<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sci_history</genre><author><first-name>Manfred</first-name><last-name>Mai</last-name></author><book-title>Deutsche Geschichte</book-title><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>de</src-lang></title-info><document-info><author><nickname>lange97</nickname></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2011-07-25">25.7.2011</date><id>17D217A1-ADF7-4A77-9854-9B68510C4506</id><version>1.0</version><history><p>1.0</p></history></document-info></description><body><section><p><emphasis>F�r Daniela, Lisa, Melanie und Nina</emphasis></p></section><section><p><strong>Vorwort</strong></p><p>Die erste Ausgabe dieser Deutschen Geschichte wurde von ihren Lesern wie von der Fachkritik �beraus positiv aufgenommen. Das hat mich sehr gefreut.</p><p>Nun scheint es mir an der Zeit, ein paar Erg�nzungen vorzunehmen. Dabei geht es vor allem darum, die wichtigsten Entwicklungen seit der deutschen Wiedervereinigung zu skizzieren. Weil gelegentlich das Fehlen eines Registers beklagt wurde, wird dies nun nachgeliefert. Es wird den Gebrauchswert des Buches erh�hen.</p><p>Sonst gilt weiterhin, was ich im �deutschen Jubil�umsjahr 1999� im Vorwort zur ersten Ausgabe schrieb:</p><p>Dass wir Deutsche nicht zwei Jubil�en in zwei Staaten feiern m�ssen, ist vor allem das Verdienst der Menschen im Osten unseres Landes. Im Herbst 1989 gingen hunderttausende von ihnen auf die Stra�e und demonstrierten f�r Freiheit und Demokratie. Was noch wenige Wochen zuvor kaum jemand f�r m�glich gehalten h�tte, geschah am 9. November 1989: Die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten wurde ge�ffnet, und die Deutschen machten sich wieder einmal auf den Weg, ein Volk und ein Staat zu werden.</p><p>Das wiedervereinigte Deutschland hatte 1999 also doppelten Grund zum Feiern: Seinen f�nfzigsten und seinen zehnten Geburtstag.</p><p>Runde Geburtstage werden gern genutzt, um R�ckschau zu halten und Bilanz zu ziehen. Allerdings reicht es nicht, den Weg der beiden deutschen Staaten nur seit ihrer Gr�ndung zu verfolgen, wenn man verstehen will, warum es �berhaupt zwei Deutschland gab. Dazu muss man weiter zur�ckschauen, das hei�t Geschichte betreiben. Und so, wie es f�r den Einzelnen interessant und wichtig ist zu wissen, wer seine Vorfahren sind und was er von ihnen mitbekommen hat, so ist es auch f�r ein Volk wichtig, �ber seine Geschichte Bescheid zu wissen. Denn unsere Geschichte ist unser Erbe, im Guten wie im Schlechten. Wir k�nnen dieses Erbe auch nicht ausschlagen oder ignorieren � selbst wenn wir das manchmal gern m�chten.</p><p>Der gro�e amerikanische Philosoph George Santayana hat einmal gesagt: �Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.� Wenn dieser Satz stimmt, sind wir Deutsche geradezu verpflichtet, uns zu erinnern, denn manches aus unserer Geschichte darf sich einfach nicht wiederholen.</p><p>Die Frage ist nun: Wie weit m�ssen wir zur�ckschauen, wo f�ngt die deutsche Geschichte an? Darauf gab und gibt es unterschiedliche Antworten.</p><p>Lange Zeit lie�en Historiker die deutsche Geschichte mit Karl dem Gro�en beginnen. Heute erscheint uns das zu kurz gegriffen; ein paar Jahrhunderte mehr m�ssen es schon sein: In der Zeit um Christi Geburt lebten dort, wo sp�ter Deutschland entstand, Menschen, die �Germanen� genannt wurden. Diese Germanen waren noch kein Volk und verstanden sich selbst auch nicht so. Aber ihren Nachbarn und vor allem den R�mern erschienen sie doch als zusammengeh�rig. Darum spricht einiges daf�r, die deutsche Geschichte mit ihnen beginnen zu lassen.</p><p>Dieses Buch will einen ersten gro�en �berblick �ber die deutsche Geschichte geben. Es kann deshalb nur von den wichtigsten Ereignissen, Personen und Entwicklungen er z�hlen. Vieles, was auch noch wissenswert w�re, muss unerw�hnt bleiben. Trotzdem wird zwischendurch immer wieder von den einfachen Menschen und ihrem oft gar nicht einfachen Leben berichtet. Denn auch sie haben ihren Teil dazu beigetragen, Deutschland zu dem zu machen, was es heute ist.</p></section><section><p><strong>Die Anf�nge</strong></p><p>Um Christi Geburt waren gro�e Teile �Germaniens� noch von S�mpfen und dichten W�ldern bedeckt. In dem d�nn besiedelten Gebiet lebten die Menschen in Einzelh�fen oder kleinen D�rfern, oft mit ihren Tieren unter einem Dach. Die Germanen waren kein einheitliches Volk. Es gab zahlreiche St�mme mit verschiedenen Gebr�uchen und Dialekten � von letzteren kann man bei einer Reise durch Deutschland heute noch Reste heraush�ren.</p><p>Der r�mische Geschichtsschreiber Tacitus schilderte unsere Vorfahren in seinem Buch <emphasis>�ber den Ursprung, die Lage und die V�lkerschaften Germaniens,</emphasis> sp�ter kurz <emphasis>Germania</emphasis> genannt, als �reinen, nur sich selbst gleichen Menschenschlag von eigener Art. Daher ist auch die �u�ere Erscheinung trotz der gro�en Zahl von Menschen bei allen dieselbe: wild blickende blaue Augen, r�tliches Haar und gro�e Gestalten, die allerdings nur zum Angriff taugen. F�r Strapazen und M�hen bringen sie nicht dieselbe Ausdauer auf, und am wenigsten ertragen sie Durst und Hitze; wohl aber sind sie durch Klima oder Bodenbeschaffenheit gegen K�lte und Hunger abgeh�rtet � Ihre D�rfer legen sie nicht in unserer Weise an, dass die Geb�ude verbunden sind und aneinander sto�en: Jeder umgibt sein Haus mit freiem Raum, sei es zum Schutz gegen Feuersgefahr, sei es aus Unkenntnis im Bauen. Nicht einmal Bruchsteine oder Ziegel sind bei ihnen im Gebrauch; zu allem verwenden sie unbehauenes Holz, ohne auf ein gef�lliges oder freundliches Aussehen zu achten � Wenn die M�nner nicht zu Felde ziehen, verbringen sie viel Zeit mit Jagen, noch mehr mit Nichtstun, dem Schlafen und Essen ergeben. Gerade die Tapfersten und Kriegslustigsten r�hren sich nicht. Die Sorge f�r Haus, Hof und Feld bleibt den Frauen, den alten Leuten und allen Schwachen im Hauswesen �berlassen; sie selber faulenzen. Ein seltsamer Widerspruch ihres Wesens: Dieselben Menschen lieben so sehr das Nichtstun und hassen zugleich die Ruhe.�</p><p>Da von den Germanen selbst nur bruchst�ckhaftes Wissen �berliefert wurde, sind wir auf solche Beschreibungen angewiesen. Dabei sollte man allerdings bedenken, dass Tacitus das Leben der Germanen mit ihren Sitten und Gebr�uchen nicht aus eigener Anschauung kannte. Er bezog seine Kenntnisse aus literarischen Quellen, zum Beispiel aus C�sars Schriften �ber den Gallischen Krieg.</p><p>Was Tacitus zu seinem Buch veranlasste, l�sst sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Vermutlich sollte die Schilderung des einfachen Lebens ohne Luxus, des sittenstrengen Familienlebens, der Treue und Tapferkeit den R�mern als Vorbild dienen. So w�re auch zu erkl�ren, dass er die Germanen in einigen Punkten heftig idealisiert hat. Dass es Zeiten gab, in denen die Deutschen seinen Bericht von gro�en blau�ugigen K�mpfern f�r bare M�nze nahmen � daf�r kann Tacitus nichts.</p><p>Als sicher gilt heute, dass die Germanen gute Krieger waren. Trotzdem unterlagen sie etwa f�nfzig Jahre vor Christi Geburt den besser ausgebildeten und ausger�steten r�mischen Soldaten. Die hatte C�sar �ber die Alpen gef�hrt, um das R�mische Weltreich zu vergr��ern und noch m�chtiger zu machen.</p><p>Alle germanischen St�mme westlich des Rheins und ganz Gallien (das sp�tere Frankreich) wurden unterworfen und Teil des R�mischen Reichs.</p><p>Etwa sechzig Jahre nach C�sar wollte Kaiser Augustus (das deutsche Wort �Kaiser� kommt von C�sar, dessen Familienname zum Titel f�r die Herrscher des R�merreiches wurde) auch die germanischen St�mme weiter im Osten unterwerfen und seine Macht bis zur Elbe ausdehnen. Aber diesmal wehrten sich die Germanen mit allen Kr�ften � und schlugen zur�ck. Im Jahr 9 n. Chr. besiegten sie unter ihrem Heerf�hrer Arminius (sp�ter Hermann der Cherusker genannt) in der Schlacht im Osnabr�cker Land � nicht im Teutoburger Wald, wie man lange Zeit dachte � die r�mischen Truppen. Die R�mer mussten sich wieder hinter den Rhein zur�ckziehen.</p><p>In den Jahren danach gab es immer wieder K�mpfe mit den Germanen. Als Bollwerk gegen sie errichteten die R�mer den Limes, einen riesigen Grenzwall vom Rhein bei Bonn bis zur Donau bei Regensburg.</p><p>Jenseits des Limes lebten die Germanen weiterhin wie ihre Vorfahren. �ber wichtige Angelegenheiten entschieden die freien M�nner eines Stammes. Dazu trafen sie sich bei Neu- oder Vollmond zum �Thing�. Die Thingst�tte war gleichzeitig Gerichtsplatz und galt als heiliger Ort.</p><p>Wie alle heidnischen V�lker verehrten die Germanen viele G�tter. Als h�chster Gott galt Wodan, der nach germanischer Auffassung die Welt regierte und das Schicksal aller Menschen lenkte. Die Germanen glaubten fest an ein Leben nach dem Tod. Die Tapferen stiegen auf zu Wodan nach Walhalla, wo sie ein sch�nes Leben erwartete. Die feigen und schlechten Menschen mussten im Reich der G�ttin Hel in ewiger Finsternis schmachten.</p></section><section><p><strong>Die V�lker mischen sich</strong></p><p>Die Menschen im R�merreich und die germanischen St�mme lebten trotz aller Unterschiede lange Zeit in friedlicher Nachbarschaft. In den besetzten Gebieten waren viele Germanen vom Lebensstil der R�mer bald so beeindruckt, dass sie wie die R�mer zu leben versuchten. Wer es sich leisten konnte, schickte seine S�hne in r�mische Schulen. In Kleidung und Umgangsformen orientierte man sich am r�mischen Vorbild. Streitigkeiten wurden nach r�mischem Recht geregelt. Nach und nach entstanden r�mische Provinzst�dte wie Trier, Worms, K�ln, Mainz und Augsburg. Zentrum dieser St�dte war das Forum, ein gro�er, von Geb�uden umgebener Platz, auf dem politische Versammlungen und Gerichtsverhandlungen stattfanden. Auch Werkst�tten, L�den, Gasth�user und �ffentliche B�der geh�rten zum Stadtbild. Manche Geb�ude und Wasserleitungen (Aqu�dukte) sind heute noch erhalten und zeugen von der hohen Baukunst jener Zeit. Allerdings sollte man bei der Bewunderung dieser Leistungen nicht vergessen, dass vieles nur durch die Ausbeutung der unterworfenen V�lker, vor allem der unteren Schichten, m�glich wurde. Die einfachen Menschen lebten mehr schlecht als recht und waren der Willk�r der Reichen und M�chtigen oft schutzlos ausgeliefert.</p><p>Mit den germanischen St�mmen jenseits des Limes gab es regen Handel. Und viele junge Germanen dienten sogar als Soldaten in der r�mischen Armee. So lernten auch sie die r�mische Kultur und Lebensweise kennen.</p><p>Doch im dritten Jahrhundert zogen Alemannen, Sachsen, Franken, Sweben, Vandalen und Gepiden aus dem Norden Europas nach S�den und Westen. Niemand kann genau sagen, weshalb es zu dieser V�lkerwanderung kam. Klimaver�nderungen, zu wenig fruchtbares Land, �berf�lle durch andere St�mme und die Hoffnung, anderswo bessere Lebensbedingungen zu finden, m�gen wichtige Gr�nde gewesen sein. Eine Zeit lang konnten die r�mischen Truppen die �Barbaren�, wie sie alle nicht r�mischen V�lker und also auch die Germanen nannten, abwehren. Aber letztlich waren die Germanen st�rker und drangen in das R�mische Reich ein. Sie wollten es jedoch nicht zerschlagen, sondern seine Errungenschaften f�r sich nutzen. So mischten sich r�mische Kultur und Lebensart langsam mit germanischen Sitten und Gewohnheiten.</p><p>Germanische St�mme beherrschten nun weite Teile Europas. Aber sie waren untereinander keineswegs einig. Vor allem der gerissene und skrupellose Frankenf�rst Chlodwig gab keine Ruhe. Durch List, Verrat und Mord schaffte er nach und nach andere Stammesf�rsten aus dem Weg. Auf diese Weise wurde er immer m�chtiger, lie� sich zum K�nig machen und eroberte mit seinen Soldaten die Gebiete der Alemannen, Burgunder, Westgoten und ganz Gallien. So entstand um 500 n. Chr. das gro�e Frankenreich, aus dem sp�ter Frankreich und Deutschland hervorgingen.</p><p>Im Nachhinein scheint es, als w�ren die Menschen und V�lker jener Zeit dauernd in Bewegung und auf der Suche nach Neuem gewesen. Auch in Glaubensfragen gab es gro�e Ver�nderungen. Die Lehre von Jesus Christus verbreitete sich in Europa. R�mer und Germanen glaubten zwar noch an ihre alten G�tter, wollten von einem neuen Gott nichts wissen und verfolgten die ersten Christen. Doch die Botschaft des Mannes aus Nazareth �bte bald eine gro�e Anziehungskraft auf die Menschen aus. Und schon im 4. Jahrhundert wurde das Christentum zur offiziellen Religion im R�mischen Reich.</p><p>So schnell ging es bei den germanischen St�mmen nicht; sie hielten noch lange an ihren G�ttern fest. Selbst als Chlodwig sich taufen lie� und das auch vom ganzen Volk verlangte, konnte von einer Glaubenswende keine Rede sein. Die heidnischen Sitten, Br�uche und Vorstellungen lebten noch zweihundert Jahre neben christlichem Gedankengut fort.</p><p>Die endg�ltige Christianisierung des Frankenreichs gelang erst durch den M�nch und sp�teren Bischof Bonifatius. Der Angelsachse kam im Jahr 716 aus England, um die Friesen zu missionieren. Drei Jahre sp�ter beauftragte ihn der Papst mit der Germanenmission. Im Lauf der Zeit wurde aus dem Missionar ein kirchlicher Organisator, der Kl�ster gr�ndete und die Bist�mer neu ordnete. Im Alter von 80 Jahren kehrte Bonifatius noch einmal zur Friesenmission zur�ck. Am 5. Juni 754 wurde er von heidnischen Friesen erschlagen.</p></section><section><p><strong>Machtwechsel</strong></p><p>Im Geschlecht der Merowinger, aus dem Chlodwig stammte, kam es �fter zur Erbstreitigkeiten. �berhaupt waren die Merowinger wohl keine besonders guten K�nige. Man sagte von ihnen, dass sie nicht viel mehr konnten als auf dem Thron sitzen und mit M�he die Reden halten, die ihnen ihre Minister eingetrichtert hatten. Die letzten dieser K�nige waren so schwach, dass an ihrer Stelle praktisch der h�chste Beamte im Reich, der �Hausmeier�, regierte. Einer dieser Hausmeier hie� Karl und herrschte 25 Jahre lang mit starker Hand �ber das Frankenreich, weshalb er den Beinamen �Martell�, das hei�t �Hammer�, erhielt.</p><p>Nachdem es einem gro�en arabischen Heer gelungen war, �ber die Pyren�en in das Frankenreich einzudringen, marschierte ihm Karl Martell mit seiner Armee entgegen. Bei Tours und Poitiers siegte die fr�nkische Armee im Oktober 732 und dr�ngte die Araber wieder �ber die Pyren�en zur�ck. Dieser Sieg war f�r die weitere Geschichte Europas von gro�er Bedeutung. Die Ausbreitung des Islam war damit gestoppt und blieb auf das �Morgenland� beschr�nkt. Im �Abendland� ging die Christianisierung weiter, weshalb Karl Martell auch als �Retter des Abendlandes� gefeiert und geehrt wurde.</p><p>Karls Sohn Pippin wollte nicht mehr nur als Hausmeier regieren, er wollte K�nig werden � und er wusste auch wie. Weil die Kirche und ihr Oberhaupt bei den Franken hoch angesehen waren, suchte Pippin f�r sein Vorhaben die Unterst�tzung des Papstes. Er lie� in Rom anfragen, ob es eigentlich gut und richtig sei, dass jemand K�nig genannt werde, der in Wirklichkeit gar keine k�nigliche Macht mehr besitze. Der Papst antwortete, es sei besser, den als K�nig zu bezeichnen, der die Macht habe.</p><p>Nach diesem Spruch des Papstes wurde der Merowingerk�nig Childerich III. in ein Kloster verbannt und Pippin von den Adligen zum K�nig ausgerufen. Damit war die Herrschaft der Merowinger auch formal zu Ende.</p><p>Pippin wollte dem neuen K�nigsgeschlecht der Karolinger von Anfang an eine zus�tzliche Sicherung geben. Deshalb lie� er sich im November 751 von den Bisch�fen des Reiches mit geweihtem �l salben. Diese Salbung machte ihn zum christlichen K�nig, ja zum K�nig von Gottes Gnaden. Damit hat Pippin Politik, Religion und Kirche erstmals in der Geschichte in einer Weise verbunden, die f�r fast alle deutschen K�nige und Kaiser bis in unser Jahrhundert richtungsweisend war. Seit Pippin erhoben sie den Anspruch, ihr Amt von Gott zu haben und nach g�ttlichem Recht zu handeln.</p></section><section><p><strong>Karl der Gro�e</strong></p><p>Auch wer nur wenig von der Geschichte des Mittelalters wei�, hat bestimmt einen Namen und eine Zahl im Kopf: Karl der Gro�e und das Jahr 800, in dem er zum Kaiser gekr�nt wurde. �Vater Europas� und �Besch�tzer der Christenheit� wird Karl der Gro�e auch heute noch genannt.</p><p>Begonnen hat Karls Karriere, als er nach dem Tod seines Bruders Karlmann im Jahr 771 Alleinherrscher �ber das Frankenreich wurde. Wie die meisten K�nige vor und nach ihm f�hrte er viele Kriege, �ber die hier nicht im Einzelnen berichtet werden soll. Karls Ziel war von Anfang an, alle Germanen in sein Reich zu holen � es fehlten ihm noch die Langobarden, Bayern und Sachsen. Die beiden ersten unterwarf Karl ohne Probleme. Aber die Sachsen wehrten sich 32 Jahre mit allen Mitteln. Schlie�lich wurden sie doch besiegt und mussten den christlichen Glauben annehmen.</p><p>Damit hatte Karl sein Ziel erreicht: Zum ersten Mal in der Geschichte waren alle germanischen St�mme, die sp�ter zum deutschen Volk zusammenwuchsen, in einem Reich vereint. Das allein h�tte f�r manche schon ausgereicht, ihn �der Gro�e� zu nennen. Doch zu einem gro�en K�nig geh�rt mehr, als Kriege zu gewinnen.</p><p>Nach allem, was wir heute wissen, verstand sich Karl als eine Art Vater seiner gro�en V�lkerfamilie und k�mmerte sich mehr als andere K�nige um die Sorgen und N�te des einfachen Volkes, das ein armseliges Leben f�hrte. Er regierte nicht von einer Hauptstadt aus, sondern reiste oft durch das Reich, um sich selbst ein Bild von den Zust�nden zu machen. Daf�r gab es �berall so genannte �Pfalzen�, Pal�ste, in denen der K�nig Hof hielt. In manchen Pfalzen blieb er nur wenige Tage, in anderen viele Monate. Karls Lieblingspfalz war Aachen, wo er 814 starb und begraben wurde.</p><p>Trotz der vielen Reisen kam Karl in manche Gebiete des riesigen Reiches h�chstens alle paar Jahre. Deswegen lie� er sich von �berall her berichten und bestimmte dann, was zu geschehen hatte. Dabei regelte er auch kleinste Angelegenheiten wie den Verkauf von Feldfr�chten, Federvieh und Eiern.</p><p>Er lie� Wald roden, um mehr Ackerland f�r die Bauern zu schaffen, und f�hrte die �Dreifelderwirtschaft� ein, die schonender mit dem Ackerboden umging und zu besseren Ernten f�hrte.</p><p>Auch die Bildung lag Karl am Herzen. Er lie� Kloster- und Domschulen einrichten, in denen Kinder von freien Bauern und Handwerkern in Religion, Lesen und Schreiben unterrichtet wurden. Er selbst besch�ftigte sich mit allen Wissenschaften, mit Kunst und Literatur und war immer bem�ht, Neues zu lernen.</p><p>Karl sah sich jedoch nicht nur als Vater der Menschen im Frankenreich, sondern auch als Schutzherr aller Christen. Als er am Weihnachtsabend des Jahres 800 in Rom einen Gottesdienst besuchte, setzte ihm der Papst, dem Karl schon mehrfach gegen Angreifer geholfen hatte, eine Krone auf. Dann fiel er auf die Knie und rief: �Karl dem Erhabenen, dem von Gott gekr�nten gro�en und Frieden schaffenden Kaiser der R�mer, Leben und Sieg!�</p><p>Karl soll sehr erschrocken sein und sp�ter gesagt haben, dass er die Kirche nie betreten h�tte, wenn er von der Absicht des Papstes gewusst h�tte. Aber so wurde er der erste deutsche Kaiser des Mittelalters und gleichzeitig der weltliche F�hrer der Christenheit.</p><p>Dass Karl wirklich ein gro�er K�nig und Kaiser war, zeigte sich nach seinem Tod noch deutlicher als zu seinen Lebzeiten.</p></section><section><p><strong>Deutschland nimmt Gestalt an</strong></p><p>So merkw�rdig es klingen mag: F�r die Karolinger war es leichter gewesen, das Frankenreich zusammenzuerobern, als es zu regieren und zu verwalten. Bei den damaligen Verkehrswegen dauerte es Wochen, ja Monate, bis Anordnungen des Kaisers �berall im Reich bekannt waren. Ein gro�er Kaiser, wie Karl es war, konnte das Reich dank seiner Autorit�t noch zusammenhalten. Aber diese Autorit�t besa� sein Sohn Ludwig der Fromme nicht. Schon zu Ludwigs Lebzeiten begannen seine drei S�hne um das Erbe zu streiten. Zwei von ihnen � Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche � verb�ndeten sich gegen Lothar, ihren �lteren Bruder. Im Stra�burger Eid von 842 schworen sie sich vor ihren Heeren die Treue. Dieser Eid musste den Soldaten Karls in Altfranz�sisch, denen Ludwigs in Altgermanisch vorgelesen werden, damit sie ihn verstehen konnten. Das zeigt, dass Westfranken von Ostfranken auch durch eine Sprachgrenze getrennt war. Die Menschen in den verschiedenen Teilen des gro�en Frankenreiches verstanden einander nicht.</p><p>Nach dem Tod Ludwigs des Frommen erhielt Karl den westlichen, Ludwig den �stlichen Teil des Reiches und Lothar das Land in der Mitte. Als Lothars Geschlecht ausstarb, fielen gro�e Teile dieses Mittelst�ckes an West- und Ostfranken. Damit war der Kernbereich Europas geteilt, und die entstandene Grenze blieb f�r 800 Jahre fast unver�ndert.</p><p>Anfangs hielten trotz der Teilung alle noch an der Idee von der Einheit des karolingischen Reiches fest. Aber mit dem Aussterben der Karolinger im 10. Jahrhundert fielen die beiden Teile endg�ltig auseinander. Und mit der Wahl des Sachsen Otto I. durch die ostfr�nkischen Stammesf�rsten zu ihrem K�nig begann im Jahr 936 endg�ltig die deutsche Geschichte, auch wenn von Deutschland oder einem Deutschen Reich noch keine Rede war.</p></section><section><p><strong>Die mittelalterliche Ordnung</strong></p><p>Mit Otto I. sa� 150 Jahre nach Karl dem Gro�en wieder ein starker Herrscher auf dem Thron. Ihm gelang es, die Macht der Stammesherz�ge einzuschr�nken und die Macht des K�nigshauses wieder zu festigen. Wesentlich dazu beigetragen hat der Sieg �ber die Ungarn, die mehrfach mit Reiterheeren aus dem Osten zu Raubz�gen ins Reich eingedrungen waren. Im Jahr 955 schaffte es Otto I. mit seinem Heer, die Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg so entscheidend zu schlagen, dass sie sich nie mehr so weit vorwagten. Damals soll ihm der Beiname �der Gro�e� gegeben worden sein.</p><p>Sieben Jahre sp�ter wurde er vom Papst in Rom zum Kaiser gekr�nt und galt damit als Nachfolger Karls des Gro�en. Von nun an waren die deutschen K�nige wieder R�mische Kaiser und Schutzherren der Christenheit. Ihnen geh�rte das Land von Italien bis zur Nordsee, vom Rhein bis zur Elbe. Immer noch war die Sicherung und Verwaltung eines so gro�en Reiches nicht einfach. F�r beides war der Kaiser auf Hilfe angewiesen. Er suchte sich geeignete Gefolgsleute, die ihm mit Rat und Tat zur Seite standen und daf�r belohnt wurden. �Vasallen� nannte man diese Gefolgsleute, und der Kaiser bezahlte sie nicht mit Geld, sondern mit Landg�tern. Die bekamen sie allerdings nicht als Eigentum, sondern nur geliehen. Solche Landg�ter nannte man �Lehen�, die Vasallen waren Lehnsm�nner des Kaisers. Viele Lehen waren so gro�, dass die Besitzer selbst wieder Lehnsm�nner brauchten, so genannte Untervasallen. Und selbst die konnten wieder Vasallen haben.</p><p>Mit der Zeit bildete sich eine Lehnsordnung heraus, die genau festlegte, wer wessen Lehnsherr sein durfte. Als direkte Lehnsm�nner des Kaisers kamen nur die h�chsten weltlichen und geistlichen Adligen in Frage. Diese Reichsf�rsten konnten Lehen an Grafen und Freiherrn vergeben und die wieder an Ritter und hohe Beamte.</p><p>Als Lehen konnten nicht nur Land samt allen darauf lebenden Bauern vergeben werden, sondern auch Herrschaftsrechte des Kaisers wie Gerichts-, Markt-, Zoll- und M�nzrechte. Lehnsherr und Lehnsmann schworen sich gegenseitig einen Treueeid: �Deine Feinde sind meine Feinde, deine Freunde sind meine Freunde. Ich will dir allzeit treu zugetan und gegenw�rtig sein, wenn du mich brauchst.�</p><p>Urspr�nglich erhielten Vasallen ihr Lehen nur auf Lebenszeit, aber im Lauf der Zeit wurde es �blich, Lehen an die Erstgeborenen weiterzugeben � sie wurden erblich und damit der Verf�gungsgewalt des Kaisers entzogen. Das trug langfristig zur St�rkung der Reichsf�rsten bei.</p><p>Die mittelalterliche Ordnung in Staat und Gesellschaft beruhte auf dem Lehensprinzip. Weil das lateinische Wort f�r Lehen �feudum� hei�t, sprechen wir von einer Feudalordnung. Welche Stellung jemand in der mittelalterlichen Gesellschaft einnahm, war bestimmt durch den Stand, in den er hineingeboren wurde. Das Standesdenken war stark ausgepr�gt. Die verschiedenen St�nde unterschieden sich nicht nur in ihrem Ansehen und ihrem Verm�gen, sondern auch in ihrer Kleidung voneinander. Man kleidete sich �anst�ndig�, also so, wie es nach festgelegten Regeln f�r die einzelnen St�nde vorgeschrieben war. Den B�uerinnen war es zum Beispiel verboten, eng anliegende, ausgeschnittene Kleider, Pelze oder teuren Schmuck zu tragen, auch wenn sie es sich leisten konnten. Diese Dinge waren adligen Damen und reichen B�rgerinnen vorbehalten.</p></section><section><p><strong>Vom Leben des �gemeinen Volkes�</strong></p><p>Zur Zeit Karls des Gro�en lebten auf dem Gebiet Deutschlands etwa 4 Millionen Menschen, die allermeisten davon als Bauern. Viele besa�en eigenes Land, waren frei und hatten das Recht, Waffen zu tragen. Damit waren sie auch verpflichtet, mit dem K�nig in den Krieg zu ziehen. Weil der K�nig viele Kriege f�hrte, waren die Bauern oft nicht auf ihren H�fen, wenn es Zeit gewesen w�re, zu s�en und zu ernten � und viele kamen nie mehr nach Hause.</p><p>Um der Kriegspflicht zu entgehen, unterstellten sich freie Bauern den Adligen, Bisch�fen und Kl�stern. Diese �bernahmen dann f�r ihre Bauern die Kriegspflicht, sch�tzten sie auch vor �berf�llen und halfen ihnen in Notzeiten. Das taten die neuen Herren nat�rlich nicht umsonst. Die Bauern mussten ihnen daf�r ihren Besitz �bergeben. Zwar durften sie das Land weiter bewirtschaften, mussten aber einen Teil der Ernte und regelm��ig Fleisch, K�se, Milch und Eier abliefern. Au�erdem mussten die Bauern �Frondienste� leisten, das hei�t ohne Lohn auf den Wiesen und Feldern ihres Herrn mitarbeiten. Sie mussten Wege anlegen, Br�cken bauen und beim Bau von Burgen und Schl�ssern mithelfen. Sie konnten auch nicht einfach wegziehen, denn sie geh�rten zu dem Land, das sie bebauten. Deswegen nannte man sie �H�rige�. Der Grundherr durfte ihnen zwar alles befehlen, aber vom Hof vertreiben oder verkaufen durfte er die H�rigen nicht, denn sie waren nicht sein Eigentum.</p><p>Anders sah die Sache bei den �Leibeigenen� aus. Nach germanischer und r�mischer �berlieferung galten sie nicht als Personen, sondern als Sachen. Sie waren v�llig rechtlos und wurden nicht besser behandelt als das Vieh. �Wenn ich das nicht erf�lle oder mich Eurem Dienst irgendwie entziehen will, sollt Ihr das Recht haben, mich nach Gutd�nken zu bestrafen, zu verkaufen oder sonst mit mir zu tun, was Ihr wollt�, hei�t es in einer Schwurformel zwischen Leibherr und Leibeigenem.</p><p>Um das Jahr 1000 gab es nur noch wenige freie Bauern und den meisten von ihnen ging es nicht besser als den H�rigen. Ob frei, h�rig oder leibeigen, das �gemeine Volk� wurde von den h�heren St�nden verachtet. Davon zeugen Spr�che wie: �Der Bauer und sein Stier sind zwei grobe Tier� oder: �Der Bauer ist an Ochsen statt, nur dass er keine H�rner hat.� Dabei trugen die Bauern alle anderen St�nde sozusagen auf ihren Schultern.</p><p>Die Bauern lebten zusammen in kleinen D�rfern, die 20 bis 30 H�fe umfassten. Jeder war auf die Mithilfe des anderen angewiesen, deshalb wurden die wichtigsten Arbeiten miteinander geplant und ausgef�hrt. Vor allem das Roden der W�lder konnte nur gemeinsam geschafft werden. Daran hatten die Bauern und der Grundherr ein gro�es Interesse. Denn mehr Land f�r Ackerbau und Viehzucht bedeutete zwar noch mehr Arbeit, aber auch mehr Einkommen. Die landwirtschaftliche Nutzfl�che war in drei Hauptfl�chen aufgeteilt, an denen jeder Bauer seinen Anteil hatte. Auf einem Teil wurde Sommergetreide, auf einem Wintergetreide angebaut. Der dritte Teil blieb ein Jahr unbebautes Brachland, damit sich der Boden wieder erholen konnte. Diese Dreifelderwirtschaft hatte seit der Zeit Karls des Gro�en nach und nach die alte Zweifelderwirtschaft abgel�st.</p><p>Um das Ackerland zog sich die �Allmende�. Das waren W�lder und Wiesen, die der Allgemeinheit geh�rten und von allen Dorfgenossen genutzt wurden. Auf den Weiden weidete das Vieh, die W�lder lieferten Bau- und Brennholz. Zur Allmende geh�rten auch B�che, Fl�sse und Seen.</p><p>Die Arbeitszeit wurde durch die Jahreszeit bestimmt. Im Sommer standen die Bauern zwischen vier und f�nf Uhr auf. Die erste Mahlzeit nahmen sie erst zwischen neun und zehn ein, die zweite am sp�ten Nachmittag. Gegessen wurden vor allem Suppen, Hafer-, Mehl- und Hirsebrei, dazu gab es Brot aus Roggenmehl, Gem�se, Eier, K�se und Milchspeisen. Seltener kamen Fisch oder Huhn auf den Tisch und im Winter schlachtete man ein Schwein. Manchmal fing man mit Schlingen oder Fallen einen Hasen oder ein Reh, bis das im 14. Jahrhundert von den Grundherren verboten wurde. Zu trinken gab es Wasser und Milch. Sobald es dunkel wurde, ging man schlafen, denn �l f�r Lampen war teuer.</p><p>Wohnraum und Stall waren zwar getrennt, lagen aber unter einem Dach. In den meisten Bauernh�usern bestand der Wohnbereich nur aus einem einzigen Raum. Darin standen ein Tisch, ein paar B�nke an den W�nden, dreibeinige Hocker und manchmal ein Bettgestell. Meistens wurde auf Strohs�cken geschlafen. Wenn am Morgen das Tageslicht durch die mit Weidengeflecht oder Schweinsblasen nur notd�rftig verschlossenen Fensterl�cher fiel, begann f�r die Familie wieder ein harter Arbeitstag. Auch die Kinder mussten schon kr�ftig mithelfen. Sie trugen die gleichen Kleider wie die Erwachsenen, arbeiteten wie die Erwachsenen und f�hrten das gleiche Leben. Es gab auch keine Schulen, wie wir sie heute kennen. Bildung war Adligen oder wohlhabenden B�rgern vorbehalten, die in Universit�ten, Kl�stern oder von Privatlehrern unterrichtet wurden. Deshalb konnten die Bauern weder lesen noch schreiben.</p><p>Sehr fr�h wurden Ehen geschlossen. M�dchen wurden oft schon mit 13 Jahren verheiratet. Eine Vorschrift des Klosters Weitenau im Schwarzwald besagte zum Beispiel, dass der Probst �jeder Frau des Klosters, die 14 Jahre alt ist, bei Strafe von einem Pfund gebieten soll, einen Mann zu nehmen�. F�r die M�nner wurde das Heiratsalter auf 18 bis 20 Jahre festgesetzt. Dies wurde so strikt geregelt, weil die Grundherren die Zahl ihrer Untertanen vergr��ern oder wenigstens halten wollten. Ehepaare bekamen durchschnittlich sechs bis acht Kinder, von denen jedes vierte schon im ersten Lebensjahr starb. Viele Kinder wurden nicht einmal zehn Jahre alt.</p><p>Auch viele Frauen starben sehr fr�h, weil die zahlreichen Schwangerschaften und die schwere Arbeit sie schw�chten und f�r Krankheiten anf�llig machten.</p><p>Die gro�e Mehrheit der Menschen f�hrte also ein beschwerliches Leben in Armut und Unwissenheit. Daran �nderte sich bis ins 15. Jahrhundert so gut wie gar nichts und bis ins 18. Jahrhundert nicht viel, egal welcher K�nig oder Kaiser gerade regierte.</p></section><section><p><strong>Macht Stadtluft frei?</strong></p><p>Vor tausend Jahren gab es in Deutschland etwa 200 St�dte. Das waren nat�rlich keine St�dte, wie wir sie kennen. Die meisten hatten nicht einmal tausend Einwohner. Neben den alten R�merst�dten wie Trier, Worms, K�ln und Mainz entstanden neue. Weil der Handel mit G�tern aus nah und fern zunahm, brauchten die H�ndler sichere Pl�tze, wo sie ihre Waren lagern und anbieten konnten. Deswegen wuchsen viele neue Siedlungen an Kreuzungen wichtiger Handelswege, an Fluss�berg�ngen und H�fen. Auch in der N�he von Burgen und Kl�stern wuchsen Siedlungen, die zu St�dten wurden.</p><p>Das Zentrum einer Stadt war ihr Marktplatz, auf dem Kaufleute, Handwerker und Bauern ihre Waren anboten. Wer seine Waren auf dem Markt verkaufen wollte, musste an den Stadtherrn (K�nig, Herzog, Bischof, Graf) zuvor etwas bezahlen. Marktgeb�hren und Z�lle wurden zu neuen Einnahmequellen f�r die Stadtherren. Deshalb waren sie sehr daran interessiert, ihre St�dte f�r Kaufleute und Handwerker attraktiv zu machen. Zum Schutz des Marktes und der B�rger wurde um die Stadt herum eine Mauer gebaut.</p><p>Um den Handel besser organisieren zu k�nnen, schlossen sich die Kaufleute zu so genannten �Gilden� zusammen. Und was f�r die Kaufleute die Gilden, waren f�r die Handwerker die �Z�nfte�. Die Zunftordnung regelte f�r jedes Handwerk die Rechte und Pflichten der Meister, Gesellen und Lehrlinge. Auch was in welcher Anzahl und Qualit�t hergestellt werden durfte, bestimmten nicht die einzelnen Meister, sondern die Z�nfte. Ebenso die Preise und L�hne. Die Z�nfte wachten streng �ber die Einhaltung ihrer Regeln. Und sie gewannen bald auch gro�en Einfluss auf die Stadtpolitik. Reiche Handwerksmeister und wohlhabende Kaufleute wurden zu einer Art neuen Adelsschicht, die man �Patrizier� nannte. F�r sie galt der Satz �Stadtluft macht frei� tats�chlich. Formal galt er f�r alle B�rger einer Stadt. Anders als die meisten Bauern waren sie pers�nlich frei, das hei�t, sie konnten Wohnung und Beruf frei w�hlen, konnten heiraten, wen sie wollten, �ber ihren Besitz frei verf�gen, ihn vermehren oder verkaufen � wenn sie welchen hatten! Denn die meisten Menschen in der Stadt hatten kaum mehr, als sie zum Leben brauchten. Die st�dtische Freiheit hat die Unterschiede zwischen Reich und Arm nicht beseitigt. Neben den wohlhabenden Kaufmannsfamilien und reichen Handwerksmeistern gab es viele arme Handwerksgesellen, Knechte und M�gde. Sie wohnten oft im Haus ihrer Herren und Meister und hatten zu tun, was man ihnen befahl. Sie waren tats�chlich kaum freier als h�rige Bauern.</p><p>Die pr�chtigen H�user der Patrizier standen meistens in der N�he des Marktplatzes. Etwas abseits davon wurden die Gassen enger, die H�user einfacher und schmuckloser. Da der Platz in den St�dten bald knapp wurde, baute man die H�user h�her. Im Erdgeschoss befanden sich die Arbeitsr�ume, im ersten Stock Wohn- und Schlafzimmer. Unter dem Dach hatten Lehrlinge und Gesinde ihre Schlafst�tten, die oft nur aus einem Strohlager bestanden. Die Nahrung der einfachen Menschen in der Stadt unterschied sich kaum von der der Bauern. Die meisten waren froh, wenn sie jeden Tag satt wurden. Nur die wohlhabenden B�rger konnten sich regelm��ig Mahlzeiten mit Fleisch, Fisch, Gem�se, Salaten und dazu Wein leisten.</p><p>Eine Gruppe von Menschen lebte in den St�dten isoliert: die Juden. Ihre eigene Religion, ihre Sitten und Gebr�uche trennten sie von den Christen. Als Nichtchristen waren sie im Grunde rechtlos. Aber seit der Karolingerzeit standen sie unter dem besonderen Schutz des K�nigs � den sie allerdings bezahlen mussten. Das war f�r sie meistens kein Problem, denn es gab viele reiche Juden. Deren Reichtum aber weckte den Neid der Nichtjuden. Und dass sie im Gegensatz zu den Christen f�r ausgeliehenes Geld Zinsen nehmen durften, auch Wucherzinsen, steigerte die Abneigung vieler Christen noch.</p><p>Die Kirche trat f�r eine strenge Isolierung der Juden von der christlichen Bev�lkerung ein. Juden durften keine Christen heiraten, keine Grundst�cke kaufen, kein Handwerk aus�ben, nicht in der Verwaltung arbeiten und mussten in eigenen Vierteln, den �Gettos�, wohnen. Hier stand die Synagoge, hier predigte der Rabbiner und hier lag auch der Judenfriedhof.</p><p>Aus dem Jahr 1215 stammt eine Verordnung, nach der sich Juden durch eine besondere Kleidung als Juden kenntlich machen mussten. Man zwang sie, einen spitzen Hut zu tragen und einen gelben Fleck auf ihre Kleider zu n�hen. Und schon im Mittelalter kam es immer wieder zu Ausschreitungen gegen Juden, zu Verfolgungen und Mord.</p><p>So frei, wie seit Jahrhunderten behauptet und erz�hlt wird, machte die Stadtluft also keineswegs. Und weil in den St�dten viele Leute auf engem Raum zusammenlebten, waren die hygienischen Verh�ltnisse oft schlechter als in den D�rfern. In den Stra�en und Gassen lag allerlei Unrat, das Trinkwasser war schmutzig, die Lebensmittel oft verdorben, was zu Krankheiten und Seuchen f�hrte. Manchmal starben ein Viertel und mehr der Einwohner einer Stadt an solchen Seuchen, vor allem an der Cholera und am �schwarzen Tod�, der Pest.</p><p>Nach zwei Kapiteln �ber das Alltagsleben im Mittelalter handelt das folgende wieder von der gro�en Politik. Die mittelalterlichen Menschen waren von dieser Politik zwar betroffen, aber anders als die Menschen heute gestalteten sie sie nicht mit. Oft nahmen sie das politische Geschehen �berhaupt erst dann wahr, wenn sie, wie in Kriegszeiten, Opfer wurden.</p></section><section><p><strong>Wer ist der H�chste im Land?</strong></p><p>Seit Otto I. gab es wieder einen �R�mischen Kaiser�, der sich als Schutzherr und weltlicher F�hrer der Christenheit sah. Gleichzeitig beanspruchte der Papst in Rom die Rolle des geistlichen F�hrers. W�hrend die Ottonen, wie das Geschlecht nach ihrem bedeutendsten Vertreter Otto I. genannt wurde, auf dem Thron sa�en, gab es keine ernsthaften Probleme zwischen Papst und Kaiser. Auch als im Jahre 1024 das Geschlecht der Salier die Ottonen abl�ste, �nderte sich daran nichts. Die Autorit�t der Ottonen und der ersten Salier-Kaiser war so gro�, dass sie �bte und Bisch�fe ihres Vertrauens einsetzen konnten. Heinrich III. ging sogar noch weiter: Er setzte drei P�pste ab und ersetzte sie durch deutsche Bisch�fe. In den siebzehn Jahren seiner Regentschaft sa�en f�nf Deutsche auf dem Heiligen Stuhl in Rom. Alle f�nf sind jedoch fr�h gestorben, und schon Zeitgenossen munkelten, es sei mit Gift nachgeholfen worden.</p><p>Vielen Geistlichen ging der Einfluss der weltlichen Herrscher auf die Kirche schon lange zu weit. Als Heinrich III. mit erst 39 Jahren starb und ihm sein minderj�hriger Sohn Heinrich IV. nachfolgte, sahen diese Geistlichen eine gro�e Chance zum Handeln. Sie setzten durch, dass der Papst ohne Einmischung des Kaisers von sieben Kardin�len gew�hlt wurde.</p><p>Im Jahr 1075 verlangte der neue Papst Gregor VII. noch mehr: Nur der Papst d�rfe Bisch�fe einsetzen und absetzen. Ja, er k�nne sogar den Kaiser absetzen und die Untertanen von ihrem Treueeid entbinden. Das hatte zuvor noch kein Papst auszusprechen gewagt.</p><p>Der junge deutsche K�nig wollte auf das Recht zur Einsetzung (Investitur) von Bisch�fen keinesfalls verzichten und erkl�rte den Papst f�r abgesetzt. Daraufhin �bannte� der Papst den K�nig, das hei�t, er schloss ihn aus der Kirche aus. Der Bannspruch des Papstes wurde in vielen Kirchen vorgelesen: �Zur Ehre und zum Schutz der Kirche entziehe ich im Namen des allm�chtigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, kraft der Macht und Gewalt des Apostels Paulus, dem K�nig Heinrich, Kaiser Heinrichs Sohn, die Herrschaft �ber das Reich der Deutschen und �ber Italien und l�se alle Christen von dem Treueeid, welchen sie ihm geleistet haben oder noch leisten werden, und ich untersage jedem, ihm k�nftig als einem K�nig zu dienen.� � Die Menschen konnten es kaum fassen. Ihr K�nig im Bann wie der schlimmste Verbrecher. So etwas hatte es noch nie gegeben.</p><p>Der Bann zeigte Wirkung. Viele Lehnsm�nner des K�nigs schlugen sich in diesem Streit auf die Seite des Papstes. Zum einen, weil sie selbst vom Bann bedroht waren; zum andern, weil sie darin eine M�glichkeit sahen, die eigene Macht zu st�rken. Sie stellten Heinrich ein Ultimatum: Falls er nicht innerhalb eines Jahres vom Bann gel�st sei, wollten sie einen neuen K�nig w�hlen. Wenn Heinrich also K�nig bleiben wollte, musste er sich mit dem Papst vers�hnen. Mitten im Winter machte er sich auf den Weg nach Italien. Zur gleichen Zeit war der Papst auf dem Weg nach Deutschland, um mit den deutschen F�rsten �ber das Schicksal des K�nigs zu entscheiden. Als er h�rte, dass Heinrich nicht mehr weit sei, f�rchtete er einen bewaffneten Angriff und floh in die Burg Canossa. Heinrich folgte ihm ohne Soldaten. Es hei�t, der Papst habe ihn drei Tage lang in einem B��ergewand im Vorhof der Burg warten lassen, bevor er ihn empfing. Heinrich habe um Gnade gebettelt und schlie�lich habe der Papst den Bann aufgehoben.</p><p>Noch heute spricht man vom �Gang nach Canossa�, wenn jemand bei einem Gegner um Gnade bitten und sich dabei in gewisser Weise dem�tigen muss.</p><p>Mit dem Canossagang war der �Investiturstreit� allerdings nicht beendet. Es ging auch nicht mehr nur um Heinrich und Gregor. In dieser langen Auseinandersetzung ging es letztlich um die Frage, ob die weltliche oder die geistliche Macht an erster Stelle stehen sollte. F�r alle g�ltig beantwortet wurde diese Frage bis zum Ende des Mittelalters nicht.</p></section><section><p><strong>Von edlen Rittern</strong></p><p>Wer heute durch Deutschland reist, kann an vielen Orten Burgen und Burgruinen sehen. Sie sind ein �berbleibsel aus der Ritterzeit.</p><p>Ritter waren zun�chst einmal nichts anderes als Lehnsm�nner, die mit ihrem Herrn in die Schlacht ritten. Aus diesen schwer ger�steten Reitern entstand allm�hlich ein eigener Stand mit einer eigenen Lebensweise und strengen Regeln. Das begann schon mit der Ausbildung. Dabei sollten �Pagen� und �Knappen� nicht nur Reiten und K�mpfen, sondern auch gutes und h�fliches Benehmen lernen. Vor allem aber sollten sie begreifen, dass der wahre Ritter nicht f�r den eigenen Vorteil k�mpft, nicht aus Ruhmsucht oder gar zum Vergn�gen, sondern stets zum Schutz des Glaubens und der Gerechtigkeit. Er hilft den Schwachen und Bed�rftigen, ist edelm�tig, gro�z�gig, ehrenhaft und ohne Furcht und Tadel. Diesem Idealbild haben mit Sicherheit nicht alle Ritter entsprochen � man denke nur an die Raubritter.</p><p>In Friedenszeiten galten die Jagd und die Teilnahme an Turnieren als standesgem��er Zeitvertreib f�r einen Ritter. Zur ritterlichen Lebensweise geh�rte auch die so genannte �Minne�, die Verehrung adliger Frauen, um deren Gunst und Liebe bei Turnieren gek�mpft wurde. Manche r�hmten die Frauen auch in Erz�hlungen und Gedichten, die sie zur Laute vortrugen. Als die bekanntesten �Minnes�nger� gelten heute Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Hartmann von Aue und Heinrich von Ofterdingen.</p><p>Aus der Ritterzeit stammen einige Werke der Weltliteratur, unter anderem das <emphasis>Nibelungenlied</emphasis> und der <emphasis>Parzival</emphasis>.</p><p>Zum ersten Mal schrieben Dichter nicht in Latein, sondern in ihrer Sprache, in der Sprache des Volkes.</p><p>Eines der sch�nsten Liebesgedichte deutscher Sprache stammt vermutlich von einem Minnes�nger. Wir kennen seinen Namen nicht, aber sein Gedicht r�hrt uns bis heute � und wir m�ssen es nicht einmal in modernes Deutsch �bersetzen:</p><p>D� bist m�n, ich bin d�n: des solt d� gewis s�n. d� bist beslozzen in m�nem herzen: verlorn ist daz sl�zzel�n: d� muost immer drinne s�n.</p><p>Viele Ritter nahmen an den Kreuzz�gen teil, mit denen die christlichen St�tten im �Heiligen Land� von den Arabern zur�ckerobert werden sollten. Dabei benahmen sie sich alles andere als ritterlich. Gleich beim ersten Kreuzzug (1096 bis 1099) richteten sie ein furchtbares Blutbad in Jerusalem an.</p><p>Den dritten Kreuzzug von 1189 bis 1192 f�hrte der Stauferkaiser Friedrich I. Er stammte aus einer Ritterfamilie, die ihre Burg auf dem Hohenstaufen im Schwabenland hatte. Wegen seines r�tlichen Bartes wurde er von den Italienern �Barbarossa� genannt. W�hrend seiner Regierungszeit zog er sechsmal nach Italien, um seinen Herrschaftsanspruch durchzusetzen und die reichen St�dte Oberitaliens zur Zahlung von Steuern und Abgaben zu zwingen. Bei dem Kreuzzug, den der 68-j�hrige Barbarossa nach Jerusalem f�hrte, ist er am 10. Juni 1190 in einem Fluss ertrunken.</p><p>Die Nachricht vom Tod des beliebten Kaisers l�ste in Deutschland gro�e Trauer aus. Viele wollten nicht glauben, dass Barbarossa wirklich tot war. Bald wurden Geschichten erz�hlt, in denen er weiterlebte. Der Sage nach sitzt er bis heute schlafend im Kyffh�userberg in Th�ringen, von wo er eines Tages kommen wird, um die alte Macht und Herrlichkeit des Deutschen Reiches wieder erstrahlen zu lassen.</p></section><section><p><strong>Wer will Kaiser sein?</strong></p><p>Nach dem Aussterben der Staufer im 13. Jahrhundert war das Ansehen der Kaiserkrone so tief gesunken, dass keiner der F�rsten sie haben wollte. Das Reich drohte in eine Vielzahl weltlicher und geistlicher F�rstent�mer, Graf- und Ritterschaften und Freie St�dte zu zerfallen. Am m�chtigsten waren die sieben Kurf�rsten (die Erzbisch�fe von K�ln, Mainz und Trier, der K�nig von B�hmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Markgraf von Brandenburg und der Herzog von Sachsen), die allein das Recht hatten, einen neuen Kaiser zu w�hlen. Weil auch sie mehr an ihren eigenen Vorteil als an das Wohl des Reiches dachten, waren sie nicht an einem starken Herrscher interessiert. Und weil sie sich nicht einigen konnten, blieb das Reich von 1254 bis 1273 ohne Regierung. Diese Zeit wird nicht nur die �kaiserlose�, sondern auch die �schreckliche� genannt. Kaufleute, D�rfer, ja ganze St�dte wurden von Raubrittern und pl�ndernden Horden �berfallen. Kein Leben und kein Eigentum war sicher. Wer st�rker war, nahm sich, was er haben wollte. Gesetze wurden nicht mehr geachtet, es herrschte nur noch das Faustrecht.</p><p>Um diesen Zustand zu beenden, trafen sich die Kurf�rsten im September 1273 zur Wahl eines Kaisers in Frankfurt. Einer von ihnen, K�nig Ottokar II. von B�hmen, w�re selbst gern Herrscher des ganzen Reiches geworden. Aber er war den anderen Kurf�rsten ohnehin schon zu m�chtig, sodass sie lieber den vermeintlich schwachen Grafen Rudolf von Habsburg w�hlten. Bald sollte sich herausstellen, dass sie sich in ihm get�uscht hatten.</p><p>Rudolfs Stammsitz, die Habsburg, lag im Aargau in der Schweiz. Verglichen mit den Kurf�rsten war er zwar nur ein kleiner Graf, aber er galt als klug und z�h. Gleich zu Beginn seiner Regierungszeit ging er hart gegen die Raubritter vor, lie� viele hinrichten und ihre Burgen zerst�ren. Dann erlie� er ein Gesetz �ber den Landfrieden, nach dem jeder Gesch�digte vor dem Richter Klage erheben und Schadenersatz verlangen konnte. Wie schon Karl der Gro�e zog er durch das Reich, um selbst nach dem Rechten zu sehen. �Ich bin nicht K�nig geworden, um mich einzuschlie�en. Meine Augen sollen alles sehen und meine Ohren alles h�ren, was im Lande vor sich geht�, sagte er. Und ein Zeitgenosse schrieb �ber Rudolf: �Er verbreitet Furcht und Schrecken bei den ungerechten Gro�en und Freude unter dem Volk.�</p><p>Ein �Gro�er� allerdings zeigte von Anfang an keine Furcht vor dem �armen Grafen�, wie er Rudolf herablassend nannte: der b�hmische K�nig Ottokar. Er verweigerte Rudolf die Anerkennung und verh�hnte ihn sogar. Am 26. August 1278 standen sich die beiden mit ihren Soldaten auf dem Marchfeld bei Wien gegen�ber. Ottokars Heer wurde besiegt, er selbst auf der Flucht get�tet. Bald danach wurde Ottokars Reich aufgeteilt. Mit Zustimmung der Kurf�rsten erhielten Rudolfs S�hne �sterreich, die Steiermark, K�rnten und Krain als Lehen. Damit war der Grundstein f�r eine starke Stellung der Habsburger im Deutschen Reich gelegt. Durch geschicktes Verheiraten seiner drei S�hne und sechs T�chter und durch die Vergabe neuer Lehen an Familienmitglieder gelang es Rudolf, die Habsburger innerhalb von zwei Jahrzehnten zu einem der m�chtigsten Geschlechter in Europa zu machen. Und als an die geistlichen Kurf�rsten seiner Zeit niemand mehr dachte und die Familien der weltlichen Kurf�rsten l�ngst ausgestorben waren oder keine Macht mehr besa�en, regierten die Nachkommen des �armen Grafen Rudolf von Habsburg� noch immer als deutsche und �sterreichische Kaiser, der letzte bis 1918.</p></section><section><p><strong>Finstere Zeiten</strong></p><p>Das ausgehende 13. und noch mehr das 14. Jahrhundert waren unruhige und unsichere Zeiten. Nachdem der Habsburger Albrecht I. im Jahr 1308 von seinem Neffen ermordet worden war, machten die Kurf�rsten den Grafen Heinrich aus dem Hause Luxemburg zum deutschen K�nig. Als er f�nf Jahre sp�ter starb, konnten sich die Kurf�rsten nicht einigen und w�hlten gleich zwei K�nige: den Habsburger Friedrich und den Wittelsbacher Ludwig. Das war und blieb einmalig in der deutschen Geschichte und machte ein Grundproblem des Reiches deutlich: die Schw�che des K�nig- beziehungsweise Kaisertums. Weil die deutschen K�nige und Kaiser von der Zustimmung der m�chtigen Kurf�rsten abh�ngig waren, konnte sich kein Machtzentrum mit einer Hauptstadt entwickeln, von wo aus das Reich dauerhaft regiert und verwaltet wurde.</p><p>Zur politischen Unsicherheit kam noch die gro�e Plage des zu Ende gehenden Mittelalters: die Pest. Im Lauf des 14. Jahrhunderts fiel ihr etwa ein Drittel der Bev�lkerung zum Opfer. Ganze Landstriche ver�deten. Die Welt musste den Menschen als ewiges Jammertal mit Hunger, Pest und Kriegen erscheinen. Und auch von ihrer letzten Hoffnung, der Kirche, wurden viele entt�uscht. Denn sie erkannten den Widerspruch zwischen dem, was die Geistlichen verk�ndeten, und dem, was sie taten. Gepredigt wurden N�chstenliebe und Gen�gsamkeit, doch gleichzeitig lebten viele Kirchenm�nner in Saus und Braus und waren mehr an weltlicher Macht als an einem Leben nach Gottes Geboten interessiert. So verloren die Menschen allm�hlich das Vertrauen in die Kirche und damit ihren letzten Halt. Sie glaubten nicht mehr, dass diese Ordnung � oder besser gesagt Unordnung � von Gott gewollt war. Das Verhalten der geistlichen und weltlichen Obrigkeit konnte nicht in Gottes Sinn sein. Viele Menschen verweigerten der Obrigkeit erstmals den Gehorsam und erhoben sich gegen sie. In den St�dten und auf dem Land kam es zu Aufst�nden, die jedoch meistens blutig niedergeschlagen wurden.</p><p>Diese finsteren Zeiten meinte man, wenn man sp�ter das ganze Mittelalter �finster� nannte. Damit aber tat man den mittelalterlichen Menschen Unrecht. Das Mittelalter war auch eine Zeit gro�er politischer, wissenschaftlicher und kultureller Leistungen.</p><p>Mittelalterliche Baumeister begannen schon im 11. Jahrhundert mit dem Bau der romanischen Dome von Worms und Speyer. Im 13. Jahrhundert wurden die Grundsteine f�r die gotischen Kathedralen in Freiburg, K�ln und Stra�burg gelegt. Im 14. Jahrhundert folgten die Ulmer mit dem Bau ihres M�nsters. Zur gleichen Zeit wurden in Prag, Wien, Heidelberg und K�ln Universit�ten gegr�ndet, in denen nicht nur der rechte Glaube, sondern auch das wissenschaftliche Denken gelehrt wurde.</p><p>Das B�rgertum in den St�dten forderte und erhielt erste politische Mitwirkungsrechte. Im Jahr 1396 entstand in K�ln eine erste Verfassung, nach der alle B�rger ein Mitbestimmungsrecht in der Stadtpolitik besa�en.</p><p>Das alles vergisst, wer vom �finsteren Mittelalter� spricht.</p></section><section><p><strong>Eine neue Zeit beginnt</strong></p><p>Es waren auch und gerade Gelehrte, denen das ausgehende Mittelalter finster erschien. Deshalb wandten sie den Blick zur�ck in eine Zeit, die ihnen heller vorkam. Von Italien ausgehend, erwachte ein neues Interesse am Altertum. Schriften, Bildnisse und Bauwerke der r�mischen und griechischen Vergangenheit wurden wiederentdeckt. Daran wollte man ankn�pfen, um die Finsternis der eigenen Zeit zu �berwinden. Durch die Wiedergeburt, die �Renaissance�, der Antike sollte eine neue Zeit beginnen.</p><p>Die mittelalterlich-christliche Auffassung, dass das Leben nur den einen Sinn habe, sich auf das Jenseits vorzubereiten, galt nicht mehr. Man wandte sich dem Diesseits zu und stellte den Menschen in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen und k�nstlerischen Interesses. Ausgehend vom antiken Menschenbild, wurde der Mensch wieder als ein Wesen gesehen, das nicht nur Teil eines Ganzen ist, sondern seinen Zweck in sich selbst hat. Die Gebildeten suchten Antworten auf Fragen und Probleme nicht mehr in der Bibel und bei den Kirchenv�tern, sondern bei den Philosophen und Dichtern der Antike.</p><p>Diese geistige Bewegung, die sich von Florenz �ber ganz Europa ausbreitete, nennt man �Humanismus�. Die Humanisten gewannen neue Erkenntnisse, indem sie den Menschen und die Natur beobachteten und erforschten � und nicht immer war die Kirche mit diesen Erkenntnissen einverstanden. Die ihr am wenigsten genehmen versuchte sie sogar zu verbieten, so zum Beispiel Nikolaus Kopernikus� Entdeckung, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums steht.</p><p>Dass die neuen Gedanken und Erkenntnisse schneller als fr�her verbreitet werden konnten, war dem Mainzer Johannes Gutenberg zu verdanken. Um 1450 war es ihm gelungen, B�cher mit beweglichen Buchstaben aus Metall zu drucken. Das ging viel schneller und war viel billiger, als die B�cher mit der Hand abzuschreiben. Bald gab es in Deutschland und �berall in Europa Druckereien, die B�cher, Bibeln und andere Schriften druckten. Trotzdem waren die B�cher noch so teuer, dass nur wenige Leute sie kaufen konnten. Schneller unters Volk kamen kleine Schriften und vor allem Flugbl�tter, die in den St�dten viele Leser fanden. Auf dem Land konnten erst wenige Leute lesen. Die aber lasen den anderen vor, sodass die Gedanken der Humanisten mit der Zeit �berall bekannt wurden.</p><p>Der bedeutendste Humanist jener Zeit war Erasmus von Rotterdam. Der hoch geachtete Gelehrte sah in einer Verbindung von antiker Vernunft und christlicher Fr�mmigkeit die gr��te Chance f�r eine menschlichere Welt. Deswegen forderte er Bibel�bersetzungen in alle Sprachen und unterschied sich damit �von denen, die nicht w�nschen, dass die Heilige Schrift von Laien in der Volkssprache gelesen werde. Als ob Christus so verwickelte Dinge gelehrt, dass er kaum von einem kleinen H�uflein von Theologen k�nnte verstanden werden. Oder als ob der Schutz der christlichen Religion darin best�nde, dass man nichts von ihr wisse. Die Geheimnisse der K�nige zu verh�llen mag vielleicht vorteilhaft sein; Christus aber w�nscht, dass seine �Geheimnisse� m�glichst weit verbreitet werden.�</p><p>Im Gegensatz zu Erasmus dachte der humanistisch gebildete Ritter Ulrich von Hutten eher national. Er war ein leidenschaftlicher Gegner des Papsttums und tr�umte von einem deutschen Reich, in dem ein starker Kaiser, getragen von der Ritterschaft, regieren sollte. In seinen Schriften benutzte Hutten als einer der wenigen Humanisten die deutsche Sprache, um die Abgeschlossenheit der �elit�ren humanistischen Gelehrtenrepublik� zu durchbrechen.</p><p>Aus Italien kam um 1500 auch der lange verschollene Text der <emphasis>Germania</emphasis> des Tacitus. F�r die deutschen Humanisten war dieser Text sehr wichtig. In ihm berichtete ein gro�er r�mischer Schriftsteller, eine hohe Autorit�t also, dass die Germanen schon seit Christi Geburt ein Volk waren. Was Tacitus mit �Germanen� genau gemeint hatte, fragte niemand. Hauptsache, es gab einen Beweis f�r die Wurzeln des deutschen Volkes. Zum ersten Mal in der Geschichte bildete sich nun so etwas wie ein deutsches Nationalbewusstsein heraus � auch wenn zu einer deutschen Nation noch viel fehlte.</p></section><section><p><strong>Vom rechten Glauben</strong></p><p>Trotz Renaissance und Humanismus lebten mittelalterliche Traditionen in Deutschland noch lange fort. F�r die gro�e Mehrheit der Menschen �nderte sich durch die neuen Ideen und Erkenntnisse erst einmal nichts. Und an Ver�nderungen war vor allem die Kirche auch �berhaupt nicht interessiert. Wer an ihr Kritik �bte und sie reformieren wollte, lief Gefahr, aus der Kirche ausgeschlossen oder gar als Ketzer verbrannt zu werden wie der b�hmische Reformer Johann Hus im Jahr 1415. Dass die Kirche noch im tiefsten Mittelalter steckte, zeigten auch die Hexenverfolgungen. Tausende unschuldige Frauen wurden oft grausam gefoltert, bis sie gestanden, mit dem Teufel im Bund zu sein, um dann auf dem Scheiterhaufen �ffentlich verbrannt zu werden.</p><p>Neben der Verfolgung von �Ketzern� und �Hexen� waren f�r die meisten Kirchenf�rsten Geld, Pracht und Macht das Wichtigste. So gen�gte dem neuen Papst Leo die alte Peterskirche in Rom nicht mehr. Er wollte sie noch pr�chtiger haben, eine Kirche, wie die Welt noch keine gesehen hatte. F�r solche Pl�ne aber mussten zus�tzliche Einnahmequellen erschlossen werden � was bei den sowieso schon hohen Abgabelasten, die die Gl�ubigen zu tragen hatten, schwierig war. Da half eine raffinierte Idee: Nach kirchlicher Lehre mussten die Menschen nach ihrem Tod durch das Fegefeuer gehen, um von ihren S�nden gereinigt zu werden; erst dann konnten sie in den Himmel kommen. Diese unermesslichen Qualen aber konnte die Kirche den Gl�ubigen ganz oder teilweise erlassen, wenn sie daf�r einen �Ablass� bezahlten. F�r diesen �Ablasshandel� schickte der Papst Ablassprediger durch die Lande, die den Gl�ubigen das Geld aus der Tasche zogen.</p><p>Von diesem Ablassgesch�ft h�rte in Wittenberg der M�nch und Theologieprofessor Martin Luther und war zutiefst emp�rt. Er hatte sich jahrelang bem�ht, die Bibel zu verstehen, um den rechten Weg zu Gott zu finden. Und nun erz�hlten die Ablassprediger den Leuten, Gottes Gnade sei f�r ein paar Dukaten zu haben. Dagegen wandte sich Luther im Oktober 1517 mit 95 Lehrs�tzen (Thesen). Ob er sie tats�chlich an die T�r der Wittenberger Schlosskirche h�ngte, wie die Legende will, ist dabei nicht so wichtig. In seinen Thesen begr�ndete er, dass die Ablassprediger sich entweder irrten oder den Leuten bewusst etwas vorschwindelten, wenn sie ihnen erz�hlten, durch Geld k�nnten sie von allen Strafen befreit werden. �Ein jeder Christ, der wahre Reue und Leid empfindet �ber seine S�nden, hat die v�llige Vergebung von Strafe und Schuld auch ohne Ablass, allein durch die Gnade Gottes�, schrieb er.</p><p>Luthers Thesen erregten Aufsehen. Innerhalb kurzer Zeit wurden sie in gro�er Zahl gedruckt und verbreitet. Luthers Sch�ler trugen seine Gedanken aus der Universit�t hinaus ins Land. Die Menschen str�mten in Scharen zu seinen Predigten und begriffen, dass es dem Papst und den Bisch�fen nicht um ihr Seelenheil, sondern allein um ihr Geld ging.</p><p>Weil Luther in einer deutlichen, manchmal auch deftigen Sprache sagte, was viele Menschen heimlich dachten, gewann er schnell zahlreiche Anh�nger.</p><p>Ein Jahr nach der Ver�ffentlichung der 95 Thesen verlangte der Papst von Luther, seine �Irrlehren� zu widerrufen. Doch dazu war Luther nicht bereit. Im Gegenteil: Er verfasste weiter Schriften, in denen es auch um soziale und politische Fragen ging. Die gro�e Not so vieler Menschen sei nicht der Wille Gottes, schrieb er. Vor allem der Papst und die Geistlichen seien Schuld an den Missst�nden. Deshalb m�ssten sie der weltlichen Obrigkeit unterworfen werden und alle Macht verlieren. Den Papst nannte Luther gar einen �Antichristen�. In der Schrift <emphasis>An den christlichen Adel deutscher Nation</emphasis> forderte er eine Reform der deutschen Kirche und eine Trennung von der r�mischen Papstkirche. Luthers popul�rste Schrift <emphasis>Von der Freiheit eines Christenmenschen</emphasis> begann mit dem Satz: �Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemand untertan.�</p><p>Dieser Satz verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Er elektrisierte die Menschen geradezu. F�r sie war Luther der lang herbeigesehnte Erl�ser. F�r den Papst und die Kirchenf�rsten war er ein Ketzer. Ebenso f�r den jungen Habsburger Kaiser Karl V., der Luther verhaften lassen wollte. Aber Friedrich der Weise von Sachsen, Luthers Landesf�rst, lie� das nicht zu. Also lud der Kaiser den �widerspenstigen M�nch� im Jahr 1521 vor den Reichstag (eine Versammlung hoher geistlicher und weltlicher F�rsten) in Worms, wo er endlich widerrufen sollte. Dazu war Luther bereit � wenn ihm jemand aus der Bibel beweisen k�nne, dass seine Lehre falsch sei. Doch der Kaiser und die F�rsten wollten nicht mit Luther �ber Glaubensfragen diskutieren, sie wollten seinen Widerruf. Luther aber blieb standhaft und w�re wohl wie Johann Hus auf dem Scheiterhaufen gelandet, wenn ihn der Kurf�rst von Sachsen nicht besch�tzt und versteckt h�tte. �ber dessen Motive wurde viel spekuliert. Sicher ist, dass Friedrich der Weise durch sein Handeln mit dazu beigetragen hat, die Welt grundlegend zu ver�ndern.</p></section><section><p><strong>Der �gemeine Mann� erhebt sich</strong></p><p>W�hrend Martin Luther unter dem falschen Namen �Junker J�rg� auf der Wartburg bei Eisenach lebte und das Neue Testament erstmals in eine f�r alle Deutschen verst�ndliche Sprache �bersetzte, wuchs die Unruhe im Land. Viele M�nche verlie�en die Kl�ster, um Luthers Lehren zu predigen. Nonnen und M�nche brachen ihr Gel�bnis und heirateten. Aber am meisten rumorte es unter den Bauern.</p><p>Dass ein Christenmensch niemand untertan sein solle, bezogen sie auf die sozialen und politischen Verh�ltnisse, auch wenn Luther es so nicht gemeint hatte. H�rige und Leibeigene f�hlten sich nicht mehr zum Gehorsam verpflichtet und forderten die Abschaffung adliger Vorrechte. �Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?�, sangen die Bauern in S�ddeutschland und wagten zum ersten Mal in der deutschen Geschichte, sich gegen die Obrigkeit zu erheben.</p><p>Mehrere �Haufen� mit 8 000 bis 12 000 bewaffneten Bauern konnten anfangs beachtliche Siege erringen. Im Mai 1525 trat in Heilbronn sogar ein �Bauernparlament� zusammen, um eine Verfassung f�r das neue Reich zu beraten. Vor allem war geplant, die Macht der Landesf�rsten zu beschneiden und daf�r eine starke kaiserliche Zentralregierung zu schaffen. Staat und Kirche sollten getrennt, geistlicher Besitz verstaatlicht werden. Die Gemeinden sollten das Recht bekommen, ihre Pfarrer selber zu w�hlen. Eine St�ndeversammlung mit gleich vielen Vertretern des Adels, der B�rger und der Bauern war vorgesehen. Die weltlichen Herren sollten vom Reich ihr Einkommen erhalten, also eine Art Beamte sein. Die Gerichte sollten nur mit Laien (Nichtgeistlichen), vor allem mit B�rgern und Bauern besetzt werden. Die m�chtigen Handelsgesellschaften und Bankh�user der Fugger, Hofstetter und Welser wollte man aufl�sen. In Wirtschaft und Handel sollte der Nutzen aller vor der Bereicherung Einzelner stehen. � Damit waren die Grundgedanken einer sozialen, vom Volk getragenen Monarchie formuliert.</p><p>Diese neue und gerechtere Ordnung w�re die fortschrittlichste jener Zeit gewesen; sie konnte zum Schaden der deutschen Geschichte nicht verwirklicht werden, weil die F�rsten ein starkes Heer aufstellten, das die Bauernhaufen in Oberschwaben, W�rttemberg, Franken und Th�ringen besiegte. Und wie die Bauern zu Beginn des Aufstandes, so beriefen sich nun die F�rsten auf Martin Luther. In seiner Schrift <emphasis>Ermahnung zum Frieden</emphasis> hatte er zwar noch Verst�ndnis f�r die Bauern gezeigt, nicht jedoch f�r die Art, wie sie ihre Forderungen durchsetzen wollten. �Christen sind Menschen, die nicht mit dem Schwert noch mit der B�chse streiten.�</p><p>Auf dem H�hepunkt des Bauernkrieges schlug sich Luther mit seiner Schrift <emphasis>Wider die r�uberischen und m�rderischen Rotten der Bauern</emphasis> endg�ltig auf die Seite der F�rsten. Er warf den Bauern vor, gegen Gott und die Obrigkeit zu s�ndigen, wof�r sie �ewig des Teufels� seien. Die Obrigkeit aber handle im Namen Gottes, wenn sie das Schwert benutze. �Drum, liebe Herren, steche, schlage, w�rge, wer da kann!�</p><p>Das taten die �lieben Herren�. Sie lie�en keine Gnade walten, denn ihnen kam es darauf an, die Menschen so einzusch�chtern, dass sie sich nie wieder erheben w�rden.</p><p>Die brutale Niederschlagung der ersten Massenbewegung in Deutschland wirkte dann auch jahrhundertelang nach. Mit Alexander von Humboldt kann man sagen: �Der gro�e Fehler in der deutschen Geschichte ist, dass die Bewegung des Bauernkrieges nicht durchgedrungen ist.�</p><p>Was h�tte nicht alles anders werden k�nnen, w�ren die Bauern 1525 erfolgreich gewesen!</p></section><section><p><strong>Glaubens- und Kirchenspaltung</strong></p><p>Im Streit um den richtigen Glauben und die Reform der Kirche stellten sich viele F�rsten und St�dte auf die Seite des Reformators Martin Luther. Daf�r hatten sie sicher unterschiedliche Gr�nde. Manche m�gen von Luthers Lehre �berzeugt gewesen sein; andere dachten vielleicht mehr an die geistlichen Besitzt�mer, die ja aufgel�st und verteilt werden sollten. Wie auch immer, in vielen L�ndern und St�dten wurde die Kirche im Sinne Luthers reformiert. Die Kl�ster wurden aufgel�st, den Geistlichen wurde die Ehe erlaubt, der Gottesdienst wurde umgestaltet und in deutscher Sprache gehalten. Auch deutsche Kirchenlieder wurden gesungen.</p><p>Da andere F�rsten und St�dte am katholischen Glauben festhielten, f�hrte die Reformation � entgegen Luthers urspr�nglicher Absicht � zu einer Glaubens- und Kirchenspaltung. Als 1526 der Reichstag in Speyer zusammentrat, waren beide Seiten bem�ht, den offenen Konflikt zu vermeiden. Man hoffte noch auf die �berwindung der Spaltung durch eine Bischofsversammlung, ein �Konzil�, und schloss folgenden Kompromiss: Jeder solle es mit der lutherischen Lehre so halten, wie er es vor Gott und dem Kaiser verantworten k�nne.</p><p>Drei Jahre sp�ter aber wollten die katholisch gebliebenen F�rsten den Kompromiss wieder r�ckg�ngig machen. F�nf reformierte F�rsten und vierzehn St�dte legten feierlich Protest ein. So entstand der Name �Protestanten� f�r alle, die sich von der r�mischen Kirche lossagten.</p><p>1546 begann sogar ein Krieg zwischen den beiden Lagern. 1547 wurden die Protestanten von den kaiserlichen Truppen geschlagen. Dabei ging es Kaiser Karl V. nicht nur um den rechten Glauben; es kam ihm vor allem darauf an, �die Selbstst�ndigkeit der Landesherren zu zerst�ren und aus Deutschland einen Staat zu machen, in dem die Macht beim Kaiser liegt�.</p><p>Je klarer den katholischen F�rsten das Ziel des Kaisers wurde, desto zahlreicher wechselten sie die Seite. Mit einem �berraschenden Angriff zwangen sie den Kaiser zum Nachgeben und zur Flucht. Sein Bruder Ferdinand f�hrte fortan die Verhandlungen mit den Protestanten.</p><p>Im �Augsburger Religionsfrieden� von 1555 wurde die lutherische Lehre schlie�lich als gleichberechtigt anerkannt. Die Untertanen mussten das Bekenntnis ihres Landesherrn annehmen. Andersgl�ubige �durften� auswandern. In Reichsst�dten mit konfessionell gemischter Bev�lkerung hatten beide Kirchen das Recht zur Aus�bung ihrer Religion. Mit diesem Frieden war die religi�se Spaltung Deutschlands besiegelt.</p></section><section><p><strong>Der Drei�igj�hrige Krieg</strong></p><p>Der Augsburger Religionsfriede sollte ein friedliches Nebeneinander von Katholiken und Protestanten erm�glichen, schloss k�nftige Ver�nderungen allerdings nicht aus. Und beide Seiten versuchten schon bald, ihren Einflussbereich auszudehnen. Die katholische Kirche wandte daf�r eine Doppelstrategie an: Reform, also innere Erneuerung, und Gegenreformation, also Kampf gegen die Protestanten. Anfangs verlief dieser Kampf noch weitgehend gewaltlos. Aber um 1600 versch�rften sich die Gegens�tze. Protestantische F�rsten schlossen sich 1608 zur �Union�, katholische zur �Liga� zusammen.</p><p>Besonders verworren und angespannt war die Lage in B�hmen. Dort wurde im Jahr 1617 der katholische Habsburger Ferdinand II. K�nig. Er verlangte von den Protestanten, den katholischen Glauben anzunehmen, lie� ihre Kirchen schlie�en und sogar niederrei�en. Und er wollte die politischen Mitbestimmungsrechte der b�hmischen Landst�nde (die Vertretung von Adel, Kirchen und B�rgertum) aufheben. Da versammelten sich am 23. Mai 1618 b�hmische Adlige und B�rger vor der Prager Burg, drangen schlie�lich in die Burg ein und warfen drei Vertreter des K�nigs aus dem Fenster. Dieser �Prager Fenstersturz� war der Auftakt zu einem entsetzlichen Krieg, der 30 Jahre dauern sollte. Kein Krieg hatte je so viel Leid und Elend �ber die Menschen gebracht wie dieser �Drei�igj�hrige Krieg�. In vielen Schriften �berboten sich sp�ter die Chronisten bei den Schilderungen der Grausamkeiten, die von Soldaten begangen wurden. Was aber waren die Hintergr�nde dieses Krieges?</p><p>Der Drei�igj�hrige Krieg wurde und wird allgemein als Glaubenskrieg bezeichnet. F�r die erste Phase traf das auch noch zu. Da wollten die Katholiken unter F�hrung der Habsburger und Wittelsbacher das Reich wieder katholisch machen. Gleichzeitig aber ging es um die Aufteilung der Macht zwischen der kaiserlichen Zentralgewalt und den Landesf�rsten. Das zeigte sich deutlich, als die kaiserlichen Truppen unter Wallenstein ganz Norddeutschland erobert hatten. Im Hochgef�hl des Sieges erlie� Kaiser Ferdinand ein Gesetz, nach dem alle protestantisch gewordenen Kircheng�ter dem Reich zufallen sollten. Diese Ma�nahme scheiterte am geschlossenen Widerstand der katholischen Kurf�rsten. Denn die gro�en Gebiete h�tten die Besitzverh�ltnisse und damit die Macht zu Gunsten des Kaiserhauses verschoben. Das zu verhindern war den katholischen Kurf�rsten viel wichtiger als die Glaubensfrage.</p><p>Auch als die Nachbarl�nder in den Krieg eingriffen, ging es mehr um Machtfragen als um den rechten Glauben. So f�rderte das katholische Frankreich aus dem Hintergrund den Widerstand der katholischen deutschen F�rsten gegen den katholischen Kaiser, nur um die Habsburger zu schw�chen und selbst die Vormacht in Europa zu gewinnen. Aus diesem Grund unterst�tzte Frankreich auch den Vorsto� des protestantischen Schwedenk�nigs Gustav Adolf im Sommer 1630. Der Schwede wurde von den Protestanten als �Befreier von der Habsburger Tyrannenherrschaft� gefeiert, und er wollte seinen Glaubensbr�dern durchaus helfen. Aber vor allem hoffte er auf Landgewinne in Norddeutschland, um die schwedische Herrschaft an der Ostsee dauerhaft zu sichern.</p><p>Katholisch hin, protestantisch her, den M�chtigen ging es also, wie so oft in der Geschichte, nur um mehr Macht. Und wie so oft mussten die kleinen Leute darunter leiden. Wie viele Menschen ihr Leben in diesem Krieg verloren haben, l�sst sich nicht genau sagen. Die Sch�tzungen schwanken zwischen 7 und 8 Millionen. Zu Beginn des Krieges hatte Deutschland etwa 17 Millionen Bewohner, am Ende waren es noch ungef�hr 10 Millionen. Und viele der �berlebenden beneideten die Toten.</p><p>Wie der Krieg, so zogen sich auch die Friedensverhandlungen beinahe endlos hin. Am 24. Oktober 1648 wurde der �Westf�lische Friede� verk�ndet. Dabei wurde der Augsburger Religionsfriede von 1555 erneut bekr�ftigt und erg�nzt. Ein Religionswechsel der Obrigkeit musste nun von den Untertanen nicht mehr nachvollzogen werden. Das war ein wichtiger Schritt hin zur Glaubensfreiheit, auch wenn sie noch nicht gesichert war.</p><p>Die deutschen F�rsten gingen gest�rkt aus dem Krieg hervor. Kaiser Ferdinand III. akzeptierte ihre weitgehende Selbstst�ndigkeit mit eigener Gesetzgebung, Rechtsprechung und Steuerhoheit. Sie erhielten sogar das Recht, B�ndnisse untereinander und mit fremden Staaten zu schlie�en, solange diese nicht gegen Kaiser und Reich gerichtet waren. Der Kaiser selbst war bei seinen Entscheidungen an die Zustimmung des Reichstages gebunden.</p><p>Auch nach au�en wurde das Reich als Ganzes durch den Friedensvertrag geschw�cht. Es musste Gebiete an Frankreich und Schweden abtreten; die Niederlande und die Schweiz schieden aus dem Reich aus. Die neue europ�ische Ordnung entsprach in erster Linie franz�sischen Interessen. Und weil Deutschland Jahrzehnte brauchte, um sich von den sozialen und wirtschaftlichen Folgen des Krieges zu erholen, l�ste Frankreich das Heilige R�mische Reich Deutscher Nation f�r die n�chsten zweihundert Jahre als F�hrungsmacht in Europa ab.</p></section><section><p><strong>Der Staat bin ich</strong></p><p>Wer die Entwicklung im Deutschen Reich nach dem Westf�lischen Frieden verstehen will, muss einen Blick nach Frankreich werfen. Dort �bernahm der 23-j�hrige Ludwig XIV. im Jahr 1661 die Regierungsgesch�fte. Als Erstes holte er M�nner in seine Regierung, die ihm bedingungslos gehorchten. Die hohen Adligen, die zuvor oft ihre eigene Politik betrieben hatten, verloren ihre �mter. Auch drau�en im Land �berlie� er die Macht nicht mehr den Adligen. Er setzte f�r jeden Amtsbezirk einen obersten Beamten, den Intendanten, ein. Der musste mit Hilfe von Amtsdienern und Polizisten f�r den Einzug der Steuern und f�r Ordnung sorgen. Der K�nig konnte ihn jederzeit entlassen, wenn er seine Pflichten nicht erf�llte. So wurde der ganze Staat einheitlich regiert und verwaltet. Alle Steuereinnahmen kamen in die Staatskasse, und der K�nig bestimmte, wof�r das Geld ausgegeben wurde. Auch neue Gesetze erlie� der K�nig und selbst �ber Krieg und Frieden entschied er allein. Er besa� also die ganze, die absolute Macht im Staat. Er regierte �absolutistisch�. Ludwig XIV, der �Sonnenk�nig�, soll sogar gesagt haben: �Der Staat bin ich.�</p><p>Au�enpolitisch verfolgte er das Ziel, Frankreichs f�hrende Stellung in Europa zu festigen und auszubauen. Daf�r wurde das Heer stark vergr��ert und besser ausgebildet. Das kostete nat�rlich viel Geld, ebenso wie der Bau des riesigen Schlosses von Versailles und das prunkvolle, ja verschwenderische Leben am Hof. Das notwendige Geld zu beschaffen war Aufgabe des Ministers Colbert. Er entwarf eine Wirtschaftspolitik nach folgenden Grundgedanken: Frankreich muss mehr Waren herstellen, als die eigene Bev�lkerung braucht. Es m�ssen m�glichst viele Waren aus- und m�glichst wenig Waren eingef�hrt werden, damit der �berschuss m�glichst gro� ist.</p><p>Zu diesem Zweck f�rderte Colbert den Bau gro�er Betriebe, in denen hochwertige G�ter wie Kutschen, M�bel, Teppiche, Kleidung und anderes mehr in gro�er Zahl hergestellt werden konnten. Und zwar durch hunderte von Fach- und Hilfsarbeitern. Um die G�ter aus solchen �Manufakturen� schnell verkaufen zu k�nnen, wurden Stra�en, Kan�le und H�fen gebaut.</p><p>Ausl�ndische Waren wurden mit hohen Z�llen belegt und waren deshalb f�r die Franzosen sehr oft zu teuer.</p><p>Diese Wirtschaftspolitik, �Merkantilismus� genannt, nahm wenig R�cksicht auf die Bed�rfnisse des Volkes. Ihr oberstes Ziel war, Geld in die Staatskasse zu bringen.</p><p>�berall in Europa ahmten die F�rsten den Regierungsstil und die Politik des franz�sischen K�nigs nach. Auch die vielen deutschen F�rsten wollten zumindest kleine Sonnenk�nige sein. Sie lie�en pr�chtige Residenzen bauen, hielten darin Hof und regierten absolutistisch wie ihr Vorbild. Wie in Frankreich kostete das sehr viel Geld, und manche F�rsten st�rzten ihre L�nder in gro�e Finanznot. Darunter hatte in erster Linie das Volk zu leiden, weil immer mehr Steuern und Abgaben von ihm verlangt wurden. Vor allem die Bauern wurden bis zum Letzten ausgepresst. Neben den vielen Abgaben mussten sie beim Bau der oft riesigen Residenzen und Abteien immer wieder Frondienste leisten, ebenso wenn Rath�user, Kirchen, Pfarrh�user und Kasernen gebaut, Wege und Stra�en angelegt wurden. Das sollte nicht vergessen, wer heute die pr�chtigen Bauwerke aus jener Zeit bewundert.</p></section><section><p><strong>Die Preu�en kommen</strong></p><p>Im 17. Jahrhundert gewann in Deutschland ein altes F�rstengeschlecht an Bedeutung: die Hohenzollern. Seit dem 11. Jahrhundert hatten sie ihren Besitz zuerst zwischen Donau und Neckar, dann bis ins Fr�nkische stetig vergr��ert. F�r treue Dienste hatte K�nig Sigismund dem hohenzollerischen Grafen Friedrich VI. im Jahr 1415 die Markgrafschaft Brandenburg �bertragen und ihn zum Kurf�rsten gemacht. Sp�ter erhielten die Hohenzollern noch andere Grafschaften und zuletzt 1618 das Herzogtum Preu�en.</p><p>Die Gebiete des Hauses Hohenzollern waren sehr weit verstreut. Von einem einheitlichen Staat konnte keine Rede sein. Zudem war das Land auch wirtschaftlich sehr schwach. Das alles wollte der junge Kurf�rst Friedrich Wilhelm �ndern. 1640 �bernahm er als 20-J�hriger die Regierung in Brandenburg-Preu�en. Zuvor hatte er unter anderem am holl�ndischen K�nigshof vier Jahre lang eine politische und milit�rische Ausbildung erhalten. Seit dieser Zeit sch�tzte er die Holl�nder sehr. Und weil das d�nn besiedelte Brandenburg-Preu�en zuerst einmal mehr Menschen brauchte, bot Friedrich Wilhelm holl�ndischen Siedlern kostenloses Land und sechs Jahre Steuerfreiheit an, wenn sie �Holl�ndereien�, das hei�t Musterbetriebe f�r Tierhaltung, Milchwirtschaft, Obst- und Gem�sezucht anlegten. Dieses Angebot nahmen viele Holl�nder an, was die Landwirtschaft bald sp�rbar in Schwung brachte.</p><p>Zur gleichen Zeit wollte Ludwig XIV. die Hugenotten (so nannte man in Frankreich die Protestanten) gewaltsam bekehren. Friedrich Wilhelm nutzte die Gunst der Stunde und gew�hrte im �Edikt von Potsdam� Religionsfreiheit. Daraufhin kamen etwa 20000 Hugenotten nach Brandenburg-Preu�en, darunter viele t�chtige Handwerker und auch etliche Unternehmer, die neue Manufakturen gr�ndeten. Alle St�dte profitierten von den neuen B�rgern, am meisten Berlin, wo bald ein Drittel der Bev�lkerung Franzosen waren. Um den Handel anzukurbeln, wurden Stra�en gebaut; ein Kanalsystem wurde geplant, damit Berlin �Hafenstadt� werden konnte.</p><p>Der wachsende Reichtum erm�glichte den Aufbau eines starken Heeres, was f�r Friedrich Wilhelm, den man schon bald den �Gro�en Kurf�rsten� nannte, sehr wichtig war.</p><p>Als ihm nach 48-j�hriger Regentschaft sein Sohn Friedrich nachfolgte, kannte der nur ein Ziel: Er wollte K�nig werden. Jahrelang verteilte Friedrich bei den Kurf�rsten Gelder, um ihre Stimmen zu kaufen. Und die Habsburger erhielten etwa 300 000 Taler. Au�erdem stellte Friedrich dem Kaiser f�r den Krieg gegen Spanien 10000 Soldaten zur Verf�gung und versprach f�r die Zukunft eine j�hrliche Zahlung von 100000 Talern.</p><p>Im Januar 1701 hatte Friedrich es geschafft. In der Schlosskapelle von K�nigsberg kr�nte er sich eigenh�ndig zum �K�nig in Preu�en�. Am Wiener Hof l�ste das allerdings nur Heiterkeit aus, denn der erste Preu�enk�nig wurde �berhaupt nicht ernst genommen. So ein verstreutes Staatsgebilde konnte ihrer Meinung nach nicht von Dauer sein, ob es nun von einem Kurf�rsten oder von einem K�nig regiert wurde. Und beinahe h�tten sie Recht bekommen. Denn die verschwenderische Hofhaltung verschlang riesige Summen. Zum Gl�ck f�r Brandenburg- Preu�en wurde Friedrich nur 56 Jahre alt, sonst h�tte er das Land vermutlich in den Ruin getrieben.</p><p>Von ganz anderem Schlag war Friedrichs Sohn, der wie sein Gro�vater Friedrich Wilhelm hie�. Er zeigte wenig Interesse an h�fischem Prunk; ihm waren die Regierungsgesch�fte viel wichtiger. Der fromme Pedant war von einem beinahe krankhaften Pflichtbewusstsein erf�llt. Als h�chste Pflicht galt ihm, �meinem Land und meinem Volk dauerndes Gl�ck zu sichern�. Voraussetzung daf�r waren seiner Meinung nach ein starkes Heer und sparsame Haushaltsf�hrung.</p><p>Friedrich Wilhelm I. lie� Haushaltspl�ne aufstellen und die Oberrechnungskammer musste alle Einnahmen und Ausgaben genau pr�fen. Auf diese Weise wurden die Beamten zum sparsamen Umgang mit dem Geld erzogen. Nur in einem Bereich wurde �berhaupt nicht gespart: beim Heer. Von den 7,5 Millionen Talern, die der Staat j�hrlich einnahm, wurden 5 Millionen f�r die Armee ausgegeben. Friedrich Wilhelm, der �Soldatenk�nig�, lie� junge M�nner in den D�rfern und auch im Ausland anwerben, wobei die Werber nicht selten Gewalt anwendeten. Schritt f�r Schritt wuchs das preu�ische Heer von 40000 auf 80000 Mann � und das bei etwa 3 Millionen Einwohnern. Nach der Einwohnerzahl lag Brandenburg-Preu�en in Europa an dreizehnter Stelle, nach seiner milit�rischen Macht nahm es hinter Frankreich und den habsburgischen Staaten bereits den dritten Platz ein. Das war nur m�glich geworden, weil in Brandenburg-Preu�en alle Lebensbereiche straff b�rokratisch durchorganisiert waren, um auch die letzten Kr�fte zu mobilisieren. Pflichtbewusstsein, Gehorsam, Disziplin, Ordnung und Flei� galten dem Soldatenk�nig als h�chste Werte. Die sah er am besten in der Armee verwirklicht � also sollte das ganze Land zu einer Art Kaserne werden.</p><p>Wenn wir heute von einem �Preu�en� sprechen oder etwas �preu�isch� nennen, dann meinen wir damit zweierlei: die oben genannten �preu�ischen Tugenden�, aber auch die Untugend, es damit fanatisch genau zu nehmen.</p></section><section><p><strong>Was ist Aufkl�rung?</strong></p><p>Neben den politischen Ver�nderungen gab es in dieser Zeit in Europa auch eine neue geistige Str�mung. Die mit der Renaissance und dem Humanismus begonnene �berwindung des christlich gepr�gten mittelalterlichen Weltbildes setzte sich verst�rkt fort. Vor allem aus Frankreich und England kamen die neuen Gedanken. Dazu geh�rte die Skepsis gegen�ber den alten Autorit�ten. Kirchliche Lehrs�tze und Glaubens�berlieferungen wurden wie andere �ererbte Wahrheiten� kritisch befragt und mit Hilfe des Verstandes beurteilt. Was dieser rationalen �berpr�fung nicht standhielt, wurde verworfen. Nur was der Mensch mit seiner Vernunft erkennen k�nne, sei wahr, schrieb der Franzose Ren� Descartes in seiner <emphasis>Abhandlung �ber die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs</emphasis>. Ziel dieses neuen Denkens war der �aufgekl�rte Mensch�.</p><p>Was unter Aufkl�rung zu verstehen sei, fasste der deutsche Philosoph Immanuel Kant zusammen:</p><p>�Aufkl�rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unm�ndigkeit. Unm�ndigkeit ist das Unverm�gen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unm�ndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlie�ung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. �Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!�, ist also der Wahlspruch der Aufkl�rung.�</p><p>Die Aufkl�rer befragten nicht nur das Christentum kritisch, sondern auch den Staat. Stimmte es eigentlich, dass die Herrscher ihre Macht von Gott hatten? Oder waren sie nicht Menschen wie alle anderen auch? �Die Vernunft lehrt die Menschen, dass wir alle gleich und unabh�ngig sind�, schrieb der englische Philosoph John Locke. �Wenn wir betrachten, in welchem Zustand sich die Menschen von Natur befinden, so sehen wir: Dies ist ein Zustand v�lliger Freiheit.�</p><p>F�r Locke und andere Aufkl�rer wie die Franzosen Montesquieu, Rousseau und Voltaire besitzen alle Menschen von Geburt an unverletzliche, nat�rliche Rechte. Um diese Naturrechte zu sch�tzen, bilden sie Gemeinschaften und schlie�en Gesellschaftsvertr�ge. Darin werden unter anderem die Rechte und Pflichten der Regierten und der Regierenden festgelegt. Nach diesem Denken sind die Herrscher also nicht �von Gottes Gnaden�, sondern vom Volk eingesetzt. Und wenn ein Herrscher das in ihn gesetzte Vertrauen missbraucht, hat das Volk ein Recht, die Gewalt durch Gewalt zu beseitigen.</p><p>Diese revolution�ren Gedanken lehnten die allermeisten F�rsten ab. Nicht so der preu�ische Kronprinz Friedrich, dessen Denken von den Aufkl�rern stark beeinflusst war.</p></section><section><p><strong>Der kleine Friedrich wird gro�</strong></p><p>Der �lteste Sohn des Soldatenk�nigs verachtete die preu�ischen Tugenden. Dagegen liebte Friedrich die franz�sische Lebensart, kleidete sich nach franz�sischer Mode, las franz�sische B�cher, spielte heimlich Fl�te und lernte Latein. Sein Vater hielt das f�r dumme Flausen und versuchte sie ihm mit strenger, ja harter Erziehung auszutreiben. Dabei setzte es oft Hiebe und Stockschl�ge.</p><p>Als Friedrich 18 Jahre alt war, wollte er der v�terlichen Knute entfliehen und mit einem Freund das Land verlassen. An der Grenze wurden sie erwischt und als Deserteure vor ein Kriegsgericht gestellt. Der Kronprinz wurde begnadigt, musste aber vom Fenster seiner Zelle aus mit ansehen, wie sein bester Freund enthauptet wurde. Diese bitteren Erfahrungen ver�nderten den kultivierten, feinsinnigen und klassisch gebildeten jungen Friedrich sehr. Bald f�gte er sich dem Willen seines Vaters, leistete in der Provinzialregierung von K�strin eine Lehrzeit ab, �bernahm danach die F�hrung eines Regiments und heiratete schlie�lich die Prinzessin, die sein Vater f�r ihn ausgesucht hatte.</p><p>Zusammen mit seiner Frau lebte Friedrich auf dem Schloss Rheinsberg in Brandenburg, wo er sich wieder verst�rkt mit Musik und Literatur besch�ftigte. Er begann auch einen Briefwechsel mit dem franz�sischen Philosophen Voltaire und schrieb ein Buch. Darin entwarf er das Bild eines pflichtbewussten und friedliebenden F�rsten, der K�nste und Wissenschaften achtet und f�rdert. Als Friedrich mit 28 Jahren K�nig wurde, hofften viele, nun werde ein Philosoph auf dem Thron sitzen und das Land in Frieden regieren. Doch diese Hoffnung wurde nur zum Teil erf�llt.</p><p>F�nf Monate nach der Kr�nung Friedrichs II. starb Kaiser Karl VI. Seine Tochter Maria Theresia durfte ihm zwar auf den �sterreichischen Thron folgen; aber ob sie auch Kaiserin des Heiligen R�mischen Reiches werden konnte, war umstritten. Diese Unsicherheit nutzte der junge Preu�enk�nig zur �berraschung aller aus, um sein Land auf Kosten der Habsburger zu vergr��ern. Im Dezember 1740 besetzten preu�ische Truppen Schlesien. Es kam zum Krieg, in dem Friedrich von dem sehr gut ausgebildeten und bewaffneten Heer, das ihm sein Vater hinterlassen hatte, profitierte. Aber ohne die Machtgier Frankreichs, Spaniens, Bayerns und Sachsens, die auf einen Anteil an der Beute hofften und deshalb den Friedensbrecher unterst�tzten, h�tten Friedrich und Preu�en den 1. Schlesischen Krieg wohl nicht �berstanden.</p><p>Den 2. Schlesischen Krieg begann Friedrich schon 1744, aus Angst, �sterreich k�nnte mit Hilfe seines neuen Verb�ndeten England einen Gegenschlag planen. Nach diesem Krieg verzichtete �sterreich auf den gr��ten Teil Schlesiens. Preu�en wiederum erkannte Maria Theresia als habsburgische Erbin an und unterst�tzte die Wahl ihres Mannes Franz Stephan zum Kaiser des Reichs.</p><p>Damit hatte sich im Deutschen Reich eine grundlegende Ver�nderung ergeben. Den katholischen Habsburgern im S�den stand mit den protestantischen Hohenzollern im Norden eine beinahe ebenb�rtige Macht gegen�ber. Daran �nderte auch der dritte Krieg um die Vorherrschaft in Deutschland nichts.</p><p>Diesem �Siebenj�hrigen Krieg� von 1756 bis 1763 verdankte Friedrich den Ruf, ein gro�er Feldherr zu sein. Denn Preu�en stand gegen �sterreich, Frankreich, Russland und die meisten deutschen Reichsf�rsten. Trotz englischer Hilfe war dieser Krieg f�r Preu�en eigentlich nicht zu gewinnen, und mehrmals schien die Lage auch ziemlich aussichtslos. Doch gerade dann bewies Friedrich seine gl�nzenden milit�rischen F�higkeiten, zeigten seine Offiziere ihr gro�es K�nnen, bew�hrte sich die einmalige Disziplin und Schlagkraft der preu�ischen Armee. Und als das alles nicht mehr ausreichte, kam Friedrich noch das Gl�ck � manche sprachen auch von einem Wunder � zu Hilfe: In Russland starb v�llig unerwartet die Zarin Elisabeth. Ihr Nachfolger Peter III. war ein gro�er Bewunderer Friedrichs. Er wechselte sofort die Fronten und schloss einen B�ndnisvertrag mit Preu�en.</p><p>Ein Jahr sp�ter, am 15. Februar 1763, wurde der Siebenj�hrige Krieg mit dem �Frieden von Hubertusburg� beendet. Friedrich hatte die Stellung Preu�ens als europ�ische Gro�macht behauptet und lie� sie im Friedensvertrag festschreiben.</p></section><section><p><strong>Ich bin der erste Diener meines Staates</strong></p><p>Anders als der Sonnenk�nig und die absolutistischen F�rsten betrachtete Friedrich den Staat nicht als pers�nlichen Besitz. F�r ihn stand der Staat �ber allen, und alle hatten die Pflicht, ihm nach besten Kr�ften zu dienen. Der K�nig genauso wie der kleinste Bauer. Als �erster Diener des Staates� k�mmerte sich Friedrich auch um viele Kleinigkeiten und versuchte f�r alle Lebensbereiche Regeln aufzustellen. So entstand Schritt f�r Schritt ein neues Rechtswesen. Als Erstes wurde die Folter weitgehend abgeschafft, ebenso das Recht des K�nigs, in Verfahren einzugreifen. Eine �berall g�ltige Rechts- und Prozessordnung mit gleichen Rechten f�r alle St�nde machte das Leben berechenbarer.</p><p>Wie fortschrittlich Friedrich auf diesem Gebiet dachte, zeigt eine kleine Anekdote besonders deutlich: Der Vergr��erung des k�niglichen Parks von Sanssouci stand eine M�hle im Weg. Aber der M�ller wollte sie nicht hergeben. Als der K�nig drohte, ihn mit Gewalt aus der M�hle holen zu lassen, soll der M�ller geantwortet haben: �Das k�nnten Eure Majest�t tun, wenn das Berliner Kammergericht nicht w�re.� Der K�nig fasste das als Lob f�r das Rechtswesen in seinem Staat auf und der M�ller durfte seine M�hle behalten.</p><p>Solche Geschichten trugen neben den Kriegserfolgen mit dazu bei, dass Friedrich schon zu Lebzeiten �der Gro�e� genannt und sehr verehrt wurde.</p><p>Auch in Glaubensfragen war er f�r seine Zeit ein toleranter Herrscher. �In meinem Staat kann jeder nach seiner Fa�on selig werden�, lautet einer seiner bekanntesten Ausspr�che. Wichtig war ihm vor allem, dass die Menschen ihre B�rgerpflichten erf�llten. Welche Pflichten das waren, legte der Stand fest, in den man hineingeboren wurde. Und an der St�ndeordnung r�ttelte Friedrich nicht. Sie entsprach seiner Meinung nach der Natur des Menschen. Aber innerhalb seines Standes sollte jeder zufrieden leben k�nnen.</p><p>Friedrich der Gro�e war ein Mensch, der Gegens�tze in sich vereinte, die beinahe unvereinbar erscheinen: Zum einen war er ein hoch gebildeter, k�nstlerischer Mensch und als solcher f�r die fortschrittlichen Gedanken der Aufkl�rer offen. Zum andern war er oberster preu�ischer Offizier und Beamter, und da galten nur Disziplin und unbedingter Gehorsam. Diese Gegens�tze machten ihn zu einem �aufgekl�rten Absolutisten�. Die Macht lag zwar immer noch ungeteilt in seinen H�nden, aber er benutzte sie nicht mehr willk�rlich � �despotisch� �, sondern im Rahmen der Gesetze.</p><p>Unter einem solchen Herrscher ver�nderte sich langsam das Leben in Preu�en. Neben dem Soldaten- und Untertanengeist konnte sich neues Denken entfalten. So war zum Beispiel der Dichter Gotthold Ephraim Lessing w�hrend des Siebenj�hrigen Krieges Sekret�r eines preu�ischen Generals und schrieb in dieser Zeit sein ber�hmtes Lustspiel <emphasis>Minna von Barnhelm</emphasis>. In seinen anderen Schriften und vor allem in dem St�ck <emphasis>Nathan der Weise</emphasis> trat Lessing f�r einen vern�nftigen, toleranten und humanen Umgang aller Menschen miteinander ein. Und niemand in Preu�en hinderte ihn daran, am wenigsten der K�nig.</p></section><section><p><strong>Wo liegt Deutschland?</strong></p><p>Seit dem Frieden von Hubertusburg herrschte auf dem Boden des Deutschen Reiches tats�chlich Frieden. Mit 30 Jahren war es eine der l�ngsten Friedensperioden in der deutschen Geschichte. Kunst, Kultur und Wissenschaften bl�hten auf. Schulen und Universit�ten wurden gegr�ndet. Goethe schrieb den <emphasis>G�tz von Berlichin gen</emphasis> und <emphasis>Die Leiden des jungen Werther</emphasis>, Schiller <emphasis>Die R�uber</emphasis> und <emphasis>Don Carlos</emphasis>.</p><p>In diesen langen Friedensjahren setzte auch eine breite Diskussion dar�ber ein, was denn Deutschland �berhaupt sei und wo es liege. Das habsburgische �sterreich war nicht Deutschland, das hohenzollerische Preu�en ebenfalls nicht. Beide wollten auch nicht zusammengehen. Deswegen entstand sogar die Idee, zwischen den beiden Gro�m�chten ein drittes Deutschland aus den mittleren und kleinen deutschen L�ndern zu schaffen. Aber die mehr als 300 F�rsten waren viel zu sehr auf ihren eigenen Vorteil bedacht und untereinander zerstritten; die Idee blieb schon im Ansatz stecken. �berhaupt hatten die meisten F�rsten und Politiker kein gro�es Interesse an Deutschland.</p><p>Der Wunsch nach einer deutschen Nation, nach einem Vaterland f�r alle Deutschen, kam haupts�chlich von der adlig-b�rgerlichen Bildungsschicht. �Dichter und Denker� schufen eine deutsche Nationalliteratur in einer einheitlichen deutschen Sprache; in ihren K�pfen enstand zuerst die Vorstellung von einer deutschen Nation. Was diese Nation zusammenhalten sollte, waren vor allem ihre Sprache und Kultur. Wenn dieses Denken und Hoffen �berhaupt mit einer Person verbunden wurde, war es Friedrich der Gro�e � obwohl er die franz�sische Sprache und Literatur viel mehr liebte als die deutsche.</p><p>F�r die weitere deutsche Geschichte war es von gro�er Bedeutung, dass sich das aufkeimende Nationalbewusstsein gerade mit dem preu�ischen K�nig verkn�pfte. Denn damit deutete sich bereits an, wie die L�sung der deutschen Frage einmal aussehen k�nnte: ein vereinigtes Deutschland, gef�hrt von Preu�en, ohne �sterreich. Aber bis dahin war noch ein weiter Weg.</p></section><section><p><strong>Ein Franzose ordnet Deutschland neu</strong></p><p>W�hrend die deutschen Dichter und Denker noch �ber den richtigen Weg zu einer deutschen Nation philosophierten, wurde in anderen L�ndern gehandelt.</p><p>In Amerika verk�ndeten die 13 Kolonien am 4. Juli 1776 ihre Unabh�ngigkeit von England. In der Unabh�ngigkeitserkl�rung wurden zum ersten Mal die Menschenrechte und die Verantwortlichkeit der Regierung gegen�ber dem Volk formuliert:</p><p>�Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverst�ndlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Sch�pfer mit gewissen unver�u�erlichen Rechten begabt sind; dass dazu Leben, Freiheit und Streben nach Gl�ck geh�ren; dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingerichtet werden, die ihre rechtm��ige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass, wenn irgendeine Regierungsform sich f�r diese Zwecke als sch�dlich erweist, es das Recht des Volkes ist, sie zu �ndern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen und sie auf solchen Grunds�tzen aufzubauen und ihre Gewalten in der Form zu organisieren, wie es zur Gew�hrleistung ihrer Sicherheit und ihres Gl�ckes geboten zu sein scheint.�</p><p>In Europa dauerte es noch 13 Jahre, bis diese Aufkl�rungsgedanken zur Verfassungsgrundlage eines Staates wurden: Am 14. Juli 1789 begann mit dem Sturm auf die Bastille, das Staatsgef�ngnis in Paris, die Franz�sische Revolution. Bereits am 26. August wurden die Menschen- und B�rgerrechte verk�ndet:</p><empty-line/><p>Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geb oren und bleiben es.</p><p>Das Ziel jeder staatlichen Vereinigung ist die Bewahrung der nat�rlichen und unantastbaren Rechte der Menschen. Dies sind Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdr�ckung.</p><p>Der Ursprung jeder Herrschaft liegt seinem Wesen nach beim Volk.</p><p>Die Freiheit besteht darin, alles tun zu k�nnen, was einem anderen nicht schadet.</p><p>Das Gesetz darf nur Handlungen verfolgen, die sch�dlich f�r die Gesellschaft sind. Was nicht gesetzlich verboten ist, darf nicht behindert, was nicht gesetzlich geboten ist, nicht erzwungen werden.</p><p>Die Franz�sische Revolution wurde von der deutschen Geisteswelt freudig begr��t. Diese Freude schlug aber in Entsetzen um, als die Revolution blutig wurde und massenweise K�pfe rollten. Das hatte mit Vernunft und Aufkl�rung nichts zu tun.</p><p>Die europ�ischen Gro�m�chte schauten den Ereignissen in Frankreich nicht lange tatenlos zu. Von 1792 an k�mpften sie in wechselnden Koalitionen gegen Frankreich. Zum einen, weil sie verhindern wollten, dass sich die revolution�ren Ideen in Europa ausbreiteten; zum andern, weil sie, wie immer bei Kriegen, auf lohnende Beute hofften. Doch diese Hoffnung t�uschte gewaltig. Frankreich war viel st�rker als erwartet. Und im Verlauf der verschiedenen Kriege trat ein Mann immer mehr in den Vordergrund: Napoleon Bonaparte. Er wurde der m�chtigste Herrscher in Europa und ver�nderte Deutschland in 20 Jahren mehr als alle deutschen Kaiser und K�nige in 200 Jahren zuvor.</p><p>Nach den milit�rischen Erfolgen Frankreichs erkannten die Kriegsgegner 1801 den Rhein als Grenze zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich an. Doch damit war Napoleon noch nicht zufrieden. Er wollte zwischen seinem Land und �sterreich �Pufferstaaten�. Sie sollten zu schwach sein, um Frankreich anzugreifen, aber stark genug, um Frankreich gegen �sterreich zu helfen. Deswegen ordnete er Deutschland neu. Die geistlichen Herrschaftsgebiete wurden s�kularisiert, das hei�t an weltliche F�rsten �bergeben. Dabei verschwanden insgesamt 112 Reichsbist�mer, Reichsabteien und Reichsst�dte sowie 350 Reichsritterschaften von der politischen Landkarte. Drei Millionen Menschen wechselten ihre Herren. Die Hauptgewinner waren Baden, W�rttemberg und Bayern, deren L�nder sehr viel gr��er wurden.</p><p>Als es 1805 wieder zu einem Krieg zwischen Frankreich und �sterreich kam, standen die deutschen F�rsten dazwischen. Der w�rttembergische Kurf�rst klagte: �Ich muss Partei ergreifen entweder gegen Frankreich, das hei�t mich von Truppen �berschwemmt und feindlich behandelt sehen drei Tage nach dieser Erkl�rung, oder ich muss mich mit Frankreich verb�nden gegen den Kaiser, das Reichsoberhaupt.�</p><p>Er entschied sich wie viele deutsche F�rsten f�r Napoleon, der inzwischen Kaiser der Franzosen war. Nach dem Sieg wurden sie f�rstlich entlohnt. Napoleon machte Bayern und W�rttemberg zu K�nigreichen, Baden zum Gro�herzogtum. Und wieder war er seinem Ziel, das alte deutsche Kaiserreich zu zerst�ren, einen gro�en Schritt n�her gekommen. Schon ein Jahr sp�ter hatte er es erreicht. 16 s�d- und westdeutsche L�nder gr�ndeten in Paris den Rheinbund unter F�hrung Napoleons und erkl�rten ihren Austritt aus dem Reichsverband. Daraufhin legte Franz II. die Kaiserkrone nieder. Die Geschichte des Heiligen R�mischen Reiches Deutscher Nation war zu Ende.</p></section><section><p><strong>Deutschland wird �franz�sisch�</strong></p><p>Viele Menschen in Deutschland empfingen Napoleon durchaus mit Sympathie. Sie hofften, er werde die Errungenschaften der Franz�sischen Revolution, vor allem Freiheit und Gleichheit bringen. Und anfangs sah es auch so aus, als w�rden diese Hoffnungen wenigstens zum Teil erf�llt. Die franz�sischen �Satellitenstaaten� erhielten neue Verfassungen, in denen die Gleichheit aller B�rger vor dem Gesetz festgeschrieben war. Die Adelsprivilegien wurden weitgehend abgeschafft, die Bauern aus ihrer Abh�ngigkeit befreit und rechtlich den anderen B�rgern gleichgestellt.</p><p>Die Gewerbefreiheit wurde eingef�hrt. Der Staat �bernahm die Aufsicht �ber Schulen und Kirchen und garantierte die Religionsfreiheit. Das neue Zivilgesetzbuch, der �Code Civil�, sollte auf der Grundlage der Rechtsgleichheit das Zusammenleben der B�rger regeln. Das alles waren wichtige Verbesserungen, aber von der politischen Mitbestimmung blieben die B�rger ausgeschlossen, denn ein vom Volk gew�hltes Parlament gab es nicht.</p><p>Immer mehr deutsche Staaten schlossen sich dem Rheinbund an und wurden �franz�sisch�. Schlie�lich standen nur noch Preu�en und �sterreich au�erhalb. Aber auch sie gerieten in Zugzwang. �Wir m�ssen reformieren, um nicht zu revolutionieren, zu jenem helfe, vor diesem sch�tze Gott�, beschrieb ein preu�ischer Beamter die Lage.</p><p>Die Freiherren vom Stein und von Hardenberg wurden zu den wichtigsten Reformern in Preu�en. Dabei orientierten sie sich in vielem an Frankreich: Die Bauern wurden pers�nlich frei und konnten ihren Beruf frei w�hlen; der Adel verlor seine Privilegien; die B�rger in den St�dten erhielten das Recht, einen Stadtrat zu w�hlen, der die Stadt verwaltete; Juden wurden den anderen Staatsb�rgern gleichgestellt; der mittelalterliche Zunftzwang wurde aufgehoben und die Gewerbefreiheit eingef�hrt; das veraltete Heer wurde modernisiert, die Pr�gelstrafe abgeschafft; Wilhelm von Humboldt reformierte die Bildung und das Schulwesen.</p><p>Ziel all dieser Reformen war, aus den preu�ischen Untertanen selbstst�ndig denkende B�rger zu machen, die verantwortungsbewusst im Staat mitarbeiteten. Am Ende sollte eine Volksvertretung stehen, die dem K�nig gleichberechtigt gegen�bertrat.</p><p>Diese Reformen gingen dem �sterreichischen Herrscher viel zu weit. Er und seine Regierung lie�en allenfalls ein paar �Ref�rmchen� zu. Wirklich reformiert wie Preu�en wurde �sterreich nicht.</p></section><section><p><strong>Die Deutschen befreien sich von Napoleon</strong></p><p>Schon bald regte sich Opposition gegen die franz�sische Dominanz in Deutschland, die von vielen als Besatzung empfunden wurde. Auch die Unterw�rfigkeit ihrer Regierungen gegen�ber Napoleon fanden immer mehr B�rger besch�mend und unw�rdig.</p><p>Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte forderte seine Landsleute in den <emphasis>Reden an die deutsche Nation</emphasis> auf, sich �Charakter anzuschaffen� und wieder Deutsche zu werden. �Lassen wir nur nicht mit unserm K�rper zugleich auch unsern Geist niedergebeugt und unterworfen und in die Gefangenschaft gebracht werden!�</p><p>Der Historiker und Schriftsteller Ernst Moritz Arndt ging noch weiter und schrieb vom �Hass gegen die Franzosen�, der n�tig sei, um die Freiheit wieder zu erk�mpfen.</p><p>In diese nationale Aufbruchstimmung hinein platzte die Nachricht, dass Napoleons 600 000 Mann starke Armee in Russland vernichtend geschlagen worden sei. Der als unbesiegbar geltende Napoleon war besiegt worden, das machte den Deutschen Mut. Gleichzeitig war die Trauer gro�, weil etwa 200 000 Soldaten der franz�sischen Armee aus den deutschen Rheinbundstaaten stammten. Von diesen 200000 kehrten nur wenige tausend in ihre Heimat zur�ck. Das steigerte den Hass auf die Franzosen noch und f�hrte zu einer nationalen Welle, von der bald auch der preu�ische K�nig mitgerissen wurde. Am 17. M�rz 1813 appellierte er an das Nationalgef�hl der Preu�en und anderen Deutschen und rief zum Krieg gegen Frankreich auf. Aber auch ohne diesen Aufruf waren viele M�nner bereit, f�r die Freiheit und das Vaterland zu k�mpfen. Zum ersten Mal musste das Volk nicht in einen Krieg gezwungen werden, denn nicht die F�rsten, sondern das Volk wollte diesen �Befreiungskrieg�. Die franz�sische Armee wurde von der Koalition aus Preu�en, Russland, England, Schweden und �sterreich in der �V�lkerschlacht� bei Leipzig (16. bis 19. Oktober 1813) geschlagen. Im Fr�hjahr 1814 zogen die Verb�ndeten in Paris ein. Die Rheinbundstaaten k�ndigten ihr B�ndnis mit Napoleon, der abdanken musste und auf die Insel Elba verbannt wurde. Die franz�sische Herrschaft �ber Deutschland und Europa war zu Ende.</p></section><section><p><strong>Was ist des Deutschen Vaterland?</strong></p><p>Nach der Befreiung von dem �franz�sischen Unterdr�cker� tr�umten viele Menschen von einem vereinten Deutschland, in dem das Volk mitbestimmen und mitregieren sollte. Aber genau davor hatten die europ�ischen F�rsten Angst. Auf dem �Wiener Kongress� vom Herbst 1814 bis zum Sommer 1815 wollten sie Europa neu ordnen � und dabei m�glichst viel beim Alten lassen. Vor allem der �sterreichische Kanzler F�rst Metternich h�tte die Uhr am liebsten zur�ckgedreht, um die Zust�nde vor 1789 wiederherzustellen. Dabei bereitete �die deutsche Frage� wieder einmal besondere Probleme. W�hrend Ernst Moritz Arndt in einem Gedicht forderte, �das ganze Deutschland soll es sein�, wollten weder die deutschen noch die anderen europ�ischen F�rsten so ein �ganzes Deutschland�. Das schien allen zu gro� und zu m�chtig.</p><p>Stattdessen schufen sie einen �Deutschen Bund�, in dem die 35 souver�nen deutschen Staaten und vier Freie St�dte locker zusammengeschlossen waren. Deren Vertreter bildeten den �Bundestag�, der unter �sterreichischem Vorsitz in Frankfurt tagte. Doch in diesem Bundestag sa�en nur die Gesandten der Regierungen, keine Volksvertreter. Die Macht lag wie bisher bei den F�rsten.</p><p>Die Menschen waren sehr entt�uscht. Daf�r hatten sie in den Befreiungskriegen nicht gek�mpft. Vor allem die b�rgerliche Bildungsschicht stritt nun in Schriften und Reden f�r Verfassungen und einen Nationalstaat.</p><p>W�hrend sich die Mehrheit der deutschen Bev�lkerung bald wieder ins Privatleben zur�ckzog, schlossen sich an den Universit�ten freiheitlich denkende � �liberale� � Studenten und Professoren in den so genannten �Burschenschaften� zusammen. Im Jahr 1817 feierten 500 von ihnen auf der Wartburg den 300. Jahrestag der Reformation. An diesem historischen Ort forderten sie unter schwarz-rotgoldenen Fahnen ein einiges, freies Deutschland, verbrannten B�cher mit r�ckw�rts gewandtem � �reaktion�rem� � Inhalt, eine preu�ische Uniform und einen �sterreichischen Korporalstock.</p><p>Solche Demonstrationen provozierten die F�rsten nat�rlich. Und als am 23. M�rz 1819 der Theologiestudent Carl Sand den Schriftsteller August von Kotzebue erstach, weil der als Anh�nger der F�rsten und russischer Spion galt, war das f�r die Obrigkeit Anlass zum Handeln. Wieder war es Metternich, der auf harte Ma�nahmen dr�ngte. In den �Karlsbader Beschl�ssen� wurden die Burschenschaften verboten und aufr�hrerische �radikale� Studenten zu Festungshaft verurteilt. Etliche Professoren wurden entlassen, die Universit�ten von der Polizei �berwacht. Zeitungen, Flugbl�tter und politische Schriften durften �erst dann gedruckt werden, wenn sie vorher von den Regierungen genehmigt worden sind� � mit anderen Worten: Es herrschte �Zensur�.</p><p>In �sterreich und Preu�en wurden diese Beschl�sse besonders streng angewandt, um die alten Monarchien zu retten. Doch selbst Metternich ahnte, dass sich die freiheitlichen Kr�fte nicht mehr dauerhaft unterdr�cken lie�en. Seinem Tagebuch vertraute er an: �Mein geheimster Gedanke ist, dass das alte Europa am Anfang seines Endes ist.�</p></section><section><p><strong>Wieder keine Revolution</strong></p><p>Nach so vielen Umw�lzungen, K�mpfen und Kriegen sehnten die Menschen sich nach Ruhe. Die gro�e Mehrheit des Volkes nahm auch die Einschr�nkungen durch die Karlsbader Beschl�sse widerstandslos hin. Man zog sich von der Politik zur�ck, und wer es sich leisten konnte, widmete sich dem privaten Gl�ck, das vor allem in einem behaglichen Familienleben bestand. Dazu geh�rten Hausmusik und Spiele ebenso wie gemeinsame Spazierg�nge und Ausfl�ge. Die revolution�ren Gedanken �berlie� man wieder ganz den Dichtern, Denkern und K�nstlern. Aber auch die besangen jetzt lieber die Natur und romantische Gef�hle. Franz Schubert komponierte <emphasis>Am Brunnen vor dem Tore</emphasis> und das <emphasis>Heidenr�slein</emphasis>, Eduard M�rike dichtete �Fr�hling l�sst sein blaues Band wieder flattern durch die L�fte � � und Caspar David Friedrich malte seine Landschaftsbilder. Kurz: �Romantik� war angesagt.</p><p>Der Maler Carl Spitzweg hat das idyllisch-beschauliche Leben der Kleinst�dter in vielen Bildern dargestellt. Sp�ter wurde diese Zeit etwas sp�ttisch das �Biedermeier� genannt. Der �deutsche Michel� als das Sinnbild des deutschen B�rgers tauchte hier zum ersten Mal auf: treuherzig, gem�tlich, verschlafen und ziemlich naiv tappte er durch Zeitungen und Journale. Die biedermeierliche Idylle w�hrte allerdings nicht lange. Ohnehin war f�r die meisten Menschen das Leben auch in diesen Friedenszeiten nicht idyllisch. Sie mussten f�r ihr t�gliches Brot schwer arbeiten und hatten kaum Mu�e f�r romantische Gef�hle.</p><p>Und es gab immer noch Menschen, die nicht nur an ihr privates Gl�ck dachten, sondern von einem Vaterland f�r alle Deutschen tr�umten. Als es im Juli 1830 in Paris zu Stra�enk�mpfen kam, in deren Folge der franz�sische K�nig floh und die Regierung abgesetzt wurde, schwappte die Revolutionswelle schnell �ber ganz Europa. In Deutschland erhielt die Einheits- und Freiheitsbewegung neuen Auftrieb.</p><p>Aufst�nde in mehreren deutschen L�ndern f�hrten dazu, dass die F�rsten dem Volk Verfassungen und Landtage zugestehen mussten. Die neue Bewegung gipfelte im �Hambacher Fest�, zu dem am 27. Mai 1832 etwa 30000 Menschen kamen. F�r damalige Verh�ltnisse war das eine gewaltige Zahl. Der liberale Publizist Siebenpfeiffer hielt eine flammende Rede: �Leuchtende Strahlen der Hoffnung zucken auf, die Strahlen der Morgenr�te deutscher Freiheit, und bald, bald wird ein Deutschland sich erheben, herrlicher, als es jemals gewesen � Ja, es wird kommen der Tag, wo ein gemeinsames deutsches Vaterland sich erhebt, das alle S�hne als B�rger begr��t und alle B�rger mit gleicher Liebe, mit gleichem Schutz umfasst � Wir selbst wollen, wir m�ssen vollenden das Werk, und ich ahne, bald, bald muss es geschehen, soll die deutsche, soll die europ�ische Freiheit nicht erdrosselt werden von den M�rderh�nden der Aristokratie.�</p><p>Aber wieder schlugen die F�rsten � immer noch angef�hrt von Metternich � zur�ck, die Presse wurde noch mehr geknebelt, Liberale, Demokraten, Patrioten wurden verhaftet und verurteilt. Wieder hatte es in Deutschland nicht zu einer richtigen Revolution gereicht. Das Volk hatte auch diesmal den gro�en Aufstand gegen die M�chtigen nicht gewagt. �ber vereinzelte Barrikadenk�mpfe war der Versuch einer Revolution nicht hinausgekommen.</p><p>K�nig Ernst August von Hannover erkl�rte sogar die neue Verfassung wieder f�r ung�ltig. Dagegen wehrten sich gerade mal sieben G�ttinger Professoren, unter ihnen die �M�rchen-Br�der� Jakob und Wilhelm Grimm. Die �G�ttinger Sieben� verloren ihre �mter und mussten fliehen.</p><p>Noch heute h�ngt ein Portr�t des K�nigs Ernst August in der Aula der G�ttinger Universit�t. Auch in anderen St�dten wurden F�rsten oft gro�z�gig mit Denkm�lern bedacht. Dagegen tat und tut man sich in Deutschland stets schwer mit Denkm�lern f�r Freiheitsk�mpfer und Demokraten.</p></section><section><p><strong>Die Schlagb�ume fallen</strong></p><p>Der Weg zu einem vereinten Deutschland war m�hsam: zwei Schritte vor, einer zur�ck � und manchmal auch umgekehrt. Diesem Schneckentempo in der staatlich-politischen Entwicklung standen wichtige Erfindungen und Entdeckungen der Naturwissenschaftler und Techniker gegen�ber. Dampfmaschine, Eisenbahn und Telegraf ver�nderten in dieser Zeit die Welt rasanter, grundlegender und dauerhafter als die Taten und Untaten von F�rsten, Heerf�hrern und Revolution�ren. Etwas zugespitzt k�nnte man sagen: Nicht Philosophen und Staatsm�nner, sondern Fabrikanten und Eisenbahnbauer schufen die Grundlagen f�r die nationale Einheit.</p><p>Mit der Wirtschaft m�sse man anfangen, erkl�rte der Schwabe Friedrich List. Zuerst m�ssten die Schlagb�ume zwischen den vielen Einzelstaaten beseitigt werden, dann w�rden die Grenzpf�hle bald von selbst fallen. Das Zaubermittel auf dem Weg nach Deutschland war f�r ihn die Eisenbahn. Sie sollte die Kleinstaaterei �berwinden und die deutsche Nation �zu einem streitbaren und kraftvollen K�rper verbinden�. Friedrich List wurde von den Fabrikanten und H�ndlern unterst�tzt, die einen gro�en deutschen Markt forderten, damit Waren ungehindert und m�glichst billig von einem Ort zum andern gelangen konnten. Nach schwierigen Verhandlungen gr�ndeten 18 Staaten unter F�hrung Preu�ens den �Deutschen Zollverein� und am 1. Januar 1834 fielen zwischen ihnen die Zollschranken.</p><p>Am 7. Dezember 1835 fuhr, von vielen Menschen noch f�r eine gef�hrliche Teufelsmaschine gehalten, die erste Eisenbahn in Deutschland auf der sechs Kilometer langen Strecke von N�rnberg nach F�rth.</p><p>Zehn Jahre sp�ter umfasste das Eisenbahnnetz schon 2131 Kilometer und es wuchs rasch weiter. Die Eisenbahnindustrie wurde ein wichtiger Industriezweig.</p><p>Dem Deutschen Zollverein schlossen sich nach und nach die anderen deutschen Staaten an. Nur �sterreich blieb drau�en und betrachtete die Entwicklung mit Sorge. Denn hier deutete sich eine L�sung der deutschen Frage ohne �sterreich an.</p></section><section><p><strong>Die �soziale Frage� verlangt Antworten</strong></p><p>Die von England ausgehende Industrialisierung ver�nderte das Leben der Menschen in kurzer Zeit so grundlegend, dass man auch von einer �industriellen Revolution� spricht. Fabriken wurden gebaut, in denen immer mehr Maschinen den Menschen immer mehr Arbeiten abnahmen. Da die meisten Menschen aber au�er ihrer Arbeitskraft kaum etwas besa�en, waren sie auf Arbeit angewiesen. Und weil es mehr Arbeitsuchende als Arbeitspl�tze gab, konnten die Fabrikanten die L�hne sehr niedrig halten. Aber selbst wer Arbeit hatte, konnte durch Krankheit oder Unfall in Not geraten � und mit ihm die ganze Familie.</p><p>Der junge Dichter Georg B�chner kritisierte die herrschenden Zust�nde in Flugschriften:</p><p>�Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag; sie wohnen in sch�nen H�usern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigene Sprache.� Das Leben der Bauern und Arbeiter dagegen sei �ein langer Werktag�. Leben hei�e f�r sie �hungern und geschunden werden�. B�chners Kritik gipfelte in dem Ausruf: �Friede den H�tten, Krieg den Pal�sten!�</p><p>In manchen Gegenden Deutschlands wurde die Not so dr�ckend, dass sogar die Kinder f�r ein paar Groschen arbeiten mussten. So in Schlesien, wo die Leinenweber mit der industriellen Fertigung von Stoffen nicht mehr konkurrieren konnten. Ihr Verdienst sank unter das Existenzminimum und sie drohten zu verhungern. In ihrer Verzweiflung marschierten sie im Juni 1844 zu den Fabriken, zerst�rten die Maschinen und verbrannten die Gesch�ftsb�cher, in denen ihre Schulden verzeichnet waren. Der Aufstand wurde vom preu�ischen Milit�r blutig niedergeschlagen. Heinrich Heine schrieb dazu sein Gedicht <emphasis>Die schlesischen Weber</emphasis>. In einer Strophe hei�t es:</p><p>Ein Fluch dem K�nig, dem K�nig der Reichen,</p><p>Den unser Elend nicht konnte erweichen, Der den letzten Groschen von uns erpresst, Und uns wie Hunde erschie�en l�sst.</p><p>Aber mit Waffen waren die Probleme auf Dauer nicht zu l�sen. Die soziale Frage verlangte andere Antworten. Vor allem als die Lage der armen Bev�lkerung durch Missernten in Deutschland und ganz Europa immer bedrohlicher wurde. Viele Menschen waren �berzeugt, nur noch eine radikale Ver�nderung der Verh�ltnisse k�nne helfen. Am sch�rfsten formulierten das Karl Marx und Friedrich Engels in ihrem <emphasis>Kommunistischen Manifest</emphasis>, das sie im Februar 1848 ver�ffentlichten. Darin pl�dierten sie f�r �einen gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. M�gen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben in ihr nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller L�nder, vereinigt euch!�</p><p>Der Boden f�r die Revolution war bereitet. Aber wieder bedurfte es eines Ansto�es von au�en. Und wie schon 1830 kam dieser Ansto� aus Paris. Dort wurden am 24. Februar 1848 der K�nig und seine Regierung gest�rzt, die Republik ausgerufen und eine provisorische Regierung eingesetzt. Die Nachricht verbreitete sich rasch in ganz Europa. In fast allen deutschen L�ndern kam es im M�rz zu Demonstrationen und Stra�enk�mpfen. Am 13. M�rz musste der verhasste Staatskanzler F�rst Metternich, der fast 40 Jahre lang die reaktion�re Politik in Deutschland bestimmt hatte, abdanken und aus Wien fliehen. Am 15. M�rz versprach der �sterreichische Kaiser eine Verfassung und die Abschaffung der Zensur.</p><p>Drei Tage sp�ter versammelten sich viele Menschen vor dem Berliner Schloss, um dem preu�ischen K�nig ihre Forderungen zu �berbringen. Pl�tzlich schoss die Schlosswache zweimal. Das war f�r die Menschen das Signal zum offenen Aufstand. In den folgenden Stra�enk�mpfen fielen 254 Aufst�ndische, darunter acht Frauen und drei Kinder. K�nig Friedrich Wilhelm IV. f�rchtete eine Ausweitung des B�rgerkrieges und zog seine Truppen zur�ck. Die Toten wurden vor dem Schloss aufgebahrt und der K�nig musste sich mit entbl��tem Haupt vor ihnen verneigen. Noch nie war ein K�nig in Deutschland so gedem�tigt worden.</p><p>In einem Aufruf �An mein Volk und an die deutsche Nation� versprach er die Einheit Deutschlands und Verfassungen in allen deutschen L�ndern. Wenig sp�ter bewilligte er allgemeine Wahlen zu einer preu�ischen verfassunggebenden Nationalversammlung.</p><p>Auch andere deutsche F�rsten gaben dem Volkswillen nach, beriefen liberale Minister (M�rzminister) und versprachen Reformen.</p><p>Aber es gab Leute, die den Versprechungen der F�rsten nicht trauten und die Sache des Volkes lieber selbst in die Hand nehmen wollten. Die trafen sich am 31. M�rz in Frankfurt, um das weitere Vorgehen zu beraten. Die radikalen Kr�fte forderten das Ende der F�rstenherrschaft und die Demokratie. Der badische Abgeordnete Friedrich Hecker erkl�rte: �Ich will die Freiheit, die ganze Freiheit, f�r alle, gleich viel in welcher Staatsform sie zu erreichen ist. Aber keine Freiheit nur f�r die Privilegierten oder f�r die Reichen; ich bin, wenn ich es mit einem Wort benennen soll, Sozialdemokrat.�</p><p>Den Liberalen ging eine soziale Demokratie zu weit. �Ich will keine P�belherrschaft, kein Lieb�ugeln mit dem P�bel�, hielt Heinrich von Gagern dem Sozialdemokraten Hecker entgegen. So wie er dachte die Mehrheit der in Frankfurt Versammelten; man wollte lieber mit den Regierungen zusammenarbeiten als eine Revolution. Da verlie� Hecker Frankfurt und marschierte mit seinen Anh�ngern nach Konstanz, wo er am 12. April die Republik ausrief und zur bewaffneten Erhebung aufforderte. Schon eine Woche sp�ter wurden die badischen Revolution�re im S�dschwarzwald von Bundestruppen vernichtend geschlagen.</p></section><section><p><strong>Einigkeit und Recht und Freiheit</strong></p><p>Am 18. Mai 1848 traten 586 gew�hlte Volksvertreter in der Frankfurter Paulskirche zur Deutschen Nationalversammlung zusammen. Die Zusammensetzung dieses ersten gesamtdeutschen Parlaments war jedoch alles andere als repr�sentativ: Die Abgeordneten geh�rten �berwiegend dem akademischen Bildungsb�rgertum an. Handwerker waren kaum, die Bauern durch einen Abgeordneten und Arbeiter �berhaupt nicht vertreten. Bald sprach man von einem �Honoratioren-� oder �Professorenparlament�. Unabh�ngig davon bildeten sich allm�hlich drei politische Hauptrichtungen heraus: Je nachdem, wo die Abgeordneten, vom Pr�sidenten aus gesehen, sa�en, nannte man sie die Rechten, die Mitte oder die Linken. Rechts sa�en die �Konservativen�, die m�glichst wenig an den bestehenden Verh�ltnissen �ndern wollten; in der Mitte sa�en die Liberalen, die eine �konstitutionelle�, in eine Verfassung eingebundene Monarchie mit m�glichst viel Freiheiten f�r die B�rger anstrebten; links sa�en die Verfechter einer demokratischen und sozialen Republik.</p><p>In den ersten Monaten wurden die Grundrechte beraten. Danach ging es vor allem um folgende Fragen:</p><empty-line/><p>Soll Deutschland eine konstitutionelle Monarchie oder eine Republik werden?</p><p>Soll es ein zentralistischer Einheitsstaat oder ein �f�deralistischer� Bundesstaat aus selbstst�ndigen Einzelstaaten werden?</p><p>Soll es �gro�deutsch� mit �sterreich oder �kleindeutsch� unter F�hrung Preu�ens sein?</p><p>Wie soll das Wahlrecht aussehen?</p><p>Nach langen Debatten, bei denen viele kluge Reden gehalten wurden, entschied sich die Mehrheit f�r die kleindeutsche L�sung mit einer starken Zentralgewalt bei Weiterbestand der Einzelstaaten. An der Spitze des Reiches sollte der preu�ische K�nig als �Kaiser der Deutschen� stehen, mit dem Recht, die Reichsregierung zu ernennen. Das Recht zur Gesetzgebung und zur Kontrolle der Regierung sollte bei dem vom Volk gew�hlten Reichstag liegen.</p><p>Als die Verfassung am 28. M�rz 1849 endlich fertig war, machte sich eine Delegation der Abgeordneten auf den Weg nach Berlin, um dem preu�ischen K�nig die Kaiserkrone anzubieten. Aber Friedrich Wilhelm IV. lehnte ab. Er betrachtete sich als K�nig von Gottes Gnaden und wollte keine �Schweinekrone� aus den H�nden von Volksvertretern, an der noch der �Ludergeruch der Revolution� hafte, wie er es nannte. �Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!�, soll er gesagt haben. Und bald marschierten die Soldaten auch wieder.</p><p>Viele Abgeordnete waren so entt�uscht, dass sie die Paulskirche verlie�en. Als ein �Rumpfparlament� sich nach Stuttgart zur�ckzog und dort weitertagen wollte, wurden die Volksvertreter von Soldaten auseinander gejagt. Es kam noch einmal zu Aufst�nden in Sachsen, Westfalen und Baden. Doch preu�ische Truppen besiegten nach dreiw�chigem Kampf die letzten Revolutionstruppen. Dann folgte wie immer die Rache der alten M�chte: Die �R�delsf�hrer� wurden standrechtlich erschossen und an die tausend Revolution�re zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. Viele Demokraten und Liberale konnten sich nur durch die Flucht ins Ausland retten.</p><p>Wieder einmal hatten die Deutschen versucht, Freiheit und Einheit mit Reden und auf dem Papier zu erreichen, und waren damit gescheitert. Wer Freiheit und Einheit wolle, hatte der K�nig von Hannover gesagt, m�sse �durch Blut bis an die Brust� gehen. Aber dazu war die Mehrheit der Abgeordneten und des Volkes nicht bereit gewesen. �Einigkeit und Recht und Freiheit f�r das deutsche Vaterland�, wie Hoffmann von Fallersleben in seinem <emphasis>Lied der Deutschen</emphasis> ein paar Jahre zuvor gedichtet hatte, waren wieder in weite Ferne ger�ckt.</p></section><section><p><strong>Durch Eisen und Blut zum Ziel</strong></p><p>Nach dem Scheitern der Revolution bildeten die deutschen Staaten wie zuvor einen lockeren Bund, in dem Preu�en und �sterreich wieder um die Vorherrschaft stritten. Auch sonst drehten die M�chtigen das Rad langsam wieder zu der vorrevolution�ren Ordnung zur�ck, w�hrend die wirtschaftliche Entwicklung sich gleichzeitig mit Riesenschritten in Richtung 20. Jahrhundert bewegte.</p><p>Zum neuen starken Mann der deutschen Politik wurde der preu�ische Ministerpr�sident Otto von Bismarck. Kaum im Amt, sagte er am 30. September 1862: �Nicht auf Preu�ens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht; nicht durch Reden und Majorit�tsbeschl�sse werden die gro�en Fragen der Zeit entschieden � das ist der gro�e Fehler von 1848 und 1849 gewesen � , sondern durch Eisen und Blut.� Bismarcks Ziel war ein starker deutscher Nationalstaat unter preu�ischer F�hrung. Und daf�r war ihm jedes Mittel recht. Schon 1853 hatte er geschrieben, in Deutschland sei f�r Preu�en und �sterreich nebeneinander �kein Platz. Wir atmen einer dem anderen die Luft vor dem Munde fort, einer muss weichen�. Und 1866 erkl�rte er: �Wir brauchen Krieg, nur Krieg.�</p><p>Er bekam seinen Krieg. Den Anlass boten Streitigkeiten um die Herzogt�mer Schleswig und Holstein. Im Juni 1866 trat Preu�en aus dem Deutschen Bund aus und provozierte einen Krieg gegen �sterreich und seine Verb�ndeten. In der Schlacht von K�niggr�tz siegten die preu�ischen Truppen am 3. Juli 1866 unerwartet schnell. Im anschlie�enden Frieden von Prag wurde der Deutsche Bund aufgel�st und �sterreich aus Deutschland hinausgedr�ngt. Preu�en schloss sich mit den Staaten n�rdlich des Mains zum �Norddeutschen Bund� zusammen.</p><p>Bis dahin hatte Bismarck seine Politik ohne Zustimmung des Landtags betrieben. Deswegen wurde er besonders von den Liberalen abgelehnt. Stellvertretend f�r viele hatte Professor Rudolf von Ihering vor dem Krieg geschrieben: �Mit einer solchen Schamlosigkeit, einer solchen grauenhaften Frivolit�t ist vielleicht nie ein Krieg angezettelt worden wie der, den Bismarck gegenw�rtig zu erheben sucht. Das innerste Gef�hl emp�rt sich �ber einen solchen Frevel an allen Grunds�tzen des Rechts und der Moral. Ach! was m�ssen wir erleben, welche grauenhafte Zukunft steht uns bevor.� Nach dem siegreichen Krieg �nderte er seine Meinung total: �Ich beuge mich vor dem Genie eines Bismarck. Wie wunderbar hat der Mann alle F�den des gro�artigen Gewebes gesponnen. Was uns Uneingeweihten als freventlicher �bermut erschien, es hat sich hinterher herausgestellt als unerl�ssliches Mittel zum Ziel. Ich gebe f�r einen solchen Mann der Tat hundert M�nner der liberalen Gesinnung, der machtlosen Ehrlichkeit!�</p><p>Wie Professor von Ihering wurden viele Menschen von Gegnern zu Bef�rwortern der bismarckschen Politik. Und der preu�ische Landtag billigte nachtr�glich sogar das nicht verfassungsgem��e Handeln des Ministerpr�sidenten. Immer mehr Deutsche sahen in ihm den Mann, der den alten Traum von der Einheit Deutschlands verwirklichen konnte.</p><p>Diese neue nationale Welle wollte Bismarck ausn�tzen und die s�ddeutschen Staaten mit dem Norddeutschen Bund verbinden. Als Mittel dazu diente ihm wieder ein Krieg, ein Krieg gegen den gemeinsamen Feind Frankreich. Durch geschicktes Taktieren erreichte Bismarck, dass Frankreich Preu�en und damit auch seinen Verb�ndeten den Krieg erkl�rte und vor der Welt als Aggressor dastand.</p><p>Die nationale Begeisterung, die nun ausbrach, �hnelte der vor den Befreiungskriegen. Soldaten aus ganz Deutschland marschierten gegen Frankreich und schlugen die Franzosen am 2. September 1870 in der Schlacht von Sedan.</p><p>Nach diesem gemeinsamen Sieg war die Einheit Deutschlands n�her als je zuvor. Die Menschen und die �ffentliche Meinung gaben keine Ruhe mehr. In dieser nationalen Hochstimmung konnten sich die s�ddeutschen F�rsten und Regierungen Bismarcks Pl�nen und damit der Einigung letztlich nicht widersetzen. Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles der preu�ische K�nig Wilhelm zum Deutschen Kaiser Wilhelm I. ausgerufen. Das war die Geburtsstunde des Deutschen Kaiserreichs.</p><p>Endlich waren die Deutschen am Ziel ihrer Tr�ume: Sie hatten einen Kaiser, ein Reich und drei Monate sp�ter auch eine Verfassung. Aber war dieses Kaiserreich wirklich das, wovon sie so lange getr�umt hatten? Das neue Reich war ein Werk der F�rsten. Es gab zwar den von deutschen M�nnern in allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen gew�hlten Reichstag, aber der konnte letztlich nichts entscheiden. Und �ber die Regierung hatte er keinerlei Kontrolle. Sie war nur dem Kaiser verantwortlich. Er und der Reichskanzler bestimmten die Politik. Gleichzeitig waren sie K�nig beziehungsweise Ministerpr�sident von Preu�en, das zwei Drittel des Reichsgebietes und drei F�nftel der Bev�lkerung umfasste. Die wichtigsten Rohstoffgebiete und Industrien lagen in Preu�en, und Preu�en hatte die mit Abstand st�rkste Armee. All das konnten der Kaiser und sein Reichskanzler, falls n�tig, in die Waagschale werfen. Deswegen gab es nach dieser Reichsgr�ndung auch sehr kritische Stimmen. �Maul halten � Steuern zahlen � Soldat werden!�, so brachten vor allem viele S�ddeutsche ihre Meinung zu dem preu�isch dominierten Kaiserreich auf den Punkt.</p></section><section><p><strong>Sozialistengesetz und Sozialgesetze</strong></p><p>Die Reichsgr�ndung war eine Sache, die wirtschaftliche Entwicklung vom Agrar- zum Industriestaat war eine andere, f�r die Mehrzahl der Menschen in Deutschland noch viel einschneidendere Sache. Die zunehmende Industrialisierung n�mlich ver�nderte die Arbeits- und Lebensbedingungen radikal. Sie machte aus den meisten Bauern Industriearbeiter, aus Landbewohnern Stadtmenschen. Wohnung und Arbeitsplatz wurden getrennt, die �berlieferte Form der Gro�familie l�ste sich in den St�dten langsam auf. Alles war in Bewegung.</p><p>Die St�dte explodierten f�rmlich. Hatte Berlin 1850 noch etwa 400 000 Einwohner, so waren es um 1900 schon 2 Millionen. In Hamburg schnellte die Einwohnerzahl von 130000 auf 700000 hoch. So �hnlich war es auch in anderen St�dten. Der Wohnungsbau konnte da nicht mehr mithalten. Als Folge stiegen die Mieten so kr�ftig, dass viele Zuwanderer sie nicht bezahlen konnten. Die bauten dann an den Stadtr�ndern Bretterbuden f�r ihre Familien. Um diese Zeit entstanden die ersten �Mietskasernen�, in denen Arbeiterfamilien auf engstem Raum leben mussten. In Berlin hatte die H�lfte aller Familien nur einen Raum von 4 Metern L�nge und 3,60 Metern Breite. Weit �ber 100000 Menschen hausten in feuchten, ungesunden Kellerwohnungen. Auf der anderen Seite wuchs der Wohlstand derer, die von der boomenden Wirtschaft am meisten profitierten: Fabrikanten, Industrielle und Bankiers. Auch den meisten Adligen ging es nach wie vor gut. Sie hatten weiterhin F�hrungspositionen beim Milit�r und im Staat, und viele besa�en zugleich Aktien von gro�en Unternehmen.</p><p>Die sozialen Gegens�tze bargen eine Menge Sprengstoff f�r das Reich. Und Bismarck ahnte fr�h, dass mit fortschreitender Industrialisierung die Entstehung einer gro�en Arbeiterpartei unvermeidlich sein werde � wenn man ihr nicht durch Sozialreformen zumindest entgegenwirkte.</p><p>Diese Arbeiterpartei entstand aus dem am 23. Mai 1863 gegr�ndeten �Allgemeinen deutschen Arbeiterverein� Ferdinand Lasalles. Seit 1875 nannte sie sich �Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands� und forderte �direkte Gesetzgebung durch das Volk�, eine �sozialistische Gesellschaft� und �die Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit�. Obwohl mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht nur zwei Sozialdemokraten im ersten deutschen Reichstag sa�en, nahm Bismarck die Arbeiterbewegung und ihre Partei sehr ernst. Und als sie 1877 bereits eine halbe Million Stimmen erhielt, wartete er nur noch auf eine Gelegenheit, die �Reichsfeinde�, wie er die Sozialisten nannte, auszuschalten. Nachdem zwei Attentate auf den Kaiser ver�bt worden waren, schlug Bismarck zu: Er legte ein �Gesetz gegen die gemeingef�hrlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie� vor, das vom Reichstag mit gro�er Mehrheit angenommen wurde und am 21. Oktober 1878 in Kraft trat. Es verbot alle sozialistischen Vereine, Versammlungen und Zeitungen. Obwohl sich bald herausstellte, dass die Sozialdemokraten mit den Attentaten nichts zu tun hatten, blieb das �Sozialistengesetz� bis 1890 in Kraft. Allerdings brachte es nicht den gew�nschten Erfolg. Die Sozialdemokratie arbeitete im Untergrund weiter und blieb als politische Kraft erhalten. Als sie 1890 wieder zu den Wahlen zugelassen wurde, erhielt sie die meisten W�hlerstimmen. Bismarcks Politik der Ausgrenzung der Arbeiterpartei aber wirkte lange nach. Sie verhinderte letztlich die Integration der Arbeiterschaft in den Staat. Daran �nderte auch die f�r die damalige Zeit vorbildliche Sozialgesetzgebung � Versicherung gegen Krankheit, Unfall, Alter und Invalidit�t � nichts, mit der Bismarck die Arbeiter f�r den Staat zu gewinnen suchte.</p><p>Noch heute gehen die Meinungen �ber den �Eisernen Kanzler�, wie Bismarck genannt wurde, auseinander. Von manchen wird er als genialer Politiker und Reichsgr�nder verehrt. Andere halten ihn f�r einen skrupellosen preu�ischen Junker, der f�r die Erreichung seiner Ziele �ber Leichen ging. Tats�chlich war er beides.</p></section><section><p><strong>Die gute alte Zeit?</strong></p><p>Trotz der industriellen Revolution und der Modernisierung aller Lebensbereiche glich der Gesellschaftsaufbau des Kaiserreiches nach wie vor der mittelalterlichen St�ndeordnung:</p><p>An der Spitze stand der Kaiser. Dann kam der Adel. Zu ihm traten die reichen und wirtschaftlich einflussreichen �Gro�b�rger�, die den Lebensstil des Adels nachahmten und sich bem�hten, einen Adelstitel zu erwerben. Ein �von� vor dem Namen bedeutete gesellschaftlichen Aufstieg.</p><p>Den zweiten Stand bildete das so genannte �Besitz- und Bildungsb�rgertum�: Kaufleute, Fabrikanten, Bankiers sowie �rzte, Juristen, Professoren und Gymnasiallehrer. Um standesgem�� auftreten zu k�nnen, gaben sie viel Geld aus und manche lebten dabei auch �ber ihre Verh�ltnisse.</p><p>Unter ihnen gab es noch, ebenfalls zum zweiten Stand z�hlend, die �Kleinb�rger�: Handwerker, kleine Kaufleute, Beamte und Angestellte in Handel, Dienstleistungsgewerbe und Industrie. Sie orientierten sich nach oben, obwohl sie dort nur bel�chelt wurden, und grenzten sich nach unten scharf ab. Sie wollten keinesfalls zum dritten Stand gerechnet werden, auch die nicht, denen es materiell kaum besser ging als vielen Arbeitern. Die n�mlich bildeten, zusammen mit den Bauern, diesen untersten, dritten Stand.</p><p>Wie im alten Preu�en kam es auch im neuen Deutschen Reich zu einer Militarisierung aller Lebensbereiche. Wenn sich ein Mann um eine Anstellung bewarb, lautete die erste Frage: �Ham se jedient?� Wer nicht gedient hatte, konnte auch bei den besten Empfehlungen meistens gleich wieder �abtreten�.</p><p>�Ein junger Kaufmann will bei uns nicht aussehen wie ein junger Kaufmann, sondern wie ein Leutnant in Zivil. Und ein J�ngling allerb�rgerlichster Herkunft schafft sich, wenn er Ehrgeiz hat, zun�chst ein Monokel an und dann diesen imponierenden k�niglich-preu�ischen Schnarrton�, sagte der SPD-Abgeordnete Wendel im Reichstag. Diese Zeit haben Heinrich Mann in <emphasis>Der Untertan</emphasis> und Carl Zuckmayer in seinem <emphasis>Hauptmann von K�penick</emphasis> treffend beschrieben.</p><p>Dem Aufbau der Gesellschaft entsprechend gab es in Preu�en das Dreiklassenwahlrecht (jede Klasse konnte ein Drittel der Abgeordneten w�hlen), und im ganzen Reich wurde das dreigliedrige Schulsystem eingef�hrt. Die Einf�hrung der achtj�hrigen �Volksschule� mit einer Schulpflicht f�r alle Kinder war ein gro�er Fortschritt und f�hrte dazu, dass in Deutschland bald mehr Kinder lesen und schreiben konnten als in allen anderen L�ndern. Trotzdem blieb es f�r Arbeiter- und Bauernkinder schwer, in der Gesellschaft aufzusteigen, was �oben� auch nicht gew�nscht wurde. Kaiser Wilhelm II. ordnete an, dass �die Schule durch Pflege der Gottesfurcht und der Liebe zum Vaterland die Grundlage f�r eine gesunde Auffassung auch der staatlichen und gesellschaftlichen Verh�ltnisse zu legen habe�. Jeder solle wissen, wo sein Platz ist, und nur die f�r seinen Beruf n�tigen Kenntnisse erwerben.</p><p>Da der Platz der Frauen durch die drei �K� Kinder, K�che, Kirche festgelegt war, sollten sie auch nur lernen, was sie daf�r brauchten. Rechtlich war die Frau dem Mann untergeordnet und sozial von ihm abh�ngig. Viele Frauen sahen es als nat�rlich an, von der Obhut des Vaters in die des Ehemannes �bergeben zu werden. Ihre gro�e Angst war, als �alte Jungfer� sitzen zu bleiben.</p><p>Nur sehr langsam �nderte sich an der Benachteiligung von M�dchen und Frauen etwas. Mutige, kluge Frauen wie Luise Otto-Peters, Auguste Schmidt, Hedwig Dohm, Helene Lange und Clara Zetkin gr�ndeten Frauenvereine und Frauenzeitschriften, in denen sie mehr Rechte forderten. �Menschenrechte haben kein Geschlecht� lautete dabei der Wahlspruch von Hedwig Dohm.</p><p>Ab 1892 durften M�dchen erstmals in Preu�en an Jungengymnasien die Reifepr�fung ablegen. Studieren durften sie allerdings erst zehn Jahre sp�ter. Und 1908 durften Frauen auch politischen Vereinen und Parteien beitreten, ohne jedoch w�hlen und gew�hlt werden zu k�nnen. Zwar forderte die SPD seit 1891 das Wahlrecht f�r Frauen, konnte es allerdings erst 1918/19 durchsetzen.</p></section><section><p><strong>Ein �S�belrassler� auf dem Thron</strong></p><p>Kaiser Wilhelm I. starb 1888. Weil sein Sohn Friedrich III. nur drei Monate nach der Thronbesteigung an Kehlkopfkrebs starb, wurde sein Enkel Wilhelm II. im �Dreikaiserjahr� schon mit 29 Jahren Kaiser. Er musste also nicht viele Jahre geduldig auf den Thron warten, Jahre, in denen er reifer, ruhiger, gelassener, vielleicht sogar weiser h�tte werden k�nnen. Nein, der junge Wilhelm stand pl�tzlich an der Spitze des Reiches. In diesem Reich war er aufgewachsen, hatte als kleiner Junge die Reichsgr�ndung, dann den wirtschaftlichen Aufschwung und den Weg zur europ�ischen Gro�macht miterlebt. Immer gr��er, immer schneller, immer besser, immer mehr, lautete die Devise. Immer nur Erfolge und Siege, keine Niederlagen. So w�rde es immer weitergehen, so musste es immer weitergehen, das war f�r Wilhelm v�llig klar. Jetzt war es sein Reich und er wollte darin bestimmen. Nicht der Kanzler und nicht der Reichstag, den er ohnehin f�r ein l�stiges �bel hielt. �Ich f�hre euch herrlichen Zeiten entgegen!�, verk�ndete er.</p><p>Und nicht nur die Politik, auch Wissenschaft und Kunst sollten nach der Pfeife des jungen Kaisers tanzen. �Eine Kunst, die sich �ber die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr. Die Kunst soll mithelfen, erzieherisch auf das Volk einzuwirken, sie soll den unteren St�nden nach harter M�he und Arbeit die M�glichkeit geben, sich an dem Idealen wieder aufzurichten. Wenn nun die Kunst, wie es jetzt vielfach geschieht, weiter nichts tut, als das Elend noch scheu�licher hinzustellen, wie es schon ist, dann vers�ndigt sie sich damit am deutschen Volk.�</p><p>Sozialkritische �Naturalisten�, Schriftsteller, die die Welt so zeigen wollten, wie sie wirklich war, wurden verd�chtigt, mit den Sozialdemokraten gemeinsame Sache zu machen und damit wie diese �Vaterlandsfeinde� zu sein. Als Ger- hart Hauptmanns Drama <emphasis>Die Weber</emphasis> 1892 erschien, durfte es an den Theatern nicht aufgef�hrt werden.</p><p>Auch K�nstler wie Wassily Kandinsky, Franz Marc und Paul Klee, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts neue Ausdrucksformen suchten, waren unerw�nscht. Die Kunst hatte deutsche Gr��e und Gr��en aus Vergangenheit und Gegenwart darzustellen, am liebsten in kolossalen Denkm�lern und riesigen Gem�lden.</p><p>Der �Drang nach Gr��e� war auch das Schlagwort f�r Wilhelms Au�enpolitik. Der alte Reichskanzler mit seiner fein gesponnenen B�ndnispolitik, die ein Gleichgewicht der Kr�fte in Europa geschaffen hatte, war nicht der richtige Partner f�r den neuen Kaiser, der �mit Volldampf voraus� wollte, wie er zu sagen pflegte. Also musste Bismarck gehen. Der Kaiser wollte selbst Au�enpolitik machen. Darunter verstand er aber nicht geduldiges Aktenstudium, Gespr�che und Verhandlungen mit Parteien, Interessengruppen, Botschaftern und Politikern anderer L�nder; Politik machen hie� f�r Wilhelm II. Anweisungen geben und Reden halten. Doch �seine Reden, Interviews und Telegramme waren Katastrophen der Diplomatie�, hei�t es dazu bei dem Historiker Golo Mann. Was Wilhelm von deutscher Gr��e, von Weltmacht, trockenem Pulver und scharfen Schwertern daherschnarrte, machte das �wilhelminische� Deutschland gef�rchtet und unbeliebt.</p><p>Noch zu Bismarcks Zeiten hatte der Afrikaforscher Karl Peters gesagt: �Die deutsche Nation ist bei der Verteilung der Erde leer ausgegangen. Es gilt, das Vers�umte von Jahrhunderten gutzumachen.� Aber Bismarck z�gerte, er war kein �Weltpolitiker�. Anders Kaiser Wilhelm II., dessen Leitspruch lautete: �Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen.� Er und sein Reichskanzler von B�low wollten beim Wettlauf um Kolonien und damit um Weltgeltung auch einen �Platz an der Sonne� ergattern. Dazu war vor allem eine Flotte n�tig, das hatte England vorgemacht. Denn Rohstoff- und Absatzm�rkte in �bersee konnten nur durch eine gro�e Schlachtflotte erobert und gesichert werden. Also begann Deutschland mit dem Aufbau einer solchen Flotte. Die europ�ischen Staaten gewannen immer mehr den Eindruck, bei dem deutschen Drang nach Gr��e handle es sich nun nicht mehr nur um das ber�hmte S�belrasseln, zumal der Kaiser und sein Flottenchef zu ernsthaften Verhandlungen �ber eine Flottenbegrenzung nicht bereit waren. Vorsichtshalber schlossen England, Frankreich und Russland Vertr�ge, die Kriege untereinander ausschlie�en sollten. Bald f�hlte sich Deutschland isoliert und eingekreist und sah nur noch Feinde um sich. Man glaubte, noch weiter aufr�sten zu m�ssen, um deutsche Interessen notfalls mit Waffen durchsetzen zu k�nnen. Da die Nachbarstaaten dabei nicht tatenlos zuschauten, wurde Europa zu einem Pulverfass, das schon beim kleinsten Funken explodieren konnte.</p></section><section><p><strong>Mit Freude in den Krieg</strong></p><p>Am 28. Juni 1914 wurden der �sterreichische Thronfolger und seine Frau in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo von serbischen Nationalisten ermordet. Die Tat sollte ein Zeichen f�r die Unabh�ngigkeitsbestrebungen der verschiedenen Nationalit�ten innerhalb des Vielv�lkerstaates �sterreich-Ungarn sein. Aber sie l�ste den ersten Weltkrieg aus, einen Krieg, den niemand wirklich �gewollt� habe, wie es sp�ter hie�. Die �M�nner und M�chte� seien in diesen Krieg �hineingeschlittert�, �hineingestolpert�, �hineingetaumelt�. All diese Begriffe aber klingen nach Rechtfertigung. �M�nner und M�chte� schlittern und stolpern nicht einfach in einen Krieg hinein. Mit Taumeln kommt man der Sache schon n�her. Es taumelt, wer nicht ganz bei Sinnen ist. Das traf auf viele gro�e M�nner zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu. Sie waren berauscht von der Droge Macht, hielten sich und ihre Nationen f�r auserw�hlt. �bersteigerter Nationalismus, Militarismus, Wettr�sten, Sendungsbewusstsein, Weltmachtphantasien sind die passenden Begriffe f�r diese Zeit. Mag sein, dass den Krieg niemand wirklich gewollt hat, aber wirklich verhindern wollte ihn eben auch niemand. Es sah eher so aus, als h�tten alle Seiten nur darauf gewartet, dass endlich etwas passierte, zumal in einem Krieg �nicht der gro�e und blindw�tige Zerst�rer� gesehen wurde, �sondern der sorgsame Erneuerer und Erhalter, der gro�e Arzt und G�rtner, der die Menschheit auf ihrem Weg zur H�herentwicklung begleitet�, wie zum Beispiel in den <emphasis>Alldeutschen Bl�ttern</emphasis> zu lesen war.</p><p>Am ehesten h�tte Deutschland den Krieg verhindern k�nnen, denn allein konnte �sterreich-Ungarn gegen das mit Russland verb�ndete Serbien nicht vorgehen. Stattdessen sicherte der deutsche dem �sterreichischen Kaiser in einem pers�nlichen Schreiben f�r jeden Fall Beistand zu. Und mit diesem Freibrief f�r einen Krieg machte �sterreich-Ungarn am 28. Juli 1914 gegen Serbien mobil, worauf Russland am 29. Juli gegen �sterreich-Ungarn mobil machte. Am 31. Juli forderte Deutschland die R�cknahme der russischen Mobilmachung, erhielt aber keine Antwort. Da erkl�rte Deutschland am Abend des 1. August 1914 Russland den Krieg und zwei Tage sp�ter auch Frankreich. Das war nach Ansicht des Generalstabs n�tig, weil man den Krieg nach dem �Schlieffen-Plan� f�hren wollte: Um an der Westfront Ruhe zu haben, sollte Frankreich in einem �Blitzkrieg� besiegt werden, damit anschlie�end mit allen Kr�ften gegen Russland gezogen werden konnte. Bereits am 4. August marschierten deutsche Truppen durch das neutrale Belgien nach Frankreich, was England zum Kriegseintritt veranlasste.</p><p>An diesem Tag erkl�rte der Kaiser vor dem Reichstag: �Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.� Damit sprach er vor allem die SPD an, die inzwischen die st�rkste Partei im Reichstag war. Und tats�chlich waren die Sozialdemokraten f�r die Dauer des Krieges zu einem innenpolitischen �Burgfrieden� bereit, um zu beweisen, dass sie keine Reichsfeinde und vaterlandslosen Gesellen waren, wie ihnen immer wieder unterstellt wurde. Mit den Stimmen der meisten Sozialdemokraten wurde das Geld f�r den Krieg bewilligt.</p><p>Fast �berall in Europa jubelten die Menschen, und die Soldaten, darunter viele Freiwillige, zogen begeistert in den Krieg. Sie gingen davon aus, dass sie f�r eine gute und gerechte Sache k�mpften. Und sie waren �berzeugt, sie w�rden an Weihnachten wieder zu Hause sein und als Helden gefeiert werden. Doch es kam alles ganz anders: Aus dem Blitzkrieg wurde nichts; franz�sische und englische Truppen stoppten den deutschen Angriff kurz vor Paris. Der Bewegungs- wurde zu einem Stellungskrieg, bei dem keine Seite mehr einen entscheidenden Durchbruch erzielen konnte. Damit war der Schlieffen-Plan gescheitert und der Krieg f�r Deutschland praktisch schon verloren. Aber sowohl an der West- als auch an der Ostfront wurde weitergeschossen und gebombt. Von der anf�nglichen Begeisterung war bald nichts mehr �brig. Die Soldaten begriffen, dass sie in diesem Krieg eher �Kanonenfutter� als Helden werden konnten.</p><p>Anfang 1916 wollte die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) in Verdun die Wende erzwingen. Es kam zu einer �Materialschlacht�, wie die Welt noch keine gesehen hatte. In der �H�lle von Verdun� starben etwa 700 000 Franzosen und Deutsche, ohne dass eine Seite die Schlacht f�r sich entscheiden konnte.</p><p>Auch im Osten kam es nach anf�nglichen Erfolgen zu einem Stellungskrieg. Aber auf einen so langen Krieg war Deutschland nicht vorbereitet. Munition und Kriegsmaterial wurden knapp, also musste die Produktion m�glichst schnell auf R�stungsg�ter umgestellt werden. Und weil Millionen M�nner an der Front waren, mussten Millionen Frauen in den R�stungsbetrieben der �Heimatfront� Schwerstarbeit leisten. Gleichzeitig wurden die Lebensmittel immer knapper, und die Bev�lkerung erhielt Lebensmittelkarten, die zum Kauf von bestimmten Nahrungsmengen berechtigten. Als im Herbst 1916 auch noch die Kartoffelernte schlecht ausfiel, mussten sich viele Deutsche im folgenden Winter haupts�chlich von Kohlr�ben ern�hren, von denen aber niemand satt wurde.</p><p>Am 12. Dezember 1916 machte die deutsche Regierung gegen den Willen der OHL ein erstes Friedensangebot. Die Gegner nannten ihre Bedingungen f�r einen Frieden: R�umung der besetzten Gebiete, Abtretung Elsass-Lothringens, Kriegsentsch�digungen und Neuordnung Europas nach dem Nationalit�tenprinzip � was die Aufl�sung �sterreich-Ungarns bedeutete.</p><p>Deutschland lehnte ab, denn die OHL mit den Generalen Hindenburg und Ludendorff an der Spitze, die deutsche Industrie und ein nationalistisches B�rgertum tr�umten immer noch von einem �Siegfrieden� mit gro�en Gewinnen an Land und G�tern. Also ging der Krieg weiter. Und die OHL befahl den unbeschr�nkten U-Boot-Krieg, bei dem auch neutrale Schiffe versenkt wurden. Daraufhin erkl�rten die USA am 6. April 1917 Deutschland den Krieg.</p><p>Wer nicht v�llig verblendet war, musste wissen, dass mit dem Kriegseintritt der st�rksten Wirtschafts- und Milit�rmacht der Welt der Krieg f�r Deutschland nun wirklich nicht mehr zu gewinnen war.</p></section><section><p><strong>Durch Deutschland zur Revolution</strong></p><p>Ein wichtiges Ereignis f�r den weiteren Verlauf der deutschen Geschichte fand um diese Zeit in Russland statt. Dort f�hrten Not und Hunger zu sozialen Unruhen, die sich im M�rz 1917 zu einer Revolution ausweiteten. Der Zar musste abdanken, Russland wurde Republik und mehrere Parteien stritten erbittert um die Macht.</p><p>Die F�hrer der radikalen Bolschewiki, der russischen Kommunisten, mit Lenin an der Spitze lebten seit einiger Zeit im Schweizer Exil. Nun wollten sie m�glichst schnell nach Russland zur�ck und baten um die Erlaubnis, durch Deutschland reisen zu d�rfen. Die OHL stimmte zu in der Hoffnung, Lenin w�rde die innenpolitischen Auseinandersetzungen um die Macht versch�rfen und um der Revolution willen vielleicht sogar einen Waffenstillstand vorschlagen.</p><p>Die Rechnung schien aufzugehen. In der �Oktoberrevolution� errangen die Bolschewiki unter Lenins F�hrung die Macht in Russland � und als Erstes wollte Lenin Frieden. Die OHL sah eine Chance, den Krieg doch noch zu gewinnen. Es kam zu deutsch-russischen Verhandlungen, an deren Ende der Friedensvertrag von Brest-Litowsk stand. Russland musste Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen und die Ukraine abtreten, womit es gro�e Rohstoffvorkommen, wichtige Industriegebiete, riesige Ackerfl�chen und ein Drittel seiner Bev�lkerung verlor. Diesen �Diktatfrieden� unterschrieben die Russen nur unter Protest, aber Lenin wollte den Frieden um jeden Preis, damit er im Innern die Herrschaft der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenr�te durchsetzen und eine �R�terepublik� � Russisch: Sowjetrepublik � aufbauen konnte.</p><p>Im Nachhinein erscheint es paradox: Da schleusten erzkonservative Generale und Politiker der deutschen Monarchie russische Revolution�re durch Deutschland, um die Unruhen in Russland anzuheizen und das Land aus dem Gleichgewicht zu bringen � und wurden so ungewollt zu Geburtshelfern der Sowjetrepublik, die bald darauf zur kommunistischen Sowjetunion wurde.</p></section><section><p><strong>Siegfrieden oder Verst�ndigungsfrieden?</strong></p><p>Wie in Russland nahmen Not und Kriegsm�digkeit auch in Deutschland weiter zu. Seit dem Fr�hjahr 1917 kam es immer wieder zu Streiks und Meutereien, die jeweils durch Zugest�ndnisse oder Druck beendet wurden. Auch der innenpolitische Burgfrieden hielt nicht mehr wie zu Beginn des Krieges.</p><p>Als der Reichstag im Juli 1917 neue Kriegskredite bewilligen sollte, kam es in der SPD zum Streit und zur Spaltung. Die Unabh�ngige SPD (USPD) mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg an der Spitze lehnte die Kriegskredite ab und wollte einen sofortigen Frieden �ohne Annexionen� (die gewaltsame Aneignung von Land). Die Mehrheitssozialisten (MSPD) unter Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann standen nach wie vor zum politischen Burgfrieden, versuchten aber zusammen mit anderen Parteien Einfluss auf die offizielle Politik zu gewinnen. Die sp�tere �Weimarer Koalition� aus SPD, katholischer Zentrumspartei und Linksliberalen fand sich hier zum ersten Mal zusammen und forderte einen Frieden ohne Annexionen und ohne Zahlungen der Besiegten an die Sieger. Aber die Volksvertreter waren noch nicht geschickt und stark genug, um sich gegen die Regierenden durchzusetzen. Vor allem das Feld- herrenpaar Hindenburg/Ludendorff k�mmerte sich nicht um Reichstagsbeschl�sse und errichtete nach dem Sieg im Osten faktisch eine Milit�rdiktatur. Beide lehnten einen Verst�ndigungsfrieden immer noch ab und wollten im Fr�hjahr 1918 auch im Westen die Entscheidung auf dem Schlachtfeld erzwingen. Noch einmal mussten hunderttausende sinnlos sterben.</p><p>Im September 1918 konnte die OHL nicht mehr l�nger leugnen, dass der Krieg verloren war. Doch die Niederlage eingestehen wollten die Feldherren trotzdem nicht. Da entwarf General Ludendorff einen Plan:</p><empty-line/><p>Die Ehre der Armee m�sse gerettet werden, koste es, was es wolle. Das Waffenstillstandsgesuch d�rfe also nicht die OHL machen.</p><p>Es solle von den Parteien vorgebracht werden, die seit langem f�r einen Verst�ndigungsfrieden eintraten: SPD, Zentrum, Liberale.</p><p>Daf�r sollten diese Parteien an der Regierung beteiligt werden.</p><p>Ludendorffs Ziel war offensichtlich: Armee und OHL sollten mit der Schmach der Kapitulation nicht in Verbindung gebracht, die Verantwortung f�r die Konsequenzen aus der Niederlage den Parteien zugeschoben werden. F�r die tats�chlich Verantwortlichen war dieser Plan genial, f�r die kommende �Weimarer Republik� aber sollte er sich als verh�ngnisvoll erweisen.</p></section><section><p><strong>Die Novemberrevolution</strong></p><p>Im Herbst 1918 befahl die oberste Flottenf�hrung, zum letzten Gefecht gegen die englische Flotte auszulaufen. Doch jetzt wollten viele Matrosen kein Kanonenfutter mehr sein und verweigerten am 29. Oktober 1918 den Gehorsam. In den folgenden Tagen breitete sich die Revolte, die in Wilhelmshaven und Kiel begonnen hatte, immer weiter aus. �berall wurden nach russischem Vorbild Arbeiter- und Soldatenr�te gebildet, die die politische Macht an sich rissen. Die bisher herrschenden Kr�fte sahen dem revoltierenden Treiben staunend und tatenlos zu. Sie schienen nicht fassen zu k�nnen, was ihre braven Untertanen da taten.</p><p>Die Generalit�t legte dem Kaiser, von dem im Verlauf des Krieges immer weniger zu sehen und zu h�ren war, den Heldentod oder wenigstens die Abdankung nahe. Aber Wilhelm II. wollte beides nicht und floh im Salonwagen ins Exil nach Holland.</p><p>Der Reichskanzler Prinz Max von Baden verk�ndete am 9. November 1918 gegen 12.00 Uhr unter dem Druck der Massen eigenm�chtig die Abdankung des Kaisers. Eine Stunde sp�ter trat er selbst zur�ck und ernannte den F�hrer der MSPD, Friedrich Ebert, zum Reichskanzler � obwohl er dazu �berhaupt nicht befugt war. �Herr Ebert, ich lege Ihnen das Deutsche Reich ans Herz�, soll der letzte kaiserliche Reichskanzler dabei gesagt haben.</p><p>Doch damit war keinesfalls entschieden, wie das neue Deutschland aussehen sollte. Alles war noch m�glich, von einer demokratisierten Hohenzollern-Monarchie bis zur sozialistischen R�terepublik nach russischem Vorbild. Aber an diesem 9. November �berst�rzten sich die Ereignisse. Zehntausende zogen durch Berlin und forderten: �Alle Macht dem Volk!� oder �Alle Macht den R�ten!�</p><p>Da rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann gegen 14.00 Uhr vom Balkon des Reichstags die �Deutsche Republik� aus. Wenig sp�ter verk�ndete der Sozialist Karl Liebknecht vor dem Berliner Schloss die �Freie sozialistische Republik Deutschland�.</p><p>Anders als in Russland setzten sich in Deutschland die gem��igten gegen die radikalen Kr�fte durch. Ebert und Scheidemann wollten keinen v�lligen Umsturz der Verh�ltnisse. Ihnen ging es vor allem darum, eine parlamentarische und soziale Demokratie zu errichten.</p><p>In der Diskussion um das Ende des Kaiserreichs und die Entstehung der ersten deutschen Republik gibt es bis heute Stimmen, die Ebert und Scheidemann vorwerfen, sie h�tten die gro�e Chance zu einem wirklichen Neubeginn vertan, indem sie die �Novemberrevolution� auf halbem Weg stoppten und mit den alten M�chten zusammenarbeiteten. Wer diesen Vorwurf erhebt, muss sich jedoch die Frage gefallen lassen, ob das Volk die �ganze Revolution� �berhaupt wollte. Die Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919 � bei der zum ersten Mal in der deutschen Geschichte alle M�nner <emphasis>und</emphasis> Frauen w�hlen durften � beantwortete diese Frage: Die gem��igten Kr�fte (SPD, Zentrum, Linksliberale) erhielten 76 % der Stimmen. F�r eine sozialistische Revolution gab es in Deutschland keine Mehrheit.</p></section><section><p><strong>Die Weimarer Verfassung und der Versailler Vertrag</strong></p><p>In Berlin kam es nach dem 9. November immer wieder zu K�mpfen zwischen revoltierenden Kr�ften und Soldaten so genannter �Freikorpstruppen�, die im Auftrag der Regierung f�r Ruhe und Ordnung sorgen sollten. Dabei wurden am 15. Januar 1919 mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht auch die f�hrenden K�pfe der neu gegr�ndeten Kommunistischen Partei gefangen genommen und von Freikorpsoffizieren heimlich ermordet. Diese gemeinen Morde von Offizieren der alten Armee trugen erheblich zur Versch�rfung der politischen Gegens�tze bei.</p><p>Weil die Lage in Berlin zu unsicher war, trat die Nationalversammlung am 6. Februar 1919 in Weimar zusammen, um der neuen Republik eine Verfassung zu geben. Es wurde eine sehr demokratische Verfassung, die zum ersten Mal in der deutschen Geschichte das allgemeine, gleiche, unmittelbare und geheime Wahlrecht f�r M�nner und Frauen enthielt. Ebenfalls zum ersten Mal war die Regierung dem Reichstag verantwortlich. Als eine Art Ersatzkaiser hatte der direkt vom Volk gew�hlte Reichspr�sident eine sehr starke Stellung, vor allem in Krisenzeiten. �ber die Einhaltung der Verfassung und der Gesetze sollten unabh�ngige Gerichte wachen. Im zweiten Teil der Verfassung wurden die Grundrechte und Grundpflichten der Deutschen aufgef�hrt.</p><p>Nach all den gescheiterten Versuchen vom Heilbronner Bauernparlament 1525 bis zur Nationalversammlung von 1848 wollten es die 382 M�nner und 41 Frauen wohl besonders gut machen. Und f�r einen Staat mit demokratischer Tradition w�re die Weimarer Verfassung auch bestens geeignet gewesen. F�r Deutschland mit seiner Untertanentradition aber war sie das nicht.</p><p>Die Verfassungsv�ter und -m�tter rechneten auch viel zu wenig mit den zahlreichen Gegnern des neuen Staates. �Alle Rechte und Freiheiten auch f�r die Feinde dieser Rechte und Freiheiten� k�nnte man als Motto �ber die Weimarer Verfassung schreiben. Diese Feinde missbrauchten die Rechte und Freiheiten vom ersten Tag an. Ehrlich und aufrichtig hinter der Weimarer Republik standen von Anfang an nur die Parteien der Weimarer Koalition und die Gewerkschaften.</p><p>Von entscheidender Bedeutung f�r die junge Republik wurden die Friedensbedingungen der �Alliierten�, wie man die gegen Deutschland verb�ndeten Staaten nannte.</p><p>Sie w�hlten Tag und Ort f�r die Er�ffnung der Friedensverhandlungen sehr bewusst: Am 18. Januar 1871 war Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen und damit das Deutsche Reich gegr�ndet worden. Am 18. Januar 1919 versammelten sich am gleichen Ort die Vertreter der Siegerm�chte, um �ber dieses Reich zu richten. Und was den Deutschen drei Monate sp�ter vorgelegt wurde, glich dem �Diktatfrieden� von BrestLitowsk:</p><empty-line/><p>Deutschland sollte ein Siebtel seines Gebietes, ein Zehntel seiner Bev�lkerung, drei Viertel der Erz- und ein Drittel der Steinkohlef�rderung sowie alle Kolonien abtreten.</p><p>Deutschland durfte nur noch ein stehendes Heer von h�chstens 100000 Mann und keine schweren Waffen, Panzer,U-Boote und Kriegsschiffe mehr haben.</p><p>Deutschland und seine Verb�ndeten, so hie� es, seien allein schuld am Ausbruch des Krieges gewesen und h�tten deswegen auch f�r alle Verluste und Sch�den geradezustehen.</p><p>In Deutschland l�sten diese harten Friedensbedingungen Entt�uschung, Emp�rung und Wut aus. Die deutsche Regierung versuchte zu verhandeln, aber dazu waren die Sieger nicht bereit. Sie bestanden auf ihren Forderungen und drohten, den Krieg wieder aufzunehmen, wenn Deutschland den Vertrag nicht annehme.</p><p>Reichskanzler Scheidemann rief aus: �Welche Hand m�sste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legt!� Er weigerte sich, den Versailler Vertrag zu unterzeichnen, und trat zur�ck.</p><p>Reichspr�sident Ebert setzte sich mit der OHL in Verbindung, um deren Meinung zu h�ren. Doch Hindenburg lie� sich nicht sprechen, und Ludendorffs Nachfolger Groener sagte, die OHL gebe keinen Kommentar. �Nicht als General, sondern als Deutscher� riet er: �Der Friede muss unter den vom Feinde gestellten Bedingungen abgeschlossen werden.�</p><p>H�tten die OHL und der Kaiser die Verantwortung f�r die Niederlage �bernommen und den Friedensvertrag von Versailles wie den von Brest-Litowsk unterzeichnet, w�re die deutsche Geschichte mit Sicherheit anders verlaufen. Aber die gro�en Feldherren haben nicht nur den Untergang des Kaiserreiches mit verschuldet; durch ihre Feigheit vor dem eigenen Volk haben sie auch wesentlich zum Untergang der ersten deutschen Demokratie beigetragen. Denn nun mussten die Politiker der Weimarer Koalition den Vertrag unterzeichnen � und damit waren sie in den Augen vieler Menschen f�r den �Schandfrieden� und die �Schmach von Versailles� verantwortlich, wie man von nun an sagte. Rechte Parteien und Verb�nde nannten die Politiker der Koalition �Vaterlandsverr�ter� und behaupteten, sie seien die wahren Schuldigen an der Niederlage. Dabei beriefen sie sich auch auf Hindenburg, der �ffentlich gesagt hatte, die Armee habe den Krieg �berhaupt nicht verloren. Vielmehr sei sie �im Felde unbesiegt� gewesen und durch sozialistische Hetze und Friedenspropaganda �von hinten erdolcht� worden. Diese �Dolchsto�legende� wurde zu einer gro�en Belastung f�r die junge Republik.</p></section><section><p><strong>Gef�hrdung und Stabilisierung der Weimarer Republik</strong></p><p>Bei der Reichstagswahl vom 6. Juli 1920 zeigten sich schon die ersten Auswirkungen der Hetze von rechts und von links: Die Parteien der Weimarer Koalition st�rzten von 76% auf 43 % ab. Damit waren sie auf Unterst�tzung, zumindest jedoch auf Duldung wenigstens einer Partei von links oder rechts angewiesen. Unter diesen Umst�nden war eine kontinuierliche Parlaments- und Regierungsarbeit praktisch unm�glich. Im Durchschnitt wechselten die Regierungen nun etwa alle neun Monate.</p><p>Diese Schw�che wollten Nationalisten und Kommunisten ausn�tzen, um die Macht zu ergreifen. Es gab mehrere Aufst�nde, Putschversuche und zahlreiche Attentate. Als Matthias Erzberger, der den Waffenstillstand unterzeichnet hatte, und Au�enminister Walther Rathenau (�Schlagt tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau!�) ermordet wurden, war der Jubel in Deutschland mindestens so gro� wie die Betroffenheit und Trauer.</p><p>Insgesamt gab es zwischen 1918 und 1921 in Deutschland 376 politische Morde. 354 wurden von rechtsradikalen T�tern begangen, von denen 28 milde Gef�ngnisstrafen erhielten. Von 22 linksradikalen T�tern wurden 18 bestraft, davon 10 mit dem Tod.</p><p>Wenn nicht blind, so war die Justiz auf dem rechten Auge jedenfalls sehr kurzsichtig. Deswegen mahnte Reichskanzler Wirth: �Der Feind steht rechts!�</p><p>Dass er damit Recht hatte, zeigte sich auch im November 1923. Am 8. und 9. dieses Monats tauchte zum ersten Mal ein Mann namens Adolf Hitler in der deutschen Geschichte auf: Zusammen mit dem Weltkriegsgeneral Ludendorff und einigen tausend seiner Anh�nger wollte er von M�nchen aus die Reichsregierung st�rzen. Der �Hitler-Putsch� scheiterte und auch hier kamen die Anf�hrer mit geringen Strafen davon.</p><p>Nicht nur politisch, auch wirtschaftlich war 1923 ein Krisenjahr. Um die geforderten Entsch�digungen � �Reparationen� � an die Siegerm�chte bezahlen zu k�nnen, hatte die Regierung immer mehr Geld drucken lassen, das damit immer weniger wert wurde. 1914 kostete ein Roggenbrot noch 0,32 Reichsmark (RM), 1919 schon 0,80 RM und zwei Jahre sp�ter 3,90 RM. Doch dann begann die Geldentwertung � �Inflation� � zu galoppieren: Im Juli 1923 mussten die Leute etwa 4000 RM f�r ihr Roggenbrot bezahlen, im Dezember 400000000000 RM.</p><p>Die Besitzer von Sachwerten wurden von der Inflation kaum betroffen. Industrielle wie Hugo Stinnes konnten ihren Besitz sogar noch vergr��ern. Wer allerdings nur Geldersparnisse hatte, verarmte durch die Inflation. Das traf besonders den Mittelstand sowie Rentner und Pensionsempf�nger, deren Renten und Pensionen der Geldentwertung nicht angepasst wurden. F�r all diese Menschen brach die Welt nach dem verlorenen Krieg und dem Sturz der Monarchie ein zweites Mal zusammen.</p><p>Durch die Einf�hrung einer neuen W�hrung und drastische Sparma�nahmen gelang im Jahr 1924 die Wende. Die Wirtschaft erholte sich und es ging langsam wieder aufw�rts.</p><p>Gleichzeitig versuchte Au�enminister Gustav Stresemann, Deutschland Schritt f�r Schritt in die V�lkergemeinschaft zur�ckzuf�hren, was am 10. September 1926 mit der Aufnahme in den V�lkerbund auch gelang.</p><p>Diese relativ guten Jahre der Weimarer Republik meint, wer von den �goldenen Zwanzigerjahren� spricht. Die deutsche Wissenschaft genoss wieder hohes Ansehen in der Welt, jeder dritte zwischen 1919 und 1927 vergebene wissenschaftliche Nobelpreis ging an einen deutschen Forscher. In der Architektur sorgte der sachlich-funktionelle �Bauhausstil� f�r Aufsehen. Der Film als neues Medium, Theater, Kabarett und prachtvolle Revuen machten Berlin zu einer flimmernden Metropole.</p><p>Viele K�nstler aber setzten sich kritisch mit der deutschen Gesellschaft auseinander, unter ihnen der junge Bertolt Brecht mit seinen ersten St�cken. Thomas Mann, der Autor der <emphasis>Buddenbrooks</emphasis>, ver�ffentlichte mit dem <emphasis>Zauberberg</emphasis> seinen zweiten gro�en Roman und erhielt 1929 den Literaturnobelpreis. 1927 erschien Hermann Hesses <emphasis>Steppenwolf</emphasis>, der beschreibt, wie der moderne Gro�stadtmensch an dem Zwiespalt zwischen den zerfallenden alten Werten und der neuen technischen Zivilisation leidet.</p><p>K�the Kollwitz zeigte in ihren Bildern das armselige Leben der kleinen Leute. Auch ihre Kollegen Otto Dix und George Grosz stellten die Schattenseiten des politischen und gesellschaftlichen Lebens dar.</p><p>Neben kritischen Journalisten wie Carl von Ossietzky waren es vor allem K�nstler, die sich von den �goldenen Zwanzigern� nicht blenden lie�en und schon fr�h vor der �braunen Gefahr� warnten.</p></section><section><p><strong>Die braune Gefahr</strong></p><p>Die K�nstler und Intellektuellen der Weimarer Republik, die vor der �braunen Gefahr� warnten, meinten damit vor allem die Nationalsozialisten und ihren F�hrer Adolf Hitler. Wer war dieser Mann, der im November 1923 bei dem gescheiterten Putschversuch in M�nchen zum ersten Mal von sich reden gemacht hatte?</p><p>Adolf Hitler wurde im �sterreichischen Braunau am Inn geboren und galt als intelligenter Junge. Trotzdem blieb er in der ersten Realschulklasse in Linz sitzen, was ein Lehrer mit Hitlers Abneigung gegen intensive Arbeit erkl�rte: �Hitler war entschieden begabt, hatte sich aber wenig in der Gewalt, zum Mindesten galt er f�r widerborstig, eigenm�chtig, rechthaberisch und j�hzornig, und es fiel ihm schwer, sich in den Rahmen einer Schule zu f�gen.�</p><p>Mit 16 Jahren verlie� er die Schule ohne Abschluss, wollte an der Kunstakademie in Wien Malerei studieren, fiel jedoch bei der Aufnahmepr�fung zweimal durch. Er blieb in Wien, wohnte in einem M�nnerheim, lebte von Gelegenheitsarbeiten und dem Verkauf selbst gemalter Ansichtskarten.</p><p>Wie alle jungen M�nner wurde er gemustert, aber die Armee konnte ihn nicht gebrauchen. �Zum Waffen- und Hilfsdienst untauglich, zu schwach. Waffenunf�hig!�, lautete der Musterungsbescheid.</p><p>Mit 25 Jahren war Adolf Hitler das, was man eine �verkrachte Existenz� nannte. Deswegen kam ihm der Kriegsausbruch 1914 gerade recht. Er meldete sich sofort als Freiwilliger ins bayerische Heer. Nach dem verlorenen Krieg versuchte Hitler, seine Entlassung vom Milit�r m�glichst weit hinauszuschieben, was ihm auch gelang. Dank seines Rednertalents sollte er vor Soldaten Aufkl�rungsvortr�ge �ber Ausbruch und Ende des Krieges halten. F�r beides machte er das �internationale Judentum� verantwortlich. Die Revolution von 1918 und der �Schandvertrag von Versailles� seien �Judenmache�, die ganze Weimarer Republik sei �verjudet�. Deshalb m�ssten die Juden aus ihren f�hrenden Stellungen in Politik und Wirtschaft entfernt werden, damit es in Deutschland wieder aufw�rts gehen k�nne.</p><p>Hitlers �Aufkl�rungsreden� kamen bei seinen Zuh�rern gut an und brachten ihm die Anerkennung seiner Vorgesetzten ein. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben konnte er etwas, und er konnte es besser als andere. Sein Selbstbewusstsein wuchs und es dr�ngte ihn in die Politik.</p><p>Im September 1919 trat er in die �Deutsche Arbeiterpartei� ein, bereits einen Monat sp�ter wurde er als �Werbeobmann� in den siebenk�pfigen Vorstand gew�hlt. Schnell wurde Hitler zum wichtigsten Mann der Partei und setzte auch bald einen neuen Namen durch: �Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei� (NSDAP). Zum Emblem der NSDAP wurde das Hakenkreuz, und schon das erste Parteiprogramm vom 24. Februar 1920 enthielt alle Grundgedanken, die f�r Hitlers sp�tere Politik charakteristisch waren:</p><empty-line/><p>Zusammenschluss aller Deutschen in einem gro�deutschen Reich.</p><p>Aufhebung des Versailler Vertrages.</p><p>Wiedereinf�hrung der allgemeinen Wehrpflicht.</p><p>Schaffung einer starken Reichsf�hrung, um die Reichsinteressen gegen die L�nderinteressen durchzusetzen.</p><p>Ein deutsches Staatsb�rgerrecht, das Juden ausschloss.</p><p>Bek�mpfung des �j�disch-materialistischen Geistes�, an dessen Stelle �Gemeinnutz geht vor Eigennutz� treten soll.</p><p>Staatliche Kontrolle der Presse.</p><p>Bek�mpfung und Verbot �zersetzender�, das hei�t die negativen Seiten des Lebens darstellender Kunst und Literatur.</p><p>In zahlreichen Veranstaltungen gelang es Hitler, die Zuh�rer f�r dieses Programm zu gewinnen und zu begeistern. Und je gr��er sein Erfolg wurde, desto entschiedener strebte er danach, mehr als nur eines von sieben Vorstandsmitgliedern zu sein. Im Juli 1921 drohte er mit dem Parteiaustritt, wenn er nicht umfassende Vollmachten erhalte, um die �radikal-revolution�re Bewegung� so zu f�hren, wie er es f�r richtig halte. Am 29. Juli 1921 wurde Hitler zum ersten Vorsitzenden mit nahezu unbegrenzten Machtbefugnissen gew�hlt.</p><p>Sofort nach seiner Wahl machte er sich daran, die bisherigen Ordnergruppen, die bei Veranstaltungen f�r Ruhe und Ordnung sorgten, zu einer halb milit�rischen Organisation auszubauen. Die so entstandene �Sturmabteilung� (SA) marschierte in ihren braunen Uniformen auf und sch�chterte die Gegner ein.</p><p>Im Krisenjahr 1923 sah Hitler die Zeit zum Handeln gekommen. Vor allem in Bayern waren nationalistische T�ne und massive Beschimpfungen der Weimarer Politiker sehr beliebt. Diese Stimmung war es, die Hitler den M�nchner Putsch gegen die Regierung wagen lie�. Als der scheiterte, wurde Hitler verhaftet, die Partei und ihre Zeitung wurden verboten. W�hrend der Haft schrieb Hitler an seinem Buch <emphasis>Mein Kampf</emphasis>. Und er beschloss, nach seiner Entlassung die Macht mit anderen Mitteln anzustreben. Kaum in Freiheit, versprach er dem bayerischen Ministerpr�sidenten, sich in Zukunft gesetzestreu zu verhalten, und erreichte so die Aufhebung des NSDAP-Verbots. Beim Neuaufbau der Partei und der SA setzte Hitler ihm treu ergebene Unterf�hrer ein. Und er gr�ndete zus�tzlich eine �Schutzstaffel� (SS), die ihm pers�nlich unterstand. Vor allem aber baute er die Propaganda-Abteilung aus und gewann daf�r den Journalisten Joseph Goebbels. Der verstand es wie Hitler, die Massen zu beeinflussen, und entwickelte regelrechte Werbefeldz�ge, um W�hlerstimmen zu gewinnen. Trotz allem blieb die NSDAP in den besseren Zeiten der Weimarer Republik praktisch bedeutungslos. Ihre gro�e Chance kam mit der Weltwirtschaftskrise Anfang der Drei�igerjahre.</p></section><section><p><strong>Das Ende der Weimarer Republik</strong></p><p>Die relativ ruhigen Weimarer Jahre wurden durch den �Schwarzen Freitag� an der New Yorker B�rse beendet. An diesem 25. Oktober 1929 begann mit dramatischen Kursst�rzen die Weltwirtschaftskrise. Ausl�ndische Banken forderten die sofortige R�ckzahlung ihrer Kredite samt Zinsen. Das f�hrte in Deutschland rasch zu einer Verknappung des Geldes, die Produktion stockte, der Wirtschaftsaufschwung wurde j�h unterbrochen, die Arbeitslosigkeit nahm zu � und mit ihr die Zahl der Anh�nger und W�hler radikaler Parteien. Sie boten den Leuten f�r die immer komplizierter werdenden Probleme einfache L�sungen an:</p><p>F�r die Kommunisten war die Wirtschaftskrise die logische Konsequenz des kapitalistischen Wirtschaftssystems, das darum abgeschafft werden m�sse. Sie verwiesen auf die Sowjetunion, wo angeblich nicht mehr profitgierige Kapitalisten die Produktion bestimmten, sondern die Bed�rfnisse der Menschen.</p><p>F�r die Nationalsozialisten, die �Nazis�, wie man inzwischen auch sagte, mussten �das internationale Finanzjudentum� ausgeschaltet und �die drei�ig Parteien aus dem Reichstag hinausgefegt� werden, dann konnte es mit Deutschland wieder aufw�rts gehen.</p><p>Vor allem die einfachen Parolen von Adolf Hitler und sein klares Feindbild � �Die Juden und die Kommunisten sind an allem schuld!� � kamen bei den Unzufriedenen und Verunsicherten gut an. So wurde Hitlers NSDAP bei den Wahlen am 31. Juli 1932 mit 37,3 % der Stimmen zur st�rksten Partei im Reichstag. Die KPD erhielt 14,2 % und war damit drittst�rkste Partei. Beide bek�mpften sich nicht nur im Reichstag, sondern auch in Stra�en- und Saalschlachten.</p><p>Zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten standen die immer schw�cher werdenden staatstragenden Parteien � der Reichstag war nicht mehr in der Lage, eine Regierung zu bilden. In solchen Krisenzeiten wurde der Reichspr�sident zum wichtigsten Mann der deutschen Politik. Das war seit Friedrich Eberts Tod der Weltkriegsgeneral Paul von Hindenburg, ein alter Mann, der in dieser Rolle v�llig �berfordert war und die Entscheidungen weitgehend seinem Sohn und seinen alten Kameraden �berlie�. Die glaubten, den kleinen Weltkriegsgefreiten Hitler in Schach halten und f�r sich ben�tzen zu k�nnen. Aber das Spiel lief gerade umgekehrt � und auf Hitler zu.</p><p>Hindenburg str�ubte sich zuerst: �Sie werden mir doch nicht zutrauen, meine Herren, dass ich diesen �sterreichischen Gefreiten zum Reichskanzler berufe�, sagte er noch am 27. Januar 1933. Doch schon drei Tage sp�ter gab er seinen Beratern nach. Formal fand am 30. Januar 1933 nicht mehr als ein Regierungswechsel statt, tats�chlich bedeutete die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler das Ende der Weimarer Republik.</p></section><section><p><strong>Wer dr�ckt wen in die Ecke?</strong></p><p>Franz von Papen, der als enger Vertrauter Hindenburgs mitverantwortlich f�r die Ernennung Hitlers war und selbst Vizekanzler wurde, sagte zu Kritikern seiner Politik: �In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedr�ckt, dass er quietscht.�</p><p>Das war einer der folgenschwersten Irrt�mer in der deutschen Geschichte. Aber am 30. Januar 1933 konnte sich noch niemand vorstellen, was in und mit Deutschland passieren w�rde.</p><p>Dabei hatte Hitler nie ein Geheimnis aus seinen Vorstellungen und Zielen gemacht. In seinem Buch <emphasis>Mein Kampf</emphasis> und in unz�hligen Reden lie� er keine Zweifel daran, worum es ihm ging: die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie; den Aufbau des Staates nach dem F�hrerprinzip; die Ausrottung �minderwertiger Rassen�, insbesondere des Judentums; die Vernichtung des Bolschewismus/Marxismus/Kommunismus; die Eroberung von �Lebensraum� im Osten f�r das deutsche �Herrenvolk�. Viele hielten das f�r Wortradikalismus und glaubten nicht, dass Hitler alles ernst meinte, was er sagte und schrieb. Aber er meinte alles ernst, todernst. In einem von niemandem f�r m�glich gehaltenen Tempo ver�nderte Deutschland innerhalb weniger Monate sein Gesicht.</p><p>Nach dem 30. Januar 1933 beherrschten Hitlers Parteitruppen SA und SS die Stra�e. Politische Gegner wurden verfolgt, verpr�gelt und get�tet. Erste Lager entstanden, in denen willk�rlich festgenommene M�nner und Frauen eingesperrt und gequ�lt wurden.</p><p>Am 17. Februar wies Hitlers Parteifreund Hermann G�ring als neuer preu�ischer Innenminister die Polizei an, Ausschreitungen von SA und SS nicht zu verfolgen, gegen Aktionen anderer Parteien aber r�cksichtslos vorzugehen, notfalls auch mit Schusswaffen.</p><p>Am 27. Februar brannte der Reichstag. Hitler und G�ring lie�en sofort verk�nden, die KPD habe den Brand als �Aufruf zu einem kommunistischen Umsturz� gelegt. Am n�chsten Tag unterzeichnete Hindenburg auf Dr�ngen Hitlers die �Verordnung zum Schutz von Volk und Staat�, in der praktisch alle Grundrechte �zur Abwehr kommunistischer staatsgef�hrdender Gewaltakte bis auf weiteres au�er Kraft gesetzt� wurden. Diese Verordnung, die bis 1945 in Kraft blieb, begr�ndete den permanenten Ausnahmezustand im Deutschen Reich. Nun konnte das NS- Regime �legal� gegen alle und alles vorgehen.</p><p>In diesem Klima wurde am 5. M�rz ein neuer Reichstag gew�hlt. Obwohl die NSDAP von der Industrie f�r den Wahlkampf viel Geld erhalten und alle Machtmittel des Staates eingesetzt hatte, erhielt sie bei dieser letzten halbwegs freien Wahl nur 43,9 % der Stimmen. Das war f�r sie sehr entt�uschend. Joseph Goebbels aber schrieb in sein Tagebuch: �Was bedeuten jetzt noch Zahlen? Wir sind die Herren im Reich und in Preu�en.�</p><p>Weil Hitler jedoch gro�en Wert auf den Anschein legte, nach Recht und Gesetz zu handeln, lie� er das so genannte �Erm�chtigungsgesetz� vorbereiten. Es sollte die Regierung erm�chtigen, Gesetze, die sogar von der Verfassung abweichen konnten, ohne Mitwirkung von Reichstag und Reichsrat zu beschlie�en. Durch die Streichung der 81 KPD-Mandate und Versprechungen an die b�rgerlichen Parteien erreichte Hitler die f�r das Gesetz erforderliche Zweidrittel-Mehrheit im Reichstag. Nur die SPD stimmte trotz aller Einsch�chterungsversuche dagegen. Ihr Vorsitzender Otto Wels hielt eine letzte mutige Rede: �Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht. Wir Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde zu den Grunds�tzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. Kein Erm�chtigungsgesetz gibt ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerst�rbar sind, zu vernichten.�</p><p>Otto Wels hatte Recht: Vernichten konnten diese Ideen nicht einmal die Nationalsozialisten. Aber sie konnten sie au�er Kraft setzen, wie sie alles au�er Kraft setzten, was ihnen im Weg stand.</p><p>Am 31. M�rz legte Hitler ein �Gesetz zur Gleichschaltung der L�nder mit dem Reich� vor. Die L�nderparlamente wurden ohne Neuwahlen nach dem Verh�ltnis der Reichstagswahl umgebildet, und eine Woche sp�ter wurden an Stelle der Ministerpr�sidenten �Reichsstatthalter� eingesetzt. Damit war die Selbstst�ndigkeit der L�nder praktisch aufgehoben. Aus dem seit jeher bundesstaatlich aufgebauten Deutschen Reich wurde ein zentralistischer Einheitsstaat. Um den Eindruck zu erwecken, dieser Staat kn�pfe an das Heilige R�mische Reich Deutscher Nation und an das Deutsche Kaiserreich an, wurde er �Drittes Reich� genannt.</p><p>Als N�chstes wurden die Gewerkschaften und die SPD verboten, viele ihrer Funktion�re in �Schutzhaft� genommen und in Straflager gesperrt, die man zu diesem Zweck errichtete und �Konzentrationslager� nannte. Die b�rgerlichen Parteien l�sten sich unter Druck �freiwillig� auf. Am 14. Juli wurde das �Gesetz gegen die Neubildung von Parteien� erlassen. In Deutschland gab es nur noch die NSDAP.</p></section><section><p><strong>Auf dem Weg in den totalit�ren F�hrerstaat</strong></p><p>Schritt f�r Schritt erfasste und beherrschte Hitlers NSDAP alle Bereiche des �ffentlichen und privaten Lebens: Deutschland wurde zum �totalit�ren� F�hrerstaat, in dem die Nationalsozialisten kein Mittel scheuten, um ihre Ziele zu erreichen. Nicht einmal vor der Ermordung langj�hriger Weggef�hrten schreckten sie zur�ck. Als der SA-Chef Ernst R�hm die Verschmelzung seiner Truppe mit der Reichswehr und damit mehr Macht f�r sich wollte, befahl Hitler im Juni 1934, die gesamte SA-F�hrung zu ermorden. Damit sicherte er sich endg�ltig das Wohlwollen der Reichswehr, die er f�r den Krieg brauchte, den zu f�hren er l�ngst beschlossen hatte.</p><p>Als Hindenburg am 2. August 1934 starb, �bernahm Hitler einfach das Amt des Reichspr�sidenten, wurde damit gleichzeitig Oberbefehlshaber der Reichswehr und nannte sich �F�hrer des Deutschen Reiches und Volkes�. Alle Soldaten und Beamten mussten ihren Treueeid auf die Person Adolf Hitlers leisten.</p><p>Wie die absolutistischen Monarchen vereinigte Hitler nun alle Macht in seiner Hand. Doch damit war er noch nicht zufrieden. Er wollte die Menschen ganz beherrschen, wollte auch Macht �ber ihr Denken und F�hlen. Darum legte er gro�en Wert auf die Erziehung der Jugend. In seinen eigenen Worten:</p><p>�Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln. Und wenn so diese Knaben, diese M�dchen mit ihren zehn Jahren in unsere Organisationen hineinkommen und dort nun oft zum ersten Mal �berhaupt eine frische Luft bekommen und f�hlen, dann kommen sie vier Jahre sp�ter vom Jungvolk in die Hitlerjugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre. Und dann geben wir sie erst recht nicht zur�ck in die H�nde unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei und in die Arbeitsfront, in die SA und SS, in das NSKK [das �Nationalsozialistische Kraftfahrkorps�] usw. Und wenn sie dort zwei Jahre oder eineinhalb Jahre sind und noch nicht ganze Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs oder sieben Monate geschliffen, alle mit einem Symbol: dem deutschen Spaten! Und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassenbewusstsein oder Standesd�nkel da oder da noch vorhanden sein sollte, das �bernimmt dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf drei Jahre. Und wenn sie dann nach zwei oder drei oder vier Jahren zur�ckkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall r�ckf�llig werden, sofort wieder in SA, SS usw., und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.�</p><p>An anderer Stelle sagte er, er wolle �eine gewaltt�tige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend, vor der sich die Welt erschrecken wird�. Sie d�rfe �nichts Schwaches, Z�rtliches� und auch nichts Intellektuelles haben.</p><p>Und damit niemand auf eigene Gedanken kam, wurde die Presse �gleichgeschaltet�, das hei�t unter nationalsozialistische Aufsicht gestellt, wurden liberale und linke Journalisten, Schriftsteller und K�nstler zur Auswanderung gezwungen oder in Konzentrationslager gesperrt. Ihre B�cher wurden in einer von Propagandaminister Goebbels angeordneten �Aktion wider den undeutschen Geist� am 10. Mai 1933 von Studenten �berall in Deutschland verbrannt. Ihre Bilder und ihre Musik galten fortan als �undeutsch� und �entartet�. �Was seit 1922 dem deutschen Volk als Kunst aufgeschw�tzt worden ist, ist auf dem Gebiet der Malerei ein einziges verkr�ppeltes Gekleckse�, sagte Hitler dazu.</p><p>Auch die Universit�ten blieben nicht verschont. Viele Wissenschaftler wurden entlassen, weil ihre Gedanken und/oder ihre Abstammung den Nationalsozialisten nicht passten. Und wer den neuen �deutschen Geist� nicht akzeptierte, weil ihm zum Beispiel eine �deutsche Physik� absurd erschien, musste gehen.</p><p>Dennoch hat nicht etwa die ganze deutsche Geisteswelt den Nationalsozialismus abgelehnt. Vielmehr hatte es schon in der Weimarer Republik Wissenschaftler und K�nstler gegeben, die mit den Nationalsozialisten sympathisierten. Und wenn es nach dem 30. Januar 1933 immer mehr wurden, dann deshalb, weil eben auch intelligente Menschen ihr M�ntelchen gern nach dem herrschenden Wind h�ngen. Die deutsche Geisteswelt unterschied sich da nicht wesentlich von anderen Teilen der Bev�lkerung.</p><p>Die gro�e Mehrheit der Deutschen empfand die Herrschaft der Nationalsozialisten in den ersten Jahren ohnehin nicht besonders bedr�ckend. Dass man nicht mehr mit �Guten Tag!� oder �Gr�� Gott!� gr��en sollte, sondern mit �Heil Hitler!� und erhobenem rechtem Arm, erschien zwar vielen Menschen �bertrieben; aber wichtiger war ihnen, dass nach den oft chaotischen Zust�nden am Anfang und Ende der Weimarer Republik ein �starker Mann� wieder f�r Ruhe und Ordnung sorgte. Auch dass Kinder und Jugendliche �Zucht und Ordnung� lernen sollten, war ganz im Sinne vieler Deutscher. Und weil durch Arbeitsbeschaffungsprogramme und die heimliche Aufr�stung nach und nach alle wieder Arbeit bekamen, wuchs die Zufriedenheit mit dem Regime.</p><p>Besonders stolz war man auf die ersten Autobahnen, obwohl man die wegen der wenigen Autos, die es damals gab, wirklich nicht gebraucht h�tte. Dass sie als schnelle Aufmarschwege f�r den n�chsten Krieg dienen sollten, ahnten die Leute nicht � und sie fragten auch nicht danach. Ebenso wenig wie nach den Menschen, die verhaftet wurden und verschwanden. Daf�r sorgte auch Propagandaminister Goebbels. Die Deutschen lasen in Zeitungen, h�rten am Radio und im Kino von 1933 an nur noch Lobeshymnen auf den F�hrer und die Partei und Hasstiraden auf die Gegner. Au�erdem gab es viele Feste und Feiern mit Massenaufm�rschen, deren Wirkung man sich nur schwer entziehen konnte. Und nat�rlich nutzten die Nationalsozialisten auch die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, um das Dritte Reich positiv darzustellen. Viele Deutsche waren stolz darauf, dass dieses gr��te Sportereignis zum ersten Mal in ihrem Land stattfand. Und die deutschen Sportler waren erfolgreicher als je zuvor. Mit 33 Gold-, 26 Silber- und 30 Bronzemedaillen wurde die deutsche Mannschaft zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele Sieger in der Nationenwertung.</p><p>All das f�gte sich in ein von der Nazi-Propaganda wieder und wieder entworfenes Bild von der Gro�artigkeit des deutschen Volkes, ja seiner �berlegenheit gegen�ber anderen V�lkern. Und so stellten immer weniger Deutsche kritische Fragen, immer mehr Deutsche glaubten, �der F�hrer� werde es schon richtig machen.</p></section><section><p><strong>Widerstand gegen das NS-Regime</strong></p><p>Obwohl es schwer war, sich dem Druck und der Beeinflussung zu entziehen, gab es von Beginn an auch Widerstand gegen das NS-Regime. Der reichte von der mehr oder weniger demonstrativen Verweigerung des �Hitlergru�es� �ber die Unterst�tzung verfolgter Mitmenschen bis zum aktiven Handeln.</p><p>Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaften arbeiteten im Untergrund. Liberale und Konservative trafen sich heimlich, um zu beraten, was sie tun k�nnten. Es gab auch Geistliche, die in mutigen Predigten den Machtmissbrauch der Nazis offen anprangerten. Evangelische Christen um Pastor Niem�ller schufen die �Bekennende Kirche�, um sich dem Einfluss der Politik auf die offizielle Kirche zu widersetzen. Auch junge Menschen leisteten Widerstand. Aus Protest gegen den milit�rischen Drill in der Hitlerjugend schlossen sich im Rhein-Ruhr-Gebiet tausende von ihnen zusammen, um ihre Freizeit nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Sie gaben sich Namen wie �Edelwei�piraten�, verteilten Flugbl�tter und schrieben Anti-Hitler-Parolen an die Hausw�nde.</p><p>Noch bekannter wurde die M�nchner studentische Widerstandsgruppe �Wei�e Rose� um die Geschwister Sophie und Hans Scholl, die Flugbl�tter verteilten, in denen sie vor allem ihre Professoren und Mitstudenten zum Kampf gegen den nationalsozialistischen Terror aufforderten. Wie 13 der Edelwei�piraten mussten sie ihren Mut mit dem Leben bezahlen.</p><p>Der schw�bische Kunstschreiner Georg Elser plante im Alleingang ein Attentat auf Hitler, das dieser nur durch einen Zufall �berlebte � wie einige andere Attentatsversuche auch.</p><p>Ab 1938 gab es sogar in Kreisen der Wehrmacht den Gedanken, Hitler auszuschalten, um einen n�chsten Weltkrieg zu verhindern. Doch erst als dieser Krieg l�ngst im Gange und f�r Deutschland nicht mehr zu gewinnen war, entschloss man sich zum Handeln: Am 20. Juli 1944 ver�bte der Oberst Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Hitler, aber wieder rettete ein Zufall dem Diktator das Leben.</p><p>Insgesamt wurden w�hrend der NS-Diktatur ungef�hr 13000 Menschen wegen ihres Widerstandes zum Tod verurteilt. 12000 dieser Urteile wurden vollstreckt.</p></section><section><p><strong>Von Hitlers Rassenwahn zum Holocaust</strong></p><p>In allen Diktaturen wurde und wird versucht, selbstst�ndiges Denken auszuschalten und Andersdenkende zum Schweigen zu bringen. Darin unterschied sich das Dritte Reich nicht von anderen Diktaturen. Worin es sich unterschied, war Hitlers Weltanschauung und hier vor allem die Rassenlehre, der er anhing und die sich bei ihm zu einem regelrechten Wahn entwickelte. Danach gab es h�herwertige und minderwertige Rassen; ganz oben stand die nordische Rasse der �Arier�, ganz unten die der Juden. F�r Hitler entsprach es gleichsam einem Naturgesetz, dass sich die verschiedenen Rassen einen erbarmungslosen Kampf ums �berleben lieferten, bei dem der Starke das Recht, ja sogar die Pflicht habe, den Schwachen zu vernichten, um die H�herentwicklung der Menschheit zu f�rdern.</p><p>Diese pseudowissenschaftliche, ganz und gar unsinnige Lehre geisterte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Europa. In Deutschland aber fiel sie, vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, auf besonders fruchtbaren Boden. Doch trotz einer tief in die deutsche Geschichte zur�ckreichenden Judenfeindlichkeit, eines weit verbreiteten �Antisemitismus�, konnten sich nur wenige vorstellen, dass Hitler diese primitive Rassenlehre in die Praxis umsetzen w�rde. Und als am 1. April 1933 zum Boykott j�discher Gesch�fte aufgerufen wurde, mochten viele zuerst an einen Aprilscherz glauben. Doch beim Anblick der SA-M�nner, die vor den Gesch�ften, Arzt- und Anwaltspraxen Posten bezogen, wurde deutlich, dass von einem Scherz keine Rede sein konnte. Es war der Beginn zahlloser Hetzkampagnen und Schikanen, die Juden zur Auswanderung treiben sollten.</p><p>1935 folgte der n�chste Schritt: die �N�rnberger Gesetze�. Das �Reichsb�rgergesetz� erkannte den Juden die deutsche Staatsb�rgerschaft ab; das �Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre� verbot Eheschlie�ungen und au�ereheliche Beziehungen zwischen Nichtjuden und Juden.</p><p>Etwa 130000 Juden waren bereits ausgewandert, als am 9. November 1938 �berall in Deutschland die Synagogen in Brand gesetzt wurden. In dieser so genannten �Reichskristallnacht� demolierten und pl�nderten SA- und SS-M�nner j�dische Gesch�fte und H�user. 91 Juden wurden ermordet, etwa 30000 von der �Gestapo�, der Geheimen Staatspolizei, verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Dort mussten sie schwer arbeiten, bekamen wenig zu essen und wurden brutal misshandelt. Die Folge war, dass viele an Ersch�pfung starben.</p><p>Nach der �Reichskristallnacht� verlie�en noch einmal 80000 Juden das Land. Wer als deutscher Jude immer noch in seiner Heimat bleiben wollte, musste weitere Dem�tigungen hinnehmen, wurde aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen und seines Eigentums beraubt. All das geschah keineswegs geheim, sondern vor den Augen der �ffentlichkeit.</p><p>Von 1941 an war die Drangsalierung der Juden in Deutschland offensichtlich im wahrsten Sinne des Wortes: Nun mussten sie, wie seit 1939 schon die Juden im besetzten Polen, einen gelben Stern auf der linken Brustseite ihrer Kleidung tragen.</p><p>Nach dem �berfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs begann die von Hitler immer wieder angek�ndigte �Vernichtung der j�dischen Rasse in Europa�, der �Holocaust�. Anfangs wurden die polnischen Juden noch in Gettos gepfercht, aber schon bald begannen die Einsatztruppen der SS mit Massenerschie�ungen. Auch im Russlandfeldzug folgten diese Mordkommandos den Soldaten der Wehrmacht und t�teten die in den eroberten Gebieten lebenden Juden. Aber Massenerschie�ungen waren den Verantwortlichen bald nicht mehr effektiv genug. Darum trafen sich am 20. Januar 1942 hohe Verwaltungsbeamte und SS-F�hrer in Berlin, um geeignete Ma�nahmen f�r das zu beschlie�en, was man die �Endl�sung der Judenfrage� nannte. Wer das Protokoll dieser �Wannsee-Konferenz� liest, hat nicht den Eindruck, als sei es da um Menschen gegangen. 11 Millionen europ�ische Juden sollten �erfasst� und, so hei�t es in dem Protokoll weiter, �� in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen �, wobei zweifellos ein Gro�teil durch nat�rliche Verminderung ausfallen wird. Der allf�llig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsf�higsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden m�ssen�. F�r diese �Sonderbehandlung� wurden neue gro�e Lager mit einer ausreichenden Vernichtungskapazit�t geplant. Der einzige Zweck dieser Vernichtungslager war die Ermordung von Menschen und die Beseitigung ihrer Leichname.</p><p>In der Weltgeschichte hat es zu allen Zeiten gro�e Verbrechen gegeben. Aber die Errichtung von Todesfabriken, in denen Angeh�rige einer Religionsgemeinschaft systematisch umgebracht wurden, ist mit nichts zu vergleichen. Allein im Konzentrationslager Auschwitz wurden 5 000 bis 6 000 Menschen pro Tag vergast und verbrannt. Insgesamt wurden bis zum Kriegsende etwa 6 Millionen Juden ermordet. Viele j�dische Frauen und M�nner wollten selbst dann noch nicht glauben, was da geschah, als sie vor den als Duschr�umen getarnten Gaskammern standen. Es war unbegreiflich � und ist es bis heute geblieben.</p><p>Was aber haben die anderen, nichtj�dischen Menschen �berall in Deutschland vom Holocaust gewusst? Das ist eine Frage, �ber die bis heute gestritten wird. Sicher ist, dass Hitler viele �willige Helfer� fand, sonst h�tte die Maschinerie der Massenvernichtung nicht funktionieren k�nnen. Und sicher ist auch, dass niemandem in Deutschland verborgen bleiben konnte, wie die j�dischen Mitb�rger, aber auch andere von den Nationalsozialisten Verfolgte wie Sinti und Roma oder Homosexuelle erst schikaniert, dann ausgegrenzt und schlie�lich �abgeholt� wurden. Jedermann wusste, dass es Konzentrationslager gab und dass Menschen, die dort eingesperrt wurden, nichts Gutes zu erwarten hatten. Viele wussten, dass in den Konzentrationslagern systematisch gemordet wurde, und manche haben das sp�ter auch zugegeben; andere m�ssen es gewusst haben, auch wenn sie es nicht zugeben wollten. Viele Menschen in Deutschland aber konnten sich einen organisierten Massenmord wohl auch einfach nicht vorstellen.</p><p>Nicht vergessen sollte man in diesem schrecklichsten Kapitel der deutschen Geschichte, dass es auch Menschen gab, die j�dischen Mitb�rgern geholfen und dabei nicht selten das eigene Leben aufs Spiel gesetzt haben. Einer von ihnen, der Fabrikant Oskar Schindler, ist durch Steven Spielbergs Film <emphasis>Schindlers</emphasis> Liste weltber�hmt geworden.</p></section><section><p><strong>Der totale Krieg</strong></p><p>Konnte man bei Wilhelm II. noch sagen, er habe den Krieg nicht wirklich gewollt, so kann davon bei Hitler keine Rede sein. Schon am 3. Februar 1933 sprach er vor der versammelten deutschen Generalit�t von der �Ausrottung des Marxismus� und der �Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen r�cksichtsloser Germanisierung�.</p><p>Nach au�en spielte Hitler zwar den Friedensengel, aber er arbeitete von Anfang an auf einen Krieg hin. Zuerst sah es noch so aus, als ginge es ihm nur um die schrittweise Revision des Versailler Vertrages und die Zur�ckgewinnung der 1919 abgetretenen Gebiete: 91% der saarl�ndischen Bev�lkerung entschieden sich per Volksabstimmung f�r Deutschland; das entmilitarisierte Rheinland wurde von deutschen Truppen besetzt; �sterreich wurde �heim ins Reich� geholt, ebenso das Sudetenland mit seinen 3,5 Millionen Deutschen. Das alles lief unter der Parole, die Hitler schon in <emphasis>Mein Kampf</emphasis> verk�ndet hatte: �Gleiches Blut geh�rt in ein gemeinsames Reich.�</p><p>Aus Furcht vor einem Krieg reagierten die europ�ischen M�chte jeweils nur mit schwachen Protesten und versuchten, Hitler durch Zugest�ndnisse zu beschwichtigen. Doch diese �Appeasement�-Politik bewies Hitler nur die Schw�che der anderen Staaten und ermunterte ihn, seine expansive Au�enpolitik fortzusetzen.</p><p>Die Bewunderung f�r �den F�hrer� wuchs bei immer mehr Deutschen. Was die Weimarer Politiker jahrelang mit m��igem Erfolg versucht hatten, war Hitler scheinbar m�helos gelungen: Deutschland von dem �Versailler Schanddiktat� zu befreien.</p><p>Die nationalsozialistische Propaganda glorifizierte Hitler dann auch als �Sch�pfer Gro�deutschlands�. Er wurde als der neue Messias dargestellt, f�r den nichts unm�glich sei. Und Hitler selbst sagte: �Die Vorsehung hat mich zu dem gr��ten Befreier der Menschheit vorbestimmt. An die Stelle des Dogmas von dem stellvertretenden Leiden und Sterben eines g�ttlichen Erl�sers tritt das stellvertretende Leben und Handeln des neuen F�hrergesetzgebers, das die Masse der Gl�ubigen von der Last der freien Entscheidung entbindet.�</p><p>�F�hrer befiehl, wir folgen!� wurde der Leitspruch f�r die Mehrheit der Deutschen. Sie folgten ihm auch, als er nur 25 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs mit dem �berfall auf Polen am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg entfesselte.</p><p>Eine Woche zuvor hatten Deutschland und die Sowjetunion zur �berraschung der Welt�ffentlichkeit den �HitlerStalin-Pakt� geschlossen, in dem sie sich f�r den Kriegsfall zu �wohlwollender Neutralit�t� verpflichteten. In einem geheimen Zusatzprotokoll hatten sie auch gleich noch Polen unter sich aufgeteilt.</p><p>Hitler hoffte, mit diesem Vertrag England und Frankreich am Kriegseintritt zu hindern. Und so kam es auch. Beide erkl�rten Deutschland zwar am 3. September 1939 den Krieg, aber sie lie�en der Erkl�rung keine Taten folgen. Nachdem Polen in einem �Blitzkrieg� besiegt und geteilt worden war, wollte Hitler die Siegesstimmung nutzen und sofort gegen Frankreich marschieren. Doch der Generalstab hatte Bedenken gegen den Westfeldzug und konnte Hitler mehrmals zur Verschiebung des Angriffs bewegen. Im Fr�hjahr 1940 aber lie� er sich nicht mehr l�nger hinhalten und gab am 9. April den Angriffsbefehl. Deutsche Truppen besetzten D�nemark und Norwegen. Am 10. Mai begann der Angriff auf die Niederlande, Belgien und Frankreich. Die im Polenfeldzug erprobte Blitzkriegstrategie war wieder erfolgreich, und schon am 14. Juni zogen deutsche Truppen in Paris ein.</p><p>Hitler hatte den Westfeldzug trotz der Bedenken des Generalstabs gef�hrt und genoss nun den Triumph. Am 22. Juni 1940 wurde der Waffenstillstand im Wald von Compi�gne in dem gleichen Salonwagen unterzeichnet, in dem die Deutschen am 11. November 1918 den Waffenstillstand hatten unterzeichnen m�ssen. Frankreich war nicht nur besiegt worden, es wurde auch noch gedem�tigt � wie Deutschland in Versailles 1919 gedem�tigt worden war. Hitlers R�ckkehr nach Berlin wurde zu einem triumphalen Ereignis. Er stand auf dem Gipfel seiner Popularit�t und war f�r die meisten Deutschen der �gr��te Feldherr aller Zeiten�. Nichts und niemand schien ihn aufhalten zu k�nnen.</p><p>Hitler h�tte sich jetzt am liebsten seinem eigentlichen Ziel, der �Eroberung von Lebensraum im Osten� zugewandt. Aber weil der neue englische Premierminister Winston Churchill ein Friedensangebot zur�ckwies, wollte Hitler England rasch in die Knie zwingen. Am 13. August 1940 begann die �Luftschlacht �ber England�. Doch entgegen allen Erwartungen von deutscher Seite gelang es nicht, den englischen Widerstandswillen zu brechen und die Lufthoheit �ber England zu erringen. Darum lie� Hitler die Angriffe im Fr�hjahr 1941 einstellen und das �Unternehmen Barbarossa�, den Krieg gegen die Sowjetunion, vorbereiten � trotz des bestehenden Nichtangriffspaktes.</p><p>Im Morgengrauen des 22. Juni 1941 �berschritten mehr als 3 Millionen Soldaten die Grenze zum sowjetischen Reich. Sie r�ckten rasch vor und alles schien auf einen erneuten schnellen Sieg hinzudeuten. Im September wurde Kiew erobert, Leningrad eingeschlossen und deutsche Truppen n�herten sich Moskau. Am 2. Oktober gab Hitler den Befehl, Leningrad und Moskau dem Erdboden gleichzumachen, selbst wenn die beiden Millionenst�dte kapitulieren sollten. Dieser Befehl verstie� gegen alle Konventionen der Kriegsf�hrung und h�tte einen beispiellosen Massenmord an der Zivilbev�lkerung bedeutet � wenn nicht der Mitte Oktober verfr�ht einsetzende, au�ergew�hnlich harte Winter den Russen zu Hilfe gekommen w�re. Auf so einen russischen Winter war die deutsche Wehrmacht nicht vorbereitet. Ebenso wenig auf die ungeahnten russischen F�higkeiten, die gigantischen Verluste an Menschen und Material zu verkraften und immer neue Armeen aufzustellen.</p><p>Hitlers Plan war fehlgeschlagen. Zwar konnten deutsche Truppen im Sommer 1942 noch einmal bis Stalingrad vorr�cken, aber der zweite russische Winter brachte endg�ltig die Wende. Die 6. Armee bei Stalingrad kapitulierte vor der sowjetischen �bermacht.</p><p>Inzwischen waren auch die USA aktiv in die Kriegshandlungen eingetreten und bombardierten zusammen mit englischen Flugzeugen immer h�ufiger deutsche St�dte. Zu dieser Zeit lud Propagandaminister Goebbels Parteimitglieder zu einer Massenkundgebung in den Berliner Sportpalast und fragte die Menge: �Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn n�tig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute �berhaupt noch vorstellen k�nnen?�</p><p>Die Menge antwortete mit begeistertem �Ja!�. Und sie bekamen den totalen Krieg, an dessen Ende in vielen deutschen St�dten nur noch Ruinen standen.</p><p>Dieser schrecklichste Krieg der Weltgeschichte forderte 55 Millionen Menschenleben. Viele Millionen hatten zwar ihr Leben behalten, aber ihren Besitz und ihre Heimat verloren. Das Leid und Elend war unbeschreiblich.</p><p>Im Fr�hjahr 1945 war das Deutsche Reich vollst�ndig von Truppen der Kriegsgegner besetzt. Am 8. Mai kapitulierte es bedingungslos; den Nationalstaat der Deutschen gab es nicht mehr.</p><p>Adolf Hitler hatte wenige Tage vor Kriegsende Selbstmord begangen. Seine Abschiedsworte waren: �Das deutsche Volk hat sich als das schw�chere erwiesen, und dem st�rkeren Ostvolk geh�rt ausschlie�lich die Zukunft. Was nach diesem Kampf �brig bleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen!�</p><p>Auch Goebbels beging Selbstmord. Die anderen f�hrenden M�nner des Dritten Reiches wurden von den Siegerm�chten vor ein internationales Milit�rgericht gestellt. Zw�lf der �Hauptkriegsverbrecher� verurteilte das Gericht im �N�rnberger Prozess� von 1945/46 zum Tode, andere zu langen Gef�ngnisstrafen. Bereut haben von ihnen nur wenige.</p></section><section><p><strong>Was soll aus Deutschland werden?</strong></p><p>Dem totalen Krieg folgte der totale Zusammenbruch. Die Deutschen standen vor einem riesigen Tr�mmerhaufen und dem v�lligen Neuanfang in der �Stunde Null�. Nicht nur die St�dte lagen in Schutt und Asche, auch �berzeugungen, W�nsche, Hoffnungen und Tr�ume waren zerbrochen � und mit ihnen viele Menschen. Der junge, vom Krieg schwer gezeichnete Dichter Wolfgang Borchert hat davon in seinem Heimkehrerst�ck <emphasis>Drau�en vor der T�r</emphasis> auf beeindruckende Weise erz�hlt.</p><p>Dem Kampf an den Fronten folgte nun der Kampf ums �berleben in den Ruinen. Da viele M�nner gefallen oder in Kriegsgefangenschaft waren, mussten die �Tr�mmerfrauen� die Hauptlast dieses �berlebenskampfes tragen. Vor allem in den zerbombten Gro�st�dten leisteten sie in den ersten Nachkriegsjahren beinahe �bermenschliches.</p><p>Die Masse der Bev�lkerung hatte nicht genug zu essen und war unterern�hrt. Was man mit Lebensmittelkarten bekam, war zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Wer noch Schmuck oder andere Wertgegenst�nde besa�, konnte bei �Hamsterfahrten� aufs Land oder auf dem �Schwarzen Markt� ein paar Lebensmittel besorgen. Die Grenzen zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem, zwischen moralisch und unmoralisch wurden in diesen schweren Zeiten flie�end. �Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral�, hatte schon Bertolt Brecht in der <emphasis>Dreigroschenoper</emphasis> geschrieben. Nach dieser Devise handelten viele Menschen, weil ihnen kaum etwas anderes �brig blieb, wenn sie �berleben wollten.</p><p>W�hrend deutsche Frauen, Kinder und M�nner die Tr�mmer, so gut es ging, wegr�umten und sich notd�rftig einrichteten, berieten die alliierten Siegerm�chte dar�ber, was aus Deutschland werden sollte. In erster Linie ging es ihnen darum, �Deutschland und vor allem Preu�en daran zu hindern, ein drittes Mal �ber uns herzufallen�, wie Churchill es formulierte.</p><p>Auf der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945 demonstrierten der englische Premier Churchill, der sowjetische Staats- und Parteichef Stalin und der neue amerikanische Pr�sident Truman denn auch noch Einigkeit: �Der deutsche Militarismus und Nazismus werden ausgerottet und die Alliierten treffen nach gegenseitiger Vereinbarung in der Gegenwart und in der Zukunft auch andere Ma�nahmen, die notwendig sind, damit Deutschland niemals mehr seine Nachbarn oder die Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt bedrohen kann. Es ist nicht die Absicht der Alliierten, das deutsche Volk zu vernichten oder zu versklaven. Die Alliierten wollen dem deutschen Volk die M�glichkeit geben, sich darauf vorzubereiten, sein Leben auf einer demokratischen und friedlichen Grundlage von neuem wieder aufzubauen.�</p><p>Aber vorerst war Deutschland nicht mehr als ein �geografischer Begriff�, wie es Stalin ausdr�ckte. Seine Zukunft lag allein in den H�nden der �Gro�en Drei�. Und die beschlossen in Potsdam Folgendes:</p><empty-line/><p>Deutschland (in den Grenzen von 1937) wird in vier Besatzungszonen, Berlin in vier Sektoren aufgeteilt (Frankreich wurde zu den Siegerm�chten gez�hlt).</p><p>Die Gebiete �stlich der Oder-Nei�e-Linie kommen unter polnische und sowjetische Verwaltung.</p><p>Die oberste Instanz bildet der Alliierte Kontrollrat, der sich aus den Milit�rbefehlshabern der vier Besatzungszonen zusammensetzt. In den vier Zonen �bt jede Besatzungsmacht die alleinige Regierungsgewalt in eigener Verantwortung aus.</p><p>Jede Besatzungsmacht befriedigt ihre Reparationsanspr�che zuerst aus ihrer Zone.</p><p>Deutschland wird v�llig entmilitarisiert und die gesamte Kriegsindustrie wird zerst�rt.</p><p>Die NSDAP und ihre Unterorganisationen werden verboten, Nationalsozialisten aus �ffentlichen �mtern entfernt.</p><p>Eine zentrale deutsche Regierung bleibt verboten, aber die kommunale Selbstverwaltung wird erm�glicht.</p><p>Deutsche aus den Ostgebieten werden �in ordnungsgem��er und humaner Weise� nach Westen �berf�hrt.</p><p>Auf Grund des Potsdamer Abkommens kam es zu einer wahren V�lkerwanderung von Ost nach West; von �ordnungsgem�� und human� konnte freilich keine Rede sein. Etwa 12 Millionen Menschen wurden gewaltsam vertrieben und mussten in den westlichen Zonen mit ern�hrt und versorgt werden. Das f�hrte schon 1946/47 an den Rand des v�lligen wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Um die Lebensf�higkeit der Westzonen zu sichern, wurden der Abbau � die �Demontage� � von Industrieanlagen zu Reparationszwecken vorl�ufig eingestellt und der Sowjetunion weitere Reparationslieferungen aus diesen Zonen verweigert. Zur Verbesserung der Versorgungslage schlugen die USA au�erdem eine wirtschaftliche Vereinigung der vier Besatzungszonen vor. Die Sowjetunion aber sah darin den Versuch, ganz Deutschland auf die �westlich-kapitalistische Seite� zu ziehen, und lehnte ab. Umgekehrt betrachteten die drei Westm�chte die sowjetische Politik zunehmend misstrauisch und unterstellten Stalin, er wolle ganz Deutschland der kommunistischen Sowjetunion einverleiben.</p><p>Die Gemeinsamkeiten der �Anti-Hitler-Koalition� schwanden immer mehr, die Gegens�tze zwischen Ost und West traten immer deutlicher in den Vordergrund. Die USA und die Sowjetunion als neue �Superm�chte� versuchten ihren Einflussbereich zu sichern und nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Man befand sich mitten in der Auseinandersetzung zwischen dem System der parlamentarischen Demokratie mit marktwirtschaftlicher Ordnung westlicher Pr�gung und dem kommunistischen Einparteienstaat mit einer staatlich gelenkten Planwirtschaft. Weil dieser Kampf der Systeme nicht mit milit�rischen, sondern mit wirtschaftlichen und propagandistischen Mitteln gef�hrt wurde, sprach man vom �Kalten Krieg�.</p><p>Die amerikanische Regierung wollte eine Ausdehnung des Kommunismus in Europa durch eine neue Eind�mmungspolitik � �Containment� � verhindern. Durch Milit�r- und Wirtschaftshilfe sollte zumindest Westeuropa so gest�rkt werden, dass es sowjetischen Expansionsgel�sten widerstehen konnte. Diese neue Politik aber hatte auch eine v�llig neue Besatzungspolitik zur Folge: In der amerikanischen und britischen Zone wurde die Demontage von Industriebetrieben v�llig eingestellt, und beide Zonen schlossen sich am 1. Januar 1947 zur �Bizone� zusammen. Sp�ter kam auch noch die franz�sische Zone dazu und machte die �Bi-� zur �Trizone�.</p><p>Der amerikanische Au�enminister George Marshall verk�ndete am 5. Juni 1947 ein Programm zum Wiederaufbau der europ�ischen Wirtschaft. Auch die drei westlichen Zonen Deutschlands erhielten Mittel aus diesem �Marshall- Plan�, was den Wiederaufbau in den Westzonen f�rderte � aber auch einen weiteren Schritt zur Teilung Deutschlands bedeutete.</p><p>Mit der �W�hrungsreform�, der Einf�hrung der �Deutschen Mark� in den drei Westzonen am 21. Juni 1948, wurde die wirtschaftliche Spaltung Deutschlands endg�ltig vollzogen. Als die Westm�chte die D-Mark auch in den Westsektoren Berlins einf�hren wollten, verh�ngte die Sowjetunion eine �Blockade�: Alle Stra�en, Eisenbahnlinien und Wasserwege zwischen Westberlin und Westdeutschland wurden gesperrt. Auf diese Weise wollte Stalin die Westm�chte unter Druck setzen und die Bildung eines westlich orientierten westdeutschen Teilstaates verhindern. Aber es kam anders. Die USA und England beschlossen, Westberlin �ber eine �Luftbr�cke� zu versorgen. Mit einer kaum f�r m�glich gehaltenen Leistung wurden 2 Millionen Menschen elf Monate lang per Flugzeug mit allem versorgt, was sie zum �berleben brauchten. Alle zwei bis drei Minuten landete ein �Rosinenbomber� auf einem der drei Westberliner Flugh�fen.</p><p>Am 12. Mai 1949 gab die Sowjetunion ihren Erpressungsversuch auf und beendete die Blockade. Sie war die erste kritische Phase des Kalten Krieges und lie� Westberliner, Westdeutsche und Westalliierte n�her zusammenr�cken. Die f�hlten sich erstmals seit 1945 als Verb�ndete und sahen ihren gemeinsamen Hauptfeind in der Sowjetunion. Stalin hat mit der Berliner Blockade also genau das gef�rdert, was er verhindern wollte.</p></section><section><p><strong>Zwei Deutschland</strong></p><p>Im Potsdamer Abkommen hatten die Alliierten als eines der wichtigsten Ziele die Demokratisierung des politischen Lebens in Deutschland genannt. Und schon im Sommer 1945 wurden in ganz Deutschland demokratische Parteien zugelassen. Dazu z�hlten als erste die Parteien, die gegen den Nationalsozialismus Widerstand geleistet hatten: KPD und SPD. Zu ihnen gesellte sich in der Ostzone die �Liberal-Demokratische Partei Deutschlands� (LDPD), die sich in den Westzonen �Freie Demokratische Partei� (FDP) nannte. Neben diesen �alten� Parteien bildete sich mit der �Christlich Demokratischen Union� (CDU) � in Bayern �Christlich Soziale Union� (CSU) � eine neue, �berkonfessionelle, b�rgerliche Partei.</p><p>In der Ostzone dauerte der Parteienwettstreit um die Gunst der W�hler allerdings nicht lange. Auf Druck der sowjetischen Besatzungsmacht musste sich die SPD mit der KPD zur �Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands� (SED) vereinigen. Danach erfolgte schrittweise die Umwandlung dieser SED in eine von Moskau gelenkte kommunistische Partei. Auch die anderen Parteien verloren bald ihre Selbstst�ndigkeit und waren kaum mehr als Anh�ngsel der SED.</p><p>In den Westzonen zeigte sich schon bei den ersten Landtagswahlen in den Jahren 1946/47, dass die �alte� SPD und die neue CDU/CSU die st�rksten politischen Kr�fte waren. KPD und FDP kamen im Durchschnitt auf jeweils knapp 10% der W�hlerstimmen.</p><p>Als die Gegens�tze zwischen den Alliierten immer deutlicher wurden, beauftragten die Westm�chte die westdeutschen Ministerpr�sidenten, eine verfassunggebende Nationalversammlung einzuberufen. Die Ministerpr�sidenten aber scheuten sich, einen westdeutschen Staat zu errichten und damit die Spaltung zwischen West und Ost festzuschreiben. Sie pl�dierten f�r ein �Provisorium�, das den Weg zur sp�teren Gr�ndung eines gesamtdeutschen Staates offen halten sollte. Deswegen beriefen sie auch keine Nationalversammlung ein, sondern einen �Parlamentarischen Rat�, dessen 65 Mitglieder von den Landtagen gew�hlt wurden. Um das Provisorische zu betonen, sollte der Parlamentarische Rat keine Verfassung, sondern nur ein �Grundgesetz� ausarbeiten.</p><p>Am 1. September 1948 trat der Parlamentarische Rat erstmals zusammen und w�hlte den CDU-Politiker Konrad Adenauer zu seinem Pr�sidenten. Bei den Beratungen orientierten sich die V�ter und M�tter des Grundgesetzes an der Weimarer Verfassung, versuchten jedoch, deren Schw�chen und Fehler zu vermeiden.</p><p>Der SPD-Abgeordnete Carlo Schmid forderte schon in der zweiten Sitzung: �Der Staat soll nicht alles tun k�nnen, was ihm gerade bequem ist, wenn er nur einen willf�hrigen Gesetzgeber findet, sondern der Mensch soll Rechte haben, �ber die auch der Staat nicht soll verf�gen k�nnen. Die Grundrechte m�ssen das Grundgesetz regieren; sie d�rfen nicht nur Anh�ngsel des Grundgesetzes sein, wie der Grundrechtskatalog von Weimar ein Anh�ngsel der Verfassung gewesen ist.�</p><p>Diese Auffassung setzte sich durch und f�hrte zu Artikel 1 des Grundgesetzes:</p><p>�(1) Die W�rde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu sch�tzen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.</p><p>(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unver�u�erlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.</p><p>(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.�</p><p>Auch �ber den Aufbau des Staates war man sich bald einig. Nach den Erfahrungen im Dritten Reich kam ein zentralistischer Einheitsstaat nicht in Frage. Der Artikel 20 des Grundgesetzes legte fest:</p><p>�(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.</p><p>(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausge�bt.</p><p>(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsm��ige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.�</p><p>1968 wurde dem noch ein vierter Absatz hinzugef�gt:</p><p>�(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht m�glich ist.�</p><p>In Artikel 79 wurden die Grundrechtsartikel 1 und 20 als unaufhebbar bezeichnet. Sie sollten das Fundament des neuen Staates bilden.</p><p>Weil der Reichspr�sident in der Endphase der Weimarer Republik durch seine starke Stellung eine verh�ngnisvolle Rolle gespielt hatte, wurden die Rechte des Bundespr�sidenten deutlich eingeschr�nkt � manche sagten sp�ter etwas sp�ttisch, er sei kaum mehr als der �oberste Notar und Gr��-Gott-Onkel� der Republik. Daf�r wurde die Position des Kanzlers gest�rkt. Der Bundestag sollte ihn nur dann abw�hlen k�nnen, wenn er gleichzeitig einen neuen Kanzler w�hlt. Dieses �konstruktive Misstrauensvotum� sollte Weimarer Verh�ltnisse verhindern und stabilere Regierungen erm�glichen.</p><p>Genau vier Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation, am 8. Mai 1949, wurde der Grundgesetzentwurf mehrheitlich angenommen. Dagegen stimmten die KPD und sechs der acht CSU-Abgeordneten.</p><p>Die Westm�chte genehmigten den Entwurf und am 23. Mai 1949 wurde das �Grundgesetz f�r die Bundesrepublik Deutschland� verk�ndet. In der Pr�ambel (der Einleitung) hie� es, der Parlamentarische Rat �hat auch f�r jene Deutschen gehandelt, denen mitzuwirken versagt war. Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden�.</p><p>Beinahe im Gleichschritt, aber mit v�llig anderem Ziel entwickelte sich die staatliche Neuordnung in der Ostzone. Im M�rz 1948 tagte dort ein von der SED dominierter �Deutscher Volkskongress�, der unter anderem den �1. Deutschen Volksrat� w�hlte, der eine Verfassung ausarbeiten sollte. Am 22. Oktober 1948 lag ein Verfassungsentwurf vor, der f�r ganz Deutschland gelten sollte. Das war zu jener Zeit allerdings illusorisch, weil die Entwicklung in Ost und West viel zu unterschiedlich verlief. Als Reaktion auf die Verabschiedung des Grundgesetzes wurde am 29./30. Mai 1949 die �Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik�, der DDR, vom 3. Volkskongress angenommen. Auch sie lehnte sich an die Weimarer Verfassung an, sah die allgemeine, gleiche, unmittelbare und geheime Wahl der Volkskammerabgeordneten vor und f�hrte die Grundrechte auf. Aber viele Menschen glaubten von Anfang an nicht daran, dass diesen demokratischen Worten auch die entsprechenden Taten folgen w�rden. Dazu hielt die sowjetische Besatzungsmacht die Z�gel zu straff in den H�nden. Und nach allen Erfahrungen mit der kommunistischen Sowjetunion war nicht zu erwarten, dass sie in ihrem Machtbereich eine freiheitliche Demokratie dulden w�rde. Trotzdem wurde am 7. Oktober 1949 auf der Grundlage dieser Verfassung die Deutsche Demokratische Republik proklamiert. Damit gab es zwei Staaten in Deutschland.</p></section><section><p><strong>Made in Western Germany</strong></p><p>Am 14. August 1949 wurde der erste Deutsche Bundestag gew�hlt. Die CDU/CSU erhielt 31,0%, die SPD 29,9% der abgegebenen Stimmen. Die etwas st�rkere �Union� fand mit der FDP und der Deutschen Partei zwei Parteien, die zu einer Koalition bereit waren. Am 15. September w�hlte der Bundestag mit einer Stimme Mehrheit den 73-j�hrigen Konrad Adenauer zum Bundeskanzler. Regierungssitz und Hauptstadt der Bundesrepublik war Bonn.</p><p>Erster Oppositionsf�hrer im Deutschen Bundestag wurde der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher, erster Bundespr�sident der Liberale Theodor Heuss.</p><p>Nun hatte die Bundesrepublik zwar ein Grundgesetz, einen Pr�sidenten, eine Volksvertretung, eine Regierung und eine Hauptstadt, aber ein souver�ner Staat war sie trotzdem nicht. Die Westm�chte behielten sich im �Besatzungsstatut� viele Rechte vor. So konnten sie in der Au�enpolitik und Au�enwirtschaft sowie bei Verfassungsfragen jederzeit in die Gesetzgebung eingreifen. Deshalb war Adenauers wichtigstes Ziel, dem neuen Staat die volle Souver�nit�t und internationale Gleichberechtigung zu verschaffen. Das machte er den westlichen Alliierten bei seinem Antrittsbesuch gleich symbolisch deutlich. Deren Vertreter standen auf einem gro�en Teppich, Adenauer und seine Kabinettsmitglieder sollten sich am anderen Ende des Raumes auf den Fu�boden stellen. Aber der deutsche Bundeskanzler trat wie selbstverst�ndlich auf den Teppich. Diese Geste sagte mehr als viele Worte.</p><p>Dem kleinen Schritt auf den Teppich folgten weitere Schritte auf dem Weg zur Souver�nit�t. Aber vermutlich w�re alles nicht so schnell gegangen, wenn nicht das kommunistische Nordkorea, unterst�tzt von der Sowjetunion, im Juni 1950 S�dkorea angegriffen h�tte. Bei den westlichen Staatsm�nnern l�uteten die Alarmglocken. Was sie seit langem bef�rchteten, schien sich nun zu best�tigen: Die Sowjetunion setzte ihre aggressive Expansionspolitik fort. Vielleicht war die Bundesrepublik eines der n�chsten Ziele. Schlie�lich gab es in der DDR l�ngst eine �Kasernierte Volkspolizei�, die nichts anderes als eine Armee war.</p><p>Auf diesem Hintergrund entstand der Plan, die Bundesrepublik Deutschland als �Vorposten der freien Welt� in das westliche Verteidigungskonzept einzubeziehen. Adenauer sah die gro�e Chance, seinen drei Hauptzielen auf einen Schlag n�her zu kommen: der Souver�nit�t und der Einbindung ins westliche Lager, der Absicherung gegen den �stlichen Kommunismus und der Auss�hnung mit Frankreich als Grundlage eines vereinten Europas.</p><p>Gegen heftige Widerst�nde der Opposition und auch aus den eigenen Reihen versprach Adenauer den Westm�chten, die Bundesrepublik werde sich an einer �Europ�ischen Verteidigungsgemeinschaft� (EVG) beteiligen. Damit waren die Weichen nach Westen endg�ltig gestellt.</p><p>Im Fr�hjahr 1952 unternahm Stalin einen letzten Versuch, den Zug noch zu stoppen. Er schlug die Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu einem neutralen, �demokratischen und friedlichen� Gesamtdeutschland unter alliierter Kontrolle vor. Damals sahen viele in dieser �Stalin- Note� eine gro�e Chance, die deutsche Einheit doch noch zu erreichen und Deutschland aus dem Ost-West-Konflikt herauszuhalten. Aber die Westm�chte lehnten Stalins Angebot ab, und die Bundesregierung schloss sich dieser Ablehnung an.</p><p>Die SPD war mit der �bedingungslosen Westintegration� nicht einverstanden, und Kurt Schumacher warf Adenauer in einer leidenschaftlichen Rede vor, nicht Kanzler der Deutschen, sondern �Kanzler der Alliierten� zu sein. Aber �der Alte�, wie ihn der Volksmund nannte, lie� sich durch nichts und niemanden von seinem Weg abbringen. Er f�hrte die Bundesrepublik zielstrebig in die EVG, sp�ter in das westliche Verteidigungsb�ndnis, die NATO, und in die Europ�ische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Weil Konrad Adenauer die westdeutsche Politik in den Anfangsjahren eindeutig dominierte, sprach man bald von einer �Kanzlerdemokratie�. Und die Mehrheit der B�rgerinnen und B�rger hatte gar nichts gegen einen starken Kanzler � zumal sein Weg der richtige zu sein schien.</p><p>Im M�rz 1950 konnte endlich die Lebensmittelrationierung aufgehoben werden; von da an ging es best�ndig bergauf. Die gro�z�gige amerikanische Unterst�tzung verschaffte der westdeutschen Wirtschaft einen kr�ftigen Wachstumsschub. An Stelle der zerst�rten oder demontierten Fabriken entstanden modernste Produktionsanlagen, in denen immer mehr Menschen Arbeit fanden. Waren �Made in Western Germany� wurden dank ihrer Qualit�t bald �berall gesch�tzt und gekauft.</p><p>Vielen Menschen im In- und Ausland schien dieser rasante Aufstieg aus den Ruinen wie ein Wunder. Und zum �Wirtschaftswunder� kam 1954 noch ein �Fu�ballwunder�: Die deutsche Fu�ballnationalmannschaft gewann in Bern gegen den hohen Favoriten Ungarn 3:2 und wurde damit Weltmeister. Das war Balsam auf die Seelen der Deutschen. Der Satz �Wir sind wieder wer!� machte die Runde und brachte die sich �ndernde Stimmung auf den Punkt. Als Vater des �Fu�ballwunders� wurde der Bundestrainer Sepp Herberger gefeiert und verehrt. Als Vater des Wirtschaftswunders galt Ludwig Erhard, der schon vor der Gr�ndung der Bundesrepublik das Konzept einer �Sozialen Marktwirtschaft� formuliert hatte: Die Wirtschaft sollte sich weit gehend frei entfalten k�nnen, aber in eine Gesellschaftspolitik eingebettet sein, die sozial Schwache sch�tzen und letztlich �Wohlstand f�r alle� � so der Titel eines Buches von Ludwig Erhard und ein Wahlslogan der CDU � bringen sollte. Zwar brachte das Wirtschaftswunder nicht allen den gleichen Wohlstand, aber den meisten B�rgern der Bundesrepublik ging es � zumindest materiell � bald besser als je zuvor.</p><p>Der wirtschaftliche Aufstieg trug wesentlich zur politischen Stabilit�t der Bundesrepublik bei. Wurde Demokratie in der Weimarer Republik noch mit Niederlage und Massenarbeitslosigkeit gleichgesetzt, so bedeutete sie in der Bundesrepublik Erfolg und materielles Wohlergehen. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte war Demokratie f�r die gro�e Mehrheit der Menschen etwas Positives � auch wenn diese positive Sicht bei vielen vorwiegend materiell begr�ndet war. Manche Kritiker nannten die Deutschen deshalb auch �Sch�nwetterdemokraten�. Das mag nicht ganz unzutreffend gewesen sein. Aber nach fast 200 Jahren preu�isch-deutscher Untertanenmentalit�t und zw�lf Jahren �F�hrer befiehl, wir folgen!� war wohl noch nicht mehr zu erwarten.</p></section><section><p><strong>Die DDR mauert sich ein</strong></p><p>Im zweiten deutschen Staat w�hlte die provisorische Volkskammer am 11. Oktober 1949 Wilhelm Pieck zum �Pr�sidenten der Republik� und einen Tag sp�ter Otto Grotewohl zum Ministerpr�sidenten. Die tats�chliche Macht lag jedoch weder bei der Volkskammer noch bei der Regierung, sondern bei der SED und ihrem Generalsekret�r Walter Ulbricht. Er hatte die SED seit 1948 nach den Prinzipien des �demokratischen Zentralismus� zu einer �Partei neuen Typs� durchorganisiert. Alle Entscheidungen der Parteispitze, des so genannten �Politb�ros�, waren f�r alle unteren Ebenen absolut verbindlich. Innerparteiliche Willensbildung von unten nach oben war nicht vorgesehen.</p><p>Zwar existierten noch andere Parteien und Massenorganisationen wie der �Freie Deutsche Gewerkschaftsbund�, die �Freie Deutsche Jugend� oder der �Demokratische Frauenbund�, aber sie waren alle in der �Nationalen Front� zusammengeschlossen und standen unter SED- Kontrolle. Formal besa� die DDR wie die Bundesrepublik ein parlamentarisches System, in Wirklichkeit war sie ein Einparteienstaat. Zur Sicherung der SED-Herrschaft wurde 1950 das �Ministerium f�r Staatssicherheit� eingerichtet. Mit Hilfe von Spitzeln sollte die �Stasi� jede Opposition schon im Keim ersticken.</p><p>�Von der Sowjetunion lernen hei�t siegen lernen�, lautete der SED-Slogan. Danach mussten zuerst einmal Industrie, Banken, Versicherungen und Gro�grundbesitz verstaatlicht werden. Die Produktion sollte nicht mehr von Kapitalinteressen bestimmt, sondern zentral geplant und gesteuert werden. 1950 gab es den ersten �F�nfjahresplan� in der DDR. Er legte fest, was wo in welchen Mengen produziert werden sollte. Auch Arbeitszeiten, L�hne und Preise bestimmte der Plan. Die �Volkseigenen Betriebe� (VEB) mussten die Pl�ne nur noch erf�llen � was allerdings leichter zu verlangen als auszuf�hren war. Denn trotz des Flei�es der ostdeutschen Bev�lkerung erwies sich die zentral verwaltete Planwirtschaft als zu schwerf�llig. Das zeigten Menschenschlangen vor Gesch�ften und Waren minderer Qualit�t �berdeutlich. So hatten sich die Menschen den Sozialismus nicht vorgestellt. Als dann die SED am 28. Mai 1953 auch noch die Arbeitsnormen um 10% erh�hte, entlud sich die Unzufriedenheit in Massenstreiks. Dabei verlangten die Arbeiter zuerst nur die R�cknahme der Normerh�hung. Doch bald wurden die Abl�sung Ulbrichts, die Beseitigung der Zonengrenze und freie Wahlen gefordert.</p><p>Die F�hrung des �Arbeiter- und Bauernstaates� war der sich schnell zuspitzenden Lage nicht gewachsen und rief die Sowjetunion zu Hilfe. Am 17. Juni 1953 walzten sowjetische Panzer den Aufstand nieder.</p><p>Die Menschen in der DDR hatten vergeblich auf Unterst�tzung und Hilfe aus dem Westen gehofft: Die Westm�chte belie�en es bei Protesten und machten damit deutlich, dass Ostdeutschland f�r sie genauso zum Ostblock geh�rte wie Westdeutschland zum Westen.</p><p>Die meisten Menschen in der DDR waren entt�uscht, ergaben sich resigniert ihrem Schicksal und versuchten sich so gut im SED-Staat einzurichten, wie es eben ging. Wer das nicht wollte oder konnte, fl�chtete in den Westen. Von 1949 bis 1961 waren das mehr als 2,5 Millionen Menschen, davon die H�lfte junge, gut ausgebildete Arbeiter und Akademiker. Durch diesen menschlichen Aderlass verlor die DDR gerade solche B�rgerinnen und B�rger, die sie zum Aufbau eines leistungsf�higen Staates besonders gebraucht h�tte. Und die Welt konnte sich jeden Tag erneut davon �berzeugen, dass vielen Menschen eine unsichere Zukunft im westlichen Kapitalismus lieber war als eine sichere Zukunft im �real existierenden Sozialismus�, wie man in der DDR inzwischen sagte. Dass die F�hrungen in Moskau und Ostberlin dar�ber nachdachten, wie sie diese �Abstimmung mit den F��en� beenden k�nnten, war nicht verwunderlich. Doch wie sie es dann taten, �berraschte und schockierte die Welt: In der Nacht zum 13. August 1961 verbarrikadierten bewaffnete Einheiten die Grenz�berg�nge von Ost- nach Westberlin mit Stacheldrahtverhauen, rissen Stra�en auf und unterbrachen die S- und U-Bahn-Verbindungen. In den folgenden Tagen und Wochen lie� die SED-F�hrung eine 12 km lange Mauer zwischen Ost- und Westberlin bauen.</p><p>Die Westm�chte reagierten zur�ckhaltend und betrachteten den Mauerbau als �Vorgang innerhalb des sowjetischen Machtbereichs�. Zu gef�hrlich erschienen ein Eingreifen oder auch nur Drohgeb�rden im Kalten Krieg der Gro�m�chte. Bundeskanzler Adenauer blieb in Bonn und zeigte sich nicht in Berlin, was ihm vor allem die Berliner �bel nahmen.</p><p>Noch w�hrend die Mauer gebaut wurde, wagten etwa 7000 Ostdeutsche die Flucht nach Westberlin.</p><p>Nach dem Bau der Berliner Mauer wurde auch die 1400 km lange Grenze zur Bundesrepublik systematisch dicht gemacht. In einem �Todesstreifen� wurden Minen gelegt und Selbstschussanlagen installiert. Die Grenzsoldaten bekamen den Befehl, auf �Republikfl�chtlinge� zu schie�en. Trotzdem wagten immer wieder Menschen die Flucht, und mehr als 800 von ihnen bezahlten ihren Wunsch nach Freiheit mit dem Leben.</p><p>Der �antifaschistische Schutzwall�, wie die Mauer in der SED-Propaganda genannt wurde, f�hrte zu einer wirtschaftlichen Stabilisierung des Landes. Bald hatte die DDR den h�chsten Lebensstandard im Ostblock und wurde zu einer der f�hrenden Industrienationen. Dennoch betrachteten viele B�rger die DDR nicht als ihren Staat; angesichts der geschlossenen Grenze sahen sie jedoch kaum eine andere M�glichkeit, als sich mit ihm zu arrangieren.</p></section><section><p><strong>Mehr Demokratie wagen</strong></p><p>Seit neben den USA auch die Sowjetunion Atomwaffen besa�, konnte keine der beiden Gro�m�chte mehr einen Krieg beginnen, ohne die eigene Vernichtung zu riskieren. Trotzdem lie�en beide nichts unversucht, um ihren Machtbereich auszudehnen. Als die Sowjetunion 1962 im sozia-listischen Kuba, also �vor der Haust�r� der USA, Raketen stationierte, drohte sogar der dritte Weltkrieg. 13 Tage lang hielt die Welt den Atem an, ehe sich die beiden Superm�chte doch noch einigten. Die Kuba-Krise vom Oktober 1962 und der drohende Atomkrieg waren gleichzeitig H�he- und Wendepunkt des Kalten Krieges. Beide Seiten begriffen, dass eine Fortsetzung der bisherigen �Politik der St�rke� mit ihren gewaltigen R�stungsprogrammen in die atomare Katastrophe f�hren konnte. So kam es zu ersten Schritten, die das Verh�ltnis zwischen den beiden Bl�cken entspannen, den R�stungswettlauf stoppen und zu einem friedlichen Nebeneinander f�hren sollten.</p><p>Diese ver�nderte �Gro�wetterlage� wirkte sich auch auf die deutsch-deutsche Politik positiv aus � wenn auch sehr langsam. Denn Adenauer und seine jeweilige Regierung hatten sich von Anfang an dagegen gewehrt, Ostdeutschland als einen Staat zu betrachten. Man sprach von der �Sowjetzone�, von �dr�ben�, von der �so genannten DDR�, von einem �Ph�nomen�. Mit einem �Ph�nomen� aber konnte man nicht verhandeln. Deswegen gab es Kontakte � wenn �berhaupt � nur auf unteren Ebenen. Diese starre Haltung wurde nun immer mehr kritisiert und die Rufe nach Ver�nderungen wurden immer lauter. Doch �der Alte� h�rte diese Rufe nicht oder er wollte sie nicht h�ren. Vielleicht war er mit 87 Jahren nun wirklich zu alt, um noch einmal eine neue Politik anzufangen. So ging die �ra Adenauer zu Ende und Ludwig Erhard wurde im Oktober 1963 sein Nachfolger. Doch als Kanzler war der Vater des Wirtschaftswunders nicht so erfolgreich wie als Wirtschaftsminister. Ausgerechnet w�hrend seiner Regierungszeit erlebte die Bundesrepublik ihre erste Wirtschaftskrise. Die Koalition zwischen CDU/CSU und FDP zerbrach und wurde am 1. Dezember 1966 von einer Gro�en Koalition aus CDU/CSU und SPD abgel�st. Trotzdem stiegen die Arbeitslosenzahlen weiter.</p><p>Nach dem st�ndigen Wachstum der vergangenen 20 Jahre, nach �Fress�-, Kleidungs-, Wohnungs-, Auto- und Reisewelle schien es so, als w�rden die Bundesb�rger zum ersten Mal Atem holen. Von der kritischen Intelligenz und vor allem von der jungen Generation wurden sie gefragt, ob dieses Leben, das sich vorwiegend an materiellen Werten orientierte, wirklich lebenswert sei. �berhaupt wurden die alten Werte und Verhaltensmuster zunehmend in Frage gestellt. Schlie�lich hatten die preu�isch-deutschen Tugenden wie Gehorsam, Ordnungssinn, P�nktlichkeit und Flei� nach Meinung der jungen Leute in den Nationalsozialismus gef�hrt. Viele warfen nun ihren Eltern und Gro�eltern vor, immer nur gehorcht und keinen Widerstand gegen die Nationalsozialisten geleistet zu haben. In den Augen der Jugend, insbesondere der studentischen Jugend, hatte die �ltere Generation so ziemlich alles falsch gemacht. Als dann die SPD mit ihrem neuen Hoffnungstr�ger Willy Brandt auch noch mit der CDU/CSU koalierte, wandten sich viele entt�uscht vom parlamentarischen System der Bundesrepublik ab und erkl�rten sich zur �Au�erparlamentarischen Opposition�, kurz APO genannt. Zuerst kritisierten sie den �Bildungsnotstand� und die schlechten Studienbedingungen an den deutschen Universit�ten. Dann weitete sich der Protest zu einer fundamentalen Kritik an der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft mit ihrer �Amerikah�rigkeit� und ihrem �Antikommunismus� aus. Ein �dritter Weg� zwischen Kapitalismus und Kommunismus, ein �demokratischer Sozialismus�, war das Ziel der �Neuen Linken�, die sich von �hnlichen Bewegungen in anderen westlichen L�ndern best�tigt sah. Die Aufbruchstimmung machte selbst am eisernen Vorhang nicht halt. Im Fr�hjahr 1968 entstand in der Tschechoslowakei eine Reformbewegung, die auch die Kommunistische Partei erfasste. Alexander Dubcek wurde Parteichef und gab die neuen Ziele bekannt: Demokratisierung und Liberalisierung. Ein �Sozialismus mit menschlichem Antlitz� sollte entstehen. Viele Menschen in aller Welt setzten gro�e Hoffnungen in diesen �Prager Fr�hling�.</p><p>Eine neue Zeit schien anzubrechen und die �Neue Linke� sah sich im historischen Prozess auf dem richtigen Weg. Der Abbau aller �autorit�ren Strukturen� und �Basisdemokratie in allen Lebensbereichen� wurden gefordert. Ebenso die volle Gleichberechtigung der Geschlechter und eine tolerantere Sexualmoral. Durch Demonstrationen versuchte die APO, �die Massen� zu erreichen und das Bewusstsein der Menschen zu ver�ndern.</p><p>Bei so einer Demonstration in Berlin wurde ein Student von einer Polizeikugel get�tet. Manche sahen darin den Beweis f�r die Brutalit�t des Staates und riefen zum gewaltsamen Umsturz der bestehenden Verh�ltnisse auf. Aber die Mehrheit der �Neuen Linken� und die �bergro�e Mehrheit der Bev�lkerung wollten keine gewaltsamen Ver�nderungen, sondern Reformen. Als am 22. Oktober 1969 die Gro�e Koalition von einer �sozial-liberalen� aus SPD und FDP abgel�st wurde, sahen sie darin eine gro�e Chance.</p><p>Tats�chlich stellte der neue Bundeskanzler Willy Brandt seine Regierungserkl�rung unter das Motto: Mehr Demokratie wagen! �Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung fordert. Wir brauchen Menschen, die kritisch mitdenken, mitentscheiden und mitverantworten. Wir stehen nicht am Ende unserer Demokratie, wir fangen erst richtig an.�</p><p>Bei diesem Vorhaben wurde die Regierung von zahlreichen �Linksintellektuellen� unterst�tzt. Mit Heinrich B�ll und G�nter Grass engagierten sich auch die bedeutendsten deutschen Nachkriegsschriftsteller f�r Willy Brandt und die SPD. Viele junge Leute machten sich auf den �langen Marsch durch die Institutionen�, um die Gesellschaft zu ver�ndern. Andere wollten lieber au�erhalb der etablierten Parteien mehr Demokratie wagen. Sie bildeten die ersten B�rgerinitiativen, aus denen die Anti-Atomkraft-, die Friedens- und die Frauenbewegung hervorgingen. Teile davon gr�ndeten sp�ter die Partei der �Gr�nen�, um auch auf parlamentarischer Ebene mitreden und mitbestimmen zu k�nnen.</p><p>Nur einer kleinen Minderheit ehemaliger APO-Mitglieder dauerte die schrittweise Ver�nderung der Gesellschaft zu lange. Sie wollten eine Revolution, und sie wollten sie sofort. Weil dieses Ziel mit friedlichen Mitteln nicht zu erreichen war, erkl�rten sie dem verhassten Staat den Krieg. Sie gingen in den Untergrund, und eine Zeit lang gelang es ihnen, mit Sprengstoffanschl�gen und der Entf�hrung und Ermordung prominenter M�nner aus Politik und Wirtschaft das Land in Schrecken zu versetzen; aber sie hatten nie eine ernsthafte Chance, an die Macht zu kommen. Die deutsche Bev�lkerung wollte sich von Terroristen nicht �befreien� lassen, weil sie mit ihrem Leben und mit ihrem Staat im Gro�en und Ganzen zufrieden war.</p></section><section><p><strong>Wandel durch Ann�herung</strong></p><p>Neben den �inneren Reformen� wollte die sozial-liberale Koalition vor allem die Beziehungen der Bundesrepublik zu den Staaten des Ostblocks, insbesondere zur DDR verbessern. �Zwanzig Jahre nach Gr�ndung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik m�ssen wir ein weiteres Auseinanderleben der deutschen Nation verhindern, also versuchen, �ber ein geregeltes Nebeneinander zu einem Miteinander zu kommen�, sagte Willy Brandt vor dem Bundestag. Dieser Absicht folgte die �neue Ostpolitik�, �ber die in den Parteien heftig und auf hohem Niveau gestritten wurde. Die Debatten �ber die �Ostvertr�ge� gelten als Sternstunden der deutschen Parlamentsgeschichte. In ihnen ging es wieder einmal um die Frage, was Deutschland eigentlich sei und sein solle.</p><p>Durfte die Regierung die Oder-Nei�e-Linie als polnische Westgrenze anerkennen und damit auf die ehemals deutschen Gebiete im Osten verzichten? Durfte sie von der Existenz zweier deutscher Staaten ausgehen und damit die deutsche Einheit preisgeben? Musste das Ziel deutscher Politik die Wiederherstellung Deutschlands in den Grenzen von 1937 sein? Oder musste die Nationalstaatlichkeit auf dem Weg in ein vereintes Europa nicht vielmehr �berwunden werden?</p><p>Ohne diese gro�en Fragen aus den Augen zu verlieren, schloss die Regierung 1970 mit der Sowjetunion und mit Polen und 1972 mit der DDR Vertr�ge, in denen das zuk�nftige Neben- und Miteinander geregelt wurde. Die CDU/CSU lehnte diese Vertr�ge entschieden ab und warf der Regierung den Ausverkauf deutscher Gebiete und deutscher Interessen vor. Sogar als �Verzichtspolitiker� wurden Sozialdemokraten und Liberale beschimpft � wie einst in der Weimarer Republik.</p><p>�Wir haben auf nichts verzichtet, was nicht l�ngst verloren war�, hielt Willy Brandt dem entgegen. Er war zutiefst davon �berzeugt, dass niemand das Recht hatte, die bestehenden Grenzen in Europa gewaltsam zu ver�ndern. Und er war ebenso �berzeugt, dass die kommunistischen Regime nicht von au�en gest�rzt werden konnten. Allenfalls konnten sie durch mehr Kontakte zwischen den Regierungen und den Menschen langsam ver�ndert werden. �Wandel durch Ann�herung� lautete die Formel f�r diese �Politik der kleinen Schritte�.</p><p>Als Folge dieser Politik nahm der Reiseverkehr von West nach Ost kontinuierlich zu. Und auch die Zahl der Reisen von Ost nach West in �dringenden Familienangelegenheiten� erh�hte sich. Durch diese wechselseitigen Kontakte sahen viele Menschen in der DDR immer deutlicher, dass die SED-Propaganda nicht der Wirklichkeit entsprach. Weder war hinter dem �antifaschistischen Schutzwall� die kapitalistische H�lle noch war die DDR ein sozialistisches Paradies � allenfalls f�r die f�hrende Klasse aus hohen Funktion�ren. F�r sie gab es gro�e Wohnungen, luxuri�se Ferienh�user und Konsumg�ter, von denen die Normalb�rger nur tr�umen konnten. Doch immer mehr Menschen wollten nicht ihr ganzes Leben lang nur von den versprochenen Segnungen des Sozialismus tr�umen. Sie wollten mehr. Noch aber gelang es den staatlichen Kr�ften, Oppositionelle zum Schweigen zu bringen.</p></section><section><p><strong>Wer zu sp�t kommt, den bestraft das Leben</strong></p><p>Der �Wandel durch Ann�herung� wurde Ende der Siebzigerjahre unterbrochen, weil sich die �Gro�wetterlage� wieder einmal verschlechterte. Und als die Sowjetunion Ende 1979 ihre Truppen im blockfreien Afghanistan einmarschieren lie�, war das Ende der Entspannung erreicht. Die �stliche Supermacht versuchte mit gewaltigem Einsatz, ihre Macht auf ein Gebiet au�erhalb ihres Blockes auszudehnen. Das wollte die westliche Supermacht nicht hinnehmen und drohte mit Konsequenzen. Eine neue Phase des R�stungswettlaufs begann. Der seit 1981 regierende amerikanische Pr�sident Ronald Reagan nannte die Sowjetunion das �Reich des B�sen� und wollte sie �totr�sten�. Die Sowjetunion machte diesen neuen R�stungswettlauf ein paar Jahre lang mit und geriet dabei in gro�e wirtschaftliche Schwierigkeiten. Doch erst als ein Generationswechsel in der Kommunistischen Partei 1985 den jungen Michail Gorbatschow an die Macht brachte, wurde dieser R�stungswahnsinn beendet.</p><p>Gorbatschow wollte die hohen R�stungskosten senken, um mehr Mittel f�r Reformen einsetzen zu k�nnen. Denn dass die Sowjetunion reformiert und erneuert werden musste, stand f�r ihn au�er Frage. �Perestroika� (Umgestaltung) und �Glasnost� (Offenheit) hie�en die Schlagworte, die bald in aller Munde waren. Aber Gorbatschows Reformen gingen seinen Kritikern nicht weit genug. Sie warfen ihm vor, die Umwandlung der Plan- in die Marktwirtschaft zu verhindern und sich weiterhin auf die alten Kader in Staat, Partei und Milit�r zu st�tzen.</p><p>In der Tat befand sich Gorbatschow in einem Dilemma: Er wollte die Sowjetunion durch eine �Revolution von oben� modernisieren und zu einer wettbewerbsorientierten Leistungsgesellschaft machen, ohne jedoch den F�hrungsanspruch der Kommunistischen Partei und die staatliche Kontrolle der Wirtschaft aufzugeben. Aber die Reformgeister, die er gerufen hatte, wurde er nicht mehr los. Schneller als das irgendjemand f�r m�glich gehalten h�tte, fiel das Machtmonopol der Kommunisten. In der Folge erlaubte die Sowjetunion auch den �sozialistischen Bruderl�ndern�, ihre eigenen Wege zu gehen, ohne sich vor milit�rischen Interventionen f�rchten zu m�ssen.</p><p>In diesem ver�nderten Klima riefen auch die bislang unterdr�ckten Oppositionsgruppen in den anderen Staaten Osteuropas immer lauter nach Reformen. Innerhalb k�rzester Zeit brachen erst in Polen und Ungarn, sp�ter auch in der Tschechoslowakei die alten Regime zusammen.</p><p>Die DDR-F�hrung mit Erich Honecker an der Spitze aber wehrte sich vehement gegen Reformen. F�r sie waren �Perestroika� und �Glasnost� nichts anderes als Zeichen der Schw�che. Honecker und seine Genossen erkannten die Zeichen der Zeit nicht. �Den Sozialismus in seinem Lauf h�lt weder Ochs noch Esel auf!�, rief der bornierte Staats- und Parteichef noch in die Welt hinaus, als die sozialistischen Bruderl�nder l�ngst auf dem Weg zur Demokratisierung von Staat und Gesellschaft waren. W�hrend die SED pomp�se Feiern zum 40. Geburtstag des �Ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden� vorbereitete, lie�en die Tschechoslowakei und Ungarn es zu, dass zehntausende DDR-B�rger �ber ihre Grenzen in den Westen flohen. Andere blieben und demonstrierten friedlich f�r politische und wirtschaftliche Reformen.</p><p>Die Demonstranten in der DDR wurden zun�chst noch niedergekn�ppelt und verhaftet. Doch mit ihrer starren Haltung f�rderte die Staats- und Parteif�hrung nur das Anwachsen der Protestbewegung. Selbst Gorbatschows mahnende Worte �Wer zu sp�t kommt, den bestraft das Leben� stie�en bei Honecker auf taube Ohren. Als dann im Herbst 1989 m�chtige Demonstrationsz�ge durch Leipzig, Dresden, Ostberlin und andere St�dte zogen, wurde im SED-Politb�ro ernsthaft dar�ber diskutiert, ob man wie 1953 Panzer gegen das eigene Volk rollen lassen sollte. Warum das letztlich nicht geschah, ist bis heute noch ungekl�rt. Ein wichtiger Grund d�rfte gewesen sein, dass der sowjetische Botschafter in der DDR keinerlei R�ckendeckung oder gar Unterst�tzung des �Gro�en Bruders� zusagte. Damit war das SED-Regime praktisch am Ende.</p><p>Aber Honecker lehnte alle Reformvorschl�ge weiterhin kategorisch ab. Da wurde im Politb�ro zum ersten Mal Kritik an seinem F�hrungsstil laut. Um an der Macht zu bleiben, setzten die f�hrenden Genossen ihren Generalsekret�r am 18. Oktober ab und w�hlten Egon Krenz zu seinem Nachfolger. Der k�ndigte Reformen an, versprach Reiseerleichterungen und forderte die B�rgerinnen und B�rger zur �Ausgestaltung der sozialistischen Gesellschaft� auf. Doch die B�rgerinnen und B�rger trauten den SED-Funktion�ren nicht. Sie demonstrierten weiter und in immer gr��erer Zahl f�r Freiheit und Demokratie. In einer Mischung aus Zorn und wachsendem Selbstbewusstsein erschallte der Ruf �Wir sind das Volk!� immer lauter. Und die neue DDR-F�hrung gab dem Volkswillen erstmals nach. Am Abend des 9. November 1989 �ffnete sie die Grenz�berg�nge und noch in der Nacht besuchten zehntausende DDR-B�rger West-Berlin. Deutsche aus Ost und West feierten ein Fest, wie in Deutschland noch keines gefeiert worden war.</p></section><section><p><strong>Wir sind ein Volk!</strong></p><p>Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte war eine Revolution erfolgreich � und das auch noch ohne Gewalt! Dass es den Menschen im Osten Deutschlands gelang, das SED-Regime mit friedlichen Mitteln in die Knie zu zwingen, ist eine gro�e historische Leistung. Die Frage war nun, was aus der DDR werden sollte. Dar�ber verhandelten Vertreter der Oppositionsgruppen, der Volkskammerparteien und der Regierung am so genannten �runden Tisch�. Drei Konzepte standen zur Wahl:</p><empty-line/><p>Eine eigenst�ndige DDR nach dem Muster eines �dritten Weges� zwischen Kapitalismus und Staatssozialismus.</p><p>Eine Konf�deration der beiden deutschen Staaten.</p><p>Ein rascher Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland.</p><p>W�hrend am �runden Tisch� noch diskutiert wurde, machten die weiterhin stattfindenden Demonstrationen deutlich, wohin der Weg gehen sollte. Aus der Parole �Wir sind das Volk!� wurde �Wir sind ein Volk!�. Die Mehrheit der DDR-B�rger wollte keine wie auch immer reformierte DDR, sondern die Vereinigung mit der Bundesrepublik.</p><p>Die ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR am 18. M�rz 1990 best�tigten diesen Wunsch. Und nach vielen Verhandlungen � auch mit den Siegerm�chten des Zweiten Weltkriegs � trat die DDR am 3. Oktober 1990 der Bundesrepublik bei. An diesem Tag endete die Teilung Deutschlands und ein neues Kapitel der deutschen Geschichte begann.</p><p>�Jetzt w�chst zusammen, was zusammengeh�rt�, hatte Willy Brandt nach dem Fall der Mauer gesagt und damit vielen Menschen �h�ben und dr�ben� aus dem Herzen gesprochen.</p><p>Die Deutschen in Ost und West hatten die Wiedervereinigung wie im Rausch erlebt. Diesem Rausch folgte ein gewaltiger Kater. Bundeskanzler Helmut Kohl hatte den Eindruck vermittelt, der Einigungsprozess werde keine besonderen Kosten verursachen, im Gegenteil, die deutsche Wirtschaft werde schon bald einen kr�ftigen Aufschwung erleben, von dem West und Ost gleicherma�en profitieren w�rden. Im Bundestagswahlkampf 1990 versprach er �bl�hende Landschaften� und weckte damit gro�e Erwartungen bei den �Br�dern und Schwestern im Osten�. Die erf�llten sich nicht oder nur teilweise und in jedem Fall viel langsamer als gedacht; vor allem aber mussten sie teuer bezahlt werden.</p><p>Die Umgestaltung der zentral gelenkten Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft verlief nicht so reibungslos wie erhofft. Bis April 1991 fiel die ostdeutsche Industrieproduktion auf 30% des Niveaus von 1989 zur�ck, weil die veralteten Fabriken nicht konkurrenzf�hig waren und der ehemalige Ostblock als Abnehmer ausgefallen war. Die Arbeitslosigkeit stieg dramatisch � sie ist bis heute prozentual mehr als doppelt so hoch wie in den alten Bundesl�ndern.</p><p>Gemildert wurden die dadurch entstandenen Probleme und H�rten mit finanziellen Hilfen aus dem Westen. �ber eine Billion Euro flossen f�r den �Aufbau Ost� bisher in die neuen Bundesl�nder, eine ungeheuer gro�e Summe. Sie verbesserte das Leben der Menschen sp�rbar, reichte jedoch l�ngst nicht aus, um Ostdeutschland in eine �bl�hende Landschaft� zu verwandeln.</p><p>Problematisch war und ist, dass sich der Staat immer h�her verschulden musste und immer noch muss, um den �Aufbau Ost� zu finanzieren.</p><p>Weil Mitte der 90er Jahre au�erdem die Weltwirtschaft ins Stocken geriet, stieg die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf �ber vier Millionen und die Steuereinnahmen des Staates sanken; noch mehr Schulden waren die Folge. Im Jahre 2003 betr�gt der Schuldenstand von Bund, L�ndern und Gemeinden rund 1,5 Billionen Euro, was eine enorme Belastung f�r die kommenden Generationen bedeutet.</p><p>Waren die Westdeutschen anfangs bereit, f�r den �Aufbau Ost� zu bezahlen, so murrten sie bald �ber den seit 1991 zu entrichtenden �Solidarit�tszuschlag� und h�here Steuern. Die neuen Bundesl�nder erschienen vielen wie ein Fass ohne Boden. In Ostdeutschland wiederum litten die Menschen darunter, �am Tropf der Wessis� zu h�ngen. Die finanzielle Unterst�tzung konnte auch nicht verhindern, dass viele �Ossis� mit der fr�her unbekannten Arbeitslosigkeit, mit dem Verlust der sozialen Sicherheit und mit den neuen Freiheiten nicht zurechtkamen.</p><p>Wie oft in solchen Situationen machten sich nun Unzufriedene � unbelehrt von der deutschen Geschichte � auf die Suche nach S�ndenb�cken. Man fand sie vor allem in ausl�ndischen Arbeitnehmern. Im Herbst 1991 h�uften sich in Deutschland Gewalttaten gegen Ausl�nder und Asylbewerber. Im s�chsischen Hoyerswerda und in Rostock versuchten rechtsradikale Jugendliche, ein Asylantenwohnheim in Brand zu stecken. Besonders sch�ndlich war, dass die Polizei sich zur�ckzog, w�hrend hunderte von Schaulustigen zusahen, Beifall klatschten und �Deutschland den Deutschen! Ausl�nder raus!� skandierten. Wer allerdings glaubte, solche Aktionen blieben auf den Osten beschr�nkt, sah sich get�uscht. Zu traurigen H�hepunkten wurden Brandanschl�ge im November 1992 in M�lln und im Mai 1993 in Solingen, bei denen zehn t�rkische Menschen, darunter f�nf Kinder, starben � besch�mende Taten im wiedervereinigten Deutschland. Doch es gingen auch Millionen Menschen auf die Stra�e, demonstrierten Solidarit�t mit den ausl�ndischen Mitb�rgern und zeigten der Welt �das andere Deutschland�.</p></section><section><p><strong>Auf dem Weg ins �Euroland�</strong></p><p>Auch nach der Wiedervereinigung �nderte sich nichts an den au�enpolitischen Grunds�tzen der Bundesrepublik. Im Vordergrund standen der europ�ische Einigungsprozess (mit besonderem Gewicht auf der deutsch-franz�sischen Partnerschaft), die Beziehungen zu den USA und die von Willy Brandt begonnene Ostpolitik.</p><p>Helmut Kohl, der sich als �Enkel Adenauers� verstand, forcierte die �Europ�isierung�. Er wollte den Nachbarn und der Welt damit auch signalisieren, dass sie vor dem wiedervereinigten Deutschland keine Angst zu haben brauchten. Ein �Viertes Reich�, das zuweilen als Gespenst durch die Medien in verschiedenen L�ndern geisterte, w�rde es nicht geben.</p><p>Im Dezember 1991 beschlossen zw�lf Staats- und Regierungschefs in Maastricht, die Europ�ische Gemeinschaft zur Europ�ischen Union weiterzuentwickeln. Die vor allem wirtschaftlich orientierte Gemeinschaft sollte sich schrittweise zu einer politischen Union entwickeln, der europ�ische Binnenmarkt sollte zu einer Wirtschaftsund W�hrungsunion mit einer Europ�ischen Zentralbank und einer gemeinsamen W�hrung ausgebaut werden. Dann wollte man eine gemeinsame Au�en- und Sicherheitspolitik einleiten mit dem Ziel, irgendwann eine europ�ische Armee zu bilden. Auch in der Innen- und Rechtspolitik sollten Regelungen f�r eine engere Verzahnung geschaffen werden. Weil dies alles einen Verzicht auf Souver�nit�tsrechte und Selbstst�ndigkeit bedeutete, gab es dar�ber in allen L�ndern intensive Diskussionen. Doch bis auf Gro�britannien stimmten schlie�lich alle Mitgliedstaaten den Maastrichter Vertr�gen zu. Im Grundsatz sind sich die Staaten also weitgehend einig: Am Ende des Prozesses sollen die Vereinigten Staaten von Europa stehen. Auf welchen Wegen und vor allem in welcher Zeit dieses Ziel angestrebt werden soll, dar�ber gibt es allerdings unterschiedliche Vorstellungen. Und noch scheuen sich die nationalen Regierungen und Parlamente, dem Europ�ischen Parlament und der Kommission, die eine Art europ�ische Regierung darstellt, weit reichende Kompetenzen zu geben; noch wollen sie, wenn auch abgestimmt mit den Partnern, selbst die Richtlinien ihrer Politik bestimmen.</p><p>Am 1. Januar 1995 traten mit Finnland, �sterreich und Schweden drei weitere Staaten der EU bei. Von den nunmehr 15 EU-Staaten f�hrten elf am 1. Januar 1999 die neue W�hrung, den Euro, ein � zun�chst allerdings nur als Rechnungseinheit; in den H�nden halten konnte man das neue Geld erst drei Jahre sp�ter.</p><p>Obwohl die Umstellung am 1. Januar 2002 problemlos klappte, trauerten viele Menschen in Europa ihren bisherigen M�nzen und Scheinen nach. Besonders verst�ndlich ist das bei den Ostdeutschen, mussten sie sich doch zum zweiten Mal innerhalb von zw�lf Jahren umstellen und an neues Geld gew�hnen; die Westdeutschen vermissten ihre stabile D-Mark und klagten bald lautstark �ber den �Teuro�.</p><p>Am 1. Mai 2004 nahm die EU mit Polen, Tschechien, Ungarn, Slowakei, Slowenien, Litauen, Lettland, Estland, Malta und dem griechischen Teil Zyperns zehn neue Mitglieder auf. F�nfzehn Jahre nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs beendete diese so genannte �Osterweiterung� die Spaltung Europas endg�ltig, die 1945 von den Alliierten beschlossen worden war.</p><p>Damit umfasst die Europ�ische Union einen Wirtschaftsraum mit 450 Millionen Menschen und verf�gt �ber eine weit gr��ere Bev�lkerung als die USA mit 280 Millionen. Und schon stehen mit Rum�nien, Bulgarien und der T�rkei weitere Beitrittskandidaten bereit. Welche L�nder wann aufgenommen werden, h�ngt von den jeweiligen wirtschaftlichen und politischen Zust�nden ab. Ziel der EU ist es, Demokratie und Marktwirtschaft nach Osten und S�dosten auszudehnen, nicht zuletzt, um die politische Stabilit�t in diesen Regionen zu f�rdern.</p><p>Ob sich die EU mit der Aufnahme von immer mehr Staa ten �bernimmt, wie die Kritiker meinen, oder ob sie �eine Weltmacht im Werden� ist, wie es der ehemalige deutsche Au�enminister Joschka Fischer voraussagt, wird die Zukunft zeigen.</p></section><section><p><strong>Nie wieder Krieg?</strong></p><p>Nachdem die Siegerm�chte des Zweiten Weltkriegs alle Rechte und Vorbehalte aufgegeben hatten, war das wiedervereinigte Deutschland nun ein souver�ner Staat � mit weitreichenden Konsequenzen. W�hrend des �Kalten Krieges� hatten sich beide Deutschland aus internationalen Konflikten weitgehend heraushalten und sich hinter ihrer jeweiligen Supermacht �verstecken� k�nnen. Nun wuchs dem gr��ten Land im Zentrum Europas mehr Verantwortung zu. Die wurde in Anbetracht der deutschen Geschichte, aber auch aus Unsicherheit und aus R�cksicht auf die europ�ischen Partner zun�chst sehr zur�ckhaltend wahrgenommen. Diese Zur�ckhaltung gefiel manchen B�ndnispartnern allerdings nicht; vor allem die USA forderten eine aktivere Unterst�tzung der westlichen Positionen.</p><p>Zur ersten Nagelprobe kam es im Golfkrieg 1991. Die USA verlangten neben materieller Unterst�tzung auch den Einsatz deutscher Truppen am Golf. Mit Hinweis auf das Grundgesetz lehnte der Bundestag die Entsendung deutscher Soldaten ab, �bernahm daf�r sp�ter mit 9 Milliarden Euro einen gro�en Teil der Kosten � was Deutschland den Vorwurf der �Scheckbuch-Diplomatie� einbrachte.</p><p>Auf Dauer konnte das nicht der au�en- und sicherheitspolitische Kurs der Bundesrepublik sein, das war den meisten deutschen Politikern klar. Aber wie sollte der neue Kurs aussehen?</p><p>Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien verlangte eine erste Antwort. Die Bundesregierung gab sie im Februar 1993, indem sie beschloss, dass sich deutsche Soldaten an der �berwachung des UN-Flugverbots �ber Bosnien-Herzegowina beteiligen sollten. SPD und FDP wollten den Einsatz durch das Bundesverfassungsgericht verbieten lassen. Doch das h�chste deutsche Gericht lehnte deren Antr�ge ab, weil sonst ein �Vertrauensverlust bei den B�ndnispartnern und allen europ�ischen Nachbarn unvermeidlich w�re�.</p><p>Damit kamen zum ersten Mal seit 1945 wieder deutsche Soldaten in einem Krieg zum Einsatz, wenn auch nur zur �berwachung eines Flugverbots.</p><p>Am 12. Juli 1994 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass humanit�re und milit�rische Eins�tze der Bundeswehr auch au�erhalb des NATO-Gebietes mit dem Grundgesetz vereinbar seien. Nun konnten die Politiker also nicht mehr verfassungsrechtlich argumentieren, nun mussten sie politisch entscheiden, unter welchen Bedingungen sie bereit waren, deutsche Soldaten in Krisen- und Kriegsgebiete zu schicken.</p><p>Es kam zu Eins�tzen bei der UN-Blauhelmtruppe, die in Krisengebieten mithelfen soll, den Frieden zu sichern. Zwischen 1995 und 1998 beschloss der Bundestag mehrfach und mit immer gr��eren Mehrheiten, der internationalen Friedenstruppe in Bosnien-Herzegowina bis zu 4 000 deutsche Soldaten zur Verf�gung zu stellen.</p><p>Am 27. September 1998 wurde die christlich-liberale Regierung unter Helmut Kohl nach 16 Jahren abgew�hlt. Die neue rot-gr�ne Regierung mit Bundeskanzler Gerhard Schr�der und Au�enminister Joschka Fischer an der Spitze stand sofort vor der schwierigen Aufgabe, �ber den ersten Kampfeinsatz deutscher Soldaten seit 1945 entscheiden zu m�ssen.</p><p>Nachdem das ehemalige Jugoslawien auseinander gefallen war, kam die Region nicht zur Ruhe. Besonders kritisch war die Lage im Kosovo. Dort herrschten seit langem 200 000 Serben �ber zwei Millionen Albaner. Die wollten das nicht l�nger dulden und verlangten gr��ere Autonomie von der serbischen Zentralregierung unter Ministerpr�sident Milosevic. Dessen Politik hatte zum Ziel, den Kosovo �albanerfrei� zu machen. Bis 1998 flohen hunderttausende Albaner vor den Gewalttaten serbischer Milit�reinheiten aus ihrer Heimat. Doch damit war Milosevic noch nicht zufrieden; er schickte Erschie�ungskommandos durch den Kosovo, die schreckliche Massaker ver�bten. Um den drohenden V�lkermord zu verhindern, forderte der UN-Sicherheitsrat Milosevic mehrfach auf, das Blutvergie�en zu beenden. Als s�mtliche diplomatischen Versuche ohne Erfolg blieben, drohte die NATO mit Luftangriffen.</p><p>Es ist eine besondere Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die rot-gr�ne Koalition �ber einen von Deutschland mit zu f�hrenden Krieg entscheiden musste. Denn viele ihrer Mitglieder, vor allem der Gr�nen, stammten aus der Friedensbewegung oder standen der Friedensbewegung nahe. Wer etwa dem 68er und Mitbegr�nder der Gr�nen Joschka Fischer in seinen wilden Jahren prophezeit h�tte, er w�rde einmal mit Engelszungen von der Notwendigkeit eines Milit�reinsatzes reden, w�re wohl f�r verr�ckt erkl�rt worden. Nicht selten war in den Zeiten der Kosovo-Entscheidung zu h�ren, nun seien auch die Gr�nen endg�ltig in der politisch-parlamentarischen Wirklichkeit angekommen. Innerhalb der Gr�nen ist die Frage der richtigen Friedenspolitik bis heute umstritten.</p><p>Von M�rz bis Juni 1999 bombardierten NATO-Flugzeuge, darunter deutsche Tornados, serbische Einrichtungen im Kosovo. Anschlie�end �berwachte eine internationale Truppe, die Kosovo Force (KFOR), die Einhaltung der getroffenen Vereinbarungen. Mit dabei waren bis zu 8 500 Bundeswehrsoldaten.</p><p>Innerhalb von zehn Jahren war die Bundesrepublik Deutschland von einem �Sonderfall� zu einem Partner unter Partnern geworden und damit endg�ltig ein �normaler� Staat.</p><p>Schon zwei Jahre sp�ter begann der n�chste Ernstfall, als arabische Selbstmordattent�ter mit entf�hrten Flugzeugen ins New Yorker World Trade Center flogen und dabei �ber 3 000 Menschen in den Tod rissen. Der amerikanische Pr�sident George W. Bush betrachtete das als Kriegserkl�rung und k�ndigte einen �Feldzug gegen den internationalen Terrorismus� an. Ohne zu z�gern, sicherte Bundeskanzler Schr�der den USA �uneingeschr�nkte Solidarit�t� zu. Erstes Ziel dieses �Feldzuges� gegen den Terrorismus war das Taliban-Regime in Afghanistan, das Terroristen Unterschlupf und Hilfe gew�hrte. Beim Krieg gegen die Taliban wurden die USA von vielen L�ndern unterst�tzt. Doch als Pr�sident Bush den irakischen Diktator Saddam Hussein und sein Regime als n�chstes Kriegsziel nannte, br�ckelte die gemeinsame Front. Bundeskanzler Schr�der und Au�enminister Fischer stellten sich zusammen mit dem franz�sischen Staatspr�sidenten Jacques Chirac an die Spitze derer, die den Irak mit friedlichen Mitteln entwaffnen und einen Krieg verhindern wollten.</p><p>Nach monatelangem diplomatischem Tauziehen setzten die USA und Gro�britannien ihre Politik der St�rke gegen alle Bedenken durch. Am 20. M�rz 2003 gab Pr�sident Bush trotz weltweiter Proteste den Befehl zum Angriff; der Irak-Krieg begann. Gegen die gewaltige amerikanische Milit�rmaschine stand der Irak auf verlorenem Posten und schon am 1. Mai konnte Pr�sident Bush das �Ende der Hauptkampfhandlungen� verk�nden.</p><p>Teile der irakischen Bev�lkerung begr��ten die Soldaten als Befreier, andere sahen in ihnen Besetzer, gegen die sie aus dem Untergrund k�mpften. Dieser Kampf dauert bis heute an und hat inzwischen mehr amerikanische Soldaten das Leben gekostet als die �Hauptkampfhandlungen�. Die Regierungen der Vereinigten Staaten und Gro�britanniens mussten erkennen, dass es einfacher war, den Krieg zu gewinnen, als dem Land einen geordneten Frieden zu bringen.</p><p>Ein Jahr nach Kriegsbeginn bat der amerikanische Pr�sident die UN um Hilfe. Am 8. Juni 2004 beschloss der UN-Sicherheitsrat, dass noch im selben Monat die Besatzungszeit enden und der Irak seine Souver�nit�t zur�ckerhalten solle. Der erste Schritt dazu war die Einsetzung einer irakischen �bergangsregierung, die die Gesch�fte f�hren und demokratische Wahlen vorbereiten sollte. Trotz Boykottaufrufen und Bombendrohungen fand die Wahl zur Nationalversammlung am 30. Januar 2005 statt. Die gew�hlten Abgeordneten haben nun die schwierige Aufgabe, eine Verfassung auszuarbeiten, die allen Bev�lkerungsgruppen M�glichkeiten er�ffnet, sich in einem demokratischen Irak heimisch zu f�hlen. Ob das gelingt und wie lange es dauern wird, im Irak stabile politische Verh�ltnisse und ein geordnetes Wirtschaftsleben zu schaffen, ist ungewiss. Dar�ber soll hier nicht spekuliert werden.</p></section><section><p><strong>Manfred Mai</strong></p><p><image l:href="#2"/></p><p>� Maria Hopp</p><p>Manfred Mai, geboren 1949, geh�rt zu den bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Er hat Geschichte und Deutsch studiert und unterrichtet, bevor er vor mehr als zwanzig Jahren zu schreiben begann. Heute lebt er als freier Schriftsteller in seinem Heimatort Winterlingen auf der Schw�bischen Alb. Bei Beltz &amp; Gelberg erschienen auch <emphasis>sein Lesebuch zur deutschen Geschichte und die Geschichte der deutschen Literatur</emphasis>.</p><p>Mehr Informationen �ber den Autor und seine B�cher unter www.manfred-mai.de</p></section></body><binary id="cover" 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