�rde es auch gen�gen, sie zu blockieren?�</p><p>�Das k�nnte ein Schritt in die richtige Richtung sein�, sagt Beetee. �Worauf willst du hinaus?�</p><p>�Stellen wir uns vor, das Ding w�re ein Bau mit wilden Hunden�, f�hrt Gale fort. �Dann w�rden wir ja nicht versuchen, dort einzudringen. Wir h�tten zwei M�glichkeiten. Die Hunde da drin einzusperren oder sie hinauszuscheuchen.�</p><p>�Wir haben versucht, die Eing�nge zu bombardieren�, sagt Lyme. �Doch sie sind so tief in den Fels gehauen, dass sie kaum nachgeben.�</p><p>�Daran habe ich auch nicht gedacht�, sagt Gale. �Ich dachte daran, dass wir uns den Berg zunutze machen.� Beetee steht auf und geht zu Gale ans Fenster, angestrengt schaut er durch seine schlecht sitzende Brille. �Verstehst du? Die W�nde zum Abrutschen bringen.�</p><p>�Lawinenz�ge�, sagt Beetee leise. �Das w�re aber kompliziert. Wir m�ssten die Abfolge der Detonationen ganz genau planen. Wenn sie einmal in Gang gesetzt sind, k�nnen wir nicht mehr eingreifen.�</p><p>�Wir brauchen nicht einzugreifen, wenn wir uns von der Vorstellung verabschieden, wir m�ssten die Nuss besitzen�, sagt Gale. �Wir machen sie einfach dicht.�</p><p>�Du schl�gst also vor, dass wir Steinlawinen ausl�sen und die Zug�nge blockieren?�, fragt Lyme.</p><p>�Genau�, sagt Gale. �Den Feind einsperren und von der Versorgung abschneiden. Sodass sie ihr Hovercraft nicht aussenden k�nnen.�</p><p>W�hrend alle �ber den Plan nachdenken, bl�ttert Boggs stirnrunzelnd einen Stapel mit Skizzen von der Nuss durch. �Damit riskierst du aber, dass alle da drin umkommen. Schau dir das Bel�ftungssystem an. Das ist bestenfalls in Ans�tzen vorhanden. Nichts im Vergleich zu unserem in 13. Es ist vollst�ndig davon abh�ngig, dass von den Bergw�nden Luft hereingepumpt wird. Sind die L�ftungssch�chte blockiert, ersticken alle, die in der Falle sitzen.�</p><p>�Sie k�nnten durch den Eisenbahntunnel zum Platz fl�chten�, sagt Beetee.</p><p>�Nicht, wenn wir ihn sprengen�, sagt Gale schroff. Jetzt wird seine Absicht deutlich. Gale hat kein Interesse daran, dass diejenigen, die in der Nuss sind, �berleben. Kein Interesse daran, die Beute f�r sp�teren Gebrauch gefangen zu nehmen.</p><p>Das ist eine seiner Todesfallen.</p><p><strong>15</strong></p><p>Nach und nach d�mmert uns, was Gales Vorschlag bedeutet. In den Gesichtern spiegeln sich die unterschiedlichsten Reaktionen. Von Begeisterung bis Entsetzen, von Betroffenheit bis Genugtuung ist alles vertreten. �Die meisten Arbeiter stammen aus Distrikt 2�, sagt Beetee. �Na und?�, sagt Gale. �Denen k�nnen wir nie wieder trauen.�</p><p>�Sie sollten zumindest die Chance haben, sich zu ergeben�, sagt Lyme.</p><p>�Dieser Luxus war uns nicht verg�nnt, als sie die Brandbomben auf 12 abgeworfen haben. Aber das Kapitol fassen wir doch lieber mit Samthandschuhen an�, sagt Gale. Lyme sieht so aus, als w�rde sie ihn am liebsten erschie�en oder ihm zumindest eine reinhauen. Wahrscheinlich w�re sie mit ihrer Ausbildung sogar im Vorteil. Aber ihre Reaktion macht Gale nur w�tend, er schreit: �Wir haben gesehen, wie Kinder verbrannt sind, und wir konnten nichts tun!�</p><p>Die Erinnerung durchf�hrt mich und ich muss die Augen einen Moment schlie�en. Der gew�nschte Effekt bleibt nicht aus. Ich will alle im Berg tot sehen. Bin kurz davor, es auszusprechen. Aber � Ich bin nicht Pr�sident Snow, sondern ein M�dchen aus Distrikt 12. Ich kann nicht aus meiner Haut. Ich kann niemanden so sterben lassen, wie Gale es vorschl�gt. �Gale�, sage ich m�glichst ruhig und fasse ihn am Arm. �Die Nuss ist ein altes Bergwerk. Das w�re so, als w�rdest du ein riesiges Minenungl�ck ausl�sen.� Diese Worte w�rden jeden aus Distrikt 12 nachdenklich stimmen.</p><p>�Nur nicht so pl�tzlich wie das Ungl�ck, bei dem unsere V�ter umgekommen sind�, kontert er. �Ist das etwa euer Problem? Dass unsere Feinde vielleicht noch ein paar Stunden Zeit haben, �ber ihren bevorstehenden Tod nachzudenken, anstatt einfach begraben zu werden?�</p><p>Als wir noch Kinder waren, die jenseits des Zauns von Distrikt 12 auf die Jagd gingen, hat Gale auch schon solche und schlimmere Sachen gesagt. Aber damals waren es nur Worte. Hier werden sie zu Taten, die nie wieder r�ckg�ngig gemacht werden k�nnen.</p><p>�Du wei�t doch gar nicht, wie diese Leute aus Distrikt 2 in der Nuss gelandet sind�, sage ich. �Vielleicht hat man sie gezwungen. Vielleicht werden sie gegen ihren Willen dort festgehalten. Unsere eigenen Spione sind auch darunter. Willst du die auch umbringen?�</p><p>�Ich w�rde ein paar opfern, ja. Um die anderen zu erledigen�, antwortet er. �Und wenn ich ein Spion da drin w�re, w�rde ich sagen: Los, setzt die Lawinen in Gang!�</p><p>Ich wei�, dass er die Wahrheit sagt. Dass er sein Leben f�r die Sache opfern w�rde - niemand zweifelt daran. Vielleicht w�rden wir das alle tun, wenn wir Spione w�ren und vor der Wahl st�nden. Ich wahrscheinlich schon. Aber eine solche Entscheidung f�r andere und ihre Angeh�rigen zu treffen, ist hartherzig.</p><p>�Du hast gesagt, wir haben zwei M�glichkeiten�, sagt Boggs. �Sie einzusperren oder rauszutreiben. Ich schlage vor, wir l�sen die Lawinen aus, tasten den Eisenbahntunnel jedoch nicht an.</p><p>Dann k�nnen die Menschen auf den Platz fl�chten und da nehmen wir sie in Empfang.�</p><p>�Schwer bewaffnet, will ich doch hoffen�, sagt Gale. �Denn sie werden es sein, darauf kannst du wetten.�</p><p>�Schwer bewaffnet. Wir nehmen sie gefangen�, stimmt Boggs zu.</p><p>�Gut, dann weihen wir jetzt Distrikt 13 ein�, schl�gt Beetee vor. �Pr�sidentin Coin soll sagen, was sie dazu meint.�</p><p>�Garantiert will sie den Tunnel blockieren�, sagt Gale zuversichtlich.</p><p>�Ja, wahrscheinlich. Aber in einem hatte Peeta recht mit dem, was er in seinen Propos gesagt hat. �ber die Gefahr, dass wir uns wom�glich selbst zerst�ren. Ich habe mal ein bisschen mit Zahlen herumgespielt. Wenn man die Verluste einbezieht und die Verwundeten und � Ich finde, man sollte wenigstens dar�ber reden�, sagt Beetee.</p><p>Nur eine Handvoll Leute d�rfen bei dieser Unterredung dabei sein. Gale und ich werden mit den anderen hinausgeschickt. Ich nehme ihn mit auf die Jagd, damit er ein bisschen Dampf ablassen kann, doch er redet nicht viel. Ist wohl zu sauer auf mich, weil ich ihm widersprochen habe.</p><p>Schlie�lich f�llt die Entscheidung, und am Abend stehe ich bereit - in meinem Spottt�lpelkost�m, den Bogen �ber der Schulter. �ber ein Headset bin ich mit Haymitch in Distrikt 13 verbunden, f�r den Fall, dass sich die Gelegenheit f�r einen guten Propo ergibt. Wir warten auf dem Dach des Justizgeb�udes. Von dort aus haben wir unser Ziel im Visier.</p><p>Anfangs werden unsere Hoverplanes von den Kommandanten in der Nuss ignoriert, denn in der Vergangenheit konnten sie kaum mehr ausrichten als Fliegen, die einen Honigtopf umschwirren. Doch nach den ersten beiden Angriffswellen gegen die h�heren Lagen des Berges ist ihre Aufmerksamkeit geweckt. Und als die Flugabwehrkanonen des Kapitols in Aktion treten, ist es bereits zu sp�t.</p><p>Die Auswirkung der Lawinen �bertrifft alle Erwartungen. Beetee hatte recht damit, dass sie, einmal in Gang gesetzt, nicht mehr aufzuhalten sein w�rden. Die Bergw�nde sind an sich schon instabil, doch jetzt, durch die Detonationen geschw�cht, scheinen sie sich fast zu verfl�ssigen. Ganze Teile der Nuss brechen vor unseren Augen zusammen, alle Spuren, die darauf hinweisen, dass dieser Ort je von Menschen betreten wurde, sind ausgel�scht. Sprachlos stehen wir da, klein und unbedeutend, w�hrend das Gestein in Wellen den Berg hinunterdonnert. Unter Tonnen von Fels werden die Zug�nge begraben. Eine Wolke aus Dreck und Ger�ll wirbelt auf und verdunkelt den Himmel. Die Nuss hat sich in ein Grab verwandelt.</p><p>Ich stelle mir das Inferno im Innern des Berges vor. Heulende Sirenen. Lichter, die erst flackern, dann verl�schen. Erstickender Staub in der Luft. Die Schreie der Eingeschlossenen, die panisch nach einem Ausgang suchen und feststellen, dass die Zug�nge, die Abschussrampe, die L�ftungssch�chte mit Erde und Steinen verstopft sind, die ins Innere dr�ngen. Frei schwingende Stromleitungen, Feuer. Vertraute Wege werden durch Tr�mmer zum Labyrinth. Schubsende, dr�ngelnde Menschen, die aufgescheucht umherkrabbeln wie Ameisen, wenn der Haufen einsinkt und ihren fragilen Panzer zu zerdr�cken droht.</p><p>�Katniss?� Ich habe Haymitchs Stimme im Ohr. Ich versuche, ihm zu antworten, aber ich habe beide H�nde fest auf den Mund gepresst. �Katniss!�</p><p>An dem Tag, als mein Vater starb, gingen die Sirenen w�hrend der Mittagspause in der Schule los. Niemand wartete die Erlaubnis ab zu gehen, und das wurde auch nicht erwartet. Nicht einmal das Kapitol konnte uns vorschreiben, wie wir uns bei einem Minenungl�ck zu verhalten hatten. Ich rannte zu Prims Klasse. Ich wei� noch, wie sie dasa�, sieben Jahre alt und winzig, ganz blass, die H�nde brav auf dem Tisch gefaltet. So wartete sie darauf, dass ich sie abholte, wie ich es versprochen hatte, f�r den Fall, dass die Sirenen je losgehen sollten. Sie sprang auf, hielt sich am �rmel meines Mantels fest, und dann zw�ngten wir uns durch die Menge der Leute, die auf die Stra�en str�mten und sich am Haupteingang des Bergwerks versammelten. Wir fanden unsere Mutter, die das Seil umklammerte, das schnell als Absperrung gespannt worden war. Im Nachhinein denke ich, dass ich schon in diesem Moment h�tte wissen m�ssen, dass mit ihr etwas nicht stimmte, denn wieso sonst mussten wir sie suchen, wo es doch umgekehrt h�tte sein sollen?</p><p>Die F�rderk�rbe quietschten, sausten die Kabel hoch und runter, als sie die verru�ten Bergarbeiter ans Tageslicht bef�rderten. Bei jeder Gruppe gab es Schreie der Erleichterung, Angeh�rige tauchten unter der Absperrung hindurch, um ihre Ehem�nner, Frauen, Kinder, Eltern, Geschwister in Empfang zu nehmen. Wir standen in der K�lte des Nachmittags, w�hrend sich der Himmel zuzog, staubfeiner Schnee bedeckte die Erde. Die F�rderk�rbe bewegten sich jetzt langsamer und spuckten nicht mehr so viele Leute aus. Ich kniete mich hin und grub die H�nde in die Schlacke, wie gern h�tte ich meinen Vater heraufgezogen. Hilfloser kann man sich wohl nicht f�hlen, als wenn man jemanden erreichen will, der unter der Erde eingesperrt ist. Die Verletzten. Die Toten. Das Warten die ganze Nacht hindurch. Decken, die Fremde einem um die Schultern legen. Ein Becher mit einem hei�en Getr�nk, das man nicht trinkt. Und dann schlie�lich, bei Tagesanbruch, der bek�mmerte Ausdruck auf dem Gesicht des Bergwerkleiters, der nur eines bedeuten kann.</p><p><emphasis>Was haben wir da gerade getan?</emphasis></p><p>�Katniss! Bist du da?� Haymitch l�sst mir jetzt in Gedanken wahrscheinlich schon eine Kopffessel anpassen. Ich lasse die H�nde sinken. �Ja.�</p><p>�Geh rein. Nur f�r den Fall, dass das Kapitol mit seiner verbliebenen Luftwaffe einen Gegenangriff startet.�</p><p>�Ja�, sage ich wieder. Bis auf die Soldaten, die an die Maschinengewehre gehen, begeben sich alle auf dem Dach nach drinnen. Auf dem Weg die Treppe hinunter lasse ich die Finger an der makellosen wei�en Marmorwand entlanggleiten. So kalt und so sch�n. Selbst im Kapitol haben sie nichts, was es mit der Pracht dieses alten Geb�udes aufnehmen k�nnte. Doch die Oberfl�che gibt nicht nach - meine Haut dagegen ist weich, k�hlt ab. Stein siegt immer �ber Menschen.</p><p>Ich sitze am Fu� einer riesigen S�ule in der gro�en Eingangshalle. Durch die T�r sehe ich den wei�en Marmor der Treppe, die zum Platz f�hrt. Ich wei� noch, wie schlecht es mir an dem Tag ging, als Peeta und ich hier die Gratulationen zum Sieg bei den Spielen entgegennahmen. Ersch�pft von der Tour der Sieger, gescheitert bei dem Versuch, die Distrikte zu beschwichtigen, den Erinnerungen an Clove und Cato ausgesetzt, vor allem an Catos langsamen, grausamen Tod durch die Mutationen.</p><p>Boggs kauert sich neben mich, hier im Schatten sieht er blass aus. �Den Eisenbahntunnel haben wir nicht bombardiert. Einige werden wahrscheinlich herauskommen.�</p><p>�Und sobald sie sich blicken lassen, erschie�en wir sie?�, frage ich.</p><p>�Nur wenn es sein muss�, antwortet er. �Wir k�nnten Z�ge reinschicken. Die Verletzten evakuieren�, sage ich.</p><p>�Nein. Es wurde beschlossen, ihnen den Tunnel zu �berlassen. Auf diese Weise k�nnen sie die Leute rausschaffen�, sagt Boggs. �Au�erdem gewinnen wir dadurch Zeit, unsere �brigen Soldaten auf dem Platz zu versammeln.�</p><p>Noch vor wenigen Stunden war der Platz Niemandsland, hier verlief die Front zwischen den Rebellen und den Friedensw�chtern. Als Coin ihre Zustimmung zu Gales Plan gab, griffen die Rebellen erbittert an und trieben die Truppen des Kapitols einige Stra�enz�ge zur�ck, damit wir w�hrend des Untergangs der Nuss den Bahnhof kontrollieren konnten. Und jetzt ist sie untergegangen. Langsam haben es alle begriffen. Die �berlebenden werden auf den Platz fl�chten. Ich h�re wieder das Flakfeuer, sicher versuchen die Friedensw�chter, sich hineinzuk�mpfen, um ihre Kameraden zu retten. Und unsere Soldaten sollen das verhindern.</p><p>�Du frierst�, sagt Boggs. �Ich schau mal, ob ich eine Decke finde.� Bevor ich widersprechen kann, ist er schon weg. Ich will keine Decke, obwohl der Marmor mir die W�rme aus dem K�rper saugt.</p><p>�Katniss�, h�re ich Haymitch in meinem Ohr.</p><p>�Bin immer noch da�, sage ich.</p><p>�Interessante Wendung mit Peeta heute. Dachte mir, das willst du bestimmt wissen�, sagt er.
<emphasis>Interessant</emphasis>
ist nicht gut. Nicht besser. Aber mir bleibt nichts anderes �brig, als zuzuh�ren. �Wir haben ihm das Band gezeigt, auf dem du das Lied vom Henkersbaum singst. Das wurde nie ausgestrahlt, deshalb konnte das Kapital es nicht benutzen, als er eingewebt wurde. Er hat gesagt, er kennt das Lied.�</p><p>Mein Herz macht einen H�pfer. Doch dann wird mir klar, dass das bestimmt wieder nur auf die Verwirrung durch das J�gerwespengift zur�ckzuf�hren ist. �Unm�glich, Haymitch. Er hat nie geh�rt, wie ich das Lied gesungen habe.�</p><p>�Nicht du. Dein Vater. Peeta hat es ihn einmal singen h�ren, als er in die B�ckerei kam, um etwas zu tauschen. Da war Peeta noch klein, vielleicht sechs oder sieben, aber er wei� es noch, weil er genau gelauscht hat, um zu h�ren, ob die V�gel aufh�rten zu singen�, sagt Haymitch. �Wahrscheinlich haben sie aufgeh�rt.�</p><p>Sechs oder sieben. Das muss gewesen sein, bevor meine Mutter das Lied verboten hat. Vielleicht sogar zu der Zeit, als ich es gerade lernte. �War ich auch dabei?�</p><p>�Ich glaube nicht. Jedenfalls hat er dich nicht erw�hnt. Aber es ist die erste Verbindung zu dir, die keinen Zusammenbruch ausgel�st hat�, sagt Haymitch. �Besser als nichts, Katniss.�</p><p>Mein Vater. Er scheint heute �berall zu sein. Wie er im Bergwerk gestorben ist. Wie er sich in Peetas wirres Bewusstsein gesungen hat. Und jetzt erkenne ich ihn in Boggs� Blick, als der mir f�rsorglich die Decke um die Schultern legt. Ich vermisse ihn so sehr, dass es wehtut.</p><p>Das Artilleriefeuer drau�en wird lauter. Gale l�uft mit einer Gruppe von Rebellen vorbei, die es nicht abwarten k�nnen zu k�mpfen. Ich frage nicht, ob ich dabei sein darf. Sie w�rden es sowieso nicht erlauben, vor allem aber ist mir nicht danach, ich brenne nicht daf�r. Ich sehne Peeta herbei, den alten Peeta, denn er k�nnte in Worte fassen, weshalb es verkehrt ist, aufeinander zu schie�en, w�hrend Menschen, egal welche, sich aus dem Berg zu k�mpfen versuchen. Oder bin ich �berempfindlich wegen meiner eigenen Geschichte? Sind wir nicht im Krieg? Ist das nicht nur eine von vielen Methoden, unsere Feinde zu t�ten?</p><p>Die Nacht kommt schnell. Riesige Scheinwerfer werden eingeschaltet und tauchen den Platz in grelles Licht. Bestimmt brennen auch im Bahnhof alle Lichter mit voller Kraft. Obwohl ich mich auf der anderen Seite des Platzes befinde, kann ich ihn durch die Scheibe des langen, flachen Geb�udes gut einsehen. Die Ankunft eines Zuges, selbst einer einzelnen Person w�re un�bersehbar. Doch Stunden vergehen und niemand kommt. Mit jeder Minute wird es unwahrscheinlicher, dass jemand den Angriff auf die Nuss �berlebt hat.</p><p>Es ist schon nach Mitternacht, als Cressida auftaucht und mir ein Mikrofon an mein Kost�m klemmt. �Wozu soll das gut sein?�, frage ich.</p><p>Haymitch meldet sich, um es zu erkl�ren. �Ich wei�, es wird dir nicht gefallen, aber du musst eine Rede halten.�</p><p>�Eine Rede?�, sage ich, und sofort wird mir mulmig.</p><p>�Ich fl�stere es dir ein, Satz f�r Satz�, versichert er. �Du musst mir nur nachsprechen. Aus dem Berg kommt kein Lebenszeichen. Wir haben gewonnen, doch der Kampf geht weiter. Deshalb dachten wir uns, wenn du dich auf die Treppe des Justizgeb�udes stellst und es verk�ndest - allen sagst, dass die Nuss besiegt ist und dass das Kapitol in Distrikt 2 keine Macht mehr hat -, dann kannst du vielleicht ihre restlichen Truppen dazu bringen, sich zu ergeben.�</p><p>Ich schaue angestrengt in die Dunkelheit hinter dem Platz. �Ich kann ihre Truppen nicht mal sehen.�</p><p>�Daf�r hast du ja das Mikro�, sagt er. �Deine Stimme wird durch ihre Notfunkanlage �bertragen und dein Bild wird auf allen Bildschirmen zu sehen sein.�</p><p>Ich wei�, dass es auf dem Platz ein paar riesige Bildschirme gibt. W�hrend der Tour der Sieger habe ich sie gesehen. Es k�nnte funktionieren, wenn ich in so etwas gut w�re. Aber das bin ich nicht. Bei den ersten Versuchen mit den Propos haben sie mir meinen Text auch vorgesagt und es war ein Reinfall.</p><p>�Du k�nntest damit viele Leben retten, Katniss�, sagt Haymitch.</p><p>�Na gut. Ich versuche es�, sage ich.</p><p>Es ist merkw�rdig, so im Scheinwerferlicht auf der Treppe zu stehen, ohne sichtbares Publikum, an das ich meine Rede richten k�nnte. Als w�rde ich eine Vorstellung f�r den Mond geben.</p><p>�Bringen wir es schnell hinter uns�, sagt Haymitch. �Du hast keine Deckung.�</p><p>Mein Fernsehteam, das mit Spezialkameras auf dem Platz steht, gibt mir ein Zeichen, dass es losgehen kann. Ich sage Haymitch, er soll anfangen, dann schalte ich das Mikrofon ein und h�re genau zu, w�hrend er mir den ersten Satz meiner Rede vorsagt. Ich erscheine in Gro�aufnahme auf einem der Bildschirme auf dem Platz. �An alle Menschen in Distrikt 2, hier spricht Katniss Everdeen. Ich spreche zu euch von der Treppe eures Justizgeb�udes aus, wo ��</p><p>In diesem Moment fahren zwei Z�ge gleichzeitig in den Bahnhof ein. Als die T�ren aufgehen, stolpern die Menschen in einer Rauchwolke heraus, die sie aus der Nuss mitgebracht haben. Sie m�ssen zumindest eine Ahnung haben, was sie hier erwarten w�rde, denn sie suchen sofort Deckung. Die meisten legen sich flach auf den Boden und ein Kugelhagel im Bahnhof l�sst alle Lichter erl�schen. Wie Gale prophezeit hat, sind sie bewaffnet, aber sie sind auch verwundet. In der Stille der Nacht ist ihr St�hnen zu h�ren.</p><p>Irgendjemand schie�t das Licht auf der Treppe aus, sodass die Dunkelheit mir Schutz bietet. Im Bahnhof lodert eine Flamme auf - einer der Z�ge scheint zu brennen -, und dichter schwarzer Rauch quillt gegen die Glaswand. Jetzt bleibt den Leuten nichts anderes �brig, als auf den Platz hinauszudr�ngen, sie husten, schwenken jedoch herausfordernd die Gewehre. Schnell schaue ich zu den D�chern der H�user, die den Platz umgeben. Auf jedem befindet sich ein MG-Nest der Rebellen. Das Mondlicht spiegelt sich in den polierten Gewehrl�ufen.</p><p>Ein junger Mann kommt taumelnd aus dem Bahnhof, mit einer Hand h�lt er sich ein blutiges Tuch an die Wange, mit der anderen schleppt er ein Gewehr. Als er stolpert und auf das Gesicht f�llt, sehe ich die Brandstellen an der R�ckseite seines Hemdes und das rote Fleisch darunter. Und pl�tzlich ist er nur noch ein Brandopfer bei einem Minenungl�ck.</p><p>Ich fliege die Treppe hinunter und renne zu dem Mann hin. �Halt!�, rufe ich den Rebellen zu. �Nicht schie�en!� Die Worte hallen �ber den Platz und dar�ber hinaus, das Mikrofon verst�rkt meine Stimme. �Halt!� Ich b�cke mich, um dem Mann zu helfen, als er sich pl�tzlich auf die Knie st�tzt und mit dem Gewehr auf meinen Kopf zielt.</p><p>Instinktiv gehe ich ein paar Schritte zur�ck und halte den Bogen in die H�he, um zu zeigen, dass ich in friedlicher Absicht gekommen bin. Jetzt, da er beide H�nde am Gewehr hat, sehe ich das klaffende Loch in seiner Wange, wo etwas - ein herabgefallener Stein vielleicht - das Fleisch durchdrungen hat. Er riecht nach verbrannten Haaren und verbranntem Fleisch. Sein Blick ist irre vor Schmerz und Angst.</p><p>�Nicht bewegen�, fl�stert Haymitchs Stimme in meinem Ohr. Ich befolge seine Anweisung, und mir wird schlagartig klar, dass uns der gesamte Distrikt 2 zuschaut, vielleicht sogar ganz Panem. Der Spottt�lpel in der Gewalt eines Mannes, der nichts zu verlieren hat.</p><p>Ich kann ihn kaum verstehen. �Gib mir einen Grund, weshalb ich dich nicht erschie�en sollte.�</p><p>Der Rest der Welt r�ckt in den Hintergrund. Nur ich bin noch da, wie ich in das ungl�ckliche Gesicht des Mannes schaue, der mich nach einem Grund fragt. Mir sollten tausend Gr�nde einfallen. Doch ich sage: �Das kann ich nicht.�</p><p>Logischerweise m�sste der Mann jetzt auf den Abzug dr�cken. Aber er ist verwirrt, versucht meine Worte zu begreifen. Als mir klar wird, wie wahr das ist, was ich gerade gesagt habe, bin ich selbst durcheinander, und Verzweiflung tritt an die Stelle des noblen Impulses, der mich auf den Platz getrieben hat. �Ich kann es nicht. Das ist das Problem, nicht wahr?� Ich lasse den Bogen sinken. �Wir haben euer Bergwerk in die Luft gesprengt. Ihr habt meinen Distrikt abgebrannt. Wir haben allen Grund, einander zu t�ten. Also tu es. Mach das Kapitol gl�cklich. Ich habe genug davon, ihre Sklaven f�r sie zu t�ten.� Ich lasse den Bogen fallen und trete ihn mit dem Stiefel weg. Er schlittert �ber den Steinboden und bleibt vor den Knien des Mannes liegen.</p><p>�Ich bin nicht ihr Sklave�, murmelt er.</p><p>�Ich schon�, sage ich. �Deshalb habe ich Cato get�tet� und deshalb hat er Thresh get�tet � und der wiederum Clove � die versucht hat, mich zu t�ten. So geht es immer weiter und wer gewinnt? Nicht wir. Nicht die Distrikte. Immer das Kapitol. Aber ich habe es satt, eine Figur in ihren Spielen zu sein.�</p><p>Peeta. Auf dem Dach in der Nacht vor unseren ersten Hungerspielen. Ihm war das alles schon klar, ehe wir auch nur einen Fu� in die Arena gesetzt hatten. Ich hoffe, dass er jetzt zuschaut und sich an jene Nacht erinnert und mir vielleicht vergibt, wenn ich sterbe.</p><p>�Sprich weiter. Erz�hl ihnen davon, wie es war, zuzuschauen, als der Berg eingest�rzt ist�, sagt Haymitch.</p><p>�Als ich heute Abend den Berg einst�rzen sah, da dachte ich � dass sie es schon wieder geschafft haben. Schon wieder haben sie mich dazu gebracht, euch zu t�ten - die Menschen in den Distrikten. Aber warum habe ich es getan? Distrikt 12 und Distrikt 2 haben keinen Streit miteinander - au�er dem, den das Kapitol uns aufgezwungen hat.� Der junge Mann blinzelt mich verst�ndnislos an. Ich lasse mich vor ihm auf die Knie sinken und spreche leise und eindringlich. �Und warum k�mpft ihr gegen die Rebellen auf den D�chern? Gegen Lyme, die euer Sieger war? Gegen Leute, die eure Nachbarn, vielleicht sogar Verwandte waren?�</p><p>�Ich wei� nicht�, sagt der Mann. Aber das Gewehr h�lt er noch immer auf mich gerichtet.</p><p>Ich stehe auf und drehe mich langsam herum, wende mich zu den Maschinengewehren. �Und ihr da oben? Ich komme aus einer Bergarbeiterstadt. Seit wann verurteilen Bergarbeiter andere Bergarbeiter zu einem solchen Tod und halten sich dann bereit, diejenigen zu t�ten, die sich aus den Tr�mmern befreien k�nnen?�</p><p>�Wer ist der Feind?�, fl�stert Haymitch.</p><p>�Diese Leute�, ich zeige auf die Verwundeten auf dem Platz, �sind nicht euer Feind!� Schnell drehe ich mich zur�ck zum Bahnhof. �Die Rebellen sind nicht euer Feind! Wir alle haben nur einen Feind, und das ist das Kapitol! Jetzt haben wir die einmalige Chance, seiner Macht ein Ende zu bereiten, aber daf�r brauchen wir jeden Einzelnen in den Distrikten!�</p><p>Die Kameras sind fest auf mich gerichtet, als ich die H�nde zu dem Mann ausstrecke, zu dem Verwundeten, zu den z�gernden Rebellen in ganz Panem. �Bitte! Schlie�t euch uns an!�</p><p>Meine Worte bleiben in der Luft h�ngen. Ich schaue zum Bildschirm und hoffe, mit anzusehen, wie eine Welle der Vers�hnung durch die Menge geht.</p><p>Stattdessen sehe ich live im Fernsehen, wie ich erschossen werde.</p><p><strong>16</strong></p><p><emphasis>�Immer.�</emphasis></p><p>Peeta fl�stert das Wort im D�mmerzustand des Morfix und ich begebe mich auf die Suche nach ihm. Es ist eine verschwommene Welt in Violettt�nen, ohne scharfe Konturen und mit vielen m�glichen Verstecken. Ich bahne mir einen Weg durch Wolkenw�nde, folge den schwachen F�hrten, schnappe einen Hauch Zimt auf, dann Dill. Einmal sp�re ich seine Hand an meiner Wange und versuche sie festzuhalten, doch sie gleitet mir wie Nebel durch die Finger.</p><p>Als ich langsam in einem sterilen Krankenzimmer in 13 wieder auftauche, kommt die Erinnerung. Ich stand unter dem Einfluss von Schlafsirup. Ich war auf einen Ast geklettert und �ber den Elektrozaun zur�ck in Distrikt 12 gesprungen und dabei hatte ich mir die Ferse verletzt. Peeta brachte mich ins Bett, und als ich wegd�mmerte, bat ich ihn, bei mir zu bleiben. Er fl�sterte etwas, das ich nicht richtig verstand. Aber irgendein Teil meines Gehirns hatte dieses eine Wort, seine Antwort auf eine Frage von mir, festgehalten und lie� es jetzt durch meine Tr�ume geistern und mich verspotten.
<emphasis>�Immer.�</emphasis></p><p>Morfix nimmt allen Gef�hlen die Spitze, deshalb sp�re ich jetzt keinen stechenden Schmerz, sondern nur Leere. Eine Mulde mit welkem Gestr�pp, wo zuvor Blumen gebl�ht haben. Leider habe ich nicht mehr genug von der Droge im Blut, um den Schmerz auf der linken Seite meines K�rpers zu ignorieren.</p><p>Dort hat die Kugel mich getroffen. Meine H�nde betasten den dicken Verband um meine Rippen, und ich frage mich, was ich hier �berhaupt noch mache.</p><p>Er war es nicht, der Mann, der vor mir auf dem Platz kniete, der Verbrannte aus dem Berg. Er hat nicht auf den Abzug gedr�ckt. Es war jemand weiter hinten in der Menge. Das Eindringen der Kugel habe ich kaum gesp�rt, nur einen Schlag wie mit dem Vorschlaghammer. Alles nach diesem Moment ist wirr, von Sch�ssen durchl�chert. Ich versuche mich aufzusetzen, bringe jedoch nur ein St�hnen zustande.</p><p>Der wei�e Vorhang, der mein Bett vom Nachbarbett trennt, wird zur Seite gezogen, und Johanna Mason starrt mich an. Im ersten Moment f�hle ich mich bedroht, weil sie mich in der Arena angegriffen hat. Ich muss mir erst sagen, dass sie mir damit das Leben gerettet hat. Es geh�rte zum Komplott der Rebellen. Aber das hei�t noch lange nicht, dass sie mich nicht verachtet. Vielleicht war ihr Verhalten mir gegen�ber ja nur Theater f�r das Kapitol?</p><p>�Ich lebe�, sage ich mit rauer Stimme.</p><p>�Was du nicht sagst, du Dummchen.� Johanna kommt zu mir und l�sst sich so heftig auf mein Bett plumpsen, dass es schmerzhaft in meiner Brust sticht. Sie grinst nur, und da wei� ich, dass wir hier kein freudiges Wiedersehen feiern. �Immer noch ein bisschen empfindlich?� Mit einer geschickten Bewegung zieht sie die Morfix-Infusion aus meinem Arm und steckt sie in den Venenkatheter in ihrer Armbeuge. �Seit ein paar Tagen fahren sie meine Dosis runter. Damit ich nicht so werde wie diese beiden Irren aus 6 seinerzeit. Da dachte ich mir, sobald die Luft rein ist, schnorre ich mal bei dir. Hast ja hoffentlich nichts dagegen.�</p><p>Ob ich etwas dagegen habe? Wie sollte ich, wo sie doch nach dem Jubel-Jubil�um von Snow fast zu Tode gefoltert wurde? Ich habe kein Recht, mich zu beschweren, und das wei� sie auch.</p><p>Johanna seufzt, als das Morfix in ihren Blutkreislauf str�mt.</p><p>�Vielleicht war das gar nicht so verkehrt, was die aus 6 gemacht haben. Sich komplett zudr�hnen und dann den K�rper mit Blumen bemalen. Gar kein so schlechtes Leben. Jedenfalls machten die zwei einen gl�cklicheren Eindruck als alle anderen.�</p><p>In den Wochen, seit ich Distrikt 13 verlassen habe, hat sie etwas zugenommen. Auf ihrem kahl rasierten Kopf ist zarter Flaum nachgewachsen, der die Narben ein wenig verdeckt. Doch wenn sie etwas von meinem Morfix abzwackt, hat sie offenbar immer noch zu k�mpfen.</p><p>�Jeden Tag kommt so ein Psychodoktor vorbei, der mir helfen soll. Als ob ein Typ, der sein Leben in diesem Labyrinth zugebracht hat, mich heilen k�nnte. So ein Vollidiot! Mindestens zwanzig Mal pro Sitzung erinnert er mich daran, dass ich au�er Gefahr bin.� Ich ringe mir ein L�cheln ab. Wirklich idiotisch, so etwas zu sagen, vor allem zu einem Sieger. Als ob es einen solchen Zustand �berhaupt geben k�nnte. �Und du, Spottt�lpelchen? Hast du das Gef�hl, dass du au�er Gefahr bist?�</p><p>�Ja, klar. Jedenfalls, bis auf mich geschossen wurde�, sage ich.</p><p>�Ich bitte dich. Die Kugel hat dich nicht mal ber�hrt. Daf�r hat Cinna gesorgt�, sagt sie.</p><p>Ich denke an die schusssicheren Schichten in meinem Spottt�lpelkost�m. Aber irgendwoher muss der Schmerz ja gekommen sein. �Hab ich Rippen gebrochen?�</p><p>�Nicht mal das. Nur ziemlich geprellt. Durch die Wucht der Kugel ist deine Milz gerissen. Die konnten sie nicht zusammenflicken.� Sie winkt ab. �Keine Sorge, die braucht man nicht. Und selbst wenn, f�r dich w�rden sie schon eine finden, was? Sind ja alle darum bem�ht, dein Leben zu retten.�</p><p>�Hasst du mich deshalb?�, frage ich.</p><p>�Zum Teil�, gibt sie zu. �Sicher spielt auch Eifersucht hinein. Ich finde dich einfach schwer zu ertragen. Mit deiner kitschigen Liebesgeschichte und deiner Show als Schutzpatronin der Hilflosen. Nur dass es gar keine Show ist, was dich noch unertr�glicher macht. Das darfst du jetzt gern pers�nlich nehmen.�</p><p>�Du m�sstest der Spottt�lpel sein. Dir brauchte keiner den Text einzufl�stern�, sage ich.</p><p>�Stimmt. Aber mich kann niemand leiden�, sagt sie.</p><p>�Aber sie haben dir vertraut. Um mich rauszuholen�, erinnere ich sie. �Und sie haben Angst vor dir.�</p><p>�Hier vielleicht. Im Kapitol bist du es, die sie f�rchten.� Gale erscheint in der T�r und schnell macht Johanna sich los und schlie�t mich wieder an den Morfix-Tropf an. �Dein Cousin hat keine Angst vor mir�, raunt sie mir zu. Sie steht hastig auf und geht zur T�r. Im Vorbeigehen st��t sie Gale mit der H�fte ans Bein. �Wie geht�s, H�bscher?� Wir h�ren ihr Lachen noch, als sie schon im Flur ist.</p><p>Ich schaue ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an und er nimmt meine Hand. �Oh, jetzt habe ich aber Angst!�, sagt er fast unh�rbar. Ich lache, aber dann zucke ich vor Schmerzen zusammen. �Langsam.� Er streichelt mein Gesicht, w�hrend der Schmerz nachl�sst. �Du musst mal damit aufh�ren, dich immer in Gefahr zu bringen.�</p><p>�Ich wei�. Nur, da hatte jemand einen Berg in die Luft gejagt�, sage ich.</p><p>Anstatt zur�ckzuweichen, beugt er sich n�her zu mir und schaut mich pr�fend an. �Du h�ltst mich f�r herzlos.�</p><p>�Ich wei�, dass du das nicht bist. Aber in Ordnung finde ich es trotzdem nicht.�</p><p>Jetzt weicht er zur�ck, fast ungeduldig. �Katniss, ist es nicht das Gleiche, ob wir unsere Feinde in einem Bergwerk vernichten oder ob wir sie mit einem von Beetees Pfeilen vom Himmel schie�en? Im Ergebnis l�uft es auf dasselbe hinaus.�</p><p>�Ich wei� nicht. Erstens wurden wir in Distrikt 8 angegriffen. Das Lazarett wurde angegriffen�, sage ich.</p><p>�Ja, und die Hoverplanes kamen aus Distrikt 2�, sagt er. �Indem wir sie ausgeschaltet haben, haben wir weitere Angriffe verhindert.�</p><p>�Aber mit dieser Logik k�nntest du es immer rechtfertigen, jemanden zu t�ten. Dann k�nntest du es auch rechtfertigen, junge Leute in die Hungerspiele zu schicken, um zu verhindern, dass die Distrikte aus dem Ruder laufen�, sage ich.</p><p>�Das glaube ich einfach nicht�, sagt er. �Ich schon�, sage ich. �Muss wohl an den Ausfl�gen in die Arena liegen.�</p><p>�Also sch�n. Im Streiten sind wir wirklich gro�e Klasse�, sagt er. �Das waren wir schon immer. Vielleicht ist das gut so. Ganz im Vertrauen, Distrikt 2 geh�rt jetzt uns.�</p><p>�Wirklich?� Ganz kurz versp�re ich Triumph. Dann denke ich an die Menschen auf dem Platz. �Gab es noch Widerstand, nachdem ich angeschossen wurde?�</p><p>�Kaum. Die Arbeiter aus der Nuss sind auf die Soldaten des Kapitols losgegangen. Die Rebellen haben nur dagesessen und zugeschaut�, sagt er. �Im Grunde hat das ganze Land nur dagesessen und zugeschaut.�</p><p>�Ja, das k�nnen sie richtig gut�, sage ich.</p><p>Man sollte meinen, dass man sich nach dem Verlust eines wichtigen Organs erst mal ein paar Wochen ausruhen d�rfte, aber aus irgendeinem Grund wollen die �rzte, dass ich so schnell wie m�glich aufstehe und mich bewege. Selbst unter Morfix sind die inneren Schmerzen an den ersten Tagen heftig, aber dann lassen sie deutlich nach. Die geprellten Rippen dagegen tun noch l�nger weh. Allm�hlich bereue ich es, dass ich Johanna von meinem Morfix abgebe, trotzdem lasse ich es weiterhin zu, dass sie sich bedient.</p><p>Ger�chte �ber meinen Tod haben die Runde gemacht, deshalb schickt man ein Kamerateam an mein Krankenbett. Ich prahle mit meinen gen�hten Wunden und den beeindruckenden Prellungen und gratuliere den Distrikten zu ihrem erfolgreichen Kampf f�r die Einheit. Dann k�ndige ich dem Kapitol an, dass sie bald mit uns rechnen k�nnen.</p><p>Zu meiner Rehabilitation geh�ren kleine Spazierg�nge an der frischen Luft. Eines Nachmittags gesellt sich Plutarch dazu und kl�rt mich �ber die aktuelle Lage auf. Jetzt, da Distrikt 2 sich mit uns verb�ndet hat, g�nnen sich die Rebellen eine Verschnaufpause vom Krieg, um sich neu zu formieren. Sie sichern die Nachschublinien, pflegen die Verwundeten, ordnen ihre Truppen neu. Wie Distrikt 13 w�hrend der Dunklen Tage ist jetzt das Kapitol von fremder Hilfe v�llig abgeschnitten und droht den Feinden mit einem Nuklearangriff. Im Gegensatz zu 13 damals ist das Kapitol nicht in der Position, sich neu zu erfinden und autark zu werden.</p><p>�Ach, die Stadt wird sich schon eine Weile durchschlagen�, sagt Plutarch. �Bestimmt haben sie Vorr�te f�r den Notfall gebunkert. Der entscheidende Unterschied zwischen 13 und dem Kapitol liegt in den Erwartungen der Bev�lkerung. Distrikt 13 war an Entbehrungen schon lange gew�hnt, w�hrend sie im Kapitol nur
<emphasis>Panem et Circenses</emphasis>
kennen.�</p><p>�Was hei�t das?� Ich habe nur
<emphasis>Panem</emphasis>
verstanden.</p><p>�Das ist ein Spruch, der schon Tausende Jahre alt ist, verfasst in einer Sprache namens Latein �ber eine Stadt namens Rom�, erkl�rt er.
<emphasis>�Panem et Circenses</emphasis>
kann man �bersetzen als &gt;Brot und Spiele&lt;. Der Verfasser wollte damit ausdr�cken, dass das Volk im Tausch gegen einen vollen Bauch und Unterhaltung seine politische Verantwortung und damit seine Macht hergegeben habe.�</p><p>Ich denke an das Kapitol. Den �berfluss. Und die ultimative Unterhaltung. Die Hungerspiele. �Daf�r sind die Distrikte also da. Um Brot und Spiele zu liefern.�</p><p>�Ja. Und solange das hereinkam, konnte das Kapitol sein kleines Reich beherrschen. Jetzt aber wird keins von beiden mehr geliefert, jedenfalls nicht in dem Ma�, wie die Leute es gewohnt sind�, sagt Plutarch. �Wir dagegen haben zu essen, und ich werde einen Unterhaltungspropo inszenieren, der bestimmt gut ankommt. Eine Hochzeit gef�llt schlie�lich jedem.�</p><p>Ich erstarre. Bei dem Gedanken daran, was er da vorschl�gt - eine perverse Hochzeit zwischen Peeta und mir zu veranstalten -, wird mir ganz elend. Seit ich zur�ck bin, habe ich es noch nicht �ber mich gebracht, vor den Einwegspiegel zu treten, und ich habe darum gebeten, dass nur Haymitch mich �ber Peetas Zustand auf dem Laufenden h�lt. Er erz�hlt mir sehr wenig. Sie probieren verschiedene Methoden aus. Sie werden Peeta niemals ganz heilen k�nnen. Und jetzt wollen sie, dass ich ihn f�r einen Propo heirate?</p><p>Plutarch beeilt sich, mich zu beruhigen. �Aber Katniss! Doch nicht deine Hochzeit. Die von Finnick und Annie. Du brauchst nur zu kommen und so zu tun, als w�rdest du dich f�r die beiden freuen.�</p><p>�Da brauche ich ausnahmsweise gar nicht so zu tun, als ob�, sage ich.</p><p>Die n�chsten Tage stehen ganz unter dem Zeichen des bevorstehenden Ereignisses und sind dementsprechend hektisch. Durch das Ereignis werden die Unterschiede zwischen dem Kapitol und Distrikt 13 erst richtig deutlich. Wenn Coin �Hochzeit� sagt, meint sie damit, dass zwei Menschen ein Formular unterschreiben und eine neue Wohneinheit zugewiesen bekommen. Plutarch dagegen schwebt vor, dass Hunderte von Menschen in sch�nen Kleidern ein dreit�giges Fest feiern. Es ist lustig, wie sie �ber die Einzelheiten zanken. Plutarch muss um jeden Gast, jedes Musikst�ck feilschen. Nachdem Coin Abendessen, Unterhaltung und Alkohol abgelehnt hat, br�llt Plutarch: �Wozu sollen wir einen Propo machen, wenn sich niemand am�siert!�</p><p>Es ist schwierig, einen Spielmacher zum Sparen anzuhalten. Doch selbst eine stille Feier sorgt f�r Aufruhr in Distrikt 13, wo es �berhaupt keine Feiertage zu geben scheint. Als es hei�t, es w�rden Kinder gesucht, die das Hochzeitslied von Distrikt 4 singen sollen, melden sich fast alle. Auch beim Basteln der Dekoration mangelt es nicht an Freiwilligen. Im Speisesaal gibt es kein anderes Gespr�chsthema als die bevorstehende Hochzeit.</p><p>Vielleicht geht es nicht nur um das Fest. Vielleicht sehnen wir uns einfach alle blo� danach, dass etwas Sch�nes passiert, und wollen daran teilhaben. Das w�rde erkl�ren, weshalb ich - als Plutarch beim Thema Brautkleid ausflippt - mich bereit erkl�re, Annie mit zu meinem Haus in Distrikt 12 zu nehmen, wo in einem gro�en Wandschrank im Erdgeschoss mehrere von Cinnas Abendkleidern h�ngen. Die vielen Hochzeitskleider, die er f�r mich entworfen hat, sind wieder im Kapitol gelandet, doch von den Kleidern, die ich auf der Tour der Sieger getragen habe, sind noch ein paar da. Ich bin in Annies Gegenwart etwas auf der Hut, denn ich wei� �ber sie eigentlich nur, dass Finnick sie liebt und alle sie f�r verr�ckt halten. W�hrend des Flugs komme ich jedoch zu dem Schluss, dass sie eher labil ist als verr�ckt. Sie lacht an unpassenden Stellen und bricht das Gespr�ch zerstreut ab. Mit ihren gr�nen Augen starrt sie so intensiv auf einen Punkt, dass man sich fragt, was sie dort in der Luft sieht. Manchmal h�lt sie sich ohne Grund die Ohren zu, als wollte sie ein schmerzhaftes Ger�usch ausblenden. Merkw�rdig ist sie tats�chlich, aber wenn Finnick sie liebt, reicht mir das.</p><p>Ich durfte mein Vorbereitungsteam mitnehmen, muss also in Modefragen keine Entscheidungen treffen. Als ich den Wandschrank �ffne, verschl�gt es uns allen die Sprache. Cinnas Gegenwart ist in den flie�enden Stoffen deutlich zu sp�ren. Octavia sinkt auf die Knie, streicht sich mit dem Saum eines Rocks �ber die Wange und bricht in Tr�nen aus. �Es ist so lange her�, st��t sie hervor, �dass ich etwas Sch�nes gesehen habe.�</p><p>Obwohl Coin die Hochzeit zu extravagant findet und Plutarch zu glanzlos, wird sie ein Riesenerfolg. Die dreihundert handverlesenen G�ste aus Distrikt 13 und die vielen Fl�chtlinge tragen ihre Alltagskleider, die Dekoration ist aus Herbstbl�ttern gebastelt, und die Musik wird von einem Kinderchor besorgt, begleitet von einem einsamen Geigenspieler, der mit seinem Instrument aus Distrikt 12 fliehen konnte. Nach den Ma�st�ben des Kapitols ist es eine schlichte, bescheidene Feier. Aber das spielt keine Rolle, denn die Sch�nheit des Paars ist unvergleichlich. Nicht wegen ihres Aufzugs - Annie tr�gt das gr�ne Seidenkleid, das ich in Distrikt 5 anhatte, Finnick einen von Peetas Anz�gen, der ge�ndert worden ist. Doch wer k�nnte an den strahlenden Gesichtern zweier Menschen vorbeisehen, denen dieser Tag einmal unerreichbar schien? Die Zeremonie wird von Dalton, dem Viehz�chter aus Distrikt 10, geleitet, da die Br�uche von 4 und seinem Distrikt �hnlich sind. Aber manches ist auch ganz einmalig in 4. Ein aus langen Grashalmen gewebtes Netz, das die beiden w�hrend des Heiratsversprechens bedeckt, das Ber�hren der Lippen des anderen mit Salzwasser und das alte Hochzeitslied, in dem die Ehe mit einer Schiffsreise verglichen wird.</p><p>Nein, ich brauche nicht nur so zu tun, als w�rde ich mich f�r sie freuen.</p><p>Nach dem Kuss, der den Bund besiegelt, den Hochrufen und dem Umtrunk mit Apfelwein spielt der Geiger eine Melodie, die alle K�pfe aus 12 herumfahren l�sst. Wir waren zwar der kleinste und �rmste Distrikt von Panem, aber tanzen k�nnen wir. Offiziell ist an dieser Stelle nichts geplant, doch Plutarch, der von der Regie einen Propo haben will, dr�ckt bestimmt die Daumen. Tats�chlich nimmt Greasy Sae Gale bei der Hand, zieht ihn in die Mitte und stellt sich ihm gegen�ber. Andere Paare str�men auf die Tanzfl�che, machen es den beiden nach und bilden zwei lange Reihen. Und dann beginnt der Tanz.</p><p>Ich stehe am Rand und klatsche den Rhythmus mit, als mich eine knochige Hand �ber dem Ellbogen anst��t. Johanna sieht mich b�se an. �Willst du dir die Gelegenheit entgehen lassen, dass Snow dich tanzen sieht?� Sie hat recht. Was k�nnte den Sieg lauter verk�nden als ein Spottt�lpel, der fr�hlich zu der Musik herumwirbelt? In der Menge entdecke ich Prim. An den Winterabenden hatten wir immer viel Zeit zum �ben, deshalb tanzen wir ganz gut zusammen. Ich wische ihre Bedenken wegen meiner Rippen beiseite und wir stellen uns in der Reihe auf. Das Tanzen tut zwar weh, aber im Vergleich zu der Genugtuung, dass Snow mich mit meiner kleinen Schwester tanzen sieht, erscheint alles andere nichtig.</p><p>Der Tanz verwandelt uns. Wir bringen den G�sten aus Distrikt 13 die Schritte bei. Bestehen auf einem bestimmten St�ck f�r Braut und Br�utigam. Fassen uns an den H�nden und bilden einen gro�en wirbelnden Kreis, in dem wir zeigen, was wir k�nnen. So lange hat es nichts vergleichbar Albernes, Lustiges, Vergn�gtes gegeben. Es k�nnte die ganze Nacht so weitergehen, w�re da nicht noch etwas in Plutarchs Propo vorgesehen. Ich habe nichts davon mitbekommen, aber es sollte ja auch eine �berraschung sein.</p><p>Aus einem Nebenraum schieben vier Leute eine riesige Hochzeitstorte herein. Die meisten G�ste weichen zur Seite, sie machen Platz f�r dieses Wunder, diese umwerfende Kreation mit blaugr�nen, schaumgekr�nten Zuckergusswellen, in denen sich Fische und Segelboote, Robben und Seeanemonen tummeln. Ich zw�nge mich durch die Menge, um die Best�tigung f�r das zu bekommen, was ich auf den ersten Blick erkannt habe. So sicher, wie die Stickerei auf Annies Kleid von Cinna gefertigt wurde, so sicher stammen die Zuckergussverzierungen von Peeta.</p><p>Das mag eine Kleinigkeit sein, aber es spricht B�nde. Haymitch hat mir eine ganze Menge verheimlicht. Der Peeta, den ich vor Wochen zuletzt gesehen habe, der sich die Seele aus dem Leib schrie und seine Fesseln zu sprengen versuchte, h�tte das nie zustande gebracht. H�tte sich niemals so konzentrieren, die H�nde so ruhig halten und etwas so Vollkommenes f�r Finnick und Annie entwerfen k�nnen. Als h�tte er meine Reaktion schon vorausgesehen, ist Haymitch an meiner Seite.</p><p>�Wir zwei m�ssen uns mal unterhalten�, sagt er.</p><p>Drau�en im Flur, abseits der Kameras, frage ich: �Was ist los mit ihm?�</p><p>Haymitch sch�ttelt den Kopf. �Ich wei� nicht. Wir wissen es alle nicht. Manchmal ist er fast vern�nftig und dann rastet er ohne jeden Grund wieder aus. Das mit der Torte war eine Art Therapie. Er hat tagelang daran gearbeitet. Wenn man ihm dabei zusah, konnte man meinen, er w�re fast wieder der Alte.�</p><p>�Dann darf er sich jetzt frei bewegen?�, frage ich. Die Vorstellung macht mich in mehr als einer Hinsicht nerv�s.</p><p>�Oh nein. W�hrend er den Zuckerguss gemacht hat, wurde er streng bewacht. Er ist immer noch hinter Schloss und Riegel. Aber ich habe mit ihm gesprochen�, sagt Haymitch.</p><p>�Pers�nlich?�, frage ich. �Und er ist nicht durchgedreht?�</p><p>�Nein. War ziemlich sauer auf mich, allerdings zu Recht. Weil ich ihm nichts von dem Komplott der Rebellen gesagt hatte und was wei� ich noch alles.� Haymitch h�lt kurz inne, als w�re er unschl�ssig. �Er sagt, er w�rde dich gern sehen.�</p><p>Ich stehe auf einem Segelboot aus Zuckerguss, schwankend in blaugr�nen Wellen, und das Deck kippt unter meinen F��en. Ich presse die H�nde gegen die Wand, um sicheren Halt zu haben. So hatten wir nicht gewettet. In Distrikt 2 hatte ich Peeta abgeschrieben. Als N�chstes wollte ich ins Kapitol, Snow t�ten und mich selbst umbringen lassen. Dass ich angeschossen wurde, war nur ein kurzzeitiger R�ckschlag. Die Worte
<emphasis>Er sagt, er w�rde dich gern sehen</emphasis>
kamen in meinem Plan nicht vor. Aber jetzt, da ich sie geh�rt habe, kann ich nicht Nein sagen.</p><p>Um Mitternacht stehe ich vor der T�r zu seiner Zelle. Seinem Krankenzimmer. Wir mussten noch auf Plutarch warten, der seine Hochzeitsaufnahmen haben wollte. Obwohl, wie er sagt, der Glamour fehlt, ist er sehr zufrieden. �Ein Gutes hat es ja, dass das Kapitol Distrikt 12 all die Jahre praktisch ignoriert hat - ihr habt euch eine gewisse Spontaneit�t bewahrt. Damit packt man das Publikum. So wie damals, als Peeta verk�ndet hat, dass er in dich verliebt ist, oder als ihr den Trick mit den Beeren gebracht habt. So macht man gutes Fernsehen.�</p><p>Ich w�rde mich mit Peeta gern allein treffen. Doch die zuschauenden �rzte haben sich schon mit ihren Klemmbrettern und gez�ckten Stiften hinter dem Einwegspiegel versammelt. Als Haymitch mir �ber das Headset das Signal gibt, �ffne ich langsam die T�r.</p><p>Sofort schaut er mich mit diesen blauen Augen an. An jedem Arm ist er an drei Stellen fixiert, und durch einen Schlauch kann ihm, falls er ausrastet, jederzeit ein starkes Narkotikum verabreicht werden. Er versucht aber gar nicht, sich zu befreien, beobachtet mich nur mit dem wachsamen Blick eines Menschen, der immer noch nicht recht wei�, ob er sich in der Gegenwart einer Mutation befindet. Ich gehe auf ihn zu, bis ich etwa einen Meter neben seinem Bett stehe. Ich wei� nicht, wohin mit meinen H�nden, deshalb verschr�nke ich die Arme vor der Brust, bevor ich etwas sage. �Hallo.�</p><p>�Hallo�, sagt er. Das klingt wie seine Stimme, fast seine Stimme, nur dass etwas Neues darin liegt. Eine Spur von Misstrauen und Vorwurf.</p><p>�Haymitch hat gesagt, du willst mit mir sprechen�, sage ich.</p><p>�Erst mal anschauen, f�r den Anfang.� Als wartete er darauf, dass ich mich vor seinen Augen in ein geiferndes Zwischending aus Wolf und Mensch verwandele. Er starrt mich so lange an, bis ich verstohlen zu dem Einwegspiegel schaue und auf irgendeine Anweisung von Haymitch hoffe, doch mein Headset bleibt stumm. �Du bist nicht sehr kr�ftig, was? Und auch nicht besonders h�bsch.�</p><p>Ich wei�, dass er durch die H�lle gegangen ist, aber diese Bemerkung geht mir gegen den Strich. �Tja, du hast auch schon mal besser ausgesehen.�</p><p>Haymitchs Rat zur�ckzuweichen wird von Peetas Lachen �bert�nt. �Und freundlich bist du schon gar nicht. So was zu sagen, nach allem, was ich durchgemacht habe.�</p><p>�Wir haben alle eine Menge durchgemacht. Und du warst ja immer schon der Nette von uns beiden.� Ich mache alles falsch. Ich wei� nicht, warum ich so bockig bin. Er ist gefoltert worden! Er ist eingewebt worden! Was ist mit mir los? Auf einmal habe ich das Gef�hl, dass ich ihn anschreien k�nnte, und ich wei� noch nicht mal, weshalb. Ich beschlie�e, den Raum zu verlassen. �H�r mal, mir geht es nicht so gut. Vielleicht komme ich morgen noch mal vorbei.�</p><p>Ich bin gerade an der T�r, als seine Stimme mich zur�ckh�lt. �Katniss. Ich erinnere mich an die Sache mit dem Brot.�</p><p>Das Brot. Die einzige richtige Verbindung, die es vor den Hungerspielen zwischen uns gab.</p><p>�Dann haben sie dir die Aufnahme gezeigt, in der ich davon erz�hle�, sage ich.</p><p>�Nein. Gibt es eine Aufnahme, in der du davon erz�hlst? Wieso hat das Kapitol die nicht gegen mich verwendet?�, fragt er.</p><p>�Ach ja, die wurde erst an dem Tag gemacht, als du gerettet wurdest�, sage ich. Wie ein Schraubstock windet sich der Schmerz in meiner Brust um meine Rippen. Ich h�tte nicht tanzen sollen. �Woran erinnerst du dich da?�</p><p>�An dich. Im Regen�, sagt er leise. �Du hast unsere Abfalleimer durchsucht. Ich hab das Brot anbrennen lassen. Meine Mutter hat mich geschlagen. Ich hab das Brot raus zu dem Schwein gebracht, aber dann hab ich es dir gegeben.�</p><p>�Ja, das stimmt. So ist es gewesen�, sage ich. �Am n�chsten Tag nach der Schule wollte ich dir danken. Aber ich wusste nicht, wie.�</p><p>�Nach Schulschluss haben wir uns drau�en gesehen. Ich suchte deinen Blick. Du hast weggeschaut. Und dann � hast du aus irgendeinem Grund eine L�wenzahnbl�te gepfl�ckt.� Ich nicke. Er wei� es noch. Ich habe noch nie �ber diesen Augenblick gesprochen. �Ich muss dich sehr geliebt haben.�</p><p>�Ja.� Meine Stimme stockt, und ich tue so, als m�sste ich husten.</p><p>�Und hast du mich geliebt?�, fragt er.</p><p>Ich schaue immer noch auf die Bodenfliesen. �Das sagen alle. Alle sagen, deshalb h�tte Snow dich gefoltert. Um mich zu brechen.�</p><p>�Das ist keine Antwort�, sagt er. �Bei einigen Filmaufnahmen wei� ich nicht, was ich davon halten soll. In der ersten Arena hat es so ausgesehen, als ob du mich mit den J�gerwespen umbringen wolltest.�</p><p>�Ich wollte euch alle umbringen�, sage ich. �Ihr hattet mich auf den Baum gejagt.�</p><p>�Sp�ter dann all die K�sse. Von deiner Seite aus wirken die nicht besonders echt. Hast du mich gern gek�sst?�, fragt er.</p><p>�Manchmal�, gebe ich zu. �Wei�t du, dass wir in diesem Moment beobachtet werden?�</p><p>�Ich wei�. Was ist mit Gale?�, fragt er weiter.</p><p>Jetzt werde ich wieder �rgerlich. Peetas Genesung hin oder her - das geht die Leute hinter der Scheibe nichts an. �Der k�sst auch nicht schlecht�, sage ich kurz angebunden.</p><p>�Und das war f�r ihn und mich in Ordnung? Dass du noch einen anderen gek�sst hast?�, fragt er.</p><p>�Nein. Das war f�r keinen von euch in Ordnung. Aber ich hab euch nicht um Erlaubnis gefragt�, sage ich.</p><p>Wieder lacht Peeta, kalt und absch�tzig. �Du bist ein richtiges Biest, was?�</p><p>Haymitch erhebt keinen Einspruch, als ich hinauslaufe. Den Flur entlang. Durch das Gewirr von Wohneinheiten. In einem W�scheraum verstecke ich mich hinter einer warmen Rohrleitung. Es dauert lange, bis ich dahinterkomme, weshalb ich so aufgebracht bin. Als ich es begreife, sch�me ich mich fast zu sehr, um es mir einzugestehen. Die Zeit, in der ich es f�r selbstverst�ndlich nehmen konnte, dass Peeta mich anhimmelt, ist vorbei. Endlich sieht er mich so, wie ich wirklich bin. Brutal. Misstrauisch. Eigenn�tzig. Lebensgef�hrlich.</p><p>Und das nehme ich ihm richtig �bel.</p><p><strong>17</strong></p><p>V�llig �berrumpelt. So komme ich mir vor, als Haymitch es mir in der Krankenstation sagt. Ich sause die Treppe zur Kommandozentrale hinunter, meine Gedanken �berschlagen sich und ich platze mitten in eine Kriegsbesprechung hinein.</p><p>�Was soll das hei�en, ich soll nicht ins Kapitol? Ich muss dahin! Ich bin der Spottt�lpel!�, sage ich.</p><p>Coin blickt kaum von ihrem Bildschirm auf. �Und als Spottt�lpel hast du dein vorrangiges Ziel, die Distrikte gegen das Kapitol zu vereinen, erf�llt. Keine Sorge - wenn alles gut l�uft, fliegen wir dich zur Kapitulation ein.� Zur Kapitulation?</p><p>�Das ist zu sp�t! Dann verpasse ich ja den ganzen Kampf. Ihr braucht mich - ich bin der beste Sch�tze, den ihr habt!�, rufe ich. Normalerweise prahle ich damit nicht, aber jetzt kann es nicht schaden. �Gale geht doch auch.�</p><p>�Gale ist jeden Tag zum Training erschienen, wenn er keine anderweitigen Verpflichtungen hatte. Wir sind zuversichtlich, dass er sich in der Schlacht bew�hrt�, sagt Coin. �Was sch�tzt du, wie viele Trainingsstunden du mitgemacht hast?�</p><p>Null. Nicht eine einzige. �Aber ich hab doch ab und zu gejagt. Und � ich hab mit Beetee bei den Geheimwaffen ge�bt.�</p><p>�Das ist nicht dasselbe, Katniss�, sagt Boggs. �Wir alle wissen, dass du geschickt und mutig und ein guter Sch�tze bist. Aber in der Schlacht brauchen wir Soldaten. Du hast �berhaupt keine Ahnung davon, wie man einen Auftrag ausfuhrt, und k�rperlich bist du auch nicht gerade auf der H�he.�</p><p>�Als ich in Distrikt 8 war, hat Sie das auch nicht weiter gest�rt. Und in 2 auch nicht�, sage ich.</p><p>�In beiden Schlachten warst du eigentlich nicht bef�gt zu k�mpfen.� Plutarch bedeutet mir mit einem Blick, blo� nicht zu viel preiszugeben.</p><p>Nein, der Kampf gegen die Bomber in 8 und meine Intervention in 2 waren spontan, un�berlegt und eindeutig unbefugt.</p><p>�Und beide Male wurdest du verwundet�, sagt Boggs. Auf einmal sehe ich mich mit seinen Augen. Ein kleines siebzehnj�hriges M�dchen, das nicht richtig durchatmen kann, weil seine Rippen noch nicht ganz verheilt sind. Ungepflegt. Undiszipliniert. Angeschlagen. Kein Soldat, sondern jemand, um den man sich k�mmern muss.</p><p>�Aber ich muss ins Kapitol�, sage ich.</p><p>�Warum?�, fragt Coin.</p><p>Ich kann kaum sagen, dass es mir um meine pers�nliche Rache an Snow geht. Oder dass es unertr�glich w�re, hier in 13 zu bleiben, wenn Peeta so ist, wie er jetzt ist, und Gale in den Kampf zieht. Aber ich habe noch mehr Argumente. �Wegen Distrikt 12. Weil sie meinen Distrikt zerst�rt haben.�</p><p>Dar�ber denkt Coin einen Augenblick nach. Schaut mich pr�fend an. �Na gut, ich gebe dir drei Wochen. Das ist nicht lange, aber du kannst mit dem Training anfangen. Wenn die Einsatzkommission dich f�r tauglich erkl�rt, werden wir deinen Fall noch einmal �berdenken.�</p><p>Das war�s. Mehr kann ich nicht erhoffen. Das habe ich mir wohl selbst zuzuschreiben. Ich habe meinen Tagesplan nie eingehalten, au�er wenn es mir gerade in den Kram passte. Es erschien mir nicht besonders reizvoll, mit einem Gewehr �ber den Platz zu laufen, wenn es so viel anderes gab. Und jetzt muss ich f�r meine Unzuverl�ssigkeit b��en.</p><p>Als ich wieder in die Krankenstation komme, treffe ich Johanna, die sich in derselben Lage befindet wie ich. Sie ist stocksauer. Ich berichte ihr von meinem Gespr�ch mit Coin. �Vielleicht kannst du ja auch trainieren.�</p><p>�Gut. Ich werde trainieren. Aber ich gehe in das verdammte Kapitol, und wenn ich eine Besatzung umbringen und das Hovercraft selbst hinfliegen muss�, sagt Johanna.</p><p>�Vielleicht erw�hnst du das beim Training lieber nicht�, sage ich. �Jedenfalls gut zu wissen, dass ich eine Mitfluggelegenheit habe.�</p><p>Johanna grinst, und ich merke, dass sich in unserem Verh�ltnis etwas ver�ndert hat, ein klein wenig nur und doch bedeutsam. Ich wei� nicht, ob wir richtige Freundinnen sind, aber das Wort
<emphasis>Verb�ndete</emphasis>
trifft es m�glicherweise. Das ist gut. Ich werde eine Verb�ndete brauchen.</p><p>Als wir am n�chsten Morgen um 7.30 Uhr zum Training antreten, schl�gt mir die Realit�t ins Gesicht. Wir sind einer Gruppe von Anf�ngern zugeteilt worden, Vierzehn-bis F�nfzehnj�hrige, was schon etwas beleidigend ist, bis sich zeigt, dass ihre Kondition weit besser ist als unsere. Gale und die anderen, die f�r das Kapitol ausgew�hlt wurden, sind in einer weit fortgeschritteneren Trainingsphase. Nach den schmerzhaften Dehn�bungen machen wir mehrere Stunden lang Krafttraining, ebenfalls schmerzhaft, und dann einen F�nf-Kilometer-Lauf, der mich fast umbringt. Obwohl Johanna mich mit gezielten Beschimpfungen antreibt, muss ich nach einem Kilometer aufgeben.</p><p>�Es ist wegen meiner Rippen�, erkl�re ich der Trainerin, einer n�chternen Frau mittleren Alters, die wir Soldat York nennen sollen. �Die sind noch geprellt.�</p><p>�Tja, Soldat Everdeen, bei so was dauert der Heilungsprozess mindestens einen Monat, kann ich dir sagen.�</p><p>Ich sch�ttele den Kopf. �Einen Monat kann ich nicht warten.�</p><p>Sie mustert mich genau. �Haben die �rzte dir keine Behandlung angeboten?�</p><p>�Gibt es denn eine?�, frage ich. �Mir haben sie gesagt, das muss von selbst heilen.�</p><p>�Das sagen sie immer. Aber wenn ich es empfehle, k�nnen sie den Prozess beschleunigen. Doch ich warne dich, das ist kein Spa߫, sagt sie.</p><p>�Bitte. Ich muss ins Kapitol�, flehe ich.</p><p>Soldat York sagt nichts dazu. Sie kritzelt etwas auf einen Notizblock und schickt mich direkt in die Krankenstation. Ich z�gere. Ich will nicht schon wieder das Training verpassen. �Zum Nachmittagsunterricht bin ich wieder da�, verspreche ich. Sie presst nur die Lippen aufeinander.</p><p>Vierundzwanzig Nadelstiche in den Brustkorb sp�ter liege ich in meinem Krankenbett und bei�e die Z�hne zusammen, damit ich nicht um eine Morfix-Infusion bettele. Sie liegt neben meinem Bett bereit, damit ich mir bei Bedarf eine Dosis nehmen kann. Ich habe sie nicht benutzt, aber ich bewahre sie f�r Johanna auf. Heute haben sie mein Blut untersucht, um sicherzugehen, dass es keine Spuren des Schmerzmittels mehr enth�lt. Die beiden Medikamente zusammen - Morfix und das Zeug, das mir die Rippen verbrennt - h�tten eine gef�hrliche Wirkung haben k�nnen. Sie haben keinen Hehl daraus gemacht, dass ich ein paar harte Tage vor mir habe. Aber ich habe gesagt, sie sollen loslegen.</p><p>Es ist eine schlimme Nacht in unserem Zimmer. An Schlaf ist nicht zu denken. Ich bilde mir ein, regelrecht riechen zu k�nnen, wie das Fleisch auf meiner Brust brennt, und Johanna hat mit Entzugserscheinungen zu k�mpfen. Als ich mich daf�r entschuldige, dass ich ihr keine neue Morfix-Ration besorgt habe, winkt sie erst noch ab und sagt, dass es ja sowieso irgendwann sein musste. Aber um drei Uhr morgens wirft sie mir alle Schimpfw�rter an den Kopf, die Distrikt 7 zu bieten hat. Im Morgengrauen zerrt sie mich aus dem Bett, entschlossen, zum Training zu gehen.</p><p>�Ich glaube nicht, dass ich das packe�, gestehe ich.</p><p>�Doch, du packst das. Wir packen es beide. Wir sind Sieger, schon vergessen? Wir �berleben alles, womit sie uns maltr�tieren�, sagt sie barsch. Sie ist gr�n im Gesicht und zittert wie Espenlaub. Ich ziehe mich an.</p><p>Wir m�ssen wirklich Sieger sein, um diesen Morgen zu �berstehen. Als wir sehen, dass es drau�en in Str�men gie�t, denke ich schon, dass Johanna nicht mehr kann. Sie wird aschfahl und scheint nicht mehr zu atmen.</p><p>�Das ist nur Wasser, das bringt uns nicht um�, sage ich. Sie bei�t die Z�hne zusammen und stapft hinaus in den Matsch. Wir werden triefnass, als wir uns in Bewegung setzen und uns �ber die Laufstrecke qu�len. Nach einem Kilometer muss ich wieder aufgeben, und am liebsten w�rde ich mein Hemd ausziehen, damit das kalte Wasser meine Haut l�scht. Zur Mittagspause zwinge ich mir meine Ration pappigen Fisch und Rote-Bete-Eintopf rein. Johanna isst ihre Sch�ssel halb leer, dann kommt alles wieder hoch. Am Nachmittag lernen wir, unsere Gewehre auseinanderzunehmen und wieder zusammenzubauen. Mir gelingt es, aber Johanna kann ihre H�nde nicht richtig ruhig halten. Als York uns den R�cken zudreht, helfe ich ihr, die Teile zusammenzusetzen. Obwohl der Regen nicht nachl�sst, l�uft es am Nachmittag besser, denn da sind wir auf dem Schie�platz. Endlich etwas, das ich kann. Ich muss mich erst mal vom Bogen auf das Gewehr umstellen, aber am Ende des Tages bin ich die Beste in der Gruppe.</p><p>Wir sind kaum durch die T�r der Krankenstation, als Johanna verk�ndet: �Das muss aufh�ren. Dieses Leben in der Krankenstation. Alle betrachten uns als Patienten.�</p><p>F�r mich ist es kein Problem, ich kann in unsere Familieneinheit einziehen. Doch Johanna ist keine zugeteilt worden. Als sie um ihre Entlassung bittet, wollen sie nicht erlauben, dass sie allein wohnt, selbst wenn sie einen t�glichen Termin mit dem Psychiater vereinbart. Sie denken sich wohl ihren Teil, was das Morfix angeht, und glauben nicht daran, dass sie stabil ist. �Sie wird nicht allein sein�, sage ich. �Sie kann mit mir zusammenwohnen.� Es gibt noch einige Einw�nde, aber Haymitch st�rkt uns den R�cken, und am Abend haben wir eine Einheit gegen�ber von Prim und meiner Mutter, die sich bereit erkl�rt, auf uns aufzupassen.</p><p>Nachdem ich geduscht habe und Johanna sich mit einem feuchten Lappen gewaschen hat, nimmt sie den Raum in Augenschein. Als sie die Schublade mit meinen wenigen Besitzt�mern �ffnet, macht sie sie schnell wieder zu. �Entschuldige.�</p><p>Ich denke daran, dass Johanna in ihrer Schublade nichts hat als die Kleider, die ihr vom Distrikt zugeteilt wurden. Dass sie �berhaupt nichts auf der Welt hat, was sie ihr Eigen nennen kann. �Schon gut, du kannst dir meine Sachen ruhig angucken, wenn du magst.�</p><p>Johanna klappt mein Medaillon auf und betrachtet die Fotos von Gale, Prim und meiner Mutter. Sie �ffnet den silbernen Fallschirm, zieht den Zapfhahn heraus und streift ihn auf den kleinen Finger. �Ich krieg schon Durst, wenn ich den nur sehe.� Dann st��t sie auf die Perle, die Peeta mir geschenkt hat. �Ist die �?�</p><p>�Ja�, sage ich. �Die hat irgendwie �berlebt.� Ich m�chte nicht �ber Peeta sprechen. Das Beste am Training ist, dass ich dabei nicht an ihn denken muss.</p><p>�Haymitch meint, dass es ihm immer besser geht�, sagt sie.</p><p>�Kann schon sein. Aber er hat sich ver�ndert�, sage ich.</p><p>�Du doch auch. Und ich. Und Finnick und Haymitch und Beetee. Von Annie Cresta ganz zu schweigen. Die Arena hat uns alle ganz sch�n fertiggemacht, nicht? Oder bist du immer noch dieselbe, die damals f�r ihre Schwester eingesprungen ist?�, fragt sie.</p><p>�Nein�, antworte ich.</p><p>�Das ist das Einzige, womit der Psychodoktor vielleicht recht hat. Es gibt kein Zur�ck. Also k�nnen wir ebenso gut weiterleben.� Sie packt meine Andenken ordentlich zur�ck in die Schublade und legt sich in das Bett neben meinem. Im selben Moment gehen die Lichter aus. �Hast du keine Angst, dass ich dich heute Nacht umbringe?�</p><p>�Als ob ich es nicht mit dir aufnehmen k�nnte�, antworte ich. Dann lachen wir, weil wir beide so fertig sind, dass es ein Wunder w�re, wenn wir am n�chsten Tag aufstehen k�nnten. Aber wir schaffen es. Und das jeden Morgen. Und am Ende der Woche f�hlen sich meine Rippen fast an wie neu und Johanna kann ihr Gewehr ohne Hilfe zusammenbauen.</p><p>Als wir Feierabend machen, wirft Soldat York uns beiden einen anerkennenden Blick zu. �Gut gemacht, Soldaten.�</p><p>Kaum sind wir au�er H�rweite, murmelt Johanna: �Die Spiele zu gewinnen, war einfacher.� Aber ihre Miene verr�t, dass sie sich freut.</p><p>Als wir in den Speisesaal kommen, wo Gale auf mich wartet, haben wir beinahe gute Laune. Und eine Riesenportion Rindereintopfist auch nicht zu verachten.</p><p>�Ist heute Morgen eingetroffen�, sagt Greasy Sae. �Echtes Rind aus Distrikt 10. Keiner von euren wilden Hunden.�</p><p>�Kann mich nicht erinnern, dass du die je verschm�ht h�ttest�, gibt Gale zur�ck.</p><p>Wir setzen uns zu einer Gruppe mit Delly, Annie und Finnick. Finnick ist seit seiner Heirat v�llig verwandelt. Aus dem dekadenten Schwarm im Kapitol, den ich beim Jubel-Jubil�um kennengelernt habe, dem mysteri�sen Verb�ndeten in der Arena und dem gebrochenen jungen Mann, der mir geholfen hat durchzuhalten, ist jemand geworden, der nur so spr�ht vor Leben. Zum ersten Mal sehe ich, wie anziehend er ist mit seinem leisen Humor und der l�ssigen Art. Er l�sst Annies Hand keinen Augenblick los. Nicht, wenn sie gehen, nicht mal, wenn sie essen. Ich glaube auch nicht, dass er das je wieder tun will. Sie scheint auf einer Wolke des Gl�cks dahinzuschweben. Es gibt immer noch Momente, in denen man ihr ansieht, dass sich irgendetwas in ihre Gedanken schiebt und sie in eine andere Welt abtaucht. Doch ein paar Worte von Finnick rei�en sie wieder heraus.</p><p>Delly, die ich schon seit meiner Kindheit kenne, aber nie weiter beachtet habe, ist in meiner Achtung gestiegen. Sie hat mit angeh�rt, was Peeta an dem Abend nach der Hochzeit zu mir gesagt hat, aber sie hat es nicht herumerz�hlt. Haymitch sagt, wenn Peeta sich �ber mich ausl�sst, ist sie meine beste Verteidigerin. Sie ergreift immer f�r mich Partei und schiebt seine negative Wahrnehmung auf die Foltermethoden des Kapitols. Sie hat gr��eren Einfluss auf ihn als alle anderen, denn er kennt sie wirklich. Auch wenn sie mich besser darstellt, als ich bin - ich wei� das zu sch�tzen. Ein bisschen Sch�nreden kann ich, ehrlich gesagt, gut brauchen.</p><p>Ich habe einen B�renhunger, und der Eintopf ist so k�stlich - Rind, Kartoffeln, R�ben und Zwiebeln in einer dicken Suppe -, dass ich mich zwingen muss, langsam zu essen. �berall im Speisesaal kann man beobachten, wie wohltuend eine gute Mahlzeit wirken kann. Die Menschen werden freundlicher, lustiger, optimistischer, und sie erinnern sich wieder daran, dass es nicht so verkehrt ist weiterzuleben. Besser als jede Medizin. Also versuche ich, die Sache auszudehnen, und beteilige mich an der Unterhaltung. Tunke Brot in den Eintopf und knabbere daran, w�hrend ich Finnick zuh�re, der eine alberne Geschichte von einer Wasserschildkr�te erz�hlt, die mit seinem Hut weggeschwommen ist. Lache und merke gar nicht, dass er da steht. Direkt mir gegen�ber, hinter dem freien Platz neben Johanna. Und mich beobachtet. Das Brot mit dem Eintopf bleibt mir im Hals stecken.</p><p>�Peeta!�, sagt Delly. �Wie sch�n, dich zu sehen � und nicht mehr im Bett.�</p><p>Zwei gro�e W�rter stehen hinter ihm. Unbeholfen balanciert er sein Tablett auf den Fingerspitzen, weil seine Handgelenke aneinandergekettet sind.</p><p>�Was sind das denn f�r schicke Armb�nder?�, fragt Johanna.</p><p>�Man kann mir noch nicht richtig trauen�, erkl�rt Peeta. �Ich darf noch nicht mal ohne eure Erlaubnis hier sitzen.� Er macht eine Kopfbewegung zu seinen W�rtern.</p><p>�Klar kann er hier sitzen. Wir sind doch alte Freunde�, sagt Johanna und klopft auf den freien Platz neben ihr. Die W�rter nicken und Peeta setzt sich. �Im Kapitol hatte Peeta die Zelle neben meiner. Er kennt meine Schreie und ich kenne seine.�</p><p>Annie, die zu Johannas anderer Seite sitzt, h�lt sich die Ohren zu und steigt aus der Wirklichkeit aus. Finnick legt einen Arm um sie und schaut Johanna b�se an.</p><p>�Was ist? Mein Psychodoktor sagt, ich soll meinen Gedanken freien Lauf lassen. Das ist Teil der Therapie�, sagt Johanna.</p><p>Jetzt ist unsere kleine Gesellschaft nicht mehr so lustig. Finnick redet Annie leise beruhigend zu, bis sie die H�nde langsam von den Ohren nimmt. Dann bleibt es lange still, w�hrend alle so tun, als ob sie essen.</p><p>�Annie�, sagt Delly fr�hlich, �wusstest du, dass Peeta eure Hochzeitstorte dekoriert hat? In seiner Heimat hatten seine Eltern eine B�ckerei und er war f�r die Glasuren zust�ndig.�</p><p>Annie schaut vorsichtig an Johanna vorbei. �Danke, Peeta. Die Torte war wundersch�n.�</p><p>�War mir ein Vergn�gen, Annie�, sagt Peeta, und seine Stimme hat den vertrauten liebensw�rdigen Klang, den ich f�r immer verloren glaubte. Zwar gilt er nicht mir. Aber immerhin.</p><p>�Wenn wir noch einen Spaziergang machen wollen, m�ssen wir jetzt los�, sagt Finnick zu Annie. Er stapelt ihr Tablett und seins so, dass er beide mit einer Hand tragen kann, w�hrend er mit der anderen Annie ganz fest h�lt. �War sch�n, dich zu sehen, Peeta.�</p><p>�Sei nett zu ihr, Finnick. Sonst k�nnte ich noch auf die Idee kommen, sie dir auszuspannen.� Das k�nnte witzig gemeint sein, wenn er es nicht so kalt gesagt h�tte. Alles daran ist daneben. Das offene Misstrauen gegen�ber Finnick, die Andeutung, dass Peeta ein Auge auf Annie geworfen hat, dass Annie Finnick verlassen k�nnte und dass es mich �berhaupt nicht gibt.</p><p>�Pass blo� auf, Peeta�, sagt Finnick leichthin. �Sonst tut es mir noch leid, dass ich dich wiederbelebt habe.� Er schaut mich besorgt an und f�hrt Annie davon.</p><p>Als sie weg sind, sagt Delly vorwurfsvoll: �Er hat dir das Leben gerettet, Peeta. Mehr als einmal.�</p><p>�Um ihretwillen�, sagt er mit einer Kopfbewegung zu mir. �F�r die Rebellion. Nicht meinetwegen. Ich bin ihm nichts schuldig.�</p><p>Ich d�rfte nicht darauf anspringen, aber ich kann es nicht lassen. �Vielleicht nicht. Aber Mags ist tot und du bist noch hier. Das sollte doch etwas wert sein.�</p><p>�Ja, es gibt vieles, was etwas wert sein sollte, auch wenn es nicht den Anschein hat, Katniss. Ich habe ein paar Erinnerungen, die ich nicht einordnen kann, und ich glaube nicht, dass das Kapitol sie angetastet hat. Viele N�chte im Zug zum Beispiel�, sagt er.</p><p>Schon wieder so eine Andeutung. Dass im Zug mehr passiert sei. Das, was wirklich passiert ist - in diesen N�chten, in denen ich nur deshalb nicht durchgedreht bin, weil er mich in den Armen hielt -, z�hlt nicht mehr. Alles ist L�ge, als h�tte ich ihn nur ausgenutzt.</p><p>Peeta macht eine kleine Geste mit dem L�ffel zu Gale und mir. �Seid ihr beide jetzt offiziell ein Paar oder reiten sie immer noch auf der Geschichte von dem tragischen Liebespaar herum?�</p><p>�Letzteres�, sagt Johanna.</p><p>Peetas H�nde zucken so, dass er sie zu F�usten ballen und dann auf groteske Weise spreizen muss. W�rde er mir jetzt am liebsten an die Gurgel gehen? Ich sp�re, wie Gale neben mir die Muskeln anspannt, und f�rchte eine Auseinandersetzung. Doch Gale sagt: �Ich w�rde es nicht glauben, h�tte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen.�</p><p>�Was?�, fragt Peeta.</p><p>�Dich�, sagt Gale.</p><p>�Das musst du genauer erkl�ren�, sagt Peeta. �Was ist mit mir?�</p><p>�Dass sie dich gegen eine b�se Mutation deiner selbst ausgetauscht haben�, sagt Johanna.</p><p>Gale trinkt seine Milch aus. �Bist du fertig?�, fragt er mich. Ich stehe auf und wir bringen unsere Tabletts weg. An der T�r h�lt mich ein alter Mann auf, weil ich das Brot immer noch fest in der Hand halte. Irgendetwas an meinem Gesichtsausdruck, vielleicht auch die Tatsache, dass ich keine Anstalten mache, es zu verbergen, l�sst ihn nachsichtig sein. Ich darf mir das Brot in den Mund stopfen und weitergehen. Erst als wir schon fast bei unserer Wohneinheit angekommen sind, sagt Gale wieder etwas. �Damit hatte ich nicht gerechnet.�</p><p>�Ich hab dir doch gesagt, dass er mich hasst�, sage ich.</p><p>�Aber die Art, wie er dich hasst. Die ist mir so vertraut. So ging es mir auch immer�, gesteht er. �Wenn ich auf dem Bildschirm gesehen hab, wie du ihn k�sst. Allerdings war mir immer bewusst, dass ich ein bisschen ungerecht war. Das sieht er nicht.�</p><p>Jetzt sind wir an meiner T�r. �Vielleicht sieht er mich einfach so, wie ich wirklich bin. Ich muss jetzt schlafen.�</p><p>Bevor ich verschwinden kann, h�lt Gale mich am Arm fest. �Das denkst du also?� Ich zucke die Schultern. �Katniss, glaub mir als deinem �ltesten Freund: Er sieht dich nicht so, wie du wirklich bist.� Er gibt mir einen Kuss auf die Wange und geht.</p><p>Ich setze mich aufs Bett und versuche, mir Stoff aus dem Buch �ber Kriegstaktiken reinzupauken, doch immer wieder durchkreuzen Erinnerungen an die N�chte mit Peeta im Zug meine Gedanken. Nach etwa zwanzig Minuten kommt Johanna herein und wirft sich auf das Fu�ende meines Betts. �Du hast das Beste verpasst. Delly ist ausgeflippt, weil Peeta dich so mies behandelt hat. Ihre Stimme wurde ganz piepsig. Es war, als w�rde jemand eine Maus immer wieder mit der Gabel piksen. Der ganze Speisesaal war hin und weg.�</p><p>�Und Peeta?�, frage ich.</p><p>�Der hat mit sich selbst geredet, als w�re er zwei Personen. Die W�rter mussten ihn wegbringen. Das Gute daran war, dass keiner mitgekriegt hat, wie ich seinen Eintopf aufgegessen hab.� Johanna reibt sich den vollen Bauch. Ich schaue auf ihre schwarzen Fingern�gel und frage mich, ob sich die Leute in Distrikt 7 je richtig waschen.</p><p>Wir verbringen einige Stunden damit, uns gegenseitig milit�rische Fachausdr�cke abzuh�ren. Dann gehe ich f�r eine Weile zu meiner Mutter und Prim hin�ber. Als ich wieder in meiner Einheit bin, geduscht habe und in die Dunkelheit starre, frage ich schlie�lich: �Johanna, hast du wirklich geh�rt, wie er geschrien hat?�</p><p>�Das geh�rte dazu�, sagt sie. �Wie die Schnattert�lpel in der Arena. Nur dass es echt war. Und es hat nicht nach einer Stunde aufgeh�rt. Tick, tack.�</p><p>�Tick, tack�, fl�stere ich zur�ck.</p><p>Rosen. Wolfsmutationen. Tribute. Zuckergussdelfine. Freunde. Spottt�lpel. Stylisten. Ich.</p><p>Heute Nacht schreit alles in meinen Tr�umen.</p><p><strong>18</strong></p><p>Mit aller Macht st�rze ich mich ins Training. Ich sauge alles auf - Konditionstraining, Exerzieren, Waffen�bungen, Vortr�ge �ber Taktik. Ich werde mit einer Handvoll Leute in eine eigene Gruppe eingeteilt, und das gibt mir Hoffnung, dass ich eine Kandidatin f�r den Kampfeinsatz bin. Die Soldaten nennen diese Gruppe den Block, aber in meinen Arm sind die Buchstaben
<emphasis>S. N.</emphasis>
t�towiert, das steht f�r �Simulierter Nahkampf�. Mitten in Distrikt 13 wurde ein k�nstlicher H�userblock des Kapitols nachgebaut. Der Ausbilder teilt uns in Gruppen zu acht Personen ein, und wir versuchen Auftr�ge auszuf�hren - eine Stellung erobern, ein Zielobjekt zerst�ren, einen Unterschlupf suchen -, als m�ssten wir uns wirklich durchs Kapitol k�mpfen. Das Ganze ist so aufgebaut, dass alles schiefgeht, was nur schiefgehen kann. Ein falscher Schritt l�st eine Landmine aus, ein Scharfsch�tze taucht auf einem Dach auf, das Gewehr klemmt, das Weinen eines Kindes lockt uns in einen Hinterhalt, der Staffelf�hrer - bei dieser �bung nur eine Stimme - wird von einem Minenwerfer getroffen, und wir m�ssen uns �berlegen, was wir ohne Befehle machen. Wir wissen nat�rlich, dass wir nur so tun, als ob, und dass wir nicht wirklich get�tet werden k�nnen. Wenn man eine Landmine ausl�st, h�rt man die Explosion und dann muss man umfallen und sich tot stellen. Aber es f�hlt sich doch ziemlich echt an - die feindlichen Soldaten in der Uniform der Friedensw�chter, das Durcheinander nach einer Rauchbombe. Selbst mit Giftgas greifen sie uns an. Johanna und ich schaffen es als Einzige, rechtzeitig die Masken aufzusetzen. Der Rest unserer Gruppe ist zehn Minuten lang ohnm�chtig. Und das angeblich harmlose Gas, von dem ich ein paar Z�ge eingeatmet habe, beschert mir f�r den Rest des Tages hartn�ckige Kopfschmerzen.</p><p>Cressida und ihr Team filmen Johanna und mich auf dem Schie�platz. Auch Gale und Finnick werden gefilmt. Das geh�rt zu einer neuen Serie von Propos, in der gezeigt wird, wie die Rebellen sich auf den Einmarsch ins Kapitol vorbereiten. Im Gro�en und Ganzen l�uft alles recht gut.</p><p>Da taucht Peeta pl�tzlich bei unserem morgendlichen Training auf. Die Handschellen sind ab, aber noch immer wird er auf Schritt und Tritt von zwei W�rtern begleitet. Nach dem Mittagessen sehe ich ihn weiter hinten auf dem Platz, wie er mit einer Gruppe von Anf�ngern exerziert. Ich wei� nicht, was die sich denken. Wenn ein Streit mit Delly schon dazu f�hrt, dass er mit sich selbst redet - wieso bringen die ihm dann bei, wie man ein Gewehr zusammensetzt?</p><p>Als ich Plutarch darauf anspreche, versichert er mir, das sei nur f�r die Kamera. Sie haben Bildmaterial von Annies Hochzeit und von Johanna, wie sie mit dem Gewehr auf Ziele schie�t, aber ganz Panem fragt sich, was mit Peeta ist. Sie sollen sehen, dass er f�r die Rebellen k�mpft, nicht f�r Snow. Und wenn sie vielleicht ein paar Aufnahmen von uns beiden bekommen k�nnten � Wir m�ssen uns ja nicht unbedingt k�ssen, aber man sollte uns ansehen, dass wir froh sind, gemeinsam wieder da zu sein �</p><p>In diesem Moment breche ich das Gespr�ch ab. Dazu wird es nicht kommen.</p><p>Wenn ich einmal Leerlauf habe, was selten vorkommt, beobachte ich gespannt die Vorbereitungen f�r den Einmarsch. Ausr�stungen und Proviant werden vorbereitet und Divisionen zusammengestellt. Alle, die f�r einen Auftrag eingeteilt werden, bekommen einen ganz kurzen Haarschnitt verpasst, das Zeichen, dass man in die Schlacht zieht. Es wird viel �ber die Er�ffnungsoffensive gesprochen, die darauf abzielt, die Eisenbahntunnel hinauf ins Kapitol zu sichern.</p><p>Nur wenige Tage bevor die ersten Truppen ausr�cken sollen, teilt York Johanna und mir �berraschend mit, dass sie uns f�r die Pr�fung empfohlen hat und dass wir uns sofort melden sollen. Die Pr�fung besteht aus vier Teilen: einem Hindernisparcours zum Feststellen der Kondition, einem schriftlichen Test �ber Taktik, einem Test in Waffenbeherrschung und einer simulierten Kampfsituation im Block. Bei Teil eins bis drei habe ich nicht mal Zeit, nerv�s zu werden, und bestehe alles gut. Im Block gibt es dann so etwas wie einen R�ckstau, weil erst ein technischer Defekt behoben werden muss. Wir tauschen Informationen aus. Es scheint so zu sein, dass man allein hindurch muss. Keiner wei�, was uns erwartet. Ein Junge sagt leise, er habe geh�rt, die Pr�fung ziele auf die pers�nlichen Schw�chen jedes Einzelnen ab.</p><p>Meine Schw�chen? Das ist eine T�r, an der ich nicht r�tteln m�chte. Ich suche mir ein ruhiges Pl�tzchen und liste meine Schw�chen auf. Die Liste ist deprimierend lang. Zu wenig K�rperkraft. Kaum Training. Und meine herausragende Stellung als Spottt�lpel ist auch nicht gerade von Vorteil in einer Situation, in der sie versuchen, ein eingeschworenes Team aus uns zu machen. Sie k�nnten mich mit allem M�glichen schikanieren.</p><p>Johanna wird drei vor mir aufgerufen und ich nicke ihr ermutigend zu. Ich h�tte lieber ganz oben auf der Liste gestanden, denn jetzt habe ich noch mehr Zeit, um alles zu �berdenken. Als ich an der Reihe bin, wei� ich nicht, was f�r eine Strategie ich w�hlen soll. Zum Gl�ck macht sich, sobald ich im Block bin, das Training doch bemerkbar. Ich habe es mit einem Hinterhalt zu tun. Fast sofort tauchen die Friedensw�chter auf, und ich muss mich zu einem Treffpunkt begeben, wo ich mich mit meiner versprengten Truppe versammeln soll. Langsam schleiche ich durch die Stra�e und strecke unterwegs Friedensw�chter nieder. Zwei vom Dach zu meiner Linken, einen im Eingang vor mir. Es ist anspruchsvoll, aber nicht so schwer wie erwartet. Mich beschleicht das nagende Gef�hl, dass es zu einfach ist, dass da noch etwas kommt. Ich bin nur noch wenige H�user von meinem Ziel entfernt, als sich die Lage zuspitzt. Ein halbes Dutzend Friedensw�chter kommt angriffsbereit um die Ecke. Sie sind mir waffenm��ig �berlegen, aber da bemerke ich etwas. Ein Fass Benzin, das nachl�ssig im Graben liegt. Das ist es. Meine Pr�fung. Ich soll kapieren, dass ich meinen Auftrag nur erf�llen kann, wenn ich das Fass in die Luft sprenge. Gerade als ich loslegen will, h�re ich die leise Stimme meines Staffelf�hrers, der bis jetzt nicht viel zustande gebracht hat. Er befiehlt mir, mich auf den Boden zu werfen. Alles in mir schreit danach, die Stimme zu ignorieren, auf den Abzug zu dr�cken und die Friedensw�chter in die Luft zu jagen. Und auf einmal wird mir klar, was nach Ansicht der Armee meine gr��te Schw�che ist. Vom ersten Augenblick in den Spielen an, als ich auf den orangefarbenen Rucksack zugest�rmt bin, �ber das Feuergefecht in Distrikt 8 bis zu meinem unbesonnenen Spurt �ber den Platz in Distrikt 2. Ich kann keine Befehle befolgen.</p><p>Ich werfe mich so schnell und heftig auf den Boden, dass ich mir noch eine Woche lang Steinchen aus dem Kinn pulen werde. Ein anderer sprengt das Benzinfass. Die Friedensw�chter sterben. Ich erreiche den Treffpunkt. Als ich den Block auf der anderen Seite verlasse, begl�ckw�nscht mich ein Soldat, stempelt mir die Gruppennummer 451 auf die Hand und sagt, ich solle mich in der Kommandozentrale melden. Berauscht von meinem Erfolg, renne ich durch die Flure, schlittere um die Ecken und h�pfe die Treppe hinunter, weil mir der Aufzug zu langsam ist. Ich platze in den Raum, als mir bewusst wird, wie komisch die Situation ist. Ich d�rfte gar nicht in der Kommandozentrale sein, ich m�sste jetzt eigentlich die Haare geschoren bekommen. Die Leute hier sind keine frischgebackenen Soldaten, sondern die, die das Sagen haben.</p><p>Boggs l�chelt und sch�ttelt den Kopf, als er mich sieht. �Zeig mal.� Pl�tzlich unsicher, zeige ich ihm meine Hand mit der Nummer. �Du bist mir zugeteilt. Scharfsch�tzen-Spezialeinheit. Geh zu deiner Gruppe.� Er macht eine Kopfbewegung zu den Leuten, die sich in einer Reihe an der Wand aufgestellt haben. Gale. Finnick. F�nf andere, die ich nicht kenne. Meine Gruppe. Ich bin nicht nur dabei, ich darf sogar unter Boggs arbeiten. Mit meinen Freunden. Am liebsten w�rde ich vor Freude h�pfen, doch ich zwinge mich, mit ruhigen, soldatischen Schritten zu den anderen zu gehen.</p><p>Wir scheinen wichtig zu sein, denn wir sind in der Kommandozentrale, und das nicht, weil ein gewisser Spottt�lpel dabei ist. Plutarch beugt sich �ber den Tisch, auf dem eine breite Tafel liegt. Er erz�hlt etwas �ber die Probleme, auf die wir im Kapitol sto�en werden. Gerade denke ich, was f�r ein miserabler Vortrag das ist, weil ich selbst auf Zehenspitzen nicht erkennen kann, was auf der Tafel steht, als er einen Knopf dr�ckt. Das Hologramm eines Stra�enabschnitts im Kapitol ersteht vor uns.</p><p>�Hier sehen wir beispielsweise die Umgebung einer Baracke der Friedensw�chter. Nicht uninteressant, allerdings sicher kein zentrales Ziel. Doch seht einmal hier.�</p><p>Auf einer Tastatur gibt Plutarch eine Art Code ein und Lichter fangen an zu blinken. Sie blinken unterschiedlich schnell und in verschiedenen Farben. �Jedes dieser Lichter bezeichnet eine Kapsel. Die Kapseln stehen f�r unterschiedliche Hindernisse, von einer Bombe bis zu einer Meute Mutationen ist alles denkbar. Ihr d�rft keinen Fehler machen, sonst geht ihr in die Falle oder werdet get�tet. Einige Kapseln existieren schon seit den Dunklen Tagen, andere wurden im Laufe der Jahre entwickelt. Offen gestanden, habe ich selbst eine betr�chtliche Anzahl geschaffen. Dieses Programm, das sich einer von uns unter den Nagel gerissen hat, als wir das Kapitol verlie�en, ist unsere aktuellste Information. Sie wissen nicht, dass wir es haben. Es ist aber wahrscheinlich, dass in den letzten Monaten neue Kapseln aktiviert worden sind. Damit m�sst ihr rechnen.�</p><p>Ich merke gar nicht, wie ich mich auf den Tisch zubewege, bis ich nur noch wenige Zentimeter von dem Hologramm entfernt bin. Ich strecke die Hand aus und lege sie auf ein schnell blinkendes gr�nes Licht.</p><p>Jemand kommt zu mir, er steht unter Hochspannung. Finnick nat�rlich. Denn nur ein Sieger kann sehen, was ich sofort erfasst habe. Die Arena. �bers�t mit Kapseln, die von den Spielmachern gesteuert werden. Finnick liebkost mit den Fingern ein rotes L�mpchen �ber einem Eingang. �Meine Damen und Herren ��</p><p>Seine Stimme ist leise, doch meine schallt durch den Raum: �� m�gen die sechsundsiebzigsten Hungerspiele beginnen!�</p><p>Ich lache. Schnell. Bevor jemand Zeit hat zu begreifen, was hinter diesen Worten steckt. Bevor Augenbrauen hochgezogen werden, Widerspruch ge�u�ert, eins und eins zusammengez�hlt wird und alle zu dem Schluss kommen, dass man mich m�glichst nicht in die N�he des Kapitols lassen sollte. Denn ein w�tender, eigenst�ndig denkender Sieger mit einer so harten, undurchdringlichen Schale ist wohl das Letzte, was man in seiner Gruppe haben will.</p><p>�Die M�he, Finnick und mich zu trainieren, h�tten Sie sich sparen k�nnen, Plutarch�, sage ich.</p><p>�Wir sind doch schon die beiden bestausger�steten Soldaten, die ihr habt�, f�gt Finnick gro�spurig hinzu.</p><p>�Als ob mir das entgangen w�re�, sagt Plutarch mit einer ungeduldigen Handbewegung. �Jetzt marsch, zur�ck ins Glied, Soldaten Odair und Everdeen! Ich m�chte meinen Vortrag beenden.�</p><p>Wir begeben uns wieder auf unsere Pl�tze und achten nicht auf die fragenden Blicke der anderen. Ich gebe mich sehr konzentriert, als Plutarch weiterspricht, lege den Kopf schr�g, �ndere die Haltung, um besser sehen zu k�nnen, und sage mir die ganze Zeit, dass ich durchhalten muss, bis ich in den Wald laufen und schreien kann. Oder fluchen. Oder heulen. Vielleicht auch alles zugleich.</p><p>Falls das ein Test war, haben Finnick und ich ihn beide bestanden. Als Plutarch fertig ist und die Versammlung f�r geschlossen erkl�rt, erfahre ich zu meinem Schrecken, dass ein Sonderbefehl auf mich wartet. Doch es geht nur darum, dass ich von dem Milit�rhaarschnitt ausgenommen bin. Der Spottt�lpel soll bei der Kapitulation des Kapitols m�glichst so aussehen wie das M�dchen in der Arena. F�r die Kameras nat�rlich. Ich zucke die Achseln, zum Zeichen, dass nichts mir gleichg�ltiger ist als die L�nge meiner Haare. Ohne weiteren Kommentar werde ich entlassen.</p><p>Im Flur laufe ich Finnick in die Arme. �Was soll ich blo� Annie erz�hlen?�, sagt er leise.</p><p>�Nichts�, antworte ich. �Dasselbe, was meine Mutter und meine Schwester von mir erfahren werden.� Schlimm genug zu wissen, dass wir wieder in eine richtige Arena zur�ckm�ssen. Es ist sinnlos, unsere Liebsten damit zu belasten.</p><p>�Wenn sie das Hologramm sieht ��, setzt er an.</p><p>�Wird sie aber nicht. Ist doch Geheimsache. Muss es sein�, sage ich. �Au�erdem ist es ja nicht genau das Gleiche wie die Spiele. Es k�nnen mehrere �berleben. Wir reagieren nur deshalb so heftig, weil � na ja, du wei�t schon, warum. Du gehst aber trotzdem, oder?�</p><p>�Klar. Ich will Snow genauso fertigmachen wie du.�</p><p>�Es wird nicht so sein wie bei den anderen Spielen�, sage ich entschieden, denn ich will mich selbst �berzeugen. Dann d�mmert mir der eigentliche Reiz der Situation. �Diesmal spielt auch Snow mit.�</p><p>Bevor wir noch etwas sagen k�nnen, taucht Haymitch auf. Er war nicht auf der Versammlung, er hat andere Sorgen. �Johanna ist wieder auf der Station.�</p><p>Ich hatte gedacht, Johanna h�tte wie ich ihre Pr�fung bestanden und w�re nur nicht den Scharfsch�tzen zugeteilt worden. Ihre St�rke ist das Axtschleudern, mit dem Gewehr dagegen ist sie nur durchschnittlich. �Wieso, was ist los? Hat sie sich verletzt?�</p><p>�Es ist im Block passiert. Ihr wisst ja, dort versuchen sie, die Schw�chen eines Soldaten herauszukitzeln. Bei ihr haben sie die Stra�e geflutet�, sagt Haymitch.</p><p>Das verstehe ich nicht. Johanna kann doch schwimmen. Jedenfalls meine ich mich daran zu erinnern, dass sie beim Jubel-Jubil�um ein bisschen geschwommen ist. Nat�rlich nicht wie Finnick, aber mit ihm kann sich keiner von uns messen. �Na und?�</p><p>�So wurde sie im Kapitol gefoltert. Sie haben sie nass gemacht und dann mit Elektroschocks gequ�lt�, sagt Haymitch. �Und im Block hatte sie dann eine Art Dej�-vu. Vor lauter Panik wusste sie nicht mehr, wo sie war. Sie bekommt jetzt wieder Beruhigungsmittel.� Finnick und ich stehen nur da, es hat uns die Sprache verschlagen. Jetzt f�llt mir ein, dass Johanna nie duscht. Und wie sie sich einmal bei den �bungen zwingen musste, hinaus in den Regen zu gehen, als k�me nicht Wasser, sondern S�ure vom Himmel. Und ich hatte das auf den Morfix-Entzug geschoben.</p><p>�Es w�re gut, wenn ihr beide sie besuchen w�rdet�, sagt Haymitch. �Wenn sie �berhaupt so etwas wie Freunde hat, dann euch zwei.�</p><p>Was f�r eine schreckliche Vorstellung. Ich wei� ja nicht, was f�r ein Verh�ltnis Finnick zu Johanna hat. Ich jedenfalls kenne sie kaum. Keine Verwandten. Keine Freunde. Nicht mal ein Andenken aus 7, das sie zu der Einheitskleidung in ihre anonyme Schublade legen k�nnte. Nichts.</p><p>�Ich geh mal lieber gleich zu Plutarch und erz�hle es ihm�, sagt Haymitch. �Das wird ihm gar nicht gefallen. Er m�chte f�r die Kameras m�glichst viele Sieger im Kapitol haben. Das macht sich im Fernsehen besser, meint er.�</p><p>�Kommst du auch mit, und Beetee?�, frage ich.</p><p>�M�glichst viele junge, attraktive Sieger�, verbessert sich Haymitch. �Soll hei�en: Nein, wir bleiben hier.�</p><p>Finnick marschiert sofort hinunter zu Johanna, w�hrend ich noch ein paar Minuten drau�en herumstehe und auf Boggs warte. Ich unterstehe jetzt seinem Kommando, also muss ich mich wohl an ihn wenden, wenn ich irgendwelche Extraw�nsche habe. Als ich ihm erz�hle, was ich vorhabe, stellt er mir eine Ausgangserlaubnis aus, mit der ich w�hrend der Besinnungsstunde in den Wald darf, vorausgesetzt, dass ich in Sichtweite der Wachen bleibe. Schnell laufe ich in meine Wohneinheit, �berlege, ob ich den Fallschirm mitnehmen soll, aber es h�ngen zu viele schreckliche Erinnerungen daran. Stattdessen gehe ich �ber den Flur und nehme eine der gro�en wei�en Kompressen, die ich aus 12 mitgebracht habe. Quadratisch, rei�fest, genau das, was ich brauche.</p><p>Im Wald suche ich eine Kiefer und streife mehrere Handvoll Nadeln von den Zweigen. Nachdem ich einen ordentlichen Haufen auf der Kompresse gesammelt habe, hebe ich sie an den Seiten hoch, verdrehe die Ecken miteinander und binde sie mit einer Ranke zusammen, sodass ich ein apfelgro�es B�ndel habe.</p><p>An der T�r des Krankenzimmers bleibe ich einen Augenblick in der T�r stehen und betrachte Johanna. Mir wird bewusst, dass sie haupts�chlich durch ihre schroffe Art so aggressiv wirkt. Dahinter verbirgt sich eine zerbrechliche junge Frau, die mit weit aufgerissenen Augen gegen die bet�ubende Wirkung der Medikamente k�mpft. Voller Angst davor, was der Schlaf bringen k�nnte. Ich gehe zu ihr und reiche ihr das B�ndel.</p><p>�Was ist das?�, fragt sie heiser. Ihre Haare sind feucht und stehen �ber der Stirn wie Stacheln ab.</p><p>�Das hab ich f�r dich gemacht. Etwas, das du in deine Schublade legen kannst.� Ich lege es ihr in die H�nde. �Riech mal.�</p><p>Sie h�lt das B�ndel an die Nase und schnuppert vorsichtig. �Riecht nach zu Hause.� Tr�nen steigen ihr in die Augen.</p><p>�Das hatte ich gehofft. Wo du doch aus 7 stammst�, sage ich. �Wei�t du noch, als wir uns zum ersten Mal gesehen haben? Da warst du ein Baum. Jedenfalls f�r kurze Zeit.�</p><p>Pl�tzlich packt sie mit eisernem Griff mein Handgelenk. �Katniss, du musst ihn t�ten.�</p><p>�Keine Sorge.� Ich widerstehe dem Impuls, mich zu befreien.</p><p>�Schw�r es. Bei etwas, das dir wichtig ist�, sagt sie.</p><p>�Ich schw�re es. Bei meinem Leben.� Doch sie l�sst meinen Arm nicht los.</p><p>�Beim Leben deiner Familie�, verlangt sie.</p><p>�Beim Leben meiner Familie�, sage ich. Von meinem �berlebenswillen ist sie wohl nicht richtig �berzeugt. Jetzt l�sst sie mich los und ich reibe mir das Handgelenk. �Was glaubst du denn, weshalb ich da unbedingt hinwill, du Dummchen?�</p><p>Da l�chelt sie sogar ein bisschen. �Ich musste es einfach h�ren.� Sie dr�ckt sich das B�ndel mit Kiefernnadeln an die Nase und schlie�t die Augen.</p><p>Die restlichen Tage vergehen wie im Flug. Nach einem kurzen morgendlichen Aufw�rmprogramm verbringe ich den ganzen Tag mit meiner Gruppe auf dem Schie�platz. Meistens �be ich mit dem Gewehr, doch eine Stunde am Tag ist f�r das Training mit den Spezialwaffen vorgesehen. Das hei�t, ich kann mit meinem Spottt�lpelbogen �ben und Gale mit seinem schweren, f�r milit�rische Zwecke umfunktionierten Bogen. Der Dreizack, den Beetee f�r Finnick entwickelt hat, besitzt zahlreiche Sonderfunktionen, aber das Beste ist, dass Finnick ihn werfen und wieder zur�ckholen kann, indem er auf einen Knopf an einer Metallmanschette dr�ckt, die er am Handgelenk tr�gt.</p><p>Manchmal schie�en wir auf Friedensw�chter-Puppen, um uns mit den Schw�chen ihrer Schutzausr�stung vertraut zu machen. Mit den wunden Punkten sozusagen. Trifft man ungesch�tzte Haut, spritzt das unechte Blut nur so. Unsere Puppen sind rot getr�nkt.</p><p>Es ist beruhigend zu sehen, wie treffsicher alle aus unserer Gruppe sind. Au�er Finnick und Gale geh�ren noch f�nf Soldaten aus 13 dazu. Jackson, eine Frau mittleren Alters und Boggs� Stellvertreterin, wirkt etwas schwerf�llig, trifft jedoch Ziele, die wir anderen ohne Zielfernrohr nicht einmal sehen. Sie ist weitsichtig, wie sie sagt. Dann sind da die Schwestern Leeg, beide in den Zwanzigern, die wir Leeg 1 und Leeg 2 nennen. In Uniform sehen sie sich so �hnlich, dass ich sie nicht auseinanderhalten kann, bis mir auff�llt, dass Leeg 1 eigenartige gelbe Flecken in den Augen hat. Zwei �ltere M�nner, Mitchell und Homes, reden nicht viel, k�nnen einem jedoch aus f�nfzig Metern Entfernung den Staub von den Schuhen schie�en. Ich sehe andere Gruppen, die auch ziemlich gut sind, und verstehe nicht ganz, warum wir einen Sonderstatus haben. Bis zu dem Morgen, an dem Plutarch zu uns kommt.</p><p>�Gruppe vier-f�nf-eins, ihr seid f�r einen Sonderauftrag ausgew�hlt worden�, sagt er. Ich bei�e mir auf die Lippe, in der verr�ckten Hoffnung, dass es der Auftrag ist, Snow zu t�ten. �Wir haben jede Menge Scharfsch�tzen, Kamerateams dagegen sind recht knapp. Deshalb haben wir euch acht dazu auserkoren, unser Star-Trupp zu sein. Ihr werdet die Gesichter auf dem Bildschirm sein, die den Einmarsch begleiten.�</p><p>Entt�uschung, Schock und schlie�lich Wut machen sich in der Gruppe breit. �Soll das hei�en, dass wir am eigentlichen Kampf gar nicht beteiligt sind?�, fragt Gale schroff.</p><p>�Ihr werdet k�mpfen, aber vielleicht nicht immer an vorderster Front. Falls man bei einem solchen Krieg �berhaupt eine Front ausmachen kann�, sagt Plutarch.</p><p>�Das will keiner von uns.� Auf Finnicks Bemerkung folgt zustimmendes Gemurmel, nur ich bleibe still. �Wir werden k�mpfen.�</p><p>�Ihr werdet der Sache auf bestm�gliche Weise dienen�, sagt Plutarch. �Und es ist entschieden worden, dass ihr uns im Fernsehen am meisten n�tzt. Denkt daran, was f�r eine Wirkung Katniss hatte, als sie in ihrem Spottt�lpelkost�m herumlief. Das hat der Rebellion �berhaupt erst den richtigen Dreh gegeben. Merkt ihr, dass sie die Einzige ist, die sich nicht beschwert? Weil sie n�mlich die Macht der Bildschirme begreift.�</p><p>In Wirklichkeit beschwert Katniss sich nicht, weil sie nicht vorhat, beim �Star-Trupp� zu bleiben, jedoch erkannt hat, dass sie erst mal ins Kapitol muss, bevor sie irgendeinen anderen Plan verfolgen kann. Doch wenn ich jetzt zu nachgiebig bin, k�nnte das auch verd�chtig sein.</p><p>�Aber wir tun nicht nur so, als ob, oder?�, frage ich. �Das war echte Talentverschwendung.�</p><p>�Keine Sorge�, sagt Plutarch. �Es wird gen�gend echte Ziele geben, auf die ihr schie�en k�nnt. Aber lasst euch nicht in die Luft jagen. Ich habe genug um die Ohren, auch ohne euch ersetzen zu m�ssen. Jetzt ab ins Kapitol, und zeigt, was ihr k�nnt!�</p><p>An dem Morgen, als wir ausr�cken, verabschiede ich mich von meiner Familie. Zwar erz�hle ich nicht, wie sehr die Abwehr des Kapitols an die Waffen in der Arena erinnert, aber allein dass ich in den Krieg ziehe, ist schrecklich genug. Meine Mutter h�lt mich lange Zeit ganz fest. Ich sp�re die Tr�nen auf ihrer Wange; als ich damals in die Spiele ziehen musste, hat sie sie zur�ckgehalten. �Mach dir keine Sorgen. Mir kann gar nichts passieren. Ich bin ja noch nicht mal ein richtiger Soldat. Nur eine von Plutarchs Fernsehmarionetten�, beruhige ich sie.</p><p>Prim bringt mich bis zur T�r der Krankenstation. �Wie geht es dir?�</p><p>�Besser, jetzt, wo du hier bist und Snow dir nichts anhaben kann�, sage ich.</p><p>�Wenn wir uns das n�chste Mal sehen, sind wir von ihm befreit�, sagt Prim entschlossen. Dann schlingt sie mir die Arme um den Hals. �Pass auf dich auf.�</p><p>Ich �berlege, ob ich mich noch von Peeta verabschieden soll, komme aber zu dem Schluss, dass es uns beiden nicht guttun w�rde. Daf�r stecke ich die Perle in die Tasche meiner Uniform. Ein Andenken an den Jungen mit dem Brot.</p><p>Ein Hovercraft bringt uns ausgerechnet nach Distrikt 12, wo ein provisorischer Verladebahnhof au�erhalb des Kampfgebiets errichtet wurde. Diesmal keine Luxusz�ge, sondern ein G�terwaggon, rappelvoll mit dunkelgrau uniformierten Soldaten, die mit dem Kopf auf ihren Rucks�cken schlafen. Nach mehreren Reisetagen steigen wir in einem der Tunnel aus, die durch die Berge zum Kapitol f�hren, und marschieren dann noch sechs Stunden zu Fu�, wobei wir darauf achten, immer auf der gr�nen Leuchtlinie entlangzugehen, die den sicheren Weg nach oben kennzeichnet.</p><p>Wir kommen am Feldlager der Rebellen heraus, das sich �ber zehn Stra�enabschnitte vor dem Bahnhof erstreckt, an dem Peeta und ich auch fr�her schon angekommen sind. Dort wimmelt es schon von Soldaten. Unserer Gruppe wird eine Stelle zugewiesen, wo wir unsere Zelte aufschlagen k�nnen. Schon seit �ber einer Woche halten die Rebellen dieses Areal. Sie haben die Friedensw�chter vertrieben, was Hunderte Menschenleben gekostet hat. Die Truppen des Kapitols haben sich zur�ckgezogen und weiter im Zentrum der Stadt neu formiert. Zwischen uns liegen, leer und einladend, die Stra�en mit den versteckten Sprengladungen. Bevor wir weiter vorr�cken k�nnen, werden wir erst mal alle Kapseln vernichten m�ssen.</p><p>Mitchell fragt nach Hoverplane-Bombardements, denn wir f�hlen uns ziemlich nackt hier auf offenem Feld, aber Boggs sagt, damit sei nicht zu rechnen. Die Luftflotte des Kapitols hier und in Distrikt 2 wurde bei dem Einmarsch gr��tenteils zerst�rt. Wenn sie �berhaupt noch Hoverplanes haben, werden sie nicht riskieren, dass sie abgeschossen werden. Sie brauchen sie, damit Snow und seine Vertrauten notfalls im letzten Moment in einen Pr�sidentenbunker fl�chten k�nnen. Unsere eigenen Hoverplanes wurden nicht mehr eingesetzt, nachdem die Luftabwehr des Kapitols die ersten Angriffswellen stark dezimiert hatte. Dieser Krieg wird auf der Stra�e gef�hrt werden, er wird hoffentlich nur oberfl�chlichen Schaden an Verkehrswegen und Geb�uden anrichten und nicht allzu viele Menschenleben fordern. Die Rebellen wollen das Kapitol, so wie das Kapitol seinerzeit Distrikt 13 wollte.</p><p>Nach drei Tagen laufen wir in Gruppe 451 Gefahr, vor Langeweile zu desertieren. Cressida und ihr Team filmen uns beim Schie�en. Wir geh�rten zum Desinformationsteam, erz�hlen sie uns. W�rden die Rebellen Plutarchs Kapseln gezielt abschie�en, w�rde das Kapitol schon nach zwei Minuten merken, dass wir das Hologramm haben. Wir verbringen also viel Zeit damit, Unwichtiges zu zerst�ren, um sie abzulenken. Haupts�chlich schie�en wir Regenbogenglas von den bonbonfarbenen Geb�udefassaden herab. Ich habe den Verdacht, dass sie diese Bilder mit der Zerst�rung bedeutender Ziele im Kapitol zusammenschneiden. Ab und zu ist dann doch mal ein richtiger Scharfsch�tze gefragt. Acht H�nde fahren hoch, aber nie f�llt die Wahl auf Gale, Finnick oder mich.</p><p>�Selber schuld, warum hast du auch so ein Kameragesicht�, sage ich zu Gale. Wenn Blicke t�ten k�nnten.</p><p>Ich glaube, die wissen nicht so recht, was sie mit uns dreien anfangen sollen, speziell mit mir. Ich habe mein Spottt�lpelkost�m dabei, aber bisher haben sie mich nur in Uniform gefilmt. Manchmal schie�e ich mit dem Gewehr, manchmal bitten sie mich, Pfeil und Bogen zu benutzen. Es kommt mir so vor, als wollten sie ihren Spottt�lpel nicht ganz verlieren, meine Rolle jedoch auf die eines Infanteristen reduzieren. Da es mir egal ist, finde ich es eher am�sant, mir die Diskussionen vorzustellen, die in Distrikt 13 dar�ber gef�hrt werden.</p><p>W�hrend ich mich lauthals beklage, weil wir keine richtigen Eins�tze haben, bin ich insgeheim mit meinen eigenen Pl�nen besch�ftigt. Jeder von uns hat einen Stadtplan vom Kapitol bekommen. Die Stadt bildet ein fast vollkommenes Quadrat. Der Plan ist durch Linien in ein Gitternetz aus kleineren Quadraten unterteilt, mit Buchstaben am oberen Rand und Zahlen am linken Seitenrand. Ich schaue es mir ganz genau an, pr�ge mir jede Kreuzung und jede Seitenstra�e ein, aber das ist l�ppisch im Vergleich zu dem, was die Kommandanten machen. Sie arbeiten Plutarchs Hologramm ab. Jeder von ihnen hat einen Handapparat, Holo genannt, der Bilder produziert, wie wir sie in der Kommandozentrale gesehen haben. Sie k�nnen jede Stelle in dem Netz heranzoomen und sehen, was f�r Kapseln dort auf sie warten. Das Holo ist ein rechnerunabh�ngiges Ger�t, eigentlich nur ein besserer Stadtplan, denn es kann weder Signale senden noch empfangen. Aber meiner Papierversion ist es doch haushoch �berlegen.</p><p>Das Holo wird eingeschaltet, indem ein bestimmter Kommandant seinen Namen nennt. Einmal in Betrieb genommen, reagiert es auch auf die anderen Stimmen in der Truppe. Wenn Boggs also zum Beispiel get�tet oder au�er Gefecht gesetzt w�rde, k�nnte jemand sein Holo �bernehmen. Sagt einer aus der Gruppe dreimal hintereinander das Wort
<emphasis>Nachtriegel,</emphasis>
explodiert das Holo und jagt alles im Umkreis von f�nf Metern in die Luft. Das ist eine Sicherheitsma�nahme f�r den Fall, dass wir besiegt werden. Es versteht sich von selbst, dass wir sie alle ohne Z�gern anwenden w�rden.</p><p>Ich brauche also nur Boggs� Holo zu klauen, wenn es eingeschaltet ist, und damit zu verschwinden, ehe er es merkt. Aber wahrscheinlich w�re es einfacher, ihm die Z�hne zu klauen.</p><p>Am vierten Morgen trifft Soldat Leeg 2 eine falsch markierte Kapsel. Sie setzt keinen Schwarm mutierter M�cken frei, worauf die Rebellen vorbereitet sind, sondern l�sst einen Pfeilregen niedergehen. Einer der Pfeile trifft Leeg 2 in den Kopf. Noch ehe die �rzte bei ihr sind, ist sie tot. Plutarch verspricht schnellen Ersatz.</p><p>Am n�chsten Abend trifft das neue Mitglied unserer Gruppe ein. Ohne Handfesseln und ohne W�rter. Kommt aus dem Bahnhof geschlendert, sein Gewehr schlenkert an dem Gurt, den er �ber der Schulter tr�gt. Wir reagieren mit einer Mischung aus Schock, Verwirrung, Abwehr, aber auf Peetas Handr�cken prangt ein frischer Stempelaufdruck mit der Nummer 451. Boggs nimmt ihm die Waffe ab und geht telefonieren.</p><p>�Das wird nichts �ndern�, sagt Peeta zu uns. �Coin selbst hat mich euch zugeteilt. Sie findet, die Propos m�ssten ein bisschen aufgepeppt werden.�</p><p>Das mag schon sein. Doch wenn Coin Peeta hergeschickt hat, dann findet sie auch noch etwas anderes. Dass ich ihr tot mehr n�tze als lebendig.</p><p>Teil 3</p><p>Das Attentat</p><empty-line/><p><strong>19</strong></p><p>Ich habe Boggs noch nie w�tend gesehen. Nicht, als ich seine Befehle missachtet, nicht, als ich ihn voll gekotzt habe. Nicht einmal, als Gale ihm die Nase gebrochen hat. Aber als er von dem Telefongespr�ch mit Coin zur�ckkommt, ist er w�tend. Als Erstes weist er seine Stellvertreterin Jackson an, zwei Leute abzustellen, die rund um die Uhr auf Peeta aufpassen. Dann nimmt er mich mit auf einen Spaziergang. Wir gehen im Zickzack um die Zelte unseres Lagers herum, bis wir weit genug von der Gruppe entfernt sind.</p><p>�Er wird so oder so versuchen, mich zu t�ten�, sage ich. �Gerade hier. Wo es so viele schlimme Erinnerungen gibt, die etwas in ihm ausl�sen k�nnen.�</p><p>�Ich werde ihn in Schach halten, Katniss�, sagt Boggs. �Wieso will Coin auf einmal meinen Tod?�, frage ich. �Sie bestreitet das�, sagt er.</p><p>�Aber wir beide wissen, dass es so ist�, sage ich. �Zumindest eine Theorie haben Sie doch, oder?�</p><p>Boggs sieht mich lange und fest an, ehe er antwortet. �Ich sag dir, was ich wei�. Coin kann dich nicht leiden. Von Anfang an nicht. Sie wollte, dass Peeta aus der Arena gerettet wird, aber niemand war ihrer Meinung. Als du sie gezwungen hast, den anderen Siegern die Straffreiheit zuzusichern, hat das alles nur noch schlimmer gemacht. Aber selbst das w�re angesichts deiner tollen Auftritte zu vernachl�ssigen.�</p><p>�Was ist es dann?�, frage ich.</p><p>�Irgendwann in naher Zukunft wird der Krieg zu Ende sein. Und dann w�hlen wir ein neues Oberhaupt�, sagt Boggs.</p><p>Ich verdrehe die Augen. �Boggs, es glaubt ja wohl niemand, dass ich das sein werde.�</p><p>�Stimmt�, sagt er. �Aber du wirst einen Kandidaten unterst�tzen. W�re das Pr�sidentin Coin? Oder jemand anders?�</p><p>�Ich wei� nicht. Dar�ber hab ich mir noch keine Gedanken gemacht�, sage ich.</p><p>�Wenn du nicht spontan
<emphasis>Coin</emphasis>
sagen kannst, bist du eine Bedrohung. Du bist das Gesicht der Rebellion. M�glicherweise hast du mehr Einfluss als jeder andere�, sagt Boggs. �Nach au�en hin hast du Coin bisher allenfalls toleriert, mehr nicht.�</p><p>�Also will sie mich umbringen, um mich mundtot zu machen.� Kaum habe ich es ausgesprochen, wei� ich auch schon, dass es sich genau so verh�lt.</p><p>�Sie braucht dich jetzt nicht mehr als zentrale Figur der Bewegung. Deine vorrangige Aufgabe, die Distrikte zu einen, ist erf�llt, das hat sie ja gesagt�, erinnert Boggs mich. �Die Propos, die zurzeit gedreht werden, w�rden auch ohne dich �ber die B�hne gehen. Du kannst nur noch eins tun, um die Rebellion neu anzufachen.�</p><p>�Sterben�, sage ich ruhig.</p><p>�Ja. Uns einen M�rtyrer geben, f�r den wir k�mpfen k�nnen�, sagt Boggs. �Aber solange ich etwas zu sagen habe, wird das nicht passieren, Soldat Everdeen. Ich habe ein langes Leben f�r dich geplant.�</p><p>Wer so denkt, handelt sich nur Schwierigkeiten ein. �Warum? Sie sind mir doch nichts schuldig.�</p><p>�Du hast es verdient�, sagt er. �Und jetzt geh wieder zu deiner Gruppe.�</p><p>Ich m�sste es zu sch�tzen wissen, dass Boggs den Kopf f�r mich hinh�lt, aber ich bin nur frustriert. Wie soll ich ihm jetzt das Holo klauen und desertieren? Auch ohne seine pers�nliche Unterst�tzung fand ich es schwer genug, ihn zu hintergehen. Ich bin ihm ja schon zu Dank verpflichtet, weil er mir das Leben gerettet hat.</p><p>Als ich sehe, wie der, dem ich den ganzen Schlamassel zu verdanken habe, in aller Seelenruhe sein Zelt aufschl�gt, werde ich w�tend. �Um wie viel Uhr hab ich Wache?�, frage ich Jackson.</p><p>Sie schaut mich zweifelnd an, oder vielleicht kneift sie die Augen auch nur zusammen, um mich besser sehen zu k�nnen. �Ich hab dich nicht eingeteilt.�</p><p>�Wieso nicht?�, frage ich.</p><p>�Ich bin mir nicht sicher, ob du Peeta wirklich erschie�en k�nntest, wenn es n�tig w�re�, sagt sie.</p><p>Ich spreche laut und deutlich, damit alle mich h�ren k�nnen. �Ich w�rde ja nicht Peeta erschie�en. Den gibt es nicht mehr. Johanna hat recht. Ich w�rde nur eine Mutation des Kapitols erschie�en.� Nach all den Dem�tigungen, die ich seit seiner R�ckkehr erfahren habe, ist es ein gutes Gef�hl, in aller �ffentlichkeit etwas Schreckliches �ber ihn zu sagen.</p><p>�Also, mit der Aussage empfiehlst du dich auch nicht gerade�, sagt Jackson.</p><p>�Teil sie f�r die Wache ein�, sagt Boggs hinter mir.</p><p>Jackson sch�ttelt den Kopf und notiert etwas. �Von Mitternacht bis vier. Mit mir zusammen.�</p><p>Der Pfiff zum Abendessen ert�nt und Gale und ich stellen uns an der Feldk�che auf. �Soll ich ihn umbringen?�, fragt er geradeheraus.</p><p>�Dann w�rden sie uns beide auf jeden Fall zur�ckschicken�, sage ich. Obwohl ich stinkw�tend auf Peeta bin, erschreckt mich Gales Grausamkeit. �Ich werd schon mit ihm fertig.�</p><p>�So lange, bis du dich absetzt, meinst du? Mit deinem Stadtplan und einem Holo, falls du eins zu fassen kriegst?� Es ist Gale also nicht entgangen, was ich im Schilde f�hre. Hoffentlich ist es f�r die anderen nicht auch so offensichtlich. Aber niemand kennt meine Gedanken so wie er. �Du hast ja wohl nicht vor, ohne mich abzuhauen, oder?�, fragt er.</p><p>Bis jetzt hatte ich das vor. Doch es scheint mir nicht verkehrt, meinen Jagdgef�hrten als Deckung dabeizuhaben. �Als deine Kampfgef�hrtin muss ich dir dringend raten, bei deiner Gruppe zu bleiben. Aber zwingen kann ich dich nicht, oder?�</p><p>Er grinst. �Nein. Es sei denn, du willst, dass ich die ganze Armee alarmiere.�</p><p>Gruppe 451 und das Fernsehteam besorgen sich aus der Feldk�che etwas zu essen und versammeln sich zum Abendbrot in einem engen Kreis. Erst denke ich, Peeta ist der Grund f�r das allgemeine Unbehagen, aber am Ende der Mahlzeit bemerke ich unfreundliche Blicke in meine Richtung. So schnell kann die Stimmung kippen. Als Peeta aufgetaucht ist, hat sich die ganze Mannschaft noch Sorgen gemacht, er k�nnte f�r uns alle eine Gefahr bedeuten, insbesondere f�r mich. Erst als ich einen Anruf von Haymitch bekomme, begreife ich.</p><p>�Was soll das? Willst du ihn dazu treiben, dass er angreift?�, fragt er.</p><p>�Quatsch. Ich will nur, dass er mich in Ruhe l�sst�, sage ich.</p><p>�Das kann er aber nicht. Nicht nach dem, was das Kapitol ihm angetan hat�, sagt Haymitch. �Vielleicht hat Coin ihn wirklich in der Hoffnung hergeschickt, dass er dich umbringt. Aber Peeta wei� das nicht. Er begreift nicht, was ihm zugesto�en ist. Du kannst ihm nicht die Schuld in die Schuhe schieben ��</p><p>�Tu ich ja gar nicht!�, sage ich.</p><p>�Doch! Du bestrafst ihn immer wieder f�r etwas, das au�erhalb seiner Macht liegt. Das hei�t nicht, dass du nicht rund um die Uhr eine geladene Waffe griffbereit haben solltest. Aber stell dir die Situation einfach mal umgekehrt vor. Wenn du vom Kapitol festgehalten und eingewebt worden w�rst und dann versucht h�ttest, Peeta umzubringen - w�rde er dich so behandeln wie du ihn jetzt?�, fragt Haymitch.</p><p>Darauf sage ich nichts. Auf keinen Fall w�rde er mich so behandeln. Er w�rde mit aller Macht versuchen, mich zur�ckzubekommen. W�rde mich nicht ausschlie�en und im Stich lassen und mir nicht bei jeder Gelegenheit feindselig begegnen.</p><p>�Du und ich, wir hatten abgemacht, ihn zu retten. Wei�t du noch?�, sagt Haymitch. Als ich nicht antworte, sagt er schroff: �Vergiss das nicht�, und unterbricht die Verbindung.</p><p>Der Herbsttag ist jetzt nicht mehr frisch, sondern kalt. Die meisten aus der Gruppe verkriechen sich in ihrem Schlafsack. Manche schlafen unter freiem Himmel, nah an dem Heizofen in der Mitte des Lagers, andere begeben sich in ihr Zelt. Leeg 1 ist �ber dem Tod ihrer Schwester schlie�lich zusammengebrochen, ihr ged�mpftes Schluchzen dringt durch die Zeltwand. Ich kuschele mich in mein Zelt und denke �ber Haymitchs Worte nach. Begreife voller Scham, dass ich �ber der fixen Idee, Snow umzubringen, eine viel schwierigere Aufgabe �bersehen habe: Peeta aus der Schattenwelt zu befreien, in die er eingewebt wurde. Ich wei� nicht, wie ich ihn dort finden, geschweige denn herausholen soll. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie man das anstellen k�nnte. Dagegen ist die Aufgabe, eine pr�parierte Arena zu durchqueren, Snow aufzusp�ren und ihm eine Kugel in den Kopf zu jagen, das reinste Kinderspiel.</p><p>Um Mitternacht krieche ich aus dem Zelt und setze mich in der N�he des Heizofens auf einen Feldstuhl, um mit Jackson Wache zu halten. Boggs hat Peeta befohlen, so zu schlafen, dass wir ihn alle im Blick haben. Doch er schl�ft nicht. Stattdessen sitzt er da, den Schlafsack bis zur Brust hochgezogen, und versucht ungeschickt, Knoten in ein kurzes Seil zu machen. Das Seil kenne ich nur zu gut, Finnick hat es mir in jener Nacht im Bunker geliehen. Es jetzt in Peetas H�nden zu sehen, ist so, als w�rde Finnick dasselbe sagen wie Haymitch vorhin: dass ich Peeta im Stich lasse. Vielleicht ist jetzt der richtige Moment, um es wiedergutzumachen. Wenn ich nur w�sste, was ich sagen soll. Aber mir f�llt nichts ein. Also sage ich nichts. Ich lausche nur dem Atem der Soldaten in der Nacht.</p><p>Nach etwa einer Stunde f�ngt Peeta an zu reden. �Die letzten beiden Jahre waren bestimmt anstrengend f�r dich. Immer wieder zu �berlegen, ob du mich umbringen sollst oder nicht. Hin und her, hin und her.�</p><p>Das finde ich v�llig ungerecht, und ich bin drauf und dran, eine bissige Antwort zu geben. Aber dann denke ich wieder an das Gespr�ch mit Haymitch und mache einen ersten vorsichtigen Schritt auf Peeta zu. �Ich wollte dich noch nie umbringen. Au�er, als ich dachte, du willst den Karrieros dabei helfen, mich zu t�ten. Danach hab ich dich immer als � als Verb�ndeten betrachtet.� Das Wort ist sch�n ungef�hrlich. Es impliziert keine gef�hlsm��ige Bindung, aber auch keine Bedrohung.</p><p>�Verb�ndete�, sagt Peeta langsam, als wollte er das Wort ausprobieren. �Freundin. Geliebte. Siegerin. Feindin. Verlobte. Zielscheibe. Mutation. Nachbarin. J�gerin. Tribut.
<emphasis>Verb�ndete.</emphasis>
Das kommt auf meine Liste von W�rtern, mit denen ich versuche, dich einzuordnen.� Immer wieder l�sst er das Seil durch die Finger gleiten. �Das Problem ist, dass ich nicht mehr wei�, was wahr ist und was erfunden.�</p><p>Das Atmen um uns ist nicht mehr gleichm��ig, und das hei�t, dass die Leute entweder aufgewacht sind oder gar nicht richtig geschlafen haben. Ich vermute Letzteres.</p><p>Aus einem Kn�uel in der Dunkelheit ist Finnicks Stimme zu h�ren. �Dann solltest du fragen, Peeta. So macht Annie es auch.�</p><p>�Wen denn?�, sagt Peeta. �Wem kann ich trauen?�</p><p>�Na, uns zum Beispiel. Wir sind deine Truppe�, sagt Jackson.</p><p>�Ihr seid meine Bewacher�, sagt er.</p><p>�Das auch�, sagt sie. �Aber du hast in Distrikt 13 vielen das Leben gerettet. So etwas vergessen wir nicht.�</p><p>In dem Schweigen, das folgt, versuche ich mir vorzustellen, ich k�nnte Realit�t und Einbildung nicht auseinanderhalten. Wie es w�re, wenn ich nicht w�sste, ob Prim und meine Mutter mich lieben. Ob Snow mein Feind ist. Ob der Mensch am Heizofen mich gerettet oder geopfert hat. Im Nu verwandelt sich mein Leben in einen Albtraum. Auf einmal m�chte ich Peeta in allen Einzelheiten erz�hlen, wer er ist und wer ich bin und wie wir hierhergekommen sind. Aber ich wei� nicht, wo ich anfangen soll. Nutzlos. Ich bin nutzlos.</p><p>Um kurz vor vier wendet Peeta sich wieder an mich. �Deine Lieblingsfarbe � ist das Gr�n?�</p><p>�Ja.� Dann �berlege ich, was ich noch sagen k�nnte. �Und deine ist Orange.�</p><p>�Orange?� Er wirkt nicht �berzeugt.</p><p>�Kein knalliges Orange. Ein gedecktes Orange. So wie der Sonnenuntergang�, sage ich. �Das hast du mir jedenfalls mal erz�hlt.�</p><p>�Ach so.� Er schlie�t kurz die Augen, vielleicht versucht er einen Sonnenuntergang heraufzubeschw�ren, dann nickt er. �Danke.�</p><p>Dann purzeln noch mehr W�rter aus meinem Mund. �Du bist ein Maler. Du bist ein B�cker. Du schl�fst gern bei ge�ffnetem Fenster. Du trinkst deinen Tee ohne Zucker. Und du machst immer einen Doppelknoten in deine Schn�rsenkel.�</p><p>Dann verschwinde ich in meinem Zelt, bevor ich wom�glich noch anfange zu heulen oder so was Dummes.</p><p>Am Morgen ziehen Gale, Finnick und ich los, ein bisschen Glas von den Geb�uden schie�en f�r die Kameras. Als wir zur�ck zu unserem Lager kommen, sitzt Peeta im Kreis mit den Soldaten aus 13, die zwar bewaffnet sind, aber offen mit ihm sprechen. Jackson hat ein Spiel erfunden, um Peeta zu helfen -�Wahr oder nicht wahr�. Er erw�hnt etwas, wovon er glaubt, dass es seiner Meinung nach passiert ist, und sie sagen ihm, ob es wahr ist oder nur eingebildet, gefolgt von einer kurzen Erkl�rung.</p><p>�Die meisten Menschen aus Distrikt 12 sind in den Flammen umgekommen.�</p><p>�Wahr. Keine neunhundert konnten sich nach Distrikt 13 retten.�</p><p>�Ich war schuld an dem Feuer.�</p><p>�Nicht wahr. Pr�sident Snow hat Distrikt 12 zerst�rt, so wie er damals 13 zerst�rt hat, als Botschaft an die Rebellen.�</p><p>Ich finde die Idee gut, bis mir klar wird, dass ich diejenige bin, die das meiste best�tigen oder verneinen kann, was ihm auf der Seele liegt. Jackson teilt uns in Wachen ein. Sie ordnet Finnick, Gale und mich jeweils einem Soldaten aus 13 zu. So kann Peeta sich immer an jemanden wenden, der ihn besser kennt. Es wird nicht die ganze Zeit geredet. Peeta braucht lange, um selbst kleinste Informationen zu verarbeiten, zum Beispiel, wo die Leute zu Hause Seife gekauft haben. Gale erz�hlt ihm eine Menge �ber Distrikt 12, Finnick ist Experte, was die beiden Spiele angeht, bei denen Peeta dabei war, denn im ersten war er Mentor und im zweiten Tribut. Aber da sich Peetas gr��te Verwirrung um mich dreht - und nicht alles so einfach erkl�rt werden kann -, sind unsere Gespr�che schmerzlich und belastet, obwohl wir nur oberfl�chliche Details ber�hren. Welche Farbe mein Kleid in Distrikt 7 hatte. Dass ich so gern K�sebr�tchen esse. Wie unser Mathelehrer in der Schule hie�. Es ist qu�lend, seine Erinnerung an mich zu rekonstruieren. Vielleicht geht es ja auch gar nicht, nach allem, was Snow ihm angetan hat. Aber es f�hlt sich richtig an, ihm bei dem Versuch zu helfen.</p><p>Am Nachmittag des darauffolgenden Tages erfahren wir, dass die ganze Gruppe f�r einen etwas vertrackteren Propo gebraucht wird. In einem Punkt hat Peeta recht: Coin und Plutarch sind unzufrieden mit der Qualit�t des Bildmaterials, das sie vom Star-Trupp bekommen. Sie finden es �de und wenig originell. Als Folge m�ssen wir andauernd mit unseren Gewehren rummachen. Aber es geht ja nicht darum, dass wir uns verteidigen sollen, sondern dass wir ein brauchbares Produkt liefern. Heute ist ein ganzer Stra�enzug f�r Filmaufnahmen abgesperrt worden. In dem Gebiet gibt es sogar zwei aktive Kapseln. Die eine l�st ein Artilleriefeuer aus. Die andere f�ngt den Angreifer in einem Netz und h�lt ihn fest, entweder zum Verh�r oder zur Hinrichtung, je nachdem, wie der F�nger es gern h�tte. Aber es ist nur ein unwichtiges Wohnviertel, strategisch unbedeutend.</p><p>Das Fernsehteam will mit Rauchbomben und Schussger�uschen die Spannung steigern. Wir alle, selbst die Fernsehleute, ziehen schwere Schutzausr�stung an und begeben uns mitten hinein ins Kampfgebiet. Wer Spezialwaffen besitzt, darf sie zus�tzlich zum Gewehr mitnehmen. Boggs gibt auch Peeta sein Gewehr zur�ck, macht ihn aber f�r alle vernehmlich darauf aufmerksam, dass es nur mit Platzpatronen geladen ist.</p><p>Peeta zuckt blo� die Achseln. �Ich bin sowieso kein guter Sch�tze.� Er ist ganz damit besch�ftigt, Pollux zu beobachten, so sehr, dass es ein wenig beunruhigend wird. Schlie�lich f�llt ihm etwas ein, und er sagt ganz aufgeregt: �Du bist ein Avox, stimmt�s? Das sehe ich daran, wie du schluckst. Mit mir waren zwei Avoxe im Gef�ngnis, Darius und Lavinia. Die W�rter nannten sie meist nur die Rotsch�pfe. Im Trainingscenter waren sie unsere Diener, deshalb wurden sie auch verhaftet. Ich habe mit angesehen, wie sie zu Tode gefoltert wurden. Das M�dchen hatte Gl�ck. Die hatten zu viel Volt eingestellt, ihr Herz hat sofort versagt. Aber bei ihm hat es Tage gedauert, bis er tot war. Sie haben ihn geschlagen, ihm K�rperteile abgeschnitten. Haben ihm immer wieder Fragen gestellt, aber er konnte ja nicht antworten, er hat nur diese schrecklichen animalischen Laute ausgesto�en. Sie wollten gar nicht wirklich was von ihm wissen, versteht ihr? Sie wollten nur, dass ich es sehe.�</p><p>Peeta schaut erwartungsvoll in unsere geschockten Gesichter. Als keine Antwort kommt, fragt er: �Wahr oder nicht wahr?�</p><p>Niemand sagt etwas und da wird er aufgebracht. �Wahr oder nicht wahr?�, will er wissen.</p><p>�Wahr�, sagt Boggs. �Jedenfalls, soweit ich wei� � wahr.�</p><p>�Das dachte ich mir. Die Erinnerung hatte nichts � Leuchtendes.� Peeta entfernt sich von der Gruppe und murmelt dabei irgendwas von Fingern und Zehen.</p><p>Ich gehe zu Gale und lege die Stirn an seine Brust, nur dass da jetzt die R�stung ist. Er nimmt mich fest in die Arme. Jetzt wissen wir, wie das M�dchen hie�, das damals vom Kapitol aus den W�ldern von Distrikt 12 verschleppt wurde, jetzt kennen wir das Schicksal des befreundeten Friedensw�chters, der Gale das Leben retten wollte. Das ist nicht der richtige Moment, um in sch�nen Erinnerungen zu schwelgen. Ich setze die beiden auf meine pers�nliche Liste von Opfern, angefangen mit der ersten Arena, Tausende sind es inzwischen. Als ich aufschaue, sehe ich, dass Gale es anders aufgenommen hat. Seine Miene sagt, dass es gar nicht genug Berge zum Zerst�ren gibt, nicht genug St�dte zum Zerbomben. In seinem Blick steht Rache.</p><p>Mit Peetas grausigem Bericht im Kopf und knirschenden Scherben unter unseren F��en gehen wir zu dem Stra�enzug, den wir erobern sollen. Wir scharen uns um Boggs und schauen uns die Projektion der Stra�e auf dem Holo an. Jetzt haben wir wenigstens eine echte, wenn auch kleine Aufgabe. Die Kapsel mit dem Artilleriefeuer befindet sich im ersten Drittel der Stra�e, knapp �ber der Markise einer Wohnung. Es d�rfte uns gelingen, sie mit Kugeln zu aktivieren. Die Kapsel mit dem Netz ist weiter hinten, fast schon an der n�chsten Stra�enecke. Daf�r brauchen wir jemanden, der den Bewegungsmelder ausl�st. Alle erkl�ren sich bereit, bis auf Peeta, der anscheinend nicht so richtig wei�, worum es geht. Ich werde nicht genommen. Sie schicken mich zu Messalla, der mich f�r eventuelle Gro�einstellungen schminkt.</p><p>Die Gruppe stellt sich nach Boggs� Anweisungen auf, und dann m�ssen wir darauf warten, dass Cressida den Kameram�nnern sagt, wo sie stehen sollen. Sie sind beide links von uns, Castor weit vorn und Pollux ganz hinten, damit sie sich nicht gegenseitig filmen. Messalla z�ndet f�r die Atmosph�re ein paar Rauchgranaten. Da es sich hier sowohl um einen Einsatz als auch um einen Dreh handelt, will ich schon fragen, wer das Kommando hat, der Kommandant oder die Regisseurin, aber da ruft Cressida: �Action!�</p><p>Langsam gehen wir durch die diesige Stra�e, genau wie bei einer �bung im Block. Jeder muss mindestens eine Reihe Fensterscheiben wegpusten, aber das eigentliche Ziel ist Gale zugeteilt worden. Er schie�t die Kapsel ab, und wir gehen in Deckung - ducken uns in Eing�nge, legen uns flach auf die h�bschen Pflastersteine in Hellorange und Rosa -, w�hrend ein Kugelhagel �ber unsere K�pfe fliegt. Nach einer Weile befiehlt uns Boggs weiterzugehen.</p><p>Cressida h�lt uns zur�ck, weil sie ein paar Gro�aufnahmen braucht. Abwechselnd spielen wir unsere Reaktion noch einmal nach. Wir lassen uns fallen, verziehen das Gesicht, springen in eine Nische. Wir wissen, dass es eine ernste Angelegenheit ist, aber es kommt uns ein bisschen albern vor. Vor allem, als sich herausstellt, dass ich gar nicht die schlechteste Schauspielerin in unserer Gruppe bin. Bei Weitem nicht. Wir lachen so sehr �ber Mitchells Versuch, den Verzweifelten zu mimen, inklusive Z�hneknirschen und gebl�hten N�stern, dass Boggs uns zurechtweisen muss.</p><p>�Vier-f�nf-eins, zusammenrei�en!�, sagt er streng. Aber er muss ein Grinsen unterdr�cken, w�hrend er die n�chste Kapsel noch einmal gegencheckt. Das Holo so h�lt, dass er in der rauchgeschw�ngerten Luft etwas erkennen kann. Den Blick immer noch uns zuwendet, w�hrend er den linken Fu� auf den orangefarbenen Pflasterstein setzt. Und die Mine ausl�st, die ihm die Beine wegsprengt.</p><p><strong>20</strong></p><p>Es ist, als w�rde in einem einzigen Augenblick ein bemaltes Fenster zersplittern und den Blick auf die h�ssliche Welt dahinter freigeben. Lachen wird zu Schreien, Blut befleckt die pastellfarbenen Steine, echter Rauch verdunkelt den k�nstlichen.</p><p>Eine zweite Explosion scheint die Luft zu zerrei�en, mir klingeln die Ohren. Aber ich wei� nicht, aus welcher Richtung sie gekommen ist.</p><p>Ich bin als Erste bei Boggs, versuche aus dem zerfetzten Fleisch, den fehlenden Gliedma�en schlau zu werden, suche nach etwas, womit ich das Blut stoppen kann, das aus seinem K�rper schie�t. Homes schiebt mich beiseite und �ffnet hektisch ein Erste-Hilfe-Set. Boggs umklammert mein Handgelenk. Sein Gesicht, grau vom Sterben und von der Asche, scheint zu verschwimmen. Doch die Worte, die er sagt, sind ein Befehl. �Das Holo.�</p><p>Das Holo. Ich taste um mich herum, w�hle in zerborstenen, blutbefleckten Pflastersteinen, schaudere, als ich warme Fleischfetzen ber�hre. Dann habe ich es, zusammen mit Boggs� Stiefeln hat es sich in einem Treppenschacht verklemmt. Ich nehme es an mich, wische es mit blo�en H�nden trocken und reiche es meinem Kommandeur.</p><p>Homes hat den Stumpf von Boggs� linkem Oberschenkel mit einer Staubinde umschlossen, aber sie ist schon v�llig durchweicht. Jetzt versucht er, eine weitere Staubinde �ber dem rechten Knie anzulegen. Der Rest der Gruppe hat sich in einer sch�tzenden Formation um uns und das Team herum aufgestellt. Finnick versucht, Messalla wiederzubeleben, der durch die Explosion gegen eine Wand geschleudert worden ist. Jackson blafft in ein Funksprechger�t und versucht, das Lager zu erreichen, damit sie Sanit�ter schicken, doch ich sehe, dass es zu sp�t ist. Als Kind habe ich meiner Mutter oft bei der Arbeit zugeschaut, und ich wei�: Wenn eine bestimmte Menge Blut geflossen ist, gibt es keine Rettung mehr.</p><p>Ich knie mich neben Boggs und bin darauf eingestellt, dieselbe Rolle zu spielen wie bei Rue und der Morfixerin aus Distrikt 6, ich will ihm Halt geben, w�hrend er aus dem Leben geht. Aber Boggs macht sich mit beiden H�nden an dem Holo zu schaffen. Er tippt einen Befehl ein, presst den Daumen auf den Bildschirm, um sich zu identifizieren, spricht eine Folge von Buchstaben und Zahlen als Antwort auf eine Eingabeaufforderung. Ein gr�ner Lichtstrahl kommt aus dem Holo und beleuchtet sein Gesicht. Er sagt: �Befehlsuntauglich. �bertrage die Oberste Sicherheitspr�fung an Gruppe vier-f�nf-eins, Soldat Katniss Everdeen.� Mit letzter Kraft h�lt er mir das Holo vors Gesicht. �Sag deinen Namen.�</p><p>�Katniss Everdeen�, sage ich in den gr�nen Strahl. Pl�tzlich bin ich in dem Licht gefangen. Ich kann mich nicht bewegen, nicht mal blinzeln, w�hrend blitzschnell Bilder vor meinen Augen flackern. Werde ich gescannt? Aufgenommen? Geblendet? Das Licht verschwindet, und ich sch�ttele den Kopf, um die Gedanken zu verscheuchen. �Was haben Sie da gemacht?�</p><p>�Bereit machen zum R�ckzug!�, br�llt Jackson.</p><p>Finnick schreit irgendwas zur�ck und zeigt zum anderen Ende des Stra�enabschnitts, wo wir hergekommen sind. Schwarzes �liges Zeug spritzt wie aus einem Geysir aus der Stra�e, quillt zwischen den Geb�uden empor und bildet eine undurchdringliche dunkle Wand. Es scheint sich weder um eine Fl�ssigkeit noch um ein Gas zu handeln, weder um etwas K�nstliches noch um etwas Nat�rliches. Mit Sicherheit ist es t�dlich. Dorthin, woher wir gekommen sind, k�nnen wir nicht zur�ck.</p><p>Ohrenbet�ubende Sch�sse, als Gale und Leeg 1 das andere Ende des Stra�enabschnitts ins Visier nehmen. Erst wei� ich nicht, was sie vorhaben, bis zehn Meter entfernt eine weitere Bombe hochgeht und ein Loch in die Stra�e rei�t. Da begreife ich, dass es ein verzweifelter Versuch ist, die Stra�e von Minen zu r�umen. Homes und ich packen Boggs und schleifen ihn hinter Gale her. Im Todeskampf f�ngt er an zu schreien, und ich will stehen bleiben, um nach einer anderen M�glichkeit zu suchen, aber die schwarze Masse erhebt sich �ber die H�user, w�lbt sich und rollt wie eine Welle auf uns zu.</p><p>Da werde ich nach hinten gerissen, muss Boggs loslassen, knalle auf die Steine. Vor mir steht Peeta. Er schaut auf mich herab, mit irrem Blick, zur�ckgeschleudert in das Land der Eingewebten. Er hat das Gewehr erhoben, jetzt st��t er es hinab, um mir den Sch�del zu zertr�mmern. Ich rolle mich weg, h�re, wie der Kolben auf die Stra�e kracht, sehe aus dem Augenwinkel zwei k�mpfende K�rper, als Mitchell Peeta packt und ihn am Boden festh�lt. Doch Peeta, der immer schon stark war und jetzt befeuert ist durch den Wahn des Wespengifts, bekommt die F��e unter Mitchells Bauch und st��t ihn ein St�ck die Stra�e hinunter.</p><p>Mit einem lauten Ger�usch schnappt die Falle zu. Vier Draht seile, die an Schienen an den Geb�udew�nden befestigt sind, durchbrechen die Steine und ziehen das Netz hoch, das Mitchell einh�llt. Im n�chsten Augenblick ist er blut�berstr�mt, und erst als wir die Widerhaken an dem Draht erkennen, in dem er gefangen ist, verstehe ich, warum. Und ich verstehe auch, was das f�r ein Draht ist: der Stacheldraht, der auf dem Zaun von Distrikt 12 war. Ich rufe Mitchell zu, er solle sich nicht bewegen, und da muss ich w�rgen von dem Geruch des schwarzen Zeugs, dick und teerartig. Die Welle hat ihren Scheitelpunkt erreicht und senkt sich langsam.</p><p>Gale und Leeg 1 schie�en das Schloss der Eingangst�r des Eckgeb�udes kaputt und zielen dann auf die Drahtseile, an denen das Netz mit Mitchell h�ngt. Andere halten jetzt Peeta in Schach. Ich st�rze zur�ck zu Boggs, und Homes und ich ziehen ihn in die Wohnung, durch ein Wohnzimmer in rosa und wei�em Samt, auf den Marmorboden einer K�che. Dort brechen wir zusammen. Castor und Pollux schleppen einen sich windenden Peeta herein. Irgendwie schafft Jackson es, ihm Handschellen anzulegen, aber das macht ihn nur noch wilder, und es bleibt ihnen nicht anderes �brig, als ihn in einen Wandschrank zu sperren.</p><p>Drau�en wird eine T�r zugeschlagen, laute Rufe sind zu h�ren. Dann stapfen Schritte durch den Flur, w�hrend die schwarze Welle an dem Haus vorbeirauscht. Von der K�che aus h�ren wir die Fenster �chzen und klirren. Der giftige Teer schw�ngert die Luft. Finnick tr�gt Messalla herein. Leeg 1 und Cressida kommen taumelnd und hustend hinter ihnen her.</p><p>�Gale!�, schreie ich.</p><p>Da ist er, knallt die K�chent�r hinter sich zu und st��t mit M�he ein einziges Wort aus: �D�mpfe!� Castor und Pollux schnappen sich Handt�cher und Sch�rzen und stopfen sie in die Ritzen, w�hrend Gale sich in ein knallgelbes Waschbecken �bergibt.</p><p>�Mitchell?�, fragt Homes. Leeg 1 sch�ttelt nur den Kopf.</p><p>Boggs dr�ckt mir das Holo mit Gewalt in die Hand. Er bewegt die Lippen, aber ich kann nicht erkennen, was er sagt. Ich halte das Ohr an seinen Mund, um sein raues Fl�stern zu verstehen. �Trau ihnen nicht. Kehr nicht zur�ck. T�te Peeta. Tu das, wof�r du hergekommen bist.�</p><p>Ich beuge mich zur�ck, sodass ich sein Gesicht sehen kann. �Was meinen Sie? Boggs? Boggs?� Seine Augen sind offen, aber ohne Leben. In meiner Hand, mit seinem Blut verklebt, halte ich das Holo.</p><p>Das Trampeln von Peetas F��en gegen die Schrankt�r durchbricht unser Keuchen. W�hrend wir lauschen, scheint seine Kraft nachzulassen. Das Trampeln wird zu einem unregelm��igen Trommeln. Dann nichts mehr. Ich frage mich, ob er jetzt auch gestorben ist.</p><p>�Ist er tot?�, fragt Finnick mit einem Blick auf Boggs. Ich nicke. �Wir m�ssen hier raus. Sofort. Wir haben gerade s�mtliche Kapseln in der Stra�e ausgel�st. Garantiert haben sie uns mit der �berwachungskamera erfasst.�</p><p>�Davon kannst du ausgehen�, sagt Castor. �Die Stra�en sind voller �berwachungskameras. Ich wette, dass sie die schwarze Welle von Hand ausgel�st haben, als sie sahen, dass wir den Propo aufnehmen.�</p><p>�Unsere Funkger�te haben den Geist aufgegeben. Vermutlich durch einen elektromagnetischen Impuls. Aber ich bringe uns zur�ck zum Lager. Gib mal das Holo her.� Jackson streckt die Hand danach aus, doch ich dr�cke es an die Brust.</p><p>�Nein. Boggs hat es mir gegeben�, sage ich.</p><p>�Mach dich nicht l�cherlich�, sagt sie barsch. Sie denkt nat�rlich, dass es ihr zusteht. Sie ist Boggs� Stellvertreterin.</p><p>�Es stimmt�, sagt Homes. �Er hat die Oberste Sicherheitspr�fung auf sie �bertragen, als er im Sterben lag. Ich war dabei.�</p><p>�Weshalb h�tte er das tun sollen?�, fragt Jackson.</p><p>Ja, weshalb? Mir schwirrt der Kopf von den entsetzlichen Ereignissen der letzten f�nf Minuten - Boggs verst�mmelt, sterbend, tot, Peetas brutale Raserei, Mitchell blut�berstr�mt, im Netz gefangen und von der widerlichen schwarzen Welle verschluckt. Ich drehe mich zu Boggs um, gerade jetzt brauchte ich ihn so dringend. Auf einmal bin ich �berzeugt, dass er, und vielleicht nur er, voll und ganz auf meiner Seite war. Ich denke an seine letzten Befehle �</p><p><emphasis>�Trau ihnen nicht. Kehr nicht zur�ck. T�te Peeta. Tu das, wof�r du hergekommen bist.�</emphasis></p><p>Was hat er gemeint? Wem soll ich nicht trauen? Den Rebellen? Coin? Den Leuten, die mich jetzt anschauen? Zur�ckkehren werde ich nicht, aber er muss wissen, dass ich Peeta nicht einfach eine Kugel in den Kopf jagen kann. Oder doch? Sollte ich das tun? Hat Boggs geahnt, dass ich eigentlich hergekommen bin, um zu desertieren und Snow im Alleingang umzubringen?</p><p>Ich komme hier einfach nicht weiter, also beschlie�e ich, erst mal Befehl Nummer eins und zwei auszuf�hren: niemandem zu trauen und weiter ins Kapitol vorzudringen. Aber wie soll ich das den anderen erkl�ren? Wie bringe ich sie dazu, dass ich das Holo behalten kann?</p><p>�Weil ich im Sonderauftrag von Pr�sidentin Coin unterwegs bin. Ich glaube, Boggs war der Einzige, der dar�ber Bescheid wusste.�</p><p>Das kann Jackson nicht �berzeugen. �Und was f�r ein Sonderauftrag soll das sein?�</p><p>Warum nicht einfach die Wahrheit sagen? Sie ist nicht unglaubw�rdiger als alles, was ich mir ausdenken k�nnte. Aber es muss nach einem echten Auftrag aussehen, nicht nach einer Racheaktion. �Pr�sident Snow zu t�ten, bevor die Verluste durch diesen Krieg nicht wiedergutzumachen sind.�</p><p>�Das nehme ich dir nicht ab�, sagt Jackson. �Als dein derzeitiger Kommandant befehle ich dir, die Oberste Sicherheitspr�fung auf mich zu �bertragen.�</p><p>�Nein�, sage ich. �Damit w�rde ich gegen den Befehl von Pr�sidentin Coin versto�en.�</p><p>Die Gewehre sind im Anschlag, die eine H�lfte ist auf Jackson gerichtet, die andere H�lfte auf mich. Es sieht so aus, als m�sste eine von uns sterben, aber da meldet sich Cressida zu Wort. �Es stimmt. Deshalb sind wir hier. Plutarch will es aufzeichnen. Er denkt sich, wenn wir filmen k�nnen, wie der Spottt�lpel Snow t�tet, wird der Krieg zu Ende sein.�</p><p>Das l�sst sogar Jackson z�gern. Dann zeigt sie mit ihrem Gewehr zum Wandschrank. �Und warum ist er dann hier?�</p><p>Eins zu null f�r sie. Mir f�llt kein vern�nftiger Grund ein, weshalb Coin einen so labilen Jungen, der darauf programmiert ist, mich zu t�ten, herschicken sollte, wenn es um einen derart entscheidenden Auftrag geht. Wieder springt Cressida mir bei. �Die beiden Interviews mit Caesar Flickerman nach den letzten Spielen wurden doch in Pr�sident Snows Privatquartier aufgenommen. Deshalb meint Plutarch, Peeta k�nnte uns als F�hrer n�tzlich sein. Wir kennen uns dort ja nicht aus.�</p><p>Ich w�rde Cressida gern fragen, weshalb sie f�r mich l�gt, weshalb sie daf�r k�mpft, dass wir mit meinem angeblichen Auftrag weitermachen k�nnen. Aber daf�r ist jetzt nicht der richtige Moment.</p><p>�Wir m�ssen los!�, sagt Gale. �Ich folge Katniss. Wenn ihr nicht wollt, geht zur�ck zum Lager. Aber bewegt euch!�</p><p>Homes schlie�t den Wandschrank auf und schwingt sich den bewusstlosen Peeta �ber die Schulter. �Ich bin bereit.�</p><p>�Was ist mit Boggs?�, fragt Leeg 1.</p><p>�Wir k�nnen ihn nicht mitnehmen. Er w�rde das verstehen�, sagt Finnick. Er macht Boggs� Gewehr los und h�ngt es sich um die Schulter. �Geh voran, Soldat Everdeen!�</p><p>Ich wei� nicht, wie man vorangeht. Ich schaue auf das Holo, damit es mir die Richtung weist. Es ist immer noch eingeschaltet, aber ich kann so wenig damit anfangen, dass es genauso gut ausgeschaltet sein k�nnte. Ich habe jetzt keine Zeit, auf die Kn�pfe zu dr�cken und herumzuprobieren, wie es funktioniert. �Ich wei� nicht, wie man damit umgeht. Boggs hat gesagt, Sie w�rden mir helfen�, sage ich zu Jackson. �Er hat gesagt, ich k�nne auf Sie z�hlen.�</p><p>Jackson guckt finster, rei�t mir das Holo aus der Hand und tippt ein Kommando ein. Eine Kreuzung erscheint. �Wenn wir hinten zur K�chent�r hinausgehen, kommen wir auf einen kleinen Hof, dann zur R�ckseite eines weiteren Eckgeb�udes. Wir haben hier eine �bersicht �ber die vier Stra�en, die sich an der Kreuzung treffen.� Ich versuche, mich zu orientieren, w�hrend ich auf die Abbildung der Kreuzung schaue, wo an allen Ecken Kapseln blinken. Und das sind nur die Kapseln, von denen Plutarch wei�. Das Holo hat nicht angezeigt, dass die Stelle, die wir gerade verlassen haben, vermint war, dass es einen schwarzen Geysir gab und dass das Netz aus Stacheldraht bestand. Au�erdem k�nnten uns Friedensw�chter in die Quere kommen, jetzt, da sie unseren Standort kennen. Ich bei�e mir auf die Lippe, aller Augen sind auf mich gerichtet. �Setzt die Masken auf. Wir gehen raus, wie wir reingekommen sind.�</p><p>Heftiger Widerspruch. Ich versuche die anderen zu �bert�nen. �Wenn die Welle so stark war, hat sie vielleicht die anderen Kapseln auf unserem Weg ausgel�st und geschluckt.�</p><p>Die anderen denken nach. Pollux macht seinem Bruder Zeichen. �Vielleicht hat sie auch die Kameras unbrauchbar gemacht�, �bersetzt Castor. �Die Linsen verschmutzt.�</p><p>Gale stellt einen Stiefel auf die Anrichte und untersucht den schwarzen Spritzer auf der Spitze. ��tzend ist das Zeug nicht. Ich glaube, sie wollten uns entweder ersticken oder vergiften.�</p><p>�Wahrscheinlich unsere gr��te Chance�, sagt Leeg 1.</p><p>Die Masken werden aufgesetzt. Finnick setzt Peeta die Maske auf das reglose Gesicht. Cressida und Leeg 1 st�tzen den benebelten Messalla.</p><p>Ich warte darauf, dass sich jemand an die Spitze stellt, bis mir klar wird, dass das jetzt meine Aufgabe ist. Ich dr�cke gegen die K�chent�r, die m�helos aufgeht. Eine zentimeterhohe Schicht des schwarzen Zeugs hat sich vom Wohnzimmer aus �ber zwei Drittel des Wegs bis zum Flur ausgebreitet. Als ich es vorsichtig mit der Stiefelspitze teste, stelle ich fest, dass es eine gelartige Konsistenz hat. Ich hebe den Fu�, da zieht es sich leicht und nimmt dann wieder die alte Form an. Ich mache drei Schritte in dem Gel und schaue mich um. Keine Fu�spuren. Das ist das erste Gute, was heute passiert. W�hrend ich das Wohnzimmer durchquere, wird das Gel etwas dicker. Vorsichtig mache ich die Haust�r auf und erwarte, dass das Zeug literweise hereinstr�mt, aber auch drau�en ist es fest.</p><p>Der zuvor orange-rosafarbene Stra�enabschnitt sieht so aus, als h�tte man ihn in schwarzen Lack getaucht und dann zum Trocknen ausgebreitet. Pflastersteine, H�user, selbst die D�cher sind mit dem Gel bedeckt. Eine gro�e Tr�ne h�ngt �ber der Stra�e. Zwei Gebilde ragen aus der Tr�ne heraus. Ein Gewehrlauf und eine menschliche Hand. Mitchell. Ich bleibe auf dem Gehweg stehen und starre hinauf, bis die ganze Gruppe bei mir ist.</p><p>�Wenn jemand zur�ckgehen will, aus welchem Grund auch immer, dann ist jetzt der richtige Moment�, sage ich. �Es wird keine Fragen geben und keine Vorw�rfe.� Niemand scheint den R�ckzug antreten zu wollen. Also marschiere ich weiter in das Kapital hinein, wir haben nicht viel Zeit. Hier ist das Gel h�her, �ber zehn Zentimeter. Jedes Mal, wenn man den Fu� hebt, macht es ein saugendes Ger�usch, aber wir hinterlassen immer noch keine Spuren.</p><p>Die Welle muss gewaltig gewesen sein, mehrere Stra�enabschnitte vor uns sind betroffen. Ich trete ganz vorsichtig auf, aber ich glaube, dass ich recht hatte; es wurden weitere Kapseln ausgel�st. An einer Stelle ist die Stra�e mit toten goldenen J�gerwespen gesprenkelt. Bestimmt sind sie sofort in den D�mpfen umgekommen. Ein St�ck weiter ist ein ganzer Wohnblock eingest�rzt, ein gro�er Schutthaufen, bedeckt von Gel. An den Kreuzungen hebe ich die Hand, zum Zeichen f�r die anderen, dass sie warten sollen, dann renne ich los und pr�fe die Lage. Doch offenbar hat die Welle die Kapseln besser entsch�rft, als jede Rebellentruppe es vermocht h�tte.</p><p>Von der f�nften Querstra�e an lassen die Auswirkungen der Welle allm�hlich nach. Hier ist das Gel nur noch zwei Zentimeter hoch und an der n�chsten Kreuzung sehe ich schon die babyblauen D�cher hindurchschimmern. Das Licht des Nachmittags schwindet langsam, wir m�ssen unbedingt einen Unterschlupf finden und das weitere Vorgehen planen. Ich entscheide mich f�r einen Wohnblock etwas weiter unten in der Stra�e. Homes bricht das Schloss auf und ich befehle den anderen hineinzugehen. Ich bleibe noch einen Moment vor der T�r stehen, schaue zu, wie die letzten Fu�spuren verschwinden, dann gehe auch ich hinein und schlie�e die T�r.</p><p>In unsere Gewehre sind Taschenlampen eingebaut, die jetzt ein gro�es Wohnzimmer erleuchten. Die verspiegelten W�nde reflektieren bei jeder Bewegung unsere Gesichter. Gale �berpr�ft die Fenster, sie sind unbesch�digt, und er nimmt die Maske ab. �Hier geht es. Man kann es riechen, aber nicht so stark.�</p><p>Die Wohnung ist genauso geschnitten wie die erste, in die wir uns gefl�chtet hatten. Wegen des Gels kommt von vorn kein Tageslicht herein, doch die Rolll�den in der K�che lassen etwas hindurch. Vom Flur gehen zwei Schlafzimmer mit Bad ab. Eine gewundene Treppe f�hrt vom Wohnzimmer hinauf in den ersten Stock, der aus einem offenen Raum besteht. Oben gibt es keine Fenster, doch das Licht brennt noch, vermutlich mussten die Leute die Wohnung �berst�rzt verlassen. Ein riesiger Fernseher, der schwach leuchtet, nimmt eine ganze Wand ein. Pl�schsessel und -sofas sind locker im Raum verteilt. Dort versammeln wir uns, lassen uns in die Polster sinken, versuchen zu Atem zu kommen.</p><p>Jackson h�lt das Gewehr auf Peeta gerichtet, obwohl er immer noch bewusstlos und in Handschellen ist. Homes hat ihn auf einem tiefblauen Sofa abgelegt. Was soll ich blo� mit ihm machen? Und mit dem Team? Mit allen, wenn ich ehrlich sein soll, au�er Gale und Finnick? Denn die beiden h�tte ich schon gern dabei, wenn ich Snow ausfindig mache. Aber selbst wenn ich mit dem Holo umgehen k�nnte, w�rde es mich �berfordern, zehn Leute auf angeblicher Geheimmission durchs Kapital zu f�hren. H�tte ich sie zur�ckschicken sollen, als es noch m�glich war? Oder w�re das zu gef�hrlich gewesen? F�r sie wie auch f�r mein Vorhaben? Vielleicht h�tte ich nicht auf Boggs h�ren sollen, m�glicherweise war er schon nicht mehr ganz bei sich. Vielleicht w�re es das Beste, wenn ich jetzt einfach die Wahrheit sage, aber dann w�rde Jackson das Kommando �bernehmen und wir w�rden zur�ck zum Lager gehen. Und dort m�sste ich Coin Rede und Antwort stehen.</p><p>Das Chaos, in das ich die anderen mit hineingezogen habe, wird meinem Kopf gerade zu viel, da l�sst eine Reihe von Explosionen in der Ferne den Raum vibrieren.</p><p>�Das war ziemlich weit weg�, meint Jackson. �Bestimmt vier oder f�nf Querstra�en weiter.�</p><p>�Wo wir Boggs zur�ckgelassen haben�, sagt Leeg 1.</p><p>Obwohl niemand den Fernseher ber�hrt hat, flackert er pl�tzlich auf. Ein hoher Pfeifton erklingt und einige springen auf.</p><p>�Keine Panik!�, ruft Cressida. �Das ist nur eine Sondersendung. Alle Fernseher im Kapital schalten sich automatisch ein.�</p><p>Die Kameras zeigen uns, kurz nachdem Boggs von der Mine erwischt wurde. Ein Kommentator erz�hlt aus dem Off, was zu sehen ist, w�hrend wir versuchen, uns neu zu formieren und auf das schwarze Gel zu reagieren, und alles aus dem Ruder l�uft. Wir schauen uns das Durcheinander an, das folgt, bis die Welle alles verdunkelt. Als Letztes sehen wir, wie Gale, allein auf der Stra�e, die Drahtseile zu durchschie�en versucht, die Mitchell halten.</p><p>Der Kommentator nennt Gale, Finnick, Boggs, Peeta, Cressida und mich beim Namen.</p><p>�Keine Luftaufnahmen. Boggs hatte anscheinend recht, was ihre Hovercrafts angeht�, sagt Castor. Mir w�re das gar nicht aufgefallen, aber ein Kameramann merkt so etwas wahrscheinlich sofort.</p><p>Der Bericht wird fortgesetzt aus dem Hof hinter der Wohnung, in der wir Unterschlupf gefunden hatten. Friedensw�chter s�umen das Dach des gegen�berliegenden Hauses. Granaten werden auf die H�userreihen abgefeuert, es sind die Explosionen, die wir geh�rt haben, und das Geb�ude zerf�llt zu Schutt und Asche.</p><p>Jetzt schalten sie live zu dem Geschehen. Eine Reporterin steht zusammen mit den Friedensw�chtern auf dem Dach. Hinter ihr das brennende Wohnhaus. Feuerwehrleute versuchen die Flammen mit Wasserschl�uchen unter Kontrolle zu bringen. Wir werden f�r tot erkl�rt.</p><p>�Endlich haben wir mal Gl�ck�, sagt Homes.</p><p>Er hat recht. Das ist auf jeden Fall besser, als wenn das Kapitol hinter uns her w�re. Aber ich stelle mir vor, wie die Sendung in Distrikt 13 l�uft. Wo meine Mutter und Prim, Hazelle und ihre Kinder, Annie, Haymitch und viele andere glauben, dass sie uns soeben haben sterben sehen.</p><p>�Mein Vater. Gerade hat er meine Schwester verloren, und jetzt ��, sagt Leeg 1.</p><p>Sie zeigen die Bilder immer wieder. Schwelgen in ihrem Sieg, vor allem �ber mich. Die aktuelle Berichterstattung wird unterbrochen und ein Zusammenschnitt �ber den Aufstieg des Spottt�lpels als Rebellenf�hrerin eingespielt - das haben sie sicher schon lange vorbereitet, es wirkt ziemlich perfekt. Danach gibt es wieder eine Liveschaltung und einige Reporter �u�ern sich zu meinem wohlverdienten Ende. Sp�ter, so versprechen sie, wird Snow eine offizielle Stellungnahme abgeben. Der Bildschirm schaltet sich ab und leuchtet nur noch schwach, wie zuvor.</p><p>Die Rebellen haben keinen Versuch unternommen, die Sendung zu unterbrechen, also glauben sie wohl, dass der Bericht der Wahrheit entspricht. Wenn es so ist, sind wir wirklich auf uns allein gestellt.</p><p>�Und was machen wir als N�chstes, jetzt, wo wir tot sind?�, fragt Gale.</p><p>�Das liegt doch auf der Hand.� Niemand hatte bemerkt, dass Peeta wieder zu sich gekommen ist. Ich wei� nicht, wie lange er zugeschaut hat, doch nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, hat er mitbekommen, was auf der Stra�e passiert ist. Dass er ausgerastet ist, mir den Kopf einschlagen wollte und Mitchell in die Kapsel gesto�en hat. Unter Schmerzen richtet er sich auf und sagt zu Gale:</p><p>�Als N�chstes � t�ten wir mich.�</p><p><strong>21</strong></p><p>Das ist das zweite Mal innerhalb einer Stunde, dass jemand Peetas Tod fordert.</p><p>�Sei nicht albern�, sagt Jackson.</p><p>�Aber ich habe doch gerade einen von uns ermordet!�, ruft Peeta.</p><p>�Du hast ihn von dir fortgesto�en. Du konntest ja nicht wissen, dass das Netz ausgerechnet an dieser Stelle ausgel�st wird�, versucht Finnick ihn zu beruhigen.</p><p>�Na und? Er ist tot, oder?� Tr�nen laufen Peeta �bers Gesicht. �Ich habe das nicht geahnt. Ich habe mich so noch nie erlebt. Katniss hat recht. Ich bin das Monster. Ich bin die Mutation. Snow hat mich in eine Waffe verwandelt!�</p><p>�Du kannst nichts daf�r, Peeta�, sagt Finnick.</p><p>�Ihr k�nnt mich nicht mitnehmen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich den N�chsten umbringe.� Peeta schaut in unsere unschl�ssigen Gesichter. �Ihr findet es vielleicht menschlicher, mich einfach zur�ckzulassen. Damit ich mich irgendwie durchschlage. Aber dann k�nnt ihr mich gleich dem Kapitol ausliefern. Denkt ihr, ihr t�tet mir einen Gefallen, wenn ihr mich zu Snow zur�ckschickt?�</p><p>Peeta. Wieder in Snows Hand. Gefoltert und gequ�lt, bis sein fr�heres Ich endg�ltig zerst�rt ist.</p><p>Aus irgendeinem Grund kommt mir die letzte Strophe vom �Henkersbaum� in den Sinn. Wo der Mann seine Geliebte lieber tot wissen will, als dass sie das B�se in der Welt mit ansehen muss.</p><p>Kommst du, kommst du,</p><p>Kommst du zu dem Baum,</p><p>Ein Seil als Kette, Seite an Seite mit mir?</p><p>Seltsames trug sich hier zu.</p><p>Nicht seltsamer w�re es,</p><p>Tr�fen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.</p><p>�Bevor das passiert, t�te ich dich�, sagt Gale. �Versprochen.�</p><p>Peeta z�gert, als wollte er abw�gen, ob er darauf vertrauen kann, dann sch�ttelt er den Kopf. �Das bringt nichts. Was, wenn du gerade nicht da bist? Ich m�chte eine Giftpille, so eine, wie ihr alle habt.�</p><p>Nachtriegel. Eine ist noch im Lager, in der Geheimtasche meines Spottt�lpelkost�ms. Eine weitere trage ich in der Brusttasche meiner Uniform. Interessant, dass sie Peeta keine gegeben haben. Vielleicht bef�rchtet Coin, er k�nnte sie nehmen, bevor er die Gelegenheit bekommt, mich zu t�ten. Es ist nicht klar, was Peeta damit vorhat: Will er sich jetzt gleich umbringen, damit wir ihn nicht t�ten m�ssen, oder m�chte er sie nur sicherheitshalber, f�r den Fall, dass das Kapitol ihn erneut gefangen nimmt? Was angesichts seines Zustands fr�her oder sp�ter garantiert passieren w�rde. Und was es f�r uns andere nat�rlich leichter machen w�rde. Dann m�ssten wir ihn nicht erschie�en. Das Problem, wie wir mit seinen gemeingef�hrlichen Anf�llen umgehen, w�re dadurch jedenfalls gel�st.</p><p>Ob es an den Sprengkapseln liegt, an der Angst oder daran, dass ich Boggs habe sterben sehen - jedenfalls komme ich mir wieder vor wie in der Arena. Als h�tte ich sie nie verlassen. Und wieder k�mpfe ich nicht nur um mein eigenes �berleben, sondern auch um Peetas. Wie befriedigend, wie am�sant es f�r Snow w�re, wenn er mich dazu bringen k�nnte, Peeta zu t�ten. Sodass ich ihn f�r den kleinen Rest meines Lebens auf dem Gewissen h�tte.</p><p>�Es geht nicht um dich�, sage ich. �Wir haben einen Auftrag. Und daf�r brauchen wir dich.� Ich schaue zu den anderen. �Meint ihr, wir finden hier was zu essen?�</p><p>Abgesehen von dem Erste-Hilfe-Set und den Kameras besitzen wir nur unsere Uniformen und unsere Waffen.</p><p>Die eine H�lfte bleibt da, um Peeta zu bewachen und den Fernseher wegen weiterer Auftritte Snows im Auge zu behalten, w�hrend die anderen auf die Jagd nach Essbarem gehen. Messalla erweist sich als besonders n�tzlich, denn er hat in einem ganz �hnlichen Apartment gelebt und wei�, wo die Leute ihre Nahrungsmittel versteckt haben k�nnten. Zum Beispiel in dem Stauraum hinter dem Schlafzimmerspiegel oder hinter dem leicht zu �ffnenden Gitter vor dem Bel�ftungsschacht im Flur. Die K�chenregale sind zwar leer, aber dank Messalla finden wir gut drei�ig Konserven und mehrere Schachteln Kekse.</p><p>Die Soldaten aus 13 sind emp�rt. �Ist es nicht illegal, Lebensmittel zu horten?�, fragt Leeg 1.</p><p>�Im Gegenteil, im Kapitol gilt man als Dummkopf, wenn man es nicht tut�, erwidert Messalla. �Selbst vor dem Jubel-Jubil�um haben die Leute Vorr�te von knappen G�tern angelegt.�</p><p>�W�hrend andere nichts abbekamen�, sagt Leeg 1. �Richtig�, antwortet Messalla. �So l�uft das hier.�</p><p>�Gott sei Dank, sonst h�tten wir jetzt kein Abendessen�, wirft Gale ein. �Nehmt euch jeder eine Dose.�</p><p>Ein paar unserer Begleiter z�gern, aber eigentlich spricht nichts dagegen. Ich habe jetzt wirklich keine Lust, alles in elf gleiche Portionen aufzuteilen, gem�� Alter, Gewicht und k�rperlicher Belastung. Ich greife in den Dosenhaufen und will mir schon eine Dose Kabeljausuppe nehmen, da h�lt Peeta mir eine andere hin: �Hier, f�r dich.�</p><p>Ich nehme sie, obwohl ich nicht wei�, was es ist. Dann schaue ich auf das Etikett. LAMMEINTOPF.</p><p>Sofort kommen die Erinnerungen hoch an den Regen, der durch das Gestein tropft, an meine unbeholfenen Flirtversuche und an den Duft meiner Leibspeise aus dem Kapitol in der kalten Luft, und ich presse die Lippen zusammen. Ein bisschen davon muss also noch in Peetas Gehirn �brig sein. Wie gl�cklich wir waren, wie hungrig und einander so nah, als dieser Picknickkorb vor unserer H�hle heruntergesegelt kam. �Danke.� Ich �ffne den Deckel. �Sogar mit Trockenpflaumen.� Ich biege den Deckel zu einem provisorischen L�ffel zurecht und schaufele mir einen Happen in den Mund. Jetzt schmeckt dieser Ort sogar wie die Arena.</p><p>W�hrend wir eine Schachtel Kekse mit Cremef�llung herumreichen, f�ngt es wieder an zu piepen. Das Wappen von Panem erstrahlt auf dem Bildschirm und bleibt dort f�r die Dauer der Hymne. Dann zeigen sie die Bilder der Toten, wie damals in der Arena die der gefallenen Tribute. Zuerst die vier Gesichter unseres Fernsehteams, gefolgt von Boggs, Gale, Finnick, Peeta und mir. Bis auf Boggs interessieren sie sich nicht f�r die Soldaten aus Distrikt 13, entweder weil sie keine Ahnung haben, wer sie sind, oder weil sie denken, dass sie den Zuschauern sowieso nichts sagen. Dann erscheint er h�chstpers�nlich, am Schreibtisch sitzend, hinter sich die Flagge, die frische wei�e Rose am Revers. Offenbar hat er eine weitere Sch�nheitsoperation hinter sich, denn seine Lippen sind noch aufgedunsener als sonst. Und sein Vorbereitungsteam sollte wirklich etwas sparsamer mit dem Rouge umgehen.</p><p>Snow begl�ckw�nscht die Friedensw�chter zu ihrer Gro�tat, er ehrt sie, weil sie das Land von der Bedrohung durch den Spottt�lpel befreit haben. Mein Tod wird die Wende in diesem Krieg sein, prophezeit er, denn die demoralisierten Rebellen haben nun niemanden mehr, dem sie folgen k�nnen. Und wer war ich auch schon? Ein armes, labiles M�dchen, das ein bisschen mit Pfeil und Bogen umgehen konnte. Kein gro�er Denker, nicht der Stratege der Rebellion, nur ein Gesicht, das herausgepickt wurde, weil ich mit meinen Eskapaden w�hrend der Spiele die Aufmerksamkeit der Nation auf mich gelenkt hatte. Aber absolut notwendig, weil die Rebellen keinen richtigen F�hrer haben.</p><p>Irgendwo in Distrikt 13 legt Beetee einen Schalter um, denn pl�tzlich ist es nicht mehr Pr�sident Snow, der zu uns spricht, sondern Pr�sidentin Coin. Sie stellt sich den Zuschauern von Panem vor, gibt sich als Kopf der Rebellion zu erkennen und hebt zu einer Lobrede auf mich an. Lobt das M�dchen, das den Saum und die Hungerspiele �berlebt und ein Land der Sklaven in eine Armee von Freiheitsk�mpfern verwandelt hat. �Tot oder lebendig, Katniss Everdeen wird das Gesicht der Rebellion bleiben. Solltet ihr je in eurer Entschlossenheit schwanken, denkt an den Spottt�lpel, denn in ihm werdet ihr die St�rke finden, die ihr braucht, um Panem von seinen Unterdr�ckern zu befreien.�</p><p>�Wusste gar nicht, dass ich ihr so viel bedeute�, sage ich und ernte damit Gel�chter von Gale und fragende Blicke von den anderen.</p><p>Ein stark bearbeitetes Foto von mir wird eingeblendet: eine wilde Sch�nheit vor einem Hintergrund aus lodernden Flammen. Kein Text. Kein Slogan. Im Moment brauchen sie nur mein Gesicht.</p><p>Beetee �berl�sst das Ruder wieder Snow, der sehr gefasst wirkt. Aber ich sp�re, dass der Pr�sident den Notkanal f�r unangreifbar gehalten hat, und deshalb wird heute Abend jemand sterben m�ssen. �Morgen fr�h, wenn wir Katniss Everdeens K�rper aus den Tr�mmern ziehen, werden wir genau sehen, wer der Spottt�lpel ist. Ein totes M�dchen, das niemanden retten konnte, nicht mal sich selbst.� Wappen, Hymne, aus.</p><p>�Nur dass ihr sie nicht finden werdet�, sagt Finnick zu dem leeren Bildschirm und spricht aus, was wir wohl alle denken.</p><p><strong>22</strong></p><p>Die Galgenfrist wird kurz sein. Sobald sie sich durch die Tr�mmer gegraben haben und dahinterkommen, dass elf K�rper fehlen, werden sie wissen, dass wir entkommen sind.</p><p>�Immerhin haben wir einen Vorsprung�, sage ich. Pl�tzlich bin ich unheimlich m�de. Ich m�chte mich nur noch auf das gr�ne Pl�schsofa da dr�ben legen und einschlafen. Mich in eine Decke aus Kaninchenfell und G�nsedaunen einwickeln. Stattdessen ziehe ich das Holo hervor und bestehe darauf, dass Jackson mir eine Einf�hrung gibt, wie man die Koordinaten des n�chsten Kartennetzschnittpunkts eingibt, damit ich halbwegs mit dem Apparat umgehen kann. Als das Holo unsere Umgebung zeigt, rutscht mir das Herz in die Hose. Wir m�ssen ganz in der N�he von zentralen Zielen sein, denn die Zahl der Kapseln hat betr�chtlich zugenommen. Wie sollen wir je in diesen Strau� aus blinkenden Lichtern vordringen, ohne entdeckt zu werden? Es geht nicht. Und wenn es nicht geht, sind wir gefangen wie V�gel in einem Netz. Ich werde vor diesen Leuten lieber nicht die �berlegene spielen. Zumal mein Blick immer wieder zu dem gr�nen Sofa wandert. Also sage ich: �Hat einer eine Idee?�</p><p>�Lasst uns erst mal sammeln, was alles nicht geht�, meint Finnick. �Die Stra�e scheidet aus.�</p><p>�Dasselbe gilt f�r die D�cher�, sagt Leeg 1.</p><p>�Vielleicht k�nnen wir uns zur�ckziehen und den Weg nehmen, den wir gekommen sind�, sagt Homes. �Aber damit w�re unser Auftrag gescheitert.�</p><p>Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen, schlie�lich habe ich besagten Auftrag frei erfunden. �Es war nie geplant, dass so viele weitergehen sollten. Ihr hattet nur das Pech, bei mir zu sein.�</p><p>�Ach, das ist doch eine m��ige Diskussion. Jetzt sind wir eben bei dir und basta�, erwidert Jackson. �Hier k�nnen wir jedenfalls nicht bleiben. Nach oben k�nnen wir nicht. Zur Seite k�nnen wir nicht. Damit haben wir nur noch eine Option, denke ich.�</p><p>�Den Untergrund�, sagt Gale.</p><p>Den Untergrund. Den ich hasse. So wie Minen und Tunnel und Distrikt 13. Ich f�rchte mich davor, im Untergrund zu sterben, was nat�rlich t�richt ist, denn selbst wenn ich �ber der Erde sterbe, komme ich anschlie�end unter die Erde.</p><p>Das Holo zeigt sowohl die oberirdischen als auch die unterirdischen Kapseln an. Unter der Erde sind die sauberen, verl�sslichen Linien des Stra�enplans mit einem Gewirr aus Tunneln verschlungen. Daf�r gibt es dort dem Anschein nach weniger Kapseln.</p><p>Laut Holo befindet sich zwei T�ren weiter ein senkrechter Schacht, der unsere Apartmentreihe mit den Tunneln verbindet. Um in das Apartment mit dem Schacht zu gelangen, werden wir uns durch einen Versorgungsschacht quetschen m�ssen, der �ber die gesamte L�nge des Geb�udes verl�uft. In diesen Schacht gelangen wir durch die R�ckwand eines Einbauschranks im Obergeschoss.</p><p>�Also dann. Erst mal alle Spuren beseitigen�, sage ich. Wir machen uns ans Werk. Die leeren Dosen werfen wir in einen M�llschlucker, die vollen stecken wir f�r sp�ter ein, blutverschmierte Sofakissen werden umgedreht, Schmierspuren von den Fliesen gewischt. Das T�rschloss l�sst sich nicht reparieren, doch wir legen einen zweiten Riegel vor, sodass die T�r wenigstens nicht gleich bei der kleinsten Ber�hrung aufschwingt.</p><p>Bleibt nur noch Peeta, mit dem wir fertigwerden m�ssen. Er sitzt auf dem blauen Sofa und r�hrt sich nicht vom Fleck. �Ich komme nicht mit. Entweder w�rde ich eure Position verraten oder jemanden verletzen.�</p><p>�Hier werden Snows Leute dich finden�, sagt Finnick.</p><p>�Dann lasst mir eine Pille da. Ich werde sie nur nehmen, wenn es sein muss�, sagt Peeta.</p><p>�Schlag dir das aus dem Kopf. Komm jetzt�, sagt Jackson.</p><p>�Und wenn nicht? Erschie�t ihr mich dann?�, fragt Peeta.</p><p>�Wir werden dich bewusstlos schlagen und mitschleppen�, sagt Homes. �Und das wird uns langsamer machen und zus�tzlich gef�hrden.�</p><p>�Spart euch den Edelmut! Es ist mir egal, wenn ich sterbe!� Flehentlich wendet er sich an mich. �Katniss, bitte. Siehst du nicht, dass ich von euch weg will?�</p><p>Ich sehe es durchaus, das ist ja das Problem. Warum kann ich ihn nicht einfach gew�hren lassen? Ihm eine Pille geben, auf den Abzug dr�cken? Vielleicht, weil er mir einfach zu viel bedeutet? Oder weil ich Snow den Sieg nicht g�nne? Ist Peeta zu einer Figur in meinen privaten Spielen geworden? Das w�re abscheulich, aber ich kann es nicht ausschlie�en. Falls es sich so verh�lt, w�re es g�tiger, Peeta hier und jetzt zu t�ten. Doch G�te ist nicht das, was mich antreibt. �Wir verlieren hier nur Zeit. Kommst du jetzt freiwillig mit oder m�ssen wir dich bewusstlos schlagen?�</p><p>Peeta vergr�bt kurz das Gesicht in den H�nden, dann steht er auf.</p><p>�Sollen wir ihm die Handschellen abnehmen?�, fragt Leeg 1.</p><p>�Nein!�, knurrt Peeta sie an und presst die gefesselten H�nde an seinen K�rper.</p><p>�Nein!�, sage auch ich. �Aber ich m�chte den Schl�ssel.� Jackson reicht ihn mir wortlos. Ich stecke ihn in die Hosentasche, wo er gegen die Perle Wickert.</p><p>Als Homes die kleine Eisent�r zum Versorgungsschacht �ffnet, stehen wir vor einem neuen Problem. Er ist zu eng f�r die Insektenpanzer. Castor und Pollux setzen sie ab und l�sen die Ersatzkameras f�r den Notfall. Sie haben die Gr��e eines Schuhkartons und erf�llen ihren Zweck wahrscheinlich genauso. Messalla wei� nicht, wo wir die sperrigen Geh�use verschwinden lassen k�nnten, deshalb verstecken wir sie einfach im Wandschrank. Es �rgert mich, dass wir eine so leicht auffindbare Spur hinterlassen, aber was bleibt uns anderes �brig?</p><p>Im G�nsemarsch gehen wir hintereinanderher, Gep�ck und Ausr�stung tragen wir vor uns her. Trotzdem ist es sehr beengt. Wir lassen das erste Apartment links liegen und kommen im zweiten wieder zum Vorschein. In einem der Schlafzimmer entdecken wir eine T�r mit der Aufschrift VERSORGUNG. Dahinter befindet sich der Raum mit dem Einstieg in den Schacht zum Tunnelsystem.</p><p>W�hrend Messalla stirnrunzelnd auf die gro�e runde Abdeckung blickt, kehrt er einen Augenblick lang in seine alte Pingelwelt zur�ck. �Deshalb will keiner die Mitteleinheit haben. St�ndig kommen Arbeiter und ein zweites Bad gibt es auch nicht. Daf�r ist die Miete aber betr�chtlich niedriger.� Er bemerkt Finnicks am�sierten Gesichtsausdruck und f�gt hinzu: �Ach, egal.�</p><p>Die Abdeckung l�sst sich leicht entriegeln. Eine breite Leiter mit Gummiprofilen auf den Sprossen erm�glicht einen problemlosen Abstieg ins Innere der Stadt. Am Fu� der Leiter sammeln wir uns und warten, bis sich unsere Augen an die matten Lichtstreifen gew�hnt haben. Die Luft hier unten ist eine Mischung aus Chemikalien, Schimmel und Abw�ssern.</p><p>Pollux ist ganz blass, er schwitzt und muss sich an Castors Handgelenk festhalten. Als w�rde er gleich umkippen.</p><p>�Mein Bruder hat hier unten gearbeitet, nachdem er zum Avox wurde�, sagt Castor. Nat�rlich. Wer sonst w�rde ihnen diese nasskalten, �bel riechenden Passagen instand halten, die auch noch mit Kapseln vermint sind? �Es hat f�nf Jahre gedauert, bis wir ihn freikaufen konnten. In dieser Zeit hat er nicht ein Mal die Sonne gesehen.�</p><p>Unter g�nstigeren Umst�nden, an einem Tag mit weniger Schrecken und mehr Ruhe, w�sste sicher gleich einer die angemessenen Worte darauf. So aber stehen wir alle eine gute Weile da und suchen nach einer Antwort.</p><p>Schlie�lich wendet sich Peeta an Pollux. �Na, dann bist du soeben zu unserem wertvollsten Mitstreiter geworden.� Castor lacht und auch Pollux bringt ein L�cheln zustande.</p><p>Erst als wir die H�lfte des ersten Tunnels hinter uns haben, wird mir bewusst, was an dieser Antwort so bemerkenswert war. Peeta klang wie sein altes Ich, das stets die richtigen Worte fand, wenn es sonst niemand konnte. Ironisch, aufmunternd, ein bisschen lustig, aber nie auf Kosten anderer. Ich schaue mich rasch nach ihm um, wie er zwischen seinen Bewachern Gale und Jackson voranstapft, den Blick starr nach unten gerichtet, die Schultern vorgebeugt. Unheimlich mutlos. Doch einen Augenblick lang ist er wirklich hier gewesen.</p><p>Peeta hat recht. Pollux ist besser als zehn Holos. Es gibt hier ein einfaches Grundnetz aus breiten Tunneln, die den wichtigsten Haupt-und Querstra�en folgen und praktisch eine exakte Kopie des Stra�enverlaufs �ber der Erde darstellen. Dieses Netz hei�t Transfer, es kann von Kleinlastern befahren werden, die in der ganzen Stadt Waren anliefern. Tags�ber sind die vielen Kapseln deaktiviert, aber nachts ist es das reinste Minenfeld. Daneben gibt es Hunderte von weiteren Verbindungen, Versorgungssch�chten, Gleisanlagen und Abwasserrohren, die das Ganze zu einem Labyrinth auf mehreren Ebenen machen. Pollux kennt sich hervorragend aus und warnt uns vor Gefahren, die f�r Ortsfremde katastrophal w�ren. Er sagt uns, in welchem Seitengang man Gasmasken braucht oder wo man auf Stromleitungen und die bibergro�en Ratten trifft. Er warnt uns vor dem in regelm��igen Abst�nden hervorschie�enden Wasser in den Kan�len, berechnet, wann die Avoxe Schichtwechsel haben, f�hrt uns in feuchte, dunkle Rohre, um den fast lautlos vorbeifahrenden Frachtz�gen auszuweichen. Vor allem aber wei� er, wo die Kameras sind. Au�er im Transfer gibt es zwar nicht allzu viele an diesem finsteren, dunstigen Ort. Trotzdem gehen wir ihnen wohlweislich aus dem Weg.</p><p>Unter Pollux� F�hrung kommen wir schnell voran, verglichen mit unserer Reise �ber der Erde sogar bemerkenswert schnell. Nach etwa sechs Stunden �bermannt uns die M�digkeit. Es ist drei Uhr morgens, ich gehe davon aus, dass es noch ein paar Stunden dauert, bevor das Fehlen unserer Leichen bemerkt wird. Schlie�lich m�ssen sie die Tr�mmer des ganzen Stra�enzugs durchsuchen, bis sie Gewissheit haben, dass wir durch die Sch�chte entkommen sind, dann beginnt die Jagd.</p><p>Ich schlage eine Rast vor und keiner erhebt Einw�nde. Pollux findet einen kleinen, warmen Raum, in dem mit Hebeln und Messuhren best�ckte Maschinen summen. Er h�lt die Finger hoch, um anzuzeigen, dass wir in vier Stunden wieder verschwunden sein m�ssen. Jackson teilt die Wachen ein, und da ich nicht zur ersten Schicht geh�re, quetsche ich mich zwischen Gale und Leeg 1 und bin sofort eingeschlafen.</p><p>Als Jackson mich wach r�ttelt und sagt, dass ich jetzt mit der Wache dran bin, kommt es mir vor, als w�ren erst wenige Minuten vergangen. Es ist sechs Uhr, in einer Stunde m�ssen wir weiter. Jackson sagt, ich soll mir eine Dose nehmen und Pollux im Auge behalten, der darauf bestanden hat, die ganze Nacht aufwache zu sein. �Er kann hier unten sowieso nicht schlafen.� Ich hieve mich in einen Zustand relativer Aufmerksamkeit, esse eine Dose Kartoffel-Bohnen-Eintopf, setze mich an die Wand und schaue zur T�r. Pollux wirkt hellwach. Wahrscheinlich hat er die ganze Nacht lang noch einmal diese f�nf Jahre des Eingesperrtseins durchlebt. Ich hole das Holo hervor, gebe unsere Netzkoordinaten ein und scanne die Tunnel. Wie erwartet, sind die Kapseln zum Zentrum hin immer dichter gestreut. Eine Weile klicken Pollux und ich auf dem Holo herum und schauen uns an, wo sich welche Fallen verbergen. Als mir langsam der Kopf schwirrt, reiche ich ihm das Ger�t und lehne mich wieder gegen die Wand. Ich schaue auf die schlafenden Soldaten, Fernsehleute und Freunde und frage mich, wie viele von uns je die Sonne wiedersehen werden.</p><p>Pl�tzlich merke ich, dass Peeta, dessen Kopf gleich bei meinen F��en liegt, wach ist. Ich w�nschte, ich k�nnte seine Gedanken lesen, mich in sein Hirn einschleichen und das Gestr�pp aus L�gen entwirren. Aber ich begn�ge mich mit etwas, das ich kann.</p><p>�Hast du schon gegessen?�, frage ich. Er sch�ttelt unmerklich den Kopf. Ich �ffne eine Dose H�hnersuppe mit Reis und reiche sie ihm, behalte aber den Deckel, falls er sich wom�glich die Pulsadern aufschneiden will. Er setzt sich auf, f�hrt die Dose zum Mund und sch�ttet sich den Inhalt in den Hals, fast ohne zu kauen. Am Dosenboden spiegeln sich die L�mpchen der Maschinen, und da f�llt mir etwas ein, das mir seit gestern im Unterbewusstsein herumschwirrt. �Peeta, als du gefragt hast, was mit Darius und Lavinia passiert ist, und Boggs antwortete, dass deine Erinnerung stimmt, da hast du doch gesagt, das h�ttest du dir schon gedacht. Weil da nichts Leuchtendes dran gewesen sei. Was hast du damit gemeint?�</p><p>�Ach, ich wei� nicht, wie ich das erkl�ren soll�, sagt er. �Anfangs war alles ein v�lliges Durcheinander. Mittlerweile kann ich manches wieder ordnen. Ich erkenne ein Muster. Die Erinnerungen, die durch das J�gerwespengift manipuliert wurden, sind irgendwie komisch. Als w�ren sie zu intensiv oder die Bilder wacklig. Wei�t du noch, wie es sich anf�hlte, als wir gestochen wurden, damals in der Arena?�</p><p>�Ja. Die B�ume erbebten. Ein bunter Riesenschmetterling tauchte auf. Und ich bin in eine Grube mit orangefarbenen Blasen gefallen. Leuchtende orangefarbene Blasen.�</p><p>�Genau. Aber im Zusammenhang mit Darius und Lavinia gab es nichts dergleichen. Deshalb glaube ich nicht, dass sie mir da schon das Gift injiziert hatten�, sagt er.</p><p>�Das ist doch ein gutes Zeichen, oder?�, sage ich. �Wenn du das auseinanderhalten kannst, dann kannst du doch feststellen, was wahr ist und was nicht.�</p><p>�Ja, und wenn ich Fl�gel h�tte, k�nnte ich fliegen. Aber den Menschen wachsen keine Fl�gel�, sagt er. �Wahr oder nicht wahr?�</p><p>�Wahr�, erwidere ich. �Aber Menschen k�nnen auch ohne Fl�gel �berleben.�</p><p>�Spottt�lpel vielleicht.� Er isst die Suppe zu Ende und gibt mir die Dose zur�ck.</p><p>In dem fluoreszierenden Licht sehen die Ringe unter seinen Augen aus wie Bluterg�sse. �Es ist noch Zeit. Du solltest ein wenig schlafen.� Gehorsam legt er sich wieder hin und starrt auf die hin und her zuckende Nadel einer Messuhr. Langsam, wie bei einem verletzten Tier, strecke ich die Hand aus und streiche ihm eine Haarlocke aus der Stirn. Bei meiner Ber�hrung erstarrt er, zuckt aber nicht zur�ck. Also streiche ich weiter sanft �ber sein Haar. Es ist das erste Mal seit der letzten Arena, dass ich ihn freiwillig anfasse.</p><p>�Du versuchst immer noch, mich zu besch�tzen. Wahr oder nicht wahr?�, fl�stert er.</p><p>�Wahr�, antworte ich. Irgendwie verlangt das nach weiteren Erkl�rungen. �Das tun wir beide, du und ich. Einander besch�tzen.� Eine Minute sp�ter ist er eingeschlafen.</p><p>Kurz vor sieben wecken Pollux und ich die anderen. Alle g�hnen und seufzen. Aber zwischen all den Aufwachger�uschen schnappen meine Ohren noch ein anderes Ger�usch auf. Eine Art Zischen. Vielleicht Dampf, der aus einem Rohr entweicht, oder das ferne Rauschen eines Zugs �</p><p>Ich gebiete den anderen zu schweigen, damit ich genauer hinh�ren kann. Da ist es, ein anhaltendes Zischen, ja, aber es ist nicht nur ein einzelner gedehnter Laut. Eher so, als ob viele M�nder ausatmen und dabei W�rter bilden w�rden. Ein einziges Wort. Das durch die Tunnel hallt. Ein Wort. Ein Name. Immer und immer wieder.</p><p><emphasis>�Katniss.�</emphasis></p><p>Die Galgenfrist ist zu Ende. Offenbar hat Snow die ganze Nacht hindurch graben lassen. Sobald das Feuer gel�scht war. Sie haben Boggs� verst�mmelte Leiche gefunden und sich kurz in Sicherheit gewiegt, doch als die Stunden vergingen und sie keine weiteren Troph�en fanden, wurden sie langsam misstrauisch. Es d�mmerte ihnen, dass sie hinters Licht gef�hrt worden sind. Pr�sident Snow kann aber nicht zulassen, dass es so aussieht, als h�tte man ihn zum Narren gehalten. Ob sie erst unsere Flucht ins zweite Apartment verfolgt oder gleich vermutet haben, dass wir in den Untergrund gegangen sind, spielt keine Rolle. Sie wissen jetzt, dass wir hier unten sind, und sie haben etwas von der Leine gelassen. Vermutlich eine Meute Mutationen, die darauf abgerichtet sind, mich zu finden.</p><p><emphasis>�Katniss.�</emphasis>
Die Stimme ist so nah, dass ich auffahre und hektisch nach der Quelle suche, mit gespanntem Bogen, auf der Suche nach einem Ziel.
<emphasis>�Katniss.�</emphasis>
Peetas Lippen bewegen sich kaum, aber kein Zweifel, der Laut kam von dort. Gerade als ich dachte, dass es ihm ein bisschen besser geht, als ich dachte, er k�nnte St�ck f�r St�ck wieder zu mir zur�ckkehren, da bekomme ich den Beweis geliefert, wie tief Snows Gift eingedrungen ist.
<emphasis>�Katniss.�</emphasis>
Peeta ist darauf programmiert, mit dem zischenden Refrain mitzugehen, sich an der Jagd zu beteiligen. Jetzt bewegt er sich. Ich habe keine Wahl. Ich richte meinen Pfeil auf seinen Kopf, um sein Hirn zu durchbohren. Er wird kaum etwas sp�ren. Pl�tzlich setzt er sich auf, mit schreckgeweiteten Augen, ganz au�er Atem. �Katniss!� Er macht eine ruckartige Bewegung auf mich zu, scheint aber meinen Bogen und den abschussbereiten Pfeil nicht zu bemerken. �Katniss! Verschwinde von hier!�</p><p>Ich z�gere. Seine Stimme klingt alarmiert, aber nicht wahnsinnig. �Warum? Woher kommt dieses Ger�usch?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich wei� nur, dass es dich t�ten soll�, sagt Peeta. �Lauf weg! Verschwinde! Mach schon!�</p><p>Nachdem ich den kurzen Moment der Verwirrung �berwunden habe, komme ich zu dem Schluss, dass ich Peeta nicht t�ten muss. Ich entspanne die Bogensehne. Schaue in die besorgten Gesichter rings um mich. �Was immer es ist, es ist hinter mir her. Vielleicht sollten wir uns jetzt wirklich trennen.�</p><p>�Aber wir sind deine Leibwache�, sagt Jackson.</p><p>�Und dein Kamerateam�, f�gt Cressida hinzu.</p><p>�Ich lasse dich nicht allein�, sagt Gale.</p><p>Ich betrachte das Team, das nur mit Kameras und Klemmbrettern bewaffnet ist, Finnick mit seinen zwei Gewehren und dem Dreizack. Ich schlage vor, dass er ein Gewehr Castor gibt, das leere Magazin in Peetas Gewehr durch ein geladenes ersetzt und damit Pollux bewaffnet. Gale und ich haben die Bogen, deshalb geben wir unsere Gewehre an Messalla und Cressida weiter. Wir k�nnen ihnen nur schnell zeigen, wie man zielt und den Abzug bet�tigt, aber im Nahkampf mag das gen�gen. Besser, als wehrlos zu sein. Jetzt ist Peeta der Einzige, der unbewaffnet ist. Aber einer, der zusammen mit einer Meute Mutationen meinen Namen fl�stert, braucht sowieso keine Waffe.</p><p>Wir brechen auf und lassen nur unseren Geruch im Raum zur�ck. Im Moment gibt es keine M�glichkeit, ihn auszul�schen. Ich nehme an, gerade dadurch finden die zischenden Viecher unsere F�hrte, sichtbare Spuren haben wir n�mlich kaum hinterlassen. Wahrscheinlich ist der Geruchssinn der Mutationen �u�erst fein, und vielleicht lassen sie sich von der Tatsache, dass wir durch ein Abwasserrohr gerobbt sind, ja ein bisschen aus dem Konzept bringen.</p><p>Ohne das Summen des Raums wird das Zischen deutlicher. So kann man auch besser einsch�tzen, wo die Mutationen sich befinden. Sie sind hinter uns, ein gutes St�ck entfernt. Wahrscheinlich hat Snow angeordnet, sie in der N�he der Stelle loszulassen, wo Boggs� Leiche gefunden wurde. Theoretisch m�ssten wir einen ordentlichen Vorsprung haben, auch wenn sie mit Sicherheit viel schneller sind als wir. Ich muss an die wolfs�hnlichen Kreaturen in der ersten Arena zur�ckdenken, an die Affen beim Jubel-Jubil�um und an all die Ungeheuer, die ich �ber die Jahre im Fernsehen miterlebt habe, und ich frage mich, welche Gestalt diese Mutationen haben m�gen, aber ich kenne die Antwort schon: jene, von der Snow denkt, dass sie mir am meisten Angst einjagt.</p><p>Pollux und ich haben eine Route f�r die n�chste Etappe unserer Reise ausgearbeitet, und da sie von dem Zischen wegf�hrt, sehe ich keinen Grund, sie zu �ndern. Wenn wir schnell genug sind, erreichen wir Snows Amtssitz vielleicht, bevor die Mutationen uns einholen. Aber vor lauter Eile werden wir auch nachl�ssig: ein Stiefel, der so unachtsam aufgesetzt wird, dass es platscht, das unbeabsichtigte Scheppern eines Gewehrs gegen ein Rohr, meine zu lauten Kommandos.</p><p>Durch ein �berlaufrohr und eine verwahrloste Gleisstrecke legen wir weitere drei Stra�enz�ge zur�ck. Da h�ren wir die Schreie. Heiser und kehlig hallen sie von den Tunnelw�nden wider.</p><p>�Avoxe�, sagt Peeta sofort. �Genau so hat Darius geschrien, als er gefoltert wurde.�</p><p>�Die Mutationen m�ssen sie gefunden haben�, meint Cressida.</p><p>�Dann sind sie also nicht nur hinter Katniss her�, sagt Leeg 1.</p><p>�Vermutlich t�ten sie jeden. Und sie werden nicht aufh�ren, ehe sie Katniss erwischen�, sagt Gale. Nach dem, was er bei Beetee gelernt hat, hat er vermutlich recht.</p><p>Das alte Lied. Menschen m�ssen meinetwegen sterben. Freunde, Verb�ndete, Fremde, die mich nie gekannt haben - alle m�ssen f�r den Spottt�lpel ihr Leben lassen. �Ich gehe allein weiter. Ich f�hre sie in die Irre. Das Holo gebe ich Jackson. F�hrt ihr den Auftrag zu Ende.�</p><p>�Da macht doch keiner mit!�, ruft Jackson emp�rt.</p><p>�Wir vergeuden nur Zeit!�, sagt Finnick.</p><p>�H�rt mal�, fl�stert Peeta.</p><p>Die Schreie sind verstummt, und nun hallt erneut mein Name durch die Tunnel, alarmierend nahe. Unter uns und hinter uns jetzt.
<emphasis>�Katniss.�</emphasis></p><p>Ich stupse Pollux gegen die Schulter und wir rennen los. Eigentlich wollten wir auf eine tiefere Ebene, aber das k�nnen wir uns jetzt abschminken. Als wir zu den Stufen gelangen, die hinabf�hren, suchen Pollux und ich im Holo nach einer Alternative. Pl�tzlich muss ich w�rgen.</p><p>�Masken aufsetzen!�, befiehlt Jackson.</p><p>Aber wir brauchen keine Masken. Denn auch wenn alle die gleiche Luft einatmen, bin ich die Einzige, die sich �bergeben muss, weil nur ich auf diesen Geruch reagiere. Er steigt aus dem Treppenhaus auf. �berlagert sogar den Abwassergestank. Rosen. Ich fange an zu zittern.</p><p>Um dem Geruch zu entkommen, trete ich zur Seite und taumele pl�tzlich hinaus auf den Transfer. Glatte, pastellfarben geflieste Stra�en, genau wie die oben, nur von wei�en Ziegelmauern begrenzt anstatt von H�usern. Eine Fahrbahn, auf der bequem Lieferfahrzeuge fahren k�nnen, ohne die Stra�en im Kapitol zu verstopfen. Jetzt ist sie verlassen, bis auf uns. Ich rei�e den Bogen hoch und sprenge mit einem Pfeil die erste Kapsel mitsamt dem darin befindlichen Nest fleischfressender Ratten in die Luft. Dann renne ich zur n�chsten Kreuzung, obwohl ich wei�, dass ein falscher Schritt gen�gt, damit der Boden unter unseren F��en nachgibt und wir einem Ding zum Opfer fallen, das mit FLEISCHWOLF beschriftet ist. Ich rufe den anderen zu, dass sie unbedingt bei mir bleiben sollen. Mein Plan ist, um die n�chste Ecke zu biegen und dann den Fleischwolf auszul�sen, doch da ist noch eine Kapsel - eine, die nicht verzeichnet ist.</p><p>Es geht ganz still vonstatten. So still, dass ich es gar nicht bemerkt h�tte, wenn Finnick mich nicht zur�ckrei�en w�rde. �Katniss!�</p><p>Ich fahre herum, mit schussbereitem Pfeil, aber was kann ich tun? Zwei von Gales Pfeilen liegen bereits, ohne dass sie etwas ausrichten konnten, neben dem breiten goldenen Lichtstrahl, der von der Decke bis zum Boden reicht. Reglos wie eine Statue steht Messalla darin, auf einem Fu�ballen balancierend, den Kopf nach hinten gekippt, vom Strahl gebannt. Ich wei� nicht, ob er schreit, aber sein Mund ist weit aufgerissen. V�llig hilflos schauen wir zu, w�hrend das Fleisch von seinem K�rper tropft wie Kerzenwachs.</p><p>�Ihr k�nnt ihm nicht helfen!�, ruft Peeta und st��t uns weiter. �Seht das doch ein!� Eigenartigerweise hat er sich als Einziger noch so weit unter Kontrolle, dass er uns antreibt. Warum er das tut, wei� ich nicht, eigentlich m�sste er doch ausrasten und mir den Kopf einschlagen. Obwohl - das kann jeden Augenblick passieren. Als ich den Druck seiner Hand auf meiner Schulter sp�re, wende ich mich von dem grausigen Etwas ab, das einmal Messalla gewesen ist; ich befehle meinen F��en weiterzulaufen, schnell, so schnell, dass ich vor der n�chsten Kreuzung gerade noch rechtzeitig stehen bleibe.</p><p>Pl�tzlich l�sst eine MG-Salve einen Schauer aus Putz niederregnen. Ruckartig schaue ich hin und her, suche nach einer Kapsel, bis ich endlich den Trupp Friedensw�chter bemerke, der �ber den Transfer auf uns zugestampft kommt. Da uns der Fleischwolf den R�ckweg abschneidet, bleibt uns nur, das Feuer zu erwidern. Sie sind doppelt so viele wie wir, aber wir haben immer noch sechs Originalmitglieder des Star-Trupps, und die versuchen nicht, gleichzeitig zu rennen und zu schie�en.</p><p><emphasis>Leichte Beute,</emphasis>
denke ich, da bekommen ihre wei�en Uniformen pl�tzlich rote Flecken. Im Nu liegen drei Viertel tot am Boden, und aus einem einm�ndenden Tunnel kommen noch mehr hervor - genau aus dem Tunnel, durch den ich vorhin diesem Geruch entflohen bin, dem Geruch nach �</p><p><emphasis>Das da sind keine Friedensw�chter.</emphasis></p><p>Sie sind zwar wei�, haben vier Gliedma�en und etwa die Gr��e eines Erwachsenen, aber damit h�rt die �hnlichkeit auch schon auf. Nackt, mit langen Reptilienschw�nzen, gekr�mmten R�cken und nach vorn ragenden K�pfen. Sie fallen �ber die Friedensw�chter her, die lebenden und die toten, verbei�en sich in ihre Nacken und rei�en die behelmten K�pfe ab. Offenbar n�tzt einem die Herkunft aus dem Kapitol hier genauso wenig wie in Distrikt 13. Innerhalb weniger Sekunden sind die Friedensw�chter enthauptet. Die Mutationen lassen sich auf alle viere fallen und jagen auf uns zu.</p><p>�Hier entlang!�, rufe ich den anderen zu. Ich bleibe dicht an der Mauer und biege dann scharf rechts ab, um der Kapsel auszuweichen. Als alle wieder bei mir sind, schie�e ich in die Kreuzung, und der Fleischwolf tritt in Aktion. Riesige mechanische Z�hne brechen durch die Stra�e und zermalmen die Fliesen zu Staub. Eigentlich d�rfte es den Mutationen damit unm�glich sein, uns zu folgen, aber wer wei�? Die Wolfs-und Affenmutationen seinerzeit konnten unglaublich weit springen.</p><p>Das Zischen brennt sich in meine Ohren und von dem Rosengestank wird mir ganz schwindelig.</p><p>Ich packe Pollux am Arm. �Vergiss den Auftrag. Wie kommen wir am schnellsten an die Oberfl�che?�</p><p>Wir haben keine Zeit, auf das Holo zu schauen. Wir folgen Pollux etwa zehn Meter �ber den Transfer, dann geht es durch eine T�r. Ich registriere, dass die Fliesen von Beton abgel�st werden, dass wir durch ein enges, stinkendes Rohr kriechen, bis es an einem etwa drei�ig Zentimeter breiten Vorsprung endet. Einen Meter unter uns flie�t der Hauptabwasserkanal, eine giftige, brodelnde Br�he aus menschlichen Exkrementen, M�ll und chemischen Abw�ssern. An manchen Stellen brennt die Wasseroberfl�che, an anderen steigen unheilvoll aussehende Dampfwolken auf. Wer da hineinf�llt, kommt nie wieder heraus, das sieht man auf den ersten Blick. So schnell es irgend geht, laufen wir �ber den glitschigen Vorsprung bis zu einer schmalen Br�cke und �berqueren sie. Pollux klatscht mit der Hand auf eine Leiter, die in einer Nische steht, und zeigt nach oben. Das ist er. Unser Weg nach drau�en.</p><p>Ein rascher Blick auf unsere Schar zeigt mir, dass jemand fehlt. �Wartet! Wo sind Jackson und Leeg 1?�</p><p>�Beim Fleischwolf, die Mutationen aufhalten�, sagt Homes.</p><p>�Was?� Niemanden w�rde ich diesen Monstern �berlassen. Ich st�rze zur�ck zur Br�cke, aber Homes rei�t mich zur�ck.</p><p>�Lass sie nicht vergeblich gestorben sein, Katniss. F�r die beiden ist es sowieso zu sp�t. Schau!� Homes nickt zum Rohr hin, wo die ersten Mutationen �ber den Vorsprung schlittern.</p><p>�Aus dem Weg!�, ruft Gale. Er schie�t seine Sprengpfeile ab und rei�t das hintere Ende der Br�cke aus der Verankerung. Genau in dem Moment, als die Mutationen die Br�cke erreichen, versinkt sie vollst�ndig in der brodelnden Kloake.</p><p>Zum ersten Mal kann ich die Viecher genauer betrachten. Eine Mischung aus Mensch und Echse und wer wei� was noch. Wei�e, straffe Reptilienhaut, verschmiert mit geronnenem Blut, klauenbewehrte H�nde und F��e, groteske Gesichter. Sie zischen meinen Namen, kreischen ihn jetzt fast, w�hrend ihre K�rper sich vor Wut winden. Sie schlagen mit Klauen und Schw�nzen um sich, rei�en sich im wahnsinnigen Verlangen, mich zu zerst�ren, gegenseitig oder selbst mit aufgerissenen, sch�umenden M�ulern riesige St�cke aus dem Leib. Mein Geruch muss f�r sie so unertr�glich sein wie ihrer f�r mich. Sogar noch schlimmer, denn pl�tzlich springen die Mutationen eine nach der anderen in den fauligen Abwasserkanal - ungeachtet des Gifts.</p><p>Vom anderen Ufer aus er�ffnen wir das Feuer. Wahllos schie�e ich meine Pfeile in die K�rper der Mutationen, die gew�hnlichen und die mit Feuer-und Sprengspitzen. Sie sind t�dlich, aber es ist knapp. Kein nat�rliches Wesen k�nnte sich mit zwei Dutzend Kugeln im Leib auf den Beinen halten. Irgendwie schaffen wir es, sie zu t�ten, doch es sind so unglaublich viele, die immer weiter aus dem Rohr str�men und sich ohne Z�gern ins giftige Wasser st�rzen.</p><p>Aber nicht ihre schiere Masse l�sst meine H�nde so stark zittern.</p><p>Es gibt keine guten Mutationen. Sie sind alle dazu da, Schaden anzurichten. Manche trachten einem nach dem Leben, wie die Affen. Andere sollen den Verstand ausschalten, wie die J�gerwespen. Doch am grausamsten und furchterregendsten sind die, die mit einem perversen psychologischen Trick ausgestattet sind. Die Wolfsmutationen mit den Augen der toten Tribute. Die Schnattert�lpel, die Prims gefolterte Stimme nachahmten. Der Geruch von Snows Rosen, vermischt mit dem Blut der Opfer. Dieser Geruch weht jetzt �ber den Abwasserkanal her�ber. Verbreitet sich trotz des F�ulnisgestanks. L�sst mein Herz rasen, meine Haut zu Eis erstarren, hindert meine Lunge daran, Luft aufzunehmen. Als w�rde Snow mir direkt ins Gesicht atmen, weil es Zeit ist zu sterben.</p><p>Die anderen rufen, doch ich kann nicht antworten. Und w�hrend ich einer Mutation den Kopf wegpuste, die nach meinem Kn�chel greifen wollte, werde ich pl�tzlich von starken Armen gepackt und gegen die Leiter gesto�en. Jemand legt meine H�nde auf die Sprossen. Befiehlt mir zu klettern. Meine h�lzernen Puppenarme gehorchen. Durch die Bewegung komme ich langsam zur Besinnung. �ber mir erkenne ich Pollux. Peeta und Cressida folgen mir. Wir erreichen eine Plattform. Erklimmen eine zweite Leiter. Der allgegenw�rtige Schimmel und unser Schwei� machen die Sprossen glitschig. Als wir die n�chste Plattform erreichen, ist mein Kopf wieder klar, und schlagartig wird mir bewusst, was geschehen ist. Hektisch ziehe ich die Leute herauf, die nach mir kommen. Peeta. Cressida. Das sind alle.</p><p>Was habe ich getan? In welcher Lage habe ich die anderen zur�ckgelassen? Ich will wieder nach unten klettern, doch da trete ich mit dem Stiefel auf eine Hand.</p><p>�Hochklettern!�, br�llt Gale. Im Nu bin ich wieder oben und hieve ihn hoch. Ich starre in die Finsternis, ob noch mehr kommen. �Nein.� Gale zieht mein Gesicht zu sich und sch�ttelt den Kopf. Seine Uniform ist zerfetzt. Seitlich am Hals hat er eine klaffende Wunde.</p><p>Von unten h�rt man einen Menschen schreien. �Da lebt noch jemand�, flehe ich.</p><p>�Nein, Katniss. Von denen kommt keiner mehr nach�, sagt Gale. �Nur die Mutationen.�</p><p>Ich weigere mich, das zu akzeptieren, und leuchte mit dem Licht an Cressidas Gewehr in den Schacht. Ganz unten erkenne ich Finnick, der sich verzweifelt gegen drei Mutationen wehrt, die an ihm zerren. Als eine seinen Kopf nach hinten rei�t, um den t�dlichen Biss zu setzen, geschieht etwas Seltsames. Es ist, als w�re ich Finnick und lie�e Bilder aus seinem Leben an mir vor�berziehen. Der Mast eines Boots, ein silberner Fallschirm, die lachende Mags, ein rosa Himmel, Beetees Dreizack, Annie im Hochzeitskleid, Wellen, die sich an den Felsen brechen. Dann ist es vorbei.</p><p>Ich l�se das Holo von meinem G�rtel und sage mit letzter Kraft �Nachtriegel, Nachtriegel, Nachtriegel�. Lasse es in den Schacht fallen. Ducke mich mit den anderen gegen die Wand, w�hrend die Explosion die Plattform ersch�ttert und Fleischfetzen von Mutationen und Menschen durch das Rohr geschossen kommen und auf uns herabregnen.</p><p>Pollux l�sst den Deckel auf das Rohr krachen und verschlie�t ihn. Pollux, Gale, Cressida, Peeta und ich. Mehr sind nicht �brig. Die menschlichen Regungen werden sp�ter kommen. Jetzt versp�re ich nur das animalische Bed�rfnis, die verbleibenden Mitglieder unserer Schar zu retten. �Hier k�nnen wir nicht bleiben.�</p><p>Jemand reicht einen Verband. Wir wickeln ihn um Gales Hals. Helfen ihm auf. Nur einer kauert noch immer an der Wand. �Peeta�, sage ich. Keine Antwort. Ist er nicht bei Sinnen? Ich hocke mich vor ihn und ziehe seine gefesselten H�nde vom Gesicht weg. �Peeta?� Seine Augen sind wie schwarze Teiche, die Pupillen so geweitet, dass die blaue Iris beinahe nicht mehr zu sehen ist. Die Muskeln seiner Handgelenke sind steinhart.</p><p>�Lass mich�, fl�stert er. �Ich kann nicht mehr.�</p><p>�Doch. Du kannst!�, sage ich.</p><p>Peeta sch�ttelt den Kopf. �Ich drehe durch. Ich werde wahnsinnig. Wie sie.�</p><p>Wie die Mutationen. Wie eine tollw�tige Bestie, die mir um jeden Preis die Kehle herausrei�en will. Und hier, an diesem Ort, unter diesen Umst�nden, werde ich ihn nun wirklich t�ten m�ssen. Und Snow wird gewinnen. Hei�er, bitterer Hass durchstr�mt mich. Snow hat heute schon zu oft gewonnen.</p><p>Es ist ein gro�es Risiko, vielleicht ist es Selbstmord, trotzdem tue ich das Einzige, was mir einfallt. Ich beuge mich vor und k�sse Peeta auf den Mund. Sein ganzer K�rper erbebt, aber ich presse meine Lippen auf seine, bis ich wieder Luft holen muss.</p><p>Umfasse seine H�nde. �Du darfst nicht zulassen, dass er dich mir wegnimmt.�</p><p>Peeta keucht schwer, w�hrend er gegen die Albtr�ume in seinem Kopf ank�mpft. �Nein, ich m�chte nicht ��</p><p>Ich umklammere seine H�nde so fest, dass es wehtut. �Bleib bei mir.�</p><p>Seine Pupillen verengen sich zu kleinen Punkten, weiten sich schnell wieder und nehmen dann so etwas wie Normalgr��e an. �Immer�, fl�stert er.</p><p>Ich helfe Peeta hoch und wende mich an Pollux. �Wie weit ist es bis zur Stra�e?� Er deutet an, dass sie gleich �ber uns ist. Ich klettere die letzte Leiter hoch, sto�e den Deckel auf und blicke in den Haushaltsraum eines Hauses. W�hrend ich mich aufrichte, �ffnet eine Frau die T�r. Sie tr�gt einen leuchtend t�rkisfarbenen Morgenrock aus Seide, der mit exotischen V�geln bestickt ist. Ihr magentafarbenes Haar ist aufgeplustert wie eine Wolke und mit vergoldeten Schmetterlingen verziert. Ihr Lippenstift ist verschmiert von dem Fett der halb gegessenen Wurst, die sie in der Hand h�lt. Ich sehe ihr an, dass sie mich wiedererkennt. Sie �ffnet den Mund, um nach Hilfe zu rufen.</p><p>Ohne Z�gern schie�e ich ihr ins Herz.</p><p><strong>23</strong></p><p>Wen die Frau rufen wollte, bleibt ein Geheimnis, denn als wir das Apartment durchsuchen, stellen wir fest, dass sie allein war. Vielleicht wollte sie einen Nachbarn alarmieren, vielleicht hat sie nur aus Angst geschrien. Jedenfalls ist niemand hier, der sie h�tte h�ren k�nnen.</p><p>Dieses Apartment w�re das perfekte Versteck f�r uns, aber diesen Luxus k�nnen wir uns nicht leisten. �Was meint ihr, wie lange es dauert, bis sie darauf kommen, dass ein paar von uns �berlebt haben?�, frage ich.</p><p>�Sie k�nnen jeden Moment hier sein�, antwortet Gale. �Sie wussten, dass wir auf dem Weg nach oben waren. Wahrscheinlich wird die Explosion sie kurz aus dem Konzept bringen, aber dann werden sie sofort versuchen herauszufinden, wo wir durchgeschl�pft sind.�</p><p>Ich sp�he durch die Jalousien eines Fensters, das auf die Stra�e hinausgeht, und kann zwar keine Friedensw�chter entdecken, daf�r aber eine Menge Leute, die ihren Gesch�ften nachgehen. Auf unserer Reise durch den Untergrund haben wir die evakuierten Gebiete weit hinter uns gelassen und sind in einem belebten Teil des Kapitols wieder aufgetaucht. Die Menschenmenge ist unsere einzige Chance zu entkommen. Ich habe zwar kein Holo mehr, daf�r habe ich Cressida. Sie tritt zu mir ans Fenster und best�tigt, dass sie wei�, wo wir sind, nicht sehr weit vom Pr�sidentenpalast entfernt. Das h�re ich gern.</p><p>Ein kurzer Blick auf meine Gef�hrten sagt mir allerdings, dass ein �berraschungsangriff auf Snow zurzeit nicht infrage kommt. Gale verliert nach wie vor Blut aus der Wunde an seinem Hals, die wir nicht einmal s�ubern konnten. Peeta sitzt auf einem mit Samt bezogenen Sofa und hat die Z�hne in ein Kissen geschlagen, entweder um den Wahnsinn abzuwehren oder um einen Schrei zur�ckzuhalten. Pollux lehnt mit dem R�cken zu uns an einem Deko-Kamin und weint. Cressida steht entschlossen neben mir, aber sie ist leichenblass, selbst aus ihren Lippen ist das Blut gewichen. Mich treibt nur der Hass an. Sollte der abebben, bin ich zu nichts mehr zu gebrauchen.</p><p>�Lasst uns die Schr�nke durchsuchen�, sage ich.</p><p>In einem der Schlafzimmer finden wir Hunderte Frauenkleider, M�ntel, Schuhe und Per�cken in allen Farben sowie genug Make-up, um ein Haus damit anzumalen. In dem Schlafzimmer auf der anderen Seite des Flurs gibt es die gleiche Ausstattung f�r Herren. Vielleicht geh�rt sie ihrem Ehemann, vielleicht einem Liebhaber, der das Gl�ck hat, heute Morgen aush�usig zu sein.</p><p>Ich rufe die anderen herbei, damit sie sich verkleiden. Beim Anblick von Peetas blutigen Handgelenken krame ich in den Taschen nach dem Schl�ssel f�r die Handschellen, aber er wendet sich schnell ab.</p><p>�Nein�, sagt er. �Tu das nicht. Die sorgen daf�r, dass ich nicht v�llig durchdrehe.�</p><p>�Vielleicht wirst du deine H�nde brauchen�, wirft Gale ein.</p><p>�Wenn ich merke, dass ich abdrifte, grabe ich meine H�nde in das Metall. Der Schmerz hilft mir, mich zu konzentrieren�, sagt Peeta. Ich lasse die Handschellen, wo sie sind.</p><p>Zum Gl�ck ist es drau�en kalt, sodass wir unsere Uniformen und Waffen gro�enteils unter wallenden M�nteln und Capes verbergen k�nnen. Die Stiefel h�ngen wir uns an den Senkeln um den Hals, tarnen sie und ziehen stattdessen affige Sch�hchen an. Die gr��te Herausforderung sind nat�rlich die Gesichter. Cressida und Pollux k�nnten Bekannten in die Arme laufen, Gale k�nnte man aus Propos und Nachrichten wiedererkennen, und Peeta und mich kennt in Panem sowieso jeder. Hastig helfen wir einander, eine dicke Schicht Make-up aufzutragen, und setzen Per�cken und Sonnenbrillen auf. Cressida wickelt Peeta und mir noch Schals �ber Mund und Nase.</p><p>Ich sp�re, dass uns nicht viel Zeit bleibt, und stopfe mir nur noch schnell die Taschen mit Lebensmitteln und Erste-Hilfe-Sets voll. �Zusammenbleiben�, sch�rfe ich den anderen ein, bevor wir die Wohnung verlassen. Dann gehen wir hinaus auf die Stra�e. Schneeflocken rieseln herab. Aufgeregte Leute schwirren um uns herum, unterhalten sich im affektierten Akzent des Kapitols �ber Rebellen und Hunger und mich. Wir �berqueren die Stra�e, passieren weitere Wohnungst�ren. Als wir um die Ecke biegen, laufen drei Dutzend Friedensw�chter vorbei. Wir springen zur Seite, wie die richtigen B�rger, und warten, bis die Menge weiterwogt. �Cressida�, fl�stere ich. �Hast du eine Idee, wohin?�</p><p>�Ich �berlege fieberhaft�, antwortet sie.</p><p>Als wir die n�chste Querstra�e hinter uns haben, beginnen die Sirenen zu heulen. Durch ein Wohnungsfenster sehe ich einen Sonderbericht und Bilder unserer Gesichter. Sie haben noch nicht festgestellt, wer aus unserer Gruppe bereits tot ist, denn auch Castors und Finnicks Gesicht sind dabei. Bald wird jeder Passant f�r uns so gef�hrlich sein wie ein Friedensw�chter. �Und, Cressida?�</p><p>�Es gibt einen Ort. Er ist nicht ideal. Aber wir k�nnen es versuchen�, sagt sie. Wir folgen ihr ein paar Querstra�en weiter und biegen durch ein Tor in ein offenbar privates Anwesen. Es ist aber nur eine Art Abk�rzung, denn nachdem wir den gepflegten Garten durchquert haben, gelangen wir durch ein zweites Tor in eine kleine Gasse, die zwei Hauptstra�en miteinander verbindet. Ein paar winzige L�den sind zu sehen - einer kauft Gebrauchtwaren auf, ein anderer bietet falschen Schmuck an. Die wenigen Leute, die sich hier aufhalten, beachten uns nicht. Cressida plappert pl�tzlich in schrillem Ton �ber Fellunterw�sche, wie unverzichtbar sie in diesen kalten Monaten doch sei. �Und erst die Preise! Glaubt mir, hier zahlt ihr h�chstens halb so viel wie in den L�den an der Hauptstra�e!�</p><p>Vor einem schmuddeligen Schaufenster mit Puppen in Fellunterw�sche halten wir an. Es sieht eigentlich nicht so aus, als h�tte der Laden ge�ffnet, doch Cressida st�rmt unverdrossen durch die Eingangst�r, wobei sie eine verstimmte Melodie ausl�st. In dem engen, dunklen, von Warenregalen ges�umten Gesch�ft steigt mir der Geruch von Pelzen in die Nase. Der Laden scheint nicht besonders zu laufen, denn wir sind die einzigen Kunden. Cressida geht schnurstracks auf eine gebeugte Gestalt zu, die im hinteren Teil des Ladens sitzt. W�hrend ich ihr folge, fahre ich mit den Fingern �ber die weichen Kleidungsst�cke.</p><p>Hinter dem Tresen hockt die seltsamste Person, die ich je gesehen habe. Sie ist ein extremes Beispiel f�r misslungene Sch�nheitsoperationen, ein solches Gesicht findet man wohl nicht mal im Kapitol sch�n. Die Haut wurde straff nach hinten gezogen und mit schwarzen und goldenen Streifen t�towiert. Die Nase ist so flach, dass sie kaum noch vorhanden ist. Ich habe schon Schnurrhaare in Kapitolgesichtern gesehen, aber so lange noch nie. Das Ergebnis ist eine groteske, halb katzenartige Maske, die uns jetzt argw�hnisch mustert.</p><p>Cressida zieht ihre Per�cke ab und zeigt ihre Rankentattoos. �Tigris�, sagt sie. �Wir brauchen Hilfe.�</p><p>Tigris. Tief in meinem Hirn klingelt es. Sie - beziehungsweise eine j�ngere, weniger verst�rende Version ihrer selbst - geh�rte zum festen Repertoire der ersten Hungerspiele, an die ich mich erinnern kann. Eine Stylistin, wenn ich mich recht entsinne. F�r welchen Distrikt, wei� ich nicht mehr. 12 war es jedenfalls nicht. Dann hat sie wohl eine Operation zu viel machen lassen und danach sah sie so absto�end aus.</p><p>Das ist also die Endstation f�r Stylisten, die nicht mehr gebraucht werden. Trostlose Spezialunterw�sche-L�den, in denen sie auf den Tod warten. Von der �ffentlichkeit vergessen.</p><p>Ich starre ihr ins Gesicht und frage mich, ob ihre Eltern sie Tigris genannt und ihr diese Entstellung damit schon in die Wiege gelegt haben oder ob sie erst das Outfit entworfen und sich dann entsprechend umbenannt hat.</p><p>�Plutarch meinte, wir k�nnten dir vertrauen�, f�gt Cressida hinzu.</p><p>Gro�artig, sie geh�rt zu Plutarchs Leuten. Das bedeutet, dass sie uns entweder gleich dem Kapitol ausliefert oder aber Plutarch, und damit auch Coin, �ber unseren Aufenthaltsort informiert. Nein, Tigris� Laden ist bestimmt nicht ideal. Aber im Augenblick haben wir nichts anderes. Vorausgesetzt, sie hilft uns. Ihr Blick pendelt zwischen einem alten Fernseher auf dem Tresen und uns hin und her, als wollte sie uns einordnen. Damit sie es leichter hat, ziehe ich den Schal herunter, nehme die Per�cke ab und trete n�her, sodass das Bildschirmlicht auf mein Gesicht f�llt.</p><p>Tigris knurrt leise, in etwa so, wie Butterblume mich begr��en w�rde. Sie gleitet von ihrem Stuhl und verschwindet hinter einem Regal mit pelzgef�tterten Leggings. Wir h�ren ein schleifendes Ger�usch, dann taucht ihre Hand auf und winkt uns heran. Cressida sieht mich an, als wollte sie fragen:
<emphasis>Meinst du wirklich?</emphasis>
Aber was bleibt uns anderes �brig? Unter diesen Umst�nden zur�ck auf die Stra�e zu gehen, w�rde mit Sicherheit Gefangennahme oder Tod bedeuten. Ich schiebe die Pelze beiseite. Tigris hat ein Brett am Fu� der Wand entfernt. Dahinter kommt eine steile Steintreppe zum Vorschein. Sie bedeutet mir hinabzusteigen.</p><p>Alles an dieser Situation schreit:
<emphasis>Falle!</emphasis>
Panik steigt in mir hoch, ich schaue Tigris in die gelbbraunen Augen. Warum tut sie das? Sie ist kein Cinna, kein Mensch, der bereit ist, sich f�r andere zu opfern. Diese Frau hat all die Seichtigkeit des Kapitals verk�rpert. Sie war einer der Stars der Hungerspiele, bis � bis sie es nicht mehr war. Ist es das? Verbitterung? Hass? Rachsucht? Irgendwie beruhigt mich die Vorstellung. Der Wunsch nach Rache kann lang und hei� brennen. Besonders, wenn jeder Blick in den Spiegel ihn neu n�hrt.</p><p>�Hat Snow dich von den Spielen verbannt?�, frage ich. Sie starrt nur zur�ck. Irgendwo zuckt ihr Tigerschwanz missmutig. �Ich werde ihn n�mlich t�ten, musst du wissen.� Ihr Mund verzieht sich zu etwas, das ich als L�cheln deute. Beruhigt, dass das hier jetzt nicht der v�llige Wahnsinn ist, krieche ich in das Loch.</p><p>Auf halber H�he der Treppe sto�e ich mit dem Gesicht gegen eine herunterh�ngende Kette. Als ich daran ziehe, wird das Versteck von einer flackernden Leuchtstofflampe erhellt. Es ist ein kleiner Keller ohne T�ren oder Fenster. Niedrig und lang gestreckt. Vermutlich nur ein Streifen zwischen zwei richtigen Kellerr�umen. Leuten, die kein gutes Auge f�r Abmessungen haben, k�nnte er glatt verborgen bleiben. Der Raum ist kalt und feucht und die Pelzstapel darin haben wahrscheinlich seit Jahren kein Tageslicht gesehen. Solange Tigris uns nicht verr�t, wird uns hier bestimmt niemand finden. Als der letzte meiner Gef�hrten auf der Treppe ist, wird das Brett zur�ckgeschoben. Ich h�re, wie der Unterw�schest�nder auf quietschenden Rollen an seinen Platz ger�ckt wird und Tigris sich wieder auf ihren Stuhl setzt. Ihr Laden hat uns verschluckt.</p><p>Das wurde auch h�chste Zeit, denn Gale sieht aus, als w�rde er gleich zusammenklappen. Aus Pelzen machen wir ihm ein Bett, nehmen ihm Waffen und Panzer ab und helfen ihm, sich auf den R�cken zu legen. Am Ende des Kellerraums befindet sich ein Wasserhahn mit Abfluss. Ich drehe am Hahn und nach langem Spucken und jeder Menge Rost kommt klares Wasser herausgeflossen. W�hrend wir Gales Halsverletzung s�ubern, wird mir klar, dass es mit Verbinden nicht getan sein wird. Die Wunde muss gen�ht werden. In den Erste-Hilfe-Sets finden sich eine sterile Nadel und Faden, aber was uns fehlt, ist ein Heiler. Ich �berlege, Tigris damit zu beauftragen. Als Stylistin m�sste sie wissen, wie man mit einer Nadel umgeht. Aber dann w�re niemand im Laden und wir haben sie sowieso schon genug beansprucht. Vermutlich bin ich diejenige, die am besten f�r den Job qualifiziert ist. Also bei�e ich die Z�hne zusammen und mache ein paar gezackte N�hte. Nicht h�bsch, aber sie erf�llen ihren Zweck. Anschlie�end schmiere ich Salbe drauf, verbinde das Ganze und gebe ihm Schmerzmittel. �Jetzt ruh dich aus. Hier sind wir sicher�, sage ich. Gale ist sofort weg.</p><p>W�hrend Cressida und Pollux f�r jeden ein Lager aus Fellen bereiten, k�mmere ich mich um Peetas Handgelenke. Behutsam sp�le ich das Blut ab, gebe ein Antiseptikum darauf und lege unter den Handschellen einen Verband an. �Du musst achtgeben, dass kein Schmutz darankommt, sonst k�nnten sie sich entz�nden, und ��</p><p>�Ich wei�, was eine Blutvergiftung ist, Katniss�, sagt Peeta. �Obwohl meine Mutter keine Heilerin ist.�</p><p>Schlagartig bin ich in eine andere Zeit versetzt, bei einer anderen Wunde, anderem Verbandszeug. �Dasselbe hast du bei den ersten Hungerspielen zu mir gesagt. Wahr oder nicht wahr?�</p><p>�Wahr�, sagt er. �Und du hast dein Leben riskiert, um die rettende Arznei zu kriegen, stimmt�s?�</p><p>�Stimmt�, sage ich schulterzuckend. �Aber dir hatte ich zu verdanken, dass ich am Leben und �berhaupt dazu in der Lage war.�</p><p>�Ach ja?� Der Kommentar verwirrt ihn. Offenbar k�mpft eine leuchtende Erinnerung um seine Aufmerksamkeit, denn sein K�rper verkrampft sich, und die frisch verbundenen Gelenke rei�en an den Handschellen. Pl�tzlich weicht alle Energie aus seinem K�rper. �Ich bin so m�de, Katniss.�</p><p>�Leg dich schlafen�, sage ich. Aber er tut es erst, nachdem ich die Handschellen zurechtger�ckt und ihn an eine der Treppenst�tzen gefesselt habe. Es kann nicht sehr bequem sein, so dazuliegen, mit den Armen �ber dem Kopf. Trotzdem ist auch er nach ein paar Minuten eingeschlafen.</p><p>Cressida und Pollux haben Betten f�r uns gemacht und unsere Essens-und Medikamentenvorr�te ausgebreitet. Jetzt fragen sie mich, ob wir eine Wache aufstellen sollen. Ich schaue in Gales leichenblasses Gesicht und auf Peetas Fesseln. Pollux hat seit Tagen kein Auge zugemacht und Cressida und ich hatten h�chstens ein paar Stunden Schlaf. Falls ein Trupp Friedensw�chter durch diese T�r kommen sollte, s��en wir wie die Ratten in der Falle. Wir sind vollkommen einer altersschwachen Tigerfrau ausgeliefert, die einen hoffentlich alles verzehrenden Wunsch hat: Snow tot zu sehen.</p><p>�Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass eine Wache etwas bringen w�rde. Lasst uns lieber versuchen zu schlafen�, sage ich. Sie nicken benommen und wir alle vergraben uns in unseren Pelzen. Das Feuer in mir ist erloschen und mit ihm meine Kraft. Ich ergebe mich den weichen, muffigen Fellen und dem Vergessen.</p><p>Ich kann mich nur an einen Traum erinnern. Einen langen, erm�denden Traum, in dem ich versuche, nach Distrikt 12 zu gelangen. Das Zuhause, das ich suche, ist unzerst�rt, die Leute leben noch. Effie Trinket, deutlich erkennbar an ihrer pinkfarbenen Per�cke und dem Designerkost�m, begleitet mich. Ich versuche, ihr zu entwischen, aber unerkl�rlicherweise taucht sie immer wieder an meiner Seite auf und beharrt darauf, sie als meine Betreuerin sei daf�r verantwortlich, dass wir den Zeitplan einhalten. Nur dass der Zeitplan st�ndig wechselt, weil es zu Verz�gerungen kommt durch den fehlenden Stempel eines Beamten oder einen abgebrochenen Absatz Effies. Tagelang kampieren wir auf einer Bank im grauen Bahnhof von Distrikt 7, wo wir auf einen Zug warten, der nie kommt. Als ich aufwache, f�hle ich mich noch ersch�pfter als nach meinen gewohnten n�chtlichen Ausfl�gen in Blut und Schrecken.</p><p>Cressida, die als Einzige wach ist, sagt, dass es sp�ter Nachmittag ist. Ich esse eine Dose Rindereintopf und sp�le ihn mit viel Wasser hinunter. Dann lehne ich mich an die Kellerwand und gehe die Ereignisse des vergangenen Tages noch einmal durch. Bewege mich von Tod zu Tod. Z�hle sie an den Fingern ab. Eins, zwei - Mitchell und Boggs, verloren auf der Stra�e. Drei - Messalla, in einer Kapsel geschmolzen. Vier, f�nf - Leeg 1 und Jackson, die sich im Fleischwolf opfern. Sechs, sieben, acht - Castor, Homes und Finnick, die von den nach Rosen stinkenden Echsenmutationen enthauptet wurden. Acht Tote in vierundzwanzig Stunden. Ich wei�, dass es passiert ist, und doch f�hlt es sich unwirklich an. Bestimmt schl�ft Castor dort unter dem Pelzstapel, kommt Finnick gleich die Treppe heruntergepoltert, wird Boggs mir seinen Fluchtplan unterbreiten.</p><p>An ihren Tod zu glauben, bedeutet zu akzeptieren, dass ich sie get�tet habe. Na gut, Mitchell und Boggs vielleicht nicht - sie sind in Aus�bung ihrer Pflichten gestorben. Aber die anderen haben ihr Leben verloren, als sie mich in Ausf�hrung eines Auftrags besch�tzten, den ich mir nur ausgedacht habe. Mein Plan, Snow zu t�ten, kommt mir jetzt nur noch dumm vor. Unglaublich dumm, w�hrend ich hier fr�stelnd in diesem Keller sitze, unsere Verluste nachrechne und an den Troddeln der kniehohen Silberstiefel nestele, die ich aus dem Haus der Frau gestohlen habe. Oh, das habe ich ganz vergessen. Sie habe ich auch get�tet. Jetzt bringe ich schon unbewaffnete Zivilisten um.</p><p>Es ist an der Zeit, dass ich den anderen reinen Wein einschenke.</p><p>Als schlie�lich alle wach sind, gestehe ich. Wie ich mir den Auftrag ausgedacht habe, wie ich mit meinem Rachedurst alle gef�hrdet habe. Als ich fertig bin, folgt langes Schweigen. Dann sagt Gale: �Katniss, wir alle wussten, dass die Sache mit Coins Auftrag, Snow umzubringen, gelogen war.�</p><p>�Ihr vielleicht. Aber die Soldaten aus Distrikt 13 bestimmt nicht�, sage ich.</p><p>�Glaubst du wirklich, Jackson hat dir abgenommen, du h�ttest einen Befehl von Coin?�, fragt Cressida. �Nat�rlich nicht. Aber sie hat Boggs vertraut, und er wollte ganz klar, dass du weitermachst.�</p><p>�Aber mit Boggs habe ich doch nie �ber meine Pl�ne gesprochen�, sage ich.</p><p>�Du hast es jedem im Kommando erz�hlt!�, sagt Gale. �Es war eine deiner Bedingungen, damit du den Spottt�lpel gibst:
<emphasis>&gt;Ich t�te Snow.&lt;�</emphasis></p><p>Das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun: mit Coin �ber das Privileg zu feilschen, wer nach Kriegsende Snow hinrichten darf, und diese nicht genehmigte Flucht durchs Kapitol. �Auf jeden Fall nicht so�, sage ich. �Es ist die reinste Katastrophe geworden.�</p><p>�Ich w�rde es im Gegenteil als h�chst erfolgreiche Mission bezeichnen�, sagt Gale. �Wir sind ins feindliche Zentrum eingedrungen und haben damit gezeigt, dass die Verteidigungsanlagen des Kapitols nicht unverletzlich sind. Wir haben es geschafft, unsere Aufnahmen in die Nachrichtensendungen des Kapitols einzuschmuggeln. Die Suche nach uns hat die ganze Stadt ins Chaos gest�rzt.�</p><p>�Plutarch ist begeistert, das kannst du mir glauben�, f�gt Cressida hinzu.</p><p>�Weil es Plutarch egal ist, ob einer stirbt�, sage ich. �Solange nur seine Spiele zum Erfolg werden.�</p><p>Cressida und Gale reden immer weiter auf mich ein. Pollux nickt bekr�ftigend. Nur Peeta sagt nichts dazu.</p><p>�Wie denkst du dar�ber, Peeta?�, frage ich schlie�lich.</p><p>�Du � du machst dir immer noch keine Vorstellung. Von deiner Wirkung auf andere.� Er schiebt die Handschellen an der Treppenst�tze hoch und setzt sich auf. �Die Leute, die wir verloren haben, waren keine Idioten. Sie wussten, was sie taten. Sie sind dir gefolgt, weil sie dir zugetraut haben, Snow zu t�ten.�</p><p>Ich wei� nicht, warum seine Stimme mich erreicht, w�hrend alle anderen an mir abprallen. Aber wenn er recht hat, und das glaube ich, dann schulde ich den anderen etwas, das ich nur auf eine Weise zur�ckzahlen kann. Mit neuer Entschlossenheit hole ich den Stadtplan aus der Uniformtasche und breite ihn auf dem Boden aus. �Wo sind wir, Cressida?�</p><p>Tigris� Laden liegt f�nf Querstra�en vom Gro�en Platz und dem Pr�sidentenpalast entfernt. Ein leichter Fu�marsch durch ein Gel�nde, in dem die Kapseln zur Sicherheit der B�rger deaktiviert sind. Mithilfe unserer Verkleidung, erg�nzt um ein paar Accessoires aus Tigris� Fellbest�nden, k�nnten wir unbemerkt dorthin gelangen. Aber was dann? Snows Amtssitz wird garantiert schwer bewacht und rund um die Uhr von Kameras observiert und ist mit Kapseln gespickt, die jederzeit auf Knopfdruck aktiviert werden k�nnen.</p><p>�Wir m�ssen ihn dazu bringen, sich drau�en zu zeigen�, meint Gale. �Dann k�nnte einer von uns ihn erledigen.�</p><p>�Tritt er �berhaupt noch in der �ffentlichkeit auf?�, fragt Peeta.</p><p>�Glaube ich kaum�, antwortet Cressida. �Jedenfalls hat er s�mtliche Reden, die ich in letzter Zeit gesehen habe, vom Palast aus gehalten. Schon bevor die Rebellen kamen. Und seit Finnick seine Verbrechen �ffentlich gemacht hat, ist er garantiert noch mehr auf der Hut.�</p><p>Stimmt. Denn jetzt hassen ihn nicht nur Leute wie Tigris, sondern alle, die nun wissen, was er ihren Freunden und Familien angetan hat. Es w�rde an ein Wunder grenzen, wenn wir ihn aus dem Palast herauslocken k�nnten. Da brauchten wir schon �</p><p>�F�r mich k�me er hundertprozentig heraus�, sage ich. �Wenn ich gefangen genommen w�rde. Das h�tte er bestimmt gern so �ffentlich wie m�glich. Er w�rde mich auf den Stufen zu seinem Palast hinrichten lassen.� Ich lasse meine Worte wirken. �Dann k�nnte Gale ihn aus dem Publikum heraus erschie�en.�</p><p>�Nein�, entgegnet Peeta kopfsch�ttelnd. �Der Plan k�nnte auch ganz anders ausgehen. Zum Beispiel k�nnte Snow dich erst foltern, um an Informationen zu kommen. Oder er l�sst dich hinrichten, ohne selbst in Erscheinung zu treten. Oder er t�tet dich im Palast und stellt drau�en nur noch deinen toten K�rper zur Schau.�</p><p>�Gale?�, frage ich.</p><p>�Ich finde den Vorschlag zu extrem, um sich gleich daf�r zu entscheiden�, sagt er. �Wenn alles andere schiefgeht, vielleicht. Lasst uns weiter nachdenken.�</p><p>In der nun folgenden Stille h�ren wir Tigris� leise Schritte �ber uns. Feierabend. Sie schlie�t den Laden, legt wohl auch die Riegel vor. Kurz darauf wird das Brett oben an der Treppe beiseitegeschoben.</p><p>�Kommt rauf�, sagt sie schnurrend. �Ich habe euch etwas zu essen gemacht.� Es sind die ersten Worte, die sie zu uns sagt. Ob von Natur aus oder aufgrund jahrelanger �bung, wei� ich nicht, jedenfalls hat ihre Stimme etwas Katzenhaftes.</p><p>W�hrend wir die Treppe hochsteigen, fragt Cressida: �Hast du Kontakt zu Plutarch aufgenommen, Tigris?�</p><p>�Unm�glich�, erwidert Tigris achselzuckend. �Er wird sich schon denken, dass ihr irgendwo untergekommen seid. Keine Sorge.�</p><p>Keine Sorge? Mir f�llt ein Riesenstein vom Herzen, als ich erfahre, dass ich keine direkten Befehle aus 13 bekomme - und missachten muss. Keine Ausreden zu erfinden brauche f�r all die Entscheidungen, die ich in den letzten Tagen getroffen habe.</p><p>Auf dem Ladentisch liegen ein paar alte Kanten Brot, eine Ecke verschimmelter K�se und eine halbe Flasche Senf. Nicht jeder im Kapitol hat dieser Tage einen vollen Bauch. Ich f�hle mich verpflichtet, Tigris von unseren Essensvorr�ten zu erz�hlen, aber sie wischt meine Einw�nde mit einer Handbewegung beiseite. �Ich esse so gut wie gar nichts�, sagt sie. �Und wenn, dann nur rohes Fleisch.� Ich finde, jetzt �bertreibt sie ihre Rolle etwas, aber ich enthalte mich jeden Kommentars. Ich kratze den Schimmel vom K�se und teile das Essen unter uns auf.</p><p>W�hrend wir kauen, schauen wir die neuesten Nachrichten des Kapitols. Die Regierung hat uns f�nf als �berlebende Rebellen identifiziert. F�r Hinweise, die zu unserer Ergreifung f�hren, sind riesige Belohnungen ausgesetzt. Es wird betont, dass wir gef�hrlich sind. Man sieht, wie wir uns eine Schie�erei mit Friedensw�chtern liefern, aber nicht, wie die Mutationen ihnen die K�pfe abrei�en. In r�hrseliger Weise wird �ber die Frau berichtet, die noch immer so daliegt, wie wir sie zur�ckgelassen haben, mit meinem Pfeil in ihrem Herzen. F�r die Kameras wurde allerdings ihr Make-up aufgefrischt.</p><p>Die �bertragung l�uft ungest�rt. �Haben die Rebellen heute eine Erkl�rung verlesen?�, frage ich Tigris. Sie sch�ttelt den Kopf. �Coin wei� wohl nicht, was sie mit mir anfangen soll, jetzt, da ich noch am Leben bin.�</p><p>Tigris gibt ein kehliges Gekicher von sich. �Keiner wei�, was er mit dir anfangen soll, M�del.� Dann dr�ngt sie mir ein Paar von ihren Pelzleggings auf, obwohl ich sie nicht bezahlen kann. Das ist so ein Geschenk, das man einfach annehmen muss. Au�erdem ist es in dem Keller auch ziemlich kalt.</p><p>Nach dem Abendessen steigen wir wieder hinunter und zerbrechen uns den Kopf dar�ber, wie es weitergehen soll. Keiner hat eine z�ndende Idee, aber wir sind uns einig, dass wir nicht l�nger als F�nfergruppe hinausgehen k�nnen und dass wir erst einmal versuchen sollten, auf andere Weise in den Pr�sidentenpalast zu gelangen, ehe ich mich als K�der anbiete. Um Streit zu vermeiden, stimme ich zu. Falls ich beschlie�e, mich zu opfern, treffe ich diese Entscheidung sowieso allein, ohne die Erlaubnis oder Hilfe anderer.</p><p>Wir wechseln die Verb�nde, fesseln Peeta wieder an seine Treppenst�tze und legen uns schlafen. Ein paar Stunden sp�ter wache ich auf und werde Zeuge einer leisen Unterhaltung. Peeta und Gale. Es ist unm�glich, nicht zu lauschen.</p><p>�Danke f�r das Wasser�, sagt Peeta.</p><p>�Nicht der Rede wert�, antwortet Gale. �Ich wache sowieso jede Nacht zehnmal auf.�</p><p>�Um sicherzugehen, dass Katniss noch da ist?�, fragt Peeta. �So was in der Art�, gibt Gale zu.</p><p>Es folgt eine lange Pause, dann spricht Peeta weiter. �Das war lustig, was Tigris gesagt hat. Dass keiner wei�, was er mit ihr anfangen soll.�</p><p>�Tja, wir jedenfalls nicht�, sagt Gale.</p><p>Sie lachen. Es ist wirklich komisch, sie so reden zu h�ren.</p><p>Fast, als w�ren sie Freunde. Sie sind aber keine. Waren nie welche. Wobei, richtige Feinde sind sie auch nicht.</p><p>�Sie liebt dich, wei�t du?�, sagt Peeta. �Das hat sie mir mehr oder weniger deutlich gesagt, als du ausgepeitscht wurdest.�</p><p>�Glaub ich nicht�, entgegnet Gale. �So, wie sie dich beim Jubel-Jubil�um gek�sst hat � also, mich hat sie nie so gek�sst.�</p><p>�Das geh�rte doch zur Show�, sagt Peeta, obwohl ein Hauch von Zweifel in seiner Stimme liegt.</p><p>�Nein, du hast sie rumgekriegt. Du hast alles f�r sie aufgegeben. Vielleicht ist das der einzige Weg, sie zu �berzeugen, dass du sie liebst.� Wieder eine lange Pause. �Ich h�tte bei den ersten Spielen freiwillig an deiner Stelle gehen sollen. Dann h�tte ich sie besch�tzt.�</p><p>�Konntest du aber nicht�, wendet Peeta ein. �Das h�tte sie dir nie verziehen. Du musstest f�r ihre Familie sorgen. Ihre Familie bedeutet ihr mehr als ihr Leben.�</p><p>�Was soll�s, das Problem l�st sich ja bald von selbst. Ich halte es f�r unwahrscheinlich, dass wir alle drei das Ende dieses Kriegs erleben werden. Und selbst wenn, ist es eher Katniss� Problem. Wen sie erw�hlt.� Gale g�hnt. �Wir sollten noch ein bisschen schlafen.�</p><p>�Ja.� Peetas Handschellen rutschen an der St�tze herunter, er hat sich wieder hingelegt. �Ich frage mich, wie sie ihre Entscheidung treffen wird.�</p><p>�Das ist nicht so schwer�, h�re ich Gale noch durch eine Schicht Pelze murmeln. �Katniss wird den nehmen, von dem sie denkt, dass sie ohne ihn nicht �berleben kann.�</p><p><strong>24</strong></p><p>Mich schaudert. Bin ich wirklich so kalt und berechnend? Gale hat nicht gesagt: �Katniss wird den nehmen, bei dem es ihr das Herz bricht, wenn sie ihn aufgeben muss�, oder gar �ohne den sie nicht leben kann�. Das h�tte immerhin vorausgesetzt, dass ich irgendwie von Leidenschaft geleitet w�re. Doch mein bester Freund prophezeit, dass ich den nehmen werde, von dem ich denke, dass ich �ohne ihn nicht �berleben kann�. Er h�lt es f�r ausgeschlossen, dass ich von Liebe oder Verlangen oder auch nur der Frage, wer am besten zu mir passt, getrieben sein k�nnte. Gales Meinung nach werde ich k�hl kalkulieren, welcher meiner potenziellen Gef�hrten mir mehr zu bieten hat. Als ginge es nur um die Frage, ob mir ein B�cker oder ein J�ger ein l�ngeres Leben verspricht. Es ist schrecklich, dass Gale so etwas sagt. Und dass Peeta nicht widerspricht. Wo mir doch all meine Gef�hle vom Kapitol oder von den Rebellen genommen und ausgeschlachtet wurden. In diesem Augenblick fiele mir die Wahl leicht. Ich kann prima ohne die beiden �berleben.</p><p>Am n�chsten Morgen habe ich weder Kraft noch Zeit, mich um verletzte Gef�hle zu k�mmern. Zum Fr�hst�ck, das aus Leberpastete und Feigenkeksen besteht und das wir noch vor dem Morgengrauen einnehmen, versammeln wir uns vor Tigris� Fernseher und warten darauf, dass Beetee sich einschaltet. Es gibt neue Entwicklungen im Kriegsverlauf. Offenbar inspiriert von der schwarzen Welle, ist den Rebellenkommandeuren die Idee gekommen, die zur�ckgelassenen Automobile der Leute zu konfiszieren und sie als unbemannte Vorhut durch die Stra�en zu schicken. Jede Kapsel l�sen die Autos zwar nicht aus, aber die meisten nat�rlich schon. Mithilfe dieser Taktik haben die Rebellen seit dem fr�hen Morgen damit begonnen, drei getrennte Schneisen ins Zentrum des Kapitols zu schlagen - schlicht als Linie A, B und C bezeichnet. So k�nnen sie ohne nennenswerte Verluste einen Stra�enzug nach dem anderen erobern.</p><p>�Das kann nicht so weitergehen�, sagt Gale. �Es wundert mich, dass es �berhaupt so lange funktioniert hat. Das Kapitol wird sich darauf einstellen und manche Kapseln deaktivieren und erst dann manuell ausl�sen, wenn die eigentlichen Ziele in Reichweite sind.� Schon wenige Minuten sp�ter k�nnen wir genau das auf dem Bildschirm mitverfolgen. Eine Rebelleneinheit schickt ein leeres Auto �ber die Stra�e und l�st dadurch vier Kapseln aus. Der Weg scheint frei. Drei Aufkl�rer folgen dem Wagen und gelangen heil ans Ende der Stra�e. Doch als eine Gruppe von zwanzig Rebellensoldaten ihnen folgt, wird sie auf der H�he eines Blumenladens, vor dem mehrere mit Rosen bepflanzte T�pfe explodieren, in St�cke gerissen.</p><p>�Bestimmt leidet Plutarch wie ein Hund, dass er jetzt nicht an den Kn�pfen sitzt�, sagt Peeta.</p><p>Beetee schaltet wieder um auf das Kapitolprogramm, wo eine Sprecherin mit grimmigem Gesicht verk�ndet, welche Stra�enabschnitte von den Bewohnern zu evakuieren sind. Anhand dieser Angaben und der Bilder zuvor kann ich die aktuellen Stellungen der gegnerischen Armeen auf meinem Stadtplan einzeichnen.</p><p>Drau�en sind Schritte zu h�ren. Ich laufe zum Fenster und sp�he durch einen Spalt im Rollladen. Im D�mmerlicht werde ich Zeuge eines seltsamen Schauspiels. Fl�chtlinge aus den eroberten Stra�enz�gen str�men vorbei, dem Zentrum zu. Die Panischen noch in Schlafanzug und Pantoffeln, die anderen, die besser vorbereitet waren, mit mehreren Schichten Kleidung �bereinander. Sie schleppen alles M�gliche mit, vom Scho�h�ndchen bis zu Schmuckk�stchen und Topfpflanzen. Ein Mann im Bademantel hat nur eine �berreife Banane dabei. Schlaftrunkene Kinder stolpern hinter ihren Eltern her, die meisten zu erstaunt oder verwirrt, um zu weinen. In Ausschnitten ziehen sie an meinem Sichtstreifen vorbei. Schreckgeweitete braune Augen. Ein Arm, der die Lieblingspuppe umfasst. Nackte, blau gefrorene F��e, die �ber das unebene Pflaster tappen. Der Anblick erinnert mich an die Kinder aus Distrikt 12, die auf der Flucht vor den Brandbomben gestorben sind. Ich trete vom Fenster zur�ck.</p><p>Tigris bietet an, sich tags�ber ein wenig umzusehen. Ein guter Vorschlag, denn sie ist die Einzige, auf deren Kopf keine Belohnung ausgesetzt ist. Nachdem wir wieder im Versteck sind, geht sie hinaus, um die Lage zu peilen.</p><p>Ich renne ununterbrochen auf und ab und mache die anderen im Keller ganz verr�ckt. Etwas sagt mir, dass es ein Fehler w�re, den Fl�chtlingsstrom nicht auszunutzen. K�nnen wir uns eine bessere Deckung w�nschen? Andererseits bedeutet jeder obdachlose Fl�chtling, der auf den Stra�en umherirrt, ein weiteres Augenpaar, das nach den f�nf fl�chtigen Rebellen sucht. Aber noch mal: Was bringt es uns hierzubleiben? In den vergangenen Stunden haben wir doch nur unsere kleinen Essensvorr�te verbraucht und darauf gewartet � ja, worauf? Darauf, dass die Rebellen das Kapitol einnehmen? Das k�nnte noch Wochen dauern, und ich bin mir nicht sicher, was ich dann tun w�rde. Bestimmt nicht ins Freie rennen und ihnen zujubeln. Bevor ich dreimal �Nachtriegel� sagen k�nnte, h�tte Coin mich zur�ck nach Distrikt 13 geschickt. Ich bin nicht den ganzen Weg gegangen, habe nicht so viele Leute verloren, um mich dieser Frau auszuliefern.
<emphasis>Ich t�te Snow.</emphasis>
Abgesehen davon, ist in den letzten Tagen verdammt vieles passiert, was ich nicht so einfach erkl�ren k�nnte. Einiges w�rde die Abmachung �ber die Straffreiheit der Siegertribute vermutlich hinf�llig machen. Dabei habe ich das Gef�hl, dass ein paar von ihnen diese Immunit�t dringend brauchen werden. Peeta zum Beispiel. Der, egal wie man es dreht, dabei gefilmt wurde, wie er Mitchell in die Netzkapsel st��t. Ich kann mir lebhaft vorstellen, welche Schl�sse Coins Kriegstribunal daraus ziehen w�rde.</p><p>Am sp�ten Nachmittag werden wir langsam unruhig, weil Tigris so lange fortbleibt. Wir w�gen die Chancen ab, dass sie verhaftet und eingesperrt worden ist, uns freiwillig angezeigt hat oder schlicht in der Fl�chtlingswelle verletzt worden ist. Gegen sechs Uhr kommt sie dann doch zur�ck. Erst h�ren wir eine Zeit lang oben Schritte, dann l�st sie endlich das Brett. Wunderbarer Bratenduft erf�llt die Luft. Tigris hat uns eine Pfanne mit Schinkenw�rfeln und Kartoffeln zubereitet. Es ist die erste warme Mahlzeit seit Tagen, und w�hrend ich warte, dass ich an der Reihe bin, l�uft mir fast der Speichel aus dem Mund.</p><p>Beim Kauen versuche ich, Tigris zuzuh�ren, die erz�hlt, wie sie an das Essen gekommen ist, aber ich bekomme nur mit, dass Fellunterw�sche zurzeit eine begehrte Tauschware ist. Besonders bei Leuten, die ihre Wohnung sp�rlich bekleidet verlassen haben. Viele halten sich noch immer unter freiem Himmel auf und suchen nach einem Unterschlupf f�r die Nacht. Die Bewohner der Luxuswohnungen in der Innenstadt haben nicht etwa bereitwillig ihre T�ren ge�ffnet, um die Obdachlosen aufzunehmen. Im Gegenteil, die meisten haben die T�ren verrammelt und die Rolll�den heruntergelassen und tun so, als w�ren sie nicht da. Deshalb ist der Gro�e Platz im Zentrum voller Fl�chtlinge, und die Friedensw�chter gehen von T�r zu T�r und weisen G�ste zu - wenn es sein muss, mit Gewalt.</p><p>Im Fernsehen sehen wir den Obersten Friedensw�chter, der mit knappen Worten eine neue Regelung verk�ndet, wie viele Menschen jeder Wohnungsbesitzer entsprechend der Gr��e des Apartments bei sich aufnehmen muss. Heute Nacht, ruft er den Bewohnern des Kapitols in Erinnerung, w�rden die Temperaturen unter den Gefrierpunkt sinken; in diesen Krisenzeiten erwarte der Pr�sident von allen, nicht nur willige, sondern begeisterte Gastgeber zu sein. Dann werden ziemlich gestellt wirkende Szenen eingeblendet, die besorgte B�rger bei der Aufnahme dankbarer Fl�chtlinge in ihrer Wohnung zeigen. Der Pr�sident pers�nlich, f�hrt der Oberste Friedensw�chter fort, habe befohlen, dass ein Teil seines Palastes hergerichtet wird, um ab morgen ebenfalls Fl�chtlinge aufzunehmen. Und schlie�lich sollten auch Gesch�ftsleute sich darauf einstellen, auf Anordnung ihre R�umlichkeiten zur Verf�gung zu stellen.</p><p>�Das k�nnte dich betreffen, Tigris�, sagt Peeta. Gut m�glich. Falls die Zahl der Fl�chtlinge weiter zunimmt, k�nnte selbst dieser enge Schlauch von Laden beschlagnahmt werden. Und dann s��en wir hier im Keller buchst�blich in der Falle, in st�ndiger Gefahr, entdeckt zu werden. Wie viele Tage haben wir noch? Einen? Vielleicht zwei?</p><p>Jetzt ist wieder der Oberste Friedensw�chter zu sehen. Er gibt der Bev�lkerung weitere Instruktionen. Offenbar ist es diesen Abend zu einem bedauerlichen Zwischenfall gekommen, in dessen Verlauf die Menge einen jungen Mann totgepr�gelt hat, der Peeta �hnlich sah. Von nun an muss es, wenn jemand einen Rebellen sichtet, unverz�glich den Beh�rden gemeldet werden, die die Identifizierung und Verhaftung des Verd�chtigen vornehmen. Ein Foto des Opfers wird eingeblendet. Abgesehen von den offensichtlich gebleichten Locken, sieht er Peeta nicht �hnlicher als ich.</p><p>�Die Leute drehen allm�hlich durch�, murmelt Cressida.</p><p>Aus der kurzen Einblendung der Rebellen im Anschluss erfahren wir, dass heute weitere Stra�enabschnitte eingenommen worden sind. Ich zeichne die Kreuzungen in meine Karte ein. �Linie C ist nur vier Querstra�en entfernt�, verk�nde ich. Irgendwie erf�llt mich diese Erkenntnis mit gr��erer Sorge als die Vorstellung von Friedensw�chtern, die nach Unterk�nften suchen. Auf einmal werde ich ganz hilfsbereit. �Heute sp�le ich mal das Geschirr.�</p><p>�Ich helfe dir�, sagt Gale sofort und sammelt die Teller ein.</p><p>Ich sp�re Peetas Blick auf uns, als wir den Raum verlassen. In der engen K�che im hinteren Teil von Tigris� Laden f�lle ich das Sp�lbecken mit hei�em Wasser und sch�tte Sp�lmittel hinein. �Glaubst du das?�, frage ich. �Dass Snow Fl�chtlinge in seinen Palast l�sst?�</p><p>�Ich denke, ihm bleibt keine andere Wahl, zumindest f�r die Kameras�, antwortet Gale.</p><p>�Dann mache ich mich morgen fr�h auf den Weg�, sage ich.</p><p>�Ich komme mit�, sagt Gale. �Was machen wir mit den anderen?�</p><p>�Pollux und Cressida k�nnten n�tzlich sein. Sie sind gute F�hrer�, sage ich. Doch Pollux und Cressida sind nicht das eigentliche Problem. �Aber Peeta ist zu ��</p><p>�� unberechenbar�, beendet Gale den Satz. �Glaubst du, er w�rde immer noch zustimmen, dass wir ihn zur�cklassen?�</p><p>�Zur Begr�ndung k�nnten wir sagen, dass er uns gef�hrdet�, sage ich. �Wenn wir �berzeugend wirken, bleibt er vielleicht hier.�</p><p>Peeta reagiert einigerma�en vern�nftig auf unseren Vorschlag. Stimmt uns zu, dass seine Anwesenheit uns gef�hrden k�nnte. Wenn�s nach mir ginge, kann er den Krieg einfach hier in Tigris� Keller aussitzen, �berlege ich. Doch da verk�ndet er pl�tzlich, dass er auf eigene Faust rausgehen will.</p><p>�Wozu?�, fragt Cressida.</p><p>�Das wei� ich noch nicht genau. Ich k�nnte vielleicht ein Ablenkungsman�ver veranstalten. Ihr habt doch gesehen, was mit dem Mann passiert ist, der so aussah wie ich�, sagt er.</p><p>�Und was, wenn du � die Beherrschung verlierst?�, frage ich.</p><p>�Wenn ich zur Mutation werde, meinst du? Tja, wenn ich das merke, werde ich versuchen, hierher zur�ckzukommen�, versichert er.</p><p>�Und wenn Snow dich wieder schnappt?�, fragt Gale. �Du hast nicht mal ein Gewehr.�</p><p>�Ich muss einfach auf mein Gl�ck vertrauen�, sagt Peeta. �So wie ihr.� Die beiden wechseln einen langen Blick, dann fasst Gale in seine Brusttasche. Er dr�ckt Peeta seine Nachtriegel-Pille in die Hand. Peeta l�sst sie in der offenen Hand liegen, unschl�ssig, ob er sie annehmen oder ablehnen soll. �Und was ist mit dir?�</p><p>�Keine Sorge�, sagt Gale. �Beetee hat mir gezeigt, wie ich meine Sprengpfeile per Hand zum Explodieren bringe. Falls das nicht klappt, habe ich noch mein Messer. Und Katniss.� Er l�chelt. �Sie wird ihnen nicht die Genugtuung g�nnen, mich lebend zu schnappen.�</p><p>Bei dem Gedanken, wie die Friedensw�chter Gale mit sich schleppen, h�re ich wieder das Lied �</p><p><emphasis>Kommst du, kommst du,</emphasis></p><p><emphasis>Kommst du zu dem Baum �</emphasis></p><p>�Nimm sie, Peeta�, sage ich gepresst. Ich strecke die Hand aus und schlie�e seine Finger �ber der Pille. �Es wird keiner da sein, der dir hilft.�</p><p>Die Nacht verl�uft unruhig, einer weckt den anderen mit seinen Albtr�umen, in den K�pfen schwirren die morgigen Pl�ne herum. Ich bin erleichtert, als es f�nf Uhr wird und wir endlich den Tag angehen k�nnen, was immer er f�r uns bereith�lt. Zum Fr�hst�ck brauchen wir die restlichen Essensvorr�te - Dosenpfirsiche, Cracker und Schnecken - auf und lassen nur eine Dose mit Lachs f�r Tigris �brig, ein d�rftiges Dankesch�n f�r alles, was sie getan hat. Die Geste scheint sie zu ber�hren. Ihr Gesicht nimmt einen eigenartigen Ausdruck an und sie wird auf einmal ganz gesch�ftig. Eine Stunde braucht sie, um uns alle f�nf auszustaffieren. Sie kleidet uns so ein, dass unsere Uniformen g�nzlich von gew�hnlichen Kleidungsst�cken verdeckt werden, noch bevor wir M�ntel und Umh�nge �bergezogen haben. Sie bedeckt unsere Soldatenstiefel mit einer Art Fellslipper. Befestigt die Per�cken mit Nadeln. Wischt die grellen Farbreste ab, die wir uns vor ein paar Tagen hastig ins Gesicht geschmiert haben, und schminkt uns neu. Drapiert unsere M�ntel so, dass die Waffen verborgen sind. Dann gibt sie uns Handtaschen und irgendwelchen Tand, den wir bei uns tragen sollen. Schlie�lich sehen wir genauso aus wie die Fl�chtlinge auf den Stra�en.</p><p>�Man soll nie die Macht eines erstklassigen Stylisten untersch�tzen�, sagt Peeta. Ich glaube, unter ihren Streifen err�tet Tigris sogar ein bisschen.</p><p>Das Fernsehen bringt keine hilfreichen Neuigkeiten, doch die Stra�e ist noch immer voller Fl�chtlinge, so wie gestern Morgen. Unser Plan sieht vor, dass wir uns in drei Gruppen in den Menschenstrom einreihen. Erst Cressida und Pollux, die vorangehen und uns f�hren. Danach wollen Gale und ich versuchen, uns unter die Fl�chtlinge zu mischen, die heute im Pr�sidentenpalast untergebracht werden sollen. Zuletzt Peeta, der uns folgen wird, jederzeit bereit, bei Bedarf einen Tumult zu verursachen.</p><p>Tigris sp�ht durch den Rollladen und wartet auf den richtigen Moment, dann entriegelt sie die T�r und nickt Cressida und Pollux zu. �Pass auf dich auf�, sagt Cressida, dann sind sie fort.</p><p>Wir sollen eine Minute sp�ter folgen. Ich ziehe den Schl�ssel hervor, schlie�e die Handschellen auf und stecke sie in die Tasche. Peeta reibt sich die Handgelenke. Dehnt sie. Ein Gef�hl der Verzweiflung steigt in mir auf. Es ist wie damals beim Jubel-Jubil�um, als Beetee Johanna und mir die Drahtrolle reichte.</p><p>�H�r zu�, sage ich. �Keine Dummheiten, ja?�</p><p>�Nein. Nur wenn sich�s nicht vermeiden l�sst. Absolut�, sagt er.</p><p>Ich schlinge die Arme um seinen Hals, merke, wie er z�gert und mich dann doch in die Arme schlie�t. Nicht so fest wie fr�her, aber immer noch warm und stark. Tausend Momente durchstr�men mich. All die Male, als diese Arme meine letzte Zuflucht auf der Welt waren. Damals habe ich diese Momente vielleicht nicht richtig zu sch�tzen gewusst, aber in meiner Erinnerung sind sie so s�� - und jetzt f�r immer vergangen. �Also dann.� Ich lasse ihn los.</p><p>�Es wird Zeit�, sagt Tigris. Ich k�sse sie auf die Wange, zurre mein rotes Kapuzencape fest, ziehe den Schal �ber die Nase und folge Gale hinaus in die kalte Luft.</p><p>Eisige Schneeflocken stechen in meine ungesch�tzte Haut. Die aufgehende Sonne versucht die Finsternis zu durchdringen, aber ohne gro�en Erfolg. Das Licht reicht gerade aus, um die eingemummelten Gestalten in unmittelbarer N�he zu erkennen, viel mehr nicht. Wirklich optimale Bedingungen, nur dass ich Cressida und Pollux leider auch nicht ausmachen kann. Gale und ich lassen die K�pfe sinken und schlurfen mit den Fl�chtlingen davon. Was ich gestern durch Rolll�den und Fenster nicht h�ren konnte, bekomme ich nun mit. Weinen, Klagen, schwerf�lliges Atmen. Und, nicht allzu weit entfernt, Sch�sse.</p><p>�Wohin gehen wir, Onkel?�, fragt ein schlotternder Junge einen Mann, der unter der Last eines kleinen Safes �chzt.</p><p>�Zum Pr�sidentenpalast. Dort wird man uns eine neue Wohnung zuweisen�, schnauft der Mann.</p><p>Wir biegen in eine der Hauptstra�en ein. �Rechts gehen!�, befiehlt eine Stimme. �berall in der Menge sind Friedensw�chter zu sehen, die den Menschenstrom regeln. Ver�ngstigte Gesichter starren durch die Schaufensterscheiben der Gesch�fte, in denen sich schon die Fl�chtlinge dr�ngen. Wenn das so weitergeht, wird Tigris sp�testens um die Mittagszeit neue G�ste bekommen. Gut f�r alle Beteiligten, dass wir uns zum Aufbruch entschlossen haben.</p><p>Es ist jetzt heller, trotz des andauernden Schneefalls. Drei�ig Meter vor uns entdecke ich Cressida und Pollux, die mit der Menge trotten. Ich recke den Hals auf der Suche nach Peeta, sehe ihn aber nicht. Daf�r errege ich die Aufmerksamkeit eines misstrauisch dreinschauenden kleinen M�dchens in einem zitronengelben Mantel. Ich stupse Gale an und verringere meine Geschwindigkeit unmerklich, sodass sich zwischen uns eine Mauer aus Menschen bildet.</p><p>�Vielleicht m�ssen wir uns trennen�, fl�stere ich ihm zu. �Das kleine M�dchen da ��</p><p>Pl�tzlich peitschen Sch�sse in die Menge, in unmittelbarer N�he sinken die Leute zu Boden, man h�rt Schreie. Eine zweite Salve m�ht noch mehr Menschen hinter uns nieder. Gale und ich lassen uns zu Boden fallen und kriechen die zehn Meter zu einem Schuhgesch�ft hin�ber, wo wir hinter einem Verkaufstisch mit Pumps Deckung suchen.</p><p>Gale kann nichts sehen, weil eine Reihe mit Federn dekorierter Schuhe ihm die Sicht versperrt. �Von wo kommt das? Kannst du was sehen?�, fragt er. Durch eine Reihe abwechselnd lavendel-und minzefarbener Stiefel hindurch sehe ich nur die mit Leichen �bers�te Stra�e. Das kleine M�dchen, das mich eben noch angestarrt hat, kniet kreischend neben einer reglos daliegenden Frau und versucht, sie wach zu r�tteln. Die dritte Salve erwischt das M�dchen auf Brusth�he und f�rbt seinen gelben Mantel rot. Es kippt nach hinten weg. Ich starre auf die kleine zusammengesunkene Gestalt und bin einen Moment lang unf�hig, etwas zu sagen. Gale st��t mich mit dem Ellbogen an. �Katniss?�</p><p>�Die Sch�sse kommen vom Dach �ber uns�, sage ich. Ich sehe noch mehr wei�e Uniformen, die auf die verschneiten Stra�en str�men. �Sie zielen auf die Friedensw�chter, aber sie sind nicht besonders treffsicher. Es m�ssen die Rebellen sein.� Ich empfinde keinen Triumph, obwohl meine Verb�ndeten offenbar den Durchbruch geschafft haben. Ich bin ganz gebannt von dem zitronengelben Mantel.</p><p>�Wenn wir jetzt schie�en, war�s das�, sagt Gale. �Dann wei� alle Welt, dass wir es sind.�</p><p>Das ist wahr. Wir haben nur unsere ber�hmten Bogen. Ein Pfeil w�rde beiden Seiten signalisieren, dass wir hier sind.</p><p>�Nein�, sage ich energisch. �Wir m�ssen Snow kriegen.�</p><p>�Dann machen wir uns lieber aus dem Staub, bevor die ganze Stra�e in die Luft fliegt�, sagt Gale. Wir halten uns dicht an der H�userwand. Nur dass die Wand haupts�chlich aus Schaufenstern besteht, an die sich schwitzende Handfl�chen und gaffende Gesichter dr�cken. Ich ziehe mir den Schal �ber die Wangenknochen. Hinter einem Verkaufstisch mit gerahmten Portr�ts von Snow sto�en wir auf einen verwundeten Friedensw�chter, der an einer Ziegelmauer lehnt. Er bittet uns um Hilfe. Gale rammt ihm das Knie gegen die Schl�fe und nimmt sein Gewehr an sich. An der Kreuzung erschie�t er einen zweiten Friedensw�chter, jetzt haben wir beide Feuerwaffen.</p><p>�Und wen sollen wir jetzt darstellen?�, frage ich.</p><p>�Verzweifelte B�rger des Kapitols�, sagt Gale. �Die Friedensw�chter werden denken, dass wir auf ihrer Seite stehen, und die Rebellen haben hoffentlich interessantere Ziele.�</p><p>Ob das so schlau ist, frage ich mich, w�hrend wir �ber die Kreuzung sprinten. Doch als wir die andere Seite erreichen, spielt es keine Rolle mehr, wer wir sind. Wer �berhaupt jemand ist. Denn auf Gesichter achtet hier niemand. Die Rebellen sind schon da. Sie str�men auf die Stra�e, suchen Deckung in Hauseing�ngen und hinter Fahrzeugen, Gewehrfeuer blitzt auf, heisere Stimmen rufen Kommandos, sie bereiten sich darauf vor, eine Armee aus Friedensw�chtern anzugreifen, die auf uns zumarschiert. Mittendrin sitzen die Fl�chtlinge in der Falle, unbewaffnet, orientierungslos, viele verletzt.</p><p>Vor uns geht eine Kapsel los und setzt einen Dampfstrahl frei, der jeden, der davon getroffen wird, augenblicklich verbr�ht. Die Opfer sind im Nu rosa wie Eingeweide und mausetot. Danach ist das letzte bisschen Ordnung dahin. Die Dampfkringel werden eins mit den Schneeflocken und meine Sicht reicht kaum noch bis zum Ende meines Gewehrlaufs. Friedensw�chter, Rebell, B�rger - wer wei�? Alles, was sich bewegt, gibt ein Ziel ab. Die Leute schie�en reflexhaft und ich bilde keine Ausnahme. Mit klopfendem Herzen und voller Adrenalin sehe ich in jedem einen Feind. Nur nicht in Gale. Mein Jagdgef�hrte, der Einzige, dem ich vertraue. Uns bleibt nichts anderes �brig, als vorzur�cken und jeden zu t�ten, der unseren Weg kreuzt. Schreiende Menschen, blutende Menschen, tote Menschen �berall. Als wir die n�chste Ecke erreichen, erstrahlt der ganze Stra�enzug vor uns in einem leuchtend violetten Glanz. Wir ziehen uns zur�ck, verschanzen uns in einem Treppenaufgang und blinzeln in den Lichtschein. Mit denen, die von dem Licht erfasst werden, geschieht etwas. Sie werden angegriffen, aber wovon? Von einem Ger�usch? Einer Welle? Einem Laser? Sie lassen die Waffen fallen, schlagen die H�nde vors Gesicht, w�hrend aus allen sichtbaren K�rper�ffnungen - Augen, Nase, Mund, Ohren - Blut spritzt. In weniger als einer Minute sind alle tot und der Glanz erlischt. Ich bei�e die Z�hne zusammen und renne los, springe �ber die Leichen, rutsche in den Blutlachen aus. Der Wind treibt die Schneeflocken in Wirbeln zusammen, die mir die Sicht nehmen, doch er �bert�nt nicht das Getrampel einer neuen Welle von Stiefeln, die uns entgegenkommen.</p><p>�Runter!�, zische ich Gale zu. Wir lassen uns sofort fallen. Mein Gesicht landet in einer noch warmen Blutlache, aber ich tue so, als w�re ich tot, r�hre mich nicht, w�hrend die Stiefel �ber uns hinwegpoltern. Manche versuchen, nicht auf die Leichen zu treten. Andere trampeln auf meiner Hand, meinem R�cken herum, streifen im Vorbeigehen meinen Kopf. Als die Stiefel vor�ber sind, �ffne ich die Augen und nicke Gale zu.</p><p>Hinter der n�chsten Querstra�e sto�en wir auf noch mehr verschreckte Fl�chtlinge, daf�r sind kaum Soldaten zu sehen. Gerade als es so aussieht, als k�nnten wir ein wenig verschnaufen, ist ein Knacken zu h�ren, wie von einem Ei, das am Sch�sselrand aufgeschlagen wird, nur tausendmal lauter. Wir bleiben stehen und suchen nach der Kapsel. Es ist keine da. Pl�tzlich sp�re ich, wie sich die Spitzen meiner Stiefel ganz leicht neigen. �Lauf!�, schreie ich Gale zu. Es bleibt keine Zeit f�r Erkl�rungen, binnen Sekunden wird die Natur dieser Kapsel sowieso f�r jeden offensichtlich. Auf halber H�he des Stra�enabschnitts hat sich ein Riss aufgetan. Die gepflasterte Stra�e klappt nach unten auf, und langsam kippen die Leute in � was immer dort unten sein mag.</p><p>Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich auf k�rzestem Weg zur n�chsten Kreuzung rennen oder mein Gl�ck lieber bei einem der Tore, die sich auf die Stra�e �ffnen, versuchen und durch ein Geb�ude entkommen soll. Die Folge ist, dass ich nicht den k�rzesten Weg nehme, sondern mich wie auf einer Diagonale bewege. Je weiter sich die Klappen �ffnen, desto schwieriger wird es, auf den glitschigen Steinen nicht abzurutschen. Es ist, als liefe ich quer �ber einen vereisten Hang, der mit jedem Schritt steiler wird. Als meine beiden Ziele - die Kreuzung und das Geb�ude - schon fast zum Greifen nah sind, geben die Klappen abrupt nach. Jetzt kann ich mich nur noch zum Rand retten. W�hrend ich mich an einer Kante festkralle, kippen die Klappen nach unten weg. Meine F��e baumeln in der Luft, finden nirgendwo Halt. Aus der Tiefe, f�nfzehn Meter unter mir, steigt ein widerlicher Gestank auf, wie verwesende K�rper in der Sommerhitze. Schwarze Gestalten kriechen im Halbschatten umher und bringen alle zum Schweigen, die den Sturz �berlebt haben.</p><p>Ich sto�e einen erstickten Schrei aus. Niemand kommt mir zu Hilfe. Lange werde ich mich nicht mehr an der eisigen Kante festhalten k�nnen, doch da erkenne ich, dass die Ecke mit der Kapsel nur zwei Meter entfernt ist. Zentimeter f�r Zentimeter hangele ich mich dorthin vor und versuche dabei, die schrecklichen Ger�usche von unten auszublenden. Als ich die Ecke erreiche, schwinge ich den rechten Fu� �ber eine Seite hinauf. Ich finde Halt und ziehe mich vorsichtig auf die Stra�e. Keuchend und zitternd krieche ich weiter zu einem Laternenpfahl und umschlinge ihn mit den Armen wie einen Anker, obwohl der Boden hier vollkommen eben ist.</p><p>�Gale?�, rufe ich in den Abgrund. Es ist mir egal, ob ich entdeckt werde. �Gale?�</p><p>�Ich bin hier!� Verwundert schaue ich nach links. Die Klappe hat sich direkt entlang der H�userwand ge�ffnet. Etwa ein Dutzend Leute haben es bis dorthin geschafft und halten sich nun an allem fest, was Halt gibt. Klinken, T�rklopfer, Briefschlitze. Drei T�ren weiter klammert Gale sich an die schmiedeeiserne Verzierung einer Wohnungst�r. W�re sie offen, k�nnte er problemlos eintreten. Doch niemand kommt ihm zu Hilfe, ungeachtet seiner verzweifelten Tritte gegen die T�r.</p><p>�Geh in Deckung!�, rufe ich und lege das Gewehr an. Er wendet sich ab, und ich schie�e mehrmals auf das Schloss, bis die T�r nach innen auffliegt. Gale schwingt sich hinein und landet der L�nge nach auf dem Boden. Einen Augenblick lang schwelge ich im Hochgef�hl seiner Rettung. Dann wird er von wei� behandschuhten H�nden gepackt.</p><p>Unsere Blicke treffen sich, er formt Worte mit den Lippen, aber ich verstehe nicht. Wei� nicht, was ich tun soll. Zur�cklassen kann ich ihn nicht, zu ihm aber auch nicht. Wieder bewegt er die Lippen. Ich sch�ttele den Kopf, um ihm meine Verwirrung zu zeigen. Jeden Augenblick wird ihnen aufgehen, wen sie da gefangen genommen haben. Jetzt zerren ihn die Friedensw�chter nach drinnen. �Lauf.�, h�re ich ihn schreien.</p><p>Ich drehe mich um und renne los, weg von der Kapsel. Ganz allein jetzt. Gale ist gefangen. Cressida und Pollux k�nnten schon zehnmal tot sein. Und Peeta? Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit wir Tigris� Laden verlassen haben. Ich klammere mich an die Vorstellung, dass er vielleicht dorthin zur�ckgegangen ist. Dass er einen Anfall nahen f�hlte und sich in den Keller zur�ckgezogen hat, solange er sich noch im Griff hatte. Dass er gemerkt hat, dass kein Tumult notwendig war, nachdem das Kapitol selbst f�r so viel Tumult gesorgt hat. Kein Grund, den Lockvogel zu spielen und die Nachtriegel-Pille einzunehmen - die Nachtriegel-Pille! Gale hat keine mehr. Da kann er lange davon reden, den Sprengpfeil manuell auszul�sen, er wird keine Gelegenheit bekommen. Die Waffen werden ihm die Friedensw�chter bestimmt als Erstes abnehmen.</p><p>Ich lasse mich in einen Durchgang fallen, Tr�nen schie�en mir in die Augen.
<emphasis>Erschie� mich,</emphasis>
wollte er sagen. Ich h�tte ihn erschie�en sollen! Das w�re meine Aufgabe gewesen. Das war das stumme Versprechen, das wir uns gegeben haben, einer dem anderen. Aber ich hab�s nicht getan und jetzt wird das Kapitol ihn t�ten oder foltern oder ihn einweben � In meinem Innern �ffnet sich eine Naht, droht mich zu zerrei�en. Ich habe nur eine Hoffnung. Dass das Kapitol f�llt, seine Waffen niederlegt und seine Gefangenen freil�sst, bevor sie Gale etwas antun. Aber solange Snow am Leben ist, ist das nicht sehr wahrscheinlich.</p><p>Zwei Friedensw�chter rennen vorbei und achten kaum auf das M�dchen aus dem Kapitol, das da an der T�r kauert und vor sich hin wimmert. Ich schlucke die Tr�nen hinunter, wische die, die schon heruntergekullert sind, vom Gesicht, bevor sie dort festfrieren, und rei�e mich wieder zusammen. Letzten Endes bin ich immer noch ein anonymer Fl�chtling. Oder haben die Friedensw�chter, die Gale gefangen genommen haben, mich gesehen, als ich davonlief? Ich ziehe den Mantel auf links, sodass statt der roten Au�enseite das schwarze Futter zu sehen ist. Die Kapuze drapiere ich so, dass sie mein Gesicht verbirgt. Das Gewehr fest gegen die Brust gedr�ckt, begutachte ich den H�userblock. Nur ein paar verst�rt wirkende Nachz�gler sind zu sehen. Ich h�nge mich an zwei alte M�nner, die keine Notiz von mir nehmen. Niemand wird mich bei alten Leuten vermuten. An der n�chsten Kreuzung halten sie pl�tzlich an, sodass ich fast in sie hineinlaufe. Wir stehen vor dem Gro�en Platz. Jenseits der weiten kreisf�rmigen Fl�che, die von m�chtigen Geb�uden umstanden ist, liegt der Pr�sidentenpalast.</p><p>Der Platz ist voller Leute, die umherlaufen, weinen oder einfach nur dasitzen und sich einschneien lassen. Genau die richtige Umgebung. Ich schl�ngele mich durch die Menge in Richtung Pr�sidentenpalast, stolpere �ber zur�ckgelassene Besitzt�mer und erfrorene Gliedma�en. Auf halber Strecke sehe ich den Wall aus Betonbrocken. Er ist gut einen Meter hoch und bildet ein gro�es Rechteck vor dem Palast. Man k�nnte meinen, darin sei niemand, doch das abgesperrte Gel�nde ist voller Fl�chtlinge. Vielleicht ist das die Gruppe, die auserw�hlt wurde, im Palast Zuflucht zu finden? Doch als ich n�her komme, f�llt mir noch etwas auf. Hinter dem Wall sind nur Kinder. Vom S�ugling bis zum Teenager. Ver�ngstigt und verfroren. In Gruppen zusammengedr�ngt oder benommen auf dem Boden sitzend. Man l�sst sie nicht in den Palast. Sie sind dort eingepfercht und werden auf allen Seiten von Friedensw�chtern bewacht. Mir ist sofort klar, dass das nicht zu ihrem Schutz geschieht. Wenn das Kapitol sie in Sicherheit h�tte bringen wollen, dann w�ren sie irgendwo in einem Bunker. Aber sie sollen Snow besch�tzen. Die Kinder bilden einen menschlichen Schutzschild f�r ihn.</p><p>Unruhe kommt auf und die Menge wogt nach links. Kr�ftigere Leute �berholen mich, dr�ngen mich zur Seite, bringen mich vom Kurs ab. Von allen Seiten ert�nen Rufe: �Die Rebellen! Die Rebellen!� Offenbar haben sie den Durchbruch geschafft. Ich werde gegen einen Fahnenmast gedr�ckt und halte mich daran fest. Mithilfe des herunterh�ngenden Seils ziehe ich mich aus dem Gedr�nge. Jetzt kann ich die Rebellenarmee sehen, die auf den Gro�en Platz str�mt und die Fl�chtlinge zur�ck in die Hauptstra�en dr�ngt. Ich suche die Gegend nach Kapseln ab, die bestimmt gleich hochgehen werden. Aber nichts dergleichen geschieht. Es geschieht etwas anderes.</p><p>�ber den eingeschlossenen Kindern erscheint ein Hovercraft mit dem Wappen des Kapitols. Zahllose silberne Fallschirme regnen auf sie herab. Selbst in diesem Chaos wissen die Kinder, was die Fallschirme enthalten. Essen. Medikamente. Geschenke. Eifrig sammeln sie sie auf, die erfrorenen Finger k�mpfen mit den Schn�ren. Das Hovercraft verschwindet, f�nf Sekunden vergehen, dann explodieren etwa zwanzig der Fallschirme gleichzeitig.</p><p>Ich h�re Schreie aus der Menge. Der Schnee ist rot, �berall liegen kleine K�rperteile herum. Viele Kinder sind auf der Stelle tot, andere liegen sterbend auf dem Boden. Manche taumeln stumm umher, starren auf die noch heilen Fallschirme in ihren H�nden, als enthielten sie immer noch etwas Wertvolles. An der Art, wie die Friedensw�chter die Barrikaden wegrei�en und den Kindern einen Weg �ffnen, erkenne ich, dass sie nicht wussten, was kommen w�rde. Noch eine Schar wei�er Uniformen rennt durch die entstandene �ffnung. Keine Friedensw�chter diesmal. Es sind Sanit�ter. Sanit�ter der Rebellen. Diese Uniformen w�rde ich �berall erkennen. Mit Verbandsets ausgestattet, verteilen sie sich in der Kinderschar.</p><p>Zuerst erkenne ich den blonden Zopf, der �ber ihren R�cken f�llt. Als sie den Mantel auszieht, um ein wimmerndes Kind zuzudecken, bemerke ich den Entenschwanz, den ihr herausgerutschtes Hemd bildet. Ich reagiere genauso wie an dem Tag, als Effie Trinket bei der Ernte ihren Namen verlas. Alle Kraft muss aus mir gewichen sein, denn pl�tzlich kauere ich am Fu� des Fahnenmasts und wei� nicht, was in den vergangenen Sekunden geschehen ist. Dann rappele ich mich auf und dr�nge mich durch die Menge, wie vorher. Versuche ihren Namen zu rufen, den L�rm zu �bert�nen. Als ich fast da bin, fast an der Betonmauer, meine ich, dass sie mich h�rt. Denn einen kurzen Augenblick lang erblickt sie mich, ihre Lippen formen meinen Namen.</p><p>In diesem Moment gehen die restlichen Fallschirme hoch.</p><p><strong>25</strong></p><p>Wahr oder nicht wahr? Ich stehe in Flammen. Feuerb�lle sind aus den Fallschirmen durch die schneeges�ttigte Luft geschossen, sie haben den Betonwall �berwunden und sind �ber der Menge niedergegangen. Ich wollte mich gerade abwenden, da wurde ich getroffen, eine brennende Zunge lief �ber meinen R�cken und hat mich in etwas Neues verwandelt. Ein Gesch�pf, so unausl�schlich wie die Sonne.</p><p>Eine Feuermutation kennt nur eine Empfindung: Todesqual. Nichts sehen, nichts h�ren, nichts sp�ren au�er dem erbarmungslosen Brennen von Fleisch. Unterbrochen von Phasen der Bewusstlosigkeit, aber was spielt das f�r eine Rolle, wenn ich darin keine Zuflucht finde? Ich bin Cinnas Vogel, brennend, panisch umherflatternd, auf der Flucht vor etwas, dem man nicht entfliehen kann. Flammenfedern wachsen aus meinem K�rper. Das Fl�gelschlagen facht die Glut nur noch mehr an. Ich verbrenne, es nimmt kein Ende.</p><p>Endlich ger�t das Flattern ins Stocken, ich verliere an H�he, und die Schwerkraft zieht mich in ein sch�umendes Meer, das die Farbe von Finnicks Augen hat. Ich treibe auf dem R�cken, der auch unter Wasser noch brennt, aber die Todesqual verwandelt sich nach und nach in Schmerz. W�hrend ich hilflos auf den Wellen treibe, kommen sie. Die Toten.</p><p>Die ich liebte, fliegen �ber mir wie V�gel am Himmel. Sie schie�en hinauf, vollf�hren Kapriolen, rufen mich, ich solle mich zu ihnen gesellen. Wie gern w�rde ich ihnen folgen, doch das Meerwasser hat meine Fl�gel schwer gemacht, ich kann sie nicht heben. Die ich hasste, sind ins Wasser gegangen, schreckliche geschuppte Wesen, die mit nadelspitzen Z�hnen mein salziges Fleisch herausrei�en. Immer und immer wieder bei�en sie hinein. Ziehen mich nach unten.</p><p>Der kleine wei�-rosa Vogel taucht hinab und schl�gt die Krallen in meine Brust, versucht mich oben zu halten.
<emphasis>�Nein, Katniss! Nein! Du darfst nicht gehen!�</emphasis></p><p>Doch die ich hasste, behalten die Oberhand, und wenn sie sich weiter an mich klammert, wird auch sie verloren sein.
<emphasis>�Lass los, Prim!�</emphasis>
Und endlich tut sie es.</p><p>Tief unten im Wasser bin ich von allen verlassen. Nur das Ger�usch meines Atems, die enorme Anstrengung, das Wasser einzuatmen und aus der Lunge zu pressen. Ich m�chte nicht mehr, m�chte den Atem anhalten, aber das Meer dr�ngt sich gewaltsam hinein und hinaus, gegen meinen Willen.
<emphasis>�Lasst mich sterben. Lasst mich den anderen folgen�,</emphasis>
bitte ich die Macht, die mich festh�lt. Niemand antwortet mir.</p><p>Gefangen f�r Tage, Jahre, Jahrhunderte vielleicht. Tot, ohne sterben zu d�rfen. Am Leben, aber so gut wie tot. So allein, dass alles, jeder willkommen w�re, egal wie abscheulich. Als endlich ein Besucher kommt, ist er s��. Morfix. Es str�mt durch meine Adern, lindert den Schmerz, macht meinen K�rper so leicht, dass er wieder aufsteigt und auf den Schaumkronen bleibt.</p><p>Schaum. Ich treibe wirklich auf Schaum. Ich f�hle ihn unter den Fingerspitzen, meinen nackten K�rper wiegend. Durch den starken Schmerz dringt so etwas wie Realit�t. Meine Kehle wie Sandpapier. Der Geruch der Brandwundensalbe aus der ersten Arena. Die Stimme meiner Mutter. All das macht mir Angst, deshalb versuche ich, in die Tiefe zur�ckzukehren, um mir einen Reim darauf zu machen. Aber es gibt kein Zur�ck. Allm�hlich muss ich akzeptieren, wer ich bin. Ein M�dchen mit schweren Verbrennungen und ohne Fl�gel. Ohne Feuer. Ohne Schwester.</p><p>Im grellwei�en Krankenhaus des Kapitols vollbringen die �rzte wahre Wunderwerke an mir. Umh�llen meinen rohen K�rper mit neuen Hautbahnen. Bringen die Zellen dazu, sich mir zugeh�rig zu f�hlen. Manipulieren meine K�rperteile, beugen und strecken die Gliedma�en, damit alles gut passt. Immer wieder bekomme ich zu h�ren, wie viel Gl�ck ich gehabt habe. Meine Augen sind verschont geblieben. Der gr��te Teil meines Gesichts ist verschont geblieben. Meine Lunge spricht auf die Behandlung an. Ich werde so gut wie neu sein.</p><p>Als meine zarte Haut fest genug ist, um den Druck von Bettt�chern auszuhalten, kommen weitere Besucher. Das Morfix �ffnet die T�r zu den Lebenden und den Toten gleicherma�en. Haymitch, gelbgesichtig und ernst. Cinna, der an einem neuen Hochzeitskleid n�ht. Delly, die davon schw�rmt, wie nett hier alle sind. Mein Vater singt die vier Strophen des �Henkersbaums� und ermahnt mich, dass meine Mutter - die zwischen zwei Schichten auf einem Stuhl in meinem Zimmer schl�ft - das nicht wissen darf.</p><p>Eines Tages wache ich wie vorgesehen auf und wei�, dass man mir nicht erlauben wird, weiter in meinem Traumland zu leben. Ich muss essen. Meine Muskeln bewegen. Auf Toilette gehen. Ein kurzer Besuch von Pr�sidentin Coin entscheidet die Sache.</p><p>�Keine Sorge�, sagt sie. �Ich habe ihn f�r dich reserviert.�</p><p>Die �rzte fragen sich zunehmend verwirrt, warum ich nicht sprechen kann. Tests werden gemacht, doch die festgestellten Sch�den an meinen Stimmb�ndern sind nicht die Ursache. Schlie�lich �u�ert Dr. Aurelius, ein Psychodoktor, die Theorie, dass ich vielleicht nicht physisch, wohl aber seelisch zum Avox geworden bin. Dass mein Schweigen auf ein emotionales Trauma zur�ckzuf�hren sei. Zig Behandlungen werden ihm vorgeschlagen, aber er sagt nur, man solle mich einfach in Ruhe lassen. W�hrend ich also nach nichts und niemandem frage, bringen die Besucher mir immer neue Informationen. �ber den Krieg: Das Kapitol fiel noch an dem Tag, als die Fallschirme explodierten, Panem wird jetzt von Pr�sidentin Coin gef�hrt, und Truppen wurden ausgesandt, um die letzten Widerstandsnester auszuschalten. �ber Pr�sident Snow: Er wurde gefangen genommen und wartet nun auf seinen Prozess und die fast sichere Hinrichtung. �ber meine Attent�terbande: Cressida und Pollux sind in die Distrikte geschickt worden, um �ber die Kriegssch�den zu berichten. Gale, der bei einem Fluchtversuch zwei Kugeln abbekommen hat, s�ubert Distrikt 2 von Friedensw�chtern. Peeta liegt wie ich mit Verbrennungen auf der Intensivstation. Hat er es also auch auf den Gro�en Platz geschafft. �ber meine Familie: Meine Mutter begr�bt ihren Kummer unter Arbeit.</p><p>Da ich keine Arbeit habe, begr�bt mein Kummer mich. Was mich am Leben h�lt, ist Coins Versprechen. Dass ich Snow t�ten kann. Wenn das vollbracht ist, wird nichts mehr �brig sein.</p><p>Irgendwann werde ich aus dem Krankenhaus entlassen und bekomme ein Zimmer im Pr�sidentenpalast zugewiesen, das ich mir mit meiner Mutter teile. Sie ist fast nie da, sie isst und schl�ft auf der Arbeit. Es f�llt Haymitch zu, nach mir zu schauen und sicherzustellen, dass ich esse und meine Medikamente nehme. Keine leichte Aufgabe. Ich greife meine alten Gewohnheiten aus Distrikt 13 wieder auf. Wandere unbefugt durch den Palast. Betrete Schlafzimmer und B�ros, Fests�le und B�der. Suche nach absonderlichen kleinen Verstecken. Ein Wandschrank mit Pelzm�nteln. Ein B�cherschrank in der Bibliothek. Eine in Vergessenheit geratene Badewanne in einem Raum mit ausrangierten M�beln. Schummrige, stille Pl�tze, wo ich unauffindbar bin. Ich rolle mich zusammen, mache mich ganz klein, versuche zu verschwinden. Eingeh�llt in die Stille, drehe ich das Armband mit der Aufschrift GEISTIG VERWIRRT immer und immer wieder um mein Handgelenk.</p><p><emphasis>Ich hei�e Katniss Everdeen. Ich bin siebzehn Jahre alt. Meine Heimat ist Distrikt 12. Distrikt 12gibt es nicht mehr. Ich bin der Spottt�lpel. Ich habe das Kapitol gest�rzt. Pr�sident Snow hasst mich. Er hat meine Schwester get�tet. Jetzt werde ich ihn t�ten. Und dann sind die Hungerspiele zu Ende �</emphasis></p><p>In regelm��igen Abst�nden finde ich mich in meinem Zimmer wieder und wei� nicht, ob es aus dem Bed�rfnis nach Morfix heraus geschah oder ob Haymitch mich aufgest�bert hat. Ich esse, nehme meine Medikamente und muss mich waschen. Das Wasser macht mir nichts aus, nur der Spiegel, in dem sich der nackte K�rper einer Feuermutation zeigt. Die transplantierten Hautst�cke sind noch immer so rosig wie bei einem Neugeborenen. Die gesch�digte Haut, die man noch retten konnte, sieht rot aus, hei� und stellenweise geschmolzen. Flecken meines alten Ichs leuchten wei� und blass. Ich bin wie eine Patchworkdecke aus Haut. Teile meines Haars wurden vollst�ndig versengt; die Reste wurden ohne gro�e Umst�nde abgeschnitten. Katniss Everdeen, das M�dchen, das in Flammen stand. Es w�re mir egal, br�chte der Anblick meines K�rpers nicht die Erinnerung an den Schmerz zur�ck. Und an den Grund, warum ich diese Schmerzen aushalten musste. Und daran, was geschah, bevor die Schmerzen einsetzten. Und wie ich mit ansah, wie meine kleine Schwester zur menschlichen Fackel wurde.</p><p>Es n�tzt nichts, wenn ich die Augen schlie�e. Im Dunkeln lodert das Feuer heller.</p><p>Ab und zu kommt Dr. Aurelius vorbei. Ich mag ihn, weil er kein dummes Zeug redet, dass ich au�er Gefahr sei zum Beispiel oder dass ich, auch wenn ich es mir jetzt nicht vorstellen k�nne, eines Tages wieder gl�cklich sein werde, oder gar, dass jetzt in Panem alles besser wird. Er fragt mich nur, ob ich reden m�chte, und wenn ich keine Antwort gebe, schl�ft er auf seinem Stuhl ein. Tats�chlich glaube ich, dass seine Besuche zu einem Gutteil dem Umstand geschuldet sind, dass er einfach mal die Augen zumachen muss. Ein Arrangement, das uns beiden entgegenkommt.</p><p>Der Zeitpunkt r�ckt n�her, obwohl ich nicht sagen k�nnte, wie viele Stunden und Minuten es noch sind. Pr�sident Snow wurde der Prozess gemacht und er wurde f�r schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Haymitch sagt es mir, und ich h�re die Wachen dar�ber sprechen, wenn ich hinter ihrem R�cken durch die Flure schleiche. Mein Spottt�lpelkost�m wird aufs Zimmer gebracht. Mein Bogen ebenfalls, er sieht tadellos aus, allerdings fehlen K�cher und Pfeile. Entweder weil sie besch�digt sind oder, und das ist wahrscheinlicher, weil ich keine Waffen bei mir tragen darf. Ich frage mich fl�chtig, ob ich mich nicht irgendwie auf das Ereignis vorbereiten sollte, aber mir f�llt nicht ein, wie.</p><p>An einem Sp�tnachmittag stehe ich, nachdem ich lange an einem bequemen Fensterplatz hinter einem bemalten Paravent gesessen habe, auf und wende mich nach links statt nach rechts wie sonst immer. Ich gehe durch einen fremden Teil des Palasts und verliere sofort die Orientierung. Anders als der Trakt, in dem ich untergebracht bin, scheint hier niemand zu sein, den man fragen kann. Mir gef�llt�s hier trotzdem. Schade, dass ich ihn nicht fr�her entdeckt habe. Es ist so ruhig hier, dicke L�ufer und schwere Wandteppiche schlucken alle Ger�usche. Sanfte Beleuchtung. Gedeckte Farben. Friedlich. Bis ich die Rosen rieche. Schnell verstecke ich mich hinter Vorh�ngen, zittere zu stark, um wegzurennen, und warte auf die Mutationen. Schlie�lich wird mir klar, dass keine Mutationen kommen werden. Was rieche ich dann? Echte Rosen? Bin ich vielleicht in der N�he des Gartens, wo die fiesen Dinger wachsen?</p><p>W�hrend ich den Flur entlangschleiche, wird der Geruch �berm�chtig. Nicht ganz so heftig wie bei echten Mutationen vielleicht, aber unverf�lschter, weil er sich nicht gegen Abwasser und Pulverdampf durchsetzen muss. Ich biege um eine Ecke und stehe zwei �berraschten Wachen gegen�ber. Keine Friedensw�chter nat�rlich. Es gibt keine Friedensw�chter mehr. Allerdings auch keine ordentlichen, grau uniformierten Soldaten aus 13. Diese beiden, ein Mann und eine Frau, tragen die zerrissene, zusammengew�rfelte Kleidung der echten Rebellen. Ausgemergelt, mit verbundenen Wunden, bewachen sie die T�r zu den Rosen. Als ich hindurchgehen will, kreuzen sie vor mir ihre Gewehre.</p><p>�Da k�nnen Sie nicht rein, Fr�ulein�, sagt der Mann.</p><p>�Soldat�, korrigiert ihn die Frau. �Sie k�nnen da nicht rein, Soldat Everdeen. Befehl der Pr�sidentin.�</p><p>Ich stehe da und warte geduldig darauf, dass sie die Gewehre sinken lassen. So will ich ihnen vermitteln, ohne es aussprechen zu m�ssen, dass sich hinter dieser T�r etwas befindet, was ich unbedingt brauche. Nur eine Rose. Eine einzige Bl�te. Um sie Snow ans Revers zu stecken, bevor ich ihn erschie�e. Meine Anwesenheit scheint die Wachen zu verwirren. Sie diskutieren miteinander, ob sie Haymitch benachrichtigen sollen, da ert�nt hinter mir eine Frauenstimme: �Lasst sie hinein.�</p><p>Ich kenne die Stimme, kann sie jedoch nicht gleich zuordnen. Nicht Saum, nicht 13, ganz sicher nicht Kapitol. Ich wende den Kopf und stehe Paylor gegen�ber, der Rebellenf�hrerin aus Distrikt 8. Sie sieht noch mitgenommener aus als damals im Lazarett, aber wer nicht?</p><p>�Auf meine Verantwortung�, sagt Paylor. �Sie hat ein Recht auf alles, was sich hinter dieser T�r befindet.� Das sind ihre Soldaten, nicht die von Coin. Gehorsam senken sie die Waffen und lassen mich durch.</p><p>Am Ende eines kurzen Gangs dr�cke ich Glast�ren auf und trete ein. Der Geruch ist jetzt so stark, dass er weniger intensiv wirkt, als k�nnte meine Nase nicht mehr aufnehmen. Die feuchte, milde Luft tut gut auf meiner hei�en Haut. Und die Rosen sind fantastisch. Reihe um Reihe �ppiger Bl�ten, in opulentem Rosa, Sonnenuntergangsorange und sogar Hellblau. Ich gehe durch die Beete mit den sorgf�ltig beschnittenen Pflanzen und schaue, fasse aber nichts an, denn ich habe schmerzlich erfahren m�ssen, wie t�dlich diese Sch�nheiten sein k�nnen. Auf einmal stehe ich vor ihr. Wie eine Krone prangt sie auf einem schlanken Stock. Eine prachtvolle wei�e Rose, die sich gerade zu �ffnen beginnt. Damit meine Haut nicht mit ihr in Ber�hrung kommt, ziehe ich den linken �rmel �ber die Hand, nehme eine Gartenschere und setze sie am Stiel an, als er pl�tzlich spricht.</p><p>�Ein sch�nes Exemplar.�</p><p>Ich zucke zusammen, die Schere schnappt zu und durchtrennt den Stiel.</p><p>�Farben sind sch�n, nat�rlich, aber nichts ist so perfekt wie Wei�.�</p><p>Ich kann ihn immer noch nicht sehen, doch seine Stimme scheint von einem nahen Beet mit roten Rosen zu kommen. W�hrend ich den Stiel mit der Knospe vorsichtig durch den Stoff meines �rmels festhalte, gehe ich um die Ecke. Da sitzt er auf einem Stuhl nahe bei der Wand. Er ist so gepflegt und gut gekleidet wie immer, tr�gt aber Hand-und Fu�fesseln und Aufsp�rer. Im hellen Licht ist seine Haut gr�nlich bleich. Er h�lt ein Taschentuch in der Hand, das mit frischem Blut befleckt ist. Selbst in diesem heruntergekommenen Zustand leuchten seine Schlangenaugen hell und kalt. �Ich hatte gehofft, du w�rdest den Weg in mein Quartier finden.�</p><p>Sein Quartier. Ich bin in sein Zuhause eingedrungen, so wie er sich letztes Jahr in meins eingeschlichen und mir mit blutigem Rosenatem Drohungen zugezischt hat. Dieses Treibhaus geh�rt zu seinen R�umen, vermutlich ist es sein Lieblingsort; in besseren Zeiten hat er die Pflanzen vielleicht sogar selbst gepflegt. Aber nun ist es Teil seines Gef�ngnisses. Deshalb haben die Wachen mir den Weg versperrt. Und deshalb hat Paylor mich eingelassen.</p><p>Ich hatte vermutet, er werde im tiefsten Kerker verwahrt, den das Kapitol zu bieten hat. Doch Coin hat ihm den Luxus gelassen. Vermutlich, um einen Pr�zedenzfall zu schaffen. Sollte dereinst sie selbst einmal in Ungnade fallen, w�re es ganz selbstverst�ndlich, dass Pr�sidenten - selbst die verabscheuungsw�rdigsten - eine besondere Behandlung verdient haben. Denn wer wei�, vielleicht schwindet ihre eigene Macht ja auch einmal.</p><p>�Es gibt so vieles, was wir bereden sollten, aber mein Gef�hl sagt mir, dass das nur ein kurzer Besuch sein wird. Also das Wichtigste zuerst.� Er beginnt zu husten, und als er das Taschentuch vom Mund nimmt, ist es noch r�ter. �Ich m�chte dir sagen, wie leid mir das mit deiner Schwester tut.�</p><p><strong>26</strong></p><p>Selbst in meinem abgestumpften, bet�ubten Zustand versetzt mir das einen Stich. Und erinnert mich daran, dass seine Grausamkeit grenzenlos ist. Und dass er noch auf dem Weg ins Grab versuchen wird, mich zu zerst�ren.</p><p>�So sinnlos, so unn�tig. Zu dem Zeitpunkt wusste doch jeder, dass das Spiel aus war. Tats�chlich wollte ich gerade eine offizielle Kapitulationserkl�rung herausgeben, als sie diese Fallschirme abwarfen.� Sein Blick klebt f�rmlich an mir, unverwandt, als wollte er kein Fitzelchen meiner Reaktion verpassen. Aber was er sagt, ergibt keinen Sinn. Als
<emphasis>sie</emphasis>
die Fallschirme abwarfen? �Du hast doch nicht allen Ernstes gedacht, ich h�tte den Befehl dazu gegeben, oder? Hast du etwa die offensichtliche Tatsache au�er Acht gelassen, dass ich mich, h�tte ich ein flugt�chtiges Hovercraft zur Verf�gung gehabt, nat�rlich unverz�glich aus dem Staub gemacht h�tte? Aber davon einmal abgesehen, wozu h�tte das gut sein sollen? Wir beide wissen, dass es nicht unter meiner W�rde ist, Kinder zu t�ten, aber ich bin kein Verschwender. Wenn ich ein Leben nehme, dann aus ganz bestimmten Gr�nden. Ich hatte aber keinen Grund, einen Pferch voller Kinder in die Luft zu sprengen. Nicht den geringsten.�</p><p>Ich frage mich, ob der nun folgende Hustenanfall gespielt ist, damit ich Zeit habe, seine Worte zu verarbeiten. Er l�gt. Nat�rlich l�gt er. Aber da ist auch etwas, das sich von der L�ge zu befreien versucht.</p><p>�Wie dem auch sei, ich muss gestehen, es war ein Meisterst�ck von Coin. Die Vorstellung, dass ich unsere eigenen hilflosen Kinder bombardieren lasse, zerst�rte unverz�glich den Rest an Loyalit�t, den meine Untertanen mir noch entgegenbrachten. Danach gab es keinen echten Widerstand mehr. Wusstest du, dass es live �bertragen wurde? Daran erkennt man Plutarchs Handschrift. Und an den Fallschirmen. Tja-ja, diese Denkweise sollte ein Oberster Spielmacher doch auch mitbringen, nicht?� Snow betupft sich die Mundwinkel. �Sicher hatte er es nicht auf deine Schwester abgesehen, aber so was passiert.�</p><p>Ich bin nicht mehr bei Snow. Ich bin wieder in 13 in der Abteilung Geheimwaffen, zusammen mit Gale und Beetee. Sehe mir die Zeichnungen an, die auf Gales Fallen beruhen. Die auf menschliche Instinkte bauen. Die erste Bombe t�tet die Opfer. Die zweite die Retter. Ich erinnere mich an Gales Worte.</p><p><emphasis>�Beetee und ich halten uns an dieselben Vorschriften wie Pr�sident Snow, als er Peeta eingewebt hat.�</emphasis></p><p>�Mein Vers�umnis�, f�hrt Snow fort, �war es, dass ich Coins Plan nicht schnell genug durchschaut habe. Das Kapitol und die Distrikte einander zerst�ren zu lassen und dann einzumarschieren und die Macht zu �bernehmen, w�hrend 13 kaum einen Kratzer abbekommen hat. T�usch dich nicht, sie wollte von Anfang an meinen Platz einnehmen. Das d�rfte mich nicht �berraschen. Schlie�lich war es Distrikt 13, der die Rebellion, die in die Dunklen Tage m�ndete, angezettelt und dann die anderen Distrikte sich selbst �berlassen hat, als das Blatt sich gegen sie wendete. Aber ich habe nicht auf Coin geschaut. Ich habe auf dich geschaut, Spottt�lpel. Und du hast auf mich geschaut. Ich f�rchte, wir sind beide an der Nase herumgef�hrt worden.�</p><p>Ich weigere mich anzuerkennen, dass er die Wahrheit spricht. Manches kann nicht mal ich ertragen. Ich spreche die ersten Worte seit dem Tod meiner Schwester aus. �Ich glaube Ihnen nicht.�</p><p>In gespielter Entt�uschung sch�ttelt Snow den Kopf. �Ach, mein liebes Fr�ulein Everdeen. Ich dachte, wir h�tten ausgemacht, einander nicht zu bel�gen.�</p><p>Drau�en im Flur steht Paylor noch an der gleichen Stelle wie vorher. �Und? Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?�, fragt sie.</p><p>Als Antwort halte ich die wei�e Knospe hoch und stolpere dann an ihr vorbei. Irgendwie muss ich es zur�ck in mein Zimmer geschafft haben, weil ich kurz darauf im Bad ein Glas mit Wasser f�lle und die Rose hineinstelle. Knie mich auf dem eisigen Boden hin und schaue die Blume mit zusammengekniffenen Augen an, denn in dem kahlen fluoreszierenden Licht ist ihr Wei� kaum zu erkennen. Ich fahre mit dem Finger unter mein Armband und drehe daran wie an einem Druckverband, bis das Gelenk wehtut. Vielleicht h�lt der Schmerz mich in der Wirklichkeit, so wie die Handschellen Peeta. Ich muss durchhalten. Ich muss die Wahrheit herausfinden.</p><p>Es gibt eigentlich nur zwei M�glichkeiten. Entweder ist es so, wie ich bisher gedacht habe: Das Kapitol hat das Hovercraft geschickt, die Fallschirme abgeworfen und das Leben seiner Kinder geopfert, weil es wusste, dass die nahenden Rebellen ihnen zu Hilfe eilen w�rden. Daf�r g�be es Beweise: das Wappen des Kapitols auf dem Hovercraft, der unterbliebene Versuch, den Feind abzuschie�en, sowie die lange Tradition, im Kampf gegen die Distrikte Kinder als Geiseln einzusetzen. Oder aber Snows Darstellung ist korrekt. Ein mit Rebellen bemanntes Hovercraft des Kapitols hat die Kinder bombardiert, um den Krieg m�glichst rasch zu beenden. Aber warum hat das Kapitol dann nicht auf den Feind geschossen? Waren sie zu �berrascht? Hatten sie keine Luftabwehr mehr? F�r Distrikt 13 sind Kinder besonders wertvoll, zumindest hatte es immer den Anschein. Na ja, mich vielleicht ausgenommen. Als ich meine Schuldigkeit getan hatte, war ich auf einmal entbehrlich. Allerdings d�rfte es lange her sein, dass man mich in diesem Krieg als Kind betrachtet hat. Aber warum h�tten sie das tun sollen, wo sie doch davon ausgehen mussten, dass ihre eigenen Sanit�ter zu Hilfe eilen und von der zweiten Explosion get�tet werden w�rden? Es ist ausgeschlossen, dass sie das getan haben. Snow l�gt. Er versucht mich doch nur wieder zu manipulieren. Er hofft, mich zum Feind der Rebellen zu machen und sie wom�glich zu vernichten. Ja. Nat�rlich.</p><p>Warum nagt es dann so an mir? Zuerst diese zeitversetzt explodierenden Bomben. M�glich, dass auch das Kapitol �ber solche Waffen verf�gt hat, von den Rebellen wei� ich es ganz sicher. Gales und Beetees Erfindung. Hinzu kommt die Tatsache, dass Snow, obwohl er so ein �berlebensk�nstler ist, keinen Fluchtversuch unternommen hat. Kaum anzunehmen, dass er nicht irgendwo einen Unterschlupf gehabt haben soll, irgendeinen Bunker voller Vorr�te, wo er den Rest seines hinterh�ltigen Lebens unbehelligt h�tte verbringen k�nnen. Und schlie�lich seine Einsch�tzung von Coin. Es stimmt, was er gesagt hat. Sie hat Kapitol und Distrikte in den Kampf geschickt, und als die sich verausgabt hatten, ist sie einfach hereinspaziert und hat die Macht �bernommen. Aber selbst wenn sie das von Anfang an so geplant h�tte, muss sie noch lange nicht die Fallschirme abgeworfen haben. Sie hatte den Sieg doch schon in der Hand. Alles hatte sie in der Hand.</p><p>Au�er mir.</p><p>Mir f�llt ein, was Boggs erwidert hat, als ich sagte, ich h�tte mir noch keine gro�en Gedanken �ber Snows Nachfolger gemacht. �
<emphasis>Wenn du nicht spontan</emphasis>
Coin
<emphasis>sagen kannst, bist du eine Bedrohung. Du bist das Gesicht der Rebellion. M�glicherweise hast du mehr Einfluss als jeder andere. Nach au�en hin hast du Coin bisher allenfalls toleriert, mehr nicht.�</emphasis></p><p>Pl�tzlich denke ich an Prim, die noch nicht vierzehn war, noch nicht alt genug, um Soldat zu sein, die aber trotzdem an vorderster Front gek�mpft hat. Wie konnte das passieren? Dass meine Schwester selbst dorthin wollte, daran habe ich keinen Zweifel. Und es steht auch fest, dass sie f�higer war als viele �ltere. Trotzdem h�tte es der Genehmigung einer sehr hochgestellten Pers�nlichkeit bedurft, damit eine Dreizehnj�hrige in den Kampf ziehen kann. Hat Coin diese Genehmigung erteilt, in der Hoffnung, dass Prims Verlust mich vollends in den Wahnsinn treiben oder mich wenigstens zu ihrer Verb�ndeten machen w�rde? Ich h�tte es nicht mal pers�nlich miterleben m�ssen. Auf dem Gro�en Platz standen zahllose Kameras. Die den Augenblick f�r immer eingefangen h�tten.</p><p>Nein, ich werde ja total verr�ckt, ich leide schon unter Verfolgungswahn! Es g�be doch viel zu viele Mitwisser. Irgendetwas w�rde durchsickern. Oder vielleicht nicht? Wer m�sste denn eingeweiht sein au�er Coin, Plutarch und einer kleinen Schar loyaler oder gef�giger Gefolgsleute?</p><p>Ich brauche unbedingt jemanden, mit dem ich dar�ber reden kann, nur dass alle, denen ich vertraue, tot sind. Cinna. Boggs. Finnick. Prim. Peeta ist noch da, aber er k�nnte auch nicht mehr tun als spekulieren, und au�erdem wei� ich nicht, in welchem Geisteszustand er sich befindet. Bliebe nur noch Gale, und der ist weit weg. Aber selbst wenn er hier bei mir w�re - k�nnte ich ihm trauen? Was k�nnte ich sagen, wie k�nnte ich es formulieren, ohne gleichzeitig zu sagen, dass es seine Bombe war, die Prim get�tet hat? Weil diese Vorstellung so absolut unm�glich ist, muss Snow einfach die Unwahrheit sagen.</p><p>Letztendlich bleibt nur ein Mensch, an den ich mich wenden kann, der vielleicht wei�, was geschehen ist, und der noch auf meiner Seite steht. Es ist ein Risiko, das Thema �berhaupt anzuschneiden. Ich bin zwar der Meinung, dass Haymitch in der Arena mit meinem Leben gespielt hat, aber dass er mich an Coin verr�t, glaube ich nicht. Egal, welche Probleme wir miteinander haben, unsere Konflikte kl�ren wir untereinander.</p><p>Ich rappele mich hoch, renne aus dem Badezimmer und �ber den Flur zu seinem Zimmer. Niemand antwortet auf mein Klopfen, deshalb mache ich selbst die T�r auf. Igitt! Unglaublich, wie schnell er einen Raum verw�sten kann. Halb leer gegessene Teller, zertr�mmerte Schnapsflaschen und demoliertes Mobiliar zeugen von einem Wutanfall in betrunkenem Zustand. Ungek�mmt und ungewaschen liegt Haymitch besinnungslos in einem Kn�uel aus Laken auf dem Bett.</p><p>�Haymitch�, sage ich und r�ttele an seinem Bein. Nat�rlich reicht das nicht. Ich versuche es trotzdem noch ein paarmal, ehe ich ihm den Wassereimer �bers Gesicht kippe. Nach Luft schnappend, kommt er zu sich und sticht blindlings mit seinem Messer nach mir. Offenbar bedeutet Snows Ende nicht das Ende seiner Schrecken.</p><p>�Ach. Du�, sagt er. An seiner Stimme erkenne ich, dass er immer noch betrunken ist.</p><p>�Haymitch�, hebe ich an.</p><p>�Sieh an. Der Spottt�lpel hat seine Stimme wiedergefunden.�</p><p>Er lacht. �Na, da wird Plutarch sich aber freuen.� Er nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche. �Warum bin ich eigentlich so nass?� Unauff�llig lasse ich den Eimer hinter mich in einen Stapel Schmutzw�sche fallen.</p><p>�Ich brauche deine Hilfe�, sage ich.</p><p>Haymitch r�lpst und f�llt die Luft mit Schnapsausd�nstungen. �Was ist denn los, S��e? Wieder Stress mit den Jungs?� Ich wei� nicht, warum, aber damit verletzt Haymitch mich so wie nur selten. Es muss mir anzusehen sein, denn selbst in seinem betrunkenen Zustand versucht er zur�ckzurudern. �Okay, war nicht witzig.� Ich bin schon an der T�r. �Nicht witzig! Komm zur�ck!� Ich h�re, wie er auf dem Boden aufschl�gt, und daran merke ich, dass er mir wohl nachlaufen wollte. Ein aussichtsloses Unterfangen.</p><p>Ich renne kreuz und quer durch den Palast und verschwinde in einem Schrank. Rei�e die Seidenkleider darin vom Haken und lasse mich in den entstandenen Haufen sinken. Im Futter meiner Tasche finde ich eine einsame Morfix-Tablette und schlucke sie trocken hinunter, um die aufkeimende Hysterie abzuwenden. Doch es reicht nicht, um alles wiedergutzumachen. Aus der Ferne h�re ich Haymitch rufen, aber in seinem Zustand wird er mich nicht finden. Besonders nicht in diesem neuen Versteck. Eingeh�llt in Seide, f�hle ich mich wie eine Raupe im Kokon, die auf die Metamorphose wartet. Etwas, das ich mir immer als friedlichen Zustand vorgestellt hatte. Anfangs ist es das auch. Doch mit fortschreitender Nacht f�hle ich mich immer mehr in der Falle, erstickt von den seidigen T�chern, unf�hig herauszukommen, bevor ich mich in etwas Sch�nes verwandelt habe. Ich winde mich, versuche meinen zerst�rten K�rper abzusto�en und hinter das Geheimnis zu kommen, wie mir makellose Fl�gel wachsen k�nnten. Aller Anstrengung zum Trotz bleibe ich ein h�ssliches, von Brandbomben entstelltes Wesen.</p><p>Die Begegnung mit Snow �ffnet die T�ren zu meinem alten Repertoire an Albtr�umen. Als w�re ich erneut von den J�gerwespen gestochen worden. Schreckliche Bilder folgen in Wellen aufeinander, dazwischen eine kurze Atempause, die ich mit Wachsein verwechsele, nur um gleich darauf von einer neuen Welle zur�ckgesto�en zu werden. Als die Wachen mich endlich finden, sitze ich auf dem Boden des Schranks in einem wirren Kn�uel Seide und schreie mir die Seele aus dem Leib. Erst wehre ich mich, bis sie mich �berzeugen, dass sie mir nur helfen wollen, die w�rgenden Kleider zu entfernen, und mich zur�ck in mein Zimmer geleiten. Unterwegs kommen wir an einem Fenster vorbei und ich sehe einen grauen, verschneiten Morgen �ber dem Kapitol d�mmern.</p><p>Ein reichlich verkaterter Haymitch wartet mit einer Handvoll Pillen und einem Tablett Essen, auf das weder sein noch mein Magen Appetit hat. Er unternimmt einen halbherzigen Versuch, mich wieder zum Sprechen zu bringen, doch als er sieht, dass es zwecklos ist, schickt er mich in die Badewanne, die jemand hat einlaufen lassen. Die Wanne ist tief und hat drei Stufen. Ich lasse mich ins warme Wasser gleiten, und so, bis zum Hals in Schaum, sitze ich da und hoffe, dass die Medikamente bald wirken. Ich starre auf die Rose, die �ber Nacht aufgegangen ist und die dampfende Luft mit ihrem kr�ftigen Duft schw�ngert. Ich stehe auf und will ein Handtuch nehmen, um ihn zu ersticken, als es zaghaft klopft. Die Badezimmert�r wird ge�ffnet und drei vertraute Gesichter kommen zum Vorschein. Sie versuchen, mich anzul�cheln, doch selbst Venia kann nicht verbergen, wie geschockt sie �ber meinen verw�steten Mutationsk�rper ist. ��berraschung!�, quiekt Octavia, dann bricht sie in Tr�nen aus. Ich frage mich, weshalb sie hier auftauchen, bis mir klar wird, dass heute der Tag sein muss. Der Tag der Hinrichtung. Sie sollen mich f�r die Kameras herrichten. Mich auf Beauty Zero bringen. Kein Wunder, dass Octavia heult. Die Aufgabe ist unm�glich.</p><p>Sie trauen sich kaum, den Flickenteppich meiner Haut zu ber�hren, aus Angst, sie k�nnten mir wehtun, deshalb dusche und trockne ich mich selbst ab. Ich beruhige sie, dass ich kaum noch Schmerzen habe, aber Flavius schreckt trotzdem zur�ck, als er mir einen Umhang umlegt. Im Schlafzimmer wartet noch eine �berraschung auf mich. Aufrecht sitzt sie auf einem Stuhl, von der Goldmetallic-Per�cke bis zu den Lacklederpumps auf Hochglanz poliert, ein Klemmbrett in der Hand. Bemerkenswert unver�ndert, bis auf den leeren Blick in ihren Augen.</p><p>�Effie�, sage ich.</p><p>�Hallo, Katniss.� Sie steht auf und k�sst mich auf die Wange, als w�re seit unserer letzten Begegnung am Abend vor dem Jubel-Jubil�um nichts vorgefallen. �Tja, sieht aus, als h�tten wir wieder einen gro�en, gro�en, gro�en Tag vor uns. Fangt ihr doch schon mit der Vorbereitung an, ich gehe auf einen Sprung r�ber und kontrolliere die Arrangements, ja?�</p><p>�Okay�, sage ich zu ihrem R�cken.</p><p>�Es hei�t, Plutarch und Haymitch h�tten mit allen Mitteln daf�r gek�mpft, dass sie am Leben bleibt�, fl�stert mir Venia zu. �Nach deiner Flucht war sie als Mitwisserin eingesperrt worden, das hat sie gerettet.�</p><p>Effie Trinket eine Rebellin. Das ist ziemlich weit hergeholt. Aber ich m�chte nicht, dass Coin sie umbringt, deshalb nehme ich mir vor, sie als solche darzustellen, falls danach gefragt wird. �So gesehen, war es auch gut, dass Plutarch euch drei gekidnappt hat.�</p><p>�Wir sind das einzige Vorbereitungsteam, das noch am Leben ist. Auch alle Stylisten vom Jubel-Jubil�um sind tot�, sagt Venia. Sie sagt nicht, wer sie get�tet hat. Ich frage mich langsam, ob das �berhaupt noch eine Rolle spielt. Behutsam nimmt sie meine vernarbte Hand und inspiziert sie. �Hm, was meinst du? Die N�gel rot oder lieber rabenschwarz?�</p><p>Flavius vollbringt ein Wunder mit meinem Haar, zaubert einen gleichm��igen Pony und �berdeckt mit ein paar der l�ngeren Locken die kahlen Stellen am Hinterkopf. Mein von den Flammen verschontes Gesicht birgt nur die �blichen Herausforderungen. Sobald ich in Cinnas Spottt�lpelkost�m geschl�pft bin, sieht man nur noch die Narben an Hals, Unterarmen und H�nden. Octavia befestigt die Spottt�lpelbrosche �ber meinem Herzen, und wir treten einen Schritt zur�ck, um mich im Spiegel anzuschauen. Ich kann kaum glauben, wie normal ich dank ihrer �u�erlich aussehe, wo ich innerlich doch eine W�ste bin.</p><p>Es klopft und Gale kommt herein. �Hast du kurz Zeit?�, fragt er mich. Im Spiegel betrachte ich mein Vorbereitungsteam. Sie sind unschl�ssig, wohin sie gehen sollen, deshalb laufen sie ein paarmal ineinander und schlie�en sich dann im Badezimmer ein. Gale tritt hinter mich und wir mustern das Spiegelbild des anderen. Ich suche nach etwas, woran ich mich festhalten kann, etwas von dem M�dchen und dem Jungen, die sich vor f�nf Jahren zuf�llig im Wald getroffen haben und unzertrennlich wurden. Ich frage mich, was passiert w�re, wenn die Hungerspiele dieses M�dchen nicht weggeholt h�tten. H�tte es sich in den Jungen verliebt, ihn vielleicht sogar geheiratet? W�ren sie irgendwann sp�ter, wenn die Geschwister gro� geworden w�ren, in den Wald geflohen und h�tten Distrikt 12 f�r immer hinter sich gelassen? W�ren sie gl�cklich geworden in der Wildnis oder h�tte sich die dunkle, tiefe Trauer zwischen ihnen auch ohne Zutun des Kapitols ausgebreitet?</p><p>�Ich habe dir was mitgebracht.� Gale h�lt einen K�cher hoch. Ich nehme ihn und sehe, dass er nur einen einzigen, gew�hnlichen Pfeil enth�lt. �Es soll ein symbolischer Akt sein. Du feuerst den letzten Schuss dieses Krieges ab.�</p><p>�Und wenn ich danebenschie�e?�, frage ich. �Holt Coin den Pfeil wieder und bringt ihn mir? Oder schie�t sie Snow dann einfach selbst in den Kopf?�</p><p>�Du wirst nicht danebenschie�en.� Gale h�ngt mir den K�cher um die Schulter.</p><p>Wir stehen uns gegen�ber, ohne uns in die Augen zu schauen. �Du hast mich nicht in der Krankenstation besucht.� Er antwortet nicht, deshalb spreche ich es irgendwann einfach aus. �War das deine Bombe?�</p><p>�Ich wei� nicht. Und Beetee auch nicht�, sagt er. �Spielt das eine Rolle? Du wirst sowieso immer daran denken.�</p><p>Er wartet darauf, dass ich es abstreite; ich w�rde es gern abstreiten, aber es ist die Wahrheit. Selbst jetzt kann ich den Blitz sehen, der sie erfasst, kann die Hitze der Flammen f�hlen. Und es wird mir nie mehr m�glich sein, diesen Augenblick von Gale zu l�sen. Mein Schweigen ist meine Antwort.</p><p>�Ich hatte es mir fest vorgenommen. Auf deine Familie aufzupassen�, sagt er. �Nicht danebenschie�en, okay?� Er ber�hrt meine Wange und geht. Ich m�chte ihn zur�ckrufen und ihm sagen, dass ich mich geirrt habe. Dass ich einen Weg finden werde, wie ich meinen Frieden mit dieser Sache mache. Indem ich mich an die Umst�nde erinnere, unter denen er die Bombe schuf. Meine eigenen unentschuldbaren Verbrechen bedenke. Herauszufinden versuche, wer die Fallschirme wirklich abgeworfen hat. Beweise, dass es nicht die Rebellen waren. Ihm verzeihe. Aber es geht nicht, und da ich es nicht kann, werde ich mit dem Schmerz leben m�ssen.</p><p>Effie kommt herein, um mich zu irgendeinem Meeting zu begleiten. Ich nehme meinen Bogen und erinnere mich im letzten Augenblick an die strahlende Rose in ihrem Wasserglas. Als ich die T�r zum Bad �ffne, sitzt mein Vorbereitungsteam in einer Reihe auf dem Wannenrand, gebeugt und besiegt. Mir wird bewusst, dass ich nicht die Einzige bin, deren Welt zerst�rt ist. �Los, kommt�, sage ich. �Die Zuschauer warten.�</p><p>Ich habe eine Besprechung zum Ablauf erwartet, bei der Plutarch mir Anweisungen gibt, wo ich stehen soll, und mir das Stichwort nennt, auf das hin ich Snow erschie�en soll. Stattdessen werde ich in einen Raum geschickt, in dem sechs Leute um einen Tisch sitzen. Peeta, Johanna, Beetee, Haymitch, Annie und Enobaria. Alle tragen die grauen Rebellenuniformen aus 13. Keiner sieht besonders fr�hlich aus. �Was soll das?�, frage ich.</p><p>�Wir wissen es nicht�, antwortet Haymitch. �Scheint eine Art Versammlung der verbliebenen Sieger zu sein.�</p><p>�Nur wir sind noch �brig?�, frage ich.</p><p>�Der Preis des Ruhms�, sagt Beetee. �Beide Seiten haben uns unter Beschuss genommen. Das Kapitol hat die Sieger get�tet, die es f�r Rebellen hielt. Und die Rebellen haben diejenigen get�tet, von denen sie dachten, sie seien Verb�ndete des Kapitols.�</p><p>Johanna guckt m�rrisch zu Enobaria. �Und was macht sie dann hier?�</p><p><emphasis>�Sie</emphasis>
ist durch etwas gesch�tzt, das wir den Spottt�lpel-Deal nennen�, sagt Coin, die in diesem Moment hereinkommt, hinter mir. �In welchem Katniss Everdeen zugestimmt hat, im Tausch gegen die Straffreiheit f�r die gefangenen Sieger die Rebellen zu unterst�tzen. Katniss hat ihren Teil der Vereinbarung eingehalten und wir werden es ebenso tun.�</p><p>Enobaria schenkt Johanna ein L�cheln. �Bild dir ja nichts darauf ein�, sagt Johanna. �Wir werden dich so oder so t�ten.�</p><p>�Setz dich bitte, Katniss�, sagt Coin und schlie�t die T�r. Ich setze mich zwischen Annie und Beetee und stelle Snows Rose vorsichtig auf den Tisch. Wie �blich kommt Coin sofort zur Sache. �Ich habe euch hergebeten, weil ich etwas mit euch besprechen muss. Heute werden wir Snow hinrichten. In den vergangenen Wochen sind Hunderte seiner Komplizen, die an der Unterdr�ckung Panems beteiligt waren, verurteilt worden, auch sie warten auf ihre Hinrichtung. Doch das Leiden in den Distrikten war so gro�, dass diese Ma�nahmen den Opfern als ungen�gend erscheinen. Tats�chlich fordern viele die vollst�ndige Vernichtung aller Kapitolbewohner. Dem k�nnen wir allerdings nicht entsprechen, im Interesse einer nachhaltigen Bev�lkerungspolitik.�</p><p>Durch das Wasser im Glas sehe ich verzerrt Peetas Hand. Die Narben der Verbrennungen. Wir sind jetzt beide Feuermutationen. Mein Blick wandert hinauf zu der Stelle, wo die Flammen �ber seine Stirn geleckt und die Brauen versengt, die Augen jedoch verschont haben. Dieselben blauen Augen, mit denen er einst in der Schule in meine sah und dann ganz schnell wegschaute. Genau wie jetzt.</p><p>�Nun denn, es liegt eine Alternative auf dem Tisch. Da meine Kollegen und ich zu keiner gemeinsamen Haltung finden k�nnen, sind wir �bereingekommen, dass wir die Sieger entscheiden lassen. Wenn vier daf�r sind, ist der Plan angenommen. Keiner darf sich enthalten�, sagt Coin. �Der Vorschlag lautet: Statt die gesamte Bev�lkerung des Kapitols zu eliminieren, veranstalten wir ein letztes Mal symbolische Hungerspiele, an denen die Kinder, Neffen, Nichten und Enkel derjenigen teilnehmen, die die meiste Macht innehatten.�</p><p>Wir fahren herum. �Was?�, sagt Johanna.</p><p>�Wir werden noch einmal Hungerspiele mit Kindern aus dem Kapitol veranstalten�, sagt Coin.</p><p>�Machen Sie Witze?�, fragt Peeta.</p><p>�Durchaus nicht. Eins sollte ich noch erw�hnen: Falls diese Hungerspiele stattfinden, werden wir bekannt machen, dass es mit eurer Zustimmung geschah, wobei das individuelle Abstimmungsverhalten zu eurer eigenen Sicherheit geheim gehalten wird�, erl�utert Coin uns.</p><p>�War das Plutarchs Idee?�, fragt Haymitch.</p><p>�Es war meine�, erwidert Coin. �Es scheint mir ein guter Kompromiss zwischen dem Rachebed�rfnis und den geringstm�glichen Verlusten an Leben. Ihr d�rft jetzt abstimmen.�</p><p>�Nein!�, bricht es aus Peeta heraus. �Ich stimme nat�rlich mit Nein! Es darf keine weiteren Hungerspiele geben!�</p><p>�Warum eigentlich nicht?�, kontert Johanna. �Ich finde das nur fair. Snow hat doch auch eine Enkelin. Ich stimme mit Ja.�</p><p>�Ich auch�, sagt Enobaria fast gleichg�ltig. �Wir zahlen es ihnen mit gleicher M�nze heim.�</p><p>�Aber genau dagegen haben wir uns aufgelehnt! Wisst ihr nicht mehr?� Peeta sieht uns an. �Annie?�</p><p>�Ich stimme wie Peeta mit Nein�, sagt sie. �Finnick h�tte sich auch so entschieden, wenn er hier w�re.�</p><p>�Er ist aber nicht hier, weil Snows Mutationen ihn get�tet haben�, erinnert Johanna sie.</p><p>�Nein�, sagt Beetee. �Es w�re ein schlimmer Pr�zedenzfall. Wir m�ssen aufh�ren, einander als Feinde zu betrachten. In unserer Lage ist Einigkeit von fundamentaler Bedeutung f�r unser �berleben. Nein.�</p><p>�Dann fehlen noch Katniss und Haymitch�, sagt Coin.</p><p>Ob es damals genauso war? Vor f�nfundsiebzig Jahren? Hat da auch eine Gruppe von Leuten zusammengesessen und dar�ber abgestimmt, Hungerspiele zu veranstalten? Gab es unterschiedliche Meinungen? Haben manche an das Mitgef�hl der anderen appelliert und wurden von denen �berstimmt, die den Tod der Kinder aus den Distrikten forderten? Der Duft von Snows Rose windet sich durch meine Nase in meine Kehle und schn�rt sie zusammen. Es ist hoffnungslos. So viele Menschen, die ich geliebt habe, sind tot, und wir diskutieren �ber die n�chsten Hungerspiele als Ma�nahme, nicht noch mehr Leben zu verschwenden. Nichts hat sich ge�ndert. Nichts wird sich je �ndern.</p><p>Sorgsam w�ge ich die M�glichkeiten ab, durchdenke alles genau. Den Blick auf die Rose, sage ich: �Ich stimme mit Ja � f�r Prim.�</p><p>�Haymitch, nun ist es an dir�, sagt Coin.</p><p>Peeta best�rmt Haymitch, er k�nne sich doch nicht an solchen Gr�ueltaten beteiligen, aber ich sp�re, wie Haymitch mich ansieht. Jetzt endlich stellen wir fest, wie �hnlich wir uns sind und wie gut er mich versteht.</p><p>�Ich folge dem Spottt�lpel�, sagt er.</p><p>�Hervorragend. Damit steht das Ergebnis fest�, sagt Coin. �Und jetzt ist es h�chste Zeit, dass wir unsere Pl�tze f�r die Hinrichtung einnehmen.�</p><p>Als sie an mir vorbeigeht, halte ich das Glas mit der Rose hoch. �W�re es m�glich, dass Snow sich die ansteckt? Direkt �ber dem Herzen?�</p><p>Coin l�chelt. �Nat�rlich. Und ich werde daf�r sorgen, dass er von den Spielen erf�hrt.�</p><p>�Danke�, sage ich.</p><p>Jetzt kommen lauter Leute in den Raum und machen sich an mir zu schaffen. Ein letztes Mal pudern, Plutarchs Anweisungen, w�hrend ich zum Haupteingang des Pr�sidentenpalasts gef�hrt werde. Der Gro�e Platz quillt �ber, die Leute werden in die Seitenstra�en gesp�lt. Die anderen nehmen drau�en ihre Pl�tze ein. Wachen. Funktion�re. Rebellenf�hrer. Sieger. Jubelrufe verk�nden, dass Coin auf dem Balkon erschienen ist. Pl�tzlich tippt Effie mir auf die Schulter und ich trete hinaus in die kalte Wintersonne. Unter dem ohrenbet�ubenden L�rmen der Menge nehme ich meine Position ein. Weisungsgem�� drehe ich mich zur Seite, damit sie mein Profil sehen k�nnen, und warte. Als Snow aus der T�r gef�hrt wird, rast das Publikum. Er wird mit den H�nden an einen Pfahl gebunden, was gar nicht n�tig w�re. Er wird nicht fliehen. Es gibt keinen Ort, an den er fliehen k�nnte. Dies ist nicht die ger�umige B�hne vor dem Trainingscenter, sondern die schmale Terrasse vor dem Pr�sidentenpalast. Jetzt verstehe ich, warum niemand verlangt hat, dass ich ein bisschen �be. Er steht keine zehn Meter entfernt.</p><p>Ich sp�re den Bogen in meiner Hand vibrieren. Greife nach hinten und ziehe den Pfeil. Lege ihn ein, ziele auf die Rose, schaue ihm aber ins Gesicht. Er hustet und blutiger Speichel rinnt ihm �ber das Kinn. Seine Zunge f�hrt rasch �ber die aufgedunsenen Lippen. In seinen Augen suche ich nach dem leisesten Anzeichen irgendeiner Regung - Angst, Reue, Groll. Aber ich sehe nur den gleichen am�sierten Ausdruck, mit dem unsere letzte Unterhaltung endete. Als w�rde er den Satz noch einmal sagen.
<emphasis>�Ach, mein liebes Fr�ulein Everdeen. Ich dachte, wir h�tten ausgemacht, einander nicht zu bel�gen.�</emphasis>
Stimmt. Das hatten wir.</p><p>Ich rei�e die Spitze meines Pfeils nach oben. Lasse die Sehne los. Und Pr�sidentin Coin st�rzt �ber die Balkonbr�stung und knallt auf den Boden. Tot.</p><p><strong>27</strong></p><p>In dem verbl�fften Aufschrei der Menge h�re ich Snows Gel�chter. Ein schreckliches gurgelndes Gegacker, gefolgt von einem Hustenanfall und einem Schwall schaumigen Bluts. Er beugt sich vor und spuckt sein Leben aus, dann versperren mir seine Bewacher die Sicht.</p><p>W�hrend graue Uniformen von allen Seiten auf mich zust�rzen, sehe ich meine Zukunft als M�rderin der neuen Pr�sidentin Panems vor mir. Das Verh�r, vermutlich unter Folter, danach eine �ffentliche Hinrichtung. Wieder einmal Abschied nehmen von den wenigen Menschen, an denen mir noch etwas liegt. Die Aussicht, meiner Mutter gegen�bertreten zu m�ssen, die nun bald ganz allein auf der Welt sein wird, gibt den Ausschlag.</p><p>�Gute Nacht�, fl�stere ich dem Bogen in meiner Hand zu, und er wird still. Ich hebe den linken Arm und beuge den Hals, um die Pille mit den Z�hnen aus der �rmeltasche zu befreien. Aber statt in Stoff bohren sich meine Z�hne in Fleisch. Verwirrt zucke ich zur�ck und starre in Peetas Augen, nur dass sie meinem Blick jetzt standhalten. Blut tritt aus den Abdr�cken meiner Z�hne auf seiner Hand, die er �ber die Nachtriegel-Pille gelegt hat. �Lass mich los!�, fauche ich ihn an und versuche meinen Arm zu befreien.</p><p>�Ich kann nicht�, sagt er. Ich werde fortgeschleift und kriege nur noch mit, wie die Tasche vom �rmel abgerissen wird. Die lila Pille, Cinnas letztes Geschenk, f�llt auf den Boden und wird unter dem Stiefel einer Wache zermalmt. Ich verwandele mich in ein wildes Tier, trete um mich, kratze, bei�e und tue alles, um mich aus dem Netz der zahllosen H�nde zu befreien, die nach mir greifen. Die Wachen heben mich hoch, und w�hrend ich �ber die K�pfe der w�tenden Menge hinweg davongetragen werde, schlage ich weiter um mich. Ich schreie Gales Namen, kann ihn unter all den Menschen nicht ausmachen, aber er wird sich denken k�nnen, was ich will. Einen sauberen Schuss, der dem Ganzen ein Ende bereitet. Doch es kommt kein Pfeil, keine Kugel. Kann es sein, dass er nicht sieht, was mit mir geschieht? Nein. �ber uns, auf den riesigen Bildschirmen, die rings um den Gro�en Platz h�ngen, kann jeder verfolgen, was los ist. Er sieht es, er wei� es, aber er schafft es nicht. Wie ich, als er gefangen genommen wurde. Sch�ne J�ger und Freunde sind wir, alle beide.</p><p>Ich bin auf mich allein gestellt.</p><p>Im Palast bekomme ich Handschellen und eine Augenbinde angelegt. �ber lange Flure werde ich halb fortgeschleift, halb getragen, fahre mit Aufz�gen hinauf und hinunter und werde schlie�lich auf einem Teppichboden abgesetzt. Die Handschellen werden mir abgenommen, hinter mir schl�gt eine T�r zu. Als ich die Augenbinde hochschiebe, sehe ich, dass ich in meinem alten Zimmer im Trainingscenter bin. Wo ich die letzten kostbaren Tage vor den ersten Hungerspielen und dem Jubel-Jubil�um verbracht habe. Auf dem Bett liegt nur die nackte Matratze, der Schrank steht offen und ist g�hnend leer, aber ich w�rde den Raum immer wiedererkennen.</p><p>Ich habe M�he, auf die F��e zu kommen und mein Spottt�lpelkost�m abzulegen. Ich habe starke Prellungen, vielleicht sind auch ein paar Finger gebrochen, doch meine Haut hat den Kampf mit den Wachen am teuersten bezahlt. Die rosa Ersatzhaut ist in Fetzen zerrissen wie ein Papiertaschentuch und aus den im Labor gez�chteten Zellen sickert Blut. Kein Sanit�ter l�sst sich blicken, und da ich viel zu ersch�pft bin, krieche ich einfach nur auf die Matratze und warte darauf, dass ich verblute.</p><p>Wieder kein Gl�ck. Gegen Abend gerinnt das Blut, ich liege steif und wund und klebrig da, aber ich lebe. Ich humpele unter die Dusche und w�hle die sanfteste Einstellung, an die ich mich erinnern kann, ohne Seife oder Haarshampoo. Die Ellbogen auf den Knien, den Kopf in den H�nden, hocke ich mich unter den warmen Strahl.</p><p><emphasis>Ich hei�e Katniss Everdeen. Warum bin ich nicht tot? Ich m�sste doch tot sein. Es w�re f�r alle das Beste, wenn ich tot w�re �</emphasis></p><p>Ich stelle mich auf die Badematte und lasse meine zerfetzte Haut im hei�en Luftstrom trocknen. Es ist keine saubere Kleidung da. Nicht mal ein Handtuch, in das ich mich wickeln k�nnte. Das Spottt�lpelkost�m ist verschwunden. An seiner Stelle liegt da eine Art Morgenmantel aus Papier. Aus der geheimnisvollen K�che haben sie mir eine Mahlzeit nach oben geschickt, ein Sch�lchen Medikamente als Dessert. Ich esse, nehme die Pillen, verarzte meine Haut mit Salbe. Dann versuche ich dar�ber nachzudenken, wie ich mich umbringen soll.</p><p>Ich kauere mich wieder auf der blutbefleckten Matratze zusammen. Unter dem d�nnen Papier auf meinem zarten Fleisch ist mir nicht kalt, aber ich f�hle mich so nackt. In den Tod springen scheidet aus - die Fensterscheibe ist bestimmt drei�ig Zentimeter dick. Im Kn�pfen von Schlingen bin ich Experte, doch es ist nichts da, woran ich mich aufh�ngen k�nnte. Ich k�nnte meine Pillen horten und dann eine t�dliche Dosis nehmen, aber bestimmt werde ich rund um die Uhr beobachtet. Auch in diesem Augenblick d�rfte ich live zu sehen sein, w�hrend die Kommentatoren dar�ber spekulieren, was mich bewogen haben k�nnte, Coin zu t�ten. Die �berwachung schlie�t praktisch jeden Selbstmordversuch aus. Das Privileg, mein Leben zu nehmen, geb�hrt dem Kapitol. Wieder einmal.</p><p>Ich kann nur aufgeben. Ich beschlie�e, einfach liegen zu bleiben und weder Essen noch Trinken oder Medikamente zu mir zu nehmen. Ich k�nnte das, einfach sterben. Wenn da nicht die Entzugserscheinungen w�ren. Anders als auf der Krankenstation in 13 wird das Morfix jetzt ja nicht nach und nach abgesetzt. Kalter Entzug. Ich muss auf einer ziemlich hohen Dosis gewesen sein, denn wenn das Verlangen einsetzt, begleitet von Zittern, stechenden Schmerzen und unertr�glichem Sch�ttelfrost, wird mein Entschluss zermalmt wie eine Eierschale. Ich kauere auf den Knien, harke mit den Fingern durch den Teppich und suche verzweifelt nach den kostbaren Pillen, die ich in einem Moment der St�rke weggeschleudert habe. Mein Selbstmordplan lautet daher jetzt: langsamer Tod durch Morfix. Zum gelbh�utigen Klappergestell mit riesigen Augen werden. Ein paar Tage halte ich den Plan durch und mache gute Fortschritte, als etwas Unerwartetes geschieht.</p><p>Ich fange an zu singen. Am Fenster, unter der Dusche, im Schlaf. Stundenlang singe ich Balladen, Liebes-und Berglieder. All die Lieder, die mein Vater mir beigebracht hat, bevor er starb, denn seither hatte die Musik in meinem Leben nat�rlich nur noch wenig Platz. Ich wundere mich, wie deutlich ich mich daran erinnere. Die Melodien, die Texte. Meine Stimme, anfangs rau und br�chig in den h�heren Lagen, findet sich nach und nach. Eine gro�artige Stimme, bei der die Spottt�lpel erst verstummen und sich dann �berschlagen w�rden, um einzustimmen. Tage vergehen, Wochen. Ich sehe zu, wie der Schnee aufs Fensterbrett f�llt. Und in all der Zeit ist meine Stimme die einzige, die ich h�re.</p><p>Was machen die blo�? Warum dieser Stillstand da drau�en? Es kann doch nicht so schwer sein, die Hinrichtung einer jungen M�rderin zu arrangieren. Ich setze die Selbstzerst�rung fort. Mein K�rper ist d�nner denn je und mein Kampf gegen den Hunger so erbittert, dass der animalische Teil in mir manchmal die Oberhand gewinnt und der Versuchung von Butterbroten oder gebratenem Fleisch nachgibt. Doch nur manchmal. Ein paar Tage lang geht es mir so schlecht, dass ich denke, jetzt verlasse ich bald dieses Leben, da merke ich pl�tzlich, dass die Morfix-Tabletten kleiner werden. Sie versuchen, mich zu entw�hnen. Aber wieso? Einen bet�ubten Spottt�lpel kann man doch bestimmt leichter vor einer Menge dirigieren. Dann kommt mir ein schrecklicher Gedanke: Was, wenn sie mich gar nicht t�ten wollen? Wenn sie noch etwas mit mir vorhaben? Eine neue Art, mich herzurichten, zu trainieren und zu benutzen?</p><p>Das mache ich nicht mit. Wenn ich mich nicht in diesem Raum umbringen kann, nutze ich eben die erste Gelegenheit drau�en, um es hinter mich zu bringen. Sie k�nnen mich m�sten. Sie k�nnen meinen ganzen K�rper aufpolieren, mich einkleiden und wieder sch�n machen. Sie k�nnen Traumwaffen designen, die in meinen H�nden lebendig werden, aber mein Gehirn werden sie nie wieder so manipulieren k�nnen, dass ich diese Waffen unbedingt benutzen muss. Ich empfinde keinerlei Verpflichtung mehr gegen�ber diesen Monstern, die man Menschen nennt und von denen ich selbst eines bin. Vermutlich stimmt Peetas Theorie, dass wir uns alle gegenseitig vernichten, um einer anst�ndigeren Art Platz zu machen. Denn ein Gesch�pf, das seine Kinder opfert, um Konflikte auszutragen, ist gewaltig auf dem Irrweg. Man kann es drehen, wie man will. Snow hielt die Hungerspiele f�r ein wirksames Kontrollinstrument. Coin dachte, die Fallschirme w�rden den Krieg verk�rzen. Und wem hat es letztendlich gen�tzt? Keinem. Die Wahrheit ist, dass es keinem n�tzt, in einer Welt zu leben, wo so etwas passiert.</p><p>Nachdem ich zwei Tage auf der Matratze gelegen habe, ohne zu essen, zu trinken oder auch nur eine Morfix-Tablette einzunehmen, wird die T�r ge�ffnet. Jemand tritt ans Bett, in mein Gesichtsfeld. Haymitch. �Dein Prozess ist zu Ende�, sagt er. �Los, wir fahren nach Hause.�</p><p>Nach Hause? Was redet er da? Mein Zuhause gibt es nicht mehr. Und selbst wenn es m�glich w�re, an diesen imagin�ren Ort zu gehen, ich w�re zu schwach dazu. Fremde tauchen auf. H�ngen meinen ausged�rrten K�rper an den Tropf und f�ttern mich. Baden und kleiden mich. Einer hebt mich hoch wie eine Puppe und tr�gt mich hinauf aufs Dach, in ein Hovercraft, wo er mich auf einem Sitz festschnallt. Gegen�ber sitzen schon Haymitch und Plutarch. Im n�chsten Augenblick heben wir ab.</p><p>Ich habe Plutarch noch nie so gut gelaunt gesehen. Er strahlt vor Begeisterung. �Du musst tausend Fragen haben!� Ich sage nichts, er gibt aber trotzdem Antworten.</p><p>Nach Coins Ermordung brach die H�lle los. Als sich der Tumult beruhigt hatte, entdeckten sie Snows leblosen K�rper, der immer noch an den Pfahl gebunden war. Ob er an seinem Lachen erstickt ist oder von der Menge erdr�ckt wurde, dar�ber gehen die Meinungen auseinander. Es interessiert aber auch niemanden so recht. Eine provisorische Wahl wurde abgehalten und Paylor zur Pr�sidentin gew�hlt. Plutarch wurde zum Minister f�r das Kommunikationswesen ernannt und ist seitdem f�r die Programmgestaltung verantwortlich. Das erste gro�e Fernseh-Event war mein Prozess, in dem er als Zeuge einen Starauftritt hatte. Um mich zu verteidigen, nat�rlich. Der wichtigste Entlastungszeuge war allerdings Dr. Aurelius, der sich f�r seine Nickerchen offenbar dadurch revanchiert hat, dass er mich als hoffnungslose, vom Krieg neurotisierte Geisteskranke darstellte. Eine Bedingung f�r meine Freilassung ist, dass ich mich bei ihm in Behandlung begebe, was allerdings nur �ber Telefon geht, weil er niemals an einem so verlassenen Ort wie Distrikt 12 leben w�rde, wohin ich bis auf Weiteres verbannt bin. Fakt ist, dass jetzt, da der Krieg zu Ende ist, keiner so genau wei�, was man mit mir anfangen soll. Falls doch noch mal ein Krieg ausbrechen sollte, w�rden sie aber bestimmt eine Rolle f�r mich finden, sagt Plutarch und muss herzlich lachen. Es scheint ihm nie etwas auszumachen, wenn kein anderer seine Witzchen lustig findet.</p><p>�Bereitet ihr euch denn auf einen neuen Krieg vor?�, frage ich.</p><p>�Ach, im Moment nicht. Jetzt befinden wir uns in der angenehmen Phase, in der alle der Meinung sind, dass sich die j�ngsten Schrecken nie wiederholen d�rfen�, sagt er. �Aber eine solche Einigkeit ist gemeinhin kurzlebig. Wir sind wankelm�tig, dumme Wesen mit schwacher Erinnerung und einem gro�en Drang zur Selbstzerst�rung. Obwohl - wer wei�? Vielleicht ist das jetzt der entscheidende Moment, Katniss.�</p><p>�Inwiefern?�, frage ich.</p><p>�Vielleicht hat es diesmal Klick gemacht. Vielleicht werden wir Zeuge einer Evolution der Menschheit. Denk mal dar�ber nach.� Und dann fragt er, ob ich nicht in seinem neuen Musikformat auftreten m�chte, das in ein paar Wochen auf Sendung geht. Irgendwas Fr�hliches singen. Er werde mir ein Team ins Haus schicken.</p><p>Wir machen einen kurzen Zwischenstopp in Distrikt 3 und setzen Plutarch ab. Er will sich dort mit Beetee treffen, um die Sendetechnik auf Vordermann zu bringen. Zum Abschied sagt er noch: �Lass von dir h�ren!�</p><p>Als wir wieder in den Wolken schweben, schaue ich zu Haymitch. �Und wieso gehst du zur�ck nach 12?�</p><p>�Offenbar war f�r mich im Kapitol auch kein Platz zu finden�, sagt er.</p><p>Zuerst nehme ich das so hin. Aber bald kommen mir Zweifel. Haymitch hat niemanden ermordet. Er ist ein freier Mann. Wenn er nach 12 zur�ckgeht, dann, weil man es ihm befohlen hat. �Du sollst auf mich aufpassen, nicht wahr? Als mein Mentor?� Er zuckt die Achseln. Jetzt wird mir klar, was das bedeutet. �Meine Mutter kommt nicht zur�ck.�</p><p>�Nein�, sagt er. Er zieht einen Umschlag aus der Jackentasche und reicht ihn mir. Ich betrachte die zarte, vollkommene Handschrift. �Sie arbeitet beim Aufbau eines Krankenhauses in Distrikt 4 mit. Sie m�chte, dass du sie gleich nach unserer Ankunft anrufst.� Mein Finger f�hrt �ber den anmutigen Schwung der Buchstaben. �Du wei�t, warum sie nicht zur�ckkann.� Ja, ich wei�, warum. Weil dieser Ort zu schmerzlich f�r sie ist, wegen meines Vaters, wegen Prim, wegen der Asche. F�r mich ist er das offensichtlich nicht. �M�chtest du wissen, wer sonst noch nicht da sein wird?�</p><p>�Nein�, sage ich. �Ich lasse mich �berraschen.�</p><p>Ganz der gro�e Mentor, fordert Haymitch mich auf, ein belegtes Brot zu essen, und tut dann so, als glaubte er, ich w�rde den Rest der Reise verschlafen. Er ist unheimlich umtriebig, sucht in jedem Winkel, findet schlie�lich den Schnaps und stopft ihn sich in die Tasche. Als wir auf der Rasenfl�che im Dorf der Sieger landen, ist es Nacht. In der H�lfte der H�user, einschlie�lich Haymitchs und meinem, brennt Licht. In Peetas nicht. Jemand hat in meiner K�che ein Feuer angez�ndet. Ich setze mich in den Schaukelstuhl davor, in der Hand den Brief meiner Mutter.</p><p>�Tja, dann bis morgen�, sagt Haymitch.</p><p>�Das wage ich zu bezweifeln�, murmele ich, w�hrend das Klirren der Schnapsflaschen in seiner Tasche verklingt.</p><p>Ich komme nicht mehr aus dem Stuhl raus. Der Rest des Hauses r�ckt kalt und leer und dunkel n�her. Ich lege mir einen alten Schal �ber und starre in die Flammen. Ich muss eingeschlafen sein, denn kurz darauf ist es Morgen und Greasy Sae macht sich ger�uschvoll am Herd zu schaffen. Sie br�t mir Eier mit Toast und setzt sich zu mir, bis ich alles aufgegessen habe. Wir reden nicht viel. Ihre kleine Enkelin, die in ihrer eigenen Welt lebt, nimmt sich ein hellblaues Garnkn�uel aus dem Strickkorb meiner Mutter. Greasy Sae sagt ihr, sie solle es zur�cklegen, aber von mir aus kann sie es haben. In diesem Haus gibt es niemanden mehr, der strickt. Nach dem Fr�hst�ck sp�lt Greasy Sae das Geschirr und geht, doch abends kommt sie wieder und sorgt daf�r, dass ich etwas esse. Ob sie nur gute Nachbarschaft demonstrieren will oder ob die Regierung sie daf�r bezahlt, wei� ich nicht, jedenfalls l�sst sie sich zweimal am Tag blicken. Sie kocht, ich esse. Ich versuche mir vorzustellen, was ich als N�chstes mache. Es gibt nichts mehr, was mich daran hindern w�rde, mir das Leben zu nehmen. Doch irgendwie scheine ich auf etwas zu warten.</p><p>Manchmal klingelt das Telefon, klingelt und klingelt, doch ich gehe nicht dran. Haymitch kommt nie zu Besuch. Vielleicht hat er es sich anders �berlegt und ist abgereist, aber vermutlich ist er einfach nur zu betrunken. Niemand besucht mich, au�er Greasy Sae und ihrer Enkelin. Nach monatelanger Einsamkeit kommen sie mir vor wie eine Menschenmenge.</p><p>�Fr�hling liegt in der Luft. Du solltest rausgehen�, sagt Greasy Sae. �Geh jagen.�</p><p>Ich habe das Haus kein einziges Mal verlassen. Nicht mal die K�che habe ich verlassen, au�er um in das kleine Bad zu gehen, ein paar Schritte weiter. Ich trage noch dieselben Sachen wie an dem Tag, als ich das Kapitol verlie�. Ich tue nichts anderes, als am Feuer zu sitzen. Starre auf die unge�ffneten Briefe, die sich auf dem Kaminsims stapeln. �Ich habe keinen Bogen.�</p><p>�Schau mal hinten im Flur nach�, erwidert sie.</p><p>Nachdem sie gegangen ist, �berlege ich, ob ich in den Flur gehen soll. Verwerfe die Idee. Nach ein paar Stunden gehe ich trotzdem, auf Socken, als wollte ich die Geister nicht wecken. Im Arbeitszimmer, wo ich mit Pr�sident Snow Tee getrunken habe, steht ein Karton mit der Jagdjacke meines Vaters, unserem Pflanzenbuch, dem Hochzeitsfoto meiner Eltern, dem Zapfhahn, den Haymitch uns geschickt hatte, und dem Medaillon, das Peeta mir in der letzten Arena geschenkt hat. Auf dem Tisch liegen die beiden Bogen und ein K�cher mit Pfeilen, gerettet von Gale in der Nacht der Bombardierung. Ich ziehe die Jagdjacke �ber, die anderen Sachen r�hre ich nicht an. Im eigentlichen Wohnzimmer schlafe ich auf dem Sofa ein.</p><p>Ein schrecklicher Albtraum kommt: Ich liege auf dem Grund eines tiefen Grabs, und jeder Tote, den ich beim Namen kenne, tritt heran und wirft eine Schaufel Asche auf mich. Angesichts der vielen Namen wird es ein langer Traum, und je tiefer ich eingegraben werde, desto schwerer f�llt mir das Atmen. Ich versuche zu rufen, bitte sie aufzuh�ren, doch die Asche setzt sich in Mund und Nase, und ich bringe keinen Laut hervor, w�hrend die Schaufel immer weiter schrappt, schrappt und schrappt �</p><p>Pl�tzlich wache ich auf. Bleiches Morgenlicht f�llt durch die Jalousien. Das Schrappen der Schaufel geht weiter. Noch halb im Albtraum, laufe ich den Flur hinunter, durch die Vordert�r hinaus, am Haus entlang, denn jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass ich die Toten anschreien kann. Als ich ihn dann vor mir sehe, bleibe ich wie angewurzelt stehen. Sein Gesicht ist ger�tet, er gr�bt den Boden unter den Fenstern um. In einer Schubkarre warten irgendwelche Pflanzen.</p><p>�Du bist wieder da�, sage ich.</p><p>�Dr. Aurelius wollte mich bis gestern nicht aus dem Kapitol rauslassen�, sagt er. ��brigens meinte er, ich soll dir sagen, er k�nne nicht ewig nur so tun, als w�rde er dich behandeln. Du musst schon mal den H�rer abnehmen.�</p><p>Er sieht gut aus. Abgemagert und mit Brandwunden �bers�t wie ich, aber seine Augen haben diesen umw�lkten, gequ�lten Blick verloren. Er mustert mich und runzelt die Stirn. Ich unternehme einen halbherzigen Versuch, mein Haar aus den Augen zu streichen, und da erst merke ich, dass es v�llig verfilzt und verknotet ist. Ich f�hle mich unsicher. �Was machst du da?�</p><p>�Ich bin heute Morgen auf die Weide gegangen und habe die Dinger hier ausgegraben. F�r sie�, sagt er. �Ich hab gedacht, wir k�nnten sie neben das Haus setzen.�</p><p>Ich betrachte die Blumen, die Erdklumpen an den Wurzeln und halte den Atem an. Erst will mir das Wort nicht einfallen, aber dann. Primel. Die Blume, nach der meine Schwester benannt wurde. Ich nicke, dann laufe ich zur�ck ins Haus und schlie�e die T�r hinter mir. Doch das Schlimme kommt von innen, nicht von au�en. Vor Schw�che und Angst zitternd, haste ich die Treppe hoch. An der letzten Stufe bleibe ich h�ngen und schlage der L�nge nach hin. Ich zwinge mich, aufzustehen und in mein Zimmer zu gehen. Der Geruch ist nur noch schwach, h�ngt aber immer noch in der Luft. Da steht sie. Die wei�e Rose zwischen den vertrockneten Blumen in der Vase. Ausged�rrt und zerbrechlich, doch immer noch mit einem Anflug der Vollkommenheit aus Snows Treibhaus. Ich nehme die Vase, stolpere hinunter in die K�che und werfe den Inhalt in die Glut. Die Blumen lodern auf, eine blaue Stichflamme umschlie�t die Rose und verzehrt sie. Feuer schl�gt Rose, noch einmal. Zur Sicherheit schmei�e ich die Vase auf den Boden.</p><p>Wieder oben, rei�e ich das Schlafzimmerfenster auf, um zu vertreiben, was von Snows Gestank noch �brig ist. Aber er h�ngt noch immer an meinen Kleidern, in meinen Poren. Als ich mich ausziehe, bleiben spielkartengro�e Hautfetzen an dem Stoff h�ngen. Ich meide den Spiegel, gehe unter die Dusche und schrubbe mir die Rosen aus Haaren, K�rper und Mund, bis meine Haut knallrosa ist und kribbelt. Dann suche ich mir etwas Sauberes zum Anziehen. Eine halbe Stunde dauert es, bis ich meine Haare gek�mmt habe. Greasy Sae kommt ins Haus. W�hrend sie Fr�hst�ck macht, stecke ich die Kleider, die ich ausgezogen habe, ins Feuer. Auf ihre Anregung hin schneide ich mir mit einem Messer die Fingern�gel.</p><p>W�hrend ich die Eier esse, frage ich sie: �Wo ist Gale hin?�</p><p>�Er ist in Distrikt 2. Hat da einen netten Job bekommen. Ich sehe ihn ab und zu im Fernsehen�, sagt sie.</p><p>Ich grabe in mir, suche nach Groll, Hass, Sehnsucht. Das Einzige, was ich finde, ist Erleichterung.</p><p>�Ich gehe heute jagen�, sage ich.</p><p>�Hm, gegen ein bisschen frisches Fleisch zus�tzlich h�tte ich nichts einzuwenden�, antwortet sie.</p><p>Ich bewaffne mich mit Pfeil und Bogen und mache mich auf den Weg zur Weide. In der N�he des Platzes entdecke ich Trupps mit Handschuhen und Atemschutzmasken und von Pferden gezogenen Karren. Sie sieben aus, was unter dem Schnee dieses Winters lag. Sammeln die �berreste ein. Einer der Karren steht vor dem Haus des B�rgermeisters. Ich erkenne Thom, Gales alten Kollegen. Er h�lt kurz inne, um sich mit einem Lappen den Schwei� von der Stirn zu wischen. Ich erinnere mich, dass ich ihn in Distrikt 13 gesehen habe, aber er ist offensichtlich zur�ckgekommen. Er gr��t, und das gibt mir den Mut zu fragen: �Habt ihr da drin jemanden gefunden?�</p><p>�Die ganze Familie. Und die beiden Hausangestellten.�</p><p>Madge. Still und freundlich und tapfer. Das M�dchen, das mir die Brosche schenkte, durch die ich meinen Namen bekam. Ich muss schlucken. Und ich frage mich, ob sie sich heute Nacht zu den anderen in meinen Albtr�umen gesellen und mir Asche in den Mund schaufeln wird. �Ich hatte gedacht, wo er doch der B�rgermeister war ��</p><p>�Ich glaube nicht, dass es ein Gl�ck war, B�rgermeister von 12 gewesen zu sein�, sagt Thom.</p><p>Ich nicke und gehe weiter, wobei ich darauf achte, ja nicht auf die Ladefl�che zu schauen. �berall in der Stadt und im Saum das gleiche Bild. Die Ernte der Toten. Wo fr�her unser altes Haus stand, dr�ngen sich die Karren auf der Stra�e. Die Weide gibt es nicht mehr, besser gesagt, sie hat sich auf dramatische Weise verwandelt. Eine tiefe Grube wurde ausgehoben, in die reihenweise die Knochen gelegt werden, ein Massengrab f�r mein Volk. Ich gehe um das Loch herum und betrete den Wald an der gleichen Stelle wie immer. Was eigentlich gar nicht mehr n�tig w�re. Der Zaun steht nicht mehr unter Spannung, lange �ste sollen ihn st�tzen und die Raubtiere fernhalten. Aber alte Gewohnheiten lassen sich nicht so leicht ablegen. Ich �berlege, ob ich zum See gehen soll, doch ich bin so schwach, dass ich es kaum bis zu meinem alten Treffpunkt mit Gale schaffe. Ich setze mich auf den Stein, auf dem Cressida uns gefilmt hat, doch ohne Gale neben mir ist er zu breit. Mehrmals schlie�e ich die Augen und z�hle bis zehn, in der Annahme, wenn ich sie wieder �ffne, steht er pl�tzlich lautlos vor mir, wie so oft. Ich rufe mir in Erinnerung, dass Gale in Distrikt 2 einen netten Job hat und vermutlich die Lippen einer anderen k�sst.</p><p>Es ist einer der Lieblingstage der alten Katniss. Vorfr�hling. Der Wald erwacht nach dem langen Winter. Aber der Energieschub, der mit den Primeln begann, l�sst nach. Als ich zum Zaun zur�ckkehre, bin ich so matt, und mir ist so schwindelig, dass Thom mich in seinem Leichenkarren nach Hause fahren und mir aufs Sofa im Wohnzimmer helfen muss, wo ich zusehe, wie die Staubteilchen in den schmalen Streifen der Nachmittagssonne durcheinanderwirbeln.</p><p>Bei dem Fauchen fahre ich herum, aber es dauert l�nger, bis ich begreife, dass er es wahrhaftig ist. Wie hat er es blo� bis hierher geschafft? Ich betrachte die Narben, die ein wildes Tier ihm mit den Klauen zugef�gt hat, die Hinterpfote, die er kaum heben kann, die hervortretenden Sch�delknochen. Er muss den ganzen Weg aus 13 zu Fu� hergekommen sein. Vielleicht hat man ihn rausgeschmissen, vielleicht hielt er es ohne sie einfach nicht mehr dort aus und kam nachschauen.</p><p>�Den Weg h�ttest du dir sparen k�nnen. Sie ist nicht hier�, erkl�re ich ihm. Butterblume faucht noch einmal. �Sie ist nicht hier. Da kannst du fauchen, solange du willst. Du wirst Prim nicht finden.� Bei ihrem Namen horcht er auf. Spitzt die angelegten Ohren. F�ngt an, hoffnungsfroh zu miauen. �Hau ab!� Er weicht dem Kissen aus, das ich nach ihm werfe. �Geh weg! Hier ist f�r dich nichts mehr zu holen!� Pl�tzlich zittere ich vor Wut. �Sie kommt nicht zur�ck! Sie wird nie mehr wiederkommen!� Ich greife wieder nach einem Kissen und stehe auf, um besser zielen zu k�nnen. Aus dem Nichts beginnen mir die Tr�nen �ber die Wangen zu laufen. �Sie ist tot.� Ich habe die Arme um mich geschlungen, um den Schmerz zu lindern. Sinke auf die Fersen, wiege das Kissen, weine. �Sie ist tot, du dummer Kater. Sie ist tot.� Ein neuer Laut, halb Weinen, halb Singen, kommt aus meinem K�rper, gibt meiner Verzweiflung eine Stimme. Butterblume f�ngt ebenfalls an zu wimmern. Egal, was ich tue, er l�sst sich nicht vertreiben. Er umkreist mich, gerade au�erhalb meiner Reichweite, w�hrend die Schluchzer in Wellen durch meinen K�rper fahren, bis ich irgendwann das Bewusstsein verliere. Aber er muss es verstanden haben. Er muss verstanden haben, dass das Undenkbare geschehen ist und er Undenkbares tun muss, wenn er �berleben will. Denn Stunden sp�ter, als ich ins Bett gehe, liegt er da im Mondlicht. Neben mir kauernd, mit wachsamen gelben Augen, schaut er mich aus der Nacht heraus an.</p><p>Am Morgen bleibt er stoisch sitzen, w�hrend ich seine Wunden s�ubere, nur als ich ihm einen Dorn aus der Pfote ziehe, maunzt er wie ein K�tzchen. Wieder m�ssen wir beide weinen, aber diesmal tr�sten wir uns gegenseitig. Dadurch gest�rkt, �ffne ich den Brief meiner Mutter, den Haymitch mir damals gegeben hat, w�hle die Nummer und weine auch mit ihr. Greasy Sae kommt in Peetas Begleitung, der unterm Arm einen warmen Laib Brot tr�gt. Sie bereitet uns ein Fr�hst�ck und ich verf�ttere all meinen Speck an Butterblume.</p><p>Langsam, mit vielen verlorenen Tagen, finde ich ins Leben zur�ck. Ich versuche die Anweisung von Dr. Aurelius zu befolgen, einfach weiterzumachen, und wundere mich, wenn irgendwas pl�tzlich wieder eine Bedeutung bekommt. Ich erz�hle ihm von meiner Idee mit dem Buch, und mit dem n�chsten Zug aus dem Kapitol trifft eine gro�e Kiste Pergamentpapier ein.</p><p>Das Pflanzenbuch der Familie hat mich auf die Idee gebracht. In dem wir alles festhielten, was wir vor dem Vergessen bewahren wollten. Jede Seite dieses neuen Buches beginnt mit einem Bild der jeweiligen Person. Ein Foto, falls vorhanden. Ansonsten eine Zeichnung von Peeta. In meiner besten Handschrift folgen sodann all die Einzelheiten, die nicht in Vergessenheit geraten d�rfen. Wie Lady Prims Wange leckt. Das Lachen meines Vaters. Peetas Vater mit den Pl�tzchen. Die Farbe von Finnicks Augen. Was Cinna aus einem St�ck Seide machen konnte. Boggs, der das Holo umprogrammiert. Rue, auf den Zehenspitzen balancierend, die Arme leicht angehoben, wie ein Vogel, der gleich abhebt. Und immer weiter. Wir versiegeln die Seiten mit Tr�nen und dem Versprechen, gut zu leben, damit ihr Tod nicht vergeblich war. Auch Haymitch gesellt sich zu uns und tr�gt die Tribute aus den dreiundzwanzig Jahren bei, in denen er gezwungen war, den Mentor zu spielen. Irgendwann werden die Eintr�ge weniger. Ab und zu noch eine alte Erinnerung, die auftaucht. Eine sp�te Primel, die wir zwischen den Seiten aufbewahren. Seltene Momente der Freude, wie das Foto von Finnicks und Annies neugeborenem Sohn.</p><p>Wir lernen, wieder unseren Besch�ftigungen nachzugehen. Peeta backt. Ich jage. Haymitch trinkt, bis der Schnaps alle ist, dann z�chtet er G�nse, bis der n�chste Zug eintrifft. Zum Gl�ck k�nnen die G�nse ganz gut selbst f�r sich sorgen. Wir sind nicht allein. Ein paar Hundert andere kommen zur�ck, denn was immer passiert ist, dies ist unsere Heimat. Da die Bergwerke geschlossen wurden, pfl�gen sie die Asche unter und bauen Nahrungsmittel an. Baumaschinen aus dem Kapitol bereiten den Boden f�r eine neue Fabrik, in der Arzneimittel hergestellt werden sollen. Die Weide wird wieder gr�n, obwohl dort niemand ges�t hat.</p><p>Peeta und ich n�hern uns wieder an. Es gibt immer noch Augenblicke, da muss er sich an einer Stuhllehne festhalten, bis die Schatten der Vergangenheit vorbeigezogen sind. Ich erwache aus Albtr�umen von Mutationen und verlorenen Kindern. Aber seine Arme sind wieder da, um mich zu tr�sten. Und schlie�lich auch seine Lippen. Nachts empfinde ich wieder diesen Hunger, der mich damals am Strand �berrascht hat, und ich wei�, dass es so oder so passiert w�re. Dass ich zum �berleben nicht Gales Feuer, das von Zorn und Hass gen�hrt wird, brauche. Feuer habe ich selbst genug. Was ich brauche, ist der L�wenzahn im Fr�hling. Das leuchtende Gelb, das f�r die Wiedergeburt steht und nicht f�r Zerst�rung. Ein Versprechen, dass das Leben weitergeht, ungeachtet unserer Verluste. Dass es wieder gut werden kann. Und das kann nur Peeta mir geben.</p><p>Und wenn er mich fragt: �Du liebst mich. Wahr oder nicht wahr?�, dann antworte ich: �Wahr.�</p><p>Epilog</p><p>Sie spielen auf der Weide. Das tanzende M�dchen mit dem dunklen Haar und den blauen Augen. Der Junge mit den blonden Locken und den grauen Augen, der auf seinen pummeligen Kleinkindbeinen mit seiner Schwester Schritt zu halten versucht. Es hat f�nf, zehn, f�nfzehn Jahre gedauert, bis ich eingewilligt habe. Doch Peeta wollte sie unbedingt. Als ich das erste Mal sp�rte, wie sie sich in mir bewegt, packte mich ein Schrecken, der so alt ist wie das Leben selbst. Nur die Freude, sie in meinen Armen zu halten, konnte ihn b�ndigen. Bei ihm fiel es mir dann schon ein wenig leichter.</p><p>Langsam kommen auch die Fragen. Die Arenen sind v�llig zerst�rt worden, Gedenkst�tten errichtet, es gibt keine Hungerspiele mehr. Aber im Schulunterricht wird dar�ber gesprochen, und das M�dchen wei�, dass wir eine Rolle darin hatten. Der Junge wird es in ein paar Jahren erfahren. Wie kann ich ihnen von dieser Welt erz�hlen, ohne sie zu Tode zu erschrecken? Meine Kinder, die den Text des Liedes f�r bare M�nze nehmen:</p><p><emphasis>Auf dieser Wiese unter der Weide,</emphasis></p><p><emphasis>Ein Bett aus Gras, ein Kissen wie Seide.</emphasis></p><p><emphasis>Dort schlie�e die Augen, den Kopf lege nieder,</emphasis></p><p><emphasis>Wenn du erwachst, scheint die Sonne wieder.</emphasis></p><p><emphasis>Hier ist es sicher, hier ist es warm,</emphasis></p><p><emphasis>Hier besch�tzt dich der L�wenzahn.</emphasis></p><p><emphasis>S��e Tr�ume hast du hier und morgen erf�llen sie sich.</emphasis></p><p><emphasis>An diesem Ort, da lieb ich dich.</emphasis></p><p>Meine Kinder, die nicht wissen, dass sie auf einem Friedhof spielen.</p><p>Peeta sagt, dass alles gut wird. Wir haben uns. Und das Buch. Wir k�nnen es ihnen irgendwie so begreiflich machen, dass sie gest�rkt daraus hervorgehen. Eines Tages jedoch werde ich ihnen von meinen Albtr�umen erz�hlen m�ssen. Woher sie kommen. Warum sie nie mehr ganz verschwinden werden.</p><p>Ich werde ihnen erz�hlen, wie ich es �berlebe. Ich werde ihnen sagen, dass es mir an schlechten Tagen morgens unm�glich erscheint, mich an irgendetwas zu erfreuen, weil die Angst, es zu verlieren, �berm�chtig ist. Dann mache ich mir eine Liste im Kopf und verzeichne darauf jeden Akt der G�te, den ich je erlebt habe. Es ist wie ein Spiel. Immer das gleiche. Fast ein bisschen langweilig nach �ber zwanzig Jahren.</p><p>Aber es gibt viel schlimmere Spiele.</p><p>ENDE</p><p><strong>Table of Contents</strong></p><p>1</p><p>2</p><p>3</p><p>4</p><p>5</p><p>6</p><p>7</p><p>8</p><p>9</p><p>10</p><p>11</p><p>12</p><p>13</p><p>14</p><p>15</p><p>16</p><p>17</p><p>18</p><p>19</p><p>20</p><p>21</p><p>22</p><p>23</p><p>24</p><p>25</p><p>26</p><p>27</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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