<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_classic</genre><author><first-name>Agatha</first-name><last-name>Christie</last-name></author><book-title>Der Tod wartet</book-title><annotation><p>Sie ist eine �u�erst unangenehme Person. Sie ist von monstr�ser Gestalt. Sie war einst Gefangnisw�rterin. Sie tyrannisiert ihre Familie und die gesamte Reisegruppe. Ihr pl�tzlicher Tod ist eine Erleichterung f�r alle. Und doch besteht Hercule Poirot darauf, den Mord aufzudecken.</p><empty-line/><p><emphasis>Appointment with Death</emphasis> erschien in der englischen Erstausgabe 1938 bei Collins in London. Die deutsche Ausgabe wurde 1944 unter dem Titel �Der Tod wartet� im Scherz Verlag ver�ffentlicht. Sie wurde bei Erscheinen der Verfilmung umbenannt in �Rendezvous mit einer Leiche oder Der Tod wartet�.</p><p>Agatha Christie und ihr Mann, Max Mallowan, hatten Petra fr�her schon besichtigt und die Autorin war von Anfang an fasziniert - ein in einer Schlucht liegender, einsamer Ort - ideal f�r einen Kriminalfall. Dass daraus dann allerdings ein Roman wurde, der eher auf der psychologischen Ebene spielt, mag �berraschen. Auch Petra insgesamt kommt nur am Rande vor. Die Autorin konzentriert sich einmal mehr auf ihre Figuren und den Fortgang der Handlung. Wo andere Autoren Seiten mit historischen Fakten und ausf�hrlichen Beschreibungen der �rtlichkeiten f�llen, begn�gt sich Agatha Christie mit einer knappen, pr�zisen Skizze.</p><p>Die Autorin hat den Roman sp�ter selbst f�r die B�hne bearbeitet; die Premiere fand 1945 am Piccadilly Theatre in London statt. Michael Winner verfilmte den Stoff 1988 mit Peter Ustinov als Hercule Poirot, John Gielgud und Lauren Bacall in weiteren Rollen.</p><empty-line/></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><sequence name="Hercule Poirot" number="18"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-12-07">07.12.2012</date><id>F05AA96B-6AA4-4B41-8C4B-6F3A3219A78B</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>1999</year></publish-info></description><body><section><p><strong>F�r Richard und Myra Mallock zur Erinnerung an ihre Reise nach Petra</strong></p></section><section><title><p><strong>Teil I</strong></p></title><section><title><p id="_bookmark2"><strong>Erstes Kapitel</strong></p></title><p><emphasis><strong>�Du siehst doch ein, dass sie sterben muss?�</strong></emphasis></p><p>Die Worte wehten hinaus in die stille Nacht, schienen einen Moment in der Luft zu verharren und dann in der Dunkelheit hinunter zum Toten Meer weiterzuziehen.</p><p>Hercule Poirot, die Hand schon am Fenstergriff, hielt stirnrunzelnd inne. Dann machte er energisch das Fenster zu, um die sch�dliche Nachtluft auszusperren. Hercule Poirot war in dem Glauben erzogen worden, dass man die Luft von drau�en am besten drau�en lie� und dass insbesondere Nachtluft der Gesundheit h�chst abtr�glich war.</p><p>Er l�chelte nachsichtig, w�hrend er penibel die Vorh�nge zuzog und sich zu Bett begab.</p><p><emphasis><strong>�Du siehst doch ein, dass sie sterben muss?�</strong></emphasis></p><p>Merkw�rdige Worte, die Hercule Poirot, seines Zeichens Privatdetektiv, da zuf�llig an seinem ersten Abend in Jerusalem belauschte.</p><p>�Dass ich aber auch immer und �berall an Verbrechen erinnert werden muss!�, murmelte er bei sich.</p><p>Er schmunzelte, da ihm eine Anekdote einfiel, die er einmal �ber den Romancier Anthony Trollope geh�rt hatte. Auf einer Atlantik�berquerung hatte Trollope zwei Mitreisende belauscht, die sich gerade �ber die j�ngste Folge eines Romans von ihm unterhielten, der damals in Fortsetzungen erschien.</p><p>�Nicht �bel�, hatte der eine Mann erkl�rt. �Aber er sollte endlich dieses gr�ssliche alte Weib um die Ecke bringen.�</p><p>Woraufhin sich der Romancier mit einem breiten L�cheln zu ihnen umgedreht und gesagt hatte: �Meine Herren, ich bin Ihnen zu gro�em Dank verpflichtet. Ich werde der Dame unverz�glich den Garaus machen!�</p><p>Hercule Poirot fragte sich, was wohl der Anlass f�r die Worte gewesen war, die er soeben mit angeh�rt hatte. Vielleicht die Zusammenarbeit an einem Theaterst�ck oder Buch.</p><p>Noch immer l�chelnd dachte er: �Man k�nnte sich eines Tages an diese Worte erinnern und ihnen eine finsterere Bedeutung beimessen.�</p><p>Er entsann sich, dass eine seltsame Nervosit�t in der Stimme mitgeschwungen hatte � eine Art Zittern, das von starker emotionaler Anspannung zeugte. Die Stimme eines Mannes, eines ziemlich jungen...</p><p>Als Hercule Poirot die Nachttischlampe ausknipste, dachte er bei sich: <emphasis><strong>Ich w�rde diese Stimme jederzeit wieder erkennen...</strong></emphasis></p><p>Die Ellbogen auf das Fensterbrett gest�tzt und die K�pfe dicht beieinander, starrten Raymond und Carol Boynton in das n�chtliche blaue Dunkel hinaus. Raymond wiederholte nerv�s seine Frage: �Du siehst doch ein, dass sie sterben muss?�</p><p>Carol Boynton machte eine kleine Bewegung. Sie sagte, und ihre Stimme klang tief und rau: �Es ist schrecklich.�</p><p>�Nicht schrecklicher, als es jetzt ist!�</p><p>�Wahrscheinlich nicht.�</p><p>�So kann es nicht weitergehen�, sagte Raymond heftig. �Es <emphasis><strong>kann</strong></emphasis> so nicht weitergehen. Wir <emphasis><strong>m�ssen</strong></emphasis> etwas unternehmen. Uns bleibt nichts anderes �brig.�</p><p>�Und wenn wir einfach weggehen w�rden?�, fragte Carol. Sie merkte selbst, wie wenig �berzeugend ihre Stimme klang.</p><p>�Das k�nnen wir nicht.� Raymonds Stimme war hohl und mutlos. �Du wei�t genau, dass das unm�glich ist, Carol.�</p><p>Die junge Frau erschauerte. �Ich wei�, Ray. Ich wei�.�</p><p>Er lachte pl�tzlich kurz und bitter auf.</p><p>�Die Leute w�rden sagen, dass wir verr�ckt sind � nicht einfach auf und davon zu gehen.�</p><p>Carol sagte langsam: �Vielleicht sind wir</p><p>- tats�chlich verr�ckt!�</p><p>�Allerdings! Ja, ich glaube, das sind wir wirklich. Oder werden es jedenfalls bald sein. Manche Leute w�rden sogar sagen, dass wir es bereits sind - stehen da und planen kaltbl�tig und in aller Ruhe, unsere eigene Mutter umzubringen!�</p><p>Carol sagte scharf: �Sie ist nicht unsere leibliche Mutter!�</p><p>�Nein, das ist wahr.�</p><p>Beide schwiegen. Schlie�lich sagte Raymond, nun in ruhigem und sachlichem Ton: �Dann stimmst du mir zu, Carol?�</p><p>Carol erwiderte mit fester Stimme: �Ich glaube, sie muss sterben - ja.�</p><p>Dann brach es pl�tzlich aus ihr heraus: �Sie ist wahnsinnig. Ich bin ganz sicher, dass sie wahnsinnig ist. Wenn sie normal w�re, k�nnte sie uns doch nie und nimmer derart qu�len. Seit Jahren sagen wir uns: <emphasis><strong>So kann es nicht weitergehen! �</strong></emphasis> Aber es <emphasis><strong>ist so</strong></emphasis> weitergegangen! Immer wieder sagen wir uns: <emphasis><strong>Irgendwann muss sie ja sterben.</strong></emphasis></p><p>- Aber sie <emphasis><strong>ist</strong></emphasis> nicht gestorben! Ich glaube, sie stirbt nie, wenn wir.�</p><p>�Wenn wir sie nicht umbringen�, erg�nzte Raymond ruhig.</p><p>�Ja.�</p><p>Carols H�nde auf dem Fensterbrett ballten sich zu F�usten.</p><p>Ihr Bruder sprach mit beherrschter, sachlicher Stimme weiter, in der nur ein leichtes Zittern die heftige innere Erregung verriet: �Du siehst also ein, warum es einer von uns beiden sein muss? Lennox scheidet aus, weil er auf Nadine R�cksicht nehmen muss. Und Jinny k�nnen wir nicht hineinziehen.�</p><p>Carol erschauerte.</p><p>�Arme Jinny. Ich habe solche Angst, dass sie.�</p><p>�Ich wei�. Es wird immer schlimmer, stimmt�s? Und darum muss schleunigst etwas geschehen - bevor sie v�llig durchdreht.�</p><p>Carol richtete sich pl�tzlich auf und strich sich das kastanienbraune Haar aus der Stirn.</p><p>�Ray�, sagte sie, �du bist dir doch ganz sicher, dass es nicht wirklich <emphasis><strong>unrecht</strong></emphasis> ist?�</p><p>Wiederum mit gewollt leidenschaftsloser Stimme erwiderte er: �Ja. F�r mich ist das so, wie wenn man einen tollw�tigen Hund t�tet - etwas, das nur Schaden anrichtet und dem Einhalt geboten werden muss. Es ist die einzige M�glichkeit, der Sache ein Ende zu machen.�</p><p>Carol sagte leise: ����Aber wir - wir w�rden trotzdem daf�r auf den elektrischen Stuhl kommen. Ich meine, wie sollen wir irgendjemandem klarmachen, was sie f�r ein Mensch ist? Es w�rde einfach zu abwegig klingen. Irgendwie ist das alles doch nur <emphasis><strong>Einbildung!�</strong></emphasis></p><p>Raymond sagte: �Niemand wird uns verd�chtigen. Ich habe einen Plan. Ich habe alles genau durchdacht. Keiner wird uns etwas anhaben k�nnen.�</p><p>Carol drehte sich abrupt zu ihm um.</p><p>�Ray, du - du hast dich irgendwie ver�ndert. Irgendetwas ist mit dir passiert. Wer oder was hat dir das alles in den Kopf gesetzt?�</p><p>�Wie kommst du darauf, dass ich mich ver�ndert habe?�</p><p>Er wandte den Kopf ab und starrte hinaus in die Nacht.</p><p>�Weil es so ist. War es die junge Frau im Zug, Ray?�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht - wieso auch? Red nicht solchen Unsinn, Carol. Sprechen wir lieber wieder �ber - �ber - �</p><p>��ber deinen Plan? Bist du sicher, dass der Plan - gut ist?�</p><p>�Ja. Ich glaube schon. Nat�rlich m�ssen wir die passende Gelegenheit abwarten. Und dann, wenn alles gut geht, werden wir frei sein - wir alle.�</p><p>�Frei?� Carol seufzte leise. Sie sah hinauf zu den Sternen. Dann wurde sie pl�tzlich von einem Weinkrampf gesch�ttelt.</p><p>�Carol, was hast du?�</p><p>Schluchzend stie� sie hervor: �Alles ist so wundersch�n - die Nacht und der Himmel und die Sterne. Wenn wir doch nur ein Teil davon sein k�nnten! Wenn wir doch nur wie andere Menschen sein k�nnten und nicht so, wie wir sind - so sonderbar und verdreht und irgendwie <emphasis><strong>nicht normal.�</strong></emphasis></p><p>�Alles wird gut werden - wenn sie erst tot ist!�</p><p>�Bist du ganz sicher? Ist es daf�r nicht schon zu sp�t? Werden wir nicht immer sonderbar und anders sein?�</p><p>�Nein, ganz bestimmt nicht!�</p><p>�Wer wei�.�</p><p>�Carol, wenn du lieber - �</p><p>Sie stie� seinen tr�stenden Arm weg.</p><p>�Nein, ich bin dabei - ich stehe auf deiner Seite! Schon allein wegen der anderen - vor allem wegen Jinny. Wir <emphasis><strong>m�ssen</strong></emphasis> Jinny retten!�</p><p>Nach einer Weile sagte Raymond: �Dann</p><p>- ziehen wir die Sache also durch?�</p><p>�Ja!�</p><p>�Gut. Mein Plan sieht folgenderma�en aus.�</p><p>Er beugte sich dicht zu ihr.</p></section><section><title><p id="_bookmark3"><strong>Zweites Kapitel</strong></p></title><p>Miss Sarah King, Doktor der Medizin, stand im Lesezimmer des <emphasis><strong>Hotels Solomon</strong></emphasis> in Jerusalem und bl�tterte in den auf einem Tisch ausliegenden Zeitungen und Zeitschriften. Ihre Stirn war gerunzelt, und sie schien in Gedanken woanders zu sein.</p><p>Der hoch gewachsene Franzose mittleren Alters, der den Raum von der Halle her betrat, beobachtete sie eine Weile, bevor er zum anderen Ende des Tisches schlenderte. Als sich ihre Blicke trafen, neigte Sarah l�chelnd den Kopf, da sie ihn wieder erkannte. Der Mann war ihr bei der Abreise aus Kairo behilflich gewesen und hatte einen ihrer Koffer getragen, als kein Gep�cktr�ger verf�gbar zu sein schien.</p><p>�Nun, wie gef�llt Ihnen Jerusalem?�, fragte Dr. Gerard, nachdem sie sich begr��t hatten.</p><p>�In mancher Beziehung ist die Stadt gr�sslich�, sagte Sarah und f�gte hinzu: �Religion ist schon etwas Merkw�rdiges!�</p><p>Der Franzose schien am�siert zu sein.</p><p>�Ich wei�, was Sie meinen.� Sein Englisch war nahezu perfekt. �Alle erdenklichen Sekten, die miteinander streiten und sich gegenseitig bekriegen!�</p><p>�Und dazu die scheu�lichen Sachen, die sie hier gebaut haben!�, sagte Sarah.</p><p>�O ja!�</p><p>Sarah seufzte. �Man hat mich heute aus einer Kirche gewiesen, weil ich ein �rmelloses Kleid anhatte�, sagte sie kleinlaut. �Anscheinend gefallen dem Allm�chtigen meine Arme nicht, obwohl er sie doch selbst geschaffen hat.�</p><p>Dr. Gerard lachte. Dann sagte er: �Ich wollte mir gerade einen Kaffee bestellen. Sie leisten mir doch Gesellschaft, Miss - ?�</p><p>�King. Sarah King.�</p><p>�Und ich bin - Sie gestatten.� Er �berreichte schwungvoll seine Visitenkarte. Als Sarah sie las, weiteten sich ihre Augen vor ehrf�rchtiger Bewunderung.</p><p>�Dr. Theodore Gerard? Oh! Ich freue mich ja <emphasis><strong>so,</strong></emphasis> Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich habe selbstverst�ndlich alle Ihre B�cher gelesen. Ihre Ansichten �ber Schizophrenie sind wahnsinnig interessant.�</p><p>�Wieso selbstverst�ndlich?� Gerard zog fragend die Augenbrauen hoch.</p><p>Sarah erkl�rte es ihm leicht befangen. �Weil ich - nun, weil ich selbst �rztin bin. Ich habe gerade mein Examen gemacht.�</p><p>�Ah! Ich verstehe.�</p><p>Dr. Gerard bestellte Kaffee, und sie nahmen in einer Ecke des Salons Platz. Das Interesse des Franzosen galt nicht so sehr Sarahs medizinischen F�higkeiten, sondern vielmehr ihrem schwarzen Haar, das in dichten Wellen herabfiel, und dem wundervoll geschwungenen roten Mund. Die ehrf�rchtige Scheu, mit der sie ihn betrachtete, am�sierte ihn.</p><p>�Bleiben Sie l�nger hier?�, fragte er, um ein Gespr�ch in Gang zu bringen.</p><p>�Nur ein paar Tage. Danach will ich nach Petra fahren.�</p><p>�Ah! Daran habe ich auch schon gedacht, falls es nicht zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Ich muss n�mlich am vierzehnten in Paris sein.�</p><p>�Man braucht daf�r etwa eine Woche, glaube ich. Zwei Tage f�r die Hinreise, zwei Tage am Ort und zwei weitere Tage f�r die R�ckreise.�</p><p>�Ich werde gleich morgen Vormittag zum Reiseb�ro gehen und mich erkundigen, ob sich etwas arrangieren l�sst.�</p><p>Eine Gruppe von G�sten betrat den Salon und nahm Platz. Sarah beobachtete sie interessiert. Sie senkte die Stimme.</p><p>�Die Leute, die gerade hereingekommen sind - haben Sie die nicht auch schon im Zug gesehen? Sie sind gleichzeitig mit uns aus Kairo abgereist.�</p><p>Dr. Gerard klemmte sein Monokel ein und blickte zu der besagten Gruppe hin�ber. �Amerikaner?�</p><p>Sarah nickte.</p><p>�Ja. Eine amerikanische Familie. Aber eine - ziemlich ungew�hnliche, w�rde ich sagen.�</p><p>�Ungew�hnlich? In welcher Beziehung?�</p><p>�Sehen Sie sie sich doch an. Insbesondere die alte Frau.�</p><p>Dr. Gerard kam der Aufforderung nach. Sein scharfer geschulter Blick glitt rasch von Gesicht zu Gesicht.</p><p>Als Erstes fiel ihm ein gro�er, ziemlich schlaksiger Mann auf, Alter etwa drei�ig. Sein Gesicht war sympathisch, aber etwas zu weich, und er wirkte seltsam abwesend. Dann waren da zwei gut aussehende junge Leute. Der Bursche hatte ein geradezu griechisches Profil. �Auch bei ihm scheint etwas nicht zu stimmen�, dachte Dr. Gerard. �Ja - ein klarer Fall von hochgradiger Nervosit�t.� Das M�dchen war offensichtlich seine Schwester, da eine gro�e �hnlichkeit vorlag, und auch sie befand sich in einem Zustand h�chster Erregtheit. Dann war da noch ein weiteres M�dchen, j�nger als die anderen, mit rotblonden Haaren, die sich wie ein Heiligenschein abhoben. Ihre H�nde waren st�ndig in Bewegung, rissen und zerrten an dem Taschentuch, das sie auf dem Scho� hielt. Und eine Frau, jung, ruhig, dunkelhaarig, mit hellem Teint und dem sanften Gesicht einer Madonna von Luini. An <emphasis><strong>ihr</strong></emphasis> war nun �berhaupt nichts Hektisches! Und im Zentrum der Gruppe -Gro�er Gott!, dachte Dr. Gerard mit dem ehrlichen Abscheu des typischen Franzosen. �Was f�r ein entsetzliches Weib!� Alt und fett und aufgedunsen sa� sie regungslos im Kreis ihrer Familie - ein h�sslicher alter Buddha, eine fette Spinne in ihrem Netz!</p><p>An Sarah gewandt sagte er: <emphasis><strong>�La maman</strong></emphasis> ist nicht gerade eine Sch�nheit, wie?�, und zuckte die Schultern.</p><p>�Sie hat so etwas - etwas Unheimliches, finden Sie nicht auch?�, meinte Sarah.</p><p>Dr. Gerard musterte die Frau erneut. Diesmal mit dem Auge des Arztes, nicht des �stheten.</p><p>�Wassersucht. Kardiale Hydropsie�, setzte er im Fachjargon hinzu.</p><p>�Ja, sicher, das auch.� Sarah tat den medizinischen Aspekt als unwesentlich ab. �Aber das Verhalten der anderen ihr gegen�ber ist irgendwie merkw�rdig, finden Sie nicht?�</p><p>�Wissen Sie, wer die Leute sind?�</p><p>�Sie hei�en Boynton. Mutter, verheirateter Sohn mit Frau, ein j�ngerer Sohn und zwei j�ngere T�chter.�</p><p>Dr. Gerard murmelte: ���<emphasis><strong>�La�famille Boynton</strong></emphasis> auf Weltreise.�</p><p>�Eine merkw�rdige Art, die Welt zu sehen. Sie reden nie mit anderen. Und alle scheinen nur das zu tun, was die alte Frau sagt!�</p><p>�Sie ist der Typ der Matriarchin�, sagte Gerard nachdenklich.</p><p>�Sie ist ein ausgemachter Tyrann, wenn Sie mich fragen�, sagte Sarah.</p><p>Dr. Gerard bemerkte achselzuckend, dass in Amerika die Frau das Heft in der Hand habe - wie ja allgemein bekannt sei.</p><p>�Ja, sicher, aber es ist nicht nur das�, beharrte Sarah. �Sie ist - sie hat alle so unter ihrer Fuchtel - h�lt alle so an der Kandare, dass - dass es geradezu pervers ist!�</p><p>�Zu viel Macht zu haben bekommt Frauen nicht�, stimmte Gerard, pl�tzlich ernst geworden, zu und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Es ist schwer f�r eine Frau, ihre Macht nicht zu missbrauchen.� Gerard sah sie schnell von der Seite an. Sie beobachtete die Boyntons - oder vielmehr ein bestimmtes Mitglied der Familie. Der Franzose in Dr. Gerard musste verst�ndnisvoll l�cheln. Aha! <emphasis><strong>Das</strong></emphasis> war es also!</p><p>Er erkundigte sich z�gernd: �Sie haben mit ihnen gesprochen?�</p><p>�Ja - zumindest mit einem von ihnen.�</p><p>�Mit dem jungen Mann - dem j�ngeren Sohn?�</p><p>�Ja. Im Zug von El-Kantara hierher. Er stand im Gang. Da habe ich ihn angesprochen. �</p><p>Sarahs Einstellung gegen�ber dem Leben war offen und unbefangen. Sie interessierte sich f�r Menschen und war von Natur aus freundlich, wenn auch ungeduldig.</p><p>�Warum haben Sie ihn angesprochen?�, fragte Gerard.</p><p>Sarah zuckte mit den Schultern.</p><p>�Wieso nicht? Ich spreche oft Leute an, wenn ich auf Reisen bin. Menschen interessieren mich eben - was sie tun und denken und f�hlen.�</p><p>�Sie legen sie gewisserma�en unter das Mikroskop.�</p><p>�So k�nnte man es nennen�, r�umte die junge Frau ein.</p><p>�Und welchen Eindruck hatten Sie in diesem Fall?�</p><p>�Tja�, sagte sie z�gernd, �es war schon etwas seltsam. Zun�chst einmal wurde der junge Mann rot bis �ber beide Ohren.�</p><p>�Ist das so verwunderlich?�, fragte Gerard trocken.</p><p>Sarah lachte.</p><p>�Sie meinen, er k�nnte mich f�r ein leichtes M�dchen gehalten haben, das ihm schamlos Avancen machte? O nein, das glaube ich nicht. M�nner erkennen dergleichen doch auf den ersten Blick, habe ich Recht?�</p><p>Sie sah ihn geradeheraus fragend an. Dr. Gerard nickte bejahend.</p><p>�Ich hatte das Gef�hl�, sagte Sarah langsam und mit leicht gerunzelter Stirn, �dass er - wie soll ich es ausdr�cken -aufgeregt und entsetzt zugleich war. Unverh�ltnism��ig aufgeregt - und gleichzeitig geradezu l�cherlich �ngstlich. Das ist doch merkw�rdig, finden Sie nicht? Ich hatte Amerikaner bisher immer f�r au�ergew�hnlich selbstsicher gehalten. Ein zwanzigj�hriger Amerikaner kennt sich auf der Welt bei weitem besser aus und hat viel mehr <emphasis><strong>savoir-faire</strong></emphasis> als, sagen wir, ein Engl�nder dieses Alters. Und der bewusste junge Mann ist bestimmt �ber zwanzig.�</p><p>�Dreiundzwanzig oder vierundzwanzig, w�rde ich sagen.�</p><p>�So alt?�</p><p>�Meiner Sch�tzung nach, ja.�</p><p>�Vielleicht haben Sie Recht. Aber er kommt mir irgendwie furchtbar jung vor.�</p><p>�Mental nicht dem Alter entsprechend entwickelt. Der kindliche Faktor dominiert noch.�</p><p>�Dann habe ich also Recht? Dass er irgendwie nicht ganz normal ist, meine ich?�</p><p>Dr. Gerard zuckte mit den Schultern und musste unwillk�rlich �ber den ernsten Ton der Frage l�cheln.</p><p>�Verehrte junge Dame, wer von uns ist schon ganz normal? Aber ich gebe zu, dass es sich hier vermutlich um eine Neurose handelt.�</p><p>�Die bestimmt irgendwie mit dieser gr�sslichen alten Frau zusammenh�ngt.�</p><p>�Sie scheinen sie nicht sehr zu m�gen�, sagte Gerard und sah Sarah eigenartig an.</p><p>�Stimmt genau. Sie hat so einen - ja, einen b�sen Blick.�</p><p>Gerard murmelte:��Den haben viele M�tter, wenn ihre S�hne sich zu faszinierenden jungen Damen hingezogen f�hlen.�</p><p>Sarah zuckte ungehalten mit den Schultern. Franzosen waren doch alle gleich, dachte sie, immer nur Sex im Kopf!</p><p>Obwohl sie, als gewissenhafte Psychologin, nat�rlich zugeben musste, dass bei den meisten Ph�nomenen unterschwellig stets auch eine sexuelle Komponente im Spiel war. Sarahs Gedanken folgten vertrauten psychologischen Bahnen.</p><p>Doch dann wurde sie j�h aus ihren Betrachtungen gerissen. Raymond Boynton hatte sich erhoben und ging auf den Tisch mit den Zeitschriften zu. Er w�hlte eine aus. Als er auf dem R�ckweg an Sarahs Sessel vorbeikam, blickte sie auf und sprach ihn an.</p><p>�Haben Sie heute schon flei�ig Sehensw�rdigkeiten besucht?�</p><p>Sie sprach aufs Geratewohl, da es ihr im Grunde nur darum ging, wie ihre Worte aufgenommen wurden.</p><p>Raymond z�gerte, wurde rot, scheute wie ein nerv�ses Pferd und sah �ngstlich zum Mittelpunkt seiner versammelten Familie hin�ber. Er stammelte: �Oh - o ja</p><p>- �h, sicher, nat�rlich. Ich.�</p><p>Dann eilte er so abrupt, als h�tte man ihm die Sporen gegeben, mit der Zeitschrift in der ausgestreckten Hand zu seiner Familie zur�ck.</p><p>Die groteske Buddha-Figur hielt ihre fette Hand nach der Zeitschrift auf, doch als sie sie entgegennahm, ruhten ihre Augen, wie Dr. Gerard bemerkte, auf dem Gesicht des jungen Mannes. Sie gab eine Art Grunzen von sich, das sich keinesfalls nach Dank anh�rte. Ihr Kopf drehte sich kaum merklich zur Seite. Dr. Gerard sah, wie sie Sarah scharf musterte. Ihr Gesicht war absolut ausdruckslos, ohne jede Gef�hlsregung. Es war unm�glich zu sagen, was im Kopf dieser Frau vorging.</p><p>Sarah schaute auf ihre Uhr und stie� einen leisen Schrei aus.</p><p>�Es ist ja viel sp�ter, als ich dachte!� Sie stand auf. �Vielen Dank f�r die Einladung zum Kaffee, Dr. Gerard. Ich muss noch Briefe schreiben.�</p><p>Er erhob sich und nahm ihre Hand.</p><p>�Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder�, sagte er.</p><p>�Ganz bestimmt! Vielleicht kommen Sie ja mit nach Petra?�</p><p>�Ich werde es auf alle F�lle versuchen.�</p><p>Sarah l�chelte ihm zu und ging. Ihr Weg f�hrte sie am Tisch der Boyntons vorbei.</p><p>Dr. Gerard, der ihr nachsah, bemerkte, dass Mrs. Boyntons Augen wieder zu ihrem Sohn wanderten und dass sich ihre Blicke trafen. Als Sarah vorbeiging, drehte Raymond leicht den Kopf - nicht zu ihr hin, sondern von ihr weg. Es war eine langsame, widerwillige Bewegung, die den Eindruck vermittelte, die alte Mrs. Boynton h�tte an einem unsichtbaren Draht gezogen.</p><p>Sarah King bemerkte den ausweichenden Blick, und sie war noch jung und unbefangen genug, um sich dar�ber zu �rgern. Sie hatten sich im schwankenden Gang des Schlafwagens so nett unterhalten. Sie hatten ihre Eindr�cke von �gypten ausgetauscht, hatten �ber die komische Sprache der Eselstreiber und Stra�enh�ndler gelacht.�Sarah�hatte geschildert, wie ein Kamelf�hrer, der sie erwartungsvoll und unversch�mt gefragt hatte:��Du englisch�Lady�oder amerikanisch?�, zur Antwort bekommen hatte:��Nein,�Chinesin.� Und welches Vergn�gen es ihr bereitet hatte, als der Mann sie daraufhin v�llig entgeistert anstarrte. Der junge Boynton hatte wie ein netter, eifriger Schuljunge auf sie gewirkt -tats�chlich hatte sein�Eifer�etwas R�hrendes gehabt. Und nun war er, ohne jeden ersichtlichen Grund, auf einmal linkisch, flegelhaft - ja geradezu ungezogen.</p><p>In Zukunft kann er mir gestohlen bleiben, sagte sich Sarah emp�rt.</p><p>Denn obwohl Sarah nicht �ber Geb�hr eingebildet war, hatte sie doch eine ziemlich hohe Meinung von sich. Sie wusste genau, dass sie auf das andere Geschlecht�ausgesprochen�anziehend wirkte, und sie geh�rte nicht zu denen, die sich eine Br�skierung stillschweigend gefallen lassen!</p><p>Vielleicht war sie doch eine Spur zu freundlich zu dem jungen Mann gewesen, aber aus irgendwelchen unerfindlichen Gr�nden hatte er ihr Leid getan.</p><p>Aber nun stand eindeutig fest, dass er nichts weiter als ein ungezogener, hochn�siger, flegelhafter junger Amerikaner war!</p><p>Statt die erw�hnten Briefe zu schreiben, nahm Sarah King an ihrem Frisiertisch Platz, k�mmte sich das Haar aus der Stirn, blickte in zwei aufgebrachte haselnussbraune Augen, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickten, und nahm ihr derzeitiges Leben unter die Lupe.</p><p>Sie hatte gerade eine schwierige seelische Krise durchgemacht. Einen Monat zuvor hatte sie ihre Verlobung mit einem vier Jahre �lteren Arzt gel�st. Sie hatten sich sehr zueinander hingezogen gef�hlt, waren sich aber vom Temperament her zu �hnlich gewesen. Meinungsverschiedenheiten�und Streitereien waren an der Tagesordnung gewesen. Sarah besa� ein zu herrisches Naturell, um den selbstverst�ndlichen Autorit�tsanspruch eines anderen einfach hinzunehmen. Wie�so viele temperamentvolle Frauen glaubte Sarah, dass sie St�rke bewunderte. Sie hatte sich immer eingeredet, dass sie beherrscht werden wollte. Als sie dann einen Mann kennen lernte, der sie beherrschen konnte, stellte sie fest, dass ihr das ganz und gar nicht behagte! Die Verlobung aufzul�sen war sehr schmerzlich f�r sie gewesen, aber sie war scharfsichtig genug, um einzusehen, dass Gef�hle allein keine ausreichende Basis waren, um darauf ihr Lebensgl�ck aufzubauen. Um schneller dar�ber hinwegzukommen, hatte sie sich ganz bewusst eine interessante Auslandsreise geg�nnt, bevor sie allen Ernstes ins Berufsleben eintrat.</p><p>Sarahs Gedanken kehrten aus der Vergangenheit in die Gegenwart zur�ck.</p><p>Ich bin gespannt, dachte sie, ob mir Dr. Gerard erlaubt, mit ihm �ber seine Arbeit zu sprechen. Er hat wirklich Hervorragendes geleistet. Ich hoffe nur, dass er mich ernst nimmt. Vielleicht klappt es - falls er nach Petra mitkommt.</p><p>Dann dachte sie wieder an den merkw�rdigen ungehobelten jungen Amerikaner.</p><p>F�r sie bestand nicht der geringste Zweifel, dass die Anwesenheit seiner Familie ihn zu der seltsamen Reaktion veranlasst hatte, aber sie verachtete ihn trotzdem ein klein wenig. Derart unter der Fuchtel der eigenen Familie zu stehen war doch wirklich grotesk - insbesondere f�r einen <emphasis><strong>Mann!</strong></emphasis></p><p>Und doch.</p><p>Sie wurde von einem eigenartigen Gef�hl beschlichen. Irgendetwas an der ganzen Sache konnte einfach nicht <emphasis><strong>normal</strong></emphasis> sein!</p><p>Pl�tzlich sagte sie laut: �Der junge Mann muss gerettet werden! Daf�r werde ich sorgen!�</p></section><section><title><p id="_bookmark4"><strong>Drittes Kapitel</strong></p></title><p>Nachdem Sarah den Salon verlassen hatte, blieb Dr. Gerard noch einige Minuten an seinem Platz sitzen. Dann ging er gem�chlich zu den ausliegenden Zeitungen hin�ber, griff nach der neuesten Ausgabe von <emphasis><strong>Le Matin</strong></emphasis> und schlenderte damit zu einem Sessel in der N�he der Boyntons. Seine Neugierde war geweckt.</p><p>Zun�chst hatte er sich �ber das Interesse der jungen Engl�nderin an der amerikanischen Familie am�siert und haarscharf den Schluss gezogen, dass dies auf ihr Interesse an einem bestimmten Mitglied der Familie zur�ckzuf�hren war. Doch nun erregte etwas Ungew�hnliches an dieser Familie das tiefer gehende, unparteiischere Interesse des Wissenschaftlers in ihm. Er sp�rte, dass er es hier mit einem psychologisch interessanten Fall zu tun hatte.</p><p>Hinter seiner Zeitung versteckt, nahm er die Gruppe diskret in Augenschein. Zun�chst den jungen Mann, f�r den sich die attraktive Engl�nderin so offenkundig interessierte. Ja, dachte Gerard, eindeutig der Typ, der von Natur aus anziehend auf sie wirken musste. Sarah King war eine starke Pers�nlichkeit - sie besa� innere Ausgeglichenheit, einen klaren Verstand und einen eisernen Willen. Den jungen Mann sch�tzte Dr. Gerard als sensibel, scharfsichtig, unsicher und leicht beeinflussbar ein. Dem sachkundigen Blick des Arztes entging nicht, dass der junge Mann sich in einem Zustand h�chster nervlicher Anspannung befand. Dr. Gerard fragte sich, warum. Es war ihm ein R�tsel. Aus welchem Grund sollte ein junger Mann, der sich allem Anschein nach bester Gesundheit erfreute, der doch angeblich zum Vergn�gen im Ausland war, in einer Verfassung sein, die auf einen unmittelbar bevorstehenden N ervenzusammenbruch schlie�en lie�?</p><p>Der Arzt wandte seine Aufmerksamkeit den anderen Mitgliedern der Familie zu. Das junge M�dchen mit den kastanienbraunen�Haaren�war offensichtlich Raymonds Schwester. Die beiden waren sich vom Typ her sehr �hnlich - zartgliedrig, gut gewachsen, aristokratische Gesichtsz�ge. Sie hatten die gleichen schmalen, wohlgeformten H�nde, die gleiche klare Kinnlinie und Kopfhaltung, den gleichen langen, schlanken Hals. Aber auch das M�dchen war nerv�s. Sie machte st�ndig unwillk�rliche fahrige Bewegungen, und unter ihren unnat�rlich gl�nzenden Augen lagen tiefe Schatten. Wenn sie sprach, klang ihre Stimme hektisch und eine Spur atemlos. Sie war wachsam - auf der Hut - unf�hig, sich zu entspannen.</p><p>�Und sie hat Angst�, schloss Dr. Gerard. �Ja, sie hat Angst!�</p><p>Er schnappte Gespr�chsfetzen auf, Bruchst�cke einer ganz allt�glichen, normalen Unterhaltung.</p><p>�Wollen wir nicht Salomos St�lle besuchen?� - �Wird das Mutter auch nicht zu viel werden?� - �Und morgen Vormittag vielleicht die Klagemauer?� - �Und nat�rlich den Tempel - vielmehr die OmarMoschee, wie er jetzt hei�t. Warum eigentlich?� - �Weil er in eine moslemische Moschee umgewandelt wurde, Lennox, darum.�</p><p>Die �blichen, ganz allt�glichen Touristengespr�che. Und doch hatte Dr. Gerard das merkw�rdige Gef�hl, dass die aufgeschnappten Gespr�chsfetzen allesamt etwas Irrationales hatten. Sie waren Tarnung - eine Maske f�r etwas, das dahinter wogte und brodelte, zu abgr�ndig und formlos, um es in Worte zu fassen. Wieder warf er, im Schutze von <emphasis><strong>Le Matin,</strong></emphasis> einen verstohlenen Blick hin�ber.</p><p>Lennox? Das musste der �ltere Bruder sein. Eine gewisse �hnlichkeit mit seinen Geschwistern war nicht zu verkennen, aber es bestand ein wesentlicher Unterschied: Lennox war nicht so unruhig wie die anderen. Dr. Gerard kam zu dem Schluss, dass er ein stabileres Nervenkost�m besa�. Aber auch er hatte etwas Merkw�rdiges. Er wies keinerlei Anzeichen k�rperlicher Angespanntheit auf, wie dies bei seinen Geschwistern der Fall war. Er sa� gel�st da, schlaff. Verwirrt ging Gerard seine Erinnerungen an Patienten durch, die er so in Krankens�len hatte sitzen sehen, und dachte: Er ist <emphasis><strong>ersch�pft �</strong></emphasis> ja, ersch�pft vom langen Leiden. Der Blick in seinen Augen -dieser Blick eines verletzten Hundes oder eines kranken Pferdes - stummes kreat�rliches Erdulden. Merkw�rdig, sehr merkw�rdig. K�rperlich scheint bei ihm alles in Ordnung zu sein. Dennoch besteht kein Zweifel, dass er in letzter Zeit viel gelitten hat - und zwar seelisch. Jetzt leidet er nicht mehr, er ertr�gt nur noch stumm, wartet - vermutlich darauf, dass das Schicksal erneut zuschl�gt. Aber in welcher Form? Bilde ich mir das alles nur ein? Nein, dieser Mann wartet auf etwas, auf das nahende Ende. So liegen Krebspatienten im Bett und warten, dankbar daf�r, dass ein Medikament ihre Schmerzen ein wenig lindert.</p><p>Lennox Boynton stand auf und hob das Wollkn�uel auf, das der alten Dame heruntergefallen war.</p><p>�Bitte, Mutter.�</p><p>�Danke.�</p><p>Was strickte sie da eigentlich, diese monstr�se phlegmatische alte Frau? Irgendetwas Dickes und Grobes. Gerard dachte: �F�ustlinge f�r Armenh�usler!� Er musste �ber seine eigene Phantasie l�cheln.</p><p>Er wandte seine Aufmerksamkeit dem j�ngsten Mitglied der Gruppe zu, dem M�dchen mit den rotblonden Haaren. Sie war etwa neunzehn. Ihre Haut besa� die wundervolle Reinheit, die so oft mit roten Haaren einhergeht. Ihr Gesicht war sehr sch�n, wenn auch viel zu schmal. Sie sa� da und l�chelte vor sich hin - l�chelte ins Leere. Ein eigenartiges L�cheln. Es war so weit weg vom <emphasis><strong>Hotel Solomon,</strong></emphasis> von Jerusalem. Es erinnerte Dr. Gerard an etwas. Dann fiel es ihm schlagartig ein. Es war das seltsame �berirdische L�cheln, das auf den Lippen der Karyatiden auf der Akropolis in Athen liegt. Der Zauber dieses L�chelns, die absolute Regungslosigkeit des jungen M�dchens gaben ihm einen kleinen Stich.</p><p>Doch dann fiel sein Blick auf ihre H�nde, und es traf ihn wie ein Schock. F�r die anderen Familienmitglieder waren sie durch den Tisch verdeckt, aber Dr. Gerard konnte sie von seinem Platz aus deutlich sehen. Die H�nde lagen auf dem Scho� des jungen M�dchens und zupften - zupften und rissen ein zartes Taschentuch in winzige Fetzen.</p><p>Gerard war zutiefst best�rzt. Das abwesende, gedankenverlorene L�cheln, der absolut reglose K�rper - und die gesch�ftigen, zerst�rerischen H�nde.</p></section><section><title><p id="_bookmark5"><strong>Viertes Kapitel</strong></p></title><p>Pl�tzlich war ein gedehntes asthmatisches Keuchen zu h�ren, und die monstr�se strickende Frau sagte: �Ginevra, du bist m�de. Du solltest zu Bett gehen.�</p><p>Das M�dchen zuckte zusammen, die Finger hielten in ihrem mechanischen Zupfen inne. �Ich bin noch nicht m�de, Mutter.�</p><p>Gerard registrierte anerkennend, wie melodisch die Stimme war. Sie besa� jenen lieblichen, singenden Klang, der selbst den allt�glichsten Bemerkungen einen Zauber verleiht.</p><p>�Doch, das bist du. Ich merke es dir immer an. Ich glaube nicht, dass du morgen irgendwelche Sehensw�rdigkeiten besichtigen kannst.�</p><p>�Aber das kann ich ganz bestimmt! Mir fehlt nichts.�</p><p>Mit dumpfer, rauer Stimme - einer beinahe kr�chzenden Stimme - sagte ihre Mutter: �O doch. Du wirst wieder krank werden.�</p><p>�Nein, ganz bestimmt nicht!�</p><p>Das M�dchen begann heftig zu zittern.</p><p>Eine sanfte, leise Stimme sagte: �Ich gehe mit dir nach oben, Jinny.�</p><p>Die ruhige junge Frau mit den gro�en, nachdenklichen grauen Augen und der adretten dunklen Haarrolle erhob sich.</p><p>Die alte Mrs. Boynton sagte: �Nein. Sie geht allein nach oben.�</p><p>Das M�dchen rief verzweifelt: �Aber ich m�chte, dass Nadine mitkommt!�</p><p>�Dann begleite ich dich nat�rlich.� Die junge Frau trat einen Schritt vor.</p><p>Die alte Frau sagte: �Das Kind zieht es vor, allein hinaufzugehen - nicht wahr, Jinny?�</p><p>Es trat Stille ein. Dann sagte Ginevra Boynton mit einer Stimme, die pl�tzlich ausdruckslos und hohl war: ����Ja, ich m�chte lieber allein gehen. Vielen Dank, Nadine.�</p><p>Sie entfernte sich, eine gro�e, eckige Gestalt, die sich erstaunlich anmutig bewegte.</p><p>Dr. Gerard lie� die Zeitung sinken und gestattete sich einen langen Blick auf die alte Mrs. Boynton. Sie sah ihrer Tochter nach, und auf ihrem aufgeschwemmten Gesicht zeichnete sich ein sonderbares L�cheln ab, der Hauch einer Karikatur des reizenden �berirdischen L�chelns, das noch vor wenigen Augenblicken das Antlitz des M�dchens verkl�rt hatte.</p><p>Dann wanderten die Augen der alten Frau zu Nadine, die wieder Platz genommen hatte. Sie sah auf und begegnete dem Blick ihrer Schwiegermutter. Ihr Gesichtsausdruck blieb absolut gleichm�tig, doch der Blick der alten Frau war voller Bosheit.</p><p>Dr. Gerard dachte:�Was f�r eine uns�gliche alte Tyrannin!</p><p>Und dann waren die Augen der alten Frau pl�tzlich direkt auf ihn geheftet, so da� er j�h den Atem anhielt. Kleine gl�hende schwarze Augen starrten ihn an, die etwas ausstrahlten, eine Energie, eine starke Kraft, eine Woge hinterlistiger B�sartigkeit. Dr. Gerard wusste um die Macht der Pers�nlichkeit. Er erkannte, dass es sich hier nicht um eine verw�hnte, tyrannische Kranke handelte, die ihren Launen und Marotten freien Lauf lie�.</p><p>Diese alte Frau war eine starke Kraft. In der B�sartigkeit ihres starren Blickes sp�rte er eine �hnlichkeit mit der Wirkung, die eine Kobra ausl�st. Mrs. Boynton mochte alt, leidend, f�r Krankheiten anf�llig sein, aber sie war keinesfalls machtlos. Sie war eine Frau, die wusste, was Macht war, die ihr Leben lang Macht ausge�bt und nie auch nur einen Moment an ihrer eigenen St�rke gezweifelt hatte. Dr. Gerard hatte einmal eine Frau kennen gelernt, die au�erordentlich gef�hrliche und spektakul�re Dressurnummern mit Tigern vorf�hrte. Die gro�en geschmeidigen Raubkatzen waren auf ihre Pl�tze geschlichen und hatten ihre entw�rdigenden und dem�tigenden Kunstst�cke gezeigt. In ihren Augen und in ihrem leisen Fauchen lag Hass, erbitterter, fanatischer Hass, aber sie hatten gehorcht, sich geduckt. Die besagte Frau war jung gewesen, eine arrogante dunkelhaarige Sch�nheit, aber sie hatte den gleichen Blick gehabt.</p><p><emphasis><strong>Une dompteuse,</strong></emphasis> sagte Dr. Gerard bei sich.</p><p>Und nun verstand er, was unter der harmlosen Unterhaltung der Familie gebrodelt hatte. Es war Hass - ein dunkler, rei�ender Strom von Hass.</p><p>Er dachte: Die meisten Leute w�rden mir eine bl�hende Phantasie bescheinigen! Da genie�t eine ganz gew�hnliche, nette amerikanische Familie ihren Aufenthalt in Pal�stina - und ich spinne mir eine finstere Geschichte zusammen!</p><p>Dann musterte er neugierig die stille junge Frau namens Nadine. Sie trug einen Ehering, und w�hrend er sie betrachtete, sah er, wie sie dem hellhaarigen, schlaksigen Lennox einen viel sagenden Blick zuwarf. Da verstand er.</p><p>Die beiden waren miteinander verheiratet. Aber es war eher der Blick einer Mutter als der einer Ehefrau - ein wahrhaft m�tterlicher B�ck, f�rsorglich, besorgt. Und ihm wurde noch etwas klar. Er erkannte, dass Nadine Boynton die Einzige in der Familie war, die nicht im Banne ihrer Schwiegermutter stand. Sie mochte die alte Frau nicht besonders m�gen, aber sie hatte keine Angst vor ihr. Ihre Macht konnte Nadine nichts anhaben.</p><p>Sie war ungl�cklich, in gro�er Sorge um ihren Mann, aber sie war frei.</p><p>Dr. Gerard sagte bei sich: Das ist alles h�chst interessant.</p></section><section><title><p id="_bookmark6"><strong>F�nftes Kapitel</strong></p></title><p>Dr. Gerards d�stere �berlegungen wurden abrupt durch etwas ganz Allt�gliches unterbrochen.</p><p>Ein Mann betrat den Salon, entdeckte die Boyntons und ging auf sie zu. Es war ein sympathischer Amerikaner mittleren Alters und vom Typ her durch und durch konventionell. Er war sorgf�ltig gekleidet, hatte ein schmales glatt rasiertes Gesicht und eine bed�chtige, angenehme, wenn auch etwas eint�nige Stimme.</p><p>�Ich habe Sie schon �berall gesucht�, sagte er.</p><p>Akribisch sch�ttelte er der ganzen Familie die Hand. �Und wie f�hlen Sie sich heute, Mrs. Boynton? Nicht zu m�de von der Bahnfahrt?�</p><p>Beinahe huldvoll stie� die alte Dame pfeifend hervor: ����Nein,�danke der Nachfrage. Aber Sie wissen ja, dass es um meine Gesundheit nie gut bestellt ist.�</p><p>�Gewiss. Wirklich bedauerlich, wirklich sehr bedauerlich.�</p><p>�Aber es geht mir zumindest nicht schlechter.�</p><p>Mit einem bed�chtigen heimt�ckischen L�cheln f�gte sie hinzu: �Die gute Nadine k�mmert sich hingebungsvoll um mich, nicht wahr, Nadine?�</p><p>�Ich tue mein Bestes.� Nadines Stimme war ausdruckslos.</p><p>�Na, das glaube ich Ihnen aufs Wort!�, sagte der Fremde jovial. �Also, Lennox, was halten Sie von der Stadt K�nig Davids?�</p><p>�Ach, ich wei� nicht recht.�</p><p>Lennox� Ton war apathisch, desinteressiert.</p><p>�Finden sie wohl etwas entt�uschend, wie? Ich muss gestehen, dass es mir zun�chst auch so ging. Aber vielleicht haben Sie nur noch nicht viel davon gesehen?�</p><p>Carol Boynton sagte: �Wegen Mutter k�nnen wir nicht allzuviel unternehmen.�</p><p>Mrs. Boynton erl�uterte: �Zwei Stunden am Tag sind das �u�erste, was ich mir an Besichtigungen zumuten kann.�</p><p>Der Fremde sagte herzlich: �Ich finde es gro�artig, dass Sie �berhaupt so viel schaffen, Mrs. Boynton!�</p><p>Mrs. Boynton lie� ein bed�chtiges, pfeifendes Glucksen h�ren, das beinahe h�misch klang.</p><p>�Ich gebe meinem K�rper eben nicht nach! Das, worauf es ankommt, ist der Geist! Jawohl, der <emphasis><strong>Geist...�</strong></emphasis></p><p>Ihre Stimme erstarb. Gerard sah, wie Raymond Boynton nerv�s zuckte und sich dann erkundigte: �Waren Sie schon an der Klagemauer, Mr. Cope?�</p><p>�Aber ja, das war eine der ersten St�tten, die ich besucht habe. Ich hoffe, Jerusalem in einigen Tagen abgehakt zu haben, und lasse mir bei Cooks gerade eine Rundreise zusammenstellen, damit ich alles vom Heiligen Land sehe - Bethlehem, Nazareth, Tiberias, See Genezareth. Das wird sicher ungeheuer interessant. Dann nat�rlich Gerasa, ein hochinteressanter Ruinenkomplex - aus der R�merzeit, wissen Sie. Und ich m�chte mir unbedingt Petra anschauen, die rosarote Stadt, soll ein h�chst bemerkenswertes Naturwunder sein, wie man so h�rt - und ohne den �blichen Touristenrummel -, aber man braucht eine knappe Woche, um hin- und zur�ckzukommen und alles gr�ndlich zu besichtigen.�</p><p>Carol sagte:��Ich w�rde zu gern hinfahren. Es muss wunderbar sein!�</p><p>�Also <emphasis><strong>ich</strong></emphasis> w�rde sagen, dass sich ein Besuch dort eindeutig lohnt - jawohl, eindeutig.� Mr. Cope hielt inne, warf rasch einen leicht zweifelnden Blick auf Mrs. Boynton und fuhr dann mit einer Stimme fort, die f�r den lauschenden Franzosen auffallend unsicher klang: �Ich �berlege gerade, ob ich nicht einige von Ihnen dazu bewegen k�nnte mitzukommen. Mir ist nat�rlich klar, dass es f�r <emphasis><strong>Sie</strong></emphasis> zu viel w�re, Mrs. Boynton, und nat�rlich wird der eine oder andere aus Ihrer Familie bei Ihnen bleiben wollen, aber wenn Sie Ihre Truppe sozusagen teilen w�rden.�</p><p>Er hielt inne. Gerard h�rte das gleichm��ige Klappern von Mrs. Boyntons Stricknadeln. Dann sagte sie: �Ich glaube nicht, dass wir das m�chten. Wir bleiben gern zusammen.� Sie sah auf. �Oder was meint ihr, Kinder?�</p><p>In ihrer Stimme lag ein merkw�rdiger Ton. Die Antworten kamen auf der Stelle. �Nein, Mutter.�</p><p>�O nein!�</p><p>�Nein, auf gar keinen Fall!�</p><p>Mrs. Boynton l�chelte wieder auf diese merkw�rdige Art und sagte: �Da sehen Sie es - sie wollen mich nicht allein lassen. Und wie steht es mit dir, Nadine? Du sagst ja gar nichts.�</p><p>�Nein, danke, Mutter. Es sei denn, dass Lennox fahren m�chte.�</p><p>Mrs. Boynton drehte den Kopf langsam nach ihrem Sohn um.</p><p>�Nun, Lennox, was ist? Warum fahrt ihr beiden nicht mit? Nadine scheint viel daran zu liegen.�</p><p>Lennox fuhr zusammen, blickte auf. �Ich - �h - nein, ich - ich glaube, wir bleiben lieber alle beieinander.�</p><p>Mr. Cope sagte fr�hlich: �Also <emphasis><strong>das</strong></emphasis> nenne ich wirklich eine musterg�ltige Familie!� Doch in der Fr�hlichkeit schwang ein hohler und gezwungener Unterton mit.</p><p>�Wir bleiben eben gerne unter uns�, sagte Mrs. Boynton. Sie begann ihr Wollkn�uel aufzurollen. �Ach, Raymond, wer war �brigens die junge Frau, die dich vorhin angesprochen hat?�</p><p>Raymond schreckte nerv�s zusammen. Er wurde rot und dann blass.</p><p>�Ich - ich wei� nicht, wie sie hei�t. Sie -sie war im gleichen Zug wie wir.�</p><p>Mrs. Boynton begann sich langsam aus ihrem Sessel zu wuchten.</p><p>�Ich glaube nicht, dass wir viel mit ihr zu tun haben werden�, sagte sie.</p><p>Nadine stand auf und half der alten Frau beim Aufstehen. Sie ging dabei so sachkundig und geschickt vor, dass es Gerards Aufmerksamkeit erregte.</p><p>�Schlafenszeit�, sagte Mrs. Boynton. �Gute Nacht, Mr. Cope.�</p><p>�Gute Nacht, Mrs. Boynton. Gute Nacht, Mrs. Lennox.�</p><p>Die kleine Prozession entfernte sich. Es schien keinem der j�ngeren Familienmitglieder in den Sinn zu kommen, noch zu bleiben. Mr. Cope stand da und sah ihnen nach. Auf seinem Gesicht lag ein sonderbarer Ausdruck.</p><p>Wie Dr. Gerard aus Erfahrung wusste, sind Amerikaner von Natur aus umg�ngliche Menschen. Sie sind nicht so �ngstlich und misstrauisch, wie Engl�nder es auf Reisen sind. F�r einen Mann mit Dr. Gerards Taktgef�hl war es daher nicht weiter schwierig, Mr. Copes Bekanntschaft zu machen. Der Amerikaner war allein und, wie die meisten seiner Landsleute, bereit, umg�nglich und aufgeschlossen zu sein. Dr. Gerard z�ckte wieder seine Visitenkarte.</p><p>Mr. Jefferson Cope war geb�hrend beeindruckt, als er den Namen las.</p><p>�Dr. Gerard! Waren Sie nicht erst k�rzlich in den Staaten?�</p><p>�Im letzten Herbst. Ich habe in Harvard Vorlesungen gehalten.�</p><p>�Nat�rlich! Sie sind eine der namhaftesten Pers�nlichkeiten auf Ihrem Gebiet, Dr. Gerard. Und in Paris d�rften Sie der f�hrende Vertreter Ihres Fachs sein.�</p><p>�Sie sind wirklich zu g�tig, mein Lieber! Ich muss mich dagegen verwahren.�</p><p>�Aber ganz und gar nicht! Es ist mir eine gro�e Ehre, Sie kennen zu lernen. Im Moment sind ja eine ganze Reihe bekannter Leute in Jerusalem. Zum einen Sie selbst, dann Lord Welldon und Sir Gabriel Steinbaum, der Finanzmagnat. Au�erdem der bekannte alte englische Arch�ologe Sir Manders Stone. Und Lady Westholme, eine prominente englische Politikerin. Und nat�rlich der ber�hmte belgische Privatdetektiv Hercule Poirot.�</p><p>�Der kleine Hercule Poirot? Der ist hier?�</p><p>�Ich habe seinen Namen in der hiesigen Zeitung gelesen und dass er erst vor kurzem eingetroffen ist. Alle Welt scheint derzeit im <emphasis><strong>Solomon</strong></emphasis> zu logieren. Ein wirklich erstklassiges Haus, muss ich sagen. Und sehr geschmackvoll eingerichtet.�</p><p>Mr. Jefferson Cope unterhielt sich offensichtlich pr�chtig. Dr. Gerard war ein Mann, der sehr viel Charme entfalten konnte, wenn er es darauf anlegte. Und so begaben sich die beiden Herren schon nach kurzer Zeit in die Bar.</p><p>Nach einigen Highballs sagte Gerard: �Sagen Sie, war das eine typische amerikanische Familie, mit der Sie vorhin sprachen?�</p><p>Jefferson Cope nippte nachdenklich an seinem Drink. Dann sagte er: �Eigentlich nicht. Nein, absolut typisch w�rde ich sie nicht nennen.�</p><p>�Nein? Sie scheinen alle sehr aneinander zu h�ngen.�</p><p>Mr. Cope sagte bed�chtig: �Sie meinen, weil alles um die alte Dame zu kreisen scheint? Das stimmt allerdings. Sie ist ja auch eine ganz erstaunliche alte Dame.�</p><p>�Tats�chlich? �</p><p>Mr. Cope lie� sich nicht lange bitten. Gerards kleine Ermunterung gen�gte v�llig.</p><p>�Ich will gerne zugeben, Dr. Gerard, dass mir diese Familie in letzter Zeit ziemlich viel im Kopf herumgeht. Ich habe lange �ber sie nachgedacht. Offen gesagt w�rde es mir gut tun, wenn ich mit Ihnen dar�ber reden k�nnte. Nat�rlich nur, wenn es Sie nicht langweilt!�</p><p>Dr. Gerard wies diesen Gedanken weit von sich. Mr. Jefferson Cope sprach bed�chtig weiter, und auf seinem Gesicht zeichnete sich eine gewisse Ratlosigkeit ab.</p><p>�Ich will Ihnen gleich sagen, dass ich ein bisschen besorgt bin. Mrs. Boynton ist n�mlich eine alte Freundin von mir. Nicht die alte Mrs. Boynton, sondern die junge, die Frau von Lennox Boynton.�</p><p>�Ah, Sie meinen die reizende dunkelhaarige junge Dame.�</p><p>�Genau. Nadine Boynton. Nadine ist ein wunderbarer Mensch, Dr. Gerard. Ich kannte sie schon vor ihrer Heirat. Sie arbeitete damals im Krankenhaus, war in der Ausbildung zur Krankenschwester. Irgendwann verbrachte sie dann ihren Urlaub bei den Boyntons und heiratete Lennox.�</p><p>�Tats�chlich? �</p><p>Mr. Jefferson Cope nippte wieder an seinem Highball und fuhr fort: �Ich w�rde Ihnen gerne ein bisschen mehr �ber den Hintergrund der Familie Boynton erz�hlen, Dr. Gerard.�</p><p>�Ja? Das w�rde mich sehr interessieren. �</p><p>�Wissen Sie, der verstorbene Eimer Boynton, ein ziemlich bekannter Mann und ein sehr liebensw�rdiger Mensch, war zweimal verheiratet. Seine erste Frau starb, als Carol und Raymond noch ganz klein waren. Wie man h�rt, soll die zweite Mrs. Boynton eine gut aussehende Frau gewesen sein, als er sie heiratete, wenn auch nicht mehr gerade jung. Schwer vorstellbar, dass sie mal gut ausgesehen haben soll, wenn man sie jetzt so sieht, aber ich habe es aus zuverl�ssiger Quelle. Jedenfalls hielt ihr Mann gro�e St�cke auf sie und verlie� sich fast in allem auf ihr Urteil. Vor seinem Tod war er jahrelang leidend, und in der Zeit hatte sie praktisch das Heft in der Hand. Sie ist sehr t�chtig und hat eine gute Nase f�r gesch�ftliche Dinge. Und dazu sehr gewissenhaft. Nach Eimers Tod widmete sie sich ganz und gar den Kindern. Eins davon ist von ihr -Ginevra, das h�bsche rothaarige M�dchen, aber ein bisschen zart. Nun, wie gesagt, Mrs. Boynton widmete sich nur noch ihrer Familie. Sie kapselte sich einfach vollkommen von der Welt ab. Ich wei� ja nicht, wie Sie dar�ber denken, Dr. Gerard, aber ich halte das nicht unbedingt f�r sehr vern�nftig.�</p><p>�Ich stimme Ihnen zu. Auf die geistige Entwicklung junger Menschen wirkt sich dergleichen sehr negativ aus.�</p><p>�Genau, Sie haben es auf den Punkt gebracht. Mrs. Boynton schirmte die Kinder von ihrer Umwelt ab und lie� sie nie mit Au�enstehenden in Ber�hrung kommen. Das Resultat ist, dass alle - nun ja, irgendwie verst�rt sind. Verschreckt, wenn Sie wissen, was ich meine. K�nnen sich mit niemand anfreunden. Und das ist schlecht.�</p><p>�Sehr schlecht sogar.�</p><p>�Ich bezweifle ja nicht, dass Mrs. Boynton es gut meinte. Aber sie hat es mit der F�rsorge �bertrieben.�</p><p>�Leben alle noch zu Hause?�, fragte der Arzt.</p><p>�Ja.�</p><p>�Und die S�hne arbeiten nicht?�</p><p>�O nein. Eimer Boynton war ein reicher Mann. Er hinterlie� sein gesamtes Verm�gen Mrs. Boynton auf Lebenszeit -aber es galt nat�rlich als ausgemacht, dass das Geld f�r den Lebensunterhalt der Familie ganz allgemein ist.�</p><p>�Das hei�t, dass alle finanziell von ihr abh�ngig sind?�</p><p>�So ist es. Und sie hat alle darin best�rkt, zu Hause zu bleiben und sich nicht nach einer Arbeit umzusehen. Das mag vielleicht in Ordnung sein, Geld ist ja genug vorhanden, keiner von ihnen <emphasis><strong>muss</strong></emphasis> arbeiten, aber ich finde, dass Arbeit zumindest f�r einen Mann eine sehr bek�mmliche Arznei ist. Und da ist noch etwas: Keiner von ihnen hat irgendwelche Hobbies. Sie spielen nicht Golf. Sie geh�ren keinem Club an. Sie gehen weder zu Tanzveranstaltungen noch unternehmen sie sonst etwas mit anderen jungen Leuten. Sie leben in einem riesigen Kasten mitten auf dem Land, meilenweit vom n�chsten Ort entfernt. Ich sage Ihnen, Dr. Gerard, mir scheint das v�llig falsch zu sein.�</p><p>�Ich stimme Ihnen zu�, sagte Dr. Gerard.</p><p>�Keiner von ihnen hat auch nur das geringste gesellschaftliche Bewusstsein. Keinerlei Gemeinsinn - ja, genau das fehlt ihnen! Sie m�gen ja ein harmonisches Familienleben f�hren, aber alle miteinander sind v�llig in sich selbst versunken.�</p><p>�War nie die Rede davon, dass der eine oder andere von ihnen auf eigenen F��en stehen wollte?�</p><p>�Nicht, dass ich w�sste. Sie hocken einfach nur rum.�</p><p>�Geben Sie die Schuld daran den Kindern oder Mrs. Boynton?�</p><p>Jefferson Cope rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her.</p><p>�Na ja, in gewisser Hinsicht glaube ich schon, dass mehr oder weniger <emphasis><strong>sie</strong></emphasis> daf�r verantwortlich ist. Die Art, wie sie sie erzogen hat, war nicht richtig. Trotzdem, wenn ein Bursche erwachsen wird, dann liegt es an ihm, eigene Wege zu gehen. Ein junger Mann sollte nicht dauernd am Rockzipfel seiner Mutter h�ngen. Er sollte aus eigenem Antrieb unabh�ngig sein wollen.�</p><p>Dr. Gerard sagte nachdenklich: �Vielleicht ist das nicht m�glich.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Weil es Mittel und Wege gibt, Mr. Cope, einen Baum am Wachsen zu hindern.�</p><p>Cope starrte ihn an. �Aber sie sind alle gesund und munter, Dr. Gerard!�</p><p>�Der Geist kann ebenso in der Entwicklung gehemmt werden und verk�mmern wie der K�rper.�</p><p>�Auch geistig ist bei ihnen alles in Ordnung.�</p><p>Jefferson Cope fuhr fort: �Nein, Dr. Gerard, glauben Sie mir, jeder Mensch hat sein Schicksal selbst in der Hand. Ein Mann mit Selbstachtung geht seinen eigenen Weg und f�ngt etwas mit seinem Leben an. Er hockt nicht blo� rum und dreht D�umchen. Vor so einem Mann kann eine Frau doch keine Achtung haben.�</p><p>Gerard sah ihn einen Moment lang merkw�rdig an. Dann sagte er: �Beziehen sich Ihre Worte insbesondere auf Mr. Lennox Boynton?�</p><p>�Ja, ich dachte dabei tats�chlich an Lennox. Raymond ist ja fast noch ein Kind. Aber Lennox wird bald drei�ig. H�chste Zeit, dass er zeigt, was in ihm steckt.�</p><p>�F�r seine Frau ist das vermutlich nicht leicht.�</p><p>�Ganz bestimmt nicht! Nadine ist ein feiner Mensch. Ich bewundere sie mehr, als ich sagen kann. Sie hat sich noch nie auch nur mit <emphasis><strong>einem</strong></emphasis> Wort beklagt. <emphasis><strong>Aber sie ist nicht gl�cklich,</strong></emphasis> Dr. Gerard! Ungl�cklicher als sie kann man gar nicht sein.�</p><p>Gerard nickte zustimmend. �Ja, damit k�nnten Sie Recht haben.�</p><p>�Ich wei� nicht, wie <emphasis><strong>Sie</strong></emphasis> dar�ber denken, Dr. Gerard, aber <emphasis><strong>ich</strong></emphasis> finde, dass alles seine Grenzen hat und dass sich eine Frau nicht mit <emphasis><strong>allem</strong></emphasis> abfinden muss! Wenn ich Nadine w�re, w�rde ich das Lennox mal unmissverst�ndlich klarmachen. Entweder er rei�t sich zusammen und zeigt, aus welchem Holz er geschnitzt ist, oder.�</p><p>�Oder aber sie sollte ihn verlassen, wollen Sie sagen?�</p><p>�Sie muss auch an sich selbst denken, Dr. Gerard. Wenn Lennox sie nicht so zu sch�tzen wei�, wie sie es verdient - nun, andere M�nner w�ssten es.�</p><p>�Beispielsweise - Sie selbst?�</p><p>Der Amerikaner wurde rot. Dann sah er den anderen mit einer Art stiller W�rde offen an.</p><p>�Ja�, sagte er. �Ich sch�me mich meiner Gef�hle f�r Nadine nicht. Ich habe gro�e Achtung vor ihr und bin ihr aufrichtig zugetan. Ich will nur, dass sie gl�cklich ist. Wenn sie mit Lennox gl�cklich w�re, w�rde ich mich zur�ckziehen und von der Bildfl�che verschwinden.�</p><p>�Aber?�</p><p>�Aber so wie die Dinge liegen, halte ich mich in Bereitschaft! Wenn sie mich braucht, <emphasis><strong>werde ich da sein!�</strong></emphasis></p><p>�Der Ritter ohne Furcht und Tadel�, murmelte Gerard.</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Mein lieber Freund, Ritterlichkeit findet man heutzutage nur noch bei Ihnen in Amerika! Sie sind es zufrieden, der Dame Ihres Herzens auch ohne Aussicht auf Belohnung zu dienen! H�chst bewundernswert, in der Tat! Was genau hoffen Sie, f�r die Dame tun zu k�nnen?�</p><p>�Ich will einfach zur Stelle zu sein, wenn sie mich braucht.�</p><p>�Und wie, wenn ich fragen darf, verh�lt sich die alte Mrs. Boynton Ihnen gegen�ber?�</p><p>Jefferson Cope sagte bed�chtig: �Ich bin mir nie ganz klar �ber sie. Wie ich schon sagte, h�lt sie nichts davon, Kontakte mit Au�enstehenden zu haben. Aber bei mir ist es anders. Zu mir ist sie immer sehr freundlich und behandelt mich fast wie ein Familienmitglied.�</p><p>�Das hei�t, sie billigt Ihre Freundschaft mit der jungen Mrs. Boynton?�</p><p>�Ja.�</p><p>Dr. Gerard zuckte die Schultern. �Ist das nicht etwas merkw�rdig?�</p><p>Jefferson Cope erwiderte f�rmlich: �Ich darf Ihnen versichern, Dr. Gerard, dass diese Freundschaft nicht im Entferntesten ungeh�rig ist. Sie ist rein platonisch.�</p><p>�Ich bitte Sie, mein Lieber, davon bin ich �berzeugt! Dennoch wiederhole ich, dass es sonderbar ist seitens Mrs. Boyntons, diese Freundschaft zu ermutigen. Mrs. Boynton interessiert mich - sie interessiert mich sogar sehr, Mr. Cope.�</p><p>�Sie ist wirklich eine erstaunliche Frau. Sie hat sehr viel Charakterst�rke - und eine ausgepr�gte Pers�nlichkeit. Wie gesagt, Eimer Boynton vertraute ihr vollkommen. �</p><p>�So sehr, dass er bereit war, ihr seine Kinder in finanzieller Hinsicht auf Gedeih und Verderb auszuliefern. In meinem Land, Mr. Cope, w�re dergleichen von Rechts wegen unm�glich.�</p><p>Mr. Cope stand auf. �Wir Amerikaner�, sagte er, �glauben nun einmal fest an absolute Freiheit.�</p><p>Dr. Gerard erhob sich ebenfalls. Mr. Copes Worte machten keinen Eindruck auf ihn. Er hatte sie schon fr�her geh�rt, von Menschen�unterschiedlichster Nationalit�t. Die Illusion, Freiheit sei das Vorrecht des jeweils eigenen Volkes, ist ziemlich weit verbreitet.</p><p>Dr. Gerard war kl�ger. Er wusste, dass kein Volk, kein Staat und kein Mensch wahrhaft frei zu nennen ist. Aber er wusste auch, dass es unterschiedliche Grade der Unfreiheit gibt.</p><p>Nachdenklich und neugierig zugleich ging er hinauf in sein Zimmer.</p></section><section><title><p id="_bookmark7"><strong>Sechstes Kapitel</strong></p></title><p>Sarah King stand auf dem Tempelberg, dem Haram esh-Sharif. Hinter ihr lag der Felsendom. Das helle Pl�tschern der Brunnen drang an ihr Ohr. Gr�ppchen von Touristen gingen vorbei, ohne den Frieden der orientalischen Atmosph�re zu st�ren.</p><p>Seltsam, dachte Sarah, dass einst ein Jebusiter diesen felsigen H�gel als Tenne benutzt und dass David ihn f�r 50 Silberschekel gekauft und dort einen Altar errichtet hatte. Und jetzt war hier das Stimmengewirr der Besucher aus aller Herren L�nder zu vernehmen.</p><p>Sie drehte sich um und betrachtete die Moschee, die sich nun �ber dem Heiligtum erhob, und fragte sich, ob Salomos Tempel auch nur halb so sch�n gewesen sein konnte.</p><p>Schritte waren zu h�ren, und eine kleine Gruppe trat aus der Moschee ins Freie. Es waren die Boyntons, begleitet von einem geschw�tzigen Dragoman. Mrs. Boynton wurde von Lennox und Raymond gest�tzt. Dahinter kamen Nadine und Mr. Cope. Den Abschluss bildete Carol. Als sie weitergingen, entdeckte letztere Sarah.</p><p>Sie z�gerte, machte dann, einem pl�tzlichen Entschluss folgend, kehrt und lief rasch und ger�uschlos �ber den Platz.</p><p>�Verzeihen Sie�, sagte sie atemlos. �Ich muss - ich wollte - ich muss mit Ihnen reden.�</p><p>�Ja?�, sagte Sarah.</p><p>Carol zitterte heftig. Ihr Gesicht war sehr blass.</p><p>�Es geht um - um meinen Bruder. Als Sie ihn gestern Abend ansprachen, m�ssen Sie ihn f�r - f�r sehr unh�flich gehalten haben. Aber das war nicht seine Absicht. Er</p><p>- er konnte nur nicht anders. Bitte glauben Sie mir!�</p><p>F�r Sarah hatte Carols Auftritt etwas Absurdes. Er beleidigte nicht nur ihren Stolz, sondern auch ihren guten Geschmack. Wie kam eine wildfremde Person dazu, auf sie loszust�rmen und eine l�cherliche Entschuldigung f�r ihren flegelhaften Bruder vorzubringen?</p><p>Sie hatte schon eine spontane Bemerkung auf den Lippen, doch dann schwang ihre Stimmung pl�tzlich um.</p><p>Hier schien ein besonderer Fall vorzuliegen. Das junge M�dchen meinte es todernst. Die Neigung, die Sarah veranlasst hatte, den Arztberuf zu ergreifen, machte sie hellh�rig f�r die Not des M�dchens. Ihr Instinkt sagte ihr, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte.</p><p>Aufmunternd sagte sie: �Wollen Sie mir nicht N�heres erz�hlen?�</p><p>�Er hat im Zug mit Ihnen gesprochen, nicht wahr?�, begann Carol.</p><p>Sarah nickte. �Ja. Genau gesagt habe ich <emphasis><strong>ihn</strong></emphasis> angesprochen.�</p><p>�Das dachte ich mir. Anders herum h�tte ich es mir auch kaum vorstellen k�nnen. Aber, wissen Sie, gestern Abend hatte Ray einfach Angst - �</p><p>Sie brach ab.</p><p>�Angst?�</p><p>Carols blasses Gesicht r�tete sich.</p><p>�Ach, das klingt bestimmt absurd - oder verr�ckt. Meine Mutter ist n�mlich - also, es geht ihr nicht besonders - und sie mag es nicht, wenn wir uns mit anderen Leuten anfreunden. Aber - aber ich wei�, dass -dass Ray Sie gerne besser kennen lernen w�rde.�</p><p>Sarahs Neugierde war geweckt. Bevor sie etwas erwidern konnte, fuhr Carol fort: �Ich - was ich da sage, klingt bestimmt sehr komisch, aber wir sind eine - eine ziemlich eigenartige Familie.� Sie blickte sich schnell um - voller Angst.</p><p>�Ich - ich muss gehen�, murmelte sie. �Die anderen k�nnten etwas merken.�</p><p>Sarah fasste einen Entschluss.</p><p>�Warum bleiben Sie nicht noch ein bisschen�, sagte sie, �wenn Sie das m�chten? Wir k�nnen doch gemeinsam zum Hotel zur�ckgehen.�</p><p>�O nein!� Carol wich zur�ck. �Das - das kann ich nicht.�</p><p>�Warum denn nicht?�, fragte Sarah.</p><p>�Das kann ich auf gar keinen Fall! Meine Mutter w�re -w�re sicher - �</p><p>Ruhig und deutlich sagte Sarah: �Ich wei�, dass es Eltern manchmal furchtbar schwer f�llt zu begreifen, dass ihre Kinder erwachsen sind. Sie wollen deren Leben unbedingt auch weiterhin bestimmen. Aber, wissen Sie, es ist ein Fehler, nachzugeben. Man muss f�r seine Rechte eintreten!�</p><p>Carol sagte leise: �Sie verstehen nicht -Sie haben ja keine Ahnung.�</p><p>Sie rang nerv�s die H�nde.</p><p>�Manchmal�, fuhr Sarah fort, �gibt man nach, weil man keinen Streit haben will. Auseinandersetzungen sind unangenehm, aber ich finde, dass die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, es alle Mal wert ist, dass man um sie k�mpft.�</p><p>�Freiheit?� Carol starrte sie entgeistert an. �Von uns ist keiner jemals frei gewesen. Und wir werden es auch nie sein.�</p><p>�So ein Unsinn!�, sagte Sarah bestimmt.</p><p>Carol beugte sich vor und ber�hrte ihren Arm.</p><p>�H�ren Sie. Ich will versuchen, es Ihnen begreiflich zu machen. Vor ihrer Ehe war meine Mutter - meine Stiefmutter, genauer gesagt - Aufseherin in einem Gef�ngnis. Mein Vater war der Direktor und heiratete sie. <emphasis><strong>Und daran hat sich nie etwas ge�ndert.</strong></emphasis> Sie war auch weiterhin Aufseherin - <emphasis><strong>unsere</strong></emphasis> Aufseherin. Und darum leben wir wie - wie im Gef�ngnis!�</p><p>Sie blickte sich abermals hastig um.</p><p>�Sie haben etwas gemerkt. Ich - ich muss gehen.�</p><p>Sarah hielt ihren Arm fest, als sie fortlaufen wollte.</p><p>�Warten Sie. Wir sollten uns irgendwo treffen und miteinander reden.�</p><p>�Das geht nicht. Das kann ich nicht.�</p><p>�O doch!�, sagte Sarah gebieterisch. �Kommen Sie heute Abend vor dem Zubettgehen zu mir. Zimmer 319. Nicht vergessen: 319.�</p><p>Sie lie� Carols Arm los, die daraufhin ihrer Familie nacheilte.</p><p>Sarah blickte ihr lange nach. Pl�tzlich merkte sie, dass Dr. Gerard neben ihr stand.</p><p>�Guten Morgen, Miss King. Wie ich sehe, haben Sie sich mit Miss Carol Boynton unterhalten. �</p><p>�Ja. Ein h�chst merkw�rdiges Gespr�ch. Ich muss es Ihnen erz�hlen.�</p><p>Sie wiederholte den wesentlichen Inhalt ihrer Unterhaltung mit dem jungen M�dchen. Einen entscheidenden Punkt griff Gerard sofort auf.</p><p>�Aufseherin in einem Gef�ngnis war das alte Nilpferd? Das k�nnte durchaus von Bedeutung sein.�</p><p>�Sie meinen, dass das der Grund f�r ihr tyrannisches Verhalten ist?�, sagte Sarah. �Dass es ihr aufgrund ihrer fr�heren T�tigkeit zur Gewohnheit wurde?�</p><p>Gerard sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein, das hie�e, die Sache aus dem falschen Blickwinkel betrachten. Wir haben es hier mit einem starken inneren Zwang zu tun. Sie liebt die Tyrannei nicht, <emphasis><strong>weil sie Gef�ngnisaufseherin war.</strong></emphasis> Sagen wir lieber, <emphasis><strong>sie wurde Gef�ngnisaufseherin, weil sie die Tyrannei liebt.</strong></emphasis> Nach meiner Theorie war es das heimliche Verlangen, Macht �ber andere Menschen auszu�ben, das sie veranlasste, diesen Beruf zu ergreifen.�</p><p>Mit ernster Miene fuhr er fort: �So viele seltsame Dinge sind tief im Unterbewusstsein begraben. Die Gier nach Macht, der Drang, andere zu qu�len, das triebhafte Verlangen, zu zerst�ren und zu vernichten -�das ganze Erbe�unseres�kollektiven Unbewussten. All das liegt hier vor, Miss King, Grausamkeit�und Zerst�rungswut und Gier. Wir�halten�sie hinter verschlossenen T�ren und verdr�ngen sie aus unserem Bewusstsein, aber manchmal -�manchmal sind sie �berm�chtig.�</p><p>Sarah erschauerte. �Ich wei�.�</p><p>�Es begegnet uns heutzutage �berall - in Parteiprogrammen,�in der�politischen F�hrung der Staaten. Eine Reaktion gegen humanit�re Prinzipien, gegen Mitleid, gegen N�chstenliebe. Manchmal klingen die Programme gut - ein kluges System, eine wohlt�tige Regierung, aber <emphasis><strong>gewaltsam</strong></emphasis> aufoktroyiert und basierend auf einem Fundament aus Grausamkeit und Furcht. Sie sto�en die T�ren auf, diese Apostel der Gewalt, sie lassen Nachsicht walten gegen�ber der alten Barbarei, der alten Lust nach Grausamkeit <emphasis><strong>um ihrer selbst willen!</strong></emphasis> Gewiss, es ist nicht leicht - der Mensch ist ein sehr fein ausbalanciertes Gesch�pf. Und er will vor allem eins -�berleben. Zu schnell vorzugehen ist ebenso fatal, wie zur�ckzubleiben. Er muss �berleben! Vielleicht muss er sich dazu etwas von der alten Barbarei bewahren, aber er darf sie nie - und zwar unter gar keinen Umst�nden - <emphasis><strong>zu seinem Abgott machen!�</strong></emphasis></p><p>Nach einer Weile sagte Sarah: �Glauben Sie, dass die alte Mrs. Boynton eine Sadistin ist?�</p><p>�Dessen bin ich mir fast sicher. Ich glaube, es bereitet ihr Vergn�gen, andere zu qu�len - seelisch zu�qu�len, wohlgemerkt, nicht k�rperlich. Das kommt sehr viel seltener vor, und es ist sehr viel schwieriger, damit umzugehen. Sie genie�t es, andere in ihrer Gewalt zu haben, und sie genie�t es, sie leiden zu lassen.�</p><p>�Das ist ja abscheulich!�, sagte Sarah.</p><p>Gerard erz�hlte ihr von seinem Gespr�ch mit Jefferson Cope.</p><p>�Er durchschaut also nicht, was da vor sich geht?�, erkundigte sie sich z�gernd.</p><p>�Wie sollte er? Er ist kein Psychologe.�</p><p>�Stimmt. Er denkt nicht in so gr�sslichen Kategorien wie wir!�</p><p>�Genau. Er denkt wie ein netter, rechtschaffener, empfindsamer, normaler Amerikaner. Er glaubt an das Gute statt an das B�se. Er sieht zwar, dass mit dem Familienleben der Boyntons etwas nicht in Ordnung ist, aber er unterstellt Mrs. Boynton �bertriebene Liebe und F�rsorge statt gezielte B�swilligkeit.�</p><p>�Das w�rde sie sicher am�sieren�, sagte Sarah.</p><p>�Ganz bestimmt sogar!�</p><p>�Wieso lassen sie sich das eigentlich gefallen?�, sagte Sarah ungehalten. �Sie k�nnten doch weggehen.�</p><p>Gerard sch�ttelte den Kopf. �Nein, da irren Sie sich. <emphasis><strong>Das k�nnen sie nicht.</strong></emphasis> Ist Ihnen das alte Experiment mit dem Hahn bekannt? Man malt einen Kreidestrich auf den Boden und dr�ckt den Hahn mit dem Schnabel darauf. Der Hahn glaubt, dort angebunden zu sein. Er kann den Kopf nicht heben. Genau so geht es diesen ungl�cklichen jungen Menschen. Sie d�rfen nicht vergessen, dass diese Frau auf sie eingewirkt hat, seit sie Kinder waren. Und ihre Dominanz war geistiger Natur. Sie hat sie so hypnotisiert, dass sie �berzeugt sind, <emphasis><strong>ihr immer gehorchen zu m�ssen.</strong></emphasis> Oh, ich wei�, die meisten Leute w�rden sagen, dass das Unsinn ist - aber Sie und ich wissen es besser. Sie hat sie glauben gemacht, dass die totale Abh�ngigkeit von ihr eine unab�nderliche Tatsache ist. Sie sind schon so lange in ihrem Gef�ngnis, dass sie es gar nicht merken w�rden, wenn das Gef�ngnistor pl�tzlich offen w�re! Einer von ihnen zumindest <emphasis><strong>will</strong></emphasis> �berhaupt nicht mehr frei sein! Und alle h�tten <emphasis><strong>Angst</strong></emphasis> vor der Freiheit.�</p><p>Sarah fragte n�chtern: ����Und�was passiert, wenn sie stirbt?�</p><p>Gerard zuckte mit den Schultern.</p><p>�Das kommt darauf an. N�mlich, wie bald dieser Fall eintritt. Wenn er <emphasis><strong>jetzt</strong></emphasis> eintr�te, dann w�re es, glaube ich, noch nicht zu sp�t. Der zweite Sohn und die �ltere Tochter sind noch jung und beeinflussbar. Aus ihnen k�nnten, meiner Meinung nach, ganz normale Menschen werden. Bei Lennox ist es m�glicherweise bereits zu sp�t. Er wirkt auf mich wie ein Mann, der alle Hoffnung aufgegeben hat, der lebt und duldet wie eine stumme Kreatur.�</p><p>�Aber seine Frau h�tte doch etwas dagegen unternehmen m�ssen!�, sagte Sarah aufgebracht. �Sie h�tte ihn mit Gewalt herausholen m�ssen!�</p><p>�Wer wei�? Vielleicht hat sie es versucht - und ist gescheitert.�</p><p>�Glauben Sie, dass auch sie unter dem Bann der alten Frau steht?�</p><p>Gerard sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein. Ich glaube vielmehr, dass die alte Dame keine Macht �ber sie hat und dass sie sie eben deshalb erbittert hasst. Achten Sie einmal auf ihre Augen.�</p><p>Sarah runzelte die Stirn. �Ich werde einfach nicht schlau aus ihr - der jungen Mrs. Boynton, meine ich. Durchschaut sie, was da abl�uft?�</p><p>�Ich glaube, sie hat eine ziemlich klare Vorstellung davon.�</p><p>�Hm�, sagte Sarah. �Eigentlich sollte man die Alte umbringen! Ich pers�nlich w�rde Arsen im Fr�hst�ckstee verordnen.�</p><p>Dann sagte sie unvermittelt: �Was ist mit der j�ngsten Tochter - dem rothaarigen M�dchen mit diesem faszinierenden abwesenden L�cheln?�</p><p>Gerard runzelte die Stirn. �Da bin ich mir nicht sicher. Sie hat etwas Sonderbares. Aber Ginevra Boynton ist schlie�lich die leibliche Tochter der alten Dame.�</p><p>�Stimmt. Bei ihr m�sste der Fall anders liegen - oder nicht?�</p><p>Gerard sagte nachdenklich: �Ich glaube nicht, dass die Gier nach Macht und der Drang, andere zu qu�len - wenn sie von einem Menschen erst einmal Besitz ergriffen haben -, <emphasis><strong>irgendjemanden</strong></emphasis> verschonen, nicht einmal die, die einem lieb und teuer sind.�</p><p>Er schwieg eine Weile und sagte dann: �Sind Sie Christin, Mademoiselle?�</p><p>Sarah sagte langsam: �Ich wei� nicht recht. Fr�her dachte ich immer, ich sei gar nichts. Aber jetzt. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ich habe das Gef�hl, ich meine, wenn ich all das hier wegwischen k�nnte� - sie machte eine heftige Handbewegung -, �die ganzen Kirchen und die Sekten und die sich befehdenden Religionen, dann - dann k�nnte ich vielleicht die friedvolle Gestalt Christi auf einem Esel in Jerusalem einziehen sehen - und an Ihn glauben.�</p><p>Dr. Gerard sagte ernst: �Ich glaube vor allem an <emphasis><strong>einen</strong></emphasis> Grundsatz des Christentums - sich zu begn�gen mit dem, was man hat. Ich bin Arzt und wei�, dass Ehrgeiz - der Wunsch, Erfolg zu haben, Macht zu besitzen - die Ursache der meisten psychischen St�rungen ist. Wenn dieser Ehrgeiz befriedigt wird, sind Arroganz, Gewaltt�tigkeit und letztendlich �berdruss die Folge. Und wenn er unerf�llt bleibt, wenn das triebhafte Verlangen nicht befriedigt wird - dann m�ssen Sie nur in die Irrenanstalten gehen, um die Folgen zu sehen! Sie sind voll von Menschen, die es nicht ertragen konnten, mittelm��ig, unbedeutend, erfolglos zu sein, und Fluchtwege aus der Realit�t gesucht und gefunden haben, um f�r immer vom eigentlichen Leben abgeschnitten zu sein.�</p><p>Sarah sagte unvermittelt: �Zu schade, dass die alte Mrs. Boynton nicht auch in einer Anstalt ist.�</p><p>Gerard sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein, ihr Platz ist nicht unter den Gescheiterten. Es ist viel schlimmer. Denn sie hat ihr Ziel erreicht! Sie hat ihren Traum verwirklicht!�</p><p>Sarah erschauerte.</p><p>Dann rief sie heftig aus: �So etwas d�rfte es einfach nicht geben!�</p></section><section><title><p id="_bookmark8"><strong>Siebtes Kapitel</strong></p></title><p>Sarah war gespannt, ob Carol Boynton die Verabredung am sp�ten Abend einhalten w�rde.</p><p>Alles in allem bezweifelte sie es eher. Sie bef�rchtete, dass Carol ihre halbvertraulichen Mitteilungen vom Vormittag bereuen und sich anders besinnen k�nnte.</p><p>Dennoch richtete sie sich darauf ein, schl�pfte in einen blauen Satinmorgenmantel und holte ihren kleinen Spirituskocher heraus und setzte Teewasser auf.</p><p>Gerade als sie dachte, dass Carol nicht mehr kommen w�rde (es war schon nach ein Uhr), und zu Bett gehen wollte, klopfte es. Sie machte die T�r auf und trat rasch zur�ck, um Carol hereinzulassen.</p><p>Carol sagte atemlos: �Ich hatte Angst, Sie k�nnten schon zu Bett gegangen sein.�</p><p>Sarah war darauf bedacht, sich sachlich zu geben.</p><p>�O nein, ich habe auf Sie gewartet. Sie trinken doch eine Tasse Tee, nicht? Echter Lapsang Souchong.�</p><p>Sie brachte ihr eine Tasse. Carols Verhalten war nerv�s und unsicher gewesen. Doch nachdem sie die Tasse und einen Keks angenommen hatte, wurde sie ruhiger.</p><p>�Das ist richtig gem�tlich�, sagte Sarah l�chelnd.</p><p>Carol schien etwas �berrascht zu sein.</p><p>�Ja�, sagte sie zweifelnd. �Ja, ich glaube schon.�</p><p>�Es erinnert mich an die n�chtlichen Gelage, die wir fr�her im Internat veranstaltet haben�, fuhr Sarah fort. �Sie waren wohl nie auf einer Schule?�</p><p>Carol sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein, wir waren immer zu Hause. Wir hatten�Hauslehrerinnen�-�mehrere Hauslehrerinnen. Sie blieben nie lange.�</p><p>�Waren Sie noch nie weg von daheim?�</p><p>�Nein. Wir haben immer im gleichen Haus gelebt. Das ist das erste Mal, dass ich verreise.�</p><p>Sarah sagte beil�ufig: �Dann muss das ein gro�es Abenteuer f�r Sie sein.�</p><p>�O ja! Es ist - es ist alles wie ein Traum.�</p><p>�Was hat Ihre - Ihre Stiefmutter zu dieser Auslandsreise veranlasst?�</p><p>Bei der Erw�hnung von Mrs. Boynton war Carol zusammengezuckt. Sarah sagte rasch: �Wissen Sie, ich bin �rztin. Ich habe gerade mein Examen gemacht. Ihre Mutter, vielmehr Ihre Stiefmutter, interessiert mich - als Fall, meine ich. F�r mich ist sie n�mlich eindeutig ein pathologischer Fall.�</p><p>Carol starrte sie an. Offensichtlich war das ein v�llig neuer Gedanke f�r sie. Sarah hatte nicht von ungef�hr gesprochen. Ihr war klar, dass Mrs. Boynton f�r ihre Familie eine Art m�chtiger, absto�ender G�tze war, der alles �berschattete. Sarah hatte die feste Absicht, ihr ein wenig von ihrer Angst einfl��enden Wirkung zu nehmen.</p><p>�Ja�, sagte sie. �Menschen k�nnen unter - unter krankhafter Herrschsucht leiden. Sie werden tyrannisch und bestehen darauf, dass alles genau so gemacht wird, wie sie sagen, und es ist immer �u�erst schwierig, mit solchen Menschen zurechtzukommen. �</p><p>Carol stellte ihre Tasse ab.</p><p>�Ach�, rief sie, �ich bin ja so froh, dass ich mit Ihnen reden kann! Ich glaube n�mlich, dass Ray und ich schon - na ja, richtig komisch geworden sind. Wir steigern uns schon in alles M�gliche hinein.�</p><p>�Es tut immer gut,�mit einem Unbeteiligten zu sprechen�, sagte Sarah. �Innerhalb der eigenen Familie ist man meist zu gef�hlsbetont.� Dann fragte sie beil�ufig: �Wenn Sie so ungl�cklich sind -haben Sie dann nie daran gedacht, von zu Hause wegzugehen?�</p><p>Carol sah sie entsetzt an. �O nein! Wie k�nnten wir? Ich, ich meine, Mutter w�rde es nie erlauben.�</p><p>�Aber sie k�nnte Sie nicht daran hindern�, sagte Sarah sanft. �Sie sind doch vollj�hrig.�</p><p>�Ich bin dreiundzwanzig.�</p><p>�Eben.�</p><p>�Trotzdem kann ich es nicht - ich meine, ich w�sste gar nicht, wo ich hingehen und was ich tun sollte.�</p><p>Ihre Stimme klang best�rzt.</p><p>�Wissen Sie�, sagte sie, �wir haben kein Geld.�</p><p>�Haben Sie keine Freunde, zu denen Sie gehen k�nnten?�</p><p>�Freunde?� Carol sch�ttelte den Kopf. �O nein, wir kennen niemanden!�</p><p>�Hat keiner von Ihnen je daran gedacht, sich selbstst�ndig zu machen?�</p><p>�Nein. Ich glaube nicht. Das - das k�nnten wir nicht.�</p><p>Sarah wechselte das Thema. Die Best�rzung des jungen M�dchens erregte ihr Mitleid.</p><p>Sie sagte: �M�gen Sie Ihre Stiefmutter?�</p><p>Carol sch�ttelte langsam den Kopf. Mit �ngstlicher Stimme fl�sterte sie:��Ich hasse sie. Und Ray hasst sie auch. Wir -wir haben uns oft gew�nscht, dass sie tot w�re.�</p><p>Sarah wechselte erneut das Thema.</p><p>�Erz�hlen Sie mir etwas �ber Ihren �lteren Bruder.�</p><p>��ber Lennox? Ich wei� nicht, was mit Lennox los ist. Er spricht kaum noch. Er ist immer wie in Trance. Nadine macht sich schreckliche Sorgen um ihn.�</p><p>�Sie haben Ihre Schw�gerin gern, nicht?�</p><p>�Ja. Nadine ist anders. Sie ist immer freundlich. Aber sie ist sehr ungl�cklich.�</p><p>�Wegen Ihres Bruders?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sind die beiden schon lange verheiratet?�</p><p>�Vier Jahre.�</p><p>�Und sie haben immer bei Ihnen zu Hause gewohnt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Gef�llt das Ihrer Schw�gerin?�, fragte Sarah.</p><p>�Nein.�</p><p>Nach einer Weile sagte Carol: �Vor etwas �ber vier Jahren gab es einen furchtbaren Krach. Ich sagte Ihnen ja bereits, dass keiner von uns daheim das Haus verl�sst. Ich meine, wir gehen nat�rlich in den Garten und so, aber das ist alles. Nur Lennox hat sich manchmal nachts aus dem Haus geschlichen. Er ging nach Fountain Springs - zu einer Tanzveranstaltung. Mutter war furchtbar w�tend, als sie dahinter kam. Es war schrecklich! Bald darauf hat sie dann Nadine eingeladen. Nadine ist eine entfernte Verwandte meines Vaters. Sie war sehr arm und lie� sich damals zur Krankenschwester ausbilden. Sie kam und blieb einen Monat bei uns. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie aufregend es war, jemanden zu Besuch zu haben! Und sie und Lennox verliebten sich ineinander. Und Mutter meinte, dass es das Beste w�re, wenn sie schnell heiraten und weiter bei uns wohnen w�rden.�</p><p>�Und Nadine war damit einverstanden?�</p><p>Carol z�gerte. �Ich glaube nicht, dass sie gro�e Lust dazu hatte, aber sie hatte auch nicht direkt etwas <emphasis><strong>dagegen.</strong></emphasis> Sp�ter wollte sie dann weg - zusammen mit Lennox nat�rlich.�</p><p>�Aber daraus wurde nichts?�</p><p>�Nein. Mutter wollte nichts davon wissen.�</p><p>Carol schwieg einen Moment und sagte dann: �Ich glaube, dass - dass sie Nadine inzwischen nicht mehr mag. Nadine ist -eigenartig. Man wei� nie, was sie denkt. Sie versucht Jinny zu helfen, und das passt Mutter nicht.�</p><p>�Jinny ist Ihre j�ngere Schwester?�</p><p>�Ja. Ihr richtiger Name ist Ginevra.�</p><p>�Ist sie - auch ungl�cklich?�</p><p>Carol sch�ttelte zweifelnd den Kopf.</p><p>�Jinny ist seit einiger Zeit ziemlich sonderbar. Ich verstehe sie nicht. Wissen Sie, sie war schon immer sehr zart - und -und Mutter macht ein ziemliches Getue darum - was alles nur noch schlimmer macht. Aber in letzter Zeit ist Jinny wirklich sonderbar. Sie - manchmal jagt sie mir direkt Angst ein. Sie wei� bisweilen gar nicht, was sie tut.�</p><p>�War sie schon bei einem Arzt?�</p><p>�Nein. Nadine hat es ihr geraten, aber Mutter war strikt dagegen. Und da ist Jinny ganz hysterisch geworden und hat geschrien und gesagt, dass sie auf keinen Fall zum Arzt geht. Aber ich mache mir Sorgen um sie.�</p><p>Dann stand Carol pl�tzlich auf.</p><p>�Ich m�chte Sie nicht l�nger aufhalten. Sie wollen sicher zu Bett gehen. Es - es war sehr nett von Ihnen, dass ich herkommen und mit Ihnen reden durfte. Sie m�ssen uns f�r eine sehr merkw�rdige Familie halten.�</p><p>�Ach, jeder Mensch ist irgendwie merkw�rdig�, sagte Sarah leichthin. �Kommen Sie doch wieder. Sie d�rfen auch gern Ihren Bruder mitbringen.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Aber ja! Und dann stecken wir die K�pfe zusammen und hecken etwas aus. Ich m�chte auch, dass Sie einen Freund von mir kennen lernen, einen Dr. Gerard, einen sehr sympathischen Franzosen.�</p><p>Carols Wangen f�rbten sich.</p><p>�Ach, das h�rt sich herrlich an! Wenn nur Mutter nichts davon erf�hrt.�</p><p>Sarah verbiss sich ihre urspr�ngliche Antwort und sagte stattdessen: �Warum sollte sie? Sagen wir, morgen um die gleiche Zeit?�</p><p>�O ja! Es k�nnte n�mlich sein, dass wir �bermorgen wegfahren.�</p><p>�Dann bleibt es definitiv bei morgen Abend. Gute Nacht.�</p><p>�Gute Nacht - und vielen Dank.�</p><p>Carol ging hinaus und huschte leise durch den Korridor. Ihr Zimmer lag eine Etage h�her. Als sie dort ankam und die T�r aufmachte, blieb sie vor Schreck auf der Schwelle stehen. In einem Sessel neben dem Kamin sa� Mrs. Boynton, in einen grellroten wollenen Morgenrock geh�llt.</p><p>Carols Lippen entfuhr ein spitzer Schrei.</p><p>Zwei schwarze Augen sahen sie bohrend an. �Wo bist du gewesen, Carol?�</p><p>�Ich - ich - �</p><p>�Wo warst du?�, fragte die leise, raue Stimme mit dem eigent�mlichen drohenden Unterton, der Carols Herz jedes Mal vor unerkl�rlicher Angst schneller schlagen lie�.</p><p>�Bei Miss King - bei Sarah King.�</p><p>�Bei der jungen Frau, die gestern Abend Raymond angesprochen hat?�</p><p>�Ja, Mutter.�</p><p>�Hast du vor, dich wieder mit ihr zu treffen?�</p><p>Carols Lippen bewegten sich lautlos. Sie nickte bejahend. Furcht erfasste sie, eine m�chtige, entsetzliche Woge der Furcht.</p><p>�Wann?�</p><p>�Morgen Abend.�</p><p>�Du wirst nicht hingehen. Verstanden?�</p><p>�Ja, Mutter.�</p><p>�Versprochen?�</p><p>�Ja. Ja.�</p><p>Mrs. Boynton begann sich aus ihrem Sessel zu hieven. Carol trat automatisch n�her und half ihr. Mrs. Boynton ging langsam, auf ihren Stock gest�tzt, zur T�r. Dort blieb sie stehen und drehte sich noch einmal nach dem verst�rten jungen M�dchen um.</p><p>�Du wirst nichts mehr mit dieser Miss King zu tun haben. Hast du mich verstanden?�</p><p>�Ja, Mutter.�</p><p>�Dann wiederhole es.�</p><p>�Ich werde nichts mehr mit ihr zu tun haben.�</p><p>�Gut.�</p><p>Mrs. Boynton verlie� das Zimmer und machte die T�r hinter sich zu.</p><p>Carol ging mit steifen Bewegungen hin�ber zum Bett. Ihr war �bel, ihr ganzer K�rper kam ihr h�lzern und fremd vor. Sie lie� sich auf das Bett fallen und wurde pl�tzlich von heftigem Schluchzen gesch�ttelt. Ihr war gewesen, als h�tte sich ein Blick vor ihr aufgetan - ein Panorama voller Sonnenschein und B�umen und Blumen.</p><p>Doch nun hatten sich die schwarzen Mauern um sie herum wieder geschlossen.</p></section><section><title><p id="_bookmark9"><strong>Achtes Kapitel</strong></p></title><p>�Kann ich Sie einen Moment sprechen?�</p><p>Nadine Boynton drehte sich �berrascht um und blickte in die dunklen, eifrigen Augen einer ihr v�llig unbekannten jungen Frau.</p><p>�Gewiss. Nat�rlich.�</p><p>Aber noch w�hrend sie sprach, warf sie, fast unbewusst, einen kurzen nerv�sen Blick �ber die Schulter.</p><p>�Mein Name ist Sarah King�, fuhr die andere fort.</p><p>�Und Sie w�nschen?�</p><p>�Mrs. Boynton, ich m�chte Ihnen etwas sagen, was Ihnen sicher sehr seltsam vorkommt. Ich habe mich neulich abends ziemlich lange mit Ihrer Schw�gerin unterhalten. �</p><p>�ber Nadine Boyntons ruhiges Gesicht schien ein leiser Schatten zu huschen.</p><p>�Sie haben mit Ginevra gesprochen?�</p><p>�Nein, nicht mit Ginevra - mit Carol.�</p><p>Der Schatten verschwand. �Ach so - mit Carol.�</p><p>Nadine Boynton schien erfreut, aber auch etwas erstaunt zu sein. �Wie haben Sie denn <emphasis><strong>das</strong></emphasis> geschafft?�</p><p>�Sie kam auf mein Zimmer�, sagte Sarah, �sp�t nachts.�</p><p>Sie sah, wie sich die nachgezogenen Augenbrauen leicht nach oben bewegten. Verlegen fuhr sie fort: �Sie finden das bestimmt sehr merkw�rdig.�</p><p>�Nein�, sagte Nadine Boynton. �Es freut mich. Es freut mich sogar sehr. Es ist sch�n, dass Carol jemanden hat, mit dem sie reden kann.�</p><p>�Wir - wir haben uns sehr gut verstanden.� Sarah bem�hte sich, ihre Worte sorgf�ltig zu w�hlen. �So gut, dass wir uns f�r den Abend darauf wieder verabredet haben.�</p><p>�Und?�</p><p>�Aber Carol kam nicht.�</p><p>�Sie kam nicht?�</p><p>Nadines Stimme klang k�hl, nachdenklich. Ihr Gesicht, das so ruhig und sanft war, verriet Sarah nichts.</p><p>�Nein. Gestern begegneten wir uns in der Hotelhalle. Ich sprach sie an, aber sie sagte kein Wort. Sah mich nur kurz an, wandte den Blick ab und eilte weiter.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>Das Gespr�ch stockte. Es fiel Sarah schwer weiterzusprechen. Schlie�lich sagte Nadine Boynton: �Das - tut mir sehr Leid. Carol ist - ziemlich �ngstlich und scheu.�</p><p>Wieder Schweigen. Sarah nahm ihren ganzen Mut zusammen. �Wissen Sie, Mrs. Boynton, ich bin �rztin. Und ich glaube -ich glaube, dass es f�r Ihre Schw�gerin gut w�re, wenn sie - sich nicht zu sehr von anderen Menschen abkapseln w�rde.�</p><p>Nadine Boynton sah Sarah nachdenklich an. �Ich verstehe. Sie sind also �rztin. Das ist nat�rlich etwas anderes.�</p><p>�Dann verstehen Sie, wovon ich spreche?�, sagte Sarah eindringlich.</p><p>Nadine neigte den Kopf. Sie war noch immer gedankenvoll.</p><p>�Sie haben nat�rlich vollkommen Recht�, sagte sie nach einer Weile. �Aber es ist nicht so einfach. Meine Schwiegermutter ist bei schlechter Gesundheit und sie hat eine, ich m�chte sagen, krankhafte Abneigung dagegen, Au�enstehende in den Kreis ihrer Familie vordringen zu lassen.�</p><p>�Aber Carol ist eine erwachsene Frau!�, sagte Sarah rebellisch.</p><p>Nadine Boynton sch�ttelte den Kopf.</p><p>�O nein�, sagte sie. �K�rperlich vielleicht, aber nicht geistig. Das m�ssen Sie doch bemerkt haben, als Sie mit ihr sprachen. In einer kritischen Situation wird sie immer wie ein ver�ngstigtes Kind reagieren.�</p><p>�Glauben Sie, dass das der Grund war? Glauben Sie, dass sie - Angst bekam?�</p><p>�Ich k�nnte mir vorstellen, dass meine Schwiegermutter darauf bestand, dass Carol nichts mehr mit Ihnen zu tun hat, Miss King.�</p><p>�Und Carol gehorchte?�</p><p>Nadine Boynton sagte ruhig: �K�nnen Sie sich wirklich etwas anderes bei ihr vorstellen?�</p><p>Die Blicke der beiden Frauen trafen sich. Sarah sp�rte, dass sie und Nadine sich hinter der Maske konventioneller Worte verstanden. Sie hatte das Gef�hl, dass die andere die Situation richtig einsch�tzte, aber offensichtlich nicht bereit war, dar�ber zu sprechen.</p><p>Sarah lie� den Mut sinken. Neulich abends hatte sie das Gef�hl gehabt, dass die Schlacht schon halb gewonnen sei. Sie hatte geglaubt, Carol bei weiteren heimlichen Treffen zur Auflehnung anstacheln zu k�nnen - sie und nat�rlich auch Raymond. (Um ganz ehrlich zu sein: Hatte sie dabei nicht die ganze Zeit in Wahrheit Raymond im Sinn gehabt?) Und nun war sie gleich im ersten Gefecht schm�hlich von dem unf�rmigen Koloss mit den b�sen, schadenfrohen Augen besiegt worden. Carol hatte sich kampflos geschlagen gegeben.</p><p>�Aber das ist doch v�llig <emphasis><strong>falsch!�,</strong></emphasis> rief Sarah aus.</p><p>Nadine sagte nichts. Ihr Schweigen traf Sarah wie eine eiskalte Hand, die sich auf ihr Herz legte. Sie dachte: Diese Frau wei� viel besser als ich, wie hoffnungslos alles ist. Sie muss damit <emphasis><strong>leben!</strong></emphasis></p><p>Die Fahrstuhlt�ren �ffneten sich, und die alte Mrs. Boynton trat heraus. Sie ging auf ihren Stock gelehnt, w�hrend Raymond sie auf der anderen Seite st�tzte.</p><p>Sarah zuckte leicht zusammen. Sie sah, wie die Augen der alten Frau von ihr zu Nadine und wieder zur�ck wanderten. Sie war darauf gefasst gewesen, Abneigung in diesen Augen zu lesen, ja sogar Hass. Aber sie war nicht auf das gefasst, was sie tats�chlich in ihnen sah - triumphierendes und boshaftes Vergn�gen. Sarah wandte sich ab. Nadine ging zu den beiden hin�ber.</p><p>�Da bist du ja, Nadine�, sagte Mrs. Boynton. �Ich werde mich einen Moment setzen und ausruhen, bevor ich ausgehe.�</p><p>Die beiden halfen ihr auf einen Stuhl mit hoher R�ckenlehne. Nadine setzte sich neben sie.</p><p>�Mit wem hast du dich eben unterhalten, Nadine?�</p><p>�Mit einer Miss King.�</p><p>�Ach, ja. Das junge Ding, das neulich abends mit Raymond sprach. Nun, Ray, warum gehst du nicht hin und redest mit ihr? Sie steht dr�ben am Schreibtisch.�</p><p>Der Mund der alten Frau verzog sich zu einem breiten boshaften L�cheln, w�hrend sie Raymond betrachtete. Der junge Mann wurde rot. Er wandte das Gesicht ab und murmelte etwas.</p><p>�Was sagtest du gerade, mein Sohn?�</p><p>�Dass ich nicht mit ihr reden will.�</p><p>�Nun, das dachte ich mir. Du wirst nicht mit ihr reden. Du k�nntest es gar nicht, selbst wenn du es noch so sehr wolltest!�</p><p>Sie hustete pl�tzlich. Es klang pfeifend und keuchend.</p><p>�Ich genie�e diese Reise sehr, Nadine�, sagte sie. �Ich h�tte sie mir um nichts auf der Welt entgehen lassen.�</p><p>�Tats�chlich?� Nadines Stimme war ausdruckslos.</p><p>�Ray.�</p><p>�Ja, Mutter?�</p><p>�Hol mir einen Bogen Briefpapier - von dem Tisch dort dr�ben in der Ecke.�</p><p>Raymond gehorchte. Nadine hob den Kopf. Sie beobachtete jedoch nicht den jungen Mann, sondern die alte Frau. Mrs. Boynton hatte sich vorgebeugt, und ihre Nasenfl�gel bebten vor freudiger Erregung. Ray ging dicht an Sarah vorbei. Sie blickte auf, und auf ihrem Gesicht erschien ein erwartungsvoller Ausdruck. Er verschwand sofort, als Raymond an ihr vorbeihuschte, etwas Briefpapier aus der Mappe nahm und wieder zur�ckging.</p><p>Auf seiner Stirn standen Schwei�perlen, als er bei seiner Mutter ankam, und sein Gesicht war leichenblass.</p><p>Mrs. Boynton, die ihn scharf beobachtete, sagte ganz leise: �Aha.�</p><p>Dann sah sie, dass Nadines Blick auf ihr ruhte. Der Ausdruck, der darin lag, lie� sie vor j�hem Zorn blinzeln.</p><p>�Wo ist denn unser Mr. Cope heute Morgen?�, fragte sie.</p><p>Nadine schlug die Augen nieder. Mit ihrer sanften, ausdruckslosen Stimme erwiderte sie: �Das wei� ich nicht. Ich habe ihn noch nicht gesehen.�</p><p>�Ich mag ihn�, sagte Mrs. Boynton. �Ich mag ihn sogar sehr. Wir sollten ihn viel �fter bei uns haben. Das w�rde dir doch gefallen, stimmt�s?�</p><p>�Ja�, sagte Nadine. �Ich habe ihn auch sehr gern.�</p><p>�Was ist eigentlich in letzter Zeit mit Lennox los? Er kommt mir sehr still und teilnahmslos vor. Zwischen euch ist doch alles in Ordnung, oder?�</p><p>�Aber ja. Was sollte schon sein?�</p><p>�Keine Ahnung. Auch zwischen Eheleuten gibt es gelegentlich Spannungen. Vielleicht w�rt ihr gl�cklicher, wenn ihr euer eigenes Heim h�ttet?�</p><p>Nadine gab keine Antwort.</p><p>�Nun, was meinst du dazu? Gef�llt dir die Idee?�</p><p>Nadine sch�ttelte den Kopf. L�chelnd sagte sie: �Ich glaube nicht, dass sie <emphasis><strong>dir</strong></emphasis> gefallen w�rde, Mutter.�</p><p>Mrs. Boyntons Augenlider zuckten. Dann sagte sie scharf und giftig: �Du warst schon immer gegen mich, Nadine.�</p><p>Die junge Frau erwiderte ruhig: �Es tut mir Leid, wenn du das so siehst.�</p><p>Die alte Frau nahm ihren Stock fester in die Hand. Ihr rotes Gesicht schien noch eine Spur dunkler zu werden.</p><p>In ver�ndertem Ton sagte sie: �Ich habe meine Tropfen vergessen. Geh und hol sie mir, Nadine.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Nadine stand auf und ging durch die Halle zum Fahrstuhl. Mrs. Boynton blickte ihr nach. Raymond sa� schlaff in seinem Sessel und starrte mit glasigen Augen ungl�cklich vor sich hin.</p><p>Nadine fuhr nach oben. Sie ging durch den Korridor und betrat das Wohnzimmer ihrer Suite. Lennox sa� am Fenster. Er hatte ein Buch in der Hand, doch er las nicht. Als Nadine hereinkam, richtete er sich auf. �Hallo, Nadine.�</p><p>�Ich will nur Mutters Tropfen holen. Sie hat sie vergessen.�</p><p>Sie ging in Mrs. Boyntons Schlafzimmer. Aus einem Fl�schchen auf dem Waschtisch ma� sie sorgf�ltig die exakte Menge in ein kleines Medizinglas ab, das sie dann mit Wasser auff�llte. Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, hielt sie inne.</p><p>�Lennox.�</p><p>Es dauerte ein Weilchen, ehe er antwortete. Es war, als m�sste das Wort einen langen Weg zur�cklegen.</p><p>Dann sagte er: ����Entschuldige. Was gibt�s?�</p><p>Nadine Boynton stellte das Glas behutsam auf dem Tisch ab. Dann ging sie hin�ber zu Lennox.</p><p>�Lennox, drau�en scheint die Sonne -dort drau�en, vor dem Fenster! Dort wartet das Leben! Es ist so sch�n. Wir k�nnten mittendrin sein - statt es von hier drinnen durch das Fenster zu betrachten.�</p><p>Wieder gab er geraume Zeit keine Antwort. Dann sagte er: �Entschuldige. M�chtest du ausgehen?�</p><p>�Ja�, erwiderte sie rasch, �ich m�chte hinausgehen - mit dir! Hinaus in den Sonnenschein, hinaus ins Leben! Und mit dir zusammen <emphasis><strong>leben!�</strong></emphasis></p><p>Er kauerte sich tiefer in den Sessel. In seinen Augen lag ein ruheloser, gehetzter Blick.</p><p>�Nadine, mein Schatz - m�ssen wir schon wieder davon anfangen?�</p><p>�Ja, das m�ssen wir. Lass uns fortgehen und irgendwo unser eigenes Leben f�hren.�</p><p>�Wie denn? Wir haben doch kein Geld.�</p><p>�Dann gehen wir eben arbeiten.�</p><p>�Wie denn? Was k�nnen wir denn? Ich habe nichts gelernt. Und es gibt Tausende von Arbeitslosen - qualifizierte Leute, gut ausgebildete Leute. Nein, wir w�rden es nie schaffen.�</p><p>�Dann verdiene ich eben f�r uns beide.�</p><p>�Mein liebes Kind, du hast ja nicht einmal deine Ausbildung abgeschlossen. Es ist hoffnungslos - und unm�glich.�</p><p>�Nein, hoffnungslos und unm�glich ist nur unser derzeitiges Leben.�</p><p>�Du wei�t nicht, was du da redest. Mutter ist sehr gut zu uns. Sie gibt uns alles, was wir uns nur w�nschen k�nnen.�</p><p>�Au�er Freiheit. Lennox, gib dir einen Ruck! Lass uns weggehen - noch heute!�</p><p>�Du bist ja verr�ckt, Nadine.�</p><p>�Nein, ganz und gar nicht. Ich bin absolut bei klarem Verstand. Ich m�chte mein eigenes Leben f�hren, mit dir, drau�en im Sonnenschein - nicht erdr�ckt vom Schatten einer alten Frau, die ein Tyrann ist und der es Vergn�gen bereitet, andere ungl�cklich zu machen.�</p><p>�Mutter mag ja etwas autorit�r sein, aber - �</p><p>�Deine Mutter ist wahnsinnig! Sie ist geisteskrank! �</p><p>�Das ist nicht wahr�, sagte er ruhig. �Sie ist eine bemerkenswert t�chtige Gesch�ftsfrau. �</p><p>�Das ja - vielleicht.�</p><p>�Und dir muss auch klar sein, dass sie nicht ewig leben kann. Sie wird alt, und sie ist in schlechter k�rperlicher Verfassung. Nach ihrem Tod wird das Verm�gen meines Vaters zu gleichen Teilen unter uns Kindern aufgeteilt. Sie hat uns das Testament selbst vorgelesen, wie du wei�t.�</p><p>�Wenn sie stirbt�, sagte Nadine, �ist es vielleicht zu sp�t.�</p><p>�Zu sp�t wof�r?�</p><p>�Zu sp�t, um gl�cklich zu werden.�</p><p>Lennox wiederholte leise: �Zu sp�t, um gl�cklich zu werden.�</p><p>Pl�tzlich erschauerte er. Nadine trat n�her zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter.</p><p>�Lennox, ich liebe dich. Hier geht es um einen Kampf zwischen deiner Mutter und mir. Auf wessen Seite stehst du - auf ihrer oder meiner?�</p><p>�Auf deiner! Auf deiner nat�rlich!�</p><p>�Dann tu, um was ich dich bitte.�</p><p>�Das kann ich nicht!�</p><p>�Doch, du kannst es. �berleg doch mal, Lennox, wir k�nnten Kinder haben.�</p><p>�Mutter m�chte ja, dass wir Kinder haben. Sie hat es selbst gesagt.�</p><p>�Ich wei�, aber ich werde keine Kinder in die Welt setzen, die so aufwachsen m�ssen, wie ihr aufgewachsen seid. Euch kann eure Mutter beeinflussen, aber �ber mich hat sie keine Macht.�</p><p>Lennox sagte leise: �Du machst sie manchmal w�tend. Das ist sehr unklug, Nadine.�</p><p>�Sie ist blo� w�tend, weil sie wei�, dass sie keinen Einfluss auf mich hat und mir nicht vorschreiben kann, was ich zu denken habe!�</p><p>�Ich wei� ja, dass du immer h�flich und freundlich zu ihr bist. Du bist wunderbar. Du bist zu gut f�r mich. Bist es immer gewesen. Als du sagtest, dass du mich heiraten w�rdest, konnte ich mein Gl�ck kaum fassen.�</p><p>Nadine sagte leise: �Es war falsch von mir, dich zu heiraten.�</p><p>�Ja, es war falsch.� Lennox� Stimme klang hoffnungslos.</p><p>�Du verstehst nicht, was ich meine. Ich will damit sagen, wenn ich damals fortgegangen w�re und dich gebeten h�tte, mit mir zu kommen, dann h�ttest du es getan. Ja, ich glaube, du w�rst mitgekommen. Aber ich war damals noch zu jung, um deine Mutter zu durchschauen und zu begreifen, worauf sie aus war.�</p><p>Sie hielt kurz inne und fuhr dann fort: �Du weigerst dich also, mit mir wegzugehen? Nun, ich kann dich nicht dazu zwingen. Aber mir steht es frei zu gehen! Und ich glaube - ich glaube, ich werde tats�chlich fortgehen.�</p><p>Lennox starrte sie ungl�ubig an. Zum ersten Mal antwortete er, ohne zu z�gern, als h�tte der tr�ge Strom seiner Gedanken endlich schneller zu flie�en begonnen. �Aber - aber - das kannst du nicht�, stammelte er. �Mutter - Mutter w�rde es nie zulassen.�</p><p>�Sie kann mich nicht daran hindern.�</p><p>�Aber du hast kein Geld.�</p><p>�Ich kann arbeiten, borgen, betteln oder stehlen. Versteh doch endlich, Lennox: Deine Mutter hat keine Macht �ber mich! Ich kann gehen oder bleiben, ganz wie es mir beliebt.</p><p>Und allm�hlich glaube ich, dass ich dieses Leben lange genug ertragen habe.�</p><p>�Nadine - verlass mich nicht! Bitte verlass mich nicht!�</p><p>Sie sah ihn nachdenklich an, ruhig, mit unergr�ndlicher Miene.</p><p>�Verlass mich nicht, Nadine.�</p><p>Er sprach wie ein Kind. Sie wandte das Gesicht ab, damit er nicht die j�he Qual in ihren Augen sah.</p><p>Sie kniete neben ihm nieder.</p><p><emphasis><strong>�Dann komm mit.</strong></emphasis> Geh mit mir fort! Du kannst es. Du musst es nur wollen!�</p><p>Er wich vor ihr zur�ck.</p><p>�Ich kann nicht. Ich kann es einfach nicht. Begreif das doch. Gott steh mir bei -<emphasis><strong>ich habe nicht den Mut dazu...�</strong></emphasis></p></section><section><title><p id="_bookmark10"><strong>Neuntes Kapitel</strong></p></title><p>Dr. Gerard betrat die R�ume des Reiseb�ros Castle und sah dort Sarah King am Tresen stehen.</p><p>Sie blickte auf. �Oh, guten Morgen! Ich mache gerade den Ausflug nach Petra perfekt. Wie ich h�re, fahren Sie nun doch mit.�</p><p>�Ja, ich konnte es so einrichten.�</p><p>�Wie sch�n.�</p><p>�Werden wir eine gro�e Gruppe sein?�</p><p>�Wie man mir sagte, sind au�er Ihnen und mir nur noch zwei Damen dabei. Also gerade ein Wagen voll.�</p><p>�Das wird bestimmt sehr nett�, sagte Gerard mit einer kleinen Verbeugung und widmete sich dann seinen Angelegenheiten.</p><p>Als Sarah das Reiseb�ro verlie�, schloss er sich, mit seiner Post in der Hand, ihr wieder an. Es war ein klarer, sonniger Tag, und die Luft war ausgesprochen frisch.</p><p>�Was gibt es Neues von unseren Freunden, den Boyntons?�, erkundigte sich Dr. Gerard. �Ich war in Nazareth und Bethlehem und einigen anderen Orten -ein dreit�giger Ausflug.�</p><p>Langsam und fast widerstrebend berichtete Sarah von ihren fruchtlosen Bem�hungen, Kontakt herzustellen.</p><p>�Jedenfalls hatte ich keinen Erfolg�, sagte sie abschlie�end. �Und heute reisen sie ab.�</p><p>�Wohin fahren sie?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung.�</p><p>�rgerlich fuhr sie fort: �Ich habe das dumme Gef�hl, dass ich mich ziemlich zum Narren gemacht habe.�</p><p>�In welcher Hinsicht?�</p><p>�Mich in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen. �</p><p>Gerard zuckte die Schultern. �Das ist Ansichtssache.�</p><p>�Sie meinen, ob man sich einmischen soll oder nicht?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Tun Sie es?�</p><p>Der Franzose schien am�siert zu sein. �Sie meinen, ob ich die Angewohnheit habe, mich mit den Problemen anderer Leute zu befassen? Um ganz ehrlich zu sein: Nein.�</p><p>�Dann halten Sie es also f�r falsch, dass ich versucht habe, mich einzumischen?�</p><p>�Nein, o nein, Sie missverstehen mich.� Gerard sprach schnell und mit Nachdruck weiter. �F�r mich ist es eine rein akademische Frage, ob man - wenn man sieht, dass Unrecht geschieht - versuchen sollte, etwas dagegen zu unternehmen. Das eigene Eingreifen kann von Nutzen sein -aber es kann auch unermesslichen Schaden anrichten! Es lassen sich hierzu keine festen Regeln aufstellen. Manche Leute haben eine Begabung daf�r, sich einzumischen - sie machen ihre Sache gut! Andere gehen dabei plump vor und sollten besser die Finger davon lassen! Aber es ist auch eine Frage des Alters. Junge Menschen besitzen den Mut ihrer Ideale und �berzeugungen - ihre Wertvorstellungen sind eher theoretischer als praktischer Art. Sie wissen noch nicht aus eigener Erfahrung, dass Theorie und Praxis zweierlei Dinge sind! Wenn man an sich selbst und an die Rechtm��igkeit seines Tuns glaubt, kann man oft Dinge erreichen, die den Einsatz wirklich lohnen. Nebenbei bemerkt, richtet man dabei aber auch oft sehr viel Schaden an. Ein �lterer Mensch dagegen besitzt Erfahrung. Er hat festgestellt, dass es in den meisten F�llen mehr schadet als n�tzt, wenn man versucht, sich einzumischen - und darum unterl�sst er es klugerweise! Das Resultat ist praktisch das gleiche: Der engagierte junge Mensch richtet nicht nur Schaden an, sondern tut auch Gutes, und der vorsichtig gewordene �ltere Mensch tut keins von beiden.�</p><p>�Was Sie da sagen, ist nicht gerade hilfreich�, wandte Sarah ein.</p><p>�Kann ein Mensch einem anderen denn �berhaupt helfen? Aber es ist <emphasis><strong>Ihr</strong></emphasis> Problem, nicht meines.�</p><p>�Hei�t das, dass Sie im Fall der Boyntons nichts unternehmen werden?�</p><p>�Genau. Ich h�tte keinerlei Aussichten auf Erfolg.�</p><p>�Dann habe ich wohl auch keine.�</p><p>�Bei Ihnen k�nnte es sich anders verhalten.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Weil Sie �ber besondere Voraussetzungen verf�gen. Die Zugkraft Ihrer Jugend und Ihres Geschlechts.�</p><p>�Meines Geschlechts? Ach so.�</p><p>�Darauf l�uft es letzten Endes immer hinaus, habe ich Recht? Bei dem jungen M�dchen hatten Sie kein Gl�ck. Das bedeutet nicht, dass es Ihnen bei dem Bruder ebenso ergehen muss. Was Sie mir vorhin erz�hlt haben - von dem, was Carol Boynton Ihnen sagte -, zeigt deutlich, von welcher Seite Mrs. Boyntons Herrschsucht Gefahr droht. Der �lteste Sohn, Lennox, widersetzte sich ihr im �berschwang des fr�hen Mannesalters. Er schlich sich aus dem Haus, ging tanzen. Das Verlangen nach einer Gef�hrtin war st�rker als der hypnotische Bann. Aber die alte Frau wusste um die Macht des Geschlechtstriebs. Bei ihrem Beruf wird sie oft genug damit konfrontiert gewesen sein. Und so fand sie eine raffinierte L�sung: holte ein h�bsches, aber mittelloses junges M�dchen ins Haus, beg�nstigte eine Heirat - und erwarb dadurch einen weiteren Sklaven.�</p><p>Sarah sch�ttelte den Kopf. �Ich glaube nicht, dass die junge Mrs. Boynton ihre Sklavin ist.�</p><p>Gerard stimmte ihr zu.</p><p>�Nein, vermutlich nicht. Ich glaube, dass die alte Mrs. Boynton Nadines Willenskraft und Charakterst�rke untersch�tzte, weil sie ruhig und f�gsam war. Nadine Boynton war damals noch zu jung und unerfahren, um die Situation richtig einzusch�tzen. Inzwischen kennt sie sie genau, aber jetzt ist es zu sp�t.�</p><p>�Glauben Sie, dass sie die Hoffnung aufgegeben hat?�</p><p>Dr. Gerard sch�ttelte zweifelnd den Kopf.</p><p>�Falls sie Pl�ne hat, dann wei� bestimmt niemand davon. Es gibt da gewisse M�glichkeiten, was Mr. Cope betrifft. Der Mensch ist von Natur aus eifers�chtig -und Eifersucht ist ein starker Antrieb. Lennox Boynton k�nnte noch aus der Lethargie zu rei�en sein, in der er zu versinken droht.�</p><p>�Und Sie meinen� - Sarah bem�hte sich bewusst um einen sachlichen und gesch�ftsm��igen Ton -, �dass eine Chance besteht, dass ich bei Raymond etwas ausrichten k�nnte?�</p><p>�Ja.�</p><p>Sarah seufzte. �Ich h�tte es ja versuchen k�nnen. Aber jetzt ist es sowieso zu sp�t. Im �brigen ist mir ohnehin nicht ganz wohl dabei.�</p><p>Gerard schien am�siert zu sein. �Weil Sie Engl�nderin sind! Die Engl�nder haben Komplexe, was das Sexuelle betrifft. Sie halten es f�r &gt;nicht salonf�hig &lt;.�</p><p>Sarahs indignierte Reaktion beeindruckte ihn nicht.</p><p>�Aber es ist so! Ich wei�, dass Sie sehr modern sind, dass Sie in aller �ffentlichkeit die ungeh�rigsten W�rter benutzen, die Sie im Lexikon finden k�nnen, dass Sie n�chtern und absolut ungeniert sind! <emphasis><strong>Tout de m�me</strong></emphasis> behaupte ich, dass Sie sich nicht von Ihrer Mutter und Ihrer Gro�mutter unterscheiden. Sie sind noch immer die z�chtig err�tende englische Miss, auch wenn sie nicht mehr err�ten!�</p><p>�Ich habe noch nie einen solchen Unsinn geh�rt!�</p><p>Mit einem verschmitzten Zwinkern und v�llig unger�hrt f�gte Dr. Gerard hinzu: �Und Sie sehen dabei entz�ckend aus.�</p><p>Diesmal war Sarah sprachlos.</p><p>Dr. Gerard zog eilends den Hut. �Ich will mich lieber verabschieden�, sagte er, �bevor Sie Zeit haben, alles auszusprechen, was Ihnen jetzt im Kopf herumgeht.� Er verzog sich rasch ins Hotel.</p><p>Sarah folgte ihm langsam.</p><p>Vor dem Hotel herrschte ziemlich viel Betrieb. Mehrere mit Gep�ck beladene Autos waren im Begriff abzufahren. Lennox und Nadine Boynton standen mit Mr. Cope neben einer schweren Limousine und �berwachten die Vorbereitungen zur Abreise. Ein dicker Dragoman redete in einem kaum verst�ndlichen Kauderwelsch auf Carol ein.</p><p>Sarah ging wortlos an ihnen vorbei und betrat das Hotel.</p><p>Mrs. Boynton sa�, in einen dicken Mantel geh�llt, aufbruchbereit in einem Sessel. Als Sarah sie betrachtete, merkte sie, wie ihre Gef�hle gegen�ber der alten Frau pl�tzlich umschlugen. Sie hatte Mrs. Boynton f�r eine finstere Macht gehalten, f�r die Verk�rperung heimt�ckischer B�swilligkeit.</p><p>Auf einmal sah sie in der alten Frau nur noch eine bemitleidenswerte, armselige Figur. Mit einer solchen Machtgier geboren zu sein, einem solchen Verlangen, andere zu beherrschen - und dann nichts weiter als ein kleiner Haustyrann zu werden! Wenn doch ihre Kinder sie so sehen k�nnten, wie Sarah sie in diesem Moment sah - ein Gegenstand des Mitleids, eine dumme, b�sartige, armselige, sich aufspielende alte Frau. Sarah ging spontan zu ihr hin�ber.</p><p>�Auf Wiedersehen, Mrs. Boynton�, sagte sie. �Ich w�nsche Ihnen eine gute Reise.�</p><p>Die alte Dame blickte auf. In ihren Augen k�mpften Feindseligkeit und Emp�rung miteinander.</p><p>�Sie hatten es darauf angelegt, unh�flich zu mir zu sein�, sagte Sarah. (Sie fragte sich, ob sie verr�ckt geworden war, was in aller Welt sie dazu brachte, so zu reden.)</p><p>�Sie haben versucht, Ihren Sohn und Ihre Tochter daran zu hindern, sich mit mir anzufreunden. Finden Sie nicht, dass das ausgesprochen albern und kindisch ist? Sie stellen sich gern als eine Art Ungeheuer dar, aber wissen Sie, im Grunde sind Sie lediglich bemitleidenswert und ziemlich l�cherlich. Wenn ich Sie w�re, w�rde ich mit dem albernen Theater aufh�ren. Ich nehme an, dass ich mich mit meiner Offenheit bei Ihnen sehr unbeliebt mache, aber ich meine es ernst - und hoffe, dass etwas davon h�ngen bleibt. Sie k�nnten noch viel Freude am Leben haben. Es ist n�mlich wirklich viel besser, freundlich und nett zu sein. Sie m�ssen es nur einmal versuchen.�</p><p>Sie hielt inne.</p><p>Mrs. Boynton war wie zur Salzs�ule erstarrt. Schlie�lich fuhr sie sich mit der Zunge �ber die trockenen Lippen, ihr Mund �ffnete sich - aber ihr fehlten noch immer die Worte.</p><p>�Nur zu!�, sagte Sarah aufmunternd. �Sprechen Sie es aus! Es ist mir egal, was Sie sagen. Aber denken Sie daran, was ich Ihnen gesagt habe.�</p><p>Endlich fand Mrs. Boynton die Sprache wieder - und ihre leise, raue, aber durchdringende ���Stimme. ���Ihr Basiliskenblick ruhte nicht auf Sarah, sondern seltsamerweise auf einem Punkt hinter ihr. Sie schien ihre Worte nicht an Sarah zu richten, sondern an einen vertrauten Geist.</p><p><emphasis><strong>�Ich vergesse nichts�,</strong></emphasis> sagte sie. <emphasis><strong>�Merken Sie sich das gut. Ich vergesse niemals etwas</strong></emphasis> - <emphasis><strong>keine Handlung, keinen Namen, kein Gesicht...�</strong></emphasis></p><p>Die Worte selbst hatten nicht viel zu besagen, aber die Geh�ssigkeit, mit der sie ausgesprochen wurden, lie� Sarah einen Schritt zur�ckweichen. Und dann lachte Mrs. Boynton - lachte auf eine ganz widerw�rtige Weise.</p><p>Sarah zuckte die Schultern und sagte: �Sie tun mir Leid.�</p><p>Sie wandte sich ab und ging zum Fahrstuhl, wo sie beinahe mit Raymond Boynton zusammengesto�en w�re. Einer pl�tzlichen Eingebung folgend, sagte sie schnell: �Auf Wiedersehen. Ich hoffe, Sie haben eine angenehme Reise. Vielleicht begegnen wir uns einmal wieder.� Sie schenkte ihm ein warmes, freundliches L�cheln und ging rasch weiter.</p><p>Raymond stand wie versteinert da. Er war so in Gedanken versunken, dass der kleine Mann mit dem gro�en Schnurrbart, der den Lift verlassen wollte, mehrmals <emphasis><strong>�Pardon!�</strong></emphasis> sagen musste.</p><p>Endlich h�rte ihn Raymond und trat zur Seite.</p><p>�Entschuldigung�, sagte er. �Ich war mit meinen Gedanken woanders.�</p><p>Carol kam auf ihn zu.</p><p>�Ray, w�rdest du bitte Jinny holen? Sie ist noch mal auf ihr Zimmer gegangen. Wir k�nnen j etzt fahren. �</p><p>�Klar. Ich sage ihr, dass sie gleich herunterkommen soll.�</p><p>Raymond nahm den Lift.</p><p>Hercule Poirot stand da und sah ihm mit leicht gerunzelter Stirn nach, den Kopf wie lauschend schief gelegt.</p><p>Dann nickte er zustimmend vor sich hin. Auf dem Weg durch die Halle warf er einen langen Blick auf Carol, die sich zu ihrer Mutter gesetzt hatte.</p><p>Dann winkte er dem Oberkellner, der gerade vorbeiging.</p><p><emphasis><strong>�Pardon.</strong></emphasis> K�nnten Sie mir sagen, wie die Herrschaften von dr�ben hei�en?�</p><p>�Ihr Name ist Boynton, Monsieur. Sie sind Amerikaner.�</p><p>�Vielen Dank�, sagte Hercule Poirot.</p><p>In der dritten Etage kamen Dr. Gerard, der sich auf dem Weg zu seinem Zimmer befand, Raymond Boynton und Ginevra entgegen, die zum Fahrstuhl gingen. Gerade als sie im Begriff waren einzusteigen, sagte Ginevra: �Warte bitte einen Moment im Lift auf mich, Ray.�</p><p>Sie lief zur�ck, bog um eine Ecke und holte Dr. Gerard ein. �Bitte - ich muss Sie sprechen.�</p><p>Gerard sah sie erstaunt an.</p><p>Das M�dchen trat dicht an ihn heran und packte seinen Arm.</p><p>�Sie wollen mich wegbringen! Vielleicht sogar t�ten. Ich geh�re gar nicht zu ihnen, m�ssen Sie wissen. Mein richtiger Name ist gar nicht Boynton.�</p><p>Sie sprach hastig weiter, und die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus.</p><p>�Ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Ich bin - ich bin n�mlich <emphasis><strong>k�niglichen Gebl�ts!</strong></emphasis> Wirklich! Und darum</p><p>- darum bin ich �berall von Feinden umringt. Sie wollen mich vergiften - mir alles M�gliche antun. Wenn Sie mir helfen k�nnten zu fliehen, dann - �</p><p>Sie brach ab, da Schritte zu h�ren waren.</p><p>�Jinny?�</p><p>Sie machte eine erschrockene Bewegung, die sie sehr sch�n aussehen lie�, legte den Finger an die Lippen, warf Gerard einen flehenden Blick zu und lief zum Fahrstuhl.</p><p>�Ich komme, Ray.�</p><p>Dr. Gerard ging mit verdutzter Miene weiter. Dann sch�ttelte er langsam den Kopf und runzelte die Stirn.</p></section><section><title><p id="_bookmark11"><strong>Zehntes Kapitel</strong></p></title><p>Es war der Morgen des Aufbruchs nach Petra.</p><p>Als Sarah herunterkam, sah sie eine gro�e, herrische Frau mit Pferdegesicht vor dem Eingang stehen, die ihr schon fr�her im Hotel aufgefallen war und die lautstark gegen die Gr��e des Wagens protestierte.</p><p>�Ausgeschlossen! Auf gar keinen Fall! Der soll f�r vier Personen sein? <emphasis><strong>Und</strong></emphasis> einen Dragoman? Da brauchen wir selbstverst�ndlich eine wesentlich gr��ere Limousine. Sie bringen diesen Wagen auf der Stelle zur�ck und beschaffen einen ad�quateren ! �</p><p>Vergebens erhob der Vertreter der Firma Castle die Stimme, um alles zu erkl�ren. Dass dies genau der Wagentyp sei, der immer zur Verf�gung gestellt werde. Dass das wirklich ein sehr komfortabler Wagen sei. Dass ein gr��erer Wagen f�r W�stenfahrten ungeeignet sei. Doch die stattliche Frau ging, metaphorisch gesprochen, �ber ihn hinweg wie eine Dampfwalze.</p><p>Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit Sarah zu.</p><p>�Miss King? Ich bin Lady Westholme. Sie stimmen mir doch zu, dass dieser Wagen absolut unzumutbar ist?�</p><p>�Tja�, sagte Sarah vorsichtig, �ich muss zugeben, dass ein gr��erer tats�chlich komfortabler w�re.�</p><p>Der junge Mann von der Firma Castle murmelte, dass ein gr��erer Wagen nur gegen Aufpreis zu haben sei.</p><p>�In Ihrem Preis�, sagte Lady Westholme bestimmt, �ist alles eingeschlossen, und ich weigere mich ganz entschieden, einen Aufschlag zu bezahlen. In Ihrem Prospekt steht klipp und klar: ���&gt;in bequemer Limousine&lt;. Und Sie werden die Bedingungen des Vertrags erf�llen.�</p><p>Der junge Mann von der Firma Castle gab sich geschlagen, murmelte etwas davon, dass er sehen werde, was sich machen lasse, und verzog sich.</p><p>Lady Westholme sah Sarah an, ein triumphierendes�L�cheln�im wettergegerbten Gesicht, die breiten roten Pferden�stern frohlockend gebl�ht.</p><p>Lady Westholme war eine prominente Pers�nlichkeit im politischen Leben Englands. Als Lord Westholme, ein Angeh�riger des britischen Hochadels, ein Mann von mittlerem Alter und schlichter Gem�tsart, dessen einzige Interessen im Leben Jagen, Schie�en und Fischen waren, eines Tages von einer Reise in die Vereinigten Staaten zur�ckkehrte, befand sich unter den Passagieren an Bord auch eine Mrs. Vansittart. Kurz darauf wurde aus Mrs. Vansittart Lady Westholme. Die Verbindung wurde oft als anschaulicher Beweis f�r die Gefahren einer Schiffsreise angef�hrt. Die neue Lady Westholme trug nur noch Tweed und derbe Schuhe, z�chtete Hunde, drangsalierte die Dorfbewohner und dr�ngte ihren Gatten erbarmungslos, ein �ffentliches Amt anzustreben. Als jedoch selbst sie einsehen musste, dass die Politik nicht Lord Westholmes Sache war und es auch nie sein w�rde, gestattete sie ihm gn�dig, sich wieder seinen sportlichen Aktivit�ten zuzuwenden, und kandidierte selbst f�r das Parlament. Nachdem sie mit deutlicher Mehrheit gew�hlt worden war, st�rzte sich Lady Westholme mit Feuereifer in die Politik, wo sie sich insbesondere in den parlamentarischen Fragestunden hervortat. Schon bald erschienen die ersten Karikaturen von ihr (immer ein untr�gliches Zeichen f�r Erfolg). Als Pers�nlichkeit des �ffentlichen Lebens trat sie ein f�r die altmodischen Werte der Familie, f�r die Verbesserung der Stellung der Frau und war eine gl�hende Verfechterin des V�lkerbundes. Sie hatte entschiedene Ansichten in puncto Landwirtschaft, Wohnungsbau und was die Sanierung von Elendsvierteln betraf. Sie fl��te allgemein Respekt ein und machte sich fast �berall unbeliebt! Jedermann ging davon aus, dass sie Unterstaatssekret�rin werden w�rde, wenn ihre Partei wieder ans Ruder kam. Im Augenblick waren allerdings (aufgrund eines Zerw�rfnisses der Koalitionsregierung aus Labour und Konservativen) wider Erwarten die Liberalen an der Macht.</p><p>Lady Westholme blickte mit grimmiger Befriedigung dem abfahrenden Wagen nach. �M�nner glauben immer, sie k�nnten sich bei Frauen alles erlauben�, sagte sie.</p><p>Sarah dachte, dass ein Mann, der glaubte, sich bei Lady Westholme Freiheiten herausnehmen zu k�nnen, eine geh�rige Portion Mut besitzen musste! Sie stellte Dr. Gerard vor, der gerade aus dem Hotel gekommen war.</p><p>�Ihr Name ist mir nat�rlich bekannt�, sagte Lady Westholme und sch�ttelte ihm die Hand. �Ich sprach neulich in Paris mit Professor Chantereau. Ich befasse mich in letzter Zeit n�mlich eingehend mit dem Problem der Behandlung mittelloser Geisteskranker. Sehr eingehend sogar. Wollen wir nicht hineingehen und drinnen warten, bis ein besserer Wagen gebracht wird?�</p><p>Eine unscheinbare kleine Frau mittleren Alters mit grauen Haarstr�hnen, die sich in der N�he aufgehalten hatte, erwies sich als Miss Amabel Pierce, das vierte Mitglied der Reisegesellschaft. Auch sie wurde unter Lady Westholmes f�rsorglichen Fittichen in die Halle expediert.</p><p>�Sind Sie berufst�tig, Miss King?�</p><p>�Ja. Ich bin �rztin.�</p><p>�Gut�, sagte Lady Westholme beif�llig und etwas g�nnerhaft. �Wenn sich auf der Welt etwas �ndern soll, dann nur durch den t�tigen Einsatz von Frauen, das k�nnen Sie mir glauben!�</p><p>Sarah, der ihr eigenes Geschlecht zum ersten Mal ein gewisses Unbehagen verursachte, folgte Lady Westholme gehorsam zu einer Sitzgruppe.</p><p>W�hrend sie dort sa�en und warteten, unterrichtete Lady Westholme alle davon, dass sie die Einladung, w�hrend ihres Aufenthaltes in Jerusalem beim Hochkommissar zu logieren, abgelehnt hatte. �Ich wollte mich nicht durch offizielle Verpflichtungen einengen lassen. Ich wollte mir selbst ein Bild machen.�</p><p>�Wovon?�, erkundigte sich Sarah.</p><p>Woraufhin Lady Westholme ihr auseinander setzte, dass sie im <emphasis><strong>Solomon</strong></emphasis> abgestiegen war, um tun und lassen zu k�nnen, was sie wollte. Erg�nzend f�gte sie hinzu, dass sie dem Hoteldirektor bereits mehrere Vorschl�ge bez�glich einer kompetenteren F�hrung des Hauses unterbreitet habe.</p><p>�Immer effizient sein�, sagte Lady Westholme, �das ist meine Devise!�</p><p>Sie schien es in der Tat zu sein. Schon eine Viertelstunde sp�ter fuhr ein gro�er und �u�erst bequemer Wagen vor, und zu gegebener Zeit - nachdem Lady Westholme exakte Anweisungen gegeben hatte, wie das Gep�ck zu verstauen war -brach die Gesellschaft auf.</p><p>Am Toten Meer wurde das erste Mal Halt gemacht. Zu Mittag a�en sie in Jericho. Danach war Lady Westholme, mit dem Baedeker bewaffnet, zusammen mit Miss Pierce, dem Doktor und dem beleibten Dragoman zu einem Rundgang durch das alte Jericho aufgebrochen, w�hrend Sarah im Garten des Hotels geblieben war.</p><p>Sie hatte leichte Kopfschmerzen und wollte allein sein. Tiefe Niedergeschlagenheit hatte sich ihrer bem�chtigt -eine Niedergeschlagenheit, die sie sich nicht erkl�ren konnte. Sie war auf einmal lustlos und desinteressiert, wollte nichts besichtigen, f�hlte sich von ihren Mitreisenden ange�det. In diesem Augenblick w�nschte sie nur, sie h�tte sich nie auf diesen Abstecher nach Petra eingelassen. Der Ausflug w�rde sehr kostspielig werden, und sie war �berzeugt, dass sie ihn nicht genie�en w�rde! Lady Westholmes dr�hnende Stimme, das ununterbrochene Geschnatter von Miss Pierce und das antizionistische Lamento des Dragomans strapazierten ihre Nerven schon jetzt �ber Geb�hr. Fast ebenso sehr missfiel ihr Dr. Gerards am�sierte Miene, als w�sste er ganz genau, was in ihr vorging.</p><p>Sie fragte sich, wo die Boyntons jetzt wohl waren. Vielleicht waren sie nach Syrien weitergefahren, waren in Baalbek oder in Damaskus. Und Raymond � was er wohl gerade machte? Seltsam, wie deutlich sie sein Gesicht vor sich sah � den Eifer, die Sch�chternheit, die nerv�se Spannung, die darin lagen.</p><p>Ach, zum Teufel! Wozu noch an Leute denken, die ihr wahrscheinlich nie mehr �ber den Weg laufen w�rden? Die Szene mit der alten Frau - was war blo� in sie gefahren, auf die alte Dame loszumarschieren und eine Menge Unsinn vom Stapel zu lassen! Bestimmt hatten auch andere Leute etwas davon mitbekommen. Sie glaubte sich zu erinnern, dass Lady Westholme sich in der N�he aufgehalten hatte. Sarah versuchte sich darauf zu besinnen, was genau sie zu Mrs. Boynton gesagt hatte. Irgendetwas, das v�llig abstrus und hysterisch geklungen haben musste. G�tiger Himmel, sich derart zum Narren zu machen! Aber eigentlich war es ja nicht ihre Schuld, sondern die von Mrs. Boynton. Die Frau hatte etwas an sich, das einen zum �u�ersten trieb.</p><p>Dr. Gerard kam in den Garten, lie� sich auf einen Stuhl fallen und wischte sich den Schwei� von der Stirn.</p><p>�Puh! Man sollte das Weib vergiften!�, verk�ndete er.</p><p>Sarah schreckte hoch.</p><p>�Mrs. Boynton?�</p><p>�Wieso Mrs. Boynton? Nein, ich spreche von dieser Lady Westholme! Ich finde es einfach unglaublich, dass sie seit Jahren verheiratet ist und dass ihr Herr Gemahl es nicht schon l�ngst getan hat! Was ist das nur f�r ein Mann?�</p><p>Sarah lachte.</p><p>�Nun, er ist einer von denen, die nur Jagen und Fischen im Kopf haben�, erwiderte sie.</p><p>�Psychologisch gesehen absolut verst�ndlich! Er l�sst seinen wilden Drang zu t�ten an der so genannten niederen Kreatur aus.�</p><p>�Angeblich ist er sehr stolz auf die Aktivit�ten seiner Frau.�</p><p>Der Franzose meinte trocken: �Weil sie ihre h�ufige Abwesenheit von zu Hause erfordern. Das kann ich gut verstehen.�</p><p>Dann fuhr er fort: �Sagten Sie gerade Mrs. Boynton? Zweifellos w�re es eine ausgezeichnete Idee, auch diese Dame zu vergiften. Unbestreitbar die einfachste L�sung f�r die Probleme ihrer Familie! Man sollte �berhaupt eine ganze Reihe von Frauen vergiften. N�mlich alle, die alt und h�sslich geworden sind.�</p><p>Er schnitt eine viel sagende Grimasse.</p><p>Sarah rief lachend aus: ����Ach, ihr Franzosen! Eine Frau, die nicht jung und attraktiv ist, existiert f�r euch einfach nicht!�</p><p>Gerard zuckte mit den Schultern.</p><p>�Wir sind in dieser Hinsicht nur ehrlicher, das ist alles. Stehen etwa Engl�nder in der U-Bahn oder im Zug wegen einer h�sslichen Frau auf? O nein!�</p><p>�Das Leben ist schon deprimierend�, sagte Sarah und seufzte.</p><p><emphasis><strong>�Sie</strong></emphasis> haben keinen Grund zu seufzen, Mademoiselle.�</p><p>�Ach, ich bin heute einfach schlecht gelaunt.�</p><p>�V erst�ndlich. �</p><p>�Was hei�t hier &gt;verst�ndlich&lt;?�, fauchte Sarah.</p><p>�Sie k�nnten die Ursache leicht herausfinden, wenn Sie Ihre innere Verfassung ehrlich analysieren w�rden.�</p><p>�Ich glaube, dass mir unsere Mitreisenden aufs Gem�t schlagen�, sagte Sarah. �Es klingt bestimmt schrecklich, aber ich hasse Frauen! Wenn sie albern und unbedarft sind wie Miss Pierce, machen sie mich rasend � und wenn sie so effizient sind wie Lady Westholme, regen sie mich noch viel mehr auf.�</p><p>�Meiner Meinung nach ist es unvermeidlich, dass Ihnen die beiden Damen auf die Nerven gehen. Lady Westholme ist wie geschaffen f�r das Leben, das sie f�hrt; sie ist rundum gl�cklich und zufrieden, und sie hat Erfolg. Miss Pierce war viele Jahre als Gouvernante t�tig und hat pl�tzlich ein bisschen Geld geerbt, das ihr erlaubt, sich den gr��ten Wunsch ihres Lebens zu erf�llen und zu reisen. Bis jetzt hat das Reisen alle ihre Erwartungen erf�llt. Aber da Ihnen gerade ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde und Sie nicht bekommen haben, was Sie wollten, �rgern Sie sich nat�rlich �ber Leute, die im Leben mehr erreicht haben als Sie.�</p><p>�Wahrscheinlich haben Sie Recht�, sagte Sarah tr�bsinnig. �Im Gedankenlesen scheinen Sie geradezu unversch�mt gut zu sein. Ich versuche mir immer wieder etwas vorzumachen, und Sie hindern mich daran.�</p><p>In dem Moment kamen die anderen zur�ck. Der Ersch�pfteste von den dreien schien der F�hrer zu sein. Er war ziemlich kleinlaut und gab auf der Fahrt nach Amman kaum Erkl�rungen von sich. Er erw�hnte nicht einmal die Juden. Wof�r alle zutiefst dankbar waren. Seine wortreichen und fanatischen Schilderungen ihrer Schandtaten hatten seit der Abfahrt in Jerusalem viel dazu beigetragen, jedermanns Nerven �ber Geb�hr zu strapazieren.</p><p>Die kurvenreiche Stra�e schl�ngelte sich nun vom Jordantal bergauf, wo vereinzelte Oleanderb�sche ihre rosafarbenen Bl�ten entfalteten.</p><p>Sie erreichten Amman am sp�ten Nachmittag und gingen, nach einer kurzen Besichtigung des griechisch-r�mischen Theaters, fr�h zu Bett. Sie wollten am n�chsten Morgen beizeiten aufbrechen, da man f�r die Fahrt durch die W�ste nach Ma�an einen ganzen Tag brauchte.</p><p>Kurz nach acht Uhr fuhren sie los. Alle schienen ziemlich wortkarg zu sein. Der Tag war dr�ckend hei�, und als sie gegen Mittag anhielten, um Picknick zu machen, herrschte eine wahrhaft br�tende Hitze. Der Zwang, den ganzen hei�en Tag lang mit drei anderen auf engstem Raum eingepfercht zu sein, stellte alle auf eine harte Probe.</p><p>Lady Westholme und Dr. Gerard hatten eine leicht gereizte Auseinandersetzung �ber den V�lkerbund. Lady Westholme war eine gl�hende Verfechterin des V�lkerbundes, wohingegen es dem Franzosen gefiel, geh�rig �ber besagte Institution zu l�stern. Nachdem die Haltung des V�lkerbundes gegen�ber Abessinien und Spanien ausgiebig er�rtert worden war, kamen sie auf den litauischen Grenzkonflikt zu sprechen, von dem Sarah noch nie etwas geh�rt hatte, und danach auf die Ma�nahmen besagten V�lkerbundes, Drogenbanden das Handwerk zu legen.</p><p>�Sie m�ssen doch zugeben, dass da hervorragende Arbeit geleistet wird. Ungeheuer wichtige Arbeit!�, fauchte Lady Westholme.</p><p>Dr. Gerard zuckte mit den Schultern. �Mag sein. Aber auch mit einem ungeheuren finanziellen Aufwand!�</p><p>�Die Sache ist �u�erst ernst. Das Bet�ubungsmittelgesetz besagt, dass.� Der Disput ging weiter.</p><p>Miss Pierce zwitscherte, an Sarah gewandt: �Es ist wirklich hochinteressant, mit Lady Westholme zu reisen.�</p><p>�Ach ja?�, sagte Sarah bissig, doch Miss Pierce schien den scharfen Ton nicht zu bemerken und plapperte munter weiter.</p><p>�Ich habe ihren Namen schon so <emphasis><strong>oft</strong></emphasis> in der Zeitung gesehen. Es ist einfach <emphasis><strong>fabelhaft,</strong></emphasis> dass Frauen in die Politik gehen und dort ihren Mann stehen. Ich bin immer so <emphasis><strong>froh,</strong></emphasis> wenn eine <emphasis><strong>Frau</strong></emphasis> etwas erreicht.�</p><p>�Warum?�, fragte Sarah hitzig.</p><p>Miss Pierce blieb der Mund offen stehen, und sie stammelte: �Oh, weil � ich meine � weil es � nun ja � weil es eben so sch�n ist, wenn Frauen etwas <emphasis><strong>bewirken</strong></emphasis> k�nnen!�</p><p>�Da bin ich anderer Meinung�, sagte Sarah. �Es ist sch�n, wenn <emphasis><strong>ein Mensch</strong></emphasis> ein lohnenswertes Ziel erreicht! Ganz gleich, ob das ein Mann oder eine Frau ist. Warum sollte das Geschlecht eine Rolle spielen?�</p><p>�Nun ja, gewiss.�, sagte Miss Pierce. �Ich muss zugeben � wenn man es nat�rlich <emphasis><strong>so</strong></emphasis> betrachtet.�</p><p>Aber ihr schien dabei nicht ganz wohl zu sein. Sarah sagte in freundlicherem Ton: �Es tut mir Leid, aber ich hasse nun einmal dieses Unterscheiden zwischen Mann und Frau. <emphasis><strong>&gt;Die moderne Frau hat eine durch und durch praktische Lebenseinstellung. &lt;�</strong></emphasis>So in der Art. Aber das stimmt �berhaupt nicht! Es gibt Frauen, die praktisch veranlagt sind, und andere, die es nicht sind. Es gibt M�nner, die gef�hlsbetont und verworren sind, und andere, die klar und logisch denken. Es ist alles nur eine Frage des Verstandes. Das Geschlecht spielt nur dort eine Rolle, wo es direkt um Sex geht.�</p><p>Bei dem Wort �Sex� err�tete Miss Pierce ein wenig und wechselte geschickt das Thema.</p><p>�Man kann nicht umhin, sich nach ein klein wenig Schatten zu sehnen�, murmelte sie. �Dennoch finde ich, dass diese Leere etwas Wundervolles hat, meinen Sie nicht auch?�</p><p>Sarah nickte.</p><p>Ja, dachte sie, die Leere war tats�chlich wunderbar. Heilend und friedvoll. Keine Menschen, die einen mit ihren langweiligen zwischenmenschlichen Beziehungen nervten. Keine brennenden pers�nlichen Probleme! Erst jetzt hatte sie endlich das Gef�hl, von den Boyntons frei zu sein. Befreit von dem seltsamen, unwiderstehlichen Drang, sich in das Leben von Leuten einzumischen, deren Welt die ihre nicht im Entferntesten ber�hrte. Sie f�hlte sich getr�stet und mit sich selbst im Reinen. Hier war Einsamkeit, Leere, Weite. Und Frieden.</p><p>Nur, dass man eben nicht allein war, um es auch genie�en zu k�nnen! Lady Westholme und Dr. Gerard hatten das Thema Rauschgift abgeschlossen und disputierten nun �ber arglose junge Frauen, die mittels �bler Machenschaften in argentinische Nachtlokale verschleppt wurden. Dr. Gerard hatte w�hrend des ganzen Gespr�chs eine Leichtfertigkeit an den Tag gelegt, die Lady Westholme, die wie alle waschechten Politiker keinerlei Sinn f�r Humor besa�, nur bedauerlich finden konnte.</p><p>�Wir jetzt fahren, ja?�, verk�ndete der Dragoman, dessen Kopf ein Fes zierte, und begann wieder �ber die Schandtaten der Juden zu lamentieren.</p><p>Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang erreichten sie schlie�lich Ma�an. Merkw�rdige M�nner mit wilden Gesichtern umringten den Wagen. Nach kurzem Aufenthalt ging die Fahrt weiter.</p><p>Bei der Betrachtung der ebenen W�stenlandschaft fragte sich Sarah, wo hier eigentlich die Felsenstadt Petra liegen sollte. Rundum konnte man meilenweit sehen, doch da war nichts! Nirgendwo Berge, nicht einmal H�gel. Waren sie denn immer noch so weit vom Ziel ihrer Reise entfernt?</p><p>Sie erreichten das Dorf Wadi Musa, wo die Stra�e endete und man den Wagen zur�cklassen musste. Dort warteten Pferde auf sie � klapprige, abgemagerte Tiere. Miss Pierce machte die Unzul�nglichkeit ihres gestreiften Waschkleides sehr zu schaffen. Lady Westholme hatte sich vern�nftigerweise f�r Breecheshosen entschieden, die ihre Figur zwar alles andere als vorteilhaft unterstrichen, aber zumindest praktisch waren.</p><p>Die Pferde wurden auf einem absch�ssigen, mit Ger�ll bedeckten Pfad aus dem Dorf gef�hrt. Das Gel�nde senkte sich, und die Pferde trotteten im Zickzack bergab. Es war kurz vor Sonnenuntergang.</p><p>Sarah war von der langen, hei�en Autofahrt ersch�pft. Sie f�hlte sich wie bet�ubt. Der Ritt hatte etwas Unwirkliches. Als sie sp�ter daran zur�ckdachte, kam es ihr vor, als h�tte sich der Schlund der H�lle vor ihren F��en aufgetan. Der Weg wand sich hinab � hinab in die Tiefe. Um sie herum ragten Felsformationen auf � und es ging noch immer hinab, hinab ins Innere der Erde, durch ein Labyrinth roter Felsw�nde, die sich nun zu beiden Seiten auft�rmten. Sarah glaubte, ersticken zu m�ssen � erdr�ckt zu werden von der immer enger werdenden Schlucht.</p><p>Sie dachte benommen: Hinab in das Tal des Todes � hinab in das Tal des Todes.</p><p>Weiter und weiter. Es wurde dunkel � das kr�ftige Rot der Felsw�nde verblasste � und immer weiter auf dem gewundenen Pfad, eingesperrt, verschwunden im Inneren der Erde.</p><p>Sie dachte:��Phantastisch�und unglaublich. eine tote Stadt.�</p><p>Und wieder gingen ihr die Worte �das Tal des Todes� im Kopf herum.</p><p>Dann wurden Laternen angez�ndet. Die Pferde schoben sich durch die gewundenen engen G�nge. Pl�tzlich wichen die Felsw�nde zur�ck, und sie traten in ein weites Tal hinaus. In der Ferne waren Lichter zu erkennen.</p><p>�Das ist Camp!�, sagte der F�hrer.</p><p>Die Pferde beschleunigten ihre Schritte � nicht sehr, denn daf�r waren sie zu unterern�hrt und mutlos, aber sie lie�en immerhin eine Spur von Begeisterung erkennen. Der Weg f�hrte nun an einem ausgetrockneten Wadi entlang. Die Lichter kamen n�her.</p><p>Sie konnten eine Gruppe von Zelten ausmachen und weiter oben, direkt am Fu� einer steilen Felswand, eine weitere Reihe. Und H�hlen, die in den Fels gehauen worden waren.</p><p>Sie waren am Ziel. Beduinische Diener kamen gelaufen.</p><p>Sarah starrte zu einer der H�hlen hinauf. Eine Gestalt zeichnete sich dort ab. Was mochte das sein? Ein Idol? Ein m�chtiges kauerndes G�tzenbild?</p><p>Nein, es war nur der flackernde Lichtschein, der die Figur so bedrohlich wirken lie�. Aber es <emphasis><strong>musste</strong></emphasis> irgendein Idol sein, was dort so regungslos verharrte und br�tend herabblickte.</p><p>Und dann machte Sarahs Herz pl�tzlich einen Satz, und sie wusste, was dort sa�.</p><p>Verflogen war das Gef�hl von Ruhe und Frieden, von Ungebundenheit, das die W�ste ihr gegeben hatte. Sie war aus der Freiheit in die Gefangenschaft zur�ckgef�hrt worden. Sie war in dieses dunkle gewundene Tal hinuntergeritten, und hier sa�, wie die Hohepriesterin eines vergessenen Kultes, wie ein monstr�ser aufgedunsener weiblicher Buddha � Mrs. Boynton.</p></section><section><title><p id="_bookmark12"><strong>Elftes Kapitel</strong></p></title><p>Mrs. Boynton war hier, hier in Petra!</p><p>Sarah gab mechanisch Antwort auf die Fragen, die man ihr stellte. Ob sie gleich zu Abend essen wolle � es sei alles bereit � oder ob sie sich erst frisch machen wolle? Ob sie lieber im Zelt oder in einer H�hle zu schlafen w�nsche?</p><p>Die letzte Frage beantwortete sie, ohne zu z�gern. Im Zelt. Der Gedanke an eine H�hle lie� sie zusammenzucken, und sie sah wieder die monstr�se kauernde Gestalt vor sich. (Wieso hatte man das Gef�hl, dass diese Frau kaum menschliche Z�ge an sich hatte?)</p><p>Dann folgte sie einem der einheimischen Diener. Er trug khakifarbene Reithosen, die an mehreren Stellen geflickt waren, schlampige Wickelgamaschen und ein zerschlissenes Herrenjackett, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Dazu die Kefije, die traditionelle Kopfbedeckung der Beduinen, deren auch den Nacken bedeckende F�lle von einer eng um den Kopf geschlungenen schwarzen Seidenschnur zusammengehalten wurde. Sarah bewunderte den leichten, schwingenden Gang des Mannes, die selbstbewusste stolze Kopfhaltung. Geschmacklos und billig wirkten nur die europ�ischen Teile seiner Kleidung. Sie dachte: Zivilisation ist auch nicht das Wahre � nein, ganz und gar nicht! Wenn wir nicht so zivilisiert w�ren, g�be es keine Mrs. Boynton! Bei den Wilden h�tte man sie schon l�ngst abgemurkst und verspeist!</p><p>Leicht belustigt gestand sie sich ein, dass sie �berm�det und gereizt war. Aber nachdem sie sich mit hei�em Wasser gewaschen und etwas Puder aufgetragen hatte, war sie wieder sie selbst � beherrscht, ausgeglichen und von ihrer panikartigen Reaktion vorhin peinlich ber�hrt.</p><p>Sie k�mmte ihr dichtes schwarzes Haar und betrachtete sich dann im flackernden Licht einer kleinen �llampe von allen Seiten in einem h�chst unzul�nglichen Spiegel.</p><p>Dann schlug sie die Plane am Eingang zur�ck und trat hinaus in die Nacht, um zu dem weiter unten gelegenen gro�en Gemeinschaftszelt zu gehen.</p><p>�Sie � hier?�</p><p>Es klang wie ein leiser Aufschrei, verbl�fft, ungl�ubig.</p><p>Sie drehte sich um und blickte direkt in Raymond Boyntons Augen. Wie fassungslos sie sie ansahen! Aber da war noch etwas anderes, etwas, das Sarah sprachlos und beklommen machte. Eine unglaubliche Freude. als h�tte der junge Mann einen Blick ins Paradies getan, so verwundert, benommen, dankbar, dem�tig! Ein Blick, den Sarah nie im Leben vergessen w�rde. Wie ein Verdammter, der aufschaut und das Paradies ersp�ht.</p><p>Er sagte noch einmal: <emphasis><strong>�Sie?�</strong></emphasis></p><p>Der leise, bebende Ton seiner Stimme r�hrte etwas in ihr an. Er drehte ihr das Herz im Leibe um. Er machte sie scheu, �ngstlich, dem�tig � und erf�llte sie doch j�h mit stolzer Freude.</p><p>Sie sagte nur ein einziges Wort: �Ja.�</p><p>Er kam n�her, noch immer wie bet�ubt, wollte es noch immer nicht glauben.</p><p>Dann griff er pl�tzlich nach ihrer Hand.</p><p>�Sie sind es wirklich�, sagte er. <emphasis><strong>�Sie sind hier!</strong></emphasis> Zuerst dachte ich, Sie seien ein Geist � weil ich st�ndig an Sie denken muss.� Er hielt inne und sagte dann: �Ich liebe Sie n�mlich. Ich liebe Sie seit dem Augenblick, als ich Sie im Zug das erste Mal sah. Das wei� ich jetzt. Und ich m�chte, dass Sie es wissen, damit Sie � damit Sie wissen, dass nicht <emphasis><strong>ich</strong></emphasis> es bin � dass es nicht mein wahres Ich ist, das sich � das sich wie ein Schuft benimmt. Sehen Sie, selbst jetzt kann ich nichts versprechen. Ich k�nnte � mir ist alles zuzutrauen! Es k�nnte sein, dass ich gru�los an Ihnen vorbeigehe oder Sie keines Blickes w�rdige, aber Sie sollen wissen, dass das nicht <emphasis><strong>ich</strong></emphasis> bin � dass daf�r nicht mein wahres Ich verantwortlich ist. Es sind nur meine schwachen Nerven. Sie lassen mich oft im Stich. Wenn <emphasis><strong>sie</strong></emphasis> sagt, dass ich das und das tun soll � dann tu ich es! Dann <emphasis><strong>kann</strong></emphasis> ich einfach nicht anders! Bitte haben Sie Verst�ndnis daf�r. Verachten Sie mich, wenn Sie wollen � �</p><p>Sarah fiel ihm ins Wort. Leise und unerwartet sanft sagte sie: �Ich werde Sie deshalb nicht verachten.�</p><p>�Aber ich habe Ihre Verachtung verdient! Ich bin � unf�hig, mich wie ein Mann zu benehmen.�</p><p>Teils war es die Erinnerung an Dr. Gerards Worte, mehr aber noch Sarahs eigenes Wissen und ihre Zuversicht, die ihre Antwort bestimmten und ihrer sanften Stimme einen Beiklang von Autorit�t und �berzeugungskraft verliehen. �Jetzt k�nnen Sie es.�</p><p>�Meinen Sie?� Es klang versonnen. �Vielleicht.�</p><p>�Jetzt haben Sie den Mut dazu. Das wei� ich.� Er richtete sich auf, warf den Kopf in den Nacken. �Mut? Ja, man muss nur den Mut aufbringen!� Pl�tzlich beugte er sich vor und ber�hrte ihre Hand mit den Lippen. Gleich darauf war er gegangen.</p></section><section><title><p id="_bookmark13"><strong>Zw�lftes Kapitel</strong></p></title><p>Sarah ging hinunter zum Gemeinschaftszelt. Sie fand dort ihre drei Mitreisenden vor, die am Tisch sa�en und a�en. Der F�hrer berichtete ihnen gerade, dass sich noch eine weitere Gruppe in Petra aufhielt.</p><p>�Sie kommen vor zwei Tage. Gehen Tag nach morgen. Amerikaner. Mutter sehr dick, sehr schwer herbringen! Tr�ger tragen in Stuhl � sagen, sehr schwere Arbeit � viel hei� � ja.�</p><p>Sarah musste pl�tzlich laut lachen. So betrachtet hatte die ganze Sache durchaus auch ihre komischen Seiten!</p><p>Der beleibte Dragoman sah sie dankbar an. Er hatte es wirklich nicht leicht. Lady Westholme hatte ihn im Laufe des Tages dreimal anhand des Baedekers widerlegt, und jetzt hatte sie etwas an dem Bett auszusetzen, in dem sie n�chtigen sollte. Er war daher dankbar, dass wenigstens <emphasis><strong>ein</strong></emphasis> Mitglied seiner Gruppe unerkl�rlicherweise gute Laune zu haben schien.</p><p>�Genau!�, sagte Lady Westholme. �Ich glaube, diese Leute waren auch im <emphasis><strong>Solomon.</strong></emphasis> Ich habe die Mutter gleich wieder erkannt, als wir hier eintrafen. Ich glaube mich zu erinnern, dass Sie im Hotel mit ihr gesprochen haben, Miss King.�</p><p>Sarah err�tete schuldbewusst und konnte nur hoffen, dass Lady Westholme nicht allzu viel von dem bewussten Gespr�ch mit angeh�rt hatte.</p><p>Sie fragte sich gequ�lt, was um alles in der Welt damals nur in sie gefahren war.</p><p>Lady Westholme war unterdessen zu einem Urteil gelangt und verk�ndete: �V�llig uninteressante Leute. Sehr provinziell.�</p><p>Miss Pierce brachte kriecherisch eifrige Zustimmung zum Ausdruck, woraufhin Lady Westholme zu einer ausf�hrlichen Schilderung diverser interessanter und prominenter Amerikaner ansetzte, denen sie in letzter Zeit begegnet war.</p><p>Da es f�r die Jahreszeit ungew�hnlich hei� war, wurde beschlossen, am n�chsten Tag zeitig aufzubrechen.</p><p>Um sechs Uhr fr�h versammelten sich die vier zum Fr�hst�ck. Von den Boyntons war nichts zu sehen. Nachdem Lady Westholme sich h�chst kritisch �ber das nicht vorhandene Obst ge�u�ert hatte, begn�gten sie sich mit Tee, Dosenmilch, in Fett schwimmenden Spiegeleiern und versalzenen Speckstreifen.</p><p>Danach machte man sich auf den Weg, auf dem Lady Westholme und Dr. Gerard � Letzterer mit deutlich weniger Begeisterung � die exakte Bedeutung von Vitaminen in der t�glichen Kost sowie die richtige Ern�hrung der Arbeiterklasse er�rterten.</p><p>Dann waren pl�tzlich Rufe aus der Richtung des Camps zu h�ren, und so blieb man stehen, um auf den Mann zu warten, der ihnen nachgeeilt kam. Es war Mr. Jefferson Cope, dessen sympathisches Gesicht von der Anstrengung des schnellen Laufens ger�tet war.</p><p>�Entschuldigen Sie, aber wenn Sie nichts dagegen haben, w�rde ich mich Ihnen heute Vormittag gerne anschlie�en. Guten Morgen, Miss King. Was f�r eine �berraschung, Sie und Dr. Gerard hier zu treffen! Na, was sagen Sie dazu?�</p><p>Er deutete mit einer ausladenden Handbewegung auf die phantastischen roten Felsformationen, die sich rundherum ausdehnten.</p><p>�Es ist wundersch�n und ein klein wenig Angst einfl��end�, sagte Sarah. �Ich dachte immer, es w�re romantisch und vertr�umt � von wegen &gt;die rosarote Stadt&lt; und so. Aber es ist sehr viel <emphasis><strong>realer,</strong></emphasis> so real wie � wie ein rohes Beefsteak.�</p><p>�Und hat auch fast die gleiche Farbe�, pflichtete ihr Mr. Cope bei.</p><p>�Aber es ist wirklich gro�artig�, gab Sarah zu.</p><p>Es begann bergauf zu gehen. Die Gruppe wurde von zwei Beduinen gef�hrt, hoch gewachsenen M�nnern von ungezwungener K�rperhaltung, die in ihren Nagelschuhen gelassen und absolut trittsicher den absch�ssigen Hang hinaufstiegen. Schon bald traten die ersten Schwierigkeiten auf. Sarah und Dr. Gerard waren beide schwindelfrei. Aber sowohl Mr. Cope als auch Lady Westholme wurde es doch etwas mulmig, und die arme Miss Pierce musste �ber die steileren Stellen geradezu getragen werden, w�hrend sie mit geschlossenen Augen und ganz gr�n im Gesicht unabl�ssig vor sich hin jammerte: �Ich konnte noch nie nach unten schauen. Noch nie � schon als Kind nicht!�</p><p>Einmal �u�erte sie die Absicht umzukehren, aber als sie zur�ckblickte und das Gef�lle sah, wurde sie nur noch gr�ner und kam notgedrungen zu dem Schluss, dass ihr nichts anderes �brig blieb, als weiterzugehen.</p><p>Dr. Gerard beruhigte und ermutigte sie. Er ging unmittelbar hinter ihr und hielt, wie eine Art Gel�nder, einen Stock zwischen sie und den g�hnenden Abgrund. Miss Pierce musste zugeben, dass diese vorget�uschte Sicherheit viel dazu beitrug, ihre H�henangst zu �berwinden.</p><p>Schwer atmend fragte Sarah den Dragoman, Mahmoud, dem trotz seiner Leibesf�lle keinerlei Anzeichen�von Ersch�pfung anzumerken waren: �Haben Sie nie Probleme, wenn Sie Leute hier herauff�hren? Zum��Beispiel��ltere Menschen?�</p><p>�Immer. Immer wir haben Problem�, best�tigte Mahmoud in aller Gem�tsruhe.</p><p>�Nehmen Sie denn jeden mit?�</p><p>Mahmoud zog die schweren Schultern hoch. �Sie wollen hinauf. Sie haben bezahlt Geld, zu sehen viele Sachen. Darum sie wollen sehen alles. Die Beduinen sind sehr geschickt, sehr sicher auf F��en. Sie bringen immer hinauf.�</p><p>Endlich erreichten sie den Gipfel. Sarah holte tief Luft.</p><p>Um sie herum und unter ihnen dehnten sich die blutroten Felsen aus � eine fremdartige und unglaubliche Landschaft, die absolut einmalig war. Hier oben, in der herrlichen reinen Morgenluft, standen sie wie G�tter, die eine verachtenswerte Welt betrachten � eine Welt voll brodelnder Gewalt.</p><p>Dies war, wie der F�hrer ihnen erkl�rte, der �Opferplatz� � der �heilige Bezirk�. Er zeigte ihnen die Rinne, die in den glatten Boden zu ihren F��en gehauen war.</p><p>Sarah entfernte sich von den anderen, von den oberfl�chlichen Phrasen, die dem Dragoman so flott �ber die Lippen kamen. Sie setzte sich auf einen Felsblock, schob mit beiden H�nden ihr dichtes schwarzes Haar zur�ck und blickte hinunter auf die Welt, die zu ihren F��en lag. Pl�tzlich merkte sie, dass jemand neben ihr stand. Dr. Gerard sagte: �Hier oben begreift man, wie zutreffend die Versuchung durch den Teufel im Neuen Testament ist. Der Teufel f�hrte Jesus auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt. &gt;Das alles will ich dir geben, so du niederf�llst und mich anbetest.&lt; Wie gro� muss da erst die Versuchung sein, ein Gott mit realer Macht zu werden.�</p><p>Sarah stimmte ihm zu, aber sie war so offensichtlich in Gedanken woanders, dass Gerard sie leicht erstaunt musterte.</p><p>�Sie gr�beln �ber etwas nach�, stellte er fest.</p><p>�Allerdings.� Sie sah ihn mit leicht verwirrter Miene an. �Es war eine wunderbare Idee, hier oben eine Opferst�tte zu errichten. Ich glaube n�mlich, dass manchmal tats�chlich ein Opfer erforderlich ist... Ich will damit sagen, dass man auch zu viel Achtung vor dem Leben haben kann. Der Tod ist gar nicht so wichtig, wie wir tun.�</p><p>�Wenn das Ihre Meinung ist, Miss King, dann haben Sie den Beruf verfehlt. F�r uns</p><p>�rzte ist und bleibt der Tod immer der Feind.�</p><p>Sarah erschauerte. �Sie haben vermutlich Recht. Trotzdem kann der Tod auch Probleme l�sen. Er kann sogar ein erf�llteres Leben zur Folge haben.�</p><p>�&gt;Es ist besser, <emphasis><strong>ein</strong></emphasis> Mensch sterbe f�r das Volk, denn dass das ganze Volk verderbe!&lt;�, zitierte Dr. Gerard mit ernster Stimme.</p><p>Sarah sah ihn best�rzt an.</p><p>�Ich wollte damit nicht sagen, dass � � Sie brach ab, da Jefferson Cope auf sie zukam.</p><p>�Also, das ist wirklich ein ganz erstaunlicher Ort�, verk�ndete er. �Wirklich erstaunlich. Ich bin froh, dass ich mir das nicht habe entgehen lassen. Mrs. Boynton ist gewiss eine h�chst bemerkenswerte Frau � ihren Mumm und ihre Entschlossenheit, hierher zu kommen, kann man nur bewundern �, aber ich muss gestehen, dass es nicht gerade einfach ist, mit ihr zu reisen. Ihre Gesundheit ist nicht die beste, was verst�ndlicherweise wohl der Grund daf�r ist, dass sie wenig R�cksicht auf die Gef�hle anderer nimmt, aber es scheint ihr einfach nicht in den Sinn zu kommen, dass ihre Familie gelegentlich mal gerne etwas ohne sie unternehmen w�rde. Sie ist es so gew�hnt, alle st�ndig um sich zu haben, dass sie gar nicht auf den Gedanken kommt, dass � �</p><p>Mr. Cope brach ab. Auf seinem freundlichen, sympathischen Gesicht zeichneten sich Verwirrung und Unbehagen ab.</p><p>�Wissen Sie�, sagte er, �ich habe da etwas �ber Mrs. Boynton erfahren, das mir ziemlich zu schaffen macht.�</p><p>W�hrend Sarah wieder ihren eigenen Gedanken nachhing und Mr. Copes Stimme nur angenehm wie das beruhigende Pl�tschern eines fernen Baches an ihr Ohr drang, reagierte Dr. Gerard sofort: �Ach ja? Was denn?�</p><p>�Ich h�rte es von einer Dame, mit der ich im Hotel in Tiberias ins Gespr�ch kam. Es ging dabei um ein Dienstm�dchen, das bei Mrs. Boynton angestellt war. Das M�dchen soll � sie war wohl � �</p><p>Mr. Cope hielt inne, warf feinf�hlig einen Blick auf Sarah und senkte die Stimme. �Sie hat ein Kind erwartet. Die alte Dame kam anscheinend dahinter, war aber offenbar sehr nett zu der jungen Frau. Aber ein paar Wochen, bevor das Kind geboren wurde, hat sie sie hinausgeworfen. �</p><p>Dr. Gerard zog die Augenbrauen hoch. �Sieh an�, sagte er nachdenklich.</p><p>�Die Dame, die es mir erz�hlt hat, schien sich ihrer Sache absolut sicher zu sein. Ich wei� ja nicht, ob Sie mir zustimmen, aber ich finde ein solches Verhalten grausam und herzlos. Ich verstehe nicht, wie � �</p><p>Dr. Gerard unterbrach ihn.</p><p>�Sie sollten es aber versuchen. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass Mrs. Boynton ihre diebische Freude daran hatte.�</p><p>Mr. Cope sah ihn schockiert an.</p><p>�Nein, Sir�, sagte er entschieden. �Das glaube ich einfach nicht. So etwas ist absolut unvorstellbar.�</p><p>Mit ruhiger Stimme zitierte Dr. Gerard: <emphasis><strong>�Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschieht unter der Sonne; und siehe, da waren Tr�nen derer, so Unrecht litten, und hatten keinen Tr�ster; und die ihnen Unrecht taten, waren zu m�chtig, dass sie keinen Tr�ster haben konnten. Da lobte ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr denn die Lebendigen, die noch das Leben hatten; und besser denn alle beide ist, der noch nicht ist und des B�sen nicht innewird, das unter der Sonne geschieht.�</strong></emphasis></p><p>Er brach ab und sagte: �Sehen Sie, mein Lieber, ich besch�ftige mich seit Jahren mit den seltsamen Dingen, die in der menschlichen Psyche vorgehen. Es n�tzt nichts, nur die sch�nere Seite des Lebens zu betrachten. Unter der Wohlanst�ndigkeit und den Konventionen des t�glichen Lebens liegt ein gewaltiges Reservoir seltsamer Dinge. Da gibt es beispielsweise so etwas wie die Lust, Grausamkeiten um ihrer selbst willen zu begehen. Aber wenn Sie auf sie sto�en, dann verbirgt sich dahinter noch etwas anderes. Das triebhafte und Mitleid erregende Verlangen nach Anerkennung. Wenn dieses Verlangen nicht befriedigt wird, wenn der betreffende Mensch aufgrund seiner Pers�nlichkeit unf�hig ist, die Anerkennung zu finden, die er braucht, dann greift er zu anderen Mitteln � denn er <emphasis><strong>muss</strong></emphasis> Eindruck machen, er <emphasis><strong>muss</strong></emphasis> Erfolg haben �, was wiederum unz�hlige Perversionen zur Folge hat. Der Hang zur Grausamkeit l�sst sich ebenso kultivieren wie jeder andere, er kann von einem Menschen Besitz ergreifen � �</p><p>Mr. Cope h�stelte. �Ich glaube, dass Sie da doch etwas �bertreiben, Dr. Gerard. Also die Luft hier oben ist wirklich herrlich.�</p><p>Er zog sich zur�ck. Gerard musste l�cheln. Er warf einen Blick auf Sarah. Ihre Stirn war gerunzelt, und in ihrem Gesicht zeichnete sich jugendliche Entschlossenheit ab. Gerard fand, dass sie aussah wie eine junge Richterin, die im Begriff ist, das Urteil zu verk�nden.</p><p>Er drehte sich um, da Miss Pierce auf unsicheren Beinen auf ihn zugetrippelt kam.</p><p>�Wir wollen wieder hinunter�, plapperte sie aufgeregt. �Du meine G�te, das schaffe ich bestimmt nie und nimmer, aber der F�hrer sagt, dass wir eine andere Route nehmen, die viel leichter ist. Ich will es hoffen, denn ich konnte schon als Kind nicht in die Tiefe schauen.�</p><p>Der Abstieg f�hrte an einem Wasserfall entlang. Der Weg war zwar mit Ger�ll bedeckt, so dass man aufpassen musste, dass man sich nicht den Kn�chel verstauchte, aber er bot immerhin keine Schwindel erregenden Ausblicke.</p><p>Kurz nach zwei Uhr nachmittags traf die Gruppe m�de, aber in guter Stimmung und mit einem B�renhunger im Camp ein.</p><p>An dem gro�en Tisch im Gemeinschaftszelt sa� die Familie Boynton. Sie war gerade mit dem Mittagessen fertig.</p><p>Lady Westholme lie� sich dazu herab, einige huldvolle Worte an sie zu richten.</p><p>�Ein h�chst interessanter Vormittag�, sagte sie. �Petra ist in der Tat ein wundersch�nes Fleckchen Erde.�</p><p>Carol, an die die Worte gerichtet zu sein schienen, warf rasch einen Blick auf ihre Mutter, murmelte: �O ja � ja, das ist es�, und verstummte wieder.</p><p>Nachdem Lady Westholme dem Anstand somit Gen�ge getan hatte, konnte sie sich getrost ihrem Essen widmen.</p><p>W�hrend die vier a�en, wurden die Pl�ne f�r den Nachmittag er�rtert.</p><p>�Ich glaube, ich werde mich heute Nachmittag vor allen Dingen ausruhen�, sagte Miss Pierce. �Man darf sich auf keinen Fall zu viel zumuten.�</p><p>�Ich werde losziehen und die Umgebung erkunden�, sagte Sarah. �Und Sie, Dr. Gerard?�</p><p>�Ich werde Sie begleiten.�</p><p>Mrs. Boynton lie� mit so lautem Geklapper ihren L�ffel fallen, dass alle zusammenfuhren.</p><p>�Ich glaube�, sagte Lady Westholme, �dass ich Ihrem Beispiel folgen werde, Miss Pierce. Ich werde ein halbes St�ndchen lesen, mich dann hinlegen und mindestens eine Stunde schlafen. Danach vielleicht ein kleiner Spaziergang.�</p><p>M�hsam, und mit Lennox� Hilfe, erhob sich die alte Mrs. Boynton langsam von ihrem Stuhl. Sie blieb einen Moment stehen und sagte dann in �berraschend liebensw�rdigem Ton: �Ihr solltet heute Nachmittag alle einen Spaziergang machen.�</p><p>Es war geradezu grotesk, die verbl�fften Gesichter ihrer Angeh�rigen zu beobachten.</p><p>�Und was ist mit dir, Mutter?�</p><p>�Ich brauche euch nicht. Ich bin gerne allein, wenn ich lese. Jinny bleibt besser hier. Sie wird sich hinlegen und schlafen.�</p><p>�Aber ich bin nicht m�de, Mutter! Ich m�chte auch mitgehen!�</p><p>�Du <emphasis><strong>bist</strong></emphasis> m�de. Und du hast Kopfschmerzen. Du musst auf deine Gesundheit achten. Geh und leg dich hin. Ich wei� schlie�lich, was gut f�r dich ist.�</p><p>�Ich � ich � �</p><p>Jinny hatte den Kopf in den Nacken geworfen und sah ihre Mutter rebellisch an. Dann schlug sie die Augen nieder, verlor den Mut.</p><p>�Dummes Kind�, sagte Mrs. Boynton. �Geh in dein Zelt!�</p><p>Sie humpelte schwerf�llig hinaus, und die anderen folgten ihr.</p><p>�Du meine G�te�, sagte Miss Pierce. �Was sind das nur f�r Leute! Und diese befremdliche Gesichtsfarbe � der Mutter, meine ich. Richtig violett. Wahrscheinlich das Herz. Die Hitze macht ihr bestimmt zu schaffen.�</p><p>Sarah dachte: �Sie gibt ihnen heute Nachmittag frei. Sie wei�, dass Raymond mit mir zusammen sein m�chte. Warum tut sie das? Was steckt dahinter?�</p><p>Diese Frage besch�ftigte sie auch nach dem Mittagessen noch, als sie in ihr Zelt ging und ein frisches Leinenkleid anzog. Aus ihren Gef�hlen f�r Raymond war seit dem Vorabend leidenschaftliche und besch�tzende Zuneigung geworden. Das also war Liebe � diese Qualen, die man f�r einen anderen litt, dieser brennende Wunsch, dem geliebten Wesen um jeden Preis Kummer zu ersparen. Ja, sie liebte Raymond Boynton. Und es war genau umgekehrt wie bei dem heiligen Georg und dem Drachen. Hier war <emphasis><strong>sie</strong></emphasis> der Retter und Raymond das wehrlose Opfer.</p><p>Und Mrs. Boynton war der Drache. Ein Drache,�dessen��pl�tzliche Liebensw�rdigkeit f�r die misstrauische Sarah etwas entschieden Finsteres hatte.</p><p>Es war ungef�hr Viertel nach drei, als Sarah wieder zum Gemeinschaftszelt hinunterschlenderte.</p><p>Lady Westholme sa� auf einem Stuhl. Trotz der gro�en Hitze trug sie noch immer ihren strapazierf�higen Rock aus HarrisTweed. Auf ihrem Scho� lag der Bericht eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Dr. Gerard unterhielt sich mit Miss Pierce, die vor ihrem Zelt stand und ein Buch in der Hand hielt, das �Sehnsucht nach Liebe� hie� und auf dem Klappentext als ein spannender Roman �ber die Irrungen und Wirrungen einer gro�en Leidenschaft beschrieben wurde.</p><p>�Ich halte es nicht f�r klug, sich unmittelbar nach dem Mittagessen hinzulegen�, erkl�rte Miss Pierce. �Wegen der Verdauung, wissen Sie. Und im Schatten des Zeltes ist es geradezu angenehm k�hl. Du meine G�te, ist das nicht ziemlich unvern�nftig von der alten Dame, dort oben in der prallen Sonne zu sitzen?�</p><p>Alle blickten zu dem Felsvorsprung hinauf. Mrs. Boynton sa� wie am Vorabend reglos wie ein Buddha vor dem Eingang ihrer H�hle. Au�er ihr war niemand zu sehen. Alle im Camp Besch�ftigten schliefen. Nur etwas weiter weg war eine kleine Gruppe unterwegs, die talaufw�rts ging.</p><p>�Die liebe Mama scheint ihnen ausnahmsweise zu erlauben, sich einmal allein zu vergn�gen�, sagte Dr. Gerard. �Oder ist das nur eine weitere Gemeinheit von ihr?�</p><p>�Genau das habe ich mich gerade auch gefragt�, sagte Sarah.</p><p>�Dass wir immer gleich das Schlimmste annehmen m�ssen! Kommen Sie, schlie�en wir uns den Ausrei�ern an.�</p><p>Sie �berlie�en Miss Pierce ihrer aufregenden Lekt�re und machten sich auf den Weg. Kurz hinter der Biegung des Tales holten sie die Gruppe ein, die ziemlich langsam ging. Ausnahmsweise wirkten die Boyntons gl�cklich und unbek�mmert.</p><p>Schon bald unterhielten sich alle � Lennox und Nadine, Carol und Raymond, der gl�cklich l�chelnde Mr. Cope sowie die beiden Neuank�mmlinge, Sarah und Dr. Gerard � sehr lebhaft, und es wurde viel gelacht.</p><p>�berm�tige Ausgelassenheit machte sich breit. Jeder hatte das Gef�hl, dass ihnen ein seltenes Vergn�gen verg�nnt war, eine rare Freude, die es voll auszukosten galt. Sarah und Raymond sonderten sich nicht ab. Sarah ging vielmehr neben Carol und Lennox, w�hrend dicht hinter ihnen Dr. Gerard mit Raymond plauderte. Nadine und Jefferson Cope folgten in geringem Abstand.</p><p>Leider wurde die unbeschwerte Stimmung durch den Franzosen getr�bt. Er war schon seit einiger Zeit ziemlich einsilbig gewesen. Nun blieb er pl�tzlich stehen.</p><p>�Ich bitte tausendmal um Entschuldigung. Aber ich f�rchte, ich muss umkehren.�</p><p>Sarah musterte ihn. �Sind Sie krank?�</p><p>Er nickte. �Ja. Ich habe schon seit dem Mittagessen Fieberanf�lle.�</p><p>Sarah betrachtete ihn eingehender. �Malaria?�</p><p>�Ja. Ich gehe zur�ck und nehme Chinin. Hoffentlich ist es kein allzu schlimmer Anfall. Ein Andenken an einen Aufenthalt im Kongo.�</p><p>�Soll ich mitkommen?�, fragte Sarah.</p><p>�Aber nein! Ich habe alles N�tige in meiner Reiseapotheke. Wirklich zu �rgerlich! Lassen Sie sich durch mich bitte nicht st�ren.�</p><p>Er ging mit schnellen Schritten in Richtung des Camps davon.</p><p>Sarah sah ihm einen Moment unschl�ssig nach, doch dann blickte sie in Raymonds Augen, l�chelte ihn an, und der Franzose war vergessen.</p><p>Eine Zeit lang gingen alle sechs � Carol, Sarah, Lennox, Mr. Cope, Nadine und Raymond � gemeinsam weiter.</p><p>Dann hatten Sarah und Raymond sich auf einmal abgesetzt. Sie gingen allein weiter, kletterten Felsen hinauf, folgten schmalen Vorspr�ngen und lie�en sich schlie�lich an einem schattigen Pl�tzchen nieder.</p><p>Geraume Zeit schwiegen beide, bis Raymond sagte:��Wie�hei�en Sie eigentlich? Ich�kenne�nur Ihren Nachnamen. Aber wie hei�en Sie mit Vornamen?�</p><p>�Sarah.�</p><p>�Sarah. Darf ich Sie Sarah nennen?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Sarah, w�rden Sie mir ein bisschen etwas �ber sich erz�hlen?�</p><p>An die Felsen zur�ckgelehnt, begann sie zu erz�hlen, von ihrem Leben daheim in Yorkshire, von ihren Hunden und der Tante, die sie aufgezogen hatte.</p><p>Dann war Raymond an der Reihe, der, etwas zusammenhanglos, von seinem eigenen Leben berichtete.</p><p>Danach herrschte lange Schweigen. Wie zuf�llig fanden sich ihre H�nde. So sa�en sie da, wie Kinder, Hand in Hand, beide seltsam ruhig und zufrieden.</p><p>Die Sonne stand schon tief, als Raymond sich aufraffte. � �Ich muss jetzt gehen�, sagte er. �Nein, bleiben Sie noch. Ich m�chte allein zur�ckgehen. Ich habe noch etwas zu erledigen. Wenn es getan ist, wenn ich mir bewiesen habe, dass ich kein Feigling bin, dann � dann � werde ich mich nicht scheuen, zu Ihnen zu kommen und Sie um Ihre Hilfe zu bitten. Denn dann werde ich Hilfe brauchen, wahrscheinlich werde ich mir sogar Geld von Ihnen leihen m�ssen.�</p><p>Sarah l�chelte ihn an. �Ich bin froh, dass Sie so praktisch denken. Sie k�nnen auf mich z�hlen.�</p><p>�Aber zuerst muss ich noch etwas alleine erledigen.�</p><p>�Was denn?�</p><p>Raymond Boyntons jungenhaftes Gesicht wurde pl�tzlich hart, und er sagte: �Ich muss beweisen, dass ich Mumm habe. Jetzt oder nie.�</p><p>Dann machte er abrupt kehrt und ging.</p><p>Sarah lehnte sich wieder an den Felsen und sah der sich entfernenden Gestalt nach. Raymonds Worte hatten sie irgendwie beunruhigt. Er hatte so angespannt gewirkt � so schrecklich ernst und erregt. Einen Moment lang w�nschte sie, sie w�re mit ihm gegangen.</p><p>Doch dann tadelte sie sich scharf. Raymond wollte das, was er vorhatte, allein durchstehen, wollte seinen neu gewonnenen Mut unter Beweis stellen. Das war sein gutes Recht.</p><p>Aber sie betete von ganzem Herzen darum, dass ihn dieser Mut nicht im Stich lie�.</p><p>Die Sonne ging schon unter, als Sarah wieder in Sichtweite des Camps kam. Beim Weitergehen konnte sie im D�mmerlicht die starren Umrisse von Mrs. Boynton ausmachen, die noch immer vor dem Eingang ihrer H�hle sa�. Der Anblick der bedrohlichen, regungslosen Gestalt lie� Sarah erschauern.</p><p>Sie eilte auf dem unterhalb des Felsens entlangf�hrenden Pfad vorbei und betrat das hell erleuchtete Gemeinschaftszelt.</p><p>Lady Westholme, einen Strang Wolle um den Hals geh�ngt, strickte an einem marineblauen Pullover. Miss Pierce bestickte einen Tischl�ufer mit an�mischen blauen Vergissmeinnicht und wurde dabei �ber die einzige vern�nftige Reform des Scheidungsrechts aufgekl�rt.</p><p>Die Diener kamen und gingen und bereiteten alles f�r das Abendessen vor. Die Boyntons sa�en in Segeltuchst�hlen am anderen Ende des Gemeinschaftszeltes und lasen. Mahmoud erschien, wohlbeleibt und w�rdevoll, und beklagte sich bitterlich. Sei sehr sch�ner Ausflug nach Teestunde geplant gewesen, aber niemand da. Jetzt ganzes Programm durcheinander. Nicht mehr sehen k�nnen sehr interessante nabat�ische Architektur.</p><p>Sarah sagte rasch, dass es ihnen auch so sehr gut gefallen habe.</p><p>Sie ging in ihr Zelt, um sich vor dem Abendessen frisch zu machen. Auf dem R�ckweg blieb sie vor Dr. Gerards Zelt stehen und rief leise: �Dr. Gerard?�</p><p>Es kam keine Antwort. Sie schob die Plane vor dem Eingang beiseite und sp�hte hinein. Der Arzt lag regungslos auf dem Bett. Sarah zog sich ger�uschlos zur�ck und hoffte, dass er schlief.</p><p>Ein Diener kam ihr entgegen und deutete auf das Gemeinschaftszelt. Offenbar war das Essen fertig. Sie schlenderte wieder hinunter. Bis auf Dr. Gerard und Mrs. Boynton waren alle anderen bereits um den Tisch versammelt. Ein Diener wurde losgeschickt, um der alten Dame Bescheid zu sagen, dass das Essen fertig war. Dann entstand drau�en pl�tzlich Unruhe. Zwei erschrockene Diener st�rzten herein und redeten aufgeregt in Arabisch auf den Dragoman ein.</p><p>Mahmoud blickte sich verwirrt um und ging hinaus. Sarah folgte ihm impulsiv.</p><p>�Was ist passiert?�</p><p>�Die alte Dame�, erwiderte Mahmoud. �Abdul sagt, sie krank � bewegt sich nicht.�</p><p>�Ich komme mit.�</p><p>Sarah machte sich sofort auf den Weg. Sie kletterte hinter Mahmoud den Abhang hinauf und folgte dem schmalen Pfad, bis sie zu der hockenden Gestalt kam, fasste nach der aufgedunsenen Hand, suchte den Puls, beugte sich vor.</p><p>Als sie sich wieder aufrichtete, war sie sehr blass.</p><p>Sie ging zur�ck zum Gemeinschaftszelt. Am Eingang blieb sie kurz stehen und blickte zu der Gruppe am hinteren Ende des Tisches hin�ber. Als sie sprach, klang ihre Stimme sogar f�r sie selbst barsch und unnat�rlich.</p><p>�Es tut mir sehr Leid�, sagte sie und zwang sich, ihre Worte an das Oberhaupt der Familie, an Lennox, zu richten. <emphasis><strong>�Ihre Mutter ist tot, Mr. Boynton.�</strong></emphasis></p><p>Und wie aus weiter Ferne beobachtete sie die Gesichter der f�nf Menschen, f�r die diese Nachricht die Freiheit bedeutete.</p></section></section><section><title><p><strong>Teil II</strong></p></title><section><title><p id="_bookmark14"><strong>Erstes Kapitel</strong></p></title><p>Colonel Carbury l�chelte seinem Gast �ber den Tisch hinweg zu und erhob das Glas. �Also dann, auf das Verbrechen!�</p><p>Hercule Poirots Augen funkelten angesichts dieses passenden Trinkspruchs.</p><p>Er war mit einem Empfehlungsschreiben von Colonel Race zu Colonel Carbury nach Amman gekommen.</p><p>Carbury war neugierig gewesen, den weltber�hmten Meisterdetektiv kennen zu lernen, dessen F�higkeiten sein alter Freund und Geheimdienstkollege in den h�chsten T�nen gepriesen hatte.</p><p>�Eine zwingende psychologische Schlussfolgerung, wie man sie besser nicht finden kann!�, hatte Race bez�glich der Aufkl�rung des Mordfalls Shaitana geschrieben.</p><p>�Wir m�ssen Ihnen m�glichst viel von der Umgebung zeigen�, sagte Carbury und zwirbelte seinen struppigen grau melierten Schnurrbart. Er war ein nachl�ssig gekleideter, untersetzter Mann mittlerer Gr��e mit Halbglatze und ausdruckslosen, sanften blauen Augen. Er sah �berhaupt nicht wie ein Offizier aus. Er sah nicht einmal besonders hell aus. Und er entsprach in keiner Hinsicht dem, was man sich unter einem strengen Vorgesetzten vorstellt. Dennoch war er ein m�chtiger Mann in Transjordanien.</p><p>�Da w�re zum Beispiel Gerasa�, sagte er. �Interessiert Sie so was?�</p><p>�Ich interessiere mich f�r alles!�</p><p>�Ja�, sagte Carbury. �Das ist die einzig richtige Einstellung im Leben.� Er hielt inne.</p><p>�Sagen Sie�, fuhr er fort, �stellen Sie gelegentlich fest, dass Ihr ganz spezieller Beruf Sie immer wieder einholt?�</p><p><emphasis><strong>�Pardon?�</strong></emphasis></p><p>�Anders herum gefragt: ���Passiert�es Ihnen, dass Sie irgendwo hinkommen, um Urlaub vom Verbrechen zu machen � und pl�tzlich tauchen �berall Leichen auf?�</p><p>�Dergleichen ist schon vorgekommen; mehr als einmal.�</p><p>�Hm�, murmelte Colonel Carbury und wirkte noch geistesabwesender als sonst.</p><p>Dann gab er sich einen Ruck. �Ich habe da n�mlich eine Leiche, bei der mir nicht ganz wohl ist�, sagte er.</p><p>�Tats�chlich? �</p><p>�Ja. Hier in Amman. Eine alte Amerikanerin. Fuhr mit ihrer Familie nach Petra. Strapazi�se Reise, ungew�hnlich hei� f�r die Jahreszeit, hatte Herzprobleme, die alte Frau, die Reise war wohl doch ein bisschen anstrengender, als sie sich das vorgestellt hatte, �berm��ige Belastung f�r ihr Herz � und da ist sie hops gegangen!�</p><p>�Hier � in Amman?�</p><p>�Nein, unten in Petra. Die Leiche wurde heute hergebracht.�</p><p>�Ah!�</p><p>�Alles ganz normal. Absolut m�glich. So was passiert ja alle Tage. Nur dass.�</p><p>�Ja? Nur dass?�</p><p>Colonel Carbury kratzte sich den fast kahlen Sch�del.</p><p>�Ich habe das dumme Gef�hl�, sagte er, �dass ihre Familie sie abgemurkst hat!�</p><p>�Aha! Und wie kommen Sie darauf?�</p><p>Colonel Carbury beantwortete Poirots Frage nicht direkt.</p><p>�Unangenehme Person, wie es scheint. Kein gro�er Verlust. Ganz allgemein scheint jeder froh zu sein, dass sie das Zeitliche gesegnet hat. Wird extrem schwierig werden, etwas nachzuweisen, solange die Familie zusammenh�lt und notfalls l�gt wie gedruckt. Man will ja keine Unannehmlichkeiten � oder internationale Verwicklungen. Das Einfachste w�re, die Finger davon zu lassen! Habe im Grunde ja nichts in der Hand. Ich kannte da mal einen Arzt. Der hat mir erz�hlt, dass er bei Todesf�llen oft misstrauisch ist � dass da Patienten vor ihrer Zeit ins Jenseits bef�rdert wurden. Und <emphasis><strong>der</strong></emphasis> sagte, dass man am besten den Mund h�lt, wenn man nicht verdammt gute Anhaltspunkte hat! Weil es sonst blo� Stunk gibt, nichts nachzuweisen ist und ein anst�ndiger und gewissenhafter Mediziner blo� in Verruf ger�t. So was in der Richtung. Trotzdem.� Er kratzte sich wieder den Kopf. �Ich bin nun mal ein ordentlicher Mensch�, setzte er wider Erwarten hinzu.</p><p>Colonel Carburys Krawattenknoten hing unter dem linken Ohr, seine Socken warfen Falten, sein Jackett war schmuddelig und abgewetzt. Dennoch l�chelte Hercule Poirot nicht. Er hatte die methodische Arbeitsweise von Colonel Carburys Verstand genau erkannt, seine logische Auflistung der Fakten, seine sorgf�ltig geordneten Eindr�cke.</p><p>�Ja. Ich bin ein ordentlicher Mensch�, sagte Carbury. Er machte eine vage Handbewegung. �Kann Unordnung nun mal nicht leiden. Wenn wo Unklarheit herrscht, muss ich sie einfach beseitigen. Verstehen Sie das?�</p><p>Hercule Poirot nickte ernst. Er konnte das gut verstehen.</p><p>�Es gab keinen Arzt dort unten?�, fragte er.</p><p>�Doch, zwei sogar. Einer davon lag allerdings mit Malaria im Bett. Bei dem anderen handelt es sich um eine junge Frau � hat gerade erst ihr Medizinstudium abgeschlossen. Scheint aber ihr Handwerk zu verstehen. Der Tod selbst war nicht weiter ungew�hnlich. Die alte Frau hatte ein schwaches Herz. Hatte schon seit Jahren Herzmittel genommen. Also nicht sonderlich �berraschend, dass sie pl�tzlich den L�ffel wegschmei�t.�</p><p>�Was beunruhigt Sie dann, mein Freund?�, fragte Poirot sanft.</p><p>Colonel Carburys blaue Augen blickten ihn gequ�lt an.</p><p>�Schon mal von einem Franzosen namens Gerard geh�rt? Theodore Gerard?�</p><p>�Gewiss. Eine Kapazit�t auf seinem Gebiet.�</p><p>�Klapsm�hlen�, best�tigte Colonel Carbury. �Wenn man sich mit vier Jahren in die Putzfrau verknallt, h�lt man sich mit achtunddrei�ig f�r den Erzbischof von Canterbury. Ich habe zwar nie kapiert, wieso und warum, aber diese Psychofritzen k�nnen es sehr �berzeugend erkl�ren.�</p><p>�Dr. Gerard ist zweifellos eine Autorit�t, was bestimmte Formen schwerer Psychosen betrifft�, pflichtete Poirot l�chelnd bei. �Ist er � �h � sind seine � gehen seine Ansichten �ber den Vorfall in Petra in diese Richtung?�</p><p>Colonel Carbury sch�ttelte entschieden den Kopf.</p><p>�Nein, nein. Wenn dem so w�re, w�rde ich mir ja keine Sorgen machen! Nicht, dass ich �berhaupt nichts davon halte. Es sind nur einfach Dinge, die ich nicht verstehe � so wie bei einem meiner Beduinen, der mitten in der W�ste aus dem Auto steigen kann, mit der Hand �ber den Boden f�hrt und Ihnen fast auf die Meile genau sagt, wo Sie sind. Das hat nichts mit Zauberei zu tun, aber <emphasis><strong>mir</strong></emphasis> kommt es so vor. Nein, Dr. Gerards Aussage ist eindeutig. Nur nackte Tatsachen. Falls es Sie interessiert � und es interessiert Sie doch, oder?�</p><p>�Aber ja!�</p><p>�Gro�artig. Dann rufe ich kurz an und lasse Gerard holen, damit Sie alles von ihm selbst h�ren k�nnen.�</p><p>Nachdem der Colonel einen Burschen losgeschickt hatte, sagte Poirot: �Wer sind die Angeh�rigen der Toten?�</p><p>�Sie hei�en Boynton. Zwei S�hne, einer davon verheiratet. Seine Frau sieht ausgesprochen gut aus � ruhiger, vern�nftiger Typ. Und zwei T�chter. Beide ziemlich h�bsch, aber auf ganz unterschiedliche Art. Die j�ngere ist ein bisschen �berdreht � k�nnte aber auch der Schock sein.�</p><p>�Boynton�, sagte Poirot. Er runzelte die Stirn. �Das ist merkw�rdig � sehr merkw�rdig. �</p><p>Carbury sah ihn fragend an. Aber da Poirot nichts weiter sagte, fuhr er fort: �Scheint ziemlich klar zu sein, dass die Mutter ein Drachen war. Musste hinten und vorne bedient werden und lie� alle um sich herumscharwenzeln. Und sie hatte den Daumen auf dem Geldbeutel. Keiner von der Familie besa� auch nur <emphasis><strong>einen</strong></emphasis> Penny.�</p><p>�Ah! Wirklich sehr interessant. Wei� man, wem sie ihr Geld hinterlassen hat?�</p><p>�Genau die Frage habe ich auch gestellt � ganz nebenbei, versteht sich. Es wird zu gleichen Teilen unter den Kindern aufgeteilt.�</p><p>Poirot nickte bed�chtig. Dann fragte er: �Sie sind also der Meinung, dass alle unter einer Decke stecken?�</p><p>�Keine Ahnung. Genau da liegt ja der Haken! Ob die Sache gemeinsam geplant und ausgef�hrt wurde oder ob einer allein diesen gl�nzenden Einfall hatte � das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen. Vielleicht ist das Ganze auch nur ein Windei! Kurz und gut, es l�uft auf Folgendes hinaus: Ich h�tte gern Ihre Meinung als Fachmann geh�rt. Ah, da kommt Gerard.�</p></section><section><title><p id="_bookmark15"><strong>Zweites Kapitel</strong></p></title><p>Der Franzose kam mit schnellen, aber keineswegs hastigen Schritten herein. W�hrend er Colonel Carbury die Hand sch�ttelte, warf er einen scharfen, neugierigen Blick auf Poirot. Carbury sagte: �Das ist Monsieur Hercule Poirot. Ist gerade bei mir zu Besuch. Habe mit ihm �ber die Angelegenheit unten in Petra gesprochen.�</p><p>�Ach ja?� Gerards flinke Augen musterten Poirot von Kopf bis Fu�. �Die Sache interessiert Sie?�</p><p>Hercule Poirot hob beide H�nde hoch. �Das Interesse f�r das eigene <emphasis><strong>metier</strong></emphasis> ist leider unheilbar.�</p><p>�Stimmt�, sagte Gerard.</p><p>�Etwas zu trinken?�, fragte Carbury.</p><p>Er schenkte einen Whisky Soda ein und setzte ihn Gerard vor. Er hielt die Karaffe fragend hoch, doch Poirot sch�ttelte den Kopf. Colonel Carbury stellte sie ab und r�ckte seinen Stuhl etwas n�her.</p><p>�Also�, sagte er, �wo waren wir?�</p><p>�Wie ich h�re�, sagte Poirot zu Gerard, �hat Colonel Carbury gewisse Vorbehalte.�</p><p>Gerard machte eine viel sagende Handbewegung.</p><p>�Und das�, sagte er, �ist allein meine Schuld! Dabei k�nnte ich durchaus Unrecht haben. Bitte vergessen Sie nicht, Colonel Carbury, dass ich Unrecht haben k�nnte.�</p><p>Carbury grunzte nur.</p><p>�Geben Sie Poirot die Fakten�, sagte er.</p><p>Dr. Gerard begann mit einer knappen Zusammenfassung der Ereignisse, die der Reise nach Petra vorausgegangen waren. Er skizzierte kurz die einzelnen Mitglieder der Familie Boynton und beschrieb den Zustand emotionaler Anspannung, in dem sich alle befunden hatten.</p><p>Poirot h�rte aufmerksam zu.</p><p>Dann schilderte Gerard die Ereignisse des ersten Tages in Petra und erl�uterte, weshalb er ins Lager zur�ckgekehrt war.</p><p>�Ich hatte einen schweren Malariaanfall � Malaria cerebralis�, erkl�rte er. �Ich beschloss daher, mir intraven�s Chinin zu injizieren. Das ist die �bliche Behandlungsmethode.�</p><p>Poirot nickte zustimmend.</p><p>�Das Fieber war schon ziemlich hoch. Ich wankte geradezu in mein Zelt. Zuerst konnte ich nirgendwo meine Reiseapotheke finden, irgendjemand hatte sie an einen anderen Platz gestellt. Als ich sie dann gefunden hatte, konnte ich nirgends meine Spritze finden. Ich suchte eine Weile, gab es dann auf und nahm oral eine hohe Dosis Chinin ein und warf mich aufs Bett.�</p><p>Gerard hielt kurz inne und fuhr dann fort: �Mrs. Boyntons Tod wurde erst nach Sonnenuntergang entdeckt. Aufgrund der Art und Weise, wie sie dasa� und wie der Stuhl ihren K�rper st�tzte, hatte sich an ihrer Haltung nichts ver�ndert, und so bemerkte man erst, als einer der Boys sie um halb sieben zum Abendessen holen wollte, dass etwas nicht stimmte.�</p><p>Er schilderte detailliert die Lage der H�hle und die Entfernung zwischen H�hle und Gemeinschaftszelt.</p><p>�Miss King, die ausgebildete �rztin ist, untersuchte die Tote. Sie wollte mich nicht st�ren, da sie wusste, dass ich Fieber hatte. Au�erdem konnte man ohnehin nichts mehr tun. Mrs. Boynton war tot � und das schon seit einiger Zeit.�</p><p>Poirot murmelte: �Wie lange genau?�</p><p>Gerard sagte langsam: �Ich glaube nicht, dass Miss King dieser Frage besondere Aufmerksamkeit schenkte. Sie hielt sie, meiner Meinung nach, nicht f�r wichtig.�</p><p>�Kann man wenigstens mit Bestimmtheit sagen, wann sie zuletzt lebend gesehen wurde?�, fragte Poirot.</p><p>Colonel Carbury r�usperte sich und griff nach einem amtlich aussehenden Schriftst�ck.</p><p>�Lady Westholme und Miss Pierce sprachen kurz nach vier Uhr nachmittags mit Mrs. Boynton. Lennox Boynton sprach gegen halb f�nf mit seiner Mutter. Etwa f�nf Minuten sp�ter hatte Mrs. Lennox Boynton ein l�ngeres Gespr�ch mit ihr. Auch Carol Boynton wechselte einige Worte mit ihrer Mutter, kann aber nicht genau sagen, wann � nach Aussagen anderer scheint das etwa zehn Minuten nach f�nf gewesen zu sein. Jefferson Cope, ein amerikanischer Freund der Familie, der mit Lady Westholme und Miss Pierce ins Camp zur�ckkam, sah, dass sie schlief. Er sprach sie also nicht an. Das war ungef�hr zwanzig Minuten vor sechs. Der Letzte, der sie lebend gesehen hat, scheint Raymond Boynton gewesen zu sein, der j�ngere Sohn. Er kam etwa zehn Minuten vor sechs von einem Spaziergang zur�ck und sprach mit ihr. Entdeckt wurde die Leiche um halb sieben, als ein Diener die alte Dame zum Essen holen sollte.�</p><p>�Und nachdem Mr. Raymond Boynton mit ihr gesprochen hatte, kam bis halb sieben niemand in ihre N�he?�, erkundigte sich Poirot.</p><p>�Angeblich nicht.�</p><p>�Aber es <emphasis><strong>k�nnte</strong></emphasis> jemand zu ihr gegangen sein?�, hakte Poirot nach.</p><p>�Das glaube ich kaum. Ab kurz vor sechs waren st�ndig Diener im Camp unterwegs, und die G�ste gingen zwischen den Zelten hin und her. Wir haben keinen gefunden, der jemand zu ihr gehen sah.�</p><p>�Dann war Raymond Boynton definitiv der Letzte, der seine Mutter lebend sah?�, fragte Poirot.</p><p>Dr. Gerard und Colonel Carbury wechselten einen raschen Blick. Colonel Carbury trommelte mit den Fingern auf den Tisch.</p><p>�Genau da f�ngt die Sache an, kompliziert zu werden�, sagte er. �Fahren Sie fort, Gerard. Sie waren schlie�lich vor Ort.�</p><p>�Wie ich bereits erw�hnte, sah Sarah King, als sie Mrs. Boynton untersuchte, keine Veranlassung, die exakte Todeszeit festzustellen. Sie sagte lediglich, Mrs. Boynton sei &gt;schon einige Zeit&lt; tot gewesen, aber als ich am Tag darauf aus pers�nlichen Gr�nden versuchte, alles etwas genauer einzugrenzen und zuf�llig erw�hnte, dass Mrs. Boynton kurz vor sechs zuletzt lebend gesehen worden sei, und zwar von ihrem Sohn Raymond, sagte Miss King zu meiner gro�en �berraschung schlankweg, dass das ausgeschlossen sei � dass Mrs. Boynton zu der Zeit bereits tot gewesen sein m�sse.�</p><p>Poirot zog die Augenbrauen hoch. �Eigenartig. H�chst eigenartig. Und was hat Monsieur Raymond Boynton dazu zu sagen?�</p><p>Colonel Carbury antwortete prompt. �Er schw�rt, dass seine Mutter da noch am Leben war. Er ging zu ihr und sagte: &gt;Ich bin wieder da. Hattest du einen angenehmen Nachmittag?&lt;, oder etwas in der Art. Er sagt, sie habe nur gemurmelt: &gt;Ja, durchaus&lt;, woraufhin er in sein Zelt ging.�</p><p>Poirot runzelte verwirrt die Stirn.</p><p>�Sonderbar�, sagte er. �H�chst sonderbar. Sagen Sie, wurde es zu der Zeit bereits dunkel?�</p><p>�Die Sonne ging gerade unter.�</p><p>�Sonderbar�, sagte Poirot noch einmal. �Und Sie, Dr. Gerard, wann sahen Sie die Tote?�</p><p>�Erst am n�chsten Morgen. Um neun, um genau zu sein.�</p><p>�Und wann, sch�tzen Sie, war der Tod eingetreten?�</p><p>Der Franzose zuckte mit den Schultern. �So lange danach l�sst sich das kaum mit Bestimmtheit sagen. Man muss immer einen Spielraum von mehreren Stunden einkalkulieren. Wenn ich unter Eid aussagen m�sste, k�nnte ich nur sagen, dass sie mit Sicherheit seit zw�lf Stunden tot war, aber nicht l�nger als achtzehn. Sie sehen, das hilft uns nicht weiter.�</p><p>�Fahren Sie fort, Gerard�, sagte Colonel Carbury. �Erz�hlen Sie ihm den Rest der Geschichte.�</p><p>�Als ich morgens aufstand�, sagte Dr. Gerard, �war meine Spritze wieder da. Sie lag hinter einigen Fl�schchen auf meinem T oilettentisch.�</p><p>Er beugte sich vor.</p><p>�Sie werden vielleicht sagen, dass ich sie am Vortag schlicht �bersehen hatte. Mir war furchtbar elend, ich hatte Fieber und Sch�ttelfrost, und wie oft sucht man etwas, das die ganze Zeit da ist, und findet es trotzdem nicht! Ich kann nur sagen, dass ich absolut sicher bin, dass die Spritze am Tag davor <emphasis><strong>nicht</strong></emphasis> da war.�</p><p>�Aber das ist noch nicht alles�, sagte Carbury.</p><p>�Nein. Ich sollte noch zwei weitere Dinge erw�hnen, die wichtig sein k�nnten. Am Handgelenk der Toten befand sich ein kleiner Einstich � wie von einer subkutan verabreichten Injektion. Die Tochter behauptet allerdings, dass er von einem gew�hnlichen Nadelstich stammt � �</p><p>Poirot machte eine Bewegung. �Welche Tochter?�</p><p>�Carol Boynton.�</p><p>�Ah. Bitte fahren Sie fort.�</p><p>�Und ein letzter Punkt. Als ich zuf�llig in meine Reiseapotheke sah, bemerkte ich, dass mein Vorrat an Digitoxin stark abgenommen hatte.�</p><p>�Digitoxin�, sagte Poirot, �ist ein giftiges Herzmittel, nicht wahr?�</p><p>�Ja. Es wird aus Digitalis purpurea gewonnen, dem gew�hnlichen Roten Fingerhut.�Er�besitzt vier�aktive Grundbestandteile:�Digitalin,�Digitonin, Digitalein und Digitoxin. Von diesen gilt Digitoxin als giftigster Wirkstoff der Digitalis-Bl�tter. Versuche haben gezeigt, dass es sechs- bis zehnmal st�rker ist als Digitalin oder Digitalein. In Frankreich ist es zugelassen � aber es steht nicht in der offiziellen englischen Arzneimittelliste.�</p><p>�Und was bewirkt eine hohe Dosis Digitoxin?�</p><p>Dr. Gerard sagte sehr ernst: �Eine hohe Dosis Digitoxin, die durch intraven�se Injektion direkt in den Blutkreislauf gelangt, f�hrt zum sofortigen Tod durch Herzl�hmung. Man sch�tzt, dass vier Milligramm f�r einen erwachsenen Mann t�dlich sind.�</p><p>�Und Mrs. Boynton war bereits herzkrank?�</p><p>�Ja. Genau gesagt nahm sie sogar ein Medikament, das Digitalin enth�lt.�</p><p>�Das�, erkl�rte Poirot, �ist wirklich sehr interessant.�</p><p>�Wollen Sie damit sagen�, fragte Colonel Carbury, �dass ihr Tod auf eine �berdosis ihrer eigenen Medizin zur�ckzuf�hren sein k�nnte?�</p><p>�Ja � das w�re m�glich. Aber ich dachte dabei noch an etwas anderes.�</p><p>�In gewissem Sinn�, sagte Dr. Gerard, �k�nnte man Digitalin als ein kumulativ wirkendes Arzneimittel bezeichnen. Und was den Obduktionsbefund betrifft, so k�nnen die Wirkstoffe von Digitalis t�ten, ohne Spuren zu hinterlassen.�</p><p>Poirot nickte langsam zum Zeichen, dass er verstanden hatte.</p><p>�Ja, das ist raffiniert � sehr raffiniert. Es ist also praktisch unm�glich, es vor Gericht nachzuweisen. Nun, meine Herren, eines kann ich Ihnen versichern: Falls es sich hier um Mord handelt, dann um einen ganz raffinierten! Die Spritze wird zur�ckgelegt, das Gift, das benutzt wird, ist ein Gift, das das Opfer schon des L�ngeren einnahm � gen�gend M�glichkeiten, dass ein Irrtum oder ein Unfall vorliegt. O ja, hier war ein kluger Kopf am Werk. Dahinter steckt �berlegung � Sorgfalt � Genialit�t.�</p><p>Er sa� ein Weilchen schweigend da, dann hob er den Kopf. �Etwas ist mir allerdings ein R�tsel.�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>�Der Diebstahl der Spritze.�</p><p>�Sie wurde entwendet�, sagte Dr. Gerard rasch.</p><p>�Entwendet � und zur�ckgebracht?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Seltsam�, sagte Poirot. �Sehr seltsam. Alles andere passt vortrefflich zusammen.�</p><p>Colonel Carbury sah ihn neugierig an.</p><p>�Nun?�, sagte er dann. �Wie lautet Ihr fachm�nnisches Urteil? War es Mord � oder war es kein Mord?�</p><p>Poirot hielt abwehrend die Hand hoch.</p><p>�Geduld. So weit sind wir noch nicht. Man muss noch weitere Indizien in Erw�gung ziehen.�</p><p>�Was denn f�r Indizien? Sie kennen doch schon alle.�</p><p>�Ah, aber hier handelt es sich um ein Indiz, das <emphasis><strong>ich, Hercule Poirot,</strong></emphasis> beisteuere.�</p><p>Er nickte nachdr�cklich und l�chelte ein wenig �ber die erstaunten Gesichter der beiden anderen.</p><p>�Ja, es ist kurios, das. Dass ich, dem Sie die Geschichte erz�hlen, meinerseits in der Lage bin, ein Indiz zu liefern, von dem Sie nichts wissen. Es war so. Im <emphasis><strong>Hotel Solomon</strong></emphasis> gehe ich eines Abends zum Fenster, um mich zu vergewissern, dass es geschlossen ist � �</p><p>�Geschlossen � oder offen?�, fragte Carbury.</p><p>�Geschlossen�, sagte Poirot bestimmt. �Es war offen, also gehe ich nat�rlich, es zu schlie�en. Aber bevor ich das mache, als meine Hand schon auf dem Griff liegt, h�re ich eine Stimme � eine angenehme Stimme, leise und deutlich, die vor Erregung ein wenig zittert. Ich sage zu mir, das ist eine Stimme, die ich wieder erkennen werde. Und was sagt sie, diese Stimme? Sie sagt die Worte: <emphasis><strong>&gt;Du siehst doch ein, dass sie muss?&lt;�</strong></emphasis></p><p>�<emphasis><strong>Naturellement�,</strong></emphasis> fuhr er fort, �denke ich in diesem Moment nicht, dass die Worte sich auf einen Mord aus Fleisch und Blut beziehen. Ich halte sie f�r die Worte eines Schriftstellers oder vielleicht eines B�hnenautors. Aber jetzt � <emphasis><strong>bin ich mir nicht mehr so sicher.</strong></emphasis> Das hei�t, ich bin sicher, dass es sich anders verhielt.�</p><p>Wieder hielt er kurz inne, bevor er weitersprach: <emphasis><strong>�Messieurs,</strong></emphasis> so viel kann ich Ihnen <emphasis><strong>nach bestem Wissen und Gewissen</strong></emphasis> sagen: Diese Worte wurden gesprochen von einem jungen Mann, den ich sp�ter in der Hotelhalle sah und der, wie man mir auf meine Nachfrage mitteilte, ein junger Mann namens Raymond Boynton war.�</p></section><section><title><p id="_bookmark16"><strong>Drittes Kapitel</strong></p></title><p>�Raymond Boynton sagte das?�, rief der Franzose verbl�fft aus.</p><p>�Halten Sie das f�r unwahrscheinlich � psychologisch gesehen?�, erkundigte sich Poirot ruhig.</p><p>Gerard sch�ttelte den Kopf. �Nein, das w�rde ich nicht behaupten. Ich bin nur �berrascht. Ich will damit sagen, dass ich �berrascht bin, weil Raymond Boynton sich geradezu als Verd�chtiger anbot.�</p><p>Colonel Carbury seufzte. Der Seufzer schien zu besagen, man m�ge ihn mit diesem Psychokram verschonen.</p><p>�Fragt sich nur�, knurrte er, �wie es jetzt weitergehen soll.�</p><p>Gerard zuckte mit den Schultern. �Ich wei� wirklich nicht, was Sie unternehmen k�nnen�, bekannte er. �Die vorhandenen Indizien sind ohne Beweiskraft. Selbst wenn Sie �berzeugt sind, dass es Mord war, wird es schwierig sein, ihn nachzuweisen. �</p><p>�Ich verstehe�, sagte Colonel Carbury. �Wir haben zwar den Verdacht, dass es Mord war, aber wir lehnen uns gem�tlich zur�ck und drehen D�umchen! Das geht mir gegen den Strich!� Wie zur Erkl�rung f�gte er den merkw�rdigen Satz hinzu, den er schon einmal gesagt hatte: �Ich bin nun mal ein ordentlicher Mensch.�</p><p>�Ich wei�. Ich wei�.� Poirot nickte mitf�hlend. �Sie m�chten sich Klarheit verschaffen. Sie m�chten definitiv und ganz genau wissen, was geschehen ist und wie es geschah. Und Sie, Dr. Gerard? Sie haben gesagt, dass man nichts unternehmen kann � dass das vorliegende Material keine Beweiskraft hat? Das trifft vermutlich zu. Aber sind Sie damit zufrieden, die Sache auf sich beruhen zu lassen?�</p><p>�Sie war ein �bles Subjekt�, sagte Gerard bed�chtig. �Au�erdem w�re sie vermutlich bald gestorben � in einer Woche, einem Monat, einem Jahr.�</p><p>�Sie sind also zufrieden?�, hakte Poirot nach.</p><p>�Es besteht nicht der geringste Zweifel�, fuhr Gerard fort, �dass ihr Tod � wie soll ich mich ausdr�cken � ein Segen f�r die Allgemeinheit ist. Er hat ihren Familienangeh�rigen die Freiheit geschenkt. Sie haben jetzt die M�glichkeit, sich zu entfalten � sie besitzen alle, wie ich meine, einen guten Charakter und Verstand. Sie werden � endlich � n�tzliche Mitglieder der Gesellschaft sein! Wie ich es sehe, hat der Tod von Mrs. Boynton nur Positives zur Folge.�</p><p>Poirot fragte zum dritten Mal: �Sie sind also zufrieden?�</p><p>�Nein.� Gerard schlug pl�tzlich mit der Faust auf den Tisch. �Ich bin <emphasis><strong>nicht</strong></emphasis> &gt;zufrieden&lt;, wie Sie sich auszudr�cken belieben! Es liegt in meiner Natur, Leben zu erhalten � nicht den Tod zu beschleunigen! Auch wenn mir mein Verstand noch so oft sagt, dass der Tod dieser Frau eine gute Sache war, lehnt sich unbewusst alles in mir dagegen auf! <emphasis><strong>Es ist nicht recht, Gentlemen, dass ein Mensch stirbt, bevor seine Zeit gekommen ist.�</strong></emphasis></p><p>Poirot l�chelte und lehnte sich zur�ck, zufrieden mit der Antwort, die er auf sein hartn�ckiges Nachfragen erhalten hatte.</p><p>Colonel Carbury stellte n�chtern fest: �Der Mann hat was gegen Mord! Mit Recht! Geht mir genauso.�</p><p>Er stand auf und schenkte sich einen gro�en Whisky Soda ein. Die Gl�ser seiner G�ste waren noch voll.</p><p>�Und jetzt�, sagte er, wieder zum Thema kommend, �wollen wir mal N�gel mit K�pfen machen. <emphasis><strong>Was k�nnen wir in dieser Sache unternehmen?</strong></emphasis> Dass sie uns nicht gef�llt, steht fest! Aber wir werden uns vielleicht wohl oder �bel damit abfinden m�ssen. Es hat keinen Zweck, einen Riesenwirbel zu veranstalten, wenn wir keine hieb- und stichfesten Beweise auf den Tisch legen k�nnen.�</p><p>Gerard beugte sich vor. �Was meinen Sie, Monsieur Poirot? Sie sind schlie�lich der Experte.�</p><p>Poirot lie� sich mit der Antwort Zeit. Pedantisch r�ckte er den einen oder anderen Aschenbecher zurecht und schob die benutzten Streichh�lzer zu einem H�ufchen zusammen. Dann sagte er: �Sie m�chten nat�rlich gerne wissen, Colonel Carbury, <emphasis><strong>wer Mrs. Boynton get�tet hat,</strong></emphasis> nicht wahr? Das hei�t, <emphasis><strong>falls</strong></emphasis> sie get�tet wurde und nicht eines nat�rlichen Todes starb. Exakt <emphasis><strong>wie und wann</strong></emphasis> sie get�tet wurde � also die ganze Wahrheit?�</p><p>�Richtig. Genau das.� Carburys Ton war ruhig und sachlich.</p><p>Hercule Poirot sagte langsam:��Ich w�sste nicht, was Sie daran hindern sollte!�</p><p>Dr. Gerard blickte ungl�ubig drein. Colonel Carbury sah Poirot interessiert an.</p><p>�Ach was!�, sagte er. �Tats�chlich? Ist ja hochinteressant. Und wie wollen Sie das anstellen?�</p><p>�Durch methodische Auswertung der Indizien,�durch�exakte Schlussfolgerungen.�</p><p>�Meinen Segen haben Sie�, sagte Colonel Carbury.</p><p>�Und mittels sorgf�ltiger Pr�fung der psychologischen Aspekte.�</p><p>�Dr. Gerard wird sich freuen, das zu h�ren�, sagte Carbury. �Und Sie glauben, wenn Sie die Indizien gepr�ft und Ihre Schl�sse gezogen haben und nebenher ein bisschen Psychologie angewandt haben, dass Sie dann � <emphasis><strong>Simsalabim!</strong></emphasis> � das Kaninchen aus dem Zylinder zaubern k�nnen?�</p><p>�Ich w�re h�chst �berrascht, wenn mir selbiges nicht gel�nge�, sagte Poirot ruhig.</p><p>Colonel Carbury starrte ihn �ber das Whiskyglas hinweg an. Einen Moment lang waren seine ausdruckslosen Augen ganz und gar nicht ausdruckslos, sondern absch�tzend und taxierend.</p><p>Er stellte sein Glas ab und brummte: �Was meinen <emphasis><strong>Sie</strong></emphasis> dazu, Dr. Gerard?�</p><p>�Ich muss gestehen, dass ich skeptisch bin, was den Erfolg betrifft. Obwohl ich nat�rlich wei�, dass Monsieur Poirot gro�e geistige F�higkeiten besitzt.�</p><p>�Ja, ich bin eine Naturbegabung�, sagte der kleine Mann. Er l�chelte bescheiden.</p><p>Colonel Carbury wandte das Gesicht ab und h�stelte.</p><p>Poirot sagte: �Als Erstes m�ssen wir kl�ren, ob dies ein von mehreren Personen gemeinsam begangener Mord ist, also ob er von der Familie Boynton als Ganzes geplant und ausgef�hrt wurde � oder ob es sich um die Tat eines einzelnen Familienmitglieds handelt. Im zweiten Fall ist zu kl�ren, wer von ihnen am ehesten als T�ter in Frage kommt.�</p><p>Dr. Gerard sagte: �Da w�re Ihre eigene Aussage. Man m�sste wohl als Erstes Raymond Boynton in Betracht ziehen.�</p><p>�Ich stimme Ihnen zu�, sagte Poirot. �Die Bemerkung, die ich zuf�llig h�rte, und die Diskrepanz zwischen seiner Aussage und dem, was die junge �rztin sagt, machen�ihn�eindeutig�zum Hauptverd�chtigen. �</p><p>�Er war der Letzte�, fuhr er fort, �der Mrs. Boynton lebend sah. Das behauptet er jedenfalls. Sarah King widerspricht ihm in diesem Punkt. Sagen Sie, Dr. Gerard, gibt es � �h � Sie wissen, was ich meine � eine, sagen wir, gewisse <emphasis><strong>tendresse</strong></emphasis> zwischen den beiden?�</p><p>Der Franzose nickte. �Ganz zweifellos.�</p><p>�Aha! Ist diese junge Dame br�nett, tr�gt das Haar aus der Stirn nach hinten gek�mmt � so � und hat sie gro�e braune Augen und ein entschiedenes Auftreten?�</p><p>Dr. Gerard schien �berrascht zu sein, �ja, das beschreibt sie sehr gut.�</p><p>�Ich glaube, ich habe sie schon gesehen � im <emphasis><strong>Hotel Solomon.</strong></emphasis> Sie sprach mit diesem Raymond Boynton, und danach blieb er wie in Trance, versperrte den Ausgang aus dem Fahrstuhl. Dreimal musste ich sagen <emphasis><strong>&gt;Pardon!&lt;,</strong></emphasis> bevor er mich h�rte und aus dem Weg ging.�</p><p>Er hing eine Weile seinen Gedanken nach und sagte dann: �Wir werden Miss Sarah Kings medizinischen Befund f�r den Anfang also mit gewissen Vorbehalten zur Kenntnis nehmen. Sie ist befangen.� Er schwieg und fuhr dann fort: �Sagen Sie, Dr. Gerard, glauben Sie, dass Raymond Boynton von der Veranlagung her f�hig ist, ohne weiteres einen Mord zu begehen?�</p><p>Gerard antwortete langsam:��Sie meinen, einen vors�tzlichen, geplanten Mord? Ja, das halte ich f�r m�glich � aber nur in einem Zustand gr��ter emotionaler Anspannung. �</p><p>�Und war dies der Fall?�</p><p>�Unbedingt. Diese Reise ins Ausland steigerte zweifellos die nervliche und psychische Anspannung, unter der alle standen. Der Gegensatz zwischen ihrem eigenen Leben und dem anderer Menschen wurde ihnen bewusster. Und bei Raymond Boynton.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Bei ihm wurde die Sache noch dadurch kompliziert, dass er sich stark zu Sarah King hingezogen f�hlte.�</p><p>�Und das h�tte ihm ein weiteres Motiv gegeben? Und einen zus�tzlichen Antrieb?�</p><p>�So ist es.�</p><p>Colonel Carbury h�stelte. �Wenn ich mal unterbrechen darf. Dieser Satz, den Sie da geh�rt haben � <emphasis><strong>du siehst doch ein, dass sie sterben muss?</strong></emphasis> �, der muss doch an irgendwen gerichtet gewesen sein.�</p><p>�Ein wichtiger Punkt�, sagte Poirot. �Er war mir keineswegs entgangen. <emphasis><strong>Alors,</strong></emphasis> mit wem sprach Raymond Boynton? Zweifellos mit einem Mitglied seiner Familie. Aber mit welchem? K�nnen Sie uns etwas �ber die psychische Verfassung der anderen Familienmitglieder sagen, Dr. Gerard?�</p><p>Gerard antwortete unverz�glich: �Carol Boynton war in einem ganz �hnlichen Zustand wie Raymond, w�rde ich sagen � in einem Zustand der Auflehnung, verbunden ���mit einer hochgradigen nerv�sen Erregung, aber in ihrem Fall ohne die zus�tzliche Belastung durch eine sexuelle Komponente. Lennox Boynton hatte das Stadium der Auflehnung bereits hinter sich. Er war in Apathie versunken. Ich glaube, es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Seine Reaktion auf seine Umwelt bestand darin, sich mehr und mehr in sich selbst zur�ckzuziehen. Er ist extrem introvertiert.�</p><p>�Und seine Frau?�</p><p>�Seine Frau war zwar m�de geworden und ungl�cklich, lie� aber keine Anzeichen einer psychischen St�rung erkennen. Ich glaube, sie stand kurz vor einer Entscheidung. �</p><p>�Was f�r einer Entscheidung?�</p><p>�Ob sie ihren Mann verlassen sollte oder nicht.�</p><p>Er berichtete von seinem Gespr�ch mit Jefferson Cope. Poirot nickte verst�ndnisvoll.</p><p>�Was ist mit dem j�ngeren M�dchen � Ginevra, wenn ich mich nicht irre?�</p><p>Das Gesicht des Franzosen wurde ernst. Er sagte: �Meiner Meinung nach ist sie psychisch in einem �u�erst gef�hrlichen Zustand. Sie zeigt bereits die ersten Anzeichen von Schizophrenie. Da sie die in ihrem Leben herrschende Unterdr�ckung nicht ertragen kann, fl�chtet sie sich in eine Traumwelt. Sie leidet an Verfolgungswahn im fortgeschrittenen Stadium � das hei�t, sie behauptet, k�niglichen Gebl�ts zu sein, in Gefahr zu schweben, von Feinden umringt zu sein und so weiter � das �bliche!�</p><p>�Und das ist � gef�hrlich?�</p><p>�Sehr gef�hrlich sogar. Es ist h�ufig der Beginn eines zwanghaften T�tungsdrangs. Der Kranke t�tet nicht aus Mordgier, sondern <emphasis><strong>aus Notwehr.</strong></emphasis> Er t�tet, um nicht selbst get�tet zu werden. Aus der Sicht des Patienten ist das absolut rational.�</p><p>�Sie glauben also, Ginevra Boynton k�nnte ihre Mutter get�tet haben?�</p><p>�Ja. Aber ich bezweifle, dass sie �ber das Wissen oder die Zielstrebigkeit verf�gt, einen Mord in der Form auszuf�hren, wie er hier begangen wurde. Die Vorgehensweise dieser Art manisch-depressiver Patienten ist im Allgemeinen sehr direkt und durchschaubar. Und ich bin mir fast sicher, dass Ginevra Boynton eine spektakul�rere Methode gew�hlt h�tte.�</p><p>�Aber man muss sie als T�ter in Betracht ziehen?�, hakte Poirot nach.</p><p>�Ja�, r�umte Gerard ein.</p><p>�Und danach � nachdem die Tat begangen war? <emphasis><strong>Glauben Sie, dass die ganze Familie wei�, wer sie begangen hat?�</strong></emphasis></p><p>�Sie wissen es!�, sagte Colonel Carbury unvermittelt. �Wenn mir jemals ein Gr�ppchen untergekommen ist, das etwas zu verbergen hatte � dann diese Familie! Die machen uns doch alle was vor!�</p><p>�Wir werden sie dazu bringen, uns zu sagen, was dahinter steckt�, erwiderte Poirot.</p><p>�Daumenschrauben?�, meinte Colonel Carbury.</p><p>�Nein.� Poirot sch�ttelte den Kopf. �Nur eine ganz normale Unterhaltung. Im Gro�en und Ganzen erz�hlen einem die Leute n�mlich die Wahrheit. Weil es das Einfachste ist! Weil es weniger anstrengend f�r die Phantasie ist! Man kann <emphasis><strong>einmal</strong></emphasis> zu einer L�ge greifen, zweimal oder dreimal, sogar viermal � <emphasis><strong>aber man kann nicht immer l�gen.</strong></emphasis> Und darum kommt die Wahrheit stets ans Licht.�</p><p>�Da ist was dran�, r�umte Carbury ein.</p><p>Dann sagte er geradeheraus:��Sie werden also mit ihnen reden, wie Sie sagen. Hei�t das, dass Sie die Sache �bernehmen? �</p><p>Poirot deutete eine Verbeugung an. Dann sagte er: �Lassen Sie uns etwas klarstellen. Sie wollen die Wahrheit wissen, und ich verpflichte mich, sie Ihnen zu liefern. Aber vergessen Sie eines nicht: Selbst wenn wir die Wahrheit herausgefunden haben, wird es vielleicht keine <emphasis><strong>Beweise</strong></emphasis> geben. Das hei�t, keine Beweise, die vor Gericht Bestand h�tten. Sie verstehen, was ich meine?�</p><p>�Vollkommen�, sagte Carbury. �Sie sorgen daf�r, dass ich erfahre, was wirklich passiert ist, und dann liegt es bei mir zu entscheiden, ob ein Verfahren eingeleitet wird oder nicht � unter Ber�cksichtigung der internationalen Aspekte. Auf jeden Fall wird die Sache aufgekl�rt. Keine Unklarheiten. Kann Unklarheiten nicht ausstehen.�</p><p>Poirot l�chelte.</p><p>�Und noch etwas�, sagte Carbury. �Ich kann Ihnen nicht viel Zeit geben. Kann die Leute ja nicht ewig hier behalten.�</p><p>Poirot sagte ruhig: �Sie k�nnen sie vierundzwanzig�Stunden�festhalten. Morgen Abend werden Sie die Wahrheit wissen.�</p><p>Colonel Carbury sah ihn scharf an. �Ganz sch�n selbstsicher, wie?�</p><p>�Ich kenne�meine�F�higkeiten�, murmelte Poirot.</p><p>Colonel Carbury, von dieser zutiefst unenglischen �u�erung peinlich ber�hrt, wandte den Blick ab und zupfte an seinem struppigen Schnurrbart herum.</p><p>�Tja�, brummte er, �es liegt an Ihnen.�</p><p>�Wenn Sie das schaffen, mein Freund�, sagte Dr. Gerard, �dann sind Sie in der Tat ein Genie!�</p></section><section><title><p id="_bookmark17"><strong>Viertes Kapitel</strong></p></title><p>Sarah King musterte Hercule Poirot lange und eingehend. Sie besah sich den eif�rmigen Kopf, den m�chtigen Schnurrbart, die stutzerhafte Kleidung und das verd�chtig tiefe Schwarz der Haare. Ein zweifelnder Ausdruck schlich sich in ihre Augen.</p><p>�Nun, Mademoiselle, sind Sie zufrieden?�</p><p>Sarah err�tete, als sie Poirots am�siertem ironischen Blick begegnete.</p><p>�Verzeihen Sie�, sagte sie verlegen.</p><p><emphasis><strong>�Du tout!</strong></emphasis> Um ein Wort zu benutzen, das ich erst k�rzlich gelernt habe: Sie haben mich beaugapfelt, habe ich Recht?�</p><p>Sarah l�chelte schwach. �Nun, Sie k�nnen das Gleiche gern auch bei mir machen�, sagte sie.</p><p>�Aber gewiss. Ich habe es nicht vers�umt, dies bereits zu tun.�</p><p>Sie sah ihn scharf an. Der Ton, in dem er das sagte, irritierte sie. Doch Poirot zwirbelte nur selbstgef�llig seinen Schnurrbart, und Sarah dachte (schon zum zweiten Mal):�Der�Mann ist ein Schaumschl�ger!</p><p>Nachdem ihre Selbstsicherheit wiederhergestellt war, setzte sie sich etwas aufrechter hin und sagte leicht fragend: �Ich f�rchte, ich verstehe nicht ganz, wozu diese Unterredung dienen soll.�</p><p>�Der gute Dr. Gerard hat es Ihnen nicht erkl�rt?�</p><p>Sarah runzelte die Stirn. �Ich begreife Dr. Gerard nicht. Er scheint zu glauben, dass � �</p><p>�Etwas ist faul im Staate D�nemark�, zitierte Poirot. �Sie sehen, ich kenne Ihren Shakespeare.�</p><p>Sarah tat Shakespeare mit einer Handbewegung ab.</p><p>�Wozu soll der ganze Wirbel eigentlich gut sein?�, wollte sie wissen.</p><p><emphasis><strong>��Eh bien,</strong></emphasis> man will dieser Sache doch auf den Grund gehen, habe ich Recht?�</p><p>�Sprechen Sie von Mrs. Boyntons Tod?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ist das nicht ein bisschen viel Tamtam um gar nichts? Gewiss, Sie sind Fachmann auf diesem Gebiet, Monsieur Poirot. Da ist es ganz normal, dass Sie � �</p><p>�Dass ich ein Verbrechen wittere, wann immer ich einen Vorwand daf�r finden kann?�</p><p>�Nun ja � so �hnlich.�</p><p>�Sie selbst hegen keine Zweifel, was Mrs. Boyntons Tod betrifft?�</p><p>Sarah zuckte mit den Schultern.</p><p>�Monsieur Poirot, wenn Sie in Petra gewesen w�ren, dann w�ssten Sie, dass die Reise dorthin eine ziemliche Strapaze gewesen sein muss f�r eine alte Frau, deren Herz nicht das beste war.�</p><p>�F�r Sie scheint der Fall also absolut klar zu sein?�</p><p>�Aber ja! Ich begreife nicht, was Dr. Gerard eigentlich bezweckt. Er war ja nicht einmal dabei. Er lag mit Fieber im Bett. Selbstverst�ndlich w�rde ich mich jederzeit seiner gr��eren medizinischen Erfahrung beugen � aber in diesem Fall hat er doch �berhaupt nichts in der Hand. Man kann ja in Jerusalem eine Obduktion durchf�hren lassen, falls man mit meinem Befund nicht zufrieden ist.�</p><p>Poirot schwieg einen Moment und sagte dann: �Es gibt einen Tatbestand, den Sie noch nicht kennen. Dr. Gerard hat ihn Ihnen gegen�ber nicht erw�hnt.�</p><p>�Und der w�re?�, wollte Sarah wissen.</p><p>�In Dr. Gerards Reiseapotheke fehlt ein gewisses Medikament � Digitoxin.�</p><p>�Oh!� Sarah erfasste sofort, was dieser neue Aspekt bedeutete. Nicht minder schnell st�rzte sie sich auf den einzigen schwachen Punkt.</p><p>�Ist Dr. Gerard da absolut sicher?�</p><p>Poirot zuckte mit den Schultern. �Ein Arzt ist, wie Sie wissen werden, Mademoiselle, im Allgemeinen sehr vorsichtig mit seinen Aussagen.�</p><p>�Ja, nat�rlich. Das versteht sich von selbst. Aber Dr. Gerard hatte zu der Zeit einen Malariaanfall.�</p><p>�Das ist nat�rlich richtig.�</p><p>�Hat er eine Ahnung, wann das Medikament entwendet worden sein k�nnte?�</p><p>�Er hatte Veranlassung, am Abend seiner Ankunft in Petra in seine Reiseapotheke zu sehen. Er brauchte Phenacetin � weil er starke Kopfschmerzen hatte. Er ist sich fast sicher, dass noch alle Medikamente vorhanden waren, als er das Phenacetin am n�chsten Morgen wieder in die Tasche legte und diese zumachte.�</p><p>�Fast sicher�, sagte Sarah.</p><p>Poirot zuckte mit den Schultern. �Ja, es besteht ein gewisser Zweifel! Der Zweifel, den jeder Mensch, der ehrlich ist, haben w�rde.�</p><p>Sarah nickte. �Ich wei�, was Sie meinen. Man wird immer misstrauisch, wenn sich jemand einer Sache allzu sicher ist. Trotzdem, Monsieur Poirot, es ist <emphasis><strong>kein</strong></emphasis> eindeutiger Beweis. Ich habe das Gef�hl, dass.� Sie brach ab. Poirot sprach den Satz f�r sie zu Ende.</p><p>�Sie haben das Gef�hl, dass Ermittlungen meinerseits unklug w�ren.�</p><p>Sarah sah ihm fest in die Augen. �Offen gesagt, ja. Sind Sie ganz sicher, Monsieur Poirot, dass es sich hier nicht lediglich um ein Vergn�gen zu Lasten anderer handelt?�</p><p>Poirot l�chelte. �Dass das Privatleben einer Familie gest�rt und behelligt wird, nur damit Hercule Poirot zu seiner Zerstreuung ein wenig Detektiv spielen kann?�</p><p>�Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten � aber ist dieser Gedanke denn so abwegig?�</p><p>�Sie stehen also auf der Seite der Familie Boynton, Mademoiselle?�</p><p>�Ja, ich glaube schon. Sie haben alle sehr viel mitgemacht. Sie � sie sollten nicht noch mehr durchmachen m�ssen.�</p><p>�Und <emphasis><strong>la maman?</strong></emphasis> Sie war unangenehm, tyrannisch, ekelhaft und darum entschieden besser tot als lebendig, <emphasis><strong>nest-ce pas?�</strong></emphasis></p><p>�Wenn Sie es so ausdr�cken � � Sarah hielt err�tend inne und fuhr dann fort: �Ich gebe zu, dass man dergleichen nicht in Betracht ziehen sollte.�</p><p>�Aber man tut es trotzdem! Das hei�t, <emphasis><strong>Sie</strong></emphasis> tun es, Mademoiselle! Nicht ich � ich tue es nicht! F�r mich spielt das keine Rolle. Das Opfer mag ein wahrer Heiliger sein oder aber ein infames Ungeheuer. Es ber�hrt mich nicht. Der Sachverhalt ist der gleiche. Ein Leben wurde genommen! Ich betone es noch einmal: Ich kann Mord nicht billigen.�</p><p>�Mord?� Sarah zog scharf die Luft ein. �Aber was f�r Beweise gibt es daf�r? Doch nur extrem fadenscheinige! Selbst Dr. Gerard ist sich seiner Sache nicht sicher!�</p><p>Poirot sagte ruhig: �Es gibt noch andere Indizien, Mademoiselle.�</p><p>�Und die w�ren?� Ihre Stimme klang schneidend.</p><p><emphasis><strong>��Der Einstich einer Injektionsnadel am Handgelenk der Toten.</strong></emphasis> Und noch etwas � <emphasis><strong>eine Bemerkung, die ich in Jerusalem mit anh�rte,</strong></emphasis> in einer klaren, stillen Nacht, als ich mein Schlafzimmerfenster schlie�en wollte. Soll ich Ihnen den genauen Wortlaut verraten, Miss King? Nun denn. Ich h�rte Mr. Raymond Boynton sagen: <emphasis><strong>&gt;Du siehst doch ein, dass sie sterben mu�!&lt;�</strong></emphasis></p><p>Er bemerkte, dass alle Farbe aus Sarahs Gesicht wich.</p><p>Sie sagte: <emphasis><strong>�Das haben Sie geh�rt?�</strong></emphasis></p><p>�Ja.�</p><p>Die junge Frau starrte wie versteinert vor sich hin.</p><p>Schlie�lich sagte sie: �Ausgerechnet <emphasis><strong>Sie</strong></emphasis> mussten das h�ren!�</p><p>Poirot nickte. �Ja, ausgerechnet ich. Dergleichen kommt vor. Verstehen Sie jetzt, warum ich meine, dass eine Untersuchung erforderlich ist?�</p><p>Sarah sagte leise: �Ich glaube, Sie haben Recht.�</p><p>�Ah! Und werden Sie mir helfen?�</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>Es klang sachlich, emotionslos. Sie blickte Poirot k�hl in die Augen.</p><p>Poirot deutete eine Verbeugung an. �Ich danke Ihnen, Mademoiselle. Dann m�chte ich Sie jetzt bitten, mir in Ihren eigenen Worten exakt alle Ereignisse des bewussten Tages zu schildern, an die Sie sich erinnern.�</p><p>Sarah dachte kurz nach.</p><p>�Lassen Sie mich �berlegen. Vormittags haben wir einen Ausflug gemacht. Von den Boyntons war keiner dabei. Ich sah sie erst beim Mittagessen. Sie waren gerade fertig, als wir zur�ckkamen. Mrs. Boynton schien ungew�hnlich gut aufgelegt zu sein.�</p><p>�Sie war gew�hnlich nicht besonders freundlich, wie ich h�re.�</p><p>�Das k�nnen Sie laut sagen!�, best�tigte Sarah und verzog das Gesicht.</p><p>Dann schilderte sie, wie Mrs. Boynton ihrer Familie f�r den Nachmittag freigegeben hatte.</p><p>�Auch das war ungew�hnlich?�</p><p>�O ja! Normalerweise wollte sie immer alle um sich haben.�</p><p>�Glauben Sie, dass sie vielleicht pl�tzlich Gewissensbisse hatte � dass sie hatte, wie sagt man � <emphasis><strong>un bon moment?�</strong></emphasis></p><p>�Nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen�, sagte Sarah unverbl�mt.</p><p>�Was dachten Sie dann?�</p><p>�Ich war perplex. Ich hatte den Verdacht, dass es so eine Art Katz-und-Maus-Spiel war.�</p><p>�W�rden Sie das bitte erl�utern, Mademoiselle?�</p><p>�Es macht der Katze Spa�, die gefangene Maus loszulassen und sie dann wieder einzufangen. Mrs. Boynton besa� eine �hnliche Mentalit�t. Ich dachte, dass sie eine neue Gemeinheit im Schilde f�hrt.�</p><p>�Und was ���geschah ���dann, Mademoiselle?�</p><p>�Die Bonytons machten einen Spaziergang. �</p><p>�Alle?�</p><p>�Nein. Die J�ngste, Ginevra, musste im Camp bleiben. Sie sollte sich hinlegen.�</p><p>�War das auch ihr eigener Wunsch?�</p><p>�Nein. Aber darauf kam es nicht an. Sie hatte zu gehorchen. Die anderen brachen auf. Dr. Gerard und ich schlossen uns ihnen an.�</p><p>�Wann war das?�</p><p>�Gegen halb vier.�</p><p>�Wo war Mrs. Boynton zu der Zeit?�</p><p>�Nadine � die junge Mrs. Boynton � hatte es ihr auf einem Stuhl drau�en vor ihrer H�hle bequem gemacht.�</p><p>�Fahren Sie fort.�</p><p>�Hinter der Biegung holten Dr. Gerard und ich die anderen ein. Wir gingen alle zusammen weiter. Nach einiger Zeit kehrte Dr. Gerard dann um. Er hatte sich offenbar schon eine ganze Weile nicht wohl gef�hlt. Ich sah, dass er Fieber hatte. Ich bot an, ihn zu begleiten, aber er wollte nichts davon h�ren.�</p><p>�Um wie viel Uhr war das?�</p><p>�So gegen vier, w�rde ich sagen.�</p><p>�Und die anderen?�</p><p>�Wir gingen weiter.�</p><p>�Alle zusammen?�</p><p>�Zuerst ja. Dann trennten wir uns.� Sarah sprach rasch weiter, als ahnte sie die n�chste Frage schon. �Nadine Boynton und Mr. Cope gingen in die eine Richtung, und Carol, Lennox, Raymond und ich gingen in eine andere.�</p><p>�Und so setzten Sie Ihren Weg fort?�</p><p>�Nun ja � nicht ganz. Raymond Boynton und ich verlie�en die anderen. Wir setzten uns auf eine Felsplatte und bewunderten die wildromantische Landschaft. Dann ging er zur�ck, w�hrend ich noch einige Zeit blieb. Als ich auf die Uhr schaute, war es kurz vor halb sechs, und mir wurde klar, dass ich mich auf den Heimweg machen musste. Ich kam gegen sechs im Camp an. Die Sonne ging gerade unter.�</p><p>�Kamen Sie unterwegs an Mrs. Boynton vorbei?�</p><p>�Ich sah nur, dass sie noch immer droben auf ihrem Stuhl sa�.�</p><p>�Und das kam Ihnen nicht merkw�rdig vor � dass sie sich nicht von der Stelle ger�hrt hatte?�</p><p>�Nein, weil ich sie schon am Vorabend bei unserer Ankunft dort hatte sitzen sehen.�</p><p>�Ich verstehe. <emphasis><strong>Continuez.�</strong></emphasis></p><p>�Ich ging ins Gemeinschaftszelt. Au�er Dr. Gerard waren schon alle da. Ich machte mich frisch und kam dann zur�ck ins Gemeinschaftszelt. Das Abendessen wurde aufgetragen, und einer der Diener ging los, um Mrs. Boynton zu holen. Er kam zur�ckgerannt und sagte, dass sie krank sei. Ich ging sofort zu ihr. Sie sa� noch genau so auf ihrem Stuhl wie vorher, aber als ich sie anfasste, merkte ich, dass sie tot war.�</p><p>�F�r Sie bestand kein Zweifel, dass sie eines nat�rlichen Todes gestorben war?�</p><p>�Nicht der geringste. Ich hatte geh�rt, dass sie ein Herzleiden hatte, aber genau welches war mir nicht bekannt.�</p><p>�Sie dachten lediglich, sie sei in ihrem Stuhl sitzend gestorben?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ohne um Hilfe zu rufen?�</p><p>�Ja. Das ist nichts Au�ergew�hnliches. Sie konnte ohne weiteres im Schlaf gestorben sein. Es ist durchaus denkbar, dass sie eingenickt war. Au�erdem schliefen alle im Camp sowieso fast den ganzen Nachmittag. Niemand h�tte sie geh�rt, es sei denn, sie h�tte sehr laut gerufen.�</p><p>�Konnten Sie feststellen, wie lange sie schon tot war?�</p><p>�Nun, dar�ber habe ich nicht weiter nachgedacht. Sie war auf jeden Fall schon einige Zeit tot.�</p><p>�Was verstehen Sie unter &gt;schon einige Zeit&lt;?�, fragte Poirot.</p><p>�Nun, mindestens eine Stunde. Vielleicht auch l�nger. Die von den Felsen zur�ckstrahlende W�rme h�tte ein rasches Erkalten der Leiche verhindert.�</p><p>�Mindestens eine Stunde? Ist Ihnen bekannt, Mademoiselle King, dass Raymond Boynton nur eine gute halbe Stunde fr�her mit seiner Mutter sprach und dass sie da lebte und wohlauf war?�</p><p>Sie wich seinem Blick aus und sch�ttelte dann den Kopf. �Er muss sich irren. Es muss fr�her gewesen sein.�</p><p>�Nein, Mademoiselle, es war nicht fr�her.�</p><p>Sie sah ihn wieder geradeheraus an. Poirot fiel erneut der energische Zug um ihren Mund auf.</p><p>�Nun�, sagte Sarah, �ich bin noch jung und habe nicht viel Erfahrung mit Leichen, aber ich wei� genug, um mir in einem Punkt ganz sicher zu sein. Mrs. Boynton war schon <emphasis><strong>mindestens</strong></emphasis> eine Stunde tot, als ich ihre Leiche untersuchte!�</p><p>�Das�, sagte Hercule Poirot, �ist <emphasis><strong>Ihre Version,</strong></emphasis> und Sie werden sich nicht davon abbringen lassen! W�rden Sie mir dann erkl�ren, <emphasis><strong>warum</strong></emphasis> Mr. Boynton aussagen sollte, dass seine Mutter noch lebte, wenn sie in Wahrheit bereits tot war?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung�, sagte Sarah. �Wahrscheinlich deshalb, weil die ganze Familie kein besonders gutes Zeitgef�hl hat. Sie sind ja alle ziemlich fahrig.�</p><p>�Wie oft, Mademoiselle, hatten Sie Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen?�</p><p>Sarah runzelte die Stirn und dachte einen Moment nach.</p><p>�Das kann ich Ihnen genau sagen�, erkl�rte sie. �Auf der Bahnfahrt nach Jerusalem unterhielt ich mich im Gang des Schlafwagens mit Raymond Boynton. Mit Carol Boynton habe ich zweimal gesprochen � einmal vor der Omar-Moschee und einmal sp�t nachts in meinem Hotelzimmer. Einen Tag sp�ter hatte ich vormittags ein Gespr�ch mit Mrs. Lennox Boynton. Das ist alles � bis zum Nachmittag des Tages, an dem Mrs. Boynton starb, als wir alle gemeinsam einen Spaziergang machten.�</p><p>�Sie haben nie mit Mrs. Boynton selbst gesprochen?�</p><p>Sarah wurde vor Verlegenheit rot.</p><p>�Doch. An dem Tag, als sie Jerusalem verlie�, wechselte ich einige Worte mit ihr.� Sie hielt inne und stie� dann hervor: �Ehrlich gesagt, habe ich mich komplett zum Narren gemacht.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>Poirots Ton lie� Sarah keine andere Wahl, als steif und widerwillig den Inhalt des Gespr�chs zu wiederholen.</p><p>Poirot schien Genaueres wissen zu wollen und nahm sie ins Kreuzverh�r.</p><p>�Die Mentalit�t von Mrs. Boynton � sie ist sehr wichtig in diesem Fall�, sagte er. �Und Sie sind eine Au�enstehende, eine unvoreingenommene Beobachterin. Ihr Eindruck von ihr ist daher sehr wichtig.�</p><p>Sarah gab keine Antwort. Sie f�hlte sich jedes Mal peinlich ber�hrt, wenn sie an die Szene denken musste.</p><p>�Ich danke Ihnen, Mademoiselle�, sagte Poirot. �Ich werde jetzt mit den anderen Zeugen sprechen.�</p><p>Sarah stand auf. �Verzeihen Sie, Monsieur Poirot, aber wenn ich einen Vorschlag machen d�rfte �?�</p><p>�Nur zu! Nur zu!�</p><p>�Warum warten Sie damit nicht, bis die Obduktion stattgefunden hat und Sie genau wissen, ob Ihr Verdacht gerechtfertigt ist oder nicht? Mir kommt das Ganze so vor, als w�rde man das Pferd am Schwanz aufz�umen.�</p><p>Poirot machte eine bombastische Handbewegung. �Das ist eben die Methode von Hercule Poirot�, verk�ndete er.</p><p>Sarah presste die Lippen zusammen und verlie� das Zimmer.</p></section><section><title><p id="_bookmark18"><strong>F�nftes Kapitel</strong></p></title><p>Lady Westholme betrat das Zimmer mit der Bestimmtheit eines Ozeandampfers, der in den Hafen einl�uft.</p><p>Miss�Amabel�Pierce,�ein undefinierbareres Wasserfahrzeug, folgte in ihrem Kielwasser und lie� sich auf einem bescheideneren Stuhl etwas hinter ihr nieder.</p><p>�Selbstverst�ndlich, Monsieur Poirot�, dr�hnte Lady Westholme, �wird es mir ein Vergn�gen sein, Sie mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu unterst�tzen. Ich habe stets die Meinung vertreten, dass in Angelegenheiten dieser Art jedermann aufgerufen ist, seinen staatsb�rgerlichen Pflichten nachzukommen und � �</p><p>Nachdem�Lady�Westholmes staatsb�rgerliche Pflichten mehrere Minuten die Szene beherrscht hatten, gelang es Poirot mit List und T�cke, seine erste Frage zu stellen.</p><p>�Meine Erinnerung an den fraglichen Nachmittag ist l�ckenlos�, erwiderte Lady Westholme. �Miss Pierce und ich werden alles in unserer Macht Stehende tun, um Sie zu unterst�tzen.�</p><p>�O ja!�, seufzte Miss Pierce geradezu verz�ckt. �Wirklich <emphasis><strong>zu</strong></emphasis> tragisch, nicht wahr? Tot � einfach so � von jetzt auf nachher!�</p><p>�Wenn Sie mir bitte exakt schildern w�rden, was an dem bewussten Nachmittag geschah?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte Lady Westholme. �Nachdem wir zu Mittag gegessen hatten, beschloss ich, eine kurze Siesta zu halten. Der Ausflug am Vormittag war doch etwas anstrengend gewesen. Nicht, dass ich richtig m�de gewesen w�re � das bin ich so gut wie nie. Im Grunde wei� ich gar nicht, was M�digkeit ist. Wie oft muss man bei �ffentlichen Anl�ssen, egal wie man sich eigentlich f�hlt, seine � �</p><p>Wieder gelang es Poirot, eine Bemerkung einzuwerfen.</p><p>�Wie gesagt, ich war f�r eine Siesta. Miss Pierce stimmte mir zu.�</p><p>�O ja!�, seufzte Miss Pierce. �Ich war n�mlich <emphasis><strong>schrecklich</strong></emphasis> m�de nach diesem Vormittag. Der Aufstieg war ja so <emphasis><strong>gef�hrlich</strong></emphasis> � sehr interessant zwar, aber <emphasis><strong>sehr</strong></emphasis> strapazi�s. Ich habe nun einmal leider keine so kr�ftige Konstitution wie Lady Westholme.�</p><p>�M�digkeit�, sagte Lady Westholme, �kann man ebenso �berwinden wie alles andere auch. Ich habe es mir zum Prinzip gemacht,�meinen�k�rperlichen Bed�rfnissen niemals nachzugeben.�</p><p>�Nach dem Mittagessen�, sagte Poirot, �begaben Sie, meine Damen, sich also in Ihre Zelte?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und Mrs. Boynton sa� zu diesem Zeitpunkt vor ihrer H�hle?�</p><p>�Ihre Schwiegertochter machte es ihr dort bequem, bevor sie selbst wegging.�</p><p>�Sie konnten sie beide sehen?�</p><p>�O ja!�, sagte Miss Pierce. �Sie war genau gegen�ber, wissen Sie � nur ein bisschen weiter weg und ein wenig h�her nat�rlich.�</p><p>Lady Westholme sah sich zu n�heren Erl�uterungen veranlasst:��Die H�hlen gingen auf einen Felsvorsprung. Unterhalb des Felsvorsprungs standen einige Zelte. Dann kam ein kleines Wadi, und auf der anderen Seite des Wadis befanden sich das Gemeinschaftszelt und weitere Zelte. Miss Pierce und ich hatten die Zelte neben dem Gemeinschaftszelt. Ihres stand auf der rechten Seite des Gemeinschaftszeltes und meines auf der linken. Unsere Zelteing�nge lagen in Richtung des Felsvorsprungs, der aber nat�rlich ein St�ck entfernt war.�</p><p>�Knapp zweihundert Meter, wie man mir sagte.�</p><p>�Schon m�glich.�</p><p>�Ich habe hier einen Lageplan�, sagte Poirot, �der mit Hilfe des Dragomans Mahmoud angefertigt wurde.�</p><p>Lady Westholme bemerkte, dass der Plan in diesem Falle vermutlich hinten und vorne nicht stimmte!</p><p>�Der Mann nimmt es mit der Wahrheit nicht sehr genau. Ich habe seine Erkl�rungen anhand des Baedekers �berpr�ft. In mehreren F�llen waren seine Informationen absolut irref�hrend.�</p><p>�Diesem Lageplan zufolge�, sagte Poirot, �wurde die H�hle neben Mrs. Boynton von ihrem Sohn Lennox und seiner Frau bewohnt. Raymond, Carol und Ginevra Boynton hatten Zelte direkt unterhalb, aber etwas weiter rechts � also fast genau gegen�ber vom Gemeinschaftszelt. Rechts von Ginevra Boyntons Zelt war das Zelt von Dr. Gerard und neben diesem das von Miss King. Auf der anderen Seite des Wadis � zur Linken des Gemeinschaftszeltes � standen die Zelte von Ihnen und Mr. Cope. Miss Pierce wohnte, wie Sie sagten, rechts vom Gemeinschaftszelt. Ist das richtig?�</p><p>Lady Westholme gab widerwillig zu, dass es sich ihres Wissens so verhielt.</p><p>�Ich danke Ihnen. Das w�re also gekl�rt. Bitte fahren Sie fort, Lady Westholme.�</p><p>Lady Westholme bedachte ihn mit einem huldvollen L�cheln und kam der Aufforderung nach: �Gegen Viertel vor vier schlenderte ich zum Zelt von Miss Pierce, um nachzusehen, ob sie schon wach war und Lust zu einem kleinen Spaziergang hatte. Sie sa� vor ihrem Zelt und las. Wir verabredeten, uns in einer halben Stunde zu treffen, wenn es nicht mehr so hei� war. Ich ging zur�ck in mein Zelt und las etwa f�nfundzwanzig Minuten. Dann ging ich wieder zu Miss Pierce. Sie war bereit, und so brachen wir auf. Im Camp schien alles zu schlafen � es war kein Mensch unterwegs �, und als ich Mrs. Boynton allein dort oben sitzen sah, sagte ich zu Miss Pierce, dass wir sie fragen sollten, ob sie etwas ben�tigte, bevor wir gingen.�</p><p>�Ja, genau so war es. <emphasis><strong>Sehr</strong></emphasis> r�cksichtsvoll von Ihnen, wie ich fand�, murmelte Miss Pierce.</p><p>�Ich hielt es nur f�r meine Pflicht�, sagte Lady Westholme mit grandioser Selbstzufriedenheit.</p><p>�Und dann so unh�flich zu reagieren!�, rief Miss Pierce aus.</p><p>Poirot sah die Damen fragend an.</p><p>�Unser Weg f�hrte direkt unter dem Felsvorsprung entlang�, erl�uterte Lady Westholme, �und so rief ich zu ihr hinauf, dass wir einen Spaziergang machen wollten und ob wir vorher etwas f�r sie tun k�nnten. Sie werden es nicht glauben, Monsieur Poirot, aber die einzige Antwort darauf war ein Grunzen! <emphasis><strong>Ein Grunzen!</strong></emphasis> Sie sah uns nur an, als ob wir � als ob wir der Abschaum der Menschheit w�ren!�</p><p>�Unerh�rt so etwas!�, sagte Miss Pierce mit rotem Gesicht.</p><p>�Ich muss gestehen�, sagte Lady Westholme, ihrerseits leicht err�tend, �dass ich daraufhin eine etwas unchristliche Bemerkung machte.�</p><p>�Die durchaus angebracht war, wie ich finde�, sagte Miss Pierce. <emphasis><strong>�Durchaus</strong></emphasis> � unter diesen Umst�nden.�</p><p>�Und was war das f�r eine Bemerkung?�, fragte Poirot.</p><p>�Ich sagte zu Miss Pierce, dass Mrs. Boynton vielleicht <emphasis><strong>trinkt!</strong></emphasis> Ihr Benehmen war ja auch wirklich <emphasis><strong>h�chst</strong></emphasis> sonderbar. Schon die ganze Zeit �ber. Ich hielt es f�r m�glich, dass daran der Alkohol schuld war. �berm��iger Alkoholgenuss ist ein �bel, das, wie ich sehr wohl wei� � �</p><p>Poirot verstand es, das Gespr�ch geschickt vom Thema Alkohol abzulenken.</p><p>�War ihr Benehmen an dem bewussten Tag besonders auff�llig gewesen? Zum Beispiel beim Mittagessen?�</p><p>�N-nein�, sagte Lady Westholme z�gernd. �Nein, ich w�rde sagen, dass ihr Benehmen da ziemlich normal war � f�r eine Amerikanerin ihres Schlages, meine ich�, f�gte sie herablassend hinzu.</p><p>�Sie hat doch diesen Diener so beschimpft�, sagte Miss Pierce.</p><p>�Welchen?�</p><p>�Kurz bevor wir aufbrachen.�</p><p>�Ach ja, ich erinnere mich, sie schien tats�chlich <emphasis><strong>sehr</strong></emphasis> aufgebracht �ber ihn zu sein! Gewiss�, fuhr Lady Westholme fort, �Diener um sich zu haben, die kein Wort Englisch verstehen, ist h�chst enervierend, aber ich sage immer, wenn man auf Reisen ist, muss man nun einmal Zugest�ndnisse machen.�</p><p>�Welcher Diener war das?�, fragte Poirot.</p><p>�Einer von den Beduinen, die im Camp besch�ftigt sind. Er ging zu ihr hinauf � ich nehme an, dass er ihr etwas hatte holen sollen und vermutlich das Falsche brachte. Ich wei� nat�rlich nicht, um was es ging, aber auf jeden Fall war sie sehr w�tend. Der arme Mann verzog sich, so schnell er nur konnte, und sie drohte ihm mit ihrem Stock und schimpfte hinter ihm her.�</p><p>�Mit welchen Worten?�</p><p>�Wir waren zu weit weg, um etwas zu verstehen. Ich selbst konnte jedenfalls nichts Genaues h�ren. Sie etwa, Miss Pierce?�</p><p>�Nein, ich auch nicht. Ich denke, sie hatte ihn beauftragt, etwas aus dem Zelt ihrer j�ngsten Tochter zu holen � vielleicht war sie aber auch w�tend auf ihn, <emphasis><strong>weil</strong></emphasis> er in das Zelt ihrer Tochter gegangen war. Genaueres kann ich leider nicht sagen.�</p><p>�Wie sah der Mann aus?�</p><p>Miss Pierce, an die die Frage gerichtet war, sch�ttelte hilflos den Kopf. �Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen. Er war zu weit weg. F�r mich sehen diese Araber ohnehin alle gleich aus.�</p><p>�Er war gr��er als der Durchschnitt�, sagte Lady Westholme, �und trug die landes�bliche Kopfbedeckung. Er hatte zerrissene und geflickte Breeches an � eine wahre Schande, kann ich nur sagen �, und seine Gamaschen waren sehr schlampig gewickelt. Ein h�chst unordentlicher Aufzug! Diesen Leuten fehlt die <emphasis><strong>Disziplin!�</strong></emphasis></p><p>�W�rden Sie den Mann unter den Dienern des Camps wieder erkennen?�</p><p>�Das bezweifle ich. Sein Gesicht konnten wir ja nicht sehen, daf�r war er zu weit weg. Und wie Miss Pierce bereits sagte, sehen diese Araber doch alle gleich aus.�</p><p>�Ich frage mich�, sagte Poirot nachdenklich, �was er getan hat, um Mrs. Boynton so w�tend zu machen?�</p><p>�Manchmal stellen diese Burschen die Geduld auf eine harte Probe�, sagte Lady Westholme. �Einer von ihnen nahm meine Schuhe mit, obwohl ich ihm klipp und klar erkl�rt hatte � sogar mit Geb�rden �, dass ich es vorziehe, meine Schuhe selbst zu putzen.�</p><p>�Dies trifft auch auf mich zu�, sagte Poirot, momentan von seiner Befragung abgelenkt. �Ich habe stets mein kleines Schuhputzetui bei mir. Und immer ein Staubtuch.�</p><p>�Genau wie ich.� Lady Westholme klang geradezu menschlich.</p><p>�Denn diese Araber entfernen nicht den Staub von pers�nlichen Gegenst�nden.�</p><p>�Nie! Was bedeutet, dass man alles drei-bis viermal am Tag selbst abstauben mu�.�</p><p>�Aber es lohnt sich.�</p><p>�Ja, in der Tat. Ich kann Schmutz nicht <emphasis><strong>ausstehen!�</strong></emphasis> Lady Westholme sah richtiggehend kampfbereit aus.</p><p>Hitzig f�gte sie hinzu: ����Und ���diese Fliegen � in den Bazaren! Gr�sslich!�</p><p>�Gewiss, gewiss�, sagte Poirot mit leicht schuldbewusster Miene. �Nun, wir werden diesen Mann in B�lde fragen, was es war, das Mrs. Boynton aufbrachte. W�rden Sie Ihren Bericht bitte fortsetzen?�</p><p>�Wir schlenderten langsam weiter�, sagte Lady Westholme. �Und dann begegneten wir Dr. Gerard. Er kam uns entgegengewankt und sah sehr schlecht aus. Ich wusste gleich, dass er Fieber hatte.�</p><p>�Er zitterte�, warf Miss Pierce ein. �Zitterte am ganzen Leib.�</p><p>�Ich sah sofort, dass er einen Malariaanfall hatte�, sagte Lady Westholme. �Ich bot an, mit ihm zur�ckzugehen und ihm Chinin zu bringen, aber er sagte, er habe selbst welches dabei.�</p><p>�Der arme Mann�, sagte Miss Pierce. �Es ber�hrt einen immer ganz seltsam, wenn man sieht, dass ein Arzt krank ist. Das scheint einem doch irgendwie verkehrt zu sein.�</p><p>�Wir schlenderten weiter�, fuhr Lady Westholme fort. �Und dann setzten wir uns auf einen Felsblock.�</p><p>�Nun ja�, murmelte Miss Pierce, �man war ja noch m�de � von der Anstrengung am Vormittag, dem Aufstieg � �</p><p>�Ich kenne keine M�digkeit!�, sagte Lady Westholme mit Nachdruck. �Aber es bestand kein Grund, noch weiter zu gehen. Wir hatten dort n�mlich einen sehr sch�nen Blick auf die umliegende Landschaft.�</p><p>�Waren Sie in Sichtweite des Camps?�</p><p>�Ja, wir hatten es direkt vor uns.�</p><p>�Richtig romantisch�, murmelte Miss Pierce. �Ein Zeltlager inmitten einer rosaroten Steinw�ste.� Sie seufzte und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Das Camp k�nnte wesentlich besser gef�hrt sein�, sagte Lady Westholme. Ihre Pferden�stern bl�hten sich. �Ich werde diesbez�glich ein ernstes W�rtchen mit der Firma Castle zu reden haben. Ich glaube n�mlich nicht, dass das Trinkwasser sowohl abgekocht als auch gefiltert ist, wie sich das geh�rt. Und das werde ich den Leuten auch klarmachen.�</p><p>Poirot h�stelte und lenkte das Gespr�ch schleunigst vom Thema Trinkwasser ab.</p><p>�Sahen Sie auch andere Mitglieder der Gruppe?�, erkundigte er sich.</p><p>�Ja. Der �ltere Mr. Boynton und seine Frau kamen auf dem R�ckweg ins Camp an uns vorbei.�</p><p>� Gemeinsam? �</p><p>�Nein. Zuerst kam Mr. Boynton. Er sah aus, als h�tte er einen kleinen Sonnenstich. Er ging n�mlich so, als w�re ihm etwas schwindelig. �</p><p>�Ja, ja, der Nacken!�, sagte Miss Pierce. �Man muss immer auf den Nacken achten! Ich selbst binde mir stets ein schweres Seidentuch um.�</p><p>�Was tat Mr. Lennox Boynton nach seiner R�ckkehr ins Camp?�, fragte Poirot.</p><p>Diesmal gelang es Miss Pierce, Lady Westholme mit der Antwort zuvorzukommen.</p><p>�Er ging als Erstes hinauf zu seiner Mutter, blieb aber nicht lange bei ihr.�</p><p>�Wie lange?�</p><p>�Nur ein bis zwei Minuten.�</p><p>�Kaum l�nger als eine Minute, w�rde ich sagen�, erkl�rte Lady Westholme. �Danach ging er in seine H�hle und anschlie�end hinunter ins Gemeinschaftszelt.�</p><p>�Und seine Frau?�</p><p>�Die kam etwa eine Viertelstunde sp�ter vorbei. Sie blieb kurz stehen und unterhielt sich mit uns � sehr h�flich.�</p><p>�Ich glaube, sie ist sehr nett�, sagte Miss Pierce. �Wirklich <emphasis><strong>sehr</strong></emphasis> nett.�</p><p>�Sie ist nicht so unm�glich wie der Rest der Familie�, r�umte Lady Westholme ein.</p><p>�Sie verfolgten, wie sie ins Camp zur�ckkehrte? �</p><p>�Ja. Sie ging hinauf zu ihrer Schwiegermutter und sprach mit ihr. Dann ging sie in ihre eigene H�hle und holte einen Stuhl, setzte sich zu ihrer Schwiegermutter und unterhielt sich eine Weile mit ihr � etwa zehn Minuten, w�rde ich sagen.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Dann brachte sie den Stuhl wieder in die H�hle und ging hinunter ins Gemeinschaftszelt, wo ihr Mann war.�</p><p>�Was geschah dann?�</p><p>�Dann kam dieser merkw�rdige Amerikaner vorbei�, sagte Lady Westholme. �Cope, wenn ich mich nicht irre. Er erz�hlte uns, dass gleich hinter der n�chsten Biegung ein sehr gutes Beispiel f�r die minderwertige Architektur der Nabat�erzeit zu finden sei, das wir uns nicht entgehen lassen d�rften, wie er meinte. Also gingen wir hin. Mr. Cope hatte einen recht interessanten Artikel �ber Petra und die Nabat�er dabei.�</p><p>�Wirklich hochinteressant�, verk�ndete Miss Pierce.</p><p>�Wir schlenderten zur�ck zum Camp�, fuhr Lady Westholme fort, �da es bereits knapp zwanzig Minuten vor sechs war. Es wurde schon richtig k�hl.�</p><p>�Und Mrs. Boynton sa� immer noch so da, wie Sie sie verlassen hatten?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sprachen Sie mit ihr?�</p><p>�Nein. Offen gestanden habe ich keine Notiz von ihr genommen.�</p><p>�Was taten Sie dann?�</p><p>�Ich ging in mein Zelt, wechselte die Schuhe und holte mein P�ckchen chinesischen Tee. Dann ging ich ins Gemeinschaftszelt. Dort fand ich den Dragoman vor und gab ihm Anweisung, mit dem Tee, den ich mitgebracht hatte, f�r Miss Pierce und mich Tee zu kochen und daf�r zu sorgen, dass das Wasser, mit dem er zubereitet wurde, auch wirklich kochte. Er sagte, dass in einer halben Stunde das Abendessen serviert werde � die Boys deckten bereits den Tisch �, aber ich erkl�rte ihm, dass das ohne Belang sei.�</p><p>�Es geht doch <emphasis><strong>nichts</strong></emphasis> �ber eine Tasse Tee, wie ich immer sage�, murmelte Miss Pierce etwas zusammenhanglos.</p><p>�War sonst noch jemand im Zelt?�</p><p>�Aber ja. Mr. und Mrs. Lennox Boynton sa�en am anderen Ende und lasen. Und Carol Boynton war ebenfalls da.�</p><p>�Und Mr. Cope?�</p><p>�Er schloss sich uns beim Tee an�, sagte Miss Pierce. �Obgleich er meinte, dass Teetrinken keine amerikanische Gepflogenheit sei.�</p><p>Lady Westholme r�usperte sich. �Ich begann schon zu bef�rchten, dass Mr. Cope l�stig werden k�nnte, dass er sich wom�glich wie eine Klette an mich h�ngen w�rde. Es ist h�ufig nicht leicht, sich die Leute vom Leib zu halten, wenn man auf Reisen ist. Ich stelle immer wieder fest, dass sich so mancher einiges herausnimmt. Insbesondere Amerikaner haben in dieser Hinsicht oft wenig Gesp�r.�</p><p>�Ich bin �berzeugt, Lady Westholme�, murmelte Poirot verbindlich, �dass Sie jederzeit f�hig sind, mit Situationen dieser Art fertig zu werden. Wenn Reisebekanntschaften ihren Zweck erf�llt haben, verstehen Sie es zweifellos geschickt, sie fallen zu lassen.�</p><p>�Ich glaube tats�chlich, dass ich fast mit jeder Situation fertig werde�, sagte Lady Westholme selbstzufrieden.</p><p>Das ironische Funkeln in Poirots Augen entging ihr v�llig.</p><p>�Wenn Sie so freundlich w�ren, nun die weiteren Ereignisse jenes Tages zu schildern?�</p><p>�Selbstverst�ndlich. Soweit ich mich erinnere, kamen kurz darauf Raymond Boynton und die rothaarige Boynton-Tochter ins Zelt. Miss King traf als Letzte ein. Da wollte man bereits das Abendessen servieren. Der Dragoman schickte einen der Diener los, um der alten Mrs. Boynton Bescheid zu sagen. Der Mann kam mit einem seiner Kollegen ziemlich aufgeregt zur�ckgerannt und sagte dem Dragoman etwas auf Arabisch. Es hie�, dass Mrs. Boynton krank sei. Miss King bot ihre Dienste an. Dann ging sie mit dem Dragoman weg. Sie kam zur�ck und informierte Mrs. Boyntons Familie.�</p><p>�Und das v�llig abrupt�, warf Miss Pierce ein. �Platzte einfach damit heraus! Ich pers�nlich finde, dass man das schonender h�tte tun m�ssen.�</p><p>�Und wie nahm Mrs. Boyntons Familie die Nachricht auf?�, fragte Poirot.</p><p>Ausnahmsweise schienen sowohl Lady Westholme als auch Miss Pierce um eine Antwort verlegen zu sein. Schlie�lich sagte Erstere mit einer Stimme, die ihre �bliche Selbstsicherheit vermissen lie�: �Tja � also � das ist schwer zu sagen. Sie � sie waren alle ziemlich sprachlos.�</p><p>�Ersch�ttert�, sagte Miss Pierce. Es klang eher wie eine Vermutung als wie eine Tatsache.</p><p>�Sie gingen alle mit Miss King hinaus�, sagte Lady Westholme. �Miss Pierce und ich besa�en so viel Taktgef�hl, zu bleiben, wo wir waren.�</p><p>In den Augen von Miss Pierce erschien pl�tzlich ein leicht wehm�tiger Ausdruck.</p><p>�Ich verabscheue penetrante Neugier!�, fuhr Lady Westholme fort.</p><p>Der wehm�tige Blick wurde ausgepr�gter. Es war klar, dass Miss Pierce nichts anderes �brig geblieben war, als penetrante Neugier ebenfalls zu hassen!</p><p>�Etwas sp�ter�, sagte Lady Westholme abschlie�end, �kamen der Dragoman und Miss King zur�ck. Ich schlug vor, das Abendessen f�r uns vier sofort zu servieren, damit die Boyntons sp�ter allein und ohne die peinliche Anwesenheit von Fremden essen konnten. Mein Vorschlug wurde angenommen, und unmittelbar nach dem Essen zog ich mich in mein Zelt zur�ck. Miss King und Miss Pierce folgten meinem Beispiel. Mr. Cope blieb meines Wissens im Gemeinschaftszelt, da er ein Freund der Familie ist und ihnen vermutlich beistehen wollte. Das ist alles, was ich wei�, Monsieur Poirot.�</p><p>�Nachdem Miss King die Familie informiert hatte, verlie�en da <emphasis><strong>alle</strong></emphasis> Boyntons mit ihr das Gemeinschaftszelt?�</p><p>�Ja - das hei�t, nein. Jetzt, wo Sie es erw�hnen, glaube ich mich zu entsinnen, dass das rothaarige M�dchen nicht mitging. Vielleicht erinnern Sie sich, Miss Pierce?�</p><p>�Ja, ich glaube � ich bin sicher, dass sie blieb.�</p><p>Poirot fragte: �Und was machte sie?�</p><p>Lady Westholme starrte ihn verst�ndnislos an. �Was sie <emphasis><strong>machte,</strong></emphasis> Monsieur Poirot? Sie machte gar nichts, soweit ich mich erinnern kann.�</p><p>�Ich meine, n�hte sie oder las sie? Wirkte sie verst�rt? Sagte sie etwas?�</p><p>�Tja, also wirklich.� Lady Westholme runzelte die Stirn. �Sie � nun ja � sie sa� einfach da, wenn ich mich recht erinnere.�</p><p>�Sie spielte mit ihren Fingern herum�, sagte Miss Pierce pl�tzlich. �Ich entsinne mich, dass mir das auffiel. Armes Ding, dachte ich noch, das zeigt, dass die Sache sie doch sehr mitnimmt! Ihrem <emphasis><strong>Gesicht</strong></emphasis> war n�mlich �berhaupt nichts anzumerken, wissen Sie � nur ihre H�nde waren st�ndig in Bewegung.�</p><p>�Ich erinnere mich�, fuhr Miss Pierce im Plauderton fort, �wie ich einmal eine Pfundnote zerriss � genau so, ohne zu wissen, was ich tat. &gt;Soll ich den n�chsten Zug nehmen und zu ihr fahren?&lt;, dachte ich. Es ging um eine Gro�tante von mir, die pl�tzlich erkrankt war. &gt;Oder soll ich <emphasis><strong>nicht</strong></emphasis> fahren?&lt; Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, weder so noch so, und dann blickte ich nach unten und merkte, dass ich statt des Telegramms eine Pfundnote -<emphasis><strong>eine Pfundnote!</strong></emphasis> - in winzige St�cke riss!�</p><p>Miss Pierce hielt dramatisch inne.</p><p>Lady Westholme, die es nicht billigen konnte, dass ihr Trabant pl�tzlich ins Rampenlicht dr�ngte, sagte frostig: �Haben Sie noch weitere Fragen, Monsieur Poirot?�</p><p>Poirot, der in Gedanken versunken gewesen war, kam mit einem Ruck zu sich. �Nein � nein, keine. Sie waren sehr pr�zise � sehr exakt.�</p><p>�Ich habe ein ausgezeichnetes Ged�chtnis�, stellte Lady Westholme mit Befriedigung fest.</p><p>�Eine letzte kleine Bitte noch, Lady Westholme�, sagte Poirot. �Bitte bleiben Sie so, wie Sie jetzt sitzen, und drehen Sie sich nicht um. W�ren Sie wohl so freundlich, mir zu beschreiben, was Miss Pierce heute tr�gt � nat�rlich nur, wenn Miss Pierce nichts dagegen einzuwenden hat?�</p><p>�O nein! Ganz und gar nicht!�, zwitscherte Miss Pierce.</p><p>�Also wirklich, Monsieur Poirot! Und was ist der <emphasis><strong>Zweck</strong></emphasis> dieser �bung?�</p><p>�Bitte tun Sie, um was ich Sie gebeten habe, Madame.�</p><p>Lady Westholme zuckte mit den Schultern und sagte dann ziemlich unwirsch: �Miss Pierce tr�gt ein braun und wei� gestreiftes Baumwollkleid und dazu einen sudanesischen G�rtel aus rotem, blauem und beigem Leder. Sie tr�gt beige Seidenstr�mpfe und Spangenschuhe aus braunem Glanzleder. Im linken Strumpf hat sie eine Laufmasche. Sie tr�gt eine Halskette aus Karneolen und eine aus leuchtend k�nigsblauen Glasperlen � und eine Brosche mit einem Schmetterling aus Perlen darauf. Am Ringfinger der rechten Hand tr�gt sie einen Ring mit einer Skarab�us-Imitation. Auf dem Kopf hat sie einen breitkrempigen Sonnenhut aus rosa und braunem Filz.� Sie hielt inne � wie um ihre Kompetenz zu unterstreichen.</p><p>�Noch weitere Fragen?�, erkundigte sie sich k�hl.</p><p>Poirot breitete viel sagend die H�nde aus.</p><p>�Sie haben meine volle Bewunderung, Madame. Ihre Beobachtungsgabe ist un�bertrefflich. �</p><p>�Mir entgeht selten etwas.�</p><p>Lady Westholme erhob sich, nickte andeutungsweise und verlie� das Zimmer.</p><p>Als Miss Pierce, mit einem verlegenen Blick auf ihr linkes Bein, ihr folgen wollte, sagte Poirot: �Einen kleinen Moment bitte, Mademoiselle.�</p><p>�Ja?� Miss Pierce blickte mit leicht besorgter Miene auf.</p><p>Poirot beugte sich vertraulich vor.</p><p>�Sehen Sie den Blumenstrau� dort auf dem Tisch?�</p><p>�Ja�, sagte Miss Pierce erstaunt.</p><p>�Und haben Sie bemerkt, nachdem Sie ins Zimmer kamen, dass ich ein- oder zweimal niesen musste?�</p><p>�Ja?�</p><p>�Bemerkten Sie, ob ich kurz davor an den Blumen gerochen hatte?�</p><p>�Tja � also � nein � das wei� ich wirklich nicht.�</p><p>�Aber Sie erinnern sich, dass ich niesen musste?�</p><p>�O ja, <emphasis><strong>daran</strong></emphasis> erinnere ich mich!�</p><p>�Nun, egal, es ist nicht weiter wichtig. Ich habe mich nur gefragt, ob diese Blumen vielleicht Heuschnupfen verursachen. Egal!�</p><p>�Heuschnupfen?�, rief Miss Pierce. �Ich entsinne mich, dass eine Cousine von mir <emphasis><strong>wahnsinnig</strong></emphasis> darunter zu leiden hatte! Sie sagte immer, wenn man sich t�glich Boraxl�sung in die Nase spr�ht, dann � �</p><p>Nur mit M�he gelang es Poirot, weitere Ausf�hrungen bez�glich der Behandlung des Heuschnupfens besagter Cousine zu unterbinden und Miss Pierce loszuwerden. Er machte die T�r hinter ihr zu und kehrte mit gerunzelter Stirn ins Zimmer zur�ck.</p><p>�Aber ich habe �berhaupt nicht geniest�, murmelte er. �So viel zu diesem Thema. Nein, ich habe nicht geniest.�</p></section><section><title><p id="_bookmark19"><strong>Sechstes Kapitel</strong></p></title><p>Lennox Boynton kam mit schnellen, resoluten Schritten ins Zimmer. W�re Dr. Gerard anwesend gewesen, so h�tte er gestaunt, welche Ver�nderung in dem Mann vorgegangen war. Die Apathie war verschwunden. Sein Auftreten wirkte sicher � obwohl er ganz offenkundig nerv�s war. Seine Augen waren st�ndig in Bewegung, schweiften unruhig im Zimmer herum.</p><p>�Guten Morgen, Mr. Boynton.�, Poirot erhob sich und machte eine f�rmliche Verbeugung, die Lennox etwas steif erwiderte. �Ich wei� es zu sch�tzen, dass Sie mir diese Unterredung gew�hren.�</p><p>Lennox Boynton sagte ziemlich verunsichert: �����h � Colonel Carbury meinte, dass es sinnvoll w�re � empfahl mir � irgendwelche Formalit�ten, wie er sagte.�</p><p>�Bitte nehmen Sie Platz, Monsieur Boynton.�</p><p>Lennox setzte sich auf den Stuhl, auf dem noch vor kurzem Lady Westholme gesessen hatte. Poirot fuhr im Plauderton fort: �Das muss ein gro�er Schock f�r Sie gewesen sein, <emphasis><strong>nest-ce pas?�</strong></emphasis></p><p>�Ja, nat�rlich. Nun, nein, vielleicht doch nicht... Wir wussten ja, dass Mutter ein schwaches Herz hatte.�</p><p>�War es unter diesen Umst�nden klug, ihr zu erlauben, eine so strapazi�se Reise auf sich zu nehmen?�</p><p>Lennox Boynton blickte auf. Seine Antwort entbehrte nicht einer gewissen melancholischen W�rde.</p><p>�Meine Mutter, Monsieur � �h � Poirot, traf ihre eigenen Entscheidungen. Wenn sie sich zu etwas entschlossen hatte, war es zwecklos, sie davon abbringen zu wollen.�</p><p>Bei den letzten Worten zog er scharf die Luft ein. Sein Gesicht wurde pl�tzlich sehr blass.</p><p>�Ich wei� sehr wohl�, r�umte Poirot ein, �dass �ltere Damen gelegentlich h�chst eigensinnig sind.�</p><p>Lennox sagte gereizt: �Was soll das Ganze eigentlich? Das m�chte ich jetzt wirklich wissen! Wieso gibt es da auf einmal irgendwelche Formalit�ten?�</p><p>�Es ist Ihnen vielleicht nicht bekannt, Mr. Boynton, aber in F�llen eines pl�tzlichen und ungekl�rten Todes sind zwangsl�ufig gewisse Formalit�ten zu beachten.�</p><p>Lennox sagte scharf: �Was meinen Sie mit &gt;ungekl�rt&lt;?�</p><p>Poirot zuckte mit den Schultern. �Es stellt sich immer die Frage: War es ein nat�rlicher Tod � oder k�nnte es vielleicht Selbstmord gewesen sein?�</p><p>�Selbstmord?� Lennox Boynton starrte Poirot entgeistert an.</p><p>Poirot sagte leichthin: �Sie wissen das selbstverst�ndlich am besten. Colonel Carbury tappt nat�rlich im Dunkeln. Aber er muss entscheiden, ob er eine Untersuchung anordnen soll oder nicht � eine Obduktion und �hnliche Dinge. Da ich zuf�llig gerade hier war und da ich in derlei Dingen gro�e Erfahrung besitze, schlug er mir vor, Nachforschungen anzustellen und ihn zu beraten in dieser Angelegenheit. Nat�rlich m�chte er Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten, wenn es sich vermeiden l�sst.�</p><p>Lennox Boynton sagte �rgerlich: �Ich werde unserem Konsul in Jerusalem telegrafieren.�</p><p>Poirot sagte verbindlich:��Das ist selbstverst�ndlich Ihr gutes Recht.�</p><p>Beide schwiegen. Schlie�lich breitete Poirot die H�nde aus und sagte: �Wenn Sie meine Fragen nicht beantworten wollen � �</p><p>�Nein, nein�, sagte Lennox Boynton rasch. �Ich � mir kommt das alles nur � v�llig �berfl�ssig vor.�</p><p>�Ich verstehe. Ich verstehe vollkommen. Aber die Sache ist sehr einfach. Reine Routine, wie man so sagt. <emphasis><strong>Alors,</strong></emphasis> an dem Tag, an dem Ihre Mutter starb, verlie�en Sie nachmittags das Camp in Petra und machten einen Spaziergang. Ist das richtig?�</p><p>�Ja. Wir machten alle einen Spaziergang � mit Ausnahme meiner Mutter und meiner j�ngsten Schwester.�</p><p>�Ihre Mutter sa� zu dieser Zeit vor ihrer H�hle?�</p><p>�Ja, direkt vor dem Eingang. Dort sa� sie jeden Nachmittag.�</p><p>�Gut. Wann brachen Sie auf?�</p><p>�Kurz nach drei, glaube ich.�</p><p>�Und wann kehrten Sie von Ihrem Spaziergang zur�ck?�</p><p>�Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen � gegen vier, vielleicht auch gegen f�nf.�</p><p>�Also ein bis zwei Stunden, nachdem Sie aufgebrochen waren?�</p><p>�Ja � so ungef�hr, w�rde ich sagen.�</p><p>�Kamen Sie auf dem R�ckweg an jemand vorbei?�</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Ob Sie auf dem R�ckweg an jemand vorbeikamen. Zum Beispiel an zwei Damen, die auf einem Stein sa�en.�</p><p>�Keine Ahnung. Schon m�glich.�</p><p>�Vielleicht waren Sie zu sehr in Ihre Gedanken vertieft, um sie zu bemerken?�</p><p>�Ja, das k�nnte sein.�</p><p>�Sprachen Sie mit Ihrer Mutter, als Sie wieder im Camp waren?�</p><p>�Ja � ja, allerdings.�</p><p>�Sie klagte nicht dar�ber, dass sie sich unwohl f�hlte?�</p><p>�Nein � nein, es schien alles in Ordnung zu sein.�</p><p>�Darf ich fragen, wor�ber Sie beide sprachen?�</p><p>Lennox z�gerte einen Moment. �Sie meinte, ich sei ziemlich bald zur�ckgekommen. Ich bejahte es.� Er hielt abermals inne, versuchte sich zu besinnen. �Ich sagte, dass es sehr hei� sei. Sie � sie fragte mich nach der Uhrzeit, sagte, ihre Armbanduhr sei stehen geblieben. Ich nahm ihr die Uhr ab, zog sie auf, stellte sie und band sie ihr wieder um.�</p><p>Poirot warf freundlich ein: �Und wie sp�t war es da?�</p><p>�Wie?�, sagte Lennox.</p><p>�Wie sp�t war es, als Sie die Armbanduhr stellten?�</p><p>�Ach so. Es war f�nfundzwanzig Minuten vor f�nf.�</p><p>�Dann wissen Sie doch ganz genau, wann Sie ins Camp zur�ckkehrten�, sagte Poirot freundlich.</p><p>Lennox wurde rot. �Nat�rlich! Wie dumm von mir! Sie m�ssen entschuldigen, Monsieur Poirot, aber in meinem Kopf geht alles drunter und dr�ber. Die ganze Aufregung � �</p><p>�Oh, das ist nur verst�ndlich�, fiel ihm Poirot ins Wort, �absolut verst�ndlich! Es ist alles in h�chstem Ma�e beunruhigend! Und was geschah dann?�</p><p>�Ich fragte meine Mutter, ob ich ihr etwas bringen sollte. Etwas zu trinken � Tee, Kaffee oder so. Sie sagte, nein. Daraufhin ging ich ins Gemeinschaftszelt. Von den Dienern war nichts zu sehen, aber ich fand eine Flasche Sodawasser und trank sie aus. Ich war sehr durstig. Ich habe mich hingesetzt und einige alte Ausgaben der <emphasis><strong>Saturday Evening Post</strong></emphasis> gelesen. Dabei muss ich wohl eingenickt sein.�</p><p>�Ihre Frau kam ebenfalls ins Gemeinschaftszelt? �</p><p>�Ja, sie kam kurz nach mir.�</p><p>�Und Sie haben Ihre Mutter nicht lebend wieder gesehen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Sie schien nicht erregt oder aufgebracht zu sein, als Sie mit ihr sprachen?�</p><p>�Nein, sie war so wie immer.�</p><p>�Sie erw�hnte nicht, dass sie mit einem der Diener �rger oder Unannehmlichkeiten gehabt hatte?�</p><p>Lennox starrte ihn verbl�fft an. �Nein, mit keinem Wort.�</p><p>�Und das ist alles, was Sie mir sagen k�nnen?�</p><p>�Leider, ja.�</p><p>�Ich danke Ihnen, Mr. Boynton.�</p><p>Poirot neigte den Kopf zum Zeichen, dass das Gespr�ch beendet war. Lennox schien nur ungern zu gehen. An der T�r blieb er z�gernd stehen. ��h � war das alles?�</p><p>�Gewiss. Vielleicht w�ren Sie so freundlich, Ihre Frau zu bitten, zu mir zu kommen?�</p><p>Lennox ging langsam hinaus. Poirot notierte auf seinem Block: L.B. 16.35 Uhr.</p></section><section><title><p id="_bookmark20"><strong>Siebtes Kapitel</strong></p></title><p>Poirot betrachtete interessiert die hoch gewachsene, w�rdevolle junge Frau, die das Zimmer betrat. Er stand auf und verbeugte sich h�flich vor ihr. �Mrs. Lennox Boynton? Hercule Poirot, zu Ihren Diensten.�</p><p>Nadine Boynton nahm Platz. Ihre nachdenklichen Augen ruhten auf Poirots Gesicht.</p><p>�Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht �bel, Madame, dass ich Sie in Ihrer Trauer bel�stigen muss.�</p><p>Ihre Augen sahen ihn unverwandt an. Sie antwortete nicht sofort. Ihr Blick blieb ruhig und ernst. Schlie�lich seufzte sie und sagte: �Ich halte es f�r das Beste, Ihnen gegen�ber v�llig offen zu sein, Monsieur Poirot.�</p><p>�Ganz Ihrer Meinung, Madame.�</p><p>�Sie entschuldigen sich, weil Sie mich in meiner Trauer zu bel�stigen glauben. Doch da ist keine Trauer, Monsieur Poirot, und es ist m��ig, so zu tun, als w�rde ich trauern. Ich mochte meine Schwiegermutter nicht, und ich kann nicht guten Gewissens behaupten, dass ich ihren Tod bedauere.�</p><p>�Ich danke Ihnen, Madame, dass Sie so offen sprechen.�</p><p>�Trauer�, fuhr Nadine fort, �kann ich nicht vort�uschen, aber ich muss gestehen, dass ich etwas anderes empfinde � n�mlich Gewissensbisse.�</p><p>�Gewissensbisse?� Poirot zog fragend die Augenbrauen hoch.</p><p>�Ja. Denn ich bin diejenige, die ihren Tod verschuldet hat. Und deswegen mache ich mir bittere Vorw�rfe.�</p><p>�Was sagen Sie da, Madame?�</p><p>�Ich sagte, dass <emphasis><strong>ich</strong></emphasis> am Tod meiner Schwiegermutter schuld bin. Ich handelte, wie ich glaubte, in bester Absicht � aber die Folgen waren tragisch. Im Grunde genommen habe ich sie get�tet.�</p><p>Poirot lehnte sich in seinem Stuhl zur�ck. �H�tten Sie wohl die G�te, Madame, Ihre Worte n�her zu erl�utern?�</p><p>Nadine neigte den Kopf. �Ja. Genau das wollte ich ohnehin. Meine erste Reaktion war nat�rlich, meine Privatangelegenheiten f�r mich zu behalten, aber ich sehe ein, dass es an der Zeit ist, lieber alles zu sagen. Ich bin sicher, Monsieur Poirot, dass Sie schon oft vertrauliche Mitteilungen auch intimer Art erhalten haben.�</p><p>�In der Tat.�</p><p>�Dann will ich Ihnen geradeheraus erz�hlen, wie es war. Meine Ehe, Monsieur Poirot, ist nicht besonders gl�cklich. Die Schuld daran liegt nicht allein bei meinem Mann � seine Mutter hatte immer einen sehr ung�nstigen Einfluss auf ihn �, aber seit einiger Zeit habe ich das Gef�hl, dass ich dieses Leben nicht l�nger ertragen kann.�</p><p>Sie hielt inne und fuhr dann fort: �Am Nachmittag des Tages, an dem meine Schwiegermutter starb, kam ich zu einem Entschluss. Ich habe einen Freund � einen sehr guten Freund. Er hat mich mehr als nur einmal gebeten, sein Leben mit ihm zu teilen. An diesem Nachmittag nahm ich seinen Antrag an.� � �Sie beschlossen, Ihren Mann zu verlassen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sprechen Sie weiter, Madame.�</p><p>Nadine fuhr mit leiser Stimme fort: �Nachdem mein Entschluss feststand, wollte ich � wollte ich ihn so schnell wie m�glich in die Tat umsetzen. Ich ging allein zur�ck ins Camp. Meine Schwiegermutter sa� noch immer vor ihrer H�hle, es war niemand in der N�he, und so beschloss ich, ihr meine Entscheidung auf der Stelle mit zuteilen. Ich holte mir einen Stuhl, setzte mich zu ihr und teilte ihr ohne gro�e Vorrede mit, was ich beschlossen hatte.�</p><p>�War sie �berrascht?�</p><p>�Ja, ich f�rchte, es war ein gro�er Schock f�r sie. Sie war �berrascht und w�tend zugleich � sehr w�tend. Sie � sie geriet richtiggehend in Rage! Daraufhin weigerte ich mich, weiter mit ihr dar�ber zu reden. Ich stand auf und ging.� Ihre Stimme wurde noch leiser. �Ich � ich habe sie nicht lebend wieder gesehen.�</p><p>Poirot nickte bed�chtig. �Ich verstehe.� Nach einer Weile sagte er: �Und Sie glauben, ihr Tod war die Folge dieses Schocks?�</p><p>�Dessen bin ich mir fast sicher. Sehen Sie, mit der Reise nach Petra hatte sie sich ohnehin schon zu viel zugemutet. Den Rest besorgten meine Mitteilung und ihr Wutanfall. Und ich f�hle mich auch deshalb schuldig, weil ich eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Kranken habe und daher, mehr als jeder andere, h�tte wissen m�ssen, dass so etwas passieren konnte.�</p><p>Poirot schwieg geraume Zeit und sagte dann: �Was genau taten Sie, nachdem Sie sie verlassen hatten?�</p><p>�Ich trug den Stuhl, den ich aus meiner H�hle geholt hatte, wieder hinein und ging hinunter ins Gemeinschaftszelt, wo mein Mann war.�</p><p>Poirot beobachtete sie scharf, als er fragte: �Erz�hlten sie auch <emphasis><strong>ihm</strong></emphasis> von Ihrem Entschluss? Oder hatten Sie ihn bereits informiert?�</p><p>Nadine z�gerte nur den Bruchteil einer Sekunde lang. �Ich sagte es ihm erst unten im Zelt.�</p><p>�Und wie nahm er es auf?� Sie antwortete leise: �Er war sehr best�rzt.�</p><p>�Bat er Sie, Ihren Entschluss zu �berdenken?� Sie sch�ttelte den Kopf. �Er � er sagte nicht viel. Wissen Sie, wir wussten beide schon seit einiger Zeit, dass es vielleicht dazu kommen w�rde.�</p><p>�Verzeihen Sie, wenn ich das frage�, sagte Poirot, �aber der andere Mann ist Mr. Jefferson Cope, nicht wahr?�</p><p>Sie senkte den Kopf. �Ja.�</p><p>Nach l�ngerem Schweigen fragte Poirot in unver�ndertem Ton: �Besitzen Sie eine Spritze f�r subkutane Injektionen?�</p><p>�Ja � das hei�t, nein.�</p><p>Poirots Augenbrauen wanderten nach oben.</p><p>Sie erl�uterte es n�her: �In meiner Reiseapotheke befindet sich unter anderem auch eine alte Spritze, aber die Tasche ist in unserem gro�en Gep�ck, das wir in Jerusalem gelassen haben.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>Beide schwiegen, bis Nadine beklommen sagte: ����Warum fragen Sie mich das, Monsieur Poirot?�</p><p>Er gab keine Antwort darauf, sondern stellte seinerseits eine Frage: �Soviel ich wei�, nahm Mrs. Boynton ein Medikament ein, das Digitalis enthielt?�</p><p>�Ja.�</p><p>Poirot bemerkte, dass sie inzwischen auf der Hut war.</p><p>�Wegen ihres Herzleidens?�</p><p>�Ja.�</p><p>�K�nnte man sagen, da� Digitalis ein kumulatives Arzneimittel ist?�</p><p>�Ich glaube, ja. Aber ich kenne mich mit diesen Dingen nicht aus.�</p><p>�Wenn Mrs. Boynton eine gro�e �berdosis Digitalis eingenommen h�tte � �</p><p>Sie fiel ihm sofort und mit gro�er Bestimmtheit ins Wort.</p><p>�Ausgeschlossen. Sie war immer sehr vorsichtig. Genau wie ich, wenn ich das Medikament f�r sie zurechtmachte.�</p><p>�Das bewusste Fl�schchen k�nnte eine zu starke Dosis enthalten haben. Ein Versehen des Apothekers, der die Medizin zusammenstellte? �</p><p>�Das�halte ich�f�r �u�erst unwahrscheinlich�, erwiderte sie ruhig.</p><p>�Nun,�nach der�Analyse des Flascheninhalts werden�wir Genaueres wissen.�</p><p>Nadine sagte: �Das Fl�schchen wurde leider zerbrochen.�</p><p>Poirot�musterte sie�pl�tzlich sehr aufmerksam.</p><p>�Tats�chlich? Wer hat es zerbrochen?�</p><p>�Das wei� ich nicht genau. Vermutlich einer der Diener. Als die Leiche meiner Schwiegermutter in ihre H�hle gebracht wurde, herrschte ein ziemliches Durcheinander, und das Licht war sehr schlecht. Dabei fiel ein Tisch um.�</p><p>Poirot sah sie geraume Zeit unverwandt an.</p><p>�Das�, sagte er schlie�lich, �ist sehr interessant.�</p><p>Nadine Boynton rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her.</p><p>�Wollen Sie damit andeuten, dass meine Schwiegermutter nicht an einem Schock starb, sondern an einer �berdosis Digitalis?�, sagte sie und f�gte hinzu: �Das erscheint mir h�chst unwahrscheinlich.�</p><p>Poirot beugte sich vor. <emphasis><strong>�Auch dann, wenn ich Ihnen verrate, dass Dr. Gerard, der franz�sische Arzt, der sich im Camp aufhielt, eine betr�chtliche Menge eines Digitoxin-Pr�parates aus seiner Reiseapotheke vermisst?�</strong></emphasis></p><p>Ihr Gesicht wurde aschfahl. Poirot sah, wie sich ihre Hand auf dem Tisch verkrampfte. Sie blickte zu Boden. Sie sa� absolut still da. Wie eine aus Stein gemei�elte Madonna.</p><p>�Nun, Madame�, sagte Poirot schlie�lich, �was haben Sie dazu zu sagen?�</p><p>Die Sekunden verstrichen, doch Nadine Boynton sagte nichts. Erst nach zwei Minuten hob sie endlich den Kopf, und Poirot erschrak, als er den Ausdruck in ihren Augen sah.</p><p>�Monsieur Poirot, <emphasis><strong>ich habe meine Schwiegermutter nicht get�tet.</strong></emphasis> Das wissen Sie genau! Sie lebte und war wohlauf, als ich sie verlie�. Das k�nnen mehrere Personen bezeugen! Und da ich dieses Verbrechen nicht begangen habe, kann ich mir erlauben, an Sie zu appellieren. Warum m�ssen Sie sich einmischen? Wenn ich Ihnen bei allem, was mir heilig ist, schw�re, ���dass hier ���nur ���der Gerechtigkeit Gen�ge getan wurde und nichts weiter��� werden�Sie�Ihre Ermittlungen dann einstellen? Es hat schon so viel Leid gegeben � mehr als Sie ahnen. Und jetzt, wo es endlich vorbei ist und die Chance besteht, gl�cklich zu werden, jetzt�wollen Sie�das�alles zerst�ren?�</p><p>Poirot setzte sich sehr gerade auf. In seinen Augen�funkelte es�gef�hrlich.</p><p>�Damit wir uns richtig verstehen, Madame: Was genau verlangen Sie von mir?�</p><p>�Ich versichere Ihnen, dass meine Schwiegermutter eines nat�rlichen Todes starb, und bitte Sie, diesen Sachverhalt zu akzeptieren.�</p><p>�Lassen Sie uns das klarstellen. <emphasis><strong>Sie glauben, dass Ihre Schwiegermutter vors�tzlich get�tet wurde,</strong></emphasis> und bitten mich, einen <emphasis><strong>Mord</strong></emphasis> gutzuhei�en!�</p><p>�Ich bitte Sie, Mitleid zu haben!�</p><p>�Ja � mit jemand, der selbst kein Mitleid hatte!�</p><p>�Sie verstehen nicht � es war nicht so.�</p><p>�Haben Sie das Verbrechen selbst begangen, Madame, dass Sie das so genau wissen?�</p><p>Nadine sch�ttelte den Kopf. Sie verriet keinerlei ���Anzeichen ���von Schuldbewusstsein. �Nein�, sagte sie ruhig. �Sie lebte noch, als ich sie verlie�.�</p><p>�Und dann? Was geschah dann? Sie <emphasis><strong>wissen</strong></emphasis> es � oder Sie <emphasis><strong>vermuten</strong></emphasis> es?�</p><p>Nadine sagte heftig: �Monsieur Poirot, ich habe geh�rt, dass Sie damals bei dem Mord im Orientexpress die offizielle Version dessen, was sich ereignet hatte, akzeptiert haben.�</p><p>Poirot sah sie neugierig an. �Darf ich fragen, wer Ihnen das erz�hlt hat?�</p><p>�Trifft es zu?�</p><p>Er sagte langsam: ����Das war ein � anderer Fall.�</p><p>�Nein. Der Fall <emphasis><strong>war</strong></emphasis> nicht anders! Der Mann, der get�tet wurde, war ein schlechter Mensch� � sie senkte die Stimme �, �genau wie <emphasis><strong>sie...�</strong></emphasis></p><p>Poirot sagte: �Der moralische Charakter des Opfers hat nichts damit zu tun! Ein Mensch, der sich das Recht anma�t, Selbstjustiz zu �ben, und einem anderen das Leben nimmt, muss aus der menschlichen Gesellschaft ausgesto�en werden! Das sagt Ihnen Hercule Poirot!�</p><p>�Wie hart Sie doch sind!�</p><p>�Madame, in mancher Hinsicht bin ich unerbittlich. Ich werde niemals einen Mord guthei�en! Das ist das letzte Wort von Hercule Poirot.�</p><p>Sie stand auf. In ihren dunklen Augen loderte pl�tzlich ein Feuer.</p><p>�Dann nur zu! Ruinieren Sie das Leben unschuldiger Menschen! Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen.�</p><p>�Ich glaube, dass Sie mir noch sehr viel zu sagen haben, Madame.�</p><p>�Nein, nichts.�</p><p>�O doch, Madame! Was geschah, <emphasis><strong>nachdem</strong></emphasis> Sie Ihre Schwiegermutter verlassen hatten? W�hrend Sie und Ihr Gatte sich im Gemeinschaftszelt aufhielten?�</p><p>Sie zuckte mit den Schultern. �Woher soll ich das wissen?�</p><p>�Sie <emphasis><strong>wissen</strong></emphasis> es � oder Sie vermuten es.�</p><p>Sie blickte ihm fest in die Augen. �Ich wei� gar nichts, Monsieur Poirot.�</p><p>Sie drehte sich um und verlie� das Zimmer.</p></section><section><title><p id="_bookmark21"><strong>Achtes Kapitel</strong></p></title><p>Nachdem Poirot auf seinem Notizblock �N.B. 16.40�, notiert hatte, ging er zur T�r und rief den Burschen, den ihm Colonel Carbury zur Verf�gung gestellt hatte, einen intelligenten Mann mit guten Englischkenntnissen. Er bat ihn, Miss Carol Boynton zu holen.</p><p>Als sie eintrat, betrachtete Poirot die junge Frau mit einigem Interesse � das kastanienbraune Haar, die Haltung des Kopfes auf dem schlanken Hals, die nerv�se Rastlosigkeit der wohlgeformten H�nde.</p><p>Er sagte:��Setzen��Sie�sich, Mademoiselle.�</p><p>Sie nahm gehorsam Platz. Ihr Gesicht war blass und ausdruckslos. Poirot sprach ihr zun�chst automatisch sein Beileid aus, das die junge Frau ohne sichtbare Regung entgegennahm.</p><p>�Und nun, Mademoiselle, w�rden Sie mir erz�hlen, wie Sie den Nachmittag des fraglichen Tages verbrachten?�</p><p>Ihre Antwort kam so prompt, dass der Verdacht nahe lag, dass diese zuvor einstudiert worden war.</p><p>�Nach dem Mittagessen machten wir alle einen Spaziergang. Ich kehrte ins Camp zur�ck � �</p><p>Poirot unterbrach sie. �Einen kleinen Moment. Waren Sie bis dahin alle zusammen?�</p><p>�Nein. Ich war die meiste Zeit mit meinem Bruder Raymond und Miss King zusammen. Dann ging ich allein weiter.�</p><p>�Vielen Dank. Sie sagten, dass Sie ins Camp zur�ckkehrten. Um welche Uhrzeit war das?�</p><p>�Ich glaube, es war ziemlich genau zehn Minuten nach f�nf.�</p><p>Poirot notierte sich �C.B. 17.10�.</p><p>�Und was taten Sie dann?�</p><p>�Meine Mutter sa� noch dort, wo sie gesessen hatte, als wir aufbrachen. Ich ging hinauf und sprach mit ihr und ging dann hinunter in mein Zelt.�</p><p>�K�nnen Sie sich genau erinnern, wor�ber Sie miteinander sprachen?�</p><p>�Ich sagte nur, dass es sehr hei� sei und dass ich mich hinlegen werde. Meine Mutter meinte, sie w�rde bleiben, wo sie war. Das war alles.�</p><p>�Schien sie Ihnen in irgendeiner Weise anders als sonst zu sein?�</p><p>�Nein. Das hei�t.�</p><p>Sie verstummte unsicher und starrte Poirot sinnend an.</p><p>�Von mir d�rfen Sie die Antwort nicht erwarten, Mademoiselle�, sagte Poirot ruhig.</p><p>�Ich habe nur �berlegt. Damals habe ich nicht weiter darauf geachtet, aber wenn ich j etzt zur�ckdenke .�</p><p>�Ja?�</p><p>�Es stimmt�, sagte Carol langsam, �sie hatte eine komische Farbe � ihr Gesicht war sehr rot � viel r�ter als sonst.�</p><p>�Sie k�nnte vielleicht einen Schock bekommen haben?�, suggerierte Poirot.</p><p>�Einen Schock?� Sie sah ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Ja, sie k�nnte, sagen wir, mit einem der arabischen Diener �rger gehabt haben.�</p><p>�Oh!� Ihre Miene hellte sich auf. �Ja � das w�re m�glich.�</p><p>�Sie erw�hnte nicht, dass etwas in dieser Art vorgefallen war?�</p><p>�N-nein. Nein, nichts dergleichen.�</p><p>Poirot fuhr fort: �Und was taten Sie dann, Mademoiselle?�</p><p>�Ich ging in mein Zelt und legte mich ungef�hr eine halbe Stunde hin. Dann ging ich hinunter ins Gemeinschaftszelt. Mein Bruder und seine Frau waren dort und lasen.�</p><p>�Und was machten Sie?�</p><p>�Oh, ich hatte etwas zu n�hen. Und danach las ich eine Zeitschrift.�</p><p>�Sprachen Sie auf dem Weg zum Gemeinschaftszelt nochmals mit Ihrer Mutter?�</p><p>�Nein. Ich ging auf direktem Wege hinunter. Ich glaube, ich habe nicht einmal zu ihr hinaufgesehen.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Ich blieb im Gemeinschaftszelt bis � bis Miss King uns mitteilte, dass sie tot war.�</p><p>�Und das ist alles, was Sie wissen, Mademoiselle?�</p><p>�Ja.�</p><p>Poirot beugte sich vor. Noch immer im leichten Plauderton sagte er: �Und was <emphasis><strong>f�hlten</strong></emphasis> Sie, Mademoiselle?�</p><p>�Was ich f�hlte?�</p><p>�Ja, als Sie h�rten, dass Ihre Mutter � <emphasis><strong>pardon,</strong></emphasis> Ihre Stiefmutter, nicht wahr? Nun, was f�hlten Sie, als Sie h�rten, dass sie tot war?�</p><p>Sie starrte ihn an.</p><p>�Ich verstehe nicht, was Sie meinen!�</p><p>�Ich glaube, Sie verstehen mich sehr gut.�</p><p>Sie blickte zu Boden. Dann sagte sie unsicher: �Es war � ein gro�er Schock.�</p><p>�Tats�chlich? �</p><p>Das Blut schoss ihr in die Wangen. Sie starrte Poirot hilflos an. Er sah, dass pl�tzlich Angst in ihren Augen lag.</p><p>�War es <emphasis><strong>wirklich</strong></emphasis> ein so gro�er Schock, Mademoiselle? <emphasis><strong>Erinnern Sie sich an ein gewisses Gespr�ch, das Sie mit Ihrem Bruder eines Abends in Jerusalem f�hrten?�</strong></emphasis></p><p>Der Schuss traf ins Schwarze. Poirot erkannte es daran, wie abermals alle Farbe aus Carols Wangen wich.</p><p>�Sie wissen davon?�, fl�sterte sie.</p><p>�Ja.�</p><p>�Aber wieso � woher?�</p><p>�Ein Teil Ihres Gespr�ches wurde belauscht.�</p><p>�Oh!� Carol Boynton schlug die H�nde vors Gesicht. Ihr Schluchzen ersch�tterte den Tisch.</p><p>Hercule Poirot wartete eine Minute und sagte dann ruhig: �Sie planten gemeinsam den Tod Ihrer Mutter.�</p><p>Carol stie� schluchzend hervor: �Wir waren verr�ckt � v�llig verr�ckt � an dem Abend!�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>�Sie k�nnen sich unm�glich vorstellen, in was f�r einer Verfassung wir waren!� Sie setzte sich auf und strich sich das Haar aus der Stirn. �Es klingt ja auch zu abwegig. Daheim in Amerika war es nicht so schlimm � aber diese Reise hat es uns deutlich vor Augen gef�hrt.�</p><p><emphasis><strong>��Was</strong></emphasis> hat Ihnen die Reise vor Augen gef�hrt?� Seine Stimme war g�tig, mitf�hlend geworden.</p><p>�Dass wir anders sind als � als andere Leute! Wir � wir wussten nicht mehr ein und aus. Schon wegen Jinny.�</p><p>�Wer ist Jinny?�</p><p>�Meine Schwester. Sie kennen sie nicht. Sie wurde schon richtig sonderbar. Und Mutter machte alles nur noch schlimmer. Sie schien gar nicht zu merken, was los war. Wir hatten Angst, Ray und ich, dass Jinny total verr�ckt werden w�rde! Und wir wussten, dass Nadine das auch dachte, und das machte uns noch mehr Angst, weil Nadine sich doch mit Krankheiten und solchen Dingen auskennt.�</p><p>�Ja, und?�</p><p>�An dem Abend in Jerusalem war das Ma� irgendwie voll! Ray war wie von Sinnen. Er und ich hatten uns so in die Sache hineingesteigert, dass es � ja, dass es uns das einzig <emphasis><strong>Richtige</strong></emphasis> zu sein schien, etwas zu unternehmen! Mutter � Mutter war nicht <emphasis><strong>normal!</strong></emphasis> Ich wei� nicht, wie Sie dar�ber denken, aber es <emphasis><strong>kann</strong></emphasis> einem absolut <emphasis><strong>richtig</strong></emphasis> vorkommen, ja geradezu edel � jemanden zu t�ten!�</p><p>Poirot nickte bed�chtig. �Ja, das hat bekanntlich schon mancher gedacht. Die Geschichte beweist es.�</p><p>�Ray und ich dachten das auch � an dem Abend.� Sie schlug mit der Hand auf den Tisch. �Aber wir haben wirklich nichts unternommen! Ganz bestimmt nicht! Bei Tageslicht erschien uns die ganze Sache absurd, melodramatisch � und verwerflich, ja, das auch. Glauben Sie mir, Monsieur Poirot, Mutter starb wirklich eines nat�rlichen Todes, sie starb an Herzversagen. Ray und ich hatten nichts damit zu tun.�</p><p>Poirot sagte ruhig: �Schw�ren Sie mir, Mademoiselle, so wahr Sie das ewige Leben zu erlangen hoffen, dass Mrs. Boyntons Tod nicht durch Ihre Hand herbeigef�hrt wurde?�</p><p>Carol blickte auf. Ihre Stimme klang ruhig und tief.</p><p>�Ich schw�re�, sagte sie, �so wahr ich auf das ewige Leben hoffe, dass ich ihr nie etwas zuleide getan habe.�</p><p>Poirot lehnte sich zur�ck.</p><p>�Das�, sagte er, �w�re also gekl�rt.�</p><p>Beide schwiegen. Poirot strich sich nachdenklich�den�prachtvollen Schnurrbart. Dann sagte er: �Wie sah Ihr Plan eigentlich aus?�</p><p>�Welcher Plan?�</p><p>�Nun, Sie und Ihr Bruder m�ssen doch einen Plan gehabt haben.�</p><p>Im Geiste z�hlte er die Sekunden, bis die Antwort kam. Eins, zwei, drei.</p><p>�Wir hatten keinen Plan�, sagte Carol schlie�lich. �So weit kam es gar nicht.�</p><p>Hercule Poirot stand auf.</p><p>�Das ist alles, Mademoiselle. W�ren Sie so freundlich, Ihren Bruder zu mir zu schicken?�</p><p>Carol erhob sich ebenfalls. Sie blieb einen Moment unschl�ssig stehen.</p><p>�Monsieur Poirot, Sie � Sie glauben mir doch?�</p><p>�Habe ich gesagt�, fragte Poirot, �dass ich Ihnen nicht glaube?�</p><p>�Nein, aber � � Sie brach ab.</p><p>Er sagte: �W�rden Sie jetzt Ihren Bruder bitten hereinzukommen?�</p><p>�Ja.�</p><p>Sie ging langsam zur T�r. Dort blieb sie stehen, drehte sich pl�tzlich um und rief heftig aus: �Ich habe die Wahrheit gesagt � <emphasis><strong>die Wahrheit!�</strong></emphasis></p><p>Hercule Poirot gab keine Antwort.</p><p>Carol Boynton verlie� langsam das Zimmer.</p></section><section><title><p id="_bookmark22"><strong>Neuntes Kapitel</strong></p></title><p>Als Raymond Boynton ins Zimmer trat, fiel Poirot sofort die �hnlichkeit zwischen Bruder und Schwester auf.</p><p>Raymond Boyntons Gesicht war ernst und unbewegt. Er schien weder nerv�s noch �ngstlich zu sein. Er lie� sich auf einen Stuhl fallen, sah Poirot fest an und sagte: �Nun?�</p><p>Poirot fragte freundlich: ����Ihre Schwester hat mit Ihnen gesprochen?�</p><p>Raymond nickte. �Ja, als sie mir sagte, dass ich zu Ihnen kommen soll. Mir ist nat�rlich klar, da� Ihr Verdacht durchaus gerechtfertigt ist. Wenn unser Gespr�ch an jenem Abend belauscht wurde, dann <emphasis><strong>muss</strong></emphasis> die Tatsache, dass meine Stiefmutter ziemlich unerwartet starb, wohl oder �bel Verdacht erregen. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass das bewusste Gespr�ch � nur einer momentanen Verr�cktheit entsprang. Wir standen an dem Abend unter einer unertr�glichen nervlichen Anspannung. Diese phantastische Idee, meine Stiefmutter umzubringen, das war doch nur � wie soll ich es ausdr�cken � damit wollten wir doch nur irgendwie Dampf ablassen!�</p><p>Hercule Poirot nickte langsam und bed�chtig.</p><p>�Das�, sagte er, �ist eine M�glichkeit.�</p><p>�Am n�chsten Morgen kam uns das Ganze nat�rlich ziemlich � abwegig vor. Ich schw�re Ihnen, Monsieur Poirot, dass ich nie wieder daran gedacht habe!�</p><p>Poirot erwiderte nichts.</p><p>Raymond sagte schnell: �O ja, ich wei�, so etwas kann man leicht behaupten. Ich erwarte ja nicht, dass Sie mir blo� auf mein Wort hin glauben. Aber sehen Sie sich die Fakten an. Ich habe kurz vor sechs mit meiner Mutter gesprochen. Und da war sie noch gesund und munter. Dann ging ich in mein Zelt, um mich frisch zu machen, und anschlie�end zu den anderen ins Gemeinschaftszelt. Und das haben sowohl Carol als auch ich danach nicht mehr verlassen. Alle konnten uns dort sehen. Begreifen Sie doch, Monsieur Poirot, dass meine Mutter eines nat�rlichen Todes starb � an Herzversagen �, anders kann es nicht gewesen sein! Es waren doch Diener in der N�he, ein st�ndiges Kommen und Gehen. Etwas anderes ist v�llig absurd.�</p><p>�Wissen Sie eigentlich, Mr. Boynton�, fragte Poirot ruhig, �was Miss King aussagt? Sie sagt, als sie die Leiche um halb sieben untersuchte, war der Tod mindestens eineinhalb Stunden und vermutlich sogar <emphasis><strong>zwei Stunden</strong></emphasis> fr�her eingetreten.�</p><p>Raymond starrte ihn an. Er war wie vor den Kopf geschlagen.</p><p>�Das hat Sarah gesagt?�, stie� er hervor.</p><p>Poirot nickte. �Was haben Sie dazu zu sagen?�</p><p>�Aber � das ist unm�glich!�</p><p>�So lautet Miss Kings Aussage. Und nun kommen <emphasis><strong>Sie</strong></emphasis> und erz�hlen mir, dass vierzig Minuten bevor Miss King die Leiche untersuchte, Ihre Mutter noch gesund und munter war.�</p><p>�Aber so war es!�, sagte Raymond.</p><p>�Nehmen Sie sich in Acht, Mr. Boynton.�</p><p>�Sarah <emphasis><strong>muss</strong></emphasis> sich irren! Sie muss irgendeinen Faktor nicht ber�cksichtigt haben. Dass die Felsen die Hitze zur�ckstrahlen ���was�weiߠich.�Ich versichere Ihnen, Monsieur Poirot, dass meine Mutter kurz vor sechs noch lebte und dass ich mit ihr sprach.�</p><p>Poirots Gesichtsausdruck verriet nichts.</p><p>Raymond beugte�sich�eindringlich�vor.</p><p>�Monsieur Poirot,�ich�wei�,�was�Sie denken m�ssen, aber betrachten Sie die Sache objektiv. Sie sind voreingenommen. Das liegt vermutlich in der Natur der Sache. Sie leben ���in ���einer ���Welt ���des Verbrechens. Bei einem pl�tzlichen Tod denken Sie automatisch sofort an ein Verbrechen! Begreifen Sie denn nicht, dass Sie alles aus einem ganz bestimmten Blickwinkel betrachten? Jeden Tag sterben Menschen � insbesondere Menschen, die ein schwaches Herz haben �, und nichts daran ist in irgendeiner Weise r�tselhaft.�</p><p>Poirot seufzte. �Sie wollen mich also mein Handwerk lehren, wie?�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht. Aber ich glaube, dass Sie voreingenommen sind � wegen diesem verh�ngnisvollen Gespr�ch. Am Tod meiner Mutter ist nichts, das Verdacht erregen k�nnte, abgesehen von dieser ungl�ckseligen hysterischen Unterhaltung zwischen Carol und mir.�</p><p>Poirot sch�ttelte den Kopf. �Sie irren sich�, sagte er. �Das ist nicht alles. Da ist noch das Gift, das aus Dr. Gerards Reiseapotheke entwendet wurde.�</p><p>�Gift?� Ray sah ihn entgeistert an. <emphasis><strong>� Gift? �</strong></emphasis> Er schob seinen Stuhl etwas zur�ck. Er schien wie vor den Kopf geschlagen. �Sie denken, es k�nnte <emphasis><strong>Gift</strong></emphasis> gewesen sein?�</p><p>Poirot lie� ihn eine Weile dar�ber nachdenken. Dann sagte er ruhig, fast desinteressiert: �Sie hatten einen anderen Plan, wie?�</p><p>�Ja, nat�rlich�, antwortete Raymond mechanisch. �Darum ist � das �ndert nat�rlich alles. Ich � ich kann keinen � klaren Gedanken fassen.�</p><p>�Wie sah <emphasis><strong>Ihr</strong></emphasis> Plan aus?�</p><p>�Unser Plan? Wir wollten � � Raymond hielt abrupt inne. Seine Augen wurden wachsam, er war pl�tzlich auf der Hut.</p><p>�Ich glaube�, sagte er, �ich werde jetzt nichts mehr sagen.�</p><p>�Ganz wie Sie w�nschen�, sagte Poirot.</p><p>Er verfolgte, wie der junge Mann das Zimmer verlie�.</p><p>Er griff nach seinem Notizblock und machte fein s�uberlich die letzte Eintragung: �R.B. 17.55?�</p><p>Dann nahm er ein gro�es Blatt Papier und begann zu schreiben. Als er fertig war, lehnte er sich mit schief gelegtem Kopf zur�ck und sann �ber die Aufstellung nach. Sie lautete wie folgt:</p><p>15.05 (ca.): Die Boyntons und Jefferson Cope verlassen das Camp.</p><p>15.15 (ca.): Dr. Gerard und Sarah King verlassen das Camp.</p><p>16.15: Lady Westholme und Miss Pierce verlassen das Camp.</p><p>16.20 (ca.): Dr. Gerard kommt zur�ck ins Camp.</p><p>16.35: Lennox Boynton kommt zur�ck ins Camp.</p><p>16.40: Nadine Boynton kommt zur�ck ins Camp und spricht mit Mrs. Boynton.</p><p>16.50 (ca.): Nadine Boynton verl�sst ihre Schwiegermutter und geht ins Gemeinschaftszelt.</p><p>17.10: Carol Boynton kommt zur�ck ins Camp.</p><p>17.40: Lady Westholme, Miss Pierce und Mr. Jefferson Cope kommen zur�ck ins Camp.</p><p>1750: Raymond Boynton kommt zur�ck ins Camp.</p><p>18.00: Sarah King kommt zur�ck ins Camp.</p><p>18.30: Die Tote wird entdeckt.</p></section><section><title><p id="_bookmark23"><strong>Zehntes Kapitel</strong></p></title><p>�Interessant�, sagte Hercule Poirot. Er faltete das Blatt zusammen, ging zur T�r und gab Anweisung, Mahmoud zu ihm zu bringen. Der beleibte Dragoman war wortreich wie immer und �bersch�ttete Poirot mit einem wahren Redeschwall.</p><p>�Immer, immer ich bin schuld. Wenn etwas passiert, sagen immer, meine Schuld. Immer alles meine Schuld. Wenn Lady Ellen sich verstaucht Kn�chel, wenn heruntergekommen von Opferplatz, ich bin schuld � obwohl sie gehen mit hohe Abs�tze und sie mindestens sechzig Jahre alt, vielleicht siebzig. Ach, mein Leben nichts als Elend! Und dann Elend und Machenschaften von Juden gegen uns � �</p><p>Endlich gelang es Poirot, den Redefluss zu bremsen und eine Frage zu stellen.</p><p>�Halb sechs Uhr, Sie sagen? Nein, ich nicht denke, dass da Diener waren unterwegs. M�ssen wissen, Mittagessen ist sp�t � zwei Uhr. Und dann alles aufr�umen. Nach Mittagessen alle schlafen ganze Nachmittag. Ja, weil Amerikaner sie nicht trinken Tee. Um halb vier Uhr wir alle schon schlafen. Um f�nf Uhr, ich komme heraus, weil ich bin T�chtigkeit in Person � ich immer, immer sorgen f�r Wohlergehen von Ladys und Gentlemen, wo ich diene � und ich wei�, englische Ladys w�nschen Tee zu die Zeit. Aber niemand da. Alle fort, spazieren gehen. F�r mich das ist sehr gut � besser als andere Tage. Ich kann gehen wieder schlafen. Ein Viertel vor sechs f�ngt �rger an. Gro�e englische Lady � sehr feine Dame � kommen zur�ck, wollen Tee, aber Boys schon decken Tisch f�r Abendessen. Sie macht gro�es Theater � sagt, Wasser muss kochen, ich selbst muss sorgen daf�r. Ach, mein gn�diger Herr, was f�r ein Leben! Was f�r ein Leben � was f�r ein Leben! Ich machen alles, was ich kann � aber immer ich bin schuld � ich � �</p><p>Poirot sprach ihn auf die vorgebrachte Anschuldigung an. �Da w�re noch eine Kleinigkeit. Die tote Dame hatte sich �ber einen der Boys ge�rgert. Wissen Sie, �ber welchen und aus welchem Grund?�</p><p>Mahmoud hob beide H�nde gen Himmel.</p><p>�Ich soll wissen? Warum ich? Alte Dame nicht sich beschweren bei mir.�</p><p>�K�nnten Sie es herausfinden?�</p><p>�Nein, mein gn�diger Herr, das nicht m�glich. So etwas Boys nie zugeben. Alte Dame sich ge�rgert, Sie sagen? Dann Boys bestimmt nichts verraten. Abdul sagen, war Mohammed, und Mohammed sagen, war Aziz, und Aziz sagen, war Aissa und so weiter. Sie alle sehr dumme Beduinen � verstehen nichts.�</p><p>Er holte Luft und fuhr fort: �Aber ich, ich habe Vorzug von Missionsschule. Ich kann aufsagen Keats, Shelley � Sie wollen h�ren? <emphasis><strong>Iadadoveandasweedovedied� � ��</strong></emphasis></p><p>Poirot zuckte zusammen. Obwohl Englisch nicht seine Muttersprache war, kannte er dieses Gedicht gut genug, um bei Mahmouds eigenwilliger�Aussprache k�rperliche Schmerzen zu empfinden.</p><p>�Hervorragend!�, sagte er schnell. �Hervorragend! Ich werde Sie ganz gewiss allen meinen Freunden empfehlen.�</p><p>Er schaffte es mit List und T�cke, den redseligen Dragoman loszuwerden. Dann ging er mit seiner Liste zu Colonel Carbury, den er in seinem B�ro antraf.</p><p>Carbury r�ckte seinen Krawattenknoten etwas schiefer und fragte: �Gibt�s was Neues?�</p><p>Poirot sagte: �Wollen Sie meine Theorie h�ren?�</p><p>�Wenns sein muss�, sagte Colonel Carbury und seufzte. Schlie�lich hatte er sich im Laufe seines Lebens schon so manche Theorie anh�ren m�ssen.</p><p>�Meine Theorie sagt, die Kriminologie ist die einfachste Wissenschaft von der Welt! Man muss Kriminelle nur reden lassen � fr�her oder sp�ter verraten sie Ihnen alles.�</p><p>�Ich erinnere mich, Sie schon einmal etwas �hnliches sagen geh�rt zu haben. Und wer <emphasis><strong>hat</strong></emphasis> Ihnen etwas verraten?�</p><p>�Jeder.� Poirot schilderte kurz die Unterredungen, die er an diesem Vormittag gef�hrt hatte.</p><p>�Hm�, brummte Carbury. �Na sch�n, Sie haben offenbar den einen oder anderen Fingerzeig bekommen. Nur schade, dass jeder in eine andere Richtung zu deuten scheint. Das Einzige, was mich interessiert, ist, ob wir etwas in der Hand haben.�</p><p>�Nein.�</p><p>Carbury seufzte abermals. �Das habe ich bef�rchtet.�</p><p>�Aber vor Einbruch der Dunkelheit�, sagte Poirot, �werden Sie die Wahrheit haben!�</p><p>�Naja, mehr hatten Sie mir auch nicht versprochen�, sagte Colonel Carbury. �Und ich habe stark bezweifelt, dass Sie es schaffen w�rden! Sind Sie Ihrer Sache sicher?�</p><p>�Absolut sicher.�</p><p>�Muss ein sch�nes Gef�hl sein�, meinte Colonel Carbury. Falls seine Augen ironisch funkelten, so schien Poirot nichts davon zu bemerken. Er holte seine Liste hervor.</p><p>�Sauber�, sagte Colonel Carbury beif�llig und beugte sich �ber sie.</p><p>Ein oder zwei Minuten sp�ter sagte er: �Wissen Sie, was ich glaube?�</p><p>�Ich w�re entz�ckt, wenn Sie es mir verraten w�rden.�</p><p>�Der junge Raymond Boynton ist aus dem Schneider.�</p><p>�Ah! Meinen Sie?�</p><p>�Ja. Ist doch sonnenklar, was er dachte. Wir h�tten es eigentlich von Anfang an wissen m�ssen. Weil er, genau wie in Kriminalromanen, der Hauptverd�chtige ist. Da Sie ihn praktisch haben sagen h�ren, dass er die alte Dame um die Ecke bringen will, h�tten wir eigentlich wissen m�ssen, dass er unschuldig ist!�</p><p>�Sie lesen Kriminalromane?�</p><p>�Stapelweise�, sagte Colonel Carbury. Fast wie ein kleiner Junge setzte er sehns�chtig hinzu: �Sie k�nnten es wohl nicht so machen wie die Detektive in den B�chern? Eine Liste der wesentlichen Fakten zusammenstellen � Dinge, die scheinbar nichts zu bedeuten haben, in Wahrheit aber furchtbar wichtig sind? So was in der Art eben.�</p><p>�Ah!�, sagte Poirot freundlich. �Diese Art von Kriminalromanen gef�llt Ihnen also besonders? Aber gern, es wird mir ein Vergn�gen sein.�</p><p>Er griff nach einem Blatt Papier und schrieb schnell und fein s�uberlich:</p><empty-line/><p>Entscheidende Fakten</p><p>Mrs. Boynton nahm ein Medikament, das Digitalis enthielt.</p><p>Dr. Gerard vermisste eine Inj ektionsspritze.</p><p>Es machte Mrs. Boynton Spa�, ihre Familie daran zu hindern, mit anderen Menschen zusammen zu sein.</p><p>Mrs. Boynton ermunterte ihre Familie an dem besagten Nachmittag, einen Spaziergang zu machen und sie allein zu lassen.</p><p>Mrs. Boynton war eine Sadistin.</p><p>Die Entfernung zwischen dem Gemeinschaftszelt und der Stelle, wo Mrs. Boynton sa�, betr�gt (circa) 200 Meter.</p><p>Mr. Lennox Boynton sagte zun�chst aus, er wisse nicht, wann er ins Camp zur�ckgekommen sei, gab sp�ter jedoch zu, die Armbanduhr seiner Mutter gestellt zu haben.</p><p>Das Zelt von Dr. Gerard stand direkt neben dem von Miss Ginevra Boynton.</p><p>Um 18.30 Uhr, als das Abendessen fertig war, wurde ein Diener zu Mrs. Boynton geschickt, um sie zu holen.</p><p>Nachdem der Colonel die Aufstellung gelesen hatte, war er hoch zufrieden.</p><empty-line/><p>�Kolossal!�, sagte er. �Genau das, was ich haben wollte! Sie haben es ziemlich schwer gemacht � und scheinbar belanglos � exakt so, wie es sein muss! Im �brigen scheinen Sie mir ein oder zwei wichtige Fakten ausgelassen zu haben. Aber damit wollen Sie wohl jemand auf den Leim f�hren, stimmt�s?�</p><p>Poirots Augen blitzten kurz auf, doch er gab keine Antwort.</p><p>�Zum Beispiel Punkt zwei�, sagte Colonel Carbury versuchsweise. <emphasis><strong>�Dr. Gerard vermisste eine Injektionsspritze.</strong></emphasis> Richtig. Aber er vermisste auch eine konzentrierte L�sung Digitalis oder wie das Zeug hei�t.�</p><p>�Letzteres�, sagte Poirot, �ist nicht in der gleichen Weise von Bedeutung wie das Fehlen der Spritze.�</p><p>�Hervorragend!�, sagte Colonel Carbury und strahlte �ber das ganze Gesicht. �Denn <emphasis><strong>das</strong></emphasis> kapiere ich nun �berhaupt nicht. F�r <emphasis><strong>meine</strong></emphasis> Begriffe ist das Digitalis n�mlich viel wichtiger als die Spritze! Und wieso taucht eigentlich immer wieder ein Diener auf? Der Diener, der ihr sagen soll, dass das Abendessen fertig ist � und dann der Diener, dem sie nachmittags mit dem Stock gedroht hat? Sie werden mir doch nicht erz�hlen wollen, dass einer meiner geistig minderbemittelten W�stens�hne sie um die Ecke gebracht hat? Denn <emphasis><strong>das�,</strong></emphasis> f�gte Colonel Carbury in strengem Ton hinzu, �das w�re <emphasis><strong>gemogelt.�</strong></emphasis></p><p>Poirot l�chelte, gab jedoch keine Antwort. Als er Carburys B�ro verlie�, murmelte er vor sich hin: �Unglaublich! Diese Engl�nder werden doch nie erwachsen!�</p></section><section><title><p id="_bookmark24"><strong>Elftes Kapitel</strong></p></title><p>Sarah King sa� auf der Kuppe eines H�gels und riss zerstreut wilde Blumen ab. Dr. Gerard sa� neben ihr auf einem groben Steinm�uerchen.</p><p>Pl�tzlich sagte sie heftig:��Warum mussten Sie die ganze Sache ins Rollen bringen? Wenn <emphasis><strong>Sie</strong></emphasis> nicht gewesen w�ren ��</p><p>Dr. Gerard sagte langsam: �Sie meinen, ich h�tte schweigen sollen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Obwohl ich wusste, was ich wusste?�</p><p><emphasis><strong>��Gewusst haben</strong></emphasis> Sie <emphasis><strong>gar</strong></emphasis> nichts�, sagte Sarah.</p><p>Der Franzose seufzte. �Sie t�uschen sich. Aber ich gebe zu, dass man nie absolut sicher sein kann.�</p><p>�Doch, das kann man�, sagte Sarah kompromisslos.</p><p>Der Franzose zuckte mit den Schultern. �Sie vielleicht!�</p><p>�Sie hatten Fieber�, sagte Sarah, �hohes Fieber, Da konnten Sie doch nicht klar denken! Die Spritze war vermutlich die ganze Zeit da. Und was das Digitoxin anbelangt, k�nnten Sie sich geirrt haben, oder einer der Diener k�nnte sich an Ihrer Tasche zu schaffen gemacht haben.�</p><p>Gerard sagte zynisch:��Keine Sorge, meine Liebe! Die Indizien sind aller Wahrscheinlichkeit�nach�ohne Beweiskraft. Sie werden sehen, Ihre Freunde, die Boyntons, kommen ungestraft davon!�</p><p>�Das will ich ja gar nicht�, sagte Sarah hitzig.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Sie sind unlogisch!�</p><p><emphasis><strong>�Sie</strong></emphasis> waren doch derjenige�, verk�ndete Sarah, �der sich damals in Jerusalem des Langen und Breiten dar�ber auslie�, dass man sich nicht einmischen soll! Und was tun Sie?�</p><p>�Ich habe mich nicht eingemischt. Ich habe lediglich gesagt, was ich wei�!�</p><p>�Und ich sage, dass Sie es <emphasis><strong>nicht</strong></emphasis> wissen. O Gott, jetzt geht das <emphasis><strong>schon</strong></emphasis> wieder los! Wir argumentieren mal wieder im Kreis.�</p><p>Gerard sagte sanft: �Es tut mir Leid, Miss King.�</p><p>Sarah fuhr mit leiser Stimme fort: �Im Grunde <emphasis><strong>sind sie gar nicht frei</strong></emphasis> � keiner von ihnen! Denn <emphasis><strong>sie</strong></emphasis> ist immer noch da! Selbst �ber den Tod hinaus l�sst sie sie nicht los. Sie hatte etwas � etwas Grauenerregendes an sich � und obwohl sie tot ist, ist sie noch genauso Grauen erregend wie zu Lebzeiten. Ich glaube � ja, ich glaube tats�chlich, dass sie das alles richtig <emphasis><strong>genie�t!�</strong></emphasis></p><p>Sie ballte die H�nde zu F�usten. Dann sagte sie in v�llig anderem Ton, mit ganz normaler Stimme: �Da kommt der kleine Mann den H�gel herauf.�</p><p>Dr. Gerard drehte sich um. �Ah! Ich glaube, er ist auf der Suche nach uns.�</p><p>�Ist er eigentlich so t�richt, wie er aussieht?�, fragte Sarah.</p><p>Dr. Gerard sagte ernst: �Der Mann ist alles andere als ein Tor.�</p><p>�Das habe ich bef�rchtet�, sagte Sarah King.</p><p>Mit d�steren Blicken verfolgte sie Hercule Poirots Weg bergauf.</p><p>Als er bei ihnen ankam, stie� er ein lautes �Uff� aus und wischte sich die Stirn ab. Dann blickte er betr�bt hinunter auf seine Lackschuhe.</p><p><emphasis><strong>�Helas!�,</strong></emphasis> sagte er. �Dieses steinige Land! Meine armen Schuhe.�</p><p>�Sie k�nnen sich ja Lady Westholmes Schuhputzutensilien ausleihen�, sagte Sarah unfreundlich. �Und ihr Staubtuch. Die Dame reist doch mit einem kompletten Haushalt durch die Gegend.�</p><p>�Das wird aber nicht die Kratzer entfernen, Mademoiselle.� Poirot sch�ttelte betr�bt den Kopf.</p><p>�Wahrscheinlich nicht. Warum in aller Welt tragen Sie in so einem Land aber auch solche Schuhe?�</p><p>Poirot neigte den Kopf leicht zur Seite. �Ich lege Wert darauf, stets <emphasis><strong>soigne</strong></emphasis> zu sein�, sagte er.</p><p>�Darauf w�rde ich in der W�ste lieber verzichten�, sagte Sarah.</p><p>�Frauen sehen in der W�ste nicht sehr vorteilhaft aus�, sagte Dr. Gerard vertr�umt. �Bei Miss King hier ist das anders � sie ist immer adrett und gut gekleidet. Aber diese Lady Westholme mit ihren dicken Jacken und R�cken und diesen entsetzlich unkleidsamen Reithosen und Reitstiefeln � <emphasis><strong>quelle horreur de femme!</strong></emphasis> Und die arme Miss Pierce � ihre Kleider schlaff wie welke Kohlbl�tter, und all diese Ketten, die st�ndig klimpern! Sogar die junge Mrs. Boynton, die eine gut aussehende Frau ist, ist nicht das, was man <emphasis><strong>chic</strong></emphasis> nennt. Ihre Garderobe ist sehr uninteressant. �</p><p>Sarah sagte ungehalten: �Ich glaube kaum, dass Monsieur Poirot hier heraufgeklettert ist, um sich �ber Damenbekleidung zu unterhalten!�</p><p>�Das ist wahr�, sagte Poirot. �Ich kam, um Dr. Gerard zu konsultieren. Seine Meinung wird f�r mich sehr n�tzlich sein. Ihre nat�rlich auch, Mademoiselle � Sie sind jung und in der Psychologie auf dem neuesten Stand. Sehen Sie, ich m�chte alles wissen, was Sie mir �ber Mrs. Boynton erz�hlen k�nnen.�</p><p>�Wissen Sie das nicht l�ngst in- und auswendig?�, fragte Sarah.</p><p>�Nein. Ich habe das Gef�hl � mehr als nur das Gef�hl �, die �berzeugung, dass die psychische Ausstattung von Mrs. Boynton in diesem Fall sehr wichtig ist. Menschen wie sie sind Dr. Gerard zweifellos vertraut.�</p><p>�Aus meiner Sicht war sie in der Tat ein interessantes Studienobjekt�, sagte der Arzt.</p><p>�Erz�hlen Sie mir mehr.�</p><p>Dr. Gerard war durchaus nicht abgeneigt. Er schilderte sein eigenes Interesse an der Familie Boynton, seine Unterhaltung mit Jefferson Cope und dass dieser die Situation v�llig falsch einsch�tzte.</p><p>�Er reagiert also gef�hlsm��ig�, sagte Poirot.</p><p>�Oh, unbedingt! Er hat Ideale � die im Grunde auf einer tiefen instinktiven Tr�gheit basieren. Von allen Menschen immer nur das Beste annehmen und die Welt als einen angenehmen Ort betrachten � das ist zweifellos der leichteste Weg im Leben! Jefferson Cope hat folglich �berhaupt keine Vorstellung davon, wie die Menschen wirklich sind.�</p><p>�Das kann manchmal gef�hrlich sein�, sagte Poirot.</p><p>Dr. Gerard fuhr fort: ����Er beharrte darauf, das, was ich &gt;das Boynton�sche Problem&lt; nennen m�chte, als einen Fall von fehlgeleiteter F�rsorge zu betrachten. Von dem unterschwelligen Hass, der Auflehnung, der Unterdr�ckung und dem seelischen Schmerz hatte er so gut wie keine Ahnung.�</p><p>�Das ist stupid, so etwas�, bemerkte Poirot.</p><p>�Gleichviel�, fuhr Dr. Gerard fort, �selbst der absichtlich begriffsstutzigste sentimentale Optimist kann nicht vollkommen blind sein. Ich glaube, dass Mr. Jefferson Cope auf der Reise nach Petra die Augen ge�ffnet wurden.�</p><p>Und er schilderte die Unterhaltung, die er am Morgen des Tages, an dem Mrs. Boynton starb, mit dem Amerikaner gehabt hatte.</p><p>�Eine interessante Geschichte, diese Sache mit dem Dienstm�dchen�, sagte Poirot nachdenklich. �Sie wirft Licht auf die Methoden der alten Frau.�</p><p>Gerard sagte: �Das war �berhaupt ein sehr denkw�rdiger Morgen! Sie waren noch nie in Petra, Monsieur Poirot. Wenn Sie hinfahren, m�ssen Sie unbedingt zur Opferst�tte hinaufsteigen. Sie hat eine � wie soll ich sagen � eine besondere Atmosph�re!� Er beschrieb detailliert, was sie dort erlebt hatten, und f�gte erg�nzend hinzu: �Mademoiselle sa� wie eine junge Richterin dort oben und sprach davon, <emphasis><strong>einen</strong></emphasis> zu opfern, um viele zu retten. Erinnern Sie sich, Miss King?�</p><p>Sarah erschauerte. �H�ren Sie blo� auf! Ich will nichts mehr von dem Tag h�ren.�</p><p>�Gewiss, gewiss�, sagte Poirot. �Sprechen wir lieber �ber Ereignisse, die weiter zur�ckliegen. Mich, Dr. Gerard, interessiert Ihre Beschreibung der Mentalit�t von Mrs. Boynton. Sehen Sie, ich verstehe nicht recht, warum diese Frau, die ihre Familie vollkommen unterjocht hat, warum sie diese Auslandsreise unternimmt, wo die Gefahr besteht, dass es zu Kontakten mit Au�enstehenden kommt und dass ihre Autorit�t geschw�cht wird.�</p><p>Dr. Gerard beugte sich aufgeregt vor.</p><p>�Aber genau das ist der springende Punkt, <emphasis><strong>mon vieux!</strong></emphasis> Alte Damen sind �berall auf der Welt gleich. Sie fangen an, sich zu langweilen! Wenn sie gerne Patiencen legen, haben sie irgendwann die Patience satt, die sie zu gut kennen. Sie wollen eine neue Patience lernen. Und genau so ist es bei einer alten Dame, deren Zeitvertreib � so unglaublich das klingen mag � es ist, andere Menschen zu beherrschen und zu qu�len! Mrs. Boynton war gewisserma�en <emphasis><strong>une dompteuse</strong></emphasis> � sie hatte ihre Tiger gez�hmt. Vielleicht war es noch ein wenig aufregend, als die Kinder heranwuchsen. Lennox� Heirat mit Nadine war ein Abenteuer. Aber dann war pl�tzlich alles schal. Lennox ist so in Melancholie versunken, dass es praktisch unm�glich ist, ihn zu verletzen oder zu peinigen. Raymond und Carol lassen keinerlei Anzeichen von Rebellion erkennen. Ginevra � <emphasis><strong>ah, la pauvre Ginevra</strong></emphasis> �, sie bietet, aus der Sicht ihrer Mutter, am allerwenigsten Zerstreuung. Denn Ginevra hat einen Ausweg gefunden! Sie fl�chtet aus der Realit�t in eine Traumwelt. Je mehr ihre Mutter sie reizt, desto leichter f�llt es ihr, sich das prickelnde Gef�hl zu verschaffen, eine verfolgte Heldin zu sein! Aus Mrs. Boyntons Sicht ist das alles sterbenslangweilig. Sie muss daher, genau wie Alexander, neue Welten erobern. Und so plant sie eine Reise ins Ausland. Weil dort die Gefahr besteht, dass ihre gez�hmten Bestien rebellieren, weil es dort Gelegenheiten geben wird, ihnen ganz neue Qualen zuzuf�gen! Es klingt absurd, ich wei�, aber so war es! Sie wollte einen neuen Nervenkitzel ! �</p><p>Poirot holte tief Luft. �Ein perfekter Plan. Ja, ich verstehe genau, was Sie meinen. <emphasis><strong>So war es.</strong></emphasis> Es passt alles zusammen. Sie wollte gef�hrlich leben, <emphasis><strong>la maman</strong></emphasis> Boynton � und sie bezahlte den Preis daf�r!�</p><p>Sarah beugte sich vor. Ihr blasses, intelligentes Gesicht war sehr ernst geworden. �Wollen Sie damit sagen, dass sie ihre Opfer zu weit trieb und � und dass diese sich gegen sie wandten � oder jedenfalls einer von ihnen?�</p><p>Poirot nickte zustimmend.</p><p>Mit leicht atemloser Stimme sagte Sarah: <emphasis><strong>�Welcher von ihnen?�</strong></emphasis></p><p>Poirot sah sie an, blickte auf ihre H�nde, die krampfhaft die wild wachsenden Blumen umklammerten, in das blasse und starre Gesicht.</p><p>Er antwortete nicht sofort � und blieb vor einer Antwort bewahrt, da genau in diesem Moment Dr. Gerard seine Schulter ber�hrte und sagte: �Sehen Sie, da.�</p><p>Ein junges M�dchen kam den H�gel herauf. Sie bewegte sich mit einer seltsamen rhythmischen Anmut, die den Betrachter an etwas Unwirkliches denken lie�. Ihr rotblondes Haar leuchtete im Sonnenschein, und um ihren sch�nen Mund spielte ein eigenartiges, geheimnisvolles L�cheln. Poirot hielt den Atem an.</p><p>�Wie sch�n sie ist�, sagte er. �Wie wundersch�n und anr�hrend. So m�sste man die Ophelia spielen � wie eine junge G�ttin, die sich in eine andere Welt verirrt hat, gl�cklich, den Fesseln menschlicher Freuden und Leiden entronnen zu sein.�</p><p>�Ja. Ja, Sie haben Recht�, sagte Gerard. �Ein Gesicht, von dem man tr�umt, nicht wahr? Bei mir war dies tats�chlich der Fall. In meinen Fiebertr�umen �ffnete ich die Augen und sah dieses Gesicht � dieses s��e, �berirdische L�cheln. Es war ein sch�ner Traum. Ich bedauerte es, dass ich aufwachte.�</p><p>Dann sagte er in seinem �blichen Ton: �Das ist Ginevra Boynton.�</p></section><section><title><p id="_bookmark25"><strong>Zw�lftes Kapitel</strong></p></title><p>Kurz darauf hatte das junge M�dchen sie erreicht.</p><p>Dr. Gerard �bernahm die Vorstellung.</p><p>�Miss Boynton, das ist Monsieur Hercule Poirot.�</p><p>�Oh.� Sie sah ihn unsicher an. Ihre Finger verflochten sich, bewegten sich rastlos. Die verzauberte Nymphe war aus ihrer Zauberwelt zur�ckgekehrt. Sie war nur noch ein ganz normales, linkisches junges M�dchen, ein wenig nerv�s und befangen.</p><p>Poirot sagte: �Was f�r ein gl�cklicher Zufall, Sie hier zu treffen, Mademoiselle. Ich wollte Sie bereits im Hotel aufsuchen.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>Ihr L�cheln war leer. Ihre Finger begannen am G�rtel ihres Kleides herumzuzupfen. Poirot sagte freundlich: �W�rden Sie einige Schritte mit mir gehen?�</p><p>Sie folgte ihm gehorsam, f�gte sich seiner Laune.</p><p>Bald darauf sagte sie, ziemlich unvermittelt, mit sonderbarer, hastiger Stimme: ����Sie sind � Sie sind doch Privatdetektiv, oder?�</p><p>�Ja, Mademoiselle.�</p><p>�Ein ber�hmter Privatdetektiv?�</p><p>�Der beste Privatdetektiv auf der Welt�, sagte Poirot im Brustton der �berzeugung, die reine Wahrheit zu konstatieren, nicht mehr und nicht weniger.</p><p>�Sie sind hergekommen, um mich zu besch�tzen?�, hauchte Ginevra Boynton.</p><p>Poirot strich sich nachdenklich �ber den Schnurrbart. Dann sagte er: �Sind Sie denn in Gefahr, Mademoiselle?�</p><p>�Ja! Aber ja!� Sie blickte sich rasch und argw�hnisch um. �Ich habe es Dr. Gerard schon in Jerusalem gesagt. Er war sehr geschickt. Er lie� sich nichts anmerken. Aber er folgte mir � an diesen schrecklichen Ort mit den roten Felsen.� Sie erschauerte. �Sie wollten mich dort t�ten. Ich muss st�ndig auf der Hut sein.�</p><p>Poirot nickte freundlich und nachsichtig.</p><p>Ginevra Boynton sagte: �Er ist sehr nett � und g�tig. Er ist in mich verliebt!�</p><p>�Ja?�</p><p>�O ja! Er sagt im Schlaf meinen Namen.� Ihre Stimme wurde weich, und auf ihrem Gesicht lag wieder dieser Ausdruck bebender, �berirdischer Sch�nheit. �Ich sah ihn � wie er dort lag, sich hin und her warf � und meinen Namen sagte. Ich bin leise wieder weggeschlichen.� Sie hielt inne. �Ich dachte, dass vielleicht er nach Ihnen geschickt hat? Ich habe n�mlich furchtbar viele Feinde. Sie sind �berall. Manchmal sind sie sogar <emphasis><strong>verkleidet.�</strong></emphasis></p><p>�Ja, ja�, sagte Poirot freundlich. �Aber hier sind Sie sicher � Ihre ganze Familie ist bei Ihnen.�</p><p>Sie richtete sich stolz auf.</p><p>�Das <emphasis><strong>ist</strong></emphasis> nicht meine Familie! Ich habe mit diesen Leuten nichts zu schaffen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wer ich <emphasis><strong>wirklich</strong></emphasis> bin � das ist ein gro�es Geheimnis. Aber Sie w�rden staunen, wenn Sie es w�ssten.�</p><p>Poirot sagte sanft: �War der Tod Ihrer Mutter ein gro�er Schock f�r Sie, Mademoiselle?�</p><p>Ginevra stampfte mit dem Fu� auf. �Ich habe es Ihnen doch gesagt � sie <emphasis><strong>war</strong></emphasis> nicht meine Mutter! Meine Feinde haben sie bezahlt, damit sie so tat und aufpasste, dass ich nicht davonlief!�</p><p>�Wo waren Sie an dem Nachmittag, als sie starb?�</p><p>�Ich war im Zelt. Es war dort sehr hei�, aber ich wagte nicht, es zu verlassen. Sonst h�tten sie mich vielleicht erwischt.� Ein Schauer �berlief sie. �Einer von ihnen � hat in mein Zelt geschaut. Er war verkleidet, aber ich erkannte ihn. Ich stellte mich schlafend. Der Scheich hatte ihn geschickt. Der Scheich wollte mich nat�rlich entf�hren lassen.�</p><p>Poirot schwieg eine Weile, w�hrend sie weitergingen, und sagte dann: �Sie sind sehr h�bsch, diese Geschichten, die Sie sich erz�hlen.�</p><p>Ginevra Boynton blieb stehen. Sie funkelte Poirot an. �Sie sind <emphasis><strong>wahr.</strong></emphasis> Sie sind alle <emphasis><strong>wahr!�</strong></emphasis> Wieder stampfte sie zornig mit dem Fu� auf.</p><p>�Ja�, sagte Poirot, �sie sind zweifellos gut erfunden.�</p><p>�Aber sie sind <emphasis><strong>wahr � wahr!�,</strong></emphasis> rief sie aus.</p><p>Dann machte sie w�tend kehrt und rannte den H�gel hinunter. Poirot sah ihr nach. Nach ein bis zwei Minuten h�rte er dicht hinter sich eine Stimme fragen: �Was haben Sie zu ihr gesagt?�</p><p>Poirot drehte sich zu Dr. Gerard um, der leicht au�er Atem stehen geblieben war. Weiter hinten kam Sarah, aber in gem�chlicherem Tempo.</p><p>Poirot beantwortete Gerards Frage: �Ich sagte zu ihr, dass sie sich ein paar h�bsche Geschichten ausgedacht hat.�</p><p>Der Arzt nickte nachdenklich. �Und dar�ber war sie w�tend? Das ist ein gutes Zeichen. Denn das beweist, dass sie noch nicht ganz �ber die Schwelle getreten ist. Sie wei� noch, dass es <emphasis><strong>nicht</strong></emphasis> die Wahrheit ist! Ich werde sie heilen.�</p><p>�Ah, Sie denken an eine Behandlung?�</p><p>�Ja. Ich habe die Sache mit der jungen Mrs. Boynton und ihrem Mann besprochen. Ginevra wird nach Paris kommen und sich in eine meiner Kliniken begeben. Danach wird sie sich f�r die B�hne ausbilden lassen.�</p><p>�Die B�hne?�</p><p>�Ja, als Schauspielerin k�nnte sie gro�en Erfolg haben. Und das ist genau das, was sie braucht � was sie haben <emphasis><strong>muss!</strong></emphasis> Sie besitzt viele wesentliche Charakterz�ge ihrer Mutter.�</p><p>�Nein!�, rief Sarah entsetzt.</p><p>�Ihnen erscheint das unm�glich, aber bestimmte grundlegende Wesensmerkmale sind die gleichen. Beide besitzen von Natur aus ein starkes Geltungsbed�rfnis; beide wollen mit ihrer Pers�nlichkeit beeindrucken! Das arme Kind wurde auf Schritt und Tritt eingeengt und unterdr�ckt; man gab ihr keine M�glichkeit, ihren ehrgeizigen Ambitionen nachzugehen, ihre Lebensfreude zu zeigen, ihre ���lebhafte ���schw�rmerische Pers�nlichkeit auszudr�cken.� Er lachte auf. <emphasis><strong>�Nous allons changer tout �a!�</strong></emphasis></p><p>Dann machte er eine kleine Verbeugung und sagte: ����Wenn Sie mich jetzt entschuldigen w�rden?�, und eilte dem jungen M�dchen den H�gel hinunter nach.</p><p>Sarah sagte: �Dr. Gerard ist mit Leib und Seele Arzt.�</p><p>�Das habe ich bemerkt�, sagte Poirot.</p><p>�Trotzdem�, sagte sie stirnrunzelnd, �finde ich es unertr�glich, dass er sie mit dieser gr�sslichen alten Frau vergleicht � obwohl ich ja selbst einmal Mitleid mit Mrs. Boynton hatte.�</p><p>�Wann war das, Mademoiselle?�</p><p>�Damals in Jerusalem. Ich habe Ihnen davon erz�hlt. Ich hatte auf einmal das Gef�hl, als ob ich alles missverstanden h�tte. Kennen Sie dieses Gef�hl, das einen manchmal �berkommt, wenn man einen Moment lang alles aus einem anderen Blickwinkel sieht? Ich war richtig in Fahrt, bin zu ihr gegangen und habe mich total zum Narren gemacht!�</p><p>�O nein � das k�nnen Sie gar nicht!�</p><p>Wie immer, wenn sie an die Szene mit Mrs. Boynton denken musste, wurde Sarah puterrot.</p><p>�Ich f�hlte mich richtiggehend erhaben, als ob ich eine Mission zu erf�llen h�tte! Und als mich Lady Westholme dann sp�ter leicht schief ansah und sagte, sie h�tte mich mit Mrs. Boynton sprechen sehen, dachte ich, dass sie vielleicht alles mit angeh�rt hatte, und kam mir endg�ltig wie ein kompletter Idiot vor.�</p><p>Poirot fragte: �Was genau hat die alte Mrs. Boynton zu Ihnen gesagt? K�nnen Sie sich an ihre genauen Worte erinnern?�</p><p>�Ich glaube schon. Sie haben n�mlich einen ziemlichen Eindruck bei mir hinterlassen. <emphasis><strong>&gt;Ich vergesse nichts&lt;,</strong></emphasis> sagte sie. <emphasis><strong>&gt;Merken Sie sich das gut. Ich vergesse niemals etwas � keine Handlung, keinen Namen, kein Gesicht.&lt;�</strong></emphasis> Sarah erschauerte. �Sie sagte es so <emphasis><strong>b�sartig</strong></emphasis> � und ohne mich dabei auch nur anzusehen. Mir ist � mir ist, als k�nnte ich sie jetzt noch h�ren.�</p><p>Poirot sagte freundlich: �Und das hat einen solchen Eindruck auf Sie gemacht?�</p><p>�Ja. Ich lasse mich nicht so leicht ins Bockshorn jagen � aber manchmal tr�ume ich von ihr, wie sie genau diese Worte sagt, und sehe ihr b�ses, h�misches, triumphierendes Gesicht. Gr�sslich!� Ein Schauer �berlief sie. Dann sagte sie pl�tzlich geradeheraus: �Monsieur Poirot, vielleicht sollte ich Sie das nicht fragen, aber sind Sie in dieser Angelegenheit zu einem Schluss gekommen? Haben Sie etwas Entscheidendes herausgefunden?�</p><p>�Ja.�</p><p>Er sah, wie ihre Lippen zitterten, als sie fragte: �Was?�</p><p>�Ich habe herausgefunden, mit wem Raymond Boynton an jenem Abend in Jerusalem sprach. Er sprach mit seiner Schwester Carol.�</p><p>�Mit Carol � nat�rlich!� Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: �Haben Sie ihm gesagt � haben Sie ihn gefragt � �</p><p>Es war zwecklos. Sie konnte nicht weitersprechen. Poirot sah sie ernst und mitf�hlend an. Dann sagte er ruhig: �Ist das � so wichtig f�r Sie, Mademoiselle?�</p><p>�Wichtiger als alles!�, sagte Sarah. Sie straffte die Schultern. �Ich muss es einfach wissen.�</p><p>Poirot sagte ruhig: �Er versicherte mir, dass es ein hysterischer Ausbruch war � mehr nicht! Dass er und seine Schwester sehr aufgew�hlt waren. Er sagte mir, dass die Idee, bei Tageslicht besehen, beiden phantastisch erschien.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>Poirot sagte sanft: �Miss Sarah, wollen Sie mir nicht sagen, wovor Sie Angst haben?�</p><p>Sarah wandte ihm ihr blasses, verzweifeltes Gesicht zu.</p><p>�An dem Nachmittag � waren wir zusammen. Und als er ging, sagte er � dass er etwas unternehmen werde � jetzt gleich, solange er noch den Mut dazu habe. Ich dachte, dass er nur � dass er es ihr nur sagen wollte. Aber angenommen, er wollte.�</p><p>Ihre Stimme erstarb. Sie stand wie erstarrt da und rang nach Fassung.</p></section><section><title><p id="_bookmark26"><strong>Dreizehntes Kapitel</strong></p></title><p>Nadine Boynton trat aus dem Hotel. Als sie unsicher z�gerte, eilte ein wartender Mann herbei.</p><p>Mr. Jefferson Cope war unverz�glich an der Seite seiner Herzensdame. �Wollen wir diesen Weg nehmen? Ich glaube, es ist der angenehmste.�</p><p>Nadine willigte stumm ein.</p><p>So gingen sie dahin, und Mr. Cope redete. Die Worte kamen leicht, wenn auch etwas monoton �ber seine Lippen. Es steht nicht fest, ob er bemerkte, dass Nadine nicht zuh�rte. Als sie auf den steinigen, mit Blumen bewachsenen H�gel abbogen, unterbrach sie ihn.</p><p>�Entschuldige, Jefferson. Ich muss mit dir reden.�</p><p>Ihr Gesicht war blass geworden.</p><p>�Gewiss, nat�rlich, Liebes. Ganz, wie du willst, aber bitte qu�le dich nicht.�</p><p>Sie sagte: �Du bist viel kl�ger, als ich dachte. Du wei�t bereits, was ich dir sagen will, nicht wahr?�</p><p>�Es ist nun einmal eine Tatsache�, sagte Mr. Cope, �dass gewisse Dinge alles ver�ndern. Mir ist vollkommen klar, dass unter den gegenw�rtigen Umst�nden bestimmte Entscheidungen noch einmal �berdacht werden m�ssen.� Er seufzte. �Du musst tun, was du f�r richtig h�ltst, Nadine, und was dir dein Gef�hl befiehlt.�</p><p>Ehrlich bewegt sagte sie: �Du bist so <emphasis><strong>gut,</strong></emphasis> Jefferson. So geduldig! Und ich habe dich so schlecht behandelt. Ich war richtiggehend gemein zu dir.�</p><p>�Jetzt h�r mal zu, Nadine. Lass uns eines klarstellen. Ich habe immer gewusst, wo meine Grenzen liegen, was dich betrifft. Ich liebe dich und sch�tze dich, seit ich dich kenne. Ich will nur, dass du gl�cklich bist. Mehr habe ich nie gewollt. Mit ansehen zu m�ssen, dass du ungl�cklich bist, hat mich fast wahnsinnig gemacht. Und ich sage ganz offen, dass ich Lennox die Schuld daran gegeben habe. Ich hatte das Gef�hl, dass er es nicht verdiente, dich zu behalten, wenn ihm dein Gl�ck nicht ein klein wenig mehr bedeutete, als dies der Fall zu sein schien.�</p><p>Mr. Cope holte tief Luft und fuhr fort: �Aber ich gebe zu, dass ich, nachdem ich euch nach Petra begleitet hatte, den Eindruck gewann, dass es vielleicht doch nicht nur Lennox� Schuld war, wie ich gedacht hatte. Er war nicht eigenn�tzig, was dich betraf, sondern eher viel zu uneigenn�tzig, was seine Mutter anging. Ich will �ber Tote ja nichts Schlechtes sagen, aber ich glaube, dass deine Schwiegermutter eine ungew�hnlich schwierige Frau war.�</p><p>�Ja, das kann man wohl sagen�, murmelte Nadine.</p><p>�Auf jeden Fall�, fuhr Mr. Cope fort, �bist du gestern zu mir gekommen und hast gesagt, dass du dich endg�ltig entschieden h�ttest, Lennox zu verlassen. Ich begr��te deinen Entschluss. Das war doch kein Leben, was du da f�hrtest. Und du warst ganz ehrlich zu mir. Du hast nicht so getan, als ob du mehr als nur Zuneigung f�r mich empfindest. Nun, mir gen�gte das. Alles, was ich wollte, war, f�r dich sorgen zu d�rfen und dir das zu bieten, was du verdient hast. Ich muss zugeben, das war einer der gl�cklichsten Nachmittage in meinem Leben.�</p><p>�Es tut mir Leid!�, rief Nadine aus. �Es tut mir so Leid!�</p><p>�Dazu besteht kein Grund, weil ich schon die ganze Zeit das komische Gef�hl hatte, dass alles nur ein Traum war. Ich sp�rte, dass ich damit rechnen musste, dass du es dir bis zum n�chsten Morgen anders �berlegt haben k�nntest. Nun, die Lage hat sich grundlegend ge�ndert. Du und Lennox k�nnt jetzt euer eigenes Leben f�hren.�</p><p>Nadine sagte leise: �Ja. Ich kann Lennox nicht verlassen. Bitte verzeih mir.�</p><p>�Da gibt es ist nichts zu verzeihen�, erkl�rte Mr. Cope. �Du und ich werden einfach wieder gute alte Freunde sein und den bewussten Nachmittag vergessen.�</p><p>Nadine legte sanft die Hand auf seinen Arm. �Danke, lieber Jefferson. Ich muss jetzt zu Lennox.�</p><p>Sie drehte sich um und ging. Mr. Cope setzte seinen Weg allein fort.</p><p>Nadine fand Lennox im griechischr�mischen Theater. Er sa� ganz oben und war so in Gedanken versunken, dass er sie erst richtig bemerkte, als sie sich atemlos neben ihm niederlie�.</p><p>�Lennox.�</p><p>�Nadine.� Er drehte sich halb zu ihr um.</p><p>�Wir hatten noch keine Gelegenheit, miteinander zu reden�, sagte sie. �Aber du wei�t, dass ich dich nicht verlassen werde, oder?�</p><p>Ernst erwiderte er: �Hattest du das denn tats�chlich vor, Nadine?�</p><p>Sie nickte. �Ja. Ich hatte das Gef�hl, dass mir nichts anderes �brig blieb. Ich hoffte, dass � dass du mich zur�ckhalten w�rdest. Der arme Jefferson! Ich war ja so gemein zu ihm.�</p><p>Lennox lachte pl�tzlich laut auf. �Nein, das ist nicht wahr. Ein Mensch, der so selbstlos ist wie Cope, muss Gelegenheit bekommen, seinem Edelmut freien Lauf zu lassen! Und du hattest Recht, Nadine. Als du mir sagtest, dass du mit ihm fortgehen willst, hast du mir den Schock meines Lebens versetzt! Wei�t du, ich glaube allen Ernstes, dass ich in letzter Zeit auf dem besten Wege war, den Verstand zu verlieren. Warum zum Teufel habe ich meiner Mutter nicht ins Gesicht gelacht und bin mit dir fortgegangen, als du mich darum gebeten hast?�</p><p>�Weil du es nicht konntest, Liebster�, sagte sie sanft. �Weil es unm�glich war.�</p><p>Lennox sagte sinnend:��Mutter war schon ein verdammt merkw�rdiger Mensch. Ich glaube, sie hatte uns alle irgendwie hypnotisiert.�</p><p>�So ist es.�</p><p>Lennox sann geraume Zeit nach. Dann sagte er: �Als du es mir an dem Nachmittag sagtest, war ich wie vor den Kopf geschlagen! Ich ging v�llig benommen zur�ck, und dann ging mir pl�tzlich auf, was ich doch f�r ein verdammter Idiot gewesen bin! Und mir wurde klar, dass es nur eins gab, wenn ich dich nicht verlieren wollte.�</p><p>Er sp�rte, wie sie erstarrte. Seine Stimme wurde h�rter. �Ich ging hin und � �</p><p>�Sprich nicht weiter.�</p><p>Er sah sie rasch an. �Ich ging hin und � debattierte mit ihr.� Er sprach in v�llig ver�ndertem Ton � bed�chtig und fast ausdruckslos. �Ich sagte ihr, dass ich zwischen ihr und dir w�hlen musste � und dass ich mich f�r dich entschieden hatte.�</p><p>Beide schwiegen.</p><p>Fast selbstbewusst f�gte er hinzu: �Ja, genau das habe ich ihr gesagt.�</p></section><section><title><p id="_bookmark27"><strong>Vierzehntes Kapitel</strong></p></title><p>Auf dem R�ckweg begegnete Poirot zwei Personen. Die erste war Mr. Jefferson Cope.</p><p>�Monsieur Hercule Poirot? Mein Name ist Jefferson Cope.�</p><p>Die beiden M�nner sch�ttelten sich in aller Form die Hand.</p><p>Mr. Cope, der sich Poirot anschloss, sagte im Weitergehen: �Ich habe erst jetzt erfahren, dass Sie quasi routinem��ig den Tod meiner alten Freundin Mrs. Boynton untersuchen. Eine b�se Geschichte. Die alte Dame h�tte nie und nimmer eine so beschwerliche Reise unternehmen d�rfen, so viel steht fest. Aber sie war dickk�pfig, Monsieur Poirot. Sie lie� sich von niemandem dreinreden. Sie war ein richtiger Haustyrann � hatte vermutlich zu lange immer ihren Willen durchgesetzt. Und was sie sagte, wurde ohne Widerrede gemacht. Ja, Sir, genau so war es.�</p><p>Mr. Cope schwieg eine Weile.</p><p>�Monsieur Poirot, ich wollte Ihnen eigentlich nur sagen, dass ich ein alter Freund der Familie bin. Klar, dass alle ziemlich durcheinander sind wegen dieser Geschichte�und�dass�sie verst�ndlicherweise nerv�s und gereizt sind. Wenn also irgendwelche Dinge zu erledigen sind � irgendwelche Formalit�ten, Vorkehrungen f�r die Beisetzung, die �berf�hrung der Leiche nach Jerusalem �, also da w�rde ich ihnen gerne so viel wie m�glich abnehmen. Sagen Sie mir einfach Bescheid, wenn etwas zu tun ist.�</p><p>�Ich bin sicher, die Familie wird Ihr Angebot zu sch�tzen wissen�, sagte Poirot und f�gte dann hinzu: �Soviel ich wei�, sind Sie ein besonderer Freund der jungen Mrs. Boynton.�</p><p>Mr. Jefferson Cope err�tete ein klein wenig.</p><p>�Na ja, dazu gibt es nicht viel zu sagen, Monsieur Poirot. Wie ich h�re, hatten Sie heute Vormittag eine Unterredung mit Mrs. Lennox Boynton, und sie hat Ihnen gegen�ber bestimmt angedeutet, wie die Dinge zwischen uns stehen, aber das ist jetzt alles vorbei. Mrs. Boynton ist eine sehr feine Frau, und sie meint, dass es ihre vordringliche Pflicht ist, ihrem Mann angesichts dieses schmerzlichen Verlustes beizustehen.�</p><p>Er schwieg. Poirot quittierte seine Worte mit einem leichten Neigen des Kopfes und sagte dann: �Es ist der Wunsch von Colonel Carbury, einen exakten Bericht �ber den Nachmittag von Mrs. Boyntons Tod zu erhalten. K�nnen Sie mir den Verlauf des bewussten Nachmittags schildern?�</p><p>�Aber gern! Nach dem Lunch und einer kurzen Ruhepause brachen wir zu einer zwanglosen Erkundungstour auf. Und zwar ohne diesen unm�glichen Dragoman. Der Mann dreht v�llig durch, wenn er auf das Thema Juden kommt. In dieser Hinsicht ist er meiner Meinung nach nicht zurechnungsf�hig. Wie gesagt, wir brachen auf. Und auf diesem Spaziergang kam es zu der Unterredung mit Nadine. Danach wollte sie mit ihrem Mann allein sein, um die Sache mit ihm zu besprechen. Ich ging allein weiter, arbeitete mich in einem Bogen zum Camp zur�ck. Etwa auf halbem Wege traf ich auf die beiden englischen Ladys, die am Vormittag mit uns auf der Exkursion gewesen waren � eine von ihnen ist, glaube ich, eine englische Adelige, stimmt�s?�</p><p>Poirot sagte, dass dies der Fall sei.</p><p>�Ja, eine feine Frau, mit scharfem Verstand und sehr gebildet. Die andere schien mir ein bisschen schwach auf der Brust zu sein � sie war halb tot vor Ersch�pfung. F�r eine �ltere Dame war die Exkursion am Vormittag sehr anstrengend gewesen, vor allem wenn sie die H�he nicht vertr�gt. Na ja, wie gesagt, ich traf also die beiden Damen und konnte ihnen gewisse Ausk�nfte geben. Wir gingen zusammen ein bisschen herum und kamen gegen sechs ins Camp zur�ck. Lady Westholme bestand darauf, Tee zu trinken, und ich hatte das Vergn�gen, eine Tasse mittrinken zu d�rfen � der Tee war ziemlich d�nn, schmeckte aber ganz interessant. Dann deckten die Boys den Tisch f�rs Abendessen, und einer sollte die alte Dame holen, die aber, wie er feststellte, tot in ihrem Stuhl sa�.�</p><p>�Sahen Sie sie auf dem R�ckweg ins Camp?�</p><p>�Ich sah, dass sie dort sa� � nachmittags und abends war das ihr �blicher Platz, aber ich schenkte ihr keine besondere Aufmerksamkeit. Ich erl�uterte Lady Westholme n�mlich gerade die Gr�nde unseres Konjunkturr�ckgangs. Au�erdem musste ich ein Auge auf Miss Pierce haben. Sie war so m�de, dass sie st�ndig mit dem Fu� umknickte.�</p><p>�Vielen Dank, Mr. Cope. Darf ich so indiskret sein und fragen, ob Mrs. Boynton m�glicherweise ein gro�es Verm�gen hinterlassen hat?�</p><p>�Ein ganz betr�chtliches sogar. Das hei�t, genau genommen ist es gar nicht ihres. Sie hatte nur das Nutzungsrecht auf Lebenszeit, und nach ihrem Tod wird es unter den Kindern des verstorbenen Eimer Boynton aufgeteilt. Ja, sie werden jetzt alle ziemlich wohlhabend sein.�</p><p>�Geld�, murmelte Poirot, �spielt immer eine gro�e Rolle. Wie viele Verbrechen wurden schon wegen Geld begangen.�</p><p>Mr. Cope sah ihn leicht best�rzt an.</p><p>�Da m�gen Sie wohl Recht haben�, gab er zu.</p><p>Poirot l�chelte liebensw�rdig und sagte: �Aber es gibt so viele Motive f�r einen Mord, nicht wahr? Ich danke Ihnen, Mr. Cope, f�r Ihre freundliche Kooperation.�</p><p>�Gern geschehen, keine Frage�, sagte Mr. Cope. �Ist das Miss King, die dort oben sitzt? Ich glaube, ich werde mal zu ihr gehen und mich ein bisschen mit ihr unterhalten. �</p><p>Poirot setzte seinen Weg den H�gel hinunter fort.</p><p>Nach einer Weile begegnete er Miss Pierce, die ihm entgegengeflattert kam und ihn atemlos begr��te: ����Oh, ���Monsieur Poirot, ich bin ja so froh, Sie zu treffen. Ich habe mich mit diesem h�chst sonderbaren jungen M�dchen unterhalten � der j�ngsten Tochter, wissen Sie. Sie hat ja so merkw�rdige Sachen gesagt � von Feinden und von einem Scheich, der sie entf�hren will, und dass sie �berall von Spionen umgeben ist. Wirklich, es klang <emphasis><strong>h�chst</strong></emphasis> romantisch! Lady Westholme sagt, dass das alles Unsinn ist und dass sie einmal ein rothaariges K�chenm�dchen hatte, das auch solche L�gen erz�hlte, aber manchmal denke ich, dass Lady Westholme doch ein wenig <emphasis><strong>zu</strong></emphasis> streng ist. Und es k�nnte doch ohne weiteres wahr sein, nicht wahr, Monsieur Poirot? Vor Jahren las ich, dass eine der Zarent�chter gar nicht in der Revolution in Russland umkam, sondern heimlich nach Amerika fl�chten konnte. Die Gro�f�rstin Tatjana, wenn ich mich nicht irre. Wenn das stimmt, dann <emphasis><strong>k�nnte</strong></emphasis> das junge M�dchen doch ihre Tochter sein, nicht wahr? Sie hat in der Tat etwas von k�niglichem Blut angedeutet � und sie hat ja auch etwas Slawisches, finden Sie nicht? Besonders die Wangenknochen. W�re das nicht furchtbar aufregend?�</p><p>Poirot sagte leicht salbungsvoll: �Es gibt wahrlich viele seltsame Dinge im Leben.�</p><p>�Ich habe heute Vormittag gar nicht richtig mitbekommen, wer Sie sind�, sagte Miss Pierce und presste die H�nde zusammen. �Dabei sind Sie doch dieser ungemein ber�hmte Privatdetektiv! Ich habe <emphasis><strong>alles</strong></emphasis> �ber den ABC-Fall gelesen. War das <emphasis><strong>aufregend!</strong></emphasis> Ich hatte damals n�mlich eine Stelle als Gouvernante in der N�he von Doncaster.�</p><p>Poirot murmelte etwas. Miss Pierce fuhr mit wachsender Erregung fort:��Und darum hatte ich das Gef�hl � dass ich mich geirrt hatte � heute Vormittag. Man muss doch immer <emphasis><strong>alles</strong></emphasis> sagen, nicht wahr? Selbst die <emphasis><strong>kleinste</strong></emphasis> Kleinigkeit, und mag sie einem auch <emphasis><strong>noch</strong></emphasis> so unwichtig erscheinen. Denn wenn <emphasis><strong>Sie</strong></emphasis> sich mit dieser Sache befassen, dann <emphasis><strong>muss</strong></emphasis> die arme Mrs. Boynton ermordet worden sein! Das ist mir jetzt klar! Es w�re doch m�glich, dass Mr. Mah Mut � ich kann mir seinen Namen einfach nicht merken �, also der Dragoman �, ich meine, er k�nnte doch ein <emphasis><strong>bolschewistischer Agent</strong></emphasis> sein? Oder Miss King vielleicht? Ich glaube, dass heutzutage <emphasis><strong>viele</strong></emphasis> wohlerzogene junge M�dchen aus <emphasis><strong>gutem</strong></emphasis> Hause zu diesen schrecklichen Kommunisten geh�ren! Und darum habe ich mich gefragt, ob ich es Ihnen nicht vielleicht <emphasis><strong>doch</strong></emphasis> sagen sollte � denn, wissen Sie, es war schon ziemlich merkw�rdig, wenn man es richtig bedenkt.�</p><p>�Ganz recht�, sagte Poirot. �Und darum werden Sie mir jetzt alles erz�hlen.�</p><p>�Nun, eigentlich ist es ja nichts weiter. Nur dass ich am Morgen nach der Entdeckung des tragischen Ereignisses ziemlich fr�h auf den Beinen war und aus meinem Zelt schaute, um�den Sonnenaufgang zu sehen � nur dass es nat�rlich gar nicht Sonnenaufgang war, weil die Sonne bestimmt schon eine Stunde fr�her aufgegangen war. Jedenfalls war es noch <emphasis><strong>sehr fr�h</strong></emphasis> und � �</p><p>�Ja, ja. Und was sahen Sie da?�</p><p>�Das ist ja das Komische � obwohl es mir damals nichts Besonderes zu sein schien. Es war nur so, dass ich sah, wie die Boynton-Tochter aus ihrem Zelt kam und etwas in das Wadi warf � da ist zwar weiter nichts <emphasis><strong>dabei,</strong></emphasis> aber es <emphasis><strong>glitzerte</strong></emphasis> in der Sonne! Als es durch die Luft flog. Es <emphasis><strong>glitzerte,</strong></emphasis> wissen Sie?�</p><p>�Welche Boynton-Tochter war das?�</p><p>�Ich glaube, es war die, die Carol hei�t � ein h�bsches junges Ding � hat gro�e �hnlichkeit mit ihrem Bruder � die beiden k�nnten Zwillinge sein. Aber es <emphasis><strong>k�nnte</strong></emphasis> nat�rlich auch die J�ngste gewesen sein. Die Sonne schien mir in die Augen, und da konnte ich sie nicht genau sehen. Allerdings glaube ich nicht, dass das Haar rot war � eher bronzefarben. Ich finde diesen bronzenen Kupferton ja so attraktiv! Bei roten Haaren muss ich n�mlich immer an <emphasis><strong>Karotten</strong></emphasis> denken!� Sie kicherte.</p><p>�Und sie warf einen glitzernden Gegenstand weg?�, sagte Poirot.</p><p>�Ja. Und wie ich bereits sagte, habe ich mir <emphasis><strong>damals</strong></emphasis> nat�rlich nichts weiter dabei gedacht. Aber als ich sp�ter am Wadi entlangging, war Miss King dort. Und zwischen all den Dingen, die da nun wirklich nicht hingeh�rten � sogar Blechb�chsen lagen da! �, sah ich etwas aus Metall schimmern � eine Art Dose, nicht direkt quadratisch, eher l�nglich oder so, wenn Sie verstehen, was ich meine � �</p><p>�Ja, ja, ich verstehe vollkommen. Etwa so lang?�</p><p>�Genau! Was sind Sie doch f�r ein kluger Mann! Und da dachte ich bei mir: <emphasis><strong>&gt;Die</strong></emphasis> hat wahrscheinlich die kleine Boynton weggeworfen, und dabei ist das so eine h�bsche kleine Dose.&lt; Und da habe ich sie aus purer Neugier aufgehoben und ge�ffnet. Innen lag eine Spritze � mit genau so einer hatten sie mich in den Arm gepiekst, als ich mich gegen Typhus impfen lie�. Komisch, dachte ich noch, so etwas einfach wegzuwerfen, weil sie n�mlich gar nicht kaputt zu sein schien. Aber noch w�hrend ich dar�ber nachdachte, sprach mich von hinten Miss King an. Ich hatte sie gar nicht kommen h�ren. Und sie sagte: &gt;Oh, vielen Dank � die geh�rt mir. Ich habe sie schon gesucht.&lt; Also gab ich sie ihr, und sie ging damit zur�ck ins Camp.�</p><p>Miss Pierce hielt kurz inne und fuhr dann hastig fort:��Bestimmt hat das <emphasis><strong>�berhaupt</strong></emphasis> nichts zu besagen � aber <emphasis><strong>ein wenig</strong></emphasis> seltsam fand ich es doch, dass Carol Boynton eine Spritze von Miss King weggeworfen hatte. Ich meine, es war irgendwie merkw�rdig, wenn Sie verstehen, was ich meine. Obwohl es nat�rlich bestimmt eine sehr gute Erkl�rung daf�r gibt.�</p><p>Sie hielt inne und sah Poirot erwartungsvoll an.</p><p>Sein Gesicht war ernst. �Ich danke Ihnen, Mademoiselle. Was Sie mir mitgeteilt haben, mag, f�r sich betrachtet, nicht von Belang sein, aber so viel kann ich Ihnen versichern: Damit ist mein Fall komplett! Jetzt ist alles klar und logisch.�</p><p>�Ach, wirklich?� Miss Pierce err�tete vor Freude wie ein kleines Kind.</p><p>Poirot begleitete sie zur�ck zum Hotel.</p><p>Als er wieder in seinem Zimmer war, f�gte er seinem Memorandum einen weiteren Punkt hinzu: 10. � <emphasis><strong>�Ich vergesse nichts. Merken Sie sich das gut. Ich vergesse niemals etwas...�</strong></emphasis></p><p><emphasis><strong>��Mais oui�,</strong></emphasis> sagte er. �Jetzt ist alles klar!�</p></section><section><title><p id="_bookmark28"><strong>F�nfzehntes Kapitel</strong></p></title><p>�Meine Vorbereitungen sind komplett�, sagte Hercule Poirot.</p><p>Mit einem kleinen Seufzer trat er einige Schritte zur�ck und betrachtete die Vorkehrungen, die er in einem unbewohnten Zimmer des Hotels getroffen hatte.</p><p>Colonel Carbury, h�chst unelegant an das Bett gelehnt, das an die Wand geschoben worden war, paffte l�chelnd seine Pfeife. �Sie sind schon ein komischer Kauz, Poirot�, sagte er. �M�gen es gern dramatisch, was?�</p><p>�Nun, vielleicht ist es so�, r�umte der kleine Privatdetektiv ein. �Aber es geschieht gewiss nicht nur zu meiner pers�nlichen Befriedigung. Wer eine Kom�die spielen will, muss zuerst f�r die richtige Kulisse sorgen.�</p><p>�Ist das Ganze denn eine Kom�die?�</p><p>�Selbst wenn es eine Trag�die ist � das <emphasis><strong>decor</strong></emphasis> muss stimmen, unbedingt!�</p><p>Colonel Carbury sah ihn neugierig an.</p><p>�Na ja�, sagte er, �es ist schlie�lich Ihre Sache. Ich wei� zwar nicht, worauf Sie hinauswollen, aber mir scheint, dass Sie irgendetwas herausgefunden haben.�</p><p>�Ich werde die Ehre haben, Ihnen das zu pr�sentieren, worum Sie mich gebeten haben � die Wahrheit!�</p><p>�Meinen Sie, dass es f�r eine Verurteilung reicht?�</p><p>�Das, mein Freund, habe ich Ihnen nicht versprochen. �</p><p>�Stimmt. Ist vielleicht auch besser so. Wir werden ja sehen.�</p><p>�Meine Beweisf�hrung ist haupts�chlich psychologischer Natur�, sagte Poirot.</p><p>Colonel Carbury seufzte. �Das habe ich bef�rchtet.�</p><p>�Aber sie wird Sie �berzeugen�, versicherte ihm Poirot. �O ja, sie wird Sie �berzeugen. Die Wahrheit, wie ich immer wieder feststelle, ist merkw�rdig und wunderbar.�</p><p>�Manchmal�, sagte Colonel Carbury, �ist sie aber auch verdammt unangenehm.�</p><p>�Nein, o nein.� Poirot sprach mit gro�em Ernst. �Sie sehen das aus einem zu pers�nlichen Blickwinkel. Betrachten Sie die Sache abstrakt, aus der Distanz. Dann ist die absolute Logik der Ereignisse faszinierend und methodisch.�</p><p>�Ich werd mir M�he geben�, sagte der Colonel.</p><p>Poirot warf einen Blick auf seine Taschenuhr, ein richtiges Monstrum von einer Uhr.</p><p>�Die geh�rte einmal meinem Gro�vater.�</p><p>�Hab ich mir fast gedacht.�</p><p>�Es ist Zeit, mit unserer kleinen Vorstellung zu beginnen�, sagte Poirot. �Sie, <emphasis><strong>mon Colonel,</strong></emphasis> werden hier sitzen, hinter dem Tisch, in einer offiziellen Position.�</p><p>�Na sch�n�, brummte Carbury. �Soll ich wom�glich auch meine Uniform anziehen?�</p><p>�Nein, nicht n�tig. Ich werde lediglich Ihre Krawatte zurechtr�cken, wenn Sie gestatten.� Er setzte seine Worte in die Tat um. Colonel Carbury grinste, nahm auf dem ihm zugewiesenen Stuhl Platz und hatte schon im n�chsten Moment den Krawattenknoten unbewusst wieder unter sein linkes Ohr geschoben.</p><p>�Hier�, sagte Poirot, w�hrend er die Anordnung der St�hle leicht ver�nderte, �platzieren wir <emphasis><strong>la famille</strong></emphasis> Boynton.�</p><p>�Und hier�, fuhr er fort, �werden wir die drei Au�enstehenden platzieren, die so gro�en Anteil nehmen an diesem Fall. Dr. Gerard, von dessen Aussage die Anklage abh�ngt. Miss Sarah King, die zweierlei Interessen an dem Fall hat, ein pers�nliches und eines als Leichenbeschauer. Und Mr. Jefferson Cope, der mit den Boyntons auf freundschaftlichem Fu�e steht und daher zweifellos befangen zu nennen ist.�</p><p>Er brach ab. �Aha! Sie kommen.�</p><p>Er machte die T�r auf, um alle hereinzulassen.</p><p>Lennox Boynton und seine Frau traten als Erste ein. Ihnen folgten Raymond und Carol. Dann kam Ginevra, allein, ein leises, versonnenes L�cheln auf den Lippen. Dr. Gerard und Sarah King bildeten die Nachhut. Mr. Jefferson Cope traf mit einigen Minuten Versp�tung ein, wof�r er sich entschuldigte.</p><p>Nachdem auch er Platz genommen hatte, trat Poirot vor.</p><p><emphasis><strong>�Mesdames et Messieurs�,</strong></emphasis> sagte er, �dies ist eine rein informelle Zusammenkunft. Sie ergibt sich aufgrund meiner zuf�lligen Anwesenheit in Amman. Colonel Carbury erwies mir die Ehre, mich zu konsultieren und � �</p><p>Poirot wurde unterbrochen, und zwar von jemandem, von dem er das offenbar nicht erwartet hatte. Denn Lennox Boynton sagte unvermittelt und streitlustig: �Warum? Warum zum Teufel sollte er ausgerechnet <emphasis><strong>Sie</strong></emphasis> in dieser Sache einschalten?�</p><p>Poirot machte eine anmutige Handbewegung.</p><p>�Ich werde oft bei pl�tzlichen Todesf�llen hinzugezogen.�</p><p>�Die �rzte schicken also jedes Mal nach Ihnen�, sagte Lennox Boynton, �wenn jemand an Herzversagen stirbt?�</p><p>Poirot�erwiderte�freundlich:</p><p>�Herzversagen ist ein so vager und unwissenschaftlicher Begriff.�</p><p>Colonel Carbury r�usperte sich, was sehr amtlich klang, und sagte in amtlichem Ton: �Ich will mal was klarstellen. Da wird mir ein Todesfall gemeldet. Ganz normaler Vorfall. Au�ergew�hnlich hei�es Wetter, strapazi�se Reise f�r eine �ltere Dame in schlechter k�rperlicher Verfassung. So weit ist alles klar. Aber dann kommt Dr. Gerard zu mir und macht eine Aussage.�</p><p>Er warf Poirot einen fragenden Blick zu. Poirot nickte.</p><p>�Dr. Gerard ist ein hochangesehener Arzt von internationalem Ruf. Einer Aussage von ihm wird zwangsl�ufig Beachtung geschenkt. Und Dr. Gerard sagt Folgendes aus: Am Morgen nach Mrs. Boyntons Tod bemerkte er, dass in seinem Arztkoffer eine bestimmte Menge eines hochwirksamen Herzmittels fehlte. Am Nachmittag davor hatte er festgestellt, dass eine Spritze verschwunden war. Welche w�hrend der Nacht zur�ckgebracht wurde. Letzter Punkt: Am Handgelenk der Toten befand sich ein Einstich, wie ihn eine Spritze hinterl�sst.�</p><p>Colonel Carbury machte eine Pause.</p><p>�Unter diesen Umst�nden hielt ich es f�r die Pflicht der zust�ndigen Beh�rden, den Fall zu untersuchen. Monsieur Hercule Poirot war mein Gast und bot mir anerkennenswerterweise seine speziellen Dienste an. Ich gab ihm freie Hand, alle Ermittlungen anzustellen, die er f�r richtig hielt. Und jetzt sind wir hier, um uns seinen Bericht anzuh�ren.�</p><p>Es herrschte Stille. Man h�tte, wie es so sch�n hei�t, eine Stecknadel zu Boden fallen h�ren k�nnen, so still war es. Im Zimmer nebenan fiel tats�chlich etwas zu Boden, vermutlich ein Schuh. Es klang, als h�tte eine Bombe eingeschlagen.</p><p>Poirot warf einen schnellen Blick auf die dreik�pfige Gruppe zu seiner Rechten und wandte seine Aufmerksamkeit dann den f�nf Personen zu, die dicht beisammen zu seiner Linken sa�en � f�nf Menschen mit angsterf�llten Augen.</p><p>Poirot sagte ruhig: �Als Colonel Carbury mir von der Sache erz�hlte, �u�erte ich meine sachkundige Meinung. Ich sagte ihm, dass es vielleicht nicht m�glich sein w�rde, Beweise zu liefern � Beweise, die bei Gericht zul�ssig w�ren. Aber ich erkl�rte ihm unmissverst�ndlich, dass ich �berzeugt war, die Wahrheit herauszufinden � allein durch die Befragung der betroffenen Personen. Denn ich darf Ihnen versichern, <emphasis><strong>mes amis:</strong></emphasis> Wenn man in einem Verbrechen ermittelt, muss man den oder die Schuldigen nur <emphasis><strong>reden</strong></emphasis> lassen � am Ende erz�hlen sie einem immer, was man wissen will!� Er hielt kurz inne.</p><p>�Und obwohl Sie alle mich in diesem Fall angelogen haben, haben Sie mir auch unwillentlich die Wahrheit gesagt.�</p><p>Er h�rte, wie rechts von ihm jemand leise seufzte und das knarzende Ger�usch eines Stuhls, doch er drehte sich nicht danach um. Sein Blick blieb auf die Boyntons gerichtet.</p><p>�Als Erstes untersuchte ich die M�glichkeit, dass Mrs. Boynton eines nat�rlichen Todes gestorben war � und ich verwarf sie. Das fehlende Medikament, die Injektionsspritze und vor allem das Verhalten der Familie der Toten � alles �berzeugte mich, dass diese Vermutung nicht aufrechtzuerhalten war.</p><p>Nicht nur, dass Mrs. Boynton kaltbl�tig ermordet wurde � jedes Mitglied ihrer Familie war sich dieser Tatsache auch bewusst! Alle miteinander verhielten sich wie Schuldige.</p><p>Aber es gibt unterschiedliche Grade von Schuld. Ich pr�fte das Beweismaterial sorgf�ltig im Hinblick darauf, ob der Mord � ja, denn es <emphasis><strong>war</strong></emphasis> Mord � von der Familie der alten Dame <emphasis><strong>gemeinschaftlich und vors�tzlich</strong></emphasis> begangen worden war.</p><p>Ich darf sagen, es gab ein �berw�ltigendes Motiv. Jeder von ihnen profitierte von ihrem Tod � sowohl in finanzieller Hinsicht, denn sie erlangten dadurch finanzielle Unabh�ngigkeit und kamen in den Genuss eines sehr betr�chtlichen Verm�gens, als auch in dem Sinn, dass sie befreit wurden von einer Tyrannei, die geradezu unertr�glich geworden war.</p><p>Lassen Sie mich fortfahren. Ich kam zu dem Schluss � und das fast unverz�glich �, dass die Theorie eines gemeinschaftlichen Vorgehens nicht stichhaltig war. Die Aussagen der Familie Boynton stimmten nicht nahtlos �berein, und man hatte sich keine plausiblen Alibis zurechtgelegt. Die Indizien schienen eher darauf hinzudeuten, dass ein einzelnes oder vielleicht zwei Mitglieder der Familie in geheimem Einverst�ndnis gehandelt hatten und dass die anderen die Tat deckten. Als N�chstes �berlegte ich, welche Person oder Personen speziell in Frage kamen. Ich muss gestehen, hierbei war ich geneigt, voreingenommen zu sein aufgrund eines Indizes, das nur mir bekannt war.�</p><p>Hercule Poirot berichtete von dem Gespr�ch, das er in Jerusalem mit angeh�rt hatte.</p><p>�Das deutete nat�rlich stark daraufhin, dass in diesem Fall Mr. Raymond Boynton die treibende Kraft war. Ich studierte die Familie und kam zu dem Schluss, dass der Empf�nger�seiner�vertraulichen Mitteilungen an diesem Abend h�chstwahrscheinlich seine Schwester Carol war. Beide �hneln sich sehr in Aussehen und Naturell, und es besteht gewiss eine sehr enge und innige Beziehung zwischen ihnen. Dar�ber hinaus besitzen sie das nerv�se, rebellische Temperament, das die Voraussetzung ist f�r das Konzept eines solchen Vorhabens. Dass ihr Motiv zum Teil uneigenn�tzig war � sie wollten die ganze Familie befreien und insbesondere ihre j�ngere Schwester � , machte die Planung der Tat nur noch plausibler.� Poirot hielt einen Moment inne.</p><p>Raymond Boynton �ffnete den Mund, um etwas zu sagen, �berlegte es sich jedoch anders. Seine Augen blickten Poirot unverwandt mit einem Ausdruck dumpfer Verzweiflung an.</p><p>�Bevor ich n�her darauf eingehe, was gegen Raymond Boynton spricht, m�chte ich Ihnen eine Liste mit entscheidenden Fakten vorlesen, die ich aufstellte und heute Nachmittag Colonel Carbury vorlegte.</p><empty-line/><p>ENTSCHEIDENDE FAKTEN</p><p>Mrs. Boynton nahm ein Medikament, das Digitalis enthielt.</p><p>Dr. Gerard vermisste eine Inj ektionsspritze.</p><p>Es machte Mrs. Boynton Spa�, ihre Familie daran zu hindern, mit anderen Menschen zusammen zu sein.</p><p>Mrs. Boynton ermunterte ihre Familie an dem besagten Nachmittag, einen Spaziergang zu machen und sie allein zu lassen.</p><p>Mrs. Boynton war eine Sadistin.</p><p>Die Entfernung zwischen dem Gemeinschaftszelt und der Stelle, wo Mrs. Boynton sa�, betr�gt (circa) 200 Meter.</p><p>Mr. Lennox Boynton sagte zun�chst aus, er wisse nicht, wann er ins Camp zur�ckgekommen sei, gab sp�ter je doch zu, die Armbanduhr seiner Mutter gestellt zu haben.</p><p>Das Zelt von Dr. Gerard stand direkt neben dem von Miss Ginevra Boynton.</p><p>Um 18.30 Uhr, als das Abendessen fertig war, wurde ein Diener zu Mrs. Boynton geschickt, um sie zu holen.</p><p>10. Mrs. Boynton benutzte in Jerusalem die Worte: &gt;Ich vergesse nichts. Merken Sie sich das gut! Ich vergesse niemals etwas.&lt;</p><empty-line/><p>Obwohl ich diese Punkte einzeln aufgelistet habe, lassen sie sich gelegentlich paarweise zusammenfassen. Das ist zum Beispiel bei den beiden ersten der Fall. <emphasis><strong>Mrs. Boynton nahm ein Medikament, das Digitalis enthielt. Dr. Gerard vermisste eine Injektionsspritze.</strong></emphasis> Diese beiden Punkte waren das Erste, was mir bei diesem Fall auffiel, und ich darf Ihnen versichern, dass ich sie h�chst erstaunlich fand � und sehr widerspr�chlich. Sie verstehen nicht, was ich meine? Egal. Ich werde noch darauf zur�ckkommen. Es sei hier nur so viel gesagt, dass ich bemerkte, dass diese beiden Punkte dringend einer zufrieden stellenden Erkl�rung bedurften.</p><p>Ich will mit meinen �berlegungen zu der M�glichkeit von Raymond Boyntons Schuld fortfahren. Die Fakten sind folgende: Er wurde belauscht, als er die M�glichkeit er�rterte, Mrs. Boynton ums Leben zu bringen. Er befand sich in einem Zustand gro�er nerv�ser Erregung. Er hatte � Mademoiselle wird mir verzeihen�, er verbeugte sich wie zur Entschuldigung vor Sarah, �gerade einen Moment heftiger Gem�tsbewegung durchlebt. Das hei�t, er hatte sich verliebt. Der �berschwang seiner Gef�hle k�nnte ihn zu ganz unterschiedlichen Handlungen veranlasst haben. Vielleicht ist er nun milder und nachsichtiger gegen�ber der Welt im Allgemeinen, einschlie�lich seiner Stiefmutter � vielleicht hat er endlich den Mut, ihr die Stirn zu bieten und ihren Einfluss abzusch�tteln. Aber vielleicht erhielt er auch den letzten Ansto�, sein verbrecherisches Vorhaben von der Theorie in die Praxis umzusetzen. Das ist die Psychologie! Wenden wir uns nun den <emphasis><strong>Fakten</strong></emphasis> zu.</p><p>Raymond Boynton verlie� das Camp etwa Viertel nach drei mit den anderen. Mrs. Boynton war zu der Zeit erkl�rterma�en wohlauf. Bald darauf hatten Raymond und Sarah King ihr kleines <emphasis><strong>t�te-a-t�te.</strong></emphasis> Dann verlie� er Miss King. Wie er sagt, kehrte er zehn Minuten vor sechs ins Camp zur�ck. Er ging hinauf zu seiner Mutter, wechselte einige Worte mit ihr, ging dann in sein Zelt und anschlie�end hinunter in das Gemeinschaftszelt. Er sagt aus, dass Mrs. Boynton zehn Minuten vor sechs <emphasis><strong>gesund und munter</strong></emphasis> war.</p><p>Aber nun kommen wir zu einem Sachverhalt, der dieser Aussage diametral widerspricht. Um halb sieben wurde Mrs. Boyntons Tod von einem Diener entdeckt. Miss King, die ausgebildete �rztin ist, untersuchte die Leiche, und sie schw�rt, dass der Tod � obwohl sie nicht speziell auf den Zeitpunkt seines Eintritts achtete � <emphasis><strong>eindeutig und unbestreitbar</strong></emphasis> mindestens eine Stunde vor sechs Uhr stattgefunden hatte, wahrscheinlich sogar <emphasis><strong>schon wesentlich fr�her.</strong></emphasis></p><p>Sie sehen, wir haben es hier mit zwei widerspr�chlichen Aussagen zu tun. Wenn wir die M�glichkeit beiseite lassen, dass Miss King einen Fehler gemacht hat � �</p><p>�Ich mache keine Fehler�, fiel ihm Sarah ins Wort. �Und wenn ich einen gemacht h�tte, w�rde ich es zugeben.�</p><p>Ihre Stimme klang hart und entschieden.</p><p>Poirot deutete eine h�fliche Verbeugung an.</p><p>�Dann gibt es nur zwei M�glichkeiten � entweder Miss King l�gt oder Mr. Boynton l�gt! Betrachten wir die Gr�nde, die Raymond Boynton haben k�nnte, die Unwahrheit zu sagen. Nehmen wir an, Miss King hat sich <emphasis><strong>nicht</strong></emphasis> geirrt und <emphasis><strong>nicht</strong></emphasis> vors�tzlich gelogen. Wie hat es sich <emphasis><strong>dann</strong></emphasis> abgespielt? Raymond Boynton kommt zur�ck ins Camp, sieht seine Mutter vor ihrer H�hle sitzen, geht zu ihr und stellt fest, dass sie tot ist. Was macht er daraufhin? Ruft er Hilfe herbei? Unterrichtet er unverz�glich das ganze Camp? Nein, er wartet ein oder zwei Minuten, begibt sich dann in sein Zelt, geht in das Gemeinschaftszelt zu seiner Familie und <emphasis><strong>sagt nichts.</strong></emphasis> Ein solches Verhalten ist doch h�chst kurios, nicht wahr?�</p><p>Raymond sagte in nerv�sem, scharfem Ton: �Es w�re sogar absolut idiotisch. Schon das allein m�sste Ihnen beweisen, dass meine Mutter noch gesund und munter war, genau wie ich sagte. Miss King war aufgeregt und durcheinander und muss sich geirrt haben.�</p><p>�Es erhebt sich die Frage�, fuhr Poirot unger�hrt fort, �ob es m�glicherweise einen Grund gibt f�r ein solches Verhalten. Auf den ersten Blick scheint es, dass Raymond Boynton <emphasis><strong>nicht der T�ter sein kann,</strong></emphasis> weil zu dem einzigen Zeitpunkt, zu dem er an jenem Nachmittag nachweislich seine Mutter aufsuchte, <emphasis><strong>diese bereits seit geraumer Zeit tot war.</strong></emphasis> Wenn wir also annehmen, dass Raymond Boynton <emphasis><strong>unschuldig</strong></emphasis> ist, wie k�nnen wir dann sein Verhalten erkl�ren?</p><p>Ich behaupte: Unter der Voraussetzung, dass er unschuldig ist, k�nnen wir es! Denn ich erinnere mich an die Worte, die ich zuf�llig h�rte. <emphasis><strong>&gt;Du siehst doch ein, dass sie sterben mu�!&lt;</strong></emphasis> Er kommt zur�ck von seinem Spaziergang und findet sie tot vor, und sein schuldbewusster Geist denkt sofort an eine ganz bestimmte M�glichkeit. Der Plan wurde ausgef�hrt � nicht von ihm, sondern von seiner Mitwisserin. <emphasis><strong>Tout simplement,</strong></emphasis> er hat den Verdacht, dass seine Schwester Carol die Tat begangen hat.�</p><p>�Das ist eine L�ge�, sagte Raymond leise mit zitternder Stimme.</p><p>�Betrachten wir nun die M�glichkeit�, fuhr Poirot fort, �dass Carol Boynton die M�rderin ist. Welche Indizien sprechen gegen sie? Sie hat das gleiche reizbare Temperament � die Art von Temperament, die in einer solchen Tat vielleicht etwas Heroisches sieht. Es war sie, mit der Raymond Boynton an jenem Abend in Jerusalem sprach. Carol Boynton kehrte zehn Minuten nach f�nf ins Camp zur�ck. Ihrer eigenen Aussage zufolge ging sie hinauf zu ihrer Mutter und sprach mit ihr. Aber niemand hat sie dort gesehen. Das Camp war verlassen � die Boys schliefen. Lady Westholme, Miss Pierce und Mr. Cope erkundeten H�hlen au�er Sichtweite des Camps. Niemand kann Carol Boyntons Aussage bezeugen. Der Zeitpunkt w�rde sehr wohl passen. Die Tatsachen sprechen also f�r eine T�terschaft von Carol Boynton.� Er hielt inne. Carol hatte den Kopf gehoben. Ihre Augen blickten Poirot unverwandt und bek�mmert an.</p><p>�Es gibt noch einen weiteren Punkt. Am n�chsten Morgen, in aller Fr�he, wurde Carol Boynton dabei beobachtet, wie sie etwas in das Wadi warf. Es besteht Grund zu der Annahme, dass dieses Etwas eine Spritze war.�</p><p><emphasis><strong>�Comment?�</strong></emphasis> Dr. Gerard blickte �berrascht auf. �Aber meine Spritze wurde <emphasis><strong>zur�ckgebracht.</strong></emphasis> Ja, ja, ich habe sie wieder!�</p><p>Poirot nickte nachdr�cklich.</p><p>�Gewiss, gewiss. Diese zweite Spritze � sie ist sehr merkw�rdig, sehr interessant. Man hat mir zu verstehen gegeben, dass diese Spritze Miss King geh�rte. Ist das richtig?�</p><p>Sarah z�gerte den Bruchteil einer Sekunde.</p><p>Carol war schneller. �Es war nicht Miss Kings Spritze�, sagte sie. �Es war meine.�</p><p>�Dann geben Sie zu, sie weggeworfen zu haben, Mademoiselle?�</p><p>Sie zauderte kaum merklich:��Ja, nat�rlich. Warum sollte ich es nicht zugeben?�</p><p>�Carol!� Es war Nadine. Sie beugte sich vor und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen besorgt an. �Carol. Ich verstehe das nicht.�</p><p>Carol drehte sich um und sah sie an. Ihr Blick hatte etwas Feindseliges.</p><p>�Was gibt es da zu verstehen? Ich habe eine alte Spritze weggeworfen. Das Gift � habe ich nicht anger�hrt.�</p><p>Sarah mischte sich ein: �Was Miss Pierce Ihnen erz�hlt hat, ist die Wahrheit, Monsieur Poirot. Es <emphasis><strong>war</strong></emphasis> meine Spritze.�</p><p>Poirot l�chelte.</p><p>�Sie ist sehr verwirrend, diese Sache mit der Spritze � dennoch glaube ich, dass sie sich erkl�ren l�sst. <emphasis><strong>Alors,</strong></emphasis> wir haben somit triftige Gr�nde f�r zwei Dinge � triftige Gr�nde f�r die Unschuld von Raymond Boynton und triftige Gr�nde f�r die Schuld seiner Schwester Carol. Aber ich, ich bin immer sehr gewissenhaft und unparteiisch. Ich betrachte stets beide Seiten. Untersuchen wir nun, was sich ereignete, falls Carol Boynton unschuldig ist.</p><p>Sie kehrt zur�ck ins Camp, sie geht hinauf zu ihrer Stiefmutter und stellt fest, dass sie � sagen wir � tot ist. Was ist das Erste, was sie denkt? Sie muss annehmen, dass ihr Bruder Raymond sie get�tet hat. Sie wei� nicht, was sie tun soll. Also sagt sie nichts. Und bald darauf, etwa eine Stunde sp�ter, kommt Raymond Boynton zur�ck, und da er angeblich mit seiner Mutter gesprochen hat, <emphasis><strong>sagt er kein Wort davon, dass etwas nicht stimmt.</strong></emphasis> Meinen Sie nicht, dass Carol Boyntons Verdacht daraufhin zur Gewissheit wird? Vielleicht geht sie in sein Zelt und findet dort eine Spritze. Und dann hat sie den Beweis! Sie nimmt die Spritze unverz�glich an sich und versteckt sie. Am n�chsten Morgen wirft sie sie in aller Fr�he weg, so weit sie kann.</p><p>Es gibt noch einen weiteren Hinweis, dass Carol Boynton unschuldig ist. Als ich sie befrage, versichert sie mir, dass sie und ihr Bruder nie ernsthaft vorhatten, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Ich bitte sie, es mir zu schw�ren � und sie schw�rt auf der Stelle und mit feierlichem Ernst, dass sie nichts mit diesem Verbrechen zu tun hat! Ja, so dr�ckt sie sich aus. Sie schw�rt <emphasis><strong>nicht,</strong></emphasis> dass sie und ihr Bruder unschuldig sind. Sie schw�rt nur f�r sich selbst � und denkt, dass ich dem Pronomen keine besondere Beachtung schenken werde.</p><p><emphasis><strong>Eh bien,</strong></emphasis> das sind die Gr�nde, die f�r die Unschuld von Carol Boynton sprechen. Und nun gehen wir etwas zur�ck und befassen uns nicht mit der Unschuld, sondern mit der m�glichen T�terschaft von Raymond. Nehmen wir einmal an, dass Carol die Wahrheit sagt, dass Mrs. Boynton um zehn Minuten nach f�nf tats�chlich noch lebte. Unter welchen Umst�nden kann Raymond dann der T�ter sein? Wir k�nnen unterstellen, dass er seine Mutter zehn Minuten vor sechs t�tete, als er hinaufging, um mit ihr zu sprechen. Gewiss, es waren Boys im Camp unterwegs, aber es d�mmerte bereits. Es w�re also m�glich gewesen. Aber das w�rde bedeuten, dass Miss King gelogen hat. Vergessen Sie nicht, dass sie nur f�nf Minuten nach Raymond ins Camp zur�ckkehrte. Sie sieht von weitem, wie er zu seiner Mutter geht. Als diese sp�ter tot aufgefenden wird, begreift Miss King, dass <emphasis><strong>Raymond sie get�tet hat,</strong></emphasis> und um ihn zu retten, l�gt sie � wohl wissend, dass Dr. Gerard mit Fieber zu Bett liegt und sie nicht der L�ge �berf�hren kann!�</p><p>�Ich <emphasis><strong>habe</strong></emphasis> nicht gelogen!�, sagte Sarah bestimmt.</p><p>�Es gibt noch eine andere M�glichkeit. Wie gesagt, Miss King erreichte das Camp einige Minuten nach Raymond. Falls Raymond Boynton seine Mutter tats�chlich lebend antraf, dann k�nnte <emphasis><strong>Miss King</strong></emphasis> die t�dliche Injektion verabreicht haben. Sie war �berzeugt, dass Mrs. Boynton ein durch und durch b�ser Mensch war. Sie k�nnte sich als die Vollstreckerin einer gerechten Strafe betrachtet haben. Das w�rde auch erkl�ren, warum sie bez�glich der Todeszeit gelogen hat.�</p><p>Sarah war sehr blass geworden. Mit leiser, ruhiger Stimme sagte sie: �Es ist wahr, ich habe davon gesprochen, dass die Umst�nde es erfordern k�nnen, dass einer stirbt, um viele zu retten. Die Opferst�tte hatte mich auf diesen Gedanken gebracht. Aber ich kann beschw�ren, dass ich dieser widerw�rtigen alten Frau nie etwas zuleide getan habe � dass mir ein solcher Gedanke nie und nimmer in den Sinn gekommen w�re!�</p><p>�Und doch steht fest�, sagte Poirot sanft, �dass einer von Ihnen beiden <emphasis><strong>l�gt.�</strong></emphasis></p><p>Raymond Boynton rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Dann rief er ungest�m aus:��Sie�haben�gewonnen, Monsieur Poirot! Der L�gner bin ich! Mutter war bereits tot, als ich zu ihr hinaufging. Ich war � wie vor den Kopf geschlagen. Ich wollte klare Verh�ltnisse schaffen, verstehen Sie? Ihr sagen, dass ich von jetzt an mein eigener Herr bin. Ich war wirklich fest entschlossen, wissen Sie. Und dann war sie � tot! Ihre Hand war so kalt und schlaff. Und ich dachte � genau das, was Sie sagten. Ich dachte, dass vielleicht Carol. Sie hatte doch diesen Einstich am Handgelenk � �</p><p>Poirot unterbrach ihn: �Das ist der einzige Punkt, �ber den ich nicht vollst�ndig informiert bin. Was war die Methode, die Sie anzuwenden gedachten? Sie <emphasis><strong>hatten</strong></emphasis> doch einen Plan � und dieser hatte etwas mit einer Spritze zu tun. So viel wei� ich. Wenn ich Ihnen glauben soll, m�ssen Sie mir jetzt auch den Rest erz�hlen.�</p><p>Raymond sagte hastig: �Ich hatte es in einem Buch gelesen � einem englischen Kriminalroman. Man nimmt eine Spritze, die mit Luft gef�llt ist, und sticht damit zu, das ist alles. Es klang sehr wissenschaftlich. Ich � ich dachte, dass wir es so machen w�rden.�</p><p>�Ah�, sagte Poirot. �Ich verstehe. Und Sie kauften eine Spritze?�</p><p>�Nein. Genau gesagt habe ich mir die von Nadine besorgt.�</p><p>Poirot warf einen raschen Blick auf die junge Frau. �Die Spritze, die sich in Ihrem Gep�ck in Jerusalem befindet?�, erkundigte er sich.</p><p>Nadine Boyntons Wangen r�teten sich.</p><p>�Ich � ich wusste nicht genau, wo sie abgeblieben war�, murmelte sie.</p><p>�Sie sind sehr schlagfertig, Madame�, sagte Poirot leise.</p></section><section><title><p id="_bookmark29"><strong>Sechzehntes Kapitel</strong></p></title><p>Es entstand eine Pause. Dann r�usperte sich Poirot, was leicht affektiert klang, und fuhr fort: �Damit haben wir das R�tsel der <emphasis><strong>zweiten Spritze</strong></emphasis> gel�st. Diese geh�rte Mrs. Lennox Boynton, wurde vor der Abreise aus Jerusalem von Raymond Boynton an sich gebracht, wurde nach der Entdeckung der Leiche von Mrs. Boynton von Carol an sich genommen, wurde von ihr weggeworfen, von Miss Pierce gefunden und von Miss King als die ihre erkl�rt. Ich nehme an, sie befindet sich noch immer in Miss Kings Besitz.�</p><p>�So ist es�, sagte Sarah.</p><p>�Folglich haben Sie, als Sie vorhin sagten, sie geh�re Ihnen, etwas getan, was sie angeblich nicht tun � Sie haben gelogen.�</p><p>�Das ist etwas anderes�, sagte Sarah ruhig. �Hier geht es nicht um eine � eine <emphasis><strong>berufliche</strong></emphasis> L�ge.�</p><p>Gerard nickte beif�llig.</p><p>�Ja, das ist ein Argument, in der Tat. Ich verstehe Sie vollkommen, Mademoiselle.�</p><p>�Danke�, sagte Sarah.</p><p>Wieder r�usperte sich Poirot.</p><p>�Wenden wir uns nun der Zeittabelle zu. <emphasis><strong>Alors:</strong></emphasis></p><p>15.05 (ca.): Die Boyntons und Jefferson Cope verlassen das Camp.</p><p>15.15 (ca.): Dr. Gerard und Sarah King verlassen das Camp.</p><p>16.15: Lady Westholme und Miss Pierce verlassen das Camp.</p><p>16.20 (ca.): Dr. Gerard kommt zur�ck ins Camp.</p><p>16.35: Lennox Boynton kommt zur�ck ins Camp.</p><p>16.40: Nadine Boynton kommt zur�ck ins Camp und spricht mit Mrs. Boynton.</p><p>16.50 (ca.): Nadine Boynton verl�sst ihre Schwiegermutter und geht ins Gemeinschaftszelt.</p><p>17.10: Carol Boynton kommt zur�ck ins Camp.</p><p>17.40: Lady Westholme, Miss Pierce und Mr. Jefferson Cope kommen zur�ck ins Camp.</p><p><strong>17.50</strong>: Raymond Boynton kommt zur�ck ins Camp.</p><p>18.00: Sarah King kommt zur�ck ins Camp.</p><p>18.30: Die Tote wird entdeckt.</p><p>Sie werden bemerken, dass es eine L�cke von zwanzig Minuten gibt zwischen 16.50 Uhr, als Nadine Boynton ihre Schwiegermutter verlie�, und 17.10 Uhr, als Carol zur�ckkam. Wenn Carol also die Wahrheit sagt, dann muss Mrs. Boynton in diesen zwanzig Minuten ermordet worden sein.</p><p>Aber wer k�nnte sie get�tet haben? Miss King und Raymond Boynton waren zu der Zeit zusammen. Mr. Cope, der allerdings kein erkennbares Motiv f�r die Tat hat, besitzt ein Alibi. Er hielt sich bei Lady Westholme und Miss Pierce auf. Lennox Boynton war mit seiner Frau im Gemeinschaftszelt. Dr. Gerard lag st�hnend mit Fieber in seinem Zelt. Das Camp ist verlassen, die Boys schlafen. Der Moment f�r ein Verbrechen ist g�nstig! Gab es eine Person, die es h�tte ver�ben k�nnen?�</p><p>Sein Blick wanderte nachdenklich zu Ginevra Boynton.</p><p><emphasis><strong>�Es gab tats�chlich eine solche Person.</strong></emphasis> Ginevra Boynton war den ganzen Nachmittag in ihrem Zelt. Das wurde uns jedenfalls gesagt � aber es besteht Grund zu der Annahme, dass sie sich <emphasis><strong>nicht</strong></emphasis> die ganze Zeit in ihrem Zelt aufhielt. Ginevra Boynton machte eine sehr aufschlussreiche Bemerkung. Sie sagte, dass Dr. Gerard im Fieber ihren Namen sprach. Und Dr. Gerard hat uns erz�hlt, dass er in seinen Fiebertr�umen Ginevra Boyntons Gesicht sah. Aber das war kein Traum! Es war tats�chlich <emphasis><strong>sie,</strong></emphasis> die er neben seinem Bett stehen sah. Er hielt es f�r einen Fieberwahn � aber es war Realit�t. Ginevra war in Dr. Gerards Zelt, Ist es nicht m�glich, dass sie gekommen war, um die Spritze zur�ckzubringen, nachdem sie sie benutzt hatte?�</p><p>Ginevra Boynton hob den Kopf mit dem Kranz aus rotblondem Haar. Ihre sch�nen gro�en Augen, die noch ausdrucksloser als sonst waren, starrten Poirot an. Sie wirkte wie eine entr�ckte Heilige.</p><p><emphasis><strong>��Ah, �a non!�,</strong></emphasis> rief Dr. Gerard aus.</p><p>�Ist es psychologisch denn so unm�glich?�, erkundigte sich Poirot.</p><p>Der Franzose blickte zu Boden.</p><p>Nadine Boynton sagte scharf: �Ausgeschlossen!�</p><p>Poirot sah sie schnell an. �Ausgeschlossen, Madame?�</p><p>�Ja.� Sie hielt inne, biss sich auf die Lippen und fuhr dann fort: �Ich werde mir eine derart sch�ndliche Beschuldigung meiner Schw�gerin nicht anh�ren. Wir � wir alle wissen, dass das v�llig unm�glich ist.�</p><p>Ginevra bewegte sich auf ihrem Stuhl. Ihr Mund entspannte sich zu einem L�cheln � dem anr�hrenden, unschuldigen, halb unbewussten L�cheln eines noch sehr jungen M�dchens. Nadine sagte noch einmal: �V�llig unm�glich!�</p><p>Ihr sanftes Gesicht hatte einen entschlossenen Ausdruck angenommen. Der Blick, mit dem sie Poirot ansah, war hart und unnachgiebig.</p><p>Poirot deutete eine leichte Verbeugung an.</p><p>�Madame ist sehr intelligent�, sagte er.</p><p>�Was wollen Sie damit sagen, Monsieur Poirot?�, fragte Nadine ruhig.</p><p>�Ich will damit sagen, Madame, dass ich gleich bemerkt habe, dass Sie ein &gt;helles K�pfchen&lt; sind, wie man so sch�n sagt.�</p><p>�Sie schmeicheln mir.�</p><p>�Ich glaube nicht. Sie haben die Situation die ganze Zeit ruhig und im Ganzen gesehen. Nach au�en hin blieben Sie mit Ihrer Schwiegermutter auf gutem Fu�, weil Sie das f�r das Beste hielten, aber in Ihrem Inneren haben Sie �ber sie gerichtet und sie verurteilt. Ich glaube, Sie erkannten schon vor geraumer Zeit, dass die einzige Chance Ihres Mannes, gl�cklich zu werden, darin bestand, sich von seiner Familie frei zu machen � seinen eigenen Weg zu gehen, auch wenn dieses Leben M�hsal und Entbehrung bedeutete. Sie waren bereit, jedes Risiko einzugehen, und Sie versuchten alles, um ihn dazu zu bringen, diesen Weg einzuschlagen. Aber Sie scheiterten, Madame. Lennox Boynton besa� nicht mehr <emphasis><strong>den Willen, frei zu sein.</strong></emphasis> Er war es zufrieden, in Apathie und Melancholie zu versinken.</p><p>Ich habe jedoch nicht den geringsten Zweifel, Madame, dass Sie Ihren Gatten lieben. Ihr Entschluss, ihn zu verlassen, wurde nicht durch eine gr��ere Liebe zu einem anderen Mann ausgel�st. Es war wohl eher ein verzweifelter Versuch, die letzte Karte, auf die Sie Ihre Hoffnung setzten. Eine Frau in Ihrer Situation konnte nur drei Dinge tun. Sie konnte es mit Bitten versuchen. Das fruchtete nichts, wie ich bereits sagte. Sie konnte ihrem Mann drohen, ihn zu verlassen. Aber es ist m�glich, dass selbst diese Drohung ihre Wirkung bei Lennox Boynton verfehlt h�tte, dass sie ihn nur noch elender machen, jedoch nicht veranlassen w�rde, sich aufzulehnen. Aber es gab noch einen letzten, verzweifelten Schritt. <emphasis><strong>Sie konnten mit einem anderen Mann fortgehen.</strong></emphasis> Eifersucht und Besitztrieb geh�ren zu den am tiefsten verwurzelten Instinkten des Menschen. Sie bewiesen Ihre Klugheit, indem Sie versuchten, an diesen wilden Urinstinkt zu appellieren. Wenn Lennox Boynton Sie widerspruchslos zu einem anderen Mann gehen lie� � dann war ihm in der Tat nicht mehr zu helfen, dann konnten Sie ebenso gut versuchen, mit einem anderen ein neues Leben zu beginnen.</p><p>Aber nehmen wir einmal an, dass selbst dieses letzte, desperate Mittel versagte. Ihr Mann war schrecklich best�rzt �ber Ihren Entschluss, aber er reagierte trotzdem nicht so, wie Sie gehofft hatten und wie ein primitiver Mensch reagiert h�tte, n�mlich mit einem Ausbruch von Besitzgier. Gab es �berhaupt etwas, um Ihren Mann vor dem rapide fortschreitenden geistigen Verfall zu retten? Es gab nur eins. <emphasis><strong>Wenn seine Stiefmutter tot w�re,</strong></emphasis> dann w�re es vielleicht noch nicht zu sp�t. Dann k�nnte es ihm gelingen, als freier Mann ein neues Leben anzufangen, seine Selbstst�ndigkeit und M�nnlichkeit wiederzugewinnen.�</p><p>Poirot schwieg einen Moment und sagte dann noch einmal: ����Wenn seine Stiefmutter tot w�re.�</p><p>Nadines Augen waren noch immer auf Poirot gerichtet. Mit unbewegter, ruhiger Stimme sagte sie: ����Sie wollen damit andeuten, dass ich mithalf, ihren Tod herbeizuf�hren? Aber das k�nnen Sie nicht, Monsieur, Poirot. Nachdem ich Mrs. Boynton meine bevorstehende Abreise mitgeteilt hatte, ging ich direkt ins Gemeinschaftszelt zu Lennox. Und ich habe das Zelt erst wieder verlassen, nachdem meine Schwiegermutter tot aufgefunden worden war. Ich mag in gewissem Sinn an ihrem Tod schuld sein, weil ich ihr einen Schock versetzte � was wiederum bedeuten w�rde, dass sie eines nat�rlichen Todes starb. Wenn sie aber, wie Sie behaupten, vors�tzlich ermordet wurde � wof�r Sie bislang keine Beweise haben und auch nicht haben k�nnen, bevor eine Autopsie stattgefunden hat �, dann hatte <emphasis><strong>ich</strong></emphasis> jedenfalls keine Gelegenheit, die Tat zu begehen.�</p><p>�Sie haben also�, sagte Poirot, �das Gemeinschaftszelt nicht mehr verlassen, bis Ihre Schwiegermutter tot aufgefunden wurde. Das haben Sie gerade gesagt. Und das, Mrs. Boynton, war einer der Punkte, die ich an diesem Fall merkw�rdig fand.�</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Er steht hier auf meiner Liste. Punkt neun. Um halb sieben, als das Abendessen fertig war, wurde ein Diener geschickt, um Mrs. Boynton Bescheid zu sagen.�</p><p>�Ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen�, warf Raymond ein.</p><p>�Ich auch nicht�, sagte Carol.</p><p>Poirot blickte vom einen zum anderen.</p><p>�Nein? Ein Diener wurde geschickt � warum ein <emphasis><strong>Diener?</strong></emphasis> Waren Sie, Sie alle hier, in der Regel nicht immer h�chst beflissen und besorgt um die alte Dame? Geleitete sie nicht stets der eine oder andere von Ihnen zu den Mahlzeiten? Sie war gebrechlich. Sie hatte Probleme, sich ohne fremde Hilfe vom Stuhl zu erheben. Immer war der eine oder andere von Ihnen an ihrer Seite. Ich behaupte daher, dass es die nat�rlichste Sache von der Welt gewesen w�re, wenn jemand von der Familie sich zu ihr begeben und ihr geholfen h�tte, als das Abendessen fertig war. Aber keiner von Ihnen machte Anstalten, sie zu holen. Sie alle sa�en da wie gel�hmt, beobachteten einander und wunderten sich vielleicht, warum niemand zu ihr ging.�</p><p>Nadine sagte scharf: �Das ist doch v�llig absurd, Monsieur Poirot! Wir waren alle m�de an dem Abend. Ich gebe zu, wir h�tten selbst gehen m�ssen, aber an dem Abend taten wir es nun einmal nicht!�</p><p>�Genau das meine ich � <emphasis><strong>an dem bewussten Abend!</strong></emphasis> Sie, Madame, k�mmerten sich vielleicht mehr um sie als jeder andere. Sie hielten es f�r Ihre selbstverst�ndliche Pflicht. Doch an diesem Abend boten Sie <emphasis><strong>nicht</strong></emphasis> an, sie holen zu gehen. Warum nicht? Genau das fragte ich mich � warum nicht? Und ich will Ihnen die Antwort verraten: <emphasis><strong>Weil Sie sehr wohl wussten, dass sie tot war...</strong></emphasis></p><p>Nein, sagen Sie jetzt nichts, Madame.� Poirot hob abwehrend die Hand. �Sie werden mir jetzt zuh�ren � mir, Hercule Poirot! Es gab Zeugen f�r Ihr Gespr�ch mit Ihrer Schwiegermutter. Zeugen, die Sie <emphasis><strong>sehen,</strong></emphasis> aber nicht <emphasis><strong>h�ren</strong></emphasis> konnten! Lady Westholme und Miss Pierce waren zu weit weg. Die beiden Damen sahen, wie Sie sich <emphasis><strong>anscheinend</strong></emphasis> mit Ihrer Schwiegermutter unterhielten, aber welche Beweise haben wir, dass es sich tats�chlich so verhielt? Ich m�chte Ihnen eine kleine Theorie vortragen. Sie haben Verstand, Madame. Wenn Sie in Ihrer ruhigen und �berlegten Art etwas beschlie�en � sagen wir die Beseitigung der Mutter Ihres Mannes �, dann f�hren Sie es mit Umsicht und nach der entsprechenden Vorbereitung aus. Sie haben Zugang zu Dr. Gerards Zelt, w�hrend dieser an der morgendlichen Exkursion teilnimmt. Sie sind ziemlich sicher, dass Sie ein geeignetes Arzneimittel finden werden. Ihre Ausbildung als Krankenschwester hilft Ihnen dabei. Sie w�hlen Digitoxin, ein Medikament, das die alte Dame einnimmt � und Sie nehmen seine Injektionsspritze an sich, denn Ihre eigene ist zu Ihrem �rger verschwunden. Sie hoffen, die Spritze zur�ckbringen zu k�nnen, bevor der Doktor ihr Fehlen bemerkt.</p><p>Bevor Sie mit der Ausf�hrung Ihres Plans beginnen, unternehmen Sie einen letzten Versuch, Ihren Mann zum Handeln zu veranlassen. Sie teilen ihm Ihre Absicht mit, Jefferson Cope zu heiraten. Obwohl Ihr Mann �u�erst best�rzt ist, reagiert er nicht so, wie Sie gehofft hatten � Sie sind also gezwungen, Ihren Mordplan in die Tat umzusetzen. Sie gehen zur�ck ins Camp und wechseln im Vorbeigehen einige freundliche Worte mit Lady Westholme und Miss Pierce. Sie gehen hinauf, wo Ihre Schwiegermutter sitzt. Die Spritze mit dem Medikament haben Sie bei sich. Es ist nicht schwer, ihr Handgelenk zu packen und � als Krankenschwester haben Sie schlie�lich �bung darin � die Spritze zu verabreichen. Bevor Ihre Schwiegermutter begreift, was Sie tun, ist alles vorbei. Die anderen Leute weiter unten im Tal sehen nur, dass Sie mit ihr reden, sich �ber sie beugen. Dann holen Sie ganz bewusst einen Stuhl, setzen sich zu ihr und plaudern offenbar einige Minuten mit ihr. Der Tod muss fast augenblicklich eingetreten sein. Sie reden mit einer Toten, aber wer w�rde das erraten? Dann bringen Sie den Stuhl zur�ck und gehen hinunter ins Gemeinschaftszelt, wo Sie Ihren Mann lesend vorfinden. Und Sie sind sehr darauf bedacht, das Zelt nicht wieder zu verlassen! Sie sind �berzeugt, dass man Mrs. Boyntons Tod auf Herzversagen zur�ckf�hren wird. Und die Todesursache wird ja tats�chlich Herzversagen sein. Nur in einem Punkt geht Ihr Plan schief. Sie k�nnen die Spritze nicht in Dr. Gerards Zelt zur�ckbringen, weil der gute Doktor mit einem Malariaanfall darniederliegt und � was Sie nicht wissen k�nnen � <emphasis><strong>die</strong><strong>Spritze bereits vermisst hat.</strong></emphasis> Das, Madame, war der schwache Punkt eines ansonsten perfekten Verbrechens.�</p><p>Einen Moment lang herrschte Stille � Totenstille. Dann sprang Lennox Boynton auf und schrie:��Nein!�Das�ist�eine verdammte L�ge! Nadine hat nichts damit zu tun. Sie h�tte es gar nicht tun k�nnen. Meine Mutter � meine Mutter war bereits tot.�</p><p>�Ah!� Poirot bedachte ihn mit einem freundlichen Blick. �Dann haben also <emphasis><strong>Sie</strong></emphasis> sie get�tet, Mr. Boynton.�</p><p>Wieder herrschte Schweigen � bis Lennox sich auf seinen Stuhl fallen lie� und zitternd die H�nde vors Gesicht schlug.</p><p>�Ja � es stimmt. Ich habe sie get�tet.�</p><p>�Sie entwendeten das Digitoxin aus Dr. Gerards Zelt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Wann?�</p><p>�Als � wie Sie sagten, am Vormittag.�</p><p>�Und die Spritze?�</p><p>�Die Spritze? Die auch.�</p><p>�Warum haben Sie sie get�tet?�</p><p>�Das fragen Sie noch?�</p><p>�Ja, das frage ich Sie, Mr. Boynton.�</p><p>�Aber das wissen Sie doch � meine Frau wollte mich verlassen, mit Cope.�</p><p>�Gewiss, aber das erfuhren Sie erst <emphasis><strong>am Nachmittag. �</strong></emphasis></p><p>Lennox starrte ihn an. �Ja, als wir den Spaziergang machten.�</p><p>�Dennoch nahmen Sie das Gift und die Spritze bereits am Vormittag an sich � <emphasis><strong>bevor</strong></emphasis> Sie es erfuhren?�</p><p>�Warum, zum Teufel, qu�len Sie mich mit Ihren Fragen?� Er hielt inne und fuhr sich mit zitternder Hand �ber die Stirn. �Kommt es denn darauf noch an?�</p><p>�Darauf kommt es sehr wohl an. Ich gebe Ihnen den guten Rat, Mr. Boynton, mir die Wahrheit zu sagen.�</p><p>�Die Wahrheit?� Lennox stierte ihn an.</p><p>�Das sagte ich � die Wahrheit.�</p><p>�Bei Gott, Sie sollen sie h�ren�, sagte Lennox unvermittelt. �Aber ich wei� nicht, ob Sie mir glauben werden.� Er holte tief Luft. �Als ich Nadine an dem Nachmittag verlie�, war ich am Boden zerst�rt. Ich h�tte mir nie tr�umen lassen, dass sie mich wegen eines anderen verlassen w�rde. Ich war � wie von Sinnen! Ich hatte das Gef�hl, betrunken zu sein oder eine schwere Krankheit hinter mir zu haben.�</p><p>Poirot nickte und sagte: �Ich erinnere mich, was Lady Westholme �ber Ihren Gang sagte, als Sie bei ihr vorbeikamen. Darum wusste ich, dass Ihre Frau nicht die Wahrheit sprach, als sie erkl�rte, sie h�tte es Ihnen erst <emphasis><strong>nach</strong></emphasis> Ihrer R�ckkehr ins Camp gesagt. Fahren Sie fort, Mr. Boynton.�</p><p>�Ich wusste kaum, was ich tat... Aber auf dem Weg ins Camp schien mein Kopf wieder klarer zu werden. Mir ging schlagartig auf, dass ich alles nur mir selbst zuzuschreiben hatte! Ich war ein j�mmerlicher Waschlappen gewesen! Ich h�tte meiner Stiefmutter die Stirn bieten m�ssen und schon Vorjahren weggehen sollen. Und mir kam der Gedanke, dass es vielleicht trotz allem noch nicht zu sp�t war. Da sa� sie, diese teuflische alte Frau, hockte wie ein abscheulicher G�tze vor der roten Felswand. Ich ging geradewegs zu ihr, um die Sache mit ihr auszufechten. Ich wollte ihr klipp und klar meine Meinung sagen und dass ich weggehen w�rde. Ich hatte die verr�ckte Vorstellung, noch am gleichen Abend verschwinden zu k�nnen � mit Nadine fortzugehen und noch vor Einbruch der Nacht bis nach Ma�an zu kommen.�</p><p>�Oh, Lennox, Liebster.� Es klang wie ein gedehnter leiser Seufzer.</p><p>�Und dann�, fuhr Lennox fort, �mein Gott, ich war wie vom Blitz ger�hrt! Sie war tot. Sa� da � und war tot! Ich � ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich war wie bet�ubt, benommen � alles, was ich ihr ins Gesicht hatte schreien wollen, ballte sich in mir zusammen, wurde zu Blei. Ich kann es nicht erkl�ren. Zu Stein � ja, als w�rde alles in mir zu Stein. Dann tat ich etwas ganz Mechanisches � ich nahm ihre Armbanduhr � sie lag auf ihrem Scho� � und band sie ihr um � um das schrecklich schlaffe tote Handgelenk.�</p><p>Er erschauerte. �O Gott, es war furchtbar! Dann wankte ich hinunter ins Gemeinschaftszelt. Ich h�tte jemand rufen m�ssen, ich wei� � aber ich konnte es nicht. Ich sa� einfach da, bl�tterte in einer Zeitschrift � und wartete.�</p><p>Er brach ab.</p><p>�Sie werden mir nicht glauben, Monsieur Poirot! Wie k�nnten Sie auch? Warum habe ich keine Hilfe geholt? Warum Nadine nichts davon gesagt? Ich wei� es nicht.�</p><p>Dr. Gerard r�usperte sich.</p><p>�Ihre Erkl�rung ist absolut plausibel, Mr. Boynton�, sagte er. �Sie befanden sich in einem Zustand h�chster nervlicher Anspannung. Zwei schwere seelische Ersch�tterungen so kurz hintereinander gen�gten v�llig, um Sie in den Zustand zu versetzen, den Sie uns geschildert haben. Es handelt sich dabei um die so genannte Wei�enhalter�sche Reaktion � illustriert am Beispiel eines Vogels, der mit dem Kopf gegen eine Fensterscheibe st��t. Selbst nachdem er sich erholt hat, vermeidet er instinktiv jede Bewegung, um seinen Nervenzentren Zeit zu geben, sich zu erholen � ich kann mich auf Englisch nicht richtig ausdr�cken, aber ich will damit Folgendes sagen: <emphasis><strong>Sie h�tten gar nicht anders handeln k�nnen.</strong></emphasis> Entschlossenes Handeln jedweder Art w�re Ihrerseits absolut unm�glich gewesen! Sie befanden sich in einem Stadium geistiger L�hmung.�</p><p>An Poirot gewandt setzte er hinzu: �Ich versichere Ihnen, <emphasis><strong>mon ami,</strong></emphasis> dass es sich so verh�lt.�</p><p>�Oh, daran zweifle ich nicht�, sagte Poirot. �Es gibt da einen kleinen Punkt, der mir bereits aufgefallen war � die Tatsache, dass Mr. Boynton seiner Stiefmutter die Armbanduhr wieder umgebunden hat. Daf�r kann es zwei Erkl�rungen geben. Es k�nnte eine Tarnung f�r die eigentliche Tat gewesen sein, oder es h�tte von Nadine Boynton beobachtet und falsch verstanden werden k�nnen. Sie kehrte nur f�nf Minuten nach ihrem Mann zur�ck. Sie muss es also gesehen haben. Als sie zu ihrer Schwiegermutter kam und sie tot vorfand mit einem Einstich am Handgelenk, musste sie zwangsl�ufig den voreiligen Schluss ziehen, dass ihr Mann die Tat begangen hatte � dass ihr</p><p>Entschluss, ihn zu verlassen, eine andere als die von ihr erhoffte Reaktion bei ihm hervorgerufen hatte. Kurzum, Nadine Boynton glaubte, dass sie ihren Mann veranlasst hatte, einen Mord zu begehen.�</p><p>Er sah Nadine an. �Ist es nicht so, Madame?�</p><p>Sie senkte den Kopf. Dann fragte sie: �Hatten Sie mich <emphasis><strong>tats�chlich</strong></emphasis> im Verdacht, Monsieur Poirot?�</p><p>�Sie kamen als T�ter in Frage, Madame.�</p><p>Sie beugte sich vor.</p><p><emphasis><strong>�Und was geschah nun wirklich, Monsieur Poirot?�</strong></emphasis></p></section><section><title><p id="_bookmark30"><strong>Siebzehntes Kapitel</strong></p></title><p>�Was wirklich geschah?�, wiederholte Poirot.</p><p>Er griff hinter sich, zog einen Stuhl heran und setzte sich. Er war auf einmal umg�nglich, ungezwungen.</p><p>�Das ist die gro�e Frage, nicht wahr? Denn das Digitoxin <emphasis><strong>wurde</strong></emphasis> entwendet � die Spritze <emphasis><strong>war</strong></emphasis> verschwunden � am Handgelenk der Toten <emphasis><strong>war</strong></emphasis> der Einstich einer Spritze zu sehen.</p><p>Es ist richtig, dass wir in einigen Tagen definitiv wissen werden, ob Mrs. Boynton an einer �berdosis Digitalis starb oder nicht � die Autopsie wird es uns sagen. Aber dann k�nnte es zu sp�t sein! Es w�re besser, die Wahrheit heute Abend herauszufinden � solange der M�rder noch hier unter uns ist.�</p><p>Nadine hob abrupt den Kopf.</p><p>�Hei�t das, dass Sie immer noch glauben � dass einer von uns � einer hier im Zimmer.� Ihre Stimme erstarb.</p><p>Poirot nickte bed�chtig vor sich hin.</p><p>�Ich habe Colonel Carbury die Wahrheit versprochen. Und nun, nachdem wir alles aus dem Weg ger�umt haben, stehen wir wieder dort, wo ich schon angelangt war, als ich eine Liste der Fakten niederschrieb und mich umgehend mit zwei eklatanten Widerspr�chen konfrontiert sah.�</p><p>Zum ersten Mal mischte sich Colonel Carbury ein. �Wie w�r�s, wenn Sie das n�her erl�utern w�rden?�, schlug er vor.</p><p>�Ich bin im Begriff, es zu tun�, sagte Poirot w�rdevoll. �Wir werden uns noch einmal die beiden ersten Punkte auf meiner Liste vornehmen. <emphasis><strong>Mrs. Boynton nahm ein Medikament, das Digitalis enthielt, und Dr. Gerard vermisste eine Injektionsspritze.</strong></emphasis> Betrachten wir diese beiden Fakten und stellen wir sie der unbestreitbaren Tatsache gegen�ber � die mir sofort ins Auge sprang �, dass die Reaktion der Familie Boynton unverkennbar schuldbewusst war. Man sollte daher meinen, dass nur jemand aus der Familie das Verbrechen begangen haben konnte! Aber genau die beiden Punkte, die ich erw�hnte, sprechen <emphasis><strong>gegen</strong></emphasis> diese Theorie. Sie m�ssen wissen, eine konzentrierte L�sung Digitalis zu verwenden � das ist ein raffinierter Schachzug, o ja, denn Mrs. Boynton nahm dieses Medikament ohnehin ein. Aber was w�rde jemand aus ihrer Familie damit tun? Darauf gibt es nur <emphasis><strong>eine</strong></emphasis> vern�nftige Antwort. Er w�rde es <emphasis><strong>in ihr Medizinfl�schchen</strong></emphasis> tun! Genau das w�rde jeder, aber auch jeder, der einen Funken Verstand besitzt <emphasis><strong>und Zugang zu dem Medikament hatte,</strong></emphasis> mit Sicherheit tun!</p><p>Fr�her oder sp�ter nimmt Mrs. Boynton ihre Medizin und stirbt � und selbst wenn das Digitoxin in dem Fl�schchen entdeckt wird, l�sst es sich leicht auf ein Versehen des Apothekers zur�ckf�hren, der die Medizin zusammenstellte. Auf jeden Fall kann man nichts beweisen!</p><p>Warum dann <emphasis><strong>der Diebstahl der Inj ektionsspritze ?</strong></emphasis></p><p>Daf�r kann es nur zwei Erkl�rungen geben. Entweder Dr. Gerard �bersah die Spritze und sie wurde gar nicht gestohlen, oder aber die Spritze wurde entwendet, weil der M�rder <emphasis><strong>keinen</strong></emphasis> Zugang zu dem Medikament hatte � und das hei�t, der M�rder war <emphasis><strong>nicht</strong></emphasis> ein Mitglied der Familie Boynton. Die beiden ersten Punkte meiner Liste deuten ganz entschieden darauf hin, dass das Verbrechen von einem <emphasis><strong>Au�enstehenden</strong></emphasis> ver�bt wurde!</p><p>Ich erkannte das sofort � aber wie gesagt, ich war irritiert, weil die Familie Boynton so offenkundige Anzeichen von schlechtem Gewissen erkennen lie�. War es m�glich, dass die Familie <emphasis><strong>trotz</strong></emphasis> ihres <emphasis><strong>Schuldbewusstseins</strong></emphasis> dennoch <emphasis><strong>unschuldig</strong></emphasis> war? Ich machte mich daran, es zu beweisen � nicht die Schuld, sondern die <emphasis><strong>Unschuld</strong></emphasis> dieser Menschen!</p><p>So viel wissen wir jetzt. Der Mord wurde von einem Au�enstehenden begangen � das hei�t, von einer Person, <emphasis><strong>die Mrs. Boynton nicht nahe genug stand, um in ihr Zelt gehen zu k�nnen oder sich an ihrem Medizinfl�schchen zu schaffen zu machen.�</strong></emphasis></p><p>Er schwieg einen Moment.</p><p>�In diesem Raum befinden sich drei Personen, die, rein technisch, Au�enstehende sind, mit diesem Fall aber in engem Zusammenhang stehen.</p><p>Mr. Cope, mit dem wir uns als Erstes besch�ftigen wollen, ist seit l�ngerem mit der Familie Boynton befreundet. K�nnen wir bei ihm ein Motiv und eine Gelegenheit f�r die Tat erkennen? Anscheinend nicht. Mrs. Boyntons Tod hatte negative Auswirkungen f�r ihn � denn er zerst�rte gewisse Hoffnungen, die Mr. Cope sich gemacht hatte. Sofern sein Motiv nicht das geradezu fanatische Verlangen war, anderen eine Wohltat zu erweisen, liegt bei ihm kein erkennbarer Grund vor, warum er Mrs. Boyntons Tod gew�nscht haben sollte. Es sei denn, es gibt ein Motiv, von dem wir nichts ahnen. Wir wissen schlie�lich nicht exakt, welcher Art Mr. Copes Beziehung zu der Familie Boynton war.�</p><p>�Das, Monsieur Poirot�, sagte Mr. Cope w�rdevoll, �erscheint mir doch ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Sie sollten nicht vergessen, dass ich �berhaupt keine Gelegenheit hatte, diese Tat zu begehen, und au�erdem vertrete ich sehr entschiedene Ansichten, was die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens betrifft.�</p><p>�Ihre Position scheint tats�chlich unangreifbar zu sein�, sagte Poirot mit gro�em Ernst. �In einem Roman w�rde Sie das sehr verd�chtig machen.�</p><p>Er drehte sich etwas auf dem Stuhl herum. �Und nun zu Miss King. Miss King hatte durchaus ein Motiv, sie verf�gt �ber die erforderlichen medizinischen Kenntnisse und sie besitzt Charakterst�rke und Entschlossenheit. Aber da sie das Camp vor halb vier mit den anderen verlie� und erst um sechs Uhr zur�ckkam, f�llt es mir schwer zu sehen, wann sie die Gelegenheit dazu gehabt haben k�nnte.</p><p>Wenden wir uns nun Dr. Gerard zu. Hier m�ssen wir in Betracht ziehen, wann der Mord tats�chlich begangen wurde. Laut Mr. Lennox Boyntons letzter Aussage war seine Mutter um 16.35 Uhr tot. Laut Lady Westholme und Miss Pierce war sie um 16.15 Uhr noch am Leben, als die beiden Damen zu ihrem Spaziergang aufbrachen. Dazwischen klafft eine L�cke von <emphasis><strong>exakt zwanzig Minuten.</strong></emphasis> Als die beiden Damen sich vom Camp entfernten, kam ihnen Dr. Gerard entgegen, der ins Camp zur�ckging. Aber niemand kann sagen, <emphasis><strong>was Dr. Gerard tat, als er das Camp erreichte,</strong></emphasis> denn die beiden Damen gingen in die <emphasis><strong>entgegengesetzte</strong></emphasis> Richtung und wandten ihm den R�cken zu. <emphasis><strong>Es ist daher absolut m�glich, dass Dr. Gerard das Verbrechen ver�bte.</strong></emphasis> Als Arzt konnte er ohne weiteres die Symptome einer Malaria simulieren. Und ich wage zu behaupten, dass es ein m�gliches Motiv gibt. Dr. Gerard w�nschte vielleicht eine bestimmte Person zu retten, deren Verstand in Gefahr war � was vielleicht ein gr��erer Verlust ist als der Verlust des Lebens. Oder er dachte, dass es sich lohnt, daf�r ein altes und verbrauchtes Leben zu opfern!�</p><p>�Das ist doch absurd!�, sagte Dr. Gerard.</p><p>Poirot sprach weiter, ohne von ihm Notiz zu nehmen.</p><p>�Aber wenn es so w�re, <emphasis><strong>warum wies Gerard dann auf die M�glichkeit hin, dass etwas faul sein k�nnte?</strong></emphasis> Ohne seine Aussage gegen�ber Colonel Carbury, so viel steht fest, w�re Mrs. Boyntons Tod auf nat�rliche Ursachen zur�ckgef�hrt worden. Es war Dr. Gerard, der als Erster die M�glichkeit eines Mordes andeutete.</p><p>Und das, <emphasis><strong>mes amis�,</strong></emphasis> sagte Poirot, �ist wider alle Vernunft!�</p><p>�Scheint mir auch so�, sagte Colonel Carbury unwirsch.</p><p>�Es gibt noch eine andere M�glichkeit�, sagte Poirot. �Mrs. Lennox Boynton verneinte vorhin ganz entschieden die M�glichkeit, dass ihre j�ngere Schw�gerin dieser Tat schuldig sein k�nnte. Die Entschiedenheit ihres Einspruchs basierte auf der Tatsache, dass sie wusste, dass ihre Schwiegermutter zu der Zeit bereits tot war. Aber Sie d�rfen nicht vergessen, dass Ginevra Boynton sich den ganzen Nachmittag im Camp aufhielt. Und es gab einen Moment � den Moment, als Lady Westholme und Miss Pierce das Camp verlie�en und bevor Dr. Gerard ins Camp zur�ckkam. �</p><p>Ginevra machte eine Bewegung. Sie beugte sich vor und sah Poirot mit einem sonderbaren, unschuldigen, verwirrten Blick an.</p><p><emphasis><strong>�Ich?</strong></emphasis> Ich soll es getan haben?�</p><p>Im n�chsten Augenblick war sie, mit einer schnellen und unglaublich sch�nen Bewegung, vom Stuhl aufgesprungen, quer durch das Zimmer zu Dr. Gerard geeilt und neben ihm auf die Knie gesunken. Sie klammerte sich an ihn und sah flehentlich zu ihm auf.</p><p>�Nein, o nein! Das d�rfen Sie nicht zulassen! Sie wollen mich nur wieder einsperren! Es ist nicht wahr! Ich habe nichts getan! Das sind alles meine Feinde � sie wollen mich ins Gef�ngnis stecken � damit ich nichts sage! Sie <emphasis><strong>m�ssen</strong></emphasis> mir helfen. Nur <emphasis><strong>Sie</strong></emphasis> k�nnen mir helfen!�</p><p>�Ruhig, Kind, ganz ruhig.� Der Arzt t�tschelte ihr beg�tigend den Kopf. Dann wandte er sich an Poirot: �Was Sie da sagen, ist v�lliger Unsinn. Absurd!�</p><p>�Verfolgungswahn?�, fragte Poirot leise.</p><p>�Ja. Aber sie h�tte nie und nimmer so methodisch vorgehen k�nnen. Sie h�tte ein <emphasis><strong>dramatischeres</strong></emphasis> Mittel gew�hlt, verstehen Sie? Einen Dolch � irgendetwas Extravagantes, Spektakul�res �, aber niemals diese kaltbl�tige, besonnene Logik! Ich versichere Ihnen, meine Freunde, es ist so. Dieses Verbrechen war wohl durchdacht � geplant von einem k�hlen Verstand.�</p><p>Poirot l�chelte. Dann verbeugte er sich unvermittelt. <emphasis><strong>�Je suis entierement de votre avis�,</strong></emphasis> sagte er verbindlich.</p></section><section><title><p id="_bookmark31"><strong>Achtzehntes Kapitel</strong></p></title><p>�Machen wir weiter�, sagte Hercule Poirot, �wir sind noch nicht am Ende angelangt! Dr. Gerard hat die Psychologie angesprochen. Darum wollen wir nun die psychologische Seite dieses Falles untersuchen. Wir haben die <emphasis><strong>Fakten</strong></emphasis> ermittelt, wir haben den <emphasis><strong>zeitlichen Ablauf der Ereignisse</strong></emphasis> festgelegt, wir haben das <emphasis><strong>Beweismaterial</strong></emphasis> geh�rt. Bleibt noch � die Psychologie. Und der wichtigste psychologische Aspekt betrifft die Tote selbst � denn die Pers�nlichkeit von Mrs. Boynton ist in diesem Fall von ausschlaggebender Bedeutung.</p><p>Nehmen wir Punkt drei und vier meiner Liste der Fakten. <emphasis><strong>Es machte Mrs. Boynton Spa�, ihre Familie daran zu hindern, mit anderen Menschen zusammen zu sein. Mrs. Boynton ermunterte ihre Familie an dem besagten Nachmittag, einen Spaziergang zu machen und sie allein zu lassen.</strong></emphasis></p><p>Aber diese beiden Punkte widersprechen sich eklatant! Warum sollte sich Mrs. Boynton ausgerechnet an diesem Nachmittag so v�llig wider ihre Natur verhalten? Hatte sie pl�tzlich ein weiches Herz � den Drang, g�tig zu sein? Das erscheint mir, nach allem, was ich geh�rt habe, h�chst unwahrscheinlich! Es muss also einen Grund daf�r gegeben haben. Aber welchen?</p><p>Betrachten wir den Charakter von Mrs. Boynton etwas genauer. Es gibt sehr unterschiedliche Aussagen �ber sie. Sie war eine tyrannische, r�cksichtslose alte Frau � sie war eine Sadistin � sie war die Verk�rperung des B�sen � sie war wahnsinnig. Welche dieser Meinungen ist die richtige?</p><p>Ich pers�nlich glaube, dass Sarah King der Wahrheit am n�chsten kam, als sie in Jerusalem aufgrund einer j�hen Eingebung die alte Dame pl�tzlich als ein h�chst bedauernswertes Wesen sah. Und nicht nur bedauernswert, sondern auch <emphasis><strong>bedeutungslos!</strong></emphasis></p><p>Versetzen wir uns, sofern wir das k�nnen, in den Geisteszustand von Mrs. Boynton. Eine Frau, geboren mit einem ungeheuren Ehrgeiz, mit dem Drang, andere zu beherrschen und ihnen ihren Willen aufzuzwingen. Weder sublimierte sie ihr intensives Verlangen nach Macht, noch versuchte sie es im Zaum zu halten. Nein, <emphasis><strong>Mesdames et Messieurs</strong></emphasis> � sie kultivierte es! Aber letzten Endes � h�ren Sie gut zu! �, auf was lief es letzten Endes hinaus? Sie war gar keine so gro�e Macht! Sie wurde nicht gef�rchtet und gehasst weit und breit! <emphasis><strong>Sie war der kleine Haustyrann einer isolierten Familie!</strong></emphasis> Und wie Dr. Gerard mir sagte, begann sie sich zu langweilen � wie das bei jeder alten Dame und ihrem Zeitvertreib irgendwann der Fall ist. Und so versuchte sie, ihre Aktivit�ten auszuweiten und sich einen neuen Kitzel zu verschaffen, indem sie ihre Dominanz anfechtbarer machte! Aber das f�hrte zu einem v�llig anderen Resultat! Auf dieser Auslandsreise wurde ihr zum ersten Mal bewusst, wie v�llig unbedeutend sie war!</p><p>Und damit kommen wir direkt zu Punkt zehn � den Worten, die sie in Jerusalem zu Sarah King sagte. Denn, sehen Sie, Sarah King hatte den Finger auf die Wahrheit gelegt. Sie hatte die j�mmerliche Bedeutungslosigkeit von Mrs. Boyntons Leben klar und schonungslos enth�llt! Und nun achten Sie einmal darauf, was ihre genauen Worte zu Miss King waren. Miss King zufolge sprach Mrs. Boynton &gt;so <emphasis><strong>b�sartig � und ohne mich dabei auch nur anzusehe&lt;.</strong></emphasis> Und ihre genauen Worte waren: <emphasis><strong>&gt;Ich vergesse niemals etwas � keine Handlung, keinen Namen, kein Gesicht. &lt;</strong></emphasis></p><p>Diese Worte hinterlie�en bei Miss King einen starken Eindruck. Die au�ergew�hnliche Heftigkeit und der raue, laute Ton, in dem sie gesagt wurden, beeindruckten sie so sehr, dass sie die au�erordentliche Bedeutung dieser Worte �berhaupt nicht erfasste!</p><p>Sie erkennen die wahre Bedeutung dieser Worte?� Er wartete einen Moment. �Offenbar nicht. Aber, <emphasis><strong>mes amis,</strong></emphasis> merken Sie denn nicht, dass diese Worte <emphasis><strong>auf keinen Fall</strong></emphasis> eine vern�nftige Antwort waren auf das, was Miss King gerade gesagt hatte? <emphasis><strong>&gt;Ich vergesse niemals etwas � keine Handlung, keinen Namen, kein Gesicht.&lt;</strong></emphasis> Das ergibt doch keinen Sinn! Wenn sie gesagt h�tte: &gt;Ich vergesse niemals eine Unversch�mtheit&lt; oder etwas �hnliches. Aber nein, sie spricht von einem Gesicht.</p><p>Das muss einem doch ins Auge springen!�, rief Poirot aus und klatschte in die H�nde.�</p><p>�Diese Worte, die sich scheinbar an Miss King richteten, waren �berhaupt nicht f�r Miss King bestimmt! Sie galten�einer anderen Person, jemandem, der <emphasis><strong>hinter</strong></emphasis> Miss King stand.�</p><p>Er hielt inne und beobachtete die Mienen seiner Zuh�rer.</p><p>�Ja, es springt einem ins Auge! Ich sage Ihnen, das�war ein psychologischer Moment im Leben von Mrs. Boynton! Sie war durch eine intelligente junge Frau mit ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit konfrontiert�worden! Sie wurde von blinder Wut�erfasst � und in diesem Moment erkannte sie jemanden, ein Gesicht aus der Vergangenheit � ein Opfer, das ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war!</p><p>Wir sind also wieder bei dem Au�enstehenden angelangt. Und jetzt erkennen wir die wahre Bedeutung von Mrs. Boyntons unerwarteter Freundlichkeit an dem besagten Nachmittag. <emphasis><strong>Sie wollte ihre Familie loswerden, weil sie</strong></emphasis> � um es salopp auszudr�cken � <emphasis><strong>jemanden in die Pfanne hauen wollte!</strong></emphasis> Sie wollte freie Bahn haben f�r eine Unterredung mit einem neuen Opfer.</p><p>Betrachten wir die Ereignisse jenes Nachmittags aus diesem neuen Blickwinkel! Die Familie Boynton geht weg. Mrs. Boynton sitzt oben vor ihrer H�hle. Pr�fen wir nun sorgf�ltig die Aussagen von Lady Westholme und Miss Pierce. Letztere ist keine zuverl�ssige Zeugin, sie ist unaufmerksam und leicht zu beeinflussen. Lady Westholme dagegen ist eine akribische Beobachterin und wei� genau, was sie gesehen hat. Beide Damen stimmen in <emphasis><strong>einem</strong></emphasis> Punkt �berein! <emphasis><strong>Ein Araber, einer der Diener, geht zu Mrs. Boynton, ver�rgert sie aus irgendeinem Grund und zieht sich eilends zur�ck.</strong></emphasis> Lady Westholme sagt unmissverst�ndlich aus, dass der Diener vorher im Zelt von Ginevra Boynton war, aber Sie werden sich erinnern, dass Dr. Gerards Zelt direkt neben dem von Ginevra stand. Es ist daher durchaus m�glich, dass der Araber in Dr. Gerards Zelt ging.�</p><p>�Wollen Sie allen Ernstes behaupten�, warf Colonel Carbury ein, �dass einer von meinen Beduinen mit einer Spritze auf die alte Dame losgegangen ist? Das ist doch grotesk!�</p><p>�Geduld, Colonel Carbury, ich war noch nicht fertig. Einigen wir uns darauf, dass der Araber aus dem Zelt von Dr. Gerard gekommen sein <emphasis><strong>k�nnte,</strong></emphasis> nicht aus dem von Ginevra Boynton. Aber wie geht es weiter? Die beiden Damen sind sich einig, dass sie sein Gesicht nicht deutlich genug sahen, um ihn identifizieren zu k�nnen, und dass sie nicht h�rten, was gesprochen wurde. Nun, das ist verst�ndlich. Die Entfernung zwischen dem Gemeinschaftszelt und dem Felsvorsprung betr�gt etwa zweihundert Meter. Lady Westholme konnte jedoch eine genaue Beschreibung des Mannes geben, detailliert seine abgerissenen Breeches schildern und wie schlampig seine Gamaschen gewickelt waren.�</p><p>Poirot beugte sich vor. �Und das, meine Freunde, <emphasis><strong>war wirklich sehr merkw�rdig!</strong></emphasis> Denn wenn sie weder sein Gesicht sehen noch h�ren konnte, was gesprochen wurde, <emphasis><strong>dann konnte sie unm�glich den Zustand seiner Breeches und seiner Wickelgamaschen erkennen!</strong></emphasis> Nicht auf zweihundert Meter!</p><p>Das war ein Fehler, verstehen Sie? Es brachte mich n�mlich auf eine seltsame Idee. Warum legte sie solches Gewicht auf die zerrissenen Breeches und die schlampigen Wickelgamaschen? Vielleicht deshalb, weil die Breeches <emphasis><strong>nicht</strong></emphasis> zerrissen und die Gamaschen <emphasis><strong>nicht</strong></emphasis> vorhanden waren? Lady Westholme und Miss Pierce sahen beide den Mann � aber von da, wo sie sa�en, <emphasis><strong>konnte keine die andere sehen.</strong></emphasis> Das beweist die Tatsache, dass Lady Westholme nachsehen ging, ob Miss Pierce wach war, und feststellte, dass sie vor dem Eingang ihres Zeltes sa�.�</p><p>�Gro�er Gott!�, sagte Colonel Carbury und setzte sich ruckartig auf. �Wollen Sie damit sagen, dass �?�</p><p>�Ich will damit Folgendes sagen. Nachdem Lady Westholme sich vergewissert hatte, was Miss Pierce machte � die einzige Zeugin, die m�glicherweise wach war �, ging sie zur�ck in ihr Zelt, zog Reithosen, Stiefel und einen khakifarbenen Mantel an, machte sich aus ihrem karierten Staubtuch und einem Strang Wolle eine arabische Kopfbedeckung zurecht und ging, solcherma�en gewandet, dreist in Dr. Gerards Zelt, kramte in seiner Reiseapotheke, w�hlte�das passende Medikament, nahm die Spritze, f�llte sie und ging dreist hinauf zu ihrem Opfer.</p><p>Mrs. Boynton war vielleicht eingenickt. Lady Westholme handelte schnell. Sie griff nach ihrem Handgelenk und injizierte das Gift. Mrs. Boynton stie� einen erstickten Schrei aus, versuchte aufzustehen, sank zur�ck. Der &gt;Araber&lt; lief allem Anschein nach besch�mt und best�rzt davon. Mrs. Boynton drohte ihm mit dem Stock, versuchte aufzustehen, fiel in ihren Stuhl zur�ck.</p><p>F�nf Minuten sp�ter begibt sich Lady Westholme zu Miss Pierce und berichtet ihr von dem Vorfall, dessen Zeugin sie soeben gewesen ist, <emphasis><strong>und pr�gt Miss Pierce so ihre eigene Version ein.</strong></emphasis> Dann machen die beiden einen Spaziergang, bleiben unterhalb des Felsvorsprungs kurz stehen, wo Lady Westholme der alten Dame etwas zuruft. Sie bekommt keine Antwort � denn Mrs. Boynton ist tot �, aber sie sagt zu Miss Pierce: &gt;Wie unh�flich, einfach nur zu grunzen!&lt; Miss Pierce nimmt ihre Worte f�r bare M�nze, denn sie hat oft geh�rt, wie Mrs. Boynton eine Bemerkung mit einem Grunzen quittierte. Sie wird notfalls besten Gewissens schw�ren, das Grunzen tats�chlich geh�rt zu haben. Lady Westholme hat oft genug mit Frauen wie Miss Pierce in Aussch�ssen gesessen, um ganz genau zu wissen, welchen Eindruck ihre eigene bedeutende Stellung und ihre dominierende Pers�nlichkeit auf solche Frauen machen. Der einzige Punkt ihres Planes, der nicht klappte, war das Zur�cklegen der Spritze. Dr. Gerards vorzeitige R�ckkehr machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Sie hoffte, dass er das Fehlen der Spritze nicht bemerkt hatte oder denken w�rde, er h�tte sie �bersehen, und so brachte sie sie w�hrend der Nacht zur�ck.�</p><p>Er schwieg.</p><p>�Aber <emphasis><strong>warum?�,</strong></emphasis> fragte Sarah. �Warum sollte Lady Westholme die alte Mrs. Boynton umbringen wollen?�</p><p>�Haben Sie mir nicht erz�hlt, dass Lady Westholme sich ganz in Ihrer N�he aufhielt, als Sie in Jerusalem mit Mrs.</p><p>Boynton sprachen? Mrs. Boyntons Worte waren an Lady Westholme gerichtet. <emphasis><strong>&gt;Ich vergesse niemals etwas</strong></emphasis> � <emphasis><strong>keine Handlung, keinen Namen, kein Gesicht.&lt;</strong></emphasis> Nehmen Sie diese Worte und die Tatsache, dass Mrs. Boynton fr�her <emphasis><strong>Aufseherin in einem Gef�ngnis</strong></emphasis> war, und Sie bekommen eine ziemlich gute Vorstellung von der Wahrheit. Lord Westholme lernte seine Frau auf der R�ckreise aus Amerika kennen. Lady Westholme war vor ihrer Ehe eine Kriminelle gewesen und hatte eine Gef�ngnisstrafe verb��t.</p><p>Sie sehen das schreckliche Dilemma, in dem sie sich befand? Ihre Karriere, ihre Ambitionen, ihre gesellschaftliche Position � alles stand auf dem Spiel! Welcher Art das Verbrechen war, f�r das sie eine Haftstrafe verb��te, wissen wir nicht, werden es jedoch bald erfahren. Aber es muss etwas gewesen sein, das ihre politische Karriere mit einem Schlag beendet h�tte, wenn es bekannt geworden w�re. Und bedenken Sie, <emphasis><strong>Mrs. Boynton war keine gew�hnliche Erpresserin!</strong></emphasis> Sie wollte kein Geld. Sie wollte sich damit am�sieren, ihr Opfer eine Zeit lang zu qu�len, und dann spektakul�r und gen�sslich die Wahrheit enth�llen! Nein, solange Mrs. Boynton lebte, war Lady Westholme nicht sicher. Sie folgte Mrs. Boyntons Anweisungen, sich in Petra mit ihr zu treffen. Ich fand es von Anfang an seltsam, dass eine Frau, die so von ihrer eigenen Bedeutung �berzeugt ist wie Lady Westholme, es vorgezogen haben sollte, als einfache Touristin zu reisen. Aber im Stillen sann sie zweifellos �ber Mittel und Wege nach, um Mrs. Boynton zu ermorden. Sie sah ihre Chance und ergriff sie mutig beim Schopf. Sie machte nur zwei kleine Fehler. Der eine war, dass sie ein wenig zu viel sagte � die Beschreibung der zerrissenen Breeches, die als Erstes meine Aufmerksamkeit auf sie lenkte. Der andere war, dass sie Dr. Gerards Zelt verwechselte und zuerst in das blickte, in dem Ginevra im Halbschlaf lag. Daher die Geschichte des jungen M�dchens � halb Einbildung, halb Wahrheit � von einem verkleideten Scheich. Sie stellte es verkehrt herum dar, gehorchte ihrem Instinkt, die Wahrheit zu verdrehen und dramatischer zu machen, doch f�r mich war dieser Hinweis bezeichnend.�</p><p>Er hielt wieder kurz inne.</p><p>�Aber wir werden bald Genaueres wissen. Ich verschaffte mir heute Lady Westholmes Fingerabdr�cke, ohne dass sie es bemerkte. Wenn diese an das Gef�ngnis geschickt werden, in dem Mrs. Boynton fr�her Aufseherin war, und man sie dort mit den Abdr�cken in den Akten vergleicht, werden wir die Wahrheit bald erfahren.�</p><p>Er brach ab.</p><p>In der pl�tzlichen Stille war ein lauter Knall zu h�ren.</p><p>�Was war das?�, fragte Dr. Gerard.</p><p>�H�rte sich an wie ein Schuss�, sagte Colonel Carbury und sprang auf. �Gleich nebenan. Wessen Zimmer ist das eigentlich?�</p><p>Poirot sagte leise: �Ich habe das Gef�hl � es ist das Zimmer von Lady Westholme.�</p></section><section><title><p id="_bookmark32"><strong>Epilog</strong></p></title><p>Auszug aus dem <emphasis><strong>Evening Shout:</strong></emphasis></p><p>Mit gro�em Bedauern geben wir bekannt, dass Lady Westholme, Mitglied des englischen Parlaments, infolge eines tragischen Unfalls ums Leben kam. Lady Westholme, die gern in ferne L�nder reiste, hatte stets einen kleinen Revolver bei sich. Beim Reinigen der Waffe l�ste sich ungl�cklicherweise ein Schuss. Lady Westholme war auf der Stelle tot. Unser aufrichtiges Mitgef�hl gilt Lord Westholme.</p><p>An einem warmen Juniabend f�nf Jahre sp�ter sa�en Sarah Boynton und ihr Mann im Parkett eines Londoner Theaters. Es gab &gt;Hamlet&lt;. Sarah griff nach Raymonds Arm, als Ophelia auf der B�hne die Worte sprach:</p><poem><stanza><v>Wie erkenn ich dein Treulieb</v><v>Vor den andern nun?</v><v>An dem Muschelhut und Stab</v><v>Und den Sandelschuh�n.</v><v>Er ist lange tot und hin,</v><v>Tot und hin, Fr�ulein!</v><v>Ihm zu H�upten ein Rasen gr�n,</v><v>Ihm zu F��en ein Stein.</v><v>Oh!</v></stanza></poem><p>Sarah hatte pl�tzlich einen Klo� im Hals. Diese zerbrechliche, umnachtete Sch�nheit, dieses liebreizende �berirdische L�cheln eines Wesens, das Kummer und Leid hinter sich gelassen hat und in Gefilden schwebt, wo nur die fl�chtige Illusion noch Wahrheit war.</p><p>�Sie ist wundersch�n.�, sagte Sarah bei sich.</p><p>Die bet�rende, melodi�se Stimme, die schon immer diesen wundervollen Klang gehabt hatte, war nun zu einem perfekten Instrument geworden, diszipliniert und moduliert.</p><p>Als der Vorhang nach dem ersten Akt fiel, sagte Sarah aus voller �berzeugung: �Jinny ist eine gro�artige Schauspielerin! Einfach gro�artig!�</p><p>Nach der Vorstellung traf man sich im <emphasis><strong>Savoy</strong></emphasis> zum Souper. Ginevra, l�chelnd und versonnen, wandte sich dem b�rtigen Mann an ihrer Seite zu: �Ich war doch gut, Theodore, oder?�</p><p>�Du warst wunderbar, <emphasis><strong>ch�rie.�</strong></emphasis></p><p>Auf ihren Lippen zeichnete sich ein gl�ckliches L�cheln ab. <emphasis><strong>�Du</strong></emphasis> hast immer an mich geglaubt�, murmelte sie. �Du hast immer gewusst, dass etwas in mir steckt � dass ich die Menschen mitrei�en kann.�</p><p>An einem Tisch in der N�he sa� der Hamlet des Abends und sagte d�ster: �Sie ist furchtbar manieriert! Dergleichen gef�llt den Leuten nat�rlich, <emphasis><strong>zun�chst</strong></emphasis> jedenfalls, aber ich kann nur sagen, das ist nicht <emphasis><strong>Shakespeare.</strong></emphasis> Habt ihr gesehen, wie sie mir meinen Abgang ruiniert hat?�</p><p>Nadine, die Ginevra gegen�bersa�, bemerkte:��Ist es nicht aufregend, in London zu sein und mitzuerleben, wie Jinny die Ophelia spielt und wie ber�hmt sie ist?�</p><p>Ginevra sagte leise: �Es war sehr nett von euch, extra her�berzukommen.�</p><p>�Ein richtiges Familientreffen�, sagte Nadine und blickte l�chelnd in die Runde. Dann sagte sie zu Lennox: �Meinst du nicht, dass die Kinder in die Nachmittagsvorstellung gehen k�nnten? Sie sind doch alt genug daf�r und sie m�chten <emphasis><strong>so</strong></emphasis> gern Tante Jinny auf der B�hne sehen!�</p><p>Lennox, ein ganz normaler, gel�st wirkender Lennox mit humorvollen Augen, erhob das Glas.</p><p>�Auf das junge Paar! Auf Mr. und Mrs. Cope!�</p><p>Jefferson Cope und Carol erwiderten den Toast.</p><p>�Der ungetreue Verehrer!�, sagte Carol lachend. �Jeff, du solltest lieber auf deine erste gro�e Liebe trinken, die dir schlie�lich genau gegen�ber sitzt.�</p><p>�Jeff wird ja richtig rot!�, sagte Raymond fr�hlich. �Er l�sst sich nicht gern an die alten Zeiten erinnern.�</p><p>Sein Gesicht verd�sterte sich pl�tzlich.</p><p>Sarah fasste nach seiner Hand, und die D�sterkeit verschwand.</p><p>Raymond sah sie an und grinste. �Mir kommt alles vor wie ein b�ser Traum.�</p><p>Eine adrette Gestalt blieb an ihrem Tisch stehen. Hercule Poirot, tadellos und elegant gekleidet, den Schnurrbart stolz gezwirbelt, verbeugte sich w�rdevoll.</p><p>�Mademoiselle�, sagte er zu Ginevra, <emphasis><strong>�mes hommages.</strong></emphasis> Sie waren hervorragend!�</p><p>Alle begr��ten ihn herzlich, machten neben Sarah einen Platz f�r ihn frei.</p><p>Poirot strahlte in die Runde, und als sich alle wieder unterhielten, beugte er sich zu Sarah und sagte leise: <emphasis><strong>��Eh bien,</strong></emphasis> es scheint alles gut zu laufen f�r <emphasis><strong>la famille</strong></emphasis> Boynton!�</p><p>�Das haben wir nur Ihnen zu verdanken!�, sagte Sarah.</p><p>�Er beginnt ber�hmt zu werden, Ihr Gatte. Ich las heute eine ausgezeichnete Besprechung seines letzten Buches.�</p><p>�Es ist wirklich gut � auch wenn ich das selber sage! Wussten Sie, dass Carol und Jefferson Cope endlich geheiratet haben? Und Lennox und Nadine haben zwei entz�ckende Kinder � zwei s��e Bengel, wie Raymond immer sagt. Und Jinny � ich glaube, Jinny ist ein Genie.�</p><p>Sie betrachtete �ber den Tisch hinweg das wundersch�ne Gesicht, umrahmt von dem rotgoldenen Haar, und zuckte pl�tzlich zusammen.</p><p>Einen Moment lang war ihr Gesicht sehr ernst. Dann hob sie langsam das Glas an die Lippen.</p><p>�Sie trinken auf jemanden, Madame?�, erkundigte sich Poirot.</p><p>Langsam sagte Sarah: �Ich musste auf einmal � an <emphasis><strong>sie</strong></emphasis> denken. Als ich eben Jinny ansah, fiel mir zum ersten Mal � die �hnlichkeit auf. Sie gleichen sich tats�chlich � nur dass bei Jinny alles hell ist, w�hrend bei ihr nur Dunkelheit war.�</p><p>Auf der anderen Seite sagte Ginevra unvermittelt: ����Arme Mutter. Sie war wirklich sonderbar. Jetzt, wo wir alle so gl�cklich sind � tut sie mir irgendwie Leid. Sie hat nicht bekommen, was sie sich vom Leben erwartet hatte. Das muss schlimm f�r sie gewesen sein.�</p><p>Fast �bergangslos begann sie leise mit bebender Stimme einige Zeilen aus �Cymbeline� zu sprechen, w�hrend die anderen wie verzaubert der Musik ihrer Worte lauschten:</p><poem><stanza><v>F�rchte nicht mehr Sonnenglut</v><v>Noch des Winters grimmen Hohn!</v><v>Jetzt dein irdisch Treiben ruht,</v><v>Heim gehst, nahmst den Tageslohn.</v></stanza></poem></section></section></body><binary id="cover" 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