<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Collins</first-name><last-name>Suzanne</last-name></author><book-title>Gefaehrliche Liebe</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Collins</first-name><last-name>Suzanne</last-name></author><program-used>calibre 0.9.1, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>20.10.2012</date><id>c2d23d67-fa62-44d3-80fa-7bc3bc48e61a</id><version>1.0</version></document-info></description><body><section><p><strong>Gefaehrliche Liebe</strong></p><p><strong>Book Jacket</strong></p><p><strong>Series: </strong>Die Tribute von Panem [2]</p><p><strong>Tags: </strong>Roman</p><p>Die siebzehnj�hrige Katniss hat die grausamen Hungerspiele �berlebt, zusammen mit ihrem Freund Peeta. Das bedeutet ein eigenes Haus in ihrem Heimatdistrikt 12, au�erdem genug zu essen f�r ihre Familien. Aber all das kann Kat nur kurz genie�en: Sie muss als Siegerin �ffentlich f�r das verhasste Kapitol posieren und weiter mit Peeta das Liebespaar spielen. Auf der Tour der Sieger durch die unterjochten Distrikte werden die beide Zeugen von brutaler Gewalt, aber sie entdecken auch Anzeichen f�r einen Aufstand. Und dann schl�gt das Kapitol mit voller Wucht zu: Um jeden Widerstand zu brechen, werden die Teilnehmer der diesj�hrigen Hungerspiele aus den Reihen aller fr�heren Sieger ausgelost � und Kat und Peeta m�ssen zur�ck in die Arena. Gegen zweiundzwanzig erfahrene K�mpfer treten sie an, aber mit gegenteiligen Zielen: W�hrend Peeta Kat sch�tzen will, wird Kat diesmal alles tun, damit Peeta �berlebt. Allerdings haben sie beide keine Ahnung davon, was inzwischen hinter den Kulissen geschieht � Mit dem ersten Teil ihrer �Tribute�-Trilogie, Die-Tribute-Panem-T�dliche-Spiele, ist Suzanne Collins bereits ein Weltbestseller gelungen. Kann da der zweite Band in der nun schon bekannten Panem-Welt ebenso spannend, aufregend und �berraschend sein? Er kann. Das liegt vor allem an Kat, der wunderbaren Heldin dieser Geschichte. Aber auch daran, dass die Autorin immer wieder unglaubliche, aber dennoch glaubw�rdige Wendungen aus dem Hut zaubert. Das einzige Problem bei diesem Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann, wenn man sich einmal festgelesen hat: Das vorl�ufige Ende stellt alles auf den Kopf � und wie es weitergeht, erfahren wir erst im dritten Band!</p><empty-line/><p><strong>Suzanne Collins</strong></p><p><strong>Die Tribute von PANEM</strong></p><empty-line/><p><strong> Gef�hrliche Liebe</strong></p><p><strong>Roman</strong></p><empty-line/><p><strong> Deutsch von Sylke Hachmeister und Peter Kl�ss</strong></p><p>Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel �The Hunger Games. Catching Fire�</p><empty-line/><p><emphasis><strong> TUX - ebook 2010</strong></emphasis><emphasis/></p><empty-line/><p>Band 1: Die Tribute von Panem. T�dliche Spiele</p><empty-line/><p> Band 2: Die Tribute von Panem. Gef�hrliche Liebe</p><empty-line/><p><strong>Die Tribute von PANEM</strong></p><empty-line/><p><strong> Gef�hrliche Liebe</strong></p><p><strong>Teil 1</strong></p><p><emphasis><strong>Der Funke</strong></emphasis></p><empty-line/><p><emphasis><strong> 1</strong></emphasis></p><p>Ich halte die Thermoskanne in der Hand, obwohl sich die W�rme des Tees l�ngst in der eisigen Luft verfl�chtigt hat. Meine Muskeln sind vor K�lte ganz starr. Wenn jetzt ein Rudel wilder Hunde auftauchen w�rde, st�nden die Chancen, dass ich auf dem Baum w�re, ehe sie mich angreifen, nicht besonders gut. Ich m�sste eigentlich aufstehen, herumlaufen und die Steifheit aus den Gliedern vertreiben. Stattdessen sitze ich da, reglos wie der Stein unter mir, w�hrend das Morgenlicht allm�hlich durch den Wald bricht. Gegen die Sonne kann ich nichts ausrichten. Ich kann nur hilflos zusehen, wie sie mich in einen Tag hineinzieht, vor dem mir seit Monaten graut.</p><p>Gegen Mittag werden sie alle in mein neues Haus im Dorf der Sieger einfallen. Reporter und Kamerateams aus dem Kapitel werden nach Disktrikt 12 kommen und auch Effie Trinket, meine alte Betreuerin, wird da sein. Ich �berlege, ob Effie wohl immer noch die alberne rosa Per�cke tr�gt oder ob sie extra f�r die Tour der Sieger eine andere k�nstliche Farbe zur Schau tr�gt. Und noch mehr Menschen werden auf mich warten. Eine Gruppe von Dienern, die mich w�hrend der langen Zugfahrt rundum versorgen. Ein Vorbereitungsteam, das mich f�r die �ffentlichen Auftritte zurechtmacht. Und mein Stylist und Freund Cinna, der die hinrei�enden Kost�me entworfen hat, dank deren das Publikum bei den Hungerspielen �berhaupt erst auf mich aufmerksam geworden ist.</p><p>Ginge es nach mir, w�rde ich versuchen, die Hungerspiele aus meiner Erinnerung zu streichen. Nie mehr davon sprechen. So tun, als w�ren sie nur ein schlimmer Traum gewesen. Doch die Tour der Sieger macht das unm�glich. Das Kapitol hat sie, strategisch g�nstig, fast genau zwischen den j�hrlichen Spielen eingeplant, damit das Grauen frisch und lebendig bleibt. Nicht nur, dass sie die Bewohner der Distrikte dazu zwingen, sich jedes Jahr wieder an den eisernen Griff des Kapitols zu erinnern - wir m�ssen ihn auch noch feiern. Und in diesem Jahr bin ich einer der Stars der Show. Ich werde von einem Distrikt zum anderen reisen m�ssen, vor der jubelnden Menge stehen, die mich insgeheim verabscheut, ich werde den Familien ins Gesicht sehen m�ssen, deren Kinder ich get�tet habe �</p><p>Die Sonne steigt beharrlich weiter, also zwinge ich mich aufzustehen. Meine Gelenke rebellieren, und mein linkes Bein war so lange eingeschlafen, dass ich einige Minuten auf und ab gehen muss, bis ich wieder Gef�hl darin habe. Ich war drei Stunden im Wald, aber da ich nicht ernsthaft versucht habe, etwas zu jagen, kann ich keinen Erfolg vorweisen. F�r meine Mutter und meine kleine Schwester Prim ist das auch nicht mehr n�tig. Sie k�nnen es sich jetzt leisten, Fleisch beim Metzger in der Stadt zu kaufen, auch wenn es keinem von uns besser schmeckt als frisches Wild. Doch mein bester Freund Gale Hawthorne und seine Familie sind auf frische Beute angewiesen und ich kann sie nicht im Stich lassen. Ich mache mich auf den Weg, eineinhalb Stunden dauert es, unsere Fallen abzulaufen. Als wir noch zur Schule gingen, hatten wir nachmittags Zeit, gemeinsam die Fallen abzulaufen, zu jagen und zu sammeln, und waren immer noch rechtzeitig zum Tauschen auf dem Markt. Aber jetzt, da Gale im Kohlebergwerk arbeitet und ich den ganzen Tag nichts zu tun habe, habe ich diese Aufgabe �bernommen.</p><p>In diesem Augenblick hat Gale schon beim Bergwerk gestempelt, ist mit dem F�rderkorb in schwindelerregende Tiefen gefahren und schl�gt die Kohle aus der Erde. Ich wei�, wie es dort unten zugeht. Jedes Jahr in der Schule mussten wir mit der Klasse die Bergwerke besichtigen, das war Teil des Unterrichts. Als ich noch klein war, war es nur unangenehm. Die klaustrophobischen Tunnel, die schlechte Luft, die erstickende Dunkelheit von allen Seiten. Doch nachdem mein Vater und einige andere Bergarbeiter bei einer Explosion ums Leben gekommen waren, konnte ich mich kaum noch �berwinden, den F�rderkorb zu betreten. Der j�hrliche Ausflug wurde f�r mich zum Horrortrip. Zweimal wurde mir vorher so �bel, dass meine Mutter mich zu Hause behielt, weil sie dachte, ich h�tte die Grippe.</p><p>Ich denke an Gale, der nur im Wald richtig lebendig ist, im Wald mit der frischen Luft, der Sonne und dem sauberen Wasser. Ich wei� nicht, wie er das aush�lt. Oder � doch, ich wei� es. Er h�lt es aus, weil er nur so f�r seine Mutter und seine beiden j�ngeren Br�der und die Schwester sorgen kann. Und hier sitze ich mit einem Haufen Geld, mehr als genug f�r unsere beiden Familien, und er weigert sich, auch nur das kleinste bisschen anzunehmen. Selbst das Fleisch von mir zu nehmen, kostet ihn �berwindung, obwohl er ganz bestimmt f�r meine Mutter und Prim gesorgt h�tte, wenn ich bei den Spielen get�tet worden w�re. Ich sage ihm, dass er mir damit einen Gefallen tut und dass es mich verr�ckt machen w�rde, den ganzen Tag herumzusitzen. Trotzdem bringe ich das Fleisch nie vorbei, wenn er zu Hause ist. Was kein Problem ist, da er t�glich zw�lf Stunden arbeitet.</p><p>Ich bekomme Gale jetzt nur noch sonntags zu Gesicht, wenn wir uns im Wald treffen, um gemeinsam zu jagen. Das ist immer noch der beste Tag der Woche, aber nicht mehr so wie fr�her, als wir uns alles erz�hlen konnten. Selbst das haben die Spiele kaputt gemacht. Ich hoffe immer noch, dass wir eines Tages wieder so ungezwungen zusammen sein k�nnen, doch im Grunde wei� ich, dass das nicht geht. Es gibt kein Zur�ck.</p><p>Die Fallen bringen gute Beute - acht Kaninchen, zwei Eichh�rnchen und einen Biber, der in ein Drahtgeflecht geschwommen ist, das Gale erfunden hat. Im Fallenstellen ist er einfach genial. Er befestigt sie an heruntergebogenen jungen B�umen, sodass Raubtiere nicht an die Beute herankommen, er tarnt feine Ausl�semechanismen mit schweren �sten und webt undurchdringliche Reusen zum Fangen von Fischen. W�hrend ich durch den Wald gehe und jede Falle sorgf�ltig wieder aufstelle, wei� ich, dass mein Blick f�r die Balance nie an seinen heranreichen wird, an seinen Instinkt daf�r, wo das Beutetier den Weg kreuzt. Das ist mehr als Erfahrung. Er ist ein Naturtalent. So wie ich noch bei fast v�lliger Dunkelheit auf ein Tier zielen und es mit einem einzigen Pfeil treffen kann.</p><p>Als ich wieder an dem Maschendrahtzaun bin, der Distrikt 12 umgibt, steht die Sonne schon recht hoch am Himmel. Wie immer lausche ich kurz, doch kein verr�terisches Summen von elektrischem Strom ist zu h�ren. Eigentlich h�rt man es fast nie, obwohl der Zaun rund um die Uhr unter Strom stehen m�sste. Ich zw�nge mich durch die L�cke unter dem Zaun und komme auf der Weide heraus, nur einen Steinwurf von zu Hause entfernt. Meinem alten Zuhause. Wir d�rfen es behalten, weil es offiziell f�r meine Mutter und meine Schwester bestimmt ist. Wenn ich jetzt tot umfallen w�rde, m�ssten sie dorthin zur�ckkehren. Doch zurzeit sind sie beide gl�cklich im neuen Haus im Dorf der Sieger untergebracht, und ich bin die Einzige, die das gedrungene H�uschen benutzt, in dem ich aufgewachsen bin. F�r mich ist es mein eigentliches Zuhause.</p><p>Jetzt gehe ich dorthin, um mich umzuziehen. Tausche die alte Lederjacke meines Vaters gegen einen feinen Wollmantel, der mir an den Schultern immer zu eng vorkommt. Die weichen, ausgetretenen Jagdstiefel gegen ein Paar teurer, maschinell gefertigter Schuhe, die meine Mutter f�r jemanden in meiner Stellung angemessener findet. Pfeil und Bogen habe ich in einem hohlen Baumstamm im Wald verstaut. Obwohl die Zeit dr�ngt, setze ich mich f�r ein paar Minuten in die K�che. Sie wirkt verlassen ohne Feuer im Herd und ohne Tischtuch. Ich trauere meinem alten Leben nach. Wir kamen kaum �ber die Runden, aber ich wusste, wohin ich geh�rte, ich wusste, wo mein Platz in dem festen Gef�ge unseres Lebens war. Ich w�rde gern dorthin zur�ckkehren, im Nachhinein kommt es mir so sicher vor im Vergleich zu jetzt, da ich so reich bin und so verhasst bei den Machthabern im Kapitol.</p><p>Ein Maunzen an der Hintert�r l�sst mich aufhorchen. Ich mache auf, und da steht Butterblume, Prims r�udiger alter Kater. Ihm gef�llt das neue Haus so wenig wie mir, und wenn meine Schwester in der Schule ist, verzieht er sich immer. Wir konnten uns nie besonders gut leiden, doch die Abneigung gegen das neue Haus verbindet uns. Ich lasse ihn herein, gebe ihm ein St�ck Biberfett und kraule ihn sogar ein bisschen zwischen den Ohren. �Du bist h�sslich, das wei�t du, oder?�, sage ich. Butterblume stupst gegen meine Hand, er will weiter gestreichelt werden, aber wir m�ssen los. �Na komm.� Ich hebe ihn mit einer Hand hoch, greife mit der anderen meine Jagdtasche und nehme beide mit hinaus auf die Stra�e. Der Kater befreit sich mit einem Satz und verschwindet unter einem Busch.</p><p>Die Schuhe dr�cken an den Zehen, w�hrend ich �ber den Ascheweg gehe. Ich nehme die Abk�rzung durch kleine Gassen und Hinterg�rten und bin im Nu bei Gales Haus. Seine Mutter Hazelle steht am Waschbecken in der K�che und sieht mich durchs Fenster. Sie trocknet sich die H�nde an der Sch�rze und kommt an die T�r.</p><p>Ich kann Hazelle gut leiden. Habe Hochachtung vor ihr. Bei der Explosion, die meinen Vater das Leben kostete, starb auch ihr Mann, und sie blieb mit drei Jungen zur�ck und einem Baby im Bauch, das jeden Tag zur Welt kommen konnte. Keine Woche nach der Geburt zog sie schon durch die Stra�en und suchte Arbeit. Der Bergbau kam nicht infrage, schlie�lich musste sie f�r das Baby sorgen, doch es gelang ihr, Arbeit als W�scherin f�r einige Kaufleute aus der Stadt zu bekommen. Im Alter von vierzehn wurde Gale, ihr �ltester Sohn, der Hauptern�hrer der Familie. Er hatte sich bereits f�r Tesserasteine eintragen lassen, das bescherte ihnen eine bescheidene Ration an Getreide und �l im Tausch daf�r, dass sein Name mehrfach in die Lostrommel f�r die Ziehung der Tribute wanderte. Hinzu kam, dass er auch damals schon ein geschickter Fallensteller war. Aber das allein h�tte nicht ausgereicht, um eine f�nfk�pfige Familie zu ern�hren, und so schrubbte Hazelle sich die Finger auf dem Waschbrett wund bis auf die Knochen. Im Winter waren ihre Finger immer so rot und rissig, dass sie beim geringsten Anlass anfingen zu bluten. Das w�re immer noch so, h�tte meine Mutter nicht eine spezielle Salbe dagegen entwickelt. Doch Hazelle und Gale sind entschlossen, den anderen Kindern, dem zw�lfj�hrigen Rory, dem zehnj�hrigen Vick und der sechsj�hrigen Posy, die Tesserasteine zu ersparen.</p><p>Hazelle l�chelt, als sie die Beute sieht. Sie packt den Biber am Schwanz und wiegt ihn in der Hand. �Das gibt einen sch�nen Eintopf.� Anders als Gale hat sie kein Problem mit unserem Jagdabkommen.</p><p>�Hat auch einen sch�nen Pelz�, sage ich. Es ist tr�stlich, hier bei Hazelle zu sein. �ber die Vorz�ge der Beute zu sprechen wie eh und je. Sie schenkt mir einen Becher Kr�utertee ein und ich lege dankbar meine eiskalten H�nde darum. �Wei�t du, als ich von der Jagd kam, dachte ich mir, ich k�nnte doch Rory ab und zu mal mitnehmen. Nach der Schule. K�nnte ihm beibringen, wie man mit Pfeil und Bogen umgeht.�</p><p>Hazelle nickt. �Das war gut. Gale w�rde ja gern, aber er hat nur die Sonntage, und ich glaub, die h�lt er sich lieber f�r dich frei.�</p><p>Ich kann nichts dagegen tun, dass meine Wangen flammend rot werden. Das ist nat�rlich albern. Kaum jemand kennt mich besser als Hazelle. Sie wei�, wie ich mit Gale verbunden bin. Bestimmt haben viele Leute geglaubt, wir w�rden sp�ter einmal heiraten, auch wenn ich nie daran gedacht habe. Doch das war vor den Spielen. Bevor mein Mittribut Peeta Mellark verk�ndet hat, er sei unsterblich in mich verliebt. Unsere Liebesgeschichte wurde in der Arena zu unserer wichtigsten �berlebensstrategie.</p><p>Allerdings war es f�r Peeta nicht blo� eine Strategie. Was es f�r mich war, wei� ich nicht so genau. Aber dass es f�r Gale eine einzige Qual war, das wei� ich inzwischen. Meine Brust schn�rt sich zusammen, als ich daran denke, dass Peeta und ich auf der Tour der Sieger wieder als Liebespaar auftreten m�ssen.</p><p>Ich st�rze den Tee hinunter, obwohl er zu hei� ist, und schiebe schnell den Stuhl zur�ck. �Ich muss jetzt los. Muss mich f�r die Kameras herrichten.�</p><p>Hazelle umarmt mich. �Genie� das Essen.�</p><p>�Ganz bestimmt�, sage ich.</p><p>Als N�chstes mache ich auf dem Hob halt, wo ich fr�her den meisten Handel getrieben habe. Vor langer Zeit wurde im Hob Kohle gelagert, sp�ter dann wurde er zum Treffpunkt f�r zwielichtige Gesch�fte, bis schlie�lich ein richtiger Schwarzmarkt entstand. Er zieht kriminelle Elemente an und deshalb geh�re ich wohl auch dorthin. Wer in den W�ldern um Distrikt 12 herum jagt, bricht mindestens ein Dutzend Gesetze und riskiert die Todesstrafe.</p><p>Auch wenn sie es nie erw�hnen, verdanke ich den Leuten vom Schwarzmarkt eine Menge. Gale hat mir erz�hlt, dass Greasy Sae, die alte Frau, die Suppe verkauft, w�hrend der Spiele eine Sammlung f�r Peeta und mich ins Leben gerufen hat. Sie sollte eigentlich auf den Schwarzmarkt beschr�nkt sein, doch viele Leute h�rten davon und steuerten etwas bei. Ich wei� nicht genau, wie viel es war, und die Preise f�r die Sponsorengeschenke in der Arena waren unglaublich hoch. Doch soweit ich wei�, hat es mir das Leben gerettet.</p><p>Es ist immer noch merkw�rdig, den Eingang mit einer leeren Jagdtasche zu betreten, ohne etwas zum Tauschen, und stattdessen den schweren Geldbeutel an der H�fte zu sp�ren. Ich versuche, so viele St�nde wie m�glich zu besuchen und meine Eink�ufe gleichm��ig zu verteilen: Kaffee, Br�tchen, Eier, Garn und �l. Schlie�lich kommt mir noch die Idee, drei Flaschen klaren Schnaps bei einer einarmigen Frau namens Ripper zu kaufen. Sie war Opfer eines Bergwerksunfalls und clever genug, sich trotzdem durchzuschlagen.</p><p>Der Schnaps ist nicht f�r meine Familie bestimmt, sondern f�r Haymitch, der bei den Spielen Peetas und mein Mentor war. Haymitch ist m�rrisch, grob und meistens betrunken. Aber er hat ganze Arbeit geleistet - mehr als das, denn zum ersten Mal in der Geschichte der Spiele durften zwei Tribute gewinnen. Also ganz gleich, wie Haymitch ist, ich habe auch ihm viel zu verdanken. Und zwar f�r den Rest meines Lebens. Ich besorge den Schnaps, weil er vor ein paar Wochen mal keinen mehr hatte und es auch keinen zu kaufen gab, woraufhin er Entzugserscheinungen bekam. Er zitterte und schrie irgendwelche schrecklichen Erscheinungen an, die nur er sehen konnte. Prim erschrak zu Tode, und mir machte es, ehrlich gesagt, auch keinen Spa�, ihn so zu sehen. Seitdem horte ich das Zeug sozusagen, f�r den Fall, dass es mal wieder einen Engpass geben sollte.</p><p>Cray, der Oberste Friedensw�chter, runzelt die Stirn, als er mich mit den Flaschen sieht. Er ist ein �lterer Mann mit ein paar silbernen Haarstr�hnen, die er schr�g �ber den knallroten Kopf gek�mmt hat. �Das Zeug ist zu stark f�r dich, M�dchen.� Er muss es ja wissen. Abgesehen von Haymitch trinkt Cray mehr als alle, die ich kenne.</p><p>�Ach, meine Mutter braucht es f�r ihre Medizin�, sage ich leichthin.</p><p>�Tja, damit kann man alles abt�ten�, sagt er und knallt eine M�nze f�r eine Flasche auf den Tresen.</p><p>Als ich zu Greasy Saes Stand komme, hieve ich mich auf den Tresen und bestelle etwas Suppe, die nach einer Mischung aus Flaschenk�rbis und Bohnen aussieht. W�hrend ich esse, kommt ein Friedensw�chter namens Darius und bestellt auch eine Portion. Von den Gesetzesh�tern ist er mir noch der liebste. Er ist nicht so ein Wichtigtuer und meistens zu einem Spa� aufgelegt. Er d�rfte in den Zwanzigern sein, sieht jedoch kaum �lter aus als ich. Irgendetwas an seinem L�cheln und seinen roten Haaren, die in alle Richtungen abstehen, l�sst ihn jungenhaft wirken.</p><p>�M�sstest du nicht schon im Zug sitzen?�, fragt er.</p><p>�Ich werde um zw�lf abgeholt�, sage ich.</p><p>�M�sstest du nicht besser aussehen?�, fragt er fl�sternd, aber so, dass es jeder h�ren kann. Obwohl ich nicht in der Stimmung bin, muss ich �ber seine Neckerei l�cheln. �Vielleicht eine Schleife im Haar oder so?� Er zieht kurz an meinem Zopf und ich schiebe seine Hand weg.</p><p>�Keine Sorge. Wenn sie mit mir fertig sind, wirst du mich nicht wiedererkennen�, sage ich.</p><p>�Gut�, sagt er. �Zeig zur Abwechslung mal ein bisschen Stolz auf deinen Distrikt, Miss Everdeen. Hm?� Er schaut Greasy Sae im Spa� missbilligend an und sch�ttelt den Kopf, dann geht er zu seinen Freunden.</p><p>�Die Suppenschale krieg ich aber wieder!�, ruft Greasy Sae ihm nach, aber sie lacht dabei, deshalb klingt es nicht besonders streng. �Kommt Gale dich verabschieden?�, fragt sie mich.</p><p>�Nein, er stand nicht auf der Liste�, sage ich. �Aber ich hab ihn Sonntag gesehen.�</p><p>�Ach, ich h�tte gedacht, dass er auf der Liste steht. Wo er doch dein Cousin ist�, sagt sie ironisch.</p><p>Das ist ein weiterer Teil der L�gengeschichte, die sie sich im Kapitol ausgedacht haben. Als Peeta und ich bei den Hungerspielen unter die letzten acht kamen, wurden Reporter losgeschickt, die pers�nliche Geschichten �ber uns bringen sollten. Als sie nach meinen Freunden fragten, haben alle auf Gale verwiesen. Aber das konnten sie nicht schreiben, denn in der Arena spielte ich ja die Liebesgeschichte, und da konnte ich nicht Gale als besten Freund haben. Er sah zu gut aus, zu m�nnlich, und er war kein bisschen bereit, f�r die Kameras zu l�cheln und den netten Jungen von nebenan zu spielen. Und wir sehen uns tats�chlich ganz sch�n �hnlich. Wir haben das typische Aussehen des Saums. Dunkle glatte Haare, olivfarbene Haut. Also hat irgendein Schlaukopf ihn zu meinem Cousin ernannt. Ich wusste nichts davon, bis wir wieder zu Hause waren, auf dem Bahnsteig, und meine Mutter sagte: �Deine Cousins k�nnen es kaum erwarten, dich wiederzusehen!� Da drehte ich mich um und sah Gale und Hazelle und die Kinder - was blieb mir anderes �brig, als mitzuspielen?</p><p>Greasy Sae wei�, dass wir nicht verwandt sind, aber selbst manche Leute, die uns schon jahrelang kennen, scheinen es vergessen zu haben.</p><p>�Ich kann es kaum erwarten, es hinter mir zu haben�, fl�stere ich.</p><p>�Ich wei߫, sagt Greasy Sae. �Aber du musst da durch, um es hinter dir zu haben. Also sieh zu, dass du nicht zu sp�t kommst.�</p><p>Als ich mich auf den Weg zum Dorf der Sieger mache, f�ngt es ein wenig an zu schneien. Das Dorf liegt nur einen knappen Kilometer von dem Platz im Stadtzentrum entfernt, aber es scheint wie eine v�llig andere Welt.</p><p>Es ist eine eigene kleine Gemeinde, die um eine sch�ne Gr�nfl�che herum errichtet wurde, dazwischen bl�hende Str�ucher. Zw�lf H�user, jeweils so gro�, dass zehn von der Sorte hineinpassen w�rden, in der ich aufgewachsen bin. Neun davon stehen leer, wie immer schon. Die drei, die bewohnt sind, geh�ren Haymitch, Peeta und mir.</p><p>Die H�user, in denen meine Familie und Peeta leben, haben eine warme, lebendige Ausstrahlung. Licht hinter den Fenstern, Rauch aus dem Schornstein, leuchtende Maisb�schel, mit denen der Eingang zum bevorstehenden Erntefest geschm�ckt ist. Haymitchs Haus dagegen wirkt, obwohl der Hausmeister sich um alles k�mmert, trostlos und verwahrlost. Vor der Haust�r mache ich mich auf den Dreck gefasst, der mich drinnen erwartet.</p><p>Unwillk�rlich r�mpfe ich die Nase. Haymitch weigert sich, jemanden zum Saubermachen hineinzulassen, und er selbst putzt nicht gerade gr�ndlich. Im Lauf der Jahre haben sich die Ger�che von Schnaps und Erbrochenem, gekochtem Kohl und angebranntem Fleisch, ungewaschenen Kleidern und M�usedreck zu einem Gestank vermischt, der mir die Tr�nen in die Augen treibt. Ich bahne mir einen Weg durch weggeworfene Verpackungen, Glasscherben und Knochen bis zu der Stelle, wo Haymitch normalerweise zu finden ist. Er sitzt am K�chentisch, die Arme �ber die Holzplatte ausgebreitet, das Gesicht in einer Schnapspf�tze, und schnarcht, was das Zeug h�lt.</p><p>Ich r�ttele ihn an der Schulter. �Aufstehen!�, sage ich laut, denn inzwischen wei� ich, dass man ihn auf die sanfte Tour nicht wach bekommt. F�r einen Moment setzt sein Schnarchen aus, wie ein kurzes Z�gern, dann geht es wieder los. Ich r�ttele ihn fester. �Aufstehen, Haymitch! Heute beginnt die Tour der Sieger!� Mit Gewalt �ffne ich das Fenster und sauge die frische Luft tief ein. Dann stapfe ich durch den M�ll auf dem Boden, f�rdere eine Kaffeekanne aus Blech zutage und f�lle sie am Waschbecken mit Wasser. Der Ofen ist noch nicht ganz aus, und ich schaffe es, den wenigen gl�henden Kohlen eine Flamme zu entlocken. Ich sch�tte Kaffeepulver in die Kanne, so viel, dass es auf jeden Fall ein gutes, starkes Gebr�u ergibt, und stelle sie zum Kochen auf den Ofen.</p><p>Haymitch ist immer noch weggetreten. Da alles andere nichts gen�tzt hat, f�lle ich eine Schale mit eiskaltem Wasser, kippe sie ihm �ber den Kopf und bringe mich in Sicherheit. Er st��t einen kehligen, animalischen Laut aus. Er springt auf, wobei der Stuhl drei Meter nach hinten fliegt, und schwingt ein Messer. Ich hatte vergessen, dass er immer mit dem Messer in der Hand schl�ft. Ich h�tte es ihm aus der Hand nehmen sollen, aber ich hatte zu vieles zu bedenken. Er flucht wie ein Kesselflicker und schl�gt mehrmals um sich, ehe er zu sich kommt. Mit dem Hemds�rmel wischt er sich �ber das Gesicht und dreht sich dann zu mir um. Ich hocke auf dem Fenstersims, f�r den Fall, dass ich schnell Rei�aus nehmen muss.</p><p>�Was soll das?�, f�hrt er mich an.</p><p>�Du hast gesagt, ich soll dich wecken, eine Stunde bevor die Kameras kommen�, erkl�re ich. �Was?�, sagt er. �Es war deine Idee�, sage ich.</p><p>Jetzt scheint er sich zu erinnern. �Wieso bin ich klatschnass?�</p><p>�Ich hab dich nicht wach gekriegt�, sage ich. �Hey, wenn du verh�tschelt werden willst, musst du Peeta fragen.�</p><p>�Was soll er mich fragen?� Beim blo�en Klang seiner Stimme bekomme ich im Bauch einen Knoten aus lauter unangenehmen Gef�hlen: schlechtes Gewissen, Trauer, Angst. Und Sehnsucht. Ich kann ruhig zugeben, dass die auch hineinspielt. Aber gegen die anderen Gef�hle hat sie keine Chance.</p><p>Ich schaue Peeta an, w�hrend er zum Tisch kommt. Die Sonnenstrahlen fangen sich im glitzernden Schnee in seinem blonden Haar. Er sieht stark und gesund aus, so ganz anders als der kranke, halb verhungerte Junge, den ich aus der Arena kenne, und sein Hinken f�llt kaum noch auf. Er legt ein frisch gebackenes Brot auf den Tisch und h�lt Haymitch die Hand hin.</p><p>�Ob du mich wecken kannst, ohne dass ich mir eine Lungenentz�ndung hole�, sagt Haymitch und gibt Peeta das Messer. Er zieht sein dreckiges Hemd aus, sodass ein nicht minder dreckiges Unterhemd zum Vorschein kommt, und reibt sich mit einem trockenen Zipfel ab.</p><p>Peeta l�chelt und sp�lt Haymitchs Messer mit klarem Schnaps aus einer Flasche ab, die auf dem Boden steht. Er wischt das Messer am Hemd sauber und schneidet das Brot in Scheiben. Peeta versorgt uns alle mit frischen Backwaren. Ich jage. Er backt. Haymitch trinkt. Jeder von uns besch�ftigt sich auf seine Weise, um die Gedanken an unsere gemeinsame Zeit als Mitstreiter in den Hungerspielen fernzuhalten. Erst als er Haymitch die Brotkante gereicht hat, sieht Peeta mich zum ersten Mal an. �M�chtest du auch ein St�ck?�</p><p>�Nein, ich hab auf dem Hob gegessen�, sage ich. �Aber vielen Dank.� Meine Stimme klingt fremd, so f�rmlich. Wie immer, wenn ich mit Peeta spreche, seit die Kameras unsere gl�ckliche Heimkehr gefilmt haben und wir in unser richtiges Leben zur�ckgekehrt sind.</p><p>�Keine Ursache�, erwidert er steif.</p><p>Haymitch wirft sein Hemd mitten in das Durcheinander. �Brrr! Ihr beide m�sst euch aber noch ordentlich aufw�rmen, bevor die Show losgeht.�</p><p>Da hat er nat�rlich recht. Das Publikum erwartet die beiden Turtelt�ubchen, die die Hungerspiele gewonnen haben. Nicht zwei Menschen, die einander kaum in die Augen sehen k�nnen. Aber ich sage nur: �Geh dich mal waschen, Haymitch.� Dann schwinge ich mich zum Fenster hinaus, springe nach unten und gehe �ber die Wiese nach Hause.</p><p>Der Schnee bleibt jetzt liegen und meine F��e hinterlassen eine Spur. Vor der Haust�r befreie ich meine Schuhe von dem nassen Zeug. Meine Mutter hat Tag und Nacht geschuftet, damit alles sch�n ist f�r die Kameras, da will ich ihren gl�nzenden Fu�boden nicht gleich wieder dreckig machen. Ich bin kaum im Haus, da kommt sie schon auf mich zu und fasst mich am Arm, als wollte sie mich aufhalten.</p><p>�Keine Sorge, ich ziehe sie hier aus�, sage ich und lasse die Schuhe auf der Fu�matte stehen.</p><p>Meine Mutter lacht ein eigenartiges, heiseres Lachen und nimmt mir die prall gef�llte Jagdtasche von der Schulter. �Es ist ja nur Schnee. Hast du einen sch�nen Spaziergang gemacht?�</p><p>�Spaziergang?� Sie wei�, dass ich die halbe Nacht im Wald verbracht habe. Da sehe ich den Mann, der hinter ihr in der K�chent�r steht. Ein einziger Blick auf seinen ma�geschneiderten Anzug und sein chirurgisch perfektioniertes Gesicht verr�t mir, dass er aus dem Kapitol kommt. Irgendetwas stimmt nicht. �Das war eher ein Schlittern. Es wird jetzt richtig glatt drau�en.�</p><p>�Du hast Besuch�, sagt meine Mutter. Ihr Gesicht ist zu blass, und in ihrer Stimme h�re ich die Angst, die sie zu verbergen sucht.</p><p>�Ich dachte, wir erwarten sie erst gegen Mittag.� Ich tue so, als ob ich nichts bemerke. �Ist Cinna schon da, um mir beim Umziehen zu helfen?�</p><p>�Nein, Katniss, es ist ��, setzt meine Mutter an.</p><p>�Bitte hier entlang, Miss Everdeen�, sagt der Mann. Er zeigt in Richtung Flur. Es ist merkw�rdig, durch das eigene Haus geleitet zu werden, aber ich h�te mich, etwas dazu zu sagen.</p><p>Im Gehen l�chele ich meine Mutter �ber die Schulter hinweg zuversichtlich an. �Bestimmt noch ein paar Anweisungen f�r die Tour der Sieger.� Sie haben mir schon alle m�glichen Informationen �ber die Reiseroute und die Etikette in den unterschiedlichen Distrikten zukommen lassen. Doch als ich auf die T�r zum Arbeitszimmer zugehe, eine T�r, die ich bis zu diesem Moment noch nie geschlossen gesehen habe, fangen meine Gedanken an zu rasen. <emphasis>Wer ist da drin? Was wollen sie von mir? Warum ist meine Mutter so blass?</emphasis></p><p>�Gehen Sie nur hinein�, sagt der Mann vom Kapitol, der mir durch den Flur gefolgt ist.</p><p>Ich drehe den Messingknauf herum und trete ein. Meine Nase nimmt Rosen wahr und gleichzeitig Blut. Ein kleiner wei�haariger Mann, der mir irgendwie bekannt vorkommt, steht mit dem R�cken zu mir und liest in einem Buch. Er hebt einen Finger, als wollte er sagen: Einen Moment noch. Dann dreht er sich um und mein Herz setzt einen Schlag aus.</p><p>Ich schaue in die Schlangenaugen von Pr�sident Snow.</p><p><emphasis><strong>2</strong></emphasis></p><p>F�r mich geh�rt Pr�sident Snow vor Marmors�ulen und riesige Flaggen. Es ist verst�rend, ihn hier im Zimmer inmitten allt�glicher Dinge zu sehen. Als w�rde man den Deckel von einem Topf nehmen und darin statt Suppe eine Viper mit aufgerissenem Maul vorfinden.</p><p>Was kann er hier wollen? Meine Gedanken rasen zur�ck zu den Er�ffnungstagen vergangener Siegertouren. Ich erinnere mich daran, die siegreichen Tribute zusammen mit ihren Mentoren und Stylisten gesehen zu haben. Auch einige hohe Repr�sentanten der Regierung tauchten gelegentlich auf. Doch Pr�sident Snow habe ich noch nie gesehen. Er ist bei Feierlichkeiten im Kapitol anwesend. Und das war�s.</p><p>Wenn er die ganze Reise von seiner Stadt hierher gemacht hat, kann das nur eins bedeuten. Ich stecke in ernsten Schwierigkeiten. Und mit mir auch meine Familie. Es schaudert mich bei dem Gedanken, wie nah meine Mutter und meine Schwester diesem Mann sind, der mich verabscheut. Der mich immer verabscheuen wird. Denn ich habe ihn bei seinen sadistischen Hungerspielen ausgetrickst, habe das Kapitol l�cherlich gemacht und damit seine Macht untergraben.</p><p>Dabei habe ich nichts getan, als Peeta und mir selbst das Leben zu retten. Dass das gleichzeitig ein rebellischer Akt war, war reiner Zufall. Doch wenn das Kapitol verf�gt, dass nur ein Tribut gewinnen kann, und jemand so dreist ist, diese Regel infrage zu stellen, ist das wohl an sich schon eine Rebellion. Ich konnte mich nur verteidigen, indem ich so tat, als h�tte meine leidenschaftliche Liebe zu Peeta mir den Verstand geraubt. Deshalb durften wir beide �berleben. Und zu Siegern gek�rt werden. Durften nach Hause zur�ckkehren und feiern und in die Kameras winken und wurden in Ruhe gelassen. Bis jetzt.</p><p>Vielleicht ist es das neue Haus oder der Schreck, ihn zu sehen, oder dass wir beide wissen, er k�nnte mich von jetzt auf gleich t�ten lassen; jedenfalls komme ich mir so vor, als w�re ich der Eindringling. Als w�re das hier sein Zuhause und ich der ungebetene Gast. Deshalb begr��e ich ihn auch nicht und biete ihm keinen Platz an. Ich sage kein Wort. Im Grunde behandele ich ihn so, als w�re er wirklich eine Schlange, eine Giftschlange. Reglos stehe ich da, den Blick auf ihn geheftet, und schmiede Fluchtpl�ne.</p><p>�Ich glaube, wir k�nnen die ganze Situation sehr vereinfachen, wenn wir uns darauf einigen, einander nicht zu bel�gen�, sagt er. �Was denkst du?�</p><p>Ich denke, dass meine Zunge festgefroren ist und dass ich unm�glich sprechen kann, aber ich �berrasche mich selbst und antworte mit fester Stimme: �Ja, ich glaube, damit w�rden wir Zeit sparen.�</p><p>Pr�sident Snow l�chelt und zum ersten Mal fallen mir seine Lippen auf. Ich hatte Schlangenlippen erwartet, also gar keine. Aber seine Lippen sind au�ergew�hnlich voll, die Haut spannt. Ich frage mich, ob er sich den Mund hat operieren lassen, damit er attraktiver aussieht. Wenn ja, war es Zeit-Verschwendung, denn er ist nicht die Spur attraktiv. �Meine Berater hatten Sorge, du k�nntest Schwierigkeiten machen, aber du hast nicht vor, Schwierigkeiten zu machen, oder?�, fragt er.</p><p>�Nein�, sage ich.</p><p>�Das habe ich ihnen auch gesagt. Ich habe gesagt, ein M�dchen, das so viel auf sich nimmt, um sein Leben zu retten, wird kein Interesse daran haben, es leichtfertig wegzuwerfen. Und sie wird auch an ihre Familie denken. An die Mutter, die Schwester und all die � Cousins.� An der Art, wie er das Wort �Cousins� dehnt, merke ich, er wei�, dass Gale und ich nicht richtig verwandt sind.</p><p>Jetzt liegen die Tatsachen also auf dem Tisch. Vielleicht ist es besser so. Mit unbestimmten Drohungen komme ich nicht gut zurecht. Ich will lieber wissen, woran ich bin.</p><p>�Setzen wir uns doch.� Pr�sident Snow setzt sich an den gro�en Schreibtisch aus gl�nzendem Holz, an dem Prim ihre Hausaufgaben macht und meine Mutter die Haushaltsplanung. Ebenso wie er nicht einfach in unser Haus kommen d�rfte, hat er auch kein Recht, diesen Platz einzunehmen. Und doch hat er jedes Recht. Ich setze mich vor den Tisch auf einen der geschnitzten St�hle mit hoher Lehne. Er ist f�r jemand Gr��eren als mich gemacht, ich ber�hre den Boden nur mit den Zehen.</p><p>�Ich habe ein Problem, Katniss�, sagt Pr�sident Snow. �Ein Problem, das in dem Moment auftauchte, als du in der Arena die giftigen Beeren hervorgeholt hast.�</p><p>Er meint den Moment, in dem ich mir dachte, dass die Spielmacher, vor die Wahl gestellt, Peeta und mir beim Selbstmord zuzusehen - womit es keinen Sieger gegeben h�tte - oder uns beide am Leben zu lassen, sich f�r die zweite M�glichkeit entscheiden w�rden.</p><p>�Wenn Seneca Crane, der Oberste Spielmacher, ein wenig Grips gehabt h�tte, h�tte er dich auf der Stelle in die Luft gejagt. Doch er hatte leider eine sentimentale Ader. Deshalb bist du hier. Kannst du dir denken, wo er ist?�, fragt er.</p><p>Ich nicke, denn so, wie er es sagt, ist klar, dass Seneca Crane hingerichtet wurde. Jetzt, da nur der Schreibtisch uns trennt, ist der Geruch von Rosen und Blut noch st�rker. Pr�sident Snow tr�gt eine Rose am Revers, die immerhin auf die Quelle des Blumendufts hinweist, allerdings muss sie genmanipuliert sein, denn keine echte Rose riecht so. Aber was das Blut angeht � keine Ahnung.</p><p>�Danach konnten wir nichts tun, als dich dein kleines Theater zu Ende spielen zu lassen. Und du hast dich wirklich recht gut gemacht als liebestolles Schulm�dchen. Die Leute im Kapitol waren ziemlich �berzeugt. Leider sind in den Distrikten nicht alle auf dein Schauspiel hereingefallen�, sagt er.</p><p>F�r einen kurzen Moment muss sich die Verwirrung in meinem Gesicht gespiegelt haben, denn er geht darauf ein.</p><p>�Das kannst du nat�rlich nicht wissen. Du hast keinen Zugang zu Informationen �ber die Stimmung in anderen Distrikten. Doch in einigen wurde dein kleiner Beerentrick als Herausforderung gedeutet, nicht als Akt der Liebe. Und wenn ausgerechnet ein M�dchen aus Distrikt 12 das Kapitol herausfordern kann und so einfach davonkommt, was sollte andere dann davon abhalten, dasselbe zu tun?�, sagt er. �Was sollte zum Beispiel einen Aufstand verhindern?�</p><p>Es dauert einen Augenblick, bis ich den letzten Satz begreife.</p><p>�Es hat Aufst�nde gegeben?�, frage ich. Die Vorstellung erschreckt mich, gleichzeitig sp�re ich so etwas wie freudige Erregung.</p><p>�Noch nicht. Aber wenn es so weitergeht, wird es dazu kommen. Und Aufst�nde f�hren, wie man wei�, zur Revolution.� Pr�sident Snow reibt eine Stelle �ber der linken Augenbraue, genau dort, wo ich auch immer Kopfschmerzen bekomme. �Kannst du ermessen, was das bedeuten w�rde? Wie viele Menschen sterben w�rden? Das Elend der �berlebenden? Was f�r Probleme man mit dem Kapitol auch haben mag - wenn es in seiner Strenge nur kurz nachlassen w�rde, dann w�rde das gesamte System zusammenbrechen, das kannst du mir glauben.�</p><p>Ich bin verbl�fft, wie offen und aufrichtig das klingt. Als h�tte er vor allem das Wohlergehen der B�rger von Panem im Auge, w�hrend ihm doch nichts ferner liegt. Ich wei� nicht, woher ich den Mut nehme, die folgenden Worte zu sagen, aber ich tue es. �Das System muss sehr wacklig sein, wenn eine Handvoll Beeren es zum Einsturz bringen kann.�</p><p>Lange Zeit ist es still und er sieht mich nur an. Dann sagt er: �Es ist wacklig, aber nicht so, wie du denkst.�</p><p>Es klopft an der T�r und der Mann vom Kapitol streckt den Kopf herein. �Die Mutter l�sst fragen, ob Sie Tee m�chten.�</p><p>�Oh ja. Ich h�tte gern einen Tee�, sagt der Pr�sident. Die T�r geht weiter auf, und da steht meine Mutter, sie bringt ein Tablett mit einem Teeservice aus Porzellan, das sie bei ihrer Heirat mit in den Saum genommen hat. �Stellen Sie es bitte hierhin.� Er legt sein Buch auf die Ecke des Tisches und klopft auf die Tischmitte.</p><p>Meine Mutter setzt das Tablett ab. Darauf stehen eine Teekanne und Tassen, Sahne und Zucker und ein Teller mit Keksen. Sie sind wunderh�bsch verziert mit pastellfarbenen Zuckerblumen. Das kann nur Peetas Werk sein.</p><p>�Was f�r ein willkommener Anblick! Wissen Sie, es ist merkw�rdig, wie oft vergessen wird, dass auch Pr�sidenten essen m�ssen�, sagt Pr�sident Snow liebensw�rdig. Immerhin wirkt meine Mutter nach seinen Worten nicht mehr ganz so nerv�s.</p><p>�Darf ich Ihnen sonst noch etwas bringen? Ich kann etwas S�ttigenderes kochen, wenn Sie hungrig sind�, bietet sie an.</p><p>�Nein, besser als dies hier k�nnte es gar nicht sein. Vielen Dank�, sagt er, eine deutliche Aufforderung, uns wieder allein zu lassen. Meine Mutter nickt, wirft mir einen Blick zu und geht. Pr�sident Snow schenkt uns beiden Tee ein, nimmt sich Sahne und Zucker und r�hrt dann lange in seiner Tasse. Ich sp�re, dass er gesagt hat, was er zu sagen hatte, und auf meine Antwort wartet.</p><p>�Ich wollte keine Aufst�nde verursachen�, sage ich.</p><p>�Das glaube ich dir. Es spielt keine Rolle. Dein Stylist hat sich hinsichtlich der Wahl deines Kost�ms als Prophet erwiesen. Katniss Everdeen, das M�dchen, das in Flammen stand - von dir ist ein Funke ausgegangen, der sich, wenn wir uns nicht darum k�mmern, zu einem Inferno auswachsen k�nnte, das Panem zerst�rt�, sagt er.</p><p>�Warum bringen Sie mich jetzt nicht einfach um?�, platze ich heraus.</p><p>��ffentlich?�, fragt er. �Das hie�e nur �l ins Feuer gie�en.�</p><p>�Dann lassen Sie es wie einen Unfall aussehen�, sage ich.</p><p>�Wer sollte das glauben?�, fragt er. �Du bestimmt nicht, wenn du Zuschauer w�rst.�</p><p>�Dann sagen Sie mir, was ich tun soll. Ich werde es tun�, sage ich.</p><p>�Wenn es nur so einfach w�re.� Er nimmt einen Blumenkeks und betrachtet ihn. �Wie h�bsch. Hat deine Mutter die selbst gebacken?�</p><p>�Peeta.� Und zum ersten Mal merke ich, dass ich seinem Blick nicht standhalten kann. Ich nehme die Tasse, stelle sie jedoch zur�ck, als ich merke, wie sie an die Untertasse klirrt. Um es zu �berspielen, nehme ich schnell einen Keks.</p><p>�Peeta. Wie ist sie denn, die Liebe deines Lebens?�, fragt er.</p><p>�Gut�, sage ich.</p><p>�Wann genau hat er gemerkt, wie gleichg�ltig er dir wirklich ist?�, fragt er und tunkt seinen Keks in den Tee.</p><p>�Er ist mir nicht gleichg�ltig�, sage ich.</p><p>�Aber vielleicht bist du nicht ganz so hingerissen von dem jungen Mann, wie du das Land glauben machen wolltest�, erkl�rt er.</p><p>�Wer sagt das?�, frage ich.</p><p>�Ich�, sagt der Pr�sident. �Und wenn ich der Einzige w�re, der seine Zweifel hat, w�re ich nicht hier. Wie geht es dem feschen Cousin?�</p><p>�Ich wei� nicht � ich �� Mein Widerwillen gegen dieses Gespr�ch, dagegen, dass ich mit Pr�sident Snow �ber meine Gef�hle f�r zwei der Menschen spreche, die mir am meisten bedeuten, l�sst meine Stimme ersterben.</p><p>�Sprich nur, Katniss. Ihn kann ich leicht umbringen, wenn wir keine gl�ckliche L�sung finden. Du tust ihm keinen Gefallen damit, dass du jeden Sonntag mit ihm in den Wald verschwindest.�</p><p>Wenn er das wei�, was wei� er dann noch alles? Und woher wei� er es? Viele Leute k�nnten ihm erz�hlt haben, dass Gale und ich sonntags zusammen auf die Jagd gehen. Kreuzen wir nicht am Ende jedes Sonntags schwer bepackt mit Wild auf? Ist das nicht schon seit Jahren so? Die eigentliche Frage ist, was seiner Meinung nach in den W�ldern hinter Distrikt 12 passiert. Bestimmt haben sie uns dort nicht aufgesp�rt. Oder doch? Kann uns jemand gefolgt sein? Das erscheint mir unm�glich. Jedenfalls kein Mensch. Kameras? Bis zu diesem Augenblick ist mir das nie in den Sinn gekommen. Der Wald war f�r uns immer ein sicherer Ort - der Ort, wo uns das Kapitol nicht erreichen konnte, wo wir bedenkenlos sagen konnten, was wir f�hlten, so sein konnten, wie wir waren. So war es jedenfalls vor den Spielen. Wenn sie uns seitdem beobachtet haben, was haben sie gesehen? Zwei Menschen auf der Jagd, die ketzerische Bemerkungen �ber das Kapitol machen, das schon. Aber nicht zwei Verliebte, wie Pr�sident Snow anzudeuten scheint. Was das angeht, sind wir auf der sicheren Seite. Es sei denn � es sei denn �</p><p>Es ist nur ein Mal passiert. Es kam schnell und �berraschend, aber es ist doch passiert.</p><p>Nachdem Peeta und ich von den Spielen zur�ckkamen, vergingen mehrere Wochen, bis ich Gale wieder allein traf. Erst waren da die obligatorischen Feierlichkeiten. Ein Festessen f�r die Sieger, zu dem nur die rangh�chsten Leute eingeladen waren. Ein Feiertag f�r den gesamten Distrikt mit Gratisessen und Entertainern aus dem Kapitol. Der Pakettag, der erste von zw�lf, an dem jeder im Distrikt ein Essenspaket bekam. Das war das Sch�nste f�r mich. Zu sehen, wie all die hungrigen Kinder im Saum herumliefen und Gl�ser mit Apfelmus schwenkten, Dosen mit Fleisch, sogar S��igkeiten. Zu Hause warteten noch Getreides�cke und �lkannen, die waren zu schwer zu tragen. Zu wissen, dass sie ein Jahr lang jeden Monat so ein Paket bekommen w�rden. Das war einer der wenigen Momente, in denen ich es richtig gut fand, dass ich die Spiele gewonnen hatte.</p><p>In dieser Zeit der Feierlichkeiten, als die Reporter jeden meiner Schritte festhielten, w�hrend ich im Mittelpunkt stand und allen dankte und Peeta f�r das Publikum k�sste, da hatte ich keinen Augenblick f�r mich. Nach ein paar Wochen hatte sich die Lage endlich beruhigt. Die Kamerateams und Reporter packten ihre Sachen und reisten wieder ab. Das Verh�ltnis zwischen Peeta und mir wurde so k�hl, wie es seither ist. Ich zog mit meiner Familie in unser Haus im Dorf der Sieger. Der Alltag in Distrikt 12 - Arbeiter in die Bergwerke, Kinder in die Schule - ging wieder seinen gewohnten Gang. Ich wartete, bis ich dachte, dass die Luft jetzt wirklich rein war, und eines Sonntags stand ich, ohne irgendjemandem ein Wort zu sagen, mehrere Stunden vor Sonnenaufgang auf und zog los in den Wald.</p><p>Es war immer noch warm genug, um ohne Jacke zu gehen. Ich nahm eine Tasche mit besonderem Essen mit, kaltes H�hnchen und K�se und Brot vom B�cker und Orangen. In unserem alten Haus zog ich mir die Jagdstiefel an. Wie �blich stand der Zaun nicht unter Strom, sodass es ein Leichtes war, in den Wald zu schl�pfen und Pfeile und Bogen zu schnappen. Ich ging zu Gales und meinem Ort, dort, wo wir am Morgen der Ernte, bei der ich f�r die Spiele ausgelost worden war, unser Fr�hst�ck geteilt hatten.</p><p>Ich wartete mindestens zwei Stunden und dachte schon, dass er mich in den Wochen, die vergangen waren, aufgegeben h�tte. Oder dass ich ihm nichts mehr bedeutete. Dass er mich sogar hasste. Und die Vorstellung, ihn f�r immer verloren zu haben, meinen besten Freund, den Einzigen, dem ich je meine Geheimnisse anvertraut hatte, tat so weh, dass ich es nicht ertragen konnte. Nicht nach all dem, was passiert war. Ich sp�rte, wie meine Augen sich mit Tr�nen f�llten und meine Kehle eng wurde, wie immer, wenn ich kurz davor bin, zu weinen.</p><p>In dem Moment schaute ich auf, und da stand er, drei Meter entfernt, und sah mich nur an. Ohne dar�ber nachzudenken, sprang ich auf, schlang die Arme um ihn und stie� einen merkw�rdigen Laut aus, in dem sich Lachen, Atemlosigkeit und Weinen mischten. Er hielt mich so fest, dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte, aber es dauerte wirklich lange, bis er mich loslie�, und auch da nur, weil ihm kaum etwas anderes �brig blieb, denn ich hatte einen wahnsinnig lauten Schluckauf bekommen und musste unbedingt etwas trinken.</p><p>Wir machten an dem Tag dasselbe wie fr�her auch immer. Zusammen fr�hst�cken. Jagen und fischen und sammeln. �ber die Leute in der Stadt reden. Aber nicht �ber uns, sein neues Leben im Bergwerk, meine Zeit in der Arena. Nur �ber andere Dinge. Als wir schlie�lich an der L�cke im Zaun ankamen, die dem Hob am n�chsten ist, glaubte ich wohl wirklich daran, dass es wieder so sein k�nnte wie fr�her. Dass wir so weitermachen k�nnten wie bisher. Ich hatte Gale das ganze Wild zum Handeln gegeben, weil wir zu Hause jetzt so viel zu essen hatten. Ich sagte, ich w�rde nicht mit zum Hob kommen, obwohl ich sehr gern gegangen w�re, aber meine Mutter und meine Schwester w�ssten nicht einmal, dass ich auf der Jagd sei, und fragten sich bestimmt schon, wo ich steckte. Und gerade als ich vorschlug, dass ich die t�gliche Runde an den Fallen entlang �bernehmen k�nnte, nahm er mein Gesicht in die H�nde und k�sste mich.</p><p>Es traf mich v�llig unvorbereitet. Man h�tte meinen k�nnen, dass ich nach den vielen Stunden, die ich mit Gale verbracht hatte - da ich ihn erz�hlen und lachen und finster blicken gesehen hatte -, �ber seine Lippen genau Bescheid gewusst h�tte. Aber ich h�tte nicht gedacht, dass sie sich so warm auf meinen anf�hlen w�rden. Oder dass diese H�nde, die so komplizierte Fallen stellen konnten, ebenso gut mich einfangen k�nnten. Ich glaube, ich stie� einen kehligen Laut aus, und ich erinnere mich dunkel an meine H�nde, fest zusammengeballt, die auf seiner Brust lagen. Dann lie� er mich los und sagte: �Ich musste das tun. Wenigstens ein Mal.� Und dann war er weg.</p><p>Obwohl die Sonne schon unterging und meine Familie sich bestimmt Sorgen machte, setzte ich mich an einen Baum neben dem Zaun. Ich �berlegte, wie es mir mit dem Kuss ging, ob er mir gefallen hatte oder ob ich mich dar�ber �rgerte, aber ich erinnerte mich nur an das Gef�hl von Gales Lippen auf meinen und den Duft von Orangen, der immer noch an seiner Haut haftete. Es hatte keinen Sinn, diesen Kuss mit den vielen K�ssen zu vergleichen, die ich mit Peeta getauscht hatte. Ich war mir immer noch nicht dar�ber im Klaren, ob auch nur einer davon z�hlte. Schlie�lich ging ich nach Hause.</p><p>In dieser Woche k�mmerte ich mich um die Fallen und brachte das Fleisch zu Hazelle. Doch Gale sah ich erst am folgenden Sonntag wieder. Ich hatte eine komplette Rede im Kopf, dass ich keinen Freund wollte und niemals heiraten w�rde, aber ich brauchte sie gar nicht. Gale tat so, als h�tte es den Kuss nie gegeben. Vielleicht wartete er darauf, dass ich etwas sagte. Oder dass ich ihn auch k�sste. Stattdessen tat ich ebenfalls so, als h�tte es den Kuss nie gegeben. Aber es hatte ihn gegeben. Gale hatte eine unsichtbare Schranke zwischen uns zerst�rt und mit ihr meine Hoffnung, wir k�nnten zu unserer alten, unkomplizierten Freundschaft zur�ckkehren. Wenn ich auch so tat, als ob, ich konnte seine Lippen nie mehr so ansehen wie fr�her.</p><p>All das geht mir blitzschnell durch den Kopf, w�hrend Pr�sident Snow mich mit seinem Blick durchbohrt, nachdem er gedroht hat, Gale zu t�ten. Wie dumm von mir, zu denken, das Kapitol w�rde mich nicht mehr beachten, wenn ich erst einmal zu Hause w�re! Ich hatte zwar keine Ahnung von m�glichen Aufst�nden. Aber ich wusste, dass sie im Kapitol w�tend auf mich waren. Anstatt die geb�hrende Vorsicht walten zu lassen, was tat ich da? Aus der Sicht des Pr�sidenten habe ich Peeta ignoriert und vor dem ganzen Distrikt demonstriert, dass ich Gale vorziehe. Und damit kundgetan, dass ich das Kapitol wirklich verspottet habe. Mit meinem unbedachten Verhalten habe ich Gale und seine Familie, meine Familie und auch Peeta in Gefahr gebracht.</p><p>�Bitte tun Sie Gale nichts�, fl�stere ich. �Er ist nur ein Freund. Wir sind schon seit Jahren befreundet. Mehr ist nicht zwischen uns. Au�erdem halten uns jetzt sowieso alle f�r Cousin und Cousine.�</p><p>�Mich interessiert nur, wie das dein Verh�ltnis zu Peeta beeinflusst und damit die Stimmung in den Distrikten�, sagt er.</p><p>�Bei der Tour der Sieger wird es so sein wie immer. Ich werde genauso in ihn verliebt sein wie vorher�, sage ich. �Wie jetzt�, verbessert Pr�sident Snow mich. �Wie jetzt�, best�tige ich.</p><p>�Aber wenn die Aufst�nde abgewendet werden sollen, wirst du noch �berzeugender sein m�ssen�, sagt er. �Diese Tour ist deine letzte Chance, das Blatt zu wenden.�</p><p>�Ich wei�. Und es wird mir gelingen. Ich werde alle in den Distrikten davon �berzeugen, dass ich nicht das Kapitol herausfordern wollte, sondern verr�ckt vor Liebe war�, sage ich.</p><p>Pr�sident Snow erhebt sich und tupft die Wulstlippen mit einer Serviette ab. �Du musst dir ein h�heres Ziel stecken, f�r den Fall, dass du es nicht erreichst.�</p><p>�Wie meinen Sie das? Was f�r ein h�heres Ziel soll ich mir stecken?�, frage ich.</p><p>��berzeuge <emphasis>mich�, </emphasis>sagt er. Er l�sst die Serviette sinken und nimmt wieder sein Buch. Ich schaue ihn nicht an, als er zur T�r geht, deshalb zucke ich zusammen, als er mir ins Ohr fl�stert: ��brigens, ich wei� von dem Kuss.� Dann f�llt die T�r hinter ihm ins Schloss.</p><p><emphasis><strong>3</strong></emphasis></p><p>Der Geruch von Blut � er lag in seinem Atem. <emphasis>Was macht er blo�?, </emphasis>denke ich. <emphasis>Trinkt er es? </emphasis>Ich stelle mir vor, wie er Blut aus einer Teetasse trinkt. Wie er einen Keks hineintunkt und ihn rot triefend herauszieht.</p><p>Drau�en vorm Fenster kommt ein Auto in Gang, sanft und leise wie das Schnurren einer Katze, dann verschwindet es in der Ferne. Es stiehlt sich davon, wie es gekommen ist, unbemerkt.</p><p>Das Zimmer scheint sich in langsamen, schiefen Kreisen zu drehen, ich frage mich, ob ich wom�glich ohnm�chtig werde. Ich beuge mich vor und st�tze mich mit einer Hand am Schreibtisch ab. In der anderen halte ich noch immer Peetas wunderh�bschen Keks. Ich glaube, es war eine orangefarbene Lilie darauf, doch jetzt sind nur noch Kr�mel in meiner Faust. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich ihn zerdr�ckt habe, aber ich musste mich wohl an irgendetwas festhalten, w�hrend meine Welt aus den Fugen geriet.</p><p>Ein Besuch von Pr�sident Snow. Distrikte kurz vor dem Aufstand. Eine direkte Morddrohung gegen Gale, auf die weitere folgen werden. Alle, die ich liebe, todgeweiht. Und wer wei�, wer noch f�r meine Taten bezahlen muss? Wenn ich bei der Tour der Sieger das Blatt nicht wende. Die Unzufriedenen bes�nftige und den Pr�sidenten beruhige. Und wie? Indem ich �berall im Land jeden Zweifel daran ausr�ume, dass ich Peeta Mellark liebe.</p><p><emphasis>Das schaffe ich nicht, </emphasis>denke ich. <emphasis>So gut bin ich nicht. </emphasis>Peeta ist der Gute, der Liebensw�rdige. Er kann die Leute von allem �berzeugen. Ich schweige lieber, halte mich zur�ck, �berlasse das Reden so weit wie m�glich ihm. Aber nicht Peeta soll seine Zuneigung unter Beweis stellen, sondern ich.</p><p>Ich h�re den leichten, schnellen Schritt meiner Mutter im Flur. <emphasis>Sie darf das nicht erfahren, </emphasis>denke ich. <emphasis>Nichts von alldem. </emphasis>Ich halte die H�nde �ber das Tablett und wische mir schnell die Kekskr�mel von den Fingern. Zittrig trinke ich einen Schluck Tee.</p><p>�Ist alles in Ordnung, Katniss?�, fragt sie.</p><p>�Alles gut. Wir haben es im Fernsehen nie gesehen, aber der Pr�sident besucht die Sieger immer vor der Tour, um ihnen Gl�ck zu w�nschen�, sage ich fr�hlich.</p><p>Ich sehe ihr an, wie erleichtert sie ist. �Ach so. Ich dachte schon, es g�be irgendwelche Schwierigkeiten.�</p><p>�Nein, gar nicht�, sage ich. �Aber ich kriege Schwierigkeiten, wenn das Vorbereitungsteam sieht, wie meine Augenbrauen schon wieder zugewachsen sind.� Meine Mutter lacht, und ich denke daran, dass ich damals, als ich mit elf Jahren die Sorge f�r die Familie �bernahm, eine unwiderrufliche Entscheidung getroffen habe. Und dass ich meine Mutter immer werde besch�tzen m�ssen.</p><p>�Soll ich dir schon mal dein Bad einlassen?�, fragt sie.</p><p>�Ja, gern�, sage ich, und ich sehe, wie froh sie �ber die Antwort ist.</p><p>Seit ich wieder zu Hause bin, gebe ich mir gro�e M�he, das Verh�ltnis zu meiner Mutter zu verbessern. Anstatt jedes Hilfsangebot abzulehnen, wie ich es jahrelang aus Wut getan habe, bitte ich sie jetzt ab und zu um einen Gefallen. Ich lasse sie das ganze Geld verwalten, das ich gewonnen habe. Erwidere ihre Umarmungen, anstatt sie blo� �ber mich ergehen zu lassen. In der Arena ist mir klar geworden, dass ich sie nicht l�nger f�r etwas bestrafen darf, woran sie nicht schuld ist, vor allem nicht f�r die schrecklichen Depressionen, in die sie nach dem Tod meines Vaters versunken ist. Manchmal sind die Menschen einfach machtlos gegen das, was mit ihnen geschieht.</p><p>Wie ich zum Beispiel, in diesem Moment.</p><p>Au�erdem hat sie bei meiner R�ckkehr in den Distrikt etwas ganz Wunderbares getan. Nachdem unsere Freunde und Verwandten Peeta und mich am Bahnhof begr��t hatten, durften uns die Reporter ein paar Fragen stellen. Einer fragte meine Mutter, was sie von meinem neuen Freund halte, und sie antwortete, Peeta sei zwar ein Traum von einem jungen Mann, aber ich sei noch nicht alt genug, um �berhaupt einen Freund zu haben. Daraufhin warf sie Peeta einen durchdringenden Blick zu. Von der Presse gab es viel Gel�chter und Bemerkungen wie: �Da hat aber einer ein Problem�, und Peeta lie� meine Hand los und trat einen Schritt zur Seite. Das dauerte nicht lange - der Druck, sich anders zu verhalten, war zu gro� -, doch wir hatten jetzt einen Vorwand, ein wenig zur�ckhaltender zu sein als im Kapitol. Und vielleicht hat das auch dazu beigetragen, dass ich von Peeta, seit die Kameras verschwunden sind, nicht mehr allzu viel gesehen habe.</p><p>Ich gehe hinauf ins Badezimmer, wo mich eine Wanne mit dampfendem Wasser erwartet. Meine Mutter hat einen kleinen Beutel getrocknete Blumen hinzugegeben, die ihren Duft verstr�men. Keiner von uns ist den Luxus gewohnt, einen Wasserhahn aufzudrehen und eine unbegrenzte Menge warmes Wasser zur Verf�gung zu haben. In unserem Haus im Saum gab es nur kaltes Wasser, und wenn man baden wollte, musste man das Wasser �ber dem Feuer erw�rmen. Ich ziehe mich aus, lasse mich in das seidenweiche Wasser gleiten - meine Mutter hat auch irgendein �l hineingetan - und versuche, alles zu ordnen.</p><p>Die erste Frage ist, wem ich davon erz�hlen soll, wenn �berhaupt jemandem. Nat�rlich nicht meiner Mutter und Prim, sie w�ren krank vor Sorge. Gale auch nicht. Selbst wenn ich mit ihm sprechen k�nnte. Was sollte er damit anfangen? Wenn er allein w�re, k�nnte ich versuchen, ihn zur Flucht zu �berreden. Ganz sicher w�rde er im Wald �berleben. Aber er ist nicht allein und er w�rde seine Familie niemals im Stich lassen. Und mich auch nicht. Wenn ich wieder zu Hause bin, muss ich ihm irgendwie erkl�ren, weshalb unsere Sonntage der Vergangenheit angeh�ren m�ssen, aber dar�ber kann ich jetzt nicht nachdenken. Nur �ber den n�chsten Schritt. Au�erdem ist Gale schon so w�tend auf das Kapitol, dass ich manchmal glaube, er organisiert seinen eigenen Aufstand. Da brauche ich ihn jetzt wirklich nicht noch zus�tzlich anzustacheln. Nein, von denen, die ich in Distrikt 12 zur�cklasse, kann ich es keinem erz�hlen.</p><p>Es gibt aber noch drei Menschen, denen ich mich anvertrauen k�nnte. Zun�chst einmal Cinna, meinem Stylisten. Aber ich f�rchte, dass Cinna jetzt schon in Gefahr ist, und ich m�chte ihn nicht noch mehr in Schwierigkeiten bringen, indem ich ihn auf meine Seite ziehe. Dann Peeta, der bei diesem Theater mein Partner sein wird - aber wie sollte ich ein solches Gespr�ch anfangen? <emphasis>Du, Peeta, wei�t du noch, als ich dir erz�hlt hab, ich hatte nur so getan, als ob ich in dich verliebt w�re? Tja, also, das musst du unbedingt vergessen und dich jetzt ganz besonders verliebt auff�hren, sonst bringt der Pr�sident wom�glich Gale um. </emphasis>Ausgeschlossen. Abgesehen davon wird Peeta seine Sache sowieso gut machen, ob er nun wei�, was auf dem Spiel steht, oder nicht. Bleibt noch Haymitch. Der unleidliche, streits�chtige Trunkenbold Haymitch, dem ich vor nicht allzu langer Zeit eine Sch�ssel eiskaltes Wasser �ber den Kopf gekippt habe. Als mein Mentor bei den Spielen war es seine Aufgabe, f�r mein �berleben zu sorgen. Hoffentlich betrachtet er das immer noch als seinen Job.</p><p>Ich lasse mich ganz ins Wasser gleiten, blende die Ger�usche um mich herum aus. Jetzt m�sste die Badewanne sich ausdehnen, dann k�nnte ich schwimmen, wie an hei�en Sommertagen mit meinem Vater im Wald. Das waren ganz besondere Tage. Wir verlie�en dann schon fr�hmorgens das Haus und wanderten tiefer in den Wald hinein als sonst, bis zu einem kleinen See, den er bei der Jagd einmal entdeckt hatte. Ich wei� nicht mal mehr, wie ich schwimmen gelernt habe, so klein war ich, als er es mir beibrachte. Ich erinnere mich nur noch daran, wie ich immer getaucht bin, im Wasser Purzelb�ume schlug und herumplanschte. An den schlammigen Grund des Sees unter meinen Zehen. Den Duft von Bl�ten und Laub. Wie ich mich auf dem R�cken treiben lie�, so wie jetzt, und in den blauen Himmel schaute, w�hrend das Waldgezwitscher vom Wasser ausgeblendet wurde. Er erlegte Wasserv�gel, die am Ufer nisteten, ich suchte im Gras nach Eiern, und wir beide gruben im seichten Wasser nach Katniss-Knollen, dem Pfeilkraut, nach dem er mich benannt hat. Abends, wenn wir nach Hause kamen, tat meine Mutter so, als w�rde sie mich nicht wiedererkennen, weil ich so sauber war. Dann bereitete sie ein gro�artiges Essen aus gebratener Ente und gebackenen Knollen mit So�e.</p><p>Mit Gale bin ich nie zu dem See gegangen. Ich h�tte es tun k�nnen. Es ist ein langer Weg dorthin, aber die Wasserv�gel sind so leichte Beute, dass man die verlorene Jagdzeit wieder wettmacht. Doch ich wollte den Ort mit niemandem teilen, den Ort, der nur meinem Vater und mir geh�rte. Nach den Spielen, als ich wenig zu tun hatte, war ich ein paarmal da. Es war immer noch sch�n, dort zu schwimmen, aber die Ausfl�ge haben mich eher deprimiert. Der See hat sich in den letzten sechs Jahren erstaunlich wenig ver�ndert, w�hrend ich kaum wiederzuerkennen bin.</p><p>Selbst unter Wasser h�re ich den Tumult. Autohupen, laute Begr��ungen, T�renknallen. Das kann nur bedeuten, dass meine Begleiter eingetroffen sind. Ich habe gerade noch Zeit, mich abzutrocknen und einen Bademantel �berzuziehen, bevor mein Vorbereitungsteam ins Badezimmer platzt. Eine Intimsph�re gibt es nicht. Was meinen K�rper angeht, haben wir keine Geheimnisse voreinander, die drei und ich.</p><p>�Katniss, deine Augenbrauen!�, kreischt Venia sofort, und trotz des Unheils, das �ber mir schwebt, muss ich ein Lachen unterdr�cken. Ihre blauen Haare stehen in spitzen Zacken vom Kopf ab, und ihre goldenen Tattoos, bisher nur �ber den Augenbrauen, schl�ngeln sich jetzt bis unter die Augen. All das verst�rkt den Eindruck, dass ich sie wirklich erschreckt habe.</p><p>Octavia kommt und klopft Venia beruhigend auf den R�cken, ihr kurvenreicher K�rper wirkt neben Venias d�nnem, eckigem besonders f�llig. �Na, na. Die kriegst du doch im Nu wieder hin. Aber was soll ich blo� mit diesen N�geln anstellen?� Sie packt meine Finger und dr�ckt sie zwischen ihren erbsgr�nen H�nden ganz platt. Nein, ihre Haut ist im Moment nicht richtig erbsgr�n. Eher von einem hellen Immergr�n. Bestimmt ist das im Kapitol gerade die neueste Mode. �Katniss, du h�ttest mir wirklich ein wenig Material �brig lassen k�nnen!�, jammert sie.</p><p>Sie hat recht. In den letzten Monaten habe ich meine N�gel v�llig heruntergekaut. Ich hatte �berlegt, es mir abzugew�hnen, aber mir fiel kein vern�nftiger Grund ein. �Tut mir leid�, murmele ich. Dar�ber, was das f�r mein Vorbereitungsteam bedeuten w�rde, habe ich nicht gro� nachgedacht.</p><p>Flavius hebt ein paar Str�hnen meiner nassen, wirren Haare hoch. Er sch�ttelt missbilligend den Kopf, sodass seine orangefarbenen Korkenzieherlocken wippen. �Hat irgendjemand diese Haare ber�hrt, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?�, fragt er streng. �Du wei�t doch, wir haben dich vor allem gebeten, deine Haare in Ruhe zu lassen.�</p><p>�Ja!�, sage ich, dankbar, ihnen zeigen zu k�nnen, dass ich nicht v�llig achtlos war. �Ich meine, nein, keiner hat sie geschnitten. Daran hab ich gedacht.� Nein, habe ich nicht. Die Frage hatte sich gar nicht gestellt. Seit ich zur�ck war, habe ich sie einfach, wie eh und je, zu einem Zopf geflochten.</p><p>Das scheint sie zu bes�nftigen, und sie k�ssen mich alle, setzen mich in meinem Schlafzimmer auf einen Stuhl, und dann plappern sie, wie �blich, unaufh�rlich, ohne sich darum zu scheren, ob ich zuh�re. W�hrend Venia meine Augenbrauen wieder in Form bringt, Octavia mir k�nstliche Fingern�gel verpasst und Flavius irgendein Zeug in meine Haare massiert, erfahre ich alles �ber das Kapitol. Wie toll die Spiele waren, wie �de es seitdem ist, dass sie es alle gar nicht erwarten k�nnen, bis Peeta und ich am Ende der Tour der Sieger wieder vorbeikommen. Danach wird es nicht mehr lange dauern, bis sich das Kapitol auf das Jubel-Jubil�um vorbereitet.</p><p>�Ist das nicht spannend?�</p><p>�Hast du nicht ein unversch�mtes Gl�ck?�</p><p>�In deinem allerersten Jahr als Siegerin darfst du schon Mentorin bei einem Jubel-Jubil�um sein!�</p><p>In der allgemeinen Aufregung �berschneiden sich ihre Worte.</p><p>�Doch, ja�, sage ich ausdruckslos. Mehr bringe ich nicht zustande. Schon in einem gew�hnlichen Jahr ist es ein Albtraum, Mentor der Tribute zu sein. Ich kann nicht mehr an der Schule vorbeigehen, ohne mich zu fragen, wen ich wohl betreuen muss. Aber zu allem �bel ist dies das Jahr der f�nfundsiebzigsten Hungerspiele und damit ein Jubel-Jubil�um. Alle f�nfundzwanzig Jahre ist es so weit, dann wird die Niederlage der Distrikte ganz besonders gro�artig gefeiert, und als besonderer Spa� wartet noch eine spezielle Grausamkeit auf die Tribute. Nat�rlich habe ich das noch nie miterlebt. Doch in der Schule habe ich mal geh�rt, dass das Kapitol zum zweiten Jubel-Jubil�um die doppelte Anzahl Tribute in die Arena geschickt hat. Die Lehrer haben das Thema nicht weiter vertieft, was erstaunlich ist, schlie�lich machte in dem Jahr Haymitch Abernathy aus unserem Distrikt 12 das Rennen.</p><p>�Haymitch kann sich schon mal darauf gefasst machen, dass er so richtig im Mittelpunkt stehen wird�, kreischt Octavia.</p><p>Haymitch hat mir gegen�ber noch nie von seiner eigenen Zeit in der Arena gesprochen. Ich w�rde ihn auch nie danach fragen. Und falls ich seine Spiele je als Wiederholung gesehen habe, war ich wohl noch zu klein, um mich daran zu erinnern. Aber dieses Jahr wird das Kapitol ihn am Vergessen hindern. Im Grunde ist es ganz gut, dass Peeta und ich bei dem Jubil�um als Mentoren zur Verf�gung stehen, denn Haymitch wird garantiert sturzbetrunken sein.</p><p>Nachdem sie sich hinreichend �ber das Jubel-Jubil�um ausgelassen haben, tauschen sie sich endlos lange �ber ihr uns�glich belangloses Leben aus. Wer was �ber wen auch immer gesagt hat, was f�r Schuhe sie gerade gekauft haben und dann noch eine lange Geschichte von Octavia dar�ber, was f�r ein Fehler es gewesen sei, dass die G�ste auf ihrer Geburtstagsfeier Federschmuck tragen sollten.</p><p>Schon bald brennt die Haut unter meinen Augenbrauen, meine Haare sind glatt und seidig und meine N�gel bereit f�r den Lack. Anscheinend ist das Team angewiesen, nur meine H�nde und mein Gesicht zu behandeln, alles andere wird bei dem kalten Wetter wohl bedeckt sein. Flavius w�rde zu gern sein eigenes Markenzeichen, lila Lippenstift, bei mir anwenden, gibt sich dann aber doch mit Rosa zufrieden. An der Farbpalette, die Cinna festgelegt hat, sehe ich, dass wir auf m�dchenhaft machen, nicht auf sexy. Gut so. Wenn ich versuchen m�sste, aufreizend auszusehen, w�rde ich nie jemanden von irgendetwas �berzeugen. Das hat Haymitch sehr deutlich gemacht, als er mich nach den Spielen f�r das Interview vorbereitet hat.</p><p>Meine Mutter kommt herein, ein wenig sch�chtern, und sagt, Cinna habe sie gebeten, dem Vorbereitungsteam zu zeigen, wie sie mir am Tag der Ernte das Haar frisiert hat. Sie sind begeistert und schauen fasziniert zu, wie meine Mutter die komplizierte Frisur genau erkl�rt. Im Spiegel sehe ich, wie sie mit ernstem Gesicht jede ihrer Bewegungen verfolgen und wie eifrig sie bei der Sache sind, als sie es selbst probieren d�rfen. Alle drei behandeln meine Mutter respektvoll und freundlich, und jetzt sch�me ich mich daf�r, dass ich mich ihnen immer so �berlegen f�hle. Wer wei�, wie ich w�re oder wor�ber ich reden w�rde, wenn ich im Kapitol aufgewachsen w�re? Vielleicht h�tte ich dann auch nichts Schlimmeres zu bereuen, als dass die G�ste zu meiner Geburtstagsfeier in Federkost�men gekommen sind.</p><p>Als meine Frisur fertig ist, gehe ich hinunter ins Wohnzimmer, wo ich Cinna treffe. Sein blo�er Anblick stimmt mich ein wenig hoffnungsfroher. Er sieht aus wie immer, einfache Kleider, kurze braune Haare, nur ein Hauch goldener Eyeliner. Wir umarmen uns und um ein Haar w�re ich mit der Geschichte �ber Pr�sident Snow herausgeplatzt. Aber nein, ich habe beschlossen, es zuerst Haymitch zu erz�hlen. Er wird am besten wissen, wen ich damit belasten kann. Aber es ist so leicht, mit Cinna zu reden. In letzter Zeit haben wir oft telefoniert, denn mit dem Haus haben wir gleichzeitig auch ein Telefon bekommen. Es ist eigentlich ein Witz, weil praktisch niemand, den wir kennen, eins besitzt. Peeta ja, aber ihn rufe ich nat�rlich nicht an. Haymitch hat seins schon vor Jahren aus der Wand gerissen. Meine Freundin Madge, die Tochter des B�rgermeisters, hat zu Hause ein Telefon, aber wenn wir uns unterhalten wollen, tun wir das pers�nlich. Am Anfang wurde das Ding fast gar nicht benutzt. Dann rief Cinna regelm��ig an, um an meinem Talent zu arbeiten.</p><p>Von jedem Sieger wird erwartet, dass er ein Talent hat. Ein Hobby, das man pflegt, da man ja weder zur Schule gehen noch arbeiten muss. Es kann eigentlich alles sein, alles, wovon sich in einem Interview erz�hlen l�sst. Peeta hat tats�chlich ein Talent, er kann malen. Jahrelang hat er die Torten und Kekse in der B�ckerei seiner Familie verziert. Aber jetzt, da er reich ist, kann er es sich leisten, richtige Farbe auf Leinwand zu pinseln. Ich habe kein Talent, mal abgesehen von illegalem Jagen, aber das gilt nicht. Oder vielleicht Singen, was ich nicht in einer Million Jahren f�r das Kapitol tun w�rde. Meine Mutter hat versucht, mich f�r die unterschiedlichsten Hobbys von einer Liste, die Effie Trinket ihr geschickt hat, zu begeistern. Kochen, Blumenbinden, Fl�tenspiel. Nichts davon hat geklappt, w�hrend Prim f�r alle drei Talent hatte. Schlie�lich hat Cinna sich eingeschaltet und angeboten, meine Leidenschaft f�r Modedesign zu entwickeln, die wirklich erst entwickelt werden musste, da sie bis dahin gar nicht existierte. Aber ich habe zugestimmt, weil ich auf diese Weise mit Cinna reden konnte, und er versprach, die ganze Arbeit zu machen.</p><p>Jetzt drapiert er mein Wohnzimmer mit Kleidern, Stoffen und Skizzenb�chern voller Zeichnungen, die er angefertigt hat. Ich nehme eins der Skizzenb�cher und schaue ein Kleid an, das ich angeblich entworfen habe. �Also, ich finde mich wirklich vielversprechend�, sage ich.</p><p>�Zieh dich an, du nichtsnutziges Ding�, sagt er und wirft mir ein B�ndel Kleider zu.</p><p>Ich interessiere mich zwar nicht f�r Design, aber ich liebe die Kleidung, die Cinna f�r mich entwirft. So wie diese hier. Eine locker fallende schwarze Hose aus dickem, warmem Stoff.</p><p>Ein bequemes wei�es T-Shirt. Ein Pulli aus gr�ner, blauer und grauer l�mmchenweicher Wolle. Lederne Schn�rstiefel, die meine Zehen nicht einquetschen.</p><p>�Hab ich meine Kleider selbst entworfen?�</p><p>�Nein, es ist dein Ziel, deine eigenen Kleider zu entwerfen und wie ich zu sein, dein gro�es Mode-Idol�, sagt Cinna. Er reicht mir einen kleinen Stapel Karten. �Das liest du aus dem Off, w�hrend die Kleider gefilmt werden. Lass es so klingen, als ob es dich wirklich interessiert.�</p><p>In diesem Moment kommt Effie Trinket mit k�rbisfarbener Per�cke auf dem Kopf herein und mahnt alle: �Vergesst mir nicht den Zeitplan!� Sie k�sst mich auf beide Wangen und winkt das Kamerateam herein, dann sagt sie mir, was ich zu tun habe. Effie allein ist es zu verdanken, dass wir im Kapitol immer p�nktlich waren, also tue ich ihr den Gefallen. Ich h�pfe herum wie eine Marionette, halte Kleider hoch und sage sinnlose S�tze wie �Ist das nicht super?�. W�hrend ich begeistert von meinen Karten ablese, nehmen die Tontechniker mich auf, um meine Kommentare sp�ter einf�gen zu k�nnen. Dann werde ich hinausgeworfen, damit die Kameraleute in Ruhe meine beziehungsweise Cinnas Entw�rfe filmen k�nnen.</p><p>Prim ist f�r das Ereignis extra fr�her von der Schule nach Hause gekommen. Jetzt steht sie in der K�che und wird von einem anderen Team interviewt. Sie sieht wundersch�n aus in einem himmelblauen Kleid, das ihre Augen zur Geltung bringt; die blonden Haare sind mit einem Band in der gleichen Farbe zur�ckgebunden. Sie beugt sich auf den Spitzen ihrer gl�nzenden wei�en Stiefel ein wenig vor, als wollte sie abheben wie �</p><p><emphasis>Wumm! </emphasis>Es ist ein Gef�hl, als h�tte mir jemand gegen die Brust geschlagen. Nat�rlich nicht wirklich, aber der Schmerz ist so real, dass ich einen Schritt zur�ckweiche. Ich mache die Augen ganz fest zu und sehe nicht Prim - ich sehe Rue, das zw�lfj�hrige M�dchen aus Distrikt 11, meine Verb�ndete in der Arena. Sie konnte fliegen wie ein Vogel, von Baum zu Baum, sie fand auf den zartesten �sten Halt. Rue, die ich nicht gerettet habe. Die ich sterben lie�. Ich sehe sie vor mir, wie sie auf dem Boden liegt, den Speer im Bauch �</p><p>Wen noch werde ich nicht vor der Rache des Kapitols retten k�nnen? Wer wird noch sterben, wenn ich Pr�sident Snow nicht zufriedenstelle?</p><p>Ich merke, dass Cinna versucht, mir einen Mantel anzuziehen, also hebe ich die Arme. Ich sp�re, wie Pelz mich umh�llt. Er stammt von einem Tier, das ich noch nie gesehen habe. �Hermelin�, sagt Cinna, als ich �ber den wei�en �rmel streiche. Lederhandschuhe. Ein knallroter Schal. Etwas Pelziges bedeckt meine Ohren. �Du bringst Ohrensch�tzer wieder in Mode.�</p><p><emphasis>Ich hasse Ohrensch�tzer, </emphasis>denke ich. Mit den Dingern kann man schlecht h�ren, und seit ich in der Arena bei einer Explosion auf einem Ohr taub geworden war, verabscheue ich sie noch mehr. Nach meinem Sieg hat das Kapitol mein Ohr wiederhergestellt, aber ich merke, dass ich es immer noch oft �berpr�fe.</p><p>Meine Mutter kommt herbeigelaufen, sie verbirgt etwas in den H�nden. �Als Gl�cksbringer�, sagt sie.</p><p>Es ist die Brosche, die Madge mir gegeben hat, bevor ich in die Spiele gezogen bin. Ein fliegender Spottt�lpel in einem goldenen Ring. Ich wollte die Brosche Rue schenken, doch sie hat sie nicht angenommen. Sie sagte, wegen der Brosche habe sie beschlossen, mir zu vertrauen. Cinna steckt sie am Knoten des Schals fest.</p><p>Effie Trinket kommt herbei und klatscht in die H�nde. �Alle mal herh�ren! Wir machen gleich die erste Au�enaufnahme -die Sieger begr��en einander zu Beginn der wunderbaren Tour. Los, Katniss, strahlendes L�cheln bitte, du freust dich wahnsinnig, klar?� Es ist nicht �bertrieben zu sagen, dass sie mich zur T�r hinausschiebt.</p><p>Im ersten Moment kann ich nichts sehen, denn jetzt hat es richtig angefangen zu schneien. Dann erkenne ich Peeta, der aus der Haust�r kommt. Ich habe die Anweisung von Pr�sident Snow im Kopf: ��berzeuge mich.� Und ich wei�, dass ich es tun muss.</p><p>Ich setze mein strahlendstes L�cheln auf und gehe auf Peeta zu. Dann renne ich los, als k�nnte ich keine Sekunde l�nger warten. Er f�ngt mich auf und wirbelt mich herum, rutscht pl�tzlich aus - er hat sein k�nstliches Bein noch nicht ganz in der Gewalt -, und wir fallen in den Schnee, ich auf ihn drauf, und dann k�ssen wir uns, zum ersten Mal seit Monaten. Es ist ein Kuss voller Pelz und Schnee und Lippenstift, doch darunter sp�re ich die Ruhe, die Peeta immer ausstrahlt. Und ich wei�, dass ich nicht allein bin. Sosehr ich ihn auch verletzt habe, er wird mich vor den Kameras nicht blo�stellen. Wird mich nicht mit einem halbherzigen Kuss bestrafen. Er passt immer noch auf mich auf. Genau wie in der Arena. Bei dem Gedanken w�rde ich am liebsten weinen. Doch ich helfe ihm auf, hake mich mit meiner behandschuhten Hand bei ihm unter und ziehe ihn vergn�gt mit.</p><p>Der Rest des Tages ist ein verschwommenes Durcheinander aus dem Weg zum Bahnhof, dem Abschied von allen, dem abfahrenden Zug, dem Abendessen mit dem alten Team - Peeta und ich, Effie und Haymitch, Cinna und Portia, Peetas Stylistin -, ein himmlisches Abendessen, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Und dann bin ich in einen Schlafanzug und einen riesigen Bademantel geh�llt, sitze in meinem vornehmen Abteil und warte darauf, dass die anderen schlafen gehen. Ich wei�, dass Haymitch noch stundenlang wach sein wird. Er schl�ft nicht gern, wenn es drau�en dunkel ist.</p><p>Als im Zug alles ruhig scheint, ziehe ich meine Pantoffeln an und tapse zu seiner T�r. Ich muss mehrmals anklopfen, ehe er kommt, fluchend, als w�re er �berzeugt, dass ich schlechte Neuigkeiten bringe.</p><p>�Was willst du?�, fragt er, und der Weindunst, den er verstr�mt, haut mich fast um.</p><p>�Ich muss mit dir reden�, fl�stere ich.</p><p>�Jetzt?�, fragt er. Ich nicke. �Hoffentlich hast du einen guten Grund.� Er wartet, aber ich habe das Gef�hl, dass jedes Wort, das wir in einem Zug des Kapitols sagen, aufgezeichnet wird. �Und?�, sagt er schroff.</p><p>Der Zug bremst ab, und ganz kurz denke ich, Pr�sident Snow hat mich beobachtet und es nicht gutgehei�en, dass ich mich Haymitch anvertraue, und deshalb hat er beschlossen, mich auf der Stelle zu t�ten. Doch wir halten nur an, weil der Zug Treibstoff braucht.</p><p>�Hier im Zug ist es so stickig�, sage ich.</p><p>Es ist ein harmloser Satz, aber ich sehe, wie Haymitch die Augen schmal macht, er hat verstanden. �Dagegen wei� ich was.� Er schiebt sich an mir vorbei und torkelt durch den Gang zu einer T�r. Als er sie m�hsam ge�ffnet hat, schl�gt uns eine Schneewolke entgegen. Er stolpert hinaus und landet auf dem Boden.</p><p>Eine Dienerin vom Kapitol eilt herbei, um zu helfen, doch Haymitch gibt ihr gutm�tig zu verstehen, dass sie wieder gehen kann, und taumelt weiter. �Brauch blo� ein bisschen frische Luft. Nur einen kleinen Moment.�</p><p>�Entschuldigung. Er ist betrunken�, sage ich. �Ich hole ihn rein.� Ich springe hinunter und stolpere hinter ihm an den Gleisen entlang. Meine Pantoffeln werden im Schnee klatschnass, w�hrend er mich ans Ende des Zuges f�hrt, damit uns niemand h�ren kann. Dann wendet er sich zu mir.</p><p>�Was ist los?�</p><p>Ich erz�hle ihm alles. Von dem Besuch des Pr�sidenten, von Gale und dass wir alle sterben m�ssen, wenn ich versage.</p><p>Sein Gesicht wird n�chterner, scheint im Licht der roten Schlusslichter zu altern. �Dann darfst du eben nicht versagen.�</p><p>�Wenn du mir blo� helfen kannst, diese Tour zu �berstehen ��, setze ich an.</p><p>�Nein, Katniss, es geht nicht nur um die Tour�, sagt er.</p><p>�Wie meinst du das?�, frage ich.</p><p>�Selbst wenn du es schaffst, kommen sie doch in ein paar Monaten wieder und holen uns alle zu den Spielen ab. Du und Peeta, ihr werdet Mentoren sein, jedes Jahr von nun an. Und jedes Jahr werden sie auf die Liebesgeschichte zur�ckkommen und alle Einzelheiten deines Privatlebens breittreten, und du kannst nichts anderes tun, als bis ans Ende deiner Tage mit diesem Jungen zu leben.�</p><p>Seine Worte treffen mich mit voller Wucht. Selbst wenn ich es m�chte, wird es f�r mich nie ein Leben mit Gale geben. Ich werde nie allein leben d�rfen. Ich muss f�r immer in Peeta verliebt sein. Das Kapitol wird darauf bestehen. Ein paar Jahre darf ich vielleicht noch mit meiner Mutter und Prim zusammenwohnen, weil ich ja erst siebzehn bin. Und dann � und dann �</p><p>�Verstehst du, was ich sagen will?�, dr�ngt er.</p><p>Ich nicke. Er will sagen, dass es nur eine m�gliche Zukunft gibt, wenn ich daf�r sorgen m�chte, dass meine Lieben und ich selbst am Leben bleiben. Ich werde Peeta heiraten m�ssen.</p><p><emphasis><strong>4</strong></emphasis></p><p>Schweigend trotten wir zur�ck zum Zug. Im Gang vor meinem Abteil klopft Haymitch mir auf die Schulter und sagt: �Du k�nntest es viel schlechter treffen.� Dann geht er weiter zu seinem Abteil, die Weinfahne weht hinter ihm her.</p><p>In meinem Abteil ziehe ich die durchweichten Pantoffeln, den nassen Bademantel und den Schlafanzug aus. In den Schubladen sind noch mehr Schlafanz�ge, doch ich krieche einfach in Unterw�sche unter die Bettdecke. Ich starre in die Dunkelheit und denke �ber das Gespr�ch mit Haymitch nach. Alles, was er gesagt hat, stimmt: die Erwartungen des Kapitols, meine Zukunft mit Peeta, sogar seine letzte Bemerkung. Nat�rlich k�nnte ich es viel schlechter treffen als mit Peeta. Aber darum geht es ja eigentlich nicht. Eine der wenigen Freiheiten, die wir in Distrikt 12 haben, ist das Recht, zu heiraten, wen wir wollen, oder auch gar nicht zu heiraten. Und jetzt haben sie mir selbst das noch genommen. Ich frage mich, ob Pr�sident Snow wohl darauf bestehen wird, dass wir Kinder bekommen. Wenn wir welche bekommen, werden sie sich jedes Jahr der Ernte stellen m�ssen. Und w�re das nicht ein Spektakel, wenn das Kind nicht nur eines Siegers, sondern gleich zweier Sieger f�r die Arena auserw�hlt w�rde? Es ist schon �fter vorgekommen, dass Kinder von Siegern in den Ring mussten. Dann gibt es jedes Mal gro�e Aufregung, und die Leute sagen, dass diese Familie wirklich kein Gl�ck hat. Aber es kommt so oft vor, dass es nicht nur mit Gl�ck zu tun haben kann. Gale ist davon �berzeugt, dass es Absicht ist; dass das Kapitol die Auslosung manipuliert, um die Dramatik zu steigern. Wenn man bedenkt, f�r wie viel �rger ich gesorgt habe, dann d�rfte jedem meiner Kinder ein Auftritt in den Spielen garantiert sein.</p><p>Ich denke an Haymitch, der unverheiratet ist, keine Familie hat und die Welt mit Alkohol ausblendet. Er h�tte jede Frau im Distrikt haben k�nnen. Und w�hlte die Abgeschiedenheit. Nicht Abgeschiedenheit - das klingt zu friedlich. Eher so etwas wie Einzelhaft. Wusste er nach seiner Erfahrung in der Arena, dass das besser war, als die Alternative zu riskieren? Ich habe einen Vorgeschmack auf diese Alternative bekommen, als am Tag der Ernte Prims Name aufgerufen wurde und ich sah, wie sie zur B�hne ging, geradewegs in den Tod. Doch als Schwester konnte ich mich an ihrer Stelle melden, was unserer Mutter nicht erlaubt war.</p><p>Panisch versuche ich einen Ausweg zu ersinnen. Ich kann es nicht zulassen, dass Pr�sident Snow mich zu diesem Los verdammt. Und wenn ich mir das Leben nehmen m�sste. Aber vorher w�rde ich versuchen zu fliehen. Was w�rden sie tun, wenn ich einfach abtauchen w�rde? In den Wald verschwinden und nie mehr herauskommen w�rde? W�re es vielleicht sogar denkbar, alle meine Lieben mitzunehmen und mitten in der Wildnis ein neues Leben anzufangen? H�chst unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.</p><p>Ich sch�ttele den Kopf, um die Gedanken zu ordnen. Jetzt ist nicht der richtige Moment, um wilde Fluchtpl�ne zu schmieden. Ich muss mich auf die Tour der Sieger konzentrieren. Das Schicksal zu vieler Menschen h�ngt davon ab, dass ich eine �berzeugende Vorstellung liefere.</p><p>Das Morgengrauen kommt vor dem Schlaf und dann klopft auch schon Effie an meine T�r. Ich ziehe die erstbesten Sachen an, die auf der Kommode liegen, und schleppe mich in den Speisewagen. Ich verstehe nicht, weshalb ich fr�h aufstehen soll, da es ohnehin ein Reisetag ist, aber dann erfahre ich, dass die Versch�nerung gestern nur f�r den Weg zum Bahnhof war. Heute macht sich das Vorbereitungsteam noch mal richtig an die Arbeit.</p><p>�Wozu? Bei der K�lte sieht man doch sowieso nichts�, murre ich.</p><p>�In Distrikt 11 ist es aber nicht kalt�, sagt Effie.</p><p>Distrikt 11. Unsere erste Station. Ich w�rde lieber in einem anderen Distrikt anfangen, denn in 11 war Rue zu Hause. Aber so l�uft das nicht bei der Tour der Sieger. Normalerweise geht es in Distrikt 12 los, dann werden der Reihe nach alle Distrikte durchlaufen, bis die Reise schlie�lich ins Kapitol f�hrt. Der Distrikt des Siegers wird ausgespart und kommt ganz zum Schluss dran. Sonst veranstaltet Distrikt 12 immer die am wenigsten spektakul�re Feier - f�r gew�hnlich nur ein Essen f�r die Tribute und eine Siegesfeier auf dem Platz, bei der niemand so aussieht, als w�rde er sich am�sieren. In diesem Jahr wird Distrikt 12 zum ersten Mal seit Haymitchs Sieg die Endstation der Tour sein und das Kapitol spendiert die Feier, da ist es wahrscheinlich am besten, wenn wir hier so schnell wie m�glich verschwinden, damit alles vorbereitet werden kann.</p><p>Ich versuche das Essen zu genie�en, wie Hazelle es mir geraten hat. Die Leute in der K�che wollen mir offenbar eine Freude machen. Sie haben mein Leibgericht gekocht, Lammeintopf mit Backpflaumen, und andere K�stlichkeiten. Auf dem Tisch warten an meinem Platz Orangensaft und ein Becher dampfend hei�er Kakao. Ich esse eine Menge, und das Mahl ist tadellos, aber ich kann nicht sagen, dass ich es genie�e. Au�erdem �rgert es mich, dass sich au�er Effie und mir niemand blicken l�sst. �Wo sind die anderen alle?�, frage ich.</p><p>�Ach, wer wei�, wo Haymitch ist�, sagt Effie. Mit Haymitch hatte ich sowieso nicht gerechnet, der geht wahrscheinlich gerade schlafen. �Cinna war gestern lange auf, er musste einen Waggon f�r deine Kleider organisieren. Er hat bestimmt �ber hundert f�r dich. Deine Abendgarderobe ist exquisit. Und Peetas Team schl�ft vermutlich noch.�</p><p>�Muss er nicht vorbereitet werden?�, frage ich.</p><p>�Nicht so wie du�, sagt Effie.</p><p>Was soll das hei�en? Es hei�t, dass ich den Vormittag damit verbringen werde, mir die Haare vom K�rper rei�en zu lassen, w�hrend Peeta ausschlafen kann. Ich hatte nicht gro� dar�ber nachgedacht, aber in der Arena haben wenigstens einige der Jungs ihre K�rperbehaarung behalten, von den M�dchen dagegen kein einziges. Jetzt erinnere ich mich an Peetas Behaarung, als ich ihn am Bach gewaschen habe. Sehr blond im Sonnenlicht, nachdem ich den Schlamm und das Blut erst einmal abgesp�lt hatte. Nur sein Gesicht blieb vollkommen glatt. Nicht einer von den Jungs bekam einen Bart, obwohl viele alt genug waren. Ich frage mich, was sie wohl mit ihnen angestellt haben.</p><p>Wenn ich mich schon groggy f�hle, so scheint mein Vorbereitungsteam in noch schlimmerer Verfassung zu sein. Sie st�rzen den Kaffee hinunter und tauschen kleine bunte Pillen. Soweit ich wei�, stehen sie nie vor dem Mittag auf, es sei denn, es gibt eine Art nationalen Notstand, wie zum Beispiel meine behaarten Beine. Ich war so froh, als die Haare wieder wuchsen. Als w�ren sie ein Zeichen daf�r, dass alles wieder wie immer werden k�nnte. Ich streiche mit den Fingern �ber den weichen, gekr�uselten Flaum auf meinen Beinen und �berlasse mich dem Team. Keiner von ihnen ist zu dem �blichen Geplapper aufgelegt, deshalb h�re ich, wie jedes einzelne H�rchen herausgerissen wird. Ich muss mich in einer Wanne mit einer dicken, unangenehm riechenden Lotion baden, w�hrend mein Gesicht und meine Haare mit Cremes ein gekleistert werden. Dann zwei weitere B�der mit anderen, nicht so ekelhaften Zus�tzen. Ich werde gerupft und geschrubbt und massiert und gesalbt, bis ich mir vorkomme wie ein H�hnchen.</p><p>Flavius fasst mir mit einer Hand unters Kinn und seufzt. �Es ist ein Jammer, dass Cinna gesagt hat, bei dir darf nichts ver�ndert werden.�</p><p>�Ja, wir k�nnten wirklich etwas Besonderes aus dir machen�, sagt Octavia.</p><p>�Wenn sie �lter ist�, sagt Venia fast grimmig. �Dann muss er es erlauben.�</p><p>Was? Dass sie meine Lippen aufspritzen wie die von Pr�sident Snow? Mir die Br�ste t�towieren? Meine Haut magenta f�rben und mir Edelsteine einsetzen? Mir Verzierungen ins Gesicht ritzen? Mir gebogene Krallen verpassen? Oder Schnurrhaare? All das und noch viel mehr habe ich bei verschiedenen Leuten im Kapitol gesehen. Wissen sie wirklich nicht, wie abgedreht das auf andere wirkt?</p><p>Die Vorstellung, den Geschmacksverirrungen meines Vorbereitungsteams ausgeliefert zu sein, ist nur eine weitere Sorge von vielen, die mich besch�ftigen - mein geschundener K�rper, Schlafmangel, die drohende Zwangsehe und der Horror, dass ich die Forderungen von Pr�sident Snow nicht werde erf�llen k�nnen. Als ich zum Mittagessen komme, wo Effie, Cinna, Portia, Haymitch und Peeta schon ohne mich angefangen haben, bin ich zu niedergeschlagen, um zu reden. Sie schw�rmen vom Essen und davon, wie wunderbar sie im Zug schlafen k�nnen. Alle sind ganz aus dem H�uschen �ber die Tour der Sieger. Na ja, alle bis auf Haymitch. Er hat einen Kater und knabbert an einem Muffin. Ich habe auch keinen gro�en Hunger, entweder weil ich heute Morgen zu viel schweres Zeug in mich hineingestopft habe oder weil ich so ungl�cklich bin. Ich r�hre in meiner Br�he herum und esse nur ein, zwei L�ffel davon. Ich kann Peeta - meinen zuk�nftigen Mann - nicht einmal ansehen, obwohl ich wei�, dass er keine Schuld an alldem tr�gt.</p><p>Die anderen merken, dass etwas nicht stimmt, und versuchen mich ins Gespr�ch einzubeziehen, aber ich bin abweisend. Irgendwann h�lt der Zug. Unser Kellner berichtet uns, dass es diesmal nicht nur wegen Treibstoff ist - irgendein Zugteil ist defekt und muss ausgetauscht werden. Es wird mindestens eine Stunde dauern. Das bringt Effie in Rage. Sie holt ihren Plan heraus und berechnet, wie diese Verz�gerung jedes Ereignis bis zum Ende unseres Lebens beeinflussen wird. Schlie�lich ertrage ich es nicht mehr, mir das anzuh�ren.</p><p>�Das interessiert doch keinen, Effie!�, sage ich schroff. Alle am Tisch starren mich an, sogar Haymitch, der doch auf meiner Seite sein m�sste, weil Effie ihm auf die Nerven geht. Sofort f�hle ich mich in die Enge getrieben. �Absolut keinen!�, sage ich, stehe auf und verlasse den Speisewagen.</p><p>Auf einmal kommt es mir stickig vor im Zug und mir ist regelrecht mulmig. Ich suche den Ausgang, mache die T�r gewaltsam auf - wobei ich irgendeinen Alarm ausl�se, den ich ignoriere - und springe hinaus in der Erwartung, im Schnee zu landen. Doch die Luft f�hlt sich warm und mild auf der Haut an. Die B�ume haben noch gr�ne Bl�tter. Wie weit s�dlich sind wir an einem Tag gereist? Ich laufe an den Schienen entlang, blinzele ins grelle Sonnenlicht und bereue schon, was ich zu Effie gesagt habe. Sie kann ich kaum daf�r verantwortlich machen, dass ich in der Zwickm�hle stecke. Eigentlich m�sste ich zur�ckgehen und mich entschuldigen. Mein Ausbruch war der Gipfel an schlechtem Benehmen und gutes Benehmen ist f�r Effie sehr wichtig. Doch meine F��e gehen weiter am Gleis entlang, am Ende des Zuges vorbei und immer noch weiter. Eine Stunde Versp�tung. Ich kann mindestens zwanzig Minuten in eine Richtung gehen und wieder zur�ck, dann habe ich trotzdem noch reichlich Zeit. Aber nach ein paar Hundert Metern lasse ich mich auf dem Boden nieder, bleibe dort sitzen und schaue in die Ferne. Wenn ich Pfeil und Bogen h�tte, w�rde ich dann einfach weitergehen?</p><p>Nach einer Weile h�re ich hinter mir Schritte. Bestimmt Haymitch, der mich zusammenstauchen will. Nicht, dass ich es nicht verdient h�tte, aber ich will es trotzdem nicht h�ren. �Ich bin nicht in der Stimmung f�r eine Lektion�, sage ich warnend zu dem Gras vor meinen F��en.</p><p>�Ich versuche es kurz zu machen.� Peeta setzt sich neben mich.</p><p>�Ich dachte, du w�rst Haymitch�, sage ich.</p><p>�Nein, der k�mpft immer noch mit seinem Muffin.� Ich sehe, wie Peeta seine Prothese in die richtige Position bringt. �Schlechter Tag, was?�</p><p>�Es ist nichts�, sage ich.</p><p>Er holt tief Luft. �H�r mal, Katniss, ich wollte schon l�nger mit dir dar�ber reden, wie ich mich im Zug benommen hab. Ich meine, im letzten Zug - der, mit dem wir nach Hause gefahren sind. Ich wusste, dass zwischen Gale und dir etwas war. Ich war schon eifers�chtig auf ihn, bevor ich dich �berhaupt offiziell kennenlernte. Und es war unfair, dich auf das festzunageln, was in den Spielen passiert ist. Das tut mir leid.�</p><p>Seine Entschuldigung �berrumpelt mich. Es stimmt, dass er mir die kalte Schulter gezeigt hat, nachdem ich ihm gestand, dass ich ihm in der Arena etwas vorgespielt hatte. Aber das werfe ich ihm nicht vor. In der Arena habe ich auf Teufel komm raus den Liebesengel gespielt. Es gab Momente, in denen ich mir nicht sicher war, was ich f�r ihn empfand. Ich bin mir immer noch nicht so ganz sicher.</p><p>�Mir tut es auch leid�, sage ich. Ich wei� nicht so recht, was mir eigentlich leidtut. Vielleicht, dass ich ihn jetzt m�glicherweise wirklich zerst�ren werde.</p><p>�Dir braucht �berhaupt nichts leidzutun. Du hast nur versucht, uns beiden das Leben zu retten. Aber ich will nicht, dass wir so weitermachen - dass wir uns im richtigen Leben ignorieren und uns dann zusammen in den Schnee fallen lassen, sobald eine Kamera in der N�he ist. Ich hab mir gedacht, wenn ich nicht mehr so, hm, verletzt bin, dann k�nnten wir doch versuchen, einfach Freunde zu werden�, sagt er.</p><p>Wie es aussieht, sind alle meine Freunde zum Sterben verdammt, aber wenn ich Peeta zur�ckweise, rettet ihn das auch nicht. �Gut�, sage ich. Nach seinem Angebot geht es mir schon besser. Ich komme mir nicht mehr so verlogen vor. Es w�re sch�n gewesen, wenn er damit fr�her herausger�ckt w�re - bevor ich erfuhr, dass Pr�sident Snow anderes im Sinn hat, und die M�glichkeit, einfach Freunde zu sein, zunichtegemacht wurde. Doch zumindest freue ich mich, dass wir wieder miteinander reden.</p><p>�Also, was ist los?�, fragt er.</p><p>Ich kann es ihm nicht sagen. Ich zupfe am Unkraut.</p><p>�Dann fangen wir mit was Einfacherem an. Ist es nicht komisch, dass ich wei�, du w�rdest dein Leben f�r mich aufs Spiel setzen � aber deine Lieblingsfarbe nicht kenne?�, sagt er.</p><p>Ein L�cheln stiehlt sich auf meine Lippen. �Gr�n. Und deine?�</p><p>�Orange�, sagt er.</p><p>�Orange? Wie Effies Haare?�, frage ich.</p><p>�Ein bisschen gedeckter�, erwidert er. �Eher so wie � der Sonnenuntergang.�</p><p>Der Sonnenuntergang. Sofort habe ich ein Bild vor Augen, den Rand der untergehenden Sonne, den Himmel, der in warmen Oranget�nen gestreift ist. Wundersch�n. Ich erinnere mich an den Lilienkeks, und jetzt, da Peeta wieder mit mir redet, f�llt es mir schwer, nicht mit der ganzen Geschichte von Pr�sident Snow herauszuplatzen. Aber ich wei�, dass Haymitch das nicht gut f�nde. Ich halte mich lieber an unverf�ngliche Themen.</p><p>��brigens schw�rmen ja alle von deinen Bildern. Schade, dass ich sie nicht gesehen habe�, sage ich.</p><p>�Ich hab einen ganzen Waggon voll.� Er steht auf und reicht mir eine Hand. �Komm.�</p><p>Das f�hlt sich gut an, seine Finger wieder mit meinen verschr�nkt, nicht f�r die anderen, sondern aus Freundschaft. Hand in Hand gehen wir zur�ck zum Zug. An der T�r f�llt es mir ein: �Ich muss erst zu Effie und mich entschuldigen.�</p><p>�Keine falsche Zur�ckhaltung�, sagt Peeta.</p><p>Als wir wieder im Speisewagen sind, wo die anderen immer noch essen, entschuldige ich mich so �berschw�nglich bei Effie, dass ich denke, es ist zu viel des Guten, doch f�r sie reicht es wahrscheinlich gerade eben, um meinen Fauxpas wieder wettzumachen. Immerhin nimmt sie die Entschuldigung gutm�tig an. Sie sagt, sie verstehe schon, dass ich unter gro�em Druck stehe. Und dann redet sie nur ganze f�nf Minuten davon, dass sich ja einer um den Zeitplan k�mmern m�sse. Ich bin also glimpflich davongekommen.</p><p>Als Effie fertig ist, gehe ich mit Peeta ein paar Wagen weiter und er zeigt mir seine Bilder. Ich wei� nicht, was ich erwartet hatte. Gr��ere Versionen der Blumenkekse vielleicht. Aber das hier ist etwas vollkommen anderes. Peeta hat die Spiele gemalt.</p><p>Manche Bilder w�ren f�r jemanden, der nicht mit ihm in der Arena war, nicht sofort zu deuten. Wasser, das durch die Spalten in unserer H�hle tr�pfelt. Der ausgetrocknete T�mpel. Zwei H�nde, seine eigenen, die nach Wurzeln graben. Andere Bilder w�rde jeder Betrachter gleich erkennen. Das goldene F�llhorn. Clove, wie sie Messer in ihrer Jacke verstaut. Eine der Mutationen, unverkennbar die blonde mit den gr�nen Augen, die Glimmer darstellt; knurrend kommt sie auf uns zu. Und da bin ich. Ich bin �berall. Wie ich hoch oben auf einem Baum sitze. Wie ich ein Hemd an die Felsen im Bach schlage. Wie ich bewusstlos in einer Blutlache liege. Ein Bild kann ich nicht einordnen - vielleicht habe ich so ausgesehen, als er hohes Fieber hatte -, da tauche ich aus einem silbergrauen Nebel auf. �Wie findest du sie?�, fragt er.</p><p>�Grauenhaft�, sage ich. Ich kann beinahe das Blut riechen, den Dreck, den k�nstlichen Atem der Mutation. �Ich versuche die ganze Zeit, die Arena zu vergessen, und du erweckst sie wieder zum Leben. Wie kommt es, dass du dich so genau an alles erinnerst?�</p><p>�Ich sehe es jede Nacht�, sagt er.</p><p>Ich wei�, was er meint. Albtr�ume - die mir schon vor den Spielen nicht fremd waren - plagen mich jetzt immer, wenn ich schlafe. Dagegen ist das altbekannte Bild, das von meinem Vater, wie er in der Mine in Fetzen gerissen wird, selten geworden. Stattdessen erlebe ich verschiedene Variationen der Ereignisse in der Arena. Mein aussichtsloser Versuch, Rue zu retten. Peeta, wie er verblutet. Glimmers aufgedunsener K�rper, der sich unter meinen H�nden aufl�st. Cato, dem die Mutationen ein entsetzliches Ende bereiten. Das sind meine h�ufigsten Besucher. �Ich auch. Hilft das? Wenn du sie malst?�</p><p>�Ich wei� nicht. Ich glaube, ich hab dadurch etwas weniger Angst, abends schlafen zu gehen, jedenfalls sage ich mir das. Aber sie sind nicht verschwunden.�</p><p>�Vielleicht verschwinden sie nie. So wie bei Haymitch�, sage ich. Haymitch spricht nicht dar�ber, aber ganz bestimmt ist das der Grund daf�r, dass er nicht im Dunkeln schlafen will.</p><p>�Kann sein. Aber f�r mich ist es besser, mit einem Pinsel in der Hand aufzuwachen als mit einem Messer�, sagt er. �Findest du sie echt grauenhaft?�</p><p>�Ja. Aber sie sind au�ergew�hnlich. Wirklich�, sage ich. Und das stimmt auch. Trotzdem, ich will sie nicht mehr ansehen. �M�chtest du mal mein Talent sehen? Cinna hat das super hingekriegt.�</p><p>Peeta lacht. �Sp�ter.� Der Zug setzt sich langsam in Bewegung, und durchs Fenster sehe ich, wie das Land an uns vorbeizieht. �Komm, wir sind fast in Distrikt 11. Das schauen wir uns mal an.�</p><p>Wir gehen durch bis zum letzten Waggon. Dort gibt es Sessel und Sofas, auf denen man sitzen kann, aber das Beste ist, dass sich die Heckscheiben so hochschieben lassen, dass man im Freien f�hrt, an der frischen Luft, und man kann weit in die Landschaft blicken. Endlose Felder, auf denen Rinderherden weiden. So ganz anders als unsere dicht bewaldete Heimat. Der Zug verlangsamt die Fahrt, und ich denke schon, dass wir gleich wieder halten, als sich vor uns ein Zaun erhebt. Er ist mindestens zehn Meter hoch und oben mit gemeinem Stacheldraht versehen - dagegen wirkt unser Zaun in Distrikt 12 geradezu l�ppisch. Schnell nehme ich den unteren Teil des Zauns in Augenschein, der aus gewaltigen Metallplatten besteht. Dort k�nnte man nicht drunter durchschl�pfen, sich nicht davonstehlen, um zu jagen. Dann sehe ich die Wacht�rme, sie sind in gleichm��igem Abstand aufgestellt und mit bewaffneten Wachen versehen. In dem Feld mit Wildblumen wirken sie fehl am Platz.</p><p>�Es ist ganz anders hier�, sagt Peeta.</p><p>Rue hatte mir bereits den Eindruck vermittelt, dass in Distrikt 11 die Regeln h�rter durchgesetzt werden. Aber so etwas h�tte ich mir nie vorgestellt.</p><p>Jetzt fangen die Felder an, sie reichen, so weit das Auge blicken kann. M�nner, Frauen und Kinder mit Strohh�ten gegen die Sonne richten sich auf, drehen sich zu uns, recken einen Moment lang den R�cken und schauen dem vorbeifahrenden Zug nach. In der Ferne sehe ich Obstplantagen, und ich frage mich, ob Rue dort wohl gearbeitet hat, ob sie dort die Fr�chte von den zartesten �sten ganz oben im Baum gepfl�ckt hat. Kleine Ansiedlungen von H�tten hier und dort - im Vergleich zu ihnen sind die H�user im Saum nobel -, doch sie sind alle verlassen. F�r die Ernte werden wohl alle H�nde gebraucht.</p><p>Es nimmt gar kein Ende. Ich kann kaum fassen, wie gro� Distrikt 11 ist. �Was glaubst du, wie viele Leute hier leben?�, fragt Peeta. Ich sch�ttele den Kopf. In der Schule haben wir nur gelernt, dass es ein gro�er Distrikt ist, mehr nicht. Keine konkreten Bev�lkerungszahlen. Aber die jungen Leute, die wir jedes Jahr in den �bertragungen sehen, wie sie auf die Auslosung der Tribute warten, k�nnen nur ein kleiner Teil derer sein, die hier leben. Wie machen sie das? Treffen sie eine Vorauswahl? Losen sie die Teilnehmer im Vorhinein aus und sorgen daf�r, dass sie unter den Zuschauern sind? Wie kam es dazu, dass Rue auf der B�hne landete, niemand bei ihr, der ihren Platz h�tte einnehmen k�nnen, nur der Wind?</p><p>Die Weite erm�det mich allm�hlich, die Endlosigkeit der Landschaft. Als Effie kommt und sagt, wir sollen uns umziehen, protestiere ich nicht. Ich begebe mich in mein Abteil und lasse mich vom Vorbereitungsteam frisieren und schminken. Cinna kommt mit einem h�bschen Kleid herein, orange mit einem Herbstblattmuster. Die Farbe wird Peeta gefallen.</p><p>Effie ruft Peeta und mich zu sich und erkl�rt uns noch ein letztes Mal den Tagesablauf. In manchen Distrikten fahren die Sieger durch die Stadt, w�hrend die Bewohner ihnen zujubeln. Doch in Distrikt 11 ist unser Auftritt auf den Hauptplatz beschr�nkt - vielleicht, weil es keine nennenswerte Stadt gibt, nur einzelne Siedlungen, oder vielleicht, weil sie w�hrend der Erntezeit nicht so viele Leute er�brigen wollen. Der Auftritt findet vor dem Justizgeb�ude statt, einem riesigen Marmorbau. Er muss einmal sehr pr�chtig gewesen sein, aber die Spuren der Zeit sind un�bersehbar. Selbst im Fernsehen kann man erkennen, dass die br�ckelnde Fassade von Efeu �berwuchert und das Dach eingesunken ist. Der Platz selbst ist von heruntergekommenen L�den ges�umt, die meisten Gesch�fte sind aufgegeben. Wo auch immer die Gutsituierten in Distrikt 11 leben, hier jedenfalls nicht.</p><p>Unsere Vorstellung wird auf dem Ding stattfinden, das Effie als Veranda bezeichnet, einer gefliesten Fl�che zwischen dem Eingang und der Treppe, beschattet von einem S�ulendach. Erst sollen Peeta und ich vorgestellt werden, dann wird der B�rgermeister von Distrikt 11 uns zu Ehren eine Rede verlesen, und wir antworten mit einem Dank, der vom Kapitol schon vorgefertigt wurde. Hatte ein Sieger Verb�ndete unter den toten Tributen, wird es als guter Stil betrachtet, ein paar pers�nliche Worte hinzuzuf�gen. Ich m�sste eigentlich etwas �ber Rue sagen und auch �ber Thresh, doch jedes Mal, wenn ich zu Hause versucht habe, etwas zu schreiben, starrte mich ein leeres Blatt Papier an. Es f�llt mir schwer, �ber sie zu sprechen, ohne die Fassung zu verlieren. Zum Gl�ck hat Peeta einen kurzen Text vorbereitet, der mit ein paar kleinen �nderungen f�r uns beide gelten kann. Am Ende der Feierlichkeiten bekommen wir irgendeine Tafel �berreicht, und dann k�nnen wir uns ins Justizgeb�ude begeben, wo ein Festessen gegeben wird.</p><p>W�hrend der Zug in den Bahnhof von Distrikt 11 einf�hrt, �ndert Cinna ein paar letzte Feinheiten an meinem Outfit. Er tauscht das orangefarbene Haarband gegen eines in Goldmetallic und steckt mir die Spottt�lpelbrosche, die ich in der Arena getragen habe, ans Kleid. Auf dem Bahnsteig steht kein Empfangskomitee, nur eine Gruppe von acht Friedensw�chtern, die uns in den hinteren Teil eines gepanzerten Wagens f�hren. Effie r�mpft die Nase, als die T�r hinter uns zuknallt. �Also wirklich, als ob wir alle Verbrecher w�ren�, sagt sie.</p><p><emphasis>Nicht wir alle, Effie, </emphasis>denke ich. <emphasis>Nur ich.</emphasis></p><p>Auf der R�ckseite des Justizgeb�udes werden wir aus dem Wagen gelassen, und dann sollen wir schnell hineingehen. Ich rieche, dass ein k�stliches Mahl bereitet wird, aber das kann die Ger�che von Muff und F�ulnis nicht ausblenden. Sie haben uns keine Zeit gelassen, uns umzuschauen. W�hrend wir auf dem k�rzesten Weg zum Eingang gehen, h�re ich, wie drau�en auf dem Platz die Nationalhymne angestimmt wird. Jemand klemmt mir ein Mikrofon an. Peeta nimmt meine linke Hand. Der B�rgermeister stellt uns vor, w�hrend die gewaltige T�r �chzend aufgeht.</p><p>�Strahlendes L�cheln!�, sagt Effie und st��t uns an. Wir bewegen die F��e vorw�rts.</p><p><emphasis>Jetzt. Jetzt muss ich alle �berzeugen, wie verliebt ich in Peeta bin, </emphasis>denke ich. Die feierliche Zeremonie ist ziemlich straff geplant, und ich wei� nicht, wie ich es anstellen soll. Es ist nicht die passende Situation f�r einen Kuss, doch vielleicht kann ich einen unterbringen.</p><p>Es gibt lauten Applaus, aber keine Jubelrufe, Jauchzer und Pfiffe wie im Kapitol. Wir gehen �ber die schattige Veranda, bis das Dach zu Ende ist und wir auf einer breiten Marmortreppe in der grellen Sonne stehen. Als meine Augen sich an das Licht gew�hnt haben, sehe ich, dass die H�user mit Flaggen geschm�ckt sind, die ihren heruntergekommenen Zustand ein wenig kaschieren. Es ist rappelvoll auf dem Platz, aber das ist nur ein Bruchteil der Menschen, die hier leben.</p><p>Wie �blich ist unterhalb der B�hne f�r die Familien der toten Tribute ein eigenes Podium errichtet worden. Auf Threshs Seite stehen nur eine alte, bucklige Frau und ein gro�es, muskul�ses M�dchen, bestimmt seine Schwester. Auf Rues Seite � Ich bin auf Rues Familie nicht vorbereitet. Ihre Eltern, die Trauer noch frisch in den Gesichtern. Die f�nf j�ngeren Geschwister, die ihr so �hnlich sehen. Der zarte Knochenbau, die leuchtend braunen Augen. Wie ein Schw�rm kleiner dunkler V�gel.</p><p>Der Applaus verebbt und der B�rgermeister h�lt die Rede auf uns. Zwei kleine M�dchen kommen mit gigantischen Blumenstr�u�en. Peeta sagt seine vorgefertigten Worte, und ich merke, wie ich die Lippen bewege, um das Ende zu sprechen. Zum Gl�ck haben meine Mutter und Prim sie mir so eingetrichtert, dass ich sie im Schlaf singen k�nnte.</p><p>Peeta hat seine pers�nlichen Kommentare auf eine Karte geschrieben, aber er holt sie nicht hervor. Stattdessen erz�hlt er in seiner einfachen, gewinnenden Art, wie Thresh und Rue unter die letzten acht gekommen sind, wie sie mir das Leben gerettet haben - und damit auch ihm - und dass wir das nie wiedergutmachen k�nnen. Dann z�gert er, bevor er etwas hinzuf�gt, das nicht auf der Karte steht. Vielleicht, weil er dachte, dass Effie ihm nicht erlauben w�rde, es zu sagen. �Auch wenn es in keiner Weise Ihren Verlust ersetzen kann, m�chten wir zum Zeichen unseres Danks den Familien der Tribute aus Distrikt 11 zeit unseres Lebens jedes Jahr einen Monatsanteil unseres Preises zukommen lassen.�</p><p>Unwillk�rlich halten die Zuschauer die Luft an und sprechen leise miteinander. Was Peeta getan hat, ist ohne Beispiel. Ich wei� nicht einmal, ob es legal ist. Das wei� er vermutlich auch nicht, deshalb hat er lieber gar nicht erst gefragt. Die beiden Familien starren uns nur sprachlos an. Ihr Leben hat sich f�r immer ver�ndert, als sie Thresh und Rue verloren haben, doch dieses Geschenk wird es erneut ver�ndern. Von dem Monatspreis eines Tributs kann eine Familie m�helos ein Jahr lang leben. Solange wir leben, werden sie keinen Hunger leiden.</p><p>Ich schaue zu Peeta und er l�chelt mich traurig an. Ich habe Haymitchs Stimme im Ohr: <emphasis>�Du k�nntest es viel schlechter treffen.� </emphasis>In diesem Augenblick ist es unm�glich, sich vorzustellen, wie ich es besser treffen k�nnte. Das Geschenk � es ist gro�artig. Als ich mich auf die Zehenspitzen stelle und ihn k�sse, wirkt das kein bisschen gezwungen.</p><p>Der B�rgermeister kommt zu uns und �berreicht jedem von uns eine Tafel, so gro�, dass ich meinen Blumenstrau� ablegen muss, um sie zu halten. Die Zeremonie ist schon fast vor�ber, als ich merke, wie eine von Rues Schwestern mich anstarrt. Sie muss etwa neun sein und ist fast Rues Ebenbild, sie steht sogar genauso da, die Arme leicht abgespreizt. Trotz der guten Neuigkeiten �ber den Preis wirkt sie nicht froh. Im Gegenteil, sie schaut mich vorwurfsvoll an. Ist es, weil ich Rue nicht gerettet habe?</p><p><emphasis>Nein. Es ist, weil ich ihr immer noch nicht gedankt habe, </emphasis>denke ich.</p><p>Eine Welle der Scham �bersp�lt mich. Das M�dchen hat recht. Wie kann ich stumm und tatenlos dastehen und Peeta alles sagen lassen? W�re Rue die Siegerin gewesen, h�tte sie meinen Tod niemals sang-und klanglos hingenommen. Ich denke daran, wie ich sie in der Arena mit Blumen bedeckt habe, wie wichtig es mir war, dass ihr Tod nicht unbemerkt blieb. Doch diese Geste bedeutet gar nichts, wenn ich sie jetzt nicht untermauere.</p><p>�Warten Sie!� Ich stolpere nach vorn, dr�cke die Tafel an die Brust. Ich habe meine Redezeit verstreichen lassen, doch jetzt muss ich etwas sagen. Das bin ich Rue einfach schuldig. Selbst wenn ich meinen Preis ganz den Familien �berlassen h�tte, w�re das keine Entschuldigung f�r mein Schweigen am heutigen Tag. �Bitte warten Sie.� Ich wei� nicht, wo ich anfangen soll, aber als ich erst einmal rede, str�men mir die Worte aus dem Mund, als h�tte ich sie schon lange im Kopf gehabt.</p><p>�Ich m�chte den Tributen von Distrikt 11 danken�, sage ich. Ich schaue zu den beiden Frauen auf Threshs Seite. �Ich habe nur ein einziges Mal mit Thresh gesprochen. F�r ihn hat das ausgereicht, um mich zu verschonen. Ich kannte ihn nicht, aber ich hatte immer Hochachtung vor ihm. Vor seiner St�rke. Weil er die Spiele nach seinen eigenen Regeln gespielt hat und sich nichts hat aufzwingen lassen. Die Karrieros wollten ihn von Anfang an auf ihre Seite ziehen, aber er wollte nicht. Daf�r hatte er meine Hochachtung.�</p><p>Zum ersten Mal hebt die bucklige Frau - ist sie Threshs Gro�mutter? - den Kopf und ein leises L�cheln umspielt ihre Lippen.</p><p>Im Publikum ist es jetzt still geworden, so still, dass ich mich frage, wie das �berhaupt m�glich ist. Sie m�ssen alle den Atem anhalten.</p><p>Ich wende mich zu Rues Familie. �Bei Rue jedoch habe ich das Gef�hl, sie zu kennen, und sie wird immer bei mir sein. Alles Sch�ne erinnert mich an sie. Ich sehe sie in den gelben Blumen, die auf der Weide an meinem Haus wachsen. Ich sehe sie in den Spottt�lpeln, die auf den B�umen singen. Doch vor allem sehe ich sie in meiner Schwester, Prim.� Meine Stimme ist wacklig, aber ich habe es fast geschafft. �Ich danke euch f�r eure Kinder.� Ich hebe das Kinn, als ich mich an das Publikum wende. �Und ich danke euch allen f�r das Brot.�</p><p>Ich stehe da, f�hle mich gebrochen und klein, zahllose Blicke sind auf mich gerichtet. Sehr lange bleibt es still. Dann pfeift jemand aus der Menge Rues Spottt�lpelmelodie. Die vier T�ne, mit denen in den Obstplantagen das Ende des Arbeitstages eingel�utet wurde. In der Arena bedeuteten sie Sicherheit. Als die Melodie verklingt, sehe ich, woher der Pfiff kam: von einem hutzligen alten Mann in einem verblichenen roten Hemd und Latzhose. Unsere Blicke treffen sich.</p><p>Was dann passiert, ist kein Zufall. Es vollzieht sich so vollkommen synchron, dass es unm�glich ein spontaner Akt sein kann. Jeder Einzelne im Publikum legt die drei mittleren Finger der linken Hand auf die Lippen und streckt sie dann zu mir aus. Das ist unser Zeichen aus Distrikt 12, mein letzter Abschiedsgru� an Rue in der Arena.</p><p>H�tte es das Gespr�ch mit Pr�sident Snow nicht gegeben, w�rde diese Geste mich wom�glich zu Tr�nen r�hren. Doch da ich seinen Befehl, die Distrikte zu beruhigen, noch in den Ohren habe, erf�llt sie mich mit Furcht. Was wird er von diesem �ffentlichen Gru� an das M�dchen halten, das dem Kapitol die Stirn geboten hat?</p><p>Auf einmal wird mir klar, was ich da getan habe. Ohne dass es meine Absicht war - ich wollte nur meine Dankbarkeit ausdr�cken -, habe ich etwas Gef�hrliches ausgel�st. Einen Akt des Widerstands in Distrikt 11. Genau das, was ich verhindern soll!</p><p>Ich �berlege, womit ich das Geschehene zunichtemachen, es widerlegen k�nnte, doch da wird mit einem leichten Knacken mein Mikrofon abgeschaltet, und der B�rgermeister ergreift das Wort. Peeta und ich nehmen noch einen letzten Applaus in Empfang. Er f�hrt mich zur�ck zur T�r, er merkt gar nicht, dass etwas nicht stimmt.</p><p>Mir ist ganz komisch und ich muss einen Augenblick stehen bleiben. Kleine Lichtfetzen tanzen vor meinen Augen. �Alles in Ordnung?�, fragt Peeta.</p><p>�Nur ein bisschen schwindelig. Die Sonne war so grell�, sage ich. Ich sehe seinen Blumenstrau�. �Ich hab meine Blumen vergessen�, murmele ich.</p><p>�Ich hol sie�, sagt er.</p><p>�Das mach ich schon�, sage ich.</p><p>H�tte ich die Blumen nicht vergessen, w�re ich nicht stehen geblieben, dann w�ren wir jetzt wohlbehalten im Justizgeb�ude. Stattdessen sehe ich von der schattigen Veranda aus alles mit an.</p><p>Zwei Friedensw�chter ziehen den alten Mann, der gepfiffen hat, hinauf auf die Treppe. Zwingen ihn vor der Menge auf die Knie. Und jagen ihm eine Kugel in den Kopf.</p><p><emphasis><strong>5</strong></emphasis></p><p>Der Mann ist gerade erst auf dem Boden zusammengesunken, als eine Wand aus wei�en Friedensw�chtern uns die Sicht versperrt. Mehrere Soldaten haben ihre Maschinengewehre auf uns gerichtet, w�hrend sie uns zur�ck zur T�r schieben.</p><p>�Wir gehen ja schon!�, sagt Peeta und schubst den Friedensw�chter, der mich bedr�ngt, weg. �Wir haben verstanden, okay? Komm, Katniss.�</p><p>Er legt mir einen Arm um die Schultern und f�hrt mich zur�ck ins Justizgeb�ude. Der Friedensw�chter folgt uns im Abstand von ein oder zwei Schritten. Kaum sind wir drin, schl�gt die T�r zu, und wir h�ren die Stiefel des Friedensw�chters, der zur�ck zu der Menge geht.</p><p>Auf dem Bildschirm, der an der Wand angebracht ist, sieht man nur ein Grieselbild. Darunter warten Haymitch, Effie, Portia und Cinna mit �ngstlichen, angespannten Gesichtern.</p><p>�Was ist passiert?� Effie kommt schnell auf uns zu. �Nach Katniss� wundervoller Rede hatten wir keinen Empfang mehr, und dann meinte Haymitch, er h�tte einen Schuss geh�rt. Ich hab gesagt, das kann nicht sein, aber wer wei�? Es gibt ja �berall Verr�ckte!�</p><p>�Es ist nichts passiert, Effie. Ein alter Lkw hatte eine Fehlz�ndung�, sagt Peeta ruhig.</p><p>Noch zwei Sch�sse. Sie werden durch die T�r kaum ged�mpft. F�r wen waren die? Threshs Gro�mutter? Eine von Rues kleinen Schwestern?</p><p>�Ihr beide. Kommt mit�, sagt Haymitch. Peeta und ich folgen ihm und lassen die anderen zur�ck. Jetzt, da wir im Geb�ude in Sicherheit sind, interessieren sich die Friedensw�chter, die um das Justizgeb�ude herum aufgestellt sind, nicht mehr sonderlich f�r unser Treiben. Wir gehen eine pr�chtige marmorne Wendeltreppe hinauf. Oben liegt ein langer Flur, der mit einem abgetretenen Teppich ausgelegt ist. Eine Fl�gelt�r steht offen und lockt uns in das erste Zimmer. Die W�nde sind bestimmt sieben Meter hoch. An der Decke Stuck mit Fr�chten und Blumen, kleine Putten mit Fl�geln schauen aus allen Ecken auf uns herab. Vasen mit Bl�ten verstr�men einen s��lichen Duft, von dem mir die Augen jucken. Unsere Abendkleider h�ngen an einer Garderobe an der Wand. Der Raum ist f�r uns vorbereitet, doch wir haben kaum unsere Geschenke abgelegt, als Haymitch uns die Mikrofone von der Brust rei�t, sie hinter ein Sofakissen stopft und uns weiterwinkt.</p><p>Soweit ich wei�, ist Haymitch erst ein Mal hier gewesen, bei seiner eigenen Siegertour vor mehreren Jahrzehnten. Doch entweder hat er ein bemerkenswertes Ged�chtnis oder zuverl�ssige Instinkte, denn er f�hrt uns durch ein Labyrinth aus gewundenen Treppenh�usern und immer schmaler werdenden Fluren. Manchmal muss er stehen bleiben und eine T�r mit Gewalt �ffnen. An dem widerstrebenden Quietschen der Angeln merkt man, dass die T�ren lange nicht ge�ffnet wurden. Schlie�lich steigen wir eine Leiter zu einer Fallt�r hoch. Als Haymitch sie zur Seite schiebt, finden wir uns in der Kuppel des Justizgeb�udes wieder. Sic ist riesig und vollgestopft mit kaputten M�beln, B�cherstapeln, Balken und rostigen Waffen. Alles ist mit einer dicken Staubschicht bedeckt, hier ist seit Jahren nichts passiert. Durch vier schmuddelige quadratische Fenster rund um die Kuppel versucht sich das Licht hindurchzuk�mpfen. Haymitch schlie�t die Fallt�r mit dem Fu� und schaut uns an. �Was ist los?�, fragt er.</p><p>Peeta erz�hlt alles, was auf dem Platz geschehen ist. Der Pfiff, der Gru�, unser Z�gern auf der Veranda, der Mord an dem alten Mann. �Was hat das zu bedeuten, Haymitch?�</p><p>�Das kannst besser du erz�hlen�, sagt Haymitch zu mir.</p><p>Das sehe ich anders. Ich glaube, es ist viel schlimmer, wenn ich es erz�hle. Aber ich erkl�re Peeta alles, so ruhig ich kann. Ich erz�hle von Pr�sident Snow, von den Unruhen in den Distrikten. Nicht einmal den Kuss von Gale lasse ich aus. Ich erkl�re, dass wir alle in Gefahr sind, dass das ganze Land in Gefahr ist wegen meines Beerentricks. �Auf dieser Tour sollte ich alles wieder gerader�cken. Alle, die Zweifel hatten, sollte ich davon �berzeugen, dass ich aus Liebe gehandelt habe. Damit sich die Lage wieder beruhigt. Stattdessen hab ich heute erreicht, dass sie drei Menschen get�tet haben, und jetzt werden alle auf dem Platz bestraft.� Mir ist so elend, dass ich mich auf ein Sofa setzen muss, auch wenn die Sprungfedern und die F�llung herausgucken.</p><p>�Dann hab ich auch alles noch schlimmer gemacht. Indem ich ihnen das Geld geschenkt habe�, sagt Peeta. Pl�tzlich schl�gt er so fest gegen eine Lampe, die wacklig auf einer Kiste steht, dass sie quer durch das Zimmer fliegt. Klirrend f�llt sie zu Boden. �Damit muss Schluss sein! Auf der Stelle! Mit diesem � diesem Spiel, das ihr beide da spielt, dass ihr euch Geheimnisse erz�hlt, aus denen ihr mich raushaltet, als w�re ich zu unwichtig oder zu bl�d oder zu schwach, um damit fertigzuwerden.�</p><p>�So ist es nicht, Peeta ��, setze ich an.</p><p>�Genau so ist es!�, br�llt er. �Ich hab auch Menschen, die mir am Herzen liegen, Katniss! Freunde und Verwandte in Distrikt 12, die genauso tot sein werden wie deine, wenn wir diese Geschichte nicht hinkriegen. Nach allem, was wir in der Arena zusammen durchgemacht haben, hab ich da nicht wenigstens die Wahrheit verdient?�</p><p>�Bei dir kann man sich immer darauf verlassen, dass du deine Sache gut machst, Peeta�, sagt Haymitch. �Du wei�t genau, wie du dich vor der Kamera darstellen musst. Das wollte ich nicht st�ren.�</p><p>�Also, da hast du mich aber �bersch�tzt. Denn heute hab ich�s ja gr�ndlich vermasselt. Was glaubst du, was jetzt mit Rues und Threshs Familien passiert? Meinst du, sie bekommen ihren Anteil an unserem Preis? Meinst du, ich hab ihnen eine strahlende Zukunft gesichert? Ich glaub, die k�nnen froh sein, wenn sie den Tag �berleben!� Peeta schleudert noch etwas durchs Zimmer, eine Skulptur. So habe ich ihn noch nie erlebt.</p><p>�Haymitch, er hat recht�, sage ich. �Es war ein Fehler, dass wir es ihm nicht gesagt haben. Auch schon im Kapitol.�</p><p>�Selbst in der Arena hattet ihr beide schon ein spezielles System, oder?�, fragt Peeta. Er klingt jetzt ruhiger. �Und ich war nicht eingeweiht.�</p><p>�Nein, das stimmt nicht. Jedenfalls nicht offiziell. Ich hab nur daran, was Haymitch mir geschickt oder nicht geschickt hat, gemerkt, was er von mir wollte�, sage ich.</p><p>�Tja, die Chance hatte ich nicht. Mir hat er n�mlich nie irgendwas geschickt, bis du aufgetaucht bist�, sagt Peeta.</p><p>Dar�ber habe ich noch gar nicht gro� nachgedacht. Wie es auf Peeta gewirkt haben muss, als ich in der Arena auftauchte und Brandsalbe und Brot bekommen hatte, w�hrend er, der an der Schwelle zum Tod stand, leer ausgegangen war. Als hielte Haymitch mich auf Peetas Kosten am Leben.</p><p>�H�r mal, Junge ��, setzt Haymitch an.</p><p>�Spar dir den Atem, Haymitch. Mir ist schon klar, dass du dich f�r einen von uns entscheiden musstest. Und ich h�tte selbst gewollt, dass du dich f�r sie entscheidest. Aber das hier ist was anderes. Da drau�en sind Menschen gestorben. Und wenn wir es nicht sehr geschickt anstellen, wird es weitere Tote geben. Wir wissen alle, dass ich vor der Kamera besser bin als Katniss. Mit mir braucht keiner meine Rolle zu �ben. Aber ich will wissen, worauf ich mich einlasse�, sagt Peeta.</p><p>�Ab jetzt werde ich dich immer auf dem Laufenden halten�, verspricht Haymitch.</p><p>�Das will ich dir auch geraten haben�, sagt Peeta. Er schaut mich noch nicht mal an, als er aus dem Zimmer geht.</p><p>Der Staub, den er aufgewirbelt hat, sinkt an anderen Stellen hinab. Auf meine Haare, meine Augen, meine gl�nzende Goldbrosche.</p><p>�Hattest du dich wirklich f�r mich entschieden, Haymitch?�, frage ich. �Ja�, sagt er.</p><p>�Warum? Du kannst ihn doch besser leiden.� �Das stimmt. Aber �berleg mal - bevor sie die Regeln ge�ndert haben, konnte ich nur darauf hoffen, einen von euch lebend da rauszuholen�, sagt er. �Und da er entschlossen war, dich zu besch�tzen, dachte ich mir, zu dritt schaffen wir es vielleicht, dich nach Hause zu holen.�</p><p>�Ach so.� Mehr bringe ich nicht heraus.</p><p>�Da siehst du, was f�r Entscheidungen du mal treffen musst. Wenn wir hier lebend rauskommen�, sagt Haymitch. �Du wirst es noch lernen.�</p><p>Nun ja, eins habe ich heute auf jeden Fall gelernt. Das hier ist keine gr��ere Version von Distrikt 12. Unser Zaun ist unbewacht und steht selten unter Strom. Unsere Friedensw�chter sind zwar l�stig, aber nicht so brutal. Die Schwierigkeiten bei uns l�sen eher Ersch�pfung aus als Wut. Hier in Distrikt 11 leiden die Menschen gr��ere Not und sie sind verzweifelter. Pr�sident Snow hat recht. Ein Funke k�nnte ausreichen, um sie zu entflammen.</p><p>F�r mich geht jetzt alles so schnell, dass ich nicht mehr mitkomme. Die Warnung, die Sch�sse, die Erkenntnis, dass ich vielleicht etwas sehr Folgenschweres in Gang gesetzt habe. Das ist alles so absurd. Es w�re etwas anderes, wenn ich geplant h�tte, Unruhe zu stiften, aber so � Wie hab ich es blo� geschafft, so ein Chaos anzurichten?</p><p>�Komm schon. Wir d�rfen beim Abendessen nicht fehlen�, sagt Haymitch.</p><p>Ich bleibe so lange unter der Dusche, bis sie mich rufen, weil ich noch angekleidet werden muss. An dem Vorbereitungsteam scheinen die Ereignisse des Tages vollkommen vorbeigegangen zu sein. Sie freuen sich alle auf das Abendessen. In den Distrikten sind sie wichtig genug, um dabei sein zu d�rfen, im Kapitol werden sie fast nie zu den entscheidenden Partys eingeladen. W�hrend sie dar�ber spekulieren, was es wohl zu essen gibt, sehe ich immer noch den alten Mann vor mir, wie ihm der Kopf weggesprengt wird. Ich achte gar nicht darauf, was sie mit mir anstellen, bis ich fertig bin und mich im Spiegel anschaue. Ein tr�gerloses zartrosa Kleid f�llt mir bis auf die Schuhe. Meine Haare sind zur�ckgesteckt und kringeln sich auf meinem R�cken.</p><p>Cinna kommt von hinten zu mir und legt mir eine silbern schimmernde Stola um die Schultern. Er f�ngt meinen Blick im Spiegel auf. �Gef�llt es dir?�</p><p>�Es ist wundersch�n. Wie immer�, sage ich.</p><p>�Zeig mal, wie es mit einem L�cheln aussieht�, sagt er freundlich. Das ist seine Art, mich daran zu erinnern, dass gleich die Kameras wieder dabei sein werden. Ich schaffe es, die Mundwinkel hochzuziehen. �Na also.�</p><p>Als wir uns alle treffen, um zum Essen zu gehen, merke ich, dass Effie verstimmt ist. Bestimmt hat Haymitch ihr nicht erz�hlt, was auf dem Platz passiert ist. Ich w�rde mich nicht wundern, wenn Cinna und Portia Bescheid w�ssten, doch es scheint ein unausgesprochenes Einverst�ndnis dar�ber zu geben, dass man schlechte Nachrichten besser von Effie fernh�lt. Es dauert jedoch nicht lange, bis sie von dem Problem Wind bekommt.</p><p>Sie geht den Plan f�r den Abend durch, dann fegt sie das Blatt beiseite. �Und dann k�nnen wir endlich wieder in den Zug und weg von hier�, sagt sie.</p><p>�Stimmt irgendwas nicht, Effie?�, fragt Cinna.</p><p>�Es gef�llt mir nicht, wie wir hier behandelt werden. Wie sie uns in Lastwagen pferchen und von der B�hne dr�ngen. Und dann hab ich mich vor etwa einer Stunde mal im Justizgeb�ude umgeschaut. Ich verstehe ja eine ganze Menge von Architektur�, sagt sie.</p><p>�Ach ja, davon hab ich schon geh�rt�, sagt Portia, bevor das Schweigen zu lange andauert.</p><p>�Also hab ich mich ein bisschen umgeschaut, weil Distriktruinen in diesem Jahr total angesagt sind. Da kamen zwei Friedensw�chter und haben mich zur�ck in unsere Wohnung geschickt. Einer hat mir sogar das Gewehr an die Brust gehalten!�, sagt Effie.</p><p>Das nehme ich als unmittelbare Reaktion darauf, dass Haymitch, Peeta und ich uns zuvor aus dem Staub gemacht hatten. Immerhin hat der Gedanke, dass Haymitch recht hatte, etwas Beruhigendes. Dass niemand die verstaubte Kuppel �berwachen w�rde, wo wir miteinander geredet haben. Obwohl sie das ab jetzt ganz bestimmt tun werden.</p><p>Effie sieht so bek�mmert aus, dass ich sie spontan umarme. �Das ist ja schrecklich, Effie. Vielleicht sollten wir gar nicht zu dem Essen gehen. Wenigstens, bis sie sich entschuldigt haben.� Ich wei�, dass sie nie zustimmen w�rde, aber bei dem Vorschlag bessert sich ihre Laune erheblich, sie f�hlt sich ernst genommen.</p><p>�Nein, ich schaff das schon. Mit H�hen und Tiefen fertigzuwerden, geh�rt zu meinem Job. Und ihr zwei d�rft nicht um euer Abendessen kommen. Aber danke f�r das Angebot, Katniss.�</p><p>Effie stellt uns f�r unseren Auftritt auf. Erst die Vorbereitungsteams, dann sie, die Stylisten und Haymitch. Peeta und ich kommen nat�rlich zum Schluss.</p><p>Irgendwo unten fangen Musiker an zu spielen. Als die Spitze unserer kleinen Prozession die Treppe hinuntergeht, fassen Peeta und ich uns bei den H�nden.</p><p>�Haymitch sagt, ich h�tte dich nicht anbr�llen d�rfen. Du hast nur seine Anweisungen befolgt�, sagt Peeta. �Und es ist ja nicht so, als h�tte ich in der Vergangenheit nicht auch mal etwas vor dir verborgen.�</p><p>Ich erinnere mich an den Schock, als Peeta vor ganz Panem seine Liebe zu mir gestand. Haymitch hatte davon gewusst und mir nichts gesagt. �Ich glaube, nach dem Interview damals hab ich auch das eine oder andere demoliert�, sage ich.</p><p>�Nur einen Blumenk�bel�, erwidert er.</p><p>�Und deine H�nde. Aber jetzt haben wir das nicht mehr n�tig, oder? Unaufrichtig zueinander zu sein�, sage ich.</p><p>�Nein�, sagt Peeta. Wir stehen oben auf der Treppe und lassen Haymitch f�nfzehn Stufen Vorsprung, wie Effie gesagt hat. �War es wirklich das einzige Mal, dass du Gale gek�sst hast?�</p><p>Ich bin so perplex, dass ich ihm antworte. �Ja.� Hat ihn diese Frage tats�chlich gequ�lt, nach all dem, was heute passiert ist?</p><p>�F�nfzehn. Los jetzt�, sagt er.</p><p>Ein Scheinwerfer trifft uns und ich setze mein breitestes L�cheln auf.</p><p>Wir gehen die Treppe hinunter und begeben uns in den Sog aus immer gleichen Abendessen, Festlichkeiten und Zugfahrten. Jeden Tag dasselbe. Aufwachen. Anziehen. Durch jubelnde Menschenmengen fahren. Eine Rede auf uns anh�ren. Mit einer Dankesrede antworten, aber nur mit der, die das Kapitol vorgegeben hat, keine pers�nlichen Worte mehr. Manchmal eine kleine Rundfahrt: ein kurzer Blick auf das Meer in dem einen Distrikt, riesige W�lder in einem anderen, h�ssliche Fabriken, Weizenfelder, stinkende Raffinerien. Abendgarderobe anziehen. Festessen. Zum Zug.</p><p>W�hrend der Feierlichkeiten sind wir immer ernst und respektvoll, aber st�ndig in Kontakt, mit den H�nden oder mit den Armen. Beim Abendessen sind wir halb wahnsinnig vor Liebe zueinander. Wir k�ssen uns, wir tanzen, lassen uns dabei erwischen, wie wir uns zu zweit davonstehlen wollen. Im Zug leiden wir stumm, w�hrend wir uns unsere Wirkung ausmalen.</p><p>Selbst ohne pers�nliche Ansprachen, die das Volk aufr�hren k�nnten - �berfl�ssig zu erw�hnen, dass unsere Reden in Distrikt 11 vor der Ausstrahlung herausgeschnitten wurden -, ist zu sp�ren, dass etwas in der Luft liegt, wie das Brodeln in einem Topf, der jeden Moment �berzukochen droht. Nicht �berall. Mancherorts macht das Publikum den Eindruck einer m�den Viehherde, wie er auch in Distrikt 12 bei den Siegesfeierlichkeiten f�r gew�hnlich vorherrscht. Doch anderswo - besonders in den Distrikten 8, 4 und 3 - zeigt sich Begeisterung in den Gesichtern der Menschen, als sie uns sehen, und unter der Begeisterung lauert Wut. Wenn sie meinen Namen skandieren, ist das eher ein Ruf nach Rache als ein Jubeln. Wenn die Friedensw�chter einschreiten, um die aufm�pfige Menge zu beruhigen, leistet sie eher Widerstand, als dass sie sich zur�ckzieht. Und ich wei�, dass ich dagegen machtlos bin. Kein Liebestheater, und w�re es noch so glaubw�rdig, k�nnte diese Welle aufhalten. Wenn es ein Akt des zeitweiligen Wahnsinns von mir war, Peeta diese Beeren hinzuhalten, dann sind diese Leute auch zum Wahnsinn bereit.</p><p>Cinna muss meine Kleider um die Taille herum enger machen. Das Vorbereitungsteam ist besorgt wegen der Ringe unter meinen Augen. Effie gibt mir Schlaftabletten, doch sie helfen nicht. Jedenfalls nicht gut genug. Ich d�se ein, um aus Albtr�umen aufzuschrecken, die h�ufiger und schlimmer geworden sind. Einmal h�rt Peeta, der nachts durch den Zug wandert, mich schreien, w�hrend ich mich aus dem Schleier der Medikamente zu k�mpfen versuche, die die schlimmen Tr�ume nur verl�ngern. Er schafft es, mich wach zu r�tteln und zu beruhigen. Dann kommt er zu mir ins Bett und h�lt mich in den Armen, bis ich wieder eingeschlafen bin. Von da an weigere ich mich, die Tabletten zu schlucken. Aber ich lasse ihn jede Nacht in mein Bett. Wir �berstehen die Dunkelheit wie in der Arena, aneinandergeschmiegt, immer auf der Hut vor Gefahren, die �berall lauern k�nnen. Weiter passiert nichts, aber schon bald wird im Zug �ber unser Arrangement geklatscht.</p><p>Als Effie mir davon erz�hlt, denke ich: <emphasis>Gut so. Vielleicht dringt es ja bis zu Pr�sident Snow durch. </emphasis>Ich sage ihr, wir w�rden versuchen, ein wenig diskreter zu sein, aber wir denken gar nicht daran.</p><p>Die Auftritte in Distrikt 2 und dann in 1 sind auf ihre ganz eigene Weise grauenhaft. Cato und Clove, die beiden Tribute aus Distrikt 2, h�tten es beide nach Hause schaffen k�nnen, wenn Peeta und ich nicht gewonnen h�tten. Das M�dchen aus Distrikt 1, Glimmer, und den Jungen habe ich pers�nlich umgebracht. W�hrend ich versuche, seine Familie nicht anzusehen, erfahre ich, dass er Marvel hie�. Wie ist es m�glich, dass ich das nicht wusste? Wahrscheinlich habe ich vor den Spielen nicht darauf geachtet und hinterher wollte ich es gar nicht mehr wissen.</p><p>Als wir im Kapitol ankommen, sind wir verzweifelt. Wir haben endlose Auftritte vor einem Publikum, das uns anhimmelt. Hier besteht keine Gefahr eines Aufstands, hier bei den Privilegierten, bei denen, deren Namen zur Ernte nie in die Lostrommel wandern, deren Kinder nie f�r die vermeintlichen Verbrechen sterben, die vor Generationen begangen wurden. Im Kapitol brauchen wir niemanden von unserer Liebe zu �berzeugen, wir klammern uns nur an die schwache Hoffnung, ein paar Zweifler in den Distrikten zu erreichen. Was wir auch tun, es kommt uns zu wenig vor, zu sp�t.</p><p>Als wir wieder in unserem alten Quartier im Trainigscenter sind, mache ich den Vorschlag mit dem �ffentlichen Heiratsantrag. Peeta ist einverstanden, aber danach verschwindet er f�r lange Zeit in seinem Zimmer. Haymitch sagt, ich soll ihn in Ruhe lassen.</p><p>�Ich dachte, er wollte es sowieso�, sage ich.</p><p>�Aber nicht so�, sagt Haymitch. �Er wollte, dass es echt ist.�</p><p>Ich gehe in mein Zimmer und lege mich ins Bett, ich versuche, nicht an Gale zu denken, und denke doch an nichts anderes.</p><p>An diesem Abend quasseln wir uns auf der B�hne vor dem Trainingscenter durch einen ganzen Fragenkatalog. Caesar Flickerman in seinem glitzernden nachtblauen Anzug, die Haare, Lider und Lippen immer noch taubenblau gef�rbt, f�hrt uns fehlerfrei durch das Interview. Als er uns nach der Zukunft fragt, kniet Peeta nieder, sch�ttet mir sein Herz aus und bittet mich, ihn zu heiraten. Nat�rlich nehme ich seinen Antrag an. Caesar ist au�er sich, das Publikum im Kapitol flippt aus, Aufnahmen von Menschen �berall in Panem zeigen ein Volk im Gl�ck.</p><p>Pr�sident Snow h�chstpers�nlich macht einen �berraschungsbesuch, um uns zu gratulieren. Er dr�ckt Peeta die Hand und klopft ihm anerkennend auf die Schulter. Er umarmt mich, h�llt mich in den Geruch aus Blut und Rosen und dr�ckt mir einen schmatzigen Kuss auf die Wange. Als er sich zur�ckzieht, die Finger in meinen Arm gr�bt und mir ins Gesicht l�chelt, wage ich es, die Brauen zu heben. Sie stellen die Frage, die ich nicht �ber die Lippen bringe. <emphasis>Habe ich es geschafft? Hat es gereicht? Hat es gereicht, dass ich dir alles gegeben habe, dass ich das Spiel weitergespielt und versprochen habe, Peeta zu heiraten ?</emphasis></p><p>Zur<emphasis/>Antwort sch�ttelt er fast unmerklich den Kopf.</p><p><emphasis><strong>6</strong></emphasis></p><p>In dieser winzigen Bewegung erkenne ich das Ende der Hoffnung, die beginnende Zerst�rung all dessen, was mir lieb ist auf der Welt. Ich habe keine Ahnung, wie meine Strafe ausf�llt, wie weit das Netz ausgeworfen wird, doch am Ende wird h�chstwahrscheinlich nichts mehr �brig sein. Also sollte man meinen, dass ich in diesem Moment am Boden zerst�rt sein m�sste. Aber es ist ganz merkw�rdig. Ich empfinde vor allem eine Art Erleichterung. Dass ich das Spiel aufgeben kann. Dass die Frage, ob ich dieses Unternehmen gewinnen kann, beantwortet ist, selbst wenn die Antwort ein dr�hnendes Nein ist. Und wenn verzweifelte Zeiten verzweifelte Ma�nahmen erfordern, dann kann ich mich so verzweifelt auff�hren, wie ich will.</p><p>Allerdings nicht hier, noch nicht jetzt. Das Wichtigste ist, dass ich zur�ck in den Distrikt 12 komme, denn zu meinem Plan werden auf jeden Fall meine Mutter und meine Schwester, Gale und seine Familie geh�ren. Und Peeta, wenn ich ihn �berreden kann mitzukommen. Auch Haymitch setze ich auf die Liste. Das sind die Menschen, die ich mitnehmen muss, wenn ich in die Wildnis fliehe. Wie ich sie �berzeugen soll, wo wir im tiefsten Winter hink�nnen, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein, das sind unbeantwortete Fragen. Aber wenigstens wei� ich jetzt, was zu tun ist.</p><p>Anstatt also weinend zu Boden zu sinken, merke ich, dass ich so aufrecht und selbstbewusst dastehe wie seit Wochen nicht. Mein L�cheln ist zwar etwas idiotisch, aber nicht gezwungen. Und als Pr�sident Snow das Publikum zum Schweigen bringt und sagt: �Was halten Sie davon, wenn die beiden hier im Kapitol ihre Hochzeit feiern?�, da verwandle ich mich m�helos in das M�dchen, das vor Freude fast ausrastet.</p><p>Caesar Flickerman fragt den Pr�sidenten, ob er schon einen Termin ins Auge gefasst habe.</p><p>�Oh, ehe wir uns auf einen Termin festlegen, sollten wir uns lieber mit Katniss� Mutter einigen�, sagt der Pr�sident. Das Publikum gr�lt und der Pr�sident legt einen Arm um mich. �Wenn alle im Land es ganz fest wollen, dann kommst du vielleicht unter die Haube, bevor du drei�ig bist.�</p><p>�Wahrscheinlich m�ssen Sie daf�r ein neues Gesetz erlassen�, sage ich kichernd.</p><p>�Wenn�s weiter nichts ist�, sagt der Pr�sident mit einem verschw�rerischen Grinsen.</p><p>Ach, wie wir zwei uns miteinander am�sieren.</p><p>Das Fest, das im Bankettsaal von Pr�sident Snows Anwesen stattfindet, sucht seinesgleichen. Die weit �ber zehn Meter hohe Decke ist in einen Nachthimmel verwandelt worden und die Sterne sehen genauso aus wie zu Hause. Vom Kapitol aus sehen sie vermutlich auch so aus, aber wer wei�? In der Stadt ist immer zu viel Licht, um die Sterne zu sehen. Irgendwo in der Mitte zwischen dem Fu�boden und der Decke schweben die Musiker auf etwas, das aussieht wie bauschige wei�e Wolken, aber ich kann nicht erkennen, was sie in der Luft h�lt. Statt der gro�en Tische sind �berall im Saal Sofas und Sessel gruppiert, einige um Kamine herum, andere an duftenden Blumeng�rten oder Teichen mit exotischen Fischen, und die G�ste k�nnen in aller Bequemlichkeit essen und trinken und tun, was ihnen gef�llt. In der Mitte des Saals ist eine gro�e geflieste Fl�che, die zum Tanzen, als B�hne f�r die unterschiedlichsten K�nstler und einfach als Treffpunkt f�r die extravagant gekleideten G�ste dient.</p><p>Doch der eigentliche Star des Abends ist das Essen. Tafeln voller K�stlichkeiten sind an den W�nden entlang aufgebaut. Alles, was man sich nur vorstellen kann, steht dort bereit, Speisen, die man sich nie h�tte tr�umen lassen. Ganze gebratene Rinder, Schweine und Ziegen, die sich noch am Spie� drehen. Riesige Platten mit Gefl�gel, gef�llt mit herrlichen Fr�chten und N�ssen. Meerestiere, die mit So�en betr�ufelt sind oder darauf warten, in w�rzige Dips getunkt zu werden. Zahllose K�sesorten, verschiedene Brote, Gem�se, Desserts; Kaskaden von Wein und Str�me von Spirituosen, auf denen die Flammen z�ngeln.</p><p>Mit meinem Kampfgeist ist auch mein Appetit wieder erwacht. Nachdem ich wochenlang vor lauter Sorgen kaum essen konnte, habe ich jetzt einen Riesenhunger.</p><p>�Ich will alles probieren, was es gibt�, sage ich zu Peeta.</p><p>Ich sehe ihm an, dass er versucht, meine Miene zu deuten, den Wandel nachzuvollziehen. Er wei� ja nicht, dass ich in den Augen von Pr�sident Snow versagt habe, deshalb kann er nur schlussfolgern, dass ich glaube, wir h�tten es geschafft. Vielleicht sogar, dass ich mich �ber unsere Verlobung wirklich ein bisschen freue. Seine Verwirrung spiegelt sich in seinem Blick, aber nur kurz, denn wir werden gefilmt. �Dann lass es lieber langsam angehen�, sagt er.</p><p>�Na gut, nicht mehr als einen Bissen von jedem Gericht�, sage ich. Ich werde meinem Vorsatz schon an dem ersten Tisch mit rund zwanzig Suppen untreu, als ich eine cremige K�rbissuppe mit geraspelten N�ssen und kleinen schwarzen Samen probiere. �Die k�nnte ich den ganzen Abend essen!�, rufe ich. Aber das tue ich nicht. Bei einer klaren gr�nen Br�he, deren Geschmack sich nur mit dem Wort �fr�hlingshaft� beschreiben l�sst, werde ich erneut schwach, und dann noch einmal, als ich ein rosafarbenes, mit Himbeeren getupftes Schaums�ppchen koste.</p><p>Gesichter tauchen auf, Namen werden ausgetauscht, Fotos geknipst, K�sschen auf Wangen gehaucht. Meine Spottt�lpelbrosche hat anscheinend eine neue Mode ins Leben gerufen, mehrere Leute kommen zu mir, um mir ihre Accessoires zu zeigen. Der Vogel ist auf G�rtelschnallen zu sehen, auf Seidenrevers gestickt, sogar an intimen Stellen eint�towiert. Alle wollen das Zeichen der Siegerin tragen. Ich kann nur ahnen, wie das Pr�sident Snow zur Wei�glut bringen muss. Aber was kann er tun? Die Spiele sind so gut angekommen, hier, wo die Beeren nur f�r das verzweifelte M�dchen stehen, das den Geliebten retten will.</p><p>Peeta und ich suchen keine Gesellschaft, ganz von selbst kommen die Leute zu uns. Wir sind die Hauptattraktion auf dem Fest. Ich tue so, als w�re ich hocherfreut, aber die Leute vom Kapitol interessieren mich kein bisschen. Sie lenken mich nur vom Essen ab.</p><p>Jeder Tisch h�lt neue Verlockungen bereit und selbst mit der Alles-nur-einmal-probieren-Regel werde ich schnell satt. Ich nehme mir einen kleinen gebratenen Vogel, bei�e hinein und Orangenso�e breitet sich auf meiner Zunge aus. K�stlich. Doch den Rest dr�nge ich Peeta auf, weil ich noch mehr probieren m�chte, und die Vorstellung, Essen wegzuwerfen, wie es hier so viele Leute gedankenlos tun, ist mir ein Graus. Nach etwa zehn Tischen bin ich satt, dabei haben wir nur einen kleinen Teil der Gerichte durchprobiert.</p><p>Genau in dem Moment kommt mein Vorbereitungsteam auf uns zugest�rmt. Sie sind ganz au�er sich von dem Alkohol und vor Begeisterung dar�ber, bei so einer gro�en Sache dabei zu sein.</p><p>�Warum isst du nichts?�, fragt Octavia.</p><p>�Hab ich schon, jetzt kriege ich nichts mehr runter�, sage ich. Alle lachen, als w�re es das Albernste, was sie je geh�rt haben.</p><p>�Davon l�sst man sich doch nicht abhalten!�, sagt Flavius. Sie f�hren uns zu einem Tisch, auf dem kleine Weingl�ser stehen, die mit einer klaren Fl�ssigkeit gef�llt sind. �Trinkt das!�</p><p>Als Peeta ein Glas nimmt, um einen Schluck zu trinken, flippen sie aus.</p><p>�Doch nicht hier!�, schreit Octavia.</p><p>�Du musst es dadrin trinken�, sagt Venia und zeigt auf eine T�r, die zu den Toiletten f�hrt. �Sonst landet doch alles auf dem Boden!�</p><p>Peeta schaut wieder auf das Glas, bis er begreift. �Du meinst, dass ich mich davon �bergeben muss?�</p><p>Mein Vorbereitungsteam lacht hysterisch. �Na klar, damit du weiteressen kannst�, sagt Octavia. �Ich war schon zweimal dadrin. Alle machen das, wie soll man so ein Festessen sonst genie�en?�</p><p>Ich bin sprachlos, ich starre auf die h�bschen kleinen Gl�ser und denke an Octavias Worte. Peeta stellt sein Glas mit einer Pr�zision zur�ck, als k�nnte es explodieren. �Komm, Katniss, wir tanzen.�</p><p>Musik dringt durch die Wolken herab, w�hrend er mich von dem Team und dem Tisch wegf�hrt und mit mir zur Tanzfl�che geht. Von zu Hause kennen wir nur wenige T�nze, solche, die zu Fidein und Fl�ten passen und f�r die man ziemlich viel Platz braucht. Doch Effie hat uns einige T�nze gezeigt, die im Kapitol beliebt sind. Die Musik ist langsam und traumgleich, also zieht Peeta mich in seine Arme, und wir drehen uns im Kreis, fast ohne Schritte. Diesen Tanz k�nnte man auf einem Kuchenteller tanzen. Eine Weile schweigen wir. Dann spricht Peeta mit gepresster Stimme.</p><p>�Da macht man mit, denkt sich, man kommt damit Idar und vielleicht sind sie doch nicht so �bel, und dann �� Er verstummt.</p><p>Ich muss an die ausgemergelten Kinder auf unserem K�chentisch denken, an meine Mutter, die das verschreibt, was die Eltern nicht haben. Mehr zu essen. Jetzt, da wir reich sind, wird sie ihnen einiges mit nach Hause geben. Aber damals hatten wir oft nichts, was sie ihnen h�tte geben k�nnen, und h�ufig kam f�r das Kind ohnehin jede Hilfe zu sp�t. Und hier im Kapitol �bergeben sich die Leute, um sich die B�uche nur zum Spa� erneut vollschlagen zu k�nnen. Nicht weil sie k�rperlich oder seelisch krank w�ren, nicht weil das Essen verdorben w�re. Das macht man eben so auf einem Fest. Es wird erwartet. Geh�rt zum Vergn�gen dazu.</p><p>Einmal, als ich bei Hazelle vorbeiging, um ihr Wild zu bringen, war Vick mit einem schlimmen Husten zu Hause. Da der Kleine zu Gales Familie geh�rt, bekommt er mehr zu essen als neunzig Prozent der Bev�lkerung von Distrikt 12. Trotzdem redete er eine Viertelstunde davon, dass sie eine Dose Maissirup vom Pakettag aufgemacht h�tten, dass jeder einen L�ffel voll aufs Brot bekommen habe und dass es im Laufe der Woche vielleicht noch mehr geben werde. Und Hazelle hatte gesagt, sie k�nne ihm vielleicht ein bisschen Sirup in den Tee tun gegen den Husten, aber er fand das ungerecht, wenn die anderen nicht auch etwas bek�men. Wenn es schon bei Gale so zugeht, wie muss es dann erst in den anderen H�usern sein?</p><p>�Peeta, die bringen uns her, damit wir uns zu ihrer Unterhaltung bis auf den Tod bek�mpfen�, sage ich. �Im Vergleich dazu ist das hier doch gar nichts.�</p><p>�Ich wei�. Ich wei� ja. Aber manchmal halte ich es einfach nicht mehr aus. Bis � bis ich nicht mehr wei�, was ich tun werde.� Er schweigt, dann fl�stert er: �Vielleicht haben wir einen Fehler gemacht, Katniss.�</p><p>�Was meinst du?�, frage ich.</p><p>�Vielleicht h�tten wir nicht versuchen sollen, die Unruhen in den Distrikten zu unterdr�cken�, sagt er. Schnell schaue ich nach links und rechts, doch niemand scheint es geh�rt zu haben. Die Kameraleute haben sich an einen Tisch mit Meeresfr�chten locken lassen, und die tanzenden Paare um uns herum sind entweder zu betrunken oder zu sehr mit sich selbst besch�ftigt, um etwas zu merken.</p><p>�Tut mir leid�, sagt er. Richtig so. Hier ist nicht der Ort, um solche Gedanken auszusprechen.</p><p>�Spar dir das f�r zu Hause auf�, sage ich.</p><p>In diesem Moment kommt Portia mit einem gro�en Mann an, der mir vage bekannt vorkommt. Sie stellt ihn als Plutarch Heavensbee vor, den neuen Obersten Spielmacher. Plutarch fragt Peeta, ob er mich f�r einen Tanz entf�hren d�rfe. Peeta hat jetzt wieder sein Kameragesicht aufgesetzt und reicht mich freundlich weiter, warnt den Mann jedoch, mich nicht zu sehr in Beschlag zu nehmen.</p><p>Ich will nicht mit Plutarch Heavensbee tanzen. Will nicht seine H�nde sp�ren, eine an meiner Hand, eine auf meiner H�fte. Ich bin es nicht gewohnt, angefasst zu werden, au�er von Peeta oder meiner Familie, und Spielmacher rangieren bei mir, was meinen Wunsch nach K�rperkontakt angeht, irgendwo unter Maden. Immerhin scheint er das zu sp�ren und h�lt mich auf Armesl�nge von sich, w�hrend wir uns auf dem Tanzboden drehen.</p><p>Wir plaudern �ber das Fest, �ber die Unterhaltung, das Essen, und dann macht er einen Witz dar�ber, dass er seit dem Training einen weiten Bogen um Punsch mache. Ich verstehe nicht, was er meint, bis mir klar wird, dass er derjenige ist, der r�ckw�rts in eine Sch�ssel mit Punsch gestolpert ist, als ich w�hrend des Trainings einen Pfeil auf die Spielmacher abgeschossen habe. Eigentlich nicht auf die Spielmacher. Ich habe ihrem Spanferkel den Apfel aus dem Maul geschossen. Aber ich habe sie erschreckt.</p><p>�Ach, Sie sind das �� Ich lache bei der Erinnerung daran, wie er in den Punsch geplatscht ist.</p><p>�Ja. Und es wird Sie freuen zu h�ren, dass ich mich immer noch nicht richtig davon erholt habe�, sagt Plutarch.</p><p>Ich w�rde gern erwidern, dass zweiundzwanzig tote Tribute sich auch nicht mehr von den Spielen erholen werden, an deren Planung er beteiligt war. Doch ich sage nur: �Gut. Dann sind Sie dieses Jahr also der Oberste Spielmacher? Das ist ja bestimmt eine gro�e Ehre.�</p><p>�Unter uns gesagt, gab es nicht viele Kandidaten f�r den Job�, sagt er. �So eine gro�e Verantwortung f�r den Ausgang der Spiele.�</p><p><emphasis>Ja, und der letzte Verantwortliche ist tot, </emphasis>denke ich. Nat�rlich wei� er Bescheid �ber Seneca Crane, aber er wirkt ganz unger�hrt. �Planen Sie schon das Jubel-Jubil�um?�, frage ich.</p><p>�Oh ja. Die Vorbereitungen laufen selbstverst�ndlich schon seit Jahren. Arenen werden nicht an einem Tag erbaut. Doch �ber die besondere W�rze der Spiele, wenn wir es einmal so nennen wollen, wird jetzt entschieden. Ob Sie es glauben oder nicht, heute Nacht habe ich eine Strategiebesprechung�, sagt er.</p><p>Plutarch tritt einen Schritt zur�ck und zieht eine goldene Taschenuhr aus der Westentasche. Er klappt den Deckel auf, und als er sieht, wie sp�t es ist, runzelt er die Stirn. �Ich muss gleich gehen.� Er dreht die Uhr so herum, dass ich das Zifferblatt sehen kann. �Um Mitternacht geht es los.�</p><p>�Das ist aber sp�t f�r ��, setze ich an, doch da f�llt mir etwas auf. Plutarch f�hrt mit dem Daumen �ber das Kristallglas der Uhr und ganz kurz flackert ein Bild auf. Es ist ein Spottt�lpel. Genau wie die Brosche an meinem Kleid. Nur dass dieser wieder verschwindet. Plutarch klappt die Uhr zu.</p><p>�Das ist eine sehr sch�ne Uhr�, sage ich.</p><p>�Oh, sie ist mehr als sch�n. Sie ist einmalig�, sagt er. �Falls jemand nach mir fragen sollte, sagen Sie bitte, ich sei zu Bett gegangen. Die Besprechungen sollen geheim bleiben. Doch ich dachte mir, Ihnen k�nnte ich davon erz�hlen.�</p><p>�Ja. Ihr Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben�, sage ich.</p><p>Als wir uns die H�nde reichen, verbeugt er sich leicht, eine �bliche Geste hier im Kapitol. �Nun denn, wir sehen uns im n�chsten Sommer bei den Spielen, Katniss. Alles Gute f�r Ihre Verlobung und viel Gl�ck mit Ihrer Mutter.�</p><p>�Das kann ich brauchen�, sage ich.</p><p>Plutarch verschwindet, und ich schlendere auf der Suche nach Peeta durch die Menge, w�hrend fremde Menschen mir gratulieren. Zu meiner Verlobung, zu meinem Sieg bei den Spielen, zur Farbe meines Lippenstifts. Ich antworte ihnen, doch in Wirklichkeit denke ich daran, wie Plutarch mir stolz seine sch�ne, einmalige Taschenuhr gezeigt hat. Irgendetwas daran war merkw�rdig. Fast heimlichtuerisch. Aber warum? Vielleicht denkt er, jemand k�nnte seine Idee klauen, einen Spottt�lpel auf einer Uhr aufblitzen zu lassen. Ja, wahrscheinlich hat er ein Verm�gen daf�r bezahlt, und jetzt kann er sie keinem zeigen, weil er bef�rchtet, dass jemand ein billiges Imitat anfertigen l�sst. Nur im Kapitol kann er sie sehen lassen.</p><p>Als ich Peeta finde, bewundert er gerade einen Tisch mit kunstvoll dekorierten Torten. Die B�cker sind extra aus der K�che gekommen, um mit ihm �ber Zuckerguss und Co. zu fachsimpeln; sie �berschlagen sich fast, um seine Fragen zu beantworten. Auf seine Bitte hin stellen sie eine Auswahl kleiner Torten zusammen, die er mit nach Distrikt 12 nehmen kann, um ihre Arbeit in Ruhe zu studieren.</p><p>�Effie sagte, wir m�ssen um eins im Zug sein. Ich frage mich, wie sp�t es wohl ist�, sagt er und schaut in die Runde.</p><p>�Kurz vor Mitternacht�, sage ich. Ich nehme eine Schokoladenblume von einer Torte und knabbere daran, �ber Manieren mache ich mir jetzt gar keine Gedanken.</p><p>�Es ist Zeit, Danke und Auf Wiedersehen zu sagen�, fl�tet Effie an meiner Seite. In einem Moment wie diesem liebe ich sie f�r ihre zwanghafte P�nktlichkeit. Wir sammeln Cinna und Portia ein, und Effie f�hrt uns herum, damit wir uns von den wichtigen Leuten verabschieden k�nnen, dann scheucht sie uns zur T�r.</p><p>�M�ssen wir uns nicht bei Pr�sident Snow bedanken?�, fragt Peeta. �Schlie�lich ist es sein Haus.�</p><p>�Ach, er ist nicht so ein Partyl�we. Zu besch�ftigt�, sagt Effie. �Ich habe schon daf�r gesorgt, dass er morgen die n�tigen Karten und Geschenke bekommt. Da seid ihr ja!� Effie winkt zwei Dienern des Kapitols zu, die einen alkoholisierten Haymitch in ihrer Mitte haben.</p><p>In einem Wagen mit get�nten Scheiben fahren wir durch die Stra�en des Kapitols. Die Vorbereitungsteams folgen uns in einem anderen Wagen. Die Scharen der feiernden Menschen sind so dicht, dass wir nur langsam vorankommen. Doch Effie hat alles bis ins Kleinste geplant und um Punkt eins sind wir wieder im Zug und verlassen den Bahnhof.</p><p>Haymitch wird in seinem Abteil abgelegt. Cinna bestellt Tee, und wir setzen uns alle an den Tisch, w�hrend Effie mit ihren Zeitpl�nen raschelt und uns daran erinnert, dass wir uns immer noch auf der Tour befinden. �Wir m�ssen an das Erntefest in Distrikt 12 denken. Daher schlage ich vor, dass wir jetzt unseren Tee trinken und dann direkt ins Bett gehen.� Niemand widerspricht.</p><p>Als ich die Augen wieder �ffne, ist es fr�her Nachmittag. Mein Kopf ruht auf Peetas Arm. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er letzte Nacht hereingekommen ist. Ich drehe mich um, vorsichtig, um ihn nicht zu st�ren, aber er ist schon wach.</p><p>�Keine Albtr�ume�, sagt er. �Was?�, frage ich.</p><p>�Letzte Nacht hattest du keine Albtr�ume�, sagt er.</p><p>Das stimmt. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit habe ich durchgeschlafen. �Aber ich habe etwas getr�umt�, erwidere ich und versuche mich zu erinnern. �Ich bin einem Spottt�lpel durch den Wald gefolgt. Ganz lange. In Wirklichkeit war er Rue. Als er sang, hatte er ihre Stimme.�</p><p>�Wohin hat sie dich gef�hrt?�, fragt Peeta und streicht mir die Haare aus der Stirn.</p><p>�Ich wei� nicht. Wir sind nicht angekommen�, sage ich. �Aber ich war gl�cklich.�</p><p>�Du hast auch geschlafen, als ob du gl�cklich w�rst�, sagt er.</p><p>�Peeta, wieso merke ich es nie, wenn du einen Albtraum hast?�, frage ich.</p><p>�Ich wei� nicht. Ich glaube nicht, dass ich weine oder um mich schlage oder so. Ich wache einfach auf und bin wie gel�hmt vor Panik�, sagt er.</p><p>�Dann weck mich doch�, sage ich und denke daran, dass ich ihn in meinen schlechten N�chten oft zwei-oder dreimal wecke. Und dass es dann oft ganz lange dauert, bis ich mich wieder beruhigt habe.</p><p>�Das ist nicht n�tig. Meine Albtr�ume handeln meistens davon, dass ich dich verliere�, sagt er. �Wenn ich merke, dass du da bist, geht es mir schon wieder gut.�</p><p>Uff. Peeta sagt so etwas einfach dahin und es trifft mich wie ein Schlag in den Magen. Er hat mir nur eine ehrliche Antwort auf meine Frage gegeben. Er dr�ngt mich nicht, darauf etwas zu erwidern, irgendeine Liebeserkl�rung zu machen. Trotzdem f�hle ich mich schrecklich, als h�tte ich ihn gemein ausgenutzt. Habe ich das? Ich wei� es nicht. Ich wei� nur, dass es mir zum ersten Mal unmoralisch vorkommt, ihn hier in meinem Bett zu haben. Was schon paradox ist - schlie�lich sind wir jetzt offiziell verlobt.</p><p>�Wenn wir erst zu Hause sind und ich wieder allein schlafe, wird das schlimmer�, sagt er.</p><p>Stimmt ja, wir sind fast zu Hause.</p><p>F�r Distrikt 12 steht heute ein Abendessen im Haus von B�rgermeister Undersee auf dem Programm und morgen w�hrend des Erntefests eine Siegesfeier auf dem Platz. Das Erntefest wird immer am letzten Tag der Tour gefeiert, doch normalerweise bedeutet es ein Essen zu Hause oder mit ein paar Freunden, wenn man es sich leisten kann. Dieses Jahr wird es eine �ffentliche Veranstaltung sein, und da das Kapitol alles spendiert, wird sich der ganze Distrikt den Bauch vollschlagen k�nnen.</p><p>Die Vorbereitung wird zum gr��ten Teil im Haus des B�rgermeisters stattfinden, denn jetzt m�ssen wir uns f�r die Auftritte im Freien wieder in Pelze h�llen. Am Bahnhof bleiben wir nur kurz, wir l�cheln und winken, w�hrend wir uns ins Auto zw�ngen. Nicht einmal unsere Familien bekommen wir vor dem Abendessen zu Gesicht.</p><p>Ich bin froh, dass das Essen beim B�rgermeister stattfindet und nicht im Justizgeb�ude, wo die Gedenkfeier f�r meinen Vater abgehalten wurde und wo ich mich nach der Ernte so qualvoll von meiner Familie verabschieden musste. Das Justizgeb�ude ist zu sehr mit Trauer verbunden.</p><p>Das Haus von B�rgermeister Undersee dagegen gef�llt mir, besonders seit seine Tochter Madge und ich Freundinnen sind. In gewisser Weise waren wir das schon immer. Offiziell wurden wir es, als sie sich pers�nlich von mir verabschiedet hat, bevor ich in die Spiele ziehen musste. Da hat sie mir die Spottt�lpelbrosche als Gl�cksbringer gegeben. Als ich wieder zu Hause war, haben wir uns hin und wieder getroffen. Es stellte sich heraus, dass auch Madge viele leere Stunden f�llen muss. Am Anfang war es ein bisschen krampfig, weil wir nicht wussten, was wir machen sollten. Andere M�dchen in unserem Alter habe ich �ber Jungs reden h�ren oder �ber andere M�dchen oder �ber Mode. Madge und ich tratschen nicht gern und Kleider finde ich sterbenslangweilig. Doch nach einigen missgl�ckten Anl�ufen begriff ich, dass sie f�r ihr Leben gern in den Wald wollte, also habe ich sie ein paarmal mitgenommen und ihr gezeigt, wie man mit Pfeil und Bogen umgeht. Sie versucht mir Klavierspielen beizubringen, aber ich h�re lieber zu, wenn sie spielt. Manchmal esse ich bei ihr zu Hause oder sie bei mir. Madge gef�llt es bei mir besser. Ihre Eltern scheinen nett zu sein, aber ich glaube nicht, dass Madge sie oft zu Gesicht bekommt. Ihr Vater hat als Oberhaupt von Distrikt 12 jede Menge zu tun, und ihre Mutter leidet h�ufig unter heftigen Kopfschmerzen, die sie tagelang ans Bett fesseln.</p><p>�Vielleicht solltet ihr sie mal ins Kapitol bringen�, sagte ich einmal, als es wieder so schlimm war. An dem Tag spielten wir nicht Klavier, denn selbst �ber zwei Stockwerke hinweg war das Ger�usch f�r ihre Mutter schmerzhaft. �Die w�rden sie wieder hinkriegen, jede Wette.�</p><p>�Ja. Aber ins Kapitol geht man nicht, au�er man ist eingeladen�, sagte Madge ungl�cklich. Auch die Privilegien eines B�rgermeisters sind begrenzt.</p><p>Als wir zum Haus des B�rgermeisters kommen, kann ich Madge nur kurz dr�cken, bevor Effie mich in den zweiten Stock scheucht, damit ich mich umziehe. Nachdem ich zurechtgemacht und in ein langes Silberkleid geh�llt bin, muss ich immer noch eine Stunde bis zum Abendessen totschlagen, also stehle ich mich davon, um Madge zu suchen.</p><p>Ihr Zimmer liegt im ersten Stock, wo sich auch mehrere G�stezimmer und das Arbeitszimmer ihres Vaters befinden. Ich strecke den Kopf zur T�r des Arbeitszimmers hinein, um ihrem Vater Guten Tag zu sagen, doch er ist nicht da. Der Fernseher l�uft vor sich hin und ich sehe Bilder von Peeta und mir auf dem Fest im Kapitol gestern Abend. Wie wir tanzen, essen und uns k�ssen. Das l�uft in diesem Moment in jedem Haushalt von Panem. Den Zuschauern muss das tragische Liebespaar aus Distrikt 12 schon zum Hals raush�ngen. So geht es mir jedenfalls.</p><p>Ich gehe aus dem Zimmer, als ich pl�tzlich ein Piepsen h�re. Ich drehe mich um und sehe, wie der Bildschirm des Fernsehers schwarz wird. Dann blinken die Worte �AKTUELLER BERICHT AUS DISTRIKT 8� auf. Ich wei� instinktiv, dass das nicht f�r meine Augen bestimmt ist, sondern nur f�r die des B�rgermeisters. Ich m�sste jetzt gehen. Und zwar schnell. Stattdessen trete ich n�her an den Fernseher heran.</p><p>Jetzt erscheint eine Sprecherin, die ich noch nie gesehen habe. Sie hat grau meliertes Haar und eine heisere, herrische Stimme. Sie sagt, dass die Zust�nde sich verschlimmern und dass Alarmstufe 3 ausgerufen wurde. Zus�tzliche Truppen w�rden nach Distrikt 8 geschickt, die gesamte Textilproduktion sei eingestellt worden.</p><p>Dann ein Schnitt von der Sprecherin zum zentralen Platz von Distrikt 8. Ich erkenne ihn, weil ich vor einer Woche noch dort war. Von den D�chern wehen immer noch Flaggen mit meinem Gesicht darauf. Darunter spielt sich ein Riesenchaos ab. Schreiende Menschen sind auf dem Platz, die Gesichter hinter T�chern und selbst gemachten Masken versteckt, sie werfen mit Ziegelsteinen. H�user stehen in Flammen. Friedensw�chter schie�en in die Menge, t�ten wahllos.</p><p>Ich habe so etwas noch nie gesehen, aber es kann nur eins bedeuten. Ich sehe das, was Pr�sident Snow einen Aufstand genannt hat.</p><p><emphasis><strong>7</strong></emphasis></p><p>Ein Lederbeutel mit Essen und eine Thermoskanne mit hei�em Tee. Ein Paar mit Fell gefutterte Handschuhe, die Cinna dagelassen hat. Drei Zweige, von den kahlen B�umen abgebrochen, liegen im Schnee und zeigen in die Richtung, in die ich gehen werde. Diese Sachen hinterlasse ich Gale am ersten Sonntag nach dem Erntefest an unserem Treffpunkt.</p><p>Ich bin immer weiter durch die kalten, nebligen W�lder gelaufen, auf einem Weg, den Gale nicht kennen wird, der f�r meine F��e jedoch leicht zu finden ist. Er f�hrt zum See. Ich vertraue nicht mehr darauf, dass unser �blicher Treffpunkt Abgeschiedenheit bietet, doch genau das und noch mehr brauche ich, um Gale heute mein Herz auszusch�tten. Aber wird er �berhaupt kommen? Wenn nicht, habe ich keine Wahl, dann muss ich mitten in der Nacht zu ihm gehen. Es gibt etwas, das er wissen muss � Er muss mir helfen, es zu verstehen �</p><p>In dem Moment, als ich begriff, was ich bei B�rgermeister Undersee im Fernsehen sah, ging ich zur T�r und durch den Flur. Gerade rechtzeitig, denn kurz darauf kam der B�rgermeister die Treppe hoch. Ich winkte ihm zu.</p><p>�Suchst du Madge?�, fragte er freundlich.</p><p>�Ja. Ich m�chte ihr mein Kleid zeigen�, sagte ich.</p><p>�Na, du wei�t ja, wo du sie findest.� In dem Augenblick kam wieder das Piepsen aus seinem B�ro. Seine Miene wurde ernst. �Entschuldige mich bitte�, sagte er. Er ging in sein Arbeitszimmer und machte die T�r fest hinter sich zu.</p><p>Ich wartete im Flur, bis ich mich wieder gefasst hatte. Erinnerte mich daran, dass ich mich normal benehmen musste. Dann ging ich zu Madge. Sie sa� in ihrem Zimmer an der Kommode vor einem Spiegel und k�mmte sich das blond gewellte Haar. Sie trug dasselbe h�bsche wei�e Kleid wie am Tag der Ernte. Sie sah mich im Spiegel und l�chelte. �Schau dich an. Als k�mst du direkt von den Stra�en im Kapitol.�</p><p>Ich trat n�her. Meine Finger ber�hrten den Spottt�lpel. �Selbst meine Brosche passt jetzt. Spottt�lpel sind im Kapitol total angesagt, durch dich. Willst du die Brosche wirklich nicht zur�ckhaben?�, fragte ich.</p><p>�Quatsch, ich hab sie dir geschenkt�, sagte Madge. Sie band die Haare mit einem festlichen Goldband zur�ck.</p><p>�Woher hast du sie eigentlich?�, fragte ich.</p><p>�Sie hat meiner Tante geh�rt�, sagte sie. �Aber ich glaube, sie ist schon lange im Familienbesitz.�</p><p>�Merkw�rdig, ausgerechnet ein Spottt�lpel�, sagte ich. �Ich meine, wegen der Rebellion. Da haben die Schnattert�lpel dem Kapitol doch einen Strich durch die Rechnung gemacht.�</p><p>Die Schnattert�lpel waren Mutationen, genetisch ver�nderte m�nnliche V�gel, die das Kapitol erschaffen hatte, um Rebellen im Distrikt auszuspionieren. Die V�gel konnten sich viele W�rter merken und sie wiederholen, deshalb wurden sie in die aufst�ndischen Gebiete geschickt, damit sie dem Kapitol berichten konnten, was dort geredet wurde. Die Rebellen bekamen das spitz und setzten die Schnattert�lpel gegen das Kapitol ein, indem sie ihnen lauter L�gen erz�hlten. Als das herauskam, lie� man die Schnattert�lpel aussterben. Binnen weniger Jahre kamen sie in der Wildnis nicht mehr vor, doch zuvor hatten sie sich mit weiblichen Spottdrosseln gepaart und eine ganz neue Art erschaffen.</p><p>�Aber Spottt�lpel sind nie als Waffe eingesetzt worden�, sagte Madge. �Sie sind nur Singv�gel. Oder?�</p><p>�Ja, das stimmt wohl�, sagte ich. Aber dem ist nicht so. Eine Spottdrossel ist nur ein Singvogel. Ein Spottt�lpel ist ein Tier, das es nach dem Willen des Kapitols gar nicht geben d�rfte. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass der streng �berwachte Schnattert�lpel so schlau sein w�rde, sich an die Wildnis anzupassen, seinen genetischen Code weiterzugeben, sich in neuer Gestalt weiterzuentwickeln. Sie hatten nicht mit seinem Lebenswillen gerechnet.</p><p>W�hrend ich jetzt durch den Schnee stapfe, sehe ich die Spottt�lpel, wie sie von Zweig zu Zweig h�pfen, w�hrend sie die Melodien anderer V�gel aufschnappen, sie nachahmen und in etwas Neues verwandeln. Wie immer erinnern sie mich an Rue. Ich denke an den Traum, den ich letzte Nacht im Zug hatte, als ich sie in Gestalt eines Spottt�lpels sah und ihr folgte. H�tte ich doch noch ein wenig l�nger geschlafen und herausgefunden, wohin sie mich f�hren wollte.</p><p>Zum See ist es ein ganz sch�ner Marsch, keine Frage. Wenn Gale sich �berhaupt entscheidet, mir zu folgen, wird er sich dar�ber �rgern, dass er so viel Energie verschwendet, die er besser auf die Jagd verwenden k�nnte. Es war auff�llig, dass zu dem Festessen im Haus des B�rgermeisters seine Familie gekommen ist, er selbst aber nicht. Hazelle sagte, er sei krank, das war offensichtlich gelogen. Beim Erntefestival konnte ich ihn auch nicht entdecken. Vick hat mir erz�hlt, er sei auf der Jagd. Das stimmte wahrscheinlich.</p><p>Nach einigen Stunden komme ich zu einem alten Haus nah am Ufer des Sees. �Haus� ist vielleicht �bertrieben. Es besteht nur aus einem Zimmer, ungef�hr vier Quadratmeter gro�. Mein Vater meinte, dass es hier vor langer Zeit viele H�user gab - man kann noch Teile der Fundamente sehen - und dass die Leute herkamen, um am See zu spielen und zu fischen. Dieses Haus hat die anderen �berlebt, weil es aus Beton erbaut wurde. Der Boden, das Dach, die Decke. Nur eines der vier Glasfenster ist erhalten, es ist mit der Zeit wellig und tr�b geworden. Strom und flie�end Wasser gibt es nicht, aber der Kamin funktioniert noch, und in einer Ecke ist Holz aufgestapelt, das mein Vater und ich vor Jahren gesammelt haben. Ich z�nde ein kleines Feuer an, der Nebel d�rfte den verr�terischen Rauch verbergen. W�hrend das Feuer anfangt zu brennen, fege ich den Schnee weg, der sich unter den Fenstern ohne Scheiben angesammelt hat; ich benutze daf�r einen Reisigbesen, den mein Vater mir gemacht hat, als ich ungef�hr acht war und hier Vater-Mutter-Kind gespielt habe. Ich setze mich auf die kleine Betonplatte des Kamins, lasse mich am Feuer auftauen und warte auf Gale.</p><p>�berraschend schnell taucht er auf. Er tr�gt einen Bogen �ber der Schulter und an seinem G�rtel h�ngt ein toter Truthahn. Gale steht in der T�r, als �berlegte er, ob er hereinkommen soll oder nicht. Er h�lt den unge�ffneten Lederbeutel mit Essen in den H�nden, die Thermoskanne, Cinnas Handschuhe. Geschenke, die er nicht annehmen will, weil er so w�tend auf mich ist. Ich wei� genau, wie es in ihm aussieht. Habe ich nicht dasselbe mit meiner Mutter gemacht?</p><p>Ich schaue ihm in die Augen. Seine Wut kann nicht ganz �berdecken, wie verletzt er ist, wie verraten er sich wegen meiner Verlobung mit Peeta f�hlt. Dieses Treffen heute ist meine letzte Chance, Gale nicht f�r immer zu verlieren. Ich k�nnte ihm stundenlang alles erkl�ren und selbst dann noch k�nnte er mich zur�ckweisen. Stattdessen komme ich direkt zum Hauptpunkt meiner Verteidigung.</p><p>�Pr�sident Snow hat mir pers�nlich damit gedroht, dich t�ten zu lassen�, sage ich.</p><p>Gale hebt die Augenbrauen, aber richtig �ngstlich oder �berrascht sieht er nicht aus. �Sonst noch jemanden?�</p><p>�Nun ja, er hat mir nicht direkt eine Liste �berreicht. Aber wir k�nnen wohl davon ausgehen, dass unsere beiden Familien betroffen sind�, sage ich.</p><p>Jetzt kommt er doch zum Kamin. Er hockt sich vor das Feuer und w�rmt sich auf. �Es sei denn?�</p><p>�Kein &gt;es sei denn&lt;, so, wie es jetzt aussieht�, sage ich. Das m�sste ich nat�rlich genauer erkl�ren, aber ich wei� nicht, wo ich anfangen soll, also sitze ich nur da und starre bedr�ckt ins Feuer.</p><p>Nach einer Weile bricht Gale das Schweigen. �Tja, danke f�r die Warnung.�</p><p>Ich drehe mich zu einer schroffen Erwiderung um, als ich das Funkeln in seinen Augen sehe. Ich hasse mich daf�r, dass ich l�cheln muss. An der Situation ist nichts Komisches, aber es ist wohl ein bisschen viel auf einmal. Sie werden uns alle ausl�schen, ganz gleich, was passiert. �Ich hab einen Plan, wei�t du.�</p><p>�Ja, der ist bestimmt klasse�, sagt er. Er schmei�t mir die Handschuhe auf den Scho�. �Da. Ich will keine abgelegten Handschuhe von deinem Verlobten haben.�</p><p>�Er ist nicht mein Verlobter. Das ist Teil der Kom�die. Und die Handschuhe sind auch nicht von ihm. Sie haben Cinna geh�rt�, sage ich.</p><p>�Dann gib sie wieder her�, sagt er. Er zieht die Handschuhe an, bewegt die Finger und nickt anerkennend. �Wenigstens werde ich mit warmen H�nden sterben.�</p><p>�Sehr optimistisch. Du wei�t ja gar nicht, was passiert ist�, sage ich.</p><p>�Lass h�ren�, sagt er.</p><p>Ich fange mit dem Abend an, als Peeta und ich zu den Siegern der Hungerspiele gekr�nt wurden und Haymitch mich vor dem Zorn des Kapitols warnte. Ich erz�hle von der Sorge, die mich nicht loslie�, selbst als ich schon zu Hause war, von Pr�sident Snows Besuch, den Morden in Distrikt 11, den Spannungen in der Bev�lkerung, dem allerletzten Rettungsversuch durch die Verlobung, der Andeutung des Pr�sidenten, dass es nicht gereicht hat, von meiner �berzeugung, dass ich werde b��en m�ssen.</p><p>Gale unterbricht mich kein einziges Mal. W�hrend ich erz�hle, steckt er die Handschuhe in die Tasche und bereitet aus dem Kissen im Lederbeutel eine Mahlzeit f�r uns. Er r�stet Brot und K�se, entkernt �pfel, legt Kastanien zum R�sten ins Feuer. Ich beobachte seine H�nde, seine sch�nen, geschickten Finger. Narbig, so wie meine waren, ehe im Kapitol meine Haut gegl�ttet wurde, aber stark und flink. Diese H�nde sind kr�ftig genug, Kohle zu hauen, und fein genug, komplizierte Fallen zu bauen. Es sind H�nde, denen ich vertraue.</p><p>Ich halte inne und trinke einen Schluck Tee aus der Thermoskanne, ehe ich von meiner Heimkehr erz�hle.</p><p>�Da hast du ja ein ganz sch�nes Durcheinander angerichtet�, sagt er.</p><p>�Ich bin noch gar nicht fertig�, erwidere ich.</p><p>�Ich hab vorerst genug geh�rt. �berspring den Rest und erz�hl von deinem Plan�, sagt er.</p><p>Ich atme tief durch. �Wir hauen ab.�</p><p>�Was?�, sagt er. Damit hat er �berhaupt nicht gerechnet.</p><p>�Wir gehen in den Wald und fliehen�, sage ich. Seine Miene ist undurchdringlich. Wird er mich auslachen, meine Idee als idiotisch abtun? Beunruhigt stehe ich auf, ich mache mich auf eine Auseinandersetzung gefasst. �Du hast selbst gesagt, wir k�nnten es tun! An dem Morgen der Ernte. Da hast du gesagt ��</p><p>Er kommt auf mich zu, und ich merke, wie ich hochgehoben werde. Das Zimmer dreht sich, und ich muss die Arme um seinen Hals legen, damit ich nicht das Gleichgewicht verliere. Er lacht, er ist gl�cklich.</p><p>�Hey!�, rufe ich abwehrend, aber ich lache auch.</p><p>Gale setzt mich wieder ab, l�sst mich jedoch nicht los. �Gut, dann hauen wir ab�, sagt er.</p><p>�Wirklich? Du h�ltst mich nicht f�r verr�ckt? Du kommst mit?� Jetzt dr�ckt das Gewicht mich nicht mehr ganz so nieder, ich habe es auf Gales Schultern abgeladen.</p><p>�Doch, ich halte dich f�r verr�ckt, aber ich komme trotzdem mit�, sagt er. Er meint es ernst. Nicht nur das, er findet es gut. �Wir k�nnen es schaffen, das wei� ich. Lass uns abhauen und nie wiederkommen!�</p><p>�Meinst du wirklich?�, frage ich. �Das wird ganz sch�n schwer, mit den Kleinen und so. Ich m�chte nicht zehn Kilometer in den Wald laufen und du musst dann ��</p><p>�Ich meine es wirklich. Ganz und gar, vollkommen, hundertprozentig.� Er senkt den Kopf, legt seine Stirn an meine und zieht mich n�her an sich. Seine Haut, sein ganzer K�rper strahlt W�rme aus, weil er so nah am Feuer war, und ich schlie�e die Augen, sauge seine W�rme ein. Ich atme den Geruch von schneenassem Leder, Rauch und �pfeln ein, den Geruch all der Wintertage, die wir vor den Spielen miteinander verbracht haben. Ich versuche nicht, mich zu befreien. Warum auch? Seine Stimme wird zu einem Fl�stern. �Ich liebe dich.�</p><p>Deshalb also.</p><p>Ich sehe so etwas nie kommen. Es geht zu schnell. Im einen Moment schlage ich einen Fluchtplan vor und im n�chsten � soll ich auf so etwas reagieren. Ich gebe die wohl schlimmstm�gliche Antwort: �Ich wei�.�</p><p>Das klingt schrecklich. Als glaubte ich, er k�nnte gegen seine Gef�hle nichts machen, und als erwiderte ich sie nicht. Gale will sich aus der Umarmung befreien, doch ich halte ihn fest. �Ich wei�! Und du � du wei�t, was du mir bedeutest.� Das ist nicht genug. Er l�st sich aus meinem Griff. �Gale, ich kann im Moment an niemanden so denken. Seit Prims Name bei der Ernte gezogen wurde, kann ich jeden Tag, jeden wachen Augenblick an nichts anderes denken als an meine Angst. Da ist gar kein Raum f�r etwas anderes. Wenn wir irgendwo in Sicherheit w�ren, w�rde ich vielleicht anders empfinden. Ich wei� es nicht.�</p><p>Ich sehe, wie er die Entt�uschung hinunterschluckt. �Dann hauen wir also ab. Wir werden es herausfinden.� Er dreht sich wieder zum Feuer, wo die Kastanien anfangen zu brennen. Schnell holt er sie heraus auf den Kaminboden. �Meine Mutter wird sich nicht so leicht �berzeugen lassen.�</p><p>Ich glaube, er will immer noch mitkommen. Aber die Freude ist verflogen, hat einer allzu bekannten Anspannung Platz gemacht. �Meine auch nicht. Ich muss es ihr einfach begreiflich machen. Ich nehme sie auf einen langen Spaziergang mit. Sie muss einsehen, dass wir anders nicht �berleben k�nnen.�</p><p>�Sie wird es verstehen. Ich hab die Spiele oft zusammen mit ihr und Prim angeschaut. Sie wird es dir nicht abschlagen�, sagt Gale.</p><p>�Hoffentlich nicht.� In wenigen Sekunden scheint es im Haus zwanzig Grad k�lter geworden zu sein. �Haymitch wird die h�rteste Nuss.�</p><p>�Haymitch?� Gale vergisst die Kastanien. �Du willst ihn doch nicht fragen, ob er mitkommt?�</p><p>�Das muss ich, Gale. Ich kann ihn und Peeta nicht zur�cklassen, sie w�rden �� Ich verstumme, als ich seine finstere Miene sehe. �Was ist?�</p><p>�Tut mir leid. Mir war nicht klar, dass wir so viele sein w�rden�, sagt er schroff.</p><p>�Sie w�rden die beiden zu Tode foltern, um rauszukriegen, wo ich bin�, sage ich.</p><p>�Und Peetas Familie? Die w�rden doch nie mitkommen. Im Gegenteil, wahrscheinlich k�nnten sie es gar nicht abwarten, uns zu verraten. Und bestimmt ist er so schlau, dass er das kapiert. Wenn er sich nun entscheidet, hierzubleiben?�, fragt er.</p><p>Ich versuche, unbeteiligt zu klingen, aber meine Stimme �berschl�gt sich. �Dann bleibt er eben.�</p><p>�Du w�rdest ihn zur�cklassen?�, fragt Gale.</p><p>�Ja, um Prim und meine Mutter zu retten�, antworte ich. �Ich meine, nein! Ich werde ihn dazu bringen, mitzukommen.�</p><p>�Und mich, w�rdest du mich zur�cklassen?� Gales Miene ist jetzt wie versteinert. �Nur f�r den Fall, dass ich zum Beispiel meine Mutter nicht �berreden kann, drei kleine Kinder im Winter mit in die Wildnis zu schleppen.�</p><p>�Hazelle sagt nicht Nein. Sie ist vern�nftig�, sage ich.</p><p>�Aber wenn nicht, Katniss. Was dann?�, will er wissen.</p><p>�Dann musst du sie eben zwingen, Gale. Glaubst du, ich denke mir das alles nur aus?� Jetzt bin ich auch w�tend und werde lauter.</p><p>�Nein. Ich wei� nicht. Vielleicht will der Pr�sident dich nur manipulieren. Ich meine, er richtet deine Hochzeit aus. Du hast ja gesehen, wie die Massen im Kapitol reagiert haben. Ich glaube nicht, dass er es sich leisten kann, dich umzubringen. Oder Peeta. Wie soll er sich da rauswinden?�, sagt Gale.</p><p>�Bei dem Aufstand in Distrikt 8 hat er bestimmt Besseres zu tun, als meine Hochzeitstorte auszusuchen!�, rufe ich.</p><p>Kaum sind die Worte heraus, m�chte ich sie auch schon wieder zur�cknehmen. Sie wirken augenblicklich auf Gale - seine Wangen werden rot, seine grauen Augen leuchten. �In Distrikt 8 gibt es einen Aufstand?�, fragt er ged�mpft.</p><p>Ich versuche zur�ckzurudern. Ihn zu beschwichtigen, so, wie ich die Distrikte versucht habe zu beschwichtigen. �Ich wei� nicht, ob es wirklich ein Aufstand ist. Es gibt Unruhen. Die Leute auf den Stra�en ��</p><p>Gale fasst mich bei den Schultern. �Was hast du gesehen?�</p><p>�Nichts! Ich hab es nicht selbst gesehen. Ich hab nur was geh�rt.� Wie immer ist es zu wenig, zu sp�t. Ich gebe auf und erz�hle es ihm. �Ich hab beim B�rgermeister was im Fernsehen gesehen. Was ich eigentlich nicht sehen sollte. Da war eine Menschenmenge und Feuer, und die Friedensw�chter haben Leute �ber den Haufen geschossen, aber es gab Widerstand �� Ich bei�e mir auf die Lippe und versuche mit M�he, die Szene weiter zu beschreiben. Stattdessen spreche ich die Worte aus, die mich seitdem qu�len. �Und ich bin schuld, Gale. Weil ich das mit den Beeren in der Arena gemacht habe. Wenn ich mich einfach umgebracht h�tte, w�re das alles nicht passiert. Peeta w�re nach Hause gekommen und h�tte weiterleben k�nnen und alle anderen w�ren auch in Sicherheit gewesen.�</p><p>�In was f�r einer Sicherheit?�, sagt er, sanfter jetzt. �In der Sicherheit, zu verhungern? Wie Sklaven zu arbeiten? Ihre Kinder zur Ernte zu schicken? Du hast den Leuten nichts angetan - du hast ihnen eine Chance gegeben. Sie m�ssen nur den Mut haben, sie zu ergreifen. In den Bergwerken habe ich schon etwas geh�rt. Einige wollen k�mpfen. Verstehst du nicht? Es passiert! Endlich passiert es! Wenn es in Distrikt 8 einen Aufstand gibt, warum nicht auch hier? Warum nicht �berall? Das k�nnte es sein, das, was wir ��</p><p>�H�r auf! Du wei�t ja nicht, was du da sagst. Die Friedensw�chter au�erhalb von Distrikt 12, die sind nicht wie Darius, nicht mal wie Cray! Denen bedeutet ein Menschenleben weniger als nichts!�, sage ich.</p><p>�Deshalb m�ssen wir mitk�mpfen�, erwidert er scharf.</p><p>�Nein! Wir m�ssen fort von hier, bevor sie uns und jede Menge anderer Menschen auch noch umbringen!� Jetzt schreie ich wieder, ich verstehe nicht, was er hat. Warum sieht er nicht, was so offensichtlich ist?</p><p>Gale schiebt mich unsanft weg. �Dann hau doch ab. Ich gehe nicht in hunderttausend Jahren.�</p><p>�Eben wolltest du noch gern mitkommen. Ich verstehe nicht, was ein Aufstand in Distrikt 8 ausmacht, au�er dass unsere Flucht dadurch noch dringlicher wird. Du bist ja nur sauer wegen �� Nein, ich kann ihm jetzt nicht Peeta ins Gesicht schleudern. �Was ist mit deiner Familie?�</p><p>�Was ist mit den anderen Familien, Katniss? Mit denen, die nicht weglaufen k�nnen? Begreifst du nicht? Jetzt kann es nicht mehr darum gehen, <emphasis>unser </emphasis>Leben zu retten. Nicht, wenn die Rebellion angefangen hat!� Gale sch�ttelt den Kopf, er macht keinen Hehl aus seinem �rger �ber mich. �Du k�nntest so viel tun.� Er wirft mir Cinnas Handschuhe vor die F��e. �Ich hab meine Meinung ge�ndert. Ich will nichts haben, was im Kapitol gemacht wurde.� Und damit ist er verschwunden.</p><p>Ich schaue auf die Handschuhe. Nichts, was im Kapitol gemacht wurde? War das auf mich gem�nzt? Meint er, ich bin jetzt auch blo� noch ein Produkt des Kapitols und deshalb unber�hrbar? Ich werde w�tend, es ist so ungerecht. Aber in die Wut mischt sich Angst davor, was f�r eine Verr�cktheit er wohl als N�chstes anstellt.</p><p>Ich lasse mich neben das Feuer sinken, ich brauche etwas Tr�stliches, um den n�chsten Schritt planen zu k�nnen. Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass Revolutionen nicht an einem Tag gemacht werden. Vor morgen kann Gale nicht mit den Bergarbeitern sprechen. Wenn ich es vorher zu Hazelle schaffe, kann sie ihm vielleicht den Kopf zurechtr�cken.</p><p>Aber jetzt kann ich nicht zu ihr. Falls er da ist, w�rde er mich aussperren. Vielleicht heute Nacht, wenn alle anderen schlafen � Hazelle hat oft bis in die Nacht mit ihrer W�sche zu tun. Dann k�nnte ich zu ihr gehen, ans Fenster klopfen und ihr erkl�ren, was los ist, damit sie Gale vor einer Dummheit bewahrt.</p><p>Mein Gespr�ch mit Pr�sident Snow im Arbeitszimmer f�llt mir wieder ein.</p><p><emphasis>�Meine Berater hatten Sorge, du k�nntest Schwierigkeiten machen, aber du hast nicht vor, Schwierigkeiten zu machen, oder?�, fragt er.</emphasis></p><p>�Nein�, sage ich.</p><p>�Das habe ich ihnen auch gesagt. Ich habe gesagt, ein M�dchen, das so viel auf sich nimmt, um sein Leben zu retten, wird kein Interesse daran haben, es leichtfertig wegzuwerfen.�</p><p>Ich denke daran, wie hart Hazelle gearbeitet hat, um ihre Familie zu retten. Bestimmt wird sie in dieser Frage auf meiner Seite sein. Oder?</p><p>Es muss jetzt schon bald Mittag sein und die Tage sind so kurz. Nach Anbruch der Dunkelheit sollte man nicht im Wald sein, wenn es nicht unbedingt sein muss. Ich trete die �berreste meines kleinen Feuers aus, r�ume die Essensreste weg und stecke Cinnas Handschuhe unter den G�rtel. Ich werde sie wohl noch eine Weile behalten. F�r den Fall, dass Gale seine Meinung �ndert. Ich denke an seine Miene, als er sie weggeworfen hat. Wie sehr er sie abgelehnt hat und auch mich �</p><p>Ich stapfe durch den Wald bis zu meinem alten Haus, wo immer noch Licht brennt. Mein Gespr�ch mit Gale war ein harter R�ckschlag, aber ich bin weiterhin entschlossen, aus Distrikt 12 zu fliehen. Als N�chstes nehme ich mir vor, Peeta zu suchen. Er hat auf der Tour ja teilweise dasselbe gesehen wie ich, vielleicht habe ich da mit ihm leichteres Spiel als mit Gale. Ich laufe ihm in die Arme, als er gerade aus dem Dorf der Sieger kommt.</p><p>�Auf der Jagd gewesen?�, fragt er. Ich sehe ihm an, dass er das f�r keine gute Idee h�lt.</p><p>�Nicht direkt. Gehst du in die Stadt?�, frage ich.</p><p>�Ja. Meine Familie erwartet mich zum Abendessen�, sagt er.</p><p>�Ich kann dich ja wenigstens begleiten.� Die Stra�e vom Dorf der Sieger zum zentralen Platz wird kaum benutzt. Dort kann man einigerma�en gefahrlos reden. Aber irgendwie bringe ich die Worte nicht �ber die Lippen. Bei Gale bin ich so kl�glich gescheitert. Ich nage an meinen rissigen Lippen. Mit jedem Schritt kommen wir n�her zum Platz. So bald wird sich vielleicht keine Gelegenheit mehr bieten. Ich hole tief Luft und lasse die Worte heraussprudeln. �Peeta, wenn ich dich bitten w�rde, mit mir aus dem Distrikt zu fliehen, w�rdest du es tun?�</p><p>Peeta fasst mich am Arm, h�lt mich an. Er braucht mir nicht ins Gesicht zu schauen, um sich zu vergewissern, dass ich es ernst meine. �Kommt drauf an, weshalb du fragst.�</p><p>�Ich habe Pr�sident Snow nicht �berzeugt. In Distrikt 8 gibt es einen Aufstand. Wir m�ssen hier raus�, sage ich.</p><p>�Wen meinst du mit &gt;wir&lt;? Nur dich und mich? Nein. Wer soll noch mitkommen?�, fragt er.</p><p>�Meine Familie. Deine, wenn sie mitkommen wollen. Haymitch vielleicht�, sage ich.</p><p>�Und Gale?�, fragt er.</p><p>�Ich wei� nicht. Vielleicht hat er andere Pl�ne�, sage ich.</p><p>Peeta sch�ttelt den Kopf und l�chelt mich betr�bt an. �Das hat er garantiert. Klar, Katniss, ich komme mit.�</p><p>Ich sehe einen Hoffnungsschimmer. �Wirklich?�</p><p>�Ja. Aber ich glaube kein bisschen, dass du fliehen wirst�, sagt er.</p><p>Ich rei�e mich los. �Dann kennst du mich aber schlecht. Halt dich bereit. Es kann jeden Moment so weit sein.� Ich laufe los und er folgt mir im Abstand von ein oder zwei Schritten.</p><p>�Katniss�, sagt Peeta. Ich verlangsame meine Schritte nicht. Wenn er die Idee nicht gut findet, will ich es nicht wissen, denn ich habe keine andere. �Katniss, bleib stehen.� Ich kicke einen schmutzigen gefrorenen Schneeklumpen vom Weg und warte, bis Peeta mich eingeholt hat. Mit dem Kohlenstaub sieht alles besonders h�sslich aus. �Ich komme wirklich mit, wenn du das willst. Ich meine nur, wir sollten lieber mit Haymitch dar�ber reden. Nicht, dass wir f�r die Menschen hier alles noch schlimmer machen.� Er schaut hoch. �Was ist das?�</p><p>Ich hebe den Kopf. Ich war so mit meinen eigenen Sorgen besch�ftigt, dass ich die merkw�rdigen Ger�usche, die vom Platz her kommen, gar nicht bemerkt habe. Ein Zischen, ein Knall, Menschen, die aufst�hnen.</p><p>�Komm weiter�, sagt Peeta, pl�tzlich mit harter Miene. Ich wei� nicht, warum. Ich kann das Ger�usch nicht einordnen, habe keine Ahnung, was da los ist. Aber f�r ihn bedeutet es etwas Schlimmes.</p><p>Als wir auf den Platz kommen, sehe ich, dass irgendetwas los ist, aber die Menschen stehen so gedr�ngt, dass man nichts erkennen kann. Peeta steigt auf eine Kiste an der Wand des S��warengesch�fts und reicht mir eine Hand, w�hrend er �ber den Platz schaut. Ich bin schon fast oben, als er mir pl�tzlich den Weg verstellt. �Runter. Weg hier!� Er fl�stert, doch seine Stimme ist hart und dr�ngend.</p><p>�Was ist?�, frage ich und versuche, auf die Kiste zu steigen.</p><p>�Lauf nach Hause, Katniss! Ich bin sofort bei dir, ich schw�re es!�, sagt er.</p><p>Was es auch ist, es muss furchtbar sein. Ich rei�e mich von seiner Hand los und zw�nge mich durch die Menge. Die Leute sehen mich, erkennen mein Gesicht, dann werden sie panisch. H�nde schieben mich zur�ck. Stimmen zischen.</p><p>�Hau ab hier, M�dchen.�</p><p>�Machst es nur schlimmer.�</p><p>�Was willst du? Sollen sie ihn umbringen?�</p><p>Aber jetzt klopft mein Herz schon so schnell und heftig, dass ich sie kaum h�re. Ich wei� nur, dass das, was da mitten auf dem Platz wartet, f�r mich bestimmt ist. Als ich mich schlie�lich durchgek�mpft habe und auf den offenen Platz gelange, sehe ich, dass ich recht habe. Und dass Peeta recht hatte. Und die Stimmen hatten auch recht.</p><p>Gale ist mit den Handgelenken an einen Holzpfahl gebunden. �ber ihm h�ngt der Truthahn, den er geschossen hatte, ein Nagel geht durch den Hals des Tiers. Gales Jacke ist zu Boden geworfen worden, das Hemd haben sie ihm vom Leib gerissen. Er kniet bewusstlos auf der Erde, nur die Stricke an den Handgelenken halten ihn. Was einmal sein R�cken war, ist ein rohes, blutiges St�ck Fleisch.</p><p>Hinter ihm steht ein Mann, den ich noch nie gesehen habe, doch die Uniform kenne ich. Sie geh�rt unserem Obersten Friedensw�chter. Aber das hier ist nicht der alte Cray. Dieser Mann ist gro� und muskul�s und seine Hose hat ordentliche B�gelfalten.</p><p>Die Einzelteile wollen sich nicht zu einem Bild zusammenf�gen, bis ich sehe, wie er den Arm mit der Peitsche hebt.</p><p><emphasis><strong>8</strong></emphasis></p><p>�Nein!�, schreie ich und mache einen Satz nach vorn. Der herabsausende Arm l�sst sich nicht mehr aufhalten, und ich wei� instinktiv, dass ich nicht die Kraft habe, ihn abzuwehren. Stattdessen werfe ich mich genau zwischen Gale und die Peitsche. Ich rei�e die Arme hoch, um seinen geschundenen K�per so gut wie m�glich zu sch�tzen, da ist nichts, was den Schlag ablenken k�nnte. Mit voller Wucht trifft er mich auf der linken Gesichtsh�lfte.</p><p>Der Schmerz ist grausam und unmittelbar. Gezackte Lichtblitze erscheinen vor meinen Augen und ich falle auf die Knie. Mit einer Hand halte ich mir die Wange, w�hrend ich mich mit der anderen abst�tze, um nicht umzukippen. Ich sp�re schon, wie der Striemen dick wird und wie mein Auge zuschwillt. Die Steine unter mir sind nass von Gales Blut, der Geruch des Blutes liegt schwer in der Luft. �H�ren Sie auf! Sie bringen ihn um!�, kreische ich.</p><p>Ganz kurz sehe ich das Gesicht meines Angreifers. Hart, mit tiefen Furchen, einem brutalen Mund. Graue Haare, der Kopf fast kahl rasiert, die Augen so schwarz, dass sie nur aus Pupillen zu bestehen scheinen, eine lange gerade Nase, rot von der Eisesk�lte. Der kr�ftige Arm geht wieder hoch, jetzt hat der Mann mich im Visier. Meine Hand f�hrt an meine Schulter, jetzt ein Pfeil, aber nat�rlich sind meine Waffen im Wald verstaut. Ich bei�e die Z�hne zusammen und warte auf den n�chsten Hieb.</p><p>�Aufh�ren!�, befiehlt da jemand. Es ist Haymitch, er stolpert �ber einen am Boden liegenden Friedensw�chter. Darius. Eine gewaltige lilafarbene Beule schiebt sich auf seiner Stirn durch das rote Haar. Er ist bewusstlos, aber er atmet noch. Was ist passiert? Hat er versucht, Gale zu helfen, bevor ich kam?</p><p>Haymitch achtet nicht auf ihn und zieht mich grob hoch. �Na super.� Er fasst mir unter das Kinn. �Sie hat n�chste Woche ein Fotoshooting, Hochzeitskleider vorf�hren. Was soll ich ihrem Stylisten erz�hlen?�</p><p>Ich sehe ein Zeichen des Erkennens �ber das Gesicht des Mannes mit der Peitsche huschen. Warm eingepackt, wie ich bin, ungeschminkt, den Pferdeschwanz nachl�ssig unter den Mantel gesteckt, bin ich wohl nicht ohne Weiteres als Siegerin der letzten Hungerspiele zu erkennen. Vor allem nicht mit einer geschwollenen Gesichtsh�lfte. Haymitch dagegen ist seit Jahren regelm��ig im Fernsehen zu sehen und ihn vergisst man nicht so leicht.</p><p>Der Mann l�sst die Peitsche auf die H�fte sinken. �Sie hat die Bestrafung eines gest�ndigen Verbrechers gest�rt.�</p><p>Alles an diesem Mann, seine herrische Stimme, sein merkw�rdiger Akzent, ist eine einzige Warnung vor einer unbekannten, schrecklichen Gefahr. Woher kommt er? Aus Distrikt 11 ? 3? Aus dem Kapitol selbst?</p><p>�Und wenn sie das verdammte Justizgeb�ude in die Luft gesprengt h�tte! Gucken Sie sich ihre Wange an! Meinen Sie, die ist in einer Woche kameratauglich?�, f�hrt Haymitch den Mann an.</p><p>Die Stimme des Mannes ist immer noch kalt, doch ich h�re leisen Zweifel heraus. �Das ist nicht mein Problem.�</p><p>�Nein? Na, das wird es aber noch, Freundchen. Wenn ich nach Hause komme, rufe ich als Erstes im Kapitol an�, sagt Haymitch. �Um rauszukriegen, wer Sie erm�chtigt hat, das h�bsche kleine Gesicht meiner Siegerin zu vermurksen!�</p><p>�Er hat gewildert. Was geht es das M�dchen �berhaupt an?�, sagt der Mann.</p><p>�Er ist ihr Cousin.� Peeta nimmt jetzt meinen anderen Arm, aber sanft. �Und sie ist meine Verlobte. Wenn Sie ihn haben wollen, m�ssen Sie erst mal uns beide kleinkriegen.�</p><p>Wahrscheinlich sind wir drei die Einzigen im Distrikt, die so einen Auftritt zustande bringen. Wenn auch nur kurz, denn diese Sache wird ein Nachspiel haben. Aber im Augenblick will ich nichts als Gales Leben retten. Der neue Oberste Friedensw�chter schaut zu seiner Truppe. Erleichtert entdecke ich dort die bekannten Gesichter, alte Freunde vom Hob. Ich sehe ihnen an, dass ihnen die Vorstellung nicht gef�llt.</p><p>Eine Friedensw�chterin tritt mit steifen Schritten vor, sie hei�t Purnia und isst regelm��ig am Stand von Greasy Sae. �Ich glaube, f�r ein erstes Vergehen hat er gen�gend Hiebe erhalten. Es sei denn, Sie verh�ngen die Todesstrafe, die wir durch ein Erschie�ungskommando vollziehen w�rden.�</p><p>�Ist das hier das �bliche Verfahren?�, fragt der Oberste Friedensw�chter.</p><p>�Ja�, sagt Purnia, und mehrere nicken. Garantiert wei� das �berhaupt keiner, denn wenn jemand mit einem Truthahn auf dem Hob auftaucht, ist das �bliche Verfahren, dass sich alle um die Keulen rei�en.</p><p>�Nun gut, M�dchen. Dann schaff deinen Cousin von hier fort. Und wenn er wieder zu sich kommt, erinnere ihn daran, dass ich, sollte er noch einmal im Gebiet des Kapitols wildern, h�chstpers�nlich das Erschie�ungskommando versammeln werde.� Darauf wischt der Oberste Friedensw�chter mit der Hand �ber die Peitsche und bespritzt uns mit Blut. Dann wickelt er sie ordentlich auf und geht davon.</p><p>Die meisten anderen Friedensw�chter folgen ihm in loser Formation. Eine kleine Gruppe bleibt zur�ck und hebt Darius an Armen und Beinen hoch. Ich fange Purnias Blick auf und sage lautlos �Danke�, ehe sie geht. Sie gibt keine Antwort, doch ich wei�, dass sie mich verstanden hat.</p><p>�Gale.� Ich drehe mich um, fummele an den Knoten, mit denen seine Handgelenke zusammengebunden sind. Jemand reicht ein Messer durch und Peeta durchtrennt die Seile. Gale sinkt auf dem Boden zusammen.</p><p>�Bringt ihn lieber zu deiner Mutter�, sagt Haymitch.</p><p>Wir haben keine Trage, doch die alte Frau am Kleiderstand verkauft uns das Brett, das ihr als Verkaufstheke dient. �Erz�hlt blo� keinem, wo ihr das herhabt�, sagt sie und packt schnell ihre restlichen Sachen zusammen. Der Platz ist jetzt fast leer, die Angst ist st�rker als das Mitgef�hl. Nach dem, was gerade passiert ist, kann ich es niemandem verdenken.</p><p>Als wir Gale mit dem Gesicht nach unten auf das Brett legen, sind nur noch eine Handvoll Leute �brig, die ihn tragen k�nnen. Haymitch, Peeta und ein paar Bergarbeiter, die in derselben Mannschaft arbeiten wie Gale, heben ihn hoch.</p><p>Ein M�dchen namens Leevy, das im Saum ganz bei uns in der N�he wohnt, fasst mich am Arm. Meine Mutter hat ihrem kleinen Bruder letztes Jahr das Leben gerettet, als er die Masern hatte. �Brauchst du Hilfe auf dem R�ckweg?� Der Blick ihrer grauen Augen ist �ngstlich, aber entschlossen.</p><p>�Nein, aber kannst du Hazelle holen? Sie herschicken?�, frage ich.</p><p>�Ja�, sagt Leevy und l�uft sofort los.</p><p>�Leevy!�, rufe ich. �Sie soll die Kinder nicht mitbringen.�</p><p>�Nein, ich bleibe bei ihnen�, sagt sie.</p><p>�Danke.� Ich nehme Gales Jacke und laufe hinter den anderen her.</p><p>�K�hl das mit Schnee�, befiehlt Haymitch �ber die Schulter hinweg. Ich nehme eine Handvoll Schnee und halte ihn an die Wange; das bet�ubt den Schmerz ein wenig. Mein linkes Auge tr�nt jetzt heftig und in dem D�mmerlicht kann ich nur den Stiefeln vor mir hinterherlaufen.</p><p>W�hrend wir gehen, h�re ich, wie Bristel und Thorn, Gales Kollegen, die Geschichte St�ck f�r St�ck erz�hlen. Offenbar war Gale zu Cray gegangen, wie er es schon hundertmal gemacht hat, weil er wei�, dass Cray f�r einen Truthahn immer einen guten Preis zahlt. Doch statt Cray hat er den neuen Obersten Friedensw�chter angetroffen, einen Mann, von dem irgendwer sagte, er hei�e Romulus Thread. Was mit Cray passiert ist, wei� niemand. Heute Morgen noch hat er auf dem Hob klaren Schnaps gekauft, da hatte er offenbar noch das Sagen im Distrikt, aber jetzt ist er unauffindbar. Thread hat Gale sofort verhaftet, und da Gale mit einem toten Truthahn in der Hand dastand, konnte er wenig zu seiner Verteidigung vorbringen. Es sprach sich schnell herum, dass er in der Klemme steckte. Er wurde auf den Platz gebracht, zu einem Schuldgest�ndnis gezwungen und zu einer Auspeitschung verurteilt, die sofort vollzogen wurde. Als ich kam, hatte er schon mindestens vierzig Peitschenhiebe hinter sich. Ungef�hr bei drei�ig verlor er das Bewusstsein.</p><p>�Ein Gl�ck, dass er nur den Truthahn bei sich hatte�, sagt Bristel. �Wenn er seinen �blichen Fang gehabt h�tte, war es ihm noch viel schlimmer ergangen.�</p><p>�Er hat Thread erz�hlt, er h�tte den Truthahn gefunden, als er im Saum rumlief. Das Vieh war �ber den Zaun geflogen und er h�tte es mit einem Stock abgestochen. Immer noch ein Verbrechen. Aber wenn sie gewusst h�tten, dass er mit Waffen im Wald war, h�tten sie ihn garantiert umgebracht�, sagt Thom.</p><p>�Was ist mit Darius?�, fragt Peeta.</p><p>�Nach ungef�hr zwanzig Hieben ist er eingeschritten und hat gesagt, es sei genug. Nur hat er es nicht so geschickt und f�rmlich gemacht wie Purnia. Er hat Thread am Arm gepackt und da hat Thread ihm mit dem Griff der Peitsche auf den Kopf gehauen. F�r Darius sieht es nicht besonders rosig aus�, sagt Bristel.</p><p>�Es sieht wohl f�r keinen von uns besonders rosig aus�, sagt Haymitch.</p><p>Es f�ngt an zu schneien, dicke nasse Flocken, dadurch kann ich noch schlechter sehen. Ich stolpere hinter den anderen her bis zu unserem Haus, lasse mich mehr von meinen Ohren leiten als von meinen Augen. Meine Mutter, die nat�rlich auf mich gewartet hat, nachdem ich einen langen Tag ohne Erkl�rung weggeblieben bin, versucht zu begreifen, was sie sieht.</p><p>�Neuer Oberster�, sagt Haymitch, und sie nickt nur kurz, als w�rde das alles erkl�ren.</p><p>Wie immer erf�llt mich Ehrfurcht, als ich sehe, wie sie sich von der Frau, die mich ruft, damit ich eine Spinne t�te, in eine Frau verwandelt, die immun ist gegen Angst. Wenn man ihr einen kranken oder sterbenden Menschen bringt� ich glaube, das sind die einzigen Momente, in denen meine Mutter wei�, wer sie ist. Im Nu ist der lange K�chentisch abger�umt, ein steriles wei�es Tuch wird dar�ber ausgebreitet und Gale hinaufgelegt. Meine Mutter gie�t Wasser aus einem Kessel in eine Sch�ssel und l�sst Prim verschiedene Medikamente aus dem Arzneischrank holen. Getrocknete Kr�uter und Tinkturen und im Laden gekaufte Flaschen. Ich beobachte die H�nde meiner Mutter, die langen, schmal zulaufenden Finger, die etwas in die Sch�ssel br�seln und Tropfen dazugeben. Sie tr�nkt ein Tuch in der hei�en Fl�ssigkeit und weist Prim an, frisches Wasser aufzusetzen.</p><p>Meine Mutter schaut zu mir. �Bist du im Auge getroffen worden?�</p><p>�Nein, es ist nur zugeschwollen�, erkl�re ich.</p><p>�Pack noch mal Schnee drauf�, sagt sie. Aber es gibt Wichtigeres als mich, das ist deutlich.</p><p>�Kannst du ihn retten?�, frage ich. Sie sagt nichts, w�hrend sie das Tuch auswringt und es in die Luft h�lt, damit es ein wenig abk�hlt.</p><p>�Keine Bange�, sagt Haymitch. �Vor Crays Zeit wurde hier eine Menge gepeitscht. Wir haben sie immer alle zu deiner Mutter gebracht.�</p><p>An eine Zeit vor Cray kann ich mich nicht erinnern, an eine Zeit, als es einen Obersten Friedensw�chter gab, der h�ufigen Gebrauch von der Peitsche machte. Da muss meine Mutter in meinem Alter gewesen sein und noch bei ihren Eltern in der Apotheke gearbeitet haben. Selbst damals hatten ihre H�nde schon heilende Kr�fte.</p><p>Ganz sanft beginnt sie das zerfetzte Fleisch auf Gales R�cken zu s�ubern. Ich f�hle mich elend, nutzlos, der restliche Schnee tropft von meinem Handschuh und bildet auf dem Fu�boden eine Pf�tze. Peeta setzt mich in einen Sessel und h�lt mir ein Tuch mit frischem Schnee an die Wange.</p><p>Haymitch schickt Bristel und Thom nach Hause, und ich sehe, dass er ihnen M�nzen in die Hand dr�ckt, bevor sie gehen. �Keine Ahnung, was mit eurer Mannschaft passiert�, sagt er. Sie nicken und nehmen das Geld.</p><p>Da kommt Hazelle, atemlos, die Wangen ger�tet und Schnee im Haar. Stumm setzt sie sich auf einen Hocker am Tisch, nimmt Gales Hand und dr�ckt sie an die Lippen. Nicht einmal auf sie reagiert meine Mutter. Sie ist in diese gewisse Sph�re eingetreten, in der nur sie und der Patient Platz haben, hin und wieder auch Prim. Wir anderen k�nnen warten.</p><p>Trotz ihrer kundigen H�nde dauert es lange, bis die Wunden ges�ubert sind, bis das, was von der zerfetzten Haut noch zu retten ist, halbwegs hergerichtet, bis eine Salbe aufgetragen und ein leichter Verband umgelegt ist. Als das Blut weniger wird, sehe ich, wo jeder einzelne Peitschenhieb aufgekommen ist, und sp�re den Nachhall in dem einen Striemen in meinem Gesicht. Ich multipliziere meinen eigenen Schmerz mit zwei, mit drei, mit vierzig und kann nur hoffen, dass Gale vorerst nicht zu Bewusstsein kommt. Das ist nat�rlich zu viel verlangt. Als die letzten Verb�nde angelegt werden, kommt ein St�hnen �ber seine Lippen. Hazelle streicht ihm �bers Haar und fl�stert etwas, w�hrend meine Mutter und Prim ihren k�rglichen Vorrat an Schmerzmitteln in Augenschein nehmen, Schmerzmittel, wie normalerweise nur �rzte sie haben. Sie sind schwer zu bekommen, teuer und immer begehrt. Die st�rksten muss meine Mutter f�r die schlimmsten Schmerzen aufbewahren, doch was sind die schlimmsten Schmerzen? F�r mich sind es immer die Schmerzen, die gerade akut sind. Wenn ich zu bestimmen h�tte, w�ren die Schmerzmittel in einem Tag aufgebraucht, weil ich es kaum ertragen kann, jemanden leiden zu sehen. Meine Mutter versucht sie f�r diejenigen aufzuheben, die im Sterben liegen, um ihnen den Abschied von der Welt zu erleichtern.</p><p>Da Gale wieder zu Bewusstsein kommt, entscheiden sie sich f�r eine Kr�utermischung, die er schlucken kann. �Das reicht ganz bestimmt nicht�, sage ich. Sie starren mich an. �Das reicht nicht, ich wei�, wie es sich anf�hlt. Damit kommt man ja kaum gegen Kopfschmerzen an.�</p><p>�Wir kombinieren es mit Schlafsirup, Katniss, dann schafft er das schon. Die Kr�uter sind eher gegen die Entz�ndung ��, erkl�rt meine Mutter ruhig.</p><p>�Jetzt gib ihm schon die Medizin!�, schreie ich sie an. �Na los! Wer bist du �berhaupt, dass du meinst, du k�nntest entscheiden, wie viel Schmerzen er ertragen kann!�</p><p>Gale bewegt sich unruhig, als er meine Stimme h�rt, er streckt die Arme nach mir aus. Durch die Bewegung tritt frisches Blut aus den Wunden und befleckt die Verb�nde, Gale st��t einen Schmerzenslaut aus.</p><p>�Bringt sie raus�, sagt meine Mutter. Haymitch und Peeta tragen mich buchst�blich aus dem Zimmer, w�hrend ich meine Mutter �bel beschimpfe. Sie dr�cken mich auf ein Bett in einem der G�stezimmer und halten mich fest, bis ich mich nicht mehr wehre.</p><p>W�hrend ich daliege und schluchze und die Tr�nen sich aus dem Schlitz qu�len, der mein Auge ist, h�re ich, wie Peeta Haymitch im Fl�sterton von Pr�sident Snow und dem Aufstand in Distrikt 8 erz�hlt. �Sie will, dass wir alle fliehen�, sagt er, doch falls Haymitch dazu eine Meinung hat, beh�lt er sie f�r sich.</p><p>Nach einer Weile kommt meine Mutter herein und behandelt mein Gesicht. Dann h�lt sie meine Hand und streichelt meinen Arm, w�hrend Haymitch ihr erz�hlt, was mit Gale passiert ist.</p><p>�Dann geht es also wieder los?�, sagt sie. �Wie damals?�</p><p>�Sieht ganz so aus�, sagt er. �Wer h�tte gedacht, dass wir dem alten Cray mal nachtrauern w�rden?�</p><p>Cray w�re so oder so unbeliebt gewesen, weil er eine Uniform trug, aber au�erdem wurde er im Distrikt f�r die Gewohnheit verabscheut, hungernde junge Frauen gegen Geld in sein Bett zu locken. In richtig schlechten Zeiten versammelten sich die Hungrigsten abends vor seiner T�r und wetteiferten um die Gelegenheit, ihren K�rper f�r ein paar M�nzen zu verkaufen und damit ihre Familien �ber Wasser zu halten. W�re ich �lter gewesen, als mein Vater starb, w�re ich vielleicht eine von ihnen geworden. Stattdessen lernte ich, wie man jagt.</p><p>Ich wei� nicht genau, was meine Mutter meint, wenn sie sagt, dass es wieder losgeht, aber ich habe zu gro�e Schmerzen und zu viel Wut im Bauch, um zu fragen. Doch ich habe verstanden, dass wieder schlechte Zeiten kommen k�nnten, denn als es an der T�r klingelt, springe ich sofort aus dem Bett. Wer kann das zu dieser sp�ten Stunde sein? Es gibt nur eine M�glichkeit. Die Friedensw�chter.</p><p>�Sie kriegen ihn nicht�, sage ich.</p><p>�Vielleicht sind sie ja hinter dir her�, sagt Haymitch.</p><p>�Oder hinter dir�, erwidere ich.</p><p>�Ist nicht mein Haus�, bemerkt Haymitch. �Aber ich geh trotzdem zur T�r.�</p><p>�Nein, ich gehe schon�, sagt meine Mutter ruhig.</p><p>Doch dann folgen wir alle ihr durch den Flur zu dem durchdringenden Klingeln an der T�r. Sie �ffnet, aber da steht kein Trupp von Friedensw�chtern, sondern eine einzelne, verschneite Gestalt. Madge. Sie reicht mir eine kleine feuchte Pappschachtel.</p><p>�Die sind f�r deinen Freund�, sagt sie. Ich nehme den Deckel von der Schachtel ab und sehe sechs Ampullen mit einer durchsichtigen Fl�ssigkeit. �Sie geh�ren meiner Mutter. Sie hat gesagt, ich kann sie nehmen. Bitte gib sie ihm.� Sie l�uft zur�ck in den Schneesturm, ehe ich sie zur�ckhalten kann.</p><p>�Verr�cktes M�dchen�, murmelt Haymitch, w�hrend wir, meine Mutter voran, in die K�che gehen.</p><p>Was meine Mutter Gale auch verabreicht hat, ich hatte recht, es war nicht genug. Er bei�t die Z�hne zusammen und seine Haut gl�nzt vor Schwei�. Meine Mutter f�llt eine Spritze mit der Fl�ssigkeit aus einer Ampulle und injiziert sie in seinen Arm. Fast augenblicklich entspannen sich seine Z�ge.</p><p>�Was ist das f�r ein Zeug?�, fragt Peeta.</p><p>�Es kommt aus dem Kapitol. Man nennt es Morfix�, sagt meine Mutter.</p><p>�Ich wusste gar nicht, dass Madge Gale kennt�, sagt Peeta.</p><p>�Wir haben ihr immer Erdbeeren verkauft�, erkl�re ich fast w�tend. Wor�ber bin ich eigentlich w�tend? Ganz bestimmt nicht dar�ber, dass sie die Medizin gebracht hat.</p><p>�Die muss sie aber wirklich gern m�gen�, sagt Haymitch.</p><p>Das ist es, was mich fuchst. Die Andeutung, da k�nnte etwas zwischen Gale und Madge sein. Das gef�llt mir gar nicht.</p><p>�Sie ist meine Freundin.� Mehr sage ich nicht.</p><p>Jetzt, da Gale mit dem Schmerzmittel entschwebt ist, wirken alle ern�chtert. Prim dr�ngt uns ein wenig Eintopf und Brot auf. Hazelle wird zum �bernachten eingeladen, aber sie muss nach Hause zu ihren anderen Kindern. Haymitch und Peeta sind bereit zu bleiben, doch meine Mutter schickt sie nach Hause ins Bett. Sie wei�, dass das bei mir zwecklos w�re, also nimmt sie es hin, dass ich mich um Gale k�mmere, w�hrend sie und Prim sich ausruhen.</p><p>Als ich mit Gale allein in der K�che bin, nehme ich Hazelles Platz auf dem Hocker ein und halte seine Hand. Nach einer Weile finden meine Finger sein Gesicht. Ich ber�hre Stellen seines K�rpers, die zu ber�hren ich bisher nie einen Grund hatte. Seine dichten dunklen Augenbrauen, die W�lbung seiner Wange, die Linie seiner Nase, die Mulde unten am Hals. Ich fahre �ber seine Bartstoppeln und gelange schlie�lich zu den Lippen. Weich und voll, leicht aufgesprungen. Sein Atem w�rmt meine kalte Haut.</p><p>Sehen alle Menschen im Schlaf j�nger aus? Denn in diesem Moment k�nnte er der Junge sein, dem ich vor Jahren im Wald in die Arme gelaufen bin, der Junge, der mir vorwarf, ich h�tte aus seinen Fallen gestohlen. Was f�r ein Gespann wir waren - vaterlos, �ngstlich und doch wild entschlossen, unsere Familien zu retten. Verzweifelt, aber von jenem Tag an nicht mehr allein, denn wir hatten einander gefunden. Ich denke an hundert Augenblicke im Wald - wie wir eines Nachmittags gem�chlich fischen, wie ich ihm das Schwimmen beibringe, wie er mich nach Hause tr�gt, als ich mir das Knie verdreht habe. Wir haben uns aufeinander verlassen, einander R�ckendeckung gegeben, uns gegenseitig gezwungen, mutig zu sein.</p><p>Zum ersten Mal stelle ich mir die Situation umgekehrt vor. Ich stelle mir vor, Gale h�tte sich bei der Ernte freiwillig gemeldet, um Rory zu retten, er w�re aus meinem Leben gerissen worden, der Geliebte eines fremden M�dchens geworden, um zu �berleben, und dann mit ihr zur�ckgekehrt. W�re in ein Haus neben ihr eingezogen. H�tte ihr einen Heiratsantrag gemacht.</p><p>Der Hass, den ich f�r ihn empfinde und f�r das imagin�re M�dchen, der Hass auf alles ist so echt und unmittelbar, dass er mir die Luft abschn�rt. Gale geh�rt mir. Ich geh�re ihm. Alles andere ist undenkbar. Warum musste er erst halb totgepeitscht werden, damit ich es begreife?</p><p>Weil ich selbsts�chtig bin. Und feige. Ich bin ein M�dchen, das, wenn es sich wirklich mal n�tzlich machen k�nnte, wegl�uft, um am Leben zu bleiben, und alle, die nicht mitkommen k�nnen, leiden und sterben l�sst. Das ist das M�dchen, das Gale heute im Wald getroffen hat.</p><p>Kein Wunder, dass ich die Spiele gewonnen habe. Kein anst�ndiger Mensch gewinnt je die Spiele.</p><p><emphasis>Du hast Peeta gerettet, </emphasis>denke ich schwach.</p><p>Aber jetzt stelle ich selbst das infrage. Ich wusste sehr wohl, dass mein Leben in Distrikt 12 unertr�glich gewesen w�re, wenn ich diesen Jungen h�tte sterben lassen.</p><p>Ich lege den Kopf auf die Tischkante, �berw�ltigt von Selbsthass. W�re ich doch in der Arena gestorben. H�tte Seneca Crane mich doch in die Luft gejagt, wie er es nach Pr�sident Snows Meinung h�tte tun sollen, als ich Peeta die Beeren hinhielt.</p><p>Die Beeren. Mir wird bewusst, dass die Antwort auf die Frage, wer ich bin, in dieser Handvoll giftiger Fr�chte liegt. Wenn ich sie herausgeholt habe, weil ich wusste, dass ich versto�en werde, wenn ich ohne Peeta zur�ckkehre, bin ich zu verachten. Wenn ich es getan habe, weil ich ihn liebe, bin ich zwar selbsts�chtig, aber es w�re verzeihlich. Doch wenn ich es getan habe, um dem Kapitol die Stirn zu bieten, bin ich etwas wert. Das Problem ist, dass ich nicht genau wei�, was in dem Moment in mir vorging.</p><p>K�nnte es sein, dass die Leute in den Distrikten recht haben? Dass es ein Akt der Rebellion war, wenn auch unbewusst? Denn im tiefsten Innern wei� ich doch, dass es nicht reicht, wegzulaufen und mich, meine Familie und meine Freunde in Sicherheit zu bringen. Selbst wenn ich k�nnte. Es w�rde nichts �ndern. Es w�rde nicht verhindern, dass Menschen so etwas angetan wird wie Gale heute.</p><p>Das Leben in Distrikt 12 unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem in der Arena. An einem bestimmten Punkt darf man nicht mehr weglaufen, dann muss man sich umdrehen und sich dem stellen, der einen tot sehen will. Aber man muss den Mut aufbringen, es zu tun, das ist die Kunst. F�r Gale ist es keine Kunst. Er ist der geborene Rebell. Ich bin diejenige, die Fluchtpl�ne schmiedet.</p><p>�Es tut mir so leid�, fl�stere ich. Ich beuge mich vor und k�sse ihn.</p><p>Seine Lider flattern und er schaut mich durch einen Opiumschleier an. �Hey, K�tzchen.�</p><p>�Hey, Gale�, sage ich.</p><p>�Ich dachte, du w�rst schon weg�, sagt er.</p><p>Die Wahl f�llt mir nicht schwer. Ich kann wie ein gejagtes Tier im Wald sterben oder ich kann hier bei Gale sterben. �Ich gehe nirgendwohin. Ich bleibe hier und mache eine Menge �rger.�</p><p>�Ich auch�, sagt Gale. Er bringt noch ein kurzes L�cheln zustande, bevor die Drogen ihn wieder in die Tiefe ziehen.</p><p><emphasis><strong>9</strong></emphasis></p><p>Jemand r�ttelt mich an der Schulter und ich setze mich auf. Ich war mit dem Kopf auf dem Tisch eingeschlafen. Die Falten des wei�en Tuchs haben sich in meine unverletzte Wange eingegraben. Die andere, die Thread geschlagen hat, pocht schmerzhaft. Gale ist ohnm�chtig, doch seine Finger halten meine umschlossen. Ich rieche frisches Brot, und als ich meinen steifen Hals drehe, sehe ich Peeta, der mich unendlich traurig anschaut. Ich habe das Gef�hl, dass er uns schon eine ganze Weile beobachtet.</p><p>�Komm, leg dich ins Bett, Katniss. Ich k�mmere mich jetzt um ihn�, sagt er.</p><p>�Peeta. Was ich gestern gesagt habe, das mit der Flucht ��, setze ich an.</p><p>�Ich wei߫, sagt er. �Du brauchst nichts zu erkl�ren.�</p><p>Ich sehe die Brotlaibe im schneefahlen Morgenlicht auf der Anrichte liegen. Die dunklen Schatten unter seinen Augen. Ich frage mich, ob er �berhaupt geschlafen hat. Jedenfalls nicht viel. Ich denke daran, wie er gestern eingewilligt hat, mit mir wegzulaufen, wie er mir beigestanden hat, um Gale zu besch�tzen, wie er sein Schicksal ganz in meine H�nde legt und so wenig daf�r zur�ckbekommt. Was ich auch mache, ich tue jemandem weh. �Peeta ��</p><p>�Geh einfach ins Bett, ja?�, sagt er.</p><p>Ich taste mich die Treppe hinauf, krieche unter die Decke und schlafe augenblicklich ein. Irgendwann schleicht sich Clove, das M�dchen aus Distrikt 2, in meinen Traum. Sie verfolgt mich, dr�ckt mich zu Boden und zieht ein Messer. Als sie mir ins Gesicht schneidet, gr�bt es sich tief in meine Wange und hinterl�sst eine klaffende Wunde. Dann verwandelt Clove sich allm�hlich, ihre Nase formt sich zu einer Schnauze, dunkles Fell sprie�t auf ihrer Haut, ihre Fingern�gel werden zu langen Klauen, nur die Augen bleiben unver�ndert. Sie wird zu einer Mutation, einem der Wolfswesen aus dem Kapitol, die uns in der letzten Nacht in der Arena terrorisiert haben. Sie wirft den Kopf in den Nacken und st��t ein langes, unheimliches Heulen aus, das von anderen Mutationen in der N�he aufgegriffen wird. Jetzt leckt Clove das Blut ab, das aus meiner Wunde flie�t, jede Ber�hrung ihrer Zunge jagt mir einen neuen Schmerz �ber das Gesicht. Ich sto�e einen erstickten Schrei aus und schrecke aus dem Schlaf, schwitzend und zitternd zugleich. Ich wiege die verletzte Wange in der Hand und sage mir, dass nicht Clove, sondern Thread mir die Wunde zugef�gt hat. Jetzt w�rde ich gern von Peeta gehalten werden, aber da f�llt mir ein, dass ich mir das nicht mehr w�nschen darf. Ich habe mich f�r Gale und die Rebellion entschieden, und eine Zukunft mit Peeta ist der Plan des Kapitols, nicht meiner.</p><p>Die Schwellung an meinem Auge ist zur�ckgegangen, ich kann es ein wenig �ffnen. Ich ziehe die Vorh�nge auf und sehe, dass aus dem Schneesturm ein richtiger Blizzard geworden ist. Es gibt nur das Wei� und das Heulen des Windes, das dem der mutierten W�lfe erstaunlich �hnlich ist.</p><p>Der Blizzard mit seinen heftigen Winden und den Schneewehen kommt mir gerade recht. Vielleicht kann er die eigentlichen W�lfe, auch bekannt als Friedensw�chter, von meiner T�r fernhalten. Ein paar Tage zum Nachdenken. Um mir einen Plan zu �berlegen. Mit Gale und Peeta und Haymitch in Reichweite. Dieser Blizzard ist ein Geschenk.</p><p>Ehe ich hinuntergehe, um mich dem neuen Leben zu stellen, nehme ich mir jedoch noch ein bisschen Zeit und f�hre mir vor Augen, was auf mich zukommt. Vor kaum einem Tag war ich noch entschlossen, mitten im Winter mit meinen Lieben in die Wildnis zu gehen, wohl wissend, dass das Kapitol uns wahrscheinlich verfolgen w�rde. Ein im besten Fall gewagtes Unternehmen. Und jetzt bin ich im Begriff, mich einer noch riskanteren Sache zu verschreiben. Wenn man gegen das Kapitol k�mpft, ist eine rasche Vergeltung gewiss. Ich muss darauf gefasst sein, dass sie mich jeden Moment verhaften k�nnen. Es wird an der T�r klopfen, genau wie letzte Nacht, und ein Trupp von Friedensw�chtern wird mich wegschleppen. Vielleicht werden sie mich foltern. Verst�mmeln. Mir auf dem �ffentlichen Platz eine Kugel in den Kopf jagen, und dann h�tte ich noch Gl�ck, weil das wenigstens schnell geht. Das Kapitol hat unendlich viele Todesarten auf Lager. All das stelle ich mir vor und ich habe schreckliche Angst, aber ganz ehrlich: Es hat sowieso schon in meinem Hinterkopf gelauert. Ich war ein Tribut bei den Spielen. Der Pr�sident hat mir gedroht. Man hat mir mit der Peitsche ins Gesicht geschlagen. Sie haben es sowieso schon auf mich abgesehen.</p><p>Jetzt kommt das Schwierigere. Ich muss der Tatsache ins Auge blicken, dass meine Familie und meine Freunde dieses Los wom�glich teilen m�ssen. Prim. Ich brauche nur an Prim zu denken und meine Entschlusskraft ist dahin. Es ist meine Aufgabe, sie zu besch�tzen. Ich ziehe mir die Decke �ber den Kopf, und mein Atem geht so schnell, dass ich den ganzen Sauerstoff aufbrauche und anfange, nach Luft zu schnappen. Ich kann es nicht zulassen, dass das Kapitol Prim wehtut.</p><p>Und dann begreife ich. Das haben sie schon getan. Sie haben ihren Vater in diesen verdammten Bergwerken umgebracht. Haben tatenlos zugesehen, wie sie fast verhungert w�re. Haben sie als Tribut ausgew�hlt, und sie musste zuschauen, wie ihre Schwester auf Leben und Tod in den Spielen k�mpfte. Sie hat schon viel mehr durchlitten als ich mit zw�lf. Und selbst das verblasst gegen das Leben, das Rue gef�hrt hat.</p><p>Ich schiebe die Decke weg und sauge die kalte Luft ein, die durch die Fensterscheiben dringt.</p><p>Prim � Rue � sind nicht gerade sie der Grund daf�r, dass ich versuchen muss zu k�mpfen? Weil das, was ihnen angetan wurde, so verkehrt ist, so unrecht und gemein, dass ich keine Wahl habe? Weil keiner das Recht hat, sie so zu behandeln, wie sie behandelt worden sind?</p><p>Ja. Daran muss ich immer denken, wenn die Angst mich zu �berw�ltigen droht. Was ich auch vorhabe, was auch immer wir ertragen m�ssen, es wird f�r sie sein. Rue kann ich nicht mehr helfen, aber vielleicht ist es noch nicht zu sp�t f�r die f�nf kleinen Gesichter, die auf dem Platz in Distrikt 11 zu mir aufgeschaut haben. Nicht zu sp�t f�r Rory und Vick und Posy. Nicht zu sp�t f�r Prim.</p><p>Gale hat recht. Wenn die Leute den Mut aufbringen, k�nnte das jetzt die Chance sein. Und er hat recht damit, dass ich, da ich das alles in Gang gesetzt habe, ganz viel bewirken k�nnte.</p><p>Auch wenn ich keine Ahnung habe, was genau das sein soll. Aber der Entschluss, nicht zu fliehen, ist ein entscheidender erster Schritt.</p><p>Ich gehe unter die Dusche, und an diesem Morgen stellt mein Gehirn keine Proviantlisten f�r die Wildnis auf, es versucht sich vorzustellen, wie sie in Distrikt 8 den Aufstand organisiert haben. So viele, die dem Kapitol so deutlich die Stirn bieten. War das �berhaupt geplant, oder ist es einfach ausgebrochen, nach Jahren voller Hass und Bitterkeit? Wie k�nnten wir so etwas hier auf die Beine stellen? W�rden die Leute in Distrikt 12 mitmachen oder w�rden sie ihre T�ren verschlie�en? Gestern hat sich der Platz im Nu geleert, nachdem Gale ausgepeitscht worden war. Aber kommt das nicht daher, dass wir uns alle machtlos f�hlen und nicht wissen, was wir tun sollen? Wir brauchen jemanden, der uns f�hrt, der uns versichert, dass es m�glich ist. Und ich glaube nicht, dass ich dieser Jemand bin. Ich war vielleicht ein Katalysator f�r die Rebellion, aber ein Anf�hrer sollte jemand mit �berzeugung sein, und ich bin ja selbst gerade erst bekehrt. Jemand mit bedingungslosem Mut, und ich arbeite immer noch daran, �berhaupt Mut aufzubringen. Jemand mit klaren, schlagkr�ftigen Worten, und ich bringe so oft keinen Ton heraus.</p><p>Worte. Ich denke an Worte und ich denke an Peeta. Daran, dass die Leute immer alles begeistert aufnehmen, was er sagt. Er k�nnte eine Menschenmenge mobilisieren, wenn er wollte. Er w�rde die richtigen Worte finden. Aber diese Idee ist ihm bestimmt noch nie gekommen.</p><p>Ich gehe nach unten, wo meine Mutter und Prim Gale pflegen, der immer noch schwach ist. Er sieht so aus, als ob die Wirkung der Arznei nachl�sst. Ich mache mich auf einen weiteren Streit gefasst, versuche jedoch, ruhig zu sprechen. �Kannst du ihm nicht noch eine Spritze geben?�</p><p>�Das mache ich, wenn es n�tig ist. Wir wollten es erst mit Schneebalsam versuchen�, sagt meine Mutter. Sie hat die Verb�nde abgenommen. Man kann f�rmlich sehen, wie die Hitze von seinem R�cken abstrahlt. Sie legt ein sauberes Tuch �ber sein wundes Fleisch und nickt Prim zu.</p><p>Prim kommt zu ihr und r�hrt etwas in einer gro�en Sch�ssel, das aussieht wie Schnee. Doch es ist hellgr�n und hat einen s��en, sauberen Duft. Schneebalsam. Behutsam gibt sie etwas davon auf das Tuch. Fast kann ich h�ren, wie Gales geschundene Haut zischt, als sie mit der Schneemischung in Ber�hrung kommt. Seine Augen �ffnen sich flatternd, verdutzt, dann seufzt er erleichtert.</p><p>�Ein Gl�ck, dass wir Schnee haben�, sagt meine Mutter.</p><p>Ich stelle mir vor, wie es sein muss, sich im Hochsommer von Peitschenschl�gen zu erholen, bei sengender Hitze, mit lauwarmem Leitungswasser. �Wie hast du das in den warmen Monaten gemacht?�, frage ich.</p><p>Eine Falte erscheint zwischen den Augenbrauen meiner Mutter. �Da hab ich die Fliegen verscheucht.�</p><p>Bei der Vorstellung dreht sich mir der Magen um. Sie f�llt Schneebalsam in ein Taschentuch und ich halte es an den Striemen auf meiner Wange. Sofort legt sich der Schmerz. Es ist der kalte Schnee, ja. Doch auch die Kr�uters�fte, die meine Mutter hinzugef�gt hat, wirken bet�ubend. �Oh. Das tut gut. Warum hast du ihm das nicht gestern Abend schon gegeben?�</p><p>�Die Wunde musste sich erst setzen�, sagt sie.</p><p>Ich verstehe nicht ganz, was das bedeutet, aber solange es funktioniert, wie kann ich sie da infrage stellen? Sie wei� schon, was sie tut, meine Mutter. Pl�tzlich habe ich Gewissensbisse wegen gestern, wegen der schrecklichen Sachen, die ich ihr an den Kopf geworfen habe, als Peeta und Haymitch mich aus der K�che gezerrt haben. �Es tut mir leid. Dass ich dich gestern so angeschrien habe.�</p><p>�Ich hab schon Schlimmeres geh�rt�, sagt sie. �Du hast ja gesehen, wie die Leute sind, wenn jemand Schmerzen leidet, den sie lieben.�</p><p>Jemand, den sie lieben. Die Worte bet�uben meine Zunge, als w�re sie in Schneebalsam eingewickelt worden. Nat�rlich, ich liebe Gale. Aber was f�r eine Art Liebe meint sie? Was meine <emphasis>ich, </emphasis>wenn ich sage, dass ich Gale liebe? Ich wei� es nicht. Letzte Nacht habe ich ihn gek�sst, in einem Moment, als meine Gef�hle sich �berschlugen. Aber bestimmt wei� er das nicht mehr. Oder? Hoffentlich nicht. Wenn doch, w�rde das alles nur noch komplizierter machen, und ich kann wirklich nicht ans K�ssen denken, wenn ich eine Rebellion anzetteln soll. Ich sch�ttele den Kopf ein wenig, um klarer denken zu k�nnen. �Wo ist Peeta?�, frage ich.</p><p>�Als wir h�rten, dass du aufwachst, ist er nach Hause gegangen. Er wollte sein Haus w�hrend des Sturms nicht unbeaufsichtigt lassen�, sagt meine Mutter.</p><p>�Ist er gut nach Hause gekommen?�, frage ich. Bei einem solchen Schneesturm kann man sich auf wenigen Metern verirren und im Nichts landen.</p><p>�Ruf ihn doch an, dann wei�t du�s�, sagt sie.</p><p>Ich gehe ins Arbeitszimmer, das ich seit der Begegnung mit Pr�sident Snow weitgehend gemieden habe, und w�hle Peetas Nummer. Es klingelt ein paarmal, dann geht er dran.</p><p>�Hi. Ich wollte nur wissen, ob du gut nach Hause gekommen bist�, sage ich.</p><p>�Katniss, ich wohne drei H�user von dir entfernt�, sagt er.</p><p>�Ich wei�, aber bei dem Wetter ��, sage ich.</p><p>�Also, es geht mir gut. Danke der Nachfrage.� Es folgt eine lange Pause. �Wie geht es Gale?�</p><p>�Ganz gut. Meine Mutter und Prim behandeln ihn gerade mit Schneebalsam�, sage ich.</p><p>�Und dein Gesicht?�, fragt er.</p><p>�Ich hab auch ein bisschen abgekriegt�, antworte ich. �Hast du Haymitch heute schon gesehen?�</p><p>�Ich war bei ihm. Er war sturzbetrunken. Aber ich hab Feuer gemacht und ihm etwas Brot dagelassen�, sagt er.</p><p>�Ich wollte mit � mit euch beiden reden.� Mehr wage ich nicht zu sagen, nicht hier am Telefon, das garantiert abgeh�rt wird.</p><p>�Da musst du wohl warten, bis das Wetter sich beruhigt�, sagt er. �Vorher wird sowieso nicht viel passieren.� �Nein, nicht viel�, sage ich.</p><p>Es dauert zwei Tage, bis sich der Sturm ausgetobt hat, und danach liegen �berall Schneeberge, die h�her sind als ich. Ein weiterer Tag, bis der Weg vom Dorf der Sieger zum Platz ger�umt ist. Ich helfe so lange Gale zu pflegen, halte mir Schneebalsam an die Wange und versuche, mich an alles �ber den Aufstand in Distrikt 8 zu erinnern, was ich wei�, denn es k�nnte f�r unsere Sache hilfreich sein. Die Schwellung in meinem Gesicht geht zur�ck, jetzt habe ich nur noch eine juckende Wunde, die langsam verheilt, und ein sehr blaues Auge. Trotzdem frage ich bei der ersten Gelegenheit Peeta, ob er mich in die Stadt begleitet.</p><p>Wir wecken Haymitch und schleifen ihn mit. Er beschwert sich, aber nicht so wie sonst. Wir wissen alle drei, dass wir �ber das sprechen m�ssen, was passiert ist, und in unseren H�usern im Dorf der Sieger w�re das viel zu gef�hrlich. Wir warten sogar, bis das Dorf ein ganzes St�ck hinter uns liegt, ehe wir �berhaupt etwas sagen. W�hrend wir gehen, betrachte ich die drei Meter hohen Schneew�nde, die zu beiden Seiten des schmalen Weges aufragen, und frage mich, ob sie wohl auf uns einst�rzen.</p><p>Schlie�lich bricht Haymitch das Schweigen. �Dann machen wir uns jetzt alle auf ins gro�e Unbekannte, wie?�, sagt er zu mir.</p><p>�Nein�, sage ich. �Jetzt nicht mehr.�</p><p>�Sind dir die Fehler in deinem Plan aufgefallen, S��e?�, fragt er. �Irgendwelche neuen Ideen?�</p><p>�Ich will einen Aufstand organisieren�, sage ich.</p><p>Haymitch lacht nur. Es ist noch nicht mal ein fieses Lachen und deshalb umso beunruhigender. Es zeigt, dass er mich �berhaupt nicht ernst nimmt. �Also, ich brauch jetzt was zu trinken. Aber halt mich auf dem Laufenden, wie du vorgehen willst�, sagt er.</p><p>�Was hast du denn f�r einen Plan?�, fahre ich ihn an.</p><p>�Mein Plan besteht darin, daf�r zu sorgen, dass eure Hochzeit perfekt �ber die B�hne geht�, sagt Haymitch. �Ich hab angerufen und einen neuen Fototermin ausgemacht, ohne allzu viele Einzelheiten zu verraten.�</p><p>�Du hast doch gar kein Telefon�, sage ich.</p><p>�Effie hat es reparieren lassen�, sagt er. �Wei�t du, dass sie mich gefragt hat, ob ich dich gern verraten w�rde? Ich hab ihr gesagt, je eher, desto besser.�</p><p>�Haymitch.� Ich h�re selbst, dass ich anfange zu betteln.</p><p>�Katniss.� Er ahmt meinen Tonfall nach. �Das haut nicht hin.�</p><p>Wir verstummen, als eine Gruppe von M�nnern mit Schneeschippen an uns vorbei in Richtung Dorf der Sieger geht. Vielleicht k�nnen sie etwas gegen die drei Meter hohen Schneew�nde ausrichten. Als sie au�er H�rweite sind, sind wir schon zu nah am Platz. Wir bleiben alle drei gleichzeitig stehen.</p><p><emphasis>W�hrend des Schneesturms wird sowieso nicht viel passieren. </emphasis>Darin waren Peeta und ich uns einig. Aber wir lagen vollkommen falsch. Der Platz ist verwandelt worden. Eine riesige Flagge mit dem Wappen von Panem ziert das Justizgeb�ude. Friedensw�chter in makellos wei�en Uniformen marschieren �ber das ordentlich gefegte Kopfsteinpflaster. Auf den D�chern sind weitere Friedensw�chter und besetzen Maschinengewehrnester. Das Schlimmste ist eine Reihe neuer Konstruktionen mitten auf dem Platz: ein offizieller Pfahl f�r Auspeitschungen, mehrere Pranger und ein Galgen.</p><p>�Thread arbeitet schnell�, sagt Haymitch.</p><p>Ein paar Stra�en weiter sehe ich ein gro�es Feuer lodern. Keiner von uns muss es aussprechen. Das kann nur der Hob sein, der in Flammen aufgeht. Ich denke an Greasy Sae, an Ripper, an all meine Freunde, die sich dort ihr Brot verdienen.</p><p>�Haymitch, du glaubst doch nicht, dass die alle noch dadrin �� Ich kann nicht zu Ende sprechen.</p><p>�Nein, so dumm sind die nicht. Das w�rst du auch nicht, wenn du schon l�nger hier w�rst�, sagt er. �Na, ich geh jetzt mal lieber zur Apotheke und gucke, wie viel Reinigungsalkohol die er�brigen k�nnen.�</p><p>Er trottet �ber den Platz davon und ich schaue Peeta an. �Wof�r braucht er den denn?� Dann begreife ich. �Wir m�ssen verhindern, dass er das Zeug trinkt. Sonst bringt er sich um oder wird mindestens blind. Ich hab zu Hause noch etwas klaren Schnaps beiseitegelegt.�</p><p>�Ich auch. Vielleicht kommt er damit hin, bis Ripper sich neue Gesch�ftswege �berlegt hat�, sagt Peeta. �Ich muss jetzt nach meiner Familie sehen.�</p><p>�Ich muss zu Hazelle.� Auf einmal mache ich mir Sorgen. Ich h�tte gedacht, sie w�rde bei uns vor der T�r stehen, sobald der Schnee ger�umt w�re. Aber bisher ist sie nicht aufgetaucht.</p><p>�Ich komme mit. Bei der B�ckerei schaue ich dann auf dem Heimweg vorbei�, sagt er.</p><p>�Danke.� Pl�tzlich habe ich gro�e Angst davor, was ich vorfinden k�nnte.</p><p>Die Stra�en sind fast verlassen, was zu dieser Tageszeit nicht so ungew�hnlich w�re, wenn die Leute in den Bergwerken w�ren, die Kinder in der Schule. Aber das sind sie nicht. Hinter den Eingangst�ren und durch die Ritzen in den Rolll�den sehe ich Gesichter, die uns beobachten.</p><p><emphasis>Ein Aufstand, </emphasis>denke ich. <emphasis>Was bin ich f�r ein Dummkopf. </emphasis>Der Plan hat einen Fehler, den weder Gale noch ich erkannt haben, wir waren beide blind. Wenn man einen Aufstand machen will, muss man gegen das Gesetz versto�en, sich der Obrigkeit widersetzen. Wir und unsere Familien haben das ein Leben lang getan. Wir haben gewildert, auf dem Schwarzmarkt gehandelt, uns im Wald �ber das Kapitol lustig gemacht. Doch die meisten Bewohner von Distrikt 12 w�rden nicht mal das Risiko eingehen, auf dem Schwarzmarkt einzukaufen. Und ich erwarte von ihnen, dass sie sich mit Pflastersteinen und Fackeln auf dem Platz versammeln? Schon der Anblick von Peeta und mir reicht aus, dass sie ihre Kinder von den Fenstern wegzerren und die Vorh�nge zuziehen.</p><p>Hazelle ist zu Hause und pflegt eine sehr kranke Posy. Ich sehe die Flecken auf ihrem K�rper, es sind die Masern. �Ich konnte sie nicht allein lassen�, sagt Hazelle. �Ich wusste ja, dass Gale die bestm�gliche Pflege bekommt.�</p><p>�Nat�rlich�, sage ich. �Es geht ihm schon viel besser. Meine Mutter meint, in ein paar Wochen kann er wieder in die Bergwerke.�</p><p>�Vielleicht sind die dann noch gar nicht wieder in Betrieb�, sagt Hazelle. �Es hei�t, dass sie bis auf Weiteres geschlossen wurden.� Sie schaut beunruhigt zu ihrem leeren Waschzuber.</p><p>�Haben sie dir auch den Laden dichtgemacht?�, frage ich.</p><p>�Nicht offiziell�, erkl�rt Hazelle. �Aber alle haben jetzt Angst, mir etwas zu geben.�</p><p>�Vielleicht wegen des Schnees�, sagt Peeta.</p><p>�Nein, Rory hat heute Morgen schnell eine Runde gemacht. Offenbar gibt es nichts zu waschen�, sagt Hazelle.</p><p>Rory schlingt die Arme um Hazelle. �Das wird schon.�</p><p>Ich nehme eine Handvoll Geld aus der Tasche und lege es auf den Tisch. �Meine Mutter wird etwas f�r Posy schicken.�</p><p>Als wir drau�en sind, wende ich mich zu Peeta. �Geh du nach Hause. Ich will noch beim Hob vorbei.�</p><p>�Ich begleite dich�, sagt er.</p><p>�Nein. Du hast durch mich schon genug Scherereien�, sage ich.</p><p>�Und wenn ich jetzt nicht mit dir beim Hob vorbeischaue � dann wird alles wieder gut?� L�chelnd nimmt er meine Hand. Zusammen schl�ngeln wir uns durch die Stra�en des Saums, bis wir zu dem brennenden Geb�ude kommen. Sie haben sich noch nicht einmal die M�he gemacht, dort Friedensw�chter aufzustellen. Sie wussten, dass niemand versuchen w�rde, es zu retten.</p><p>Die Hitze der Flammen l�sst den Schnee ringsum schmelzen, ein schwarzes Rinnsal l�uft mir �ber die Schuhe. �Das ist der ganze Kohlenstaub von fr�her�, sage ich. In jeder Ritze und in jeder Spalte hat er gesteckt. War in die Bodendielen eingegraben. Es ist ein Wunder, dass das Ding nicht schon l�ngst in Flammen aufgegangen ist. �Ich m�chte nach Greasy Sae sehen.�</p><p>�Nicht heute, Katniss. Ich glaube, wir helfen niemandem, wenn wir bei ihnen reinschneien�, sagt er.</p><p>Wir gehen zur�ck zum Platz. Ich kaufe bei Peetas Vater ein bisschen Kuchen, w�hrend sie Belanglosigkeiten �ber das Wetter austauschen. Niemand erw�hnt die h�sslichen Folterwerkzeuge wenige Meter vor der Ladent�r. Als wir den Platz verlassen, f�llt mir noch auf, dass ich unter den Friedensw�chtern kein einziges bekanntes Gesicht sehe.</p><p>In den folgenden Tagen wird alles nur noch schlimmer. Die Bergwerke bleiben zwei Wochen lang geschlossen und da hungert schon der halbe Distrikt. Die Anzahl der Kinder, die sich f�r Tesserasteine eintragen, schnellt in die H�he, doch oft genug bekommen sie ihr Getreide gar nicht. Lebensmittel werden allm�hlich knapp, und selbst die Leute, die Geld haben, kehren mit leeren H�nden aus den Gesch�ften zur�ck. Als die Bergwerke wieder �ffnen, werden die L�hne gek�rzt, die Arbeitszeiten verl�ngert, die Arbeiter werden an offensichtlich gef�hrlichen Stellen eingesetzt. Das f�r den Pakettag versprochene Essen, sehnlichst erwartet, trifft verdorben und von Ratten verseucht ein. Die Werkzeuge auf dem Platz kommen oft zum Einsatz. Menschen werden herbeigeschleift und f�r Vergehen bestraft, �ber die so lange hinweggesehen wurde, dass wir sie schon gar nicht mehr als solche betrachtet hatten.</p><p>Gale geht nach Hause, ohne dass wir noch einmal �ber die Rebellion gesprochen h�tten. Aber irgendetwas sagt mir, dass alles, was er sieht, ihn in seinem Entschluss zur�ckzuschlagen nur noch best�rken wird. Die schlimmen Zust�nde in den Bergwerken, die gequ�lten Menschen auf dem Platz, der Hunger in den Gesichtern seiner Familie. Rory hat sich f�r Tesserasteine eingetragen, wor�ber Gale noch nicht mal sprechen kann, und es reicht immer noch nicht, weil Lebensmittel nicht jederzeit zu haben sind und immer teurer werden.</p><p>Der einzige Lichtblick ist, dass ich Haymitch �berreden kann, Hazelle als Haush�lterin anzustellen. So hat sie ein wenig zus�tzliches Geld und Haymitch eine h�here Lebensqualit�t. Es ist merkw�rdig, sein Haus so frisch und sauber zu sehen, mit warmem Essen auf dem Herd. Er merkt es kaum, weil er eine ganz andere Schlacht f�hrt. Peeta und ich haben versucht, den Schnaps, so gut es ging, einzuteilen, aber er ist fast alle, und als ich Ripper das letzte Mal gesehen habe, stand sie am Pranger.</p><p>Wenn ich durch die Stra�en gehe, komme ich mir vor wie eine Auss�tzige. Alle meiden mich in der �ffentlichkeit. Doch zu Hause habe ich reichlich Gesellschaft. Immer neue Lieferungen von Kranken und Verletzten werden in die K�che zu meiner Mutter gebracht und sie nimmt schon lange kein Geld mehr f�r die Behandlungen. Ihr Vorrat an Heilmitteln ist so knapp geworden, dass sie die Patienten bald nur noch mit Schnee behandeln kann.</p><p>Der Wald ist nat�rlich verboten. Strengstens. Ohne jede Einschr�nkung. Nicht mal Gale stellt das jetzt infrage. Doch eines Morgens tue ich es. Und es ist nicht das Haus voller Kranker und Sterbender, das mich unter dem Zaun hindurchtreibt, es sind nicht die blutenden R�cken, die ausgemergelten Gesichter der Kinder, die marschierenden Stiefel, es ist nicht das allgegenw�rtige Elend. Es ist eine Kiste mit Hochzeitskleidern, die eines Abends ankommt, darin eine Nachricht von Effie, in der sie schreibt, mit dieser Auswahl sei Pr�sident Snow pers�nlich einverstanden.</p><p>Die Hochzeit. Will er das wirklich durchziehen? Wozu soll das seinem verqueren Denken nach gut sein? Haben die Leute im Kapitol irgendetwas davon? Eine Hochzeit ist ihnen versprochen worden, eine Hochzeit sollen sie bekommen. Und dann bringt er uns um? Als Lektion f�r die Distrikte? Ich wei� es nicht. Ich werde daraus nicht schlau. Ich w�lze mich im Bett hin und her, bis ich es nicht mehr aushalte. Ich muss hier raus. Wenigstens f�r ein paar Stunden.</p><p>Ich taste in meinem Schrank herum, bis ich die wasserdichte Winterausr�stung finde, die Cinna mir f�r meine Freizeit w�hrend der Siegertour gemacht hat. Wasserdichte Stiefel, ein Schneeanzug, der mich von Kopf bis Fu� bedeckt, Thermohandschuhe. Ich liebe meine alte Jagdkleidung, aber f�r den Marsch, den ich im Sinn habe, ist diese Hightechausr�stung besser geeignet. Auf Zehenspitzen gehe ich nach unten, packe mir die Jagdtasche mit Proviant voll und stehle mich aus dem Haus. Ich schleiche durch Seitenstra�en und abgelegene Gassen, bis ich zu der L�cke im Zaun in der N�he von Fleischer Rooba gelange. Weil viele Arbeiter auf dem Weg zu den Bergwerken hier endangkommen, wimmelt es im Schnee von Fu�spuren. Da fallen meine gar nicht auf. Sosehr Thread die Sicherheit verst�rkt hat, den Zaun hat er vernachl�ssigt. Vielleicht dachte er sich, das raue Wetter und die wilden Tiere w�rden schon ausreichen, um die Menschen innerhalb der Grenzen zu halten. Trotzdem verwische ich hinter dem Maschendrahtzaun meine Spuren, bis sie sich zwischen den B�umen verlieren.</p><p>Der Tag bricht gerade an, als ich mir Pfeil und Bogen schnappe und durch den hohen Schnee im Wald stapfe. Aus irgendeinem Grund will ich es unbedingt bis zum See schaffen. Vielleicht, um mich von ihm zu verabschieden und von meinem Vater, der gl�cklichen Zeit, die wir dort verbracht haben, weil ich wei�, dass ich wahrscheinlich nie zur�ckkehren werde. Vielleicht auch nur, um noch mal richtig durchzuatmen. In gewisser Weise ist es fast egal, ob sie mich erwischen, wenn ich den See nur noch einmal sehen kann.</p><p>Ich brauche f�r den Weg doppelt so lange wie sonst. Die Klamotten von Cinna halten die W�rme sehr gut; als ich ankomme, bin ich schwei�nass unter dem Schneeanzug, w�hrend mein Gesicht taub ist vor K�lte. Die Wintersonne, die vom Schnee reflektiert wird, hat meinen Augen einen Streich gespielt, und ich bin so ersch�pft und in meine tr�ben Gedanken vertieft, dass ich die Zeichen nicht bemerke. Den Rauchfaden, der aus dem Schornstein kommt, die frischen Fu�spuren, den Geruch von dampfenden Kiefernnadeln. Ich bin schon wenige Meter vor der T�r des Betonhauses, als ich abrupt stehen bleibe. Und zwar nicht wegen des Rauchs oder der Fu�spuren oder des Geruchs. Sondern wegen des unverkennbaren Klickens einer Waffe hinter mir.</p><p>Instinkt. Intuition. Ich drehe mich um und spanne den Bogen, obwohl ich schon wei�, dass meine Chancen schlecht stehen. Ich sehe die wei�e Friedensw�chter-Uniform, das spitze Kinn, die hellbraune Iris, in der mein Pfeil landen wird. Doch die Waffe f�llt zu Boden und die unbewaffnete Frau h�lt mir mit der behandschuhten Hand etwas hin.</p><p>�Halt!�, schreit sie.</p><p>Ich schwanke, ich kann diesen Wandel nicht einordnen. Vielleicht haben sie den Befehl, mich lebend zu fangen, damit sie mich durch Folter dazu bringen k�nnen, alle zu verraten, die ich kenne. <emphasis>Na, dann viel Gl�ck, </emphasis>denke ich. Meine Finger sind schon fast entschlossen, den Pfeil loszulassen, als ich den Gegenstand in dem Handschuh sehe. Es ist ein kleines wei�es Brot, flach und rund. Eigentlich eher ein Kr�cker. Grau und pappig am Rand. Doch in der Mitte ist ganz deutlich ein Bild zu erkennen.</p><p>Es ist mein Spottt�lpel.</p><p><strong>Teil 2</strong></p><p><emphasis><strong>Das Jubil�um</strong></emphasis></p><empty-line/><p><emphasis><strong> 10</strong></emphasis></p><p>Das verstehe ich nicht. Mein Vogel in Brot gebacken. Anders als die schicken Darstellungen, die ich im Kapitol gesehen habe, ist das hier ganz bestimmt kein modisches Accessoire. �Was ist das? Was soll das bedeuten?�, frage ich schroff, immer noch bereit zu t�ten.</p><p>�Es bedeutet, dass wir auf deiner Seite sind�, sagt hinter mir jemand mit bebender Stimme.</p><p>Ich habe sie nicht gesehen, als ich kam. Sie muss im Haus gewesen sein. Ich lasse mein Ziel nicht aus den Augen. Vielleicht ist die Neue bewaffnet, aber ganz bestimmt will sie nicht das verr�terische, meinen Tod verk�ndende Klicken ert�nen lassen, denn sie wei�, dass ich dann auf der Stelle ihre Gef�hrtin umbringen w�rde. �Komm herum, damit ich dich sehen kann�, befehle ich.</p><p>�Sie kann nicht, sie ist ��, setzt die Frau mit dem Kr�cker an.</p><p>�Komm herum!�, br�lle ich. Ich h�re einen Schritt und ein schleifendes Ger�usch. Ich h�re, wie m�hsam sie sich bewegt. Die zweite Frau, oder vielleicht sollte ich besser von einem M�dchen sprechen, denn sie ist etwa in meinem Alter, humpelt in mein Blickfeld. Sie ist mit einer schlecht sitzenden Friedensw�chter-Uniform bekleidet, inklusive wei�em Pelzmantel, doch die Kleider sind mehrere Nummern zu gro� f�r ihre schm�chtige Gestalt. Sie scheint keine Waffe dabeizuhaben. Ihre H�nde sind damit besch�ftigt, eine improvisierte Kr�cke zu halten, die aus einem abgebrochenen Ast gemacht ist. Mit der Spitze ihres rechten Stiefels kommt sie nicht �ber den Schnee, deshalb zieht sie den Fu� nach.</p><p>Ich betrachte das Gesicht des M�dchens, knallrot von der K�lte. Sie hat schiefe Z�hne und einen Erdbeerfleck �ber einem ihrer schokoladenbraunen Augen. Das ist keine Friedensw�chterin. Und sie stammt auch nicht aus dem Kapitol.</p><p>�Wer seid ihr?�, frage ich argw�hnisch, aber weniger angriffslustig.</p><p>�Ich hei�e Twill�, sagt die Frau. Sie ist �lter. F�nfunddrei�ig vielleicht. �Und das ist Bonnie. Wir sind aus Distrikt 8 geflohen.�</p><p>Distrikt 8! Dann wissen sie von dem Aufstand!</p><p>�Woher habt ihr die Uniformen?�, frage ich.</p><p>�Ich hab sie aus der Fabrik geklaut�, sagt Bonnie. �Wir stellen sie dort her. Allerdings war diese f�r � f�r jemand anders gedacht. Deshalb passt sie mir nicht.�</p><p>�Das Gewehr stammt von einem toten Friedensw�chter�, sagt Twill, als sie meinem Blick folgt.</p><p>�Der Kr�cker in deiner Hand. Mit dem Vogel. Was soll das?�, frage ich.</p><p>�Wei�t du das nicht, Katniss?� Bonnie wirkt ernsthaft �berrascht.</p><p>Sie haben mich erkannt. Nat�rlich haben sie mich erkannt. Mein Gesicht ist nicht verdeckt, ich stehe hier hinter der Grenze von Distrikt 12 und richte einen Pfeil auf sie. Wer sollte ich sonst sein? �Ich wei�, dass der Vogel genauso aussieht wie der auf der Brosche, die ich in der Arena getragen hab.�</p><p>�Sie wei� es nicht�, sagt Bonnie leise. �Vielleicht wei� sie gar nichts davon.�</p><p>Auf einmal m�chte ich, dass es so aussieht, als w�sste ich Bescheid. �Ich wei�, dass ihr in Distrikt 8 einen Aufstand hattet.�</p><p>�Ja, deshalb mussten wir weg�, sagt Twill.</p><p>�Na, weg seid ihr jetzt ja. Was habt ihr vor?�, frage ich.</p><p>�Wir wollen nach Distrikt 13�, antwortet Twill.</p><p>�13?�, sage ich. �13 gibt es nicht. Der wurde von der Landkarte getilgt.�</p><p>�Vor f�nfundsiebzig Jahren�, sagt Twill.</p><p>Bonnie verlagert das Gewicht auf der Kr�cke und zuckt vor Schmerz zusammen.</p><p>�Was ist mit deinem Bein?�, frage ich.</p><p>�Ich hab mir den Fu� verknackst. Die Stiefel sind mir zu gro߫, sagt Bonnie.</p><p>Ich bei�e mir auf die Lippe. Mein Instinkt sagt mir, dass sie die Wahrheit sagen. Und hinter dieser Wahrheit stecken viele Informationen, die ich gern h�tte. Doch bevor ich den Bogen sinken lasse, gehe ich auf Twill zu und nehme ihr das Gewehr ab. Dann z�gere ich einen Moment, denke an einen anderen Tag hier im Wald, als Gale und ich ein Hovercraft gesehen haben, das aus dem Nichts auftauchte und zwei junge Leute einfing, die vor dem Kapitol auf der Flucht waren. Der Junge wurde von einem Speer durchbohrt. Das rothaarige M�dchen wurde, wie ich sp�ter im Kapitol herausfand, verst�mmelt und als stumme Dienerin, Avox genannt, angestellt. �Ist jemand hinter euch her?�</p><p>�Wir glauben nicht. Wahrscheinlich denken sie, wir w�ren bei einer Fabrikexplosion ums Leben gekommen�, sagt Twill. �Reines Gl�ck, dass das nicht passiert ist.�</p><p>�Gut, dann kommt mit rein�, sage ich mit einer Kopfbewegung zu dem Betonhaus. Ich folge ihnen mit dem Gewehr.</p><p>Bonnie geht sofort zum Kamin und l�sst sich auf dem Mantel eines Friedensw�chters nieder, der davor ausgebreitet ist. Sie h�lt die H�nde nah an die schwache Flamme, die an einem Ende eines verkohlten Holzscheits brennt. Bonnie ist so blass, dass ihre Haut durchsichtig ist, ich sehe das Feuer durch ihr Fleisch hindurch. Twill versucht, den Mantel, der wohl ihr geh�rt, dem zitternden M�dchen umzulegen.</p><p>Sie haben eine gro�e Blechdose entzweigeschnitten, die Kante ist gef�hrlich gezackt. Sie steht in der Asche, darin eine Handvoll Kiefernnadeln, die im Wasser dampfen.</p><p>�Kocht ihr Tee?�, frage ich.</p><p>�Wir wissen nicht so genau. Vor ein paar Jahren hab ich mal bei den Hungerspielen gesehen, wie jemand so was mit Kiefernnadeln gemacht hat. Jedenfalls glaube ich, dass es Kiefernnadeln waren�, sagt Twill mit gerunzelter Stirn.</p><p>Ich denke an unseren Besuch in Distrikt 8, eine h�ssliche Industriegegend, wo es nach Abgasen stank und die Leute in heruntergekommenen Wohnungen hausten. Kaum ein Grashalm zu sehen. Absolut keine Gelegenheit, zu lernen, wie es in der Natur zugeht. Es ist ein Wunder, dass die beiden so weit gekommen sind.</p><p>�Nichts mehr zu essen?�, frage ich.</p><p>Bonnie sch�ttelt den Kopf. �Wir haben mitgenommen, so viel wir konnten, aber es gab so wenig zu essen. Es ist schon eine ganze Weile alle.� Bei dem Zittern in ihrer Stimme schwinden meine letzten Vorbehalte. Sie ist nur ein unterern�hrtes, verletztes M�dchen, das vor dem Kapitol flieht.</p><p>�Na, dann ist heute euer Gl�ckstag�, sage ich und lasse meine Jagdtasche zu Boden fallen. Im ganzen Distrikt hungern die Menschen und wir haben immer noch mehr als genug. Deshalb habe ich die Sachen in letzter Zeit ein bisschen verteilt. Ich habe meine Priorit�ten: Gales Familie, Greasy Sae und einige andere Schwarzmarkth�ndler, denen der Laden dichtgemacht wurde. Meine Mutter hat auch noch ein paar Leute, vor allem Patienten, denen sie helfen m�chte. Heute Morgen habe ich meine Tasche absichtlich mit Essen vollgestopft, damit meine Mutter die gepl�nderte Speisekammer sieht und annimmt, dass ich meine Runde zu den Notleidenden mache. Damit wollte ich Zeit gewinnen, um zum See zu gehen, ohne dass sie sich Sorgen macht. Das Essen wollte ich am Abend nach meiner R�ckkehr verteilen, aber jetzt sehe ich, dass das ausfallen muss.</p><p>Ich hole zwei frische, mit K�se �berbackene Br�tchen aus der Tasche. Seit Peeta wei�, dass das meine Lieblingsbr�tchen sind, haben wir davon immer jede Menge zu Hause. Ich werfe Twill eins zu und lege das andere Bonnie in den Scho�, da ich bezweifle, dass sie es in ihrem Zustand auffangen kann, und ich m�chte nicht, dass das Ding im Feuer landet.</p><p>�Oh�, sagt Bonnie. �Ist das alles f�r mich?�</p><p>In meinem Innern zuckt es, als ich an eine andere Stimme denke. Rue. In der Arena. Als ich ihr das Gruslingbein gegeben habe. <emphasis>�Ich hab noch nie ein ganzes Bein f�r mich allein gehabt.� </emphasis>Das Staunen der chronisch Hungrigen.</p><p>�Ja, iss es auf�, sage ich. Bonnie h�lt das Br�tchen, als k�nnte sie nicht recht glauben, dass es echt ist, dann gr�bt sie immer wieder die Z�hne hinein, sie kann nicht aufh�ren. �Es ist besser, wenn du kaust.� Sie nickt und versucht, langsamer zu essen, aber ich wei�, wie schwer das ist, wenn man so ein Loch im Bauch hat. �Ich glaube, euer Tee ist fertig.� Schnell nehme ich die Blechdose aus der Asche. Twill kramt zwei Blechtassen aus ihrem Rucksack und ich schenke den Tee aus und stelle ihn zum Abk�hlen auf den Boden. Sie kauern sich zusammen, essen, pusten in ihre Tassen und trinken winzige Schlucke von dem br�hend hei�en Tee, w�hrend ich mich um das Feuer k�mmere. Ich warte, bis sie sich das Fett von den Fingern lecken, dann frage ich: �Also, was habt ihr erlebt?� Und sie fangen an zu erz�hlen.</p><p>Seit den Hungerspielen war die Unzufriedenheit in Distrikt 8 immer gr��er geworden. In gewissem Ma� war sie nat�rlich immer da gewesen. Nur gen�gte es jetzt nicht mehr zu reden, und die Idee, zur Tat zu schreiten, wurde vom Wunsch zur Realit�t. In den Textilfabriken, die Panem beliefern, ist es immer laut von den Maschinen, und bei dem L�rm war es ein Leichtes, etwas weiterzusagen, Lippen dicht an einem Ohr, Worte unbemerkt, ungehindert. Twill unterrichtete an der Schule, Bonnie war eine ihrer Sch�lerinnen, und nach Schulschluss rissen sie zusammen noch eine Vierstundenschicht in der Fabrik ab, die sich auf Uniformen f�r die Friedensw�chter spezialisiert hatte. Bonnie, die in der kalten Fertigungskontrolle arbeitete, brauchte Monate, bis sie die beiden Uniformen beschafft hatte, einen Stiefel hier, eine Hose da. Sie waren f�r Twill und ihren Mann gedacht, denn wenn der Aufstand gr��ere Kreise ziehen und erfolgreich sein sollte, mussten sie die Nachricht selbstverst�ndlich �ber Distrikt 8 hinaus verbreiten.</p><p>An dem Tag, als Peeta und ich unseren Auftritt bei der Tour der Sieger hatten, fand eine Art Generalprobe statt. Die Leute in der Menge stellten sich in ihren Gruppen auf, an den Geb�uden, die sie ins Visier nehmen wollten, wenn der Aufstand ausbrach. Das war der Plan: die Zentren der Macht in der Stadt zu �bernehmen, also das Justizgeb�ude, das Hauptquartier der Friedensw�chter und das Kommunikationszentrum auf dem Platz. Und anderswo im Distrikt: die Eisenbahn, den Kornspeicher, das Elektrizit�tswerk und das Waffenlager.</p><p>Der Abend meiner Verlobung, der Abend, an dem Peeta auf die Knie fiel und im Kapitol vor laufenden Kameras seine unsterbliche Liebe zu mir gestand, das war der Abend, an dem der Aufstand begann. Das Interview mit Caesar Flickerman auf unserer Tour der Sieger bot einen optimalen Deckmantel. Es war Pflichtprogramm f�r alle, und so hatte das Volk von Distrikt 8 einen Vorwand, nach Einbruch der Dunkelheit auf den Stra�en zu sein. Sie versammelten sich zum Zuschauen entweder auf dem Platz oder an verschiedenen Treffpunkten in der Stadt. Normalerweise w�re ein solches Treiben zu verd�chtig gewesen. So jedoch waren alle zur vorgeschriebenen Zeit, um acht Uhr, zur Stelle, als die Masken aufgesetzt wurden und die H�lle ausbrach.</p><p>Anfangs wurden die Friedensw�chter von der Menge �berw�ltigt, auf einen solchen Massenaufstand waren sie nicht vorbereitet. Das Kommunikationszentrum, der Kornspeicher und das Elektrizit�tswerk wurden s�mtlich eingenommen. Die Rebellen nahmen die Waffen der toten Friedensw�chter an sich. Es gab Hoffnung, dass das Ganze keine Wahnsinnstat war, dass es, wenn sich die Nachricht in den anderen Distrikten verbreitete, irgendwie m�glich w�re, die Regierung zu st�rzen.</p><p>Doch dann schlug das Kapitol zur�ck. Friedensw�chter kamen zu Tausenden. Hovercrafts zerbombten die St�tzpunkte der Rebellen. In dem Chaos, das folgte, waren die Leute schon froh, wenn sie es lebend nach Hause schafften. In weniger als achtundvierzig Stunden war die Stadt bezwungen. Dann wurde sie eine Woche lang abgeriegelt. Keine Lebensmittel, keine Kohle, Ausgangssperre. Nur einmal war im Fernsehen etwas anderes als Schnee zu sehen, das war, als diejenigen, die als R�delsf�hrer verd�chtigt wurden, auf dem Platz geh�ngt wurden. Dann, eines Nachts, als der gesamte Distrikt zu verhungern drohte, kam pl�tzlich der Befehl, wieder zur Tagesordnung �berzugehen.</p><p>F�r Bonnie und Twill bedeutete das, dass sie wieder in die Schule mussten. Weil eine Stra�e durch die Bombardierung unzug�nglich war, kamen sie zu sp�t zu ihrer Schicht in der Fabrik, und so waren sie hundert Meter entfernt, als das Geb�ude in die Luft flog und alle, die darin waren, ums Leben kamen - darunter Twills Mann und Bonnies ganze Familie.</p><p>�Irgendjemand muss dem Kapitol gesteckt haben, dass der Plan f�r den Aufstand dort entstanden ist�, sagt Twill mit schwacher Stimme.</p><p>Die beiden flohen zu Twill nach Hause, wo die Uniformen der Friedensw�chter noch warteten. Sie kratzten so viel Proviant wie m�glich zusammen, bedienten sich bei Nachbarn, von denen sie wussten, dass sie tot waren, und schafften es zum Bahnhof. In einem Lager in der N�he der Gleise zogen sie sich die Uniformen der Friedensw�chter an und schafften es in dieser Verkleidung bis zu einem mit Stoff beladenen G�terwagen. Der Zug hatte Distrikt 6 zum Ziel, sie flohen unterwegs w�hrend eines Tankstopps und gelangten vor zwei Tagen ins Randgebiet von Distrikt 12, wo sie einen Halt einlegen mussten, als Bonnie sich den Kn�chel verstauchte.</p><p>�Ich verstehe, weshalb ihr auf der Flucht seid, aber was erwartet ihr euch in Distrikt 13?�, frage ich.</p><p>Bonnie und Twill wechseln einen nerv�sen Blick. �Das wissen wir nicht genau�, sagt Twill.</p><p>�Da sind doch nur Tr�mmer�, sage ich. �Wir haben alle die Aufnahmen gesehen.�</p><p>�Das ist es ja. Solange wir in Distrikt 8 zur�ckdenken k�nnen, zeigen sie immer dieselben Aufnahmen�, erkl�rt Twill.</p><p>�Wirklich?� Ich versuche mich zu erinnern, mir Bilder von Distrikt 13 vor Augen zu f�hren, die ich aus dem Fernsehen kenne.</p><p>�Du wei�t doch, dass sie immer das Justizgeb�ude zeigen?�, f�hrt Twill fort. Ich nicke. Ich habe es schon tausendmal gesehen. �Wenn du ganz genau hinsiehst, kannst du ihn erkennen. Ganz oben rechts.�</p><p>�Wen denn?�, frage ich.</p><p>Twill zeigt wieder ihren Kr�cker mit dem Vogel. �Einen Spottt�lpel. Nur f�r einen kurzen Moment, wie er vorbeifliegt. Jedes Mal derselbe.�</p><p>�In Distrikt 8 denken wir, dass sie immer wieder dasselbe Bildmaterial zeigen, weil sie das, was da wirklich los ist, nicht zeigen k�nnen�, sagt Bonnie.</p><p>Ich schnaube ungl�ubig. �Und auf dieser Grundlage wollt ihr nach Distrikt 13? Wegen einer Aufnahme von einem Vogel? Glaubt ihr etwa, ihr findet dort eine neue Stadt mit Leuten, die darin flanieren? Und dass das f�r das Kapitol v�llig in Ordnung ist?�</p><p>�Nein�, sagt Twill ernst. �Wir glauben, dass die Leute unter die Erde gezogen sind, als �ber der Erde alles zerst�rt war. Wir glauben, dass sie es geschafft haben zu �berleben. Und wir glauben, das Kapitol l�sst sie in Ruhe, weil vor den Dunklen Tagen die wichtigste Industrie in Distrikt 13 die Entwicklung von Atomwaffen war.�</p><p>�Sie haben Grafit gef�rdert�, sage ich. Doch dann halte ich inne, denn das ist eine Information, die ich aus dem Kapitol habe.</p><p>�Es gab dort ein paar kleine Minen, das stimmt. Aber nicht genug, um eine Bev�lkerung dieser Gr��enordnung zu rechtfertigen. Das ist wohl das Einzige, was wir ganz sicher sagen k�nnen�, sagt Twill.</p><p>Mein Herz schl�gt zu schnell. Und wenn sie nun recht haben? K�nnte es stimmen? Gibt es vielleicht au�er der Wildnis noch einen Ort, an den man fliehen k�nnte? Wo man in Sicherheit w�re? Wenn es in Distrikt 13 eine Gemeinschaft gibt, w�re es dann besser, dorthin zu gehen, wo ich vielleicht etwas bewirken k�nnte, anstatt hier auf den Tod zu warten? Andererseits � wenn es in Distrikt 13 Menschen mit m�chtigen Waffen gibt �</p><p>�Warum haben sie uns dann nicht geholfen?�, sage ich zornig. �Wenn es stimmt, warum lassen sie uns so leben? Mit dem Hunger und den Morden und den Spielen?� Auf einmal hasse ich diese angebliche unterirdische Stadt in Distrikt 13 und die Leute, die dahocken und uns beim Sterben zusehen. Sie sind nicht besser als das Kapitol.</p><p>�Das wissen wir nicht�, fl�stert Bonnie. �Im Moment klammern wir uns einfach an die Hoffnung, dass es sie gibt.�</p><p>Das katapultiert mich wieder in die Wirklichkeit. Es ist nur eine Illusion. Distrikt 13 gibt es nicht, weil das Kapitol es nie zulassen w�rde. Wahrscheinlich irren sie sich, was die Fernsehbilder angeht. Spottt�lpel sind ungef�hr so selten wie Steine. Und auch genauso hart im Nehmen. Wenn sie damals den Bombenangriff auf Distrikt 13 �berlebt haben, geht es ihnen jetzt vermutlich besser denn je.</p><p>Bonnie hat kein Zuhause. Ihre Familie ist tot. Sie kann unm�glich nach Distrikt 8 zur�ckkehren oder in einem anderen Distrikt Fu� fassen. Nat�rlich hat die Vorstellung von einem unabh�ngigen, bl�henden Distrikt 13 f�r sie eine gro�e Anziehungskraft. Ich bringe es nicht �ber mich, ihr zu sagen, dass sie einem Traum hinterherjagt, der so wenig greifbar ist wie ein Rauchfaden. Vielleicht k�nnen sie und Twill sich im Wald irgendwie ein Leben aufbauen. Ich glaube nicht daran, aber sie sind so bemitleidenswert, dass ich versuchen muss, ihnen zu helfen.</p><p>Zuerst gebe ich ihnen das gesamte Essen, das ich im Rucksack habe, vor allem Getreide und getrocknete Bohnen; damit k�nnen sie eine ganze Weile auskommen, wenn sie gut haushalten. Dann nehme ich Twill mit in den Wald und versuche ihr die Grundbegriffe der Jagd zu erkl�ren. Sie besitzt eine Waffe, die bei Bedarf Sonnenlicht in t�dliche Strahlen umwandeln kann und die also unendlich lange einsetzbar ist. Als Twill ihr erstes Eichh�rnchen erlegt, ist das arme Tier ganz verkohlt, weil sein K�rper mit voller Wucht getroffen wurde. Doch ich zeige ihr, wie man es h�utet und ausnimmt. Mit ein bisschen �bung wird sie es schon lernen. Ich schnitze eine neue Kr�cke f�r Bonnie. Im Haus ziehe ich mein zweites Paar Socken aus und gebe es ihr, sie soll die Socken vorn in die Stiefel stecken und nachts anziehen. Schlie�lich bringe ich ihnen noch bei, wie man ein ordentliches Feuer macht.</p><p>Sie wollen Einzelheiten �ber die Situation in Distrikt 12 erfahren und ich erz�hle ihnen von dem Leben unter Thread. Ich merke, dass das f�r sie wichtige Informationen sind, die sie den Leuten in Distrikt 13 �berbringen wollen, und ich spiele mit, um ihnen nicht die Hoffnung zu nehmen. Doch als es am sp�ten Nachmittag zu d�mmern beginnt, habe ich keine Zeit mehr, sie weiter aufzubauen.</p><p>�Ich muss jetzt gehen�, sage ich.</p><p>Sie danken mir �berschw�nglich und umarmen mich.</p><p>Tr�nen laufen Bonnie �ber die Wangen. �Ich kann es gar nicht glauben, dass wir dich wirklich kennengelernt haben. Alle reden nur von dir, seit ��</p><p>�Ich wei�, ich wei�. Seit ich die Beeren herausgeholt habe�, sage ich m�de.</p><p>Den Heimweg nehme ich kaum wahr, obwohl nasser Schnee f�llt. Mir schwirrt der Kopf von den neuen Informationen �ber den Aufstand in Distrikt 8 und der unwahrscheinlichen und doch verlockenden M�glichkeit, dass es Distrikt 13 geben k�nnte.</p><p>Die Schilderungen von Bonnie und Twill haben eines best�tigt: Pr�sident Snow hat mich zum Narren gehalten. Selbst alle K�sse und Z�rdichkeiten der Welt h�tten die Bewegung, die in Distrikt 8 entstanden war, nicht aufhalten k�nnen. Ja, die Sache mit den Beeren war der entscheidende Funke gewesen, doch das Feuer konnte ich nicht eind�mmen. Das muss er gewusst haben. Weshalb ist er dann zu mir nach Hause gekommen, warum hat er mir befohlen, die Menschen von meiner Liebe zu Peeta zu �berzeugen? Offensichtlich war das eine List, mit der er mich ablenken und von weiteren aufr�hrerischen Aktionen in den Distrikten abhalten wollte. Und nat�rlich die Leute im Kapitol unterhalten. Die Hochzeit ist wahrscheinlich nur ein notwendiges Extra.</p><p>Ich bin fast am Zaun, als ein Spottt�lpel sich auf einem Zweig niederl�sst und mir etwas vorsingt. Bei seinem Anblick wird mir bewusst, dass ich gar nicht genau erfahren habe, weshalb der Vogel auf dem Kr�cker war und was f�r eine Bedeutung er hat.</p><p><emphasis>�Es bedeutet, dass wir auf deiner Seite sind�, </emphasis>hat Bonnie gesagt. Es gibt Menschen, die auf meiner Seite sind? Auf was f�r einer Seite? Bin ich unbeabsichtigt das Gesicht der Rebellion, auf die sie hoffen? Ist der Spottt�lpel auf meiner Brosche zum Symbol des Widerstands geworden? Wenn dem so ist, geht es meiner Seite nicht sonderlich gut. Man braucht sich blo� anzuschauen, was in Distrikt 8 passiert ist.</p><p>Ich verstaue meine Waffen in dem hohlen Baumstamm in der N�he meines alten Hauses im Saum und gehe auf den Zaun zu. Ein Knie habe ich schon am Boden, um auf die Weide zu kriechen, und ich bin mit meinen Gedanken immer noch so sehr bei den Ereignissen des Tages, dass ich erst durch den pl�tzlichen Schrei einer Eule zu mir komme.</p><p>In der D�mmerung sieht der Maschendrahtzaun so harmlos aus wie immer. Was meine Hand dennoch zur�ckzucken l�sst, ist ein Ger�usch wie das Summen in einem Baum mit mehreren J�gerwespennestern. Es verr�t, dass der Zaun unter Strom steht.</p><p><emphasis><strong>11</strong></emphasis></p><p>Instinktiv mache ich einen Satz zur�ck und verstecke mich zwischen den B�umen. Ich bedecke den Mund mit dem Handschuh, damit mein Atem nicht als wei�er Hauch in der eisigen Luft zu sehen ist. Adrenalin str�mt durch meinen K�rper und fegt all die Bedenken des Tages aus meinen Gedanken, w�hrend ich mich auf die unmittelbare Gefahr vor mir konzentriere. Was soll das? Hat Thread den Zaun als zus�tzliche Vorsichtsma�nahme eingeschaltet? Oder wei� er irgendwoher, dass ich ihm heute durchs Netz geschl�pft bin? Ist er entschlossen, mich au�erhalb von Distrikt 12 auflaufen zu lassen, damit er mich festnehmen und einsperren kann? Will er mich auf den Platz zerren und an den Pranger stellen oder auspeitschen oder h�ngen lassen?</p><p><emphasis>Ganz ruhig, </emphasis>befehle ich mir. Es ist nicht das erste Mal, dass der Zaun unter Strom steht, wenn ich wieder zur�ck in den Distrikt will. Im Lauf der Jahre ist das ein paarmal vorgekommen, aber da war immer Gale bei mir. Wir haben uns dann einfach einen gem�tlichen Baum gesucht und dort oben gewartet, bis der Strom wieder abgeschaltet wurde, was fr�her oder sp�ter immer geschah. Wenn ich mich versp�tete, lief Prim sogar jedes Mal schon zur Weide, um nachzusehen, ob der Zaun unter Strom stand, damit meine Mutter sich nicht unn�tig sorgen musste.</p><p>Doch heute w�rde meine Familie nie darauf kommen, dass ich im Wald sein k�nnte. Ich habe sogar versucht, sie auf die falsche F�hrte zu setzen. Wenn ich nicht auftauche, werden sie sich also auf jeden Fall Sorgen machen. Und in gewisser Weise mache ich mir selbst auch Sorgen, denn so sicher bin ich mir nicht, dass es nur Zufall ist - ausgerechnet an dem Tag, an dem ich in den Wald zur�ckkehre, wird der Strom eingeschaltet. Ich dachte, niemand h�tte mich gesehen, als ich unter dem Zaun hindurchgeschl�pft bin, aber wer wei�? Spione gibt es immer. Irgendjemand hat verraten, dass Gale mich genau hier gek�sst hat. Allerdings war das am helllichten Tag und damals war ich noch nicht so vorsichtig. Gibt es hier wom�glich �berwachungskameras? Das habe ich mich schon einmal gefragt. Wei� Pr�sident Snow deshalb von dem Kuss? Es war dunkel, als ich mich davongestohlen habe, und ich hatte mir einen Schal um das Gesicht geschlungen. Doch die Liste derjenigen, die man verd�chtigen k�nnte, verbotenerweise in den Wald zu gehen, ist vermutlich nicht lang.</p><p>Ich sp�he durch die B�ume, am Zaun vorbei, auf die Weide. Ich sehe nichts als den nassen Schnee, der hier und dort von den Lichtern aus den Fenstern am Rand des Saums erhellt wird. Keine Friedensw�chter in Sicht, keine Anzeichen daf�r, dass ich gejagt werde. Ob Thread nun wei�, dass ich den Distrikt heute verlassen habe, oder nicht, mein Ziel muss dasselbe sein: ungesehen auf die andere Seite des Zauns zu gelangen und so zu tun, als w�re ich nie weg gewesen.</p><p>Jede Ber�hrung mit dem Maschendrahtzaun oder mit dem Stacheldraht dar�ber h�tte einen t�dlichen Stromschlag zur Folge. Ich bezweifle, dass ich mich unter dem Zaun hindurchgraben kann, ohne entdeckt zu werden, und der Boden ist sowieso festgefroren. Mir bleibt nur eine M�glichkeit. Irgendwie muss ich versuchen hin�berzugelangen.</p><p>Ich gehe am Waldrand entlang und suche nach einem geeigneten Baum mit einem langen, hohen Ast. Nach etwa eineinhalb Kilometern komme ich zu einem alten Ahorn, bei dem es gl�cken k�nnte. Der Stamm ist jedoch zu dick und zu glatt, um hinaufzuklettern, und er hat keine niedrigen �ste. Ich klettere auf einen benachbarten Baum und mache einen gewagten Sprung auf den Ahorn, beinahe h�tte ich an der glatten Rinde den Halt verloren. Doch ich schaffe es, mich festzuhalten, und schiebe mich auf einem Ast, der �ber den Zaun ragt, langsam vorw�rts.</p><p>Als ich hinunterschaue, wei� ich wieder, wieso Gale und ich lieber im Wald gewartet haben, als den Zaun in Angriff zu nehmen. Wenn man nicht verkohlt werden will, muss man mindestens sieben Meter H�he erreichen. Mein Ast ist bestimmt acht Meter hoch. Das ist eine gef�hrliche H�he zum Springen, selbst f�r jemanden, der jahrelange �bung hat. Doch was bleibt mir �brig? Ich k�nnte nach einem anderen Ast Ausschau halten, aber jetzt ist es schon fast dunkel. Es schneit immer noch, der Mond wird kaum Licht spenden. Hier ist wenigstens ein Schneeberg unter mir, der meine Landung abfedert. Selbst wenn ich einen anderen Ast f�nde, was zu bezweifeln ist, wer wei�, wo ich dann hineinspringen w�rde? Ich h�nge mir die leere Jagdtasche um den Hals und lasse mich langsam hinab, bis ich mich nur noch mit den H�nden am Ast festhalte. Einen Augenblick lang nehme ich allen Mut zusammen. Dann lasse ich los.</p><p>Ich sp�re, wie ich falle, dann komme ich mit einem heftigen Ruck auf, der mir die Wirbels�ule hochf�hrt. Eine Sekunde sp�ter knalle ich mit dem Hinterteil auf den Boden. Ich liege im Schnee und untersuche den Schaden. Auch ohne aufzustehen, merke ich an dem Schmerz in der linken H�fte und im Stei�bein, dass ich verletzt bin. Die Frage ist nur, wie sehr. Ich hoffe, dass es nur Prellungen sind, aber als ich mich aufrappele, f�rchte ich, dass ich mir auch etwas gebrochen habe. Laufen kann ich immerhin, also marschiere ich los und versuche, so wenig wie m�glich zu humpeln.</p><p>Meine Mutter und Prim k�nnen nicht wissen, dass ich im Wald war. Ich muss mir irgendein Alibi beschaffen, wie d�rftig auch immer. Ein paar Gesch�fte auf dem Platz haben noch ge�ffnet, also gehe ich in eines hinein und kaufe wei�en Stoff f�r Verb�nde. Wir haben sowieso fast keine mehr. In einem anderen Gesch�ft kaufe ich eine T�te Pfefferminzbonbons f�r Prim. Ich stecke mir eins in den Mund, sp�re, wie es auf meiner Zunge zergeht, und merke, dass es das Erste ist, was ich heute esse. Eigentlich hatte ich am See etwas essen wollen, aber als ich sah, in welcher Verfassung Bonnie und Twill waren, kam es mir nicht richtig vor, ihnen auch nur einen Bissen wegzunehmen.</p><p>Als ich zu Hause ankomme, kann ich mit der linken Ferse �berhaupt nicht mehr auftreten. Meiner Mutter werde ich erz�hlen, ich sei beim Versuch, eine undichte Stelle im Dach unseres alten Hauses zu reparieren, abgerutscht. Was die fehlenden Lebensmittel angeht, werde ich mich einfach bedeckt halten, an wen ich sie verteilt habe. Ich schleppe mich zur T�r und stelle mich darauf ein, am Feuer zusammenzuklappen. Stattdessen erwartet mich ein weiterer Schock.</p><p>Zwei Friedensw�chter, ein Mann und eine Frau, stehen in der T�r zu unserer K�che. Die Frau bleibt unger�hrt, doch ich sehe eine Spur von �berraschung �ber das Gesicht des Mannes huschen. Sie haben nicht mit mir gerechnet. Sie wissen, dass ich im Wald war und dort in der Falle sitzen m�sste.</p><p>�Hallo�, sage ich unbeteiligt.</p><p>Meine Mutter taucht hinter den beiden auf, bleibt jedoch auf Abstand. �Da ist sie ja, gerade rechtzeitig zum Abendessen�, sagt sie eine Spur zu fr�hlich. Ich komme viel zu sp�t zum Essen.</p><p>Ich �berlege, ob ich die Stiefel ausziehen soll, wie ich es sonst immer mache, aber das kann ich kaum schaffen, ohne dass meine Verletzungen auffallen. Also setze ich nur die nasse Kapuze ab und sch�ttele den Schnee aus dem Haar. �Kann ich etwas f�r Sie tun?�, frage ich die Friedensw�chter.</p><p>�Der Oberste Friedensw�chter Thread schickt uns mit einer Nachricht f�r Sie�, sagt die Frau.</p><p>�Sie haben stundenlang gewartet�, f�gt meine Mutter hinzu.</p><p>Sie haben darauf gewartet, dass ich es nicht schaffe zur�ckzukehren. Als Best�tigung daf�r, dass ich durch einen Stromschlag get�tet wurde oder im Wald gefangen bin, und dann h�tten sie meine Familie in die Mangel nehmen k�nnen.</p><p>�Dann muss es ja eine wichtige Nachricht sein�, sage ich.</p><p>�D�rfen wir fragen, wo Sie waren, Miss Everdeen?�, fragt die Frau.</p><p>�Fragen Sie lieber, wo ich <emphasis>nicht </emphasis>war�, sage ich in genervtem Ton. Ich gehe in die K�che und zwinge mich, normal aufzutreten, obwohl jeder Schritt die reinste Qual ist. Ich gehe zwischen den Friedensw�chtern hindurch und schaffe es einigerma�en bis zum Tisch. Ich schleudere meine Tasche hin und wende mich zu Prim, die stocksteif am Kamin steht. Haymitch und Peeta sind auch da, sie sitzen jeder in einem Schaukelstuhl und spielen Schach. Waren sie zuf�llig hier oder haben die Friedensw�chter sie �eingeladen�? So oder so bin ich froh, sie zu sehen.</p><p>�Also, wo warst du nicht?�, fragt Haymitch gelangweilt.</p><p>�Ich hab nicht mit dem Ziegenmann dar�ber gesprochen, Prims Ziege zu decken, weil mir jemand eine vollkommen falsche Wegbeschreibung gegeben hat�, sage ich eindringlich zu Prim.</p><p>�Hab ich nicht�, sagt Prim. �Ich hab es dir genau erkl�rt.�</p><p>�Du hast gesagt, er wohnt am westlichen Eingang des Bergwerks�, sage ich.</p><p>�Am �stlichen Eingang�, verbessert mich Prim.</p><p>�Du hast ganz eindeutig gesagt, am westlichen Eingang, darauf hab ich n�mlich gefragt: &gt;Neben der Abraumhalde?&lt;, und du hast Ja gesagt.�</p><p>�Neben der Abraumhalde am <emphasis>�stlichen </emphasis>Eingang�, sagt Prim geduldig.</p><p>�Nein. Wann willst du das gesagt haben?�, frage ich.</p><p>�Gestern Abend�, mischt Haymitch sich ein.</p><p>�Sie hat wirklich &gt;�stlich&lt; gesagt�, f�gt Peeta hinzu. Er guckt zu Haymitch und sie lachen. Ich schaue Peeta w�tend an und er versucht, zerknirscht auszusehen. �Tut mir leid, aber ich hab�s dir ja schon immer gesagt. Du h�rst einfach nicht zu, wenn dir jemand etwas erkl�rt.�</p><p>�Garantiert haben dir die Leute heute auch gesagt, dass er da nicht wohnt, und du hast wieder nicht zugeh�rt�, sagt Haymitch.</p><p>�Halt die Klappe, Haymitch�, sage ich und lasse damit durchblicken, dass er recht hat.</p><p>Haymitch und Peeta prusten los und Prim gestattet sich ein L�cheln.</p><p>�Na sch�n. Dann soll sich doch jemand anders darum k�mmern, wie wir das bl�de Vieh gedeckt kriegen�, sage ich, und da lachen sie noch mehr. Und ich denke: <emphasis>Deshalb haben sie es so weit gebracht, Haymitch und Peeta. Die lassen sich durch nichts aus der Fassung bringen.</emphasis></p><p>Ich schaue die Friedensw�chter an. Der Mann l�chelt, doch die Frau ist nicht �berzeugt. �Was ist in der Tasche?�, fragt sie schneidend.</p><p>Ich wei�, dass sie auf Wild oder Pflanzen hofft. Etwas, das mich eindeutig verr�t. Ich kippe den Inhalt auf den Tisch. �Bitte sehr.�</p><p>�Oh, gut�, sagt meine Mutter, als sie den Stoff sieht. �Wir haben kaum noch Verb�nde.�</p><p>Peeta kommt zum Tisch und macht die Bonbont�te auf. �Mmmh, Pfefferminz�, sagt er und steckt sich eins in den Mund.</p><p>�Das sind meine.� Ich versuche die T�te zu schnappen. Er wirft sie Haymitch zu, der sich eine Handvoll in den Mund stopft, ehe er die T�te an die kichernde Prim weiterreicht. �Keiner von euch hat Bonbons verdient!�, sage ich.</p><p>�Wieso, weil wir recht haben?� Peeta nimmt mich in die Arme. Ich sto�e einen kleinen Schmerzenslaut aus, als mein Stei�bein protestiert. Ich versuche es wie Emp�rung klingen zu lassen, aber Peeta wei�, dass ich Schmerzen habe, das sehe ich an seinem Blick. �Na gut, Prim hat &gt;westlich&lt; gesagt. Ich hab es klar und deudich geh�rt. Und wir sind alle Idioten. Wie w�r�s damit?�</p><p>�Schon besser�, sage ich und erwidere seinen Kuss. Dann schaue ich zu den Friedensw�chtern, als w�rde mir pl�tzlich wieder einfallen, dass sie da sind. �Sie haben eine Nachricht f�r mich?�</p><p>�Von unserem Obersten Friedensw�chter Thread�, sagt die Frau. �Er l�sst Ihnen mitteilen, dass der Zaun um Distrikt 12 von nun an rund um die Uhr unter Strom steht.�</p><p>�War das nicht schon immer so?�, frage ich ein wenig zu unschuldig.</p><p>�Er dachte, Sie m�chten es vielleicht auch Ihrem Cousin ausrichten�, sagt die Frau.</p><p>�Vielen Dank. Ich werde es ihm sagen. Bestimmt k�nnen wir jetzt alle besser schlafen, da der Sicherheitsdienst dieses Vers�umnis behoben hat.�</p><p>Jetzt treibe ich es ein bisschen zu weit, das wei� ich, aber es verschafft mir eine gewisse Befriedigung, das zu sagen.</p><p>Die Frau reckt das Kinn. F�r sie ist es ganz und gar nicht nach Plan gelaufen, aber sie hat keine weiteren Anweisungen. Sie nickt mir kurz zu und geht davon, den Mann im Schlepptau. Als meine Mutter die T�r geschlossen hat, lasse ich mich an den Tisch sinken.</p><p>�Was hast du?�, fragt Peeta und h�lt mich fest.</p><p>�Ach, ich hab mir den linken Fu� gesto�en. An der Ferse. Und mein Stei�bein hatte auch einen schlechten Tag.� Er f�hrt mich zu einem Schaukelstuhl und ich lasse mich auf das gepolsterte Kissen sinken.</p><p>Meine Mutter zieht mir die Schuhe aus. �Was ist passiert?�</p><p>�Ich bin ausgerutscht und hingefallen�, sage ich. Vier Augenpaare sehen mich ungl�ubig an. �Auf einer vereisten Stelle.� Wir wissen alle, dass das Haus wahrscheinlich verwanzt ist und wir es nicht riskieren k�nnen, offen miteinander zu sprechen. Nicht hier, nicht jetzt.</p><p>Meine Mutter zieht mir die Socke aus und betastet meine linke Ferse. Ich zucke zusammen. �Da k�nnte etwas gebrochen sein�, sagt sie. Sie untersucht den anderen Fu�. �Der hier scheint in Ordnung zu sein.� Sie stellt fest, dass ich am Stei�bein eine schlimme Prellung habe.</p><p>Prim bekommt den Auftrag, meinen Schlafanzug und Bademantel zu holen. Als ich mich umgezogen habe, bereitet meine Mutter eine Schneepackung f�r meine linke Ferse vor und legt meinen Fu� auf einen niedrigen Hocker. So verspeise ich drei Teller Eintopf und einen halben Laib Brot, w�hrend die anderen am Tisch sitzen und essen. Ich starre ins Feuer, denke an Bonnie und Twill und hoffe, dass der schwere nasse Schnee meine Spuren verdeckt hat.</p><p>Prim kommt und setzt sich neben mir auf den Boden, sie lehnt den Kopf an mein Knie. Wir lutschen Pfefferminzbonbons und ich streiche ihr die weichen blonden Haare hinter das Ohr. �Wie war�s in der Schule?�, frage ich.</p><p>�Ganz gut. Wir haben etwas �ber Nebenerzeugnisse bei der Kohleherstellung gelernt�, sagt sie. Eine Weile starren wir ins Feuer. �Willst du deine Hochzeitskleider mal anprobieren?�</p><p>�Nicht heute Abend. Vielleicht morgen�, sage ich.</p><p>�Warte, bis ich nach Hause komme, ja?�, sagt sie.</p><p>�Klar.� <emphasis>Wenn sie mich nicht vorher verhaften.</emphasis></p><p>Meine Mutter gibt mir eine Tasse Kamillentee mit einer Dosis Schlafsirup und sofort werden meine Lider schwer. Sie verbindet meinen schlimmen Fu�, und Peeta bietet sich an, mich ins Bett zu bringen. Erst versuche ich mich an seine Schulter zu lehnen, aber ich bin so wacklig auf den Beinen, dass er mich einfach hochhebt und nach oben tr�gt. Er deckt mich zu und w�nscht mir eine gute Nacht, doch ich fasse seine Hand und halte ihn fest. Eine Nebenwirkung von Schlafsirup ist, dass man Hemmungen verliert, als h�tte man Schnaps getrunken, und ich wei�, dass ich meine Zunge h�ten muss. Doch ich m�chte nicht, dass er geht. Ich m�chte sogar, dass er zu mir ins Bett kommt, dass er heute Nacht da ist, wenn die Albtr�ume zuschlagen. Aus irgendeinem Grund, den ich nicht ganz benennen kann, wei� ich, dass ich ihn nicht darum bitten darf.</p><p>�Geh noch nicht. Nicht bevor ich einschlafe�, sage ich.</p><p>Peeta setzt sich an den Bettrand und w�rmt meine Hand mit seinen H�nden. �Dachte schon fast, du h�ttest dich anders entschieden. Als du nicht zum Abendessen kamst.�</p><p>Ich bin benebelt, aber ich kann mir denken, was er meint. Als der Zaun eingeschaltet wurde und ich nicht auftauchte und die Friedensw�chter warteten, da dachte er, ich w�re abgehauen, wom�glich mit Gale.</p><p>�Nein, das h�tte ich dir erz�hlt�, sage ich. Ich ziehe seine Hand zu mir heran und lege meine Wange an seinen Handr�cken. Ich atme den leichten Duft nach Zimt und Dill von den Broten ein, die er heute gebacken hat. Ich w�rde ihm gern von Bonnie und Twill erz�hlen, von dem Aufstand und der Vision von Distrikt 13, aber das ist zu gef�hrlich, und ich merke, wie ich abdrifte. Ich bringe nur noch einen einzigen Satz heraus. �Bleib bei mir.�</p><p>W�hrend der Schlafsirup mich mit seinen Ranken in den Schlaf hinabzieht, h�re ich noch, wie Peeta etwas zur�ckfl�stert, aber ich verstehe es nicht richtig.</p><p>Meine Mutter l�sst mich bis zum Mittag schlafen, dann weckt sie mich, damit sie meine Ferse untersuchen kann. Sie verordnet mir eine Woche Bettruhe, und ich widerspreche nicht, weil es mir so miserabel geht. Nicht nur wegen der Ferse und des Stei�beins. Mein ganzer K�rper schmerzt vor Ersch�pfung. Also lasse ich es zu, dass meine Mutter mich verarztet, mir das Fr�hst�ck ans Bett und eine zus�tzliche Decke bringt. Dann liege ich nur da, schaue aus dem Fenster in den Winterhimmel, gr�bele dar�ber nach, wie um alles in der Welt die Geschichte ausgehen wird. Ich denke viel an Bonnie und Twill und an den Stapel wei�er Brautkleider unten; ich frage mich, ob Thread wohl herausfindet, wie ich zur�ckgekommen bin, und ob er mich verhaften wird. Es ist komisch, denn er k�nnte mich auch einfach so verhaften, wegen fr�herer Vergehen, aber vielleicht braucht er irgendetwas Unwiderlegbares, weil ich ja jetzt die Siegerin bin. Und ich �berlege, ob Pr�sident Snow wohl in Kontakt mit Thread steht. Den alten Cray hat er wohl kaum je offiziell wahrgenommen, aber gibt er Thread jetzt, da ich so ein landesweites Problem bin, ganz genaue Anweisungen, was zu tun ist? Oder handelt Thread in eigener Regie? Wie dem auch sei, ganz bestimmt w�ren sie sich darin einig, dass man mich hier im Distrikt innerhalb der Grenzen des Zauns einsperren muss. Selbst wenn ich eine M�glichkeit f�nde zu fliehen - zum Beispiel ein Seil an dem hohen Ast des Ahorns befestigen und auf die andere Seite klettern -, so k�nnte ich meine Familie und meine Freunde nicht mitnehmen. Au�erdem habe ich Gale sowieso versprochen, zu bleiben und zu k�mpfen.</p><p>Wenn es in den n�chsten Tagen an die T�r klopft, zucke ich jedes Mal zusammen. Aber keine Friedensw�chter tauchen auf, um mich zu verhaften, und allm�hlich legt sich die Anspannung. Und dann beruhigt es mich, als Peeta beil�ufig erw�hnt, dass der Zaun teilweise nicht mehr unter Strom steht, weil Trupps damit besch�ftigt sind, den Maschendraht am Boden zu schlie�en. Offenbar denkt Thread, ich sei irgendwie unter dem Zaun hindurchgeschl�pft, trotz des lebensgef�hrlichen Stroms. So hat der Distrikt eine Verschnaufpause, und die Friedensw�chter haben einmal etwas anderes zu tun, als Menschen zu qu�len.</p><p>Peeta kommt jeden Tag vorbei, er bringt mir K�sebr�tchen und hilft mir, an dem Familienbuch zu arbeiten. Es ist ein altes St�ck aus Pergament und Leder. Eine naturheilkundige Vorfahrin m�tterlicherseits hat es vor vielen Jahren angelegt. Seite f�r Seite sind darin Pflanzen in Tuschezeichnungen dargestellt, dazu die Beschreibung ihres medizinischen Nutzens. Mein Vater hat einen Teil �ber essbare Pflanzen hinzugef�gt, mein Ratgeber, mit dem ich uns nach seinem Tod das �berleben gesichert habe. Ich wollte schon lange mein eigenes Wissen in dem Buch festhalten. Alles, was ich aus Erfahrung oder von Gale gelernt habe, und die Informationen, die ich beim Training f�r die Spiele aufgeschnappt habe. Ich habe es nicht getan, weil ich keine K�nstlerin bin und die Bilder ganz genau gezeichnet sein m�ssen. Und an dieser Stelle kommt Peeta ins Spiel. Manche der Pflanzen kennt er schon, von anderen haben wir getrocknete Vorlagen, und wieder andere muss ich ihm beschreiben. Er fertigt Skizzen auf Schmierpapier an, bis ich zufrieden bin, dann darf er sie in das Buch �bertragen. Anschlie�end schreibe ich sorgf�ltig alles auf, was ich �ber die jeweilige Pflanze wei�.</p><p>Es ist eine stille Arbeit, die meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt und mich von den vielen Problemen ablenkt. Ich schaue gern seinen H�nden zu, w�hrend er arbeitet, wie er eine wei�e Seite mit ein paar Tuschestrichen zum Bl�hen bringt, wie er dem Buch, das bisher nur schwarz und gelblich war, Farbe verleiht. Wenn er sich konzentriert, nimmt sein Gesicht einen ganz bestimmten Ausdruck an. Sein sonst so gelassener Blick wird intensiv und fern, als w�re eine ganze Welt in ihm verborgen. Diesen Ausdruck habe ich schon �fter aufblitzen sehen: in der Arena oder wenn er zu einer Menschenmenge spricht oder als er in Distrikt 11 die Gewehre der Friedensw�chter von mir wegschob. Ich wei� nicht recht, was ich davon halten soll. Und ich kann kaum den Blick von seinen Wimpern wenden, die normalerweise nicht so auffallen, weil sie ganz hell sind. Doch von Nahem, wenn das Sonnenlicht ins Zimmer f�llt, sind sie hellgolden und so lang, dass ich mich frage, wieso sie sich nicht verheddern, wenn er blinzelt.</p><p>Eines Nachmittags, als Peeta gerade eine Bl�te schraffiert, schaut er so pl�tzlich auf, dass ich zusammenfahre, als h�tte er mich dabei ertappt, wie ich ihn heimlich beobachte, was ich auf seltsame Weise vielleicht auch getan habe. Doch er sagt nur: �Ich glaube, das ist das erste Mal, dass wir etwas Normales zusammen machen.�</p><p>�Ja�, sage ich. Unsere ganze Beziehung ist durch die Spiele verdorben worden. �Normal� kam darin nicht vor. �Auch mal sch�n.�</p><p>Jeden Nachmittag tr�gt er mich nach unten, damit ich ein bisschen Abwechslung habe, und ich gehe allen damit auf die Nerven, dass ich den Fernseher einschalte. Normalerweise sehen wir nur fern, wenn es vorgeschrieben ist, weil die Mischung aus Propaganda und Darstellungen der Macht des Kapitols - zum Beispiel Ausschnitte von vierundsiebzig Jahren Hungerspielen - so abscheulich ist. Aber jetzt halte ich nach etwas Besonderem Ausschau. Nach dem Spottt�lpel, auf den Bonnie und Twill all ihre Hoffnungen gr�nden. Mir ist klar, dass es wahrscheinlich idiotisch ist, aber dann m�chte ich es auch widerlegen k�nnen. Und die Vorstellung von einem bl�henden Distrikt 13 f�r immer aus meinen Gedanken verbannen.</p><p>Den ersten Hinweis entdecke ich in einem Bericht �ber die Dunklen Tage. Man sieht die schwelenden �berreste des Justizgeb�udes in Distrikt 13, und ich erhasche so eben noch die schwarz-wei�e Unterseite vom Fl�gel eines Spottt�lpels, der oben rechts durch das Bild fliegt. Das ist aber noch kein Beweis. Es ist nur eine alte Aufnahme, die zu einer alten Geschichte geh�rt.</p><p>Ein paar Tage sp�ter jedoch f�llt mir etwas anderes auf. Der Nachrichtensprecher liest eine Meldung �ber Grafitknappheit, welche sich auf die Produktion in Distrikt 3 auswirke. Es folgt ein Bericht, angeblich der Originalfilm einer Reporterin, die, in einen Schutzanzug geh�llt, vor den Ruinen des Justizgeb�udes in Distrikt 13 steht. Durch ihre Maske hindurch berichtet sie, eine Untersuchung habe heute leider ergeben, dass die Minen in Distrikt 13 immer noch zu giftig seien, um sich ihnen zu n�hern. Ende des Beitrags. Doch kurz vor dem Schnitt zur�ck zu dem Nachrichtensprecher sehe ich denselben Fl�gel desselben Spottt�lpels aufblitzen, unverkennbar.</p><p>Die Reporterin wurde einfach in das alte Bildmaterial hineinmontiert. Sie ist �berhaupt nicht in Distrikt 13. Und das wirft die Frage auf: <emphasis>Was ist dort?</emphasis></p><p><emphasis><strong>12</strong></emphasis></p><p>Von da an f�llt es mir schwerer, ruhig im Bett liegen zu bleiben. Ich will etwas tun, will mehr �ber Distrikt 13 herausfinden oder dabei helfen, das Kapitol zu st�rzen. Stattdessen sitze ich da, stopfe K�sebr�tchen in mich hinein und schaue Peeta beim Zeichnen zu. Hin und wieder kommt Haymitch vorbei und bringt Neuigkeiten aus der Stadt, immer schlechte. Noch mehr Menschen, die bestraft werden oder vor Hunger umfallen.</p><p>Der Winter ist allm�hlich auf dem R�ckzug, als mein Fu� wieder einsatzf�hig ist. Meine Mutter verordnet mir �bungen und ich darf schon ein bisschen allein laufen. Eines Nachts nehme ich mir beim Schlafengehen fest vor, am n�chsten Morgen in die Stadt zu gehen, doch als ich aufwache, grinsen mich Venia, Octavia und Flavius an.</p><p>��berraschung!�, kreischen sie. �Wir sind fr�her gekommen!�</p><p>Nach dem Peitschenschlag hatte Haymitch ihren Besuch bei mir um einige Monate verschoben, damit die Wunde verheilen konnte. Ich hatte fr�hestens in drei Wochen mit ihnen gerechnet. Aber ich tue so, als freute ich mich dar�ber, dass endlich das Fotoshooting f�r die Hochzeit stattfindet. Meine Mutter hat alle Kleider aufgeh�ngt, sie sind also einsatzbereit, aber ehrlich gesagt, habe ich bisher noch kein einziges anprobiert.</p><p>Nach dem �blichen Gezeter �ber mein desolates Au�eres machen die drei sich sofort an die Arbeit. Ihr Augenmerk gilt vor allem meinem Gesicht, obwohl ich finde, dass meine Mutter es ganz gut hinbekommen hat. Nur einen blassrosa Streifen habe ich noch �ber dem Wangenknochen. Nicht alle wissen von dem Peitschenschlag, also erz�hle ich ihnen, ich sei auf dem Eis ausgerutscht und h�tte mir die Wange aufgeratscht. Da wird mir bewusst, dass ich dieselbe Ausrede f�r die Fu�verletzung benutzt habe, wegen der mir die hohen Abs�tze Probleme bereiten werden. Aber Flavius, Octavia und Venia sind von Natur aus gutgl�ubig, ich bin also auf der sicheren Seite.</p><p>Da ich nicht mehrere Wochen, sondern nur einige Stunden lang ohne K�rperbehaarung sein muss, benutzen sie kein Wachs, sondern den Rasierer. Trotzdem muss ich in eine Wanne mit irgendeinem Zeug steigen, aber wenigstens stinkt es nicht, und ehe ich michs versehe, sind schon meine Frisur und mein Make-up dran. Wie immer haben sich die drei lauter Neuigkeiten zu erz�hlen, die ich versuche auszublenden. Aber dann macht Octavia eine Bemerkung, die mich aufhorchen l�sst. Sie habe f�r eine Party keine Garnelen bekommen k�nnen, sagt sie, eigentlich nur nebenbei, trotzdem verbl�fft es mich.</p><p>�Wieso konntest du keine Garnelen bekommen? Gibt es die zu dieser Jahreszeit nicht?�, frage ich.</p><p>�Ach, Katniss, schon seit Wochen sind keine Meeresfr�chte zu haben!�, sagt Octavia. �Weil das Wetter in Distrikt 4 so schlecht ist, wei�t du.�</p><p>Mir schwirrt der Kopf. Keine Meeresfr�chte. Seit Wochen. Aus Distrikt 4. Die kaum verhohlene Wut der Menge w�hrend der Tour der Sieger. Und auf einmal bin ich mir ganz sicher, dass es in Distrikt 4 einen Aufstand gegeben hat.</p><p>Beil�ufig frage ich, welche H�rten dieser Winter noch mit sich gebracht hat. Sie sind es nicht gewohnt, auf etwas zu verzichten, deshalb ist es f�r sie schon bemerkenswert, wenn einmal etwas nicht zu haben ist. Bis ich bereit zum Ankleiden bin, haben sie mir so viel von den Schwierigkeiten vorgejammert, bestimmte Sachen zu bekommen - von Krebsfleisch �ber Musikchips bis hin zu B�ndern -, dass ich mir ausrechnen kann, welche Distrikte sich m�glicherweise im Aufstand befinden. Meeresfr�chte aus Distrikt 4. Elektroger�te aus Distrikt 3. Und nat�rlich Stoffe aus Distrikt 8. Der Gedanke an eine Rebellion von solchem Ausma� l�sst mich schaudern vor Angst und Erregung.</p><p>Ich w�rde gern noch mehr Fragen stellen, aber da kommt Cinna, umarmt mich und begutachtet mein Make-up. Sofort f�llt sein Blick auf die Narbe. Ich habe das Gef�hl, dass er mir die Glatteis-Geschichte nicht so ganz abkauft, aber er sagt nichts dazu. Er pudert mein Gesicht noch ein wenig nach, und das bisschen, was man von dem Striemen noch sehen kann, verschwindet.</p><p>Unten ist das Wohnzimmer ausger�umt und f�r die Aufnahmen ausgeleuchtet worden. Effie gef�llt sich darin, alle herumzukommandieren und darauf zu achten, dass wir im Zeitplan bleiben. Das ist wohl auch gut so, denn es gibt sechs Brautkleider und auf jedes Kleid muss alles andere abgestimmt werden: Kopfbedeckung, Schuhe, Schmuck, Frisur, Make-up, Kulisse und Beleuchtung. Cremefarbene Spitze, rosa Rosen und Ringellocken. Elfenbeinfarbener Satin, Goldtattoos und gr�ne Bl�tter. Diamantenkleid, Juwelenschleier und Mondschein. Schwere wei�e Seide, �rmel vom Handgelenk bis zum Boden, Perlen. Sobald eine Aufnahme gelungen ist, bereiten wir schon die n�chste vor. Ich komme mir vor wie ein Teig, der immer wieder geknetet und neu geformt wird. Meiner Mutter gelingt es, mir ein bisschen zu essen und ein paar Schluck Tee zu geben, w�hrend die anderen sich an mir zu schaffen machen, doch als alles erledigt ist, bin ich trotzdem ausgehungert und ersch�pft. Ich hoffe, jetzt ein wenig Zeit mit Cinna verbringen zu k�nnen, aber Effie scheucht alle zur T�r hinaus, und ich muss mich mit dem Versprechen zu telefonieren begn�gen.</p><p>Es ist Abend geworden, und von all den verr�ckten Schuhen tut mir der Fu� weh, also verwerfe ich die Idee, in die Stadt zu gehen. Stattdessen begebe ich mich nach oben, entferne die Make-up-Schichten und wasche Festiger und Farbe aus den Haaren, dann gehe ich wieder nach unten, um die Haare am Feuer trocknen zu lassen. Prim, die rechtzeitig von der Schule nach Hause gekommen ist, um die letzten beiden Kleider zu sehen, plaudert dar�ber mit meiner Mutter. Sie scheinen beide richtig zufrieden mit dem Fotoshooting zu sein. Als ich ins Bett falle, wird mir klar, dass sie glauben, mir k�nne jetzt nichts mehr passieren. Sie glauben, das Kapitol sieht mir mein Verhalten bei Gales Auspeitschung nach, denn f�r jemanden, der sowieso umgebracht werden soll, w�rde ja niemand so einen Aufwand treiben. Genau.</p><p>In meinem Albtraum trage ich das seidene Brautkleid, aber es ist zerrissen und matschverschmiert. Ich renne durch den Wald und dabei verfangen sich die langen �rmel immer wieder in Dornen und Zweigen. Das Rudel der mutierten Tribute kommt immer n�her, bis sie mich mit ihrem hei�en Atem und ihren triefenden Lefzen �berw�ltigen und ich schreiend erwache.</p><p>Weil es schon fast Morgen ist, versuche ich erst gar nicht, wieder einzuschlafen. Au�erdem muss ich heute wirklich hier raus und mit jemandem reden. Gale wird im Bergwerk sein, unerreichbar. Aber ich muss mit Haymitch oder Peeta oder irgendjemandem die Last all dessen teilen, was ich seit dem Tag am See erlebt habe. Gesetzlose auf der Flucht, Z�une unter Strom, ein unabh�ngiger Distrikt 13, Lieferschwierigkeiten im Kapitol. Alles.</p><p>Ich fr�hst�cke mit meiner Mutter und Prim und gehe dann hinaus auf der Suche nach jemandem, dem ich mich anvertrauen kann. Drau�en ist es warm, eine Hoffnung auf Fr�hling liegt in der Luft. Fr�hling w�re bestimmt eine gute Zeit f�r einen Aufstand. Wenn der Winter �berstanden ist, f�hlen die Menschen sich nicht mehr so schutzlos. Peeta ist nicht zu Hause. Wahrscheinlich ist er bereits in der Stadt. Aber Haymitch steht zu meiner �berraschung um diese Zeit schon in der K�che. Ohne anzuklopfen, gehe ich hinein. Ich h�re Hazelle im ersten Stock, sie wischt den Boden in dem jetzt blitzsauberen Haus. Haymitch ist nicht volltrunken, aber allzu n�chtern wirkt er auch nicht gerade. Die Ger�chte, dass Ripper ihre Gesch�fte wieder aufgenommen hat, scheinen zu stimmen. Gerade denke ich, dass Haymitch sich lieber ins Bett legen sollte, als er einen Gang in die Stadt vorschl�gt.</p><p>Haymitch und ich haben gelernt, in Stichworten miteinander zu sprechen. In wenigen Minuten bringe ich ihn auf den neuesten Stand und erfahre, dass es auch in den Distrikten 7 und 11 Aufst�nde gibt. Wenn ich mit meinen Annahmen richtig liege, hat fast die H�lfte der Distrikte zumindest versucht zu rebellieren.</p><p>�Meinst du immer noch, dass es hier nicht klappen w�rde?�, frage ich.</p><p>�Jetzt noch nicht. Die anderen Distrikte sind viel gr��er. Selbst wenn sich da die H�lfte der Leute in ihren H�usern verkriecht, haben die Rebellen eine Chance. Hier in 12 m�ssen schon alle mitmachen, sonst ist es zwecklos�, sagt er.</p><p>Daran habe ich noch nicht gedacht. Dass wir einfach nicht genug Leute sind. �Aber vielleicht irgendwann?�, beharre ich.</p><p>�Vielleicht. Aber wir sind klein, wir sind schwach, und wir entwickeln keine Atomwaffen�, sagt Haymitch mit leisem Sarkasmus. Meine Geschichte �ber Distrikt 13 hat keinen riesigen Eindruck auf ihn gemacht.</p><p>�Was glaubst du, was sie tun werden, Haymitch? Mit den aufst�ndischen Distrikten?�, frage ich.</p><p>�Tja, du hast ja geh�rt, was sie in 8 getan haben. Du hast gesehen, was sie hier getan haben, und das ganz ohne Provokation�, sagt Haymitch. �Falls die Sache wirklich aus dem Ruder l�uft, dann h�tten sie bestimmt kein Problem damit, noch einen Distrikt zu vernichten, wie sie es mit 13 gemacht haben. Als abschreckendes Beispiel, verstehst du?�</p><p>�Dann glaubst du also, 13 ist wirklich zerst�rt worden? Aber Bonnie und Twill hatten doch recht mit der Aufnahme von dem Spottt�lpel�, sage ich.</p><p>�Schon, aber was beweist das? Eigentlich gar nichts. Es k�nnte jede Menge Gr�nde daf�r geben, dass sie altes Filmmaterial verwenden. Wahrscheinlich sieht es beeindruckender aus.</p><p>Und es ist auch viel einfacher, oder? Nur ein paar Kn�pfe im Schneideraum dr�cken, anstatt den langen Flug dorthin zu machen und zu drehen�, sagt er. �Dass Distrikt 13 sich irgendwie wieder aufgerappelt hat und dass das Kapitol dabei wegschaut, klingt wie eins von diesen Ger�chten, an die sich Verzweifelte gern klammern.�</p><p>�Ich wei�. War nur so eine Hoffnung�, sage ich.</p><p>�Genau. Weil du verzweifelt bist�, sagt Haymitch.</p><p>Ich widerspreche nicht, denn nat�rlich hat er recht.</p><p>Prim kommt von der Schule nach Hause und sprudelt nur so �ber vor Aufregung. Die Lehrer in der Schule haben gesagt, dass es heute Abend Pflichtfernsehen gibt. �Bestimmt deine Fotoaufnahmen!�</p><p>�Das kann nicht sein, Prim. Die haben sie doch erst gestern gemacht�, erwidere ich.</p><p>�Das hat aber jemand geh�rt�, sagt sie.</p><p>Ich hoffe, dass sie sich irrt. Ich hatte noch keine Zeit, Gale darauf vorzubereiten. Seit der Auspeitschung sehe ich ihn nur, wenn er zu meiner Mutter kommt, damit sie nachschaut, wie seine Wunden verheilen. H�ufig muss er sieben Tage die Woche im Bergwerk arbeiten. Wenn ich ihn einmal zur�ck in die Stadt begleitet habe und wir ein paar Minuten f�r uns hatten, habe ich herausgeh�rt, dass die beginnenden Unruhen in Distrikt 12 durch Threads hartes Durchgreifen unterdr�ckt worden sind. Gale wei�, dass ich nicht mehr vorhabe zu fliehen. Aber er wird auch wissen, dass ich, wenn wir in 12 keinen Aufstand machen, Peetas Frau werden muss. Wie wird er es aufnehmen, wenn er mich im Fernsehen sieht, wie ich in pr�chtigen Brautkleidern posiere?</p><p>Als wir uns um halb acht vor dem Fernseher versammeln, stelle ich fest, dass Prim recht hat. Da ist tats�chlich Caesar Flickerman vor einer Menschenmenge am Trainingscenter und erz�hlt dem dankbaren Publikum von meiner bevorstehenden Hochzeit. Er pr�sentiert Cinna, der bei den Spielen wegen seiner Kost�me f�r mich �ber Nacht zum Star wurde, und nach einer Minute freundlichem Gepl�nkel wird unsere Aufmerksamkeit auf eine riesige Leinwand gelenkt.</p><p>Jetzt verstehe ich, wie sie es geschafft haben, mich gestern zu fotografieren und heute bereits die Sondersendung zu bringen. Urspr�nglich hatte Cinna zwei Dutzend Brautkleider entworfen. Seitdem ist die Auswahl der Entw�rfe immer kleiner geworden, die Kleider wurden geschneidert und die Accessoires ausgew�hlt. Anscheinend konnten die Leute im Kapitol in jedem Stadium �ber ihre Favoriten abstimmen. Als abschlie�ender H�hepunkt werden Aufnahmen von mir in den endg�ltigen sechs Kleidern pr�sentiert, die sich garantiert im Handumdrehen in die Sendung einf�gen lie�en. Jede Aufnahme wird von der Menge bejubelt. Die Zuschauer kreischen und juchzen, wenn ihre Lieblingskleider gezeigt werden, andere Kleider buhen sie aus. Da die Leute abgestimmt und vermutlich auch Wetten abgeschlossen haben, sind sie an meinem Brautkleid hochinteressiert. Es ist ein absurdes Spektakel, wenn ich bedenke, dass ich mir noch nicht mal die M�he gemacht habe, ein Kleid anzuprobieren, ehe die Kameras auftauchten. Caesar verk�ndet, dass man seine Stimme bis morgen zw�lf Uhr mittags abgeben kann.</p><p>�Sorgen wir daf�r, dass Katniss Everdeen mit Stil heiratet!�, br�llt er in die Menge. Ich will den Fernseher schon ausschal ten, aber da sagt Caesar, wir sollen dranbleiben f�r das n�chste gro�e Ereignis des Abends. �Genau, in diesem Jahr j�hren sich die Hungerspiele zum f�nfundsiebzigsten Mal, und das hei�t, das dritte Jubel-Jubil�um steht bevor!�</p><p>�Was soll das?�, fragt Prim. �Es sind doch noch Monate bis dahin.�</p><p>Wir schauen zu unserer Mutter, deren Blick ernst und abwesend wirkt, als w�rde sie sich an etwas erinnern. �Wahrscheinlich wird die Karte verlesen.�</p><p>Die Nationalhymne ert�nt, und als Pr�sident Snow die B�hne betritt, ist meine Kehle vor Ekel wie zugeschn�rt. Ihm folgt ein Junge im wei�en Anzug, der einen schlichten Holzkasten tr�gt. Die Hymne verklingt und Pr�sident Snow beginnt mit seiner Rede. Er erinnert uns an die Dunklen Tage, aus denen die Hungerspiele hervorgegangen sind. Als die Gesetze f�r die Spiele aufgestellt wurden, so sagt der Pr�sident, schrieben sie vor, dass alle f�nfundzwanzig Jahre ein Jubel-Jubil�um gefeiert werden solle. Dann sollte es eine gro�artigere Version der Spiele geben, um die Erinnerung an jene aufzufrischen, die in den Aufst�nden der Distrikte get�tet worden waren.</p><p>Deutlicher k�nnten seine Worte nicht sein, denn ich nehme an, dass sich mehrere Distrikte gerade im Aufstand befinden.</p><p>Dann erz�hlt Pr�sident Snow uns von den vergangenen Jubel-Jubil�en. �Am f�nfundzwanzigsten Jahrestag, als Erinnerung f�r die Rebellen daran, dass ihre Kinder sterben mussten, weil sie den Weg der Gewalt beschritten hatten, wurde in jedem Distrikt eine Wahl abgehalten, in der dar�ber entschieden wurde, welche Tribute den jeweiligen Distrikt vertreten sollten.�</p><p>Ich frage mich, was f�r ein Gef�hl das gewesen sein muss.</p><p>Die jungen Menschen auszusuchen, die gehen m�ssen. Von den eigenen Nachbarn ausgeliefert zu werden, das muss noch schlimmer sein, als wenn man bei der Ernte ausgelost wird.</p><p>�Beim f�nfzigsten Jubil�um�, f�hrt der Pr�sident fort, �musste jeder Distrikt, als Erinnerung daran, dass f�r jeden Bewohner des Kapitols zwei Rebellen starben, doppelt so viele Tribute entsenden.�</p><p>Ich stelle mir vor, ich h�tte es mit siebenundvierzig statt mit dreiundzwanzig Gegnern zu tun. Schlechtere Chancen, weniger Hoffnung und am Ende noch mehr Tote. Das war das Jahr, in dem Haymitch gewonnen hat �</p><p>�Ich hatte eine Freundin, die in dem Jahr gehen musste�, sagt meine Mutter leise. �Maysilee Donner. Ihre Eltern waren die Besitzer des S��warengesch�fts. Sie haben mir danach ihren Singvogel geschenkt. Einen Kanarienvogel.�</p><p>Prim und ich tauschen einen Blick. Es ist das erste Mal, dass wir von Maysilee Donner h�ren. Vielleicht, weil meine Mutter wusste, dass wir w�rden erfahren wollen, wie sie gestorben ist.</p><p>�Und jetzt begehen wir in allen Ehren das dritte Jubel-Jubil�um�, sagt der Pr�sident. Der kleine, wei� gekleidete Junge tritt vor, h�lt dem Pr�sidenten den Kasten hin und hebt den Deckel hoch. Wir sehen lauter vergilbte Briefumschl�ge in ordentlichen Reihen. Die, die sich das Prinzip des Jubel-Jubil�ums ausgedacht haben, waren davon ausgegangen, dass die Hungerspiele ewig w�hren w�rden. Der Pr�sident nimmt einen Umschlag aus dem Kasten, auf dem deutlich eine �75� zu lesen ist. Er f�hrt mit dem Finger unter die Lasche und zieht eine kleine Karte heraus. Ohne zu z�gern, liest er: �Am f�nf�ndsiebzigsten Jahrestag werden als Erinnerung f�r die Rebellen daran, dass nicht einmal die St�rksten unter ihnen die Macht des Kapitols �berwinden k�nnen, die m�nnlichen und weiblichen Tribute aus dem bestehenden Kreis der Sieger ausgelost.�</p><p>Meine Mutter st��t einen leisen Schrei aus, und Prim verbirgt das Gesicht in den H�nden, doch ich komme mir eher so vor wie jemand aus dem Publikum, das ich im Fernsehen sehe. Leicht verdattert. Was soll das hei�en? Der bestehende Kreis der Sieger?</p><p>Dann begreife ich, was es hei�t. Jedenfalls f�r mich. Distrikt 12 hat nur drei Sieger, aus denen man ausw�hlen kann. Zwei m�nnlich. Einer weiblich �</p><p>Ich muss wieder in die Arena.</p><p><emphasis><strong>13</strong></emphasis></p><p>Mein K�rper reagiert schneller als mein Verstand, und ich renne zur T�r hinaus, �ber den Rasen in die Dunkelheit hinter dem Dorf der Sieger. Vom Wasser des durchweichten Bodens werden meine Str�mpfe nass und ich sp�re den schneidenden Wind, doch ich bleibe nicht stehen. Wohin? Wohin soll ich laufen? In den Wald nat�rlich. Ich bin schon am Zaun, als das Summen mich daran erinnert, wie sehr ich in der Falle sitze. Keuchend weiche ich zur�ck, mache auf dem Absatz kehrt und renne wieder los.</p><p>Kurz darauf befinde ich mich auf H�nden und Knien im Keller eines der unbewohnten H�user im Dorf der Sieger. Durch die Kellersch�chte �ber mir scheinen schwache Streifen von Mondlicht herein. Mir ist kalt, ich bin nass und ersch�pft, doch mein Fluchtversuch hat die Hysterie, die in mir aufsteigt, kein bisschen ged�mpft. Wenn sie nicht herauskann, werde ich daran ersticken. Ich kn�lle mein T-Shirt vor der Brust zusammen, stopfe es mir in den Mund und schreie los. Ich wei� nicht, wie lange das so geht. Doch als ich aufh�re, habe ich fast keine Stimme mehr.</p><p>Auf der Seite zusammengekauert liege ich da und starre auf die Flecken des Mondlichts auf dem Zementboden. Zur�ck in die Arena. Zur�ck an den Ort der Albtr�ume. Dort soll ich hin. Ich muss zugeben, dass ich das nicht habe kommen sehen.</p><p>Ich habe vieles andere gesehen. Wie ich �ffentlich gedem�tigt, gefoltert und hingerichtet werde. Wie ich durch die Wildnis fliehe, w�hrend Friedensw�chter und Hovercrafts hinter mir her sind. Wie ich Peeta heirate und unsere Kinder in die Arena gezwungen werden. Doch nie habe ich daran gedacht, dass ich selbst wieder an den Spielen teilnehmen m�sste. Warum nicht? Weil es das noch nie gegeben hat. Sieger sind bei der Ernte f�r immer aus dem Spiel. Das ist die Regel, wenn man gewonnen hat. Bis jetzt.</p><p>Ich finde eine Art Plane, wie man sie f�r Malerarbeiten benutzt, und nehme sie als Decke. In der Ferne ruft jemand meinen Namen. Doch im Moment erlaube ich mir, noch nicht mal an die zu denken, die ich am meisten liebe. Ich denke nur an mich. Und an das, was mir bevorsteht.</p><p>Die Plane ist steif, aber sie h�lt warm. Meine Muskeln entspannen sich, mein Herzschlag wird langsamer. Ich sehe den Holzkasten in den H�nden des kleinen Jungen, sehe, wie Pr�sident Snow den vergilbten Umschlag herauszieht. Kann dies wirklich das Jubel-Jubil�um sein, wie es vor f�nfundsiebzig Jahren niedergeschrieben wurde? Das kommt mir unwahrscheinlich vor. Es ist eine allzu passende Antwort auf die Probleme, denen sich das Kapitol heute gegen�bersieht. Damit k�nnen sie mich loswerden und gleichzeitig alle Distrikte auf einen Streich bezwingen.</p><p>Ich habe die Stimme von Pr�sident Snow im Ohr. <emphasis>�Am f�nfundsiebzigsten Jahrestag werden als Erinnerung f�r die Rebellen daran, dass nicht einmal die St�rksten unter ihnen die Macht des Kapitols �berwinden k�nnen, die m�nnlichen und weiblichen Tribute aus dem bestehenden Kreis der Sieger ausgelost.�</emphasis></p><p>Ja, die Sieger sind unsere St�rksten. Sie haben die Arena �berlebt und sich aus der Schlinge der Armut gewunden, die den �brigen die Luft abschn�rt. Sie, oder sollte ich sagen wir, sind die Verk�rperung von Hoffnung, wo es keine Hoffnung gibt. Und jetzt sollen dreiundzwanzig von uns get�tet werden, zum Zeichen, dass selbst diese Hoffnung eine Illusion war.</p><p>Ein Gl�ck, dass ich erst im letzten Jahr gewonnen habe. Sonst w�rde ich alle anderen Sieger kennen, nicht nur aus dem Fernsehen, sondern weil sie bei allen Spielen zu Gast sind. Selbst wenn sie nicht als Mentoren arbeiten, wie Haymitch es immer muss, kommen die meisten von ihnen jedes Jahr zu diesem Ereignis ins Kapitol. Bestimmt sind viele von ihnen miteinander befreundet. W�hrend es bei mir nur einen einzigen Freund geben wird, den ich wom�glich t�ten muss - Peeta oder Haymitch. <emphasis>Peeta oder Haymitch!</emphasis></p><p>Ich setze mich kerzengerade auf und werfe die Plane ab. Was habe ich da gerade gedacht? Eine Situation, in der ich Peeta oder Haymitch t�ten w�rde, ist v�llig undenkbar. Aber einer von den beiden wird mit mir in der Arena sein, das ist eine Tatsache. Vielleicht haben sie sogar schon ausgehandelt, wer von ihnen gehen wird. Wenn doch der andere ausgelost wird, kann der eine freiwillig seinen Platz einnehmen. Ich wei� schon, wie es kommen wird. Peeta wird Haymitch bitten, ihn um jeden Preis mit mir in die Arena ziehen zu lassen. Um meinetwillen. Damit er mich besch�tzen kann.</p><p>Ich stolpere durch den Keller und suche nach einem Ausgang. Wie bin ich hier �berhaupt hereingekommen? Ich taste mich die Treppe hinauf in die K�che und sehe, dass die Scheibe in der T�r eingeschlagen ist. Deshalb f�hlt meine Hand sich also an, als ob sie blutet. Schnell laufe ich wieder hinaus in die Nacht, direkt zu Haymitchs Haus. Er sitzt allein am K�chentisch, eine halb leere Flasche Schnaps in einer Hand, das Messer in der anderen. Sturzbetrunken.</p><p>�Ah, da ist sie ja. Fix und fertig. Hast du endlich eins und eins zusammengez�hlt, S��e? Hast du kapiert, dass du da nicht allein reingehst? Und jetzt kommst du, um mich � was zu fragen?�, sagt er.</p><p>Ich gebe keine Antwort. Das Fenster steht weit offen, und der Wind ist so schneidend, als w�re ich drau�en.</p><p>�Der Junge hatte es leichter, das gebe ich zu. Er war schneller hier, als ich die Flasche �ffnen konnte. Hat mich um eine weitere Chance gebeten, in die Arena zu gehen. Aber was willst du mir schon sagen?� Er ahmt meine Stimme nach. �Geh an seiner statt, Haymitch, denn wenn schon, dann soll lieber Peeta den Rest seines Lebens erleben als du?�</p><p>Ich bei�e mir auf die Lippe, denn jetzt, da er es ausgesprochen hat, muss ich mir eingestehen, dass ich genau das will. Dass Peeta lebt, selbst wenn es Haymitchs Tod bedeutet. Nein, das will ich nicht. Er ist nat�rlich ein gr�sslicher Kerl, aber er geh�rt jetzt zur Familie. <emphasis>Wieso bin ich hergekommen?, </emphasis>denke ich. <emphasis>Was will ich hier �berhaupt?</emphasis></p><p>�Ich bin gekommen, weil ich einen Drink brauche�, sage ich.</p><p>Haymitch prustet los und knallt die Flasche vor mir auf den Tisch. Ich wische mit dem �rmel dar�ber und trinke ein paar Schlucke, bis mir die Luft wegbleibt. Es dauert eine Weile, bis ich wieder zu Atem komme, und selbst dann noch l�uft mir das Wasser aus Augen und Nase. Aber in meinem Innern brennt der Alkohol wie Feuer und das ist ein gutes Gef�hl.</p><p>�Vielleicht solltest du gehen�, sage ich sachlich und ziehe mir einen Stuhl heran. �Du verabscheust das Leben doch sowieso.�</p><p>�Wie wahr�, sagt Haymitch. �Und da ich letztes Mal versucht habe, <emphasis>dir </emphasis>das Leben zu retten � da ist es doch meine Pflicht, diesmal dem Jungen zu helfen.�</p><p>�Noch ein guter Grund�, sage ich, putze mir die Nase und hebe wieder die Flasche.</p><p>�Peeta argumentiert, dass ich, da ich mich f�r dich entschieden hatte, jetzt ihm einen Gefallen schulde. Egal, welchen. Und er will die Chance, wieder in die Arena zu gehen und dich zu besch�tzen�, sagt Haymitch.</p><p>Ich wusste es. In dieser Hinsicht ist Peeta ziemlich berechenbar. W�hrend ich mich in dem Keller auf dem Boden gew�lzt und nur an mich gedacht habe, war er hier und hat - auch nur an mich gedacht. Das Wort Scham reicht nicht aus, um das zu beschreiben, was ich empfinde. �Und wenn du hundert Leben h�ttest, du w�rdest ihn immer noch nicht verdienen, wei�t du das?�, sagt Haymitch.</p><p>�Jaja�, sage ich schroff. �Keine Frage, er ist der Beste von uns dreien. Und, was willst du jetzt machen?�</p><p>�Ich wei� nicht.� Haymitch seufzt. �Vielleicht mit dir in die Arena gehen, wenn ich kann. Es spielt keine Rolle, ob bei der Ernte mein Name gezogen wird. Er wird sich einfach freiwillig melden.�</p><p>Eine Weile sitzen wir schweigend da. �Es war schlimm f�r dich in der Arena, oder? Wo du doch alle kennst�, sage ich.</p><p>�Ach, ich glaub, wir k�nnen beruhigt annehmen, dass es �berall unertr�glich ist, wo ich bin.� Er macht eine Kopfbewegung zu der Flasche. �Kann ich die jetzt mal wiederhaben?�</p><p>�Nein�, sage ich und schlinge die Arme darum. Haymitch holt eine weitere Flasche unter dem Tisch hervor und �ffnet sie. Doch mir wird klar, dass ich nicht nur zum Trinken gekommen bin. Da ist noch etwas, das ich von Haymitch will. �Also gut, ich wei� jetzt, worum ich dich bitten will�, sage ich. �Wenn Peeta und ich bei den Spielen mitmachen, dann versuchen wir diesmal, <emphasis>ihm </emphasis>das Leben zu retten.�</p><p>Irgendetwas flackert in seinen blutunterlaufenen Augen auf. Schmerz.</p><p>�Wie du schon gesagt hast, schlimm wird es so oder so. Und ganz egal, was Peeta will, diesmal ist er dran. Das sind wir ihm beide schuldig.� Meine Stimme nimmt einen flehenden Ton an. �Au�erdem hasst mich das Kapitol so sehr, ich bin sowieso schon so gut wie tot. Er hat vielleicht noch eine Chance. Bitte, Haymitch. Sag, dass du mir hilfst.�</p><p>Mit gerunzelter Stirn schaut er auf seine Flasche, denkt �ber meine Worte nach. �Also gut�, sagt er schlie�lich.</p><p>�Danke�, sage ich. Jetzt m�sste ich zu Peeta gehen, doch ich will nicht. In meinem Kopf dreht sich alles vom Alkohol, und ich bin so fertig - wer wei�, wozu er mich �berreden k�nnte? Nein, jetzt muss ich nach Hause und meiner Mutter und Prim gegen�bertreten.</p><p>Als ich die Stufen zu unserem Haus hinauftaumele, geht die T�r auf und Gale nimmt mich in die Arme. �Ich hatte unrecht. Wir h�tten abhauen sollen, als du es gesagt hast�, fl�stert er.</p><p>�Nein�, sage ich. Ich kann kaum geradeaus gucken, und immer wieder schwappt Schnaps aus meiner Flasche und l�uft Gale hinten �ber die Jacke, aber das scheint ihm nichts auszumachen.</p><p>�Es ist nicht zu sp�t�, sagt er.</p><p>�ber seine Schulter hinweg sehe ich meine Mutter und Prim in der T�r, die sich in den Armen halten. Wir laufen weg. Sie sterben. Und jetzt muss ich auch Peeta besch�tzen. Damit ist das Thema vom Tisch. �Doch, es ist zu sp�t.� Meine Knie geben nach und er h�lt mich. Als der Alkohol mein Denken �berw�ltigt, h�re ich die Glasflasche klirrend zu Boden fallen. Es erscheint mir passend, denn ganz offensichtlich habe ich nichts mehr im Griff.</p><p>Als ich wieder aufwache, schaffe ich es gerade noch zur Toilette, bevor mir der Schnaps wieder hochkommt. Er brennt genauso wie beim Runterschlucken und schmeckt doppelt so �bel. Nachdem ich mich �bergeben habe, zittere und schwitze ich, aber wenigstens ist jetzt der gr��te Teil von dem Zeug wieder drau�en. Trotzdem ist so viel in meinem Blut gelandet, dass ich pochende Kopfschmerzen habe, einen ausgetrockneten Mund und ein hei�es Gef�hl im Magen.</p><p>Ich drehe die Dusche auf und stelle mich eine Minute unter den warmen Regen, bis ich merke, dass ich immer noch in Unterw�sche bin. Meine Mutter hat mir wohl nur die schmutzige Oberbekleidung ausgezogen und mich dann ins Bett gesteckt. Ich werfe die nasse Unterw�sche ins Waschbecken und kippe mir Shampoo auf den Kopf. Meine H�nde brennen und da sehe ich die kleinen, gleichm��igen Schnitte in der einen Hand und an der Seite der anderen. Ich erinnere mich dunkel daran, dass ich gestern Nacht eine Fensterscheibe eingeschlagen habe. Ich schrubbe mich von Kopf bis Fu� ab und halte nur inne, um mich mitten in der Dusche erneut zu �bergeben. Es ist haupts�chlich Galle, die zusammen mit dem s�� duftenden Schaum im Abfluss verschwindet.</p><p>Als ich endlich sauber bin, ziehe ich den Bademantel �ber und gehe wieder ins Bett, obwohl ich klatschnasse Haare habe. Ich krieche unter die Decke und denke, dass es sich so anf�hlen muss, wenn man eine Vergiftung hat. Als ich Schritte auf der Treppe h�re, kommt meine Panik von gestern Nacht zur�ck. Ich bin nicht daf�r gewappnet, meine Mutter und Prim zu sehen. Ich muss mich zusammenrei�en, um ruhig und zuversichtlich zu wirken, so wie beim Abschied am Tag der letzten Ernte. Ich muss stark sein. M�hsam setze ich mich auf, streiche mir die nassen Haare von den pochenden Schl�fen und rei�e mich zusammen. Sie erscheinen mit Tee und Toast und sorgenvollen Gesichtern in der T�r. Ich �ffne den Mund zu einer witzigen Bemerkung und breche in Tr�nen aus.</p><p>So viel zum Thema Starksein.</p><p>Meine Mutter setzt sich auf den Bettrand und Prim schmiegt sich an mich, und sie halten mich, tr�sten mich leise, bis ich mich einigerma�en ausgeweint habe. Dann holt Prim ein Handtuch und trocknet mir die Haare ab, k�mmt die Knoten heraus, w�hrend meine Mutter mir Tee und Toast aufdr�ngt. Sie ziehen mir einen warmen Schlafanzug an und legen mir noch mehr Decken aufs Bett und ich d�mmere wieder ein.</p><p>Als ich aufwache, verr�t mir das Licht, dass es sp�t am Nachmittag ist. Auf meinem Nachttisch steht ein Glas Wasser und ich st�rze es durstig hinunter. Ich f�hle mich immer noch wackelig im Magen und im Kopf, aber viel besser als vorher. Ich stehe auf, ziehe mich an und flechte die Haare zu einem Zopf. Bevor ich nach unten gehe, bleibe ich auf der Treppe stehen. Ich sch�me mich ein wenig daf�r, wie ich auf die Neuigkeit vom Jubel-Jubil�um reagiert habe. Meine ziellose Flucht, die Sauferei mit Haymitch, die Tr�nen. Unter den Umst�nden ist es wohl in Ordnung, dass ich mich einen Tag habe gehen lassen. Trotzdem bin ich froh, dass keine Kamera in der N�he war.</p><p>Unten umarmen meine Mutter und Prim mich abermals, doch sie wirken nicht �bertrieben bewegt. Ich wei�, dass sie sich beherrschen, um es mir leichter zu machen. Wenn ich Prim ins Gesicht sehe, kann ich mir kaum vorstellen, dass sie dasselbe schwache kleine M�dchen ist, das ich vor neun Monaten am Tag der Ernte zur�ckgelassen habe. Diese Tortur und all das, was danach kam - die Grausamkeiten im Distrikt, der Aufmarsch der Kranken, die sie jetzt h�ufig selbst behandelt, wenn meine Mutter alle H�nde voll zu tun hat -, hat sie um Jahre altern lassen. Sie ist auch ganz sch�n gewachsen; wir sind jetzt fast gleich gro�, aber das ist es nicht, was sie so viel �lter erscheinen l�sst.</p><p>Meine Mutter sch�pft mir Br�he in einen Becher und ich bitte sie um einen zweiten Becher f�r Haymitch. Dann gehe ich �ber den Rasen zu seinem Haus. Er ist gerade erst aufgewacht und nimmt den Becher kommentarlos entgegen. Beinahe friedlich sitzen wir da, nippen unsere Br�he und schauen durch sein Wohnzimmerfenster zu, wie die Sonne untergeht. Im Stockwerk �ber uns h�re ich jemanden herumlaufen und nehme an, dass es Hazelle ist, doch ein paar Minuten sp�ter kommt Peeta herunter. Mit einer endg�ltigen Geste wirft er einen Pappkarton mit leeren Schnapsflaschen auf den Tisch.</p><p>�So, das h�tten wir�, sagt er.</p><p>Haymitch braucht seine gesamte Energie, um den Blick auf die leeren Flaschen zu richten, also �bernehme ich das Reden. �Was h�tten wir?�</p><p>�Ich hab den ganzen Schnaps weggekippt�, sagt Peeta.</p><p>Das scheint Haymitch aus seiner Starre zu rei�en, ungl�ubig w�hlt er in dem Karton. �Du hast was?�</p><p>�Ich hab alles weggekippt�, sagt Peeta.</p><p>�Er kauft sich doch einfach neuen�, sage ich.</p><p>�Das wird er nicht�, sagt Peeta. �Ich hab heute Morgen Ripper ausfindig gemacht und ihr gesagt, ich zeige sie an, sobald sie einem von euch beiden was verkauft. Sicherheitshalber hab ich ihr auch was gezahlt, aber ich glaube nicht, dass sie scharf darauf ist, wieder von den Friedensw�chtern geschnappt zu werden.�</p><p>Haymitch holt mit seinem Messer aus, doch Peeta wehrt es so m�helos ab, dass es erb�rmlich wirkt. Wut steigt in mir auf. �Was geht es dich an, was er macht?�</p><p>�Das geht mich sogar sehr viel an. Ganz gleich, wie es ausgeht, zwei von uns m�ssen in die Arena und der Dritte wird Mentor sein. Wir k�nnen uns in diesem Team keine S�ufer leisten. Dich schon gar nicht, Katniss�, sagt Peeta zu mir.</p><p>�Was?�, sto�e ich emp�rt hervor. Es w�rde �berzeugender klingen, wenn ich nicht immer noch so verkatert w�re. �Gestern Nacht war ich zum ersten Mal in meinem Leben betrunken.�</p><p>�Ja, und schau dir an, in was f�r einem Zustand du bist�, sagt Peeta.</p><p>Ich wei� nicht, was ich von meiner ersten Begegnung mit Peeta nach der Verk�ndung erwartet hatte. Ein paar Umarmungen und K�sse. Vielleicht ein wenig Trost. Nicht das hier. Ich wende mich an Haymitch. �Keine Angst, ich besorg dir schon was zu trinken.�</p><p>�Dann zeige ich euch beide an und ihr k�nnt am Pranger ausn�chtern�, sagt Peeta.</p><p>�Was soll das?�, fragt Haymitch.</p><p>�Zwei von uns werden aus dem Kapitol zur�ckkommen. Ein Mentor und ein Sieger�, sagt Peeta. �Effie schickt mir Aufnahmen aller lebenden Sieger. Wir werden uns ihre Spiele anschauen und alles Menschenm�gliche dar�ber lernen, wie sie k�mpfen. Wir werden an Gewicht zulegen und stark werden. Wir werden uns auff�hren wie die Karrieros. Und einer von uns wird wieder gewinnen, ob es euch beiden passt oder nicht!� Er saust aus dem Zimmer und knallt die Haust�r hinter sich zu.</p><p>Haymitch und ich zucken zusammen.</p><p>�Ich kann selbstgerechte Menschen nicht leiden�, sage ich.</p><p>�Wer redet hier von leiden k�nnen?�, sagt Haymitch und saugt den letzten Rest aus den leeren Flaschen.</p><p>�Wenn es nach ihm geht, sollen wir beide nach Hause zur�ckkehren, du und ich�, sage ich.</p><p>�Tja, dann ist er der Gelackmeierte�, sagt Haymitch.</p><p>Doch nach ein paar Tagen erkl�ren wir uns einverstanden, die Karrieros zu spielen, denn das ist die beste Methode, auch Peeta einzustimmen. Jeden Abend schauen wir uns die alten Zusammenfassungen der vergangenen Spiele und ihre Sieger an. Mir wird bewusst, dass wir auf der Tour der Sieger keinen von ihnen kennengelernt haben, was mir im Nachhinein merkw�rdig vorkommt. Als ich das erw�hne, sagt Haymitch, Pr�sident Snow wollte auf keinen Fall zeigen, wie Peeta und ich - vor allem ich - uns mit anderen Siegern in m�glicherweise aufst�ndischen Distrikten verb�nden. Sieger haben einen besonderen Status, und wenn sie meinen offenen Ungehorsam gegen das Kapitol unterst�tzt h�tten, w�re das politisch gef�hrlich gewesen. Mir wird bewusst, dass einige unserer Gegner schon betagt sein k�nnten, was einerseits traurig ist, andererseits beruhigend. Peeta macht ausgiebig Notizen, Haymitch liefert Informationen �ber die Pers�nlichkeit der Sieger, und langsam lernen wir die Konkurrenz kennen.</p><p>Jeden Morgen machen wir �bungen, um unsere K�rper zu trainieren. Wir laufen, heben Gewichte und dehnen unsere Muskeln. Nachmittags �ben wir uns in Kampftechniken, im Messerwerfen und Ringen; ich bringe ihnen sogar bei, auf B�ume zu klettern. Offiziell sollen die Tribute nicht trainieren, aber niemand versucht uns davon abzuhalten. Selbst in den gew�hnlichen Jahren zeigt sich, dass die Tribute aus den Distrikten 1, 2 und 4 mit dem Speer und mit dem Schwert umgehen k�nnen. Dagegen ist das hier gar nichts.</p><p>Nach so vielen Jahren des schlechten Lebenswandels will Haymitchs K�rper sich nicht erholen. Er hat immer noch erstaunliche Kr�fte, aber wenn er nur ein kleines bisschen l�uft, ger�t er gleich au�er Atem. Und man sollte doch meinen, dass jemand, der jede Nacht mit einem Messer schl�ft, in der Lage sein sollte, eine Hauswand damit zu treffen, aber seine H�nde zittern so schlimm, dass es Wochen dauert, bis er wenigstens das zustande bringt.</p><p>Peeta und mir dagegen bekommt der neue Tagesablauf sehr gut. So habe ich etwas zu tun. So haben wir alle etwas zu tun, etwas anderes, als uns geschlagen zu geben. Meine Mutter stellt unsere Ern�hrung um, damit wir zunehmen. Prim behandelt unsere geschundenen Muskeln. Madge stibitzt f�r uns die Zeitungen, die das Kapitol ihrem Vater schickt. Bei den Prognosen, wer der Sieger der Sieger wird, geh�ren wir zu den Favoriten. Selbst Gale taucht sonntags auf, obwohl er weder Peeta noch Haymitch ins Herz geschlossen hat, und zeigt uns alles, was er �ber das Fallenstellen wei�. F�r mich ist es merkw�rdig, mit Peeta und Gale gleichzeitig zu reden, aber die beiden scheinen ihre Konkurrenz um mich beiseitelassen zu k�nnen.</p><p>Eines Abends, als ich Gale zur�ck in die Stadt begleite, gibt er sogar zu: �Zu dumm, dass es so schwer ist, ihn zu hassen.�</p><p>�Wem sagst du das�, antworte ich. �Wenn ich ihn in der Arena einfach h�tte hassen k�nnen, h�tten wir jetzt nicht so ein Chaos. Dann w�re er tot und ich eine gl�ckliche kleine Siegerin, ganz allein.�</p><p>�Und wo w�ren wir dann, Katniss?�, fragt Gale.</p><p>Ich z�gere, ich wei� nicht, was ich sagen soll. Ja, wo w�re ich mit meinem angeblichen Cousin, der nicht mein Cousin w�re, wenn es Peeta nicht g�be? H�tte er mich trotzdem gek�sst und h�tte ich seinen Kuss erwidert, wenn ich frei gewesen w�re? H�tte ich mich ihm ge�ffnet, wenn ich mich durch Geld und Lebensmittel in Sicherheit gewiegt h�tte, wenn ich an die Illusion von Unverwundbarkeit geglaubt h�tte, wie man es als Sieger unter anderen Umst�nden tun k�nnte? Doch auch dann h�tte die Ernte �ber uns, �ber unseren Kindern gelauert. Ganz gleich, was ich gewollt h�tte �</p><p>�Auf der Jagd. Wie jeden Sonntag�, sage ich. Ich wei�, dass er die Frage nicht w�rtlich gemeint hat, aber mehr als das kann ich nicht sagen, wenn ich ehrlich sein will. Gale wei�, dass ich ihn Peeta vorgezogen habe, als ich nicht weggelaufen bin. Ich sehe keinen Sinn darin, �ber das zu reden, was h�tte sein k�nnen. Selbst wenn ich Peeta in der Arena get�tet h�tte, w�rde ich niemanden heiraten wollen. Ich habe mich nur verlobt, um Leben zu retten, und das ist nach hinten losgegangen.</p><p>Auf jeden Fall habe ich Angst, dass ein Gef�hlsausbruch Gale zu einer drastischen Handlung treiben k�nnte. Dass er zum Beispiel einen Aufstand in den Minen anzetteln k�nnte. Denn, wie Haymitch sagt, daf�r ist Distrikt 12 noch nicht bereit. Wom�glich sogar noch weniger als vor der Verk�ndung des Jubel-Jubil�ums, denn am Morgen darauf sind weitere hundert Friedensw�chter mit dem Zug angekommen.</p><p>Da ich nicht vorhabe, ein zweites Mal lebend aus der Arena herauszukommen, ist es gut, wenn Gale mich so bald wie m�glich losl�sst. Nach der Ernte m�chte ich ihm ein, zwei Sachen sagen, wenn sie uns eine Stunde zum Abschiednehmen gew�hren. Er soll wissen, wie wichtig er all die Jahre f�r mich war. Wie viel besser mein Leben war, weil ich ihn gekannt habe. Und ihn geliebt habe, wenn auch nur auf die eingeschr�nkte Art, zu der ich f�hig bin.</p><p>Aber dazu soll ich keine Gelegenheit bekommen.</p><p>Am Tag der Ernte ist es hei� und schw�l. Schwitzend und schweigend warten die Bewohner von Distrikt 12 auf dem Platz, w�hrend Maschinengewehre auf sie gerichtet sind. Ich stehe allein in einer kleinen abgesperrten Ecke, Peeta und Haymitch neben mir, auch sie eingepfercht. Die Ernte dauert nur eine Minute. Effie mit einer metallic gl�nzenden Goldper�cke l�sst den �blichen Schwung vermissen. Sie muss die Loskugel der M�dchen eine ganze Weile herumdrehen, ehe sie den einzigen Zettel herauszieht, auf dem, wie alle wissen, mein Name steht. Dann erwischt sie Haymitchs Namen. Er hat kaum Zeit, mir einen ungl�cklichen Blick zuzuwerfen, da hat Peeta sich schon freiwillig gemeldet.</p><p>Wir werden sofort ins Justizgeb�ude gef�hrt, wo der Oberste Friedensw�chter Thread auf uns wartet. �Neues Verfahren�, sagt er mit einem L�cheln. Wir werden zur Hintert�r hinausgebracht und dann mit einem Wagen zum Bahnhof gefahren. Keine Kameras auf dem Bahnsteig, keine Zuschauer, die uns verabschieden. Haymitch und Effie tauchen auf, begleitet von Wachen. Friedensw�chter scheuchen uns alle in den Zug und knallen die T�ren zu. Die R�der setzen sich in Bewegung.</p><p>Und mir bleibt nichts anderes �brig, als aus dem Fenster zu starren, w�hrend Distrikt 12 aus meiner Sicht verschwindet und der Abschied auf meinen Lippen h�ngen bleib</p><p><emphasis><strong>14</strong></emphasis></p><p>Ich bleibe noch lange am Fenster stehen, auch als sich schon l�ngst der Wald zwischen mich und meine Heimat geschoben hat. Diesmal habe ich nicht die geringste Hoffnung auf R�ckkehr. Damals, vor meinen ersten Spielen, hatte ich Prim versprochen, dass ich alles tun w�rde, um zu gewinnen, aber nun habe ich mir selbst geschworen, alles zu tun, damit Peeta am Leben bleibt. Diesmal wird es kein Zur�ck geben.</p><p>Ich hatte mir sogar schon letzte Worte an meine Angeh�rigen zurechtgelegt. Hatte mir �berlegt, wie ich die T�ren am besten verschlie�en und meine Lieben voller Trauer, aber in Sicherheit h�tte zur�cklassen k�nnen. Doch auch das hat das Kapitol mir gestohlen.</p><p>�Wir schreiben ihnen, Katniss�, sagt Peeta hinter mir. �Das ist bestimmt sowieso besser. Dann haben sie etwas von uns, woran sie sich festhalten k�nnen. Haymitch wird die Briefe f�r uns �berbringen, falls � sie �berbracht werden m�ssen.�</p><p>Ich nicke. Dann gehe ich auf direktem Weg in mein Abteil und setze mich aufs Bett. Ich wei�, dass ich diese Briefe nie schreiben werde. Wie die Rede, die ich niederzuschreiben versucht habe, um Rue und Thresh in Distrikt 11 zu ehren. In meinem Kopf und auch als ich zu der Menge sprach, war alles klar, aber aus dem Stift wollten die Worte einfach nicht herausflie�en. Abgesehen davon mussten diese Worte von Umarmungen und K�ssen begleitet werden, ich m�sste Prim dabei �bers Haar fahren, Gale �bers Gesicht streichen, Madge die Hand dr�cken. Unm�glich k�nnen sie zusammen mit einer Holzkiste �berbracht werden, in der mein erkalteter steifer K�rper liegt.</p><p>Ich bin zu traurig, um zu weinen. Ich will mich nur noch auf dem Bett zusammenkauern und schlafen, bis wir morgen fr�h das Kapitol erreichen. Aber ich habe eine Mission. Nein, mehr als eine Mission. Es ist mein Letzter Wille. <emphasis>Peeta retten. </emphasis>So unwahrscheinlich es angesichts der Wut des Kapitols auch scheinen mag, dass mir das gelingt, so wichtig ist es, dass ich alles gebe. Und das kann ich nur, wenn ich meinen Lieben zu Hause nicht l�nger nachtrauere. <emphasis>Lass sie los, </emphasis>sage ich mir. <emphasis>Sag Lebewohl und vergiss sie. </emphasis>Ich gebe mein Bestes, denke an jeden Einzelnen, entlasse sie wie V�gel aus den sch�tzenden K�figen in mir und verschlie�e die T�ren, damit sie nicht zur�ckk�nnen.</p><p>Als Effie anklopft und mich zum Abendessen ruft, f�hle ich mich leer. Aber diese Leichtigkeit kommt mir nicht ganz ungelegen.</p><p>Die Stimmung beim Essen ist gedr�ckt. So gedr�ckt, dass lange Zeit �berhaupt niemand etwas sagt und das Schweigen nur durch das Abr�umen des einen Gangs und das Auftragen des n�chsten unterbrochen wird. Eine kalte passierte Gem�sesuppe. Fischfrikadellen in Limonencreme. Diese H�hnchen in Orangen-Sahne-So�e, dazu Wildreis und Brunnenkresse. Schokoladenpudding, garniert mit Kirschen.</p><p>Ab und zu versuchen Peeta und Effie eine Unterhaltung in Gang zu bringen, die aber bald erstirbt.</p><p>�Ich finde deine neue Frisur toll�, sagt Peeta.</p><p>�Danke. Sie sollte extra zu Katniss� Brosche passen. Wenn wir noch ein goldenes Armkettchen f�r dich finden und f�r Haymitch vielleicht einen goldenen Armreif oder so was, dann sehen wir aus wie ein Team, dachte ich�, erkl�rt Effie.</p><p>Offenbar wei� sie nicht, dass meine Spottt�lpelbrosche inzwischen den Rebellen als Erkennungszeichen dient. Zumindest in Distrikt 8. Im Kapitol ist der Spottt�lpel immer noch eine nette Erinnerung an eine besonders aufregende Ausgabe der Hungerspiele. Was auch sonst? Echte Rebellen tragen ihre geheimen Erkennungszeichen doch nicht auf etwas so Best�ndigem wie einem Schmuckst�ck. Sie pr�gen sie in ein St�ck Brot, das notfalls binnen einer Sekunde aufgegessen werden kann.</p><p>�Ich halte das f�r eine gro�artige Idee�, sagt Peeta. �Was meinst du, Haymitch?�</p><p>�Von mir aus�, sagt Haymitch. Er verkneift sich das Trinken, aber ich wei�, dass er es nur zu gern t�te. Als Effie bemerkt, wie viel Kraft es ihn kostet, hat sie auch ihr eigenes Glas Wein abr�umen lassen, aber Haymitch geht trotzdem auf dem Zahnfleisch. W�re er selbst der Tribut, dann w�re er Peeta nichts schuldig und k�nnte sich nach Herzenslust betrinken. So jedoch muss er alles daransetzen, dass Peeta in einer Arena �berlebt, in der es von alten Freunden wimmelt, und wahrscheinlich wird er scheitern.</p><p>�Vielleicht k�nnen wir f�r dich ja auch eine Per�cke bekommen?�, sage ich und bem�he mich, ungezwungen zu klingen. Haymitch schleudert mir nur einen Blick zu, der besagt, dass ich ihn in Ruhe lassen soll, und wir essen schweigend unseren Pudding auf.</p><p>�Wollen wir uns jetzt die Zusammenfassung der Ernten anschauen?�, fragt Effie in die Runde, w�hrend sie sich mit einer wei�en Leinenserviette die Mundwinkel abtupft.</p><p>Peeta geht hinaus, um seine Notizen �ber die noch lebenden Sieger zu holen, und wir versammeln uns in dem Abteil mit dem Fernseher, um zu sehen, mit wem wir es in der Arena zu tun bekommen. Die Hymne erklingt und die allj�hrliche Zusammenfassung der Erntezeremonien in den zw�lf Distrikten beginnt.</p><p>Die Geschichte der Spiele weist f�nfundsiebzig Sieger aus. Neunundf�nfzig von ihnen sind noch am Leben. Ich erkenne viele der Gesichter wieder, entweder weil ich sie bei fr�heren Spielen als Tribute oder Mentoren gesehen habe, oder von den Siegervideos, die wir uns vor Kurzem angeschaut haben. Manche Sieger sind so alt oder von Krankheit, Drogen und Alkohol derart gezeichnet, dass ich sie nicht einordnen kann. Wie zu erwarten, stellen die Karrieretribute aus den Distrikten 1, 2 und 4 die st�rkste Gruppe. Doch immerhin kann jeder Distrikt einen weiblichen und einen m�nnlichen Sieger vorweisen.</p><p>Die Ernten sind rasch vorbei. Peeta macht in seinem Notizblock hinter die Namen der Ausgelosten eifrig Sternchen. Haymitch schaut mit ausdruckslosem Gesicht zu, wie seine Freunde hervortreten und auf die B�hne steigen. Effie gibt leise, bek�mmerte Kommentare von sich wie �Oh nein, nicht Cecelia� oder �Na, Chaff hat ja noch nie einen Kampf ausgelassen� und seufzt h�ufig auf.</p><p>Ich f�r meinen Teil versuche mir die anderen Tribute, so gut es geht, einzupr�gen, aber wie letztes Jahr bleiben nur ein paar Gesichter h�ngen. Aus Distrikt 1 kommt das Geschwisterpaar, klassische Sch�nheiten, sie gewannen die Spiele in zwei aufeinanderfolgenden Jahren, als ich noch klein war. Brutus, ein Freiwilliger aus Distrikt 2, der mindestens vierzig sein muss und es augenscheinlich gar nicht erwarten kann, wieder in die Arena zu kommen. Finnick, der h�bsche Junge aus Distrikt 4 mit dem bronzefarbenen Haar, der vor zehn Jahren im Alter von 14 zum Sieger gekr�nt wurde. Ebenfalls in Distrikt 4 wird eine hysterische junge Frau mit wallendem braunen Haar ausgelost, jedoch rasch durch eine Freiwillige ersetzt, eine etwa Achtzigj�hrige, die einen Gehstock braucht, um zur B�hne zu kommen. Dann ist da noch Johanna Mason, die einzige �berlebende Siegerin aus Distrikt 7, die vor einigen Jahren gewann, indem sie so tat, als k�nnte sie keiner Fliege etwas zuleide tun. Die Frau aus Distrikt 8, die Effie Cecelia nennt, sieht aus wie drei�ig und muss sich von drei Kindern l�sen, die sich an sie klammern. Chaff, ein Mann aus Distrikt 11, von dem ich wei�, dass er zu Haymitchs engen Freunden geh�rt, ist auch dabei.</p><p>Ich werde aufgerufen, dann Haymitch. Und Peeta meldet sich freiwillig. Die Sprecherin bekommt eine weinerliche Stimme, weil die Chancen mal wieder schlecht stehen f�r uns, das tragische Liebespaar aus Distrikt 12. Dann rei�t sie sich zusammen und verk�ndet allen, sie gehe jede Wette ein, dies w�rden �die besten Spiele aller Zeiten!�.</p><p>Wortlos verl�sst Haymitch das Abteil. Effie macht noch ein paar zusammenhanglose Kommentare �ber diesen und jenen Tribut und sagt dann Gute Nacht. Ich sitze nur da und sehe Peeta zu, wie er die Seiten der Sieger herausrei�t, die nicht ausgelost wurden.</p><p>�Warum legst du dich nicht ein bisschen hin?�, fragt er.</p><p><emphasis>Weil ich mit den Albtr�umen nicht fertigwerde. Nicht ohne dich, </emphasis>denke ich. Und heute Nacht werde ich mit Sicherheit entsetzliche Albtr�ume haben. Aber ich kann Peeta schlecht fragen, ob er bei mir schl�ft. Wir haben uns kaum ber�hrt seit dem Abend, an dem Gale ausgepeitscht wurde. �Was hast du vor?�, frage ich.</p><p>�Ich will meine Notizen noch mal durchgehen. Mir ein genaues Bild machen, mit wem wir es zu tun bekommen. Morgen fr�h k�nnen wir das Ganze besprechen. Geh schlafen, Katniss�, sagt er.</p><p>Also gehe ich schlafen und wache nat�rlich nach wenigen Stunden aus einem Albtraum auf, in dem die alte Frau aus Distrikt 4 sich in ein gro�es Nagetier verwandelt und an meinem Gesicht knabbert. Ich muss geschrien haben, aber niemand kommt. Nicht Peeta, nicht mal einer von den Dienern des Kapitols. Um die G�nsehaut, die �ber meinen K�rper kriecht, zu vertreiben, ziehe ich einen Bademantel �ber. Ich kann unm�glich in meinem Abteil bleiben, deshalb beschlie�e ich, jemanden aufzutreiben, der mir einen Tee oder Kakao oder sonst was macht. Vielleicht ist Haymitch ja noch wach. Er schl�ft bestimmt nicht.</p><p>Bei einem Diener bestelle ich eine warme Milch, das Beruhigendste, was mir einf�llt. Ich h�re Ger�usche aus dem Fernsehabteil, gehe hinein, und da ist Peeta. Neben ihm auf dem Sofa steht die Kiste voller Videos mit Aufzeichnungen fr�herer Hungerspiele, die Effie zusammengestellt hat. Ich erkenne die Folge, als Brutus Sieger wurde.</p><p>Als Peeta mich sieht, steht er auf und holt das Band heraus. �Konntest du nicht schlafen?�</p><p>�Nicht sehr lange�, sage ich. Ich muss wieder an die alte Frau denken, die sich in ein Nagetier verwandelt hat, und ziehe den Bademantel fester um mich.</p><p>�M�chtest du dar�ber reden?�, fragt er. Manchmal hilft das, aber ich sch�ttele nur den Kopf und f�hle mich schwach, weil ich schon jetzt von Leuten heimgesucht werde, mit denen ich noch gar nicht gek�mpft habe.</p><p>Als Peeta die Arme ausstreckt, lasse ich mich sofort hineinfallen. Es ist das erste Mal seit der Verk�ndung des Jubel-Jubil�ums, dass er mir irgendeine Art von Zuwendung gew�hrt. Bisher war er eher ein sehr strenger Trainer gewesen, der Haymitch und mich st�ndig angetrieben und gefordert hat, damit wir schneller rennen, mehr essen, Details �ber unseren Feind erfahren. Keine Spur mehr vom einstigen Geliebten. Er tat nicht einmal mehr so, als w�re er mein Freund. Schnell schlinge ich die Arme fest um seinen Hals, bevor er mir befehlen kann, Liegest�tze zu machen oder so. Er zieht mich an sich und vergr�bt sein Gesicht in meinem Haar. Von dort, wo seine Lippen meinen Hals ber�hren, breitet sich langsam W�rme in mir aus. Es f�hlt sich so gut an, so unfassbar gut, dass ich wei�, ich werde mich bestimmt nicht als Erste aus der Umarmung l�sen.</p><p>Warum auch? Ich habe Gale Lebewohl gesagt. Ich werde ihn nie wiedersehen, das ist ganz sicher. Was ich auch tue, ihn kann es nicht mehr verletzen. Er wird es nicht sehen, oder er wird denken, ich schauspielere f�r die Kameras. Immerhin eine Last weniger auf meinen Schultern.</p><p>Der Diener kommt herein und wir l�sen uns voneinander. Er stellt ein Tablett mit einem dampfenden Keramikkrug warmer Milch und zwei gro�e Tassen auf den Tisch. �Ich hab noch eine Tasse mitgebracht�, sagt er.</p><p>�Danke�, antworte ich.</p><p>�Ich habe Honig in die Milch getan, zum S��en. Und etwas Gew�rz �� Er sieht uns an, als wollte er noch etwas sagen, dann sch�ttelt er nur leise den Kopf und verl�sst den Raum.</p><p>�Was ist denn mit dem los?�, frage ich.</p><p>�Wahrscheinlich tun wir ihm leid�, meint Peeta.</p><p>�Ganz bestimmt�, sage ich und gie�e die Milch ein.</p><p>�Das meine ich ernst. Im Kapitol sind bestimmt nicht alle froh dar�ber, dass wir noch mal in die Arena m�ssen�, sagt Peeta. �Oder die anderen. Sie haben ihre Sieger lieb gewonnen.�</p><p>�Sch�tze, sie werden dr�ber wegkommen, wenn erst mal Blut flie�t�, halte ich dagegen. Wenn ich f�r eins nun wirklich keine Zeit habe, dann, dar�ber nachzudenken, wie sich das Jubel-Jubil�um auf die Stimmung im Kapitol auswirkt. �Und, schaust du dir alle B�nder noch mal an?�</p><p>�Nein. Ich will nur herausfinden, welche Kampftechnik die Leute so draufhaben�, sagt Peeta.</p><p>�Welches kommt als N�chstes?�, frage ich.</p><p>�Nimm irgendeins�, sagt Peeta und h�lt mir die Kiste hin.</p><p>Auf den B�ndern stehen das Jahr der Spiele und der Name des Siegers. Ich krame ein bisschen und halte pl�tzlich ein Band in der Hand, das wir noch nicht angeschaut haben. Nummer f�nfzig. Das Jahr des zweiten Jubel-Jubil�ums. Und der Name des Siegers lautet: Haymitch Abernathy.</p><p>�Das haben wir noch nicht gesehen�, sage ich.</p><p>Peeta sch�ttelt den Kopf. �Nein. Haymitch w�rde es auch nicht wollen, das wusste ich. Wir w�rden ja auch nicht gern unsere Spiele noch mal durchleben m�ssen. Und da wir im gleichen Team sind, dachte ich nicht, dass es wichtig w�re.�</p><p>�Ist der, der die f�nfundzwanzigste Ausgabe gewonnen hat, dabei?�, frage ich.</p><p>�Ich glaube nicht. Wer immer das war, er muss inzwischen gestorben sein, denn Effie hat mir nur die B�nder der Sieger geschickt, mit denen wir es m�glicherweise zu tun bekommen.� Peeta wiegt Haymitchs Band in der Hand. �Wieso? Meinst du, wir sollten es uns anschauen?�</p><p>�Es ist das einzige Jubel-Jubil�um, das wir haben. Vielleicht erfahren wir etwas Brauchbares dar�ber, was die da so machen�, sage ich. Aber mir ist nicht wohl dabei. Es kommt mir vor wie ein schwerwiegender Eingriff in Haymitchs Privatsph�re. Ich wei� zwar nicht, wieso, das Ganze war schlie�lich �ffentlich, aber trotzdem. Gleichzeitig bin ich wahnsinnig neugierig. �Wir m�ssen Haymitch ja nicht erz�hlen, dass wir es uns angeschaut haben.�</p><p>�Okay�, stimmt Peeta zu. Er legt das Band ein, und ich kauere mich mit meiner ges��ten und gew�rzten Milch, die wirklich k�stlich ist, neben ihn und versinke in den f�nfzigsten Hungerspielen. Nach der Hymne sieht man Pr�sident Snow, der den Umschlag f�r das zweite Jubel-Jubil�um zieht. Er sieht j�nger aus, aber genauso absto�end. Mit der gleichen Grabesstimme wie bei uns liest er von seinem Blatt ab und teilt Panem mit, dass zu Ehren des Jubel-Jubil�ums doppelt so viele Tribute teilnehmen werden wie sonst. Schnitt auf die Ernten, wo Name auf Name aufgerufen wird.</p><p>Als wir zu Distrikt 12 kommen, bin ich schon �berw�ltigt von der Anzahl der Kinder, die dem sicheren Tod entgegengehen. Eine Frau, allerdings nicht Effie, ruft die Namen von Distrikt 12 auf, und auch sie sagt: �Ladies first!� Sie ruft den Namen eines M�dchens auf - man sieht ihm an, das es aus dem Saum stammt -, und dann h�re ich den Namen: �Maysilee Donner.�</p><p>�Oh!�, sage ich. �Das war eine Freundin meiner Mutter.� Die Kamera macht sie in der Menge ausfindig, w�hrend sie zwei M�dchen umarmt. Alle blond. Und eindeutig Kaufmannst�chter.</p><p>�Das ist doch deine Mutter, die sie da umarmt�, sagt Peeta leise. Er hat recht. Als Maysilee Donner sich tapfer l�st und zur B�hne geht, erhasche ich einen Blick auf meine Mutter, die damals so alt war wie ich heute. Was ihre Sch�nheit angeht, hat man nicht �bertrieben. Ein zweites M�dchen, das Maysilee sehr �hnlich sieht, h�lt ihre Hand und weint. Aber dieses M�dchen sieht noch jemandem �hnlich, den ich kenne.</p><p>�Madge�, sage ich.</p><p>�Ihre Mutter. Sie und Maysilee waren Zwillinge oder so�, sagt Peeta. �Das hat mein Dad mal erz�hlt.�</p><p>Ich denke an Madges Mutter. Die Frau von B�rgermeister Undersee. Die die H�lfte der Zeit von unertr�glichen Schmerzen ans Bett gefesselt ist und die Welt ausblendet. Mir ist nie bewusst gewesen, dass es diese Verbindung zwischen ihr und meiner Mutter gibt. Ich denke daran zur�ck, wie Madge in dem Schneesturm aufgetaucht ist, um das Schmerzmittel f�r Gale zu bringen. Denke an meine Spottt�lpelbrosche und daran, dass sie eine andere Bedeutung hat, seit ich wei�, dass Madges Tante, Maysilee Donner, sie einst getragen hat - ein Tribut, der in der Arena ermordet wurde.</p><p>Als Letzter wird Haymitch aufgerufen. Ihn zu sehen, schockiert mich noch mehr als der Anblick meiner Mutter eben.</p><p>Jung. Stark. Es f�llt mir schwer, es zuzugeben, aber er sieht echt toll aus. Dunkle Locken, die grauen Augen klar und schon damals gef�hrlich.</p><p>�Mensch, Peeta, er wird doch nicht Maysilee get�tet haben, oder?�, bricht es aus mir heraus. Ich wei� nicht, warum, aber die Vorstellung ist mir unertr�glich.</p><p>�Bei achtundvierzig Spielern? Nicht sehr wahrscheinlich, w�rde ich behaupten�, sagt Peeta.</p><p>Die Wagenparade - bei der die Kinder aus Distrikt 12 in grauenhaften Bergarbeiteroutfits stecken - und die Interviews rauschen vorbei. Man hat kaum Zeit, sich auf einen zu konzentrieren. Aber weil Haymitch der sp�tere Sieger ist, wird ein Wortwechsel zwischen ihm und Caesar Flickerman gezeigt, der in seinem nachtblauen Glitzeranzug exakt so aussieht wie immer. Nur die dunkelgr�n gef�rbten Haare, Lider und Lippen sind anders.</p><p>�Also, Haymitch, was h�ltst du davon, dass bei diesen Spielen hundert Prozent mehr Mitstreiter dabei sind als sonst?�, fragt Caesar.</p><p>Haymitch zuckt die Achseln. �Ich sehe da keinen gro�en Unterschied. Sie werden hundert Prozent so dumm sein wie sonst auch und deshalb sch�tze ich meine Chancen eigentlich gleich ein.�</p><p>Die Zuschauer lachen, Haymitch schenkt ihnen ein halbes L�cheln. H�hnisch. Arrogant. Gleichg�ltig.</p><p>�Daf�r hat er sich nicht sonderlich verstellen m�ssen, oder?�, sage ich.</p><p>Schnitt auf den Morgen, an dem die Spiele beginnen. Wir erleben aus der Perspektive einer Spielerin mit, wie sie vom Startr�um durch den Zylinder in die Arena hinauff�hrt. Ich schnappe nach Luft. Unglauben zeichnet sich auf den Gesichtern der Spieler ab. Sogar Haymitch hebt erfreut die Augenbrauen, zieht sie dann aber sofort wieder zu einer finsteren Miene zusammen.</p><p>Die Szenerie ist atemberaubend. Das goldene F�llhorn thront mitten auf einer gr�nen Wiese mit lauter pr�chtigen Blumen. Der Himmel ist azurblau mit bauschigen wei�en Wolken. Singv�gel flattern fr�hlich �ber den K�pfen der Tribute, von denen einige schnuppernd die Nase recken. Der Duft muss fantastisch sein. Eine Luftaufnahme zeigt, dass die Wiese sich �ber viele Kilometer erstreckt. In der Ferne liegt in der einen Richtung ein Wald, in der anderen ein schneebedeckter Berg.</p><p>Die Spieler lassen sich von der Sch�nheit des Anblicks verzaubern, und als der Gong ert�nt, sehen die meisten aus, als w�rden sie aus einem Traum erwachen. Nicht so Haymitch. Im Nu ist er beim F�llhorn, hat sich Waffen und einen Rucksack mit Vorr�ten gesichert. Ehe die anderen auch nur die Metallscheibe verlassen haben, ist er schon auf dem Weg in den Wald.</p><p>Achtzehn Tribute werden beim Gemetzel des ersten Tages get�tet. Die anderen sterben wie die Fliegen, denn rasch zeigt sich, dass fast alles an diesem bezaubernden Ort - die k�stlichen Fr�chte, die an den Str�uchern baumeln, das Wasser in den kristallklaren B�chen, sogar der Duft der Blumen, wenn man ihn von Nahem einatmet - t�dlich giftig ist. Nur das Regenwasser und die Nahrungsmittel aus dem F�llhorn lassen sich gefahrlos konsumieren. Es gibt auch eine gro�e, gut ausger�stete Karrierotruppe aus zehn Tributen, die auf der Suche nach Opfern die Bergregion durchstreift.</p><p>Haymitch in seinem Wald kommt ganz sch�n in Bedr�ngnis, weil die flauschigen goldenen Eichh�rnchen sich als rudelweise attackierende Fleischfresser herausstellen und die Stiche der Schmetterlinge H�llenqualen hervorrufen - wenn sie nicht sogar t�dlich sind. Aber er k�mpft sich immer weiter vorw�rts, weg von dem fernen Berg hinter ihm.</p><p>Maysilee Donner erweist sich als ganz sch�n erfinderisch f�r ein M�dchen, das am F�llhorn lediglich einen kleinen Rucksack ergattert hat. Darin findet sie eine Schale, etwas getrocknetes Rindfleisch und ein Blasrohr mit zwei Dutzend Pfeilen. Sie nutzt die �ppig vorhandenen Gifte und verwandelt das Blasrohr in eine t�dliche Waffe, taucht die Pfeile in hochgiftige Substanzen und schie�t sie ins Fleisch ihrer Gegner.</p><p>Nach vier Tagen bricht der malerische Berg aus und eliminiert ein weiteres Dutzend Spieler, darunter die H�lfte aller Karrieretribute. Da der Berg fl�ssiges Feuer spuckt und die Wiese keinerlei Versteck bietet, haben die verbliebenen dreizehn Tribute - einschlie�lich Haymitch und Maysilee - keine andere Wahl: Sie m�ssen in den Wald.</p><p>Haymitch scheint entschlossen, immer der gleichen Richtung zu folgen, fort von dem Berg, der zum Vulkan geworden ist, doch ein Labyrinth aus dichten Hecken zwingt ihn in einem Bogen zur�ck in die Mitte des Waldes, wo er auf drei der Karrieretribute trifft. Haymitch z�ckt sein Messer. Sie sind vielleicht gr��er und st�rker, aber er ist sehr schnell und hat bereits zwei get�tet, als er vom dritten �berw�ltigt wird. Der Karriero will ihm gerade die Kehle aufschlitzen, da streckt ihn ein Pfeil zu Boden.</p><p>Maysilee Donner tritt zwischen den B�umen hervor. �Zu zweit w�rden wir l�nger leben.�</p><p>�Sch�tze, das hast du soeben bewiesen�, sagt Haymitch und reibt sich den Hals. �Verb�ndete?� Maysilee nickt. Und mir nichts, dir nichts haben sie pl�tzlich eins dieser B�ndnisse geschlossen, die man irgendwann notgedrungen brechen muss, wenn man jemals zur�ck nach Hause und seinen Distrikt wiedersehen will.</p><p>Wie Peeta und ich sind sie zu zweit besser dran. Sie schlafen mehr, denken sich gemeinsam eine Methode aus, wie sie mehr Regenwasser gewinnen k�nnen, k�mpfen im Team und teilen das Essen aus den Rucks�cken der toten Tribute. Trotzdem, Haymitch ist immer noch entschlossen, weiterzumarschieren.</p><p>�Warum?�, fragt Maysilee immer wieder, doch er ignoriert sie, bis sie sich schlie�lich weigert, auch nur noch einen Schritt zu machen, solange sie keine Antwort bekommt.</p><p>�Weil es doch irgendwo ein Ende geben muss, oder?�, sagt Haymitch. �Die Arena kann nicht unendlich sein.�</p><p>�Und was, glaubst du, wirst du dort finden?�, fragt Maysilee.</p><p>�Ich wei� nicht. Aber vielleicht ist da etwas, das wir gebrauchen k�nnen�, antwortet er.</p><p>Als sie mithilfe eines Schneidbrenners, den sie aus dem Rucksack eines der toten Karrieros haben, endlich die schier un�berwindliche Hecke hinter sich gebracht haben, treten sie auf eine ausgetrocknete Ebene hinaus, die an einer Klippe endet. Weit unten sind zerkl�ftete Felsen zu erkennen.</p><p>�Das ist alles, Haymitch. Lass uns umkehren�, sagt Maysilee.</p><p>�Nein, ich bleibe hier�, erwidert er.</p><p>�Gut. Nur noch f�nf von uns sind �brig. Dann k�nnen wir auch jetzt und hier Lebewohl sagen�, sagt sie. �Ich m�chte nicht, dass am Ende blo� noch wir beide �brig sind.�</p><p>�Okay�, willigt er ein. Mehr nicht. Er h�lt ihr nicht die Hand hin oder sieht sie an. Und so geht sie fort.</p><p>Haymitch folgt dem Rand der Klippe, als gr�belte er �ber etwas. Unter seinem Fu� l�st sich ein kleiner Stein, der in den Abgrund f�llt, augenscheinlich f�r immer verschwunden. Aber eine Minute sp�ter, Haymitch hat sich inzwischen hingesetzt, um auszuruhen, wird der Stein pl�tzlich zur�ckgeschleudert und landet neben ihm. Verdutzt starrt Haymitch den Stein an, dann wird seine Miene seltsam angespannt. Er wirft einen faustgro�en Stein �ber die Klippe und wartet. Als auch dieser Stein zur�ckgeflogen kommt und wieder genau in seiner Hand landet, lacht er los.</p><p>In diesem Augenblick h�rt man Maysilee schreien. Das B�ndnis ist Vergangenheit, sie hat es gebrochen, deshalb k�nnte ihm niemand einen Vorwurf machen, wenn er sich nicht um sie k�mmern w�rde. Trotzdem rennt Haymitch los. Er kommt gerade noch rechtzeitig, um mit anzusehen, wie der letzte aus einer Schar bonbonrosafarbener V�gel mit seinem langen, d�nnen Schnabel ihren Hals durchbohrt. W�hrend sie stirbt, h�lt Haymitch ihre Hand, und ich muss die ganze Zeit an Rue denken und dass auch ich zu sp�t gekommen bin, um sie zu retten.</p><p>Sp�ter an diesem Tag wird noch ein Tribut im Kampf get�tet und ein dritter von einem Rudel dieser flauschigen Eichh�rnchen aufgefressen, sodass nur noch Haymitch und ein M�dchen aus Distrikt 1 um den Sieg wetteifern. Sie ist gr��er als Haymitch und genauso schnell, und als es zu dem unvermeidlichen Kampf kommt, ist er blutig und schrecklich, und beide haben bereits Verletzungen erlitten, die t�dlich sein k�nnten. Da steht Haymitch pl�tzlich ohne Waffe da. Er taumelt durch den sch�nen Wald, dr�ckt die Eingeweide zur�ck in den Bauch, w�hrend das M�dchen hinter ihm herstolpert, in der Hand die Axt, mit der sie ihm den Todessto� versetzen will. Auf k�rzestem Weg steuert Haymitch auf seine Klippe zu und ist eben an der Felskante angekommen, als das M�dchen die Axt schleudert. In diesem Augenblick l�sst Haymitch sich fallen und die Axt fliegt �ber ihn hinweg in den Abgrund. Jetzt, da sie ebenfalls unbewaffnet ist, steht das M�dchen nur da und versucht das Blut zu stillen, das aus ihrer leeren Augenh�hle rinnt. Vielleicht denkt sie, sie k�nne Haymitch, der sich auf dem Boden windet, �berleben. Aber im Gegensatz zu ihm kennt sie das Geheimnis des Abgrunds nicht, und als die Axt pl�tzlich wieder �ber die Kante geflogen kommt, gr�bt sie sich in den Sch�del des M�dchens. Die Kanone knallt, die Leiche wird fortgeschafft, die Fanfaren verk�nden Haymitchs Sieg.</p><p>Peeta schaltet das Band ab, wir bleiben eine Zeit lang schweigend sitzen.</p><p>Endlich sagt Peeta: �Dieses Kraftfeld unterhalb der Klippe erinnert mich an das Kraftfeld rings um das Dach des Trainingscenters. Das schleudert einen auch zur�ck, wenn man versucht, hinunterzuspringen und sich umzubringen. Haymitch hat einen Weg gefunden, es als Waffe einzusetzen.�</p><p>�Und nicht nur gegen die anderen Tribute, auch gegen das Kapitol�, sage ich. �Damit hatten sie bestimmt nicht gerechnet. Es war nicht als Teil der Arena gedacht. Sie haben nie geplant, dass irgendjemand das Kraftfeld als Waffe einsetzen sollte. Als Haymitch es dennoch schaffte, standen sie ganz sch�n dumm da. Es hat bestimmt eine Weile gedauert, bis sie sich eine passende Story dazu ausgedacht haben. Wahrscheinlich habe ich es deshalb auch nicht im Fernsehen gesehen. Das ist ja fast so schlimm wie wir mit den Beeren!�</p><p>Ich pruste los, zum ersten Mal seit Monaten kann ich richtig lachen. Peeta sch�ttelt nur den Kopf, als h�tte ich den Verstand verloren - vielleicht ist es auch ein bisschen so.</p><p>�Fast, aber nicht ganz�, sagt Haymitch hinter uns. Ich fahre herum und bef�rchte, er k�nne ver�rgert sein, weil wir sein Band angesehen haben, aber er grinst nur und nimmt einen tiefen Schluck aus einer Weinflasche. So viel zum Thema n�chtern bleiben. Wahrscheinlich m�sste ich jetzt w�tend sein, weil er wieder trinkt, doch mich besch�ftigt etwas anderes.</p><p>In den zur�ckliegenden Wochen habe ich mich nur darum gek�mmert zu erfahren, wer meine zuk�nftigen Konkurrenten sind, und keinen Gedanken daran verschwendet, wer meine Teamkameraden sind. Jetzt aber macht sich eine neue Art von Zuversicht in mir breit, weil ich glaube, dass ich endlich �ber Haymitch Bescheid wei�. Und ich wei� allm�hlich auch, wer ich bin. Und zwei Leute, die dem Kapitol so viel �rger eingebrockt haben, werden bestimmt einen Weg finden, Peeta lebend wieder nach Hause zu bringen.</p><p><emphasis><strong>15</strong></emphasis></p><p>Ich habe ja schon einige Vorbereitungssitzungen mit Flavius, Venia und Octavia hinter mir, weshalb das f�r mich eigentlich alles Routine sein m�sste, die ich nur irgendwie �berstehen muss. Aber die emotionale Tortur, die mich diesmal erwartet, habe ich nicht vorausgesehen. Mindestens zweimal im Verlauf der Vorbereitung bricht jeder von ihnen in Tr�nen aus und Octavia wimmert den ganzen Vormittag �ber vor sich hin. Offenbar haben sie mich tats�chlich ins Herz geschlossen, und die Vorstellung, dass ich noch einmal in die Arena zur�ckmuss, macht sie v�llig fertig. Dass sie zusammen mit mir auch die Zutrittsberechtigung zu all den gro�en gesellschaftlichen Anl�ssen - insbesondere meiner Hochzeit - verlieren werden, macht es vollends unertr�glich. Der Gedanke, f�r einen anderen stark zu sein, ist ihnen noch nie gekommen, und daher bin jetzt pl�tzlich ich es, die sie tr�sten muss. Das nervt ein bisschen, schlie�lich soll ich mich abschlachten lassen, nicht sie.</p><p>Aber es ist doch interessant, was Peeta �ber den Diener im Zug gesagt hat - er sei nicht gl�cklich dar�ber, dass die Sieger noch mal k�mpfen m�ssen. Und es gebe auch Leute im Kapitol, die das nicht gut f�nden. Meiner Meinung nach wird all das zwar vergessen sein, sobald der Gong ert�nt und die Spiele beginnen, aber dass die Leute im Kapitol �berhaupt etwas f�r uns empfinden, ist schon eine kleine Offenbarung. Mit anzusehen, wie Jahr f�r Jahr aufs Neue junge Menschen get�tet werden, bereitet ihnen anscheinend keinerlei Problem. Aber �ber die Sieger und besonders �ber die, die seit ewigen Zeiten Ber�hmtheiten sind, wissen sie vielleicht zu viel, um zu vergessen, dass wir auch Menschen sind. Pl�tzlich m�ssen sie selbst den eigenen Freunden beim Sterben zusehen. Als h�tten sich die Distrikte die Spiele ausgedacht!</p><p>Als Cinna sich blicken l�sst, bin ich vom vielen Tr�sten gereizt und ersch�pft, vor allem, weil das st�ndige Geheule mich an die Tr�nen erinnert, die zweifellos zu Hause um uns vergossen werden. Wie ich so in meinem d�nnen Gewand dastehe und auf der Haut und im Herzen die Stiche sp�re, wird mir bewusst, dass ich noch so einen mideidvollen Blick nicht ertrage. Deshalb blaffe ich Cinna, als er durch die T�r kommt, sofort an: �Wenn du jetzt auch noch weinst, bringe ich dich auf der Stelle um, das schw�re ich.�</p><p>Cinna l�chelt nur. �War�s feucht heute Vormittag, oder was?�</p><p>�Du k�nntest mich auswringen�, erwidere ich.</p><p>Cinna legt mir den Arm um die Schultern und f�hrt mich an den Mittagstisch. �Keine Bange. Ich lasse meine Gef�hle nur in meine Arbeit einflie�en. Auf diese Weise tue ich niemandem weh au�er mir selbst.�</p><p>�Ich steh das nicht noch mal durch�, warne ich ihn.</p><p>�Ich wei�. Ich werde mit ihnen reden�, sagt Cinna.</p><p>Das Mittagessen tut mir gut. Fasan in juwelenfarbenem Aspik, Miniaturausgaben echter Gem�se, in Butter geschwenkt, sowie Kartoffelbrei mit Petersilie. Zum Nachtisch tunken wir Obstst�cke in einen Topf mit fl�ssiger Schokolade. Ich l�ffele das Zeug pur in mich hinein, sodass Cinna einen zweiten Topf bestellen muss.</p><p>�Und was werden wir bei der Er�ffnungsfeier tragen?�, frage ich schlie�lich, w�hrend ich den zweiten Topf auskratze. �Stirnlampen oder Feuer?� Ich wei�, dass Peeta und ich w�hrend der Wagenparade irgendetwas an uns haben m�ssen, das mit Kohle zu tun hat.</p><p>�Etwas in der Art�, sagt Cinna.</p><p>Als es Zeit ist, die Kost�me f�r die Er�ffnungsfeier anzulegen, erscheint mein Vorbereitungsteam wieder, doch Cinna schickt sie fort mit der Bemerkung, sie h�tten ihren Job am Vormittag so fantastisch erledigt, dass nichts mehr zu tun sei. Dankbar ziehen sie sich zur�ck, um sich zu erholen, und �berlassen mich Cinnas H�nden. Als Erstes steckt er mein Haar in Z�pfen hoch, wie meine Mutter es gezeigt hat, dann widmet er sich meinem Make-up. Letztes Jahr hat er nur sehr wenig benutzt, damit das Publikum mich in der Arena wiedererkennt. Doch jetzt wirkt mein Gesicht mit den dramatischen Highlights und dunklen Schatten ganz fremd. Stark gew�lbte Augenbrauen, markante Wangenknochen, gl�hende Augen, tiefviolette Lippen. Mein Outfit macht auf den ersten Blick nicht viel her, ein ma�geschneiderter schwarzer Overall, der mich vom Hals abw�rts umschlie�t, mehr nicht. Cinna setzt mir eine halbe Krone auf den Kopf, die so aussieht wie die Krone, die ich als Siegerin aufgesetzt bekommen habe, nur dass diese hier nicht aus Gold ist, sondern aus schwerem schwarzem Metall. Dann dimmt er das Licht im Raum zu einem Halbdunkel und dr�ckt auf einen Knopf im Stoff unten am �rmel. Ich schaue nach unten und sehe fasziniert, wie mein Kost�m langsam zum Leben erwacht, ein sanftes goldenes Licht, das sich nach und nach in das Orangerot eines Kohlenfeuers verwandelt. Ich sehe aus, als w�re ich in gl�hende Kohle gekleidet - nein, ich <emphasis>bin </emphasis>ein St�ck gl�hende Kohle aus dem Kamin. Die Farben werden heller und dunkler, wechseln und verschmelzen, wie bei Kohle.</p><p>�Wie hast du das denn hingekriegt?�, frage ich staunend.</p><p>�Portia und ich haben viele Stunden ins Feuer geguckt�, sagt Cinna. �Jetzt kannst du dich anschauen.�</p><p>Er dreht mich zu einem Spiegel hin, damit ich die Wirkung im Ganzen erkennen kann. Was ich sehe, ist kein M�dchen und auch keine Frau, sondern eine �berirdische Erscheinung, die aussieht, als w�re sie in dem Vulkan zu Hause, der bei Haymitchs Jubil�umsspielen so viele Tribute vernichtet hat. Die schwarze Krone, die nun gl�hend rot ist, wirft seltsame Schatten auf mein dramatisch geschminktes Gesicht. Katniss, das M�dchen, das in Flammen stand, hat Feuerzungen, juwelenverzierte Umh�nge und sanfte Kerzenlichtkleider abgelegt. Sie ist so gef�hrlich wie das Feuer selbst.</p><p>�Ich glaube � genau das habe ich gebraucht, um den anderen gegen�berzutreten�, sage ich.</p><p>�Ja, ich finde, die Zeit der roten Lippenstifte und Haarb�nder liegt hinter dir�, sagt Cinna. Er ber�hrt den Knopf an meinem �rmel noch einmal und l�scht das Licht. �Damit die Batterie nicht zu sehr strapaziert wird. Wenn du diesmal auf dem Wagen stehst, dann kein Winken, kein L�cheln. Ich m�chte, dass du nur geradeaus schaust, als w�rdest du all die Zuschauer gar nicht wahrnehmen.�</p><p>�Endlich mal etwas, was ich gut kann�, sage ich.</p><p>Cinna muss sich noch um Verschiedenes k�mmern, deshalb beschlie�e ich, ins Erdgeschoss des Erneuerungsstudios hinunterzufahren, wo die Tribute und ihre Wagen in einer riesigen Halle daraufwarten, dass die Er�ffnungsfeier beginnt. Ich hatte gehofft, dort Peeta und Haymitch zu treffen, aber sie sind noch nicht da. Anders als letztes Jahr, als die Tribute praktisch an ihren Wagen klebten und keinen Kontakt suchten, geht es diesmal regelrecht gesellig zu. Die Sieger, also die Jubil�umstribute und ihre Mentoren, stehen in Gr�ppchen zusammen und unterhalten sich. Nat�rlich, sie kennen sich ja alle, nur ich kenne niemanden, aber ich bin sowieso nicht der Typ, der herumgeht und sich vorstellt. Deshalb t�tschele ich nur einem meiner Pferde den R�cken und versuche, nicht aufzufallen.</p><p>Klappt aber nicht.</p><p>Ich h�re ein krachendes Kauen, noch ehe ich merke, dass er neben mir steht: Ich drehe den Kopf und da sind die ber�hmten meergr�nen Augen von Finnick Odair nur wenige Zentimeter von meinen entfernt. Er wirft sich noch einen Zuckerw�rfel in den Mund und lehnt sich gegen mein Pferd.</p><p>�Hallo, Katniss�, sagt er, als w�rden wir uns seit Jahren kennen. Dabei sind wir uns noch nie begegnet.</p><p>�Hallo, Finnick�, sage ich beil�ufig, obwohl mir in seiner N�he unwohl ist, besonders weil er so viel nackte Haut zeigt.</p><p>�M�chtest du einen?�, fragt er und h�lt mir die Hand hin, auf der ein ganzer Berg Zuckerw�rfel liegt. �Sind eigentlich f�r die Pferde, aber was soll�s? Sie haben noch viele Jahre Zeit, Zucker zu essen, w�hrend du und ich � na, wir zwei sollten ja wohl besser zugreifen, wenn wir was S��es sehen.�</p><p>Finnick Odair ist eine Art lebende Legende in Panem. Mit vierzehn hat er die f�nfundsechzigsten Hungerspiele gewonnen, und deshalb ist er immer noch einer der j�ngsten Sieger �berhaupt. Er stammt aus Distrikt 4 und war ein Karrieretribut, weshalb die Chancen sowieso gut f�r ihn standen. Aber was kein Trainer f�r sich verbuchen konnte, war Finnicks au�ergew�hnliche Sch�nheit. Gro� gewachsen, athletisch, mit goldener Haut und bronzefarbenem Haar und diesen unglaublichen Augen. W�hrend andere Tribute dieses Jahrgangs von den Sponsoren kaum mal eine Handvoll Getreide oder Streichh�lzer geschenkt bekamen, mangelte es Finnick weder an Essen noch an Medikamenten oder Waffen. Als seine Konkurrenten nach einer Woche endlich begriffen hatten, dass sie vor allem ihn t�ten mussten, war es schon zu sp�t. Mit den Speeren und Messern, die er im F�llhorn gefunden hatte, konnte er schon geschickt umgehen. Aber als er einen silbernen Fallschirm mit einem Dreizack bekam - wohl das teuerste Geschenk, das ich je gesehen habe -, war die Sache gelaufen. Distrikt 4 lebt f�r die Fischerei. Sein ganzes Leben hat Finnick auf Booten verbracht. Der Dreizack war eine nat�rliche, t�dliche Verl�ngerung seines Arms. Aus Lianen kn�pfte er ein Netz, wickelte seine Gegner darin ein und durchbohrte sie mit dem Dreizack. Innerhalb weniger Tage hatte er die Krone errungen.</p><p>Seitdem waren die Bewohner des Kapitols ihm verfallen.</p><p>Aufgrund seiner Jugend durften sie ihn in den ersten ein, zwei Jahren nicht anr�hren. Aber seit er sechzehn ist, wird er w�hrend seiner allj�hrlichen Aufenthalte im Rahmen der Hungerspiele von gl�henden Verehrerinnen geradezu belagert. Keiner schenkt er seine Gunst lange. Manchmal hat er in einem Jahr vier oder f�nf Liebschaften nacheinander. Ob alt oder jung, h�bsch oder h�sslich, reich oder megareich - er leistet ihnen Gesellschaft und nimmt ihre extravaganten Geschenke an, aber er bleibt nie, und wenn er einmal fort ist, kommt er nie zur�ck.</p><p>Ich kann nicht bestreiten, dass Finnick einer der umwerfendsten und sinnlichsten Menschen auf unserem Planeten ist. Und doch ist es die Wahrheit, wenn ich sage, dass ich ihn nie anziehend fand. Vielleicht, weil er zu h�bsch ist, vielleicht auch, weil er zu leicht zu haben ist - oder zu leicht zu verlieren.</p><p>�Nein danke�, sage ich zu dem angebotenen Zucker. �Aber dein Outfit w�rd ich mir gern irgendwann mal ausleihen.�</p><p>Er ist nur in ein goldenes Netz geh�llt, das geschickt in der Leiste zusammengeknotet ist, sodass man ihn streng genommen nicht als nackt bezeichnen kann. Viel nackter k�nnte er aber nicht sein. Sein Stylist h�lt es offenbar f�r vorteilhaft, wenn das Publikum so viel wie m�glich von Finnick zu sehen bekommt.</p><p>�In dieser Aufmachung jagst du mir echt Angst ein. Was ist aus den h�bschen Kleinm�dchen-Kleidern geworden?�, fragt er. Er benetzt mit der Zunge leicht die Lippen. Wahrscheinlich macht das die meisten Leute v�llig verr�ckt. Aber aus irgendeinem Grund muss ich an den alten Cray denken, der �ber einer armen, hungernden jungen Frau geifert.</p><p>�Bin rausgewachsen�, sage ich.</p><p>Finnick fasst an den Kragen meines Overalls und reibt den Stoff zwischen den Fingern. �Zu dumm, diese Sache mit dem Jubil�um. Du h�ttest im Kapitol wie die Made im Speck leben k�nnen. Schmuck, Geld, alles, was du willst.�</p><p>�Ich mag keinen Schmuck, und Geld habe ich mehr, als ich ausgeben kann. Wof�r gibst du deins denn so aus, Finnick?�, frage ich ihn.</p><p>�Och, mit so gew�hnlichen Dingen wie Geld habe ich seit einer Ewigkeit nichts mehr am Hut�, antwortet er.</p><p>�Und womit l�sst du dir dann das Vergn�gen deiner Gesellschaft verg�ten?�, frage ich.</p><p>�Mit Geheimnissen�, sagt er sanft. Er neigt den Kopf nach vorn, sodass sich unsere Lippen fast ber�hren. �Was ist eigentlich mit dir, M�dchen in Flammen? Hast du irgendwelche Geheimnisse, die meine Zeit wert w�ren?�</p><p>Aus irgendeinem albernen Grund werde ich rot, aber ich zwinge mich, nicht zur�ckzuweichen. �Nein, ich bin ein offenes Buch�, fl�stere ich zur�ck. �Anscheinend glaubt jeder, meine Geheimnisse zu kennen, bevor ich selbst sie kenne.�</p><p>Er l�chelt. �So leid es mir tut - aber ich glaube, das stimmt.� Sein Blick zuckt zur Seite. �Da kommt Peeta. Schade, dass ihr eure Hochzeit abblasen m�sst. Ich wei�, wie niederschmetternd das f�r dich sein muss.� Er wirft sich noch einen Zuckerw�rfel in den Mund und schlendert davon.</p><p>Peeta stellt sich neben mich, er ist genauso gekleidet wie ich. �Was wollte der denn?�, fragt er.</p><p>Ich drehe mich um, bringe meine Lippen ganz nah an Peetas und senke die Lider genau wie Finnick. �Er hat mir Zucker angeboten und wollte alle meine Geheimnisse erfahren�, sage ich, so verf�hrerisch ich kann.</p><p>Peeta lacht. �Igitt. Das gibt�s doch nicht.�</p><p>�Oh doch�, antworte ich. �Den Rest erz�hl ich dir, wenn die G�nsehaut weg ist.�</p><p>�Meinst du, wenn nur einer von uns beiden gewonnen h�tte, w�ren wir auch so geendet?�, fragt er und wirft einen Blick auf die anderen Sieger. �Als Teil dieser Freakshowr?�</p><p>�Na klar. Vor allem du�, sage ich.</p><p>�Ach, und warum vor allem ich?�, fragt er und l�chelt.</p><p>�Weil du eine Schw�che f�r die sch�nen Dinge hast und ich nicht�, sage ich mit einem Anflug von �berlegenheit. �Wenn sie dich mit der Lebensart des Kapitols locken w�rden, w�rst du vollkommen verloren.�</p><p>�Einen Sinn f�r Sch�nheit zu haben, ist doch keine Schw�che�, sagt Peeta. �Au�er vielleicht, was dich betrifft.� Die Musik beginnt, die gro�en Tore �ffnen sich f�r den ersten Wagen, die Menge tobt. �Wollen wir?� Er reicht mir die Hand und hilft mir auf den Wagen.</p><p>Ich klettere hinauf und ziehe ihn nach. �Halt still�, sage ich und richte seine Krone. �Hast du deinen Overall in eingeschaltetem Zustand gesehen? Wir werden wieder fantastisch aussehen.�</p><p>�Und ob. Portia sagt, wir sollen diesmal �ber allem stehen. Kein Winken oder so was�, sagt er. �Wo stecken die beiden eigentlich?�</p><p>�Ich wei� nicht.� Ich suche die Prozession der Wagen ab. �Vielleicht sollten wir uns lieber selbst einschalten.� Das tun wir, und sobald wir aufleuchten, deuten die anderen auf uns und fangen an zu tuscheln. Ich wei�, dass wir auch diesmal das Gespr�chsthema Nummer eins der Er�ffnungsfeier sein werden. Wir sind fast am Tor. Ich recke den Hals, doch weder Portia noch Cinna, die voriges Jahr bis zur letzten Sekunde bei uns waren, sind irgendwo zu sehen. �Sollen wir dieses Jahr auch H�ndchen halten?�, frage ich.</p><p>�Ich glaube, das wollen sie uns �berlassen�, sagt Peeta.</p><p>Ich schaue in diese blauen Augen, die kein noch so dramatisches Make-up gef�hrlich erscheinen lassen kann, und denke daran, dass ich noch vor einem Jahr bereit war, ihn zu t�ten. Weil ich �berzeugt war, dass er versuchen w�rde, mich zu t�ten. Nun ist es genau umgekehrt. Ich bin entschlossen, ihn zu retten, und ich wei�, dass es mich mein eigenes Leben kosten wird, aber der Teil von mir, der nicht so tapfer ist, wie ich es gern h�tte, ist froh, dass jetzt Peeta neben mir steht und nicht Haymitch. Ohne weitere Diskussion finden sich unsere H�nde. Keine Frage, wir werden uns dieser Sache gemeinsam stellen.</p><p>Als wir in die Abendd�mmerung hinausrollen, bricht die Menge in Geschrei aus, aber keiner von uns beiden reagiert. Ich starre einfach auf einen Punkt in der Ferne und tue so, als g�be es keine Zuschauer, keine Hysterie. Unwillk�rlich f�llt mein Blick auf die riesigen Bildschirme entlang der Strecke und ich erhasche ein paar Bilder von uns: Wir sind nicht nur sch�n, wir sind d�ster, m�chtig. Mehr noch. Das tragische Liebespaar aus Distrikt 12, das so viel gelitten hat und die Fr�chte des Sieges so wenig hat auskosten d�rfen, sucht nicht nach der Gunst der Fans, schenkt ihnen kein L�cheln, f�ngt nicht ihre K�sse auf. Wir sind unvers�hnlich.</p><p>Und ich genie�e es. Endlich mal ich selbst sein.</p><p>Als wir in den Kreisverkehr des Zentralen Platzes einbiegen, stelle ich fest, dass ein paar von den anderen Stylisten Cinnas und Portias Idee geklaut und ihre Tribute beleuchtet haben. Die mit kleinen elektrischen L�mpchen �bers�ten Outfits aus Distrikt 3, wo Elektronik hergestellt wird, haben ja noch einen gewissen Sinn. Aber die Viehh�ter aus Distrikt 10, die angezogen sind wie K�he mit brennenden Gurten um den Bauch? Wollen die sich selbst grillen? L�cherlich.</p><p>Peeta und ich dagegen in unserem sich dauernd ver�ndernden Kohle-Kost�m wirken so hypnotisierend, dass die meisten anderen Tribute uns nur anstarren. Besonders fasziniert ist offenbar das Paar aus Distrikt 6, von dem bekannt ist, dass sie Morfixer sind: beide klapperd�rr und mit schlaffer gelblicher Haut. Sie k�nnen die �bergro�en Augen gar nicht abwenden, selbst dann nicht, als Pr�sident Snow auf seinem Balkon zu reden beginnt und uns alle zum Jubel-Jubil�um willkommen hei�t. Die Hymne erklingt, und w�hrend wir das letzte St�ck fahren - irre ich mich? Oder starrt sogar der Pr�sident mich an?</p><p>Peeta und ich warten, bis die Tore des Trainingscenters sich wieder hinter uns geschlossen haben. Erst dann entspannen wir uns. Cinna und Portia erwarten uns, sie sind angetan von unserem Auftritt, und dieses Jahr ist sogar Haymitch erschienen, nur dass er nicht zu uns kommt, sondern am Wagen von Distrikt 11 steht. Ich sehe, wie er in unsere Richtung nickt, und dann kommen sie allesamt her�ber, um uns zu begr��en.</p><p>Chaff kenne ich vom Sehen, ich habe jahrelang im Fernsehen verfolgt, wie er sich mit Haymitch die Flasche teilt. Er ist dunkelh�utig, gut eins achtzig gro�, und einer seiner Arme endet in einem Stumpf, weil er die dazugeh�rige Hand in den Hungerspielen verloren hat, die er vor drei�ig Jahren gewann. Bestimmt hat man ihm k�nstlichen Ersatz angeboten wie Peeta, als dem der Unterschenkel amputiert werden musste, aber wie es aussieht, hat er abgelehnt.</p><p>Die Frau, Seeder, sieht mit ihrer olivfarbenen Haut und dem glatten schwarzen Haar mit den silbernen Str�hnen fast aus, als stammte sie aus dem Saum. Nur ihre goldbraunen Augen verraten den fremden Distrikt. Sie d�rfte um die sechzig sein, aber sie sieht immer noch stark aus, und nichts deutet darauf hin, dass sie sich �ber die Jahre in Alkohol oder Morfix oder sonst eine chemische Substanz gefl�chtet h�tte. Bevor einer von uns etwas sagen kann, umarmt sie mich. Wegen Rue und Thresh, denke ich. Ich kann mich nicht bremsen und fl�stere: �Und was ist mit den Familien?�</p><p>�Sie leben�, erwidert sie sanft und l�sst mich los.</p><p>Chaff schlingt seinen gesunden Arm um mich und dr�ckt mir einen Schmatz direkt auf den Mund. Erschrocken zucke ich zur�ck, w�hrend er und Haymitch schallend loslachen.</p><p>Mehr Zeit bleibt uns nicht, denn die Bediensteten des Kapitols scheuchen uns in Richtung Aufz�ge. Ich habe den Eindruck, dass ihnen eine solche Verbr�derung unter den Siegern nicht recht ist, aber denen ist das vollkommen egal. W�hrend ich mich, immer noch Hand in Hand mit Peeta, auf den Weg zu den Aufz�gen mache, pirscht sich noch jemand an mich heran, eine junge Frau, die ihre Kopfbedeckung aus Bl�tterzweigen abzieht und achtlos hinter sich wirft.</p><p>Johanna Mason. Aus Distrikt 7. Holz und Papier, deshalb das Ge�st. Sie hat ihre Spiele gewonnen, indem sie sich sehr �berzeugend als schwach und hilflos darstellte, sodass die anderen sie weitgehend ignorierten. Aber dann bewies sie ein gemeines Talent zum Morden. Sie f�hrt sich durchs dornige Haar und verdreht die weit auseinanderstehenden braunen Augen. �Ist das nicht ein gr�ssliches Kost�m? Ich habe die d�mlichste Stylistin des Kapitols. Seit vierzig Jahren staffiert sie unsere Tribute als B�ume aus. Ich h�tte auch mal gern so einen wie Cinna. Du siehst fantastisch aus.�</p><p>M�dchengeplapper. Was ich schon immer schlecht konnte. Meinungen �u�ern �ber Kleidung, Haare, Make-up. Also l�ge ich. �Ja, er hat mir geholfen, meine eigene Kleiderkollektion zu entwerfen. Du m�sstest mal sehen, was er aus Samt alles machen kann.� Samt. Der einzige Stoff, der mir auf die Schnelle eingefallen ist.</p><p>�Hab ich. Auf deiner Siegertour. Das Schulterfreie, das du in Distrikt 2 anhattest? Das Tiefblaue mit den Diamanten? Es war so umwerfend, dass ich am liebsten durch den Bildschirm gegriffen und es dir vom Leib gerissen h�tte�, sagt Johanna.</p><p><emphasis>Das glaube ich gern, </emphasis>denke ich. <emphasis>Und ein paar Zentimeter meines Fleisches gleich mit.</emphasis></p><p>W�hrend wir auf die Aufz�ge warten, sch�lt Johanna sich aus dem Rest ihres Baums, l�sst ihn zu Boden fallen und kickt ihn angewidert weg. Bis auf ihre waldgr�nen Slipper tr�gt sie jetzt keinen Fetzen mehr am Leib. �So ist�s besser.�</p><p>Wir fahren im selben Aufzug, und die ganze Fahrt bis in den siebten Stock plaudert sie mit Peeta �ber seine Gem�lde, w�hrend das Licht seines noch immer gl�henden Kost�ms von ihren nackten Br�sten reflektiert wird. Als sie ausgestiegen ist, tue ich so, als w�re nichts, aber ich wei�, dass er grinst. Erst als sich die T�r hinter Chaff und Seeder schlie�t und wir allein sind, sto�e ich seine Hand weg. Er prustet los.</p><p>�Was ist?�, fahre ich ihn an, als wir auf den Gang treten.</p><p>�Das ist deinetwegen, Katniss. Merkst du das nicht?�, sagt er.</p><p>�Was ist meinetwegen?�, frage ich zur�ck.</p><p>�Na, dass die sich alle so benehmen. Finnick mit seinen Zuckerw�rfeln und Chaff, der dich k�sst, und der Striptease von Johanna.� Er versucht, etwas ernsthafter zu klingen, aber es will ihm nicht gelingen. �Sie spielen mit dir, weil du so � du wei�t schon.�</p><p>�Nein, wei� ich nicht�, sage ich. Ich habe wirklich keinen Schimmer, wovon er redet.</p><p>�Na, damals in der Arena, da wolltest du mich nicht mal nackt angucken, als ich schon halb tot war. Du bist so � rein�, sagt er schlie�lich.</p><p>�Bin ich nicht!�, entgegne ich. �Letztes Jahr habe ich dir doch jedes Mal, wenn eine Kamera in der N�he war, die Kleider vom Leib gerissen!�</p><p>�Schon, aber � ich meine, f�r das Kapitol bist du rein�, sagt er beschwichtigend. �F�r mich bist du genau richtig. Sie wollen dich nur ein bisschen aufziehen.�</p><p>�Nein, die wollen sich �ber mich lustig machen, genau wie du!�, rufe ich.</p><p>�Nein.� Peeta sch�ttelt den Kopf, aber er unterdr�ckt noch immer ein L�cheln. Ich bin drauf und dran, noch mal zu �berdenken, wer von uns beiden lebend aus diesen Spielen rauskommen soll, als sich der andere Aufzug �ffnet.</p><p>Haymitch und Effie gesellen sich zu uns und sehen irgendwie zufrieden aus. Pl�tzlich verh�rtet sich Haymitchs Gesichtsausdruck.</p><p><emphasis>Was habe ich jetzt schon wieder angestellt?, </emphasis>will ich gerade sagen, aber da merke ich, dass er �ber meine Schulter hinweg auf den Eingang zum Speisesaal starrt.</p><p>Effie guckt in die gleiche Richtung, doch sie strahlt, als sie sagt: �Offenbar bekommt ihr dieses Jahr zwei im Partnerlook.�</p><p>Ich drehe mich um und sehe das rothaarige Avoxm�dchen, das mich letztes Jahr bis zum Beginn der Spiele bedient hat. Ich freue mich schon, hier eine Freundin zu haben, als mir auff�llt, dass der junge Mann neben ihr, auch ein Avox, ebenfalls rotes Haar hat. Das muss Effie mit Partnerlook gemeint haben.</p><p>Dann �berl�uft mich ein Schauer. Ihn kenne ich auch. Nicht aus dem Kapitol, sondern vom Hob, wo wir all die Jahre miteinander geplaudert und bei einer Suppe von Greasy Sae gescherzt haben, und von diesem letzten Tag, als er bewusstios auf dem Platz lag, w�hrend Gale zu verbluten drohte.</p><p>Unser neuer Avox ist Darius.</p><p><emphasis><strong>16</strong></emphasis></p><p>Haymitch packt mich am Handgelenk, als wollte er mich zur�ckhalten, aber ich bin so unf�hig zu sprechen wie Darius. Haymitch hat mir mal erz�hlt, dass die Folterknechte des Kapitols irgendwas mit den Zungen der Avoxe anstellen, damit sie nie mehr sprechen k�nnen. In meinem Kopf h�re ich Darius� Stimme, wie sie hell und ausgelassen �ber den Hob schallt und mich aufzieht. Aber nicht so, wie die anderen Sieger mich jetzt h�nseln, denn wir mochten uns wirklich. Wenn Gale ihn sehen k�nnte �</p><p>Jede Bewegung auf Darius zu, jede Geste des Erkennens w�rde ihm unweigerlich eine Bestrafung einbringen, das wei� ich. Und so starren wir einander nur an. Darius, der jetzt ein stummer Sklave ist; ich, die dem Tod entgegengeht. Was sollten wir uns auch sagen? Dass es uns um das Schicksal des anderen leidtut? Dass wir mit dem anderen leiden? Dass wir froh sind, dass wir uns kennenlernen durften?</p><p>Nein, Darius hat keinen Grund, froh dar�ber zu sein, dass er mich kennengelernt hat. W�re ich damals da gewesen und h�tte Thread gestoppt, w�re er nicht vorgetreten, um Gale zu retten. Dann w�re er jetzt kein Avox. W�re er jetzt nicht <emphasis>mein </emphasis>Avox, um genau zu sein, denn Pr�sident Snow hat ihn zweifellos zu meinem ganz pers�nlichen Wohlbefinden hierher beordert. Ich winde mein Handgelenk aus Haymitchs Griff, stapfe zu meinem alten Schlafzimmer und schlie�e die T�r hinter mir ab. Ich setze mich auf die Bettkante, die Ellbogen auf den Knien, die Stirn auf den F�usten, betrachte meinen in der Dunkelheit gl�henden Overall und stelle mir vor, ich s��e in meinem alten Zuhause in Distrikt 12, zusammengekauert neben dem Kamin. Die Batterie wird schw�cher und langsam wird der Lichtschein von Schwarz �berlagert.</p><p>Als irgendwann Effie an die T�r klopft, um mich zum Abendessen zu rufen, stehe ich auf und ziehe meinen Anzug aus, falte ihn ordentlich und lege ihn zusammen mit der Krone auf den Tisch. Im Bad wasche ich mir die dunklen Make-up-Streifen aus dem Gesicht. Ich ziehe ein einfaches T-Shirt und eine Hose an und gehe hinunter in den Flur zum Speisesaal.</p><p>W�hrend des Essens bekomme ich nicht viel mit, au�er dass Darius und das rothaarige Avoxm�dchen uns bedienen. Effie, Haymitch, Cinna, Portia und Peeta sind da und unterhalten sich, vermutlich �ber die Er�ffnungsfeier. Doch wirklich anwesend bin ich eigentlich nur ein einziges Mal, als ich absichdich eine Sch�ssel mit Erbsen zu Boden fallen lasse und mich, bevor jemand eingreifen kann, b�cke, um sie aufzulesen. Darius hockt sich neben mich, ich schiebe die Sch�ssel zu ihm hin, und f�r kurze Zeit arbeiten wir Seite an Seite, f�r niemanden sichtbar, und sammeln die Erbsen ein. Einen kurzen Augenblick lang ber�hren sich unsere H�nde. Unter der butterigen So�e der Erbsen sp�re ich seine raue Haut. In der kurzen, verzweifelten Verschr�nkung unserer Finger dr�cken wir all die Worte aus, die wir uns niemals werden sagen k�nnen. Dann gackert Effie hinter mir: �Das ist nicht deine Aufgabe, Katniss!�, und er l�sst los.</p><p>Als wir hin�bergehen, um uns die Aufzeichnung der Er�ffnungsfeier anzusehen, zw�nge ich mich zwischen Haymitch und Cinna aufs Sofa, ich will nicht neben Peeta sitzen. Das schreckliche Erlebnis mit Darius geh�rt zu mir und Gale, vielleicht noch zu Haymitch, aber nicht zu Peeta. Vielleicht kannte er Darius vom fl�chtigen Gr��en, aber Peeta geh�rte nicht auf den Hob wie wir. Abgesehen davon bin ich immer noch sauer auf ihn, weil er mich zusammen mit den anderen Siegern ausgelacht hat, und Mitgef�hl und Trost von ihm ist das Letzte, was ich jetzt m�chte. Ich will ihn in der Arena retten, das ja, aber mehr bin ich ihm nicht schuldig.</p><p>Es ist ja in normalen Jahren schon schlimm, dass sie uns in Kost�me stecken und auf Wagen durch die Stra�en ziehen lassen, �berlege ich, w�hrend ich mir die Prozession um den Zentralen Platz anschaue. Jugendliche in Kost�men sind schon l�cherlich, aber alternde Sieger sind, wie man sieht, einfach nur bemitleidenswert. Ein paar J�ngere wie Johanna und Finnick oder solche, deren K�rper noch nicht vom Verfall gezeichnet sind, wie Seeder und Brutus, k�nnen immerhin ein wenig W�rde wahren. Aber die, die Opfer von Alkohol, Morfix oder Krankheit sind, und das sind die meisten, sehen in ihren Kost�men, die K�he oder B�ume oder Brotlaibe darstellen, einfach grotesk aus. Letztes Jahr haben wir uns �ber jeden Konkurrenten ausf�hrlich unterhalten, aber heute f�llt nur hier und da mal ein Kommentar. Kein Wunder, dass die Menge durchdreht, als Peeta und ich erscheinen, denn in unseren fantastischen Kost�men sehen wir wahnsinnig jung und stark und sch�n aus. Genau so, wie Tribute aussehen sollen.</p><p>Sobald die Sendung vor�ber ist, stehe ich auf, danke Cinna und Portia f�r ihre tolle Arbeit und gehe schlafen. Effie erinnert noch daran, dass wir uns zeitig zum Fr�hst�ck treffen wollen, um unsere Trainingsstrategie zu besprechen, aber selbst ihre Stimme klingt hohl. Arme Effie. Mit Peeta und mir hatte sie endlich mal ein anst�ndiges Jahr bei den Spielen, und jetzt ist alles so durcheinandergeraten, dass selbst sie das Ganze nicht ins Positive drehen kann. Und das, nehme ich an, ist f�r Leute aus dem Kapitol eine echte Trag�die.</p><p>Gleich nachdem ich mich hingelegt habe, klopft es leise an meine T�r, aber ich ignoriere es. Ich m�chte Peeta heute Nacht nicht bei mir haben. Schon gar nicht, wenn Darius in der N�he ist. Das ist fast so schlimm, als ob Gale hier w�re. Gale. Wie k�nnte ich ihn loslassen, w�hrend Darius durch die Flure spukt?</p><p>In meinen Albtr�umen sind diesmal Zungen die Hauptdarsteller. Erst schaue ich starr und hilflos zu, wie behandschuhte H�nde die blutige Amputation in Darius� Mund ausf�hren. Dann bin ich auf einer Party, wo alle Masken tragen und jemand mit einer zuckenden nassen Zunge - Finnick, nehme ich an - mir nachstellt, doch als er mich f�ngt und seine Maske abzieht, ist es Pr�sident Snow, und von seinen Wulstlippen tropft blutiger Speichel. Schlie�lich bin ich wieder in der Arena, meine Zunge ist so trocken wie Sandpapier, w�hrend ich versuche, einen Wassert�mpel zu erreichen, der jedes Mal, wenn ich ihn ber�hren will, zur�ckweicht.</p><p>Ich wache auf, taumele ins Bad, trinke Wasser aus dem Hahn, bis ich nicht mehr kann. Ich streife die verschwitzten Kleider ab, lasse mich nackt zur�ck ins Bett fallen und schlafe irgendwie wieder ein.</p><p>Am n�chsten Morgen tr�dele ich so gut es geht, denn ich habe nicht die geringste Lust, unsere Trainingsstrategie zu besprechen. Was gibt es da zu besprechen? Jeder Sieger wei� doch bereits, was die anderen draufhaben. Oder mal draufgehabt haben. Peeta und ich werden weiter die Verliebten spielen, mehr nicht. Irgendwie ist mir nicht danach, dar�ber zu reden, besonders wenn Darius stumm dabeisteht. Ich dusche ausgiebig, ziehe gem�chlich die Sachen an, die Cinna mir f�rs Training bereitgelegt hat, und bestelle �ber eine Sprechanlage von der Speisekarte Essen aufs Zimmer. Kurz darauf erscheinen W�rstchen, Eier, Bratkartoffeln, Brot, Saft und hei�e Schokolade. Ich esse mich satt und versuche das Ganze bis zehn Uhr in die L�nge zu ziehen, wenn wir hinunter ins Trainingscenter m�ssen. Um halb zehn wummert ein offenbar stinksaurer Haymitch gegen die T�r und befiehlt mir, in den Speisesaal zu kommen, und zwar SOFORT! Aber ich putze mir erst noch gem�chlich die Z�hne, bevor ich mich aufmache, den Flur hinunterzuschlendern, womit ich weitere f�nf Minuten schinde.</p><p>Der Speisesaal ist leer bis auf Peeta und Haymitch, dessen Gesicht von Alkohol und �rger ger�tet ist. Am Arm tr�gt er einen massiv goldenen Armreif mit Flammenmuster, den er ungl�cklich dreht - das muss sein Beitrag zu Effies Partnerlook-Plan sein. Ein wirklich h�bscher Armreif, aber die Bewegung l�sst ihn so aussehen wie etwas, das einengt, eher eine Fessel als ein Schmuckst�ck. �Du kommst zu sp�t�, schnauzt Haymitch mich an.</p><p>�Tut mir leid. Ich hab verschlafen, nachdem ich die halbe Nacht von verst�mmelten Zungen getr�umt habe.� Ich m�chte feindselig klingen, doch am Ende des Satzes stockt meine Stimme.</p><p>Haymitch wirft mir einen finsteren Blick zu, dann lenkt er ein. �Okay, macht nichts. Heute beim Training hast du zwei Aufgaben. Nummer eins: verliebt sein.�</p><p>�Nat�rlich�, sage ich.</p><p>�Nummer zwei: Freundschaften schlie�en�, f�hrt Haymitch fort.</p><p>�Nein�, sage ich. �Ich traue keinem von denen, die meisten kann ich nicht ausstehen. Ich w�rde mich lieber nur auf uns beide verlassen.�</p><p>�Das habe ich auch erst gesagt, aber ��, hebt Peeta an.</p><p>�Aber das wird nicht reichen�, sagt Haymitch mit Nachdruck. �Diesmal werdet ihr mehr Verb�ndete brauchen.�</p><p>�Warum?�, frage ich.</p><p>�Weil ihr im Nachteil seid. Eure Konkurrenten kennen einander seit Jahren. Was glaubst du also, wen werden sie als Erste ins Visier nehmen?�, fragt er.</p><p>�Uns. Und gegen alte Freundschaften kommen wir sowieso nicht an�, sage ich. �Warum also einen Gedanken darauf verschwenden?�</p><p>�Weil ihr k�mpfen k�nnt. Die Leute m�gen euch. Das k�nnte euch durchaus zu erstrebenswerten Verb�ndeten machen. Aber nur, wenn ihr den anderen zeigt, dass ihr bereit seid, euch mit ihnen zusammenzutun�, sagt Haymitch.</p><p>�Wir sollen dieses Jahr also mit der Meute der Karrieros gemeinsame Sache machen?�, frage ich und kann meinen Widerwillen nicht verhehlen. Traditionell schlie�en sich die Tribute aus den Distrikten 1, 2 und 4 zusammen, nehmen manchmal noch ein paar herausragende K�mpfer von den anderen in ihren Kreis auf und machen Jagd auf die Schw�cheren.</p><p>�War das nicht unsere Strategie? Zu trainieren wie die Karrieros?�, entgegnet Haymitch. �Und wer zur Meute der Karrieros geh�rt, das wird normalerweise schon vor Beginn der Spiele ausgemacht. Letztes Jahr hat Peeta es nur mit Ach und Krach noch geschafft, aufgenommen zu werden.�</p><p>Ich erinnere mich gut, welchen Abscheu ich bei den letzten Spielen empfand, als ich mitbekam, dass Peeta mit den Karrieros gemeinsame Sache machte. �Wir sollen uns also mit Finnick und Brutus gut stellen - willst du das sagen?�</p><p>�Nicht unbedingt. Alle dort sind Sieger. Wenn ihr es f�r richtig haltet, k�nnt ihr auch eure eigene Meute zusammenstellen. Nehmt, wen ihr wollt. Ich schlage Chaff und Seeder vor. Und Finnick sollte man auch nicht au�er Acht lassen�, sagt Haymitch. �Tut euch mit denen zusammen, die euch n�tzlich sein k�nnen. Vergesst nicht, ihr seid nicht mehr Teil einer bibbernden Kinderschar. Diese Leute sind allesamt erfahrene Killer, auch wenn sie nicht so aussehen.�</p><p>M�glicherweise hat er recht. Nur, wem k�nnte ich trauen? Seeder vielleicht. Aber m�chte ich mit ihr wirklich einen Pakt schlie�en, nur um sie sp�ter wom�glich t�ten zu m�ssen? Nein. Obwohl, mit Rue habe ich mich damals unter den gleichen Umst�nden auch verb�ndet. Ich sage Haymitch, dass ich es versuchen werde, doch insgeheim denke ich, dass ich dabei ziemlich schlecht aussehen werde.</p><p>Effie erscheint ein bisschen fr�her, um uns nach unten zu bringen, denn im vergangenen Jahr waren wir die Letzten, obwohl wir p�nktlich kamen. Aber Haymitch m�chte nicht, dass sie mit uns hinunter in die Turnhalle f�hrt. Keiner der anderen Sieger wird in Begleitung eines Babysitters erscheinen, und da wir die J�ngsten sind, ist es umso wichtiger, selbstsicher aufzutreten. So muss sie sich damit zufriedengeben, uns zum Aufzug zu begleiten und den Knopf zu dr�cken, w�hrend sie sich �ber unsere Frisuren aufregt.</p><p>Die Fahrt ist so kurz, dass keine Zeit f�r eine Unterhaltung bleibt, doch als Peeta meine Hand nimmt, ziehe ich sie nicht weg. Gestern Nacht habe ich ihn zur�ckgewiesen, aber beim Training m�ssen wir als Einheit auftreten.</p><p>Effie h�tte sich gar keine Sorgen machen m�ssen, dass wir zu sp�t kommen. Nur Brutus und Enobaria, die Frau aus Distrikt 2, sind da. Enobaria ist um die drei�ig, und ich wei� �ber sie nur noch, dass sie in einem Handgemenge einen Tribut get�tet hat, indem sie ihm mit den Z�hnen die Kehle aufgerissen hat. Dadurch wurde sie so ber�hmt, dass sie sich nach ihrem Sieg die Z�hne neu machen lie�. Sie laufen jetzt alle spitz zu wie Rei�z�hne und haben ein Goldinlay. �ber fehlende Bewunderer im Kapitol kann Enobaria sich nicht beklagen.</p><p>Um zehn Uhr ist erst etwa die H�lfte der Tribute da. Atala, die das Training leitet, l�sst sich davon nicht beeindrucken und beginnt p�nktlich mit ihrer Ansprache. Vielleicht hatte sie schon damit gerechnet, dass viele nicht auftauchen w�rden. Ich bin irgendwie erleichtert, denn das bedeutet, dass ein Dutzend weniger Leute da ist, denen ich Freundschaft vorheucheln muss. Atala geht die einzelnen Stationen mit den Kampf-und �berlebenstechniken durch und entl�sst uns ins Training.</p><p>Ich schlage Peeta vor, dass wir uns aufteilen, um auf breiterer Front vorzugehen. Er gesellt sich zu Brutus und Chaff, gemeinsam schleudern sie Speere, w�hrend ich zur Knotenstation gehe.</p><p>Kaum jemand macht sich je die M�he, dort vorbeizuschauen. Ich mag den Trainer, und er ist begl�ckt, mich zu sehen, vielleicht weil ich letztes Jahr schon bei ihm war. Er freut sich, als ich ihm zeige, dass ich immer noch die Falle beherrsche, durch die der gefangene Feind an einem Bein von einem Baum baumelt. Bestimmt hat er mitbekommen, welche Fallen ich letztes Jahr in der Arena gestellt habe, und sieht in mir nun eine fortgeschrittene Sch�lerin. Deshalb bitte ich ihn, alle Knoten zu wiederholen, die n�tzlich sein k�nnten, sowie ein paar, die ich wahrscheinlich nie anwenden werde. Ich w�re froh, wenn ich den Vormittag mit ihm allein verbringen k�nnte, aber nach anderthalb Stunden legt mir jemand von hinten die Arme um und vollendet mit seinen Fingern m�helos den komplizierten Knoten, mit dem ich mich gerade abgem�ht habe. Finnick nat�rlich, der in seiner Kindheit offenbar nichts anderes getan hat, als Dreizacke zu schwingen und Schn�re auf raffinierte Weise zu Netzen zu verknoten. Eine Weile schaue ich zu, wie er ein Tauende nimmt, eine Schlinge macht und dann mir zu Gefallen so tut, als w�rde er sich erh�ngen.</p><p>Ich verdrehe die Augen und gehe weiter zur n�chsten leeren Station, wo die Tribute lernen k�nnen, wie man Feuer macht. Ich kann schon hervorragend Feuer machen, aber nicht ohne Streichh�lzer. Deshalb l�sst mich der Trainer mit Feuerstein, Stahl und verkohlten Lumpen �ben. Das ist viel schwerer, als es aussieht, und obwohl ich so konzentriert wie m�glich arbeite, brauche ich eine Stunde, bis ich ein Feuer in Gang habe. Als ich mit triumphierendem L�cheln aufschaue, stelle ich fest, dass ich Gesellschaft bekommen habe.</p><p>Die beiden Tribute aus Distrikt 3 stehen neben mir, m�hen sich mit Streichh�lzern ab und entfachen doch nur ein bescheidenes Feuerchen. Am liebsten w�rde ich weitergehen, aber erstens m�chte ich zu gern noch mal den Feuerstein ausprobieren, und au�erdem muss ich Haymitch nachher ja berichten k�nnen, dass ich versucht habe, mich anzufreunden, und die zwei scheinen ertr�glich zu sein. Beide sind klein, haben aschgraue Haut und schwarzes Haar. Wiress, die Frau, ist etwa so alt wie meine Mutter, sie spricht mit ruhiger, intelligenter Stimme. Aber mir f�llt sofort auf, dass sie oft mitten im Satz abbricht, als ob sie die Anwesenheit ihres Gegen�bers v�llig vergessen h�tte. Beetee, der Mann, ist �lter und ein unruhiger Typ. Er tr�gt eine Brille, guckt aber die ganze Zeit drunter durch. Die beiden sind irgendwie schr�g, doch immerhin kann ich bei ihnen ziemlich sicher sein, dass sie mir die Peinlichkeit ersparen werden, sich nackt auszuziehen. Und au�erdem sind sie aus Distrikt 3. Vielleicht k�nnen sie meine Vermutung best�tigen, dass es dort einen Aufstand gegeben hat.</p><p>Ich sehe mich im Trainingscenter um. Peeta steht inmitten einer l�rmenden Runde von Messerwerfern. Die Morfixer aus Distrikt 6 befinden sich an der Tarnstation und bemalen einander die Gesichter mit hellrosa Kringeln. Der m�nnliche Tribut aus Distrikt 5 ist bei den Schwertk�mpfern und erbricht gerade einen Schwall Wein. Finnick und die alte Frau aus seinem Distrikt �ben sich im Bogenschie�en. Johanna Mason ist wieder nackt und reibt sich f�r die Ringer�bung die Haut mit �l ein. Ich beschlie�e zu bleiben, wo ich bin.</p><p>Wiress und Beetee entpuppen sich als unaufdringliche Zeitgenossen. Sie wirken freundlich, horchen mich aber nicht aus. Wir unterhalten uns �ber unsere Talente; sie erz�hlen, dass sie beide Erfinder sind, was mein vermeintliches Interesse an Mode ziemlich schwach erscheinen l�sst. Wiress erw�hnt irgendein N�hutensil, an dem sie gerade t�ftelt.</p><p>�Es sp�rt selbstst�ndig die Dicke des Stoffes und w�hlt danach die St�rke ��, sagt sie, doch bevor sie weitersprechen kann, wird sie von einem trockenen Grashalm abgelenkt.</p><p>�� die St�rke des Fadens�, f�hrt Beetee die Erl�uterung zu Ende. �Automatisch. Menschliches Versagen ausgeschlossen.� Dann spricht er �ber seinen j�ngsten Erfolg, einen Musikchip, der so klein ist, dass er Platz in einer Glitzerpaillette hat und trotzdem mehrere Stunden Musik speichern kann. Ich erinnere mich, dass Octavia w�hrend der Hochzeitsaufnahmen davon gesprochen hat, und ich sehe eine Chance, auf den Aufstand anzuspielen.</p><p>�Oh ja. Mein Vorbereitungsteam war vor ein paar Monaten ganz sauer dar�ber, dass sie nicht mehr zu kriegen waren�, sage ich beil�ufig. �Ich sch�tze, eine Menge Bestellungen aus Distrikt 3 mussten warten.�</p><p>Beetee mustert mich unter seiner Brille hindurch. �Allerdings. Hattet ihr in der Kohlef�rderung dieses Jahr auch solche Verz�gerungen?�, fragt er.</p><p>�Nein. Wir haben nur ein paar Wochen verloren, als wir einen neuen Obersten Friedensw�chter samt Mannschaft bekommen haben, aber nichts Gravierendes�, sage ich. �Was die Produktion betrifft, meine ich. Zwei Wochen zu Hause herumzusitzen und nichts zu tun, bedeutet f�r die meisten Leute allerdings, zwei Wochen zu hungern.�</p><p>Ich glaube, sie verstehen, was ich sagen will. Dass es bei uns keinen Aufstand gegeben hat. �Oh. Das ist aber schade�, sagt Wiress leicht entt�uscht. �Ich fand euren Distrikt sehr �� Sie verstummt, abgelenkt von irgendeinem Gedanken.</p><p>�� interessant�, erg�nzt Beetee. �Fanden wir beide.�</p><p>Ich bin etwas betreten, denn ich wei�, dass ihr Distrikt viel mehr gelitten haben muss als unserer. Ich f�hle mich gen�tigt, meine Leute in Schutz zu nehmen. �Wisst ihr, wir sind nicht viele in Distrikt 12�, sage ich. �Das kann man heutzutage ja nicht mehr an der Truppenst�rke der Friedensw�chter erkennen. Aber ich glaube, wir sind interessant genug.�</p><p>Als wir zur Schutzstation hin�bergehen, bleibt Wiress stehen und sieht hoch zu den Trib�nen, auf denen die Spielmacher herumschlendern, essen und trinken und manchmal auch zu uns herunterschauen. �Guck mal�, sagt sie und nickt sachte in ihre Richtung. Ich schaue auf und sehe Plutarch Heavensbee in seinem pr�chtigen purpurfarbenen Gewand mit dem Pelzkragen, das ihn als Obersten Spielmacher kennzeichnet. Er nagt an einem Truthahnbein.</p><p>Ich wei� zwar nicht, weshalb das der Erw�hnung wert ist, aber ich sage trotzdem: �Ja, er ist dieses Jahr zum Obersten Spielmacher bef�rdert worden.�</p><p>�Nein, nein. Da, an der Tischecke. Du kannst es gerade noch ��, sagt Wiress.</p><p>Beetee schielt unter seiner Brille hindurch. �� erkennen.�</p><p>Ratlos starre ich in die angegebene Richtung. Aber dann sehe ich es. An der Ecke des Tisches ist ein Fleck, der fast zu vibrieren scheint, etwa f�nfzehn Quadratzentimeter gro�. Als w�rde sich die Luft in winzigen sichtbaren Wellen kr�useln und dabei die scharfen Kanten des Holzes und das Weinglas verzerren, das jemand dort abgestellt hat.</p><p>�Ein Kraftfeld. Sie haben ein Kraftfeld zwischen den Spielmachern und uns installiert. Ich frage mich, weshalb�, sagt Beetee.</p><p>�Wegen mir wahrscheinlich�, gestehe ich. �Letztes Jahr habe ich w�hrend meiner Einzelstunde einen Pfeil auf sie abgeschossen.� Beetee und Wiress schauen mich neugierig an. �Sie haben mich provoziert. Haben denn alle Kraftfelder so einen Fleck?�</p><p>�Punkt�, sagt Wiress vage.</p><p>�Einen wunden Punkt gewisserma�en�, erkl�rt Beetee. �Im Idealfall w�re das Kraftfeld unsichtbar, nicht wahr?�</p><p>Ich w�rde gern noch mehr dar�ber erfahren, doch da werden wir zum Mittagessen gerufen. Ich suche Peeta, aber er hat sich einer Gruppe von ungef�hr zehn Siegern angeschlossen, deshalb beschlie�e ich, mit Distrikt 3 zu essen. Vielleicht st��t Seeder ja noch dazu.</p><p>Als wir in den Speisesaal kommen, wird deutlich, dass ein paar aus Peetas Gruppe etwas anderes vorhaben. Sie schieben die kleinen Tische zu einer gro�en Tafel zusammen, sodass wir alle zusammen essen m�ssen. Jetzt bin ich aufgeschmissen. Schon in der Schule habe ich es immer vermieden, an einem voll besetzten Tisch zu essen. Wahrscheinlich h�tte ich immer allein gesessen, w�re nicht Madge dazu �bergegangen, sich zu mir zu setzen. Am liebsten h�tte ich wohl mit Gale gegessen, aber er war zwei Klassen �ber mir und wir hatten unterschiedliche Pausenzeiten.</p><p>Ich nehme ein Tablett und gehe an den mit Essen beladenen Wagen entlang, die ringsum stehen. Beim Eintopf gesellt sich Peeta zu mir. �Wie l�uft�s?�</p><p>�Gut. Prima. Die Sieger aus Distrikt 3 finde ich nett�, sage ich. �Wiress und Beetee.�</p><p>�Wirklich?�, fragt er. �Die anderen machen sich �ber sie lustig.�</p><p>�Wieso �berrascht mich das nicht?�, sage ich. Ich erinnere mich daran, dass Peeta in der Schule immer mit einer Schar Freunde herumhing. Komisch, dass er mich �berhaupt wahrgenommen hat au�er als irgendwie merkw�rdig.</p><p>�Johanna nennt sie nur Plus und Minus�, sagt er. �Ich glaube, Wiress ist Plus und Beetee ist Minus.�</p><p>�Aha, ich bin also bl�d, weil ich glaube, dass sie n�tzlich sein k�nnen. Wegen irgendeines Spruchs, den Johanna Mason von sich gegeben hat, w�hrend sie ihre Br�ste f�rs Ringen einge�lt hat�, entgegne ich scharf.</p><p>�Ich glaube, ehrlich gesagt, diese Spitznamen tragen sie schon seit Jahren. Und ich hab�s nicht als Beleidigung gemeint. Ich gebe nur Informationen weiter�, sagt er.</p><p>�Wiress und Beetee sind schlau. Sie sind Erfinder. Sie erkennen mit blo�em Auge, dass zwischen uns und den Spielmachern ein Kraftfeld installiert wurde. Wenn wir schon Verb�ndete brauchen, dann m�chte ich sie.� Ich werfe den Sch�pfl�ffel zur�ck in den Topf und spritze uns beide mit Suppe voll.</p><p>�Wieso bist du so sauer?�, fragt Peeta, w�hrend er sich die Suppe vom T-Shirt wischt. �Weil ich dich im Aufzug geneckt habe? Das tut mir leid. Ich dachte, du w�rdest dar�ber lachen.�</p><p>�Vergiss es�, sage ich und sch�ttele den Kopf. �Es hat viele Gr�nde.�</p><p>�Darius�, sagt er.</p><p>�Darius. Die Spiele, Haymitch, der meint, wir mussten uns mit anderen verb�nden�, sage ich.</p><p>�Wir beide allein ginge auch, das wei�t du�, sagt er.</p><p>�Ich wei�. Vielleicht hat Haymitch ja auch recht�, sage ich. �Sag�s ihm bitte nicht weiter, aber was die Spiele anbelangt, hat er eigentlich immer recht.�</p><p>�Na ja, du kannst ja das letzte Wort haben, was unsere Verb�ndeten betrifft. Ich f�r meinen Teil gehe jetzt zu Chaff und Seeder�, sagt Peeta.</p><p>�Seeder ist genehmigt, Chaff nicht�, sage ich. �Zumindest noch nicht.�</p><p>�Komm und iss mit ihm. Ich verspreche, ich werde verhindern, dass er dich noch mal k�sst�, sagt Peeta.</p><p>Beim Mittagessen macht Chaff gar keinen schlechten Eindruck. Er ist n�chtern. Er spricht zwar zu laut und rei�t dauernd schlechte Witze, aber die meisten gehen auf seine Kosten. Ich begreife, warum er Haymitch mit seinen d�steren Gedanken guttut. Aber ich wei� noch nicht recht, ob ich bereit bin, mich mit ihm zu verb�nden.</p><p>Ich bem�he mich, geselliger zu sein, nicht nur, was Chaff betrifft, sondern gegen�ber der ganzen Gruppe. Nach dem Essen gehe ich an die Essbare-Insekten-Station, wo schon die Tribute aus Distrikt 8 stehen: Cecelia, die drei Kinder zu Hause hat, und Woof, ein alter Bursche, der schwerh�rig ist und offenbar nicht recht wei�, worum es hier geht, denn er versucht, sich giftige K�fer in den Mund zu stopfen. Ich w�rde gern meine Begegnung mit Bonnie und Twill in den W�ldern erw�hnen, aber ich wei� nicht, wie. Cashmere und Gloss, das Geschwisterpaar aus Distrikt 1, winken mich zu sich, und wir flechten eine Weile H�ngematten. Die beiden sind h�flich, aber k�hl, und ich muss die ganze Zeit daran denken, wie ich letztes Jahr Glimmer und Marvel, die beiden Tribute aus ihrem Distrikt, get�tet habe.</p><p>Wahrscheinlich kannten sie sie, vielleicht waren sie sogar ihre Mentoren. Sowohl meine H�ngematte als auch mein Versuch, Kontakt herzustellen, gelingen mehr schlecht als recht. Ich gehe zu Enobaria beim Schwertkampf, wir wechseln ein paar Bemerkungen, doch es ist offensichtlich, dass sich keine mit der anderen verb�nden will. Ich bekomme gerade Tipps zum Fischen, als Finnick wieder auftaucht, aber diesmal m�chte er mir einfach nur Mags vorstellen, die �ltere Frau, die wie er aus Distrikt 4 stammt. Wegen ihres Distriktakzents und ihrer brabbeligen Aussprache - vemudich hat sie einen Schlaganfall hinter sich - verstehe ich nur ein Viertel von dem, was sie sagt. Aber daf�r kann sie buchst�blich aus allem Angelhaken herstellen - aus Dornen, dem Schl�sselbein eines Vogels, einem Ohrring. Nach einer Weile h�re ich nicht mehr auf das, was der Trainer sagt, sondern versuche nur noch nachzumachen, was Mags tut. Als ich aus einem krummen Nagel einen ordentlichen Haken fabriziere und ihn an eine Schnur aus Str�hnen meiner Haare binde, schenkt sie mir ein zahnloses L�cheln und einen unverst�ndlichen Kommentar, m�glicherweise ein Lob. Pl�tzlich f�llt mir wieder ein, wie sie sich anstelle der hysterischen jungen Frau aus ihrem Distrikt freiwillig gemeldet hat. Bestimmt nicht, weil sie sich Chancen ausgerechnet hat, die Spiele zu gewinnen. Sie wollte das M�dchen retten, so wie ich mich letztes Jahr gemeldet habe, um Prim zu retten. Ich beschlie�e, dass Mags zu meinem Team geh�ren soll.</p><p>Gro�artig. Jetzt muss ich Haymitch sagen, dass ich eine Achtzigj�hrige sowie Plus und Minus als Verb�ndete haben will. Das findet er bestimmt toll.</p><p>Ich geb�s auf, Freunde finden zu wollen, und gehe zur Erholung hin�ber zum Bogenschie�stand. Es ist wunderbar, all die verschiedenen Bogen und Pfeile auszuprobieren. Als Tax, der Trainer, merkt, dass stehende Ziele f�r mich keine Herausforderung sind, wirft er Stoffv�gel hoch in die Luft, und ich muss sie abschie�en. Erst kommt mir das albern vor, aber dann macht es doch Spa�. Sogar mehr, als ein Lebewesen zu jagen. Da ich alles treffe, was er hochwirft, beginnt er mehrere V�gel gleichzeitig zu werfen. Ich vergesse die Turnhalle um mich herum und die Sieger und mein Ungl�ck und gebe mich ganz dem Schie�en hin. Als ich f�nf V�gel auf einmal abschie�e, wird es um mich herum so ruhig, dass ich h�re, wie sie einzeln auf dem Boden aufschlagen. Ich drehe mich um und sehe, dass fast alle Sieger ihr Treiben unterbrochen haben und mir zuschauen. In ihren Gesichtern spiegelt sich alles, von Neid �ber Hass bis zu Bewunderung.</p><p>Nach dem Training lungern Peeta und ich herum und warten, dass Haymitch und Effie erscheinen. Als wir zum Abendessen gerufen werden, st�rzt sich Haymitch sofort auf mich. �Mindestens die H�lfte der Sieger hat ihre Mentoren angewiesen, dich als Wunschverb�ndete anzugeben. Kann mir nicht vorstellen, dass es wegen deines sonnigen Wesens ist.�</p><p>�Sie haben sie schie�en gesehen�, sagt Peeta l�chelnd. �Und ich habe sie auch zum ersten Mal richtig schie�en gesehen. Ich trage mich mit dem Gedanken, ebenfalls einen f�rmlichen Antrag zu stellen.�</p><p>�Bist du wirklich so gut?�, fragt Haymitch mich. �So gut, dass Brutus dich will?�</p><p>Ich zucke die Schultern. �Aber ich will Brutus nicht. Ich will Mags und die beiden aus Distrikt 3.�</p><p>�Das war ja klar�, seufzt Haymitch und bestellt eine Flasche Wein. �Ich werde allen sagen, du �berlegst noch.�</p><p>Nach meiner Schie�darbietung kommt nur noch hier und da mal eine Stichelei, aber ich f�hle mich nicht mehr verspottet. Es kommt mir vor, als w�re ich erst jetzt in den Kreis der Sieger aufgenommen worden. An den folgenden beiden Tagen verbringe ich viel Zeit mit fast jedem, der in die Arena muss. Sogar mit den Morfixern, die mich mit Peetas Hilfe anmalen und in ein Feld aus gelben Blumen verwandeln. Sogar mit Finnick, der mir im Tausch f�r eine Stunde Bogenschie�en eine Stunde lang beibringt, wie man mit dem Dreizack umgeht. Und je besser ich diese Leute kennenlerne, desto schlimmer wird es. Denn ich hasse sie ja nicht. Manche mag ich sogar. Und viele sind so l�diert, dass ich sie eigentlich instinktiv besch�tzen m�chte. Aber sie alle m�ssen sterben, damit ich Peeta retten kann.</p><p>Der letzte Tag des Trainings endet mit unseren Einzelstunden. Jeder hat f�nfzehn Minuten, um die Spielmacher mit seinen F�higkeiten f�r sich einzunehmen, aber ich wei� nicht, was wir ihnen zeigen k�nnten. Beim Mittagessen machen wir uns dar�ber lustig. Dar�ber, was wir tun k�nnten. Singen, tanzen, strippen, Witze erz�hlen. Mags, die ich jetzt ein bisschen besser verstehe, meint, sie werde einfach ein Nickerchen halten. Ich wei� nicht, was ich tun werde. Ein paar Pfeile abschie�en, sch�tze ich mal. Haymitch hat gesagt, dass wir sie m�glichst �berraschen sollen, nur f�llt mir absolut nichts ein.</p><p>Ich bin das M�dchen aus Distrikt 12 und deshalb komme ich als Letzte dran. Je mehr Tribute zu ihrem Auftritt gerufen werden, desto stiller wird es im Speisesaal. Zu mehreren f�llt es leichter, respektlos und unbesiegbar zu wirken, wie wir es uns alle angew�hnt haben. Bei jedem, der durch die T�r geht, denke ich unwillk�rlich, dass er h�chstens noch ein paar Tage zu leben hat.</p><p>Schlie�lich sind nur noch Peeta und ich �brig. Er fasst �ber den Tisch meine H�nde. �Hast du dich schon entschieden, was du den Spielmachern zeigen willst?�</p><p>Ich sch�ttele den Kopf. �Ich kann sie nicht noch einmal als Zielscheibe benutzen, wegen des Kraftfelds. Vielleicht bastele ich ein paar Angelhaken. Und du?�</p><p>�Keine Ahnung. Ich w�nsche mir die ganze Zeit, ich k�nnte einen Kuchen backen oder so was�, sagt er.</p><p>�Mach was mit Tarnung�, schlage ich vor.</p><p>�Falls die Morfixer mir etwas �brig gelassen haben�, sagt er sp�ttisch. �Das ganze Training �ber sind sie an dieser einen Station geblieben wie festgeklebt.�</p><p>Wir sitzen eine Weile still da, dann platze ich mit der Sache heraus, die uns beiden auf der Seele liegt. �Wie sollen wir es nur anstellen, diese Leute zu t�ten, Peeta?�</p><p>�Ich wei� es nicht.� Er legt die Stirn auf unsere umschlungenen H�nde.</p><p>�Ich will sie nicht als Verb�ndete haben. Warum wollte Haymitch, dass wir sie kennenlernen?�, sage ich. �Das wird es viel schwieriger machen als beim letzten Mal. Rue einmal ausgenommen. Aber ich glaube, sie h�tte ich sowieso nie t�ten k�nnen. Sie war Prim einfach zu �hnlich.�</p><p>Peeta schaut zu mir hoch, die Brauen nachdenklich zusammengezogen. �Ihr Tod war der abscheulichste, nicht wahr?�</p><p>�Keiner war besonders sch�n�, sage ich und muss an Glimmers und Catos Ende denken.</p><p>Dann wird Peeta hereingerufen und ich warte ganz allein. F�nfzehn Minuten vergehen, eine halbe Stunde. Erst nach fast vierzig Minuten werde ich aufgerufen.</p><p>Als ich hineinkomme, nehme ich den scharfen Geruch von Putzmittel wahr und bemerke, dass eine der Matten in die Mitte des Raums gezogen wurde. Die Stimmung ist ganz anders als letztes Jahr, als die Spielmacher halb betrunken und eigentlich nur damit besch�ftigt waren, Leckerbissen vom B�fett zu picken. Sie fl�stern miteinander und wirken leicht ungehalten. Was hat Peeta getan? Hat er sie gegen sich aufgebracht?</p><p>Pl�tzlich mache ich mir Sorgen. Das ist nicht gut. Ich m�chte nicht, dass Peeta den Zorn der Spielmacher auf sich zieht. Das ist meine Aufgabe. Peeta aus der Schusslinie zu bringen. Aber womit hat er sie blo� gegen sich aufgebracht? Ich w�rde es ihm gern gleichtun, und noch mehr. Die selbstgef�llige Fassade dieser Leute durchbrechen, die ihren Grips darauf verwenden, sich am�sante Todesarten f�r uns auszumalen. Ihnen klarzumachen, dass nicht nur wir den Grausamkeiten des Kapitols schutzlos ausgesetzt sind, sondern auch sie selbst.</p><p><emphasis>Habt ihr �berhaupt eine Ahnung, wie sehr ich euch hasse?, </emphasis>denke ich. <emphasis>Euch, die ihr eure Talente in den Dienst der Spiele stellt?</emphasis></p><p>Ich versuche, Plutarch Heavensbee in die Augen zu schauen, aber er scheint mich genauso demonstrativ zu ignorieren wie w�hrend der ganzen Trainingsphase schon. Mir f�llt ein, wie er mich zum Tanzen aufgefordert hat, wie erfreut er war, als er mir den Spottt�lpel auf seiner Uhr zeigte. F�r derartige Freundlichkeiten ist hier kein Platz. Wie auch, schlie�lich bin ich ein einfacher Tribut und er ist der Oberste Spielmacher. So m�chtig, so unerreichbar, so sicher �</p><p>Pl�tzlich wei� ich, was ich tun werde. Etwas, das alles, was Peeta getan haben mag, in den Schatten stellen wird. Ich gehe zur Knotenstation und nehme ein Seil. Ich versuche mich an einem bestimmten Knoten, aber es ist schwer, denn diesen Knoten habe ich noch nie selbst gemacht. Ich habe nur ein Mal Finnicks geschickten Fingern dabei zugeschaut, und damals ist alles so schnell gegangen. Nach zehn Minuten habe ich dann aber doch eine passable Schlinge zustande gebracht. Ich befestige sie an einer Klimmzugstange, ziehe eine der Zielpuppen in die Mitte des Raums, hebe sie hoch und lege ihr die Schlinge um den Hals, sodass sie an der Stange herunterbaumelt. Ich k�nnte ihr jetzt noch die H�nde auf den R�cken binden, das w�re ein nettes Detail, aber daf�r wird die Zeit vielleicht zu knapp. Ich renne zur Tarnstation, wo irgendwelche Tribute, bestimmt die Morfixer, eine Riesensauerei veranstaltet haben. Trotzdem finde ich noch einen angebrochenen Beh�lter mit blutrotem Beerensaft, der f�r meine Zwecke vollkommen ausreicht. Der fleischfarbene Stoff der Puppenhaut bildet eine gute, aufnahmef�hige Leinwand. Sorgf�ltig und so, dass die Spielmacher es nicht sehen k�nnen, male ich mit den Fingern zwei W�rter auf den Puppenk�rper. Dann trete ich rasch beiseite, um die Reaktion in den Gesichtern der Spielmacher zu beobachten, als sie den Namen auf der Puppe lesen.</p><p><emphasis>SENECA CRANE.</emphasis></p><p><emphasis><strong>17</strong></emphasis></p><p>Die Wirkung auf die Spielmacher ist prompt und zufriedenstellend. Einige sto�en spitze Schreie aus. Anderen f�llt das Weinglas aus der Hand und zerschellt mit Get�se auf dem Boden. Zwei scheinen in Ohnmacht fallen zu wollen. Allenthalben erschrockene Gesichter.</p><p>Jetzt habe ich die Aufmerksamkeit von Plutarch Heavensbee. W�hrend ihm der Saft des Pfirsichs, den er in der Hand zerquetscht hat, durch die Finger rinnt, starrt er mich schweigend an. Schlie�lich r�uspert er sich und sagt: �Sie k�nnen jetzt gehen, Miss Everdeen.�</p><p>Ich nicke ehrerbietig und wende mich zum Gehen, doch dann kann ich nicht widerstehen und werfe die Dose mit dem Beerensaft hinter mich. Ich h�re, wie der Inhalt gegen die Puppe klatscht, w�hrend weitere Weingl�ser zerschellen. Kurz bevor sich die T�r des Aufzugs schlie�t, sehe ich gerade noch, dass niemand sich ger�hrt hat.</p><p><emphasis>Damit haben sie nicht gerechnet, </emphasis>denke ich. Es war un�berlegt und gef�hrlich und zweifellos werde ich zehnfach und mehr daf�r bezahlen m�ssen. Doch f�r den Augenblick empfinde ich fast so etwas wie Euphorie und genie�e es einfach.</p><p>Ich m�chte sofort zu Haymitch und ihm von meiner Einzelstunde erz�hlen, aber es ist niemand da. Vermutlich machen sie sich alle f�rs Abendessen zurecht, also beschlie�e ich, auch zu duschen, denn meine H�nde kleben von dem Saft. Unter dem Wasserstrahl �berlege ich, ob es klug war, was ich da eben gemacht habe. Mein Handeln sollte jetzt eigentlich immer von der Frage geleitet werden: �Helfe ich damit Peeta, am Leben zu bleiben?� F�r diese Aktion trifft das wohl nicht zu, wenn auch indirekt. Was beim Training geschieht, ist streng geheim, und wenn niemand erf�hrt, was ich angestellt habe, gibt es auch keinen Grund, gegen mich vorzugehen. Letztes Jahr wurde ich f�r meine Dreistigkeit sogar belohnt. Doch das hier ist eine Art Verbrechen. Wenn die Spielmacher w�tend auf mich sind und beschlie�en, mich in der Arena zu bestrafen, k�nnte auch Peeta davon betroffen sein. Vielleicht war ich zu impulsiv. Trotzdem � ich kann nicht behaupten, dass ich es bereue.</p><p>Als wir uns alle zum Abendessen versammeln, sehe ich Farbflecken auf Peetas H�nden, obwohl seine Haare noch feucht sind vom Duschen. Anscheinend hat er doch irgendeine Tarnung vorgef�hrt. Als die Suppe serviert wird, spricht Haymitch direkt an, was alle besch�ftigt. �Und, wie ist eure Einzelstunde gelaufen?�</p><p>Ich tausche einen Blick mit Peeta. Irgendwie bin ich nicht so scharf darauf, das, was ich getan habe, in Worte zu fassen. In der Stille des Speisesaals wirkt es so ungeheuerlich. �Du zuerst�, sage ich. �Das muss ja wirklich was Besonderes gewesen sein. Ich musste vierzig Minuten warten, bis ich reindurfte.�</p><p>Peeta wirkt ebenso unwillig wie ich. �Also, ich � ich hab diese Tarnungsnummer vorgef�hrt, wie du vorgeschlagen hast, Katniss.� Er z�gert. �Tarnung ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich meine, ich hab was mit Farben gemacht.�</p><p>�Und was?�, fragt Portia.</p><p>Mir f�llt wieder ein, wie ungehalten die Spielmacher wirkten, als ich zu meiner Einzelstunde in die Turnhalle kam. Der Geruch nach Putzmittel. Die Matte �ber dem Fleck in der Mitte der Turnhalle. Wollten sie damit etwas verdecken, was sich nicht entfernen lie�? �Du hast was gemalt, oder? Ein Bild.�</p><p>�Hast du es gesehen?�, fragt Peeta.</p><p>�Nein. Aber sie haben sich gro�e M�he gegeben, es zu verdecken�, sage ich.</p><p>�Das ist ja nichts Besonderes. Kein Tribut darf erfahren, was die anderen gemacht haben�, sagt Effie unbeeindruckt. �Was hast du gemalt, Peeta?� Ihr Blick wird weich. �Ein Bild von Katniss?�</p><p>�Wieso sollte er ein Bild von mir malen, Effie?�, frage ich leicht ver�rgert.</p><p>�Um zu zeigen, dass er alles Menschenm�gliche tun wird, um dich zu besch�tzen. Das erwarten sowieso alle im Kapitol. Hat er sich nicht freiwillig gemeldet, um mit dir in die Arena zu gehen?�, sagt Effie, als w�re es das Offensichtlichste auf der Welt.</p><p>�Ich habe aber ein Bild von Rue gemalt�, sagt Peeta. �Wie sie aussah, als Katniss sie mit Blumen bedeckt hatte.�</p><p>Am Tisch bleibt es lange still, w�hrend alle die Worte verdauen.</p><p>�Und was genau wolltest du damit bezwecken?�, fragt Haymitch, der sich nur mit M�he beherrschen kann.</p><p>�Ich wei� nicht recht. Ich wollte sie zur Verantwortung ziehen, und sei es nur f�r einen Augenblick�, sagt Peeta. �Daf�r, dass sie das kleine M�dchen ermordet haben.�</p><p>�Das ist entsetzlich.� Effie h�rt sich so an, als w�rde sie gleich anfangen zu weinen. �So zu denken � das ist verboten, Peeta. Absolut. Damit bringst du dich und Katniss nur in Schwierigkeiten.�</p><p>�Da muss ich Effie zustimmen�, sagt Haymitch. Portia und Cinna schweigen, aber ihre Gesichter sind todernst. Nat�rlich haben sie recht. Doch obwohl es mich mit Sorge erf�llt - ich finde das, was Peeta getan hat, bewundernswert.</p><p>�Wahrscheinlich ist das jetzt kein guter Moment zu erw�hnen, dass ich eine Puppe erh�ngt und den Namen Seneca Cranes daraufgeschrieben habe�, sage ich. Meine Worte haben den gew�nschten Effekt. Nach einem Augenblick der Fassungslosigkeit trifft mich das gesammelte Missfallen im Raum wie ein Hammer.</p><p>�Du � hast � Seneca Crane erh�ngt?�, sagt Cinna.</p><p>�Ja. Ich hab meine neuen Knotentechniken vorgef�hrt und irgendwie ist er in die Schlinge geraten�, sage ich.</p><p>�Oh, Katniss�, sagt Effie ged�mpft. �Woher wei�t du �berhaupt davon?�</p><p>�Ist das ein Geheimnis? Pr�sident Snow hat nicht so getan, als ob es eins w�re. Er schien sogar ganz wild darauf zu sein, dass ich davon erfahre�, sage ich. Effie steht vom Tisch auf und rennt hinaus, eine Serviette vors Gesicht gepresst. �Jetzt habe ich Effie aufgeregt. Ich h�tte l�gen und erz�hlen sollen, ich h�tte ein paar Pfeile abgeschossen.�</p><p>�Man k�nnte meinen, wir h�tten das geplant�, sagt Peeta und sieht mich mit einem schwachen L�cheln an.</p><p>�Habt ihr das nicht?�, fragt Portia. Sie h�lt sich mit den Fingern die Lider zu, als m�sste sie die Augen vor einem grellen Licht sch�tzen.</p><p>�Nein�, sage ich und schaue Peeta mit neuer Hochachtung an. �Als wir reingingen, hatten wir noch gar keine Ahnung, was wir machen sollten.�</p><p>�Und �brigens, Haymitch�, sagt Peeta. �Wir haben beschlossen, dass wir in der Arena keine weiteren Verb�ndeten haben wollen.�</p><p>�Das ist gut. Dann bin ich nicht dafiir verantwortlich, wenn ihr mit eurer D�mlichkeit einen meiner Freunde umbringt�, sagt er.</p><p>�Genau das haben wir uns auch gedacht�, sage ich.</p><p>Schweigend essen wir zu Ende, aber als wir aufstehen, um in den Salon zu gehen, legt Cinna mir den Arm um und dr�ckt mich. �Komm, jetzt holen wir uns die Bewertungen f�r die Einzelstunde ab.�</p><p>Wir versammeln uns um den Fernseher und Effie gesellt sich mit verweinten Augen dazu. Die Gesichter der Tribute erscheinen, ein Distrikt nach dem anderen, und unter den Portr�ts leuchten die Punktzahlen auf. Von eins bis zw�lf. Die erwartungsgem�� hohen Wertungen f�r Cashmere, Gloss, Brutus, Enobaria und Finnick. Mittel bis niedrig f�r die �brigen.</p><p>�Gab es auch schon mal null Punkte?�, frage ich.</p><p>�Nein, aber es gibt immer ein erstes Mal�, antwortet Cinna.</p><p>Und damit hat er recht. Denn Peeta und ich bekommen beide eine Zw�lf und das ist in der Geschichte der Hungerspiele noch nie vorgekommen. Doch niemandem ist nach Feiern zumute.</p><p>�Warum haben sie das gemacht?�, frage ich.</p><p>�Damit den anderen gar nichts anderes �brig bleibt, als euch ins Visier zu nehmen�, sagt Haymitch rundheraus. �Geht ins Bett. Ich kann euch jetzt nicht mehr sehen.�</p><p>Schweigend begleitet Peeta mich zu meinem Zimmer, doch bevor er Gute Nacht sagen kann, schlinge ich die Arme um ihn und lege den Kopf an seine Brust. Seine H�nde wandern meinen R�cken hoch und seine Wange ruht an meinem Haar. �Tut mir leid, wenn ich alles noch schlimmer gemacht hab�, sage ich.</p><p>�Nicht schlimmer als ich. Warum hast du das denn getan?�, sagt er.</p><p>�Ich wei� nicht. Vielleicht, um ihnen zu zeigen, dass ich mehr bin als eine Figur in ihren Spielen.�</p><p>Er lacht leise, bestimmt denkt er an letztes Jahr, an die Nacht vor den Spielen. Da waren wir auf dem Dach, keiner von uns konnte schlafen. Damals hat Peeta auch so etwas in der Art gesagt, aber ich verstand nicht, was er meinte. Jetzt verstehe ich es.</p><p>�Ich auch�, sagt er. �Und ich will auch gar nicht sagen, dass ich es nicht versuchen werde. Dich nach Hause zu bekommen, meine ich. Aber wenn ich ganz ehrlich sein soll ��</p><p>�Wenn du ganz ehrlich sein sollst, dann glaubst du, dass Pr�sident Snow Anweisung gegeben hat, daf�r zu sorgen, dass wir ohnehin in der Arena sterben�, sage ich.</p><p>�Diesen Gedanken hatte ich, ja�, sagt Peeta.</p><p>Auch mir ist dieser Gedanke gekommen. Und nicht nur einmal. Doch w�hrend ich mir sicher bin, dass ich die Arena auf keinen Fall lebend verlassen werde, hoffe ich noch immer, dass Peeta es schafft. Schlie�lich hat nicht er die Beeren herausgeholt, sondern ich. Niemand hat je daran gezweifelt, dass Peeta dem Kapitol nur aus Liebe Widerstand geleistet hat. Also l�sst Pr�sident Snow ihn vielleicht lieber am Leben - niedergeschmettert, mit gebrochenem Herzen, als lebende Warnung f�r andere.</p><p>�Aber selbst wenn, werden alle wissen, dass wir gek�mpft haben, stimmt�s?�, sagt Peeta.</p><p>�Genau�, sage ich. Und zum ersten Mal habe ich Abstand zu meiner eigenen Trag�die, die mich seit der Verk�ndung des Jubel-Jubil�ums besch�ftigt hat. Ich denke an den alten Mann, den sie in Distrikt 11 niedergeschossen haben, und an Bonnie und Twill und die Ger�chte �ber die Aufst�nde. Ja, alle in den Distrikten werden mir zuschauen, um zu sehen, wie ich mit dieser Todesstrafe umgehe, mit dieser letzten Machtdemonstration von Pr�sident Snow. Sie werden nach einem Zeichen Ausschau halten, dass ihre K�mpfe nicht vergebens waren. Wenn ich deutlich machen kann, dass ich mich dem Kapitol bis zum Ende widersetze, dann wird man zwar mich get�tet haben � nicht jedoch meinen Geist. Gibt es eine bessere M�glichkeit, den Rebellen Hoffnung zu machen?</p><p>Das Sch�ne an dieser Idee ist, dass schon meine Entscheidung, Peeta zu retten, indem ich mein eigenes Leben opfere, einen Akt des Widerstands darstellt. Eine Weigerung, die Hungerspiele nach den Regeln des Kapitols zu spielen. Meine privaten Interessen sind im Einklang mit meinen politischen. Und wenn ich Peeta wirklich retten k�nnte � F�r eine Revolution w�re das optimal. Denn tot bin ich mehr wert als lebendig. Sie k�nnen mich zu einer M�rtyrerin erheben und mein Gesicht auf Fahnen malen, und das wird die Leute besser mobilisieren, als eine lebende Katniss es k�nnte. Aber Peeta wird lebendig mehr wert sein, als tragischer Held wird er seinen Schmerz in Worte fassen k�nnen, die die Menschen ver�ndern.</p><p>Peeta w�rde ausrasten, wenn er w�sste, dass ich so etwas denke, deshalb sage ich nur: �Und was sollen wir mit unseren letzten Tagen anfangen?�</p><p>�Ich w�rde gern jede Minute meines restlichen Lebens mit dir verbringen�, antwortet er.</p><p>�Dann komm�, sage ich und ziehe ihn in mein Zimmer.</p><p>Es ist der reine Luxus, wieder mit Peeta in einem Bett zu schlafen. Erst jetzt merke ich, wie sehr es mich nach menschlicher N�he verlangt. Nach seinem K�rper neben mir in der Dunkelheit. H�tte ich die letzten N�chte doch nicht vergeudet, indem ich ihn aussperrte. Ich lasse mich in den Schlaf sinken, eingeh�llt in seine W�rme, und als ich die Augen �ffne, flutet das Tageslicht durch die Fenster herein.</p><p>�Keine Albtr�ume�, sagt er.</p><p>�Keine Albtr�ume�, best�tige ich. �Und du?�</p><p>�Auch keine. Ich hatte schon ganz vergessen, wie es ist, eine Nacht richtig zu schlafen.�</p><p>Eine Weile liegen wir da, wir haben es nicht eilig, den Tag zu beginnen. Morgen Abend sind die Fernsehinterviews, also werden Effie und Haymitch uns heute darauf vorbereiten. <emphasis>Schon wieder hochhackige Schuhe und sarkastische Bemerkungen, </emphasis>denke ich. Doch dann bringt uns das rothaarige Avoxm�dchen einen Zettel von Effie, auf dem steht, dass sie und Haymitch nach der Tour durch die Disktrikte der Meinung seien, dass wir uns in der �ffentlichkeit angemessen zu verhalten w�ssten. Die Vorbereitungssitzungen sind gestrichen.</p><p>�Echt?�, sagt Peeta, nimmt mir den Zettel aus der Hand und wirft einen Blick darauf. �Wei�t du, was das hei�t? Wir haben den ganzen Tag f�r uns!�</p><p>�Schade, dass wir nirgendwohin k�nnen�, sage ich wehm�tig.</p><p>�Wer sagt das?�, fragt er.</p><p>Das Dach. Wir bestellen jede Menge Essen, schnappen uns ein paar Decken und verziehen uns zu einem Picknick aufs Dach. Ein Picknick von morgens bis abends im Blumengarten, in dem �berall die Windspiele klimpern. Wir essen. Wir liegen in der Sonne. Ich breche herabh�ngende Lianen ab und nutze mein neues Wissen aus dem Training, um Knoten zu machen und Netze zu kn�pfen. Peeta zeichnet mich. Wir erfinden ein Spiel mit dem Kraftfeld, von dem das Dach umgeben ist - einer wirft einen Apfel hinein, und der andere muss ihn fangen.</p><p>Niemand st�rt uns. Am sp�ten Nachmittag liege ich mit dem Kopf in Peetas Scho� und flechte einen Blumenkranz, w�hrend er die H�nde in meinem Haar hat, um Knoten zu �ben, wie er behauptet. Nach einer Weile verharren seine H�nde. �Was ist?�, frage ich.</p><p>�Am liebsten w�rde ich diesen Augenblick anhalten, hier und jetzt, und f�r immer darin leben�, sagt er.</p><p>Normalerweise bekomme ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen und f�hle mich schrecklich, wenn er solche Bemerkungen macht und auf seine unsterbliche Liebe zu mir anspielt. Doch in diesem Moment f�hle ich mich so warm und entspannt, so weit entfernt von der Sorge um eine Zukunft, die ich niemals haben werde, dass ich das Wort einfach hinausschl�pfen lasse. �Okay.�</p><p>Ich h�re das L�cheln in seiner Stimme. �Dann l�sst du es zu?�</p><p>�Ich lasse es zu�, sage ich.</p><p>Er vergr�bt die Finger wieder in meinem Haar, und ich d�se ein, doch zum Sonnenuntergang weckt er mich. Es ist ein spektakul�rer gelborangefarbener Lichtschein hinter der Skyline des Kapitols. �Den willst du dir bestimmt nicht entgehen lassen, dachte ich mir�, sagt er.</p><p>�Danke�, sage ich. Ich kann die Sonnenunterg�nge, die mir noch bleiben, an den Fingern abz�hlen, und keinen davon m�chte ich vers�umen.</p><p>Zum Abendessen gehen wir nicht zu den anderen, es ruft uns auch niemand.</p><p>�Ein Gl�ck. Ich bin es leid, alle um mich herum so ungl�cklich zu machen�, sagt Peeta. �Zum Weinen zu bringen. Und Haymitch �� Er braucht nicht weiterzusprechen.</p><p>Wir bleiben auf dem Dach, bis es Zeit zum Schlafengehen ist, dann huschen wir leise hinunter und in mein Zimmer, ohne jemandem zu begegnen.</p><p>Am n�chsten Morgen werden wir von meinem Vorbereitungsteam geweckt. Der Anblick von Peeta und mir, wie wir nebeneinander schlafen, ist zu viel f�r Octavia, sie bricht sofort in Tr�nen aus. �Denk daran, was Cinna uns gesagt hat�, sagt Venia eindringlich. Octavia nickt und geht schluchzend aus dem Zimmer.</p><p>Peeta muss zur Vorbereitung in sein Zimmer und ich bleibe mit Venia und Flavius allein. Das �bliche Geplapper f�llt heute aus. Es wird �berhaupt kaum geredet, h�chstens wenn ich das Kinn heben soll oder wenn etwas �ber eine Schminktechnik gesagt wird. Es ist fast Mittag, als ich merke, dass etwas auf meine Schulter tropft, und als ich mich umdrehe, sehe ich Flavius, wie er mir die Haare schneidet, w�hrend ihm stumm die Tr�nen �ber das Gesicht laufen. Venia wirft ihm einen strengen Blick zu und da legt er die Schere vorsichtig auf dem Tisch ab und geht.</p><p>Dann ist nur noch Venia �brig, ihre Haut ist so blass, dass die Tattoos herauszuspringen scheinen. Fast starr vor Entschlossenheit frisiert sie mich, sie manik�rt mir die N�gel und schminkt mich mit schnellen Fingern, so macht sie das Fehlen ihrer Kollegen wett. Die ganze Zeit weicht sie meinem Blick aus. Erst als Cinna kommt, um mich zu begutachten, nimmt sie meine H�nde, schaut mir direkt in die Augen und sagt: �Wir m�chten dir alle sagen, was f�r eine � Ehre es war, dich sch�n machen zu d�rfen.� Dann geht sie eilig aus dem Zimmer.</p><p>Mein Vorbereitungsteam. Meine albernen, oberfl�chlichen, liebevollen Sch�tzchen mit ihren Feder-und Partyticks brechen mir mit ihrem Abschied fast das Herz. Venias letzte Worte zeigen es deutlich: Wir alle wissen, dass ich nicht zur�ckkehren werde. <emphasis>Wei� es die ganze Welt?, </emphasis>frage ich mich. Ich schaue Cinna an. Er wei� es, ganz bestimmt. Doch er h�lt sein Versprechen, von ihm drohen keine Tr�nen.</p><p>�Also, was ziehe ich heute Abend an?�, frage ich mit einem Blick auf die Tasche, in der mein Kleid steckt.</p><p>�Pr�sident Snow h�chstpers�nlich hat die Kleiderordnung festgelegt�, sagt Cinna. Er zieht den Rei�verschluss auf, und zum Vorschein kommt eins der Hochzeitskleider, die ich beim Fototermin getragen habe. Schwere wei�e Seide mit tiefem Ausschnitt, eng anliegender Taille und �rmeln, die vom Handgelenk bis zum Boden fallen. Und Perlen �ber Perlen. Eingestickt in das Kleid und in die B�nder, die ich um den Hals trage, ebenso wie auf der Krone f�r den Schleier. �Am Abend des Fotoshootings wurde zwar das Jubel-Jubil�um verk�ndet, aber die Leute haben trotzdem �ber ihr Lieblingskleid abgestimmt, und das hier hat gewonnen. Der Pr�sident sagt, du musst es heute Abend tragen. Unsere Einw�nde blieben ungeh�rt.�</p><p>Ich reibe ein St�ck Seide zwischen den Fingern und versuche Pr�sident Snows Gedankengang nachzuvollziehen. Da mich die gr��te Schuld trifft, will er offenbar meinen Schmerz, meinen Verlust und meine Erniedrigung in den Mittelpunkt r�cken. Und hiermit glaubt er das deutlich machen zu k�nnen. Es ist so barbarisch, mein Hochzeitskleid zu meinem Totenhemd zu machen, dass es mich hart trifft und einen dumpfen Schmerz in meinem Innern hinterl�sst. �Tja, es war ja auch schade um das sch�ne Kleid�, ist alles, was ich sage.</p><p>Vorsichtig hilft Cinna mir in das Kleid. Als ich es auf den Schultern sp�re, ziehe ich sie unwillk�rlich hoch. �War das immer schon so schwer?�, frage ich. Ich erinnere mich, dass einige der Kleider aus dickem Stoff waren, aber dieses scheint einen Zentner zu wiegen.</p><p>�Ich musste es wegen der Beleuchtung ein wenig �ndern�, sagt Cinna. Ich nicke, ohne zu verstehen, was das damit zu tun hat. Er zieht mir die Schuhe an und schm�ckt mich mit Perlen und Schleier. Verleiht meinem Make-up den letzten Strich. L�sst mich ein paar Schritte gehen.</p><p>�Du siehst hinrei�end aus�, sagt er. �Katniss, das Oberteil ist so passgenau, dass ich dich bitte, die Arme nicht �ber den Kopf zu heben. Jedenfalls nicht, ehe du dich drehst.�</p><p>�Soll ich mich wieder drehen?�, frage ich und denke an mein Kleid vom letzten Jahr.</p><p>�Bestimmt wird Caesar dich darum bitten. Und wenn nicht, schlag es selbst vor. Aber nicht gleich. Bewahr es dir f�r das gro�e Finale auf�, sagt Cinna.</p><p>�Gib mir ein Zeichen, damit ich Bescheid wei�, wann es so weit ist�, sage ich.</p><p>�Mach ich. Hast du dir f�r das Interview irgendwas �berlegt? Ich wei�, dass Haymitch es ganz euch �berlassen hat�, sagt er.</p><p>�Nein, dieses Jahr werde ich einfach improvisieren. Komischerweise bin ich �berhaupt nicht aufgeregt.� Das bin ich wirklich nicht. Sosehr Pr�sident Snow mich auch hassen mag, das Publikum im Kapitol geh�rt mir.</p><p>Wir treffen Effie, Haymitch, Portia und Peeta vor dem Aufzug. Peeta tr�gt einen eleganten Smoking und wei�e Handschuhe. So zieht man sich hier im Kapitol als Br�utigam an.</p><p>Bei uns zu Hause ist alles so viel bescheidener. Die Frau leiht sich normalerweise ein wei�es Kleid, das schon unz�hlige Male getragen wurde. Der Mann zieht irgendetwas Sauberes an, das er nicht im Bergwerk tr�gt. Sie f�llen im Justizgeb�ude ein paar Formulare aus und dann wird ihnen ein Haus zugewiesen. Freunde und Verwandte kommen zu einem Essen oder etwas Kuchen zusammen, wenn man es sich leisten kann. Und auch wenn nicht, ein traditionelles Lied wird immer gesungen, wenn das Paar �ber die Schwelle zum neuen Heim tritt. Und dann haben wir eine kleine Zeremonie: Das Brautpaar z�ndet sein erstes Feuer an, r�stet ein wenig Brot und teilt es. Es mag altmodisch sein, aber bevor man das Brot nicht ger�stet hat, f�hlt man sich in Distrikt 12 nicht richtig verheiratet.</p><p>Die anderen Tribute haben sich bereits hinter den Kulissen versammelt und reden leise miteinander, doch als Peeta und ich kommen, verstummen sie. Ich merke, dass sie alle mein Brautkleid anstarren. Sind sie neidisch, weil es so sch�n ist? Darauf, dass es vielleicht die Macht hat, die Massen zu beeinflussen?</p><p>Schlie�lich sagt Finnick: �Ich fasse es nicht, dass Cinna dich in dieses Ding gesteckt hat.�</p><p>�Er hatte keine Wahl. Pr�sident Snow hat ihn gezwungen�, sage ich trotzig. Ich lasse es nicht zu, dass jemand etwas gegen Cinna sagt.</p><p>Cashmere wirft die blonde Lockenm�hne zur�ck und giftet: �Du siehst l�cherlich aus!� Sie fasst ihren Bruder bei der Hand und zieht ihn mit sich, damit sie die Prozession auf die B�hne anf�hren k�nnen. Auch die anderen Tribute stellen sich auf. Ich bin verwirrt, denn irgendwie sind alle w�tend, aber manche klopfen uns trotzdem mitf�hlend auf die Schulter, und Johanna Mason bleibt sogar stehen, um meine Perlenkette zu richten.</p><p>�Zahl es ihm heim, ja?�, sagt sie.</p><p>Ich nicke, aber ich wei� nicht, was sie meint. Erst als wir alle auf der B�hne sitzen und Caesar Flickerman, Haare und Gesicht dieses Jahr lavendelfarben, seinen Er�ffnungssermon hinter sich gebracht hat und die Tribute mit den Interviews beginnen - erst da wird mir bewusst, wie betrogen sich die meisten Sieger f�hlen und wie w�tend sie sind. Doch sie sind gerissen, sie dr�cken es so gekonnt aus, dass alles auf die Regierung und besonders auf Pr�sident Snow zur�ckf�llt. Zwar gilt das nicht f�r alle, zum Beispiel nicht f�r die Unverbesserlichen, Brutus und Enobaria, f�r die dies einfach nur irgendwelche Spiele sind, und einige andere, die zu verwirrt oder bet�ubt oder verloren sind, um bei dem Angriff mitzumachen. Doch es gibt gen�gend Sieger, die den Mut und die Geistesgegenwart besitzen, um zu k�mpfen.</p><p>Cashmere bringt die Sache ins Rollen, indem sie erz�hlt, dass sie gar nicht aufh�ren kann zu weinen, wenn sie daran denkt, wie sehr die Menschen im Kapitol leiden m�ssen, weil sie uns verlieren werden. Gloss erinnert an den freundlichen Empfang, der ihm und seiner Schwester hier zuteilwurde. Beetee zieht in seiner nerv�sen, unruhigen Art die Rechtm��igkeit des Jubel-Jubil�ums in Zweifel, er fragt sich, ob die Angelegenheit in letzter Zeit einmal von den Experten �berpr�ft worden sei. Finnick tr�gt ein selbst verfasstes Gedicht f�r seine einzige wahre Liebe im Kapitol vor, und an die hundert Damen fallen in Ohnmacht, weil sie sich angesprochen f�hlen. Johanna Mason steht auf und fragt, ob man nichts an der Lage �ndern k�nne. Sicher h�tten die Erfinder des Jubel-Jubil�ums nicht geahnt, dass sich zwischen den Siegern und dem Kapitol eine solche Liebe entwickeln w�rde. Niemand k�nne so grausam sein, eine solch tiefe Verbundenheit zu zerst�ren. Seeder sinniert ruhig dar�ber, dass in Distrikt 11 alle davon ausgingen, Pr�sident Snow sei allm�chtig. Doch wenn er allm�chtig sei, warum schaffe er dieses Jubel-Jubil�um dann nicht ab? Und Chaff, der gleich nach ihr dran ist, behauptet, der Pr�sident k�nne dieses Jubel-Jubil�um abschaffen, wenn er wollte, aber er glaube wohl nicht, dass es jemandem viel bedeute.</p><p>Als ich vorgestellt werde, ist das Publikum schon v�llig fertig. Die Leute weinen, einige sind zusammengebrochen, sogar eine �nderung des Programms wird gefordert. Als ich in meinem Brautkleid aus wei�er Seide auftrete, bricht ein Tumult los. Mein Ende, das Ende des tragischen Liebespaars, das gl�cklich bis in alle Zeit lebt, das Ende der Hochzeit. Selbst Caesars Professionalit�t bekommt Risse, als er vergeblich versucht, die Menge so weit zu beruhigen, dass ich sprechen kann, doch meine drei Minuten schrumpfen schnell zusammen.</p><p>Schlie�lich tritt eine Ruhepause ein und er kann anbringen: �Tja, Katniss, offenbar ist das f�r alle eine sehr bewegende Nacht. M�chtest du etwas sagen?�</p><p>Als ich spreche, zittert meine Stimme. �Nur, dass es mir so leidtut, dass Sie alle nicht zu meiner Hochzeit kommen k�nnen � aber ich bin froh, dass Sie mich wenigstens in dem Kleid sehen k�nnen. Ist es nicht � einfach wundersch�n?� Ich muss Cinna nicht anschauen, um das Zeichen zu bekommen. Ich wei�, dass jetzt der richtige Moment ist. Langsam beginne ich mich im Kreis zu drehen und hebe die �rmel des schweren Kleides �ber den Kopf.</p><p>Als ich Schreie in der Menge h�re, denke ich, es ist, weil ich so umwerfend aussehe. Da merke ich, dass um mich herum Rauch aufsteigt. Rauch von einem Feuer. Nicht das flackernde Zeug wie letztes Jahr bei der Wagenparade, sondern echte Flammen, die mein Kleid verschlingen. Panik erfasst mich, als der Rauch dichter wird. Verkohlte Fetzen geschw�rzter Seide wirbeln in die Luft, Perlen prasseln auf die B�hne. Irgendwie traue ich mich nicht, stehen zu bleiben, denn meine Haut brennt ja gar nicht, und ich wei�, dass Cinna hinter alldem stecken muss. Also drehe ich mich rundherum, rundherum. Kurz bekomme ich keine Luft mehr, bin eingeh�llt in die seltsamen Flammen. Dann ist das Feuer ganz pl�tzlich aus. Langsam bleibe ich stehen, ich frage mich, ob ich wohl nackt bin und warum Cinna es so eingerichtet hat, dass mein Hochzeitskleid verbrennt.</p><p>Aber ich bin nicht nackt. Ich trage ein Kleid, das genauso aussieht wie mein Hochzeitskleid, nur dass es die Farbe von Kohle hat und aus winzigen Federn besteht. Erstaunt hebe ich die langen, flie�enden �rmel und in diesem Moment sehe ich mich auf dem Bildschirm. Ganz in Schwarz bis auf die wei�en Flecken auf den �rmeln. Oder sollte ich sagen, auf den Fl�geln? Cinna hat mich in einen Spottt�lpel verwandelt.</p><p><emphasis><strong>18</strong></emphasis></p><p>Ich glimme immer noch ein wenig, deshalb streckt Caesar die Hand etwas z�gerlich aus, um meinen Schleier zu ber�hren. Das Wei� ist abgebrannt, �brig geblieben ist ein glatter schwarzer Schleier, der hinten �ber den Halsausschnitt des Kleides f�llt. �Federn�, sagt Caesar. �Du siehst aus wie ein Vogel.�</p><p>�Wie ein Spottt�lpel, oder?�, sage ich und schlage ein wenig mit den Fl�geln. �Das ist der Vogel auf der Brosche, die ich als Gl�cksbringer getragen habe.�</p><p>Ein Schatten der Erkenntnis huscht �ber Caesars Gesicht, er wei�, dass der Spottt�lpel nicht nur mein Gl�cksbringer ist. Dass er jetzt f�r so viel mehr steht. Dass das, was im Kapitol als spektakul�rer Gag wahrgenommen wird, in den Distrikten einen ganz anderen Widerhall findet. Doch er macht das Beste daraus.</p><p>�Also, Hut ab vor deinem Stylisten. Es wird wohl keiner bestreiten, dass wir so etwas Spektakul�res in einem Interview noch nie zu sehen bekommen haben. Cinna, eine Verbeugung bitte!� Caesar gibt Cinna mit einer Geste zu verstehen, dass er sich erheben soll. Er tut es und macht eine kleine, elegante Verbeugung. Und auf einmal habe ich riesige Angst um ihn. Was hat er getan? Etwas furchtbar Gef�hrliches. Ein rebellischer Akt. Und er hat es f�r mich getan. Ich erinnere mich an seine Worte �</p><p><emphasis>�Keine Bange. Ich lasse meine Gef�hle in meine Arbeit einflie�en. Auf diese Weise tue ich niemandem weh au�er mir selbst.�</emphasis></p><p>Und ich f�rchte, er hat sich so wehgetan, dass es nicht wiedergutzumachen ist. Die tiefere Bedeutung meiner feurigen Verwandlung kann Pr�sident Snow nicht entgangen sein.</p><p>Das Publikum ist erst starr vor Staunen und applaudiert dann heftig. Ich h�re kaum den Signalton, der anzeigt, dass meine drei Minuten um sind. Caesar dankt mir und ich gehe wieder zu meinem Platz, mein Kleid f�hlt sich jetzt leichter an als Luft.</p><p>Ich begegne Peeta, der nach mir dran ist, aber er weicht meinem Blick aus. Vorsichtig setze ich mich hin, doch abgesehen von einigen Rauchspuren scheine ich unversehrt zu sein, und so richte ich meine Aufmerksamkeit auf ihn.</p><p>Seit ihrem Auftritt vor einem Jahr sind Caesar und Peeta ein eingespieltes Team. Die Leichtigkeit, mit der sie sich die B�lle zuspielen, die treffsicheren Pointen und der gekonnte �bergang zu Herz und Schmerz wie damals, als Peeta seine Liebe zu mir eingestanden hat, haben ihnen gro�en Erfolg beim Publikum beschert. M�helos er�ffnen sie das Gespr�ch mit ein paar witzigen Bemerkungen �ber Feuer und Federn und verbranntes Gefl�gel. Aber man sieht, dass Peeta mit den Gedanken weit weg ist, deshalb spricht Caesar direkt das Thema an, das allen am Herzen liegt.</p><p>�Erz�hl mal, wie das war, Peeta, als du, nach allem, was du durchgemacht hattest, die Neuigkeit vom Jubel-Jubil�um erfuhrst�, sagt Caesar.</p><p>�Es war ein Schock f�r mich. Eben noch hatte ich Katniss gesehen, so wundersch�n in all den Hochzeitskleidern, und im n�chsten Augenblick �� Der Satz bleibt in der Luft h�ngen.</p><p>�Da wurde dir klar, dass es niemals eine Hochzeit geben wird?�, fragt Caesar sanft.</p><p>Peeta schweigt lange, als m�sse er etwas �berdenken. Er sieht zu den gebannten Zuschauern, dann auf den Boden, dann schlie�lich zu Caesar. �Caesar, meinst du, unsere Freunde hier k�nnen ein Geheimnis f�r sich behalten?�</p><p>Ein unbehagliches Lachen ist im Publikum zu h�ren. Was meint er wohl damit? Vor wem sollen sie ein Geheimnis bewahren? Die ganze Welt schaut uns zu.</p><p>�Da bin ich mir ganz sicher�, sagt Caesar.</p><p>�Wir sind bereits verheiratet�, sagt Peeta ruhig. Das Publikum reagiert mit Erstaunen, und ich muss das Gesicht in meinem Kleid verbergen, damit man meine Verwirrung nicht sieht. Worauf will er blo� hinaus?</p><p>�Aber � wie ist das m�glich?�, fragt Caesar.</p><p>�Oh, es war keine offizielle Hochzeit. Wir sind nicht zum Justizgeb�ude gegangen oder so. Aber wir haben in Distrikt 12 so ein Hochzeitsritual. Ich wei� nicht, wie es in den anderen Distrikten ist. Wir machen da etwas ganz Spezielles�, sagt Peeta und beschreibt kurz die Sache mit dem Brot.</p><p>�Waren eure Familien dabei?�, fragt Caesar.</p><p>�Nein, wir haben niemandem davon erz�hlt. Nicht einmal Haymitch. Und Katniss� Mutter w�re bestimmt nicht einverstanden gewesen. Aber wir wussten ja, wenn wir im Kapitol heiraten, dann findet das Ritual nicht statt. Und wir wollten beide nicht l�nger warten. Also haben wir es eines Tages einfach gemacht�, sagt Peeta. �Und wir f�hlen uns mehr verheiratet, als wir es durch irgendein St�ck Papier oder eine gro�e Feier k�nnten.�</p><p>�Dann war das also vor der Ank�ndigung des Jubel-Jubil�ums?�, fragt Caesar.</p><p>�Ja, nat�rlich war das vorher. Bestimmt h�tten wir es niemals getan, nachdem wir davon wussten�, sagt Peeta. Er redet sich in Rage. �Aber wer h�tte das kommen sehen? Niemand. Wir haben die Spiele durchgemacht, wir wurden Sieger, alle schienen so begeistert zu sein, uns zusammen zu sehen, und dann, aus dem Nichts - ich meine, wie h�tten wir das vorhersehen k�nnen?�</p><p>�Das konntet ihr nicht, Peeta.� Caesar legt ihm einen Arm um die Schultern. �Wie du sagst, das konnte niemand. Doch ich muss zugeben, ich bin froh, dass ihr beide wenigstens ein paar gl�ckliche Monate miteinander hattet.�</p><p>Tosender Applaus. Als w�re ich dadurch ermutigt, hebe ich den Blick von den Federn und zeige dem Publikum zum Dank ein tragisches L�cheln. Von dem Rauch in den Federn tr�nen mir passenderweise die Augen.</p><p>�Ich bin nicht froh�, sagt Peeta. �Mir w�re es lieber, wir h�tten bis zur offiziellen Trauung gewartet.�</p><p>Das �berrascht sogar Caesar. �Aber selbst eine kurze Zeit ist doch besser als gar nichts, oder?�</p><p>�Vielleicht w�rde ich auch so denken, Caesar�, sagt Peeta bitter. �Wenn das Baby nicht w�re.�</p><p>Da. Er hat es schon wieder geschafft. Hat eine Bombe hochgehen lassen, die alle Anstrengungen der Tribute vor ihm zunichtemacht. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht hat er dieses Jahr nur eine Bombe gez�ndet, die die Sieger selbst gebaut haben. In der Hoffnung, dass jemand sie zur Explosion bringen w�rde. Zum Beispiel ich in meinem Brautkleid. Sie wissen ja nicht, wie abh�ngig ich von Cinnas Talenten bin, w�hrend Peeta nur seinen Grips ben�tigt.</p><p>Als Echo auf die Bombe fliegen Vorw�rfe in alle Richtungen: ungerecht, barbarisch, grausam. Selbst der Kapitolh�rigste, Spielehungrigste, Blutr�nstigste im Publikum kann nicht �bersehen, wenigstens f�r einen Augenblick, wie entsetzlich das alles ist.</p><p>Ich bin schwanger.</p><p>Die Zuschauer k�nnen die Neuigkeit nicht sofort erfassen. Sie muss erst geschluckt und verarbeitet und von anderen Stimmen best�tigt werden, ehe Laute zu h�ren sind wie von einer Herde verwundeter Tiere, sie st�hnen, schreien und rufen um Hilfe. Und ich? Ich wei�, dass mein Gesicht in Gro�aufnahme auf dem Bildschirm zu sehen ist, doch ich unternehme keine Anstrengung, es zu verbergen. Denn einen Moment lang muss selbst ich das verarbeiten, was Peeta gerade gesagt hat. Ist es nicht genau das, was mich am meisten an der Hochzeit, an der Zukunft ge�ngstigt hat - dass ich meine Kinder an die Spiele verlieren k�nnte? Und jetzt k�nnte es Wirklichkeit werden. Wenn ich nicht mein Leben lang Abwehrmauern errichtet h�tte, bis ich schon bei der blo�en Andeutung von Heirat oder Familie zur�ckschrecke.</p><p>Caesar bekommt die Menge nicht mehr in den Griff, nicht einmal, als das Signal ert�nt. Peeta nickt zum Abschied und geht ohne ein weiteres Wort zur�ck zu seinem Platz. Ich sehe, wie Caesars Lippen sich bewegen, doch im Publikum herrscht der reinste Aufruhr und ich verstehe kein Wort. Einzig das Get�se der Nationalhymne, so laut aufgedreht, dass es mir durch Mark und Bein geht, zeigt uns an, wo wir mit dem Programm angekommen sind. Ich stehe automatisch auf und sp�re, dass Peeta nach meiner Hand fasst. Als ich sie ergreife, laufen ihm Tr�nen �ber das Gesicht. Wie echt sind die Tr�nen? Sind sie ein Zeichen daf�r, dass er von denselben �ngsten verfolgt wird wie ich? Wie jeder Sieger? Wie alle Eltern in jedem Distrikt von Panem?</p><p>Ich schaue wieder ins Publikum, doch die Gesichter von Rues Mutter und Vater schieben sich vor meine Augen. Ihre Trauer. Ihr Verlust. Ich drehe mich spontan zu Chaff um und reiche ihm die Hand. Meine Finger schlie�en sich um den Stumpf, in dem sein Arm jetzt ausl�uft, und halten ihn fest.</p><p>Und dann geschieht es. Von einem Ende der Reihe bis zum anderen reichen sich die Sieger die H�nde. Einige spontan, wie die Morfixer und Wiress und Beetee. Andere unsicher, aber mitgerissen durch die Aufforderung der anderen, wie Brutus und Enobaria. Als die letzten T�ne der Hymne erklingen, stehen wir alle vierundzwanzig in einer geschlossenen Reihe - seit den Dunklen Tagen ist das wohl die erste �ffentliche Demonstration von Einheit unter den Distrikten. Man sieht, wie diese Erkenntnis durchdringt, als die Bildschirme einer nach dem anderen schwarz werden. Doch zu sp�t. In der allgemeinen Verwirrung haben sie uns nicht rechtzeitig abgeschaltet. Alle haben es gesehen.</p><p>Auch auf der B�hne bricht Chaos aus, die Scheinwerfer erl�schen, und wir stolpern zur�ck zum Trainingscenter. Ich habe Chaff verloren, aber Peeta f�hrt mich zu einem Aufzug. Finnick und Johanna wollen mit hinein, doch ein gestresster Friedensw�chter versperrt ihnen den Weg, und wir sausen allein nach oben.</p><p>In dem Moment, als wir den Aufzug verlassen, fasst Peeta mich bei den Schultern. �Wir haben nicht viel Zeit, also sag es mir jetzt. Muss ich mich f�r irgendetwas entschuldigen?�</p><p>�F�r gar nichts�, sage ich. Es war ein gewagter Schritt ohne meine Einwilligung, aber ich bin nur froh, dass ich nichts davon wusste und keine Zeit hatte, ihm reinzureden; froh, dass mein schlechtes Gewissen Gale gegen�ber meine Gef�hle f�r das, was Peeta getan hat, nicht schm�lern konnte. Und ich f�hle mich gest�rkt.</p><p>Irgendwo in weiter Ferne gibt es einen Distrikt 12, wo meine Mutter, meine Schwester und meine Freunde mit den Folgen dieses Abends leben m�ssen. Nur einen kleinen Flug mit dem Hovercraft entfernt liegt eine Arena, wo auf Peeta und mich und die anderen Tribute unsere Strafe wartet. Doch selbst wenn wir alle ein schreckliches Ende finden, ist heute Abend auf der B�hne etwas passiert, das nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann. Wir Sieger haben unseren eigenen Aufstand inszeniert und vielleicht, ganz vielleicht, wird es dem Kapitol nicht gelingen, ihn zu unterdr�cken.</p><p>Wir warten auf die anderen, doch als die Fahrstuhlt�r aufgeht, erscheint nur Haymitch. �Das ist Wahnsinn da drau�en. Sie haben alle nach Hause geschickt und die Zusammenfassung der Interviews im Fernsehen ist gestrichen.�</p><p>Peeta und ich laufen schnell zum Fenster und versuchen, in dem Tumult weit unter uns auf den Stra�en etwas zu erkennen. �Was sagen sie?�, fragt Peeta. �Fordern sie den Pr�sidenten auf, die Spiele zu stoppen?�</p><p>�Ich glaube nicht, dass sie wissen, was sie fordern sollen. Die ganze Situation ist beispiellos. Schon die Vorstellung, sich den Pl�nen des Kapitols zu widersetzen, verwirrt die Leute hier�, sagt Haymitch. �Aber es ist ausgeschlossen, dass Snow die Spiele absetzt. Das wisst ihr doch, oder?�</p><p>Ich wei� es. Nat�rlich kann er jetzt keinen R�ckzieher mehr machen. Ihm bleibt nichts anderes �brig, als zur�ckzuschlagen, und zwar mit voller H�rte. �Sind die anderen nach Hause gegangen?�, frage ich.</p><p>�Das wurde ihnen befohlen. Ich wei� nicht, ob sie heil durch die Menschenmenge kommen�, sagt Haymitch.</p><p>�Dann werden wir Effie nie wiedersehen�, sagt Peeta. Im letzten Jahr haben wir sie am Morgen der Spiele nicht getroffen. �Richte ihr unseren Dank aus.�</p><p>�Mehr als das. Mach etwas ganz Besonderes daraus. Es ist schlie�lich Effie�, sage ich. �Sag ihr, wie sehr wir ihre Hilfe zu sch�tzen wissen, dass sie die beste Betreuerin aller Zeiten war, und sag ihr � sag ihr ganz liebe Gr��e.�</p><p>Eine Zeit lang stehen wir nur schweigend da und z�gern das Unvermeidliche hinaus. Dann spricht Haymitch es aus. �Und jetzt m�ssen wir uns wohl auch verabschieden.�</p><p>�Irgendeinen letzten Ratschlag?�, fragt Peeta.</p><p>�Bleibt am Leben�, sagt Haymitch schroff. Das ist schon fast ein Running Gag zwischen uns. Er nimmt uns beide kurz in den Arm, und ich wei�, dass es das �u�erste ist, was er ertragen kann. �Geht ins Bett. Ihr m�sst euch ausruhen.�</p><p>Ich wei�, dass ich Haymitch eine ganze Menge sagen m�sste, aber mir f�llt nichts ein, was er nicht schon wei�, und au�erdem ist meine Kehle so zugeschn�rt, dass ich wahrscheinlich sowieso keinen Ton herausbringen w�rde. Also lasse ich schon wieder Peeta f�r uns beide sprechen.</p><p>�Pass auf dich auf, Haymitch�, sagt er.</p><p>Wir sind schon im Flur, als Haymitchs Stimme uns aufh�lt. �Katniss, wenn du in der Arena bist�, sagt er. Dann stockt er. Er blickt so finster, dass ich mir sicher bin, ihn jetzt schon entt�uscht zu haben.</p><p>�Was dann?�, frage ich abwehrend.</p><p>�Dann vergiss nicht, wer der Feind ist�, sagt Haymitch. �Das ist alles. Jetzt los. Raus mit euch.�</p><p>Wir gehen den Flur entlang. Peeta will in sein Zimmer, um die Schminke abzuwaschen, und in ein paar Minuten nachkommen, aber das lasse ich nicht zu. Wenn eine T�r zwischen uns zugeht, wird sie garantiert verschlossen, und dann muss ich die Nacht ohne ihn verbringen. Au�erdem gibt es in meinem Zimmer auch eine Dusche. Ich weigere mich, seine Hand loszulassen.</p><p>Schlafen wir? Ich wei� es nicht. Wir verbringen die Nacht eng umschlungen, in einem Land zwischen Tr�umen und Wachen. Wir reden nicht. Keiner will den anderen st�ren und wir hoffen, so ein paar kostbare Minuten der Ruhe zu gewinnen.</p><p>Cinna und Portia kommen mit dem Morgengrauen, und ich wei�, dass Peeta gehen muss. Die Tribute m�ssen allein in die Arena. Er gibt mir einen fl�chtigen Kuss. �Bis bald�, sagt er.</p><p>�Ja, bis bald�, antworte ich.</p><p>Cinna, der mir beim Ankleiden f�r die Spiele helfen wird, begleitet mich hinaus aufs Dach. Ich will schon die Leiter ins Hovercraft hinaufsteigen, als es mir einf�llt. �Ich hab mich nicht von Portia verabschiedet.�</p><p>�Ich werde es ihr ausrichten�, sagt Cinna.</p><p>Der elektrische Strom h�lt mich oben auf der Leiter, bis der Arzt mir den Aufsp�rer in den linken Unterarm einpflanzt. Damit k�nnen sie mich in der Arena jederzeit finden. Das Hovercraft hebt ab, und ich schaue aus dem Fenster, bis es schwarz wird. Cinna dr�ngt mich zu essen und dann, als er damit keinen Erfolg hat, zu trinken. Ich schaffe es, kleine Schlucke Wasser zu trinken, ich denke an die Tage im letzten Jahr, als ich so ausgetrocknet war, dass ich fast gestorben w�re. Und ich denke daran, dass ich meine Kraft brauche, um Peeta zu retten.</p><p>Als wir im Startraum der Arena ankommen, gehe ich unter die Dusche. Cinna flicht mir einen Zopf, ich ziehe einfache Unterw�sche an, und Cinna hilft mir mit dem Rest. In diesem Jahr gehen die Tribute in einem eng anliegenden blauen Overall aus hauchd�nnem Stoff, der vorn mit einem Rei�verschluss zugezogen wird. Dazu ein f�nfzehn Zentimeter breiter gepolsterter Gurt aus gl�nzendem lila Plastik. Nylonschuhe mit Gummisohlen.</p><p>�Was h�ltst du davon?�, frage ich und halte Cinna den Stoff hin, damit er ihn f�hlen kann.</p><p>Mit gerunzelter Stirn reibt er das d�nne Material zwischen den Fingern. �Ich wei� nicht. Er wird wenig Schutz gegen K�lte oder N�sse bieten.�</p><p>�Und gegen Sonne?�, frage ich und stelle mir glei�ende Sonne �ber einer �den W�ste vor.</p><p>�Vielleicht. Wenn er behandelt ist�, sagt er. �Ach, das hier h�tte ich fast vergessen.� Er holt meine goldene Spottt�lpelbrosche aus der Tasche und steckt sie mir an den Overall.</p><p>�Mein Kleid gestern Abend war wundervoll�, sage ich. Wundervoll und waghalsig. Aber das wei� Cinna nat�rlich.</p><p>�Ich dachte mir, dass es dir gefallen k�nnte�, sagt er mit einem gezwungenen L�cheln.</p><p>Genau wie letztes Jahr sitzen wir H�nde haltend da, bis die Stimme mir sagt, ich soll mich startklar machen. Er begleitet mich zu der runden Metallplatte und zieht den Rei�verschluss oben ganz zu. �Nicht vergessen, M�dchen in Flammen�, sagt er. �Ich setze immer noch auf dich.� Er k�sst mich auf die Stirn und tritt zur�ck, als sich die Glasglocke �ber mich senkt.</p><p>�Danke�, sage ich, obwohl er mich wahrscheinlich nicht h�ren kann. Ich hebe das Kinn, trage den Kopf hoch, wie er mir immer r�t, und warte darauf, dass die Metallplatte abhebt. Aber nichts passiert. Und immer noch nicht.</p><p>Ich schaue Cinna an und hebe fragend die Augenbrauen. Er sch�ttelt nur leicht den Kopf, genauso verwirrt wie ich. Weshalb die Verz�gerung?</p><p>Pl�tzlich wird die T�r hinter ihm aufgerissen und drei Friedensw�chter st�rmen in den Raum. Zwei drehen Cinna die Arme auf den R�cken und legen ihm Handschellen an, w�hrend der dritte ihm mit solcher Gewalt gegen die Schl�fe schl�gt, dass er auf die Knie sinkt. Doch sie schlagen ihn mit ihren metallbesetzten Handschuhen immer weiter, bis er �berall im Gesicht und am K�rper klaffende Wunden hat. Ich schreie wie am Spie�, schlage gegen das Glas, das nicht nachgibt, und versuche, zu ihm zu gelangen. Die Friedensw�chter beachten mich gar nicht, sie ziehen Cinnas schlaffen K�rper aus dem Raum. Nur die Blutspuren auf dem Boden bleiben �brig.</p><p>Elend und panisch merke ich, wie die Metallplatte abhebt. Ich bin immer noch an das Glas gelehnt, als mir eine Brise in die Haare f�hrt und ich mich zwinge, aufrecht zu stehen. Gerade noch rechtzeitig, denn jetzt entfernt sich das Glas und ich stehe ungesch�tzt in der Arena. Irgendetwas scheint mit meinen Augen nicht zu stimmen. Der Boden ist zu hell und leuchtend und h�rt nicht auf zu schwanken. Mit zusammengekniffenen Augen schaue ich auf meine F��e und sehe, dass die Metallplatte von blauen Wellen umgeben ist, die �ber meine Stiefel schwappen. Langsam hebe ich den Blick und sehe das Wasser, das sich in alle Richtungen erstreckt.</p><p>Ich kann nur einen klaren Gedanken fassen.</p><p><emphasis>Das ist kein Ort f�r ein M�dchen in Flammen.</emphasis></p><p><strong>Teil 3</strong></p><p><emphasis><strong>Der Feind</strong></emphasis></p><empty-line/><p><emphasis><strong> 19</strong></emphasis></p><p>�Meine Damen und Herren, die f�nfundsiebzigsten Hungerspiele sind er�ffnet!� Die Stimme von Claudius Templesmith, dem Moderator der Hungerspiele, h�mmert mir in den Ohren. Ich habe weniger als eine Minute Zeit, mich zu orientieren. Dann wird der Gong ert�nen und die Tribute k�nnen sich von ihren Metallplatten entfernen. Doch wohin?</p><p>Ich kann nicht klar denken. Die ganze Zeit habe ich Cinna vor Augen, wie er blutig am Boden liegt. Wo ist er jetzt? Was tun sie ihm an? Foltern sie ihn? Bringen sie ihn um? Verwandeln sie ihn in einen Avox? Offenbar sollte der Anschlag auf ihn mich aus dem Gleichgewicht bringen, genauso wie Darius� pl�tzliches Auftauchen in meinem Quartier. Und er hat mich wirklich aus dem Gleichgewicht gebracht. Am liebsten w�rde ich auf meiner Metallplatte zusammenbrechen. Aber nach allem, was ich gerade mit angesehen habe, ist das kaum m�glich. Ich muss stark sein. Das bin ich Cinna schuldig, der alles riskiert hat, indem er Pr�sident Snow verh�hnt und mein Brautkleid in das Gefieder eines Spottt�lpels verwandelt hat. Und ich bin es den Rebellen schuldig, die, durch Cinnas Beispiel ermutigt, in diesem Moment vielleicht k�mpfen, um das Kapitol zu st�rzen. Meine Weigerung, die Spiele nach den Regeln des Kapitols zu spielen, soll mein letzter rebellischer Akt sein. Also bei�e ich die Z�hne zusammen und mache gute Miene zum b�sen Spiel.</p><p><emphasis>Wo bin ich? </emphasis>Ich werde aus meiner Umgebung immer noch nicht schlau. <emphasis>Wo bin ich?! </emphasis>Ich verlange eine Antwort von mir und langsam bekommt die Welt Konturen. Blaues Wasser. Rosa Himmel. Wei� glei�ende Sonne, die vom Himmel knallt. Ach ja, da ist das F�llhorn aus goldgl�nzendem Metall, etwa vierzig Meter entfernt. Erst sieht es so aus, als bef�nde es sich auf einer runden Insel. Doch bei genauerem Hinsehen erkenne ich schmale Streifen Land, die strahlenf�rmig von der F�llhorninsel ausgehen wie die Speichen eines Rades. Es sind sch�tzungsweise zehn bis zw�lf und sie scheinen alle den gleichen Abstand voneinander zu haben. Zwischen den Speichen ist nur Wasser. Wasser und je zwei Tribute.</p><p>So ist das also. Es gibt zw�lf Speichen, dazwischen jeweils zwei Tribute, die sich auf Metallplatten halten. Der zweite Tribut in meinem Wasserkeil ist der alte Woof aus Distrikt 8. Er befindet sich zu meiner Rechten, etwa genauso weit entfernt wie der Landstreifen zu meiner Linken. Jenseits des Wassers liegt, wohin man auch blickt, ein schmaler Strand und dahinter dichtes Gr�n. Ich suche den Kreis nach Tributen ab, halte nach Peeta Ausschau, doch das F�llhorn versperrt mir den Blick.</p><p>Ich sch�pfe eine Handvoll Wasser und rieche daran. Dann ber�hre ich mit dem nassen Finger meine Zunge. Salzwasser, ganz wie ich gedacht habe. Genau wie die Wellen, die Peeta und ich auf unserem kurzen Abstecher zum Strand in Distrikt 4 gesehen haben. Aber immerhin scheint es sauber zu sein.</p><p>Es gibt keine Boote, keine Seile, nicht mal ein bisschen Treibholz, an dem man sich festhalten k�nnte. Nein, es gibt nur einen Weg zum F�llhorn. Als der Gong ert�nt, z�gere ich nicht und tauche nach links. Es ist weiter, als ich gewohnt bin, und durch die Wellen zu schwimmen, ist nicht so einfach wie das Schwimmen in meinem ruhigen See zu Hause, doch mein K�rper f�hlt sich eigenartig leicht an, und ich gleite m�helos durchs Wasser. Vielleicht liegt es an dem Salz. Tropfnass ziehe ich mich an Land und renne �ber den Sand bis zum F�llhorn. Ich sehe niemanden, der sich von meiner Seite her n�hert, allerdings versperrt mir das goldene Horn zu einem Gutteil die Sicht. Doch ich lasse mich von dem Gedanken an m�gliche Gegner nicht bremsen. Ich denke jetzt wie ein Karriero und als Erstes will ich mir eine Waffe schnappen.</p><p>Im letzten Jahr waren die Vorr�te ziemlich weit um das F�llhorn herum verstreut und die wertvollsten Sachen befanden sich ganz nah am Horn. Doch in diesem Jahr scheint die Beute an der gut sechs Meter hohen �ffnung gestapelt zu sein. Mein Blick f�llt sofort auf einen goldenen Bogen in Reichweite und ich rei�e ihn heraus.</p><p>Da ist jemand hinter mir. Eine leichte Bewegung im Sand oder vielleicht nur eine Ver�nderung des Luftstroms hat mich alarmiert. Ich ziehe einen Pfeil aus dem K�cher, der immer noch in dem Stapel eingeklemmt ist, und w�hrend ich mich umdrehe, spanne ich die Sehne.</p><p>Da steht ein paar Meter von mir entfernt Finnick in all seiner Pracht, er h�lt einen Dreizack bereit. An seiner anderen Hand baumelt ein Netz. Er l�chelt ein wenig, aber die Muskeln seines Oberk�rpers sind schon gespannt. �Du kannst ja auch schwimmen�, sagt er. �Wo hast du das in Distrikt 12 gelernt?�</p><p>�Wir haben eine gro�e Badewanne�, gebe ich zur�ck.</p><p>�Sieht ganz so aus�, sagt er. �Gef�llt dir die Arena?�</p><p>�Nicht besonders. Aber dir doch sicherlich. Sie haben sie bestimmt extra f�r dich erbaut�, sage ich eine Spur bitter. So sieht es jedenfalls aus, mit all dem Wasser, denn garantiert kann nur eine Handvoll der Sieger schwimmen. Und im Trainingscenter gab es kein Schwimmbecken, keine Chance, es zu lernen. Entweder kommt man als Schwimmer hierher oder man sollte es schleunigst lernen. Selbst wer nur an dem anf�nglichen Blutbad teilnehmen will, muss erst mal zwanzig Meter Wasser durchqueren. Damit hat Distrikt 4 einen gewaltigen Vorteil.</p><p>Einen Augenblick lang sind wir wie erstarrt, sch�tzen einander ab, die Waffen des anderen, sein Geschick. Da grinst Finnick pl�tzlich los. �Gut, dass wir Verb�ndete sind. Oder?�</p><p>Ich wittere eine Falle und will den Pfeil schon abschie�en, in der Hoffnung, dass er sein Herz durchbohrt, bevor ich von dem Dreizack aufgespie�t werde, doch da bewegt er die Hand, und etwas auf seinem Handgelenk blitzt in der Sonne auf. Ein Armreif aus massivem Gold mit Flammenmuster. Derselbe, den ich heute Morgen an Haymitchs Handgelenk gesehen habe, als ich mit dem Training anfing. Ganz kurz �berlege ich, ob Finnick ihn gestohlen hat, um mich reinzulegen, aber irgendwie wei� ich, dass es nicht so ist. Haymitch hat ihm den Armreif gegeben. Als Zeichen f�r mich. Oder besser als Befehl. Ich soll Finnick vertrauen.</p><p>Ich h�re weitere Schritte n�her kommen. Ich muss mich sofort entscheiden. �Na gut!�, sage ich schroff, denn auch wenn Haymitch mein Mentor ist und versucht, mir das Leben zu retten, �rgert es mich. Warum hat er mir nichts von diesem Arrangement erz�hlt? Wahrscheinlich, weil Peeta und ich Verb�ndete ausgeschlossen hatten. Da hat Haymitch einfach selbst einen ausgesucht.</p><p>�Duck dich!�, kommandiert Finnick mich mit durchdringender Stimme, die so ganz anders ist als sein einschmeichelndes Ges�usel, dass ich gehorche. Sein Dreizack saust �ber meinen Kopf und ich h�re einen ekelerregenden Schlag, als er sein Ziel trifft. Der Mann aus Distrikt 5, der Trinker, der sich bei der Schwertkampfstation �bergeben hat, sinkt auf die Knie, w�hrend Finnick den Dreizack aus seiner Brust zieht. �1 und 2 darfst du nicht trauen�, sagt Finnick.</p><p>Es bleibt keine Zeit, das infrage zu stellen. Ich ziehe den K�cher mit den Pfeilen aus dem Stapel heraus. �Jeder eine Seite?�, sage ich. Er nickt und ich sause um den Stapel herum. Etwa vier Speichen weiter schaffen es Enobaria und Gloss gerade an Land. Entweder sind sie langsame Schwimmer, oder sie dachten, im Wasser k�nnten andere Gefahren lauern, was auch gut m�glich ist. Manchmal sollte man sich gar nicht zu viele Gedanken machen. Aber jetzt, da sie am Strand sind, werden sie in wenigen Sekunden bei uns sein.</p><p>�Irgendwas Brauchbares?�, h�re ich Finnick rufen.</p><p>Schnell suche ich den Stapel auf meiner Seite ab und finde Keulen, Schwerter, Pfeil und Bogen, Dreizacke, Messer, Speere, �xte, Metallgegenst�nde, die ich nicht benennen kann � und sonst nichts.</p><p>�Waffen!�, rufe ich. �Nichts als Waffen!�</p><p>�Hier auch�, gibt er zur Antwort. �Schnapp dir irgendwas und dann weg hier!�</p><p>Ich schie�e einen Pfeil auf Enobaria ab, die gef�hrlich nah gekommen ist, doch sie hat damit gerechnet und taucht wieder ins Wasser, ohne getroffen zu werden. Gloss ist nicht ganz so schnell, und ich jage ihm einen Pfeil in die Wade, als er in die Wellen springt. Ich h�nge mir noch einen Bogen und einen zweiten K�cher mit Pfeilen um und stecke mir zwei lange Messer und eine Ahle, so ein spitzes Ding, mit dem man L�cher in Lederg�rtel macht, in den Gurt. Dann laufe ich zur�ck zu Finnick.</p><p>�Mach was dagegen, ja?�, sagt er und deutet auf Brutus, der auf uns zugerannt kommt. Er hat den Gurt abgenommen und h�lt ihn wie einen Schild zwischen den H�nden. Ich ziele und schie�e, doch er wehrt den Pfeil mit dem Gurt ab, bevor er ihm die Leber durchbohren kann. Dort, wo der Pfeil den Gurt durchsticht, spritzt eine lilafarbene Fl�ssigkeit heraus und Brutus ins Gesicht. Als ich die Sehne erneut spanne, wirft er sich flach auf den Boden, rollt sich ein paar Meter bis zum Wasser und taucht unter. Ich h�re, wie hinter mir etwas Metallisches zu Boden f�llt. �Lass uns abhauen�, sage ich zu Finnick.</p><p>W�hrend ich mit Brutus zugange war, haben Enobaria und Gloss es klammheimlich bis zum F�llhorn geschafft. Brutus ist in Schussweite und irgendwo ganz in der N�he wird auch Cashmere sein. Diese vier klassischen Karrieros sind garantiert schon l�ngst Verb�ndete. Wenn ich nur meine eigene Sicherheit zu bedenken h�tte, w�rde ich es vielleicht mit ihnen aufnehmen, mit Finnick an meiner Seite. Doch ich denke an Peeta. Da entdecke ich ihn, er sitzt immer noch auf seiner Metallplatte. Ich laufe los, und Finnick folgt mir, ohne Fragen zu stellen, als h�tte er gewusst, dass ich genau das tun w�rde. Als ich so nah wie m�glich bei Peeta bin, ziehe ich die Messer aus meinem Gurt, ich will zu ihm schwimmen und ihn irgendwie an Land bringen.</p><p>Finnick legt mir eine Hand auf die Schulter. �Ich hole ihn.�</p><p>Misstrauen lodert in mir auf. K�nnte das nur ein Trick sein? Erst mein Vertrauen gewinnen und dann zu Peeta schwimmen und ihn ertr�nken? �Das mach ich schon�, beharre ich.</p><p>Doch Finnick hat bereits alle Waffen fallen lassen. �Streng dich lieber nicht zu sehr an. Nicht in deinem Zustand�, sagt er und t�tschelt mir den Bauch.</p><p><emphasis>Ach ja, ich bin ja schwanger, </emphasis>denke ich. W�hrend ich �berlege, was er wohl denkt und wie ich mich verhalten soll - vielleicht mich �bergeben oder so -, hat Finnick sich schon ans Ufer gestellt.</p><p>�Gib mir Deckung�, sagt er und taucht mit einem gekonnten Kopfsprung ins Wasser.</p><p>Ich halte den Bogen hoch, um alle Angreifer, die uns verfolgen k�nnten, vom F�llhorn fernzuhalten, aber anscheinend legt es niemand darauf an. Wie zu erwarten, haben sich Gloss, Cashmere, Enobaria und Brutus schon zusammengerottet und �berlegen nun, welche Waffen sie nehmen sollen. Ein schneller Rundumblick verr�t mir, dass die meisten Tribute immer noch auf ihren Platten festsitzen. Nein, Moment mal, da steht jemand auf der Speiche links neben mir, gegen�ber von Peeta. Es ist Mags. Doch weder steuert sie das F�llhorn an, noch versucht sie zu fliehen. Stattdessen h�pft sie ins Wasser und paddelt auf mich zu, ihre grauen Haare tauchen immer wieder auf. Sie ist zwar alt, aber nach achtzig Jahren in Distrikt 4 kann sie sich vermutlich noch immer problemlos �ber Wasser halten.</p><p>Finnick ist jetzt bei Peeta und schleppt ihn ab, einen Arm um seine Brust gelegt, w�hrend er mit dem anderen mit leichten Schl�gen durchs Wasser rudert. Peeta l�sst sich willig mitziehen. Ich wei� nicht, wie Finnick ihn �berzeugt hat, sich ihm zu �berlassen - vielleicht hat er ihm den Armreif gezeigt. Vielleicht hat es Peeta auch gen�gt, dass ich auf ihn warte. Als sie den Strand erreichen, helfe ich dabei, Peeta aufs Trockene zu ziehen.</p><p>�Da bin ich wieder�, sagt er und gibt mir einen Kuss. �Wir haben Verb�ndete.�</p><p>�Ja. Ganz in Haymitchs Sinn�, sage ich.</p><p>�Hilf mir mal auf die Spr�nge, haben wir sonst noch eine Abmachung mit irgendwem?�, fragt Peeta.</p><p>�Nur mit Mags, glaube ich.� Ich mache eine Kopfbewegung zu der alten Frau, die sich stoisch in unsere Richtung vorw�rtsk�mpft.</p><p>�Mags kann ich nicht im Stich lassen�, sagt Finnick. �Sie ist eine der wenigen, die mich wirklich m�gen.�</p><p>�Ich hab nichts gegen Mags�, sage ich. �Vor allem jetzt, wo ich die Arena sehe. Mit Mags� Angelhaken haben wir bestimmt die besten Chancen, zu einer Mahlzeit zu kommen.�</p><p>�Katniss wollte sie ja schon vom ersten Tag an als Verb�ndete�, sagt Peeta.</p><p>�Katniss hat ein erstaunlich gutes Urteilsverm�gen�, sagt Finnick. Er fasst mit der Hand ins Wasser und hebt Mags heraus, als w�re sie so leicht wie ein H�ndchen. Sie macht irgendeine Bemerkung, in der ich das Wort �treiben� herauszuh�ren meine, dann klopft sie auf ihren Gurt.</p><p>�Guck mal, sie hat recht. Und da hat es noch jemand rausgekriegt.� Finnick zeigt auf Beetee. Er rudert mit den Armen wild durch die Wellen, schafft es aber, den Kopf �ber Wasser zu halten.</p><p>�Was?�, frage ich.</p><p>�Die Gurte. Das sind Schwimmhilfen�, sagt Finnick. �Bewegen muss man sich aus eigener Kraft, aber immerhin bewahren die Dinger einen vor dem Ertrinken.�</p><p>Fast h�tte ich Finnick gebeten, auf Beetee und Wiress zu warten und sie mitzunehmen, aber Beetee ist drei Speichen weit entfernt und Wiress sehe ich nicht mal. Ich sch�tze, Finnick w�rde sie genauso schnell umbringen wie den Tribut aus Distrikt 5, deshalb schlage ich lieber vor weiterzugehen. Ich reiche Peeta einen Bogen, einen K�cher mit Pfeilen und ein Messer, den Rest behalte ich f�r mich. Doch Mags zieht mich am �rmel und redet auf mich ein, bis ich ihr die Ahle gebe. Erfreut klemmt sie sich den Griff zwischen den zahnlosen Kiefer und streckt die Arme nach Finnick aus. Er wirft sein Netz �ber die Schulter, hebt Mags hoch, nimmt den Dreizack in die freie Hand, und dann rennen wir davon, fort vom F�llhorn.</p><p>Hinter dem Strand erhebt sich ein Wald mit hohen B�umen. Nein, eigentlich kein Wald. Jedenfalls nicht so einer, wie ich ihn kenne. <emphasis>Ein Dschungel. </emphasis>Das fremde, fast schon veraltete Wort f�llt mir ein. Ich habe es in irgendwelchen Hungerspielen geh�rt oder von meinem Vater gelernt. Die meisten B�ume kenne ich nicht, sie haben glatte St�mme und nur wenige �ste. Die Erde ist ganz schwarz und schwammig, an vielen Stellen wird sie verdeckt von einem Rankengewirr mit bunten Bl�ten. Die Sonne ist glei�end, die Luft feuchtwarm und schwer; ich habe das Gef�hl, dass man hier niemals richtig trocken wird. Der d�nne blaue Stoff meines Overalls l�sst das Meerwasser schnell verdunsten, aber jetzt klebt er schon vor Schwei� an mir.</p><p>Peeta �bernimmt die F�hrung, er bahnt sich mit dem langen Messer einen Weg durchs dichte Gestr�pp. Ich lasse Finnick an zweiter Stelle gehen, denn auch wenn er der St�rkste ist, mit Mags hat er alle H�nde voll zu tun. Au�erdem kann er zwar gro�artig mit dem Dreizack umgehen, aber der ist hier im Dschungel weniger n�tzlich als meine Pfeile. Bei der Hitze und den Steigungen dauert es nicht lange, bis wir au�er Atem geraten. Doch Peeta und ich haben hart trainiert, und Finnick hat so eine au�ergew�hnliche Konstitution, dass er sogar mit Mags �ber der Schulter eineinhalb Kilometer z�gig marschiert, ehe er um eine Pause bittet. Und selbst dann scheint er das eher f�r Mags zu tun als f�r sich selbst.</p><p>Durch das Laub ist das Rad im Wasser nicht mehr zu sehen, deshalb klettere ich auf einen Baum mit gummiartigen �sten, um etwas zu erkennen. Ich bereue es sofort.</p><p>Um das F�llhorn herum scheint der Boden zu bluten, das Wasser ist dunkelrot gefleckt. Leichen liegen auf dem Boden und treiben im Wasser, doch aus dieser Entfernung kann ich nicht erkennen, wer tot ist und wer lebt, zumal alle die gleiche Kleidung tragen. Ich sehe nur, dass einige der kleinen blauen Gestalten immer noch k�mpfen. Nun ja, was hatte ich erwartet? Dass die geschlossene Kette der Sieger gestern Abend eine Art allgemeinen Waffenstillstand in der Arena bedeuten w�rde? Nein, das habe ich nie gedacht. Aber ich hatte wohl gehofft, dass die Leute ein bisschen � Zur�ckhaltung zeigen w�rden? Oder wenigstens Widerstreben. Bevor sie sich ins Gemetzel st�rzen. <emphasis>Dabei kanntet ihr euch alle, </emphasis>denke ich. <emphasis>Man hatte den Eindruck, ihr w�rt Freunde.</emphasis></p><p>Ich habe nur einen richtigen Freund hier drin. Und der stammt nicht aus Distrikt 4.</p><p>Ich lasse mir von der schwachen, feuchten Brise die Wangen k�hlen, w�hrend ich zu einer Entscheidung gelange. Trotz des Armreifs sollte ich es einfach hinter mich bringen und Finnick erschie�en. Dieses B�ndnis hat einfach keine Zukunft. Und er ist zu gef�hrlich, um ihn laufen zu lassen. Vielleicht ist jetzt, da wir sein z�gerliches Vertrauen haben, meine einzige Chance, ihn zu t�ten. Ich k�nnte ihm leicht einen Pfeil in den R�cken schie�en, w�hrend wir gehen. Das ist nat�rlich verachtenswert, aber wird es weniger verachtenswert, wenn ich warte? Ihn besser kennenlerne? Ihm noch mehr zu verdanken habe? Nein, jetzt ist der richtige Moment. Von meinem Baum aus schaue ich ein letztes Mal zu den K�mpfenden, auf die blutige Erde, um mich in meinem Entschluss zu best�rken, dann lasse ich mich zu Boden gleiten.</p><p>Doch als ich unten ankomme, merke ich, dass Finnick mit meinen Gedanken Schritt gehalten hat. Als w�sste er, was ich gesehen habe und wie es auf mich gewirkt haben muss. Er hat seinen Dreizack in einer l�ssigen Verteidigungshaltung erhoben.</p><p>�Was ist da unten los, Katniss? Halten sie sich alle an den H�nden? Haben sie die Waffen ins Meer geworfen, um dem Kapitol die Stirn zu bieten?�, fragt Finnick.</p><p>�Nein�, sage ich.</p><p>�Nein�, wiederholt er. �Denn was gestern passiert ist, war gestern. Keiner in dieser Arena ist zuf�llig Sieger geworden.� Er wirft einen Seitenblick zu Peeta. �Au�er vielleicht Peeta.�</p><p>Dann wei� Finnick also, was Haymitch und ich wissen. �ber Peeta. Dass er wirklich und wahrhaftig besser ist als wir anderen. Finnick hat diesen Tribut aus Distrikt 5 umgelegt, ohne mit der Wimper zu zucken. Und wie lange habe ich gebraucht, um mich zum T�ten zu entschlie�en? Ich habe auf Enobaria und Gloss und Brutus gezielt. Peeta h�tte wenigstens erst mal versucht zu verhandeln. H�tte versucht, ein breiteres B�ndnis herzustellen. Aber mit welchem Ziel? Finnick hat recht. Und ich habe recht. Diejenigen, die jetzt und hier in der Arena sind, wurden nicht f�r ihre Barmherzigkeit zu Siegern gekr�nt.</p><p>Ich halte seinem Blick stand, sch�tze ab, wer von uns beiden schneller ist. Die Zeit, die ich brauche, um ihm einen Pfeil durchs Hirn zu jagen, gegen die Zeit, die sein Dreizack bis zu mir braucht. Ich sehe, wie er darauf wartet, dass ich den ersten Schritt mache. Er w�gt ab, ob er sich lieber sch�tzen oder direkt zum Angriff �bergehen soll. Ich sp�re, dass wir beide so weit sind, als Peeta sich zwischen uns stellt.</p><p>�Wie viele sind tot?�, fragt er.</p><p><emphasis>Aus dem Weg, du Idiot, </emphasis>denke ich. Aber er weicht nicht von der Stelle.</p><p>�Schwer zu sagen�, antworte ich. �Mindestens sechs, glaube ich. Und sie k�mpfen immer noch.�</p><p>�Kommt, wir gehen weiter. Wir brauchen Wasser�, sagt er.</p><p>Bis jetzt gibt es keinen Hinweis auf einen Bach oder T�mpel und das Salzwasser kann man nicht trinken. Wieder denke ich an die letzten Spiele, als ich fast verdurstet w�re.</p><p>�Wir sollten zusehen, dass wir schnell welches finden�, sagt Finnick. �Heute Nacht m�ssen wir uns verstecken, da machen die anderen Jagd auf uns.�</p><p>Wir. Uns. Jagd. Na gut, vielleicht w�re es etwas voreilig, Finnick jetzt umzubringen. Bisher war er hilfsbereit. Haymitch hat ihn abgesegnet. Und wer wei�, was die Nacht bereith�lt?</p><p>Schlimmstenfalls kann ich ihn immer noch abmurksen, w�hrend er schl�ft. Also lasse ich die Gelegenheit verstreichen. Wie Finnick.</p><p>Die Tatsache, dass wir kein Wasser haben, verst�rkt meinen Durst. Ich halte gut Ausschau, w�hrend wir weiter bergauf gehen, doch ohne Erfolg. Nach einem weiteren Kilometer sehe ich das Ende des Waldes und schlie�e daraus, dass wir gleich auf dem Gipfel des H�gels angelangt sind. �Vielleicht haben wir auf der anderen Seite mehr Gl�ck. Vielleicht finden wir da eine Quelle oder so.�</p><p>Aber es gibt keine andere Seite. Das wei� ich als Erste, obwohl ich am weitesten vom Gipfel entfernt bin. Mein Blick f�llt auf ein merkw�rdiges geriffeltes Viereck, das wie eine verzogene Fensterscheibe in der Luft h�ngt. Erst denke ich, es ist der Glanz der Sonne oder die Hitze, die �ber dem Boden flimmert. Doch es bleibt immer an derselben Stelle, wandert nicht mit, als ich weitergehe. Urpl�tzlich stelle ich die Verbindung zwischen dem Viereck und Wiress und Beetee im Trainingscenter her, und ich begreife, was da vor uns liegt. Ich habe den Warnruf auf den Lippen, aber er kommt zu sp�t: Peeta schwingt schon das Messer, um einige Ranken wegzuschlagen.</p><p>Ein lautes Zischeln ert�nt. Einen Moment lang sind die B�ume verschwunden und auf einem kleinen Fleck sehe ich die nackte Erde. Dann wird Peeta von dem Kraftfeld zur�ckgeschleudert und rei�t Finnick und Mags mit zu Boden.</p><p>Ich renne zu ihm, reglos liegt er in einem Geflecht aus Ranken. �Peeta?� Es riecht schwach nach versengten Haaren. Wieder rufe ich seinen Namen, r�ttele an ihm, doch er reagiert nicht. Ich streiche �ber seine Lippen, und dort ist kein warmer Atem, obwohl er eben noch gekeucht hat. Ich lege das Ohr an seine Brust, dorthin, wo ich immer den Kopf ausruhe, wo ich den starken, gleichm��igen Schlag seines Herzens h�re. Aber es ist ganz still.</p><p><emphasis><strong>20</strong></emphasis></p><p>�Peeta!�, schreie ich. Ich r�ttele fester, gebe ihm sogar eine Ohrfeige, aber es hat keinen Sinn. Sein Herz hat versagt. Meine Schl�ge gehen ins Leere. �Peeta!�</p><p>Finnick lehnt Mags an einen Baum und schiebt mich beiseite. �Lass mich mal.� Er ber�hrt Punkte an Peetas Hals, f�hrt �ber seine Rippen und die Wirbels�ule. Dann h�lt er Peeta die Nase zu.</p><p>�Nein!�, schreie ich und st�rze mich auf Finnick. Bestimmt will er sich vergewissern, dass Peeta tot ist, dass keine Hoffnung besteht, er k�nne je wieder zum Leben erwachen. Finnick hebt die Hand und schl�gt mir so fest vor die Brust, dass ich gegen den n�chsten Baumstamm fliege. Einen Augenblick lang bin ich benommen von dem Schmerz und versuche nur, wieder zu Atem zu kommen. Finnick h�lt Peeta wieder die Nase zu. Im Sitzen ziehe ich einen Pfeil heraus, lege an und will ihn schon abschie�en, als Finnick sich herunterbeugt und Peeta k�sst. Und das ist selbst f�r Finnicks Verh�ltnisse so absurd, dass ich innehalte. Aber nein, er k�sst ihn nicht. Er h�lt Peeta die Nase zu, den Mund jedoch ge�ffnet, und jetzt bl�st er ihm Luft in die Lunge. Ich kann es sehen, ich sehe regelrecht, wie Peetas Brust sich hebt und senkt. Dann �ffnet Finnick den Rei�verschluss von Peetas Overall und presst die Handballen auf Peetas Herz. Jetzt, da ich den Schock �berwunden habe, begreife ich, was er macht.</p><p>Ich habe meine Mutter schon mal bei so was beobachtet, allerdings nur ganz selten. Wenn in Distrikt 12 jemandem das Herz versagt, schafft die Familie es meist nicht, ihn rechtzeitig zu meiner Mutter zu bringen. Ihre Patienten haben gew�hnlich Verbrennungen erlitten, sie sind verwundet oder krank. Oder ausgehungert nat�rlich.</p><p>Aber Finnick kommt aus einer anderen Welt. Er wei�, was er tut, das hat er auf jeden Fall schon �fter gemacht. Er geht methodisch vor, in einem festgelegten Rhythmus. Ich lasse den Pfeil zu Boden sinken, lehne mich zur�ck und warte verzweifelt auf ein Zeichen des Erfolgs. Qu�lende Minuten verstreichen und meine Hoffnung schrumpft. Als ich zu dem Schluss komme, dass es zu sp�t ist, dass Peeta tot ist, weitergezogen, f�r immer unerreichbar, hustet er leicht, und Finnick lehnt sich zur�ck.</p><p>Ich werfe meine Waffen weg und st�rze zu ihm. �Peeta?�, fl�stere ich. Ich streiche ihm die feuchten blonden Haarstr�hnen aus der Stirn, sp�re, wie der Puls an seinem Hals gegen meine Finger pocht.</p><p>Seine Lider gehen flatternd auf und er schaut mir in die Augen. �Pass auf�, sagt er schwach. �Da vorn ist ein Kraftfeld.�</p><p>Ich lache, aber Tr�nen laufen mir �ber die Wangen.</p><p>�Muss st�rker sein als das im Trainingscenter�, sagt er. �Aber mir geht�s gut. Bin nur ein bisschen fertig.�</p><p>�Du warst tot! Dein Herz stand still!�, platze ich heraus, ehe ich dar�ber nachdenken kann, ob das klug ist. Ich schlage mir die Hand vor den Mund, denn jetzt kommen diese schrecklichen erstickten Laute heraus, wie immer, wenn ich schluchze.</p><p>�Na, jetzt scheint�s ja wieder zu schlagen�, sagt er. �Es ist alles gut, Katniss.� Ich nicke, doch die Ger�usche h�ren nicht auf. �Katniss?� Jetzt macht Peeta sich Sorgen um mich, was das Ganze noch verr�ckter macht.</p><p>�Alles okay. Sind nur ihre Hormone�, sagt Finnick. �Wegen des Babys.� Ich schaue auf. Finnick kniet da und lehnt sich zur�ck, immer noch ein wenig keuchend vom Anstieg und der Hitze und der Anstrengung, Peeta wieder zum Leben zu erwecken.</p><p>�Nein. Das ist es nicht ��, sto�e ich hervor, aber da werde ich von einem noch hysterischeren Heulkrampf �bermannt, eine weitere Best�tigung f�r Finnicks Bemerkung mit dem Baby. Er schaut mir in die Augen und ich starre ihn durch die Tr�nen hindurch w�tend an. Ich wei�, es ist idiotisch, dass ich mich so �ber ihn �rgere. Ich wollte Peeta unbedingt das Leben retten, ich konnte es nicht, und Finnick konnte es, also m�sste ich ihm einfach nur dankbar sein. Das bin ich ja auch. Aber zugleich bin ich w�tend, denn es bedeutet, dass ich Finnick Odair f�r immer und ewig zu Dank verpflichtet sein werde. Wie soll ich ihn da umbringen, w�hrend er schl�ft?</p><p>Ich h�tte einen selbstzufriedenen oder sarkastischen Gesichtsausdruck erwartet, doch er sieht seltsam verwirrt aus. Er schaut zwischen Peeta und mir hin und her, als wollte er etwas herausfinden, dann sch�ttelt er leicht den Kopf, als k�nnte er so besser denken. �Wie geht es dir?�, fragt er Peeta. �Meinst du, du kannst weiter?�</p><p>�Nein, er muss sich ausruhen�, sage ich. Meine Nase l�uft wie verr�ckt, und ich habe nicht mal einen Stofffetzen, den ich als Taschentuch benutzen k�nnte. Mags rei�t eine Handvoll loses Moos von einem Ast ab und gibt es mir. Ich bin zu durcheinander, um mich dar�ber zu wundern. Ich putze mir lautstark die Nase und wische mir die Tr�nen ab. Das Moos f�hlt sich sch�n an. Es ist saugf�hig und �berraschend weich.</p><p>Ich bemerke etwas Goldschimmerndes auf Peetas Brust. Ich strecke die Hand aus und fasse es an: eine Scheibe, die an einer Kette um seinen Hals h�ngt. Darauf ist mein Spottt�lpel eingraviert. �Ist das dein Talisman?�, frage ich.</p><p>�Ja. St�rt es dich, dass ich deinen Spottt�lpel �bernommen habe? Ich wollte, dass wir das gleiche Zeichen haben�, sagt er.</p><p>�Nein, warum sollte mich das st�ren?�, sage ich. Ich zwinge mich zu einem L�cheln. Dass Peeta mit einem Spottt�lpel in der Arena auftaucht, ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits gibt es den Rebellen in den Distrikten bestimmt Auftrieb. Andererseits wird Pr�sident Snow es kaum �bersehen, und das macht es noch schwieriger, Peeta das Leben zu retten.</p><p>�Wollt ihr euch hier h�uslich niederlassen, oder was?�, fragt Finnick.</p><p>�Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee w�re�, antwortet Peeta. �Ohne Wasser und ohne Schutz hierzubleiben. Mir geht es wirklich schon wieder ganz gut. Wir m�ssen eben langsam gehen.�</p><p>�Besser langsam als gar nicht.� Finnick hilft Peeta auf und ich rei�e mich zusammen. Seit ich heute Morgen aufgestanden bin, habe ich mit angesehen, wie Cinna zu Brei geschlagen wurde, ich bin zum zweiten Mal in einer Arena gelandet und habe Peeta sterben sehen. Ich bin froh, dass Finnick die Schwangerschaft f�r mich ins Feld f�hrt, denn aus Sicht eines Sponsors mache ich meine Sache nicht besonders gut.</p><p>Ich �berpr�fe meine Waffen, obwohl ich wei�, dass sie v�llig in Ordnung sind, aber so sieht es aus, als h�tte ich alles im Griff. �Ich gehe voran�, verk�nde ich.</p><p>Peeta will widersprechen, doch Finnick schneidet ihm das Wort ab. �Nein, lass sie das machen.� Er sieht mich mit finsterer Miene an. �Du wusstest, dass da ein Kraftfeld war, stimmt�s? Im allerletzten Moment wolltest du uns warnen.� Ich nicke. �Woher wusstest du es?�</p><p>Ich z�gere. Es k�nnte gef�hrlich sein, wenn ich verrate, dass ich den Trick von Beetee und Wiress habe. Ich wei� nicht, ob die Spielmacher es beim Training mitbekommen haben. Ich bin im Besitz einer sehr wertvollen Information. Und wenn sie das wissen, k�nnten sie das Kraftfeld so ver�ndern, dass ich das Flimmern nicht mehr erkenne. Also l�ge ich. �Ich wei� nicht. Es ist fast, als k�nnte ich es h�ren. Horcht mal.� Wir sind alle still. Wir h�ren Insekten, V�gel, den leichten Wind in den Bl�ttern.</p><p>�Ich h�re nichts�, sagt Peeta.</p><p>�Doch�, sage ich. �Es ist wie in Distrikt 12, wenn der Zaun angeschaltet ist, nur viel, viel leiser.� Wieder lauschen sie konzentriert. Auch ich lausche, obwohl es nichts zu h�ren gibt. �Da!�, sage ich. �H�rt ihr? Genau aus der Richtung, wo Peeta den Schlag gekriegt hat.�</p><p>�Ich h�re auch nichts�, sagt Finnick. �Aber wenn du es h�rst, dann geh auf jeden Fall voran.�</p><p>Ich beschlie�e, das Spiel auf Teufel komm raus weiterzuspielen. �Komisch�, sage ich. Ich drehe den Kopf hin und her, als w�re ich ganz verwundert. �Ich h�re es nur mit dem linken Ohr.�</p><p>�Mit dem Ohr, das die �rzte repariert haben?�, fragt Peeta.</p><p>�Ja�, sage ich, dann zucke ich die Achseln. �Vielleicht haben sie es besser hingekriegt, als sie dachten. Wei�t du, manchmal h�re ich links echt komische Sachen. Sachen, von denen man gar nicht denkt, dass sie Ger�usche machen. Zum Beispiel Insektenfl�gel. Oder Schnee, der auf den Boden f�llt.� Genial. Jetzt werden sie sich auf die Chirurgen st�rzen, die mein taubes Ohr nach den Spielen im letzten Jahr operiert haben, und die werden erkl�ren m�ssen, wieso ich auf einmal h�ren kann wie eine Fledermaus.</p><p>�Du�, sagt Mags. Sie schiebt mich vorw�rts und ich �bernehme die F�hrung. Da wir sowieso langsam gehen m�ssen, m�chte Mags einen Ast als Gehhilfe. Im Handumdrehen hat Finnick ihr einen Spazierstock gebastelt. F�r Peeta macht er auch einen Stock, und das ist gut so, denn Peeta protestiert zwar, aber ich glaube, dass er sich eigentlich am liebsten hinlegen w�rde. Finnick bildet das Schlusslicht, sodass wir wenigstens jemanden haben, der nach hinten absichert.</p><p>Das Kraftfeld zu meiner Linken, weil das ja angeblich die Seite mit meinem �bermenschlichen Ohr ist, bewege ich mich vorw�rts. Doch da das alles frei erfunden ist, schneide ich sicherheitshalber ein paar harte N�sse ab, die wie Trauben an einem Baum h�ngen, und werfe sie vor mich, denn ich habe das Gef�hl, dass mir die Flecken, an denen man ein Kraftfeld erkennt, meist entgehen. Immer wenn eine Nuss auf das Feld trifft, entsteht eine Rauchwolke, und dann landet die Nuss, schwarz und mit aufgebrochener Schale, zu meinen F��en.</p><p>Nach einer Weile h�re ich hinter mir ein schmatzendes Ger�usch. Als ich mich umdrehe, sehe ich, wie Mags eine Nuss aus der Schale pellt und in ihren bereits vollen Mund stopft. �Mags!�, schreie ich. �Spuck sie aus. Die k�nnten giftig sein.�</p><p>Sie murmelt irgendwas, beachtet mich jedoch nicht weiter und leckt sich gen�sslich die Lippen. Ich schaue Hilfe suchend zu Finnick, aber der lacht nur. �Das werden wir schon merken�, sagt er.</p><p>Ich gehe weiter und wundere mich �ber Finnick, der die alte Mags gerettet hat, aber nichts dagegen unternimmt, dass sie unbekannte N�sse isst. Den Haymitch abgesegnet hat. Der Peeta wieder zum Leben erweckt hat. Warum hat er ihn nicht einfach sterben lassen? Man h�tte ihm nichts vorwerfen k�nnen. Ich h�tte nie gedacht, dass es in seiner Macht st�nde, ihn wiederzubeleben. Warum wollte er Peeta blo� retten? Und warum war er so wild entschlossen, sich mit mir zu verb�nden? Und mich notfalls auch zu t�ten. Wobei er die Entscheidung, ob wir gegeneinander k�mpfen, mir �berlassen hat.</p><p>Ich gehe weiter, werfe meine N�sse, entdecke hier und da einen Zipfel des Kraftfelds, versuche mich weiter links zu halten, einen Durchschlupf zu finden, weg vom F�llhorn und hoffentlich hin zu einer Wasserquelle. Doch nach etwa einer Stunde merke ich, dass es zwecklos ist. Wir kommen nicht weiter nach links. Der Weg scheint in einem Bogen um das Kraftfeld herum zu verlaufen. Ich bleibe stehen und schaue zu der humpelnden Mags, sehe den Schwei� auf Peetas Gesicht gl�nzen. �Kommt, wir machen hier eine Pause�, sage ich. �Ich muss mir das noch mal von oben angucken.�</p><p>Ich suche mir einen Baum aus, der noch h�her gewachsen ist als die anderen. Ich klettere die gewundenen Aste hinauf und halte mich so dicht wie m�glich am Stamm. Ich wei� ja nicht, wie schnell diese gummiartigen �ste brechen k�nnen. Trotzdem klettere ich h�her, als ich sollte; ich muss sehen, was da los ist. Ich klammere mich an einen Ast, der nicht dicker ist als ein Setzling und in der feuchten Brise hin und her schwankt, und finde meinen Verdacht best�tigt. Es ist v�llig klar, weshalb wir nicht weiter nach links kommen und auch nie kommen werden. Von diesem gewagten Aussichtspunkt kann ich zum ersten Mal die Form der gesamten Arena erkennen. Es ist ein vollkommener Kreis. Mit einem vollkommenen Rad in der Mitte. Der Himmel �ber diesem Kreis ist gleichm��ig rosa gef�rbt. Und ich meine, zwei von diesen welligen Vierecken zu erkennen, die wunden Punkte, wie Wiress und Beetee sie genannt haben, denn sie verraten etwas, das verborgen bleiben soll, und sind deshalb Schwachstellen. Nur um ganz sicherzugehen, schie�e ich einen Pfeil in die Luft �ber den B�umen. Ein Lichtstrahl, ein Aufblitzen des echten blauen Himmels, dann f�llt der Pfeil zur�ck in den Dschungel. Ich klettere vom Baum, um den anderen die schlechte Nachricht zu �berbringen.</p><p>�Das Kraftfeld h�lt uns in einem Kreis gefangen. In einer Kuppel, genauer gesagt. Ich wei� nicht, wie hoch sie ist. Es gibt das F�llhorn, das Meer und den Dschungel drum herum. Ganz exakt. Ganz symmetrisch. Und nicht besonders gro߫, sage ich.</p><p>�Hast du irgendwo Wasser gesehen?�, fragt Finnick.</p><p>�Nur das Salzwasser vom Anfang der Spiele�, sage ich.</p><p>�Es muss noch irgendwo anders Wasser geben�, sagt Peeta mit gerunzelter Stirn. �Sonst sind wir alle in wenigen Tagen tot.�</p><p>�Tja, das Laub ist dicht. Vielleicht gibt es irgendwo T�mpel oder Quellen�, sage ich zweifelnd. Mein Gef�hl sagt mir, dass das Kapitol diese unpopul�ren Spiele vielleicht so schnell wie m�glich hinter sich bringen will. M�glicherweise hat Plutarch Heavensbee schon den Befehl erhalten, uns zu erledigen. �Jedenfalls hat es keinen Zweck zu gucken, was hinter diesem H�gel ist, denn die Antwort lautet: Nichts.�</p><p>�Zwischen dem Kraftfeld und dem Rad muss es irgendwo Trinkwasser geben�, beharrt Peeta. Wir wissen alle, was das hei�t. Wieder nach unten. Zur�ck zu den Karrieros und dem Blutbad. Und das, wo Mags kaum laufen kann und Peeta zu schwach zum K�mpfen ist.</p><p>Wir beschlie�en, ein paar Hundert Meter bergab dem Kreis zu folgen. Vielleicht gibt es auf dieser H�he Wasser. Ich gehe wieder voran, pfeffere hin und wieder eine Nuss nach links, doch das Kraftfeld ist jetzt weiter weg. Die Sonne brennt auf uns herab, verwandelt die Luft in Dampf, spielt unseren Augen Streiche. Am Nachmittag ist klar, dass Peeta und Mags nicht mehr weiterk�nnen.</p><p>Finnick w�hlt f�r die Rast einen Platz etwa zehn Meter unterhalb des Kraftfelds aus, er sagt, wir k�nnten es als Waffe einsetzen, indem wir unsere Feinde dorthin lenken, wenn sie uns angreifen. Dann pfl�cken er und Mags Bl�tter von dem harten Gras, das in zwei Meter hohen B�schen w�chst, und weben daraus Matten. Da Mags die N�sse offenbar gut vertragen hat, sammelt Peeta weitere und r�stet sie, indem er sie gegen das Kraftfeld wirft. Geduldig pellt er die Schale ab und sammelt die Kerne auf einem Blatt. Ich stehe Wache, unruhig und schwitzend und mitgenommen von den Eindr�cken des Tages.</p><p>Durst. Ich hab solchen Durst. Schlie�lich halte ich es nicht mehr aus. �Finnick, halt du doch mal Wache und ich suche noch ein bisschen nach Wasser�, sage ich. Keiner ist begeistert von meiner Idee, allein loszuziehen, aber die Gefahr auszutrocknen schwebt �ber uns.</p><p>�Keine Angst, ich gehe nicht weit�, verspreche ich Peeta.</p><p>�Ich komme mit�, sagt er.</p><p>�Nein, ich will auch auf die Jagd gehen, wenn m�glich�, sage ich. Ich f�ge nicht hinzu: �Und du kannst nicht mitkommen, weil du zu laut bist.� Aber das versteht sich von selbst. Er w�rde die Beute verscheuchen und mich mit seinem schweren Schritt in Gefahr bringen. �Ich bleib nicht lange weg.�</p><p>Ich schleiche zwischen den B�umen hindurch und stelle erfreut fest, dass man sich auf dem Boden hier sehr gut ger�uschlos bewegen kann. Ich gehe schr�g bergab, doch au�er noch mehr �ppigem Gr�n finde ich nichts.</p><p>Ein Kanonendonner l�sst mich innehalten. Das anf�ngliche Gemetzel am F�llhorn ist offenbar vorbei. Jetzt k�nnen wir die Zahl der Toten erfahren. Ich z�hle die Sch�sse, jeder Schuss bedeutet einen toten Sieger. Acht. Weniger als letztes Jahr. Doch es kommt mir mehr vor, weil ich die meisten mit Namen kenne.</p><p>Ich f�hle mich pl�tzlich schwach und lehne mich an einen Baum, um zu verschnaufen. Ich sp�re, wie die Hitze meinem K�rper wie einem Schwamm das Wasser entzieht. Schon jetzt f�llt es mir schwer zu schlucken, ich beginne mich matt zu f�hlen. Ich streiche mit der Hand �ber meinen Bauch in der Hoffnung, dass drau�en im Kapitol eine mitf�hlende Schwangere mich sponsert und dass Haymitch ein wenig Wasser schicken kann. Vergeblich. Ich sinke zu Boden.</p><p>W�hrend ich so still dasitze, sehe ich die Tiere: merkw�rdige V�gel mit pr�chtigem Gefieder, Baumleguane mit zuckender blauer Zunge und etwas, das aussieht wie eine Kreuzung aus Ratte und Opossum und sich an den �sten nah am Stamm festh�lt. Ich erschie�e eins, um es mir genauer anzuschauen. Es ist h�sslich, keine Frage, ein gro�es Nagetier mit grau geflecktem Fell und zwei fiesen Nagez�hnen, die �ber den Unterkiefer ragen. W�hrend ich es ausnehme und h�ute, f�llt mir noch etwas anderes auf. Die Schnauze ist nass. Als h�tte das Tier aus einem Bach getrunken. Aufgeregt mache ich mich auf die Suche. Die Wasserquelle des Tiers kann nicht weit entfernt sein.</p><p>Nichts. Ich finde nichts. Nicht mal einen Tautropfen. Weil ich wei�, dass Peeta sich Sorgen um mich macht, kehre ich schlie�lich zu unserem Lager zur�ck, mir ist noch hei�er als vorher und ich bin noch frustrierter.</p><p>Die anderen haben inzwischen das Lager wohnlich gemacht. Aus Grasmatten haben Mags und Finnick eine Art H�tte gebaut, an einer Seite offen, doch mit drei W�nden, einem Fu�boden und einem Dach. Mags hat auch einige Schalen geflochten, die Peeta mit ger�steten N�ssen gef�llt hat. Hoffnungsvoll schauen die drei mich an, doch ich sch�ttele den Kopf. �Nichts. Kein Wasser. Aber es muss welches da sein. Das Tier hier wusste auch, wo�, sage ich und hebe das geh�utete Nagetier hoch, sodass alle es sehen k�nnen. �Kurz bevor ich es von seinem Baum herunterschoss, muss es getrunken haben, aber ich konnte die Quelle nicht finden. Ich hab in einem Umkreis von drei�ig Metern jeden Fleck abgegrast.�</p><p>�Kann man es essen?�, fragt Peeta.</p><p>�Wei� nicht. Aber sein Fleisch sieht so �hnlich aus wie das eines Eichh�rnchens. Es m�sste gebraten werden �� Bei der Vorstellung, hier aus dem Nichts ein Feuer anzuz�nden, z�gere ich. Selbst wenn es mir gelingen sollte, ist da immer noch der Rauch. In dieser Arena sind wir alle so nah beieinander, dass ein Feuer nicht unentdeckt bliebe.</p><p>Peeta hat eine andere Idee. Er schneidet ein St�ck Fleisch heraus, steckt es auf einen spitzen Stock und wirft diesen gegen das Kraftfeld. Ein scharfes Zischen ist zu h�ren, dann kommt der Stock zur�ckgeflogen. Der Fleischw�rfel ist au�en schwarz, innen jedoch gut durchgebraten. Wir klatschen Beifall, aber da f�llt uns ein, wo wir sind, und wir halten schnell inne.</p><p>Als wir uns in der H�tte zusammensetzen, versinkt die wei�e Sonne im rosigen Himmel. Ich traue den N�ssen immer noch nicht so ganz, aber Finnick sagt, dass Mags sie aus fr�heren Spielen kennt. Diesmal habe ich beim Training keine Zeit an der Station mit den essbaren Pflanzen verbracht, weil mir das im letzten Jahr so wenig gen�tzt hat. Jetzt bereue ich es. Bestimmt w�ren dort einige der unbekannten Pflanzen um mich herum vorgekommen. Und ich h�tte vielleicht eine Ahnung gehabt, wohin die Reise geht. Aber Mags scheinen sie gut zu bekommen, sie futtert diese N�sse schon seit Stunden. Also nehme ich eine und knabbere ein wenig daran. Die Nuss hat einen milden, s��lichen Geschmack, ein bisschen wie eine Esskastanie. Ich komme zu dem Schluss, dass sie genie�bar ist. Das Nagetier schmeckt streng nach Wild, ist aber �berraschend saftig. F�r unseren ersten Abend in der Arena ist das gar keine �ble Mahlzeit. Wenn wir nur etwas zum Runtersp�len h�tten.</p><p>Finnick fragt mich �ber das Nagetier aus, das wir Baumratte nennen. Auf welcher H�he es im Baum sa�, wie lange ich es beobachtet habe, ehe ich schoss, und was es gemacht hat. Ich kann mich nicht erinnern, dass es gro� was gemacht h�tte. Es hat nach Insekten geschn�ffelt oder so.</p><p>Mir graut vor der Nacht. Immerhin bieten die dicht geflochtenen Grasmatten etwas Schutz vor dem, was nach einbrechender Dunkelheit wom�glich �ber den Dschungelboden kriechen wird. Doch kurz nachdem die Sonne hinter den Horizont geglitten ist, geht ein blasser Mond auf, sodass wir gerade genug sehen k�nnen. Unsere Gespr�che verstummen, denn wir wissen, was jetzt kommt. Wir stellen uns am Eingang der H�tte in einer Reihe auf und Peeta schiebt seine Hand in meine.</p><p>Der Himmel wird hell erleuchtet vom Wappen des Kapitols, das aussieht, als w�rde es im Himmel schweben. W�hrend ich der Hymne lausche, denke ich: <emphasis>F�r Finnick und Mags wird es schwerer. </emphasis>Aber dann ist es auch f�r mich schwer, die Gesichter der acht toten Sieger zu sehen, die in den Himmel projiziert werden.</p><p>Der Mann aus Distrikt 5, den Finnick mit seinem Dreizack umgebracht hat, erscheint als Erster. Das bedeutet, dass alle Tribute von 1 bis 4 noch am Leben sind - die vier Karrieros, Beetee und Wiress und nat�rlich Mags und Finnick. Auf den Mann aus Distrikt 5 folgen der m�nnliche Morfixer aus 6, Cecelia und Woof aus 8, die beiden aus 9, die Frau aus 10 und Seeder aus 11. Danach erscheint wieder das Wappen des Kapitols mit ein wenig abschlie�ender Musik und dann wird der Himmel dunkel bis auf den Mond.</p><p>Keiner sagt etwas. Ich kann nicht behaupten, ich h�tte einen der Toten gut gekannt. Aber ich denke an die drei Kinder, die sich an Cecelia geklammert haben, als sie fortgebracht wurde.</p><p>Daran, wie freundlich Seeder bei unserer Begegnung im Trainingscenter zu mir war. Selbst der Gedanke an den Morfixer mit den glasigen Augen, wie er mir gelbe Blumen auf die Wangen malt, versetzt mir einen Stich. Alle tot. Alle weg.</p><p>Ich wei� nicht, wie lange wir noch so dagestanden h�tten, w�re nicht ein silberner Fallschirm durch die Bl�tter geglitten und vor uns gelandet. Niemand streckt die H�nde danach aus.</p><p>�Was glaubt ihr, f�r wen das ist?�, sage ich schlie�lich.</p><p>�Keine Ahnung�, sagt Finnick. �Was haltet ihr davon, wenn Peeta ihn bekommt? Weil er heute gestorben ist.�</p><p>Peeta knotet die Schnur auf und breitet das kreisrunde St�ck Seide auf dem Boden aus. Auf dem Fallschirm liegt ein kleiner Metallgegenstand, den ich nicht einordnen kann. �Was ist das?�, frage ich. Keiner wei� es. Wir lassen ihn von Hand zu Hand gehen und untersuchen ihn der Reihe nach. Es ist ein Metallrohr, das sich am einen Ende leicht verj�ngt. Am anderen Ende hat es eine kleine, nach unten gebogene T�lle. Es kommt mir vage bekannt vor. Ein Teil, das von einem Fahrrad abgefallen sein k�nnte, von einer Gardinenstange, es k�nnte alles M�gliche sein.</p><p>Peeta bl�st hinein, um zu pr�fen, ob es einen Ton macht. Macht es nicht. Finnick steckt den kleinen Finger hinein, um es als Waffe auszuprobieren. Unbrauchbar.</p><p>�Kannst du damit fischen, Mags?�, frage ich. Mags, die mit fast allem fischen kann, sch�ttelt den Kopf und grunzt.</p><p>Ich lege das Rohr auf meine Hand und lasse es hin und her rollen. Da wir Verb�ndete sind, arbeitet Haymitch bestimmt mit den Mentoren von Distrikt 4 zusammen. Er hat das Geschenk mit ausgesucht. Das bedeutet, dass es wertvoll ist. Uns sogar das Leben retten kann. Ich erinnere mich an letztes Jahr, als ich so n�tig Wasser brauchte und er es mir nicht geschickt hat, weil er wusste, dass ich es finden konnte, wenn ich mir M�he gab. In Haymitchs Geschenken oder in ihrem Ausbleiben verstecken sich wichtige Botschaften. Ich kann fast h�ren, wie er mich anknurrt: <emphasis>Streng dein Gehirn an, falls du eins hast. Was ist das?</emphasis></p><p>Ich wische mir den Schwei� aus den Augen und halte das Geschenk ins Mondlicht. Ich drehe und wende es, schaue es aus verschiedenen Winkeln an, bedecke einzelne Teile und gebe sie dann wieder frei. Damit es mir seinen Zweck verr�t. Schlie�lich stecke ich frustriert ein Ende in die Erde. �Ich geb�s auf. Vielleicht kriegen Beetee und Wiress es raus, wenn wir uns mit ihnen zusammentun.�</p><p>Ich strecke mich, lege die hei�e Wange auf die Grasmatte, starre ver�rgert auf das Ding. Peeta reibt einen verspannten Punkt zwischen meinen Schultern und ich werde ein wenig lockerer. Ich frage mich, warum es sich kein bisschen abgek�hlt hat, jetzt, da die Sonne untergegangen ist. Ich frage mich, was sie zu Hause wohl machen.</p><p>Prim. Meine Mutter. Gale. Madge. Ich stelle mir vor, wie sie mir zu Hause zuschauen. Jedenfalls hoffe ich, dass sie zu Hause sind. Nicht von Thread verhaftet. Oder bestraft wie Cinna. Wie Darius. Bestraft wegen mir. Alle.</p><p>Jetzt sehne ich mich nach ihnen, nach meinem Distrikt, meinem Wald. Ein anst�ndiger Wald mit kr�ftigen Hartholzb�umen, reichlich Nahrung, mit Wild, vor dem man sich nicht ekeln muss. Rauschende B�che. K�hle Brisen. Nein, kalte Winde, die diese erstickende Hitze wegblasen. Ich beschw�re einen solchen Wind mit meinen Gedanken, lasse mir von ihm kalte Wangen machen und taube Finger, und auf einmal hat das Metallding, das halb in der schwarzen Erde steckt, einen Namen.</p><p>�Ein Zapfen!�, rufe ich und setze mich kerzengerade auf.</p><p>�Was?�, fragt Finnick.</p><p>Ich ziehe das Ding aus der Erde und wische es sauber. Schlie�e die Hand um das sich verj�ngende Ende, verberge es und schaue auf die T�lle. Ja, so ein Ding habe ich schon mal gesehen. An einem kalten, windigen Tag vor langer Zeit, als ich mit meinem Vater im Wald war. Es steckte fest in einem Loch, das in den Stamm eines Ahornbaums gebohrt war. Eine �ffnung f�r den Saft, der dann in unseren Eimer floss. Mit Ahornsirup wurde selbst unser fades Brot zu einer Leckerei. Nach dem Tod meines Vaters blieben seine Zapfh�hne verschwunden, ich wusste nicht, was mit ihnen passiert war. Wahrscheinlich hatte er sie irgendwo im Wald versteckt. Wo niemand sie je finden wird.</p><p>�Das ist ein Zapfen. So was wie ein Hahn. Man steckt ihn in einen Baum und dann kommt Saft raus.� Ich schaue auf die kr�ftigen gr�nen St�mme um mich herum. �Na ja, es muss die richtige Sorte Baum sein.�</p><p>�Saft?�, sagt Finnick. Am Meer w�chst auch nicht die richtige Sorte B�ume.</p><p>�F�r Sirup�, sagt Peeta. �Aber in diesen B�umen muss etwas anderes sein.�</p><p>Pl�tzlich sind wir alle auf den Beinen. Unser Durst. Der Mangel an Wasserquellen. Die spitzen Vorderz�hne der Baumratte und ihr nasses Maul. In diesen B�umen kann es nur eines geben, was begehrenswert ist. Finnick will den Zapfhahn schon mit einem Stein in die gr�ne Rinde eines kr�ftigen Baums h�mmern, doch ich halte ihn zur�ck. �Warte. Nachher machst du ihn noch kaputt. Wir m�ssen erst ein Loch bohren�, sage ich.</p><p>Wir haben nichts zum Bohren, also bietet Mags ihre Ahle an, und Peeta schiebt sie direkt in die Rinde, sodass der Stift f�nf Zentimeter tief im Stamm steckt. Abwechselnd vergr��ern Peeta und Finnick das Loch mit der Ahle und den Messern, bis der Zapfhahn hineinpasst. Vorsichtig schiebe ich ihn in das Loch und dann treten wir alle erwartungsvoll zur�ck.</p><p>Zun�chst passiert gar nichts. Dann rollt ein Wassertropfen an der T�lle herab und landet in Mags� Hand. Sie leckt ihn ab und streckt die Hand wieder aus.</p><p>Wir bewegen den Zapfhahn hin und her, bis ein d�nner Strahl herausflie�t. Abwechselnd halten wir den Mund unter den Hahn und benetzen unsere ausged�rrte Zunge. Mags bringt eine Schale herbei, das Gras ist so fest geflochten, dass sie das Wasser h�lt. Wir f�llen die Schale und lassen sie herumgehen, nehmen gro�e Schlucke, und sp�ter, als unser Durst gel�scht ist, spritzen wir uns Wasser ins Gesicht und waschen uns. Der reine Luxus. Das Wasser ist eher warm wie alles hier, aber wir k�nnen jetzt nicht w�hlerisch sein.</p><p>Jetzt, wo wir nicht mehr an den Durst denken m�ssen, merken wir, wie ersch�pft wir sind, und treffen Vorbereitungen f�r die Nacht. Letztes Jahr habe ich nachts immer versucht, meine Sachen zu packen f�r den Fall, dass ich schnell verschwinden m�sste. Diesmal gibt es keinen Rucksack, den ich bereithalten k�nnte. Nur meine Waffen, die ich sowieso immer festhalte. Der Zapfhahn f�llt mir ein und ich hole ihn aus dem Baumstamm. Ich befreie eine kr�ftige Ranke von ihren Bl�ttern, ziehe sie durch die R�hre und binde den Zapfhahn sorgf�ltig an meinem Gurt fest.</p><p>Finnick will als Erster Wache halten und ich lasse ihn. Einer von uns beiden muss das �bernehmen, bis es Peeta wieder gut geht. Ich strecke mich in der H�tte neben Peeta aus und sage Finnick, er soll mich wecken, wenn er m�de wird. Nach ein paar Stunden werde ich von etwas aus dem Schlaf gerissen, das sich wie ein Glockenschlag anh�rt. <emphasis>Dong! Dong! </emphasis>Es klingt nicht genauso wie die Glocke, die an Neujahr im Justizgeb�ude l�utet, aber doch so �hnlich, dass ich das Ger�usch erkenne. Peeta und Mags schlafen einfach weiter, aber Finnick scheint genauso wachsam zu sein wie ich. Die Glocke verstummt.</p><p>�Ich hab zw�lf gez�hlt�, sagt er.</p><p>Ich nicke. Zw�lf. Was bedeutet das? Ein Glockenschlag f�r jeden Distrikt? Vielleicht. Aber warum? �Meinst du, das hat was zu bedeuten?�</p><p>�Keine Ahnung�, sagt er.</p><p>Wir warten auf weitere Anweisungen, zum Beispiel eine Nachricht von Claudius Templesmith. Eine Einladung zu einem Festmahl. Das einzig Bemerkenswerte passiert in weiter Ferne. Ein greller Blitz schl�gt in einen hohen Baum ein und dann bricht ein Gewitter los. Ich vermute, das k�ndigt Regen an, eine Wasserquelle f�r alle, die keinen so schlauen Mentor wie Haymitch haben.</p><p>�Leg dich schlafen, Finnick. Ich bin jetzt sowieso mit der Wache dran�, sage ich.</p><p>Finnick z�gert, aber niemand kann ewig wach bleiben. Er legt sich an den Eingang der H�tte, einen Dreizack in der Hand, und gleitet in einen unruhigen Schlaf.</p><p>Ich sitze mit Pfeil und Bogen da und schaue in den Dschungel, der im Mondlicht gespenstisch bleich und gr�n ist. Nach etwa einer Stunde lassen die Blitze nach. Dann h�re ich, wie der Regen einsetzt und ein paar Hundert Meter entfernt auf die Bl�tter prasselt. Ich warte darauf, dass er bis zu uns kommt, aber das passiert nicht.</p><p>Beim Donnern der Kanone zucke ich zusammen, w�hrend meine schlafenden Gef�hrten davon unbeeindruckt bleiben. Es hat keinen Zweck, sie deswegen zu wecken. Ein weiterer Sieger tot. Ich will nicht dar�ber nachdenken, wer es sein mag.</p><p>Der undefinierbare Regen versiegt pl�tzlich, wie der Sturm letztes Jahr in der Arena.</p><p>Wenige Augenblicke darauf sehe ich, wie aus der Richtung, wo eben der Schauer fiel, ein Nebel leise heranschwebt. <emphasis>Eine ganz normale Reaktion, </emphasis>denke ich. <emphasis>K�hler Regen auf dem hei�en Boden. </emphasis>Der Nebel kommt gleichm��ig n�her. Kleine Zipfel schieben sich vor und formen sich zu Krallen, als w�rden sie den Rest hinter sich herziehen. Pl�tzlich stellen sich mir die Nackenhaare auf. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Nebel. Er rollt zu gleichf�rmig heran, um nat�rlich zu sein. Und wenn er nicht nat�rlich ist �</p><p>Ein widerlich s��er Geruch dringt mir in die Nase, und ich wende mich panisch den anderen zu, rufe, dass sie aufwachen sollen.</p><p>In den paar Sekunden, die es braucht, sie zu wecken, beginnt meine Haut Blasen zu werfen.</p><p><emphasis><strong>21</strong></emphasis></p><p>Kleine gl�hend hei�e Stiche. �berall, wo die Nebeltr�pfchen meine Haut ber�hren.</p><p>�Weg hier!�, schreie ich den anderen zu. �Schnell!�</p><p>Finnick ist sofort auf den Beinen, bereit, sich auf den Feind zu st�rzen. Als er die Nebelwand sieht und begreift, wirft er sich die noch schlafende Mags �ber die Schulter und rennt los. Peeta ist ebenfalls aufgestanden, aber noch nicht ganz da. Ich packe ihn am Arm und ziehe ihn hinter Finnick her durch den Dschungel.</p><p>�Was ist? Was ist?�, fragt er verwirrt.</p><p>�Irgendein Nebel. Giftgas. Schnell, Peeta!�, dr�nge ich. Jetzt merke ich, dass die Folgen des Stromschlags doch gewaltig sind, auch wenn Peeta das am Tag bestritten hat. Er ist langsam, viel langsamer als sonst. Und das Gewirr aus Ranken und Gestr�pp, das mich manchmal aus dem Gleichgewicht bringt, l�sst ihn bei jedem Schritt straucheln.</p><p>Ich drehe mich nach dem Nebel um, der sich wie ein Wall in alle Richtungen erstreckt. Ein schrecklicher Impuls zu fliehen, Peeta im Stich zu lassen und meine eigene Haut zu retten, durchzuckt mich. Es w�re so leicht, blitzschnell wegzurennen, vielleicht sogar auf einen Baum zu klettern, �ber die Nebelwand hinweg, die etwa zehn Meter hoch ist. Genau das habe ich bei den letzten Spielen getan, �berlege ich, als die Mutationen auftauchten. Da bin ich losgerannt und habe erst wieder an Peeta gedacht, als ich das F�llhorn erreicht hatte. Diesmal bezwinge ich meine Panik, und bleibe bei ihm. Diesmal geht es nicht um mein �berleben, sondern um seins. Ich denke an die Menschen in den Distrikten, die auf die Bildschirme starren, darauflauern, ob ich wegrenne, wie das Kapitol es will, oder ob ich bleibe.</p><p>Ich verschr�nke meine Finger fest mit seinen und sage: �Guck auf meine F��e. Versuch in meine Fu�stapfen zu treten.� Das hilft. So kommen wir ein wenig schneller voran, allerdings nicht schnell genug, um eine Pause einlegen zu k�nnen, der Nebel bleibt uns dicht auf den Fersen. Einzelne Tr�pfchen l�sen sich aus den Schwaden. Sie brennen, aber nicht wie Feuer. Es ist weniger hei� als schmerzhaft, wenn die chemische Substanz auf die Haut trifft, sich festbei�t und durch die Hautschichten frisst. Unsere Overalls helfen kein bisschen. Sie bieten so wenig Schutz, dass wir ebenso gut in Seidenpapier eingepackt sein k�nnten.</p><p>Finnick, der zun�chst losgest�rmt war, bleibt stehen, als er mitkriegt, dass wir in Schwierigkeiten stecken. Aber hier geht es nicht darum, etwas zu bek�mpfen, man kann nur versuchen zu entkommen. Er ruft uns aufmunternde Worte zu, bem�ht sich, uns anzuspornen, und seine Stimme ist f�r uns ein Wegweiser, aber mehr auch nicht.</p><p>Peeta verf�ngt sich mit seinem k�nstlichen Bein in einem Kn�uel aus Schlingpflanzen, und ehe ich ihn auffangen kann, f�llt er hin. Als ich ihm aufhelfe, bemerke ich etwas, das noch beunruhigender ist als die Blasen, noch bedrohlicher als die Verbrennungen. Seine linke Gesichtsh�lfte ist erschlafft, als w�re in den Muskeln kein Leben mehr. Das Lid h�ngt herab und verdeckt fast sein Auge. Sein Mund ist in einem merkw�rdigen Winkel nach unten verzerrt. �Peeta ��, sage ich. Und in diesem Moment merke ich, wie ein Krampf meinen Arm durchzuckt.</p><p>Aus welchen chemischen Substanzen dieser Nebel auch besteht, er brennt nicht nur, er zielt auf unsere Nerven. Eine ganz neue Art von Angst durchf�hrt mich, und ich zerre Peeta weiter, was nur dazu f�hrt, dass er erneut stolpert. Als ich ihn wieder hochgezogen habe, zucken meine Arme unkontrollierbar. Der Nebel ist jetzt ganz nah, weniger als einen Meter entfernt. Irgendetwas stimmt nicht mit Peetas Beinen, er versucht zu gehen, aber sie bewegen sich spastisch, marionettenhaft.</p><p>Irgendwie taumelt Peeta weiter, und da erst merke ich, dass Finnick zur�ckgekommen ist und Peeta mitschleift. Ich zw�nge die eine Schulter, die ich offenbar noch in der Gewalt habe, unter Peetas Arm und gebe mein Bestes, um mit Finnicks schnellem Schritt mitzuhalten. Etwa zehn Meter liegen zwischen uns und dem Nebel, als Finnick stehen bleibt.</p><p>�Das bringt nichts. Ich muss ihn tragen. Kannst du Mags nehmen?�, fragt er mich.</p><p>�Ja�, sage ich entschlossen, obwohl mir das Herz in die Hose rutscht. Mags wiegt zwar h�chstens drei�ig Kilo, aber ich bin auch nicht gerade kr�ftig. Trotzdem, ich habe bestimmt schon Schwereres getragen. Wenn nur meine Arme nicht so wild zucken w�rden. Ich hocke mich hin, und sie legt sich �ber meine Schulter, wie sie es auch bei Finnick immer macht. Langsam strecke ich die Beine und mit durchgedr�ckten Knien schaffe ich es. Finnick tr�gt Peeta jetzt auf dem R�cken, und so gehen wir weiter, Finnick vorneweg, ich in der Spur, die er uns durchs Gestr�pp bahnt.</p><p>Der Nebel schiebt sich n�her heran, still und regelm��ig und gleichf�rmig bis auf die greifenden Krallen. W�hrend ich instinktiv wegrennen will, geht Finnick den H�gel schr�g hinunter. Er versucht das Gas auf Distanz zu halten und zugleich das Wasser um das F�llhorn zu erreichen. <emphasis>Ja, Wasser, </emphasis>denke ich, w�hrend sich die S�uretropfen tiefer in mich hineinbohren. Jetzt bin ich so dankbar, dass ich Finnick nicht umgebracht habe, denn wie h�tte ich Peeta ohne ihn lebend hier rausbekommen? So dankbar, dass jemand mir beisteht, wenn auch nur vor�bergehend.</p><p>Mags kann nichts daf�r, dass ich ins Straucheln gerate. Sie versucht sich leicht zu machen, aber Tatsache ist, dass ich so viel Gewicht nicht tragen kann. Zumal jetzt auch noch mein rechtes Bein steif zu werden scheint. Die ersten beiden Male rappele ich mich wieder auf, doch als ich das dritte Mal hinfalle und wieder hochkommen will, spielt mein Bein einfach nicht mehr mit. Es versagt und Mags rollt vor mir auf die Erde. Ich rudere mit den Armen, versuche mich an Ranken und Asten hochzuziehen.</p><p>Im Nu ist Finnick wieder bei mir, Peeta auf dem R�cken. �Es hat keinen Zweck�, sage ich. �Kannst du sie beide tragen? Geh nur weiter, ich hole euch schon ein.� Ein etwas zweifelhafter Vorschlag, aber ich sage es mit aller Zuversicht, die ich zustande bringe.</p><p>Ich sehe Finnicks Augen, gr�n im Mondlicht. Ich sehe sie so klar wie den hellen Tag. Fast wie Katzenaugen, seltsam reflektierend. Vielleicht, weil Tr�nen darin gl�nzen. �Nein�, sagt er. �Ich kann sie nicht beide tragen. Meine Arme machen nicht mit.� Es stimmt. Seine Arme zucken unkontrolliert an seinem K�rper. Seine H�nde sind leer. Von seinen drei Dreizacken ist nur noch einer �brig und den h�lt Peeta. �Es tut mir leid, Mags. Ich schaffe es nicht.�</p><p>Was dann passiert, geht so schnell und ist so sinnlos, dass ich keine Chance habe, es zu verhindern. Mags rappelt sich hoch, dr�ckt Finnick einen Kuss auf die Lippen und humpelt dann geradewegs in den Nebel hinein. Sofort wird ihr K�rper von wilden Zuckungen erfasst und in einem schrecklichen Tanz f�llt sie zu Boden.</p><p>Ich m�chte schreien, doch meine Kehle brennt wie Feuer. Ich h�re den Kanonenschuss und wei�, dass ihr Herz aufgeh�rt hat zu schlagen, dass sie tot ist, und doch mache ich einen unsinnigen Schritt in ihre Richtung. �Finnick?�, rufe ich heiser, aber er hat sich schon abgewandt und entfernt sich von dem Nebel. Weil mir nichts Besseres einf�llt, taumele ich hinter ihm her, das unbrauchbare Bein nachziehend.</p><p>Zeit und Raum verlieren ihre Bedeutung, w�hrend der Nebel in mein Gehirn einzudringen scheint, mir die Gedanken verwirrt, alles unwirklich macht. Irgendein tief verwurzelter �berlebenstrieb sorgt daf�r, dass ich hinter Finnick und Peeta herstolpere, mich weiterbewege, obwohl ich wahrscheinlich schon halb tot bin. Teile von mir sind tot oder jedenfalls im Begriff abzusterben. Und Mags ist tot. Immerhin das wei� ich, oder vielleicht glaube ich es auch nur zu wissen, denn das alles ist v�llig widersinnig.</p><p>Mondlicht, das auf Finnicks bronzefarbenem Haar schimmert, brennend hei�e Tropfen wie Nadelstiche, mein zu Holz gewordenes Bein. Ich gehe Finnick hinterher, bis er zusammenbricht, Peeta immer noch auf dem R�cken. Ich kann einfach nicht anhalten und laufe weiter, bis ich �ber ihre liegenden K�rper stolpere und wir einen einzigen Haufen bilden. <emphasis>Jetzt werden wir alle sterben, genau so, </emphasis>denke ich. Doch das ist nur ein abstrakter Gedanke, weit weniger be�ngstigend als die Schmerzen in meinem K�rper. Ich h�re Finnick st�hnen und klettere irgendwie von den anderen herunter. Ich sehe die Nebelwand, die jetzt perlwei� aussieht. Vielleicht spielen meine Augen mir einen Streich, oder es liegt am Mondlicht, aber der Nebel scheint sich zu verwandeln. Ja, er wird dichter, als w�rde er gegen eine Glasscheibe gedr�ckt. Ich kneife die Augen zusammen und sehe, dass die Krallen nicht mehr da sind. Der Nebel hat aufgeh�rt, sich vorw�rtszubewegen. Wie andere Schrecken, die ich in der Arena gesehen habe, hat er die Grenze seines Gebiets erreicht. Entweder das - oder die Spielmacher haben beschlossen, uns jetzt noch nicht zu t�ten.</p><p>�Es hat aufgeh�rt�, will ich sagen, doch aus meinem geschwollenen Mund kommt nur ein f�rchterliches Kr�chzen. �Es hat aufgeh�rt�, sage ich wieder, offenbar deutlicher, denn Peeta und Finnick schauen beide zum Nebel, der sich jetzt langsam hebt, als w�rde er von einem riesigen Staubsauger in den Himmel gesaugt. Wir schauen zu, bis alles weg ist, selbst der letzte Fetzen.</p><p>Peeta l�sst sich von Finnick herunterrollen und der dreht sich auf den R�cken. Keuchend und zuckend liegen wir da, Geist und K�rper vom Gift durchdrungen. Nach ein paar Minuten zeigt Peeta undeutlich nach oben. �A-hen.� Ich schaue nach oben und sehe zwei Tiere, vermutlich Affen. Ich habe noch nie einen lebendigen Affen gesehen - in unserem Wald zu Hause gibt es nichts dergleichen. Aber irgendwo muss ich schon mal einen Affen auf einem Bild gesehen haben oder vielleicht in einer fr�heren Ausgabe der Spiele, denn beim Anblick der Tiere kommt mir dasselbe Wort in den Sinn. Es ist schwer zu erkennen, aber ich glaube, diese hier haben orangefarbenes Fell und sind etwa halb so gro� wie ein ausgewachsener Mensch. Ich nehme die Affen als gutes Zeichen. Bestimmt w�rden sie hier nicht herumspringen, wenn die Luft vergiftet w�re. Eine Weile beobachten wir einander stumm, Menschen und Affen. Dann rappelt Peeta sich auf die Knie und kriecht den H�gel hinunter. Wir kriechen alle, denn Gehen ist f�r uns so unm�glich wie Fliegen; wir kriechen, bis das Gestr�pp zu einem schmalen Streifen Sandstrand wird und das warme Wasser rings um das F�llhorn uns das Gesicht benetzt. Ich zucke zur�ck, als h�tte ich eine offene Flamme ber�hrt.</p><p><emphasis>Salz in die Wunde streuen. </emphasis>Zum ersten Mal verstehe ich diese Redewendung voll und ganz, denn das Salzwasser in den Wunden tut so weh, dass ich fast ohnm�chtig werde. Aber ich sp�re noch etwas anderes - als w�rde etwas herausgezogen. Ich probiere es aus, indem ich erst nur eine Hand behutsam ins Wasser halte. Es ist qualvoll, ja, aber dann schon weniger. Durch die blaue Wasserschicht sehe ich, wie eine milchige Substanz aus den Wunden tritt. Und in dem Ma�, in dem das Wei� schw�cher wird, l�sst auch der Schmerz nach. Ich schnalle den Gurt ab und ziehe den Overall aus, der kaum mehr ist als ein durchl�cherter Stofffetzen. Meine Schuhe und die Unterw�sche sind erstaunlicherweise unversehrt. Nach und nach, St�ck f�r St�ck und einen K�rperteil nach dem anderen, wasche ich das Gift aus meinem K�rper. Peeta scheint das Gleiche zu tun. Finnick dagegen ist bei der ersten Ber�hrung mit dem Wasser zur�ck gezuckt und liegt jetzt mit dem Gesicht nach unten im Sand, unwillig oder unf�hig, sich zu s�ubern.</p><p>Als ich das Schlimmste �berstanden habe, die Augen unter Wasser ge�ffnet, Wasser in die Nebenh�hlen gezogen und ausgeschn�uzt und sogar mehrmals gegurgelt habe, um meine Kehle auszuwaschen, funktioniere ich so weit, dass ich Finnick helfen kann. Im Bein habe ich jetzt wieder ein bisschen Gef�hl, aber meine Arme werden immer noch von Zuckungen geplagt. Ich kann Finnick nicht ins Wasser ziehen, vielleicht w�rde der Schmerz ihn sowieso umbringen. Also sch�pfe ich mit zittrigen H�nden Wasser und sch�tte es auf seine F�uste. Da er nicht unter Wasser ist, tritt das Gift aus seiner Haut, wie es auch hineingekommen ist, in Nebelschwaden, vor denen ich mich sehr in Acht nehme. Peeta hat sich jetzt so weit erholt, dass er mir helfen kann. Er schneidet Finnick aus dem Overall heraus. Irgendwo findet er zwei Muscheln, mit denen man viel besser Wasser sch�pfen kann als mit den H�nden. Als Erstes nehmen wir uns Finnicks Arme vor, weil sie so schwer mitgenommen sind, und obwohl eine Menge wei�es Zeug herauskommt, merkt er nichts. Er liegt einfach nur mit geschlossenen Augen da und st�hnt hin und wieder.</p><p>Ich schaue mich um, und mir wird zunehmend bewusst, in welch gef�hrlicher Lage wir uns befinden. Es ist zwar Nacht, doch der Mond spendet so viel Licht, dass wir leicht entdeckt werden k�nnen. Es ist reines Gl�ck, dass uns noch niemand angegriffen hat. Wenn sie vom F�llhorn k�men, k�nnten wir sie zwar kommen sehen, aber alle vier Karrieros auf einmal w�rden uns leicht �berw�ltigen. Und selbst wenn sie uns nicht direkt sehen, Finnicks St�hnen w�rde uns bald verraten.</p><p>�Wir m�ssen ihn weiter ins Wasser ziehen�, fl�stere ich. Doch wir k�nnen ihn nicht mit dem Gesicht zuerst eintauchen, nicht solange er in diesem Zustand ist. Peeta macht eine Kopfbewegung zu Finnicks F��en. Wir fassen jeder einen, drehen Finnick ganz herum und ziehen ihn langsam ins Salzwasser. Immer nur ein paar Zentimeter. Bis zu den Kn�cheln. Ein paar Minuten warten. Dann bis zur Wade. Warten. Bis zu den Knien. Wei�e Wolken wirbeln um seinen K�rper, Finnick st�hnt. Wir entgiften ihn immer weiter, St�ckchen f�r St�ckchen. Ich merke, dass es mir umso besser geht, je l�nger ich im Wasser sitze. Nicht nur meine Haut, auch mein Gehirn erholt sich, und ich habe meine Muskeln wieder in der Gewalt. Ich sehe, wie Peetas Gesicht langsam wieder normal wird, sein Lid zieht sich hoch, der Mund ist nicht mehr so verzerrt.</p><p>Allm�hlich kommt wieder Leben in Finnick. Er �ffnet die Augen, schaut uns an und begreift, dass wir ihm helfen. Ich lege seinen Kopf in meinen Scho� und wir lassen ihn zehn Minuten im Wasser, er ist vom Hals an abw�rts ganz eingetaucht. Als er die Arme �bers Wasser hebt, l�cheln Peeta und ich uns an.</p><p>�Jetzt nur noch der Kopf, Finnick. Das ist das Schlimmste, aber wenn du das aush�ltst, wird es dir anschlie�end viel besser gehen�, sagt Peeta. Wir helfen Finnick auf, und er h�lt sich an unseren H�nden fest, w�hrend er Augen, Nase und Mund reinigt. Seine Kehle ist immer noch so rau, dass er nicht sprechen kann.</p><p>�Ich versuche mal einen Baum anzuzapfen�, sage ich. Ich fummele an meinem Gurt herum und finde den Zapfhahn, der immer noch an der Ranke h�ngt.</p><p>�Warte, ich bohre erst ein Loch�, sagt Peeta. �Du bleibst bei ihm. Du bist die Heilerin.�</p><p><emphasis>Haha, </emphasis>denke ich. Aber ich sage es nicht laut, denn Finnick hat so schon genug Probleme. Er hat am meisten von dem Nebel abbekommen, warum auch immer. Vielleicht, weil er der Gr��te von uns ist, oder vielleicht, weil er sich am meisten anstrengen musste. Und dann nat�rlich die Sache mit Mags. Ich verstehe immer noch nicht, was das sollte. Weshalb er sie praktisch im Stich gelassen hat, um Peeta zu tragen. Und weshalb sie das nicht nur nicht infrage gestellt hat, sondern, ohne zu z�gern, geradewegs in den Tod gelaufen ist. Vielleicht weil ihre Tage ohnehin gez�hlt waren? Dachte sie, Finnick h�tte mit Peeta und mir als Verb�ndeten bessere Chancen zu gewinnen? Ein Blick in Finnicks verzerrtes Gesicht sagt mir, dass jetzt nicht der richtige Moment ist zu fragen.</p><p>Also versuche ich lieber, mich zu sortieren. Ich rette die Spottt�lpelbrosche von meinem zerfetzten Overall und befestige sie am Tr�ger meines Unterhemds. Der Schwimmgurt scheint s�ureresistent zu sein, er sieht aus wie neu. Ich kann schwimmen, brauche den Gurt also eigentlich nicht, aber da Brutus meinen Pfeil mit seinem Gurt abgewehrt hat, denke ich mir, dass er vielleicht etwas Schutz bieten kann, und lege ihn wieder an. Ich l�se den Zopf und k�mme die Haare mit den Fingern, wodurch ich sie ziemlich ausd�nne, die Nebeltr�pfchen haben einigen Schaden angerichtet. Dann flechte ich die verbliebenen Haare wieder zu einem Zopf.</p><p>Etwa zehn Meter von dem schmalen Strand entfernt hat Peeta einen guten Baum entdeckt. Peeta ist kaum zu sehen, aber das Ger�usch seines Messers am Baumstamm ist kristallklar. Ich frage mich, was mit der Ahle passiert ist. Mags muss sie entweder fallen gelassen oder mit sich in den Nebel genommen haben. So oder so ist sie weg.</p><p>Ich bin jetzt ein bisschen weiter im seichten Wasser und lasse mich abwechselnd auf dem Bauch und auf dem R�cken treiben. Peeta und mich hat das Salzwasser geheilt, aber Finnick scheint es regelrecht zu verwandeln. Langsam f�ngt er an, sich zu bewegen, probiert zun�chst seine Glieder aus und schwimmt dann los. Aber nicht so, wie ich schwimme, gleichm��ig, mit rhythmischen Z�gen. Es ist, als w�rde ein seltsames Meereswesen zum Leben erwachen. Er taucht unter und wieder auf, spuckt Wasser, kullert in einer verr�ckten Korkenzieherbewegung herum, von der mir schon beim Zuschauen schwindelig wird. Und dann, als er so lange unter Wasser bleibt, dass ich schon denke, er ist ertrunken, taucht sein Kopf direkt neben mir wieder auf, und ich zucke zusammen.</p><p>�Lass das�, sage ich.</p><p>�Was? Hochkommen oder unter Wasser bleiben?�, sagt er.</p><p>�Beides. Keines von beidem. Egal. Bleib einfach im Wasser und benimm dich�, sage ich. �Wenn es dir so gut geht, lass uns lieber Peeta helfen.�</p><p>W�hrend wir die paar Schritte zum Rand des Dschungels gehen, merke ich, dass etwas anders ist. Vielleicht liegt es an der jahrelangen Jagderfahrung, vielleicht funktioniert mein repariertes Ohr wirklich besser, als es sollte. Jedenfalls nehme ich die vielen warmen K�rper wahr, die �ber uns lauern. Sie brauchen nicht zu schnattern oder zu schreien. Ihr blo�es Atmen gen�gt.</p><p>Ich ber�hre Finnick am Arm und er folgt meinem Blick nach oben. Ich wei� nicht, wie sie es geschafft haben, sich so leise anzuschleichen. Vielleicht waren sie auch gar nicht leise. Wir waren nur damit besch�ftigt, uns wiederherzustellen. W�hrenddessen haben sie sich versammelt. Nicht f�nf oder zehn - es sitzen so viele Affen in den Dschungelb�umen, dass sich die �ste biegen. Die beiden, die wir gesehen haben, als wir vor dem Nebel geflohen sind, waren wohl nur das Empfangskomitee. Von dieser Menge geht etwas Unheilvolles aus.</p><p>Ich hole zwei Pfeile heraus und Finnick h�lt den Dreizack bereit. �Peeta�, sage ich, so ruhig ich kann. �Ich brauche mal deine Hilfe.�</p><p>�Okay, einen Moment. Ich glaube, ich hab�s gleich�, sagt er. Er macht sich immer noch an dem Baum zu schaffen. �Na also. Hast du mal den Zapfhahn?�</p><p>�Ja. Aber wir haben hier etwas entdeckt, das du dir besser mal ansehen solltest�, sage ich beherrscht. �Aber komm ganz ruhig her, damit du es nicht aufschreckst.� Aus irgendeinem Grund will ich nicht, dass er die Affen bemerkt oder auch nur in ihre Richtung schaut. Es gibt Lebewesen, die schon blo�en Blickkontakt als Herausforderung verstehen.</p><p>Peeta dreht sich zu uns, er ist au�er Atem von der Arbeit an dem Baum. An dem merkw�rdigen Ton, in dem ich gesprochen habe, merkt er, dass irgendetwas nicht stimmt. �Na gut�, sagt er l�ssig. Er geht durch den Dschungel, und ich wei�, dass er sich alle M�he gibt, leise zu sein, doch das war noch nie seine St�rke, selbst als er noch zwei gesunde Beine hatte. Aber immerhin kommt er, und die Affen bleiben, wo sie sind. Er ist nur noch f�nf Meter vom Strand entfernt, als er sie bemerkt. Ganz kurz nur schnellt sein Blick nach oben, doch es ist, als h�tte er eine Bombe gez�ndet. Die Affen werden zu einer kreischenden Masse aus orangefarbenem Fell und st�rmen auf ihn los.</p><p>Noch nie habe ich Tiere gesehen, die sich so schnell bewegt haben. Sie gleiten an den Lianen herab, als w�ren die Dinger geschmiert. Springen �ber unglaubliche Entfernungen von Baum zu Baum. Die Z�hne gebleckt, die Nackenhaare gestr�ubt, die Klauen ausgefahren wie Springmesser. Ich kenne mich zwar nicht mit Affen aus, aber so verhalten sich Tiere in der Natur nicht. �Mutationen!�, sto�e ich hervor, als Finnick und ich uns ins Gestr�pp st�rzen.</p><p>Ich wei�, dass jeder Pfeil treffen muss, und das gelingt auch. Einen Affen nach dem anderen bringe ich in dem gespenstischen Licht zur Strecke, ziele auf Augen, Herz, Kehle, sodass jeder Treffer den Tod bedeutet. Doch selbst das w�rde nicht ausreichen, w�ren da nicht Finnick, der die Viecher wie Fische aufspie�t und zur Seite schleudert, und Peeta, der mit dem Messer um sich st��t. Ich sp�re, wie sich Klauen in mein Bein und meinen R�cken bohren, bis jemand den Angreifer erledigt. Die Luft wird schwer von den zertrampelten Pflanzen, dem Geruch von Blut und dem muffigen Geruch der Affen. R�cken an R�cken stellen Peeta, Finnick und ich uns ein paar Meter voneinander entfernt in einem Dreieck auf. Als ich den letzten Pfeil losschnellen lasse, rutscht mir das Herz in die Hose. Da f�llt mir ein, dass auch Peeta einen K�cher hat. Und er schie�t nicht, er st��t mit dem Messer zu. Jetzt ziehe auch ich das Messer, doch die Affen sind schneller, sie springen so schnell hin und her, dass ich kaum reagieren kann.</p><p>�Peeta!�, rufe ich. �Deine Pfeile!�</p><p>Peeta dreht sich um, sieht meine missliche Lage und will seincn K�cher abnehmen, als es passiert. Ein Affe st�rzt sich aus einem Baum und wird Peeta im n�chsten Moment auf die Brust springen. Ich habe keinen Pfeil, keine M�glichkeit zu schie�en. Ich h�re den dumpfen Schlag von Finnicks Dreizack und wei�, dass er anderswo im Einsatz ist. Peeta kann mit der Hand, in der er das Messer h�lt, nichts machen, weil er versucht, den K�cher abzunehmen. Ich ziele mit meinem Messer auf den heranrasenden Affen, doch er weicht mit einem Purzelbaum aus und prescht weiter vor.</p><p>Hilflos, ohne Waffe, tue ich das Einzige, was mir einf�llt. Ich laufe zu Peeta, um ihn umzuwerfen und seinen K�rper mit meinem zu sch�tzen, obwohl ich wei�, dass ich es nicht rechtzeitig schaffen werde.</p><p>Aber <emphasis>sie </emphasis>schafft es. Wie aus dem Nichts taucht sie auf und wirbelt pl�tzlich vor Peeta herum. Blut�berstr�mt, den Mund zu einem schrillen Schrei ge�ffnet, die Pupillen so gro�, dass ihre Augen aussehen wie schwarze L�cher.</p><p>Die verr�ckte Morfixerin aus Distrikt 6 rei�t die knochigen Arme hoch, als wollte sie den Affen umarmen, und der Affe schl�gt die Z�hne in ihre Brust.</p><p><emphasis><strong>22</strong></emphasis></p><p>Peeta l�sst den K�cher fallen und st��t dem Affen das Messer in den R�cken. Immer und immer wieder sticht er auf ihn ein, bis das Tier den Biss lockert. Mit einem Tritt bef�rdert er die Mutation beiseite und steht da in Erwartung weiterer. Ich habe jetzt Peetas Pfeile und einen gespannten Bogen, Finnick steht hinter mir, er keucht, aber er k�mpft nicht mehr.</p><p>�Los, kommt schon! Kommt schon!�, br�llt Peeta w�tend. Doch irgendetwas ist passiert. Die Affen ziehen sich zur�ck, wieder rauf auf die B�ume, zur�ck in den Dschungel, wie von einer unh�rbaren Stimme gerufen. Der Stimme eines Spielmachers, die sagt, dass es genug ist.</p><p>�Trag du sie�, sage ich zu Peeta. �Wir geben dir Deckung.� Behutsam hebt Peeta die Morfixerin hoch und tr�gt sie die letzten Meter zum Strand. Finnick und ich lauern schussbereit, doch bis auf die orangefarbenen Kadaver auf dem Boden sind die Affen verschwunden. Peeta legt die Morfixerin auf dem Sand ab. Ich schneide den Stoff �ber ihrer Brust auf und lege vier tiefe Bisswunden frei. Das Blut sickert so langsam heraus, dass sie gar nicht so gef�hrlich aussehen. Doch die eigentlichen Verletzungen liegen innen. Die �ffnungen sind an Stellen, wo sich lebenswichtige Organe befinden, m�glicherweise hat das Biest einen Lungenfl�gel zerfetzt, vielleicht sogar das Herz.</p><p>Wie ein Fisch auf dem Trockenen liegt die Morfixerin auf dem Sand und schnappt nach Luft. Ihre Haut ist schlaff und blassgr�n, die Rippen stehen hervor wie bei einem hungernden Kind. Bestimmt h�tte sie sich Lebensmittel leisten k�nnen, aber anscheinend hat sie sich dem Morfix verschrieben, wie Haymitch sich dem Trinken. Alles an ihr verr�t, dass es zu Ende geht - ihr K�rper, der leere Blick. Ich halte ihre zuckende Hand und wei� nicht, ob die Bewegung von dem Nervengift herr�hrt, vom Schock des Angriffs oder vom Entzug jener Droge, die ihr Nahrung war. Wir k�nnen nichts tun. Nur bei ihr bleiben, w�hrend sie stirbt.</p><p>�Ich sehe mich mal bei den B�umen um�, sagt Finnick und entfernt sich. Ich m�chte auch weg von hier, doch sie h�lt meine Hand so fest, dass ich mich gewaltsam befreien m�sste, und f�r so eine Grausamkeit habe ich nicht die Kraft. Ich �berlege, ob ich ihr wie Rue ein Lied singen soll. Doch ich kenne nicht mal den Namen der Morfixerin, und ob sie gern Lieder h�rt, wei� ich schon gar nicht. Ich wei� nur, dass sie stirbt.</p><p>Peeta geht auf der anderen Seite in die Hocke und streicht ihr �bers Haar. Als er mit sanfter Stimme zu sprechen beginnt, verstehe ich erst nicht, was das soll, aber die Worte sind auch gar nicht f�r mich. �Mit meinem Malkasten zu Hause kann ich jede erdenkliche Farbe mischen. Rosa. So blass wie Babyhaut. Oder so tiefdunkel wie Rhabarber. Gr�n wie Fr�hlingsgras. Blau, das schimmert wie Eis auf Wasser.�</p><p>Die Morfixerin starrt Peeta in die Augen und klammert sich an seine Worte.</p><p>�Einmal habe ich drei Tage lang nach dem richtigen Farbton f�r Sonnenlicht auf wei�em Pelz gesucht. Wei�t du, ich dachte die ganze Zeit, es m�sse Gelb sein, aber es war viel mehr. Alle m�glichen Farben. In Schichten, eine �ber der anderen�, sagt Peeta.</p><p>Die Morfixerin schnappt jetzt nur noch flach nach Luft. Mit der freien Hand zeichnet sie in dem Blut auf ihrer Brust die kleinen Wirbel, die sie so gern gemalt hat.</p><p>�Den Regenbogen habe ich bis heute nicht rausgekriegt. Er kommt und geht so pl�tzlich. Ich habe nie genug Zeit, um ihn einzufangen. Nur ein bisschen Blau hier und Lila da. Und schon verblasst er wieder. Geht wieder in der Luft auf�, sagt Peeta.</p><p>Peetas Worte scheinen die Morfixerin zu hypnotisieren. Als w�re sie in Trance. Sie hebt die zitternde Hand und zeichnet auf Peetas Wange etwas, das ich als Blume deute.</p><p>�Danke�, fl�stert er. �Sieht wundersch�n aus.�</p><p>Einen Augenblick lang verzieht sich das Gesicht der Morfixerin zu einem Grinsen und sie gibt ein leises Quieken von sich. Dann sinkt ihre blutbefleckte Hand zur�ck auf die Brust, sie atmet ein letztes Schnaufen aus, und die Kanone wird abgefeuert. Der Griff um meine Hand lockert sich.</p><p>Peeta tr�gt sie ins Wasser. Dann kommt er zur�ck und setzt sich neben mich. Die Morfixerin treibt eine Zeit lang auf das F�llhorn zu, bis das Hovercraft erscheint und ein Greifer mit vier Klauen sich herabsenkt, sie packt und in den Nachthimmel hinauftr�gt. Dann ist sie fort.</p><p>Finnick gesellt sich wieder zu uns. In der Hand hat er meine Pfeile, an denen noch das Affenblut klebt. Er wirft sie neben mich in den Sand. �Dachte, die h�ttest du vielleicht gern wieder.�</p><p>�Danke�, sage ich. Ich wate ins Wasser und wasche das Blut ab, von meinen Waffen, meinen Wunden. Als ich in den Dschungel gehe, um ein bisschen Moos zum Abtrocknen zu sammeln, sind die Affenk�rper allesamt verschwunden. �Wo sind sie hin?�, frage ich.</p><p>�Ich wei� nicht. Die Ranken haben sich beiseitegeschoben und weg waren sie�, sagt Finnick.</p><p>Benommen und ersch�pft starren wir in den Dschungel. In der Stille f�llt mir auf, dass sich �ber den Stellen, an denen die Nebeltropfen meine Haut ber�hrt haben, eine Kruste gebildet hat. Die Stellen tun nicht mehr weh, sie jucken jetzt. Und zwar sehr. Ich versuche, das als gutes Zeichen zu nehmen. Dass sie heilen. Ich schaue zu Peeta und Finnick und sehe, dass beide sich im l�dierten Gesicht kratzen. Sogar Finnicks Sch�nheit hat in dieser Nacht Schaden genommen.</p><p>�Nicht kratzen�, sage ich, dabei w�rde ich es am liebsten selbst tun. Meine Mutter w�rde das Gleiche raten. �Dadurch entz�ndet es sich nur. Meint ihr, wir k�nnen es wagen, noch mal Wasser zu zapfen?�</p><p>Wir gehen zur�ck zu dem Baum, an dem Peeta sich zu schaffen gemacht hatte, bevor die Affen angriffen. W�hrend er den Zapfhahn einschl�gt, stehen Finnick und ich mit gez�ckten Waffen da, aber es taucht nichts Bedrohliches auf. Peeta hat eine gute Ader gefunden und das Wasser flie�t heraus. Wir stillen unseren Durst, lassen das warme Wasser �ber unsere juckenden K�rper laufen. Wir f�llen Muschelschalen mit Wasser und gehen zur�ck zum Strand.</p><p>Es ist immer noch Nacht, obwohl die D�mmerung nicht mehr weit sein kann. Es sei denn, die Spielmacher haben andere Pl�ne. �Ruht euch ein bisschen aus�, sage ich zu den beiden. �Ich halte so lange Wache.�</p><p>�Nein, das �bernehme ich�, sagt Finnick. Ich schaue in seine Augen, sein Gesicht und sehe, dass er nur m�hsam die Tr�nen zur�ckhalten kann. Mags. Wenigstens das kann ich f�r ihn tun - ihm ein bisschen Raum geben, um sie zu betrauern.</p><p>�Na gut, Finnick, danke�, sage ich. Ich lege mich in den Sand neben Peeta, der sofort wegd�mmert. W�hrend ich in die Nacht starre, kommt mir der Gedanke, was sich an einem Tag doch alles ver�ndern kann. Gestern Morgen stand Finnick noch auf meiner Abschussliste und heute lasse ich ihn bereitwillig �ber meinen Schlaf wachen. Er hat Peeta gerettet und Mags sterben lassen, und ich wei� nicht, warum. Nur, dass ich es nie wiedergutmachen kann. In diesem Moment kann ich nur schlafen und ihn in Ruhe trauern lassen. Also mache ich das.</p><p>Als ich die Augen wieder �ffne, ist es Vormittag. Peeta liegt neben mir und schl�ft. An den Zweigen �ber uns hat jemand eine Grasmatte befestigt, die unsere Gesichter vor dem Sonnenlicht sch�tzt. Ich setze mich auf und stelle fest, dass Finnick auch sonst nicht unt�tig gewesen ist. In zwei geflochtenen Schalen schwappt frisches Wasser. Eine dritte enth�lt einen Haufen Muscheln.</p><p>Finnick setzt sich in den Sand und bricht die Schalen mit einem Stein auf. �Frisch schmecken sie am besten�, sagt er, w�hrend er ein St�ck Fleisch aus einer Muschel rei�t und sich in den Mund steckt. Seine Augen sind geschwollen, aber ich tue so, als w�rde ich es nicht bemerken.</p><p>Bei dem Geruch von Essen f�ngt mein Magen an zu knurren und ich will mir eine Muschel nehmen. Als ich meine blutverkrusteten Fingern�gel sehe, halte ich inne. Ich muss mir im Schlaf die Haut aufgekratzt haben.</p><p>�Wenn du kratzt, entz�ndet es sich, das wei�t du doch�, sagt Finnick.</p><p>�Ach nee�, sage ich. Ich gehe ins Salzwasser und wasche das Blut ab, w�hrend ich �berlege, was ich schlimmer finde, den Schmerz oder das Jucken. Restlos bedient stapfe ich auf den Strand, schaue nach oben und blaffe: �He, Haymitch, falls du nicht zu betrunken bist, wir k�nnten was f�r unsere Haut brauchen.�</p><p>Es ist fast schon ulkig, wie schnell der Fallschirm heruntergesegelt kommt. Ich strecke den Arm aus und die Tube landet direkt in meiner ge�ffneten Hand. �Wurde aber auch Zeit�, sage ich, schaffe es jedoch nicht, weiter b�se zu gucken. Haymitch. Was g�be ich darum, nur f�nf Minuten mit ihm reden zu k�nnen.</p><p>Ich lasse mich neben Finnick in den Sand fallen und schraube den Deckel von der Tube. Darin ist eine dickfl�ssige schwarze Salbe, die einen bei�enden Geruch verstr�mt, eine Mischung aus Teer und Kiefernnadeln. Ich r�mpfe die Nase, w�hrend ich einen Klecks Salbe auf die Handfl�che dr�cke und damit mein Bein einreibe. Im Nu l�sst der Juckreiz nach und ein wohliges Seufzen entf�hrt mir. Das Zeug f�rbt meine schorfige Haut scheu�lich graugr�n. Ich nehme mir das zweite Bein vor und werfe die Tube dann Finnick zu. Er schaut mich skeptisch an.</p><p>�Das sieht ja aus, als w�rdest du verwesen�, sagt er. Aber offenbar gewinnt das Jucken die Oberhand, denn kurz darauf reibt auch Finnick seine Haut ein. Die Kombination aus Schorf und Salbe sieht wirklich ekelhaft aus. Ich kann der Versuchung, mich �ber seine Verzweiflung lustig zu machen, nicht widerstehen.</p><p>�Armer Finnick. Ist wohl das erste Mal in deinem Leben, dass du nicht h�bsch aussiehst, hm?�, sage ich.</p><p>�Allerdings. Ein v�llig neues Gef�hl. Wie hast du das all die Jahre ausgehalten?�, fragt er.</p><p>�Einfach alle Spiegel meiden. Dann vergisst man�s�, erwidere ich.</p><p>�Nicht, wenn man dich dauernd vor Augen hat�, sagt er.</p><p>Wir beschmieren uns t�chtig, reiben uns sogar gegenseitig den R�cken ein, wo die Unterhemden die Haut nicht gesch�tzt haben. �Ich wecke jetzt Peeta�, sage ich.</p><p>�Nein, warte�, sagt Finnick. �Wir wecken ihn gemeinsam. Damit er unsere beiden Gesichter sieht.�</p><p>In meinem jetzigen Leben gibt es so wenig Raum f�r Spa�, dass ich zustimme. Wir hocken uns rechts und links von Peeta hin, beugen uns vor, bis unsere Gesichter nur wenige Zentimeter vor seiner Nase sind, und r�tteln ihn wach. �Peeta, Peeta, aufwachen�, s�usele ich.</p><p>Seine Lider zucken, und als er die Augen �ffnet, springt er auf wie von der Tarantel gestochen. �Aaaa!�</p><p>Finnick und ich lassen uns nach hinten in den Sand fallen und lachen uns kaputt. Immer, wenn wir aufh�ren wollen, schauen wir zu Peeta, der sich bem�ht, eine ver�chtliche Miene zu wahren, und prusten wieder los. Als wir uns endlich zusammenrei�en, kommt mir der Gedanke, dass Finnick Odair vielleicht doch ganz in Ordnung ist. Oder zumindest nicht so ein eitler Wichtigtuer, wie ich immer dachte. Wirklich gar nicht �bel. Und just in dem Augenblick, als ich zu diesem Schluss komme, landet ein Fallschirm mit einem Laib Brot neben uns. Vom letzten Jahr wei� ich noch, dass Haymitch den Zeitpunkt f�r seine Geschenke h�ufig so w�hlt, dass er damit eine Botschaft �bermittelt, deshalb pr�ge ich mir ein: <emphasis>Freundet euch mit Finnick an. Dann bekommt ihr Essen.</emphasis></p><p>Finnick dreht das frische Brot in seinen H�nden hin und her und betrachtet die Kruste. Ein bisschen sehr besitzergreifend. Dabei w�re das gar nicht n�tig. Das Brot hat die typische gr�ne Farbe von Seetang, wie alles Brot aus Distrikt 4. Jeder wei�, dass es ihm geh�rt. Vielleicht ist ihm eben erst klar geworden, wie wertvoll es ist und dass er jetzt m�glicherweise zum letzten Mal einen solchen Laib zu Gesicht bekommt. Vielleicht ist mit der Kruste auch irgendeine Erinnerung an Mags verbunden. Doch er sagt nur: �Das schmeckt bestimmt gut zu den Muscheln.�</p><p>W�hrend ich Peeta helfe, seine Haut mit der Salbe einzureiben, l�st Finnick geschickt das Fleisch aus den Muscheln. Wir setzen uns zusammen hin und essen das k�stliche s��e Fleisch mit dem salzigen Brot aus Distrikt 4.</p><p>Wir sehen zwar f�rchterlich aus - die Salbe bewirkt, dass sich an einigen Stellen der Schorf l�st -, aber ich freue mich �ber die Arznei. Nicht nur, weil sie den Juckreiz lindert, sondern auch, weil sie vor der sengenden wei�en Sonne am rosa Himmel sch�tzt. An ihrem Stand lese ich ab, dass es fast zehn Uhr sein muss, wir sind also schon einen ganzen Tag in der Arena. Elf von uns sind tot. Dreizehn leben. Zehn von ihnen verstecken sich irgendwo im Dschungel. Drei bis vier sind Karrieros. Ich hab keine Lust, mir die anderen ins Ged�chtnis zu rufen.</p><p>Der Dschungel hat sich f�r mich schnell von einem sch�tzenden Ort in eine teuflische Falle verwandelt. Mir ist klar, dass wir irgendwann gezwungen sein werden, erneut in seine Tiefen einzutauchen, um zu jagen oder gejagt zu werden, doch f�rs Erste habe ich nicht vor, unseren kleinen Strand zu verlassen. Peeta und Finnick scheinen das genauso zu sehen. Eine Weile wirkt der Dschungel fast statisch, summend und schillernd, keine Spur von den Gefahren, die er birgt. Doch pl�tzlich h�ren wir von fern Schreie und gegen�ber beginnt ein St�ck Dschungel zu vibrieren. Eine riesige Welle t�rmt sich bis �ber den H�gel auf, schwappt �ber die B�ume hinweg und rast tosend den Abhang hinunter. Sie trifft mit solcher Wucht auf das Meerwasser, dass die Gischt trotz der Entfernung um unsere Knie aufsch�umt und unsere wenigen Habseligkeiten mit sich zu rei�en droht. Mit vereinten Kr�ften gelingt es uns, die Sachen einzusammeln, ehe sie weggeschwemmt werden. Nur unsere durchl�cherten Overalls lassen wir davonschwimmen, sie sind von dem Nervengift so zerfressen, dass wir nicht an ihnen h�ngen.</p><p>Eine Kanone knallt. �ber dem Gebiet, wo die Welle ihren Ausgang nahm, taucht ein Hovercraft auf und pfl�ckt einen K�rper von den B�umen. <emphasis>Zw�lf, </emphasis>denke ich.</p><p>Der Ring aus Wasser hat die Riesenwelle geschluckt und kommt allm�hlich zur Ruhe. Wir deponieren unsere Sachen wieder auf dem nassen Sand. Als wir uns schon darauf niederlassen wollen, sehe ich sie. Drei Gestalten, die zwei Radspeichen entfernt auf den Strand taumeln. �Da�, sage ich ganz ruhig und nicke in ihre Richtung. Peeta und Finnick folgen meinem Blick. Wie auf Kommando ziehen wir uns ins Dunkel des Dschungels zur�ck.</p><p>Das Trio ist reichlich mitgenommen, das sieht man sofort. Einer schleift einen anderen mit sich und der Dritte torkelt wie geistesgest�rt in irren Kreisen umher. Ihre Haut ist knallrot, als h�tte jemand sie in Farbe getaucht und zum Trocknen rausgeh�ngt.</p><p>�Wer ist das?�, fragt Peeta. �Oder was? Mutationen?�</p><p>Ich lege einen Pfeil ein und mache mich angriffsbereit. Aber nichts geschieht, au�er dass der eine, der mitgeschleppt wurde, pl�tzlich am Strand zusammenbricht. Sein Helfer stampft frustriert mit dem Fu� auf. Er f�hrt herum, schubst den Verwirrten, der im Kreis gelaufen ist, vor sich her, l�sst seine Wut an ihm aus.</p><p>Finnicks Miene hellt sich auf: �Johanna!�, ruft er und rennt auf die roten Gestalten zu.</p><p>�Finnick!�, antwortet Johanna.</p><p>Ich tausche einen Blick mit Peeta. �Was nun?�, frage ich.</p><p>�Wir k�nnen Finnick nicht ziehen lassen�, sagt er.</p><p>�Wahrscheinlich nicht. Na, dann komm�, sage ich missmutig. Selbst wenn ich eine Liste mit m�glichen Verb�ndeten h�tte, Johanna Mason st�nde bestimmt nicht darauf. Wir stapfen den Strand entlang dorthin, wo Finnick und Johanna sich gerade treffen. Als wir n�her kommen, erkenne ich ihre Gef�hrten und bin verwirrt. Es sind Beetee und Wiress, der eine liegt r�cklings auf dem Boden, die andere hat sich aufgerappelt und geht wieder im Kreis. �Sie hat Wiress und Beetee dabei.�</p><p>�Plus und Minus?�, fragt Peeta, gleichfalls erstaunt. �Wie mag es dazu gekommen sein?�</p><p>Als wir die anderen erreichen, deutet Johanna zum Dschungel und redet auf Finnick ein. �Wir dachten, es w�re Regen, wei�t du, wegen der Blitze, und wir hatten alle solchen Durst. Aber als es herunterprasselte, merkten wir, dass es Blut war.</p><p>Dickes, hei�es Blut. Man konnte nichts sehen, und man konnte nichts sagen, weil man es sonst schluckte. Wir sind herumgeirrt und haben einen Ausweg gesucht. Und dabei ist Blight in das Kraftfeld geraten.�</p><p>�Das tut mir leid, Johanna�, sagt Finnick. Es dauert einen Augenblick, bis ich Blight eingeordnet habe. Ich glaube, er war Johannas Mitspieler aus Distrikt 7, aber ich kann mich kaum an ihn erinnern. Wenn ich mich nicht irre, hat er sich nicht einmal beim Training blicken lassen.</p><p>�Ach, wei�t du, er war keine gro�e Hilfe, aber er war aus der Heimat�, sagt Johanna. �Und er hat mich mit den beiden da alleingelassen.� Mit dem Schuh stupst sie Beetee an, der kaum bei Bewusstsein ist. �Er hat am F�llhorn ein Messer in den R�cken gekriegt. Und die da ��</p><p>Wir schauen hin�ber zu Wiress, die, mit getrocknetem Blut bedeckt, im Kreis herumirrt und die ganze Zeit �Tick, tack. Tick, tack� vor sich hin murmelt.</p><p>�Ja, wir haben�s geh�rt. Tick, tack. Plus hat einen Schock�, sagt Johanna. Das scheint Wiress anzulocken, sie torkelt gegen Johanna, die sie grob auf den Sand st��t. �Einfach unten bleiben, kapiert?�</p><p>�Lass sie in Ruhe!�, blaffe ich sie an.</p><p>Johannas Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen, durch die sie mich hasserf�llt anschaut. �Ich soll sie in Ruhe lassen?�, faucht sie. Ehe ich reagieren kann, macht sie einen Schritt nach vorn und langt mir eine, dass ich Sternchen sehe. �Was glaubst du eigentlich, wer sie f�r dich aus dem blutenden Dschungel rausgeholt hat, du �� Bevor sie weiterreden kann, schnappt Finnick sich Johanna, wirft sie trotz heftiger Gegenwehr �ber die Schulter und tr�gt sie ins Wasser. Dort taucht er sie mehrmals unter, w�hrend sie mir �ble Beleidigungen an den Kopf schmei�t. Doch ich schie�e nicht. Weil Finnick bei ihr ist und weil sie gesagt hat, dass sie Wiress und Beetee f�r mich rausgeholt hat.</p><p>�Was sollte das hei�en, sie hat sie f�r mich da rausgeholt?�, frage ich Peeta.</p><p>�Ich wei� es nicht. Du wolltest die beiden doch als Verb�ndete�, sagt er.</p><p>�Stimmt. Wollte ich mal.� Aber das ist keine Erkl�rung. Ich schaue auf Beetees leblosen K�rper. �Jedenfalls, lange werden sie nicht meine Verb�ndeten sein, wenn wir nicht bald was unternehmen.�</p><p>Peeta hebt Beetee hoch, ich nehme Wiress bei der Hand und wir gehen zur�ck zu unserem kleinen Strandlager. Ich setze Wiress ins flache Wasser, damit sie sich ein bisschen s�ubern kann, doch sie klatscht nur in die H�nde und murmelt ab und zu �Tick, tack�. Ich l�se Beetees G�rtel und entdecke, dass er mit Ranken einen schweren Metallgegenstand daran festgebunden hat. Ich kann nicht erkennen, was es ist, eine Art Spule vielleicht, doch wenn Beetee meinte, es retten zu m�ssen, dann werde ich es nicht einfach wegschmei�en. Ich binde die Spule los und werfe sie in den Sand. Die blutgetr�nkten Kleider kleben so an Beetees K�rper, dass Peeta ihn ins Wasser tauchen muss, w�hrend ich sie l�se. Als ich endlich den Overall ausgezogen bekomme, stellen wir fest, dass sich auch die Unterw�sche mit Blut vollgesogen hat. Wir haben keine Wahl, wir m�ssen ihn ganz ausziehen, aber ehrlich gesagt, l�sst mich so etwas mittlerweile ziemlich kalt. Dieses Jahr haben zu viele nackte M�nner auf unserem K�chentisch gelegen. Nach einer Weile gew�hnt man sich irgendwie dran.</p><p>Wir bauen Finnicks Sonnenschutz ab und legen Beetee b�uchlings darauf, damit wir seinen R�cken untersuchen k�nnen. Vom Schulterblatt bis unter die Rippen verl�uft eine f�nfzehn Zentimeter lange klaffende Wunde. Zum Gl�ck ist sie nicht allzu tief. Aber er hat eine Menge Blut verloren - das erkennt man an der blassen Hautfarbe - und die Wunde eitert.</p><p>Ich hocke mich hin und versuche nachzudenken. Welche Hilfsmittel stehen mir zur Verf�gung? Salzwasser? Die erste Ma�nahme meiner Mutter war immer Schnee, wenn ich mich recht erinnere. Ich schaue hin�ber zum Dschungel. Dort g�be es bestimmt eine Menge Arzneien - wenn ich nur w�sste, wie man sie anwendet. Aber das sind nicht meine Pflanzen. Mir f�llt das Moos ein, das Mags mir zum Naseputzen gegeben hat. �Bin gleich wieder da�, rufe ich Peeta zu. Zum Gl�ck kommt das Zeug ziemlich h�ufig im Dschungel vor. Von den umstehenden B�umen rupfe ich ein ordentliches B�schel ab und trage es zur�ck zum Strand. Ich forme ein dickes Polster, lege es auf Beetees Wunde und schn�re es mit Ranken an seinem K�rper fest. Wir fl��en ihm etwas Wasser ein und legen ihn dann in den Schatten am Rand des Dschungels.</p><p>�Ich f�rchte, das ist alles, was wir f�r ihn tun k�nnen�, sage ich.</p><p>�Das reicht. Du bist gut im Verarzten�, sagt Peeta. �Es liegt dir im Blut.�</p><p>�Nein�, sage ich und sch�ttele den Kopf. �Ich habe das Blut meines Vaters.� Blut, das beim Jagen schneller flie�t, nicht bei einer Epidemie. �Ich werde mal nach Wiress sehen.�</p><p>Ich gehe zu Wiress ins flache Wasser. Sie wehrt sich nicht, als ich sie ausziehe und mit einer Handvoll Moos das Blut abwasche. Doch ihre Augen sind schreckgeweitet, und als ich sie anspreche, antwortet sie nicht, sagt nur mit immer gr��erer Dringlichkeit �Tick, tack�. Offenbar versucht sie mir etwas damit zu sagen, aber ohne Beetee, der ihre Gedanken entschl�sselt, bin ich v�llig aufgeschmissen.</p><p>�Ja, tick, tack. Tick, tack�, sage ich. Das scheint sie ein wenig zu beruhigen. Ich wasche ihren Overall aus, bis kaum noch etwas von dem Blut zu sehen ist, und helfe ihr, wieder hineinzuschl�pfen. Er ist nicht so besch�digt wie unsere. Ihr Gurt ist noch in Ordnung und ich binde ihn ihr um. Dann befestige ich ihre Unterw�sche mit einem Stein neben der von Beetee und lasse sie einweichen.</p><p>Unterdessen haben sich eine jetzt wieder blitzsaubere Johanna und ein sich sch�lender Finnick zu uns gesellt. Johanna trinkt hastig Wasser und schlingt Muschelfleisch herunter, und ich versuche, auch Wiress zu �berreden, etwas zu essen. Finnick erz�hlt mit unbeteiligter, fast gef�hlskalter Stimme von dem Nebel und den Affen, verschweigt aber das wichtigste Detail der Geschichte.</p><p>Alle bieten an, Wache zu halten, w�hrend die anderen sich ausruhen, doch schlie�lich f�llt die Wahl auf Johanna und mich. Auf mich, weil ich tats�chlich ausgeruht bin, auf Johanna, weil sie sich um keinen Preis hinlegen will. Wir setzen uns ans Wasser und schweigen, bis die anderen eingeschlafen sind.</p><p>Johanna wirft Finnick einen Blick zu, um sicherzugehen, dass er wirklich schl�ft, und wendet sich dann an mich: �Wie habt ihr Mags verloren?�</p><p>�Im Nebel. Finnick hatte Peeta auf der Schulter, ich Mags. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Finnick meinte, beide auf einmal k�nne er nicht tragen. Da gab sie ihm einen Kuss und ging geradewegs ins Gift�, sage ich.</p><p>�Du wei�t ja wohl, dass sie Finnicks Mentorin war�, sagt Johanna anklagend.</p><p>�Nein, das wusste ich nicht�, erwidere ich.</p><p>�Sie geh�rte fast zur Familie�, sagt Johanna nach einer kurzen Pause, schon etwas vers�hnlicher.</p><p>Wir schauen zu, wie das Wasser �ber die W�sche schwappt. �Und wie kommt�s, dass du Plus und Minus bei dir hast?�, frage ich.</p><p>�Hab ich doch gesagt - ich habe sie f�r dich mitgeschleppt. Haymitch meinte, falls wir uns verb�nden, m�sste ich sie zu dir bringen�, sagt Johanna. �Das hast du ihm doch gesagt, oder?�</p><p><emphasis>Nein, </emphasis>denke ich. Trotzdem nicke ich. �Danke. Ich wei� es zu sch�tzen.�</p><p>�Das will ich hoffen.� Sie wirft mir einen ver�chtlichen Blick zu, als w�re ich die gr��te Plage in ihrem Leben. So �hnlich muss es sich wohl anf�hlen, wenn man eine gro�e Schwester hat, die einen aus tiefstem Herzen hasst.</p><p>�Tick, tack�, h�re ich hinter mir. Ich drehe mich um und sehe, dass Wiress zu uns her�bergekrochen ist. Sie starrt auf den Dschungel.</p><p>�Ach du Schreck, da ist sie ja wieder. Okay, ich geh schlafen. Ihr k�nnt ja zusammen Wache halten, du und Plus�, sagt Johanna. Sie geht hin�ber zu den anderen und wirft sich neben Finnick auf den Sand.</p><p>�Tick, tack�, fl�stert Wiress. Ich ziehe sie zu mir herunter, damit sie sich hinlegt, und streichele ihren Arm, um sie zu beruhigen. Sie d�mmert weg, bewegt sich dabei aber pausenlos und seufzt ab und zu �Tick, tack�.</p><p>�Tick, tack�, sage ich best�tigend. �Schlafenszeit. Tick, tack. Sch�n einschlafen.�</p><p>Die Sonne klettert weiter, bis sie direkt �ber uns steht. <emphasis>Es muss Mittag sein, </emphasis>denke ich abwesend. Nicht, dass es wichtig w�re. Jenseits des Wassers, zur Rechten, sehe ich es pl�tzlich gewaltig aufblitzen. Der Lichtblitz trifft den Baum und der elektrische Sturm bricht wieder los. Genau im gleichen Gebiet wie letzte Nacht. Jemand muss in seine Reichweite gekommen sein und die Attacke ausgel�st haben. Ich sitze eine Zeit lang da und beobachte den Blitz, w�hrend ich Wiress beruhige, die vom Pl�tschern des Wassers in einen Zustand des Friedens gewiegt wird. Ich denke an letzte Nacht, als der Blitz, unmittelbar nachdem die Glocke geschlagen hatte, einsetzte. Zw�lf Schl�ge.</p><p>�Tick, tack�, sagt Wiress, als sie kurz zu Bewusstsein kommt. Dann versinkt sie wieder.</p><p>Zw�lf Schl�ge letzte Nacht. Wie um Mitternacht. Dann die Blitze. Jetzt die Sonne �ber uns. Wie um zw�lf Uhr mittags. Und Blitze.</p><p>Langsam stehe ich auf und suche die Arena ab. Dort der Blitz. Im n�chsten Sektor kam der Blutregen, in dem Johanna, Wiress und Beetee gefangen waren. Wir m�ssen im dritten Abschnitt gewesen sein, gleich rechts davon, als der Nebel aufkam. Und als er endlich eingesogen wurde, tauchten im vierten gleich die Affen auf. Tick, tack. Ich drehe den Kopf schnell zur anderen Seite. Vor ein paar Stunden, gegen zehn, kam diese Welle aus dem zweiten Abschnitt, links von der Stelle, wo jetzt der Blitz einschl�gt. Mittag. Mitternacht. Mittag.</p><p>�Tick, tack�, sagt Wiress im Schlaf. Als der Blitz erstirbt und gleich rechts davon der Blutregen einsetzt, erkenne ich die Logik in ihren Worten.</p><p>�Oh�, sage ich leise. �Tick, tack.� Ich lasse den Blick einmal im Kreis um die ganze Arena schweifen und sehe, dass sie recht hat: �Tick, tack. Das ist eine Uhr.�</p><p><emphasis><strong>23</strong></emphasis></p><p>Eine Uhr. Auf einmal sehe ich fast, wie die Zeiger �ber das zw�lfgeteilte Antlitz der Arena laufen. Zu jeder neuen Stunde beginnt ein neuer Horror der Spielmacher und l�st den vorangegangenen ab. Blitze, Blutregen, Nebel, Affen - das sind die vier ersten Stunden auf der Uhr. Und um zehn die Welle. Ich wei� nicht, was in den anderen sieben passiert, aber ich wei�, dass Wiress recht hat.</p><p>Gerade in diesem Augenblick f�llt der Blutregen und wir befinden uns am Strand unterhalb des Affensegments, viel zu nah am Nebel f�r meinen Geschmack. Ob sich die Attacken nur innerhalb des Dschungels ereignen? Das ist nicht gesagt. Bei der Welle war es zum Beispiel nicht so. Und wenn dieser Nebel �ber den Dschungel hinauswabern w�rde oder die Affen herausk�men �</p><p>�Aufstehen�, befehle ich und r�ttele Peeta, Finnick und Johanna wach. �Aufstehen, wir m�ssen los.� Ich kann ihnen gerade noch die Theorie mit der Uhr erl�utern. Also was es mit Wiress� Tick-tack auf sich hat und dass die unsichtbaren Zeiger in jedem Sektor eine neue t�dliche Gewalt ausl�sen.</p><p>Alle, die bei Sinnen sind, kann ich �berzeugen, bis auf Johanna, die aus Prinzip gegen alles ist, was ich vorschlage. Aber selbst sie ist der Meinung, dass man sich besser rechtzeitig in Sicherheit bringt, als es hinterher zu bereuen.</p><p>W�hrend die anderen unsere wenigen Habseligkeiten einsammeln und Beetee wieder in seinen Overall stecken, wecke ich Wiress. Sie erwacht mit einem panischen �Tick, tack!�.</p><p>�Ja, tick, tack, die Arena ist eine Uhr. Eine Uhr, Wiress, du hattest recht�, sage ich. �Du hattest recht.�</p><p>In ihrem Gesicht zeichnet sich Erleichterung ab - wahrscheinlich, weil endlich jemand begriffen hat, was sie schon beim ersten Glockenschlag gewusst hat. �Mitternacht.�</p><p>�Um Mitternacht geht es los�, best�tige ich.</p><p>Eine Erinnerung dringt mit Macht in mein Bewusstsein. Ich sehe eine Uhr. Nein, eine Taschenuhr, sie liegt in Plutarch Heavensbees Hand. <emphasis>�Um Mitternacht geht es los�, </emphasis>hat Plutarch gesagt. Und dann leuchtete kurz mein Spottt�lpel auf und verschwand wieder. Im Nachhinein wirkt das, als wollte er mir einen Tipp f�r die Arena geben. Aber warum h�tte er das tun sollen? Damals war ich genauso wenig Tribut in diesen Spielen wie er. Vielleicht dachte er, das w�rde mir bei meiner Aufgabe als Mentor helfen. Oder der Plan stand damals schon fest.</p><p>Wiress nickt zu dem Blutregen hin. �Halb zwei�, sagt sie.</p><p>�Genau. Halb zwei. Und um zwei erhebt sich dort dr�ben ein schrecklicher Giftnebel�, sage ich und deute auf den benachbarten Dschungelabschnitt. �Wir m�ssen uns in Sicherheit bringen.� Sie l�chelt und steht folgsam auf. �Hast du Durst?� Ich gebe ihr die geflochtene Schale und sie trinkt mindestens einen Liter. Finnick reicht ihr den letzten Rest Brot und sie beginnt daran zu nagen. Nachdem die Kommunikationsschwierigkeiten �berwunden sind, funktioniert sie wieder.</p><p>Ich kontrolliere meine Waffen. Verschn�re Zapfhahn und Arzneitube in einem Fallschirm und befestige ihn mit Ranken an meinem G�rtel.</p><p>Beetee ist noch immer ziemlich neben der Spur, doch als Peeta Anstalten macht, ihn hochzuheben, protestiert er. �Sie muss auch mit�, sagt er.</p><p>�Hier ist sie doch�, sagt Peeta. �Wiress geht�s gut. Sie kommt auch mit.�</p><p>Aber Beetee wehrt sich immer noch. �Sie muss auch mit�, beharrt er.</p><p>�Ach, ich wei�, was er will�, sagt Johanna ungeduldig. Sie geht �ber den Strand und hebt die Rolle auf, die wir von seinem G�rtel gel�st haben, um ihn zu baden. Sie ist mit einer dicken Schicht aus geronnenem Blut �berzogen. �Dieses wertlose Ding. Draht oder so was. Daf�r hat er sich abstechen lassen. Am F�llhorn, da musste er das hier unbedingt holen. Keine Ahnung, was das f�r eine Waffe sein soll. Man k�nnte vielleicht eine W�rgeschlinge oder so was draus machen. Aber mal ehrlich, k�nnt ihr euch vorstellen, wie Beetee jemanden erdrosselt?�</p><p>�Mithilfe von Draht hat er seine Spiele gewonnen. Er hat den anderen eine Stromfalle gestellt�, sagt Peeta. �Eine bessere Waffe gibt�s gar nicht.�</p><p>Irgendwie ist es merkw�rdig, dass Johanna nicht darauf gekommen ist. Es kommt mir unwahrscheinlich vor. Verd�chtig. �Aber du musst doch so etwas in der Art gedacht haben�, sage ich. �Wo du ihn doch Minus genannt hast.�</p><p>Johannas Augen verengen sich zu Schlitzen, die mich gef�hrlich anfunkeln. �Ach, wie dumm von mir, was?�, sagt sie. �Ich war wohl abgelenkt, als ich deinen kleinen Freunden hier das Leben gerettet habe. W�hrend du � was getan hast? Mags hast krepieren lassen?�</p><p>Meine Finger schlie�en sich um den Messergriff am G�rtel.</p><p>�Na, mach schon. Versuch�s doch. Es ist mir egal, ob du schwanger bist, ich rei� dir die Kehle raus�, sagt Johanna.</p><p>Ich wei�, dass ich sie hier und jetzt nicht t�ten kann. Aber es ist nur eine Frage der Zeit. Irgendwann macht eine von uns die andere kalt.</p><p>�Vielleicht sollten wir alle besser aufpassen, wo wir hintreten�, sagt Finnick und blitzt mich an. Er nimmt die Drahtrolle und legt sie Beetee auf die Brust. �Da ist dein Draht, Minus. Pass gut auf, wo du ihn reinst�pselst.�</p><p>Peeta schultert Beetee, der jetzt keinen Widerstand mehr leistet. �Wohin?�</p><p>�Ich m�chte noch mal zum F�llhorn und nachschauen. Um sicherzugehen, dass wir mit der Uhr richtigliegen�, sagt Finnick. Der Plan ist nicht schlechter als jeder andere. Abgesehen davon w�rde ich auch gern noch mal die Waffen dort begutachten. Und jetzt sind wir zu sechst. Selbst wenn man Beetee und Wiress au�er Acht l�sst, haben wir vier gute K�mpfer. Eine v�llig andere Situation f�r mich als vor einem Jahr, damals war ich ganz auf mich allein gestellt. Ja, Verb�ndete sind toll. Solange man den Gedanken ausblenden kann, dass man sie irgendwann t�ten muss.</p><p>Beetee und Wiress werden wahrscheinlich schon selbst daf�r sorgen, dass sie sterben. Falls wir vor etwas wegrennen m�ssen, kommen sie nicht weit. Johanna k�nnte ich, ehrlich gesagt, ohne mit der Wimper zu zucken umbringen, wenn ich Peeta besch�tzen m�sste. Oder ihr das Maul stopfen. Aber ich brauche unbedingt jemanden, der Finnick f�r mich aus dem Weg r�umt, das w�rde ich beim besten Willen nicht �ber mich bringen. Nicht nach all dem, was er f�r Peeta getan hat. Vielleicht k�nnte ich ihn in eine Konfrontation mit den Karrieros lotsen. Das ist kaltbl�tig, ich wei�. Aber was bleibt mir anderes �brig? Jetzt, da wir �ber die Uhr Bescheid wissen, wird er wohl kaum im Dschungel sterben, also muss ihn jemand im Kampf t�ten.</p><p>Weil der Gedanke daran so absto�end ist, versuche ich krampfhaft, mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Doch ich kann mich h�chstens ablenken, indem ich mir ausmale, wie ich Pr�sident Snow t�ten werde. Keine besonders netten Tagtr�ume f�r eine Siebzehnj�hrige, aber sehr befriedigend.</p><p>Wir laufen �ber den n�chstgelegenen Streifen Sand und n�hern uns vorsichtig dem F�llhorn, f�r den Fall, dass sich die Karrieros dort verstecken. Ich bezweifle das, denn wir waren viele Stunden am Strand und es gab kein Lebenszeichen von ihnen. Wie zu erwarten, ist das Gel�nde verlassen. Nur das gro�e goldene Horn und der durchw�hlte Stapel mit den Waffen sind noch da.</p><p>Nachdem Peeta Beetee im sp�rlichen Schatten des F�llhorns abgesetzt hat, ruft der Wiress zu sich. Sie hockt sich neben ihn und er dr�ckt ihr die Drahtrolle in die H�nde. �Mach sie sauber, ja?�, bittet er sie.</p><p>Wiress nickt, trippelt zum Ufer und taucht die Rolle ins Wasser. Dabei singt sie ein lustiges Liedchen �ber eine Maus, die an einer Uhr hochl�uft. Offenbar ein Kinderlied, aber es scheint sie gl�cklich zu machen.</p><p>�Oh nein, nicht schon wieder dieses Lied�, sagt Johanna und verdreht die Augen. �Stundenlang ging das so, bis sie mit ihrem Tick-tack anfing.�</p><p>Pl�tzlich richtet Wiress sich kerzengerade auf und deutet auf den Dschungel. �Zwei�, sagt sie.</p><p>Ich folge ihrem Finger zu der Stelle, wo die Nebelwand sich gerade auf den Strand w�lzt. �Ja, schaut, Wiress hat recht. Es ist zwei Uhr und der Nebel ist aufgezogen.�</p><p>�Wie ein Uhrwerk�, sagt Peeta. �Ganz sch�n clever, dass du das herausgefunden hast, Wiress.�</p><p>Wiress l�chelt und macht sich wieder daran, zu singen und die Rolle ins Wasser zu tauchen. �Nicht nur clever�, sagt Beetee. �Sie hat auch Intuition.� Alle schauen zu Beetee, der wieder unter den Lebenden zu weilen scheint. �Sie sp�rt die Dinge lange vor allen anderen. Wie ein Kanarienvogel bei euch im Bergwerk.�</p><p>�Was hat es damit auf sich?�, fragt Finnick.</p><p>�Bei uns nehmen sie einen Kanarienvogel mit runter in die Kohlestollen. Er soll die Leute warnen, wenn sich die Luft dort unten mit Gas anreichert�, erkl�re ich.</p><p>�Und was tut er dann, umfallen und sterben?�, fragt Johanna.</p><p>�Er h�rt auf zu singen. Dann sollte man schleunigst machen, dass man rauskommt. Aber wenn die Luft zu schlecht ist, stirbt er, ja. Und alle anderen auch.� Ich m�chte nicht �ber sterbende Singv�gel reden. Das weckt Gedanken an den Tod meines Vaters und an den von Rue und an den von Maysilee Donner und an meine Mutter, die Maysilees Singvogel geerbt hat. Na toll, und schon denke ich an Gale, tief unten in dieser schrecklichen Mine, und �ber ihm schwebt Pr�sident Snows Drohung. Dort unten ist es so leicht, einen Unfall zu arrangieren. Ein stummer Kanarienvogel, ein Funke, mehr braucht es nicht.</p><p>Jetzt stelle ich mir wieder vor, wie ich den Pr�sidenten kaltmache.</p><p>Trotz ihres �rgers �ber Wiress ist Johanna so vergn�gt, wie ich sie in der Arena noch nie gesehen habe. W�hrend ich meinen Vorrat an Pfeilen erg�nze, w�hlt sie in dem Stapel herum, bis sie mit zwei martialisch aussehenden �xten wieder zum Vorschein kommt. Komische Wahl, denke ich, bis ich mit ansehe, wie sie eine davon mit solcher Kraft schleudert, dass sie in dem von der Sonne aufgeweichten Gold des F�llhorns stecken bleibt. Nat�rlich. Johanna Mason. Distrikt 7. Holz. Sie hat schon �xte durch die Gegend geworfen, ehe sie laufen konnte. Wie Finnick mit seinem Dreizack. Oder Beetee mit seinem Draht. Rue mit ihrem Wissen �ber Pflanzen. Mir wird bewusst, dass die Tribute aus Distrikt 12 in all den Jahren noch mit einem weiteren Nachteil zu k�mpfen hatten. Wir gehen erst mit achtzehn ins Bergwerk. Offenbar erlernen alle anderen ihr Handwerk viel fr�her. Im Bergwerk tut man Dinge, die sich bei den Spielen als n�tzlich erweisen k�nnten. Eine Spitzhacke schwingen. Sprengen. Damit kann man sich einen Vorteil verschaffen. Wie ich mit dem Jagen. Aber wir lernen diese Dinge zu sp�t.</p><p>W�hrend ich mich mit den Waffen besch�ftigte, hat Peeta sich auf den Boden gehockt und mit der Messerspitze etwas auf ein gro�es weiches Blatt gemalt, das er aus dem Dschungel mitgenommen hat. Ich schaue ihm �ber die Schulter. Er zeichnet eine Karte von der Arena. In der Mitte steht das F�llhorn auf seinem Ring aus Sand mit den zw�lf Strahlen, die davon abgehen. Wie eine in zw�lf gleiche St�cke unterteilte Torte.</p><p>Ein weiterer Kreis stellt die Wasserlinie dar und ein noch etwas weiterer bezeichnet den Rand des Dschungels. �Sieh dir mal die Position des F�llhorns an�, sagt er.</p><p>Ich betrachte das F�llhorn und sehe, was er meint. �Das spitze Ende weist auf zw�lf Uhr�, sage ich.</p><p>�Genau, das ist also oben bei der Uhr�, sagt er und ritzt flink die Zahlen eins bis zw�lf aufs Ziffernblatt. �Von zw�lf bis eins blitzt es.� In kleinen Buchstaben schreibt er <emphasis>Blitz </emphasis>in das entsprechende Tortenst�ck und in die folgenden St�cke tr�gt er im Uhrzeigersinn <emphasis>Blut, Nebel </emphasis>und <emphasis>Affen </emphasis>ein.</p><p>�Und zwischen zehn und elf kommt die Welle�, sage ich. Er f�gt auch diese hinzu. Finnick und Johanna sto�en zu uns, bis an die Z�hne mit Dreizacken, �xten und Messern bewaffnet.</p><p>�Ist euch in den anderen Sektoren irgendwas Ungew�hnliches aufgefallen?�, frage ich Johanna und Beetee, denn vielleicht haben sie ja etwas gesehen, das wir nicht bemerkt haben. Aber alles, was sie gesehen haben, war eine Menge Blut. �Da k�nnte so ziemlich alles auf uns warten.�</p><p>�Ich werde markieren, wo die Waffen der Spielmacher uns auch au�erhalb des Dschungels verfolgen, damit wir diese Abschnitte meiden�, sagt Peeta und streicht die Str�nde bei <emphasis>Nebel </emphasis>und <emphasis>Welle </emphasis>durch. Dann setzt er sich wieder. �Na, da wissen wir doch schon viel mehr als heute Morgen.�</p><p>Wir nicken und in diesem Augenblick f�llt mir pl�tzlich die Stille auf. Unser Kanarienvogel hat aufgeh�rt zu singen.</p><p>Ich verliere keine Zeit. W�hrend ich herumfahre, lege ich einen Pfeil ein. Ich sehe Gloss, der tropfnass dasteht und Wiress zu Boden gleiten l�sst, ihre aufgeschlitzte Kehle sieht aus wie ein hellrotes L�cheln. Die Spitze meines Pfeils verschwindet in seiner rechten Schl�fe, und in dem kurzen Augenblick, den es braucht, um einen neuen Pfeil einzulegen, schmettert Johanna eine Axt in Cashmeres Brust. Finnick wehrt den Speer ab, den Brutus auf Peeta geschleudert hat, und bekommt daf�r Enobarias Messer in den Oberschenkel. W�re da nicht das F�llhorn, das ihnen Deckung gibt, w�ren sie jetzt tot, die beiden Tribute aus Distrikt 2. Ich nehme die Verfolgung auf. <emphasis>Bum! Bum! Bum! </emphasis>Die Kanone best�tigt, dass f�r Wiress jede Hilfe zu sp�t kommt und es nicht mehr n�tig ist, Gloss oder Cashmere den Rest zu geben. Meine Verb�ndeten und ich rennen um das Horn herum, wir machen uns an die Verfolgung von Brutus und Enobaria, die �ber einen Sandstreifen auf den Dschungel zuhetzen.</p><p>Pl�tzlich ruckt der Boden unter meinen F��en und ich werde seitw�rts in den Sand geschleudert. Der Ring aus Land rund um das F�llhorn beginnt sich zu drehen, immer schneller, bis der Dschungel zu einem verschwommenen Etwas wird. Ich sp�re die Fliehkraft, die mich zum Wasser zieht, und grabe auf der Suche nach Halt H�nde und F��e in den Sand. Umherwirbelnder Sand und Schwindelgef�hl zwingen mich, die Augen fest zu schlie�en. Ich kann buchst�blich nichts tun au�er durchhalten, bis wir ohne Vorank�ndigung abrupt wieder anhalten.</p><p>Hustend und w�rgend setze ich mich langsam auf und stelle fest, dass es meinen Gef�hrten genauso ergangen ist. Finnick, Johanna und Peeta haben sich halten k�nnen. Die drei Toten sind hinaus ins Salzwasser geschleudert worden.</p><p>Von dem Zeitpunkt an, da Wiress aufgeh�rt hat zu singen, sind nicht mehr als ein oder zwei Minuten vergangen. Keuchend sitzen wir da und pulen uns den Sand aus dem Mund.</p><p>�Wo ist Minus?�, fragt Johanna pl�tzlich. Im Nu sind wir auf den Beinen, wenn auch wackelig. Ein Gang rund um das F�llhorn best�tigt, dass er fort ist. Finnick entdeckt ihn zwanzig Meter entfernt verzweifelt strampelnd im Wasser und schwimmt hinaus, um ihn zu bergen.</p><p>In diesem Moment f�llt mir die Drahtrolle ein, die so wichtig f�r Beetee ist. Hektisch schaue ich mich um. Wo ist sie? Wo ist sie? Dann entdecke ich sie, Wiress h�lt sie immer noch fest, weit drau�en im Wasser. Bei dem Gedanken, was ich jetzt tun muss, zieht sich mir der Magen zusammen. �Gebt mir Deckung�, sage ich zu den anderen. Ich werfe meine Waffen weg und laufe den Streifen entlang, der ihrem K�rper am n�chsten ist. Ohne abzubremsen, springe ich ins Wasser und schwimme auf sie zu. Aus dem Augenwinkel erkenne ich das Hovercraft, das �ber uns erscheint, und den Greifer, der heruntergelassen wird, um Wiress fortzuschaffen. Aber ich werde nicht langsamer. Ich schwimme, so schnell ich kann, rassele in ihren K�rper. Keuchend tauche ich auf, versuche so wenig wie m�glich von dem Wasser zu schlucken, das sich mit dem Blut aus der offenen Wunde an ihrem Hals vermischt. Wiress treibt auf dem R�cken, ihr G�rtel und der Tod halten sie �ber Wasser, die Augen starren in die erbarmungslose Sonne. W�hrend ich Wasser trete, entrei�e ich ihren Fingern, die nichts mehr hergeben wollen, gewaltsam die Drahtrolle. Ich kann nichts mehr f�r sie tun, au�er ihr die Lider zu schlie�en, ihr Lebewohl zuzufl�stern und sie dann sich selbst zu �berlassen. Als ich die Drahtrolle auf den Sand werfe und mich aus dem Wasser ziehe, ist ihr K�rper schon fort. Aber ich schmecke noch immer ihr Blut, vermischt mit Meersalz.</p><p>Ich gehe zur�ck zum F�llhorn. Finnick hat Beetee wiederbelebt, der reichlich Wasser geschluckt hat. Er setzt sich auf und prustet. Zum Gl�ck hat er daran gedacht, seine Brille festzuhalten, so kann er wenigstens sehen. Ich lege ihm die Drahtrolle in den Scho�. Sie ist blitzsauber, kein Blut mehr daran zu sehen. Er wickelt ein St�ck Draht ab und l�sst es durch die Finger laufen. Zum ersten Mal sehe ich genauer hin. Dieser Draht ist ganz anders als der, den ich kenne. Er ist blassgolden und so d�nn wie ein Haar. Er muss viele Kilometer lang sein, wenn ich mir die Rolle so anschaue. Aber ich frage nicht, weil ich wei�, dass Beetee mit den Gedanken bei Wiress ist.</p><p>Ich schaue in die ernsten Gesichter der anderen. Alle haben sie nun ihre Distriktpartner verloren, Finnick, Johanna und Beetee. Ich gehe hin�ber zu Peeta und schlinge die Arme um ihn und eine Zeit lang sagt keiner was.</p><p>�Lasst uns von dieser stinkenden Insel verschwinden�, sagt Johanna schlie�lich. Unsere Waffen haben wir weitgehend retten k�nnen. Zum Gl�ck halten die Ranken hier was aus und der Fallschirm mit Zapfhahn und Salbe h�ngt noch fest an meinem G�rtel. Finnick zieht das Unterhemd aus und bindet es um die Wunde, die Enobarias Messer in seinem Schenkel hinterlassen hat; sie ist nicht tief. Beetee meint, dass er jetzt laufen kann, wenn wir langsam gehen, ich helfe ihm hoch. Wir beschlie�en, zum Zw�lf-Uhr-Strand zu gehen. Dort d�rften wir ein paar Stunden Ruhe haben, ohne mit giftigen D�mpfen rechnen zu m�ssen. Aber dann laufen Peeta, Johanna und Finnick jeder in eine andere Richtung.</p><p>�Zw�lf Uhr, oder?�, sagt Peeta. �Die Spitze zeigt auf die Zw�lf.�</p><p>�Das hat sie, bevor sie uns durcheinandergewirbelt haben�, sagt Finnick. �Ich orientiere mich lieber an der Sonne.�</p><p>�Die Sonne sagt dir nur, dass es bald vier Uhr ist, Finnick�, sage ich.</p><p>�Wenn ich recht verstehe�, mischt Beetee sich ein, �will Katniss sagen, dass wir zwar wissen, wie viel Uhr es ist, aber nicht unbedingt, wo auf der Uhr sich die Vier befindet. Wir haben vielleicht eine ungef�hre Ahnung, in welche Richtung es geht. Vorausgesetzt, sie haben den �u�eren Ring nicht auch versetzt.�</p><p>Nein, Katniss wollte nichts derart Ausgefeiltes sagen. Beetees Theorie geht weit �ber meine Bemerkung zur Sonne hinaus. Aber ich nicke nur, als w�re genau das mein Gedanke gewesen. �Ja, und das bedeutet, dass jeder dieser Sandstreifen zur Zw�lf f�hren k�nnte�, sage ich.</p><p>Wir umrunden das F�llhorn und erforschen den Dschungel. Er ist verwirrend gleichf�rmig. Ich erinnere mich an den gro�en Baum, in den um zw�lf Uhr der erste Blitz einschlug, doch in jedem Sektor gibt es einen �hnlichen Baum. Johanna schl�gt vor, den Spuren von Brutus und Enobaria zu folgen, aber sie sind verweht oder weggewaschen worden. Es ist unm�glich, irgendetwas zu erkennen. �H�tte ich die Uhr doch nie erw�hnt�, sage ich verbittert. �Jetzt haben sie uns auch noch diesen Vorteil genommen.�</p><p>�Nur vor�bergehend�, sagt Beetee. �Um zehn, wenn die Welle kommt, sind wir wieder auf Kurs.�</p><p>�Genau, die ganze Arena k�nnen sie nicht neu designen�, stimmt Peeta zu.</p><p>�Was soll�s�, sagt Johanna ungeduldig. �Du musstest es uns sagen, sonst h�tten wir doch nie unser Lager abgebrochen, Dummerchen.� Eigenartig, aber ihre logische, wenn auch erniedrigende Antwort ist die einzige, die mich tr�stet. Ja, ich musste es ihnen sagen, damit sie sich aufraffen. �Vorw�rts, ich brauche Wasser. Hat einer ein gutes Bauchgef�hl?�</p><p>Wir entscheiden uns f�r irgendeinen Streifen und folgen ihm, ohne zu wissen, auf welche Ziffer wir uns zubewegen. Als wir den Dschungel erreichen, sp�hen wir hinein und versuchen zu erraten, was uns dort erwarten mag.</p><p>�M�sste eigentlich die Affenstunde sein. Aber ich kann keine Affen entdecken�, sagt Peeta. �Ich schau mal, ob ich einen Baum anzapfen kann.�</p><p>�Nein, ich bin dran�, sagt Finnick.</p><p>�Dann gebe ich dir wenigstens R�ckendeckung�, erkl�rt Peeta.</p><p>�Das kann Katniss �bernehmen�, sagt Johanna. �Dich brauchen wir, um eine neue Karte zu zeichnen. Die andere ist doch weggesp�lt worden.� Sie rei�t ein gro�es Blatt von einem Baum und reicht es ihm.</p><p>Einen Augenblick lang keimt in mir der Verdacht auf, sie wollen Peeta und mich trennen und uns beide t�ten. Aber das ist unlogisch. Solange Finnick sich an dem Baum zu schaffen macht, bin ich im Vorteil, und Peeta ist viel st�rker als Johanna. Also folge ich Finnick etwa f�nfzehn Meter in den Dschungel hinein, wo er einen brauchbaren Baum findet und mit seinem Messer ein Loch hineinzustechen beginnt.</p><p>Wie ich so dastehe, mit schussbereitem Bogen, werde ich das beklemmende Gef�hl nicht los, dass hier etwas vorgeht und dass es mit Peeta zu tun hat. Ich gehe die Ereignisse durch, von dem Moment an, als der Gong ert�nte, und suche nach dem Grund f�r mein Unbehagen. Finnick, der Peeta von seiner Metallscheibe wegzieht. Finnick, der Peeta wiederbelebt, nachdem das Kraftfeld sein Herz zum Stillstand brachte. Mags, die in den Nebel rennt, damit Finnick Peeta tragen kann. Die Morfixerin, die sich zwischen Peeta und den Affen wirft. Der Kampf mit den Karrieros ging so schnell und war im Nu wieder vorbei, aber hat Finnick nicht Brutus� Speer abgefangen, bevor er Peeta traf, obwohl er dadurch Enobaria Gelegenheit gab, ihm ihr Messer ins Bein zu rammen? Und jetzt will Johanna, dass er eine Karte zeichnet, anstatt sich den Gefahren des Dschungels auszusetzen �</p><p>Keine Frage. Aus mir v�llig unerkl�rlichen Gr�nden versuchen einige der anderen Sieger, Peeta das Leben zu retten, selbst wenn es bedeutet, dass sie ihr eigenes opfern m�ssen.</p><p>Ich bin wie vor den Kopf geschlagen. Zum einen ist das doch meine Aufgabe. Und zum anderen wei� ich �berhaupt nicht, was das soll. Nur einer von uns kommt hier heraus. Wieso haben sie dann beschlossen, Peeta zu besch�tzen? Was mag Haymitch ihnen gesagt haben, was hat er zum Tausch angeboten, damit sie Peetas Leben �ber ihr eigenes stellen?</p><p>Ich kenne meine ganz pers�nlichen Gr�nde, weshalb ich will, dass Peeta �berlebt. Er ist mein Freund, auf diese Weise biete ich dem Kapitol die Stirn, untergrabe ihre schrecklichen Spiele. Doch wenn mich nichts mit ihm verbinden w�rde, weshalb sollte ich ihn retten wollen, damit er �berlebt und nicht ich? Er ist tapfer, sicher, aber alle anderen sind auch tapfer genug gewesen, ihre Spiele zu �berleben. Er hat ein besonders gutes Herz, das ist kaum zu �bersehen, aber trotzdem � und da endlich f�llt mir ein, was Peeta so viel besser kann als wir anderen. Er kann mit Worten umgehen. In beiden Interviews hat er die Konkurrenz in Grund und Boden geredet. Und vielleicht liegt es an seinem guten Herzen, dass er durch seine Art zu reden eine Menschenmenge auf seine Seite ziehen kann. Ein ganzes Land.</p><p>Ich wei� noch, dass ich mal dachte, genau diese Gabe m�sse der F�hrer unserer Revolution haben. Hat Haymitch die anderen davon �berzeugt? Dass Peetas Zunge eine viel m�chtigere Waffe gegen das Kapitol w�re als alle physische St�rke, die wir anderen geltend machen k�nnten? Ich wei� es nicht. Es erscheint mir immer noch ein sehr gro�er Sprung �ber den eigenen Schatten f�r einige der Tribute. F�r Johanna Mason zum Beispiel. Doch welche andere Erkl�rung kann es f�r ihre entschlossenen Bem�hungen, sein Leben zu retten, geben?</p><p>�Gibst du mir mal den Zapfhahn, Katniss?�, fragt Finnick und holt mich zur�ck in die Wirklichkeit. Ich schneide die Ranke durch, mit der ich den Hahn an meinem G�rtel befestigt habe, und reiche ihn Finnick.</p><p>In diesem Augenblick h�re ich sie schreien. So voller Angst und Schmerz, dass mir das Blut in den Adern gefriert. Und so vertraut. Ich lasse den Hahn fallen, vergesse, wo ich bin und was vor mir liegt, ich wei� nur, dass ich zu ihr muss, sie besch�tzen. Wie wild geworden renne ich in den Dschungel hinein, der Stimme nach, achtlos gegen�ber der Gefahr, breche durch Ranken und Ge�st, durch alles, was mir den Weg zu ihr versperrt.</p><p>Den Weg zu meiner kleinen Schwester.</p><p><emphasis><strong>24</strong></emphasis></p><p><emphasis>Wo ist sie? Was machen sie mit ihr? </emphasis>�Prim!�, schreie ich. �Prim!� Die Antwort ist nur ein weiterer gequ�lter Schrei. <emphasis>Wie ist sie hergekommen? Warum ist sie Teil der Spiele? </emphasis>�Prim!�</p><p>Zweige schneiden mir in Gesicht und Arme, Kriechpflanzen greifen nach meinen F��en. Aber ich komme ihr n�her. Immer n�her. Bin ihr jetzt ganz nah. Der Schwei� rinnt mir �bers Gesicht, sticht in die halb verheilten S�urewunden. In der feuchtwarmen, sauerstoffarmen Luft ringe ich nach Atem. Prim gibt einen Laut von sich, so ein verlorenes, endg�ltiges Ger�usch, dass ich mir nicht vorstellen mag, was sie mit ihr gemacht haben.</p><p>�Prim!� Ich breche durch eine gr�ne Wand auf eine kleine Lichtung, und der Laut erklingt erneut, direkt �ber mir. Abrupt lege ich den Kopf in den Nacken. H�ngt sie gefangen in den B�umen? Verzweifelt suche ich das Ge�st ab, aber ich kann nichts entdecken. �Prim?�, flehe ich. Ich h�re sie, doch ich kann sie nicht sehen. Der n�chste Klagelaut erklingt, klar wie eine Glocke, und da besteht kein Zweifel mehr. Er kommt aus dem Schnabel eines kleinen schwarzen Vogels mit einer Haube auf dem Kopf, der sich etwa drei Meter �ber mir auf einem Zweig niedergelassen hat. Und dann begreife ich.</p><p>Es ist ein Schnattert�lpel.</p><p>Ich habe noch nie einen gesehen, ich hatte gedacht, es g�be keine mehr. Ich lehne mich gegen einen Baumstamm, presse die Hand auf meine stechenden Seiten und betrachte ihn. Die Mutation, die Urversion, der Stammvater. Vor meinem inneren Auge lasse ich eine Spottdrossel erstehen, verschmelze sie mit einem Schnattert�lpel und erkenne, wie aus den beiden mein Spottt�lpel geworden ist. Nichts an dem Vogel verr�t, dass er eine Mutation ist. Nichts au�er der t�uschend echten Imitation von Prims Stimme, die aus seinem Schnabel kommt. Mit einem Pfeil in die Kehle bringe ich ihn zum Schweigen. Der Vogel f�llt zu Boden. Ich ziehe den Pfeil heraus und drehe dem Vogel den Hals um, sicherheitshalber. Dann schleudere ich das widerliche Ding in den Dschungel. Kein Hunger der Welt k�nnte mich in Versuchung f�hren, ihn zu essen.</p><p><emphasis>Das war nicht real, </emphasis>sage ich mir. <emphasis>So wie letztes Jahr die mutierten W�lfe nicht die echten toten Tribute waren. Das ist nur ein sadistischer Trick der Spielmacher.</emphasis></p><p>Finnick bricht auf die Lichtung, als ich gerade meinen Pfeil mit Moos abwische. �Katniss?�</p><p>�Alles in Ordnung. Ich bin okay�, sage ich, obwohl ich mich ganz und gar nicht okay f�hle. �Ich dachte, ich h�tte meine Schwester geh�rt, aber �� Ein durchdringender Schrei unterbricht mich. Diesmal ist es eine andere Stimme, nicht die von Prim, vielleicht von einer jungen Frau. Ich erkenne sie nicht. Doch auf Finnick macht sie unmittelbar Eindruck. Alle Farbe weicht aus seinem Gesicht und die Pupillen weiten sich vor Schreck. �Bleib hier, Finnick!�, rufe ich und strecke die Hand aus, um ihn zu beruhigen, doch er ist schon auf und davon. Losgest�rzt auf der Suche nach dem Opfer, genauso kopflos wie ich, als ich Prim hinterherjagte. �Finnick!�, rufe ich, aber ich wei�, dass er nicht umkehren und warten wird, um sich eine vern�nftige Erkl�rung anzuh�ren. Mir bleibt nur, mich an seine Fersen zu heften.</p><p>Er ist schnell, aber es ist nicht schwer, ihm zu folgen, denn er hinterl�sst eine deutliche Bresche. Doch der Vogel ist gut einen halben Kilometer entfernt, meist geht es bergauf, und als ich Finnick endlich einhole, bin ich v�llig au�er Atem. Er l�uft um einen riesigen Baum herum. Der Stamm ist �ber einen Meter dick, die ersten �ste beginnen in gut sieben Metern H�he. Der Schrei der Frau kommt irgendwo aus dem Gr�n �ber uns, doch der Schnattert�lpel ist gut versteckt. Auch Finnick schreit, immer und immer wieder: �Annie! Annie!� Er ist voller Panik, nicht ansprechbar, deshalb tue ich, was ich sowieso getan h�tte. Ich besteige einen benachbarten Baum, suche, bis ich den Schnattert�lpel ausfindig gemacht habe, und erledige ihn mit einem Pfeil. Er f�llt Finnick direkt vor die F��e. Finnick hebt ihn auf, langsam d�mmert es ihm, doch als ich mich herunterlasse und zu ihm gehe, sieht er noch verzweifelter aus.</p><p>�Alles in Ordnung, Finnick. Das ist nur ein Schnattert�lpel. Sie spielen uns einen Streich�, sage ich. �Das ist nicht real. Es ist nicht deine � Annie.�</p><p>�Nein, es ist nicht Annie. Aber die Stimme geh�rte ihr. Schnattert�lpel imitieren, was sie h�ren. Woher haben sie diese Schreie, Katniss?�, fragt er.</p><p>Als mir klar wird, was das bedeutet, sp�re ich, wie jetzt ich blass werde. �Finnick, du meinst doch nicht etwa, die ��</p><p>�Doch. Meine ich. Genau das denke ich�, sagt er.</p><p>Ich stelle mir Prim vor, in einem wei�en Raum, an einem Tisch festgeschnallt, w�hrend maskierte Gestalten in langen Gew�ndern ihr diese Laute entlocken. Irgendwo foltern sie sie oder haben sie gefoltert, um an diese Laute zu kommen. Meine Knie geben nach und ich sinke zu Boden. Finnick will mir etwas sagen, doch ich kann ihn nicht verstehen. Daf�r h�re ich pl�tzlich einen Vogel, der irgendwo zu meiner Linken anf�ngt zu singen. Und diesmal geh�rt die Stimme Gale.</p><p>Ehe ich losrennen kann, packt Finnick mich am Arm. �Nein. Das ist er nicht.� Er zerrt mich bergab, zum Strand. �Wir m�ssen hier raus!� Doch Gales Stimme ist so voller Schmerz, dass ich versuche, mich loszurei�en und zu ihm zu laufen. �Das ist nicht er, Katniss! Das ist eine Mutation!�, schreit Finnick mich an. �Los jetzt!� Halb schleift er mich, halb tr�gt er mich weiter, bis ich begreife, was er gesagt hat. Er hat recht, das ist nur ein Schnattert�lpel. Gale hat nichts davon, wenn ich den Vogel t�te. Trotzdem, es ist Gales Stimme, und irgendwer hat ihn irgendwo und irgendwann dazu gebracht, solche Laute auszusto�en.</p><p>Aber ich wehre mich nicht mehr gegen Finnick. Wie in der Nacht mit dem Nebel fliehe ich vor etwas, gegen das ich nicht ank�mpfen kann. Das mir nur Leid zuf�gen kann. Nur dass es diesmal mein Herz ist, das ver�tzt wird, und nicht mein K�rper. Mit Sicherheit sind die V�gel eine weitere Waffe der Uhr. Vier Uhr, vermute ich mal. Wenn die Zeiger auf vier Uhr r�cken, gehen die Affen nach Hause und die Schnattert�lpel kommen hervor und spielen auf. Finnick hat recht: Wir m�ssen so schnell wie m�glich raus hier. Nur dass Haymitch uns diesmal todsicher nichts per Fallschirm wird schicken k�nnen, das Finnick und mir hilft, diese Wunden zu heilen.</p><p>Am Dschungelrand stehen Peeta und Johanna, was mich erleichtert und zugleich w�tend macht. Wieso ist Peeta mir nicht zu Hilfe gekommen? Wieso ist uns keiner gefolgt? Selbst jetzt noch z�gert er, die H�nde erhoben, die Handfl�chen uns zugewandt, die Lippen bewegen sich, doch die Worte erreichen uns nicht. Warum?</p><p>Die Wand ist so transparent, dass wir in vollem Lauf dagegenprallen und auf den Dschungelboden zur�ckgeschleudert werden. Ich habe Gl�ck, meine Schulter hat den Aufprall weitgehend abgefangen. Aber Finnick ist mit dem Gesicht voll dagegengeknallt und jetzt schie�t das Blut nur so aus seiner Nase. Deshalb also sind Peeta und Johanna und auch Beetee, der hinter ihnen traurig den Kopf sch�ttelt, uns nicht zu Hilfe gekommen. Eine unsichtbare Barriere versperrt den Zugang zum Strand. Kein Kraftfeld diesmal. Man kann die harte, glatte Oberfl�che nach Belieben ber�hren. Doch weder Peetas Messer noch Johannas Axt vermag ihr auch nur einen Kratzer zuzuf�gen. Ich gehe ein paar Meter nach einer Seite und stelle fest, dass die Wand wohl den gesamten Sektor zwischen vier und f�nf Uhr einschlie�t. Dass wir wie die M�use in der Falle sitzen, bis die Stunde vorbei ist.</p><p>Peeta presst die Hand gegen die Oberfl�che, und ich halte meine dagegen, als k�nnte ich ihn durch die Wand hindurch sp�ren. Ich sehe, dass er die Lippen bewegt, doch ich kann ihn nicht h�ren, kann �berhaupt nichts h�ren au�erhalb unseres Segments. Ich versuche zu erraten, was er sagt, aber ich kann mich nicht konzentrieren, deshalb starre ich nur auf sein Gesicht und bem�he mich, meine f�nf Sinne beisammenzuhalten.</p><p>Dann kommen die V�gel angeflogen. Einer nach dem anderen. Lassen sich auf den �sten um uns herum nieder. Und aus ihren Schn�beln ergie�t sich ein sorgsam abgestimmter Chor des Grauens. Finnick kapituliert sofort, er sinkt zu Boden und presst die H�nde auf die Ohren, als wollte er seinen Sch�del zerquetschen. Eine Zeit lang versuche ich mich zu wehren. Ich verschie�e den Inhalt meines K�chers auf die verhassten V�gel. Doch sobald einer tot herunterf�llt, nimmt ein anderer seinen Platz ein. Schlie�lich gebe auch ich auf. Ich rolle mich neben Finnick zusammen und versuche die unertr�glichen Schreie auszublenden, die Schreie von Prim, Gale, meiner Mutter, Madge, Rory, Vick und sogar Posy, der wehrlosen kleinen Posy �</p><p>Als ich Peetas Hand sp�re, wei� ich, dass es vorbei ist. Ich merke, wie ich hochgehoben und aus dem Dschungel getragen werde. Trotzdem habe ich die Augen noch immer fest geschlossen, halte mir die Ohren zu, bleibe verkrampft und kann nicht lockerlassen. Peeta bettet mich in seinen Scho�, wiegt mich sanft und redet beruhigend auf mich ein. Es dauert lange, bis sich der eiserne Griff, in dem sich mein K�rper befindet, lockert. Und da fange ich an zu zittern.</p><p>�Es ist alles gut, Katniss�, fl�stert er.</p><p>�Du hast sie nicht geh�rt�, antworte ich.</p><p>�Ich hab Prim geh�rt. Gleich am Anfang. Aber das war nicht sie�, sagt er. �Es war ein Schnattert�lpel.�</p><p>�Das war sie. Irgendwo. Der Schnattert�lpel hat es sich nur gemerkt�, sage ich.</p><p>�Nein, sie wollen, dass du das denkst. So wie ich mich letztes Jahr gefragt habe, ob diese Mutation wirklich Glimmers Augen hatte. Aber es waren nicht Glimmers Augen. Und das hier war nicht Prims Stimme. Oder wenn doch, dann haben sie sie vielleicht aus einem Interview und den Klang verzerrt. Damit sie sich so anh�rte, wie sie es wollten�, sagt er.</p><p>�Nein, sie haben sie gefoltert�, erwidere ich. �Wahrscheinlich ist sie tot.�</p><p>�Prim ist nicht tot, Katniss. Wie k�nnten sie Prim t�ten? Bald sind nur noch acht von uns �brig. Du wei�t doch, was dann geschieht, oder?�, sagt Peeta.</p><p>�Sieben von uns werden sterben�, sage ich ohne Hoffnung.</p><p>�Nein, zu Hause, meine ich. Was geschieht, wenn nur noch acht Tribute dabei sind?� Er hebt mein Kinn hoch, sodass ich ihn ansehen muss. Zwingt mich, ihm in die Augen zu schauen. �Was geschieht dann? Bei den letzten acht?�</p><p>Ich wei�, dass er mir zu helfen versucht, also �berlege ich. �Bei den letzten acht?�, wiederhole ich. �Sie interviewen unsere Familien und Freunde in der Heimat.�</p><p>�Stimmt genau�, sagt Peeta. �Sie interviewen unsere Familien und Freunde. Und w�re das m�glich, wenn sie alle get�tet h�tten?�</p><p>�Nicht?�, frage ich, immer noch unsicher.</p><p>�Nein. Daher wissen wir, dass Prim noch lebt. Sie wird ja wohl die Erste sein, die sie interviewen, oder?�, sagt er.</p><p>Ich m�chte ihm glauben. Unbedingt. Es ist nur � diese Stimmen �</p><p>�Erst Prim. Dann deine Mutter. Deinen Cousin, Gale. Madge�, f�hrt er fort. �Es war ein Trick, Katniss. Ein grausamer Trick. Aber nur wir k�nnen dadurch verletzt werden. Wir sind in den Spielen. Nicht sie.�</p><p>�Glaubst du wirklich?�, frage ich.</p><p>�Ja, das glaube ich wirklich�, sagt Peeta. Ich schwanke, ich denke daran, dass Peeta die Menschen dazu bringen kann, alles zu glauben. Ich schaue zu Finnick hin�ber und warte auf eine Best�tigung, sehe, dass er Peetas Worten gebannt lauscht. �Glaubst du das, Finnick?�, frage ich.</p><p>�M�glich w�r�s. Ich wei� nicht�, sagt er. �K�nnten sie das, Beetee? Die echte Stimme von jemandem nehmen und sie so ver�ndern, dass sie ��</p><p>�Aber ja. Das ist gar nicht mal so schwer, Finnick. Bei uns lernen die Kinder so was in der Schule�, sagt Beetee.</p><p>�Nat�rlich hat Peeta recht�, sagt Johanna im Brustton der �berzeugung. �Das ganze Land verg�ttert Katniss� kleine Schwester. Wenn sie sie wirklich auf diese Weise get�tet h�tten, dann h�tten sie wahrscheinlich einen Aufstand am Hals. Und das wollen sie doch nicht, was?� Sie wirft ihren Kopf zur�ck und schreit. �Das ganze Land in Aufruhr? Das w�rden sie bestimmt nicht wollen!�</p><p>Mir bleibt der Mund offen stehen, so geschockt bin ich. Niemand spricht so etwas in den Spielen aus. Nie. Todsicher haben sie Johanna ausgeblendet und schneiden sie jetzt eilig heraus. Doch ich habe sie geh�rt und ich werde nie mehr so �ber sie denken k�nnen wie bisher. Einen Preis f�r Freundlichkeit wird sie niemals bekommen, aber mutig ist sie auf jeden Fall. Oder verr�ckt. Sie hebt ein paar Muschelschalen auf, sagt: �Ich geh mal Wasser holen�, und macht sich auf den Weg in den Dschungel.</p><p>Als sie an mir vor�bergeht, greife ich unwillk�rlich nach ihrer Hand. �Geh nicht da rein. Die V�gel �� Die V�gel m�ssen zwar verschwunden sein, aber ich m�chte trotzdem nicht, dass wieder jemand hineingeht. Nicht mal sie.</p><p>�Die k�nnen mir nichts anhaben. Ich bin nicht wie ihr. Von meinen Lieben ist keiner mehr da�, sagt Johanna und sch�ttelt mich ungeduldig ab. Als sie zur�ckkommt und mir eine Muschelschale voll Wasser reicht, nicke ich zum Dank, sage aber nichts, denn ich wei�, dass sie f�r das Mitleid in meiner Stimme nur Verachtung �brig h�tte.</p><p>W�hrend Johanna Wasser und meine Pfeile holt, fummelt Beetee an seinem Draht herum, und Finnick macht sich auf den Weg ans Ufer. Ich m�sste mich auch mal waschen, aber ich bleibe in Peetas Armen, ich bin noch immer zu aufgew�hlt, um mich zu bewegen.</p><p>�Wen haben sie auf Finnick angesetzt?�, fragt er.</p><p>�Jemanden namens Annie�, sage ich.</p><p>�Das muss Annie Cresta sein�, sagt er.</p><p>�Wer?�, frage ich.</p><p>�Annie Cresta. Das M�dchen, an deren Stelle Mags sich freiwillig gemeldet hat. Sie hat vor f�nf oder sechs Jahren gewonnen�, sagt Peeta.</p><p>Das m�sste dann der Sommer nach dem Tod meines Vaters gewesen sein, als ich begann, meine Familie zu ern�hren, als meine ganze Existenz damit ausgef�llt war, gegen den Hunger zu k�mpfen. �An diese Spiele kann ich mich kaum erinnern�, sage ich. �War das das Jahr mit dem Erdbeben?�</p><p>�Ja. Annie ist durchgedreht, als ihr Distriktpartner enthauptet wurde. Rannte allein los und versteckte sich. Doch bei dem Erdbeben brach ein Damm und der gr��te Teil der Arena wurde �berflutet. Sie gewann, weil sie am besten schwimmen konnte�, sagt Peeta.</p><p>�Hat sich ihr Zustand seitdem gebessert?�, frage ich. �Ihr Geisteszustand, meine ich.�</p><p>�Ich wei� nicht. Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals noch bei den Spielen gesehen zu haben. Aber bei der Ernte neulich wirkte sie nicht gerade stabil.�</p><p><emphasis>Das also ist die Frau, die Finnick liebt, </emphasis>denke ich. <emphasis>Nicht die schicken M�tressen im Kapitol. Sondern ein armes, verr�cktes M�dchen in der Heimat.</emphasis></p><p>Eine Kanone ert�nt und wir laufen alle am Strand zusammen. Ein Hovercraft erscheint dort, wo wir den Sechs-bis-sieben-Sektor vermuten. Wir schauen zu, wie der Greifer f�nfmal herunterf�hrt, um die verschiedenen Teile eines zerfetzten K�rpers aufzusammeln. Unm�glich zu erkennen, um wen es sich handelt. Was immer um sechs in diesem Sektor passiert, ich m�chte es nie erfahren.</p><p>Auf einem Blatt zeichnet Peeta eine neue Karte und f�gt im Vier-bis-f�nf-Feld ST f�r Schnattert�lpel ein, und in das Feld, wo gerade die Einzelteile des Tributs eingesammelt wurden, schreibt er einfach nur <emphasis>Bestie. </emphasis>Von sieben Stunden der Uhr haben wir jetzt eine recht genaue Vorstellung. Und wenn der Angriff der Schnattert�lpel irgendetwas Gutes hat, dann dass wir wieder wissen, an welcher Stelle der Uhr wir uns befinden.</p><p>Finnick flicht einen neuen Wasserkorb und kn�pft ein Netz zum Fischen. Ich schwimme ein bisschen und reibe meine Haut mit Salbe ein. Dann setze ich mich ans Ufer, s�ubere die Fische, die Finnick f�ngt, und schaue zu, wie die Sonne hinter dem Horizont versinkt. Der helle Mond geht bereits auf und taucht die Arena in dieses seltsame Zwielicht. Wir wollen uns gerade zu unserem Mahl aus rohem Fisch niederlassen, als die Hymne erklingt. Dann erscheinen die Gesichter �</p><p>Cashmere. Gloss. Wiress. Mags. Die Frau aus Distrikt 5. Die Morfixerin, die sich f�r Peeta geopfert hat. Blight. Der Mann aus Distrikt 10.</p><p>Acht tot. Plus die acht vom ersten Abend. Innerhalb von anderthalb Tagen sind zwei Drittel von uns gestorben. Das d�rfte Rekord sein.</p><p>�Die verheizen uns ja regelrecht�, sagt Johanna.</p><p>�Wer ist noch �brig? Abgesehen von uns f�nf und den beiden aus Distrikt 2?�, fragt Finnick.</p><p>�Chaff�, sagt Peeta, ohne dar�ber nachdenken zu m�ssen. Vielleicht hat er nach ihm Ausschau gehalten, wegen Haymitch.</p><p>Ein Fallschirm mit einem Stapel mundgerechter viereckiger Br�tchen segelt herab. �Die sind aus deinem Distrikt, stimmt�s, Beetee?�, fragt Peeta.</p><p>�Ja, aus Distrikt 3�, sagt er. �Wie viele sind es?�</p><p>Finnick z�hlt sie, wobei er jedes Einzelne in den H�nden dreht und wendet, bevor er sie nach einem bestimmten Muster anordnet. Keine Ahnung, was Finnick mit Brot hat, aber irgendwie scheint er davon besessen zu sein. �Vierundzwanzig�, sagt er.</p><p>�Genau zwei Dutzend also?�, fragt Beetee. �Exakt vierundzwanzig�, sagt Finnick. �Wie sollen wir sie teilen?�</p><p>�Jeder isst drei, und wer beim Fr�hst�ck noch am Leben ist, kann �ber den Rest bestimmen�, sagt Johanna. Ich wei� nicht, warum ich dar�ber kichern muss. Wahrscheinlich, weil es aufrichtig ist. Johanna wirft mir einen fast anerkennenden Blick zu. Nein, nicht anerkennend. Aber leicht erfreut vielleicht.</p><p>Wir warten, bis die Riesenwelle den Zehn-bis-elf-Sektor �berrollt hat und das Wasser zur�ckgewichen ist, dann gehen wir an den Strand dort, um unser Lager aufzuschlagen. Theoretisch mussten wir jetzt zw�lf Stunden vor dem Dschungel in Sicherheit sein. Aus dem Elf-bis-zw�lf-Sektor kommt ein unangenehmer Chor aus Klicklauten, wahrscheinlich irgendeine �ble Insektenart. Doch was dieses Ger�usch auch verursachen mag, es bleibt innerhalb des Dschungels, und wir meiden diesen Teil des Strandes, falls die Viecher doch nur auf einen unvorsichtigen Schritt warten, um auszuschw�rmen.</p><p>Ich begreife nicht, wie Johanna sich noch auf den Beinen halten kann. Seit Beginn der Spiele hat sie nur eine Stunde geschlafen. Peeta und ich melden uns freiwillig f�r die erste Wache, weil wir ausgeruhter sind und weil wir ein bisschen Zeit f�r uns haben m�chten. Die anderen schlafen sofort tief und fest. Nur Finnicks Schlaf ist unruhig, ab und zu h�re ich, wie er Annies Namen fl�stert.</p><p>Peeta und ich setzen uns nebeneinander, aber voneinander abgewandt auf den feuchten Sand, meine rechte Schulter und H�fte ber�hren seine. Er schaut auf den Dschungel und ich aufs Wasser, was mir guttut. Die Stimmen der Schnattert�lpel verfolgen mich noch immer und die Insekten k�nnen das nicht �bert�nen. Nach einer Weile lehne ich den Kopf gegen Peetas Schulter. Er streicht mir �ber das Haar.</p><p>�Katniss�, sagt er sanft, �es hat keinen Sinn, so zu tun, als wussten wir nicht, was der andere vorhat.� Nein, wahrscheinlich nicht. Aber dar�ber reden ist auch nicht gerade angenehm. Zumindest nicht f�r uns. Daf�r werden die Zuschauer im Kapitol jetzt an ihren Ger�ten kleben, um nur ja kein Wort zu verpassen.</p><p>�Ich wei� nicht, was f�r einen Deal du mit Haymitch gemacht zu haben glaubst, aber du sollst wissen, dass er mir auch Versprechungen gemacht hat.� Nat�rlich, das wei� ich selbst. Er hat Peeta eingefl�stert, sie k�nnten irgendwie mein Leben retten, damit er keinen Verdacht sch�pft. �Wir k�nnen daher davon ausgehen, dass er einen von uns angelogen hat.�</p><p>Jetzt horche ich auf. Ein Doppeldeal. Ein doppeltes Versprechen. Und nur Haymitch wei�, welches ernst gemeint ist. Ich hebe den Kopf und begegne Peetas Blick. �Warum f�ngst du ausgerechnet jetzt davon an?�</p><p>�Weil du nicht vergessen sollst, dass ich in einer ganz anderen Lage bin als du. Wenn du stirbst und ich �berlebe, gibt es f�r mich zu Hause in Distrikt 12 keinen Grund zum Weiterleben mehr. Du bist mein ganzes Leben. Ich k�nnte nie mehr gl�cklich sein.� Ich versuche zu widersprechen, doch er legt mir einen Finger auf die Lippen. �F�r dich ist das anders. Ich sage nicht, dass es nicht hart w�re f�r dich. Aber du hast andere Menschen, f�r die es sich lohnen w�rde weiterzuleben.�</p><p>Peeta zieht die Kette mit dem flachen Goldanh�nger an seinem Hals hervor. Er h�lt sie ins Mondlicht, sodass ich den Spottt�lpel deutlich sehen kann. Dann f�hrt er mit dem Daumen �ber einen Verschluss, der mir bisher nicht aufgefallen ist, und ein Deckel springt auf. Der Anh�nger ist nicht massiv, wie ich dachte, er ist ein Medaillon. Mit Fotos darin. Rechts meine Mutter und Prim, beide lachend. Links Gale. Tats�chlich l�chelnd.</p><p>Nichts auf der Welt k�nnte mich in diesem Augenblick m�rber machen als diese drei Gesichter. Nach allem, was ich heute Nachmittag mit anh�ren musste � ist das die perfekte Waffe.</p><p>�Deine Familie braucht dich, Katniss�, sagt Peeta.</p><p>Meine Familie. Meine Mutter. Meine Schwester. Und Gale, mein angeblicher Cousin. Es ist offensichtlich, was Peeta damit sagen will. Gale ist Teil meiner Familie, oder er wird es sein, falls ich �berlebe. Ich werde ihn heiraten. Peeta schenkt mir also sein Leben und Gale obendrein. Damit ich wei�, dass ich daran nie zweifeln soll. Alles soll ich von Peeta nehmen.</p><p>Ich erwarte eigentlich, dass er das Baby erw�hnt, f�r die Kameras, doch er schweigt. Und da wird mir bewusst, dass das hier nichts mit den Spielen zu tun hat. Dass er mir seine wahren Gef�hle offenbart.</p><p>�Mich braucht eigentlich keiner�, sagt er, ganz ohne Selbstmitleid. Es stimmt, seine Familie braucht ihn nicht. Sie werden ihn beweinen, zusammen mit ein paar Freunden, die man an einer Hand abz�hlen kann. Aber sie werden dar�ber hinwegkommen. Wie auch Haymitch, mithilfe einer Menge klarem Schnaps. Nur ein einziger Mensch w�rde unwiderruflich Schaden nehmen, wenn Peeta stirbt. Ich.</p><p>�Doch, ich�, sage ich. �Ich brauche dich.� Er wirkt erschrocken. Er atmet tief ein, als wollte er zu einer langen Erkl�rung ansetzen, und das ist nicht gut, ganz und gar nicht, denn dann spricht er wieder von Prim und meiner Mutter und allem, und das w�rde mich nur verwirren. Deshalb verschlie�e ich seine Lippen schnell mit einem Kuss.</p><p>Ich sp�re es wieder. Was ich erst einmal gesp�rt habe. Letztes Jahr, in der H�hle, als ich Haymitch dazu bewegen wollte, uns Nahrung zu schicken. W�hrend dieser Spiele und danach habe ich Peeta tausendmal gek�sst. Aber nur bei einem Kuss hat sich in mir drin etwas ger�hrt. Nur bei diesem einen Kuss wollte ich mehr. Doch dann fing meine Kopfwunde wieder an zu bluten, und er meinte, ich solle mich hinlegen.</p><p>Diesmal unterbricht uns nichts. Und nach ein paar Ans�tzen gibt Peeta auf. In mir wird es immer w�rmer, und die W�rme str�mt von meiner Brust durch den ganzen K�rper, durch Arme und Beine bis in die Spitzen. Doch die K�sse stellen mich nicht zufrieden, im Gegenteil, ich will immer mehr. Ich dachte, in Sachen Hunger w�sste ich Bescheid, aber dies hier ist etwas ganz Neues.</p><p>Das erste Krachen des Gewitters - der Blitz, der um Mitternacht in den Baum einschl�gt - bringt uns in die Wirklichkeit zur�ck. Auch Finnick wacht davon auf. Mit einem gellenden Schrei f�hrt er hoch. Er gr�bt die Finger in den Sand und vergewissert sich, dass sein Albtraum nicht Wirklichkeit ist.</p><p>�Ich kann sowieso nicht mehr schlafen�, sagt er. �Einer von euch soll sich ausruhen.� Erst dann sieht er unsere Gesichter und dass wir eng umschlungen dasitzen. �Oder beide. Ich kann allein Wache halten.�</p><p>Doch das l�sst Peeta nicht zu. �Zu gef�hrlich�, sagt er. �Ich bin nicht m�de. Leg du dich hin, Katniss.� Ich protestiere nicht, denn wenn ich daf�r sorgen soll, dass er am Leben bleibt, muss ich jetzt schlafen. Er begleitet mich zu den anderen. Dann legt er mir die Kette mit dem Medaillon um und h�lt seine Hand auf die Stelle, wo angeblich unser Baby heranw�chst. �Du wirst bestimmt eine gro�artige Mutter�, sagt er. Er k�sst mich ein letztes Mal und geht zur�ck zu Finnick.</p><p>Seine Bemerkung �ber das Baby zeigt mir, dass unsere Auszeit von den Spielen vorbei ist. Dass er wei�, dass die Zuschauer sich fragen, wieso er nicht das �berzeugendste Argument eingesetzt hat, das ihm zur Verf�gung steht. Dass die Sponsoren manipuliert werden m�ssen.</p><p><emphasis>Oder steckt noch mehr dahinter?, </emphasis>frage ich mich, als ich mich in den Sand lege. Wollte er mich daran erinnern, dass ich eines Tages auch mit Gale Kinder haben k�nnte? Falls es das gewesen sein sollte, dann war es ein Fehler. Denn erstens hatte ich sowieso nie vor, Kinder zu bekommen. Und zweitens: Wenn einer von uns Kinder haben sollte, dann Peeta, das sieht jeder.</p><p>W�hrend ich wegd�mmere, versuche ich mir diese Welt vorzustellen, irgendwann in der Zukunft, ohne die Spiele, ohne das Kapitol. Ein Ort wie die Weide in dem Lied, das ich f�r Rue sang, als sie starb. Wo Peetas Kind in Sicherheit w�re.</p><p><emphasis><strong>25</strong></emphasis></p><p>Als ich aufwache, versp�re ich ein kurzes, k�stliches Gl�cksgef�hl, das irgendwie mit Peeta zusammenh�ngt. Ein absurdes Gef�hl, nat�rlich, denn so, wie die Dinge stehen, werde ich innerhalb des n�chsten Tages tot sein. Jedenfalls, wenn alles nach Plan l�uft und ich die �brigen Mitspieler einschlie�lich meiner selbst eliminieren kann, damit Peeta zum Sieger des Jubel-Jubil�ums gek�rt wird. Trotzdem, dieses Gef�hl kommt so unerwartet und ist so s��, dass ich es festhalte, wenn auch nur f�r wenige Augenblicke. Bis der grobe Sand, die hei�e Sonne und meine juckende Haut mich zwingen, in die Wirklichkeit zur�ckzukehren.</p><p>Die anderen sind schon aufgestanden und beobachten einen Fallschirm, der gerade auf den Strand gesegelt kommt. Ich geselle mich zu ihnen. Wieder eine Lieferung Brot. Exakt das gleiche wie gestern Abend. Vierundzwanzig Br�tchen aus Distrikt 3. Damit haben wir insgesamt dreiunddrei�ig. Jeder nimmt f�nf, acht bleiben als Reserve. Nach dem n�chsten Toten unter uns lie�e sich acht prima teilen, aber das spricht keiner aus. Irgendwie ist der Scherz, wer noch da sein wird, um diese Br�tchen zu essen, bei Tageslicht nicht mehr so witzig.</p><p>Wie lange k�nnen wir dieses B�ndnis aufrechterhalten? Es hat wohl keiner damit gerechnet, dass die Anzahl der Tribute so schnell zusammenschmelzen w�rde. Was, wenn ich mich geirrt habe und die anderen Peeta gar nicht besch�tzen wollten? Wenn alles nur Zufall war oder Strategie, um unser Vertrauen zu gewinnen, uns zur leichten Beute zu machen, oder wenn ich �berhaupt nicht durchblicke, was hier eigentiich vor sich geht? Halt, da gibt es nichts zu deuteln. Ich blicke <emphasis>tats�chlich </emphasis>nicht durch. Und deshalb ist es h�chste Zeit f�r Peeta und mich, von hier zu verschwinden.</p><p>Ich setze mich neben Peeta in den Sand und esse meine Br�tchen. Aus irgendeinem Grund f�llt es mir schwer, ihn anzuschauen. Vielleicht wegen der K�sserei gestern Abend, obwohl das K�ssen ja eigentlich nichts Neues f�r uns ist. F�r ihn hat es sich wom�glich auch gar nicht anders angef�hlt. Vielleicht liegt es auch an dem Wissen, dass uns nur noch so wenig Zeit bleibt. Und dass wir diametral entgegengesetzte Ziele verfolgen werden, sollten nur noch wir beide �brig bleiben.</p><p>Nach dem Essen nehme ich seine Hand und ziehe ihn zum Wasser. �Komm, ich bring dir Schwimmen bei.� Ich muss ihn von den anderen weglotsen, um in Ruhe zu besprechen, wie wir von hier verschwinden. Es wird nicht leicht werden, denn sobald die anderen mitbekommen, dass wir uns davonmachen wollen, werden wir umgehend von Verb�ndeten zu Gejagten.</p><p>Wenn ich ihm wirklich das Schwimmen beibringen wollte, m�sste er den Gurt ausziehen, der ihn oben h�lt, aber was spielt das jetzt f�r eine Rolle? Ich zeige ihm also nur die grundlegenden Bewegungen und lasse ihn zur �bung in h�fthohem Wasser hin und her schwimmen. Anfangs, bemerke ich, l�sst Johanna uns nicht aus den Augen, doch irgendwann verliert sie das Interesse und legt sich hin. Finnick kn�pft aus Ranken ein neues Netz und Beetee spielt mit seinem Draht. Jetzt.</p><p>W�hrend Peeta seine Schwimm�bungen macht, f�llt mir etwas auf. Der verbliebene Schorf beginnt sich zu l�sen. Ich nehme etwas Sand und reibe damit vorsichtig �ber meinen Arm, bis ich die restliche Kruste abgerubbelt und die darunterliegende neue Haut freigelegt habe. Ich rufe Peeta und zeige ihm, wie auch er sich vom juckenden Schorf befreien kann, und als wir so schrubben, lenke ich das Gespr�ch auf die Flucht.</p><p>�H�r zu, jetzt sind wir nur noch zu acht. Ich denke, es ist Zeit abzuhauen�, fl�stere ich, obwohl mich keiner der Tribute h�ren k�nnte.</p><p>Peeta nickt, und ich sehe, wie er �ber meinen Vorschlag nachdenkt. Abw�gt, wie die Chancen f�r uns stehen. �Pass auf�, sagt er. �Lass uns hierbleiben, bis Brutus und Enobaria tot sind. Wenn ich richtigliege, t�ftelt Beetee gerade an einer Falle f�r sie. Danach werden wir gehen, ich verspreche es.�</p><p>Ich bin nicht ganz �berzeugt. Doch wenn wir jetzt gehen, sitzen uns zwei gegnerische Gruppen im Nacken. Vielleicht sogar drei, denn wer wei�, was Chaff im Schilde f�hrt. Plus die Uhr, mit der wir zu k�mpfen haben. Und dann ist da noch Beetee. Johanna hat ihn nur meinetwegen hergebracht, und wenn wir weg sind, wird sie ihn mit Sicherheit t�ten. Da f�llt es mir wieder ein. Ich kann Beetee sowieso nicht besch�tzen. Es kann nur einen Sieger geben und das muss Peeta sein. Das muss ich akzeptieren. Alle Entscheidungen, die ich treffe, m�ssen auf sein �berleben ausgerichtet sein.</p><p>�In Ordnung�, sage ich. �Wir bleiben hier, bis die Karrieros tot sind. Aber dann ist Schluss.� Ich drehe mich um und winke Finnick zu. �He, Finnick, komm ins Wasser! Wir wissen jetzt, wie wir dich wieder sch�n machen k�nnen!�</p><p>Zu dritt scheuern wir uns die Krusten vom K�rper, helfen einander mit dem R�cken, und als wir aus dem Wasser steigen, sind wir so rosig wie der Himmel. Noch einmal tragen wir die Salbe auf, weil die Haut so wirkt, als brauchte sie einen Sonnenschutz, doch auf weicher Haut sieht sie nicht halb so schlimm aus, und im Dschungel wird sie eine gute Tarnung sein.</p><p>Beetee ruft uns zu sich, und wir erfahren, dass er w�hrend all der Stunden, die er dagesessen und an seinem Draht gefummelt hat, tats�chlich einen Plan ausgeheckt hat. �Wir d�rften uns einig sein, dass wir als N�chstes Brutus und Enobaria t�ten m�ssen�, sagt er sanft. �Ich glaube nicht, dass sie uns noch einmal offen angreifen werden, jetzt, da sie so in der Minderheit sind. Wir k�nnten uns wohl an ihre Fersen heften, aber das w�re gef�hrlich und anstrengend.�</p><p>�Meinst du, sie haben das mit der Uhr rausgekriegt?�, frage ich.</p><p>�Wenn nicht, werden sie es bald rauskriegen. Vielleicht nicht so exakt wie wir. Aber sie mussten wissen, dass zumindest einige Sektoren f�r Angriffe ausger�stet sind und diese in regelm��igen Abst�nden immer wieder auftreten. Und es wird ihnen nicht entgangen sein, dass unser letzter Kampf durch das Eingreifen der Spielmacher unterbunden wurde. Wir wissen, dass das ein Versuch war, uns die Orientierung zu nehmen, doch auch sie werden sich fragen, was der Grund daf�r war, und am Schluss k�nnten sie zu der Erkenntnis gelangen, dass die Arena eine Uhr ist�, sagt Beetee. �Daher denke ich, dass wir ihnen am besten eine Falle stellen.�</p><p>�Warte, ich gehe Johanna holen�, sagt Finnick. �Sie wird stinksauer sein, wenn sie mitbekommt, dass wir ohne sie �ber so wichtige Dinge sprechen.�</p><p>�Oder auch nicht�, brumme ich in mich hinein, denn eigentlich ist sie immer sauer. Aber ich halte ihn nicht auf, denn wenn man mich in diesem Augenblick von einem Plan ausschlie�en w�rde, w�re ich auch ganz sch�n stinkig.</p><p>Als sie dazugesto�en ist, scheucht Beetee uns allesamt ein St�ck zur�ck, damit er mehr Platz hat. Rasch zeichnet er einen Kreis in den Sand und unterteilt ihn in zw�lf Segmente. Das ist die Arena, nicht mit Peetas pr�zisen Strichen, sondern mit den groben Strichen eines Mannes, der mit anderen, weit komplexeren Dingen besch�ftigt ist. �Wenn ihr Brutus und Enobaria w�rt und nun �ber den Dschungel Bescheid wusstest, wo w�rdet ihr euch am sichersten f�hlen?�, fragt Beetee. Seine Stimme hat nichts Herablassendes, trotzdem erinnert er mich an einen Lehrer, der die Sch�ler zum Mitmachen animieren will. Vielleicht liegt es am Altersunterschied oder einfach daran, dass Beetee wahrscheinlich hunderttausendmal schlauer ist als wir anderen.</p><p>�Wo wir sind, am Strand�, sagt Peeta. �Das ist der sicherste Ort.�</p><p>�Und warum sind sie dann nicht am Strand?�, fragt Beetee.</p><p>�Weil wir hier sind�, sagt Johanna ungeduldig.</p><p>�Exakt. Wir sind hier und beanspruchen den Strand f�r uns. Und wo w�rdet ihr dann hingehen?�, fragt Beetee.</p><p>Ich denke an den t�dlichen Dschungel, den besetzten Strand. �Ich w�rde mich am Rand des Dschungels verstecken. Dann k�nnte ich fliehen, wenn eine Attacke kommt. Und ich k�nnte uns ausspionieren.�</p><p>�Auch um zu essen�, sagt Finnick. �Im Dschungel wimmelt es von unbekannten Tieren und Pflanzen. Aber wer uns beobachtet, wei�, dass die Nahrung aus dem Meer sicher ist.�</p><p>Beetee l�chelt uns an, als h�tten wir seine Erwartungen �bertroffen. �Sehr gut. Ihr habt�s begriffen. Jetzt h�rt euch meinen Vorschlag an: Wir schlagen um zw�lf Uhr zu. Was passiert genau um Mittag und um Mitternacht?�</p><p>�Der Blitz schl�gt in den Baum ein�, sage ich.</p><p>�Genau. Deshalb schlage ich vor, dass wir nach dem n�chsten Mittagsblitz und vor dem Mitternachtsblitz meinen Draht von diesem Baum bis ins Salzwasser spannen, das, wie ihr wisst, ein sehr guter Leiter ist. Wenn der Blitz einschl�gt, wird die Spannung �ber den Draht nicht nur ins Wasser geleitet, sondern auch in den umliegenden Strand, der noch von der Zehn-Uhr-Welle feucht sein wird. Jeder, der in diesem Augenblick Wasser oder Sand ber�hrt, wird von dem Stromschlag get�tet�, sagt Beetee.</p><p>Es entsteht eine l�ngere Pause, in der wir Beetees Plan verdauen. Mir erscheint er fantastisch bis unm�glich. Aber warum eigentlich? Ich habe doch selbst unz�hlige Fallen gestellt. Ist das nicht einfach eine gr��ere, ausgekl�geltere Falle? Kann sie vielleicht wirklich funktionieren? D�rfen wir das �berhaupt infrage stellen, wir Tribute, die darauf abgerichtet sind, Fisch, Holz und Kohle zu gewinnen? Was wissen wir schon dar�ber, wie man die Kr�fte des Himmels nutzbar macht?</p><p>Peeta hakt nach. �H�lt der Draht das denn aus, so viel Energie weiterzuleiten, Beetee? Er sieht so zart aus, als w�rde er sofort durchschmoren ��</p><p>�Genau das wird er auch. Aber erst, nachdem der Strom hindurchgelaufen ist. Er funktioniert wie eine Sicherung. Nur, dass er Strom leitet�, sagt Beetee.</p><p>�Woher wei�t du das?�, fragt Johanna, ganz und gar nicht �berzeugt.</p><p>�Weil ich ihn erfunden habe�, sagt Beetee und klingt leicht �berrascht. �Das ist kein herk�mmlicher Draht. Genauso wenig, wie der Blitz ein nat�rlicher Blitz und der Baum ein nat�rlicher Baum ist. Du kennst dich am besten von uns allen mit B�umen aus, Johanna. Er m�sste doch inzwischen l�ngst zerst�rt sein, oder?�</p><p>�Ja�, sagt sie m�rrisch.</p><p>�Macht euch keine Sorgen um den Draht - er wird tun, was ich sage�, versichert Beetee uns.</p><p>�Und wo werden wir sein, wenn es passiert?�, fragt Finnick.</p><p>�Tief genug im Dschungel, dass uns nichts passieren kann�, antwortet Beetee.</p><p>�Aber dann kann den Karrieros auch nichts passieren, es sei denn, sie halten sich in der N�he des Wassers auf�, werfe ich ein.</p><p>�Stimmt�, sagt Beetee.</p><p>�Aber das ganze Meeresgetier wird dabei doch gekocht�, sagt Peeta.</p><p>�Vermutlich mehr als gekocht�, sagt Beetee. �Ziemlich wahrscheinlich, dass wir diese Nahrungsquelle dabei vernichten. Aber du hast im Dschungel doch andere Dinge entdeckt, die man essen kann, nicht wahr, Katniss?�</p><p>�Ja. N�sse und Ratten�, sage ich. �Und wir haben Sponsoren.�</p><p>�Na, dann sehe ich darin kein Problem�, sagt Beetee. �Aber da wir Verb�ndete sind und dieser Plan unsere vereinten Kr�fte erfordert, liegt die Entscheidung dar�ber, ob wir es versuchen wollen oder nicht, bei euch vieren.�</p><p>Wir <emphasis>sind </emphasis>wie Schulkinder. Unser Horizont reicht gerade so weit, dass wir seine Theorie unter den elementarsten Gesichtspunkten betrachten k�nnen. Und die haben im Grunde gar nichts mit seinem eigentlichen Plan zu tun. Ich schaue in die ratlosen Gesichter der anderen. �Warum nicht?�, sage ich. �Wenn es schiefgeht, schadet�s nicht. Wenn es funktioniert, stehen die Chancen gut, dass sie get�tet werden. Und selbst wenn uns das nicht gelingt und wir nur die Fische t�ten, verlieren Brutus und Enobaria auch eine Nahrungsquelle.�</p><p>�Ich sage, wir versuchen es�, sagt Peeta. �Katniss hat recht.�</p><p>Finnick hebt die Brauen und sieht Johanna an. Ohne sie wird er nicht zustimmen. �Also gut�, sagt sie schlie�lich. �Auf jeden Fall besser, als ihnen im Dschungel hinterherzujagen. Und ich glaube nicht, dass sie hinter unseren Plan kommen, wir kapieren ihn ja selbst kaum.�</p><p>Bevor Beetee an dem Baum herumbastelt, m�chte er ihn in Augenschein nehmen. Dem Stand der Sonne nach ist es etwa neun Uhr morgens. Wir m�ssen unseren Strand sowieso bald verlassen. Also brechen wir das Lager ab, gehen hin�ber zu dem Strand, der an den Gewittersektor grenzt, und dringen in den Dschungel ein. Beetee ist noch immer zu schwach, um den Aufstieg aus eigener Kraft zu bew�ltigen, deshalb tragen Finnick und Peeta ihn abwechselnd. Ich �berlasse Johanna die F�hrung, denn zum Baum geht es ziemlich geradeaus, sie k�nnte uns kaum in die Irre f�hren. Und ich kann mit einem K�cher voller Pfeile sehr viel mehr ausrichten als sie mit den beiden �xten. Deshalb ist es am kl�gsten, wenn ich die Nachhut bilde.</p><p>Die dichte, feuchtwarme Luft lastet auf mir. Seit die Spiele begonnen haben, sind wir ihr ununterbrochen ausgesetzt. Mir w�re lieber, Haymitch w�rde statt Brot aus Distrikt 3 mal wieder welches aus Distrikt 4 schicken, in den letzten beiden Tagen habe ich eimerweise Schwei� vergossen, und trotz all des Fischs lechze ich nach Salz. Ein St�ck Eis w�re auch nicht schlecht. Oder kaltes Wasser. Ich bin durchaus dankbar f�r die Fl�ssigkeit aus den B�umen, doch sie hat die gleiche Temperatur wie das Salzwasser und die Luft und die anderen Tribute und ich. Wir sind allesamt ein gro�er warmer Eintopf.</p><p>Als wir uns dem Baum n�hern, schl�gt Finnick vor, dass ich die F�hrung �bernehme. �Katniss kann das Kraftfeld h�ren�, erkl�rt er Beetee und Johanna.</p><p>�H�ren?�, fragt Beetee.</p><p>�Nur mit dem Ohr, das im Kapitol wiederhergestellt wurde�, sage ich. Beetee kann ich mit der Story nat�rlich nicht kommen. Bestimmt erinnert er sich noch daran, dass er mir gezeigt hat, wie man ein Kraftfeld entdeckt, wahrscheinlich ist es sogar unm�glich, Kraftfelder zu h�ren. Aber er verkneift sich einen Kommentar, aus welchem Grund auch immer.</p><p>�Dann lasst unbedingt Katniss vorgehen�, sagt er, w�hrend er einen Augenblick stehen bleibt, um seine beschlagenen Brillengl�ser zu putzen. �Mit Kraftfeldern ist nicht zu spa�en.�</p><p>Der Gewitterbaum �berragt die anderen so sehr, dass er nicht zu verfehlen ist. Ich suche mir ein B�schel mit N�ssen und lasse die anderen anhalten, w�hrend ich langsam den Hang hinaufgehe und N�sse vor mich werfe. Doch ich sehe das Kraftfeld, noch ehe es von einer Nuss getroffen wird, es ist nur f�nfzehn Meter entfernt. Ich entdecke die wellige Fl�che hoch oben zu meiner Rechten, als ich die Wand aus Gr�n vor mir absuche. Ich werfe eine Nuss direkt vor mich und h�re sie zur Best�tigung zischen.</p><p>�Haltet euch unter dem Gewitterbaum�, rufe ich den anderen zu.</p><p>Wir verteilen die Aufgaben. Finnick deckt Beetee, der den Baum untersucht, Johanna zapft Wasser, Peeta sammelt N�sse, und ich gehe in der N�he jagen. Die Baumratten scheinen keine Angst vor Menschen zu haben, ich erlege sie m�helos. Das Ger�usch der Zehn-Uhr-Welle erinnert mich daran, dass es Zeit ist umzukehren, also gehe ich zur�ck zu den anderen und nehme die Beute aus. Zur Warnung ziehe ich ein paar Meter vor dem Kraftfeld eine Linie in den Boden, dann lassen Peeta und ich uns davor nieder, um N�sse zu r�sten und Rattenw�rfel zu braten.</p><p>Beetee ist noch immer mit dem Baum besch�ftigt, womit genau, wei� man nicht, er misst wohl irgendwas aus. Irgendwann rei�t er ein St�ck Rinde ab, kommt zu uns und wirft es Richtung Kraftfeld. Die Rinde prallt zur�ck und landet gl�hend auf dem Boden. Nach kurzer Zeit hat sie wieder ihre urspr�ngliche Farbe angenommen. �Nun, das erkl�rt einiges�, sagt Beetee. Ich werfe Peeta einen Blick zu und muss mir auf die Lippe bei�en, um nicht zu lachen. Das erkl�rt gar nichts, au�er vielleicht f�r Beetee.</p><p>Da h�ren wir aus dem benachbarten Sektor die Klickger�usche. Also ist es jetzt elf Uhr. Im Dschungel sind sie viel lauter als gestern Abend am Strand. Wir lauschen konzentriert.</p><p>�Mechanisch ist das nicht�, sagt Beetee entschieden.</p><p>�Ich tippe auf Insekten�, sage ich. �K�fer oder so.�</p><p>�Irgendwas mit Zangen�, meint Finnick.</p><p>Das Ger�usch schwillt an, als w�rden unsere Worte die N�he von lebendigem Fleisch verhei�en. Was immer diese Ger�usche verursacht, ich wette, es k�nnte uns in Sekundenschnelle bis auf die Knochen abnagen.</p><p>�Jedenfalls sollten wir zusehen, dass wir hier wegkommen�, sagt Johanna. �In weniger als einer Stunde kommt der Blitz.�</p><p>Weit gehen wir nicht. Nur bis zu dem Zwillingsbaum im Blutregensektor. Wir lassen uns zu einer Art Picknick nieder, essen unsere Dschungelnahrung und warten auf den Blitz, der anzeigt, dass es Mittag ist. Als das Klicken nachl�sst, klettere ich auf Beetees Gehei� in die Baumkrone. Der Blitzeinschlag ist so grell, dass er selbst mich an meinem Platz blendet, trotz des glei�enden Sonnenlichts. Er umschlie�t den fernen Baum ganz, l�sst ihn blauwei� ergl�hen und die Luft in der Umgebung elektrisch knistern. Ich klettere wieder hinunter und erstatte Beetee Bericht, der zufrieden wirkt, obwohl ich mich nicht sonderlich wissenschaftlich ausdr�cke.</p><p>In einem Bogen gehen wir zur�ck zum Zehn-Uhr-Strand. Der Sand ist weich und feucht und von der j�ngsten Welle ges�ubert. Den Nachmittag gibt Beetee uns mehr oder weniger frei, w�hrend er mit dem Draht hantiert. Da es sich um seine Waffe handelt und wir anderen uns ganz auf sein Wissen verlassen, stellt sich das eigenartige Gef�hl ein, als h�tten wir fr�her Schulschluss. Anfangs legen wir uns abwechselnd am Rand des Dschungels in den Schatten und schlafen ein R�ndchen, doch am sp�ten Nachmittag sind alle wach und voller Anspannung. Da dies unsere letzte Gelegenheit sein k�nnte, an Meeresgetier zu kommen, beschlie�en wir, ein Festmahl auszurichten. Unter Finnicks F�hrung gehen wir mit dem Speer auf die Jagd nach Fischen und sammeln Muscheln, tauchen sogar nach Austern. Das gef�llt mir am besten, aber nicht, weil ich so versessen auf Austern w�re. Ich habe nur einmal welche gegessen, damals im Kapitol, und konnte mich mit ihrer schleimigen Konsistenz einfach nicht anfreunden. Aber es ist sch�n so tief unten im Wasser, wie in einer anderen Welt. Das Wasser ist sehr klar und Schw�rme von Fischen in leuchtenden Farben und merkw�rdige Seeblumen zieren den Sandboden.</p><p>Johanna h�lt Wache, w�hrend Finnick, Peeta und ich unseren Fang s�ubern und bereitlegen. Peeta bricht eine Auster auf und muss lachen: �He, schaut euch das mal an!� Er h�lt eine gl�nzende, vollkommene Perle hoch, so gro� wie eine Erbse. �Du wei�t ja, wenn man nur genug Druck auf die Kohle aus�bt, werden daraus Perlen�, sagt er ganz ernst zu Finnick.</p><p>�Stimmt doch gar nicht�, sagt Finnick absch�tzig. Aber ich lache mich halb tot. Ich erinnere mich, wie die unbedarfte Effie Trinket uns letztes Jahr, als uns noch kein Mensch kannte und wir noch keine Ber�hmtheiten waren, den Zuschauern im Kapitol angepriesen hat. Als Kohle, die durch unsere gewichtige Existenz zu Perlen gepresst wurde. Sch�nheit, die aus Schmerz entstand.</p><p>Peeta sp�lt die Perle im Wasser ab und reicht sie mir. �F�r dich.� Ich lege sie auf meine Handfl�che und betrachte die im Sonnenlicht schimmernde Oberfl�che. Ja, ich werde sie behalten. In den wenigen Stunden, die mir in diesem Leben bleiben, werde ich sie bei mir tragen. Dieses letzte Geschenk von Peeta. Das einzige, das ich auch annehmen kann. Vielleicht gibt es mir im letzten Augenblick die n�tige Kraft.</p><p>�Danke�, sage ich und schlie�e die Faust. Unger�hrt schaue ich in die blauen Augen des Menschen, der nun mein gr��ter Gegner ist; der mein Leben retten will, und wenn es seins kostet. Und ich gebe mir das Versprechen, dass ich seinen Plan durchkreuzen werde.</p><p>Aus seinen Augen weicht das Lachen, und er schaut mich so intensiv an, als k�nnte er meine Gedanken lesen. �Das Medaillon hat nicht gewirkt, was?�, sagt Peeta, obwohl Finnick dabeisteht. Obwohl jeder ihn h�ren kann. �Katniss?�</p><p>�Es hat gewirkt�, sage ich.</p><p>�Aber nicht so, wie ich wollte�, sagt er und wendet den Blick ab. Er hat jetzt nur noch Augen f�r die Austern.</p><p>Als wir uns �ber das Essen hermachen wollen, kommt ein Fallschirm mit zwei Anh�ngseln herabgesegelt. Ein kleiner Topf mit einer scharfen roten So�e und noch mehr Br�tchen aus Distrikt 3. Finnick z�hlt sie nat�rlich sofort durch. �Wieder vierundzwanzig�, sagt er.</p><p>Macht insgesamt zweiunddrei�ig Br�tchen. Jeder nimmt wieder f�nf, sieben bleiben �brig, die wir niemals gerecht aufteilen k�nnen. Brot f�r den einen, der �brig bleiben wird.</p><p>Das salzige Fischfleisch, die saftigen Muscheln. Sogar die Austern schmecken, vor allem jetzt mit der So�e. Wir schlagen uns die B�uche voll, bis keiner mehr papp sagen kann, trotzdem schaffen wir nicht alles. Aber die Reste werden sich nicht halten, deshalb werfen wir sie zur�ck ins Wasser, damit die Karrieros sie sich nicht unter den Nagel rei�en, wenn wir fort sind.</p><p>Keiner achtet auf die Muschelschalen. Die Welle wird sie wegschwemmen.</p><p>Jetzt k�nnen wir nur noch warten. Peeta und ich sitzen am Wasser, Hand in Hand, wortlos. Er hat gestern Abend seine letzte Rede gehalten, doch sie hat bei mir nicht zu einem Sinneswandel gef�hrt, und nichts, was ich sagen k�nnte, wird bei ihm einen Sinneswandel bewirken. F�r �berzeugende Geschenke ist es jetzt zu sp�t.</p><p>Trotzdem habe ich die Perle zusammen mit dem Zapfhahn und der Salbe in einen Fallschirm gewickelt und mit Ranken an meine H�fte gebunden. Ich hoffe, sie schafft es zur�ck nach Distrikt 12.</p><p>Meine Mutter und Prim werden schon einen Weg finden, sie Peeta zur�ckzugeben, bevor ich begraben werde.</p><p><emphasis><strong>26</strong></emphasis></p><p>Die Hymne erklingt, doch heute Abend erscheinen keine Gesichter am Himmel. Die Zuschauer werden ungeduldig sein, sie d�rsten nach Blut. Aber Beetees Falle ist so vielversprechend, dass die Spielmacher keine weiteren Attacken gestartet haben. Vielleicht sind sie einfach neugierig darauf, wie sie funktioniert.</p><p>Als Finnick und ich meinen, es ist neun Uhr, verlassen wir alle gemeinsam das mit Muschelschalen �bers�te Lager, gehen hin�ber zum Zw�lf-Uhr-Strand und machen uns im Mondschein heimlich, still und leise auf den Weg zum Gewitterbaum. Mit vollem Bauch sind wir alle kurzatmig und der Aufstieg f�llt uns schwerer als am Morgen. Ich bereue schon das letzte Dutzend Austern.</p><p>Beetee m�chte, dass Finnick ihm hilft, die anderen halten Wache. Bevor Beetee den Draht am Baum befestigt, wickelt er mehrere Meter ab. Finnick soll sie an einem abgebrochenen Ast festbinden und diesen auf den Boden legen. Dann stellen sie sich rechts und links vom Baum auf und reichen sich abwechselnd die Spule, sodass der Draht viele Male um den Baumstamm gewickelt wird. Erst sieht es planlos aus, dann erkenne ich im Mondlicht auf Beetees Seite ein Muster, wie ein kompliziertes Labyrinth. Ich frage mich, ob es von Bedeutung ist, wie der Draht angebracht wird, oder ob das nur dazu dient, die Spekulationen der Zuschauer anzuheizen. Die meisten von ihnen d�rften von Elektrizit�t genauso wenig Ahnung haben wie ich.</p><p>Die Arbeit am Baumstamm ist just in dem Augenblick beendet, als wir die Welle h�ren. Ich habe bisher nicht herausgefunden, wann genau sie hervorbricht. Irgendwo muss sie sich aufbauen, dann bricht sie hervor, und dann kommen die Nachwirkungen. Der Himmel sagt mir, dass es halb elf ist.</p><p>Jetzt verr�t Beetee uns, wie es weitergehen soll. Weil Johanna und ich die wendigsten sind, sollen wir die Rolle durch den Dschungel nach unten tragen und unterwegs den Draht abwickeln, ihn quer �ber den Zw�lf-Uhr-Strand verlegen und die Metallrolle mit dem restlichen Draht tief im Wasser versenken. Anschlie�end wieder in den Dschungel zur�ckrennen. Wenn wir uns jetzt auf den Weg machen, und zwar sofort, mussten wir auf der sicheren Seite sein.</p><p>�Ich m�chte als Wache mitgehen�, sagt Peeta sofort. Nach der Sache mit der Perle ist er noch weniger bereit, mich aus den Augen zu lassen.</p><p>�Du bist zu langsam. Und au�erdem brauche ich dich an diesem Ende. Katniss passt schon auf�, sagt Beetee. �Wir haben jetzt keine Zeit zu diskutieren. Tut mir leid. Wenn die M�dchen lebend da rauskommen sollen, m�ssen sie jetzt los.� Er gibt Johanna die Rolle.</p><p>Mir gef�llt der Plan genauso wenig wie Peeta. Wie soll ich ihn aus der Entfernung besch�tzen? Aber Beetee hat recht. Mit seinem Bein ist Peeta zu langsam, er w�rde den Abhang nicht schnell genug schaffen. Johanna und ich sind die Schnellsten und haben den sichersten Tritt auf dem Dschungelboden. Ich sehe keine Alternative. Und wenn ich hier irgendwem traue au�er Peeta, dann ist es Beetee.</p><p>�Das geht in Ordnung�, sage ich zu Peeta. �Wir werfen nur schnell die Rolle ins Wasser und kommen sofort wieder rauf.�</p><p>�Aber nicht ins Blitzgebiet�, erinnert mich Beetee. �Rennt zu dem Baum im Ein-bis-zwei-Sektor. Wenn ihr merkt, dass euch nicht genug Zeit bleibt, r�ckt eins weiter. Aber geht blo� nicht zur�ck zum Strand, bevor ich den Schaden in Augenschein genommen habe.�</p><p>Ich nehme Peetas Gesicht in meine H�nde. �Mach dir keine Sorgen. Wir sehen uns um Mitternacht.� Ich k�sse ihn, und ehe er noch etwas einwenden kann, lasse ich ihn los und frage Johanna: �Fertig?�</p><p>�Wieso nicht?�, sagt Johanna achselzuckend. Sie ist augenscheinlich nicht erfreuter als ich, dass wir zusammenarbeiten sollen. Aber wir sind alle in Beetees Falle gefangen. �Du passt auf, ich wickele ab. Sp�ter k�nnen wir mal tauschen.�</p><p>Ohne weitere Diskussion machen wir uns auf den Weg. Wir reden �berhaupt nicht viel. So schnell es geht, rennen wir den Abhang hinunter, die eine mit der Rolle, die andere Ausschau haltend. Auf halber Strecke h�ren wir pl�tzlich das Klicken, es ist also nach elf.</p><p>�Lass uns schnell machen�, sagt Johanna. �Ich m�chte so weit wie m�glich vom Wasser weg sein, wenn der Blitz einschl�gt. Nur f�r den Fall, dass Minus falsch gerechnet hat.�</p><p>�Jetzt nehme ich mal die Rolle�, sage ich. Es ist anstrengender, den Draht abzuwickeln, als Ausschau zu halten, und sie hat das jetzt schon lange genug gemacht.</p><p>�Bitte sehr�, sagt Johanna und reicht mir die Rolle.</p><p>In dem Augenblick, als unsere beiden H�nde die Rolle halten, sp�ren wir ein leichtes Vibrieren. Pl�tzlich schnellt der d�nne goldene Draht von oben zu uns herunter und windet sich um unsere Handgelenke. Das lose Ende schl�ngelt sich zu unseren F��en.</p><p>Es dauert keine Sekunde, bis wir begriffen haben, was los ist. Johanna und ich schauen uns an, doch keine von uns muss es aussprechen. Jemand, der nicht allzu weit entfernt sein kann, hat den Draht durchtrennt. Und dieser Jemand wird sich jeden Moment auf uns st�rzen.</p><p>Ich befreie meine Hand aus dem Draht und schlie�e sie gerade um die Federn eines Pfeils, als mir jemand mit voller Wucht einen Gegenstand gegen den Kopf schl�gt. Als N�chstes merke ich, dass ich auf dem R�cken in den Ranken liege und meine rechte Schl�fe schrecklich wehtut. Irgendwas stimmt nicht mit meinen Augen. Immer wieder verschwimmt das Bild, als ich versuche, die beiden Monde am Himmel in Deckung zu bringen. Das Atmen f�llt mir schwer, und pl�tzlich sehe ich auch, warum. Johanna sitzt auf meiner Brust und dr�ckt mit den Knien meine Schultern auf den Boden.</p><p>Da sp�re ich ein Stechen im linken Unterarm. Ich versuche Johanna abzusch�tteln, aber ich bin immer noch nicht recht bei Sinnen. Johanna gr�bt die Spitze ihres Messers - zumindest nehme ich an, dass es das ist - ins Fleisch meines Unterarms und dreht sie hin und her. Ich sp�re ein unertr�gliches Rei�en, dann rinnt etwas Warmes an meinem Handgelenk herunter und sammelt sich in meiner Handfl�che. Johanna dr�ckt meinen Arm nach unten und schmiert mir das halbe Gesicht mit Blut ein.</p><p>�Unten bleiben!�, faucht sie. Pl�tzlich sp�re ich nicht l�nger ihr Gewicht auf mir, ich bin allein.</p><p><emphasis>Unten bleiben?, </emphasis>denkeich. <emphasis>Was soll das? Was ist los? Ich </emphasis>schlie�e die Augen, sperre die schwankende Welt aus und versuche mir einen Reim auf meine Lage zu machen.</p><p>Ich muss daran denken, wie Johanna Wiress auf den Sand stie�. <emphasis>�Einfach unten bleiben, kapiert?� </emphasis>Aber damals hat sie Wiress ja nicht angegriffen. Zumindest nicht so. Und ich bin ja auch nicht Wiress. Ich bin nicht Plus. <emphasis>�Einfach unten bleiben, kapiert?�, </emphasis>echot es in meinem Kopf.</p><p>Schritte kommen n�her. Zwei Paar. Schwer, versuchen nicht, sich zu verstecken.</p><p>Brutus� Stimme. �Da, die ist so gut wie tot! Weiter, Enobaria!� Schritte, die sich in der Nacht verlieren.</p><p>Und ich? Ich d�mmere zwischen Bewusstsein und Ohnmacht und suche nach einer Antwort. Bin ich so gut wie tot? Meine Lage erlaubt mir nicht, zu widersprechen. �berhaupt kann ich nur mit M�he einen klaren Gedanken fassen. So viel steht fest. Johanna hat mich attackiert. Mir diese Drahtrolle an den Kopf geschleudert. In meinen Arm geschnitten und meinen Adern wahrscheinlich irreparable Sch�den zugef�gt, doch bevor sie mich erledigen konnte, sind Brutus und Enobaria aufgetaucht.</p><p>Das B�ndnis ist Vergangenheit. Finnick und Johanna m�ssen sich abgesprochen haben, dass sie heute Nacht �ber uns herfallen. Ich hab�s doch gesagt, dass wir uns heute Morgen h�tten absetzen m�ssen. Ich wei� nicht, auf welcher Seite Beetee steht. Aber ich bin eine leichte Beute, genau wie Peeta.</p><p><emphasis>Peeta! </emphasis>Panisch rei�e ich die Augen auf. Peeta wartet oben am Baum, v�llig arglos. Vielleicht hat Finnick ihn bereits get�tet. �Nein�, fl�stere ich. Den Draht haben die Karrieros ganz in der N�he durchtrennt. Finnick und Peeta und Beetee - sie k�nnen nicht wissen, was hier unten vor sich geht. Sie k�nnen sich nur fragen, was passiert ist, warum der Draht schlaff geworden ist, falls er sich nicht aufgrund der Zugspannung sogar um den Baum gewickelt hat. Das allein kann doch kein Zeichen sein, loszuschlagen, oder? Bestimmt hat Johanna allein beschlossen, dass es Zeit ist, mit uns zu brechen. Mich zu t�ten. Vor den Karrieros abzuhauen. Und dann Finnick so schnell wie m�glich dazuzuholen.</p><p>Ich wei� es nicht. Ich wei� es nicht. Ich wei� nur, dass ich zur�ck zu Peeta muss, um ihn zu retten. Mit letzter Willenskraft setze ich mich auf, ein Baumstamm ganz in der N�he hilft mir, mich hochzurappeln. Ich bin heilfroh, dass ich etwas zum Anlehnen habe, denn der Dschungel schwankt hin und her. Ohne Vorwarnung beuge ich mich vor und erbreche das �ppige Festmahl, so lange, bis keine einzige Auster in meinem K�rper zur�ckgeblieben sein kann. Zitternd und schwei�bedeckt pr�fe ich meinen k�rperlichen Zustand.</p><p>Als ich meinen verletzten Arm hebe, spritzt mir das Blut ins Gesicht und die Welt kippt wieder bedenklich. Ich schlie�e die Augen und klammere mich an den Baum, bis meine Umgebung etwas stabiler geworden ist. Ich mache ein paar Schritte auf den Nachbarbaum zu, zupfe etwas Moos ab und wickele es fest um meinen Arm, ohne die Wunde n�her zu untersuchen. Besser so. Es ist ganz sicher besser, wenn ich sie nicht anschaue. Dann erlaube ich meiner Hand, vorsichtig die Wunde am Kopf zu betasten. Eine gro�e Beule, aber nur wenig Blut. Offenbar liegt der Schaden innen, aber Gefahr zu verbluten besteht wohl nicht. Zumindest nicht durch den Kopf.</p><p>Ich wische die H�nde an Moos ab und greife mit dem verletzten linken Arm unsicher nach dem Bogen. Lege einen Pfeil in die Sehne ein. Befehle meinen F��en, den Hang hinaufzustapfen.</p><p>Peeta. Mein letzter Wunsch. Mein Versprechen. Sein Leben zu retten. Ein bisschen leichter ums Herz wird mir, als mir einf�llt, dass keine Kanone abgefeuert wurde und er also noch leben muss. Vielleicht hat Johanna auf eigene Faust gehandelt, weil sie wusste, dass Finnick sich ihr anschlie�en w�rde, wenn ihre Absichten erst mal klar w�ren. Obwohl man einfach nicht durchblickt, was zwischen den beiden l�uft. Ich muss daran denken, wie er zu ihr hinsah und ihre Zustimmung abwartete, bevor er sich mit Beetees Falle einverstanden erkl�rte. Das B�ndnis zwischen ihnen geht viel tiefer, es beruht auf jahrelanger Freundschaft und wer wei� was noch. Wenn Johanna mich angegriffen hat, darf ich Finnick nicht l�nger �ber den Weg trauen.</p><p>Ich bin kaum zu dieser Schlussfolgerung gelangt, da h�re ich, wie jemand den Hang heruntergerannt kommt. Peeta oder Beetee k�nnen es nicht sein, so schnell sind sie nicht. Gerade noch rechtzeitig ducke ich mich hinter einem Vorhang aus Ranken. Finnick fliegt an mir vorbei, seine Haut ist fleckig von der Salbe, er springt durchs Unterholz wie ein Hirsch. Im Nu erreicht er den Ort der Attacke, jetzt muss er das Blut entdeckt haben. �Johanna! Katniss!�, ruft er. Ich r�hre mich nicht vom Fleck, bis er fort ist, in die Richtung, die Johanna und die Karrieros eingeschlagen haben.</p><p>Ich bewege mich, so schnell ich kann, ohne dass die Welt sich wieder dreht. In meinem Kopf h�mmert es im Rhythmus meines rasenden Herzschlags. Das Klicken der Insekten, die wahrscheinlich vom Blutgeruch erregt sind, schwillt in meinen Ohren zu einem steten Gebr�ll an. Oder nein. Vielleicht klingeln mir auch die Ohren von dem Schlag mit der Drahtrolle. Ich werde erst Gewissheit haben, wenn die Insekten still sind. Doch wenn die Insekten verstummen, kommt der Blitz. Ich muss schneller laufen. Ich muss zu Peeta.</p><p>Der Knall einer Kanone l�sst mich abrupt stehen bleiben. Einer ist gestorben. Jetzt, da alle bewaffnet und voller Angst durch die Gegend laufen, k�nnte es jeder sein. Aber wer immer es auch sein mag, sein Tod wird der Startschuss f�r ein allgemeines Gemetzel heute Nacht sein. Die Leute werden erst t�ten, �ber ihre Motive werden sie dann hinterher nachdenken. Ich zwinge meine Beine zu rennen.</p><p>Etwas verhakt sich in meinen F��en und ich falle der L�nge nach hin. Ich sp�re, wie sich etwas um mich wickelt, und pl�tzlich bin ich in Fasern gefangen, die in die Haut schneiden. Ein Netz! Das muss eins von Finnicks tollen Netzen sein, die er ausgelegt hat, um mich zu fangen, und er wartet bestimmt schon ganz in der N�he mit erhobenem Dreizack. Ich schlage wild um mich, wodurch ich mich nur noch mehr in dem Netz verheddere. Dann betrachte ich es im Mondlicht genauer. Verwirrt hebe ich den Arm und sehe, dass es aus schimmernden Goldfaden besteht. Das ist gar keins von Finnicks Netzen, das ist Beetees Draht. Vorsichtig stehe ich auf und stelle fest, dass ich �ber ein St�ck Draht gestolpert bin, das sich an einem Baumstamm verheddert hat, als es zum Gewitterbaum zur�ckgeschnellt ist. Vorsichtig befreie ich mich, halte von nun an einen Sicherheitsabstand zum Draht ein und haste weiter bergauf.</p><p>Die gute Nachricht ist, dass ich auf dem richtigen Weg bin und durch die Kopfverletzung immerhin nicht meinen Orientierungssinn verloren habe. Die schlechte ist das drohende Gewitter, an das der Draht mich erinnert hat. Noch h�re ich die Insekten, aber sind sie nicht schon leiser geworden?</p><p>Beim Rennen halte ich mich an den Draht, der ein paar Meter links von mir in Schleifen daliegt, aber ich gebe gut acht, dass ich ihm nicht zu nah komme. Sobald die Insekten verstummen und der erste Blitz in den Baum einschl�gt, wird er sich mit voller Wucht in diesen Draht entladen, und jeder, der damit in Ber�hrung kommt, wird sterben.</p><p>Der Baum kommt in Sicht, sein Stamm ist wie mit Gold verziert. Ich bremse ab, versuche mich unauff�llig zu bewegen, aber ich kann von Gl�ck sagen, dass ich nicht umkippe. Ich suche nach Lebenszeichen der anderen. Nichts. Keiner da. �Peeta?�, rufe ich leise. �Peeta?�</p><p>Als Antwort kommt ein leises St�hnen. Ich fahre herum und entdecke weiter oben auf dem Boden eine Gestalt. �Beetee!�, rufe ich. Ich renne zu ihm und knie hin. Das St�hnen muss unwillk�rlich gekommen sein. Er ist nicht bei Bewusstsein, obwohl ich keine Wunde sehe au�er einem tiefen Schnitt unterhalb der Armbeuge. Ich klaube etwas Moos zusammen und verbinde damit provisorisch den Arm, w�hrend ich versuche, ihn wach zu r�tteln: �Beetee! Beetee, was ist hier los? Woher hast du diese Wunde? Beetee!� Ich sch�ttele ihn, wie man einen Verletzten niemals sch�tteln sollte, aber ich wei� nicht, was ich sonst tun soll. Er st�hnt wieder auf und hebt kurz die Hand, um mich abzuwehren.</p><p>Da erst bemerke ich das Messer in seiner Hand, ein Messer, das, soweit ich wei�, zuvor Peeta bei sich trug und das nun lose mit Draht umwickelt ist. Verdutzt stehe ich auf, ziehe an dem Draht und stelle fest, dass er mit dem Baum verbunden ist. Erst da f�llt mir das zweite St�ck Draht ein, das Beetee ganz am Anfang, bevor er sich dem Stamm widmete, um einen Ast gewickelt und Finnick gereicht hatte, damit der es auf den Boden legt. Ich hatte gedacht, das St�ck h�tte irgendeine Funktion f�r die Falle und Beetee wollte es sp�ter einbauen. Aber offenbar hatte er etwas anderes im Sinn, denn hier liegt es noch, gut zwanzig bis f�nfundzwanzig Meter Draht.</p><p>Ein Blick den H�gel hinauf sagt mir, dass wir uns ganz in der N�he des Kraftfelds befinden. Da ist die verr�terische freie Stelle, weit rechts �ber mir, genau wie heute Morgen. Was hatte Beetee vor? Hat er tats�chlich versucht, das Messer in das Kraftfeld zu sto�en, wie Peeta, nur mit voller Absicht? Und was soll das mit dem Draht? War das sein Plan B? Wollte er f�r den Fall, dass es nicht gelingen sollte, das Wasser unter Strom zu setzen, die Blitzenergie ins Kraftfeld leiten? Was w�rde dann wohl geschehen? Nichts? Oder die Katastrophe? W�rden wir alle gegrillt? Ich nehme an, dass auch das Kraftfeld haupts�chlich aus Energie besteht. Das im Trainingscenter war unsichtbar gewesen. Dieses hier scheint irgendwie den Dschungel widerzuspiegeln. Doch als es von Peetas Messer und meinen Pfeilen getroffen wurde, habe ich gesehen, wie es ins Wanken geriet. Die wahre Welt liegt gleich dahinter.</p><p>In meinen Ohren klingelt es nicht mehr. Also waren es die Insekten. Das wei� ich jetzt, weil sie rasch leiser werden und ich nur noch die �blichen Dschungelger�usche h�re. Beetee ist keine Hilfe. Ich bekomme ihn einfach nicht wach. Ich kann ihn nicht retten. Ich wei� nicht, was er mit dem Messer und dem Draht vorhatte, und er ist nicht in der Lage, es mir zu erkl�ren. Die Moosbandage um meinen Arm hat sich mit Blut vollgesogen, ich brauche mir nichts vorzumachen. Ich bin so benommen, dass ich in den n�chsten Minuten das Bewusstsein verlieren werde. Ich muss machen, dass ich von diesem Baum wegkomme, und - �Katniss!� Ich h�re seine Stimme, obwohl er weit weg ist. Was tut er denn da? Auch Peeta muss doch inzwischen begriffen haben, dass jetzt alle hinter uns her sind. �Katniss!�</p><p>Ich kann ihn nicht besch�tzen. Ich kann mich weder schnell noch weit bewegen, und meine Schie�k�nste sind bestenfalls fragw�rdig. Ich tue das Einzige, womit ich die Aufmerksamkeit der Angreifer von ihm abziehen und auf mich lenken kann. �Peeta!�, schreie ich. �Peeta! Ich bin hier! Peeta!� Ja, ich werde sie anlocken, alle her zu mir, weg von Peeta, zu mir und dem Gewitterbaum, der bald selbst zur Waffe werden wird. �Ich bin hier! Ich bin hier!� Er wird es nicht schaffen. Nicht mit seinem Bein bei Dunkelheit. Er wird es nie und nimmer rechtzeitig schaffen. �Peeta!�</p><p>Es funktioniert. Ich h�re sie kommen. Sie sind zu zweit. Sie brechen durch den Dschungel. Meine Knie geben nach und ich sacke neben Beetee zusammen, mein Gewicht ruht auf den Fersen. Ich hebe Pfeil und Bogen. Wenn ich sie erledige, wird Peeta die �brigen �berleben?</p><p>Enobaria und Finnick erreichen den Gewitterbaum. Sie k�nnen mich nicht sehen, weil ich oberhalb von ihnen sitze, am Hang, und durch die Salbe auf meiner Haut getarnt bin. Ich ziele auf Enobarias Hals. Wenn ich Gl�ck habe, wird Finnick sich, sobald ich sie get�tet habe, genau in dem Augenblick hinter dem Gewitterbaum verschanzen, wenn der Blitz einschl�gt. Und das wird jeden Moment geschehen. Nur noch vereinzeltes Klicken der Insekten. Ich kann sie jetzt t�ten. Ich kann sie beide t�ten.</p><p>Noch ein Kanonendonner.</p><p>�Katniss!� Peeta schreit meinen Namen. Aber diesmal antworte ich nicht. Neben mir atmet Beetee immer noch schwach. Er und ich werden gleich sterben. Finnick und Enobaria werden sterben. Peeta ist am Leben. Zwei Kanonen sind abgefeuert worden. Brutus, Johanna, Chaff. Zwei von ihnen sind bereits tot. Peeta braucht dann nur noch einen Tribut zu t�ten. Mehr kann ich nicht f�r ihn tun. Ein Feind.</p><p><emphasis>Feind. Feind. </emphasis>Das Wort zerrt an einer frischen Erinnerung. Zieht sie in mein Bewusstsein. Der Ausdruck auf Haymitchs Gesicht. <emphasis>�Katniss, wenn du in der Arena bist �� </emphasis>Der finstere Blick, die Zweifel. <emphasis>�Was dann?� </emphasis>Ich h�re, wie meine Stimme sch�rfer wird, gereizt wegen des unausgesprochenen Vorwurfs. <emphasis>�Dann vergiss nicht, wer der Feind ist�, </emphasis>sagt Haymitch. <emphasis>�Das ist alles.�</emphasis></p><p>Haymitchs letzter Rat f�r mich. Wieso sollte er mich daran erinnern m�ssen? Ich habe immer gewusst, wer der Feind ist. Der, der uns hungern l�sst und qu�lt und in der Arena t�tet. Der bald alle t�ten wird, die ich liebe.</p><p>Ich lasse den Bogen sinken, als mir der Sinn seiner Worte klar wird. Ja, ich wei�, wer der Feind ist. Und es ist nicht Enobaria.</p><p>Endlich sehe ich klar und deudich, was es mit Beetees Messer auf sich hat. Mit zitternden H�nden schiebe ich den Draht vom Griff des Messers, wickele ihn genau unterhalb der Federn um den Pfeil und sichere ihn mit einem Knoten, den ich beim Training gelernt habe.</p><p>Ich stehe auf, wende mich dem Kraftfeld zu. Ich zeige mich in voller Gr��e, aber das ist mir jetzt egal. Ich konzentriere mich einzig und allein darauf, wohin ich die Spitze richten muss, wohin Beetee das Messer geworfen h�tte, wenn er gekonnt h�tte. Ich richte den Bogen auf das flimmernde Viereck, die Schwachstelle, den � wie hat er es damals genannt? Den wunden Punkt. Ich schie�e den Pfeil ab, sehe, wie er sein Ziel trifft und mit dem goldenen Faden im Schlepptau verschwindet.</p><p>Im selben Augenblick stehen mir pl�tzlich buchst�blich die Haare zu Berge und der Blitz schl�gt in den Baum ein.</p><p>Ein wei�er Lichtstrahl rast den Draht entlang und einen Augenblick lang erstrahlt die Kuppel in grellblauem Licht. Ich werde r�ckw�rts zu Boden geschleudert, mein K�rper reglos, gel�hmt, die Augen aufgerissen, w�hrend kleine flauschige St�ckchen auf mich herabregnen. Ich kann nicht zu Peeta. Ich kann nicht mal meine Perle hervorholen. Meine Augen weiten sich, um ein letztes Bild der Sch�nheit einzufangen, das ich mitnehmen werde.</p><p>Kurz bevor die Explosionen einsetzen, entdecke ich einen Stern.</p><p><emphasis><strong>27</strong></emphasis></p><p>Alles scheint auf einmal zu explodieren. Die Erde zerplatzt in Schauern aus Schmutz und Pflanzenteilen. B�ume werden zu Fackeln. Sogar der Himmel f�llt sich mit leuchtend bunten Lichtbl�ten. Ich begreife nicht, weshalb der Himmel beschossen wird, bis mir der Gedanke kommt, dass die Spielmacher ein Feuerwerk abschie�en, zur Untermalung der Zerst�rung, die sich am Boden abspielt. Nur f�r den Fall, dass es nicht unterhaltsam genug ist, die Vernichtung der Arena und der verbliebenen Tribute anzuschauen. Vielleicht soll auch unser blutiges Ende hell erleuchtet werden.</p><p>Werden sie einen von uns �berleben lassen? Wird es einen Sieger der f�nfundsiebzigsten Hungerspiele geben? Diesmal wom�glich nicht. Denn gedacht ist dieses Jubel-Jubil�um � Wie las es Pr�sident Snow noch von seiner Karte ab? <emphasis>�� als Erinnerung f�r die Rebellen daran, dass nicht einmal die St�rksten unter ihnen die Macht des Kapitols �berwinden k�nnen.�</emphasis></p><p>Nicht mal der St�rkste der Starken wird triumphieren. Vielleicht war es nie geplant, dass diese Spiele �berhaupt einen Sieger haben. Oder vielleicht hat mein letzter Akt der Auflehnung sie in Zugzwang gebracht?</p><p><emphasis>Tut mir leid, Peeta, </emphasis>denke ich. <emphasis>Tut mir leid, dass ich dich nicht retten konnte. </emphasis>Ihn retten? Als ich das Kraftfeld zerst�rte, habe ich ihn wahrscheinlich noch um seine letzte Chance gebracht.</p><p>H�tten wir uns alle an die Spielregeln gehalten, h�tten sie ihn vielleicht am Leben gelassen.</p><p>Ohne Vorwarnung erscheint das Hovercraft �ber mir. W�re es still gewesen und ein Spottt�lpel in der N�he, dann h�tte ich vielleicht geh�rt, wie der Dschungel verstummt w�re, und dann den Vogelschrei, der das Erscheinen der Luftf�hre ank�ndigt, die vom Kapitol geschickt wurde. Aber in all dem Krach muss ein so zartes Ger�usch untergehen.</p><p>Der Greifer wird aus der Luke an der Unterseite gefahren, bis er direkt �ber mir h�ngt. Die st�hlernen Z�hne schieben sich unter mich. Ich m�chte schreien, weglaufen, mir einen Weg bahnen, doch ich bin wie erstarrt und kann nichts tun, als inst�ndig zu hoffen, dass ich sterbe, bevor ich die schemenhaften Gestalten erreicht habe, die mich dort oben erwarten. Sie haben mein Leben nicht verschont, um mich zum Sieger zu k�ren, sondern damit ich so langsam und �ffentlich sterbe wie m�glich.</p><p>Meine schlimmsten Bef�rchtungen werden best�tigt, als Plutarch Heavensbee pers�nlich mich willkommen hei�t, der Oberste Spielmacher. Was habe ich nur angerichtet mit diesen sch�nen Spielen mit der ausgekl�gelten Uhr und der Siegerschar. Er wird f�r sein Versagen bezahlen m�ssen, wahrscheinlich wird er mit dem Leben bezahlen, aber vorher wird er mich bestrafen. Er streckt die Hand aus - um mich zu schlagen, denke ich, aber dann tut er etwas, das noch schlimmer ist. Mit Daumen und Zeigefinger schlie�t er meine Lider und verurteilt mich zur Finsternis. Jetzt bin ich schutzlos, sie k�nnen alles mit mir anstellen und ich werde es nicht einmal kommen sehen.</p><p>Mein Herz pocht so heftig, dass das Blut unter meinem vollgesogenen Moosverband heraussickert. Mein Denken wird vernebelt. Wahrscheinlich werde ich verblutet sein, ehe sie mich wiederbelebt haben. Ich danke Johanna still f�r die perfekte Wunde, die sie mir beigebracht hat, dann werde ich ohnm�chtig.</p><p>Als ich langsam wieder zu Bewusstsein komme, liege ich auf einem gepolsterten Tisch. Ich sp�re das Zwicken von Schl�uchen in meinem linken Arm. Sie versuchen, mich am Leben zu erhalten, denn wenn ich heimlich, still und leise in den Tod hin�bergleiten w�rde, h�tte ich ja gewonnen. Ich kann mich immer noch nicht r�hren, die Augen �ffnen oder den Kopf heben. Daf�r ist ein bisschen Kraft in meinen rechten Arm zur�ckgekehrt. Er h�ngt schlaff �ber meinem K�rper, wie eine Flosse, nein, lebloser, wie eine Keule. Ich habe keine Koordination, keinen Beweis, dass ich noch Finger besitze. Immerhin schaffe ich es, den Arm so weit zu bewegen, dass ich die Schl�uche herausrei�e. Ein Piepsen ert�nt, doch ich bleibe nicht lange genug bei Bewusstsein, um mitzubekommen, wen es herbeiruft.</p><p>Als ich das n�chste Mal zu mir komme, sind meine H�nde am Tisch festgebunden und die Schl�uche stecken wieder in meinem Arm. Daf�r kann ich die Augen �ffnen und den Kopf etwas heben. Ich befinde mich in einem gro�en, in silbriges Licht getauchten Raum mit niedriger Decke. Zwei Reihen Betten stehen einander gegen�ber. Ich h�re ein Atmen, das vermutlich von den anderen Mitspielern stammt. Direkt gegen�ber erkenne ich Beetee, der an mindestens zehn Apparate angeschlossen ist. <emphasis>Lasst uns doch einfach sterben!, </emphasis>schreie ich innerlich. Ich schlage den Kopf, so fest ich kann, gegen den Tisch und sacke wieder weg.</p><p>Als ich endg�ltig aufwache, sind die Fesseln nicht mehr da. Ich hebe die Hand und sehe, dass meine Finger mir wieder gehorchen. Mit einem Ruck setze ich mich auf und halte mich an dem gepolsterten Tisch fest, bis ich den Raum scharf sehe. Mein linker Arm ist verbunden, die Schl�uche baumeln an Gestellen neben dem Bett.</p><p>Ich bin allein, nur Beetee liegt noch immer mir gegen�ber und wird durch ein Heer von Apparaten am Leben erhalten. Aber wo sind die anderen? Peeta, Finnick, Enobaria und � und � noch einer, oder? Entweder Johanna oder Chaff oder Brutus waren noch am Leben, als es mit den Bomben losging. Ich bin sicher, dass sie an uns allen ein Exempel statuieren wollen. Aber wohin haben sie sie gebracht? Aus dem Krankenhaus ins Gef�ngnis?</p><p>�Peeta ��, fl�stere ich. Ich h�tte ihn so gern besch�tzt. Bin immer noch fest dazu entschlossen. Wenn es mir schon nicht gelungen ist, ihm ein Leben in Sicherheit zu erm�glichen, muss ich ihn jetzt finden und t�ten, bevor das Kapitol eine sadistische Todesart f�r ihn ausgew�hlt hat. Ich schwinge die Beine vom Tisch und sehe mich nach einer Waffe um. Auf einem Tisch neben Beetees Bett liegen ein paar steril verpackte Spritzen. Perfekt. Jetzt brauche ich nur noch ein bisschen Luft, und dann hinein damit in seine Vene.</p><p>Ich halte einen Moment inne und �berlege, ob ich auch Beetee t�ten soll. Aber dann fangen bestimmt die Monitore an zu piepsen, und ich werde geschnappt, bevor ich Peeta gefunden habe. Ich leiste das stille Versprechen, dass ich zur�ckkommen und ihn t�ten werde, falls ich kann.</p><p>Ich trage nur ein d�nnes Nachthemd, darunter bin ich nackt. Deshalb verstecke ich die Spritze unter dem Verband, der die Wunde an meinem Arm bedeckt. Die T�r ist unbewacht. Bestimmt bin ich Kilometer unter dem Trainingscenter oder an irgendeinem St�tzpunkt des Kapitols und die Chancen auf Flucht sind gleich null. Egal. Ich will nicht fliehen, ich will nur meine Aufgabe zu Ende fuhren.</p><p>Ich schleiche einen schmalen Flur entlang bis zu einer angelehnten Metallt�r. Dahinter ist jemand. Ich hole die Spritze hervor und halte sie ganz fest. Ich dr�cke mich gegen die Wand und lausche auf die Stimmen in dem Raum.</p><p>�Kein Kontakt zu 7, 10 und 12. Daf�r hat 11 inzwischen die Verkehrswege unter Kontrolle, jetzt haben wir zumindest Hoffnung, dass sie ein paar Lebensmittel rausschaffen k�nnen.�</p><p>Plutarch Heavensbee. Denke ich sofort. Obwohl ich eigentlich nur einmal mit ihm gesprochen habe. Eine heisere Stimme stellt eine Frage.</p><p>�Nein, tut mir leid. Ich kann dich auf keinen Fall nach 4 bringen. Aber ich habe einen Sonderbefehl gegeben, sie rauszuholen, falls m�glich. Mehr kann ich nicht tun, Finnick.�</p><p>Finnick. Mein Hirn m�ht sich, den Sinn der Unterhaltung zu begreifen, die Tatsache, dass sie zwischen Plutarch Heavensbee und Finnick stattfindet. Ist er dem Kapitol so lieb und teuer, dass er von seinen Verbrechen freigesprochen wird? Oder hatte er wirklich keine Ahnung, was Beetee vorhatte? Kr�chzend f�gt er etwas hinzu. Etwas Gewichtiges, voller Verzweiflung.</p><p>�Sei nicht t�richt. Das ist das Schlimmste, was du tun k�nntest. Das w�re ihr sicherer Tod. Solange <emphasis>Au </emphasis>am Leben bist, werden sie <emphasis>sie </emphasis>am Leben lassen, als K�der�, sagt Haymitch.</p><p>Haymitch! Ich platze durch die T�r und taumele in den Raum. Haymitch, Plutarch und ein �bel zugerichteter Finnick sitzen um einen Tisch, auf dem eine Mahlzeit steht, die keiner anger�hrt hat. Tageslicht f�llt durch die gew�lbten Fenster und in der Ferne sehe ich einen Wald - von oben. Wir fliegen.</p><p>�Na, hast du dich selbst ausgeknockt, S��e?�, fragt Haymitch, und der Verdruss in seiner Stimme ist nicht zu �berh�ren. Doch als ich vorw�rtsst�rze, springt er auf, packt meine Handgelenke und h�lt mich fest. Er schaut auf meine Hand. �Ach nee, du und eine Spritze gegen das Kapitol? Jetzt wei�t du, warum keiner dich mit der Planung betraut.� Ich starre ihn an und begreife nicht. �Lass fallen.� Ich sp�re, dass der Druck auf mein rechtes Handgelenk zunimmt, bis ich notgedrungen die Hand �ffne und die Spritze loslasse. Er dr�ckt mich auf einen Stuhl neben Finnick.</p><p>Plutarch stellt mir eine Schale mit Br�he hin. Legt ein Br�tchen dazu. Steckt mir einen L�ffel in die Hand. �Iss�, sagt er viel freundlicher als Haymitch.</p><p>Haymitch sitzt mir direkt gegen�ber. �Ich erkl�r dir jetzt, was passiert ist, Katniss. Und du stellst keine Fragen, ehe ich fertig bin. Hast du verstanden?�</p><p>Ich nicke wie bet�ubt. Und dann legt er los.</p><p>Schon von dem Moment an, da das Jubel-Jubil�um verk�ndet wurde, bestand der Plan, uns dort herauszuholen. Die Siegertribute aus den Distrikten 3, 4, 6, 7, 8 und 11 waren eingeweiht, manche mehr, manche weniger. Plutarch Heavensbee geh�rt seit mehreren Jahren einer Untergrundorganisation an, deren Ziel es ist, das Kapitol zu st�rzen. Er hat daf�r gesorgt, dass Draht unter den Waffen war. Beetees Aufgabe war es, ein Loch in das Kraftfeld zu sprengen. Das Brot, das wir in die Arena geschickt bekamen, war ein geheimer Code f�r den Zeitpunkt der Rettung. Der Distrikt, aus dem das Brot kam, zeigte den Tag an: drei. Die Anzahl der Br�tchen die Uhrzeit: vierundzwanzig. Das Hovercraft stammt aus Distrikt 13. Bonnie und Twill, die Frauen aus Distrikt 8, denen ich im Wald begegnet bin, hatten recht mit ihrer Vermutung, dass Distrikt 13 existiert und besondere Verteidigungswaffen besitzt. In diesem Augenblick fliegen wir auf Umwegen nach Distrikt 13. Mittlerweile befinden sich fast alle Distrikte Panems in Aufruhr.</p><p>Haymitch unterbricht sich. Er schaut, ob ich folgen kann. Vielleicht ist er auch nur etwas ersch�pft.</p><p>Es ist verdammt viel, was ich verstehen soll, dieser ausgefeilte Plan, in dem ich eine Spielfigur war, so wie ich eine Figur bei den Hungerspielen sein sollte. Ohne meine Zustimmung, ohne mein Wissen. Nur dass ich bei den Hungerspielen wenigstens wusste, dass ich ihr Spielball war.</p><p>Meine angeblichen Freunde waren deutlich geheimniskr�merischer.</p><p>�Ihr habt mir nichts davon gesagt.� Meine Stimme klingt genauso ramponiert wie Finnicks.</p><p>�Weder du noch Peeta seid eingeweiht worden. Das Risiko w�re zu gro� gewesen�, sagt Plutarch. �Ich hatte sogar Angst, du k�nntest w�hrend der Spiele die Unbesonnenheit mit meiner Uhr erw�hnen.� Er holt seine Taschenuhr hervor und f�hrt mit dem Daumen �ber das Glas, sodass der Spottt�lpel aufleuchtet. �Ich wollte dir nat�rlich einen Tipp �ber die Arena geben. Dir als Mentor. Ich dachte, es w�re ein erster Schritt, dein Vertrauen zu gewinnen. Ich h�tte mir nie tr�umen lassen, dass du noch mal ein Tribut werden w�rdest.�</p><p>�Ich verstehe immer noch nicht, weshalb Peeta und ich nicht in den Plan eingeweiht wurden�, sage ich.</p><p>�Weil ihr beide die Ersten gewesen w�rt, die sie zu fangen versucht h�tten, nachdem das Kraftfeld in die Luft gegangen w�re. Es war besser, ihr wusstet so wenig wie m�glich�, sagt Haymitch.</p><p>�Die Ersten? Warum?� Ich versuche seinem Gedankengang zu folgen.</p><p>�Aus dem gleichen Grund, aus dem wir anderen einwilligten zu sterben, damit ihr am Leben bleibt�, sagt Finnick.</p><p>�Stimmt nicht. Johanna hat versucht, mich zu t�ten�, sage ich.</p><p>�Johanna hat dich k.o. geschlagen, um den Aufsp�rer aus deinem Arm herauszuschneiden und Brutus und Enobaria von dir abzulenken�, sagt Haymitch.</p><p>�Was?� Mein Kopf tut unheimlich weh, sie sollen aufh�ren, so viel sinnloses Zeug zu reden. �Was willst du damit ��</p><p>�Wir mussten dich retten, weil du der Spottt�lpel bist, Katniss�, sagt Plutarch. �Solange du lebst, lebt die Revolution.�</p><p>Der Vogel, die Brosche, das Lied, die Beeren, die Uhr, der Kr�cker, das Kleid, das in Flammen aufgeht. Ich bin der Spottt�lpel. Die, die den Pl�nen des Kapitols zum Trotz �berlebt. Das Symbol der Rebellion.</p><p>Das war es, was ich vermutet hatte, als ich Bonnie und Twill auf der Flucht im Wald traf. Obwohl ich die Gr��enordnung nie richtig begriffen habe. Aber das sollte ich ja auch gar nicht. Mir f�llt ein, wie Haymitch meinen Plan, aus Distrikt 12 zu fliehen und meinen eigenen Aufstand zu machen, und die blo�e Idee, Distrikt 13 k�nne existieren, verspottet hat. Nichts als List und T�uschung. Wenn er das hinter seiner Maske aus Sarkasmus und Trunkenheit so �berzeugend und lange tun konnte, wor�ber hat er dann noch gelogen? Ich wei�, wor�ber.</p><p>�Peeta�, fl�stere ich, und das Herz rutscht mir in die Hose.</p><p>�Die anderen haben Peeta gerettet, weil wir wussten, dass du das B�ndnis aufgek�ndigt h�ttest, wenn er gestorben w�re�, sagt Haymitch. �Und wir konnten nicht das Risiko eingehen, dich ohne Schutz zu lassen.� Seine Worte sind sachlich, seine Miene ist unver�ndert, nur die Grauf�rbung im Gesicht kann er nicht verbergen.</p><p>�Wo ist Peeta?�, fauche ich ihn an.</p><p>�Er wurde zusammen mit Johanna und Enobaria vom Kapitol geschnappt�, sagt Haymitch. Endlich hat er den Takt, seinen Blick zu senken.</p><p>Objektiv gesehen bin ich unbewaffnet. Aber man sollte nicht untersch�tzen, welchen Schaden man mit Fingern�geln anrichten kann, besonders wenn das Opfer nicht darauf vorbereitet ist. Mit einem Satz springe ich �ber den Tisch und grabe meine N�gel in Haymitchs Gesicht, Blut quillt hervor, und ein Auge wird verletzt. Dann schreien wir einander schreckliche, wirklich schreckliche Dinge entgegen, w�hrend Finnick versucht, mich fortzuzerren, und ich wei�, dass Haymitch seinen ganzen Willen aufbringen muss, um mich nicht in St�cke zu rei�en, doch ich bin der Spottt�lpel. Ich bin der Spottt�lpel, und es ist so schon schwer genug, mein Leben zu retten.</p><p>Andere H�nde kommen Finnick zu Hilfe, und kurz darauf liege ich wieder auf meinem Tisch, den K�rper festgeschnallt, die Handgelenke festgebunden, und deshalb schlage ich vor Wut immer und immer wieder mit dem Kopf gegen den Tisch. Eine Nadel bohrt sich in meinen Arm, und mein Kopf tut so weh, dass ich aufgebe und nur noch entsetzlich vor mich hin jaule, wie ein sterbendes Tier, bis meine Stimme versagt.</p><p>Das Beruhigungsmittel zeigt Wirkung, doch ich schlafe nicht, ich d�mmere vor mich hin, bin f�r immer - oder so kommt es mir vor - gefangen in einem verschwommenen, dumpf schmerzenden Elend. Sie stecken mir wieder ihre Schl�uche in den Arm und sprechen beruhigend auf mich ein, doch ihre Stimmen erreichen mich nicht. Ich kann nur an Peeta denken, der irgendwo auf einem �hnlichen Tisch liegt, w�hrend sie versuchen, seinen Willen zu brechen und Informationen aus ihm herauszupressen, die er gar nicht hat.</p><p>�Katniss. Katniss, es tut mir leid.� Finnicks Stimme kommt von dem Bett neben mir und schiebt sich in mein Bewusstsein. Vielleicht, weil wir einen �hnlichen Schmerz empfinden. �Ich wollte zur�ck und ihn und Johanna holen, aber ich konnte mich nicht bewegen.�</p><p>Ich gebe keine Antwort. Finnicks gute Absichten haben keinerlei Bedeutung.</p><p>�Er ist besser dran als Johanna. Die werden bald merken, dass er nichts wei�. Und sie werden ihn nicht t�ten, solange sie denken, sie k�nnen ihn gegen dich einsetzen�, sagt Finnick.</p><p>�Als K�der?�, sage ich zur Zimmerdecke. �So, wie sie Annie als K�der benutzen werden, Finnick?�</p><p>Ich h�re ihn weinen, aber das ist mir egal. Wahrscheinlich werden sie sie nicht mal befragen, sie ist schon zu weit abgedriftet. Seit damals bei ihren Spielen. Sehr gut m�glich, dass ich auf dem gleichen Weg bin. Vielleicht bin ich schon dabei, verr�ckt zu werden, und keiner hat den Mut, es mir zu sagen. Verr�ckt genug f�hle ich mich.</p><p>�Wenn sie doch nur tot w�re�, sagt er. �Wenn sie alle tot w�ren und wir auch. Das w�re das Beste.�</p><p>Tja, darauf wei� ich keine Antwort. Ich kann es auch schlecht bestreiten, schlie�lich bin ich eben noch mit einer Spritze rumgerannt, um Peeta zu t�ten. Will ich wirklich, dass er tot ist? Am liebsten � am liebsten h�tte ich ihn wieder. Aber ich werde ihn nie mehr wiederhaben. Selbst wenn die Rebellentruppen das Kapitol irgendwie st�rzen k�nnten, w�re es garantiert Pr�sident Snows letzte Tat, Peeta die Kehle durchzuschneiden. Nein. Ich werde ihn nie mehr zur�ckbekommen. Also ist tot das Beste.</p><p>Wei� Peeta das oder wird er weiterk�mpfen? Er ist so stark und kann so gut l�gen. Ob er glaubt, dass er eine Chance hat? Bedeutet ihm das �berleben �berhaupt etwas? Er hat sowieso nicht damit gerechnet. Er hatte schon mit dem Leben abgeschlossen. Wenn er erf�hrt, dass ich gerettet wurde, ist er vielleicht sogar gl�cklich. Dann wei� er, dass er seine Mission, mir das Leben zu retten, erf�llt hat.</p><p>Ich glaube, ich hasse ihn noch mehr als Haymitch.</p><p>Ich gebe auf. Sage nichts mehr, antworte nicht mehr, verweigere Nahrung und Wasser. Sollen sie mir doch in den Arm pumpen, was sie wollen, es braucht mehr als das, um einen Menschen am Leben zu erhalten, wenn er erst einmal den Lebenswillen verloren hat. Mir kommt sogar ein lustiger Gedanke. Denn falls ich sterben sollte, darf Peeta vielleicht weiterleben. Nicht als freier Mensch, aber als Avox oder so, der die zuk�nftigen Tribute aus Distrikt 12 bedient. Vielleicht findet er dann eines Tages eine M�glichkeit zu fliehen. Mein Tod k�nnte ihn noch immer retten.</p><p>Und wenn nicht, ist es auch egal. Es gibt genug Gr�nde zu sterben. Um Haymitch zu bestrafen, der von allen Menschen in dieser verfaulenden Welt Peeta und mich zu Figuren in seinen Spielchen auserkoren hat. Ich habe ihm vertraut. Ich habe alles, was wertvoll war, in Haymitchs H�nde gelegt. Und er hat mich verraten.</p><p><emphasis>Jetzt wei�t du, warum keiner dich mit der Planung betraut, </emphasis>hat er gesagt.</p><p>Das stimmt. Niemand, der bei Verstand ist, w�rde mich mit der Planung betrauen. Denn offensichtlich kann ich Freund und Feind nicht unterscheiden.</p><p>Viele Leute kommen vorbei und wollen mit mir reden, aber ich lasse ihre Worte einfach so klingen wie das Klicken der Insekten im Dschungel. Bedeutungslos und fern. Gef�hrlich, aber nur von Nahem. Immer, wenn die W�rter verst�ndlich werden, st�hne ich, bis sie mir noch mehr Schmerzmittel geben und alles wieder in Ordnung kommt.</p><p>Bis ich auf einmal die Augen �ffne und jemand zu mir herunterschaut, den ich nicht ausblenden kann. Jemand, der nicht dr�ngt oder erkl�rt oder denkt, er k�nnte mich durch Beschw�rungen von meinem Vorhaben abbringen, weil nur er allein wirklich wei�, worauf ich anspreche.</p><p>�Gale�, fl�stere ich.</p><p>�Hallo, K�tzchen.� Er streckt die Hand aus und streicht mir eine Haarstr�hne aus den Augen. Auf einer Seite des Gesichts hat er eine frische Brandnarbe. Sein Arm steckt in einer Schlinge und unter dem Bergarbeiterhemd erkenne ich einen Verband. Was ist ihm zugesto�en? Wie kommt er �berhaupt hierher? Zu Hause m�ssen schlimme Dinge passiert sein.</p><p>Das gr��te Problem ist nicht, Peeta zu vergessen, sondern mich nicht an die anderen zu erinnern. Ich brauche Gale nur einmal anzuschauen und sie kommen alle herauf in die Gegenwart und fordern Beachtung. �Prim?�, sto�e ich hervor.</p><p>�Sie lebt. Deine Mutter auch. Ich habe sie rechtzeitig rausgeschafft�, sagt er.</p><p>�Sie sind nicht in Distrikt 12?�, frage ich.</p><p>�Nach den Spielen haben sie Flugzeuge geschickt. Brandbomben abgeworfen.� Er z�gert. �Na, du wei�t ja, was mit dem Hob passiert ist.�</p><p>Ja, das wei� ich. Ich habe gesehen, wie er in Flammen aufging. Das alte Lagerhaus voller Kohlenstaub. Der ganze Distrikt ist mit dem Zeug bedeckt. Ein neues Grauen steigt in mir auf, als ich mir vorstelle, wie die Brandbomben den Saum treffen.</p><p>�Sie sind nicht mehr in Distrikt 12?�, frage ich noch einmal. Als k�nnte ich die Wahrheit damit irgendwie abwenden.</p><p>�Katniss�, sagt Gale sanft.</p><p>Ich kenne diese Stimme. Mit dieser Stimme geht er auf verletzte Tiere zu, bevor er ihnen den Todessto� versetzt. Instinktiv hebe ich die Hand, um seine Worte abzuwehren, doch er packt sie und h�lt sie fest.</p><p>�Nein�, fl�stere ich.</p><p>Aber Gale ist keiner, der etwas vor mir geheim halten w�rde. �Katniss, es gibt keinen Distrikt 12 mehr.�</p><p><strong>ENDE DES ZWEITEN BUCHS </strong></p><empty-line/><p><emphasis><strong>Impressum</strong></emphasis></p><p>Die Tribute von Panem.</p><empty-line/><p> Gef�hrliche Liebe</p><empty-line/><p> von Suzanne Collins (Autor),</p><empty-line/><p> Sylke Hachmeister (�bersetzer),</p><empty-line/><p> Peter Kl�ss (�bersetzer)</p><empty-line/><p> Preis: EUR 17,95</p><empty-line/><p> Gebundene Ausgabe: 400 Seiten</p><empty-line/><p> Verlag: Verlag Friedrich Oetinger (19. Mai 2010)</p><empty-line/><p> Sprache: Deutsch</p><empty-line/><p> ISBN-10: 3789132195</p><empty-line/><p> ISBN-13: 978-3789132193</p><empty-line/><p> Originaltitel: The Hunger Games 2. Catching Fire</p><p>ebook Erstellung - Mai 2010 - TUX</p><p>Ende</p><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/><p><strong>Table of Contents</strong></p><p>Die Tribute von PANEM Gef�hrliche Liebe</p><p>Teil 1</p><p>Der Funke 1</p><p>2</p><p>3</p><p>4</p><p>5</p><p>6</p><p>7</p><p>8</p><p>9</p><p>Teil 2</p><p>Das Jubil�um 10</p><p>11</p><p>12</p><p>13</p><p>14</p><p>15</p><p>16</p><p>17</p><p>18</p><p>Teil 3</p><p>Der Feind 19</p><p>20</p><p>21</p><p>22</p><p>23</p><p>24</p><p>25</p><p>26</p><p>27</p><p>Impressum</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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