<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Collins</first-name><last-name>Suzanne</last-name></author><book-title>Toedliche Spiele</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Collins</first-name><last-name>Suzanne</last-name></author><program-used>calibre 0.9.5, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>7.11.2012</date><id>a0265667-a328-4354-b804-249036aae647</id><version>1.0</version></document-info></description><body><section><p><strong>Suzanne Collins</strong></p></section><section><p><strong>T�dliche Spiele</strong></p><p><strong>Die Tribute von Panem 1</strong></p><p>Deutsch von Sylke Hachmeister und Peter Kl�ss</p><empty-line/><p>
Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel</p><empty-line/><p>
�The Hunger Games�</p><empty-line/><p><emphasis><strong> TUX - ebook 2010</strong></emphasis></p><empty-line/></section><section><p><strong>Die Tribute von Panem</strong></p><empty-line/></section><section><p><strong>- T�dliche Spiele -</strong></p><empty-line/></section><section><p><strong>Teil 1</strong></p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>Die Tribute</emphasis></strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>
1</emphasis></strong></p><p>Als ich aufwache, ist die andere Seite des Bettes kalt. Ich strecke die   Finger aus und suche nach Prims W�rme, finde aber nur das raue Leinen auf der   Matratze. Prim muss schlecht getr�umt haben und zu Mutter geklettert sein.   Nat�rlich. Heute ist der Tag der Ernte.</p><p>Ich st�tze mich auf den Ellbogen. Das Licht im Schlafzimmer reicht aus, um   die beiden zu sehen. Meine kleine Schwester Prim, auf der Seite   zusammengekauert, eingesponnen in Mutters K�rper, Wange an Wange. Im Schlaf   sieht meine Mutter j�nger aus, immer noch ersch�pft, aber nicht so resigniert.   Prims Gesicht ist frisch wie ein Regentropfen, so lieblich wie die Blume, nach   der sie benannt wurde. Primrose, Primel. Meine Mutter war fr�her auch sehr   sch�n. Zumindest hat man mir das erz�hlt.</p><p>Vor Prims Knien hockt der h�sslichste Kater der Welt und h�lt Wache.   Eingedr�ckte Nase, ein halbes Ohr weg, Augen von der Farbe eines fauligen   K�rbisses. Prim hat ihn Butterblume genannt, sie beharrt darauf, dass das   schlammgelbe Fell exakt so aussieht wie die leuchtende Blume. Der Kater hasst   mich. Misstraut mir zumindest. Obwohl es Jahre her ist, erinnert er sich   bestimmt immer noch daran, wie ich versucht habe, ihn in einem K�bel zu   ertr�nken, als Prim ihn mit nach Hause brachte. Ein mageres K�tzchen, den Bauch   voller W�rmer, das Fell ein Tummelplatz f�r Fl�he. Das Letzte, was ich damals   brauchen konnte, war ein weiteres Maul, das gef�ttert werden wollte. Doch Prim   hat so lange gebettelt und geweint, dass wir ihn einfach behalten mussten. Es   ging gut. Meine Mutter hat ihn von den Parasiten befreit und er ist der geborene   M�usej�ger. F�ngt gelegentlich sogar eine Ratte. Manchmal, wenn ich Wild   ausnehme, werfe ich Butterblume die Innereien hin. Daf�r faucht er mich nicht   mehr an.</p><p>Innereien. Kein Gefauche. N�her werden wir uns nie kommen.</p><p>Ich schwinge die Beine aus dem Bett und schl�pfe in meine Jagdstiefel.   Geschmeidiges Leder, das sich meinen F��en angepasst hat. Ich ziehe die Hose an,   ein Hemd, stopfe meinen langen dunklen Zopf unter eine M�tze und greife nach   meiner Provianttasche. Auf dem Tisch, unter einer Holzsch�ssel, die ihn vor   hungrigen Ratten (und Katzen) sch�tzt, liegt ein perfekter kleiner Ziegenk�se,   der in Basilikumbl�tter eingewickelt ist. Den hat Prim mir zum Erntetag   geschenkt. Ich stecke den K�se vorsichtig in meine Provianttasche und schl�pfe   hinaus.</p><p>In unserem Teil von Distrikt 12, genannt der Saum, wimmelt es um diese Zeit   normalerweise von Kohlearbeitern, die sich auf den Weg zur Fr�hschicht machen.   M�nner und Frauen mit krummen R�cken und geschwollenen Fingerkn�cheln, die es   schon vor langer Zeit aufgegeben haben, den Kohlenstaub aus ihren br�chigen   N�geln zu schrubben, aus den Falten ihrer eingefallenen Gesichter. Doch heute   sind die schwarzen Schlacke-Stra�en leer. Die Fensterl�den der gedrungenen   grauen H�user sind geschlossen. Die Ernte beginnt erst um zwei. Da darf man   ruhig ausschlafen. Wenn man kann.</p><p>Unser Haus steht fast am Rand des Saums. Ich muss nur an ein paar Toren   vorbei, um auf das verwahrloste Feld zu gelangen, das die Weide genannt wird.   Vom Wald wird sie durch einen hohen Maschendrahtzaun mit Stacheldrahtrollen am   oberen Ende getrennt, der den gesamten Distrikt 12 umgibt. Theoretisch soll er   vierundzwanzig Stunden am Tag unter Strom stehen, um die Raubtiere abzuhalten,   die im Wald leben - Rudel wilder Hunde, einsame Pumas und B�ren - und fr�her   unsere Stra�en bedroht haben. Aber wir k�nnen schon von Gl�ck reden, wenn wir   abends zwei oder drei Stunden Strom haben, und deshalb kann man ihn   normalerweise gefahrlos anfassen. Dennoch warte ich immer einen Augenblick ab   und lausche auf das Summen, an dem ich h�re, dass der Zaun unter Strom steht.   Doch jetzt ist er stumm wie ein Stein. Im Schutz eines Geb�schs mache ich mich   ganz flach und schl�pfe unter einem zwei Fu� breiten St�ck hindurch, das seit   Jahren frei liegt. Es gibt noch einige andere Schwachstellen im Zaun, aber die   hier befindet sich so nah an unserem Haus, dass ich sie fast immer benutze, wenn   ich in den Wald gehe.</p><p>Im Schutz der B�ume hole ich einen Bogen und einen K�cher mit Pfeilen aus   einem hohlen Stamm. Ob unter Strom oder nicht, der Zaun hat die Fleischfresser   erfolgreich von Distrikt 12 ferngehalten. Innerhalb des Waldes ziehen sie   allerdings frei umher und dann muss man sich noch vor Giftschlangen in Acht   nehmen, vor tollw�tigen Tieren, kaum begehbaren Pfaden. Daf�r gibt es Nahrung -   vorausgesetzt, man wei�, wo sie zu finden ist. Mein Vater wusste es und er hat   mir einiges beigebracht, bevor er durch eine Explosion in der Mine in St�cke   gerissen wurde. Da war nichts mehr, was wir h�tten begraben k�nnen. Ich war   damals elf. Heute, f�nf Jahre danach, wache ich immer noch davon auf, dass ich   ihm zuschreie, er solle wegrennen.</p><p>Obwohl das Betreten des Waldes illegal ist und Wilderei die schwersten   Strafen nach sich zieht, w�rden es mehr Leute wagen, wenn sie Waffen h�tten. Die   meisten sind nicht mutig genug, sich nur mit einem Messer bewaffnet   hineinzutrauen. Mein Bogen hat Seltenheitswert, er wurde noch von meinem Vater   angefertigt, zusammen mit ein paar anderen, die ich, sorgf�ltig in wasserdichte   H�llen gewickelt, sicher im Wald versteckt habe. H�tte mein Vater sie verkauft,   h�tte er viel Geld verdienen k�nnen, doch wenn die Beamten dahintergekommen   w�ren, w�re er wegen Anzettelung eines Aufstands �ffentlich hingerichtet worden.   Die meisten Friedensw�chter dr�cken gegen�ber uns wenigen J�gern ein Auge zu,   weil sie wie alle anderen nach frischem Fleisch gieren. Sie geh�ren sogar zu   unseren besten Kunden. Aber sie w�rden nie zulassen, dass jemand den Saum mit   Waffen versorgt.</p><p>Im Herbst schleichen sich ein paar Mutige in den Wald, um �pfel zu pfl�cken.   Aber stets in Sichtweite der Weide. Immer nah genug, um bei Gefahr schnell   zur�ck in die Sicherheit von Distrikt 12 eilen zu k�nnen. �Distrikt 12. Wo man   gefahrlos verhungern kann�, murmele ich. Dann schaue ich rasch �ber die   Schulter. Sogar hier, am Ende der Welt, hat man Angst, man k�nnte belauscht   werden.</p><p>Als ich j�nger war, erschreckte ich meine Mutter zu Tode mit dem, was ich   �ber Distrikt 12 sagte; �ber Panem und die Leute, die unser Land aus der fernen   Stadt regieren, die das Kapitol genannt wird. Irgendwann begriff ich, dass uns   das nur noch mehr Scherereien einbringen w�rde. Also lernte ich, meine Zunge zu   h�ten und eine gleichg�ltige Maske aufzusetzen, damit niemand meine wahren   Gedanken lesen konnte. Lernte, in der Schule still meine Aufgaben zu machen. Auf   dem Marktplatz nur h�flich �ber Belangloses zu sprechen. Auf dem Hob, dem   Schwarzmarkt, wo ich das meiste Geld verdiene, �berhaupt nicht viel zu sagen und   nur meinen Handel abzuschlie�en. Selbst zu Hause, wo ich weniger R�cksicht   nehme, vermeide ich die heiklen Themen. Wie die Ernte oder die   Lebensmittelknappheit oder die Hungerspiele. Prim k�nnte es mir ja nachplappern   und was sollte dann aus uns werden?</p><p>Im Wald wartet der einzige Mensch, bei dem ich sein kann, wie ich bin. Gale.   Ich sp�re, wie sich meine Z�ge entspannen und ich schneller werde, w�hrend ich   die H�gel hinauf zu unserem Ort klettere. Ein Felsvorsprung, der ein Tal   �berblickt und von einem Dickicht aus Beerenstr�uchern vor unerw�nschten Blicken   abgeschirmt ist. Als ich sehe, dass Gale auf mich wartet, muss ich l�cheln. Er   sagt, ich l�chele niemals, au�er im Wald.</p><p>�Hallo, K�tzchen�, sagt Gale. Eigentlich hei�e ich Katniss, aber damals, als   ich ihm zum ersten Mal meinen Namen sagte, habe ich ihn nur gefl�stert. Und er   hat K�tzchen verstanden. Als dann diese verr�ckte Wildkatze begann, mir in der   Hoffnung auf Almosen durch den Wald zu folgen, wurde es Gales offizieller   Spitzname f�r mich. Die Wildkatze musste ich schlie�lich t�ten, weil sie das   Wild vertrieb. Ich bereute es fast, denn sie war keine schlechte Gesellschaft.   Aber f�r ihr Fell habe ich einen guten Preis erzielt.</p><p>�Schau, was ich geschossen habe�, sagt Gale und h�lt einen Laib Brot in die   H�he, in dem ein Pfeil steckt, und ich muss lachen. Es ist echtes Brot aus der   B�ckerei, keins von den flachen, festen Broten, die wir aus unseren   Getreiderationen backen. Ich nehme es in die H�nde, ziehe den Pfeil heraus und   halte die Einstichstelle an meine Nase. Ich sauge den Duft ein und merke, wie   mir das Wasser im Mund zusammenl�uft. Feines Brot wie dieses gibt es nur zu   besonderen Anl�ssen.</p><p>�Mmmh, noch warm�, sage ich. Er muss schon bei Tagesanbruch in der B�ckerei   gewesen sein, um es zu tauschen. �Was hat dich das gekostet?�</p><p>�Nur ein Eichh�rnchen. Ich glaub, der alte Mann war heute Morgen ein bisschen   sentimental�, sagt Gale. �Er hat mir sogar Gl�ck gew�nscht.�</p><p>�Tja, heute r�cken wir alle ein bisschen enger zusammen, nicht wahr?�, sage   ich und verdrehe nicht einmal die Augen dabei. �Prim hat einen K�se f�r uns   �brig gelassen.� Ich ziehe ihn hervor.</p><p>Als er die Leckerei sieht, hellt sich Gales Miene auf. �Danke, Prim. Das wird   ein richtiges Festessen.� Pl�tzlich f�llt er in den Kapitolakzent und macht   Effie Trinket nach, die wahnsinnig gut gelaunte Frau, die jedes Jahr zur Ernte   angereist kommt und die Namen verliest. �Fast h�tte ich es vergessen! Fr�hliche   Hungerspiele!� Er zupft ein paar Brombeeren von den B�schen um uns herum. �Und   m�ge das Gl�ck ��Er wirft eine Brombeere in hohem Bogen in meine   Richtung.</p><p>Ich fange sie mit dem Mund auf und lasse die feine Haut zwischen den Z�hnen   zerplatzen. Sofort breitet sich der s��saure Geschmack auf meiner Zunge aus.   �� <emphasis>stets </emphasis>mit euch sein!�, beende ich den Satz ebenso schwungvoll. Wir   m�ssen uns dar�ber lustig machen; die Alternative w�re, vor Angst zu   sterben.</p><p>Au�erdem ist der Kapitolakzent so gek�nstelt, dass fast alles, was man darin   sagt, lustig klingt.</p><p>Ich sehe zu, wie Gale sein Messer herauszieht und das Brot in Scheiben   schneidet. Er k�nnte mein Bruder sein. Glattes schwarzes Haar, olivenfarbene   Haut, sogar unsere Augen sind �hnlich. Aber wir sind nicht verwandt, zumindest   nicht nah. Die meisten Familien, die in den Minen arbeiten, sehen so aus.</p><p>Deshalb wirken meine Mutter und Prim mit ihrem blonden Haar und den blauen   Augen immer so fremd hier. Was sie auch sind. Die Verwandten meiner Mutter   geh�rten zu der kleinen Gruppe von Kaufleuten, die die Beamten, Friedensw�chter   und gelegentlichen G�ste im Saum versorgt. Sie f�hrten eine Apotheke im   h�bscheren Teil von Distrikt 12. Da sich so gut wie niemand einen Arzt leisten   kann, sind die Apotheker unsere Heiler. Mein Vater lernte meine Mutter kennen,   weil er auf der Jagd manchmal Heilkr�uter sammelte und sie ihnen verkaufte,   damit sie daraus Arzneien herstellen konnten. Sie muss ihn sehr geliebt haben,   sonst h�tte sie ihr Zuhause nicht f�r den Saum verlassen. Ich versuche mich   daran zu erinnern, wenn ich mal wieder nur die Frau sehe, die einfach nur dasa�,   w�hrend ihre Kinder bis auf die Knochen abmagerten. Um meines Vaters willen   versuche ich ihr zu vergeben. Aber ehrlich gesagt, ich bin nicht gut im   Vergeben.</p><p>Gale bestreicht die Brotscheiben mit dem weichen Ziegenk�se und garniert sie   sorgf�ltig mit einem Basilikumblatt, w�hrend ich Beeren pfl�cke. Wir machen es   uns in einer Felsnische gem�tlich. Dort sind wir unsichtbar und haben doch freie   Sicht auf das Tal, das nur so strotzt von sommerlichem Leben: Gem�se, das man   ernten, Wurzeln, die man ausgraben kann, Fische, die im Sonnenlicht schillern.   Ein herrlicher Tag, blauer Himmel und ein leichter Wind. Das Essen schmeckt   k�stlich, der K�se versickert in dem warmen Brot, die Beeren zerplatzen uns im   Mund. Es w�re vollkommen, wenn das hier wirklich ein Feiertag w�re, wenn der   liebe lange Tag nur dazu da w�re, mit Gale durch die Berge zu wandern und f�rs   Abendessen zu jagen. Stattdessen m�ssen wir um zwei auf dem Platz stehen und   darauf warten, dass die Namen aufgerufen werden.</p><p>�Wir k�nnten es tun, wei�t du�, sagt Gale ruhig.</p><p>�Was?�, frage ich.</p><p>�Den Distrikt verlassen. Davonlaufen. Im Wald leben. Wir beide k�nnten es   schaffen, du und ich zusammen�, sagt Gale.</p><p>Ich wei� nicht, was ich antworten soll. Die Idee ist so absurd.</p><p>�Wenn wir nicht so viele Kinder h�tten�, f�gt er rasch hinzu.</p><p>Er meint nat�rlich nicht unsere Kinder. Obwohl sie es sein k�nnten. Gales   kleine Geschwister, zwei Br�der und eine Schwester. Prim. Unsere M�tter k�nnte   man getrost auch dazurechnen, denn wovon sollten sie ohne uns leben? Wer w�rde   diese M�nder stopfen, die nach immer mehr verlangen? Wir gehen beide jeden Tag   auf die Jagd, und dann sind da auch noch die Abende, an denen Wild gegen Schmalz   oder Schn�rsenkel oder Wolle eingetauscht werden muss und an denen wir trotzdem   noch mit knurrendem Magen ins Bett gehen.</p><p>�Ich will nie Kinder haben�, sage ich.</p><p>�Ich eigentlich schon. Wenn ich nicht hier leben w�rde�, sagt Gale.</p><p>�Du lebst aber hier�, sage ich gereizt.</p><p>�Vergiss es�, sagt er schroff.</p><p>Das Gespr�ch f�hlt sich ganz falsch an. Weglaufen? Wie k�nnte ich Prim   verlassen, die Einzige auf der Welt, von der ich genau wei�, dass ich sie liebe?   Und Gale h�ngt auch sehr an seiner Familie. Wir k�nnen nicht weg. Weshalb also   dar�ber reden? Und selbst wenn � selbst wenn � Wieso reden wir auf einmal   davon, Kinder zu haben? Romantische Gef�hle waren zwischen Gale und mir noch nie   ein Thema. Als wir uns kennenlernten, war ich eine spindeld�rre Zw�lfj�hrige,   und obwohl er nur zwei Jahre �lter war, sah er schon aus wie ein Mann. Es hat   lange gedauert, bis wir �berhaupt Freunde wurden, uns nicht mehr �ber jeden   Tausch in die Haare kriegten und einander halfen.</p><p>Au�erdem wird Gale, wenn er Kinder haben will, m�helos eine Frau finden. Er   sieht gut aus, er ist stark genug f�r  die Arbeit in den Minen und er ist ein   guter J�ger. An der Art, wie die M�dchen �ber ihn tuscheln, wenn er in der   Schule an ihnen vorbeigeht, kann man erkennen, dass sie ihn begehren. Das macht   mich eifers�chtig, aber nicht aus dem Grund, den man vielleicht annehmen k�nnte.   Es ist schwer, einen guten Jagdgef�hrten zu finden.</p><p>�Was sollen wir machen?�, frage ich. �Wir k�nnen jagen, angeln oder sammeln   gehen.�</p><p>�Lass uns am See angeln. Wir k�nnen die Angelruten auslegen und im Wald   sammeln gehen. Irgendwas Sch�nes f�r heute Abend�, sagt er.</p><p>Heute Abend. Nach der Ernte sollen alle feiern. Viele Leute tun das auch, aus   Erleichterung dar�ber, dass ihre Kinder ein weiteres Jahr verschont geblieben   sind. Aber mindestens zwei Familien werden die Fensterl�den zumachen, die T�ren   verschlie�en und sich fragen, wie sie die leidvollen Wochen �berleben sollen,   die auf sie zukommen.</p><p>Wir haben Gl�ck. An einem Tag wie diesem, da leichtere, wohlschmeckendere   Beute im �berfluss vorhanden ist, beachten uns die Raubtiere nicht. Am sp�ten   Vormittag haben wir ein Dutzend Fische, einen Beutel Gem�se und - das Beste von   allem - einen Eimer voll Erdbeeren. Das Erdbeerfeld habe ich vor zwei Jahren   entdeckt, aber die Idee, ein Netz gegen die Tiere aufzuspannen, stammt von   Gale.</p><p>Auf dem Heimweg machen wir einen Abstecher auf den Hob, der in einem   verlassenen Lagerhaus abgehalten wird, wo fr�her Kohle aufbewahrt wurde. Als sie   ein effizienteres System einf�hrten, das die Kohle direkt von den Minen zu den   Z�gen transportiert, hat sich nach und nach der Schwarzmarkt hier breitgemacht.   Die meisten Gesch�fte sind am Erntetag um diese Uhrzeit schon geschlossen, doch   auf dem Hob herrscht immer noch ein ziemlicher Betrieb. M�helos tauschen wir   sechs der Fische gegen gutes Brot und zwei weitere gegen Salz. Greasy Sae, die   knochend�rre alte Frau, die aus einem gro�en Kessel schalenweise hei�e Suppe   verkauft, nimmt uns die H�lfte des Gem�ses ab und gibt uns daf�r ein paar   Brocken Paraffin. Anderswo k�nnten wir vielleicht ein bisschen mehr   rausschlagen, aber wir bem�hen uns um ein gutes Verh�ltnis zu Greasy Sae. Sie   ist die Einzige, die uns regelm��ig wilden Hund abkauft. Wir jagen die Hunde   nicht absichtlich, doch wenn man angegriffen wird und dabei einen oder zwei   erwischt - nun ja, Fleisch ist Fleisch. �In meiner Suppe wird�s zu Rindfleisch�,   sagt Greasy Sae augenzwinkernd. Niemand im Saum w�rde eine ordentliche Keule vom   wilden Hund verschm�hen, doch die Friedensw�chter, die in den Hob kommen, k�nnen   es sich leisten, etwas w�hlerischer zu sein.</p><p>Als wir unsere Gesch�fte auf dem Markt abgeschlossen haben, gehen wir zum   Haus des B�rgermeisters, um die H�lfte der Erdbeeren zu verkaufen, denn wir   wissen, dass er besonders versessen darauf ist und unseren Preis bezahlen kann.   Die Tochter des B�rgermeisters, Madge, �ffnet die Hintert�r. Sie ist in meinem   Schuljahrgang. Von einer B�rgermeistertochter w�rde man erwarten, dass sie sich   f�r etwas Besonderes h�lt, aber sie ist ganz in Ordnung. Sie bleibt einfach f�r   sich. Wie ich. Da keine von uns beiden einer Clique angeh�rt, sind wir in der   Schule viel zusammen. Gemeinsam zu Mittag essen, in Versammlungen   nebeneinandersitzen, Partnerinnen beim Schulsport. Wir reden kaum miteinander   und das ist uns beiden nur recht.</p><p>Heute hat sie ihre triste Schuluniform gegen ein teures wei�es Kleid   getauscht und die blonden Haare mit einem rosa Band hochgebunden.   Erntekleidung.</p><p>�H�bsches Kleid�, sagt Gale.</p><p>Madge wirft ihm einen Blick zu, um herauszufinden, ob das Kompliment ernst   gemeint ist oder ironisch. Es ist wirklich ein sch�nes Kleid, aber an einem   normalen Tag w�rde sie es nie tragen. Sie presst die Lippen zusammen, dann   l�chelt sie. �Na ja, falls ich die bin, die ins Kapitol muss, m�chte ich doch   h�bsch aussehen, oder?�</p><p>Jetzt ist es an Gale, verwirrt zu sein. Meint sie das wirklich? Oder will sie   sich mit ihm anlegen? Ich glaube, Letzteres.</p><p>�Du musst nicht ins Kapitol�, sagt Gale k�hl. Sein Blick bleibt an einer   kleinen runden Brosche h�ngen, die sie sich ans Kleid gesteckt hat. Echtes Gold.   Wundersch�n gearbeitet. Davon k�nnte eine Familie ein paar Monate leben. �Wie   viele Lose kannst du schon haben? F�nf? Ich hatte schon sechs, als ich zw�lf   war.�</p><p>�Sie kann doch nichts daf�r�, sage ich.</p><p>�Nein, niemand kann etwas daf�r. Ist halt nur so�, sagt Gale.</p><p>Madge sieht auf einmal verschlossen aus. Sie dr�ckt mir das Geld f�r die   Erdbeeren in die Hand. �Viel Gl�ck, Katniss.�</p><p>�Dir auch�, sage ich und die T�r geht zu.</p><p>Schweigend gehen wir zum Saum. Es gef�llt mir nicht, dass Gale Madge so   angegangen hat, aber er hat nat�rlich recht. Das Erntesystem ist ungerecht, die   Armen kommen am schlechtesten weg. Sobald man zw�lf wird, kann man bei der   Ernte ausgew�hlt werden. Mit zw�lf bekommt man ein Los. Mit dreizehn zwei. Und   immer so weiter bis achtzehn, dem Jahr, in dem man zum letzten Mal ausgew�hlt   werden kann und der Name siebenmal in die Glaskugel wandert. Das gilt f�r jeden   B�rger in den zw�lf Distrikten im ganzen Land Panem.</p><p>Und jetzt kommt der Haken. Sagen wir, jemand ist arm und hungrig wie wir.   Dann kann er seinen Namen noch �fter hinzuf�gen lassen, im Tausch gegen   Tesserasteine. Jeder Tesserastein ist eine karge Jahresration Getreide und �l   f�r eine Person wert. Auch f�r seine Familienmitglieder kann man Tesserasteine   erwerben. Als ich zw�lf war, wanderte mein Name daher viermal in die   Glaskugel. Einmal, weil ich musste, und dreimal im Tausch gegen Tesserasteine   f�r Getreide und �l f�r mich, Prim und meine Mutter. Und so ging es jedes Jahr.   Da die Eintr�ge angeh�uft werden, ist mein Name jetzt, da ich sechzehn bin,   zwanzigmal dabei. Gale ist achtzehn und hat seine f�nfk�pfige Familie sieben   Jahre lang allein ern�hrt oder mitern�hrt; sein Name ist sogar zweiundvierzigmal   dabei.</p><p>Deshalb macht ihn jemand wie Madge, die nie einen Tesserastein brauchte,   nat�rlich w�tend. F�r sie ist die Chance, dass ihr Name gezogen wird, sehr   gering im Vergleich zu denen, die im Saum leben wie wir. Es ist nicht   ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich. Und obwohl die Regeln vom Kapitol   festgelegt wurden und nicht von den Distrikten, schon gar nicht von Madges   Familie, f�llt es schwer, denen, die sich nicht f�r Tesserasteine melden m�ssen,   nicht zu grollen.</p><p>Gale wei�, dass er mit seiner Wut auf Madge die Falsche trifft. Ich habe ihn   an anderen Tagen tief im Wald dar�ber toben h�ren, dass die Tesserasteine nur   ein weiteres Mittel sind, um in unserem Distrikt Elend zu schaffen. Ein Weg, um   Hass zu sch�ren zwischen den hungernden Arbeitern des Saums und denjenigen, die   im Allgemeinen ein sicheres Mittagessen vorgesetzt bekommen, und daf�r zu   sorgen, dass wir einander nie trauen werden. �Das Kapitol hat den Nutzen, wenn   wir untereinander gespalten sind�, w�rde er vielleicht sagen, wenn nur meine   Ohren es h�ren k�nnten. Wenn nicht Erntetag w�re. Wenn nicht ein M�dchen mit   Goldbrosche und ohne Tesserasteine diese Bemerkung gemacht h�tte, die f�r sie,   da bin ich mir sicher, ganz harmlos war.</p><p>Im Gehen werfe ich einen fl�chtigen Blick auf Gales Gesicht, das unter dem   versteinerten Ausdruck immer noch gl�ht. Seine Wutausbr�che kommen mir sinnlos   vor, wenn ich das auch nie sage. Nicht dass ich ihm nicht recht geben w�rde.   Aber wozu soll es gut sein, mitten im Wald gegen das Kapitol anzubr�llen? Das   �ndert gar nichts. Dadurch wird das Leben nicht gerecht. Es macht uns nicht   satt. Allenfalls verscheucht es das Wild in der N�he. Trotzdem lasse ich ihn   br�llen. Besser, er tut es im Wald als im Distrikt.</p><p>Gale und ich teilen unsere Beute, sodass jeder zwei Fische, ein paar Laibe   gutes Brot, Gem�se, ein Viertel der Erdbeeren, Salz, Paraffin und ein bisschen   Geld bekommt.</p><p>�Bis nachher auf dem Platz�, sage ich.</p><p>�Zieh dir was H�bsches an�, sagt er provozierend.</p><p>Meine Mutter und meine Schwester sind schon ausgehfertig, als ich nach Hause   komme. Meine Mutter tr�gt ein sch�nes Kleid aus Apothekerzeiten. Prim steckt in   meinem ersten Erntedress, einem Rock mit R�schenbluse. Er ist ihr ein bisschen   gro�, aber meine Mutter hat ihn mit Nadeln festgesteckt. Trotzdem rutscht ihr   die Bluse hinten immer wieder aus dem Rock.</p><p>Eine Wanne mit warmem Wasser wartet auf mich. Ich schrubbe den Dreck und   Schwei� aus dem Wald ab und wasche mir die Haare. Zu meiner �berraschung hat   meine Mutter eins von ihren h�bschen Kleidern f�r mich herausgelegt. Ein   zartblaues mit passenden Schuhen.</p><p>�Ist das wirklich f�r mich?�, frage ich. Allm�hlich weise ich nicht mehr alle   ihre Angebote zur�ck. Eine Zeit lang war ich so w�tend auf sie, dass sie gar   nichts f�r mich tun durfte. Und das hier ist etwas Besonderes. Die Kleider aus   ihrer Vergangenheit bedeuten ihr sehr viel.</p><p>�Ja. Komm, wir stecken dir auch das Haar hoch�, sagt sie. Ich erlaube ihr,   dass sie es mit dem Handtuch trocken reibt und zu einem Zopf flicht. Ich erkenne   mich fast gar nicht wieder in dem gebrochenen Spiegel, der an der Wand   lehnt.</p><p>�Du siehst sch�n aus�, sagt Prim mit ged�mpfter Stimme.</p><p>�Gar nicht wie ich selbst�, sage ich. Ich umarme sie, denn ich wei�, dass die   n�chsten Stunden schrecklich f�r sie sein werden. Ihre erste Ernte. Ihr droht   kaum Gefahr, denn sie hat nur ein Los. Ich w�rde es nicht zulassen, dass sie   einen Tesserastein nimmt. Aber sie macht sich Sorgen um mich. Dass das   Undenkbare eintreten k�nnte.</p><p>Ich besch�tze Prim, so gut ich nur kann, doch gegen die Ernte bin ich   machtlos. Die Qual, die ich jedes Mal empfinde, wenn sie Kummer hat, wallt in   meiner Brust auf und droht sich in meinem Gesicht zu spiegeln. Ich sehe, dass   ihre Bluse hinten schon wieder aus dem Rock gerutscht ist, und zwinge mich,   ruhig zu bleiben. �Schw�nzchen rein, kleine Ente�, sage ich und stopfe die Bluse   wieder hinein.</p><p>Prim kichert und macht leise: �Quak.�</p><p>�Selber quak�, sage ich und lache ein bisschen. Nur Prim kann mich so aus der   Reserve locken. �Komm, lass uns etwas essen�, sage ich und gebe ihr einen   kleinen Kuss auf den Kopf.</p><p>Fisch und Gem�se kochen schon im Topf, aber das ist f�rs Abendessen. Wir   beschlie�en, auch Erdbeeren und B�ckerbrot daf�r aufzuheben. Damit es etwas   Besonderes wird, sagen wir uns. Stattdessen trinken wir Milch von Prims Ziege   Lady und essen das grobe Brot aus Tesserastein-Getreide, obwohl keiner   besonderen Appetit hat.</p><p>Um ein Uhr machen wir uns auf den Weg zum Platz. Von der Anwesenheitspflicht   ist nur ausgenommen, wer an der Schwelle zum Tod steht. Heute Abend werden   Beamte herumgehen und kontrollieren, ob das bei den Fehlenden der Fall ist.   Falls nicht, werden sie verhaftet.</p><p>Es ist wirklich traurig, dass die Ernte ausgerechnet auf dem Platz abgehalten   wird - einem der wenigen Orte im Distrikt 12, die ganz sch�n sein k�nnen. Der   Platz ist umgeben von L�den, und an Markttagen und besonders bei gutem Wetter   hat man dort ein Gef�hl wie Ferien. Aber heute herrscht trotz der leuchtenden   Fahnen an den H�usern eine grimmige Atmosph�re. Die Kamerateams, die wie   Bussarde auf den D�chern hocken, verst�rken diesen Eindruck noch.</p><p>Schweigend betreten die Menschen der Reihe nach den Platz und tragen sich   ein. Die Ernte ist nebenbei eine gute Gelegenheit f�r das Kapitol, �ber die   Bev�lkerung Buch zu f�hren. Die Zw�lf-bis Achtzehnj�hrigen werden nach Alter in   mit Seilen abgetrennte Areale gepfercht: die �ltesten ganz nach vorn, die   J�ngeren, wie Prim, nach hinten. Die Angeh�rigen stellen sich rundherum auf und   halten sich fest bei den H�nden. Andere, die niemanden haben, der in Gefahr   ist, oder denen es gleichg�ltig geworden ist, mischen sich unter die Menge und   nehmen Wetten auf die Namen der beiden an, deren Namen gezogen werden. Es werden   Wetten auf ihr Alter abgegeben, ob sie aus dem Saum oder von den Kaufleuten   stammen, ob sie zusammenbrechen und weinen. Die meisten weisen die Gauner ab,   aber ganz, ganz vorsichtig. Diese Leute sind n�mlich oft auch Spitzel, und wer   h�tte nicht schon einmal gegen das Gesetz versto�en? Ich k�nnte t�glich   erschossen werden, weil ich gejagt habe, aber der Appetit der Beamten sch�tzt   mich. Was nicht jeder von sich behaupten kann.</p><p>Sei�s drum. Wenn wir zwischen Tod durch Verhungern oder einer Kugel in den   Kopf zu w�hlen h�tten, dann w�re die Kugel viel schneller, darin sind Gale und   ich uns einig.</p><p>Je mehr Leute eintreffen, desto enger und klaustrophobischer wird es. Der   Platz ist ziemlich gro�, aber nicht gro� genug f�r alle achttausend Bewohner   von Distrikt 12. Die Nachz�gler werden in die angrenzenden Stra�en gef�hrt, wo   sie das Ereignis auf Bildschirmen verfolgen k�nnen, denn es wird vom   Staatsfernsehen live �bertragen.</p><p>Ich stehe in einer Gruppe Sechzehnj�hriger aus dem Saum. Wir nicken uns kurz   zu und schauen dann zu der provisorischen B�hne, die vor dem Gerichtsgeb�ude   aufgebaut worden ist. Darauf stehen drei St�hle, ein Podest sowie zwei gro�e   Glaskugeln, eine f�r die Jungen, eine f�r die M�dchen. Ich starre auf die   Papierzettel in der M�dchenkugel. Auf zwanzig von ihnen steht in sorgf�ltiger   Handschrift der Name Katniss Everdeen.</p><p>Je einen Stuhl besetzen Madges Vater, B�rgermeister Undersee, ein gro�er Mann   mit sch�tterem Haar, und Effie Trinket, die Betreuerin von Distrikt 12, frisch   eingetroffen aus dem Kapitol mit ihrem Furcht einfl��enden wei�en Grinsen, dem   blassrosa Haar und dem grellgr�nen Kost�m. Sie tuscheln miteinander und schauen   besorgt auf den leeren Stuhl.</p><p>In dem Moment, als die Stadtuhr zwei schl�gt, betritt der B�rgermeister das   Podest und beginnt zu lesen. Jedes Jahr das Gleiche. Er erz�hlt aus der   Geschichte von Panem, dem Land, das aus den Tr�mmern dessen erstand, was einst   Nordamerika genannt wurde. Er z�hlt die Katastrophen auf, die D�rren, die   St�rme, die Feuersbr�nste, erz�hlt von dem anschwellenden Meer, das so viel Land   geschluckt hat, und erinnert an den brutalen Krieg um die wenige verbliebene   Nahrung. Das Ergebnis war Panem mit einem strahlenden, von dreizehn Distrikten   umgebenen Kapitol, das seinen B�rgern Frieden und Wohlstand brachte. Dann kamen   die Dunklen Tage, der Aufstand der Distrikte gegen das Kapitol. Zw�lf wurden   besiegt, der dreizehnte ausgel�scht. Der Hochverratsvertrag brachte uns neue   Gesetze, die den Frieden sichern sollten; und um uns allj�hrlich daran zu   erinnern, dass die Dunklen Tage sich nie wiederholen d�rfen, brachte er uns die   Hungerspiele.</p><p>Die Regeln der Hungerspiele sind einfach. Zur Strafe f�r den Aufstand muss   jeder der zw�lf Distrikte ein M�dchen und einen Jungen f�r die Teilnahme   stellen, die sogenannten Tribute. Diese vierundzwanzig Tribute werden in einer   riesigen Freilichtarena eingesperrt, bei der es sich um jede Art von Gel�nde   handeln kann, von gl�hender W�ste bis zu eisiger �dnis. �ber mehrere Wochen   hinweg m�ssen die Konkurrenten einander bis auf den Tod bek�mpfen. Der Tribut,   der als letzter �brig bleibt, hat gewonnen.</p><p>Das Kapitol nimmt die Kinder aus unseren Distrikten fort und zwingt sie dazu,   sich gegenseitig zu t�ten, w�hrend wir zusehen - und erinnert uns auf diese   Weise daran, dass wir ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Dass wir   wenig Aussicht h�tten, eine weitere Rebellion zu �berleben. Wie sie es auch   verpacken, die eigentliche Botschaft ist klar. �Seht, wir nehmen euch eure   Kinder und opfern sie und ihr k�nnt nichts dagegen tun. Wenn ihr auch nur einen   Finger hebt, werden wir euch bis auf den letzten Mann vernichten. So wie wir es   mit Distrikt 13 gemacht haben.�</p><p>Damit es f�r uns erniedrigend und qualvoll zugleich ist, verlangt das   Kapitol, dass wir die Hungerspiele wie ein Fest feiern, ein Sportereignis, bei   dem sich die Distrikte miteinander messen. Den �berlebenden Tribut erwartet zu   Hause ein sorgloses Leben und sein Distrikt wird mit Preisen �berh�uft, die   weitgehend aus Lebensmitteln bestehen. Das ganze Jahr hindurch wird das Kapitol   den Siegerdistrikt mit Getreide und �l und sogar mit Leckereien wie Zucker   �berh�ufen, w�hrend alle �brigen gegen den Hunger k�mpfen.</p><p>�Eine Zeit der Reue und des Dankes zugleich�, predigt der B�rgermeister.</p><p>Dann verliest er die Liste der letzten Gewinner aus Distrikt 12. In   dreiundsiebzig Jahren waren es genau zwei. Nur einer von ihnen lebt noch.   Haymitch Abernathy, ein dickb�uchiger Mann im mittleren Alter, der in diesem   Augenblick erscheint, etwas Unverst�ndliches schreit, auf die B�hne wankt und   sich auf den dritten Stuhl fallen l�sst. Er ist betrunken. Sehr. Die Menge   antwortet mit h�flichem Applaus, aber er ist verwirrt und versucht, Effie   Trinket zu umarmen, was sie nur mit gro�er M�he abwehren kann.</p><p>Der B�rgermeister schaut gequ�lt drein. Da das Ganze im Fernsehen �bertragen   wird, ist Distrikt 12 in diesem Moment das Gesp�tt von ganz Panem und er wei�   es. Schnell versucht er, die Aufmerksamkeit zur�ck auf die Ernte zu lenken,   indem er Effie Trinket vorstellt.</p><p>Gut gelaunt und lebhaft wie immer trabt Effie Trinket aufs Podest und sagt   ihren Spruch auf: �Fr�hliche Hungerspiele! Und m�ge das Gl�ck <emphasis>stets </emphasis>mit   euch sein!� Bei dem rosafarbenen Haar muss es sich um eine Per�cke handeln,   denn seit Haymitchs Umarmung ist ihre Lockenpracht leicht verrutscht. Sie l�sst   sich noch ein bisschen dar�ber aus, welche Ehre es sei, hier sein zu d�rfen,   obwohl jeder wei�, dass sie nur den Sprung in einen besseren Distrikt schaffen   will, wo sie echte Sieger haben, keine Betrunkenen, die einen vor dem ganzen   Land anp�beln.</p><p>Durch die Menge hindurch erkenne ich Gale, der mit dem Anflug eines L�chelns   meinen Blick erwidert. Dieser Teil der Ernte hat wenigstens einen gewissen   Unterhaltungswert. Aber pl�tzlich denke ich an Gale und seine zweiundvierzig   Namen in der gro�en Glaskugel und dass seine Chancen im Vergleich mit den   meisten anderen Jungen nicht gut stehen. Und vielleicht denkt er das Gleiche   �ber mich, denn seine Miene verd�stert sich und er wendet sich ab. �Aber da sind   doch noch Tausende anderer Zettel�, m�chte ich ihm zufl�stern.</p><p>Die Zeit der Ziehung ist gekommen. Effie Trinket sagt, was sie immer sagt:   �Ladies first!�, und geht hin�ber zu der Glaskugel mit den M�dchennamen. Sie   greift hinein, taucht ihre Hand tief in die Kugel und zieht einen Zettel heraus.   Die Menge h�lt den Atem an, man k�nnte eine Stecknadel fallen h�ren, und ich   f�hle mich elend und hoffe inbr�nstig, dass es nicht mein Name ist, nicht mein   Name, nicht mein Name.</p><p>Effie Trinket geht zur�ck zum Podest, streicht den Zettel glatt und verliest   mit klarer Stimme den Namen. Es ist nicht mein Name.</p><p>Es ist Primrose Everdeen.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>2</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Einmal, als ich reglos in einem Baumversteck darauf wartete, dass Wild   vorbeikam, bin ich eingenickt. Ich fiel drei Meter tief und landete auf dem   R�cken. Es war, als h�tte der Aufprall das letzte bisschen Luft aus meiner Lunge   gepresst, und ich lag dort und k�mpfte verzweifelt darum, einzuatmen,   auszuatmen, irgendwas zu tun.</p><p>Genau so geht es mir jetzt. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie man   atmet, bin unf�hig zu sprechen, vollkommen fassungslos, w�hrend der Name in   meinem Sch�del herumspringt. Jemand fasst mich am Arm, ein Junge aus dem Saum,   vielleicht war ich drauf und dran umzufallen und er hat mich aufgefangen.</p><p>Es muss sich um einen Irrtum handeln. Das kann nicht wahr sein. Prim war ein   Zettel unter Tausenden! Die Wahrscheinlichkeit, dass sie gezogen w�rde, war so   gering, dass ich mir �berhaupt keine Sorgen um sie gemacht habe. Habe ich nicht   alles getan? Die Tesserasteine genommen und ihr verboten, dasselbe zu tun? Ein   Zettel. Ein Zettel unter Tausenden. Sie hatte so gute Chancen. Aber es hat   nichts gen�tzt.</p><p>Irgendwo aus der Ferne h�re ich die Menge ungl�cklich fl�stern, wie immer,   wenn eine Zw�lfj�hrige ausgew�hlt wird, denn das findet keiner gerecht.   Pl�tzlich sehe ich sie, alles Blut ist aus ihrem Gesicht gewichen, sie hat die   H�nde zu F�usten geballt und geht mit steifen, kleinen Schritten zur B�hne, an   mir vorbei. Ich sehe, dass ihre Bluse am R�cken aus dem Rock gerutscht ist und   �ber den Rock h�ngt, und dieses Detail, die herausgerutschte Bluse, die aussieht   wie ein Entenschwanz, bringt mich zur�ck in die Gegenwart.</p><p>�Prim!� Ein erstickter Schrei aus meiner Kehle, meine Muskeln werden wieder   aktiv. �Prim!� Ich muss mir nicht erst einen Weg durch die Menge bahnen. Die   anderen Kinder machen sofort Platz und r�umen einen Durchgang zur B�hne. Genau   in dem Augenblick, als sie die Stufen erklimmen will, bin ich bei ihr. Mit einer   Armbewegung schiebe ich sie hinter mich.</p><p>�Ich gehe freiwillig!�, keuche ich. �Ich gehe freiwillig als Tribut!�</p><p>Auf der B�hne gibt es ein Durcheinander. Distrikt 12 hat seit Jahrzehnten   keinen Freiwilligen mehr gehabt und das Protokoll ist nicht mehr allen pr�sent.   Die Regel besagt, dass ein anderer Junge oder je nachdem ein anderes M�dchen   vortreten und den Platz desjenigen einnehmen kann, dessen Name aus der Kugel   gezogen wurde. In einigen Distrikten, in denen es eine gro�e Ehre ist, die Ernte   zu gewinnen, riskieren die Leute nur zu gern ihr Leben und es ist sehr   schwierig, sich freiwillig zu melden. Aber in Distrikt 12, wo das Wort Tribut   praktisch gleichbedeutend ist mit Leichnam, sind Freiwillige fast   ausgestorben.</p><p>�Herrlich!�, sagt Effie Trinket. �Aber ich glaube, eigentlich m�ssten wir   erst den Erntegewinner pr�sentieren und dann nach Freiwilligen fragen, und wenn   sich einer meldet, dann � �h�, sagt sie unsicher und verstummt.</p><p>�Was spielt das f�r eine Rolle?�, sagt der B�rgermeister. Er betrachtet mich   mit gequ�ltem Blick. Er kennt mich kaum, aber da ist eine schwache Erinnerung.   Ich bin das M�dchen, das die Erdbeeren bringt. Das M�dchen, von dem seine   Tochter vielleicht einmal erz�hlt hat. Das M�dchen, das vor f�nf Jahren an   Mutter und Schwester gedr�ngt dastand, als er ihr, dem �ltesten Kind, eine   Tapferkeitsmedaille �berreichte. Eine Medaille f�r ihren Vater, der in den   Minen verpufft war. Erinnert er sich daran? �Was spielt das f�r eine Rolle?�,   wiederholt er schroff. �Lasst sie heraufkommen.�</p><p>Hinter mir schreit Prim hysterisch. Sie hat ihre d�rren Arme wie einen   Schraubstock um mich geschlungen. �Nein, Katniss! Nein! Du darfst nicht   gehen!�</p><p>�Lass mich los, Prim�, sage ich barsch, weil ich sonst die Fassung verlieren   w�rde, und ich will nicht weinen. Wenn sie heute Abend im Fernsehen die   Wiederholung der Ernten zeigen, werden alle meine Tr�nen sehen und dann gelte   ich als leichtes Ziel. Als Schw�chling. Diese Genugtuung will ich ihnen nicht   geben. �Lass mich los!�</p><p>Jemand zieht sie von meinem R�cken fort. Ich drehe mich um und sehe, dass   Gale Prim hochgehoben hat, w�hrend sie um sich schl�gt. �Rauf mit dir,   K�tzchen�, sagt er und k�mpft darum, seine Stimme fest klingen zu lassen, dann   tr�gt er Prim zu meiner Mutter. Ich nehme allen Mut zusammen und erklimme die   Stufen.</p><p>�Nun denn, bravo!�, sagt Effie Trinket �berschw�nglich. �Das ist der Geist   der Spiele!� Sie freut sich, dass in ihrem Distrikt jetzt doch endlich mal was   los ist. �Wie hei�t du?�</p><p>Ich schlucke schwer. �Katniss Everdeen�, sage ich.</p><p>�Ich wette, das war deine Schwester. Wolltest dir von ihr nicht die ganze   Schau stehlen lassen, was? Los, Leute! Einen Riesenapplaus f�r unseren neuesten   Tribut!�, tr�llert Effie Trinket.</p><p>Das mu� man Distrikt 12 lassen, es klatscht nicht einer. Nicht einmal die mit   den Wettscheinen in der Hand, denen sonst alles egal ist. Vielleicht, weil sie   mich vom Hob kennen oder weil sie meinen Vater kannten oder weil sie Prim   begegnet sind, die man einfach gernhaben muss. Anstatt mich beklatschen zu   lassen, stehe ich also da und r�hre mich nicht, w�hrend die Leute auf die einzig   m�gliche Weise Widerspruch �u�ern. Durch Schweigen. Was so viel hei�t wie: Wir   sind nicht einverstanden. Wir billigen es nicht. Das hier ist ganz falsch.</p><p>Dann geschieht etwas Unerwartetes. Zumindest habe ich es nicht erwartet, denn   bisher h�tte ich nie gedacht, dass ich f�r Distrikt 12 irgendeine Bedeutung   h�tte. Doch etwas hat sich ver�ndert, seit ich vorgetreten bin und Prims Platz   eingenommen habe, und jetzt sieht es so aus, als w�re ich auf einmal jemand   Besonderes. Erst einer, dann noch einer, schlie�lich nahezu jeder in der Menge   ber�hrt mit den drei mittleren Fingern der linken Hand die Lippen und streckt   sie mir entgegen. Eine alte und selten benutzte Geste in unserem Distrikt, die   man noch gelegentlich auf Beerdigungen sieht. Sie dr�ckt Dank und Bewunderung   aus, Abschied von einem geliebten Menschen.</p><p>Jetzt muss ich wirklich fast weinen, doch gl�cklicherweise kommt in diesem   Moment Haymitch �ber die B�hne gewankt, um mich zu begl�ckw�nschen. �Seht sie   an. Seht euch die hier an!�, br�llt er und legt mir einen Arm um die Schultern.   Daf�r, dass er so ein Wrack ist, hat er erstaunliche Kr�fte. �Die gef�llt mir!�   Sein Atem stinkt nach Schnaps und er hat schon lange nicht mehr gebadet.   �Viel�� Er sucht eine Zeit lang nach dem richtigen Wort. �� Mumm!�, sagt er   triumphierend und l�sst mich los. �Mehr als ihr!�, f�gt er hinzu und tapst nach   vorn an den B�hnenrand. �Mehr als ihr!�, schreit er jetzt direkt in die   Kamera.</p><p>Gilt das den Zuschauern oder ist er so betrunken, dass er sogar das Kapitol   verh�hnt? Ich werde es nie erfahren, denn gerade als er den Mund �ffnet, um   weiterzureden, plumpst er von der B�hne und ist k.o.</p><p>Er ist widerlich, aber ich bin ihm dankbar. Da sich alle Kameras schadenfroh   auf ihn richten, habe ich gerade genug Zeit, einen kleinen, erstickten Laut   auszusto�en und mich zusammenzurei�en. Ich falte die H�nde hinter dem R�cken   und schaue in die Ferne. Ich kann die H�gel sehen, die ich heute Morgen mit Gale   bestiegen habe. Einen Augenblick lang sehne ich mich nach etwas � Die   Vorstellung, zusammen mit ihm den Distrikt zu verlassen � sich im Wald   durchzuschlagen � Doch ich wei�, dass es richtig war, nicht fortzulaufen. Wer   sonst h�tte sich an Prims Stelle gemeldet?</p><p>Haymitch wird auf einer Trage fortgebracht und Effie Trinket versucht, die   Show wieder in Gang zu bringen. �Was f�r ein aufregender Tag!�, fl�tet sie,   w�hrend sie versucht, ihre Per�cke gerade zu r�cken, die eine bedenkliche   Schlagseite nach rechts aufweist. �Aber es wird noch aufregender! Jetzt werden   wir unseren Jungentribut ausw�hlen!� In der Hoffnung, ihre Haarpracht unter   Kontrolle zu bringen, legt sie eine Hand auf den Kopf, w�hrend sie zu der   Glaskugel mit den Jungennamen hin�bergeht und den ersten Zettel herausholt, den   sie zu fassen bekommt. Sie eilt zur�ck zum Podest und mir bleibt nicht mal Zeit,   Gale die Daumen zu dr�cken, als sie auch schon den Namen verliest. �Peeta   Mellark.� Peeta Mellark!</p><p><emphasis>Oh nein, </emphasis>denke ich. <emphasis>Nicht der. </emphasis>Denn ich kenne den Namen, obwohl   ich noch nie direkt mit seinem Tr�ger gesprochen habe. Peeta Mellark.</p><p>Nein, heute ist das Gl�ck wirklich nicht auf meiner Seite.</p><p>Ich sehe zu, wie er sich einen Weg zur B�hne bahnt. Mittelgro�, st�mmiger   K�rperbau, aschblondes Haar, das ihm in Wellen in die Stirn f�llt. Der Schreck   steht ihm ins Gesicht geschrieben. Man sieht, wie er darum k�mpft, gleichg�ltig   zu bleiben, aber in seinen blauen Augen sehe ich die Angst, die ich von meiner   Beute kenne. Trotzdem steigt er zielstrebig auf die B�hne und nimmt seinen Platz   ein.</p><p>Effie Trinket erkundigt sich nach Freiwilligen, doch niemand tritt vor. Ich   wei�, dass er zwei �ltere Br�der hat, ich habe sie in der B�ckerei gesehen, aber   der eine ist inzwischen wahrscheinlich zu alt, um sich freiwillig zu melden,   und der andere will nicht. Das ist der Normalfall. Am Tag der Ernte reicht der   Familiensinn bei den meisten Menschen nicht weit. Was ich getan habe, war   radikal.</p><p>Wie jedes Jahr an dieser Stelle kommt der B�rgermeister seiner Pflicht nach   und liest den langen, �den Hochverratsvertrag vor, aber ich h�re �berhaupt nicht   hin.</p><p><emphasis>Wieso er?, </emphasis>denke ich. Dann versuche ich mir einzureden, dass es egal   ist. Peeta Mellark und ich sind nicht befreundet. Nicht mal Nachbarn. Wir reden   nicht miteinander. Unsere einzige richtige Begegnung liegt Jahre zur�ck. Er hat   es wahrscheinlich vergessen. Aber ich nicht und ich wei�, dass ich es nie   vergessen werde �</p><p>Es war in der schlimmsten Zeit. Mein Vater war drei Monate zuvor bei dem   Minenunfall get�tet worden, im eisigsten Januar seit Menschengedenken. Die   Dumpfheit nach seinem Verlust verzog sich und der Schmerz traf mich aus dem   Nichts, mein K�rper kr�mmte sich zusammen und wurde von Schluchzern gesch�ttelt. <emphasis>Wo bist du?, </emphasis>schrie es in mir. <emphasis>Wohin bist du gegangen? </emphasis>Nat�rlich   bekam ich nie eine Antwort.</p><p>Der Distrikt hatte uns zum Ausgleich f�r seinen Tod einen kleinen Geldbetrag   zugewiesen, genug, um einen Monat der Trauer zu �berstehen. Danach wurde   erwartet, dass meine Mutter sich eine Arbeit suchte. Aber das tat sie nicht. Sie   tat gar nichts, sie sa� nur auf dem Stuhl, noch h�ufiger kauerte sie in Decken   geh�llt auf ihrem Bett, den Blick in die Ferne gerichtet. Ab und zu kam   Bewegung in sie, sie stand auf, als h�tte sie dringend etwas zu erledigen, nur   um dann wieder in ihre Starre zu fallen. Prims Flehen schien sie nicht zu   ber�hren.</p><p>Ich hatte entsetzliche Angst. Heute denke ich, dass meine Mutter in einer   dunklen Welt der Trauer eingeschlossen war, aber damals wusste ich nur, dass ich   nicht nur einen Vater verloren hatte, sondern auch eine Mutter. Mit elf Jahren,   Prim war sieben, �bernahm ich die Rolle des Familienoberhaupts. Ich hatte keine   Wahl. Ich kaufte unser Essen auf dem Markt, kochte es, so gut ich konnte, und   achtete darauf, dass Prim und ich einigerma�en anst�ndig aussahen. Denn wenn   bekannt geworden w�re, dass meine Mutter sich nicht mehr um uns k�mmern   konnte, dann h�tte der Distrikt uns ihr weggenommen und ins Gemeindeheim   gesteckt. Ich kannte den Anblick dieser Heimkinder aus der Schule. Die   Traurigkeit, die Male, die w�tende H�nde auf ihren Gesichtern hinterlassen   hatten, die Hoffnungslosigkeit, die ihre Schultern beugte. Davor musste ich Prim   unbedingt bewahren. Die s��e, kleine Prim, die weinte, wenn ich weinte, noch ehe   sie wusste, warum; die meiner Mutter das Haar b�rstete und flocht, bevor wir   zur Schule aufbrachen; die noch immer jeden Abend den Rasierspiegel meines   Vaters polierte, weil er den Kohlenstaub gehasst hatte, der sich auf alles im   Saum legte. Im Gemeindeheim w�rde man sie zerquetschen wie eine Wanze. Deshalb   verheimlichte ich unsere elende Lage.</p><p>Doch das Geld wurde knapp und langsam, aber sicher verhungerten wir. Man   kann es nicht anders sagen. Wenn ich nur bis Mai durchhalten w�rde, redete ich   mir ein, nur bis zum 8. Mai, dem Tag, an dem ich zw�lf wurde, dann k�nnte ich   mich f�r die Tesserasteine eintragen und das wertvolle Getreide und �l   bekommen, um uns zu ern�hren. Nur dass es bis dahin noch einige Wochen waren.   Bis dahin konnten wir auch schon tot sein.</p><p>Hungertod ist kein ungew�hnliches Schicksal in Distrikt 12. Wer h�tte die   Opfer nicht gesehen? �ltere Leute, die nicht arbeiten k�nnen. Kinder aus   Familien mit zu vielen hungrigen M�ulern. Verletzte aus den Minen. Sie streifen   durch die Stra�en. Und eines Tages sieht man sie reglos an einer Wand sitzen   oder auf der Weide liegen, man h�rt das Wehklagen aus einem Haus und die   Friedensw�chter werden herbeigerufen, um die Leiche abzuholen. Offiziell ist nie   Hunger die Todesursache. Immer ist es Grippe, K�lte, Lungenentz�ndung. Aber   davon l�sst sich niemand t�uschen.</p><p>Am Nachmittag meiner Begegnung mit Peeta Mellark fiel eiskalter Regen in   Str�men. Ich war in der Stadt gewesen und hatte versucht, Prims abgewetzte   Babysachen auf dem Markt zu verkaufen, aber es gab keine Abnehmer. Obwohl ich   mit meinem Vater schon ein paarmal auf dem Hob gewesen war, traute ich mich   nicht allein an diesen rauen, d�steren Ort. Die alte Jagdjacke meines Vaters war   durchweicht vom Regen und ich fror bis auf die Knochen. Seit drei Tagen hatten   wir nichts als hei�es Wasser mit ein paar vertrockneten Pfefferminzbl�ttern zu   uns genommen, die ich ganz hinten in einem K�chenschrank gefunden hatte. Als   der Markt schloss, zitterte ich so heftig, dass ich mein B�ndel mit den   Babysachen in eine Schlammpf�tze fallen lie�. Ich hob es nicht auf, weil ich   Angst hatte, ich k�nnte umkippen und nicht wieder hochkommen. Und sowieso wollte   niemand die Kleider haben.</p><p>Ich konnte nicht nach Hause gehen. Zu Hause waren meine Mutter mit ihren   toten Augen und meine kleine Schwester mit den eingefallenen Wangen und   aufgesprungenen Lippen. Ich konnte nicht mit hoffnungsleeren H�nden in diesen   Raum zur�ck, in den Qualm des Feuers aus feuchten �sten, die ich am Waldrand   aufgelesen hatte, nachdem uns die Kohle ausgegangen war.</p><p>Allein stolperte ich durch eine matschige Gasse hinter den L�den, in denen   die wohlhabenden Stadtbewohner einkaufen. Die H�ndler haben die Wohnungen �ber   ihren Gesch�ften, sodass ich mich sozusagen in ihren G�rten befand. Ich   erinnere mich an die Umrisse der Beete, die noch nicht f�r das Fr�hjahr   bepflanzt waren, ein oder zwei Ziegen in einem Pferch, einen durchn�ssten Hund,   der an einen Pflock gebunden war, resigniert im Dreck zusammengekauert.</p><p>In Distrikt 12 ist jede Art von Diebstahl verboten. Darauf steht der Tod.   Aber mir kam in den Sinn, dass ich vielleicht in den M�lltonnen etwas finden   k�nnte, und die M�lltonnen waren Freiwild. Vielleicht einen Knochen beim Metzger   oder verfaultes Gem�se beim Lebensmittelh�ndler, etwas, das niemand essen   wollte au�er meiner verzweifelten Familie. Ungl�cklicherweise waren die   M�lltonnen gerade geleert worden.</p><p>Als ich beim B�cker vorbeikam, �berw�ltigte mich der Geruch von frisch   gebackenem Brot so sehr, dass mir schwindlig wurde. Die Back�fen befanden sich   im hinteren Teil des Hauses und ein goldener Schein str�mte durch die offene   K�chent�r. Gebannt von der Hitze und dem k�stlichen Duft stand ich da, bis der   Regen dazwischenkam, mit Eisfingern meinen R�cken entlangfuhr und mich ins Leben   zur�ckzwang. Ich hob den Deckel der B�ckersm�lltonne und fand sie unbarmherzig   leer.</p><p>Pl�tzlich schrie mich jemand an. Ich sah auf und erkannte die B�ckersfrau.   Ich solle weitergehen, ob sie die Friedensw�chter rufen m�sse und �berhaupt sei   sie es leid, wie diese G�ren aus dem Saum st�ndig in ihrem M�ll w�hlten. Es   waren h�ssliche Worte und ich konnte mich nicht verteidigen. Als ich vorsichtig   den Deckel wieder schloss und zur�ckwich, sah ich ihn: einen blonden Jungen, der   hinter dem R�cken seiner Mutter hervorsp�hte. Ich kannte ihn aus der Schule. Er   war in meinem Jahrgang, aber ich wusste nicht, wie er hie�. Wie auch, er war ja   immer mit den Stadtkindern zusammen. Seine Mutter ging grummelnd in die   Backstube zur�ck, er aber muss mich beobachtet haben, wie ich um den Pferch   herumging, in dem sie ihr Schwein hielten, und mich an die R�ckseite eines alten   Apfelbaums lehnte. Mir war auf einmal klar geworden, dass ich nichts mit nach   Hause bringen konnte. Meine Knie gaben nach und ich rutschte am Stamm herunter   bis zu den Wurzeln. Es war zu viel. Ich war zu krank und schwach und m�de,   unendlich m�de. <emphasis>Sollen sie doch die Friedensw�chter rufen und uns ins   Gemeindeheim bringen, </emphasis>dachte ich. <emphasis>Oder noch besser, lasst mich gleich   hier im Regen sterben.</emphasis></p><p>Aus der B�ckerei drang Geklapper, ich h�rte die Frau wieder schreien und   dann einen Schlag. Ich fragte mich, was da vorging. F��e stapften durch den   Matsch auf mich zu und ich dachte: <emphasis>Das ist sie. Sie kommt, um mich mit dem   Stock zu vertreiben. </emphasis>Aber es war nicht sie. Es war der Junge. In den Armen   trug er zwei gro�e Laibe Brot, die ins Feuer gefallen sein mussten, denn die   Kruste war schwarz verbrannt.</p><p>Seine Mutter kreischte: �Gib es den Schweinen, du Dummkopf! Warum nicht?   Kein anst�ndiger Mensch wird verbranntes Brot kaufen!�</p><p>Er begann, verbrannte Brotst�cke abzurei�en und sie in den Trog zu werfen,   als die Klingel vorn im B�ckerladen ging und die Mutter verschwand, um einen   Kunden zu bedienen.</p><p>Der Junge beachtete mich nicht, doch ich beobachtete ihn. Wegen des Brots,   wegen der roten Strieme, die sich an seinem Wangenknochen abzeichnete. Womit   hatte sie ihn geschlagen? Meine Eltern schlugen uns nie. Ich konnte mir das   nicht mal vorstellen. Der Junge schaute kurz zur�ck zur B�ckerei, als wollte er   nachsehen, ob die Luft rein war. Dann wandte er sich wieder dem Schwein zu und   warf einen Laib Brot in meine Richtung. Der zweite folgte gleich danach, dann   stapfte er zur�ck in die B�ckerei und schloss leise die K�chent�r hinter   sich.</p><p>Ungl�ubig starrte ich auf die Brotlaibe. Abgesehen von den verbrannten   Stellen waren sie vollkommen in Ordnung. Sollten die etwa f�r mich sein? Mussten   sie wohl. Schlie�lich lagen sie dort zu meinen F��en. Bevor irgendwer mitbekam,   was passiert war, stopfte ich mir die Laibe unter das Hemd, schlang die   Jagdjacke fest um meinen K�rper und lief schnell davon. Die Hitze des Brots   brannte sich in meine Haut, aber ich dr�ckte es nur noch fester, klammerte mich   ans Leben.</p><p>Als ich zu Hause ankam, waren die Brote ein wenig abgek�hlt, doch das Innere   war noch warm. Als ich sie auf den Tisch fallen lie�, streckte Prim die H�nde   aus und wollte sich ein St�ck herausrei�en, aber ich sagte ihr, sie solle sich   hinsetzen, zwang meine Mutter, zu uns an den Tisch zu kommen, und goss hei�en   Tee ein. Ich kratzte die schwarzen Stellen ab und schnitt das Brot in Scheiben.   Wir a�en einen ganzen Laib, Scheibe f�r Scheibe. Es war gutes, herzhaftes Brot,   gef�llt mit Rosinen und N�ssen.</p><p>Ich h�ngte meine Sachen zum Trocknen vors Feuer, krabbelte ins Bett und fiel   in einen traumlosen Schlaf. Erst am n�chsten Morgen kam mir der Gedanke, dass   der Junge das Brot vielleicht absichtlich zu lange im Ofen gelassen hatte. Die   Laibe ins Feuer geworfen hatte, obwohl er wusste, dass er daf�r bestraft werden   w�rde, und sie dann mir gegeben hatte. Ich verwarf den Gedanken. Bestimmt war es   ein Missgeschick gewesen. Weshalb h�tte er das tun sollen? Er kannte mich doch   gar nicht. Trotzdem, allein dass er mir das Brot zugeworfen hatte, war ungeheuer   freundlich gewesen und h�tte ihm sicher eine Tracht Pr�gel eingebracht, wenn er   dabei entdeckt worden w�re. Ich konnte mir sein Tun nicht erkl�ren.</p><p>Zum Fr�hst�ck a�en wir Brotscheiben und gingen dann in die Schule. Es war,   als w�re �ber Nacht der Fr�hling ausgebrochen. Warme milde Luft, flauschige   Wolken. In der Schule kam ich im Flur an dem Jungen vorbei, seine Wange war   geschwollen und er hatte ein blaues Auge. Er war mit seinen Freunden zusammen   und lie� sich nicht anmerken, dass er mich kannte. Doch als ich am Nachmittag   Prim abholte und mich auf den Heimweg machte, sah ich, dass er mich �ber den   Schulhof hinweg ansah. Eine Sekunde lang trafen sich unsere Blicke, dann wandte   er das Gesicht ab. Verlegen senkte ich den Blick und in diesem Augenblick sah   ich ihn. Den ersten L�wenzahn des Jahres. In meinem Kopf klingelte es. Ich   dachte an die Stunden, die ich mit meinem Vater im Wald verbracht hatte, und   ich wusste, wie wir �berleben w�rden.</p><p>Bis heute verschmelzen dieser Junge, Peeta Mellark, das Brot, das mir   Hoffnung gab, und der L�wenzahn, der mich daran erinnerte, dass ich nicht   verloren war, zu einer einzigen Erinnerung. Und mehr als einmal habe ich im   Schulflur bemerkt, dass er den Blick auf mich gerichtet hatte, um dann schnell   wieder wegzuschauen. Ich habe das Gef�hl, ihm etwas zu schulden, und ich hasse   es, Leuten etwas schuldig zu sein. H�tte ich ihm irgendwann mal gedankt, dann   w�re ich jetzt vielleicht nicht so im Zwiespalt. Mehrmals habe ich daran   gedacht, es zu tun, aber irgendwie hat sich nie die richtige Gelegenheit   ergeben. Und nun wird sie sich auch nicht mehr ergeben. Denn wir werden in eine   Arena gesperrt, um einander bis zum Tod zu bek�mpfen. Wie sollte ich da ein   Dankesch�n anbringen? Es w�rde wohl nicht sehr aufrichtig klingen, wenn ich   gleichzeitig versuchte, ihm die Kehle aufzuschlitzen.</p><p>Der B�rgermeister beendet die eint�nige Lesung des Hochverratsvertrags und   gibt Peeta und mir ein Zeichen, uns die Hand zu reichen. Seine H�nde sind so   fest und warm wie die Brotlaibe damals. Peeta schaut mir direkt in die Augen und   dr�ckt meine Hand auf eine Weise, dass es sich anf�hlt wie ein beruhigender   H�ndedruck. Vielleicht ist es auch nur ein nerv�ses Zucken.</p><p>Wir wenden uns wieder der Menge zu, w�hrend die Hymne von Panem   erschallt.</p><p><emphasis>Na gut, </emphasis>denke ich. <emphasis>Wir sind vierundzwanzig. Die Wahrscheinlichkeit   ist gro�, dass ein anderer ihn t�tet, bevor ich es tue.</emphasis></p><p>Andererseits war auf die Wahrscheinlichkeit in letzter Zeit nicht besonders   viel Verlass.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>3</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Als der letzte Ton der Hymne verklingt, werden wir verhaftet. Nicht dass wir   Handschellen angelegt bek�men oder so, doch eine Schar Friedensw�chter nimmt   uns in ihre Mitte und fuhrt uns durch das Eingangstor ins Gerichtsgeb�ude.   M�glich, dass fr�her einmal Tribute versucht haben zu fliehen. Ich habe es noch   nie erlebt.</p><p>Im Geb�ude werde ich in einen Raum gef�hrt und allein gelassen. Es ist der   pr�chtigste Raum, in dem ich je war, mit dicken, breiten Teppichen, einem Sofa   und St�hlen, die mit Samt bezogen sind. Dass es Samt ist, wei� ich, weil meine   Mutter ein Kleid mit einem Kragen aus diesem Stoff hat. Ich setze mich auf das   Sofa und kann nicht anders, als mit den Fingern �ber den Stoff zu streichen. Es   beruhigt mich, w�hrend ich versuche, mich auf die folgende Stunde vorzubereiten:   So viel Zeit steht den Tributen zur Verf�gung, um von ihren Lieben Abschied zu   nehmen. Ich darf mich nicht gehen lassen, darf nicht mit verquollenen Augen und   einer roten Nase hier heraustreten. Weinen kommt nicht infrage. Am Bahnhof   werden weitere Kameras aufgebaut sein.</p><p>Zuerst erscheinen meine Schwester und meine Mutter. Ich strecke die H�nde   nach Prim aus und sie klettert auf meinen Scho�, legt die Arme um meinen Hals,   den Kopf auf meine Schulter, wie fr�her, als sie noch ein Kleinkind war. Meine   Mutter setzt sich neben mich und nimmt uns in die Arme. Ein paar Minuten lang   sagen wir nichts. Dann liste ich alles auf, was sie erledigen m�ssen, jetzt, da   ich es nicht mehr f�r sie erledigen kann.</p><p>Prim soll auf keinen Fall Tesserasteine nehmen. Wenn sie sparsam sind, k�nnen   sie mit dem �ber die Runden kommen, was der Verkauf von Milch und K�se von Prims   Ziege und das kleine Apothekergesch�ft einbringen, das meine Mutter f�r die   Leute aus dem Saum betreibt. Gale wird ihr die Kr�uter besorgen, die sie nicht   selbst zieht, aber sie muss sie ihm ganz genau beschreiben, weil er sich nicht   so gut auskennt wie ich. Er wird ihnen auch Wild bringen - vor einem Jahr haben   er und ich dar�ber eine Abmachung getroffen - und wahrscheinlich nichts daf�r   verlangen; sie sollten sich jedoch erkenntlich zeigen, mit Milch oder   Arzneien.</p><p>Ich dr�nge Prim nicht, jagen zu lernen. Ich habe mehrmals versucht, es ihr   beizubringen, und es war eine Katastrophe. Der Wald machte ihr Angst und immer,   wenn ich ein Tier schoss, fing sie an zu weinen und redete davon, dass wir es   heilen k�nnten, wenn wir es nur schnell genug nach Hause br�chten. Aber auf   ihre Ziege versteht sie sich, deshalb beschr�nke ich mich darauf.</p><p>Als ich mit den Anweisungen bez�glich Brennstoff, Tauschgesch�ften und   Schule fertig bin, wende ich mich meiner Mutter zu und packe sie hart am Arm.   �H�r zu. H�rst du mir zu?� Sie nickt, erschrocken �ber meine Eindringlichkeit.   Bestimmt wei� sie, was jetzt kommt. �Du kannst dich nicht wieder verkriechen�,   sage ich.</p><p>Meine Mutter schaut zu Boden. �Ich wei�. Ich werde es nicht tun. Damals   konnte ich nicht anders ��</p><p>�Diesmal wirst du anders k�nnen. Du kannst dich nicht ausklinken und Prim   sich selbst �berlassen. Ich werde nicht mehr da sein, um euer �berleben zu   sichern. Ganz gleich, was passiert. Was immer du auf dem Bildschirm siehst. Du   musst mir versprechen, dass du das durchstehst!� Meine Stimme ist zu einem   Schrei geworden. In diesem Schrei liegt all die Wut, all die Angst, die ich   damals empfand, als sie uns verlassen hat.</p><p>Sie befreit sich aus meinem Griff, jetzt ebenfalls w�tend. �Ich war krank.   H�tte ich die Arzneien gehabt, die ich jetzt habe, h�tte ich mich selbst   kuriert.�</p><p>M�glich, dass sie wirklich krank war. Ich habe gesehen, wie sie sp�ter Leute   aus einem Zustand l�hmender Trauer zur�ck ins Leben gef�hrt hat. Vielleicht ist   es tats�chlich eine Krankheit. Aber wir k�nnen sie uns nicht leisten.</p><p>�Dann nimm diese Arzneien. Und pass auf Prim auf.�, sage ich.</p><p>�Ich pass schon selbst auf mich auf, Katniss�, sagt Prim und umschlie�t mein   Gesicht mit den H�nden. �Aber du musst auch vorsichtig sein. Du bist so schnell   und mutig. Vielleicht kannst du gewinnen.�</p><p>Ich kann nicht gewinnen. Das muss Prim tief in ihrem Innern wissen. Der   Wettkampf wird meine F�higkeiten bei Weitem �bersteigen. Kinder aus   wohlhabenderen Distrikten, in denen der Sieg eine enorme Ehre darstellt, die ihr   ganzes Leben lang darauf gedrillt wurden. Jungen, die doppelt oder dreimal so   schwer sind wie ich. M�dchen, die zwanzig verschiedene Arten kennen, jemanden   mit dem Messer zu t�ten. Ja, es wird auch Leute wie mich geben. Leute, die   aussortiert werden m�ssen, bevor der eigentliche Spa� losgeht.</p><p>�Vielleicht�, sage ich. Ich kann ja schlecht meiner Mutter sagen, sie solle   durchhalten, wenn ich mich gleichzeitig selbst schon aufgegeben habe. Abgesehen   davon liegt es nicht in meiner Natur, mich kampflos zu ergeben, selbst wenn die   Hindernisse un�berwindlich scheinen. �Dann w�ren wir so reich wie   Haymitch.�</p><p>�Mir ist es egal, ob wir reich sind. Ich m�chte nur, dass du wieder nach   Hause kommst. Du versuchst es, ja? Ganz, ganz doli?�, fragt Prim.</p><p>�Ganz, ganz doli. Ich schw�re es�, sage ich. Und ich wei�, wegen Prim werde   ich es auch wirklich versuchen m�ssen.</p><p>Dann erscheint ein Friedensw�chter in der T�r zum Zeichen, dass unsere Zeit   vor�ber ist, und wir umarmen uns so fest, dass es wehtut, und alles, was ich   sagen kann, ist: �Ich hab euch lieb. Ich hab euch beide lieb.� Sie sagen, dass   sie mich auch lieb haben, und dann m�ssen sie hinausgehen und die T�r wird   geschlossen. Ich vergrabe den Kopf in einem der Samtkissen, als k�nnte ich   dadurch alles ausblenden.</p><p>Noch jemand betritt den Raum, und als ich aufblicke, sehe ich zu meiner   �berraschung den B�cker, Peeta Mellarks Vater. Ich kann kaum glauben, dass er   mich besuchen kommt. Immerhin werde ich schon bald versuchen, seinen Sohn zu   t�ten. Aber wir kennen uns fl�chtig und Prim kennt er sogar noch besser. Wenn   sie auf dem Hob ihren Ziegenk�se verkauft, legt sie ihm immer zwei zur�ck und er   gibt ihr daf�r eine gro�z�gige Menge Brot. Wenn wir mit ihm handeln, achten wir   stets darauf, dass seine Frau, die Hexe, nicht in der N�he ist, weil er dann   sehr viel entgegenkommender ist. Ich bin mir sicher, dass er seinen Sohn   niemals so geschlagen h�tte, wie sie es wegen des verbrannten Brots getan hat.   Doch weshalb ist er gekommen?</p><p>Der B�cker setzt sich verlegen auf die Kante eines Pl�schstuhls. Ein gro�er,   breitschultriger Mann mit Brandnarben von den vielen Jahren am Backofen. Er muss   sich eben erst von seinem Sohn verabschiedet haben.</p><p>Er zieht eine wei�e Pappschachtel aus der Jackentasche und reicht sie mir.   Ich �ffne sie und finde Pl�tzchen darin. Ein Luxus, den wir uns niemals leisten   k�nnen.</p><p>�Danke�, sage ich. Der B�cker ist auch unter angenehmeren Umst�nden kein   gespr�chiger Mensch, aber heute findet er gar keine Worte. �Ich habe heute   Morgen Ihr Brot gegessen. Mein Freund Gale hat Ihnen ein Eichh�rnchen daf�r   gegeben.� Er nickt, als w�rde er sich an das Eichh�rnchen erinnern. �Kein guter   Tausch f�r Sie�, sage ich. Er zuckt die Achseln, als w�re das vollkommen   belanglos.</p><p>Dann f�llt mir nichts mehr ein und deshalb sitzen wir schweigend da, bis ein   Friedensw�chter ihn zum Gehen auffordert. Er steht auf und r�uspert sich. �Ich   werde auf das kleine M�dchen aufpassen. Du kannst dich darauf verlassen, dass   sie zu essen hat.�</p><p>Bei diesen Worten sp�re ich, wie mir ein wenig leichter ums Herz wird. Mit   mir treiben die Leute Handel, aber Prim haben sie aufrichtig gern. Vielleicht so   gern, dass sie �berlebt.</p><p>Mein n�chster Besuch kommt ebenfalls unerwartet. Es ist Madge und sie kommt   geradewegs auf mich zu. Sie ist nicht weinerlich und sie lenkt auch nicht ab,   stattdessen liegt eine Dringlichkeit in ihrer Stimme, die mich �berrascht. �Du   darfst eine Sache aus diesem Distrikt in die Arena mitnehmen. Etwas, das dich   an zu Hause erinnert. M�chtest du das hier tragen?� Sie h�lt mir die runde   Goldbrosche hin, die sie an ihrem Kleid hatte. Ich habe vorher nicht besonders   darauf geachtet, aber jetzt sehe ich, dass es ein kleiner fliegender Vogel   ist.</p><p>�Deine Brosche?�, sage ich. Ein Andenken an meinen Distrikt zu tragen ist   wohl das Letzte, was mir einfallen w�rde.</p><p>�Hier, ich stecke sie dir ans Kleid, einverstanden?� Madge wartet die Antwort   nicht ab, sie beugt sich einfach vor und befestigt den Vogel an meinem Kleid.   �Versprichst du mir, dass du ihn in der Arena tragen wirst, Katniss?�, fragt   sie. �Versprichst du�s mir?�</p><p>�Ja�, sage ich. Pl�tzchen. Eine Brosche. Was f�r Geschenke ich heute bekomme.   Und da kommt schon das n�chste. Madge dr�ckt mir einen Kuss auf die Wange. Dann   ist sie fort und ich sitze da und denke, dass Madge vielleicht die ganze Zeit   �ber wirklich meine Freundin war.</p><p>Zu guter Letzt kommt auch Gale, und selbst wenn es keine romantischen Gef�hle   zwischen uns gibt, z�gere ich doch nicht, ihm in die ge�ffneten Arme zu fallen.   Sein K�rper ist mir vertraut - die Art, wie er sich bewegt, der Geruch nach   Holzrauch, sogar sein Herzklopfen kenne ich von den stillen Momenten einer Jagd   -, aber es ist das erste Mal, dass ich ihn richtig sp�re, schlank und   muskul�s.</p><p>�H�r zu�, sagt er. �An ein Messer zu kommen d�rfte kein Problem sein, und   wenn es irgend geht, musst du dir einen Bogen besorgen. Das ist deine gr��te   Chance.�</p><p>�Bogen gibt es aber nicht immer�, sage ich und muss an das Jahr denken, als   es nur schreckliche Streitkeulen mit Stacheln gab, mit denen die Tribute   aufeinander eindreschen mussten, bis zum Tod.</p><p>�Dann mach dir einen�, sagt Gale. �Ein schwacher Bogen ist immer noch besser   als keiner.�</p><p>Ich habe versucht, die Bogen meines Vaters nachzubauen, mit wenig Erfolg. Es   ist nicht so einfach. Sogar ihm ist manchmal ein Bogen misslungen und er musste   ihn wegwerfen.</p><p>�Ich wei� nicht mal, ob es da Holz gibt�, sage ich. In einem Jahr haben sie   die Tribute in einer Landschaft ausgesetzt, in der es nur Ger�ll und Sand und   Gestr�pp gab. Das fand ich besonders schrecklich. Viele der K�mpfer wurden von   Giftschlangen gebissen oder vor Durst wahnsinnig.</p><p>�Holz gibt es fast immer�, sagt Gale. �Seit dem Jahr, in dem die H�lfte   erfroren ist. Das war n�mlich nicht unterhaltsam genug.�</p><p>Das stimmt. Einmal mussten wir den Spielern der Hungerspiele dabei zusehen,   wie sie nachts reihenweise erfroren. Man konnte sie kaum sehen, denn sie hatten   sich wie B�lle zusammengerollt und nirgendwo gab es Holz f�r Feuer, Fackeln   oder �hnliches. All diese stillen, unblutigen Tode wurden im Kapitol als wenig   spannungsreich empfunden und seitdem hat es f�r gew�hnlich Holz gegeben, um   Feuer zu machen.</p><p>�Ja, normalerweise gibt es welches�, sage ich.</p><p>�Es ist eine Jagd, Katniss. Und du bist die beste J�gerin, die ich kenne�,   sagt Gale.</p><p>�Es ist keine Jagd. Die anderen sind bewaffnet. Sie k�nnen denken�, sage   ich.</p><p>�Wie du. Aber du hast mehr �bung. Echte �bung�, sagt er. �Du wei�t, wie man   t�tet.�</p><p>�Aber nicht Menschen�, sage ich.</p><p>�Was soll daran gro� anders sein?�, sagt Gale grimmig.</p><p>Das Schlimme ist, dass es �berhaupt nicht anders sein wird. Ich muss nur   vergessen, dass es Menschen sind.</p><p>Allzu bald kommen die Friedensw�chter zur�ck. Gale bittet um mehr Zeit, aber   sie f�hren ihn fort und ich werde panisch. �Lass sie nicht verhungern!�, schreie   ich und umklammere seine Hand.</p><p>�Ich verspreche es! Du wei�t, ich werde sie nicht vergessen, Katniss, denk   dran, ich ��, sagt er, aber sie rei�en uns auseinander und schlagen die T�r   zu und ich werde nie erfahren, woran ich denken soll.</p><p>Es ist eine kurze Fahrt vom Gerichtsgeb�ude zum Bahnhof. Ich habe noch nie in   einem Auto gesessen. Und bin nur ganz selten in einem Wagen gefahren. Im Saum   bewegt man sich zu Fu� fort.</p><p>Gut, dass ich nicht geweint habe. Im Bahnhof wimmelt es von Reportern mit   ihren insektenartigen Kameras, die direkt auf mein Gesicht gerichtet sind. Aber   ich habe genug �bung darin, alle Gef�hle aus meinem Gesicht zu verbannen, und   das tue ich auch jetzt. Ich betrachte mich in dem Fernseher an der Wand, der   meine Ankunft live �bertr�gt, und stelle befriedigt fest, dass ich fast   gelangweilt aussehe.</p><p>Peeta Mellark dagegen hat offenbar geweint und versucht interessanterweise   nicht, es zu verbergen. Ich frage mich sofort, ob dies seine Strategie in den   Spielen sein wird. Schwach und �ngstlich wirken, die anderen Tribute davon   �berzeugen, dass man keinerlei Konkurrenz darstellt, und sich dann als K�mpfer   outen. Das hat vor sieben Jahren bei Johanna Mason gut funktioniert, einem   M�dchen aus Distrikt 7. Sie spielte die Rolle der vertrottelten Memme so gut,   dass niemand sie beachtete, bis nur noch eine Handvoll K�mpfer �brig war. Und   dann zeigte sich, dass sie brutal t�ten konnte. Ganz sch�n clever, wie sie das   anstellte. F�r Peeta Mellark erscheint mir das allerdings nicht als geeignete   Strategie, denn er ist der Sohn eines B�ckers. Die vielen Jahre, in denen er   ausreichend zu essen hatte und Backtr�ge schleppte, haben ihn breitschultrig   und stark gemacht. Da muss er schon verdammt viel weinen, um �bersehen zu   werden.</p><p>Ein paar Minuten lang m�ssen wir in der T�r des Zugs stehen, w�hrend die   Kameras unser Bild verschlingen, dann d�rfen wir hinein, und die T�ren   schlie�en sich barmherzig hinter uns. Sofort setzt sich der Zug in Bewegung.</p><p>Die Geschwindigkeit raubt mir anfangs den Atem. Nat�rlich bin ich noch nie   mit dem Zug gefahren, denn Reisen zwischen den Distrikten sind au�er zu   offiziell genehmigten Arbeiten verboten. In unserem Fall hei�t das haupts�chlich   Kohle transportieren. Aber dies hier ist kein gew�hnlicher Kohlezug. Es ist   einer der Hochgeschwindigkeitsz�ge mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von   380 Stundenkilometern. Unsere Reise ins Kapital wird nicht mal einen Tag   dauern.</p><p>In der Schule bekommen wir beigebracht, dass das Kapital an einem Ort   errichtet wurde, der einst die Roddes hie�. Distrikt 12 lag in den Appalachen,   so wurde die Region genannt. Schon vor Jahrhunderten wurde hier Kohle gef�rdert.   Weshalb unsere Bergleute heute umso tiefer graben m�ssen.</p><p>Irgendwie ist in der Schule alles auf die Kohle ausgerichtet. Neben   Grundkenntnissen im Lesen und Rechnen ist unsere Bildung �berwiegend   kohleorientiert. Abgesehen von der w�chentlichen Vorlesung �ber die Geschichte   von Panem, wo haupts�chlich dar�ber geschwafelt wird, was wir dem Kapitol   verdanken. Ich wei�, dass sie nicht die ganze Geschichte erz�hlen, dass es mehr   geben muss, einen authentischen Bericht �ber das, was w�hrend des Aufstands   geschehen ist. Aber ich verschwende nicht viel Zeit, um dar�ber nachzudenken.   Was immer die Wahrheit sein mag, ich kann nicht erkennen, wie sie mir dabei   helfen sollte, Essen auf den Tisch zu bekommen.</p><p>Der Zug f�r die Tribute ist noch schicker als der Raum im Gerichtsgeb�ude.   Jeder von uns bekommt ein eigenes Schlafabteil mit Ankleideraum und Bad mit   flie�end warmem und kaltem Wasser. Wenn wir zu Hause warmes Wasser haben   wollen, m�ssen wir welches auf dem Herd kochen.</p><p>Es gibt Schubladen voll mit feiner Kleidung und Effie Trinket sagt, ich kann   tun, was ich will, anziehen, was ich will, alles steht zu meiner Verf�gung.   Hauptsache, in einer Stunde bin ich fertig f�rs Abendessen. Ich sch�le mich aus   dem Kleid meiner Mutter und stelle mich unter die hei�e Dusche. Noch nie im   Leben habe ich geduscht. Es ist, als w�rde man unter einem Sommerregen stehen,   nur hei�er. Ich ziehe eine dunkelgr�ne Bluse und eine Hose an.</p><p>In letzter Minute f�llt mir Madges kleine Goldbrosche ein. Zum ersten Mal   schaue ich sie mir genauer an. Als h�tte jemand erst einen kleinen goldenen   Vogel gestaltet und dann einen Ring drum herum befestigt. Der Vogel ist nur an   den Fl�gelspitzen mit dem Ring verbunden. Ich erkenne ihn sofort. Ein   Spottt�lpel.</p><p>Lustige V�gel und f�r das Kapitol so etwas wie ein Schlag ins Gesicht. Zu   Zeiten der Rebellion hatte das Kapitol eine Reihe gentechnisch ver�nderter Tiere   gez�chtet, um sie als Waffen einzusetzen. Eines davon war ein Vogel namens   Schnattert�lpel, der ganze Unterhaltungen zwischen Menschen im Ged�chtnis   speichern und wiedergeben konnte. Sie waren ausschlie�lich m�nnlich und fanden   wie Brieftauben den Weg nach Hause. Sie wurden in den Gegenden ausgesetzt, wo   sich die Feinde des Kapitals versteckt hielten. Wenn die V�gel die Worte   aufgeschnappt hatten, sollten sie zu Sammelpunkten zur�ckfliegen, wo alles   aufgezeichnet wurde. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Leute herausfanden,   was da vor sich ging und wie ihre privaten Unterhaltungen �bertragen wurden.   Dann allerdings f�tterten die Rebellen die V�gel mit lauter L�gen und das   Kapitol guckte dumm aus der W�sche. Die Sammelpunkte wurden geschlossen und die   V�gel zum Sterben in die Wildnis entlassen.</p><p>Nur dass sie nicht starben. Stattdessen paarten sich die Schnattert�lpel mit   weiblichen Spottdrosseln und schufen eine ganz neue Art, die sowohl   Vogelgezwitscher als auch menschliche Melodien wiedergeben konnte. Diese Tiere   hatten die F�higkeit verloren, W�rter zu artikulieren, doch sie konnten immer   noch eine Reihe menschlicher Laute nachahmen, vom hohen Getr�ller eines Kindes   bis zur tiefen Stimme eines Mannes. Und sie konnten Lieder wiedergeben. Nicht   nur ein paar T�ne, sondern ganze Lieder mit mehreren Strophen, man musste nur   die Geduld aufbringen und sie ihnen vorsingen - und die Stimme musste ihnen   gefallen.</p><p>Die Spottt�lpel waren die Lieblingsv�gel meines Vaters. Wenn wir auf die Jagd   gingen, pfiff oder sang er ihnen komplizierte Lieder vor und nach einer   h�flichen Pause sangen sie sie immer nach. Nicht jeder wird mit solchem Respekt   behandelt. Aber wenn mein Vater sang, verstummten alle V�gel in der Gegend und   lauschten. Seine Stimme war so sch�n, voll und klar und so lebendig, dass man   zugleich lachen und weinen wollte. Nachdem er fort war, konnte ich mich nicht   �berwinden, in seine Fu�stapfen zu treten. Trotzdem hat der kleine Vogel etwas   Tr�stliches. Als h�tte ich ein St�ck von meinem Vater dabei, das mich besch�tzt.   Ich befestige die Brosche an meiner Bluse und mit dem dunkelgr�nen Stoff als   Hintergrund sieht es fast so aus, als w�rde der Spottt�lpel zwischen B�umen   hindurchfliegen.</p><p>Effie Trinket kommt, um mich zum Abendessen abzuholen. Ich folge ihr durch   den engen, schaukelnden Gang in einen Speisewagen mit gl�nzender Wandt�felung.   Das Geschirr auf dem Tisch ist hauchd�nn. Peeta Mellark sitzt bereits da und   wartet auf uns, der Platz neben ihm ist leer.</p><p>�Wo ist Haymitch?�, fragt Effie Trinket fr�hlich.</p><p>�Als ich ihn das letzte Mal sah, wollte er ein Nickerchen machen�, antwortet   Peeta.</p><p>�War ja auch ein anstrengender Tag�, sagt Effie Trinket. Ich glaube, sie ist   erleichtert �ber Haymitchs Abwesenheit. Wer k�nnte es ihr verdenken?</p><p>Das Abendessen hat mehrere G�nge. Eine dicke M�hrensuppe, gr�ner Salat,   Lammkoteletts mit Kartoffelp�ree, K�se und Obst, Schokoladenkuchen. Die ganze   Zeit ermahnt Effie Trinket uns, noch ein wenig Platz �brig zu lassen, weil noch   mehr komme. Ich schlage mir trotzdem den Bauch voll, denn so gut und so   reichlich habe ich noch nie gegessen. Au�erdem ist es bestimmt nicht schlecht,   wenn ich bis zu den Hungerspielen ein paar Pfunde zulege.</p><p>�Immerhin habt ihr beide anst�ndige Manieren�, sagt Effie Trinket nach dem   Hauptgang. �Das Paar vom letzten Jahr a� alles mit den H�nden, wie die Wilden.   Das hat meine Verdauung v�llig durcheinandergebracht.�</p><p>Das Paar vom letzten Jahr waren zwei Kinder aus dem Saum, die nie, nicht   einen Tag in ihrem Leben, genug zu essen gehabt hatten. Und wenn sie zu essen   hatten, waren Tischmanieren mit Sicherheit das Letzte, woran sie dachten. Peeta   ist B�ckersohn. Prim und ich haben von Mutter beigebracht bekommen, wie man   anst�ndig isst, und deshalb kann ich tats�chlich mit Messer und Gabel umgehen.   Aber ich finde Effie Trinkets Kommentar so abscheulich, dass ich den Rest der   Mahlzeit absichtlich mit den H�nden verspeise. Dann wische ich mir die H�nde an   der Tischdecke ab. Da wird sie ein wenig schmallippig.</p><p>Jetzt, nachdem das Essen beendet ist, habe ich M�he, es bei mir zu behalten.   Peeta ist auch ein bisschen gr�n im Gesicht. Aber wenn ich Greasy Saes Mischung   aus M�usefleisch, Schweineinnereien und Baumrinde - eine Winterspezialit�t -   runterkriege, dann werde ich hier auch keine Schw�che zeigen.</p><p>Wir wechseln in ein anderes Abteil, um die Zusammenfassung der Ernten in   ganz Panem anzuschauen. Sie verteilen sie �ber den ganzen Tag, sodass es den   Zuschauern m�glich ist, alles live mitzuerleben, aber dazu sind sowieso nur die   Bewohner des Kapitols in der Lage. Von ihnen muss ja auch keiner bei einer   Ernte dabei sein.</p><p>Nacheinander sehen wir die anderen Ernten, h�ren die Namen, sehen   Freiwillige vortreten oder, was h�ufiger ist, auch nicht. Wir betrachten die   Gesichter der Kinder, die unsere Konkurrenten sein werden. Ein paar bleiben mir   besonders im Ged�chtnis. Ein riesenhafter Junge aus Distrikt 2, der nach vorn   st�rzt, um sich freiwillig zu melden. Ein M�dchen mit Fuchsgesicht und seidig   gl�nzendem Haar aus Distrikt 5. Ein Junge mit verkr�ppeltem Fu� aus Distrikt 10.   Und, am ergreifendsten: ein zw�lfj�hriges M�dchen aus Distrikt 11. Ihre Haut und   ihre Augen sind dunkelbraun, aber in Gr��e und Auftreten ist sie Prim sehr   �hnlich. Doch als sie die B�hne erklimmt und nach Freiwilligen gefragt wird, ist   nur der Wind zu h�ren, der durch die bauf�lligen Geb�ude ringsum pfeift. Niemand   ist bereit, ihren Platz einzunehmen.</p><p>Zuletzt wird Distrikt 12 gezeigt. Wie Prim ausgerufen wird und ich nach vorn   renne und mich freiwillig melde. Die Verzweiflung in meiner Stimme ist   un�berh�rbar, w�hrend ich Prim hinter mich schiebe - als h�tte ich Angst, sie   w�rden mich nicht h�ren und Prim mitnehmen. Aber nat�rlich h�ren sie mich doch.   Ich sehe, wie Gale Prim von mir wegzieht und wie ich auf die B�hne gehe. Die   Kommentatoren sind unsicher, was sie dazu sagen sollen, dass die Zuschauer nicht   applaudieren wollen. Der stille Gru�. Einer sagt, Distrikt 12 sei immer schon   ein wenig r�ckst�ndig gewesen, wobei lokale Br�uche durchaus auch ihren Charme   haben k�nnten. Wie bestellt f�llt Haymitch von der B�hne, woraufhin sie   �bertrieben st�hnen. Peetas Name wird gezogen und er nimmt schweigend seinen   Platz ein. Wir reichen uns die H�nde. Schnitt auf die Hymne und die Aufzeichnung   ist zu Ende.</p><p>Effie Trinket �rgert sich �ber den Zustand ihrer Per�cke.</p><p>�Euer Mentor muss noch viel �ber Moderation lernen. Und dar�ber, wie man sich   im Fernsehen benimmt.�</p><p>Da lacht Peeta pl�tzlich auf. �Er war betrunken�, sagt er. �Er ist jedes Jahr   betrunken.�</p><p>�Jeden Tag�, f�ge ich hinzu. Ich kann mir ein kleines Grinsen nicht   verkneifen. Bei Effie Trinket klingt es so, als h�tte Haymitch nur ein bisschen   raue Manieren, die sich mit ein paar guten Tipps korrigieren lie�en.</p><p>�Ja�, faucht Effie Trinket. �Merkw�rdig, dass ihr beide das am�sant findet.   Vergesst nicht, dass euer Mentor bei diesen Spielen eure Rettungsleine zur Welt   ist. Er ist derjenige, der euch ber�t, eure Sponsoren organisiert und bestimmt,   wann ihr eure Geschenke erhaltet. Haymitch kann f�r euch den Unterschied   zwischen Leben und Tod bedeuten!�</p><p>Genau in diesem Moment kommt Haymitch ins Abteil getorkelt. �Hab ich das   Abendessen verpasst?�, lallt er. Dann erbricht er sich auf den kostbaren   Teppich und f�llt mitten in die Sauerei.</p><p>�Lacht ihr nur!�, sagt Effie Trinket. In ihren spitzen Schuhen h�pft sie um   den See aus Erbrochenem herum und fl�chtet aus dem Waggon.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>4</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Ein paar Sekunden lang sehen Peeta und ich dabei zu, wie unser Mentor   versucht, sich aus dem ekelhaften Schleim zu erheben, der aus seinem Bauch   gekommen ist. Von dem Gestank nach Erbrochenem und reinem Alkohol kommt mir fast   das Abendessen hoch. Wir tauschen einen Blick. Von Haymitch ist wirklich nicht   viel zu erwarten, aber in einem hat Effie Trinket recht: Wenn wir erst mal in   der Arena sind, ist er alles, was wir haben. Wie auf ein Zeichen nehmen Peeta   und ich Haymitch bei den Armen und helfen ihm auf die F��e.</p><p>�Bin ich gestolpert?�, fragt Haymitch. �Das riecht aber �bel.� Er wischt sich   mit der Hand �ber die Nase und beschmiert dabei sein Gesicht mit   Erbrochenem.</p><p>�Wir bringen Sie in Ihr Abteil�, sagt Peeta. �Ein bisschen sauber   machen.�</p><p>Halb geleiten, halb tragen wir Haymitch in sein Abteil zur�ck. Da wir ihn   schlecht auf der bestickten Bettdecke absetzen k�nnen, hieven wir ihn in die   Badewanne und stellen die Dusche an. Er merkt es kaum.</p><p>�Ist gut�, sagt Peeta zu mir. �Den Rest �bernehme ich.� Unwillk�rlich bin ich   ein bisschen dankbar, denn ich habe nicht die geringste Lust, Haymitch   auszuziehen, das Erbrochene aus seinem Brusthaar zu waschen und ihn ins Bett zu   verfrachten. Vielleicht versucht Peeta einen guten Eindruck zu machen, damit er   bei den Spielen Haymitchs Favorit ist. Aber so, wie es Haymitch jetzt geht, wird   er sich morgen an gar nichts mehr erinnern k�nnen.</p><p>�In Ordnung�, sage ich. �Ich kann einem von den Kapitolleuten Bescheid sagen,   damit er euch hilft.� Im Zug gibt es jede Menge davon. Sie kochen f�r uns. Sie   bedienen uns. Sie bewachen uns. Es ist ihre Aufgabe, sich um uns zu   k�mmern.</p><p>�Nein. Ich will keinen von denen�, sagt Peeta.</p><p>Ich nicke und gehe in mein Abteil. Ich kann verstehen, wie Peeta f�hlt. Ich   kann den Anblick der Kapitolleute auch nicht ertragen. Aber wir k�nnten uns ein   bisschen r�chen, wenn wir ihnen Haymitch aufs Auge dr�cken w�rden. Deshalb   gr�bele ich dar�ber nach, weshalb Peeta darauf besteht, sich pers�nlich um   Haymitch zu k�mmern, und pl�tzlich denke ich: <emphasis>Weil er ein guter Mensch ist.   Genau wie damals, als er mir das Brot geschenkt hat.</emphasis></p><p>Der Gedanke l�sst mich erstarren. Ein guter Peeta Mellark ist f�r mich sehr   viel gef�hrlicher als ein b�ser. Gute Menschen haben es an sich, dass sie sich   bei mir einschleichen und einnisten. Das darf ich bei Peeta nicht zulassen.   Nicht angesichts dessen, was uns bevorsteht. Ich beschlie�e, dem B�ckersohn ab   sofort m�glichst aus dem Weg zu gehen.</p><p>Als ich zur�ck in mein Abteil komme, legt der Zug einen Tankstopp ein.   Schnell �ffne ich das Fenster, werfe die Pl�tzchen, die Peetas Vater mir   geschenkt hat, hinaus und knalle das Fenster zu. Schluss damit. Schluss mit den   beiden.</p><p>Zu meinem Ungl�ck zerplatzt die Schachtel mit den Pl�tzchen mitten in einer   Ansammlung von L�wenzahn an den Gleisen. Nur ganz kurz sehe ich das Bild, denn   der Zug setzt sich wieder in Bewegung, aber das gen�gt. Es gen�gt, um mich an   den anderen L�wenzahn vor vielen Jahren auf dem Schulhof zu erinnern �</p><p>Ich hatte den Blick gerade von Peeta Mellarks zerschundenem Gesicht gewandt,   als ich den L�wenzahn sah und pl�tzlich wusste, dass noch nicht alle Hoffnung   verloren war. Vorsichtig pfl�ckte ich ihn und lief nach Hause. Ich schnappte   mir einen Eimer, nahm Prim bei der Hand und lief mit ihr zur Weide, wo es von   dem gelbk�pfigen Kraut nur so wimmelte. Nachdem wir es dort geerntet hatten,   folgten wir dem Zaun noch �ber einen Kilometer, bis wir den Eimer mit Bl�ttern,   St�ngeln und Bl�ten vom L�wenzahn gef�llt hatten. An diesem Abend stopften wir   uns mit L�wenzahnsalat und dem Rest des B�ckerbrots voll.</p><p>�Was noch?�, fragte Prim. �K�nnen wir noch etwas finden, das man essen   kann?�</p><p>�Alles M�gliche�, versprach ich ihr. �Ich muss mich nur daran erinnern.�</p><p>Meine Mutter hatte aus der Apotheke ihrer Eltern ein altes Buch mitgebracht,   mit Tintenzeichnungen von Pflanzen auf Pergamentseiten. In akkurater Handschrift   wurden daneben die Namen, Fundstellen, Bl�tezeiten und medizinischen   Verwendungsm�glichkeiten jeder einzelnen Pflanze angegeben. Mein Vater hatte   eigene Anmerkungen hinzugef�gt. Pflanzen zum Essen, nicht zum Heilen. L�wenzahn,   Kermesbeeren, wilde Zwiebeln, Kiefern. Den Rest der Nacht gr�belten Prim und ich   �ber dem Buch.</p><p>Am n�chsten Tag gingen wir nicht in die Schule. Eine Zeit lang beschr�nkten   wir uns auf die Weide, aber schlie�lich nahm ich meinen Mut zusammen und kroch   unter dem Zaun hindurch.</p><p>Es war das erste Mal, dass ich allein dort war, ohne dass die Waffen meines   Vaters mich besch�tzten. Doch in einem hohlen Baum fand ich den kleinen Bogen   und die Pfeile, die er f�r mich gemacht hatte. An diesem Tag habe ich mich   wahrscheinlich kaum zwanzig Meter in den Wald hineingewagt. Die meiste Zeit sa�   ich hoch oben im Ge�st einer alten Eiche und hoffte darauf, dass Wild vorbeikam.   Nach mehreren Stunden hatte ich gro�es Gl�ck und erwischte ein Kaninchen. Ich   hatte schon einige Kaninchen geschossen, fr�her, unter Anleitung meines Vaters.   Aber dieses hier hatte ich ganz allein erlegt.</p><p>Seit Monaten hatten wir kein Fleisch mehr gegessen. Der Anblick des   Kaninchens schien in meiner Mutter etwas wachzur�tteln. Sie raffte sich auf, zog   dem Tier das Fell ab und bereitete aus dem Fleisch und Kr�utern, die Prim   gesammelt hatte, einen Eintopf. Dann wirkte sie verwirrt und ging zu Bett, aber   als der Eintopf fertig war, n�tigten wir sie, eine Schale davon zu essen.</p><p>Der Wald wurde unser Retter und jeden Tag ging ich ein wenig tiefer hinein.   Anfangs war es m�hsam, aber ich war entschlossen, uns zu ern�hren. Ich stahl   Eier aus Nestern, fing Fische in Netzen, konnte manchmal ein Eichh�rnchen oder   ein Kaninchen f�r den Eintopf schie�en und sammelte die verschiedenen Pflanzen,   die zu meinen F��en aus dem Boden kamen. Mit Pflanzen ist das so eine Sache.   Viele sind essbar, aber ein Bissen von der falschen Pflanze und man ist tot.   Immer wieder verglich ich die Pflanzen, die ich erntete, mit den Abbildungen   meines Vaters. Ich sorgte daf�r, dass wir �berlebten.</p><p>Anfangs floh ich beim leisesten Anzeichen von Gefahr, einem fernen Geheul,   dem unerkl�rlichen Knacken eines Asts, zur�ck zum Zaun. Irgendwann wagte ich es,   auf B�ume zu klettern, um den wilden Hunden zu entkommen; dann wurde es ihnen   schnell langweilig und sie trabten weiter. Tiefer im Waldesinnern lebten B�ren   und Raubkatzen, die den ru�igen Gestank unseres Distrikts vielleicht nicht   mochten.</p><p>Am 8. Mai jenes Jahres ging ich ins Gerichtsgeb�ude, trug mich f�r meine   Tesserasteine ein und zog meine erste Ladung Getreide und �l in Prims   Bollerwagen nach Hause. An jedem Achten eines Monats durfte ich wiederkommen.   Nat�rlich konnte ich deshalb nicht aufh�ren, zu jagen und zu sammeln. Das   Getreide reichte nicht zum �berleben und wir mussten ja auch noch andere Sachen   kaufen, Seife und Milch und Garn. Was wir nicht auf andere Weise beschaffen   konnten, tauschte ich auf dem Hob ein. Es war be�ngstigend, diesen Ort ohne   meinen Vater an meiner Seite zu betreten, aber die Leute hatten ihn respektiert,   also respektierten sie auch mich. Wild war Wild, egal, wer es geschossen hatte.   Ich verkaufte auch an den Hintert�ren der wohlhabenderen Kunden in der Stadt,   wobei ich versuchte, mich daran zu erinnern, was mein Vater mir beigebracht   hatte, und auch neue Tricks lernte. Der Metzger kaufte Kaninchen, aber keine   Eichh�rnchen. Der B�cker mochte Eichh�rnchen, nahm aber nur dann eins, wenn   seine Frau nicht in der N�he war. Der Oberste Friedensw�chter liebte Truthahn.   Der B�rgermeister a� f�r sein Leben gern Erdbeeren.</p><p>Eines Tages im Sp�tsommer sp�lte ich Geschirr in einem T�mpel, als mir die   Pflanzen auffielen, die um mich herum wuchsen. Gro�e Pflanzen mit Bl�ttern wie   Pfeilspitzen. Bl�ten mit drei wei�en Bl�tenbl�ttern. Ich kniete mich im Wasser   hin, fuhr mit den Fingern in den weichen Schlamm und zog eine Handvoll Wurzeln   heraus. Kleine bl�uliche Knollen, die nicht viel hermachen, gekocht oder   gebraten aber so gut schmecken wie Kartoffeln. �Katniss�, sagte ich laut.   Katniss, Pfeilkraut - die Pflanze, nach der ich benannt bin. Ich hatte die   Stimme meines Vaters im Ohr, wie er im Spa� sagte: �Solange du dich selbst   findest, wirst du niemals hungern.� Stundenlang w�hlte ich den Grund des T�mpels   mit meinen Zehen und einem Stock auf und sammelte die Knollen ein, die an die   Oberfl�che geschwemmt wurden. An diesem Abend schwelgten wir in Fisch und   Pfeilkrautknollen, bis wir alle, zum ersten Mal seit Monaten, satt waren.</p><p>Langsam kehrte meine Mutter zu uns zur�ck. Sie begann zu putzen und zu kochen   und etwas von dem Essen, das ich mitbrachte, f�r den Winter einzumachen. Die   Leute tauschten mit uns oder bezahlten sie f�r ihre Arzneien mit Geld. Eines   Tages h�rte ich meine Mutter singen.</p><p>Prim freute sich wahnsinnig, sie wiederzuhaben, ich jedoch blieb auf der Hut   und rechnete st�ndig damit, dass sie wieder unerreichbar w�rde. Ich traute ihr   nicht. Und ein kleiner, grimmiger Teil von mir hasste sie f�r ihre Schw�che, f�r   die Vernachl�ssigung, f�r die Monate, als sie uns im Stich gelassen hatte. Prim   verzieh ihr, aber ich hatte mich von meiner Mutter entfernt und eine Mauer   errichtet, um mich davor zu sch�tzen, dass ich sie brauchte. Zwischen uns wurde   es nie mehr so wie vorher.</p><p>Und nun werde ich sterben und das nie mehr in Ordnung bringen k�nnen. Ich   denke daran, wie ich sie heute im Gerichtsgeb�ude angeschrien habe. Aber ich   habe ihr auch gesagt, dass ich sie lieb habe. Vielleicht kommt dadurch alles   wieder ins Lot.</p><p>Eine Weile stehe ich da, starre aus dem Zugfenster und w�rde es am liebsten   wieder �ffnen, aber ich habe keine Ahnung, was bei so hoher Geschwindigkeit   passieren w�rde. In der Ferne sehe ich die Lichter eines anderen Distrikts. 7?   10? Ich wei� es nicht. Ich denke an die Leute in den H�usern, die jetzt   allm�hlich zu Bett gehen. Ich stelle mir unser Haus vor, mit den fest   zugezogenen L�den. Was sie jetzt wohl machen, meine Mutter und Prim? Haben sie   das Abendessen heruntergebracht? Die Fischsuppe und die Erdbeeren? Oder ist es   unber�hrt auf ihren Tellern liegen geblieben? Haben sie sich in dem ramponierten   alten Fernseher, der auf dem Tisch an der Wand steht, die Zusammenfassung der   Tagesereignisse angeschaut? Bestimmt sind noch mehr Tr�nen geflossen. Bewahrt   meine Mutter Haltung, ist sie stark f�r Prim? Oder driftet sie schon ab und l�dt   die Last der Welt auf den schwachen Schultern meiner Schwester ab?</p><p>Prim wird heute Nacht zweifellos bei meiner Mutter schlafen. Der Gedanke   daran, wie Butterblume, der zerzauste alte Kater, sich aufs Bett legt und �ber   Prim wacht, tr�stet mich. Wenn sie weint, wird er sich in ihre Arme schleichen   und sich dort zusammenrollen, damit sie sich beruhigt und einschl�ft. Jetzt bin   ich unendlich froh, dass ich ihn nicht ertr�nkt habe.</p><p>Beim Gedanken an zu Hause wird mir schmerzlich bewusst, wie einsam ich bin.   Dieser Tag war endlos. Haben Gale und ich heute Morgen wirklich noch Brombeeren   gegessen? Es kommt mir vor, als w�re es eine Ewigkeit her. Wie ein langer Traum,   der in einen Albtraum ausgeartet ist. Wenn ich schlafen gehe, wache ich   vielleicht wieder in Distrikt 12 auf, wo ich hingeh�re.</p><p>Wahrscheinlich sind in den Schubladen jede Menge Nachthemden, aber ich ziehe   nur Bluse und Hose aus und steige in Unterw�sche ins Bett. Die Laken sind aus   weichem, seidigem Stoff. Eine dicke, kuschelige Bettdecke spendet sofort   W�rme.</p><p>Wenn ich schon weinen muss, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Den   Schaden, den die Tr�nen in meinem Gesicht anrichten, kann ich morgen fr�h   abwaschen. Aber es kommen keine Tr�nen. Ich bin zu m�de oder zu abgestumpft, um   zu weinen. Ich sp�re nur den Wunsch, woanders zu sein. Also lasse ich mich vom   Zug ins Vergessen schaukeln.</p><p>Graues Licht sickert durch die Vorh�nge, als ein Klopfen mich weckt. Ich h�re   Effie Trinkets Stimme, die sagt, ich solle aufstehen. �Auf, auf, auf! Das wird   ein ganz, ganz gro�er Tag heute!� Einen Augenblick lang versuche ich mir   vorzustellen, wie es im Kopf dieser Frau aussieht. Welche Gedanken f�llen ihre   wachen Stunden? Welche Tr�ume kommen nachts zu ihr? Ich habe keine Ahnung.</p><p>Ich ziehe die gr�nen Sachen wieder an, weil sie noch nicht schmutzig sind,   nur ein wenig verknittert nach der Nacht auf dem Fu�boden. Meine Finger fahren   den Kreis um den kleinen Spottt�lpel nach und ich denke an den Wald und an   meinen Vater und an meine Mutter und an Prim, wie sie aufwacht und mit alldem   zurechtkommen muss. Ich habe mit der Flechtfrisur geschlafen, die meine Mutter   mir f�r die Ernte gemacht hat, sie sieht noch passabel aus, also lasse ich sie   so. Spielt sowieso keine Rolle. Es kann jetzt nicht mehr weit sein bis zum   Kapitol. Und wenn wir die Stadt erst einmal erreicht haben, wird sowieso ein   Stylist bestimmen, welchen Look ich bei der Er�ffnungsfeier heute Abend trage.   Ich hoffe nur, er denkt nicht, nackte Haut w�re der letzte Schrei.</p><p>Als ich den Speisewagen betrete, hastet Effie Trinket mit einer Tasse   schwarzem Kaffee an mir vorbei. Sie flucht leise vor sich hin. Haymitch sitzt   mit rotem, aufgedunsenem Gesicht von der gestrigen Sauferei da und kichert vor   sich hin. Peeta hat ein Br�tchen in der Hand und wirkt peinlich ber�hrt.</p><p>�Setz dich! Setz dich!�, sagt Haymitch und winkt mich herbei. Kaum sitze ich   auf meinem Stuhl, bekomme ich eine riesige Platte mit Essen serviert. Eier,   Schinken, haufenweise Bratkartoffeln. Eine Schale mit Obst steht in Eis, damit   die Fr�chte sch�n k�hl bleiben. Der Br�tchenkorb vor mir k�nnte meine Familie   eine Woche lang ern�hren. Ein edles Glas mit Orangensaft steht auch da.   Zumindest nehme ich an, dass es Orangensaft ist. Ich habe erst einmal eine   Orange probiert, an Silvester, als mein Vater als besondere Leckerei eine   mitbrachte. Eine Tasse Kaffee. Meine Mutter liebt Kaffee, den wir uns fast nie   leisten konnten, aber ich finde, er schmeckt nur bitter und d�nn. Und eine Tasse   mit einem tiefbraunen Getr�nk, das ich noch nie gesehen habe.</p><p>�Das ist hei�e Schokolade�, sagt Peeta. �Ist lecker.�</p><p>Ich trinke ein Schl�ckchen von der hei�en, s��en, cremigen Fl�ssigkeit, und   ein Schauer durchf�hrt mich. Obwohl das �brige Essen lockt, r�hre ich es nicht   an, bis ich die Tasse ausgetrunken habe. Dann schlinge ich so viel in mich   hinein, wie ich bei mir behalten kann, was eine ordentliche Menge ist, und achte   darauf, es mit den schweren Speisen nicht zu �bertreiben. Meine Mutter hat mal   zu mir gesagt, ich ��e immer, als ob ich nie mehr etwas bekommen w�rde. Und ich   habe gesagt: �Bekomme ich ja auch nicht, wenn ich es nicht selbst besorge.� Da   fiel ihr nichts mehr ein.</p><p>Als ich kurz vorm Platzen bin, lehne ich mich zur�ck und betrachte meine   Fr�hst�cksgef�hrten. Peeta isst immer noch; er bricht St�cke von seinem Br�tchen   ab und tunkt sie in die hei�e Schokolade. Haymitch hat seine Platte kaum   anger�hrt, aber er kippt ein Glas mit rotem Saft hinunter, den er mit einer   klaren Fl�ssigkeit aus einer Flasche verd�nnt hat. Den D�nsten nach zu urteilen,   ist es irgendein Alkohol. Ich kenne Haymitch nicht, aber ich habe ihn oft genug   auf dem Hob gesehen, wo er h�ndeweise Geld auf den Tresen der Frau warf, die   klaren Schnaps verkauft. Wenn er so weitermacht, ist er weggetreten, ehe wir das   Kapitol erreichen.</p><p>Ich merke, dass ich Haymitch verabscheue. Kein Wunder, dass die Tribute aus   Distrikt 12 nie eine Chance hatten. Es liegt nicht nur daran, dass wir   unterern�hrt und untrainiert sind. Einige unserer Tribute waren trotzdem stark   genug, um erfolgreich zu sein. Aber wir bekommen selten Sponsoren und das liegt   zum gro�en Teil an ihm. Die Reichen, die die Tribute unterst�tzen - entweder,   weil sie auf sie wetten, oder schlicht, um sich hinterher damit br�sten zu   k�nnen, dass sie auf einen Sieger gesetzt haben -, m�chten nichts mit so einer   heruntergekommenen Type wie Haymitch zu tun haben.</p><p>�Sie sollen uns also mit Rat und Tat zur Seite stehen�, sage ich zu   Haymitch.</p><p>�Hier hast du einen Rat: Bleib am Leben�, sagt Haymitch und prustet los. Ich   tausche einen Blick mit Peeta, doch dann f�llt mir wieder ein, dass ich ja   nichts mehr mit ihm zu tun habe. Die H�rte in seinen Augen �berrascht mich.   Sonst wirkt er immer so sanft.</p><p>�Sehr witzig�, sagt Peeta. Urpl�tzlich schl�gt er Haymitch das Glas aus der   Hand. Es zerschellt auf dem Fu�boden, die blutrote Fl�ssigkeit bahnt sich eine   Spur zum hinteren Teil des Zuges. �Nur - wir k�nnen dar�ber gar nicht   lachen.�</p><p>Haymitch �berlegt einen Augenblick, dann verpasst er Peeta einen Kinnhaken,   der ihn vom Stuhl schleudert. Als Haymitch sich wieder den Schnapsflaschen   zuwenden will, sto�e ich mein Messer in den Tisch, genau zwischen seiner Hand   und der Flasche, und verfehle seine Finger nur um Haaresbreite. Ich bereite   mich darauf vor, seinem Schlag auszuweichen, aber es kommt nichts. Stattdessen   lehnt Haymitch sich zur�ck und schaut uns mit zusammengekniffenen Augen an.</p><p>�Was haben wir denn da?�, sagt er. �Hab ich dieses Jahr etwa zwei K�mpfer   gekriegt?�</p><p>Peeta steht auf und klaubt etwas Eis unter der Obstschale hervor. Er will es   auf die rote Schwellung an seinem Kinn dr�cken.</p><p>�Nein�, sagt Haymitch und h�lt ihn zur�ck. �Die Leute sollen den Bluterguss   ruhig sehen. Dann denken sie, du w�rst schon mit einem anderen Tribut   aneinandergeraten, bevor es �berhaupt in die Arena geht.�</p><p>�Das verst��t gegen die Regeln�, sagt Peeta.</p><p>�Nur wenn man sich erwischen l�sst. Dieser Bluterguss bedeutet, dass du   gek�mpft hast, und wenn sie dich nicht erwischt haben, umso besser�, sagt   Haymitch. Er wendet sich an mich. �Kannst du mit dem Messer da auch noch was   anderes treffen als den Tisch?�</p><p>Pfeil und Bogen sind meine Waffen. Aber ich habe auch lange Messerwerfen   ge�bt. Manchmal, wenn ich ein Tier mit dem Pfeil nur verwundet habe, ist es   besser, auch noch ein Messer hinterherzuwerfen, bevor ich mich ihm n�here. Wenn   ich Haymitchs Interesse wecken will, dann ist jetzt die Gelegenheit, Eindruck zu   schinden. Ich ziehe das Messer aus dem Tisch, halte es an der Klinge fest und   werfe es an die gegen�berliegende Wand. Ich habe eigentlich nur gehofft, dass   es stecken bleibt, aber es landet sogar genau zwischen zwei Paneelen und ich   stehe da wie ein Ass.</p><p>�Stellt euch hierher, alle beide�, sagt Haymitch und deutet mit dem Kopf in   die Mitte des Abteils. Wir gehorchen und er umkreist uns und stupst uns ab und   zu an wie Tiere, pr�ft unsere Muskeln, untersucht unsere Gesichter. �Hm, so   ganz hoffnungslose F�lle seid ihr nicht. Sieht so aus, als w�rt ihr in Form.   Und wenn die Stylisten euch erst mal in die Finger kriegen, werdet ihr schon   ganz passabel aussehen.�</p><p>Peeta und ich hinterfragen das nicht. Die Hungerspiele sind kein   Sch�nheitswettbewerb, aber die attraktivsten Tribute ziehen immer die meisten   Sponsoren an.</p><p>�Na gut, ich mache einen Deal mit euch. Ihr mischt euch nicht in meine   Sauferei ein und ich bleibe n�chtern genug, um euch zu helfen�, sagt Haymitch.   �Aber ihr m�sst genauestens befolgen, was ich euch sage.�</p><p>Das ist nicht nur ein Deal, es ist ein Riesenschritt nach vorn, denn vor zehn   Minuten hatten wir noch �berhaupt niemanden, der uns f�hrt.</p><p>�Prima�, sagt Peeta.</p><p>�Dann helfen Sie uns�, sage ich. �In der Arena, vor dem F�llhorn, was ist da   die beste Strategie, um ��</p><p>�Eins nach dem anderen. In ein paar Minuten fahren wir in den Bahnhof ein.   Ihr werdet euren Stylisten �bergeben. Es wird euch nicht gefallen, was sie mit   euch veranstalten. Doch was es auch ist, lasst es �ber euch ergehen�, f�hrt   Haymitch fort.</p><p>�Aber ��, hebe ich an.</p><p>�Kein Aber. Lasst es �ber euch ergehen�, sagt Haymitch. Er nimmt die   Schnapsflasche, die auf dem Tisch steht, und verl�sst den Wagen. Als die T�r   hinter ihm zuschl�gt, wird es dunkel. Ein paar Lichter sind noch an, aber   drau�en sieht es aus, als w�re pl�tzlich wieder Nacht. Wir m�ssen in den Tunnel   gefahren sein, der durchs Gebirge hinauf zum Kapitol f�hrt. Die Berge bilden   ein nat�rliches Hindernis zwischen dem Kapitol und den �stlich gelegenen   Distrikten. Au�er durch die Tunnel ist es fast unm�glich, sich von Osten zu   n�hern. Dieser geografische Vorteil war einer der Hauptgr�nde daf�r, dass die   Distrikte den Krieg verloren haben und ich heute ein Tribut bin. Die Rebellen,   die die Berge erklimmen mussten, waren leichte Ziele f�r die Luftwaffe des   Kapitols.</p><p>Peeta Mellark und ich schweigen, w�hrend der Zug seine Fahrt fortsetzt. Der   Tunnel ist endlos lang, ich muss an die Tonnen Gestein denken, die mich vom   Himmel trennen, und meine Brust zieht sich zusammen. Ich hasse es, so in Stein   eingeschlossen zu sein. Es erinnert mich an die Minen und an meinen Vater, wie   er in der Falle sa�, das Sonnenlicht in unerreichbarer Ferne, f�r immer in der   Finsternis begraben.</p><p>Schlie�lich wird der Zug langsamer und pl�tzlich str�mt glei�endes Licht ins   Abteil. Wir k�nnen nicht anders, wir st�rzen beide ans Fenster und schauen uns   an, was wir nur aus dem Fernsehen kennen: das Kapitol, die Herrscherin �ber   Panem. Die Kameras haben ihre Erhabenheit nicht �bertrieben. Wenn �berhaupt,   dann haben sie die Pracht der in allen Farben leuchtenden Geb�ude, die in den   Himmel ragen, nicht ganz erfasst, die gl�nzenden Autos, die �ber die breiten   Asphaltstra�en fahren, die eigent�mlich gekleideten, wohlgen�hrten Leute mit   wunderlichem Haar und bemalten Gesichtern. Alle Farben wirken k�nstlich - das   Rosa zu satt, das Gr�n zu knallig und das Gelb schmerzt in den Augen wie die   flachen harten Bonbons in dem kleinen S��warenladen in Distrikt 12, die wir uns   nie leisten k�nnen.</p><p>Als die Leute den Zug mit den Tributen entdecken, zeigen sie aufgeregt auf   uns. Ich trete vom Fenster weg, angewidert von ihrer Begeisterung, denn ich   wei�, dass sie es nicht abwarten k�nnen, uns sterben zu sehen. Aber Peeta h�lt   die Stellung, er winkt und l�chelt der glotzenden Menge sogar zu. Er h�rt erst   damit auf, als der Zug in den Bahnhof einf�hrt und sie uns nicht mehr sehen   k�nnen.</p><p>Er merkt, wie ich ihn anstarre, und zuckt die Achseln. �Wer wei�?�, sagt er.   �Vielleicht ist ein Reicher dabei.�</p><p>Ich hatte ihn falsch eingesch�tzt. Seit der Ernte denke ich �ber sein   Verhalten nach. Der freundliche H�ndedruck. Sein Vater, der mit Pl�tzchen   auftaucht und verspricht, f�r Prim zu sorgen � Hat Peeta ihm das aufgetragen?   Seine Tr�nen am Bahnhof. Wie bereitwillig er Haymitch gewaschen hat, um ihn dann   heute Morgen zu provozieren, als die freundliche Tour nicht gewirkt hatte. Und   nun das Winken am Fenster, um die Menge f�r sich einzunehmen, jetzt schon.</p><p>All das passt immer noch zusammen, aber ich sp�re, dass ein Plan in ihm   heranreift. Er hat nicht akzeptiert, dass er sterben soll. Er k�mpft bereits um   sein Leben. Was auch bedeutet, dass der nette Peeta Mellark, der Junge, der mir   einst das Brot geschenkt hat, darauf aus ist, mich zu t�ten.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>5</emphasis></strong></p><empty-line/><p><emphasis>Riiiieeetsch! </emphasis>Ich bei�e die Z�hne zusammen, als Venia, eine Frau mit   blauen Haaren und goldenen Tattoos �ber den Augenbrauen, blitzschnell einen   Stoffstreifen von meinem Bein zieht, um die Haare auszurei�en.   �Entschuldigung!�, fl�tet sie mit ihrem albernen Kapitolakzent. �Aber du hast   �berall Haare!�</p><p>Warum sprechen diese Leute mit so hoher Stimme? Warum machen sie beim   Sprechen kaum den Mund auf? Warum geht ihre Stimme am Ende eines Satzes immer in   die H�he wie bei einer Frage? Komische Vokale, abgehackte W�rter und ein   zischendes S � Kein Wunder, dass sie immer nachge�fft werden.</p><p>Venia bem�ht sich, ein mitf�hlendes Gesicht zu machen. �Aber ich habe eine   gute Nachricht. Das hier ist der Letzte. Fertig?� Ich halte mich am Rand des   Tisches fest, auf dem ich sitze, und nicke. Mit einem schmerzhaften Ruck wird   der letzte Rest meiner Beinbehaarung ausgerissen.</p><p>Seit �ber drei Stunden bin ich jetzt schon im Erneuerungsstudio und habe   meinen Stylisten immer noch nicht zu Gesicht bekommen. Anscheinend hat er kein   Interesse, mich zu sehen, bevor Venia und die anderen Mitglieder meines   Vorbereitungsteams nicht gewisse offensichtliche Probleme beseitigt haben. Das   hei�t, meinen K�rper mit einem k�rnigen Schaum abzuschrubben, der nicht nur den   Dreck entfernt hat, sondern auch mindestens drei Schichten Haut, meine   Fingern�gel in gleichm��ige Form zu bringen und vor allem meinen K�rper zu   enthaaren. Beine, Arme, Achselh�hlen und Unterarme sind frei von Haaren, auch   die Brauen sind gezupft und ich komme mir vor wie ein gerupfter Vogel, bereit   f�r den Grill. Es gef�llt mir nicht. Meine Haut f�hlt sich wund und prickelnd   und extrem verletzlich an. Aber ich habe mich an meinen Teil der Abmachung mit   Haymitch gehalten und alles klaglos ertragen.</p><p>�Du h�ltst dich wacker�, sagt ein Typ namens Flavius. Er sch�ttelt seine   orangefarbenen Korkenzieherlocken und bemalt seinen Mund mit einer frischen   Schicht lila Lippenstift. �Wenn wir eins nicht leiden k�nnen, sind es Heulsusen.   Cremt sie ein!�</p><p>Venia und Octavia, eine rundliche Frau, deren ganzer K�rper in einem blassen   Erbsgr�n gef�rbt ist, rubbeln mich mit einer Lotion ab, die im ersten Moment   bei�t, dann aber meine aufgeraute Haut beruhigt. Danach holen sie mich vom Tisch   herunter und ziehen mir den d�nnen Morgenrock aus, den ich anziehen durfte. Da   stehe ich nun, splitternackt, w�hrend die drei mich umkreisen und mit Pinzetten   die letzten H�rchenreste beseitigen. Eigentlich m�sste es mir peinlich sein,   aber sie sind so andersartig, dass es mir so wenig ausmacht, als w�rde ein Trio   seltsam gef�rbter V�gel zu meinen F��en picken.</p><p>Die drei treten zur�ck und bewundern ihr Werk. �Ausgezeichnet! Jetzt siehst   du fast aus wie ein Mensch!�, sagt Flavius und alle lachen.</p><p>Ich zwinge meine Lippen zu einem L�cheln, um meine Dankbarkeit zu zeigen.   �Danke�, fl�te ich. �In Distrikt 12 gibt es kaum Anlass, h�bsch auszusehen.�</p><p>Das nimmt sie endg�ltig f�r mich ein. �Nat�rlich gibt es den nicht, arme   Kleine!�, sagt Octavia und ringt betr�bt die H�nde.</p><p>�Aber keine Sorge�, sagt Venia. �Wenn Cinna erst mit dir fertig ist, wirst du   absolut hinrei�end aussehen!�</p><p>�Versprochen! Wei�t du, ohne die Haare und den ganzen Dreck siehst du gar   nicht mehr so schlimm aus!�, sagt Flavius aufmunternd. �Kommt, wir rufen   Cinna!�</p><p>Sie eilen aus dem Raum. Es f�llt schwer, mein Vorbereitungsteam zu hassen.   Es sind solche Schwachk�pfe. Aber ich wei�, dass sie mir auf ihre komische Art   zu helfen versuchen.</p><p>Ich betrachte die kalten wei�en W�nde und den Fu�boden und widerstehe dem   Impuls, den Morgenrock aufzuheben. Dieser Cinna, mein Stylist, wird mir sowieso   befehlen, ihn wieder auszuziehen. Deshalb fahre ich mit den H�nden �ber meine   Frisur, das Einzige an mir, was das Vorbereitungsteam unangetastet lassen   sollte. Meine Finger streicheln den seidigen Zopf, den meine Mutter so   sorgf�ltig arrangiert hat. Meine Mutter. Ich habe ihr blaues Kleid und die   Schuhe auf dem Boden meines Zugabteils liegen lassen, ohne auch nur daran zu   denken, sie aufzuheben, ein St�ck von ihr zu behalten, ein St�ck Heimat. Jetzt   tut es mir leid.</p><p>Die T�r geht auf und ein junger Mann kommt herein; das muss Cinna sein. Ich   bin verbl�fft, wie normal er aussieht. Die meisten Stylisten, die im Fernsehen   interviewt werden, sind so gef�rbt, so schablonenhaft und sch�nheitschirurgisch   ver�ndert, dass sie einfach grotesk wirken. Aber Cinnas kurz geschnittene Haare   haben offenbar noch ihr nat�rliches Braun. Er tr�gt ein schlichtes schwarzes   Hemd und eine Hose. Das einzige Zugest�ndnis scheint der goldglitzernde   Eyeliner zu sein, der mit leichter Hand aufgetragen wurde. Er betont die   goldenen Flecken in seinen gr�nen Augen. Und trotz meiner Abscheu vor dem   Kapitol und seinen scheu�lichen Moden muss ich mir eingestehen, dass das sehr   gut aussieht.</p><p>�Hallo, Katniss. Ich bin Cinna, dein Stylist�, sagt er mit ruhiger Stimme,   die kaum affektiert klingt.</p><p>�Hallo�, erwidere ich vorsichtig.</p><p>�Warte einen Moment, ja?�, bittet er und geht um meinen nackten K�rper herum.   Er ber�hrt mich nicht, nimmt mit seinen Blicken aber jeden Zentimeter wahr. Ich   widerstehe dem Impuls, die Arme vor der Brust zu verschr�nken. �Wer hat dein   Haar frisiert?�</p><p>�Meine Mutter�, sage ich.</p><p>�Sehr sch�n. Richtig klassisch. Und in fast perfekter Harmonie mit deinem   Profil. Sie hat geschickte H�nde�, sagt er.</p><p>Ich hatte eine extravagante Person erwartet, jemand �lteren, der verzweifelt   versucht, jung auszusehen, jemanden, der mich betrachtet wie ein St�ck Fleisch,   das f�r die Schlachtplatte zubereitet werden soll. Cinna ist ganz und gar nicht   so.</p><p>�Du bist neu, nicht wahr? Ich glaube nicht, dass ich dich schon mal gesehen   habe�, sage ich. Die meisten Stylisten sind bekannt, Konstanten im dauernd   wechselnden Reservoir der Tribute. Manche sind schon dabei, seit ich auf der   Welt bin.</p><p>�Ja, dies ist mein erstes Jahr bei den Spielen�, sagt Cinna.</p><p>�Du hast Distrikt 12 abbekommen�, sage ich. Neulinge landen im Allgemeinen   immer bei uns, dem unbeliebtesten Distrikt.</p><p>�Ich habe um Distrikt 12 gebeten�, sagt er ohne weitere Erkl�rung. �Zieh doch   etwas �ber und wir plaudern ein bisschen.�</p><p>W�hrend ich den Morgenrock �berziehe, folge ich ihm durch eine T�r in einen   Salon. Zwei rote Sofas stehen einander gegen�ber, dazwischen ein niedriger   Tisch. Drei W�nde sind kahl, die vierte besteht vollst�ndig aus Glas und bildet   ein Fenster zur Stadt. Am Licht kann ich erkennen, dass es Nachmittag sein muss,   auch wenn der Sonnenhimmel inzwischen mit Wolken bedeckt ist. Cinna bietet mir   einen Platz auf einem der Sofas an und setzt sich mir gegen�ber. Seitlich am   Tisch bet�tigt er einen Knopf. Die Tischplatte springt auf und von unten wird   eine zweite Tischfl�che hochgefahren, auf der unser Mittagessen steht. H�hnchen   und Orangenst�cke in Sahneso�e auf einem Bett aus perlwei�em Getreide, kleine   gr�ne Erbsen und Zwiebeln, Br�tchen in Blumenform und zum Nachtisch ein   honigfarbener Pudding.</p><p>Ich versuche mir vorzustellen, wie ich diese Mahlzeit mit meinen Mitteln zu   Hause zusammenstellen k�nnte. H�hner sind zu teuer, aber ich k�nnte stattdessen   einen wilden Truthahn nehmen. Ich m�sste noch einen zweiten Truthahn schie�en,   um ihn gegen eine Orange einzutauschen. Die Sahne m�sste ich durch Ziegenmilch   ersetzen. Erbsen k�nnten wir im Garten ziehen. Wilde Zwiebeln bek�me ich aus dem   Wald. Das Getreide kenne ich nicht, unser Tesserazeug wird beim Kochen zu einer   unansehnlichen braunen Pampe. F�r ausgefallene Br�tchen m�sste ich dem B�cker   noch etwas zum Tausch bringen, vielleicht zwei oder drei Eichh�rnchen. Was den   Pudding angeht, so habe ich nicht die leiseste Ahnung, was darin ist. Tagelang   Jagen und Sammeln nur f�r diese eine Mahlzeit, und selbst dann w�re es blo� ein   armseliger Ersatz f�r das Original hier im Kapitol.</p><p>Ich frage mich, wie es sich wohl anf�hlt, in einer Welt zu leben, wo das   Essen auf Knopfdruck erscheint. Was w�rde ich in all den Stunden tun, die ich   derzeit damit verbringe, den Wald auf der Suche nach Nahrung zu durchk�mmen,   wenn uns der Unterhalt so leichtfiele? Was tun sie den ganzen Tag, diese Leute   im Kapitol, abgesehen davon, dass sie ihre K�rper dekorieren und auf eine neue   Lieferung Tribute warten, die zu ihrem Am�sement sterben sollen?</p><p>Ich schaue auf, Cinnas Blick ist auf mich gerichtet. �Wie verabscheuenswert   wir dir vorkommen m�ssen�, sagt er.</p><p>Hat er das in meinem Gesicht gesehen oder meine Gedanken gelesen? Aber er hat   recht. Der ganze miese Haufen ist verabscheuenswert.</p><p>�Sei�s drum�, sagt Cinna. �Jetzt, Katniss, zu deinem Kleid f�r die   Er�ffnungsfeier. Meine Partnerin, Portia, ist die Stylistin f�r deinen   Mittribut, Peeta. Und im Moment planen wir, euch komplement�r einzukleiden�,   sagt Cinna. �Wie du wei�t, ist es �blich, das besondere Merkmal des Distrikts   widerzuspiegeln.�</p><p>Bei der Er�ffnungsfeier soll man etwas tragen, das an den wichtigsten   Wirtschaftszweig des Distrikts erinnert. Distrikt 11: Landwirtschaft. Distrikt   4: Fischerei. Distrikt 3: Fabriken. Das bedeutet f�r Peeta und mich, die wir aus   Distrikt 12 kommen, dass unsere Aufmachung irgendwie an Bergleute erinnern soll.   Da die sackartigen Overalls der Bergarbeiter nicht besonders kleidsam sind,   stecken sie unsere Tribute gew�hnlich in sp�rliche Kleider und H�te mit   Stirnlampe. In einem Jahr standen unsere Tribute splitterfasernackt da, nur mit   schwarzem Puder bedeckt, der den Kohlenstaub darstellen sollte. Es ist jedes Mal   grauenvoll und tr�gt nicht dazu bei, die Gunst der Menge zu gewinnen. Ich mache   mich auf das Schlimmste gefasst.</p><p>�Ich werde also in ein Bergarbeiteroutfit gesteckt?�, frage ich und hoffe,   dass es nichts Unanst�ndiges ist.</p><p>�Nicht ganz. Wei�t du, Portia und ich finden, dass die Sache mit den   Bergarbeitern ziemlich �bertrieben wird. So w�rde sich niemand an dich erinnern.   Aber wir beide halten es f�r unsere Aufgabe, die Tribute aus Distrikt 12   unvergesslich zu machen�, sagt Cinna.</p><p><emphasis>Bestimmt muss ich nackt dastehen, </emphasis>denke ich.</p><p>�Das hei�t, wir werden weniger die Kohlef�rderung in den Mittelpunkt stellen   als vielmehr die Kohle selbst�, sagt Cinna.</p><p><emphasis>Nackt und mit Kohlenstaub bedeckt, </emphasis>denke ich.</p><p>�Und was machen wir mit der Kohle? Wir verbrennen sie�, sagt Cinna. �Du hast   doch keine Angst vor Feuer, Katniss, oder?� Er sieht meinen Gesichtsausdruck und   grinst.</p><p>Ein paar Stunden sp�ter stecke ich in einem Kleid, das entweder das   spektakul�rste oder das t�dlichste Kost�m der Er�ffnungsfeier sein wird. Ich   stecke vom Hals bis zu den Kn�cheln in einem schlichten schwarzen Einteiler.   Gl�nzende Lederschn�rstiefel bis zu den Knien. Die Kr�nung aber ist der wallende   Umhang aus orangefarbenen, gelben und roten Stoffstreifen und die dazu passende   Kopfbedeckung. Cinna will sie im letzten Moment, kurz bevor unser Kampfwagen auf   die Stra�e rollt, in Brand stecken.</p><p>�Nat�rlich keine echte Flamme, nur ein kleines k�nstliches Feuer, das Portia   und ich erfunden haben. Dir kann gar nichts passieren�, sagt er. Aber ich bin   mir nicht so sicher, ob ich nicht schon gut durchgebraten sein werde, wenn wir   das Stadtzentrum erreichen.</p><p>Mein Gesicht ist relativ frei von Make-up, nur ein paar Highlights hier und   da. Mein Haar wurde ausgeb�rstet und dann wie vorher geflochten. �Ich will, dass   das Publikum dich wiedererkennt, wenn du in der Arena bist�, sagt Cinna   versonnen. �Katniss - das M�dchen, das in Flammen stand.�</p><p>Da denke ich, dass sich hinter Cinnas Ruhe und unauff�lligem Benehmen ein   Wahnsinniger verbirgt.</p><p>Trotz der Entdeckung von Peetas wahrem Charakter heute Morgen bin ich   irgendwie erleichtert, als er auftaucht, in der gleichen Aufmachung wie ich. Mit   Feuer m�sste er sich als B�ckersohn ja auskennen. Portia, seine Stylistin, und   ihr Team begleiten ihn, und alle sind ganz aus dem H�uschen vor lauter   Vorfreude auf unseren gro�artigen Auftritt. Au�er Cinna. Er wirkt ein bisschen   ersch�pft, w�hrend er die Gl�ckw�nsche entgegennimmt.</p><p>Schnell werden wir hinunter ins Erdgeschoss des Erneuerungsstudios gebracht,   das im Grunde nur ein gro�er Stall ist. Die Er�ffnungsfeier wird gleich   beginnen. Die Tribute werden paarweise in die Streitwagen gestellt, die von   Gespannen aus je vier Pferden gezogen werden. Unsere sind kohlschwarz. Die Tiere   sind so gut dressiert, dass niemand ihre Z�gel halten muss. Cinna und Portia   geleiten uns in den Wagen, wo sie sorgf�ltig unsere K�rperhaltung und die Falten   unserer Umh�nge arrangieren, bevor sie wieder hinuntersteigen und sich   beraten.</p><p>�Was h�ltst du davon?�, fl�stere ich Peeta zu. �Von dem Feuer?�</p><p>�Wenn du meinen Umhang runterrei�t, rei� ich deinen runter�, sagt er durch   zusammengebissene Z�hne.</p><p>�Abgemacht�, sage ich. Wenn wir sie schnell genug vom Leib bekommen, k�nnen   wir die schlimmsten Verbrennungen vielleicht verhindern. Es ist auch so   schrecklich genug. Ganz gleich, in welchem Zustand wir uns befinden, in die   Arena werfen sie uns auf jeden Fall. �Ich wei�, wir haben Haymitch versprochen,   immer zu tun, was sie sagen, aber das hier hat er bestimmt nicht bedacht.�</p><p>�Wo ist Haymitch �berhaupt? Soll er uns nicht eigentlich vor solchen Sachen   besch�tzen?�, fragt Peeta.</p><p>�Bei all dem Alkohol, den er intus hat, ist es wahrscheinlich nicht ratsam,   wenn er sich in die N�he von offenem Feuer wagt�, sage ich.</p><p>Und pl�tzlich lachen wir, alle beide. Ich glaube, wir sind beide so nerv�s   wegen der Spiele und wie gel�hmt bei der Aussicht, in menschliche Fackeln   verwandelt zu werden, dass wir nicht vern�nftig handeln k�nnen.</p><p>Die Er�ffnungsmusik erklingt. Man h�rt sie gut, sie dr�hnt durchs ganze   Kapitol. Schwere T�ren werden aufgeschoben und geben den Blick frei auf von   Menschen ges�umte Stra�en. Die Fahrt dauert rund zwanzig Minuten und endet am   Zentralen Platz, wo sie uns empfangen, die Hymne abspielen und ins   Trainingscenter bringen werden, das bis zum Beginn der Spiele unser Zuhause und   Gef�ngnis sein wird.</p><p>Die Tribute aus Distrikt 1 fahren in einem Streitwagen hinaus, der von   schneewei�en Pferden gezogen wird. Sie sehen wundersch�n aus, mit silberner   Farbe eingespr�ht, in geschmackvollen, mit Juwelen besetzten Tuniken. Distrikt 1   stellt Luxuswaren f�r das Kapitol her. Man kann das Gebr�ll der Menge h�ren.   Distrikt 1 ist immer der Favorit.</p><p>Distrikt 2 geht in Position, um ihm zu folgen. Bald gelangen auch wir zum   Tor und ich kann sehen, dass das Licht des verhangenen, zur D�mmerung neigenden   Himmels grau wird. Als die Tribute aus Distrikt 11 hinausfahren, erscheint Cinna   mit einer brennenden Fackel. �Los geht�s�, sagt er, und bevor wir reagieren   k�nnen, setzt er unsere Umh�nge in Brand. Ich schnappe nach Luft und warte auf   die Hitze, aber ich sp�re nur ein leises Kitzeln. Cinna klettert auf den Wagen   und entz�ndet unsere Kopfbedeckungen. Er seufzt erleichtert. �Es funktioniert.�   Dann nimmt er sanft mein Kinn in die Hand. �Denkt dran, Kopf hoch. L�cheln. Sie   werden euch lieben!�</p><p>Cinna springt vom Wagen und hat noch eine letzte Idee. Er ruft etwas zu uns   herauf, doch die Musik �bert�nt ihn. Wieder schreit er und gestikuliert.</p><p>�Was sagt er?�, frage ich Peeta. Zum ersten Mal schaue ich ihn an und sehe,   wie die falschen Flammen ihn erstrahlen lassen. Und ich muss genauso   aussehen.</p><p>�Ich glaube, er hat gesagt, wir sollen uns bei den H�nden fassen�, sagt   Peeta. Er nimmt meine rechte Hand mit seiner linken und wir schauen zur   Best�tigung zu Cinna hin. Er nickt und h�lt den Daumen nach oben und das ist das   Letzte, was ich sehe, bevor wir in die Stadt hinausfahren.</p><p>Die anf�ngliche Panik, die die Menge bei unserem Erscheinen erfasst,   verwandelt sich rasch in Jubel und �Distrikt 12!�-Rufe. Alle wenden sich uns zu   und beachten die drei Wagen vor uns nicht weiter. Im ersten Moment bin ich wie   erstarrt, aber dann erblicke ich uns auf einem gro�en Bildschirm und bin   sprachlos, denn wir sehen einfach atemberaubend aus. In der einfallenden   D�mmerung erleuchtet das Feuer unsere Gesichter. Wir sehen aus, als w�rden   unsere wehenden Umh�nge eine Schleppe aus Feuer hinter sich herziehen. Mit dem   sparsamen Make-up, da hatte Cinna recht, sehen wir beide besser aus und sind   doch sehr gut wiederzuerkennen.</p><p><emphasis>Denkt dran, Kopf hoch. L�cheln. Sie werden euch lieben! </emphasis>Cinnas Stimme   hallt in meinem Kopf. Ich recke das Kinn ein wenig h�her, setze mein   gewinnendstes L�cheln auf und winke mit meiner freien Hand. Jetzt bin ich froh,   dass ich mich an Peeta festhalten kann, er ist so standhaft, wie ein Fels in der   Brandung. Ich fasse so viel Zutrauen, dass ich der Menge sogar K�sschen   zuwerfe. Die Leute vom Kapitol rasten total aus, sie �bersch�tten uns mit   Blumen, rufen unsere Namen, unsere Vornamen, die sie im Programm nachgelesen   haben.</p><p>Die dr�hnende Musik, der Jubel, die Bewunderung gehen mir ins Blut, ich kann   meine Erregung nicht unterdr�cken. Cinna hat mir einen gro�en Vorteil   verschafft. Niemand wird mich vergessen. Weder mein Aussehen noch meinen Namen.   Katniss. Das M�dchen, das in Flammen stand.</p><p>Zum ersten Mal sp�re ich einen Hoffnungsschimmer in mir aufsteigen. Bestimmt   wird sich ein Sponsor finden, der mich unterst�tzt! Und mit ein wenig   zus�tzlicher Hilfe, etwas Essen, der richtigen Waffe - wieso sollte ich die   Spiele verloren geben?</p><p>Jemand wirft mir eine rote Rose zu. Ich fange sie auf, schnuppere leicht   daran und werfe eine Kusshand in die grobe Richtung des Spenders. Hundert H�nde   gehen hoch, um meinen Kuss aufzufangen, als w�re er wirklich etwas   Greifbares.</p><p>�Katniss! Katniss!� Von allen Seiten wird mein Name gerufen. Alle wollen sie   meine K�sse.</p><p>Erst als wir auf den Zentralen Platz fahren, merke ich, dass ich Peeta fast   das Blut abgeschn�rt habe. So fest habe ich seine Hand gehalten. W�hrend ich   loslasse, schaue ich hinunter zu unseren verschr�nkten Fingern, aber er greift   sofort wieder danach. �Nein, lass mich nicht los�, sagt er. Das Feuer flackert   in seinen blauen Augen. �Bitte. Sonst falle ich noch um.�</p><p>�Na gut�, sage ich. Ich halte also weiter seine Hand, aber irgendwie kommt   es mir komisch vor, wie Cinna uns miteinander verbunden hat. Irgendwie ist es   nicht richtig, uns als Team zu pr�sentieren und uns dann in eine Arena zu   sperren, damit wir uns gegenseitig umbringen.</p><p>Die zw�lf Wagen f�llen den Kreisverkehr des Zentralen Platzes. An den   Fenstern der H�user ringsum dr�ngen sich die angesehensten B�rger des Kapitols.   Die Pferde ziehen unseren Wagen genau vor die Residenz von Pr�sident Snow und   wir bleiben stehen. Die Musik endet mit einem Tusch.</p><p>Der Pr�sident, ein kleiner, d�nner Mann mit papierwei�em Haar, hei�t uns von   einem Balkon hoch �ber uns willkommen. Es ist Tradition, w�hrend der Rede die   Gesichter der Tribute einzublenden. Doch auf den Bildschirmen kann ich sehen,   dass sie uns viel mehr Zeit widmen, als uns eigentlich zusteht. Je dunkler es   wird, desto schwieriger wird es, den Blick von unseren Flammen abzuwenden. Als   die Nationalhymne ert�nt, versuchen sie einen schnellen Schwenk zu allen   Tributpaaren, aber die Kamera bleibt auf den Distrikt-12-Wagen gerichtet, der   ein letztes Mal den Zentralen Platz umkreist und dann im Trainingscenter   verschwindet.</p><p>Kaum haben sich die T�ren hinter uns geschlossen, da umringen uns auch schon   die Vorbereitungsteams, deren Lobhudelei auf uns fast nicht zu verstehen ist.   Als ich mich umschaue, sehe ich, dass viele der anderen Tribute uns b�se Blicke   zuwerfen, was meine Vermutung best�tigt, dass wir sie alle �berstrahlt haben.   Dann sind Cinna und Portia da und helfen uns vom Wagen herunter, wobei sie uns   vorsichtig die brennenden Umh�nge und Kopfbedeckungen abnehmen. Portia l�scht   sie mit einem Spray.</p><p>Ich merke, dass ich immer noch an Peeta klebe, und zwinge meine steifen   Finger, sich zu �ffnen. Wir massieren unsere H�nde.</p><p>�Danke, dass du mich festgehalten hast. Ich war ganz sch�n wacklig auf den   Beinen�, sagt Peeta.</p><p>�Davon war aber nichts zu sehen�, sage ich. �Das hat garantiert niemand   bemerkt.�</p><p>�Ich bin sicher, die haben �berhaupt nichts bemerkt au�er dir. Du solltest   �fter Flammen tragen�, sagt er. �Stehen dir gut.� Und dann l�chelt er mich so   s�� und mit genau dem richtigen Tick Sch�chternheit an, dass es mich   unvermittelt warm durchstr�mt.</p><p>Eine Alarmglocke schrillt in meinem Kopf. <emphasis>Sei doch nicht dumm. Peeta plant   gerade, wie er dich t�ten kann, </emphasis>sage ich mir. <emphasis>Er versucht dich   einzuwickeln, damit du eine leichte Beute bist. Je liebensw�rdiger er ist, desto   gef�hrlicher ist er.</emphasis></p><p>Und weil ich das auch kann, stelle ich mich auf Zehenspitzen und k�sse ihn   auf die Wange. Genau auf seinen Bluterguss.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>6</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Das Trainingscenter ist in einem turmartigen Geb�ude untergebracht, das   ausschlie�lich f�r die Tribute und ihre Teams errichtet wurde. Hier werden wir   bis zum Beginn der eigentlichen Spiele wohnen. Jedem Distrikt steht eine ganze   Etage zur Verf�gung. Man betritt einfach einen Aufzug und dr�ckt die Nummer des   eigenen Distrikts. Kinderleicht zu merken.</p><p>Ich bin zweimal im Gerichtsgeb�ude von Distrikt 12 Aufzug gefahren. Einmal,   um nach dem Tod meines Vaters die Medaille in Empfang zu nehmen, und dann   gestern, um mich von Familie und Freunden zu verabschieden. Aber der Aufzug dort   ist ein dunkles knarrendes Ding, das sich im Schneckentempo bewegt und in dem es   nach saurer Milch riecht. Die W�nde des Aufzugs hier sind aus Glas, sodass man   sehen kann, wie die Leute im Erdgeschoss zu Ameisen schrumpfen, w�hrend man   selbst in die H�he schie�t. Es ist ein tolles Gef�hl und ich bin versucht, Effie   Trinket zu fragen, ob wir noch mal fahren k�nnen, aber irgendwie kommt mir das   kindisch vor.</p><p>Effie Trinkets Aufgaben sind mit unserer Ankunft am Bahnhof offenbar nicht   beendet. Sie und Haymitch werden uns managen, bis es in die Arena geht. Das hat   gewisse Vorteile, denn sie steht wenigstens p�nktlich bereit, wenn wir   irgendwohin m�ssen, w�hrend Haymitch, seit er im Zug eingewilligt hat, uns zu   helfen, nicht mehr aufgetaucht ist. Wahrscheinlich liegt er irgendwo im   Delirium. Effie Trinket hingegen scheint auf einem H�henflug zu sein. Zum ersten   Mal betreut sie ein Team, das bei der Er�ffnungsfeier der unumstrittene Star   war. Sie lobt unsere Kost�me und unseren Auftritt. Au�erdem behauptet Effie   Trinket, sie kenne jeden, der im Kapitol Rang und Namen hat, und habe uns den   ganzen Tag in h�chsten T�nen gelobt, um Sponsoren f�r uns zu gewinnen.</p><p>�Ich habe aber sehr geheimnisvoll getan�, sagt sie und blinzelt durch die   halb geschlossenen Augen. �Haymitch hat mir n�mlich nichts �ber eure Strategien   erz�hlt. Trotzdem habe ich versucht, aus dem Material, das mir zur Verf�gung   stand, das Beste zu machen. Wie Katniss sich f�r ihre Schwester geopfert hat.   Wie ihr beide erfolgreich daf�r k�mpft, die Barbarei in eurem Distrikt zu   �berwinden.�</p><p>Barbarei? Ziemliche Ironie, das aus dem Mund einer Frau zu h�ren, die uns   darauf vorbereitet, abgeschlachtet zu werden. Und woran macht sie unseren Erfolg   fest? An unseren Tischmanieren?</p><p>�Nat�rlich haben sie alle ihre Vorbehalte. Weil ihr aus dem Kohledistrikt   kommt. Aber ich habe gesagt, und das war sehr klug von mir, ich habe gesagt:   &gt;Wisst ihr, wenn man nur genug Druck auf die Kohle aus�bt, werden daraus   Perlen! &lt;� Effie strahlt uns derart an, dass wir nicht anders k�nnen, als sie   begeistert f�r ihre Klugheit zu loben, auch wenn sie sich irrt.</p><p>Kohle verwandelt sich nicht in Perlen. Die wachsen in Muscheln.   Wahrscheinlich meinte sie, dass Kohle sich in Diamanten verwandelt, obwohl auch   das nicht stimmt. Ich habe geh�rt, dass es in Distrikt 1 eine Maschine gibt, die   Grafit in Diamanten verwandeln kann. Aber in Distrikt 12 f�rdern wir keinen   Grafit. Das war ein Teil der Aufgabe von Distrikt 13, bis er zerst�rt wurde.</p><p>Ich frage mich, ob die Leute, bei denen sie den ganzen Tag die Werbetrommel   f�r uns ger�hrt hat, das wissen oder �berhaupt wissen wollen.</p><p>�Leider kann ich keine Sponsorendeals f�r euch machen. Das kann nur   Haymitch�, sagt sie finster. �Aber macht euch keine Sorgen, ich werde ihn an den   Tisch kriegen, wenn n�tig mit Waffengewalt.�</p><p>Effie Trinket hat zwar gewisse Schw�chen, aber ihre Entschlossenheit muss   ich bewundern.</p><p>Mein Quartier ist gr��er als unser ganzes Haus in Distrikt 12. Es ist ebenso   vornehm eingerichtet wie der Waggon im Zug und verf�gt dabei �ber so viele   automatische Vorrichtungen, dass ich bestimmt nicht die Zeit haben werde, sie   alle auszuprobieren. Allein die Dusche hat ein Bedienfeld mit mehr als hundert   Wahlm�glichkeiten, bei denen man Temperatur, Wasserdruck, Seifen, Shampoos, �le   und Massageschw�mme einstellen kann. Wenn man auf eine Matte steigt, schalten   sich Heizl�fter ein, die den K�rper trocken pusten. Anstatt mit den Knoten in   meinem nassen Haar zu k�mpfen, lege ich einfach die Hand auf einen Kasten, der   einen Luftstrom �ber meine Kopfhaut aussendet und das Haar in k�rzester Zeit   entwirrt, scheitelt und trocknet. Wie ein gl�nzender Vorhang flie�t es auf meine   Schultern herab.</p><p>Den W�scheschrank programmiere ich auf ein Outfit nach meinem Geschmack. Auf   mein Kommando zoomen die Fenster die gew�nschten Stadtteile heran und wieder   weg. Ich brauche nur den Namen eines Gerichts von einer gigantischen   Speisekarte in ein Sprachrohr zu fl�stern und im Handumdrehen steht es hei� und   dampfend vor mir. Ich gehe durch den Raum, esse G�nseleber und lockeres Brot,   bis es an der T�r klopft. Effie ruft mich zum Abendessen.</p><p>Gut. Ich habe n�mlich einen B�renhunger.</p><p>Als wir das Speisezimmer betreten, stehen Peeta, Cinna und Portia auf einem   Balkon und schauen auf das Kapitol hinab. Ich bin froh, die Stylisten zu sehen,   besonders als ich h�re, dass Haymitch auch dazusto�en wird. Eine Mahlzeit nur   mit Effie und Haymitch w�rde in einer Katastrophe enden. Au�erdem geht es heute   Abend nicht nur ums Essen, sondern auch darum, eine Strategie zu entwerfen, und   Cinna und Portia haben bereits bewiesen, wie wertvoll sie sind.</p><p>Ein stiller junger Mann in wei�er Tunika reicht uns langstielige Gl�ser mit   Wein. Erst will ich ablehnen, aber abgesehen von dem selbst gemachten Zeug, das   meine Mutter uns bei Husten verabreicht, habe ich noch nie Wein getrunken, und   wann werde ich je wieder die Gelegenheit dazu bekommen? Ich trinke ein   Schl�ckchen der s�uerlichen, herben Fl�ssigkeit und denke insgeheim, dass sie   mit ein paar L�ffeln Honig besser schmecken w�rde.</p><p>Haymitch erscheint just in dem Augenblick, als das Essen aufgetragen wird.   Offenbar hat er auch einen Stylisten, denn er sieht sauber und gepflegt aus und   wirkt so n�chtern, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Zwar lehnt er den Wein   nicht ab, aber als er anf�ngt, seine Suppe zu l�ffeln, wird mir bewusst, dass   ich ihn zum ersten Mal essen sehe. Vielleicht wird er sich tats�chlich lange   genug zusammenrei�en, um uns eine Hilfe zu sein.</p><p>Cinna und Portia scheinen dazu beizutragen, dass Effie und Haymitch sich   zivilisiert benehmen. Zumindest sprechen sie einander h�flich an. Und was die   Er�ffnungsfeier angeht, so sind beide voll des Lobes f�r unsere Stylisten.   W�hrend sie gepflegt plaudern, konzentriere ich mich aufs Essen. Pilzsuppe, ein   bitteres Gem�se mit erbsengro�en Tomaten, blutiges Roastbeef, hauchd�nn   geschnitten, Nudeln in einer gr�nen So�e, K�se, der auf der Zunge zergeht und   mit s��en blauen Weintrauben serviert wird. Die Kellner, alles junge Leute in   wei�en Tuniken wie der, von dem wir den Wein haben, kommen und gehen wortlos und   sorgen daf�r, dass Teller und Gl�ser stets gef�llt sind.</p><p>Als ich mein Weinglas halb ausgetrunken habe, f�hle ich mich leicht benebelt   und steige lieber auf Wasser um. Ich mag das Gef�hl nicht und hoffe, dass es   bald nachl�sst. Es ist mir ein R�tsel, wie Haymitch es aush�lt, st�ndig in   diesem Zustand herumzulaufen.</p><p>Ich versuche mich auf das Gespr�ch zu konzentrieren, in dem es jetzt um   unsere Interviewkost�me geht, als ein M�dchen eine umwerfend aussehende Torte   auf den Tisch stellt und geschickt anz�ndet. Die Torte lodert auf, dann z�ngeln   die Flammen eine Weile an den R�ndern, bis sie schlie�lich erl�schen. Einen   Moment lang bin ich im Zweifel. �Wodurch brennt das? Alkohol?�, frage ich und   schaue zu dem M�dchen auf. �Das m�chte ich auf gar keinen Fa� He! Dich kenne   ich doch!�</p><p>Ich kann dem Gesicht des M�dchens weder einen Namen noch eine Zeit zuordnen.   Aber ich bin mir sicher. Das dunkelrote Haar, die markanten Gesichtsz�ge, die   porzellanwei�e Haut. Doch schon als ich die Worte ausspreche, habe ich Angst und   Schuldgef�hle, und obwohl ich nicht wei�, was es ist, sp�re ich, dass ich eine   schlechte Erinnerung mit ihr verbinde. Das Entsetzen, das �ber ihr Gesicht   huscht, vergr��ert meine Verwirrung und mein Unbehagen nur noch mehr. Sie   sch�ttelt den Kopf und geht eilig davon.</p><p>Als ich ihr nachsehe, schauen die vier Erwachsenen mich an wie Falken.</p><p>�Mach dich nicht l�cherlich, Katniss. Woher solltest du einen Avox kennen?�,   blafft Effie mich an. �Allein der Gedanke.�</p><p>�Was ist ein Avox?�, frage ich d�mmlich.</p><p>�Jemand, der ein Verbrechen begangen hat. Sie haben ihr die Zunge   herausgeschnitten, deshalb kann sie nicht reden�, sagt Haymitch. �Wahrscheinlich   ist sie irgendeine Verr�terin. Ziemlich unwahrscheinlich, dass du sie   kennst.�</p><p>�Und selbst wenn, du darfst mit keinem von ihnen sprechen, au�er um Befehle   zu erteilen�, sagt Effie. �Aber nat�rlich kennst du sie gar nicht.�</p><p>Doch, ich kenne sie. Und jetzt, da Haymitch das Wort <emphasis>Verr�terin </emphasis>erw�hnt hat, wei� ich auch, woher. Aber die allgemeine Missbilligung ist so   deutlich, dass ich es niemals zugeben k�nnte. �Nein, ich glaube nicht, ich habe   nur ��, stammele ich und der Wein macht es nicht besser.</p><p>Peeta schnippt mit den Fingern. �Delly Cartwright. Genau. Mir kam sie n�mlich   auch bekannt vor. Bis mir klar wurde, dass sie Delly aufs Haar gleicht.�</p><p>Delly Cartwright ist ein blassgesichtiges, pummeliges M�dchen mit gelblichem   Haar, die unserer Kellnerin etwa so �hnlich sieht wie ein K�fer einem   Schmetterling. Au�erdem ist sie vielleicht der freundlichste Mensch auf der Welt   - in der Schule l�chelt sie dauernd alle an, sogar mich. Das rothaarige M�dchen   habe ich noch nie l�cheln gesehen. Aber ich nehme Peetas Vorlage dankbar auf.   �Nat�rlich, an Delly hat sie mich erinnert. Wahrscheinlich wegen der Haare�,   sage ich.</p><p>�Und auch wegen der Augen�, sagt Peeta.</p><p>Die Spannung am Tisch l�st sich auf. �Nun ja. Wenn�s nur das ist�, sagt   Cinna. �Und die Torte enth�lt tats�chlich Schnaps, aber der Alkohol ist   verbrannt. Ich habe sie extra zu Ehren eures feurigen Deb�ts bestellt.�</p><p>Wir essen die Torte und begeben uns dann in einen Salon, um im Fernsehen die   Wiederholung der Er�ffnungsfeier anzuschauen. Einige der anderen Paare sehen   ganz h�bsch aus, aber keines von ihnen kann uns das Wasser reichen. Sogar uns   selbst entf�hrt ein Laut des Staunens bei unserer Ausfahrt aus dem   Trainingscenter.</p><p>�Wer hatte die Idee mit dem H�ndchenhalten?�, fragt Haymitch.</p><p>�Cinna�, sagt Portia.</p><p>�Genau der richtige Touch Rebellion�, sagt Haymitch. �Sehr h�bsch.�</p><p>Rebellion? Dar�ber muss ich einen Moment nachdenken. Aber als ich an die   anderen Paare denke, jeder steif und f�r sich, einander weder ber�hrend noch   eines Blickes w�rdigend, als w�rde der Partnertribut gar nicht existieren, als   h�tten die Hungerspiele bereits begonnen, verstehe ich, was Haymitch meint. Wir   haben uns nicht als Gegner, sondern als Freunde pr�sentiert, und das hat uns   genauso herausgehoben wie die brennenden Kost�me.</p><p>�Morgen fr�h beginnt die erste Trainingseinheit. Beim Fr�hst�ck werde ich   euch genau erkl�ren, wie ihr sie angehen sollt�, sagt Haymitch zu Peeta und mir.   �Und jetzt geht schlafen, w�hrend sich die Erwachsenen unterhalten.�</p><p>Peeta und ich gehen den Flur entlang. Als wir vor meiner Zimmert�r ankommen,   lehnt er sich gegen den Rahmen. Er versperrt mir nicht direkt den Weg, zwingt   mich jedoch, ihn anzusehen. �Delly Cartwright, soso. Das war was, hier ihrer   Doppelg�ngerin zu begegnen.�</p><p>Er wartet auf eine Erkl�rung und ich bin versucht, ihm eine zu geben. Wir   wissen beide, dass er mich gedeckt hat. Schon wieder bin ich ihm etwas schuldig.   Wenn ich ihm die Wahrheit �ber das M�dchen sage, k�nnte ich etwas davon   wettmachen. Was k�nnte es schaden? Selbst wenn er die Geschichte ausplaudern   w�rde, w�re das nicht so schlimm. Ich war schlie�lich nur Zeuge. Und was Delly   Cartwright angeht, so hat er schlie�lich genauso gelogen wie ich.</p><p>Ich merke, dass ich jemandem von dem M�dchen erz�hlen m�chte. Jemandem, der   mir helfen k�nnte, ihre Geschichte zu verstehen. Gale w�re erste Wahl, aber es   ist unwahrscheinlich, dass ich Gale je wiedersehe. Ich �berlege, ob es Peeta   einen Vorteil verschaffen k�nnte, wenn ich es ihm erz�hle, aber ich w�sste   nicht, wie. Wenn ich ihn ins Vertrauen ziehe, denkt er vielleicht sogar, dass   ich ihn als Freund betrachte.</p><p>Abgesehen davon macht mir der Gedanke an das M�dchen mit der verst�mmelten   Zunge Angst. Sie hat mich daran erinnert, warum ich hier bin. Nicht um   Glitzerklamotten vorzuf�hren und Delikatessen zu verspeisen. Sondern um einen   blutigen Tod zu sterben, w�hrend die Menge meinen M�rder anfeuert.</p><p>Verraten oder nicht verraten? Mein Hirn f�hlt sich noch tr�ge an vom Wein.   Ich starre in den leeren Flur, als k�nnte ich dort die L�sung finden.</p><p>Peeta nutzt mein Z�gern. �Warst du schon mal auf dem Dach?� Ich sch�ttele den   Kopf. �Cinna hat es mir gezeigt. Du kannst praktisch �ber die ganze Stadt   schauen. Nur der Wind ist ein bisschen laut.�</p><p>In Gedanken �bersetze ich das mit: �Niemand wird unser Gespr�ch belauschen   k�nnen.� Denn es f�hlt sich so an, als ob sie uns hier �berwachen. �K�nnen wir   da denn einfach raufgehen?�</p><p>�Aber ja, komm�, sagt Peeta. Ich folge ihm zu einer Treppe, die nach oben in   einen kleinen kuppelf�rmigen Raum f�hrt. Als wir durch eine T�r in die k�hle,   windige Abendluft hinaustreten, stockt mir der Atem bei der Aussicht. Das   Kapitol blinkt wie ein riesiges Feld aus Gl�hw�rmchen. In Distrikt 12 haben   wir mal Strom und mal nicht, meist nur f�r ein paar Stunden am Tag. Oft   verbringen wir die Abende bei Kerzenschein. Auf Strom verlassen kann man sich   nur dann, wenn im Fernsehen die Spiele �bertragen werden oder eine wichtige   Mitteilung der Regierung kommt, bei der das Zuschauen obligatorisch ist. Aber   hier wird nie Mangel an Strom herrschen. Niemals.</p><p>Peeta und ich gehen zu einer Br�stung am Rand des Dachs. Ich schaue   geradewegs die Geb�udewand hinunter auf die Stra�e, auf der es von Menschen   wimmelt. Man kann ihre Autos h�ren, gelegentlich einen Ruf und ein seltsames   metallisches Geklingel. In Distrikt 12 w�rden um diese Uhrzeit alle ans Bett   denken.</p><p>�Ich habe Cinna gefragt, warum sie uns hier herauflassen. W�re doch m�glich,   dass manche Tribute sich entschlie�en k�nnten, runterzuspringen�, sagt   Peeta.</p><p>�Und was hat er geantwortet?�, frage ich.</p><p>�Es geht nicht�, sagt Peeta. Er streckt die Hand in den scheinbar leeren   Raum. Ein scharfes Sirren ert�nt und er zuckt zur�ck. �Eine Art elektrisches   Feld wirft dich zur�ck aufs Dach.�</p><p>�Immer um unsere Sicherheit besorgt�, sage ich. Obwohl Cinna Peeta das Dach   gezeigt hat, frage ich mich, ob wir jetzt eigentlich hier oben sein d�rften, so   sp�t und ganz allein. Ich habe noch nie Tribute auf dem Dach des   Trainingscenters gesehen. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir nicht   aufgenommen werden. �Glaubst du, sie beobachten uns?�</p><p>�Gut m�glich�, sagt er. �Komm mit in den Garten.�</p><p>Auf der anderen Seite der Kuppel befindet sich ein Garten mit Blumenbeeten   und B�umen in T�pfen. An den �sten h�ngen Hunderte Glockenspiele, von ihnen   kommt das Geklingel, das ich geh�rt habe. Hier im Garten, in dieser windigen   Nacht, reicht es aus, um zwei Menschen zu �bert�nen, die nicht geh�rt werden   wollen. Peeta sieht mich erwartungsvoll an.</p><p>Ich tue so, als w�rde ich eine Bl�te untersuchen. �Wir haben mal im Wald   gejagt. Uns versteckt und auf die Lauer gelegt�, fl�stere ich.</p><p>�Du und dein Vater?�, fl�stert er zur�ck.</p><p>�Nein, mein Freund Gale. Pl�tzlich h�rten alle V�gel schlagartig auf zu   singen. Bis auf einen. Als h�tte er einen Warnruf ausgesto�en. Und dann sahen   wir sie. Ich bin mir sicher, dass es dasselbe M�dchen war. Ein Junge war bei   ihr. Ihre Kleider waren zerlumpt. Sie hatten vor Schlafmangel dunkle Ringe   unter den Augen. Sie rannten, als w�rde ihr Leben davon abh�ngen�, sage ich.</p><p>Einen Augenblick lang bin ich still, w�hrend ich mich daran erinnere, wie der   Anblick dieses seltsamen Paars, das auf der Flucht durch den Wald war und   eindeutig nicht aus Distrikt 12 kam, uns l�hmte. Sp�ter fragten wir uns, ob wir   den beiden h�tten helfen k�nnen. Vielleicht. Vielleicht h�tten wir sie   verstecken k�nnen. Wenn wir schnell gehandelt h�tten. Gale und ich waren   �berrascht, das schon, aber wir waren beide J�ger. Wir wissen, wie ein Tier   aussieht, das in die Enge getrieben ist. Sobald wir sie sahen, wussten wir, dass   die beiden in Schwierigkeiten waren. Trotzdem schauten wir nur zu.</p><p>�Das Hovercraft tauchte aus dem Nichts auf�, erz�hle ich weiter. �Der Himmel   war leer und im n�chsten Augenblick war es da. Es machte kein Ger�usch, doch sie   sahen es. Ein Netz fiel auf das M�dchen und hievte es hinauf, schnell, so   schnell wie ein Aufzug. Dann durchbohrten sie den Jungen mit einer Art Speer,   der an einem Seil hing, und holten ihn ebenfalls an Bord. Aber ich bin sicher,   dass er tot war. Wir h�rten das M�dchen einmal schreien. Den Namen des Jungen,   glaube ich. Dann war das Hovercraft fort. Spurlos verschwunden. Und die V�gel   begannen wieder zu singen, als ob nichts geschehen w�re.�</p><p>�Haben die beiden euch gesehen?�, fragt Peeta.</p><p>�Ich wei� nicht. Wir lagen unter einem Felsvorsprung�, antworte ich. Aber   ich wei� es doch. Es gab einen Augenblick, nach dem Vogelschrei und noch vor dem   Hovercraft, da hat das M�dchen uns gesehen. Es starrte mich an und rief um   Hilfe. Doch weder Gale noch ich haben geantwortet.</p><p>�Du zitterst�, sagt Peeta.</p><p>Der Wind und die Geschichte haben alle W�rme aus meinem K�rper geblasen. Der   Schrei des M�dchens. War es ihr letzter?</p><p>Peeta zieht seine Jacke aus und wickelt sie um meine Schultern. Erst weiche   ich einen Schritt zur�ck, aber dann lasse ich ihn gew�hren und beschlie�e, f�r   den Moment beides anzunehmen, seine Jacke und seine Freundlichkeit. Das w�rde   ein Freund doch tun, oder?</p><p>�Waren sie von hier?�, fragt er, w�hrend er einen Knopf an meinem Hals   zukn�pft.</p><p>Ich nicke. Sie trugen Kapitolklamotten. Der Junge und das M�dchen.</p><p>�Was glaubst du, wohin sie wollten?�, fragt er.</p><p>�Das wei� ich nicht�, sage ich. Distrikt 12 ist sozusagen die Endstation.   Hinter uns gibt es nur Wildnis. Wenn man die Ruinen von Distrikt 13 nicht   mitz�hlt, in denen noch immer die Giftbomben schwelen. Ab und zu zeigen sie es   im Fernsehen, um uns daran zu erinnern. �Und ich wei� auch nicht, warum sie   abgehauen sind.� Haymitch hat die Avoxe als Verr�ter bezeichnet. Gegen wen   richteten sie sich? Es kam nur das Kapitol infrage. Aber sie hatten hier doch   alles. Kein Grund zu rebellieren.</p><p>�Ich w�rde auch abhauen�, platzt Peeta heraus. Dann schaut er sich nerv�s um.   Er hat laut genug gesprochen, um die Glockenspiele zu �bert�nen. Er lacht.   �Wenn sie mich lie�en, w�rde ich jetzt nach Hause gehen. Aber das Essen ist   erstklassig, das muss man zugeben.�</p><p>Jetzt ist er wieder in Deckung gegangen. H�tte man nur das geh�rt, man h�tte   es f�r die Worte eines ver�ngstigten Tributs halten k�nnen und w�re nicht auf   den Gedanken gekommen, dass hier jemand die ach so gro�e G�te des Kapitols   infrage stellt.</p><p>�Es wird k�hl. Wir gehen besser rein�, sagt er. In der Kuppel ist es warm und   hell. Er ist in Plauderstimmung. �Dein Freund Gale. Ist das der, der bei der   Ernte deine Schwester weggetragen hat?�</p><p>�Ja. Kennst du ihn?�, frage ich.</p><p>�Kaum. Die M�dchen sprechen viel �ber ihn. Ich habe gedacht, er w�re dein   Cousin oder so. Ihr helft einander�, sagt er.</p><p>�Nein, wir sind nicht verwandt�, sage ich. Peeta nickt unergr�ndlich. �Hat er   sich von dir verabschiedet?�</p><p>�Ja�, sage ich, wobei ich ihn vorsichtig beobachte. �Dein Vater auch. Er hat   mir Pl�tzchen mitgebracht.�</p><p>Peeta zieht die Augenbrauen hoch, als h�rte er das zum ersten Mal. Aber   nachdem ich gesehen habe, wie glatt er l�gen kann, messe ich dem kein Gewicht   bei. �Wirklich? Nun ja, er mag dich und deine Schwester. Ich glaube, er h�tte   gern eine Tochter und nicht das ganze Haus voller Jungs.�</p><p>Die Vorstellung, dass am Esstisch, am Backofen oder auch nur beil�ufig bei   Peeta zu Hause �ber mich gesprochen wurde, l�sst mich zusammenfahren. Da kann   die Mutter aber nicht im Zimmer gewesen sein.</p><p>�Er kannte deine Mutter aus der Kindheit�, sagt Peeta.</p><p>Noch eine �berraschung. Aber wahrscheinlich stimmt es. �Ach ja. Sie ist in   der Stadt aufgewachsen�, sage ich. Es w�re unfreundlich zu sagen, dass sie den   B�cker nie erw�hnt hat, au�er um sein Brot zu loben.</p><p>Wir kommen vor meine T�r. Ich gebe ihm seine Jacke zur�ck. �Bis morgen.�</p><p>�Bis morgen�, sagt er und geht durch den Flur davon.</p><p>Als ich meine T�r �ffne, hebt das rothaarige M�dchen gerade Einteiler und   Stiefel vom Boden auf, wo ich sie vor dem Duschen liegen gelassen habe. Ich   m�chte mich daf�r entschuldigen, dass ich sie vorhin vielleicht in   Schwierigkeiten gebracht habe. Aber dann f�llt mir ein, dass ich nicht mit ihr   reden soll, es sei denn, um ihr Befehle zu erteilen.</p><p>�Oh, Entschuldigung�, sage ich. �Ich sollte sie ja Cinna zur�ckgeben. Tut   mir leid. Kannst du sie ihm bringen?�</p><p>Sie weicht meinem Blick aus, nickt kurz und verschwindet schnell durch die   T�r.</p><p>Ich hatte ihr gerade sagen wollen, dass es mir leid tut wegen des   Abendessens. Aber ich wei�, dass mein Bedauern viel tiefer reicht. Dass ich mich   sch�me, weil ich damals nicht versucht habe, ihr zu helfen. Dass ich zulie�,   dass das Kapitol den Jungen t�tete und sie verst�mmelte, und keinen Finger   ger�hrt habe.</p><p>So wie ich mir die Spiele angeschaut habe.</p><p>Ich streife meine Schuhe ab und verkrieche mich in meinen Kleidern unter die   Bettdecke. Ich zittere immer noch. Vielleicht erinnert sich das M�dchen gar   nicht an mich. Doch, sie tut es, das wei� ich. Das Gesicht eines Menschen, der   einmal die letzte Hoffnung war, vergisst man nicht. Ich ziehe mir die Decke �ber   den Kopf, als k�nnte ich mich so vor dem rothaarigen M�dchen sch�tzen, das nicht   sprechen kann. Aber ich sp�re, wie ihr Blick durch W�nde und T�ren und Bettzeug   dringt.</p><p>Ich frage mich, ob es ihr wohl Spa� machen wird, mich sterben zu sehen.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>7</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Mein Schlaf ist voller verst�render Tr�ume. Das Gesicht des rothaarigen   M�dchens vermischt sich mit blutr�nstigen Bildern fr�herer Hungerspiele, mit   meiner in sich gekehrten und unerreichbaren Mutter, mit einer ausgezehrten,   ver�ngstigten Prim. Ich fahre hoch und schreie meinem Vater zu, er solle rennen,   w�hrend die Mine in Millionen t�dlicher Lichtpartikel explodiert.</p><p>Durch die Fenster dringt die D�mmerung. Die Atmosph�re im Kapitol ist neblig   und unheimlich. Mein Kopf tut weh und ich muss mir nachts in die Wange gebissen   haben. Mit der Zunge fahre ich �ber die Fleischfetzen und schmecke Blut.</p><p>Langsam schleppe ich mich aus dem Bett und in die Dusche. Willk�rlich dr�cke   ich irgendwelche Kn�pfe auf dem Kontrollbrett und h�pfe pl�tzlich von einem Bein   aufs andere, als abwechselnd eiskaltes und kochend hei�es Wasser auf mich   einschie�t. Dann werde ich von zitronengelbem Schaum �berschwemmt, den ich mit   einer schweren borstigen B�rste wieder abschrubben muss. Was soll�s. Immerhin   flie�t mein Blut wieder.</p><p>Als ich abgetrocknet und mit Lotion eingerieben bin, entdecke ich, dass am   Schrank Kleider f�r mich h�ngen. Eine enge schwarze Hose, eine lang�rmlige   burgunderrote Tunika und Lederschuhe. Ich binde meine Haare hinten zu einem Zopf   zusammen. Es ist das erste Mal seit dem Morgen der Ernte, dass ich mir �hnlich   sehe. Keine schicken Frisuren und Kleider, kein Flammenumhang. Nur ich. In   dieser Aufmachung k�nnte ich gleich in den Wald gehen. Ich werde ruhig.</p><p>Haymitch hat keine genaue Zeit genannt, wann wir uns zum Fr�hst�ck einfinden   sollen, und niemand hat mich heute Morgen geweckt, aber ich bin hungrig, und   deshalb gehe ich in den Speisesaal, wo es hoffentlich etwas zu essen gibt. Ich   werde nicht entt�uscht. Der Tisch ist zwar leer, aber auf einem langen Bord   daneben stehen mindestens zwanzig Gerichte. Ein junger Mann, ein Avox, steht   bei den Brotbel�gen in Position. Als ich frage, ob ich mir selbst nehmen darf,   nickt er. Ich belade mir einen Teller mit Eiern, W�rstchen, Pfannkuchen, die   dick mit Orangenmarmelade bestrichen sind, und blasslila Melonenscheiben.   W�hrend ich mich vollstopfe, schaue ich zu, wie die Sonne �ber dem Kapitol   aufgeht. Ich nehme einen zweiten Teller, diesmal Rindfleischragout mit   Getreide. Zum Schluss lade ich mir einen Teller mit Br�tchen auf und setze mich   an den Tisch, breche St�ckchen ab und tunke sie in hei�e Schokolade, wie Peeta   im Zug.</p><p>Meine Gedanken wandern zu meiner Mutter und Prim. Sie sind jetzt bestimmt   schon aufgestanden. Meine Mutter macht den Fr�hst�cksbrei. Prim melkt ihre Ziege   und geht dann in die Schule. Vorgestern Morgen noch war ich zu Hause. Kann das   stimmen? Ja, nur zwei Tage. Und wie leer f�hlt sich das Haus jetzt an, sogar aus   der Entfernung. Was haben sie gestern Abend zu meinem feurigen   Er�ffnungsauftritt bei den Spielen gesagt? Hat er ihnen Hoffnung gegeben oder   hat es ihren Schrecken noch verst�rkt, die vierundzwanzig Tribute versammelt zu   sehen und zu wissen, dass nur einer von ihnen �berleben darf?</p><p>Haymitch und Peeta kommen herein, w�nschen mir einen guten Morgen, nehmen   sich zu essen. Es �rgert mich, dass Peeta exakt das Gleiche anhat wie ich.   Dar�ber muss ich mit Cinna sprechen. Dieses Zwillingsgehabe wird uns um die   Ohren fliegen, sobald die Spiele beginnen. Nat�rlich wissen sie das selbst.   Dann f�llt mir ein, was Haymitch gesagt hat: Ich soll genau das tun, was die   Stylisten sagen. Bei einem anderen als Cinna k�nnte ich mich dar�ber vielleicht   hinwegsetzen. Aber nach dem Triumph von gestern Abend kann ich seine   Entscheidungen kaum kritisieren.</p><p>Ich bin nerv�s wegen des Trainings. In den n�chsten drei Tagen werden die   Tribute gemeinsam �ben. Am letzten Nachmittag erhalten alle die Gelegenheit,   vor den Spielmachern ein Einzeltraining zu absolvieren. Bei der Vorstellung, den   anderen Tributen Auge in Auge zu begegnen, wird mir mulmig. Ich drehe das   Br�tchen, das ich gerade aus dem Korb genommen habe, wieder und wieder in der   Hand, aber der Appetit ist mir vergangen.</p><p>Als Haymitch diverse Portionen Ragout verspeist hat, schiebt er seinen Teller   mit einem Seufzer von sich. Er zieht einen Flachmann aus der Tasche, nimmt einen   gro�en Schluck und st�tzt einen Ellbogen auf den Tisch. �So, kommen wir zum   Gesch�ftlichen. Training. Erstens: Wenn ihr wollt, trainiere ich euch getrennt.   Entscheidet euch jetzt.�</p><p>�Warum sollten Sie uns getrennt trainieren?�, frage ich.</p><p>�Weil ihr zum Beispiel irgendwelche verborgenen Talente habt, von denen der   andere nichts erfahren soll�, sagt Haymitch.</p><p>Ich tausche einen Blick mit Peeta. �Ich habe keine verborgenen Talente�,   sagt er. �Und was deins ist, wei� ich schon, nicht wahr? Schlie�lich habe ich   genug Eichh�rnchen von dir gegessen.�</p><p>Ich habe nie dar�ber nachgedacht, dass Peeta die Eichh�rnchen gegessen haben   k�nnte, die ich erlegt habe. Irgendwie habe ich mir immer vorgestellt, der   B�cker w�rde sie sich heimlich selbst in der Pfanne braten. Nicht aus Gier.   Sondern weil Stadtfamilien gew�hnlich das teure Metzgerfleisch essen. Rind und   Huhn und Pferd.</p><p>�Sie k�nnen uns zusammen trainieren�, teile ich Haymitch mit. Peeta   nickt.</p><p>�In Ordnung, dann erz�hlt mir mal, was ihr so alles draufhabt�, sagt   Haymitch.</p><p>�Ich kann gar nichts�, sagt Peeta. �Abgesehen von Brotbacken.�</p><p>�Tut mir leid, aber das z�hlt nicht. Katniss, du kannst mit einem Messer   umgehen, das wei� ich bereits�, sagt Haymitch.</p><p>�Nicht besonders gut. Aber ich kann jagen�, sage ich. �Mit Pfeil und   Bogen.�</p><p>�Und bist du eine gute J�gerin?�, fragt Haymitch.</p><p>Dar�ber muss ich nachdenken. Ich habe vier Jahre lang daf�r gesorgt, dass   Essen auf den Tisch kam. Das ist nicht wenig. Ich bin nicht so gut wie mein   Vater, aber er hatte auch mehr �bung. Ich treffe genauer als Gale, aber hier   hatte ich mehr �bung. Er ist genial im Umgang mit Fallen und Schlingen. �Ganz   passabel.�</p><p>�Sie ist hervorragend�, sagt Peeta. �Mein Vater kauft ihre Eichh�rnchen. Er   sagt immer, dass die Pfeile nie den K�rper durchbohren. Sie trifft jedes Mal ins   Auge. Bei den Kaninchen, die sie dem Metzger verkauft, ist es das Gleiche. Sie   kann sogar Rehe erlegen.�</p><p>Peetas Einsch�tzung meiner F�higkeiten kommt v�llig unerwartet. Erstens,   dass er das �berhaupt bemerkt hat. Zweitens, dass er mich so lobt. �Was soll   das?�, frage ich ihn misstrauisch.</p><p>�Das frage ich dich! Wenn er dir helfen soll, dann muss er wissen, was du   kannst. Stell dein Licht nicht unter den Scheffel�, sagt Peeta.</p><p>Ich wei� nicht, warum, aber das passt mir nicht. �Und was ist mit dir? Ich   habe dich auf dem Markt gesehen. Du kannst zentnerschwere Mehls�cke heben�,   fahre ich ihn an. �Sag ihm das. Das ist nicht nichts.�</p><p>�Ja, und ganz bestimmt stehen haufenweise Mehls�cke in der Arena, mit denen   ich die Leute bewerfen kann. Das ist etwas v�llig anderes, als wenn man mit   einer Waffe umgehen kann, das wei�t du genau�, blafft er zur�ck.</p><p>�Er kann ringen�, erz�hle ich Haymitch. �Im letzten Jahr wurde er Zweiter   beim Schulringen, hinter seinem Bruder.�</p><p>�Und wozu kann man das gebrauchen? Hast du schon mal gesehen, wie jemand   einen anderen totgerungen hat?�, fragt Peeta angewidert.</p><p>�Es kommt fast immer zum Handgemenge. Du musst dir nur ein Messer beschaffen,   dann hast du wenigstens eine Chance. Wenn ich �berrumpelt werde, bin ich tot!�   Meine Stimme wird w�tend.</p><p>�Aber das wird nicht passieren! Du wirst irgendwo hoch oben in einem Baum   leben, rohe Eichh�rnchen essen und die Leute mit Pfeilen ins Visier nehmen.   Wei�t du was? Als meine Mutter sich von mir verabschieden kam, sagte sie, wie um   mich aufzumuntern, dass Distrikt 12 vielleicht endlich mal wieder einen   Gewinner stellen wird. Erst sp�ter begriff ich, dass sie nicht mich gemeint hat   - sie meinte dich!�, platzt Peeta heraus.</p><p>�Nein, sie meinte dich�, sage ich abwehrend.</p><p>�Sie hat gesagt: &gt;Die wird �berleben! <emphasis>Die!&lt;</emphasis>�, sagt   Peeta.</p><p>Ich verstumme. Hat seine Mutter das wirklich �ber mich gesagt? Hat sie mich   �ber ihrem Sohn eingestuft? Ich sehe die Kr�nkung in Peetas Blick und wei�, dass   er nicht l�gt.</p><p>Pl�tzlich bin ich wieder hinter der B�ckerei und kann die K�lte des Regens   sp�ren, der �ber meinen R�cken rinnt, das Loch in meinem Bauch. Als ich wieder   etwas sage, klinge ich wie eine Elfj�hrige: �Aber nur, weil jemand mir geholfen   hat.�</p><p>Peetas Blick geht schnell zu dem Br�tchen in meinen H�nden und ich wei�,   dass er sich auch an jenen Tag erinnert. Aber er zuckt nur die Achseln. �Die   Leute werden dir in der Arena helfen. Sie werden sich �berschlagen, um dich zu   sponsern.�</p><p>�Nicht mehr als dich�, sage ich.</p><p>Peeta verdreht die Augen in Haymitchs Richtung. �Sie hat keine Ahnung, was   f�r eine Ausstrahlung sie haben kann.� Sein Finger f�hrt an der Holzmaserung des   Tisches entlang, w�hrend er meinem Blick ausweicht.</p><p>Was in aller Welt soll das bedeuten? Die Leute werden mir helfen? Als wir   fast verhungert sind, hat mir keiner geholfen! Keiner au�er Peeta. Erst als ich   etwas zum Tauschen hatte, hat sich die Lage ver�ndert. Ich bin hart im Handeln.   Oder doch nicht? Was f�r eine Ausstrahlung habe ich? Wirke ich schwach und   hilfsbed�rftig? Will er damit andeuten, dass ich gute Gesch�fte gemacht habe,   weil die Leute Mitleid mit mir hatten? Ich versuche dar�ber nachzudenken, ob das   stimmt. Sicher, ein paar Kaufleute waren vielleicht ein bisschen gro�z�gig, aber   das habe ich immer ihren langj�hrigen Beziehungen zu meinem Vater zugeschrieben.   Und mein Wild ist erstklassig. Niemand hatte Mitleid mit mir!</p><p>Finster blicke ich auf das Br�tchen. Ich bin mir sicher, dass er mich kr�nken   wollte.</p><p>Nach einer Weile sagt Haymitch: �Tja, also. Tja, tja, tja. Wir k�nnen uns   nicht darauf verlassen, dass es in der Arena Pfeil und Bogen geben wird,   Katniss. Aber w�hrend deiner Einzelsitzung mit den Spielmachern solltest du   ihnen zeigen, was du kannst. Bis dahin halte dich vom Bogenschie�en fern. Bist   du gut im Fallenstellen?�</p><p>�Ich kenne ein paar einfache Schlingen�, murmele ich.</p><p>�Das kann wichtig sein, um Essen zu beschaffen�, sagt Haymitch. �Und sie hat   recht, Peeta, untersch�tze niemals die K�rperkraft in der Arena. Physische   Kraft gibt sehr oft den Ausschlag f�r den einen oder anderen Spieler. Im   Trainingscenter haben sie Gewichte, aber zeig vor den anderen Tributen nicht,   wie viel du heben kannst. Der Plan ist f�r euch beide der gleiche. Ihr geht zum   Gruppentraining. Eignet euch dort etwas an, das ihr noch nicht beherrscht. Einen   Speer werfen. Eine Keule schwingen. Einen anst�ndigen Knoten binden. Nur nicht   zeigen, was ihr am besten k�nnt, bis zu den Einzelstunden. Habe ich mich klar   ausgedr�ckt?�, fragt Haymitch.</p><p>Peeta und ich nicken.</p><p>�Noch ein Letztes. Ich m�chte, dass ihr in der �ffentlichkeit die ganze Zeit   beisammen seid�, sagt Haymitch. Wir wollen beide protestieren, aber Haymitch   haut mit der Hand auf den Tisch. �Die ganze Zeit! Keine Diskussion! Ihr habt   euch bereit erkl�rt zu tun, was ich sage! Ihr werdet zusammen sein und ihr   werdet freundlich miteinander umgehen. Und jetzt raus hier. Um zehn erwartet   euch Effie zum Training am Aufzug.�</p><p>Ich bei�e mir auf die Lippe, gehe zur�ck in mein Zimmer und achte darauf,   dass Peeta h�rt, wie ich die T�r zuschlage. Ich setze mich aufs Bett. Ich hasse   Haymitch, ich hasse Peeta, ich hasse mich selbst daf�r, dass ich diesen Tag im   Regen vor so langer Zeit erw�hnt habe.</p><p>Das ist doch ein Witz! Dass Peeta und ich so tun, als ob wir Freunde w�ren!   Die St�rken des anderen anpreisen, ihn dazu bringen, dass er sich seiner   F�higkeiten bewusst wird. Und irgendwann m�ssen wir dann Schluss damit machen   und akzeptieren, dass wir erbitterte Feinde sind. Was ich gern jetzt gleich   erledigen w�rde, w�re da nicht Haymitchs d�mliche Anweisung, dass wir beim   Training zusammenbleiben sollen. Daran bin ich wohl selber schuld, weil ich ihm   gesagt habe, er m�sse uns nicht getrennt trainieren. Aber das sollte doch nicht   hei�en, dass ich alles mit Peeta zusammen machen will. Der sich �brigens   eindeutig auch nicht mit mir zusammentun m�chte.</p><p>Ich h�re Peetas Stimme in meinem Kopf. <emphasis>Sie hat keine Ahnung, was f�r eine   Ausstrahlung sie haben kann. </emphasis>Damit wollte er mich ganz offensichtlich   erniedrigen. Oder? Doch ein kleiner Teil von mir fragt sich, ob es nicht   vielleicht ein Kompliment sein sollte. Dass er meinte, ich sei irgendwie   attraktiv. Eigenartig, dass ich ihm so aufgefallen bin. Dass er mich als   J�gerin bemerkt hat. Umgekehrt war er mir anscheinend auch nicht so   gleichg�ltig, wie ich gedacht hatte. Das Mehl. Das Ringen. Ich habe den Jungen   mit dem Brot all die Jahre im Auge behalten.</p><p>Es ist fast zehn. Ich putze mir die Z�hne und k�mme mich noch einmal. Meine   Wut hat die Nervosit�t vor der Begegnung mit den anderen Tributen kurzzeitig   verdr�ngt, doch jetzt sp�re ich, wie die Angst wieder hochkommt. Als ich am   Aufzug zu Effie und Peeta sto�e, ertappe ich mich beim N�gelkauen. Ich lasse es   sofort sein.</p><p>Die eigentlichen Trainingsr�ume befinden sich im Untergeschoss unseres   Geb�udes. Mit diesen Aufz�gen dauert es weniger als eine Minute. Die T�ren   �ffnen sich auf eine riesige Turnhalle mit verschiedenen Waffen und   Hindernisparcours. Obwohl es noch nicht ganz zehn Uhr ist, sind wir die Letzten.   Die anderen Tribute sitzen in einem engen Kreis zusammen. Alle haben ein St�ck   Stoff mit ihrer Distriktnummer an der Kleidung festgesteckt. W�hrend jemand mir   die Nummer <emphasis>12 </emphasis>an den R�cken heftet, schaue ich mich rasch um. Peeta und   ich sind die Einzigen, die gleich angezogen sind.</p><p>Sobald wir uns in den Kreis begeben, tritt die Cheftrainerin, eine gro�e,   athletische Frau namens Atala, vor und beginnt den Trainingsplan zu erl�utern.   Bei jeder Station stehen Fachleute f�r die jeweilige Disziplin bereit. Wir   k�nnen frei von einer Station zur n�chsten wechseln, wie Haymitch es uns   aufgetragen hat. An manchen Stationen werden �berlebensstrategien unterrichtet,   an anderen Kampftechniken. Es ist uns verboten, mit anderen Tributen   Kampf�bungen zu machen. Wenn wir mit einem Partner trainieren m�chten, stehen   Assistenten bereit.</p><p>Als Atala die Liste der einzelnen Stationen verliest, schaue ich   unwillk�rlich zu den anderen Tributen. Es ist das erste Mal, dass wir alle so   zusammensitzen, auf dem Boden, in einfacher Kleidung. Das Herz rutscht mir in   die Hose. Fast alle Jungs und mindestens die H�lfte der M�dchen sind gr��er als   ich, obwohl viele der Tribute nie ausreichend zu essen bekommen haben. Man sieht   es an ihren Knochen, ihrer Haut, den tief in den H�hlen liegenden Augen. Ich mag   von Natur aus kleiner sein, aber alles in allem hat der Einfallsreichtum meiner   Familie mir in dieser Hinsicht einen Vorteil verschafft. Ich halte mich   aufrecht, und so d�nn ich bin, ich bin auch stark. Fleisch und Pflanzen aus dem   Wald in Verbindung mit der Anstrengung, die es brauchte, sie zu beschaffen,   haben mir zu einem vergleichsweise gesunden K�rper verholfen.</p><p>Die Ausnahme bilden die Kinder aus den wohlhabenderen Distrikten, die   Freiwilligen, die ihr Leben lang auf diesen Augenblick hin ern�hrt und   ausgebildet worden sind. Die Tribute aus den Distrikten 1, 2 und 4 sehen f�r   gew�hnlich so aus. Eigentlich verst��t es gegen die Spielregeln, Tribute vorab   zu trainieren, aber es passiert jedes Jahr aufs Neue. In Distrikt 12 nennen wir   sie Karrieretribute oder einfach nur Karrieros. Und h�chstwahrscheinlich wird   einer von ihnen der Sieger sein.</p><p>Der leichte Vorteil, den ich beim Betreten des Trainingscenters hatte, mein   feuriger Auftritt gestern Abend, scheint angesichts meiner Konkurrenz zu   schwinden. Die anderen Tribute waren eifers�chtig auf uns, aber nicht, weil wir   fantastisch waren, sondern weil unsere Stylisten fantastisch waren. Jetzt sehe   ich nichts als Verachtung in den fl�chtigen Blicken der Karrieretribute. Sie   alle wiegen f�nfundzwanzig bis f�nfzig Kilo mehr als ich. Sie wirken �berheblich   und brutal. Als Atala uns entl�sst, steuern sie direkt auf die t�dlichsten   Waffen in der Turnhalle zu und gehen spielend leicht damit um.</p><p>Was f�r ein Gl�ck, dass ich schnell rennen kann, denke ich, als Peeta mich   anst��t und ich zusammenzucke. Er steht immer noch neben mir, weil Haymitch es   ja so will. Er sieht ganz ruhig aus. �Wo m�chtest du anfangen?�</p><p>Ich betrachte die Karrieretribute, die zeigen, was sie draufhaben, und es   eindeutig darauf anlegen, die Konkurrenz einzusch�chtern. Dann die anderen, die   Unterern�hrten, die Unf�higen, die zitternd ihre ersten �bungen mit einem   Messer oder einer Axt absolvieren.</p><p>�Wir k�nnten Knotenbinden �ben�, sage ich.</p><p>�Gute Idee�, sagt Peeta. Wir gehen hin�ber zu einer verwaisten Station und   der Trainer scheint sich zu freuen, dass er endlich Sch�ler hat. Offenbar steht   Knotenbinden bei den Hungerspielen nicht so hoch im Kurs. Als er merkt, dass   ich etwas von Schlingen verstehe, zeigt er uns eine einfache, h�chst wirksame   Falle, die einen menschlichen Gegner an einem Bein von einem Baum baumeln l�sst.   Eine Stunde lang konzentrieren wir uns auf diese eine Kunst, bis wir beide sie   beherrschen. Dann gehen wir weiter zur Tarnung. Peeta scheint es richtig Spa� zu   machen, seine blasse Haut mit einem Gemisch aus Schlamm, Lehm und Beerens�ften   zu beschmieren und darauf zur Tarnung Weinbl�tter und anderes Laub zu kleben.   Der Trainer, der die Tarnstation leitet, ist begeistert von seinem Treiben.</p><p>�Ich bin doch f�r die Torten zust�ndig�, gesteht Peeta mir.</p><p>�Torten?�, frage ich. Ich schaue gerade besorgt einem Jungen aus Distrikt 2   zu, der einer Puppe aus f�nfzehn Metern Entfernung einen Speer durchs Herz jagt.   �Was f�r Torten?�</p><p>�Zu Hause. Die mit Glasur, f�r die B�ckerei�, sagt er.</p><p>Er meint die Torten in den Schaufenstern. Die sch�nen Torten mit Blumen und   anderen Verzierungen aus Zuckerguss, die f�r Geburtstage und Neujahr. Wenn wir   auf dem Platz sind, zerrt Prim mich immer dorthin, um sie zu bewundern, obwohl   wir uns noch nie eine leisten konnten. Aber in Distrikt 12 gibt es so wenig   Sch�nes, dass ich es ihr kaum verweigern kann.</p><p>Ich betrachte die Tarnzeichnung auf Peetas Arm eingehender. Das Muster, in   dem sich Hell und Dunkel abwechseln, erinnert an Sonnenlicht, das im Wald   durchs Laub f�llt. Ich frage mich, woher er das kennt, denn ich bezweifele, dass   er jemals hinter dem Zaun war. Ist es m�glich, dass er das allein bei dem   verwachsenen alten Apfelbaum im Hinterhof der B�ckerei abgeschaut hat?   Irgendwie �rgert mich all das - seine F�higkeiten, die unerreichbaren Torten,   das Lob des Tarnexperten.</p><p>�Wie sch�n. Jetzt m�sste man nur noch jemanden zu Tode verzieren k�nnen�,   sage ich.</p><p>�Sei nicht so �berheblich. Keiner wei� im Voraus, was uns in der Arena   erwartet. Angenommen, es w�re eine riesige Torte ��, sagt Peeta.</p><p>�Angenommen, wir gehen weiter�, unterbreche ich ihn.</p><p>Die folgenden drei Tage verbringen Peeta und ich damit, still von Station zu   Station zu wandern. Wir erlernen verschiedene K�nste, Feuermachen,   Messerwerfen, H�ttenbauen. Trotz Haymitchs Anweisung, sich nicht hervorzutun,   ist Peeta im Kampf Mann gegen Mann �berragend und ich bringe die Pr�fung mit den   essbaren Pflanzen hinter mich, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber Bogenschie�en   und Gewichtheben meiden wir, das wollen wir uns f�rs Privattraining   aufheben.</p><p>Die Spielmacher haben sich am ersten Tag fr�h blicken lassen. Etwa zwanzig   M�nner und Frauen in tiefvioletten Gew�ndern. Sie setzen sich auf die erh�hten   Trib�nen rings um die Turnhalle. Manchmal gehen sie herum, schauen uns zu und   machen sich Notizen, manchmal essen sie von dem endlosen Bankett, das f�r sie   aufgetragen wurde, und beachten uns gar nicht. Aber es scheint, als behielten   sie die Tribute aus Distrikt 12 im Auge. Mehrmals schaue ich auf und bemerke,   wie einer von ihnen mich anstarrt. Und w�hrend wir essen, befragen sie auch die   Trainer. Als wir zur�ckkommen, stehen sie beisammen.</p><p>Fr�hst�ck und Abendessen werden auf unserer Etage serviert, aber mittags   essen wir alle gemeinsam in einem Speisesaal neben der Turnhalle. Das Essen   steht auf Wagen rings an den W�nden und man bedient sich selbst. Die   Karrieretribute versammeln sich meist mit r�pelhaftem Benehmen um einen Tisch,   als wollten sie ihre �berlegenheit zur Schau stellen und beweisen, dass sie   keine Angst voreinander haben und uns �brigen keinerlei Beachtung schenken. Die   meisten anderen Tribute sitzen allein da, wie verlorene Schafe. Keiner spricht   uns an. Peeta und ich essen gemeinsam, und da Haymitch so viel Wert darauflegt,   versuchen wir w�hrend des Essens ein freundliches Gespr�ch in Gang zu   halten.</p><p>Es ist gar nicht so einfach, ein Thema zu finden. �ber zu Hause zu sprechen   ist schmerzlich. �ber die Gegenwart zu sprechen ist unertr�glich. Am ersten Tag   leert Peeta unseren Brotkorb und macht mich darauf aufmerksam, dass neben dem   feinen Brot aus dem Kapitol auch ein paar Brotsorten aus verschiedenen   Distrikten hineingelegt wurden. Der mit Algen gr�n gef�rbte, fischf�rmige Laib   aus Distrikt 4. Das mit K�rnern bestreute Mondsichelbr�tchen aus Distrikt 11.   Obwohl es aus den gleichen Zutaten besteht, sieht es sehr viel appetitlicher aus   als die h�sslichen, unf�rmigen Dinger, die wir von zu Hause gewohnt sind.</p><p>�Das w�r�s�, sagt Peeta und schaufelt das Brot zur�ck in den Korb.</p><p>�Du kennst dich aber gut aus�, sage ich.</p><p>�Nur mit Brot�, sagt er. �Okay, und jetzt lach mal, als ob ich etwas Witziges   gesagt h�tte.�</p><p>Wir ringen uns ein �berzeugendes Lachen ab und ignorieren die Blicke der   anderen.</p><p>�So, jetzt werde ich nett l�cheln und du redest�, sagt Peeta. Ganz sch�n   anstrengend, Haymitchs Anweisung, freundlich zueinander zu sein. Denn seit ich   meine T�r zugeknallt habe, ist die Stimmung zwischen uns frostig. Aber wir haben   unsere Befehle.</p><p>�Habe ich dir schon erz�hlt, wie ich mal von einem B�ren verfolgt worden   bin?�, frage ich.</p><p>�Nein, klingt aber faszinierend�, sagt Peeta.</p><p>Ich versuche, Leben in mein Gesicht zu bringen, w�hrend ich mich an das   Ereignis erinnere, eine wahre Geschichte, als ich einem Schwarzb�ren   verr�ckterweise die Rechte an einem Bienenkorb streitig gemacht habe. Peeta   lacht und stellt wie auf Kommando Fragen. Er kann das viel besser als ich.</p><p>Am zweiten Tag, als wir es mit Speerwerfen versuchen, fl�stert er mir zu:   �Sieht so aus, als h�tten wir einen Schatten.�</p><p>Ich werfe meinen Speer, was mir gar nicht mal schlecht gelingt, solange ich   nicht allzu weit werfen muss, und sehe das kleine M�dchen aus Distrikt 11, das   ein St�ck entfernt steht und uns zuschaut. Sie ist die Zw�lfj�hrige, die mich   von der Statur her so an Prim erinnert hat. Von Nahem sieht sie aus wie zehn.   Sie hat gl�nzende dunkle Augen und samtbraune Haut und steht auf den Zehen, die   Arme leicht abgespreizt, als wollte sie beim leisesten Ger�usch wegfliegen.   Unwillk�rlich muss ich an einen Vogel denken.</p><p>W�hrend Peeta wirft, nehme ich einen neuen Speer in die Hand. �Ich glaube,   sie hei�t Rue�, sagt er sanft.</p><p>Ich bei�e mir auf die Lippe. Rue ist der Name einer kleinen gelben Blume, die   bei uns auf der Weide w�chst. Rue, Raute. Primrose, Primel. Keine von beiden   wiegt mehr als f�nfunddrei�ig Kilo.</p><p>�Was k�nnen wir dagegen tun?�, frage ich schroffer, als ich eigentlich   wollte.</p><p>�Nichts�, erwidert er. �Nur ein bisschen Konversation machen.�</p><p>Seitdem ich wei�, dass sie hier ist, f�llt es mir schwer, die Kleine zu   ignorieren. Sie schleicht hinter uns her und begleitet uns zu verschiedenen   Stationen. Wie ich kennt sie sich mit Pflanzen aus, sie klettert geschwind und   ist zielsicher. Mit der Schleuder trifft sie jedes Mal. Aber was ist eine   Schleuder gegen einen Hundertkilomann mit Schwert?</p><p>Beim Fr�hst�ck und beim Abendessen auf der Etage von Distrikt 12 quetschen   Haymitch und Effie uns �ber jeden Augenblick des Tages aus. Was wir gemacht   haben, wer uns zugeschaut hat, wie wir die anderen Tribute einsch�tzen. Cinna   und Portia lassen sich nicht blicken, sodass keiner da ist, der etwas   Vern�nftiges beisteuern k�nnte. Immerhin streiten Haymitch und Effie sich nicht   mehr. Ja, sie scheinen ein Herz und eine Seele zu sein und wirken fest   entschlossen, uns auf H�chstform zu trimmen. Mit endlosen Anweisungen, was wir   beim Training zu tun und zu lassen haben. Peeta ist ganz geduldig, aber ich   habe die Nase voll und werde m�rrisch.</p><p>Als wir am zweiten Abend endlich ins Bett kommen, murmelt Peeta: �Jemand   sollte Haymitch einen Drink besorgen.�</p><p>Ich gebe einen Laut von mir, halb Schnauben, halb Lachen. Dann habe ich mich   wieder in der Gewalt. Es verwirrt mich zu sehr, auseinanderzuhalten, wann wir   angeblich Freunde sind und wann nicht. Sp�testens wenn es in die Arena geht,   werde ich wissen, wie es steht. �Lass das. Lass uns nicht heucheln, wenn keiner   in der N�he ist.�</p><p>�In Ordnung, Katniss�, sagt er m�de. Von nun an sprechen wir nur noch   miteinander, wenn Leute dabei sind.</p><p>Am dritten Trainingstag werden wir nacheinander vom Mittagstisch zu unseren   Einzelstunden vor den Spielmachern gerufen. Ein Distrikt nach dem anderen, erst   der Junge, dann das M�dchen. Wie �blich ist Distrikt 12 als letzter vorgesehen.   Wir anderen bleiben im Esszimmer, weil wir nicht wissen, wohin wir sonst gehen   sollen. Wer fort ist, kommt nicht wieder. Je mehr sich der Raum leert, desto   geringer wird der Druck, freundlich zu wirken. Als Rue aufgerufen wird, bleiben   wir allein zur�ck. Wir sitzen still da, bis Peeta an der Reihe ist. Er steht   auf.</p><p>�Denk dran, was Haymitch gesagt hat - dass du Gewichte werfen sollst.� Die   Worte kommen ohne Erlaubnis aus meinem Mund.</p><p>�Danke. Ich werde dran denken�, sagt er. �Und du � gut zielen.�</p><p>Ich nicke. Ich wei� nicht, warum ich �berhaupt etwas gesagt habe. Obwohl,   falls ich ausscheide, dann soll wenigstens Peeta gewinnen. Es w�re besser f�r   unseren Distrikt, f�r meine Mutter und Prim.</p><p>Nach etwa f�nfzehn Minuten wird mein Name aufgerufen. Ich streiche mein Haar   glatt, straffe die Schultern und gehe in die Turnhalle. Sofort merke ich, dass   es nicht gut f�r mich aussieht. Sie sind schon zu lange hier, die Spielmacher.   Haben dreiundzwanzig andere Vorf�hrungen hinter sich. Und die meisten haben zu   viel Wein getrunken. Sie wollen nur noch nach Hause.</p><p>Mir bleibt nichts anderes �brig, als alles so zu machen wie geplant. Ich gehe   zum Bogenschie�stand. Ah, die Waffen! Seit Tagen hat es mich gejuckt, sie in die   H�nde zu bekommen! Bogen aus Holz und Kunststoff und Metall und Materialien, die   ich nicht kenne. Pfeile mit akkurat zugeschnittenen Federn. Ich w�hle einen   Bogen aus, spanne ihn probehalber und werfe mir den dazugeh�rigen K�cher mit   Pfeilen �ber die Schulter. Es gibt einen Schie�stand, aber er ist viel zu klein.   Gew�hnliche Zielscheiben und menschliche Umrisse. Ich gehe in die Mitte der   Turnhalle und w�hle mein erstes Ziel aus. Die Puppe f�r den Messerkampf. Schon   als ich die Sehne zur�ckziehe, merke ich, dass etwas nicht stimmt. Die Sehne ist   straffer als die, die ich zu Hause benutze. Der Pfeil ist weniger biegsam. Ich   verfehle die Puppe um mehrere Zentimeter und verliere das bisschen   Aufmerksamkeit, das mir zuteilgeworden ist. Einen Augenblick lang f�hle ich mich   gedem�tigt, dann gehe ich zur�ck zu den Zielscheiben am Bogenschie�stand. Ich   schie�e Pfeil auf Pfeil ab, bis ich ein Gef�hl f�r die neuen Waffen habe.</p><p>Dann gehe ich wieder in die Mitte der Turnhalle, nehme meine alte Position   ein und durchbohre die Puppe auf H�he des Herzens. Anschlie�end durchtrenne ich   das Seil, an dem der Sandsack f�rs Boxen h�ngt. Der Sack f�llt zu Boden und   platzt auf. Sofort lasse ich mich vorw�rts �ber die Schulter abrollen, lande   auf einem Knie und schie�e einen Pfeil in eine der H�ngelampen hoch �ber dem   Hallenboden. Ein Funkenschauer stiebt aus der Fassung.</p><p>Exzellenter Schuss. Ich wende mich den Spielmachern zu. Ein paar nicken   beif�llig, aber die meisten sind auf ein Spanferkel fixiert, das soeben   aufgetragen wurde.</p><p>Pl�tzlich werde ich stinkw�tend. Weil sie nicht einmal den Anstand besitzen,   mir Aufmerksamkeit zu schenken, wo doch mein Leben auf dem Spiel steht. Weil mir   ein totes Schwein die Schau stiehlt. Mein Herz beginnt zu h�mmern, ich sp�re,   wie mein Gesicht brennt. Ohne nachzudenken, ziehe ich einen Pfeil aus dem K�cher   und feuere ihn geradewegs auf den Tisch der Spielmacher ab. Ich h�re Warnrufe,   die Leute weichen zur�ck. Der Pfeil durchbohrt den Apfel im Maul des Schweins   und nagelt ihn an die dahinterliegende Wand. Ungl�ubig starren sie mich an.</p><p>�Danke f�r Ihre Aufmerksamkeit�, sage ich. Dann wende ich mich ab und gehe   geradewegs zum Ausgang, ohne auf ihre Erlaubnis zu warten.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>8</emphasis></strong></p><empty-line/><p>W�hrend ich auf den Aufzug zusteuere, werfe ich Bogen und K�cher rechts und   links von mir. Ich eile an den glotzenden Avoxen vorbei, die die Aufz�ge   bewachen, und haue mit der Faust auf Knopf Nummer 12. Die T�ren gleiten zu und   ich sause nach oben. Ich schaffe es gerade noch bis zu meinem Stockwerk, bevor   mir die Tr�nen �ber die Wangen laufen. Ich h�re, wie die anderen im Salon nach   mir rufen, aber ich fliehe durch den Flur in mein Zimmer, verriegele die T�r   und werfe mich aufs Bett. Dann schluchze ich richtig los.</p><p>Jetzt habe ich es geschafft! Jetzt habe ich alles verdorben! Falls ich je den   Hauch einer Chance gehabt haben sollte, so ist er dahin, seit ich diesen Pfeil   auf die Spielmacher abgeschossen habe. Was werden sie jetzt mit mir machen? Mich   verhaften? Mich exekutieren? Mir die Zunge herausschneiden und mich in einen   Avox verwandeln, damit ich die zuk�nftigen Tribute von Panem bedienen kann? Was   habe ich mir blo� dabei gedacht, auf die Spielmacher zu schie�en? Wobei ich das   nat�rlich nicht getan habe; ich habe auf diesen Apfel geschossen, weil ich so   w�tend dar�ber war, dass sie mich ignoriert haben. Ich hab nicht versucht, einen   von ihnen zu t�ten. Sonst w�ren sie jetzt n�mlich tot!</p><p>Aber was soll�s? Ich h�tte die Spiele sowieso nicht gewonnen. Wen   interessiert es, was sie mit mir machen. Was mir wirklich Angst macht, ist der   Gedanke daran, was sie meiner Mutter und Prim antun k�nnten; dass meine Familie   leiden muss, weil ich so unbeherrscht war. Werden sie ihnen die wenige Habe   wegnehmen oder meine Mutter ins Gef�ngnis stecken und Prim ins Gemeindeheim   geben oder werden sie beide t�ten? Das w�rden sie doch nicht tun, oder? Aber   warum nicht? Was k�mmert es sie?</p><p>Ich h�tte dableiben und mich entschuldigen sollen. Oder lachen, als ob es   nichts als ein Spa� gewesen w�re. Dann h�tten sie vielleicht Milde walten   lassen. Stattdessen bin ich auf v�llig respektlose Art davongestapft.</p><p>Haymitch und Effie klopfen an meine T�r. Ich br�lle, sie sollen weggehen, und   irgendwann tun sie es. Mindestens eine Stunde lang heule ich mich aus. Dann   liege ich zusammengerollt auf dem Bett, streichle die Seidenlaken und betrachte   den Sonnenuntergang �ber der Glitzerwelt des Kapitols.</p><p>Zuerst rechne ich jeden Moment damit, dass Wachen kommen und mich holen. Je   mehr Zeit vergeht, desto unwahrscheinlicher wird es. Ich beruhige mich.   Immerhin brauchen sie ein M�dchen als Tribut aus Distrikt 12, nicht wahr? Wenn   die Spielmacher mich bestrafen wollen, dann k�nnen sie es �ffentlich tun.   Warten, bis ich in der Arena bin, und ausgehungerte Raubtiere auf mich hetzen.   Und ich wette, dass ich dann weder Pfeil noch Bogen habe, um mich zu   verteidigen.</p><p>Aber vorher werden sie mir so wenige Punkte geben, dass kein vern�nftiger   Mensch mich sponsern w�rde. Das wird heute Abend geschehen. Da das letzte   Training nicht �ffentlich ist, bewerten die Spielmacher jeden Spieler mit einer   Punktzahl. So hat das Publikum einen Anhaltspunkt f�r die Wetten, die �ber die   gesamte Dauer der Spiele fortgesetzt werden. Eine Zahl zwischen eins und zw�lf,   wobei eins miserabel und zw�lf unerreichbar hoch ist, gibt die Chancen eines   Tributs an.</p><p>Eine gute Bewertung ist keine Garantie f�r den Sieg des betreffenden   Spielers. Man kann daran nur das Potenzial ablesen, das ein Tribut beim   Training gezeigt hat. Oft gehen Tribute mit hoher Punktzahl aufgrund der   Eigenheiten der Arena fast sofort unter. Vor ein paar Jahren hat ein Junge die   Spiele gewonnen, der nur drei Punkte bekommen hatte. Die Bewertungen k�nnen   aber ausschlaggebend sein, was die Chancen auf Sponsoring angeht. Ich hatte   gehofft, meine Schie�k�nste k�nnten mir eine Sechs oder Sieben einbringen,   obwohl ich nicht besonders kr�ftig bin. Jetzt bin ich sicher, dass ich die   niedrigste Bewertung von allen vierundzwanzig bekomme. Wenn niemand mich   sponsert, gehen meine �berlebenschancen gegen null.</p><p>Als Effie an die T�r klopft und mich zum Abendessen ruft, beschlie�e ich,   dass ich ruhig hingehen kann. Die Bewertungen werden heute Abend im Fernsehen   ausgestrahlt. Ich kann sowieso nicht ewig verbergen, was geschehen ist. Ich   gehe ins Bad und wasche mir das Gesicht, aber danach ist es immer noch rot und   fleckig.</p><p>Alle warten am Tisch, sogar Cinna und Portia. Mir w�re es lieber, die   Stylisten w�ren nicht aufgetaucht, denn aus irgendeinem Grund widerstrebt es   mir, sie zu entt�uschen. Es ist, als h�tte ich ihre hervorragende Leistung bei   der Er�ffnungsfeier gedankenlos zunichtegemacht. W�hrend ich meine Fischsuppe   mit kleinen Schlucken l�ffele, schaue ich niemanden an. Der Salzgeschmack   erinnert mich an meine Tr�nen.</p><p>Die Erwachsenen reden �ber den Wetterbericht und ich werfe Peeta einen Blick   zu. Er zieht die Augenbrauen hoch. Fragend. <emphasis>Was ist passiert? </emphasis>Ich   sch�ttele nur leicht den Kopf. Als der Hauptgang serviert wird, h�re ich   Haymitch sagen: �Okay, Schluss mit dem Small Talk. Wie schlecht wart ihr   heute?�</p><p>Peeta platzt sofort los. �Ich wei� gar nicht, ob das eine Rolle gespielt hat.   Als ich reinkam, hat mich niemand auch nur eines Blickes gew�rdigt. Ich glaube,   sie haben irgendein Trinklied gesungen. Also habe ich ein paar schwere   Gegenst�nde durch die Gegend geworfen, bis sie mir sagten, dass ich gehen   kann.�</p><p>Da geht es mir ein bisschen besser. Peeta hat zwar nicht die Spielmacher   angegriffen, aber wenigstens hat man ihn auch provoziert.</p><p>�Und du, S��e?�, fragt Haymitch.</p><p>Dass Haymitch mich S��e nennt, macht mich so w�tend, dass ich immerhin den   Mund aufkriege. �Ich habe einen Pfeil auf die Spielmacher abgeschossen.�</p><p>Alle h�ren auf zu essen. �Du hast - was?� Das Grauen in Effies Stimme   best�tigt meine schlimmsten Bef�rchtungen.</p><p>�Ich habe einen Pfeil auf sie abgeschossen. Also eigentlich nicht auf sie. In   ihre Richtung. Es war genau wie bei Peeta, ich hab geschossen und sie haben   �berhaupt nicht auf mich geachtet und da habe ich � da habe ich eben den Kopf   verloren und einen Apfel aus dem Maul ihres bl�den Spanferkels geschossen!�,   sage ich trotzig.</p><p>�Und was haben sie dazu gesagt?�, fragt Cinna vorsichtig.</p><p>�Nichts. Besser gesagt, ich wei� es nicht. Ich bin sofort gegangen�, sage   ich.</p><p>�Ohne entlassen worden zu sein?�, keucht Effie.</p><p>�Ich habe mich selbst entlassen�, sage ich. Mir f�llt das Versprechen ein,   das ich Prim gegeben habe - dass ich wirklich versuchen w�rde zu gewinnen -, und   ich f�hle mich wie unter einem Berg Kohle begraben.</p><p>�Hm, so viel dazu�, sagt Haymitch. Dann schmiert er sich ein Br�tchen.</p><p>�Glauben Sie, die werden mich verhaften?�, frage ich.</p><p>�Kaum. War zu schwer, dich in diesem Stadium noch zu ersetzen�, erwidert   Haymitch.</p><p>�Was ist mit meiner Familie?�, frage ich. �Wird man sie bestrafen?�</p><p>�Glaub ich nicht. W�rde nicht viel bringen. Dann mussten sie ja bekannt   machen, was im Trainingscenter passiert ist, damit es irgendeine nennenswerte   Wirkung auf die Bev�lkerung h�tte. Die Leute mussten erfahren, was du getan   hast. Aber das geht nicht, weil es geheim ist, also w�re es vergebliche M�he�,   sagt Haymitch. �Wahrscheinlicher ist, dass sie dir das Leben in der Arena zur   H�lle machen.�</p><p>�Na, das haben sie uns ja sowieso versprochen�, sagt Peeta.</p><p>�Allerdings�, sagt Haymitch. Und ich merke, dass das Unm�gliche eingetroffen   ist. Sie haben mich irgendwie aufgebaut. Haymitch nimmt sich ein   Schweinekotelett mit den Fingern, was ihm ein Stirnrunzeln von Effie einbringt,   und tunkt es in seinen Wein. Er rei�t ein St�ck Fleisch ab und kichert. �Und wie   haben sie geguckt?�</p><p>Ich sp�re, wie meine Mundwinkel sich nach oben verziehen. �Erschrocken.   Entsetzt. Hm, und manche einfach l�cherlich.� Ein Bild erscheint vor meinem   inneren Auge. �Ein Mann ist r�ckw�rts mitten in eine Sch�ssel mit Punsch   gestolpert.�</p><p>Haymitch lacht schallend und wir alle stimmen ein. Selbst Effie kann ein   L�cheln kaum unterdr�cken. �Tja, geschieht ihnen recht. Es ist ihre Aufgabe, dir   zuzuschauen. Nur weil du aus Distrikt 12 stammst, d�rfen sie dich noch lange   nicht ignorieren.� Dann huscht ihr Blick umher, als h�tte sie etwas   Frevlerisches gesagt. �Tut mir leid, aber so sehe ich das�, sagt sie zu niemand   Bestimmtem.</p><p>�Ich werde eine sehr schlechte Punktzahl bekommen�, sage ich.</p><p>�Die Punkte sind nur interessant, wenn sie sehr hoch sind, auf niedrige oder   mittlere Bewertungen achtet niemand. Die Leute k�nnen ja nicht wissen, ob du   deine Talente nicht vielleicht verborgen hast, um absichtlich eine schlechte   Wertung zu bekommen. Manche Tribute versuchen es mit dieser Strategie�, gibt   Portia zu bedenken.</p><p>�Ich hoffe, so werden die Leute auch die Vier interpretieren, die ich   wahrscheinlich kriege�, sagt Peeta. �Wenn �berhaupt. Also wirklich, gibt es   etwas weniger Beeindruckendes, als einem Menschen dabei zuzuschauen, wie er   einen sauschweren Ball aufhebt und ihn ein paar Meter weit wirft? Einer w�re mir   fast auf den Fu� gefallen.�</p><p>Ich grinse ihn an und merke, dass ich einen Riesenhunger habe. Ich schneide   mir ein St�ck Fleisch ab, tauche es in Kartoffelbrei und esse. Es ist alles in   Ordnung. Meine Familie ist in Sicherheit. Also ist eigentlich kein Schaden   entstanden.</p><p>Nach dem Abendessen gehen wir in den Salon, um uns im Fernsehen die Wertungen   anzuschauen. Erst wird das Foto des jeweiligen Tributs gezeigt, dann wird   darunter die Punktzahl eingeblendet. Die Karrieretribute bekommen nat�rlich alle   acht bis zehn Punkte. Die meisten anderen Spieler erhalten im Durchschnitt f�nf.   �berraschenderweise erscheint bei der kleinen Rue eine Sieben. Ich wei� nicht,   was sie den Preisrichtern vorgef�hrt hat, aber so winzig, wie sie ist, muss es   beeindruckend gewesen sein.</p><p>Distrikt 12 kommt als letzter dran, wie �blich. Peeta kriegt eine Acht,   sodass zumindest ein paar Spielmacher ihm zugeschaut haben m�ssen. Als mein   Gesicht erscheint, grabe ich die Fingern�gel in die Handfl�chen und mache mich   auf das Schlimmste gefasst. Auf dem Bildschirm erscheint die Zahl Elf.</p><p>Elf.</p><p>Effie Trinket st��t einen schrillen Schrei aus und alle klopfen mir auf die   Schulter und loben und begl�ckw�nschen mich. Trotzdem erscheint es   unwirklich.</p><p>�Das muss ein Irrtum sein. Wie � wie ist das m�glich?�, frage ich   Haymitch.</p><p>�Ich glaub, dein Temperament gef�llt ihnen�, sagt er. �Sie m�ssen eine Show   aufziehen. Da brauchen sie Spieler mit ein bisschen Feuer.�</p><p>�Katniss - das M�dchen, das in Flammen stand�, sagt Cinna und umarmt mich.   �Aber warte nur, bis du das Kleid f�r die Interviews siehst.�</p><p>�Wieder Flammen?�, frage ich.</p><p>�So was in der Art�, sagt er verschmitzt.</p><p>Peeta und ich begl�ckw�nschen einander, noch ein heikler Moment. Wir haben   uns beide wacker geschlagen, aber was bedeutet das f�r den anderen? So schnell   wie m�glich fl�chte ich in mein Zimmer und vergrabe mich unter der Decke. Der   Stress dieses Tages, besonders das Weinen, hat mich ausgelaugt. Ich schlafe ein,   f�r den Augenblick befreit, erleichtert und mit dem Bild einer leuchtenden Elf   hinter den Lidern.</p><p>Am n�chsten Morgen bleibe ich noch eine Weile liegen und sehe zu, wie die   Sonne einen sch�nen Tag einl�utet. Es ist Sonntag. Zu Hause ein freier Tag. Ich   frage mich, ob Gale jetzt wohl im Wald ist. Normalerweise nutzen wir den   Sonntag, um f�r die Woche vorzusorgen. Fr�h aufstehen, jagen und sammeln, dann   auf dem Hob handeln. Ich denke an Gale und wie er ohne mich zurechtkommt. Wir   h�tten jeder allein jagen k�nnen, aber im Team waren wir besser. Besonders wenn   wir gr��erer Beute nachstellten. Aber auch in den kleineren Dingen nahmen wir   uns gegenseitig alle Last ab und so machte die anstrengende Aufgabe, meine   Familie zu ern�hren, oft sogar Spa�.</p><p>Als ich Gale zum ersten Mal im Wald begegnete, hatte ich mich schon etwa ein   halbes Jahr auf eigene Faust durchgeschlagen. Es war ein Sonntag im Oktober, es   war k�hl und roch bei�end nach F�ulnis und Tod. Morgens hatte ich den   Eichh�rnchen die N�sse streitig gemacht und am Nachmittag, als es etwas w�rmer   wurde, watete ich durch flache T�mpel und erntete Pfeilkrautknollen. Das einzige   Fleisch, das ich erbeutet hatte, war ein Eichh�rnchen, das mir auf der Suche   nach Eicheln praktisch vor die F��e gelaufen war, aber Tiere w�rden sich auch   noch zeigen, wenn meine anderen Nahrungsquellen unter Schnee begraben w�ren.   Ich war tiefer in den Wald vorgedrungen als sonst und beeilte mich nun, mitsamt   meinen Jutes�cken nach Hause zu kommen, als ich fast in einen toten Hasen   hineinlief. Er hing mit dem Genick in einer d�nnen Drahtschlinge, einen knappen   halben Meter �ber meinem Kopf. F�nfzehn Meter weiter baumelte noch einer. Ich   erkannte die Schwippgalgenfallen, weil mein Vater auch solche benutzt hat. Wenn   die Beute in die Falle tappt, wird sie in die Luft gerissen, au�er Reichweite   anderer hungriger Tiere. Ich hatte den ganzen Sommer �ber versucht, Fallen zu   stellen, aber erfolglos. Deshalb konnte ich einfach nicht anders, ich lie� meine   S�cke fallen und untersuchte diese hier. Ich fingerte gerade an dem Draht �ber   einem der Hasen, als eine Stimme erschallte: �Das ist gef�hrlich.�</p><p>Ich sprang ein paar Meter zur�ck, als Gale hinter einem Baum auftauchte. Er   musste mich die ganze Zeit �ber beobachtet haben. Er war erst vierzehn, aber   eins achtzig gro� und kam mir vor wie ein Erwachsener. Ich hatte ihn schon ein   paarmal im Saum und in der Schule gesehen. Und noch einmal. Sein Vater war bei   derselben Explosion ums Leben gekommen wie meiner. Im Januar war ich dabei, wie   Gale im Gerichtsgeb�ude seine Tapferkeitsmedaille �berreicht bekam, noch ein   �ltestes Kind ohne Vater. Ich erinnere mich an seine beiden kleinen Br�der, die   sich an die Mutter klammerten, eine Frau, deren dicker Bauch ank�ndigte, dass   sie in wenigen Tagen erneut niederkommen w�rde. �Wie hei�t du?�, fragte er,   w�hrend er n�her kam und den Hasen aus der Falle l�ste. Drei weitere hingen an   seinem G�rtel.</p><p>�Katniss�, sagte ich kaum h�rbar.</p><p>�Also, K�tzchen, Diebstahl wird mit dem Tod bestraft, wusstest du das   nicht?�, fragte er.</p><p>�Katniss�, sagte ich, diesmal lauter. �Ich wollte ihn gar nicht stehlen. Ich   wollte mir nur deine Falle ansehen. Mit meinen fange ich nie was.�</p><p>Er sah mich finster an, nicht �berzeugt. �Und wo hast du das Eichh�rnchen   her?�</p><p>�Geschossen.� Ich nahm den Bogen von der Schulter. Ich benutzte immer noch   die kleine Version, die mein Vater f�r mich gemacht hatte, aber ab und zu hatte   ich schon mit dem gro�en ge�bt. Im Fr�hjahr, so hoffte ich, w�rde ich gr��eres   Wild erlegen k�nnen.</p><p>Gales Blick haftete an dem Bogen. �Darf ich mal sehen?�</p><p>Ich gab ihn ihm. �Aber denk dran, Diebstahl wird mit dem Tod bestraft.�</p><p>Das war das erste Mal, dass ich ihn l�cheln sah. Er war nicht l�nger   bedrohlich, sondern jemand, den man kennenlernen wollte. Doch es dauerte mehrere   Monate, bis ich das L�cheln erwiderte.</p><p>Wir unterhielten uns �bers Jagen. Ich sagte, ich k�nnte ihm vielleicht einen   Bogen besorgen, wenn er etwas zum Tausch h�tte. Nicht Essen. Ich wollte Wissen.   Ich wollte selbst Fallen stellen k�nnen, die an nur einem Tag f�r einen G�rtel   voll fetter Hasen sorgten. Er sagte, dass sich da was machen lasse. Im Lauf der   Jahreszeiten teilten wir widerstrebend unser Wissen, unsere Waffen, unsere   geheimen Orte, wo es jede Menge wilde Pflaumen oder Truth�hne gab. Er lehrte   mich Fallenstellen und Fischen. Ich zeigte ihm, welche Pflanzen man essen   konnte, und gab ihm irgendwann einen unserer wertvollen Bogen. Und ohne dass   einer von uns dar�ber gesprochen h�tte, wurden wir eines Tages ein Team. Teilten   Arbeit und Beute. Damit unsere beiden Familien zu essen hatten.</p><p>Gale gab mir ein Gef�hl der Sicherheit, wie ich es seit dem Tod meines Vaters   nicht gekannt hatte. Seine Kameradschaft trat an die Stelle der langen einsamen   Stunden im Wald. Seit ich nicht mehr dauernd �ber die Schulter schauen musste,   seit jemand mir R�ckendeckung gab, konnte ich viel besser jagen. Aber Gale wurde   viel mehr als mein Jagdgef�hrte. Er wurde mein Vertrauter, jemand, mit dem ich   Gedanken teilte, die ich innerhalb des Zauns nie aussprechen konnte. Und er   vertraute mir seine an. Mit Gale drau�en im Wald � da war ich manchmal   richtig gl�cklich.</p><p>Ich nenne ihn meinen Freund, doch im Lauf des letzten Jahres ist dieses Wort   zu beliebig f�r das geworden, was Gale mir bedeutet. Pl�tzlich sp�re ich eine   stechende Sehnsucht in der Brust. Wenn er jetzt doch hier bei mir w�re! Aber   nat�rlich will ich das nicht. Ich m�chte nicht, dass er in der Arena ist, wo er   in ein paar Tagen tot w�re. Aber � aber ich vermisse ihn sehr. Und ich hasse   es, allein zu sein. Ob er mich auch vermisst? Bestimmt.</p><p>Ich denke an die Elf, die gestern Abend unter meinem Namen aufgeleuchtet   ist. Ich wei� genau, was er sagen w�rde. �Na, da ist aber noch Luft nach oben.�   Und dann w�rde er mich anl�cheln und jetzt w�rde ich ohne Z�gern   zur�ckl�cheln.</p><p>Ich kann nicht anders, ich muss das, was zwischen Gale und mir ist, mit dem   vergleichen, was vermeintlich zwischen Peeta und mir ist. �ber Gales Beweggr�nde   mache ich mir nie Gedanken, w�hrend ich bei Peeta alles infrage stelle. Aber   das ist kein besonders fairer Vergleich. Gale und ich haben uns zusammengetan,   weil wir beide �berleben mussten. Peeta und ich wissen, dass das �berleben des   anderen den eigenen Tod bedeutet. Wie soll man das beiseiteschieben?</p><p>Effie klopft an die T�r und erinnert mich daran, dass ein weiterer �ganz,   ganz gro�er Tag!� bevorsteht. Morgen Abend werden wir im Fernsehen interviewt.   Das ganze Team wird alle H�nde voll zu tun haben, um uns darauf   vorzubereiten.</p><p>Ich stehe auf und dusche schnell, wobei ich diesmal mit mehr Bedacht auf die   Kn�pfe dr�cke, und gehe ins Esszimmer. Peeta, Effie und Haymitch dr�ngen sich   bereits um den Tisch und tuscheln. Das kommt mir eigenartig vor, aber der Hunger   siegt �ber die Neugier und ich lade erst mal meinen Fr�hst�cksteller voll, bevor   ich mich zu ihnen setze.</p><p>Der Eintopf besteht heute aus Lammst�cken und Backpflaumen. Perfekt auf   einem Bett aus Wildreis. Ich habe mich schon halb durchgearbeitet, als mir   auff�llt, dass niemand etwas sagt. Ich trinke einen gro�en Schluck Orangensaft   und wische mir den Mund ab. �Was ist los? Heute steht unser Coaching f�r die   Interviews an, stimmt�s?�</p><p>�Stimmt�, sagt Haymitch.</p><p>�Ihr m�sst nicht auf mich warten. Ich kann gleichzeitig essen und zuh�ren�,   sage ich.</p><p>�Hm, die Pl�ne haben sich ge�ndert. Was unsere gegenw�rtige Methode angeht,   meine ich�, sagt Haymitch.</p><p>�Was soll das hei�en?�, frage ich. Ich bin mir nicht sicher, was unsere   gegenw�rtige Methode ist. Vor den anderen Tributen mittelm��ig zu erscheinen ist   alles, was ich von unserer Strategie noch wei�.</p><p>Haymitch zuckt die Achseln. �Peeta m�chte von jetzt an Einzelcoaching.�</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>9</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Verrat. Das ist das Erste, was ich empfinde, aber das ist l�cherlich. Ein   Verrat setzt voraus, dass vorher Vertrauen da war. Und Vertrauen war nicht Teil   der Abmachung zwischen Peeta und mir. Wir sind Tribute. Aber der Junge, der   einst Pr�gel riskierte, um mir Brot zu geben, der mich im Wagen gest�tzt hat,   der mich in der Sache mit dem rothaarigen Avoxm�dchen gedeckt hat, der daf�r   gesorgt hat, dass Haymitch von meinen Jagdk�nsten erfuhr � War da etwas in   mir, das nicht anders konnte, als ihm zu vertrauen?</p><p>Auch ich bin erleichtert, nicht l�nger heucheln zu m�ssen, wir w�ren Freunde.   Die zarte Bindung, die wir t�richterweise vielleicht zugelassen haben, ist   offenbar durchtrennt worden. War auch h�chste Zeit. In zwei Tagen beginnen die   Spiele und Vertrauen wird dann nur noch eine Schw�che sein. Was auch zu Peetas   Entschluss gef�hrt haben mag - ich vermute, es hat damit zu tun, dass ich ihn im   Training ausgestochen habe -, ich sollte daf�r dankbar sein. Vielleicht hat er   akzeptiert, dass es besser ist, so fr�h wie m�glich anzuerkennen, dass wir   Gegner sind. �Gut�, sage ich. �Und wie geht�s jetzt weiter?� �Jeder von euch hat   vier Stunden mit Effie f�r die Pr�sentation und vier mit mir f�r den Inhalt�,   sagt Haymitch. �Du f�ngst mit Effie an, Katniss.�</p><p>Ich kann mir zwar erst nichts vorstellen, was Effie mir beibringen k�nnte   und was vier Stunden dauert, aber sie besch�ftigt mich dann doch bis zur   letzten Minute. Wir gehen in mein Zimmer, wo sie mich in ein bodenlanges Kleid   und hochhackige Schuhe steckt, andere, als ich w�hrend des eigentlichen   Interviews tragen werde, und gibt mir Anweisungen, wie ich gehen soll. Die   Schuhe sind das Schlimmste. Ich habe noch nie Schuhe mit Abs�tzen getragen und   kann mich nicht daran gew�hnen, auf den Fu�ballen durch die Gegend zu staksen.   Aber Effie l�uft die ganze Zeit damit herum, und wenn sie das schafft, will ich   es auch schaffen. Das Kleid wirft ein anderes Problem auf. Es wickelt sich immer   wieder um meine Schuhe, sodass ich es instinktiv hochraffe, aber da st�rzt sich   Effie wie ein Falke auf mich, schl�gt mir auf die H�nde und br�llt: �Nicht �ber   die Kn�chel!� Irgendwann kann ich endlich einigerma�en laufen, aber es stehen   immer noch richtig Sitzen, K�rperhaltung - offenbar neige ich dazu, den Kopf   einzuziehen -, Blickkontakt, Handbewegungen und L�cheln auf dem Programm. Beim   L�cheln geht es haupts�chlich darum, mehr zu l�cheln. Effie l�sst mich hundert   banale S�tze aufsagen, die mit einem L�cheln anfangen, mit einem L�cheln enden   oder von einem L�cheln unterbrochen werden. Als wir zum Mittagessen gehen,   zucken meine Wangenmuskeln, so �berbeansprucht sind sie.</p><p>�Hm, ich habe mein Bestes gegeben�, sagt Effie und seufzt. �Denk dran,   Katniss, die Zuschauer sollen dich m�gen.�</p><p>�Aber du glaubst nicht daran?�, frage ich.</p><p>�Nicht, wenn du sie die ganze Zeit so w�tend anstarrst. Warum hebst du dir   das nicht f�r die Arena auf? Stell dir lieber vor, du w�rst unter Freunden�,   sagt Effie.</p><p>�Sie wetten darauf, wie lange ich �berleben werde!�, platze ich heraus. �Das   sind nicht meine Freunde!�</p><p>�Du musst einfach so tun als ob!�, blafft Effie mich an. Dann fasst sie sich   und strahlt mich an. �So, siehst du? Ich l�chele dich an, obwohl ich mich �ber   dich �rgere.�</p><p>�Ja, sehr �berzeugend�, sage ich. �Ich geh jetzt essen.� Ich schleudere meine   Pumps weg und stampfe ins Esszimmer, wobei ich den Rock bis zu den   Oberschenkeln hochziehe.</p><p>Peeta und Haymitch wirken gut gelaunt, deshalb gehe ich davon aus, dass die   Inhaltssitzung gegen�ber dem Vormittag mit Effie eine Steigerung bringen wird.   Aber da habe ich mich gewaltig geirrt. Nach dem Mittagessen nimmt Haymitch mich   mit in den Salon, f�hrt mich zum Sofa und schaut mich dann eine Weile mit   gerunzelter Stirn an.</p><p>�Was ist?�, frage ich schlie�lich.</p><p>�Ich �berlege, was ich mit dir anstellen soll�, sagt er. �Wie wir dich   pr�sentieren sollen. Liebreizend? Reserviert? Wild? Im Moment strahlst du wie   ein Stern. Du hast freiwillig den Platz deiner Schwester eingenommen. Durch   Cinna hast du unvergesslich ausgesehen. Du hast die h�chste Trainingswertung.   Die Leute sind fasziniert, aber keiner wei�, wer du bist. Der Eindruck, den du   morgen machst, wird dar�ber entscheiden, wie viele Sponsoren ich dir besorgen   kann�, erkl�rt Haymitch.</p><p>Da ich mein Leben lang die Interviews mit den Tributen angeschaut habe, wei�   ich, dass da etwas dran ist. Egal, ob witzig, brutal oder exzentrisch - wer   Eindruck auf die Menge macht, der hat ihr Wohlwollen.</p><p>�Wie geht Peeta vor? Oder darf ich das nicht fragen?�</p><p>�Einnehmend. Er hat einen nat�rlichen, selbstironischen Humor�, sagt   Haymitch. �Wohingegen du, wenn du den Mund aufmachst, eher m�rrisch und   feindselig r�berkommst.�</p><p>�Stimmt gar nicht!�, sage ich.</p><p>�Bitte. Ich wei� nicht, wo du dieses fr�hliche Lockenk�pfchen auf dem Wagen   hergeholt hast, aber ich habe es weder vorher noch nachher wiedergesehen�, sagt   Haymitch.</p><p>�Dabei haben Sie mir so viele Anl�sse gegeben, fr�hlich zu sein�, entgegne   ich.</p><p>�Aber mir musst du doch nicht gefallen. Ich werde dich nicht sponsern. Also   tu so, als war ich das Publikum�, sagt Haymitch. �Begeistere mich.�</p><p>�Na gut!�, fauche ich. Haymitch �bernimmt die Rolle des Interviewers, und ich   versuche, seine Fragen auf gewinnende Art zu beantworten. Aber es geht nicht.   Ich bin zu sauer auf Haymitch wegen seiner Worte und weil ich jetzt auch noch   Fragen beantworten soll. Dabei kann ich nur an eins denken, n�mlich wie   ungerecht die ganze Sache ist, diese Hungerspiele. Warum h�pfe ich herum wie ein   dressierter Hund, bem�ht, Leuten zu gefallen, die ich hasse? Je l�nger das   Interview dauert, desto mehr scheint mein Zorn hochzukommen, bis ich ihm die   Antworten regelrecht ins Gesicht spucke.</p><p>�Okay, das reicht�, sagt er. �Wir m�ssen einen anderen Dreh finden. Du bist   nicht nur feindselig, ich wei� auch immer noch nichts �ber dich. Ich hab dir   f�nfzig Fragen gestellt und immer noch keinen Schimmer von deinem Leben, deiner   Familie, davon, was dir wichtig ist. Sie wollen etwas �ber dich erfahren,   Katniss.�</p><p>�Aber ich will das nicht! Die nehmen mir schon meine Zukunft! Sie sollen   nicht auch noch das kriegen, was mir in der Vergangenheit wichtig war!�, sage   ich.</p><p>�Dann l�g! Denk dir was aus!�, fordert Haymitch.</p><p>�Ich kann nicht gut l�gen�, sage ich.</p><p>�Dann musst du�s eben lernen, und zwar schnell. Du hast den Charme einer   toten Nacktschnecke�, sagt Haymitch.</p><p>Aua. Das tut weh. Sogar Haymitch muss gemerkt haben, dass er zu grob war,   denn seine Stimme wird weicher. �Ich hab da eine Idee. Versuch, auf bescheiden   zu machen.�</p><p>�Bescheiden�, wiederhole ich.</p><p>�Dass du es einfach nicht fassen kannst, dass ein kleines M�dchen aus   Distrikt 12 es so weit gebracht hat. Das alles ist mehr, als du dir je h�ttest   tr�umen lassen. Erz�hl von Cinnas Kleidern. Wie nett die Leute sind. Wie die   Stadt dich verzaubert. Wenn du schon nicht �ber dich selbst reden willst, mach   wenigstens den Zuschauern Komplimente. Dreh einfach den Spie� um, okay?! So, und   nun zeig mal, was du kannst!�</p><p>Die n�chsten Stunden sind qu�lend. Sofort ist klar, dass ich gar nichts kann.   Ich bem�he mich, frech zu sein, aber daf�r bin ich nicht arrogant genug. F�r   Wildheit bin ich offenbar zu �verletzlich�. Ich bin nicht geistreich. Nicht   witzig oder sexy. Und auch nicht geheimnisvoll.</p><p>Am Ende der Sitzung bin ich niemand. Irgendwo bei geistreich hat Haymitch   angefangen zu trinken und ein gemeiner Unterton hat sich in seine Stimme   geschlichen. �Ich geb�s auf, S��e. Beantworte einfach die Fragen und konzentrier   dich darauf, dass die Zuschauer nicht mitbekommen, wie sehr du sie   verachtest.�</p><p>An diesem Abend esse ich in meinem Zimmer und bestelle mir eine unversch�mte   Menge Delikatessen. Ich �berfresse mich daran und dann lasse ich meine Wut auf   Haymitch, die Hungerspiele und �berhaupt jedes Lebewesen im Kapitol raus, indem   ich mit Geschirr um mich werfe. Als das M�dchen mit den roten Haaren   hereinkommt, um mein Bett aufzuschlagen, und das Durcheinander sieht, werden   ihre Augen gro�. �Lass!�, schreie ich sie an. �Lass es, wie es ist!�</p><p>Sie hasse ich auch, sie mit den wissenden, vorwurfsvollen Augen, die mich   Feigling, Monster, Marionette des Kapitals nennen, damals wie heute. Aus ihrer   Sicht nimmt die Gerechtigkeit jetzt endlich ihren Lauf. Wenigstens wird mein Tod   das Leben des Jungen im Wald ein wenig aufwiegen.</p><p>Aber anstatt aus dem Raum zu fl�chten, schlie�t das M�dchen die T�r hinter   sich und geht ins Bad. Sie kommt mit einem feuchten Lappen zur�ck und wischt mir   sanft �ber das Gesicht. Dann wischt sie das Blut von meinen H�nden, das von   einem zerbrochenen Teller stammt. Warum tut sie das? Warum lasse ich das zu?</p><p>�Ich h�tte versuchen m�ssen, euch zu retten�, fl�stere ich.</p><p>Sie sch�ttelt den Kopf. Soll das hei�en, wir haben gut daran getan, nur   zuzuschauen? Dass sie mir vergeben hat?</p><p>�Nein, es war falsch�, sage ich.</p><p>Sie tippt sich mit dem Finger auf die Lippen und deutet dann auf meine Brust.   Ich glaube, sie meint, dass ich dann auch als Avox geendet w�re.   H�chstwahrscheinlich. Ein Avox oder tot.</p><p>In der folgenden Stunde helfe ich dem rothaarigen M�dchen, das Zimmer sauber   zu machen. Als der ganze M�ll beseitigt und das Essen aufgewischt ist, schl�gt   sie mein Bett auf. Ich krieche hinein wie ein f�nfj�hriges Kind und lasse mich   von ihr zudecken. Dann geht sie. Ich m�chte, dass sie dableibt, bis ich   eingeschlafen bin. Dass sie da ist, wenn ich aufwache. Ich m�chte den Schutz   dieses M�dchens, obwohl sie meinen nie hatte.</p><p>Am n�chsten Morgen ist es nicht das M�dchen, das sich �ber mich beugt,   sondern die Mitglieder meines Vorbereitungsteams. Meine Stunden mit Effie und   Haymitch sind Vergangenheit. Dieser Tag geh�rt Cinna. Er ist meine letzte   Hoffnung. Vielleicht kann er mich so sch�n aussehen lassen, dass niemand   darauf achtet, was aus meinem Mund kommt.</p><p>Bis in den sp�ten Nachmittag arbeitet das Team an mir, verwandelt meine Haut   in leuchtenden Satin, zeichnet Muster auf meine Arme, malt Flammenmotive auf   meine zwanzig perfekt gefeilten N�gel. Dann nimmt sich Venia mein Haar vor,   flicht rote Str�hnen zu einem Muster, das an meinem linken Ohr beginnt, sich um   meinen Kopf wickelt und dann in einem Zopf �ber meine rechte Schulter f�llt. Sie   �berdecken mein Gesicht mit einer Schicht aus blassem Make-up und arbeiten meine   Gesichtsz�ge dann wieder heraus. Riesige dunkle Augen, volle rote Lippen.   Wimpern, die Funken spr�hen, wenn ich blinzele. Schlie�lich bedecken sie meinen   ganzen K�rper mit einem Puder, der mich golden schimmern l�sst.</p><p>Anschlie�end kommt Cinna mit etwas herein, das wohl mein Abendkleid ist, aber   ich kann es nicht richtig sehen, weil es verh�llt ist. �Mach die Augen zu�,   befiehlt er.</p><p>Ich f�hle das Seidenfutter, als sie mir das Kleid �ber den nackten K�rper   streifen, und dann das Gewicht. Es muss zwanzig Kilo wiegen. Ich greife nach   Octavias Hand, w�hrend ich blind in meine Schuhe steige, wobei ich erleichtert   feststelle, dass sie mindestens f�nf Zentimeter niedriger sind als das Paar, mit   dem ich ge�bt habe. Jemand richtet und zupft herum. Dann Stille.</p><p>�Darf ich jetzt gucken?�, frage ich.</p><p>�Ja�, sagt Cinna. �Du darfst.�</p><p>Das Gesch�pf, das vor mir in dem mannshohen Spiegel steht, kommt aus einer   anderen Welt. Einer Welt, wo die Haut schimmert und die Augen blitzen und die   Kleider aus Juwelen gemacht sind. Denn mein Kleid, oh, mein Kleid ist   vollst�ndig mit glitzernden, wertvollen Edelsteinen bedeckt, rot und gelb und   wei�, und hier und da blau, um die Spitzen des Flammendesigns zu betonen. Schon   bei der kleinsten Bewegung sieht es so aus, als w�re ich von Feuerzungen   umgeben.</p><p>Ich bin nicht h�bsch. Ich bin nicht sch�n. Ich bin strahlend wie die   Sonne.</p><p>Eine Zeit lang starren mich alle an. �Oh, Cinna�, fl�stere ich schlie�lich.   �Danke.�</p><p>�Dreh dich f�r mich�, sagt er. Ich strecke die Arme aus und drehe mich im   Kreis. Das Vorbereitungsteam kreischt vor Bewunderung.</p><p>Cinna schickt das Team weg und l�sst mich in Kleid und Schuhen, die unendlich   viel bequemer sind als die von Effie, umhergehen. Das Kleid f�llt so, dass ich   den Rock beim Gehen nicht anheben muss. Eine Sache weniger, um die ich mir   Sorgen machen muss.</p><p>�Also dann, bereit f�rs Interview?�, fragt Cinna. An seinem Gesichtsausdruck   erkenne ich, dass er Bescheid wei�. Er hat mit Haymitch gesprochen und wei�, wie   gr�sslich ich bin.</p><p>�Ich bin schrecklich. Haymitch hat mich eine tote Nackt-Schnecke genannt. Was   wir auch versucht haben, ich hab�s nicht hingekriegt. Ich kann einfach nicht so   sein, wie er mich haben m�chte�, sage ich.</p><p>Cinna denkt einen Augenblick nach. �Warum bist du nicht einfach du selbst?�,   schl�gt er vor.</p><p>�Ich selbst? Das bringt�s auch nicht. Haymitch sagt, ich sei m�rrisch und   feindselig�, erwidere ich.</p><p>�Das stimmt, das bist du � wenn Haymitch in der N�he ist�, sagt Cinna und   grinst. �Ich sehe dich nicht so. Das Vorbereitungsteam betet dich an. Sogar die   Spielmacher hast du f�r dich eingenommen. Und was die B�rger des Kapitols   betrifft, also, die reden nur von dir. Niemand kann sich deinem Temperament   entziehen.�</p><p>Mein Temperament. Das ist ein neuer Gedanke. Ich bin mir nicht ganz sicher,   was es bedeutet, aber es soll wohl hei�en, dass ich eine K�mpfernatur bin. Dass   ich Mut habe. Und ich bin ja auch nicht immer nur unfreundlich. Okay, vielleicht   schenke ich nicht gerade jedem mein Herz, der mir �ber den Weg l�uft, vielleicht   k�nnte ich ein bisschen �fter l�cheln, aber manche Menschen sind mir doch   wichtig.</p><p>Cinna nimmt meine eisigen H�nde in seine warmen. �Wenn du auf die Fragen   antwortest, dann stell dir vor, du w�rdest zu einem Freund in der Heimat   sprechen. Wer ist dein bester Freund?�, fragt Cinna.</p><p>�Gale�, sage ich spontan. �Nur dass es sinnlos ist, Cinna. Gale w�rde ich so   was nie erz�hlen. Er wei� das alles schon.�</p><p>�Und ich? K�me ich als Freund infrage?�, fragt Cinna.</p><p>Von allen, die ich getroffen habe, seit ich von zu Hause fort bin, ist Cinna   mein absoluter Favorit. Ich mochte ihn vom ersten Augenblick an und bisher hat   er mich nicht entt�uscht. �Ich glaube schon, aber ��</p><p>�Ich werde mit den anderen Stylisten auf der Haupttrib�ne sitzen. Du kannst   mich ansehen. Wenn du etwas gefragt wirst, schau zu mir und antworte so   aufrichtig wie m�glich�, sagt Cinna.</p><p>�Selbst wenn ich schreckliche Gedanken habe?�, frage ich. Denn das k�nnte   tats�chlich passieren.</p><p>�Dann erst recht�, sagt Cinna. �Wirst du es versuchen?�</p><p>Ich nicke. Es ist ein Plan. Oder wenigstens ein Strohhalm, an den ich mich   klammern kann.</p><p>Zu schnell wird es Zeit zum Aufbruch. Die Interviews finden auf einer B�hne   statt, die vor dem Trainingscenter aufgebaut worden ist. Wenn ich erst mal aus   meinem Zimmer gehe, ist es nur noch eine Frage von Minuten, bis ich vor der   Menge stehe, vor den Kameras, vor ganz Panem.</p><p>Als Cinna die T�rklinke dr�ckt, halte ich ihn auf. �Cinna �� Das   Lampenfieber hat mich voll erwischt.</p><p>�Denk dran, sie lieben dich schon jetzt�, sagt er sanft. �Sei einfach du   selbst.�</p><p>Am Aufzug treffen wir auf den Rest des Teams aus Distrikt 12. Portia und   ihre Truppe haben sich m�chtig ins Zeug gelegt. Peeta sieht bemerkenswert aus in   seinem schwarzen Anzug mit Flammenakzenten. Wir passen gut zusammen, aber ich   bin erleichtert, dass wir diesmal nicht identisch aussehen. Haymitch und Effie   sind dem Anlass gem�� aufgedonnert. Ich gehe Haymitch aus dem Weg, doch Effies   Komplimente nehme ich an. Effie mag anstrengend und unbedarft sein, aber sie ist   nicht so destruktiv wie Haymitch.</p><p>Als sich der Aufzug �ffnet, werden die anderen Tribute gerade aufgestellt,   um auf die B�hne zu gehen. W�hrend der Interviews sitzen alle vierundzwanzig in   einem gro�en Bogen um die B�hnenmitte. Ich bin als Letzte dran beziehungsweise   als Vorletzte, denn bei den Interviews kommt immer der weibliche Tribut eines   jeden Distrikts vor dem m�nnlichen an die Reihe. Ich w�nschte, ich w�re die   Erste und k�nnte die Sache schnell hinter mich bringen! So aber muss ich mir   anh�ren, wie witzig, lustig, bescheiden, wild und charmant die anderen sind,   bevor ich endlich an der Reihe bin. Au�erdem wird es dem Publikum langweilig   werden, genau wie den Spielmachern. Und diesmal kann ich schlecht einen Pfeil in   die Menge schie�en, damit sie sich mir zuwendet.</p><p>Kurz bevor wir auf die B�hne treten, taucht Haymitch hinter Peeta und mir auf   und knurrt: �Denkt dran, ihr seid immer noch ein gl�ckliches Paar. Also benehmt   euch auch so.�</p><p>Wie bitte? Ich dachte, davon h�tten wir uns verabschiedet, als Peeta um   getrenntes Coaching gebeten hat. Aber das war wohl sozusagen etwas Privates,   nicht f�r die �ffentlichkeit bestimmt. Sei�s drum, f�r Zwischenmenschliches ist   jetzt sowieso nicht mehr viel Gelegenheit, denn wir gehen bereits im G�nsemarsch   zu unseren Pl�tzen und setzen uns.</p><p>Allein das Betreten der B�hne f�hrt dazu, dass mein Atem schneller und   flacher geht. Ich f�hle den Puls in den Schl�fen pochen. Die Erleichterung ist   gro�, als ich meinen Stuhl erreiche, denn ich habe Angst, dass ich wegen der   Abs�tze oder der wackligen Knie stolpere. Obwohl es schon Abend wird, ist der   Zentrale Platz heller erleuchtet als an einem Sommertag. F�r die prominenten   G�ste wurde eine erh�hte Trib�ne errichtet, die Stylisten besetzen die erste   Reihe. Immer wenn die Menge auf ihre Kreationen reagiert, werden die Kameras auf   sie schwenken. Ein gro�er Balkon vor einem Geb�ude rechter Hand ist f�r die   Spielmacher reserviert. Die meisten anderen Balkone sind von Fernsehteams   besetzt. Aber der Zentrale Platz und die darauf zuf�hrenden Hauptstra�en sind   voller Menschen. Nur Stehpl�tze. In s�mtlichen H�usern und Gemeindes�len des   Landes sind die Fernseher eingeschaltet. Jeder B�rger Panems ist auf Empfang.   Heute Nacht wird es keine Stromausf�lle geben.</p><p>Caesar Flickerman, der Mann, der seit �ber vierzig Jahren die Interviews   f�hrt, springt auf die B�hne. Es ist ein bisschen be�ngstigend, denn seine   Erscheinung hat sich in all der Zeit buchst�blich nicht ver�ndert. Dasselbe   Gesicht unter einer Schicht aus reinwei�em Make-up. Dieselbe Frisur, nur jedes   Jahr eine andere Farbe. Dasselbe B�hnenkost�m, mitternachtsblau und �bers�t mit   Tausenden von winzigen elektrischen L�mpchen, die wie Sterne funkeln. Im Kapitol   gibt es Chirurgen, die einen j�nger und d�nner erscheinen lassen. In Distrikt 12   ist es in gewisser Hinsicht eine Leistung, alt auszusehen, denn dort sterben   viele Menschen fr�h. Wenn man dort einem �lteren Menschen begegnet, m�chte man   ihn zu seiner Langlebigkeit begl�ckw�nschen und nach dem Geheimnis seines   �berlebens fragen. Ein dicker Mensch wird beneidet, weil er im Gegensatz zu den   meisten von uns mehr als genug hat. Hier ist das anders. Falten sind   unerw�nscht. Ein runder Bauch ist kein Zeichen von Erfolg.</p><p>Dieses Jahr ist Caesars Haar taubenblau und seine Augenlider und Lippen sind   im gleichen Farbton geschminkt. Er sieht grotesk aus, aber nicht so gruselig wie   letztes Jahr, als die Farbe tiefrot war und man meinen konnte, er w�rde bluten.   Caesar macht zum Einstieg ein paar Gags, dann kommt er zur Sache.</p><p>Das M�dchen aus Distrikt 1, das in seinem durchsichtigen goldenen Abendkleid   aufreizend aussieht, geht zu Caesar ins Rampenlicht, um interviewt zu werden.   Ihr Mentor hatte todsicher keine M�he, ein Image f�r sie zu erfinden. Das   wallende blonde Haar, die smaragdgr�nen Augen und ihr gro� gewachsener, �ppiger   K�rper � Sie ist eine richtige Sexbombe.</p><p>Jedes Interview dauert nur drei Minuten. Dann ert�nt ein Signal und der   n�chste Tribut ist dran. Eins muss man Caesar lassen, er tut wirklich sein   Bestes, um die Tribute zur Geltung zu bringen. Er ist freundlich, versucht die   Nerv�sen zu beruhigen, lacht bei den m�desten Scherzen und kann eine schwache   Antwort durch die Art, wie er darauf reagiert, unvergesslich machen.</p><p>Ich sitze da wie eine Dame, so wie Effie es mir gezeigt hat, w�hrend die   Distrikte einer nach dem anderen drankommen. Jeder scheint irgendeine Rolle zu   spielen. Der riesige Junge aus Distrikt 2 ist eine skrupellose T�tungsmaschine.   Das fuchsgesichtige M�dchen aus Distrikt 5 ist durchtrieben und schwer zu   fassen. Ich habe Cinna sofort gesehen, als er seinen Platz eingenommen hat,   aber trotz seiner Anwesenheit bin ich verkrampft. 8, 9, 10. Der verkr�ppelte   Junge aus Distrikt 10 ist sehr still. Meine H�nde schwitzen wie verr�ckt, doch   das juwelenbesetzte Kleid saugt nichts auf, und als ich sie daran abwischen   will, rutschen sie ab. 11.</p><p>Rue, die ein hauchzartes Kleid mit Fl�geln tr�gt, flattert auf Caesar zu.   Beim Anblick dieses elfengleichen Nichts von einem Tribut verstummt die Menge.   Caesar ist sehr nett zu ihr, er gratuliert ihr zu der Sieben im Training, eine   exzellente Bewertung f�r eine so kleine Person. Als er sie fragt, welches ihre   gr��te St�rke in der Arena sein wird, z�gert sie nicht. �Ich bin schwer zu   fangen�, sagt sie mit bebender Stimme. �Und wenn sie mich nicht fangen k�nnen,   k�nnen sie mich auch nicht t�ten. Also schreiben Sie mich nicht ab.�</p><p>�Nicht in einer Million Jahren�, sagt Caesar aufmunternd.</p><p>Thresh, der Junge aus Distrikt 11, hat die gleiche dunkle Haut wie Rue, aber   hier h�rt die �hnlichkeit auch schon auf. Er ist ein wahrer Riese, �ber eins   neunzig gro� und b�renstark, doch mir ist aufgefallen, dass er die Einladung der   Karrieretribute, sich ihnen anzuschlie�en, ausgeschlagen hat. Stattdessen ist   er fast die ganze Zeit �ber f�r sich geblieben, hat mit niemandem gesprochen und   nur wenig Interesse am Training gezeigt. Trotzdem hat er eine Zehn erreicht und   man kann sich unschwer vorstellen, dass er die Spielmacher beeindruckt hat. Er   geht nicht auf Caesars Gepl�nkel ein, er antwortet mit Ja oder Nein oder sagt   einfach gar nichts.</p><p>Wenn ich so gro� w�re wie er, dann k�nnte ich so m�rrisch und feindselig   sein, wie ich wollte, das w�re vollkommen egal! Ich wette, die H�lfte der   Sponsoren zieht ihn zumindest in Betracht. Wenn ich Geld h�tte, w�rde ich   selbst auf ihn setzen.</p><p>Dann wird Katniss Everdeen aufgerufen und wie im Traum stehe ich auf und gehe   zur B�hnenmitte. Ich sch�ttele Caesars ausgestreckte Hand und er ist so   taktvoll, seine Hand nicht sofort an seinem Anzug abzuwischen.</p><p>�Also, Katniss, vom Distrikt 12 ins Kapitol, das ist ja bestimmt eine ganz   sch�ne Umstellung. Was hat dich am meisten beeindruckt, seit du hier bist?�,   fragt er.</p><p>Was? Was hat er gesagt? Ich kann ihm nicht richtig folgen.</p><p>Mein Mund ist trocken wie S�gemehl. Verzweifelt suche ich in der Menge nach   Cinna und lasse ihn nicht mehr aus den Augen. Ich stelle mir vor, die Worte   k�men aus seinem Mund. �Was hat dich am meisten beeindruckt, seit du hier bist?�   Ich zerbreche mir den Kopf auf der Suche nach etwas, wor�ber ich mich hier   gefreut habe. <emphasis>Sei ehrlich, </emphasis>denke ich. <emphasis>Sei ehrlich.</emphasis></p><p>�Der Lammeintopf�, presse ich hervor.</p><p>Caesar lacht und ich merke undeutlich, dass ein paar Zuschauer   einstimmen.</p><p>�Der mit Backpflaumen?�, fragt Caesar. Ich nicke. �Oh, den esse ich immer   tonnenweise.� Er legt die H�nde auf seinen Bauch und dreht sich seitlich zum   Publikum. �Das sieht man doch nicht, oder?� Die Zuschauer beschwichtigen ihn und   applaudieren. Das ist es, was ich meinte. Caesar versucht den Leuten aus der   Klemme zu helfen.</p><p>�Also, Katniss�, sagt er vertraulich. �Bei deinem Auftritt auf der   Er�ffnungsfeier ist mir das Herz stehen geblieben. Was h�ltst du pers�nlich von   diesem Kost�m?�</p><p>Cinna hebt die Augenbraue. Sei ehrlich. �Sie meinen, nachdem ich meine Angst   �berwunden hatte, bei lebendigem Leib zu verbrennen?�, frage ich.</p><p>Gro�er Lacher. Ein echter, aus dem Publikum.</p><p>�Ja. Fang da an�, sagt Caesar.</p><p>Cinna, mein Freund, das muss ich dir sowieso mal sagen. �Ich hab gedacht,   dass Cinna genial ist und dass es das umwerfendste Kost�m ist, das ich je   gesehen habe, und ich konnte gar nicht glauben, dass ich es trug. Und ich kann   auch nicht glauben, dass ich dies hier trage.� Ich hebe meinen Rock hoch und   breite ihn aus. �Ich meine, schauen Sie sich das an!�</p><p>W�hrend das Publikum Ah und Oh ruft, sehe ich, wie Cinna eine winzige   Bewegung mit dem Finger macht. Ich wei�, was er sagen will. <emphasis>Dreh dich f�r   mich.</emphasis></p><p>Ich drehe mich einmal im Kreis und die Reaktion kommt sofort.</p><p>�Oh, mach das noch mal�, sagt Caesar, also hebe ich die Arme und drehe mich   und drehe mich und lasse den Rock fliegen, bis das Kleid mich umz�ngelt wie   Flammen. Die Menge jubelt. Als ich stehen bleibe, greife ich nach Caesars   Arm.</p><p>�Nicht aufh�ren!�, sagt er.</p><p>�Ich muss, mir ist schwindlig!� Ich kichere sogar, was ich vielleicht noch   nie in meinem Leben getan habe. Aber das Lampenfieber und das Gedrehe zeigen   ihre Wirkung.</p><p>Caesar legt besch�tzend den Arm um mich. �Keine Sorge, ich halte dich fest.   Ich kann doch nicht zulassen, dass du in die Fu�stapfen deines Mentors   trittst.�</p><p>Gro�es Gejohle, w�hrend die Kameras Haymitch suchen, der mit seinem   Hechtsprung von der B�hne Ber�hmtheit erlangt hat. Er winkt gutm�tig ab und   zeigt zur�ck auf mich.</p><p>�Keine Sorge�, versichert Caesar der Menge. �Bei mir ist sie in Sicherheit.   So, jetzt zu deiner Trainingsbewertung. Elfi, verrat uns doch mal, was da   drinnen passiert ist.�</p><p>Ich werfe den Spielmachern auf dem Balkon einen kurzen Blick zu und bei�e mir   auf die Lippe. ��hm � ich kann nur sagen, dass es wohl eine Premiere gewesen   sein d�rfte.�</p><p>Die Kameras halten auf die Spielmacher, die kichern und nicken.</p><p>�Du spannst uns echt auf die Folter�, sagt Caesar, als ob er wirklich leiden   w�rde. �Mehr Einzelheiten, wenn ich bitten darf.�</p><p>Ich wende mich zum Balkon. �Soll ich?�</p><p>Der Spielmacher, der in die Punschschale gefallen ist, ruft: �Um Gottes   willen, nein.�</p><p>�Danke�, sage ich. �Tut mir leid. Meine Lippen sind versiegelt.�</p><p>�Dann lass uns zu dem Augenblick bei der Ernte zur�ckkehren, als der Name   deiner Schwester ausgerufen wurde�, sagt Caesar. Er wirkt jetzt eher ged�mpft.   �Du hast dich freiwillig an ihrer statt gemeldet. Kannst du uns von ihr   erz�hlen?�</p><p>Nein. Euch allen nicht. Aber Cinna vielleicht. Ich glaube nicht, dass ich mir   die Traurigkeit auf seinem Gesicht nur einbilde. �Sie hei�t Prim. Sie ist erst   zw�lf. Und ich liebe sie mehr als alles auf der Welt.�</p><p>Auf dem Zentralen Platz k�nnte man in diesem Moment eine Stecknadel fallen   h�ren.</p><p>�Was hat sie hinterher zu dir gesagt?�, fragt Caesar.</p><p><emphasis>Sei ehrlich. Sei ehrlich. </emphasis>Ich schlucke schwer. �Sie hat gesagt, ich   soll unbedingt versuchen zu gewinnen.� Gebannt lauschen die Zuschauer auf jedes   meiner Worte.</p><p>�Und was hast du geantwortet?�, hakt Caesar behutsam nach.</p><p>Aber statt W�rme sp�re ich, wie eine eisige Starre meinen K�rper �berf�llt.   Meine Muskeln spannen sich an, wie beim T�ten. Als ich spreche, klingt meine   Stimme eine Oktave tiefer: �Ich habe es ihr geschworen.�</p><p>�Das glaube ich�, sagt Caesar und dr�ckt mich. Das Signal ert�nt. �Tut mir   leid, unsere Zeit ist um. Viel Gl�ck, Katniss Everdeen, Tribut aus Distrikt   12.�</p><p>Der Applaus ert�nt noch lange, nachdem ich mich gesetzt habe. Ich suche   Cinna, um mich zu beruhigen. Er h�lt unauff�llig die Daumen hoch.</p><p>W�hrend des ersten Teils von Peetas Interview bin ich noch v�llig benommen.   Trotzdem bekomme ich mit, dass er die Zuschauer von Anfang an auf seiner Seite   hat; ich h�re sie lachen und jubeln. Er spielt mit dem B�ckersohnimage und   vergleicht die Tribute mit dem Brot aus ihrem jeweiligen Distrikt. Dann erz�hlt   er eine Anekdote �ber die Gefahren, die in den Duschen des Kapitols lauern.   �Sagen Sie, dufte ich immer noch nach Rosen?�, fragt er Caesar und dann   beschn�ffeln sie sich gegenseitig und rei�en das Publikum zu   Begeisterungsst�rmen hin. Ich gerate noch einmal ins Blickfeld, als Caesar ihn   fragt, ob er zu Hause eine Freundin hat.</p><p>Peeta z�gert, dann sch�ttelt er nicht sehr �berzeugend den Kopf.</p><p>�Ein h�bscher Junge wie du. Es muss ein besonderes M�dchen geben. Komm   schon, wie hei�t sie?�, sagt Caesar.</p><p>Peeta seufzt. �Ja, es gibt da dieses eine M�dchen. Ich bin schon in sie   verliebt, seit ich denken kann. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie bis   zur Ernte nicht mal wusste, dass es mich gibt.�</p><p>Sympathiebekundungen aus der Menge. Unerwiderte Liebe, das k�nnen sie   nachempfinden.</p><p>�Hat sie einen anderen?�, fragt Caesar.</p><p>�Ich wei� nicht, aber viele Jungs stehen auf sie�, sagt Peeta.</p><p>�Soll ich dir sagen, was du tun musst? Du gewinnst und kehrst nach Hause   zur�ck. Dann kann sie dich nicht abblitzen lassen, was?�, sagt Caesar   aufmunternd.</p><p>�Ich glaube, das wird nicht hinhauen. Gewinnen � das funktioniert nicht in   meinem Fall�, sagt Peeta.</p><p>�Wieso nicht?�, fragt Caesar verbl�fft.</p><p>Peeta wird rot wie eine Tomate und f�ngt an zu stottern: �Weil � weil �   Wir sind zusammen hier.�</p></section><section><p><strong>Teil 2</strong></p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>Die Spiele</emphasis></strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>
10</emphasis></strong></p><p>Einen Augenblick lang halten die Kameras auf Peetas bek�mmerte Augen, w�hrend   seine Worte auf mich wirken. Dann sehe ich mein Gesicht, der Mund halb ge�ffnet   in einer Mischung aus �berraschung und Protest, riesengro� auf jedem   Bildschirm, w�hrend mir klar wird: <emphasis>Mich! Er meint mich! </emphasis>Ich presse die   Lippen zusammen, starre auf den Boden und hoffe, so die Gef�hle zu verbergen,   die in mir aufwallen.</p><p>�Oh, das ist wirklich verdammtes Pech�, sagt Caesar und er klingt ehrlich   betr�bt. Die Menge murmelt zustimmend, sogar ein paar entsetzte Rufe sind zu   h�ren.</p><p>�Es ist nicht gut�, stimmt Peeta zu.</p><p>�Na, ich glaube, keiner kann es dir verdenken. Es d�rfte schwer sein, sich   nicht in diese junge Dame zu verlieben�, sagt Caesar. �Und sie hat nichts davon   gewusst?�</p><p>Peeta sch�ttelt den Kopf. �Bis eben nicht.�</p><p>Ich erlaube mir einen kurzen Blick zum Bildschirm, nur so lange, um zu sehen,   dass die R�te auf meinen Wangen unverkennbar ist.</p><p>�W�rden Sie sie nicht auch zu gern noch einmal herholen, um ihre Erwiderung   zu h�ren?�, fragt Caesar die Zuschauer. Die Menge schreit ihre Zustimmung. �Aber   leider m�ssen wir uns an die Regeln halten und Katniss Everdeens Zeit ist   vorbei.Nun, ich w�nsche dir alles Gute, Peeta Mellark, und ich denke, ich   spreche f�r ganz Panem, wenn ich sage, unsere Herzen sind bei dir.�</p><p>Das Get�se der Menge ist ohrenbet�ubend. Mit seiner Liebeserkl�rung an mich   hat Peeta uns andere allesamt weggewischt. Als sich die Zuschauer endlich   wieder beruhigt haben, bringt er ein leises �Danke� hervor und kehrt an seinen   Platz zur�ck. Wir erheben uns f�r die Hymne. Um den erforderlichen Respekt zu   bezeugen, muss ich den Kopf heben und so darf ich mit ansehen, wie alle   Bildschirme Peeta und mich zeigen, durch wenige Schritte voneinander getrennt,   die in den K�pfen der Zuschauer niemals �berbr�ckt werden k�nnen. Ein tragisches   Paar.</p><p>Aber ich wei� es besser.</p><p>Nach der Hymne gehen die Tribute im G�nsemarsch zur�ck ins Foyer des   Trainingscenters und zu den Aufz�gen. Ich sorge daf�r, dass ich mit einem   anderen Aufzug fahre als Peeta. Die Menge h�lt unser Gefolge von Stylisten,   Mentoren und Anstandsdamen auf, sodass wir nur einander als Gesellschaft haben.   Keiner sagt ein Wort. Mein Aufzug l�dt nacheinander vier Tribute ab, dann bin   ich allein und die T�ren �ffnen sich im zw�lften Stock. Peeta ist gerade aus   seinem Aufzug gekommen, da st�rze ich mich schon auf ihn und schubse ihn   kr�ftig gegen die Brust. Er verliert das Gleichgewicht und f�llt gegen einen   h�sslichen K�bel mit k�nstlichen Blumen. Der K�bel kippt um und zerbricht in   tausend St�cke. Peeta landet in den winzigen Scherben, sofort flie�t Blut aus   seinen H�nden.</p><p>�Wof�r war das denn?�, fragt er entgeistert.</p><p>�Dazu hattest du kein Recht! So was �ber mich zu sagen!�, schreie ich ihn   an.</p><p>Die Aufzugt�ren �ffnen sich wieder und jetzt kommt die ganze Crew heraus,   Effie, Haymitch, Cinna und Portia.</p><p>�Was ist hier los?�, fragt Effie mit leicht hysterischer Stimme. �Bist du   gest�rzt?�</p><p>�Ja, weil sie mich geschubst hat�, sagt Peeta, w�hrend Effie und Cinna ihm   aufhelfen.</p><p>Haymitch wendet sich an mich. �Geschubst?�</p><p>�Das war Ihre Idee, oder? Dass ich vor dem ganzen Land dastehe wie eine   Idiotin?�, erwidere ich.</p><p>�Es war meine Idee�, sagt Peeta und zuckt zusammen, als er sich die   Keramiksplitter aus den Handfl�chen zieht. �Haymitch hat mir nur dabei   geholfen.�</p><p>�Ja, Haymitch ist sehr hilfreich. Dir!�, sage ich.</p><p>�Du bist <emphasis>wirklich </emphasis>eine Idiotin�, sagt Haymitch emp�rt. �Du denkst   also, er hat dich gekr�nkt? Katniss, der Junge hat dir gerade zu etwas   verholfen, das du allein nie und nimmer erreicht h�ttest.�</p><p>�Er hat mich schwach aussehen lassen!�, sage ich.</p><p>�Er hat dich begehrenswert aussehen lassen! Blicken wir den Tatsachen doch   einmal ins Auge; was das angeht, kannst du jede Hilfe brauchen. Bis er sagte,   dass er dich will, warst du so romantisch wie Dreck. Jetzt wollen sie dich alle.   Alle reden nur von dir. Die beiden Liebenden aus Distrikt 12, die nicht   zusammenkommen k�nnen!�, sagt Haymitch.</p><p>�Das sind wir aber nicht!�, sage ich.</p><p>Haymitch packt mich an den Schultern und dr�ckt mich gegen die Wand. �Na   und? Das hier ist alles nur eine riesige Show.</p><p>Es geht nur darum, wie du wahrgenommen wirst. Nach deinem Interview h�tte ich   �ber dich h�chstens sagen k�nnen, dass du ganz nett bist, obwohl das an sich   schon ein kleines Wunder war. Jetzt kann ich sagen, du bist eine   Herzensbrecherin. Oh, oh, oh, was werden die Jungs zu Hause dir schmachtend zu   F��en sinken. Was meinst du, was dir mehr Sponsoren bringt?�</p><p>Von dem Weingestank aus seinem Mund wird mir �bel. Ich schiebe seine H�nde   von meinen Schultern, trete einen Schritt zur Seite und versuche Klarheit in   meine Gedanken zu bekommen.</p><p>Cinna kommt zu mir und legt einen Arm um mich. �Er hat recht, Katniss.�</p><p>Ich wei� nicht, was ich denken soll. �Sie h�tten mich wenigstens vorher   einweihen sollen, damit ich nicht so dumm dastehe.�</p><p>�Nein, deine Reaktion war genau richtig. Wenn du davon gewusst h�ttest, h�tte   es nicht echt ausgesehen�, sagt Portia.</p><p>�Sie macht sich nur Sorgen wegen ihres Freundes�, sagt Peeta schroff und   wirft eine blutige Scherbe weg.</p><p>Beim Gedanken an Gale brennen meine Wangen erneut. �Ich habe keinen   Freund.�</p><p>�Egal�, sagt Peeta. �Aber ich wette, er ist pfiffig genug, einen Bluff zu   erkennen. Abgesehen davon hast <emphasis>du </emphasis>ja auch nicht gesagt, du w�rdest <emphasis>mich </emphasis>lieben. Also, was soll�s?�</p><p>Ich lasse die Worte wirken. Mein �rger verraucht. Einerseits denke ich, dass   ich benutzt worden bin, andererseits sehe ich es als Chance. Haymitch hat recht.   Ich habe mein Interview �berlebt, aber was war ich da schon? Ein albernes   M�dchen, das sich in einem glitzernden Kleid dreht. Kichernd. Nur einmal hatte   ich wirklich etwas zu sagen, n�mlich als ich von Prim erz�hlt habe. Verglichen   mit Thresh und seiner ruhigen, gef�hrlichen Kraft bin ich ein Nichts. Ein   albernes, funkelndes Nichts. Halt, nicht ganz, da ist ja immerhin noch die Elf   aus dem Training.</p><p>Aber jetzt hat Peeta mich zum Objekt seiner Liebe gemacht. Und nicht nur   seiner. Er hat gesagt, ich h�tte viele Verehrer. Und wenn die Zuschauer wirklich   denken, wir w�ren verliebt � Mir f�llt ein, wie stark sie auf dieses   Gest�ndnis reagiert haben. Das tragische Liebespaar. Haymitch hat recht, im   Kapitol gieren sie nach so was. Pl�tzlich mache ich mir Sorgen, ob ich richtig   reagiert habe.</p><p>�Nachdem er gesagt hat, dass er mich liebt, habt ihr da gedacht, ich k�nnte   auch in ihn verliebt sein?�, frage ich.</p><p>�Ich ja�, sagt Portia. �Die Art, wie du vermieden hast, in die Kameras zu   schauen, das Err�ten.�</p><p>Die anderen pflichten ihr bei.</p><p>�Du bist ein Gl�ckskind, S��e. Die Sponsoren werden Schlange stehen f�r   dich�, sagt Haymitch.</p><p>Jetzt sch�me ich mich wegen meiner Reaktion. Ich zwinge mich dazu, es vor   Peeta einzugestehen. �Entschuldige, dass ich dich geschubst habe.�</p><p>�Macht nichts�, sagt er achselzuckend. �Obwohl es eigentlich nicht statthaft   ist.�</p><p>�Wie geht�s deinen H�nden?�, frage ich.</p><p>�Wird schon wieder�, sagt er.</p><p>In der Stille, die folgt, wehen k�stliche D�fte aus dem Speiseraum zu uns   her�ber. �Kommt, lasst uns zu Abend essen�, sagt Haymitch. Wir folgen ihm und   setzen uns an den Tisch. Aber Peeta blutet doch zu stark und Portia f�hrt ihn   hinaus, damit er behandelt wird. Wir anderen machen uns �ber die   Rosenbl�ten-Cremesuppe her. Als wir fertig sind, kommen die beiden zur�ck.   Peetas H�nde sind verbunden. Jetzt habe ich nat�rlich ein schlechtes Gewissen.   Morgen gehen wir in die Arena. Er hat mir einen Gefallen getan und ich habe ihm   eine Verletzung eingebrockt. Muss ich ihm eigentlich immer etwas schuldig   sein?</p><p>Nach dem Abendessen sehen wir uns im Salon die Wiederholung an. Ich finde   mich aufgeputzt und oberfl�chlich, wie ich mich kichernd in meinem Kleid drehe,   obwohl die anderen mir versichern, ich sei charmant. Peeta ist wirklich charmant   und als verliebter Junge schlie�lich umwerfend. Und da bin ich, err�tend und   verwirrt, von Cinna sch�n gemacht, begehrenswert durch Peetas Gest�ndnis,   tragisch durch die Umst�nde und, nach allem, was man h�rt, unvergesslich.</p><p>Als die Hymne zu Ende ist und der Bildschirm sich verdunkelt, wird es still   im Zimmer. Morgen bei Sonnenaufgang werden wir geweckt und f�r die Arena   vorbereitet. Die eigentlichen Spiele beginnen erst um zehn, deshalb stehen viele   Bewohner des Kapitols erst sp�t auf. Aber Peeta und ich m�ssen fr�h raus. Wir   wissen nicht, wie weit es bis zu der Arena ist, die f�r die diesj�hrigen Spiele   vorbereitet wurde.</p><p>Ich wei� nur, dass Haymitch und Effie uns nicht begleiten werden. Sie siedeln   ins Hauptquartier der Spiele �ber, wo sie hoffentlich wie verr�ckt Sponsoren   anwerben und eine Strategie ausarbeiten, wie und wann uns die Geschenke   �berreicht werden k�nnen. Cinna und Portia werden uns bis zu dem Punkt   begleiten, an dem wir in die Arena geworfen werden. Doch vorher m�ssen wir uns   noch endg�ltig voneinander verabschieden.</p><p>Effie nimmt uns beide bei der Hand und mit echten Tr�nen in den Augen w�nscht   sie uns alles Gute. Dankt uns daf�r, dass wir die besten Tribute waren, die sie   je sponsern durfte. Und dann, weil Effie eben Effie ist und offenbar nicht   anders kann, als etwas Schreckliches zu sagen, f�gt sie hinzu: �Es w�rde mich   gar nicht wundern, wenn ich n�chstes Jahr endlich einen annehmbaren Distrikt   zugeteilt bek�me!�</p><p>Dann k�sst sie uns auf die Wange und eilt hinaus, �berw�ltigt von dem   aufw�hlenden Abschied oder vielleicht auch nur von der m�glichen   Bef�rderung.</p><p>Haymitch verschr�nkt die Arme und mustert uns.</p><p>�Noch einen letzten Tipp?�, fragt Peeta.</p><p>�Wenn der Gong ert�nt, macht, dass ihr da wegkommt. Dem Gemetzel am F�llhorn   seid ihr zwei nicht gewachsen. Haut einfach ab, legt so viel Strecke wie   m�glich zwischen euch und die anderen und sucht eine Wasserquelle. Kapiert?�</p><p>�Und danach?�, frage ich.</p><p>�Am Leben bleiben�, sagt Haymitch. Den gleichen Rat hat er uns schon im Zug   gegeben, aber diesmal ist er nicht betrunken und er lacht auch nicht. Und wir   nicken blo�. Was w�re dem noch hinzuzuf�gen?</p><p>Als ich in mein Zimmer gehe, bleibt Peeta noch, um sich mit Portia zu   unterhalten. Zum Gl�ck. Die merkw�rdigen Abschiedsworte, die wir austauschen   werden, k�nnen bis morgen warten. Meine Bettdecke ist aufgeschlagen, aber von   dem rothaarigen Avoxm�dchen ist nichts zu sehen. Ich w�sste gern ihren Namen.   Ich h�tte sie fragen sollen. Vielleicht h�tte sie ihn aufschreiben k�nnen. Oder   darstellen. Aber vielleicht h�tte ihr das nur eine Strafe eingebracht.</p><p>Ich stelle mich unter die Dusche und schrubbe Goldfarbe, Make-up, den Duft   der Sch�nheit von meinem K�rper. Alles, was von den Bem�hungen des   Vorbereitungsteams �brig bleibt, sind die Flammen auf meinen N�geln. Ich   beschlie�e, sie zu behalten, als Erinnerung daran, wer ich f�r das Publikum bin.   Katniss - das M�dchen, das in Flammen stand. Vielleicht gibt es mir etwas, woran   ich mich in den kommenden Tagen festhalten kann.</p><p>Ich ziehe ein dickes, kuscheliges Nachthemd an und steige ins Bett. Nach   ungef�hr f�nf Sekunden ist mir klar, dass ich nie und nimmer einschlafen werde.   Dabei brauche ich unbedingt Schlaf, denn in der Arena wird jede Sekunde, die ich   der M�digkeit nachgebe, eine Einladung an den Tod sein.</p><p>Es n�tzt nichts. Eine Stunde, zwei, drei vergehen, aber meine Lider wollen   einfach nicht schwer werden. Die ganze Zeit denke ich dar�ber nach, in welchem   Gel�nde sie uns aussetzen werden. W�ste? Sumpf? Eisiges �dland? Vor allem hoffe   ich auf B�ume, die mir ein Versteck, Nahrung und Schutz bieten k�nnen. B�ume   gibt es oft, denn karge Landschaften sind langweilig und die Spiele dann auch zu   schnell vorbei. Aber wie wird das Klima sein? Welche geheimen Fallen haben die   Spielmacher aufgebaut, damit keine Langeweile entsteht? Und dann sind da noch   die anderen Tribute �</p><p>Je mehr ich einzuschlafen versuche, desto unm�glicher wird es. Schlie�lich   bin ich so unruhig, dass ich nicht im Bett bleiben kann. Ich gehe auf und ab,   mein Herz rast, mein Atem geht schnell. Mein Zimmer kommt mir vor wie eine   Gef�ngniszelle. Wenn ich nicht bald an die frische Luft komme, werfe ich wieder   Sachen durch die Gegend. Ich renne den Flur entlang bis zu der T�r zum Dach. Sie   ist nicht nur unverschlossen, sondern sogar blo� angelehnt. Vielleicht hat   jemand vergessen, sie zuzumachen, aber das ist egal. Das Energiefeld rings ums   Dach verhindert jeden verzweifelten Fluchtversuch. Und ich will ja gar nicht   fliehen, nur meine Lunge mit Luft f�llen. Ich will den Himmel sehen und den   Mond, in der letzten Nacht, in der niemand mich jagt.</p><p>Das Dach ist nachts nicht beleuchtet, doch als ich mit nackten F��en die   Steinplatten betrete, sehe ich sofort seine Silhouette, schwarz gegen die nie   verl�schenden Lichter des Kapitols. Unten auf den Stra�en ist noch einiges los,   Musik und Gesang und Autohupen; von alldem habe ich durch die dicken   Fensterscheiben in meinem Zimmer nichts mitbekommen. Ich k�nnte wieder   zur�ckhuschen, ohne mich zu erkennen zu geben; bei dem L�rm w�rde er mich nicht   h�ren. Aber die Nachduft ist so mild, dass ich es nicht ertrage, in meinen   stickigen K�fig zur�ckzukehren. Und was macht es schon aus? Ob wir miteinander   reden oder nicht?</p><p>Meine F��e bewegen sich ger�uschlos �ber die Platten. Als ich nur noch einen   Meter hinter ihm bin, sage ich: �Du solltest ein bisschen schlafen.�</p><p>Er zuckt zusammen, dreht sich aber nicht um. Ich sehe, wie er leise den Kopf   sch�ttelt. �Ich wollte die Party nicht vers�umen. Immerhin gilt sie uns.�</p><p>Ich stelle mich neben ihn und lehne mich �ber das Gel�nder. Die breiten   Stra�en sind voller tanzender Menschen. Ich versuche, die winzigen Gestalten   genauer zu betrachten. �Sind die verkleidet, oder was?�</p><p>�Wie soll man das erkennen?�, antwortet Peeta. �Bei den verr�ckten Sachen,   die sie hier tragen. Konntest du auch nicht schlafen?�</p><p>�Konnte die Gedanken nicht abstellen�, sage ich.</p><p>�Hast du an deine Familie gedacht?�, fragt er.</p><p>�Nein�, gebe ich ein bisschen schuldbewusst zu. �Ich muss die ganze Zeit an   morgen denken. Was nat�rlich sinnlos ist.� Im Licht von unten kann ich jetzt   sein Gesicht sehen, wie unbeholfen er die bandagierten H�nde h�lt. �Tut mir   wirklich leid wegen deiner H�nde.�</p><p>�Spielt keine Rolle, Katniss�, sagt er. �Ich war sowieso nie ein Anw�rter auf   den Sieg bei diesen Spielen.�</p><p>�So darfst du nicht denken�, sage ich.</p><p>�Und warum nicht? Es ist die Wahrheit. Ich kann nur hoffen, dass ich mich   nicht blamiere, und ��Er z�gert. �Und was?�, sage ich.</p><p>�Ich wei� nicht, wie ich es ausdr�cken soll. Nur � Ich m�chte als ich   selbst sterben. Verstehst du, was ich meine?�, fragt er. Ich sch�ttele den Kopf.   Als was sollte er sonst sterben, wenn nicht als er selbst? �Ich m�chte nicht,   dass sie mich da drin ver�ndern. Mich in eine Art Monster verwandeln, das ich   nicht bin.�</p><p>Ich bei�e mir auf die Lippe, weil ich mich so klein f�hle. W�hrend ich   dar�ber nachgr�bele, ob es wohl B�ume geben wird, k�mpft Peeta darum, seine   Identit�t zu wahren. Sein reines Ich. �Hei�t das, du wirst niemanden t�ten?�,   frage ich.</p><p>�Nein, wenn die Zeit kommt, werde ich sicherlich t�ten wie die anderen auch.   Ich kann nicht kampflos untergehen. Ich w�nsche mir nur, mir w�rde etwas   einfallen, wie � wie ich dem Kapitol zeigen kann, dass sie mich nicht   besitzen. Dass ich mehr bin als eine Figur in ihren Spielen�, sagt Peeta.</p><p>�Aber das bist du nicht�, erwidere ich. �Keiner von uns. So funktionieren die   Spiele.�</p><p>�Okay, aber abgesehen von dem System bist da immer noch du, bin da ich�,   beharrt er. �Begreifst du das nicht?�</p><p>�Ein bisschen. Nur � Sei nicht beleidigt, aber wen k�mmert das, Peeta?�,   sage ich.</p><p>�Mich. Ich meine, was soll mich jetzt sonst noch k�mmern?�, fragt er   aufgebracht. Er starrt mich mit seinen blauen Augen an, er will eine   Antwort.</p><p>Ich weiche einen Schritt zur�ck. �K�mmere dich um das, was Haymitch gesagt   hat. Dass wir am Leben bleiben sollen.�</p><p>Peeta l�chelt mich traurig und sp�ttisch an. �Okay. Danke f�r den Tipp,   S��e.�</p><p>Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Dass er Haymitchs herablassenden   Kosenamen benutzt. �H�r zu, wenn du die letzten Stunden deines Lebens damit   verbringen m�chtest, einen edlen Tod in der Arena zu planen, bitte sehr, das   musst du selber wissen. Ich f�r meinen Teil m�chte meine in Distrikt 12   verbringen.�</p><p>�W�rde mich nicht �berraschen, wenn�s so w�re�, sagt Peeta. �Gr�� meine   Mutter, wenn du es nach Hause schaffst, ja?�</p><p>�Kannst dich drauf verlassen�, sage ich. Dann drehe ich mich um und gehe   hinein.</p><p>Den Rest der Nacht verbringe ich in einem mehr oder weniger tiefen   Halbschlaf, w�hrend ich mir �berlege, was f�r bei�ende Bemerkungen ich Peeta   Mellark morgen an den Kopf werfen werde. Peeta Mellark. Wir werden sehen, ob er   auch noch so hochm�tig ist, wenn es um Leben oder Tod geht. Wahrscheinlich wird   er sich in einen dieser rasenden Tribute verwandeln, die versuchen, das Herz der   Leute zu essen, die sie get�tet haben. Vor ein paar Jahren hat es mal so einen   Jungen aus Distrikt 6 gegeben, Titus hie� er. Er war vollkommen durchgeknallt   und die Spielmacher mussten ihn mit Elektroschockwaffen bet�uben, um die K�rper   der Spieler zu bergen, die er get�tet hatte - er h�tte sie sonst aufgegessen. In   der Arena gibt es zwar keine Regeln, aber Kannibalismus kommt bei den Zuschauern   im Kapitol nicht besonders gut an, also haben sie versucht, ihn zu unterbinden.   Es wurde gemutma�t, dass die Lawine, die Titus schlie�lich ausschaltete, eigens   ausgel�st worden war, damit nicht wom�glich ein Wahnsinniger als Sieger �brig   blieb.</p><p>Am n�chsten Morgen sehe ich Peeta nicht. Cinna kommt vor Morgengrauen zu mir,   gibt mir ein schlichtes Hemd, das ich anziehen soll, und f�hrt mich aufs Dach.   Das endg�ltige Ankleiden und die Vorbereitung finden in den Katakomben unter   der Arena statt. Ein Hovercraft taucht aus dem Nichts auf, wie damals in den   W�ldern, als ich zusah, wie das rothaarige M�dchen gefangen wurde, und eine   Leiter wird heruntergelassen. Ich platziere H�nde und F��e auf den unteren   Sprossen und komme mir sofort vor, als w�re ich festgefroren. Eine Art Strom   l�sst mich an der Leiter haften, w�hrend ich sicher nach oben bef�rdert   werde.</p><p>Ich erwarte, dass die Leiter mich dort freigibt, aber ich klebe weiter fest.   Eine Frau in einem wei�en Kittel kommt mit einer Spritze in der Hand auf mich   zu. �Das ist nur dein Aufsp�rer. Je besser du stillh�ltst, desto effektiver kann   ich ihn einsetzen�, sagt sie.</p><p>Stillhalten? Ich bin still wie eine Statue. Aber das bewahrt mich nicht   davor, den stechenden Schmerz zu sp�ren, als die Nadel das Aufsp�rger�t aus   Metall tief unter die Haut an der Innenseite meines Unterarms einsetzt. Jetzt   k�nnen die Spielmacher mich jederzeit in der Arena aufsp�ren. Wollen wohl   keinen Tribut verlieren.</p><p>Sobald der Aufsp�rer an seinem Platz ist, l�sst die Leiter mich frei. Die   Frau verschwindet und Cinna wird vom Dach heraufgeholt. Ein Avoxjunge kommt   herein und f�hrt uns in einen Raum, wo ein Fr�hst�ck vorbereitet ist. Trotz der   Spannung im Bauch esse ich, so viel ich kann, obwohl keine der k�stlichen   Speisen irgendeinen Eindruck hinterl�sst. Ich bin so nerv�s, dass ich ebenso gut   Kohlenstaub essen k�nnte. Das Einzige, was mich �berhaupt ber�hren kann, ist die   Aussicht aus dem Fenster, w�hrend wir �ber die Stadt und die Wildnis   hinwegsegeln. So sehen es die V�gel. Nur dass sie frei und sicher sind. Genau   das Gegenteil von mir.</p><p>Der Flug dauert etwa eine halbe Stunde, als die Fenster verdunkelt werden:   Offenbar n�hern wir uns der Arena. Das Hovercraft landet und Cinna und ich gehen   zur�ck zur Leiter, die diesmal durch eine R�hre in den Untergrund f�hrt, in die   Katakomben, die unter der Arena liegen. Wir folgen den Hinweisschildern bis zu   meinem Ziel, einer Kammer f�r meine Vorbereitung. Die offizielle Bezeichnung   lautet �Startraum�. In den Distrikten aber hei�t sie nur �der Pferch�. Wo die   Tiere darauf warten, zur Schlachtbank gef�hrt zu werden.</p><p>Alles ist brandneu, ich bin der erste und einzige Tribut, der diesen   Startraum je benutzen wird. Die Arenen sind historische Orte, die nach den   Spielen erhalten bleiben. Beliebte Ausflugs-und Urlaubsziele f�r die Bewohner   des Kapitols. Bleiben Sie einen Monat, sehen Sie sich die Spiele noch einmal an,   machen Sie eine Tour durch die Katakomben, besuchen Sie die Schaupl�tze des   Todes! Sie k�nnen sogar an Wiederauff�hrungen teilnehmen.</p><p>Das Essen soll hervorragend sein, hei�t es.</p><p>Ich gebe mir alle M�he, das Fr�hst�ck bei mir zu behalten, w�hrend ich dusche   und mir die Z�hne putze. Cinna flicht mein Haar zu dem �blichen schlichten Zopf,   der mir auf den R�cken f�llt. Dann werden die Kleider gebracht, f�r jeden Tribut   die gleichen. Was mein �u�eres angeht, so hat Cinna diesmal nichts zu sagen, er   wei� nicht mal, was sich in dem B�ndel befindet; aber er hilft mir, die   Unterw�sche, eine schlichte gelbbraune Hose, eine hellgr�ne Bluse, einen derben   braunen G�rtel und eine d�nne schwarze Kapuzenjacke, die mir bis auf die   Schenkel f�llt, anzuziehen. �Das Jackenfutter soll die K�rperw�rme speichern.   Stell dich auf kalte N�chte ein�, sagt er.</p><p>Die Stiefel, die ich �ber die eng anliegenden Socken streife, sind besser als   erhofft. Aus weichem Leder, �hnlich wie meine eigenen zu Hause. Diese haben   allerdings eine d�nne flexible Gummisohle mit Profil. Gut zum Rennen.</p><p>Als ich denke, ich bin fertig, zieht Cinna die Brosche mit dem goldenen   Spottt�lpel aus der Tasche. Die hatte ich total vergessen.</p><p>�Woher hast du die?�, frage ich.</p><p>�Von den gr�nen Sachen, die du im Zug anhattest�, sagt er. Jetzt erinnere ich   mich, dass ich sie vom Kleid meiner Mutter abgenommen und an meine Bluse   gesteckt hatte. �Sie ist nur knapp durch die Pr�fkommission gekommen. Manch   einer hat vermutet, sie k�nnte als Waffe benutzt werden, was ein unfairer   Vorteil gewesen w�re. Aber dann haben sie sie doch durchgehen lassen�, erz�hlt   Cinna. �Daf�r haben sie den Ring des M�dchens aus Distrikt 1 einkassiert. Wenn   man den Schmuckstein drehte, kam ein Dorn zum Vorschein. Vergiftet. Sie hat   behauptet, sie h�tte nicht gewusst, dass der Ring manipuliert worden ist, und es   gab keine M�glichkeit, ihr das Gegenteil zu beweisen. Auf jeden Fall hat sie ihr   Andenken verloren. So, du bist startklar. Geh ein bisschen herum. Schau mal, ob   sich alles bequem anf�hlt.�</p><p>Ich gehe, laufe im Kreis, schwenke die Arme hin und her. �Alles prima. Passt   wie angegossen.�</p><p>�Dann bleibt uns jetzt nur noch, auf den Aufruf zu warten�, sagt Cinna. �Oder   m�chtest du vielleicht noch etwas essen?�</p><p>Ich lehne das Essen ab, nehme aber gern ein Glas Wasser an, das ich in   kleinen Schlucken trinke, w�hrend wir auf dem Sofa warten. Da ich nicht an   meinen Fingern�geln oder Lippen kauen m�chte, nage ich an meiner Wange. Sie ist   immer noch nicht ganz verheilt von neulich. Sofort habe ich Blutgeschmack im   Mund.</p><p>Die Nervosit�t verwandelt sich nach und nach in Schrecken, als ich mir   vorstelle, was auf mich zukommt. In einer Stunde kann ich schon tot sein,   mausetot. Wenn�s denn so lange dauert. Meine Finger tasten nach der kleinen   harten Beule an meinem Unterarm, wo die Frau das Aufsp�rger�t eingesetzt hat.   Ich dr�cke drauf, obwohl es wehtut. So fest dr�cke ich, dass sich ein kleiner   Bluterguss bildet.</p><p>�M�chtest du reden, Katniss?�, fragt Cinna.</p><p>Ich sch�ttele den Kopf, strecke dann aber die Hand nach ihm aus. Cinna nimmt   sie in seine H�nde. Und so sitzen wir da, bis eine angenehme Frauenstimme   verk�ndet, dass es Zeit f�r den Start sei.</p><p>W�hrend ich immer noch Cinnas Hand halte, gehe ich hin�ber und stelle mich   auf die runde Metallplatte. �Vergiss nicht, was Haymitch gesagt hat. Wegrennen,   Wasser finden. Alles andere ergibt sich dann�, sagt er. Ich nicke. �Und denk   dran: Ich darf nicht wetten, aber wenn, dann w�rde ich mein Geld auf dich   setzen.�</p><p>�Ehrlich?�, fl�stere ich.</p><p>�Ehrlich�, sagt Cinna. Er beugt sich herab und k�sst mich auf die Stirn.   �Viel Gl�ck, M�dchen in Flammen.� Dann senkt sich ein Glaszylinder �ber mich,   trennt unsere H�nde, schneidet ihn von mir ab. Er tippt sich mit den Fingern   unters Kinn. Kopf hoch.</p><p>Ich hebe das Kinn und stehe so gerade da wie m�glich. Langsam bewegt sich   der Zylinder aufw�rts. Etwa f�nfzehn Sekunden lang bin ich in Dunkelheit   geh�llt, dann sp�re ich, wie die Metallscheibe mich oben aus dem Zylinder   herausst��t, ins Freie. Einen Augenblick lang bin ich vom hellen Sonnenlicht   geblendet und bemerke nur einen starken Wind mit dem hoffnungsfrohen Duft von   Kiefern.</p><p>Dann erschallt aus allen Richtungen die dr�hnende Stimme des legend�ren   Moderators Claudius Templesmith.</p><p>�Meine Damen und Herren, die vierundsiebzigsten Hungerspiele haben   begonnen!�</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>11</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Sechzig Sekunden. So lange m�ssen wir auf unseren Metallscheiben stehen   bleiben, bis ein Gong uns freil�sst. Geht jemand vorher hinunter, rei�en   Landminen ihm die Beine ab. Sechzig Sekunden, um den Ring der Tribute zu   betrachten, die alle in gleicher Entfernung vom F�llhorn stehen, einem riesigen   goldenen Horn mit gebogenem Ende, dessen �ffnung mindestens sechs Meter gro� ist   und von allem M�glichen �berquillt, was uns hier in der Arena das �berleben   sichern wird. Nahrungsmittel, Wasserkanister, Waffen, Medikamente, Kleidung,   Feueranz�nder. Rings um das F�llhorn verstreut liegen noch mehr Vorr�te, deren   Wert immer mehr abnimmt, je weiter sie vom Horn entfernt sind. Nur ein paar   Schritte von meinen F��en entfernt liegt zum Beispiel eine ein mal ein Meter   gro�e Plastikplane. Bei einem Platzregen w�re sie bestimmt hilfreich. Aber in   der �ffnung des F�llhorns erkenne ich ein zusammengerolltes Zelt, das mich bei   so ziemlich jedem Wetter sch�tzen w�rde. Vorausgesetzt, ich h�tte den Mumm,   hinzugehen und mit den anderen dreiundzwanzig Tributen darum zu k�mpfen. Was   ich nicht tun soll, wie mir eingesch�rft wurde.</p><p>Wir befinden uns in flachem, offenem Gel�nde. Eine Ebene aus festgestampfter   Erde. Hinter den Tributen, die mir gegen�berstehen, kann ich nichts erkennen,   was einen steil abfallenden Hang oder gar eine Klippe vermuten lie�e. Rechts   von mir liegt ein See. Links und hinter mir lichter Kiefernwald. Haymitch w�rde   wollen, dass ich dorthin renne. Sofort.</p><p>Ich habe seine Anweisungen im Ohr: �Haut einfach ab, legt so viel Strecke wie   m�glich zwischen euch und die anderen und sucht eine Wasserquelle.�</p><p>Aber es ist verlockend, verdammt verlockend, all die Gaben zu sehen, die dort   auf mich warten. Und ich wei�, wenn ich sie nicht bekomme, wird ein anderer sie   bekommen. Dass die Karrieretribute, die das Anfangsgemetzel �berleben, die   meisten dieser �berlebenswichtigen Sachen unter sich aufteilen werden. Etwas   sticht mir ins Auge. Dort, auf einem Berg zusammengerollter Decken, liegt ein   silberner K�cher mit Pfeilen und ein schon besehnter Bogen, der nur darauf   wartet, benutzt zu werden. <emphasis>Der geh�rt mir, </emphasis>denke ich. <emphasis>Der ist f�r   mich bestimmt.</emphasis></p><p>Ich bin schnell. Ich kann schneller rennen als die anderen M�dchen in meiner   Schule, nur im Langstreckenlauf sind ein paar von ihnen besser. Aber f�r diese   vierzig Meter bin ich wie geschaffen. Ich wei�, dass ich ihn kriegen kann, ich   wei�, dass ich zuerst da sein kann, aber die Frage, die sich danach stellt,   lautet: Wie schnell komme ich wieder weg? Bis ich den Deckenberg hochgeklettert   bin und die Waffen eingesammelt habe, werden andere beim Horn angekommen sein.   Ein oder zwei k�nnte ich vielleicht erledigen, aber wenn dann immer noch ein   Dutzend in unmittelbarer N�he �brig ist, k�nnten sie mich mit Speeren und Keulen   niederstrecken. Oder mit ihren m�chtigen F�usten.</p><p>Allerdings w�re ich ja nicht das einzige Ziel. Viele der anderen Tribute   w�rden mich kleines M�dchen wahrscheinlich links liegen lassen, selbst wenn ich   im Training eine Elf erreicht habe, um gef�hrlichere Gegner auszuschalten.</p><p>Haymitch hat mich noch nie rennen sehen. Vielleicht h�tte er mir sonst   geraten, es zu versuchen. Mir die Waffe zu schnappen. Genau die Waffe, die mich   vielleicht retten kann. Und ich sehe nur einen einzigen Bogen in dem Haufen. Die   Minute muss fast um sein, mir ist klar, dass ich mich jetzt f�r eine Strategie   entscheiden muss. Ich stelle die F��e in Startposition, aber nicht, um in die   umliegenden W�lder zu fliehen, sondern um zum Haufen zu rennen, zum Bogen.   Pl�tzlich bemerke ich Peeta, etwa f�nf Tribute weiter rechts, ziemlich weit weg,   doch ich merke trotzdem, dass er mich ansieht, und es kommt mir vor, als w�rde   er den Kopf sch�tteln. Aber die Sonne blendet mich, und w�hrend ich dar�ber   nachdenke, ert�nt der Gong.</p><p>Und ich hab sie verpasst! Ich hab meine Chance verpasst! Wegen dieser paar   vergeudeten Sekunden, in denen ich mich nicht entschlie�en konnte, ob ich zum   Horn rennen sollte oder nicht. Ich scharre unschl�ssig mit den F��en, wei�   nicht, welche Richtung mein Hirn f�r die beste h�lt, dann st�rme ich los,   schnappe mir die Plastikplane und einen Laib Brot. Die Ausbeute ist so gering   und ich bin so w�tend auf Peeta, weil er mich abgelenkt hat, dass ich zwanzig   Meter weitersprinte zu einem knallorangefarbenen Rucksack, der alles M�gliche   enthalten k�nnte. Ich w�rde es nicht ertragen, praktisch mit leeren H�nden   loszuziehen.</p><p>Ein Junge, ich glaube, aus Distrikt 9, erreicht den Rucksack zur gleichen   Zeit wie ich, wir zerren eine Weile daran, pl�tzlich f�ngt er an zu husten und   bespritzt mein Gesicht mit Blut. Ich taumele zur�ck, angeekelt von dem warmen,   klebrigen Zeug. Da gleitet der Junge zu Boden und ich sehe das Messer in seinem   R�cken. Einige der anderen Tribute haben das F�llhorn erreicht und schw�rmen zum   Angriff aus. Zehn Meter entfernt ist das M�dchen aus Distrikt 2 und rennt genau   auf mich zu, ein halbes Dutzend Messer in einer Hand. Ich habe sie beim   Training werfen gesehen. Sie trifft immer. Und ich bin ihr n�chstes Ziel.</p><p>Die allgemeine Angst, die ich empfinde, verdichtet sich zur unmittelbaren   Angst vor diesem M�dchen, diesem Raubtier, das mich in Sekundenschnelle t�ten   k�nnte. Adrenalin schie�t durch meinen K�rper, ich werfe mir den Rucksack �ber   die Schulter und renne, so schnell ich kann, auf den Wald zu. Ich h�re, wie das   Messer auf mich zusaust, und ziehe instinktiv den Rucksack hoch, um meinen Kopf   zu sch�tzen. Die Klinge bohrt sich in den Rucksack. Ich streife auch den anderen   Tr�ger �ber und laufe Richtung B�ume. Irgendwie wei� ich, dass das M�dchen mich   nicht verfolgen wird. Dass es sie zur�ck zum F�llhorn zieht, bevor die guten   Sachen weg sind. Ich muss grinsen. <emphasis>Danke f�r das Messer, </emphasis>denke ich.</p><p>Am Waldrand schaue ich einen Augenblick lang zur�ck, um die Lage zu   sondieren. Rund um das F�llhorn hacken etwa ein Dutzend Tribute aufeinander ein.   Ein paar liegen schon tot am Boden. Diejenigen, die die Flucht ergriffen haben,   verschwinden gerade zwischen den B�umen oder in dem Nichts auf der anderen   Seite. Ich renne weiter, bis der Wald mich vor den anderen Tributen verbirgt,   dann falle ich in einen leichten Trab, den ich bestimmt eine Weile durchhalten   kann. In den n�chsten Stunden wechsele ich zwischen Dauerlauf und Gehen, um so   viel Strecke wie m�glich zwischen mich und meine Gegner zu legen. Beim Kampf mit   dem Jungen aus Distrikt 9 habe ich das Brot verloren, daf�r konnte ich mir die   Plastikplane in den �rmel stopfen. Im Gehen falte ich sie ordentlich zusammen   und verstaue sie in einer Tasche. Dann ziehe ich das Messer aus dem Rucksack   heraus - ein gutes Messer mit langer scharfer Klinge, am Griff gezackt, sodass   ich es gut zum S�gen benutzen kann - und stecke es in den G�rtel. Noch wage ich   nicht, anzuhalten und den Inhalt des Rucksacks zu untersuchen. Ich laufe einfach   weiter und bleibe nur stehen, um mich nach m�glichen Verfolgern   umzuschauen.</p><p>Ich kann lange durchhalten. Das habe ich in den W�ldern gelernt. Aber ich   werde Wasser brauchen. Das war Haymitchs zweite Anweisung, und da ich die erste   irgendwie verpatzt habe, halte ich jetzt die Augen offen. Ohne Erfolg.</p><p>Der Wald ver�ndert sich und die Kiefern wechseln sich jetzt mit verschiedenen   anderen Baumarten ab, von denen ich manche kenne, andere noch nie gesehen habe.   Pl�tzlich h�re ich ein Ger�usch und ziehe mein Messer, um mich, wenn n�tig, zu   verteidigen, doch ich habe nur ein Kaninchen aufgeschreckt. �Sch�n, dich zu   sehen�, fl�stere ich. Wo ein Kaninchen ist, k�nnten Hunderte sein, die nur   darauf warten, in meine Fallen zu gehen.</p><p>Das Gel�nde f�llt leicht ab. Das mag ich nicht besonders. In T�lern f�hle ich   mich gefangen. Ich m�chte hoch oben sein, wie in den H�geln rund um Distrikt 12,   wo ich sehen kann, wenn Feinde im Anmarsch sind. Doch ich habe keine Wahl, ich   muss weiter.</p><p>Seltsam, aber mir geht es eigentlich nicht schlecht. Die Tage, an denen ich   mich vollgefressen habe, machen sich bezahlt. Meinem Durchhalteverm�gen hat es   nicht geschadet, dass ich so wenig geschlafen habe. Und in den W�ldern zu sein   ist wie ein Jungbrunnen. Ich freue mich �ber die Einsamkeit, obwohl sie eine   Illusion ist, denn wahrscheinlich kann man mich in diesem Augenblick auf dem   Bildschirm sehen. Nicht die ganze Zeit, aber ab und zu. Am ersten Tag gibt es so   viele Tode anzuschauen, dass ein Tribut, der durch die W�lder wandert, nicht   besonders viel hermacht. Aber ich werde h�ufig genug gezeigt, damit die Leute   wissen, dass ich am Leben bin, unverletzt und in Bewegung. Am Er�ffnungstag,   wenn die ersten Verluste einlaufen, geht es bei den Wetten immer besonders hoch   her. Aber das ist kein Vergleich damit, was los ist, wenn das Feld auf eine   Handvoll Spieler zusammengeschrumpft ist.</p><p>Es ist sp�ter Nachmittag, als ich die Kanonen h�re. Jeder Schuss steht f�r   einen toten Tribut. Offenbar ist das T�ten am F�llhorn endlich zu Ende. Die   Leichen des Gemetzels werden erst dann eingesammelt, wenn die M�rder weg sind.   Am Er�ffnungstag feuern sie die Kanonen sogar erst dann ab, wenn die ersten   K�mpfe allesamt vor�ber sind, weil sie kaum den �berblick �ber die Todesf�lle   behalten k�nnen. Keuchend genehmige ich mir eine Pause, w�hrend ich die Sch�sse   z�hle. Eins � zwei � drei � und noch einer und noch einer bis elf. Elf   Tote insgesamt. Noch dreizehn sind im Spiel. Mit den Fingern�geln kratze ich das   getrocknete Blut ab, das der tote Junge aus Distrikt 9 mir ins Gesicht gehustet   hat. Er ist tot, mit Sicherheit. Ich frage mich, was mit Peeta ist. Hat er den   Tag �berstanden? In ein paar Stunden werde ich es wissen. Wenn sie die Gesichter   der Toten an den Himmel projizieren, damit wir anderen sie sehen k�nnen.</p><p>Pl�tzlich �berw�ltigt mich der Gedanke, Peeta k�nnte schon verloren sein;   verblutet, abgeholt und auf dem Weg zur�ck ins Kapitol, um ges�ubert,   angekleidet und in einer schlichten Holzkiste zur�ck nach Distrikt 12 geschickt   zu werden. Nicht mehr hier. Auf dem Weg nach Hause. Ich versuche mich zu   erinnern, ob ich ihn gesehen habe, als es losging. Aber das letzte Bild, das   ich heraufbeschw�ren kann, ist der kopfsch�ttelnde Peeta, w�hrend der Gong   ert�nt.</p><p>Vielleicht ist es besser, wenn er schon tot ist. Er hatte kein Vertrauen in   seinen Sieg. Und ich muss mich am Ende nicht der unerfreulichen Aufgabe stellen,   ihn zu t�ten. Vielleicht ist es besser, wenn er f�r immer fort ist.</p><p>Ersch�pft sinke ich neben meinem Rucksack zusammen. Bevor es Nacht wird,   muss ich ihn sowieso durchforsten. Damit ich wei�, womit ich arbeiten kann. Als   ich die Riemen l�se, merke ich, dass er solide verarbeitet ist, nur die Farbe   ist ung�nstig. Das Orange wird in der Dunkelheit regelrecht leuchten. Ich   werde versuchen daran zu denken, dass ich ihn morgen als Erstes tarne.</p><p>Ich �ffne den Rucksack. Was ich in diesem Augenblick am liebsten h�tte, ist   Wasser. Als Haymitch sagte, wir sollten als Erstes Wasser suchen, hatte er seine   Gr�nde. Ohne Wasser werde ich nicht lange durchhalten. Ein paar Tage kann ich   mit den unangenehmen Begleiterscheinungen des Austrocknens funktionieren, aber   dann werde ich hilflos und in einer Woche bin ich tot, maximal. Vorsichtig hole   ich die Vorr�te heraus. Ein d�nner schwarzer Schlafsack, der die K�rperw�rme   speichert.</p><p>Eine Packung Kr�cker. Eine Packung getrocknete Rindfleischstreifen. Eine   Flasche Jod. Eine Schachtel Streichh�lzer. Eine kleine Rolle Draht. Eine   Sonnenbrille. Und eine Zweiliterflasche f�r Wasser, ohne einen Tropfen   darin.</p><p>Kein Wasser. Welche M�he h�tte es sie gekostet, die Flasche zu f�llen? Ich   sp�re die Trockenheit in der Kehle und im Mund, meine aufgesprungenen Lippen.   Ich war den ganzen Tag auf den Beinen. Es war hei� und ich habe viel geschwitzt.   Das kenne ich von zu Hause, aber da sind immer B�che, aus denen ich trinken   kann, oder Schnee, den ich schmelzen kann, wenn n�tig.</p><p>W�hrend ich die Sachen wieder in den Rucksack packe, kommt mir ein   schrecklicher Gedanke. Der See. Den ich gesehen habe, als ich auf den Gong   wartete. Wenn der nun die einzige Wasserquelle in der Arena w�re? Auf diese   Weise h�tten sie die Garantie, dass sie uns in K�mpfe verwickeln. Der See ist   einen ganzen Tagesmarsch von da entfernt, wo ich jetzt sitze, ein sehr   beschwerlicher Marsch, wenn man nichts zu trinken hat. Und selbst wenn ich ihn   erreiche, wird er garantiert streng von den Karrieretributen bewacht. Ich gerate   schon fast in Panik, als mir das Kaninchen einf�llt, das ich vorhin   aufgescheucht habe. Das muss doch auch trinken. Ich muss nur herausfinden,   wo.</p><p>Die D�mmerung bricht an und ich f�hle mich unbehaglich. Die B�ume stehen   nicht dicht genug, um Deckung zu bieten. Die Schicht aus Kiefernnadeln, die   meine Schritte d�mpft, macht es auch schwerer, Tierspuren zu entdecken. Doch ich   muss die Wildwechsel finden, damit sie mich zum Wasser f�hren. Und es geht   immer noch bergab, tiefer und tiefer hinein in ein Tal, das endlos scheint.</p><p>Hungrig bin ich auch, aber ich wage es nicht, meinen wertvollen Vorrat an   Kr�ckern und Rindfleisch anzubrechen. Stattdessen nehme ich mein Messer und   mache mich an einer Kiefer zu schaffen, schneide die �u�ere Rinde weg und   kratze ein wenig von der weicheren inneren ab. Im Weitergehen kaue ich langsam   auf der Rinde. Nach einer Woche mit den erlesensten Speisen der Welt f�llt es   nicht gerade leicht, das hinunterzuschlucken. Aber ich habe in meinem Leben   schon so viel Kiefer gegessen. Daran werde ich mich schnell gew�hnen.</p><p>Eine Stunde sp�ter ist klar, dass ich einen Platz zum Kampieren brauche. Die   Gesch�pfe der Nacht kommen hervor. Gelegentlich h�re ich es heulen oder jaulen   - der erste Hinweis darauf, dass ich mit nat�rlichen R�ubern um die Kaninchen   konkurriere. Ob ich ebenfalls als Nahrungsquelle betrachtet werde, l�sst sich   jetzt noch nicht sagen. Gut m�glich, dass in diesem Moment schon eine ganze   Reihe von Tieren hinter mir herschleicht.</p><p>Aber f�rs Erste stehen meine Mittribute ganz oben auf der Liste. Bestimmt   werden viele die ganze Nacht hindurch weiterjagen. Diejenigen, die am F�llhorn   gek�mpft haben, besitzen nun Lebensmittel, jede Menge Wasser aus dem See,   Fackeln oder Taschenlampen sowie Waffen, die sie unbedingt benutzen wollen. Ich   kann nur hoffen, dass ich weit und schnell genug gelaufen bin, um aus ihrer   Reichweite zu sein.</p><p>Bevor ich mich niederlasse, stelle ich im Gestr�pp mit meinem Draht zwei   Schwippgalgenfallen. Es ist riskant, Fallen zu stellen, das ist mir klar, aber   Nahrung wird schnell knapp werden. Und wenn ich weiterziehe, kann ich keine   Fallen stellen. Trotzdem gehe ich noch f�nf Minuten, bevor ich mein Lager   herrichte.</p><p>Sorgf�ltig suche ich mir einen Baum aus. Eine Weide, nicht allzu gro�, daf�r   umgeben von anderen Weiden, die mit ihren langen, herabh�ngenden �sten Deckung   geben. Ich erklettere den Baum, indem ich auf die st�rkeren �ste nahe dem Stamm   trete, und finde eine stabile Astgabel als Bettstatt. Nach einigem Hin und Her   liegt mein Schlafsack in einer relativ bequemen Position. Bevor ich   hineinschl�pfe, stecke ich den Rucksack ans Fu�ende. Vorsichtshalber ziehe ich   meinen G�rtel heraus, binde ihn um Ast und Schlafsack und schlie�e ihn um meine   Taille. So falle ich nicht runter, falls ich mich im Schlaf umdrehe. Ich bin   klein genug, um mir das obere Ende des Schlafsacks �ber den Kopf zu legen, aber   ich ziehe mir auch die Kapuze �ber. Mit Einbruch der Nacht wird es schnell   k�hl. Es war zwar riskant, aber ich wei� jetzt, dass es die richtige   Entscheidung war, den Rucksack zu nehmen. Der Schlafsack, der meine K�rperw�rme   speichert, ist von unsch�tzbarem Wert. Ich bin mir sicher, dass es in diesem   Augenblick die gr��te Sorge vieler Tribute ist, sich warm zu halten, w�hrend ich   m�glicherweise sogar ein paar Stunden Schlaf bekomme. Wenn ich nur nicht so   durstig w�re �</p><p>Die Nacht ist noch jung, als ich die Hymne h�re, die die Zusammenfassung der   Todesf�lle ank�ndigt. Durch die �ste erkenne ich das Wappen des Kapitols, das am   Himmel zu schweben scheint. In Wirklichkeit schaue ich wieder auf einen   Bildschirm, einen riesigen diesmal, den eins ihrer Hovercrafts herbeigeschafft   hat. Die Hymne verklingt, der Himmel verfinstert sich einen Augenblick lang. Zu   Hause bek�men wir jede T�tung in allen Einzelheiten gezeigt, hier jedoch nicht,   weil das den �berlebenden Tributen einen unfairen Vorteil verschaffen k�nnte.   Wenn ich mir zum Beispiel den Bogen gekrallt und einen Gegner erschossen h�tte,   w�re mein Geheimnis allen bekannt. Nein, hier in der Arena sehen wir nur   dieselben Fotos wie damals bei den Trainingswertungen. Schlichte Portr�ts. Nur   dass sie anstelle der Punktezahlen jetzt die Distriktzahlen zeigen. Ich atme   tief durch, w�hrend die Gesichter der elf toten Tribute gezeigt werden, und   z�hle sie einen nach dem anderen an den Fingern ab.</p><p>Als Erstes erscheint das M�dchen aus Distrikt 3. Das bedeutet, dass die   Karrieretribute aus den Distrikten 1 und 2 alle �berlebt haben. Wie zu erwarten.   Dann der Junge aus Distrikt 4. Mit dem hatte ich nicht gerechnet, normalerweise   schaffen es alle Karrieretribute �ber den ersten Tag. Der Junge aus Distrikt 5   � Das fuchsgesichtige M�dchen hat es offenbar geschafft. Beide Tribute aus 6   und 7. Der Junge aus 8. Beide aus 9. Ja, da ist der Junge, mit dem ich um den   Rucksack gek�mpft habe. Ich habe keine Finger mehr �brig, jetzt fehlt nur noch   ein toter Tribut. Ist es Peeta? Nein, es ist das M�dchen aus Distrikt 10. Das   war�s. Das Wappen des Kapitols erscheint erneut, unterlegt mit einer   Schlussfanfare. Dunkelheit und Ger�usche des Waldes �bernehmen wieder.</p><p>Ich bin erleichtert, dass Peeta lebt. Wieder sage ich mir, wenn ich get�tet   werde und er gewinnt, werden meine Mutter und Prim am meisten davon haben. Damit   versuche ich die widerspr�chlichen Gef�hle zu erkl�ren, die aufkommen, wenn ich   an Peeta denke. Die Dankbarkeit daf�r, dass er mir einen Vorteil verschafft hat,   als er beim Interview seine Liebe zu mir gestand. Die Wut angesichts seiner   �berlegenheit auf dem Dach. Das Grauen dar�ber, dass wir uns in dieser Arena   jeden Moment Auge in Auge gegen�berstehen k�nnen.</p><p>Elf tot, aber keiner aus Distrikt 12. Ich versuche, mir die anderen   �berlebenden ins Ged�chtnis zu rufen. F�nf Karrieretribute. Fuchsgesicht.   Thresh und Rue. Rue � Sie hat es also immerhin �ber den ersten Tag geschafft.   Ich kann nicht anders, als mich dar�ber zu freuen. Das macht zehn. Die anderen   drei finde ich morgen heraus. Jetzt, wo es dunkel ist, ich so weit gelaufen und   in diesem Baum eingebettet bin, jetzt muss ich versuchen auszuruhen.</p><p>Zwei Tage lang habe ich kaum geschlafen und dann war da noch die lange Reise   in die Arena. Langsam erlaube ich meinen Muskeln zu entspannen. Meinen Augen,   zuzufallen. Mein letzter Gedanke ist: Ein Gl�ck, dass ich nicht schnarche   �</p><p><emphasis>Knacks! </emphasis>Das Ger�usch eines brechenden Asts weckt mich. Wie lange habe   ich geschlafen? Vier Stunden? F�nf? Meine Nasenspitze ist eiskalt. <emphasis>Knacks!   Knacks! </emphasis>Was ist da los? Das ist nicht das Ger�usch eines Asts, der unter dem   Fu� eines Menschen bricht, sondern das harte Knacken, das jemand verursacht, der   von einem Baum heruntersteigt. <emphasis>Knacks! Knacks! </emphasis>Es d�rfte ein paar Hundert   Meter rechts von mir sein. Langsam, lautlos drehe ich mich in diese Richtung.   Ein paar Minuten lang ist da nichts als Schw�rze und Ger�usche. Dann sehe ich   einen Funken und ein kleines Feuer leuchtet auf. Zwei H�nde, die sich �ber dem   Feuer w�rmen, mehr kann ich nicht erkennen.</p><p>Ich muss mir auf die Lippe bei�en, damit ich dem Feuermacher nicht s�mtliche   Schimpfw�rter an den Kopf werfe, die ich kenne. Was denkt der sich? Ein Feuer in   der Abendd�mmerung, das w�re vertretbar gewesen. Zu dem Zeitpunkt w�ren   diejenigen, die am F�llhorn gek�mpft haben, mit ihrer �berlegenen K�rperkraft   und den �ppigen Vorr�ten noch nicht nah genug gewesen, um den Flammenschein zu   sehen. Aber jetzt, da sie wahrscheinlich schon seit Stunden auf der Suche nach   Opfern den Wald durchk�mmen - da k�nnte man genauso gut eine Fahne schwenken und   rufen: �Hier bin ich!�</p><p>Und ich liege hier, nur einen Steinwurf entfernt vom gr��ten Schwachkopf der   Spiele. Festgeschnallt in einem Baum. Und wage nicht zu fliehen, weil mein   Standort in diesem Augenblick jedem interessierten Killer verk�ndet wird. Ich   wei� nat�rlich, dass es hier drau�en kalt ist und nicht jeder einen Schlafsack   hat. Aber dann bei�t man eben die Z�hne zusammen und h�lt durch bis zum   Morgengrauen!</p><p>Die n�chsten Stunden liege ich gr�belnd in meinem Schlafsack und denke   tats�chlich, dass ich von meinem Baum hinuntersteigen und meinen neuen Nachbarn   problemlos ausschalten k�nnte. Mein erster Impuls war zu fliehen, nicht zu   k�mpfen. Aber offenbar ist dieser Mensch lebensm�de. Dumme Leute sind   gef�hrlich. Und wahrscheinlich besitzt der hier keine nennenswerten Waffen,   w�hrend ich ein exzellentes Messer mein Eigen nenne.</p><p>Der Himmel ist immer noch dunkel, doch ich sp�re die ersten Anzeichen der   Morgend�mmerung. Jetzt denke ich allm�hlich, dass wir - damit meine ich den   Menschen, dessen Tod ich gerade plane, und mich - vielleicht wirklich unbemerkt   geblieben sind. Aber dann h�re ich sie. Mehrere Fu�paare, die losrennen. Die   Feuermacherin muss eingenickt sein. Sie sind �ber ihr, bevor sie fliehen kann.   Ich wei� jetzt, dass es ein M�dchen ist, ich h�re es an ihrem Flehen und dann an   dem gequ�lten Schrei. Dann h�re ich Gel�chter und Begl�ckw�nschungen von   verschiedenen Stimmen. Jemand ruft: �Zw�lf erledigt und noch elf vor uns!�, was   mit zustimmendem Gejohle beantwortet wird.</p><p>Sie k�mpfen also in einer Meute. Was mich nicht besonders �berrascht. In den   fr�hen Phasen der Spiele bilden sich oft B�ndnisse. Die Starken schlie�en sich   zusammen und jagen die Schwachen, und wenn die Spannungen zu gro� werden, fallen   sie �bereinander her. Es ist nicht schwer zu erraten, aus wem dieses B�ndnis   besteht. Es werden die verbliebenen Karrieretribute aus den Distrikten 1, 2 und   4 sein. Zwei Jungen und drei M�dchen. Die immer gemeinsam zu Mittag gegessen   haben.</p><p>Eine Weile durchsuchen sie das M�dchen nach Vorr�ten. An ihren Bemerkungen   h�re ich, dass sie nichts Brauchbares gefunden haben. Ich frage mich, ob Rue   das Opfer ist, verwerfe den Gedanken aber gleich wieder. Sie ist zu schlau, um   in der Nacht ein Feuer zu machen.</p><p>�Lasst uns abhauen, dann k�nnen sie die Leiche holen, bevor sie anf�ngt zu   stinken.� Ich bin mir fast sicher, dass das der brutale Junge aus Distrikt 2   ist. Ich h�re zustimmendes Gemurmel und merke dann zu meinem Entsetzen, dass die   Meute in meine Richtung kommt. Sie wissen nicht, dass ich hier bin. Woher   sollten sie? Und ich bin in der Baumgruppe gut getarnt. Zumindest solange die   Sonne noch nicht aufgegangen ist. Dann wird mich mein schwarzer Schlafsack   n�mlich nicht mehr tarnen, sondern zum Problem werden. Wenn sie einfach   weitergehen, sind sie gleich vorbei.</p><p>Aber die Karrieretribute bleiben zehn Meter entfernt auf der Lichtung stehen.   Sie haben Taschenlampen, Fackeln. Durch das Ge�st sehe ich hier einen Arm, da   einen Stiefel. Ich erstarre und wage nicht zu atmen. Haben sie mich entdeckt?   Nein, noch nicht. An ihrer Unterhaltung merke ich, dass sie mit den Gedanken   woanders sind.</p><p>�Wieso h�ren wir nicht langsam mal die Kanone?�</p><p>�Stimmt. Was sollte sie davon abhalten, sie jetzt gleich abzuholen?�</p><p>�Es sei denn, sie ist nicht tot.�</p><p>�Sie ist tot. Ich habe sie h�chstpers�nlich abgestochen.� �Und wo bleibt dann   die Kanone?�</p><p>�Einer von uns sollte zur�ckgehen. Nachgucken, ob die Sache auch wirklich   erledigt ist.�</p><p>�Ja, ich hab keine Lust, sie zweimal aufzusp�ren.� �Ich hab doch gesagt, dass   sie tot ist!�</p><p>Sie streiten sich, bis eine Stimme die anderen verstummen l�sst: �Wir   verlieren hier nur Zeit! Ich gehe zur�ck und erledige sie und dann nichts wie   weiter!�</p><p>Ich falle fast vom Baum. Die Stimme geh�rt Peeta.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>12</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Wie gut, dass ich mich festgeschnallt habe. Ich bin von der Astgabel   gerutscht und h�nge jetzt b�uchlings �ber dem Boden, gehalten nur von meinem   G�rtel und einer Hand, w�hrend ich mich mit den F��en am Stamm abst�tze und das   Gep�ck im Schlafsack umklammere. Es hat bestimmt ein bisschen geraschelt, als   ich gefallen bin, aber die Karrieros sind so sehr mit Streiten besch�ftigt, dass   sie nichts mitbekommen haben.</p><p>�Dann geh halt, Loverboy�, sagt der Junge aus Distrikt 2, �und �berzeug dich   selbst.�</p><p>Jetzt erhasche ich im Licht einer Fackel einen Blick auf Peeta, der zur�ck zu   dem M�dchen am Feuer geht. Sein Gesicht ist voller Bluterg�sse, um einen Arm hat   er einen blutigen Verband und seinem Gang h�rt man an, dass er ein bisschen   hinkt. Ich denke daran, wie er den Kopf gesch�ttelt und mir zu verstehen gegeben   hat, ich solle mich nicht an dem Kampf um die Vorr�te beteiligen; dabei hat er   die ganze Zeit, von Anfang an, geplant, sich selbst ins Get�mmel zu st�rzen.   Genau das Gegenteil von dem, was Haymitch uns eingesch�rft hat.</p><p>Okay, ich kann�s verstehen. All die Vorr�te, das war schon verlockend. Aber   das hier � Das ist etwas anderes. Gemeinsame Sache mit der Wolfsmeute der   Karrieros zu machen, um uns andere zur Strecke zu bringen. Niemand aus Distrikt   12 k�me auf den Gedanken, so etwas zu tun! Karrieretribute sind �ber die Ma�en   brutal, arrogant und besser gen�hrt, aber nur, weil sie die Scho�h�ndchen des   Kapitols sind. Abgrundtief gehasst von allen au�er ihren eigenen Distrikten. Ich   kann mir vorstellen, was sie jetzt zu Hause �ber Peeta reden. Und der wagt es,   mir etwas von Selbstachtung zu erz�hlen!</p><p>Offensichtlich hat der ach so edle Junge auf dem Dach nur wieder ein   Spielchen mit mir gespielt. Aber damit ist jetzt Schluss. Ich werde am   Nachthimmel ungeduldig nach Hinweisen auf seinen Tod Ausschau halten, wenn ich   ihn nicht h�chstpers�nlich erledige.</p><p>Die Karrieretribute sind still, bis er au�er H�rweite ist, dann unterhalten   sie sich ged�mpft.</p><p>�Warum t�ten wir ihn nicht jetzt gleich und bringen es hinter uns?�</p><p>�Lass ihn mitkommen. Was kann es schaden? Au�erdem kann er gut mit dem Messer   umgehen.�</p><p>Ach ja? Das ist mir neu. Wirklich eine Menge interessanter Dinge, die ich da   heute �ber meinen Freund Peeta erfahre.</p><p>�Abgesehen davon haben wir mit ihm die besten Chancen, sie zu finden.�</p><p>Es dauert einen Moment, bis ich begreife, dass mit �sie� ich gemeint bin.</p><p>�Was? Du glaubst doch nicht im Ernst, dass sie auf die   Herz-und-Schmerz-Geschichte reingefallen ist?�</p><p>�Warum nicht? Mir schien sie ein ziemliches Dummchen zu sein. Wenn ich daran   denke, wie sie sich in diesem Kleid gedreht hat, k�nnte ich loskotzen.�</p><p>�Ich w�sste gern, wie sie an ihre Elf gekommen ist.�</p><p>�Ich wette, Loverboy wei� es.�</p><p>Sie verstummen, als Peeta zur�ckkommt.</p><p>�Und, war sie tot?�, fragt der Junge aus Distrikt 2.</p><p>�Nein. Aber jetzt ist sie es�, sagt Peeta. In diesem Augenblick ert�nt die   Kanone. �K�nnen wir weiter?�</p><p>Die Meute der Karrieros setzt sich im Laufschritt in Bewegung, gerade als   der Morgen anbricht und Vogelgezwitscher die Luft erf�llt. Obwohl meine Muskeln   vor Anspannung zittern, bleibe ich noch eine Weile in meiner misslichen   Position, dann hieve ich mich zur�ck auf meinen Ast. Ich muss runter von dem   Baum, weg von hier, aber einen Augenblick lang liege ich noch da und verdaue,   was ich geh�rt habe. Nicht nur, dass Peeta sich den Karrieros angeschlossen hat,   er hilft ihnen auch, mich zu finden. Das einf�ltige M�dchen, das man wegen   seiner Elf ernst nehmen muss. Weil sie mit Pfeil und Bogen umgehen kann. Was   Peeta besser wei� als jeder andere.</p><p>Aber er hat es ihnen noch nicht verraten. Beh�lt er diese Information f�r   sich, weil er wei�, dass sie das Einzige ist, was ihn am Leben h�lt? Tut er f�r   das Publikum immer noch so, als w�rde er mich lieben? Was hat er vor?</p><p>Pl�tzlich verstummen die V�gel. Dann st��t einer einen schrillen Warnschrei   aus. Einen einzigen Ton. Den gleichen, den Gale und ich damals h�rten, als das   rothaarige Avoxm�dchen gefangen wurde. Hoch �ber dem t�dlichen Lagerfeuer   erscheint ein Hovercraft. Eine Apparatur mit gro�en Metallz�hnen wird   heruntergelassen. Langsam, sanft wird das tote Tributm�dchen in das Hovercraft   gehoben. Dann verschwindet es. Die V�gel fangen wieder an zu singen.</p><p>�Los jetzt!�, fl�stere ich mir selbst zu. Ich sch�le mich aus dem Schlafsack,   rolle ihn auf und verstaue ihn im Rucksack. Ich atme tief durch. Solange ich von   Dunkelheit, Schlafsack und Weidenge�st verborgen war, hatten die Kameras   wahrscheinlich M�he, mich zu zeigen. Aber jetzt machen sie mich bestimmt   ausfindig. Und dann zeigen sie in Gro�aufnahme, wie ich auf den Boden   springe.</p><p>Die Zuschauer sind garantiert begeistert. Sie wussten ja, dass ich auf dem   Baum war, dass ich das Gespr�ch der Karrieros belauscht und entdeckt habe, dass   Peeta gemeinsame Sache mit ihnen macht. Bevor ich mich entscheide, wie ich mich   dem Publikum pr�sentieren will, gehe ich am besten meine M�glichkeiten durch.   Perplex? Nein. Konfus oder �ngstlich? Auf gar keinen Fall.</p><p>Nein, ich muss der Konkurrenz um eine Nasenl�nge voraus sein.</p><p>Deshalb bleibe ich, als ich aus dem Geb�sch hinaus in die Morgend�mmerung   schl�pfe, einen Augenblick stehen, damit die Kameras mich zeigen k�nnen. Dann   lege ich den Kopf ein wenig schief und l�chele wissend. Da, bitte! Sollen sie   sich den Kopf zerbrechen, was das bedeutet.</p><p>Ich will gerade los, als mir die Fallen in den Sinn kommen. Vielleicht ist es   unklug, danach zu sehen, wenn die anderen so nah sind. Aber ich muss einfach.   Bin wohl zu viele Jahre auf der Jagd gewesen. Und der m�gliche Braten lockt. Ich   werde mit einem sch�nen Kaninchen belohnt. Im Nu habe ich das Tier ges�ubert und   ausgenommen und verstecke Kopf, L�ufe, Schwanz, Fell und Innereien unter einem   Haufen Bl�tter. Jetzt h�tte ich gern ein Feuer - ein rohes Kaninchen zu essen   kann Hasenpest ausl�sen, wie ich am eigenen Leib erfahren habe - da f�llt mir   das tote Tributm�dchen ein. Ich renne zu ihrem Lager zur�ck. Und wirklich, die   Glut ihres Feuers ist noch hei�. Ich zerlege das Kaninchen, schnitze mir aus   einem Ast einen Spie� zurecht und halte ihn �ber die Glut.</p><p>Jetzt freue ich mich �ber die Kameras. Die Sponsoren sollen sehen, dass ich   jagen kann, dass ich gute Chancen habe, weil ich mich nicht einfach aus Hunger   in die Falle locken lasse. W�hrend das Kaninchen br�t, zermahle ich ein St�ck   verkohlten Ast und tarne den orangefarbenen Rucksack mit der Asche. Das Schwarz   t�nt ihn ab, doch eine Schlammschicht w�re sicher noch besser. Aber f�r Schlamm   brauchte ich nat�rlich Wasser �</p><p>Ich schultere meine Ausr�stung, nehme den Spie�, scharre ein wenig Erde �ber   die Kohlen und gehe in die entgegengesetzte Richtung wie die Karrieros. Im   Gehen esse ich die H�lfte des Kaninchens und wickle die Reste f�r sp�ter in   meine Plastikplane ein. Das Fleisch beendet das Grummeln in meinem Bauch, aber   es stillt nicht meinen Durst. Wasser hat jetzt oberste Priorit�t.</p><p>W�hrend ich wandere, habe ich das deutliche Gef�hl, dass ich immer noch auf   dem Bildschirm im Kapitol bin. Also bem�he ich mich, meine Gef�hle zu verbergen.   Claudius Templesmith und seine Gastkommentatoren �berschlagen sich bestimmt mit   Analysen von Peetas Verhalten und meiner Reaktion. Was hat das alles zu   bedeuten? Hat Peeta sein wahres Gesicht gezeigt? Wie beeinflusst das die   Wettchancen? Werden wir Sponsoren verlieren? <emphasis>Haben </emphasis>wir �berhaupt   Sponsoren? Ja, ich bin sicher, dass wir welche haben oder zumindest hatten.</p><p>Nat�rlich hat Peeta die Geschichte von dem tragischen Liebespaar jetzt   durchkreuzt. Oder doch nicht? Da er �ber mich nicht gesprochen hat, k�nnen wir   vielleicht immer noch einen kleinen Vorteil daraus ziehen. Wenn ich jetzt so   tue, als w�rde ich mich am�sieren, denken die Leute vielleicht, wir h�tten das   alles gemeinsam ausgeheckt.</p><p>Die Sonne steigt am Himmel empor und selbst durch das Laubdach erscheint sie   �beraus hell. Ich creme meine Lippen mit Kaninchenfett ein und versuche, nicht   zu hecheln, aber es bringt nichts. Erst ein Tag, und ich trockne zunehmend aus.   Ich versuche mich an alles zu erinnern, was ich �ber das Auffinden von Wasser   wei�. Es l�uft bergab, deshalb ist es nicht dumm, wenn ich weiter talw�rts   laufe. Wenn ich nur einen Wildwechsel entdecken w�rde oder eine Stelle, wo die   Pflanzen besonders gr�n wachsen, w�re das eine gro�e Hilfe. Aber alles scheint   unver�ndert. Das leicht abfallende Gel�nde, die V�gel, die Gleichf�rmigkeit der   B�ume.</p><p>Je weiter der Tag voranschreitet, desto mehr wird mir bewusst, dass ich ein   Problem habe. Das bisschen Urin, das ich ausscheide, ist dunkelbraun, mein Kopf   tut weh und auf meiner Zunge breitet sich ein trockener Fleck aus, der nicht   feucht werden will. Die Sonne sticht mir in den Augen, deshalb hole ich die   Sonnenbrille heraus; aber als ich sie aufsetze, sehe ich verschwommen und ich   stopfe sie zur�ck in den Rucksack.</p><p>Am sp�ten Nachmittag glaube ich, Abhilfe gefunden zu haben. Ich entdecke eine   Gruppe von Beerenstr�uchern und renne hin, um die Fr�chte abzustreifen und den   s��en Saft herauszusaugen. Erst als ich sie schon an die Lippen halte, sehe ich   genauer hin. Die Beeren, die ich f�r Blaubeeren gehalten hatte, haben eine etwas   andere Form, und als ich sie auseinanderbreche, sind sie blutrot. Ich erkenne   die Beeren nicht, vielleicht sind sie essbar, aber ich vermute eher einen   miesen Trick der Spielmacher. Die Pflanzenexpertin im Trainingscenter hat uns ja   auch extra eingesch�rft, keine Beeren zu essen, solange wir nicht   hundertprozentig sicher sein k�nnen, dass sie ungiftig sind. Das wusste ich zwar   schon, doch jetzt bin ich so durstig, dass ich es nur aufgrund dieser Mahnung   �ber mich bringe, sie wegzuwerfen.</p><p>Ersch�pfung macht sich breit, doch es ist nicht die �bliche M�digkeit, die   auf eine lange Wanderung folgt. H�ufig muss ich anhalten und ausruhen, obwohl   ich wei�, dass ich das Heilmittel gegen den Durst, der mich plagt, nur finde,   wenn ich weitersuche. Ich probiere eine neue Taktik aus und klettere auf einen   Baum, so hoch ich es in meinem wackligen Zustand wage, um nach Anzeichen von   Wasser zu suchen. Aber so weit ich in alle Richtungen sehen kann, �berall   erstreckt sich derselbe erbarmungslose Wald.</p><p>Ich beschlie�e, bis zum Einbruch der Nacht weiterzumachen, und laufe, bis ich   �ber meine eigenen F��e stolpere.</p><p>Ersch�pft schleppe ich mich auf einen Baum und binde mich fest an. Obwohl ich   keinen Appetit habe, sauge ich an einem Kaninchenknochen, damit mein Mund etwas   zu tun hat. Die Nacht bricht herein, die Hymne erklingt und hoch oben am Himmel   sehe ich das Bild des M�dchens, das offenbar aus Distrikt 8 stammte. Und dem   Peeta den Rest gegeben hat.</p><p>Mein brennender Durst ist dr�ngender als die Angst vor der Meute der   Karrieros. Abgesehen davon sind sie in die andere Richtung gegangen und werden   jetzt auch ausruhen m�ssen.</p><p>In Anbetracht des Wassermangels mussten sie vielleicht sogar zur�ck zum See,   um ihre Vorr�te aufzuf�llen.</p><p>M�glicherweise wird auch mir nichts anderes �brig bleiben.</p><p>Der Morgen beginnt mit Schmerzen. Mein Kopf pocht mit jedem Herzschlag.   Einfachste Bewegungen jagen stechende Schmerzen durch meine Gelenke. Ich falle   eher vom Baum, als dass ich springe. Ich brauche mehrere Minuten, um meine   Sachen zusammenzusuchen. Im tiefsten Innern wei� ich, dass das falsch ist, dass   ich besser aufpassen, mich schneller bewegen m�sste. Aber mein Verstand ist wie   benebelt, es f�llt mir schwer, zu �berlegen. Ich lehne mich an den Baumstamm,   fahre mir mit dem Finger vorsichtig �ber die Zunge, die sich anf�hlt wie   Sandpapier, w�hrend ich meine M�glichkeiten abw�ge. Wie kann ich an Wasser   kommen?</p><p>Zum See zur�ckgehen. Kommt nicht infrage. Das w�rde ich nie schaffen.</p><p>Auf Regen hoffen. Keine Wolke am Himmel.</p><p>Die Augen offen halten. Ja, das ist meine einzige Chance. Aber dann kommt mir   ein anderer Gedanke und die Woge der Wut, die darauf folgt, bringt mich zur   Besinnung.</p><p>Haymitch! Er k�nnte mir Wasser schicken! Ein Knopfdruck und in wenigen   Augenblicken w�rde es mir mit einem silbernen Fallschirm geliefert. Ich muss   Sponsoren haben, wenigstens einen oder zwei, die sich einen halben Liter Wasser   f�r mich leisten k�nnen. Es ist teuer, ja, aber diese Leute haben Geld wie Heu.   Und sie haben auf mich gesetzt. Vielleicht merkt Haymitch nicht, wie dringend   ich es brauche. So laut ich mich traue, sage ich: �Wasser.� Hoffnungsfroh warte   ich darauf, dass ein Fallschirm vom Himmel f�llt. Aber nichts geschieht.</p><p>Da stimmt was nicht. Habe ich mich get�uscht und ich habe gar keine   Sponsoren? Oder hat Peetas Verhalten sie z�gerlich werden lassen? Nein, das   glaube ich nicht. Da drau�en ist jemand, der mir Wasser kaufen will, aber   Haymitch weigert sich, es durchzulassen. Als mein Mentor hat er die Kontrolle   �ber die Geschenke meiner Sponsoren. Ich wei�, dass er mich nicht ausstehen   kann. Er hat keinen Hehl daraus gemacht. Aber w�rde er mich auch sterben lassen?   Verdursten? Das kann er doch nicht machen, oder? Wenn ein Mentor seine Tribute   schlecht behandelt, wird er von den Zuschauern zur Rechenschaft gezogen, von   den Leuten zu Hause in Distrikt 12. Nicht mal Haymitch w�rde das riskieren,   oder? �ber meine Handelspartner auf dem Hob kann man sagen, was man will, aber   ich glaube nicht, dass sie ihn dort willkommen hei�en w�rden, wenn er mich auf   diese Art sterben lie�e. Wo sollte er dann seinen Schnaps herbekommen? Also �   was ist los? L�sst er mich leiden, weil ich nicht auf ihn geh�rt habe? Lenkt er   alle Sponsoren auf Peeta? Ist er einfach nur zu besoffen, um mitzukriegen, was   vor sich geht? Irgendwie glaube ich das nicht und ich glaube auch nicht, dass er   versucht, mich vors�tzlich sterben zu lassen. Auf seine pers�nliche,   unangenehme Art hat er n�mlich aufrichtig versucht, mich auf das hier   vorzubereiten. Aber was ist dann los?</p><p>Ich vergrabe das Gesicht in den H�nden. Gefahr, dass ich losheule, besteht   keine; selbst wenn es mir das Leben retten k�nnte, w�rde ich keine Tr�ne   hervorbringen. Was treibt Haymitch blo�? Wut, Hass und Verd�chtigungen zum   Trotz fl�stert eine leise Stimme in meinem Hinterkopf eine Antwort:</p><p><emphasis>Vielleicht schickt er dir eine Botschaft, </emphasis>sagt sie. Eine Botschaft.   Und was k�nnte sie besagen? Pl�tzlich wei� ich es. Es gibt nur einen   vern�nftigen Grund, weshalb Haymitch mir Wasser vorenthalten w�rde. Weil er   wei�, dass ich es fast gefunden habe.</p><p>Ich bei�e die Z�hne zusammen und rappele mich auf. Das Gewicht meines   Rucksacks scheint sich verdreifacht zu haben. Ich finde einen abgebrochenen Ast,   der sich als Wanderstab eignet, und laufe los. Die Sonne brennt noch sengender   herunter als an den ersten beiden Tagen. Ich f�hle mich wie ein altes St�ck   Leder, das in der Hitze verdorrt und rissig wird. Jeder Schritt kostet M�he,   aber ich halte nicht an. Ich setze mich nicht. Wenn ich mich hinsetzen w�rde,   w�re es gut m�glich, dass ich nicht mehr aufstehen kann, dass ich mich nicht mal   mehr an meine Aufgabe erinnere.</p><p>Eine leichte Beute bin ich! Jeder Tribut, selbst die winzige Rue, k�nnte mich   jetzt erledigen, mich zu Boden sto�en und mit meinem eigenen Messer t�ten und   ich k�nnte mich praktisch nicht dagegen wehren. Doch wenn irgendwer in meinem   Teil des Waldes sein sollte, beachtet er mich nicht. Die Wahrheit ist, dass es   mir vorkommt, als w�re ich eine Million Meilen von jeder Menschenseele   entfernt.</p><p>Aber nicht allein. Nein, mit Sicherheit ist in diesem Augenblick eine Kamera   auf mich gerichtet. Ich denke daran, wie ich in den letzten Jahren Tribute   verhungern, erfrieren, verbluten und verdursten gesehen habe. Solange nicht   irgendwo ein ordentlicher Kampf entbrennt, zeigen sie mich.</p><p>Ich denke an Prim. Wahrscheinlich schaut sie mir nicht live zu, aber in der   Schule werden wohl w�hrend des Mittagessens Zusammenfassungen gezeigt. Um   ihretwillen versuche ich so wenig verzweifelt wie m�glich auszusehen.</p><p>Am Nachmittag wei� ich dennoch, dass das Ende nah ist.</p><p>Meine Beine schlackern und mein Herz schl�gt zu schnell. Ich vergesse, was   ich vorhabe. Mehrfach bin ich gestrauchelt und wieder auf die Beine gekommen,   aber als jetzt der Stock unter mir wegrutscht, st�rze ich und komme nicht mehr   hoch. Ich wehre mich nicht, als meine Augen zufallen.</p><p>Ich habe Haymitch falsch eingesch�tzt. Er hat �berhaupt nicht die Absicht,   mir zu helfen.</p><p><emphasis>Das ist okay, </emphasis>denke ich. <emphasis>Ist gar nicht schlecht hier. </emphasis>Es ist   nicht mehr so hei�, was bedeutet, dass der Abend naht. Ein schwacher s��er   Duft, der mich an Blumen erinnert. Meine Finger gleiten �ber den weichen Boden   und streifen leicht �ber das Gras. <emphasis>Das ist ein guter Platz zum Sterben, </emphasis>denke ich.</p><p>Meine Fingerspitzen zeichnen kleine Wirbel in die k�hle, glitschige Erde. <emphasis>Ich liebe Schlamm, </emphasis>denke ich. Wie oft habe ich mithilfe seiner weichen,   lesbaren Oberfl�che Wild aufgesp�rt. Hilft auch gegen Bienenstiche, der Schlamm.   Schlamm. Schlamm! Ich rei�e die Augen auf und grabe meine Finger in die Erde. Es   ist Schlamm! Meine Nase reckt sich in die Luft. Und das sind Blumen!   Seerosen!</p><p>Jetzt krieche ich durch den Schlamm und schleppe mich zu dem Duft. F�nf Meter   von der Stelle entfernt, an der ich zusammengebrochen bin, krieche ich durch   Pflanzengestr�pp in einen Teich. Darauf schwimmen gelb bl�hende Pflanzen, meine   sch�nen Seerosen.</p><p>Am liebsten w�rde ich das Gesicht ins Wasser tauchen und so viel in mich   hineinlaufen lassen, wie ich kann. Aber ich kann mich gerade noch beherrschen.   Mit zitternden H�nden ziehe ich meine Flasche heraus und f�lle sie mit Wasser.   Dann gebe ich so viele Jodtropfen hinein, wie meiner Erinnerung nach n�tig   sind, um es zu reinigen. Die halbe Stunde, die ich warten muss, ist qu�lend,   aber ich rei�e mich am Riemen. Zumindest kommt es mir wie eine halbe Stunde vor;   l�nger halte ich es auf keinen Fall aus.</p><p><emphasis>Langsam, ganz ruhig, </emphasis>sage ich mir. Ich nehme einen Schluck und zwinge   mich zu warten. Dann noch einen. In den n�chsten Stunden trinke ich die ganze   Zweiliterflasche aus. Dann noch eine. Ich f�lle noch eine dritte, bevor ich mich   auf einen Baum zur�ckziehe, wo ich weiternippe, an meinem Kaninchen nage und mir   sogar einen meiner kostbaren Kr�cker genehmige. Als die Hymne ert�nt, geht es   mir merklich besser. Keine Gesichter heute Abend, keine toten Tribute heute.   Morgen werde ich hierbleiben, ausruhen, den Rucksack mit Schlamm tarnen, ein   paar von den kleinen Fischen fangen, die ich beim Trinken gesehen habe, die   Wurzeln der Seerosen ausgraben und eine sch�ne Mahlzeit zubereiten. Ich kuschele   mich in meinen Schlafsack und klammere mich an meine Wasserflasche, als hinge   mein Leben daran - und so ist es ja auch.</p><p>Ein paar Stunden sp�ter rei�t mich l�rmendes Getrampel aus dem Schlaf.   Fassungslos schaue ich mich um. Es d�mmert noch nicht, aber meine scharfen Augen   k�nnen es sehen.</p><p>W�re auch kaum m�glich, die Feuerwand zu �bersehen, die da auf mich zugerollt   kommt.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>13</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Mein erster Impuls ist, von meinem Baum hinunterzuklettern, aber ich bin ja   festgeschnallt. Irgendwie schaffen meine Finger es, die Schnalle zu l�sen, und   ich falle mitsamt Schlafsack zu Boden. Zum Packen bleibt keine Zeit. Zum Gl�ck   sind Rucksack und Wasserflasche schon im Schlafsack. Ich packe den G�rtel ein,   lade meinen Krempel auf die Schulter und ergreife die Flucht.</p><p>Die Welt hat sich in Flammen und Rauch verwandelt. Brennende �ste brechen   von den B�umen ab und fallen mir in einem Funkenregen vor die F��e. Mir bleibt   nur, den anderen zu folgen, die durch den Wald davonjagen: Kaninchen und Rehe   und sogar ein Rudel wilder Hunde. Ich vertraue ihrem Orientierungssinn, sie   haben den besseren Instinkt. Aber sie sind auch viel schneller und fliegen   anmutig durchs Unterholz, w�hrend meine F��e an Wurzeln und heruntergefallenen   �sten h�ngen bleiben. Ich habe keine Chance, mit den Tieren Schritt zu   halten.</p><p>Die Hitze ist grauenhaft, aber noch schlimmer als die Hitze ist der Qualm,   der mich jeden Augenblick zu ersticken droht. Ich ziehe mein T-Shirt hoch bis   �ber die Nase, zum Gl�ck ist es verschwitzt und bietet einen d�nnen Schutz. Und   ich renne schwer atmend weiter, w�hrend der Schlafsack gegen meinen R�cken   schl�gt und mein Gesicht von Asten zerkratzt wird, die ohne Vorwarnung aus dem   grauen Dunst auftauchen, denn mir bleibt keine andere Wahl, als zu rennen.</p><p>Das hier ist nicht das Lagerfeuer eines Tributs, das au�er Kontrolle geraten   ist, kein Zufall. Die n�her kommenden Flammen sind von unnat�rlicher H�he und   Gleichf�rmigkeit, und das verr�t, dass sie menschengemacht sind,   maschinengemacht, von den Spielmachern gemacht. War wohl zu ruhig heute. Keine   Todesf�lle, vielleicht nicht mal ein Kampf. Den Zuschauern im Kapitol k�nnte   langweilig werden, sie k�nnten auf die Idee kommen, diese Spiele seien fad. Und   das d�rfen die Spiele auf gar keinen Fall werden.</p><p>Es ist nicht schwer zu erkennen, worauf die Spielmacher abzielen. Auf der   einen Seite ist da die Meute der Karrieretribute, auf der anderen Seite sind wir   �brigen, �ber die ganze Arena verteilte Einzelk�mpfer. Dieses Feuer soll uns   heraussp�len und zusammenfuhren. Es ist vielleicht nicht die originellste   Erfindung, die ich je gesehen habe, aber sie ist sehr, sehr wirkungsvoll.</p><p>Ich springe �ber einen brennenden Stamm. Nicht hoch genug. Ein Zipfel meiner   Jacke f�ngt Feuer und ich muss anhalten, sie mir vom Leib rei�en und die   Flammen austreten. Ich wage nicht, die verbrannte und noch schwelende Jacke   zur�ckzulassen, sondern stopfe sie trotz des Risikos in meinen Schlafsack. Ich   kann nur hoffen, dass der Sauerstoffmangel die Glut, die vielleicht noch nicht   ganz gel�scht ist, erstickt. Was ich auf dem R�cken trage, ist alles, was ich   habe, und es ist wenig genug, um zu �berleben.</p><p>Innerhalb weniger Minuten sind meine Kehle und meine Nase gl�hend hei�.   Gleich darauf muss ich husten und meine Lunge f�hlt sich an wie gekocht. Was   bisher nur unangenehm war, ist jetzt die reinste Qual und jeder Atemzug jagt   einen sengenden Schmerz durch meine Brust. Ich kann mich gerade noch unter einen   Steinvorsprung fl�chten, als ich mich �bergeben muss und mein karges Abendbrot   und das Wasser verliere, das noch in meinem Magen war. Auf H�nden und Knien   w�rge ich, bis nichts mehr da ist, das ich erbrechen k�nnte.</p><p>Mir ist klar, dass ich weitermuss, aber ich zittere, mir ist schwindlig und   ich schnappe nach Luft. Ich genehmige mir einen L�ffel voll Wasser, um meinen   Mund auszusp�len und auszuspucken, dann nehme ich ein paar Schlucke aus der   Flasche. <emphasis>Du hast eine Minute, </emphasis>sage ich mir. <emphasis>Eine Minute zum Ausruhen. </emphasis>Ich nutze die Zeit, um meine Vorr�te in Ordnung zu bringen, rolle den   Schlafsack zusammen und stopfe alles irgendwie in den Rucksack. Die Minute ist   um. Ich wei�, dass ich jetzt weitermuss, aber der Rauch hat meine Gedanken   benebelt. Die leichtf��igen Tiere, die mir die Richtung gewiesen haben, haben   mich abgeh�ngt. In diesem Teil des Waldes bin ich noch nicht gewesen, bisher gab   es keine nennenswerten Felsen wie den, hinter dem ich jetzt Schutz suche. Wohin   wollen mich die Spielmacher lenken? Zur�ck zum See? Zu einem ganz neuen Terrain   voller neuer Gefahren? Ich hatte an meinem Teich gerade ein paar Stunden Ruhe   gefunden, als die Attacke begann. G�be es eine M�glichkeit, parallel zum Feuer   zu laufen und den Weg zur�ck zu finden, dorthin oder zu irgendeiner anderen   Wasserquelle? Die Feuerwand muss irgendwo zu Ende sein und sie wird nicht   unendlich lange brennen. Nicht weil die Spielmacher sie nicht weiter anheizen   k�nnten, sondern weil es dann schon wieder hei�en k�nnte, die Spiele seien   langweilig. Wenn ich hinter die Feuerlinie gelangen k�nnte, w�rde ich den   Karrieretributen nicht �ber den Weg laufen. Ich habe mich gerade entschlossen,   es zu versuchen und das Feuer zu umgehen, auch wenn das viele Kilometer Umweg in   einem weiten Bogen zur�ck bedeutet, als einen halben Meter von meinem Kopf   entfernt der erste Feuerball in den Fels einschl�gt. Ich springe unter meinem   Vorsprung hervor, angetrieben von neuer Angst.</p><p>Das Spiel hat eine �berraschende Wendung genommen. Das Feuer war nur dazu da,   uns aufzuscheuchen, jetzt soll den Zuschauern richtig etwas geboten werden. Als   ich das n�chste Zischen h�re, verschwende ich keine Zeit damit, mich   umzuschauen, ich werfe mich einfach flach auf den Boden. Der Feuerball trifft   einen Baum zu meiner Linken und setzt ihn in Flammen. Wenn ich mich jetzt nicht   bewege, bin ich tot. Ich bin kaum wieder auf den F��en, als ein dritter   Feuerball an der Stelle aufkommt, wo ich eben noch gelegen habe, und hinter mir   eine Feuers�ule emporschlagen l�sst. Die Zeit hat jetzt keine Bedeutung mehr,   ich versuche nur noch verzweifelt, den Angriffen auszuweichen. Ich kann nicht   erkennen, woher sie kommen, aber ein Hovercraft ist es nicht. Daf�r sind die   Winkel nicht steil genug. Wahrscheinlich haben sie den ganzen Waldabschnitt mit   Pr�zisionsgesch�tzen best�ckt, die in B�umen oder Felsen versteckt sind.   Irgendwo in einem k�hlen, makellosen Raum sitzt ein Spielmacher vor einer   Kontrollkonsole und spielt an den Kn�pfen, die mein Leben binnen einer Sekunde   beenden k�nnten. Ein Volltreffer gen�gt.</p><p>Der unbestimmte Plan, zu meinem Teich zur�ckzukehren, wird buchst�blich   weggefegt, w�hrend ich Haken schlage, wegtauche und springe, um den Feuerb�llen   auszuweichen. Sie sind nicht gr��er als �pfel, aber beim Aufprall setzen sie   enorme Kr�fte frei. Meine Sinne sind aufs �u�erste gesch�rft, denn jetzt geht es   nur noch ums blanke �berleben. Keine Zeit, dar�ber nachzudenken, ob eine   Bewegung richtig ist. Sobald es zischt, hei�t es handeln oder sterben.</p><p>Etwas treibt mich allerdings vorw�rts. Von den vielen Hungerspielen, bei   denen ich im Lauf der Zeit zugeschaut habe, wei� ich, dass bestimmte Bereiche   der Arena f�r bestimmte Attacken pr�pariert sind. Wenn es mir gelingt, aus   diesem Abschnitt zu entkommen, kann ich es au�er Reichweite der Gesch�tze   schaffen. Vielleicht lande ich dann geradewegs in einer Schlangengrube, aber   dar�ber kann ich mir jetzt keine Gedanken machen.</p><p>Wie lange ich herumrenne und den Feuerb�llen ausweiche, wei� ich nicht, doch   irgendwann l�sst der Angriff nach. Und das ist gut, denn ich muss mich schon   wieder �bergeben. Diesmal verbrennt mir eine �tzende Substanz die Kehle und   gelangt in meine Nase. Von Kr�mpfen gesch�ttelt, muss ich stehen bleiben,   w�hrend mein K�rper versucht, die Giftstoffe loszuwerden, die ich w�hrend der   Attacke geschluckt habe. Ich warte auf das n�chste Zischen, das Signal zum   Wegrennen. Es kommt nicht. Die Anstrengung beim W�rgen hat mir Tr�nen in die   brennenden Augen getrieben. Meine Kleider sind schwei�nass. Durch den Gestank   von Qualm und Erbrochenem hindurch nehme ich den Geruch von versengtem Haar   wahr. Ich taste mit einer Hand nach meinem Zopf und stelle fest, dass ein   Feuerball mindestens f�nfzehn Zentimeter davon versengt hat.</p><p>Verkohlte Haarstr�hnen zerbr�seln zwischen meinen Fingern. Fasziniert von der   Verwandlung, starre ich darauf, als ich das Zischen wieder h�re.</p><p>Ich reagiere, aber diesmal nicht schnell genug. Der Feuerball streift meine   rechte Wade und schl�gt neben mir im Boden ein. Beim Anblick meines brennenden   Hosenbeins raste ich v�llig aus. Ich winde mich auf H�nden und F��en, krabble   r�ckw�rts, versuche kreischend, dem Horror zu entkommen. Als ich wieder halbwegs   bei Verstand bin, w�lze ich das Bein auf dem Boden hin und her und ersticke die   Flammen. Ohne nachzudenken, rei�e ich mit blo�en H�nden den Rest des glimmenden   Stoffs ab.</p><p>Ich sitze auf dem Boden, ein paar Meter von der Stichflamme entfernt, die der   Feuerball ausgel�st hat. In der Wade sp�re ich einen br�llenden Schmerz, meine   H�nde sind mit roten Quaddeln �bers�t. Ich zittere so sehr, dass ich mich nicht   bewegen kann. Falls die Spielmacher mich erledigen wollen, ist jetzt der   richtige Zeitpunkt.</p><p>Ich h�re wieder Cinnas Stimme, die Bilder von �ppigen Stoffen und funkelnden   Edelsteinen hervorruft: �Katniss - das M�dchen, das in Flammen stand.� Dar�ber   lachen die Spielmacher in diesem Augenblick bestimmt herzlich. Vielleicht   haben Cinnas wundersch�ne Kost�me sie �berhaupt erst auf die Idee dieser   besonderen Folter f�r mich gebracht. Das konnte er nicht vorhersehen und   bestimmt tut es ihm weh, denn ich glaube, dass er mich wirklich gern hat.   Trotzdem, vielleicht w�re es sicherer gewesen, wenn ich mich splitternackt auf   dem Wagen pr�sentiert h�tte.</p><p>Die Attacke ist vorbei. Die Spielmacher wollen nicht, dass ich sterbe.   Jedenfalls noch nicht jetzt. Jeder wei�, dass sie uns nach dem Er�ffnungsgong in   wenigen Sekunden t�ten k�nnten. Aber der eigentliche Spa� bei den Hungerspielen   liegt darin, zuzuschauen, wie sich die Tribute gegenseitig umbringen. Ab und zu   t�ten sie einen Tribut, um die anderen daran zu erinnern, dass sie es k�nnen.   Doch meistens bringen sie uns dazu, einander Auge in Auge gegen�berzustehen.   Wenn ich jetzt nicht mehr beschossen werde, hei�t das also, dass zumindest ein   anderer Tribut ganz in der N�he ist.</p><p>Wenn ich k�nnte, w�rde ich auf einem Baum Deckung suchen, aber der Rauch ist   noch immer dicht genug, um mich zu t�ten. Ich raffe mich auf und schleppe mich   von der Feuerwand weg, die den Himmel erleuchtet. Sie scheint mich nicht mehr zu   verfolgen, abgesehen von den stinkenden schwarzen Wolken.</p><p>Langsam erscheint ein anderes Licht, Tageslicht. Rauchwirbel fangen die   Sonnenstrahlen ein. Die Sicht ist schlecht, vielleicht f�nfzehn Meter in jede   Richtung. Es w�re ein Leichtes f�r einen Tribut, sich hier vor mir zu   verstecken. Eigentlich m�sste ich mein Messer ziehen, aber ich bezweifele, dass   ich imstande w�re, es lange zu halten. Der Schmerz in meinen H�nden ist jedoch   kein Vergleich zu dem in meiner Wade. Ich hasse Verbrennungen, habe sie schon   immer gehasst, selbst die kleinen, die man sich einhandelt, wenn man ein Brot   aus dem Backofen holt. Es war schon immer der schlimmste Schmerz f�r mich, aber   so etwas habe ich noch nicht erlebt.</p><p>Ich bin so ersch�pft, dass ich den T�mpel erst bemerke, als ich kn�cheltief   darin stehe. Er wird von einer Quelle gespeist, die einer Felsspalte entspringt,   und ist herrlich k�hl. Ich tauche die H�nde in das seichte Wasser und versp�re   sofort Linderung. Hat meine Mutter das nicht auch immer gesagt? Dass kaltes   Wasser das beste Mittel bei Verbrennungen ist? Weil es die Hitze herauszieht?   Allerdings meinte sie kleinere Verbrennungen und w�rde das wohl bei meinen   H�nden empfehlen. Aber was ist mit der Wade? Obwohl ich noch nicht den Mut   hatte, sie mir anzuschauen, vermute ich, dass diese Wunde von ganz anderem   Kaliber ist.</p><p>Eine Weile liege ich auf dem Bauch am Rand des T�mpels, lasse meine H�nde im   Wasser baumeln, betrachte die kleinen Flammen auf meinen Fingern�geln, die   langsam abbr�ckeln. Gut so. Feuer habe ich f�r dieses Leben genug gehabt.</p><p>Ich wasche Blut und Asche von meinem Gesicht. Dann versuche ich mir alles in   Erinnerung zu rufen, was ich �ber Verbrennungen wei�. Im Saum kommen sie h�ufig   vor, schlie�lich kochen und heizen wir mit Kohle. Dazu noch die Minenunf�lle   � Einmal kam eine Familie mit einem bewusstlosen jungen Mann zu uns und flehte   meine Mutter an, ihm zu helfen. Der Distriktarzt, der f�r die Behandlung der   Minenarbeiter zust�ndig war, hatte ihn aufgegeben und der Familie gesagt, sie   solle ihn zum Sterben mit nach Hause nehmen. Aber sie wollten sich nicht damit   abfinden. Nun lag er also bewusstlos auf unserem K�chentisch. Ich erhaschte   einen Blick auf die klaffende Wunde am Oberschenkel, verkohltes Fleisch, bis auf   den Knochen verbrannt, dann rannte ich aus dem Haus. Ich lief in den Wald und   jagte den ganzen Tag, verfolgt von dem grauenhaften Bein, Erinnerungen an den   Tod meines Vaters. Komischerweise blieb Prim, die normalerweise vor ihrem   eigenen Schatten davonl�uft, da und half. Zum Heiler wird man geboren, nicht   gemacht, sagt meine Mutter. Sie taten ihr Bestes, doch der junge Mann starb, wie   der Arzt gesagt hatte.</p><p>Mein Bein m�sste behandelt werden, aber ich kann immer noch nicht hinsehen.   Wenn es nun so schlimm ist wie bei dem Mann und ich den Knochen sehe? Dann f�llt   mir ein, dass meine Mutter einmal gesagt hat, bei sehr schlimmen Verbrennungen   empfinde man h�ufig gar keinen Schmerz, weil die Nerven zerst�rt seien. Dadurch   ermutigt, setze ich mich auf und schwinge das Bein nach vorn.</p><p>Beim Anblick meiner Wade kippe ich fast um. Das Fleisch ist leuchtend rot und   mit Brandblasen �bers�t. Ich zwinge mich, tief und langsam zu atmen, denn ich   bin mir fast sicher, dass die Kameras auf mein Gesicht halten. Ich darf bei   dieser Verletzung keine Schw�che zeigen. Nicht, wenn ich Hilfe will. Mitleid   bringt einem keine Hilfe. Bewunderung, weil man nicht aufgibt, das bringt   Hilfe. Ich schneide die Reste des Hosenbeins auf H�he des Knies ab und   untersuche die Wunde genauer. Die verbrannte Stelle ist etwa handtellergro�.   Nirgendwo ist die Haut schwarz. Kann nicht schaden, die Wunde ins Wasser zu   halten, �berlege ich. Vorsichtig strecke ich das Bein in den T�mpel, wobei ich   den Fu� auf einem Stein ablege, damit das Leder des Stiefels nicht so sehr   durchweicht. Ich seufze, denn es bringt ein wenig Linderung. Ich wei�, dass es   Kr�uter gibt, die den Heilungsprozess beschleunigen, aber ich kann mich nicht   daran erinnern, welche es waren. Wahrscheinlich werde ich es mit Wasser und Zeit   schaffen m�ssen.</p><p>Soll ich weitergehen? Der Rauch verzieht sich langsam, ist allerdings immer   noch so dicht, dass er gef�hrlich sein k�nnte. Aber wenn ich mich weiter vom   Feuer entferne, werde ich dann nicht geradewegs den Karrieros vor die Waffen   laufen? Abgesehen davon meldet sich jedes Mal, wenn ich das Bein aus dem Wasser   hebe, der Schmerz so heftig zur�ck, dass ich es wieder hineingleiten lassen   muss. Meinen H�nden geht es besser. Sie ertragen es, wenn ich sie kurz aus dem   T�mpel ziehe. So kann ich langsam mein Gep�ck ordnen. Zun�chst f�lle ich meine   Flasche mit Wasser aus dem T�mpel, pr�pariere es, und als genug Zeit vergangen   ist, beginne ich meinem K�rper wieder Wasser zuzuf�hren. Nach einer Weile   zwinge ich mich, an einem Kr�cker zu knabbern, was meinen Magen wieder in   Ordnung bringt. Ich rolle den Schlafsack auseinander. Bis auf ein paar schwarze   Flecken ist er einigerma�en unversehrt. Die Jacke hat mehr abbekommen. Sie   stinkt und ist versengt und eine mindestens drei�ig Zentimeter lange Stelle am   R�cken ist nicht mehr zu reparieren. Ich schneide die zerst�rte Stelle heraus,   sodass mir die Jacke nur mehr bis �ber die Rippen reicht. Daf�r ist die Kapuze   noch intakt und das ist eindeutig besser als nichts.</p><p>Trotz des Schmerzes gewinnt die M�digkeit die Oberhand. Ich w�rde gern zu   einem Baum gehen und ausruhen, nur dass ich da zu leicht zu entdecken w�re.   Au�erdem kann ich mir nicht vorstellen, den T�mpel zu verlassen. Ich lege meine   Sachen ordentlich zurecht, setze mir sogar den Rucksack auf, aber wie es   aussieht, kann ich nicht fort. Ich entdecke Wasserpflanzen mit essbaren Wurzeln   und bereite mit dem letzten St�ck Kaninchen eine kleine Mahlzeit. Trinke Wasser   in kleinen Schlucken. Betrachte die Sonne, die in langsamem Bogen �ber den   Himmel wandert. Wo sollte ich auch hin, wo w�re ich sicherer als hier? Ich   lehne mich gegen den Rucksack, �berw�ltigt von der M�digkeit. <emphasis>Sollen die   Karrieros mich doch  finden, wenn sie wollen, </emphasis>denke ich, bevor ich mich in   eine Starre gleiten lasse. <emphasis>Sollen sie mich doch finden.</emphasis></p><p>Und sie finden mich tats�chlich. Zum Gl�ck bin ich schon abmarschbereit, denn   als ich die Schritte h�re, habe ich weniger als eine Minute Vorsprung. Der Abend   d�mmert bereits. Ich bin kaum wach, da bin ich auch schon auf den Beinen, renne   quer durch den T�mpel und fl�chte ins Unterholz. Das Bein behindert mich, aber   ich merke, dass meine Verfolger auch nicht mehr so schnell sind wie vor dem   Feuer. Ich h�re sie husten und einander mit kratzigen Stimmen rufen.</p><p>Trotzdem kommen sie n�her, wie eine Meute wilder Hunde, und deshalb tue ich   das, was ich in solchen Situationen immer schon getan habe. Ich suche mir einen   hohen Baum und beginne hinaufzuklettern. Rennen ist schon schmerzhaft, aber   Klettern ist eine Qual, denn es erfordert nicht nur Kraft, sondern auch den   direkten Kontakt meiner H�nde mit der Baumrinde. Aber ich bin schnell, und als   sie meinen Baum erreichen, bin ich schon gut sechs Meter �ber ihnen. Einen   Augenblick halten wir inne und mustern einander. Hoffentlich k�nnen sie mein   Herzklopfen nicht h�ren.</p><p><emphasis>Das k�nnte es gewesen sein, </emphasis>denke ich. Welche Chance habe ich gegen   sie? Alle sechs sind da, die f�nf Karrieros und Peeta, und mein einziger Trost   ist, dass sie auch ziemlich mitgenommen aussehen. Trotzdem, da sind ja noch   ihre Waffen. Und ihre Gesichter, wie sie mich angrinsen und die Z�hne fletschen,   �ber sich die sichere Beute. Es scheint hoffnungslos. Doch dann wird mir etwas   bewusst. Sie sind vielleicht gr��er und st�rker als ich, aber sie sind auch   schwerer. Es hatte seinen Grund, dass immer ich und nicht Gale die h�chsten   Fr�chte gepfl�ckt und die entlegensten Vogelnester ausger�ubert habe. Ich wiege   mindestens f�nfundzwanzig, drei�ig Kilo weniger als die leichtesten der   Karrieros.</p><p>Jetzt l�chele ich. �Wie geht�s denn so?�, rufe ich fr�hlich hinunter.</p><p>Das verbl�fft sie, aber ich wei�, dass die Zuschauer begeistert sein   werden.</p><p>�Ganz gut�, sagt der Junge aus Distrikt 2. �Und selbst?�</p><p>�War ein bisschen warm f�r meinen Geschmack�, sage ich. Ich kann das   Gel�chter vom Kapitol fast h�ren. �Hier oben ist die Luft besser. Warum kommt   ihr nicht hoch?�</p><p>�Kannst du haben�, sagt der Junge.</p><p>�Nimm das hier, Cato�, sagt das M�dchen aus Distrikt 1 und reicht ihm den   silbernen Bogen samt K�cher. Mein Bogen! Meine Pfeile! Allein der Anblick macht   mich so w�tend, dass ich schreien k�nnte; ich �rgere mich �ber mich selbst und   diesen Verr�ter von Peeta, weil er mich davon abgehalten hat, sie zu bekommen.   Ich versuche, Blickkontakt zu ihm herzustellen, aber er schaut mich absichtlich   nicht an, w�hrend er sein Messer am Hemdsaum abputzt.</p><p>�Nein�, sagt Cato und schiebt den Bogen weg. �Mit dem Schwert geht�s besser.�   Ich kann die Waffe sehen, eine kurze, schwere Klinge an seinem G�rtel.</p><p>Ich warte ab, bis Cato sich in den Baum gezogen hat, und klettere dann weiter   hinauf. Gale sagt immer, die Art, wie ich noch die d�nnsten �ste emporhusche,   erinnere ihn an ein Eichh�rnchen. Zum Teil liegt es daran, dass ich so leicht   bin, zum Teil ist es �bung. Man muss wissen, wohin man H�nde und F��e setzt. Ich   bin noch einmal f�nf Meter h�her, als ich ein Knacken h�re und nach unten   schaue. Cato rudert wild mit den Armen und kracht mitsamt dem Ast herunter. Als   er aufschl�gt, hoffe ich, dass er sich das Genick gebrochen hat, aber er steht   schon wieder auf den F��en und flucht wie der Teufel.</p><p>Das M�dchen mit den Pfeilen, Glimmer nennen sie sie - in Distrikt 1 geben sie   ihren Kindern wirklich l�cherliche Namen -, diese Glimmer also versucht jetzt   ihr Gl�ck, doch als die �ste auch unter ihrem Gewicht brechen, ist sie so   schlau, es aufzugeben. Ich befinde mich gut zwanzig Meter �ber dem Boden. Nun   will sie mich abschie�en, aber man merkt sofort, dass sie nicht mit dem Bogen   umgehen kann. Einer der Pfeile bleibt nicht weit von mir im Baum stecken und ich   ziehe ihn heraus. Herausfordernd schwenke ich ihn �ber ihrem Kopf, als w�re das   der einzige Grund, weshalb ich ihn mir geschnappt habe. Dabei bin ich   entschlossen, ihn zu benutzen, falls sich die Gelegenheit bietet. H�tte ich   diese silbernen Waffen in meinen H�nden, ich k�nnte sie alle t�ten, einen nach   dem anderen.</p><p>Die Karrieros scharen sich unten zusammen. Ich kann h�ren, wie sie   verschw�rerisch miteinander tuscheln. Sie sind w�tend dar�ber, dass ich sie wie   Deppen dastehen lasse. Aber die D�mmerung bricht schon herein und damit bleibt   ihnen keine Zeit f�r weitere Attacken. Schlie�lich h�re ich Peeta barsch sagen:   �Ach, lasst sie einfach da oben. Sie kann ja nirgendwohin. Wir nehmen sie uns   morgen vor.�</p><p>Wo er recht hat, hat er recht. Ich kann nirgendwohin. Die Linderung, die das   Wasser mir verschafft hat, ist vor�ber und ich sp�re die Verbrennungen jetzt mit   voller Wucht. Ich lasse mich in eine Astgabel hinabrutschen und treffe   schwerf�llig die Vorbereitungen zum Schlafen. Ziehe die Jacke an. Rolle den   Schlafsack aus. Schnalle mich mit dem G�rtel an und versuche, nicht zu st�hnen.   Die Hitze im Schlafsack ist zu viel f�r mein Bein. Ich schneide einen Schlitz in   den Stoff und lasse die Wade heraush�ngen. Tr�ufele Wasser auf die Wunde, auf   meine H�nde.</p><p>Das war�s mit meiner Tapferkeit. Ich bin geschw�cht von Schmerz und Hunger,   trotzdem kann ich mich nicht dazu aufraffen, etwas zu essen. Selbst wenn ich   die Nacht �berstehe, was wird der Morgen bringen? Ich starre ins Blattwerk und   versuche, mich zum Ausruhen zu zwingen, aber die Brandwunden verhindern es.   V�gel lassen sich f�r die Nacht nieder, singen ihren Jungen Schlaflieder vor.   Die Gesch�pfe der Nacht kommen heraus. Eine Eule ruft. Der Geruch eines   Stinktiers dringt undeutlich durch den Qualm. Vom Nachbarbaum starren mich die   Augen eines Tiers an, eines Opossums vielleicht, in denen sich der Schein von   den Fackeln der Karrieros f�ngt. Pl�tzlich st�tze ich mich auf den Ellbogen. Das   sind nicht die Augen eines Opossums, dazu kenne ich ihren glasigen Widerschein   zu gut. Die Augen geh�ren �berhaupt nicht zu einem Tier. Im letzten D�mmerlicht   erkenne ich sie, wie sie mich still durch das Ge�st hindurch ansieht.</p><p>Rue.</p><p>Wie lange ist sie schon dort? Wahrscheinlich die ganze Zeit �ber. Still und   unbeachtet, w�hrend unter ihr das Treiben seinen Lauf nahm. Vielleicht hat sie   ihren Baum erst kurz vor mir erklommen, als sie h�rte, dass die Meute nah   war.</p><p>Eine Weile starren wir uns an. Dann, ohne dass auch nur ein Blatt raschelt,   schiebt sich ihre kleine Hand nach vorn und deutet auf eine Stelle �ber meinem   Kopf.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>14</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Mein Blick folgt der Richtung, in die ihr Finger zeigt, hinauf ins   Bl�tterdach. Zuerst habe ich keine Ahnung, was sie meint, dann mache ich im   D�mmerlicht f�nf Meter �ber mir vage eine Form aus. Aber � was ist das?   Irgendein Tier? Es hat die Gr��e eines Waschb�ren, h�ngt jedoch von einem   d�nnen Ast herunter und schwingt ganz leicht hin und her. Es muss etwas anderes   sein. Aus den vertrauten Abendger�uschen des Waldes h�ren meine Ohren ein leises   Summen heraus. Jetzt wei� ich, was es ist. Ein Wespennest.</p><p>Angst schie�t durch meinen K�rper, doch ich bin klug genug, mich ruhig zu   verhalten. Schlie�lich wei� ich nicht, welche Art von Wespen hier lebt. Es   k�nnte der gew�hnliche Lass-uns-in-Ruhe-dann-lassen-wir-dich-auch-in-Ruhe-Typ   sein. Aber wir sind hier bei den Hungerspielen und da ist gar nichts   gew�hnlich. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass es sich um eine Mutation des   Kapitols handelt - J�gerwespen. Wie die Schnattert�lpel sind diese Wespen im   Labor entstanden und ihre Nester wurden w�hrend des Krieges strategisch um die   Distrikte herum platziert wie Landminen. Sie sind gr��er als gew�hnliche Wespen   und haben einen auff�lligen goldenen K�rper; ihr Stich ruft eine pflaumengro�e   Schwellung hervor. Die meisten Menschen k�nnen nur wenige Stiche aushalten.   Manche sterben sofort.</p><p>Falls man �berlebt, bekommt man von dem Gift Halluzinationen, die manch   einen in den Wahnsinn getrieben haben. Und noch etwas: Diese Wespen jagen jeden,   der ihr Nest st�rt, und versuchen ihn zu t�ten. Daher ihr Name: J�gerwespen.</p><p>Nach dem Krieg wurden die Nester um das Kapitol herum zerst�rt, doch die   Nester rings um die Distrikte lie� man, wo sie waren. Noch ein kaum verhohlener   Hinweis auf unsere Schw�che, nehme ich an, wie die Hungerspiele. Ein Grund   mehr, innerhalb des Zauns um Distrikt 12 zu bleiben. Wenn Gale und ich auf ein   J�gerwespennest gesto�en sind, haben wir immer sofort kehrtgemacht und sind in   die entgegengesetzte Richtung gegangen.</p><p>Ist es also das, was da �ber mir h�ngt? Ich blicke zur�ck zu Rue, aber sie   ist mit ihrem Baum verschmolzen.</p><p>Angesichts der Umst�nde ist es wahrscheinlich einerlei, um was f�r eine   Wespenart es sich handelt. Ich bin verwundet und sitze in der Falle. Die   Dunkelheit hat mir eine kurze Atempause verschafft, aber bis zum Sonnenaufgang   werden die Karrieros einen Plan ausgeheckt haben, wie sie mich t�ten k�nnen.   Nachdem ich sie so dumm habe dastehen lassen, bleibt ihnen keine andere Wahl.   Dieses Nest k�nnte meine letzte Chance sein. Wenn ich es schaffe, das Nest auf   die Karrieros fallen zu lassen, kann ich vielleicht entkommen. Aber ich riskiere   dabei mein eigenes Leben.</p><p>Nat�rlich werde ich nie nahe genug an das Nest herankommen, um es   abzuschneiden. Ich werde den Ast am Stamm abs�gen m�ssen, die S�geklinge meines   Messers m�sste daf�r ausreichen. Aber was ist mit meinen H�nden? Und wird das   Vibrieren beim S�gen den Schw�rm nicht aufscheuchen? Und wenn die Karrieros   erkennen, was ich vorhabe, und sich in ihr Lager zur�ckziehen? Dann w�re alles   umsonst.</p><p>Mir wird klar, dass es nur eine gute Gelegenheit gibt, unbemerkt zu s�gen,   n�mlich wenn die Hymne gespielt wird. Was jeden Moment passieren kann. Ich   sch�le mich also aus dem Schlafsack, kontrolliere, ob mein Messer sicher im   G�rtel steckt, und klettere den Baum hinauf. Das an sich ist schon riskant, weil   die �ste selbst f�r mich gef�hrlich d�nn werden, aber ich schaffe es. Als ich   den Ast erreiche, an dem das Nest h�ngt, wird das Summen lauter. F�r J�gerwespen   ist es allerdings eigent�mlich ged�mpft. <emphasis>Der Rauch, </emphasis>�berlege ich. <emphasis>Er   hat sie bet�ubt. </emphasis>Das war �brigens auch die Methode, mit der die Rebellen die   Wespen bek�mpft haben.</p><p>Das Wappen des Kapitols erscheint �ber mir und die Hymne ert�nt. <emphasis>Jetzt   oder nie, </emphasis>denke ich und beginne zu s�gen. Die Brandblasen an meiner rechten   Hand platzen auf, als ich ungeschickt das Messer vor und zur�ck zerre. Als ich   einen Rhythmus gefunden habe, muss ich mich weniger anstrengen, aber die Arbeit   �bersteigt fast immer noch meine Kr�fte. Ich bei�e die Z�hne zusammen und s�ge   weiter, schaue ab und zu in den Himmel und stelle fest, dass es heute keine   Toten gegeben hat. Das ist nicht weiter schlimm. Die Zuschauer werden zufrieden   sein, dass ich verletzt auf einem Baum gefangen bin und unter mir die Meute   wartet. Aber als die Hymne verklingt, habe ich erst drei Viertel des Astes   durchges�gt, der Himmel verdunkelt sich und ich muss die Arbeit   unterbrechen.</p><p>Was jetzt? Ich k�nnte den Rest wahrscheinlich nach Gef�hl erledigen, aber das   w�re vielleicht nicht so schlau. Wenn die Wespen noch zu benommen sind oder ihr   Nest auf dem Weg nach unten im Ge�st h�ngen bleibt, w�hrend ich zu entkommen   versuche, dann k�nnte alles umsonst gewesen sein. Besser, �berlege ich, wenn ich   im Morgengrauen erneut hinaufklettere und das Nest dann auf meine Feinde fallen   lasse.</p><p>Im matten Schein der Fackeln der Karrieretribute hangele ich mich zur�ck zu   meiner Astgabel und finde dort die sch�nste �berraschung meines Lebens vor: Auf   meinem Schlafsack liegt eine kleine Plastikdose, sie h�ngt an einem silbernen   Fallschirm. Mein erstes Sponsorengeschenk! Haymitch muss es w�hrend der Hymne   geschickt haben. Die Dose hat problemlos auf meiner Handfl�che Platz. Was mag   es sein? Bestimmt kein Essen. Ich schraube den Deckel ab und erkenne am Geruch,   dass es eine Arznei ist. Vorsichtig tippe ich auf die Salbe. Das Pochen in   meiner Fingerspitze verschwindet.</p><p>�Oh, Haymitch�, fl�stere ich. �Danke.� Er hat mich nicht im Stich gelassen.   Ich stehe nicht ganz allein da. Der Preis f�r diese Arznei muss astronomisch   sein. Wahrscheinlich haben sogar mehrere Sponsoren zusammengelegt, um dieses   winzige T�pfchen zu erstehen. F�r mich ist es unbezahlbar.</p><p>Ich tauche zwei Finger in das Gef�� und streiche die Salbe vorsichtig auf   meine Wade. Die Wirkung ist fast m�rchenhaft, der Schmerz verschwindet   augenblicklich, zur�ck bleibt nur ein angenehm k�hlendes Gef�hl. Das hier ist   keine Kr�utermixtur, wie meine Mutter sie herstellt, das ist ein   Hightech-Medikament aus den Labors des Kapitols. Nachdem die Wade versorgt ist,   schmiere ich auch meine H�nde d�nn ein. Ich wickle das T�pfchen in den   Fallschirm und verstaue es sicher in meinem Rucksack. Jetzt, da der Schmerz   nachgelassen hat, bleibt mir nur, mich wieder in den Schlafsack zu legen und   einzuschlafen.</p><p>Ein Vogel, der nur ein, zwei Meter von mir entfernt hockt, gibt mir Bescheid,   dass ein neuer Tag anbricht. Im grauen Morgenlicht untersuche ich meine H�nde.   Die Salbe hat die entz�ndeten roten Flecken in zartes Babyrosa verwandelt. Mein   Bein f�hlt sich immer noch flammend hei� an, aber die Verbrennung war auch viel   tiefer. Ich trage noch einmal die Salbe auf und packe leise meine Sachen   zusammen. Was auch geschieht, ich werde rennen m�ssen, so schnell ich kann. Ich   zwinge mich, einen Kr�cker und einen Streifen Rindfleisch zu essen und ein paar   Tassen Wasser zu trinken. Gestern habe ich fast nichts im Magen behalten und ich   sp�re bereits die Auswirkungen des Hungers.</p><p>Unter mir auf dem Boden schl�ft die Meute der Karrieros, einschlie�lich   Peeta. Glimmer lehnt am Baumstamm, sie sollte wohl Wache halten, aber offenbar   hat die M�digkeit sie �berw�ltigt.</p><p>Blinzelnd versuche ich den Nachbarbaum auszumachen, aber ich kann keine Rue   erkennen. Da sie mich gewarnt hat, finde ich es nur fair, sie auch zu warnen.   Und sollte ich heute sterben, dann w�nsche ich mir, dass Rue gewinnt. Selbst   wenn es meiner Familie eine Extraration Essen einbr�chte, ist mir die   Vorstellung von Peeta als Sieger unertr�glich.</p><p>Ich fl�stere Rues Namen und da sehe ich ihre Augen, gro� und aufmerksam. Sie   deutet wieder auf das Nest. Ich halte mein Messer hoch und mache eine   S�gebewegung. Sie nickt und verschwindet. In einem Baum in der N�he raschelt   es. Dann das gleiche Ger�usch ein bisschen weiter weg. Ich begreife, dass sie   von Baum zu Baum springt. Ich muss mich beherrschen, nicht laut aufzulachen. War   es das, was sie den Spielmachern gezeigt hat? Ich stelle mir vor, wie sie �ber   die Trainingsger�te h�pft, ohne den Boden zu ber�hren. Sie h�tte mindestens eine   Zehn verdient.</p><p>Im Osten zeigen sich rosa Streifen am Himmel. Ich kann es mir nicht leisten,   l�nger zu warten. Verglichen mit der Qual gestern Abend ist das Klettern heute   das reinste Vergn�gen. Als ich den Ast mit dem Nest erreiche, setze ich das   Messer in der Kerbe von gestern Abend an und will es schon �ber das Holz ziehen,   als ich eine Bewegung bemerke. Dort, auf dem Nest. Der leuchtend goldene   Schimmer einer J�gerwespe, die tr�ge �ber die d�nne graue Nestwand krabbelt. Sie   ist noch etwas benommen, keine Frage, aber sie ist wach und das bedeutet, dass   die anderen auch gleich herauskommen werden. Schwei� bricht mir an den   Handfl�chen aus und dringt durch die Salbe. Ich versuche, sie am T-Shirt   abzuwischen. Wenn ich den Ast nicht in den n�chsten Sekunden durchges�gt   bekomme, k�nnte der ganze Schw�rm auftauchen und mich angreifen.</p><p>Ich darf nicht l�nger warten. Ich atme tief durch, nehme das Messer fest in   die Hand und dr�cke, so fest ich kann. <emphasis>Hin, her, hin, her! </emphasis>Die   J�gerwespen beginnen zu summen, ich h�re, wie sie herauskommen. <emphasis>Hin, her,   hin, her! </emphasis>Ein stechender Schmerz schie�t durch mein Knie: Eine muss mich   gefunden haben, ich wei�, dass die anderen nicht lange auf sich warten lassen   werden. <emphasis>Hin, her, hin, her! </emphasis>Als das Messer den Ast durchtrennt, sto�e   ich ihn, so weit ich kann, von mir fort. Er bricht durch die unteren �ste,   bleibt ab und zu h�ngen, windet sich aber wieder frei und kracht mit einem   dumpfen Ger�usch auf den Boden. Das Nest platzt auf wie ein rohes Ei und ein   w�tender Schw�rm J�gerwespen hebt ab.</p><p>Ich sp�re einen zweiten Stich auf der Wange, einen dritten am Hals. Fast   sofort wird mir schwummrig. Mit einem Arm klammere ich mich an den Baumstamm,   w�hrend ich die mit Widerhaken besetzten Stacheln aus der Haut ziehe.   Gl�cklicherweise haben mich nur diese drei J�gerwespen bemerkt, bevor ihr Nest   hinuntergefallen ist. Die �brigen suchen den Feind auf dem Boden.</p><p>Es ist das reinste Chaos. Als die Karrieros aufwachen, befinden sie sich   mitten in einer J�gerwespenattacke. Peeta und ein paar andere sind so schlau,   alles liegen zu lassen und Rei�aus zu nehmen. �Zum See! Zum See!�, h�re ich sie   rufen. Er muss ganz in der N�he sein, wenn sie glauben, ihn vor den w�tenden   Insekten zu erreichen und sich ins Wasser retten zu k�nnen. Glimmer und das   M�dchen aus Distrikt 4 haben weniger Gl�ck. Noch ehe sie au�er Sichtweite sind,   werden sie mehrmals gestochen. Glimmer hat offenbar den Verstand verloren, sie   kreischt und versucht, mit dem Bogen nach den Wespen zu schlagen, was sinnlos   ist. Sie fleht die anderen an, ihr zu helfen, aber nat�rlich kommt keiner   zur�ck. Das M�dchen aus Distrikt 4 taumelt davon, doch ich w�rde nicht darauf   wetten, dass sie es bis zum See schafft. Ich sehe, wie Glimmer hinf�llt und ein   paar Minuten lang hysterisch zuckt. Dann r�hrt sie sich nicht mehr.</p><p>Das Nest ist nur noch eine leere H�lle. Die Wespen haben sich an die   Verfolgung gemacht und sind verschwunden. Ich glaube nicht, dass sie   zur�ckkommen, aber ich gehe kein Risiko ein. So schnell ich kann, klettere ich   vom Baum hinunter und renne davon, weg vom See. Das Wespengift tr�bt meine   Sinne, aber ich finde den Weg zur�ck zu meinem eigenen kleinen T�mpel und   springe hinein, nur f�r den Fall, dass doch noch ein paar Wespen hinter mir her   sind. Nach etwa f�nf Minuten schleppe ich mich auf die Felsen. Was die Wirkung   der J�gerwespenstiche angeht, so haben die Leute nicht �bertrieben. Nur dass   der Stich an meinem Knie eher die Gr��e einer Orange hat als die einer Pflaume.   Eine �bel riechende Fl�ssigkeit sickert aus den Stellen, wo ich die Stacheln   herausgezogen habe.</p><p>Die Schwellung. Der Schmerz. Das eitrige Zeug. Glimmers letzte Zuckungen.   Ganz sch�n viel, was ich verdauen muss, bevor die Sonne �ber den Horizont   gestiegen ist. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie Glimmer jetzt aussieht.   Der K�rper entstellt. Die geschwollenen Finger, die den Bogen umklammern   �</p><p>Der Bogen! Irgendwo in meinem benebelten Hirn z�hle ich eins und eins   zusammen, springe auf die F��e und taumele zwischen den B�umen hindurch zur�ck   zu Glimmer. Der Bogen. Die Pfeile. Ich muss sie haben. Ich habe noch keine   Kanone geh�rt, also liegt Glimmer vielleicht in einer Art Koma und ihr Herz   k�mpft noch gegen das Wespengift. Aber wenn es erst einmal aufgeh�rt hat zu   schlagen und der Schuss ihren Tod verk�ndet, wird ein Hovercraft ihren K�rper   bergen und mit ihm den einzigen Bogen und K�cher, den ich bei diesen Spielen   gesehen habe. Und ich lasse mir die Waffen nicht noch einmal durch die Lappen   gehen.</p><p>In dem Augenblick, als ich bei Glimmer bin, wird die Kanone abgefeuert. Die   J�gerwespen sind verschwunden. Das M�dchen, das beim Interview in ihrem   goldenen Kleid so atemberaubend sch�n ausgesehen hat, ist nicht   wiederzuerkennen.</p><p>Ihre Gesichtsz�ge ausgel�scht, ihre Gliedma�en auf das Dreifache   angeschwollen. Die Schwellungen rings um die Stiche sind aufgeplatzt, eine   ekelhafte gr�ne Fl�ssigkeit tritt aus. Um an den Bogen zu kommen, muss ich   mehrere ihrer Finger, oder was einmal ihre Finger waren, mit einem Stein   brechen. Der K�cher mit den Pfeilen liegt unter ihrem R�cken. Ich ziehe an einem   Arm, um sie auf die Seite zu drehen, aber das Fleisch zerf�llt in meinen H�nden   und ich falle hinten�ber.</p><p>Ist das Wirklichkeit oder sind das schon die Halluzinationen? Ich kneife die   Augen fest zu, versuche durch den Mund zu atmen und verbiete mir jeden Anflug   von �belkeit. Das Fr�hst�ck muss drinbleiben, es k�nnen Tage vergehen, bis ich   wieder auf die Jagd gehen kann. Ein zweiter Kanonenschuss ert�nt, ich sch�tze,   dass in diesem Augenblick das M�dchen aus Distrikt 4 gestorben ist. Die V�gel   verstummen, einer st��t den Warnschrei aus, also ist ein Hovercraft im Anflug.   Wirr, wie ich bin, denke ich, dass es Glimmer holen kommt, dabei bin ich noch im   Bild und k�mpfe immer noch um die Pfeile. Ich gehe wieder auf die Knie, die   B�ume um mich herum drehen sich im Kreis. Mitten am Himmel erblicke ich das   Hovercraft. Ich werfe mich �ber Glimmers K�rper, als wollte ich ihn besch�tzen,   aber dann sehe ich, dass es das M�dchen aus Distrikt 4 ist, das in die Luft   gehoben wird und entschwindet.</p><p>�Los jetzt!�, befehle ich mir. Ich bei�e die Z�hne zusammen, grabe meine   H�nde unter Glimmers K�rper, bekomme etwas zu fassen, das ihr Brustkorb sein   muss, und drehe sie gewaltsam auf den Bauch. Jetzt hyperventiliere ich, ich   kann nichts dagegen tun, es ist so ein Albtraum und die Wirklichkeit entgleitet   mir. Ich zerre an dem silbernen K�cher, doch er h�ngt irgendwo fest, an ihrem   Schulterblatt oder so, aber schlie�lich rei�e ich ihn los. Ich habe den K�cher   gerade umklammert, als ich die Schritte h�re, viele Schritte, die durchs   Unterholz brechen: Die Karrieretribute sind zur�ck. Sie sind zur�ckgekommen, um   mich zu t�ten oder um ihre Waffen zu holen oder beides.</p><p>Aber es ist zu sp�t, um wegzurennen. Ich ziehe einen der glitschigen Pfeile   aus dem K�cher und versuche ihn in die Sehne einzulegen, aber statt einer Sehne   sehe ich drei und der Gestank aus den Stichen ist so widerw�rtig, dass ich es   nicht schaffe. <emphasis>Ich schaff�s nicht. Ich schaff�s nicht.</emphasis></p><p>Hilflos hocke ich da, als der erste J�ger durch die B�ume bricht, mit   erhobenem Speer, wurfbereit. Der Schock auf Peetas Gesicht ist mir   unerkl�rlich. Ich warte auf den Wurf. Aber er l�sst den Arm sinken.</p><p>�Was machst du denn noch hier?�, faucht er mich an. Verst�ndnislos starre   ich ihn an, w�hrend Wasser von einem Stich unter seinem Ohr tropft. Sein ganzer   K�rper glitzert, als h�tte er in Tau gebadet. �Bist du wahnsinnig?� Jetzt st��t   er mich mit dem Schaft des Speers an. �Steh auf. Steh auf!� Ich erhebe mich,   aber er st��t mich immer noch. <emphasis>Was ist? Was ist los? </emphasis>Er st��t mich   unsanft weg. �Renn!�, schreit er. �Renn!�</p><p>Hinter ihm bricht sich Cato einen Weg durchs Geb�sch. Er ist ebenfalls   tropfnass und hat einen �blen Stich unter dem Auge. Ich sehe sein Schwert im   Sonnenlicht aufblitzen und tue, was Peeta gesagt hat. Halte Bogen und K�cher   fest umklammert und renne los, pralle gegen B�ume, die aus dem Nichts   auftauchen, stolpere und falle, w�hrend ich versuche, das Gleichgewicht zu   halten. An meinem T�mpel vorbei und in unbekannte W�lder.</p><p>Die Welt beginnt sich auf alarmierende Weise zu kr�mmen. Ein Schmetterling   bl�ht sich auf, bis er so gro� ist wie ein Haus, und zerplatzt in eine Million   Sterne. B�ume verwandeln sich in Blut und spritzen �ber meine Stiefel. Ameisen   kriechen aus den Blasen an meinen H�nden und lassen sich nicht absch�tteln. Sie   krabbeln an meinen Armen hoch, an meinem Hals. Jemand schreit, ein langer,   schriller Schrei, ohne Atempause. Verschwommen denke ich, dass er von mir   stammen k�nnte. Ich taumele und falle in eine kleine Grube mit winzigen   orangefarbenen Blasen, die summen wie das J�gerwespennest. Ich ziehe die Knie   ans Kinn und warte auf den Tod.</p><p>Elend und orientierungslos kann ich nur an eins denken: <emphasis>Peeta Mellark hat   mir das Leben gerettet.</emphasis></p><p>Dann bohren sich die Ameisen in meine Augen und ich verliere das   Bewusstsein.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>15</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Ich versinke in einem Albtraum und jedes Mal, wenn ich daraus erwache, stelle   ich fest, dass noch gr��erer Schrecken mich erwartet. Alles, wovor ich mich am   meisten f�rchte, und alles, was ich am meisten f�r andere f�rchte, erscheint mir   so detailgetreu vor Augen, dass ich �berzeugt bin, es w�re Wirklichkeit. Jedes   Mal, wenn ich aufwache, denke ich: <emphasis>Endlich ist es vorbei, </emphasis>aber es ist   nicht vorbei. Es ist nur der Anfang eines neuen Kapitels der Tortur. Auf wie   viele Arten sehe ich Prim sterben, durchlebe ich die letzten Sekunden meines   Vaters wieder, sp�re ich, wie mein K�rper auseinandergerissen wird? Das ist die   Natur des J�gerwespengifts; es wurde systematisch immer weiter gez�chtet, bis es   genau an der Stelle im Gehirn wirkte, wo die Angst sitzt.</p><p>Als ich schlie�lich wieder zu mir komme, liege ich nur still da und warte auf   den n�chsten Ansturm der Bilder. Aber irgendwann wird mir klar, dass das Gift   endlich meinen K�rper verlassen und ihn als kraftloses Wrack zur�ckgelassen   hat. Ich liege immer noch so da wie vorher, zusammengekauert wie ein Baby im   Mutterleib. Ich taste nach meinen Augen und stelle fest, dass sie unversehrt   sind, es hat keine Ameisen gegeben. Allein der Versuch, meine Glieder zu   strecken, kostet mich enorme Anstrengung. So viele Stellen meines K�rpers   schmerzen, dass ich sie mir gar nicht einzeln ansehe. Ganz, ganz langsam schaffe   ich es, mich aufzusetzen. Ich befinde mich in einer flachen Grube, die   keineswegs mit summenden orangefarbenen Blasen gef�llt ist, wie ich sie in   meinem Wahn gesehen habe, sondern mit alten, vertrockneten Bl�ttern. Meine   Kleidung ist klamm, aber ich wei� nicht, ob von T�mpelwasser, Tau, Regen oder   Schwei�. Lange Zeit kann ich nichts tun, als kleine Schlucke aus meiner Flasche   zu trinken und einem K�fer zuzuschauen, der seitlich an einem   Heckenkirschenstrauch emporkrabbelt.</p><p>Wie lange war ich bewusstlos? Als ich den Verstand verloren habe, war es   Morgen. Jetzt ist es Nachmittag. Aber die Steifheit in meinen Gelenken legt   nahe, dass mehr als ein Tag vergangen ist, vielleicht sogar zwei. Wenn dem so   ist, dann habe ich keinen �berblick, welche Tribute den Angriff der J�gerwespen   �berlebt haben. Glimmer und das M�dchen aus Distrikt 4 jedenfalls nicht. Aber   da waren ja noch der Junge aus Distrikt 1, die beiden Tribute aus Distrikt 2   und Peeta. Sind sie an den Stichen gestorben? Falls sie �berlebt haben, m�ssen   die letzten Tage f�r sie genauso grauenvoll gewesen sein wie f�r mich. Und was   ist mit Rue? Sie ist so klein, es brauchte nicht viel Gift, um sie zu t�ten.   Andererseits � Sie hatte einen ordentlichen Vorsprung, die J�gerwespen h�tten   sie erst einmal einholen m�ssen.</p><p>Ein widerw�rtiger, fauliger Geschmack erf�llt meinen Mund und das Wasser kann   ihn kaum vertreiben. Ich schleppe mich zu der Heckenkirsche und pfl�cke eine   Bl�te. Vorsichtig ziehe ich die Staubbl�tter hervor und lasse mir den   Nektartropfen auf die Zunge fallen. Die S��e verbreitet sich im Mund, l�uft die   Kehle hinunter und w�rmt meine Adern mit Erinnerungen an den Sommer, an meinen   Heimatwald und an Gale, der neben mir sitzt. Aus irgendeinem Grund muss ich an   unser Gespr�ch an jenem letzten Morgen denken.</p><p><emphasis>�Wir k�nnten es tun, wei�t du.�</emphasis></p><p>�Was?�</p><p>�Den Distrikt verlassen. Davonlaufen. Im Wald leben. Wir beide k�nnten es   schaffen, du und ich zusammen.�</p><p>Pl�tzlich denke ich nicht mehr an Gale, sondern an Peeta und � Peeta! <emphasis>Er   hat mir das Leben gerettet!, </emphasis>denke ich. Bei unserer letzten Begegnung h�tte   ich nicht sagen k�nnen, was Wirklichkeit war und was Halluzination. Aber wenn er   mir das Leben gerettet hat, und mein Gef�hl sagt mir, dass es so war, dann frage   ich mich, warum. Zieht er einfach die Loverboy-Geschichte durch, mit der er im   Interview begonnen hat? Oder wollte er mich wirklich besch�tzen? Und wenn ja,   warum hat er sich dann zuerst mit den Karrieretributen zusammengetan? Das ist   v�llig unlogisch.</p><p>Kurz �berlege ich, was Gale wohl von alldem halten mag, aber dann schiebe ich   das von mir fort. Aus irgendeinem Grund ist f�r Gale und Peeta in meinen   Gedanken nicht gleichzeitig Platz.</p><p>Lieber konzentriere ich mich auf das einzig Positive, das passiert ist, seit   ich in der Arena gelandet bin. Ich habe Pfeil und Bogen! Ein volles Dutzend   Pfeile, wenn man den einen, den ich aus dem Baumstamm gezogen habe, mitz�hlt.   Nirgends ist eine Spur von dem widerlichen gr�nen Schleim zu sehen, der aus   Glimmers K�rper quoll, weshalb ich annehme, dass diese Erinnerung nicht der   Wirklichkeit entspricht. Daf�r findet sich jede Menge getrocknetes Blut an den   Pfeilen. Sauber machen kann ich sie sp�ter, erst einmal schie�e ich f�r eine   Weile Pfeile in einen Baumstamm in der N�he. Sie �hneln mehr den Waffen im   Trainingscenter als denen zu Hause, aber was soll�s? Ich komme schon damit   zurecht.</p><p>Die Waffen ver�ndern meine Einstellung gegen�ber den Spielen v�llig. Ich   wei�, dass ich harte Gegner habe. Aber jetzt bin ich nicht mehr nur Beute, die   davonrennt oder sich versteckt oder ihr Heil in Verzweiflungstaten sucht. Wenn   Cato jetzt durchs Geb�sch herangest�rzt k�me, w�rde ich nicht fliehen. Ich   w�rde schie�en. Ich merke, dass ich mich auf diesen Augenblick regelrecht   freue.</p><p>Aber erst einmal muss ich wieder zu Kr�ften kommen. Ich bin wieder kurz vorm   Austrocknen und mein Wasservorrat ist gef�hrlich knapp. Das kleine Fettpolster,   das ich mir in der Vorbereitungszeit im Kapitol zugelegt hatte, ist dahin und   mit ihm noch ein paar weitere Pfunde. Ich glaube, meine H�ftknochen und Rippen   stehen noch mehr hervor als in den schrecklichen Monaten nach dem Tod meines   Vaters. Und dann sind da noch die l�stigen Wunden - Verbrennungen, Schnittwunden   und Bluterg�sse von Zusammenst��en mit B�umen, J�gerwespenstiche, die noch   immer so entz�ndet und geschwollen sind wie vorher. Die Verbrennungen behandele   ich mit der Salbe und trage auch ein bisschen davon auf die Stiche auf, doch die   Wirkung ist gleich null. Meine Mutter kannte eine Behandlungsmethode,   irgendein Kraut, das das Gift herauszog, aber sie musste es nur selten anwenden   und ich erinnere mich nicht an den Namen, geschweige denn daran, wie es   aussah.</p><p><emphasis>Zuerst Wasser, </emphasis>�berlege ich. <emphasis>Jagen kann ich jetzt unterwegs. </emphasis>Die Richtung, aus der ich gekommen bin, l�sst sich leicht anhand der Spur   der Zerst�rung ausfindig machen, die mein rasender K�rper im Gr�n hinterlassen   hat. Also gehe ich in die entgegengesetzte Richtung in der Hoffnung, dass meine   Gegner noch immer in der surrealen Welt des J�gerwespengifts gefangen   sind.</p><p>Besonders schnell komme ich nicht vorw�rts, abrupte Bewegungen machen meine   Gelenke nicht mit. Ich falle in den langsamen J�gergang, als w�rde ich Wild   verfolgen. Nach ein paar Minuten ersp�he ich ein Kaninchen und erlege meine   erste Beute mit Pfeil und Bogen. Kein Schuss durchs Auge wie sonst, aber ich   rege mich nicht dar�ber auf. Nach einer guten Stunde finde ich einen seichten,   breiten Bach, der f�r meine Bed�rfnisse v�llig gen�gt. Die Sonne brennt hei�   und unerbittlich, deshalb ziehe ich mich in der Zeit, in der das Jod wirkt, bis   auf die Unterw�sche aus und wate in den schwachen Strom. Ich bin von Kopf bis   Fu� verdreckt. Erst versuche ich, mich zu bespritzen, aber dann lege ich mich   einfach ein paar Minuten lang ins Wasser, damit es Ru� und Blut und die Haut   fortw�scht, die sich an den Verbrennungen sch�lt. Nachdem ich meine Kleider   ausgewaschen und zum Trocknen �ber die B�sche geh�ngt habe, setze ich mich eine   Weile ans Ufer in die Sonne und k�mme mit den Fingern mein Haar. Mein Appetit   kommt zur�ck und ich esse einen Kr�cker und einen Streifen Rindfleisch. Mit   einer Handvoll Moos reibe ich das Blut von meinen silbernen Waffen.</p><p>Erfrischt verarzte ich noch einmal meine Verbrennungen, flechte meinen Zopf   neu und steige in meine feuchten Kleider, die in der Sonne rasch trocknen   werden. Es scheint mir am vern�nftigsten, dem Bach gegen die Flie�richtung zu   folgen. Ich gehe nun bergan, was mir lieber ist, und der Bachlauf dient ja nicht   nur mir, sondern auch allem m�glichen Wild als Trinkwasserquelle. M�helos   erlege ich einen Vogel, bei dem es sich um einen wilden Truthahn oder etwas in   der Art handeln muss. Jedenfalls erscheint er mir ziemlich essbar. Am sp�ten   Nachmittag beschlie�e ich, ein kleines Feuer zu machen und das Fleisch zu   braten. In der D�mmerung wird der Rauch nicht so auffallen und bei Einbruch der   Nacht kann ich das Feuer wieder l�schen. Ich nehme das Wild aus und sehe mir den   Vogel besonders aufmerksam an, aber ich kann nichts Verd�chtiges an ihm   entdecken. In gerupftem Zustand ist er nicht gr��er als ein Huhn, aber er ist   drall und fest. Gerade als ich den ersten Teil auf die Glut lege, knackt ein   Zweig.</p><p>Mit einer einzigen Bewegung drehe ich mich um und lege Pfeil und Bogen an.   Niemand da. Oder wenigstens kann ich niemanden sehen. Dann entdecke ich hinter   einem Baumstamm die Spitze eines Kinderschuhs. Ich lasse die Schultern sinken   und grinse. Sie bewegt sich durch den Wald wie ein Schatten, das muss man ihr   lassen. Wie sonst h�tte sie mir folgen k�nnen? Die Worte kommen aus meinem Mund,   bevor ich sie aufhalten kann.</p><p>�Warum sollen sie die Einzigen sein, die B�ndnisse eingehen k�nnen?�, sage   ich.</p><p>Zuerst kommt keine Antwort. Dann sp�ht Rue mit einem Auge langsam hinter dem   Stamm hervor. �Ich soll deine Verb�ndete sein?�</p><p>�Warum nicht? Du hast mich vor diesen J�gerwespen gerettet. Du bist schlau   genug, um immer noch am Leben zu sein. Und offenbar kann ich dich sowieso nicht   absch�tteln�, sage ich. Sie blinzelt mich an und versucht sich zu   entscheiden.</p><p>�Hast du Hunger?� Ich sehe, wie sie tief Luft holt und ihr Blick zum Fleisch   schie�t. �Dann komm, ich hab heute zwei Tiere erlegt.�</p><p>Zaghaft tritt Rue ins Freie. �Ich kann deine Stiche verarzten.�</p><p>�Tats�chlich?�, sage ich. �Und wie?�</p><p>Sie kramt in dem B�ndel, das sie dabeihat, und holt ein B�schel Bl�tter   heraus. Ich bin fast sicher, dass es die gleichen sind, die meine Mutter   benutzt. �Wo hast du die gefunden?�</p><p>�Hier in der N�he. Wir nehmen sie immer mit, wenn wir in den Obstg�rten   arbeiten. Dort gibt es noch viele Nester�, sagt Rue. �Und hier gibt es auch   viele.�</p><p>�Das stimmt. Du bist Distrikt 11. Landwirtschaft�, sage ich. �Obstg�rten, hm?   Deshalb kannst du also durch die B�ume fliegen, als ob du Fl�gel h�ttest.� Rue   l�chelt. Offenbar habe ich eine der wenigen Sachen angesprochen, auf die sie   stolz ist. �Na, dann los. Verarzte mich.�</p><p>Ich setze mich neben das Feuer und krempele mein Hosenbein bis zu dem Stich   am Knie hoch. Zu meiner �berraschung nimmt Rue die Bl�tter in den Mund und kaut   darauf herum. Meine Mutter h�tte das anders gemacht, aber hier haben wir ja auch   nicht viele M�glichkeiten. Nach etwa einer Minute presst Rue eine klebrige gr�ne   Masse aus zerkauten Bl�ttern und Speichel auf mein Knie.</p><p>�Ohhh.� Der Laut entf�hrt mir, ehe ich ihn aufhalten kann. Es ist, als w�rden   die Bl�tter den Schmerz geradewegs aus dem Stich herausziehen.</p><p>Rue kichert. �Sei froh, dass du so schlau warst, die Stacheln zu entfernen,   sonst w�rd�s dir jetzt viel schlechter gehen.�</p><p>�Mach das am Hals! An der Wange!�, bettele ich fast.</p><p>Rue stopft sich wieder eine Handvoll Bl�tter in den Mund und schon bald lache   ich, weil die Linderung so guttut. Da sehe ich eine Brandwunde �ber die ganz   L�nge von Rues Unterarm. �Dagegen hab ich was.� Ich lege meine Waffen hin und   reibe ihren Arm mit der Brandsalbe ein.</p><p>�Du hast gute Sponsoren�, sagt sie sehns�chtig.</p><p>�Hast du schon was bekommen?�, frage ich. Sie sch�ttelt den Kopf. �Kommt   schon noch. Wirst sehen. Je n�her es dem Ende zu geht, desto mehr Leute werden   merken, wie clever du bist.� Ich drehe das Fleisch.</p><p>�Das war kein Scherz, dass du mich als Verb�ndete willst?�, fragt sie.</p><p>�Nein, das meine ich ernst�, antworte ich. Fast kann ich Haymitch aufst�hnen   h�ren, dass ich mich mit diesem zerbrechlichen Kind verb�nde. Aber ich will   sie. Denn sie ist eine �berlebende und ich vertraue ihr und - ja, warum es   nicht zugeben? Sie erinnert mich an Prim.</p><p>�Gut�, sagt sie und h�lt mir die Hand hin. Ich schlage ein. �Abgemacht.�</p><p>Nat�rlich kann diese Abmachung nur f�r eine bestimmte Dauer gelten, aber   keiner von uns erw�hnt das.</p><p>Rue steuert ein gro�es B�schel st�rkehaltige Wurzeln zur Mahlzeit bei. �ber   dem Feuer ger�stet, haben sie den scharfs��en Geschmack von Pastinaken. Rue   kennt auch den Vogel, irgendein Wildtier, das sie in ihrem Heimatdistrikt   Grusling nennen. Manchmal, erz�hlt sie, verirrt sich eine Schar in den   Obstgarten und dann bekommen sie eine anst�ndige Mahlzeit auf den Tisch. Eine   Zeit lang sagen wir nichts und schlagen uns nur die B�uche voll. Der Grusling   besitzt k�stliches Fleisch, das Fett tropft einem vom Kinn, wenn man   hineinbei�t.</p><p>�Oh�, sagt Rue und seufzt. �Ich hab noch nie ein ganzes Bein f�r mich allein   gehabt.�</p><p>Das glaube ich gern. Ich sch�tze, sie bekommt kaum Fleisch zu Gesicht. �Nimm   auch das andere�, sage ich.</p><p>�Wirklich?�, fragt sie.</p><p>�Nimm, so viel du willst. Jetzt, da ich Pfeil und Bogen habe, kann ich mehr   besorgen. Und ich habe Fallen. Ich kann dir zeigen, wie man sie stellt�, sage   ich. Rue betrachtet noch immer unentschlossen das Bein des Vogels. �Nun nimm   schon�, sage ich und dr�cke ihr die Keule in die Hand. �Es h�lt sich sowieso nur   ein paar Tage und wir haben den ganzen Vogel und noch das Kaninchen.� Sobald sie   das Bein in der Hand h�lt, siegt ihr Hunger und sie verschlingt einen riesigen   Bissen.</p><p>�Ich h�tte gedacht, ihr in Distrikt 11 habt ein bisschen mehr zu essen als   wir. Weil ihr doch Nahrungsmittel anbaut�, sage ich.</p><p>Rues Augen weiten sich. �Oh nein, wir d�rfen von der Ernte nichts essen.�</p><p>�Werdet ihr dann verhaftet oder was?�, frage ich.</p><p>�Man wird ausgepeitscht und die anderen m�ssen alle zuschauen�, sagt Rue.   �Da ist der B�rgermeister sehr streng.�</p><p>Aus ihrem Blick schlie�e ich, dass das nicht so selten vorkommt. Bei uns in   Distrikt 12 gibt es kaum �ffentliche Auspeitschungen. Streng genommen k�nnten   Gale und ich jeden Tag ausgepeitscht werden, weil wir im Wald wildern - na ja,   ganz streng genommen k�nnte es uns auch noch viel schlimmer ergehen. Aber die   Beamten kaufen ja alle unser Fleisch und abgesehen davon scheint unser   B�rgermeister, Madges Vater, wenig Gefallen an solchen Spektakeln zu finden.   Vielleicht hat es ja auch Vorteile, wenn man der am wenigsten angesehene,   �rmste, am meisten verspottete Distrikt des Landes ist. Zum Beispiel den, dass   man vom Kapitol ignoriert wird, solange man nur die Kohlequoten erf�llt.</p><p>�Bekommt ihr denn so viel Kohle, wie ihr wollt?�, fragt Rue.</p><p>�Nein�, antworte ich. �Nur, was wir kaufen plus die Kr�mel, die wir mit den   Schuhen ins Haus tragen.�</p><p>�W�hrend der Ernte bekommen wir ein bisschen mehr zu essen, damit die Leute   l�nger durchhalten�, sagt Rue.</p><p>�Musst du denn nicht zur Schule?�, frage ich.</p><p>�Nicht w�hrend der Ernte. Dann arbeiten alle�, sagt Rue.</p><p>Es ist interessant, etwas �ber ihr Leben zu erfahren. Wir haben ja kaum   Kontakt zu den Leuten au�erhalb unseres Distrikts. Ich frage mich, ob die   Spielmacher unsere Unterhaltung wohl ausblenden. Auch wenn die Informationen   harmlos erscheinen, die Leute in den einzelnen Distrikten sollen nichts �ber   die anderen erfahren.</p><p>Rue schl�gt vor, unsere Lebensmittel auszubreiten, damit wir planen k�nnen.   Sie hat meine ja schon gr��tenteils gesehen, aber ich lege noch die letzten paar   Kr�cker und Rindfleischstreifen auf den Stapel. Sie hat eine ansehnliche   Sammlung von Wurzeln, N�ssen, Gem�se und sogar Beeren angelegt.</p><p>Ich drehe eine unbekannte Beere zwischen den Fingern. �Bist du dir sicher,   dass man die essen kann?�</p><p>�Oh ja, die haben wir zu Hause auch. Die esse ich schon seit Tagen�, sagt sie   und steckt sich rasch eine Handvoll in den Mund. Z�gernd bei�e ich in eine Beere   und sie schmeckt so lecker wie unsere Brombeeren. Ich bin immer mehr davon   �berzeugt, dass es eine gute Entscheidung war, Rue zur Verb�ndeten zu nehmen.   Wir teilen unsere Vorr�te untereinander, damit wir, falls wir getrennt werden,   beide ein paar Tage damit auskommen. Au�er dem Essen besitzt Rue noch einen   kleinen Lederbeutel f�r Wasser, eine selbst gemachte Zwille und ein Extrapaar   Socken. Und sie hat eine scharfe Steinscherbe, die sie als Messer benutzt. �Das   ist nicht viel, ich wei߫, sagt sie, als w�re es ihr unangenehm, �aber ich   musste so schnell wie m�glich vom F�llhorn weg.�</p><p>�Daran hast du gut getan�, sage ich. Als ich meine Vorr�te ausbreite und sie   die Sonnenbrille sieht, verschl�gt es ihr fast den Atem.</p><p>�Woher hast du die denn?�, fragt sie.</p><p>�Aus meinem Rucksack. Ich konnte sie noch gar nicht verwenden. Sie h�lt die   Sonne nicht ab und erschwert die Sicht eher�, sage ich achselzuckend.</p><p>�Die ist nicht f�r tags�ber, die ist f�r nachts�, ruft Rue. �Manchmal, wenn   wir auch nachts ernten, geben sie denen von uns, die ganz hoch in die B�ume   hinaufklettern, dort, wo die Fackeln nicht hinreichen, solche Brillen. Einmal   hat ein Junge, Martin, versucht, seine zu behalten, und sie in der Hose   versteckt. Sie haben ihn auf der Stelle get�tet.�</p><p>�Sie haben einen Jungen get�tet, weil er so eine Brille geklaut hat?�, frage   ich.</p><p>�Ja, dabei wussten alle, dass von ihm keine Gefahr ausging. Martin war nicht   ganz richtig im Kopf. Er war wie ein Dreij�hriger. Er wollte mit der Brille nur   spielen�, sagt Rue.</p><p>Als ich das h�re, kommt mir Distrikt 12 vor wie ein sicherer Hafen. Ab und zu   fallen die Leute zwar vor Hunger um, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass   die Friedensw�chter ein zur�ckgebliebenes Kind t�ten w�rden. Bei uns gibt es   ein kleines M�dchen, eine von Greasy Saes Enkelinnen, die immer auf dem Hob   heruml�uft. Sie ist auch nicht ganz richtig im Kopf, aber sie wird wie eine Art   Haustier behandelt. Die Leute werfen ihr Essensreste und andere Sachen hin.</p><p>�Und wozu kann man die gebrauchen?�, frage ich Rue und greife nach der   Brille.</p><p>�Damit kann man bei v�lliger Dunkelheit sehen�, sagt Rue. �Setz sie mal heute   Abend auf, wenn die Sonne untergeht.�</p><p>Ich gebe Rue ein paar Streichh�lzer ab und sie versorgt mich mit ausreichend   Bl�ttern f�r den Fall, dass meine Stiche sich wieder entz�nden. Wir l�schen das   Feuer und gehen weiter stromaufw�rts, bis es fast Nacht ist.</p><p>�Wo schl�fst du?�, frage ich sie. �Auf den B�umen?� Sie nickt. �Nur mit der   Jacke?�</p><p>Rue h�lt das Ersatzpaar Socken in die H�he. �Die nehme ich f�r die   H�nde.�</p><p>Ich denke daran, wie kalt die N�chte gewesen sind. �Du kannst mit in meinen   Schlafsack, wenn du m�chtest. Da passen wir problemlos beide rein.� Ihre Miene   hellt sich auf. Das ist mehr, als sie gehofft hatte.</p><p>Wir suchen uns eine Astgabel hoch oben in einem Baum aus und haben es uns   gerade gem�tlich gemacht, als die Hymne erklingt. Keine Toten heute.</p><p>�Rue, ich bin erst heute wieder zu mir gekommen. Wie viele N�chte habe ich   verpasst?� Die Hymne m�sste unsere Worte eigentlich �bert�nen, aber ich fl�stere   trotzdem. Ich bin sogar so vorsichtig, die Lippen hinter den H�nden zu   verbergen. Ich m�chte nicht, dass die Zuschauer erfahren, was ich ihr �ber Peeta   erz�hlen will. Rue macht es mir nach.</p><p>�Zwei�, sagt sie. �Die M�dchen aus Distrikt 1 und 4 sind tot. Jetzt sind wir   noch zu zehnt.�</p><p>�Es ist etwas Komisches passiert. Zumindest glaube ich, dass es passiert ist.   Es kann aber auch sein, dass ich es mir durch das J�gerwespengift eingebildet   habe�, sage ich. �Kennst du den Jungen aus meinem Distrikt? Peeta? Ich glaube,   er hat mir das Leben gerettet. Aber er war mit den Karrieros zusammen.�</p><p>�Jetzt ist er nicht mehr mit ihnen zusammen�, sagt sie. �Ich habe ihr   Basislager am See ausspioniert. Sie haben es dorthin geschafft, bevor sie unter   den Stichen zusammengebrochen sind. Aber er ist nicht da. Vielleicht musste er   fliehen, nachdem er dich gerettet hat.�</p><p>Darauf sage ich nichts. Sollte Peeta mir tats�chlich das Leben gerettet   haben, dann stehe ich schon wieder in seiner Schuld. Eine Schuld, die ich nicht   zur�ckzahlen kann. �Wenn er es getan hat, dann war das wahrscheinlich nur Teil   seiner Show. Damit die Leute denken, er w�re in mich verliebt, wei�t du?�</p><p>�Ach�, sagt Rue nachdenklich. �Ich glaube nicht, dass das Show war.�</p><p>�Doch, nat�rlich�, sage ich. �Er hat das alles mit unserem Mentor   ausget�ftelt.� Die Hymne endet und der Himmel verd�stert sich. �Lass uns die   Brille ausprobieren.� Ich ziehe sie hervor und setze sie auf. Rue hat die   Wahrheit gesagt. Ich kann alles sehen, die Bl�tter am Baum ebenso wie ein   Stinktier, das gut f�nfzehn Meter entfernt durchs Geb�sch streift. Wenn ich   wollte, k�nnte ich es von hier aus t�ten. Jeden k�nnte ich t�ten.</p><p>�Ich frage mich, ob die anderen auch so eine haben�, sage ich.</p><p>�Die Karrieros haben zwei. Aber in ihrem Lager am See haben sie sowieso   alles�, sagt Rue. �Und sie sind unheimlich stark.�</p><p>�Wir sind auch stark�, sage ich. �Nur auf andere Weise.�</p><p>�Du bist stark. Du kannst schie�en�, sagt sie. �Aber was kann ich schon?�</p><p>�Du kannst dich ern�hren. K�nnen die das?�, frage ich.</p><p>�Sie m�ssen es nicht. Sie haben jede Menge Vorr�te�, sagt Rue.</p><p>�Nehmen wir mal an, sie h�tten keine. Nehmen wir an, die Vorr�te w�ren weg.   Wie lange k�nnten sie durchhalten?�, sage ich. �Es hei�t nicht umsonst   &gt;Hungerspiele&lt;, oder?�</p><p>�Aber Katniss, sie haben keinen Hunger�, sagt Rue.</p><p>�Nein, haben sie nicht. Das ist das Problem�, stimme ich zu. Und zum ersten   Mal habe ich einen Plan. Einen Plan, der nicht nur darauf abzielt, zu fliehen   oder m�glichst jede Begegnung zu vermeiden. Einen Angriffsplan. �Ich finde, das   sollten wir �ndern, Rue.�</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>16</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Rue hat sich entschlossen, mir voll und ganz zu vertrauen. Das merke ich   daran, dass sie sich sofort an mich kuschelt und einschl�ft, als die Hymne   verklingt. Auch ich hege, was sie betrifft, keinerlei Zweifel und treffe keine   besonderen Vorsichtsma�nahmen. H�tte sie meinen Tod gewollt, dann h�tte sie nur   aus dem Baum verschwinden m�ssen, ohne mir das J�gerwespennest zu zeigen. Was   insgeheim an mir nagt, ist das Offensichtliche: Wir k�nnen nicht beide die   Spiele gewinnen. Aber da die Chancen bis jetzt f�r keine von uns gut stehen,   kann ich diesen Gedanken verdr�ngen.</p><p>Sowieso bin ich ganz mit der Frage besch�ftigt, was ich mit den Vorr�ten der   Karrieros anstellen soll. Irgendwie m�ssen Rue und ich einen Weg finden, ihre   Lebensmittel zu vernichten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es f�r sie   ungleich h�rter wird, wenn sie sich selbst ern�hren m�ssen. Traditionell ist es   die Strategie der Karrieretribute, sich fr�hzeitig s�mtliche Essensvorr�te zu   sichern und sie als Grundlage zu nutzen. Wenn �berhaupt einmal Tribute aus   anderen Distrikten gesiegt haben, dann in den Jahren, in denen die Karrieros   nicht gut genug auf ihre Vorr�te aufgepasst haben: Einmal wurden sie von   abscheulichen Reptilien gefressen, ein andermal von einer Flutwelle der   Spielmacher fortgesp�lt. Eigentlich ist es f�r die Karrieretribute ein Nachteil,   dass sie immer genug zu essen hatten, denn so wissen sie nicht, was Hunger ist.   Im Gegensatz zu Rue und mir.</p><p>Aber ich bin zu ersch�pft, um heute Nacht noch einen Plan auszuarbeiten.   Meine heilenden Wunden, mein Hirn, das vom Gift noch immer ein wenig benebelt   ist, und Rues W�rme neben mir, ihr Kopf, der sich an meine Schulter schmiegt,   geben mir ein Gef�hl der Sicherheit. Zum ersten Mal merke ich, wie einsam ich in   der Arena gewesen bin. Wie tr�stlich die Anwesenheit eines anderen Menschen sein   kann. Ich ergebe mich der M�digkeit, entschlossen, morgen den Spie� umzudrehen.   Ab morgen werden sich die Karrieros in Acht nehmen m�ssen.</p><p>Der Knall rei�t mich schlagartig aus dem Schlaf. Am Himmel zeigen sich helle   Streifen, die V�gel zwitschern schon. Rue hockt mir gegen�ber auf einem Ast und   h�lt etwas in den H�nden. Wir warten, ob noch mehr Sch�sse ert�nen, aber es   kommen keine.</p><p>�Was glaubst du, wer das war?� Unwillk�rlich denke ich an Peeta.</p><p>�Ich wei� nicht. Es kann jeder gewesen sein�, sagt Rue. �Heute Abend werden   wir es erfahren.� �Wer ist denn noch dabei?�, frage ich.</p><p>�Der Junge aus Distrikt 1. Beide Tribute aus 2. Der Junge aus 3. Thresh und   ich. Und du und Peeta�, sagt Rue. �Das macht acht. Warte, dann ist da noch der   Junge aus 10, der mit dem lahmen Bein. Mit ihm sind�s neun.�</p><p>Einer fehlt noch, aber wir kommen beide nicht darauf, wer.</p><p>�Wie der hier wohl gestorben ist�, sagt Rue.</p><p>�Keine Ahnung�, sage ich. �Aber es ist gut f�r uns. Ein Tod h�lt die Leute   eine Weile bei der Stange. Vielleicht haben wir noch genug Zeit, um etwas zu   unternehmen, bevor die Spielmacher beschlie�en, dass die Sache zu lahm wird.   Was hast du da in den H�nden?�</p><p>�Fr�hst�ck�, sagt Rue. Sie streckt die H�nde aus, zwei Eier sind darin.</p><p>�Was sind das f�r welche?�, frage ich.</p><p>�Ich wei� nicht. In der Richtung ist ein Sumpfgel�nde. Irgendein   Wasservogel�, sagt sie.</p><p>Es w�re zu sch�n, wenn wir sie kochen k�nnten, aber ein Feuer ist uns zu   riskant. Ich tippe, dass der Tribut, der heute gestorben ist, ein Opfer der   Karrieros geworden ist. Das bedeutet, dass sie sich genug erholt haben, um   wieder im Spiel zu sein. Wir saugen die Eier aus, essen einen Kaninchenschenkel   und ein paar Beeren. Ein Fr�hst�ck, das �berall schmecken w�rde.</p><p>�Bist du bereit?�, frage ich und schultere meinen Rucksack.</p><p>�Bereit wof�r?�, fragt Rue zur�ck, aber an der Art, wie sie aufspringt, sehe   ich, dass sie alles mitmachen w�rde, was ich vorschlage.</p><p>�Heute sind die Lebensmittelvorr�te der Karrieros dran�, sage ich.</p><p>�Echt? Und wie?� Ihre Augen leuchten aufgeregt. Darin ist sie das genaue   Gegenteil von Prim, f�r die Abenteuer eine Qual sind.</p><p>�Ich hab keinen blassen Schimmer. Wir �berlegen uns einen Plan, w�hrend wir   jagen�, sage ich.</p><p>Doch zum Jagen kommen wir kaum, weil ich zu sehr damit besch�ftigt bin, jede   noch so kleine Information �ber das Lager der Karrieros aus Rue   herauszuquetschen. Sie hat es nur kurz ausspioniert, aber sie ist eine gute   Beobachterin. Sie haben ihr Lager am See aufgeschlagen. Das Versteck mit den   Vorr�ten ist rund drei�ig Meter vom Lager entfernt. Tags�ber lassen sie einen   Tribut, den Jungen aus Distrikt 3, als Wache zur�ck.</p><p>�Den Jungen aus Distrikt 3?�, frage ich. �Der macht bei denen mit?�</p><p>�Ja, er bleibt die ganze Zeit im Lager. Er ist auch gestochen worden, als die   J�gerwespen sie bis zum See verfolgt haben�, sagt Rue. �Wahrscheinlich lassen   sie ihn unter der Bedingung am Leben, dass er ihnen als Wache dient. Aber er ist   nicht besonders kr�ftig.�</p><p>�Was hat er f�r Waffen?�, frage ich.</p><p>�Ich hab nicht viele gesehen. Einen Speer. Damit mag er vielleicht ein paar   von uns anderen fernhalten, aber Thresh k�nnte ihn leicht t�ten�, sagt Rue.</p><p>�Und das Essen liegt einfach so da, unter freiem Himmel?�, frage ich. Sie   nickt. �Irgendetwas ist da faul.�</p><p>�Ich wei�. Nur kann ich dir nicht genau sagen, was�, sagt Rue. �Aber   angenommen, du schaffst es zu den Lebensmitteln, Katniss, wie willst du sie   vernichten?�</p><p>�Verbrennen. Im See versenken. Benzin dr�bergie�en.� Ich knuffe Rue in den   Bauch, wie ich es mit Prim machen w�rde. �Aufessen!� Sie kichert. �Keine Sorge.   Ich lass mir schon was einfallen. Dinge zu zerst�ren ist viel leichter, als sie   zu erschaffen.�</p><p>Eine Weile graben wir Wurzeln aus, sammeln Beeren und Gem�se, ersinnen mit   ged�mpften Stimmen Strategien. Und ich lerne Rue kennen, das �lteste von sechs   Kindern, das sich sch�tzend vor seine Geschwister stellt, das den J�ngeren die   eigene Ration gibt und auf den Wiesen nach Essen sucht, in einem Distrikt, in   dem die Friedensw�chter weit weniger nachsichtig sind als bei uns. Rue, die auf   die Frage, was sie am meisten auf der Welt liebt, antwortet: �Musik.�</p><p>�Musik?�, frage ich. Musik steht in unserer Welt, was den praktischen Nutzen   angeht, f�r mich irgendwo zwischen Haarb�ndern und Regenbogen. Ein Regenbogen   sagt wenigstens noch etwas �ber das Wetter aus. �Hast du viel Zeit daf�r?�</p><p>�Zu Hause singen wir. Und bei der Arbeit auch. Deshalb gef�llt mir deine   Brosche�, sagt sie und deutet auf den Spottt�lpel, den ich schon wieder ganz   vergessen hatte.</p><p>�Habt ihr Spottt�lpel?�, frage ich.</p><p>�Oh ja. Sie sind meine besten Freunde. Wir k�nnen stundenlang singen. Sie   �berbringen Botschaften f�r mich�, sagt sie. �Was soll das hei�en?�, frage   ich.</p><p>�Ich klettere meist am h�chsten in die B�ume, deshalb sehe ich als Erste die   Fahne, die den Feierabend anzeigt. Dann singe ich eine bestimmte Melodie�, sagt   Rue. Sie �ffnet den Mund und singt mit zarter, klarer Stimme eine Folge von vier   T�nen. �Und die Spottt�lpel tragen sie durch den Obstgarten. So wei� jeder, dass   es Zeit ist, aufzuh�ren�, f�hrt sie fort. �Wenn man ihren Nestern zu nahe kommt,   k�nnen sie allerdings auch ganz sch�n gef�hrlich werden. Aber das kann man ihnen   nicht vorwerfen.�</p><p>Ich l�se die Brosche und halte sie ihr hin. �Hier, nimm. F�r dich hat sie   mehr Bedeutung als f�r mich.�</p><p>�Oh nein�, sagt Rue und schlie�t meine Finger wieder �ber der Brosche. �Ich   sehe sie gern an dir. Ihretwegen habe ich beschlossen, dass ich dir vertrauen   kann. Und au�erdem habe ich das hier.� Sie kramt ein aus Grasfasern geflochtenes   Halsband unter dem Hemd hervor. Daran h�ngt ein grob geschnitzter Holzstern.   Vielleicht ist es auch eine Blume. �Ein Talisman.�</p><p>�Na, bisher hat er ja geholfen�, sage ich und stecke mir die Brosche wieder   ans Hemd. �Dann bleib am besten dabei.�</p><p>Gegen Mittag haben wir einen Plan ausgearbeitet. Am fr�hen Nachmittag sind   wir bereit, ihn in die Tat umzusetzen. Ich helfe Rue dabei, das Holz f�r die   ersten beiden Lagerfeuer zu sammeln und aufzuschichten, das dritte kann sie   allein schaffen. Wir beschlie�en, uns hinterher dort zu treffen, wo wir zum   ersten Mal zusammen gegessen haben. Der Bach d�rfte mir helfen, die Stelle   wiederzufinden. Bevor ich aufbreche, stelle ich sicher, dass Rue ausreichend mit   Essen und Streichh�lzern versorgt ist. Ich bestehe sogar darauf, dass sie meinen   Schlafsack nimmt, falls wir uns nicht vor Einbruch der Nacht wiedertreffen.</p><p>�Und was ist mit dir? Wirst du nicht frieren?�, fragt sie.</p><p>�Ich kann ja einen Schlafsack von den Karrieros mitgehen lassen. Stehlen ist   hier nicht verboten�, sage ich grinsend.</p><p>In letzter Minute m�chte Rue mir noch das Spottt�lpelsignal beibringen, mit   dem sie zu Hause den Feierabend einl�utet. �Vielleicht funktioniert es nicht.   Aber wenn du die Spottt�lpel singen h�rst, dann wei�t du, dass mit mir alles in   Ordnung ist und ich nur nicht sofort kommen kann.�</p><p>�Gibt es hier denn Spottt�lpel?�, frage ich.</p><p>�Hast du sie nicht gesehen? Sie haben ihre Nester �berall�, sagt sie. Ich   muss zugeben, dass ich sie nicht bemerkt habe.</p><p>�Also dann. Wenn alles l�uft wie geplant, sehen wir uns zum Abendessen   wieder�, sage ich.</p><p>Ohne Vorwarnung schlingt Rue die Arme um mich. Ich z�gere kurz, dann dr�cke   ich sie auch.</p><p>�Sei vorsichtig�, ermahnt sie mich.</p><p>�Du auch�, sage ich, dann drehe ich mich um und gehe in Richtung Bach. Ich   mache mir Sorgen. Dass Rue get�tet werden k�nnte, dass Rue nicht get�tet wird   und wir beide als Letzte �brig bleiben, dass ich Rue allein lasse, dass ich Prim   allein zu Hause gelassen habe. Nein, Prim hat meine Mutter und Gale und einen   B�cker, der versprochen hat, dass sie nicht hungern wird. Rue hat nur mich.</p><p>Ich folge dem Bach stromabw�rts bis zu der Stelle, wo ich nach der   J�gerwespenattacke losgegangen bin. Ich muss aufpassen, denn ich merke, dass   meine Gedanken um lauter offene Fragen kreisen, von denen die meisten mit Peeta   zu tun haben. Hat die Kanone, die heute fr�h abgefeuert wurde, seinen Tod   verk�ndet? Und wenn ja, wie ist er gestorben? Durch die Hand eines Karrieros?   Aus Rache, weil er mich am Leben gelassen hat? Ich versuche mich wieder an den   Moment zu erinnern, als ich mich �ber Glimmers K�rper beugte und Peeta zwischen   den B�umen auftauchte. Doch schon die Tatsache, dass er in meiner Erinnerung   glitzert, l�sst mich an dem Geschehenen zweifeln.</p><p>Ich kann gestern nur langsam vorangekommen sein, denn schon nach wenigen   Stunden erreiche ich die flache Stelle, wo ich gebadet habe. Ich mache Rast, um   meinen Wasservorrat aufzuf�llen, und trage eine neue Schlammschicht auf meinen   Rucksack auf. Wie oft ich das auch mache, er scheint unbedingt wieder   orangefarben werden zu wollen.</p><p>Die N�he zum Lager der Karrieros sch�rft meine Sinne, und je n�her ich ihnen   komme, desto mehr bin ich auf der Hut; ich bleibe h�ufig stehen und lausche auf   ungew�hnliche Ger�usche, w�hrend ich schon einen Pfeil in die Sehne eingelegt   habe. Tribute sehe ich keine, aber mir f�llt einiges auf, was Rue erw�hnt hat.   Stellen, an denen die s��en Beeren wachsen. Ein Strauch mit den Bl�ttern, die   meine Stiche geheilt haben. Haufenweise J�gerwespennester in der N�he des   Baums, auf dem ich gefangen sa�. Und hier und da blitzt ein schwarz-wei�er   Spottt�lpelfl�gel zwischen den �sten hoch �ber mir auf.</p><p>Als ich zu dem Baum mit dem verlassenen Wespennest darunter komme, lege ich   eine Pause ein, um Mut zu sammeln. Rue hat mir genau beschrieben, wie ich von   hier aus zum besten Sp�hposten beim See komme. <emphasis>Denk dran, </emphasis>befehle ich   mir. <emphasis>Jetzt bist du der J�ger, nicht sie. </emphasis>Ich fasse den Bogen fester und   gehe weiter. Ich erreiche das Dickicht, das Rue erw�hnt hat, und wieder muss ich   ihre Klugheit bewundern. Das Dickicht befindet sich direkt am Waldrand, aber das   buschartige Blattwerk ist bis zum Boden so dicht, dass ich das Lager der   Karrieros m�helos beobachten kann, ohne selbst gesehen zu werden. Zwischen uns   erstreckt sich die ebene Fl�che, wo die Spiele begonnen haben.</p><p>Ich sehe vier Tribute. Den Jungen aus Distrikt 1, Cato und das M�dchen aus   Distrikt 3 sowie einen d�rren, aschfahlen Jungen. Das muss der Junge aus   Distrikt 3 sein. W�hrend unseres Aufenthalts im Kapitol hat er keinen bleibenden   Eindruck bei mir hinterlassen. Ich kann mich an fast nichts erinnern, weder an   sein Kost�m noch an seine Trainingsbewertung noch an sein Interview. Auch jetzt,   wie er dasitzt und an einer Plastikdose herumfummelt, f�hrt die Anwesenheit   seiner gro�en, dominanten Gef�hrten dazu, dass man ihn fast �bersieht. Aber   irgendwas muss er doch gehabt haben, sonst h�tten sie ihn bestimmt nicht am   Leben gelassen. Doch wenn ich ihn so sehe, vergr��ert das nur mein Unbehagen   dar�ber, dass die Karrieros ihn als Wache einsetzen, dass sie ihm �berhaupt   erlauben, weiterzuleben.</p><p>Wie es aussieht, m�ssen sich die vier Tribute immer noch vom Angriff der   J�gerwespen erholen. Selbst von meinem Versteck aus kann ich die geschwollenen   Beulen an ihren K�rpern sehen. Offenbar waren sie nicht so schlau, die Stacheln   herauszuziehen, oder wenn, dann wussten sie nichts von den Bl�ttern, mit denen   man die Stiche heilen kann. Die Arzneien aus dem F�llhorn scheinen nicht   geholfen zu haben.</p><p>Das F�llhorn steht noch immer an seinem Platz, aber es ist leer. Fast alle   Vorr�te in Kisten, Jutes�cken und Plastiktonnen sind fein s�uberlich zu einer   Pyramide aufgestapelt, die verd�chtig weit vom Lager entfernt aufragt. Rings um   die Pyramide liegen hier und da weitere Vorr�te, fast als sollte die   urspr�ngliche Anordnung zu Beginn der Spiele, mit dem F�llhorn in der Mitte,   kopiert werden. Die Pyramide selbst wird von einem Netz bedeckt, das aber   h�chstens V�gel fernhalten k�nnte.</p><p>Die ganze Anlage ist �u�erst verwirrend. Die Entfernung zum Lager, das Netz   und die Anwesenheit des Jungen aus Distrikt 3. Eins ist sicher: Diese Vorr�te   zu zerst�ren wird nicht so einfach, wie es aussieht. Irgendetwas stimmt da nicht   und ich tue gut daran, in meinem Versteck zu bleiben, bis ich herausgefunden   habe, was. Ich vermute, dass in der Pyramide eine Bombe oder so was versteckt   ist. Ich male mir Fallgruben aus, herunterst�rzende Netze, eine Schnur, die   einen vergifteten Pfeil ausl�st, wenn sie zerrissen wird. Es gibt unendlich   viele M�glichkeiten.</p><p>W�hrend ich die verschiedenen Alternativen abw�ge, h�re ich Cato rufen. Er   deutet auf den Wald in der Ferne und ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen,   dass Rue das erste Feuer angez�ndet hat. Wir haben extra viel gr�nes Holz   gesammelt, damit man den Qualm auch sch�n sieht. Sofort greifen die Karrieros   zu den Waffen.</p><p>Ein heftiger Streit bricht aus. Es geht darum, ob der Junge aus Distrikt 3   bleiben oder sie begleiten soll.</p><p>�Er kommt mit. Wir brauchen ihn im Wald und hier gibt es f�r ihn sowieso   nichts mehr zu tun. An die Vorr�te kommt keiner ran�, sagt Cato.</p><p>�Und was ist mit unserem Loverboy?�, fragt der Junge aus Distrikt 1.</p><p>�Den kannst du vergessen, habe ich dir doch gesagt. Ich wei�, wo ich ihn   getroffen habe. Ein Wunder, dass er noch nicht verblutet ist. Jedenfalls ist er   bestimmt nicht in der Verfassung, um uns zu �berfallen�, sagt Cato.</p><p>Peeta liegt also schwer verletzt irgendwo drau�en im Wald. Aber weshalb er   die Karrieros verraten hat, wei� ich immer noch nicht.</p><p>�Vorw�rts�, sagt Cato. Er dr�ckt dem Jungen aus Distrikt 3 einen Speer in die   Hand und sie machen sich auf den Weg zum Feuer. Das Letzte, was ich h�re, als   sie im Wald verschwinden, ist Catos Stimme: �Wenn wir sie finden, mache ich sie   auf meine Weise kalt. Dass mir da keiner in die Quere kommt.�</p><p>Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht Rue meint. Schlie�lich hat sie   kein J�gerwespennest auf ihn herunterfallen lassen.</p><p>Eine halbe Stunde bleibe ich, wo ich bin, und �berlege, wie ich mit den   Vorr�ten verfahren soll. Mit Pfeil und Bogen habe ich den Vorteil, Entfernungen   �berwinden zu k�nnen. Ich k�nnte m�helos einen brennenden Pfeil in die Pyramide   schie�en - ich bin zielsicher genug, um durch eine der �ffnungen im Netz zu   treffen -, aber es ist nicht gesagt, dass sie Feuer fangen w�rde. Wahrscheinlich   w�rde nur der Pfeil selbst verbrennen, und was dann? Ich h�tte nichts erreicht   und zugleich zu viel �ber mich preisgegeben: dass ich hier war, dass ich eine   Komplizin habe, dass ich gut mit Pfeil und Bogen umgehen kann.</p><p>Mir bleibt keine Wahl. Ich muss n�her heran und herausfinden, wie die   Vorr�te genau gesch�tzt sind. Ich will gerade meine Deckung verlassen, als ich   eine Bewegung bemerke. Ein paar Hundert Meter rechts von mir sehe ich jemanden   aus dem Wald kommen. Einen Augenblick lang denke ich, es ist Rue, aber dann   erkenne ich Fuchsgesicht, die sich da auf die Ebene schleicht - sie ist es, die   uns heute Morgen nicht mehr einfiel. Als sie beschlie�t, dass die Luft rein ist,   rennt sie mit kleinen schnellen Schritten zu der Pyramide. Kurz bevor sie die   Vorr�te erreicht, die rings um die Pyramide verstreut liegen, bleibt sie stehen,   untersucht den Boden und setzt den Fu� vorsichtig auf. Dann n�hert sie sich der   Pyramide mit einem merkw�rdigen Tanz aus kleinen H�pfern. Mal bleibt sie leicht   schwankend auf einem Fu� stehen, mal riskiert sie ein paar Schritte   hintereinander. Einmal springt sie hoch �ber ein kleines Fass und landet auf   den Zehenspitzen. Aber sie hat sich ein bisschen verrechnet und der Schwung   rei�t sie nach vorn. Als ihre H�nde den Boden ber�hren, st��t sie einen   schrillen Schrei aus, doch nichts geschieht. Im Nu ist sie wieder auf den Beinen   und macht weiter, bis sie den Haufen mit den Vorr�ten erreicht hat.</p><p>Ich hatte also recht mit der Sprengfalle, aber ganz offensichtlich ist die   Sache komplexer, als ich dachte. Auch was das M�dchen betrifft, lag ich   richtig. Wie gerissen muss sie sein, wenn sie diesen Pfad zu den Lebensmitteln   entdeckt hat und in der Lage ist, ihm so geschickt zu folgen? Sie greift in   verschiedene Beh�lter und beginnt ihren Rucksack zu f�llen: Kr�cker aus einer   Kiste, ein paar �pfel aus einem Jutesack, der an einem Seil neben einer Tonne   herunterh�ngt. Aber immer nur eine Handvoll, damit nicht auff�llt, dass etwas   fehlt. Um keinen Verdacht zu erregen. Anschlie�end vollf�hrt sie ihren kleinen   Tanz zur�ck und huscht unversehrt wieder in den Wald.</p><p>Ich merke, wie ich w�tend mit den Z�hnen knirsche. Fuchsgesicht hat   best�tigt, was ich mir schon gedacht hatte. Was f�r eine Falle ist das, die so   viel Geschick erfordert? Die so viele Ausl�ser besitzt? Warum hat Fuchsgesicht   so aufgeschrien, als ihre Hand den Boden ber�hrte? Man h�tte meinen k�nnen �   Langsam d�mmert es mir � Man h�tte meinen k�nnen, der ganze Boden w�rde   explodieren.</p><p>�Da sind Minen drin�, fl�stere ich. Das erkl�rt alles. Warum die Karrieros   ihre Vorr�te unbewacht zur�cklassen, warum sich Fuchsgesicht so verhalten hat,   die Rolle des Jungen aus Distrikt 3, wo es Fabriken gibt, in denen Fernseher   und Autos hergestellt werden und - Sprengstoff. Aber woher hat er die Minen?   Aus dem F�llhorn kaum, denn derartige Waffen stellen die Spielmacher   normalerweise nicht zur Verf�gung. Sie sehen es lieber, wenn die Tribute selbst   Hand anlegen. Ich verlasse mein Versteck zwischen den Str�uchern und husche zu   einer der runden Metallplatten, die uns am ersten Tag in die Arena bef�rdert   haben. Der Boden rundherum ist aufgegraben und dann wieder festgestampft   worden. Die Minen sind nach den sechzig Sekunden, die wir auf den Scheiben   stehen bleiben mussten, deaktiviert worden, aber der Junge aus Distrikt 3 muss   sie irgendwie wieder scharf gemacht haben. Ich habe noch nie erlebt, dass   jemand in den Spielen das getan h�tte. Ich wette, das war auch f�r die   Spielmacher ein Schock.</p><p>Hut ab vor dem Jungen aus Distrikt 3, weil er ihnen ein Schnippchen   geschlagen hat, aber was soll ich jetzt machen? Ich kann mich nicht in dieses   Gewirr begeben, ohne selbst in die Luft zu fliegen. Einen brennenden Pfeil   hineinzuschie�en ist l�cherlicher denn je. Die Minen werden durch Kontakt   ausgel�st. Der geringste Druck gen�gt. In einem Jahr hat ein M�dchen ihr   Andenken, einen kleinen Holzball, fallen gelassen, w�hrend sie auf der Scheibe   stand, und danach hat man ihre �berreste buchst�blich vom Boden aufkratzen   m�ssen.</p><p>Mein Arm ist wieder so weit in Ordnung, dass ich vielleicht ein paar Steine   in den Kreis werfen und etwas ausl�sen k�nnte, aber was? Eine Mine? Das k�nnte   zu einer Kettenreaktion f�hren. Oder? Oder hat der Junge aus Distrikt 3 die   Minen so platziert, dass sie sich nicht gegenseitig ausl�sen? Damit der   Eindringling get�tet wird, die Vorr�te jedoch unversehrt bleiben. Au�erdem   w�rde eine Mine gen�gen, um mir die Karrieros todsicher wieder auf den Hals zu   hetzen. Und �berhaupt, was bilde ich mir eigentlich ein? Das Netz ist eindeutig   dazu da, einen solchen Angriff abzuwehren. Abgesehen davon m�sste ich mindestens   drei�ig Steine auf einmal in den Kreis werfen, um eine Kettenreaktion   auszul�sen, die alles zerst�rt.</p><p>Ich schaue zur�ck zum Wald. Der Rauch von Rues zweitem Feuer schwebt gen   Himmel. Jetzt werden die Karrieros wahrscheinlich Verdacht sch�pfen, dass es   sich um einen Trick handelt. Die Zeit wird knapp.</p><p>Es gibt eine L�sung, ich wei�, dass es sie gibt, wenn ich nur ganz scharf   nachdenke. Ich starre auf die Pyramide, die Tonne, die Kisten, die zu schwer   sind, um sie mit einem Pfeil umzust�rzen. Vielleicht enth�lt einer der Beh�lter   Speise�l und eine Zeit lang w�lze ich wieder die Idee mit dem brennenden Pfeil,   bis mir klar wird, dass ich auf diese Weise alle zw�lf Pfeile verlieren k�nnte,   ohne einen Treffer in einem �lfass zu landen, denn ich m�sste ja aufs Geratewohl   schie�en. Naiv �berlege ich, ob ich einfach Fuchsgesichts Schritten folgen   k�nnte, um an der Pyramide eine L�sung zu finden, wie sie sich zerst�ren lie�e,   als mein Blick an dem Sack �pfel h�ngen bleibt. Das Seil k�nnte ich mit einem   Schuss durchtrennen, habe ich nicht genau das im Trainingscenter getan? Der Sack   ist zwar gro�, aber vielleicht reicht er trotzdem nur f�r eine einzige   Explosion. Wenn ich nur die �pfel daraus befreien k�nnte �</p><p>Jetzt wei� ich, was zu tun ist. Ich gehe bis auf Schussweite heran und   gestehe mir drei Pfeile f�r die Aufgabe zu. Sorgf�ltig �berpr�fe ich meinen   Stand, vergesse den Rest der Welt und ziele so sorgf�ltig wie m�glich. Der erste   Pfeil trifft den Sack im oberen Teil und rei�t seitlich einen Schlitz in den   Stoff. Der zweite erweitert den Schlitz zu einem klaffenden Loch. Ich sehe einen   Apfel herauskullern und schie�e den dritten Pfeil ab, der den abgerissenen   Stofffetzen erwischt und aus dem Sack rei�t.</p><p>Einen Augenblick lang scheint die Welt wie erstarrt. Dann ergie�en sich die   �pfel �ber den Boden und ich werde r�ckw�rts in die Luft geschleudert.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>17</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Der Aufprall auf dem festgestampften Boden der Ebene nimmt mir den Atem. Mein   Rucksack federt den Schlag kaum ab. Zum Gl�ck hat sich der K�cher in der   Armbeuge verfangen, was sowohl meine Schulter sch�tzt als auch ihn selbst, und   meinen Bogen lasse ich sowieso nicht los. Der Erdboden wird noch immer von   Explosionen ersch�ttert. Ich kann sie nicht h�ren. F�rs Erste kann ich gar   nichts h�ren. Aber die �pfel m�ssen genug Minen ausgel�st haben, dass die   umherfliegenden Tr�mmer die anderen Minen zur Explosion bringen. Ich sch�tze   mein Gesicht mit den Armen vor den teilweise brennenden Brocken, die auf mich   herabregnen. Scharfer Rauch h�ngt in der Luft - nicht gerade g�nstig f�r   jemanden, der nach Luft ringt.</p><p>Nach gut einer Minute kommt die Erde zur Ruhe. Ich drehe mich auf die Seite   und empfinde beim Anblick der schwelenden Ruine, die bis eben noch die Pyramide   war, einen Moment der Genugtuung. Unwahrscheinlich, dass die Karrieros darin   noch irgendetwas Brauchbares finden k�nnen.</p><p><emphasis>Nichts wie weg hier, </emphasis>denke ich. <emphasis>Sie werden auf schnellstem Weg   herkommen. </emphasis>Doch als ich mich aufrappele, merke ich, dass es nicht so leicht   ist, zu fliehen, wie ich dachte. Mir ist schwindlig. So sehr, dass die B�ume   sich im Kreis um mich drehen und die Erde sich in Wellen unter meinen F��en   bewegt. Ich mache ein paar Schritte und lande irgendwie auf allen vieren. Ich   warte ein paar Minuten, damit es vorbeigeht, doch es geht nicht vorbei.</p><p>Ich werde panisch. Ich kann hier nicht bleiben. Ich muss fliehen. Aber ich   kann weder gehen noch h�ren. Ich lege die Hand auf mein linkes Ohr, das der   Explosion zugewandt war. Sie ist blutverschmiert. Bin ich durch den Knall taub   geworden? Die Vorstellung jagt mir Angst ein. Als J�gerin bin ich auf meine   Ohren genauso angewiesen wie auf meine Augen, manchmal sogar noch mehr. Aber ich   darf meine Angst nicht zeigen. Bestimmt bin ich jetzt live auf jedem Bildschirm   in Panem zu sehen, hundertprozentig.</p><p><emphasis>Keine Blutspuren, </emphasis>sage ich mir, ziehe die Kapuze �ber den Kopf und   verknote mit meinen unwilligen Fingern irgendwie die Schnur unterm Kinn. Die   Kapuze m�sste das Blut aufsaugen. Gehen kann ich nicht, aber vielleicht   kriechen? Vorsichtig bewege ich mich vorw�rts. Ja, wenn ich sehr langsam mache,   geht es. Die meisten Gebiete im Wald bieten nur unzureichenden Schutz. Meine   einzige Hoffnung ist, dass ich es zur�ck zu Rues Dickicht schaffe und mich dort   verstecken kann. Ich darf mich hier drau�en nicht auf H�nden und Knien erwischen   lassen. Nicht nur, dass ich dann sterben muss. Cato wird daf�r sorgen, dass es   ein langer und qualvoller Tod ist. Der Gedanke, dass Prim das mit ansehen muss,   ist so unertr�glich, dass ich mich beharrlich zu meinem Versteck   weiterk�mpfe.</p><p>Da gibt es eine weitere Explosion und ich liege auf der Nase. Eine einzelne   Mine, die durch herunterfallende Tr�mmer ausgel�st wurde. Zwei weitere folgen.   Es erinnert mich daran, wenn Prim und ich zu Hause Popcorn machen und wie dann   die letzten K�rner im Topf platzen.</p><p>Ich schaffe es buchst�blich in letzter Sekunde. Kaum habe ich mich in das   Gewirr der Str�ucher am Fu� der B�ume geschleppt, als Cato und seine Gef�hrten   auftauchen und auf die Ebene st�rmen. Cato ist derma�en au�er sich, dass es fast   ulkig sein k�nnte - es gibt also tats�chlich Menschen, die sich die Haare   ausrei�en und mit den F�usten auf den Boden hauen -, wenn ich nicht w�sste, dass   sein Zorn mir gilt und dem, was ich ihm angetan habe. Hinzu kommt, dass ich ganz   in der N�he bin und nicht weglaufen oder mich verteidigen kann, und deshalb   �ngstigt es mich �ber die Ma�en. Ich bin froh, dass die Kameras mich in meinem   Versteck nicht aus der N�he zeigen k�nnen, denn ich kaue wie wahnsinnig auf den   N�geln. Ich nage die letzten Reste des Nagellacks ab und versuche, nicht mit den   Z�hnen zu klappern.</p><p>Der Junge aus Distrikt 3 hat Steine in die Tr�mmer geworfen und den anderen   offenbar verk�ndet, dass alle Minen ausgel�st worden sind, denn jetzt gehen die   Karrieros zu der zerst�rten Pyramide.</p><p>Cato hat die erste Phase seines Wutanfalls �berwunden. Er l�sst seinen Zorn   nun an den qualmenden �berresten aus und tritt gegen mehrere Beh�lter. Die   anderen Tribute stochern in dem Durcheinander herum und suchen nach etwas, das   sie retten k�nnen, aber vergebens. Der Junge aus Distrikt 3 hat seine Aufgabe   zu gut gemacht. Dieser Gedanke kommt offenbar auch Cato, denn er wendet sich dem   Jungen zu und br�llt ihn an. Der Junge aus Distrikt 3 dreht sich noch schnell um   und rennt los, als Cato ihn von hinten in den Schwitzkasten nimmt. Ich sehe, wie   Catos Armmuskeln sich anspannen, als er den Kopf des Jungen mit einem Ruck zur   Seite dreht.</p><p>So schnell geht das. Der Junge aus Distrikt 3 ist tot.</p><p>Die beiden anderen Karrieros versuchen Cato zu beruhigen. Man sieht ihm an,   dass er zur�ck in den Wald will, aber sie deuten die ganze Zeit zum Himmel, was   mich erst wundert, doch dann begreife ich: <emphasis>Nat�rlich. Sie denken, derjenige,   der die Explosion ausgel�st hat, ist tot. </emphasis>Sie wissen nichts von den Pfeilen   und den �pfeln. Sie vermuten, dass die Sprengfalle falsch eingerichtet war und   dass der Tribut, der ihre Vorr�te in die Luft gejagt hat, dabei umgekommen ist.   Der f�llige Kanonenschuss w�re im L�rm der Folgeexplosionen leicht zu �berh�ren   gewesen. Die Leichenteile des Diebs von einem Hovercraft entfernt worden. Sie   ziehen sich ans andere Ufer des Sees zur�ck, damit die Spielmacher den K�rper   des Jungen aus Distrikt 3 bergen k�nnen. Und warten.</p><p>Dann wird wohl eine Kanone abgeschossen. Ein Hovercraft erscheint und nimmt   den toten Jungen mit. Die Sonne taucht hinter den Horizont. Die Nacht bricht   herein. Am Himmel sehe ich das Wappen und wei�, dass die Hymne eingesetzt haben   muss. Einen Augenblick ist es dunkel. Sie zeigen den Jungen aus Distrikt 3. Sie   zeigen den Jungen aus Distrikt 10, der heute Morgen gestorben sein muss. Dann   wieder das Wappen. Jetzt wissen sie es also. Der Bomber hat �berlebt. Im Licht   des Wappens sehe ich, wie Cato und das M�dchen aus Distrikt 2 ihre   Nachtsichtbrillen aufsetzen. Der Junge aus Distrikt 1 entz�ndet einen Ast und   im Fackelschein sehe ich die grimmige Entschlossenheit auf ihren Gesichtern. Die   Karrieros brechen auf in den Wald, um zu jagen.</p><p>Das Schwindelgef�hl hat nachgelassen, und w�hrend mein linkes Ohr immer noch   taub ist, habe ich im rechten ein Klingeln, was mir ein gutes Zeichen zu sein   scheint. Aber es h�tte keinen Sinn, mein Versteck zu verlassen. Sicherer als   hier am Tatort kann ich gar nicht sein. Wahrscheinlich denken sie, der Bomber   hat zwei bis drei Stunden Vorsprung. Trotzdem dauert es lange, bis ich mich zu   r�hren wage.</p><p>Als Erstes krame ich meine eigene Brille hervor und setze sie auf. Es   beruhigt mich ein bisschen, dass wenigstens einer meiner J�gersinne   funktioniert. Ich trinke ein wenig und wasche das Blut aus meinem Ohr. Aus   Angst, Fleischgeruch k�nnte unerw�nschte Raubtiere anlocken - frisches Blut ist   schon schlimm genug -, bereite ich eine ordentliche Mahlzeit aus dem Gem�se, den   Wurzeln und den Beeren, die Rue und ich heute Morgen gesammelt haben.</p><p>Wo mag meine kleine Verb�ndete sein? Hat sie es zur�ck zum Treffpunkt   geschafft? Macht sie sich Sorgen um mich? Wenigstens hat der Himmel gezeigt,   dass wir beide am Leben sind.</p><p>An den Fingern z�hle ich die �berlebenden Tribute ab. Der Junge aus 1, beide   aus 2, Fuchsgesicht, beide aus 11 und 12. Nur noch acht. Im Kapitol geht es   jetzt bei den Wetten bestimmt hoch her. Sie werden Portr�ts �ber uns alle   bringen. Wahrscheinlich auch Interviews mit unseren Freunden und Familien. Es   ist lange her, dass ein Tribut aus Distrikt 12 es unter die letzten acht   geschafft hat. Und jetzt sogar zwei. Allerdings macht Peeta es nicht mehr   lange, wenn Cato recht beh�lt. Nicht dass er die Wahrheit f�r sich gepachtet   h�tte. Hat er nicht soeben seine gesamten Vorr�te verloren?</p><p><emphasis>M�gen die vierundsiebzigsten Hungerspiele beginnen, Cato, </emphasis>denke ich. <emphasis>M�gen sie richtig beginnen.</emphasis></p><p>Ein kalter Wind ist aufgekommen. Ich will nach meinem Schlafsack greifen,   aber da f�llt mir ein, dass ich ihn ja bei Rue gelassen habe. Ich wollte noch   einen aus dem Lager der Karrieros mitnehmen, aber wegen der Minen und allem,   was dann passiert ist, habe ich es vergessen. Ich fange an zu zittern. Da es   sowieso nicht ratsam scheint, in der Nacht auf einem Baum zu schlafen, grabe ich   unter den Str�uchern eine Mulde und bedecke mich mit Bl�ttern und Kiefernnadeln.   Ich friere immer noch. Ich lege mir die Plastikplane �ber den Oberk�rper und   stelle den Rucksack so hin, dass er den Wind abh�lt. Schon ein bisschen besser.   Jetzt kann ich das M�dchen aus Distrikt 8 ein wenig verstehen, das damals in der   ersten Nacht ein Feuer gemacht hat. Heute bin ich es, die die Z�hne   zusammenbei�en und bis zum Morgen durchhalten muss. Mehr Bl�tter, mehr   Kiefernnadeln. Ich ziehe die Arme in die Jacken�rmel und die Knie an die Brust.   So schlafe ich irgendwann ein.</p><p>Als ich die Augen �ffne, sieht die Welt ein wenig gebrochen aus und es dauert   eine Weile, bis ich begreife, dass die Sonne schon hoch am Himmel steht und die   Brille meine Sicht zersplittert. Ich setze mich auf und nehme sie ab, als ich   irgendwo am See jemanden lachen h�re. Ich erstarre. Das Lachen ist verzerrt,   aber die Tatsache, dass ich es �berhaupt bemerkt habe, bedeutet, dass ich   offenbar mein Geh�r wiederfinde. Ja, mein rechtes Ohr kann wieder h�ren, obwohl   es noch immer klingelt. Und mein linkes Ohr, nun ja, das hat wenigstens   aufgeh�rt zu bluten.</p><p>Ich sp�he durch die B�sche und bef�rchte, die Karrieros k�nnten zur�ck sein   und mich hier auf unbestimmte Zeit festsetzen. Nein, es ist Fuchsgesicht, sie   steht im Schutt der Pyramide und lacht. Sie ist schlauer als die Karrieros, sie   findet in der Asche sogar noch ein paar n�tzliche Dinge. Einen Metalltopf. Eine   Messerklinge. Es verbl�fft mich, dass sie so guter Laune ist, aber dann wird mir   klar, dass auch sie jetzt, da die Vorr�te der Karrieros vernichtet sind,   pl�tzlich eine Chance hat. Genau wie wir anderen. Einen Augenblick lang erw�ge   ich, mich zu zeigen und sie als zweite Verb�ndete gegen die Meute zu gewinnen,   verwerfe die Idee dann aber. Etwas an ihrem listigen Grinsen sagt mir, dass ein   B�ndnis mit Fuchsgesicht irgendwann mit einem Messer in meinem R�cken enden   w�rde. So gesehen w�re jetzt die Gelegenheit, sie zu erschie�en. Aber da horcht   sie auf. Sie hat etwas geh�rt; nicht mich, denn sie wendet das Gesicht in die   andere Richtung, zum Abhang, und rennt schnurstracks in den Wald. Ich warte.   Niemand, nichts ist zu sehen. Was immer es war - wenn Fuchsgesicht es f�r   gef�hrlich hielt, ist es vielleicht auch f�r mich Zeit, hier wegzukommen.   Au�erdem m�chte ich Rue unbedingt von der Pyramide erz�hlen.</p><p>Da ich keinen Anhaltspunkt habe, wo die Karrieros suchen, erscheint mir der   Weg zur�ck durch den Bach so gut wie jeder andere. Ich laufe los, den gespannten   Bogen in der einen Hand, ein St�ck Grusling in der anderen, denn jetzt habe ich   Hunger, und zwar nicht nur auf Bl�tter und Beeren, sondern auf Fett und Eiwei�.   Der Weg zum Bach verl�uft ereignislos. Dort angekommen, f�lle ich meine Flasche   auf und wasche mich, wobei ich mich besonders um das verletzte Ohr k�mmere.   Dann marschiere ich bergauf, immer durch den Bach. An einer Stelle entdecke ich   Stiefelabdr�cke im Uferschlamm. Die Karrieros waren hier, aber das muss schon   l�nger her sein. Die Abdr�cke sind tief, weil der Schlamm weich war, doch   inzwischen hat die hei�e Sonne sie fast getrocknet. Bisher habe ich kaum auf   meine eigenen Spuren geachtet, ich habe mich auf meinen leichten Gang verlassen   und bin davon ausgegangen, dass die Kiefernnadeln die Spuren verdecken. Jetzt   ziehe ich die Stiefel aus und gehe barfu� durchs Bachbett.</p><p>Das k�hle Wasser erfrischt meinen K�rper und weckt die Lebensgeister. Ich   schie�e zwei Fische, leichte Beute in dem langsamen Gew�sser, und w�hrend ich   weitergehe, esse ich den einen roh, obwohl ich gerade erst den Grusling   verspeist habe. Den zweiten hebe ich f�r Rue auf.</p><p>Das Klingeln im Ohr wird immer schw�cher, bis es schlie�lich ganz   verschwunden ist. Regelm��ig fasse ich an mein linkes Ohr und versuche   herauszufinden, warum es keine Ger�usche mehr einf�ngt. Sollte es sich gebessert   haben, so merke ich jedenfalls nichts davon. An die Taubheit im Ohr kann ich   mich nicht gew�hnen. Es f�hlt sich so an, als w�re ich aus dem Gleichgewicht   geraten und auf der linken Seite wehrlos. Regelrecht blind. Immer wieder drehe   ich den Kopf zur verletzten Seite und versuche mit dem rechten Ohr die Mauer   des Nichts auszugleichen, die dort ist, wo noch gestern stetig Informationen   fl�ssen. Je l�nger es dauert, desto geringer meine Hoffnung, dass diese   Verletzung je wieder heilen wird.</p><p>Als ich zu der verabredeten Stelle komme, bin ich mir sicher, dass niemand   hier gewesen ist. Von Rue keine Spur, nicht auf dem Boden und nicht in den   B�umen. Das ist merkw�rdig. Sie m�sste l�ngst zur�ck sein, es ist schon Mittag.   Zweifellos hat sie die Nacht irgendwo in einem Baum verbracht. Etwas anderes   blieb ihr kaum �brig, ohne Licht, w�hrend die Karrieros mit ihren   Nachtsichtbrillen durch den Wald stapften. Au�erdem war das dritte Feuer, das   sie entz�nden sollte - darauf habe ich gestern Abend ganz vergessen zu achten -,   am weitesten von dieser Stelle hier entfernt. Wahrscheinlich ist sie einfach nur   vorsichtig, was den R�ckweg angeht. Mir w�re lieber, sie w�rde sich beeilen,   denn ich will hier nicht allzu lange herumhocken. Ich w�rde den Nachmittag gern   nutzen, um in h�heres Gel�nde zu gelangen und unterwegs zu jagen. Aber im   Grunde bleibt mir nichts anderes �brig, als zu warten.</p><p>Ich wasche das Blut aus Jacke und Haar und s�ubere meine Wunden, die immer   mehr werden. Die Verbrennungen sehen schon viel besser aus, aber ich salbe sie   trotzdem ein. Ich muss jetzt vor allem verhindern, dass sie sich entz�nden. Dann   esse ich den zweiten Fisch. In der Sonne w�rde er sich sowieso nicht lange   halten und es d�rfte kein Problem sein, f�r Rue noch mehr zu schie�en. Wenn sie   nur endlich auftauchen w�rde.</p><p>Mit meinem einseitigen Geh�r f�hle ich mich auf dem Boden zu verwundbar,   deshalb erklimme ich einen Baum und warte dort. Falls sich die Karrieros zeigen,   k�nnte ich von hier aus prima auf sie schie�en. Langsam wandert die Sonne   weiter. Ich versuche mir die Zeit zu vertreiben. Kaue Bl�tter und lege sie auf   meine Stiche, die abgeschwollen, aber immer noch empfindlich sind. K�mme mit   den Fingern mein feuchtes Haar und flechte es. Schn�re die Stiefel wieder zu.   Kontrolliere den Bogen und die verbliebenen neun Pfeile. Raschele probeweise   mit einem Blatt an meinem linken Ohr, aber ohne Erfolg.</p><p>Trotz Grusling und Fisch grummelt mein Magen. Ich wei�, dass es f�r mich ein   hohler Tag werden wird. So nennen wir in Distrikt 12 einen Tag, an dem man sich   so vollstopfen kann, wie man will, und trotzdem nicht satt wird. Dass ich nichts   zu tun habe, als im Baum zu sitzen, macht es noch schlimmer, deshalb beschlie�e   ich nachzugeben. In der Arena habe ich ja einiges an Gewicht verloren, ich   brauche ein paar zus�tzliche Kalorien. Und seit ich Pfeil und Bogen habe, bin   ich viel zuversichtlicher geworden.</p><p>Langsam knacke ich eine Handvoll N�sse und esse sie. Meinen letzten Kr�cker.   Den Hals des Gruslings. Das ist gut, weil es dauert, bis ich ihn ganz abgenagt   habe. Zum Schluss noch einen Gruslingfl�gel, dann ist der Vogel Vergangenheit.   Aber wie gesagt, es ist ein hohler Tag und deshalb tr�ume ich trotzdem von noch   mehr Essen. Vor allem von den dekadenten Speisen, die uns im Kapitol aufgetischt   wurden. H�hnchen in Orangen-Sahne-So�e. Kuchen und Puddings. Brot mit Butter.   Nudeln in gr�ner So�e. Lammeintopf mit Backpflaumen. Ich sauge ein paar   Minzebl�tter aus und befehle mir, mich damit zufriedenzugeben. Minze ist gut,   weil wir zu Hause nach dem Mittagessen oft Pfefferminztee trinken, sodass mein   Magen jetzt denkt, die Essenszeit ist vorbei. Theoretisch zumindest.</p><p>Hoch oben in meiner Astgabel, in der w�rmenden Sonne, Minzebl�tter im Mund,   Pfeil und Bogen in Reichweite � so entspannt wie jetzt war ich noch nie, seit   ich die Arena betreten habe. Wenn nur Rue auftauchen w�rde und wir verschwinden   k�nnten. Je l�nger die Schatten werden, desto unruhiger werde ich. Am sp�ten   Nachmittag beschlie�e ich, mich auf die Suche zu machen. Zumindest kann ich zu   der Stelle gehen, wo sie das dritte Feuer entz�nden wollte, und nachsehen, ob   sich dort Hinweise auf ihren Verbleib finden.</p><p>Bevor ich aufbreche, streue ich ein paar Minzebl�tter rings um unser altes   Lagerfeuer. Da wir sie ein St�ck entfernt gesammelt haben, wird Rue verstehen,   dass ich hier war. Den Karrieros werden sie nichts sagen.</p><p>In weniger als einer Stunde bin ich an der Stelle, wo wir das dritte Feuer   machen wollten. Ich merke sofort, dass etwas schiefgegangen sein muss. Das Holz   ist fein s�uberlich aufgestapelt, fachm�nnisch mit Zunder gestopft, aber es   wurde nie in Brand gesteckt. Rue hat das Feuer vorbereitet, ist aber nicht mehr   zur�ckgekommen. Irgendwo zwischen der zweiten Rauchs�ule, die ich gesehen habe,   bevor ich die Vorr�te in die Luft gejagt habe, und dieser Stelle ist sie in   Schwierigkeiten geraten.</p><p>Ich sage mir, dass sie noch am Leben ist. Oder etwa nicht? Kam der   Kanonenschuss, der ihren Tod verk�ndete, wom�glich in den fr�hen Morgenstunden,   als selbst mein gutes Ohr noch zu angeschlagen war, um ihn zu h�ren? Wird ihr   Bild heute Abend am Himmel erscheinen? Nein, ich weigere mich, das zu glauben.   Es gibt hundert andere Erkl�rungen. Vielleicht hat sie sich verlaufen. Oder sie   ist auf Raubtiere gesto�en oder auf einen anderen Tribut, Thresh etwa, und   musste sich verstecken. Was auch geschehen ist, ich bin mir fast sicher, dass   sie irgendwo zwischen dem zweiten Feuer und dem nicht entz�ndeten hier   festsitzt. Etwas sorgt daf�r, dass sie nicht vom Baum herunterkann.</p><p>Ich werde dieses Etwas zur Strecke bringen.</p><p>Nach dem unt�tigen Herumsitzen am Nachmittag ist es eine Erleichterung, etwas   zu tun. Leise schleiche ich durch die Schatten, die mir Schutz bieten. Aber ich   sehe nichts Verd�chtiges. Nirgendwo Anzeichen f�r einen Kampf, keine Stelle, an   der die Nadeln auf dem Boden aufgew�hlt w�ren. Als ich kurz stehen bleibe, h�re   ich es. Ich muss den Kopf zur Seite drehen, weil ich mir nicht sicher bin, aber   da ist es wieder. Rues Viertonlied aus dem Mund eines Spottt�lpels. Die Melodie,   die bedeutet, dass es ihr gut geht.</p><p>Ich grinse und gehe auf den Vogel zu. Nicht weit davon nimmt ein anderer   Vogel die wenigen T�ne auf. Rue hat sie ihnen vorgesungen und das ist noch nicht   lange her. Sonst h�tten sie schon l�ngst wieder ein anderes Lied angestimmt.   Ich schaue hinauf in die B�ume und suche nach einem Lebenszeichen von ihr. Ich   schlucke und singe leise zur�ck, damit sie wei�, dass sie gefahrlos zu mir   kommen kann. Ein Spottt�lpel wiederholt meine Melodie. In diesem Augenblick h�re   ich den Schrei.</p><p>Den Schrei eines Kindes, eines jungen M�dchens, und au�er Rue gibt es in der   Arena niemanden, der einen solchen Schrei aussto�en k�nnte. Ich renne los,   obwohl ich wei�, dass es eine Falle sein k�nnte, dass drei Karrieros darauf   lauern k�nnten, sich auf mich zu st�rzen, aber ich kann nicht anders. Wieder   h�re ich einen schrillen Schrei, diesmal ist es mein Name: �Katniss!   Katniss!�</p><p>�Rue!�, rufe ich zur�ck, damit sie wei�, dass ich in der N�he bin. Das hei�t   aber auch, <emphasis>sie </emphasis>wissen, dass ich in der N�he bin, und hoffentlich reizt   sie das M�dchen, das ihnen die J�gerwespen auf den Hals gehetzt und   unerkl�rlicherweise elf Punkte bekommen hat, genug, um sie von Rue abzulenken.   �Rue! Ich komme!�</p><p>Als ich auf die Lichtung st�rze, liegt sie hoffnungslos in einem Netz   verfangen auf dem Boden. Sie hat gerade noch Zeit, ihre Hand durch eine Masche   zu strecken und meinen Namen zu sagen, dann bohrt sich der Speer in ihren   K�rper.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>18</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Der Junge aus Distrikt 1 stirbt, bevor er den Speer wieder herausziehen kann.   Mein Pfeil dringt tief in seinen Hals ein. Er f�llt auf die Knie und verk�rzt   die Zeit, die ihm noch bleibt, indem er den Pfeil herauszieht und an seinem   eigenen Blut erstickt. Ich bin schon wieder schussbereit und ziele bald hierhin,   bald dorthin, w�hrend ich Rue zurufe: �Sind da noch mehr? Sind da noch mehr?�   Nein, nein, sagt sie mehrmals, bevor ich es h�re. Rue hat sich auf die Seite   gerollt, sie kr�mmt sich um den Speer in ihrem K�rper. Ich sto�e den Jungen von   ihr fort und befreie sie mit dem Messer aus dem Netz. Ein Blick auf die Wunde   gen�gt, um zu wissen, dass meine Heilkr�fte hier nichts ausrichten k�nnen. Und   wahrscheinlich nicht nur meine. Die Speerspitze steckt bis zum Schaft in Rues   Magengrube. Ich gehe vor ihr in die Hocke und starre hilflos auf die tief   eingedrungene Waffe. Es ist sinnlos, nach tr�stenden Worten zu suchen, ihr zu   sagen, dass sie wieder gesund wird. Sie ist nicht dumm. Sie streckt die Hand aus   und ich greife danach wie nach einem Rettungsanker. Als w�re ich es, die sterben   muss, und nicht Rue.</p><p>�Hast du die Lebensmittel in die Luft gejagt?�, fl�stert sie. �Bis auf den   letzten Kr�mel�, sage ich. �Du musst gewinnen�, sagt sie.</p><p>�Das werde ich. F�r uns beide werde ich jetzt gewinnen�, verspreche ich. Ich   h�re die Kanone und schaue auf. Der Schuss muss dem Jungen aus Distrikt 1   gelten.</p><p>�Geh nicht fort�, sagt Rue und umklammert meine Hand.</p><p>�Nat�rlich nicht. Ich bleibe hier bei dir�, sage ich. Ich r�cke n�her heran   und ziehe ihren Kopf in meinen Scho�. Z�rtlich streiche ich ihr die kr�ftigen   dunklen Haare hinters Ohr zur�ck.</p><p>�Sing�, sagt sie so leise, dass ich es kaum h�re.</p><p><emphasis>Singen?, </emphasis>denke ich. <emphasis>Was denn singen? </emphasis>Ich kenne ein paar Lieder.   Kaum zu glauben, aber auch bei uns zu Hause hat es einmal Musik gegeben. Mein   Vater hat mich mit seiner au�ergew�hnlichen Stimme immer angesteckt, doch seit   seinem Tod habe ich nicht mehr viel gesungen. Nur wenn Prim sehr krank ist. Dann   singe ich ihr die Lieder vor, die sie schon als Baby mochte.</p><p>Singen. Die Tr�nen schn�ren mir die Kehle zu, meine Stimme ist heiser von   Rauch und Ersch�pfung. Aber wenn es Prims � nein � Rues letzter Wunsch ist,   dann muss ich es wenigstens versuchen. Das Lied, das mir einf�llt, ist ein   einfaches Wiegenlied, mit dem wir unruhige, hungrige Babys in den Schlaf   singen. Ich glaube, es ist schon alt, sehr alt. Vor langer Zeit in den H�geln   entstanden. Mein Musiklehrer hat es als Berglied bezeichnet. Der Text ist   leicht und beruhigend und er verspricht, dass morgen alles besser sein wird als   in dieser schrecklichen Zeit, die wir heute nennen.</p><p>Ich r�uspere mich, schlucke schwer und singe:</p><empty-line/><p><emphasis>Auf dieser Wiese unter der Weide,</emphasis></p><p>Ein Bett aus Gras, ein Kissen wie Seide.</p><p>Dort schlie�e die Augen, den Kopf lege nieder,</p><p>Wenn du erwachst, scheint die Sonne wieder.</p><empty-line/><p>Hier ist es sicher, hier ist es warm,</p><p>Hier besch�tzt dich der L�wenzahn.</p><p>S��e Tr�ume hast du hier und morgen erf�llen sie sich.</p><p>An diesem Ort, da lieb ich dich.</p><empty-line/><p>Rues Augen haben sich mit einer leisen Bewegung geschlossen. Ihre Brust   bewegt sich kaum merklich. Meine Kehle gibt die Tr�nen frei, sie rinnen mir �ber   die Wangen. Doch ich muss das Lied f�r sie zu Ende singen.</p><empty-line/><p><emphasis>Auf dieser Wiese, im tiefen Tal,</emphasis></p><p>Ein Bl�ttermantel, ein Mondenstrahl.</p><p>Dort vergiss den Kummer, leg beiseite die Sorgen,</p><p>Fortgesp�lt sind sie am Morgen.</p><empty-line/><p>Hier ist es sicher, hier ist es warm,</p><p>Hier besch�tzt dich der L�wenzahn.</p><empty-line/><p>Die letzten Zeilen sind fast nicht zu h�ren.</p><empty-line/><p><emphasis>S��e Tr�ume hast du hier und morgen</emphasis></p><p>erf�llen sie sich.</p><p>An diesem Ort, da lieb ich dich.</p><empty-line/><p>Alles ist ruhig und still. Dann, fast unheimlich, nehmen die Spottt�lpel mein   Lied auf.</p><p>Einen Augenblick sitze ich da und sehe zu, wie meine Tr�nen auf ihr Gesicht   tropfen. Die Kanone f�r Rue wird abgefeuert. Ich beuge mich vor und dr�cke ihr   die Lippen auf die Schl�fe. Langsam, als wollte ich sie nicht wecken, lege ich   ihren Kopf wieder auf den Boden und lasse ihre Hand los.</p><p>Jetzt wird von mir erwartet, dass ich das Feld r�ume. Damit sie die Leichen   einsammeln k�nnen. Es gibt ja auch keinen Grund, hierzubleiben. Ich drehe den   Jungen aus Distrikt 1 auf den Bauch, nehme seinen Rucksack und den Pfeil an   mich, der sein Leben beendet hat. Dann schneide ich die Tr�ger von Rues B�ndel   durch - ich wei�, dass sie gewollt h�tte, dass ich es an mich nehme -, lasse den   Speer jedoch in ihrem Bauch. Wenn eine Waffe in einem toten K�rper steckt, wird   sie mit in das Hovercraft bef�rdert. Mit einem Speer kann ich nichts anfangen,   je eher er die Arena verl�sst, desto besser.</p><p>Aber ich kann den Blick nicht von Rue wenden, kleiner denn je liegt sie da,   ein Tierbaby, zusammengerollt wie in einem Nest. Ich bringe es nicht �ber mich,   sie einfach so zu verlassen. Sie hat alle Qualen �berstanden, aber sie sieht so   wehrlos aus. Es w�re unangebracht, den Jungen aus Distrikt 1 zu hassen, der im   Tod doch auch so verletzlich wirkt. Ich hasse das Kapitol, das uns allen dies   antut.</p><p>Gales Worte fallen mir ein. Seine wirren Reden gegen das Kapitol erscheinen   mir jetzt nicht mehr ohne Sinn, ich kann sie nicht l�nger abtun. Rues Tod hat   mich gezwungen, mich meinem eigenen Zorn �ber die Grausamkeit zu stellen, �ber   das Unrecht, das sie uns antun. Aber hier f�hle ich mich noch ohnm�chtiger als   zu Hause. Es gibt keine M�glichkeit, es dem Kapitol heimzuzahlen. Oder?</p><p>Da f�llt mir ein, was Peeta damals auf dem Dach gesagt hat: <emphasis>�Ich w�nsche   mir nur, mir w�rde etwas einfallen, wie � wie ich dem Kapitol zeigen kann,   dass sie mich nicht besitzen. Dass ich mehr bin als eine Figur in ihren   Spielen.� </emphasis>Und zum ersten Mal verstehe ich, was er meint.</p><p>Ich m�chte hier und jetzt etwas tun, das sie besch�mt, das sie zur   Verantwortung zieht und ihnen zeigt, dass jeder Tribut etwas hat, das sie nicht   bekommen werden, was sie auch tun und wozu sie uns auch zwingen. Dass Rue mehr   war als eine Figur in ihren Spielen. Und ich auch.</p><p>Ein paar Schritte entfernt im Wald wachsen wilde Blumen. Vielleicht nur   Unkraut, aber ihre Bl�ten haben wundersch�ne Formen in Lila, Gelb und Wei�. Ich   pfl�cke einen ganzen Armvoll und gehe zur�ck zu Rue. Langsam, Stiel f�r Stiel,   schm�cke ich ihren K�rper mit den Bl�ten. Verdecke die h�ssliche Wunde.   Bekr�nze ihr Gesicht. Webe ihr leuchtende Farben ins Haar.</p><p>Das m�ssen sie zeigen. Und falls sie die Kameras doch lieber abwenden, m�ssen   sie zumindest zeigen, wie die Leichen abgeholt werden, und dann werden alle sie   sehen und wissen, dass ich das getan habe. Ich trete zur�ck und schaue Rue ein   letztes Mal an. Wie sie so daliegt, k�nnte sie auch auf der Wiese aus dem Lied   liegen und schlafen.</p><p>�Leb wohl, Rue�, fl�stere ich. Ich lege die drei mittleren Finger meiner   linken Hand an die Lippen und strecke sie zu ihr. Dann gehe ich fort, ohne mich   umzuschauen.</p><p>Die V�gel verstummen. Irgendwo st��t ein Spottt�lpel den Warnruf aus, der das   Hovercraft ank�ndigt. Ich wei� nicht, woher der Vogel es wei�. Er hat wohl   bessere Ohren als wir Menschen. Ich bleibe stehen, schaue nach vorn, nicht   zur�ck. Bald aber hebt der allgemeine Gesang der V�gel wieder an und ich wei�,   dass sie fort ist.</p><p>Ein anderer Spottt�lpel, dem Anschein nach ein Jungvogel, landet auf einem   Zweig vor mir und tr�llert Rues Melodie. Mein Lied und der Warnruf waren f�r   diesen Anf�nger noch zu neu, aber Rues kleine Melodie hat er sich angeeignet.   Die Melodie, die mir verk�nden sollte, dass sie in Sicherheit war.</p><p>�Sicher und wohlauf�, sage ich, w�hrend ich unter dem Ast hindurchgehe.   �Jetzt m�ssen wir uns nicht mehr um sie sorgen.� Sicher und wohlauf.</p><p>Ich habe keine Ahnung, wohin ich gehen soll. Das kurze Heimatgef�hl, das ich   diese eine Nacht mit Rue hatte, ist verschwunden. Meine F��e tragen mich   hierhin und dorthin, bis die Sonne untergeht. Ich habe keine Angst, bin nicht   mal wachsam. Was mich zur leichten Beute macht. Aber ich w�rde jeden t�ten, der   mir �ber den Weg l�uft. Ohne mit der Wimper zu zucken und ohne das leiseste   Zittern der Hand. Mein Hass auf das Kapitol hat meinen Hass auf meine Gegner   kein bisschen verringert. Besonders auf die Karrieros. Sie wenigstens kann ich   f�r Rues Tod bezahlen lassen.</p><p>Aber es taucht niemand auf. Wir sind nicht mehr viele und die Arena ist gro�.   Bald werden sie irgendeinen Trick aus dem Hut ziehen, um uns zusammenzutreiben.   Doch f�r heute ist genug Blut geflossen. Vielleicht bekommen wir sogar ein   bisschen Schlaf.</p><p>Ich hieve gerade meine B�ndel auf einen Baum, um dort mein Lager   aufzuschlagen, als ein silberner Fallschirm heruntergesegelt kommt und vor   meinen F��en landet. Das Geschenk eines Sponsors. Aber warum jetzt? Ich bin ganz   gut versorgt. Vielleicht hat Haymitch meine Niedergeschlagenheit bemerkt und   versucht mich ein bisschen aufzuheitern. Oder ist es etwas f�r mein Ohr?</p><p>Ich �ffne den Fallschirm und finde einen kleinen Laib Brot. Keiner von den   feinen wei�en wie im Kapitol. Es ist sichelf�rmig, aus dunklem Rationsgetreide,   mit K�rnern bestreut. Ich erinnere mich an die Lektion �ber die   unterschiedlichen Brote in den einzelnen Distrikten, die Peeta mir im   Trainingscenter gehalten hat. Dieses Brot stammt aus Distrikt 11. Behutsam hebe   ich den noch warmen Laib auf. Was muss es die Bewohner von Distrikt 11 gekostet   haben, die sich nicht einmal selbst ern�hren k�nnen? Wie viele von ihnen   mussten sich das bisschen Geld vom Mund absparen, um zur Sammlung f�r diesen   einen Laib Brot beizutragen? Es war f�r Rue bestimmt, ganz sicher. Aber anstatt   das Geschenk zur�ckzuziehen, als sie starb, haben sie Haymitch erm�chtigt, es   mir zu geben. Als Dankesch�n? Oder weil sie wie ich Schulden nicht gern   unbeglichen lassen? Wie dem auch sei, dies ist eine Premiere. Ein Geschenk f�r   einen Tribut aus einem anderen Distrikt.</p><p>Ich schaue nach oben und trete in die letzten Sonnenstrahlen. �Ich danke dem   Volk aus Distrikt 11�, sage ich. Sie sollen wissen, dass ich wei�, woher es   kommt. Dass der volle Wert ihres Geschenks erkannt wurde.</p><p>Gef�hrlich hoch klettere ich in den Baum, nicht um mich in Sicherheit zu   bringen, sondern um mich so weit wie m�glich vom heutigen Tag zu entfernen.</p><p>Mein Schlafsack befindet sich ordentlich aufgerollt in Rues B�ndel. Morgen   werde ich die Vorr�te sichten. Morgen werde ich einen neuen Plan machen. Aber   heute Nacht kann ich mich nur noch festschnallen und kleine Bissen von dem Brot   essen. Es ist gut. Es schmeckt nach Heimat.</p><p>Bald erscheint das Wappen am Himmel und die Hymne erklingt in meinem rechten   Ohr. Ich sehe den Jungen aus Distrikt 1, Rue. F�r heute Abend ist das alles. <emphasis>Jetzt sind wir noch sechs, </emphasis>denke ich. <emphasis>Nur noch sechs. </emphasis>Mit dem Brot   in der Hand schlafe ich ein.</p><p>Manchmal, wenn alles ganz schlimm ist, schenkt mein Gehirn mir einen sch�nen   Traum. Einen Ausflug in den Wald mit meinem Vater. Eine Stunde mit Prim bei   Sonnenschein und Kuchen. Heute Nacht schickt es mir Rue, die, noch immer   blumenbedeckt, hoch oben in einem Meer von B�umen sitzt und mir beizubringen   versucht, wie man mit den Spottt�lpeln spricht. Ich sehe keine Anzeichen von   Wunden, kein Blut, nur ein fr�hlich lachendes M�dchen. Mit einer hellen,   melodischen Stimme singt sie Lieder, die ich noch nie geh�rt habe. Immer weiter.   Die ganze Nacht hindurch. Zwischendurch gibt es eine Tiefschlafphase, in der ich   die letzten T�ne ihrer Musik h�ren kann, obwohl Rue zwischen den Bl�ttern   verschwunden ist. Als ich ganz aufwache, f�hle ich mich einen Augenblick   getr�stet. Ich versuche die friedvolle Stimmung des Traums festzuhalten, aber   sie entgleitet mir rasch und l�sst mich trauriger zur�ck denn je.</p><p>Eine Schwere erf�llt meinen K�rper, als w�rde fl�ssiges Blei durch meine   Adern flie�en. Mir fehlt der Wille, die einfachsten Aufgaben anzugehen,   irgendetwas anderes zu tun, als hier zu liegen und durchs Bl�tterdach zu   starren. Mehrere Stunden lang liege ich reglos da. Auch diesmal ist es der   Gedanke an Prims besorgtes Gesicht, wie sie mich zu Hause vor dem Fernseher   anschaut, der mich aus meiner Lethargie rei�t.</p><p>Ich erteile mir eine Reihe von einfachen Befehlen: �Jetzt stehst du auf,   Katniss. Jetzt musst du was trinken, Katniss.� Mit langsamen, mechanischen   Bewegungen komme ich den Befehlen nach. �Jetzt musst du die B�ndel sortieren,   Katniss.�</p><p>Rues B�ndel enth�lt meinen Schlafsack, ihren fast leeren Wasserbeutel, eine   Handvoll N�sse und Wurzeln, etwas Kaninchen, ihre Ersatzsocken und ihre Zwille.   Der Junge aus Distrikt 1 hat mehrere Messer, zwei Reservespeerspitzen, eine   Taschenlampe, einen kleinen Lederbeutel, ein Erste-Hilfe-Set, eine volle   Flasche Wasser und eine Packung Trockenobst. Eine Packung Trockenobst!   Ausgerechnet, bei der Auswahl, die er hatte. Welch Zeichen extremer Arroganz.   Wozu auch Essen mitnehmen, wenn man so viel im Lager hat? Wenn man seine Feinde   so schnell t�ten wird, dass man zu Hause ist, ehe sich der Hunger meldet? Ich   kann nur hoffen, dass die anderen Karrieros ebenso wenig vorgesorgt haben und   jetzt vor dem Nichts stehen.</p><p>Aber apropos, mein eigener Vorrat neigt sich ebenfalls dem Ende zu. Ich esse   den Rest von dem Brotlaib aus Distrikt 11, dazu das letzte St�ck Kaninchen. Wie   schnell das Essen verschwindet. Ich habe nur noch Rues Wurzeln und N�sse, die   Trockenfr�chte von dem Jungen und einen Streifen Rindfleisch. <emphasis>Jetzt musst du   jagen, Katniss, </emphasis>sage ich mir.</p><p>Gehorsam verstaue ich die Vorr�te, die ich mitnehmen m�chte, in meinem   Rucksack. Nachdem ich vom Baum heruntergeklettert bin, verstecke ich die Messer   und Speerspitzen des Jungen unter einem Stapel Steine, damit niemand sie   wegnimmt. Durch das Herumwandern gestern Abend habe ich die Orientierung   verloren, aber ich versuche, grob die Richtung zum Bach einzuschlagen. Als ich   an Rues drittem, nicht entz�ndetem Feuer vorbeikomme, wei� ich, dass ich auf   dem richtigen Weg bin. Kurz darauf entdecke ich eine Schar Gruslinge, die in   den B�umen hocken, und ehe sie sichs versehen, habe ich drei von ihnen erlegt.   Ich kehre zu Rues Feuer zur�ck und z�nde es an. Der starke Rauch ist mir egal. <emphasis>Wo bist du, Cato?, </emphasis>denke ich, w�hrend ich die V�gel und Rues Wurzeln   brate. <emphasis>Ich warte hier auf dich.</emphasis></p><p>Wo m�gen die Karrieros jetzt sein? Entweder zu weit weg, um mich zu finden,   oder zu sicher, dass es eine List ist, oder � Kann das sein? Haben sie Angst   vor mir? Nat�rlich wissen sie, dass ich Pfeil und Bogen habe, Cato hat gesehen,   wie ich sie der toten Glimmer abgenommen habe. Aber haben sie schon eins und   eins zusammengez�hlt? Wissen sie, dass ich die Vorr�te in die Luft gejagt und   ihren Kumpel get�tet habe? M�glicherweise halten sie Thresh f�r den T�ter. W�re   es nicht wahrscheinlicher, dass er Rues Tod r�cht und nicht ich? Wo sie doch   aus demselben Distrikt stammen? Nicht dass er sich je f�r sie interessiert   h�tte.</p><p>Und was ist mit Fuchsgesicht? War sie in der N�he, als ich die Vorr�te   hochgejagt habe, und hat alles mit angesehen? Nein. Als ich sie am n�chsten   Morgen ertappte, wie sie lachend in der Asche stocherte, sah sie aus, als h�tte   ihr jemand eine nette �berraschung bereitet.</p><p>Sie werden wohl kaum denken, Peeta h�tte das Signalfeuer angez�ndet. Cato   geht davon aus, dass Peeta so gut wie tot ist. Auf einmal w�rde ich Peeta gern   von den Blumen erz�hlen, die ich auf Rue gelegt habe. Ihm sagen, dass ich jetzt   verstehe, was er mir auf dem Dach mitteilen wollte. Falls er die Spiele gewinnt,   wird er mich vielleicht in der Nacht des Siegers auf der Gro�bildleinwand sehen,   wenn die H�hepunkte der Spiele noch einmal gezeigt werden. Der Sieger hat einen   Ehrenplatz auf der B�hne, umringt von seinem Team.</p><p>Aber ich habe Rue versprochen, dass ich dort sitzen w�rde. F�r uns beide. Und   das erscheint mir noch wichtiger als mein Schwur gegen�ber Prim.</p><p>Zum ersten Mal glaube ich, dass ich eine Chance habe. Dass ich gewinnen kann.   Nicht nur wegen meiner Pfeile und weil ich die Karrieros mehrmals �berlistet   habe, auch wenn das dazu beitr�gt. Als ich Rues Hand hielt und zusah, wie das   Leben aus ihr wich, da ist etwas passiert. Ich bin jetzt fest entschlossen, sie   zu r�chen, ihren Verlust unvergesslich zu machen, und das kann ich nur, indem   ich gewinne und mich selbst damit unvergesslich mache.</p><p>Ich brate die V�gel in der Hoffnung, dass jemand auftaucht und versucht zu   schie�en, aber vergeblich. Vielleicht schlagen sie sich irgendwo da drau�en   gegenseitig die K�pfe ein. Was mir sehr recht w�re. Seit dem Gemetzel am   F�llhorn war ich sicher �fter auf dem Bildschirm zu sehen, als mir lieb ist.</p><p>Irgendwann packe ich mein Essen ein und gehe zur�ck zum Bach, um meinen   Wasservorrat aufzuf�llen und ein bisschen zu sammeln. Doch dann bef�llt mich   wieder die tr�be Stimmung von heute Morgen, und obwohl es noch fr�h am Abend   ist, klettere ich auf einen Baum und bereite mein Nachtlager.</p><p>Ich durchlebe wieder die Ereignisse des gestrigen Tages. Immer wieder sehe   ich, wie Rue durchbohrt wird, wie mein Pfeil sich in den Hals des Jungen senkt.   Ich wei� �berhaupt nicht, weshalb ich einen Gedanken an den Jungen   verschwende.</p><p>Dann wird es mir klar � Er ist der erste Mensch, den ich get�tet habe.</p><p>Neben anderen Statistiken, die eingeblendet werden, damit die Leute ihre   Wetten platzieren k�nnen, zeigen sie f�r jeden Tribut auch immer die Anzahl der   T�tungen. Wahrscheinlich rechnen sie mir den Tod von Glimmer und dem M�dchen aus   Distrikt 4 an, weil ich das Nest auf sie habe fallen lassen. Aber der Junge aus   Distrikt 1 war der erste Mensch, den ich gezielt get�tet habe. Zahllose Tiere   haben ihr Leben durch meine Hand verloren, aber erst ein Mensch. Ich h�re Gale   sagen: �Wo ist der Unterschied?�</p><p>Was den Akt angeht, so ist er erstaunlich �hnlich. Ein gespannter Bogen, ein   abgeschossener Pfeil. Aber das ist auch schon alles. Ich habe einen Jungen   get�tet, von dem ich nicht mal den Namen wei�. Irgendwo weint jetzt seine   Familie um ihn. Seine Freunde wollen mein Blut sehen. Vielleicht hatte er eine   Freundin, die fest daran geglaubt hat, er w�rde zur�ckkommen �</p><p>Aber dann denke ich an Rues reglosen K�rper und ich kann den Jungen aus   meinen Gedanken verscheuchen. Zumindest f�r den Moment.</p><p>Der Himmel schweigt, offenbar ein ereignisloser Tag. Keine Toten. Ich frage   mich, wie viel Zeit sie uns lassen, bis die n�chste Katastrophe uns wieder   zusammentreibt. Falls es heute Nacht passiert, m�chte ich vorher ein wenig   geschlafen haben. Ich bedecke mein gutes Ohr, um die nervt�tende Hymne   auszublenden, aber dann h�re ich Fanfaren und setze mich gespannt auf.</p><p>F�r gew�hnlich ist das n�chtliche Totengel�ut die einzige Art von   Kommunikation mit der Au�enwelt. Doch ab und zu erklingen Fanfaren, gefolgt von   einer Durchsage. Meistens ist es die Einladung zu einem Festmahl. Wenn die   Nahrung knapp ist, laden die Spielmacher die Spieler zu einem Bankett an einem   Ort ein, den alle kennen, wie zum Beispiel das F�llhorn - ein Ansporn,   zusammenzukommen und zu k�mpfen. Manchmal gibt es dann tats�chlich ein   Festmahl, manchmal liegt aber auch nur ein Laib altbackenes Brot da, um den sich   die Tribute schlagen m�ssen. Wegen des Essens w�rde ich nicht hingehen, aber es   k�nnte die ideale Gelegenheit sein, ein paar Konkurrenten zu erledigen.</p><p>Claudius Templesmiths Stimme dr�hnt auf uns herab und gratuliert den sechs   �briggebliebenen. Er hat kein Festmahl in petto. Er sagt etwas sehr   Verwirrendes. Die Spielregeln sind ge�ndert worden. Eine Regel�nderung! Das   allein ist schon verr�ckt, denn Regeln, die diesen Namen verdient h�tten, gibt   es eigentlich keine. Abgesehen davon, dass man in den ersten sechzig Sekunden   die Scheibe nicht verlassen darf, und von dem unausgesprochenen Verbot, einander   zu verspeisen. Die neue Regel besagt, dass beide Tribute aus demselben Distrikt   zu Siegern erkl�rt werden, falls sie die beiden letzten �berlebenden sind.   Claudius macht eine Pause, als w�sste er, dass wir nicht ganz mitkommen, und   wiederholt die �nderung noch einmal.</p><p>Langsam erfasse ich, was das bedeutet. Zwei Tribute k�nnen dieses Jahr   gewinnen. Wenn sie aus demselben Distrikt stammen. Beide d�rfen leben. Wir beide   d�rfen leben.</p><p>Bevor ich mich zur�ckhalten kann, rufe ich laut Peetas Namen.</p></section><section><p><strong>Teil 3</strong></p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>Der Sieger</emphasis></strong></p><empty-line/><p><strong><emphasis>
19</emphasis></strong></p><p>Ich schlage mir die H�nde vor den Mund, aber da ist es schon heraus. Der   Himmel wird schwarz und ich h�re ein Froschkonzert. <emphasis>Dummkopf!, </emphasis>schelte   ich mich. Wie konnte ich nur so was Dummes tun! Starr warte ich darauf, dass die   Angreifer durch den Wald toben. Dann f�llt mir ein, dass kaum noch welche �brig   sind.</p><p>Peeta, der verwundet wurde, ist nun mein Verb�ndeter. Die Zweifel, die ich   ihm gegen�ber hatte, sind schlagartig ausgel�scht. Wenn jetzt noch einer von   uns den anderen t�ten sollte, w�rde er bei der R�ckkehr in Distrikt 12 behandelt   wie ein Auss�tziger. W�re ich jetzt Zuschauer, w�rde ich die Tribute   verabscheuen, die sich nicht sofort mit dem Tribut aus ihrem Heimatdistrikt   verb�nden w�rden. Abgesehen davon ist es nur vern�nftig, sich gegenseitig zu   besch�tzen. Und in meinem Fall - schlie�lich sind wir das tragische Liebespaar   aus Distrikt 12 - ist es eine absolute Notwendigkeit, wenn ich die Sympathien   der Sponsoren nicht verlieren will.</p><p>Das tragische Liebespaar � Peeta muss die Masche die ganze Zeit   durchgehalten haben. Weshalb sonst h�tten die Spielmacher diese noch nie da   gewesene Regel einf�hren sollen, dass pl�tzlich zwei Tribute die Chance haben zu   gewinnen? Offenbar ist unsere �Liebesgeschichte� beim Publikum so gut   angekommen, dass es den Erfolg der Spiele gef�hrden w�rde, wenn sie zum   Scheitern verurteilt w�re. Was bestimmt nicht mein Verdienst ist. Ich habe Peeta   nicht get�tet, aber das ist auch schon alles. Doch was immer er in der Arena   getan hat, es muss die Zuschauer davon �berzeugt haben, dass er mich damit   retten wollte. Als er den Kopf sch�ttelte, damit ich nicht zum F�llhorn rannte;   sich Cato entgegenstellte, damit ich fliehen konnte. Selbst dass er gemeinsame   Sache mit den Karrieros gemacht hat, diente meinem Schutz. Wie es aussieht, war   Peeta zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr f�r mich.</p><p>Bei diesem Gedanken muss ich l�cheln. Ich lasse die H�nde sinken und halte   das Gesicht ins Mondlicht, damit die Kameras es ganz bestimmt einfangen.</p><p>Wer ist dann noch �brig, vor dem ich mich f�rchten muss? Fuchsgesicht? Der   Junge aus ihrem Distrikt ist tot. Sie ist allein unterwegs, nachts. Und ihre   Strategie bestand bisher darin, auszuweichen, nicht anzugreifen. Selbst wenn sie   meine Stimme geh�rt hat, glaube ich eigentlich nicht, dass sie mehr unternehmen   wird, als zu hoffen, dass ein anderer mich umbringt.</p><p>Dann ist da noch Thresh. Na gut, der ist eine echte Bedrohung. Aber seit   Beginn der Spiele habe ich ihn kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Mir f�llt   ein, wie alarmiert Fuchsgesicht am Ort der Explosion war, als sie ein Ger�usch   h�rte. Aber sie hat sich nicht zum Wald umgedreht, sondern in die   entgegengesetzte Richtung. Zu dem Teil der Arena, der in unbekannte Tiefen   abf�llt. Ich bin fast sicher, dass es Thresh war, vor dem sie weggerannt ist,   und dass dies sein Reich ist. Von dort k�nnte er mich nie h�ren, und selbst wenn   - ich sitze viel zu weit oben, als dass jemand von seiner Statur mich erreichen   k�nnte.</p><p>Bleiben noch Cato und das M�dchen aus Distrikt 2, die jetzt bestimmt die neue   Regel feiern. Abgesehen von Peeta und mir sind sie die Einzigen, die davon   profitieren. Soll ich nun vor ihnen weglaufen, nur auf den Verdacht hin, sie   k�nnten geh�rt haben, wie ich Peetas Namen rief? <emphasis>Nein, </emphasis>denke ich mir. <emphasis>Sollen sie ruhig kommen. </emphasis>Sollen sie kommen, mit ihren Nachtsichtbrillen   und ihren schweren K�rpern, unter denen die �ste brechen. Sch�n in Reichweite   meiner Pfeile. Aber ich wei�, dass sie das nicht tun werden. Schon bei Tag haben   sie sich nicht in die N�he meines Feuers gewagt, also werden sie bei Nacht   bestimmt nicht riskieren, in die m�gliche Falle zu tappen. Wenn sie kommen,   dann bestimmen sie die Bedingungen - nicht, weil ich ihnen meinen Aufenthaltsort   verrate.</p><p><emphasis>Bleib, wo du bist, Katniss, und schlaf ein bisschen, </emphasis>befehle ich mir,   obwohl ich mich jetzt zu gern auf die Suche nach Peeta machen w�rde. <emphasis>Morgen   wirst du ihn finden.</emphasis></p><p>Ich schlafe, aber am n�chsten Morgen bin ich besonders vorsichtig. Auf einem   Baum wollten die Karrieros mich vielleicht nicht angreifen, doch aus dem   Hinterhalt k�nnten sie mich garantiert �berfallen. Bevor ich hinunterklettere,   bereite ich mich gut auf den Tag vor, fr�hst�cke ausgiebig, packe den Rucksack,   mache meine Waffen fertig. Aber auf dem Boden scheint alles friedlich und   unber�hrt.</p><p>Heute werde ich �bervorsichtig sein m�ssen. Die Karrieros k�nnen sich denken,   dass ich versuchen werde, Peeta zu finden. Vielleicht warten sie auch, bis ich   es geschafft habe, bevor sie angreifen. Falls er tats�chlich so schwer verwundet   ist, wie Cato denkt, werde ich uns beide allein verteidigen m�ssen, ohne   Unterst�tzung. Aber wenn Peeta wirklich au�er Gefecht gesetzt ist, wie kann er   dann so lange am Leben geblieben sein? Und wie soll ich ihn blo� finden?</p><p>Ich versuche, mir alles ins Ged�chtnis zu rufen, was Peeta je gesagt hat und   was mir einen Anhaltspunkt f�r ein m�gliches Versteck geben kann, aber es   klingelt nicht. Also versuche ich mich an den letzten Augenblick zu erinnern,   als ich ihn im Sonnenlicht glitzern sah und er mir zubr�llte, ich solle   wegrennen. Als N�chstes erschien Cato mit gez�cktem Schwert. Und nachdem ich   weg war, hat er Peeta verwundet. Aber wie konnte Peeta ihm entkommen? Vielleicht   hat ihm das J�gerwespengift weniger ausgemacht als Cato. Vielleicht konnte er   deshalb fliehen. Aber auch er war gestochen worden. Wie weit konnte er da   kommen, verletzt und mit Gift im Blut? Und wie hat er all die Tage seitdem   �berlebt? Wenn die Wunde und die Stiche ihn nicht get�tet haben, m�sste er   inzwischen schon verdurstet sein.</p><p>Und da habe ich pl�tzlich eine erste Ahnung, wo er sich aufhalten k�nnte.   Ohne Wasser kann er nicht �berlebt haben. Das wei� ich noch von meinen ersten   Tagen hier. Er muss sich irgendwo in der N�he einer Wasserquelle versteckt   halten. Da w�re der See, doch das halte ich f�r unwahrscheinlich, weil zu nahe   am Lager der Karrieros. Es gibt ein paar von Quellen gespeiste T�mpel. Aber da   w�re man eine allzu leichte Beute. Und dann ist da noch der Bach. Der von Rues   und meinem Lager bis hinunter zum See flie�t und noch weiter. Am Bach k�nnte er   den Ort wechseln und trotzdem immer in der N�he des Wassers bleiben. Wenn er   durchs Wasser l�uft, verwischt er alle Spuren. Und Fische gibt es reichlich.</p><p>Jedenfalls kann ich am Bach mal anfangen.</p><p>Um meine Feinde zu verwirren, mache ich ein Feuer mit viel gr�nem Holz.   Selbst wenn sie sich denken, dass es nur ein Trick ist, werden sie hoffentlich   annehmen, dass ich mich in der N�he versteckt halte. In Wirklichkeit mache ich   mich auf die Suche nach Peeta.</p><p>Gleich nach Sonnenaufgang ist der Morgendunst verdampft und mir schwant, dass   dieser Tag hei�er als sonst werden wird. Das Wasser an meinen nackten F��en ist   angenehm k�hl. W�hrend ich flussabw�rts gehe, �berlege ich, ob ich Peetas Namen   rufen soll, lasse es dann aber. Ich werde ihn mit meinen Augen und dem einen   guten Ohr finden m�ssen - oder er muss mich finden. Aber er kann sich ja denken,   dass ich nach ihm suche, oder? Er wird mir wohl nicht zutrauen, dass ich die   neue Regel ignoriere und f�r mich bleiben will. Oder? Sein Verhalten ist schwer   vorauszusagen und unter anderen Umst�nden w�rde ihn das m�glicherweise   interessant machen. Im Moment bedeutet es lediglich ein weiteres Hindernis.</p><p>Schon bald komme ich zu der Stelle, an der ich auf meinem Weg zum Lager der   Karrieros den Bach verlassen habe. Nirgendwo ein Zeichen von Peeta, aber das   wundert mich nicht. Seit dem Zwischenfall mit den J�gerwespen bin ich diesen   Abschnitt dreimal gegangen. Wenn er hier in der N�he w�re, w�re mir bestimmt   irgendetwas aufgefallen. Der Bach macht eine Biegung nach links in einen Teil   des Waldes, den ich noch nicht kenne. Lehmige, von verschlungenen Wasserpflanzen   bedeckte Ufer f�hren zu gro�en Felsen; immer riesiger werden sie, bis ich das   Gef�hl habe, in der Falle zu sitzen. In diesem felsigen Gel�nde w�re es nicht   so einfach, aus dem Bach zu fliehen. Oder Cato und Thresh abzuwehren. Und gerade   als ich beschlie�en will, dass ich v�llig auf der falschen F�hrte bin, dass ein   verletzter Junge kaum in der Lage w�re, an dieser Stelle zum Wasser und wieder   hinauf zu gelangen, entdecke ich eine Blutspur, die sich um einen Felsblock   herumzieht. Das Blut ist l�ngst getrocknet, doch die verschmierten Linien, die   von rechts nach links verlaufen, legen nahe, dass jemand, der m�glicherweise   nicht ganz bei sich war, versucht hat, sie wegzuwischen.</p><p>Ich klammere mich an die Felsen, klettere langsam dorthin, wo das Blut ist,   und halte Ausschau nach Peeta. Ich sto�e auf weitere Blutflecken, an einem   kleben ein paar F�den, aber nirgendwo ein Lebenszeichen. Ich lasse mich auf die   Knie sinken und rufe leise seinen Namen. �Peeta! Peeta!� Ein Spottt�lpel landet   auf einem verkr�ppelten Baum und singt mir nach, sodass ich innehalte. Ich rufe   nicht weiter, und w�hrend ich zur�ck zum Bach klettere, denke ich: <emphasis>Er muss   weitergegangen sein. Irgendwo weiter unten.</emphasis></p><p>Ich habe gerade den Fu� ins Wasser getaucht, als ich seine Stimme h�re.</p><p>�Bist du hier, um mir den Rest zu geben, S��e?�</p><p>Ich fahre herum. Es kam von links, deshalb habe ich es nicht richtig geh�rt.   Und die Stimme war heiser und schwach. Trotzdem, es muss Peeta gewesen sein.   Wer sonst in der Arena w�rde mich �S��e� nennen? Ich suche mit dem Blick das   Ufer ab, aber da ist nichts. Nur Lehm, Pflanzen und Felsen.</p><p>�Peeta?�, fl�stere ich. �Wo bist du?� Keine Antwort. Habe ich es mir nur   eingebildet? Nein, ich bin mir sicher, dass es Wirklichkeit war, und es war ganz   in der N�he. �Peeta?� Ich schleiche am Ufer entlang.</p><p>�He, tritt nicht auf mich drauf.�</p><p>Ich mache einen Satz r�ckw�rts. Seine Stimme kam genau von dort, wo ich   meinen Fu� hinsetzen wollte. Aber da ist immer noch nichts. Dann �ffnen sich   seine Augen, unverkennbar blau zwischen braunem Schlamm und gr�nen Bl�ttern.   Ich ringe nach Luft und da blitzen wei�e Z�hne auf, weil er grinsen muss.</p><p>Eine meisterhafte Tarnung. Von wegen Gewichte durch die Gegend werfen. Peeta   h�tte sich bei seiner Einzelstunde vor den Spielmachern lieber als Baum anmalen   sollen. Oder als Fels. Oder als bewachsenes Lehmufer.</p><p>�Mach die Augen noch mal zu�, befehle ich. Er tut es, den Mund auch, und   schon ist er wieder verschwunden. Was ich f�r seinen K�rper halte, ist   gr��tenteils unter einer Schicht aus Lehm und Pflanzen verborgen. Gesicht und   Arme hat er so gut getarnt, dass sie unsichtbar sind. Ich knie mich neben ihn.   �Das viele Tortenverzieren hat sich offenbar gelohnt.�</p><p>Peeta l�chelt. �Ja, eine Glasur. Das letzte Verteidigungsmittel der   Sterbenden.�</p><p>�Du wirst nicht sterben�, sage ich bestimmt.</p><p>�Sagt wer?� Seine Stimme ist ganz br�chig.</p><p>�Ich. Wir sind jetzt ein Team, wei�t du�, sage ich.</p><p>Er �ffnet die Augen. �Hab davon geh�rt. Nett von dir, dass du dir die M�he   gemacht hast, das zu suchen, was noch von mir �brig ist.�</p><p>Ich hole die Wasserflasche heraus und gebe ihm einen Schluck zu trinken. �Wo   hat Cato dich erwischt?�</p><p>�Linkes Bein. Ganz oben�, antwortet er.</p><p>�Du musst in den Bach. Wir m�ssen dich waschen, damit ich mir deine Wunden   ansehen kann�, sage ich.</p><p>�Beug dich erst mal kurz runter�, sagt er. �Muss dir was sagen.� Ich beuge   mich vor und lege mein gutes Ohr an seine Lippen. Es kitzelt, als er spricht.   �Denk dran, wir sind Verliebte, es ist also v�llig okay, wenn du mich k�sst,   falls dir danach sein sollte.�</p><p>Ruckartig ziehe ich den Kopf zur�ck, aber dann muss ich lachen. �Danke, ich   werd�s mir merken.� Immerhin hat er seinen Humor nicht verloren. Doch als ich   ihm in den Bach helfen will, ist alle Leichtigkeit dahin. Das Wasser ist nur gut   einen halben Meter entfernt, das kann eigentlich nicht so schwer sein. Ist es   aber, denn ich merke, dass Peeta sich ohne Hilfe keinen Zentimeter von der   Stelle bewegen kann. Er ist so schwach, dass er nur eins tun kann, n�mlich   keinen Widerstand leisten. Ich versuche ihn zu schleifen, aber obwohl ich wei�,   dass er sich alle M�he gibt, still zu sein, entfahren ihm spitze   Schmerzensschreie. Lehm und Pflanzen scheinen ihn eingeschlossen zu haben und   ich muss heftig an ihm zerren, um ihn aus ihren F�ngen zu befreien. Jetzt liegt   er da, immer noch einen halben Meter vom Wasser entfernt, mit zusammengebissenen   Z�hnen, w�hrend Tr�nen Furchen durch den Schmutz auf seinem Gesicht ziehen.</p><p>�H�r zu, Peeta. Der Bach ist hier sehr flach, ich werde dich hineinrollen,   okay?�, sage ich.</p><p>�Ausgezeichnet�, sagt er.</p><p>Ich hocke mich neben ihn. Was auch passiert, sage ich mir, gib nicht auf,   bevor er im Wasser ist. �Bei drei geht�s los�, sage ich. �Eins, zwei, drei!� Ich   schaffe gerade eine volle Umdrehung, dann zwingt mich der entsetzliche Laut,   den er ausst��t, innezuhalten. Jetzt liegt er am Bachufer. Vielleicht ist das   sowieso besser.</p><p>�Okay, wir �ndern den Plan. Wir lassen das mit dem Rollen�, teile ich ihm   mit. Denn: Falls ich das �berhaupt schaffe, wie soll ich ihn jemals wieder   herausbekommen?</p><p>�Kein Rollen mehr?�, fragt er.</p><p>�Schon fertig. Jetzt wasche ich dich erst mal. Behalt so lange den Wald im   Auge, ja?�, sage ich. Ich wei� kaum, wo ich anfangen soll. Er ist so sehr mit   Schlamm und Bl�ttermatsch bedeckt, dass ich seine Kleider gar nicht erkennen   kann. Hat er �berhaupt welche an? Bei dem Gedanken z�gere ich einen   Augenblick, aber dann mache ich mich ans Werk. In der Arena sind nackte K�rper   nichts Besonderes, oder?</p><p>Ich besitze zwei Wasserflaschen plus Rues Lederbeutel. Ich klemme sie   zwischen die Steine im Bach, damit immer zwei gef�llt werden, w�hrend ich den   dritten �ber Peetas K�rper aussch�tte. Es dauert eine Weile, aber irgendwann   habe ich genug Schlamm weggesp�lt, um seine Kleider zu erkennen. Vorsichtig   �ffne ich den Rei�verschluss seiner Jacke, kn�pfe sein Hemd auf und streife   beides ab. Sein Unterhemd ist so sehr mit seinen Wunden verklebt, dass ich es   mit dem Messer herausschneiden und wieder Wasser �ber seinen K�rper gie�en   muss, damit es sich l�st. Er hat eine schlimme Brandwunde quer �ber der Brust   und vier Wespenstiche, den unter dem Ohr mitgerechnet. Trotzdem: Ich atme ein   wenig auf. Damit werde ich fertig. Ich beschlie�e, erst den Oberk�rper zu   versorgen und die Schmerzen ein wenig zu lindern, bevor ich die Verletzung am   Bein angehe, die Cato ihm zugef�gt hat.</p><p>Da es witzlos ist, seine Wunden zu behandeln, solange er in einer   Schlammpf�tze liegt, lehne ich ihn erst einmal gegen einen Felsen. Da sitzt er   nun klaglos, w�hrend ich seine Haare und seine Haut vom Dreck befreie. Im   Sonnenlicht sehe ich sein bleiches Fleisch, er wirkt gar nicht mehr kr�ftig und   stark. Als ich die Stacheln aus den Wespenstichen ziehe, zuckt er zusammen,   aber sobald ich die Bl�tter auflege, seufzt er erleichtert auf. W�hrend die   Sonne ihn trocknet, wasche ich seine verdreckten Kleider und lege sie auf   Felsen. Dann creme ich seine Brust mit der Brandsalbe ein. Pl�tzlich merke ich,   wie hei� seine Haut wird. Durch die Schlammschicht und das viele Wasser aus   meinen Flaschen habe ich gar nicht bemerkt, dass er hohes Fieber hat. Ich krame   in dem Erste-Hilfe-Set, das ich dem Jungen aus Distrikt 1 abgenommen habe, und   finde fiebersenkende Tabletten. Wenn die Hausmittelchen meiner Mutter   versagen, dann kauft sie genau die gleichen.</p><p>�Schluck die�, befehle ich ihm und er nimmt die Arznei gehorsam. �Du hast   bestimmt Hunger.�</p><p>�Eigentlich nicht. Komisch, aber ich hab seit Tagen keinen Hunger�, sagt er.   Als ich ihm ein St�ck Grusling anbiete, r�mpft er denn auch die Nase und wendet   sich ab. Da erst merke ich, wie krank er ist.</p><p>�Du musst etwas essen, Peeta�, beharre ich.</p><p>�Das kommt doch gleich wieder hoch�, sagt er. Ich kann ihn nur dazu bewegen,   ein paar getrocknete Apfelst�cke zu sich zu nehmen. �Danke. Es geht mir schon   viel besser. Darf ich jetzt schlafen, Katniss?�, fragt er.</p><p>�Gleich�, verspreche ich. �Erst muss ich mir dein Bein ansehen.� So behutsam   es geht, streife ich ihm Stiefel und Socken ab und ziehe dann ganz langsam die   Hose herunter. Ich sehe den Schnitt, den Catos Schwert im Stoff an seinem   Oberschenkel verursacht hat, aber trotzdem bin ich nicht auf das gefasst, was   mich darunter erwartet. Die klaffende, entz�ndete Wunde, aus der Blut und Eiter   sickern. Die Schwellung des Beins. Und am schlimmsten: der Gestank von faulendem   Fleisch.</p><p>Am liebsten w�rde ich weglaufen. Im Wald verschwinden, wie damals, als sie   den Mann mit den schweren Verbrennungen zu uns brachten. Jagen gehen, w�hrend   meine Mutter und Prim das tun, wozu mir sowohl das Geschick als auch der Mut   fehlt. Aber hier ist niemand au�er mir. Ich versuche genauso ruhig zu bleiben   wie meine Mutter immer bei den besonders schlimmen F�llen.</p><p>�Ziemlich �bel, was?�, sagt Peeta. Er beobachtet mich genau.</p><p>�Geht so.� Ich zucke die Achseln, als wenn es nichts Besonderes w�re. �Du   m�sstest mal die Leute aus den Minen sehen, die sie zu meiner Mutter bringen.�   Ich verschweige lieber, dass ich immer fl�chte, sobald sie etwas Schlimmeres als   Schnupfen zu behandeln hat. Ehrlich gesagt bin ich nicht mal gern in der N�he,   wenn jemand hustet. �Erst mal m�ssen wir sie gut s�ubern.�</p><p>Peetas Unterhose habe ich gelassen, wo sie ist, weil sie nicht zerrissen ist   und ich sie nicht �ber den geschwollenen Oberschenkel ziehen will, und, na gut,   vielleicht auch, weil mir die Vorstellung unangenehm ist, ihn nackt zu sehen.   Noch etwas, das mich von meiner Mutter und Prim unterscheidet. Nacktheit l�sst   sie v�llig kalt, ist ihnen �berhaupt nicht peinlich. Paradoxerweise k�nnte an   diesem Punkt der Spiele meine kleine Schwester Peeta viel besser helfen als ich.   Ich breite meine Plastikplane unter ihm aus, um den Rest seines K�rpers zu   waschen.</p><p>Je mehr Wasser ich �ber ihn gie�e, desto schlimmer sieht die Wunde aus.   Abgesehen davon hat sein Unterk�rper nicht viel abbekommen, nur einen   Wespenstich und ein paar kleinere Verbrennungen, die ich rasch behandeln kann.   Aber die klaffende Wunde an seinem Bein � Was um Himmels willen soll ich   damit machen?</p><p>�Vielleicht sollten wir sie ein wenig an der Luft lassen und dann �� Ich   verstumme.</p><p>�Und dann flickst du sie zusammen?�, sagt Peeta. Er sieht fast so aus, als   h�tte er Mitleid mit mir; als w�sste er, wie ratlos ich bin.</p><p>�Genau�, sage ich. �In der Zwischenzeit isst du das hier.� Ich lege ihm ein   paar getrocknete Birnenh�lften in seine Hand und gehe zur�ck zum Bach, um die   anderen Kleider zu waschen. Als sie zum Trocknen ausgebreitet daliegen,   untersuche ich den Inhalt des Erste-Hilfe-Sets. Kaum mehr als eine   Grundausstattung. Mullbinden, Fiebertabletten, Medikamente gegen   Bauchschmerzen. Nichts von dem Kaliber, das ich brauchte, um Peeta zu   behandeln.</p><p>�Wir m�ssen ein bisschen improvisieren�, gestehe ich ein. Ich wei�, dass das   Wespenkraut gegen Infektionen hilft, also fange ich damit an. Nachdem ich eine   Handvoll zerkaute gr�ne Pampe ein paar Minuten lang in die Wunde gepresst habe,   l�uft Eiter an seinem Bein herunter. Ich nehme das als gutes Zeichen und bei�e   fest in meine Wange, denn mein Fr�hst�ck droht wieder hochzukommen.</p><p>�Katniss?�, sagt Peeta. Ich schaue ihn an und mir ist klar, dass ich ganz   gr�n im Gesicht sein muss. �Wie steht�s mit dem Kuss?�, fragt er unh�rbar.</p><p>Ich pruste los, das Ganze ist so ekelhaft, dass ich es kaum aushalte.</p><p>�Stimmt was nicht?�, fragt er ein bisschen zu unschuldig.</p><p>�Ich � ich kann das nicht so gut. Ich bin nicht meine Mutter. Ich habe   keine Ahnung, was ich hier mache, und Eiter finde ich widerlich�, sage ich.   �Ah!� W�hrend ich die erste Ladung Bl�tter entferne und die zweite auflege,   gestatte ich mir aufzust�hnen: �Aaaaah!�</p><p>�Wie bringst du es dann fertig zu jagen?�, fragt er.</p><p>�Etwas zu t�ten ist viel einfacher als das hier, das kannst du mir glauben�,   sage ich. �Obwohl, wenn mich nicht alles t�uscht, t�te ich dich gerade.�</p><p>�Kannst du dich ein bisschen beeilen?�, fragt er.</p><p>�Nein. Halt den Mund und iss deine Birnen�, sage ich.</p><p>Nach drei Anwendungen und einem Eimer voller Eiter - so kommt es mir vor -   sieht die Wunde besser aus. Die Schwellung ist jetzt so weit zur�ckgegangen,   dass ich erkenne, wie tief Catos Schwert eingedrungen ist. Bis auf den   Knochen.</p><p>�Und jetzt, Dr. Everdeen?�, fragt er.</p><p>�Vielleicht schmiere ich etwas Brandsalbe darauf. Die m�sste bei allen   Infektionen helfen. Und dann verbinden?� Gesagt, getan. Als die Wunde von einer   sauberen wei�en Baumwollbinde verdeckt ist, sieht alles nur noch halb so wild   aus. Daf�r wirkt der Saum seiner Unterhose gegen die sterile Mullbinde schmutzig   und infekti�s. Ich ziehe Rues B�ndel hervor. �Hier, bedeck dich damit, w�hrend   ich deine Unterhose wasche.�</p><p>�Ach, mir ist es egal, ob du mich nackt siehst�, sagt Peeta.</p><p>�Du bist wie die anderen in meiner Familie�, sage ich. �Mir ist es nicht   egal, kapiert?� Ich drehe mich um und schaue auf den Bach, bis die Unterhose   hineinplatscht. Wenn er werfen kann, muss es ihm ein bisschen besser gehen.</p><p>�F�r jemanden, der so gef�hrlich ist, bist du aber ganz sch�n zimperlich�,   sagt Peeta, w�hrend ich die Unterhose gegen zwei Steine schlage, bis sie sauber   ist. �Da h�ttest du mal Haymitch abduschen sollen.�</p><p>Bei der Erinnerung r�mpfe ich die Nase. �Was hat er dir denn bisher   geschickt?�</p><p>�Null Komma nichts�, sagt Peeta. Er verstummt, als der Groschen f�llt.   �Wieso, hast du was bekommen?�</p><p>�Arznei gegen Verbrennungen�, sage ich fast kleinlaut. �Ach ja, und ein   bisschen Brot.�</p><p>�Ich hab ja schon immer gewusst, dass du sein Liebling bist�, brummt   Peeta.</p><p>�Ich bitte dich, er h�lt es noch nicht mal im selben Raum mit mir aus�, sage   ich.</p><p>�Weil ihr genau gleich seid�, murmelt Peeta. Ich �bergehe die Bemerkung, denn   jetzt ist nicht der richtige Moment, um �ber Haymitch herzuziehen, und das ist   mein erster Impuls.</p><p>Ich lasse Peeta schlafen, solange seine Kleider trocknen, aber am sp�ten   Nachmittag wage ich nicht noch l�nger zu warten. Ich r�ttele sacht an seiner   Schulter. �Peeta, wir m�ssen los.�</p><p>�Los?� Er scheint verwirrt. �Wohin denn?�</p><p>�Weg von hier. Stromabw�rts vielleicht. Irgendwohin, wo wir uns verstecken   k�nnen, bis du dich erholt hast�, sage ich. Ich helfe ihm beim Anziehen, nur die   Schuhe lasse ich aus, damit wir durchs Wasser gehen k�nnen, und ziehe ihn hoch.   Als er das Bein belastet, weicht die Farbe aus seinem Gesicht. �Vorw�rts. Du   kannst es.�</p><p>Aber er kann es nicht. Zumindest nicht lange. Auf meine Schulter gest�tzt,   schafft er vielleicht f�nfzig Meter den Bach hinunter, dann droht er ohnm�chtig   zu werden. Ich setze ihn am Ufer ab, dr�cke ihm seinen Kopf zwischen die Knie   und t�tschele unbeholfen seinen R�cken, w�hrend ich die Umgebung absuche. Am   liebsten w�rde ich ihn nat�rlich auf einen Baum verfrachten, aber das ist   unm�glich. Doch es k�nnte schlimmer sein. Ab und zu bilden die Felsen kleine   H�hlen. Eine davon peile ich an, sie befindet sich rund zwanzig Meter oberhalb   des Bachs. Halb f�hre ich, halb trage ich Peeta zur H�hle hinauf. Gern w�rde ich   mich nach einem besseren Platz umsehen, aber wir werden mit diesem vorliebnehmen   m�ssen, denn mein Verb�ndeter ist am Ende. Er ist kreidebleich, keucht und   zittert, obwohl es erst ein wenig k�hler geworden ist.</p><p>Ich bedecke den H�hlenboden mit einer Schicht aus Kiefernnadeln, breite   meinen Schlafsack aus und stecke Peeta hinein. Als er es nicht merkt, fl��e ich   ihm ein paar Tabletten und etwas Wasser ein, aber das Trockenobst verweigert er.   Danach liegt er einfach nur da und starrt mich an, w�hrend ich versuche, an der   H�hlen�ffnung aus wildem Wein eine Art Vorhang zu drapieren, um sie zu tarnen.   Das Ergebnis ist nicht zufriedenstellend. Ein Tier k�nnte vielleicht darauf   hereinfallen, aber ein Mensch w�rde im Nu erkennen, dass hier H�nde am Werk   waren. Frustriert rei�e ich ihn herunter.</p><p>�Katniss�, sagt er. Ich gehe zu ihm und streiche ihm die Haare aus den Augen.   �Danke, dass du mich gesucht hast.�</p><p>�Das h�ttest du doch auch getan�, sage ich. Seine Stirn lodert auf. Als w�re   die Arznei v�llig wirkungslos. Ganz pl�tzlich habe ich Angst, er k�nnte   sterben.</p><p>�Stimmt. H�r zu, wenn ich es nicht nach Hause schaffe ��, hebt er an.</p><p>�Sprich nicht so. Ich habe den ganzen Eiter doch nicht umsonst   rausgelassen�, sage ich.</p><p>�Ich wei�. Aber nur f�r  den Fall, dass ich nicht ��, versucht er es   wieder.</p><p>�Nein, Peeta, ich will nicht mal dr�ber reden�, sage ich und lege meine   Finger auf seine Lippen, damit er schweigt. �Aber ich ��, beharrt er.</p><p>Spontan beuge ich mich vor und k�sse ihn, jetzt kann er nichts mehr sagen.   Das ist wahrscheinlich sowieso �berf�llig, denn wie er schon richtig bemerkt   hat, sollen wir ja v�llig ineinander verknallt tun. Es ist das erste Mal   �berhaupt, dass ich einen Jungen k�sse, was wohl irgendeinen Eindruck machen   sollte, aber ich merke nur, dass seine Lippen vom Fieber unnat�rlich hei� sind.   Ich l�se mich und packe ihn gut in den Schlafsack ein. �Du wirst nicht sterben.   Ich verbiete es. Verstanden?�</p><p>�Verstanden�, fl�stert er.</p><p>Gerade als ich in die k�hle Abendluft hinaustrete, segelt der Fallschirm vom   Himmel herunter. Hastig �ffne ich das Band, denn ich hoffe auf irgendeine   richtige Arznei, mit der ich Peetas Bein behandeln kann. Stattdessen finde ich   einen Topf hei�e Br�he.</p><p>Eine deutlichere Botschaft h�tte Haymitch mir nicht schicken k�nnen. Ein   Kuss ist einen Topf Br�he wert. Ich kann sein Knurren fast h�ren. �Du sollst die   Verliebte spielen, S��e. Der Junge liegt im Sterben. Gib mir etwas, womit ich   arbeiten kann.�</p><p>Und es stimmt ja. Wenn ich will, dass Peeta �berlebt, dann muss ich den   Zuschauern etwas mehr bieten. Das tragische Liebespaar, das unbedingt zusammen   heimkehren will. Zwei Herzen, die im selben Takt schlagen. Romantik.</p><p>Da ich noch nie verliebt war, wird das ziemlich schwierig werden. Ich denke   an meine Eltern. An meinen Vater, der es nie vers�umte, meiner Mutter etwas aus   dem Wald mitzubringen. Daran, wie ihre Miene sich immer aufhellte, wenn sie   seine Stiefel an der T�r h�rte. Und dass sie beinahe aufh�rte zu leben, als er   starb.</p><p>�Peeta!� Ich versuche es in dem besonderen Ton zu sagen, den meine Mutter nur   bei meinem Vater anschlug. Er ist schon wieder eingenickt, aber ich k�sse ihn   wach und er schreckt auf. Dann l�chelt er, als w�re er gl�cklich, wenn er nur   daliegen und mich f�r alle Zeiten anschauen k�nnte. Das macht er echt gut.</p><p>Ich halte den Topf hoch. �Sieh mal, Peeta, was Haymitch dir geschickt   hat.�</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>20</emphasis></strong></p><p>Erst nach langem Zureden, Betteln, Drohen und, jawohl, vielen K�ssen gelingt   es mir, Peeta die Br�he Schluck f�r Schluck einzufl��en. Danach lasse ich ihn   schlafen und k�mmere mich um meine eigenen Bed�rfnisse, verschlinge ein   Abendessen aus Grusling und Wurzeln, w�hrend ich mir den t�glichen Bericht am   Himmel anschaue. Keine neuen Verluste. Aber daf�r haben Peeta und ich den   Zuschauern ja einen ziemlich interessanten Tag geboten. Hoffentlich genehmigen   uns die Spielmacher eine friedliche Nacht.</p><p>Automatisch halte ich nach einem guten Baum f�r mich Ausschau, bis mir   einf�llt, dass es damit vorbei ist. Zumindest vorl�ufig. Ich kann Peeta ja kaum   unbewacht am Boden zur�cklassen. Sein letztes Versteck am Bachufer habe ich   gelassen, wie es war - wie h�tte ich es auch tarnen sollen? -, und wir sind nur   knapp f�nfzig Meter weiter bachabw�rts. Ich setze meine Brille auf, lege meine   Waffen zurecht und mache mich bereit, um Wache zu halten.</p><p>Es k�hlt schnell ab, bald bin ich bis auf die Knochen durchgefroren.   Irgendwann gebe ich auf und schl�pfe zu Peeta in den Schlafsack. Dort ist es   angenehm warm und ich kuschele mich dankbar hinein, bis ich merke, dass es mehr   als warm ist; enorm hei� ist es, denn der Schlafsack wirft die Fieberhitze   zur�ck. Ich lege die Hand auf seine Stirn, sie ist hei� und trocken. Ich wei�   nicht, was ich tun soll. Ihn im Schlafsack lassen und darauf hoffen, dass die   �berm��ige Hitze das Fieber besiegt? Ihn herausholen und hoffen, dass die   Nachtluft ihn abk�hlt? Schlie�lich befeuchte ich nur eine Mullbinde und lege sie   ihm auf die Stirn. Das ist nicht viel, aber f�r drastischere Ma�nahmen fehlt   mir der Mut.</p><p>Ich verbringe die Nacht halb sitzend, halb liegend neben Peeta, erneuere ab   und zu die Binde und versuche, nicht so sehr daran zu denken, dass ich mit ihm   zusammen viel angreifbarer bin. An den Boden gefesselt, auf der Hut, mit einem   sehr kranken Menschen, um den ich mich k�mmern muss. Aber ich habe ja gewusst,   dass er verwundet ist. Und habe trotzdem nach ihm gesucht. Ich muss einfach   darauf vertrauen, dass es ein richtiger Instinkt war, der mich dazu getrieben   hat, Peeta zu suchen.</p><p>Als sich der Himmel rosig f�rbt, sehe ich einen Schimmer von Schwei� auf   Peetas Lippen und stelle fest, dass das Fieber besiegt ist. Noch nicht   Normaltemperatur, aber doch ein paar Grad weniger. Gestern Abend, als ich die   Weinranken gesammelt habe, bin ich auf einen Strauch mit Rues Beeren gesto�en.   Ich streife die Fr�chte ab und vermenge sie im Br�hetopf mit kaltem Wasser zu   einem Brei.</p><p>Als ich in die H�hle zur�ckkehre, versucht Peeta gerade, sich aufzusetzen.   �Ich bin aufgewacht und du warst nicht da�, sagt er. �Ich habe mir Sorgen um   dich gemacht.�</p><p>Ich muss lachen, w�hrend ich ihn wieder hinlege. �Du hast dir Sorgen um mich   gemacht? Hast du dich in letzter Zeit mal angeschaut?�</p><p>�Ich dachte, Cato und Clove h�tten dich vielleicht gefunden. Sie jagen gern   nachts�, sagt er, noch immer ernst. �Clove? Wer ist das?�, frage ich.</p><p>�Das M�dchen aus Distrikt 2. Sie lebt noch, oder?�, sagt er.</p><p>�Ja, es sind nur noch wir und die beiden und Thresh und Fuchsgesicht �brig�,   sage ich. �So nenne ich das M�dchen aus Distrikt 5. Wie geht es dir?�</p><p>�Besser als gestern. Hier ist es tausendmal besser als im Schlamm�, sagt er.   �Saubere Kleider, Medizin, ein Schlafsack � und du.�</p><p>Ach, stimmt ja, die Liebesgeschichte wieder. Ich will seine Wange ber�hren,   aber er nimmt meine Hand und dr�ckt sie an seine Lippen. Ich erinnere mich, dass   mein Vater genau dasselbe bei meiner Mutter gemacht hat, und frage mich, woher   Peeta das wohl hat. Bestimmt nicht von seinem Vater und der Hexe.</p><p>�Keinen Kuss mehr, bevor du nicht gegessen hast�, sage ich.</p><p>Wir schaffen es, ihn gegen die Wand zu lehnen, und gehorsam schluckt er den   Beerenbrei, den ich ihm l�ffelweise reiche. Nur den Grusling verweigert er   wieder.</p><p>�Du hast nicht geschlafen�, sagt Peeta.</p><p>�Mir geht�s gut�, sage ich. Aber die Wahrheit ist, dass ich ersch�pft   bin.</p><p>�Schlaf du jetzt. Ich halte Wache. Wenn was passiert, wecke ich dich�, sagt   er. Ich z�gere. �Du kannst nicht ewig wach bleiben, Katniss.�</p><p>Er hat recht. Irgendwann werde ich schlafen m�ssen. Und wahrscheinlich ist es   besser, das jetzt zu tun, da er ziemlich munter wirkt und das Tageslicht uns   hilft. �In Ordnung�, sage ich. �Aber nur ein paar Stunden. Dann weckst du   mich.�</p><p>Jetzt ist es zu warm f�r den Schlafsack. Ich breite ihn auf dem H�hlenboden   aus und lege mich hin, eine Hand auf dem geladenen Bogen, falls ich von jetzt   auf gleich schie�en muss. Peeta sitzt neben mir, an die Wand gelehnt, das kranke   Bein ausgestreckt, die Augen auf die Welt da drau�en gerichtet. �Schlaf jetzt�,   sagt er sanft. Er streicht mir die Haare aus der Stirn. Anders als die   gek�nstelten K�sse und Z�rtlichkeiten bisher wirkt diese Geste nat�rlich und   tr�stlich. Ich m�chte nicht, dass er damit aufh�rt, und er tut mir den Gefallen.   Als ich einschlafe, streichelt er noch immer mein Haar.</p><p>Zu lange. Ich schlafe zu lange. Als ich die Augen �ffne, wei� ich sofort,   dass es schon Nachmittag ist. Peeta sitzt neben mir, noch immer in der gleichen   Stellung. Ich setze mich auf und f�hle mich irgendwie auf der Hut, aber so   erholt wie seit Tagen nicht.</p><p>�Du solltest mich doch nach ein paar Stunden wecken, Peeta�, sage ich.</p><p>�Wozu? Hier ist nichts los�, sagt er. �Au�erdem sehe ich dir gern beim   Schlafen zu. Dann machst du nicht so ein b�ses Gesicht. Steht dir viel   besser.�</p><p>Jetzt mache ich nat�rlich sofort wieder ein b�ses Gesicht und er muss   grinsen. Da sehe ich, wie trocken seine Lippen sind. Ich lege ihm eine Hand an   die Wange. Hei� wie ein Kohleofen. Er behauptet, er habe getrunken, aber die   Beh�lter f�hlen sich immer noch voll an. Ich verabreiche ihm noch mehr   Fiebertabletten und wache dar�ber, wie er erst einen, dann noch einen Liter   Wasser trinkt. Dann k�mmere ich mich um seine weniger schlimmen Wunden, die   Verbrennungen und Stiche, die besser geworden sind. Ich nehme all meinen Mut   zusammen und wickele das Bein aus.</p><p>Das Herz rutscht mir in die Hose. Es ist schlimmer geworden, viel schlimmer.   Zwar ist kein Eiter mehr zu sehen, aber die Schwellung ist gr��er geworden und   die gespannte, gl�nzende Haut ist entz�ndet. Da sehe ich die roten Streifen, die   das Bein hinaufkriechen. Blutvergiftung. Wenn sie nicht behandelt wird, stirbt   er unweigerlich. Die zerkauten Bl�tter und die Brandsalbe k�nnen dagegen nichts   ausrichten. Was wir brauchen, sind starke entz�ndungshemmende Medikamente vom   Kapitol. Die Kosten f�r diese Arzneimittel mag ich mir gar nicht ausmalen. Wenn   Haymitch s�mtliche Spenden aller Sponsoren zusammenn�hme, w�rde es dann   reichen? Ich bezweifele es. Die Geschenke werden immer teurer, je l�nger die   Spiele dauern. Was am ersten Tag f�r eine vollst�ndige Mahlzeit reicht, reicht   am zw�lften Tag gerade mal f�r einen Kr�cker. Und die Kosten f�r eine Medizin,   wie Peeta sie braucht, w�ren von Anfang an gewaltig gewesen.</p><p>�Also, die Schwellung ist gr��er geworden, aber der Eiter ist weg�, sage ich   mit wackliger Stimme.</p><p>�Ich wei�, was eine Blutvergiftung ist, Katniss�, sagt Peeta. �Obwohl meine   Mutter keine Heilerin ist.�</p><p>�Du musst nur l�nger durchhalten als die anderen, Peeta. Wenn wir gewinnen,   werden sie dich im Kapitol behandeln�, sage ich.</p><p>�Ja, das ist ein guter Plan�, sagt er. Aber ich sp�re, dass er das vor allem   um meinetwillen sagt.</p><p>�Du musst essen. Damit du zu Kr�ften kommst. Ich werde dir eine Suppe   machen�, sage ich.</p><p>�Mach kein Feuer�, erwidert er. �Das ist es nicht wert.�</p><p>�Wir werden sehen�, sage ich. Als ich mit dem Topf zum Bach hinuntergehe,   haut mich die Hitze fast um. Ich wette, die Spielmacher lassen die Temperaturen   am Tag immer h�her steigen und in der Nacht immer tiefer sinken. Aber die Hitze   der von der Sonne beschienenen Steine bringt mich auf eine Idee. Vielleicht   brauche ich gar kein Feuer zu machen.</p><p>Ich setze mich auf einen gro�en flachen Felsen auf halbem Weg zwischen H�hle   und Bach. Nachdem ich einen halben Topf Wasser sterilisiert habe, stelle ich ihn   ins direkte Sonnenlicht und lege ein paar eiergro�e hei�e Steine ins Wasser.   Ich w�rde nie behaupten, dass ich eine tolle K�chin bin. Aber da es bei einer   Suppe eigentlich nur darum geht, alles in einen Topf zu werfen und abzuwarten,   ist Suppe sozusagen meine Spezialit�t. Ich zerhacke Gruslingfleisch zu Mus und   mische ein paar von Rues Wurzeln darunter. Zum Gl�ck ist beides schon gebraten,   sodass es eigentlich nur warm gemacht werden muss. Sonnenlicht und Steine haben   das Wasser bereits angew�rmt. Ich gebe Fleisch und Wurzeln hinzu, lege frische   Steine hinein und mache mich auf die Suche nach Kr�utern, mit denen ich das   Ganze ein bisschen w�rzen kann. Bald entdecke ich am Fu� eines Felsens ein   B�schel Schnittlauch. Perfekt. Ich hacke ihn ganz klein und gebe ihn in den   Topf, tausche noch einmal die Steine aus, lege den Deckel drauf und lasse das   Ganze schmoren.</p><p>Ich habe ein paar Hinweise auf Wild entdeckt, aber mir ist nicht wohl bei dem   Gedanken, Peeta allein zu lassen, um zu jagen. Deshalb stelle ich eine Handvoll   Fallen und hoffe auf Gl�ck. Ich frage mich, wo die anderen Tribute sind, wie sie   jetzt, da ihre wichtigste Nahrungsquelle in die Luft geflogen ist,   zurechtkommen. Wenigstens drei von ihnen, Cato, Clove und Fuchsgesicht, waren   darauf angewiesen. Nur Thresh wahrscheinlich nicht. Mein Gef�hl sagt mir, dass   er wie Rue wissen muss, wie man sich von der Erde ern�hrt. Ob sie   gegeneinander k�mpfen? Suchen sie uns? Vielleicht hat uns schon einer ausfindig   gemacht und wartet nur auf den richtigen Zeitpunkt f�r einen Angriff. Die   Vorstellung treibt mich zur�ck in die H�hle.</p><p>Im Schatten der Felsen liegt Peeta ausgestreckt auf dem Schlafsack. Obwohl   sich seine Miene etwas aufhellt, als ich hereinkomme, sehe ich ihm an, wie   elend er sich f�hlt. Ich lege ihm einen k�hlen Lappen auf die Stirn, doch der   Lappen wird hei�, sobald er seine Haut ber�hrt.</p><p>�M�chtest du etwas?�, frage ich.</p><p>�Nein danke�, sagt er. �Ach doch, warte. Erz�hl mir eine Geschichte.�</p><p>�Eine Geschichte? Was f�r eine?�, sage ich. Ich bin keine gro�e   Geschichtenerz�hlerin. Es ist so wie mit dem Singen. Aber hin und wieder   schwatzt Prim mir eine ab.</p><p>�Irgendwas Aufheiterndes. Erz�hl mir vom gl�cklichsten Tag, an den du dich   erinnern kannst�, sagt Peeta.</p><p>Ich gebe einen Laut von mir, der halb St�hnen, halb verzweifeltes Schnauben   ist. Eine fr�hliche Geschichte? Das ist ja noch schwieriger, als eine Suppe zu   kochen. Ich durchforste mein Ged�chtnis nach sch�nen Erinnerungen. Die meisten   haben mit Gale und der gemeinsamen Jagd zu tun, aber ich glaube nicht, dass das   bei Peeta oder den Zuschauern gut ankommt. Bleibt noch Prim.</p><p>�Habe ich dir schon mal erz�hlt, wie ich an Prims Ziege gekommen bin?�,   frage ich. Peeta sch�ttelt den Kopf und sieht mich erwartungsvoll an. Also fange   ich an. Aber vorsichtig. Denn meine Worte werden in ganz Panem �bertragen. Auch   wenn die Leute zweifellos schon l�ngst eins und eins zusammengez�hlt haben und   wissen, dass ich illegal jage, m�chte ich weder Gale noch Greasy Sae oder der   Metzgerin und nicht einmal den Friedensw�chtern, die bei mir einkaufen,   schaden, indem ich �ffentlich verk�nde, dass auch sie das Gesetz brechen.</p><p>Dies ist die wahre Geschichte, wie ich das Geld f�r Prims Ziege Lady   beschafft habe. Es war ein Freitag Ende Mai, der Tag vor Prims zehntem   Geburtstag. Gleich nach der Schule gingen Gale und ich in den Wald. Ich wollte   unbedingt genug Tauschware haben, um Prim ein Geschenk besorgen zu k�nnen. Neuen   Stoff f�r ein Kleid vielleicht oder eine Haarb�rste. Mit unseren Fallen hatten   wir zwar reichlich Beute gemacht und im Wald spross das Gem�se �ppig aus dem   Boden, aber mehr als unsere �bliche Freitagsausbeute hatten wir trotzdem noch   nicht zusammen. Auf dem R�ckweg war ich entt�uscht, obwohl Gale sagte, am   n�chsten Tag w�rden wir bestimmt mehr Gl�ck haben. Wir ruhten uns eine Weile an   einem Bach aus, als wir ihn sahen. Einen jungen Bock, der Gr��e nach   wahrscheinlich ein J�hrling. Sein Geweih war gerade erst durchgesto�en, es war   noch klein und mit Samt �berzogen. Bereit zur Flucht, unschl�ssig, was er von   uns halten sollte, mit Menschen nicht vertraut. Wundersch�n.</p><p>Nicht mehr ganz so sch�n mit den beiden Pfeilen im K�rper, einer im Genick,   der andere in der Brust. Gale und ich hatten gleichzeitig geschossen. Der Bock   versuchte zu fliehen, strauchelte aber, und ehe er sichs versah, hatte Gale ihm   mit dem Messer schon die Kehle durchgeschnitten. Einen Moment lang tat es mir   leid, etwas so Zartes und Unschuldiges zu t�ten. Doch dann knurrte mein Magen   beim Gedanken an das zarte, unschuldige Fleisch.</p><p>Ein Hirsch! Nur drei haben Gale und ich je erlegt. Der erste, eine Ricke, die   sich irgendwo eine Verletzung am Bein zugezogen hatte, z�hlte eigentlich nicht.   Wir wollten das tote Tier auf dem Hob anbieten, aber das Tohuwabohu, das wir   damit ausl�sten, sollte uns eine Lehre sein. Die Leute boten auf einzelne   K�rperteile und versuchten sogar eigenm�chtig St�cke abzuhacken. Bis Greasy Sae   einschritt und uns mitsamt dem schon arg geschundenen Reh zur Metzgerin   schickte. Hier und da waren St�cke aus dem Fleisch gerissen, das Fell war ganz   durchl�chert. Obwohl alle anst�ndig bezahlten, war der Wert der Beute deutlich   gemindert.</p><p>Diesmal warteten wir bis nach Einbruch der Dunkelheit und schl�pften in der   N�he der Metzgerei durch den Zaun. Obwohl wir bekannte J�ger waren, w�re es   nicht klug gewesen, mit einem siebzig Kilo schweren Hirsch am helllichten Tag   durch die Stra�en von Distrikt 12 zu gehen, als wollten wir die Beamten mit der   Nase darauf sto�en.</p><p>Die Metzgerin, eine kleine st�mmige Frau namens Rooba, �ffnete auf unser   Klopfen hin die Hintert�r. Mit Rooba feilscht man nicht. Sie nennt einen Preis,   den man annehmen oder ablehnen kann, aber es ist ein fairer Preis. Wir nahmen   ihr Angebot f�r den Bock sofort an und sie legte noch ein paar Hirsch-Steaks   drauf, die wir nach dem Schlachten abholen konnten. Weder Gale noch ich hatten   je so viel Geld auf einmal in H�nden gehabt, selbst als wir es durch zwei   geteilt hatten. Wir beschlossen, niemandem etwas zu sagen und unsere Familien   am Abend des n�chsten Tages mit dem Fleisch und dem Geld zu �berraschen.</p><p>So und nicht anders habe ich das Geld f�r die Ziege verdient, aber Peeta   erz�hle ich, ich h�tte ein altes Silbermedaillon meiner Mutter verkauft. Das   tut niemandem weh. Dann nehme ich die Geschichte am Nachmittag von Prims   Geburtstag wieder auf.</p><p>Gale und ich gingen zum offiziellen Markt auf dem Platz, damit ich die   n�tigen Materialien f�r das Kleid kaufen konnte. W�hrend ich mit den Fingern   �ber eine dicke blaue Baumwollbahn strich, fiel mir etwas auf. Ein alter Mann   mit einer kleinen Ziegenherde, die er auf der anderen Seite des Saums h�lt.   Seinen richtigen Namen kenne ich nicht, jeder nennt ihn nur den Ziegenmann.   Seine Gelenke sind geschwollen und verdreht, und sein trockener Husten verr�t,   dass er lange Jahre in den Minen verbracht hat. Aber er hat Gl�ck gehabt.   Irgendwie hat er dabei genug gespart, um diese Ziegen zu kaufen, und nun hat er   auf seine alten Tage etwas zu tun und muss nicht nur darauf warten, dass der   Hunger kommt. Er ist schmutzig und ungehobelt, aber seine Ziegen sind sauber und   ihre Milch ist reichhaltig, vorausgesetzt, man kann sie sich leisten.</p><p>Eine der Ziegen, eine wei�e mit schwarzen Flecken, lag in einem Wagen. Warum,   sah man sofort. Irgendein Tier, vermutlich ein Hund, hatte ihr eine schlimme   Verletzung an der Schulter zugef�gt und die Wunde hatte sich entz�ndet. Es sah   schlimm aus, der Ziegenmann musste sie st�tzen, wenn er sie melkte. Aber mir kam   sofort der Gedanke, dass ich jemanden kannte, der sie heilen k�nnte.</p><p>�Gale�, fl�sterte ich. �Ich m�chte Prim diese Ziege schenken.�</p><p>In Distrikt 12 kann der Besitz einer Ziege ein Leben �ndern. Die Tiere   ern�hren sich von praktisch allem, die Weide ist ein perfekter Futterplatz und   sie geben bis zu vier Liter Milch am Tag. Die man trinken, zu K�se verarbeiten   oder verkaufen kann.</p><p>�Sie ist ziemlich schwer verletzt�, meinte Gale. �Wir sollten sie uns genau   ansehen.�</p><p>Wir gingen hin�ber und kauften uns einen Becher Milch. Dann stellten wir uns   zu der Ziege, als ob wir m��ig interessiert w�ren.</p><p>�Lasst sie in Ruhe�, sagte der Mann. �Wir gucken nur�, sagte Gale.</p><p>�Na, dann beeilt euch mal. Sie kommt n�mlich bald zur Metzgerin. Keiner will   ihre Milch, und wenn, dann nur f�r den halben Preis�, sagte der Mann.</p><p>�Was zahlt die Metzgerin f�r sie?�, fragte ich.</p><p>Der Mann zuckte die Achseln. �Das werdet ihr gleich erfahren.� Ich drehte   mich um und sah, dass Rooba quer �ber den Platz auf uns zukam. �Gut, dass du   kommst�, sagte der Ziegenmann, als sie bei uns war. �Das M�dchen hier hat ein   Auge auf die Ziege geworfen.�</p><p>�Ach, die ist doch schon vergeben�, sagte ich gleichg�ltig.</p><p>Rooba musterte mich, dann sah sie die Ziege finster an. �Ist sie nicht. Schau   dir die Schulter an. Ich wette, das Tier ist schon halb verfault, da kann ich   nicht mal mehr Wurst draus machen.�</p><p>�Was?�, sagte der Ziegenmann. �Wir hatten eine Abmachung.�</p><p>�Wir hatten eine Abmachung �ber ein Tier mit ein paar Bissstellen. Aber   nicht so was. Verkauf sie dem M�dchen hier, wenn sie so dumm ist und sie nimmt�,   sagte Rooba. Als sie davonging, zwinkerte sie mir zu.</p><p>Der Ziegenmann war w�tend, aber seine Ziege wollte er immer noch loswerden.   Es dauerte eine halbe Stunde, bis wir uns auf den Preis einigten. Unterdessen   hatten sich Leute um uns geschart, die ihre Kommentare abgaben. Falls die Ziege   �berlebte, h�tten wir ein sehr gutes Gesch�ft gemacht; w�rde sie sterben, w�re   ich nur mein Geld los gewesen. Die Leute sprachen sich f�r das eine oder das   andere aus, aber ich nahm die Ziege.</p><p>Gale bot an, sie nach Hause zu tragen. Wahrscheinlich war er ebenso gespannt   wie ich auf Prims Gesicht. In einem Anfall von �bermut kaufte ich ein   rosafarbenes Band und knotete es der Ziege um den Hals. Dann liefen wir nach   Hause.</p><p>Prims Gesicht war unbeschreiblich, als wir mit der Ziege hereinkamen. Sie   hatte ja schon damals wegen der schrecklichen alten Katze geweint, die sie   unbedingt retten wollte. Sie war so aufgeregt, dass sie gleichzeitig weinte und   lachte. Meine Mutter war skeptisch, als sie die Wunde sah, aber dann machten   sie sich gemeinsam ans Werk, zermahlten Kr�uter und redeten der Ziege gut zu,   damit sie das Gebr�u trank.</p><p>�Wie du�, sagt Peeta. Ich hatte fast vergessen, dass er auch noch da ist.</p><p>�Oh nein, Peeta. Die beiden k�nnen Wunder bewirken. Die Ziege hatte keine   Chance zu sterben, selbst wenn sie gewollt h�tte�, sage ich. Aber dann bei�e ich   mir auf die Zunge, als ich merke, wie das in Peetas Ohren klingen muss, denn er   liegt im Sterben und ist auf meine unkundigen H�nde angewiesen.</p><p>�Keine Bange. Ich will�s gar nicht�, witzelt er. �Erz�hl weiter.�</p><p>�Das war�s schon. Ich wei� noch, dass Prim in dieser Nacht partout mit Lady   auf einer Decke neben dem Feuer schlafen wollte. Kurz bevor sie einschliefen,   hat die Ziege Prims Wange geleckt, als ob sie ihr einen Gutenachtkuss geben   wollte�, sage ich. �Sie war ihr schon verfallen.�</p><p>�Trug sie denn noch das rosa Band?�, fragt er.</p><p>�Ich glaub schon�, antworte ich. �Warum?�</p><p>�Ich versuche es mir nur vorzustellen�, sagt er nachdenklich. �Ich verstehe,   warum dich dieser Tag gl�cklich gemacht hat.�</p><p>�Na ja, ich wusste, dass die Ziege eine kleine Goldgrube werden w�rde�, sage   ich.</p><p>�Ja, nat�rlich. Genau das hab ich gemeint, nicht etwa die gro�e Freude, die   du deiner Schwester gemacht hast, die du so sehr liebst, dass du dich bei der   Ernte an ihrer statt gemeldet hast�, sagt er trocken.</p><p>�Die Ziege <emphasis>hat </emphasis>sich bezahlt gemacht. Um ein Vielfaches�, antworte ich   �berlegen.</p><p>�Na, die konnte ja auch gar nicht anders, nachdem du ihr das Leben gerettet   hast�, sagt Peeta. �Ich beabsichtige �brigens, dasselbe zu tun.�</p><p>�Wirklich? Was hast du mich noch mal gekostet?�, frage ich.</p><p>�Eine Menge �rger. Aber keine Sorge, du kriegst es zur�ck�, sagt er.</p><p>�Du redest dummes Zeug�, sage ich. Ich bef�hle seine Stirn. Das Fieber steigt   immer weiter. �Dabei f�hlt es sich ein bisschen k�hler an.�</p><p>Der Klang der Fanfaren scheucht mich auf. Im Nu bin ich auf den Beinen und an   der H�hlen�ffnung, denn ich will keine Silbe verpassen. Es ist mein guter Freund   Claudius Templesmith, und wie ich erwartet habe, l�dt er uns zu einem Festmahl   ein. Aber wir sind nicht besonders hungrig und im Geist schlage ich die   Einladung schon aus, als er sagt: �Moment noch. Ein paar von euch wollen meine   Einladung vielleicht nicht annehmen. Aber dies ist kein gew�hnliches Fest. Jeder   von euch ben�tigt etwas ganz Bestimmtes besonders dringend.�</p><p>Es gibt etwas, das ich dringend ben�tige. Etwas, mit dem ich Peetas Bein   heilen kann.</p><p>�Dieses Etwas k�nnt ihr bei Sonnenaufgang am F�llhorn finden, in Rucks�cken,   die jeweils mit der Nummer eures Distrikts gekennzeichnet sind. Denkt gut   dar�ber nach, ob ihr euch weigern wollt, zu erscheinen. F�r einige von euch ist   es die letzte Chance�, sagt Claudius.</p><p>Das war�s, seine Worte verhallen. Ich mache einen Satz, als Peeta mir die   Hand auf die Schulter legt. �Nein�, sagt er. �Du wirst nicht dein Leben f�r mich   aufs Spiel setzen.�</p><p>�Wer sagt, dass ich das vorhabe?�, erwidere ich.</p><p>�Ach, dann gehst du also nicht hin?�, fragt er.</p><p>�Nat�rlich gehe ich nicht hin. Wof�r h�ltst du mich? Glaubst du, ich renne   geradewegs in eine Massenkeilerei mit Cato, Clove und Thresh? Sei nicht dumm�,   sage ich und helfe ihm, sich wieder hinzulegen. �Sollen sie es untereinander   ausk�mpfen. Morgen Abend werden wir sehen, wessen Foto am Himmel erscheint,   und dann �berlegen wir weiter.�</p><p>�Du l�gst echt schlecht, Katniss. Es ist mir schleierhaft, wie du so lange   �berleben konntest.� Er �fft mich nach. <emphasis>�Ich wusste, dass die Ziege eine   kleine Goldgrube werden w�rde. Es f�hlt sich ein bisschen k�hler an. Nat�rlich   gehe ich nicht hin.� </emphasis>Er sch�ttelt den Kopf. �Lass ja die Finger vom   Gl�cksspiel, falls du je in Versuchung ger�tst. Du w�rdest deinen letzten   Heller verlieren�, sagt er.</p><p>Ich werde rot vor Zorn. �Also gut, ich werde gehen und du kannst mich nicht   aufhalten!�</p><p>�Ich kann dir aber folgen. Wenigstens einen Teil des Weges. Ich schaffe es   vielleicht nicht bis zum F�llhorn, aber wenn ich deinen Namen schreie, dann   findet mich bestimmt jemand. Und dann sterbe ich auf jeden Fall�, sagt er.</p><p>�Mit dem Bein kommst du keine hundert Meter weit�, sage ich.</p><p>�Dann krieche ich eben�, sagt Peeta. �Wenn du gehst, komme ich mit.�</p><p>Dickk�pfig genug ist er, vielleicht sogar stark genug. Im Wald hinter mir   herschreien. Selbst wenn ihn kein Tribut findet, es gibt noch andere Kandidaten.   Er kann sich nicht verteidigen. Wenn ich allein gehen wollte, m�sste ich ihn in   der H�hle einmauern. Aber wer wei�, wie sehr ihn die Anspannung mitnehmen   wird.</p><p>�Was soll ich tun? Hier sitzen und zusehen, wie du stirbst?�, sage ich. Er   muss doch einsehen, dass das nicht geht. Dass die Zuschauer mich hassen w�rden.   Und ehrlich gesagt, ich m�sste mich selbst hassen, wenn ich es nicht mal   versuchen w�rde.</p><p>�Ich werde nicht sterben. Ich verspreche es. Wenn du versprichst, dass du   nicht hingehst�, sagt er.</p><p>Wir sind in einer Sackgasse gelandet. Ich wei�, dass ich es ihm nicht   ausreden kann, also versuche ich es erst gar nicht. Ich tue so, als w�rde ich   ihm widerstrebend zustimmen. �Dann musst du aber tun, was ich sage. Dein Wasser   trinken, mich wecken, wann ich sage, brav deine Suppe schl�rfen, egal, wie   abscheulich sie ist!�, fahre ich ihn an.</p><p>�Abgemacht. Ist sie schon fertig?�, fragt er.</p><p>�Warte hier�, sage ich. Es ist kalt geworden, obwohl die Sonne noch am Himmel   steht. Ich hatte recht, die Spielmacher manipulieren die Temperatur. Ich frage   mich, wie viele unserer Gegner wohl verzweifelt eine warme Decke ben�tigen. Die   Suppe im Eisentopf ist noch warm. Eigentlich schmeckt sie gar nicht so   schlecht.</p><p>Peeta isst klaglos und kratzt sogar den Topf aus, um seine Begeisterung zu   zeigen. Er schwafelt davon, wie k�stlich sie ist, was ermutigend sein k�nnte,   w�sste ich nicht, was Fieber alles bewirken kann. Er redet wie Haymitch, kurz   bevor der Alkohol ihn ins Delirium schickt. Ehe er v�llig abdreht, gebe ich ihm   noch eine Dosis Fiebertabletten.</p><p>W�hrend ich zum Bach gehe, um abzuwaschen, kann ich nur an eins denken: Wenn   ich nicht zu diesem Fest gehe, wird er sterben. Ein oder zwei Tage kann er noch   durchhalten, aber dann wird die Infektion auf sein Herz oder sein Gehirn oder   seine Lunge �bergreifen und das ist das Ende. Dann bin ich hier ganz allein.   Wieder allein. Und warte auf die anderen.</p><p>Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich fast den Fallschirm �bersehen   h�tte, der neben mir herunterschwebt. Aber dann st�rze ich mich auf ihn, ziehe   ihn aus dem Wasser, rei�e den silbernen Stoff ab und ziehe das Fl�schchen   heraus. Haymitch hat es geschafft! Er hat das Medikament bekommen - ich wei�   nicht, wie, vielleicht hat er eine Schar romantischer Deppen �berredet, ihren   Schmuck zu verkaufen - und ich kann Peeta retten! Allerdings ist das Fl�schchen   unheimlich klein. Die Medizin muss sehr stark sein, wenn sie einen Menschen   kurieren soll, der so krank ist wie Peeta. In mir regt sich Zweifel. Ich �ffne   das Fl�schchen und rieche daran. Bei dem ekligen s��en Duft legt sich meine   Begeisterung schlagartig. Um sicherzugehen, tr�ufele ich einen Tropfen auf meine   Zunge. Keine Frage, es ist Schlafsirup. Eine ganz normale Arznei in Distrikt 12.   F�r ein Medikament billig und hochgradig suchterzeugend. Fast jeder hat schon   mal eine Dosis davon genommen. Wir haben auch eine Flasche zu Hause. Meine   Mutter verabreicht es bei hysterischen Patienten, wenn sie schlimme Wunden n�hen   muss, als Beruhigungsmittel oder einfach nur, damit jemand, der starke Schmerzen   hat, die Nacht �bersteht. Man braucht nur wenig davon. Ein Fl�schchen dieser   Gr��e k�nnte Peeta einen ganzen Tag lang au�er Gefecht setzen, aber wozu? Ich   bin so w�tend, dass ich Haymitchs Geschenk schon in den Bach schmei�en will, als   es mir wie Schuppen von den Augen f�llt. Einen ganzen Tag? Das ist mehr, als ich   brauche.</p><p>Ich zerstampfe eine Handvoll Beeren, damit der Sirup nicht so durchschmeckt,   und mische sicherheitshalber noch Pfefferminzbl�tter darunter. Dann gehe ich   zur�ck zur H�hle. �Ich habe dir was Leckeres mitgebracht. Ein St�ck den Bach   runter habe ich eine neue Stelle mit Beeren gefunden.�</p><p>Ohne Z�gern �ffnet Peeta den Mund f�r den ersten Happen. Er schluckt ihn   hinunter, dann runzelt er die Stirn. �Die sind aber s��.�</p><p>�Ja, das sind Zuckerbeeren. Meine Mutter macht daraus immer Marmelade. Hast   du die noch nie gegessen?�, sage ich, w�hrend ich ihm den n�chsten L�ffel in den   Mund schiebe.</p><p>�Nein�, sagt er fast verwundert. �Aber der Geschmack kommt mir irgendwie   bekannt vor. Zuckerbeeren?�</p><p>�Auf dem Markt bekommt man sie nur selten, wei�t du, sie wachsen nur wild�,   sage ich. Noch ein L�ffel voll geht seinen Weg. Jetzt nur noch einer.</p><p>�Sie schmecken so s�� wie Sirup�, sagt er und nimmt den letzten Happen.   �Sirup.� Seine Augen weiten sich, als er begreift. Ich dr�cke ihm meine Hand   fest auf Nase und Mund und zwinge ihn zu schlucken, statt auszuspucken. Er   versucht, das Zeug zu erbrechen, aber zu sp�t, er verliert schon das   Bewusstsein. W�hrend er wegd�mmert, sehe ich seinem Blick an, dass ich etwas   Unverzeihliches getan habe.</p><p>Ich hocke mich auf die Fersen und betrachte ihn halb traurig, halb zufrieden.   Eine einsame Beere besudelt sein Kinn. Ich wische sie weg. �Wer l�gt hier   schlecht, Peeta?�, sage ich, obwohl er mich nicht h�ren kann.</p><p>Macht nichts. Daf�r h�rt mich ganz Panem.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>21</emphasis></strong></p><empty-line/><p>In den Stunden, die bis zum Einbruch der Nacht bleiben, sammele ich Steine   und versuche nach Kr�ften, den Eingang zur H�hle zu tarnen. M�hsam ist das,   aber nach viel Schwitzen und Hin-und Herschieben bin ich mit meinem Werk ganz   zufrieden. Der Gesteinshaufen vor der H�hle unterscheidet sich nicht von den   anderen in der Umgebung. Durch eine kleine �ffnung, die von au�en nicht zu   entdecken ist, kann ich noch zu Peeta hineinschl�pfen. Das ist wichtig, weil ich   heute Nacht ja wieder den Schlafsack mit ihm teilen muss. Und falls ich nicht   von dem Fest zur�ckkehre, ist Peeta gut versteckt, aber nicht eingesperrt.   Allerdings bezweifele ich, dass er ohne Medikamente noch lange durchh�lt.   Sollte ich bei dem Fest sterben, wird Distrikt 12 wohl nicht den Sieger   stellen.</p><p>Aus kleinen, gr�tenreichen Fischen, die in diesem Abschnitt des Baches leben,   bereite ich eine Mahlzeit, f�lle s�mtliche Wasserbeh�lter und lege meine Waffen   zurecht. Ich habe noch neun Pfeile. Ich �berlege, ob ich Peeta das Messer   dalassen soll, damit er sich verteidigen kann, solange ich fort bin, aber das   hat keinen Sinn. Er hat recht, Tarnung ist seine letzte Verteidigung. Ich   dagegen kann das Messer wom�glich noch gebrauchen. Denn wer wei�, womit ich   rechnen muss?</p><p>Ich bin mir ziemlich sicher, dass zumindest Cato, Clove und Thresh da sein   werden, wenn das Fest beginnt. Bei Fuchsgesicht habe ich Zweifel, denn die   direkte Auseinandersetzung ist nicht ihre St�rke. Sie ist noch kleiner als ich   und zudem unbewaffnet, es sei denn, sie h�tte sich in letzter Zeit Waffen   beschafft. Vermutlich wird sie irgendwo in der N�he lauern und schauen, ob etwas   f�r sie abf�llt. Was die anderen drei betrifft � mit denen werde ich alle   H�nde voll zu tun haben. Mein gr��ter Vorteil ist die F�higkeit, aus der Distanz   zu t�ten, aber wenn ich den Rucksack mit der Nummer 12 haben will, den Claudius   Templesmith erw�hnt hat, werde ich mich mitten ins Get�mmel st�rzen m�ssen.</p><p>Ich schaue zum Himmel und hoffe auf einen Gegner weniger, aber heute Abend   erscheint kein Portr�t. Morgen wird das anders sein. Kein Fest ohne Tote.</p><p>Ich krieche in die H�hle, verstaue meine Brille und rolle mich neben Peeta   zusammen. Zum Gl�ck habe ich heute tief und lange geschlafen. Ich muss wach   bleiben. Nicht weil ich glaube, dass unsere H�hle heute Nacht angegriffen wird,   aber ich darf die Morgend�mmerung nicht verpassen.</p><p>Kalt ist es diese Nacht, bitterkalt. Als ob die Spielmacher der Arena eine   Kaltluftinfusion verpasst h�tten - und vielleicht haben sie ja auch genau das   getan. Ich liege neben Peeta im Schlafsack und versuche, so gut es geht, seine   Fieberhitze aufzunehmen. Komisch, jemandem k�rperlich so nah zu sein, der einem   so fern ist. Peeta k�nnte ebenso gut im Kapitol oder in Distrikt 12 oder auf dem   Mond sein, so unerreichbar ist er. Seit die Spiele begonnen haben, war ich nicht   so einsam.</p><p><emphasis>Finde dich damit ab, dass es eine schlechte Nacht wird, </emphasis>sage ich mir.   Obwohl ich es nicht will, denke ich die ganze Zeit an meine Mutter und Prim und   frage mich, ob sie heute Nacht wohl ein Auge zumachen werden. In dieser sp�ten   Phase der Spiele, wenn ein bedeutendes Ereignis wie ein Fest bevorsteht, bleiben   die Schulen meist geschlossen. Meine Familie kann entweder die alte Kiste mit   dem Grieselbild zu Hause anschalten oder sich zu der Menge auf dem Platz   gesellen und auf modernen Gro�bildschirmen gucken. Zu Hause sind sie unter   sich, auf dem Platz erfahren sie Unterst�tzung. Die Leute werden etwas Nettes   sagen und ihnen etwas Essen abgeben, wenn sie es entbehren k�nnen. Ich frage   mich, ob der B�cker sie besucht und sein Versprechen gehalten hat, dass meine   Schwester immer etwas im Bauch haben soll, zumal Peeta und ich jetzt ja ein   Team bilden.</p><p>Es d�rfte mittlerweile ziemlich hoch hergehen in Distrikt 12. So sp�t haben   wir �u�erst selten noch jemanden im Rennen, den wir anfeuern k�nnen. Umso mehr   werden die Leute wegen Peeta und mir aus dem H�uschen sein - gleich zwei   Tribute, und dann auch noch zusammen! Wenn ich die Augen schlie�e, kann ich mir   vorstellen, wie sie vor den Bildschirmen sitzen und uns anfeuern. Ich sehe ihre   Gesichter - Greasy Sae und Madge und selbst die Friedensw�chter, die mein   Fleisch kaufen -, wie sie uns bejubeln.</p><p>Und Gale. Ich kenne ihn. Er ruft und jubelt nicht. Aber er schaut zu, die   ganze Zeit, bei jeder Wendung, und will, dass ich zur�ckkomme. Ich frage mich,   ob er sich das auch f�r Peeta w�nscht. Gale und ich sind kein Paar, aber was   w�re, wenn ich ihm diese T�r �ffnen w�rde? Warum hat er davon gesprochen, dass   wir zusammen durchbrennen k�nnten? Einfach nur, um unsere �berlebenschancen fern   der Heimat praktisch zu erw�gen? Oder steckte mehr dahinter?</p><p>Ich frage mich, wie er die vielen K�sse verdaut.</p><p>Durch eine Ritze zwischen den Steinen sehe ich dem Mond auf seiner Bahn �ber   den Himmel zu. Ungef�hr drei Stunden vor Tagesanbruch beginne ich mit den   abschlie�enden Vorbereitungen. Ich sorge daf�r, dass Peeta Wasser und das   Erste-Hilfe-Set neben sich vorfindet. Etwas anderes braucht er nicht, falls ich   nicht zur�ckkehre, und selbst das w�rde sein Leben nur um kurze Zeit verl�ngern.   Ich schwanke eine Weile, dann ziehe ich ihm die Jacke aus und streife sie �ber.   Er braucht sie nicht. Nicht bei dem Fieber im Schlafsack, und wenn ich tags�ber   nicht da bin, um sie ihm auszuziehen, wird er darin geschmort. Da meine H�nde   schon steif vor K�lte sind, nehme ich Rues Ersatzsocken, schneide L�cher f�r die   Finger hinein und ziehe sie an. Sie helfen immerhin. Ich packe etwas Essen, eine   Wasserflasche und Mullbinden in ihren kleinen Beutel, stecke das Messer in den   G�rtel und schnappe mir Pfeil und Bogen. Ich bin schon fast auf dem Weg, als mir   einf�llt, wie wichtig es ist, das tragische Liebespaar zu spielen. Ich beuge   mich �ber Peeta und gebe ihm einen langen, sehns�chtigen Kuss. Ich stelle mir   die tr�nenfeuchten Seufzer im Kapitol vor und tue so, als w�rde ich selbst eine   Tr�ne fortwischen. Dann quetsche ich mich durch die �ffnung im Gesteinshaufen   hinaus in die Nacht.</p><p>Mein Atem bildet wei�e W�lkchen in der Luft. Es ist so kalt wie zu Hause im   November, wie in jener Nacht, als ich mich mit einer Laterne in der Hand in den   Wald stahl und mich am verabredeten Ort mit Gale traf. Dann sa�en wir   aneinandergeschmiegt da, nippten Kr�utertee aus in Stoff gewickelten   Metallflaschen und hofften, dass im Morgengrauen Wild vorbeik�me. <emphasis>Ach Gale, </emphasis>denke ich. <emphasis>Wenn du mir jetzt nur helfen k�nntest.</emphasis></p><p>Ich laufe, so schnell ich es wage. Die Brille ist beachtlich, doch ich   vermisse immer noch schmerzlich mein linkes Geh�r. Ich wei� nicht, was die   Explosion angerichtet hat, aber sie muss irgendetwas ganz tief und irreparabel   gesch�digt haben. Egal. Falls ich nach Hause komme, werde ich so stinkreich   sein, dass ich jemanden bezahlen kann, der f�r mich h�rt.</p><p>Nachts wirkt der Wald immer anders. Alles ist eigenartig verzerrt, sogar mit   Brille. Als w�ren die B�ume, Blumen und Steine des Tages schlafen gegangen und   h�tten eine unheilvolle Version ihrer selbst als Platzhalter geschickt. Ich   vermeide jede Komplikation, probiere keine neuen Wege aus. Ich folge dem Bach   zur�ck stromaufw�rts und dann dem gleichen Weg zur�ck zu Rues Versteck am See.   Nirgendwo deutet etwas auf andere Tribute hin, keine Atemwolke, kein Zittern   eines Zweigs. Entweder treffe ich als Erste ein oder die anderen haben sich   schon gestern Abend postiert. Es ist noch mehr als eine Stunde hin, vielleicht   sogar zwei, als ich ins Unterholz krieche und darauf warte, dass das Blutbad   beginnt.</p><p>Ich kaue ein paar Minzebl�tter, viel mehr vertr�gt mein Magen nicht. Gott   sei Dank habe ich zu meiner noch Peetas Jacke. Sonst m�sste ich n�mlich hin und   her laufen, um mich warm zu halten. Der Himmel f�rbt sich neblig grau, und von   den anderen Tributen ist immer noch nichts zu sehen. Das ist eigentlich nicht   �berraschend. Sie haben sich alle schon entweder durch St�rke oder   Gef�hrlichkeit oder Schl�ue hervorgetan. Ob sie annehmen, dass ich Peeta   mitgebracht habe? Fuchsgesicht und Thresh wissen wahrscheinlich gar nicht, dass   er verletzt ist. Falls sie denken, er gibt mir Deckung, wenn ich den Rucksack   holen gehe, umso besser.</p><p>Wo ist der Rucksack �berhaupt? In der Arena ist es jetzt hell genug, dass ich   die Brille absetzen kann. Ich h�re die Morgenv�gel singen. Wird es nicht Zeit?   Eine Sekunde lang packt mich die Panik, ich k�nnte am falschen Ort sein. Aber   nein, ich bin mir sicher, dass Claudius Templesmith das F�llhorn erw�hnt hat.   Da steht es. Und hier bin ich. Also wo, bitte, ist mein Fest?</p><p>Als der erste Sonnenstrahl das goldene F�llhorn erstrahlen l�sst, tut sich   was auf der Ebene. Der Boden vor der �ffnung des F�llhorns teilt sich und ein   runder Tisch mit schneewei�er Decke wird in die Arena hinaufgefahren. Auf dem   Tisch thronen vier Rucks�cke, zwei gro�e schwarze mit den Nummern <emphasis>2 </emphasis>und <emphasis>11, </emphasis>ein mittelgro�er gr�ner mit der Nummer 5 und ein kleiner   orangefarbener - ich k�nnte ihn gut und gern am Handgelenk tragen -, der mit   einer <emphasis>12 </emphasis>gekennzeichnet sein muss.</p><p>Kaum steht der Tisch, als eine Gestalt aus dem F�llhorn huscht, sich den   gr�nen Rucksack schnappt und davonrennt. Fuchsgesicht! Sie ist schlau und   risikofreudig, das muss man ihr lassen. Da hocken wir anderen noch irgendwo am   Rand der Ebene und peilen die Lage und sie hat ihren Rucksack schon. Und uns   sind die H�nde gebunden, denn keiner will ihr hinterherjagen, solange der   eigene Rucksack noch so gef�hrdet auf dem Tisch steht. Fuchsgesicht hat die   anderen Rucks�cke absichtlich dagelassen, denn sie wusste, dass sich sofort   jemand an die Verfolgung machen w�rde, wenn sie einen der anderen stehlen w�rde.   So h�tte ich es mal anstellen sollen! W�hrend ich erst �berrascht, dann   bewundernd, ver�rgert, neidisch und frustriert bin, schaue ich zu, wie die rote   M�hne weit au�er Schussweite im Wald verschwindet. Hm. Bisher habe ich immer die   anderen gef�rchtet, aber vielleicht ist Fuchsgesicht ja der eigentliche   Gegner.</p><p>Und sie hat mir Zeit gestohlen, denn jetzt muss ich auf jeden Fall als   N�chste am Tisch sein. Jeder, der vor mir da ist, kann sich m�helos meinen   Rucksack schnappen und sich aus dem Staub machen. Ohne zu z�gern, renne ich los.   Ich sp�re die aufkommende Gefahr, bevor ich sie sehen kann. Zum Gl�ck kommt das   erste Messer von rechts angezischt, sodass ich es h�re und mit dem Schaft meines   Bogens ablenken kann. Ich drehe mich um, spanne den Bogen und ziele mit dem   Pfeil direkt auf Cloves Herz. Sie kann sich gerade noch so weit abwenden, um   den t�dlichen Treffer zu vermeiden, aber die Spitze trifft sie in den linken   Oberarm. Pech, dass sie mit rechts wirft, aber sie h�lt erst einmal inne, um den   Pfeil aus dem Arm zu ziehen und die Wunde in Augenschein zu nehmen. Im   Weiterrennen lege ich automatisch den n�chsten Pfeil in die Sehne ein, wie es   nur erfahrene J�ger k�nnen.</p><p>Ich erreiche den Tisch und meine Finger schlie�en sich um den winzigen   orangefarbenen Rucksack. Mit der Hand schl�pfe ich durch die Tr�ger und zerre   ihn �ber den Arm, denn f�r jeden anderen K�rperteil ist er zu klein, drehe mich   um und will wieder schie�en, als das zweite Messer meine Stirn trifft. Aus der   klaffenden Wunde �ber der rechten Augenbraue ergie�t sich ein Strom �ber mein   Gesicht, nimmt meinem rechten Auge die Sicht, f�llt meinen Mund mit dem   durchdringenden metallischen Geschmack meines eigenen Blutes. Ich taumele   r�ckw�rts und kann den vorbereiteten Pfeil noch grob in die Richtung meiner   Angreiferin abschie�en. Schon als ich loslasse, wei� ich, dass er danebengeht.   Sofort ist Clove �ber mir, wirft mich auf den R�cken und dr�ckt mit den Knien   meine Schultern auf den Boden.</p><p><emphasis>Das war�s, </emphasis>denke ich und hoffe um Prims willen, dass es schnell geht.   Aber Clove m�chte den Moment auskosten. Sie wei�, dass sie Zeit hat. Zweifellos   ist Cato in der N�he und deckt sie, w�hrend er auf Thresh und wom�glich Peeta   wartet.</p><p>�Na, wo ist dein Freund, Distrikt 12? H�lt er noch durch?�, fragt sie.</p><p>Solange wir reden, lebe ich. �Er ist wieder auf den Beinen. Und jagt Cato�,   fauche ich sie an. Dann schreie ich, so laut ich kann: �Peeta!�</p><p>Clove schl�gt mit der Faust gegen meinen Kehlkopf und bringt mich damit sehr   wirkungsvoll zum Verstummen. Aber sie schaut schnell nach links und rechts und   ich wei�, dass sie zumindest einen Moment lang in Betracht zieht, ich k�nnte die   Wahrheit sagen. Aber da kein Peeta auftaucht, um mich zu retten, wendet sie sich   wieder mir zu.</p><p>�L�gnerin�, sagt sie grinsend. �Er ist so gut wie tot. Cato wei�, wo er ihn   getroffen hat. Wahrscheinlich hast du ihn in irgendeinem Baum festgeschnallt und   versuchst, ihn am Leben zu halten. Was ist denn in dem niedlichen kleinen   Rucksack da? Das Medikament f�r Loverboy? Schade, dass er es nie bekommen   wird.�</p><p>Clove �ffnet die Jacke. Eine beeindruckende Messersammlung kommt zum   Vorschein. Sorgf�ltig w�hlt sie ein fast zierlich wirkendes Exemplar mit einer   gemein gebogenen Klinge aus. �Ich hab Cato versprochen, ich w�rde den Zuschauern   eine gute Show bieten, wenn er dich mir �berl�sst.�</p><p>Mit aller Macht versuche ich sie abzusch�tteln, aber vergeblich. Sie ist zu   schwer und hat mich zu fest im Griff.</p><p>�Vergiss es, Distrikt 12. Wir werden dich t�ten. Genau wie deine mickrige   kleine Verb�ndete � Wie hie� sie noch? Die immer von Baum zu Baum gehopst ist?   Rue? Nun, erst Rue, dann du, und was Loverboy angeht, den �berlassen wir einfach   der Natur. Na, wie klingt das?�, fragt Clove. �Hm, wo sollen wir anfangen?�</p><p>Achtlos wischt sie mit dem Jacken�rmel das Blut von meiner Wunde. Einen   Augenblick lang mustert sie mein Gesicht, bewegt es hin und her, als w�re es   ein St�ck Holz und sie m�sste sich noch entscheiden, welches Muster sie   hineinritzen soll. Ich versuche sie in die Hand zu bei�en, aber sie packt meinen   Schopf und zwingt mich wieder zu Boden. �Ich denke ��, schnurrt sie fast. �Ich   denke, wir fangen mit deinem Mund an.� Ich presse die Z�hne aufeinander, w�hrend   sie mit der Messerspitze herausfordernd meine Lippen nachzeichnet.</p><p>Ich werde die Augen nicht zumachen. Die Bemerkung �ber Rue hat mich mit Wut   erf�llt, so viel Wut, dass ich mir vornehme, in W�rde zu sterben. Als letzten   Akt des Widerstands werde ich sie so lange anstarren, wie ich sehen kann, was   wohl nicht mehr allzu lange der Fall sein wird, aber ich werde sie anstarren,   ich werde nicht schreien, ich werde auf meine eigene kleine Weise sterben,   unbesiegt.</p><p>�Ja, ich denke, du hast f�r diese Lippen keine Verwendung mehr. M�chtest du   Loverboy einen letzten Kuss zuwerfen?�, fragt sie. Ich sammele Blut und Speichel   im Mund und spucke ihr ins Gesicht. Sie wird rot vor Wut. �Wie du willst. Fangen   wir an.�</p><p>Ich wappne mich f�r die Qual, die nun kommen wird. Doch gerade als ich sp�re,   wie die Messerspitze in meine Lippe einschneidet, rei�t eine gewaltige Kraft   Clove von meinem K�rper herunter, dann h�re ich sie schreien. Im ersten Moment   bin ich zu verbl�fft, unf�hig zu begreifen, was geschehen ist. Hat Peeta mich   doch irgendwie gerettet? Haben die Spielmacher ein wildes Tier hereingelassen,   damit es noch lustiger wird? Hat ein Hovercraft sie wundersamerweise in die Luft   gehoben?</p><p>Doch als ich mich auf meine gef�hllosen Arme st�tze, sehe ich, dass es nichts   von alldem ist. Clove h�ngt einen knappen halben Meter �ber dem Boden, gefangen   in Threshs Armen. Mir stockt der Atem, als ich ihn so hoch �ber mir sehe,   w�hrend er Clove wie eine Stoffpuppe h�lt. Ich hatte ihn schon kr�ftig in   Erinnerung, aber jetzt wirkt er st�mmiger und massiger denn je. Wom�glich hat   er in der Arena sogar noch Gewicht zugelegt. Er wirft Clove auf den Boden.</p><p>Als er br�llt, zucke ich zusammen, denn bisher habe ich ihn nur leise vor   sich hin murmeln geh�rt. �Was hast du mit der Kleinen gemacht? Hast du sie   umgebracht?�</p><p>Clove krabbelt auf allen vieren r�ckw�rts, wie ein verzweifeltes Insekt; sie   ist so geschockt, dass sie nicht mal nach Cato ruft. �Nein! Nein, das war ich   nicht!�</p><p>�Du hast ihren Namen genannt. Ich hab es geh�rt. Hast du sie umgebracht?� Ein   neuer Gedanke sp�lt eine frische Woge der Wut �ber sein Gesicht. �Hast du sie   auch so aufgeschnitten, wie du es bei dem M�dchen hier machen wolltest?�</p><p>�Nein! Nein! Ich �� Clove sieht den Stein, ungef�hr so gro� wie ein Laib   Brot, in Threshs Hand und dreht durch. �Cato!�, kreischt sie. �Cato!�</p><p>�Clove!� Cato antwortet, aber er ist eindeutig zu weit weg, um ihr zu helfen.   Was hatte er vor? Wollte er Fuchsgesicht oder Peeta nachstellen? Oder hat er im   Hinterhalt gelegen und auf Thresh gewartet und die Lage v�llig falsch   eingesch�tzt?</p><p>Thresh schl�gt den Stein mit voller Wucht gegen Cloves Schl�fe. Es blutet   nicht, aber ich sehe den Eindruck in ihrem Sch�del und wei�, dass sie es nicht   mehr lange machen wird. Doch noch ist ein bisschen Leben in ihr, ihre Brust hebt   und senkt sich rasch, ein leises St�hnen entf�hrt ihren Lippen.</p><p>Als Thresh mit erhobenem Stein zu mir herumf�hrt, ist mir klar, dass es   keinen Sinn hat, wegzurennen. Und mein Bogen ist leer, der letzte eingelegte   Pfeil in Cloves Richtung entschwunden. Ich bin im Blick seiner seltsamen   goldbraunen Augen gefangen. �Was hat sie damit gemeint? Dass Rue deine   Verb�ndete war?�</p><p>�Ich � ich � Wir haben uns zusammen getan. Haben die Vorr�te in die Luft   gejagt. Ich habe versucht, sie zu retten, ja. Aber er war zuerst da, Distrikt   1�, sage ich. Wenn er wei�, dass ich Rue geholfen habe, wird er mir vielleicht   ein langsames, qualvolles Ende ersparen.</p><p>�Und du hast ihn get�tet?�, fragt er nach.</p><p>�Ja. Ich habe ihn get�tet. Und sie mit Blumen bestattet�, sage ich. �Und ich   hab sie in den Schlaf gesungen.�</p><p>Tr�nen steigen mir in die Augen. Bei der Erinnerung weichen die Anspannung   und der Kampf. Und ich bin �berw�ltigt - von Rue, von dem Schmerz in meinem   Kopf, von meiner Angst vor Thresh und von dem St�hnen des sterbenden M�dchens   ein paar Meter entfernt.</p><p>�In den Schlaf?�, sagt Thresh barsch.</p><p>�In den Tod. Ich habe gesungen, bis sie starb�, sage ich. �Dein Distrikt �   Sie haben mir Brot geschickt.� Ich hebe die Hand, aber nicht nach einem Pfeil,   den ich sowieso nicht zu fassen bek�me. Nur um mir die Nase abzuwischen. �Mach   schnell, ja, Thresh?�</p><p>Widerstreitende Gef�hle spiegeln sich in Threshs Gesicht. Er l�sst den Stein   sinken und zeigt fast anklagend auf mich. �Dieses eine Mal lasse ich dich   laufen. Wegen der Kleinen. Dann sind wir quitt, du und ich. Keine Schulden mehr.   Verstanden?�</p><p>Ich nicke, denn das verstehe ich. Jemandem etwas zu schulden. Und das   schrecklich zu finden. Ich verstehe Thresh, denn wenn er gewinnt, muss er nach   Hause in einen Distrikt, der bereits gegen alle Regeln versto�en hat, um mir zu   danken. Deshalb wird er ebenfalls gegen die Regeln versto�en, um mir zu danken.   Und ich verstehe, dass Thresh mir zumindest in diesem Augenblick nicht den   Sch�del einschlagen wird.</p><p>�Clove!� Jetzt ist Catos Stimme viel n�her. An dem schmerzvollen Klang   erkenne ich, dass er sie am Boden entdeckt hat.</p><p>�Du haust jetzt besser ab, Feuerm�dchen�, sagt Thresh.</p><p>Das braucht er mir nicht zweimal zu sagen. Ich rappele mich auf und renne   �ber die festgestampfte Erde davon, weg von Thresh und Clove und Catos Stimme.   Erst als ich am Wald bin, drehe ich mich kurz um. Thresh und die beiden gro�en   Rucks�cke verschwinden gerade �ber den �u�eren Rand der Ebene in das Areal, das   ich nie gesehen habe. Cato kniet neben Clove, den Speer in der Hand, und fleht   sie an, bei ihm zu bleiben.</p><p>Gleich wird er einsehen, dass es vergeblich ist, dass sie nicht zu retten   ist. Ich st�rze in den Wald und wische mehrmals das Blut weg, das mir ins Auge   l�uft. Ich fliehe wie ein wildes, verletztes Tier. Nach ein paar Minuten h�re   ich die Kanone und wei�, dass Clove gestorben ist und Cato sich einem von uns   beiden an die Fersen geheftet hat. Thresh oder mir. Ich bin voller Schrecken,   geschw�cht von der Kopfwunde, zitternd. Ich lege einen Pfeil ein, aber Cato kann   den Speer fast so weit werfen, wie ich schie�e.</p><p>Nur eins beruhigt mich. Thresh hat Catos Rucksack mit den Sachen, die er   unbedingt braucht. Sehr wahrscheinlich ist Cato also hinter Thresh her, nicht   hinter mir. Trotzdem werde ich nicht langsamer, als ich ans Wasser komme. In   Stiefeln springe ich hinein und stolpere talw�rts. Ich ziehe Rues Socken aus,   die ich als Handschuhe benutzt habe, und presse sie gegen die Stirn, um die   Blutung zu stillen, aber binnen Sekunden haben sie sich vollgesogen.</p><p>Irgendwie schaffe ich es zur�ck in die H�hle. Ich quetsche mich durch die   Felsen. Im gesprenkelten Licht ziehe ich den kleinen orangefarbenen Rucksack vom   Arm, schneide ihn auf und lasse den Inhalt zu Boden fallen. Eine kleine   Schachtel mit einer Spritze darin. Ohne zu z�gern, steche ich die Nadel in   Peetas Arm und dr�cke den Kolben langsam hinunter.</p><p>Ich fasse mir an den Kopf und lasse die blutbeschmierten H�nde in den Scho�   sinken.</p><p>Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist eine wundersch�ne gr�nsilberne   Motte, die auf meinem Handgelenk landet.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>22</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Das Trommeln des Regens bringt mich langsam zu Bewusstsein. Ich w�rde so gern   weiterschlafen, in einem warmen Kokon aus Decken, im sicheren Zuhause.   Undeutlich nehme ich wahr, dass mein Kopf schmerzt. Vielleicht habe ich Grippe   und darf deshalb im Bett bleiben, obwohl ich wei�, dass ich schon lange schlafe.   Meine Mutter streichelt meine Wange und ich schiebe ihre Hand nicht weg, was ich   tun w�rde, wenn ich wach w�re, damit sie nicht merkt, wie sehr ich mich nach   dieser Liebkosung sehne.</p><p>�Katniss�, sagt jemand. �Kannst du mich h�ren, Katniss?� Ich �ffne die Augen   und das Gef�hl der Sicherheit ist verschwunden. Ich bin nicht bei meiner   Mutter. Ich bin in einer d�mmrigen, kalten H�hle, meine nackten F��e frieren   trotz der Decke. In der Luft h�ngt der unverkennbare Geruch von Blut. Das   abgezehrte, blasse Gesicht eines Jungen gleitet in mein Blickfeld und nach dem   ersten Schreck bin ich beruhigt. �Peeta.�</p><p>�Hi�, sagt er. �Gut, deine Augen wiederzusehen.�</p><p>�Wie lange war ich weggetreten?�, frage ich.</p><p>�Ich wei� nicht. Ich bin gestern Abend aufgewacht und da lagst du neben mir   in einer entsetzlichen Blutlache�, sagt er. �Ich glaube, die Blutung hat jetzt   aufgeh�rt, aber setz dich lieber nicht auf oder so.�</p><p>Vorsichtig fasse ich mir an den Kopf und f�hle den Verband. Schon von dieser   einfachen Bewegung werde ich schwach und mir schwindelt. Peeta h�lt eine Flasche   an meine Lippen und ich trinke gierig.</p><p>�Es geht dir besser�, sage ich.</p><p>�Viel besser. Was du mir da auch in den Arm gejagt hast, es hat geholfen�,   sagt er. �Heute Morgen war mein Bein fast gar nicht mehr geschwollen.�</p><p>Er scheint nicht mehr b�se zu sein, weil ich ihn mit dem Schlafmittel   hereingelegt habe und zum Fest gegangen bin. Vielleicht schont er mich, weil ich   so mitgenommen bin, und ich bekomme alles sp�ter zu h�ren, wenn ich mich erholt   habe. Aber jetzt im Moment ist er die Liebensw�rdigkeit in Person.</p><p>�Hast du was gegessen?�, frage ich.</p><p>�Ich muss leider zugeben, dass ich drei St�cke von diesem Grusling   verschlungen habe, bevor mir klar wurde, dass der vielleicht noch eine Weile   vorhalten muss. Keine Sorge, ich halte wieder strikt Di�t�, sagt er.</p><p>�Nein, das ist gut. Du musst etwas essen. Bald gehe ich auf die Jagd�, sage   ich.</p><p>�Nicht zu bald, verstanden?�, sagt er. �Jetzt sorge ich mal eine Weile f�r   dich.�</p><p>Ehrlich gesagt bleibt mir kaum etwas anderes �brig. Peeta f�ttert mich mit   Gruslingbissen und Rosinen und sorgt daf�r, dass ich viel Wasser trinke. Er   rubbelt mir die F��e ein bisschen w�rmer und wickelt sie in seine Jacke ein,   bevor er den Schlafsack wieder bis an mein Kinn zieht.</p><p>�Deine Stiefel und Socken sind immer noch nass und bei dem Wetter werden sie   auch nicht trocken�, sagt er. Ein Donner rollt und durch einen Felsspalt sehe   ich, wie ein Blitz den Himmel erhellt. Durch mehrere L�cher in den Felsen �ber   uns tropft Regen, aber Peeta hat mithilfe der Plastikplane eine Art Schutzdach   �ber meinem Kopf und meinem Oberk�rper gespannt.</p><p>�Ich frage mich, was dieser Sturm soll. Ich meine, wem gilt er?�, sagt   Peeta.</p><p>�Cato und Thresh�, antworte ich, ohne nachzudenken. �Fuchsgesicht sitzt   irgendwo in ihrem Bau und Clove � Sie hat mich mit dem Messer verletzt und   dann �� Ich verstumme.</p><p>�Ich wei�, dass Clove tot ist. Hab�s gestern Abend am Himmel gesehen�, sagt   er. �Hast du sie get�tet?�</p><p>�Nein. Thresh hat ihr mit einem Stein den Sch�del eingeschlagen�, sage   ich.</p><p>�Gut, dass er dich nicht in die Klauen bekommen hat�, sagt Peeta.</p><p>Jetzt kommt die Erinnerung an das Fest mit voller Wucht zur�ck und mir wird   elend. �Hat er schon. Aber er hat mich laufen lassen.� Jetzt muss ich Peeta   nat�rlich alles erz�hlen. Auch all das, was ich f�r mich behalten habe, weil er   zu krank war, um zu fragen, und was ich ohnehin nicht noch einmal durchleben   wollte. Die Explosion und mein Ohr und Rues Tod und der Junge aus Distrikt 1 und   das Brot. Alles, was zu meiner Begegnung mit Thresh gef�hrt hat und dazu, dass   er eine Art Schuld begleichen wollte.</p><p>�Er hat dich gehen lassen, weil er dir nichts schuldig bleiben wollte?�,   fragt Peeta ungl�ubig.</p><p>�Ja. Das brauchst du nicht zu verstehen. Du hattest immer genug. W�rest du im   Saum aufgewachsen, brauchte ich dir das nicht zu erkl�ren�, sage ich.</p><p>�Versuch�s gar nicht erst. Ich bin offenbar viel zu beschr�nkt, um es zu   begreifen�, sagt er sarkastisch.</p><p>�Das ist wie mit dem Brot. Anscheinend werde ich dir daf�r auf ewig etwas   schuldig bleiben�, sage ich.</p><p>�Das Brot? Was? Damals, als wir Kinder waren?�, sagt er. �Das k�nnen wir   hiermit ein f�r alle Mal vergessen. Du hast mich immerhin wieder zum Leben   erweckt.�</p><p>�Aber du kanntest mich gar nicht. Wir hatten noch nie miteinander   gesprochen. Au�erdem l�sst sich das erste Geschenk immer am schwersten   zur�ckzahlen. Wenn du mir damals nicht geholfen h�ttest, w�re ich nicht hier�,   sage ich. �Warum hast du das �berhaupt getan?�</p><p>�Warum? Du wei�t, warum�, sagt Peeta. Ich sch�ttele leicht den schmerzenden   Kopf. �Haymitch hat recht, du bist nicht leicht zu �berzeugen.�</p><p>�Haymitch?�, frage ich. �Was hat der damit zu tun?�</p><p>�Ach, nichts�, sagt Peeta. �Also Cato und Thresh, was? Ich sch�tze, wir   k�nnen nicht darauf hoffen, dass sie sich gegenseitig umbringen.�</p><p>Der Gedanke macht mich w�tend. �Ich glaube, wir k�nnten Thresh gut leiden. Zu   Hause w�re er unser Freund�, sage ich.</p><p>�Dann hoffen wir mal, dass Cato ihn umbringt, damit wir�s nicht tun m�ssen�,   sagt Peeta grimmig.</p><p>Nein, ich will nicht, dass Cato Thresh t�tet. Ich will nicht, dass noch   irgendjemand stirbt. Aber so was d�rfen Siegertypen nat�rlich nicht laut in der   Arena sagen. Trotz aller Anstrengung sp�re ich, wie mir Tr�nen in die Augen   steigen.</p><p>Peeta sieht mich besorgt an. �Was ist los? Sind die Schmerzen so   schlimm?�</p><p>Darauf antworte ich nicht, damit es nur als kurzer Augenblick der Schw�che   erscheint und nicht als Kapitulation. �Ich will nach Hause, Peeta�, jammere ich   wie ein kleines Kind.</p><p>�Du wirst nach Hause kommen. Ich verspreche es�, sagt er und beugt sich vor,   um mich zu k�ssen.</p><p>�Ich will jetzt nach Hause�, sage ich.</p><p>�Ich sag dir was. Du schl�fst jetzt weiter und tr�umst von zu Hause. Und ehe   du es merkst, bist du schon da�, sagt er. �Okay?�</p><p>�Okay�, fl�stere ich. �Weck mich, wenn ich Wache halten soll.�</p><p>�Ich f�hle mich gut und ausgeruht, dir und Haymitch sei Dank. Und wer wei�,   wie lange es noch so bleibt?�, sagt er.</p><p>Was meint er? Das Gewitter? Die kurze Ruhepause, die es uns bringt? Die   Spiele an sich? Ich wei� es nicht, aber ich bin zu m�de und traurig, um   nachzufragen.</p><p>Es ist Abend, als Peeta mich wieder weckt. Der Regen ist noch st�rker   geworden, statt einzelner Tropfen rinnen nun ganze B�che durch die Felsendecke.   Unter den gr��ten hat Peeta unseren Topf gestellt und die Plastikplane so   platziert, dass ich vor dem Schlimmsten gesch�tzt bin. Es geht mir etwas besser,   ich kann mich aufsetzen, ohne dass mir v�llig schwindlig wird, und ich habe   einen B�renhunger. Peeta auch. Er hat mit dem Essen auf mich gewartet und kann   es kaum noch aushalten.</p><p>Viel ist nicht �brig. Zwei St�cke Grusling, etwas Wurzelbrei und eine   Handvoll Trockenobst.</p><p>�Sollen wir es rationieren?�, fragt Peeta.</p><p>�Nein, wir essen es auf. Der Grusling wird langsam alt und einen verdorbenen   Magen k�nnen wir nun wirklich nicht brauchen�, sage ich und teile das Essen in   zwei gleich gro�e H�ufchen. Wir versuchen langsam zu essen, aber wir sind beide   so hungrig, dass alles im Nu verputzt ist. Mein Magen ist nicht im Geringsten   zufriedengestellt.</p><p>�Morgen gehen wir auf die Jagd�, sage ich.</p><p>�Da werde ich keine gro�e Hilfe sein�, erwidert Peeta. �Ich hab mein Lebtag   noch nicht gejagt.�</p><p>�Ich erlege die Beute und du kochst�, sage ich. �Und du kannst sammeln.�</p><p>�Das war was, wenn es hier einen Brotstrauch g�be�, sagt Peeta.</p><p>�Das Brot, das sie mir aus Distrikt 11 geschickt haben, war noch warm�, sage   ich und seufze. �Hier, kau das.� Ich gebe ihm ein paar Minzebl�tter und stecke   mir auch welche in den Mund.</p><p>Man kann die Projektion am Himmel kaum erkennen, aber immerhin sehen wir,   dass es heute keine Toten gegeben hat. Cato und Thresh haben es also noch nicht   ausgefochten.</p><p>�Wo ist Thresh hingegangen? Was ist jenseits der Ebene?�, frage ich   Peeta.</p><p>�Ein Feld. Schulterhohes Gras, so weit das Auge reicht. Ich wei� nicht,   vielleicht ist auch Getreide darunter. Man sieht verschiedenfarbige Flecken.   Aber keine Wege�, sagt Peeta.</p><p>�Ich wette, dass da auch Getreide w�chst. Und ich wette, Thresh kennt sich   damit aus�, sage ich. �Bist du mal dort gewesen?�</p><p>�Nein. Keiner hatte Lust, Thresh durchs hohe Gras zu verfolgen. Es ist   irgendwie unheimlich. Jedes Mal, wenn ich auf das Feld schaue, denke ich an alle   m�glichen verborgenen Dinge. Schlangen, tollw�tige Tiere und Treibsand�, sagt   Peeta. �Alles k�nnte dort sein.�</p><p>Ich sage es nicht, aber Peetas Worte erinnern mich an die Warnungen, wir   sollten uns ja nicht jenseits des Zauns um Distrikt 12 wagen. In diesem Moment   kann ich nicht anders, als ihn mit Gale zu vergleichen, der in dem Feld nicht   nur eine Gefahr, sondern auch eine m�gliche Nahrungsquelle sehen w�rde. So wie   Thresh. Nicht dass Peeta ein Schw�chling w�re, und dass er nicht feige ist, hat   er mehrfach bewiesen. Aber manche Dinge stellt man wohl einfach nicht infrage,   wenn es zu Hause immer nach frischem Brot duftet. Gale dagegen stellt alles   infrage. Was w�rde Peeta von den respektlosen Scherzen halten, mit denen wir   tagt�glich das Gesetz brechen? W�rde ihn das schockieren? Und wie wir �ber Panem   reden? Gales Tiraden gegen das Kapitol?</p><p>�Vielleicht gibt es in diesem Feld sogar einen Brotstrauch�, sage ich.   �Vielleicht sieht Thresh deshalb besser gen�hrt aus als zu Beginn der   Spiele.�</p><p>�Oder er hat gro�z�gige Sponsoren�, sagt Peeta. �Ich frage mich, was wir tun   m�ssen, damit Haymitch uns ein bisschen Brot schickt.�</p><p>Ich ziehe die Augenbrauen hoch, aber dann f�llt mir ein, dass er ja nichts   von der Botschaft wei�, die Haymitch uns vor ein paar Tagen geschickt hat. Ein   Kuss gleich ein Topf Br�he. Aber damit kann ich ja jetzt schlecht herausplatzen.   Wenn ich es aussprechen w�rde, w�rde ich die Zuschauer darauf sto�en, dass die   ganze Liebesgeschichte nur Show war, um ihre Sympathien zu gewinnen, und dann   w�rden wir gar nichts zu essen bekommen. Irgendwie muss ich die Dinge glaubhaft   wieder auf Kurs bringen. Mit etwas Einfachem anfangen. Ich nehme seine Hand.</p><p>�Ach, wahrscheinlich hat er schon zu viele Mittel eingesetzt, damit ich dich   au�er Gefecht setzen konnte�, sage ich verschmitzt.</p><p>�Ach, stimmt ja�, sagt Peeta und verschr�nkt seine Finger mit meinen.   �Versuch das nicht noch mal.� �Sonst?�, frage ich.</p><p>�Sonst � sonst �� Ihm f�llt nichts Gutes ein. �Ich muss nachdenken.�</p><p>�Was ist los?�, sage ich grinsend.</p><p>�Das ist los: Wir sind beide noch am Leben. Und jetzt denkst du bestimmt, du   h�ttest richtig gehandelt�, sagt Peeta. �Hab ich ja auch�, sage ich.</p><p>�Nein! Eben nicht, Katniss!� Er h�lt meine Hand jetzt so fest, dass es   wehtut, und er klingt richtig w�tend. �Du sollst nicht f�r mich sterben. Tu mir   nie mehr einen solchen Gefallen. Okay?�</p><p>Seine Heftigkeit erschreckt mich, aber ich erkenne darin auch eine   hervorragende Chance, an Essen zu kommen, also mache ich weiter. �Ist dir schon   mal der Gedanke gekommen, dass ich es vielleicht f�r mich selbst getan habe,   Peeta? Vielleicht bist du ja nicht der Einzige, der � der sich Sorgen macht   � wie es w�re, wenn ��, stammele ich. Ich kann nicht so gut mit Worten   umgehen wie Peeta. Und w�hrend ich gesprochen habe, hat mich die Vorstellung,   Peeta zu verlieren, erneut getroffen und ich merke, wie sehr ich mir w�nsche,   dass er nicht stirbt. Nicht nur wegen der Sponsoren. Nicht nur aus Sorge, was   bei meiner R�ckkehr nach Hause passieren k�nnte. Nicht nur, weil ich nicht   allein sein m�chte. Seinetwegen. Ich will den Jungen mit dem Brot nicht   verlieren.</p><p>�Wenn was, Katniss?�, fragt er sanft.</p><p>Am liebsten w�rde ich die L�den zumachen, diesen Augenblick vor den   neugierigen Blicken Panems abschotten. Selbst wenn das bedeutet, dass wir nichts   zu essen bekommen. Was ich jetzt f�hle, geht niemanden etwas an au�er mir.</p><p>�Haymitch hat mir geraten, genau um dieses Thema einen Bogen zu machen�, sage   ich ausweichend, obwohl Haymitch nie irgendwas in der Art gesagt hat.   Wahrscheinlich verflucht er mich gerade, weil ich diesen spannenden Moment   verpatze. Aber irgendwie rettet Peeta die Situation.</p><p>�Dann muss ich mir den Rest selber denken�, sagt er und r�ckt n�her.</p><p>Es ist der erste Kuss, den wir beide ganz bewusst erleben. Ohne dass einer   von Krankheit oder Schmerz benebelt oder bewusstlos ist. Kein Kuss mit   fieberhei�en oder eiskalten Lippen. Es ist der erste Kuss, der in meiner Brust   etwas ausl�st. Etwas Warmes und Eigenartiges. Es ist der erste Kuss, der mir   Lust auf mehr macht.</p><p>Aber ich bekomme keinen mehr. Na ja, ich bekomme zwar einen zweiten Kuss,   aber nur einen leichten auf die Nasenspitze, denn Peeta ist abgelenkt worden.   �Ich glaube, deine Wunde hat wieder angefangen zu bluten. Komm, leg dich hin, es   ist sowieso Schlafenszeit�, sagt er.</p><p>Meine Socken sind jetzt so trocken, dass ich sie anziehen kann. Ich gebe   Peeta seine Jacke zur�ck. Die nasse K�lte dringt mir sofort in die Knochen ein,   wie kalt muss ihm dann sein?</p><p>Ich bestehe auch darauf, die erste Wache zu �bernehmen, obwohl keiner von   uns davon ausgeht, dass bei dem Wetter jemand kommt. Aber er stimmt nicht eher   zu, bis ich auch im Schlafsack bin, und ich zittere so sehr, dass Widerstand   zwecklos ist. Ganz anders als vorgestern Abend, als Peeta mir Tausende Meilen   weit weg vorkam, trifft mich seine N�he jetzt bis ins Mark. Als wir im   Schlafsack liegen, zieht er meinen Kopf hinunter, damit ich seinen Arm als   Kissen benutzen kann, der andere bleibt sch�tzend �ber mir liegen, selbst als er   schon eingeschlafen ist. Wie lange hat mich niemand so gehalten. Seit mein   Vater starb und ich das Vertrauen in meine Mutter verlor, hat mir kein Arm mehr   so ein Gef�hl der Geborgenheit gegeben.</p><p>Ich liege da und betrachte mithilfe der Brille die Wassertropfen, die auf   den H�hlenboden platschen. Regelm��ig und einschl�fernd. Mehrmals d�mmere ich   kurz ein und fahre mit einem Ruck auf, dann habe ich ein schlechtes Gewissen und   �rgere mich �ber mich selbst. Nach drei, vier Stunden kann ich nicht anders, ich   muss Peeta wecken, weil ich die Augen nicht mehr offen halten kann. Ihm scheint   es nichts auszumachen.</p><p>�Morgen, wenn es trocken ist, suche ich uns einen Platz so hoch in den   B�umen, dass wir beide in Ruhe schlafen k�nnen�, verspreche ich und schon bin   ich eingeschlafen.</p><p>Aber der Morgen bringt keine Wetterbesserung. Die Sintflut h�lt an, als   wollten die Spielmacher uns alle davonschwemmen. Der Donner ist so gewaltig,   dass er die Erde ersch�ttert. Peeta schl�gt vor, trotzdem nach drau�en zu gehen   und Nahrung zu suchen, aber ich erkl�re ihm, dass das bei diesem Gewitter   sinnlos w�re. Er w�rde keinen Meter weit sehen k�nnen und am Ende w�re er nur   bis auf die Knochen durchn�sst. Er wei�, dass ich recht habe, aber das Knurren   in unseren B�uchen wird langsam qu�lend.</p><p>Der Tag zieht sich hin und es wird Abend, ohne dass das Wetter sich ge�ndert   h�tte. Unsere einzige Hoffnung ist Haymitch, aber nichts geschieht, entweder   aus Geldmangel - alles kostet jetzt Unsummen - oder weil er mit unserer   Darbietung unzufrieden ist. Wahrscheinlich Letzteres. Ich w�rde sofort zugeben,   dass wir heute nicht gerade atemberaubend sind. Hungrig, von Verletzungen   geschw�cht, immer darauf bedacht, dass die Wunden nicht wieder aufbrechen. Zwar   sitzen wir aneinandergeschmiegt in unserem Schlafsack da, aber haupts�chlich, um   uns warm zu halten. Das Aufregendste, was wir tun, ist ab und zu   einzunicken.</p><p>Ich bin unsicher, wie wir die Romanze weitertreiben sollen: Der Kuss gestern   Abend war sch�n, aber es wird einiger Vorbereitungen bed�rfen, bis es zu einem   zweiten kommt. Bei uns im Saum und auch bei den Kaufleuten gibt es M�dchen, die   sich auf diesem Gebiet hervorragend auskennen. Ich dagegen hatte nie viel Zeit   oder Verwendung daf�r. Wie dem auch sei, ein Kuss ist eindeutig nicht mehr   genug, denn wenn es so w�re, h�tten wir gestern Abend Lebensmittel bekommen.   Mein Instinkt sagt mir, dass Haymitch nicht nur Z�rtlichkeiten will, er ist auf   etwas Pers�nlicheres aus. So wie damals, als wir f�rs Interview geprobt haben   und er mich dazu bringen wollte, etwas �ber mich zu erz�hlen. Bei mir ist das   vergebliche Liebesm�h, im Gegensatz zu Peeta. Vielleicht ist es deshalb das   Beste, ihn zum Reden zu bringen.</p><p>�Peeta�, sage ich leichthin. �Im Interview hast du gesagt, du w�rdest schon   immer f�r mich schw�rmen. Wann hat das angefangen?�</p><p>�Mal �berlegen. Am ersten Schultag, glaube ich. Da waren wir f�nf. Du hattest   ein rotes Karokleid an und deine Haare � waren zu zwei Z�pfen geflochten,   nicht zu einem. W�hrend wir darauf warteten, uns aufzustellen, zeigte mein Vater   auf dich�, sagt Peeta.</p><p>�Dein Vater? Wieso?�, frage ich.</p><p>�Er sagte: &gt;Siehst du das kleine M�dchen? Ich wollte ihre Mutter heiraten,   aber sie ist mit einem Bergarbeiter durchgebrannt&lt;�, sagt Peeta.</p><p>�Was? Das hast du dir ausgedacht!�, rufe ich.</p><p>�Nein, die Geschichte ist wahr�, sagt Peeta. �Und ich fragte: &gt;Mit einem   Bergarbeiter? Wieso wollte sie einen Bergarbeiter, wenn sie dich h�tte haben   k�nnen?&lt; Und er sagte: &gt;Weil � Wenn er singt, dann h�ren sogar die V�gel   auf zu zwitschern und lauschen.&lt;�</p><p>�Stimmt. Das tun sie. Taten sie, meine ich�, sage ich. Bei dem Gedanken, wie   der B�cker seinem Sohn dies erz�hlt, bin ich verbl�fft und ger�hrt. Zum ersten   Mal denke ich, dass meine Abneigung gegen das Singen und die Musik vielleicht   gar nicht daher kommt, dass ich es f�r Zeitverschwendung halte. Vielleicht   erinnert mich all das einfach zu sehr an meinen Vater.</p><p>�An dem Tag fragte die Lehrerin in der Aula, wer den <emphasis>Valley Song </emphasis>kenne. Sofort schoss deine Hand in die H�he. Sie stellte dich auf einen   Schemel und lie� dich singen. Und ich schw�re, drau�en verstummten die V�gel�,   sagt Peeta.</p><p>�Ich bitte dich�, sage ich lachend.</p><p>�Nein, echt. Und als du zu Ende gesungen hattest, da wusste ich, dass ich   verloren war - so wie es deine Mutter bei deinem Vater gewusst hat�, sagt Peeta.   �In den folgenden elf Jahren versuchte ich den Mut aufzubringen, dich   anzusprechen.�</p><p>�Vergeblich�, f�ge ich hinzu.</p><p>�Vergeblich. So gesehen war es ein Gl�ck, dass mein Name bei der Ernte   gezogen wurde�, sagt Peeta.</p><p>Erst bin ich einen Augenblick lang auf t�richte Weise gl�cklich, dann bin   ich verwirrt. Wir sollen ja all solche Sachen erfinden und spielen, wir w�ren   verliebt, obwohl wir es gar nicht sind. Aber Peetas Geschichte enth�lt ein paar   K�rnchen Wahrheit. Die Sache mit meinem Vater und den V�geln. Und am ersten   Schultag habe ich tats�chlich gesungen, obwohl ich mich an das Lied nicht mehr   erinnern kann. Und was das rote Karokleid angeht � Es gab wirklich mal eins,   das ich Prim sp�ter vererbt habe und das sie nach dem Tod meines Vaters so lange   trug, bis es v�llig zerlumpt war.</p><p>Das w�rde auch etwas anderes erkl�ren. Warum Peeta Schl�ge in Kauf nahm, um   mir an diesem schrecklichen Hungertag die Brote zu schenken. Aber wenn all diese   Details wahr sind � was ist dann mit dem Rest?</p><p>�Du hast ein � bemerkenswertes Ged�chtnis�, sage ich stockend.</p><p>�Ich erinnere mich an alles, was mit dir zu tun hat�, sagt Peeta und steckt   mir eine Haarstr�hne hinter das Ohr. �Nur du hast nicht darauf geachtet.�</p><p>�Jetzt schon�, sage ich.</p><p>�Hier habe ich ja auch keine Konkurrenz�, sagt er.</p><p>Ich m�chte weglaufen, die L�den wieder schlie�en, aber ich wei�, dass ich es   nicht darf. Es ist, als w�rde ich Haymitchs Stimme h�ren, die mir ins Ohr   fl�stert: �Sag es! Sag es!�</p><p>Ich schlucke schwer und sto�e die Worte hervor: �Du hast nirgendwo   Konkurrenz.� Und diesmal beuge ich mich zu ihm hin.</p><p>Unsere Lippen haben sich kaum ber�hrt, da l�sst uns ein Plumps drau�en   auffahren. Ich rei�e den Bogen hoch, mit schussbereitem Pfeil, aber alles bleibt   still. Peeta lugt durch die Felsen und st��t einen Freudenschrei aus. Bevor ich   ihn aufhalten kann, steht er drau�en im Regen und reicht etwas zu mir herein.   Einen silbernen Fallschirm, an dem ein Korb h�ngt. Ich rei�e ihn sofort auf und   entdecke ein wahres Festmahl: frische Br�tchen, Ziegenk�se, �pfel und - das   Beste von allem - eine Terrine mit dem fantastischen Lammeintopf auf Wildreis.   Jenes Gericht, �ber das ich Caesar Flickerman erz�hlt habe, es sei das   Beeindruckendste, was das Kapitol zu bieten habe.</p><p>Peeta windet sich wieder herein, sein Gesicht strahlt wie die Sonne:   �Sch�tze, Haymitch war es endlich leid, uns beim Hungern zuzusehen.�</p><p>�Schon m�glich�, sage ich.</p><p>Aber insgeheim h�re ich Haymitch selbstzufrieden, aber auch leicht genervt   sagen: �Bravo, S��e, das war�s, was ich h�ren wollte.�</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>23</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Jede Zelle in meinem K�rper will, dass ich mich sofort auf den Eintopf st�rze   und ihn mit den H�nden in mich hineinschaufele. Aber Peeta h�lt mich zur�ck.   �Wir lassen es mit dem Eintopf lieber langsam angehen. Wei�t du noch, die erste   Nacht im Zug? Von dem schweren Essen war mir ganz schlecht, dabei habe ich   damals noch gar nicht gehungert.�</p><p>�Du hast recht. Dabei k�nnte ich das alles auf einmal verschlingen!�, sage   ich bedauernd. Doch ich tue es nicht. Wir sind ganz vern�nftig. Jeder isst ein   Br�tchen, einen halben Apfel und eine eiergro�e Portion Eintopf mit Reis. Ich   esse den Eintopf in ganz kleinen H�ppchen - sogar Silberbesteck und Teller haben   sie uns mitgeschickt - und genie�e jeden Bissen. Als wir zu Ende gegessen haben,   schaue ich sehns�chtig auf das Gericht. �Ich will noch mehr.�</p><p>�Ich auch. Wei�t du was? Jetzt warten wir eine Stunde, bis es sich gesetzt   hat, und dann nehmen wir uns noch eine Portion�, sagt Peeta.</p><p>�Abgemacht�, sage ich. �Das wird aber eine lange Stunde.�</p><p>�So lang vielleicht auch nicht�, sagt Peeta. �Was hattest du gerade gesagt,   bevor das Essen kam? Irgendwas �ber mich � Keine Konkurrenz � Das Beste, was   dir je passiert ist ��</p><p>�An das Letzte kann ich mich aber nicht erinnern�, sage ich und hoffe nur,   dass die Kameras bei dem schummrigen Licht hier drin meine R�te nicht einfangen   k�nnen.</p><p>�Ach, stimmt. Das habe <emphasis>ich </emphasis>ja gedacht�, sagt er. �Rutsch mal, ich   friere.�</p><p>Ich mache ihm Platz im Schlafsack. Wir lehnen uns an die H�hlenwand, mein   Kopf auf seiner Schulter, w�hrend er die Arme um mich gelegt hat. Ich sp�re, wie   Haymitch mich heimlich anstupst, damit ich weiter mitspiele. �Du hast also kein   anderes M�dchen mehr angeguckt, seit wir f�nf waren?�, frage ich Peeta.</p><p>�Oh doch, ich hab alle M�dchen angeguckt. Aber au�er dir hat keine einen   bleibenden Eindruck hinterlassen�, sagt er.</p><p>�Deine Eltern w�ren bestimmt begeistert, dass dir ein M�dchen aus dem Saum   gef�llt�, sage ich.</p><p>�Kaum. Aber das ist mir herzlich egal. Und falls wir zur�ckkommen, dann bist   du auch gar kein M�dchen aus dem Saum mehr, sondern ein M�dchen aus dem Dorf der   Sieger�, sagt er.</p><p>Das stimmt allerdings. Wenn wir gewinnen, bekommt jeder von uns ein Haus in   dem Stadtteil, der den Siegern der Hungerspiele vorbehalten ist. Vor langer   Zeit, in der Anfangszeit der Spiele, lie� das Kapitol in jedem Distrikt ein   Dutzend sch�ner H�user errichten. In unserem Distrikt ist nat�rlich nur eins   besetzt. In den meisten anderen hat noch nie jemand gewohnt.</p><p>Mir kommt ein best�rzender Gedanke. �Aber dann ist Haymitch ja unser   einziger Nachbar!�</p><p>�Ach, das wird nett�, sagt Peeta und schlingt die Arme fester um mich. �Du   und ich und Haymitch. Sehr kuschelig. Picknicks, Geburtstage, lange   Winterabende vor dem Kamin, an denen wir uns alte Geschichten von den   Hungerspielen erz�hlen.�</p><p>�Aber er kann mich nicht ausstehen, hab ich dir doch gesagt!�, klage ich.   Trotzdem, bei der Vorstellung, dass Haymitch mein neuer Kumpel wird, muss ich   lachen.</p><p>�Nur manchmal. Wenn er n�chtern ist, hat er noch nie etwas Schlechtes �ber   dich gesagt�, sagt Peeta.</p><p>�Aber der ist doch nie n�chtern!�, protestiere ich.</p><p>�Stimmt. Wen meinte ich blo�? Ach, ich wei�. Cinna. Er mag dich, aber auch   nur deshalb, weil du nicht weggelaufen bist, als er dich in Brand gesteckt hat�,   sagt Peeta. �Und was Haymitch betrifft � Also, ich an deiner Stelle w�rde   Haymitch ganz aus dem Weg gehen. Er kann dich nicht ausstehen.�</p><p>�Meintest du nicht eben noch, ich w�re sein Liebling?�, frage ich.</p><p>�Mich kann er noch weniger ausstehen�, sagt Peeta. �Ich glaube, Menschen sind   ganz allgemein nicht sein Ding.�</p><p>Die Zuschauer werden es spa�ig finden, dass wir uns �ber Haymitch lustig   machen. Er ist schon so lange dabei, dass er f�r manche wie ein alter Bekannter   ist. Und nach seinem Hechtsprung von der B�hne bei der Ernte ist er bekannt wie   ein bunter Hund. Jetzt wird man ihn schon f�r Interviews �ber uns aus dem   Kontrollraum gezerrt haben. Wer wei�, was f�r L�gengeschichten er sich bereits   ausgedacht hat. Er ist ein wenig im Nachteil; die meisten Mentoren haben einen   Partner, einen anderen ehemaligen Sieger, an ihrer Seite, w�hrend Haymitch   allein bereit sein muss. So �hnlich wie ich, als ich noch allein in der Arena   war. Ich frage mich, wie er das durchh�lt, die Sauferei, die Aufmerksamkeit und   den Stress, uns am Leben zu halten.</p><p>Lustig. Haymitch und ich verstehen uns �berhaupt nicht, aber vielleicht hat   Peeta trotzdem recht, dass wir uns �hneln, denn er scheint durch die Wahl des   Zeitpunkts, zu dem er mir Geschenke schickt, mit mir zu kommunizieren. Wie   damals, als er mir das Wasser vorenthielt und ich pl�tzlich wusste, dass es   nicht mehr weit sein konnte. Oder als mir klar wurde, dass der Schlafsirup nicht   dazu dienen konnte, Peetas Schmerzen zu lindern, und wie ich jetzt merke, dass   ich die Liebesgeschichte weiterspielen muss. Mit Peeta hat er sich nicht solche   M�he gegeben. Vielleicht denkt er, f�r Peeta ist ein Topf Suppe nur ein Topf   Suppe und weiter nichts, w�hrend ich die F�den sehe, an denen dieser Topf   h�ngt.</p><p>Pl�tzlich ist da ein Gedanke und ich wundere mich, dass er nicht schon l�ngst   aufgetaucht ist. Vielleicht, weil ich Haymitch erst seit Kurzem mit einer   gewissen Neugier betrachte. �Wie hat er das wohl geschafft?�</p><p>�Wer? Was geschafft?�, fragt Peeta.</p><p>�Haymitch. Wie hat er es blo� angestellt, die Spiele zu gewinnen?�, sage   ich.</p><p>Peeta denkt eine Weile dar�ber nach, bevor er antwortet. Haymitch ist kr�ftig   gebaut, aber kein Muskelprotz wie Cato oder Thresh. Er sieht nicht besonders gut   aus. Zumindest nicht so, dass es Sponsorengeschenke geregnet haben kann. Und so   m�rrisch, wie er ist, kann man sich kaum vorstellen, dass jemand gemeinsame   Sache mit ihm gemacht hat. Es gibt nur einen Weg, wie Haymitch gewonnen haben   kann, und Peeta spricht es genau in dem Moment aus, als ich selbst zu der   Schlussfolgerung gelange.</p><p>�Er hat die anderen ausgetrickst�, sagt Peeta.</p><p>Ich nicke, dann sage ich nichts mehr dazu. Aber insgeheim frage ich mich, ob   Haymitch deshalb lange genug n�chtern bleibt, um Peeta und mir zu helfen, weil   er uns f�r schlau genug h�lt, dass wir eine �berlebenschance haben. Vielleicht   war er nicht immer ein Trinker. Vielleicht hat er anfangs versucht, den Tributen   zu helfen. Bis es unertr�glich wurde. Es muss die H�lle sein, Mentor f�r zwei   junge Menschen zu sein und dann zuzuschauen, wie sie sterben. Jahr f�r Jahr f�r   Jahr. Mir wird bewusst, dass das meine Aufgabe sein wird, falls ich je hier   rauskomme. Mentorin f�r das M�dchen aus Distrikt 12. Die Vorstellung ist so   absto�end, dass ich sie von mir wegschiebe.</p><p>Eine halbe Stunde ist vergangen, als ich beschlie�e, dass ich noch etwas   essen muss. Peeta ist selbst zu hungrig, um mit mir dar�ber zu streiten. W�hrend   ich zwei weitere kleine Portionen Lammeintopf mit Reis auff�lle, erklingt die   Hymne. Peeta legt die Augen an einen Felsspalt und schaut zum Himmel.</p><p>�Kommt bestimmt nichts heute Abend�, sage ich; der Eintopf interessiert mich   eindeutig mehr als der Himmel. �Heute ist nichts passiert, sonst h�tten wir die   Kanone geh�rt.�</p><p>�Katniss�, sagt Peeta ruhig.</p><p>�Was ist? Sollen wir uns auch noch ein Br�tchen teilen?�, frage ich.</p><p>�Katniss�, sagt er noch einmal, aber ich schenke ihm keine Beachtung.</p><p>�Ich schneid einfach eins auf. Aber den K�se heb ich f�r morgen auf�, sage   ich. Peeta starrt mich an. �Was ist?�</p><p>�Thresh ist tot�, sagt Peeta. �Das kann nicht sein�, sage ich.</p><p>�Die Kanone muss w�hrend eines Donners abgefeuert worden sein, sodass wir   sie �berh�rt haben�, sagt Peeta.</p><p>�Bist du dir sicher? Drau�en regnet es doch wie aus K�beln. Wie kannst du da   irgendwas erkennen?�, sage ich. Ich sto�e ihn beiseite und sp�he in den dunklen   Regenhimmel hinaus. Etwa zehn Sekunden lang sehe ich verzerrt Threshs Bild, dann   wird es ausgeblendet. Mir nichts, dir nichts.</p><p>Ich lasse mich gegen die Steine sinken und vergesse v�llig, womit ich gerade   besch�ftigt war. Thresh ist tot. Jetzt m�sste ich mich freuen, oder? Ein Tribut   weniger. Und noch dazu ein m�chtiger. Aber ich freue mich nicht. Ich kann nur   daran denken, dass Thresh mich hat laufen lassen, dass er mich entkommen lie�   wegen Rue, die mit einem Speer im Leib gestorben ist �</p><p>�Alles in Ordnung?�, fragt Peeta.</p><p>Ich zucke nur die Achseln und dr�cke die Ellbogen in die H�nde, ganz nah am   K�rper. Ich muss den echten Schmerz begraben, denn wer wettet schon auf einen   Tribut, der beim Tod seines Gegners losflennt. Rue war etwas anderes. Wir waren   Verb�ndete. Sie war so jung. Aber niemand wird verstehen, dass ich wegen des   Mordes an Thresh trauere. Das Wort l�sst mich erstarren. Mord! Gut, dass ich das   nicht laut gesagt habe. Damit k�nnte ich in der Arena kaum punkten. Daf�r sage   ich: �Es ist nur � Falls wir es nicht schaffen � dann sollte Thresh   gewinnen. Weil er mich hat laufen lassen. Und wegen Rue.�</p><p>�Ja, ich wei߫, sagt Peeta. �Aber so sind wir Distrikt 12 wieder einen   Schritt n�her.� Er dr�ckt mir einen Teller mit Essen in die H�nde. �Iss. Es ist   noch warm.�</p><p>Ich esse einen L�ffel Eintopf, um zu demonstrieren, dass mich das gar nicht   ber�hrt, aber er ist wie Kleister in meinem Mund und ich muss mich m�chtig   anstrengen, um ihn hinunterzuschlucken. �Das bedeutet auch, dass Cato jetzt   wieder hinter uns her ist.�</p><p>�Und dass er wieder Vorr�te hat�, sagt Peeta.</p><p>�Ich wette, er ist verletzt�, sage ich.</p><p>�Wie kommst du darauf?�, fragt Peeta.</p><p>�Weil Thresh niemals kampflos zu Boden gegangen w�re. Er ist so stark. War,   meine ich. Und sie waren auf seinem Gel�nde�, sage ich.</p><p>�Gut�, sagt Peeta. �Je schlimmer Cato verwundet ist, desto besser. Ich frage   mich, wie es Fuchsgesicht ergeht.�</p><p>�Ach, der geht�s gut�, sage ich gereizt. Ich �rgere mich noch immer dar�ber,   dass sie auf die Idee gekommen ist, sich im F�llhorn zu verstecken, und ich   nicht. �Wahrscheinlich wird es einfacher, Cato zu erledigen als sie.�</p><p>�Vielleicht erledigen sie sich auch gegenseitig und wir k�nnen nach Hause   gehen�, sagt Peeta. �Aber wir m�ssen auf jeden Fall bei der Wache aufpassen. Ich   bin ein paarmal eingenickt.�</p><p>�Ich auch�, gebe ich zu. �Aber heute Nacht nicht.�</p><p>Schweigend essen wir zu Ende. Peeta bietet an, die erste Wache zu   �bernehmen. Ich vergrabe mich neben ihm im Schlafsack und ziehe mir die Kapuze   �ber das Gesicht, um es vor den Kameras zu verbergen. Ich muss jetzt ein   bisschen f�r mich sein, Gef�hle zeigen k�nnen, ohne dabei beobachtet zu werden.   Unter der Kapuze sage ich Thresh still Auf Wiedersehen und danke ihm f�r mein   Leben. Ich verspreche ihm, dass ich ihn nicht vergessen werde und dass ich im   Fall meines Sieges etwas unternehmen werde, um seine und Rues Familie zu   unterst�tzen. Dann fl�chte ich mich in den Schlaf, mit dem Trost eines   gef�llten Bauches und Peetas zuverl�ssiger W�rme neben mir.</p><p>Als Peeta mich sp�ter weckt, bemerke ich als Erstes den Geruch von   Ziegenk�se. Peeta h�lt mir ein halbes Br�tchen mit sahnigem wei�em Belag und   Apfelschnitzen als Garnitur hin. �Sei nicht sauer�, sagt er. �Ich musste einfach   noch mehr essen. Hier ist deine H�lfte.�</p><p>�Oh, lecker�, sage ich und bei�e sofort kr�ftig hinein. Der strenge, fettige   K�se schmeckt genau wie der von Prim und die �pfel sind knackig und s��.   �Mmm.�</p><p>�In der B�ckerei verkaufen wir Apfelkuchen mit Ziegenk�se�, sagt er.</p><p>�Ziemlich teuer, sch�tze ich�, sage ich.</p><p>�Zu teuer f�r meine Familie. Es sei denn, er ist sehr alt. Wir essen ja fast   nur die altbackenen Sachen�, sagt Peeta, w�hrend er den Schlafsack hochzieht.   Keine Minute sp�ter schnarcht er selig.</p><p>Hm. Ich dachte immer, Ladenbesitzer h�tten ein leichtes Leben. Und es stimmt   ja auch, Peeta hatte immer genug zu essen. Aber es hat etwas Deprimierendes,   wenn man immer nur altbackenes Brot essen muss, die harten, trockenen Laibe,   die keiner kaufen wollte. Da haben wir es besser, das Essen, das ich t�glich   herbeischaffe, ist so frisch, dass man aufpassen muss, dass es nicht   wegl�uft.</p><p>Irgendwann w�hrend meiner Wache h�rt der Regen auf, nicht allm�hlich, sondern   schlagartig. Das Trommeln ist verschwunden, ich h�re nur noch das Tropfen von   den �sten und das Rauschen des angeschwollenen Bachs unter uns. Ein sch�ner   Vollmond kommt hervor, sodass ich drau�en sogar ohne Brille etwas erkennen kann.   Ich bin mir nicht sicher, ob der Mond echt ist oder nur eine Projektion der   Spielmacher. Kurz bevor ich von zu Hause fortging, war er voll, das wei� ich.   Gale und ich sahen ihn aufsteigen, als wir bis in den Abend hinein jagten.</p><p>Wie lange bin ich schon fort? Zwei Wochen in der Arena, sch�tze ich, und dann   noch die eine Woche Vorbereitung im Kapitol. Vielleicht hat der Mond seinen   Zyklus vollendet. Aus irgendeinem Grund m�chte ich unbedingt, dass es mein Mond   ist, der, den ich im Wald um Distrikt 12 sehe. Dann h�tte ich etwas, woran ich   mich in der unwirklichen Welt der Arena, wo man nie wei�, was echt ist und was   nicht, festhalten k�nnte.</p><p>Jetzt sind wir noch vier.</p><p>Zum ersten Mal erlaube ich mir, ernsthaft �ber die M�glichkeit nachzudenken,   dass ich nach Hause zur�ckkehre. Ruhmreich. Wohlhabend. In mein eigenes Haus im   Dorf der Sieger. Meine Mutter und Prim w�rden bei mir wohnen. Keine Angst vor   Hunger mehr. Eine neue Art der Freiheit. Aber � was dann? Wie s�he mein Alltag   aus? Bisher habe ich die meiste Zeit darauf verwendet, etwas zu essen zu   beschaffen. Ohne das w�sste ich gar nicht, wer ich bin, was mich ausmacht. Die   Vorstellung ist ein bisschen be�ngstigend. Ich denke an Haymitch mit all seinem   Geld. Was ist aus seinem Leben geworden? Er lebt allein, ohne Frau und Kinder,   die meiste Zeit betrunken. So m�chte ich nicht enden.</p><p>Aber du wirst nicht allein sein, fl�stere ich mir zu. Ich habe meine Mutter   und Prim. F�rs Erste jedenfalls. Und danach � Ich m�chte nicht an das Danach   denken, wenn Prim erwachsen ist und meine Mutter nicht mehr lebt. Ich wei�,   dass ich niemals heiraten, es nie wagen werde, Kinder in die Welt zu setzen.   Denn Sieger zu sein hei�t nicht, dass die eigenen Kinder au�er Gefahr sind. Die   Namen meiner Kinder w�rden in die Lostrommeln wandern wie alle anderen auch. Und   das werde ich niemals zulassen, das schw�re ich.</p><p>Irgendwann geht die Sonne auf, ihr Licht schl�pft durch die Ritzen und   scheint auf Peetas Gesicht. Wie wird er sich ver�ndern, wenn wir es nach Hause   schaffen? Dieser erstaunliche, gutm�tige Junge, der sich so �berzeugende   L�gengeschichten ausdenken kann, dass ganz Panem glaubt, er sei hoffnungslos in   mich verliebt - und manchmal glaube ich es sogar selber, das muss ich zugeben. <emphasis>Zumindest werden wir Freunde sein, </emphasis>denke ich. Nichts wird etwas daran   �ndern k�nnen, dass wir einander hier das Leben gerettet haben. Und au�erdem   wird er immer der Junge mit dem Brot sein. <emphasis>Gute Freunde. </emphasis>Aber dar�ber   hinaus � Und jetzt sp�re ich, wie Gale im fernen Distrikt 12 mich mit seinen   grauen Augen anschaut, w�hrend ich Peeta betrachte.</p><p>Ich f�hle mich unbehaglich. Ich rutsche zu Peeta hin�ber und r�ttele ihn an   der Schulter. Schl�frig �ffnet er die Augen, und als er mich entdeckt hat, zieht   er mich zu sich herunter und gibt mir einen langen Kuss.</p><p>�Wir verschwenden Jagdzeit�, sage ich, als ich mich endlich losrei�e.</p><p>�Verschwenden w�rde ich das nicht nennen�, sagt er. Er setzt sich auf und   reckt sich ausgiebig. �Sollen wir mit leerem Magen jagen, damit wir mehr Ansporn   haben?�</p><p>�Im Gegenteil�, sage ich. �Wir schlagen uns den Bauch voll, damit wir   durchhalten.�</p><p>�Kannst auf mich z�hlen�, sagt Peeta. Aber dann guckt er doch verwundert, als   ich den Rest des Eintopfs mit Reis aufteile und ihm einen ordentlichen Teller   reiche. �Das alles?�</p><p>�Wir holen es uns heute zur�ck�, sage ich und dann machen wir uns beide �ber   unsere Teller her. Sogar kalt geh�rt es zum Besten, was ich je gegessen habe.   Ich lege meine Gabel hin und schlecke die letzten Reste der So�e mit den Fingern   auf. �Ich sp�re richtig, wie Effie Trinket sich bei meinen Manieren   sch�ttelt.�</p><p>�Hey, Effie, guck mal!�, sagt Peeta. Er schmei�t seine Gabel �ber die   Schulter und leckt den Teller unter lauten, wohligen Ger�uschen sauber. Dann   wirft er ihr einen Kuss zu und ruft: �Du fehlst uns, Effie!�</p><p>Ich halte ihm den Mund zu, aber ich muss auch lachen. �Stopp! Cato k�nnte   drau�en vor der H�hle sein.�</p><p>Er schiebt meine Hand weg. �Na und? Ich hab doch dich als Besch�tzerin�, sagt   er und zieht mich an sich.</p><p>�Los jetzt�, sage ich verzweifelt und winde mich aus seinem Griff, nicht ohne   ihm vorher einen weiteren Kuss gew�hrt zu haben.</p><p>Als wir abmarschbereit drau�en vor der H�hle stehen, werden wir wieder   ernst. Es ist, als h�tten wir in den letzten paar Tagen, gesch�tzt von Felsen   und Regen und Catos Auseinandersetzung mit Thresh, eine Auszeit bekommen, so   etwas wie Ferien. Obwohl der Tag sonnig und warm ist, sp�ren wir jetzt beide,   dass wir wirklich wieder in den Spielen sind. Die Waffen, die Peeta vielleicht   einmal besessen hat, sind l�ngst weg, deshalb gebe ich ihm mein Messer und er   steckt es sich in den G�rtel. Meine letzten sieben Pfeile - von den   urspr�nglichen zw�lf habe ich drei f�r die Explosion und zwei beim Fest   geopfert - klappern ein bisschen im K�cher. Ich kann es mir nicht leisten, noch   einen zu verlieren.</p><p>�Jetzt jagt er uns bestimmt schon�, sagt Peeta. �Cato ist nicht der Typ, der   darauf wartet, dass die Beute vorbeikommt.�</p><p>�Aber wenn er verletzt ist ��, hebe ich an.</p><p>�Das macht nichts�, unterbricht mich Peeta. �Falls er laufen kann, wird er   kommen.�</p><p>Durch den Regen ist der Bach zu beiden Seiten mehrere Meter �ber die Ufer   getreten. Wir machen halt, um unsere Flaschen zu f�llen. Ich kontrolliere die   Fallen, die ich vor ein paar Tagen gestellt habe, aber sie sind leer. Kein   Wunder bei dem Wetter. Abgesehen davon habe ich in dieser Gegend kaum Tiere oder   Spuren gesichtet.</p><p>�Wenn wir Essen wollen, gehen wir lieber zur�ck zu meinen alten Jagdgr�nden�,   sage ich.</p><p>�Wie du meinst. Sag mir nur, was ich tun soll�, sagt Peeta.</p><p>�Halt gut Ausschau�, sage ich. �Bleib so lange wie m�glich auf den Steinen,   damit wir keine Spuren hinterlassen, denen er folgen kann. Und sperr die Ohren   f�r uns beide auf.� Mittlerweile ist mir klar, dass die Explosion mein linkes   Geh�r f�r immer zerst�rt hat.</p><p>Am liebsten w�rde ich durchs Wasser gehen, damit wir �berhaupt keine Spuren   hinterlassen, doch ich bin mir nicht sicher, ob Peetas Bein der Str�mung   standh�lt. Obwohl die Arznei die Infektion besiegt hat, ist er noch immer recht   schwach. Wo die Messerklinge in meine Stirn eingeschnitten hat, habe ich   Schmerzen, aber immerhin hat es nach drei Tagen aufgeh�rt zu bluten. Trotzdem   trage ich einen Verband um den Kopf, falls es durch die Anstrengung wieder   anfangen sollte.</p><p>Auf unserem Weg den Bach entlang kommen wir an der Stelle vorbei, wo ich   Peeta gefunden habe, getarnt mit Unkraut und Schlamm. Dauerregen und   �berschwemmung hatten auch ihr Gutes, denn sie haben s�mtliche Spuren   weggewischt. Und das hei�t, dass wir notfalls in unsere H�hle zur�ckk�nnen.   Sonst w�rde ich das nicht riskieren, mit Cato auf den Fersen.</p><p>Die Felsbl�cke werden zu Steinen und irgendwann zu Kieseln und dann gehen   wir zu meiner gro�en Erleichterung wieder �ber Kiefernnadeln und sanft   abfallenden Waldboden. Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass wir ein Problem   haben. Wenn man mit einem schlimmen Bein �ber Felsen klettert, dann geht das   nat�rlich nicht ger�uschlos ab. Aber Peeta ist sogar hier, auf dem weichen   Nadelbett, laut. Und zwar richtig laut, als w�rde er mit dem Fu� aufstampfen.   Ich drehe mich um und schaue ihn an.</p><p>�Was ist?�, fragt er.</p><p>�Du musst dich leiser bewegen�, sage ich. �Nicht wegen Cato, aber so verjagst   du jedes Kaninchen im Umkreis von f�nfzehn Kilometern.�</p><p>�Tats�chlich?�, sagt er. �Tut mir leid, das wusste ich nicht.�</p><p>Wir gehen weiter und es ist ein klein wenig besser, aber selbst mit nur einem   funktionierenden Ohr zucke ich zusammen.</p><p>�Kannst du vielleicht deine Stiefel ausziehen?�, schlage ich vor.</p><p>�Hier?�, fragt er ungl�ubig, als h�tte ich ihn aufgefordert, barfu� �ber   gl�hende Kohlen zu laufen. Ich muss mich daran erinnern, dass er mit dem Wald   noch immer nicht vertraut ist, dass es f�r ihn der schaurige, verbotene Ort   jenseits des Zauns um Distrikt 12 ist. Ich denke an Gale mit seinem samtweichen   Gang. Es ist unheimlich, wie wenig Ger�usche er macht, selbst wenn das Laub   gefallen ist und es schwierig ist, sich �berhaupt zu bewegen, ohne das Wild zu   verjagen. Der lacht jetzt bestimmt zu Hause.</p><p>�Ja�, sage ich geduldig. �Ich mache das auch. Dann sind wir beide leiser.�   Als ob ich Ger�usche machen w�rde. Wir streifen Stiefel und Socken ab. Obwohl es   nun etwas besser geht, habe ich den Eindruck, als w�rde er absichtlich auf jeden   trockenen Ast treten, der auf dem Weg liegt.</p><p>Unn�tig zu erw�hnen, dass wir auf dem mehrst�ndigen Weg zu Rues und meinem   alten Lager nichts schie�en. W�re die Str�mung im Bach schw�cher, k�nnten wir   Fische jagen, aber momentan ist sie noch zu stark. Als wir anhalten, um zu   trinken, �berlege ich, was wir machen k�nnten. Am einfachsten w�re es, Peeta   hier zur�ckzulassen und ihn zum Wurzelnsammeln zu verdonnern, w�hrend ich jagen   gehe. Aber dann h�tte er nur ein Messer, um sich gegen den k�rperlich   �berlegenen Cato und seine Speere zur Wehr zu setzen. Am liebsten w�rde ich   deshalb versuchen, ihn an einem sicheren Ort zu verstecken, auf die Jagd zu   gehen und ihn anschlie�end wieder abzuholen. Aber mein Gef�hl sagt mir, dass ihm   das gegen den Strich gehen w�rde.</p><p>�Katniss�, sagt er. �Wir m�ssen uns trennen. Ich wei�, dass ich das Wild   vertreibe.�</p><p>�Daran ist nur dein Bein schuld�, sage ich gro�m�tig, denn nat�rlich ist das   nicht das eigentliche Problem.</p><p>�Ich wei߫, sagt er. �Wieso gehst du nicht einfach allein los? Zeig mir,   welche Pflanzen ich sammeln soll, dann machen wir uns beide n�tzlich.�</p><p>�Und dann kommt Cato und t�tet dich.� Ich versuche es freundlich zu sagen,   aber es klingt trotzdem so, als hielte ich ihn f�r einen Schw�chling.</p><p>Zu meiner �berraschung lacht er nur. �Ach, mit Cato werde ich schon fertig.   Schlie�lich hab ich schon mal gegen ihn gek�mpft, oder?�</p><p>Oh ja, mit durchschlagendem Erfolg. Du w�rst fast in einem Schlammloch   verreckt. Das w�rde ich gerne sagen, aber das geht nicht. Immerhin hat er mir   das Leben gerettet, als er sich Cato stellte. Ich versuche es mit einer anderen   Taktik. �Wie w�r�s, wenn du auf einen Baum kletterst und Ausschau h�ltst,   w�hrend ich jage?�, sage ich und versuche es so klingen zu lassen, als w�re das   eine ganz wichtige Aufgabe.</p><p>�Wie w�r�s, wenn du mir zeigst, was hier essbar ist, und uns etwas Fleisch   besorgst?�, sagt er und �fft meinen Tonfall nach. �Geh nur nicht zu weit weg,   falls du Hilfe brauchst.�</p><p>Ich seufze und zeige ihm ein paar Wurzeln, die er ausgraben kann. Wir   brauchen Essen, das ist keine Frage. Mit einem Apfel, zwei Br�tchen und einem   pflaumengro�en Klecks K�se kommen wir nicht mehr lange aus. Ich werde mich ein   kleines St�ck entfernen und hoffen, dass Cato weit weg ist.</p><p>Ich bringe Peeta einen Vogelruf bei - keine Melodie wie die von Rue, nur   einen einfachen zweit�nigen Pfiff -, mit dem wir uns mitteilen k�nnen, dass   alles in Ordnung ist. Zum Gl�ck kann er wenigstens das gut. Ich lasse das Gep�ck   bei ihm und mache mich auf den Weg.</p><p>Ich komme mir vor, als w�re ich wieder elf Jahre alt, nur dass ich jetzt   nicht durch den Zaun eingeschr�nkt bin, sondern durch Peeta. Ich gestehe mir   ein Jagdgebiet von zwanzig, vielleicht drei�ig Metern im Umkreis zu, doch je   weiter ich mich von Peeta entferne, desto mehr belebt sich der Wald pl�tzlich   mit Tierger�uschen. Beruhigt von Peetas regelm��igen Pfiffen, wage ich mich   weiter weg und kann bald zwei Kaninchen und ein fettes Eichh�rnchen vorweisen.   Das ist genug, beschlie�e ich. Ich kann Fallen stellen und vielleicht ein paar   Fische fangen. Zusammen mit Peetas Wurzeln reicht das f�rs Erste.</p><p>Auf dem kurzen Weg zur�ck wird mir bewusst, dass wir schon l�nger keine   Signale ausgetauscht haben. Ich pfeife, und als keine Antwort kommt, renne ich   los. Im Nu bin ich beim Gep�ck, neben dem ein ordentlicher Stapel Wurzeln   aufgeh�uft wurde. Die Plastikplane ist auf dem Boden ausgebreitet, darauf liegen   Beeren in der Sonne. Aber wo ist er?</p><p>�Peeta!�, rufe ich panisch. �Peeta!� Es raschelt im Geb�sch, ich drehe mich   um und h�tte ihn um ein Haar mit einem Pfeil durchbohrt. Gott sei Dank ziehe ich   den Bogen in letzter Sekunde hoch und der Pfeil geht in einen Eichenstamm zu   seiner Linken. Er macht einen Satz r�ckw�rts und schleudert eine Handvoll   Beeren in hohem Bogen ins Laub.</p><p>Meine Angst verwandelt sich in �rger. �Was machst du da? Du solltest   hierbleiben, nicht im Wald herumrennen!�</p><p>�Ich hab diese Beeren unten beim Bach gefunden�, sagt er, offensichtlich   verwirrt �ber meinen Ausbruch.</p><p>�Ich hab gepfiffen. Warum hast du nicht zur�ckgepfiffen?�, fahre ich ihn   an.</p><p>�Ich hab�s nicht geh�rt. Wahrscheinlich ist das Wasser zu laut�, sagt er. Er   kommt zu mir und legt mir die H�nde auf die Schultern. Erst da merke ich, dass   ich zittere.</p><p>�Ich hab gedacht, Cato h�tte dich get�tet!�, schreie ich fast.</p><p>�Nein, mir geht�s gut.� Peeta schlingt die Arme um mich, aber ich gehe nicht   darauf ein. �Katniss?�</p><p>Ich schiebe ihn fort und versuche, meine Gef�hle zu ordnen. �Wenn zwei Leute   ein Signal verabreden, bleiben sie nah beieinander. Und wenn einer nicht   antwortet, dann ist er in Schwierigkeiten, klar?�</p><p>�Klar!�, sagt er.</p><p>�Gut. Genau das ist n�mlich mit Rue passiert und dann durfte ich ihr beim   Sterben zusehen!�, sage ich. Ich wende mich von ihm ab, gehe zum Gep�ck und   �ffne eine neue Wasserflasche, obwohl in meiner noch etwas drin ist. Aber ich   bin noch nicht so weit, ihm zu verzeihen. Ich sehe das Essen. Br�tchen und �pfel   sind unber�hrt, aber vom K�se hat jemand genascht. �Und du hast ohne mich   gegessen!� Nicht dass es mir wichtig w�re, ich suche nur irgendwas, wor�ber ich   mich �rgern kann.</p><p>�Was? Nein, hab ich nicht�, sagt Peeta.</p><p>�Ach so, dann haben wohl die �pfel den K�se gegessen?�, sage ich.</p><p>�Ich wei� nicht, wer oder was den K�se gegessen hat�, sagt Peeta langsam und   bestimmt, als versuchte er, nicht die Geduld zu verlieren, �aber ich war�s   nicht. Ich war unten am Bach und hab Beeren gepfl�ckt. M�chtest du welche?�</p><p>Ich h�tte schon gern welche, aber ich will nicht zu schnell einlenken. Ich   gehe hin und betrachte sie. Solche Beeren habe ich noch nie gesehen. Oder doch.   Aber nicht in der Arena. Das sind nicht Rues Beeren, obwohl sie so �hnlich   aussehen. Es sind auch keine von denen, die ich im Training kennengelernt habe.   Ich beuge mich vor, hebe ein paar auf und drehe sie zwischen den Fingern hin und   her.</p><p>Ich h�re die Stimme meines Vaters: �Die nicht, Katniss. Niemals. Das sind   Nachtriegel. Du bist tot, bevor sie in deinem Magen ankommen.�</p><p>In diesem Augenblick ert�nt die Kanone. Ich fahre herum, denn ich erwarte,   Peeta auf dem Boden zusammenbrechen zu sehen, aber er hebt nur die Brauen. Das   Hovercraft erscheint hundert Meter entfernt. Das, was von Fuchsgesichts   ausgezehrtem K�rper �brig ist, wird nach oben bef�rdert. Ihr Haar schimmert   r�tlich im Sonnenlicht.</p><p>Ich h�tte daraufkommen m�ssen, als ich den fehlenden K�se bemerkte �</p><p>Peeta nimmt mich am Arm und schiebt mich zu einem Baum.</p><p>�Rauf mit dir. Er wird gleich hier sein. Wir haben bessere Chancen, wenn wir   von oben gegen ihn k�mpfen.�</p><p>Ich bremse ihn, pl�tzlich ganz ruhig. �Nein, Peeta, du hast sie auf dem   Gewissen, nicht Cato.�</p><p>�Was? Ich hab sie doch seit dem ersten Tag nicht mehr gesehen�, sagt er.   �Wie sollte ich sie get�tet haben?�</p><p>Statt einer Antwort halte ich ihm die Beeren hin.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>24</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Es dauert eine Weile, bis Peeta begreift, was geschehen ist. Ich erz�hle ihm,   wie Fuchsgesicht das Essen aus dem Haufen der Vorr�te gestohlen hat, bevor ich   ihn in die Luft jagte; wie sie versucht hat, immer gerade genug zum �berleben zu   nehmen, ohne dass es jemandem auffiel; und wie sie schlie�lich davon ausging,   dass die Beeren genie�bar w�ren, da wir sie ja offenbar selbst essen   wollten.</p><p>�Ich frage mich, wie sie uns gefunden hat�, sagt Peeta. �Mein Fehler, sch�tze   ich, wenn ich wirklich so laut bin, wie du sagst.�</p><p>Wir sind ungef�hr so schwer zu verfolgen wie eine Herde K�he, aber ich   versuche freundlich zu sein. �Sie ist sehr schlau, Peeta. Oder war es. Bis du   sie ausgetrickst hast.�</p><p>�Aber nicht mit Absicht. Das ist irgendwie ungerecht. Ich meine, wir beide   w�ren auch tot, wenn sie die Beeren nicht zuerst gegessen h�tte.� Er unterbricht   sich. �Nein, nat�rlich, w�ren wir nicht. Du hast sie erkannt, nicht wahr?�</p><p>Ich nicke. �Bei uns hei�en sie Nachtriegel.�</p><p>�Schon der Name klingt irgendwie unheimlich�, sagt er. �Tut mir leid,   Katniss. Ich hab wirklich geglaubt, es w�ren die gleichen, die du mal gesammelt   hast.�</p><p>�Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Immerhin sind wir damit wieder   einen Schritt n�her an zu Hause, nicht wahr?�, sage ich.</p><p>�Ich entsorge mal den Rest�, sagt Peeta. Sorgf�ltig sammelt er die Beeren in   der blauen Plastikplane und geht damit in den Wald, um sie wegzuwerfen.</p><p>�Warte!�, rufe ich. Ich krame nach dem Lederbeutel, der einmal dem Jungen   aus Distrikt 1 geh�rt hat, und f�lle eine Handvoll Beeren hinein. �Wenn sie   Fuchsgesicht get�uscht haben, dann t�uschen sie Cato vielleicht auch. Falls er   uns verfolgt, k�nnen wir so tun, als ob wir den Beutel zuf�llig fallen lie�en,   und wenn er sie isst ��</p><p>�Dann Achtung, Distrikt 12, wir kommen!�, sagt Peeta.</p><p>�Genau�, sage ich und befestige den Beutel an meinem G�rtel.</p><p>�Jetzt wei� er bestimmt, wo wir sind�, sagt Peeta. �Falls er in der N�he war   und das Hovercraft gesehen hat, dann wei� er, dass wir sie get�tet haben, und   kommt uns hinterher.�</p><p>Peeta hat recht. Das k�nnte genau die Gelegenheit sein, auf die Cato gewartet   hat. Aber selbst wenn wir jetzt fliehen, irgendwann m�ssen wir das Fleisch doch   braten und das Feuer wird unseren Aufenthaltsort verraten. �Komm, wir machen ein   Feuer. Jetzt sofort.� Ich fange an, �ste und Gestr�pp zusammenzusuchen.</p><p>�Bist du bereit, dich ihm zu stellen?�, fragt Peeta.</p><p>�Ich bin bereit, zu essen. Besser, wir braten unser Essen, solange wir   Gelegenheit dazu haben. Wenn er wei�, dass wir hier sind, ist das nicht zu   �ndern. Aber er wei� auch, dass wir zu zweit sind, und nimmt wahrscheinlich an,   wir h�tten Fuchsgesicht gejagt. Was voraussetzt, dass du wiederhergestellt   bist.</p><p>Und das Feuer sagt ihm, dass wir uns nicht etwa verstecken, sondern ihn zu   uns einladen. W�rdest du dich da zeigen?�, frage ich.</p><p>�Eher nicht�, sagt er.</p><p>Im Feuermachen ist Peeta unschlagbar, er zaubert im klatschnassen Wald eine   Flamme hervor. Bald braten Kaninchen und Eichh�rnchen �ber dem Feuer, die   Wurzeln habe ich in Bl�tter eingeschlagen und in die Glut gelegt. Abwechselnd   suchen wir Gem�se und halten Ausschau nach Cato, aber wie ich vermutet habe,   l�sst er sich nicht blicken. Als das Essen fertig ist, verstaue ich das meiste,   bis auf ein Kaninchenbein f�r jeden, das wir im Gehen verspeisen.</p><p>Ich m�chte tiefer in den Wald hinein, einen geeigneten Baum erklettern und   dort �ber Nacht bleiben, aber Peeta ist dagegen. �Ich kann nicht so gut   klettern wie du, Katniss, schon gar nicht mit dem Bein, und au�erdem glaube ich   nicht, dass ich f�nfzehn Meter �ber dem Boden auch nur ein Auge zumachen   k�nnte.�</p><p>�Aber im offenen Gel�nde ist es zu gef�hrlich, Peeta�, sage ich.</p><p>�K�nnen wir nicht zur�ck zur H�hle?�, fragt er. �Sie ist nah beim Wasser und   leicht zu verteidigen.�</p><p>Ich seufze. Noch ein paar Stunden durch den Wald laufen - oder besser gesagt   trampeln -, um in ein Gebiet zur�ckzukehren, das wir morgen sowieso wieder   verlassen m�ssen, um zu jagen. Aber ist das zu viel verlangt? Peeta hat den   ganzen Tag lang meine Anweisungen befolgt und ich bin sicher, dass er, w�re er   an meiner Stelle, mich nicht zwingen w�rde, die Nacht auf einem Baum zu   verbringen. Mir d�mmert, dass ich heute nicht besonders nett zu Peeta gewesen   bin. Ich habe auf ihm herumgehackt, weil er so laut gelaufen ist, habe ihn   angeschrien, als er verschwunden war. Die neckische Liebelei, die wir in der   H�hle vorgegaukelt haben, ist unter freiem Himmel verschwunden, unter der hei�en   Sonne, mit Cato als Drohung �ber uns. Haymitch hat bestimmt bald die Nase voll   von mir. Und was die Zuschauer betrifft �</p><p>Ich recke mich zu ihm hoch und gebe ihm einen Kuss. �Klar. Gehen wir zur�ck   zur H�hle.�</p><p>Er sieht erfreut und erleichtert aus. �Das war aber leicht.�</p><p>Vorsichtig, um ihn nicht zu besch�digen, ziehe ich den Pfeil aus der Eiche.   Diese Pfeile sind jetzt Nahrung, Sicherheit, das Leben selbst.</p><p>Wir werfen noch etwas Holz aufs Feuer. So m�sste es ein paar Stunden lang   qualmen, auch wenn ich bezweifele, dass Cato jetzt irgendwelche Vermutungen   anstellt. Als wir den Bach erreichen, sehe ich, dass das Wasser betr�chtlich   gefallen ist und in seinem alten gem�chlichen Tempo vorbeistr�mt, weshalb ich   vorschlage, durchs Wasser weiterzugehen. Peeta ist mehr als einverstanden, und   da er sich im Wasser viel leiser bewegt als an Land, ist die Idee doppelt gut.   Trotzdem ist es ein weiter Weg zur�ck zur H�hle, obwohl es stromabw�rts geht und   obwohl uns das Kaninchen Kraft gibt. Wir sind beide ersch�pft von der heutigen   Wanderung und au�erdem immer noch unterern�hrt. Ich habe einen Pfeil in den   Bogen eingelegt, f�r Cato oder falls wir einen Fisch ersp�hen, aber der Bach   wirkt seltsam leblos.</p><p>Als wir unser Ziel erreichen, steht die Sonne knapp �ber dem Horizont und wir   k�nnen uns kaum noch auf den Beinen halten. Wir f�llen unsere Wasserflaschen   auf und klettern den kurzen Abhang zu unserem Bau hinauf. Es ist nicht viel,   aber in dieser Wildnis ist es f�r uns das, was einem Zuhause am n�chsten kommt.   Es ist auch w�rmer als ein Baum, denn es bietet ein wenig Schutz vor dem   kr�ftigen Westwind, der aufgekommen ist. Ich bereite ein �ppiges Abendessen,   aber mittendrin nickt Peeta ein. Nach den Tagen des Nichtstuns fordert die Jagd   ihren Preis. Ich weise ihn an, in den Schlafsack zu kriechen, und stelle den   Rest seines Essens daneben, damit er weiteressen kann, wenn er wieder wach wird.   Er schl�ft sofort ein. Ich ziehe ihm den Schlafsack bis ans Kinn und gebe ihm   einen Kuss auf die Stirn, nicht f�r die Zuschauer, sondern f�r mich. Ich bin so   dankbar, dass er noch hier ist und nicht tot im Bach liegt, wie ich gedacht   hatte. So froh, dass ich Cato nicht allein gegen�bertreten muss.</p><p>Dem brutalen, grausamen Cato, der mit einer Armbewegung ein Genick brechen   kann, der stark genug war, Thresh zu besiegen, und der es von Anfang an auf   mich abgesehen hatte. Wahrscheinlich hasst er mich schon, seit ich ihn im   Training �bertroffen habe. Einer wie Peeta w�rde das einfach hinnehmen. Aber   ich sp�re, dass es Cato zur Raserei gebracht hat. Was ja nicht schwer ist. Ich   denke an seine l�cherliche Reaktion, als er die gesprengten Vorr�te entdeckte.   Die anderen waren nat�rlich auch w�tend, aber er war v�llig au�er sich. Ich   frage mich, ob Cato wom�glich nicht ganz richtig im Kopf ist.</p><p>Am Himmel erscheint das Wappen, Fuchsgesicht wird eingeblendet und   verschwindet f�r immer aus der Welt. Peeta hat nichts gesagt, doch ich glaube,   es macht ihm zu schaffen, dass er sie get�tet hat, so wichtig es auch war. Ich   kann nicht behaupten, dass ich sie vermisse, aber bewundern tue ich sie   schon.</p><p>H�tten sie uns Tribute einem Intelligenztest unterzogen, dann h�tte sie   bestimmt am besten abgeschnitten. Wenn wir ihr eine Falle h�tten stellen wollen,   h�tte sie garantiert Lunte gerochen und die Beeren nicht anger�hrt. Es war   Peetas Unkenntnis, die sie zu Fall gebracht hat. Ich habe so viel Zeit darauf   verwandt, meine Gegner nur ja nicht zu untersch�tzen, dass ich vergessen habe,   wie gef�hrlich es ist, sie zu �bersch�tzen.</p><p>Womit wir wieder bei Cato w�ren. Aber w�hrend ich bei Fuchsgesicht denke,   dass ich verstanden habe, wer sie war und wie sie vorging, ist Cato schwerer zu   fassen. Stark und gut ausgebildet ist er, aber intelligent? Ich wei� nicht.   Nicht so wie sie. Und Fuchsgesichts Selbstbeherrschung geht ihm v�llig ab. Ich   glaube, in einem Anfall von J�hzorn k�nnte Cato leicht sein Urteilsverm�gen   verlieren. Nicht dass ich mich in dieser Hinsicht �berlegen f�hlen darf. Ich   muss daran denken, wie ich vor lauter Wut den Pfeil in den Apfel im   Spanferkelmaul abgefeuert habe. Vielleicht verstehe ich Cato besser, als ich   glaube.</p><p>Trotz der k�rperlichen Ersch�pfung ist mein Geist hellwach, deshalb lasse ich   Peeta weit �ber unseren normalen Wachwechsel hinaus schlafen. Als ich an seiner   Schulter r�ttele, ist schon blassgrau der Tag angebrochen. Alarmiert h�lt Peeta   Ausschau. �Ich habe die ganze Nacht geschlafen. Das ist nicht in Ordnung,   Katniss. Du h�ttest mich wecken m�ssen.�</p><p>Ich strecke mich und krieche in den Schlafsack. �Ich werde jetzt schlafen.   Weck mich, wenn was Interessantes passiert.�</p><p>Offensichtlich ist nicht viel los, denn als ich die Augen wieder �ffne,   fallt glei�endes, hei�es Nachmittagslicht durch die Felsritzen. �Irgendein   Zeichen von unserem Freund?�, frage ich.</p><p>Peeta sch�ttelt den Kopf. �Nein, er h�lt sich auff�llig bedeckt.�</p><p>�Was meinst du, wie viel Zeit haben wir, bevor die Spielmacher uns   zusammentreiben?�, frage ich.</p><p>�Hm, Fuchsgesicht ist vor fast einem Tag gestorben, die Zuschauer hatten also   gen�gend Zeit, zu wetten und sich zu langweilen. Sch�tze, es k�nnte jeden Moment   losgehen�, sagt Peeta.</p><p>�Ja, ich hab das Gef�hl, heute ist es so weit�, sage ich. Ich setze mich auf   und betrachte das friedliche Gel�nde. �Fragt sich nur, wie sie es wohl   anstellen.�</p><p>Peeta bleibt still. Darauf gibt es keine rechte Antwort.</p><p>�Tja, solange es noch nicht so weit ist, sollten wir den Jagdtag nicht   sinnlos verstreichen lassen. Und wahrscheinlich sollten wir so viel essen wie   m�glich, f�r den Fall, dass wir in Schwierigkeiten geraten�, sage ich.</p><p>Peeta packt unsere Sachen, w�hrend ich eine t�chtige Mahlzeit zubereite. Den   Rest Kaninchen, Wurzeln, Gem�se, die Br�tchen mit dem letzten K�se. Als Reserve   behalte ich nur das Eichh�rnchen und den Apfel zur�ck.</p><p>Als wir fertig sind, ist nur ein H�ufchen Kaninchenknochen �brig. Meine H�nde   sind fettig, ich habe immer mehr das Gef�hl, zu verlottern. Im Saum baden wir   zwar auch nicht unbedingt t�glich, aber sauberer, als ich es in letzter Zeit   bin, sind wir allemal. Abgesehen von den F��en, mit denen ich ja durch den Bach   gelaufen bin, bin ich mit einer Dreckschicht bedeckt.</p><p>Als wir die H�hle verlassen, hat das etwas von einem endg�ltigen Abschied.   Irgendwie glaube ich nicht, dass es eine weitere Nacht in der Arena geben wird.   So oder so, tot oder lebendig, werde ich heute hinauskommen. Ich gebe den Felsen   zum Abschied einen Klaps, dann gehen wir zum Bach hinunter, um uns zu waschen.   Ich sp�re, wie meine Haut nach dem k�hlen Wasser giert. Ich k�nnte mir die Haare   waschen und sie nass nach hinten flechten. Ich frage mich gerade, ob wir   vielleicht sogar noch unsere Kleider waschen k�nnen, als wir zum Bach kommen.   Oder zu dem, was einmal der Bach war. Jetzt ist da nur noch ein ausgetrocknetes   Bett. Ich betaste den Grund.</p><p>�Kein bisschen feucht. Sie m�ssen ihn umgeleitet haben, als wir schliefen�,   sage ich. Angst vor einer rissigen Zunge, einem schmerzenden K�rper und einem   wirren Geist wie zu Beginn der Spiele, als ich v�llig ausgetrocknet war. Unsere   Flaschen und Beutel sind reichlich gef�llt, aber wenn zwei davon trinken, bei   dieser Hitze, wird es nicht lange dauern, bis sie geleert sind.</p><p>�Der See�, sagt Peeta. �Da wollen sie uns haben.� �Vielleicht ist noch was in   den T�mpeln �brig�, sage ich hoffnungsvoll.</p><p>�Wir k�nnen nachsehen�, sagt er, allerdings nur mir zuliebe. Ich habe es ja   selbst nur mir zuliebe gesagt, denn ich wei�, was wir finden werden, wenn wir zu   dem T�mpel zur�ckkehren, in den ich mein Bein getaucht habe. Ein staubiges,   klaffendes Loch. Wir machen uns trotzdem auf den Weg und finden best�tigt, was   wir schon wussten.</p><p>�Du hast recht. Sie treiben uns zum See�, sage ich. Wo es keine Deckung gibt.   Wo ein blutiger Kampf bis zum Tod garantiert ist, ohne dass irgendetwas die   Sicht behindert. �M�chtest du geradewegs dorthin oder lieber warten, bis uns das   Wasser ausgegangen ist?�</p><p>�Lass uns jetzt gehen, solange wir Essen und alles haben. Lass es uns jetzt   zu Ende bringen�, sagt er.</p><p>Ich nicke. Komisch. Ich habe fast das Gef�hl, als w�re es wieder der erste   Tag der Spiele. Als w�re ich in der gleichen Situation. Einundzwanzig Tribute   sind tot, aber noch muss ich Cato t�ten. Und war er nicht eigentlich immer   derjenige, den es zu t�ten galt? Jetzt kommt es mir vor, als w�ren die anderen   Tribute nur kleinere Hindernisse gewesen, die uns vom wahren Kampf dieser Spiele   abgelenkt haben. Cato gegen mich.</p><p>Aber nein, da wartet noch ein Junge neben mir. Er schlingt die Arme um   mich.</p><p>�Zwei gegen einen. D�rfte ein Klacks werden�, sagt er.</p><p>�Wenn wir das n�chste Mal essen, dann im Kapitol�, antworte ich.</p><p>�Worauf du dich verlassen kannst�, sagt er.</p><p>Eine Weile stehen wir da und umarmen uns, sp�ren einander, die Sonne, das   Rascheln der Bl�tter zu unseren F��en. Dann l�sen wir uns wortlos voneinander   und machen uns auf den Weg zum See.</p><p>Es st�rt mich nicht mehr, dass bei Peetas Getrampel Nagetiere davonhuschen   und V�gel auffliegen. Wir m�ssen gegen Cato k�mpfen und ich w�rde es lieber hier   tun als in der Ebene. Aber ich bezweifele, dass ich die Wahl habe. Wenn die   Spielmacher uns auf offenem Gel�nde haben wollen, dann werden wir uns in   offenem Gel�nde begegnen.</p><p>Wir machen eine kurze Pause unter dem Baum, auf dem mich seinerzeit die   Karrieros gefangen gehalten haben. Die H�lle des J�gerwespennests zeugt noch   davon, sie ist vom heftigen Regen zu Brei aufgeweicht und dann in der   brennenden Sonne getrocknet. Als ich mit der Stiefelspitze an das Nest tippe,   zerbr�selt es sofort und wird vom Wind davongetragen. Unwillk�rlich schaue ich   hinauf zu dem Baum, auf dem Rue heimlich gehockt und darauf gewartet hat, mir   das Leben zu retten. J�gerwespen. Glimmers aufgedunsener K�rper. Die   schrecklichen Halluzinationen.</p><p>�Lass uns weitergehen�, sage ich. Ich will der Finsternis entkommen, die   diesen Ort umgibt. Peeta hat nichts dagegen.</p><p>Da wir sp�t aufgestanden sind, erreichen wir die Ebene erst am fr�hen Abend.   Von Cato keine Spur. Es ist nichts zu sehen als das goldene F�llhorn, das in den   schr�gen Sonnenstrahlen ergl�ht. F�r den Fall, dass Cato uns so wie Fuchsgesicht   �berraschen will, gehen wir um das F�llhorn herum, um uns zu vergewissern, dass   es leer ist. Gehorsam, als w�rden wir Anweisungen befolgen, laufen wir hin�ber   zum See und f�llen unsere Wasserbeh�lter.</p><p>Skeptisch betrachte ich die verschwindende Sonne. �Ich m�chte nicht nach   Einbruch der Dunkelheit mit ihm k�mpfen. Wir haben nur eine Brille.�</p><p>Sorgf�ltig gibt Peeta Jodtropfen ins Wasser. �Vielleicht wartet er gerade   darauf. Was sollen wir machen? Zur�ck zur H�hle gehen?�</p><p>�Entweder das oder einen Baum suchen. Geben wir ihm noch eine halbe Stunde.   Dann suchen wir Deckung�, antworte ich.</p><p>Ungesch�tzt sitzen wir am See. Es hat keinen Sinn mehr, sich zu verstecken.   In den B�umen am Waldrand sehe ich die Spottt�lpel umherflattern. Sie werfen   einander Melodien zu wie leuchtend bunte B�lle. Ich �ffne den Mund und singe   Rues Tonfolge. Ich merke, wie sie neugierig innehalten und meiner Stimme   lauschen, ob da noch mehr kommt. In die Stille hinein wiederhole ich die   Melodie. Erst einer, dann noch einer tr�llert die Melodie nach. Dann wird die   ganze Welt davon erfasst. �Genau wie dein Vater�, sagt Peeta.</p><p>Meine Finger tasten nach der Brosche an meinem Hemd. �Das ist Rues Lied�,   sage ich. �Ich glaube, sie erinnern sich daran.�</p><p>Die Musik schwillt an, ich merke wieder, wie gro�artig sie ist. W�hrend die   T�ne einander �berlagern, f�gen sie sich zusammen und bilden eine wundersch�ne,   �berirdische Harmonie. Dank Rue hat diese Melodie die Obstarbeiter in Distrikt   11 jeden Abend nach Hause geschickt. Wer sie wohl anheben wird, frage ich mich,   jetzt, da Rue tot ist?</p><p>Eine Weile schlie�e ich die Augen und lausche, gebannt von der Sch�nheit des   Lieds. Dann wird die Musik unterbrochen. Wird abgehackt und unsauber. Misst�ne   mischen sich in die Melodie. Die Stimmen der Spottt�lpel steigern sich zu einem   schrillen Alarmschrei.</p><p>Wir springen auf, Peeta mit gez�cktem Messer, ich schussbereit, da bricht   Cato auch schon zwischen den B�umen hervor und kommt auf uns zugest�rzt. Er hat   keinen Speer. Seine H�nde sind leer, trotzdem rennt er geradewegs auf uns zu.   Mein Pfeil trifft seine Brust und wird unerkl�rlicherweise zur Seite   abgelenkt.</p><p>�Er tr�gt irgendeinen K�rperpanzer!�, rufe ich Peeta zu.</p><p>Gerade rechtzeitig, denn Cato ist fast schon bei uns. Ich nehme all meine   Kraft zusammen, aber er rast ungebremst zwischen uns hindurch. Sein Keuchen und   der Schwei�, der ihm vom dunkelrot angelaufenen Gesicht rinnt, verraten, dass er   schon lange so schnell rennt. Doch er rennt nicht auf uns zu. Er rennt vor etwas   weg. Aber wovor?</p><p>Ich schaue zum Wald hin und in diesem Augenblick entdecke ich das erste   Viech, das sich auf die Ebene st�rzt. Aus den Augenwinkeln sehe ich f�nf, sechs   weitere. Aber da stolpere ich schon blindlings hinter Cato her und ich habe nur   einen Gedanken: mich irgendwie zu retten.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>25</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Mutationen. Ohne Zweifel. Diese hier habe ich zwar noch nie gesehen, aber es   ist klar, dass sie nicht auf nat�rliche Weise entstanden sind. Sie �hneln   riesigen W�lfen, doch welcher Wolf kann so auf den Hinterl�ufen landen und dann   m�helos das Gleichgewicht halten? Welcher Wolf scheucht sein Rudel mit einer   Bewegung der Vorderpfote vorw�rts, als h�tte er ein Handgelenk? Das alles   erkenne ich aus der Entfernung. W�ren sie n�her, w�rde ich garantiert noch viel   schaurigere Einzelheiten entdecken.</p><p>Cato rennt geradewegs auf das F�llhorn zu, und ohne gro� zu fragen, renne ich   hinterher. Wenn er das f�r den sichersten Ort h�lt, wieso sollte ich es   anzweifeln? Ich selbst k�nnte es vielleicht bis zu den B�umen schaffen, aber   Peeta mit seinem schlimmen Bein w�rde ihnen bestimmt nicht entkommen � Peeta!   Ich ber�hre schon das Metall am spitzen Ende des F�llhorns, als mir einf�llt,   dass ich ja Teil eines Teams bin. Er hat f�nfzehn Meter R�ckstand und humpelt,   so schnell er kann, hinterher, aber die Mutationen holen schnell auf. Ich   schie�e einen Pfeil auf das Rudel ab und erwische einen, doch es sind einfach zu   viele.</p><p>Peeta deutet auf das Horn. �Rauf, Katniss, rauf!�</p><p>Er hat recht. Hier unten kann ich keinen von uns verteidigen. Auf H�nden und   F��en erklimme ich das F�llhorn. Die Oberfl�che aus purem Gold ist dem   geflochtenen Horn nachempfunden, das wir zum Ernten benutzen, deshalb weist sie   kleine Unebenheiten und Kanten auf, die mir einigerma�en Halt geben. Aber nach   einem Tag in der Arenasonne ist das Metall so hei�, dass ich sofort Brandblasen   an den H�nden bekomme.</p><p>Cato ist ganz oben auf dem Horn, sechs Meter �ber dem Boden, er liegt auf der   Seite und keucht und w�rgt. Das ist die Gelegenheit, ihn zu erledigen. Ich halte   auf halbem Weg inne und lege einen neuen Pfeil ein, aber gerade als ich ihn   abschie�en will, h�re ich Peeta schreien. Ich fahre herum und sehe, dass er die   Spitze des F�llhorns erreicht hat, allerdings sind ihm die Mutationen dicht auf   den Fersen.</p><p>�Raufklettern!�, br�lle ich. Peeta m�ht sich, aber sowohl das Bein als auch   das Messer in seiner Hand behindern ihn. Ich schie�e den Pfeil in den Rachen der   ersten Bestie, die ihre Pfoten auf das Metall setzt. Im Sterben schl�gt das   Viech um sich und bringt einigen seiner Gef�hrten tiefe Schnittwunden bei. Erst   da sehe ich die Krallen. Zehn Zentimeter lang und rasiermesserscharf.</p><p>Peeta ist auf H�he meiner F��e, ich packe ihn am Arm und ziehe ihn hoch. Dann   f�llt mir Cato oben ein und ich wirbele herum, aber er windet sich noch immer in   Kr�mpfen und ist offensichtlich mehr mit den Mutationen besch�ftigt als mit uns.   Unter Husten sagt er irgendwas Unverst�ndliches. Das schn�ffelnde, knurrende   Ger�usch, das die Viecher von sich geben, macht es nicht einfacher.</p><p>�Was?�, rufe ich.</p><p>�Er hat gesagt: &gt;K�nnen die hier hoch?&lt;�, antwortet Peeta. Jetzt schaue   ich wieder nach unten.</p><p>Die Mutationen rotten sich zusammen. Sie richten sich m�helos auf den   Hinterbeinen auf, was ihnen etwas unheimlich Menschliches verleiht. Sie haben   ein dickes Fell, bei manchen ist es glatt und seidig, bei anderen gelockt, in   verschiedenen Farben von Pechschwarz bis - ich kann es nicht anders beschreiben   - Blond. Und sie haben noch etwas an sich, etwas, bei dem sich mir die   Nackenhaare aufstellen. Aber ich komme nicht darauf, was es ist.</p><p>Sie legen die Schnauzen auf das Horn, beschn�ffeln und betasten das Metall,   kratzen mit den Pfoten dar�ber und sto�en dann ein schrilles Gejaule aus. Auf   diese Weise scheinen sie miteinander zu kommunizieren, denn das Rudel weicht   zur�ck, als wollte es Platz machen. Und dann nimmt einer von ihnen, eine   stattliche Bestie mit seidig gewelltem, blondem Pelz, Anlauf und springt auf das   Horn. Ihre Hinterl�ufe m�ssen ungeheuer kr�ftig sein, denn sie landet nur drei   Meter unter uns, die rosa Lippen �ber den gefletschten Z�hnen zur�ckgezogen.   Einen Augenblick lang h�ngt sie da und in diesem Augenblick wird mir klar, was   mich an den Mutationen so beunruhigt hat. Die gr�nen Augen, die mich finster   anblicken, sind nicht die eines Wolfs oder sonst eines hundeartigen Wesens, das   ich schon einmal gesehen h�tte. Sie sind eindeutig menschlich. Diese Erkenntnis   hat sich kaum gesetzt, als ich das Halsband mit der in Edelsteinen eingefassten   Nummer <emphasis>1 </emphasis>bemerke und die Wahrheit mich mit voller Wucht trifft. Das   blonde Haar, die gr�nen Augen, die Nummer � Das ist Glimmer.</p><p>Ich sto�e einen spitzen Schrei aus und kann kaum den Pfeil in der Sehne   halten. Ich wei� nur zu gut, dass ich kaum mehr Pfeile habe, und deshalb habe   ich so lange gewartet. Ich wollte erst sehen, ob die Viecher klettern k�nnen.   Aber dann schie�e ich doch, obwohl die Bestie auf dem Metall keinen Halt findet   und ich das langsame Kreischen der abrutschenden Klauen h�re, das sich anh�rt   wie Fingern�gel auf einer Tafel. Ich schie�e den Pfeil mitten in die Kehle. Der   K�rper zuckt und schl�gt dumpf auf dem Boden auf.</p><p>�Katniss?� Ich sp�re, wie Peetas Hand meinen Arm packt.</p><p>�Das war sie!�, sto�e ich hervor.</p><p>�Wer?�, fragt Peeta.</p><p>Ich bewege den Kopf schnell hin und her, w�hrend ich das Rudel mustere, die   unterschiedlichen Gr��en und Farben. Der Kleine mit dem roten Fell und den   bernsteinfarbenen Augen � Fuchsgesicht! Und dort, das aschfarbene Haar und die   nussbraunen Augen des Jungen aus Distrikt 9, der starb, als wir um den Rucksack   k�mpften! Und am schlimmsten von allen, die kleinste, die mit dem dunklen,   gl�nzenden Fell, den riesigen braunen Augen und einem Halsband aus geflochtenem   Stroh mit einer <emphasis>11. </emphasis>Die Z�hne hasserf�llt gebleckt. Rue �</p><p>�Was ist los, Katniss?� Peeta r�ttelt mich an der Schulter.</p><p>�Das sind sie. Alle sind sie da. Die anderen. Rue und Fuchsgesicht und �   all die anderen Tribute�, sto�e ich hervor.</p><p>Ich h�re, wie Peeta nach Luft schnappt, als er es erkennt. �Was haben sie mit   ihnen gemacht? Glaubst du etwa � Sind das etwa ihre echten Augen?�</p><p>Ihre Augen sind meine letzte Sorge. Was ist mit ihren Gehirnen? Haben sie   ihnen auch die Erinnerungen der echten Tribute gegeben? Sind sie darauf   programmiert worden, unsere Gesichter besonders zu hassen, weil wir �berlebt   haben, w�hrend sie so kaltbl�tig ermordet wurden? Und die, die wir eigenh�ndig   get�tet haben � Wollen sie nun ihren eigenen Tod r�chen?</p><p>Ehe ich zu einem Schluss komme, starten die Mutationen einen neuen Angriff.   Sie haben sich zu beiden Seiten des Horns aufgeteilt und benutzen ihre kr�ftigen   Hinterl�ufe, um sich auf uns zu st�rzen. Nur wenige Zentimeter von meiner Hand   entfernt, schnappen zwei Reihen Z�hne zu und dann h�re ich Peeta aufschreien,   f�hle den Ruck seines K�rpers. Sein Gewicht und das einer der Bestien drohen   mich �ber die Seite hinunterzuziehen. H�tte er sich nicht an meinen Arm   geklammert, l�ge er jetzt schon unten, aber so muss ich alle Kraft daransetzen,   damit wir beide auf dem gebogenen R�cken des Horns bleiben. Und immer mehr   Tribute kommen dazu.</p><p>�T�te ihn, Peeta! T�te ihn!�, schreie ich, und obwohl ich nicht genau sehe,   was vor sich geht, wei� ich pl�tzlich, dass er das Vieh niedergestochen haben   muss, denn der Zug an meinem Arm l�sst nach. Es gelingt mir, Peeta wieder aufs   Horn zu ziehen, und gemeinsam schleppen wir uns zum oberen Ende, wo uns das   kleinere von zwei �beln erwartet.</p><p>Cato ist noch nicht wieder auf den Beinen, aber sein Atem geht langsamer und   ich wei�, dass er bald in der Lage sein wird, sich auf uns zu st�rzen und uns   hinunterzusto�en, in den sicheren Tod. Ich spanne den Bogen, aber der Pfeil   erledigt eine Bestie, bei der es sich nur um Thresh handeln kann. Wer sonst   k�nnte so hoch springen? Einen Moment atme ich auf, weil wir endlich oberhalb   der Grenze sind, die die Mutationen erreichen k�nnen, doch gerade als ich mich   wieder Cato zuwenden will, wird Peeta von meiner Seite gerissen. Erst denke ich,   das Rudel hat ihn wieder gepackt, als mir sein Blut von oben ins Gesicht   spritzt.</p><p>Cato steht vor mir, fast am Rand der Horn�ffnung, und h�lt Peeta im   Schwitzkasten, sodass er keine Luft mehr bekommt. Peeta krallt sich an Catos Arm   fest, aber kraftlos, als w�sste er nicht recht, ob er lieber versuchen soll, zu   atmen oder den Blutschwall zu stoppen, der aus dem riesigen Loch schie�t, das   eine der Bestien in seine Wade gerissen hat.</p><p>Ich ziele mit einem der letzten beiden Pfeile auf Catos Kopf, denn ich wei�   ja inzwischen, dass sie seinem Rumpf und seinen Gliedma�en nichts anhaben   k�nnen: Die stecken in einem hautengen fleischfarbenen Netz, irgendeiner   Hightech-Panzerung aus dem Kapitol. War das beim Festmahl in seinem Rucksack?   Eine K�rperpanzerung gegen meine Pfeile? Tja, an einen Gesichtsschutz haben sie   nicht gedacht.</p><p>Cato lacht nur: �Wenn du auf mich schie�t, f�llt er mit mir.�</p><p>Das ist wahr. Wenn ich ihn erledige und er nach unten zu den Mutationen   f�llt, wird Peeta mit ihm sterben. Wir sind in einer Pattsituation. Ich kann   Cato nicht erschie�en, ohne nicht auch Peeta zu t�ten. Er kann Peeta nicht   t�ten, ohne zu verhindern, dass ein Pfeil sein Gehirn durchbohrt. Wir stehen da   wie Statuen und suchen beide nach einem Ausweg.</p><p>Meine Muskeln sind so gespannt, als wollten sie jeden Moment rei�en. Ich   presse die Z�hne so fest aufeinander, dass sie beinahe brechen. Die Mutationen   sind verstummt, ich h�re nur noch das Pochen des Blutes in meinem guten Ohr.</p><p>Peetas Lippen werden blau. Wenn ich nicht schnell etwas unternehme, erstickt   er, dann habe ich ihn verloren und Cato wird vermutlich seinen K�rper als Waffe   gegen mich einsetzen. Pl�tzlich bin ich mir sicher, dass Cato genau das vorhat,   denn er lacht zwar nicht mehr, aber um seine Lippen spielt ein triumphierendes   L�cheln.</p><p>Wie in einem allerletzten Versuch hebt Peeta die Finger, von denen das Blut   aus seinem Bein tropft, und zeigt auf Catos Arm. Doch versucht er nicht etwa,   Catos Griff zu lockern, sondern er zeichnet ein X auf Catos Handr�cken. Genau   einen Wimpernschlag nach mir merkt auch Cato, was das bedeutet, denn das   L�cheln auf seinen Lippen erstirbt. Aber diese eine Sekunde ist entscheidend,   schon durchbohrt mein Pfeil seine Hand. Er schreit auf und l�sst Peeta   reflexartig los, der r�ckw�rts gegen ihn st��t. Einen schrecklichen Moment lang   denke ich, jetzt st�rzen sie beide. Ich hechte nach vorn und bekomme Peeta zu   packen, w�hrend Cato auf dem blutbeschmierten F�llhorn ausrutscht und   hinabf�llt.</p><p>Wir h�ren, wie er aufschl�gt und die Luft aus seinem K�rper entweicht, dann   sind die Mutationen �ber ihm. Peeta und ich klammern uns aneinander und warten   auf die Kanone, warten darauf, dass der Wettkampf vorbei ist, dass wir frei   sind. Aber es passiert nicht. Noch nicht. Denn dies ist der H�hepunkt der   Hungerspiele und die Zuschauer erwarten eine Show.</p><p>Ich sehe nicht hin, aber ich h�re das Knurren, das Fauchen und das   Schmerzgeheul von Mensch und Tier, als Cato es mit dem Rudel aufnimmt. Ich   begreife nicht, wie er so lange �berleben kann, bis mir der Panzer einf�llt, der   ihn vom Hals bis zu den Kn�cheln sch�tzt, und mir klar wird, dass es eine lange   Nacht werden k�nnte. Cato muss ein Messer oder ein Schwert in seinen Kleidern   versteckt haben, denn ab und zu dringt der Todesschrei einer Bestie oder das   Ger�usch von Metall auf Metall zu uns herauf, wenn die Klinge an das goldene   Horn st��t. Der Kampf verlagert sich zur R�ckseite des F�llhorns. Offenbar   versucht Cato das einzige Man�ver, das ihm das Leben retten kann: ans hintere   Ende des Horns zu gelangen und zu uns heraufzuklettern. Aber schlie�lich wird er   trotz seiner bemerkenswerten Kr�fte und seiner Geschicklichkeit schlicht   �berw�ltigt.</p><p>Ich wei� nicht, wie lange es gedauert hat, vielleicht eine Stunde, als Cato   zu Boden geht und wir h�ren, wie die Bestien ihn zur�ck nach vorn zum F�llhorn   zerren. <emphasis>Jetzt machen sie ihn fertig, </emphasis>denke ich. Aber noch immer ist die   Kanone nicht zu h�ren.</p><p>Die Nacht bricht herein, die Hymne erklingt, aber kein Bild von Cato am   Himmel, nur ein mattes St�hnen, das durch das Metall unter uns dringt. Eiskalte   Luft weht �ber die Ebene und erinnert mich daran, dass die Spiele nicht vorbei   sind und vielleicht noch wer wei� wie lange weitergehen, und unser Sieg ist   immer noch ungewiss.</p><p>Ich wende mich Peeta zu und sehe, dass sein Bein noch genauso stark blutet   wie vorher. Unsere Vorr�te und unser Gep�ck sind unten am See, wo wir sie bei   unserer Flucht vor den Mutationen zur�ckgelassen haben. Ich habe keinen Verband,   nichts, womit ich den Blutstrom aus seiner Wade stillen k�nnte. Obwohl ich im   bei�enden Wind bibbere, ziehe ich erst die Jacke und dann das Hemd aus und   schl�pfe dann so rasch wie m�glich wieder in die Jacke. Die kurze Zeit ohne   Jacke gen�gt, um meine Z�hne wie wild losklappern zu lassen.</p><p>Peetas Gesicht wirkt im fahlen Mondlicht grau. Ich sage ihm, er soll sich   hinlegen, und untersuche seine Wunde. Warmes, glitschiges Blut rinnt mir �ber   die Finger. Ein Verband wird nicht gen�gen. Ich habe meiner Mutter ein paarmal   dabei zugesehen, wie sie einen Druckverband angelegt hat, und versuche es   nachzumachen. Von meinem Hemd schneide ich einen �rmel ab, wickele ihn zweimal   unterhalb des Knies um das Bein und verknote ihn. Weil ich keinen Stock habe,   nehme ich den letzten verbliebenen Pfeil, stecke ihn in den Knoten und drehe ihn   m�glichst oft herum. Es ist riskant - Peeta k�nnte das Bein dabei verlieren -,   aber wenn ich es dagegen abw�ge, dass er vielleicht sein Leben verliert, hab   ich da eine Wahl? Ich verbinde die Wunde mit dem Rest meines Hemds und lege mich   neben ihn.</p><p>�Schlaf nicht ein�, sage ich. Ich wei� nicht genau, ob das den Regeln der   Heilkunst entspricht, aber ich bef�rchte, dass er nie mehr aufwachen w�rde, wenn   er einnickt.</p><p>�Ist dir kalt?�, fragt er. Er macht seine Jacke auf, ich schmiege mich an   ihn, und er schlie�t die Jacke um uns beide. Es ist ein bisschen w�rmer, unsere   K�rperw�rme in einer doppelten Jackenschicht, aber die Nacht ist noch jung. Die   Temperatur wird noch weiter fallen. Schon jetzt merke ich, wie das F�llhorn, das   gl�hend hei� war, als ich hinaufgeklettert bin, langsam eiskalt wird.</p><p>�Cato kann immer noch gewinnen�, fl�stere ich Peeta zu.</p><p>�Das glaubst du doch selbst nicht�, sagt Peeta und zieht mir die Kapuze hoch,   aber er zittert sogar noch mehr als ich.</p><p>Die n�chsten Stunden sind die schlimmsten meines Lebens und das will was   hei�en. Die K�lte w�re schon qu�lend genug, aber noch schlimmer ist es, Cato   zuzuh�ren, wie er st�hnt und bettelt und schlie�lich nur noch winselt, w�hrend   die Bestien sich �ber ihn hermachen. Schon bald ist mir egal, wer er ist oder   was er getan hat, und ich will nur noch, dass sein Leiden ein Ende hat.</p><p>�Warum t�ten sie ihn nicht einfach?�, frage ich Peeta. �Du wei�t, warum�,   sagt er und zieht mich noch enger an sich.</p><p>Ja, ich wei� es. Kein Zuschauer kann jetzt weggucken. F�r die Spielmacher ist   es Topunterhaltung, der absolute H�hepunkt.</p><p>Immer weiter geht das so und irgendwann kann ich an nichts anderes mehr   denken, es �berlagert alle Erinnerungen und Hoffnungen, l�scht alles aus bis auf   das Hier und Jetzt, und ich kann mir kaum noch vorstellen, dass es sich jemals   �ndern wird. Es wird nie mehr etwas anderes geben als K�lte und Angst und die   qualvollen Laute des Jungen, der hier unter dem Horn stirbt.</p><p>Peeta nickt nun doch langsam ein und jedes Mal br�lle ich seinen Namen, immer   lauter, denn wenn er jetzt stirbt, werde ich v�llig wahnsinnig. Er k�mpft   dagegen an, wahrscheinlich mehr um meinetwillen als um seinetwillen, aber es   f�llt ihm schwer, denn wenn er das Bewusstsein verl�re, k�nnte er alldem   entfliehen. Doch das Adrenalin, das durch meinen K�rper gepumpt wird, w�rde   mich davon abhalten, ihm zu folgen, deshalb kann ich ihn nicht gehen lassen.   Ich kann einfach nicht.</p><p>Nur am Himmel, wo sich der Mond langsam vorw�rtsschiebt, k�nnen wir ablesen,   dass die Zeit vergeht. Immer wieder zeigt Peeta auf den Mond, damit ich sehe,   wie er wandert, und manchmal keimt kurz ein Funken Hoffnung in mir auf, bevor   die Pein dieser Nacht mich wieder verschlingt.</p><p>Endlich h�re ich ihn fl�stern, dass die Sonne aufgeht. Ich �ffne die Augen   und sehe, wie die Sterne im fahlen Licht der D�mmerung verblassen. Ich sehe   auch, wie blutleer Peetas Gesicht geworden ist. Wie wenig Zeit ihm noch bleibt.   Und ich wei�, dass ich ihn zur�ck ins Kapitol bringen muss.</p><p>Die Kanone ist immer noch nicht abgefeuert worden. Ich lege mein gutes Ohr an   das F�llhorn und h�re Catos Stimme.</p><p>�Ich glaube, er ist jetzt n�her. Kannst du ihn erschie�en, Katniss?�, fragt   Peeta.</p><p>Wenn er nah an der �ffnung ist, kann ich ihn vielleicht erwischen. So, wie   die Dinge liegen, w�re das ein Gnadenakt.</p><p>�Mein letzter Pfeil steckt in deinem Druckverband�, sage ich.</p><p>�Nimm ihn�, sagt Peeta. Er �ffnet den Rei�verschluss seiner Jacke und l�sst   mich hinaus.</p><p>Ich befreie den Pfeil und knote den Druckverband so fest zu, wie es mir mit   meinen eiskalten Fingern m�glich ist. Ich reibe die H�nde aneinander, damit das   Blut besser flie�t. Ich krieche nach oben und beuge mich �ber den Rand des   Horns, unterst�tzt von Peetas H�nden.</p><p>Es dauert etwas, bis ich Cato in dem matten Licht und all dem Blut entdecke.   Dann gibt das rohe St�ck Fleisch, das einmal mein Gegner war, einen Laut von   sich und ich erkenne die Stelle, wo sein Mund ist. Ich glaube, das Wort, das er   sagen will, ist <emphasis>bitte.</emphasis></p><p>Mitleid, nicht Rachsucht l�sst mich den Pfeil in seinen Sch�del abschie�en.   Peeta zieht mich zur�ck, in der Hand den Bogen, der K�cher ist leer.</p><p>�Hast du ihn erwischt?�, fl�stert er.</p><p>Zur Antwort ert�nt ein Kanonenschuss.</p><p>�Dann haben wir gewonnen, Katniss�, sagt er dumpf.</p><p>�Hipp, hipp, hurra!�, bringe ich hervor, aber in meiner Stimme liegt keine   Siegesfreude.</p><p>Ein Loch tut sich in der Ebene auf und wie auf Kommando springen die   verbliebenen Mutationen hinein und verschwinden, als sich die Erde �ber ihnen   schlie�t.</p><p>Wir warten darauf, dass ein Hovercraft Catos �berreste abholt, auf die   Siegesfanfaren, die nun ert�nen mussten, aber nichts geschieht.</p><p>�Hey!�, rufe ich gen Himmel. �Was ist los?� Die einzige Antwort ist das   Gezwitscher der erwachenden V�gel.</p><p>�Vielleicht liegt es an der Leiche. Vielleicht sollen wir uns entfernen�,   sagt Peeta.</p><p>Ich versuche mich zu erinnern. Muss man sich von dem letzten get�teten   Tribut entfernen? In meinem Hirn ist es zu konfus, ich wei� es nicht genau,   aber was sonst k�nnte der Grund f�r die Verz�gerung sein?</p><p>�Okay. Glaubst du, du schaffst es bis zum See?�, frage ich.</p><p>�Ich muss es wohl versuchen�, sagt Peeta. Vorsichtig lassen wir uns am   spitzen Ende des F�llhorns hinuntergleiten und fallen zu Boden. Wenn meine   Glieder schon so steif sind, wie kann Peeta sich �berhaupt bewegen? Ich rappele   mich als Erste auf und schwenke und beuge Arme und Beine, bis ich das Gef�hl   habe, dass ich ihm aufhelfen kann. Irgendwie schaffen wir es bis zum See. Ich   sch�pfe eine Handvoll kaltes Wasser f�r Peeta und f�hre eine zweite an meine   Lippen.</p><p>Ein Spottt�lpel st��t den langen, tiefen Pfiff aus und Tr�nen der   Erleichterung treten mir in die Augen, als das Hovercraft erscheint und Cato   forttr�gt. Jetzt werden sie uns holen. Jetzt k�nnen wir nach Hause gehen.</p><p>Aber es kommt immer noch keine Antwort.</p><p>�Worauf warten die blo�?�, sagt Peeta matt. Durch den fehlenden Druckverband   und die Kraftanstrengung, zum See zu gehen, hat sich seine Wunde wieder   ge�ffnet.</p><p>�Ich wei� nicht�, sage ich. Was auch der Grund f�r die Verz�gerung ist, ich   kann nicht mit ansehen, wie er noch mehr Blut verliert. Ich stehe auf, um einen   Stock zu suchen, und finde fast sofort den Pfeil, der von Catos K�rperpanzer   abgeprallt war. Er tut es genauso wie der andere Pfeil. Als ich mich b�cke, um   ihn aufzuheben, dr�hnt die Stimme von Claudius Templesmith durch die Arena.</p><p>�Ich begl�ckw�nsche die letzten beiden Konkurrenten der vierundsiebzigsten   Hungerspiele. Die fr�here Regel�nderung ist zur�ckgenommen worden. Ein   eingehendes Studium des Regelwerks hat gezeigt, dass nur ein Sieger erlaubt   ist�, sagt er. �Viel Erfolg und m�ge das Gl�ck stets mit euch sein.�</p><p>Es folgt ein kurzes Knacken, dann nichts mehr. Ungl�ubig starre ich Peeta an,   w�hrend ich die Wahrheit erfasse. Sie hatten nie vor, uns beide am Leben zu   lassen. Das alles haben sich die Spielmacher ausgedacht, damit es den   dramatischsten Showdown aller Zeiten gibt. Und wie ein Idiot bin ich darauf   reingefallen.</p><p>�Wenn man es recht bedenkt, kommt es nicht allzu �berraschend�, sagt er   sanft. Ich sehe zu, wie er unter Schmerzen aufsteht. Wie in Zeitlupe kommt er   auf mich zu, seine Hand zieht das Messer aus dem G�rtel und �</p><p>Unwillk�rlich lege ich den Pfeil in den Bogen ein und ziele geradewegs auf   sein Herz. Peeta hebt die Brauen, und da sehe ich, dass er das Messer schon   weggeworfen hat. Platschend landet es im See. Ich lasse den Bogen fallen und   mache einen Schritt zur�ck, w�hrend mein Gesicht vor Scham brennt.</p><p>�Nein�, sagt Peeta. �Tu es.� Er humpelt auf mich zu und dr�ckt mir die Waffe   wieder in die Hand.</p><p>�Ich kann nicht�, sage ich. �Ich werde es nicht tun.�</p><p>�Tu es. Bevor sie wieder die Mutationen auf uns hetzen oder sonst was. Ich   m�chte nicht so sterben wie Cato�, sagt er.</p><p>�Dann erschie� du mich�, sage ich w�tend und halte ihm Pfeil und Bogen hin.   �Du erschie�t mich und gehst nach Hause und lebst damit!� W�hrend ich es   ausspreche, wei� ich, dass ein Tod hier und jetzt das Leichtere w�re.</p><p>�Du wei�t, dass ich das nicht kann�, sagt Peeta und legt die Waffen hin.   �Gut, ich bin sowieso als Erster dran.� Er b�ckt sich und rei�t den Verband vom   Bein und zerst�rt damit die letzte Barriere zwischen seinem Blut und der   Erde.</p><p>�Nein, du darfst dich nicht selbst umbringen!�, rufe ich. Ich knie mich hin   und dr�cke den Verband verzweifelt zur�ck auf seine Wunde.</p><p>�Katniss�, sagt er. �Ich will es so.�</p><p>�Du wirst mich hier nicht allein lassen�, sage ich. Denn wenn er stirbt,   werde ich nie nach Hause zur�ckkehren, nicht ganz. Ich werde den Rest meines   Lebens in dieser Arena verbringen und nach einem Ausweg suchen.</p><p>�H�r zu�, sagt er und zieht mich auf die F��e. �Wir wissen beide, dass sie   einen Sieger brauchen. Das kann nur einer von uns sein. Bitte, sei du es. F�r   mich.� Und er f�ngt davon an, wie sehr er mich liebt und dass ein Leben ohne   mich nicht lebenswert w�re, aber ich h�re ihm gar nicht mehr zu, denn seine   vorherigen Worte haben sich in meinem Kopf festgesetzt und wirbeln dort   herum.</p><p><emphasis>Wir wissen beide, dass sie einen Sieger brauchen.</emphasis></p><p>Genau, sie brauchen einen Sieger. Ohne einen Sieger w�rde den Spielmachern   die ganze Sache um die Ohren fliegen. Dann h�tten sie vor dem Kapitol versagt.   Sie k�nnten sogar hingerichtet werden, langsam und qualvoll, w�hrend die   Kameras es in jedes Fernsehger�t im Land �bertragen.</p><p>Wenn Peeta und ich beide sterben w�rden oder wenn sie glauben w�rden, wir   wollten sterben �</p><p>Ich l�se den Beutel an meinem G�rtel. Peeta sieht es und er h�lt mein   Handgelenk fest. �Nein, das lasse ich nicht zu.�</p><p>�Vertrau mir�, fl�stere ich. Einen langen Augenblick schaut er mich an, dann   l�sst er los. Ich �ffne den Beutel und sch�tte ihm ein paar Beeren in die Hand.   Dann nehme ich mir selbst. �Auf drei?�</p><p>Peeta beugt sich zu mir und k�sst mich einmal, ganz sanft. �Auf drei�, sagt   er. R�cken an R�cken stehen wir da, die leeren H�nde ineinander verschr�nkt.</p><p>�Halt sie ihnen hin. Alle sollen sie sehen�, sage ich.</p><p>Ich strecke die Hand aus, die dunklen Beeren gl�nzen im Sonnenlicht. Ich   dr�cke Peetas Hand ein letztes Mal, zum Zeichen, zum Abschied, dann beginnen wir   zu z�hlen. �Eins.� Vielleicht irre ich mich. �Zwei.� Vielleicht ist es ihnen   egal, wenn wir beide sterben. �Drei!� Es ist zu sp�t, um mich eines anderen zu   besinnen. Ich f�hre die Hand zum Mund und werfe einen letzten Blick auf die   Welt. Die Beeren sind schon zwischen meinen Lippen, als wir die Fanfaren   schmettern h�ren.</p><p>Die hektische Stimme von Claudius Templesmith �bert�nt sie: �Stopp! Stopp!   Meine Damen und Herren, es ist mir eine Freude, Ihnen die Sieger der   vierundsiebzigsten Hungerspiele pr�sentieren zu d�rfen, Katniss Everdeen und   Peeta Mellark! Hier sind sie � die Tribute aus Distrikt 12!�</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>26</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Ich spucke die Beeren aus und wische mit dem Jackenzipfel meine Zunge ab,   damit nur ja kein Saft zur�ckbleibt. Peeta zieht mich zum See, wo wir uns den   Mund aussp�len und dann einander in die Arme fallen. �Hast du welche   geschluckt?�, frage ich ihn. Er sch�ttelt den Kopf. �Du?�</p><p>�Sch�tze, dann war ich jetzt tot�, sage ich. An seinen Lippen sehe ich, dass   er etwas erwidert, aber ich kann ihn nicht verstehen, weil die Lautsprecher   live den Jubel der Menge im Kapitol �bertragen.</p><p>Das Hovercraft erscheint �ber unseren K�pfen und zwei Leitern fahren   herunter. Ich lasse Peeta nicht los. Mit einem Arm st�tze ich ihn und jeder   setzt einen Fu� auf die erste Sprosse der Leiter. Der elektrische Strom h�lt uns   gefangen und diesmal bin ich froh darum, weil ich nicht wei�, ob Peeta   durchh�lt. Da mein Blick nach unten gerichtet ist, kann ich zusehen, wie das   Blut ungehindert aus Peetas Bein flie�t, w�hrend unsere Muskeln unbeweglich   sind. Und wie zu erwarten: Kaum dass die T�r hinter uns zugeht und der Strom   abgeschaltet wird, bricht Peeta bewusstlos auf dem Boden zusammen.</p><p>Meine Finger halten seine Jacke noch immer so fest, dass ich ein faustgro�es   St�ck schwarzen Stoff herausrei�e, als sie ihn fortbringen. �rzte in sterilem   Wei� mit Mundschutz und Handschuhen stehen schon zur Operation bereit und machen   sich ans Werk. Blass und still liegt Peeta auf dem silbernen Operationstisch,   Schl�uche und Kabel h�ngen kreuz und quer aus ihm heraus und einen Augenblick   lang vergesse ich, dass die Spiele zu Ende sind, und sehe die �rzte als neue   Bedrohung, als Meute von Mutationen, die extra daf�r entwickelt wurden, ihn zu   t�ten. Entsetzt st�rze ich auf ihn zu, aber jemand f�ngt mich ein und bugsiert   mich in einen anderen Raum, eine Glast�r schiebt sich zwischen uns. Ich   trommele gegen die Scheibe und schreie mir die Lunge aus dem Hals. Niemand   beachtet mich, nur ein Diener des Kapitols erscheint in meinem R�cken und reicht   mir etwas zu trinken.</p><p>Ich sinke zu Boden, mit dem Gesicht zur T�r, und starre verst�ndnislos auf   das Kristallglas in meiner Hand. Eiskalter Orangensaft, ein Strohhalm mit wei�em   R�schenkragen. Wie unpassend das aussieht in meiner blutigen, dreckigen Hand   mit den Schmutzr�ndern unter den N�geln und den Narben. Der Duft l�sst mir das   Wasser im Mund zusammenlaufen, aber trotzdem stelle ich das Glas vorsichtig auf   den Boden - etwas so Sauberes, H�bsches macht mich misstrauisch.</p><p>Durch die Scheibe sehe ich, wie die �rzte mit konzentriert zusammengezogenen   Brauen fieberhaft an Peeta arbeiten. Ich sehe die Fl�ssigkeiten, die durch die   Schl�uche gepumpt werden, betrachte eine Wand mit Anzeigen und L�mpchen, die   mir nichts sagen. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, sein Herz setzt   zweimal aus.</p><p>Es ist, als w�re ich wieder zu Hause, wenn nach einer Explosion in den Minen   ein hoffnungslos zerfetzter Mensch hereingebracht wird, oder die Frau am   dritten Tag der Wehen oder das hungernde Kind, das mit einer Lungenentz�ndung   k�mpft. Dann haben meine Mutter und Prim auch diesen Gesichtsausdruck. Jetzt   ist es Zeit, in den Wald zu rennen, mich zwischen den B�umen zu verstecken, bis   der Patient gestorben ist und in einem anderen Teil des Saums ein Sarg   zusammengezimmert wird. Aber hier halten mich die W�nde des Hovercrafts und jene   Kraft, die Angeh�rige bei einem Sterbenden ausharren l�sst. Wie oft habe ich sie   gesehen, rings um unseren K�chentisch, und gedacht: <emphasis>Warum gehen sie nicht   weg? Warum wollen sie unbedingt bleiben und zuschauen?</emphasis></p><p>Jetzt wei� ich, warum. Weil sie nicht anders k�nnen.</p><p>Ich schrecke zusammen, als ich merke, dass jemand mich aus n�chster N�he   anstarrt, aber dann begreife ich, dass es mein eigenes Gesicht ist, das sich in   der Scheibe spiegelt. Wilde Augen, eingefallene Wangen, mein Haar eine verfilzte   Matte. Tollw�tig. Verwildert. Irr. Kein Wunder, dass alle auf Abstand   gehen.</p><p>Als N�chstes merke ich, dass wir auf dem Dach des Trainingscenters landen.   Peeta wird fortgebracht, w�hrend ich weiter hinter der T�r bleibe. Mit einem   gellenden Schrei werfe ich mich gegen die Glasscheibe und sehe fl�chtig rosa   Haare - das muss Effie sein, ja, Effie, die kommt, um mich zu retten -, als von   hinten eine Nadel in mich einsticht.</p><p>Als ich aufwache, habe ich zuerst Angst, mich zu bewegen. Die Zimmerdecke   schimmert in weichem, gelbem Licht und ich sehe, dass ich in einem Raum liege,   in dem nur mein Bett steht. Keine T�ren, keine Fenster sind zu sehen. Die Luft   riecht irgendwie scharf und antiseptisch. In meinem rechten Arm stecken mehrere   Schl�uche, die zu der Wand hinter mir f�hren.</p><p>Ich bin nackt, aber die Bettw�sche f�hlt sich wohlig auf der Haut an.   Probehalber hebe ich den linken Arm �ber die Bettdecke. Er ist nicht nur   vollkommen sauber, auch die N�gel sind zu perfekten Ovalen gefeilt worden, die   Brandnarben sind nicht mehr so auff�llig. Ich betaste meine Wange, meine Lippen,   die runzlige Narbe �ber der Augenbraue und fahre mit den Fingern durch mein   seidiges Haar, als ich erstarre. �ngstlich w�hle ich im Haar �ber meinem linken   Ohr. Nein, ich habe mich nicht get�uscht. Ich kann wieder h�ren.</p><p>Ich versuche mich aufzusetzen, aber ein breites R�ckhalteband um die Taille   l�sst mir nur ein paar Zentimeter Bewegungsfreiheit. Panik steigt auf, ich   versuche mich hochzuziehen und mich mit der H�fte durch das Band zu winden. Da   wird ein Teil der Wand beiseitegeschoben und das rothaarige Avoxm�dchen kommt   mit einem Tablett herein. Ihr Anblick beruhigt mich so sehr, dass ich meine   Fluchtversuche einstelle. Am liebsten w�rde ich ihr tausend Fragen stellen,   aber ich bef�rchte, dass ihr schon die kleinste Vertraulichkeit schaden k�nnte.   Offenbar werde ich ja genauestens �berwacht. Sie setzt das Tablett �ber meinen   Oberschenkeln ab und dr�ckt einen Knopf, woraufhin ich in eine sitzende Position   gehoben werde. W�hrend sie meine Kissen zurechtr�ckt, riskiere ich eine Frage.   Ich spreche sie laut aus, so deutlich es meine eingerostete Stimme erlaubt,   damit es nicht geheimniskr�merisch wirkt. �Hat Peeta �berlebt?� Sie nickt, und   als sie mir den L�ffel reicht, dr�ckt sie mir freundschaftlich die Hand.</p><p>Dann wollte sie mich wohl doch nicht tot sehen. Und Peeta hat �berlebt.   Nat�rlich. Bei der erstklassigen Ausstattung hier. Trotzdem war ich mir bis   jetzt nicht sicher.</p><p>Ger�uschlos schlie�t sich die T�r hinter dem Avoxm�dchen und ich wende mich   hungrig dem Tablett zu. Eine Schale klare Br�he, eine kleine Portion Apfelmus   und ein Glas Wasser. Das soll alles sein?, denke ich m�rrisch. M�sste meine   Heimkehrermahlzeit nicht ein wenig spektakul�rer ausfallen? Dann aber habe ich   schon M�he, diese karge Mahlzeit aufzuessen. Anscheinend ist mein Magen auf die   Gr��e einer Kastanie zusammengeschrumpft und ich frage mich, wie lange ich   eigentlich bewusstlos war, denn am letzten Morgen in der Arena habe ich doch   noch m�helos ein ansehnliches Fr�hst�ck vertilgt. Gew�hnlich gibt es zwischen   dem Ende des Wettkampfs und der Pr�sentation des Siegers eine mehrt�gige Pause,   damit das ausgehungerte, verletzte Wrack, zu dem der Mensch geworden ist,   wieder zusammengeflickt werden kann. Irgendwo arbeiten Cinna und Portia schon   an der Garderobe f�r unsere Auftritte. Haymitch und Effie arrangieren das   Bankett f�r unsere Sponsoren und besprechen die Fragen f�r unsere abschlie�enden   Interviews. Zu Hause in Distrikt 12 d�rfte ein Chaos ausgebrochen sein,   schlie�lich ist die Willkommensparty, die sie dort f�r Peeta und mich bestimmt   schon organisieren, die erste seit fast drei�ig Jahren.</p><p>Zu Hause! Prim und meine Mutter! Gale! Sogar bei dem Gedanken an Prims   verlotterte alte Katze muss ich l�cheln. Bald bin ich zu Hause!</p><p>Ich m�chte aus diesem Bett raus. M�chte Peeta und Cinna sehen und mehr   dar�ber erfahren, was passiert ist. Warum auch nicht? Mir geht�s gut. Doch als   ich mich jetzt endg�ltig aus dem Band winden will, sp�re ich, wie aus einem der   Schl�uche eine kalte Fl�ssigkeit in meine Adern sickert, und verliere fast   augenblicklich das Bewusstsein.</p><p>Dies wiederholt sich mehrmals �ber eine unbestimmte Zeitspanne. Aufwachen,   Essen und Ausgeschaltetwerden, selbst wenn ich keine Anstalten mache,   aufzustehen. Es ist, als bef�nde ich mich in einem st�ndigen D�mmerzustand. Nur   ein paar Sachen registriere ich. Dass das rothaarige Avoxm�dchen nicht   wiedergekommen ist, dass meine Narben verschwinden und dass - oder fantasiere   ich das? - ein Mann schreit. Nicht mit dem Akzent des Kapitols, sondern im   raueren Tonfall meines Heimatdistrikts. Und ich habe unwillk�rlich das vage,   tr�stliche Gef�hl, dass jemand �ber mich wacht.</p><p>Schlie�lich komme ich wieder zu mir und die Kan�len im rechten Arm sind   verschwunden. Das Band um meinen Rumpf ist weg, ich kann mich frei bewegen. Ich   versuche mich aufzusetzen, als mein Blick auf meine H�nde f�llt und ich stutze:   Die Haut ist vollkommen, zart und schimmernd. Die Narben sind spurlos   verschwunden, aber nicht nur die aus der Arena, sondern auch die von den vielen   Jahren des Jagens. Meine Stirn f�hlt sich an wie Seide und sogar nach der   Brandwunde an meiner Wade taste ich vergebens.</p><p>Ich strecke die Beine aus dem Bett, ein bisschen nerv�s, weil ich nicht wei�,   ob sie mein Gewicht tragen werden, aber sie sind stark und zuverl�ssig. Beim   Anblick der Kleidungsst�cke, die am Fu� des Bettes liegen, zucke ich zusammen.   Es ist die Kluft der Tribute, wie ich sie in der Arena getragen habe. Ich starre   die Kleider an, als ob sie Z�hne h�tten, bis mir einf�llt, dass ich in dieser   Aufmachung meinem Team gegen�bertreten muss.</p><p>In weniger als einer Minute bin ich angezogen und zappele vor der Wand herum,   wo ich die T�r vermute, auch wenn ich sie nicht sehen kann, bis sie sich   pl�tzlich �ffnet. Ich betrete einen weitr�umigen, verlassenen Flur, der   scheinbar keine weiteren T�ren besitzt. Doch da m�ssen welche sein. Und hinter   einer davon muss Peeta sein. Jetzt, da ich bei Bewusstsein bin und mich bewege,   �berwiegt die Sorge um ihn. Er ist ganz sicher wohlauf, sonst h�tte das   Avoxm�dchen es nicht gesagt. Aber ich muss ihn mit eigenen Augen sehen.</p><p>�Peeta!�, rufe ich, weil niemand da ist, den ich fragen k�nnte. Als Antwort   h�re ich meinen Namen, aber es ist nicht seine Stimme. Die Stimme macht mich   erst �rgerlich, dann ungeduldig. Effie.</p><p>Ich drehe mich um und sehe, dass sie allesamt in einem gro�en Raum am Ende   des Flurs warten: Effie, Haymitch und Cinna. Da renne ich los. M�glich, dass   eine Siegerin mehr Zur�ckhaltung, mehr �berlegenheit an den Tag legen sollte,   besonders wenn sie wei�, dass sie gefilmt wird, aber das ist mir egal. Ich   renne los und werfe mich zu meiner eigenen �berraschung zuerst Haymitch in die   Arme. �Gute Arbeit, S��e�, fl�stert er mir ins Ohr und es klingt nicht mal   sarkastisch. Effie ist den Tr�nen nahe, t�tschelt ununterbrochen meinen Kopf   und redet davon, dass sie jedem erz�hlt habe, was f�r Goldst�cke wir sind.   Cinna dr�ckt mich nur ganz fest und sagt kein Wort. Dann f�llt mir auf, dass   Peeta nicht da ist, und ich werde unruhig.</p><p>�Wo ist Portia? Bei Peeta? Er ist wohlauf, oder? Er lebt doch, nicht wahr?�,   platze ich heraus.</p><p>�Es geht ihm gut. Aber sie wollen euer Wiedersehen bei der Siegesfeier live   �bertragen�, sagt Haymitch.</p><p>�Ach so�, sage ich. Der schreckliche Augenblick, als ich Peeta schon wieder   f�r tot hielt, ist vor�ber. �Das w�rde ich selbst gern sehen, glaube ich.�</p><p>�Geh jetzt mit Cinna. Er muss dich fertig machen�, sagt Haymitch.</p><p>Ich bin erleichtert, dass ich mit Cinna allein sein werde. Ich sp�re seinen   besch�tzenden Arm um meine Schultern, als er mich von den Kameras fortgeleitet,   ein paar G�nge entlang zu einem Aufzug, der in die Eingangshalle des   Trainingscenters f�hrt. Dann befindet sich das Krankenhaus also tief unter der   Erde, noch unter der Turnhalle, wo wir Knotenbinden und Speerwerfen ge�bt haben.   Die Fenster der Eingangshalle sind verdunkelt, hier und da stehen Wachen. Sonst   sieht uns niemand dabei zu, wie wir zum Aufzug der Tribute hin�bergehen. In   der Leere hallen unsere Schritte wider. Als wir in den zw�lften Stock   hinauffahren, kommen mir die Gesichter all der Tribute in den Sinn, die nie mehr   zur�ckkehren werden, und die Brust wird mir eng und schwer.</p><p>Die Aufzugt�ren �ffnen sich und ich werde von Venia, Flavius und Octavia   umringt. Sie sprechen so schnell und �berschw�nglich, dass ich kein Wort   verstehe. Aber die Stimmung ist eindeutig. Sie freuen sich wahnsinnig, mich zu   sehen, und ich freue mich auch, wenn auch nicht so sehr wie bei Cinna. Eher so,   wie man sich freut, wenn man am Ende eines besonders schweren Tages drei   anh�ngliche Haustiere wiedersieht.</p><p>Sie nehmen mich mit in ein Esszimmer, wo ich endlich eine richtige Mahlzeit   bekomme - Roastbeef, Erbsen und weiche Br�tchen -, auch wenn meine Portionen   immer noch strikt rationiert werden. Ein Nachschlag wird mir n�mlich nicht   gew�hrt.</p><p>�Nein, nein, nein. Sie wollen ja nicht, dass das alles auf der B�hne wieder   hochkommt�, sagt Octavia. Heimlich unter dem Tisch steckt sie mir aber doch ein   Extrabr�tchen zu, um mir zu verstehen zu geben, dass sie zu mir h�lt.</p><p>Wir gehen zur�ck in mein Zimmer und Cinna verschwindet eine Weile, w�hrend   das Vorbereitungsteam an mir arbeitet.</p><p>�Oh, du hast eine Ganzk�rperbehandlung bekommen�, sagt Flavius neidisch.   �Deine Haut ist makellos.�</p><p>Aber als ich meinen nackten K�rper im Spiegel betrachte, f�llt mir nur auf,   wie mager ich bin. Unmittelbar nach der Arena hab ich zwar bestimmt noch   schlimmer ausgesehen, doch meine Rippen kann ich immer noch z�hlen.</p><p>Sie stellen mich unter die Dusche, danach nehmen sie sich Haar, N�gel und   Make-up vor. Sie plappern in einem fort, sodass ich kaum antworten muss, was   mir recht ist, denn mir ist nicht nach Reden zumute. Komisch, obwohl sie   ununterbrochen �ber die Spiele plappern, geht es nur darum, wo sie waren, was   sie getan haben oder wie es ihnen ging, w�hrend sich dies und das in der Arena   ereignete. �Ich hab noch im Bett gelegen!� - �Ich hatte mir gerade die   Augenbrauen gef�rbt!� - �Ich schw�r�s euch, ich war fast in Ohnmacht gefallen!�   Es geht nur um sie, nicht um die sterbenden Jungen und M�dchen in der Arena.</p><p>So schwelgen wir in Distrikt 12 nicht in den Spielen. Wir bei�en die Z�hne   zusammen und schauen zu, weil wir m�ssen, aber wenn sie vorbei sind, versuchen   wir so schnell wie m�glich zum Alltag zur�ckzukehren. Um das Vorbereitungsteam   nicht zu hassen, blende ich das meiste von dem, was sie sagen, einfach aus.</p><p>Cinna kommt herein, �ber dem Arm ein eher bescheidenes gelbes Kleid.</p><p>�Machen wir jetzt nicht mehr auf M�dchen in Flammen?�, frage ich.</p><p>�Sieh selbst�, sagt er und zieht mir das Kleid �ber den Kopf. Sofort bemerke   ich die Polster �ber meinen Br�sten, sie t�uschen Kurven vor, die der Hunger   meinem K�rper gestohlen hat. Ich fasse mir an die Brust und runzele die   Stirn.</p><p>�Ich wei߫, sagt Cinna, bevor ich Einw�nde erheben kann. �Aber wenn es nach   den Spielmachern gegangen w�re, h�ttest du eine Sch�nheitsoperation bekommen.   Haymitch hatte einen Riesenkrach mit ihnen deswegen. Schlie�lich haben sie sich   darauf geeinigt.� Er h�lt mich zur�ck, bevor ich mein Spiegelbild betrachten   kann. �Warte, vergiss die Schuhe nicht.� Venia hilft mir in flache   Ledersandalen, dann erst wende ich mich dem Spiegel zu.</p><p>Ich bin immer noch das �M�dchen in Flammen�. Der hauchd�nne Stoff schimmert   zart. Bei der kleinsten Luftbewegung geht ein Kr�useln meinen K�rper hinauf. Im   Vergleich hierzu erscheint das Wagenkost�m aufdringlich, das Interviewkleid zu   gek�nstelt. In diesem Kleid erwecke ich den Eindruck, als w�re ich in   Kerzenlicht gekleidet.</p><p>�Was meinst du?�, fragt Cinna.</p><p>�Das ist das beste von allen�, sage ich. Als ich mich vom Anblick des   flackernden Stoffs losrei�en kann, wartet schon der n�chste Schock. Mein Haar   ist offen und wird nur von einem schlichten Haarband gehalten. Das Make-up macht   mein Gesicht weicher und gl�ttet die scharfen Kanten. Die N�gel sind klar   lackiert. Das �rmellose Kleid ist unter den Rippen gerafft, nicht in der Taille,   wodurch die Polster fast �berdeckt werden. Der Saum reicht bis zu den Knien.   Ohne Abs�tze habe ich meine wahre Gr��e. Ich sehe einfach nur wie ein M�dchen   aus. Ein junges M�dchen. H�chstens vierzehn. Unschuldig. Harmlos. Dass Cinna das   hinbekommen hat, obwohl ich soeben die Hungerspiele gewonnen habe, ja, das ist   schon schockierend.</p><p>Es ist ein wohlbedachtes Erscheinungsbild. Cinna �berl�sst bei seinen   Entw�rfen nichts dem Zufall. Ich bei�e mir auf die Lippen, w�hrend ich versuche,   hinter seine Beweggr�nde zu kommen.</p><p>�Ich h�tte etwas � Raffinierteres erwartet�, sage ich.</p><p>�Ich dachte mir, Peeta w�rde das hier besser gefallen�, antwortet er   vorsichtig.</p><p>Peeta? Hier geht es doch nicht um Peeta. Hier geht es um das Kapitol und die   Spielmacher und die Zuschauer. Obwohl ich Cinnas Konzept noch nicht durchschaue,   erinnert es mich daran, dass die Spiele noch nicht zu Ende sind. Und aus seiner   harmlosen Antwort meine ich eine Warnung herauszuh�ren. Vor etwas, das er nicht   einmal gegen�ber seinem eigenen Team ansprechen darf.</p><p>Wir fahren mit dem Aufzug hinunter auf die Ebene, wo damals das Training   stattfand. Es ist �blich, dass die Sieger mit dem Team aus dem B�hnenboden   auftauchen. Erst das Vorbereitungsteam, dann die Betreuerin, der Stylist, der   Mentor und schlie�lich der Sieger. Da es in diesem Jahr zwei Sieger mit   derselben Betreuerin und demselben Mentor gibt, mussten sie sich etwas anderes   einfallen lassen. Wir befinden uns in einem sp�rlich beleuchteten Areal   unterhalb der B�hne. Eine brandneue Metallplatte wurde installiert, um mich   hochzufahren. Man sieht noch die kleinen S�gemehlhaufen, riecht die frische   Farbe. Cinna und das Vorbereitungsteam ziehen sich zur�ck, um die eigenen   Kost�me anzulegen und ihre Positionen einzunehmen, und ich bleibe allein. In   der Dunkelheit sehe ich etwa zehn Meter entfernt eine Behelfswand, hinter der   ich Peeta vermute.</p><p>Das L�rmen der Menge ist so laut, dass ich Haymitch erst bemerke, als er mich   an der Schulter ber�hrt. Vor Schreck mache ich einen Satz. Irgendwie bin ich   wohl immer noch halb in der Arena.</p><p>�Keine Panik, ich bin�s nur. Lass dich mal anschauen�, sagt Haymitch. Ich   strecke die Arme aus und drehe mich einmal. �Nicht �bel.�</p><p>Kein besonders tolles Kompliment. �Aber?�, sage ich.</p><p>Haymitchs Blick mustert den muffigen Raum und er scheint einen Entschluss zu   fassen. �Nichts aber. Wie w�r�s mit einmal Dr�cken und Gl�ckw�nschen?�</p><p>Eine solche Bitte ist zwar ungew�hnlich f�r Haymitch, aber immerhin sind wir   Sieger. Vielleicht ist einmal Dr�cken in Ordnung. Doch als ich ihm die Arme um   den Hals lege, l�sst er mich pl�tzlich nicht mehr los. W�hrend meine Haare seine   Lippen verdecken, fl�stert er mir sehr schnell und ganz leise ins Ohr.</p><p>�H�r zu. Du bist in Schwierigkeiten. Es hei�t, im Kapitol sind sie au�er   sich, weil du sie in der Arena vorgef�hrt hast. Sie k�nnen es nicht ausstehen,   wenn sie ausgelacht werden, und jetzt macht sich ganz Panem �ber sie lustig�,   sagt Haymitch.</p><p>Obwohl mich gro�er Schrecken packt, lache ich, als h�tte Haymitch etwas   Witziges gesagt, denn mein Mund ist f�r die Kameras gut sichtbar. �Und   weiter?�</p><p>�Du hast nur eine einzige Verteidigungsstrategie, n�mlich dass du so total   verliebt warst, dass du nicht wusstest, was du tatest.� Haymitch gibt mich frei   und r�ckt mein Haarband zurecht. �Alles klar, S��e?� Das k�nnte sich auf alles   M�gliche beziehen.</p><p>�Alles klar�, sage ich. �Hast du Peeta das auch gesagt?� �Muss ich gar   nicht�, sagt Haymitch. �Er macht das ganz von allein.�</p><p>�Und ich nicht, oder was?�, sage ich und nutze die Gelegenheit, die   knallrote Fliege zurechtzur�cken, die Cinna ihm aufgen�tigt haben muss.</p><p>�Seit wann ist es wichtig, was ich denke?�, sagt Haymitch. �Lass uns jetzt   unsere Pl�tze einnehmen.� Er f�hrt mich auf die Metallscheibe. �Das ist dein   Abend, S��e. Genie� ihn.� Er k�sst mich auf die Stirn und verschwindet in der   Dunkelheit.</p><p>Ich ziehe an meinem Kleid und w�nsche mir, es w�re l�nger, damit meine   schlotternden Knie bedeckt w�ren. Irgendwann gebe ich es auf. Ich zittere am   ganzen K�rper wie Espenlaub. Hoffentlich wird es nur dem Lampenfieber   zugeschrieben. Schlie�lich ist es mein Abend.</p><p>Der dumpfe Modergeruch unter der B�hne nimmt mir den Atem. Feuchtkalter   Schwei� rinnt mir von der Stirn und ich werde das Gef�hl nicht los, dass jeden   Augenblick die Bohlen �ber mir einst�rzen und ich lebendig unter den Tr�mmern   begraben werde. Als ich die Arena verlie�, als die Fanfaren erschollen, da   dachte ich, ich w�re gerettet. Von jenem Augenblick an. F�r den Rest meines   Lebens. Aber wenn es stimmt, was Haymitch sagt, und warum sollte er l�gen, dann   war ich noch nie im Leben an einem gef�hrlicheren Ort.</p><p>Das hier ist viel schlimmer, als in der Arena gejagt zu werden. Dort konnte   ich sterben und Schluss. Ende der Geschichte. Aber hier k�nnten Prim, meine   Mutter, Gale, die Leute aus Distrikt 12, alle, die mir etwas bedeuten, bestraft   werden, falls ich die Kom�die von dem liebestollen M�dchen nicht �berzeugend   spiele, die Haymitch mir so eindringlich ans Herz gelegt hat.</p><p>Ich habe also noch eine Chance. Komisch, als ich in der Arena die Beeren   hervorholte, dachte ich nur daran, wie ich die Spielmacher �berliste, nicht, wie   meine Handlungen im Kapitol ankommen w�rden. Aber die Hungerspiele sind ihre   Waffe und keiner soll sie schlagen k�nnen. Im Kapitol werden sie nun also so   tun, als h�tten sie die ganze Zeit alles im Griff gehabt. Als h�tten sie das   ganze Ereignis gesteuert, bis hin zu dem doppelten Selbstmord. Und das   funktioniert nat�rlich nur, wenn ich mitspiele.</p><p>Und Peeta � Wenn es schiefgeht, wird auch Peeta darunter leiden. Aber was   hat Haymitch gesagt, als ich ihn fragte, ob er Peeta die Lage ebenfalls erkl�rt   habe? Damit Peeta versteht, dass er unbedingt so tun muss, als w�re er   hoffnungslos in mich verliebt?</p><p><emphasis>�Muss ich gar nicht. Er macht das ganz von allein.�</emphasis></p><p>Was soll das hei�en? Dass er mir im Mitdenken wieder mal voraus ist? Und   begreift, in welcher Gefahr wir uns befinden? Oder � dass er bereits   hoffnungslos verliebt ist? Ich wei� es nicht. Ich habe noch nicht mal   angefangen, meine Gef�hle f�r Peeta zu sortieren. Es ist zu kompliziert. Was ich   im Rahmen der Spiele getan habe. Im Gegensatz zu dem, was ich aus Wut auf das   Kapitol getan habe. Oder weil es auf die Leute in Distrikt 12 wirken sollte.   Oder einfach deshalb, weil es das einzig Vern�nftige war. Oder was ich getan   habe, weil Peeta mir wichtig war.</p><p>All diese Fragen werde ich zu Hause entwirren m�ssen, in der friedlichen   Stille des Waldes, wo niemand zusieht. Bestimmt nicht hier, wo aller Augen auf   mich gerichtet sind. Ein Luxus, den ich noch lange nicht genie�en werde. Denn   jetzt beginnt der gef�hrlichste Teil der ganzen Hungerspiele.</p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>27</emphasis></strong></p><empty-line/><p>Die Hymne dr�hnt in meinen Ohren, dann h�re ich, wie Caesar Flickerman die   Zuschauer begr��t. Ob er wei�, wie wichtig es ist, von jetzt an jedes Wort   richtig zu w�hlen? Bestimmt. Ganz sicher wird er uns helfen wollen. Die Menge   applaudiert, als die Vorbereitungsteams pr�sentiert werden. Ich stelle mir vor,   wie Flavius, Venia und Octavia herumspringen und l�cherliche Verbeugungen   machen. Todsicher haben sie keine Ahnung. Dann hat Effie ihren Auftritt. Wie   lange hat sie wohl auf diesen Augenblick gewartet? Ich hoffe, sie kann ihn   genie�en, denn so t�richt Effie sein kann, f�r bestimmte Dinge hat sie einen   sicheren Instinkt; sie muss zumindest einen Verdacht haben, dass wir in   Schwierigkeiten sind. Portia und Cinna ernten riesigen Jubel -   verdienterma�en, denn sie waren genial, ein umwerfendes Deb�t. Jetzt verstehe   ich, warum Cinna sich f�r dieses Kleid entschieden hat. Ich soll so m�dchenhaft   und unschuldig wie m�glich wirken. Als Haymitch erscheint, bricht ein Getrampel   los, das mindestens f�nf Minuten anh�lt. Immerhin hat er eine Premiere   vorzuweisen. Er hat nicht nur einen, sondern zwei Tribute durchgebracht. Was   w�re, wenn er mich nicht rechtzeitig gewarnt h�tte? W�rde ich mich anders   verhalten? Die Sache mit den Beeren an die gro�e Glocke h�ngen, auf Kosten des   Kapitols? Nein, ich glaube nicht. Aber gut m�glich, dass ich l�ngst nicht so   �berzeugend w�re, wie ich jetzt sein muss. Jetzt und hier. Denn in diesem   Augenblick hebt mich die Scheibe auf die B�hne.</p><p>Blendendes Licht. Bei dem ohrenbet�ubenden Gebr�ll wackelt die Scheibe unter   meinen F��en. Pl�tzlich ist da Peeta, nur ein paar Meter entfernt. Er sieht so   sauber und gesund und sch�n aus, dass ich ihn fast nicht wiedererkenne. Aber   sein L�cheln ist das gleiche, ob im Schlamm oder im Kapitol, und als ich es   sehe, st�rme ich auf ihn zu und werfe mich ihm in die Arme. Er schwankt   r�ckw�rts und verliert fast das Gleichgewicht und da erst f�llt mir auf, dass   die schlanke Metallvorrichtung in seiner Hand ein Gehstock ist. Er richtet sich   auf und wir schmiegen uns aneinander, w�hrend die Zuschauer ausflippen. Er   k�sst mich und die ganze Zeit denke ich: <emphasis>Wei�t du Bescheid? Wei�t du, in   welcher Gefahr wir schweben? </emphasis>Zehn Minuten geht das so, dann tippt Caesar   Flickerman ihm auf die Schulter, um die Show fortzusetzen, aber Peeta schiebt   ihn einfach nur weg, ohne ihn eines Blickes zu w�rdigen. Die Menge rastet aus.   Ob bewusst oder nicht, Peeta gibt ihr wieder einmal genau das, was sie will.</p><p>Schlie�lich trennt Haymitch uns und schiebt uns gutm�tig zum Siegerstuhl.   Normalerweise ist das ein einziger, verschn�rkelter Sessel, auf dem der   siegreiche Tribut sitzt und einen Film mit den H�hepunkten der Spiele anschaut,   aber da es diesmal zwei Sieger gibt, haben die Spielmacher stattdessen ein rotes   Pl�schsofa hingestellt. Es ist klein, ein Zweisitzer. Ich sitze ganz nah bei   Peeta, fast auf seinem Scho�, aber ein Blick von Haymitch sagt mir, dass das   nicht genug ist. Ich kicke meine Sandalen weg, ziehe die F��e hoch und lehne   den Kopf an Peetas Schulter. Automatisch legt er den Arm um mich und ich komme   mir wieder vor wie in der H�hle, an ihn geschmiegt, um warm zu bleiben. Sein   Hemd ist aus dem gleichen gelben Stoff wie mein Kleid, allerdings hat Portia ihn   in eine lange schwarze Hose gesteckt. Und statt Sandalen tr�gt er ein Paar   robuste schwarze Stiefel, mit denen er fest auf dem Boden steht. H�tte Cinna   mich auch mal so angezogen, dann k�me ich mir nicht so verletzlich vor wie in   diesem leichten Kleid. Aber wahrscheinlich ging es genau darum.</p><p>Caesar Flickerman macht noch ein paar Gags, dann ist es Zeit f�r die Show.   Sie wird genau drei Stunden dauern und ganz Panem muss zuschauen. Als die   Lichter ausgehen und das Wappen auf dem Bildschirm erscheint, wird mir klar,   dass ich auf das, was nun kommt, nicht vorbereitet bin. Ich m�chte nicht dabei   zuschauen, wie meine zweiundzwanzig Mitstreiter sterben. Ich habe genug von   ihnen schon einmal sterben sehen. Mein Herz beginnt zu klopfen und ich habe den   starken Impuls, zu fliehen. Wie haben die anderen Sieger das blo� ganz allein   durchgestanden? W�hrend der H�hepunkte wird regelm��ig in einem Fenster in   einer Ecke des Bildschirms die Reaktion des Siegers eingeblendet. Ich denke an   die �bertragungen der vergangenen Jahre zur�ck � Manche der Sieger sind   triumphierend, schleudern die Faust in die Luft, schlagen sich an die Brust. Die   meisten wirken wie bet�ubt. Mich h�lt nur eins auf diesem Sofa, n�mlich Peeta:   sein Arm um meine Schulter, w�hrend ich mit beiden H�nden seine freie Hand   umklammere. Nat�rlich sahen sich die fr�heren Sieger nicht einem Kapitol   gegen�ber, das sie zu vernichten versuchte.</p><p>Es ist eine Meisterleistung, so viele Wochen in drei Stunden zu packen,   besonders wenn man bedenkt, wie viele Kameras auf einmal liefen. Derjenige, der   die H�hepunkte zusammenstellt, muss sich f�r eine Geschichte entscheiden, die   er erz�hlen will. In diesem Jahr wird zum ersten Mal eine Liebesgeschichte   erz�hlt. Peeta und ich haben die Spiele zwar gewonnen, aber es ist trotzdem   verbl�ffend, wie viel Aufmerksamkeit wir von Anfang an bekommen haben. Ich bin   ganz froh dar�ber, weil es die Masche von dem liebestollen M�dchen st�tzt, mit   der ich erkl�ren will, dass ich mich dem Kapitol widersetzen musste. Au�erdem   hat es den Vorteil, dass wir uns nicht so lange mit den Toten aufhalten.</p><p>Die erste halbe Stunde ist den Ereignissen vor der Arena gewidmet, den   Ernten, der Wagenparade durchs Kapitol, unseren Trainingsbewertungen und den   Interviews. Das Ganze unterlegt mit peppiger Musik, die alles noch   schrecklicher macht, weil nat�rlich fast alle, die auf dem Bildschirm zu sehen   sind, mittlerweile tot sind.</p><p>In der Arena widmet sich die Sendung zun�chst ausgiebig dem Gemetzel am   F�llhorn, dann konzentrieren sich die Macher abwechselnd auf die sterbenden   Tribute und auf uns. Besonders auf Peeta, denn es ist eindeutig er, der die   Romanze tr�gt. Ich sehe jetzt, was die Zuschauer sehen konnten: wie er die   Karrieros �ber mich t�uschte, wie er die ganze Nacht unter dem J�gerwespenbaum   wach lag und dann gegen Cato k�mpfte, damit ich entkommen konnte, und wie er   sogar noch in seinem Schlammloch im Schlaf meinen Namen fl�sterte. Gegen ihn   wirke ich herzlos - ich weiche Feuerb�llen aus, lasse Nester herunterfallen und   sprenge Vorr�te in die Luft -, bis ich f�r Rue jagen gehe. Ihr Tod wird in   voller L�nge gezeigt, wie der Speer sie durchbohrte, mein vergeblicher   Rettungsversuch, mein Pfeil durch den Hals des Jungen aus Distrikt 1, Rues   letzte Atemz�ge in meinen Armen. Und das Lied. Das ganze Lied zeigen sie, jeden   einzelnen Ton. In mir f�llt eine Klappe und ich bin zu benommen, um irgendetwas   zu empfinden. Es ist, als w�rde ich Fremden bei einer anderen Ausgabe der   Hungerspiele zuschauen. Trotzdem bekomme ich mit, dass die Szene fehlt, in der   ich sie mit Blumen bedecke.</p><p>Klar. Selbst das riecht nach Rebellion.</p><p>Es geht weiter mit der Ank�ndigung, dass zwei Tribute aus demselben Distrikt   �berleben k�nnen; ich bin zu sehen, wie ich Peetas Namen rufe und dann die H�nde   vor den Mund schlage. Habe ich vorher ihm gegen�ber gleichg�ltig gewirkt, so   mache ich das jetzt mehr als wett: Ich suche und finde ihn, pflege ihn gesund,   gehe zum Fest, um das Medikament zu holen, und bin sehr freigebig mit meinen   K�ssen. Objektiv sehe ich, dass die Mutationen und Catos Tod so grauenhaft sind   wie je, aber wieder kommt es mir vor, als w�rde das alles Leuten widerfahren,   mit denen ich nie etwas zu tun hatte.</p><p>Dann kommt die Szene mit den Beeren. Ich h�re, wie die Zuschauer einander   ermahnen, still zu sein, weil sie nichts verpassen wollen. Eine Woge der   Dankbarkeit gegen�ber den Machern der Sendung �berkommt mich, weil sie ihren   Film nicht mit der Verk�ndung unseres Sieges enden lassen, sondern mit der   Szene, wie ich im Hovercraft gegen die Glast�r trommele und Peetas Namen   schreie, w�hrend die �rzte ihn zu reanimieren versuchen.</p><p>Was meine �berlebenschancen betrifft, so ist das mein bester Auftritt   �berhaupt.</p><p>Die Hymne wird wieder eingespielt. Wir erheben uns, w�hrend Pr�sident Snow   h�chstpers�nlich die B�hne betritt, gefolgt von einem kleinen M�dchen, das ein   Kissen mit der Krone tr�gt. Es ist nur eine Krone und das verwirrt die Leute   h�rbar - wem wird er sie aufsetzen? -, bis Pr�sident Snow die Krone verdreht und   in zwei H�lften teilt. Die erste legt er l�chelnd Peeta um die Stirn. Als er die   zweite H�lfte auf meinem Kopf platziert, l�chelt er immer noch, aber seine   Augen, nur ein paar Zentimeter entfernt, sind so unvers�hnlich wie die einer   Schlange.</p><p>In diesem Augenblick wird mir klar, dass ich, obwohl wir beide die Beeren   gegessen h�tten, daf�r verantwortlich gemacht werde, weil es meine Idee war.   Ich bin die Anstifterin. Ich geh�re bestraft.</p><p>Es folgen endlose Verbeugungen und Hochrufe. Mir f�llt fast der Arm ab, so   viel winke ich, als Caesar Flickerman den Zuschauern endlich eine gute Nacht   w�nscht und sie ermahnt, morgen wieder einzuschalten und die abschlie�enden   Interviews anzuschauen. Als ob sie eine Wahl h�tten.</p><p>Peeta und ich werden sofort zum Pr�sidentensitz gebracht, wo das   Siegerbankett stattfindet. Zum Essen bleibt uns allerdings kaum Zeit, weil die   W�rdentr�ger des Kapitols und die besonders gro�z�gigen Sponsoren sich   gegenseitig beiseiteschieben, um mit uns aufs Foto zu kommen. Lauter strahlende   Gesichter huschen vor�ber, die im Laufe des Abends immer berauschter aussehen.   Gelegentlich erhasche ich einen Blick auf Haymitch, der mich beruhigt, oder auf   Pr�sident Snow, der mich in Panik versetzt, aber die ganze Zeit �ber lache ich   und bedanke mich bei den Leuten und l�chele f�r die Fotos. Und ich lasse Peetas   Hand kein einziges Mal los.</p><p>Die Sonne guckt schon �ber den Horizont, als wir zur�ck in den zw�lften Stock   des Trainingscenters fahren. Jetzt kann ich endlich einmal ein Wort allein mit   Peeta wechseln, denke ich, aber Haymitch schickt ihn mit Portia fort, damit sie   ihn f�r das Interview ausstaffiert, und begleitet mich bis vor die T�r.</p><p>�Warum darf ich nicht mit ihm reden?�, frage ich.</p><p>�Dazu habt ihr alle Zeit der Welt, wenn wir zu Hause sind�, sagt Haymitch.   �Geh jetzt schlafen, um zwei hast du Sendung.�</p><p>Trotz Haymitchs dauernder Einmischung bin ich entschlossen, Peeta unter vier   Augen zu treffen. Nachdem ich mich ein paar Stunden lang hin und her gew�lzt   habe, schl�pfe ich auf den Flur hinaus. Als Erstes schaue ich auf dem Dach nach,   aber da ist niemand. Nach der Feier heute Nacht liegen sogar die Stra�en der   Stadt weit unter mir verlassen da. Ich gehe kurz zur�ck ins Bett und beschlie�e   dann, an seine T�r zu klopfen. Als ich versuche, die Klinke herunterzudr�cken,   stelle ich fest, dass meine T�r von au�en abgeschlossen wurde. Zun�chst   verd�chtige ich Haymitch, aber dann macht sich die heimt�ckische Angst breit,   dass das Kapitol mich �berwacht und einsperrt. Seit die Hungerspiele begonnen   haben, war eine Flucht unm�glich. Doch das hier f�hlt sich anders an, viel   pers�nlicher. Als w�re ich wegen eines Verbrechens eingesperrt und wartete auf   mein Urteil. Rasch gehe ich zur�ck ins Bett und tue so, als w�rde ich schlafen,   bis Effie Trinket kommt und verk�ndet, dass ein weiterer �ganz, ganz gro�er   Tag!� angebrochen sei.</p><p>Ich habe f�nf Minuten, um eine Schale Eintopf mit Reis zu essen, bevor das   Vorbereitungsteam hereinplatzt. �Die Leute waren total begeistert von euch!�,   sage ich und dann brauche ich in den n�chsten Stunden den Mund nicht mehr   aufzumachen. Als Cinna hereinkommt, scheucht er sie raus und kleidet mich in   ein wei�es, hauchd�nnes Kleid und rosa Schuhe. Dann k�mmert er sich selbst um   mein Make-up, bis ich aussehe, als w�rde ich zartrosa gl�hen. Wir reden �ber   dies und das, aber ich habe Angst, ihn etwas wirklich Wichtiges zu fragen, denn   nach dem Zwischenfall mit der T�r werde ich das Gef�hl nicht los, dass ich   st�ndig �berwacht werde.</p><p>Das Interview findet im Salon am Ende des Flurs statt. Eine Fl�che wurde frei   ger�umt, das kleine Sofa hineingestellt und mit Vasen voller roter und rosa   Rosen umgeben. Nur eine Handvoll Kameras wird das Ereignis filmen. Wenigstens   kein Livepublikum.</p><p>Als ich hereinkomme, umarmt Caesar Flickerman mich herzlich. �Meinen   Gl�ckwunsch, Katniss. Wie geht�s uns denn heute?�</p><p>�Gut. Nerv�s wegen des Interviews�, sage ich.</p><p>�Brauchst du nicht. Wir werden uns pr�chtig unterhalten�, sagt er und   t�tschelt mir beruhigend die Wange.</p><p>�Ich kann nicht gut �ber mich selbst reden�, sage ich.</p><p>�Du kannst gar nichts Falsches sagen�, sagt er.</p><p>Und ich denke: <emphasis>Ach, Caesar, wenn es doch so w�re. Aber gerade jetzt,   w�hrend wir uns unterhalten, k�nnte Pr�sident Snow irgendeinen �Unfall�   arrangieren.</emphasis></p><p>Peeta ist auch da, er sieht sehr gut aus in Rot und Wei�. Er nimmt mich   beiseite. �Ich bekomme dich kaum zu sehen. Haymitch scheint darauf aus zu sein,   uns voneinander fernzuhalten.�</p><p>Richtig ist, dass Haymitch darauf aus ist, uns am Leben zu halten, aber es   sind zu viele Ohren um uns herum, deshalb sage ich: �Ja, in letzter Zeit nimmt   er seine Verantwortung sehr ernst.�</p><p>�Was soll�s, das hier noch, und dann fahren wir nach Hause. Dann kann er uns   nicht mehr die ganze Zeit bewachen�, sagt Peeta.</p><p>Ein Schauer geht durch meinen K�rper, aber es bleibt keine Zeit, zu   ergr�nden, warum, denn alles ist bereit. Wir setzen uns ein wenig steif auf das   kleine Sofa, doch Caesar sagt: �Na los, kuschele dich an ihn, wenn du magst. Das   hat so s�� ausgesehen.� Also ziehe ich die F��e hoch und Peeta dr�ckt mich an   sich.</p><p>Jemand z�hlt r�ckw�rts und im Nu sind wir wieder live im ganzen Land zu   sehen. Caesar Flickerman ist fantastisch, provozierend, witzig oder ger�hrt, je   nachdem. Er und Peeta haben schon wieder den lockeren Plauderton angeschlagen,   wie am Abend des ersten Interviews, deshalb l�chele ich nur und versuche so   wenig wie m�glich zu sagen. Ein bisschen reden muss ich nat�rlich schon, aber   sobald ich kann, �berlasse ich Peeta das Wort.</p><p>Doch irgendwann beginnt Caesar Fragen zu stellen, die ausf�hrlichere   Antworten erfordern. �Peeta, von unseren Tagen in der H�hle wissen wir, dass es   f�r dich Liebe auf den ersten Blick war, als du wie alt warst? F�nf?�, hakt   Caesar nach.</p><p>�Seit ich sie zum ersten Mal gesehen habe�, best�tigt Peeta.</p><p>�Aber Katniss, da hast du ja wirklich einiges mitgemacht. Das Aufregendste   f�r die Zuschauer war es wohl, mitzuerleben, wie du ihm verfallen bist. Wann   hast du gemerkt, dass du in ihn verliebt bist?�, fragt Caesar.</p><p>�Oh, das ist schwierig zu beantworten �� Ich lache matt und starre auf   meine H�nde. Hilfe.</p><p>�Also, ich wei� noch, wann ich es kapiert hab. An dem Abend, als du auf dem   Baum sa�est und seinen Namen gerufen hast�, sagt Caesar.</p><p><emphasis>Danke, Caesar!, </emphasis>denke ich und nehme die Vorlage an. �Ja, ich glaube,   das war es. Wissen Sie, bis dahin habe ich mich, ehrlich gesagt, nicht getraut,   �ber meine Gef�hle nachzudenken. Es war alles so verwirrend, und wenn ich mir   etwas aus ihm gemacht h�tte, w�re es nur noch schlimmer geworden. Aber auf   diesem Baum war pl�tzlich alles anders�, sage ich.</p><p>�Was glaubst du, wie das kam?�, hakt Caesar nach.</p><p>�Vielleicht � weil es da zum ersten Mal � die Chance gab, dass ich ihn   behalten darf�, sage ich.</p><p>Hinter einem Kameramann sehe ich Haymitch, der erleichtert schnaubt, und da   wei� ich, dass ich das Richtige gesagt habe. Caesar zieht ein Taschentuch hervor   und muss eine Auszeit nehmen, so ger�hrt ist er. Ich sp�re, wie Peeta die Stirn   an meine Schl�fe legt und fragt: �Und, was wirst du mit mir machen, jetzt, wo du   mich hast?�</p><p>Ich wende mich ihm zu. �Dich irgendwo hinbringen, wo dir nichts passieren   kann.� Und als er mich k�sst, seufzen die Leute im Studio regelrecht.</p><p>Das ist f�r Caesar das Stichwort, um zu all den Verletzungen �berzuleiten,   die wir in der Arena erlitten haben, von Verbrennungen �ber Stiche bis hin zu   Wunden. Aber erst als wir auf die Mutationen zu sprechen kommen, vergesse ich,   dass wir auf Sendung sind. Als Caesar Peeta fragt, wie er mit seinem �neuen   Bein� zurechtkomme.</p><p>�Neues Bein?�, sage ich und strecke unwillk�rlich die Hand aus, um Peetas   Hosenbein hochzuziehen. �Oh nein�, fl�stere ich und starre auf die Vorrichtung   aus Metall und Kunststoff, die nun sein Fleisch ersetzt.</p><p>�Hat dir das niemand gesagt?�, fragt Caesar einf�hlsam. Ich sch�ttele den   Kopf.</p><p>�Ich hatte keine Gelegenheit dazu�, sagt Peeta mit leichtem   Schulterzucken.</p><p>�Das ist meine Schuld�, sage ich. �Weil ich den Druckverband gemacht   habe.�</p><p>�Ja, es ist deine Schuld, dass ich am Leben bin�, sagt Peeta.</p><p>�Da hat er recht�, sagt Caesar. �Ohne den Druckverband w�re er mit Sicherheit   verblutet.�</p><p>Wahrscheinlich stimmt das, aber ich bin trotzdem so geschockt, dass ich   Angst habe loszuheulen. Doch da f�llt mir ein, dass mir das ganze Land zusieht,   deshalb vergrabe ich das Gesicht einfach in Peetas Hemd. Es dauert ein paar   Minuten, bis sie mich daraus hervorlocken k�nnen, denn dort in seinem Hemd ist   es viel sch�ner, keiner kann mich sehen, und als ich wieder auftauche, stellt   Caesar mir keine weiteren Fragen, damit ich mich erholen kann. Er l�sst mich in   Ruhe, bis die Beeren zur Sprache kommen.</p><p>�Katniss, ich wei�, das war gerade ein Schock f�r dich, aber ich muss das   fragen. Als du diese Beeren hervorgeholt hast. Was ging da in dir vor � hm?�,   sagt er.</p><p>Ich lasse mir ausgiebig Zeit, bevor ich antworte, und versuche, meine   Gedanken zu sammeln. Das ist der Knackpunkt, an dem ich entweder das Kapitol   herausgefordert habe oder vor lauter Angst, Peeta zu verlieren, so durchgedreht   bin, dass ich nicht f�r meine Taten zur Rechenschaft gezogen werden kann. Jetzt   w�re eine gro�e, dramatische Rede f�llig, aber alles, was ich herausbekomme,   ist ein fast unh�rbarer Satz. �Ich wei� nicht, ich � ich konnte einfach den   Gedanken nicht ertragen � ohne ihn zu sein.�</p><p>�Und, Peeta? Willst du noch etwas hinzuf�gen?�, fragt Caesar.</p><p>�Nein. Ich glaube, das gilt f�r uns beide�, sagt er.</p><p>Caesar macht Schluss und dann ist es vorbei. Alle lachen und weinen und   umarmen sich, aber ich bin immer noch unsicher, bis ich bei Haymitch bin.   �Okay?�, fl�stere ich.</p><p>�Perfekt�, erwidert er.</p><p>Ich gehe zur�ck in mein Zimmer, um meine Siebensachen zu packen, aber ich   finde nur die Brosche mit dem Spottt�lpel, die Madge mir geschenkt hat. Jemand   hat sie mir nach den Spielen ins Zimmer gelegt. In einem Wagen mit get�nten   Scheiben werden wir durch die Stra�en gefahren, der Zug wartet schon. Wir haben   kaum Zeit, um uns von Cinna und Portia zu verabschieden; in ein paar Monaten   werden wir sie wiedersehen, auf unserer Tour durch die Distrikte zu den   Siegesfeiern, mit denen das Kapitol die Leute daran erinnert, dass die   Hungerspiele nie ganz vorbei sind. Wir werden eine Menge nutzloser Plaketten   umgeh�ngt bekommen und alle m�ssen so tun, als f�nden sie uns gro�artig.</p><p>Der Zug f�hrt los und wir tauchen in die Nacht des Tunnels ein. Erst als er   hinter uns liegt, tue ich meinen ersten Atemzug in Freiheit seit der Ernte.   Effie begleitet uns nach Hause und Haymitch nat�rlich auch. Wir bekommen ein   riesiges Abendessen und setzen uns schweigend vor den Fernseher, um uns die   Wiederholung des Interviews anzuschauen. Mit jeder Sekunde, in der wir uns vom   Kapitol entfernen, denke ich mehr an zu Hause. An Prim und meine Mutter. An   Gale. Ich ziehe mich zur�ck, um mein Kleid gegen ein schlichtes T-Shirt und eine   Hose einzutauschen. W�hrend ich langsam und gr�ndlich das Make-up abwasche und   mein Haar zu dem �blichen Zopf flechte, beginne ich mich in mich selbst   zur�ckzuverwandeln. Katniss Everdeen. Ein M�dchen aus dem Saum. Das im Wald   jagt. Auf dem Hob Gesch�fte macht. Ich starre in den Spiegel und versuche mich   zu erinnern, wer ich bin und wer ich nicht bin. Als ich mich wieder zu den   anderen geselle, f�hlt sich der Druck von Peetas Arm auf meiner Schulter fremd   an.</p><p>Als der Zug kurz anh�lt, um aufzutanken, d�rfen wir aussteigen und ein   bisschen frische Luft schnappen. Es besteht keine Notwendigkeit mehr, uns zu   bewachen. Peeta und ich spazieren am Gleis entlang, Hand in Hand, aber jetzt,   da wir allein sind, wei� ich nicht, was ich sagen soll. Er bleibt stehen und   pfl�ckt mir einen Strau� Wildblumen. Als er sie mir �berreicht, muss ich mich   sehr anstrengen, erfreut auszusehen. Er kann ja nicht wissen, dass die   rosa-wei�en Blumen die Bl�ten wilder Zwiebeln sind und mich sofort an Gale   erinnern, mit dem ich sie immer gesammelt habe.</p><p>Gale. Bei der Vorstellung, ihn in ein paar Stunden wiederzusehen, habe ich   ein dumpfes Gef�hl im Bauch. Warum nur? Ich komme zu keinem rechten Schluss. Ich   wei� nur, dass ich mich f�hle, als h�tte ich einen Menschen belogen, der mir   vertraut hat. Oder sogar zwei. Bis jetzt bin ich damit durchgekommen, wegen der   Spiele. Aber zu Hause wird es keine Spiele geben, hinter denen ich mich   verstecken kann.</p><p>�Was ist?�, fragt Peeta.</p><p>�Nichts�, sage ich. Wir gehen weiter, bis ans Ende des Zugs und noch weiter,   wo selbst ich ziemlich sicher bin, dass in den k�mmerlichen Str�uchern l�ngs des   Gleises keine Kameras versteckt sind. Aber die Worte wollen immer noch nicht   kommen.</p><p>Ich zucke zusammen, als Haymitch mir die Hand auf den R�cken legt. Selbst   jetzt, in diesem Niemandsland, spricht er mit ged�mpfter Stimme. �Gute Arbeit,   ihr beiden. Macht im Distrikt so weiter, bis die Kameras weg sind. Dann m�ssten   wir durch sein.� Ich schaue ihm nach, als er zum Zug zur�ckgeht, und meide   Peetas Blick.</p><p>�Was hat er damit gemeint?�, fragt Peeta.</p><p>�Das Kapitol. Der Trick mit den Beeren hat ihnen nicht besonders gefallen�,   platze ich heraus.</p><p>�Was? Wovon redest du?�, fragt er.</p><p>�Das war zu aufs�ssig. Deshalb hat Haymitch mich in den vergangenen Tagen   gecoacht. Damit ich es nicht noch schlimmer mache�, sage ich.</p><p>�Dich gecoacht? Mich aber nicht�, sagt Peeta.</p><p>�Er wusste, dass du clever genug bist und schon alles richtig machen   w�rdest�, sage ich.</p><p>�Aber ich wusste doch gar nicht, dass da etwas war, das man richtig machen   k�nnte�, sagt Peeta. �Du willst mir also sagen, die letzten Tage und   wahrscheinlich auch � in der Arena � Das alles war nur eine Strategie, die   ihr beide ausgekl�gelt habt?�</p><p>�Nein. In der Arena konnte ich doch gar nicht mit ihm sprechen, oder?�,   stammele ich.</p><p>�Aber du wusstest, was er von dir erwartet, nicht wahr?�, sagt Peeta. Ich   bei�e mir auf die Lippen. �Katniss?� Er l�sst meine Hand los und ich mache einen   Schritt seitw�rts, als m�sste ich das Gleichgewicht halten.</p><p>�Es ging nur um die Spiele�, sagt Peeta. �Alles, was du getan hast.�</p><p>�Nicht alles�, sage ich und klammere mich an meine Blumen.</p><p>�Und wie viel, bitte sehr? Oder nein, vergiss es. Die eigentliche Frage ist   doch, was davon �brig bleibt, wenn wir nach Hause kommen�, sagt er.</p><p>�Ich wei� nicht. Je mehr wir uns Distrikt 12 n�hern, desto verwirrter bin   ich�, sage ich. Er wartet auf weitere Erkl�rungen, aber es kommen keine.</p><p>�Na, dann sag Bescheid, wenn du es rausgefunden hast�, sagt er. Der Schmerz   in seiner Stimme ist fast greifbar.</p><p>Jetzt wei� ich auch endg�ltig, dass meine Ohren wiederhergestellt sind, denn   trotz des l�rmenden Dieselmotors h�re ich jeden seiner Schritte zur�ck zum Zug.   Als ich wieder einsteige, hat Peeta sich schon in sein Abteil zur�ckgezogen.   Auch am n�chsten Morgen sehe ich ihn nicht. Als er sich das n�chste Mal blicken   l�sst, fahren wir schon durch Distrikt 12. Er nickt mir zu, seine Miene ist   ausdruckslos.</p><p>Ich w�rde ihm gern sagen, dass das nicht gerecht ist. Dass wir Fremde waren.   Dass ich alles getan habe, um zu �berleben, damit wir beide in der Arena   �berleben. Dass ich nicht erkl�ren kann, wie ich zu Gale stehe, weil ich es   selbst nicht wei�. Dass es keinen Sinn hat, mich zu lieben, weil ich sowieso   niemals heiraten werde und er mich irgendwann nur hassen w�rde. Dass es nicht   entscheidend ist, ob ich etwas f�r ihn empfinde oder nicht, weil ich niemals zu   einer solchen Liebe f�hig sein werde, die zu einer Familie und Kindern f�hrt.   Und er? Wie kann er das, nach allem, was wir durchgemacht haben?</p><p>Ich w�rde ihm auch gern sagen, wie sehr ich ihn jetzt schon vermisse. Aber   das w�re nicht fair.</p><p>Also stehen wir schweigend da und sehen zu, wie wir in unseren schmuddeligen   kleinen Bahnhof einfahren. Durchs Fenster sehe ich, dass �berall auf dem   Bahnsteig Kameras aufgebaut sind. Sie k�nnen es alle kaum erwarten, unsere   Heimkehr zu sehen.</p><p>Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Peeta die Hand ausstreckt. Unsicher schaue   ich ihn an. �Noch einmal? F�r die Zuschauer?�, sagt er und er klingt nicht   w�tend. Er klingt hohl und das ist noch viel schlimmer. Schon entgleitet mir der   Junge mit dem Brot.</p><p>Ich ergreife seine Hand und halte sie fest, wappne mich f�r die Kameras und   f�rchte mich schon vor dem Moment, wenn ich sie wieder loslassen muss.</p><empty-line/><p><strong>ENDE DES ERSTEN BUCHES </strong></p><empty-line/></section><section><p><strong><emphasis>Impressum</emphasis></strong></p><p>Die Tribute von Panem</p><empty-line/><p>
 T�dliche Spiele</p><empty-line/><p>
von Suzanne Collins (Autor),</p><empty-line/><p>
Sylke Hachmeister (�bersetzer),</p><empty-line/><p>
Peter Kl�ss (�bersetzer)</p><empty-line/><p>
Preis: EUR 17,90</p><empty-line/><p>
Gebundene Ausgabe: 414 Seiten</p><empty-line/><p>
Verlag: Oetinger; Auflage: 1 (17. Juli 2009)</p><empty-line/><p>
Sprache: Deutsch</p><empty-line/><p>
ISBN-10: 3789132187</p><empty-line/><p>
ISBN-13: 978-3789132186</p><empty-line/><p>

Originaltitel:</p><empty-line/><p>
 The Hunger Games 1. The Hunger Games</p><empty-line/><p>ebook Erstellung - Mai 2010 - TUX</p><empty-line/><p>Ende</p><empty-line/><p><image l:href="#0"/></p></section></body><binary id="cover" 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