<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Robert</first-name><middle-name>Charles</middle-name><last-name>Wilson</last-name></author><book-title>Spin</book-title><annotation><p>Eines Nachts im Oktober beobachtet der junge Tyler Dupree gemeinsam mit seinen Freunden, den Zwillingen Jason und Diane, den Abendhimmel�� als das Unfassbare geschieht: Die Sterne erl�schen, der Himmel verdunkelt sich. Am n�chsten Tag geht zwar die Sonne auf, die Lichteinstrahlung aber ist gefiltert. Die Satellitenverbindungen fallen aus, und der Mond ist verschwunden. Ein gigantischer Energieschirm hat sich um die Erde gelegt�� die Menschheit ist abgeschnitten vom Rest des Universums.</p><p>Jahre vergehen, doch die Forschung findet keine Erkl�rung f�r die unheimliche Membran. W�hrend Jason als ehrgeiziger Wissenschaftler sein Leben der L�sung dieses R�tsels widmet, ger�t Diane an eine der zahlreichen Sekten, die infolge der Massenhysterie wie Pilze aus dem Boden sprie�en. Und Tyler, inzwischen als Arzt in die Mission zur Rettung der Erde eingebunden, beginnt zu ahnen, dass eine au�erirdische Macht die Erde zu einem bestimmten Zweck manipuliert hat. Doch zu welchem?</p></annotation><date value="2006-08-01">2006</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Karsten</first-name><last-name>Singelmann</last-name></translator><sequence name="Spin (de)" number="01"/></title-info><src-title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Robert</first-name><middle-name>Charles</middle-name><last-name>Wilson</last-name></author><book-title>Spin</book-title><date value="2005-04-01">2005</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>Cosmopilit</nickname></author><program-used>Fiction Book Designer, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-01-28">28.01.2013</date><id>FBD-67DCD2-B993-0643-67A0-4E8B-6303-7D9802</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><book-name>Robert Charles Wilson. Spin</book-name><publisher>Wilhelm Heyne</publisher><city>M�nchen</city><year>2006</year><isbn>978-3-453-52200-8</isbn></publish-info></description><body><title><p>Robert Charles Wilson</p><p>Spin</p></title><section><title><p>4 x 10<sup>9</sup> n. Chr.</p></title><p>Wir alle fallen, und ein jeder landet irgendwo.</p><p>Diane und ich mieteten uns also ein Zimmer im dritten Stock eines im Kolonialstil gehaltenen Hotels in Padang, wo wir f�r eine Weile unbemerkt bleiben w�rden.</p><p>F�r neunhundert Euro die Nacht kauften wir uns Ungest�rtheit und einen Balkonausblick auf den Indischen Ozean. Bei gutem Wetter�� und daran hatte in den letzten Tagen kein Mangel geherrscht�� konnten wir den n�chstgelegenen Teil des Torbogens sehen: eine wolkenfarbene vertikale Linie, die sich aus dem Horizont erhob und, immer weiter aufsteigend, im blauen Dunst verschwand. So eindrucksvoll allein dies schon wirkte, war es doch nur ein Bruchteil des gesamten Bauwerks, den man von der Westk�ste Sumatras aus sehen konnte. Das entferntere Ende des Torbogens tauchte bis zu den unterseeischen Gipfeln des Carpenter Ridges hinab, �berspannte den Mentawai-Graben wie ein in einer flachen Pf�tze stecken gebliebener Ehering. Auf dem Land h�tte er sich von Bombay an der Ostk�ste Indiens bis nach Madras im Westen erstreckt. Oder sagen wir, ganz grob gesch�tzt, von New York bis nach Chicago.</p><p>Diane hatte den Nachmittag auf dem Balkon verbracht, schwitzend im Schatten eines Sonnenschirms mit ausgeblichenen Streifen. Die Aussicht faszinierte sie, und ich war froh und erleichtert dar�ber, dass sie�� nach allem, was geschehen war�� noch immer Vergn�gen an solchen Dingen empfinden konnte.</p><p>Bei Sonnenuntergang setzte ich mich zu ihr. Sonnenuntergang war die sch�nste Zeit. Ein Frachter, der an der K�ste entlang zum Hafen von Teluk Bayur schipperte, wurde auf dem dunklen Wasser zu einer sanft dahingleitenden Lichterkette. Das nahe Bogenende schimmerte wie ein roter Nagel, der den Himmel ans Meer befestigte. Wir beobachteten, wie der Schatten der Erde, w�hrend die Stadt dunkel wurde, an dem Pfeiler emporkletterte.</p><p>Es war eine, nach dem ber�hmten Zitat von Arthur C. Clarke, �von Magie nicht zu unterscheidende� Technologie. Was sonst, wenn nicht Magie, w�rde den steten Fluss der Luft und des Meeres vom Golf von Bengalen bis zum Indischen Ozean erm�glichen, gleichzeitig aber �berwasserfahrzeuge in g�nzlich unvertraute H�fen transportieren? Und was war das f�r ein Wunder der Ingenieurskunst, das ein Bauwerk mit einem Radius von eintausend Kilometern sein eigenes Gewicht tragen lie�? Woraus war es gemacht, wie stellte es das alles an?</p><p>Jason Lawton w�re vielleicht in der Lage gewesen, diese Fragen zu beantworten. Aber Jason war nicht bei uns.</p><p>Diane l�mmelte auf einem Liegestuhl, ihr gelbes Sommerkleid und der breite Strohhut wurden in der zunehmenden Dunkelheit zu blo�en Schattenrissen. Ihre Haut war rein, glatt, nussbraun. Es war bezaubernd, wie das letzte Licht in ihren Augen gl�nzte, doch ihr Blick war immer noch wachsam�� daran hatte sich nichts ge�ndert.</p><p>Sie sah zu mir hoch. �Du bist schon den ganzen Tag so zapplig.�</p><p>�Ich �berlege, ob ich etwas schreibe�, erwiderte ich. �Bevor es anf�ngt. Memoiren sozusagen.�</p><p>�Angst davor, dass du alles verlierst? Aber das ist irrational, Tyler. Es ist nicht so, dass deine Erinnerung gel�scht w�rde.�</p><p>Nein, nicht gel�scht, aber m�glicherweise eingetr�bt, geschw�cht, verwischt. Die anderen Nebenwirkungen der Substanz waren vor�bergehend und zu ertragen, doch die M�glichkeit eines Ged�chtnisverlustes schreckte mich.</p><p>�Au�erdem�, fuhr sie fort, �spricht alles daf�r, dass es gut geht. Das wei�t du selbst am besten. Ein Risiko gibt es zwar� aber es ist eben nur ein Risiko, und ein kleines noch dazu.�</p><p>Und sofern dieser Fall bei ihr eingetreten war, konnte man eigentlich nur froh dar�ber sein.</p><p>�Trotzdem�, sagte ich. �Mir ist wohler, wenn ich etwas aufschreibe.�</p><p>�Also, du musst nicht, wenn du jetzt noch nicht m�chtest. Du wei�t selber, wann du bereit bist.�</p><p>�Nein, ich will es tun.� Jedenfalls redete ich mir das ein.</p><p>�Dann muss es heute Abend sein.�</p><p>�Ich wei�. Aber in den n�chsten Wochen��</p><p>�Wirst du zum Schreiben wahrscheinlich keine Lust haben.�</p><p>�Es sei denn, ich kann nicht anders.� Schreibwut geh�rte zu den harmloseren der m�glichen Nebenwirkungen.</p><p>�Mal sehen, was du denkst, wenn die �belkeit einsetzt.� Sie schenkte mir ein L�cheln. �Vermutlich haben wir alle etwas, das wir nicht loslassen wollen.�</p><p>Das war eine beunruhigende Bemerkung, ich mochte gar nicht dar�ber nachdenken.</p><p>�Was soll�s�, sagte ich. �Vielleicht sollten wir einfach anfangen.�</p><p>Die Luft roch nach Tropen, vermischt mit dem Chlor aus dem Hotel-Swimmingpool drei Stockwerke unter uns. Padang war ein bedeutender internationaler Hafen, voll mit Ausl�ndern: Indern, Filipinos, Koreanern, sogar versprengten Amerikanern wie Diane und ich; Leuten, die sich keinen Luxustransit leisten konnten und nicht die Voraussetzungen f�r von der UN anerkannte Umsiedlungsprogramme erf�llten. Es war eine lebendige, aber oft auch gesetzlose Stadt, vor allem seit die New Reformasi in Jakarta an die Macht gekommen waren.</p><p>Das Hotel jedoch war sicher, und jetzt waren auch die Sterne in ihrer ganzen verstreuten Pracht aufgezogen. Der Scheitelpunkt des gro�en Bogens bildete den hellsten Fleck am Himmel, ein fein geformtes silbernes U (wie Unbekannt, Unkenntlich), verkehrt herum aufgemalt von einem legasthenischen Gott. Ich hielt Dianes Hand, w�hrend wir zusahen, wie er verblich.</p><p>�Woran denkst du?�, fragte sie.</p><p>�Daran, wie ich das letzte Mal die alten Sternbilder gesehen habe.� Jungfrau, L�we, Sch�tze�� das Lexikon des Astrologen, nur noch eine Fu�note in den Geschichtsb�chern.</p><p>�Sie h�tten von hier aus allerdings anders ausgesehen, oder? S�dliche Halbkugel?�</p><p>Ja, vermutlich.</p><p>Dann, in der vollkommenen Dunkelheit der Nacht, gingen wir zur�ck ins Zimmer. Ich schaltete das Licht ein, w�hrend Diane die Jalousien herunterlie� und dann Spritze und Ampullenkasten auspackte, in deren Gebrauch ich sie eingewiesen hatte. Sie f�llte die sterile Spritze, runzelte die Stirn, lie� fingertippend eine kleine Blase heraustreten. Es sah alles recht professionell aus, doch ihre Hand zitterte.</p><p>Ich zog mein Hemd aus und legte mich aufs Bett.</p><p>�Tyler�� Pl�tzlich war sie diejenige, die Bedenken hatte.</p><p>�Keine Diskussionen mehr. Ich wei�, worauf ich mich einlasse. Und wir haben das alles ein Dutzend Mal besprochen.�</p><p>Sie nickte, dann rieb sie meine Armbeuge mit Alkohol ein. Sie hielt die Spritze in der rechten Hand, mit der Nadel nach oben. Die Fl�ssigkeit darin wirkte so unschuldig wie Wasser.</p><p>�Das ist so lange her�, sagte sie.</p><p>�Was?�</p><p>�Dass wir die Sterne beobachtet haben, damals.�</p><p>�Es freut mich, dass du es nicht vergessen hast.�</p><p>�Nat�rlich hab ich�s nicht vergessen. So, und jetzt mach eine Faust.�</p><p>Der Schmerz war nicht der Rede wert. Jedenfalls am Anfang.</p></section><section><title><p>Das grosse Haus</p></title><p>Ich war zw�lf und die Zwillinge waren dreizehn, in jener Nacht, als die Sterne vom Himmel verschwanden.</p><p>Es war Oktober, wenige Wochen vor Halloween, und wir drei waren f�r die Dauer einer �Geselligkeit nur f�r Erwachsene� in den Keller des Lawtonschen Hauses�� wir nannten es das Gro�e Haus�� beordert worden.</p><p>In den Keller verbannt zu sein, bedeutete jedoch keine Strafe. Nicht f�r Diane und Jason, die einen gro�en Teil ihrer Zeit freiwillig dort verbrachten, und schon gar nicht f�r mich. Zwar hatte ihr Vater eine genau definierte Grenze zwischen der Erwachsenen- und der Kinderzone des Hauses abgesteckt, doch in dem uns zugewiesenen Bereich hatten wir eine brandneue Spielkonsole, DVD�s und sogar einen Billardtisch� und keinerlei Beaufsichtigung au�er durch eine der Damen vom Partyservice, eine Mrs. Truall, die jede Stunde einmal nach unten kam, um sich vom Kanapeedienst zu erholen und uns mit neuen Informationen �ber den Verlauf der Party zu versorgen (ein Mann von Hewlett-Packard hatte sich mit der Frau eines <emphasis>Post-Kolumnisten </emphasis>daneben benommen; ein betrunkener Senator hatte sich in den Hobbyraum verirrt). Alles, was uns fehlte, sagte Jason, war Ruhe�� auf der Anlage im Wohnzimmer lief Tanzmusik, die durch die Decke dr�hnte wie der Herzschlag eines Monsters�� und ein freier Ausblick auf den Himmel.</p><p>Ruhe und Ausblick: typisch f�r Jason, dass er beides wollte.</p><p>Diane und Jason waren im Abstand von wenigen Minuten geboren worden, sie waren aber offenkundig keine eineiigen Zwillinge; tats�chlich wurden sie von niemandem au�er ihrer Mutter als �die Zwillinge� bezeichnet. Jason pflegte zu sagen, sie seien das Produkt eines �in gegens�tzlich disponierte Eizellen eingedrungenen dipolaren Spermiums�. Diane, deren IQ zwar ebenso eindrucksvoll war wie Jasons, die sich aber eines zur�ckhaltenderen Vokabulars bediente, verglich sich und ihren Bruder mit �zwei Gefangenen, die aus ein und derselben Zelle ausgebrochen sind�.</p><p>Ich bewunderte sie beide.</p><p>Jason war mit seinen dreizehn Jahren nicht nur be�ngstigend klug, sondern auch k�rperlich �beraus fit�� gar nicht mal sehr muskul�s, aber dennoch kr�ftig und mit einigen Erfolgen in der Leichtathletik. Er war schon damals �ber eins achtzig gro�, eher mager, die harsche Knochigkeit des Gesichts ausbalanciert durch ein etwas schiefes, aber aufrichtiges L�cheln. Seine Haare waren blond und borstig.</p><p>Diane war gut zehn Zentimeter kleiner, rundlich allenfalls im Vergleich zu ihrem Bruder, und sie hatte eine dunklere Haut. Ihr Teint war makellos rein, abgesehen von den Sommersprossen rund um die Augen, die sie als �meine Waschb�renmaske� bezeichnete. Was mir an Diane am meisten gefiel�� und ich hatte ein Alter erreicht, in dem derlei Details eine kaum verstandene, aber unbestreibare Bedeutung annahmen��, das war ihr L�cheln. Sie l�chelte selten, aber wenn, dann war es spektakul�r. Sie war �berzeugt (zu Unrecht), dass ihre Z�hne zu weit vorstanden, und hatte sich daher angew�hnt, die Hand vor den Mund zu halten, wenn sie lachte. Ich brachte sie gern zum Lachen, doch es war ihr L�cheln, nach dem ich mich im Geheimen sehnte.</p><p>Eine Woche zuvor hatte Jason von seinem Vater ein teures astronomisches Fernglas geschenkt bekommen. Nun spielte er die ganze Zeit damit herum�� nahm etwa das gerahmte Reiseplakat �ber dem Fernseher ins Visier und gab vor, er w�rde von unserer Washingtoner Vorstadt aus Cancun aussp�hen�� und schlie�lich erhob er sich und sagte: �Wir sollten mal einen Blick auf den Himmel werfen.�</p><p>�Nein�, erwiderte Diane sofort. �Es ist kalt drau�en.�</p><p>�Nun ja, die erste klare Nacht in dieser Woche. Au�erdem ist es h�chstens ein bisschen k�hl.�</p><p>�Auf dem Rasen war heute Morgen eine Eisschicht.�</p><p>�Frost.�</p><p>�Es ist schon nach Mitternacht.�</p><p>�Aber Freitag, Wochenende.�</p><p>�Wir sollen den Keller nicht verlassen.�</p><p>�Wir sollen die Party nicht st�ren. Niemand hat was davon gesagt, dass wir nicht nach drau�en d�rften. Es wird uns auch niemand sehen�� falls du Angst hast, erwischt zu werden.�</p><p>�Ich hab keine Angst, erwischt zu werden.�</p><p>�Wovor hast du dann Angst?�</p><p>�Davor, dass mir die F��e abfrieren, w�hrend du mir die Ohren vollplapperst.�</p><p>Jason wandte sich mir zu. �Was ist mit dir, Tyler? Willst du dir den Himmel angucken?�</p><p>Ich wurde oft aufgefordert, bei den Meinungsverschiedenheiten der Zwillinge den Schiedsrichter zu machen, was mir ziemlich unangenehm war. F�r mich gab es in diesen Situationen nichts zu gewinnen. Ergriff ich Jasons Partei, lief ich Gefahr, Diane vor den Kopf zu sto�en; wenn ich aber allzu oft f�r Diane entschied, w�rde es�� nun ja, ziemlich offensichtlich wirken. Ich sagte: �Ich wei� nicht, Jase, es ist wirklich ziemlich k�hl da drau�en. Ich��</p><p>Diane erl�ste mich aus meiner Verlegenheit. Sie legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: �Lass nur. Ein bisschen frische Luft ist wahrscheinlich besser, als wenn er die ganze Zeit rumjammert.�</p><p>Also holten wir unsere Jacken aus dem Kellerflur und gingen durch die Hintert�r nach drau�en.</p><p>Das Gro�e Haus war nicht so gewaltig, wie der ihm zugedachte Spitzname es nahe legen mochte, aber doch gr��er als das Durchschnittsheim in dieser mittel bis gut situierten Wohngegend. Au�erdem stand es auf einem ziemlich gro�en Grundst�ck. Eine ausgedehnte, sanft ansteigende und �beraus gepflegte Rasenfl�che ging hinter dem Haus in ein sich selbst �berlassenes Fichtenw�ldchen �ber, das an einen leicht verschmutzten Bach grenzte. Zum Sternegucken suchte Jason einen Platz irgendwo auf halbem Weg zwischen dem Haus und den B�umen aus.</p><p>Es war bislang ein sch�ner Oktober gewesen, erst gestern hatte eine Kaltfront dem Nachsommer den Garaus gemacht. Diane schlug demonstrativ die Arme umeinander und zitterte vor sich hin, doch das tat sie nur, um Jason zu strafen�� die Nachtluft war k�hl, aber nicht unangenehm. Der Himmel war kristallklar und das Gras einigerma�en trocken, wenn es auch zum Morgen hin wieder Frost geben mochte. Kein Mond und nicht die Spur einer Wolke. Das Gro�e Haus war erleuchtet wie ein Mississippi-Dampfer und warf ein grelles gelbes Licht auf den Rasen, aber wir wussten aus Erfahrung, dass man in einer Nacht wie dieser im Schatten eines Baumes so vollst�ndig verschwand, als w�re man von einem schwarzen Loch verschluckt worden.</p><p>Jason lag auf dem R�cken und richtete sein Fernglas auf den Sternenhimmel.</p><p>Ich sa� im Schneidersitz neben Diane und sah, wie sie eine Zigarette aus ihrer Jackentasche zog, vermutlich von ihrer Mutter geklaut (Carol Lawton, eine Kardiologin und nominelle Ex-Raucherin, hielt Zigarettenpackungen in ihrer Frisierkommode, ihrem Schreibtisch und einer K�chenschublade versteckt�� das wusste ich von meiner Mutter). Sie steckte sie sich zwischen die Lippen, z�ndete sie mit einem durchsichtig roten Feuerzeug an�� die Flamme bildete sekundenlang den hellsten Punkt ringsum�� und blies eine Rauchwolke in die Luft, die rasch in der Dunkelheit zerstob.</p><p>Sie bemerkte, dass ich sie beobachtete. �M�chtest du mal ziehen?�</p><p>�Er ist zw�lf Jahre alt�, sagte Jason. �Er hat schon genug Probleme. Auf Lungenkrebs kann er da gut verzichten.�</p><p>�Klar�, stie� ich hervor. Jetzt war es zu einer Ehrensache geworden.</p><p>Am�siert reichte Diane mir die Zigarette. Ich inhalierte vorsichtig und schaffte es, keinen Hustenanfall zu kriegen.</p><p>Sie nahm sie zur�ck. ��bertreib es nicht.�</p><p>�Tyler�, sagte Jason, �wei�t du irgendetwas �ber die Sterne?�</p><p>Ich schluckte eine Lunge voll klarer, kalter Luft. �Ja, nat�rlich.�</p><p>�Ich meine nicht das, was du in deinen billigen Taschenb�chern liest. Kannst du mir irgendwelche Sterne <emphasis>nennen?�</emphasis></p><p>Ich wurde rot und hoffte, dass er das im Dunkeln nicht sehen w�rde. �Arkturus�, fl�sterte ich. �Alpha Centauri. Sirius. Der Polarstern��</p><p>�Und welcher davon�, fragte Jason, �ist die Heimat der Klingonen?�</p><p>�Sei nicht gemein�, sagte Diane streng.</p><p>Die Zwillinge waren beide au�erordentlich intelligent f�r ihr Alter. Ich war auch kein Dummkopf, aber ich konnte mich nicht mit ihnen messen�� das war uns allen klar. Sie besuchten eine Schule f�r Hochbegabte, ich fuhr mit dem Bus zur Staatlichen Schule. Und das war nur einer von diversen unverkennbaren Unterschieden zwischen uns. Sie wohnten in dem Gro�en Haus, ich wohnte mit meiner Mutter in dem Bungalow am �stlichen Rand des Grundst�cks. Ihre Eltern hatten beide einen tollen Beruf, meine Mutter machte bei ihnen das Haus sauber� Irgendwie gelang es uns, diese Unterschiede zwar anzuerkennen, aber nicht st�ndig darauf herumzureiten.</p><p>�Okay�, sagte Jason nach einer Weile, �kannst du mir den Polarstern zeigen?�</p><p>Der Polarstern, auch Nordstern genannt. Ich hatte �ber die Sklaverei und den B�rgerkrieg gelesen. Dabei war ich auf ein Lied der fl�chtigen Sklaven gesto�en:</p><poem><stanza><v>Wenn die Sonne wiederkehrt, beim Schrei der ersten</v><v>Wachtel,</v><v>Folge dem Trinkk�rbis.</v><v>Der alte Mann erwartet dich, er tr�gt dich in die Freiheit</v><v>Wenn du dem Trinkk�rbis folgst.</v></stanza></poem><p>Wenn die Sonne wiederkehrt�� das hie�, nach der Wintersonnenwende. Wachteln �berwintern im S�den. Der K�rbis war der Gro�e Wagen, und das breite Ende der Sch�ssel zeigte zum Polarstern, gerade nach Norden, dort, wo die Freiheit wartete� Ich fand den Gro�en Wagen und fuchtelte hoffnungsfroh in die entsprechende Richtung.</p><p>�Siehste?�, sagte Diane zu Jason, als h�tte ich einen strittigen Punkt zwischen ihnen gekl�rt, von dem ich nichts wusste.</p><p>�Nicht schlecht�, konzedierte Jason. �Wei�t du, was ein Komet ist?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Willst du mal einen sehen?�</p><p>Ich nickte und streckte mich neben ihm aus, immer noch den bei�enden Geschmack der Zigarette im Mund, wor�ber ich mich jetzt doch �rgerte. Jason zeigte mir, wie ich die Ellbogen auf den Boden zu st�tzen hatte, dann lie� er mich das Fernglas an die Augen f�hren und die Sch�rfe einstellen. Aus den Sternen wurden zuerst verschwommene Ovale, dann Stecknadelk�pfe, viel zahlreicher, als man mit blo�em Auge sehen konnte. Ich schwenkte das Glas, bis ich den Punkt gefunden hatte�� oder gefunden zu haben glaubte��, den Jason mir zeigen wollte: ein winziger phosphoreszierender Knoten vor dem tiefschwarzen Himmel.</p><p>�Ein Komet�, sagte Jason.</p><p>�Ich wei�. Ein Komet ist eine Art staubiger Schneeball, der auf die Sonne zuf�llt.�</p><p>�So k�nnte man sagen.� Er klang etwas h�hnisch. �Wei�t du, wo die Kometen herkommen, Tyler? Sie kommen aus dem �u�eren Sonnensystem�� aus einer Art eisigem Halo um die Sonne, der von der Umlaufbahn des Pluto bis halb zum n�chsten Stern reicht. Wo es k�lter ist, als du dir vorstellen kannst.�</p><p>Ich nickte�� mit etwas Unbehagen. Ich hatte genug Science Fiction gelesen, um mir eine Vorstellung von der schier unfassbaren Weite des Nachthimmels machen zu k�nnen. Das war etwas, wor�ber ich manchmal gerne nachdachte, wenn es auch�� etwa nachts, wenn das Haus ganz still war�� ein bisschen be�ngstigend war.</p><p>�Diane?�, fragte Jason. �Willst du auch mal gucken?�</p><p>�Muss ich?�</p><p>�Nein, nat�rlich musst du nicht. Wenn es dir lieber ist, kannst du da sitzen bleiben, dir die Lunge ausr�uchern und dummes Zeug erz�hlen.�</p><p>�Klugschei�er.� Sie dr�ckte die Zigarette ins Gras und streckte die Hand aus. Ich gab ihr das Fernglas.</p><p>�Sei blo� vorsichtig damit.� Jason war v�llig vernarrt in sein Fernglas. Es roch noch immer nach Zellophan und Styroporverpackung.</p><p>Sie stellte die Sch�rfe ein und blickte nach oben. Eine Zeit lang blieb sie still. Dann sagte sie: �Wei�t du, was ich sehe, wenn ich mit so einem Ding die Sterne ansehe?�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Na, die Sterne, weiter nichts.�</p><p>�Benutze deine Fantasie.� Jason klang ehrlich ver�rgert.</p><p>�Wenn ich meine Fantasie benutzen kann, wozu brauche ich dann ein Fernglas?�</p><p>�Ich meine, denke nach �ber das, was du siehst.�</p><p>�Oh�, erwiderte sie. Dann: �Oh. <emphasis>Oh! </emphasis>Jason, ich sehe��</p><p>�Ja, was?�</p><p>�Ich glaube� ja� es ist Gott! Und er hat einen langen wei�en Bart. Und er h�lt ein Schild in der Hand. Und auf dem Schild steht� JASON IST EIN TROTTEL!�</p><p>�Sehr witzig. Gib es zur�ck, wenn du nichts damit anzufangen wei�t.�</p><p>Er streckte die Hand aus, doch sie ignorierte ihn. Sie sa� aufrecht da und richtete das Fernglas auf die Fenster des Gro�en Hauses.</p><p>Die Party war seit dem sp�ten Nachmittag im Gange. Meine Mutter hatte mir erz�hlt, Feste bei den Lawtons seien �teure Quatschrunden f�r hohe Tiere�, aber da sie einen feinen Sinn f�r �bertreibungen besa�, war man gut beraten, alles ein bisschen tiefer zu h�ngen. Die meisten G�ste, hatte Jason gesagt, waren Leute aus der Raumfahrtindustrie oder der Politik. Nicht die alteingesessene Washingtoner Gesellschaft, sondern gut betuchte Newcomer mit Westk�stenwurzeln und Verbindungen zur Waffenindustrie. E. D. Lawton, Jasons und Dianes Vater, richtete derlei Veranstaltungen alle drei bis vier Monate aus.</p><p>�Alles wie immer�, sagte Diane hinter dem Doppeloval des Fernglases. �Im Erdgeschoss wird getrunken und getanzt. Mehr getrunken als getanzt zur Zeit. Sieht allerdings so aus, als w�rde die K�che schlie�en. Ich glaube, die Cateringleute wollen nach Hause. Im Hobbyraum sind die Vorh�nge zugezogen. E. D. ist in der Bibliothek, zusammen mit ein paar Anzugtr�gern. Igitt! Einer von ihnen raucht Zigarre.�</p><p>�Dein Ekel wirkt nicht gerade �berzeugend, Miss Marlboro.�</p><p>Diane fuhr fort, die Fenster zu katalogisieren, w�hrend Jason an meine Seite rutschte. �Da zeigt man ihr das Universum�, fl�sterte er, �und sie zieht es vor, eine Dinnerparty auszukundschaften.�</p><p>Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Wie so vieles von dem, was Jason von sich gab, klang es witzig und kl�ger als alles, was ich zu sagen hatte.</p><p>�Mein Zimmer�, sagte Diane gerade. �Leer, Gott sei Dank. Jasons Zimmer, auch leer, abgesehen von dem <emphasis>Penthouse </emphasis>unter der Matratze.�</p><p>�Haha. Das ist ein gutes Fernglas, aber so gut auch wieder nicht.�</p><p>�Carols und E. D.s Schlafzimmer, leer. Das G�stezimmer��</p><p>�Na, was?�</p><p>Aber Diane erwiderte nichts. Sie sa� ganz still, das Fernglas vor den Augen.</p><p>�Diane?�, sagte ich.</p><p>Sie schwieg weiter. Dann, nach einigen Sekunden, sch�ttelte sie sich, drehte sich um und warf�� <emphasis>schleuderte </emphasis>fast�� Jason das Fernglas zu, der sogleich protestierte, offenbar ohne zu begreifen, dass Diane etwas zutiefst Beunruhigendes gesehen hatte. Ich machte schon den Mund auf, um sie zu fragen, ob alles in Ordnung sei�</p><p>Da verschwanden die Sterne.</p><empty-line/><p>Es war keine gro�e Sache.</p><p>Viele sagen das, viele von denen, die es gesehen haben. Es war keine gro�e Sache. Wirklich nicht, und ich spreche hier als Zeuge: Ich hatte, w�hrend Diane und Jason sich in den Haaren lagen, den Himmel beobachtet. Da war nichts als ein kurzes seltsames Glei�en, das sich, ein Nachbild der Sterne hinterlassend, gr�n phosphoreszierend meiner Netzhaut aufpr�gte. Ich blinzelte. Jason sagte: �Was war das? Ein Blitz?� Und Diane sagte �berhaupt nichts.</p><p>�Jason�, stie� ich hervor, noch immer blinzelnd.</p><p>�Was? Diane, ich schw�re dir, falls du eine von den Linsen kaputt gemacht hast��</p><p>�Halt den Mund�, unterbrach ihn seine Schwester.</p><p>Und ich sagte: �H�rt auf. <emphasis>Seht doch. </emphasis>Was ist mit den Sternen passiert?�</p><p>Beide wandten ihren Kopf zum Himmel.</p><empty-line/><p>Von uns dreien war allein Diane bereit zu glauben, dass die Sterne tats�chlich �ausgegangen� seien�� ausgel�scht wie Kerzen im Wind. Das sei unm�glich, erkl�rte Jason entschieden: das Licht dieser Sterne sei, je nach Quelle, f�nfzig oder hundert oder hundert Millionen Lichtjahre unterwegs gewesen; garantiert h�tten sie nicht allesamt in einer unendlich komplizierten Folge, die darauf angelegt war, den Erdlingen als gleichzeitig zu erscheinen, aufgeh�rt zu leuchten. Au�erdem, warf ich ein, war auch die Sonne ein Stern, und <emphasis>die </emphasis>schien ja noch, jedenfalls auf der anderen Seite des Planeten�� oder nicht?</p><p>Doch, nat�rlich. Und falls nicht, sagte Jason, w�ren wir bis zum Morgen alle erfroren.</p><p>Also war es logischerweise so, dass die Sterne immer noch schienen, wir sie aber blo� nicht sehen konnten. Sie waren nicht verschwunden, sondern verdunkelt, verdeckt: eine Sternfinsternis. Ja, der Himmel war pl�tzlich zu einer schwarzen Leere geworden�� aber das war nur ein R�tsel, keine Katastrophe.</p><p>Ein anderer Aspekt von Jasons Kommentar allerdings hatte sich in meiner Fantasie festgesetzt: wenn nun die Sonne <emphasis>tats�chlich </emphasis>verschwunden war? Ich stellte mir vor, wie Schnee durch ewige Dunkelheit rieselte und wie dann die Luft, die frierende Luft, selbst zu einer Art Schnee w�rde, bis die ganze menschliche Zivilisation unter dem Zeug, das wir atmen, begraben w�re. Da war es doch besser, entschieden besser, anzunehmen, die Sterne seien �verfinstert� worden. Aber wovon?</p><p>�Nun, offensichtlich von etwas Gro�em. Und Schnellem. Du hast gesehen, wie es passiert ist, Tyler. War es alles gleichzeitig oder hat sich irgendetwas �ber den Himmel bewegt?�</p><p>Ich erwiderte, die Sterne h�tten aufgeleuchtet und w�ren dann ausgegangen, alle gleichzeitig.</p><p>�Schei� auf die bl�den Sterne�, sagte Diane. (Ich war schockiert: Diane benutzte solche Ausdr�cke normalerweise nicht, w�hrend Jase und ich recht locker damit umgingen, seit wir ein zweistelliges Alter erreicht hatten; vieles hatte sich ver�ndert in diesem Sommer.)</p><p>Jason h�rte die Unruhe in ihrer Stimme. �Ich glaube nicht, dass man sich Sorgen machen muss�, sagte er, obwohl ihm offenkundig selbst nicht ganz wohl war.</p><p>Diane machte ein missmutiges Gesicht. �Mir ist kalt�, erkl�rte sie.</p><p>Also beschlossen wir, ins Gro�e Haus zur�ckzugehen und zu gucken, ob die Nachricht schon bei CNN oder CNBC angekommen war. W�hrend wir �ber den Rasen liefen, war der Himmel fast unertr�glich in seiner vollkommenen Schw�rze, gewichtslos, aber trotzdem schwer, und dunkler, als ich je einen Himmel gesehen hatte.</p><empty-line/><p>�Wir m�ssen es E. D. erz�hlen�, sagte Jason.</p><p>�Erz�hl du es ihm�, gab Diane zur�ck.</p><p>Jase und Diane nannten ihre Eltern beim Vornamen, weil Carol Lawton den Anspruch hatte, einen progressiven Haushalt zu f�hren. Die Realit�t war allerdings ein bisschen komplexer. Carol war nachgiebig, nahm aber nicht viel Anteil am Leben der Zwillinge, w�hrend E. D. sich systematisch einen Erben heranzog. Dieser Erbe war Jason, versteht sich. Jason verehrte seinen Vater. Diane hatte Angst vor ihm.</p><p>Und ich war nicht so bl�d, mein Gesicht in der Erwachsenenzone zu zeigen, schon gar nicht im alkoholisch fortgeschrittenen Stadium einer Party bei den Lawtons; also dr�ckten Diane und ich uns vor der T�r des Zimmers herum, in dem Jason seinen Vater aufgest�bert hatte. Wir konnten keine Einzelheiten ihres Gespr�chs aufschnappen, aber der Ton in E. D.s Stimme war schwerlich zu verkennen: leidend, ungeduldig, cholerisch. Jason kam mit rotem Gesicht und nahezu weinend in den Keller zur�ck, worauf ich mich etwas umst�ndlich verabschiedete und auf die Hintert�r zuging.</p><p>Diane holte mich im Flur ein. Sie fasste mich am Handgelenk, als wolle sie uns miteinander verketten. �Tyler�, sagte sie. �Sie wird kommen, oder? Die Sonne, meine ich. Am Morgen. Ich wei�, das ist eine bescheuerte Frage. Aber die Sonne <emphasis>wird </emphasis>aufgehen, stimmt�s?�</p><p>Sie klang v�llig hilflos. Ich wollte irgendetwas Flapsiges sagen�� <emphasis>falls nicht, werden wir alle tot sein��,</emphasis> aber ihre Angst weckte auch in mir Zweifel. Was genau hatten wir gesehen und was bedeutete es? Jason war es offensichtlich nicht gelungen, seinen Vater davon zu �berzeugen, dass etwas Bedeutsames am Nachthimmel geschehen war, also machten wir uns wom�glich v�llig unn�tig Sorgen. Was aber, wenn die Welt wirklich vor ihrem Ende stand�� und nur wir drei wussten davon?</p><p>�Wird schon alles gut gehen�, sagte ich.</p><p>Sie sah mich durch str�hnige Haare hindurch an. �Glaubst du?�</p><p>Ich versuchte zu l�cheln. �Zu neunzig Prozent.�</p><p>�Aber du wirst bis zum Morgen aufbleiben, nicht wahr?�</p><p>�Vielleicht. Wahrscheinlich.� Tats�chlich war mir nicht nach Schlafen zumute.</p><p>Sie machte die Telefoniergeste mit Daumen und kleinem Finger. �Kann ich dich sp�ter anrufen?�</p><p>�Klar.�</p><p>�Ich werde wahrscheinlich nicht schlafen. Und�� ich wei�, das klingt bl�d�� falls ich doch einschlafe, kannst du mich dann anrufen, sobald die Sonne aufgeht?�</p><p>Ich sagte ihr, dass ich das tun w�rde.</p><p>�Versprochen?�</p><p>�Versprochen.� Ich freute mich riesig �ber diese Bitte.</p><empty-line/><p>Das Haus, in dem meine Mutter und ich wohnten, war ein h�bscher Schindelbungalow auf der Ostseite des Lawtonschen Grundst�cks. Ein kleiner, von einem Kiefernholzgel�nder umz�unter Rosengarten fasste die Vordertreppe ein�� die Rosen selbst hatten bis weit in den Herbst hinein gebl�ht, waren aber nach dem k�rzlichen K�lteeinbruch verwelkt. In dieser mondlosen, wolkenlosen, Sternenlosen Nacht leuchtete die Verandalampe wie ein Signalfeuer.</p><p>Leise trat ich ein. Meine Mutter lag schon l�ngst im Bett. Das kleine Wohnzimmer war penibel aufger�umt, abgesehen von einem einzelnen leeren Schnapsglas auf dem Abstelltisch: Sie war eine F�nf-Tage-Abstinenzlerin, g�nnte sich am Wochenende jedoch ein bisschen Whisky. Sie sagte oft, dass sie nur zwei Laster habe, und der Whisky am Samstagabend sei eines davon. (Als ich sie einmal fragte, welches denn das andere sei, sah sie mich lange an und sagte dann: �Dein Vater.� Ich fragte nicht weiter.)</p><p>Ich legte mich mit einem Buch auf das Sofa und las, bis Diane anrief, etwa eine Stunde sp�ter. Das Erste, was sie sagte, war: �Hast du den Fernseher an?�</p><p>�Sollte ich?�</p><p>�Lass nur. Es l�uft nichts.�</p><p>�Na ja, es ist zwei Uhr morgens.�</p><p>�Nein, ich meine, wirklich absolut nichts. Auf dem lokalen Kabelsender zeigen sie Infomercials, aber sonst nichts. Was bedeutet das, Tyler?�</p><p>Es bedeutete, dass s�mtliche Satelliten in der Umlaufbahn um die Erde zusammen mit den Sternen verschwunden waren. Telekommunikation, Wetterbeobachtung, Milit�rsatelliten, das GPS-System: alles war im Handumdrehen abgestellt worden. Aber davon wusste ich nichts, und schon gar nicht h�tte ich es Diane erkl�ren k�nnen. �K�nnte alles M�gliche bedeuten.�</p><p>�Es ist ein bisschen unheimlich.�</p><p>�Wahrscheinlich nichts, was einem Sorge machen m�sste.�</p><p>�Hoffentlich nicht. Ich bin froh, dass du noch wach bist.�</p><p>Eine Stunde sp�ter rief sie noch einmal an, hatte Neues zu berichten. Das Internet hatte ebenfalls den Geist aufgegeben. Und im Lokalfernsehen gab es erste Meldungen �ber gestrichene Fl�ge vom Reagan-Airport und den regionalen Flugh�fen, verbunden mit der Mahnung an Reisende, sich vorab �ber ihre Fl�ge zu erkundigen.</p><p>�Aber die ganze Nacht sind D�senjets geflogen.� Ich hatte ihre Positionslichter vom Schlafzimmerfenster aus gesehen, falsche Sterne in rascher Bewegung. �Milit�r vermutlich. Es k�nnte irgendein Terroranschlag sein.�</p><p>�Jason h�ngt in seinem Zimmer am Radio. Holt sich Sender aus Boston und New York rein. Er meint, es w�rde von milit�rischen Aktivit�ten und Flughafenschlie�ungen gesprochen, aber nicht von Terrorismus�� und kein Wort �ber die Sterne.�</p><p>�Irgendjemand muss es aber bemerkt haben.�</p><p>�Falls ja, reden sie jedenfalls nicht dr�ber. Vielleicht haben sie ja <emphasis>Anweisungen, </emphasis>nicht dar�ber zu reden. Vom Sonnenaufgang ist �brigens auch nicht die Rede.�</p><p>�Warum auch? Die Sonne geht in, was, einer Stunde auf? Das hei�t, das sie bereits �ber dem Meer aufsteigt. Vor der Atlantikk�ste. Schiffe, die dort unterwegs sind, m�ssen sie gesehen haben. <emphasis>Wir </emphasis>werden sie auch sehen, schon bald.�</p><p>�Hoffentlich.� Diane klang �ngstlich und verlegen zugleich. �Ich hoffe, du hast Recht.�</p><p>�Du wirst sehen.�</p><p>�Ich mag deine Stimme, Tyler. Hab ich dir das schon mal gesagt? Du hast so eine beruhigende Stimme.�</p><p>Selbst wenn das, was ich sagte, der reinste Schwachsinn war.</p><p>Aber das Kompliment ber�hrte mich mehr, als ich sie merken lassen wollte. Ich dachte dar�ber nach, nachdem sie aufgelegt hatte. Spielte es mir immer wieder in Gedanken vor, wegen des warmen Gef�hls, das es in mir ausl�ste. Und ich fragte mich, was es bedeutete. Diane war ein Jahr �lter als ich und dreimal so klug�� warum also hatte ich pl�tzlich das Gef�hl, ich m�sse sie besch�tzen, und warum w�nschte ich mir, sie w�re bei mir, damit ich ihr Gesicht ber�hren und ihr versichern k�nne, es sei alles gut? Ein R�tsel, das fast so beunruhigend und fast so verwirrend war wie das, was mit dem Himmel geschehen war.</p><p>Sie rief um zehn vor f�nf wieder an, als ich, gegen meine Absicht und noch vollst�ndig angezogen, gerade dabei war einzuschlafen. Ich fummelte das Telefon aus meiner Hemdtasche. �Hallo?�</p><p>�Ich bin�s nur. Es ist immer noch dunkel, Tyler.�</p><p>Ich blickte zum Fenster, ja, dunkel. Dann zum Wecker. �Noch nicht ganz Sonnenaufgangszeit, Diane.�</p><p>�Hast du geschlafen?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ja, hast du. Du Gl�cklicher. Es ist immer noch dunkel. Und kalt. Ich hab aufs Thermometer vor dem K�chenfenster geguckt. Knapp �ber null. Ist das normal, dass es so kalt ist?�</p><p>�Gestern Morgen war es genauso kalt. Ist sonst noch jemand wach bei euch?�</p><p>�Jason hat sich mit dem Radio in seinem Zimmer eingeschlossen. Meine Eltern schlafen wohl und, �h, erholen sich von der Party. Ist deine Mutter wach?�</p><p>�Nicht um diese Zeit. Nicht am Wochenende.� Ich warf einen nerv�sen Blick zum Fenster. Inzwischen musste doch irgendein St�ck Helligkeit am Himmel zu sehen sein. Selbst eine blo�e Andeutung von Tageslicht h�tte erheblich zur Beruhigung beigetragen.</p><p>�Du hast sie nicht geweckt?�</p><p>�Was soll sie denn tun, Diane? Machen, dass die Sterne zur�ckkehren?�</p><p>�Wohl nicht.� Sie machte eine Pause. �Tyler�, sagte sie dann.</p><p>�Ich bin noch da.�</p><p>�Was ist deine erste Erinnerung?�</p><p>�Wie meinst du�� heute?�</p><p>�Nein. Das Erste, woran du dich in deinem Leben erinnerst. Ich wei�, es ist eine bl�de Frage, aber ich glaube, mir w�rde es besser gehen, wenn wir einfach f�nf oder zehn Minuten �ber was anderes reden k�nnten als �ber den Himmel.�</p><p>�Meine erste Erinnerung?� Ich dachte nach. �Das m�sste in L.A. gewesen sein, bevor wir nach Osten gezogen sind.� Als mein Vater noch lebte und f�r E. D. Lawton in ihrer gemeinsamen Startup-Firma in Sacramento arbeitete. �Wir hatten so eine Wohnung mit langen wei�en Vorh�ngen im Schlafzimmer. Das Erste, woran ich mich richtig erinnern kann, ist, wie sich diese Vorh�nge im Wind bauschten. Es war ein sonniger Tag, das Fenster war offen, und es war ein bisschen windig.� Die Erinnerung wurde von einem unerwartet wehm�tigen Gef�hl begleitet, wie ein letzter Blick auf eine entschwindende K�ste. �Wie sieht�s bei dir aus?�</p><p>Dianes erste Erinnerung spielte ebenfalls in Sacramento, allerdings auf vollkommen andere Weise. E. D. hatte seine beiden Kinder mit in die Fabrik genommen und gab ihnen eine F�hrung, wollte offenbar schon damals Jason auf seine Rolle als Erbe vorbereiten. Diane war fasziniert von den riesigen perforierten Sparren, den Spulen mit mikrod�nnen Aluminiumfasern, dem unabl�ssigen L�rm. Alles war so gro�, dass sie fest glaubte, irgendwo einen M�rchenriesen zu finden, an die Wand gekettet, ein Gefangener ihres Vaters.</p><p>Es war keine sch�ne Erinnerung. Sie sagte, sie habe sich als f�nftes Rad am Wagen gef�hlt, verlassen, ausgesetzt inmitten einer riesigen, furchterregenden Maschinerie.</p><p>Wir sprachen noch eine Weile dar�ber. Dann sagte Diane: �Sieh dir den Himmel an.�</p><p>Ich blickte zum Fenster. �ber den westlichen Horizont tropfte gerade genug Licht, um die Schw�rze in ein tintenfarbenes Blau zu verwandeln.</p><p>Ich verbarg meine Erleichterung.</p><p>�Na, da hast du wohl Recht gehabt�, sagte sie, pl�tzlich ganz vergn�gt. �Die Sonne geht doch noch auf.�</p><p>Nat�rlich war es gar nicht die Sonne. Es war eine Hochstaplersonne, eine clevere F�lschung. Aber das wussten wir damals noch nicht.</p></section><section><title><p>In kochendem Wasser erwachsen werden</p></title><p>Von j�ngeren Leuten werde ich oft gefragt: Warum seid ihr nicht in Panik verfallen? Warum ist <emphasis>niemand </emphasis>in Panik verfallen? Warum gab es keine Pl�nderungen, keine Aufst�nde? Warum hat eure Generation klein beigegeben, warum seid ihr in den Spin hineingeglitten, ohne auch nur den leistesten Protest zu erheben?</p><p>Manchmal sage ich: Aber es <emphasis>sind </emphasis>doch schreckliche Dinge passiert.</p><p>Manchmal sage ich: Wir haben ja nicht begriffen, was los war. Und was h�tten wir daran auch �ndern k�nnen?</p><p>Und manchmal gebe ich das Gleichnis vom Frosch zum Besten. Wenn du einen Frosch in kochendes Wasser wirfst, h�pft er wieder heraus. Wirfst du den Frosch aber in einen Topf mit angenehm warmem Wasser, das du langsam immer weiter erhitzt, dann ist der Frosch tot, bevor er begriffen hat, dass man ihm an den Kragen will.</p><p>Die Ausl�schung der Sterne geschah zwar nicht allm�hlich und unauff�llig, doch f�r die meisten von uns hatte sie zun�chst keine katastrophalen Auswirkungen. Als Astronom oder Verteidigungspolitiker, oder als Besch�ftigter in der Telekommunikations- beziehungsweise Raumfahrtbranche hat man die ersten Tage des Spins vermutlich in einem Zustand �u�erster Erregung verbracht�� f�r den Busfahrer oder den Angestellten in einem Burger-Restaurant aber war das alles mehr oder weniger warmes Wasser.</p><p>Die englischsprachigen Medien bezeichneten es als den �October Event��� das �Oktober-Ereignis� (�Spin� hie� es erst ein paar Jahre sp�ter), und seine erste und offensichtliche Wirkung war die vollst�ndige Vernichtung der Milliarden Dollar schweren Weltraumsatelliten-Industrie. Der Verlust der Satelliten bedeutete das Ende des Satellitenfernsehens, das Ende der Direkt�bertragungen per Satellit; er machte das gesamte Fernsprechsystem unberechen- und GPS-Lokalisierer unbrauchbar; er kappte das World Wide Net, lie� den Gro�teil der avanciertesten R�stungstechnologie auf einen Schlag veralten, beschnitt die M�glichkeiten globaler �berwachung und Aufkl�rung und zwang die Wetteransager, Isobare auf Landkarten zu zeichnen, anstatt geschmeidig durch die von Wettersatelliten gelieferten CGI-Bilder zu gleiten. Wiederholte Versuche, Kontakt mit der Internationalen Raumstation aufzunehmen, waren erfolglos. In Canaveral (wie in Baikonur und Kourou) angesetzte kommerzielle Raketenstarts wurden auf unbestimmte Zeit verschoben.</p><p>Es bedeutete, auf lange Sicht, eine ungute Entwicklung f�r GE Americom, AT&amp;T, COMSAT und Hughes Communications, um nur einige zu nennen.</p><p>Und tats�chlich ereignete sich viel Schreckliches in der Folge jener Nacht, wenn auch das meiste im Blackout der Medien unterging. Nachrichten verbreiteten sich wie Gefl�ster, zw�ngten sich durch transatlantische Fiberoptikkabel, anstatt durch den Weltraum zu h�pfen: es dauerte fast eine Woche, bis wir erfuhren, dass ein pakistanischer Hatf-V-Flugk�rper mit nuklearem Sprengkopf, versehentlich oder auf Grund von Fehlberechnungen abgeschossen in den verwirrenden ersten Augenblicken des Ereignisses, vom Kurs abgekommen war und ein landwirtschaftlich genutztes Tal im Hindukusch ausgel�scht hatte. Es war der erste in einem Krieg gez�ndete atomare Sprengk�rper seit 1945, und so tragisch dieser Vorfall war, konnten wir angesichts der vom Verlust der Telekommunikation verursachten globalen Paranoia froh sein, dass so etwas nur einmal passierte. Einigen Berichten zufolge standen wir damals kurz davor, Teheran, Tel Aviv und Pj�ngjang zu verlieren.</p><empty-line/><p>Vom Sonnenaufgang beschwichtigt, schlief ich bis mittags durch. Nachdem ich aufgestanden war und mich angezogen hatte, fand ich meine Mutter, noch in ihrem gesteppten Morgenmantel, im Wohnzimmer, wie sie mit gerunzelter Stirn auf den Fernseher starrte. Ich fragte sie, ob sie schon gefr�hst�ckt h�tte, und sie verneinte. Also bereitete ich uns beiden etwas zum Mittagessen.</p><p>Sie wird in jenem Herbst f�nfundvierzig Jahre alt gewesen sein. H�tte man von mir verlangt, sie mit einem Wort zu beschreiben, dann h�tte ich vielleicht �ausgeglichen� gesagt. Sie war kaum einmal w�tend, und das einzige Mal in meinem Leben, wo ich sie habe weinen sehen, war in der Nacht, als die Polizei bei uns klingelte (das war noch in Sacramento) und ihr mitteilte, dass mein Vater in der N�he von Vacaville t�dlich verungl�ckt war, auf der Heimfahrt von einer Gesch�ftsreise. Sie hat, glaube ich, gro�en Wert darauf gelegt, mir nur diesen Aspekt ihres Wesens zu zeigen. Es gab durchaus noch andere. Im Wohnzimmer stand ein gerahmtes Foto, Jahre vor meiner Geburt aufgenommen, das eine Frau zeigte, die so sch�n und furchtlos vor der Kamera stand, dass ich v�llig von den Socken war, als sie mir sagte, es sei ein Portr�t von ihr.</p><p>Offensichtlich gefiel ihr nicht, was sie da im Fernsehen sah. Ein Lokalsender brachte Nachrichten nonstop, wiederholte von Kurzwellenradio und Amateurfunkern �bermittelte Berichte und Geschichten sowie leicht verzerrte Ruhe-bewahren-Appelle seitens der Regierung. �Tyler.� Sie forderte mich mit einer Handbewegung auf, Platz zu nehmen. �Letzte Nacht ist etwas passiert. Es ist schwer zu erkl�ren��</p><p>�Ich wei�. Ich hab davon geh�rt, bevor ich schlafen gegangen bin.�</p><p>�Du wusstest davon? Und hast mich nicht geweckt?�</p><p>�Ich war mir nicht sicher��</p><p>Aber ihre Ver�rgerung wich so schnell, wie sie gekommen war. �Ist schon gut, Ty. Vermutlich hab ich nichts verpasst. Es ist komisch� mir ist, als w�rde ich immer noch schlafen.�</p><p>�Es sind nur die Sterne�, sagte ich, vollkommen idiotisch.</p><p>�Die Sterne und der Mond�, korrigierte sie mich. �Hast du das mit dem Mond nicht geh�rt? Niemand kann mehr die Sterne und den Mond sehen.�</p><empty-line/><p>Das mit dem Mond war nat�rlich ein wichtiger Hinweis.</p><p>Ich blieb eine Weile bei meiner Mutter sitzen, gebannt auf den Fernseher starrend, dann stand ich auf (�Komm diesmal nach Hause, bevor es dunkel wird�, sagte sie mit ernster Miene) und ging zum Gro�en Haus hin�ber. Ich klopfte an der Hintert�r, der, die sonst Koch und Maid benutzten, wenn auch die Lawtons peinlich darauf bedacht waren, niemals von einem �Dienstboteneingang� zu sprechen. Es war auch die T�r, durch die meine Mutter an den Wochentagen das Haus betrat, um den Haushalt der Lawtons zu f�hren.</p><p>Mrs. Lawton lie� mich herein, sah mich ausdruckslos an, winkte mich nach oben. Diane schlief noch, ihre Zimmert�r war geschlossen. Jason hatte gar nicht geschlafen und anscheinend auch nicht die Absicht, es zu tun. Ich fand ihn in seinem Zimmer, vor dem Radio.</p><p>Jasons Zimmer war eine Aladinsche H�hle voll luxuri�ser Ger�tschaften, dergleichen ich selber hei� begehrte, ohne doch die Hoffnung zu haben, sie jemals zu besitzen: der Computer mit einer ultraschnellen ISP-Verbindung zum Beispiel, oder der Fernseher, zwar aus zweiter Hand, aber doppelt so gro� wie der, der unser Wohnzimmer schm�ckte.</p><p>Nur f�r den Fall, dass er es noch nicht geh�rt hatte, informierte ich ihn: �Der Mond ist verschwunden.�</p><p>�Interessant, nicht wahr?� Jason stand auf, streckte sich, fuhr sich mit den Fingern durch das ungek�mmte Haar. Er hatte sich seit gestern Abend nicht umgezogen, was von einer f�r ihn ganz untypischen Geistesabwesenheit zeugte. Obwohl erwiesenerma�en ein Genie, hatte Jason sich in meiner Gegenwart noch nie wie ein solches benommen�� will sagen, er benahm sich nicht wie die Genies, die ich aus dem Kino kannte: Er blinzelte nicht st�ndig, stotterte nicht, schrieb keine algebraischen Gleichungen an die W�nde. Jetzt jedoch wirkte er m�chtig zerstreut. �Der Mond ist nat�rlich <emphasis>nicht </emphasis>verschwunden�� wie k�nnte er auch? Dem Radio zufolge werden die �blichen Gezeiten an der Atlantikk�ste gemessen. Also ist der Mond noch da. Und wenn der Mond noch da ist, dann sind es auch die Sterne.�</p><p>�Aber warum k�nnen wir sie dann nicht sehen?�</p><p>Er warf mir einen ver�rgerten Blick zu. �Woher soll ich das wissen? Ich sage nichts weiter, als dass es wenigstens teilweise ein <emphasis>optisches </emphasis>Ph�nomen ist.�</p><p>�Sieh mal aus dem Fenster, Jase. Die Sonne scheint. Was soll das f�r ein optischer Trick sein, der die Sonnenstrahlen durchlasse aber die Sterne und den Mond verschluckt?�</p><p>�Noch einmal, wie soll ich das wissen? Aber was ist die Alternative, Tyler? Jemand hat Mond und Sterne in einen gro�en Sack gesteckt und ist damit weggelaufen?�</p><p>Nein, dachte ich. Es war die Erde, die im Sack steckte, aus irgendeinem Grund, den nicht einmal Jason erraten konnte.</p><p>�Trotzdem ein guter Hinweis�, sagte er, �das mit der Sonne. Keine optische Barriere, sondern ein optischer <emphasis>Filter. </emphasis>Interessant.�</p><p>�Und wer hat ihn dort hingetan?�</p><p>�Woher soll ich�� Er sch�ttelte gereizt den Kopf. �Deine Schlussfolgerungen gehen zu weit. Wer sagt, dass <emphasis>irgendjemand </emphasis>ihn dort hingetan hat? Es k�nnte ein Naturereignis sein, das einmal in einer Milliarde Jahren vorkommt, wie dass sich die Magnetpole umkehren. Es ist ein ziemlich gro�er Sprung zu der Annahme, dass irgendeine steuernde Intelligenz dahinter steckt.�</p><p>�Es k�nnte aber der Fall sein.�</p><p>�Vieles k�nnte der Fall sein.�</p><p>Angesichts des Spottes, den ich f�r meine Science-Fiction-Vorliebe hatte einstecken m�ssen, vermied ich es, das Wort �Au�erirdische� auszusprechen. Aber nat�rlich war es genau das, woran ich als Erstes denken musste. Ich und auch viele andere Leute. Und selbst Jason musste zugeben, dass die M�glichkeit, au�erirdische Wesen w�ren hier am Wirken, nicht v�llig an den Haaren herbeigezogen war.</p><p>�Trotzdem�, sagte ich, �muss man sich fragen, warum sie so was tun w�rden.�</p><p>�Es gibt nur zwei stichhaltige Gr�nde. Um etwas vor uns zu <emphasis>verstecken. </emphasis>Oder um <emphasis>uns </emphasis>vor <emphasis>etwas anderem </emphasis>zu verstecken.�</p><p>�Was sagt denn dein Vater dazu?�</p><p>�Ich habe ihn nicht gefragt. Er h�ngt den ganzen Tag am Telefon. Versucht wahrscheinlich, so schnell wie m�glich eine Verkaufsorder f�r seine GTE-Aktien zu platzieren.� Das war offenbar ein Witz. Ich wusste nicht genau, wovon er redete, aber es war f�r mich der erste Hinweis darauf, was der verlorene Zugang zum Weltraum f�r die Luft- und Raumfahrtindustrie im Allgemeinen und f�r die Familie Lawton im Besonderen bedeutete. �Ich hab letzte Nacht nicht geschlafen. Hab Angst gehabt, ich k�nnte was verpassen. Manchmal beneide ich meine Schwester. <emphasis>Weck mich, wenn jemand die Sache aufgekl�rt hat.�</emphasis></p><p>Ich begehrte sofort auf gegen diese, wie ich fand, absch�tzige Bemerkung �ber Diane. �Sie hat auch nicht geschlafen.�</p><p>�Ach? Tats�chlich? Und woher willst <emphasis>du </emphasis>das wissen?�</p><p>Ertappt. �Wir haben ein bisschen am Telefon geredet��</p><p>�Sie hat dich angerufen?�</p><p>�Ja, kurz vor Sonnenaufgang.�</p><p>�Herrgott, Tyler, du wirst ja ganz rot.�</p><p>�Gar nicht wahr.�</p><p>�O doch.�</p><p>Ein schroffes Klopfen an der T�r erl�ste mich: E. D. Lawton, der aussah, als habe er auch nicht viel Schlaf gekriegt.</p><p>Jasons Vater war eine einsch�chternde Erscheinung. Er war gro�, breitschultrig, schwer zufrieden zu stellen, leicht zu ver�rgern. An den Wochenenden fegte er durch das Haus wie eine Sturmfront, Blitz und Donner verbreitend. (Meine Mutter hatte einmal gesagt: �E. D. geh�rt nicht zu den Personen, deren Aufmerksamkeit man zu erregen w�nscht. Ich habe nie verstanden, warum Carol ihn geheiratet hat.�) Er war nicht gerade der klassische Selfmade-Gesch�ftsmann�� sein Gro�vater, Gr�nder einer sagenhaft erfolgreichen Anwaltskanzlei in San Francisco, hatte die meisten von E. D.s fr�hen Projekten vorfinanziert��, aber es war ihm gelungen, sich ein lukratives Gesch�ft mit H�heninstrumenten und Leichter-als-Luft-Technologie aufzubauen, und das alles auf die harte Tour, ohne direkte Beziehungen zur Industrie, jedenfalls am Anfang.</p><p>Er betrat Jasons Zimmer mit m�rrischem Gesicht, sah mich kurz an, seine Augen blitzten. �Tut mir Leid, Tyler, aber du wirst jetzt nach Hause gehen m�ssen. Ich habe einiges mit Jason zu besprechen.�</p><p>Jase protestierte nicht, und ich war meinerseits nicht �berm��ig scharf darauf zu bleiben. Also schl�pfte ich in meine Stoffjacke und verschwand durch die Hintert�r nach drau�en. Den Rest des Nachmittags verbrachte ich am Bach, warf Steine und beobachtete die Eichh�rnchen, wie sie f�r den nahenden Winter vorsorgten.</p><empty-line/><p>Die Sonne, der Mond und die Sterne.</p><p>In den folgenden Jahren wuchsen Kinder auf, die niemals den Mond mit eigenen Augen gesehen hatten; Menschen, die nur f�nf oder sechs Jahre j�nger waren als ich, kannten die Sterne praktisch nur aus alten Filmen und einer Hand voll immer falscher werdender Klischees. Einmal, ich war etwa Mitte drei�ig, spielte ich einer j�ngeren Frau den Song �Corcovado� von Antonio Carlos Jobim vor�� die Version mit Gesang: �Quiet nights of quiet Stars���, und sie fragte mich, ehrlich verbl�fft: �Waren die Sterne denn <emphasis>laut?�</emphasis></p><p>Aber wir hatten noch etwas verloren, etwas, das nicht so offensichtlich war wie die paar Lichter am Himmel�� ein verl�ssliches Gef�hl der Verortung. Die Erde ist rund, der Mond umkreist die Erde, die Erde umkreist die Sonne: das war alles an Kosmologie, was die meisten Leute kannten oder kennen wollten, und ich bezweifle, dass auch nur einer von hundert nach Abschluss der High School noch gro� dar�ber nachdachte. Aber sie waren doch vor den Kopf gesto�en, als ihnen diese bescheidene Sicherheit weggenommen wurde.</p><p>Eine offizielle Erkl�rung zur Sonne erhielten wir erst in der zweiten Woche nach dem Oktober-Ereignis.</p><p>Die Sonne schien sich auf ihre angestammte Weise zu bewegen. Sie ging auf und unter, wie es den Ephemeriden entsprach, die Tage wurden in nat�rlicher Pr�zession k�rzer; es gab nichts, was auf einen solaren Notstand schlie�en lie�. Vieles auf unserem Planeten, auch das Leben selbst, h�ngt von Beschaffenheit und Menge der die Erdoberfl�che erreichenden Sonnenstrahlung ab, und daran hatte sich offenbar nichts ge�ndert�� was wir mit blo�em Auge von der Sonne sehen konnten, deutete auf denselben gelben Stern der G-Klasse hin, zu dem wir unser ganzes Leben lang hinaufgeblinzelt hatten.</p><p>Was ihm allerdings fehlte, das waren Sonnenflecken, Protuberanzen, Reflexlichter.</p><p>Die Sonne ist ein unruhiges Ding, st�rmisch, gewaltt�tig. Sie kocht, sie brodelt, sie sch�umt �ber mit gewaltigen Energien; sie badet das Sonnensystem in einem Strom aufgeladener Partikel, die uns t�ten w�rden, w�ren wir nicht durch das Magnetfeld der Erde gesch�tzt. Aber seit dem Oktober-Ereignis, so verk�ndeten die Astronomen, war die Sonne eine geometrisch vollkommene Kugel von stetig gleicher und makelloser Helligkeit. Und aus dem Norden kam die Nachricht, dass die Aurora borealis, die Nordlichter�� Produkt des Zusammentreffens unseres Magnetfelds mit jenen aufgeladenen Sonnenpartikeln�� vom Spielplan verschwunden waren wie ein schlechtes Broadway-St�ck.</p><p>Weitere �nderungen am Nachthimmel: keine Sternschnuppen mehr. In fr�heren Zeiten lagerte die Erde pro Jahr fast vierzig Millionen Kilo Weltraumstaub an, der Gro�teil davon entstand durch atmosph�rische Reibung. Damit war es nun vorbei�� keinerlei wahrnehmbare Meteoriten drangen w�hrend der ersten Wochen des Oktober-Ereignisses in die Atmosph�re ein, nicht einmal die mikroskopisch kleinen, die sogenannten Brownlee-Partikel. Astrophysikalisch gesprochen, herrschte eine ohrenbet�ubende Stille.</p><p>Auch Jason hatte keine Erkl�rung daf�r.</p><empty-line/><p>Die Sonne war also nicht die Sonne. Aber sie schien weiter, mochte sie auch eine F�lschung sein, und w�hrend sich ein Tag �ber den anderen schichtete, wurde die Verwirrung zwar nicht geringer, doch die �ffentliche Erregung ebbte ab. (Das Wasser kochte nicht, es war nur warm.)</p><p>Aber welch reichhaltige Quelle f�r <emphasis>Gespr�che </emphasis>bot das doch alles. Nicht allein das Himmelsr�tsel, nein, auch seine unmittelbaren Folgen: der Zusammenbruch der Telekommunikation; die Tatsache, dass Kriege in anderen Weltgegenden nicht mehr per Satellit �bertragen wurden, dass die GPS-gesteuerten �intelligenten� Bomben unversehens strohdumm geworden waren; der Fiberoptik-Goldrausch. Mit deprimierender Regelm��igkeit erfolgten die Erkl�rungen aus Washington: �Derzeit gibt es keinerlei Hinweise, die auf feindselige Absichten irgendeiner Regierung oder anderer Kr�fte schlie�en lassen.� Und: �Die besten K�pfe unserer Zeit bem�hen sich darum, die m�glichen negativen Auswirkungen dieser H�lle, die unsere Sicht auf das Universum versperrt, zu verstehen, zu erkl�ren und schlie�lich gegebenenfalls r�ckg�ngig zu machen.� Beschwichtigender Wortsalat von einer Regierung, die noch immer hoffte, einen Feind, ob irdischer oder anderer Natur, ausfindig zu machen, der zu einer solchen Tat imstande war. Aber dieser Feind blieb hartn�ckig im Dunkeln. Man begann, von einer �hypothetischen steuernden Intelligenz� zu sprechen. Unf�hig, hinter die Mauern unseres Gef�ngnisses zu blicken, mussten wir uns darauf beschr�nken, seine R�nder und Ecken zu kartographieren.</p><p>Jason zog sich nach dem Ereignis fast einen Monat lang in sein Zimmer zur�ck. W�hrend dieser Zeit konnte ich nie direkt mit ihm sprechen, bekam ihn allenfalls fl�chtig zu Gesicht, wenn die Zwillinge vom Minibus der Rice Academy abgeholt wurden. Aber Diane rief mich fast jeden Abend auf meinem Handy an, gegen zehn oder elf, wenn wir einigerma�en sicher sein konnten, ungest�rt zu bleiben. Und ihre Anrufe bedeuteten mir viel, aus Gr�nden, die ich mir noch immer nicht recht eingestehen mochte.</p><p>�Jason hat eine ziemlich miese Laune�, sagte sie mir einmal. �Er meint, wenn wir nicht genau w�ssten, ob die Sonne die Sonne ist, dann w�ssten wir im Grunde gar nichts.�</p><p>�Vielleicht hat er Recht.�</p><p>�Aber es ist fast eine religi�se Angelegenheit f�r ihn. Er hat Karten immer so geliebt�� wusstest du das, Tyler? Selbst als kleines Kind hatte er es schon raus, wie eine Landkarte funktioniert. Er wusste immer gern, wo er war. Es gibt den Dingen Sinn, pflegte er zu sagen. Gott, ich hab ihm immer so gern zugeh�rt, wenn er �ber Karten redete. Ich glaube, das ist der Grund, warum er jetzt so durchdreht, mehr als die anderen. Nichts ist da, wo es sein soll. Er hat seine Landkarte verloren.�</p><p>Nat�rlich gab es bereits den einen oder anderen Hinweis. Noch vor Ablauf der ersten Woche hatte das Milit�r begonnen, �berreste herabgest�rzter Satelliten zu bergen�� Satelliten, die sich bis zu jener Oktobernacht in stabiler Umlaufbahn befunden hatten, dann aber vor Morgengrauen zur�ck auf die Erde gefallen waren. Und einige von ihnen hinterlie�en Tr�mmer, die erschreckende Erkenntnisse bargen. Doch diese Information wurde selbst dem Haushalt eines E. D. Lawton mit seinen au�erordentlich guten Beziehungen erst nach einer gewissen Zeit zug�nglich.</p><empty-line/><p>Unser erster Winter der dunklen N�chte war klaustrophobisch und fremd. Der Schnee kam fr�h: wir wohnten in Pendelentfernung von Washington, D.C., aber zu Weihnachten sah unsere Gegend eher aus wie Vermont. Und die Nachrichten blieben unheilvoll: Ein mit hei�er Nadel gestricktes Friedensabkommen zwischen Indien und Pakistan verhinderte nicht, dass jederzeit neue Kampfhandlungen ausbrechen konnten; das von der UN gesponserte Dekontaminierungsprojekt im Hindukusch hatte bereits Dutzende von Leben gekostet, zus�tzlich zu den urspr�nglichen Opfern. In Nordafrika schwelten Buschfeuerkriege, w�hrend sich die Armeen der Industrienationen zur�ckzogen, um sich neu zu gruppieren. Der �lpreis schoss in die H�he�� zu Hause lie�en wir den Thermostaten ein paar Grad unterhalb angenehmer Temperaturen, bis die Tage wieder l�nger wurden (als die Sonne zur�ckkehrte und die erste Wachtel schrie).</p><p>Aber angesichts der unbekannten und kaum begriffenen Bedrohungen gelang es der Menschheit immerhin, keinen globalen hei�en Krieg vom Zaun zu brechen�� das sei zu unserer Ehre festgehalten. Wir stellten uns um und machten weiter, und im Fr�hling sprach man bereits von der �neuen Normalit�t�. Auf lange Sicht w�rden wir vielleicht einen noch h�heren Preis f�r das zahlen m�ssen, was dem Planeten zugesto�en war� aber auf lange Sicht, wie es so sch�n hei�t, m�ssen wir ohnehin alle sterben.</p><p>Ich sah die Ver�nderung an meiner Mutter; mit der Zeit wurde sie ruhiger, und das warme Wetter, als es dann endlich kam, zog ihr einiges an Spannung aus dem Gesicht. Und ich sah die Ver�nderung an Jason, der sich aus der meditativen Einkehr zur�ckmeldete. Allerdings machte ich mir Sorgen um Diane, die sich weigerte, �berhaupt noch �ber die Sterne zu reden, und mich statt dessen in letzter Zeit wiederholt gefragt hatte, ob ich an Gott glaubte�� ob ich glaubte, dass Gott verantwortlich sei f�r das, was im Oktober geschehen war.</p><p>Dar�ber k�nne ich nichts sagen, erkl�rte ich ihr. Meine Familie war nicht sehr religi�s. Das Thema machte mich ehrlich gesagt ein bisschen nerv�s.</p><empty-line/><p>In jenem Sommer fuhren wir drei zum letzten Mal mit unseren Fahrr�dern zur Fairway Mall.</p><p>Wir hatten diesen Ausflug schon hundert-, ja tausendmal gemacht. Die Zwillinge wurden allm�hlich ein bisschen zu alt daf�r, aber in den sieben Jahren, die wir gemeinsam auf dem Grundst�ck des Gro�en Hauses wohnten, war es zu einem Ritual geworden, zur unverzichtbaren Sommersamstagsunternehmung. An regnerischen oder br�llend hei�en Wochenenden lie�en wir es schon mal ausfallen, doch wenn das Wetter okay war, zog es uns wie eine unsichtbare Hand zum Treffpunkt am Ende der langen Lawton-Auffahrt.</p><p>An diesem Tag wehte ein sanfter Wind, und das Sonnenlicht verlieh allem, was es ber�hrte, eine tiefe organische W�rme. Es war, als wolle das Klima uns beruhigen: der Natur ging es, zehn Monate nach dem Ereignis, recht gut, danke der Nachfrage�� auch wenn wir (wie Jason bisweilen sagte) jetzt ein <emphasis>gehegter </emphasis>Planet waren, ein von unbekannten Kr�ften bestellter Garten, kein Flecken kosmischen Wildwuchses mehr.</p><p>Jason fuhr ein teures Mountainbike, Diane das etwas weniger hermachende Gegenst�ck f�r M�dchen. Mein Fahrrad war ein Klappergestell, das meine Mutter in einem Secondhand-Laden gekauft hatte. Egal. Worauf es ankam, das war der Kiefernduft in der Luft und die vor uns aufgereihten leeren Stunden. Ich empfand es so, Diane empfand es so, und ich glaube, auch Jason empfand es so, obwohl er zerstreut und sogar ein bisschen verlegen wirkte, als wir aufsattelten. Ich schrieb es dem allgemeinen Stress oder�� es war August�� der Aussicht auf das neue Schuljahr zu. Jase befand sich in einem beschleunigten akademischen Zug an der Rice Academy, einer Eliteschule mit hohen Anspr�chen. Letztes Jahr hatte er seine Mathe- und Physikkurse spielend leicht absolviert�� er h�tte sie genauso gut unterrichten k�nnen��, aber im n�chsten Semester war ein Schein in Latein zu erwerben. �Es ist nicht mal eine lebende Sprache�, sagte er. �Wer zum Teufel liest schon Latein, von klassischen Philologen mal abgesehen? Das ist, als w�rde man FORTRAN lernen. Alle wichtigen Texte wurden schon vor langer Zeit �bersetzt. Macht es mich zu einem besseren Menschen, wenn ich Cicero im Original lese? Cicero, um Gottes willen! Der Alan Dershowitz der R�mischen Republik.�</p><p>Ich nahm das alles nicht besonders ernst; eine unserer Lieblingsbesch�ftigungen auf diesen Ausfl�gen bestand darin, uns in der Kunst des Klagens zu �ben. (Ich hatte keine Ahnung, wer Alan Dershowitz war, irgendein Junge aus Jasons Schule, vermutete ich.) Aber heute war seine Laune doch recht unberechenbar. Auf den Pedalen stehend, radelte er ein St�ck vor uns her.</p><p>Der Weg zur Mall zog sich an Grundst�cken mit dichtem Baumbestand und Pastellh�usern mit gepflegten G�rten und eingelassenen Sprinklern entlang, die Regenb�gen in die morgendliche Luft zeichneten. Das Sonnenlicht mochte gef�lscht sein, gefiltert, aber es brach sich noch immer in Farben, wenn es durch herabfallendes Wasser drang, und es f�hlte sich nach wie vor wie ein Segen an, wenn wir aus dem Schatten der Eichen auf den glitzernd wei�en B�rgersteig fuhren.</p><p>Nach zehn oder f�nfzehn Minuten bequemer Fahrt t�rmte sich der h�chste Abschnitt der Bantam Hill Road vor uns auf�� letztes Hindernis und wesentlicher Markstein auf dem Weg zur Mall. Die Bantam Hill Road war sehr steil, aber auf der anderen Seite wartete dann eine sch�n lange, sanfte Abfahrt bis zu den Parkpl�tzen der Mall. Jason hatte bereits ein Viertel des Anstiegs bew�ltigt.</p><p>Diane sah mich verschmitzt an. �Fahren wir um die Wette�, sagte sie.</p><p>Das war ziemlich schrecklich. Die Zwillinge hatten im Juni Geburtstag; ich erst im Oktober. Jeden Sommer waren sie also nicht nur ein, sondern zwei Jahre �lter als ich: sie waren vierzehn geworden, w�hrend ich noch vier frustrierende Monate lang zw�lf blieb. Der Unterschied machte sich auch als k�rperlicher Vorteil bemerkbar. Diane wusste, dass ich sie bergauf nicht schlagen konnte, aber sie trat dennoch energisch in die Pedalen und ich versuchte seufzend, meine quietschende alte Kiste auf ein konkurrenzf�higes Tempo zu steigern. Es war kein wirklicher Wettkampf. Diane hob sich aus dem Sattel ihrer strahlenden Maschine aus mattgeschliffenem Aluminium, und als sie die Steigung in Angriff nahm, hatte sie bereits einen m�chtigen Schwung aufgebaut. Drei kleine M�dchen, die damit besch�ftigt waren, Kreidemuster auf den B�rgersteig zu malen, sprangen eilig aus dem Weg. Sie warf einen Blick zu mir zur�ck, halb ermunternd, halb sp�ttisch.</p><p>Die steile Stra�e raubte ihr nat�rlich den Schwung, doch sie schaltete in einen tieferen Gang und lie� die Beine geschmeidig ihre Arbeit verrichten. Jason, inzwischen oben angelangt, hatte angehalten und hielt sich mit einem langen Bein im Gleichgewicht, w�hrend er belustigt zur�ckblickte. Ich m�hte mich weiter, aber nach der H�lfte des Anstiegs schwankte mein Rad mehr, als dass es sich voranbewegte, und ich war gezwungen, abzusteigen und den Rest des Weges zu Fu� zu gehen.</p><p>Als ich endlich ankam, grinste mir Diane entgegen.</p><p>�Hast gewonnen�, sagte ich.</p><p>�Tut mir Leid, Tyler. Es war nicht gerade fair.�</p><p>Ich zuckte verlegen mit den Achseln.</p><p>Die Stra�e endete hier in einer Sackgasse, in der Baugrundst�cke abgesteckt, aber noch keine H�user errichtet worden waren. Die Mall lag westlich am Fu�e eines langen sandigen Abhangs. Ein ausgestampfter Pfad schnitt durch struppige B�ume und Beerenb�sche. �Wir sehen uns unten�, rief Diane und rollte wieder davon.</p><empty-line/><p>Wir schlossen unsere R�der ab und betraten das gl�serne Hauptschiff der Mall. Die Mall war ein beruhigender Ort, haupts�chlich weil sie sich seit letztem Oktober so wenig ver�ndert hatte. Zeitungen und Fernsehen mochten nach wie vor in st�ndiger Alarmbereitschaft sein�� die Mall lebte in seliger Abkehr von der Realit�t. Der einzige Hinweis darauf, dass in der Welt drau�en etwas schief gelaufen sein k�nnte, war das Fehlen von Satellitensch�sseln im Angebot der Elektronikm�rkte und ein ganzer Schwung von �Oktober�-Titeln in der Auslage des Buchladens. Jason schnaubte angesichts eines Paperbacks mit blau-goldenem Hochglanzcover, ein Buch, das den Anspruch erhob, das Oktober-Ereignis mit biblischen Prophezeiungen zu erkl�ren. �Die einfachste Sorte Prophezeiung�, sagte er, �ist die, die etwas vorhersagt, was bereits geschehen ist.�</p><p>Diane sah ihn genervt an. �Auch wenn du nicht daran glaubst, brauchst du dich noch l�ngst nicht dar�ber lustig zu machen.�</p><p>�Genau genommen mache ich mich nur �ber den Einband lustig. Das Buch selbst habe ich ja nicht gelesen.�</p><p>�Solltest du vielleicht.�</p><p>�Warum? Was verteidigst du denn hier?�</p><p>�Ich verteidige gar nichts. Aber vielleicht hat Gott etwas mit dem vergangenen Oktober zu tun. Das scheint mir keine so l�cherliche Vorstellung zu sein.�</p><p>�Nun, tats�chlich ist das, ja, doch, eine ziemliche l�cherliche Vorstellung.�</p><p>Sie verdrehte die Augen und stapfte, vor sich hinseufzend, voraus. Jase stellte das Buch zur�ck ins Regal.</p><p>Ich sagte ihm, dass die Leute meiner Meinung nach einfach nur verstehen wollten, was geschehen sei, und dass es deshalb solche B�cher gebe.</p><p>�Oder vielleicht wollen sie auch nur so tun, als w�rden sie verstehen wollen. Das nennt man Realit�tsverweigerung. Willst du mal was wissen, Tyler?�</p><p>�Klar.�</p><p>�Beh�ltst du�s f�r dich?� Er senkte die Stimme so, dass Diane, ein paar Schritte von uns entfernt, ihn nicht h�ren konnte. �Es ist noch nicht �ffentlich bekannt gegeben.�</p><p>Eines der erstaunlichen Dinge an Jason war, dass er tats�chlich oft �ber wirklich bedeutende Informationen verf�gte, die dann erst ein oder zwei Tage sp�ter in den Nachrichten auftauchten. In gewisser Weise war die Rice Academy nur seine Tagesschule, seine eigentliche Ausbildung fand unter Anleitung seines Vaters statt, und E. D. wollte ihm von Anfang an ein Verst�ndnis daf�r vermitteln, wie Gesch�ft, Wissenschaft und Technologie sich mit politischer Macht �berschneiden. E. D. hatte sich die entsprechenden Erkenntnisse h�chstselbst zunutze gemacht: Der Verlust der Telekommunikationssatelliten hatte einen riesigen neuen, sowohl zivilen als auch milit�rischen Markt f�r die H�henballons (�Aerostaten�) er�ffnet, die seine Firma herstellte. Eine Nischentechnologie wurde zum Renner, und E. D. war ganz vorn mit dabei. Und manchmal vertraute er seinem vierzehnj�hrigen Sohn Geheimnisse an, die er einem Konkurrenten nicht im Traum verraten w�rde.</p><p>E. D. wusste nat�rlich nicht, dass Jason diese Geheimnisse gelegentlich an mich weitergab. Ich behielt sie allerdings aufs Gewissenhafteste f�r mich. (Wem h�tte ich sie auch schon verraten k�nnen? Ich hatte sonst keine richtigen Freunde; wir lebten in einer Gegend, in der soziale Unterschiede haarscharf wahrgenommen und bewertet wurden, und ernste, lerneifrige S�hne von alleinerziehenden, berufst�tigen M�ttern standen in der Popularit�tstabelle nicht sehr weit oben.)</p><p>Jason fl�sterte jetzt fast. �Du hast von den drei russischen Kosmonauten geh�rt? Die im letzten Oktober gerade im Weltraum waren?�</p><p>In der Nacht des Ereignisses verschwunden und f�r tot erkl�rt. Ich nickte.</p><p>�Einer von ihnen lebt. Lebt und ist wieder in Moskau. Die Russen sagen nicht viel. Aber es geht das Ger�cht, dass er komplett verr�ckt geworden ist.�</p><p>Ich starrte ihn mit gro�en Augen an, doch mehr wollte er nicht herausr�cken.</p><empty-line/><p>Es dauerte zw�lf Monate, bis die Wahrheit ans Licht kam, und als sie endlich �ffentlich gemacht wurde (als Fu�note in einer europ�ischen Geschichte der fr�hen Spin-Jahre), musste ich an den Tag in der Mall denken.</p><p>Folgendes war geschehen: Drei russische Kosmonauten hatten sich, von einem Aufr�umeinsatz in der moribunden Internationalen Raumstation zur�ckkehrend, in der Nacht des Oktober-Ereignisses in der Erdumlaufbahn befunden. Kurz nach Mitternacht Ostk�stenzeit stellte der Einsatzkommandant, ein gewisser Oberst Leonid Glawin, fest, dass der Funkkontakt zur Bodenstation abgerissen war. Er unternahm wiederholte, stets erfolglose Versuche, ihn wiederherzustellen. So beunruhigend das f�r die Kosmonauten schon gewesen sein muss, es wurde alles sehr schnell noch schlimmer: Als die Sojus von der Nachtseite des Planeten in den Sonnenaufgang flog, schien es, als sei der Planet, den sie umkreiste, durch eine lichtlose schwarze Kugel ersetzt worden. Oberst Glawin sollte es sp�ter auf genau diese Weise beschreiben: als eine Schw�rze, eine Abwesenheit, sichtbar nur, wenn sie vor die Sonne trat, eine permanente Eklipse. Der schnelle Zyklus von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang bot den einzig �berzeugenden Anhaltspunkt daf�r, dass die Erde �berhaupt noch existierte. Abrupt erschien das Sonnenlicht hinter dem Umriss der Scheibe, keinerlei Reflexion in die Dunkelheit darunter werfend, und verschwand ebenso pl�tzlich, sobald die Raumkapsel wieder in die Nacht glitt.</p><p>Das Entsetzen der Kosmonauten muss unvorstellbar gewesen sein.</p><p>Nachdem sie eine Woche lang um die leere Dunkelheit gekreist waren, entschlossen sie sich, lieber einen Wiedereintritt ohne Beistand der Bodenstation zu versuchen, als weiter im Weltraum zu bleiben oder an die leere Raumstation anzudocken; lieber auf der Erde�� oder dem, was aus der Erde geworden war�� sterben, als in der v�lligen Einsamkeit des Alls zu verhungern. Ohne Anleitung vom Boden und ohne visuelle Orientierungspunkte waren sie jedoch gezwungen, sich auf Berechnungen zu st�tzen, die sie von ihrer letzten bekannten Position aus extrapolierten. So trat die Sojus-Kapsel in einem gef�hrlich steilen Winkel in die Atmosph�re ein, wurde von extremen Fliehkr�ften gesch�ttelt und verlor w�hrend des Abstiegs einen unverzichtbaren Fallschirm.</p><p>Die Kapsel schlug auf einem bewaldeten Hang im Ruhrtal auf. Wassily Golubjew wurde sofort get�tet, Walentina Kirchoff erlitt eine schwere Kopfverletzung und starb nach wenigen Stunden. Der benommene Oberst Glawin, der lediglich ein gebrochenes Handgelenk und geringf�gige Absch�rfungen zu beklagen hatte, schaffte es, das Raumfahrzeug zu verlassen und wurde schlie�lich von einer deutschen Rettungsmannschaft aufgefunden und den Russen �bergeben.</p><p>Nach wiederholten Befragungen kam man zu dem Schluss, dass Glawin in der Folge seines Martyriums den Verstand verloren hatte. Der Oberst erkl�rte beharrlich, dass er mit seiner Crew drei Wochen in der Umlaufbahn verbracht h�tte, aber das war ganz offensichtlich Irrsinn. Denn die Sojus-Kapsel war, wie das ganze andere k�nstliche Weltrauminventar, noch in der Nacht des Oktober-Ereignisses auf die Erde zur�ckgest�rzt.</p><empty-line/><p>Zu Mittag a�en wir im Food Court in der Mall, wo Diane drei M�dchen entdeckte, die sie aus der Academy kannte. Sie waren schon etwas �lter, unfassbar kultiviert und mond�n in meinen Augen, mit blau oder rosa get�nten Haaren, die teuren Schlaghosen ganz tief auf der H�fte sitzend, um die blassen H�lse Kettchen mit winzigem Goldkreuz. Diane zerkn�llte ihre Taco-Verpackung und ging zu ihrem Tisch r�ber. Kurz darauf steckten sie alle vier die K�pfe zusammen und lachten. Pl�tzlich sahen mein Burrito und die Pommes ziemlich unappetitlich aus.</p><p>Jason wertete aus, was er in meinem Gesicht sah. �Wei�t du�, sagte er sanft, �das ist halt unvermeidlich.�</p><p>�Was ist unvermeidlich?�</p><p>�Sie lebt nicht mehr in unserer Welt. Du, ich, Diane, das Gro�e Haus und das Kleine Haus. Samstags in die Mall, sonntags ins Kino. Das hat funktioniert, solange wir Kinder waren. Aber wir sind keine Kinder mehr.�</p><p>Waren wir das nicht mehr? Nein, nat�rlich nicht�� aber hatte ich mir auch �berlegt, was das bedeutete oder bedeuten konnte?</p><p>�Sie hat jetzt schon seit einem Jahr ihre Periode�, f�gte Jason noch hinzu.</p><p>Ich erbleichte. Das war mehr, als ich wissen musste. Und dennoch: ich war eifers�chtig, dass er es wusste und ich nicht. Sie hatte mir nichts von ihrer Periode oder ihren Freundinnen von der Rice Academy erz�hlt. All die Vertraulichkeiten, die sie mir am Telefon mitgeteilt hatte, waren, das begriff ich pl�tzlich, Kinderkram: Geschichten �ber Jason und ihre Eltern und dar�ber, was sie beim Abendessen nicht gemocht hatte. Hier war der Beweis, dass sie ebenso viel verborgen wie mitgeteilt hatte; hier manifestierte sich eine Diane, die ich nie kennen gelernt hatte.</p><p>�Wir sollten wieder nach Hause fahren�, sagte ich zu Jason.</p><p>Er warf mir einen mitleidigen Blick zu. �Wenn du m�chtest.� Er stand auf.</p><p>�Sagst du Diane Bescheid, dass wir gehen?�</p><p>�Ich glaube, sie ist besch�ftigt, Tyler. K�nnte mir vorstellen, dass sie noch etwas vorhat.�</p><p>�Aber sie muss mit uns zur�ckfahren.�</p><p>�Nein, das muss sie nicht.�</p><p>Ich war emp�rt. Sie konnte uns nicht einfach fallen lassen, das war ihrer nicht w�rdig. Ich erhob mich und ging hin�ber. Diane und ihre drei Freundinnen schenkten mir ihre volle Aufmerksamkeit. Ich wandte mich direkt an Diane, ignorierte die anderen. �Wir fahren nach Hause.�</p><p>Die drei Rice-M�dchen lachten lauthals los. Diane l�chelte nur peinlich ber�hrt und sagte: �Okay, Ty. Klasse. Wir sehen uns dann sp�ter.�</p><p>�Aber��</p><p>Aber was? Sie sah mich schon nicht mal mehr an.</p><p>Als ich wegging, h�rte ich, wie eines der M�dchen Diane fragte, ob ich �noch ein anderer Bruder� sei. Nein, erwiderte sie. Nur ein Junge, den sie kenne.</p><p>Jason, der ein etwas unangenehmes Mitgef�hl an den Tag legte, bot mir an, auf der R�ckfahrt die R�der zu tauschen. Sein Fahrrad interessierte mich zwar momentan herzlich wenig, aber ich dachte, dass so ein Fahrradtausch vielleicht eine ganz gute M�glichkeit w�re, meine Gef�hle zu verbergen.</p><p>Also k�mpften wir uns wieder hinauf zum h�chsten Punkt der Bantam Hill Road, von wo sich der Asphalt wie ein schwarzes Band nach unten bis zu den von B�umen beschatteten Stra�en erstreckte. Das Mittagessen f�hlte sich an wie ein unter meinen Rippen eingegrabener Schlackenstein. Ich nahm die steile Neigung der Stra�e sorgsam in Augenschein.</p><p>�Lass einfach rollen�, sagte Jason. �Nur zu. Du musst dich reinfallen lassen.�</p><p>W�rde die Geschwindigkeit mich ablenken? Konnte mich irgendetwas ablenken? Ich hasste mich daf�r, dass ich mir erlaubt hatte zu glauben, ich st�nde im Mittelpunkt von Dianes Welt.</p><p>Wo ich doch nur ein Junge war, den sie kannte� Aber es war wirklich ein wunderbares Fahrrad, das Jason mir da geliehen hatte. Ich stand auf den Pedalen, forderte die Schwerkraft heraus. Die Reifen knirschten auf dem staubigen Asphalt, doch die Kette und die Kugellager waren wie Samt, v�llig leise, abgesehen von einem feinen Schnurren. Der Wind rauschte an mir vorbei, als ich Geschwindigkeit aufnahm. Ich flog an adrett bemalten H�usern vorbei, in deren Auffahrten teure Autos parkten; ich war einsam, aber frei. Als ich dem unteren Ende n�her kam, dr�ckte ich die Handbremse, nahm etwas Schwung heraus, ohne eigentlich langsamer zu werden. Ich wollte nicht anhalten, es war eine sch�ne Fahrt.</p><p>Aber die Stra�e wurde eben, und schlie�lich bremste ich und kam leicht schwankend zum Stehen, den linken Fu� auf den Asphalt setzend. Ich sah zur�ck.</p><p>Jason stand, mein altes Klapperrad unter dem Hintern, ganz oben auf der Bantam Hill Road, so weit entfernt, dass er aussah wie ein einsamer Reiter in einem alten Western. Ich winkte. Jetzt war er an der Reihe.</p><p>Jason war diesen H�gel sicher schon tausendmal hinauf- und hinuntergefahren. Aber noch nie auf einem schrottigen Secondhand-Fahrrad.</p><p>Er passte besser auf das Fahrrad als ich. Er hatte l�ngere Beine, bei ihm sah es nicht so aus, als w�rde der Rahmen ihn �berragen. Allerdings hatten wir bisher noch nie die R�der getauscht, und ich musste an all die Fehler und kleinen Eigenheiten denken, die dieses Rad auszeichneten und die ich genauestens kannte, an die ich meinen Fahrstil angepasst hatte�� indem ich etwa vermied, scharf nach rechts zu lenken, weil der Rahmen etwas verzogen war, indem ich mich immer auf pl�tzliche Wackler gefasst machte, indem ich stets daran dachte, dass die Gangschaltung ein Witz war. Jason wusste das alles nicht; die Abfahrt konnte heikel werden. Ich wollte ihm sagen, dass er es langsam angehen sollte, aber selbst wenn ich geschrien h�tte, h�tte er mich nicht geh�rt, ich war einfach zu weit weg. Er hob die F��e an wie ein gro�es, linkisches Kind. Das Rad war schwer, es brauchte ein paar Sekunden, um richtig in Gang zu kommen, und ich wusste, wie schwer es erst sein w�rde, es zum Halten zu bringen. Es war reine Masse, ohne jede Grazie. Meine H�nde spannten sich um imagin�re Bremsen.</p><p>Ich glaube, Jason ahnte erst, dass er ein Problem hatte, als er etwa drei Viertel der Strecke zur�ckgelegt hatte. Das war der Moment, als die roststarre Kette riss und gegen seinen Kn�chel peitschte. Er war jetzt so nahe, dass ich sehen konnte, wie er zusammenzuckte und kurz aufschrie. Das Rad wackelte, aber wie durch ein Wunder gelang es ihm, es aufrecht zu halten.</p><p>Ein Ende der Kette verfing sich am Hinterrad und schlug gegen die Speichen, ein Ger�usch, das an einen kaputten Presslufthammer erinnerte. Zwei H�user weiter hielt sich eine Frau, die gerade ihren Garten j�tete, die Ohren zu und drehte sich nach dem L�rm um.</p><p>Es war wirklich erstaunlich, wie lange Jason die Kontrolle �ber das Rad behielt. Ohne ein Athlet zu sein, war er doch eins mit seinem langen, schlaksigen K�rper. Er streckte die Beine von sich, um das Gleichgewicht zu halten�� die Pedale waren nutzlos geworden��, und steuerte mit dem Vorderrad eisern geradeaus, w�hrend das Hinterrad blockierte und �ber den Asphalt schleifte. Er hielt stand. Was mich besonders erstaunte, war die Art, wie sein K�rper sich nicht etwa versteifte, sondern sich sogar zu entspannen schien, als sei er mit der L�sung eines zwar schwierigen, aber interessanten Problems besch�ftigt, als hege er die unersch�tterliche �berzeugung, dass das Zusammenwirken seines Verstands, seines K�rpers und der Maschine, auf der er sa�, ihn jegliche Herausforderung w�rde meistern lassen.</p><p>Es war die Maschine, die zuerst versagte. Das um sich schlagende lose Ende der schmierigen Kette zw�ngte sich zwischen Reifen und Rahmen. Das Hinterrad, ohnehin schon au�er Gefecht gesetzt, verbog sich immer mehr und klappte schlie�lich zusammen, abgerissenes Gummi und freigesetzte Kugellager durch die Gegend schleudernd. Jason flog vom Rad und purzelte durch die Luft wie eine aus dem Fenster geworfene Schaufensterpuppe. Zuerst prallten seine F��e auf den Asphalt, dann die Knie, die Ellbogen, der Kopf, w�hrend das zerdetschte Fahrrad an ihm vorbeisegelte und am Stra�enrand zum Liegen kam, das Vorderrad drehte sich immer noch klappernd weiter. Ich lie� sein Fahrrad fallen und lief zu ihm.</p><p>Er w�lzte sich herum und blickte auf, kurzzeitig verwirrt. Hemd und Hose waren zerrissen. Seine Stirn und die Nase waren aufgesch�rft und bluteten heftig. Auch ein Kn�chel war aufgerissen. Seine Augen tr�nten vom Schmerz. �Tyler�, sagte er. �Oh, uh, uh� tut mir Leid, das mit deinem Rad, ey.�</p><p>Ich will diesen Vorfall nicht �berbewerten, aber ich musste doch so manches Mal daran denken in den folgenden Jahren�� Jasons Maschine und Jasons K�rper, aneinander gekettet in riskanter Beschleunigung, und sein unbeirrbarer Glaube daran, dass er die Situation bew�ltigen k�nne, ganz allein, solange er sich nur entschlossen genug bem�hte, solange er nur nicht die Kontrolle verlor.</p><empty-line/><p>Wir lie�en das v�llig zerst�rte Fahrrad im Rinnstein liegen, und ich schob Jasons Luxusger�t f�r ihn nach Hause. Er trottete neben mir her. Er hatte offensichtlich Schmerzen, versuchte es sich aber nicht anmerken zu lassen. Die rechte Hand hielt er vor die blutende Stirn, so als brumme ihm der Kopf, was er vermutlich auch tat.</p><p>Als wir uns dem Gro�en Haus n�herten, sprangen Jasons Eltern beide die Verandatreppe herunter und kamen uns in der Auffahrt entgegen. E. D. Lawton, der uns von seinem Arbeitszimmer aus beobachtet haben musste, sah w�tend und besorgt aus; er sch�rzte den Mund und runzelte die Stirn, dass die Brauen sich �ber die blitzenden Augen w�lbten. Jasons Mutter, ein St�ck dahinter, war distanzierter, weniger interessiert, vielleicht sogar ein bisschen betrunken, dem Schwanken nach zu urteilen, mit dem sie aus der T�r gekommen war.</p><p>E. D. nahm Jason�� der pl�tzlich viel j�nger und weniger selbstsicher wirkte�� in Augenschein und wies ihn dann an, ins Haus zu gehen und sich sauber zu machen.</p><p>Dann wandte er sich mir zu.</p><p>�Tyler�, sagte er.</p><p>�Sir?�</p><p>�Ich nehme an, du warst nicht verantwortlich f�r diesen Vorfall. Das hoffe ich jedenfalls.�</p><p>Hatte er bemerkt, dass mein Fahrrad fehlte und Jasons unbesch�digt war? Wollte er mir irgendwelche Vorw�rfe machen? Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich sah den Rasen an.</p><p>E. D. seufzte. �Lass mich dir etwas erkl�ren. Du bist Jasons Freund. Das ist gut. Jason braucht das. Aber du musst begreifen, dass deine Anwesenheit hier�� deine Mutter wei� das sehr gut�� mit gewissen Verpflichtungen verbunden ist. Wenn du mit Jason Zusammensein willst, erwarte ich von dir, dass du auf ihn Acht gibst. Ich erwarte, dass du vern�nftige Entscheidungen triffst. Vielleicht kommt Jason dir wie ein gew�hnlicher Junge vor. Aber das ist er nicht. Jason ist hoch begabt und er hat eine gro�e Zukunft vor sich. Wir k�nnen nicht zulassen, dass das in irgendeiner Form gef�hrdet wird.�</p><p>�Genau�, schaltete sich Carol Lawton ein, und jetzt wusste ich mit Gewissheit, dass sie getrunken hatte. Sie legte den Kopf schief und taumelte fast in das Kiesbett, dass die Auffahrt von der Hecke trennte. �Genau, er ist ein verdammtes Genie. Er wird das j�ngste Genie am M.I.T. sein. Mach ihn nicht kaputt, Tyler, er ist zerbrechlich.�</p><p>E. D. wandte den Blick nicht von mir ab. �Geh wieder rein, Carol�, sagte er tonlos. Dann: �Haben wir uns verstanden, Tyler?�</p><p>�Ja, Sir.�</p><p>Ich hatte E. D. �berhaupt nicht verstanden. Aber ich wusste, dass jedenfalls ein Teil dessen, was er gesagt hatte, wahr war. Ja, Jason war etwas Besonderes. Und ja, es war meine Aufgabe, auf ihn aufzupassen.</p></section><section><title><p>Zeit aus den Fugen</p></title><p>Die Wahrheit �ber den Spin h�rte ich f�nf Jahre nach dem Oktober-Ereignis, in einer bitterkalten Winternacht, w�hrend einer Rodelparty. Nat�rlich war es Jason, von dem ich sie erfuhr.</p><p>Der Abend begann mit einem Essen bei den Lawtons. Jason war von der Universit�t gekommen, um die Weihnachtsferien zu Hause zu verbringen, daher hatte die Mahlzeit etwas Feierliches, obwohl sie �im Kreis der Familie� stattfand�� ich war auf Jasons Dr�ngen eingeladen worden, vermutlich gegen den Willen von E. D.</p><p>�Deine Mutter sollte auch hier sein�, fl�sterte Diane, als sie mir die T�r aufmachte. �Ich habe versucht, E. D. dazu zu bewegen, sie einzuladen, aber�� Sie zuckte mit den Achseln.</p><p>Das sei schon in Ordnung, erwiderte ich. Jason w�re bereits vorbeigekommen, um Hallo zu sagen. �Sie f�hlt sich sowieso nicht wohl.� Sie hatte sich mit Kopfschmerzen ins Bett gelegt. Au�erdem hatte ich keinen Anlass, mich �ber E. D. zu beklagen: erst letzten Monat hatte er angeboten, f�r mich die Studiengeb�hr an der medizinischen Fakult�t zu �bernehmen, falls ich die Aufnahmepr�fung bestand, �weil�, wie er sagte, �das deinem Vater gefallen h�tte�. Es war eine sowohl gro�z�gige als auch emotional zweifelhafte Geste�� freilich eine, die abzulehnen ich mir keinesfalls leisten konnte.</p><p>Marcus Dupree, mein Vater, war E. D. Lawtons engster�� manche sagen: einziger�� Freund gewesen, damals in Sacramento, als sie Aerostat-�berwachungsger�te an das Wetteramt und die Grenzpolizei verkauften. Meine eigenen Erinnerungen an ihn waren bruchst�ckhaft und vermutlich geformt von den Geschichten, die mir meine Mutter erz�hlt hatte�� wenn ich mich auch genau an das Klopfen an der T�r erinnere, in jener Nacht, in der er starb. Er war der einzige Sohn einer franz�sisch-kanadischen, sp�ter nach Maine gezogenen, mittellosen Familie gewesen, stolz auf sein Ingenieurspatent, begabt, aber in Geldfragen heillos naiv: Er hatte seine ganzen Ersparnisse bei Aktienspekulationen verloren und meiner Mutter eine Hypothek hinterlassen, die sie nicht tragen konnte.</p><p>Als sie in den Osten zogen, engagierten Carol und E. D. meine Mutter als Haush�lterin, was wom�glich E. D.s Versuch war, sich ein lebendes Andenken an seinen Freund zu schaffen. War es von Bedeutung, dass E. D. sie nie vergessen lie�, wer ihr diesen Gefallen getan hatte? Dass er sie fortan wie ein Haushaltszubeh�r behandelte? Dass er eine Art Kastenwesen pflegte, in dem die Familie Dupree ganz klar der zweiten Kategorie angeh�rte? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Gro�z�gigkeit jeglicher Art ist ein seltenes Tier, pflegte meine Mutter zu sagen. Wom�glich bildete ich mir also das Vergn�gen nur ein, das er an der intellektuellen Kluft zwischen Jason und mir zu haben schien, und auch seine scheinbare �berzeugung, dass ich qua Geburt dazu bestimmt sei, Jason als Folie zu dienen, gleichsam als Ma�stab der Normalit�t, an dem man Jasons Besonderheit ablesen konnte.</p><p>Zum Gl�ck wussten Jason und ich beide, dass das Bl�dsinn war.</p><p>Diane und Carol sa�en schon am Tisch, als ich Platz nahm. Carol war erstaunlicherweise n�chtern, oder jedenfalls nicht so betrunken, dass man es merkte. Sie hatte ihre Arztpraxis vor einigen Jahren aufgegeben und blieb in letzter Zeit meistens zu Hause, um nicht das Risiko einzugehen, mit Alkohol am Steuer aufgegriffen zu werden. Sie l�chelte mir fl�chtig zu. �Tyler�, sagte sie. �Willkommen.�</p><p>Ein paar Minuten sp�ter kamen Jason und sein Vater, stirnrunzelnd und bedeutungsvolle Blicke wechselnd, die Treppe herunter�� offensichtlich lag irgendetwas an. Jason nickte zerstreut, als er sich auf den Stuhl neben mich setzte.</p><p>Wie die meisten Veranstaltungen der Lawtons verlief dieses Abendessen in freundlicher, aber gezwungener Atmosph�re. Wir reichten einander die Erbsen und machten Smalltalk. Carol war abwesend, E. D. ungew�hnlich still. Diane und Jason versuchten immer mal wieder, sich um die Konversation verdient zu machen, doch es war offenkundig etwas zwischen Jason und seinem Vater zur Sprache gekommen, auf das keiner von beiden n�her eingehen wollte. Jase wirkte so angespannt, dass ich mich, als der Nachtisch kam, fragte, ob er vielleicht krank sei�� kaum einmal nahm er die Augen von seinem Teller, den er wiederum praktisch nicht anger�hrt hatte. Als es Zeit war, zur Rodelparty aufzubrechen, erhob er sich nur mit deutlichem Widerwillen und schien im Begriff, sich zu entschuldigen, doch E. D. sagte: �Lass nur, nimm dir einen Abend frei, das wird dir gut tun.� Ich fragte mich: freinehmen <emphasis>wovon?</emphasis></p><p>Zu der Party fuhren wir in Dianes Auto, einem bescheidenen kleinen Honda, ein typisches �Mein erstes Auto�-Auto, wie Diane sich ausdr�ckte. Ich sa� hinter dem Fahrersitz, Jason vorne neben seiner Schwester, die Knie gegen das Handschuhfach gedr�ckt.</p><p>�Was war los?�, fragte ihn Diane. �Hat er dir den Hintern versohlt?�</p><p>�Schwerlich.�</p><p>�Du benimmst dich aber so, als ob.�</p><p>�Tats�chlich? Tut mir Leid.�</p><p>Der Himmel, versteht sich, war dunkel. Unser Scheinwerferlicht strich, als wir nach Norden bogen, �ber verschneite Rasenfl�chen, �ber eine Wand laubloser B�ume. Wir hatten vor drei Tagen Rekordschneef�lle gehabt, gefolgt von einem K�lteeinbruch, der den Schnee �berall dort, wo die Schneepfl�ge nicht hingekommen waren, unter einer Eishaut einbalsamiert hatte. Nur wenige, vorsichtig fahrende Autos kamen uns entgegen.</p><p>�Was war�s denn dann? Etwas Ernstes?�</p><p>Jason zuckte mit den Achseln.</p><p>�Was? Seuchen? Hungersn�te?�</p><p>Wieder zuckte er mit den Achseln und schlug den Kragen seiner Jacke hoch.</p><empty-line/><p>Auf der Party war er nicht viel besser drauf. Andererseits war es auch keine besonders tolle Party.</p><p>Es war ein Treffen ehemaliger Rice-Klassenkameraden von Jason und Diane, ausgerichtet von der Familie eines Rice-Absolventen, der gerade von irgendeiner Eliteuniversit�t f�r die Ferien mach Hause gekommen war. Seine Eltern versuchten, den Abend einigerma�en respektabel zu gestalten: mit Fingerfood, hei�em Kakao und Schlittenfahren auf dem sanften H�gel hinter dem Haus. Doch f�r die Mehrzahl der G�ste�� ernste Wohlstandskinder, die schon im Zahnspangenalter in Zermatt oder Gstaad Ski gelaufen waren�� war es nur ein weiterer Trinkanlass. Drau�en, unter bunten Lichtergirlanden, zirkulierten mehr oder weniger heimlich die Flachm�nner, und im Keller verkaufte ein Typ namens Brent Ecstasy.</p><p>Jason suchte sich einen Sessel in irgendeiner Ecke und blickte jeden finster an, der ein freundliches Gesicht machte. Diane stellte mir ein gro��ugiges M�dchen namens Holly vor und verlie� mich dann, w�hrend Holly einen Monolog �ber s�mtliche Filme, die sie in den letzten zw�lf Monaten gesehen hatte, vom Stapel lie�. Fast eine Stunde trieb sie mich durchs Zimmer, nur hin und wieder innehaltend, um sich ein St�ck Sushi von einem Tablett zu schnappen. Als sie mal aufs Klo musste, huschte ich hin�ber in Jasons Schmollecke und bat ihn flehentlich, mit mir nach drau�en zu gehen.</p><p>�Ich hab keine Lust zum Rodeln.�</p><p>�Ich auch nicht. Tu mir einfach einen Gefallen, okay?�</p><p>Also zogen wir unsere Stiefel und Jacken an und trotteten nach drau�en. Die Nacht war kalt und windstill. Ein halbes Dutzend Rice-Sch�ler stand in einem Nebel von Zigarettenrauch auf der Veranda und starrte uns an. Wir folgten einem Pfad im Schnee, bis wir mehr oder weniger f�r uns waren, auf einem kleinen H�gel, von wo aus wir einigen halbherzigen Rodlern zusehen konnten, wie sie durch den Schein der Weihnachtsbeleuchtung schlitterten. Ich erz�hlte Jason von Holly, die sich an mich geheftet hatte wie eine Klette. Achselzuckend erwiderte er: �Jeder hat so seine Probleme.�</p><p>�Was zum Teufel ist eigentlich los mit dir heute Abend?� Bevor er antworten konnte, klingelte mein Handy. Es war Diane, die vom Haus aus anrief. �Wo seid ihr hin? Holly ist ziemlich sauer. Sie einfach so stehen zu lassen. Ziemlich unh�flich, Tyler.�</p><p>�Da muss doch noch jemand anders sein, den sie zutexten kann.�</p><p>�Sie ist einfach unsicher. Sie kennt hier kaum jemanden.� �Tut mir Leid, aber inwiefern ist das mein Problem?� �Ich dachte nur, mit euch beiden k�nnte es passen.� Ich blinzelte. �Es k�nnte mit uns passen?� Wie sollte man das interpretieren, wenn nicht� �Soll das hei�en, du wolltest uns verkuppeln?�</p><p>Sie z�gerte ein, zwei lange Sekunden. �Ach, komm, Tyler, reg dich nicht auf.�</p><p>Seit f�nf Jahren tauchte Diane mal mehr, mal weniger scharf auf meiner Bildfl�che auf. Es hatte Zeiten gegeben�� vor allem, nachdem Jason auf die Uni gegangen war��, in denen ich mir wie ihr bester Freund vorgekommen war. Sie rief an, wir redeten, wir shoppten oder sahen uns Filme an. Wir waren Freunde. Kumpel. Sofern es irgendeine sexuelle Spannung gab, schien sie ganz auf meiner Seite zu liegen, und ich war sorgf�ltig darauf bedacht, sie zu verbergen, weil selbst diese Teilintimit�t fragil war�� das wusste ich, ohne dass man es mir sagen musste. Was immer Diane bei mir suchte, es hatte nichts mit irgend gearteter Leidenschaft zu tun.</p><p>E. D. h�tte nat�rlich kein Verh�ltnis zwischen mir und Diane geduldet, es sei denn, es war kindlicher Natur, fand unter Aufsicht statt und barg keine Gefahr, unerwartete Wendungen zu nehmen. Aber auch Diane schien die Distanz zwischen uns ganz gut in den Kram zu passen, und so sah ich sie manchmal monatelang fast gar nicht, allenfalls, dass ich ihr von ferne zuwinkte, wenn sie auf den Rice-Bus wartete (solange sie noch auf die Academy ging). W�hrend dieser Phasen rief sie nicht an, und wenn ich mal, was selten genug vorkam, die K�hnheit besa�, bei ihr durchzuklingeln, war sie nicht zum Reden aufgelegt.</p><p>W�hrend dieser Zeit ging ich gelegentlich mit M�dchen von meiner Schule aus, sch�chternen M�dchen zumeist, die eigentlich (oft genug explizit) lieber von Jungen mit h�herem Popularit�tsgrad ausgef�hrt worden w�ren, sich aber mehr oder weniger damit abgefunden hatten, ein gesellschaftliches Leben zweiter Wahl zu f�hren. Keine dieser Verbindungen war von Dauer. Als ich siebzehn war, verlor ich meine Unschuld an ein h�bsches, verbl�ffend gro�es M�dchen namens Elaine Bowland; ich versuchte mir einzureden, dass ich in sie verliebt sei, aber nach acht oder neun Wochen gingen wir mit einer Mischung aus Bedauern und Erleichterung wieder auseinander.</p><p>Nach jeder dieser Episoden rief Diane ganz unerwartet an, und wir redeten; ich erw�hnte dann Elaine Bowland oder Toni Hickock oder Sarah Burstein, und Diane kam irgendwie nie so recht dazu, mir zu erz�hlen, wie <emphasis>sie </emphasis>die Pause in unserer Beziehung verbracht hatte, aber das machte nichts, denn schon bald waren wir wieder in unserer Blase gelandet, frei schwebend zwischen Romanze und Heuchelei, Kindheit und Reife.</p><p>Ich bem�hte mich, nicht mehr zu erwarten. Doch ich konnte nicht aufh�ren, mit ihr zusammen sein zu wollen. Und mir schien, dass auch sie meine Gesellschaft suchte; schlie�lich kam sie immer wieder auf mich zur�ck. Ich hatte gesehen, wie sie sich entspannte, wenn ich da war, ihr spontanes L�cheln, wenn ich den Raum betrat, als wolle sie sagen: Oh, gut, Tyler ist da. Wenn Tyler da ist, kann nichts passieren.</p><p>�Tyler?�</p><p>Ich fragte mich, was sie Holly erz�hlt hatte. Tyler ist echt nett, aber er l�uft mir schon seit Jahren st�ndig nach. Ihr beide w�rdet toll zusammenpassen�</p><p>�Tyler?� Sie klang bek�mmert. �Tyler, wenn du nicht reden m�chtest��</p><p>�Nein, m�chte ich eigentlich nicht.�</p><p>�Dann gib mir bitte Jason.�</p><p>Ich reichte ihm das Handy. Jason h�rte eine Weile zu, dann sagte er: �Wir sind hier auf dem H�gel. Nein. Nein. Komm doch auch raus. So kalt ist es auch wieder nicht. Nein.�</p><p>Ich wollte sie nicht sehen, ich schickte mich an, wegzugehen. Jason warf mir das Handy zu und sagte: �Sei kein Arsch, Tyler. Ich muss mit dir <emphasis>und </emphasis>Diane reden.�</p><p>�Wor�ber?�</p><p>��ber die Zukunft.�</p><p>Das war eine �rgerlich kryptische Bemerkung. �Dir ist vielleicht nicht kalt, mir schon.� Saum��ig kalt.</p><p>�Es geht hier um Wichtigeres als die Probleme, die du mit meiner Schwester haben magst.� Er wirkte auf fast komische Weise ernst. �Und ich wei�, was sie dir bedeutet.�</p><p>�Sie bedeutet mir gar nichts.�</p><p>�Das w�re nicht einmal dann wahr, wenn ihr nur Freunde w�rt.�</p><p>�Wir <emphasis>sind </emphasis>nur Freunde.� Ich hatte eigentlich noch nie mit ihm �ber Diane gesprochen; das war ein Thema, das wir bei unseren Gespr�chen m�hsam umschifften. �Frag sie doch selbst.�</p><p>�Du bist sauer, weil sie dich dieser Holly vorgestellt hat.�</p><p>�Ich m�chte das nicht diskutieren.�</p><p>�Aber sie wollte damit doch nur ein frommes Werk tun. Dianes neue Masche. Sie hat all diese B�cher gelesen.�</p><p>�Was f�r B�cher?�</p><p>�Apokalyptische Theologie. Meistens irgendwelche Bestseller. Du wei�t schon: C. R. Ratel, �Beten in der Finsternis�, die Absage an das weltliche Ich. Du musst mehr Nachmittagsfernsehen gucken, Tyler. Sie wollte dich nicht kr�nken. Das war als Geste gedacht.�</p><p>�Und dadurch wird es besser?� Ich machte einige weitere Schritte von ihm weg, in Richtung Haus, und fragte mich, wie ich ohne Auto nach Hause kommen wollte.</p><p>�Tyler.� Irgendetwas in seiner Stimme veranlasste mich, stehen zu bleiben. �Tyler. H�r zu. Du hast mich gefragt, was mit mir los ist.� Er seufzte. �E. D. hat mir etwas �ber das Oktober-Ereignis erz�hlt. Es ist noch nicht f�r die �ffentlichkeit freigegeben. Ich habe ihm versprochen, dass ich nicht dar�ber rede, aber ich werde dieses Versprechen brechen. Ich werde es brechen, weil es nur drei Leute auf der Welt gibt, die ich als Familie empfinde. Einer davon ist mein Vater, die anderen beiden seid ihr, du und Diane. Also k�nntest du vielleicht noch ein paar Sekunden Geduld mit mir haben?�</p><p>Ich sah Diane, die den Hang hinaufgestapft kam, damit besch�ftigt, sich in ihren Parka zu zw�ngen, einen Arm drin, einen Arm drau�en.</p><p>Ich sah Jason, sah seinen entschieden ungl�cklichen Blick im tr�ben Lampenlicht. Es machte mir Angst, und ungeachtet meiner Gef�hle erkl�rte ich mich bereit, ihn anzuh�ren.</p><empty-line/><p>Jason fl�sterte Diane etwas zu, als sie uns erreichte. Sie blickte ihn mit gro�en Augen an, dann trat sie etwas zur�ck, hielt etwa gleichen Abstand zu uns beiden. Jason begann zu sprechen, sanft, methodisch, fast beschwichtigend, berichtete von einem Albtraum, als handle es sich um eine Gutenachtgeschichte.</p><p>Er hatte das alles nat�rlich von E. D. geh�rt.</p><p>F�r E. D. war es gut gelaufen nach dem Oktober-Ereignis. Kaum waren die Satelliten ausgefallen, stellte <emphasis>Lawton Industries </emphasis>auch schon Pl�ne f�r eine sofort installierbare, praktische Ersatztechnologie vor: H�henaerostaten, technisch avancierte Ballons, die auf unbestimmte Zeit in der Stratosph�re schweben konnten. F�nf Jahre sp�ter trugen E. D.s Aerostaten Telekom-Nutzlasten und Leitungsverst�rker, erm�glichten Multipoint-Stimmen- und Daten-�bertragungen, bewerkstelligten fast alles (au�er GPS und Astronomie), was konventionelle Satelliten auch gekonnt h�tten. E. D.s Macht und Einfluss waren schnell gewachsen. Erst vor kurzem hatte er eine Raumfahrt-Lobbygruppe, die Perihelion-Stiftung, gegr�ndet, und er hatte die Regierung bei einer Reihe von Projekten beraten, die nicht in der �ffentlichkeit verhandelt wurden. In diesem Fall ging es um das ARV-Programm�� Automated Reentry Vehicle, also automatisierte Wiedereintrittsfahrzeuge�� der NASA.</p><p>Die NASA hatte ihre ARV-Sonden in den letzten Jahren immer weiter verfeinert, um den Oktoberschild zu untersuchen. Konnte man ihn durchdringen? Konnten n�tzliche Daten von au�erhalb gewonnen werden?</p><p>Der erste Versuch war buchst�blich ein Schuss ins (Dunkel-) Blaue, eine einfache ARV-Nutzlast auf einer aufpolierten Lockheed Martin Atlas 2AS, hinaufgeschleudert in die absolute Dunkelheit �ber der Vandenberg Air Force Base. Anfangs hatte es nach einem Fehlschlag ausgesehen. Der Satellit, der eine Woche in der Umlaufbahn h�tte bleiben sollen, st�rzte wenige Augenblicke nach dem Start unweit der Bermudas in den Atlantik. Als ob er, sagte Jason, gegen die Oktober-Ereignis-Grenze gesto�en und zur�ckgeprallt w�re.</p><p>Aber er war <emphasis>nicht </emphasis>abgeprallt. �Als sie ihn bargen, konnten sie die Daten einer ganzen Woche downloaden.�</p><p>�Wie ist das m�glich?�</p><p>�Die Frage ist nicht, was <emphasis>m�glich </emphasis>ist, sondern was <emphasis>passiert </emphasis>ist. Und <emphasis>passiert </emphasis>ist eben, dass die Nutzlast sieben Tage in der Umlaufbahn verbracht hat und in derselben Nacht zur�ckgekehrt ist, in der sie gestartet war. Woher wissen wir, dass es so war? Weil jedes Mal das Gleiche passiert ist, bei jedem Start, den sie danach unternommen haben�� und sie haben es noch mehrmals versucht.�</p><p><emphasis>�Was </emphasis>ist passiert? Wovon sprichst du, Jase? Zeitreisen?�</p><p>�Nein� eigentlich nicht.�</p><p><emphasis>�Eigentlich </emphasis>nicht?�</p><p>�Lass ihn einfach erz�hlen�, sagte Diane ruhig.</p><p>Es gebe alle m�glichen Hinweise auf das, was tats�chlich geschehen ist, berichtete Jason. Beobachtungen vom Boden aus schienen darauf hinzudeuten, dass die Tr�gerraketen beschleunigt hatten, bevor sie hinter der Barriere verschwanden�� so, als seien sie hineingezogen worden. Doch die sichergestellten Borddaten zeigten keinen solchen Effekt. Die jeweiligen Beobachtungen lie�en sich nicht miteinander vereinbaren: Vom Boden aus gesehen, waren die Satelliten mit Beschleunigung in die Barriere geflogen und dann fast sofort zur Erde zur�ckgefallen, w�hrend die Satelliten selbst behaupteten, sie seien glatt und reibungslos in ihre vorgesehene Umlaufbahn gelangt, dort den geplanten Zeitraum �ber verblieben und mittels eigenem Antrieb Wochen oder Monate sp�ter wieder zur�ckgekehrt. (Wie bei dem russischen Kosmonauten, dachte ich, dessen offiziell nie best�tigte oder dementierte Geschichte zu einer Art modernen Sage geworden war.) Und wenn man annahm, dass beide Datens�tze zutreffend waren, dann gab es nur eine Erkl�rung: Au�erhalb der Barriere herrschte eine andere Zeit.</p><p>Oder, von einem anderen Blickwinkel aus gesehen: Auf der Erde verging die Zeit langsamer als im �brigen Universum.</p><p>�Versteht ihr, was das bedeutet?�, fragte Jason. �Vorher sah es so aus, als steckten wir in einer Art elektromagnetischem K�fig, der die zur Erde gelangende Energie regulierte. Und das trifft auch zu. Aber es ist im Grunde nur ein Nebeneffekt, ein kleiner Ausschnitt eines sehr viel gr��eren Bildes.�</p><p>�Nebeneffekt wovon?�, fragte ich.</p><p>�Von dem, was man als <emphasis>Zeitgradient </emphasis>bezeichnet. Versteht ihr? F�r jede Sekunde, die auf der Erde vergeht, vergeht au�erhalb der Barriere sehr viel mehr Zeit.�</p><p>�Das ergibt doch keinen Sinn. Was soll das f�r eine Physik sein, die da am Wirken ist?�</p><p>�Leute, die erheblich mehr Erfahrung haben als ich, plagen sich momentan mit dieser Frage ab. Aber die Vorstellung eines Zeitgradienten hat etwas f�r sich. Wenn es ein zeitliches Gef�lle zwischen uns und dem Universum gibt, dann w�rde die zu einem bestimmten Zeitpunkt an die Erdoberfl�che gelangende Umgebungsstrahlung�� Sonnenlicht, R�ntgenstrahlen, kosmische Strahlung�� proportional beschleunigt werden. Und die Sonnenstrahlen eines Jahres, auf zehn Sekunden kondensiert, w�ren unmittelbar t�dlich. Die elektromagnetische Barriere um die Erde verbirgt uns also nicht, sie <emphasis>besch�tzt </emphasis>uns. Sie schirmt diese ganze konzentrierte�� und ich vermute mal: blauverschobene�� Strahlung ab.�</p><p>�Das gef�lschte Sonnenlicht.� Diane hatte es kapiert.</p><p>�Genau. Sie haben uns falsches Sonnenlicht gegeben, weil der echte Stoff t�dlich w�re. Gerade mal genug davon, und zwar ordnungsgem�� verteilt, um die Jahreszeiten nachzuahmen, Ackerbau m�glich zu machen und so etwas wie Wetter zu fabrizieren. Die Gezeiten, unsere Flugbahn um die Sonne�� Masse, Impuls, Anziehungskraft��, all diese Dinge werden manipuliert, nicht nur, um uns abzubremsen, sondern auch, um uns w�hrenddessen am Leben zu erhalten.�</p><p><emphasis>�Manipuliert�, </emphasis>sagte ich. �Es ist also kein Naturereignis. Es ist <emphasis>gemacht, </emphasis>ein Werk der Technik.�</p><p>�Ich glaube, das m�ssen wir uns eingestehen, ja.�</p><p>�Es wird uns <emphasis>zugef�gt.�</emphasis></p><p>�Manche sprechen von einer hypothetischen Steuerintelligenz.�</p><p>�Aber wozu das alles? Was ist damit bezweckt?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Niemand wei� es.�</p><p>Diane starrte ihren Bruder durch die kalte Winterluft hindurch an. Zitternd schlug sie die Arme um ihren Parka. Nicht so sehr wegen der Temperaturen, sondern weil sie auf die entscheidende Frage gekommen war: �Wie viel Zeit, Jason? Wie viel Zeit vergeht dort drau�en?�</p><p>Jason z�gerte, sichtlich unwillig, ihr zu antworten. �Viel Zeit�, murmelte er schlie�lich.</p><p>�Sag�s uns einfach�, sagte sie entschieden.</p><p>�Nun ja, es gibt alle m�glichen Messungen. Aber beim letzten Start, da haben sie ein Kalibrierungssignal von der Mondoberfl�che abprallen lassen. Der Mond entfernt sich jedes Jahr ein wenig von der Erde, wusstet ihr das? Um eine winzig kleine, aber messbare Strecke. Wenn man diese Strecke misst, gewinnt man einen groben Kalender, der umso genauer ist, je mehr Zeit verstreicht. Nehmt das zusammen mit anderen Indikatoren, zum Beispiel die Bewegung nahegelegener Sterne��</p><p>�<emphasis>Wie viel Zeit, </emphasis>Jason?�</p><p>�Seit dem Oktober-Ereignis sind f�nf Jahre und ein paar Monate vergangen. Au�erhalb der Barriere stellt sich das als ein Zeitraum von etwas �ber f�nfhundert Millionen Jahren dar.�</p><p>Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mir fiel absolut nichts ein. Ich war sprachlos. Keines Gedankens f�hig. Es gab in diesem Moment nicht das geringste Ger�usch, nichts als die Leere der Nacht.</p><p>Diane allerdings blickte geradewegs ins furchterregende Herz der Sache: �Und wie lange bleibt uns noch?�</p><p>�Auch das wei� ich nicht. Kommt drauf an. Zu einem gewissen Grad sind wir durch die Barriere gesch�tzt, doch wie wirksam ist dieser Schutz? Einigen Tatsachen jedenfalls m�ssen wir ins Auge sehen: Die Sonne ist sterblich, wie alle anderen Sterne. Sie verbrennt Wasserstoff, sie expandiert und wird immer hei�er. Die Erde existiert in einer Art bewohnbaren Zone innerhalb des Sonnensystems, und diese Zone bewegt sich stetig nach au�en. Wie gesagt, wir sind gesch�tzt, vorl�ufig sind wir auf jeden Fall sicher. Aber irgendwann wird die Erde in die Heliosph�re der Sonne eintreten, wird von ihr verschluckt werden. Ab einem gewissen Punkt gibt es schlicht und einfach kein Zur�ck mehr.�</p><p>�Wie <emphasis>lange, Jase?�</emphasis></p><p>Er sah sie mitleidig an. �Vierzig, vielleicht f�nfzig Jahre. Ungef�hr.�</p></section><section><title><p>4 x 10<sup>9</sup> n. Chr.</p></title><p>Die Schmerzen waren schwer zu ertragen, selbst mit Hilfe des Morphiums, das Diane f�r l�cherlich viel Geld in einer Apotheke in Padang erstanden hatte. Das Fieber war noch schlimmer.</p><p>Es war nicht durchgehend da. Es kam in Wellen, in Clustern, in Blasen von Hitze und von L�rm, der unerwartet in meinem Kopf explodierte. Mein K�rper wurde in der Folge launenhaft, unberechenbar. Eines Nachts griff ich nach einem nicht vorhandenen Glas Wasser, zerschlug eine Nachttischlampe und weckte dadurch das Paar im Nebenzimmer.</p><p>Am n�chsten Morgen, vor�bergehend wieder klar im Kopf, konnte ich mich nicht mehr an den Vorfall erinnern. Aber ich sah das geronnene Blut auf meinen Fingerkn�cheln und ich h�rte, wie Diane den w�tenden Concierge entsch�digte.</p><p>�Hab ich das wirklich getan?�, fragte ich sie.</p><p>�Bedauerlicherweise ja.�</p><p>Sie sa� in einem Korbsessel neben dem Bett. Sie hatte Essen aufs Zimmer kommen lassen, R�hrei und Orangensaft, daher vermutete ich, dass es Morgen war. Der Himmel hinter den hauchd�nnen Vorh�ngen war blau. Die Balkont�r stand offen, lie� angenehm warme Luft und den Geruch des Meeres herein. �Tut mir Leid�, sagte ich.</p><p>�Du warst nicht bei dir. Ich w�rde sagen, vergiss es. Aber anscheinend hast du das bereits.� Sie legte eine Hand auf meine Stirn. �Und es ist noch nicht vorbei, f�rchte ich.�</p><p>�Wie lange?�</p><p>�Bis jetzt eine Woche.�</p><p>�Erst eine Woche?�</p><p>�Erst eine Woche.�</p><p>Ich war noch nicht einmal halb durch.</p><empty-line/><p>Aber die klaren Momente waren n�tzlich f�rs Schreiben. Graphomanie ist eine von mehreren Nebenwirkungen der Substanz. Als Diane der gleichen Tortur ausgesetzt war, schrieb sie den Satz �Bin ich nicht meines Bruders H�terin?� hunderte von Malen in nahezu identischer Schrift auf vierzehn Seiten Schreibpapier. Meine Schreibwut war allerdings ein bisschen zielgerichteter. Ich stapelte handbeschriebene Seiten auf dem Nachttisch, w�hrend ich auf die n�chste Fieberattacke wartete, las noch einmal durch, was ich geschrieben hatte in dem Versuch, es f�r die Zukunft festzuhalten.</p><p>Diane verbrachte den Tag drau�en. Als sie wiederkam, fragte ich sie, wo sie gewesen sei.</p><p>�Kontakte kn�pfen�, erkl�rte sie mir. Sie sagte, sie habe Verbindung mit einem Transitmakler aufgenommen, einem Minang namens Jala, dessen Import-Export-Unternehmen als Tarnung f�r die weitaus lukrativere Emigrationsvermittlung diente. Jeder kenne Jala, sagte Diane. Au�er uns bewarben sich auch noch einige verr�ckt-utopistische Kibbutzim um Pl�tze, daher war der Handel noch nicht in trockenen T�chern, aber sie war vorsichtig optimistisch.</p><p>�Sei auf der Hut�, sagte ich. �Es k�nnte immer noch jemand nach uns suchen.�</p><p>�Nicht, soweit ich erkennen kann, aber�� Sie zuckte mit den Achseln. Warf einen Blick auf den Notizblock in meiner Hand. �Schreibst du wieder?�</p><p>�Lenkt mich von den Schmerzen ab.�</p><p>�Kannst du den Kugelschreiber einigerma�en halten?�</p><p>�F�hlt sich an wie unheilbare Arthritis, aber ich komm schon zurecht.� Bisher jedenfalls, dachte ich. �Die Ablenkung ist es in jedem Fall wert.�</p><p>Aber das war es nat�rlich nicht allein. Und es ging auch nicht einfach um Graphomanie. Das Schreiben war eine M�glichkeit, das als bedroht Empfundene zu objektivieren.</p><p>�Es ist wirklich sehr gut�, sagte Diane.</p><p>Ich sah sie entsetzt an. �Du hast es <emphasis>gelesen?�</emphasis></p><p>�Du hast mich darum gebeten. Angefleht hast du mich, Tyler.�</p><p>�War ich im Delirium?�</p><p>�Offenbar. Zu dem Zeitpunkt hast du allerdings einen recht vern�nftigen Eindruck gemacht.�</p><p>�Ich habe beim Schreiben nicht an ein Publikum gedacht.� Ich war schockiert, weil ich nicht mehr wusste, dass ich es ihr gezeigt hatte. Was mochte mir noch alles bereits entfallen sein?</p><p>�Dann werde ich nicht wieder reinsehen. Aber was du da schreibst�� Sie legte den Kopf schief. �Ich wundere mich und f�hle mich geschmeichelt, dass du so starke Gef�hle f�r mich hattest, damals schon.�</p><p>�Das kann dich kaum �berrascht haben.�</p><p>�Mehr als du glaubst. Aber es ist paradox, Tyler. Das M�dchen, von dem du erz�hlst, ist gleichg�ltig, beinahe grausam.�</p><p>�So habe ich dich nie gesehen.�</p><p>�Es ist nicht deine Sicht, die mir Sorgen macht. Sondern meine.�</p><p>Ich hatte mich im Bett aufgesetzt, ein Akt der St�rke, wie ich mir einbildete, Beleg f�r meinen Stoizismus. Vermutlich war es aber eher Beleg daf�r, dass die Schmerzmittel vor�bergehend ihre Wirkung taten. Ich zitterte. Zittern war das erste Anzeichen f�r ein Wiederaufleben des Fiebers. �Willst du wissen, wann ich mich in dich verliebt habe? Vielleicht sollte ich dar�ber schreiben. Es ist wichtig. Das war, als ich zehn war��</p><p>�Tyler, Tyler. Kein Mensch verliebt sich mit zehn Jahren.�</p><p>�Es war, als St. Augustine starb.� St. Augustine war ein lebhafter schwarzwei�er Springer-Spaniel mit Stammbaum gewesen, ein Tier, das Diane besonders ans Herz gewachsen war. St. Dog, Heiliger Hund, hatte sie ihn genannt.</p><p>Sie zuckte zusammen. �Das ist makaber.�</p><p>Aber es war mir ernst. E. D. hatte den Hund spontan gekauft und nach Hause gebracht, wahrscheinlich, weil ihm etwas Dekoratives f�r den Kamin vorschwebte, zusammen mit einem Paar sch�ner alter Feuerb�cke. Aber St. Dog hatte sich gegen dieses Schicksal aufgelehnt. Er war zwar durchaus dekorativ, aber auch neugierig und stellte allerlei Unfug an. Nach einiger Zeit hatte E. D. die Nase voll von ihm; Carol ignorierte ihn; Jason mochte ihn, konnte aber nichts mit ihm anfangen. Es war Diane, damals zw�lf, die sich seiner annahm. Sie brachten aneinander das Beste zum Vorschein. Sechs Monate lang folgte St. Dog ihr �berall hin, au�er in den Schulbus. An Sommerabenden spielten die beiden zusammen auf dem gro�en Rasen, und dort bemerkte ich Diane zum ersten Mal auf diese besondere Weise�� zum ersten Mal empfand ich Freude, ihr einfach nur zuzusehen. Sie rannte mit St. Dog durch die Gegend, bis sie nicht mehr konnte, und St. Dog wartete immer geduldig, w�hrend sie Atem sch�pfte. Sie k�mmerte sich aufopfernd um den Hund, war seine zentrale, wenn nicht die einzige Bezugsperson, hatte sogar ein Gesp�r daf�r, wie er aufgelegt war (was umgekehrt nat�rlich ebenso galt).</p><p>Ich h�tte nicht sagen k�nnen, warum mir das an ihr gefiel. Aber in der angespannten, emotional aufgeladenen Welt der Lawtons schuf sie damit eine Oase unkomplizierter Zuneigung. Als Hund w�re ich vielleicht eifers�chtig gewesen, so aber gewann ich den Eindruck, dass Diane etwas Besonderes war, in nicht unerheblicher Hinsicht anders als ihre Familie. Sie begegnete der Welt mit einer emotionalen Offenheit, die die anderen Lawtons verloren oder nie besessen hatten.</p><p>St. Augustine starb unerwartet und viel zu fr�h�� er war kaum aus dem Welpenstadium heraus�� im Herbst jenes Jahres. Diane war untr�stlich, und ich begriff, dass ich in sie verliebt war� Nein, so klingt es wirklich makaber. Ich verliebte mich nicht in sie, weil sie um ihren Hund trauerte. Sondern ich verliebte mich in sie, weil sie <emphasis>f�hig </emphasis>war, um den Hund zu trauern, w�hrend alle anderen entweder gleichg�ltig oder sogar heimlich erleichtert waren, dass St. Augustine endlich wieder aus dem Haus verschwunden war.</p><p>Sie wandte sich vom Bett ab, blickte zum sonnigen Fenster. �Es hat mir das Herz gebrochen, als er starb.�</p><p>Wir begruben St. Dog in dem W�ldchen hinter dem Rasen. Diane errichtete aus Steinen einen kleinen Grabh�gel, den sie in jedem Fr�hjahr erneuerte, bis sie zehn Jahre sp�ter von zu Hause fortging.</p><p>Und sie betete am Grab, immer zum Wechsel der Jahreszeiten, still, die H�nde gefaltet. Zu wem sie betete und wof�r, das wei� ich nicht. Ich wei� nicht, was man macht, wenn man betet. Ich glaube nicht, dass ich dazu in der Lage w�re.</p><p>Aber das war der erste Hinweis f�r mich, dass Diane in einer Welt lebte, die gr��er war als das Gro�e Haus, in einer Welt, in der Freud und Leid sich so schwerf�llig bewegten wie die Gezeiten, mit dem Gewicht eines ganzen Ozeans dahinter.</p><empty-line/><p>In der Nacht kehrte das Fieber zur�ck. Ich erinnere mich an nichts mehr au�er an eine stetig�� in Stundenabst�nden�� wiederkehrende Angst, dass die Substanz mehr Erinnerung l�schen w�rde, als ich je wiedererlangen k�nnte; ein Gef�hl von unwiederbringlichem Verlust, verwandt mit jenen Tr�umen, in denen man vergebens nach einer verlorenen Brieftasche, einer Uhr, einem wertvollen Besitz, dem Gef�hl f�r sich selbst sucht. Ich meinte zu sp�ren, wie das marsianische Mittel in meinem K�rper arbeitete, wie es neue Angriffe startete und vorl�ufige Waffenstillst�nde mit meinem Immunsystem vereinbarte, zellul�re Br�ckenk�pfe errichtete, feindliche Chromosomsequenzen isolierte.</p><p>Als ich wieder zu mir kam, war Diane nicht da. Vom Schmerz abgeschirmt durch das Morphium, das sie mir gegeben hatte, stieg ich aus dem Bett und schaffte es, zur Toilette zu gehen. Danach schlurfte ich auf den Balkon hinaus.</p><p>Abendessenszeit. Die Sonne war noch da, aber der Himmel zeigte bereits ein d�mmriges Blau. Die Luft roch nach Kokosmilch und Dieseld�mpfen. Im Westen glitzerte der gro�e Torbogen wie gefrorenes Quecksilber.</p><p>Pl�tzlich sp�rte ich wieder den Wunsch zu schreiben, wie ein Echo des Fiebers. Ich trug den Notizblock bei mir, den ich schon zur H�lfte mit kaum zu entzifferndem Gekritzel bedeckt hatte. Ich w�rde Diane bitten m�ssen, mir einen neuen zu kaufen. Vielleicht gleich mehrere. Die ich dann mit Worten bedecken w�rde.</p><p>Worte wie Anker. Um Boote der Erinnerung festzumachen, die anderenfalls vom Sturm weggesp�lt w�rden.</p></section><section><title><p>Weltuntergangsger�chte erreichen die Berkshires</p></title><p>Nach der Rodelparty sah ich Jason einige Jahre lang nicht. Wir blieben aber in Kontakt und trafen uns wieder in dem Jahr, in dem ich meinen Abschluss in Medizin machte, in einem f�r den Sommer gemieteten Haus in den Berkshires, etwa zwanzig Minuten von Tanglewood entfernt.</p><p>Ich war ausreichend besch�ftigt gewesen. Ich hatte vier Jahre lang das College besucht, nebenbei Freiwilligendienst in einer Klinik geleistet und, lange bevor ich ihn absolvieren sollte, mit der Vorbereitung f�r den MCAT, den Aufnahmetest f�rs weiterf�hrende College, begonnen. Mein Notendurchschnitt, das MCAT-Ergebnis sowie ein Stapel Empfehlungsschreiben meiner bisherigen Dozenten und anderer ehrw�rdiger Personen (E. D.s Freigebigkeit nicht zu vergessen) verschafften mir Zugang zur medizinischen Fakult�t SUNY in Stony Brook, wo vier weitere Studienjahre abzuleisten waren. Das lag jetzt hinter mir, ich hatte fertig studiert, aber noch warteten mindestens drei Jahre Facharztausbildung auf mich, bevor ich praktizieren konnte.</p><p>Was mich in die Mehrheit der Menschen einreihte, die ihr Leben weiterhin so lebten, als h�tten sie noch nie vom bevorstehenden Ende der Welt geh�rt.</p><p>Vielleicht w�re alles anders gewesen, wenn man den Weltuntergang auf Tag und Stunde genau vorausberechnet h�tte. Dann h�tten wir uns alle ein Leitmotiv�� von Panik bis hin zu frommer Resignation�� w�hlen und die menschliche Geschichte mit einem angemessenen Sinn f�rs Timing, den Blick immer auf die Uhr gerichtet, zu Ende bringen k�nnen.</p><p>Aber womit wir es hier zu tun hatten, war nur eine�� allerdings hohe�� Wahrscheinlichkeit, dass wir irgendwann ausgel�scht w�rden, in einem stetig lebensfeindlicher werdenden Sonnensystem. Gut, vermutlich konnte nichts uns auf Dauer vor der expandierenden Sonne sch�tzen, die wir alle auf den von Weltraumsonden aufgenonmmenen NASA-Bildern gesehen hatten�� aber vorerst waren wir abgeschirmt, aus Gr�nden, die niemand erkl�ren konnte. Die Krise, falls es denn eine solche gab, war nicht zu greifen, der einzige den Sinnen zug�ngliche Hinweis war die Abwesenheit der Sterne�� Abwesenheit als Hinweis, Hinweis auf Abwesenheit.</p><p>Wie also gestaltet man ein Leben, �ber dem drohend die M�glichkeit der Ausl�schung schwebt? Diese Frage definierte unsere Generation. F�r Jason war es nicht weiter schwierig, wie es schien; er hatte sich kopf�ber in das Problem gest�rzt: binnen kurzem <emphasis>wurde </emphasis>der Spin sein Leben. Und auch f�r mich war es, vermute ich, relativ einfach. Ich hatte ohnehin eine Neigung f�r die Medizin gehabt, und das schien jetzt, in der Atmosph�re einer vor sich hink�chelnden Krise, eine besonders gl�ckliche Wahl zu sein. Vielleicht stellte ich mir vor, Leben zu retten, sollte das Ende der Welt sich als nicht nur hypothetisch erweisen, aber auch nicht auf einen Schlag erfolgen. Aber kam es darauf noch an, wenn wir sowieso alle zum Untergang verdammt waren? Warum ein einzelnes Leben retten, wenn bald darauf <emphasis>alles </emphasis>Leben ausradiert w�rde? Aber nat�rlich <emphasis>retten </emphasis>wir �rzte im Grunde kein Leben, sondern verl�ngern es g�nstigstenfalls, und wenn das nicht klappt, geben wir Schmerzmittel. Das ist am Ende vielleicht das N�tzlichste von dem, was wir gelernt haben.</p><p>Au�erdem waren College und weiterf�hrendes Studium eine lange, aufreibende, aber willkommene Ablenkung von allem anderen Leid der Welt gewesen.</p><p>Ich kam also zurecht. Jason kam zurecht. Aber viele Menschen hatten gro�e Schwierigkeiten. Diane war eine von ihnen.</p><empty-line/><p>Ich war gerade dabei, mein Einzimmer-Apartment in Stony Brook auszur�umen, als Jason anrief.</p><p>Es war fr�her Nachmittag. Die von der Sonne nicht zu unterscheidende optische Illusion strahlte. Der Hyundai war beladen und bereit, die Fahrt nach Hause anzutreten. Mein Plan sah vor, dass ich ein paar Wochen bei meiner Mutter verbringen und dann noch ein oder zwei Wochen gem�tlich mit dem Auto durch die Gegend fahren w�rde. Dies war die letzte freie Zeit, die ich vor Antritt meiner Assistenzarztstelle in Harborview in Seattle haben w�rde, und ich hatte die Absicht, sie zu nutzen, um ein wenig von der Welt zu sehen, jedenfalls von dem Teil der Welt, der zwischen Maine und dem Staat Washington lag. Aber Jason hatte andere Vorstellungen. Und er lie� mich kaum mein Hallo-wie-geht�s aussprechen, kam gleich zur Sache.</p><p>�Tyler, diese Gelegenheit ist zu gut, als dass man sie verpassen darf. E. D. hat ein Sommerhaus in den Berkshires gemietet.�</p><p>�Ach ja? Sch�n f�r ihn.�</p><p>�Aber er kann es nicht nutzen. Letzte Woche hat er ein Aluminiumpresswerk in Michigan besichtigt und dabei ist er von einer Ladeplattform gefallen und hat sich die H�fte angebrochen.�</p><p>�Oh, tut mir Leid.�</p><p>�Es ist nichts Ernstes, die Heilung schreitet voran, aber er muss noch eine Weile auf Kr�cken gehen, und er will nicht den ganzen Weg nach Massachusetts kutschieren, nur um dort herumzusitzen und Percodan zu lutschen. Und Carol war von Anfang an nicht so furchtbar begeistert von der Idee.� Was mich nicht weiter �berraschte�� Carol Lawton war zur Gewohnheitstrinkerin geworden. Ich konnte mir nicht vorstellen, was sie in den Berkshires h�tte anfangen wollen, au�er vielleicht noch ein bisschen mehr zu trinken. �Die Sache ist die�, fuhr Jason fort, �er kann nicht mehr von dem Vertrag zur�cktreten, das Haus steht also drei Monate lang leer. Daher dachte ich, wo du doch gerade deinen Abschluss gemacht hast, wir k�nnten vielleicht wenigstens ein paar Wochen zusammen verbringen. Vielleicht Diane �berreden, auch zu kommen. Vielleicht mal ein Konzert besuchen. In den W�ldern spazieren gehen. Wie in alten Zeiten. Tats�chlich bin ich schon auf dem Sprung dorthin. Was sagst du, Tyler?�</p><p>Ich war im Begriff, ihm abzusagen. Aber dann dachte ich an Diane. Ich dachte an die wenigen Briefe und Anrufe, die wir zu den �blichen Anl�ssen gewechselt, und an all die unbeantworteten Fragen, die sich zwischen uns aufgeh�uft hatten. Ich wusste, es w�re kl�ger gewesen, abzusagen. Aber es war zu sp�t. Mein Mund hatte bereits ja gesagt.</p><empty-line/><p>Also verbrachte ich noch eine weitere Nacht auf Long Island, dann zw�ngte ich meine letzten Habseligkeiten in den Kofferraum des Autos und folgte dem Northern State Parkway bis zum Long Island Expressway.</p><p>Der Verkehr war nicht der Rede wert, und das Wetter schon fast unglaubw�rdig sch�n. Es war ein strahlend blauer Nachmittag. Ich wollte das Morgen an den Meistbietenden verkaufen und mich f�r immer am, im oder auf dem zweiten Juli niederlassen. Ich f�hlte mich so besinnungslos, so gl�cklich wie lange nicht mehr.</p><p>Dann schaltete ich das Radio ein.</p><p>Ich war alt genug, mich an die Zeit zu erinnern, als eine �Radiostation� noch ein Geb�ude mit einem Sender und einer Turmantenne war, als der Radioempfang von Stadt zu Stadt mal besser, mal schlechter war. Viele solcher Stationen existierten immer noch, doch das Analogradio des Hyundais hatte etwa eine Woche nach Ablauf der Garantie den Geist aufgegeben. Damit blieb das Digitalprogramm (�bertragen durch einen oder mehrere von E. D.s Aerostaten in der Hochatmosph�re). �blicherweise h�rte ich Jazz-Downloads aus dem zwanzigsten Jahrhundert, eine Vorliebe, die ich beim St�bern in der Plattensammlung meines Vaters erworben hatte. Das, so redete ich mir gern ein, war sein wahres Erbe: Duke Ellington, Billie Holiday, Miles Davis. Musik, die schon alt war, als der junge Marcus Dupree sie entdeckt hatte, verstohlen weitergegeben wie ein Familiengeheimnis. Was ich jetzt, in diesem Moment, h�ren wollte, war �Harlem Air Shaft�, aber bei der Wartung des Wagens vor Reiseantritt waren meine Einstellungen gel�scht und ein Nachrichtenkanal einprogrammiert worden, den ich irgendwie nicht wieder los wurde. Also musste ich mir alles M�gliche �ber Naturkatastrophen und Prominente, die in irgendwelche Skandale verwickelt waren, anh�ren. Und es war auch vom Spin die Rede.</p><p>Inzwischen nannten wir es den Spin.</p><p>Obwohl der gr��ere Teil der Welt nicht daran glaubte.</p><p>Die Umfragen waren ziemlich eindeutig. Die NASA hatte noch in jener Nacht, als Jason Diane und mich eingeweiht hatte, Datenmaterial der Orbitalsonden ver�ffentlicht, Ergebnisse, die bald durch eine Reihe von europ�ischen Erhebungen best�tigt wurden. Dennoch sah nur eine Minderheit der europ�ischen und nordamerikanischen Bev�lkerung acht Jahre, nachdem sie �ber den Spin informiert worden war, diesen als �eine Bedrohung f�r sich oder ihre Familien� an. Und in weiten Teilen Asiens, Afrikas und des Nahen Ostens betrachteten stabile Mehrheiten die ganze Angelegenheit als amerikanische Verschw�rung oder einen Unfall, ein fehlgeschlagener Versuch, ein Verteidigungssystem in der Art von SDI zu installieren.</p><p>Ich hatte Jason einmal gefragt, warum das so war. Er sagte: �Bedenke, was das ist, das sie da glauben sollen. Wir haben es, global gesehen, mit einer Bev�lkerung zu tun, die ein fast noch vor-newtonsches Verst�ndnis von Astronomie hat. Was brauchst du denn wirklich �ber den Mond und die Sterne zu wissen, wenn du ganz davon beansprucht bist, ausreichend Biomasse zusammenzukratzen, um dich und deine Familie zu ern�hren? Um diesen Leuten irgendetwas Sinnvolles �ber den Spin zu erz�hlen, musst du ganz weit ausholen. Die Erde, musst du ihnen zuerst einmal sagen, ist einige Milliarden Jahre alt. Lass sie sich an der Vorstellung von �einige Milliarden Jahre� abarbeiten. Da hat man viel zu schlucken, vor allem, wenn man in einer muslimischen Theokratie, einem animistischen Dorf oder einer Schule im Bible Belt unterrichtet worden ist. Dann erz�hl ihnen, dass die Erde nicht unver�nderlich ist, dass es ein Zeitalter, l�nger als das unsere, gegeben hat, in dem die Meere Dampf und die Luft Gift waren. Erz�hl ihnen, wie das Leben spontan entstanden ist und sich �ber drei Milliarden Jahre sporadisch entwickelt hat, bevor das erste als Mensch zu bezeichnende Wesen zustande gekommen ist. Sprich dann �ber die Sonne, davon, dass auch die nicht ewig besteht, sondern als eine sich zusammenziehende Wolke aus Gas und Staub begonnen hat und eines Tages, in ein paar Milliarden Jahren, expandieren, die Erde verschlucken, ihre �u�eren Schichten absprengen und zu einem kleinen Klumpen ultradichter Materie zusammenschrumpfen wird. Einf�hrung in die Kosmologie, nicht wahr? Du kennst das alles aus diesen Paperbacks, die du fr�her gelesen hast, f�r dich ist das selbstverst�ndlich, aber f�r die meisten Menschen ist es ein v�llig neuer Blick auf die Welt und vermutlich verst��t es gegen ihre zentralen Glaubensdogmen. Also lass sie das erst mal langsam begreifen. Lass es sich setzen. Dann r�ck mit der <emphasis>wirklich </emphasis>schlechten Nachricht raus: Die <emphasis>Zeit selbst </emphasis>ist fl�ssig und unberechenbar. Die Welt, die so unersch�tterlich wirkt�� trotz all dem, was wir eben gelernt haben��, ist k�rzlich in eine Art kosmischen Kaltraum eingeschlossen worden. <emphasis>Warum </emphasis>hat man das mit uns gemacht? Das wissen wir nicht genau. Wir glauben, es wurde bewirkt�� und zwar bewusst bewirkt�� von Wesen, die so m�chtig und unzug�nglich sind, dass man sie durchaus als G�tter bezeichnen k�nnte. Und wenn wir die G�tter ver�rgern, entziehen sie uns vielleicht den Schutzschild, und dann werden recht bald die Berge zu schmelzen und die Meere zu kochen anfangen. Aber glaubt nicht unseren Worten. Ignoriert den Sonnenuntergang und den Schnee, der im Winter auf die Berge f�llt, wie eh und je. Wir haben Beweise. Wir haben Berechnungen, logische Schlussfolgerungen, Fotos, die von Maschinen aufgenommen wurden. Forensische Beweise h�chsten Kalibers.� Jason legte die traurig fragende Variante seines L�chelns auf. �Und doch ist die Jury nicht �berzeugt.�</p><p>Und es waren nicht nur die Unwissenden, die sich nicht �berzeugen lie�en. In diesem Moment beklagte sich im Radio der Vorstandsvorsitzende eines Versicherungskonzerns �ber die wirtschaftlichen Auswirkungen �dieses st�ndigen unkritischen Geredes �ber den sogenannten Spin�. Die Menschen fingen an, die Sache ernst zu nehmen, sagte er, und das sei schlecht f�rs Gesch�ft. Es mache die Leute leichtsinnig. Es leiste der Unmoral, dem Verbrechen, dem Schuldenmachen Vorschub. Schlimmer noch, es verf�lsche alle Versicherungsstatistiken. �Falls die Welt nicht in den n�chsten drei�ig oder vierzig Jahren untergeht�, sagte er, �k�nnten wir vor einer Katastrophe stehen.�</p><p>Wolken begannen von Westen her aufzuziehen. Eine Stunde sp�ter war der prachtvolle blaue Himmel vollst�ndig bedeckt, und erste Regentropfen klatschten auf die Windschutzscheibe. Ich schaltete die Scheinwerfer an.</p><p>Im Radio war man von den Versicherungsstatistiken zum n�chsten Thema �bergangen. Ein Thema, das in letzter Zeit die Schlagzeilen beherrscht hatte: die Silberk�sten, so gro� wie eine ganze Stadt, die au�erhalb der Spin-Barriere schwebten, hunderte von Kilometern �ber beiden Polen der Erde. Die in fester Position schwebten, nicht etwa in einer Umlaufbahn kreisten. Ein Objekt kann in einer festen Umlaufbahn �ber dem �quator h�ngen�� geosynchrone Satelliten hatten das fr�her getan��, aber den elementaren Bewegungsgesetzen zufolge gibt es nichts, das in einer festen Position �ber den Polen des Planeten �kreisen� k�nnte. Und trotzdem hingen dort diese Dinger, entdeckt von einer Radarsonde und k�rzlich fotografiert w�hrend einer unbemannten Flyby-Mission�� eine weitere Schicht im R�tselwerk des Spins, und ebenso unbegreiflich f�r die verwirrten Massen, zu denen in diesem Fall auch ich z�hlte. Ich wollte mit Jason dar�ber reden. Ich glaube, ich wollte, dass er mir das alles genau erkl�rte.</p><empty-line/><p>Es regnete in Str�men und Donner grummelte in den H�geln, als ich endlich vor E. D. Lawtons Sommermietshaus in der N�he von Stockbridge hielt, ein englisches Cottage im l�ndlichen Stil, die Au�enverkleidung arsengr�n gestrichen, gelegen in einem etwa hundert Morgen gro�en St�ck gesch�tzten Waldes. Es leuchtete in der D�mmerung wie eine Sturmlaterne. Jason war schon da, sein wei�er Ferrari parkte unter einer �berdachung, von der es nur so heruntertropfte.</p><p>Er musste mein Auto geh�rt haben, denn die gro�e Eingangst�r ging auf, bevor ich klopfen konnte. �Tyler!�, rief er grinsend.</p><p>Ich trat ein und stellte meinen regenfeuchten Koffer auf dem Fliesenboden der Diele ab. �Lange nicht gesehen, Jase�.</p><p>Wir waren �ber E-Mail und Telefon in Verbindung geblieben, aber von einigen kurzen Feiertagsbesuchen im Gro�en Haus abgesehen, war dies das erste Mal seit acht Jahren, dass wir uns zusammen in einem Raum befanden. Vermutlich hatte die Zeit bei uns beiden ihre Spuren hinterlassen, eine unauff�llige Bestandsaufnahme sollte das best�tigen. Ich hatte ganz vergessen, wie eindrucksvoll sein �u�eres war. Er war schon immer gro� gewesen, stets entspannt in seinem K�rper ruhend; das war immer noch so, obwohl er ein bisschen magerer als fr�her wirkte, nicht zerbrechlich, aber in einem zerbrechlichen Gleichgewicht, wie ein auf dem Kopfende stehender Besenstiel. Seine Haare bildeten ein gleichm��iges Stoppelfeld von einem knappen Zentimeter L�nge. Und obwohl er einen Ferrari fuhr, legte er nach wie vor keinen Wert auf einen wie auch immer gearteten pers�nlichen Stil: er trug abgerissene Jeans, einen ausgebeulten, zerfransten Strickpullover und billige Halbschuhe.</p><p>�Hast du unterwegs gegessen?�, fragte er.</p><p>�Sp�tes Mittagessen.�</p><p>�Hungrig?�</p><p>War ich nicht, aber ich gestand, dass ich ziemlich scharf auf eine Tasse Kaffee war. Das Medizinstudium hatte mich in die Koffeinabh�ngigkeit getrieben. �Du hast Gl�ck�, sagte Jason. �Ich hab auf der Fahrt hierher ein Pfund Guatemaltekischen gekauft.� Die Guatemalteken, unbek�mmert um das Ende der Welt, ernteten also immer noch Kaffeebohnen. �Ich setz eine Kanne auf. Dann zeig ich dir alles.�</p><p>Wir machten einen Rundgang durchs Haus. Es hatte eine gewisse Zwanzigstes-Jahrhundert-Verspieltheit, mit apfelgr�n und herbstorange gestrichenen W�nden, soliden antiquarischen M�beln, Messingbetten und Spitzenvorh�ngen vor bauchigem Fensterglas, an dem unabl�ssig der Regen herabstr�mte. Moderne Annehmlichkeiten in der K�che und im Wohnzimmer�� gro�er Fernseher, Musikanlage, Internetanschluss. Behaglich im Regen. Nach unten zur�ckgekehrt, schenkte Jason den Kaffee ein. Wir sa�en am K�chentisch und brachten uns auf den neuesten Stand.</p><p>Was seine Arbeit betraf, �u�erte sich Jason unbestimmt, aus bescheidener Zur�ckhaltung oder aus Sicherheitsgr�nden. In den acht Jahren, nachdem die wahre Natur des Spins enth�llt worden war, hatte er einen Doktortitel in Astrophysik erworben, dann aber die Universit�t verlassen, um, in vorerst noch nachgeordneter Position, in E. D.s Perihelion-Stiftung einzutreten. Vielleicht kein schlechter Zug, war E. D. doch inzwischen ein hochrangiges Mitglied von Pr�sident Walkers Sonderausschuss f�r Globale Umweltkrisenplanung. Laut Jase stand Perihelion kurz davor, von einer Raumfahrt-Expertenkommission in ein offizielles Beratungsgremium umgewandelt zu werden, ausdr�cklich autorisiert, politische Vorgaben zu machen.</p><p>�Ist das denn legal?�</p><p>�Sei nicht naiv, Tyler. E. D. hat sich von Lawton Industries zur�ckgezogen. Er hat seinen Vorstandsposten niedergelegt, und seine Anteile werden treuh�nderisch verwaltet. Unseren Anw�lten zufolge ist er konfliktfrei.�</p><p>�Und was machst du bei Perihelion?�</p><p>Er l�chelte. �Ich h�re den �lteren aufmerksam zu und mache h�fliche Vorschl�ge. Aber erz�hl mir von der Medizin.�</p><p>Er fragte mich, ob ich es widerw�rtig f�nde, derart viel menschliche Schw�che und Krankheit zu Gesicht zu bekommen. Also erz�hlte ich ihm von meinem Anatomieseminar im zweiten Jahr. Zusammen mit einem Dutzend anderer Studenten hatte ich eine menschliche Leiche seziert und deren Inhalt nach Gr��e, Farbe, Funktion und Gewicht sortiert. Keine angenehme Erfahrung. Der einzige Trost lag in der Wahrheit und der einzige Verdienst im Nutzen. Aber es war auch ein Meilenstein, ein Gang auf die andere Seite. Jenseits dieses Punktes war von der Kindheit nichts mehr �brig.</p><p>�Herrgott, Tyler. Willst du vielleicht etwas St�rkeres als den Kaffee da?�</p><p>�Ich sag nicht, dass es eine gro�e Sache war. Das ist ja das Schockierende daran. Es war keine gro�e Sache. Du gehst da rein und hinterher ins Kino.�</p><p>�Aber ein weiter Weg vom Gro�en Haus.�</p><p>�Ein weiter Weg. F�r uns beide.� Ich hob meine Tasse.</p><p>Dann tauschten wir Erinnerungen aus, und die Spannung in unserer Unterhaltung verfl�chtigte sich. Wir sprachen von den alten Zeiten. Dabei folgten wir, wie ich bald merkte, einem bestimmten Muster. Jason erw�hnte einen Ort�� den Keller, die Mall, den Bach im W�ldchen��, und ich erz�hlte eine Geschichte dazu: Wie wir uns einmal an dem Spirituosenschrank vergangen hatten; wie wir einmal ein Rice-M�dchen namens Kelley Weens beobachtet hatten, als sie eine Packung Kondome aus der Drogerie klaute; wie Diane uns in dem einen Sommer unbedingt aus dem lyrischen Werk von Christina Rossetti vorlesen musste, atemlos, als habe sie etwas Bedeutendes entdeckt.</p><p>Der gro�e Rasen, gab Jason vor. Die Nacht, als die Sterne verschwanden, sagte ich.</p><p>Und dann waren wir f�r eine Weile still.</p><p>�Sie ist immer noch dort unten?� Das war das Letzte, was ich geh�rt hatte, �bermittelt von meiner Mutter. Diane besuchte ein College im S�den und studierte etwas, das ich mir nicht richtig hatte merken k�nnen: Urbane Geographie, Ozeanographie oder irgendeine andere abwegige Ographie.</p><p>�Ja, immer noch.� Jason rutschte auf seinem Stuhl herum. �Wei�t du, Ty, bei Diane hat sich vieles ver�ndert.�</p><p>�Na, das muss einen nicht unbedingt �berraschen.�</p><p>�Sie ist mehr oder weniger verlobt. Will heiraten.�</p><p>Ich trug�s halbwegs mit Fassung. �Tja, sch�n f�r sie.� Welchen Grund h�tte ich gehabt, eifers�chtig zu sein? Ich hatte keine Beziehung mehr zu Diane�� hatte nie eine gehabt, jedenfalls nicht in der engeren Bedeutung des Wortes. Und ich war einmal fast selbst verlobt gewesen, in Stony Brook im zweiten Jahr, mit einer Studentin namens Candice Boone. Es hatte uns Spa� gemacht, einander �Ich liebe dich� zu sagen, bis wir dessen irgendwann �berdr�ssig wurden. Ich glaube, bei Candice begann der �berdruss zuerst.</p><p>Und dennoch: <emphasis>mehr oder weniger </emphasis>verlobt? Wie ging das denn?</p><p>Ich war versucht zu fragen, aber Jason f�hlte sich sichtlich nicht wohl mit der Wendung, die unser Gespr�ch genommen hatte. Eine weitere Erinnerung stellte sich ein: Einmal, noch im Gro�en Haus, hatte Jason eine Freundin mit nach Hause gebracht, um sie seiner Familie vorzustellen. Er hatte sie im Schachklub von Rice kennen gelernt, ein einfaches, aber nettes M�dchen, zu sch�chtern, um viel zu sagen. Carol war an jenem Abend relativ n�chtern, aber E. D. war mit dem M�dchen sichtlich nicht einverstanden, behandelte sie demonstrativ unfreundlich, und als sie gegangen war, scholt er Jason daf�r, �so ein Exemplar ins Haus zu schleppen�. Mit einem gro�en Verstand, so E. D., sei eine entsprechende Verantwortung verbunden. Er wolle nicht, dass Jason in eine konventionelle Ehe gelockt w�rde, wolle nicht mit ansehen m�ssen, wie er �Windeln an die W�scheleine� h�nge, anstatt sich �in der Welt einen Namen zu machen�.</p><p>Die meisten an Jasons Stelle h�tten wohl aufgeh�rt, ihre Freundinnen mit nach Hause zu bringen.</p><p>Jason aber hatte einfach aufgeh�rt, Freundinnen zu haben.</p><empty-line/><p>Das Haus war leer, als ich am n�chsten Morgen aufwachte.</p><p>Auf dem K�chentisch lag eine Nachricht: Jason war losgefahren, um Vorr�te f�rs Grillen zu besorgen. <emphasis>Bin mittags zur�ck oder auch sp�ter. </emphasis>Jetzt war es halb zehn. Ich hatte luxuri�s lange geschlafen, schon �berkam mich Sommerferientr�gheit.</p><p>Das Haus schien sie zu bef�rdern. Die St�rme der letzten Nacht waren weitergezogen, eine angenehme Morgenbrise wehte durch die Kattunvorh�nge, das Sonnenlicht legte Unregelm��igkeiten in der Maserung der Arbeitsplatte in der K�che blo�. Ich fr�hst�ckte gem�tlich am Fenster und beobachtete die Wolken, die wie stattliche Schoner �ber den Horizont segelten.</p><p>Kurz nach zehn klingelte es an der T�r, und ich bekam kurz Panik bei dem Gedanken, dass es Diane sein k�nnte. Hatte sie spontan beschlossen, ein bisschen fr�her zu kommen? Nein, es war �Mike, der Gartenmann� mit Halstuch und �rmellosem T-Shirt, der mir Bescheid geben wollte, dass er jetzt den Rasen m�hen werde�� er wolle niemanden aufwecken, aber der M�her sei ziemlich laut; er k�nne aber auch am Nachmittag wiederkommen, falls das ein Problem sei. �berhaupt kein Problem, sagte ich, und ein paar Minuten sp�ter fuhr er die Konturen des Grundst�cks mit einem uralten gr�nen John Deere ab, der die Luft mit brennendem �l einfettete. Immer noch ein wenig schl�frig, fragte ich mich, wie diese Gartenarbeit sich wohl im Angesicht dessen ausnehmen w�rde, was Jason gerne als das �Universum im Ganzen� bezeichnete. F�r das Universum im Ganzen war die Erde ein Planet kurz vor dem Stillstand. Die Grashalme dort drau�en im Garten waren �ber Jahrhunderte gewachsen, in ihrer Bewegung ebenso majest�tisch gemessen wie die Evolution der Sterne. Mike, eine vor einigen Milliarden Jahren geborene Naturgewalt, m�hte sie mit unendlicher Geduld. Die abgetrennten Halme fielen, von der Schwerkraft leicht angehaucht, �ber viele, viele Jahre hinweg zwischen Sonne und Lehmboden, einem Boden, in dem Methusalemw�rmer w�hlten, w�hrend anderswo in der Galaxis wom�glich ganze Reiche aufstiegen und wieder vergingen.</p><p>Jason hatte nat�rlich Recht: Es war schwer, an so etwas zu glauben. Oder nein, nicht daran �zu glauben��� die Menschen glauben ja an alles m�gliche unplausible Zeug��, sondern es als grundlegende Wahrheit �ber die Welt zu akzeptieren. Ich sa� auf der Veranda, an der von dem dr�hnenden Deere abgewandten Seite des Hauses, die Luft war k�hl, und die Sonne, als ich ihr mein Gesicht zukehrte, f�hlte sich gut an, obwohl ich wusste, was es war�� gefilterte Strahlung f�r eine Welt im Spin, eine Welt, in der Jahrhunderte verjubelt wurden, als sei�s nur eine Sekunde.</p><p>Kann nicht wahr sein. Ist aber wahr.</p><p>Ich dachte wieder an mein Studium, an das Anatomieseminar, von dem ich Jason erz�hlt hatte. Candice Boone, meine Beinahe-Verlobte, hatte mit mir diesen Kurs besucht. W�hrend des Sezierens hatte sie sich gelassen gezeigt, doch hinterher nicht mehr. Ein menschlicher K�rper, sagte sie, sollte Liebe enthalten, Hass, Mut, Feigheit, Seele, Geist�� nicht diese schleimige Ansammlung von blauen und roten Imponderabilien. Ja. Und wir sollten nicht gegen unseren Willen in eine t�dliche Zukunft gezerrt werden.</p><p>Aber die Welt ist, wie sie ist, und sie l�sst nicht mit sich verhandeln. Etwas in der Art sagte ich zu Candice.</p><p>Sie erkl�rte, ich sei �kalt�. Mag sein, aber ich glaube, ich war mit dieser Bemerkung dem, was man als Weisheit bezeichnen k�nnte, n�her gekommen als je zuvor.</p><empty-line/><p>Der Morgen schritt voran. Mike war mit dem Rasen fertig und fuhr wieder weg, hinterlie� eine von feuchter Stille erf�llte Luft. Nach einer Weile raffte ich mich auf und rief meine Mutter in Virginia an, wo das Wetter, wie sie sagte, weniger einladend als in Massachusetts war, noch immer bew�lkt nach einem Sturm in der Nacht, der einige B�ume und Strommasten gef�llt hatte. Ich berichtete, dass ich sicher in E. D.s Sommerhaus angekommen sei. Sie fragte, was Jason f�r einen Eindruck mache, obwohl sie ihn vermutlich vor nicht allzu langer Zeit selbst gesehen hatte, w�hrend einem seiner Besuche im Gro�en Haus. ��lter�, erwiderte ich. �Aber immer noch Jase.�</p><p>�Macht er sich Sorgen wegen dieser China-Sache?� Meine Mutter war seit dem Oktober-Ereignis zum Nachrichtenjunkie geworden, hatte st�ndig CNN laufen, nicht aus Vergn�gen, ja nicht mal wegen eines Bed�rfnisses nach Information, sondern in erster Linie zur Beruhigung, zur R�ckversicherung, so wie ein mexikanischer Dorfbewohner st�ndig ein Auge auf den nahen Vulkan haben mag, in der Hoffnung, dass der noch nicht angefangen hat zu rauchen. Die China-Sache sei im gegenw�rtigen Stadium nur eine diplomatische Krise, sagte sie, obwohl einige S�bel schon sanft rasselten. Es ging um irgendeinen strittigen Satellitenstart, den die Chinesen planten. �Du solltest Jason danach fragen.�</p><p>�Hat E. D. dir mit diesem Zeug Angst gemacht?� �Nein. Hin und wieder h�re ich einiges von Carol.�</p><p>�Ich wei� nicht, wie weit du dem trauen solltest.�</p><p>�Ach komm, Ty. Sie trinkt, aber sie ist nicht bl�d. Ich �brigens auch nicht, jedenfalls nicht sehr.�</p><p>�Das wollte ich damit �berhaupt nicht sagen.�</p><p>�Das meiste, was ich dieser Tage �ber Jason und Diane h�re, kommt von Carol.�</p><p>�Hat sie gesagt, ob Diane in die Berkshires kommt? Von Jason kriege ich keine richtige Antwort.�</p><p>Meine Mutter z�gerte. �Diane ist in den letzten Jahren ein bisschen unberechenbar gewesen. Daran liegt es vermutlich.�</p><p>�Was genau bedeutet unberechenbar?�</p><p>�Ach, na ja. Keine gro�en Erfolge am College. Ein paar Probleme mit dem Gesetz��</p><p>�Mit dem <emphasis>Gesetz?�</emphasis></p><p>�Ich meine, sie hat keine Bank ausgeraubt oder so, aber sie ist ein paarmal festgenommen worden, wenn NK-Versammlungen au�er Kontrolle geraten sind.�</p><p>�Was zum Teufel hat sie bei NK-Versammlungen gemacht?�</p><p>Erneute Pause. �Du solltest wirklich Jason danach fragen.�</p><p>Die Absicht hatte ich.</p><p>Sie hustete�� ich stellte sie mir vor, mit einer Hand �ber dem Telefon, den Kopf diskret zur Seite gedreht��, und ich fragte: �Wie f�hlst du dich?�</p><p>�M�de.�</p><p>�Irgendwas Neues vom Doktor?� Sie war wegen An�mie in Behandlung. Flaschen voller Eisentabletten.</p><p>�Nein. Ich werde einfach alt, Ty. Fr�her oder sp�ter werden wir alle alt. Ich erw�ge, in den Ruhestand zu gehen. Wenn du das, was ich tue, Arbeit nennen willst. Jetzt, wo die Zwillinge weg sind, sind ja nur noch Carol und E. D. zu versorgen, und E. D. auch kaum noch, seit die Sache in Washington angelaufen ist.�</p><p>�Hast du ihnen gesagt, dass du ans Aufh�ren denkst?�</p><p>�Noch nicht.�</p><p>�Es w�re nicht mehr das Gro�e Haus ohne dich.� Sie lachte, nicht unbedingt gl�cklich. �Ich glaube, vom Gro�en Haus habe ich genug. F�r ein Leben reicht es, danke sehr.� Aber sie sprach dann nie wieder von ihrem Plan. Ich glaube, es war Carol, die sie zum Bleiben �berredete.</p><empty-line/><p>Jason kam irgendwann nachmittags zur�ck. �Ty?� Seine �bergro�en Jeans hingen an den H�ften wie die Takelage eines in die Flaute geratenen Schiffes, und sein T-Shirt war gesprenkelt mit diversen So�enflecken. �Hilf mir mal eben mit dem Grill, ja?�</p><p>Ich ging mit ihm nach drau�en. Es handelte sich um den �blichen Propangasgrill. Jason hatte noch nie einen benutzt. Er �ffnete das Ventil, dr�ckte den Z�ndknopf und zuckte zusammen, als die Flammen hochz�ngelten. Dann grinste er mir zu. �Wir haben Steaks. Wir haben einen Dreibohnensalat aus dem Delikatessenladen.�</p><p>�Und kaum M�cken.�</p><p>�Ja, hier wurde im Fr�hling gespr�ht. Schon Hunger?�</p><p>Hatte ich. Irgendwie war ich beim Verd�sen des Nachmittags hungrig geworden. �Grillen wir f�r zwei oder drei?�</p><p>�Ich warte noch immer darauf, dass ich was von Diane h�re. Wahrscheinlich erfahren wir�s nicht vor heute Abend. Also nur wir beide zum Essen, denke ich.�</p><p>�Vorausgesetzt, die Chinesen schmei�en uns nicht vorher eine Bombe auf den Kopf.� Nur so als K�der.</p><p>Jason schnappte zu. �Machst du dir Sorgen wegen der Chinesen? Das ist nicht mal mehr eine Krise. Wurde beigelegt.�</p><p>�Was f�r eine Erleichterung.� Ich hatte von der Krise und von ihrer Beilegung an ein und demselben Tag erfahren. �Meine Mutter hat dar�ber gesprochen. War wohl in den Nachrichten.�</p><p>�Das chinesische Milit�r will die polaren Artefakte unter Beschuss nehmen. Sie haben Raketen mit atomaren Sprengk�pfen startbereit auf ihren Rampen in Jiuquan stehen. Das Kalk�l ist: Wenn sie die Polarger�te zerst�ren, dann rei�en sie damit vielleicht den ganzen Oktoberschutzschirm ein. Nat�rlich gibt es keinen Grund zur Annahme, dass das funktioniert. Wie gro� ist die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Waffen einer Technologie etwas anhaben k�nnen, die imstande ist, Zeit und Gravitation zu manipulieren?�</p><p>�Also haben wir den Chinesen gedroht und sie haben klein beigegeben?�</p><p>�Ein bisschen war�s so. Ein bisschen Peitsche, aber auch ein bisschen Zuckerbrot. Wir haben angeboten, sie mit an Bord zu nehmen.�</p><p>�An Bord?�</p><p>�Sie d�rfen mitmachen bei unserem eigenen kleinen Projekt zur Rettung der Welt.�</p><p>�Jetzt machst du mir aber wirklich ein bisschen Angst, Jase.�</p><p>�Reich mir mal die Zange da. Tut mir Leid, ich wei�, das klingt geheimnisvoll. Ich darf eigentlich gar nicht �ber diese Dinge sprechen. Mit niemandem.�</p><p>�Aber bei mir machst du eine Ausnahme?�</p><p>�Bei dir mache ich immer eine Ausnahme.� Er l�chelte. �Wir reden beim Essen dr�ber, ja?�</p><p>Ich lie� ihn allein am Grill, eingeh�llt von Rauch und Hitze.</p><empty-line/><p>Zwei aufeinander folgenden amerikanischen Regierungen war von der Presse vorgeworfen worden, sie w�rden �nichts gegen den Spin tun�. Aber diese Kritik disqualifizierte sich selbst, denn niemand wusste, was man denn �berhaupt tun k�nne. Und jede offen aggressive Vorgehensweise�� wie die von den Chinesen vorgeschlagene�� w�re v�llig unkalkulierbar gewesen.</p><p>Perihelion machte sich f�r einen anderen Ansatz stark.</p><p>�Die Leitmetapher�, sagte Jason, �ist nicht die Schlacht. Sondern Judo. Das Gewicht und den Schwung eines gr��eren Gegners nutzen und gegen ihn wenden. Das ist es, was wir mit dem Spin machen wollen.�</p><p>Er erz�hlte mir das ganz lakonisch, w�hrend er sein Steak mit chirurgischer Pr�zision zerschnitt. Wir a�en in der K�che, hatten aber die Hintert�r offen gelassen. Eine riesige Hummel, so fett und gelb, dass sie wie ein in der Luft schwebendes Wollkn�uel aussah, prallte gegen das Fliegengitter.</p><p>�Versuch mal�, sagte er, �den Spin nicht als �berfall, sondern als Chance zu verstehen.�</p><p>�Eine Chance, um was zu tun? Vorzeitig zu sterben?�</p><p>�Eine Chance, die Zeit f�r unsere eigenen Zwecke zu nutzen, auf eine Weise, die vorher gar nicht denkbar gewesen w�re.�</p><p>�Ist nicht Zeit das, was sie uns weggenommen haben?�</p><p>�Im Gegenteil. Au�erhalb unserer kleinen Erdblase haben wir Millionen von Jahren, mit denen wir etwas anfangen k�nnen. Und wir haben ein Werkzeug, das gerade �ber solche gro�en Zeitr�ume hinweg extrem verl�sslich funktioniert.�</p><p>�Werkzeug?�, fragte ich verwirrt, w�hrend er einen weiteren Rindfleischw�rfel aufspie�te. Es war eine Mahlzeit, die sich auf das Wesentliche konzentrierte: ein Steak auf dem Teller, eine Flasche Bier daneben. Keine Beigaben, abgesehen vom Dreibohnensalat, von dem er sich eine sehr bescheidene Portion nahm.</p><p>�Ja, ein Werkzeug, ein sehr naheliegendes: Evolution.�</p><p>�Evolution?�</p><p>�Wir werden uns nicht vern�nftig unterhalten k�nnen, Tyler, wenn du immer nur das wiederholst, was ich sage.�</p><p>�Okay, also, Evolution als Werkzeug� Ich verstehe aber nicht, wie wir uns in drei�ig oder vierzig Jahren so weit entwickeln k�nnen, dass es irgendetwas bewirkt.�</p><p>�Nicht wir, um Gottes willen, und mit Sicherheit nicht in drei�ig oder vierzig Jahren. Ich spreche von einfachen Lebensformen. Ich spreche von �onen. Ich spreche vom Mars.�</p><p>�Mars.� Hoppla.</p><p>�Stell dich nicht so begriffsstutzig. Denk nach!�</p><p>Der Mars war ein in funktioneller Hinsicht toter Planet, auch wenn er einstmals primitive Vorformen des Lebens aufgewiesen haben mochte. Au�erhalb des Spins hatte er sich seit dem Oktober-Ereignis, gew�rmt von einer expandierenden Sonne, �ber Millionen von Jahren �entwickelt�. Den j�ngsten Orbitalfotos zufolge war er immer noch ein toter, ausgetrockneter Planet. H�tte er einfaches Leben und ein entsprechend g�nstiges Klima besessen, w�re aus ihm, so vermutete ich, inzwischen ein �ppiger gr�ner Urwald geworden. Aber ersteres war nicht der Fall und folglich alles andere auch nicht.</p><p>�Fr�her hat man hier und da �ber Terraformung gesprochen�, sagte Jason. �Erinnerst du dich an die spekulativen Romane, die du damals gelesen hast?�</p><p>�Ich lese sie immer noch, Jase.�</p><p>�Nur zu. Wie w�rdest du es anfangen, wenn du den Mars terraformen solltest?�</p><p>�Ich w�rde versuchen, eine ausreichend gro�e Menge von Treibhausgasen in die Atmosph�re zu bekommen, damit er sich aufw�rmt. Das ganze gefrorene Wasser entbinden. Einfachste Organismen auss�en. Aber selbst wenn man die optimistischsten Annahmen zugrunde legt, dauert das��</p><p>Er l�chelte.</p><p>�Du ver�ppelst mich.�</p><p>�Nein.� Das L�cheln verflog. ��berhaupt nicht. Das ist alles ganz und gar ernst gemeint.�</p><p>�Aber wie soll das�?�</p><p>�Beginnen w�rden wir damit, dass wir, aufeinander abgestimmt, eine Reihe von Raumfahrzeugen losschicken, die k�nstlich hergestellte Bakterien transportieren. Einfacher Ionenantrieb und langsames Gleiten zum Mars hin. M�glichst kontrollierter Aufprall, den die Einzeller �berleben k�nnen, und ein paar gr��ere Nutzlasten mit Sprengkopf, um die Organismen unter die Oberfl�che des Planeten zu bringen, wo wir Wasservorkommen vermuten. Um auf Nummer sicher zu gehen, machen wir das mehrmals von verschiedenen Abschussstellen aus und mit einem ganzen Spektrum von in Frage kommenden Organismen. Das Ziel ist, gen�gend organische T�tigkeit loszutreten, um den in die Kruste eingeschlossenen Kohlenstoff zu l�sen und in die Atmosph�re zu blasen. Dann alles ein paar Millionen Jahre sacken lassen�� Monate in unserer Zeit��, anschlie�end neue Messungen machen. Ist es ein w�rmerer Planet geworden mit dichterer Atmosph�re und vielleicht ein paar Teichen mit halbfl�ssigem Wasser, wiederholen wir den ganzen Zyklus, diesmal mit vielzelligen, f�r die dortige Umwelt konstruierten Pflanzen. Wodurch etwas Sauerstoff in die Luft gelangt, der den atmosph�rischen Druck um ein paar Millibar nach oben schraubt. So oft wiederholen wie n�tig. Weitere Millionen Jahre hinzuf�gen und umr�hren. Und schon hast du dir in vertretbarer Zeit�� so wie unsere Uhren eben die Zeit messen�� einen bewohnbaren Planeten gezaubert.�</p><p>Es war eine atemberaubende Idee. Ich kam mir vor wie einer dieser Stichwortgeber in einem viktorianischen Abenteuerroman: �<emphasis>Es war ein k�hner, ja tollk�hner Plan, den er ersonnen hatte, aber ich konnte beim besten Willen keinen Schwachpunkt darin finden��</emphasis></p><p>Au�er einem. Einem grundlegenden Schwachpunkt.</p><p>�Jason, selbst wenn das m�glich w�re�� was h�tten wir davon?�</p><p>�Wenn der Mars bewohnbar ist, k�nnten Menschen dort leben.�</p><p>�Wir alle, sieben oder acht Milliarden?�</p><p>Er schnaubte. �Kaum. Nein, nur einige Pioniere. Zuchtexemplare, wenn man es ganz n�chtern betrachtet.�</p><p>�Und was sollen die da machen?�</p><p>�Leben, sich vermehren und sterben. Millionen von Generationen in jedem von unseren Jahren.�</p><p>�Zu welchem Zweck?�</p><p>�Um der menschlichen Rasse eine zweite Chance im Sonnensystem zu verschaffen. Und im besten Fall�� nun, sie werden alles Wissen zur Verf�gung haben, das wir ihnen mitgeben k�nnen, plus ein paar Millionen Jahre, um es weiterzuentwickeln. Innerhalb der Spin-Blase haben wir nicht genug Zeit, um zu ergr�nden, wer die Hypothetischen sind oder warum sie das mit uns machen. Unsere marsianischen Erben haben vielleicht eine bessere Chance. Vielleicht k�nnen sie uns ein wenig das Denken abnehmen.�</p><p>Oder das K�mpfen um unsere Existenz?</p><p>(Das war �brigens das erste Mal, dass ich den Ausdruck �die Hypothetischen� geh�rt hatte�� die hypothetischen Steuerintelligenzen, die unsichtbaren und weitgehend theoretischen Wesen, die uns in unsere Zeitgruft eingesperrt hatten. Der Name setzte sich in der �ffentlichkeit erst einige Jahre sp�ter durch. Ich konnte mich allerdings damit gar nicht anfreunden. Ich empfand die Bezeichnung als zu distanziert, zu abstrakt. Die Wahrheit war bestimmt weitaus komplexer.)</p><p>�Es existiert also ein Plan, all diese Dinge tats�chlich <emphasis>ins Werk zu setzen?�</emphasis></p><p>�O ja.� Jason hatte sein Steak zu drei Vierteln aufgegessen; er schob den Teller von sich. �Es ist gar nicht mal so teuer. Die einzig problematische Sache ist, widerstandsf�hige Einzeller zu basteln. Die Marsoberfl�che ist kalt, trocken, praktisch luftlos und wird jedes Mal, wenn die Sonne aufgeht, von sterilisierender Strahlung �berschwemmt. Immerhin haben wir eine ganze Menge von Extremophilen, mit denen wir arbeiten k�nnen�� Bakterien, die im antarktischen Packeis oder im Ausfluss von Atomreaktoren leben. Alles andere ist erprobte Technologie. Wir wissen, dass Raketen funktionieren. Wir wissen, dass organische Evolution funktioniert. Das einzig wirklich Neue ist unsere Perspektive. Imstande zu sein, die Ergebnisse einer extremen Langzeituntersuchung schon Wochen oder Monate nach dem Start auszuwerten. Das ist� einige nennen es �teleologische Technik�.�</p><p>�Das ist beinahe das Gleiche�, sagte ich, das neue Wort ausprobierend, das ich von ihm gelernt hatte, �wie das, was die Hypothetischen tun.�</p><p>�Ja.� Jason hob die Augenbrauen zu einem Gesichtsausdruck, den ich nach all den Jahren immer noch schmeichelhaft fand: �berraschung, Respekt. �Ja, in gewisser Weise ist es das wohl.�</p><empty-line/><p>Ich habe einmal ein interessantes Detail �ber die erste bemannte Mondlandung im Jahre 1969 gelesen. Damals, so hie� es in dem Buch, h�tten sich viele �ltere�� im neunzehnten Jahrhundert geborene M�nner und Frauen, alt genug, sich noch an eine Welt ohne Automobile und Fernseher zu erinnern�� geweigert, der Berichterstattung Glauben zu schenken. Worte, die in ihrer Kindheit nur im Zusammenhang mit einem M�rchen Sinn ergeben h�tten (�zwei M�nner sind heute Abend auf dem Mond spazierengegangen�), traten ihnen nunmehr als Tatsachen entgegen. Das konnten sie nicht akzeptieren. Es widersprach ihrem Gef�hl daf�r, was vern�nftig war und was nicht.</p><p>Mir erging es jetzt genauso.</p><p>Wir werden den Mars terraformen und kolonisieren, sprach mein Freund Jason und er litt keineswegs unter Wahnvorstellungen�� jedenfalls nicht mehr als die klugen und m�chtigen Menschen, die seine �berzeugung offensichtlich teilten. Das Ganze war also ernst gemeint und es musste, auf irgendeiner b�rokratischen Ebene, sogar schon angelaufen sein.</p><p>Nach dem Essen machte ich, solange es noch hell war, einen Spaziergang. Mike, der Gartenmann, hatte gute Arbeit geleistet: Der Rasen leuchtete wie das Modell eines Mathematikers, Hege und Pflege einer Grundfarbe. Dahinter krochen schon die Schatten in den Wald. Diane w�rde es hier gefallen, kam es mir in den Sinn. Wieder dachte ich an jene Sommerzusammenk�nfte am Bach, Jahre war es jetzt her, als sie uns aus alten B�chern vorgelesen hatte. Einmal, als wir �ber den Spin sprachen, zitierte sie einen Vers des englischen Dichters A. E. Housman:</p><poem><stanza><v>Der Grizzlyb�r ist wild und gro�,</v><v>Verschlingt das Kind, l�sst�s nicht mehr los.</v><v>Das Kind hat nicht mal wahrgenommen,</v><v>Wie�s in den Bauch des B�r�n gekommen.</v></stanza></poem><p>Jason telefonierte gerade, als ich durch die K�chent�r wieder ins Haus trat. Er sah mich an, dann drehte er sich weg und senkte die Stimme.</p><p>�Nein�, sagte er. �Wenn es so sein muss, aber�� nein, ich verstehe. Ist gut. Ich hab ist gut gesagt, oder? Ist gut hei�t ist gut.� Er steckte das Telefon in die Tasche.</p><p>�War das Diane?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Kommt sie?�</p><p>�Sie kommt. Aber es gibt ein paar Dinge, die ich erw�hnen m�chte, bevor sie hier ist. Das, wor�ber wir beim Essen gesprochen haben�� davon d�rfen wir ihr nichts sagen. Und �brigens auch sonst niemandem. Das sind keine f�r die �ffentlichkeit bestimmten Informationen.�</p><p>�Du meinst, sie sind unter Verschluss?�</p><p>�Formal gesehen, ja, vermutlich.�</p><p>�Aber du hast <emphasis>mir </emphasis>davon erz�hlt.�</p><p>�Ja. Das war ein Staatsverbrechen.� Er l�chelte. �Und ich vertraue darauf, dass du es f�r dich beh�ltst. Nur ein bisschen Geduld�� in ein paar Monaten wird sich CNN damit �berschlagen. Au�erdem habe ich Pl�ne mit dir, Ty. Irgendwann in n�chster Zeit wird Perihelion Kandidaten f�r ein extrem raues Siedlungsprojekt pr�fen. Wir werden �rzte aller Fachrichtungen an Ort und Stelle brauchen. W�re es nicht toll, wenn du das machen k�nntest, wenn wir zusammen arbeiten k�nnten?�</p><p>Ich erschrak. �Ich hab gerade erst meine Pr�fung gemacht, Jase. Ich habe noch keinerlei Praxis.�</p><p>�Alles zu seiner Zeit.�</p><p>�Du vertraust Diane nicht?�</p><p>Sein L�cheln verrutschte. �Nein, ehrlich gesagt. Nicht mehr. Nicht in dieser Sache.� �Wann wird sie hier sein?�</p><p>�Morgen Vormittag.�</p><p>�Und was ist es, das du mir nicht sagen willst?�</p><p>�Sie bringt ihren Freund mit.�</p><p>�Ist das ein Problem?�</p><p>�Du wirst schon sehen.�</p></section><section><title><p>Nichts hat bestand</p></title><p>Ich erwachte und mir war klar, dass ich nicht darauf vorbereitet war, sie wiederzusehen.</p><p>Erwachte in E. D.s pl�schigem Sommerhaus in den Berkshires, die Sonne schien durch filigrane Spitzenjalousien, und ich dachte: Genug von dem Quatsch! Ich hatte die Nase voll davon. All der selbsts�chtige Bl�dsinn der letzten acht Jahre, bis hin zu der Aff�re mit Candice Boone, die meine Lebensl�gen schneller durchschaut hatte als ich. �Du bist ein bisschen fixiert auf diese Lawtons, wie?�, hatte sie einmal angemerkt. Ach, wie kommst du denn darauf?</p><p>Ich konnte nicht im Ernst behaupten, dass ich noch in Diane verliebt war. Die Beziehung zwischen uns war nie so eindeutig gewesen. Wir waren beide hinein- und wieder herausgewachsen, wie Weinreben, die durch einen Gitterzaun ranken. Aber in den besten Zeiten war es eine echte, eine enge Verbindung gewesen, getragen von einem in seiner Gewichtigkeit und Reife fast be�ngstigendem Gef�hl. Weshalb ich so sehr darauf bedacht gewesen war, es zu tarnen�� es h�tte sonst auch ihr Angst gemacht.</p><p>Immer noch ertappte ich mich dabei, dass ich imagin�re Gespr�che mit ihr f�hrte, meistens sp�t in der Nacht, als eine Art B�hnengefl�ster zum Sternenlosen Himmel. Ich war egoistisch genug, sie zu vermissen, doch auch vern�nftig genug, zu wissen, dass wir in Wirklichkeit nie zusammen gewesen waren. Ich war voll und ganz bereit, sie zu vergessen.</p><p>Ich war nur nicht darauf vorbereitet, sie wiederzusehen.</p><empty-line/><p>Als ich nach unten kam, um mir Fr�hst�ck zu machen, sa� Jason bereits in der K�che. Er hatte die T�r ge�ffnet. Frische Luft zog durchs Haus. Ich dachte ernsthaft daran, meine Tasche in den Kofferraum des Hyundais zu werfen und einfach wegzufahren. �Erz�hl mir von dieser NK-Sache�, sagte ich.</p><p>�Liest du eigentlich �berhaupt irgendwelche Zeitungen? Oder werden die Medizinstudenten in Stony Brook in Isolation gehalten?�</p><p>Nat�rlich wusste ich ein bisschen was �ber NK, eben das, was ich in den Nachrichten geh�rt oder aus Unterhaltungen in der Mensa aufgeschnappt hatte. Ich wusste, dass NK f�r �New Kingdom�, �Neues K�nigreich� stand. Ich wusste, dass es sich um eine vom Spin inspirierte christliche Bewegung handelte�� nominell christlich jedenfalls, von Seiten der Kirche, egal welcher Str�mung, wurde sie scharf abgelehnt. Ich wusste, dass sie vor allem die Jungen und Unzufriedenen anlockte. Im ersten Jahr in Stony Brook hatten zwei Typen aus meinem Semester das Studium abgebrochen und sich f�r NK entschieden, hatten eine ungewisse akademische Karriere gegen eine etwas weniger fordernde Erleuchtung eingetauscht.</p><p>�Es ist im Grunde eine millenaristische Bewegung�, sagte Jason. �Kommt ein bisschen sp�t, was das Millenium angeht, aber genau rechtzeitig zum Ende der Welt.�</p><p>�Ein Kult, mit anderen Worten.�</p><p>�Nein, eigentlich nicht. NK ist ein Schlagwort f�r das gesamte christlich-hedonistische Spektrum, es ist also kein Kult, obwohl einige kultartige Gruppen dazugeh�ren. Es gibt keinen F�hrer. Keine heilige Schrift. Nur ein paar abseitige Theologen, mit denen die Bewegung lose assoziiert wird�� C. R. Ratel, Laura Greengage, solche Leute.� Ich hatte deren B�cher in den Drugstores gesehen. Spin-Theologie mit Fragezeichentiteln: Erleben wir die Wiederkunft Christi? �berleben wir das Ende der Zeit? �Und auch kein gro�es Programm, abgesehen von einer Art Wochenendkommunalismus. Aber was die Massen anzieht, das ist nicht die Theologie. Hast du schon mal Berichte oder Bilder von diesen NK-Versammlungen gesehen, vor allem die, die sie Ekstasis nennen?�</p><p>Das hatte ich, und anders als Jason, dem die Angelegenheiten des Fleisches doch immer eher fremd geblieben waren, konnte ich die Faszination nachvollziehen. Was ich gesehen hatte, war eine Videoaufzeichnung einer Zusammenkunft in den Cascades, aus dem Sommer letzten Jahres. Es hatte ausgesehen wie eine Mischung aus einem Baptistenpicknick und einem Grateful-Dead-Konzert. Eine sonnige Wiese, Blumen, zeremonielle wei�e Gew�nder, ein Typ mit null Prozent K�rperfett, der auf einem Schofar blies. Bei Einbruch der Dunkelheit brannte ein gro�es Feuer und f�r die Musiker war eine B�hne errichtet worden. Dann fielen die Gew�nder und das Tanzen begann. Und auch einige intimere Handlungen.</p><p>Bei aller von weiten Teilen der Medien bekundeten Abscheu�� das Ganze hatte auf mich r�hrend unschuldig gewirkt. Keine Predigten, nur ein paar hundert Pilger, die der Ausl�schung ins aufgerissene Maul l�chelten und ihren N�chsten so liebten, wie sie selbst geliebt werden wollten. Der Film war auf DVD gebrannt worden und kursierte landesweit in den Studentenwohnheimen, unter anderem auch in Stony Brook. Kein Sexualakt ist so Garten-Eden-m��ig, dass ein einsamer Medizinstudent sich dazu nicht einen runterholen k�nnte.</p><p>�Schwer, sich vorzustellen, dass Diane von so etwas wie NK angezogen wird.�</p><p>�Im Gegenteil, Diane repr�sentiert das Zielpublikum. Sie hat eine Todesangst vor dem Spin und allem, was er f�r die Welt impliziert. NK ist ein Schmerzmittel f�r Leute wie sie. Es verwandelt das, wovor sie am meisten Angst haben, in einen Gegenstand der Anbetung, die Eingangst�r ins K�nigreich des Himmels.�</p><p>�Wie lange ist sie schon dabei?�</p><p>�Inzwischen fast ein Jahr. Seit sie Simon Townsend kennen gelernt hat.�</p><p>�Simon ist ein NKler?�</p><p>�Simon, f�rchte ich, ist ein <emphasis>hundertf�nfzigprozentiger NKler.�</emphasis></p><p>�Hast du ihn schon einmal gesehen?�</p><p>�Sie hat ihn letzte Weihnachten mit ins Gro�e Haus gebracht. Ich glaube, sie wollte sich das Feuerwerk ansehen. E. D. h�lt nat�rlich gar nichts von Simon. Seine Einstellung war ziemlich offensichtlich.� Jason zuckte kurz zusammen, offenbar bei der Erinnerung an einen Wutanfall, der selbst f�r E. D.s Verh�ltnisse spektakul�r gewesen sein musste. �Aber Diane und Simon haben das NK-Ding durchgezogen�� n�mlich die andere Wange hingehalten. Sie haben ihn praktisch zu Tode gel�chelt. Ich meine, buchst�blich. Er war nur noch einen sanften, vergebenden Blick von der Herzstation entfernt.�</p><p>Eins zu null f�r Simon, dachte ich. �Ist er gut f�r sie?�</p><p>�Er ist genau das, was sie will. Und er ist das Letzte, was sie braucht.�</p><empty-line/><p>Sie trafen nachmittags ein, knatterten die Auffahrt hoch in einem f�nfzehn Jahre alten Tourenwagen, der mehr �l zu verbrennen schien als der Rasenm�her von Mike, dem Gartenmann. Diane sa� am Steuer. Sie hielt an und stieg auf der abgewandten Seite des Autos aus, verdeckt vom Dachgep�cktr�ger, w�hrend Simon, sch�chtern l�chelnd, uns direkt vor die Augen trat.</p><p>Er war ein gut aussehender Mann. Eins f�nfundachtzig oder etwas dr�ber; d�nn, aber kein Schw�chling; ein etwas pferde�hnliches Gesicht, was jedoch durch die ungeb�rdigen goldblonden Haare gut ausbalanciert wurde. Sein L�cheln offenbarte einen Spalt zwischen den oberen Schneidez�hnen. Er trug Jeans, ein kariertes Hemd und um den linken Oberarm ein blaues, wie ein Tourniquet gebundenes Tuch; das war ein NK-Emblem, wie ich sp�ter erfuhr.</p><p>Diane kam um den Wagen herum und stellte sich neben ihn, beide sahen zur Veranda herauf, wo Jason und ich sie erwarteten. Auch sie trug die aktuelle NK-Mode: kornblumenblaues, bodenlanges Kleid, blaue Bluse und ein alberner schwarzer, breitkrempiger Hut, von der Art, wie ihn die Amish-M�nner tragen. Aber die Sachen standen ihr, oder besser gesagt, sie verliehen ihr einen angenehmen Rahmen, deuteten auf robuste Gesundheit und b�uerliche Sinnlichkeit. Ihr Gesicht war so lebendig wie eine ungepfl�ckte Beere. Sie schirmte ihre Augen gegen die Sonne ab und grinste�� besonders in meine Richtung, wie ich glauben wollte. Mein Gott, dieses L�cheln. Irgendwie echt und schelmisch zugleich.</p><p>Ich begann mich sehr verloren zu f�hlen.</p><p>Jasons Handy trillerte. Er zog es aus der Tasche und sah auf das Display.</p><p>�Muss ich entgegennehmen�, fl�sterte er.</p><p>�Lass mich hier jetzt nicht allein, Jase.�</p><p>�Geh nur kurz in die K�che. Bin gleich wieder da.�</p><p>Er tauchte ab, gerade als Simon seinen gro�en Matchbeutel mit Schwung auf die Holzbretter der Veranda hievte und sagte: �Du musst Tyler Dupree sein.�</p><p>Er streckte die Hand aus. Ich sch�ttelte sie. Er hatte einen festen H�ndedruck und einen honigs��en S�dstaatenakzent, die Vokale wie poliertes Treibholz, die Konsonanten h�flich wie eine Visitenkarte. Aus seinem Mund klang mein Name hundertprozentig nach Cajun, obwohl meine Familie nie weiter s�dlich als bis nach Millinocket gekommen war. Diane schnellte hinter ihm hoch, schrie �Tyler!� und packte mich in einer wilden Umarmung. Pl�tzlich hatte ich ihr Haar im Gesicht, und alles, was ich noch registrieren konnte, war ihr sonniger, salziger Geruch.</p><p>Wir zogen uns auf angemessenen Arml�ngenabstand zur�ck. �Tyler, Tyler�, rief sie, als h�tte ich mich in etwas �beraus Bemerkenswertes verwandelt. �Du siehst gut aus nach all den Jahren.�</p><p>�Acht�, sagte ich, um irgendetwas zu sagen. �Acht Jahre.�</p><p>�Wow, ist das wahr?�</p><p>Ich half ihnen, das Gep�ck reinzutragen, f�hrte sie in den Salon mit direkter Verbindung zur Veranda und eilte dann davon, um Jason zu holen, der in der K�che mit seinem Handy interagierte. Er kehrte mir den R�cken zu, als ich reinkam.</p><p>�Nein�, sagte er gerade. Seine Stimme klang angespannt. �Nein� nicht einmal das State Department?�</p><p>Ich erstarrte. Das State Department. Auweia.</p><p>�Ich k�nnte in ein paar Stunden da sein, falls�� oh, verstehe. Okay. Nein, das ist in Ordnung. Aber haltet mich auf dem Laufenden. Genau. Danke.�</p><p>Er steckte das Telefon weg und bemerkte, dass ich da war.</p><p>�War das E. D.?�, fragte ich.</p><p>�Sein Assistent.�</p><p>�Alles in Ordnung?�</p><p>�Na komm, Tyler, soll ich dir etwa alle Geheimnisse verraten?� Er versuchte sich an einem L�cheln, nicht sehr erfolgreich. �Ich w�nschte, du h�ttest das nicht mitgeh�rt.�</p><p>�Ich hab nur geh�rt, wie du angeboten hast, nach D.C. zu kommen und mich hier mit Simon und Diane allein zu lassen.�</p><p>�Tja� werde ich vielleicht m�ssen. Die Chinesen stellen sich st�rrisch.�</p><p><emphasis>�St�rrisch? </emphasis>Was hei�t das?�</p><p>�Sie weigern sich, den geplanten Raketenstart ganz abzublasen. Sie wollen sich diese Option offenhalten.�</p><p>Den nuklearen Angriff auf die Spin-Artefakte, meinte er. �Ich nehme an, irgendjemand versucht gerade, ihnen das auszureden?�</p><p>�Die Diplomatie l�uft auf vollen Touren. Sie ist nur nicht gerade sehr <emphasis>erfolgreich. </emphasis>Die Verhandlungen sind offenbar festgefahren.�</p><p>�Also�� na ja, <emphasis>Schei�e, </emphasis>Jase! Was bedeutet es, wenn sie tats�chlich losschlagen?�</p><p>�Es w�rde bedeuten, dass zwei thermonukleare Fusionswaffen in unmittelbarer N�he zu unbekannten, mit dem Spin in Verbindung stehenden Vorrichtungen zur Detonation gebracht werden. Was die Folgen betrifft�� nun, das ist eine interessante Frage. Aber noch ist es nicht passiert. Wird es wahrscheinlich auch nicht.�</p><p>�Du sprichst hier vom Weltuntergang. Oder vom Ende des Spins��</p><p>�Nicht so laut, bitte. Wir haben G�ste, erinnerst du dich? Au�erdem solltest du nicht �berreagieren. Was die Chinesen beabsichtigen, ist �bereilt und wahrscheinlich sinnlos, aber selbst wenn sie es in die Tat umsetzen, wird es nicht zur Selbstausl�schung kommen. Was immer die Hypothetischen sind, sie werden sich zu verteidigen wissen, ohne uns dabei zu vernichten. Au�erdem sind die Polarartefakte nicht zwangsl�ufig die Vorrichtung, die den Spin erm�glicht. Sie k�nnten auch Beobachtungsplattformen sein, Kommunikationsapparate oder vielleicht sogar Lockv�gel.�</p><p>�Wenn die Chinesen nun doch losschlagen, wie viel Vorwarnungszeit kriegen wir dann?�</p><p>�Kommt drauf an, wen du mit �wir� meinst. Die �ffentlichkeit wird vermutlich nichts erfahren, nicht, bevor es vorbei ist.�</p><p>Das war der Moment, in dem ich begriff, dass Jason nicht einfach nur der Lehrling seines Vaters war, sondern bereits begonnen hatte, sich seine eigenen Verbindungen nach ganz oben zu schaffen. Sp�ter sollte ich viel mehr �ber die Perihelion-Stiftung und die Arbeit, die Jason dort machte, erfahren, vorerst aber geh�rte dies alles f�r mich zu Jasons Schattenleben. Schon als Kind hatte er bereits ein solches Leben gef�hrt: au�erhalb des Gro�en Hauses war er das Mathe-Wunderkind gewesen, das die private Eliteschule so spielend leicht absolvierte wie ein Masters-Titeltr�ger die Hindernisse eines Minigolfplatzes; zu Hause aber war er einfach Jase, und wir hatten sehr darauf geachtet, dass es so blieb.</p><p>Und es war immer noch so. Aber er warf nun einen gr��eren Schatten. Er verbrachte seine Tage nicht mehr damit, die Lehrer an der Rice Academy zu beeindrucken. Jetzt war er damit besch�ftigt, sich in eine Position zu bringen, von der aus er Einfluss auf den Verlauf der menschlichen Geschichte nehmen konnte.</p><p>Er f�gte hinzu: �Falls es passiert, dann werde ich vorgewarnt, ja. <emphasis>Wir </emphasis>werden vorgewarnt. Aber ich m�chte nicht, dass Diane sich dar�ber Sorgen macht. Oder Simon.�</p><p>�Na toll. Dann denk ich einfach eine Weile nicht mehr daran. Ist ja nur das Ende der Welt.�</p><p>�Es ist nichts dergleichen. Bisher ist nichts passiert. Beruhige dich, Tyler. Gie� etwas zu trinken ein, wenn du dich unbedingt besch�ftigen musst.�</p><p>So gelassen er sich auch gab, seine Hand zitterte doch ein bisschen, als er vier Whiskygl�ser aus dem K�chenschrank holte.</p><p>Ich h�tte einfach abhauen k�nnen. Ich h�tte aus der T�r gehen, in meinen Hyundai steigen und eine h�bsche Strecke hinter mich gelegt haben k�nnen, bevor ich auch nur vermisst worden w�re. Ich stellte mir Diane und Simon vor, wie sie im Wohnzimmer ihr Hippie-Christentum praktizierten, und Jason, wie er in der K�che Weltuntergangsbulletins auf seinem Handy entgegennahm� Wollte ich wirklich meine letzte Nacht auf Erden mit diesen Leuten verbringen?</p><p>Aber mit wem denn sonst? Ganz im Ernst: Wer sonst?</p><empty-line/><p>�Wir haben uns in Atlanta kennen gelernt�, sagte Diane. �An der Georgia State University gab es ein Seminar �ber Alternative Spiritualit�t. Simon war da, um sich C. R. Ratels Vortrag anzuh�ren. Ich hab ihn dann in der Mensa gefunden. Er sa� ganz f�r sich an einem Tisch und las in �Wiederkunft Christi�, und ich war auch allein, also hab ich mein Tablett ihm gegen�ber gestellt und wir sind ins Gespr�ch gekommen.�</p><p>Diane und Simon sa�en nebeneinander am Fenster, auf einem pl�schig gelben, nach Staub riechenden Sofa. Diane lehnte bequem an der Seite, Simon sa� aufrecht, wie sprungbereit. Sein L�cheln machte mir langsam Angst. Es ging einfach nie weg.</p><p>Wir hielten uns an unseren Getr�nken fest, w�hrend sich die Vorh�nge im Luftzug bauschten und eine Bremse am Fliegengitter summte. Es war schwer, eine Unterhaltung zu f�hren, wenn es so viele Themen gab, die man nicht ber�hren durfte. Ich machte einen Versuch, Simons L�cheln zu kopieren. �Du bist also Student?�</p><p>�War ich�, korrigierte er.</p><p>�Und was hast du zuletzt so gemacht?�</p><p>�Bin gereist. Haupts�chlich.�</p><p>�Simon kann es sich leisten zu reisen�, sagte Jason. �Er hat geerbt.�</p><p>�Halt dich zur�ck.� Die Sch�rfe in Dianes Stimme zeigte an, dass es eine ernsthafte Warnung war. �Dieses eine Mal, Jason, ja?�</p><p>Aber Simon zuckte nur mit den Achseln. �Lass nur, es stimmt ja. Ich habe ein bisschen Geld auf die Seite gelegt. Diane und ich nutzen diese M�glichkeit, um uns das Land anzusehen.�</p><p>�Simons Gro�vater�, erkl�rte Jason, �war Augustus Townsend, der Pfeifenreinigerk�nig von Georgia.�</p><p>Diane verdrehte die Augen. Simon, weiterhin die Ruhe selbst�� er wirkte immer mehr wie eine Art Heiliger��, sagte: �Das ist lange her. Inzwischen sollen wir sie eigentlich gar nicht mehr Pfeifenreiniger nennen. Es sind �Chenillestiele�.� Er lachte. �Und hier sitze ich, Erbe eines Chenillestielverm�gens.� Eigentlich sei es ein Geschenkartikelverm�gen, erl�uterte Diane sp�ter. Augustus Townsend hatte zwar mit Pfeifenreinigern angefangen, das gro�e Geld aber damit verdient, dass er Pressblechspielzeug, Armb�nder und Plastikk�mme an Billigl�den im ganzen S�den geliefert hatte. In den 1940er Jahren hatte die Familie in den gesellschaftlichen Kreisen von Atlanta eine prominente Rolle gespielt.</p><p>Jason lie� nicht locker: �Simon selbst hat dagegen keine berufliche Laufbahn eingeschlagen. Er ist ein freier Geist.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass irgendeiner von uns ein wirklich freier Geist ist�, erwiderte Simon, �aber es ist richtig, ich strebe keine Karriere an. Vermutlich klingt das ein bisschen faul, wenn ich das sage. Nun, ich <emphasis>bin </emphasis>faul. Das ist mein hartn�ckigstes Laster. Doch ich frage mich, welchen Nutzen egal welcher Beruf auf lange Sicht haben soll. Angesichts der Umst�nde. Nichts f�r ungut.� Er wandte sich mir zu. �Du machst Medizin, Tyler?�</p><p>Ich nickte. �Grad mit dem Studium fertig. Was die berufliche Laufbahn angeht��</p><p>�Nein, ich finde das gro�artig. Wahrscheinlich die wertvollste Besch�ftigung auf dem Planeten.�</p><p>Jason hatte Simon vorgeworfen, zu nichts n�tze zu sein. Simon hatte geantwortet, dass berufliche T�tigkeit im Allgemeinen zu nichts n�tze sei�� ausgenommen eine T�tigkeit wie die meine. Sto� und Gegensto�. Es war, als w�rde man eine in Ballettschuhen ausgetragene Kneipenschl�gerei beobachten.</p><p>Dennoch versp�rte ich �berraschend den Wunsch, f�r Jase um Verst�ndnis zu bitten. Es war weniger Simons Weltanschauung, die ihm ein �rgernis war, als vielmehr dessen blo�e Anwesenheit. Diese Woche in den Berkshires war als Wiedersehen gedacht gewesen, f�r Jason und Diane und mich, eine R�ckkehr in die Behaglichkeit unserer Kindheit. Stattdessen mussten wir es uns gefallen lassen, auf engem Raum mit Simon eingesperrt zu sein, den Jason offensichtlich als Eindringling sah, als eine Art Yoko Ono mit S�dstaatenakzent.</p><p>Ich fragte Diane, wie lange sie schon unterwegs seien.</p><p>�Ungef�hr eine Woche�, erwiderte sie, �aber wir werden den Gro�teil des Sommers auf Reisen sein. Jason hat dir sicherlich von New Kingdom erz�hlt. Nun, in Wirklichkeit ist es ziemlich wunderbar, Ty. Wir haben Internetfreunde im ganzen Land. Leute, bei denen wir ein, zwei Tage pennen k�nnen. Wir werden also zu Konklaven und Konzerten fahren, von Maine bis Oregon, von Juli bis Oktober.�</p><p>Jason sagte: �Da d�rftet ihr ja eine Menge Kosten f�r Unterkunft und Kleidung sparen.�</p><p>�Nicht jede Konklave ist eine Ekstasis�, gab Diane zur�ck.</p><p>�Wir werden allerdings �berhaupt nicht viel zum Reisen kommen�, sagte Simon, �wenn uns dieses alte Auto, das wir da haben, zusammenbricht. Der Motor hat Fehlz�ndungen und der Benzinverbrauch ist katastrophal. Leider verstehe ich nicht viel von Autos. Kennst du dich mit Motoren aus, Tyler?�</p><p>�Ein bisschen.� Ich begriff, dass das eine Einladung war, mit Simon nach drau�en zu gehen, damit Diane einen Waffenstillstand mit ihrem Bruder aushandeln konnte. �Wir k�nnen uns das ja mal ansehen.�</p><p>Der Tag war immer noch klar, warme Luft kam vom smaragdgr�nen Rasen jenseits der Auffahrt heraufgeweht. Ich h�rte, wie ich zugeben muss, mit geteilter Aufmerksamkeit zu, als Simon die Motorhaube seines alten Fords �ffnete und die Probleme aufz�hlte, die er mit dem Auto hatte. Wenn er so wohlhabend war, wie Jason angedeutet hatte, warum kaufte er sich dann keinen besseren Wagen? Aber wom�glich war das Erbe ja schon halb aufgebraucht, oder es war fest angelegt in Treuhandfonds.</p><p>�Ich sch�tze, ich mache hier einen ziemlich d�mlichen Eindruck�, sagte Simon. �Vor allem in der Gesellschaft, in der ich mich befinde. Was Wissenschaft oder Technik angeht, war ich schon immer ein bisschen unterbelichtet.�</p><p>�Ich bin auch kein Experte. Selbst wenn wir diesen Motor dazu bringen, reibungsloser zu laufen, solltest du ihn mal in einer richtigen Werkstatt untersuchen lassen, bevor du gr��ere Strecken in Angriff nimmst.�</p><p>�Danke, Tyler.� Er sah mit kuller�ugiger Faszination zu, wie ich den Motor inspizierte. �Den Rat werde ich beherzigen.�</p><p>Als Verursacher des �bels schienen mir am ehesten die Z�ndkerzen in Frage zu kommen. Der Wagen hatte etwa hunderttausend Kilometer auf dem Buckel. Ich benutzte das Werkzeugset aus meinem eigenen Auto, um eine der Kerzen herauszuziehen, und zeigte sie ihm. �Das hier ist der gr��te Teil deines Problems.�</p><p>�Das Ding da?�</p><p>�Und seine Freunde. Die gute Nachricht ist, die Ersatzteile sind nicht teuer. Die schlechte Nachricht ist, es w�re besser, wenn du das Auto nicht mehr f�hrst, bis wir die neuen Teile eingesetzt haben.�</p><p>�Hmm.�</p><p>�Wir k�nnen mit meinem Wagen in die Stadt fahren und Ersatzteile holen, falls du bereit bist, bis morgen Fr�h zu warten.�</p><p>�Ja, sicher. Das ist sehr freundlich. Wir hatten auch nicht die Absicht, sofort wieder wegzufahren. Es sei denn, Jason besteht darauf.�</p><p>�Jason wird sich beruhigen. Er ist nur��</p><p>�Du brauchst nichts zu erkl�ren. Er h�tte es lieber, wenn ich nicht hier w�re. Das verstehe ich, es schockiert oder �berrascht mich nicht. Diane fand nur, dass sie keine Einladung annehmen k�nne, die mich ausdr�cklich nicht einschlie�t.�</p><p>�Tja� gut f�r sie.� Vermutlich.</p><p>�Aber ich k�nnte mir genauso gut irgendwo in der Stadt ein Zimmer nehmen.�</p><p>�Dazu besteht keine Veranlassung�, sagte ich und fragte mich im gleichen Atemzug, wie es um Gottes willen dazu hatte kommen k�nnen, dass dieser Simon Townsend ausgerechnet von mir zum Bleiben gedr�ngt wurde. Ich wei� nicht, was genau ich mir von einem Wiedersehen mit Diane versprochen hatte, jedenfalls hatte Simons Anwesenheit m�gliche verschwiegene Hoffnungen gleich wieder zunichte gemacht. Gut so, vermutlich.</p><p>�Ich nehme an�, sagte Simon, �Jason hat mir dir �ber New Kingdom gesprochen. Das ist ein Streitpunkt zwischen uns.�</p><p>�Er hat mir erz�hlt, dass ihr damit zu tun habt.�</p><p>�Ich will hier keine Werbung machen, aber falls dir irgendetwas an der Bewegung Sorgen bereitet, kann ich sie dir vielleicht nehmen.�</p><p>�Alles, was ich �ber NK wei�, ist das, was ich im Fernsehen sehe, Simon.�</p><p>�Einige Leute bezeichnen es als christlichen Hedonismus. Ich ziehe den Namen New Kingdom vor. Das bringt es im Grunde auf den Punkt. Den Chiliasmus wachsen lassen, indem man ihn lebt, hier und jetzt. Das Dasein der letzten Generation so idyllisch sein lassen wie das der allerersten.�</p><p>�Aha. Tja, Jason hat wenig Nachsicht mit Religion.�</p><p>�Ja, das ist richtig, aber wei�t du was, Tyler? Ich glaube, es ist gar nicht die Religion, die ihn so aufregt.�</p><p>�Nicht?�</p><p>�Nein. Ich bewundere Jason Lawton, und das nicht nur, weil er so klug ist. Er ist einer der Eingeweihten, wenn du mir die Vokabel gestattest. Er nimmt den Spin ernst. Es gibt, na, acht Milliarden Menschen auf der Erde? Und so ziemlich jeder davon wei�, dass die Sterne und der Mond vom Himmel verschwunden sind. Und doch verschlie�en sie sich dieser Realit�t. Nur wenige von uns glauben wirklich an den Spin. NK nimmt ihn ernst. Und Jason tut es auch.�</p><p>Das entsprach auf fast schockierende Weise dem, was Jason gesagt hatte. �Nun, allerdings nicht im gleichen� Stil.�</p><p>�Das ist der springende Punkt. Zwei Visionen, die um �ffentliche Zustimmung wetteifern. �ber kurz oder lang werden die Menschen sich der Realit�t stellen m�ssen, ob sie wollen oder nicht. Und sie werden sich entscheiden m�ssen zwischen einem wissenschaftlichen Verst�ndnis und einem spirituellen. Das macht Jason Sorge. Denn wenn es um die Frage von Leben und Tod geht, dann obsiegt immer der Glaube. Wo w�rdest <emphasis>du </emphasis>die Ewigkeit lieber verbringen? In einem irdischen Paradies oder einem sterilen Labor?�</p><p>Die Antwort schien mir nicht so klar auf der Hand zu liegen, wie Simon offenbar meinte. Ich musste an Mark Twains Antwort auf eine �hnliche Frage denken: Im Himmel, des Klimas wegen, in der H�lle, der Gesellschaft wegen.</p><empty-line/><p>Im Innern des Hauses fand eine un�berh�rbare Diskussion statt�� abwechselnd Dianes schimpfende Stimme und die m�rrischen, monoton vorgetragenen Antworten ihres Bruders. Simon und ich holten uns zwei Klappst�hle aus der Garage, setzten uns in den Schatten des Carports und warteten darauf, dass die Zwillinge fertig w�rden. Wir unterhielten uns �ber das Wetter. Das Wetter war sehr sch�n. In diesem Punkt bestand Konsens zwischen uns.</p><p>Der L�rm im Haus ebbte schlie�lich ab, und nach einer Weile trat ein etwas ern�chtert wirkender Jason nach drau�en und lud uns ein, ihm mit dem Grill zu helfen. Wir folgten ihm nach hinten und setzten unsere Unterhaltung fort, w�hrend der Grill hei� wurde. Auch Diane kam jetzt nach drau�en, mit ger�tetem Gesicht, aber sichtlich triumphierend. So hatte sie schon fr�her immer ausgesehen, wenn sie aus einem Streit mit Jason siegreich hervorgegangen war: ein bisschen �berheblich, ein bisschen �berrascht.</p><p>Dann setzten wir uns an den Tisch auf der Terrasse. Es gab Huhn, Eistee und die �berreste des Dreibohnensalats. �Habt ihr etwas dagegen, wenn ich ein Gebet spreche?�, fragte Simon.</p><p>Jason verdrehte die Augen, nickte aber tolerant.</p><p>Simon senkte feierlich den Kopf. Ich machte mich auf eine Predigt gefasst, aber alles, was er sagte, war: �Gib uns den Mut, die F�lle anzunehmen, die du uns an diesem und jedem anderen Tag vorsetzt. Amen.�</p><p>Ein Gebet, das nicht Dankbarkeit ausdr�ckte, sondern den Wunsch nach Mut. Sehr zeitgen�ssisch. Diane l�chelte mir �ber den Tisch hinweg zu. Dann dr�ckte sie Simons Arm und wir machten uns �ber das Essen her.</p><empty-line/><p>Es war noch recht fr�h, als wir fertig waren, die Sonne verweilte im Westen, die M�cken bereiteten sich erst noch auf ihre abendliche Aktivit�t vor. Der Wind hatte sich gelegt, in der abk�hlenden Luft lag etwas zart Ged�mpftes.</p><p>Anderswo allerdings �berschlugen sich die Ereignisse.</p><p>Was wir nicht wussten�� was selbst Jason, trotz all seiner tollen Beziehungen, noch nicht wusste��, war, dass zwischen dem ersten Bissen H�hnerfleisch und dem letzten L�ffel Dreibohnensalat die Chinesen die Verhandlungen abgebrochen und den sofortigen Start eines mit thermonuklearen Sprengk�pfen ausgestatteten Gespanns von Dong-Feng-Raketen angeordnet hatten. Die Flugk�rper waren ungef�hr im selben Moment aufgestiegen, als wir die zweite Runde Heineken aus der K�hltasche gezogen hatten, eisig gr�ne, raketenf�rmige Flaschen, von denen das Schwitzwasser tropfte.</p><p>Wir r�umten den Tisch frei. Ich erw�hnte die verschlissenen Z�ndkerzen und meinen Plan, am n�chsten Morgen mit Simon in die Stadt zu fahren. Diane fl�sterte ihrem Bruder etwas zu, dann, nach einer gewissen Pause, stie� sie ihn mit dem Ellbogen an. Jason nickte, wandte sich an Simon und sagte: �Gleich hinter Stockbridge gibt es einen von diesen Automobilgro�m�rkten, der bis neun ge�ffnet hat. Wie w�r�s, wenn wir da jetzt gleich hinfahren?�</p><p>Es war ein Friedensangebot, wie widerwillig auch immer. Simon erholte sich ziemlich schnell von seiner �berraschung und erwiderte: �Ich werde ganz bestimmt keine Fahrt in diesem Ferrari da ausschlagen, falls es das ist, was du mir anbietest.�</p><p>�Ich kann dir gern zeigen, was er so alles hergibt.� Beschwichtigt von der Aussicht, mit seinem Auto angeben zu k�nnen, ging Jason ins Haus, um seine Schl�ssel zu holen. Simon warf uns einen Na-Donnerwetter-Blick zu, dann folgte er ihm. Ich sah Diane an. Sie grinste, stolz auf diesen Triumph der Diplomatie.</p><p>Anderswo n�herten sich die Dong-Feng-Raketen der Spin-Barriere, passierten sie und flogen auf ihre programmierten Ziele zu. Seltsam die Vorstellung, wie sie �ber eine pl�tzlich dunkle, kalte, bewegungslose Erde hinwegschossen, allein ihrer Programmierung folgten, sich auf die gesichtslosen Artefakte ausrichteten, die hunderte von Kilometern �ber den Polen hingen.</p><p>Wie die Auff�hrung eines Dramas ohne Publikum, zu schnell f�r das menschliche Auge.</p><empty-line/><p>Der Konsens�� hinterher�� ging dahin, dass die Explosion der chinesischen Sprengk�pfe keine Auswirkung auf den ungleichen Zeitfluss gezeitigt h�tte. Was dagegen betroffen war (und zwar erheblich), das war der visuelle Filter, der die Erde umgab. Nicht zu reden von der menschlichen Wahrnehmung des Spins.</p><p>Wie Jason schon vor Jahren erl�utert hatte, bedeutete das temporale Gef�lle, dass gewaltige Mengen blauverschobener Strahlung die Oberfl�che unseres Planeten �berschwemmt h�tten, wenn sie nicht von den Hypothetischen gefiltert und kontrolliert worden w�re. Mehr als drei Jahre Sonnenschein auf jede vergehende Sekunde: genug, um alles Leben auf der Erde auszurotten, genug, um den Boden unfruchtbar zu machen und die Meere zum Kochen zu bringen. Die Hypothetischen, die den zeitlichen Einschluss der Erde ins Werk gesetzt hatten, hatten uns auch vor dessen t�dlichen Nebenwirkungen gesch�tzt. Mehr noch, sie kontrollierten nicht nur, wie viel Energie zur Erde gelangte, sondern auch, wie viel von der Hitze und dem Licht des Planeten in den Weltraum zur�ckgestrahlt wurde. Vielleicht war das der Grund daf�r, dass das Wetter in den letzten Jahren so angenehm� durchschnittlich gewesen war.</p><p>Der Himmel �ber den Berkshires jedenfalls war so ungetr�bt wie Waterford-Kristall, als die chinesischen Sprengk�pfe ihr Ziel erreichten, um 19:55 Uhr Ostk�stenzeit.</p><empty-line/><p>Ich sa� mit Diane im Wohnzimmer, als das Telefon klingelte.</p><p>Hatten wir vor Jasons Anruf irgendetwas bemerkt? Eine Ver�nderung des Lichts, so unauff�llig wie das Gef�hl, eine Wolke h�tte sich vor die Sonne geschoben? Nein. Nichts. Meine ganze Aufmerksamkeit war auf Diane gerichtet. Wir schl�rften Mixgetr�nke und redeten �ber Lappalien: B�cher, die wir gelesen, Filme, die wir gesehen hatten. Die Unterhaltung war elektrisierend, nicht wegen der Themen, um die es ging, sondern wegen des Tonfalls, wegen dieses bestimmten Rhythmus, in den wir verfielen, sobald wir allein waren, jetzt wie fr�her. Jedes Gespr�ch zwischen Freunden oder Liebenden schafft sich seinen eigenen flie�enden oder stockenden Rhythmus, verborgenes Sprechen, das wie ein unterirdisches Gew�sser selbst unter dem banalsten Wortwechsel mitflie�t. Was wir sagten, was wir aussprachen, war platt und konventionell, aber der Subtext war tief und reichlich t�ckisch.</p><p>Schon bald flirteten wir miteinander, als h�tten Simon Townsend und die vergangenen acht Jahre keinerlei Bedeutung. Zuerst im Scherz, dann vielleicht nicht mehr im Scherz. Ich sagte ihr, dass sie mir gefehlt habe. Sie sagte: �Es gab Zeiten, wo ich mit dir reden wollte. Unbedingt. Aber ich hatte deine Nummer nicht, oder ich dachte mir, du bist bestimmt zu besch�ftigt.�</p><p>�Du h�ttest meine Nummer herausfinden k�nnen. Und ich war nicht zu besch�ftigt.�</p><p>�Du hast Recht. In Wahrheit war es mehr� moralische Feigheit.�</p><p>�Bin ich denn so furchteinfl��end?�</p><p>�Nicht du. Unsere Situation. Ich hatte wohl irgendwie das Gef�hl, ich m�sste mich bei dir entschuldigen. Und ich wusste nicht, wie ich das anfangen sollte.� Sie l�chelte matt. �Ich glaube, ich wei� es immer noch nicht.�</p><p>�Es gibt nichts, wof�r du dich entschuldigen m�sstest, Diane.�</p><p>�Danke, dass du das sagst, aber ich denke anders dar�ber. Wir sind keine Kinder mehr. Es ist uns m�glich, mit einer gewissen Einsicht zur�ckzublicken. Wir waren uns so nahe, wie man es, ohne Ber�hrung, nur sein kann. Aber diese Ber�hrung, das war genau das, was uns nicht m�glich war. Wir konnten nicht einmal dar�ber reden. Als h�tten wir ein Schweigegel�bnis abgelegt.�</p><p>�Seit der Nacht, als die Sterne verschwanden�, sagte ich mit trockenem Mund, entsetzt �ber mich selbst, erschrocken, erregt.</p><p>Diane wedelte mit der Hand. �Diese Nacht�� wei�t du, was f�r Erinnerungen ich an diese Nacht habe? Jasons Fernglas. Ich hatte es auf das Gro�e Haus gerichtet, w�hrend ihr beiden in den Himmel gestarrt habt. An die Sterne kann ich mich wirklich �berhaupt nicht erinnern. Woran ich mich erinnere, ist, dass ich pl�tzlich Carol in einem der hinteren Zimmer mit jemandem vom Partyservice gesehen habe. Es sah aus, als w�rde sie sich an ihn ranmachen.� Sie lachte versch�mt. �Das war meine eigene kleine Apokalypse. Alles, was ich schon damals an dem Gro�en Haus hasste, an meiner Familie, das verdichtete sich in dieser einen Nacht. Ich wollte einfach so tun, als w�rde das alles nicht existieren. Keine Carol, kein E. D., kein Jason��</p><p>�Kein ich?�</p><p>Sie r�ckte auf dem Sofa heran und legte, da es jetzt diese Art von Gespr�ch geworden war, eine Hand auf meine Wange. Ihre Hand war k�hl�� die Temperatur des Drinks, den sie gehalten hatte. �Du warst die Ausnahme. Ich hatte Angst. Du warst unglaublich geduldig. Ich habe das sehr gesch�tzt.�</p><p>�Aber wir konnten��</p><p>�Uns nicht ber�hren.�</p><p>�Ja. E. D. h�tte es niemals zugelassen.�</p><p>Sie zog ihre Hand zur�ck. �Wir h�tten es vor ihm verheimlichen k�nnen, wenn wir gewollt h�tten. Aber du hast Recht, E. D. war das Problem. Er hat alles kontaminiert. Es war obsz�n, wie er deine Mutter gezwungen hat, ein Leben zweiter Klasse zu f�hren. Das war so entw�rdigend. Darf ich das beichten? Ich habe es absolut gehasst, seine Tochter zu sein. Am abscheulichsten fand ich die Vorstellung, dass, falls zwischen uns, na ja, irgendwas entstehen w�rde, es f�r dich vielleicht nur eine M�glichkeit w�re, dich an E. D. Lawton zu r�chen.� Sie lie� sich zur�cksinken, offenbar selbst ein bisschen �berrascht.</p><p>�Nat�rlich w�re es nicht so gewesen.�</p><p>�Ich war verwirrt.�</p><p>�Ist es das, was NK f�r dich ist? Rache an E. D.?�</p><p>�Nein.� Sie l�chelte. �Ich liebe Simon nicht, weil er meinen Vater w�tend macht. So simpel ist das Leben nicht, Ty.�</p><p>�Ich wollte damit nicht andeuten��</p><p>�Aber du siehst, wie schwierig das ist? Ein gewisser Verdacht scheint dir naheliegend und setzt sich in deinem Kopf fest. Nein, NK hat nichts mit meinem Vater zu tun. Sondern damit, die G�ttlichkeit in dem zu entdecken, was mit der Erde geschehen ist. Und diese G�ttlichkeit im t�glichen Leben auszudr�cken.�</p><p>�Vielleicht ist der Spin auch nicht so simpel.�</p><p>�Wir werden entweder ermordet oder verwandelt, sagt Simon.�</p><p>�Er hat mir erz�hlt, ihr errichtet den Himmel auf Erden.�</p><p>�Ist es nicht das, was den Christen aufgegeben ist? Das K�nigreich Gottes schaffen, indem sie ihm in ihrem Leben Ausdruck verleihen?�</p><p>�Oder jedenfalls dazu tanzen.�</p><p>�Jetzt klingst du wie Jason. Klar, ich kann nicht alles an der Bewegung guthei�en. Letzte Woche waren wir auf einem Konklave in Philadelphia und haben dort ein anderes Paar kennen gelernt, in unserem Alter, freundlich, intelligent�� lebendig im Geist, nannte Simon sie. Wir sind zusammen essen gegangen und haben �ber die Parusie gesprochen. Dann haben sie uns in ihr Hotelzimmer eingeladen und pl�tzlich fingen sie an, Kokslinien auf den Tisch zu streuen und Pornovideos abzuspielen. Es werden auch alle m�glichen Randgruppen von NK angezogen, keine Frage. Und f�r die meisten von ihnen existiert die Theologie kaum, au�er als verschwommenes Bild vom Garten Eden. Aber in ihren besten Auspr�gungen ist die Bewegung all das, was sie zu sein beansprucht�� ein echter, lebendiger Glaube.�</p><p>�Glaube woran? Ekstasis? Promiskuit�t?�</p><p>Ich bedauerte meine Worte in dem Moment, als ich sie ausgesprochen hatte. Diane schien verletzt. �Ekstasis bedeutet nicht Promiskuit�t. Jedenfalls nicht, wenn sie gelingt. Aber im Leib Gottes ist keine Handlung verboten, solange sie nicht der Rachsucht oder der Wut entspringt, solange sie sowohl g�ttliche als auch menschliche Liebe ausdr�ckt.�</p><p>In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Ich muss etwas schuldbewusst dreingeblickt haben. Diane sah mein Gesicht und lachte.</p><p>Jasons erste Worte, als ich abnahm: �Ich habe gesagt, es w�rde eine Vorwarnung geben. Tut mir Leid. Ich hatte Unrecht.�</p><p>�Was?�</p><p>�Hast du den Himmel nicht gesehen, Tyler?�</p><empty-line/><p>Also gingen wir nach oben, um uns ein Fenster zu suchen, von dem aus man den Sonnenuntergang sehen konnte.</p><p>Das Schlafzimmer nach Westen war gro�z�gig geschnitten, mit einer Mahagoni-Chiffoniere, einem Bett mit Messinggel�nder und gro�en Fenstern. Ich zog die Vorh�nge auf. Diane stockte der Atem.</p><p>Da war keine untergehende Sonne. Oder, besser gesagt, da waren gleich mehrere.</p><p>Der gesamte westliche Himmel war erleuchtet. Statt einer einzelnen Sonnenkugel war ein r�tlich schimmernder Bogen zu sehen, der sich �ber mindestens f�nfzehn Grad des Horizonts erstreckte, und was in ihm enthalten war, das sah aus wie eine flackernde Vielfachbelichtung von einem Dutzend oder mehr Sonnenunterg�ngen. Das Licht war erratisch, es loderte auf und verblasste wie ein fernes Feuer.</p><p>Endlos lange starrten wir hin. Schlie�lich sagte Diane: �Was ist das, Tyler? Was geschieht da?�</p><p>Ich erz�hlte ihr von den chinesischen Atomsprengk�pfen.</p><p>�Jason wusste, dass das passieren k�nnte?�, fragte sie, gab sich dann aber gleich selbst die Antwort. �Nat�rlich.� Das seltsame Licht verlieh dem Zimmer einen rosenfarbenen Anstrich und legte sich �ber ihre Wangen wie ein Fieber. �Wird es uns umbringen?�</p><p>�Jason glaubt es nicht. Es wird den Leuten allerdings eine Heidenangst einjagen.�</p><p>�Aber ist es gef�hrlich? Strahlung oder irgendwas?�</p><p>Ich bezweifelte es. Aber ausschlie�en konnte man es nat�rlich nicht. �Probier doch mal das Fernsehen�, sagte ich. In jedem Schlafzimmer gab es einen in die Walnusst�felung eingelassenen Plasmabildschirm. Ich nahm an, dass jede auch nur ann�hernd t�dliche Strahlung die �bertragung von Funkwellen verhindern w�rde.</p><p>Aber das Fernsehen funktionierte gut genug, um uns Nachrichtenbilder von Menschenmassen zu zeigen, die in den St�dten Europas zusammenstr�mten (wo es bereits dunkel war, jedenfalls so dunkel, wie es in dieser Nacht werden w�rde). Keine t�dliche Strahlung, aber jede Menge Panik. Diane sa� regungslos auf der Bettkante, die H�nde im Scho� gefaltet, sichtlich ver�ngstigt. Ich setzte mich neben sie und sagte: �Wenn das wirklich irgendwie t�dlich w�re, w�rden wir jetzt schon nicht mehr leben.�</p><p>Drau�en stolperte der Sonnenuntergang der Dunkelheit entgegen. Das diffuse Leuchten l�ste sich in mehrere klar geschiedene Sonnen auf, alle geisterblass, und dann pl�tzlich in eine Spirale von Sonnenlicht, wie eine strahlende Feder, die sich �ber den ganzen Himmel bog und ebenso j�h wieder verschwand.</p><p>Wir sa�en H�fte an H�fte, w�hrend der Himmel sich verdunkelte.</p><p>Dann traten die Sterne hervor.</p><empty-line/><p>Es gelang mir, Jason noch einmal zu erreichen, bevor Netze zusammenbrachen. Simon hatte gerade die Z�ndkerzen f�r sein Auto bezahlt, erz�hlte er, als der Himmel explodierte. Die Stra�en aus Stockbridge heraus waren bereits verstopft, das Radio berichtete von vereinzelten Pl�ndereien in Boston und zum Erliegen kommendem Verkehr auf allen Hauptstra�en, daher war Jason auf den Parkplatz eines Motels gefahren und hatte f�r die Nacht ein Zimmer f�r sich und Simon gemietet. Am n�chsten Morgen, sagte er, werde er wahrscheinlich nach Washington m�ssen, aber vorher werde er Simon noch beim Haus absetzen.</p><p>Dann gab er sein Telefon an Simon weiter und ich meins an Diane. Ich verlie� das Zimmer, w�hrend sie mit ihrem Verlobten sprach. Das Haus schien bedrohlich gro� und leer. Ich wanderte herum und machte �berall Licht an, bis sie mich rief.</p><p>�Noch einen Drink?�, fragte ich.</p><p>�O ja.�</p><empty-line/><p>Kurz nach Mitternacht gingen wir nach drau�en.</p><p>Diane lie� sich nichts anmerken. Simon hatte sie mit New-Kingdom-Weisheiten aufgebaut. In der NK-Theologie gab es keine konventionelle Wiederkunft Christi, keine Entr�ckung, kein Armageddon�� der Spin war all dies zusammengenommen, die indirekte Erf�llung der alten Prophezeiungen. Und wenn Gott die Leinwand des Himmels benutzt, um uns die nackte Geometrie der Zeit aufzumalen, so Simon, dann tut er das eben und all unsere Furcht�� unsere Ehrfurcht�� ist dem Vorgang vollkommen angemessen. Doch sollten wir uns von diesen Gef�hlen nicht �berw�ltigen lassen, denn der Spin ist letzten Endes ein Akt der Erl�sung, das letzte und beste Kapitel der menschlichen Geschichte.</p><p>Oder so etwas in der Art.</p><p>Wir gingen also nach drau�en, um den Himmel zu beobachten, weil Diane das f�r eine mutige und spirituelle Handlung hielt. Der Himmel war wolkenlos, und die Luft roch nach Kiefern. Der Highway war weit weg, doch hin und wieder h�rten wir leise Autohupen und Sirenen.</p><p>Unsere Schatten tanzten um uns herum, je nachdem, welcher Teil des Himmels aufleuchtete, mal im Norden, mal im S�den. Wir sa�en auf dem Rasen, einige Meter vom Schein der Verandalampen entfernt, Diane lehnte sich gegen meine Schulter, und ich legte den Arm um sie. Wir waren beide ein bisschen betrunken.</p><p>Trotz all der Jahre emotionaler K�lte, trotz unserer Vergangenheit im Gro�en Haus, trotz ihrer Verlobung mit Simon Townsend, trotz NK und Ekstasis und sogar trotz der atomaren Verunstaltung des Himmels war ich hochempf�nglich f�r das Gef�hl, das der Druck ihres K�rpers neben mir ausl�ste. Und das Seltsame war, dass sich alles vollkommen vertraut anf�hlte, die Rundung ihres Arms unter meiner Hand, das Gewicht ihres Kopfes an meiner Schulter, ja selbst der Geruch ihrer Furcht: nicht neu entdeckt, sondern erinnert. Sie f�hlte sich genauso an, wie sie sich schon immer in meiner Vorstellung angef�hlt hatte.</p><p>Der Himmel verspr�hte merkw�rdiges Licht. Nicht das reine Licht des Spin-Universums, das uns auf der Stelle get�tet h�tte. Nein, es war eine Serie von Schnappsch�ssen des Himmels, aufeinander folgende, zu Mikrosekunden komprimierte Mittern�chte, Nachbilder, die wie ein Blitzlicht verblassten; dann derselbe Himmel ein Jahrhundert oder ein Jahrtausend sp�ter, wie die Schnittfolge eines surrealen Films. Einige der Einstellungen waren verschwommene Langbelichtungen, Sternen- und Mondlicht als geisterhafte Kugelformen oder Kreise oder Krummschwerter. Andere waren gestochen scharfe, schnell verblassende Standbilder. Nach Norden hin wurden die Linien und Kreise schmaler, die Radien kleiner, w�hrend sich die �quatorsterne ruhelos zeigten und in ihrem Tanz riesige Ellipsen beschrieben. Vollmonde, Halbmonde und abnehmende Monde blinkten in blassoranger Durchsichtigkeit von einem Horizont zum anderen. Die Milchstra�e war ein wei� fluoreszierendes Band, mal heller, mal dunkler, entz�ndet von flackernden, sterbenden Sternen. Mit jedem Hauch der sommerlichen Luft wurden Sterne geschaffen und Sterne zerst�rt.</p><p>Und alles war in Bewegung.</p><p>Bewegte sich in gewaltigem Flirren und verschlungenen T�nzen, die immer gr��ere, noch unsichtbare Kreise andeuteten. Der Himmel �ber uns schlug wie ein Herz.</p><p>�So lebendig�, fl�sterte Diane.</p><p>Es gibt ein Vorurteil, das uns die Beschr�nktheit unserer Wahrnehmung aufdr�ngt: Dinge, die sich bewegen, sind lebendig; die es nicht tun, sind tot. Der lebendige Wurm windet sich unter dem toten, statischen Stein. Sterne und Planeten bewegen sich, jedoch nur nach den ewigen Gesetzen der Gravitation: ein Stein mag fallen, aber er ist nicht lebendig, und orbitale Bewegung ist nichts anderes als dieses Fallen, ins Unendliche verl�ngert.</p><p>Wird aber unsere Eintagsfliegenexistenz gedehnt�� wie es die Hypothetischen bewirkt hatten��, dann verwischt sich der Unterschied. Sterne werden geboren, leben, sterben und hinterlassen ihre Asche zugunsten neuer Sterne. Die Summe ihrer Bewegungen ist keineswegs simpel, sondern unvorstellbar komplex, ein Tanz der Anziehung und Umlaufgeschwindigkeit, sch�n, aber furchterregend.</p><p>Furchterregend, weil die Sterne, wie ein Erdbeben, in ihrem Todeskampf das verfl�ssigen, was fest sein soll. Furchterregend, weil unsere tiefsten organischen Geheimnisse, unsere Paarungen, unsere chaotischen Akte der Fortpflanzung, gar keine Geheimnisse sind, wie sich herausstellt: auch die Sterne bluten und liegen in Geburtswehen. <emphasis>Alles flie�t, nichts hat Bestand. </emphasis>Ich konnte mich nicht erinnern, wo ich das gelesen hatte.</p><p>�Heraklit�, sagte Diane.</p><p>Es war mir nicht bewusst, dass ich es laut ausgesprochen hatte.</p><p>�All die Jahre�, sagte sie, �damals im Gro�en Haus, all die vergeudeten Schei�jahre �ber wusste ich��</p><p>Ich legte ihr einen Finger auf die Lippen. Ich wusste, was sie gewusst hatte.</p><p>�Ich will wieder rein�, sagte sie. �Ich will zur�ck ins Schlafzimmer.�</p><empty-line/><p>Wir zogen nicht die Jalousien vor. Die wirbelnden Sterne warfen ihr Licht ins dunkle Zimmer, dessen Muster in unscharfen Bildern �ber meine und Dianes Haut strichen, so wie Gro�stadtlichter durch ein regennasses Fenster leuchten: still, geschl�ngelt. Wir sprachen nicht, denn Worte w�ren hinderlich gewesen. Worte w�ren L�gen gewesen. Wir liebten uns wortlos, und erst als es vorbei war, war in mir der Gedanke: Lass dies Bestand haben. Nur dies.</p><p>Wir schliefen, als der Himmel sich schlie�lich verdunkelte, als das Feuerwerk abflaute und verschwand. Der chinesische Angriff erwies sich mehr oder weniger als Geste. Tausende waren infolge der globalen Panik ums Leben gekommen, aber es hatte keine unmittelbaren Todesopfer auf der Erde gegeben�� und vermutlich auch nicht unter den Hypothetischen.</p><p>Die Sonne ging am n�chsten Morgen p�nktlich auf.</p><p>Das Klingeln des Telefons weckte mich. Ich war allein im Bett. Diane nahm den Anruf in einem anderen Zimmer entgegen und kam dann herein, um mir zu sagen, dass Jase dran gewesen sei; die Stra�en w�ren frei und er sei hierher unterwegs.</p><p>Sie war geduscht und angezogen und roch nach Seife und gest�rkter Baumwolle. �Und das war�s?�, sagte ich. �Simon kreuzt wieder auf und du f�hrst weg? Was letzte Nacht war, bedeutet gar nichts?�</p><p>Sie setzte sich neben mich aufs Bett. �Was letzte Nacht war, hat nie bedeutet, dass ich nicht mit Simon wegfahren w�rde.�</p><p>�Ich dachte, es h�tte mehr bedeutet.�</p><p>�Es hat mehr bedeutet, als ich ausdr�cken kann. Aber es l�scht die Vergangenheit nicht aus. Ich habe Versprechen abgegeben und ich habe einen Glauben, und diese Dinge ziehen gewisse Grenzen in mein Leben.�</p><p>Sie klang nicht sehr �berzeugt. Ich sagte: �Einen Glauben. Sag mir, dass du nicht an diesen Schei� glaubst.�</p><p>Sie erhob sich stirnrunzelnd. �Vielleicht nicht. Aber vielleicht muss ich mit jemandem Zusammensein, der daran glaubt.�</p><p>Ich packte meine Sachen und verstaute den Koffer im Hyundai, noch bevor Jase und Simon angekommen waren. Diane sah mir von der Veranda aus zu.</p><p>�Ich ruf dich an�, sagte sie.</p><p>�Tu das�, erwiderte ich.</p></section><section><title><p>4 x 10<sup>9</sup> n. Chr.</p></title><p>Ich zerbrach eine weitere Lampe w�hrend einer meiner Fieberanf�lle.</p><p>Diesmal gelang es Diane, den Schaden vor dem Concierge zu verheimlichen. Sie hatte das Reinigungspersonal bestochen, die schmutzige Bettw�sche jeden zweiten Morgen vor der T�r gegen saubere auszutauschen, damit die Zimmerm�dchen nicht hereink�men und mich im Delirium vorf�nden. Im st�dtischen Krankenhaus waren in den vergangenen sechs Monaten F�lle von Denguefieber, Cholera und menschlichem KVES aufgetreten, und ich wollte nicht in der Epidemiologiestation neben einem Quarant�nefall aufwachen.</p><p>�Was mir Sorge macht�, sagte Diane, �ist, was alles passieren k�nnte, wenn ich nicht da bin.�</p><p>�Ich kann auf mich aufpassen.�</p><p>�Nicht, wenn das Fieber zuschl�gt.�</p><p>�Dann kommt es einfach auf Gl�ck und Timing an. Hast du die Absicht, irgendwohin zu gehen?�</p><p>�Nur das �bliche. Aber ich meine, in einem Notfall. Oder falls ich aus irgendeinem Grund nicht ins Zimmer zur�ck kann.�</p><p>�Was f�r ein Notfall?�</p><p>Sie zuckte mit den Achseln. �Das ist rein hypothetisch�, sagte sie in einem Ton, der vermuten lie�, dass es alles andere als das sei.</p><empty-line/><p>Aber ich drang nicht weiter in sie. Es gab nichts, was ich zur Verbesserung der Situation beitragen konnte�� au�er zu kooperieren.</p><p>Ich ging in die zweite Woche der Behandlung, n�herte mich der Krisis. Das sich in meinem Blut und Gewebe ansammelnde marsianische Pr�parat hatte einen kritischen Pegel erreicht. Selbst wenn das Fieber nachlie�, f�hlte ich mich desorientiert, verwirrt. Die rein k�rperlichen Nebenwirkungen waren auch kein Spa�: Gelenkschmerzen, Gelbsucht, Ausschlag�� sofern man mit �Ausschlag� den Vorgang bezeichnen will, bei dem einem die Haut abpellt, Schicht um Schicht, und rohes Fleisch, fast wie eine offene Wunde, freigelegt wird. In einigen N�chten schlief ich vier oder f�nf Stunden�� f�nf war der Rekord, glaube ich��, bevor ich in einem Brei von Hautpartikeln aufwachte, die Diane dann aus dem blutverschmierten Bett entfernte, w�hrend ich mich wie ein Arthritiker solange auf einen Stuhl setzte.</p><p>Ich begann selbst meinen klarsten Momenten zu misstrauen. Denn oft war das, was ich empfand, eine rein halluzinatorische Klarheit: die Welt �berhell und extrem scharf in ihren Konturen, Worte und Erinnerungen wie die Zahnr�der eines durchdrehenden Motors. Schlimm f�r mich. Schlimmer noch vielleicht f�r Diane, die Bettsch�sseldienste verrichten musste in der Zeit, in der ich inkontinent war. In gewisser Weise erwiderte sie damit einen Gefallen. Ich war bei ihr gewesen, als sie diese Qu�lerei selbst durchlebt hatte. Aber das war viele Jahre her.</p><empty-line/><p>Meistens schlief sie nachts neben mir, obwohl ich nicht wei�, wie sie das aushielt. Sie hielt sorgsam Abstand�� manchmal war schon der Druck des Baumwolllakens so schmerzhaft, dass mir die Tr�nen kamen��, aber allein ihre Gegenwart war beruhigend.</p><p>In den wirklich schlimmen N�chten, wenn man damit rechnen musste, dass ich um mich schlug und ihr dabei wehtun konnte, rollte sie sich auf der Couch neben der Balkont�r zusammen.</p><p>Sie erz�hlte nicht viel �ber ihre Ausfl�ge nach Padang. Ich hatte eine ann�hernde Vorstellung davon, was sie dort machte: Kontakte kn�pfen zu Zahl- und Frachtmeistern, die Kosten und Bedingungen f�r einen Transit auskundschaften. Gef�hrliche Arbeit. Wenn es etwas gab, das mir mehr zu schaffen machte als die Wirkungen der Droge, dann war es das Wissen darum, dass Diane in einer potenziell gewaltt�tigen asiatischen Halbwelt herumzog, mit nicht mehr Schutz als einer Dose Tr�nengas und ihrem betr�chtlichen Mut.</p><p>Aber selbst dieses Risiko war besser, als aufgegriffen zu werden.</p><p>Sie�� die Agenten der Regierung Chaykin oder ihrer Verb�ndeten in Jakarta�� waren aus einer Reihe von Gr�nden an uns interessiert. Wegen des Pr�parats nat�rlich, aber, wichtiger noch, auch wegen diverser digitaler Kopien der marsianischen Archive, die wir mit uns f�hrten. Und herzlich gern h�tten sie uns auch �ber Jasons letzte Stunden befragt: �ber den Monolog, den ich mitgeh�rt und aufgezeichnet hatte, �ber all das, was er mir �ber das Wesen der Hypothetischen und des Spins erz�hlt hatte. Wissen, das nur Jason besessen hatte.</p><empty-line/><p>Ich schlief und erwachte, und sie war nicht mehr da.</p><p>Eine Stunde brachte ich damit zu, die Bewegung der Balkonvorh�nge zu beobachten, sah das Sonnenlicht den sichtbaren Fu� des Torbogens emporwandern und tr�umte dabei von den Seychellen.</p><p>Schon mal auf den Seychellen gewesen? Ich auch nicht. Was in meinem Kopf ablief, war ein alter Dokumentarfilm, den ich fr�her auf PBS gesehen hatte. Die Seychellen sind tropische Inseln, Heimat von Schildkr�ten und der Coco de Mer und einem Dutzend verschiedener seltener Vogelarten. Geologisch gesehen sind sie das, was von dem Kontinent �brig geblieben ist, der einst Asien und S�damerika miteinander verband, lange vor der Entwicklung des modernen Menschen.</p><p>Tr�ume, hatte Diane einmal gesagt, seien wild gewordene Metaphern. Der Grund, warum ich von den Seychellen tr�umte (ich stellte mir vor, wie sie es mir erkl�rte), war, dass ich mich versunken f�hlte, uralt, ausgestorben.</p><p>Wie ein untergegangener Kontinent, �berflutet in der Erwartung meiner eigenen Verwandlung.</p><empty-line/><p>Ich schlief wieder ein, erwachte, und sie war immer noch nicht da.</p><empty-line/><p>Wachte im Dunkeln auf, noch immer allein, und wusste, dass mittlerweile zu viel Zeit vergangen war. Schlechtes Zeichen. Bisher war Diane immer vor Anbruch der Dunkelheit zur�ckgekehrt.</p><p>Ich hatte mich im Schlaf heftig gew�lzt. Das Baumwolllaken lag zerkn�llt auf der Erde, kaum zu erkennen im von der Gipsdecke reflektierten Licht, das von der Stra�e hereinfiel. Mir war kalt, aber ich war zu wund, um mich hinunterzubeugen und es wieder aufzuheben.</p><p>Der Himmel drau�en war au�erordentlich klar. Wenn ich die Z�hne zusammenbiss und meinen Kopf nach links neigte, konnte ich durch die Balkont�r einige helle Sterne sehen. Ich unterhielt mich mit dem Gedanken, dass einige dieser Sterne j�nger waren als ich.</p><p>Ich versuchte, nicht dar�ber nachzudenken, wo Diane war und was ihr vielleicht zugesto�en sein mochte.</p><p>Und schlie�lich schlief ich wieder ein. Das Sternenlicht brannte durch meine Augenlider, phosphoreszierende Geister schwebten durch die r�tliche Dunkelheit.</p><empty-line/><p>Morgens.</p><p>Zumindest dachte ich, dass es Morgen sei. Hinter dem Fenster war jetzt Tageslicht. Jemand, wahrscheinlich das Zimmerm�dchen, klopfte von drau�en an die T�r und sagte etwas Gereiztes auf Malayisch. Und ging wieder weg.</p><p>Jetzt war ich doch wirklich besorgt, auch wenn die Sorge sich in dieser speziellen Phase der Behandlung als verworrene �bellaunigkeit ausdr�ckte. Was fiel Diane ein, so unertr�glich lange wegzubleiben, und warum war sie nicht hier, um mir die Hand zu halten und die Stirn zu k�hlen? Die Vorstellung, dass ihr etwas geschehen sein k�nnte, war unwillkommen, unbewiesen, wurde vom Gericht gar nicht erst zugelassen.</p><p>Dennoch: Die Wasserflasche neben dem Bett war mindestens seit gestern oder noch l�nger leer, meine Lippen so spr�de, dass sie fast aufplatzten, und ich konnte mich nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt zur Toilette gehumpelt war. Wenn ich nicht wollte, dass meine Nieren v�llig zusammenklappten, dann musste ich mir Wasser aus dem Bad holen.</p><p>Aber es war schon schwer genug, sich auch nur aufzusetzen, ohne loszuschreien. Die simple Aufgabe, die Beine �ber die Seite der Matratze zu heben, war fast nicht zu bew�ltigen, es f�hlte sich an, als seien meine Knochen und Knorpel durch zerbrochenes Glas und rostige Rasierklingen ersetzt worden.</p><p>Und als ich mich abzulenken versuchte, indem ich an etwas anderes dachte�� die Seychellen, den Himmel��, wurde selbst dieses bescheidene Schmerzmittel von der Linse des Fiebers verzerrt. Ich stellte mir vor, Jasons Stimme von hinten zu h�ren, er bat mich, ihm etwas zu holen�� einen Lappen, ein Ledertuch, seine H�nde seien schmutzig��, und als ich aus dem Bad kam, hatte ich statt eines Glases mit Wasser einen Waschlappen in der Hand und war schon fast wieder im Bett, bevor ich meinen Irrtum bemerkte. Bescheuert. Noch mal von vorn. Diesmal die leere Wasserflasche mitnehmen. Bis zum Rand vollf�llen. Dem Trinkk�rbis folgen.</p><p>Den Lederlappen hatte ich ihm im Schuppen hinter dem Gro�en Haus gereicht, wo die G�rtner ihre Ger�te aufbewahrten. Jason muss ungef�hr zw�lf Jahre alt gewesen sein. Im Fr�hsommer, ein paar Jahre vor dem Spin.</p><p>Wasser schl�rfen und die Zeit schmecken. Hier kommt die Erinnerung wieder.</p><empty-line/><p>Ich war �berrascht, als Jason vorschlug, den Rasenm�her des G�rtners zu reparieren. Der G�rtner des Gro�en Hauses war ein reizbarer Belgier namens De Meyer, der eine Gauloise nach der anderen rauchte und stets missmutig mit den Achseln zuckte, wenn wir ihn ansprachen; er fluchte schon lange �ber den M�her, dessen Motor stotterte und alle paar Minuten ausging. Warum diesem Mann einen Gefallen tun? Doch es war die intellektuelle Herausforderung, die Jase faszinierte. Er erz�hlte mir, er sei bis nach Mitternacht aufgeblieben, um sich im Internet �ber Benzinmotoren zu informieren. Seine Neugier war geweckt. Er sagte, er wolle sich so ein Ding mal in vivo ansehen. (Dass ich nicht wusste, was �in vivo� bedeutet, machte die Angelegenheit doppelt interessant.) Ich sagte, ich w�rde mit Freuden behilflich sein.</p><p>Tats�chlich tat ich nicht viel mehr als zuzuschauen, w�hrend er den M�her auf einem Dutzend ausgebreiteter Seiten der <emphasis>Washington Post </emphasis>vom Vortag platzierte und mit seiner Untersuchung begann. Das geschah in dem muffigen, aber st�rungsfreien Ger�teschuppen am hinteren Ende des Rasens, wo die Luft nach �l und Benzin, D�ngemittel und Herbiziden stank. S�cke voller Rasensamen und Borkenmulch beulten sich aus den Kiefernholzregalen, dazwischen die spatigen Klingen und die gesplitterten Griffe der Gartenger�te. Es war uns nicht erlaubt, im Schuppen zu spielen, und f�r gew�hnlich war er verschlossen�� Jason hatte sich den Schl�ssel von einem Brett hinter der Kellert�r geholt.</p><p>Drau�en war ein hei�er Freitagnachmittag, und ich hatte nichts dagegen, mich dort drinnen aufzuhalten und ihm beim Arbeiten zuzusehen; es war sowohl lehrreich als auch auf seltsame Weise beruhigend. Zun�chst legte er sich lang auf den Boden, um das Ger�t zu inspizieren. Geduldig strich er mit den Fingern �ber die Motorhaube, machte die Schrauben ausfindig, dann l�ste er sie und legte sie beiseite, sch�n geordnet, und das Geh�use, nachdem er es abgenommen hatte, gleich daneben.</p><p>Dann weiter ins Innenleben der Maschine hinein. Irgendwie hatte sich Jason den richtigen Gebrauch von Schraubenzieher und -Schl�ssel selbst beigebracht oder wusste intuitiv, wie man es macht. Manchmal ging er vorsichtig testend vor, doch niemals zaghaft. Er arbeitete wie ein K�nstler oder Sportler�� nuanciert, einsichtig, immer im Bewusstsein der eigenen Grenzen. Gerade hatte er alle Teile, zu denen er Zugang hatte, ausgebaut und sie wie bei einer anatomischen Illustration auf den �lverschmierten Seiten der <emphasis>Post </emphasis>ausgelegt, da ging quietschend die Schuppent�r auf. Wir fuhren zusammen.</p><p>E. D. Lawton war fr�her als sonst nach Hause gekommen. �Schei�e�, fl�sterte ich, was mir einen strengen Blick von E. D. eintrug. Er stand in der T�r, in einem makellosen grauen Anzug, und begutachtete die Wrackteile, w�hrend Jason und ich auf unsere F��e starrten, ebenso schuldbewusst, als w�ren wir mit einer <emphasis>Penthouse-</emphasis>Ausgabe erwischt worden.</p><p>�Seid ihr dabei, das Ding zu <emphasis>reparieren </emphasis>oder es <emphasis>mutwillig zu zerst�ren?�, </emphasis>fragte er schlie�lich in einem Tonfall, der zu E. D. Lawtons stimmlichen Markenzeichen geworden war, eine Mischung aus Hochmut und Sch�rfe, �ber so lange Jahre perfektioniert, dass sie ihm zur zweiten Natur geworden war.</p><p>�Sir�, sagte Jason ergeben. �Wir reparieren es.�</p><p>�Verstehe. Ist es <emphasis>euer </emphasis>Rasenm�her?�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht, aber ich dachte, Mr. de Meyer w�rde es vielleicht gefallen, wenn ich��</p><p>�Aber es ist auch nicht der Rasenm�her von Mr. de Meyer, nicht wahr? Mr. de Meyer besitzt keine eigenen Werkzeuge. Er m�sste von der Sozialhilfe leben, wenn ich ihn nicht jeden Sommer einstellen w�rde. Zuf�llig ist es <emphasis>mein </emphasis>Rasenm�her.� E. D. schwieg, bis es fast schmerzhaft wurde. Dann sagte er: �Hast du das Problem ausfindig gemacht?�</p><p>�Noch nicht.�</p><p>�Noch nicht? Dann solltest du dich lieber ranhalten.�</p><p>Jason wirkte fast �bernat�rlich erleichtert. �Ja, Sir. Ich dachte, nach dem Abendessen k�nnte ich��</p><p>�Nein. Nicht nach dem Abendessen. Du hast ihn auseinander genommen, also wirst du ihn jetzt in Ordnung bringen und wieder zusammensetzen. Dann kannst du essen.� Jetzt wandte E. D. seine �beraus unwillkommene Aufmerksamkeit mir zu. �Geh nach Hause, Tyler. Ich m�chte dich nicht wieder hier drinnen sehen. Du solltest es eigentlich besser wissen.�</p><p>Ich huschte hinaus, blinzelte in die grelle Nachmittagssonne.</p><p>Er erwischte mich nie wieder im Schuppen, aber nur, weil ich ihm von da an sorgsam aus dem Weg ging. Sp�ter am Abend war ich schon wieder da�� nach zehn Uhr, nachdem ich von meinem Zimmerfenster aus gesehen hatte, dass noch immer Licht durch den Spalt unter der Schuppent�r drang. Ich nahm ein �brig gebliebenes H�hnerbein aus dem K�hlschrank, wickelte es in Alufolie und schlich im Schutze der Dunkelheit hin�ber. Ich machte mich fl�sternd bemerkbar, und Jase l�schte das Licht so lange, dass ich ungesehen reinschl�pfen konnte.</p><p>Er trug Maori-T�towierungen aus �l und Schmiere am K�rper, und der Rasenm�hermotor war erst halb wieder zusammengesetzt. Nachdem er gierig ein paar Bissen H�hnerfleisch verschlungen hatte, fragte ich ihn, warum es so lange dauerte.</p><p>�Einfach zusammensetzen k�nnte ich das Ding in f�nfzehn Minuten. Aber es w�rde nicht funktionieren. Das Schwierige ist, festzustellen, was genau da drinnen nicht in Ordnung ist. Und au�erdem mache ich es immer schlimmer. Wenn ich versuche, die Benzinleitung zu reinigen, kommt Luft hinein. Oder das Gummi bricht. Kein einziges Teil ist in richtig gutem Zustand. Da ist ein Haarriss im Vergasergeh�use, aber ich wei� nicht, wie ich das dicht kriege. Ich hab keine Ersatzteile und nicht die richtigen Werkzeuge. Ich wei� nicht einmal, welches die richtigen Werkzeuge <emphasis>w�ren.� </emphasis>Sein Gesicht legte sich in Falten und f�r einen Moment dachte ich, er w�rde anfangen zu weinen.</p><p>�Dann gib doch einfach auf. Sag E. D., dass es dir Leid tut, und lass es dir vom Taschengeld abziehen.�</p><p>Er starrte mich an, als h�tte ich etwas zwar Ehrenhaftes, aber auch v�llig Naives gesagt. �Nein, Tyler. Danke, aber das werde ich nicht tun.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>Er antwortete mir nicht. Legte nur das H�hnerbein beiseite und kehrte zu den verstreuten Scherben seines Eigensinns zur�ck.</p><p>Ich wollte gerade wieder gehen, als es ganz leise an der T�r klopfte. Jason bedeutete mir, das Licht zu l�schen. Er machte die T�r einen Spalt auf und lie� seine Schwester herein.</p><p>Sie hatte offensichtlich gro�e Angst, dass E. D. sie hier finden w�rde. Lauter als im Fl�sterton wollte sie nicht sprechen. Aber auch sie hatte Jason etwas mitgebracht. Kein H�hnerbein, sondern einen kleinen drahtlosen Internetbrowser.</p><p>Jasons Gesicht hellte sich auf, als er das sah. �Diane!�, rief er.</p><p>Sie bedeutete ihm ruhig zu sein und l�chelte nerv�s in meine Richtung. �Es ist nur so ein Gadget�, fl�sterte sie und nickte uns beiden zu, bevor sie wieder nach drau�en schl�pfte.</p><p>�Sie wei� es besser�, sagte Jason, als sie weg war. �Das Gadget ist trivial. Aber das Netzwerk, das ist n�tzlich. Es geht nicht um die technische Spielerei, sondern um das Netz.�</p><p>Innerhalb einer Stunde hatte er Verbindung mit einer Gruppe von Technikfreaks an der Westk�ste aufgenommen, die kleine Motoren f�r Wettk�mpfe mit ferngesteuerten Robotern umbauten, und bis Mitternacht hatte er behelfsm��ige Reparaturen an dem einen Dutzend Schwachstellen des Rasenm�hers vorgenommen. Ich verzog mich und beobachtete von meinem Zimmerfenster aus, wie er seinen Vater holte. E. D. kam in Pyjamas und offenem Flanellhemd aus dem Gro�en Haus gelatscht und sah mit verschr�nkten Armen zu, wie Jason den M�her anlie�, der darauf in einer f�r die Uhrzeit h�chst unpassenden Weise losdr�hnte. E. D. h�rte es sich eine Weile an, zuckte dann mit den Achseln und forderte Jason auf, wieder mit ins Haus zu kommen.</p><p>Jason, der noch kurz an der Schuppent�r verharrte, sah mein Licht �ber den Rasen hinweg und winkte mir unauff�llig zu.</p><p>Nat�rlich waren es nur vorl�ufige Reparaturen. Der G�rtner mit den Gauloises tauchte am darauffolgenden Mittwoch wieder auf und hatte ungef�hr die H�lfte des Rasens gem�ht, als der M�her aussetzte und endg�ltig den Geist aufgab. Aus dem Schatten der B�ume heraus lauschend, lernten wir mindestens ein Dutzend fl�mische Schimpfw�rter. Jason, der ein nahezu eidetisches Ged�chtnis hatte, fand besonderen Gefallen an der Wendung �Godverdomme mijn kloten miljardedju!��� w�rtlich �bersetzt (dem Holl�ndisch-Englischen W�rterbuch in der Bibliothek der Rice Academy zufolge): �Gott verdamme meine Eier eine Milliarde Mal!�. In den folgenden Monaten benutzte er den Ausdruck jedes Mal, wenn ihm ein Schn�rsenkel riss oder der Computer abst�rzte.</p><p>Am Ende musste E. D. wohl oder �bel in ein ganz neues Ger�t investieren. Im Fachgesch�ft teilte man ihm mit, dass eine Reparatur zu teuer w�re, es sei ein Wunder, dass das Ding �berhaupt so lange durchgehalten habe. Ich erfuhr das von meiner Mutter, die es wiederum von Carol geh�rt hatte. Soviel ich wei�, hat E. D. die Angelegenheit sp�ter mit keinem Wort mehr erw�hnt.</p><p>Jason und ich jedoch konnten uns noch ein paarmal dar�ber am�sieren�� Monate sp�ter, als der Stachel gezogen war.</p><empty-line/><p>Als ich zum Bett zur�ckschlurfte, dachte ich an Diane, die ihrem Bruder ein Geschenk gemacht hatte, das nicht lediglich der Beschwichtigung diente, so wie meins, sondern das tats�chlich n�tzlich war. Aber wo war sie jetzt? Welches Geschenk w�rde sie mir bringen, mir meine Last zu erleichtern? Ihre blo�e Gegenwart h�tte mir schon gen�gt.</p><p>Tageslicht flutete in das Zimmer wie Wasser, wie ein leuchtender Fluss, in dem ich davontrieb, in dem ich langsam an den leeren Minuten ertrank.</p><p>Nicht jedes Delirium ist hell und hektisch. Manchmal ist es auch langsam, reptilienartig, kaltbl�tig. Ich beobachtete Schatten, die wie Eidechsen an den Zimmerw�nden hochkrochen, und schon war eine Stunde vergangen. Noch einmal blinzeln, und die Nacht brach an, kein Sonnenlicht auf dem Torbogen, als ich meinen Kopf neigte, stattdessen dunkler Himmel, tropische Regenwolken, Blitze, nicht zu unterscheiden von den durchs Fieber erzeugten visuellen Stacheln, aber unverkennbarer Donner und pl�tzlich ein mineralischer Geruch von drau�en, das Ger�usch von Regentropfen, die auf den Beton des Balkons klatschten.</p><p>Und schlie�lich noch ein anderes Ger�usch: eine Karte im T�rschloss, das Quietschen der Angeln.</p><p>�Diane�, sagte ich (oder fl�sterte ich, kr�chzte ich).</p><p>Sie kam ins Zimmer. Sie trug Stra�enkleidung, eine �berjacke mit Lederapplikation und einen breitkrempigen Hut, von dem das Regenwasser tropfte. Sie stand neben meinem Bett.</p><p>�Es tut mir Leid�, sagte sie.</p><p>�Brauchst dich nicht zu entschuldigen. Nur��</p><p>�Ich meine, tut mir Leid, Tyler, aber du musst dich anziehen. Wir m�ssen hier weg. <emphasis>Sofort. </emphasis>Unten wartet ein Taxi.�</p><p>Ich brauchte eine Weile, um diese Information zu verarbeiten. Unterdessen war Diane schon dabei, Sachen in den Koffer zu werfen: Kleidung, Dokumente�� sowohl echte als auch gef�lschte��, Speicherkarten, ein gepolstertes Gestell mit kleinen Flaschen und Spritzen. �Ich kann nicht aufstehen�, versuchte ich zu sagen, aber die Worte kamen nicht richtig heraus.</p><p>Kurz darauf begann sie mich anzuziehen, und ich bewahrte mir ein bisschen W�rde, indem ich meine Beine ohne Aufforderung anhob und die Z�hne zusammenbiss, anstatt zu schreien. Ich setzte mich auf, und sie gab mir etwas Wasser aus der Flasche neben dem Bett. Dann f�hrte sie mich ins Bad, wo ich ein dickfl�ssiges Rinnsal kanariengelben Urins von mir gab. �Verdammt�, sagte sie, �du bist v�llig ausgetrocknet.� Sie gab mir mehr Wasser und eine Spritze mit Schmerzmittel, das in meinem Arm brannte wie Gift. �Tyler, es tut mir wirklich Leid!� Aber doch nicht so sehr, dass sie davon abgelassen h�tte, mich in einen Regenmantel zu zw�ngen und mir einen schweren Hut auf den Kopf zu setzen.</p><p>Ich war aufmerksam genug, die Besorgnis in ihrer Stimme zu h�ren. �Wovor laufen wir weg?�</p><p>�Sagen wir einfach, ich hatte eine Begegnung mit einigen unangenehmen Leuten.�</p><p>�Und wo wollen wir hin?�</p><p>�Ins Landesinnere. Beeil dich!�</p><p>Also hasteten wir den Hotelflur entlang und die Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Diane schleifte den Koffer mit der linken und st�tzte mich mit der rechten Hand. Es war ein langer Marsch. Die Treppe vor allem. �H�r auf zu st�hnen�, fl�sterte sie einige Male. Ich gehorchte. Glaube ich jedenfalls.</p><p>Dann hinaus in die Nacht. Regentropfen prallten auf den schmutzigen B�rgersteig, zischten auf der Motorhaube eines �berhitzten, mindestens zwanzig Jahre alten Taxis. Der Fahrer sah mich aus dem Schutz seines Wagens misstrauisch an. Ich starrte zur�ck. �Er ist nicht krank�, sagte Diane und setzte eine imagin�re Flasche an den Mund. Der Fahrer blickte finster drein, akzeptierte aber die Geldscheine, die sie ihm in die Hand dr�ckte.</p><p>Die Wirkung des Narkotikums setzte ein, w�hrend wir fuhren. Die n�chtlichen Stra�en von Padang rochen abgestanden, nach feuchtem Asphalt und fauligem Fisch. �lteppiche teilten sich wie Regenb�gen unter den R�dern des Taxis. Wir verlie�en das Touristenviertel mit seinen Neonlichtern und fuhren in das Gewirr der L�den und H�user hinein, das in den letzten drei�ig Jahren um die Stadt herum gewachsen war, behelfsm��ige Slums, die peu � peu dem neuen Wohlstand wichen, den Bulldozern, die unter Abdeckplanen zwischen Blechdachh�tten parkten. Mehrgeschossige Mietsh�user wuchsen wie Pilze aus dem Kompost der Sqattersiedlungen. Dann durchquerten wir das Industriegebiet, �berall graue Mauern und Stacheldraht, und ich glaube, ich schlief wohl wieder ein.</p><p>Tr�umte nicht von den Seychellen, sondern von Jason. Von Jason und seiner Liebe zu Netzwerken (�nicht die technische Spielerei, sondern das Netz�), von den Netzwerken, die er geschaffen und bewohnt hatte, und davon, wo diese Netzwerke ihn hingef�hrt hatten.</p></section><section><title><p>Unruhige N�chte</p></title><p>Seattle, im September, f�nf Jahre nach dem fehlgeschlagenen chinesischen Raketenangriff. Ein verregneter Freitag. Ich fuhr im Feierabendverkehr nach Hause. In meiner Wohnung angekommen, schaltete ich die Audioschnittstelle ein und rief eine Liste auf, die ich unter dem Titel �Therapie� zusammengestellt hatte.</p><p>Es war ein langer Tag in der Harborview-Notaufnahme gewesen. Zwei Schusswunden, ein Selbstmordversuch. An der Innenseite meiner Augenlider trieb sich noch eines der Bilder herum: Blut, das von den R�dern einer Rollbahre spritzt. Ich zog meine regenfeuchten Sachen aus, schl�pfte in Jeans und Pullover, goss mir etwas zu trinken ein und stellte mich ans Fenster, um das Flimmern der Stadt zu betrachten. Irgendwo da drau�en war der lichtlose Raum des Puget Sound, von wogenden Wolken verdunkelt. Der Verkehr auf der I-5 war fast zum Stillstand gekommen, ein leuchtender roter Strom.</p><p>Mein Leben, im Wesentlichen so, wie ich es eingerichtet hatte. Und es hing ganz an einem Wort.</p><p>Dann sang Astrid Gilberto, voll Wehmut und ein bisschen falsch, �ber Gitarrenakkorde und Corcovado, aber ich war noch immer zu aufgedreht, um dar�ber nachzudenken, was Jason gestern Abend am Telefon gesagt hatte. Zu aufgedreht sogar, um die Musik so zu h�ren, wie es ihr angemessen war. �Corcovado�, �Desafinado�, ein paar St�cke von Gerry Mulligan, ein paar von Charlie Byrd. Therapie. Aber alles verschwamm im Ger�usch des Regens. Ich schob mir etwas zu essen in die Mikrowelle und verzehrte es, ohne es zu schmecken; dann begrub ich alle Hoffnung auf karmische Gelassenheit und beschloss, an Giselles T�r zu klopfen, zu sehen, ob sie zu Hause war.</p><p>Giselle Palmer wohnte drei T�ren weiter im gleichen Flur. Sie �ffnete mir in zerschlissener Jeans und einem alten Flanellhemd, was daf�r sprach, dass sie einen h�uslichen Abend verbringen wollte. Ich fragte sie, ob sie besch�ftigt sei oder ob sie vielleicht Lust habe, ein bisschen mit mir abzuh�ngen.</p><p>�Ich wei� nicht, Tyler. Du siehst ziemlich d�ster aus.�</p><p>�Es ist eher so, dass ich mich in einem Konflikt befinde. Ich denke daran, die Stadt zu verlassen.�</p><p>�Tats�chlich? So eine Art Gesch�ftsreise?�</p><p>�Nein, ich meine endg�ltig.�</p><p>�Oh?� Ihr L�cheln verflog. �Wann hast du denn das entschieden?�</p><p>�Ich hab mich noch nicht entschieden. Das ist ja der springende Punkt.�</p><p>Sie machte die T�r weiter auf und winkte mich hinein. �Im Ernst? Wo willst du denn hin?�</p><p>�Lange Geschichte.�</p><p>�Soll hei�en, du brauchst erst einen Drink, bevor du dar�ber reden kannst?�</p><p>�So ungef�hr.�</p><empty-line/><p>Giselle hatte sich mir letztes Jahr bei einer Mieterversammlung im Keller des Hauses vorgestellt. Sie war vierundzwanzig und reichte mir ungef�hr bis zum Schl�sselbein. Sie arbeitete in einem Restaurant in Renton, doch als wir anfingen, uns sonntagnachmittags zum Kaffee zu treffen, erz�hlte sie mir, sie sei �eine Nutte, eine Prostituierte. Das ist mein Nebenjob.�</p><p>Gemeint war damit, dass sie einem lockeren Kreis von Freundinnen angeh�rte, in dem die Namen �lterer (gesellschaftsf�higer, in der Regel verheirateter) M�nner zirkulierten, M�nner, die bereit waren, gutes Geld f�r Sex zu zahlen, aber einen Horror vor dem Stra�enstrich hatten. Als sie mir das erz�hlte, hatte sie ihre Schultern gestrafft und sah mich herausfordernd an, f�r den Fall, dass ich schockiert oder abgesto�en w�re. War ich aber nicht. Wir lebten schlie�lich in Spin-Zeiten. Leute in Giselles Alter schufen sich ihre eigenen Regeln, ungeachtet m�glicher Folgen, und Leute wie ich enthielten sich eines Urteils.</p><p>Wir tranken weiterhin zusammen Kaffee und gingen auch manchmal zum Essen, und einige Male schrieb ich ihr eine �berweisung, die sie f�r ihre Blutuntersuchungen brauchte. Ihrem letzten Test zufolge war Giselle HIV-negativ, und die einzige �bertragbare Krankheit, gegen die sie Antik�rper entwickelt hatte, war der Westnilvirus. Mit anderen Worten: sie war vorsichtig gewesen und hatte Gl�ck gehabt.</p><p>Nun war es, berichtete Giselle, mit dem gewerblichen Sex allerdings so, dass er, selbst wenn er wie in ihrem Fall auf Amateurniveau betrieben wurde, das eigene Leben immer mehr pr�gte und vereinnahmte. Zusehends, sagte sie, werde man zu jemandem, der Kondome und Viagra mit sich herumtr�gt. Aber warum tat sie es dann, wenn sie doch auch, nur so als Beispiel, einen Nachtschichtjob bei Wal-Mart antreten konnte? Das war eine Frage, die ihr nicht gefiel, die sie defensiv beantwortete: �Vielleicht ist es ein Tick. Oder vielleicht auch ein Hobby, nicht wahr, so wie Modelleisenbahnen.� Ich wusste jedoch, dass sie vor Jahren in Saskatoon vor einem Stiefvater davongelaufen war, der sie missbraucht hatte, und es war nicht schwer, daraus Schl�sse zu ziehen. Und nat�rlich hatte sie dieselbe Entschuldigung f�r riskantes Verhalten, wie wir sie alle, die wir in einem bestimmten Alter waren, hatten: die an Gewissheit grenzende Wahrscheinlichkeit unserer aller Ausl�schung. Sterblichkeit �bertrumpft die Moral, so hatte es ein Schriftsteller meiner Generation einmal ausgedr�ckt.</p><p>�Nun denn�, sagte sie jetzt, �wie betrunken soll es denn sein? Nur angeschickert oder sternhagelvoll? Vielleicht musst du�s aber auch nehmen, wie�s kommt. Die Bar ist im Moment etwas d�nn best�ckt.�</p><p>Sie mixte mir etwas, das haupts�chlich aus Wodka bestand und schmeckte, als sei es aus einem Benzintank gepumpt worden. Ich nahm die heutige Zeitung von einem Stuhl und setzte mich. Giselles Wohnung war recht anst�ndig eingerichtet, aber mit dem Saubermachen hielt sie es nicht besser als ein College-Frischling im Studentenwohnheim. Bei der Zeitung war die Kommmentar- und Meinungsseite aufgeschlagen. Der Cartoon handelte vom Spin: die Hypothetischen waren als ein paar schwarze Spinnen gezeichnet, die die Erde mit ihren haarigen Beinen umklammerten. Der Text dazu: FRESSEN WIR SIE GLEICH ODER WARTEN WIR BIS ZUR WAHL?</p><p>�Das kapier ich �berhaupt nicht�, sagte Giselle, lie� sich aufs Sofa nieder und deutete mit einem Fu� auf die Zeitung.</p><p>�Den Cartoon?�</p><p>�Die ganze Geschichte. Den Spin. �Kein Zur�ck�. Wenn ich die Zeitung lese, frag ich mich immer nur, �h� was ist los? Da ist irgendetwas auf der anderen Seite des Himmels und es ist uns nicht freundlich gesinnt. Das ist eigentlich alles, was ich wei�.�</p><p>Vermutlich h�tte die Mehrheit der Menschheit diese Erkl�rung unterschreiben k�nnen, aber aus irgendeinem Grund�� vielleicht war es der Regen, vielleicht das Blut, das heute in der Notaufnahme geflossen war�� reagierte ich etwas ungehalten darauf. �So schwer ist es nicht zu verstehen.�</p><p>�Nein? Okay, warum passiert es also?�</p><p>�Um das <emphasis>Warum </emphasis>geht es nicht. Niemand wei� �ber das <emphasis>Warum </emphasis>Bescheid. Was aber das <emphasis>Was </emphasis>angeht��</p><p>�Nein, ich wei�. Du brauchst mir keinen Vortrag zu halten. Wir stecken in einer Art kosmischem Sack, und das Universum ger�t ins Trudeln, und so weiter und so fort.�</p><p>Was mich erneut reizte. �Du kennst doch deine eigene Adresse, oder?�</p><p>Sie nahm einen Schluck. �Nat�rlich.�</p><p>�Weil du n�mlich gerne wei�t, wo du bist. Ein paar Kilometer vom Meer entfernt, ein paar hundert Kilometer von der Grenze, ein paar tausend Kilometer westlich von New York, stimmt�s?�</p><p>�Stimmt, na und?�</p><p>�Was ich damit sagen will: die Leute k�nnen problemlos zwischen Spokane und Paris unterscheiden, aber wenn�s um den Himmel geht, sehen sie nichts als einen gro�en, amorphen, r�tselhaften Klecks. Wie kommt das?�</p><p>�Ich wei� nicht. Weil ich mein ganzes Wissen �ber Astronomie aus <emphasis>Star Trek </emphasis>bezogen habe? Ich meine, wie viel muss ich denn wirklich �ber den Mond und die Sterne wissen? Dinge, die ich nicht mehr gesehen habe, seit ich ein kleines Kind war. Sogar die Wissenschaftler geben zu, dass sie die H�lfte der Zeit gar nicht wissen, wovon sie reden.�</p><p>�Und das findest du in Ordnung?�</p><p>�Was f�r ne Schei�rolle spielt es denn, was ich finde? H�r zu, vielleicht sollte ich den Fernseher anmachen. Wir k�nnen uns einen Film angucken, und du erz�hlst mir, warum du die Stadt verlassen willst.�</p><p>Sterne sind wie Menschen, sagte ich ihr. Sie leben und sterben in voraussagbaren Zeitr�umen. Die Sonne altert rapide und je weiter das Altern voranschreitet, desto schneller verbraucht sie ihren Brennstoff, ihre Leuchtkraft nimmt alle Milliarden Jahre um zehn Prozent zu. Das Sonnensystem hat sich bereits so sehr ver�ndert, dass die Erde unbewohnbar w�re, wenn der Spin von einem Tag auf den anderen aufh�ren w�rde. Kein Zur�ck mehr. �Das ist es, wovon in den Zeitungen die Rede ist. Es w�re gar nicht in den Nachrichten gewesen, wenn nicht Pr�sident Clayton in einer Rede offiziell zugegeben h�tte, dass es nach Meinung der f�hrenden Wissenschaftler keine R�ckkehr zum <emphasis>Status quo ante </emphasis>geben k�nne.�</p><p>Worauf sie mich etwas ungl�cklich anstarrte �Dieser ganze Quatsch��</p><p>�Es ist kein Quatsch.�</p><p>�Kann sein, aber es bringt mir nichts.�</p><p>�Ich wollte nur erkl�ren��</p><p>�Schei�e, Tyler. Hab ich dich um eine Erkl�rung gebeten? Nimm deine Albtr�ume und geh nach Hause. Oder gib Ruhe und erz�hl mir, warum du aus Seattle wegwillst. Es hat mit deinen Freunden zu tun, nicht wahr?�</p><p>Ich hatte ihr von Jason und Diane erz�hlt. �Haupts�chlich mit Jason.�</p><p>�Das sogenannte Genie.�</p><p>�Nicht nur sogenannt. Er ist in Florida��</p><p>�Macht da irgendwas f�r die Satellitenleute, hattest du erz�hlt, oder?�</p><p>�Verwandelt den Mars in einen Garten.�</p><p>�Das stand auch in der Zeitung. Ist das wirklich m�glich?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung. Jason scheint es zu glauben.�</p><p>�Aber w�rde es nicht ewig lange dauern?�</p><p>�Ab einer bestimmten H�he geht die Uhr schneller.�</p><p>�Aha. Und wof�r braucht er dich?�</p><p>Tja, wof�r? Gute Frage. Ausgezeichnete Frage. �Perihelion will einen Arzt f�r die interne Ambulanz einstellen.�</p><p>�Ich dachte, du w�rst nur ein gew�hnlicher praktischer Arzt.�</p><p>�Bin ich auch.�</p><p>�Was qualifiziert dich dann daf�r, ein Astronautendoktor zu werden?�</p><p>�Absolut nichts. Aber Jason��</p><p>�Tut einem alten Kumpel einen Gefallen? Tja, h�tte man sich denken k�nnen. Gott segne die Reichen, hm? Bleibt alles im Freundeskreis.�</p><p>Ich zuckte mit den Achseln. Sollte sie es ruhig glauben. Nicht n�tig, Giselle einzuweihen, und au�erdem hatte Jason ohnehin nichts Genaueres gesagt� Aber bei unserem Gespr�ch hatte ich den Eindruck gewonnen, dass er mich nicht nur als Betriebsdoktor haben wollte, sondern auch als seinen Leibarzt. Denn er hatte ein gesundheitliches Problem. Ein Problem, das er dem Perihelion-Personal nicht anvertrauen wollte, �ber das er am Telefon nicht reden wollte.</p><p>Giselle war zwar der Wodka ausgegangen, aber nachdem sie ein wenig in ihrer Handtasche gew�hlt hatte, brachte sie einen in einer Tamponschachtel versteckten Joint zum Vorschein. �Wird gut bezahlt, m�chte ich wetten.� Sie knipste ein Plastikfeuerzeug an, hielt die Flamme an die eingedrehte Spitze des Joints und nahm einen tiefen Zug.</p><p>�Wir haben noch keine Details besprochen.�</p><p>Sie stie� den Rauch aus. �Irgendwie nicht normal. Vielleicht h�ltst du es deswegen aus, die ganze Zeit an den Spin zu denken. Tyler Dupree, Autismuskandidat. Das bist du n�mlich, wei�t du. Alle Anzeichen sind da. Ich wette, dieser Jason Lawton ist genauso. Ich wette, er kriegt jedes Mal einen Steifen, wenn er das Wort �Milliarde� ausspricht.�</p><p>�Untersch�tz ihn nicht. Er k�nnte tats�chlich dazu beitragen, die menschliche Rasse zu erhalten.� Wenn auch nicht jedes einzelne Exemplar.</p><p>�Also, wenn das kein Streberprojekt ist. Und seine Schwester, die, mit der du geschlafen hast��</p><p>�Einmal.�</p><p>�Einmal. Die ist religi�s geworden, stimmt�s?�</p><p>�Stimmt.� War es wohl auch immer noch, soweit mir bekannt war. Seit jener Nacht in den Berkshires hatte ich nichts mehr von Diane geh�rt. Nicht, dass ich mich nicht darum bem�ht h�tte. Mehrere E-Mails waren allerdings unbeantwortet geblieben. Auch Jason h�rte nicht viel von ihr, aber Carol zufolge lebte sie mit Simon irgendwo in Utah oder Arizona, einem Staat im S�dwesten jedenfalls, den ich nie besucht hatte und von dem ich keine Vorstellungen besa�. Dorthin hatte es sie nach dem Zerfall der New-Kingdom-Bewegung verschlagen.</p><p>�Das ist auch nicht so schwer zu verstehen.� Giselle reichte mir den Joint. So richtig wohl war mir nicht, was das Kiffen anging, aber Giselles Bemerkungen �ber Autismus und Strebertum hatten vielleicht doch einen wunden Punkt getroffen. Ich nahm einen ausf�hrlichen Zug, und die Wirkung war genau die gleiche wie beim letzten Mal in Stony Brook: augenblickliche Aphasie. �Es muss furchtbar f�r sie gewesen sein. Als das mit dem Spin passiert war, wollte sie nichts anderes, als nicht daran denken zu m�ssen, was aber das Letzte war, was du und ihre Familie zugelassen h�tten. Ich w�re an ihrer Stelle auch religi�s geworden. Im Schei�chor w�rde ich singen.�</p><p>Ich sagte (mit s�uselnder Verz�gerung): �Ist es wirklich so schwer, der Welt ins Auge zu blicken?�</p><p>Giselle streckte die Hand aus und nahm den Joint zur�ck. �Von meinem Standpunkt aus schon. Im Gro�en und Ganzen.� Sie wandte zerstreut den Kopf. Wind r�ttelte am Fenster, als �rgerte er sich �ber die trockene W�rme in der Wohnung. Unangenehmes Wetter n�herte sich vom Sund her. �Ich wette, das wird wieder einer von diesen Wintern. So ein richtig fieser. Ich w�nschte, ich h�tte hier einen Kamin. Musik k�nnte auch nichts schaden. Aber ich bin zu m�de, um aufzustehen.�</p><p>Ich ging zu ihrer Musikanlage, rief den Download eines Stan-Getz-Albums auf, und schon bald erw�rmte das Saxophon die Wohnung auf eine Weise, wie kein Kamin der Welt es vermocht h�tte.</p><p>Sie nickte beif�llig. Nicht unbedingt das, was sie selbst ausgew�hlt h�tte, aber�� ja doch, okay. �Er hat dich also angerufen und dir diesen Job angeboten.�</p><p>�Jawohl.�</p><p>�Und du hast ihm gesagt, dass du ihn annimmst?�</p><p>�Ich hab ihm gesagt, dass ich dar�ber nachdenke.�</p><p>�Und das tust du jetzt? Dar�ber nachdenken?�</p><p>Sie schien damit irgendetwas andeuten zu wollen, aber ich wusste nicht, was. �Ja, ich glaube schon.�</p><p>�Ich glaube, eher nicht. Ich glaube, du wei�t schon, was du tun wirst. Wei�t du, was ich glaube? Ich glaube, du bist hier, um dich zu verabschieden.�</p><p>Ich sagte ihr, das sei wohl m�glich.</p><p>�Dann komm wenigstens r�ber und setz dich neben mich.�</p><p>Ich ging schwerf�llig zum Sofa. Giselle streckte sich aus und legte ihre F��e auf meinen Scho�. Sie trug M�nnersocken, flauschige Argyles, was ein wenig albern aussah. Die Aufschl�ge ihrer Jeans rutschten �ber die Kn�chel. �F�r jemanden, der sich Schusswunden ansehen kann, ohne mit den Wimpern zu zucken, hast du es ziemlich gut drauf, allen Spiegeln aus dem Weg zu gehen.�</p><p>�Was soll das denn hei�en?�</p><p>�Soll hei�en, dass du offensichtlich noch nicht fertig bist mit Jason und Diane. Vor allem nicht mit ihr.�</p><p>Aber es war gar nicht m�glich, dass Diane mir noch immer etwas bedeutete. Vielleicht wollte ich gerade daf�r den Beweis antreten. Vielleicht war das der Grund, warum wir am Ende in Giselles Schlafzimmer stolperten, noch einen Joint rauchten, auf die rosa Bettdecke fielen, unter den regenblinden Fenstern miteinander schliefen und uns in den Armen hielten, bis wir eingeschlafen waren.</p><p>Aber es war nicht Giselles Gesicht, das mir im postkoitalen Traum erschien, und als ich ein paar Stunden sp�ter erwachte, dachte ich: Mein Gott, sie hat Recht�� ich gehe nach Florida.</p><empty-line/><p>Letztlich dauerte es dann noch einige Wochen, um alles zu arrangieren, sowohl auf Jasons Seite als auch im Krankenhaus. W�hrend dieser Zeit sah ich Giselle noch einmal, aber nur kurz. Sie suchte nach einem Gebrauchtwagen, ich verkaufte ihr meinen. Ich wollte die Fahrt �ber Land nicht riskieren (die Steigerungsrate beim Stra�enraub auf den Interstate-Highways lag im zweistelligen Bereich). Doch wir sprachen nicht mehr von der Intimit�t zwischen uns, die mit dem Regen gekommen und wieder gegangen war, ein Akt leicht betrunkener Freundlichkeit. Wessen Freundlichkeit? Vermutlich eher ihre.</p><p>Von Giselle abgesehen, gab es nur wenige Menschen in Seattle, denen ich auf Wiedersehen sagen musste, und in meiner Wohnung gab es, abgesehen von einigen�� sehr leicht zu transportierenden�� digitalen Dateien und ein paar hundert antiken Platten, nichts Wesentliches, das ich behalten wollte. Am Tag meiner Abreise half Giselle mir, das Gep�ck im Taxi zu verstauen. �Sea-Tac-Airport�, sagte ich zu dem Fahrer, und sie winkte mir zum Abschied nach, als das Taxi in den Verkehr einf�delte, nicht �berm��ig traurig, aber immerhin ein bisschen wehm�tig.</p><p>Giselle war in Ordnung und sie f�hrte ein riskantes Leben. Ich hab sie nie wiedergesehen, aber ich hoffe, sie hat das Chaos �berlebt, das sp�ter folgte.</p><empty-line/><p>Der Flieger nach Orlando war ein knarrender alter Airbus. Die Sitzbez�ge waren abgenutzt und die in die R�ckenlehnen eingelassenen Videobildschirme h�tten l�ngst erneuert werden m�ssen. Ich setzte mich auf meinen Platz zwischen einem russischen Gesch�ftsmann am Fenster und einer Frau mittleren Alters am Gang. Der Russe war m�rrisch und legte wenig Wert auf Konversation, aber die Frau wollte reden: sie war Freiberuflerin, fertigte medizinische Transkriptionen an; sie flog f�r zwei Wochen nach Tampa, um ihre Tochter und ihren Schwiegersohn zu besuchen. Sie hie� Sarah, und wir fachsimpelten ein wenig �ber medizinische Dinge, w�hrend das Flugzeug rumpelnd seine Reiseflugh�he ansteuerte.</p><p>In den f�nf Jahren seit dem chinesischen Feuerwerk war reichlich Geld aus Bundesmitteln in die Luft- und Raumfahrtindustrie gepumpt worden. Nur wenig davon war allerdings dem kommerziellen Flugverkehr zugute gekommen, was zur Folge hatte, dass diese notd�rftig aufpolierten Airbusse noch immer flogen. Der Gro�teil des Geldes war stattdessen in allerlei Projekte geflossen, die E. D. Lawton von seinem Washingtoner B�ro aus leitete und Jason bei Perihelion in Florida ausgestaltete: Spin-Forschung und, seit kurzem, das Mars-Projekt. Die Clayton-Administration hatte all diese Haushaltsposten durch einen willf�hrigen Kongress geschleust, der nur zu gern den Eindruck vermitteln wollte, er w�rde greifbare Ma�nahmen gegen den Spin unterst�tzen. Das war gut f�r die �ffentliche Moral. Und noch besser war, dass niemand sofort greifbare Ergebnisse erwartete.</p><p>Die Investitionen aus dem Bundeshaushalt hatten dazu beigetragen, die heimische Wirtschaft �ber Wasser zu halten, zumindest im S�dwesten, im Gro�raum Seattle und im K�stengebiet von Florida. Der Aufschwung, der damit angesto�en worden war, erwies sich jedoch als schleppend und prek�r, und Sarah machte sich Sorgen um ihre Tochter: Ihr Schwiegersohn arbeitete als Installateur und war von seiner Firma, einem Erdgasunternehmen in der Gegend von Tampa, auf unbestimmte Zeit freigestellt worden. Sie lebten in einem Wohnwagen, bekamen Unterst�tzung aus einem Hilfsfond der Regierung und versuchten ihren dreij�hrigen Sohn, Sarahs Enkel Buster, halbwegs ordentlich gro�zuziehen.</p><p>�Ist das nicht ein seltsamer Name�, fragte sie, �f�r einen Jungen? Ich meine, <emphasis>Buster? </emphasis>Klingt wie ein Stummfilmstar. Aber irgendwie passt er sogar zu ihm.�</p><p>Ich sagte ihr, Namen seien wie Kleider: du tr�gst sie oder sie tragen dich. Sie erwiderte: �Ja, ist das so, Tyler Dupree?�, und ich l�chelte verlegen.</p><p>�Allerdings�, fuhr sie fort, �wei� ich nicht, warum junge Leute heutzutage �berhaupt Kinder haben wollen. So schrecklich das klingt. Nichts gegen Buster nat�rlich. Ich liebe ihn von ganzem Herzen und hoffe, dass er ein langes und gl�ckliches Leben haben wird. Aber man muss sich doch fragen: Wie stehen seine Chancen?�</p><p>�Die Menschen brauchen manchmal einen Grund, um zu hoffen�, sagte ich und fragte mich, ob es diese banale Weisheit gewesen war, die Giselle versucht hatte mir nahezubringen.</p><p>�Andererseits bekommen viele junge Leute <emphasis>keine </emphasis>Kinder, ich meine, mit voller Absicht nicht, sozusagen aus R�cksichtnahme. Sie sagen, das Beste, was man f�r ein Kind tun k�nne, sei, ihm all das Leid zu ersparen, das uns erwartet.�</p><p>�Ich bin mir nicht sicher, ob irgendjemand wei�, was uns erwartet.�</p><p>�Na ja, Sie wissen schon: der Punkt, von dem aus es kein Zur�ck mehr gibt und alles��</p><p>�Diesen Punkt haben wir bereits passiert. Aber wir sind noch da. Aus welchem Grund auch immer.�</p><p>Sie w�lbte die Augenbrauen. �Sie glauben, es gibt <emphasis>Gr�nde, </emphasis>Dr. Dupree?�</p><p>Wir plauderten noch ein bisschen, dann sagte sie: �Ich muss versuchen, ein bisschen zu schlafen�, und stopfte das mickrige Kissen in die L�cke zwischen Nacken und Kopfst�tze. Jenseits des Fensters, halb verdeckt von dem gleichg�ltigen Russen, war die Sonne untergegangen, der Himmel ru�schwarz geworden; es war nichts zu sehen au�er der sich spiegelnden Deckenleuchte, die ich jetzt etwas d�mpfte und auf meine Knie richtete.</p><p>Dummerweise befand sich mein gesamter Lesestoff in meinem Koffer. Aber im Sitz vor Sarah steckte eine Zeitschrift, also langte ich hin�ber und schnappte sie mir. Die Zeitschrift, die ein schlicht wei�es Titelblatt hatte, hie� <emphasis>Gateway, </emphasis>eine religi�se Publikation, vermutlich von einem fr�heren Fluggast zur�ckgelassen.</p><p>Ich bl�tterte darin und musste, unvermeidlich, an Diane denken. In den Jahren nach dem fehlgeschlagenen Angriff auf die Spin-Artefakte war die New-Kingdom-Bewegung mehr oder weniger zerbr�selt�� ihre Begr�nder verleugneten sie und ihr gl�cklicher Sexualkommunismus verpuffte unter dem Druck von Geschlechtskrankheiten und menschlicher Habgier. Heute wollte sich niemand mehr, schon gar nicht die Avantgarde der trendbewussten Religiosit�t, schlicht als �NKler� bezeichnen. Man geh�rte den Hektorianern, den Preteristen (der radikalen oder gem��igten Fraktion) oder den Wiederaufbauern des K�nigreichs an�� nie aber einfach dem �Neuen K�nigreich�. Die Ekstasis-Veranstaltungen, die Diane und Simon in jenem Sommer unserer Begegnung in den Berkshires besucht hatten, gab es nicht mehr.</p><p>Keine der verbleibenden NK-Fraktionen verf�gte �ber eine nennenswerte Anh�ngerschaft und den entsprechenden Einfluss. Die Southern Baptist Convention allein hatte mehr Mitglieder als s�mtliche Kingdom-Sekten zusammen. Aber ihre millenaristische Ausrichtung hatte der Bewegung ein unverh�ltnism��ig gro�es Gewicht in der durch den Spin ausgel�sten religi�sen Weltuntergangsstimmung verliehen. So war es auf NK zur�ckzuf�hren, dass so viele Plakatw�nde an den Stra�en verk�ndeten, die TR�BSALZEIT sei angebrochen, und dass viele der alteingesessenen Kirchen sich gezwungen sahen, die Frage der Apokalypse neu zu stellen.</p><p><emphasis>Gateway </emphasis>schien das Presseorgan einer Wiederaufbau-Fraktion von der Westk�ste zu sein, gerichtet an eine breite �ffentlichkeit. Neben einem Leitartikel, der das unselige Wirken von Calvinisten und Presbyterianern anprangerte, enthielt die Ausgabe drei Seiten mit Rezepten und eine Filmkritikkolumne. Was aber meine Aufmerksamkeit erregte, war ein Artikel mit der �berschrift �Blutopfer und die Rote F�rse��� eine Geschichte �ber ein rotes Kalb, das �in Erf�llung der Prophezeiung� erscheinen und auf dem Tempelberg in Jerusalem geopfert werden w�rde; mit diesem Vorgang werde dann die Entr�ckung eingeleitet. Offenbar war der alte NK-Glaube, wonach der Spin ein Akt der Erl�sung sei, aus der Mode geraten. �Denn wie ein Fallstrick wird er kommen / �ber alle die auf Erden wohnen�, Lukas 21:35. Ein Fallstrick, keine Erl�sung. Lieber sich ein Tier zum Verbrennen suchen�� die Tr�bsalzeit war wohl doch problematischer als erwartet.</p><p>Ich stopfte die Zeitschrift zur�ck in den Sitz, w�hrend das Flugzeug in Turbulenzen geriet. Sarah runzelte im Schlaf die Stirn, und der russische Gesch�ftsmann rief die Stewardess und bestellte sich einen Whisky Sour.</p><empty-line/><p>Das Auto, das ich am n�chsten Morgen in Orlando mietete, wies zwei Einschussl�cher in der Beifahrert�r auf, zwar verspachtelt und �berlackiert, aber doch deutlich sichtbar. Ich fragte den Angestellten, ob er nichts anderes habe. �Ist zur Zeit das einzige auf dem Gel�nde�, erwiderte er. �Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, ein paar Stunden zu warten��</p><p>Nein, sagte ich, das ginge schon.</p><p>Ich nahm den Bee Line Expressway nach Osten und bog dann nach S�den auf die 95. Fr�hst�ckspause machte ich bei einem Denny�s am Rande von Cocoa, wo die Kellnerin sehr freigebig mit der Kaffeekanne war, vielleicht, weil sie meine Heimatlosigkeit sp�rte. �Lange Fahrt?�</p><p>�Nicht mehr als eine Stunde noch.�</p><p>�Na, dann sind Sie ja praktisch <emphasis>da. </emphasis>Zu Hause oder in der Fremde?� Als sie merkte, dass ich darauf keine Antwort parat hatte, l�chelte sie. �Das werden Sie schon noch rauskriegen, mein Lieber. Tun wir alle, fr�her oder sp�ter.� Als Gegenleistung f�r diesen Rastst�tten-Segen hinterlie� ich ein absurd gro�es Trinkgeld auf dem Tisch.</p><p>Der Perihelion-Campus�� von Jason beunruhigenderweise als �das Gel�nde� bezeichnet�� lag ein ganzes St�ck s�dlich von den Canaveral/Kennedy-Startrampen, wo die strategischen Planungen in physische Handlung umgesetzt wurden. Die Perihelion-Stiftung (inzwischen offiziell eine Regierungsbeh�rde) war kein Bestandteil der NASA, bildete aber mit dieser eine �Schnittstelle�, indem man sich gegenseitig Ingenieure und anderes Personal auslieh. In gewissem Sinne stellte sie eine b�rokratische Schicht dar, die der NASA seit Beginn des Spins von mehreren aufeinanderfolgenden Regierungen �bergest�lpt worden war, um die erstarrte Raumfahrtbeh�rde in eine Richtung zu treiben, von der ihre alten Bosse noch nicht einmal getr�umt h�tten. E. D. sa� dem Lenkungsausschuss vor, und Jason hatte faktisch die Kontrolle �ber die Programmentwicklung �bernommen.</p><p>Es wurde jetzt w�rmer, eine f�r Florida typische Hitze, die direkt aus der Erde zu steigen schien: das feuchte Land schwitzte wie ein Brustst�ck auf dem Grill. Ich fuhr an zerfransten Palmen vorbei, tr�ben Surfer-L�den, �berwucherten Stra�engr�ben und mindestens einem Verbrechensschauplatz: Streifenwagen umzingelten einen schwarzen Pick-up, drei M�nner standen �ber die hei�e Motorhaube gebeugt, die H�nde im R�cken gefesselt. Ein den Verkehr regelnder Polizist warf einen ausgiebigen Blick auf das Nummernschild meines Mietwagens�� in seinen Augen blinkte ein unspezifischer, gewisserma�en vorsorglicher Verdacht�� und winkte mich dann weiter.</p><empty-line/><p>Das Perihelion-�Gel�nde� erwies sich als weniger d�ster, als ich bef�rchtet hatte. Es war ein lachsfarbenes Industriezentrum, modern und sauber, inmitten einer tadellos gepflegten, sanft h�geligen Rasenfl�che gelegen, abgez�unt, aber nicht v�llig abweisend. Ein W�rter am Tor sp�hte in meinen Wagen, bat mich, den Kofferraum zu �ffnen, tastete meine Koffer und Plattenkisten ab, dann h�ndigte er mir einen befristeten Passierschein an einem Taschenclip aus und wies mir den Weg zum Besucherparkplatz (�hinter dem S�dfl�gel, folgen Sie der Stra�e nach links, einen sch�nen Tag noch�). Seine hellblaue Uniform war vom Schwei� dunkel eingef�rbt.</p><p>Ich hatte kaum mein Auto abgestellt, da kam Jason durch eine Glast�r mit der Aufschrift ALLE BESUCHER M�SSEN SICH REGISTRIEREN LASSEN, �berquerte ein St�ck Rasen und trat in die sengende Hitze des Parkplatzes. �Tyler!�, sagte er und blieb einen Meter vor mir abrupt stehen, als k�nne ich gleich wieder verschwinden, wie eine Fata Morgana.</p><p>�Hey, Jase�, sagte ich l�chelnd.</p><p>�Dr. Dupree!� Er grinste. �Aber dieses Auto. Ein Mietwagen? Wir werden ihn nach Orlando zur�ckbringen lassen. Dir etwas H�bscheres besorgen. Hast du schon eine Bleibe?�</p><p>Ich erinnerte ihn daran, dass er sich auch darum zu k�mmern versprochen hatte.</p><p>�Oh, haben wir. Beziehungsweise: wir tun es gerade. Handeln einen Leasingvertrag aus f�r ein kleines H�uschen, keine zwanzig Minuten von hier. Mit Meeresblick. Bezugsfertig in ein paar Tagen. In der Zwischenzeit brauchst du ein Hotel, aber das kriegen wir leicht arrangiert. Also, was stehen wir hier rum und absorbieren UV-Strahlung?�</p><p>Ich folgte ihm in den S�dfl�gel des Geb�udes. Dabei beobachtete ich seinen Gang�� mir fiel auf, dass er eine Schlagseite nach links zu haben schien und fast ausschlie�lich seine rechte Hand einsetzte.</p><p>Die Klimaanlage �berfiel uns, eine frostige K�lte, deren Geruch die Vermutung nahelegte, sie sei aus sterilen Gew�lben tief unter der Erde gepumpt worden. In der Empfangshalle gab es sehr viel Granit und gl�nzende Fliesen. Und weiteres Wachpersonal, das aber zu formvollendeter H�flichkeit ausgebildet war. �Ich bin wirklich froh, dass du hier bist�, sagte Jason. �Ich habe zwar eigentlich keine Zeit, aber ich will dich herumf�hren. Wir machen den Schnelldurchgang. Ich hab Leute von Boeing im Konferenzraum sitzen. Einen aus Torrance und einen von der IDS-Gruppe in St. Louis. Xenon-Ion-Nachr�stungen, sind sie sehr stolz drauf, haben sie noch ein bisschen mehr Durchlauf rausgepresst, als w�rde es darauf wirklich ankommen. Wir brauchen keine Finesse, sag ich ihnen, wir brauchen Verl�sslichkeit, Einfachheit��</p><p>�Jason.�</p><p>�Sie� ja, was?�</p><p>�Hol mal Luft zwischendurch.�</p><p>Er warf mir einen ver�rgerten Blick zu. Dann gab er nach, lachte laut. �Tut mir Leid. Es ist nur, es ist wie� wei�t du noch, als wir Kinder waren? Jedes Mal wenn jemand ein neues Spielzeug hatte, musste er damit angeben?�</p><p>F�r gew�hnlich war es Jase gewesen, der die neuen Spielzeuge hatte, oder jedenfalls die teuren. Aber ja, sagte ich, ich k�nne mich noch gut erinnern.</p><p>�Tja, es w�re sicher leichtfertig, es jemand anderem auf diese Weise zu beschreiben, aber was wir hier haben, Tyler, das ist die gr��te Spielzeugkiste der Welt. Lass mich damit angeben, okay? Danach kannst du dich erst einmal einrichten. Wir lassen dir ein bisschen Zeit, dich an das Klima zu gew�hnen.�</p><p>Also folgte ich ihm durch das Erdgeschoss aller drei Fl�gel, bewunderte brav die Konferenzr�ume und B�ros, die riesigen Labore und technischen Werkst�tten, in denen Prototypen konzipiert oder Aufgaben definiert wurden, bevor man Pl�ne und Zielvorgaben an die Leute mit dem gro�en Geld weitergab. Alles sehr interessant. Alles sehr verwirrend. Schlie�lich landeten wir in der Ambulanz, wo ich mit Dr. Koenig bekannt gemacht wurde, dem scheidenden Arzt, der mir ohne Begeisterung die Hand sch�ttelte und sich dann mit einem �ber die Schulter gesprochenen �Viel Gl�ck, Dr. Dupree� davonmachte.</p><p>Unterdessen hatte sich Jasons Pager so oft gemeldet, dass er ihn nicht l�nger ignorieren konnte. �Die Boeing-Leute�, sagte er. �Man muss ihre PPUs bewundern, ohne die w�ren sie bestimmt l�ngst tr�bsinnig geworden. Findest du allein zur Rezeption zur�ck? Sally wartet dort auf dich, meine pers�nliche Assistentin, sie wird dir ein Zimmer besorgen. Wir k�nnen uns sp�ter noch unterhalten. Tyler, es ist wirklich sch�n, dich wiederzusehen!�</p><p>Noch ein H�ndesch�tteln, seltsam kraftlos, und dann eilte er davon, immer noch mit der Neigung nach links, sodass ich mich nicht mehr fragte, ob er krank war, sondern wie krank er war und wie viel schlimmer es noch werden w�rde.</p><empty-line/><p>Auf Jasons Wort war Verlass. Nach weniger als einer Woche zog ich in ein kleines m�bliertes Haus ein, das so zerbrechlich gebaut war, wie es hier in Florida �blich schien: nur Bretter und Latten, die W�nde haupts�chlich Fensterfronten. Aber bestimmt war es teuer gewesen�� die obere Veranda blickte �ber einen langen Abhang, vorbei an einem Gewerbegebiet, aufs Meer. W�hrend dieser Woche wurde ich bei drei Gelegenheiten von dem wortkargen Dr. Koenig eingewiesen, der offensichtlich bei Perihelion nicht gl�cklich geworden war, mir seine Praxis aber sehr gravit�tisch �bergab, indem er mir die Krankenakten und seinen Assistentenstab nachdr�cklich ans Herz legte. Am Montag empfing ich dann meinen ersten Patienten, einen jungen Metallurgen, der sich bei einem betriebsinternen Football-Spiel auf dem S�drasen den Kn�chel verdreht hatte. Die Klinik war offenkundig ��bertechnisiert�, wie Jason sich vielleicht ausgedr�ckt h�tte, f�r die vergleichsweise triviale Arbeit, die hier verrichtet wurde. Aber Jason erkl�rte, er rechne mit Zeiten, in denen es schwierig werden k�nnte, �dort drau�en� medizinische Versorgung zu erhalten.</p><p>Ich begann mich einzugew�hnen. Ich schrieb Rezepte aus oder verl�ngerte sie, gab Aspirin aus, sah die Krankenakten durch. Ich tauschte h�fliche Floskeln mit Molly Seagram, meiner Empfangsdame, der ich (wie sie sagte) sehr viel besser gefiel als Dr. Koenig.</p><p>Abends ging ich nach Hause und sah zu, wie Blitze aus Wolken zuckten, die sich vor der K�ste aufgebaut hatten wie riesige elektrifizierte Klipper.</p><p>Und ich wartete auf einen Besuch von Jason, doch der blieb aus, fast einen Monat lang. Dann, an einem Freitagabend nach Sonnenuntergang, stand er unangek�ndigt vor der T�r, in Freizeitkleidung (Jeans, T-Shirt), die ihn ein glattes Jahrzehnt j�nger erscheinen lie�. �Dachte, ich schau mal vorbei. Wenn�s dir recht ist?�</p><p>Selbstverst�ndlich war es das. Wir gingen nach oben, holten uns zwei Flaschen Bier aus dem K�hlschrank und setzten uns auf den wei� get�nchten Balkon. Nach einer Weile begann Jason Sachen zu sagen wie �Wirklich sch�n, dich wiederzusehen� oder �Toll, dich in der Mannschaft zu haben�, bis ich ihn unterbrach: �H�r auf. Diese bl�den Begr��ungsspr�che brauche ich nicht mehr. Ich bin�s doch nur, Jase.�</p><p>Er lachte verlegen, und von da an war es leichter.</p><p>Wir schwelgten in Erinnerungen. Irgendwann fragte ich ihn: �H�rst du oft von Diane?�</p><p>Er zuckte mit den Achseln. �Eher selten.�</p><p>Ich hakte nicht nach. Dann, als wir beide ein paar Flaschen geleert hatten, die Luft k�hler und der Abend still geworden war, fragte ich ihn, wie�s ihm denn so gehe, ganz pers�nlich gesprochen.</p><p>�Viel zu tun gehabt�, erwiderte er. �Wie du dir gedacht haben wirst. Wir stehen kurz vor den ersten Saatabsch�ssen�� wir sind weiter, als wir der Presse verraten haben, E. D. hat gern einen gewissen Vorsprung. Er ist die meiste Zeit in Washington. Clayton pers�nlich h�lt sich immer auf dem Laufenden, wir werden richtig verh�tschelt von der Regierung, jedenfalls vorl�ufig. Aber dadurch bin ich sehr viel mit Gesch�ftsf�hrungsschei� befasst�� ein Fass ohne Boden�� anstatt mit der Arbeit, die ich tun m�chte und tun <emphasis>muss, </emphasis>n�mlich Projektplanung. Es ist�� Er wedelte mit den H�nden.</p><p>�Stressig.�</p><p>�Ja, stressig. Aber wir machen Fortschritte. Ganz allm�hlich.�</p><p>�Mir ist aufgefallen, dass ich gar keine Akte von dir habe. In der Klinik. Von allen anderen Angestellten oder Verwaltungsbeamten gibt es Unterlagen. Nur von dir nicht.�</p><p>Er sah weg, dann lachte er, ein bellendes, nerv�ses Lachen. �Tja� ich h�tt�s ganz gern, wenn es so bleibt, Tyler. Bis auf weiteres.�</p><p>�Dr. Koenig hatte andere Vorstellungen?�</p><p>�Dr. Koenig glaubt, dass wir alle ein bisschen verr�ckt sind. Was nat�rlich auch stimmt. Habe ich erz�hlt, dass er auf einem Kreuzfahrtschiff angeheuert hat? Kannst du dir das vorstellen? Koenig in einem Hawaiihemd, wie er Gravol-Pastillen an die Touristen ausgibt?�</p><p>�Sag mir einfach, was dir fehlt, Jason.�</p><p>Er blickte auf den sich verdunkelnden Himmel im Osten. Ein schwaches Licht hing dort ein paar Grad �ber dem Horizont, kein Stern, sondern vermutlich einer der Aerostaten seines Vaters. �Die Sache ist die�, sagte er fast fl�sternd. �Ich habe ein bisschen Angst, dass ich gerade in dem Moment au�er Gefecht gesetzt werde, wo wir erste Ergebnisse bekommen.� Er wandte sich wieder mir zu. �Ich m�chte dir trauen k�nnen, Ty.�</p><p>�Keiner hier au�er uns.�</p><p>Und dann endlich trug er seine Symptome vor�� ruhig, fast schematisch, als k�men Schmerzen und Schw�che kein gr��eres emotionales Gewicht zu als den Fehlz�ndungen eines Motors. Ich versprach, einige Tests zu machen, die nicht in den Krankenbl�ttern erscheinen w�rden. Er gab sein Einverst�ndnis, und dann lie�en wir das Thema und machten noch eine Flasche Bier auf, und schlie�lich dankte er mir und sch�ttelte mir die Hand, feierlicher vielleicht als n�tig, und dann verlie� er das Haus, das er f�r mich gemietet hatte, mein neues, unvertrautes Heim.</p><p>Ich ging zu Bett und hatte Angst um ihn.</p></section><section><title><p>Unter die Haut</p></title><p>Ich erfuhr eine Menge mehr �ber Perihelion von meinen Patienten: den Wissenschaftlern, die gerne redeten (anders als die Verwaltungsbeamten, die generell eher verschlossen waren), aber auch von den Familien der Belegschaft, die immer h�ufiger ihre eigenen, zunehmend leistungsschw�cheren Krankenversicherungen k�ndigten, um sich der firmeninternen Versorgung anzuschlie�en. Pl�tzlich betrieb ich eine richtige Familienpraxis, und die meisten meiner Patienten waren Menschen, die der Realit�t des Spins tief ins Auge geblickt hatten, die ihm mit Mut und Entschlossenheit begegneten. �Der Zynismus wird am Eingangstor abgegeben�, sagte einmal ein Programmierer zu mir. �Wir wissen, dass es wichtig ist, was wir tun.� Das war bewundernswert. Und ansteckend. Nicht lange, und ich begann mich als einer von ihnen zu betrachten, als Teil der kollektiven Anstrengung, den menschlichen Einfluss in den tosenden Strudel der au�erirdischen Zeit hineinwirken zu lassen.</p><p>Manchmal fuhr ich am Wochenende die K�ste hinauf, um die Raketen abheben zu sehen�� modernisierte Atlasse und Deltas, die von einer riesigen Anzahl neu errichteter Startrampen aus in den Himmel schossen��, und gelegentlich kam es in diesem Sp�therbst oder Fr�hwinter vor, dass Jason seine Arbeit liegen lie� und mich begleitete. Die Nutzlasten waren einfache ARVs, Wiedereintrittsfahrzeuge, vorprogrammierte Erkundungsger�te, unbeholfene Aussichtsfenster auf die Sterne. Ihre Bergungsmodule w�rden�� sofern die Mission nicht scheiterte�� im Atlantik oder in den Salzpfannen der westlichen W�ste niedergehen, gef�ttert mit neuen Informationen �ber die Welt jenseits der Welt.</p><p>Mir gefiel die Erhabenheit, die das Ganze an sich hatte. Was Jase, nach eigenem Bekunden, faszinierte, war die �relativistische Zeitkluft�. Diese kleinen Nutzlastpakete verbrachten Wochen oder gar Monate hinter der Spin-Barriere, ma�en die Entfernung zum sich zur�ckziehenden Mond oder das Volumen der expandierenden Sonne, w�rden aber (in unserem Bezugssystem) noch am selben Nachmittag zur Erde zur�ckfallen, Zauberflaschen, die mit mehr Zeit gef�llt waren, als sie schlechterdings enthalten konnten.</p><p>Und wenn dieser Wein dekantiert wurde, schossen auf den Fluren von Perihelion unvermeidlich die Ger�chte ins Kraut: Gammastrahlung angestiegen, wohl ein Hinweis auf irgendeine Katastrophe in der stellaren Nachbarschaft; neue Streifenbildung um den Jupiter, weil die Sonne mehr Hitze in seine st�rmische Atmosph�re pumpt; ein riesiger neuer Krater auf dem Mond, der der Erde nicht mehr nur ein Gesicht zukehrte, sondern�� in langsamer Rotation�� jetzt auch seine dunkle Seite zeigte.</p><p>An einem Morgen im Dezember nahm Jason mich �ber den Campus mit zu einer Konstruktionsst�tte, wo man die originalgetreue Nachbildung eines marsianischen Nutzlasttr�gers aufgebaut hatte. Er stand auf einer Aluminiumplattform in einer Ecke des in Sektoren unterteilten Raums, in dem ringsum weitere Prototypen zusammengesetzt wurden, um von M�nnern und Frauen in wei�en Tyvek-Anz�gen getestet zu werden. Das Ger�t war erschreckend klein, fand ich, eine knubblige kleine Kiste mit einer D�se an einem Ende, nicht gr��er als eine Hundeh�tte, v�llig unspektakul�r unter dem erbarmungslosen Licht der Deckenlampen. Aber Jason pr�sentierte es mit elterlichem Stolz.</p><p>�Im Wesentlichen�, sagte er, �besteht es aus drei Teilen: Ionenantrieb und Reaktionsmasse, Bordnavigationssystem, Nutzlast. Der Gro�teil der Masse ist Motor. Keine Kommunikation�� es kann nicht mit der Erde sprechen und braucht es auch nicht. Die Navigationsprogramme sind vielfach redundant, aber die Hardware selbst ist nicht gr��er als ein Handy und wird von Solarkollektoren gespeist.� Die Kollektoren waren noch nicht montiert, doch an der Wand hing die Skizze des fertig gestellten Vehikels, auf der die Hundeh�tte sich in eine Libelle � la Picasso verwandelt hatte.</p><p>�Sieht irgendwie nicht antriebsstark genug aus, um zum Mars zu kommen.�</p><p>�Die Antriebsleistung ist nicht das Problem. Ionenmotoren sind langsam, aber hartn�ckig. Und das ist genau das, was wir wollen�� einfache, robuste, haltbare Technologie. Der heikle Teil ist das Navigationssystem, das muss intelligent und autonom sein. Wenn ein Gegenstand die Spin-Barriere durchbricht, erf�hrt er das, was von manchen Leuten als �zeitliche Beschleunigung� bezeichnet wird. Ein dummer Ausdruck, aber ganz anschaulich. Das Raumfahrzeug wird beschleunigt und erhitzt�� nicht auf sich bezogen, sondern auf uns��, und das Gef�lle ist extrem gro�. Eine winzig kleine Ver�nderung der Geschwindigkeit oder der Flugbahn beim Start�� etwas so Minimales wie ein Windsto� oder eine f�r Millisekunden aussetzende Treibstoffzufuhr an der Tr�gerrakete�� macht es unm�glich, vorherzusagen, nicht wie, aber <emphasis>wann </emphasis>das Fahrzeug in den �u�eren Weltraum eintritt.�</p><p>�Warum ist das wichtig?�</p><p>�Das ist wichtig, weil der Mars und die Erde sich beide in elliptischen Umlaufbahnen befinden und mit unterschiedlicher Geschwindigkeit um die Sonne kreisen. Es gibt keine verl�ssliche Methode, die relativen Positionen der Planeten zu dem Zeitpunkt vorauszuberechnen, an dem das Fahrzeug die Umlaufbahn erreicht. Im Grunde ist es so, dass die Maschine den Mars in einem ziemlich �berf�llten Himmel erst einmal finden und die Flugbahn dann selbst bestimmen muss. Also brauchen wir schlaue, flexible Software und einen robusten, haltbaren Antrieb. Zum Gl�ck haben wir beides. Es ist eine tolle Maschine, Tyler. Von au�en schlicht, aber unter der Haut bl�ht sie auf. Fr�her oder sp�ter, wenn sie sich selbst �berlassen ist und nichts Entscheidendes schief geht, wird sie das tun, wof�r sie gebaut wurde�� und sich in einer Umlaufbahn um den Mars einrichten.�</p><p>�Und dann?�</p><p>Er l�chelte. �Der Kern der Sache. Hier.� Er zog eine Reihe von Bolzen aus dem Modell und entfernte ein St�ck Blech auf der Vorderseite; in der �ffnung erschien eine abgeschirmte Kammer, die in Sechsecke unterteilt war, wie eine Bienenwabe. In jedem der Sechsecke lag ein plumpes, schwarzes Oval. Ein Nest von Ebenholzeiern. Jason hob eines davon heraus. Es war so klein, dass man es in einer Hand halten konnte.</p><p>�Sieht aus wie ein schwangerer Dart-Pfeil.�</p><p>�Ist nur ein bisschen raffinierter als ein Dart-Pfeil. Wir streuen diese Dinger in die Marsatmosph�re. Wenn sie eine bestimmte H�he erreicht haben, klappen sie Propellerfl�gel aus und trudeln dann den restlichen Weg nach unten. Wo man sie verstreut�� an den Polen, dem �quator��, h�ngt von der jeweiligen Nutzlast ab, davon, ob wir unter der Oberfl�che nach Soleschlamm oder rohem Eis suchen, aber grunds�tzlich ist der Vorgang immer der gleiche. Stell sie dir als Subkutannadeln vor, die dem Planeten Leben einimpfen.�</p><p>Dieses �Leben�, erfuhr ich, w�rde aus k�nstlichen Mikroben bestehen, deren genetisches Material aus Bakterien zusammengesetzt war, die man in den trockenen T�lern der Antarktis im Innern von Felsgestein entdeckt hatte, aus Anaerobiern, die f�hig waren, in den Ausflussrohren von Atomreaktoren zu �berleben, und aus Einzellern aus dem eisigen Schlamm am Grund der Barentsee. Diese Organismen sollten als Bodenaufbereiter dienen, man hoffte, sie w�rden gut gedeihen, w�hrend gleichzeitig die alternde Sonne die Marsoberfl�che erw�rmte und bislang eingeschlossenen Wasserdampf und andere Gase freisetzte. Als N�chstes w�rden komplett im Labor entstandene Sorten blaugr�ner Algen folgen, einfache Photosynthetisierer, und dann schlie�lich komplexere Lebensformen, imstande, sich die Umweltbedingungen zunutze zu machen, die unter dem Einfluss der fr�heren Sendungen entstanden waren. Der Mars w�rde auch im besten Falle immer eine W�ste sein�� alles freigesetzte Wasser w�rde nicht mehr als ein paar seichte, salzige und unstabile Seen ergeben��, aber das w�rde unter Umst�nden ausreichen, um einen halbwegs bewohnbaren Ort jenseits der Erde zu schaffen. Ein Ort, zu dem Menschen hinfliegen konnten, um dort zu leben, eine Million Jahrhunderte f�r jedes unserer Jahre. Ein Ort, an dem unsere marsianischen Vettern vielleicht die Zeit fanden, R�tsel zu l�sen, an die wir uns allenfalls herantasten konnten.</p><p>Ein Ort, an dem wir�� oder die Evolution in unserem Auftrag�� ein Volk von Rettern erschaffen w�rden.</p><p>�Es ist schwer zu glauben, dass wir das tats�chlich vollbringen k�nnen��</p><p><emphasis>�Falls </emphasis>wir es k�nnen. Das ist keineswegs ausgemacht.�</p><p>�Aber davon abgesehen, als Mittel betrachtet, ein Problem zu l�sen��</p><p>�Es ist ein Akt der zielgerichteten Verzweiflung. Du hast v�llig Recht, sprich es nur nicht zu laut aus. Allerdings haben wir einen m�chtigen Faktor auf unserer Seite.�</p><p>�Die Zeit?�</p><p>�Nein. Die Zeit ist ein n�tzlicher Hebel. Aber das aktive Ingrediens ist das Leben. Leben im abstrakten Sinne, meine ich: Replikation, Evolution, Komplexifikation. Die Eigenart des Lebens, Ritzen und Spalten zu besetzen, zu �berleben, indem es das Unerwartete tut. Ich glaube an diesen Prozess�� er ist robust, er ist hartn�ckig. Kann er uns retten? Ich wei� es nicht. Aber es besteht eine reale M�glichkeit.� Er l�chelte. �W�rst du der Vorsitzende des Haushaltsausschusses, w�rde ich mich weniger zur�ckhaltend ausdr�cken.�</p><p>Er reichte mir den Pfeil, der �berraschend leicht war, nicht mehr als ein Profi-Baseball wog. Ich versuchte mir vorzustellen, wie hunderte davon aus einem wolkenlosen Marshimmel regneten, um den Boden mit dem Schicksal der Menschheit zu befruchten. Mit dem, was uns noch an Schicksal blieb.</p><empty-line/><p>E. D. Lawton besuchte das Gel�nde in Florida im darauf folgenden M�rz, zur gleichen Zeit, als Jasons Krankheitssymptome wieder auftraten. Sie hatten sich mehrere Monate lang zur�ckgebildet.</p><p>Als Jason im letzten Jahr zu mir gekommen war, hatte er seinen Zustand zur�ckhaltend, aber systematisch beschrieben. Vor�bergehende Schw�che und Taubheit in Armen und Beinen. Verschwommene Sicht. Gleichgewichtsst�rungen. Gelegentliche Inkontinenz. Keines der Symptome stellte eine dauerhafte Behinderung dar, aber inzwischen traten sie zu h�ufig auf, als dass man sie ignorieren konnte.</p><p>K�nne alles M�gliche sein, sagte ich zu ihm, obwohl er genauso gut wusste wie ich, dass es sich vermutlich um ein neurologisches Problem handelte.</p><p>Wir waren beide erleichtert, als die Bluttests den Verdacht auf multiple Sklerose best�tigten. Seit der Einf�hrung chemischer Sklerostatine vor zehn Jahren war MS zu einer heilbaren (oder jedenfalls kontrollierbaren) Krankheit geworden. Eine der kleinen Ironien des Spins bestand darin, dass er f�r eine Reihe von medizinischen Durchbr�chen sorgte, die der Proteomforschung zu verdanken waren. Unsere Generation�� Jasons und meine�� mochte dem Untergang geweiht sein, aber sie w�rde jedenfalls nicht mehr an MS, Parkinson, Diabetes, Lungenkrebs, Arteriosklerose oder Alzheimer sterben. Die letzte Generation der Industriegesellschaft w�rde vermutlich die ges�ndeste von allen sein.</p><p>Aber ganz so einfach war es nat�rlich auch nicht. Nach wie vor sprachen fast f�nf Prozent der diagnostizierten MS-F�lle nicht auf Sklerostatine oder andere Therapien an. Kliniker gingen dazu �ber, solche F�lle als �polimedikationsresistente MS� zu bezeichnen, ja in ihr sogar eine gesonderte Krankheit mit gleicher Symptomatik zu sehen.</p><p>Jasons Erstbehandlung allerdings war wie erwartet verlaufen. Ich hatte ihm eine minimale Dosis Tremex verordnet, und seither befand er sich in vollst�ndiger Remission. Jedenfalls bis zu der Woche, in der E. D. mit der Subtilit�t eines Tropensturms eintraf und parlamentarische Berater und Presseattach�s wie zerfleddertes Altpapier durch die Flure wehte.</p><p>E. D. war Washington, wir waren Florida; er war Gesch�ftsf�hrung, wir waren Wissenschaft und Technik. Jason balancierte ein wenig heikel zwischen den beiden Polen. Grunds�tzlich war es seine Aufgabe, daf�r zu sorgen, dass die Vorgaben des Lenkungsausschusses umgesetzt wurden, aber er war den B�rokraten oft genug auch entgegengetreten, sodass die Wissenschaftsleute aufgeh�rt hatten, von Nepotismus zu sprechen, und dazu �bergegangen waren, ihm Drinks zu spendieren. Das Problem bestand laut Jason darin, dass E. D. sich nicht damit zufrieden gab, das Mars-Projekt auf den Weg zu bringen, nein, er wollte es auch in allen Einzelheiten steuern, oft aus politischen Gr�nden, wenn er etwa Auftr�ge an zweifelhafte Anbieter vergab, um sich auf diese Weise die Unterst�tzung des Kongresses zu kaufen. Die Belegschaft spottete gern �ber ihn, sch�ttelte ihm aber auch ebenso gern die Hand, wenn er vor Ort war. Die diesj�hrige Stippvisite gipfelte in einer Ansprache im Perihelion-Auditorium. Wir fanden uns alle ein, folgsam wie Schulkinder, aber mit gr��erer, durchaus plausibler Begeisterung, und sobald das Publikum seine Pl�tze eingenommen hatte, erhob sich Jason, um seinen Vater vorzustellen. Ich sah genau hin, als er die Stufen zur B�hne erklomm und vor das Mikrofon trat. Ich beobachtete, wie er die linke Hand schlaff auf Taillenh�he hielt, wie er sich, etwas unbeholfen auf dem Absatz drehend, seinem Vater zuwandte und ihm die Hand sch�ttelte. Er f�hrte seinen Vater kurz, aber liebensw�rdig ein, dann mischte er sich unter die Schar der W�rdentr�ger, die am hinteren Ende der B�hne sa�en. E. D. trat nach vorn. Er war in der Woche vor Weihnachten sechzig geworden, ging aber ohne Weiteres als vitaler F�nfziger durch: der Bauch unter dem dreiteiligen Anzug war flach, das sch�ttere Haar zu einem schneidigen Milit�rschnitt gestutzt. Was er vortrug, konnte man durchaus als Wahlkampfrede verstehen: Er pries die Regierung Clayton f�r ihren Weitblick, die versammelte Belegschaft f�r das Engagement, mit der sie die �Perihelion-Vision� verfolgte, seinen Sohn f�r seine �inspirierende Leitungst�tigkeit� und die Ingenieure und Techniker daf�r, dass sie �einen Traum zum Leben� erweckten und, �wenn es uns gelingt�, das Leben auf einen sterilen Planeten trugen, damit �neue Hoffnung f�r diese Welt, die wir noch immer als unsere Heimat bezeichnen�, sprie�en lie�en. Beifall, Winken, ein wildes Grinsen, und dann war er wieder verschwunden, weggezaubert von der Horde seiner Leibw�chter.</p><p>Ich erwischte Jason eine Stunde sp�ter in der Managerkantine, wo er an einem kleinen Tisch sa� und vorgab, in einem Sonderdruck der <emphasis>Astrophysics Review </emphasis>zu lesen.</p><p>Ich setzte mich auf den Stuhl ihm gegen�ber. �Wie schlimm ist es denn?�</p><p>Er l�chelte schwach. �Du meinst nicht etwa den Wirbelwindbesuch meines Vaters?�</p><p>�Du wei�t, was ich meine.�</p><p>Er senkte die Stimme. �Ich habe die Medikamente brav genommen. Regelm��ig, jeden Morgen, jeden Abend. Aber es ist wieder da. Seit heute Morgen. Kribbeln im linken Arm, im linken Bein. Und es wird schlimmer. Fast st�ndlich. Schlimmer als je zuvor. Es ist, als w�rde Strom durch eine Seite meines K�rpers laufen.�</p><p>�Hast du Zeit, in die Ambulanz zu kommen?�</p><p>�Zeit hab ich, aber�� Seine Augen glitzerten. �Ich wei� nicht, ob ich in der Lage bin. Ich will dich nicht erschrecken, aber ich bin froh, dass du hergekommen bist. Im Moment bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich �berhaupt laufen kann. Nach E. D.s Rede hab ich es noch bis hierher geschafft. Doch ich glaube, ich w�rde umfallen, wenn ich jetzt versuche aufzustehen. Gehen kann ich bestimmt nicht. Ty�� <emphasis>ich kann nicht gehen</emphasis>.�</p><p>�Ich hol Hilfe.�</p><p>Er straffte sich. �Das tust du auf keinen Fall. Falls n�tig, kann ich hier sitzen, bis niemand mehr da ist au�er dem Nachtw�chter.�</p><p>�Das ist doch absurd.�</p><p>�Oder du kannst mir <emphasis>diskret </emphasis>helfen, aufzustehen. Wie weit ist die Ambulanz weg, zwanzig, drei�ig Meter? Wenn du mich am Arm nimmst und ein heiter freundliches Gesicht machst, schaffen wir es vielleicht bis dahin, ohne allzu viel Aufmerksamkeit zu erregen.�</p><p>Letzten Endes erkl�rte ich mich damit einverstanden, nicht, weil ich die Scharade guthie�, sondern weil es offenbar die einzige M�glichkeit war, ihn in mein B�ro zu bekommen. Ich ergriff seinen linken Arm, er st�tzte seine rechte Hand auf die Tischkante und stemmte sich hoch. Es gelang uns, ohne gr��eres Schwanken durch die Cafeteria zu kommen, obwohl Jason den linken Fu� auf kaum zu �bersehende Weise nachzog�� zum Gl�ck blickte niemand genauer hin. Im Korridor gingen wir dicht an der Wand entlang, wo das Schlurfen weniger auff�llig war. Als pl�tzlich einer der Manager auftauchte, fl�sterte Jason �Stopp!�, und wir stellten uns wie in beil�ufiger Unterhaltung auf; Jason lehnte gegen einen Schaukasten, klammerte sich mit der rechten Hand so krampfhaft an dem Stahlregal fest, dass das Blut aus seinen Fingerkn�cheln wich und ihm Schwei�perlen auf die Stirn traten. Der Manager ging mit einem stummen Kopfnicken an uns vorbei.</p><p>Als wir schlie�lich den Eingang der Ambulanz erreichten, musste ich ihn bereits mehr oder weniger tragen. Zum Gl�ck war Molly Seagram nicht am Platz�� sobald ich die T�r geschlossen hatte, waren wir allein. Ich half Jason auf eine Liege in einem der Untersuchungszimmer, dann ging ich noch mal zum Empfang und hinterlie� eine Notiz f�r Molly, damit gew�hrleistet war, dass wir ungest�rt blieben.</p><p>Als ich ins Untersuchungszimmer zur�ckkehrte, weinte Jason. Nicht laut heraus, aber ihm waren Tr�nen �bers Gesicht gelaufen und hingen jetzt an seinem Kinn. �Es ist so furchtbar.� Er wollte mir nicht in die Augen sehen. �Ich konnte nichts machen. Tut mir so Leid, aber ich konnte nichts dagegen machen.�</p><p>Er hatte die Kontrolle �ber seine Blase eingeb��t.</p><empty-line/><p>Nachdem ich ihm in einen Krankenhauskittel geholfen hatte, sp�lte ich seine Kleidung im Waschbecken des Sprechzimmers aus und legte sie zum Trocknen an ein sonniges Fenster im nur selten benutzten Lagerraum hinter den Arzneischr�nken. Da heute kein gro�er Betrieb herrschte, hatte ich eine passende Begr�ndung, um Molly f�r den Rest des Nachmittags frei zu geben.</p><p>Jason gewann seine Fassung halbwegs zur�ck, wenn er in dem Papierkittel auch einigerma�en kl�glich aussah. �Du hast gesagt, es sei eine heilbare Krankheit. Was ist falsch gelaufen?�</p><p>�Man kann die Krankheit <emphasis>behandeln. </emphasis>Meistens, bei der Mehrzahl der Patienten. Aber es gibt Ausnahmen.�</p><p>�Wie, und ich bin eine davon? Ich habe in der Arschkartenlotterie gewonnen?�</p><p>�Du hast einen R�ckfall. Das ist typisch f�r die Krankheit�� Phasen starker Behinderung, gefolgt von Abschnitten der Remission. Vielleicht sprichst du nur langsam auf die Behandlung an. In einigen F�llen muss das Medikament erst einen gewissen Pegel im K�rper erreicht haben, bevor es richtig wirken kann.�</p><p>�Es ist sechs Monate her, seit du das Rezept ausgeschrieben hast. Und es geht mir schlechter, nicht besser.�</p><p>�Wir k�nnen dich auf ein anderes Sklerostatin setzen und sehen, ob das besser wirkt. Die sind aber chemisch alle sehr �hnlich.�</p><p>�Das Medikament zu wechseln, w�rde also nichts bringen.�</p><p>�Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir werden es versuchen.�</p><p>�Und wenn es nicht hilft?�</p><p>�Dann reden wir nicht mehr dar�ber, die Krankheit zu heilen, sondern dar�ber, sie zu managen. Selbst unbehandelt ist MS kein Todesurteil. Viele Leute erleben zwischen den Anf�llen eine vollst�ndige Remission und k�nnen ein relativ normales Leben f�hren.� Wenn auch, h�tete ich mich hinzuzuf�gen, diese F�lle selten einen so aggressiven Verlauf aufwiesen, wie es bei Jason der Fall war. �Die �bliche R�ckfallbehandlung arbeitet mit einem Cocktail aus entz�ndungshemmenden Mitteln: selektive Proteininhibitoren und zielgerichtete CNS-Stimulanzien. Das kann sehr wirkungsvoll sein, um die Symptome zu unterdr�cken und das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen.�</p><p>�Gut�, sagte Jason. �Gro�artig. Schreib mir ein Rezept auf.�</p><p>�So einfach ist das nicht. Du k�nntest es mit Nebenwirkungen zu tun bekommen.�</p><p>�Welchen?�</p><p>�Vielleicht gar keinen. Vielleicht psychologischen Problemen�� leichte Depressionen oder auch manische Phasen. Allgemeine k�rperliche Schw�che.�</p><p>�Ich wirke aber normal?�</p><p>�Aller Wahrscheinlichkeit nach.� F�rs Erste und vermutlich f�r weitere zehn oder f�nfzehn Jahre, vielleicht sogar mehr. �Aber es ist eine Steuerungsma�nahme, keine Heilung�� ein Abbremsen, kein Anhalten. Die Krankheit wird zur�ckkehren, wenn du lange genug lebst.�</p><p>�Ein Jahrzehnt k�nntest du mir aber mit Sicherheit geben?�</p><p>�Soweit man sich in meinem Beruf �berhaupt sicher sein kann.�</p><p>�Ein Jahrzehnt�, sagte er nachdenklich. �Oder eine Milliarde Jahre. Je nach Blickwinkel. Vielleicht reicht das. Es m�sste reichen, glaubst du nicht?�</p><p>Ich fragte nicht: wof�r reichen? �Aber inzwischen��</p><p>�Kein �Inzwischen�, Tyler. Ich kann es mir nicht erlauben, mich von meiner Arbeit zu entfernen, und ich m�chte nicht, dass irgendjemand davon wei�.�</p><p>�Es ist nichts, wof�r man sich sch�men m�sste.�</p><p>�Ich sch�me mich nicht daf�r.� Er deutete auf den Papierkittel. �Es ist schei�dem�tigend, aber nicht besch�mend. Es geht nicht um psychologische Probleme, es geht darum, was ich hier bei Perihelion mache. Was ich machen <emphasis>darf. </emphasis>E. D. hasst Krankheit, Tyler, er hasst jede Form von Schw�che. Er hat Carol von dem Tag an gehasst, als ihre Trinkerei zum Problem wurde.�</p><p>�Du glaubst also nicht, dass er Verst�ndnis h�tte?�</p><p>�Ich liebe meinen Vater, aber ich bin nicht blind f�r seine Fehler. Nein, er h�tte kein Verst�ndnis. Der ganze Einfluss, den ich bei Perihelion habe, h�ngt an ihm. Und das ist momentan ein bisschen heikel. Wir hatten in letzter Zeit einige Meinungsverschiedenheiten. Falls ich zur Belastung f�r ihn w�rde, w�rde er mich binnen einer Woche in irgendeine teure Klinik in der Schweiz oder auf Bali abschieben und sich sagen, dass es nur zu meinem Besten geschehe. Schlimmer noch, er w�rde es sogar <emphasis>glauben.�</emphasis></p><p>�Was und wie viel du an die �ffentlichkeit dringen l�sst, ist deine Sache. Aber du musst dich von einem Neurologen behandeln lassen, nicht von einem praktischen Arzt.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ich kann dich nicht guten Gewissens weiter behandeln, Jason, wenn du dich nicht zus�tzlich einem Spezialisten anvertraust. Es war schon prek�r genug, dich auf Tremex zu setzen, ohne vorher einen Hirnfachmann zu konsultieren.�</p><p>�Du hast die magnetische Resonanzspektroskopie und die Bluttests. Was brauchst du noch?�</p><p>�Am besten ein perfekt ausgestattetes Krankenhauslabor und einen Abschluss in Neurologie.�</p><p>�Bl�dsinn. Du hast selber gesagt, dass MS heutzutage keine so gro�e Sache mehr ist.�</p><p>�Es sei denn, sie spricht nicht auf die Behandlung an.�</p><p>�Ich kann nicht�� Er wollte weiter diskutieren, aber er war offensichtlich v�llig ersch�pft. Erm�dung konnte auch eines der Symptome seines R�ckfalls sein; er hatte sich wenig Erholung geg�nnt in den Wochen vor E. D.s Besuch. �Ich schlage dir folgende Abmachung vor: Ich lasse mich von einem Spezialisten begutachten, wenn du es diskret arrangieren kannst und wenn es nicht in meiner Perihelion-Akte auftaucht. Aber ich muss funktionst�chtig sein. Und zwar <emphasis>morgen. </emphasis>Funktionst�chtig hei�t, ich kann ohne Hilfe laufen und pinkel mich nicht voll. Der Medikamentencocktail, von dem du gesprochen hast, wirkt der schnell?�</p><p>�Normalerweise ja, aber ohne neurologische Diagnostik��</p><p>�Tyler, h�r zu, ich wei� wirklich zu sch�tzen, was du f�r mich getan hast, aber ich kann mir, wenn es n�tig ist, auch einen kooperationswilligeren Arzt kaufen. Behandle mich jetzt, dann geh ich zu einem Spezialisten, dann tue ich alles, was du f�r richtig h�ltst. Aber wenn du glaubst, dass ich im Rollstuhl und mit einem Katheter im Schwanz zur Arbeit erscheine, dann liegst du total daneben.�</p><p>�Selbst wenn ich dir sofort etwas verschreibe, wird es dir nicht �ber Nacht besser gehen. Das dauert ein paar Tage.�</p><p>�Ich k�nnte vielleicht einige Tage frei machen.� Er dachte dar�ber nach. �Okay�, sagte er schlie�lich. �Ich m�chte die Medikamente haben und ich m�chte, dass du mich unauff�llig hier rausschaffst. Wenn du das hinbekommst, begebe ich mich ganz in deine Obhut. Kein Widerspruch mehr.�</p><p>��rzte verhandeln nicht, Jase.�</p><p>�Akzeptier es so oder lass es bleiben, Hippokrates.�</p><empty-line/><p>Ich gab ihm nicht gleich den ganzen Cocktail�� ich hatte nicht alle Medikamente vorr�tig��, aber ich verabreichte ihm ein CNS-Stimulans, das ihm f�r die n�chsten Tage zumindest die Kontrolle �ber seine Blase und die F�higkeit, ohne Hilfe zu gehen, zur�ckgeben w�rde. Die Nebenwirkung war ein gereizter, eisiger Gem�tszustand, vergleichbar, habe ich mir sagen lassen, mit dem Ende eines Kokainrausches. Es erh�hte den Blutdruck und lie� dunkle Taschen unter den Augen wachsen.</p><p>Wir warteten, bis der Gro�teil der Belegschaft nach Hause gegangen und nur noch die Nachtschicht auf dem Gel�nde war. Jase bewegte sich steif, aber �berzeugend am Empfang vorbei zum Parkplatz, winkte einigen sp�t Feierabend machenden Kollegen l�chelnd zu und sank dann auf den Beifahrersitz meines Autos. Ich fuhr ihn nach Hause.</p><p>Er hatte mich mehrmals in meinem kleinen Haus besucht, aber ich war noch nie bei ihm gewesen. Ich hatte etwas erwartet, das seinem Status bei Perihelion entsprach, tats�chlich aber war seine Schlafstatt�� denn viel mehr als schlafen tat er dort offenbar nicht�� eine bescheidene Eigentumswohnung mit allenfalls einem Viertel Blick aufs Meer. Eingerichtet hatte er sie mit einem Sofa, einem Fernseher, einem Schreibtisch, einigen B�cherregalen und einem Breitband-Medien/Internet-Anschluss. Die W�nde waren kahl, au�er �ber dem Schreibtisch, wo ein handgezeichnetes Schaubild festgeklebt war, das die Geschichte des Sonnensystems von der Geburt der Sonne bis zu ihrem Zerfall in einen wei�en Zwerg zeigte, wobei sich die menschliche Geschichte an einem mit DER SPIN markierten Punkt von der Zeitgeraden abtrennte. Die B�cherregale waren voll mit Zeitschriften und wissenschaftlichen Texten, dazwischen genau drei gerahmte Fotos: E. D. Lawton, Carol Lawton und eine ziemlich spr�de Aufnahme von Diane, die etliche Jahre alt sein musste.</p><p>Jason legte sich aufs Sofa, der Inbegriff eines Paradoxons: der K�rper im Ruhezustand, die Augen in medikament�ser Hyperaufmerksamkeit geradezu glei�end. Ich ging in die kleine K�che und schlug ein paar Eier in die Pfanne (wir hatten beide seit dem Fr�hst�ck nichts gegessen), w�hrend Jason redete. Und redete. Und nicht aufh�rte zu reden. �Nat�rlich�, sagte er irgendwann, �bin ich viel zu gespr�chig, das ist mir vollkommen bewusst, aber an Schlaf ist im Moment nicht einmal zu denken. L�sst das irgendwann nach?�</p><p>�Wenn wir dich langfristig auf den Medikamentencocktail setzen, ja, dann wird die stimulierende Wirkung verschwinden.� Ich brachte ihm einen Teller R�hrei ans Sofa.</p><p>�Es putscht wirklich auf. Wie diese Pillen, die manche Leute nehmen, wenn sie f�r eine wichtige Pr�fung pauken. Aber f�r den K�rper ist es beruhigend. Ich f�hle mich wie eine Neonreklame auf einem leeren Geb�ude. Hell erleuchtet, aber im Grunde hohl. Hey, die Eier sind sehr gut. Danke.� Er stellte den Teller beiseite. Er hatte gerade mal einen L�ffel davon gegessen.</p><p>Ich sa� an seinem Schreibtisch und betrachtete erneut die Skizze an der Wand, die karge Darstellung der Geschichte unseres Sonnensystems. Er hatte sie mit Filzstift auf gew�hnliches braunes Packpapier gezeichnet.</p><p>Jason folgte meinem Blick. �Offensichtlich�, sagte er, �erwarten sie, dass wir <emphasis>irgendetwas </emphasis>tun.�</p><p>�Wer?�</p><p>�Die Hypothetischen. Wenn wir sie denn so nennen m�ssen. Und das m�ssen wir wohl�� alle tun es. Sie erwarten etwas von uns. Ich wei� nicht, was. Ein Geschenk, ein Zeichen, ein annehmbares Opfer.�</p><p>�Woher wei�t du das?�</p><p>�Nun, es ist keine besonders originelle Vermutung. Warum ist die Spin-Barriere durchl�ssig f�r menschliche Artefakte wie Satelliten, nicht aber f�r Meteore oder gar Brownlee-Partikel? Offensichtlich handelt es sich gar nicht um eine <emphasis>Barriere, </emphasis>das war von Anfang an nicht der richtige Ausdruck.� Unter dem Einfluss des Stimulans schien Jason eine besondere Neigung f�r das Wort <emphasis>offensichtlich </emphasis>gefasst zu haben. �Offensichtlich�, sagte er, �ist es ein selektiver Filter. Wir wissen, dass er die zur Erde gelangende Energie filtert. Die Hypothetischen wollen also uns�� oder jedenfalls die terrestrische �kosph�re�� erhalten, am Leben lassen. Aber warum gew�hren sie uns Zugang zum Weltraum? Sogar nachdem wir versucht haben, die einzigen zwei spinbezogenen Artefakte zu bombardieren, die je gesichtet wurden? Worauf <emphasis>warten </emphasis>sie, Tyler? Was ist der Preis?�</p><p>�Vielleicht ist es kein Preis. Vielleicht ist es ein L�segeld. Zahlt und wir lassen euch in Ruhe.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Daf�r, uns in Ruhe zu lassen, ist es zu sp�t. Jetzt brauchen wir sie. Und wir k�nnen die M�glichkeit noch immer nicht ausschlie�en, dass sie uns wohlgesonnen sind, oder zumindest gutartig. Ich meine, mal angenommen, sie w�ren nicht zu diesem Zeitpunkt aufgekreuzt. Was h�tte uns erwartet? Es gibt viele Leute, die glauben, wir h�tten vor unserem letzten Jahrhundert als lebensf�hige Zivilisation gestanden, vielleicht sogar als Gattung. Globale Erw�rmung, �berbev�lkerung, das Sterben der Meere, der Verlust von Ackerland, die starke Zunahme von Krankheiten, die Drohung atomarer oder biologischer Kriegsf�hrung��</p><p>�Wir h�tten uns vielleicht selbst zerst�rt, aber es w�re wenigstens unsere eigene Schuld gewesen.�</p><p>�Stimmt das wirklich? <emphasis>Wessen </emphasis>Schuld denn genau? Deine? Meine? Nein, es w�re das Ergebnis relativ harmloser Entscheidungen von mehreren Milliarden Menschen gewesen: Kinder zu haben, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, den Job zu behalten, die kurzfristigen Probleme zuerst zu l�sen. Wenn du an den Punkt gelangst, wo selbst deine trivialsten Handlungen wom�glich mit dem Tod der Gattung bestraft werden, dann stehst du offensichtlich, ganz offensichtlich, an einem Scheideweg. Eine andere Art von kein Zur�ck mehr.�</p><p>�Ist es denn besser, von der Sonne vernichtet zu werden?�</p><p>�Das ist ja noch nicht geschehen. Und wir w�ren nicht der erste Stern, der ausbrennt. Die Galaxis ist �bers�t von wei�en Zwergen, die wom�glich aus einmal bewohnbaren Planeten entstanden sind. Hast du dich je gefragt, was mit <emphasis>denen </emphasis>passiert ist?�</p><p>�Sehr selten.� Ich stand auf und ging zum B�cherregal, zu den Familienfotos. Da war E. D., in die Kamera l�chelnd�� ein Mann, dessen L�cheln nie so ganz �berzeugend war. Seine physische �hnlichkeit mit Jason war markant (war offensichtlich, h�tte Jason vielleicht gesagt). Die gleiche Maschine, anderer Geist.</p><p>�Wie k�nnte das Leben eine stellare Katastrophe �berstehen? Offensichtlich h�ngt das davon ab, was �Leben� ist. Sprechen wir von organischem Leben oder von einer beliebigen Form von autokatalytischer Feedbackschleife? Sind die Hypothetischen organisch? Was �brigens f�r sich schon eine interessante Frage ist��</p><p>�Du solltest wirklich versuchen, ein bisschen zu schlafen.� Es war nach Mitternacht. Er verwendete W�rter, die ich nicht verstand. Ich betrachtete das Foto von Carol. Hier war die �hnlichkeit subtiler. Der Fotograf hatte sie an einem guten Tag erwischt: ihre Augen waren richtig ge�ffnet, nicht auf Halbmast, und obwohl ihr L�cheln unwillig war�� ein kaum wahrnehmbares Heben der d�nnen Lippen��, wirkte es nicht v�llig unecht.</p><p>�Vielleicht nutzen sie die Sonne als Bergwerk. Wir haben aufschlussreiche Daten �ber Sonnenflackern. Offensichtlich erfordert das, was sie mit der Erde gemacht haben, gro�e Mengen von Energie. Es ist das Gleiche, wie wenn du eine planetengro�e Masse auf eine Temperatur nahe dem absoluten Nullpunkt herunterk�hlst. Aber wo kommt die Energie her? H�chstwahrscheinlich von der Sonne. Wir haben eine markante Abnahme gro�en Sonnenflackerns seit dem Spin beobachtet. Irgendetwas, irgendeine Kraft oder T�tigkeit, nimmt wom�glich Hochenergiepartikel auf, bevor sie in der Heliosph�re aufwogen. Die Sonne anzapfen, Tyler! Das ist ein Akt technologischer Hybris, der fast so erstaunlich ist wie der Spin selbst.�</p><p>Ich nahm Dianes Foto in die Hand. Es war vor ihrer Hochzeit mit Simon Townsend aufgenommen worden. Gut zum Ausdruck kam eine bestimmte charakteristische Unruhe, als habe sie gerade, von einem verwirrenden Gedanken �berrascht, die Augen zusammengekniffen. Sie war sch�n, ohne sich M�he zu geben, aber auch nicht ganz entspannt, voller Anmut, doch leicht aus dem Gleichgewicht geraten.</p><p>Ich hatte so viele Erinnerungen an sie. Nur waren sie inzwischen etliche Jahre alt, verschwanden in der Vergangenheit mit fast spinartiger Beschleunigung. Jason sah, dass ich das Bild in der Hand hielt, und war f�r einige segensreiche Augenblicke still. Dann sagte er: �Also wirklich, Tyler, diese Fixierung ist deiner nicht w�rdig.�</p><p>�Von einer Fixierung kann man schwerlich sprechen, Jase.�</p><p>�Warum? Weil du �ber sie weg bist oder weil du Angst vor ihr hast? Aber ich k�nnte ihr die gleiche Frage stellen�� falls sie sich mal melden w�rde. Simon f�hrt sie an der kurzen Leine. Ich vermute, sie vermisst die alten NK-Zeiten, als die Bewegung noch voller nackter Unitarier und evangelikaler Hippies war. Der Preis der Fr�mmigkeit ist inzwischen ganz sch�n happig� Aber sie spricht hin und wieder mit Carol.�</p><p>�Ist sie wenigstens gl�cklich?�</p><p>�Diane lebt unter Fanatikern. Sie ist vielleicht selber eine. Gl�ck ist bei denen nicht vorgesehen.�</p><p>�Glaubst du, dass sie in Gefahr ist?�</p><p>Er zuckte mit den Achseln. �Ich glaube, sie f�hrt das Leben, das sie f�r sich gew�hlt hat. Sie h�tte andere Entscheidungen treffen k�nnen. Sie h�tte zum Beispiel <emphasis>dich </emphasis>heiraten k�nnen, Tyler, wenn sie nicht diese l�cherliche Vorstellung im Kopf gehabt h�tte.�</p><p>�Vorstellung?�</p><p>�Dass E. D. dein Vater ist. Und sie deine leibliche Schwester.�</p><p>Ich trat allzu hastig vom B�cherregal weg, warf dabei die Bilder zu Boden. �Das ist doch l�cherlich.�</p><p>�Vollkommen l�cherlich. Aber ich glaube, endg�ltig verabschiedet hat sie sich davon erst, als sie auf dem College war.�</p><p>�Aber wie um Himmels willen kam sie denn darauf?�</p><p>�Es war ein reines Fantasiegebilde, keine Theorie. Denk mal nach. Es gab nie sehr viel Zuneigung zwischen Diane und E. D. Sie f�hlte sich unbeachtet. Und in gewissem Sinne hatte sie Recht. E. D. hat nie eine Tochter haben wollen, er wollte einen Erben, einen m�nnlichen Erben. Er hatte hohe Erwartungen und zuf�llig habe ich ihnen entsprochen. Diane war f�r ihn nur eine unn�tze Ablenkung. Er erwartete, dass Carol sie aufzieht, und Carol� Carol war dieser Aufgabe nicht gewachsen.�</p><p>�Und deshalb hat sie diese� Geschichte erfunden?�</p><p>�Sie hat es als eine Schlussfolgerung angesehen. Es lieferte eine Erkl�rung daf�r, dass E. D. deine Mutter und dich auf dem Grundst�ck hat wohnen lassen. Und es erkl�rte, warum Carol immerzu ungl�cklich war. Und vor allem f�hlte sie sich selbst besser dabei. Deine Mutter war netter und herzlicher zu ihr, als Carol es je war. Ihr gefiel die Vorstellung, mit der Familie Dupree blutsverwandt zu sein.�</p><p>Ich sah Jason an. Sein Gesicht war bleich, die Pupillen geweitet, der Blick distanziert und aufs Fenster gerichtet. Ich rief mir in Erinnerung, dass er mein Patient war, dass er eine psychologische Reaktion auf ein starkes Medikament zeigte, dass dies derselbe Mann war, der noch wenige Stunden zuvor angesichts seiner Inkontinenz in Tr�nen ausgebrochen war. �Ich sollte jetzt wirklich gehen, Jason.�</p><p>�Warum? Ist das alles so schockierend? Hast du gedacht, das Aufwachsen w�rde schmerzfrei verlaufen?� Dann pl�tzlich, noch bevor ich antworten konnte, wandte er den Kopf und blickte mir zum ersten Mal an diesem Abend in die Augen. �O je, mir kommt langsam der Verdacht, dass ich mich schlecht benommen habe.�</p><p>�Die Medikation��</p><p>�Ganz ungeheuerlich schlecht. Tyler, es tut mir Leid.�</p><p>�Du f�hlst dich besser, wenn du eine Nacht geschlafen hast. Aber du solltest die n�chsten paar Tage nicht zur Arbeit gehen.�</p><p>�Werde ich nicht. Kommst du morgen vorbei?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Danke.�</p><p>Ich ging, ohne noch etwas zu sagen.</p></section><section><title><p>Himmlischer Gartenbau</p></title><p>Es war der Winter der Startrampen.</p><p>Neue Abschussrampen waren nicht nur in Canaveral, sondern auch in der W�ste im S�dwesten, in S�dfrankreich und �quatorialafrika, in Jiuquan und Xichang in China und in Baikonur und Svobodny in Russland errichtet worden; Rampen f�r die Saatgutfrachten zum Mars und besonders gro�e Rampen f�r die sogenannten Riesengestelle, gewaltige Tr�gerraketen, die menschliche Freiwillige zu einem halbwegs bewohnbaren Mars transportieren sollten, falls das grobe Terraformen von Erfolg gekr�nt war. Die Rampen wuchsen in diesem Winter wie Eisen- und Stahlw�lder, reich und �ppig, verwurzelt in Beton, bew�ssert mit reichlichen Mitteln aus dem Bundesetat.</p><p>Die ersten Saatgutraketen waren in gewisser Weise weniger spektakul�r als die f�r sie gebauten Abschussvorrichtungen. Es waren Tr�gerraketen vom Flie�band, massengefertigt nach alten Titan- und Deltaschablonen, kein Gramm oder Mikrochip komplizierter als unbedingt n�tig, und als der Winter in den Fr�hling �berging, da bev�lkerten sie ihre Rampen in geradezu be�ngstigender Anzahl, wie Baumwollh�lsen vor dem Aufplatzen, auf dem Sprung, einem fernen, sterilen Boden Leben zuzuf�hren.</p><p>In gewissem Sinne herrschte auch Fr�hling im ganzen Sonnensystem�� oder jedenfalls ein verl�ngerter Altweibersommer. Die bewohnbare Zone breitete sich nach au�en aus, w�hrend die Sonne ihren Heliumkern ersch�pfte, umfasste nach und nach den Mars, wie sie sp�ter auch den wasserhaltigen Jupitermond Ganymed umfassen w�rde, ein weiteres potenzielles Objekt zur Terraformung. Auf dem Mars hatten im Laufe von Millionen von w�rmenden Sommern gewaltige Massen von gefrorenem CO<sub>2</sub> und w�ssrigem Eis begonnen, in die Atmosph�re zu sublimieren. Zu Beginn des Spins hatte der atmosph�rische Druck auf Bodenh�he ungef�hr acht Millibar betragen, die Luft war �hnlich d�nn wie auf der Erde etwa f�nf Kilometer �ber dem Gipfel des Mount Everest. Inzwischen hatte der Planet, selbst ohne menschliche Intervention, ein Klima entwickelt, das dem einer in Kohlendioxid getauchten arktischen Bergregion entsprach�� nach marsianischen Ma�st�ben ausgesprochen milde.</p><p>Und wir hatten die Absicht, diesen Prozess weiterzutreiben. Wollten die Luft des Planeten mit Sauerstoff anreichern, wollten seine Tiefebenen begr�nen, wollten Teiche schaffen, wo gegenw�rtig noch das periodisch tauende Eis in Geysire aus Wasserdampf ausbrach oder einen giftigen Schlamm bildete.</p><p>Wir waren gef�hrlich optimistisch in diesem Winter der Startrampen.</p><empty-line/><p>Am 3. M�rz, kurz vor den geplanten ersten Saatgutstarts, rief Carol Lawton mich zu Hause an und berichtete mir, dass meine Mutter einen schweren Schlaganfall erlitten h�tte und die �rzte mit ihrem baldigen Tod rechneten.</p><p>Ich organisierte eine Vertretung bei Perihelion, fuhr nach Orlando und buchte den ersten Flug am Morgen nach D.C.</p><p>Carol holte mich am Reagan International ab, in offenbar n�chternem Zustand. Sie breitete die Arme aus, und ich schloss sie in meine, diese Frau, die mir in all den Jahren, in denen ich auf ihrem Grundst�ck gelebt hatte, nie anders als mit verwirrter Gleichg�ltigkeit begegnet war. Dann trat sie einen Schritt zur�ck und legte ihre zitternden H�nde auf meine Schultern. �Es tut mir so Leid, Tyler.�</p><p>�Lebt sie noch?�</p><p>�Ja. Komm, drau�en wartet ein Wagen auf uns. Wir k�nnen w�hrend der Fahrt reden.�</p><p>Ich folgte ihr zu einem Auto, das wohl von E. D. zur Verf�gung gestellt worden war, eine schwarze Limousine mit Regierungsplakette. Der Fahrer sprach kaum ein Wort, w�hrend er mein Gep�ck in den Kofferraum lud, tippte sich lediglich an die M�tze, als ich ihm dankte. Nachdem wir eingestiegen waren, fuhr er, ohne erst eine entsprechende Anweisung entgegenzunehmen, in Richtung George-Washington-Universit�tsklinik.</p><p>Carol war d�nner, als ich sie in Erinnerung hatte�� sie versank wie ein Vogel in den Lederpolstern. Sie zog ein Baumwolltaschentuch aus ihrer winzigen Handtasche und betupfte sich die Augen. �Dieses l�cherliche Geheule. Gestern habe ich meine Kontaktlinsen verloren. Praktisch aus den Augen rausgeweint, das musst du dir mal vorstellen. Es gibt Dinge, die man als selbstverst�ndlich betrachtet. F�r mich war es die Tatsache, dass ich deine Mutter im Haus hatte, die f�r Ordnung sorgte. Oder einfach das Wissen, dass sie in der N�he war, auf der anderen Seite des Rasens. Ich bin nachts immer aufgewacht�� ich schlafe nicht sehr gut, was dich vermutlich nicht �berraschen wird��, ich bin also nachts aufgewacht und hatte das Gef�hl, die Welt sei zerbrechlich und ich k�nnte hindurchfallen, direkt durch den Fu�boden durch, und ewig weiterfallen. Dann hab ich immer an sie gedacht, dr�ben im Kleinen Haus, mit ihrem gesunden Schlaf, tief und fest. Es war wie ein gerichtsverwertbarer Beweis. Beweisst�ck A, Belinda Dupree, oder: es gibt einen inneren Frieden. Sie war der Grundpfeiler des ganzen Haushalts, Tyler, ob du es gewusst hast oder nicht.�</p><p>Vermutlich hatte ich es gewusst. Im Grunde war alles ein und derselbe Haushalt gewesen, wenn ich auch als Kind vorwiegend die Unterschiede wahrgenommen hatte: mein Haus, bescheiden, aber ruhig und friedlich, und das Gro�e Haus, wo die Spielsachen teurer, die Auseinandersetzungen aber auch heftiger waren.</p><p>Ich fragte sie, ob E. D. im Krankenhaus gewesen sei.</p><p>�E. D.? Nein, der hat zu tun. Um Raumschiffe zum Mars zu schicken, muss man wohl ganz furchtbar oft in der Innenstadt essen gehen. Ich wei�, dass es das ist, was Jason in Florida festh�lt, aber ich glaube, Jason befasst sich mit der praktischen Seite der Angelegenheit�� falls sie eine praktische Seite <emphasis>hat��,</emphasis> w�hrend E. D. mehr den B�hnenzauberer gibt, der das Geld aus allen m�glichen H�ten zieht. Aber du wirst E. D. sicherlich bei der Beerdigung sehen.� Ich zuckte zusammen, worauf sie mich entschuldigend ansah. �F�r den Fall, dass. Aber die �rzte sagen��</p><p>�Dass sie sich nicht wieder erholen wird.�</p><p>�Sie liegt im Sterben, ja. Das sag ich dir als Kollegin. Wei�t du das noch, Tyler? Ich hatte mal eine Arztpraxis. Damals, als ich zu so etwas noch f�hig war. Und jetzt bist du ein Arzt mit eigener Praxis. Mein Gott!�</p><p>Ich war dankbar f�r ihre Direktheit. Vielleicht hatte es mit der ungewohnten N�chternheit, der Ern�chterung, zu tun. Da war sie wieder in der hell erleuchteten Welt, der sie zwanzig Jahre lang aus dem Weg gegangen war, und musste feststellen, dass diese Welt noch immer genauso schrecklich war, wie sie sie in Erinnerung hatte.</p><p>Wir betraten die Klinik. Carol hatte sich dem Pflegepersonal auf der Intensivstation bereits vorgestellt, daher gingen wir direkt zum Zimmer meiner Mutter. Als Carol an der T�r z�gerte, sagte ich: �Kommen Sie mit rein?�</p><p>�Ich�� nein, ich glaube nicht. Ich habe mich schon einige Male verabschiedet. Ich muss mich irgendwo aufhalten, wo es nicht nach Desinfektionsmitteln riecht. Ich werde auf dem Parkplatz mit den Rollbahrenschiebern eine rauchen. Treffen wir uns da?�</p><p>Ich nickte.</p><p>Meine Mutter war ohne Bewusstsein; an lebenserhaltende Apparate angeschlossen, die Atmung von einer Maschine reguliert, die mit jedem Heben und Senken des Brustkorbs �chzte. Ihre Haare waren wei�er, als ich sie in Erinnerung hatte. Ich streichelte ihre Wange, aber sie reagierte nicht.</p><p>Aus einem fehlgeleiteten �rztlichen Instinkt heraus schob ich eins ihrer Augenlider nach oben, vermutlich mit der Absicht, die Erweiterung ihrer Pupillen zu kontrollieren. Aber sie hatte nach dem Schlaganfall Blutungen im Auge erlitten. Es war rot wie eine Kirschtomate.</p><p>Ich verlie� das Krankenhaus gemeinsam mit Carol, lehnte aber ihre Einladung zum Essen ab und erkl�rte, ich w�rde mir selbst etwas machen. Sie sagte: �Es ist bestimmt etwas in der K�che deiner Mutter, aber wenn du ins Gro�e Haus kommen m�chtest, bist du mehr als willkommen. Auch wenn es momentan etwas unordentlich ist, jetzt wo deine Mutter sich nicht mehr darum k�mmern kann. Aber ich bin sicher, wir k�nnen dir noch ein passables G�stezimmer anbieten.�</p><p>Ich bedankte mich, gab aber zu verstehen, dass ich lieber auf der anderen Seite des Rasens bleiben wolle.</p><p>�Gib Bescheid, falls du deine Meinung �nderst.� Sie starrte von der Kiesauffahrt �ber den Rasen hinweg zum Kleinen Haus, als w�rde sie es seit Jahren zum ersten Mal wieder klar sehen. �Hast du noch einen Schl�ssel?�</p><p>�Ja, hab ich.�</p><p>�Also gut. Dann lass ich dich allein. Das Krankenhaus hat beide Nummern, falls sich ihr Zustand ver�ndert.� Sie umarmte mich wieder und stieg die Verandastufen mit einer Entschlossenheit hinauf, die vermuten lie�, sie habe das Trinken jetzt lange genug aufgeschoben.</p><p>Ich ging in das Haus meiner Mutter. Mehr ihres als meines, dachte ich, obwohl die Spuren meiner Anwesenheit nicht gel�scht worden waren. Als ich auf die Universit�t umgezogen war, hatte ich mein kleines Zimmer leerger�umt und alles eingepackt, was mir wichtig war, doch meine Mutter hatte das Bett stehen lassen und die entstandenen L�cken�� die Holzregale, die Fensterbank�� mit eingetopften Pflanzen aufgef�llt, die jetzt in ihrer Abwesenheit rasch eingingen. Ich goss sie erst einmal. Auch das �brige Haus war ordentlich und aufger�umt. Diane hatte die haush�lterische T�tigkeit meiner Mutter einmal als �linear� bezeichnet, womit sie wohl meinte: auf Ordnung bedacht, aber nicht besessen. Ich inspizierte das Wohnzimmer, die K�che, warf einen Blick in ihr Schlafzimmer. Nicht alles war an seinem Platz. Aber alles <emphasis>hatte </emphasis>seinen Platz.</p><p>Bei Einbruch der Dunkelheit zog ich die Vorh�nge zu und schaltete alle Lampen in allen Zimmern ein, machte mehr Licht, als meine Mutter je, zu welcher Zeit auch immer, f�r angemessen gehalten hatte. Es war eine Deklaration gegen den Tod. Ich fragte mich, ob Carol das Leuchten �ber die winterbraune Kluft hinweg bemerken, und wenn ja, ob sie es tr�stlich oder erschreckend finden w�rde.</p><p>E. D. kam an diesem Abend gegen neun Uhr nach Hause und er besa� den Anstand, an die T�r zu klopfen und sein Mitgef�hl auszudr�cken. Er schien sich unbehaglich zu f�hlen unter der Verandalampe, sein ma�geschneiderter Anzug leicht zerknittert. Sein Atem dampfte in der Abendk�lte. Er tastete seine Taschen ab, an der Brust, an der H�fte, unbewusst, als habe er etwas vergessen oder als wisse er einfach nicht, was er mit seinen H�nden anstellen sollte. �Es tut mir Leid, Tyler�, sagte er.</p><p>Seine Beileidsbekundung schien mir doch reichlich verfr�ht, so als ob der Tod meiner Mutter eine nicht nur unvermeidliche, sondern bereits vollendete Tatsache sei. Er hatte sie bereits abgeschrieben. Aber sie atmete noch, dachte ich, oder nahm jedenfalls noch Sauerstoff auf, etliche Kilometer entfernt, ganz allein in ihrem Krankenhauszimmer. �Vielen Dank, Mr. Lawton.�</p><p>�Um Gottes willen, Tyler, sag E. D. zu mir. Alle anderen tun es auch. Jason hat mir erz�hlt, dass du gute Arbeit leistest unten bei Perihelion Florida.�</p><p>�Meine Patienten beschweren sich nicht.�</p><p>�Gro�artig. Jeder Beitrag z�hlt, und sei er noch so klein. H�r mal, hat Carol dich hier drau�en untergebracht? Wir haben nat�rlich auch ein G�stezimmer f�r dich bereit, wenn du m�chtest.�</p><p>�Ich bin zufrieden, so wie es ist.�</p><p>�Okay, das verstehe ich. Klopf einfach an die T�r, wenn du etwas brauchst, in Ordnung?�</p><p>Er schlenderte zur�ck zum Gro�en Haus. Es war viel und ausf�hrlich �ber Jasons Genie geredet worden, sowohl in der Presse als auch in der Familie, aber ich rief mir jetzt in Erinnerung, dass auch E. D. auf diese Bezeichnung Anspruch erheben konnte. Er hatte aus einem Ingenieurspatent und reichlich gesch�ftlicher Begabung ein gro�es Industrieunternehmen gemacht und zu einer Zeit, als Americom und AT&amp;T noch wie ein schreckenstarres Reh in den Spin blinzelten, aerostatgest�tzte Telekommunikationsbandbreite verkauft. Was ihm fehlte, war nicht Jasons Intelligenz, sondern Jasons Witz und Jasons unersch�pfliche Neugier in Bezug auf das physikalische Universum. Und vielleicht auch ein Schuss von Jasons Humanit�t.</p><p>Dann war ich wieder allein, zu Hause und doch nicht zu Hause. Ich sa� auf dem Sofa und wunderte mich dar�ber, wie wenig sich dieses Zimmer ver�ndert hatte. Fr�her oder sp�ter w�rde es meine Aufgabe sein, alles zu entsorgen, was sich im Haus befand, etwas, das ich mir kaum ausmalen konnte, eine Aufgabe, die noch schwerer, noch absurder war als die, Leben auf einem anderen Planeten zu entwickeln. Und vielleicht f�hrte das Nachdenken �ber diesen Akt des Verschwindenlassens dazu, dass ich auf dem obersten Brett des Regals neben dem Fernseher eine L�cke bemerkte.</p><p>Es fiel mir deshalb auf, weil meines Wissens diesem Brett in all den Jahren, die ich hier gewohnt hatte, nie mehr als ein oberfl�chliches Abstauben zuteil geworden war. Das oberste Brett war der Dachboden im Leben meiner Mutter. Ich h�tte alles, was sich auf diesem Regalbrett befand, mit geschlossenen Augen und in der korrekten Reihenfolge aufz�hlen k�nnen: Ihre High-School-Jahrb�cher (Martell Secondary School in Bingham, Maine, 1975, 76, 77, 78); ihr Berkeley-Studienbuch (1982); ein Jadebuddha als Buchst�tze; ihr Diplom in einem Plastikrahmen zum Hinstellen; die braune F�chermappe, in der sie Geburtsurkunde, Reisepass und Steuerdokumente aufbewahrte; sowie, gest�tzt von einem weiteren gr�nen Buddha, drei ramponierte New-Balance-Schuhkartons mit der jeweiligen Aufschrift ANDENKEN (AUSBILDUNG), ANDENKEN (MARCUS) und VERMISCHTES.</p><p>Aber jetzt stand die zweite Buddha-Statue schief und der Karton mit der Aufschrift ANDENKEN (AUSBILDUNG) fehlte. Ich nahm an, dass sie ihn selbst heruntergenommen hatte, obwohl ich ihn nirgends sonst im Haus gesehen hatte. Die einzige der drei Schachteln, die sie in meiner Gegenwart regelm��ig ge�ffnet hatte, war VERMISCHTES. Sie war vollgestopft gewesen mit Konzertprogrammen und Ticketabrissen, spr�de gewordenen Zeitungsausschnitten (einschlie�lich der Todesanzeigen f�r ihre Eltern), eine Souvenir-Anstecknadel in Form des Schoners <emphasis>Bluenose </emphasis>von ihrer Hochzeitsreise in Nova Scotia, Streichholzbriefchen verschiedenster Hotels und Restaurants, die sie besucht hatte, Modeschmuck, ein Taufschein, sogar eine Locke meiner ersten Haare, aufbewahrt in einem mit einer Sicherheitsnadel verschlossenen St�ck Wachspapier.</p><p>Ich nahm die andere Schachtel herunter, die mit der Aufschrift ANDENKEN (MARCUS). Ich war nie besonders neugierig gewesen, was meinen Vater betraf, und meine Mutter hatte auch nicht viel �ber ihn erz�hlt, nichts was �ber ein paar d�rre pers�nliche Merkmale hinausging: ein gut aussehender Mann, Ingenieur von Beruf, sammelte Jazzplatten, E. D.s bester Freund auf dem College, aber ein schwerer Trinker und schlie�lich, eines Nachts auf der Heimfahrt von einem Elektroniklieferanten in Milpitas, ein Opfer seiner Leidenschaft f�r schnelle Autos. In dem Karton befand sich ein Packen Briefe in Pergamentumschl�gen, adressiert in einer schn�rkellosen, sauberen Handschrift, die ihm geh�rt haben musste. Er hatte die Briefe an Belinda Sutton geschrieben, der M�dchenname meiner Mutter, an eine Adresse in Berkeley, die mir nichts sagte.</p><p>Ich �ffnete einen der Umschl�ge, zog den vergilbten Bogen Papier heraus und faltete ihn auseinander.</p><p>Es war unliniertes Papier, aber die Handschrift zog sich dennoch in kurzen, sehr ordentlichen Parallelen �ber die Seite. <emphasis>Liebe Bel, </emphasis>las ich. <emphasis>Ich dachte, gestern Abend am Telefon h�tte ich bereits alles gesagt, aber ich kann nicht aufh�ren, an Dich zu denken. Dies zu schreiben ist so, als seist du mir n�her, wenn auch nicht so nahe, wie ich mir w�nschen w�rde. Nicht so nahe wie im letzten August! Jede Nacht, in der ich mich nicht neben dich legen kann, spiel ich mir diese Erinnerung vor wie ein Videoband.</emphasis></p><p>Es folgte noch mehr, aber ich las nicht weiter. Ich faltete den Brief zusammen und steckte ihn in seinen Umschlag zur�ck, machte den Karton zu und stellte ihn dahin, wo er hingeh�rte.</p><empty-line/><p>Am n�chsten Morgen klopfte es an der T�r. Ich �ffnete sie in der Erwartung, Carol oder einen Bediensteten aus dem Gro�en Haus vor mir zu sehen.</p><p>Aber es war nicht Carol. Es war Diane. Diane in einem mitternachtsblauen bodenlangen Rock und einer Bluse mit hohem Kragen. Sie rang die H�nde unter der Brust und sah mich mit funkelnden Augen an. �Es tut mir so Leid�, sagte sie. �Ich bin sofort gekommen, als ich davon h�rte.�</p><p>Aber zu sp�t. Zehn Minuten vorher hatte das Krankenhaus angerufen. Belinda Dupree war gestorben, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.</p><empty-line/><p>Bei der Trauerfeier hielt E. D. eine kurze, eher verlegene Ansprache und sagte nichts von Bedeutung. Ich sprach, Diane sprach, Carol wollte eigentlich sprechen, war aber am Ende zu sehr in Tr�nen aufgel�st oder zu alkoholisiert, um die Kanzel zu besteigen.</p><p>Dianes Rede war die bewegendste, angemessen und von Herzen kommend, ein Katalog der Freundlichkeiten, die meine Mutter �ber den Rasen exportiert hatte wie Geschenke aus einem reicheren, liebevolleren Land. Ich war ihr dankbar. Der Rest der Zeremonie wirkte im Vergleich dazu mechanisch: fl�chtig bekannte Gesichter l�sten sich aus der Menge, um Erbauliches oder Halbwahres aufzusagen, und ich dankte ihnen und l�chelte, dankte ihnen und l�chelte, bis es Zeit war, zum Grab zu gehen.</p><empty-line/><p>Die Feier wurde am Abend mit einem Empfang im Gro�en Haus fortgesetzt, wo ich Beileidsbekundungen von E. D.s Gesch�ftspartnern, die ich alle nicht kannte, die aber zum Teil meinen Vater gekannt hatten, sowie von den Hausbediensteten entgegennahm, deren Trauer echter und schwerer zu ertragen war.</p><p>Partyserviceleute schl�ngelten sich mit gef�llten Weingl�sern auf Silbertabletts durch die Menge und ich trank mehr, als mir gut tat, bis Diane, die ebenfalls geschmeidig durch die G�steschar geglitten war, mich von einer weiteren Runde �herzlicher Anteilnahme f�r Ihren schmerzlichen Verlust� fortzog und sagte: �Du brauchst frische Luft.�</p><p>�Es ist kalt drau�en.�</p><p>�Wenn du so weitertrinkst, wirst du unleidlich. Bist schon auf dem besten Weg dazu. Komm, Ty. Nur ein paar Minuten.�</p><p>Also raus auf den Rasen. Den braunen Mittwinterrasen. Den gleichen Rasen, auf dem wir vor fast zwanzig Jahren die Anfangsmomente des Spins erlebt hatten. Wir schritten den Umkreis des Gro�en Hauses ab, schlenderten eigentlich eher, trotz der steifen M�rzbrise und des k�rnigen Schnees, der sich auf allen gesch�tzten und schattigen Stellen gehalten hatte.</p><p>Alles Naheliegende hatten wir bereits gesagt. Wir hatten biografische Daten abgeglichen: meine berufliche Laufbahn, der Umzug nach Florida, meine Arbeit bei Perihelion; ihr Leben mit Simon, der allm�hliche �bergang von NK zu einer milderen Orthodoxie, die der Entr�ckung mit Fr�mmigkeit und Selbstzucht entgegensah. (�Wir essen kein Fleisch�, hatte sie mir anvertraut. �Wir tragen keine Kunstfasern.� Und wie ich so, ein bisschen benommen, neben ihr ging, fragte ich mich, ob ich in ihren Augen abscheulich oder absto�end geworden war, ob sie die Schinken-und-K�se-Beimischung meines Atems registrierte, oder die Baumwoll/Polyester-Jacke, die ich trug.) Sie hatte sich nicht sehr ver�ndert, war allerdings etwas d�nner als fr�her, d�nner vielleicht als zutr�glich, denn ihre Kinnlinie zeichnete sich doch recht schroff vor dem hohen, engen Kragen ab.</p><p>Ich war noch n�chtern genug, ihr daf�r zu danken, dass sie mich n�chtern machen wollte.</p><p>�Ich musste da auch dringend weg. All diese Leute, die E. D. eingeladen hat. Keiner von denen hat deine Mutter in irgendeiner relevanten Weise gekannt, kein einziger. Die unterhalten sich alle �ber Mittelzuweisungen oder Nutzlasttonnagen. Schlie�en Gesch�fte ab oder bereiten sie vor.�</p><p>�Vielleicht ist das E. D.s Art, ihr Ehre zu erweisen. Den Leichenschmaus mit politischer Prominenz w�rzen.�</p><p>�Das ist eine sehr gro�m�tige Interpretation.�</p><p>�Er macht dich immer noch w�tend.� Und so leicht, dachte ich.</p><p>�E. D.? Nat�rlich. Obwohl es g�tiger w�re, ihm zu vergeben. Was du anscheinend getan hast.�</p><p>�Ich habe ihm weniger zu vergeben. Er ist ja nicht mein Vater.�</p><p>Ich hatte das ganz ohne Hintergedanken, ja ohne Absicht, ausgesprochen. Aber noch immer spukte das, was Jason mir vor einigen Wochen erz�hlt hatte, in meinen Gedanken herum. Ich verschluckte mich an der Bemerkung, wollte sie schon zur�cknehmen, bevor ich sie ganz ausgesprochen hatte, wurde rot, als sie heraus war. Diane sah mich erst verst�ndnislos an, dann weiteten sich ihre Augen und ein Ausdruck trat in ihr Gesicht, in dem sich Zorn und Verlegenheit so deutlich mischten, dass ich ihn trotz der tr�ben Lichtverh�ltnisse ohne Schwierigkeiten interpretieren konnte.</p><p>�Du hast mit Jason gesprochen�, sagte sie kalt.</p><p>�Tut mir Leid��</p><p>�Wie muss man sich das genau vorstellen? Ihr beiden sitzt zusammen und macht euch �ber mich lustig?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Er� Was Jason gesagt hat, das kam alles von den Medikamenten.�</p><p>Ein weiterer grotesker Fauxpas. Sie sprang sofort darauf an: �Was f�r Medikamente?�</p><p>�Ich bin sein praktischer Arzt. Manchmal verschreib ich ihm etwas. Ist das irgendwie wichtig?�</p><p>�Was sind das f�r Medikamente, die dich veranlassen, ein Versprechen zu brechen, Tyler? Er hat versprochen, dir nie etwas davon zu sagen� Ist Jason krank? Ist er deshalb nicht zur Beerdigung gekommen?�</p><p>�Er hat viel zu tun. Es sind nur noch wenige Tage bis zu den ersten Raketenstarts.�</p><p>�Aber aus irgendeinem Grund ist er bei dir in Behandlung.�</p><p>�Ich kann mich hier nicht �ber seine Krankengeschichte auslassen, das w�rde gegen die �rztliche Schweigepflicht versto�en�, sagte ich, obwohl mir klar war, dass ich damit erst recht ihr Misstrauen erregen w�rde. Ich verriet sein Geheimnis gerade dadurch, dass ich darauf bestand, es zu wahren.</p><p>�Das w�re typisch f�r ihn, krank zu werden und keinem von uns etwas zu sagen. Er ist so, so <emphasis>hermetisch verschlossen��</emphasis></p><p>�Vielleicht solltest du die Initiative ergreifen. Ruf ihn einfach mal an.�</p><p>�Glaubst du denn, das tue ich nicht? Hat er dir das auch erz�hlt? Eine Zeit lang hab ich ihn jede Woche angerufen. Aber er hat dann einfach diesen hohlen Charme angeknipst und sich geweigert, irgendwas von Bedeutung zu sagen. Wie geht�s, mir geht�s gut, was gibt�s Neues, nichts. Er will nichts von mir h�ren, Tyler, er ist voll auf E. D.s Seite. Ich bin ihm nur peinlich.� Sie machte eine kurze Pause. �Es sei denn, daran h�tte sich etwas ge�ndert.�</p><p>�Ich wei� nicht, was sich ge�ndert hat. Aber vielleicht solltest du ihn besuchen, direkt mit ihm reden.�</p><p>�Wie sollte ich das anfangen?�</p><p>Ich zuckte mit den Achseln. �Nimm dir noch eine Woche frei. Flieg mit mir zur�ck.�</p><p>�Du hast gesagt, er h�tte zu tun.�</p><p>�Sobald die Raketen gestartet sind, hei�t es nur noch: abwarten und Tee trinken. Du kannst mit uns nach Canaveral kommen. Zusehen, wie Geschichte gemacht wird.�</p><p>�Diese Raketenstarts sind nutzlos�, erkl�rte sie, aber es klang wie etwas Angelerntes. �Ich w�rde schon gern, ich kann es mir nur nicht leisten. Simon und ich kommen zurecht, aber wir sind nicht reich. Wir sind keine Lawtons.�</p><p>�Ich spendier dir das Flugticket.�</p><p>�Du bist ein freigiebiger Betrunkener.�</p><p>�Ich mein es ernst.�</p><p>�Danke, aber nein. Das kann ich nicht annehmen.�</p><p>��berleg es dir in Ruhe.�</p><p>�Frag mich noch mal, wenn du n�chtern bist.� Und dann, als wir die Stufen zur Veranda hinaufstiegen und das gelbe Licht auf ihre Augen fiel, sagte sie: �Ganz gleich, was ich einmal geglaubt haben mag�� und ganz gleich, was ich vielleicht zu Jason gesagt habe��</p><p>�Du brauchst das nicht zu sagen, Diane.�</p><p>�Ich wei�, dass E. D. nicht dein Vater ist.�</p><p>Was ich allerdings interessant fand an diesem Widerruf, war die Art, wie sie ihn vorbrachte. Fest und entschieden. Als wisse sie es inzwischen besser. Als habe sie eine andere Wahrheit entdeckt, einen alternativen Schl�ssel zu den Geheimnissen der Lawtons.</p><empty-line/><p>Diane ging ins Gro�e Haus zur�ck. Ich beschloss, dass ich weitere Sympathiebekundungen nicht ertragen k�nne, und verzog mich ins Haus meiner Mutter, das �berheizt und stickig wirkte.</p><p>Am n�chsten Tag sagte Carol, dass ich mir ruhig Zeit damit lassen k�nne, die Sachen meiner Mutter auszur�umen, �etwas zu arrangieren�, wie sie sich ausdr�ckte. Mit dem Kleinen Haus w�rde nichts passieren, sagte sie. Warte einen Monat. Ein Jahr. Ich k�nne �etwas arrangieren�, sobald ich Zeit dazu h�tte und es keine seelische Belastung f�r mich darstellte.</p><p>Dass die seelische Belastung verschwinden w�rde, hielt ich f�r unwahrscheinlich; trotzdem bedankte ich mich f�r ihre Geduld und verbrachte den Tag damit, f�r den R�ckflug nach Orlando zu packen. Mir machte die Vorstellung zu schaffen, dass ich etwas, das meiner Mutter geh�rt hatte, mitnehmen sollte; dass sie sich gew�nscht h�tte, ich w�rde ein Andenken an sie behalten und es meinerseits in einem Schuhkarton aufbewahren. Aber was? Eine ihrer Hummelfiguren, die sie geliebt hatte, die aber in meinen Augen nur teurer Kitsch waren? Den Kreuzstich-Schmetterling an der Wohnzimmerwand, den �Wasserlilien�-Druck im selbstgebastelten Rahmen?</p><p>W�hrend ich noch mit mir zu Rate ging, tauchte Diane in der T�r auf. �Steht das Angebot noch? Der Flug nach Florida? War das dein Ernst?�</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>�Ich hab n�mlich mit Simon gesprochen. Er ist zwar nicht �berm��ig begeistert von dem Plan, aber er meint, er w�rde schon noch ein paar Tage allein zurechtkommen.�</p><p>Wie r�cksichtsvoll von ihm, dachte ich.</p><p>�Also, es sei denn� ich meine, du hattest einiges getrunken��</p><p>�Sei nicht albern. Ich ruf die Fluggesellschaft an.�</p><p>Ich buchte einen Platz auf Dianes Namen f�r den ersten Flug am n�chsten Tag.</p><p>Dann packte ich zu Ende. Was die Besitzt�mer meiner Mutter betraf, so entschied ich mich schlie�lich f�r die beiden leicht angesto�enen Jadebuddha-Buchst�tzen.</p><p>Ich suchte im ganzen Haus, sah sogar unter den Betten nach, aber der fehlende Karton ANDENKEN (AUSBILDUNG) schien auf Dauer verschwunden zu sein.</p></section><section><title><p>Schnappsch�sse der �kopoiesis</p></title><p>Jason schlug vor, wir sollten uns Zimmer in Cocoa Beach nehmen und dort auf ihn warten, er werde dann am n�chsten Tag zu uns sto�en. Er musste noch eine letzte Fragerunde mit den Medien bestreiten, hatte sich aber die Zeit vor den Starts freigehalten, weil er diese erleben wollte, ohne von einer CNN-Crew mit d�mmlichen Fragen gel�chert zu werden.</p><p>�Toll�, sagte Diane, als ich diese Information an sie weitergab. �Dann kann ich ja all die d�mmlichen Fragen selbst stellen.�</p><p>Es war mir gelungen, sie in Hinsicht auf Jasons Gesundheitszustand zu beruhigen: nein, er werde nicht sterben, und sofern es irgendwelche Signallichter in seiner Krankenakte gebe, sei das ganz allein seine Angelegenheit. Sie akzeptierte das, oder schien es jedenfalls zu akzeptieren, wollte ihn aber trotzdem sehen, und sei es nur, um sich Gewissheit zu verschaffen�� als habe der Tod meiner Mutter ihren Glauben an die Fixsterne des Lawton-Universums nachhaltig ersch�ttert.</p><p>Also nutzte ich meinen Perihelion-Ausweis und meinen Kontakt zu Jase, um uns zwei benachbarte Suiten in einem Holiday Inn mit Ausblick auf Canaveral zu mieten. Nicht lange, nachdem das Mars-Projekt ersonnen und die Einw�nde der Umweltschutzbeauftragten geh�rt und ignoriert worden waren, hatte man ein Dutzend Flachwasser-Abschussrampen errichtet und vor der K�ste von Merritt Island verankert. Es waren diese Bauwerke, die wir von unserem Hotel aus besonders gut sehen konnten. Ansonsten bestand die Aussicht aus Parkpl�tzen, Winterstr�nden, blauem Wasser.</p><p>Wir standen auf dem Balkon ihrer Suite. Sie hatte geduscht und sich umgezogen, und wir wollten jetzt nach unten gehen, um uns den Herausforderungen des Hotelrestaurants zu stellen. Auf allen anderen Baikonen, soweit wir sie sehen konnten, dr�ngten sich die Kameras und Fotoobjektive�� das Holiday Inn war ein ausgewiesenes Pressehotel (Simon mochte den s�kularen Medien misstrauen, aber Diane war pl�tzlich mittendrin statt nur dabei). Wir konnten die untergehende Sonne nicht sehen, doch fiel ihr Licht auf die fernen Startrampen und Raketen, was diese eher �therisch als real erscheinen lie�, wie eine Schwadron von Riesenrobotern, die zu irgendeiner Schlacht im Mittelatlantischen Graben abmarschierten. Diane trat einen Schritt von der Br�stung zur�ck, als w�rde sie der Anblick erschrecken. �Warum sind es denn blo� so viele?�</p><p>��kopoiesis mit der Schrotflinte�, erwiderte ich.</p><p>Sie lachte, es klang ein bisschen vorwurfsvoll. �Ist das ein Ausdruck von Jason?�</p><p>War es nicht, jedenfalls nicht ganz. �Ecopoiesis� war ein Ausdruck, der von einem gewissen Robert Haynes im Jahre 1990 gepr�gt wurde, zu einer Zeit, als Terraformung noch eine rein spekulative Wissenschaft war. Gemeint war streng genommen die Schaffung einer sich selbst regulierenden anaerobischen Biosph�re, wo vorher keine existiert hatte, doch der moderne Sprachgebrauch bezeichnete damit jede rein biologische Einwirkung auf den Mars. Zur Begr�nung des Mars waren zwei Varianten des planetarischen Bauens erforderlich: grobe Terraformung, um die Oberfl�chentemperatur und den atmosph�rischen Druck zu erh�hen, bis annehmbare Lebensbedingungen entstanden; und �kopoiesis, die Verwendung von mikrobischem und pflanzlichem Leben, um den Boden aufzubereiten und die Luft mit Sauerstoff anzureichern.</p><p>Die schwere Arbeit hatte der Spin schon f�r uns erledigt: S�mtliche Planeten des Sonnensystems�� mit Ausnahme der Erde�� waren durch die Ausdehnung der Sonne betr�chtlich erw�rmt worden. Was zu tun blieb, war die Feinarbeit�� �kopoiesis. Freilich gab es eine Vielzahl m�glicher Wege dahin, viele Kandidaten unter den einzusetzenden Organismen, von felsenbewohnenden Bakterien bis hin zu Hochgebirgsmoosen.</p><p>�Schrotflinte also deshalb�, spekulierte Diane, �weil ihr sie alle losschickt.�</p><p>�So viele, wie�s irgend geht, weil es bei keinem der Organismen eine Garantie gibt, dass er sich anpasst und �berlebt. Einer aber schafft es wom�glich.�</p><p>�Vielleicht mehr als einer.�</p><p>�Nichts gegen einzuwenden. Wir wollen ja ein �kosystem, keine Monokultur.� Tats�chlich waren die Absch�sse zeitlich gestaffelt. Die erste Welle sollte nur anaerobe und photoautotrophe Organismen transportieren, simple Lebensformen, die keinen Sauerstoff ben�tigten und Energie aus Sonnenlicht gewannen. Sofern sie in ausreichend gro�er Anzahl gediehen und starben, w�rden sie eine Schicht von Biomasse schaffen, die komplexere �kosysteme n�hren konnte. Die n�chste Welle, ein Jahr darauf, w�rde oxigenierende Organismen ins Spiel bringen, und mit den letzten unbemannten Absch�ssen sollten primitive Pflanzen anreisen, um den Boden zu pr�parieren und Verdunstungs- und Niederschlagszyklen zu regulieren.</p><p>�Es kommt mir alles so unwahrscheinlich vor.�</p><p>�Na ja, wir leben auch in unwahrscheinlichen Zeiten. Aber du hast schon Recht, es gibt keine Garantie, dass es funktionieren wird.�</p><p>�Und wenn nicht?�</p><p>Ich zuckte mit den Achseln. �Was h�tten wir verloren?�</p><p>�Viel Geld. Viel Arbeitskraft.�</p><p>�Ich kann mir keine bessere Verwendung daf�r vorstellen. Ja, es ist ein Vabanquespiel, alles andere als eine sichere Sache, aber der potenzielle Gewinn lohnt das Risiko in jedem Fall. Und es bringt allgemeinen Nutzen, bisher jedenfalls. Gut f�r die Moral zu Hause und eine g�nstige Gelegenheit, die internationale Zusammenarbeit zu f�rdern.�</p><p>�Aber ihr habt Leute in die Irre gef�hrt. Ihr habt ihnen vorgegaukelt, dass der Spin etwas ist, das wir managen, das wir technisch in den Griff kriegen k�nnen.�</p><p>�Hoffnungen geweckt, meinst du.�</p><p>�Die falsche Sorte Hoffnung. Und wenn ihr scheitert, bleibt ihnen �berhaupt keine Hoffnung mehr.�</p><p>�Was sollen wir denn deiner Ansicht nach tun, Diane? Uns auf unsere Gebetsteppiche zur�ckziehen?�</p><p>�Es w�rde sicherlich nicht bedeuten, dass man seine Niederlage eingesteht�� das Beten, meine ich. Und wenn ihr erfolgreich seid, ist der n�chste Schritt, Menschen loszuschicken?�</p><p>�Ja, wenn wir den Planeten begr�nen k�nnen, schicken wir Menschen.� Ein viel schwierigeres, ethisch komplexes Vorhaben. Wir w�rden die Kandidaten in Zehnergruppen auf den Weg bringen. Sie w�rden eine unvorhersehbar lange Reise in engster Umgebung mit begrenzten Vorr�ten ertragen m�ssen. Sie w�rden ein atmosph�risches Abbremsen von nahezu t�dlichem Delta v nach Monaten der Schwerelosigkeit zu erleiden haben, gefolgt von einem gef�hrlichen Abstieg zur Planetenoberfl�che. Falls all das funktionierte und falls ihre karg bemessene �berlebensausr�stung den parallelen Abstieg schaffte und halbwegs in ihrer N�he landete, w�rden sie als N�chstes Techniken und F�higkeiten entwickeln m�ssen, um in einer Umgebung zu �berdauern, die f�r eine menschliche Besiedlung nicht ann�hernd geeignet war. Ihre Mission bestand nicht darin, zur Erde zur�ckzukehren, sondern lange genug zu leben, um sich in ausreichender Zahl zu vermehren und ihren Nachkommen tragf�hige Existenzbedingungen zu hinterlassen.</p><p>�Welcher zurechnungsf�hige Mensch w�rde sich darauf einlassen?�</p><p>�Du w�rdest dich wundern.� Ich konnte zwar nicht f�r die Chinesen, die Russen oder irgendwelche anderen internationalen Freiwilligen sprechen, aber die nordamerikanischen Expeditionskandidaten waren ganz gew�hnliche, ja geradezu schockierend normale M�nner und Frauen. Sie waren ausgew�hlt worden auf Grund ihrer Jugend, ihrer k�rperlichen Robustheit und ihrer F�higkeit, Unannehmlichkeiten auch �ber l�ngere Zeit zu ertragen. Nur wenige von ihnen waren Testpiloten bei der Airforce gewesen, aber alle besa�en das, was Jason als die �Testpilotenmentalit�t� bezeichnete, n�mlich die Bereitschaft, ein gravierendes Risiko f�r Leib und Leben einzugehen, um etwas Spektakul�res zu erreichen. Und nat�rlich waren die meisten von ihnen dem Tode geweiht, ebenso wie die Mehrzahl der Bakterien, die wir nach oben schicken w�rden. Das �u�erste, was wir hoffen durften, war, dass eine Gruppe �berlebender, die durch die hoffentlich bemoosten Schluchten der Valles Marineris wanderte, auf eine �hnliche Gruppe von Russen oder D�nen oder Kanadiern treffen und eine lebensf�hige marsianische Menschheit auf den Weg bringen w�rde.</p><p>�Und das kannst du alles <emphasis>guthei�en?�</emphasis></p><p>�Mich hat niemand nach meiner Meinung gefragt. Aber ich w�nsche ihnen alles Gute.�</p><p>Diane warf mir einen Das-reicht-nicht-Blick zu, entschied sich aber, das Thema nicht weiter zu vertiefen. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl hinunter ins Foyer-Restaurant. Schon als wir uns hinter einem Dutzend von Fernsehtechnikern anstellten, um einen Tisch zugewiesen zu bekommen, muss sie die wachsende Erregung gesp�rt haben, und nachdem wir bestellt hatten, wandte sie den Kopf, lauschte nach Bruchst�cken der Unterhaltungen ringsum�� W�rter wie �Photodissoziation�, �kryptoendolithisch� und, ja, auch ��kopoiesis� wehten von den Tischen der gedr�ngt sitzenden Journalisten her�ber, die sich schon mal in den Jargon f�r den n�chsten Tag ein�bten oder sich einfach zu verstehen m�hten, wovon die Rede war. Dies war das erste Mal seit der Mondlandung vor �ber sechzig Jahren, dass die Aufmerksamkeit der Welt sich so ausschlie�lich auf ein Raumfahrtabenteuer konzentrierte, und der Spin verlieh dieser Zweitauflage etwas, das der Mondlandung gefehlt hatte: echte Dringlichkeit, ein globales Bewusstsein f�r das Risiko.</p><p>�Das alles ist Jasons Werk, nicht wahr?�</p><p>�Schon m�glich, dass es auch ohne Jason und E. D. passieren w�rde. Aber es w�rde ganz anders vor sich gehen, vermutlich lange nicht so schnell und so effizient. Jase war von Anfang an im Zentrum des Geschehens.�</p><p>�Und wir an der Peripherie. Kreisen immerzu um das Genie herum. Ich verrate dir ein Geheimnis: Ich hab ein bisschen Angst vor ihm. Ihn nach so langer Zeit wiederzusehen. Ich wei�, dass er mich ablehnt.�</p><p>�Nicht dich. Deinen Lebensstil vielleicht.�</p><p>�Du meinst meinen Glauben. Es ist okay, dar�ber zu reden. Ich wei�, dass Jase sich ein bisschen� ja, betrogen f�hlt. Aber zu Unrecht. Jason und ich sind nie demselben Weg gefolgt.�</p><p>�Im Grunde, wei�t du, ist er immer noch einfach Jase. Der gute alte Jase.�</p><p>�Aber bin ich auch noch die gute alte Diane?�</p><p>Worauf ich nichts zu erwidern wusste.</p><p>Sie a� mit gro�em Appetit, und nach dem Hauptgericht bestellten wir noch Nachtisch und Kaffee. Ich sagte: �Was f�r ein Gl�ck, dass du dir hierf�r Zeit nehmen konntest.�</p><p>�Ein Gl�ck, dass Simon mich von der Leine gelassen hat?�</p><p>�So habe ich das nicht gemeint.�</p><p>�Ich wei�. Aber in gewisser Weise ist es so. Simon hat mitunter einen Hang zum Kontrollieren. Er wei� gern, wo ich bin.�</p><p>�Ist das ein Problem f�r dich?�</p><p>�Du meinst, ist meine Ehe in Schwierigkeiten? Nein, ist sie nicht, und das w�rde ich auch nicht zulassen. Das hei�t aber nicht, dass wir nicht hin und wieder verschiedener Meinung w�ren.� Sie z�gerte. �Wenn ich dar�ber rede, erz�hl ich es <emphasis>dir, </emphasis>okay? Nicht Jason. Nur dir.�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Simon hat sich ein bisschen ver�ndert, seit du ihm begegnet bist. Haben wir alle, alle, die in den alten NK-Tagen dabei waren. Bei NK ging es darum, jung zu sein und eine Gemeinschaft des Glaubens zu errichten, so etwas wie einen heiligen Raum, wo wir keine Angst voreinander haben mussten, wo wir einander umarmen konnten, nicht nur im bildlichen Sinne, sondern tats�chlich. Der Garten Eden auf Erden. Aber wir hatten uns etwas vorgemacht. Wir dachten, AIDS w�rde keine Rolle spielen, Eifersucht w�rde keine Rolle spielen�� konnten sie ja gar nicht, weil wir das Ende der Welt erreicht hatten. Aber die Tr�bsalzeit ist lang, Ty. Die Tr�bsal ist Arbeit f�r ein ganzes Leben, und daf�r m�ssen wir gesund und stark sein.�</p><p>�Du und Simon��</p><p>�Oh, wir sind gesund.� Sie l�chelte. �Danke der Nachfrage, Dr. Dupree. Aber wir haben Freunde an AIDS und an Drogen verloren. Die Bewegung war eine Achterbahnfahrt, Liebe auf dem Weg nach oben und Trauer auf dem Weg nach unten. Das wird dir jeder sagen, der dabei war.�</p><p>Gut m�glich, aber Diane war die einzige NK-Veteranin, die ich kannte. �Die letzten Jahre waren f�r niemanden leicht.�</p><p>�Simon hat sich schwer getan, damit fertig zu werden. Er glaubte wirklich, wir w�ren eine gesegnete Generation. Einmal hat er mir erz�hlt, dass Gott sich der Menschheit so weit gen�hert habe, dass es einem vorkomme, als w�rde man in einer Winternacht neben einem Ofen sitzen und k�nne sich praktisch die H�nde am K�nigreich des Himmels w�rmen. Wir haben alle so empfunden, aber bei Simon hat es wirklich das Beste in ihm hervorgebracht. Und als dann alles zerfiel, als so viele von unseren Freunden krank wurden oder in diese oder jene Abh�ngigkeit abdrifteten, da hat ihn das ziemlich tief getroffen. Das war auch die Zeit, als das Geld allm�hlich knapp wurde und Simon sich eine Arbeit suchen musste�� wir beide mussten das. Ich hab ein paar Jahre lang aushilfsweise gearbeitet. Simon konnte keinen s�kularen Job finden�� er ist jetzt Hausmeister in unserer Kirche in Tempe, Jordan Tabernacle hei�t sie, und sie bezahlen ihn, wenn sie k�nnen� Er lernt gerade f�r sein Installateurszeugnis.�</p><p>�Nicht gerade das Gelobte Land.�</p><p>�Ja, aber wei�t du was? Ich glaube, so ist es auch nicht gedacht. Das sage ich ihm immer wieder. Vielleicht sp�ren wir, wie das Tausendj�hrige Reich sich n�hert, aber es ist noch nicht da�� wir m�ssen immer noch die letzten Minuten des Spiels zu Ende spielen, auch wenn das Ergebnis schon feststeht. Und vielleicht werden wir danach beurteilt. Wir m�ssen so spielen, als k�me es noch darauf an.�</p><p>Wir fuhren hinauf zu unseren Zimmern. Diane blieb vor ihrer T�r stehen und sagte: �Jetzt merke ich wieder, wie gut es tut, mit dir zu reden. Wir konnten uns schon fr�her immer gut unterhalten, wei�t du noch?�</p><p>Hatten uns unsere �ngste �ber das keusche Medium des Telefons anvertraut. Intimit�t auf gro�e Entfernung. Das war ihr immer lieber gewesen. Ich nickte.</p><p>�Vielleicht k�nnen wir das wieder so machen�, sagte sie. �Vielleicht kann ich dich ab und zu von Arizona aus anrufen.�</p><p>Sie w�rde nat�rlich mich anrufen, weil es Simon wom�glich nicht gefallen w�rde, wenn ich sie anriefe, das war klar. Ebenso wie der Charakter der Beziehung, die sie vorschlug. Ich sollte der platonische Kumpel sein, jemand Harmloses, dem man sich in schwierigen Zeiten anvertrauen kann, wie der schwule Freund der Hauptdarstellerin in einem Hollywoodfilm. Wir w�rden plaudern. Uns dies und jenes erz�hlen. Niemand w�rde irgendjemand wehtun.</p><p>Es war nicht das, was ich wollte oder brauchte. Aber das konnte ich dem etwas verlorenen, bittenden Blick, der auf mich gerichtet war, nicht entgegenschleudern. Stattdessen sagte ich: �Ja, nat�rlich.�</p><p>Sie grinste und umarmte mich und lie� mich im Flur stehen.</p><p>Ich blieb l�nger auf, als vern�nftig gewesen w�re, h�tschelte, eingebettet in L�rm und Gel�chter aus angrenzenden Zimmern, meine angeschlagene W�rde und dachte an all die Wissenschaftler und Ingenieure bei Perihelion, JPL und Kennedy, all die Zeitungsleute und Videojournalisten, die die Scheinwerfereffekte �ber den Raketen beobachteten, dachte an uns alle, die wir hier am �u�ersten Ende der Menschheitsgeschichte unsere Arbeit erledigten, die wir das machten, was von uns erwartet wurde: das Spiel zu Ende spielen, als komme es darauf noch an.</p><empty-line/><p>Jason traf am Mittag des folgenden Tages ein, zehn Stunden, bevor die erste Abschusswelle angesetzt war. Das Wetter war angenehm, heiter und windstill, ein gutes Omen. Unter all den �ber den Globus verteilten Raketenstartpl�tzen fiel lediglich der erweiterte Kourou-Komplex der Europ�ischen Raumfahrtbeh�rde in Franz�sisch-Guayana aus, der infolge eines heftigen M�rzsturmes gesperrt werden musste (die ESA-Mikroorganismen w�rden einen oder zwei Tage aufgehalten werden�� oder eine halbe Million Jahre nach Spin-Zeit).</p><p>Jason kam geradewegs zu meiner Suite, wo Diane und ich auf ihn warteten. Er trug eine billige Plastikwindjacke und eine Marlins-M�tze, die er sich zur Tarnung tief ins Gesicht gezogen hatte. �Tyler�, sagte er, als ich die T�r aufmachte. �Tut mir Leid. Wenn ich gekonnt h�tte, w�re ich dagewesen.�</p><p>Bei der Trauerfeier. �Ich wei�.�</p><p>�Belinda Dupree war das Beste am ganzen Gro�en Haus. Das ist mein voller Ernst.�</p><p>�Ich danke dir�, sagte ich und trat beiseite.</p><p>Diane n�herte sich mit einem wachsamen Gesichtsausdruck. Jason machte die T�r hinter sich zu. Sie standen einen Meter auseinander und musterten sich. Das Schweigen lastete schwer. Jason war derjenige, der es brach. �Mit diesem Kragen�, sagte er, �siehst du aus wie ein viktorianischer Bankier. Und du solltest ein bisschen zunehmen. Ist es so schwer, eine vern�nftige Mahlzeit zu bekommen im Land der K�he?�</p><p>�Mehr Kakteen als K�he, Jase.�</p><p>Und dann lachten sie und fielen einander in die Arme.</p><p>Nach Einbruch der Dunkelheit setzten wir uns auf den Balkon und bestellten beim Zimmerservice ein Rohkost-Tablett (Dianes Wahl). Die Nacht war so dunkel wie jede andere Sternenlose, spinverh�llte Nacht, aber die Startrampen wurden von gigantischen Scheinwerfern erleuchtet und ihre Spiegelungen tanzten in der sanften D�nung.</p><p>Jason ging jetzt seit einigen Wochen zu einem Neurologen. Die Diagnose des Spezialisten stimmte mit meiner �berein: Jason litt an einer schweren und nicht auf Medikation ansprechenden multiplen Sklerose, und die einzig sinnvolle Behandlung war die Verordnung von Palliativen. Der Neurologe hatte sogar die Absicht gehabt, Jasons Fall den Gesundheits�mtern vorzustellen f�r deren laufende Studie �ber die bisweilen so bezeichnete AMS�� atypische multiple Sklerose��, aber Jason hatte ihm das, mit Hilfe von Drohungen oder Bestechung, ausgeredet. Und vorl�ufig verschaffte ihm der neue pharmazeutische Cocktail eine stabile Remission�� er war funktionst�chtig und beweglich wie zu besten Zeiten. Sollte Diane irgendeinen Verdacht gehegt haben, so wurde er rasch zerstreut.</p><p>Er hatte eine Flasche teuren, original franz�sischen Champagner mitgebracht, um die Raketenstarts zu feiern. �Wir h�tten auch VIP-Pl�tze haben k�nnen�, erkl�rte ich Diane. �Exklusive Sitzreihen vor dem Vehicle Assembly Building. Ellbogen reiben mit Pr�sident Garland.�</p><p>�Ach, wir haben einen guten Blick von hier�, sagte Jason. �Und der Vorteil ist, dass wir nicht als Requisiten f�r spektakul�re Fotos herhalten m�ssen.�</p><p>Diane zog einen Flunsch. �Ich bin noch nie einem Pr�sidenten begegnet.�</p><p>Der Himmel war nat�rlich dunkel, aber im Fernsehen�� wir hatten den Apparat im Hotelzimmer laut aufgedreht, um den Countdown zu h�ren�� wurde �ber die Spin-Barriere gesprochen, und Diane blickte nach oben, als sei diese pl�tzlich sichtbar geworden: der Deckel, der die Welt verschloss. Jason sah, wie sie den Kopf zur�cklegte. �Sie sollten nicht mehr Barriere dazu sagen�, brummte er. �Keine der Fachzeitschriften tut das noch.�</p><p>�Ach? Und wie sagen <emphasis>die </emphasis>dazu?�</p><p>Er r�usperte sich. �Sie bezeichnen es als �seltsame Membran�.�</p><p>�O nein.� Diane lachte. �Nein, das ist ja schrecklich. V�llig unakzeptabel. Es klingt wie ein gyn�kologisches Leiden.�</p><p>�Ja, aber �Barriere� ist nicht korrekt. Es ist mehr wie eine begrenzende Schicht. Keine Grenzlinie, die man �berschreitet. Es nimmt selektiv Objekte auf und beschleunigt sie ins �u�ere Universum. Der Vorgang �hnelt mehr einer Osmose als, sagen wir, dem Durchbrechen eines Zauns. Ergo Membran.�</p><p>�Ich hatte ganz vergessen, wie es ist, sich mit dir zu unterhalten, Jase. Es wird leicht ein bisschen surreal.�</p><p>�Still jetzt�, sagte ich. �H�rt zu.�</p><p>Das Fernsehen hatte zur NASA-Leitung hin�bergeschaltet; zu h�ren war eine ausdruckslose Kontrollzentrumsstimme, die r�ckw�rts z�hlte. Drei�ig Sekunden. Zw�lf Raketen standen aufgetankt und startbereit auf ihren Rampen. Zw�lf simultane Raketenstarts, ein Unternehmen, das eine weniger ehrgeizige Raumfahrtbeh�rde als unausf�hrbar und extrem gef�hrlich bewertet h�tte. Aber wir lebten eben in risikofreudigen Zeiten.</p><p>�Warum m�ssen sie alle gleichzeitig aufsteigen?�, fragte Diane.</p><p>�Weil�, setzte Jason an, dann sagte er: �Nein, warte. Schau erst mal zu.�</p><p>Zwanzig Sekunden. Zehn. Jason stand auf und lehnte sich gegen die Balkonbr�stung. Die Hotelbalkone waren �berlaufen. Der Strand war �berlaufen. Tausend K�pfe und Objektive schwenkten in die gleiche Richtung. Sch�tzungen sprachen sp�ter von ann�hernd zwei Millionen Menschen im und um das Cape herum. Nach Polizeiberichten wurden in jener Nacht einhundert Brieftaschen entwendet. Es gab zwei Messerstechereien mit t�dlichem Ausgang, f�nfzehn versuchte K�rperverletzungen und Vergewaltigungen und eine Fr�hgeburt (das Kind, ein M�dchen von vier Pfund, kam auf einer Tischplatte im International House of Pancakes in Cocoa Beach zur Welt).</p><p>F�nf Sekunden. Der Fernseher wurde still. F�r einen Moment gab es kein Ger�usch mehr au�er dem Surren und Jaulen der Fotoapparate.</p><p>Dann pl�tzlich stand das Meer bis zum Horizont in Flammen.</p><p>Einzeln h�tte keine dieser Raketen eine gr��ere Menge beeindrucken k�nnen, selbst im Dunkeln nicht, aber jetzt gab es nicht nur eine Flammens�ule, sondern f�nf, sieben, zehn, zw�lf. Die Startrampen wirkten vor dem dunklen Hintergrund kurzzeitig wie skelettierte Wolkenkratzer, bevor sie hinter Schwaden von verdampftem Meerwasser verschwanden. Zw�lf Pfeiler aus wei�em Feuer, Kilometer voneinander entfernt, aber perspektivisch zusammenger�ckt, stie�en in einen Himmel, der von ihrem vereinten Licht indigoblau gef�rbt wurde. Das Strandpublikum begann zu jubeln, und die Rufe verschmolzen mit dem Ger�usch der Feststoffantriebe, die dr�hnend H�he suchten, ein dumpfes H�mmern, das einem das Herz zusammenpresste wie in Ekstase oder h�chster Angst. Aber es war nicht nur das reine Spektakel, das wir bejubelten. Sicherlich hatte jeder von uns schon einmal einen Raketenstart gesehen, zumindest im Fernsehen, und obwohl dieser Massenstart gro�artig und laut war, lag das Bemerkenswerte haupts�chlich in seinem Ziel, in der zugrunde liegenden Idee: Wir waren nicht einfach nur im Begriff, die Fahne irdischen Lebens auf dem Mars zu hissen�� wir widersetzten uns dem Spin.</p><p>Die Raketen stiegen auf (und als ich einen Blick durch die Balkont�r warf, schossen auf dem Bildschirm �hnliche Raketen in den bew�lkten Tageshimmel von Jiuquan, Svobodny, Baikonur und Xichang). Das grelle Licht legte sich in die Schr�ge und begann zu verblassen, w�hrend die Nacht vom Meer her zur�ckgeschwemmt kam. Der L�rm verbrauchte sich in Sand, Beton und kochendem Salzwasser. Ich meinte Feuerwerksk�rper riechen zu k�nnen, die mit der Flut an den Strand getragen wurden, mir war, als sei es der angenehm schreckliche Gestank von Funken spr�henden R�mischen Kerzen.</p><p>Tausend Kameras klickten wie sterbende Grillen und verstummten schlie�lich.</p><p>Der Jubel dauerte, in dieser oder jener Form, bis in die fr�hen Morgenstunden an.</p><empty-line/><p>Wir gingen ins Zimmer zur�ck, zogen die Jalousien vor die ern�chternde Dunkelheit und �ffneten den Champagner. Wir sahen die Nachrichten aus �bersee�� abgesehen vom franz�sischen Regenaufschub waren alle Starts erfolgreich gewesen. Eine bakterielle Armada hatte Kurs auf den Mars genommen.</p><p>�Also, warum <emphasis>m�ssen </emphasis>sie denn nun alle gleichzeitig nach oben?�, fragte Diane erneut.</p><p>Jason warf ihr einen gedankenvollen Blick zu. �Weil sie ihr Ziel alle ungef�hr zur gleichen Zeit erreichen sollen. Was durchaus nicht so einfach ist, wie es klingt. Sie m�ssen mehr oder weniger simultan in die Spin-Membran eintreten, andernfalls w�ren sie beim Austritt um Jahre oder sogar Jahrhunderte getrennt. Bei dieser anaerobischen Fracht ist das noch nicht so entscheidend, aber wir �ben schon mal f�r die Zukunft, wenn es wirklich darauf ankommt.�</p><p>�Jahre oder <emphasis>Jahrhunderte? </emphasis>Wie ist das m�glich?�</p><p>�Die Natur des Spins, Diane.�</p><p>�Sicher, aber Jahrhunderte?�</p><p>Er drehte seinen Stuhl in ihre Richtung, die Stirn gerunzelt. �Ich versuche gerade das Ausma� deiner Unwissenheit zu ermessen��</p><p>�Es ist nur eine Frage, Jase.�</p><p>�Z�hl mir mal eine Sekunde vor.�</p><p>�Was?�</p><p>�Guck auf deine Armbanduhr und z�hl mir eine Sekunde vor. Nein, ich mach es. Achtung: ein-und-zwan-zig. Eine Sekunde. Klar?�</p><p>�Jason��</p><p>�Hab ein bisschen Geduld. �ber das Spin-Verh�ltnis bist du dir im Klaren?�</p><p>�So ungef�hr.�</p><p>�Ungef�hr reicht nicht. Eine terrestrische Sekunde entspricht 3,17 Jahren Spin-Zeit. Falls also eine unserer Raketen nur eine Sekunde nach den anderen in die Spin-Membran eintritt, erreicht sie die Umlaufbahn mehr als drei Jahre zu sp�t.�</p><p>�Nur weil ich bestimmte Zahlen nicht aufsagen kann��</p><p>�Wichtige Zahlen, Diane. Angenommen, unsere Flotte ist gerade aus der Membran herausgekommen, genau jetzt.� Er stie� einen Finger durch die Luft. �<emphasis>Eine Sekunde, </emphasis>hier und weg. F�r die Flotte waren das drei Jahre und ein paar Zerquetschte. Vor einer Sekunde waren sie in der Erdumlaufbahn, jetzt haben sie ihre Fracht auf der Marsoberfl�che abgeliefert. Ich meine jetzt, Diane, buchst�blich <emphasis>jetzt, </emphasis>in diesem Augenblick. Es ist schon geschehen, es ist vollbracht. Lass also eine Minute auf deiner Uhr vergehen. Das w�ren ungef�hr hundertneunzig Jahre auf einer Uhr dort drau�en.�</p><p>�Das ist nat�rlich eine Menge, aber du kannst einen Planeten nicht in zweihundert Jahren v�llig umwandeln, oder?�</p><p>�Im Moment l�uft unser Experiment also seit zweihundert Spin-Jahren. In diesem Augenblick, beziehungsweise gerade eben, haben diejenigen bakteriellen Kolonien, die die Reise �berlebt haben, sich seit zwei Jahrhunderten auf dem Mars fortgepflanzt. In einer Stunde werden sie seit elftausendvierhundert Jahren dort gewesen sein. Morgen um diese Zeit werden sie sich seit fast zweihundertvierundsiebzigtausend Jahren vermehrt haben.�</p><p>�Okay, Jase, ich begreife das Prinzip.�</p><p>�N�chste Woche um diese Zeit, 1,9 Millionen Jahre.�</p><p>�Okay.�</p><p>�In einem Monat, 8,3 Millionen Jahre.�</p><p>�Jason!�</p><p>�N�chstes Jahr um diese Zeit, einhundert Millionen Jahre.�</p><p>�Ja, aber��</p><p>�Auf der Erde sind hundert Millionen Jahre ungef�hr die Zeitspanne zwischen dem Hervortreten des Lebens aus dem Meer und deinem letzten Geburtstag. Einhundert Millionen Jahre reichen f�r diese Mikroorganismen aus, um Kohlendioxid aus den Kohlens�ureablagerungen in der Kruste zu pumpen, Stickstoff aus Nitraten auszulaugen, Oxide aus dem Regolith freizusetzen und es anzureichern, indem sie in gro�en Massen sterben. Das freigesetzte CO<sub>2</sub> wirkt als Treibhausgas. Die Atmosph�re wird dichter und w�rmer. In einem Jahr schicken wir eine Armada aus atmenden Organismen, und die werden damit beginnen, CO<sub>2</sub> in freien Sauerstoff umzuwandeln. Nach einem weiteren Jahr�� oder sobald wir die entsprechende Spektralsignatur erkennen�� f�hren wir Gr�ser, Pflanzen, andere komplexe Organismen ein. Und wenn sich auf diese Weise so etwas wie eine grob hom�ostatische planetarische �kologie stabilisiert, schicken wir Menschen los. Wei�t du, was das bedeutet?�</p><p>�Sag es mir�, sagte Diane missmutig.</p><p>�Es bedeutet, dass es innerhalb von f�nf Jahren eine bl�hende menschliche Zivilisation auf dem Mars geben wird. Farmen, Fabriken, Stra�en, St�dte��</p><p>�Daf�r gibt es ein griechisches Wort, Jase.�</p><p>�Ja, Ecopoiesis.�</p><p>�Ich hatte mehr an �Hybris� gedacht.�</p><p>Er l�chelte. �Ich mache mir �ber vieles Gedanken. Aber ganz gewiss nicht dar�ber, ob ich gegen die G�tter frevle.�</p><p>�Oder gegen die Hypothetischen?�</p><p>Das lie� ihn innehalten. Er lehnte sich zur�ck und nahm einen Schluck von seinem schon etwas abgestandenen Champagner. �Ich habe keine Angst, sie gegen mich aufzubringen�, sagte er schlie�lich. �Im Gegenteil. Wir tun vielleicht genau das, was sie von uns erwarten.�</p><p>Er erkl�rte sich nicht weiter dazu, und Diane nutzte die Gelegenheit, um das Thema zu wechseln.</p><empty-line/><p>Am n�chsten Tag fuhr ich Diane nach Orlando, wo ihr Flugzeug nach Phoenix wartete.</p><p>Im Verlauf der letzten Tage war klar geworden, dass von der k�rperlichen Intimit�t, die wir in jener Nacht in den Berkshires, vor ihrer Heirat mit Simon, geteilt hatten, nicht mehr die Rede sein w�rde, weder in Andeutungen noch gar explizit. Gew�rdigt wurde dieses Thema allenfalls in den halsbrecherischen Kapriolen, die unsere Unterhaltung mitunter schlagen musste, um es zu umgehen. Als wir uns vor der Sicherheitsschleuse des Flughafens ungelenk umarmten, sagte sie: �Ich ruf dich an�, und ich wusste, sie w�rde es auch tun�� Diane machte wenige Versprechungen, nahm es mit diesen jedoch sehr genau��, aber ebenso war mir bewusst, wie viel Zeit vergangen war, seit ich sie zuletzt gesehen hatte, und wie viel Zeit vergehen w�rde, bevor ich sie wiedersah: keine Spin-Zeit zwar, aber etwas genauso unter den H�nden Zerfallendes, etwas genauso Verzehrendes. Da waren kleine Falten um ihre Augen, um den Mund herum, nicht un�hnlich denen, die ich jeden Morgen im Spiegel sah.</p><p>Verbl�ffend, dachte ich, wie gesch�ftig wir uns in Menschen verwandelt hatten, die einander nicht besonders gut kannten.</p><empty-line/><p>Es gab weitere Raketenstarts im Fr�hling und Sommer jenen Jahres, mit Beobachtungsger�ten im Gep�ck, die Monate in einer hohen Erdumlaufbahn verbrachten und mit visuellen und spektralen Bildern vom Mars zur�ckkehrten�� Schnappsch�sse der �kopoiesis.</p><p>Die ersten Ergebnisse waren nicht eindeutig: ein moderater Anstieg des atmosph�rischen CO<sub>2</sub>-Gehalts, was aber auch ein Nebeneffekt der Sonnenerw�rmung sein konnte. Der Mars blieb, wenn man auch nur halbwegs plausible Ma�st�be anlegte, eine kalte, unwirtliche Welt. Jason r�umte ein, dass sich die GEMOs�� die genetisch ver�nderten Marsorganismen, die den L�wenanteil der ersten Saatgutfracht gestellt hatten�� wom�glich nicht gut an die tags�ber herrschende UV-Strahlung und den an oxydierenden Agenzien reichen Regolith des Planeten angepasst h�tten.</p><p>Aber im Hochsommer sahen wir dann starke spektrographische Hinweise auf biologische Aktivit�t. Da war mehr Wasserdampf in einer dichteren Atmosph�re, mehr Methan, �than und Ozon, sogar ein winziger, aber nachweisbarer Zuwachs an freiem Stickstoff.</p><p>Bis Weihnachten waren diese, wenn auch noch immer subtilen, Ver�nderungen so dramatisch �ber das Niveau dessen hinausgewachsen, was der solaren Erw�rmung h�tte zugeschrieben werden k�nnen, dass kein Zweifel mehr bestehen konnte: Der Mars war ein lebendiger Planet geworden.</p><p>Die Startrampen wurden erneut bereitgemacht, neue Frachten mikrobischen Lebens waren gez�chtet und verpackt. Volle zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts der USA fielen in diesem Jahr auf spinbezogene Raumfahrtprogramme�� in anderen Industriel�ndern war der Anteil �hnlich hoch.</p><p>Im Februar erlitt Jason einen R�ckfall. Als er aufwachte, konnte er nicht mehr beide Augen gleichzeitig fokussieren. Sein Neurologe ver�nderte die Medikation und verordnete ihm vor�bergehend eine Augenklappe. Jason erholte sich rasch, konnte aber fast eine Woche lang nicht zur Arbeit gehen.</p><p>Diane stand zu ihrem Wort. Sie begann, mich mindestens einmal im Monat anzurufen, meistens noch h�ufiger, oft sp�t Abends, wenn Simon am anderen Ende ihrer kleinen Wohnung schon schlief. Sie hatten ein paar Zimmer �ber einem Antiquariat in Tempe, das �u�erste, was sie sich leisten konnten von Dianes Gehalt und den unregelm��igen Eink�nften, die Simon vom Jordan Tabernacle nach Hause brachte. Bei warmem Wetter konnte ich im Hintergrund das Summen der primitiven Klimaanlage h�ren; im Winter lief das Radio leise mit, um das Ger�usch ihrer Stimme zu tarnen.</p><p>Ich lud sie ein, anl�sslich der n�chsten Startserie wieder nach Florida zu kommen, aber das konnte sie nat�rlich nicht einrichten: sie musste arbeiten, sie hatten am Wochenende Freunde von der Kirche zu Gast, Simon w�rde kein Verst�ndnis daf�r haben. �Simon macht eine kleine spirituelle Krise durch. Er versucht mit dem Messias-Problem klarzukommen.�</p><p>�Es gibt ein Messias-Problem?�</p><p>�Du solltest mal in die Zeitungen gucken�, sagte Diane, die offenbar eine etwas unrealistische Vorstellung davon hatte, inwieweit solche religi�sen Streitfragen Thema in der kommerziellen Presse wurden, jedenfalls in Florida; dr�ben im Westen mochte es anders sein. �Die alte NK-Bewegung glaubte an eine Parusie ohne Christus. Das hat uns von den anderen abgehoben.� Das, dachte ich, und ihre Vorliebe f�r �ffentliche Nacktheit. �Die fr�hen Autoren, Ratel und Greengage, sahen im Spin eine direkte Erf�llung der biblischen Prophezeiung�� und das hie�, dass die Prophezeiung selbst neu definiert, von den historischen Ereignissen neu konfiguriert wurde. Es musste keine Tr�bsalszeit im w�rtlichen Sinne mehr geben und nicht einmal eine physische Wiederkunft Christi. Das ganze Zeug in den Briefen an die Thessalonicher, an die Korinther und im Buch der Offenbarung konnte neu interpretiert oder ignoriert werden, denn der Spin war ein echter Eingriff Gottes in die Geschichte der Menschheit�� ein greifbares Wunder, das Vorrang gegen�ber der Schrift hat. So war uns die Freiheit gegeben, das K�nigreich auf Erden zu schaffen. Pl�tzlich waren wir selbst f�r unseren Chiliasmus verantwortlich.�</p><p>�Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir folgen kann.� Tats�chlich hatte ich, seit das Wort �Parusie� gefallen war, mehr oder weniger nur noch Bahnhof verstanden.</p><p>�Es bedeutet�� na ja, wichtig ist eigentlich nur, dass Jordan Tabernacle, unsere kleine Kirche, jeglicher NK-Doktrin offiziell abgeschworen hat, obwohl die Gemeinde zur H�lfte aus ehemaligen NK-Leuten wie Simon und mir besteht. Pl�tzlich gibt es also diesen ganzen Streit �ber die Tr�bsalszeit und dar�ber, wie sich der Spin zur biblischen Prophezeiung verh�lt. Und die Leute schlagen sich auf diese oder jene Seite. Bereaner gegen Progressive, Covenanter gegen Preteristen. Gibt es einen Antichrist, und wenn ja, wo ist er? Erfolgt die Entr�ckung vor der Tr�bsalszeit, w�hrenddessen oder danach? Solche Themen. Vielleicht klingt es banal, aber die spirituellen Eins�tze sind hoch und die Leute, die in diese Diskussionen verwickelt sind, stehen uns nahe, sind unsere Freunde.�</p><p>�Wo stehst du denn?�</p><p>�Ich pers�nlich?� Sie schwieg, und da war es wieder, das murmelnde Ger�usch des Radios im Hintergrund, die Valiumstimme eines Sprechers, der die Sp�tnachrichten verlas: <emphasis>Neueste Informationen �ber die Schie�erei in Mesa� </emphasis>Parusie ja oder nein. �Man k�nnte sagen, ich bin im Konflikt. Ich wei� nicht, was ich glaube. Manchmal vermisse ich die alten Zeiten. Das Paradies erfinden, w�hrend man das Leben lebt. Es scheint, als w�re�� Sie hielt inne. Jetzt war da noch eine andere Stimme, die das Murmeln des Radios verdoppelte: <emphasis>Diane? Bist du immer noch auf?</emphasis></p><p>�Tut mir Leid�, fl�sterte sie. Simon auf Kontrollgang. Es war Zeit, unser telefonisches Stelldichein, ihren Akt k�rperloser Untreue, abzubrechen. �Ich ruf dich bald wieder an.�</p><p>Sie legte auf, bevor ich mich verabschieden konnte.</p><empty-line/><p>Die zweite Serie Saatguttransporte ging so reibungslos vonstatten wie die erste. Wieder wurde Canaveral von den Medien belagert, aber diesmal verfolgte ich das Ereignis auf einer gro�en Digitalprojektion im Perihelion-Auditorium. Es war ein Start bei Sonnenschein, und er lie� die Reiher in den Himmel �ber Merritt Island flattern wie helles Konfetti.</p><p>Ein weiterer Sommer des Wartens. Die europ�ische Weltraumbeh�rde ESA platzierte eine Reihe orbitaler Teleskope und Interferometer im Weltraum, und im September waren s�mtliche B�ros bei Perihelion mit hochaufl�senden Bildern unseres Erfolges tapeziert. Ich rahmte mir eines davon f�r das Wartezimmer: eine farbgenerierte Wiedergabe des Mars, ein Ausschnitt, der Olympus Mons als eisige Silhouette zeigte, durchschnitten von frischen Entw�sserungskan�len; Nebel, der wie Wasser durch Valles Marineris floss, gr�ne Kapillaren, die sich �ber Solis Lacus schl�ngelten. Das s�dliche Hochland der Terra Strenum war immer noch W�ste, aber die Krater dieser Region waren unter dem Einfluss eines feuchteren, windigeren Klimas fast bis zur Unsichtbarkeit erodiert.</p><p>Der Sauerstoffgehalt der Atmosph�re schwankte einige Monate lang, weil die Population der aeroben Organismen mal wuchs, mal wieder schrumpfte, aber im Dezember hatte er zwanzig Millibar �berschritten und stabilisierte sich. Inmitten einer potenziell chaotischen Mischung von Treibhausgasen, eines instabilen hydrologischen Kreislaufs und neuartiger biogeochemischer R�ckkopplungsschleifen entdeckte der Mars sein ureigenes Gleichgewicht.</p><p>Die positiven Meldungen taten Jason gut. Die Remission dauerte an, und er warf sich in einen fr�hlichen, fast therapeutischen, Arbeitsstress. Wenn er �berhaupt Grund zum Verdruss sah, dann wegen der medialen Darstellung seiner Person als ikonenhaftes Genie der Perihelion-Stiftung, als wissenschaftliche Ber�hmtheit, als Aush�ngeschild f�r die Umwandlung des Mars. Dies ging mehr auf E. D.s Wirken als auf sein eigenes zur�ck: E. D. wusste, dass die �ffentlichkeit Perihelion mit einem menschlichen Gesicht verbinden wollte, einem vorzugsweise jungen Gesicht, klug, aber nicht einsch�chternd, und schon zu Zeiten, da Perihelion nicht mehr als eine Raumfahrt-Lobbygruppe war, hatte er Jason beharrlich vor jede Kamera geschoben. Jason fand sich damit ab�� er besa� ein Talent f�r anschauliche und geduldige Erkl�rungen und er war einigerma�en fotogen��, aber er hasste die ganze Prozedur und verlie� lieber den Raum, als dass er sich im Fernsehen sah.</p><p>Dies war das Jahr der ersten unbemannten NEP-Fl�ge, die Jason mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte. Es ging um die Schiffe, die Menschen zum Mars transportieren sollten und die im Gegensatz zu den vergleichsweise simplen Saattransportern neue Technologie darstellten. NEP stand f�r �nuclear electric propulsion��� �nuklear-elektrischer Antrieb�: Miniaturatomreaktoren speisten Ionentriebwerke, die weitaus schubkr�ftiger waren als diejenigen, die die Saatraumschiffe angeschoben hatten, stark genug, um gewaltige Nutzlasten zu erm�glichen. Doch diese Leviathane in eine Umlaufbahn zu bringen, erforderte gr��ere Tr�gerraketen, als die NASA je an den Start gebracht hatte, erforderte, was Jason �heroische Ingenieursarbeit� nannte, heroisch teure obendrein. Angesichts der vorgelegten Kosten wurden selbst im weitgehend unterst�tzungswilligen Kongress erste Warnflaggen gehisst, doch die Kette der Erfolge lie� kritische Stimmen vorerst verstummen. Jason hatte allerdings Sorge, dass ein krasser Fehlschlag diesem Stillhalten ein Ende setzen w�rde.</p><p>Kurz nach der Jahreswende ging ein NEP-Testschiff im Weltraum verloren. Auf dem Capitol meldeten sich sogleich die Vertreter eines finanzpolitischen Konservativismus und erhoben ihre Vorw�rfe, Abgeordnete von Bundesstaaten zumeist, die nicht nennenswert in die Raumfahrtindustrie investiert hatten. E. D.s Freunde im Kongress wiesen jedoch alle Schuldzuweisungen zur�ck, und schon eine Woche sp�ter erfolgte ein erfolgreicher Test, der der Kontroverse das Wasser abgrub. Dennoch meinte Jason, wir seien noch einmal haarscharf davongekommen.</p><p>Diane hatte die Debatte verfolgt, hielt sie aber f�r trivial. �Statt �ber solche Sachen�, sagte sie, �sollte Jason sich lieber Gedanken dar�ber machen, was f�r Auswirkungen diese Mars-Geschichte auf die Welt hat. Bisher haben sie ja nur gute Presse gehabt, nicht wahr? Alle sind begeistert, wir alle wollen etwas sehen, das uns�� ich wei� nicht genau, wie ich es nennen soll�� die <emphasis>Potenz </emphasis>der menschlichen Rasse best�tigt. Aber die Euphorie wird sich fr�her oder sp�ter verbrauchen, und unterdessen entwickeln sich die Leute zu ausgebufften Spin-Experten.�</p><p>�Ist das so schlimm?�</p><p>�Wenn das Mars-Projekt scheitert oder nicht die Erwartungen erf�llt, dann ja. Nicht nur, weil die Leute entt�uscht sein werden. Sie haben die Umwandlung eines ganzen Planeten beobachtet, das hei�t, sie gewinnen einen Ma�stab, um den Spin zu erfassen. Der Spin ist nicht mehr blo� ein abstraktes Ph�nomen�� ihr habt sie ins Auge der Bestie blicken lassen, zu eurem Besten, nehme ich an, aber wenn euer Projekt fehlschl�gt, dann raubt ihr ihnen diesen Mut wieder, und dann ist es schlimmer als vorher, weil sie das Ding <emphasis>gesehen </emphasis>haben. Und sie werden euch f�r euer Scheitern nicht lieben, Tyler, denn ihre Angst wird gr��er sein als je zuvor.�</p><p>Ich zitierte das Gedicht von Housman, das ich vor langer Zeit von ihr gelernt hatte: <emphasis>Das Kind hat nicht mal wahrgenommen / Wie�s in den Bauch des B�r�n gekommen.</emphasis></p><p>�Das Kind beginnt sich einen Reim zu machen�, erwiderte sie. �Vielleicht kann man so die Tr�bsalszeit definieren.�</p><p>Vielleicht. Manchmal, wenn ich nachts nicht schlafen konnte, dachte ich an die Hypothetischen, wer oder was sie auch sein mochten. Es gab im Grunde nur eins, was man wirklich �ber sie sagen konnte: Sie waren nicht nur imstande, die Erde in diese seltsame Membran einzuschlie�en, sondern sie waren schon lange da drau�en zugange, beherrschten uns, regulierten nach Gutd�nken unseren Planeten und den Fluss der Zeit�� seit fast zwei Milliarden Jahren.</p><p>Undenkbar, dass es etwas auch nur ann�hernd Menschliches war, das eine solche Geduld aufbrachte.</p><empty-line/><p>Jasons Neurologe wies mich auf eine klinische Studie hin, die in jenem Winter in der �rztezeitschrift JAMA ver�ffentlicht worden war. Forscher an der Universit�t Cornell hatten einen genetischen Marker f�r akute medikamentenresistente MS entdeckt. Der Neurologe, ein freundlicher, korpulenter Floridianer namens David Malmstein, hatte Jasons DNA-Profil untersucht und die betreffende Sequenz darin gefunden. Ich fragte ihn, was das bedeutete.</p><p>�Das bedeutet, dass wir seine Medikation ein wenig spezifischer Zuschneidern k�nnen. Es bedeutet au�erdem, dass wir ihm nie die permanente Remission verschaffen k�nnen, die ein typischer MS-Patient erwarten darf.�</p><p>�Er scheint doch mittlerweile schon fast ein Jahr symptomfrei zu sein. Kann man das nicht als langfristig bezeichnen?�</p><p>�Seine Symptome sind unter Kontrolle, das ist alles. Die AMS brennt weiter, ungef�hr wie ein Feuer in einem Kohlenfl�z. Der Zeitpunkt wird kommen, wo wir es nicht mehr kompensieren k�nnen.�</p><p>�Der Punkt, an dem es kein Zur�ck mehr gibt.�</p><p>�K�nnte man so sagen.�</p><p>�Wie lange wird er noch den Anschein von Normalit�t aufrecht erhalten k�nnen?�</p><p>Malmstein dachte kurz nach. �Wissen Sie�, sagte er dann, �genau das hat Jason mich auch gefragt.�</p><p>�Und was haben Sie ihm gesagt?�</p><p>�Dass ich kein Hellseher bin. Dass AMS eine Krankheit ohne gesicherte �tiologie ist. Dass der menschliche K�rper seinen eigenen Kalender hat.�</p><p>�Ich vermute, die Antwort hat ihm nicht sonderlich gefallen.�</p><p>�Er hat sein Missfallen deutlich zum Ausdruck gebracht. Aber es ist wahr. Er k�nnte noch die n�chsten zehn Jahre asymptomatisch herumlaufen. Oder er k�nnte Ende dieser Woche im Rollstuhl sitzen.�</p><p>�Haben Sie ihm <emphasis>das </emphasis>gesagt?�</p><p>�In einer freundlicheren Version. Er soll nicht die Hoffnung verlieren. Er besitzt Kampfgeist und das z�hlt viel. Meine ehrliche Meinung ist die, dass er kurzfristig gut zurechtkommen wird�� zwei Jahre, f�nf Jahre, vielleicht auch mehr. Danach ist alles m�glich. Ich w�nschte, ich k�nnte eine bessere Prognose anbieten.�</p><p>Ich erz�hlte Jason nicht, dass ich mit Malmstein gesprochen hatte, aber ich sah, wie er in den folgenden Wochen seinen Arbeitseinsatz noch verdoppelte, seine Erfolge gegen die Zeit und die Sterblichkeit verbuchte: nicht die der Welt, sondern seine eigene.</p><empty-line/><p>Die Anzahl der Raketenstarts, von den Kosten nicht zu reden, steigerte sich rasant. Die letzte Welle der Saatguttransporte (die einzigen, die, jedenfalls teilweise, echte Saat enthielten) fand im M�rz statt, zwei Jahre nachdem Jason, Diane und ich beobachtet hatten, wie ein Dutzend �hnliche Raketen von Florida aus zu dem damals noch unfruchtbaren Planeten aufbrachen.</p><p>Der Spin hatte uns den n�tigen Hebel f�r eine lange �kopoiesis geliefert. Doch nachdem wir die Samen komplexer Pflanzen auf den Weg gebracht hatten, wuchs dem richtigen Timing eine entscheidende Rolle zu. Wenn wir zu lange warteten, konnte uns die Entwicklung auf dem Mars aus den H�nden gleiten: eine essbare Getreidesorte w�rde, wenn sie sich eine Million Jahre lang wild entwickelte, am Ende unter Umst�nden kaum noch �hnlichkeit mit ihrer Herkunftsform aufweisen, ja w�re vielleicht ungenie�bar oder gar giftig geworden.</p><p>Das hie�, dass die Beobachtungssatelliten nur wenige Wochen nach der Saatgutarmada gestartet werden mussten, und die bemannten NEP-Schiffe, falls die Ergebnisse verhei�ungsvoll aussahen, unmittelbar danach.</p><p>Ich erhielt einen weiteren sp�tabendlichen Anruf von Diane, einen Tag nachdem die Beobachtungssatelliten aufgestiegen waren (ihre Datenpakete waren nach wenigen Stunden geborgen worden, befanden sich aber noch auf dem Weg nach Pasadena, um dort im JPL, dem �Labor f�r D�senantrieb�, analysiert zu werden). Sie wirkte bedr�ckt, und als ich nachbohrte, gestand sie, dass sie vor�bergehend entlassen worden war, mindestens bis Juni. Sie und Simon waren dadurch mit ihrer Miete in R�ckstand geraten. E. D. konnte sie nicht um Geld bitten, und mit Carol zu reden, war unm�glich. Im Moment versuchte sie Mut zu sammeln, um Jason anzusprechen, aber die damit verbundene Dem�tigung machte sie auch nicht fr�hlicher.</p><p>�Um was f�r eine Summe geht es denn, Diane?�</p><p>�Tyler, ich wollte nicht��</p><p>�Ich wei�. Du hast nicht gefragt. Ich mache ein Angebot.�</p><p>�Na ja� in diesem Monat, also, f�nfhundert Dollar w�rden uns schon sehr weiterhelfen.�</p><p>�Das Pfeifenstielverm�gen ist also aufgebraucht.�</p><p>�Simons Treuhandfonds ist ausgelaufen. Es ist schon noch Familienverm�gen da, aber Simons Familie spricht nicht mit ihm.�</p><p>�Wenn ich dir einen Scheck schicke, w�rde er mitkriegen, was l�uft?�</p><p>�Es w�rde ihm nicht gefallen. Ich hab mir gedacht, ich erz�hl ihm, ich h�tte eine alte Versicherungspolice gefunden und zu Geld gemacht. So was in der Richtung. Die Sorte L�ge, die nicht als S�nde z�hlt. Hoffe ich.�</p><p>�Ihr seid noch immer unter der Collier-Street-Adresse zu erreichen?� An die ich jedes Jahr eine h�flich neutrale Weihnachtskarte schickte und von wo ich jedes Mal eine mit typischen Winter-Motiven zur�ckbekam, unterzeichnet mit <emphasis>Alles Gute und Gottes Segen, Simon und Diane Townsend.</emphasis></p><p>�Ja�, sagte sie. Und dann: �Danke, Tyler. Vielen, vielen Dank. Wei�t du, das ist unglaublich besch�mend.�</p><p>�Es sind schwere Zeiten f�r viele.�</p><p>�Dir geht�s aber gut?�</p><p>�Ja, mir geht�s gut.�</p><p>Ich schickte ihr sechs Schecks, jeder auf den f�nfzehnten des Monats vordatiert, Geld f�r ein halbes Jahr. Ich war mir nicht sicher, ob es unsere Freundschaft festigen oder vergiften w�rde. Oder ob es �berhaupt eine Rolle spielte.</p><empty-line/><p>Die Messdaten zeugten von einer Welt, die noch immer trockener war als die Erde, aber bedeckt von Seen, die gl�nzenden t�rkisfarbenen Kupfertischintarsien �hnelten; ein von Wolkenb�ndern sanft umspielter Planet mit st�rmischen Niederschl�gen, die auf die dem Wind zugewandten H�nge uralter Vulkane gepeitscht wurden und Flussbecken ebenso speisten wie schlammige Flachlanddeltas, so gr�n wie ein gepflegter Vorstadtrasen.</p><p>Die gro�en Tr�gerraketen standen aufgetankt auf ihren Plattformen; auf Startpl�tzen und Kosmodromen rund um die Welt bestiegen ann�hernd achthundert Menschen die Abschussrampen, um sich in schrankgro�e Kammern einzuschlie�en und einem Schicksal ins Auge zu blicken, das alles andere als gewiss war. Die auf diesen Tr�gerraketen installierten NEP-Archen enthielten (zus�tzlich zu den Astronauten) im Embryostadium befindliche Schafe, Rinder, Pferde, Schweine und Ziegen sowie die Muttersch��e aus Stahl, aus denen sie, mit etwas Gl�ck, ins Leben geholt werden konnten; die Samen von zehntausend Pflanzen, die Larven von Bienen und anderen n�tzlichen Insekten, biologisches Frachtgut, das die Reise und die H�rten der Wiedergeburt �berstehen w�rde oder auch nicht; Archive menschlichen Wissens sowohl in digitaler Form (inklusive der Technik, es zu lesen) als auch auf eng bedrucktem Papier; und schlie�lich Bauteile und Vorr�te f�r einfache Behausungen, Solarstromgeneratoren, Treibh�user, Wasserreinigungsanlagen, Feldlazarette. In einem Best-Case-Szenario w�rden alle Schiffe innerhalb einer Zeitspanne von wenigen Jahren, je nach Durchquerung der Spin-Membran, in etwa die gleichen �quatorialebenen erreichen; im schlechtesten Fall k�nnte sogar ein einziges Schiff, sofern es in einigerma�en intaktem Zustand landete, seiner Mannschaft die Mittel in die Hand geben, die Akklimatisierungszeit zu �berstehen.</p><p>Also ging es einmal mehr ins Perihelion-Auditorium, zusammen mit all denen, die nicht an die K�ste gefahren waren, um das Ereignis live mitzuerleben. Ich sa� ganz vorn neben Jason, und wir reckten die H�lse, um die Videoeinspielung der NASA sehen zu k�nnen, eine spektakul�re Totale der Startrampen vor der K�ste, Stahlinseln, durch gewaltige Gleisbr�cken verbunden, zehn riesige Prometheus-Tr�gerraketen (�Prometheus� genannt, soweit sie von Boeing oder Lockheed-Martin gebaut worden waren; die Russen, die Chinesen und die Europ�er verwendeten die gleichen Schablonen, nannten sie aber anders und strichen sie anders an), in Scheinwerferlicht getaucht und wie wei� get�nchte Zaunpf�hle in den blauen Atlantik hineingestellt. Viel war f�r diesen Augenblick geopfert worden: Steuern und Sch�tze, K�stenlinien und Korallenriffe, Karrieren und manch ein Menschenleben (am Fu�e jeder Rampe vor Canaveral befand sich eine Tafel mit den Namen der f�nfzehn Bauarbeiter, die w�hrend der Montage ums Leben gekommen waren). Jasons Fu� klopfte einen wilden Rhythmus, w�hrend der Countdown in die letzte Minute ging, und ich fragte mich schon, ob es symptomatisch sei, doch er fing meinen Blick auf und sagte: �Ich bin nur aufgeregt. Du etwa nicht?�</p><p>Es hatte bereits Probleme gegeben. Weltweit waren achtzig dieser gro�en Tr�gerraketen montiert und f�r einen aufeinander abgestimmten Start pr�pariert worden, und da es sich um eine Neukonstruktion handelte, traten hier und da noch Fehler auf. F�r vier Raketen war der Start schon wegen technischer Schwierigkeiten abgeblasen worden, und drei hatten ihren Countdown�� f�r einen Start, der eigentlich weltweit zur gleichen Zeit erfolgen sollte�� aus den �blichen Gr�nden unterbrochen: unsichere Treibstoffleitungen, st�rungsanf�llige Software. So etwas war unvermeidlich und in der Planung auch einkalkuliert worden, dennoch wirkte es wie ein schlechtes Vorzeichen.</p><p>So vieles musste in so kurzer Zeit geschehen. Was wir diesmal verpflanzten, das war ja keine Biologie, sondern menschliche Geschichte, und diese menschliche Geschichte, hatte Jason gesagt, brannte wie ein Feuer im Vergleich zum tr�gen Gang der Evolution. (Als wir noch viel j�nger waren, nach Beginn des Spins, aber noch bevor er das Gro�e Haus verlie�, hatte Jason diesen Gedanken gern mit Hilfe einer kleinen Vorf�hrung veranschaulicht. �Streck die Arme aus�, pflegte er zu sagen, �zu beiden Seiten�, und wenn man dann in der gew�nschten Kreuzhaltung dastand, fuhr er fort: �Vom linken Zeigefinger quer �ber dein Herz hin�ber bis zum rechten Zeigefinger, das ist die Geschichte der Erde. Wei�t du, was die <emphasis>menschliche </emphasis>Geschichte ist? Die Geschichte der Menschheit ist der Nagel auf deinem rechten Zeigefinger. Und nicht mal der ganze Nagel. Nur das kleine wei�e St�ck. Das St�ck, das du abschneidest, wenn es zu lang wird. Das ist die Entdeckung des Feuers und die Erfindung der Schrift und Galileo und Newton und die Mondlandung und der 11. September und letzte Woche und heute Morgen. Gemessen an der Evolution sind wir Neugeborene. Gemessen an der Geologie existieren wir noch kaum.�)</p><p>Dann verk�ndete die NASA-Stimme: �Z�ndung�, und Jason saugte Luft durch die Z�hne ein und wandte den Kopf halb ab, als neun von zehn Tr�gerraketen�� hohle, mit explosiver Fl�ssigkeit gef�llte R�hren, h�her als das Empire State Building�� entgegen aller Logik der Schwerkraft und Tr�gheit himmelw�rts explodierten, Tonnen von Treibstoff verbrannten, um die ersten Zentimeter H�he zu gewinnen, und Meerwasser verdampften, um einen Schallwirbel abzupuffern, der sie andernfalls in St�cke ges�gt h�tte. Und dann war es, als h�tten sie sich Leitern aus Dampf und Rauch gebaut und erkletterten diese mit inzwischen deutlich wahrzunehmender Geschwindigkeit, w�hrend Feuerfedern die rotierenden Wolken �berholten, die sie erzeugt hatten. Auf und davon, wie jeder andere erfolgreiche Start: schnell und lebhaft wie ein Traum, dann auf und davon.</p><p>Die letzte Tr�gerrakete wurde von einem fehlerhaften Sensor aufgehalten und startete zehn Minuten sp�ter. Ihre Nutzlast w�rde nun den Mars erst tausend Jahre nach der �brigen Flotte erreichen, aber dies, wie gesagt, war bei der Planung einkalkuliert worden und konnte sich sogar als vorteilhaft erweisen�� als eine Art Neuinjektion irdischer Technologie und irdischen Wissens, nachdem die digitalen und die auf Papier gedruckten B�cher der urspr�nglichen Kolonisten l�ngst zu Staub zerfallen waren.</p><empty-line/><p>Augenblicke sp�ter schaltete die Video�bertragung nach Franz�sisch-Guayana um, zum ehrw�rdigen und vielfach ausgebauten Centre National d�Etudes Spatiales in Kourou, wo eine der gro�en Tr�gerraketen aus der Aerospatiale-Fabrik etwa drei�ig Meter weit aufgestiegen war, dann den Anschub verloren hatte und in einem pilzf�rmigen Flammenmeer auf die Rampe zur�ckgekracht war.</p><p>Zw�lf Menschen fanden den Tod, zehn an Bord der NEP-Arche und zwei auf dem Boden, aber es war die einzige offensichtliche Katastrophe der gesamten Startreihe, und so konnte man, alles in allem genommen, wohl doch von einem gl�cklichen Ausgang sprechen.</p><empty-line/><p>Freilich war das noch nicht das Ende der �bung. Bis Mitternacht�� und dies schien mir der bislang deutlichste Indikator f�r die groteske Kluft zwischen terrestrischer und Spin-Zeit zu sein�� w�rde die menschliche Zivilisation auf dem Mars entweder komplett untergegangen sein oder auf eine Geschichte von ann�hernd hunderttausend Jahren zur�ckblicken.</p><p>Das war, grob gerechnet, die Zeitspanne zwischen der Entstehung des Homo sapiens als individueller Spezies und gestern Nachmittag.</p><p>Es entschied sich also so allerlei, w�hrend ich von Perihelion zur�ck zu meinem gemieteten Heim fuhr. Ganze marsianische Dynastien stiegen auf und vergingen wieder, w�hrend ich darauf wartete, dass die Ampel umschaltete. Ich dachte an diese Existenzen�� ganz und gar reale Menschenleben, jedes eingezw�ngt in eine Zeitspanne von weniger als einer Minute auf meiner Armbanduhr�� und mir wurde ein wenig schwummrig. Das Spin-Schwindelgef�hl. Oder vielleicht ging es auch tiefer.</p><empty-line/><p>Ich sah die Ergebnisse, bevor sie �ffentlich bekannt gemacht wurden.</p><p>Es war eine Woche nach den Prometheus-Starts. Jason war f�r 10 Uhr 30 in der Praxis angemeldet, vorbehaltlich neuer Nachrichten aus Pasadena. Er sagte den Termin zwar nicht ab, erschien aber eine ganze Stunde sp�ter, eine Aktenmappe in der Hand und offensichtlich mit der Absicht, �ber etwas ganz anderes zu sprechen als seine Medikamente.</p><p>�Ich wei� nicht, was ich der Presse sagen soll. Ich komme gerade aus einer Konferenz mit dem ESA-Direktor und ein paar chinesischen B�rokraten. Wir versuchen einen Entwurf f�r eine gemeinsame Erkl�rung der Staatsoberh�upter zu formulieren, aber kaum sind mal die Russen mit einer Wendung einverstanden, legen die Chinesen ihr Veto ein, und umgekehrt.�</p><p>�Eine Erkl�rung wor�ber?�</p><p>�Die Satellitendaten.�</p><p>�Ihr habt die Ergebnisse?�</p><p>Tats�chlich waren sie l�ngst �berf�llig. Normalerweise gab das JPL seine Fotos schneller heraus und aus Jasons Worten folgerte ich, dass irgendjemand die Daten zur�ckgehalten hatte. Was wohl bedeutete, dass sie nicht den Erwartungen entsprachen. Schlechte Nachrichten vielleicht.</p><p>�Hier, schau.� Jason �ffnete die Aktenmappe und entnahm ihr zwei Teleskopbilder. Es waren beides Ansichten vom Mars, aufgenommen aus der Erdumlaufbahn nach den Prometheusstarts. Das erste Foto war atemberaubend, obwohl es sich oberfl�chlich nicht sehr von dem gerahmten Bild in meinem Wartezimmer zu unterscheiden schien: Ich konnte genug Gr�n ausmachen, um mich davon zu �berzeugen, dass das exportierte �kosystem noch immer intakt war, noch immer aktiv.</p><p>�Sieh ein bisschen genauer hin�, sagte Jason. Er fuhr mit dem Finger an der gewundenen Linie einer Flussebene entlang. Da waren gr�ne Flecken mit klaren, regelm��igen Umgrenzungen. Je n�her ich hinsah, desto mehr davon. �Landwirtschaft.�</p><p>Ich hielt den Atem an und �berlegte, was das bedeutete. Jetzt gibt es zwei bewohnte Planeten im Sonnensystem, dachte ich. Nicht nur hypothetisch, sondern wahr und wahrhaftig. Das da waren Orte, wo Menschen lebten, Orte <emphasis>auf dem Mars.</emphasis></p><p>Ich wollte nicht aufh�ren hinzustarren, aber Jason schob das Bild in seinen Umschlag zur�ck und zeigte mir das zweite Foto. �Dies hier�, sagte er, �wurde vierundzwanzig Stunden sp�ter aufgenommen.�</p><p>�Ich verstehe nicht.�</p><p>�Von derselben Kamera auf demselben Satelliten aufgenommen. Wir haben parallele Bilder, um das Ergebnis zu best�tigen. Es sah zuerst aus wie ein Fehler in der Bildverarbeitung, bis wir den Kontrast so weit hochgefahren haben, dass wir ein bisschen Sternenlicht erkennen konnten.�</p><p>Aber da war nichts zu sehen auf dem Foto. Ein paar Sterne und in der Mitte ein fettes Nichts in Form einer Scheibe. �Was ist das?�</p><p>�Eine Spin-Membran�, sagte Jason. �Von au�en gesehen. Der Mars hat jetzt auch eine.�</p></section><section><title><p>4 x 10<sup>9</sup> n. Chr.</p></title><p>Von Padang aus reisten wir landeinw�rts�� so viel begriff ich��, es ging bergauf, �ber Stra�en, die manchmal seidig glatt, manchmal uneben und von Schlagl�chern �bers�t waren. Irgendwann hielt das Auto vor einem Geb�ude, das in der Dunkelheit wie ein Betonbunker aussah, offenbar aber (zu erkennen an dem unter einer grellen Wolframlampe aufgemalten roten Halbmond) eine medizinische Einrichtung war. Der Fahrer war sauer, als er sah, wohin er uns gefahren hatte�� ein weiterer Beleg daf�r, dass ich krank war, nicht nur betrunken��, doch Diane dr�ckte ihm noch ein paar Geldscheine in die Hand, sodass er schlie�lich einigerma�en beschwichtigt davonfuhr.</p><p>Ich hatte Schwierigkeiten, mich auf den Beinen zu halten, lehnte mich gegen Diane, die mein Gewicht wacker trug, und so standen wir da in der feuchten Nacht auf einer leeren Stra�e. Mondschein bohrte sich durch die Wolkenfetzen. Vor uns war eine Klinik, auf der anderen Stra�enseite eine Tankstelle und sonst nichts als Wald und flache Abschnitte, bei denen es sich um bewirtschaftete Felder handeln mochte. Es gab kein Anzeichen menschlichen Lebens, bis die Eingangst�r der Klinik �chzend aufging und eine kleine, korpulente Frau in einem langen Rock und mit einer kleinen wei�en M�tze eilig zu uns herauskam.</p><p>�Ibu Diane�, sagte die Frau aufgeregt, aber leise, als bef�rchte sie, man k�nne sie, selbst zu dieser einsamen Stunde, belauschen. �Willkommen!�</p><p>�Ibu Ina�, erwiderte Diane respektvoll.</p><p>�Und dies ist wohl�?�</p><p>�Pak Tyler Dupree. Von dem ich Ihnen erz�hlt habe.�</p><p>�Zu krank, um zu sprechen?�</p><p>�Zu krank, um irgendetwas Vern�nftiges zu sagen.�</p><p>�Dann sollten wir ihn unbedingt nach drinnen schaffen.�</p><p>Diane st�tzte mich auf der einen Seite und die Frau, die sie Ibu Ina genannt hatte, packte meinen rechten Arm unter der Schulter. Sie war nicht mehr jung, aber bemerkenswert kr�ftig. Die Haare unter der M�tze waren grau und schon ausged�nnt. Sie roch nach Zimt. Der Art nach zu urteilen, wie sie die Nase r�mpfte, roch ich nach etwas Unangenehmerem.</p><p>Dann waren wir im Geb�ude, gingen an einem leeren, mit Rattan- und billigen Metallst�hlen m�blierten Wartezimmer vorbei zu einem dem Eindruck nach recht modernen Untersuchungszimmer, wo Diane mich auf einem gepolsterten Tisch ablud und Ina sagte: �Na, dann wollen wir mal sehen, was wir f�r ihn tun k�nnen.� Ich f�hlte mich sicher genug, um das Bewusstsein zu verlieren.</p><empty-line/><p>Ich erwachte vom Klang eines Gebetsrufes, der von einer fernen Moschee herwehte, und vom Geruch nach frischem Kaffee.</p><p>Ich lag nackt auf einer Pritsche in einem kleinen Zimmer mit Betonw�nden; durch das Fenster fiel Licht, eine blasse Vorahnung der Morgend�mmerung. Es gab einen T�reingang mit einer Art Bambusvorhang, durch den ich h�ren konnte, wie jemand etwas Energisches mit Tassen und Sch�sseln anstellte.</p><p>Die Kleidung, die ich gestern getragen hatte, war gewaschen worden und lag zusammengelegt neben der Pritsche. Ich befand mich zwischen zwei Fieberattacken�� ich hatte gelernt, diese kleinen Oasen des Wohlbefindens als solche zu erkennen�� und war kr�ftig genug, mich anzuziehen.</p><p>Ich balancierte gerade auf einem Bein und bem�hte mich, das andere in meine Hose einzuf�deln, als Ibu Ina durch den Vorhang sp�hte. �Oh, Ihnen geht�s gut genug, dass Sie stehen k�nnen�, sagte sie.</p><p>Kurzzeitig. Ich sank, erst halb angezogen, zur�ck auf die Pritsche. Ina betrat das Zimmer mit einer Sch�ssel Reis, einem L�ffel, einem emaillierten Blechbecher. Sie kniete sich neben mich und deutete mit den Augen auf das Holztablett: Ob ich irgendetwas davon haben wolle?</p><p>Ich stellte fest, dass das der Fall war. Zum ersten Mal seit vielen Tagen hatte ich Hunger. Meine Hose sa� l�cherlich locker, meine Rippen stachen obsz�n hervor. �Danke�, sagte ich.</p><p>�Wir sind uns letzte Nacht vorgestellt worden.� Sie reichte mir die Sch�ssel. �K�nnen Sie sich daran erinnern? Ich muss mich f�r die primitive Art der Unterbringung entschuldigen. Dieser Raum dient eher der Tarnung als der Bequemlichkeit.�</p><p>Sie mochte f�nfzig oder sechzig Jahre alt sein. Ihr Gesicht war rund und faltig, die Z�ge in einem Mond aus braunem Fleisch konzentriert, was ihr etwas Apfelpuppenhaftes verlieh, akzentuiert noch durch den langen schwarzen Rock und die wei�e Haube. H�tten die Amish-Leute in Westsumatra gesiedelt, w�rden sie vielleicht so etwas wie Ibu Ina hervorgebracht haben.</p><p>Sie sprach englisch mit singendem indonesischen Akzent, aber ihre Ausdrucksweise war untadelig. �Sie sprechen unsere Sprache sehr gut�, sagte ich, das einzige Kompliment, das mir auf die Schnelle einfiel.</p><p>�Danke, ich habe in Cambridge studiert.�</p><p>�Englisch?�</p><p>�Medizin.�</p><p>Der Reis war etwas fade, aber gut. Ich zeigte demonstrativ guten Willen, ihn aufzuessen.</p><p>�Vielleicht sp�ter mehr?�, fragte sie.</p><p>�Ja, danke.�</p><p><emphasis>Ibu </emphasis>war ein Ausdruck des Respekts in der Sprache der Minangkabau, verwendet bei der Anrede von Frauen (das m�nnliche Gegenst�ck war <emphasis>Pak). </emphasis>Woraus folgte, dass Ina eine Minangkabau-�rztin war und wir uns im Hochland von Sumatra befanden, vermutlich in unmittelbarer N�he zum Mount Merapi. Alles, was ich �ber Inas Volk wusste, stammte aus dem Reisef�hrer �ber Sumatra, den ich auf dem Flug von Singapur hierher gelesen hatte: Es gab mehr als f�nf Millionen Minangkabau, die in D�rfern und St�dten des Hochlands lebten; viele der besten Restaurants in Padang wurden von Minangkabau betrieben; sie waren ber�hmt f�r ihre matrilineare Kultur, ihren Gesch�ftssinn und ihre Vermischung von Islam und traditionellen <emphasis>Adat-</emphasis>Gebr�uchen<emphasis>.</emphasis></p><p>Alles keine Erkl�rung daf�r, was ich im Hinterzimmer der Praxis einer Minang-�rztin zu suchen hatte.</p><p>�Schl�ft Diane noch? Ich verstehe n�mlich nicht��</p><p>�Ibu Diane hat den Bus zur�ck nach Padang genommen, f�rchte ich. Aber Sie sind hier sicher.�</p><p>�Ich hatte gehofft, dass auch sie sicher sein w�rde.�</p><p>�Sie w�re hier nat�rlich sicherer als in der Stadt, ganz bestimmt. Aber das w�rde keinem von Ihnen aus Indonesien heraushelfen.�</p><p>�Wie haben Sie Diane kennen gelernt?�</p><p>Ina grinste. �Reine Gl�ckssache�� oder haupts�chlich Gl�ck. Sie war gerade in Verhandlungen mit meinem Ex-Mann Jala, der, unter anderem, im Import-Export-Gesch�ft ist, als sich herausstellte, dass sich die New Reformasi ein bisschen allzusehr f�r sie interessierten. Ich arbeite ein paar Tage im Monat in einem staatlichen Krankenhaus in Padang und war entz�ckt, als Jala mich mit Diane bekannt machte, auch wenn er nur nach einem vor�bergehenden Versteck f�r einen potenziellen Kunden gesucht hat. Es war so aufregend, der Schwester von Pak Jason Lawton zu begegnen!�</p><p>Das war in mehrerlei Hinsicht �berraschend, wenn nicht erschreckend. �Sie haben von Jason geh�rt?�</p><p><emphasis>�Geh�rt, </emphasis>ja�� anders als Sie hatte ich nie die Ehre, mit ihm zu sprechen. Oh, aber wie begierig habe ich die Nachrichten �ber Jason Lawton in den fr�hen Tagen des Spins verfolgt! Und Sie waren sein Arzt. Und jetzt sind Sie hier im Hinterzimmer meiner Klinik!�</p><p>�Ich wei� nicht, ob Diane irgendetwas davon h�tte erw�hnen sollen.� Ich war mir absolut sicher, dass sie es besser nicht h�tte tun sollen. Unser einziger Schutz war die Anonymit�t, und die war jetzt gef�hrdet.</p><p>Ibu Ina wirkte niedergeschlagen. �Nat�rlich w�re es besser gewesen, <emphasis>diesen </emphasis>Namen nicht zu erw�hnen. Aber Ausl�nder mit rechtlichen Problemen sind in Padang gang und g�be. Es gibt sogar einen ziemlich schrecklichen Ausdruck daf�r: Dutzendware. Ausl�nder mit rechtlichen <emphasis>und </emphasis>gesundheitlichen Schwierigkeiten sind noch problematischer. Diane muss erfahren haben, dass Jala und ich gro�e Bewunderer von Jason Lawton sind�� es kann nur reine Verzweiflung gewesen sein, die sie bewogen hat, sich auf seinen Namen zu berufen. Und trotzdem mochte ich ihr nicht glauben, bis ich mir im Internet Fotografien angesehen habe. Ich nehme an, einer der Nachteile der Ber�hmtheit besteht darin, dass man st�ndig fotografiert wird. Jedenfalls war da ein Foto der Familie Lawton, aufgenommen in der Fr�hzeit des Spins, aber ich habe sie trotzdem erkannt: Sie hatte die Wahrheit gesagt! Und also musste es auch wahr sein, was sie mir �ber ihren kranken Freund erz�hlt hatte. Sie waren Arzt von Jason Lawton. Und nat�rlich von dem anderen, dem noch ber�hmteren��</p><p>�Ja.�</p><p>�Dem kleinen schwarzen faltigen Mann.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Von dessen Medizin Sie krank geworden sind.�</p><p>�Dessen Medizin mich aber auch wieder gesund machen wird, hoffe ich.�</p><p>�Genau wie bei Diane, so hat sie jedenfalls gesagt. Das finde ich interessant. Gibt es wirklich noch ein Stadium des Erwachsenseins jenseits des Erwachsenseins? Wie f�hlen Sie sich?�</p><p>�K�nnte besser sein, ehrlich gesagt.�</p><p>�Aber der Prozess ist noch nicht beendet.�</p><p>�Nein, der Prozess ist nicht beendet.�</p><p>�Dann sollten Sie sich ausruhen. Kann ich Ihnen irgendetwas bringen?�</p><p>�Ich hatte Schreibhefte, Papier��</p><p>�In einem B�ndel bei Ihrem anderen Gep�ck. Ich werde es holen. Sind Sie nicht nur Arzt, sondern auch Schriftsteller?�</p><p>�Nur zeitweilig. Ich muss einfach ein paar Gedanken zu Papier bringen.�</p><p>�Vielleicht k�nnen Sie, wenn Sie sich besser f�hlen, einige dieser Gedanken mit mir teilen.�</p><p>�Vielleicht. Es w�re mir eine Ehre.�</p><p>Sie erhob sich wieder. �Vor allem �ber den kleinen schwarzen faltigen Mann. Den Mann vom Mars.�</p><empty-line/><p>In den folgenden Tagen schlief ich unregelm��ig, war beim Erwachen verbl�fft �ber die vergangene Zeit, die pl�tzlich angebrochene Nacht oder den unerwarteten Morgen, und orientierte mich, so gut ich konnte, an den Gebetsrufen, den Verkehrsger�uschen und an der Versorgung durch Ibu Ina, die mir Reis mit Curryeiern brachte und mich gelegentlich mit einem Schwamm wusch. Wir unterhielten uns, aber das Gesprochene rann durch mein Ged�chtnis wie Sand durch ein Sieb, und an ihrem Gesichtsausdruck sah ich, dass ich mich gelegentlich wiederholte oder Dinge nicht mehr wusste, die sie mir erz�hlt hatte. Helligkeit, dann Dunkelheit, Helligkeit, dann Dunkelheit, und dann, pl�tzlich, Diane neben Ina am Bett kniend. Beide sahen mich ernst an.</p><p>�Er ist wach�, sagte Ina. �Bitte entschuldigen Sie mich. Ich lasse Sie beide allein.�</p><p>Dann war nur noch Diane neben mir.</p><p>Sie trug eine wei�e Bluse, einen wei�en Schal �ber ihren dunklen Haaren, bauschige blaue Hosen. Von der Aufmachung her w�re sie in Padang nicht besonders aufgefallen, wenn sie auch zu gro� und zu blass war, um wirklich als Einheimische durchzugehen. �Tyler.� Die Augen waren blau und gro�. �Achtest du auch auf deine Fl�ssigkeitsaufnahme?�</p><p>�Sehe ich so schlimm aus?�</p><p>Sie streichelte meine Stirn. �Es ist nicht leicht, stimmt�s?�</p><p>�Ich habe nicht erwartet, dass es ohne Schmerzen abgeht.�</p><p>�Noch ein, zwei Wochen, dann ist es vorbei. Bis dahin��</p><p>Sie musste nichts weitersagen. Das Medikament arbeitete sich tief ins Muskelgewebe, ins Nervengewebe vor.</p><p>�Das hier ist aber ein guter Ort. Wir haben Krampfl�ser, Schmerzmittel. Ina wei�, was los ist.� Sie l�chelte schief. �Trotzdem� nicht unbedingt das, was wir geplant hatten.�</p><p>Unsere urspr�nglichen Pl�ne waren auf Anonymit�t gegr�ndet, jede der Bogen-Hafenst�dte h�tte f�r zahlungsf�hige Amerikaner ein sicherer Ort zum Untertauchen sein sollen. F�r Padang hatten wir uns nicht nur der Bequemlichkeit wegen entschieden�� Sumatra war die am dichtesten beim Bogen gelegene Landmasse��, sondern auch wegen seines enorm schnellen wirtschaftlichen Wachstums und weil die j�ngsten Probleme mit der New-Reformasi-Regierung in Jakarta die Stadt in eine f�r uns n�tzliche Anarchie gest�rzt hatten. Ich w�rde die Drogenbehandlung in einem unauff�lligen Hotel durchleiden, und wenn alles vorbei war�� wenn ich buchst�blich general�berholt war��, w�rden wir Pl�tze f�r die �berfahrt an einen Ort buchen, an dem uns kein Unheil erreichen konnte. So hatten wir es uns vorgestellt.</p><p>Womit wir nicht gerechnet hatten, das war die Rachsucht der Regierung Chaykin und ihre Entschlossenheit, an uns ein Exempel zu statuieren�� sowohl f�r die Geheimnisse, die wir bewahrt, als auch f�r die, die wir bereits enth�llt hatten.</p><p>�Ich sch�tze, ich habe mich am falschen Ort ein bisschen zu auff�llig benommen�, sagte Diane. �Ich hatte bei zwei verschiedenen <emphasis>Rantau</emphasis>-Kollektiven f�r uns gebucht, aber beide Abmachungen sind geplatzt, pl�tzlich wollten die Leute nicht mehr mit mir reden, und es war offensichtlich, dass wir viel zu viel Aufmerksamkeit erregten. Das Konsulat, die New Reformasi und die �rtliche Polizei, alle haben sie unsere Beschreibung. Keine v�llig <emphasis>pr�zise </emphasis>Beschreibung, aber nahe genug dran.�</p><p>�Und deshalb hast du diesen Leuten gesagt, wer wir sind.�</p><p>�Ich hab�s ihnen gesagt, weil sie es ohnehin schon vermutet hatten. Nicht Ibu Ina, aber mit Sicherheit Jala, ihr Ex. Das ist ein ganz gerissener Bursche. Er betreibt eine relativ respektable Reederei. Ein Gro�teil der Beton- und Palm�lladungen, die durch den Hafen von Teluk Bayur gehen, machen dabei Station in dem einen oder anderen von Jalas Lagerh�usern. Das <emphasis>Rantau-gadang-</emphasis>Gesch�ft erzielt zwar weniger Gewinn, ist aber daf�r steuerfrei, und diese Emigranten-Schiffe kommen auch nicht leer zur�ck. Au�erdem hat er noch einen flotten Nebenerwerb mit Schwarzmarktrindern und -ziegen.�</p><p>�Klingt wie jemand, der uns ohne weiteres an die New Reformasi verkaufen w�rde.�</p><p>�Aber wir zahlen besser. Und bereiten ihm weniger Probleme mit den Gesetzen, solange wir nicht gefasst werden.�</p><p>�Was h�lt Ina davon?�</p><p>�Wovon? Dem <emphasis>Rantau gadang? </emphasis>Zwei ihrer S�hne und eine Tochter befinden sich in der Neuen Welt. Von Jala? Sie h�lt ihn f�r mehr oder weniger vertrauensw�rdig�� wenn man ihn kauft, dann bleibt er gekauft. Von uns? Sie glaubt, wir seien nicht weit vom Stand der Heiligkeit entfernt.�</p><p>�Wegen Wun Ngo Wen?�</p><p>�Haupts�chlich.�</p><p>�Was f�r ein Gl�ck, dass du sie gefunden hast.�</p><p>�Es war nicht nur Gl�ck.�</p><p>�Trotzdem sollten wir sehen, dass wir so bald wie m�glich wegkommen.�</p><p>�Sobald es dir besser geht. Jala hat ein Schiff bereit. Die <emphasis>Capetown Maru. </emphasis>Das ist der Grund, warum ich zwischen hier und Padang hin- und hergependelt bin. Es gibt noch mehr Leute, die ich bezahlen muss.�</p><p>Aus Ausl�ndern mit Geld verwandelten wir uns sehr schnell in Ausl�nder, die fr�her mal Geld hatten. �Trotzdem�, sagte ich, �ich w�nschte��</p><p>�Ja, was?� Sie strich mit einem Finger �ber meine Stirn, hin und her, ganz langsam.</p><p>�Ich w�nschte, ich m�sste nicht alleine schlafen.�</p><p>Sie lachte kurz auf und legte ihre Hand auf meine Brust. Auf meinen ausgemergelten Brustkorb, auf die noch immer h�ssliche Krokodilhaut. Nicht gerade eine Anregung f�r Intimes. �Es ist zu hei� zum Kuscheln.�</p><p>�Zu hei�?�</p><p>Ich hatte die ganze Zeit gezittert.</p><p>�Armer Tyler.�</p><p>Ich wollte ihr sagen, sie solle vorsichtig sein. Aber vorher machte ich noch kurz die Augen zu�� und als ich sie wieder �ffnete, war sie nicht mehr da.</p><empty-line/><p>Schlimmeres w�rde unvermeidlich folgen, aber tats�chlich f�hlte ich mich in den n�chsten Tagen viel besser�� das Auge des Sturms, wie Diane es genannt hatte. Es war, als h�tten die marsianische Substanz und mein K�rper einen vorl�ufigen Waffenstillstand ausgehandelt, Gelegenheit f�r beide Seiten, sich f�r die Entscheidungsschlacht zu sammeln. Ich versuchte, mir die Atempause zunutze zu machen.</p><p>Ich a� alles, was Ina mir anbot, und von Zeit zu Zeit lief ich im Zimmer hin und her, um ein wenig Energie in meine d�rren Beine zu leiten. H�tte ich mich kr�ftiger gef�hlt, w�re mir diese Betonschachtel (in der medizinischer Bedarf aufbewahrt worden war, bevor Ina sich ein an die Klinik angrenzendes alarmgesichertes Lager hatte bauen lassen) vielleicht wie eine Gef�ngniszelle vorgekommen, unter den gegebenen Umst�nden war sie sogar beinahe gem�tlich. Ich stapelte unsere Hartschalenkoffer in eine Ecke und verwendete sie, auf einer Schilfmatte sitzend, als eine Art Schreibtisch. Das hohe Fenster lie� ein bisschen Sonnenlicht ins Zimmer str�men.</p><p>Und es lie� auch einen einheimischen Schuljungen ins Zimmer blicken, dessen Augen ich bereits zweimal auf mich gerichtet gesehen hatte. Als ich Ina davon berichtete, nickte sie, verschwand kurz und kehrte wenig sp�ter mit dem Jungen im Schlepptau zur�ck. �Das ist En�, sagte sie und warf ihn mir, durch den Vorhang hindurch, praktisch in die Arme. �En ist zehn Jahre alt. Er ist sehr gescheit. Er m�chte einmal Arzt werden. Au�erdem ist er der Sohn meines Neffen. Ungl�cklicherweise ist er mit gro�er Neugier geschlagen, was manchmal zu Lasten der Vernunft geht. Er ist auf die M�lltonne geklettert, um zu sehen, was ich in meinem Hinterzimmer versteckt habe. Unverzeihlich. Entschuldige dich bei meinem Gast, En.�</p><p>En lie� den Kopf so tief h�ngen, dass ich Sorge hatte, seine riesige Brille w�rde ihm von der Nase rutschen. Er murmelte etwas vor sich hin.</p><p>�Auf Englisch�, sagte Ina.</p><p>�Sorry!�</p><p>�Nicht sehr elegant, aber inhaltlich korrekt. Vielleicht kann En etwas f�r Sie tun, Pak Tyler, um sein schlechtes Benehmen wieder gutzumachen?�</p><p>En war offensichtlich in der Bredouille. Ich versuchte, ihn daraus zu befreien. �Au�er meine Privatsph�re zu achten, w�sste ich nichts.�</p><p>�Ganz bestimmt wird er Ihre Privatsph�re von nun an respektieren�� <emphasis>nicht wahr, </emphasis>En?� En wand sich und nickte. �Au�erdem habe ich eine Aufgabe f�r ihn. En kommt fast jeden Tag zur Klinik. Wenn ich nicht zu besch�ftigt bin, zeige ich ihm ein paar Sachen. Das Schaubild der menschlichen Anatomie. Das Lackmuspapier, das im Essig seine Farbe ver�ndert. En behauptet, dankbar zu sein f�r solche Gef�lligkeiten.� Ens Nicken bekam einen beinahe spastischen Charakter. �Als Gegenleistung�� und als eine Art Wiedergutmachung f�r seine grobe Missachtung der <emphasis>Budi</emphasis>-Gebote�� wird En ab sofort als Beobachtungsposten f�r die Klinik dienen. En, wei�t du, was das bedeutet?�</p><p>En h�rte auf zu nicken und blickte argw�hnisch drein.</p><p>�Es bedeutet, dass deine Wachsamkeit und Neugier von nun an einem guten Zwecke dienen werden. Falls irgendjemand ins Dorf kommt und sich nach der Klinik erkundigt�� jemand aus der Stadt, meine ich, vor allem, wenn er wie ein Polizist aussieht oder sich so benimmt��, wirst du <emphasis>sofort </emphasis>hergelaufen kommen und mir Bescheid sagen.�</p><p>�Auch wenn ich gerade in der Schule bin?�</p><p>�Ich bezweifle, dass die New Reformasi euch in der Schule bel�stigen werden. Wenn du in der Schule bist, konzentrier dich auf den Unterricht. Ansonsten, auf der Stra�e, an einem <emphasis>Warung, </emphasis>wo auch immer, sobald du etwas siehst oder mith�rst, was mich oder die Klinik oder Pak Tyler�� von dem du <emphasis>nicht </emphasis>sprechen darfst�� betrifft, kommst du sofort hierher. Hast du verstanden?�</p><p>�Ja�, erwiderte En und murmelte noch etwas, das ich nicht verstand.</p><p>�Nein�, sagte Ina schnell, �Zahlungen sind damit nicht verbunden. Was f�r eine besch�mende Frage! Allerdings, falls ich zufrieden bin, k�nnten gewisse Verg�nstigungen folgen. Im Augenblick bin ich ganz und gar nicht zufrieden.�</p><p>En sauste davon, und sein �bergro�es wei�es T-Shirt flatterte hinter ihm her.</p><empty-line/><p>In der Dunkelheit einer regnerischen Nacht wusch mich Ibu Ina, rieb und sp�lte einen Sumpf abgestorbener Haut von meinem K�rper.</p><p>�Erz�hlen Sie mir etwas von ihnen, an das Sie sich erinnern. Erz�hlen Sie mir, wie es war, zusammen mit Diane und Jason Lawton aufzuwachsen.�</p><p>Ich dachte dar�ber nach. Oder besser gesagt, ich tauchte in den tr�ben Teich der Erinnerung, um dort etwas Geeignetes f�r sie zu finden, etwas, das nicht nur wahr, sondern auch irgendwie bezeichnend war. Ich bekam nicht genau das zu fassen, was ich wollte, aber es trieb doch etwas an die Oberfl�che: ein sternenheller Himmel, ein Baum. Der Baum war eine Silberpappel, dunkel und geheimnisvoll. �Einmal sind wir zelten gefahren�, sagte ich. �Das war vor dem Spin, aber nicht lange.�</p><p>Es war angenehm, die tote Haut absp�len zu lassen, jedenfalls zuerst, denn die freigelegte neue Haut war extrem empfindlich. Die erste Ber�hrung des Schwamms war lindernd, die zweite f�hlte sich an wie Jod auf einer feinen Fleischwunde. Ina war sich dessen bewusst.</p><p>�Sie drei? Waren Sie nicht noch ein bisschen jung daf�r, ein Zeltausflug, ich meine, nach den Gepflogenheiten dort, wo Sie herkommen? Oder sind Sie mit Ihren Eltern gefahren?�</p><p>�Nein. E. D. und Carol sind einmal im Jahr in die Ferien gefahren, zu den einschl�gigen Urlaubsorten oder auf einem Kreuzschiff, vorzugsweise ohne Kinder.�</p><p>�Und Ihre Mutter?�</p><p>�Ist lieber zu Hause geblieben. Es war ein Ehepaar aus der gleichen Stra�e, das uns in die Adirondacks mitgenommen hat, zusammen mit ihren eigenen zwei S�hnen, Teenager, die nichts mit uns zu tun haben wollten.�</p><p>�Warum haben sie dann� oh, ich vermute, der Vater wollte sich bei E. D. Lawton einschmeicheln? Vielleicht, um ihn selbst um einen Gefallen bitten zu k�nnen?�</p><p>�So ungef�hr. Ich habe nicht nachgefragt. Genauso wenig wie Jason. Diane mag es gewusst haben�� sie hat auf solche Sachen geachtet.�</p><p>�Ist auch nicht so wichtig. Sie sind zu einem Zeltplatz in den Bergen gefahren? Jetzt mal auf die Seite drehen, bitte.�</p><p>�Einer von diesen Campingpl�tzen mit angeschlossenem Parkplatz. Nicht gerade unber�hrte Natur. Aber es war ein Wochenende im September und wir hatten das Gel�nde fast f�r uns. Wir haben die Zelte aufgebaut und ein Feuer angemacht. Die Erwachsenen��Jetzt fiel mir auch ihr Name wieder ein. �Die Fitches haben Lieder gesungen, und wir mussten beim Refrain mitsingen. Offenbar hatten sie sch�ne Erinnerungen an die Sommerlager ihrer Jugend. Im Grunde war es ziemlich deprimierend. Die Fitch-S�hne fanden es total schrecklich und haben sich die ganze Zeit mit Kopfh�rern in ihrem Zelt versteckt. Die Eltern haben dann irgendwann aufgegeben und sind zu Bett gegangen.�</p><p>�Und haben euch drei beim Lagerfeuer zur�ckgelassen. War es eine klare Nacht oder eine regnerische, wie heute?�</p><p>�Eine klare Fr�hherbstnacht.� Ganz bestimmt nicht wie die jetzige, mit ihrem Froschgequake und dem aufs d�nne Dach h�mmernden Regen. �Kein Mond, aber eine Menge Sterne. Nicht warm, aber auch nicht richtig kalt, obwohl wir ein ganzes St�ck weit oben in den Bergen waren. Windig. So windig, dass man der Unterhaltung der B�ume lauschen konnte.�</p><p>Ina l�chelte. �Die Unterhaltung der B�ume? Ja, ich wei�, wie das klingt. Und jetzt auf die linke Seite, bitte.�</p><p>�Der Ausflug war langweilig gewesen, aber jetzt, wo wir drei unter uns waren, wurde es besser. Jason holte eine Taschenlampe und wir gingen ein bisschen vom Feuer weg, zu einer Lichtung in einem Pappelhain, weg von den Autos und Zelten und Leuten, eine Stelle, wo der H�gel nach Westen hin abfiel. Jason zeigte uns, wie das Zodiakallicht am Himmel aufstieg.�</p><p>�Was ist das Zodiakallicht?�</p><p>�Sonnenlicht, das von Eispartikeln im Asteroideng�rtel reflektiert wird. In sehr klaren, dunklen N�chten kann man es manchmal sehen.� Beziehungsweise konnte man, vor dem Spin. Gab es das Zodiakallicht immer noch, oder hatte der solare Druck das Eis weggefegt? �Es kam vom Horizont herauf wie Atem im Winter, weit entfernt, ganz zart und fein. Diane war fasziniert. Sie h�rte zu, wie Jason es uns erkl�rte, und damals haben Jasons Erkl�rungen sie noch fasziniert�� sie war dem noch nicht entwachsen. Sie liebte seine Intelligenz, liebte ihn <emphasis>f�r </emphasis>seine Intelligenz��</p><p>�Genau wie Jasons Vater vielleicht? Auf den Bauch jetzt bitte.�</p><p>�Aber nicht auf diese besitzergreifende Weise. Es war das reine kuller�ugige Entz�cken.�</p><p>�Entschuldigung, kuller�ugig?�</p><p>�Gro�e Augen machen. Jedenfalls, dann wurde der Wind st�rker und Jason richtete die Taschenlampe auf die Pappeln, damit Diane sehen konnte, wie die Zweige sich bewegten.� Und damit kehrte eine sehr lebendige Erinnerung an die junge Diane zur�ck: in einem Pullover, der mindestens eine Gr��e zu gro� war, die H�nde in Strickwolle vergraben, die Arme umeinander geschlungen, das Gesicht nach oben gerichtet und in den Augen die Spiegelung des Lichtkegels. �Er zeigte ihr, wie die gro�en �ste sozusagen in Zeitlupe schaukelten, w�hrend die Bewegung der Zweige viel schneller war. Das lag daran, dass jeder Ast und jeder Zweig eine Resonanzfrequenz besa�, wie Jason es nannte. Und diese Resonanzfrequenzen k�nne man sich als musikalische Noten vorstellen�� die Bewegung des Baums im Wind sei eigentlich eine Musik, die das menschliche Ohr nur nicht wahrnehmen k�nne, der Baumstamm gebe den Bass vor, die �ste s�ngen die Tenorlinien und die Zweige spielten die Piccolofl�te. Oder man k�nne sie, sagte er, als reine Zahlen begreifen, jede einzelne Resonanz, vom Wind selbst bis zum Zittern eines Blattes, eine Berechnung innerhalb einer Berechnung innerhalb einer weiteren Berechnung.�</p><p>�Sie beschreiben das sehr sch�n.�</p><p>�Nicht halb so sch�n, wie Jason es beschrieben hat. Es war, als sei er in die Welt verliebt, jedenfalls in ihre Strukturen. Die Musik in ihr. Aua!�</p><p>�Entschuldigung. Und Diane war in Jason verliebt?�</p><p>�Verliebt darin, seine Schwester zu sein. Stolz auf ihn.�</p><p>�Und waren Sie darin verliebt, sein Freund zu sein?�</p><p>�Vermutlich.�</p><p>�Und verliebt in Diane.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und sie in Sie.�</p><p>�Vielleicht. Ich habe es gehofft.�</p><p>�Was, wenn ich fragen darf, ist dann schief gelaufen?�</p><p>�Wie kommen Sie darauf, dass irgendetwas schief gelaufen sei?�</p><p>�Sie sind offensichtlich noch immer verliebt. Sie beide, meine ich. Aber nicht so wie ein Mann und eine Frau, die seit vielen Jahren zusammen sind. Etwas muss Ihrem Zusammensein im Weg gewesen sein� Entschuldigen Sie, ich bin ganz furchtbar aufdringlich.�</p><p>Ja, etwas war uns im Weg gewesen. Vieles. Am augenf�lligsten, nehme ich an, der Spin. Er hatte ihr so viel Angst gemacht, aus Gr�nden, die ich nie richtig begriffen hatte; als sei der Spin eine Herausforderung und eine Absage an alles, was ihr Sicherheit gab. Was gab ihr Sicherheit? Der ordentliche Gang des Lebens: Freunde, Familie, Arbeit�� eine Art fundamentaler <emphasis>Verst�ndigkeit </emphasis>in der Einrichtung der Welt, die im Gro�en Haus von E. D. und Carol Lawton bereits ziemlich prek�r gewirkt haben muss, mehr ersehnt als wirklich gegeben.</p><p>Das Gro�e Haus hatte sie betrogen, und schlie�lich hatte sogar Jason sie betrogen. Immer noch pr�sentierte er ihr wissenschaftliche Ideen wie ein ausgefallenes Geschenk, aber was fr�her zu ihrer Beruhigung beigetragen hatte�� die behaglichen Durakkorde Newtons und Euklids��, wurde nun immer fremder und befremdlicher: die Planck-L�nge (unterhalb derer sich die Dinge nicht mehr verhielten wie <emphasis>Dinge); </emphasis>schwarze L�cher, von ihrer eigenen unergr�ndbaren Dichte in eine Sph�re jenseits von Ursache und Wirkung gebannt; ein Universum, das sich nicht nur immer weiter ausdehnte, sondern auch beschleunigte, seinem eigenen Verfall entgegen. Wenn sie ihre Hand auf das Fell ihres Hundes lege, so erz�hlte sie mir einmal, als St. Augustine noch lebte, dann wolle sie seine W�rme und Lebendigkeit sp�ren�� nicht seine Herzschl�ge z�hlen oder sich die riesigen Zwischenr�ume zwischen den Atomkernen und den Elektronen vergegenw�rtigen, die sein k�rperliches Dasein begr�ndeten. St. Dog sollte er selbst und ein Ganzes sein, nicht die Summe seiner furchterregenden Teile, nicht ein fl�chtiges evolution�res Epiph�nomen im Leben eines sterbenden Sterns. In ihrem Leben gebe es wenig genug Liebe und Zuneigung, daher m�sse jedes bisschen davon gutgeschrieben und im Himmel eingelagert werden, als Vorrat f�r den Winter des Universums.</p><p>Als dann der Spin kam, muss er ihr wie eine monstr�se Best�tigung f�r Jasons Weltbild erschienen sein�� um so mehr, als er sich so obsessiv damit besch�ftigte. Offensichtlich gab es intelligentes Leben in anderen Teilen der Galaxis, und es hatte, ebenso offensichtlich, keinerlei �hnlichkeit mit dem unseren. Es war stark und m�chtig, erschreckend geduldig und absolut gleichg�ltig gegen den Schrecken, den es der Welt eingejagt hatte. Wenn man sich die Hypothetischen vorstellen wollte, konnte man sich vielleicht hyperintelligente Roboter oder undurchschaubare Energiewesen ausmalen, niemals aber die Ber�hrung einer Hand, einen Kuss, ein warmes Bett oder ein tr�stendes Wort.</p><p>Also hatte sie den Spin auf eine zutiefst pers�nliche Weise gehasst, und ich glaube, es war dieser Hass, der sie Simon Townsend und der NK-Bewegung in die Arme getrieben hatte. In der NK-Theologie wurde der Spin zu einem zwar heiligen, aber auch untergeordneten Ereignis erkl�rt: gro�, aber nicht so gro� wie der Gott Abrahams; schockierend, aber nicht so schockierend wie ein gekreuzigter Erl�ser, wie eine leere Grabkammer.</p><p>Ich erz�hlte Ina einiges davon. Sie sagte: �Ich bin nat�rlich keine Christin. Ich bin nicht einmal muslimisch genug, um die �rtlichen Beh�rden zufriedenzustellen. Vom westlichen Atheismus korrumpiert, das bin ich. Aber sogar im Islam gab es solche Bewegungen. Leute, die irgendwas �ber Imam Mehdi und Ad-Dajjal dahergeplappert haben, �ber Gog und Magog, die den See von Galil�a leer trinken. Weil sie dachten, damit k�nnten sie die Welt besser erkl�ren. So. Ich bin fertig.� Sie hatte meine Fu�sohlen abgerieben. �Haben Sie diese Dinge von Diane schon immer gewusst?�</p><p>In welchem Sinne gewusst? Gef�hlt, vermutet, geahnt, aber <emphasis>gewusst�� </emphasis>nein, das konnte ich nicht behaupten.</p><p>�Dann ist es vielleicht so, dass die marsianische Substanz Ihre Erwartungen erf�llt�, sagte Ina, als sie mit ihrem verchromten Topf voll warmem Wasser und ihren verschiedenen Schw�mmen wider ging. Dar�ber konnte ich dann im Dunkel der Nacht noch ein bisschen nachdenken.</p><empty-line/><p>Es gab drei T�ren, durch die man Inas Klinik betreten oder verlassen konnte. Einmal, als ihr letzter angemeldeter Patient mit einem geschienten Finger gegangen war, f�hrte sie mich durch das Haus.</p><p>�Dies ist das, was ich im Laufe meines Lebens aufgebaut habe�, sagte sie. �Wenig genug, m�gen Sie denken. Aber die Menschen hier im Dorf brauchten etwas, das n�her ist als das Krankenhaus in Padang�� eine betr�chtliche Entfernung, vor allem, wenn man mit dem Bus fahren muss oder die Stra�en nicht verl�sslich sind.�</p><p>Eine T�r war die Eingangst�r, durch die ihre Patienten kamen und gingen.</p><p>Eine T�r war die Hintert�r, metallverst�rkt und stabil. Ina parkte ihr kleines Solarzellenauto auf dem festgetretenen Platz hinter der Klinik, und sie benutzte diese T�r, wenn sie morgens kam, und schloss sie wieder ab, wenn sie abends das Haus verlie�. Die T�r befand sich gleich neben dem Zimmer, in dem ich lag, und ich war inzwischen so weit, dass ich das Ger�usch ihres Schl�ssels im Schloss erkannte, kurz nachdem, einen halben Kilometer entfernt, der erste Gebetsruf von der Dorfmoschee erklungen war.</p><p>Die dritte T�r war eine Seitent�r, von einem kleinen Flur abgehend, der au�erdem die Toilette und einige Vorratsschr�nke beherbergte. Hier nahm Ina Lieferungen entgegen, und es war auch die T�r, durch die En kam und ging.</p><p>En war genau so, wie Ina ihn beschrieben hatte: sch�chtern, aber intelligent, klug genug jedenfalls, den medizinischen Grad zu erwerben, auf den er seine Hoffnungen gesetzt hatte. Seine Eltern waren nicht reich, sagte Ina, aber falls er ein Stipendium erringen konnte, das Vorstudium an der neuen Universit�t in Padang absolvierte, sich dort auszeichnete, eine Finanzierungsm�glichkeit f�r das Hauptstudium fand�� �dann, wer wei�? Vielleicht hat das Dorf dann noch einen Arzt. So habe ich es jedenfalls damals gemacht.�</p><p>�Sie glauben, er w�rde zur�ckkommen und hier praktizieren?�</p><p>�K�nnte durchaus sein. Wir gehen weg, wir kommen wieder.� Sie zuckte mit den Achseln, als sei das der nat�rliche Lauf der Dinge. Und f�r die Minang war es das auch: <emphasis>Rantau, </emphasis>die Tradition, junge M�nner in die Fremde zu schicken, geh�rte zum System des <emphasis>Adat, </emphasis>Brauch und Verpflichtung. <emphasis>Adat, </emphasis>wie auch der konservative Islam, hatte in den letzten drei�ig Jahren unter dem Einfluss der Modernisierung gewisse Aufl�sungserscheinungen gezeigt, pulsierte aber noch wie ein Herz unter der Oberfl�che des Minang-Lebens.</p><p>En war eingesch�rft worden, mich nicht zu bel�stigen, doch allm�hlich verlor er seine Scheu vor mir. Mit Inas ausdr�cklicher Erlaubnis konnte er, wenn ich gerade keinen Fieberanfall hatte, seinen englischen Wortschatz verfeinern, indem er mir Lebensmittel brachte und sie f�r mich benannte: <emphasis>silomak, </emphasis>klebriger Reis; <emphasis>singgam ayam, </emphasis>Curryh�hnchen. Wenn ich �Danke� sagte, rief En �Bitte sehr!� und grinste, wobei er seine strahlend wei�en, aber krumm und schief stehenden Z�hne zeigte (Ina versuchte seine Eltern davon zu �berzeugen, dass er eine Zahnklammer brauchte).</p><p>Ina selbst teilte sich mit Verwandten im Dorf ein kleines Haus; allerdings hatte sie in letzter Zeit in einem der Sprechzimmer der Klinik geschlafen, das auch nicht gem�tlicher gewesen sein d�rfte als meine tr�be Zelle. Doch manchmal zwangen famili�re Verpflichtungen sie, �ber Nacht nach Hause zu gehen. In diesem Fall �berpr�fte sie meine Temperatur und meinen allgemeinen Zustand, versorgte mich mit Essen und Wasser und lie� mir f�r Notf�lle einen Pager da. Und dann war ich allein, bis am n�chsten Morgen ihr Schl�ssel wieder im T�rschloss klapperte.</p><p>Eines Nachts jedoch erwachte ich aus einem wilden, labyrinthischen Traum, aufgeschreckt durch das R�tteln der Seitent�r, an deren T�rknopf jemand vergeblich drehte, um sie zu �ffnen. Nicht Ina. Falsche T�r. Falsche Tageszeit. Nach meiner Uhr war es Mitternacht, erst der Anfang der tiefsten Nacht; einige wenige Dorfbewohner w�rden noch bei dem einen oder anderen <emphasis>warung </emphasis>herumh�ngen, Autos auf der Hauptstra�e fahren, Lastwagen versuchen, bis zum Morgen irgendeine ferne <emphasis>desa </emphasis>zu erreichen. Vielleicht war es ein Patient, der sie noch anzutreffen hoffte. Vielleicht auch ein S�chtiger auf der Suche nach Drogen.</p><p>Das Drehen am Knopf h�rte auf.</p><p>Leise erhob ich mich, streifte Jeans und ein T-Shirt �ber. Die Klinik war dunkel, meine Zelle war dunkel, das einzige Licht lieferte der Mond durchs hohe Fenster� das pl�tzlich verdunkelt war.</p><p>Ich blickte auf und sah die Silhouette von Ens Kopf, der vor dem Fenster schwebte wie ein neuer Planet. �Pak Tyler�, fl�sterte er.</p><p>�En! Du hast mich ganz sch�n erschreckt.� Tats�chlich waren mir vor Schreck sogar die Beine weich geworden�� ich musste mich gegen die Wand lehnen, um nicht umzufallen.</p><p>�Lassen Sie mich rein!�</p><p>Also tappte ich barfu� los und entriegelte die Seitent�r. Die hereinrauschende Brise war warm und feucht. En rauschte hinterher. �Ich muss mit Ibu Ina sprechen!�</p><p>�Sie ist nicht da. Was ist los, En?�</p><p>Er war �u�erst beunruhigt. Er stie� seine Brille �ber den Nasenh�cker nach oben. �Aber ich muss mit ihr sprechen!�</p><p>�Sie ist heute �ber Nacht zu Hause. Du wei�t, wo sie wohnt?�</p><p>Er nickte ungl�cklich. �Aber sie sagte, ich soll <emphasis>hierher </emphasis>kommen und ihr Bescheid sagen.�</p><p>�Was? Ich meine, wann hat sie das gesagt?�</p><p>�Wenn ein Fremder nach der Klinik fragt, soll ich herkommen und ihr Bescheid sagen.�</p><p>�Aber sie ist nicht�� Jetzt erst durchstie� die Bedeutung seiner Worte den Nebel des beginnenden Fiebers. �En, ist jemand in der Stadt, der sich nach Ibu Ina erkundigt?�</p><p>St�ck f�r St�ck entlockte ich ihm die Geschichte. En wohnte mit seiner Familie in einem Haus hinter einem <emphasis>warung </emphasis>(eine Art Imbissstand) mitten im Dorf, nur drei H�user vom B�ro des B�rgermeisters, dem <emphasis>kepala desa, </emphasis>entfernt. Wenn En nachts wach lag, konnte er von seinem Zimmer aus die Unterhaltung der Kunden am <emphasis>warung </emphasis>h�ren. Auf diese Weise hatte er sich einen enzyklop�dischen, wenn auch kaum begriffenen Vorrat an Dorfklatsch angeeignet. Nach Einbruch der Dunkelheit waren es haupts�chlich die M�nner, die noch drau�en sa�en, redeten und Kaffee tranken, Ens Vater, die Onkel und Nachbarn. Aber heute waren zwei Fremde in einem schnittigen schwarzen Auto angekommen, hatten sich, k�hn wie Wasserb�ffel, den Lichtern des <emphasis>warung </emphasis>gen�hert und, ohne sich vorzustellen, gefragt, wo die hiesige Klinik zu finden sei. Keiner der beiden war krank. Sie trugen Stadtkleidung, benahmen sich unh�flich und verhielten sich wie Polizisten, daher war die Wegbeschreibung, die sie von Ens Vater erhielten, vage und irref�hrend, sodass sie erst einmal genau in die falsche Richtung fahren w�rden.</p><p>Aber sie suchten nach Inas Klinik und w�rden sie zwangsl�ufig irgendwann finden; in einem Dorf dieser Gr��e konnte die Irref�hrung bestenfalls einen Aufschub bewirken. Also hatte En sich schnell angezogen, war ungesehen aus dem Haus geflitzt und, wie angewiesen, hierher gekommen, um die Abmachung mit Ibu Ina zu erf�llen und sie vor der Gefahr zu warnen.</p><p>�Sehr gut�, versicherte ich ihm. �Gute Arbeit, En. Jetzt musst du aber zu ihr nach Hause laufen und ihr alles erz�hlen.� Und unterdessen w�rde ich meine Sachen zusammenpacken und die Klinik verlassen. Mich in den benachbarten Reisfeldern verstecken, bis die Polizisten wieder verschwunden waren. Ich war kr�ftig genug, um das zu schaffen. Wahrscheinlich.</p><p>Aber En verschr�nkte die Arme und wich vor mir zur�ck. �Sie hat gesagt, ich soll <emphasis>hier </emphasis>auf sie warten.�</p><p>�Okay. Aber vor morgen Fr�h kommt sie nicht zur�ck.�</p><p>�Meistens schl�ft sie hier.� Er reckte den Kopf und versuchte an mir vorbei durch den dunklen Flur zu sp�hen, als k�nne sie jeden Moment aus dem Sprechzimmer kommen.</p><p>�Ja, aber nicht heute. Ehrlich. En, die Sache k�nnte gef�hrlich werden. Diese Leute sind m�glicherweise Feinde von Ibu Ina, verstehst du?�</p><p>Aber eine blinde Starrk�pfigkeit hatte von ihm Besitz ergriffen. So freundlich wir zuletzt miteinander umgegangen waren, traute En mir doch noch immer nicht �ber den Weg. Einen Moment zitterte er vor sich hin, die Augen weit aufgerissen wie ein Lemur, dann schoss er an mir vorbei, lief den mondbeschienenen Flur hinunter und rief: �Ina! Ina!�</p><p>Ich jagte hinter ihm her, machte dabei verschiedene Lampen an.</p><p>Und versuchte gleichzeitig, ein paar zusammenh�ngende Gedanken zu fassen. Die unfreundlichen M�nner, die nach der Klinik suchten, konnten New Reformasi aus Padang sein, oder auch �rtliche Polizei, oder aber sie arbeiteten f�r Interpol oder das US-Au�enministerium oder irgendeine andere Einrichtung, die die Regierung Chaykin wie einen Hammer zu schwingen wusste.</p><p>Und falls sie nach mir suchten�� bedeutete das, dass sie Jala, Inas Ex-Mann, gefunden und verh�rt hatten? Bedeutete es, dass sie Diane bereits verhaftet hatten?</p><p>En st�rzte in ein dunkles Sprechzimmer. Seine Stirn kollidierte mit den Haltern eines Untersuchungstisches, er prallte zur�ck und setzte sich auf den Hintern. Als ich bei ihm ankam, weinte er lautlos, v�llig verunsichert. Der Striemen �ber seiner linken Augenbraue sah w�st aus, aber nicht gef�hrlich.</p><p>Ich legte meine H�nde auf seine Schultern. �En, sie ist nicht hier. Wirklich wahr. Sie ist wirklich, ehrlich nicht hier. Und sie m�chte unter Garantie nicht, dass du hier im Dunkeln sitzt und wartest, w�hrend irgendetwas Schlimmes passiert. Das w�rde sie wirklich nicht wollen, oder?�</p><p>�Uhum�, konzedierte En.</p><p>�Also l�ufst du jetzt nach Hause, okay? Du l�ufst nach Hause und bleibst dort. Ich k�mmere mich hier um dieses Problem, und wir beide sehen dann Ibu Ina morgen wieder. Ja?�</p><p>En versuchte, den �ngstlichen Blick gegen einen kritisch abw�genden zu tauschen. �Ich glaube ja�, sagte er.</p><p>Ich half ihm auf die F��e. Und dann ert�nte vor der Klinik das Ger�usch von Autoreifen, die auf dem Kies knirschten.</p><empty-line/><p>Geduckt eilten wir ins Empfangszimmer, wo ich durch die Bambusjalousien sp�hte, w�hrend En hinter mir stand, die kleinen H�nde in mein T-Shirt gekrallt.</p><p>Das Auto lief im Leerlauf. Ich konnte die Marke nicht erkennen, aber es schien relativ neu zu sein, dem tiefblauen Glanz im Mondschein nach zu urteilen. Im Wageninnern leuchtete es kurz auf, vielleicht ein Zigarettenanz�nder. Dann ein viel helleres Licht, eine Stablampe, die aus dem Beifahrerfenster gehalten wurde. Sie strahlte durch die Jalousie hindurch und warf wogende Schatten �ber die Hygieneplakate an der Wand gegen�ber. Wir zogen die K�pfe ein.</p><p>�Pak Tyler�, wimmerte En.</p><p>Ich schloss die Augen und stellte fest, dass es mir schwer fiel, sie wieder zu �ffnen. Hinter meinen Lidern sah ich Windm�hlen und Sternregen. Das Fieber wieder. Ein kleiner Chor von inneren Stimmen wiederholte: <emphasis>Das Fieber wieder, das Fieber wieder� </emphasis>Mir zum Hohn.</p><p>�Pak Tyler!�</p><p>Das war verdammt schlechtes Timing. <emphasis>(Schlechtes Timing, schlechtes Timing�) �</emphasis>Geh zur T�r, En. Zur Seitent�r.�</p><p>�Kommen Sie mit!�</p><p>Ein guter Rat. Ich warf noch einen Blick durchs Fenster. Der Scheinwerfer war ausgegangen. Dann f�hrte ich En den Flur entlang, an den Vorratschr�nken vorbei, zur Seitent�r, die er offengelassen hatte. Die Nacht war tr�gerisch still, tr�gerisch einladend; eine Fl�che festgetretenen Bodens, ein Reisfeld, der Wald, Palmen, schwarz im Mondschein, ihre Kronen sanft hin und her wogend.</p><p>Zwischen uns und dem Auto befand sich das Klinikgeb�ude. �Lauf geradewegs zum Wald�, sagte ich.</p><p>�Ich kenne den Weg.�</p><p>�Halt dich von der Stra�e fern. Versteck dich, wenn n�tig.�</p><p>�Kommen Sie mit mir.�</p><p>�Ich kann nicht�, sagte ich, und das war wortw�rtlich gemeint. In meinem gegenw�rtigen Zustand war die Vorstellung, hinter einem Zehnj�hrigen herzusprinten, v�llig absurd.</p><p>�Aber��</p><p>Ich gab ihm einen kleinen Sto� und sagte, er solle keine Zeit vergeuden.</p><p>Er rannte, ohne zur�ckzublicken, verschwand mit fast erschreckender Geschwindigkeit im Schatten, still, klein, bewundernswert. Ich beneidete ihn. In der darauf folgenden Stille h�rte ich, wie eine Autot�r ge�ffnet, dann wieder geschlossen wurde.</p><p>Der Mond war drei Viertel voll, er wirkte r�tlicher und ferner als fr�her, zeigte ein anderes Gesicht, als ich aus meiner Kindheit in Erinnerung hatte. Kein Mann im Mond mehr, und diese dunkle ovale Narbe auf der Oberfl�che, dieses neue, aber inzwischen schon uralte <emphasis>Mare, </emphasis>war das Ergebnis eines gewaltigen Aufpralls, der vom Pol bis zum �quator Regolith zum Schmelzen gebracht und die sanfte Spiralbewegung des Mondes von der Erde weg abgebremst hatte.</p><p>Hinter mir h�rte ich die Polizisten�� zwei, vermutete ich�� gegen die Eingangst�r h�mmern. In barschem Ton begehrten sie Einlass, r�ttelten am Schloss.</p><p>Ich fasste die M�glichkeit ins Auge, loszurennen. Ich glaubte rennen zu k�nnen�� nicht so flink wie En, aber jedenfalls weit genug. Bis zum Reisfeld etwa. Um mich dort zu verstecken und das Beste zu hoffen.</p><p>Doch dann dachte ich an das Gep�ck im Zimmer. Gep�ck, das nicht nur aus Kleidung bestand, sondern auch aus Notizheften und Disketten, kleinen Digitalspeichern und verr�terischen Fl�schchen mit durchsichtiger Fl�ssigkeit.</p><p>Ich kehrte um. Ins Haus zur�ck. Ich verriegelte die T�r hinter mir. Langsam schlich ich den Gang hinunter, lauschte nach den Ger�uschen der Polizisten. Vielleicht umkreisten sie das Geb�ude, vielleicht versuchten sie es noch mal an der Vordert�r. Das Fieber steigerte sich jedoch ziemlich rapide und ich h�rte alle m�glichen Ger�usche, von denen vermutlich nur die wenigsten nicht halluziniert waren.</p><p>In meinem Zimmer angekommen, bewegte ich mich mit Hilfe des Tastsinns und des Mondscheins. Ich �ffnete einen der beiden Hartschalenkoffer und stopfte einen Stapel handbeschriebener Seiten hinein, machte ihn wieder zu, verschloss ihn, hob ihn an und geriet ins Schwanken. Ich packte den anderen Koffer f�rs Gleichgewicht und stellte fest, dass ich kaum noch laufen konnte.</p><p>Ich stolperte beinahe �ber einen kleinen Plastikgegenstand, den ich als Inas Pager identifizierte. Ich blieb stehen, stellte die Koffer ab, hob den Pager auf und stopfte ihn mir in die Hemdtasche. Dann holte ich einige Male tief Luft und nahm die Koffer wieder auf; r�tselhafterweise schienen sie jetzt sogar noch schwerer zu sein. <emphasis>Du kannst es, du schaffst </emphasis>es, sagte ich mir vor, aber die Worte klangen abgedroschen und wenig �berzeugend, und sie hallten wider, als habe mein Sch�del sich auf die Gr��e einer Kathedrale ausgedehnt.</p><p>Ich h�rte Ger�usche von der Hintert�r, die Ina immer von au�en mit einem Vorh�ngeschloss verriegelte: klirrendes Metall und das �chzen des Riegels, vielleicht ein Brecheisen, zwischen die B�gel des Schlosses gebohrt und herumgedreht. Schon bald, unvermeidlich, w�rde das Schloss nachgeben und die M�nner w�rden ins Geb�ude gelangen.</p><p>Ich wankte zur dritten T�r, Ens T�r, die Seitent�r, entriegelte sie und �ffnete sie vorsichtig, im blinden Vertrauen darauf, dass niemand drau�en stehen w�rde. Es war auch keiner da, beide Eindringlinge (falls es nur zwei waren) standen an der Hintert�r. Sie fl�sterten miteinander, w�hrend sie an dem Schloss zugange waren, trotz der Froschch�re und des Heulens des Windes waren ihre Stimmen schwach zu h�ren.</p><p>Ich war mir nicht sicher, ob ich es bis zum Reisfeld schaffen w�rde, ohne gesehen zu werden. Schlimmer noch, ich war mir nicht sicher, ob ich es schaffen w�rde, ohne hinzufallen.</p><p>Doch dann gab es einen lauten Knall�� offensichtlich hatte sich das Schloss von der T�r verabschiedet. Der Startschuss, dachte ich. Du kannst das, dachte ich. Ich schnappte mir mein Gep�ck und schwankte barfu� hinaus in die sternenklare Nacht.</p></section><section><title><p>Gastfreundschaft</p></title><p>�Hast du das gesehen?�</p><p>Molly Seagram deutete, als ich die Ambulanz betrat, auf eine Zeitschrift auf dem Empfangstisch. Ihr Gesichtsausdruck sagte: schlechtes Juju, b�se Vorzeichen. Ein monatlich erscheinendes Nachrichtenmagazin, auf dem Titel ein Bild von Jason. �berschrift: DIE SEHR PRIVATE PERS�NLICHKEIT HINTER DEM �FFENTLICHEN GESICHT DES PERIHELION-PROJEKTS. �Nichts Gutes, wenn ich dich recht verstehe?� Sie zuckte mit den Achseln. �Nicht unbedingt schmeichelhaft. Lies selbst. Wir k�nnen uns beim Essen dar�ber unterhalten.� Ich hatte bereits versprochen, sie abends zum Essen auszuf�hren. �Oh, und Mrs. Tuckman ist schon bereit und wartet in Box drei.�</p><p>Ich hatte Molly schon oft gebeten, die Wartezimmer nicht als �Boxen� zu bezeichnen, aber es lohnte sich nicht, dar�ber einen Streit anzufangen. Ich schob die Zeitschrift in meine Postablage. Es war ein tr�ger, regnerischer Aprilmorgen, Mrs. Tuckman war meine einzige angemeldete Patientin vor der Mittagspause.</p><p>Sie war die Frau eines bei Perihelion angestellten Ingenieurs und war schon dreimal im letzten Monat bei mir gewesen, sie klagte �ber Angstzust�nde und Ersch�pfung. Die Ursache ihres Problems war nicht schwer zu erahnen: Zwei Jahre waren seit der Umh�llung des Mars vergangen, und es gingen Ger�chte �ber Entlassungen bei Perihelion um. Die finanzielle Situation ihres Mannes war ungewiss, und ihre eigenen Versuche, Arbeit zu finden, waren ergebnislos geblieben. Sie verbrauchte ihr Xanax mit erschreckender Geschwindigkeit und verlangte Nachschub, und zwar dringend.</p><p>�Vielleicht sollten wir ein anderes Medikament ins Auge fassen�, sagte ich.</p><p>�Ich m�chte kein Antidepressivum nehmen, falls Sie das meinen.� Sie war eine kleine Frau, ihr ansonsten angenehmes Gesicht schien in einem habituellen Stirnrunzeln erstarrt. Ihr Blick flackerte unruhig durchs Sprechzimmer, verharrte eine Weile auf dem regennassen Fenster, das auf den S�drasen hinausging. �Im Ernst. Ich hab mal sechs Monate lang Paraloft genommen und bin gar nicht mehr von der Toilette runtergekommen.�</p><p>�Wann war das?�</p><p>�Bevor Sie gekommen sind. Dr. Koenig hatte es verschrieben. Da war nat�rlich noch alles anders, ich habe Carl kaum gesehen, so viel musste er arbeiten. Aber wenigstens sah es damals nach einer guten, festen Anstellung aus, nach etwas Dauerhaftem. Ich h�tte wahrscheinlich dankbar sein sollen f�r das, was wir hatten. Ist das nicht in meiner, �h, Krankenakte oder wie das hei�t?�</p><p>Ihre Patientengeschichte lag aufgeschlagen vor mir auf dem Schreibtisch. Dr. Koenigs Aufzeichnungen waren oft schwer zu entziffern, aber immerhin hatte er einen roten Stift benutzt, um wichtige Sachverhalte hervorzuheben: Allergien, chronische Befindlichkeiten. Die Eintr�ge in Mrs. Tuckmans Akte waren kurz und b�ndig und eher kleinlich. Hier sah ich eine Notiz �ber Paraloft, abgesetzt (Datum nicht zu entziffern) auf Wunsch der Patientin, �Patientin klagt weiterhin �ber Nervosit�t, Zukunfts�ngste�. Zukunfts�ngste�� hatten wir die nicht alle?</p><p>�Jetzt k�nnen wir nicht mal mehr auf Carls Job z�hlen. Mein Herz hat so geklopft letzte Nacht�� ich meine, so schnell, <emphasis>ungew�hnlich </emphasis>schnell. Ich dachte, es w�re vielleicht, na ja, Sie wissen schon.�</p><p>�Nein, was?�</p><p>�Na ja. KVES.�</p><p>KVES�� kardiovaskul�res Ersch�pfungssyndrom�� war in den letzten Monaten durch die Nachrichten gegangen. In �gypten und im Sudan hatte es tausende von Todesf�llen gegeben, und zuletzt waren F�lle in Griechenland, Spanien und im S�den der USA gemeldet worden. Es war eine sich langsam entwickelnde bakterielle Infektion, ein potenzielles Problem f�r tropische Drittweltl�nder, aber mit modernen Medikamenten gut behandelbar. Mrs. Tuckman hatte von KVES nichts zu bef�rchten, und das sagte ich ihr.</p><p>�Es hei�t, sie h�tten es �ber uns abgeworfen.�</p><p>�Wer hat was abgeworfen, Mrs. Tuckman?�</p><p>�Diese Krankheit. Die Hypothetischen. Die haben sie �ber uns abgeworfen.�</p><p>�Alles, was ich gelesen habe, spricht daf�r, dass KVES von Rindern �bertragen wurde.� Nach wie vor war es eine Krankheit, von der �berwiegend Huftiere befallen wurden, sie f�hrte regelm��ig zu einer Dezimierung der Viehbest�nde in Nordafrika.</p><p>�Rinder. Hm. Aber sie w�rden einem das nicht unbedingt <emphasis>erz�hlen, </emphasis>nicht wahr? Ich meine, sie w�rden nicht hergehen und es in den Nachrichten verk�nden.�</p><p>�KVES ist eine akute Erkrankung. Falls Sie sich infiziert h�tten, w�rden Sie schon l�ngst im Krankenhaus liegen. Ihr Puls ist normal und Ihr Kardiogramm v�llig in Ordnung.�</p><p>Sie schien nicht �berzeugt. Schlie�lich verschrieb ich ihr ein alternatives Anxiolytikum�� im Grunde haargenau das Gleiche wie Xanax, nur mit einem anderen molekularen Seitenstrang��, in der Hoffnung, dass der neue Markenname, wenn schon nicht das Medikament selbst, etwas N�tzliches bewirken w�rde. Mrs. Tuckman verlie� die Praxis beschwichtigt, sie trug das Rezept in der Hand wie eine heilige Schriftrolle.</p><p>Ich f�hlte mich nutzlos und ein bisschen wie ein Betr�ger.</p><p>Aber mit ihrer Befindlichkeit stand Mrs. Tuckman alles andere als allein: Die ganze Welt schwebte in Angst. Was einst als unsere beste Chance auf �berleben gegolten hatte, n�mlich die Terraformung und Kolonisierung des Mars, war in Ohnmacht und Ungewissheit gem�ndet. Womit uns keine Zukunft mehr blieb als die des Spins. Die globale Wirtschaft war ins Trudeln geraten, denn Konsumenten wie Staaten h�uften Schulden auf in der Erwartung, sie nie begleichen zu m�ssen, w�hrend Kreditgeber Geldmittel horteten und die Zinsen in die H�he schossen. Religi�ser Fanatismus und brutale Kriminalit�t stiegen rasant an, hier ebenso wie im Ausland. Die Folgen waren besonders verheerend in den L�ndern der Dritten Welt, wo der Zusammenbruch der W�hrungen und wiederholte Hungerkatastrophen zur Wiederbelebung lange schlummernder marxististischer und militant islamischer Bewegungen beitrugen.</p><p>Der psychologische Umschwung war nicht schwer zu verstehen. Ebenso die Gewalt. Viele Menschen hegen irgendeinen Groll, aber nur jemandem, der jeden Glauben an die Zukunft verloren hat, traut man zu, dass er eines Tages mit einer Maschinenpistole und einer Abschussliste bei der Arbeit aufkreuzt. Die Hypothetischen hatten, ob willentlich oder nicht, genau diese Art von t�dlicher Verzweiflung ausgel�st. Die potenziellen Amokl�ufer waren Legion, und zu ihren Feinden geh�rten Amerikaner, Briten, Kanadier, D�nen etc., oder, umgekehrt, alle Muslime, Dunkelh�utigen, nicht Englischsprachigen, alle Katholiken, Fundamentalisten, Atheisten, alle Liberalen, alle Konservativen. F�r solche Leute lag das vollkommene Zeugnis moralischer Klarheit in einem Lynchmord oder einem Selbstmordattentat, einer <emphasis>Fatwa </emphasis>oder einem Pogrom. Und sie waren im Aufsteigen begriffen, wie Sterne �ber einer Totenlandschaft.</p><p>Wir lebten in gef�hrlichen Zeiten. Mrs. Tuckman wusste das, und alle Xanax-Best�nde der Welt w�rden sie nicht vom Gegenteil �berzeugen.</p><empty-line/><p>Beim Mittagessen sicherte ich mir einen Tisch im hinteren Bereich der Cafeteria, wo ich bei einer Tasse Kaffee den auf den Parkplatz prasselnden Regen beobachtete und in der Zeitschrift las, auf die mich Molly hingewiesen hatte.</p><empty-line/><cite><p><emphasis>G�be </emphasis>es <emphasis>eine Wissenschaft der Spinologie, </emphasis>begann der Artikel, <emphasis>dann w�re Jason Lawton ihr Newton, ihr Einstein, ihr Stephen Hawking.</emphasis></p></cite><empty-line/><p>Genau das, was E. D. der Presse von jeher in den Mund gelegt hatte und was Jason nur mit Grausen h�rte.</p><empty-line/><cite><p><emphasis>Ob radiologische Untersuchungen oder Durchl�ssigkeitsstudien, ob reine Wissenschaft oder philosophische Debatten, es gibt kaum einen Bereich der Spin-Forschung, den seine Ideen nicht befruchtet und durchdrungen h�tten. Seine Ver�ffentlichungen sind zahlreich und oft zitiert, seine Teilnahme verwandelt verschlafene akademische Konferenzen schlagartig in Medienereignisse. Und als stellvertretender Vorsitzender der Perihelion-Stiftung hat er starken Einfluss auf die amerikanische und weltweite Raumfahrtpolitik in der Spin-�ra genommen.</emphasis></p><p><emphasis>Aber bei allen mit dem Namen Jason Lawton verbundenen unzweifelhaften Erfolgen�� und dem gelegentlichen Hype�� sollte man nicht vergessen, dass Perihelion von seinem Vater gegr�ndet wurde, Edward Dean (E. D.) Lawton, der nach wie vor eine herausragende Stellung im Lenkungsausschuss und als pers�nlicher Berater des Pr�sidenten einnimmt. Und auch das �ffentliche Bild des Sohnes, so behauptet manch einer, ist eine Sch�pfung des ebenso einflussreichen und in der �ffentlichkeit weitaus weniger bekannten �lteren Lawtons.</emphasis></p></cite><empty-line/><p>Im Folgenden lie� sich der Artikel n�her �ber E. D.s Werdegang aus: der gewaltige Erfolg seiner Aerostat-Telekommunikation in der Folge des Spins, seine Quasiadoption durch drei hintereinander folgende Regierungen, die Gr�ndung der Perihelion-Stiftung.</p><empty-line/><cite><p><emphasis>Urspr�nglich als Expertenkommission und Industrielobbygruppe konzipiert, erfand Perihelion sich schlie�lich gewisserma�en neu als eine Regierungsbeh�rde, die spinbezogene Raumfahrtprojekte entwarf und die Arbeit von Dutzenden von Universit�ten, Forschungseinrichtungen und NASA-Zentren koordinierte. Der Niedergang der NASA in ihrer alten Form war gleichbedeutend mit dem Aufstieg Perihelions. Vor zehn Jahren hat man das Verh�ltnis dann formalisiert, und Perihelion wurde, nach einer subtilen Neustrukturierung, der NASA offiziell als beratendes Organ angegliedert. In Wirklichkeit, so die Meinung von Insidern, wurde die NASA an Perihelion angegliedert. Und w�hrend das Junggenie Jason Lawton die Presse in seinen Bann schlug, zog sein Vater weiter ungest�rt die F�den.</emphasis></p></cite><empty-line/><p>Es folgte eine kritische Beleuchtung von E. D.s langj�hriger Beziehung zur Regierung Garland, mit der Andeutung eines m�glichen Skandals: gewisse technische Vorrichtungen seien zum St�ckpreis von mehreren Millionen Dollar von einer kleinen Firma aus Pasadena gefertigt worden, obwohl Ball Aerospace ein kosteng�nstigeres Angebot gemacht habe. Inhaber der beg�nstigten Firma sei einer von E. D.s alten Kumpanen.</p><p>Wir befanden uns gerade mitten in einem Wahlkampf, in dessen Verlauf beide gro�en Parteien radikale Fl�gel ausgegliedert hatten. Garland, ein Reformrepublikaner, dessen Politik von dieser Zeitschrift best�ndig kritisiert wurde, war f�r zwei Amtsperioden gew�hlt worden, und Preston Lomax, Vizepr�sident und designierter Nachfolger, f�hrte in den letzten Umfragen deutlich vor seinem Konkurrenten. Der �Skandal� war in Wirklichkeit keiner: Balls Angebot hatte zwar niedriger gelegen, aber das von ihnen entworfene Produkt war weniger effektiv; die Ingenieure aus Pasadena hatten einfach mehr Instrumente in einem entsprechenden Nutzlastgewicht untergebracht.</p><p>Das sagte ich auch zu Molly beim Abendessen im Champs, anderthalb Kilometer von Perihelion entfernt an derselben Stra�e gelegen. Der Artikel brachte im Grunde nichts Neues, die Unterstellungen waren eher politisch als sachlich motiviert.</p><p>�Spielt es eine Rolle�, fragte Molly, �ob sie Recht haben oder nicht? Das Entscheidende ist doch, wie sie uns behandeln. Pl�tzlich ist es m�glich, dass ein gro�es Presseerzeugnis sich auf Perihelion einschie�t.�</p><p>An anderer Stelle in der gleichen Ausgabe wurde das Mars-Projekt als �die gr��te und sinnloseste Verschwendung aller Zeiten� charakterisiert, �bezahlt nicht nur mit unvorstellbar viel Geld, sondern auch mit Menschenleben, ein Zeugnis der menschlichen F�higkeit, aus einer globalen Katastrophe Profit zu schlagen.�</p><p>Der Autor des Kommentars war Redenschreiber f�r die Christian Conservative Party. �Dieses Schmierblatt geh�rt der CCP, Molly. Das wei� doch jeder.�</p><p>�Die wollen unseren Laden dichtmachen.�</p><p>�Das wird ihnen aber nicht gelingen. Selbst wenn Lomax die Wahl verliert. Selbst wenn sie uns auf Beobachtungsmissionen zur�ckstutzen�� wir sind das einzige Auge, das die Nation auf den Spin werfen kann.�</p><p>�Was nicht bedeutet, dass wir nicht alle gefeuert und ersetzt werden k�nnten.�</p><p>�So dramatisch ist es nicht.�</p><p>Sie schien nicht �berzeugt.</p><p>Ich hatte Molly als Sprechstundenhilfe von Dr. Koenig geerbt. Fast f�nf Jahre lang war sie ein h�flicher, t�chtiger und effizienter Bestandteil des Praxismobiliars gewesen. Unsere Unterhaltung war nicht �ber den �blichen Austausch freundlicher Floskeln hinausgegangen, wobei ich immerhin erfahren hatte, dass sie allein lebte, drei Jahre j�nger war als ich und in einem vom Meer abgewandten Appartement in einem Haus ohne Aufzug wohnte. Da sie auf mich keinen besonders gespr�chigen Eindruck machte, hatte ich angenommen, dass dieses h�flich distanzierte Verh�ltnis in ihrem Sinne war.</p><p>Dann, an einem Donnerstagabend vor knapp einem Monat, hatte Molly, w�hrend sie ihre Sachen zusammenpackte, sich mir pl�tzlich zugewandt und mich gefragt, ob ich mit ihr zu Abend essen wolle. Warum? �Weil ich keine Lust mehr habe zu warten, dass Sie mich mal fragen. Also, ja oder nein?�</p><p>Ja.</p><p>Molly erwies sich als eine kluge, verschmitzte und zu Spott aufgelegte Frau, kurzum, eine angenehmere Gesellschaft, als ich gedacht hatte. Seit drei Wochen a�en wir jetzt zusammen im Champs. Uns gefiel die Speisekarte (unpr�tenzi�s) und die Atmosph�re (kollegial). Ich dachte oft, dass Molly wirklich am allerbesten in dieser Kunststofftischecke im Champs zur Geltung kam, die sie mit ihrer Anwesenheit schm�ckte, ja der sie sogar eine gewisse W�rde verlieh. Ihr blondes Haar war lang und hing etwas schlaff in der hohen Luftfeuchtigkeit des Abends.</p><p>�Hast du die Hintergrundinfo zu dem Artikel gelesen?�, fragte sie.</p><p>��berflogen.� In einem Hintergrundportr�t hatte die Zeitschrift Jasons beruflichen Erfolg einem Privatleben gegen�bergestellt, das sich entweder vollkommen im Verborgenen abspielte oder gar nicht existierte. <emphasis>Bekannte sagen, seine Wohnung sei ebenso karg eingerichtet wie sein Liebesleben. Niemals hat es auch nur Ger�chte gegeben �ber eine Verlobte, Freundin oder sonst eine intime Bekanntschaft, welchen Geschlechts auch immer. Es dr�ngt sich unvermeidlich das Bild eines Mannes auf der mit seinen Ideen nicht nur verheiratet, sondern ihnen auf fast pathologische Weise ergeben ist. Und in vielerlei Hinsicht bleibt Jason Lawton, wie die Perihelion-Stifiung insgesamt, unter dem erdr�ckenden Einfluss seines Vaters�</emphasis></p><p>�Wenigstens dieser Teil klingt korrekt.�</p><p>�Findest du? Zugegeben, Jason kann manchmal ein bisschen selbstbezogen wirken, aber��</p><p>�Er geht durch die Rezeption, als w�rde ich gar nicht existieren. Sicher, das ist trivial, aber es zeugt nicht gerade von gro�er <emphasis>W�rme. </emphasis>Wie l�uft seine Behandlung?�</p><p>�Er ist nicht in Behandlung, Moll.� Sie hatte zwar Jasons Krankenbl�tter gesehen, aber ich hatte dort keine Eintr�ge �ber seine AMS gemacht. �Er kommt, um sich zu unterhalten.�</p><p>�Aha. Und manchmal, wenn er reinkommt, um sich zu unterhalten, humpelt er zum Gotterbarmen. Nein, du brauchst nichts zu sagen. Aber ich bin nicht blind�� nur zu deiner Information. Wie auch immer, er ist gerade in Washington, stimmt�s?�</p><p>H�ufiger dort als in Florida. �Jede Menge Gespr�che zu f�hren. Alle Welt positioniert sich f�r die Zeit nach der Wahl.�</p><p>�Da l�uft also irgendetwas.�</p><p>�Irgendetwas l�uft immer.�</p><p>�Ich meine, mit Perihelion. Die Kollegen von der Technischen Abteilung haben einige Hinweise. Wei�t du, was zum Beispiel seltsam ist? Wir haben gerade noch mal wieder 50 Hektar Fl�che westlich vom Zaun erworben. Das hab ich von Tim Chesley geh�rt, dem Datenverarbeitungstypen in der Personalabteilung. Angeblich kommen n�chste Woche irgendwelche Landvermesser ins Haus.�</p><p>�Wozu?�</p><p>�Wei� keiner. Vielleicht expandieren wir. Oder vielleicht werden wir in eine Mall umgewandelt.�</p><p>Das war das erste Mal, dass ich davon h�rte.</p><p>�Du bist nicht auf dem Laufenden�, sagte Molly l�chelnd. �Du brauchst Kontakte. So wie mich.�</p><empty-line/><p>Nach dem Essen gingen wir zu Molly nach Hause, wo ich die Nacht verbrachte.</p><p>Ich werde hier nicht die Gesten, Blicke und Ber�hrungen beschreiben, mit denen wir unsere Intimit�ten ins Werk setzten. Nicht weil ich pr�de bin, sondern weil ich offenbar keine Erinnerung mehr daran habe. Sie ist der Zeit zum Opfer gefallen, meiner Neuerschaffung. Ja sicher, mir ist die Ironie bewusst, die darin liegt. Ich kann den Artikel zitieren, �ber den wir sprachen, und ich kann Ihnen sagen, was sie im Champs gegessen hat�� aber alles, was vom Sex geblieben ist, ist ein verblasstes Erinnerungsbild: ein abgedunkeltes Zimmer, eine feuchte Brise, in der sich die Vorhangspindeln drehten, und ihre gr�nen Augen vor meinem Gesicht.</p><empty-line/><p>Nach einem Monat war Jason wieder bei Perihelion und fegte durch die G�nge, als habe er sich Infusionen eines bisher unbekannten Aufputschmittels verabreichen lassen.</p><p>Er brachte eine Armee von Sicherheitspersonal mit, ganz in Schwarz gekleidet, niemand wusste genau, wo sie herkamen, man vermutete aber, dass sie das Finanzministerium repr�sentierten. Ihnen folgten wiederum kleine Bataillone von B�rokraten und Landvermessern, die die Flure bev�lkerten und sich weigerten, mit irgendjemandem aus der Belegschaft zu sprechen. Molly gab die umlaufenden Ger�chte an mich weiter: Die Anlage solle dem Erdboden gleichgemacht werden; die Anlage solle erweitert werden; wir sollten alle entlassen werden; wir sollten alle Gehaltserh�hungen bekommen. Kurzum, irgendetwas war im Busch.</p><p>Fast eine Woche lang h�rte ich nichts von Jason. An einem Donnerstagnachmittag dann, als wenig Betrieb herrschte, piepte er mich in meiner Praxis an und bat mich, in den zweiten Stock zu kommen: �Ich m�chte dich mit jemandem bekannt machen.�</p><p>Noch bevor ich das inzwischen schwer bewachte Treppenhaus erreichte, hatte sich mir bereits eine Eskorte bewaffneter W�rter beigesellt, die laut Abzeichen �berall unbeschr�nkten Zugang hatten und mich nach oben zu einem Konferenzzimmer f�hrten. Offenbar also kein beil�ufiges Beisammensein, dies war eine schwerwiegende Perihelion-Angelegenheit, zu der ich gar keinen Zugang h�tte haben d�rfen. Offenbar hatte Jason mal wieder beschlossen, Geheimnisse mit mir zu teilen. Niemals ein ganz unzweifelhaftes Vergn�gen. Ich holte tief Luft und schob mich durch die T�r.</p><p>In dem Raum befanden sich ein Mahagonitisch, ein halbes Dutzend Pl�schsessel und, von mir abgesehen, zwei M�nner.</p><p>Einer der M�nner war Jason.</p><p>Den zweiten Mann h�tte man mit einem Kind verwechseln k�nnen. Ein entsetzlich verbranntes Kind, das dringend eine Hauttransplantation ben�tigte�� das war mein erster Eindruck. Dieses Individuum, etwa eins f�nfundf�nfzig gro�, stand in einer Ecke des Zimmers. Es trug eine blaue Jeans und ein schlichtes wei�es Baumwollshirt. Seine Schultern waren breit, die Augen gro� und blutunterlaufen, und die Arme schienen ein bisschen zu lang f�r den verk�rzten Torso.</p><p>Aber das Auffallendste an ihm war die Haut. Die Haut war ohne Glanz, aschschwarz und vollkommen haarlos. Sie war nicht faltig im herk�mmlichen Sinne�� nicht <emphasis>lose, </emphasis>wie etwa die eines Bluthundes��, sondern extrem strukturiert, runzelig wie die Schale einer Honigmelone.</p><p>Der kleine Mann kam auf mich zu und streckte die Hand aus. Eine kleine faltige Hand am Ende eines langen faltigen Arms. Ich ergriff sie z�gerlich. Mumienfinger, dachte ich. Aber fleischig, dick, wie die Bl�tter einer W�stenpflanze; es war, als w�rde man eine Hand voll Aloe vera dr�cken und diese dr�ckten zur�ck. Das Gesch�pf grinste.</p><p>�Das ist Wun�, sagte Jason.</p><p>�Was ist wund?�</p><p>Wun lachte. Seine Zahne waren gro�, stumpf und makellos. �Ich kann mich immer wieder an diesem k�stlichen Witz erfreuen.�</p><p>Sein voller Name lautete Wun Ngo Wen, und er kam vom Mars.</p><empty-line/><p>Der Mann vom Mars.</p><p>Was eigentlich eine irref�hrende Bezeichnung war. Die Marsianer haben eine lange literarische Geschichte, von H. G. Wells bis Kim Stanley Robinson, aber in Wirklichkeit war der Mars nat�rlich ein toter Planet. Bis wir das �nderten. Bis wir unsere eigenen Marsianer gebaren.</p><p>Und hier stand offenbar ein lebendes Exemplar vor mir. 99,9% menschlich, wenn auch etwas seltsam gestaltet. Eine marsianische <emphasis>Person, </emphasis>Nachkomme�� �ber Jahrtausende einer am Spin h�ngenden Zeit�� der Kolonisten, die wir erst zwei Jahre zuvor auf ihre Mission geschickt hatten. Er sprach ein geradezu penibles Englisch, der Akzent klang halb nach Oxford, halb nach Neu Delhi. Er lief auf und ab. Er nahm eine Flasche Mineralwasser vom Tisch, schraubte den Verschluss ab und trank ausgiebig. Er wischte sich den Mund mit dem Unterarm ab. Kleine Tr�pfchen perlten auf der zerfurchten Haut.</p><p>Ich setzte mich und versuchte ihn nicht anzustarren, w�hrend Jason mir alles erkl�rte.</p><p>Hier folgt, was er sagte, ein bisschen vereinfacht und mit einigen Details angereichert, die ich sp�ter erfuhr.</p><empty-line/><p>Der Marsianer hatte seinen Planeten verlassen, kurz bevor sich die Spinmembran um diesen gelegt hatte.</p><p>Wun Ngo Wen war Historiker und Linguist, relativ jung f�r marsianische Verh�ltnisse�� f�nfundf�nfzig terrestrische Jahre�� und k�rperlich gut in Schuss. Er war Gelehrter von Beruf, leistete zudem zwischen zwei Auftr�gen freiwillige Arbeit f�r landwirtschaftliche Kooperativen und hatte gerade einen Monat am Delta des Kirioloj verbracht, in der Gegend, die wir als das Argyre-Planitia-Einschlagbecken bezeichneten und von den Marsianern die Baryalische Ebene <emphasis>(Epu Baryal) </emphasis>genannt wurde, als der Einsatzbefehl ihn ereilte.</p><p>Wie tausende von anderen M�nnern und Frauen seines Alters und seiner Klasse, hatte Wun seine Zeugnisse den Aussch�ssen �berantwortet, die eine projektierte Reise zur Erde planten und koordinierten, ohne aber im Ernst damit zu rechnen, dass er daf�r ausgew�hlt werden w�rde. Er war eigentlich sogar von Natur aus eher zur�ckhaltend und hatte sich bisher, abgesehen von Dienstreisen und Familientreffen, kaum aus seiner eigenen Pr�fektur herausgewagt. Er war �beraus best�rzt, als sein Name aufgerufen wurde, und w�re er nicht erst k�rzlich in sein Viertes Lebensalter eingetreten, h�tte er sich dem Ansinnen m�glicherweise verweigert. Mit Sicherheit w�ren doch wohl andere f�r diese Aufgabe besser geeignet? Aber nein, offenbar nicht; seine Begabungen und sein Lebensweg entspr�chen den Anforderungen in einzigartiger Weise, versicherten die Beh�rden, und so regelte er seine Angelegenheiten (sofern es etwas zu regeln gab) und bestieg einen Zug zum Startkomplex in Basalt-Trocken (auf unseren Karten: Tharsis), wo er in die Aufgabe eingewiesen wurde, die F�nf Republiken auf einer diplomatischen Mission zur Erde zu repr�sentieren.</p><p>Die marsianische Technologie hatte sich erst seit kurzem dem Projekt der bemannten Raumfahrt zugewandt. In der Vergangenheit hatten die regierenden R�te darin ein ausgesprochen riskantes Abenteuer gesehen, mit dem man nur Gefahr lief, die Aufmerksamkeit der Hypothetischen zu erregen und wichtige Ressourcen zu vergeuden, denn es w�rde einen aufwendigen Produktionsprozess erfordern, der zudem nicht vorgesehene Substanzen in eine akribisch regulierte und sehr empfindliche Biosph�re entlassen w�rde. Die Marsianer waren von Natur aus Konservierende, Hortende. Ihre kleinteilige, biologisch ausgerichtete Technologie war alt und ausgereift, der industrielle Sektor jedoch schmal und durch die unbemannten Forschungsfl�ge zu den winzigen, v�llig nutzlosen Monden des Planeten schon geh�rig strapaziert.</p><p>Aber seit Jahrhunderten hatten sie die spinumh�llte Erde beobachtet und allerlei Spekulationen angestellt. Sie wussten, dass der dunkle Planet die Wiege der Menschheit war, und Teleskop-Bilder sowie die aus einem versp�tet angekommenen NEP-Schiff geborgenen Daten lehrten sie, dass die umgebende Membran durchl�ssig war. Sie begriffen die temporale Natur des Spins, nicht aber die Mechanismen, die ihn erzeugten. Eine Reise vom Mars zur Erde, so ihre �berlegung, w�re zwar physisch m�glich, aber schwierig und unpraktisch. Schlie�lich befand sich die Erde in einem praktisch statischen Zustand; ein in die terrestrische Dunkelheit geworfener Kundschafter w�rde dort f�r Jahrtausende festgehalten, auch wenn er, nach eigener Zeitrechnung, schon am Tag darauf wieder aufbr�che.</p><p>Nun war es aber so, dass aufmerksame Astronomen k�rzlich kastenartige Strukturen entdeckt hatten, die sich in aller Stille hunderte von Kilometern �ber den marsianischen Polen bildeten�� Artefakte der Hypothetischen, nahezu identisch mit denen, die man von der Erde her kannte. Nach einhunderttausend Jahren der Abgeschiedenheit hatte der Mars schlie�lich doch die Aufmerksamkeit der gesichtslosen, omnipotenten Wesen erregt, mit denen er sich das Sonnensystem teilte, und die Schlussfolgerung�� dass der Mars bald eine eigene Spinmembran bekommen w�rde�� war unausweichlich. Starke gesellschaftliche Kr�fte pl�dierten f�r eine Kontaktaufnahme mit der verh�llten Erde. Die knappen Ressourcen wurden auf dieses Ziel hin konzentriert. Ein Raumschiff wurde entworfen und montiert. Und Wun Ngo Wen, ein Gelehrter, der umfassende Kenntnisse von den noch vorhandenen Bruchst�cken der terrestrischen Geschichte und Sprache besa�, wurde verpflichtet, die Reise anzutreten�� zu seinem Kummer.</p><p>Wun Ngo Wen fand sich, w�hrend er seinen K�rper auf die Beengtheit und die Entkr�ftigung der langen Reise durch den Raum und die H�rten der hohen Schwerkraft auf der Erde vorbereitete, mit der Wahrscheinlichkeit des eigenen Todes ab. Er hatte seine Familie fast vollst�ndig beim Kirioloj-Hochwasser vor drei Sommern verloren�� ein Grund, warum er sich �berhaupt als Freiwilliger hatte registrieren lassen, und ein Grund, warum er ausgew�hlt worden war; f�r ihn war das Risiko des Todes leichter zu tragen als f�r die meisten anderen. Trotzdem konnte man nicht behaupten, dass er dem Tod freudig entgegensah, vielmehr hoffte er, ihm ein Schnippchen schlagen zu k�nnen. Er trainierte hart. Er machte sich mit den Feinheiten und Eigenarten seines Schiffes vertraut. Und falls die Hypothetischen den Mars tats�chlich in ihre Arme schlossen�� nicht dass er sich so etwas erhofft h�tte��, bedeutete das, dass sich ihm sogar die Chance auf eine R�ckkehr er�ffnete, und zwar nicht auf einen Planeten, der ihm in Millionen von Jahren fremd geworden war, sondern in sein vertrautes, gegen die Erosion der Zeit konserviertes Zuhause mit allen Erinnerungen und Verlusten.</p><p>Obwohl nat�rlich nicht mit einer R�ckkehr gerechnet wurde. Wuns Schiff war auf eine Einzelfahrt ausgerichtet. Falls er tats�chlich je zum Mars zur�ckkehren sollte, dann nur mit Hilfe der Erdbewohner, die, so glaubte Wun jedenfalls, extrem gro�z�gig w�rden sein m�ssen, um ihn mit einer R�ckfahrkarte auszustatten.</p><p>Und so hatte er seinen, wie zu vermuten stand, letzten Blick auf den Mars�� das windgepeitschte Flachland von Basalt-Trocken, <emphasis>Odos on Epu-Epia�� </emphasis>ordentlich ausgekostet, bevor er in die Flugkammer der vergleichsweise primitiven vielstufigen Eisen-und-Keramik-Rakete eingeschlossen wurde, die ihn ins All hinaustrug.</p><p>Den Gro�teil der Reise verbrachte er in einem Zustand medikament�s herbeigef�hrter Stoffwechseltr�gheit, dennoch war es eine aufreibende Geduldsprobe. Die marsianische Spinmembran wurde in Stellung gebracht, w�hrend er unterwegs war, und so war Wun f�r den Rest des Fluges isoliert, durch die zeitliche Diskontinuit�t von beiden menschlichen Welten abgeschnitten: der vor ihm und der hinter ihm. Der Tod mochte schrecklich sein, aber konnte er sich wesentlich von diesem Ruhiggestelltsein unterscheiden, dieser dr�ckenden Verwahrung in einer winzigen Maschine, die endlos durch ein unmenschliches Vakuum st�rzte?</p><p>Die Stunden geistiger Klarheit nahmen ab. Er suchte Zuflucht in Tagtr�umen und erzwungenem Schlaf.</p><p>Sein Schiff, in vielerlei Hinsicht primitiv, aber mit ausgefeilten und halbintelligenten Steuerungsger�ten ausgestattet, verbrauchte den Gro�teil seiner Treibstoffreserven beim Eintritt in die hohe Umlaufbahn um die Erde. Der Planet unter ihm war ein schwarzes Nichts, sein Mond eine gro�e Scheibe. Mikroskopische Sonden nahmen Proben aus der Erdatmosph�re, generierten rotverschobene Entfernungsmessungen, bevor sie im Spin verschwanden, gerade genug Daten, um einen Eintrittswinkel zu errechnen. Das Schiff war mit einer stattlichen Reihe von aerodynamischen Bremsen und gezielt einsetzbaren Fallschirmen ausger�stet, und mit ein bisschen Gl�ck w�rde es ihn durch die dichte und turbulente Luft zur Oberfl�che des gewaltigen Planeten tragen, ohne dass er ger�stet wurde oder es ihn zerschmetterte. Aber es kam eben sehr viel aufs Gl�ck an. Zu viel, wie Wun fand. Er stieg in ein Fass mit sch�tzendem Gel und leitete den endg�ltigen Abstieg ein, ganz und gar darauf gefasst, zu sterben.</p><p>Als er wieder aufwachte, lag sein nur leicht verkohltes Schiff friedlich in einem Rapsfeld, umgeben von merkw�rdig blassen und glatth�utigen Menschen, einige davon in einem Aufzug, den er als biologische Schutzkleidung identifizierte. Wun Ngo Wen stieg mit klopfendem Herzen aus, die Muskeln bleiern und schmerzend in der furchtbaren Schwerkraft, die Lunge bedr�ngt von der schweren und isolierenden Luft, und wurde in Gewahrsam genommen.</p><p>Den n�chsten Monat verbrachte er in einer Plastikblase in einem Raum des zum Landwirtschaftsministerium geh�renden Zentrums f�r Tierkrankheiten auf Plum Island, vor der K�ste von Long Island, New York, gelegen. W�hrend dieser Zeit lernte er eine Sprache zu sprechen, die er bisher lediglich aus uralten Aufzeichnungen gekannt hatte, gew�hnte seine Lippen und die Zunge an die vielf�ltigen Modulationen der Vokale, verfeinerte sein Vokabular, indem er versuchte, sich grimmigen oder eingesch�chterten Fremdlingen verst�ndlich zu machen. Es war eine schwierige Zeit. Die Erdlinge waren blasse, hoch aufgeschossene Gesch�pfe, nicht ann�hernd das, was er sich beim Entziffern der alten Dokumente vorgestellt hatte. Viele waren bleich wie Geister und erinnerten ihn an die Glutmond-Geschichten, bei denen er sich als Kind so gegruselt hatte: halb rechnete er immer damit, dass einer von ihnen neben seinem Bett auftauchen w�rde wie Huld von Phraya, um seinen Arm oder sein Bein als Tribut zu fordern. Seine Tr�ume waren unruhig und wenig angenehm.</p><p>Gl�cklicherweise war er noch immer im Besitz seiner linguistischen Fertigkeiten, und nach einiger Zeit machte man ihn mit M�nnern und Frauen von Ansehen und Macht bekannt, die ihm weitaus freundlicher begegneten als die Leute, die ihn urspr�nglich aufgegriffen hatten. Wun Ngo Wen pflegte diese n�tzlichen Freundschaften, bem�hte sich, die gesellschaftlichen Gepflogenheiten einer alten, verwirrenden Kultur zu begreifen, und wartete geduldig auf den geeigneten Augenblick, um den Vorschlag zu unterbreiten, den er unter so gro�em pers�nlichem und �ffentlichem Kostenaufwand von einer menschlichen Welt zur anderen getragen hatte.</p><empty-line/><p>�Jason�, sagte ich, als er an diesem Punkt seiner Erz�hlung angelangt war. �Stop. <emphasis>Bitte.</emphasis>�</p><p>Er r�usperte sich. �Hast du eine Frage, Tyler?� �Nein, keine Frage. Es ist nur� so viel zu verarbeiten.� �Aber es ist so weit in Ordnung? Du kannst mir folgen? Ich werde diese Geschichte mehr als einmal erz�hlen. Ich m�chte, dass sie sich fl�ssig anh�rt. Tut sie das?�</p><p>�H�rt sich sehr gut an. Wem willst du sie erz�hlen?� �Allen. Den Medien. Wir gehen an die �ffentlichkeit.� �Ich m�chte kein Geheimnis mehr sein�, sagte Wun Ngo Wen. �Ich bin nicht hergekommen, um mich zu verstecken. Ich habe etwas zu sagen.� Er schraubte eine weitere Mineralwasserflasche auf. �M�chten Sie etwas hiervon, Tyler Dupree? Sie sehen so aus, als k�nnten Sie einen Schluck gebrauchen.�</p><p>Ich nahm ihm die Flasche aus den plumpen, faltigen Fingern und trank ausgiebig. �Sind wir jetzt Wasserbr�der?�, fragte ich dann.</p><p>Wun Ngo Wen blickte verwirrt. Jason lachte laut.</p></section><section><title><p>Vier Fotografien des Kirioloj-Deltas</p></title><p>Es ist schwer, die Verr�cktheit dieser Zeit wiederzugeben.</p><p>An manchen Tagen schien es fast wie eine Befreiung. Jenseits der Illusion des Himmels dehnte sich die Sonne weiter aus, Sterne vergl�hten oder wurden geboren, ein toter Planet war zum Leben erweckt worden und hatte eine Zivilisation hervorgebracht, die unserer eigenen gewachsen, wenn nicht gar �berlegen war. In etwas n�herer Umgebung wurden Regierungen gest�rzt, und die an ihre Stelle traten, wurden ebenfalls zum Teufel gejagt, Religionen, Philosophien und Ideologien verwandelten sich, verschmolzen miteinander und zeugten mutierte Spr�sslinge. Die alte, geordnete Welt zerbr�ckelte, neue Dinge sprossen in den Ruinen. Wir pfl�ckten Liebesgr�n und labten uns an seiner S�ure. Molly Seagram, so meine Vermutung, liebte mich, weil ich verf�gbar war. Und warum auch nicht? Der Sommer war am Schwinden und die Ernte ungewiss.</p><p>Die l�ngst verblichene New-Kingdom-Bewegung erschien in der R�ckschau sowohl vorausdeutend als auch etwas putzig, ihre sch�chterne Rebellion gegen den alten kirchlichen Konsens war nur ein blasser Vorschein neuerer, versch�rfter Formen der Hingabe. �berall in der westlichen Welt schossen Dionysoskulte aus dem Boden, ohne die Fr�mmigkeit und Heuchelei der alten NK�� die letzten Endes auch nichts anderes gewesen war als ein mit Fahnen oder heiligen Symbolen drapierter Fickverein. Die menschliche Eifersucht wurde nicht verschm�ht, sondern vielmehr bejaht oder sogar zelebriert: gekr�nkte Liebhaber griffen zur Pistole, erkl�rten sich auf kurze Entfernung und hinterlie�en eine rote Rose auf dem K�rper des Opfers. Es war die Tr�bsalszeit, neu inszeniert als elisabethanisches Drama.</p><p>Simon Townsend, w�re er zehn Jahre sp�ter zur Welt gekommen, h�tte sich vielleicht in einer dieser Spielarten von Spiritualit�t � la Quentin Tarantino wiedergefunden. Doch das Scheitern von NK hatte ihn desillusioniert und ihm die Sehnsucht nach etwas Schlichterem eingeimpft. Diane rief mich noch immer von Zeit zu Zeit an�� vielleicht einmal im Monat, wenn die Vorzeichen g�nstig waren und Simon au�er Haus��, um mich auf den neuesten Stand zu bringen oder einfach von fr�her zu reden, in den Erinnerungen zu stochern wie in der Ofenglut und sich daran zu w�rmen. Zu Hause gab es offenbar nicht allzu viel W�rme, wenn sich auch die finanzielle Situation ein wenig verbessert hatte. Simon arbeitete Vollzeit beim Jordan Tabernacle, ihrer kleinen unabh�ngigen Kirche, und war zust�ndig f�r Wartungsarbeiten aller Art. Diane hatte einen B�rojob, eine unregelm��ige T�tigkeit, die ihr viel Zeit lie�, unruhig in der Wohnung herumzupusseln oder in die �rtliche Bibliothek zu schleichen, um B�cher zu lesen, die Simon missbilligte: zeitgen�ssische Romane, aktuelle Sachb�cher. Jordan Tabernacle, erkl�rte sie, sei eine Art �Aussteiger�-Kirche, die Gemeindemitglieder w�rden ermuntert, den Fernseher abzuschaffen und sich von B�chern, Zeitungen und anderen kurzlebigen kulturellen Erscheinungen fernzuhalten. Anderenfalls sie Gefahr liefen, der Entr�ckung in einem unreinen Zustand zu begegnen.</p><p>Diane verteidigte diese Ideen nicht�� nie sprach sie zu mir im Predigerton��, aber sie beugte sich ihnen, vermied es aufs Sorgf�ltigste, sie in Zweifel zu ziehen. Manchmal verlor ich dar�ber ein bisschen die Geduld. �Diane�, sagte ich eines Abends. �Glaubst du ernsthaft an dieses ganze Zeug?�</p><p>�Welches <emphasis>Zeug, </emphasis>Tyler?�</p><p>�Such�s dir aus. Keine B�cher im Haus zu haben. Die Hypothetischen als Ausl�ser der Parusie. Dieser ganze Schei�.� Ich hatte unter Umst�nden ein Bier zu viel getrunken.</p><p>�Simon glaubt daran.�</p><p>�Ich hab dich nicht nach Simon gefragt.�</p><p>�Simon ist gl�ubiger als ich, und ich beneide ihn darum. Ich wei�, wie sich das anh�ren muss. <emphasis>Wirf diese B�cher in den M�ll�� </emphasis>als w�rde er sich gr�sslich und arrogant auff�hren. Eigentlich aber ist es ein Akt der Demut, ein Akt der Unterwerfung. Simon kann sich Gott auf eine Weise hingeben, die mir verschlossen ist.�</p><p>�Der Gl�ckspilz.�</p><p>�Er <emphasis>ist </emphasis>ein Gl�ckspilz. Du kannst es nicht sehen, aber er ist friedlich und gelassen. Er hat bei Jordan sein inneres Gleichgewicht gefunden. Er kann dem Spin ins Gesicht sehen und dabei l�cheln, weil er wei�, dass er gerettet ist.�</p><p>�Was ist mit dir? Bist du nicht gerettet?�</p><p>Sie lie� ein langes Schweigen durch die Telefonleitung kriechen. �Ich w�nschte, das w�re eine einfach zu beantwortende Frage. Ganz im Ernst. Ich denke immer wieder, dass es vielleicht gar nicht um meinen Glauben geht, vielleicht reicht Simons Glauben f�r uns beide aus. Weil er so stark ist, dass ich ein St�ck weit davon getragen werde. Er ist wirklich sehr geduldig mit mir. Das Einzige, worum wir uns streiten, ist die Kinderfrage. Simon w�rde gern Kinder haben. Die Kirche ermuntert dazu. Und ich kann das verstehen, aber solange das Geld so knapp ist und�� na ja�� die Welt so ist, wie sie ist��</p><p>�Das ist keine Entscheidung, die man unter Druck treffen sollte.�</p><p>�Ich wollte nicht andeuten, dass er mich unter Druck setzt. Leg es in Gottes H�nde, sagt er. Leg es in Gottes H�nde, und es wird gut werden.�</p><p>�Aber du bist zu klug, um das zu glauben.�</p><p>�Bin ich das? O Tyler, ich hoffe nicht. Ich hoffe wirklich, dass ich das nicht bin.�</p><empty-line/><p>Molly hingegen hatte keine Verwendung f�r �diesen ganzen Gott-Mist�, wie sie es nannte. Jeder ist seines Gl�ckes Schmied, war ihre Philosophie. Vor allem, wenn die Welt in die Binsen gehe und keiner von uns �lter als f�nfzig werden w�rde. �Ich habe nicht die Absicht, bis dahin auf den Knien herumzurutschen.�</p><p>Sie war von Natur aus z�h. Sie kam aus einer Familie von Milchbauern, die einen zehnj�hrigen Rechtsstreit gef�hrt hatte wegen eines Projekts zur �lf�rderung aus Teersand, das an ihr Land grenzte und es langsam vergiftete. Im Rahmen einer au�ergerichtlichen Einigung tauschten sie am Ende ihr Land gegen eine Abfindung, die gro� genug war, um f�r einen sorgenfreien Ruhestand und eine anst�ndige Ausbildung der Tochter aufzukommen. Trotzdem war es eine dieser Erfahrungen, so Molly, bei denen �selbst ein Engelsarsch Ausschlag kriegen w�rde�.</p><p>Was die gesellschaftlichen Entwicklungen betraf, konnte sie kaum etwas �berraschen. Eines Abends sa�en wir vor dem Fernseher und sahen einen Bericht �ber die Unruhen in Stockholm: Eine aus Kabeljaufischern und religi�sen Fanatikern zusammengesetzte Menge warf Fenster ein und setzte Autos in Brand; Polizeihubschrauber beschossen den Mob mit klebrigem Gel, bis gro�e Teile von Gamla Stan aussahen wie etwas, was ein Godzilla mit Tuberkulose ausgehustet haben k�nnte. Ich machte eine alberne Bemerkung dar�ber, wie schlecht sich die Leute benehmen w�rden, wenn sie Angst h�tten, und Molly sagte: �Na komm, Tyler, hast du ernsthaft Verst�ndnis f�r diese Arschl�cher?�</p><p>�Das hab ich nicht gesagt, Moll.�</p><p>�Wegen des Spins kriegen sie gr�nes Licht, ihr Parlamentsgeb�ude in Schutt und Asche zu legen. Warum? Weil sie <emphasis>Angst haben</emphasis>?�</p><p>�Es ist keine Entschuldigung. Es ist ein Motiv. Sie haben keine Zukunft. Sie glauben, sie haben nicht mehr lange zu leben.�</p><p>�Tja, willkommen im Klub. Wie originell. Sie m�ssen sterben, du musst sterben, ich muss sterben�� wann w�re es je anders gewesen?�</p><p>�Nun, fr�her hatten wir den Trost, zu wissen, dass die menschliche Spezies auch ohne uns fortbestehen w�rde.�</p><p>�Aber Spezies sind auch sterblich. Ge�ndert hat sich nur, dass dieses Ereignis nicht mehr in ferner nebliger Zukunft liegt. Gut m�glich, dass wir alle zusammen in ein paar Jahren auf irgendeine spektakul�re Weise sterben werden�� aber selbst das ist nur eine <emphasis>M�glichkeit. </emphasis>K�nnte auch sein, dass die Hypothetischen uns noch ein bisschen l�nger leben lassen. Aus welchen Gr�nden auch immer.�</p><p>�Und das macht dir keine Angst?�</p><p>�Doch, nat�rlich. Das alles macht mir Angst. Aber das ist kein Grund, auf die Stra�e zu gehen und Leute umzubringen.� Sie deutete auf den Fernseher�� jemand hatte eine Granate auf den Riksdag abgefeuert. �Das ist so �berw�ltigend <emphasis>dumm. </emphasis>Es bewirkt gar nichts. Ein reines Abreagieren der Hormone. Auf dem Niveau von Affen.�</p><p>�Du kannst nicht so tun, als w�rde es dich nicht ber�hren.�</p><p>Sie �berraschte mich dadurch, dass sie lachte. �Nein, das ist <emphasis>dein </emphasis>Stil, nicht meiner.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>Sie wandte sich ab, kam dann aber wieder und sah mich fast trotzig an. �<emphasis>Du</emphasis> tust doch immer so cool, was den Spin angeht. Genau wie du cool tust, wenn es um die Lawtons geht. Sie benutzen dich, sie ignorieren dich, und du l�chelst, als sei das die nat�rliche Ordnung der Dinge.� Sie wartete auf eine Reaktion. Ich war zu st�rrisch, ihr damit zu dienen. �Ich finde einfach, dass es bessere M�glichkeiten gibt, sich ins Ende der Welt zu ergeben.�</p><p>Sie wollte aber nicht sagen, was f�r M�glichkeiten das waren.</p><empty-line/><p>Jeder, der bei Perihelion arbeitete, hatte bei der Einstellung eine Verschwiegenheitsverpflichtung unterzeichnet, und wir alle waren einer gr�ndlichen �berpr�fung durch das Heimatschutzministerium unterzogen worden. Wir waren diskret und sahen ein, dass Interna welcher Art auch immer nicht nach drau�en sickern durften. Indiskretionen konnten parlamentarische Aussch�sse beunruhigen, m�chtige Freunde in Verlegenheit bringen, Geldgeber abschrecken.</p><p>Aber jetzt hatten wir einen Marsianer im Geb�ude�� weite Teile des Nordfl�gels waren in eine vor�bergehende Unterkunft f�r Wun Ngo Wen und seine Helfer umgewandelt worden��, und das war ein nur schwer zu h�tendes Geheimnis.</p><p>Viel l�nger konnte es jedenfalls nicht mehr gewahrt werden. Als Wun in Florida eintraf, waren etliche Angeh�rige der Washingtoner Elite und einige ausl�ndische Staatsoberh�upter bereits �ber ihn informiert. Das Au�enministerium hatte ihm ad hoc vollen rechtlichen Status gew�hrt und beabsichtigte, ihn zum geeigneten Zeitpunkt auf internationaler Ebene vorzustellen. Seine Helfer waren schon dabei, ihn f�r den unvermeidlichen Medienaufruhr zu trainieren.</p><p>Das alles h�tte anders gehandhabt werden k�nnen und vielleicht sogar sollen. Man h�tte ihn den Vereinten Nationen �berantworten und seine Anwesenheit sofort bekannt machen k�nnen. Die Regierung Garland musste mit scharfem Protest rechnen, weil sie ihn versteckt gehalten hatte. Die Christlich-Konservative Partei streute bereits Andeutungen, wonach �die Regierung �ber das Ergebnis des Terraformungprojekts mehr wei�, als sie zu erkennen gibt�, in der Hoffnung, damit den Pr�sidenten aus der Reserve zu locken oder Lomax, seinen designierten Nachfolger, der Kritik auszuliefern. Kritik w�rde es unvermeidlich geben, aber Wun hatte seinen Wunsch bekundet, nicht zum Wahlkampfthema zu werden. Er wolle sich der �ffentlichkeit stellen, sagte er, doch er werde damit bis zum November warten.</p><p>Wun Ngo Wens Existenz war allerdings nur das auff�lligste der mit seiner Ankunft verbundenen Geheimnisse. Es gab noch andere. Und daraus entwickelte sich ein seltsamer Sommer bei Perihelion.</p><p>Jason bestellte mich im August in den Nordfl�gel. Ich traf ihn in seinem B�ro�� seinem wirklichen B�ro, nicht der geschmackvoll eingerichteten Suite, in der er offizielle G�ste und die Presse begr��te��, einem fensterlosen W�rfel mit einem Schreibtisch und einem Sofa. Wie er so in Jeans und Sweatshirt auf seinem Stuhl hockte, rings um ihn Stapel wissenschaftlicher Zeitschriften, sah er aus, als sei er aus dem ganzen Durcheinander herausgewachsen wie eine hydroponische Gem�sesorte. Er schwitzte. Kein gutes Zeichen bei Jason.</p><p>�Ich verliere wieder meine Beine�, sagte er.</p><p>Ich r�umte ein bisschen Platz auf dem Sofa frei, setzte mich und wartete auf n�here Einzelheiten.</p><p>�Ein paar Wochen lang habe ich kleine Anf�lle gehabt. Das �bliche. Nichts, was man nicht �berspielen k�nnte. Aber es geht nicht weg. Es wird sogar schlimmer. Vielleicht m�ssen wir die Medikation anpassen.�</p><p>Vielleicht. Doch eigentlich gefiel es mir nicht, was die Medikamente in letzter Zeit mit ihm angestellt hatten. Jason nahm inzwischen t�glich eine Hand voll von Pillen ein: Myelinaufbauer, um den Verlust von Nervengewebe zu verlangsamen, neurologische Anreger, die dem Gehirn helfen sollten, besch�digte Regionen neu zu vernetzen, und Sekund�rmedikation gegen die Nebenwirkungen der Prim�rmedikation. Konnten wir die Dosis erh�hen? M�glicherweise. Doch das Verfahren hatte eine Toxizit�tsgrenze, die schon jetzt bedenklich nahe ger�ckt war. Er hatte nicht nur einiges an Gewicht verloren, auch etwas wom�glich noch Wichtigeres schien vom Verlust bedroht: ein gewisses emotionales Gleichgewicht. Jason redete schneller und l�chelte seltener. W�hrend er fr�her vollkommen in seinem K�rper zu ruhen schien, bewegte er sich nun wie eine Marionette�� wenn er etwa nach einem Becher griff, schoss seine Hand �bers Ziel hinaus und musste behutsam zur�ckgesteuert werden.</p><p>�In jedem Fall�, sagte ich, �m�ssen wir Dr. Malmsteins Meinung einholen.�</p><p>�Es ist v�llig ausgeschlossen, dass ich lange genug weg kann, um ihn aufzusuchen. Hier hat sich einiges ver�ndert, falls du es noch nicht bemerkt haben solltest. K�nnen wir nicht eine telefonische Konsultation durchf�hren?�</p><p>�Vielleicht. Ich frage ihn.�</p><p>�Und k�nntest du mir inzwischen auch noch einen anderen Gefallen tun?�</p><p>�Was f�r einen, Jase?�</p><p>�Erkl�re Wun mein Problem. Stell ein paar B�cher �ber das Thema f�r ihn zusammen.�</p><p>�Medizinische B�cher? Warum, ist er Arzt?�</p><p>�Nicht direkt, aber er hat eine Menge Informationen mitgebracht. In den biologischen Wissenschaften sind uns die Marsianer weit voraus.� Er sagte das mit einem schiefen Grinsen, das ich nicht interpretieren konnte. �Er meint, dass er vielleicht helfen kann.�</p><p>�Ist das dein Ernst?�</p><p>�Mein voller Ernst. Schau nicht so schockiert. Wirst du dich mit ihm unterhalten?�</p><p>Ein Mann von einem anderen Planeten. Ein Mann vor dem Hintergrund von einhunderttausend Jahren marsianischer Geschichte. �Nun� ja. Es w�re mir eine Ehre, mich mit ihm zu unterhalten.�</p><p>�Dann arrangiere ich das.�</p><p>�Aber sollte er �ber medizinische Kenntnisse verf�gen, mit denen man AMS wirksam behandeln kann, dann m�ssen sie besseren �rzten als mir zug�nglich gemacht werden.�</p><p>�Wun hat ganze Enzyklop�dien mitgebracht. Es sind bereits einige Leute dabei, sie zu durchforsten�� Teile davon jedenfalls�� und nach n�tzlichen Informationen, auch medizinischer Art, Ausschau zu halten. Das hier ist nur eine kleine Ablenkung f�r ihn.�</p><p>��berrascht mich, dass er noch Zeit f�r kleine Ablenkungen hat.�</p><p>�Er langweilt sich h�ufiger, als du glaubst. Ihm fehlen einfach ein paar Freunde. Ich dachte mir, es w�rde ihm gefallen, sich einmal mit jemandem zu unterhalten, der ihn nicht f�r einen Erl�ser h�lt. Oder f�r eine Bedrohung. Aber trotzdem m�chte ich, dass du mit Malmstein redest.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Und ruf ihn von dir zu Hause aus an. Ich traue den Telefonen hier nicht mehr.�</p><p>Er l�chelte, als habe er etwas sehr Am�santes gesagt.</p><empty-line/><p>In jenem Sommer ging ich hin und wieder am Strand spazieren, der von meinem Haus aus auf der anderen Seite des Highways lag.</p><p>Es war kein besonders toller Strand. Eine lange, unbebaute Landzunge sch�tzte ihn vor Erosion und machte ihn f�r Surfer uninteressant. An hei�en Nachmittagen begutachteten die alten Motels den Sand mit glasigen Augen, und ein paar sch�chterne Touristen badeten ihre F��e in der Brandung.</p><p>Ich ging hinunter und setzte mich auf das hei�e Holz eines �ber struppigem Gras schwebenden Laufstegs, um zuzusehen, wie sich die Wolken am �stlichen Horizont versammelten, und �ber das nachzudenken, was Molly gesagt hatte: dass ich immer so gelassen t�te, was den Spin�� und die Lawtons�� anging, und einen Gleichmut vor mich her tr�ge, der schlechterdings nicht echt sein konnte.</p><p>Ich wollte Molly Gerechtigkeit widerfahren lassen; vielleicht war das wirklich der Eindruck, den ich auf sie machte.</p><p>�Spin� war ein dummer, aber wohl unvermeidlicher Ausdruck f�r das, was mit der Erde geschehen war. Physikalisch gesehen lag er v�llig daneben�� es gab nichts, was sich schneller oder irgendwie heftiger drehte als fr�her��, doch als Metapher mochte er funktionieren. In Wirklichkeit war die Erde statischer als je zuvor�� aber <emphasis>f�hlte es sich nicht so an, </emphasis>als w�rde sie au�er Kontrolle geraten? In jeder gewichtigen Hinsicht: ja. Man musste sich an irgendetwas festhalten, wenn man nicht ins Nichts trudeln wollte.</p><p>Vielleicht hielt ich mich also an den Lawtons fest, nicht nur an Jason und Diane, sondern an ihrem gesamten Universum, das Gro�e Haus und das Kleine Haus, die verlorenen Kindheitsbindungen. Vielleicht war das der einzige Griff, den ich zu fassen kriegen konnte. Und vielleicht war das nicht unbedingt etwas Schlechtes. Wenn Molly Recht hatte, dann mussten wir uns alle an irgendetwas klammern, sonst waren wir verloren. Diane hatte sich an den Glauben geklammert, Jason an die Wissenschaft.</p><p>Und ich hatte mich an Jason und Diane geklammert.</p><p>Ich verlie� den Strand, als die Wolken heraufzogen; der unvermeidliche Augustnachmittagsschauer n�herte sich, am �stlichen Himmel tobten bereits die Blitze, der Regen begann die traurigen Pastellbalkone der Motels zu peitschen. Als ich dann nach Hause kam, war ich klatschnass, und die Kleidung brauchte Stunden, um in der feuchten Luft zu trocknen. Bis zum Einbrach der Dunkelheit war der Sturm vorbei; er hinterlie� eine �bel riechende, dampfende Stille.</p><p>Nach dem Essen kam Molly und wir luden uns einen aktuellen Film herunter, eines von diesen viktorianischen Salonst�cken, die sie so gern sah. Hinterher ging sie in die K�che, um uns Drinks zu mixen, w�hrend ich vom Telefon im G�stezimmer aus David Malmstein anrief. Er sagte, er w�rde Jason gern sehen, �so bald es sich einrichten l�sst�, meinte aber, es sei in Ordnung, die Medikamentendosis ein bisschen zu erh�hen, solange Jase wie auch ich ein wachsames Auge auf eventuelle negative Reaktionen h�tten.</p><p>Nach dem Gespr�ch verlie� ich das Zimmer wieder und fand Molly im Flur, in jeder Hand ein Getr�nk und im Gesicht Verwirrung. �Wo warst du?�</p><p>�Hab nur mal eben telefoniert.�</p><p>�Irgendwas Wichtiges?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Patientenkontrolle?�</p><p>�So ungef�hr�, sagte ich.</p><empty-line/><p>Einige Tage sp�ter arrangierte Jason ein Treffen zwischen mir und Wun Ngo Wen in Wuns Unterkunft bei Perihelion.</p><p>Der marsianische Botschafter wohnte in einem Zimmer, das er, mit Hilfe von Katalogen, ganz nach seinem eigenem Geschmack eingerichtet hatte. Die M�bel waren leichtgewichtig, Rattan, niedrig gebaut; ein Flickenteppich bedeckte den Linoleumfu�boden, auf einem schlichten Schreibtisch aus unbehandeltem Kieferholz stand ein Computer; es gab mehrere zum Schreibtisch passende B�cherborde. Marsianer richteten sich offenbar genauso ein wie jung verheiratete Studenten.</p><p>Ich versorgte Wun mit dem Studienmaterial, das er sich gew�nscht hatte: B�cher �ber �tiologie und Behandlung der multiplen Sklerose, dazu eine Reihe von Sonderdrucken der JAMA �ber AMS. AMS hatte nach neuerer Auffassung gar nichts mit MS zu tun; es war eine v�llig andere Krankheit, eine genetische Funktionsst�rung mit MS-artigen Symptomen und einem �hnlichen Verschlei� der Myelinh�llen, die das menschliche Nervengewebe sch�tzen; erkennbar an der Schwere der Symptome, dem raschen Fortschreiten und der Resistenz gegen die Standardbehandlung. Wun erkl�rte, er sei mit dem beschriebenen Zustand zwar nicht vertraut, werde aber in seinen Archiven nach Informationen suchen.</p><p>Ich dankte ihm, wandte allerdings zugleich ein, dass er kein Arzt und die marsianische Physiologie �beraus ungew�hnlich sei. Selbst wenn er eine geeignete Therapie finden w�rde�� w�rde sie auch bei Jason wirken?</p><p>�Wir sind nicht so verschieden, wie Sie vielleicht glauben. Eine der ersten Ma�nahmen, die Ihre Leute ergriffen haben, bestand darin, meine Genomsequenz zu entschl�sseln. Sie ist von Ihrer nicht zu unterscheiden.�</p><p>�Ich hatte nicht die Absicht, Sie zu kr�nken.�</p><p>�Ich bin nicht gekr�nkt. Hunderttausend Jahre sind eine lange Zeit der Separation, lang genug f�r das, was die Biologen als Artbildung bezeichnen. Und doch sind unsere beiden Populationen, Ihre und meine, untereinander uneingeschr�nkt fortpflanzungsf�hig. Die auff�lligen Unterschiede zwischen uns sind nur oberfl�chliche Anpassungen an k�ltere, trockenere Lebensbedingungen.� Er sprach mit einer Autorit�t, die seiner Statur widersprach. Seine Stimme war h�her als die eines durchschnittlichen Erwachsenen, hatte jedoch nichts Jugendliches an sich; ein singender, fast femininer Tonfall, der zugleich immer staatsm�nnisch klang.</p><p>�Dennoch w�rden wir es unter Umst�nden mit rechtlichen Problemen zu tun bekommen, falls es um eine Therapie geht, die nicht die einschl�gigen Genehmigungsverfahren durchlaufen hat.�</p><p>�Ich bin sicher, Jason w�re bereit, auf die offizielle Anerkennung zu warten. Seine Krankheit ist allerdings wom�glich weniger geduldig.� Wun hob die Hand, um weiteren Einw�nden zuvorzukommen. �Lassen Sie mich erst einmal lesen, was Sie mir gebracht haben. Dann sprechen wir weiter.�</p><p>Daraufhin bat er mich, noch ein wenig zu bleiben und zu plaudern. Ich f�hlte mich geschmeichelt. Ungeachtet seiner fremdartigen Erscheinung hatte Wuns Pr�senz etwas Beruhigendes, eine auf sein Gegen�ber ausstrahlende Entspanntheit. Er lehnte sich in seinem Rattansessel zur�ck, lie� die F��e baumeln und h�rte sich mit augenscheinlicher Faszination einen kurzen Abriss meines Lebens an. Er stellte einige Fragen �ber Diane�� �Jason erz�hlt nicht viel von seiner Familie��� und �ber die medizinische Ausbildung�� das Konzept der Sektion von Leichen war ihm neu; er zuckte zusammen, als ich den Vorgang beschrieb.</p><p>Dann, als ich ihn meinerseits �ber sein Leben befragte, griff er in den kleinen grauen Ranzen, den er bei sich trug, und zog eine Reihe vom Ausdrucken hervor, Fotografien, die er als Digitaldateien mit auf seine Reise genommen hatte. Vier Bilder vom Mars.</p><p>�Nur vier?�</p><p>Er zuckte mit den Achseln. �Keine Zahl w�re gro� genug, die Erinnerungen zu ersetzen. Und nat�rlich befindet sich noch viel mehr Bildmaterial in den offiziellen Archiven. Dies hier sind meine Bilder. Meine pers�nlichen. M�chten Sie sie sehen?�</p><p>�Ja, nat�rlich.�</p><p>Er reichte sie mir.</p><p>Foto 1: Ein Haus. Offensichtlich, trotz der seltsamen Techno/ Retro-Architektur, eine menschliche Wohnstatt, niedrig und rund, wie das Porzellanmodell einer Grash�tte. Der Himmel dahinter war strahlend t�rkisfarben, jedenfalls hatte der Drucker ihn so wiedergegeben. Der Horizont war seltsam nahe, aber geometrisch flach, unterteilt in immer kleiner werdende Rechtecke von Anbaufeldern. Die Feldfrucht konnte ich nicht identifizieren, doch sie war zu fleischig, als dass es Weizen oder Mais sein konnte, und zu gro� f�r Feldsalat oder Gr�nkohl. Im Vordergrund standen zwei erwachsene Marsianer, Mann und Frau, mit komisch ernsten Gesichtern. Marsianische Gotik. Fehlte nur noch eine Heugabel und die Signatur von Grant Wood. �Meine Mutter und mein Vater�, sagte Wun schlicht.</p><p>Foto 2: �Ich als Kind.� Dieses Bild war verbl�ffend. Die faltige Haut der Marsianer entwickelt sich, wie Wun erl�uterte, in der Pubert�t. Im Alter von ungef�hr sieben terrestrischen Jahren hatte Wun ein glattes, l�chelndes Gesicht. Er sah aus wie ein normales Erdenkind, wenn man auch die ethnische Zugeh�rigkeit nicht so recht h�tte zuordnen k�nnen�� blonde Haare, kaffeebraune Haut, schmale Nase und gro�z�gige Lippen. Das Ambiente, in dem er posierte, sah aus wie ein exzentrischer Themenpark, war jedoch, so Wun, eine marsianische Stadt. Ein Marktplatz. L�den und Lebensmittelst�nde, die Geb�ude aus dem gleichen porzellanartigen Material wie das Farmhaus, in knalligen Prim�rfarben. Auf der Stra�e hinter ihm dr�ngte sich der Verkehr auf zwei R�dern und zu Fu�. Nur ein schmaler Himmelsstreifen war zwischen den h�chsten Geb�uden zu sehen, und auch hier war im Augenblick der Aufnahme ein Fahrzeug hindurchgefahren, dessen windr�dchenartige Bl�tter in dem blassen Oval verschwammen.</p><p>�Sie sehen gl�cklich aus�, sagte ich.</p><p>�Die Stadt hei�t Voy Voyud. Wir sind an diesem Tag zum Einkaufen hingefahren. Weil es Fr�hling war, haben meine Eltern mir erlaubt, <emphasis>Murkuds </emphasis>zu kaufen. Kleine Tiere, wie Fr�sche. Als Haustiere. In dem Beutel, den ich in der Hand halte�� sehen Sie?�</p><p>Wun umklammerte einen wei�en Stoffbeutel, der einige Klumpen enthielt. <emphasis>Murkuds.</emphasis></p><p>�Sie leben nur f�nf Wochen�, sagte er. �Aber ihre Eier sind k�stlich.�</p><p>Foto 3: Bot einen Panoramablick. Im Vordergrund: noch ein marsianisches Haus, eine Frau in einem bunten Kaftan�� seine Ehefrau, erl�uterte Wun�� und zwei glatth�utige h�bsche M�dchen in sackartigen goldgelben Kleidern�� seine T�chter. Das Bild war von einem erh�hten Punkt aus aufgenommen worden. Hinter dem Haus: gr�ne sumpfige Felder, die sich unter einem wiederum t�rkisfarbenen Himmel sonnten. Das Ackerland war durch erh�hte Stra�en unterteilt, auf denen einige klobige Fahrzeuge unterwegs waren, und auf den Feldern stand landwirtschaftliches Ger�t, schwarze, seltsam anmutige Erntemaschinen. Und am Horizont, dort wo die Stra�en zusammenliefen: die Stadt, dieselbe Stadt, so Wun, wo er als Kind <emphasis>Murkuds </emphasis>gekauft hatte, Voy Voyud, die Hauptstadt der Provinz Kirioloj mit ihren hohen, terrassenf�rmig angelegten, auf die geringe Gravitation ausgerichteten T�rmen.</p><p>�Sie k�nnen den gr��ten Teil des Kiriolojdeltas auf diesem Bild sehen.� Der Fluss war ein blaues Band, das einen See speiste, dessen Farbe der des Himmels glich. Die Stadt Voy Voyud sei auf erh�htem Grund erbaut worden, dem erodierten Rand eines Meteoritenkraters, erkl�rte Wun, aber f�r mich sah es wie eine gew�hnliche H�gelkette aus. Schwarze Punkte auf dem fernen See mochten Boote oder Lastk�hne sein.</p><p>�Das ist sehr sch�n�, sagte ich.</p><p>�Ja.�</p><p>�Die Landschaft, aber auch Ihre Familie.�</p><p>�Ja.� Er sah mich an. �Sie sind tot.�</p><p>�Ah�� das tut mir Leid.�</p><p>�Vor einigen Jahren bei einer �berschwemmung ums Leben gekommen. Die letzte Fotografie, sehen Sie? Das ist der gleiche Bildausschnitt, kurz nach der Katastrophe aufgenommen.�</p><p>Ein ungew�hnlich heftiger Sturm hatte nach einer langen Trockenzeit Rekordmengen von Regen auf die H�nge der Solitary Mountains abgeladen, und der Gro�teil des Regenwassers war in die ausged�rrten Nebenfl�sse des Kirioloj geleitet worden. Der terrageformte Mars war in mancher Hinsicht noch immer eine junge Welt, deren hydrologische Kreisl�ufe noch nicht stabil waren, deren Landschaften sich noch in Entwicklung befanden. In der Folge des pl�tzlichen extremen Regens bildeten sich Unmengen von oxidrotem Schlamm, der den Kirioloj hinunterdonnerte und wie ein fl�ssiger G�terzug in das landwirtschaftliche Delta einfiel.</p><p>Foto 4: Danach. Von Wuns Haus waren nur das Fundament und eine einzelne Mauer geblieben, die wie Keramikscherben aus einem w�sten Durcheinander von Schlamm und Schutt ragten. Die ferne Stadt auf dem H�gel war unangetastet geblieben, aber das fruchtbare Ackerland lag unter Schlamm begraben. Von dem glitzernd braunem Wasser des Sees abgesehen, war dies ein in seinen jungfr�ulichen Zustand zur�ckgekehrter Mars, lebloser Regolith. Mehrere Luftfahrzeuge schwebten �ber der Szenerie, vermutlich auf der Suche nach �berlebenden.</p><p>�Ich hatte mit Freunden zusammen einen Tag im Vorgebirge verbracht, und bei der R�ckkehr fand ich dies hier vor. Viele Menschen sind umgekommen, nicht nur meine Familie. Ich bewahre diese Fotografien auf, um mich daran zu erinnern, wo ich herkomme. Und warum ich nicht zur�ck kann.�</p><p>�Es muss unertr�glich gewesen sein.�</p><p>�Ich habe meinen Frieden damit geschlossen, so weit das �berhaupt geht. Als ich den Mars verlie�, hatte man das Delta wiederhergestellt. Nicht so wie fr�her, nat�rlich. Aber fruchtbar, lebendig.�</p><p>Das schien alles zu sein, was er zu dem Thema sagen wollte.</p><p>Ich sah mir die Bilder noch einmal an und machte mir bewusst, was ich da sah: Nicht irgendwelche raffinierten CGI-Effekte, sondern gew�hnliche Fotos. Fotos einer anderen Welt. Fotos vom Mars, einem Planeten, der schon lange als Objekt unserer ma�losen Fantasie diente. �Es ist nicht Burroughs, ganz bestimmt nicht Wells, vielleicht ein bisschen Bradbury��</p><p>Wun runzelte die Stirn. �Entschuldigung, diese W�rter sind mir nicht bekannt.�</p><p>�Das sind Schriftsteller. Romanschriftsteller, die �ber Ihren Planeten geschrieben haben.�</p><p>Nachdem ich ihm das erl�utert hatte�� dass bestimmte Schriftsteller, lange vor der tats�chlichen Terraformung, sich einen lebendigen Mars vorgestellt hatten��, war Wun v�llig fasziniert. �W�re es m�glich, dass ich einige dieser B�cher lesen kann? Und wir bei Ihrem n�chsten Besuch dar�ber sprechen?�</p><p>�Ich f�hle mich geschmeichelt. Aber glauben Sie, dass Sie die Zeit er�brigen k�nnen? Sicherlich gibt es etliche Staatsoberh�upter, die sich gern mit Ihnen unterhalten w�rden.�</p><p>�Ganz bestimmt. Aber die k�nnen warten.�</p><p>Ich sagte ihm, dass ich mich darauf freue.</p><p>Auf der R�ckfahrt machte ich mich �ber ein Antiquariat her, und am n�chsten Morgen lieferte ich einen Packen von Taschenb�chern bei Wun ab, genauer gesagt, bei den wortkargen M�nnern, die sein Quartier bewachten. �Krieg der Welten�, �Die Prinzessin vom Mars�, �Die Mars-Chroniken�, �Fremder in einer fremden Welt�, �Roter Mars�.</p><p>Etliche Wochen lang h�rte ich nichts mehr von ihm.</p><empty-line/><p>Die Bauarbeiten bei Perihelion gingen weiter. Bis Ende September hatte sich ein massives Betonfundament auf dem neuen Gel�nde breitgemacht, dort, wo vorher Kiefergestr�pp und einige j�mmerliche Palmen gestanden hatten, und eine m�chtige Takelage aus Stahltr�gern und Aluminiumrohren erhob sich.</p><p>Ein weiteres Abendessen im Champs, die meisten G�ste starrten gebannt auf den plakatwandgro�en Plasmabildschirm, auf dem ein Spiel der Martins zu sehen war, w�hrend Molly und ich uns in einer dunklen Ecke einen Vorspeisenteller teilten. Sie hatte geh�rt, dass in der folgenden Woche s�ndhaft teure Labor- und K�hlungsger�te erwartet wurden. �Wozu brauchen wir Laborausr�stung, Ty? Bei Perihelion geht�s doch um Weltraumforschung und den Spin. Ich versteh das nicht.�</p><p>�Ich habe keine Ahnung. Niemand redet dar�ber.�</p><p>�Du k�nntest ja mal Jason fragen, an einem der Nachmittage, die du im Nordfl�gel verbringst.�</p><p>Ich hatte ihr nicht erz�hlt, dass mich ein Marsianer zum regelm��igen Gespr�chspartner auserkoren hatte, sondern vorgegeben, ich w�rde mich mit Jase treffen. �Dazu reicht mein Sicherheitsstatus nicht.� Was f�r Molly nat�rlich erst recht galt.</p><p>�Allm�hlich glaube ich, dass du mir nicht traust.�</p><p>�Ich halte mich nur an die Regeln, Moll.�</p><p>�Genau. Du bist ja so ein Heiliger.�</p><empty-line/><p>Ohne sich vorher anzuk�ndigen�� zum Gl�ck an einem Abend, an dem Molly nicht da war��, stand pl�tzlich Jason vor meiner T�r, um �ber seine Medikamente zu sprechen. Ich gab weiter, was Malmstein gesagt hatte, dass es wohl okay sei, die Dosis zu erh�hen, wir aber auf Nebenwirkungen w�rden aufpassen m�ssen. Die Krankheit entwickele sich weiter, und unsere M�glichkeiten, die Symptome zu unterdr�cken, w�rden irgendwann an ihre Grenzen sto�en. Das bedeute aber nicht, dass sein Schicksal besiegelt sei, sondern, dass er fr�her oder sp�ter seine Gesch�fte eben auf andere Weise w�rde betreiben m�ssen�� sich der Krankheit anpassen, statt sie zu unterdr�cken. (Jenseits davon wartete eine weitere Schwelle, auf die ich aber nicht einging: Schwerstbehinderung und Demenz.)</p><p>�Ich verstehe�, sagte Jason. Er sa�, die Beine �bereinander geschlagen, auf einem Sessel am Fenster und warf gelegentlich einen Blick auf sein darin erscheinendes Spiegelbild. �Alles, was ich brauche, sind noch ein paar Monate.�</p><p>�Ein paar Monate wof�r?�</p><p>�Ein paar Monate, um E. D. Lawton zu Fall zu bringen.� Ich starrte ihn an, hielt es f�r einen Witz. Doch er l�chelte nicht. �Muss ich das erkl�ren?�</p><p>�Wenn du willst, dass ich es begreife, ja.�</p><p>�E. D. und ich haben divergierende Ansichten �ber die weitere Zukunft von Perihelion. F�r ihn existiert Perihelion nur, um die Raumfahrtindustrie zu unterst�tzen. Das war von Anfang an das Einzige, was ihn interessierte. Er hat nie geglaubt, dass wir etwas gegen den Spin unternehmen k�nnen.� Jason zuckte mit den Achseln. �Nun, er hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Recht�� in dem Sinne, dass wir ihn nicht <emphasis>beseitigen </emphasis>k�nnen. Aber das hei�t nicht, dass wir ihn nicht verstehen k�nnten. Wir k�nnen nat�rlich keinen Krieg gegen die Hypothetischen f�hren, aber wir k�nnen ein wenig Guerilla-Wissenschaft betreiben. Das ist es, worum es bei Wuns Besuch geht.�</p><p>�Ich kann dir nicht ganz folgen.�</p><p>�Wun ist nicht einfach nur ein interplanetarischer Goodwill-Botschafter. Er ist mit einem Plan hierher gekommen, mit einem Vorschlag f�r ein gemeinsames Unternehmen, das uns einige Informationen �ber die Hypothetischen verschaffen k�nnte�� woher sie kommen, was sie wollen, was sie mit den beiden Planeten anstellen. Die Reaktionen auf diese Idee sind gemischt. E. D. versucht, das Ganze zu torpedieren�� er h�lt es f�r unn�tz und bef�rchtet, dass es das politische Kapital gef�hrdet, das uns nach der Terraformung noch verblieben ist.�</p><p>�Und deshalb willst du ihn abs�gen?�</p><p>Er seufzte. �Es mag grausam klingen, aber E. D. begreift nicht, dass seine Zeit vorbei ist. Mein Vater ist genau das, was die Welt vor zwanzig Jahren gebraucht hat. Ich bewundere ihn daf�r. Er hat Erstaunliches, ja Unglaubliches geleistet. H�tte E. D. den Politikern nicht Dampf gemacht, g�be es kein Perihelion. Aber eine der Ironien des Spins liegt darin, dass sich die langfristigen Folgen von E. D. Lawtons Genie jetzt gegen ihn wenden�� wenn es keinen E. D. gegeben h�tte, w�rde Wun Ngo Wen heute nicht existieren. Das ist kein �dipaler Konflikt, der mich hier umtreibt, ich wei� genau, wer mein Vater ist und was er getan hat. Er ist in den Fluren der Macht zu Hause, Garland ist sein Golfkamerad. Gro�artig. Aber er ist auch ein Gefangener, ein Gefangener seiner Kurzsichtigkeit. Die Zeiten, als er noch vision�r gedacht hat, sind vorbei. Er mag Wuns Plan nicht, weil er der Mars-Technologie misstraut, er mag keine Sachen, an denen er nicht selber rumbasteln kann, mag es nicht, dass die Marsianer ganz selbstverst�ndlich �ber Technologien verf�gen, von denen wir allenfalls eine leise Ahnung haben. Und er kann es �berhaupt nicht ab, dass ich auf Wuns Seite stehe. Ich und, wie ich hinzuf�gen m�chte, eine neue Generation von Politikern, einschlie�lich Preston Lomax, der wahrscheinlich n�chste Pr�sident. Pl�tzlich ist E. D. umgeben von Leuten, die er nicht manipulieren kann. J�ngere Leute, die den Spin auf eine ganz andere Weise erfahren, verarbeitet haben als E. D.s Generation. Leute wie wir, Ty.�</p><p>Ich f�hlte mich durchaus geschmeichelt, war aber gleichzeitig erschrocken, in dieses Pronomen mit eingeschlossen zu sein. �Du mutest dir ganz sch�n viel zu, Jase?�</p><p>Er sah mich scharf an. �Ich tue genau das, was E. D. mir beigebracht hat. Von Geburt an. Er wollte nie einen Sohn, er wollte einen Erben, einen Lehrling. Er hat diese Entscheidung lange vor dem Spin getroffen. Er wusste genau, wie intelligent ich war, und er hatte eine genaue Vorstellung davon, was ich mit dieser Intelligenz anstellen sollte. Ich habe mich darauf eingelassen, und als ich l�ngst alt genug war, um zu begreifen, was er vorhatte, habe ich weiter mitgemacht. Und hier bin ich also, eine E. D.-Lawton-Produktion: das aufgeweckte, gutaussehende, medienkompatible Objekt, das du vor dir siehst�� ein vermarktbares Image, ein gewisser intellektueller Weitblick und keinerlei Loyalit�ten, die nicht von vorn bis hinten auf Perihelion gerichtet sind. Aber da war immer eine kleine Zusatzklausel in diesem Vertrag, auch wenn E. D. daran nicht gern erinnert wird. Wo ein Erbe ist, muss es auch eine Erbschaft geben. Woraus folgt, dass an irgendeinem Punkt mein Urteil gewichtiger wird als seins. Nun, dieser Punkt ist erreicht. Die Chance, die sich uns er�ffnet, ist einfach zu kostbar, um sie ungenutzt zu lassen.�</p><p>Seine H�nde, fiel mir auf, waren zu F�usten geballt und seine Beine zitterten. War das den starken Emotionen geschuldet oder ein Symptom seiner Krankheit? Ja, wie viel von seinem Monolog war echt und wie viel davon ein Produkt der Neurostimulanzien, die ich ihm verordnete?</p><p>�Du siehst aus, als w�rst du gegen eine Wand gelaufen�, sagte Jason.</p><p>�Von was f�r einer marsianischen Technologie sprechen wir hier eigentlich?�</p><p>Er grinste. �Sie ist wirklich sehr clever. Quasibiologisch. Sehr klein. Molekulare autokatalytische R�ckkopplungsschleifen mit ins Reproduktionsprotokoll eingeschriebener kontingenter Programmierung.�</p><p>�K�nntest du das �bersetzen?�</p><p>�Kleine, winzige, k�nstliche Replikatoren.�</p><p>�Lebendig?�</p><p>�In gewissem Sinne ja, lebende Dinge. K�nstliche lebende Dinge, die wir ins All schie�en k�nnen.�</p><p>�Und was <emphasis>tun </emphasis>sie dann?�</p><p>Sein Grinsen wurde breiter. �Sie fressen Eis und sie schei�en Information.�</p></section><section><title><p>4 x 10<sup>9</sup> n. Chr.</p></title><p>Ich �berquerte ein paar Meter festgestampfte Erde, an der in schorfigen St�cken verwitterter Asphalt hing, gelangte zu einer B�schung und rutschte, ziemlich ger�uschvoll, auf der anderen Seite hinunter. Mit meinen Hartschalenkoffern, die vollgepackt waren mit Kleidung, handgeschriebenen Aufzeichnungen, Digitaldateien und marsianischen Pharmazeutika, landete ich in einem Entw�sserungsgraben, Wasser, so gr�n wie Papayabl�tter und so warm wie die tropische Nacht, Wasser, das den vernarbten Mond spiegelte und nach G�lle stank.</p><p>Ich kletterte wieder hinauf, versteckte das Gep�ck an einer trockenen Stelle der B�schung und kroch bis ganz nach oben, wo ich mich so hinlegte, dass man mich nicht sehen konnte, ich meinerseits aber die Stra�e, Ibu Inas Betonschachtelklinik und den davor geparkten schwarzen Wagen im Blick hatte.</p><p>Die M�nner aus dem Auto waren durch die Hintert�r eingedrungen. Sie schalteten weitere Lichter ein, wodurch gelbe Quadrate in den Fenstern mit vorgezogenen Jalousien entstanden, aber was sie in dem Geb�ude anstellten, konnte ich nicht erkennen. Vermutlich durchsuchten sie es. Ich versuchte zu sch�tzen, wie lange sie sich drinnen aufhielten, doch offenbar hatte ich die F�higkeit verloren, Zeit zu berechnen oder sie auch nur auf meiner Uhr abzulesen. Die Ziffern leuchteten wie ruhelose Gl�hw�rmchen, wollten aber nicht lange genug stillstehen, dass ich mir einen Reim darauf machen konnte.</p><p>Einer der M�nner kam aus der Vordert�r, ging zum Auto und lie� den Motor an; der zweite Mann folgte ein paar Sekunden sp�ter und sprang auf den Beifahrersitz. Der mitternachtfarbene Wagen fuhr, nachdem er auf die Stra�e gesetzt hatte, ganz nah an mich heran, die Scheinwerfer strichen �ber die Berme. Ich duckte mich und blieb still liegen, bis das Motorenger�usch verklang.</p><p>Dann �berlegte ich, was ich nun tun sollte. Eine nicht leicht zu beantwortende Frage, denn ich war m�de�� unglaublich m�de pl�tzlich, zu schwach, um aufzustehen. Ich wollte zur�ck zur Klinik, ein Telefon auftreiben, Ina wegen der M�nner im Auto warnen. Aber vielleicht w�rde En das ja besorgen. Ich hoffte es. Weil ich es n�mlich nicht bis zur Klinik schaffen w�rde. Meine Beine zitterten bei jeglichem Versuch, mich in Bewegung zu setzen. Das war schon mehr als M�digkeit, das f�hlte sich wie L�hmung an.</p><p>Als ich wieder zur Klinik blickte, stieg dort Rauch aus den Abz�gen im Dach und das gelbe Licht hinter den Jalousien flackerte. Feuer.</p><p>Die M�nner hatten Inas Klinik angez�ndet, und es gab nichts, was ich tun konnte, au�er die Augen zu schlie�en und zu hoffen, dass ich nicht sterben w�rde, bevor mich hier jemand fand.</p><empty-line/><p>Ich erwachte vom Gestank des Rauches und von einem leisen Weinen.</p><p>Immer noch kein Tageslicht. Aber ich stellte fest, dass ich mich bewegen konnte, wenigstens ein bisschen, mit betr�chtlicher M�he und unter Schmerzen, und ich schien auch mehr oder weniger klar im Kopf zu sein. Also schob ich mich den Hang hoch, St�ck f�r St�ck.</p><p>Auf der offenen Fl�che zwischen mir und der Klinik waren Autos und Leute, Scheinwerfer und Taschenlampen schnitten spastische B�gen in den Himmel. Die Klinik war nur mehr eine schwelende Ruine. Ihre Betonmauern standen noch, doch das Dach war eingest�rzt und das Geb�ude vom Feuer praktisch ausgeweidet worden. Ich schaffte es, aufzustehen. Ich ging auf das Weinen zu.</p><p>Es war Ibu Ina, die weinte. Sie sa� auf einer Asphaltinsel, die Arme um die Knie geschlungen. Einige Frauen standen um sie herum, die mir d�stere, misstrauische Blicke zuwarfen, als ich n�herkam. Doch als Ina mich sah, sprang sie auf und wischte sich die Augen mit dem Hemds�rmel ab. �Tyler Dupree!� Sie rannte auf mich zu. �Ich dachte, Sie w�ren in den Flammen umgekommen. Verbrannt mit allem andern.�</p><p>Sie packte mich, umarmte mich, hielt mich aufrecht�� meine Beine waren schon wieder weich geworden. �Die Klinik�, brachte ich heraus. �All Ihre Arbeit. Es tut mir so Leid, ich��</p><p>�Nein�, unterbrach sie mich. �Die Klinik ist nur ein Geb�ude. Das ganze medizinische Klimbim kann man ersetzen. Sie dagegen sind einzigartig. En hat mir erz�hlt, wie Sie ihn weggeschickt haben, als die Brandstifter kamen. Sie haben ihm das Leben gerettet, Tyler!� Sie trat etwas zur�ck. �Tyler? Alles in Ordnung mit Ihnen?�</p><p>Nein, nicht so richtig. Ich blickte an Inas Schulter vorbei zum Himmel. Der Tag brach an. Die alte Sonne ging auf. Der Mount Marapi zeichnete sich vor dem indigoblauen Himmel ab. �Bin nur m�de�, sagte ich und schloss die Augen. Ich f�hlte, wie meine Beine nachgaben, und h�rte Ina um Hilfe rufen. Dann schlafe ich eben noch ein wenig, dachte ich. Es wurden einige Tage daraus.</p><empty-line/><p>Aus naheliegenden Gr�nden konnte ich nicht im Dorf bleiben.</p><p>Ina wollte mich w�hrend des letzten Abschnitts der medikament�sen Krise pflegen und fand, dass das Dorf mir Schutz schuldete. Schlie�lich hatte ich Ens Leben gerettet, wie sie beharrlich versicherte, und En war nicht nur ihr Neffe, sondern auf die eine oder andere Weise mit praktisch jedem im Umkreis verwandt. Ich war ein Held. Aber ich war auch ein Magnet, der die Aufmerksamkeit b�ser M�nner anzog, und h�tte Ina sich nicht derart ins Zeug gelegt, h�tten die <emphasis>kepala desa </emphasis>mich wohl in den n�chsten Bus nach Padang gesetzt. So aber wurde ich, zusammen mit meinem Gep�ck, in ein unbewohntes Holzhaus gebracht (die Besitzer waren vor einigen Monaten <emphasis>rantau </emphasis>gegangen), bis anderweitige Vorkehrungen getroffen werden konnten.</p><p>Die Minangkabau von Westsumatra verstanden sich bestens darauf, den Zumutungen unterdr�ckerischer Regimes ein Schnippchen zu schlagen. Sie hatten alles �berstanden: die Heraufkunft des Islam im sechzehnten Jahrhundert, die Padri-Kriege, den holl�ndischen Kolonialismus, Suhartos Neue Ordnung, die Nagari-Restauration und, nach dem Spin, die New Reformasi und ihre brutale Staatspolizei. Ina hatte mir dazu einige Geschichten erz�hlt, in der Klinik und hinterher, als ich in einem winzigen Zimmer unter den riesigen, langsam kreisenden Fl�geln eines elektrischen Ventilators lag. Die St�rke der Minang, sagte sie, sei ihre Flexibilit�t, ihr tiefes Verst�ndnis daf�r, dass der Rest der Welt nicht so war wie ihr Zuhause und es auch nie sein w�rde. (Sie zitierte ein Sprichwort der Minang: �Andere Felder, andere Grash�pfer. Andere Teiche, andere Fische.�) Die Tradition des <emphasis>rantau�� </emphasis>junge M�nner zogen hinaus in die Welt und kehrten reicher oder weiser zur�ck�� habe ein kultiviertes, weltkluges Volk aus ihnen gemacht. Die schlichten B�ffelhornholzh�user des Dorfes waren mit Aerostat-Antennen ausger�stet, und die meisten hier lebenden Familien empfingen regelm��ig Briefe oder E-Mails von Verwandten aus Australien, Europa, Kanada, den USA.</p><p>Es war daher keine �berraschung, dass Minangkabau auch im Hafen von Padang in allen nur denkbaren Funktionen besch�ftigt waren. Inas Ex-Mann Jala war einer von vielen im Import/Export-Gesch�ft, der rantau-Expeditionen zum Bogen und dar�ber hinaus organisierte. �Jala ist ein Opportunist, und er kann auf kleinliche Weise gemein sein, aber er ist nicht skrupellos�, sagte Ina. �Diane hatte Gl�ck, dass sie auf ihn gesto�en ist, oder vielleicht ist sie einfach eine sehr gute Menschenkennerin. Jedenfalls hat Jala f�r die New Reformasi nichts �brig.� (Sie hatte sich von ihm scheiden lassen, weil er, so Ina, in der Stadt die �ble Gewohnheit entwickelt hatte, mit Frauen von zweifelhaftem Ruf zu schlafen. Er gab zu viel Geld f�r seine Freundinnen aus, und zweimal hatte er zwar heilbare, aber unsch�ne Geschlechtskrankheiten mit nach Hause gebracht. Er sei ein schlechter Ehemann, sagte sie, doch kein ausgesprochen schlechter Mensch. Er w�rde Diane nicht an die Beh�rden verraten, es sei denn, er w�rde verhaftet und gefoltert�� aber er sei viel zu clever, um sich verhaften zu lassen.)</p><p>�Die M�nner, die Ihre Klinik angez�ndet haben��</p><p>�Sie m�ssen Diane in Padang bis zum Hotel gefolgt sein und dann den Fahrer befragt haben, der Sie hierher gebracht hat.�</p><p>�Aber warum das Geb�ude niederbrennen?�</p><p>�Ich wei� es nicht, aber ich vermute, sie wollten Ihnen Angst machen, Sie hervorlocken. Und alle �brigen warnen, die auf die Idee kommen k�nnten, Ihnen zu helfen.�</p><p>�Wenn sie die Klinik gefunden haben, kennen sie auch Ihren Namen.�</p><p>�Aber sie werden nicht offen, mit gez�ckten Waffen, ins Dorf kommen. So sehr sind die Verh�ltnisse noch nicht ausgeartet. Ich denke, dass sie das Hafenviertel beobachten und hoffen, dass wir etwas Dummes tun.�</p><p>�Aber trotzdem, wenn Ihr Name auf der Liste steht und Sie eine neue Klinik aufbauen��</p><p>�Aber das war nie meine Absicht.�</p><p>�Nicht?�</p><p>�Nein. Sie haben mich �berzeugt, dass das <emphasis>rantau gadang </emphasis>f�r �rzte eine sinnvolle Sache ist. Falls Sie nichts gegen ein bisschen Konkurrenz einzuwenden haben.�</p><p>�Ich verstehe nicht.�</p><p>�Ich meine, dass es eine einfache L�sung f�r all unsere Probleme gibt, eine, �ber die ich seit langem nachdenke. Das gesamte Dorf hat sie auf die eine oder andere Weise ins Auge gefasst. Viele sind bereits weggegangen. Wir sind keine gro�e erfolgreiche Stadt wie Belubus oder Batusangkar. Das Land hier ist nicht besonders reich, und Jahr f�r Jahr verlieren wir mehr Leute an die Stadt oder an andere Sippen in anderen St�dten oder an das <emphasis>rantau gadang, </emphasis>und warum auch nicht? Es ist Platz genug in der neuen Welt.�</p><p>�Sie wollen auswandern?�</p><p>�Ich, Jala, meine Schwester und ihre Schwester und meine Neffen, meine Cousins und Cousinen�� alles in allem �ber drei�ig von uns. Jala hat mehrere uneheliche Kinder, die nur zu gern sein Gesch�ft �bernehmen w�rden, sobald er auf der anderen Seite ist. Sehen Sie?� Sie l�chelte. �Sie brauchen nicht dankbar zu sein. Wir sind nicht Ihre Wohlt�ter. Nur Mitreisende.�</p><p>Ich fragte sie mehrere Male, ob Diane in Sicherheit sei. So weit in Sicherheit, wie Jala es erm�glichen k�nne, erwiderte Ina. Jala hielt sie in einem kleinen Wohnraum �ber einem Zollhaus versteckt, bis die letzten Vorbereitungen getroffen waren. �Das Schwierigste wird sein, Sie unentdeckt zum Hafen zu bringen. Die Polizei argw�hnt, dass Sie im Hochland sind, also werden sie die Stra�en beobachten und nach Ausl�ndern Ausschau halten, vor allem nach kranken Ausl�ndern, denn der Fahrer, der Sie zur Klinik gebracht hat, wird ihnen gesagt haben, dass es Ihnen nicht gut geht.�</p><p>�Mit dem Kranksein bin ich durch.�</p><p>Die letzte Krise hatte vor der brennenden Klinik begonnen, und sie hatte sich ausgetobt, w�hrend ich bewusstlos war. Ina sagte, es sei eine schwierige Phase gewesen, nach dem Umzug in das kleine Zimmer in dem leeren Haus h�tte ich so ausdauernd gest�hnt, dass die Nachbarn sich beschwert h�tten, sie habe ihren Vetter Adek bitten m�ssen, mich w�hrend der schlimmsten Kr�mpfe festzuhalten, daher r�hrten auch die blauen Flecke auf meinen Armen und Schultern, h�tte ich die eigentlich bemerkt? Ich konnte mich an nichts erinnern. Ich wusste nur, dass ich mich mit jedem Tag kr�ftiger f�hlte; meine Temperatur war einigerma�en normal, ich konnte gehen, ohne zu zittern.</p><p>�Und die anderen Wirkungen des Pr�parats? F�hlen Sie sich <emphasis>anders?�</emphasis></p><p>Eine interessante Frage. �Ich wei� nicht. Bisher jedenfalls nicht.�</p><p>�Na ja, f�rs Erste ist es auch egal. Wie gesagt, der Trick wird darin bestehen, Sie aus dem Hochland raus und zur�ck nach Padang zu bekommen. Aber das kriegen wir schon hin.�</p><p>�Wann soll es losgehen?�</p><p>�In drei oder vier Tagen. Ruhen Sie sich aus, bis es so weit ist.�</p><empty-line/><p>Ina war in diesen drei Tagen sehr besch�ftigt, ich sah sie kaum. Es waren hei�e, sonnige Tage, doch der Wind schickte lindernde Brisen durch das Haus, und ich verbrachte die Zeit mit vorsichtiger Gymnastik, mit Schreiben und Lesen�� im Schlafzimmer standen einige englischsprachige Taschenb�cher, unter anderem eine popul�re Biografie �ber Jason Lawton mit dem Titel �Ein Leben f�r die Sterne� (ich sah im Register nach und fand meinen Namen: <emphasis>Dupree, Tyler, </emphasis>mit f�nf Seitenhinweisen, aber ich brachte es nicht �ber mich, das Buch zu lesen�� die Geschichten von Somerset Maugham reizten mich einfach mehr).</p><p>En kam von Zeit zu Zeit vorbei, um nach mir zu sehen und mir Sandwiches und in Flaschen abgef�lltes Wasser vom <emphasis>warung </emphasis>seines Onkels zu bringen. Er hatte eine recht besitzergreifende Art entwickelt und vers�umte es nie, sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Er sagte, er sei �stolz, mit mir <emphasis>rantau </emphasis>zu machen�.</p><p>�Du auch, En? Du gehst in die neue Welt?�</p><p>Er nickte emphatisch. �Mein Vater auch, meine Mutter, mein Onkel� und ein Dutzend weitere Angeh�rige, deren Verwandtschaftsgrad er mit Minang-Ausdr�cken bezeichnete. Seine Augen funkelten. �Vielleicht k�nnen Sie mich dort Medizin lehren.�</p><p>Vielleicht w�rde ich das m�ssen. Die Durchquerung des Bogens schloss eine traditionelle Ausbildung mehr oder weniger aus. Das war nicht gerade das Beste f�r En, und ich fragte mich, ob seine Eltern diesen Umstand bei ihrer Entscheidung gen�gend bedacht hatten.</p><p>Aber letztlich ging mich das nichts an, und es war offenkundig, wie sehr En sich auf die Reise freute. Er konnte seine Stimme kaum kontrollieren, wenn er dar�ber sprach, und sein strahlendes Gesicht war eine reine Freude. Er geh�rte einer Generation an, die der Zukunft mit mehr Hoffnung als Furcht entgegensah�� aus meiner Generation der �Grotesken� hatte niemand jemals auf diese Weise in die Zukunft hineingel�chelt. Es war ein gutes, ein zutiefst menschliches Bild; es machte mich gl�cklich, und es machte mich traurig.</p><p>Ina kam am Abend vor der geplanten Abreise wieder zu mir, sie brachte Essen und einen Plan mit. �Der Sohn meines Vetters hat einen Schwager�, sagte sie, �der als Krankenwagenfahrer f�r das Spital in Batusangkar arbeitet. Er kann einen Krankenwagen aus dem Fuhrpark borgen, um Sie nach Padang zu bringen. Mindestens zwei Wagen mit Mobiltelefonen werden vor uns fahren�� wenn es also eine Stra�ensperre gibt, m�ssten wir fr�h genug gewarnt sein.�</p><p>�Ich brauche keinen Krankenwagen.�</p><p>�Der Krankenwagen ist zur Tarnung. Sie werden hinten versteckt, ich lege meine Arztmontur an, und einer der Dorfbewohner�� En bewirbt sich nachdr�cklich um die Rolle�� spielt den Kranken. Verstehen Sie? Wenn die Polizisten in den Wagen hineingucken, sehen sie mich und ein krankes Kind, dann sage ich �KVES�, und die Polizisten werden nicht sehr darauf erpicht sein, allzu gr�ndlich weiterzusuchen. Auf diese Weise wird der amerikanische Arzt an ihnen vorbeigeschmuggelt.�</p><p>�Sie glauben, das funktioniert?�</p><p>�Ich glaube, es besteht eine gute Chance, dass es funktioniert.�</p><p>�Aber wenn Sie mit mir erwischt werden��</p><p>�Die Polizei kann mich nicht verhaften, es sei denn, ich mache mich strafbar. Einen Ausl�nder aus dem Westen im Krankenwagen zu transportieren, ist keine Straftat.�</p><p>�Aber einen Straft�ter zu transportieren, ist es vielleicht.�</p><p>�Sind Sie ein Straft�ter, Pak Tyler?�</p><p>�Kommt drauf an, wie man gewisse Erlasse des Kongresses interpretiert.�</p><p>�Ich ziehe es vor, sie �berhaupt nicht zu interpretieren. Machen Sie sich bitte darum keine Sorgen. Hatte ich schon erw�hnt, dass die Reise um einen Tag verschoben wird?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Eine Hochzeit. Nat�rlich sind Hochzeiten nicht mehr das, was sie mal waren. Das Hochzeits-<emphasis>adat</emphasis> ist seit dem Spin stark untergraben worden. Wie auch alles andere, seit das Geld, die Stra�en und die Fastfood-Restaurants ins Hochland gekommen sind. Ich sage nicht, dass Geld grunds�tzlich von �bel ist, aber es kann zerst�rerische Wirkungen haben. Na, wenigstens haben wir keine Zehn-Minuten-Hochzeiten wie in Las Vegas�� gibt es die immer noch in Ihrem Land?�</p><p>�Ich glaube schon.�</p><p>�Nun, bei uns geht es auch in diese Richtung. <emphasis>Minang hilang, tinggal kerbau. </emphasis>Wenigstens wird es noch ein <emphasis>palaminan </emphasis>geben und gro�e Mengen klebrigen Reis und <emphasis>saluang</emphasis>-Musik. Geht es Ihnen gut genug, um daran teilzunehmen? Wenigstens f�r die Musik?�</p><p>�Es w�re mir eine Ehre.�</p><p>�Dann werden wir also morgen Abend singen, und am n�chsten Morgen trotzen wir dem amerikanischen Kongress. Die Hochzeit ist auch g�nstig f�r uns. Viel Verkehr, viele Fahrzeuge auf der Stra�e, da fallen wir nicht weiter auf mit unserer kleinen <emphasis>rantau</emphasis>-Gruppe auf dem Weg nach Teluk Bayur.�</p><p>Ich schlief die Nacht durch, und als ich aufwachte, f�hlte ich mich so gut wie lange nicht mehr, kr�ftiger und irgendwie munterer als gewohnt. Die morgendliche Brise war warm und trug mannigfache Kochd�fte, das Klagegeschrei von H�hnen und flei�iges H�mmern von der Dorfmitte heran, wo eine Freilichtb�hne errichtet wurde. Ich verbrachte den Tag weitgehend am Fenster, las und beobachtete den �ffentlichen Umzug, mit dem Braut und Br�utigam zum Haus des Br�utigams geleitet wurden. Inas Dorf war klein genug, dass eine Hochzeit alle anderen Aktivit�ten zum Stillstand brachte. Sogar die w<emphasis>arungs </emphasis>vor Ort hatten heute geschlossen, nur die Franchisegesch�fte auf der Hauptstra�e hielten eine Notbesetzung f�r die Bed�rfnisse der Touristen aufrecht. Am sp�ten Nachmittag hing der Geruch von H�hnercurry und Kokosmilch in der Luft, und En kam mit einem fertig zubereiteten Essen vorbei.</p><p>Kurz nach Einbruch der Dunkelheit klopfte Ibu Ina, in einem mit Stickereien versehenen Gewand und Seidenkopftuch, an die T�r und sagte: �Es ist vorbei. Die eigentliche Hochzeit, meine ich. Jetzt kommt nur noch das Singen und Tanzen. Haben Sie immer noch Lust mitzukommen, Tyler?�</p><p>Ich trug die besten Sachen, die ich bei mir f�hrte, wei�e Baumwollhosen und ein wei�es Hemd. Die Aussicht, in aller �ffentlichkeit gesehen zu werden, machte mich etwas nerv�s, aber Ina versicherte, dass keine Fremden an der Feier teiln�hmen und ich in der Schar der G�ste willkommen sei.</p><p>Trotz ihrer beruhigenden Worte kam ich mir unangenehm auff�llig vor, als wir gemeinsam die Stra�e entlang in Richtung B�hne und Musik gingen, weniger wegen meiner K�rpergr��e als wegen des Umstands, dass ich mich so lange in geschlossenen R�umen aufgehalten hatte. Das Haus zu verlassen, war, als w�rde ich aus dem Wasser an die Luft kommen�� pl�tzlich war ich von nichts Substanziellem mehr umgeben. Ina lenkte mich ab, indem sie von dem frisch getrauten Paar redete. Der Br�utigam, ein Apothekerlehrling aus Belubus, war ein junger Vetter von ihr (Ina bezeichnete jeden Verwandten, der entfernter war als Bruder, Schwester, Onkel oder Tante, als �Vetter�; das Verwandtschaftssystem der Minang kannte zwar genauere Ausdr�cke, f�r die es jedoch keine direkten englischen Entsprechungen gab). Die Braut war eine Hiesige mit leicht anr�chiger Vergangenheit. Beide wollten gleich nach der Hochzeit <emphasis>rantau </emphasis>gehen. Die neue Welt lockte.</p><p>Die Musik begann mit der Abendd�mmerung und w�rde, so Ina, bis zum Morgen andauern. Sie wurde �ber riesige, auf Pf�hlen befestigten Lautsprechern ins ganze Dorf �bertragen, ihren Ausgang aber nahm sie von der erh�hten B�hne, wo die Musiker auf Strohmatten sa�en, zwei m�nnliche Instrumentalisten und zwei S�ngerinnen. Die Lieder, erkl�rte Ina, handelten von Liebe, Ehe, Entt�uschung, Schicksal und Sex. Jede Menge Sex, gekleidet in Metaphern, an denen ein Chaucer seine helle Freude gehabt h�tte. Wir sa�en auf einer Bank am Rand der Feierlichkeiten. Ich zog mehr als nur einige Blicke auf mich�� ein Gro�teil der Leute musste die Geschichte von der niedergebrannten Klinik und dem geflohenen Amerikaner geh�rt haben��, aber Ina achtete darauf, dass ich nicht zum Objekt allgemeinen Staunens wurde. Sie schirmte mich weitgehend ab, wobei sie mit Blick auf die jungen Leute, die sich vor der B�hne dr�ngten, nachsichtig l�chelte. �Aus dem Klagealter bin ich heraus. Mein Feld muss nicht mehr gepfl�gt werden, wie es in dem Lied hei�t. Diese ganze Aufregung immer. Meine G�te!�</p><p>Braut und Br�utigam sa�en prachtvoll gekleidet auf nachgebildeten Thronen nahe der B�hne. Ich fand, dass der Br�utigam mit seinem bleistiftd�nnen Schnurrbart nicht gerade den solidesten Eindruck machte, aber nein, beharrte Ina, das M�dchen sei diejenige, auf die man ein Auge haben m�sse, so unschuldig sie in ihrem blau-wei�en Brokatkost�m auch wirken m�ge. Wir tranken Kokosmilch. Wir l�chelten. Als es auf Mitternacht zuging, zogen sich die meisten Frauen zur�ck, bis fast nur noch M�nner �brig blieben, die Jungen johlend und lachend vor der B�hne, die �lteren an Tischen sitzend, wo sie mit gro�em Ernst Karten spielten, die Gesichter so undurchdringlich wie altes Leder.</p><p>Ich hatte Ina die Seiten zum Lesen gegeben, auf denen ich meine erste Begegnung mit Wun Ngo Wen schilderte. �Aber das kann nicht vollkommen wirklichkeitsgetreu sein�, sagte sie, als die Musik einmal Pause machte. �Sie klingen viel zu ruhig.�</p><p>�Ich war �berhaupt nicht ruhig. Ich habe nur versucht, mich nicht zum Narren zu machen.�</p><p>�Immerhin wurden Sie mit einem Mann vom Mars bekannt gemacht.� Sie sah zum Himmel hinauf, zu den Post-Spin-Sternen in ihren fragilen, weit verstreuten Konstellationen, im Lichterglanz der Hochzeitsfeier nur schwach auszumachen. �Was hatten Sie erwartet?�</p><p>�Ich vermute, etwas weniger Menschliches.�</p><p>�Ah, aber er war <emphasis>sehr </emphasis>menschlich.�</p><p>�Ja.�</p><p>Wun Ngo Wen war in den l�ndlichen Gebieten Indiens, Indonesiens und S�dostasiens eine Art Kultfigur geworden. In Padang, sagte Ina, h�tten viele Leute sein Bild an der Wand h�ngen, in einem vergoldeten Rahmen, wie ein Heiligengem�lde oder ein Foto eines ber�hmten Mullahs. �Es war etwas so Ber�hrendes in seinem ganzen Wesen. Eine vertraute Art zu reden, obwohl wir ihn nur in �bersetzungen h�ren konnten. Und als wir die Fotografien seines Planeten sahen�� all die bestellten Felder��, wirkte das mehr l�ndlich als st�dtisch, mehr �stlich als westlich. Die Erde wurde vom Abgesandten einer anderen Welt besucht�� und er war einer von uns! So schien es uns jedenfalls. Und wie er die Amerikaner gescholten hat, das war sehr vergn�glich.�</p><p>�Das war das Letzte, was Wun im Sinn hatte�� jemandem Vorw�rfe zu machen.�</p><p>�Zweifellos ist die Legende der Realit�t vorausgeeilt. Hatten Sie nicht tausend Fragen an ihn, als Sie ihn kennen lernten?�</p><p>�Nat�rlich. Aber ich dachte mir, dass er diese naheliegenden Fragen seit seiner Ankunft schon hundertmal beantwortet hatte. Ich nahm an, dass er genug davon hatte.�</p><p>�Hat er sich dagegen gestr�ubt, von seiner Heimat zu sprechen?�</p><p>�Im Gegenteil, er hat gerne davon erz�hlt. Er mochte halt nur nicht so gern ausgefragt werden.�</p><p>�Meine Manieren sind nicht so geschliffen wie Ihre. Ich w�re ihm sicher mit unz�hligen Fragen auf die Nerven gegangen. Angenommen, Sie h�tten an jenem ersten Tag die M�glichkeit gehabt, ihn irgendetwas Beliebiges zu fragen�� was w�re das gewesen?�</p><p>Das war leicht. Ich wusste genau, welche Frage ich mir bei meiner ersten Begegnung mit Wun Ngo Wen verkniffen hatte. �Ich h�tte ihn �ber den Spin befragt. �ber die Hypothetischen. Ob sein Volk etwas in Erfahrung gebracht hatte, was wir noch nicht wussten.�</p><p>�Und haben Sie sp�ter mit ihm dar�ber sprechen k�nnen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und hatte er viel dazu zu sagen?�</p><p>�Viel, ja.�</p><p>Ich sah zur B�hne. Eine neue <emphasis>saluang-</emphasis>Gruppe hatte sie betreten. Einer der Musiker spielte eine <emphasis>Rabab; </emphasis>er schlug mit seinem Bogen gegen den Bauch des Saiteninstruments und grinste. Es folgte ein weiteres anz�gliches Hochzeitslied.</p><p>�Ich f�rchte, ich habe <emphasis>Sie </emphasis>gerade ein bisschen ausgefragt�, sagte Ina.</p><p>�Tut mir Leid. Ich bin immer noch etwas ersch�pft.�</p><p>�Dann sollten Sie nach Hause gehen und schlafen. Das ist eine �rztliche Anweisung. Mit ein bisschen Gl�ck werden Sie Ibu Diane morgen wiedersehen.�</p><p>Wir gingen die laute Stra�e hinunter, lie�en die Feierlichkeiten hinter uns. Die Musik spielte bis f�nf Uhr morgens. Ich schlief trotzdem tief und fest.</p><empty-line/><p>Der Fahrer des Krankenwagens war ein magerer, wortkarger Mann in der wei�en Uniform des Roten Halbmonds. Sein Name war Nijon. Er sch�ttelte mir mit �bertriebener Ehrerbietung die Hand und hielt seine gro�en Augen auf Ibu Ina gerichtet, w�hrend er mit mir sprach. Ich fragte, ob ihn die Fahrt nach Padang unruhig mache. Ina �bersetzte seine Antwort: �Er sagt, er habe schon gef�hrlichere Sachen aus weniger zwingenden Gr�nden gemacht. Er sagt, es sei ihm ein Vergn�gen, einen Freund von Wun Ngo Wen kennen zu lernen. Er sagt, dass wir so schnell wie m�glich aufbrechen sollten.�</p><p>Also kletterten wir in den Fond des Krankenwagens. An einer der Seitenw�nde befand sich ein horizontaler Stahlschrank, in dem normalerweise medizinische Ausr�stung gelagert wurde. Au�erdem konnte man ihn als Sitzbank benutzen. Nijon hatte den Schrank ausger�umt, und wir stellten fest, dass es mir m�glich war, mich hineinzuzw�ngen, wenn ich meine Beine in den H�ften und den Knien abknickte und meinen Kopf irgendwie unter die Achsel klemmte. Der Schrank roch nach antiseptischen Mitteln und Latex und war ungef�hr so bequem wie ein Affensarg, aber genau dort w�rde ich mich aufhalten m�ssen, falls wir an einem Kontrollpunkt angehalten wurden�� dazu Ina auf der Bank in ihrem Arztkittel und En auf einer Tragbahre ausgestreckt, in seiner Rolle als KVES-Infizierter. Im hei�en Morgenlicht erschien der Plan n�rrischer, als mir lieb war.</p><p>Nijon hatte kleine Keile in die Abdeckung des Schranks geklemmt, sodass ein wenig Luft darin zirkulieren konnte. Trotzdem empfand ich wenig Freude bei der Aussicht, in einen dunklen, hei�en Metallkasten zu kriechen. Aber ich musste das gar nicht, jedenfalls vorerst nicht. Die Aktivit�ten der Polizei, so Ina, konzentrierten sich auf die neue Schnellstra�e zwischen Bukik Tinggi und Padang, und da wir in einem lockeren Konvoi mit anderen Dorfbewohnern reisten, sollten wir rechtzeitig vorgewarnt sein, bevor man uns anhielt. So sa� ich also erst einmal neben Ina, w�hrend sie eine Tropfinfusion in Ens Armbeuge befestigte�� ohne Nadel, nur mit Klebestreifen. En war begeistert von dem T�uschungsman�ver und probte schon mal den Husten, ein tief aus der Lunge geholtes Raucherr�cheln, das bei Ina ein ebenso theatralisches Stirnrunzeln hervorrief: �Hast du etwa die Nelkenzigaretten deines Bruders gestohlen?�</p><p>En wurde rot. Er habe das lediglich im Interesse einer realistischen Darstellung gemacht, gab er zu verstehen.</p><p>�Ach ja? Pass nur auf, dass du dich nicht in ein fr�hes Grab schauspielerst.�</p><p>Nijon schlug die hinteren T�ren zu, kletterte auf den Fahrersitz und lie� den Motor an. Unsere holprige Fahrt nach Padang begann. Ina sagte En, er solle die Augen zumachen. �Tu so, als wenn du schl�fst.� Nicht lange, und sein Atem ging ruhiger, verwandelte sich schlie�lich in ein sanftes Schnarchen.</p><p>�Er war die ganze Nacht wach von der Musik�, erkl�rte Ina.</p><p>�Trotzdem wundere ich mich, dass er schlafen kann.�</p><p>�Einer der Vorz�ge der Kindheit. Oder des Ersten Alters, wie die Marsianer sagen�� habe ich Recht?�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Sie haben vier davon, stimmt das? Vier Altersstufen, wo wir nur drei haben?�</p><p>So war es, wie Ina nat�rlich sehr genau wusste. Von allen Eigenheiten des Lebens in Wun Ngo Wens F�nf Republiken war dies diejenige, die die terrestrische �ffentlichkeit am meisten faszinierte hatte.</p><p>Auf der Erde spricht man in der Regel von zwei oder drei Phasen des Lebens: Kindheit und Erwachsensein, oder Kindheit, Pubert�t und Erwachsensein. In manchen Kulturkreisen wird dem hohen Alter noch ein besonderer Status zugedacht. Doch der Brauch der Marsianer war v�llig anders und hing mit ihren �ber Jahrhunderte entwickelten Fertigkeiten in der Biochemie und Genetik zusammen. Sie teilten das Leben in vier Abschnitte ein, die durch biochemisch vermittelte Vorg�nge markiert waren: Geburt bis Pubert�t war Kindheit; Pubert�t bis zum Ende des k�rperlichen Wachstums und dem Beginn des Stoffwechselgleichgewichts war Adoleszenz oder Jugend; Gleichgewicht bis Verfall, Tod oder radikaler Wandel war Erwachsensein.</p><p>Und jenseits des Erwachsenseins das fakultative, das Wahlalter: das Vierte.</p><p>Schon vor Jahrhunderten hatten marsianische Biochemiker ein Mittel ersonnen, das menschliche Leben um durchschnittlich sechzig bis siebzig Jahre zu verl�ngern. Aber die Entdeckung war kein reiner Segen. Der Mars war ein von radikalen Beschr�nkungen, vom Mangel an Wasser und Stickstoff gepr�gtes �kosystem�� das Ackerland, das Ibu Ina so vertraut schien, war der Triumph einer �beraus avancierten und subtilen Biotechnik, und die menschliche Fortpflanzung unterlag seit Jahrhunderten einer Regulierung, die sich an Kriterien der Nachhaltigkeit orientierte. Gab man der durchschnittlichen Lebenszeit noch einmal siebzig Jahre dazu, beschwor man zwangsl�ufig eine Bev�lkerungskrise herauf.</p><p>Auch war die Langlebigkeitsbehandlung selbst weder einfach noch angenehm. Es handelte sich um eine tiefgreifende zellul�re Rekonstruktion. Ein Cocktail aus im Labor erzeugten viralen und bakteriellen Einheiten wurde in den K�rper injiziert. Ma�geschneiderte Viren nahmen eine Art System-Update vor, �berarbeiteten DNA-Sequenzen, restaurierten Telomere und stellten die genetische Uhr neu, w�hrend bakterielle Phagen giftige Metalle und Plaques ausschwemmten und Sch�den reparierten.</p><p>Das Immunsystem wehrte sich. Die Behandlung glich im g�nstigsten Fall einer sechsw�chigen schweren Grippe, mit Fieber, Gelenk- und Muskelschmerzen und k�rperlicher Schw�che. Bestimmte Organe verfielen in einen regenerativen Overdrive, Hautzellen starben ab und wurden in rasender Folge ersetzt, Nervengewebe bildete sich spontan und blitzschnell neu.</p><p>Es war ein schmerzhafter, ersch�pfender Prozess, und mitunter traten negative Nebenwirkungen auf. Die meisten Probanden vermeldeten einen zumindest mittelfristigen Ged�chtnisverlust, in einigen wenigen F�llen kam es sogar zu Demenzerscheinungen und irreversibler Amnesie. Das wiederhergestellte, neu verkabelte Gehirn war, kaum merklich, zu einem anderen Organ geworden�� und sein Besitzer zu einer anderen Person.</p><p>�Sie haben den Tod bezwungen�, sagte Ina.</p><p>�Nicht ganz.�</p><p>�Allerdings sollte man meinen, dass sie, mit all ihrer Weisheit, imstande gewesen sein m�ssten, die Sache weniger unangenehm zu gestalten.�</p><p>Mit Sicherheit h�tten sie die oberfl�chlichen Beschwerden des �bergangs ins Vierte Alter lindern k�nnen. Aber sie hatten sich entschieden, es nicht zu tun. Die marsianische Kultur hatte das Vierte Alter zum Teil ihrer Tradition gemacht, mit allen Konsequenzen: der Schmerz war eine einschr�nkende Bedingung, eine sch�tzende, vorbeugende Unannehmlichkeit. Nicht jeder wollte ein Vierter werden. Nicht nur, dass der �bergang schwierig war, auch hatten die Marsianer der Langlebigkeit per Gesetz einen gravierenden sozialen Preis abverlangt: Jeder marsianische B�rger hatte das Recht, sich der Behandlung zu unterziehen, kostenfrei und ohne Ansehen der Person, aber es war den Vierten verwehrt, sich fortzupflanzen�� die Fortpflanzung war ein den Erwachsenen vorbehaltenes Privileg (seit zweihundert Jahren enthielt der Langlebigkeitscocktail Pr�parate, die eine irreversible Sterilisation f�r beide Geschlechter bewirkten). Als Vierter verlor man au�erdem das aktive und passive Wahlrecht�� niemand w�nschte sich einen Planeten, der von ehrw�rdigen Greisen zu eigenem Nutzen regiert wurde. Allerdings besa�en alle F�nf Republiken ein Rechtspr�fungsorgan�� eine Art Supreme Court��, das <emphasis>ausschlie�lich </emphasis>von Vierten gew�hlt wurde. Vierte waren mehr und gleichzeitig weniger als Erwachsene, wie auch Erwachsene mehr und gleichzeitig weniger sind als Kinder: m�chtiger und st�rker, aber weniger spielerisch; freier, aber eingeschr�nkter.</p><p>Freilich konnte ich nicht alle Codes und Totems dechiffrieren, in die die Marsianer ihre medizinische Technologie eingewickelt hatten, weder f�r Ina noch f�r mich. Anthropologen hatten sich, auf Grundlage der von Wun Ngo Wen mitgebrachten Archive, jahrelang damit besch�ftigt. Bis jede weitere Forschung in dieser Richtung verboten worden war.</p><p>�Und jetzt haben wir die gleiche Technologie�, sagte Ina.</p><p>�Einige von uns. Aber ich hoffe, dass sie irgendwann allen zur Verf�gung stehen wird.�</p><p>�Ich frage mich, ob wir sie genauso weise gebrauchen w�rden.�</p><p>�Warum nicht. Die Marsianer haben es getan, und sie sind Menschen wie wir.�</p><p>�Ich wei�. M�glich ist es, sicherlich. Aber was glauben Sie, Tyler�� werden wir weise sein?�</p><p>Ich sah En an. Er schlief noch immer. Seine Augen schossen unter den geschlossenen Lidern umher wie Fische unter Wasser, seine Nasenfl�gel bl�hten sich beim Atmen, und das R�tteln des Krankenwagens lie� ihn von einer Seite zur anderen schaukeln.</p><p>�Nicht auf diesem Planeten�, sagte ich.</p><empty-line/><p>F�nfzehn Kilometer hinter Bukik Tinggi klopfte Nijon heftig gegen die Trennscheibe zwischen uns und dem Fahrersitz. Das war das abgesprochene Zeichen: Stra�ensperre voraus. Der Krankenwagen fuhr langsamer. Ina stand hastig auf, st�lpte eine neongelbe Sauerstoffmaske �ber Ens Gesicht�� der, wieder aufgewacht, den Reiz des Abenteuers jetzt doch in einem etwas anderen Licht zu betrachten schien�� und legte sich selbst einen Mundschutz aus Papier an. �Machen Sie schnell�, fl�sterte sie mir zu.</p><p>Also zw�ngte ich mich in den Ausr�stungsschrank. Der Deckel schlug gegen die Keilst�cke, die ein wenig Luft ins Innere str�men lie�en, ein halber Zentimeter zwischen mir und dem Erstickungstod.</p><p>Der Wagen bremste, und mein Kopf schlug heftig gegen die Schmalseite des Schranks.</p><p>�Still jetzt�, sagte Ina�� ob zu mir oder zu En, wusste ich nicht genau.</p><p>Ich wartete im Dunkeln.</p><p>Minuten vergingen. Aus der Ferne ert�nte ein rumpelnder Wortwechsel, unm�glich zu verstehen, selbst wenn ich die Sprache gesprochen h�tte. Nijon und ein Unbekannter. Eine d�nne, �bellaunige, barsche Stimme. Die Stimme eines Polizisten.</p><p>Sie haben den Tod bezwungen, hatte Ina gesagt.</p><p>Nein, dachte ich.</p><p>Der Schrank heizte sich schnell auf. Schwei� schmierte mein Gesicht ein, durchn�sste mein Hemd, brannte in den Augen. Ich konnte meinen Atem h�ren. Es kam mir vor, als k�nne die ganze Welt meinen Atem h�ren.</p><p>Nijon antwortete dem Polizisten mit respektvollem Murmeln. Der Polizist bellte daraufhin neue Fragen.</p><p>�Bleib einfach still liegen�, fl�sterte Ina. En hatte mit den F��en gegen die d�nne Matratze der Rollbahre geschlagen, ein nerv�ser Tick. Zu viel Energie f�r einen KVES-Kranken.</p><p>Dann gingen die Heckt�ren des Krankenwagens knarrend auf, ich roch Auspuffgase und den strengen Duft der Vegetation. Wenn ich�� vorsichtig, ganz vorsichtig�� meinen Kopf reckte, konnte ich einen d�nnen Lichtstreifen und zwei Schatten sehen, bei denen es sich um Nijon und den Polizisten, vielleicht aber auch um B�ume oder Wolken handeln mochte.</p><p>Der Polizist wollte etwas von Ina wissen. Er sprach mit kehliger, monotoner Stimme, gelangweilt und drohend, und das machte mich w�tend. Ich stellte mir vor, wie sie vor diesem bewaffneten Mann und dem, was er repr�sentierte, kuschte oder zu kuschen vorgab. Um meinetwillen. Ina sprach eindr�cklich, aber nicht provozierend in ihrer Muttersprache. <emphasis>KVES� unverst�ndlich� unverst�ndlich� KVES. </emphasis>Sie spielte ihre �rztliche Autorit�t aus, testete die Empf�nglichkeit des Polizisten, versuchte Furcht vor der Krankheit gegen die Furcht vor der staatlichen Repression zu setzen.</p><p>Die Antwort des Polizisten war schroff, offenbar wollte er den Krankenwagen durchsuchen oder ihre Papiere sehen. Ina sagte etwas Nachdr�cklicheres oder Verzweifelteres. Wieder <emphasis>KVES.</emphasis></p><p>Ich wollte mich sch�tzen, aber noch mehr wollte ich Ina und En sch�tzen. Bevor ich zulie�, dass ihnen �bel mitgespielt wurde, wollte ich mich stellen. Mich stellen oder k�mpfen. K�mpfen oder fliehen. Falls n�tig, all die Jahre drangeben, die das marsianische Pharmazeutikum in meinen K�rper gepumpt hatte. Vielleicht war das der Mut der Vierten, dieser ganz besondere Mut, von dem Wun Ngo Wen gesprochen hatte.</p><p><emphasis>Sie haben den Tod bezwungen� </emphasis>Nein, als Spezies, ob terrestrisch oder marsianisch, hatten wir in der langen Zeit, die uns auf beiden Planeten zur Verf�gung stand, lediglich Aufsch�be, Gnadenfristen bewerkstelligt. Es war nichts gewiss.</p><p>Schritte, Stiefel auf Metall. Der Polizist kletterte in den Krankenwagen. Das Fahrzeug schaukelte auf seinen Sto�d�mpfern wie ein Schiff bei leichtem Seegang. Ich st�tzte mich gegen die Schrankabdeckung. Ina stand auf, erhob schrille Einw�nde.</p><p>Ich holte Luft und machte mich sprungbereit.</p><p>Pl�tzlich kam neuer L�rm von der Stra�e her. Ein anderes Fahrzeug fuhr dr�hnend an uns vorbei. Dem Aufheulen seines gequ�lten Motors nach zu urteilen, war es mit hoher Geschwindigkeit unterwegs�� mit provozierender Schei�-auf-die-Polizei-Geschwindigkeit.</p><p>Der Polizist stie� einen emp�rten Fluch aus. Der Krankenwagen geriet erneut ins Schaukeln.</p><p>Eilige Schritte, kurze Stille, das Zuknallen einer T�r und dann der Motor des Streifenwagens (so meine Vermutung), auf Hochtouren gebracht, knirschende Auroreifen, w�tendes Kiesgest�ber.</p><p>Ina hob den Deckel meines Sarkophages.</p><p>Im Gestank meines Schwei�es setzte ich mich auf. �Was ist passiert?�</p><p>�Das war Aji. Aus unserem Dorf. Ein Vetter von mir. Hat die Stra�ensperre durchbrochen, um die Polizei abzulenken.� Sie war blass, aber erleichtert. �Er f�hrt wie ein Betrunkener.�</p><p>�Er hat das getan, um uns zu helfen?�</p><p>�Ja. Wir sind schlie�lich ein Konvoi. Andere Autos, Funktelefone, er wird gewusst haben, dass wir angehalten wurden. Er riskiert eine Geldstrafe oder eine Verwarnung, nichts Ernsteres.�</p><p>Ich atmete die Luft ein, die lieblich und k�hl war, und sah En an. Er schenkte mir ein wackliges L�cheln.</p><p>�Bitte, stellen Sie mich Aji vor, wenn wir nach Padang kommen�, sagte ich. �Ich m�chte ihm daf�r danken, dass er den Betrunkenen gespielt hat.�</p><p>Ina verdrehte die Augen. �Unseligerweise hat Aji nicht gespielt�� er <emphasis>ist </emphasis>betrunken. Ein ernstes Vergehen in den Augen des Propheten.�</p><p>Nijon blickte zu uns hinein, zwinkerte, schloss die T�ren.</p><p>Ina legte eine Hand auf meinen Arm. �Nun, das war be�ngstigend.�</p><p>Ich entschuldigte mich daf�r, dass ich sie das Risiko hatte auf sich nehmen lassen.</p><p>�Unsinn�, erwiderte sie. �Wir sind jetzt Freunde. Und das Risiko ist nicht so gro�, wie Sie denken. Die Polizei kann schwierig sein, aber zumindest sind es Leute von hier, an gewisse Regeln gebunden�� nicht wie die M�nner aus Jakarta, die New Reformasi oder wie sie sich nennen, die M�nner, die meine Klinik niedergebrannt haben. Und ich vermute, Sie w�rden, falls n�tig, auch f�r uns Risiken eingehen. Nicht wahr, Pak Tyler?�</p><p>�Ja, das w�rde ich.�</p><p>Ihre Hand zitterte. Sie sah mir in die Augen. �Ich glaube Ihnen.�</p><p>Nein, wir hatten den Tod keineswegs bezwungen, nur Aufsch�be erreicht�� die Pille, das Pulver, die Gef��plastik, das Vierte Alter��, hatten unserer unbeirrbaren �berzeugung gem�� gehandelt, wonach mehr Leben, und sei es nur ein klein bisschen mehr, vielleicht doch noch die Freuden oder die Weisheit abwerfen w�rde, die wir uns w�nschten oder im bisherigen Leben vermisst hatten. Niemand, der sich einer dreifachen Bypass-OP oder einer Langlebigkeitsbehandlung unterzog, erwartete, dass er ewig leben w�rde. Sogar Lazarus stieg aus seinem Grab in dem Wissen, dass er ein zweites Mal sterben w�rde.</p><p>Aber er kam heraus. Er kam heraus und war dankbar. Auch ich war dankbar.</p></section><section><title><p>Die kalten Orte des Universums</p></title><p>Nach einer sp�ten Sitzung bei Perihelion fuhr ich freitagabends nach Hause, schloss die Wohnungst�r auf und sah Molly an meinem Computer sitzen.</p><p>Der Schreibtisch im Wohnzimmer stand vor einem Fenster, von der T�r abgewandt. Molly drehte sich halb um und warf mir einen erschrockenen Blick zu. Gleichzeitig klickte sie auf ein Symbol und schloss das laufende Programm.</p><p>�Molly?�</p><p>Ich war nicht �berrascht, sie hier anzutreffen. Sie verbrachte die meisten Wochenenden bei mir und besa� einen Zweitschl�ssel. Aber bislang hatte sie nie ein Interesse an meinem PC gezeigt.</p><p>�Du hast nicht angerufen�, sagte sie.</p><p>Ich hatte eine Besprechung mit Vertretern jener Versicherung gehabt, die den Schutz der Perihelion-Angestellten garantierte. Man hatte mir gesagt, ich solle mich auf eine zweist�ndige Sitzung einrichten, doch dann stellte sich heraus, dass es nur um ein paar Neuerungen im Rechnungsverfahren ging, und als dies nach zwanzig Minuten erledigt war, fand ich, es w�re unkomplizierter, einfach gleich nach Hause zu fahren�� vielleicht w�rde ich sogar noch vor Molly ankommen, falls sie irgendwo angehalten hatte, um Wein zu besorgen. Jedenfalls war die Wirkung von Mollys langem festem Blick, dass ich mich bem��igt f�hlte, ihr all dies erst zu erkl�ren, bevor ich sie fragte, was sie da in meinen Dateien suche.</p><p>Sie lachte, so ein verlegenes, entschuldigendes Lachen: <emphasis>Na, da hast du mich aber bei was Komischem erwischt� </emphasis>Ihre rechte Hand schwebte weiter �ber dem Touchpad. Sie drehte sich wieder zum Bildschirm. Der Cursor wischte auf das Shutdown-Symbol zu.</p><p>�Warte�, sagte ich und ging zu ihr hin�ber.</p><p>�Willst du auch noch mal ran?�</p><p>Der Cursor setzte sich auf sein Ziel. Ich legte meine Hand �ber Mollys. �Eigentlich w�rde ich gern wissen, was du da gemacht hast.�</p><p>Sie war angespannt, eine Ader pochte in der rosigen Haut direkt vor ihrem Ohr. �Hab�s mir gem�tlich gemacht. �hm, ein bisschen zu gem�tlich? Dachte nicht, dass du was dagegen haben w�rdest.�</p><p>�Wogegen, Moll?�</p><p>�Dagegen, dass ich deinen Computer benutze.�</p><p>�Wof�r benutzen?�</p><p>�Nichts weiter. Nur mal angucken.�</p><p>Doch es konnte kaum das Ger�t sein, auf das Molly neugierig war. Es war f�nf Jahre alt, praktisch eine Antiquit�t�� bei Perihelion war sie viel besser ausger�stet. Und ich hatte das Programm erkannt, das sie so eilig verlassen hatte, als ich durch die T�r kam. Es war mein Haushaltsorganisator, das Programm, das ich verwendete, um Rechnungen zu bezahlen, mein Konto zu f�hren und meine privaten und beruflichen Kontakte zu verwalten.</p><p>�Sah irgendwie aus wie eine Tabellenkalkulation�, sagte ich.</p><p>�Ich bin nur ein bisschen rumgewandert. Dein Desktop hat mich verwirrt. Du wei�t ja, jeder organisiert seine Sachen auf andere Weise. Tut mir Leid, Tyler. Da war ich wohl ein bisschen unversch�mt.� Sie zog ihre Hand unter meiner weg und klickte auf Shutdown. Der Desktop schrumpfte zusammen, das Bel�ftungsger�usch des Prozessors erstarb mit einem klagenden Ton. Sie stand auf, strich ihre Bluse glatt. Molly strich immer irgendetwas glatt, wenn sie sich erhob, immer alles auf Vordermann bringen. �Wie w�r�s, wenn ich jetzt das Abendessen mache.� Sie kehrte mir den R�cken zu und ging Richtung K�che.</p><p>Ich sah zu, wie sie durch die Schwingt�ren verschwand. Nachdem ich bis zehn gez�hlt hatte, folgte ich ihr.</p><p>Sie war dabei, T�pfe aus dem Wandregal zu ziehen. Sie drehte mir den Kopf zu, sah dann wieder weg.</p><p>�Molly�, sagte ich. �Wenn es irgendetwas gibt, was du wissen m�chtest, brauchst du nur zu fragen.�</p><p>�Ach, brauch ich nur? Okay.�</p><p>�Molly��</p><p>Sie stellte einen Topf auf die Herdplatte, mit �bertriebener Vorsicht, so als sei er zerbrechlich. �Soll ich mich noch einmal entschuldigen? Na gut, Tyler. Es tut mir Leid, dass ich mit deinem Computer gespielt habe, ohne dich um Erlaubnis zu fragen.�</p><p>�Ich habe keine Anschuldigungen erhoben, Molly.�</p><p>�Warum reden wir dann noch dar�ber? Ich meine, warum sieht es so aus, als w�rden wir den ganzen Rest des Abends noch dar�ber reden m�ssen?� Ihre Augen wurden feucht, ihre get�nten Linsen nahmen eine noch dunklere Gr�nf�rbung an. �Ich hab mich eben nur ein bisschen f�r dich interessiert.�</p><p>�Wof�r interessiert, f�r meine Warmwasserrechnung?�</p><p>�F�r dich.� Sie zog einen Stuhl unter dem K�chentisch hervor. Ein Stuhlbein verfing sich an einem Tischbein, und Molly riss den Stuhl energisch los. Sie setzte sich und verschr�nkte die Arme. �Ja, vielleicht sogar f�r so triviales Zeug.� Sie schloss die Augen, sch�ttelte den Kopf. �Ich sage das, und es klingt, als w�re ich irgendeine Art Stalker. Aber ja, deine Wasserrechnung, deine Zahnpastamarke, deine Schuhgr��e. Ja, ich m�chte das Gef�hl haben, dass ich ein bisschen mehr f�r dich bin als dein Wochenendfick. Geb ich zu.�</p><p>�Daf�r m�sstest du nicht in meine Dateien gehen.�</p><p>�H�tt ich vielleicht nicht getan, wenn��</p><p>�Wenn?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich will nicht mit dir streiten.�</p><p>�Manchmal ist es besser, etwas zu Ende zu bringen, was man angefangen hat.�</p><p>�Na ja, <emphasis>das </emphasis>zum Beispiel: Immer wenn du dich bedroht f�hlst, ziehst du diese distanzierte Nummer ab. Machst einen auf sachlich, ganz k�hl und analytisch, als w�re ich eine Naturdoku im Fernsehen oder so was. Die Glaswand. Die Glaswand ist <emphasis>immer </emphasis>da, nicht wahr? Und die ganze Welt ist auf der anderen Seite. Deshalb redest du nicht �ber dich selbst. Deshalb muss ich ein ganzes Jahr warten, bis du mal merkst, dass ich mehr bin als ein St�ck Mobiliar. Dieser k�hle Blick, der das Leben beobachtet, als w�ren�s die Abendnachrichten, als w�re es irgendein Krieg am anderen Ende der Welt, wo die Leute alle unaussprechliche Namen haben.�</p><p>�Molly��</p><p>�Ist mir schon klar, dass wir alle irgendwie verkorkst sind, Tyler, hineingeworfen in dieses Leben mit dem Spin. Kein Wunder. Pr�traumatische Belastungsst�rung, oder wie habt ihr das noch mal genannt? Die Generation der Grotesken. Deswegen sind wir alle geschieden oder promisk oder hyperreligi�s oder depressiv oder manisch oder <emphasis>leidenschaftslos. </emphasis>Wir alle haben eine wirklich gute Entschuldigung f�r unser schlechtes Benehmen, ich eingeschlossen, und wenn es diese unersch�tterliche S�ule kalkulierter Hilfsbereitschaft ist, die du darstellen musst, damit du �ber die Runden kommst, dann ist das okay, dann verstehe ich das. Aber es ist genauso okay, wenn ich mehr m�chte. Nein, es ist nicht nur okay, sondern es ist sogar ein ganz nat�rliches Bed�rfnis, wenn ich dich ber�hren m�chte. Nicht nur mit dir v�geln. Dich ber�hren.� Als sie merkte, dass sie fertig war, faltete sie die Arme wieder auseinander, sah mich an, wartete auf eine Reaktion.</p><p>In Gedanken entwarf ich eine Antwortrede. Ich empf�nde durchaus leidenschaftlich f�r sie. Es mochte nicht so offensichtlich gewesen sein, aber ich h�tte sie von Anfang an, seit ich zu Perihelion gekommen sei, sehr bewusst wahrgenommen. Die Konturen und Bewegungen ihres K�rpers, die Art, wie sie stand oder ging, sich streckte oder g�hnte, ihre pastellfarbene Kleidung und den Schmetterling, den sie an einer d�nnen silbernen Kette trug. Sehr wohl h�tte ich all das wahrgenommen, ihre Stimmungen und Launen und den ganzen Katalog ihres L�chelns, ihres Stirnrunzelns, ihrer Gesten. Wenn ich meine Augen schl�sse, s�he ich ihr Gesicht, wenn ich schlafen ginge, sei es das, was ich vor Augen h�tte. Ich liebte ihre Oberfl�che und ihre Substanz: den Salzgeschmack ihres Halses und die Modulationen ihrer Stimme, die Kurven ihrer Finger und die Worte, die diese auf meinen K�rper schrieben� Ich dachte an all das und brachte es doch nicht �ber mich, es ihr zu sagen. Nicht, dass es unbedingt gelogen gewesen w�re. Aber es war auch nicht unbedingt die Wahrheit.</p><p>Am Ende vers�hnten wir uns mit unverbindlicheren Nettigkeiten, mit zwei, drei Tr�nen und beschwichtigenden Umarmungen, wir lie�en das Thema fallen und ich spielte den Hilfskoch, w�hrend sie eine sehr gute Pastaso�e zusammenbraute. Die Spannung l�ste sich langsam, und als es Mitternacht war, hatten wir schon eine Stunde zu den Sp�tnachrichten gekuschelt (steigende Arbeitslosenzahlen, eine Wahlkampfdebatte, irgendein Krieg am anderen Ende der Welt) und waren bereit f�rs Bett. Molly machte das Licht aus, bevor wir uns liebten, und das Schlafzimmer war dunkel, das Fenster offen und der Himmel vollst�ndig leer. Sie kr�mmte den R�cken, als sie kam, und ihr Atem war s�� und milchig. Nicht mehr vereinigt, aber noch Arm in Arm, die Hand auf dem Schenkel des anderen, redeten wir in unvollst�ndigen S�tzen. Ich sagte: �Leidenschaft, wei�t du�, und sie sagte: �Im Schlafzimmer. Gott, ja.�</p><p>Sie schlief schnell ein. Ich war nach einer Stunde immer noch wach.</p><p>Ich stieg sachte aus dem Bett, registrierte keine Ver�nderung in ihrer Atmung. Ich zog eine Jeans �ber und schlich aus dem Zimmer. In schlaflosen N�chten wie dieser half normalerweise ein Gl�schen Drambuie, um die nagenden inneren Monologe abzuschalten, die beim m�den Vorderhirn vom Zweifel eingereichten Petitionen. Diesmal jedoch setzte ich mich an meinen Computer und rief den Haushaltorganisator auf.</p><p>Es war nicht zu erkennen, was sich Molly angesehen hatte; soweit ich feststellen konnte, war nichts ver�ndert. Alle Namen und Zahlen schienen unber�hrt. Vielleicht hatte sie hier irgendetwas gefunden, was ihr ein Gef�hl gr��erer N�he zu mir vermittelte. Falls es wirklich das war, was sie wollte.</p><p>Vielleicht war es aber auch eine ergebnislose Suche gewesen. Vielleicht hatte sie nicht das Geringste gefunden.</p><empty-line/><p>In den Wochen vor den Novemberwahlen sah ich Jason h�ufiger. Trotz der gesteigerten Medikation wurde seine Krankheit aktiver, was m�glicherweise auf den Stress zur�ckzuf�hren war, den ihm der fortgesetzte Konflikt mit seinem Vater bereitete. (E. D. hatte angek�ndigt, er wolle sich Perihelion �zur�ckholen��� die Firma befinde sich in den Klauen einer Clique von Empork�mmlingen aus B�rokratie und Wissenschaft, die mit Wun Ngo Wen gemeinsame Sache machten. Eine leere Drohung Jasons Auffassung nach, aber potenziell Unruhe stiftend und peinlich.)</p><p>Jason achtete darauf, dass ich in seiner N�he war, f�r den Fall, dass es in einem kritischen Moment n�tig w�rde, ihm ein Antispasmodikum zu verabreichen. Ich war auch bereit, das zu tun, sofern es im Rahmen der Gesetze und des �rztlichen Berufsethos blieb. Ihn kurzfristig funktionst�chtig zu machen, war das �u�erste, was die Medizin f�r Jason tun konnte, und so lange funktionst�chtig zu bleiben, wie es erforderlich war, um E. D. Lawton auszuman�vrieren, war alles, worauf es ihm ankam.</p><p>Also verbrachte ich viel Zeit in Perihelions V.I.P.-Fl�gel, meist mit Jason, oft aber auch mit Wun Ngo Wen. Die Folge war, dass ich von denen, die offiziell mit dem Marsianer zu tun hatten, argw�hnisch be�ugt wurde, haupts�chlich Regierungsbeamte�� Vertreter des Au�enministeriums, des Wei�en Hauses, des Heimatschutzes, der Raumfahrtbeh�rde etc.�� und Wissenschaftler, die die marsianischen Archive �bersetzten, studierten und klassifizierten. Mein privilegierter Zugang zu Wun Ngo Wen war in den Augen dieser Leute nicht ordnungsgem��. Ich war ein Mietling. Ein Niemand. Aber gerade deshalb zog Wun meine Gesellschaft vor. Ich hatte kein Anliegen vorzubringen. Und weil er darauf bestand, wurde ich also von Zeit zu Zeit von m�rrischen Speichelleckern durch die diversen T�ren gef�hrt, die die klimatisierten Wohnr�ume des marsianischen Gesandten von der Hitze Floridas und der ganzen weiten Welt dahinter trennten.</p><p>Bei einer dieser Gelegenheiten traf ich ihn auf seinem Rattansessel sitzend an�� jemand hatte ihm einen dazu passenden Schemel besorgt, sodass er die F��e nicht mehr baumeln lassen musste��, wie er nachdenklich den Inhalt einer reagenzglasgro�en Phiole betrachtete. Ich fragte ihn, was das sei.</p><p>�Replikatoren�, erwiderte er.</p><p>Er trug einen Anzug, der f�r einen st�mmigen Zw�lfj�hrigen h�tte geschneidert sein k�nnen�� er hatte eben erst einen Vortrag f�r eine Delegation des Kongresses gehalten. Obwohl seine Existenz noch nicht formell bekanntgemacht worden war, gaben sich seit einiger Zeit Besucher aus dem In- und Ausland die Klinke in die Hand. Die offizielle Erkl�rung des Wei�en Hauses sollte kurz nach den Wahlen erfolgen, und dann w�rde f�r Wun eine turbulente Zeit anbrechen.</p><p>Mit dem n�tigen Abstand be�ugte ich den Glasbeh�lter. <emphasis>Replikatoren. </emphasis>Eisfresser. Saat einer anorganischen Biologie.</p><p>Wun l�chelte. �Haben Sie Angst davor? Bitte, das brauchen Sie nicht. Ich versichere Ihnen, der Inhalt ist vollkommen inaktiv. Ich dachte, Jason h�tte es Ihnen erkl�rt.�</p><p>Hatte er. Ein bisschen. Ich sagte: �Es sind mikroskopisch kleine Vorrichtungen. Halborganisch. Sie pflanzen sich unter extremen Bedingungen von K�lte und Vakuum fort.�</p><p>�Ja, das ist im Wesentlichen korrekt. Und hat Jason auch ihren Zweck erl�utert?�</p><p>�Sie werden rausgeschickt, um die Galaxis zu bev�lkern. Und uns Daten zu schicken.�</p><p>Wun nickte langsam, so als sei auch diese Antwort zwar im Wesentlichen korrekt, aber keineswegs befriedigend. �Das hier ist das raffinierteste St�ck Technologie, das die F�nf Republiken jemals produziert haben. Wir h�tten nie industrielle Aktivit�ten auf einem solch erschreckenden Niveau betreiben k�nnen, wie es Ihre Leute tun�� Ozeandampfer, Reisen zum Mond, riesige St�dte��</p><p>�Nach dem, was ich gesehen habe, sind Ihre St�dte auch recht eindrucksvoll.�</p><p>�Weil wir sie in einem sanfteren Schwerkraftgef�lle bauen. Auf der Erde w�rden die T�rme unter ihrem eigenen Gewicht einst�rzen. Was ich aber sagen wollte, ist: dies hier, der Inhalt dieser R�hre, das ist <emphasis>unser </emphasis>Triumph der Technik, etwas, das so komplex, so schwer herzustellen ist, dass wir darauf sogar ein bisschen stolz sind.�</p><p>�Das glaube ich ohne Weiteres.�</p><p>�Dann kommen Sie und staunen Sie. Haben Sie keine Angst.� Er winkte mich n�her heran. Ich folgte der Aufforderung, setzte mich auf einen Sessel ihm gegen�ber. Von weitem sahen wir wohl wie zwei Freunde oder Bekannte aus, die sich ganz normal unterhielten. Aber mein Blick war starr auf die Phiole gerichtet. Er hielt sie mir hin. �Nur zu, nehmen Sie.�</p><p>Ich nahm die R�hre zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt sie ins Licht. Der Inhalt sah wie ganz gew�hnliches Wasser aus, mit einem leicht �ligen Glanz. Das war alles.</p><p>�Um es richtig w�rdigen zu k�nnen, m�ssen Sie verstehen, was Sie da eigentlich in der Hand halten. In dieser Phiole, Tyler, befinden sich etwa drei�ig- oder vierzigtausend k�nstlich erzeugte Zellen in einer Glyzerinl�sung. Jede Zelle ist eine Eichel.�</p><p>�Sie kennen Eicheln?�</p><p>�Ich hab dar�ber gelesen. Es ist eine gebr�uchliche Metapher. Eicheln und Eichen, nicht wahr? Wenn man eine Eichel vom Boden aufhebt, h�lt man die M�glichkeit einer Eiche in der Hand, und zwar nicht nur eine einzelne Eiche, sondern die gesamte Nachkommenschaft dieser Eiche �ber Jahrhunderte hinweg. Gen�gend Eichenholz, um ganze St�dte zu bauen. Werden St�dte aus Eichenholz gebaut?�</p><p>�Nein, aber das spielt keine Rolle.�</p><p>�Was Sie da halten, ist eine Eichel. Vollkommen unt�tig, wie gesagt, und diese spezielle Probe ist vermutlich sogar ziemlich tot, wenn man bedenkt, wie viel Zeit sie unter terrestrischen Bedingungen verbracht hat. Wenn Sie sie analysieren, werden Sie allenfalls ein paar ungew�hnliche Substanzen finden.�</p><p>�Aber?�</p><p>�Aber wenn Sie sie in eine eisige, luftleere Umgebung bringen, eine Umgebung etwa wie die Oortsche Wolke, dann, Tyler, erwacht sie zum Leben. Dann beginnt sie, sehr langsam, aber sehr geduldig, zu wachsen und sich fortzupflanzen.�</p><p>Die Oortsche Wolke. Die kannte ich aus Gespr�chen mit Jason und aus den Science-Fiction-Romanen, die ich noch immer gelegentlich las. Die Oortsche Wolke war eine Ansammlung kometartiger Himmelsk�rper in einem Raum, der sich ungef�hr von der Umlaufbahn des Pluto bis halb zum n�chstgelegenen Stern erstreckte. Die kleinen Objekte waren alles andere als dicht gedr�ngt�� sie nahmen einen unvorstellbar gro�en Raum ein��, aber die Summe ihrer Masse, meist in der Form von schmutzigem Eis, �bertraf die Masse der Erde um ein Zwanzig- bis Drei�igfaches.</p><p>Jede Menge zu fressen, falls Eis und Staub das ist, was man gerne frisst.</p><p>Wun beugte sich vor. Seine Augen, gebettet in eine Haut aus zerknittertem Leder, waren hell. Er l�chelte, was ich als ein Zeichen von Ernsthaftigkeit zu interpretieren gelernt hatte: Marsianer l�cheln, wenn das, was sie sagen, von Herzen kommt.</p><p>�Das war nicht ganz unumstritten bei uns, wissen Sie. Was Sie in der Hand halten, hat die F�higkeit, nicht nur unser Sonnensystem, sondern auch viele andere umzuwandeln. Und was dabei herauskommt, ist ungewiss. Die Replikatoren sind zwar nicht organisch im herk�mmlichen Sinne, aber sie sind <emphasis>lebendig. </emphasis>Es sind lebende autokatalytische R�ckkopplungsschleifen, die sich unter bestimmten Einfl�ssen ver�ndern. Genau wie Menschen. Oder Bakterien. Oder��</p><p>�Oder <emphasis>Murkuds.�</emphasis></p><p>Er grinste. �Oder <emphasis>Murkuds.�</emphasis></p><p>�Mit anderen Worten, sie k�nnen sich entwickeln.�</p><p>�Sie <emphasis>werden </emphasis>sich entwickeln, und zwar auf eine Weise, die wir nicht vorhersehen k�nnen. Allerdings haben wir dieser Entwicklung Grenzen gesetzt. Oder jedenfalls glaube ich das. Wie gesagt, das Thema wurde sehr kontrovers diskutiert.�</p><p>Wenn Wun �ber marsianische Politik sprach, stellte ich mir immer lauter faltige M�nner und Frauen in pastellfarbenen Togen vor, die von einem Podium herab abstrakte Diskussionen f�hrten. In Wirklichkeit, versicherte Wun, benahmen sich die marsianischen Parlamentarier eher wie mit Geldscheinen wedelnde Farmer bei einer Getreideauktion. Und die Kleidung�� nun ja, ich versuchte erst gar nicht, mir die Kleidung bildlich vorzustellen; bei gesellschaftlichen Anl�ssen, so Wun, kleideten die Marsianer beiden Geschlechts sich wie die Herzk�nigin in einem Kartenspiel.</p><p>W�hrend also die Diskussionen ausdauernd und sehr engagiert gef�hrt wurden, war der Plan selbst relativ einfach. Die Replikatoren sollten in die fernen, kalten Au�enbereiche des Sonnensystems expediert werden. Ein kleiner Teil davon w�rde sich auf zwei oder drei der Kometenkerne niederlassen, die die Oortsche Wolke bildeten. Dort w�rden sie dann anfangen, sich fortzupflanzen.</p><p>Ihre genetische Information, so Wun, war in Molek�le eingeschrieben, die instabil wurden, sobald sie h�heren Temperaturen als auf den Neptunmonden ausgesetzt waren. Doch in der hyperkalten Umgebung, f�r die sie gemacht waren, setzten submikroskopische Fasern einen langsamen, gr�ndlichen Stoffwechselprozess in Gang. Die Replikatoren wuchsen in einem Tempo, neben dem sich das Wachstum einer Bristlecone-Pinie vergleichsweise �berst�rzt ausnahm, aber sie wuchsen, assimilierten dabei organische Molek�le, formten Eis zu Zellw�nden, -rippen, -sparren und -klebern.</p><p>Sobald sie, grob gerechnet, etwa zehn bis zwanzig Kubikmeter Kometenstoff verbraucht hatten, wurden ihre Verbindungen untereinander allm�hlich komplexer und ihr Verhalten zielgerichteter. Hoch entwickelte Anh�ngsel formten sich, Augen aus Eis und Kohlenstoff, um die mit Sternen �bers�te Dunkelheit zu durchdringen.</p><p>So mauserte sich die Replikatorenkolonie im Laufe etwa eines Jahrzehnts zu einem hoch entwickelten Gemeinwesen, mit der F�higkeit, elementare Daten aus seiner Umgebung aufzuzeichnen und zu senden. Es betrachtete den Himmel und fragte: Gibt es dort einen planetengro�en dunklen K�rper, der den n�chstgelegenen Stern umkreist?</p><p>Die Frage zu stellen und sie zu beantworten, nahm weitere Jahrzehnte in Anspruch, und zumindest anf�nglich war die Antwort eine, die von vornherein feststand: Ja, zwei Welten, die diesen Stern umkreisten, waren dunkle K�rper�� die Erde und der Mars.</p><p>Dennoch sortierten die Replikatoren�� geduldig, beharrlich, langsam�� diese Daten und sandten sie an ihren Ursprungsort zur�ck: an uns, oder jedenfalls an unsere Empfangssatelliten.</p><p>Im Zuge ihres Alterungsprozesses gliederte sich die Replikatorenkolonie alsdann in einzelne Cluster aus einfachen Zellen auf, identifizierte einen weiteren hellen oder nahegelegenen Stern und schleuderte unter Verwendung akkumulierter, aus dem Kometenkern gewonnener fl�chtiger Substanzen ihre Saat ins Sonnensystem hinaus (wobei die Zellen ein winziges Bruchst�ck ihrer selbst hinterlie�en, das als Funk-Repeater fungierte, als passiver Knoten in einem sich ausweitenden Netzwerk).</p><p>Diese Samen der zweiten Generation trieben �ber Jahre, Jahrzehnte, Jahrtausende im interstellaren Raum. Die meisten gingen, auf eine fruchtlose Bahn geworfen oder von Gravitationswirbeln erfasst, schlie�lich zugrunde. Manche, die der wenn auch schwachen Anziehungskraft der Sonne nicht entfliehen konnten, st�rzten in die Oortsche Wolke zur�ck und wiederholten den ganzen Prozess, stumpfsinnig, aber geduldig Eis fressend und redundante Information aufzeichnend. Wenn zwei Arten einander begegneten, tauschten sie zellul�res Material aus, glichen durch Zeit oder Strahlung verursachte Kopierfehler aus und produzierten Nachwuchs, der ihnen fast vollst�ndig glich, aber eben nur fast.</p><p>Einige wenige jedoch erreichten den eisigen Halo eines nahen Sterns und begannen ihrerseits den Zyklus von neuem, wobei sie diesmal neue Informationen sammelten, die sie sp�ter nach Hause schickten, als eine Eruption von Daten, einen kurzen digitalen Orgasmus. <emphasis>Bin�rer Stern, </emphasis>mochten sie sagen, <emphasis>keine dunklen Planetenk�rper; </emphasis>oder vielleicht: <emphasis>Wei�er Zwerg, ein dunkler Planetenk�rper.</emphasis></p><p>Und der Zyklus begann von neuem.</p><p>Und noch einmal.</p><p>Und noch einmal, von einem Stern zum n�chsten, schrittweise, Jahrhunderte �ber Jahrtausende, qu�lend langsam, aber schnell genug nach dem Zeitma� der Galaxis�� nach dem Ma�, das wir aus unserer Gruft heraus an das Universum anlegen konnten. Unsere Tage umfassten hunderttausende ihrer Jahre, in einem Jahrzehnt unserer Zeit hatten sie den Gro�teil des Spiralarms befallen.</p><p>Mit Lichtgeschwindigkeit von Knoten zu Knoten weitergegebene Information verbreitete sich, modifizierte Verhalten, lenkte neue Replikatoren in unerforschtes Gebiet und unterdr�ckte Redundanzen, sodass zentrale Knoten nicht �berlastet wurden. Letzten Endes war die Galaxis so verkabelt, dass eine Art rudiment�res Denken entstand. Die Replikatoren erzeugen ein Neuronennetz, so gro� wie der Nachthimmel�� und dieses Netz sprach zu uns.</p><p>Gab es Risiken? Selbstverst�ndlich gab es Risiken.</p><p>Ohne den Spin, so Wen, h�tten die Marsianer einer solch arroganten Aneignung der galaktischen Ressourcen niemals ihre Zustimmung erteilt. Immerhin war dies nicht nur ein Forschungsunternehmen, es war ein <emphasis>Eingriff, </emphasis>eine Neuordnung der galaktischen �kologie. Wenn es da drau�en eine andere bewusstseinsbegabte Spezies gab�� und die Existenz der Hypothetischen hatte diese Frage ja wohl ziemlich eindeutig beantwortet��, k�nnte diese die Verbreitung der Replikatoren als aggressiven Akt missverstehen. Und sie zu einem Vergeltungsschlag veranlassen.</p><p>Erst als sie die Spin-Gebilde entdeckten, die �ber ihren n�rdlichen und s�dlichen Polen errichtet wurden, hatten die Marsianer dieses Risiko in einem neuem Licht betrachtet.</p><p>�Der Spin bringt die Einw�nde zum Verstummen�, sagte Wun. �Fast jedenfalls. Wenn wir Gl�ck haben, werden die Replikatoren uns etwas Wichtiges �ber die Hypothetischen mitteilen, oder wenigstens �ber das Ausma� ihres Wirkens in der Galaxis. Vielleicht sind wir dann imstande, den Zweck des Spins zu erkennen. Wenn nicht, werden die Replikatoren immerhin als eine Art Warnsignal f�r andere intelligente Spezies dienen, die mit dem gleichen Problem konfrontiert sind. Durch sorgf�ltige Analyse wird ein aufmerksamer Beobachter ermitteln k�nnen, warum dieses Netzwerk errichtet wurde. Andere Zivilisationen werden sich vielleicht einklinken. Das Wissen kann ihnen helfen, sich zu sch�tzen. Erfolgreich zu sein, wo wir gescheitert sind.�</p><p>�Sie glauben, dass wir scheitern werden?�</p><p>Wun zuckte mit den Achseln. �Sind wir nicht bereits gescheitert? Die Sonne ist inzwischen sehr alt. Es gibt nichts, dessen Dauer unbegrenzt ist. Und unter den gegebenen Umst�nden ist selbst �unbegrenzt� keine sehr lange Zeit f�r uns.�</p><p>Vielleicht lag es an der Art, wie er es sagte, vorgebeugt in seinem Rattansessel, das traurige marsianische Aufrichtigkeitsl�cheln im Gesicht�� jedenfalls empfand ich seine Worte als zutiefst schockierend.</p><p>Nicht, dass sie mich �berrascht h�tten. Wir wussten alle, dass wir zum Untergang verdammt waren. Oder zumindest dazu, unser Leben unter einer d�nnen Schale zu fristen, die das Einzige war, was uns vor einem feindseligen Sonnensystem sch�tzte. Die Sonnenstrahlen, die den Mars bewohnbar gemacht hatten, w�rden die Erde zerkochen, falls die Spinmembran entfernt wurde. Und auch der Mars�� in seiner eigenen dunklen Umh�llung�� rutschte mit gro�er Geschwindigkeit aus der sogenannten bewohnbaren Zone heraus. Der Stern, der der Ursprung allen Lebens war, hatte sein blutrotes Altersstadium erreicht und w�rde uns t�ten, ohne sich gro� Gedanken dar�ber zu machen.</p><p>Das Leben war am Rande einer instabilen Kernreaktion entstanden. So war es immer gewesen; auch vor dem Spin, als der Himmel noch klar war und ferne Sterne die Sommern�chte funkeln lie�en. So war es gewesen, und es hatte keine Rolle gespielt, weil das menschliche Leben kurz war�� unz�hlige Generationen lebten und starben w�hrend eines einzigen Herzschlags der Sonne. Doch jetzt waren wir dabei, die Sonne zu �berleben, und entweder w�rden wir als ein Haufen Asche ihren Leichnam umkreisen oder wir w�rden in ewiger Nacht konserviert, eine verkapselte Kuriosit�t, ohne Heimat im Universum.</p><p>�Tyler? Alles in Ordnung?�</p><p>�Ja.� Ich dachte an Diane, warum auch immer. �Ein bisschen was zu verstehen, bevor der Vorhang f�llt, vielleicht ist das das �u�erste, was wir uns erhoffen k�nnen.�</p><p>�Der Vorhang?�</p><p>�Bevor es zu Ende geht.�</p><p>�Ein gro�er Trost ist es nicht. Aber, ja, das ist vielleicht wirklich das �u�erste.�</p><p>�Ihr Volk lebt seit Jahrtausenden mit dem Spin. Und in dieser ganzen Zeit ist es Ihnen nicht gelungen, etwas �ber die Hypothetischen herauszufinden?�</p><p>�Nein, tut mir Leid, damit kann ich nicht dienen. Auch was die physikalische Natur des Spins betrifft, k�nnen wir h�chstens ein paar Spekulationen anbieten.� Welche Jason mir k�rzlich zu erl�utern versucht hatte: es hatte mit Zeitquanten zu tun, war reine Mathematik und weit jenseits praktischer Anwendbarkeit, ob mit marsianischer oder mit terrestrischer Technik. ��ber die Hypothetischen selbst k�nnen wir gar nichts sagen. Was sie von uns wollen k�nnten�� Wun zuckte mit den Achseln. �Nur weitere Spekulationen. Die Frage, die wir uns gestellt haben, lautete: Was war das Besondere an der Erde, als sie umh�llt wurde? Warum haben die Hypothetischen so lange gewartet, bis sie den Mars �eingespinnt� haben, und warum haben sie dann diesen speziellen Moment in unserer Geschichte gew�hlt?�</p><p>�Und haben Sie Antworten darauf gefunden?�</p><p>Einer der Aufpasser klopfte an die T�r und �ffnete sie, ein Mann mit sch�tterem Haar, in schwarzem Anzug. Er sprach zu Wun, sah aber mich an. �Nur zur Erinnerung, wir erwarten einen Repr�sentanten der EU. In f�nf Minuten.� Er hielt die T�r offen, erwartungsvoll, auffordernd. Ich erhob mich.</p><p>�N�chstes Mal�, sagte Wun.</p><p>�Recht bald, hoffe ich.�</p><p>�So schnell ich es einrichten kann.�</p><p>Es war bereits sp�t am Nachmittag, und ich hatte keine Termine mehr. Ich verlie� das Geb�ude durch den Nordausgang. Auf dem Weg zum Parkplatz blieb ich an dem Bauzaun stehen, hinter dem der Perihelion-Erg�nzungskomplex hochgezogen wurde. Durch L�cken in der Sicherheitsumgrenzung konnte ich ein schlichtes Steingeb�ude erkennen, riesige externe Druckbeh�lter, durch Betonlaibungen gelegte Rohre, so dick wie F�sser. Der Boden war �bers�t mit gelber PTFE-Isolierung und gewundenem Kupferrohr. Ein Vorarbeiter mit wei�em Schutzhelm bellte Anweisungen, und M�nner mit Schubkarren, Schutzbrillen und Stahlkappenstiefeln befolgten sie.</p><p>M�nner, die einen Brutkasten f�r eine neue Art Leben bauten. Hier w�rden die Replikatoren in einer Wiege aus fl�ssigem Helium heranwachsen, bis sie bereit waren, in die kalten Zonen des Universums hinausgeschossen zu werden�� in gewissem Sinne unsere Erben, dazu bestimmt, l�nger zu leben und weiter zu reisen, als es dem Menschen gegeben war. Unser abschlie�ender Dialog mit dem Universum. Es sei denn, E. D. w�rde sich durchsetzen und das ganze Projekt abblasen.</p><empty-line/><p>An diesem Wochenende machten Molly und ich einen Strandspaziergang. Es war ein wolkenloser Samstag Ende Oktober. Wir waren erst einen halben Kilometer �ber den mit Zigarettenkippen �bers�ten Sand marschiert, als wir feststellten, dass es unangenehm warm wurde. Die Sonne brannte intensiv, das Meer reflektierte ihr Licht in funkelnden kleinen Punkten, als w�rden Schw�rme von Diamanten vor der K�ste schwimmen. Molly trug Shorts, Sandalen, ein wei�es Baumwoll-T-Shirt, das auf reizvolle Weise an ihr zu kleben begann, und eine Schirmm�tze.</p><p>�Also, das hab ich nie begriffen.� Sie wischte sich mit dem Handgelenk �ber die Stirn und blieb stehen, wandte sich ihren Fu�spuren im Sand zu.</p><p>�Was denn, Moll?�</p><p>�Die Sonne. Ich meine, den Sonnenschein. Dieses Licht. Es ist gef�lscht, sagen alle, aber meine G�te, die <emphasis>Hitze </emphasis>ist verdammt echt.�</p><p>�Gef�lscht ist eigentlich nicht ganz korrekt. Die Sonne, die wir sehen, ist nicht die richtige Sonne, aber dieses Licht w�rde von dort herkommen. Es wird von den Hypothetischen kontrolliert, die Wellenl�ngen werden runtergesetzt und gefiltert��</p><p>�Ich wei�, aber ich meine die Art, wie sie �ber den Himmel zieht. Sonnenaufgang, Sonnenuntergang. Wenn es nur eine Projektion ist, wie kommt es, dass es �berall gleich aussieht, von Kanada aus, von S�damerika aus? Wenn die Spin-Barriere nur ein paar hundert Kilometer weit oben ist?�</p><p>Ich gab an sie weiter, was Jason mir einmal erz�hlt hatte: die Pseudosonne war keine auf eine Leinwand projizierte Illusion, es war eine gesteuerte Sonnenlichtkopie, die von einer 150 Millionen Kilometer entfernten Quelle aus <emphasis>durch </emphasis>die Leinwand strahlte, wie ein in einem Riesenma�stab ablaufendes Bildberechnungsprogramm.</p><p>�Verdammt aufw�ndiger B�hnenzauber�, sagte Molly.</p><p>�W�rden sie es anders machen, w�ren wir alle schon vor Jahren gestorben. Die �kologie des Planeten ben�tigt einen Vierundzwanzigstundentag.� Wir hatten bereits einige Arten eingeb�sst, die f�r ihre Nahrungssuche oder Paarung auf das Mondlicht angewiesen waren.</p><p>�Aber es ist eine L�ge.�</p><p>�Wenn du es so nennen willst.�</p><p>�Ja, ich nenne es eine L�ge. Ich stehe hier mit dem Licht einer L�ge auf meinem Gesicht. Einer L�ge, von der man Hautkrebs bekommen kann. Aber ich begreife es immer noch nicht. Wahrscheinlich werden wir das erst k�nnen, wenn wir die Hypothetischen verstanden haben. Falls es dazu je kommt. Was ich bezweifle.� Eine L�ge, sagte Molly, w�hrend wir parallel zu einer alten, vom Salz wei� gewordenen Uferpromenade weitergingen, k�nne man nicht begreifen, wenn man das ihr zugrunde liegende Motiv nicht kenne. Dabei sah sie mich von der Seite an, die Augen von der M�tze beschattet, und in ihrem Blick lagen irgendwelche Botschaften, die ich nicht entschl�sseln konnte.</p><p>Wir verbrachten den Rest des Nachmittags in meinem klimatisierten Haus, lasen ein wenig, h�rten Musik. Doch Molly war rastlos, und ich hatte noch immer nicht ganz ihren �bergriff auf meinen Computer verwunden�� ein anderer nicht zu entschl�sselnder Vorgang. Ich liebte Molly. Oder wenn das, was ich f�r sie empfand, nicht Liebe war, dann jedenfalls eine glaubw�rdige Imitation, ein �berzeugender Ersatz.</p><p>Sorge machte mir, dass sie so unberechenbar war, spingesch�digt wie wir alle. Ich konnte ihr keine Geschenke machen�� zwar gab es Dinge, die sie sich w�nschte, aber ich erriet nie, was das sein k�nnte, au�er sie bewunderte etwas ausdr�cklich, das sie in einem Schaufenster sah. Ihre tiefsten Bed�rfnisse lie� sie tief im Dunkeln, und wie die meisten verschlossenen Menschen nahm sie an, dass ich meinerseits wichtige Geheimnisse h�tete.</p><p>Wir hatten zu Abend gegessen und sp�lten gerade ab, als das Telefon klingelte. Molly nahm ab, w�hrend ich mir die H�nde trocknete. �Hallo. Nein, er ist da. Einen Moment.� Sie hielt die Hand vor die Sprechmuschel. �Jason ist dran. Willst du mit ihm sprechen? Er klingt reichlich durchgedreht.�</p><p>�Nat�rlich will ich mit ihm sprechen.�</p><p>Ich nahm den H�rer und wartete. Molly warf mir einen langen Blick zu, verdrehte dann die Augen und verlie� die K�che. Vertraulichkeit. �Jase? Was ist los?�</p><p>�Ich brauche dich hier, Tyler.� Seine Stimme war angespannt, halb erstickt.</p><p>�Hast du ein Problem?�</p><p>�Ja, ich habe ein Schei�problem. Und du musst kommen und es beheben.�</p><p>�So dringend ist es?�</p><p>�W�rde ich dich sonst anrufen?�</p><p>�Wo bist du?�</p><p>�Zu Hause.�</p><p>�Okay. Es dauert vielleicht ein bisschen, wenn der Verkehr��</p><p>�Hauptsache, du kommst.�</p><p>Ich sagte Molly, ich h�tte noch etwas Dringendes zu erledigen. Sie l�chelte�� vielleicht grinste sie auch sp�ttisch�� und sagte: �Was denn? Hat jemand einen Termin verpasst? Musst du Geburtshilfe leisten? Oder was?�</p><p>�Ich bin Arzt, Moll. Schweigepflicht.�</p><p>�Arzt zu sein, hei�t nicht, dass du Jason Lawtons Scho�hund spielen musst. Du musst nicht jedes Mal apportieren, wenn er das St�ckchen wirft.�</p><p>�Tut mir Leid, dass ich den Abend so abbreche. Soll ich dich irgendwohin mitnehmen?�</p><p>�Nein. Ich bleibe hier, bis du zur�ckkommst.� Sie starrte mich dabei herausfordernd, ja streitlustig an, sie wartete nur darauf, dass ich Einspruch erhob.</p><p>Aber das tat ich nicht. Es h�tte bedeutet, dass ich ihr nicht traute. Und ich traute ihr ja. Weitgehend zumindest. �Ich wei� nicht genau, wie lange es dauert.�</p><p>�Macht nichts. Ich kuschel mich aufs Sofa und mach die Glotze an. Falls dir das recht ist?�</p><p>�Solange du dich nicht langweilst.�</p><p>�Ich verspreche, dass ich mich nicht langweilen werde.�</p><empty-line/><p>Jasons sp�rlich m�blierte Wohnung war drei�ig Kilometer Highway-Fahrt entfernt, und auf dem Weg dorthin wurde ich um den Tatort eines Verbrechens herumgeleitet, ein fehlgeschlagener �berfall auf einen Geldtransporter, bei dem offenbar einige Touristen ums Leben gekommen waren. Der Summer lie� mich in das Geb�ude ein, und als ich an Jasons Wohnungst�r klopfte, rief er: �Es ist offen.�</p><p>Das gro�e vordere Zimmer war so karg eingerichtet wie eh und je, eine Parkettw�ste, in der Jason sein Beduinenlager aufgeschlagen hatte. Er lag auf dem Sofa. Die Stehlampe tauchte ihn in ein hartes, unvorteilhaftes Licht. Er war blass, die Stirn von Schwei� bedeckt. Seine Augen glitzerten.</p><p>�Ich dachte schon, du kommst nicht�, sagte er. �Dachte, deine Provinzlerfreundin w�rde dich vielleicht nicht weglassen.�</p><p>Ich erz�hlte ihm von der Polizeisperre. �Und tu mir einen Gefallen�, f�gte ich hinzu. �Sprich nicht so von Molly.�</p><p>�Ich soll sie nicht als Landpomeranze aus Idaho mit Wohnwagenparksensibilit�t bezeichnen? Aber sicher doch. Alles, was du willst.�</p><p>�Was ist los mit dir?�</p><p>�Interessante Frage, viele denkbare Antworten. Sieh her.�</p><p>Er stand auf.</p><p>Es war ein elender, m�hsamer, qu�lend langsamer Vorgang. Jason war immer noch gro�, immer noch schlank, doch die k�rperliche Grazie, die ihm einst so selbstverst�ndlich zu Eigen gewesen war, hatte ihn verlassen. Als es ihm endlich gelungen war, sich in eine aufrechte Position zu bringen, zitterten seine Beine wie bei einer Gliederpuppe. Er blinzelte krampfartig. �Das ist los mit mir.� Dann brach sich, mit einer weiteren konvulsiven Bewegung, die Wut Bahn�� sein emotionaler Zustand war so unberechenbar wie seine Gliedma�en: �Sieh es dir an! S-s-schei�e, Tyler, <emphasis>sieh mich an!�</emphasis></p><p>�Leg dich wieder hin, Jase. Damit ich dich untersuchen kann.� Ich hatte meinen Arztkoffer mitgebracht. Ich krempelte seinen �rmel auf und wickelte eine Blutdruckmanschette um seinen d�rren Arm. Ich sp�rte, wie sich der Muskel darunter zusammenzog, kaum zu kontrollieren. Der Blutdruck war hoch, und der Puls raste. �Deine Antispasmodika hast du eingenommen?�</p><p>�Nat�rlich hab ich die beschissenen Antispasmodika genommen.�</p><p>�Regelm��ig? Keine Doppeldosierung? Wenn du n�mlich zu viel davon nimmst, schadet es eher, als dass es n�tzt.�</p><p>Er seufzte ungeduldig. Dann tat er etwas �berraschendes. Er griff um meinen Kopf herum, packte eine Hand voll meiner Haare und zog mich ziemlich grob herunter, bis sich unsere Gesichter ganz nah waren. Worte sprudelten aus ihm heraus, ein tobender Strom. �Werd hier jetzt nicht pedantisch, Tyler, das ist das Letzte, was ich im Moment gebrauchen kann. Vielleicht hast du das eine oder andere Problem, was meine Behandlung angeht. Aber tut mir Leid, das ist jetzt nicht die Zeit, deine Schei�prinzipien hochzuhalten. Zu viel steht auf dem Spiel. E. D. wird morgen einfliegen. Er glaubt, er h�tte einen Trumpf in der Hand. Er w�rde lieber den ganzen Laden zumachen, bevor er mich seinen Schei�thron besteigen l�sst. Das kann ich nicht zulassen. Aber schau mich an�� seh ich so aus, als w�re ich in der Lage, einen Vatermord zu begehen?� Sein Griff wurde fester, bis es richtig wehtat�� so kr�ftig war er also noch��, dann lie� er los und stie� mich mit der anderen Hand weg. �<emphasis>Bring mich in Ordnung! </emphasis>Daf�r bist du schlie�lich da, oder?�</p><p>Ich zog mir einen Stuhl heran, setzte mich schweigend hin und wartete, bis er auf das Sofa zur�cksank, ersch�pft von seinem Ausbruch. Dann holte ich eine Spritze aus meinem Koffer und zog sie mit dem Inhalt einer kleinen braunen Flasche auf.</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Vor�bergehende Linderung.� Tats�chlich war es ein harmloses Vitamin-B-Pr�parat, versetzt mit einem leichten Beruhigungsmittel. Jason sah die Spritze misstrauisch an, lie� sie sich aber in den Arm setzen. Ein winziger Blutstropfen trat aus dem Einstichloch. �Was ich dir sagen muss, wei�t du bereits. Es gibt kein Heilmittel.�</p><p>�Kein <emphasis>irdisches </emphasis>Heilmittel.�</p><p>�Was soll das jetzt wieder bedeuten?�</p><p>�Du wei�t, was es bedeutet.�</p><p>Er bezog sich auf Wun Ngo Wens Langlebigkeitskur. Der Wiederaufbau, hatte Wun gesagt, sei auch eine Heilkur f�r eine ganze Reihe genetisch bedingter Krankheiten. Die AMS-Schleife w�rde aus Jasons DNA herausgeschnitten, und die aggressiven Proteine, die sein Nervensystem beeintr�chtigen, w�rden in ihre Schranken gewiesen. �Aber das w�rde Wochen dauern. Und au�erdem kann ich es nicht verantworten, dich zum Versuchskaninchen f�r eine unerprobte Behandlung zu machen.�</p><p>�Unerprobt ist sie wohl kaum. Die Marsianer verwenden sie seit Jahrhunderten, und sie sind Menschen wie du und ich. Und es tut mir Leid, Tyler, aber deine beruflichen Skrupel interessieren mich nicht. Sie sind schlicht und einfach nicht entscheidungsrelevant.�</p><p>�So weit es mich betrifft, schon.�</p><p>�Dann stellt sich die Frage: Wie weit betrifft es dich? Wenn du nicht mitmachen willst, tritt beiseite.�</p><p>�Das Risiko��</p><p>�Es ist mein Risiko, nicht deins.� Er schloss die Augen. �Halte es nicht f�r Arroganz oder Eitelkeit, aber es spielt eine Rolle, ob ich lebe oder sterbe, oder ob ich auch nur geradeaus laufen kann oder meine beschissenen Konsonanten richtig rausbringe. Es spielt eine Rolle f�r die Welt, meine ich. Weil ich mich in einer exzeptionell wichtigen Position befinde. Nicht durch Zufall. Nicht, weil ich so intelligent oder so tugendhaft bin. Ich wurde gek�rt. Im Grunde genommen, Tyler, bin ich ein Artefakt, ein produzierter Gegenstand, entworfen und hergestellt von E. D. Lawton, auf die gleiche Art, wie er und dein Vater fr�her Tragfl�chen hergestellt haben. Ich mache die Arbeit, f�r die er mich konstruiert hat�� Perihelion leiten, die menschliche Antwort auf den Spin formulieren.�</p><p>�Der Pr�sident sieht das wom�glich anders. Vom Kongress gar nicht zu reden. Oder von der UNO.�</p><p>�O bitte, ich mache mir doch nichts vor. Das ist ja der springende Punkt. Perihelion zu leiten, bedeutet, den interessierten Parteien zuzuspielen. Und zwar allen. E. D. wei� das und verh�lt sich entsprechend. Er hat Perihelion zu einem Dollarsegen f�r die Raumfahrtindustrie gemacht, und das ist ihm gelungen, indem er an den h�chsten Stellen Freundschaften geschlossen und politische B�ndnisse geschmiedet hat. Durch Schmeicheleien und Bittg�nge, durch Lobbyarbeit und Wahlkampfunterst�tzung. Er hatte eine Vision, er besa� Kontakte und er war zur rechten Zeit am rechten Ort. Er hat das Aerostat-Programm eingef�hrt und damit die Telekom-Industrie vor dem Spin gerettet, was ihm wiederum Zutritt zu den Kreisen der M�chtigen verschaffte�� und solche Gelegenheiten versteht er zu nutzen. Ohne E. D. g�be es keine Menschen auf dem Mars. Ohne E. D. w�rde ein Wun Ngo Wen nicht einmal existieren. Das wollen wir dem alten Schei�er zubilligen. Er ist ein gro�er Mann.�</p><p>�Aber?�</p><p>�Aber er ist ein Mann seiner Zeit. Pr�-Spin. Seine Motive sind archaisch. Die Fackel ist weitergereicht. Oder wird es, wenn es nach mir geht.�</p><p>�Was hei�t das?�</p><p>�E. D. glaubt immer noch, dass aus dieser ganzen Sache irgendwelche pers�nlichen Vorteile zu ziehen sind. Er �rgert sich �ber Wuns Anwesenheit und er hasst das Replikatoren-Projekt, nicht weil er es f�r zu ehrgeizig h�lt, sondern weil es schlecht ist f�rs Gesch�ft. Das Mars-Projekt hat Billionen von Dollar in die Raumfahrt gepumpt. Es hat E. D. reicher und m�chtiger gemacht, als er sich je ertr�umt h�tte. Sein Name ist ein Begriff. Und er h�lt das immer noch f�r wichtig. Er glaubt, es komme darauf immer noch an, so wie fr�her, vor dem Spin, als man Politik wie ein Spiel betreiben und um Preise zocken konnte. Aber mit Wuns Vorschlag lassen sich keine gro�en Profite erzielen. Die Replikatoren ins All zu schie�en, ist eine triviale Investition, verglichen mit der Terraformung des Mars. Das k�nnen wir mit ein paar Delta-7-Raketen und einem billigen Ionenantrieb bewerkstelligen. Eine Schleuder und ein Reagenzglas, das ist alles, was man dazu braucht.�</p><p>�Und warum ist das schlecht f�r E. D.?�</p><p>�Es tr�gt nicht viel dazu bei, eine vom Zusammenbruch bedrohte Industrie zu st�tzen. Seine finanzielle Basis wird ausgeh�hlt. Schlimmer noch, er verschwindet aus dem Scheinwerferlicht. Pl�tzlich werden alle auf Wun blicken�� in wenigen Wochen wird ein Medienwirbel von noch nie dagewesenen Ausma�en losbrechen��, und Wun hat mich als Leiter dieses Projekts ausgew�hlt. Das aber w�re f�r E. D. die gr��te anzunehmende Katastrophe�� wenn sein undankbarer Sohn gemeinsam mit einem runzeligen Marsianer sein Lebenswerk demontiert und eine Armada in den Weltraum schickt, deren Produktion weniger kostet als die eines einzigen Verkehrsflugzeugs.�</p><p>�Was schl�gt er denn vor, stattdessen zu tun?�</p><p>�Er hat ein Riesenprogramm ausgearbeitet. Voll-System-Aufkl�rung, so nennt er es. Die Suche nach Hinweisen auf Aktivit�ten der Hypothetischen. Planetarische Geometer vom Merkur bis zum Pluto, technisch avancierte Lauschposten im interplanetarischen Raum, Fly-By-Missionen, um die Spin-Artefakte hier und �ber den marsianischen Polen zu erkunden.�</p><p>�Ist das so eine schlechte Idee?�</p><p>�Nun, ein paar triviale Informationen k�nnten dabei wohl herausspringen. Ein paar Daten zusammenkratzen und Geldmittel in die Industrie leiten, dazu ist es gedacht. Was aber E. D. nicht begreift, was seine ganze <emphasis>Generation </emphasis>letzten Endes nicht begreift��</p><p>�Ja?�</p><p>�Ist, dass das Fenster sich schlie�t. Das menschliche Fenster. Unsere Zeit auf der Erde. Die Zeit der Erde im Universum. Sie geht zu Ende. Wir haben, glaube ich, nur mehr eine einzige realistische M�glichkeit zu begreifen, was es bedeutet�� was es bedeutet <emphasis>hat��,</emphasis> eine menschliche Zivilisation zu errichten.� Jasons Augenlider schlossen und �ffneten sich, langsam, ein-, zweimal. Die extreme Anspannung hatte sich gemildert. �Was es bedeutet, f�r diese seltsame Form der Ausl�schung ausgew�hlt worden zu sein. Aber mehr noch als das. Was es bedeutet� was es bedeutet�� Er sah auf. �Was zum Teufel hast du mir gegeben, Tyler?�</p><p>�Nichts Schwerwiegendes. Ein mildes Anxiolytikum.�</p><p>�Schnelle Besserung?�</p><p>�War�s nicht das, was du wolltest?�</p><p>�Vermutlich. Morgen Fr�h muss ich vorzeigbar sein, alles andere ist zweitrangig.�</p><p>�Es ist aber keine Heilbehandlung. Was du von mir erwartest, ist so, als wolle man eine fehlerhafte elektrische Verbindung dadurch reparieren, dass man ordentlich Spannung hindurchjagt. Kurzfristig funktioniert es vielleicht sogar. Aber es ist unverl�sslich und �berlastet auf Dauer andere Teile des Systems. Nur zu gern w�rde ich dir einen guten, sauberen, symptomfreien Tag bescheren. Ich will dich nur nicht umbringen.�</p><p>�Wenn du mir den symptomfreien Tag nicht gibst, k�nntest du mich genauso gut umbringen.�</p><p>�Alles, was ich dir bieten kann, ist mein �rztliches Urteil.�</p><p>�Und was kann ich von deinem �rztlichen Urteil erwarten?�</p><p>�Ich denke schon, dass ich dir helfen kann. Ein bisschen. Diesmal. <emphasis>Diesmal, </emphasis>Jason. Aber es bleibt nicht mehr viel Spielraum. Das musst du dir klar machen.�</p><p>�Keiner von uns hat noch viel Spielraum. Das m�ssen wir uns alle klar machen.� Aber er seufzte l�chelnd, als ich den Arztkoffer wieder �ffnete.</p><empty-line/><p>Molly lag auf dem Sofa, als ich nach Hause kam, und sah sich einen vor einiger Zeit sehr erfolgreichen Film �ber Elfen an (vielleicht waren es auch Engel). Auf dem Bildschirm waren lauter verschwommene blaue Lichter zu sehen. Sie schaltete den Apparat aus, als ich durch die T�r kam. Ich fragte sie, ob w�hrend meiner Abwesenheit irgendetwas gewesen sei.</p><p>�Nicht viel. Du hast einen Anruf gekriegt.�</p><p>�Ach? Von wem denn?�</p><p>�Jasons Schwester. Wie hei�t sie gleich, Diane. Aus Arizona.�</p><p>�Hat sie gesagt, was sie wollte?�</p><p>�Einfach nur reden. Also haben wir ein bisschen geredet.�</p><p>�Aha. Und wor�ber habt ihr geredet?�</p><p>Sie drehte sich halb weg, zeigte mir ihr Profil vor dem ged�mpften Licht, das aus dem Schlafzimmer kam. ��ber dich.�</p><p>�Irgendwas Spezielles?�</p><p>�Ja. Ich habe ihr gesagt, sie solle aufh�ren, dich anzurufen, denn du h�ttest jetzt eine neue Freundin. Ich habe ihr gesagt, dass von nun an ich deine Anrufe entgegennehmen w�rde.�</p><p>Ich starrte sie an.</p><p>Molly fletschte die Z�hne, was offenbar als L�cheln gemeint war. �Komm schon, Tyler, du musst auch mal einen Witz vertragen. Ich habe ihr gesagt, du bist weggegangen. War das okay?�</p><p>�Weggegangen?�</p><p>�Ja. Wohin, habe ich ihr nicht gesagt. Das wusste ich ja auch nicht.�</p><p>�Hat sie gesagt, ob es was Dringendes ist?�</p><p>�Klang nicht so. Ruf doch zur�ck, wenn du willst. Na los�� mach ruhig, ich hab nichts dagegen.�</p><p>Aber das war nat�rlich auch ein Test. �Das kann warten.�</p><p>�Gut.� Ihre Wangen r�teten sich. �Ich hab n�mlich noch etwas anderes mit dir vor.�</p></section><section><title><p>Opferriten</p></title><p>Besessen von der bevorstehenden Ankunft E. D. Lawtons, hatte Jason es vers�umt zu erw�hnen, dass noch ein anderer Gast bei Perihelion erwartet wurde: Preston Lomax, amtierender Vizepr�sident und aussichtsreichster Kandidat bei den in K�rze stattfindenden Pr�sidentschaftswahlen.</p><p>Es gab strenge Sicherheitsvorkehrungen an den Toren, und auf dem Dachlandeplatz des Hauptgeb�udes stand ein Hubschrauber. Ich kannte diese ganze Prozedur schon von den Besuchen Pr�sident Garlands im letzten Monat. Der W�rter am Haupteingang, der mich immer �Doc� nannte und dessen Cholesterinwerte ich einmal im Monat �berpr�fte, verriet mir, dass es sich diesmal um Lomax handelte.</p><p>Ich war gerade durch die T�r der Ambulanz getreten�� Molly war nicht da, eine Aushilfe namens Lucinda machte heute ihre Arbeit��, als ich auf dem Pager die Nachricht erhielt, dass ich in Jasons B�ro im Vorstandsfl�gel ben�tigt wurde. Vier Sicherheits�berpr�fungen sp�ter war ich allein mit ihm. Ich hatte Sorge, dass er eine zus�tzliche Medikamentendosis verlangen w�rde, doch nach der Behandlung von gestern Abend befand er sich in einem �berzeugenden, wenn auch vor�bergehenden Zustand der Remission. Er erhob sich und kam mit demonstrativ ausgestreckter, zitterfreier Hand auf mich zu. �Ich m�chte dir daf�r danken, Ty.�</p><p>�Keine Ursache. Aber ich muss mich wiederholen: ohne Garantie.�</p><p>�Zur Kenntnis genommen. Solange ich nur diesen Tag �berstehe. E. D. ist f�r mittags angek�ndigt.�</p><p>�Gar nicht zu reden vom Vizepr�sidenten.�</p><p>�Lomax ist seit heute Morgen sieben Uhr hier. Der Mann ist ein Fr�haufsteher. Er hat ein paar Stunden mit unserem marsianischen Gast konferiert, und nun mache ich mit ihm den Goodwill-Rundgang. Apropos, Wun w�rde dich gern sprechen, falls du ein paar Minuten er�brigen kannst.�</p><p>�Wenn er nicht von nationalen Angelegenheiten in Anspruch genommen wird.� Lomax w�rde die Wahl in der n�chsten Woche aller Voraussicht nach gewinnen, mit haushohem Vorsprung, wenn man den Umfragen trauen konnte. Jase hatte den Kontakt zu ihm schon lange vor Wuns Ankunft gepflegt�� und Lomax war von Wun fasziniert. �Wird dein Vater auch an dem Rundgang teilnehmen?�</p><p>�Es gibt keine M�glichkeit, ihn davon auszuschlie�en, ohne die Gebote der H�flichkeit zu verletzen.�</p><p>�Siehst du da Probleme?�</p><p>�Ich sehe viele Probleme.�</p><p>�K�rperlich ist aber alles in Ordnung?�</p><p>�Ich f�hle mich gut. Aber du bist der Arzt. Ein paar Stunden, das ist alles, was ich brauche. Das sollte doch drin sein, oder?�</p><p>Sein Puls ging ein wenig schnell�� was nicht verwunderlich war��, aber seine AMS-Symptome waren erfolgreich unterdr�ckt. Und eine erregende oder irgendwie verwirrende Wirkung der Medikamente war auch nicht zu erkennen, im Gegenteil schien Jason beinahe strahlend ruhig, eingeschlossen in einen k�hlen, klaren Raum in den Tiefen seines Kopfes.</p><p>Also ging ich, Wun Ngo Wen meine Aufwartung zu machen. Er war allerdings nicht in seinen Wohnr�umen, sondern hatte sich in die kleine Cafeteria der leitenden Angestellten verdr�ckt, bewacht von gro�en M�nnern mit kleinen Kabeln hinterm Ohr. Er sah auf, als ich am Tresen vorbeiging, und bedeutete den Sicherheitsklonen, die schon Anstalten machten, mich aufzuhalten, sich zu entfernen.</p><p>Ich setzte mich ihm gegen�ber. Er stocherte mit seiner Gabel an einem blassen St�ck Lachssteak herum und l�chelte abgekl�rt. Er h�tte einen Stuhlaufsatz gebrauchen k�nnen. Ich nahm eine krumme Haltung ein, damit wir halbwegs auf gleicher H�he sa�en.</p><p>Das Essen bekam ihm gut. Mir schien, er hatte w�hrend seines Aufenthalts bei Perihelion ein wenig zugenommen. Sein Anzug, vor ein paar Monaten ma�geschneidert, spannte inzwischen �ber dem Bauch. Auch seine Wangen waren voller geworden, blieben allerdings so faltig wie eh und je, sanfte Furchen in der dunklen Haut.</p><p>�Wie ich h�re, hatten Sie einen Besucher�, sagte ich.</p><p>Wun nickte. �Nicht zum ersten Mal. Ich bin Pr�sident Garland in Washington verschiedentlich begegnet, und ich habe Vizepr�sident Lomax zweimal getroffen. Man erwartet, dass die Wahlen ihn an die Macht bringen werden.�</p><p>�Aber nicht, weil er so beliebt w�re.�</p><p>�Es steht mir nicht zu, ihn als Kandidaten zu beurteilen. Aber er stellt wirklich interessante Fragen.�</p><p>�Nun, bestimmt kann er sehr liebensw�rdig sein, wenn er m�chte. Und sein Amt hat er auch anst�ndig versehen. Aber �ber weite Strecken seiner Karriere war er der meistgehasste Mann auf dem Capitol Hill. Chef und Einpeitscher der Mehrheitsfraktion f�r drei aufeinander folgende Regierungen. Er ist mit allen Wassern gewaschen.�</p><p>Wun grinste. �Halten Sie mich f�r naiv, Tyler? Bef�rchten Sie, dass Vizepr�sident Lomax mich ausnutzen wird?�</p><p>�Nicht unbedingt naiv��</p><p>�Ich bin ein Neuling, zugegeben. Die feineren Nuancen der hiesigen Politik entgehen mir sicherlich. Aber ich bin ein paar J�hrchen �lter als Preston Lomax und habe selbst einmal ein politisches Amt bekleidet.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Ja, drei Jahre lang�, sagte er mit sp�rbarem Stolz. �Ich war Landwirtschaftlicher Administrator des Eiswind-Kantons.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Die oberste Beh�rde f�r einen Gro�teil des Kirioloj-Deltas. Es war nicht das Pr�sidentenamt der Vereinigten Staaten von Amerika, einer landwirtschaftlichen Verwaltung stehen keine Atomwaffen zur Verf�gung. Aber ich habe einen korrupten Beamten �berf�hrt, der die Gewichtsangaben in den Ernteberichten gef�lscht und die Fehlmenge auf dem freien Markt verkauft hat.�</p><p>�Ah, ein abgekartetes Provisionsgesch�ft?�</p><p>�Wenn das der Ausdruck daf�r ist.�</p><p>�Dann sind die F�nf Republiken also nicht frei von Korruption?�</p><p>Wun blinzelte, ein Vorgang, der sich �ber die gesamte verschlungene Geografie seines Gesichts ausbreitete. �Nein, wie sollten sie auch? Warum lassen sich nur so viele Erdbewohner von dieser Annahme leiten? W�re ich aus irgendeinem anderen Land der Erde hierher gekommen�� aus Frankreich, China oder Texas��, w�rde sich niemand verbl�fft zeigen, wenn er von Bestechung, Betrug oder Diebstahl h�ren w�rde.�</p><p>�Vermutlich nicht. Aber es ist nicht das Gleiche.�</p><p>�Nicht? Aber Sie arbeiten doch hier bei Perihelion. Sie m�ssen einigen Personen der Gr�ndergeneration begegnet sein, so seltsam mir diese Vorstellung noch immer anmutet�� den M�nnern und Frauen, deren entfernte Abk�mmlinge wir Marsianer sind. Waren sie solch vollkommene Gesch�pfe, dass Sie ihrer Nachkommenschaft zutrauen, ohne S�nde zu sein?�</p><p>�Nein, aber��</p><p>�Und dennoch ist diese irrige Vorstellung allgemein verbreitet. Sogar in den B�chern, die Sie mir gegeben haben, die vor dem Spin geschrieben wurden.�</p><p>�Sie haben sie gelesen?�</p><p>�Ja, mit gro�em Interesse. Vielen Dank daf�r. Aber selbst in diesen Romanen sind die Marsianer�� Er suchte nach dem richtigen Ausdruck.</p><p>�Na ja, einige von ihnen sind wohl ziemlich heiligenm��ig gezeichnet.�</p><p>�Entr�ckt. Weise. Scheinbar schwach. In Wirklichkeit sehr m�chtig. Die Alten. Aber f�r uns, Tyler, sind <emphasis>Sie </emphasis>die Alten. Die �ltere Spezies, der alte Planet. Die Ironie ist doch nicht zu �bersehen.�</p><p>Ich dachte dar�ber nach. �Der Roman von H. G. Wells��</p><p>�Seine Marsianer sind kaum konturiert. Sie sind auf abstrakte, undifferenzierte Weise b�se. Nicht weise, sondern schlau. Aber Teufel und Engel sind eng verschwistert, wenn ich die einschl�gige Folklore recht verstehe.�</p><p>�Aber die neueren Geschichten��</p><p>�Fand ich hochinteressant, die Protagonisten waren immerhin menschlich. Aber das wahre Vergn�gen bei diesen Geschichten liegt in den Landschaften, finden Sie nicht? Und selbst da handelt es sich um <emphasis>transformierende </emphasis>Landschaften. Hinter jeder D�ne ein Schicksal.�</p><p>�Ich sehe, worauf Sie hinauswollen. Ihr seid einfach nur Menschen, nicht mehr und nicht weniger. Der Mars ist nicht das Paradies. Einverstanden. Aber das hei�t nicht, dass Lomax nicht versuchen w�rde, Sie f�r seine politischen Zwecke einzuspannen.�</p><p>�Und ich versichere Ihnen, dass ich mir dieser M�glichkeit vollkommen bewusst bin. Dieser <emphasis>Gewissheit, </emphasis>w�re wohl korrekter. Es liegt auf der Hand, dass ich politischen Nutzen bringen soll, aber es steht in meiner Macht, mein Einverst�ndnis zu gew�hren oder zu verweigern. Zu kooperieren oder mich st�rrisch zu zeigen. Die Macht, das richtige Wort zu sagen.� Er l�chelte erneut, seine Z�hne waren allesamt perfekt und strahlend wei�. �Oder auch nicht.�</p><p>�Und welchen Zweck verfolgen Sie?�</p><p>Er zeigte mir seine Handteller, eine sowohl marsianische als auch terrestrische Geste. �Gar keinen. Ich bin ein Heiliger vom Mars. Aber es w�re mir eine Genugtuung, wenn die Replikatoren losgeschickt w�rden.�</p><p>�Um der reinen Erkenntnis willen?�</p><p>�Ja. Wenigstens ein bisschen was �ber den Spin zu erfahren��</p><p>�Und die Hypothetischen zu provozieren?�</p><p>Er blinzelte wieder. �Ich hoffe doch sehr, dass die Hypothetischen, wer oder was sie auch sein m�gen, dies nicht als Provokation auffassen werden.�</p><p>�Falls sie es aber doch tun��</p><p>�Warum sollten sie?�</p><p>�Falls sie es doch tun, werden sie glauben, dass die Provokation von der Erde ausging, nicht vom Mars.�</p><p>Wun blinzelte noch ein paarmal. Dann kroch das L�cheln in sein Gesicht zur�ck�� nachsichtig, billigend. �Sie k�nnen ja selbst �berraschend zynisch sein, Dr. Dupree.�</p><p>�Wie unmarsianisch von mir.�</p><p>�Ganz recht.�</p><p>�Und h�lt Preston Lomax Sie f�r einen Engel?�</p><p>�Diese Frage kann nur er selbst beantworten. Das Letzte, was er zu mir sagte�� Unvermittelt sprang Wun aus seiner Oxford-Redeweise heraus und lieferte eine perfekte Preston-Lomax-Imitation: �Es ist mir ein gro�es Vergn�gen, mit Ihnen zu sprechen, Botschafter Wen. Sie sind offen und freim�tig. Sehr erfrischend f�r ein altes Politikerschlachtross wie mich.�</p><p>Die Imitation war um so erstaunlicher, als sie von jemandem kam, der erst seit etwas �ber einem Jahr Englisch sprach. Ich brachte meine Bewunderung zum Ausdruck.</p><p>�Ich bin Gelehrter von Beruf. Ich habe schon als Kind Englisch gelesen. Sprechen ist nat�rlich noch etwas anderes, aber ich denke, ich habe eine gewisse Begabung f�r Sprachen. Das ist ja auch einer der Gr�nde, warum ich hier bin. D�rfte ich Sie noch einmal um einen Gefallen bitten, Tyler? K�nnten Sie mir mehr Romane bringen?�</p><p>�Mehr Marsgeschichten kenne ich leider nicht.�</p><p>�Nein, nicht vom Mars. Egal, welche Sorte Roman. Irgendetwas, das Sie f�r wichtig halten, das Ihnen etwas bedeutet oder Vergn�gen bereitet hat.�</p><p>�Es gibt bestimmt jede Menge Englisch-Professoren, die mit Freuden bereit w�ren, eine Leseliste f�r Sie zu erstellen.�</p><p>�Sicher. Aber ich wende mich an <emphasis>Sie</emphasis>.�</p><p>�Nun, ich lese zwar gern, aber ziemlich wahllos, und meistens zeitgen�ssische Literatur.�</p><p>�Um so besser. Ich bin h�ufiger allein, als Sie sich vielleicht vorstellen. Meine Wohnung ist bequem, aber ohne aufw�ndige Planung kann ich sie nicht verlassen. Ich kann zum Beispiel nicht einfach so ins Restaurant gehen. Ich kann mir keine Filme im Kino ansehen oder irgendeinem Verein beitreten. Ich k�nnte meine Aufpasser um B�cher bitten, doch gerade das m�chte ich eben nicht: Literatur lesen, die von irgendeinem Komitee abgesegnet wurde. Ein ehrliches Buch dagegen ist fast so viel wert wie ein Freund.�</p><p>Das war mehr oder weniger die deutlichste Klage �ber seine Stellung bei Perihelion, seine Stellung in der Welt �berhaupt, zu der Wun sich in meiner Gegenwart je hinrei�en lie�. Tags�ber sei er eigentlich ganz zufrieden, sagte er, viel zu besch�ftigt, um sich in Nostalgie zu ergehen, fasziniert von all den Merkw�rdigkeiten dieser Welt, die f�r ihn doch immer eine fremde bleiben w�rde. In der Nacht jedoch, beim Einschlafen, stellte er sich manchmal vor, wie er am Ufer eines marsianischen Sees spazierenging und die V�gel beobachtete, die in Schw�rmen �ber die Wellen segelten, und in seiner Vorstellung war es immer ein diesiger Nachmittag, das Licht get�nt von Partikeln jenes uralten Staubs, der sich aus den W�sten Noachis� erhob. In diesem Traum, dieser Vision sei er allein, sagte er, aber er wisse, dass hinter der n�chsten Biegung des felsigen Ufers Leute auf ihn warteten. Es mochten Freunde oder Fremde sein, vielleicht sogar seine Familie, die er verloren hatte�� er wusste nur, dass er von ihnen begr��t werden w�rde, willkommen gehei�en, ber�hrt, umarmt, an die Brust gezogen. Doch es war nur ein Traum.</p><p>�Wenn ich lese�, sagte er, �h�re ich das Echo dieser Stimmen.�</p><p>Ich versprach, ihm B�cher zu bringen. Erst einmal aber hatten wir etwas anderes zu tun: Der Sicherheitskordon am Eingang zur Cafeteria geriet in Bewegung. Einer der Anzugtr�ger kam herein und sagte: �Oben verlangt man nach Ihnen.�</p><p>Wun kletterte von seinem Stuhl herunter. Ich sagte, dass wir uns dann sp�ter sehen w�rden.</p><p>Der Sicherheitsmann wandte sich mir zu. �Sie auch. Es wird nach Ihnen beiden verlangt.�</p><empty-line/><p>Wir wurden in einen an Jasons B�ro angrenzenden Konferenzraum geschleust, wo Jason und eine Hand voll von Perihelion-Abteilungsleitern einer Delegation gegen�berstanden, der E. D. Lawton und der mutma�lich neue Pr�sident Preston Lomax angeh�rten. Keiner von ihnen machte einen sonderlich gl�cklichen Eindruck.</p><p>Ich hatte E. D. seit l�ngerem nicht mehr gesehen. Seine Hagerkeit hatte mittlerweile etwas beinahe Krankhaftes, als w�rde der Lebenssaft langsam aus ihm heraussickern. Gest�rkte wei�e Manschetten, knochige braune Handgelenke. Sein Haar war sch�tter, kraftlos, aufs Geratewohl gek�mmt. Aber seine Augen waren noch immer wieselflink; schon immer waren E. D.s Augen um so lebendiger gewesen, je w�tender er war.</p><p>Lomax dagegen wirkte einfach nur ungeduldig. Er war zu Perihelion gekommen, um sich mit Wun fotografieren zu lassen�� die Fotos sollten nach der offiziellen Bekanntgabe ver�ffentlicht werden�� und um �ber das Replikator-Projekt zu sprechen, f�r das er sich einzusetzen beabsichtigte. E. D.s Anwesenheit war seiner Reputation geschuldet�� er hatte so lange geredet, bis er an der Wahlkampfvisite des Vizepr�sidenten teilnehmen durfte, und hatte offenbar mit dem Reden seither nicht mehr aufgeh�rt.</p><p>W�hrend des einst�ndigen Rundgangs durch die Anlage hatte E. D. praktisch jede �u�erung von Jasons Abteilungsleitern in Frage gestellt, offen angezweifelt oder mit H�me beziehungsweise dick aufgetragener Besorgnis kommentiert, insbesondere, als die Besuchergruppe sich im Bereich der neuen Inkubator-Labore bewegte. Jason�� so berichtete mir sp�ter Jenna Wylie, die Leiterin des Kryonik-Teams�� hatte jeden Ausbruch seines Vaters mit geduldigen, vermutlich wohlvorbereiteten Darlegungen gekontert. Woraufhin E. D. sich nur noch mehr in Rage redete und schlie�lich, Jenna zufolge, an einen �zum Wahnsinn getriebenen Lear� gemahnte, der sich �ber �hinterh�ltige Marsianer� ereiferte.</p><p>Die Schlacht war noch im Gange, als Wun und ich eintraten. E. D. st�tzte sich gerade auf den Konferenztisch und sagte: �Kurzum, es hat so etwas noch nie gegeben, es ist unerprobt und es st�tzt sich auf eine Technologie, die wir weder verstehen noch kontrollieren k�nnen.�</p><p>Jason l�chelte wie jemand, der viel zu h�flich ist, um einen angesehenen, aber leicht verschrobenen �lteren zu besch�men. �Es liegt auf der Hand, dass alles, was wir tun, mit einem gewissen Risiko behaftet ist. Aber��</p><p>Aber jetzt waren wir gekommen. Einige von den Anwesenden hatten Wun noch nie gesehen und gaben dies deutlich zu erkennen, indem sie ihn wie eine aufgescheuchte Herde Schafe anstarrten. Lomax r�usperte sich vernehmlich. �Entschuldigen Sie, aber ich m�sste mich jetzt unbedingt einmal mit Jason und unseren Neuank�mmlingen unterhalten�� ungest�rt, falls das m�glich ist? Dauert wirklich nur eine Minute.�</p><p>Und so begaben sich alle, die damit angesprochen waren, gehorsam nach drau�en, E. D. eingeschlossen, der freilich keinen hinauskomplimentierten, sondern eher einen triumphierenden Eindruck hinterlie�.</p><p>Die T�ren wurden geschlossen, und die gepolsterte Stille des Konferenzsaals senkte sich wie frisch fallender Schnee. Lomax wandte sich Jason zu. �Ich wei�, Sie haben gesagt, wir w�rden unter Beschuss stehen. Trotzdem��</p><p>�Es ist ziemlich starker Tobak, das ist mir klar.�</p><p>�Es passt mir nicht, wenn E. D. uns von au�en ins Zelt pinkelt. Aber er kann uns letztlich nichts anhaben, vorausgesetzt��</p><p>�Vorausgesetzt, seine Aussagen sind unbegr�ndet. Ich versichere Ihnen, dass das der Fall ist.�</p><p>�Sie sagen, er ist senil.�</p><p>�So weit w�rde ich nicht gehen. Wenn Sie mich aber fragen, ob ich glaube, dass sein Urteil fragw�rdig geworden ist, dann allerdings ist die Antwort ja.�</p><p>�Ihnen ist klar, dass diese Unterstellung in beide Richtungen geht.�</p><p>Noch nie in meinem Leben hatte ich mich in der Gegenwart eines amtierenden Pr�sidenten befunden. Lomax war zwar noch nicht gew�hlt, aber zwischen ihm und dem h�chsten Amt standen nur noch reine Formalit�ten. Als Vize hatte er immer ein wenig d�ster gewirkt, allzu nachdenklich, wie der felsige Bundesstaat Maine im Vergleich zu Garlands ausgelassenem Texas, der ideale Repr�sentant bei einem Staatsbegr�bnis. Im Wahlkampf hatte er gelernt, ein bisschen mehr zu l�cheln, aber so richtig �berzeugend kam es nicht r�ber, und die politischen Karikaturisten lie�en es sich nicht nehmen, das Stirnrunzeln herauszustreichen, die zwischen die Z�hne geklemmte Unterlippe, so als w�rde er sich gerade eine �ble Beschimpfung verbei�en, und die kalten Augen, so eisig wie der Winter in Cape Cod.</p><p>�Beide Richtungen? Sie beziehen sich auf E. D.s Andeutungen �ber meine Gesundheit?�</p><p>Lomax seufzte. �Also, offen gesagt, der Standpunkt Ihres Vaters hinsichtlich der Durchf�hrbarkeit des Replikatoren-Projekts f�llt nicht �berm��ig ins Gewicht. Er ist damit in der Minderheit, und das wird voraussichtlich auch so bleiben. Aber ja, ich muss zugeben, dass das, was er heute vorgebracht hat, ein wenig beunruhigend ist.� Unvermittelt wandte er sich mir zu. �Das ist der Grund, warum Sie hier sind, Dr. Dupree.�</p><p>Auch Jason richtete seine Aufmerksamkeit auf mich. Seine Stimme klang vorsichtig, betont neutral. �Offenbar hat E. D. einige ziemlich wilde Behauptungen aufgestellt. Er sagt, ich leide an einer, was war es noch, einer aggressiven Gehirnkrankheit?�</p><p>�Einem unheilbaren neurologischen Verfall�, sagte Lomax, �der Jasons F�higkeit beeintr�chtigt, anstehende Unternehmungen hier bei Perihelion zu leiten. Was sagen Sie dazu, Dr. Dupree?�</p><p>�Nun, ich w�rde sagen, dass Jason recht gut f�r sich selbst sprechen kann.�</p><p>�Das habe ich bereits�, sagte Jason. �Ich habe dem Vizepr�sidenten alles �ber meine MS erz�hlt.�</p><p>An der er in Wahrheit ja gar nicht litt. Es war ein Wink f�r mich. Ich r�usperte mich. �Multiple Sklerose ist nicht hundertprozentig heilbar, aber wir k�nnen sehr viel mehr tun, als sie lediglich unter Kontrolle zu halten. Ein MS-Patient hat heutzutage eine Lebenserwartung wie jeder andere auch. Vielleicht hat Jason sich bislang gescheut, dar�ber zu sprechen, und das ist sein gutes Recht, aber MS ist nichts, dessen man sich zu sch�men h�tte.�</p><p>Jason musterte mich auf eine Weise, die ich nicht interpretieren konnte.</p><p>�Danke f�r die Information�, sagte Lomax trocken. ��brigens, kennen Sie zuf�llig einen Dr. Malmstein? David Malmstein?�</p><p>Eine Stille folgte, in die wir blickten wie in eine weit aufgerissene Fallklappe.</p><p>�Ja�, erwiderte ich, vielleicht einen Tick zu sp�t.</p><p>�Dieser Dr. Malmstein ist Neurologe, nicht wahr?�</p><p>�Richtig.�</p><p>�Haben Sie ihn in der Vergangenheit konsultiert?�</p><p>�Ich konsultiere viele Spezialisten. Das geh�rt zu meiner T�tigkeit als Arzt.�</p><p>�E. D. zufolge haben Sie diesen Dr. Malmstein herangezogen, um Jasons, �h, schwere neurologische St�rung zu behandeln.�</p><p>Womit sich der kalte Blick erkl�rte, den Jason auf mich richtete. Jemand hatte mit E. D. �ber dieses Thema gesprochen, jemand aus Jasons n�herem Umfeld. Ich versuchte nicht daran zu denken, wer es gewesen sein k�nnte. �Das w�rde ich bei jedem Patienten mit einer m�glichen MS-Diagnose so machen. Ich f�hre eine recht gute Ambulanz hier bei Perihelion, aber nat�rlich haben wir hier nicht die Diagnoseinstrumente, die Malmstein zur Verf�gung stehen.�</p><p>Lomax, glaube ich jedenfalls, registrierte dies als eine Nichtantwort. Dennoch spielte er Jason wieder den Ball zu. �Sagt Dr. Dupree die Wahrheit?�</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>�Sie trauen ihm?�</p><p>�Er ist mein Arzt. Nat�rlich traue ich ihm.�</p><p>�Denn nichts f�r ungut, Jason, ich w�nsche Ihnen alles Gute, aber im Grunde interessieren mich Ihre gesundheitlichen Probleme einen Dreck. Was mich interessiert, ist, ob Sie dieses Projekt bis zum Ende durchziehen k�nnen. K�nnen Sie das?�</p><p>�Solange wir die dazu n�tigen Mittel bekommen, ja. Ich werde das Meine daf�r tun, Sir.�</p><p>�Und wie steht�s mit Ihnen, Botschafter Wen? Haben Sie in diesem Zusammenhang irgendwelche Bedenken? Irgendwelche Sorgen oder Fragen bez�glich der Zukunft von Perihelion?�</p><p>Wun sch�rzte die Lippen, drei Viertel eines marsianischen L�cheln. �Nicht im Geringsten. Ich vertraue Jason Lawton voll und ganz. Ebenso vertraue ich Dr. Dupree. Er ist auch mein Arzt.�</p><p>Letztere Bemerkung n�tigte sowohl Jason als auch mich, unsere Verbl�ffung zu verbergen, aber sie besiegelte die Vereinbarung mit Lomax. Der Vizepr�sident zuckte mit den Achseln. �Na sch�n. Ich hoffe, Jason, Sie bleiben bei guter Gesundheit, und ich hoffe, dass der Tonfall der Fragen Sie nicht gekr�nkt hat, aber angesichts von E. D.s Status war ich der Ansicht, dass ich sie stellen musste.�</p><p>�Das verstehe ich. Was E. D. betrifft��</p><p>�Machen Sie sich keine Sorgen wegen Ihrem Vater.�</p><p>�Es w�re nicht sch�n, ihn gedem�tigt zu sehen.�</p><p>�Er wird ganz diskret ins Abseits gestellt. Wenn er allerdings an die �ffentlichkeit gehen will�� Erneutes Achselzucken. �Dann, f�rchte ich, wird es sein eigener Geisteszustand sein, den man in Frage stellt.�</p><p>Jason nickte. �Nat�rlich hoffen wir alle, dass das nicht n�tig sein wird.�</p><empty-line/><p>Die folgende Stunde verbrachte ich in der Praxis. Molly war heute Morgen nicht erschienen, Lucinda hatte alle Termine gemacht. Ich dankte ihr und gab ihr f�r den Rest des Tages frei. Ich erwog, ein paar Telefonate zu f�hren, doch zog es vor, mich damit nicht dem Perihelion-Netz anzuvertrauen.</p><p>Ich wartete, bis Lomax� Hubschrauber und seine Autokolonne abgedampft waren; dann r�umte ich meinen Schreibtisch auf und �berlegte, was ich machen wollte. Ich stellte fest, dass meine H�nde leicht zitterten. Keine MS. Wut vielleicht. Emp�rung. Schmerz. Ich wollte es diagnostizieren, nicht erleiden. Ich wollte es ins Register des �Diagnostisch-statistischen Handbuchs� bannen.</p><p>Ich stand gerade im Rezeptionsbereich, als Jason durch die T�r kam. �Ich m�chte dir daf�r danken, Ty, dass du mich unterst�tzt hast. Das bedeutet ja wohl, dass du es nicht warst, der E. D. von Malmstein erz�hlt hat.�</p><p>�Das w�rde ich nie tun, Jase.�</p><p>�Ich glaube dir. Aber jemand hat es getan. Und damit haben wir ein Problem. Denn wie viele Personen wussten davon, dass ich bei einem Neurologen war?�</p><p>�Du, ich, Malmstein, Malmsteins Mitarbeiter��</p><p>�Malmstein wusste nicht, dass E. D. im Dreck w�hlte, und seine Mitarbeiter auch nicht. E. D. muss es aus einer anderen, einer n�heren Quelle erfahren haben. Wenn ich es nicht war und du nicht��</p><p>Molly. Er brauchte es nicht auszusprechen. �Ohne Beweise k�nnen wir sie nicht beschuldigen.�</p><p>�Das sagst du. Du bist derjenige, der mit ihr geschlafen hast. Hast du irgendwelche Unterlagen �ber meine Besuche bei Malmstein?�</p><p>�Nicht hier im B�ro.�</p><p>�Zu Hause?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Hast du sie ihr gezeigt?�</p><p>�Nat�rlich nicht.�</p><p>�Aber sie k�nnte ohne dein Wissen Zugang dazu gehabt haben?�</p><p>�M�glich.� Ja.</p><p>�Und jetzt ist sie nicht hier. Hat sie sich krank gemeldet?�</p><p>Ich zuckte mit den Achseln. �Sie hat sich �berhaupt nicht gemeldet. Lucinda hat versucht sie zu erreichen, aber sie geht nicht ans Telefon.�</p><p>Er seufzte. �Nicht, dass ich dir Vorw�rfe mache, Ty, aber du musst zugeben, dass du in dieser Sache einige fragw�rdige Entscheidungen getroffen hast.�</p><p>�Ich k�mmere mich darum.�</p><p>�Ich wei�, dass du w�tend bist. Verletzt und w�tend. Ich will nicht, dass du losrennst und etwas tust, das alles nur noch schlimmer macht. Ich will, dass du dir �berlegst, wie du zu diesem Projekt stehst. Wem oder was du dich letzten Endes verpflichtet f�hlst.�</p><p>�Da gibt es nichts zu �berlegen�, sagte ich.</p><empty-line/><p>Ich versuchte, Molly von meinem Auto aus zu erreichen, doch sie ging immer noch nicht ans Telefon. Es war ein warmer Tag. Rasensprinkler legten einen Dunstschleier �ber den flachen Geb�udekomplex. Der Geruch von nasser Erde drang ins Auto.</p><p>Ich fuhr gerade auf den Besucherparkplatz zu, da sah ich sie, wie sie Kisten in einen verbeulten wei�en Mietanh�nger schob, der an ihrem drei Jahre alten Ford hing. Ich setzte meinen Wagen genau davor. Als sie mich bemerkte, sagte sie etwas, das ich nicht verstehen konnte, doch die Lippenbewegung deutete stark auf �Oh, Schei�e� hin. Immerhin lief sie nicht weg, als ich aus dem Auto stieg.</p><p>�Du kannst da nicht parken�, sagte sie. �Du blockierst die Ausfahrt.�</p><p>�Willst du wegfahren?�</p><p>Molly stellte einen Karton mit der Aufschrift GESCHIRR auf den gewellten Boden des Anh�ngers. �Wonach sieht es denn aus?�</p><p>Sie trug braune Hosen, ein Jeanshemd und ein um die Haare geschlungenes Tuch. Ich kam n�her. Sie wich drei Schritte zur�ck.</p><p>�Ich tu dir nichts.�</p><p>�Was willst du dann?�</p><p>�Ich will wissen, wer dich angeheuert hat.�</p><p>�Ich wei� nicht, was du meinst.�</p><p>�Warst du mit E. D. selbst in Kontakt oder lief es �ber einen Mittelsmann?�</p><p>�Schei�e.� Sie sah sich hektisch um. �Lass mich einfach fahren, Tyler. Was willst du von mir? Was soll das hier werden?�</p><p>�Bist du zu ihm gegangen und hast ihm ein Angebot gemacht oder hat er sich an dich gewandt? Und wann fing das alles an, Moll? Hast du mich gev�gelt, um an die Information zu kommen, oder hast du mich verkauft, als wir schon zusammen waren?�</p><p>�Scher dich zum Teufel!�</p><p>�Wie viel hast du gekriegt? Ich m�chte gern wissen, wie viel ich wert bin.�</p><p>�Zum Teufel mit dir. Was spielt das �berhaupt f�r eine Rolle? Es ist nicht��</p><p>�Erz�hl mir nicht, dass es nicht um Geld ging. Ich meine, hast du hier irgendwelche <emphasis>Prinzipien </emphasis>verfochten oder was?�</p><p>�Geld <emphasis>ist </emphasis>das Prinzip.� Sie klopfte sich die H�nde an der Hose ab, ein bisschen weniger �ngstlich, ein bisschen aufm�pfiger.</p><p>�Was ist es denn, was du dir unbedingt kaufen willst, Moll?�</p><p>�Was ich <emphasis>kaufen </emphasis>will? Das einzig Wichtige, was man kaufen <emphasis>kann. </emphasis>Einen besseren Tod. Einen saubereren, besseren Tod. Eines Morgens wird die Sonne aufgehen und nicht mehr <emphasis>aufh�ren </emphasis>aufzugehen, bis der ganze Schei�himmel in Flammen steht. Und tut mir Leid, bis es so weit ist, m�chte ich irgendwo leben, wo es nett ist. Irgendwo nur f�r mich. Wo ich es mir so behaglich wie m�glich machen kann. Und wenn dann dieser letzte Morgen kommt, dann m�chte ich ein paar teure Pharmazeutika bei mir haben, die mich �ber die Grenze tragen. Ich will einschlafen, bevor das gro�e Schreien anf�ngt. Im Ernst, Tyler, das ist alles, das ist das Einzige in dieser Welt, was ich wirklich, wirklich m�chte, und danke, vielen Dank daf�r, dass du es erm�glicht hast!� Sie trug ein zorniges Stirnrunzeln zur Schau, doch es hatte sich auch eine Tr�ne selbstst�ndig gemacht, die ihr jetzt �ber die Wange rann. �Fahr bitte dein Auto weg.�</p><p>�Ein h�bsches Haus und ein Fl�schchen mit Pillen? Das ist dein Preis?�</p><p>�Wenn ich nicht selbst f�r mich sorge, wer dann?�</p><p>�Nun, das klingt jetzt l�cherlich, aber ich dachte, wir beide k�nnten f�reinander sorgen.�</p><p>�Daf�r m�sste ich dir vertrauen k�nnen. Und nichts f�r ungut�� aber sieh dich an. Du gleitest durchs Leben, als w�rdest du auf eine Antwort oder einen Erl�ser warten oder einfach nur immer in der Warteschleife bleiben wollen.�</p><p>�Molly, ich versuche hier, vern�nftig mit dir zu reden.�</p><p>�Oh, das bezweifle ich nicht. Wenn Vernunft ein Messer w�re, w�rde ich ziemlich stark bluten. Armer vern�nftiger Tyler. Aber das ist auch leicht zu durchschauen. Es ist deine Rache, nicht wahr? Dieses ganze Heilige, das du tr�gst wie einen Anzug, das ist deine Rache an der Welt, daf�r, dass sie dich entt�uscht hat. Die Welt hat dir nicht das gegeben, was du wolltest, und du zahlst es ihr mit Mitgef�hl und Aspirin heim.�</p><p>�Molly��</p><p>�Und wage es nicht zu sagen, dass du mich liebst, denn ich wei�, dass das nicht wahr ist. Du kennst nicht mal den Unterschied zwischen verliebt <emphasis>sein </emphasis>und <emphasis>sich so verhalten, </emphasis>als sei man verliebt. Ist ja nett, dass deine Wahl auf mich gefallen ist, aber es h�tte genauso gut jede andere sein k�nnen, nicht wahr? Und glaub mir, Tyler, es w�re, so oder so, eine Entt�uschung gewesen.�</p><p>Ich wandte mich ab und ging zu meinem Auto, schockiert nicht so sehr �ber den Verrat als �ber die Endg�ltigkeit, mit der die Intimit�t einer Beziehung pl�tzlich weggewischt war wie Kleinaktien bei einem B�rsenkrach. Dann drehte ich mich doch noch einmal um. �Wie steht es denn mit dir, Molly? Ich wei�, du bist f�r Informationen bezahlt worden, aber war das der Grund, warum du mich gev�gelt hast?�</p><p>�Ich hab dich gev�gelt, weil ich einsam war.�</p><p>�Und was bist du jetzt?�</p><p>�Ich habe nie aufgeh�rt, einsam zu sein.�</p><p>Ich stieg ins Auto und fuhr weg.</p></section><section><title><p>Das ticken teurer Uhren</p></title><p>Die Pr�sidentschaftswahlen r�ckten n�her, und Jason wollte sie nutzen, um vor�bergehend von der Bildfl�che zu verschwinden.</p><p>�Bring mich in Ordnung�, hatte er gesagt. Er beharrte darauf, dass das m�glich war. Auf unorthodoxe Weise. Auf beh�rdlich nicht anerkannte Weise. Aber mittels einer Therapie, die eine lange und gut dokumentierte Geschichte vorweisen konnte. Und er lie� keinen Zweifel daran, dass er sich diese Therapie zunutze machen w�rde, ob mit meiner Unterst�tzung oder ohne.</p><p>Und weil Molly um ein Haar alles zerst�rt h�tte, was ihm wichtig war�� und mich noch dazu in den Tr�mmern hatte sitzen lassen��, erkl�rte ich mich bereit, ihm zu helfen. (Und musste dabei ironischerweise daran denken, was E. D. vor vielen Jahren einmal zu mir gesagt hatte: <emphasis>Ich erwarte von dir, dass du auf ihn Acht gibst. Ich erwarte, dass du vern�nftige Entscheidungen triffst. </emphasis>War es das, was ich jetzt tat?)</p><p>In den Tagen vor der Wahl machte Wun Ngo Wen uns mit der Prozedur und den damit verbundenen Risiken vertraut. Sich mit dem Marsianer zu besprechen, war nicht leicht. Das Problem dabei war weniger das ihn umgebende Sicherheitsnetz�� obwohl auch das schwer genug zu �berwinden war�� als die unz�hligen Analytiker und Spezialisten, die sich an seinen Archiven labten wie Kolibris am Nektar. Allesamt angesehene Gelehrte, vom FBI und vom Heimatschutzministerium auf Herz und Nieren �berpr�ft, zur (jedenfalls befristeten) Geheimhaltung verpflichtet und fasziniert vom riesigen Umfang des marsianischen Wissens, das Wun mit auf die Erde gebracht hatte. Ausgedruckt belief sich das Material auf �ber f�nfhundert jeweils tausendseitige B�nde Astronomie, Biologie, Mathematik, Physik, Medizin, Geschichte und Technik, vieles davon dem terrestrischen Wissen um ein Betr�chtliches voraus. W�re der gesamte Bestand der Bibliothek von Alexandria mittels Zeitmaschine geborgen worden�� der Futterstreit innerhalb der akademischen Welt h�tte kaum heftiger ausfallen k�nnen.</p><p>Diese Leute standen unter dem Druck, ihre Arbeit vor der offiziellen Bekanntgabe von Wuns Anwesenheit abschlie�en zu m�ssen. Die Regierung wollte die Archive�� vieles davon war in einer als englisch erkennbaren Sprache, einiges aber auch im marsianischen Wissenschaftsjargon abgefasst�� wenigstens grob indexiert haben, bevor andere Staaten die Forderung nach gleichberechtigtem Zugang erhoben. Das Au�enministerium plante, redigierte Kopien zu verteilen, aus denen potenziell wertvolle oder gef�hrliche technologische Er�rterungen herausgenommen waren oder �in Zusammenfassung pr�sentiert� wurden, w�hrend die Originale unter strengstem Verschluss blieben.</p><p>Und so k�mpften ganze Kohorten von Wissenschaftlern um Zugang zu Wun�� der etwaige L�cken in den marsianischen Texten erl�utern oder f�llen konnte�� und wachten eifers�chtig dar�ber, dass ihnen kein Unbefugter in die Quere kam. Mehrmals kam es vor, dass ich von hysterisch h�flichen M�nnern und Frauen aus der �Hochenergiephysik-Gruppe� oder der �Molekularbiologie-Gruppe�, die ihre vereinbarte Viertelstunde einforderten, aus Wuns R�umen verscheucht wurde. Manchmal stellte Wun mich diesen Leuten vor, aber keiner von ihnen legte gro�en Wert auf meine Bekanntschaft und die Leiterin der f�r die medizinischen Wissenschaften zust�ndigen Gruppe bekam vor Schreck beinahe Herzrasen, als der Marsianer verk�ndete, er habe mich zu seinem pers�nlichen Arzt erkoren.</p><p>Jason beschwichtigte die Wissenschaftler ein wenig, indem er erkl�rte, dass Wuns Kontakt zu mir Teil des �Sozialisationsprozesses� sei, der Versuch, sich an terrestrische Gepflogenheiten au�erhalb der Welt von Politik oder Wissenschaft anzupassen, und ich meinerseits versprach der medizinischen Leiterin, dass ich Wun keiner �rztlichen Behandlung unterziehen w�rde, ohne mit ihr R�cksprache zu halten. Ein Ger�cht verbreitete sich unter den Forschern, wonach ich einfach nur irgendein Zivilist war, der sich mit Schmeicheleien Zugang zu Wuns engstem Kreis verschafft hatte und einen fetten Buchvertrag zu ergattern hoffte, sobald Wuns Existenz �ffentlich bekannt war. Das Ger�cht entstand spontan, ohne unser Zutun, aber wir taten auch nichts, um ihm entgegenzutreten; es diente unseren Zwecken.</p><p>An die Pharmazeutika heranzukommen, war dagegen leichter, als ich erwartet hatte. Wun war mit einem marsianischen Arzneimittelvorrat auf der Erde eingetroffen. Keines dieser Medikamente besa� ein terrestrisches Gegenst�ck, und jedes davon, behauptete Wun, k�nnte irgendwann einmal f�r ihn wichtig werden. Die medizinische Ausr�stung war nach der Landung konfisziert, ihm jedoch wieder ausgeh�ndigt worden, nachdem er den Status eines Gesandten erlangt hatte. (Nat�rlich hatte die Regierung Proben entnehmen lassen, doch Wun glaubte nicht, dass eine Analyse mit den hiesigen Mitteln den Verwendungszweck auch nur einer einzigen dieser synthetischen Substanzen enth�llen w�rde.) Er stellte Jason also einfach einige Reagenzgl�ser mit reinem Arzneistoff zur Verf�gung, und Jason trug diese, durch seine Stellung vor argw�hnischen Fragen gesch�tzt, aus dem Perihelion-Geb�ude heraus.</p><p>Wun instruierte mich �ber Dosierung, zeitliche Steuerung, Gegenindikationen und m�gliche Probleme. Ich war entsetzt �ber die lange Liste der Risiken. Selbst auf dem Mars, so Wun, lag die Sterblichkeitsrate beim �bergang zum Vierten Alter bei keineswegs vernachl�ssigenswerten 0,1 Prozent, und Jasons Fall wurde durch seine AMS verkompliziert.</p><p>Ohne Behandlung jedoch fiel die Prognose f�r Jason noch schlechter aus. Und er w�rde die Sache in jedem Fall durchziehen, ob ich nun zustimmte oder nicht�� der verordnende Arzt war in gewissem Sinne Wun Ngo Wen, nicht ich; meine Rolle bestand letztlich darin, das Verfahren zu �berwachen und etwaige Nebenwirkungen zu behandeln. Mit diesem Gedanken beruhigte ich mein Gewissen, obwohl er vor Gericht schwerlich Bestand gehabt h�tte�� Wun mochte das Medikament zwar �verschrieben� haben, aber es war nicht seine Hand, die es in Jasons K�rper einf�hren w�rde. Sondern meine.</p><p>Wun w�rde nicht einmal anwesend sein. Jason hatte f�r Ende November, Anfang Dezember einen dreiw�chigen Urlaub angemeldet, einem Zeitpunkt, an dem Wun bereits weltber�hmt sein w�rde, an dem jeder seinen Namen�� so ungew�hnlich er war�� kennen w�rde. Der Marsianer w�rde vor den Vereinten Nationen sprechen und sich an der Gastlichkeit von Monarchen, Mullahs, Pr�sidenten und Premierministern erfreuen, w�hrend sich Jason schwitzend und kotzend auf den Weg der Besserung machte.</p><p>Dazu ben�tigten wir einen geeigneten Ort. Einen Ort, an dem er krank sein konnte, ohne aufzufallen; wo ich ihn versorgen konnte, ohne unerw�nschte Aufmerksamkeit zu erregen; einen Ort aber auch, an dem man einen Rettungswagen rufen konnte, falls irgendetwas schief lief. Irgendwo, wo man sich einrichten konnte. Wo es ruhig war.</p><p>�Ich wei� den idealen Ort�, sagte Jason.</p><p>�Und wo?�</p><p>�Im Gro�en Haus.�</p><p>Ich lachte, doch dann merkte ich, dass es ihm ernst damit war.</p><empty-line/><p>Erst in der Woche nach Lomax� Besuch bei Perihelion meldete sich Diane wieder, die Woche, nachdem Molly die Stadt verlassen hatte, um die Belohnung zu empfangen, die ihr von E. D. Lawton versprochen worden war.</p><p>Sonntagnachmittag. Ich sa� allein in meinem Haus. Ein sonniger Tag, doch die Jalousien waren heruntergezogen. Schon die ganze Woche �ber, w�hrend ich meine Zeit zwischen den regul�ren Behandlungen und verschwiegenen Tutorien mit Wun und Jase aufteilte, hatte ich der Leere dieses Wochenendes in die Augen gestarrt. Es ist gut, besch�ftigt zu sein, sagte ich mir, denn wenn man besch�ftigt ist, kann man sich in die unz�hligen, aber verstehbaren Probleme des Alltags versenken, die den Schmerz verdr�ngen und die Reue ersticken. Das war durchaus gesund. Das war Teil der �Bew�ltigung�. Oder jedenfalls eine notwendige Verz�gerungstaktik. N�tzlich�� aber nur vor�bergehend wirksam. Denn fr�her oder sp�ter verklingt der L�rm, der Trubel verstreut sich und du gehst nach Hause, wo die ausgebrannte Gl�hbirne auf dich wartet, das leere Zimmer, das ungemachte Bett.</p><p>Es war ganz sch�n �bel. Ich war mir nicht einmal sicher, was ich empfinden, oder besser: welchem der widerspr�chlichen und miteinander nicht zu vereinbarenden Schmerzzust�nde ich zuerst ins Auge blicken sollte. �Ohne sie bist du besser dran�, hatte Jason wiederholt gesagt, und das war immerhin ebenso zutreffend wie banal: Besser dran ohne sie�� aber noch besser w�re es gewesen, wenn ich aus ihr schlau geworden w�re, wenn ich h�tte erkennen k�nnen, ob Molly mich benutzt oder mich daf�r bestraft hatte, dass ich sie benutzte, ob meine k�hle und vielleicht etwas gef�lschte Liebe sich auf dem gleichen Niveau bewegte wie ihre so eisige wie lohnenswerte Absage an sie.</p><p>Dann klingelte das Telefon, gerade als ich die Laken und Decken von meinem Bett riss und f�r einen Besuch im Waschraum zusammenpackte, wo ihnen mit gro�en Mengen Waschpulver und hei�em Wasser Mollys Aura ausgetrieben werden sollte. Bei so einer T�tigkeit will man eigentlich nicht gest�rt werden, es macht einen doch ein ganz klein bisschen verlegen. Aber es war mir einfach nicht gegeben, ein klingelndes Telefon zu ignorieren. Also ging ich ran.</p><p>�Tyler?�, sagte Diane. �Bist du allein?�</p><p>Ja, war ich.</p><p>�Gut, ich bin froh, dass ich dich endlich erwische. Ich wollte dir n�mlich sagen, dass wir unsere Telefonnummer wechseln. Wir lassen uns aus dem Verzeichnis streichen. Aber f�r den Fall, dass du mich dringend erreichen musst��</p><p>Sie gab mir ihre Nummer, ich kritzelte sie auf eine Serviette. �Warum lasst ihr euch aus dem Verzeichnis streichen?� Sie und Simon hatten gerade mal einen einzigen Festnetzanschluss, was, so meine Vermutung, eine Art Bu�e war, so �hnlich wie Wollsachen tragen oder Vollkornprodukte essen.</p><p>�Na ja, zuletzt haben wir lauter seltsame Anrufe von E. D. bekommen. Ein paarmal hat er sp�t nachts angerufen und Simon Vorhaltungen gemacht. Er klang ein bisschen betrunken. E. D. hasst Simon. E. D. hat Simon von Anfang an gehasst, aber nachdem wir nach Phoenix gezogen waren, haben wir nie wieder etwas von ihm geh�rt. Bis jetzt. Das Schweigen hat wehgetan�� aber das jetzt ist noch schlimmer.�</p><p>Dianes Telefonnummer mochte ebenfalls zu den Informationen geh�rt haben, die Molly aus meinem Organisationsprogramm geklaubt und an E. D. weitergegeben hatte. Das konnte ich Diane nat�rlich nicht sagen, ohne meinen Verschwiegenheitseid zu verletzen, ebenso wie ich nicht �ber Wun Ngo Wen oder eisfressende Replikatoren sprechen konnte. Ich erz�hlte ihr aber, dass Jason und sein Vater einen Kampf um die Kontrolle �ber Perihelion gef�hrt h�tten, aus dem Jason siegreich hervorgegangen sei, und vielleicht sei es das, was E. D. zu schaffen mache.</p><p>�K�nnte sein�, sagte Diane. �Zumal so kurz nach der Scheidung.�</p><p>�Welcher Scheidung? Sprichst du von E. D. und Carol?�</p><p>�Hat Jason dir das nicht erz�hlt? E. D. wohnt seit Mai in Georgetown zur Miete. Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen, aber es sieht so aus, als w�rde Carol das Gro�e Haus plus Unterhaltszahlungen bekommen und E. D. den ganzen Rest. Die Scheidung war seine Idee, nicht ihre. Was nachzuvollziehen ist: Carol bewegt sich seit Jahrzehnten an der Schwelle zum Alkoholkoma. Sie war keine gute Mutter und sie kann E. D. auch keine besonders gute Frau gewesen sein.�</p><p>�Das hei�t, du gibst ihm Recht?�</p><p>�Nein. Meine Haltung zu ihm hat sich nicht ver�ndert. Er war ein schrecklicher, gleichg�ltiger Vater�� jedenfalls f�r mich. Ich mochte ihn nicht, und ihm war das v�llig egal. Aber ich hatte auch nicht diesen gro�en Respekt vor ihm, so wie Jason. Jason sah in ihm den �berm�chtigen Industriek�nig, den gro�en Macher in Washington.�</p><p>�Ist er das nicht?�</p><p>�Er ist erfolgreich und hat Einfluss, das ist wahr, aber das muss man alles relativ sehen, Ty. Es gibt zehntausend E. D. Lawtons in diesem Land. E. D. w�re auf keinen gr�nen Zweig gekommen, wenn sein Vater und sein Onkel ihm nicht das erste Unternehmen finanziert h�tten�� und zwar in der Erwartung, da bin ich mir sicher, dass es ein Abschreibungsprojekt sein w�rde. E. D. hat das, was er gemacht hat, gut gemacht, und als der Spin ihm M�glichkeiten er�ffnete, hat er sie eiskalt genutzt, was ihm wiederum die Aufmerksamkeit einiger wirklich einflussreicher Leute sicherte. Aber im Kreise der M�chtigen blieb er letztlich immer der Neureiche. Ihm fehlte einfach der Harvard-Yale-Stallgeruch. Keine Deb�tantinnenb�lle f�r mich. Wir waren die armen Kinder in der Stra�e. Ich meine, es war eine nette Stra�e, aber es gibt altes Geld und es gibt neues Geld, und wir waren definitiv neues Geld.�</p><p>�Tja, von der anderen Seite des Rasens hat es wohl ein bisschen anders ausgesehen. Wie kommt Carol denn damit zurecht?�</p><p>�Ach, Carols Medizin kommt aus der gleichen Flasche wie eh und je. Aber was ist mit dir, Tyler? Wie steht�s mit dir und Molly?�</p><p>�Molly ist weg.�</p><p>�Weg wie in �mal eben weggegangen� oder��</p><p>�Richtig weg. Wir haben Schluss gemacht. Mir f�llt kein besch�nigender Ausdruck daf�r ein.�</p><p>�Das tut mir Leid.�</p><p>�Danke, aber es ist nur zum Besten. Das sagen alle.�</p><p>�Simon und ich kommen ganz gut klar.� Ich hatte nicht danach gefragt. �Die Sache mit der Kirche macht ihm zu schaffen.�</p><p>�Neue Entwicklungen in der Kirchenpolitik?�</p><p>�Jordan Tabernacle hat gewisse rechtliche Probleme. Ich kenne nicht alle Einzelheiten. Wir sind auch nicht direkt beteiligt, aber Simon nimmt es sich sehr zu Herzen. Doch dir geht�s gut, bist du sicher? Du klingst ein bisschen kratzig im Hals.�</p><p>�Ich werd�s �berleben�, sagte ich.</p><empty-line/><p>Am Morgen vor der Wahl packte ich ein paar Koffer�� saubere Kleidung, einige Taschenb�cher, medizinische Ausr�stung�� in mein Auto und holte dann Jason ab, um mit ihm die Fahrt nach Virginia anzutreten. Er hatte nach wie vor eine Schw�che f�r schicke Autos, doch wir mussten unauff�llig reisen�� deshalb mein Honda, nicht sein Porsche. Die Highways waren nicht mehr sicher f�r Porsches.</p><p>Die Amtszeit von Pr�sident Garland war eine gute Zeit f�r jene gewesen, deren Jahreseinkommen �ber einer halben Million Dollar lag, und eine schwere Zeit f�r alle anderen. Das konnte man leicht erkennen, wenn man unterwegs war: entlang der Stra�e entfaltete sich ein Tableau aus Billigm�rkten, mit Brettern vernagelten Malls, Parkpl�tzen, auf denen Menschen in reifenlosen Autos hausten, und Orten, die von einem Stuckey�s-Laden und einer Radarfalle lebten. Von der Polizei aufgestellte Schilder verk�ndeten NACH EINBRUCH DER DUNKELHEIT NICHT ANHALTEN oder F�R SCHNELLE HILFE IN NOTF�LLEN IST EINE BEST�TIGTE MELDUNG UNTER 911 ERFORDERLICH. Die Highwaypiraterie hatte den Verkehr von PKWs um die H�lfte reduziert, und so verbrachten wir den gr��ten Teil der Strecke im Wind- respektive Sichtschatten langer Sattelz�ge, manche davon in deutlich reparaturbed�rftigem Zustand, oder tarnfarbengr�ner Armeelaster, die zwischen den diversen Milit�rbasen pendelten.</p><p>Aber wir redeten nicht �ber diese Dinge. Wir redeten auch nicht �ber die Wahl, deren Ausgang ohnehin feststand�� Lomax f�hrte in den Umfragen haushoch vor seinen Mitbewerbern. Wir redeten nicht �ber eisfressende Replikatoren, nicht �ber Wun Ngo Wen und ganz sicher nicht �ber E. D. Lawton. Stattdessen redeten wir �ber alte Zeiten und gute B�cher und �ber weite Strecken redeten wir auch gar nicht. Ich hatte die Anlage mit der schroffen, nicht unbedingt marktg�ngigen Sorte Jazz geladen, die Jason, wie ich wusste, gern h�rte: Charlie Parker, Thelonius Monk, Sonny Rollins�� Musiker, die bereits vor langer Zeit die Entfernung zwischen der Stra�e und den Sternen ausgelotet hatten.</p><p>Wir hielten vor dem Gro�en Haus, als die D�mmerung einbrach.</p><p>Es war hell erleuchtet, buttergelbe Fenster unter einem irisierend tintenblauen Himmel. Carol Lawton kam uns von der Veranda entgegen, ihr schmaler K�rper in einen Strickpullover und paisleyfarbene Schals geh�llt. Dem festen, wenn auch etwas behutsamen Schritt nach zu urteilen, war sie nahezu n�chtern.</p><p>Jason sch�lte sich vorsichtig aus dem Beifahrersitz. Er war in Remission, jedenfalls so weit symptomfrei, wie es zu diesem Zeitpunkt noch m�glich war. Mit ein wenig Anstrengung konnte er den Eindruck von Normalit�t erzeugen. Doch �berraschenderweise stellte er diese Anstrengung umgehend ein, als wir das Gro�e Haus erreicht hatten. Er kr�ngte durch die Eingangshalle Richtung Esszimmer. Es waren keine Bediensteten anwesend�� Carol hatte alles so arrangiert, dass wir das Haus ein paar Wochen lang f�r uns hatten��, aber der Koch hatte noch eine kalte Fleisch- und Gem�seplatte vorbereitet f�r den Fall, dass wir hungrig sein w�rden. Jason lie� sich in einen Sessel sinken.</p><p>Carol und ich folgten ihm. Sie war seit dem Tod meiner Mutter sichtlich gealtert: Ihr Haar war inzwischen so fein und d�nn, dass ihre Sch�delkonturen durchschimmerten, rosig, beinahe affenartig, und als ich ihren Arm nahm, f�hlte er sich an wie Z�ndholz unter Seide. Ihre Wangen waren eingesunken. Ihre Augen zeigten die br�chige Munterkeit einer vor�bergehend trockenen Alkoholikerin. Als ich sagte, dass es sch�n sei, sie wiederzusehen, l�chelte sie fahl. �Danke, Tyler. Ich wei�, wie schrecklich ich aussehe. Gloria Swanson in <emphasis>Boulevard der D�mmerung. </emphasis>Nein, noch nicht bereit f�r die Nahaufnahme, verbindlichsten Dank, und Sie k�nnen mich mal gern haben.� Ich hatte keine Ahnung, wovon sie redete. �Aber ich bin noch da. Wie geht�s Jason?�</p><p>�Wie immer.�</p><p>�Lieb von dir, dass du Ausfl�chte machst. Aber ich weiߠ� nun, ich will nicht sagen, dass ich alles wei�. Aber ich wei�, dass er krank ist. Und ich wei�, dass er sich von dir behandeln lassen will. Irgendeine unorthodoxe, aber wirksame Behandlung.� Sie sah mir in die Augen. �Es <emphasis>ist </emphasis>wirksam, nicht wahr, was immer du ihm verabreichen willst?�</p><p>Ich war zu verbl�fft, um etwas anderes zu sagen als ja.</p><p>�Ich musste ihm n�mlich versprechen, dass ich keine Fragen stelle. Ich nehme an, das hat seine Richtigkeit so. Jason vertraut dir. Also vertraue ich dir auch. Obwohl ich, wenn ich dich ansehe, unweigerlich das Kind sehe, das in dem Haus am anderen Ende des Rasens lebt. Aber ich sehe auch ein Kind, wenn ich Jason ansehe. Verschwundene Kinder� Ich wei� nicht, wo ich sie verloren habe.�</p><empty-line/><p>In der Nacht schlief ich in einem der G�stezimmer des Gro�en Hauses, einem Zimmer, das ich in all den Jahren, in denen ich auf dem Grundst�ck lebte, nie betreten, allenfalls mal fl�chtig, vom Flur aus, gesehen hatte.</p><p>Jedenfalls einen Teil der Nacht schlief ich. Den Rest der Zeit lag ich wach und versuchte, das rechtliche Risiko abzusch�tzen, das ich durch mein Herkommen eingegangen war. Ich wusste nicht, gegen welche Gesetze Jason genau verstie�, wenn er marsianische Pharmazeutika aus dem Perihelion-Gel�nde herausschmuggelte, aber in jedem Fall war ich bereits zum Mitt�ter geworden.</p><p>Am n�chsten Morgen �berlegte Jason, wo wir die diversen Phiolen aufbewahren sollten, die Wun ihm �bergeben hatte�� ausreichend Stoff, um vier oder f�nf Personen zu behandeln. (�Falls wir mal einen Koffer fallen lassen�, hatte er mir bei Antritt der Reise erkl�rt. �Redundanz.�)</p><p>�Rechnest du mit einer Durchsuchung?� Ich malte mir aus, wie Bundesbeamte in biologischen Schutzanz�gen die Treppe des Gro�en Hauses hinaufschw�rmten.</p><p>�Nat�rlich nicht. Aber es immer ratsam, m�glichen Risiken vorzubeugen.� Er sah mich scharf an. Sein Auge�� auch das ein Symptom der Krankheit�� zuckte alle paar Sekunden nach links. �Ist dir mulmig zumute?�</p><p>Ich sagte, wir k�nnten die �bersch�ssigen Pr�parate im Haus auf der anderen Seite des Rasens verstecken, sofern sie keine K�hlung ben�tigten.</p><p>�Wun zufolge sind sie unter allen Bedingungen chemisch stabil, wenn�s nicht grad eine Kernexplosion ist. Aber ein Durchsuchungsbefehl f�r das Gro�e Haus w�rde sich auf das gesamte Grundst�ck erstrecken.�</p><p>�Mit Durchsuchungsbefehlen kenne ich mich nicht aus. Aber ich wei�, wo die Verstecke sind.�</p><p>�Zeig sie mir.�</p><p>Also marschierten wir �ber den Rasen, ich vorneweg, Jason etwas unsicheren Schritts hinterdrein. Es war fr�her Nachmittag, Wahltag, doch auf dem Gras zwischen den beiden H�usern h�tte es jeder beliebige Herbsttag sein k�nnen, in jedem beliebigen Jahr. Irgendwo in dem kleinen W�ldchen beidseits des Baches meldete sich ein Vogel zu Wort, auf einer einzelnen Note, die sich zun�chst forsch entfaltete, dann aber z�gerlich wurde wie ein letztlich doch nicht �berzeugender Gedanke. Wir erreichten das Haus meiner Mutter, ich drehte den Schl�ssel und �ffnete die T�r in eine noch gr��ere Stille hinein.</p><p>Im Haus wurde von Zeit zu Zeit Staub gewischt und geputzt, doch seit dem Tod meiner Mutter war es grunds�tzlich immer verschlossen. Ich war seither nicht wieder hier gewesen, andere Angeh�rige gab es nicht, und Carol hatte es vorgezogen, das Geb�ude in seinem Zustand zu erhalten anstatt es umzubauen. Aber es war nicht zeitlos. Ganz und gar nicht. Die Zeit hatte sich hier eingenistet. Hatte es sich gem�tlich gemacht. Das Wohnzimmer roch nach Einschlie�ung, nach den Substanzen, die aus unbenutzten Polstern, gelbem Papier, zur Ruhe gekommenem Gewebe sickern. Im Winter, erz�hlte mir Carol sp�ter, wurde gerade so viel geheizt, dass die Rohre nicht einfroren, im Sommer wurden die Vorh�nge zum Schutz gegen Licht und Hitze vorgezogen. Heute war es k�hl, drinnen wie drau�en.</p><p>Jason trat zitternd �ber die Schwelle. Sein Schritt war den ganzen Morgen schon unstet gewesen, weshalb er auch mich die Pharmazeutika tragen lie� (abz�glich derer, die ich f�r seine Behandlung beiseite gestellt hatte), gut verstaut in einer gepolsterten Lederreisetasche.</p><p>�Das ist das erste Mal, dass ich hierher komme�, sagte er beklommen, �seit sie gestorben ist. Ist es albern zu sagen, dass sie mir fehlt?�</p><p>�Nein, ganz und gar nicht albern.�</p><p>�Erst bei ihr habe ich erfahren, dass man Leute auch freundlich behandeln kann. Alles, was es im Gro�en Haus an Freundlichkeit gab, kam von Belinda Dupree.�</p><p>Ich f�hrte ihn durch die K�che zu der niedrigen T�r, hinter der es in den Keller ging. Das kleine Haus auf dem Lawton-Grundst�ck war im Stil eines New-England-Cottages gebaut worden�� beziehungsweise so, wie man sich diesen Stil vorgestellt hatte��, daher hatte der Keller aus roh behauenem Betonstein eine so niedrige Decke, dass Jason den Kopf einziehen musste. Der Raum war gerade gro� genug f�r einen Heizkessel, einen Wasserspeicher, eine Waschmaschine und einen Trockner. Die Luft hier war noch ein paar Grad k�lter und hatte einen feuchten, mineralischen Geruch.</p><p>Ich hockte mich in die Nische hinter der Blechverkleidung des Heizkessels, eine jener staubigen Sackgassen, die selbst von professionellen Reinigungskr�ften ignoriert werden, und erkl�rte Jason, es gebe dort eine gesprungene Stelle in der Mauer, die man mit ein bisschen Nachdruck herausbrechen k�nne, um Zugang zu der L�cke zwischen den Holzpfeilern und der Grundmauer zu erlangen.</p><p>�Interessant.� Jason stand einen Meter hinter mir und sprach um die Ecke des Heizkessels herum. �Was hast du denn darin aufbewahrt, Tyler? Alte Ausgaben des <emphasis>Gent</emphasis>?�</p><p>Als ich zehn war, hatte ich hier bestimmte Spielzeuge gelagert, nicht weil ich Angst hatte, jemand w�rde sie stehlen, sondern weil es mir Spa� machte zu wissen, dass sie versteckt waren und nur ich sie finden konnte. Sp�ter vertraute ich dem Versteck weniger unschuldige Dinge an: mehrere abgebrochene Versuche, ein Tagebuch zu fuhren, Briefe an Diane, die nie abgeschickt oder auch nur beendet wurden, und�� ja doch, obwohl ich es Jason gegen�ber nicht zugeben wollte�� Ausdrucke eines relativ zahmen Internetpornos. All diese mit Schuldgef�hlen behafteten Geheimnisse waren nat�rlich vor langer Zeit entsorgt worden.</p><p>�H�tte eine Taschenlampe mitnehmen sollen�, sagte Jason. Die einsame Gl�hbirne an der Decke warf ein �u�erst unzul�ngliches Licht in diese Spinnwebenecke.</p><p>�Auf dem Tisch neben dem Sicherungskasten war fr�her immer eine.� Und da war sie immer noch. Ich schob mich r�ckw�rts aus der L�cke und lie� sie mir von Jason reichen. Sie verstr�mte den w�ssrig blassen Schein von fast leeren Batterien, funktionierte aber noch gut genug, dass ich das lose Mauerst�ck fand, ohne lange danach tasten zu m�ssen. Ich hob es heraus, schob die Reisetasche in die L�cke dahinter, setzte das St�ck dann wieder an seinen Platz und wischte kreideartigen Staub �ber die Nahtstellen.</p><p>Als ich wieder herauskriechen wollte, lie� ich die Taschenlampe fallen, die daraufhin noch weiter in die Spinnenschatten hinter dem Heizkessel rollte. Ich zog eine Grimasse und langte danach, wobei ich mich an dem flackernden Licht orientierte. Ber�hrte den Schaft. Ber�hrte noch etwas anderes. Etwas Hohles, aber Stabiles. Eine Schachtel.</p><p>Ich zog sie n�her heran.</p><p>�Bist du bald fertig da hinten, Ty?�</p><p>�Sekunde noch.�</p><p>Ich hielt das Licht auf die Schachtel. Es war ein Schuhkarton. Ein Schuhkarton mit einem staubigen New-Balance-Logo, �ber dem in fetter schwarzer Tinte gemalt stand: ANDENKEN (AUSBILDUNG).</p><p>Der Karton, der oben im Wohnzimmer fehlte, der Karton, den ich nach dem Begr�bnis meiner Mutter nicht hatte finden k�nnen.</p><p>�Hast du Schwierigkeiten?�</p><p>�Nein.�</p><p>Ich konnte der Sache sp�ter noch auf den Grund gehen. Ich schob den Karton dorthin zur�ck, wo ich ihn gefunden hatte, und kroch aus dem Staubloch heraus. Erhob mich und klopfte meine H�nde ab. �Dann sind wir hier wohl fertig.�</p><p>�Erinnere dich f�r mich mit�, sagte Jason. �Falls ich es vergesse.�</p><empty-line/><p>Am Abend sahen wir uns dann die Wahlergebnisse auf der gro�en, aber ziemlich veralteten TV-Videoanlage der Lawtons an. Carol hatte ihre Kontaktlinsen verlegt, sa� dicht vor dem Bildschirm, verfolgte blinzelnd das Geschehen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie die Politik weitgehend ignoriert�� �Das war immer E. D.s Zust�ndigkeitsbereich���, und wir mussten sie erst einmal mit einigen der Hauptakteure bekannt machen. Doch ihr schien schon der blo�e Ereignischarakter des Ganzen Spa� zu machen. Jason riss freundliche Witze, und Carol lachte pflichtschuldig, und wenn sie lachte, sah ich ein wenig von Diane in ihrem Gesicht.</p><p>Sie wurde jedoch schnell m�de und war schon auf ihr Zimmer gegangen, als die Ergebnisse der einzelnen Bundesstaaten einliefen. Es gab keine �berraschungen. Lomax sackte den gesamten Nordosten sowie gro�e Teile des Mittelwestens und Westens ein. Im S�den schnitt er weniger gut ab, doch selbst hier verteilten sich die gegnerischen Stimmen zu fast gleichen Teilen auf die Demokraten und die Christlich Konservativen. Wir r�umten gerade unsere Kaffeetassen weg, als der letzte oppositionelle Kandidat seine Niederlage eingestand und dem Sieger mit grimmiger H�flichkeit gratulierte.</p><p>�Dann haben also die Guten gewonnen�, sagte ich.</p><p>Jason grinste. �Ich wei� nicht genau, ob von denen �berhaupt einer kandidiert hat.�</p><p>�Ich dachte, Lomax sei gut f�r uns.�</p><p>�Vielleicht. Du darfst aber nicht glauben, dass ihm viel an Perihelion oder dem Replikatorenprogramm gelegen ist, au�er als Mittel, den Raumfahrtetat zu begrenzen und gleichzeitig den Eindruck zu erwecken, einen gro�en Schritt nach vorn zu tun. Die Bundesmittel, die er auf diese Weise freimacht, werden in den Verteidigungshaushalt gepumpt. Das ist auch der Grund, warum E. D. keine richtige Anti-Lomax-Stimmung unter seinen alten Kumpeln aus der Raumfahrtindustrie erzeugen konnte. Lomax l�sst Boeing oder Lockheed Martin nicht verhungern�� sie sollen sich nur umorientieren.�</p><p>�Aufs Milit�rische.� Das Abklingen globaler Konflikte in der ersten Verwirrung nach dem Spin war l�ngst Vergangenheit; eine milit�rische Aufr�stung war so gesehen vielleicht gar keine schlechte Idee.</p><p>�Wenn man glaubt, was Lomax sagt.�</p><p>�Tust du das nicht?�</p><p>�Ich f�rchte, das kann ich mir nicht leisten.�</p><p>Mit dieser enigmatischen Aussage ging ich zu Bett.</p><p>Am n�chsten Morgen verabreichte ich ihm die erste Injektion. Jason legte sich im Wohnzimmer auf ein Sofa. Er trug Jeans und ein Baumwollhemd, wirkte aristokratisch, aber leger, hinf�llig, aber entspannt. Falls er Angst hatte, lie� er sich davon nichts anmerken. Er rollte seinen rechten �rmel auf und legte die Ellenbeuge frei.</p><p>Ich nahm eine Spritze aus meinem Arztkoffer, befestigte eine sterile Nadel daran und f�llte sie mit der klaren Fl�ssigkeit aus einer der Phiolen. Wun hatte den Vorgang mit mir geprobt. Die Regularien des Vierten Alters. Auf dem Mars h�tte es ein stilles Zeremoniell in einer beruhigenden Umgebung gegeben�� hier mussten wir mit dem Licht der Novembersonne und dem Ticken teurer Uhren vorlieb nehmen.</p><p>Ich tupfte die Haut ab, bevor ich die Spritze ansetzte. �Du brauchst nicht hinzusehen.�</p><p>�Ich m�chte aber. Zeig mir, wie es geht.�</p><p>Er hatte immer schon, bei allem, wissen wollen, wie es geht.</p><empty-line/><p>Die Injektion zeitigte keine unmittelbare Wirkung, doch um die Mittagszeit des folgenden Tages hatte Jason ein leichtes Fieber entwickelt. Es sei nicht schlimmer als eine Erk�ltung, sagte er, und am Nachmittag forderte er mich auf, mein Fieberthermometer und meine Blutdruckmanschette zu nehmen und�� nun ja, damit sonstwohin zu gehen.</p><p>Also schlug ich meinen Kragen gegen den Regen hoch�� ein nieselnder, hartn�ckiger Regen, der in der Nacht begonnen hatte und schon den ganzen Tag andauerte�� und ging noch einmal �ber den Rasen zum Haus meiner Mutter, wo ich ANDENKEN (AUSBILDUNG) aus dem Keller holte und hinauf ins Wohnzimmer trug.</p><p>Regentr�bes Licht kam durch die Vorh�nge. Ich machte eine Lampe an.</p><p>Meine Mutter war im Alter von sechsundf�nfzig Jahren gestorben. Achtzehn Jahre lang hatte ich hier mit ihr gewohnt. Das war etwas mehr als ein Drittel ihres Lebens. Von den �brigen zwei Dritteln hatte ich nur das gesehen, was sie gewillt war mir zu zeigen. Von Bingham, ihrer Heimatstadt, hatte sie hin und wieder erz�hlt�� ich wusste, dass sie mit ihrem Vater (einem Immobilienmakler) und ihrer Stiefmutter (die in einer Altentagesst�tte arbeitete) in einem Haus am oberen Ende einer absch�ssigen, von B�umen ges�umten Stra�e gewohnt hatte; dass sie als Kind eine Freundin namens Monica Lee gehabt hatte; dass es dort eine �berdachte Br�cke gegeben hatte, einen Fluss namens Little Wyecliff und eine presbyterianische Kirche, die sie nicht mehr besucht hatte, seit sie sechzehn war, und in die sie erst zur Beerdigung ihrer Eltern zur�ckgekehrt war. Doch sie hatte nie von Berkeley gesprochen oder davon, was sie mit ihrem MBA anzustellen gehofft, oder warum sie meinen Vater geheiratet hatte.</p><p>Ein- oder zweimal hatte sie diese Kartons vom Regal geholt, um mir den Inhalt zu zeigen, mich davon zu �berzeugen, dass sie�� unfassbar�� schon ein Leben gef�hrt hatte, bevor ich auf der Welt war. Dies war der Beweis daf�r, Beweisst�cke A, B und C, drei Kartons mit ANDENKEN und KRIMSKRAMS. Darunter zusammengefaltete Zeugnisse echter, belegbarer Geschichte: toffeebraune Zeitungstitelseiten, die von Terroranschl�gen, Kriegsausbr�chen, gew�hlten oder angeklagten Pr�sidenten k�ndeten. Hier fand sich auch der Tand, den ich als Kind gern in der Hand gehalten hatte: ein angelaufenes F�nfzig-Cent-St�ck, gepr�gt im Geburtsjahr ihres Vaters (1951), vier braune und rosa Muscheln vom Strand in Cobscook Bay.</p><p>ANDENKEN (AUSBILDUNG) war f�r mich die unattraktivste Schachtel gewesen. Sie enthielt die Wahlkampfplakette eines offensichtlich erfolglosen demokratischen Kandidaten f�r irgendein hohes Amt, die ich ihrer Buntheit wegen gesch�tzt hatte, aber ansonsten gab es dort nur Mutters Abgangszeugnis, ein paar aus ihrem letzten Jahrbuch herausgerissene Seiten und ein B�ndel von kleinen Umschl�gen, f�r die ich mich nie interessiert hatte�� oder h�tte interessieren d�rfen.</p><p>Jetzt �ffnete ich einen dieser Umschl�ge und �berflog den Inhalt so weit, dass ich registrieren konnte: a) es war ein Liebesbrief und b) die Handschrift glich in keiner Weise der ordentlichen Schrift meines Vaters in den ellenlangen Briefen aus ANDENKEN (MARCUS).</p><p>Hatte meine Mutter einen Collegeverehrer gehabt? Das war eine Neuigkeit, die Marcus Dupree h�tte verst�ren k�nnen�� sie hatte ihn eine Woche nach Studienabschluss geheiratet��, ansonsten aber keinen Menschen ernsthaft schockiert h�tte. Mit Sicherheit war es kein Grund, die Schachtel im Keller zu verstecken, schon gar nicht, wenn sie vorher jahrelang gut sichtbar auf dem Regal gestanden hatte.</p><p>War es �berhaupt meine Mutter gewesen, die sie versteckt hatte? Ich wusste nicht, wer alles in ihrem Haus gewesen war in der Zeit zwischen ihrem Schlaganfall und meinem Eintreffen einen Tag sp�ter. Carol hatte sie gefunden, vermutlich hatten einige Bedienstete aus dem Gro�en Haus hinterher beim Saubermachen geholfen, und es mussten Sanit�ter da gewesen sein, die sie versorgt und transportfertig gemacht hatten. Keiner von ihnen h�tte einen auch nur ann�hernd plausiblen Grund gehabt, ANDENKEN (AUSBILDUNG) in den Keller zu tragen und in die L�cke zwischen Heizkessel und Wand zu schieben.</p><p>Und vielleicht war es auch v�llig egal. Es lag schlie�lich kein Verbrechen vor, sondern nur ein kurioses Verschwinden und Wiederauftauchen. Konnte auch ein Poltergeist gewesen sein. Vermutlich w�rde ich es nie erfahren, und es war sinnlos, sich weiter damit zu besch�ftigen. Alles, was sich in diesem Zimmer, in diesem Haus befand, einschlie�lich der Kartons, w�rde fr�her oder sp�ter verwertet, verkauft oder weggeworfen werden m�ssen. Ich hatte es auf die lange Bank geschoben, Carol ebenso, doch es war �berf�llig.</p><p>Aber bis dahin�</p><p>Bis es so weit war, stellte ich ANDENKEN (AUSBILDUNG) erst einmal zur�ck aufs Regal, zwischen ANDENKEN (MARCUS) und KRIMSKRAMS. Und machte das leere Zimmer damit wieder vollst�ndig.</p><empty-line/><p>Die heikelste Frage, die ich Wun Ngo Wen in Bezug auf Jasons Behandlung gestellt hatte, war die nach den m�glichen Wechselwirkungen des Pr�parats mit anderen Medikamenten. Ich konnte Jasons konventionelle Medikation nicht absetzen, ohne einen R�ckfall zu provozieren. Doch ebenso beunruhigend fand ich die Vorstellung, seine t�gliche Medikamentendosis mit Wuns biochemikalischer General�berholung zu kombinieren.</p><p>Wun versprach, dass es keine Probleme geben werde. Der Langlebigkeitscocktail sei kein Medikament, keine �Droge� im herk�mmlichen Sinne, was ich in Jasons Blutkreislauf injizieren w�rde, entspreche eher einem Computerprogramm. Konventionelle Medikamente interagierten mit Proteinen und Zelloberfl�chen�� Wuns Mittelchen interagierte mit der DNA selbst.</p><p>Dennoch: Es musste in eine Zelle eintreten, um sein Werk zu tun, und auf dem Weg dorthin musste es sich mit Jasons Blutchemie und Immunsystem auseinander setzen�� oder? Wun hatte erkl�rt, dass das alles keine Rolle spiele. Der Langlebigkeitscocktail sei so flexibel, dass er unter allen physiologischen Bedingungen�� es sei denn, der Proband ist tot�� arbeiten k�nne.</p><p>Doch das f�r AMS zust�ndige Gen war nie zum Roten Planeten gelangt und die Medikamente, die Jason einnahm, waren dort unbekannt. Und auch wenn Wun versicherte, dass meine Bedenken unbegr�ndet waren, konnte ich nicht umhin zu bemerken, dass er dabei kaum einmal l�chelte. Also versuchten wir, auf Nummer sicher zu gehen: Eine Woche vor der ersten Injektion hatte ich begonnen, Jasons AMS-Medikation zur�ckzufahren. Nicht abzusetzen, nur zu reduzieren.</p><p>Die Strategie schien aufgegangen zu sein. Als wir im Gro�en Haus eintrafen, zeigte Jason trotz der geringeren Medikamentation nur leichte Symptome, sodass wir die Behandlung optimistisch angingen.</p><p>Drei Tage sp�ter hatte er Fiebersch�be, gegen die ich wenig ausrichten konnte. Am n�chsten Tag war er die meiste Zeit bewusstlos. Noch einen Tag sp�ter f�rbte sich seine Haut rot und entwickelte Blasen. Am Abend begann er zu schreien.</p><p>Trotz des Morphiums, das ich ihm gab, schrie er immer weiter. Kein Schreien aus vollem Hals, eher ein St�hnen, das sich periodisch zu gro�er Lautst�rke steigerte, ein Laut, den man eher von einem kranken Hund erwarten w�rde als von einem Menschen. Es geschah v�llig willk�rlich. In Phasen der Klarheit machte er dieses Ger�usch nicht und konnte sich auch nicht erinnern, es gemacht zu haben, obwohl sein Kehlkopf von der Anstrengung schmerzhaft entz�ndet war.</p><p>Carol vermittelte tapfer den Anschein, damit klarzukommen. In manchen Teilen des Hauses waren Jasons Klagerufe fast nicht zu h�ren�� die hinteren Schlafzimmer, die K�che��, und dort hielt sie sich die meiste Zeit auf, las oder lauschte dem lokalen Radiosender. Doch die Belastung war offenkundig, und es dauerte nicht lange, da begann sie wieder zu trinken.</p><p>Ich sollte vielleicht nicht �begann sie� sagen. Tats�chlich hatte sie nie damit aufgeh�rt. Aber sie hatte es immerhin auf ein Minimum beschr�nkt, das es ihr erlaubte zu funktionieren�� in heikler Balance zwischen den Schrecken des pl�tzlichen Entzugs und den Lockungen eines veritablen Rausches. Dass sie �berhaupt so lange durchgehalten hatte, lag in der Liebe zu ihrem Sohn begr�ndet, wie sehr diese Liebe in den Jahren zuvor auch geschlummert haben mochte. Es waren seine Schmerzensschreie, die sie aus der Bahn warfen.</p><p>In der zweiten Woche hing Jason an einem Tropf, und ich behielt seinen steigenden Blutdruck im Auge. Er hatte einen relativ guten Tag gehabt, trotz seines erschreckenden Aussehens: schorfig �berall, wo nicht das rohe Fleisch hervortrat, die Augen versunken im geschwollenen Gesicht. Er war noch geistesgegenw�rtig genug gewesen zu fragen, ob Wun schon seinen ersten Fernsehauftritt gehabt h�tte�� noch nicht, er war f�r die folgende Woche vorgesehen��, aber als der Abend anbrach, war er in Bewusstlosigkeit zur�ckgefallen, und das St�hnen, das ein paar Tage ausgesetzt hatte, fing wieder an, lauter als je zuvor und schmerzhaft f�r jeden, der es h�rte.</p><p>Schmerzhaft vor allem f�r Carol, die in der T�r des Wohnzimmers erschien, mit Tr�nenspuren auf den Wangen und heller, glasiger Wut in den Augen. �Tyler�, sagte sie, �du musst dem ein Ende machen!�</p><p>�Ich tue, was ich kann. Aber er spricht nicht auf Opiate an. Vielleicht sollten wir lieber morgen dar�ber sprechen.�</p><p>�Kannst du ihn nicht <emphasis>h�ren?�</emphasis></p><p>�Nat�rlich kann ich ihn h�ren.�</p><p>�Und�� bedeutet das nichts? Bedeutet dieses Ger�usch dir <emphasis>gar nichts? </emphasis>Mein Gott! Es w�rde ihm besser gehen, wenn er nach Mexiko zu irgendeinem Quacksalber gegangen w�re. Hast du �berhaupt <emphasis>irgendeine </emphasis>Vorstellung, was du ihm da injiziert hast, du verdammter Kurpfuscher?�</p><p>Das Schlimme war, dass sie nur Fragen wiederholte, die ich mir selbst l�ngst stellte. Nein, ich wusste <emphasis>nicht, </emphasis>was ich ihm da injiziert hatte, nicht in einem auch nur halbwegs wissenschaftlichen Sinne. Ich hatte den Versprechungen des Mannes vom Mars geglaubt, aber mit dieser Rechtfertigung durfte ich bei Carol schwerlich auf Verst�ndnis hoffen. Die Prozedur war schwieriger, schmerzhafter, als ich mir zu erwarten gestattet hatte. Vielleicht funktionierte sie falsch. Vielleicht funktionierte sie �berhaupt nicht.</p><p>Jason gab einen klagenden Heulton von sich, der in einem Seufzen ausklang. Carol hielt sich die Ohren zu. �Er <emphasis>leidet, </emphasis>du verdammter Quacksalber! <emphasis>Sieh ihn dir an!�</emphasis></p><p>�Carol��</p><p>�Nichts mit Carol, du Schl�chter! Ich ruf einen Rettungswagen. Ich ruf die Polizei.�</p><p>Ich ging zu ihr und fasste sie an den Schultern. Sie f�hlte sich zerbrechlich und doch gef�hrlich lebendig an, ein in die Ecke getriebenes Tier. �H�ren Sie, Carol.�</p><p>�Warum? Warum sollte ich <emphasis>dir </emphasis>zuh�ren?�</p><p>�Weil Ihr Sohn sein Leben in meine Hand gegeben hat. H�ren Sie zu. Ich brauche jemanden, der mir hilft. Ich muss seit Tagen ohne Schlaf auskommen. Das geht nicht mehr lange, ich brauche jemanden, der eine Weile bei ihm sitzt, jemand, der etwas von Medizin versteht und kompetente Entscheidungen treffen kann.�</p><p>�Du h�ttest eine Krankenschwester mitbringen sollen.�</p><p>H�tte ich, aber das war nicht m�glich gewesen, und darum ging es jetzt auch nicht. �Ich habe keine Krankenschwester. Sie m�ssen das f�r mich tun.�</p><p>Sie brauchte eine Weile, bevor sie begriff, was ich gesagt hatte. Dann schnappte sie nach Luft und wich einen Schritt zur�ck. �Ich?�</p><p>�Sie sind immer noch approbiert, soweit ich wei�.�</p><p>�Ich habe nicht mehr praktiziert seit�� sind es Jahrzehnte? Jahrzehnte��</p><p>�Sie sollen ja keine Operation am offenen Herzen durchf�hren. Ich m�chte nur, dass sie seinen Blutdruck und seine Temperatur im Auge behalten. K�nnten Sie das tun?�</p><p>Ihre Wut wich. Sie f�hlte sich geschmeichelt. Sie hatte Angst. Sie dachte dar�ber nach. Dann richtete sie einen st�hlernen Blick auf mich. �Warum sollte ich dir helfen? Warum sollte ich mich zum Komplizen bei dieser, dieser <emphasis>Folter </emphasis>machen?�</p><p>Ich war noch dabei, eine Antwort zu formulieren, als eine Stimme hinter mir sagte: �Oh, bitte.�</p><p>Jasons Stimme. Ein Merkmal dieser marsianischen Kur war die geistige Klarheit, die kam und ging, wie sie es grad wollte. Ich drehte mich um.</p><p>Jason verzog das Gesicht und versuchte, sich aufzusetzen. Ohne Erfolg. Aber seine Augen waren klar. �Also wirklich�, sagte er zu seiner Mutter. �Mach bitte, was Tyler sagt. Er wei� schon, was er tut, und ich wei� es auch.�</p><p>Carol starrte ihn an. �Aber ich nicht. Ich habe nicht, ich meine, ich kann nicht�� Dann wandte sie sich ab und ging leicht schwankend, eine Hand gegen die Wand gest�tzt, aus dem Zimmer.</p><p>Ich blieb bei Jason sitzen. Am Morgen kehrte Carol zur�ck�� sie wirkte im doppelten Sinne ern�chtert�� und bot an, mich abzul�sen. Jason war in einem friedlichen Zustand und brauchte eigentlich keine Pflege, dennoch �bertrug ich ihr die Aufsicht und entfernte mich, um ein wenig Schlaf nachzuholen.</p><p>Ich schlief zw�lf Stunden lang. Als ich ins Wohnzimmer zur�ckkam, sa� Carol immer noch da, hielt ihrem bewusstlosen Sohn die Hand und strich ihm mit einer Z�rtlichkeit �ber die Stirn, die ich nie zuvor bei ihr gesehen hatte.</p><empty-line/><p>Die Erholungsphase begann anderthalb Wochen nach Beginn der Behandlung. Es gab keinen j�hen �bergang, keinen magischen Moment. Aber die Phasen der Klarheit wurden l�nger, und der Blutdruck stabilisierte sich.</p><p>Am Abend, als Wun vor den Vereinten Nationen sprechen sollte, st�berte ich einen tragbaren Fernseher auf und stellte ihn neben Jason auf. Carol gesellte sich kurz vor Beginn der �bertragung zu uns.</p><p>Wun Ngo Wens Anwesenheit auf der Erde war am letzten Mittwoch offiziell verk�ndet worden. Sein Portr�t beherrschte seit Tagen die Titelseiten, dazu gab es Livebilder, wie er, unter dem sch�tzenden Arm des Pr�sidenten, �ber den Rasen des Wei�en Hauses schritt. Das Wei�e Haus hatte betont, dass Wun gekommen sei, um zu helfen, dass er aber keine L�sung f�r das Problem des Spins und nicht viel neues Wissen �ber die Hypothetischen anzubieten habe. Die Reaktion der �ffentlichkeit war entsprechend zur�ckhaltend gewesen.</p><p>Und nun bestieg er das Podium im Sitzungssaal des Sicherheitsrates und trat ans Rednerpult, das man an seine Gr��e angepasst hatte. �Aber das ist ja nur ein Winzling�, sagte Carol.</p><p>�Ein wenig Respekt, bitte�, murmelte Jason. �Er repr�sentiert eine Kultur, die �lter ist als alle, die es bei uns je gegeben hat.�</p><p>�Sieht eher so aus, als w�rde er den Verband der Sch�lerlotsen repr�sentieren.�</p><p>In den Nahaufnahmen wurde seine W�rde halbwegs wiederhergestellt. Die Kamera fixierte seine Augen und sein schwer zu fassendes L�cheln. Und als er ins Mikrophon zu sprechen begann, war seine Stimme ganz weich, ja klang fast terrestrisch.</p><p>Wun wusste�� oder es war ihm von seinen Beratern deutlich gemacht worden��, wie unwahrscheinlich dieser Vorgang auf den durchschnittlichen Erdling wirken musste. (�Wahrhaftig�, hatte der Generalsekret�r in seiner Einf�hrung gesagt, �wir leben in einem Zeitalter der Wunder.�) Und so dankte er uns allen in bestem mittelatlantischem Akzent f�r unsere Gastfreundschaft und sprach dann wehm�tig �ber seine Heimat und warum er sie verlassen hatte, um hierher zu kommen. Er schilderte den Mars als eine fremde, aber ganz und gar menschliche Welt, einen Ort, den man gern einmal besuchen w�rde, wo die Leute freundlich seien und die Landschaft interessant, wenn auch die Winter, wie er eingestand, sich h�ufig von einer recht strengen Seite zeigten. (�Klingt wie Kanada�, sagte Carol.)</p><p>Dann kam er zum eigentlichen Thema. Alle wollten nat�rlich etwas �ber die Hypothetischen wissen. Leider aber wisse Wuns Volk wenig mehr �ber sie, als hier auf der Erde bekannt sei�� die Hypothetischen hatten den Mars eingeh�llt, als er gerade auf dem Weg zur Erde war, und die Marsianer standen dem genauso hilflos gegen�ber wie wir.</p><p>Er k�nne keine Vermutung �ber die Motive der Hypothetischen �u�ern, diese Frage werde seit Jahrhunderten diskutiert, aber auch die gr��ten marsianischen Denker und Gelehrten h�tten sie nicht l�sen k�nnen. Es sei interessant, sagte Wun, dass sowohl die Erde als auch der Mars zu einem Zeitpunkt eingeschlossen worden seien, als sie sich auf der Schwelle zu einer globalen Katastrophe befanden. �Unsere Bev�lkerungszahlen n�hern sich, genau wie bei Ihnen, der Grenze der Tragbarkeit. Industrie und Landwirtschaft auf der Erde sind in hohem Ma�e vom �l abh�ngig, dessen Vorr�te jedoch rapide zur Neige gehen. Auf dem Mars haben wir �berhaupt kein �l, aber wir leben von einem anderen knappen Rohstoff, dem nat�rlichen Stickstoff. Er treibt unseren landwirtschaftlichen Kreislauf an und setzt der Zahl der Menschen, die unser Planet ern�hren kann, eine absolute Grenze. Wir sind mit diesem Problem ein bisschen besser zurechtgekommen als die Erde, doch das liegt allein darin begr�ndet, dass wir seit Beginn unserer Zivilisation gezwungen waren, ihm ins Auge zu blicken. Beide Planeten sind mit der M�glichkeit eines �konomischen Zusammenbruchs und damit eines verheerenden Massensterbens konfrontiert, beide Planeten wurden eingeh�llt, bevor dieser Punkt erreicht war. Vielleicht haben die Hypothetischen diese Wahrheit �ber uns begriffen, vielleicht hat das ihre Handlungsweise beeinflusst. Aber wir haben dar�ber keinerlei Gewissheit. Auch wissen wir nicht, was sie von uns erwarten, falls sie denn etwas erwarten, oder wann beziehungsweise ob der Spin �berhaupt jemals beendet werden wird. Wir <emphasis>k�nnen </emphasis>das alles nicht wissen, wenn wir nicht mehr direkte Informationen �ber die Hypothetischen sammeln.� Die Kamera zoomte Wun noch n�her heran. �Und es gibt eine M�glichkeit, diese Informationen zu erlangen. Ich bin hierher gekommen mit einem Vorschlag, den ich mit Pr�sident Garland ebenso wie mit dem neugew�hlten Pr�sidenten Lomax sowie anderen Staatsoberh�uptern diskutiert habe.� In groben Z�gen skizzierte er den Replikatorenplan und sagte dann: �Mit etwas Gl�ck werden wir so erfahren, ob die Hypothetischen sich noch anderer Welten angenommen haben, wie diese Welten darauf reagiert haben und welches Schicksal der Erde letzten Endes beschieden sein mag.�</p><p>Als er begann, �ber die Oortsche Wolke und �autokatalytische R�ckkopplungstechnologie� zu sprechen, sah ich, wie Carols Augen glasig wurden. �Das ist doch alles nicht m�glich�, sagte sie dann, nachdem Wun unter Applaus das Podium verlassen hatte und nun im Studio alle m�glichen Experten seine Rede wiederk�uten. �Ist irgendetwas wahr an dem, was der Mann gesagt hat, Jason?�</p><p>�So ziemlich alles ist wahr�, erwiderte Jason ruhig. �F�r das Wetter auf dem Mars kann ich mich allerdings nicht verb�rgen.�</p><p>�Stehen wir wirklich am Rand einer Katastrophe?�</p><p>�Wir stehen am Rand einer Katastrophe, seit die Sterne ausgegangen sind.�</p><p>�Ich meine, wegen dem �l und allem. Wenn der Spin nicht gekommen w�re, w�rden wir alle verhungern?�</p><p>�Es gibt Menschen, die <emphasis>tats�chlich </emphasis>verhungern. Sie m�ssen verhungern, weil wir nicht in der Lage sind, sieben Milliarden Menschen auf dem nordamerikanischen Wohlstandsniveau zu halten, ohne den ganzen Planeten auszupl�ndern und zu ruinieren. Gegen die Zahlen kann man schwer anargumentieren. Ja, es ist wahr. Falls der Spin uns nicht t�tet, werden wir es fr�her oder sp�ter mit einem globalen Massensterben zu tun bekommen.�</p><p>�Und das hat etwas mit dem Spin selbst zu tun?�</p><p>�Vielleicht, aber das wissen weder ich noch der Marsianer mit letzter Sicherheit.�</p><p>�Du machst dich �ber mich lustig.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Doch. Aber ist schon okay. Ich wei�, wie unwissend ich bin. Es ist Jahre her, seit ich zuletzt in eine Zeitung geguckt habe, es bestand immer das Risiko, darin auf das Gesicht deines Vaters zu sto�en. Und das Einzige, was ich mir in der Glotze ansehe, sind die Soaps am Nachmittag. Da gibt es keine Marsmenschen. Ich bin wohl so eine Art Rip van Winkle. Ich habe zu lange geschlafen. Und die Welt, die ich beim Aufwachen vorfinde, gef�llt mir nicht besonders. Das, was an ihr nicht erschreckend ist, ist�� Sie deutete auf den Fernseher. �Ist grotesk.�</p><p>�Wir alle sind Rip van Winkle�, sagte Jason. �Wir alle warten darauf, aufzuwachen.�</p><empty-line/><p>Carols Gem�tsverfassung verbesserte sich gemeinsam mit Jasons Gesundheitszustand, und sie interessierte sich zunehmend f�r seine Prognose. Ich gab ihr einige grundlegende Informationen �ber die AMS, eine Krankheit, die noch nicht formell diagnostiziert worden war, als Carol ihren medizinischen Abschluss gemacht hatte, und umging auf diese Weise Fragen zur Behandlung selbst, ein stillschweigendes Abkommen zwischen uns, das sie als solches zu begreifen und zu akzeptieren schien. Entscheidend war, dass Jasons schwer gezeichnete Haut abheilte und die Blutproben, die ich an ein Labor in Washington schickte, eine drastische Abnahme der neuralen Plaqueproteine auswiesen.</p><p>Sie zeigte jedoch weiterhin wenig Neigung, �ber den Spin zu sprechen, und wirkte ungl�cklich, wenn Jason und ich es in ihrer Gegenwart taten. Wieder einmal musste ich an das Housman-Gedicht denken, das Diane mir vor vielen Jahren beigebracht hatte: <emphasis>Das Kind hat nicht mal wahrgenommen / Wie�s in den Bauch des B�r�n gekommen.</emphasis></p><p>Carol war in ihrem Leben von diversen B�ren bedr�ngt worden, darunter einige so gro� wie der Spin, andere so klein wie ein Ethanolmolek�l. Ich glaube, sie h�tte das Kind beneidet.</p><empty-line/><p>Eines Abends, wenige Tage nach Wuns UN-Auftritt, rief Diane an�� auf meinem Handy, nicht auf Carols Festnetztelefon. Ich hatte mich gerade auf mein Zimmer zur�ckgezogen, Carol die Nachtwache �bernommen. Der Regen war den ganzen November �ber gekommen und gegangen, jetzt war er wieder da, das Zimmerfenster ein fl�ssiger Spiegel aus gelbem Licht.</p><p>�Du bist im Gro�en Haus�, sagte Diane.</p><p>�Hast du mit Carol gesprochen?�</p><p>�Ich rufe sie einmal im Monat an, ich bin eine pflichtbewusste Tochter. Manchmal ist sie n�chtern genug, dass wir uns unterhalten k�nnen. Was ist mit Jason?�</p><p>�Das ist eine lange Geschichte. Er erholt sich. Kein Grund zur Sorge.�</p><p>�Ich mag es nicht, wenn Leute so was sagen.�</p><p>�Ich wei�. Aber es ist wahr. Es gab ein Problem, wir haben es behoben.�</p><p>�Und das ist alles, was du mir sagen kannst.�</p><p>�F�rs Erste ja. Wie sieht�s bei dir und Simon aus?�</p><p>�Nicht so gut. Wir ziehen um.�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Aus Phoenix weg jedenfalls. Raus aus der Stadt. Jordan Tabernacle ist vor�bergehend geschlossen worden�� ich dachte, du h�ttest vielleicht davon geh�rt.�</p><p>�Nein�, sagte ich�� warum sollte ich etwas �ber die Finanzprobleme einer kleinen apokalyptischen Kirche im S�dwesten geh�rt haben?��, und dann redeten wir �ber andere Dinge, und Diane versprach mir, mich zu informieren, sobald sie und Simon eine neue Adresse h�tten. Klar, sicher doch, warum auch nicht?</p><p>Aber am Abend danach h�rte ich doch etwas �ber Jordan Tabernacle.</p><p>Untypischerweise bestand Carol darauf, die Sp�tnachrichten im Fernsehen anzuschauen. Jason war zwar m�de, aber geistig voll da und hatte nichts dagegen, also f�hrten wir uns vierzig Minuten lang internationales S�belrasseln und Prominentenprozesse zu Gem�te. Einiges war ganz interessant: Es gab Neues von Wun Ngo Wen, der sich in Belgien mit EU-Offiziellen traf, und gute Nachrichten aus Usbekistan, wo der vorgeschobene Marinest�tzpunkt endlich befreit worden war. Dann kam ein Sonderbeitrag �ber KVES und die israelische Milchindustrie. Wir sahen dramatische Bilder von gekeulten Rindern, die von Bulldozern in Massengr�ber geschaufelt und mit Kalk bestreut wurden. In dutzenden L�ndern, von Brasilien bis �thiopien, war die Rinder- respektive Huftier-KVES ausgebrochen und wurde mit allen Mitteln bek�mpft. Die auf den Menschen �bergesprungene Krankheit war mit modernen Antibiotika behandelbar, stellte jedoch f�r finanzschwache Drittweltl�nder ein ziemliches Problem dar.</p><p>Da aber die israelischen Milchbauern verpflichtet waren, regelm��ige Blutuntersuchungen durchzuf�hren und diese zu dokumentieren, kam der Ausbruch der Krankheit dort v�llig unerwartet. Schlimmer noch, bei der Ermittlung des Indexfalles�� der ersten nachgewiesenen Infektion�� stie� man auf eine nicht autorisierte Lieferung von befruchteten Eizellen aus den Vereinigten Staaten. Diese Lieferung wurde bis zu �Wort f�r die Welt� zur�ckverfolgt, einer Tr�bsals-Wohlt�tigkeitsorganisation mit Sitz in einem Gewerbegebiet am Rande von Cincinnati, Ohio. Warum schmuggelte WfdW Rindereizellen nach Israel? Wie sich herausstellte, aus nicht besonders wohlt�tigen Gr�nden. Ermittler sp�rten den Geldern f�r WfdW nach und gelangten dabei �ber ein Dutzend Scheinholdings zu einem Konsortium aus Tr�bsals- und Dispensationalistenkirchen sowie kleineren und gr��eren politischen Randgruppen. Allen diesen Vereinigungen gemeinsam war ein Glaubensgrundsatz, der sich aus dem 4. Buch Mose herleitete, mit weiteren Andeutungen bei Matth�us und im Timotheusbrief: dass die Geburt einer reinen roten F�rse in Israel die Wiederkunft Jesu Christi und den Beginn seiner Herrschaft auf Erden einl�uten w�rde.</p><p>Eine uralte Vorstellung. Einige j�dische Extremisten glaubten, die Opferung eines roten Kalbes auf dem Tempelberg w�rde das Erscheinen des Messias begleiten. Es hatte in den vergangenen Jahren sogar diverse �Rotes Kalb-Angriffe� auf den Felsendom gegeben, und bei einem davon war die Al-Aqsa-Moschee besch�digt worden, was um ein Haar zu einem regionalen Krieg gef�hrt h�tte. Die israelische Regierung hatte ihr M�glichstes getan, um die Bewegung zu zerschlagen, es war ihr jedoch lediglich gelungen, sie in den Untergrund zu treiben.</p><p>Dem Bericht zufolge gab es diverse von WfdW gesponserte Milchfarmen im Mittelwesten und S�dwesten der USA, die in aller Stille an der Herbeif�hrung der Apokalypse arbeiteten. Sie hatten versucht, ein reines blutrotes Kalb zu z�chten, den zahlreichen entt�uschenden F�rsen �berlegen, die in den letzten vierzig Jahren als m�gliche Kandidaten pr�sentiert worden waren. Diese Farmen hatten alle F�tterungsverordnungen und beh�rdlichen Inspektionen systematisch umgangen und sogar einen aus Nogales �ber die Grenze eingeschleppten Ausbruch von Rinder-KVES verheimlicht. Die infizierten Eizellen produzierten Zuchttiere mit reichlich Genen f�r rote Fellf�rbung, doch als die K�lber dann geboren wurden�� auf einer mit WfdW verbundenen Milchfarm im Negev��, starben die meisten von ihnen fr�hzeitig an Lungenversagen. Die Kadaver wurden stillschweigend vergraben, aber es war schon zu sp�t: Der Erreger war auf die erwachsenen Tiere und auf einige Farmarbeiter �bergesprungen.</p><p>Eine peinliche Situation f�r die amerikanischen Regierung. Der Landwirtschaftsminister hatte bereits einschneidende Ma�nahmen angek�ndigt, das Heimatschutzministerium fror WfdW-Bankkonten ein und startete Hausdurchsuchungen bei apokalyptischen Spendensammlern. In den Nachrichten sah man, wie Bundesagenten kistenweise Dokumente aus Geb�uden trugen und die T�ren obskurer Kirchen mit Vorh�ngeschl�ssern verriegelten.</p><p>Der Nachrichtensprecher verlas die Namen einiger betroffener Einrichtungen.</p><p>Eine davon war Jordan Tabernacle.</p></section><section><title><p>4 x 10<sup>9</sup> n. Chr.</p></title><p>Vor Padang stiegen wir aus Nijons Rettungswagen in ein Auto mit einem Minang-Fahrer um, der uns�� mich, Ibu Ina und En�� bei einem Speditionslager an der K�stenstra�e absetzte. In einer schwarzen Kiesebene standen f�nf riesige Blechdachlagerhallen zwischen kegelf�rmigen, von Planen abgedeckten Zementh�geln und einem verrosteten Schienentankwagen, den man buchst�blich aufs Abstellgleis geschoben hatte. Das Hauptb�ro war ein niedriges Holzgeb�ude unter einem Schild, auf dem BAYUR FORWARDING stand.</p><p>Die Bayur-Spedition, erl�uterte Ina, war eines der Unternehmen ihres Ex-Mannes Jala, und dieser Jala war es auch, der uns gleich darauf am Empfang begr��te. Er war ein bulliger, apfelwangiger Mann in einem kanariengelben Gesch�ftsanzug�� er sah aus wie ein Toby-Krug, der eine Expedition in die Tropen plant. Er und Ina umarmten sich im Stil von einvernehmlich Geschiedenen, dann gab Jala mir die Hand und beehrte auch En mit einem Handschlag. Er stellte mich seiner Empfangsdame als �Palm�limporteur aus Suffolk� vor, wohl f�r den Fall, dass sie von den New Reformasi befragt werden w�rde. Dann eskortierte er uns zu seinem sieben Jahre alten BMW mit Brennstoffzellenmotor und wir fuhren nach S�den Richtung Teluk Bayur, Jala und Ina vorn, En und ich auf der R�ckbank.</p><p>In Teluk Bayur�� dem gro�en Tiefwasserhafen s�dlich von Padang�� hatte Jala sein ganzes Geld verdient. Vor drei�ig Jahren, sagte er, sei Teluk Bayur noch ein schl�friges Sumatra-Sandschlammbecken gewesen, mit sehr bescheidenen Hafeneinrichtungen und einem �bersichtlichen Umschlag von Kohle, rohem Palm�l und D�ngemitteln. Doch dank des Wirtschaftsbooms in der Zeit der <emphasis>Nagari</emphasis>-Restauration und der Bev�lkerungsexplosion in der Torbogen�ra besitze Teluk Bayur nun ein general�berholtes Hafenbecken mit Kais und Liegepl�tzen von Weltniveau, mit einem riesigen Lagerungskomplex und so viel modernem Schnickschnack, dass sogar Jala irgendwann die Lust verlor, all die Schlepper, Schuppen, Kr�ne und Auflader nach Tonnage zusammenzurechnen. �Jala ist stolz auf Teluk Bayur�, sagte Ina. �Es gibt kaum einen hohen Beamten, den er nicht bestochen h�tte.�</p><p>�Aber keinen, der im Rang h�her steht als General Schl�ssel�, berichtigte Jala.</p><p>�Du bist zu bescheiden.�</p><p>�Ist es etwa falsch, wenn man Geld verdient? Bin ich zu erfolgreich? Ist es ein Verbrechen, etwas aus sich zu machen?�</p><p>Ina neigte den Kopf. �Das sind nat�rlich alles nur rhetorische Fragen.�</p><p>Ich fragte, ob wir direkt zu einem Schiff in Teluk Bayur fahren w�rden.</p><p>�Nicht direkt�, sagte Jala. �Ich bringe Sie zu einem sicheren Ort im Hafen. So einfach ist das nicht, dass man einfach auf ein Schiff spazieren und es sich gem�tlich machen k�nnte.�</p><p>�Es ist gar kein Schiff da?�</p><p>�Selbstverst�ndlich ist ein Schiff da. Die <emphasis>Capetown Maru, </emphasis>ein netter kleiner Frachter. Er l�dt gerade Kaffee und Gew�rze. Wenn die Frachtr�ume voll sind, die Schulden beglichen und die Genehmigungen unterzeichnet, dann geht die menschliche Fracht an Bord. Diskret, wie ich hoffe.�</p><p>�Was ist mit Diane? Ist Diane in Teluk Bayur?�</p><p>�Bald�, sagte Ina mit einem bedeutungsvollen Blick auf Jala.</p><p>�Ja, bald�, erwiderte er.</p><empty-line/><p>Teluk Bayur mochte einst nur ein schl�friger Handelshafen gewesen sein, doch wie alle modernen H�fen war dieser inzwischen zu einer Stadt f�r sich geworden, einer Stadt, die nicht f�r Menschen gemacht war, sondern f�r Frachtgut. Der eigentliche Hafen war begrenzt und umz�unt, aber um diesen Kern herum hatte sich erg�nzendes Gewerbe angesiedelt wie Bordelle um einen milit�rischen St�tzpunkt: nachgeordnete Spediteure und Expediteure, LKW-Kollektive, die mit umgebauten Mehrachsern arbeiteten, undichte �ldepots. Wir lie�en das alles schnell hinter uns�� Jala wollte uns untergebracht wissen, bevor die Sonne unterging.</p><p>Bayur Bay selbst war ein Hufeisen aus �ligem Salzwasser. Kais und Molen leckten daran wie Betonzungen. An die K�ste grenzend, breitete sich das geordnete Chaos des Handels im gro�en Ma�stab aus: die vor- und nachgeordneten Lagerh�user und Stapelpl�tze, die Kr�ne, die sich wie riesige Gottesanbeterinnen an den Lader�umen der Containerschiffe g�tlich taten. Wir hielten bei einem Wachh�uschen, und Jala reichte dem Posten irgendetwas durchs Wagenfenster�� einen Passierschein, Bestechungsgeld, vielleicht beides. Der Posten winkte uns durch, Jala winkte liebensw�rdig zur�ck und fuhr auf das Gel�nde innerhalb des Stahlzauns, brauste mit, wie mir schien, halsbrecherischer Geschwindigkeit an einer ganzen Reihe von CPO- und Avigas-Tanks vorbei. �Ich habe Ihnen hier eine Bleibe f�r die Nacht organisiert�, sagt er. �In einem der Lagerh�user auf dem Dock E habe ich ein B�ro. Da ist nur unbewehrter Beton drin, da st�rt Sie keiner. Morgen fr�h werde ich Diane Lawton dorthin bringen.�</p><p>�Und dann fahren wir ab?�</p><p>�Geduld. Sie sind nicht die Einzigen, die <emphasis>rantau </emphasis>machen�� nur die Auff�lligsten. Es k�nnte Komplikationen geben.�</p><p>�Welcher Art?�</p><p>�Na, die New Reformasi nat�rlich. Die Polizei durchk�mmt das Hafengel�nde von Zeit zu Zeit, auf der Suche nach Illegalen und Bogenfl�chtlingen. Meistens finden sie auch ein paar. Oder auch mehr als ein paar, je nachdem, wer die Hand aufgehalten hat und wie viel hineingeflossen ist. Im Moment gibt es gro�en Druck aus Jakarta, also wer wei�? Au�erdem ist davon die Rede, dass es einen Arbeitskampf geben k�nnte�� die Gewerkschaft der Stauer ist ausgesprochen militant. Wenn wir Gl�ck haben, k�nnen wir ablegen, bevor der Konflikt beginnt. Sie m�ssen also f�r eine Nacht im Dunkeln auf dem Fu�boden schlafen. Ina und En bringe ich f�rs Erste zu den anderen Dorfbewohnern.�</p><p>�Nein�, sagte Ina bestimmt. �Ich bleibe hier bei Tyler.�</p><p>Jala sah sie an und sagte etwas auf Minang.</p><p>�Nicht lustig�, erwiderte sie. �Und auch nicht wahr.�</p><p>�Was dann? Du traust mir nicht zu, dass ich ihn sicher unterbringe?�</p><p>�Was habe ich je davon gehabt, dir zu trauen?�</p><p>Jala grinste. Seine Z�hne waren tabakbraun. �Abenteuer.�</p><p>�Das kann man wohl sagen.�</p><empty-line/><p>Also landeten wir, Ibu Ina und ich, am Nordende eines Lagerhallenkomplexes etwas abseits der Docks, in einem trostlosen rechteckigen Raum, der einst, so Ina, als B�ro des Zollaufsehers gedient hatte, bevor das Geb�ude wegen anstehender Reparaturen am por�sen Dach vor�bergehend geschlossen worden war.</p><p>Eine Wand des Raums war ein Fenster aus drahtverst�rktem Glas. Ich blickte hinab in einen tiefen, kahlen Stauraum, blass vom Betonstaub. St�tzpfeiler aus Stahl ragten wie rostige Rippen aus einem schlammigen, von Pf�tzen �bers�ten Boden. Das einzige Licht kam von Sicherheitslampen, die in gro�en Abst�nden an den W�nden hingen. Insekten waren durch die �ffnungen des Geb�udes eingedrungen, schw�rmten in Wolken um die vergitterten Gl�hbirnen, gingen ein, bildeten Haufen aus leblosen H�llen. Es gelang Ina, eine Schreibtischlampe zum Leuchten zu bringen. Leere Pappkartons stapelten sich in einer Ecke. Ich faltete die trockensten auseinander und legte sie �bereinander, um daraus zwei primitive Matratzen zu machen. Keine Decken. Aber es war eine sehr warme Nacht. Die Monsunzeit stand bevor.</p><p>�Glauben Sie, Sie k�nnen schlafen?�, fragte Ina.</p><p>�Ist nicht das Hilton, aber besser krieg ich�s nicht hin.�</p><p>�Oh, das meinte ich nicht. Ich spreche vom L�rm. K�nnen Sie bei dem L�rm schlafen?�</p><p>Teluk Bayur stellte nachts keineswegs den Betrieb ein, das Beladen und Entladen dauerte vierundzwanzig Stunden am Tag. Sehen konnten wir es nicht, aber wir konnten es h�ren: das Ger�usch von schweren Motoren und gequ�ltem Metall und in Abst�nden das Donnern tonnenschwerer Frachtcontainer in Bewegung. �Hab schon unter schlimmeren Bedingungen geschlafen�, sagte ich.</p><p>�Das bezweifle ich, aber es ist nett, dass Sie es sagen.�</p><p>Zun�chst schlief keiner von uns. Stattdessen sa�en wir beim Schein der Schreibtischlampe und unterhielten uns sporadisch. Ina fragte nach Jason. Ich hatte ihr einige der l�ngeren Abschnitte zu lesen gegeben, die ich w�hrend meiner Krankheit niedergeschrieben hatte. Jasons �bergang ins Vierte Alter, sagte sie, scheine weniger schwierig gewesen zu sein als meiner. Nein, erwiderte ich, ich h�tte bei dieser Schilderung nur die Bettsch�sseldetails weggelassen.</p><p>�Aber seine Erinnerung? Es gab keinen Verlust? Er hat sich keine Sorgen deswegen gemacht?�</p><p>�Er hat nicht viel dar�ber gesprochen. Bestimmt hat er sich Sorgen gemacht.� Einmal, als er gerade aus einem seiner Fieberanf�lle auftauchte, hatte er sogar verlangt, ich solle sein Leben f�r ihn aufzeichnen: <emphasis>Schreib es f�r mich auf Ty, </emphasis>hatte er gesagt. <emphasis>Schreib es auf, falls ich alles vergesse.</emphasis></p><p>�Aber keine Graphomanie bei ihm.�</p><p>�Nein, zu Schreibwut kommt es, wenn das Gehirn seine eigene Artikulationsf�higkeit neu zu vernetzen beginnt, aber es ist nur eines der m�glichen Symptome. Die Ger�usche, die er machte, waren vermutlich seine spezielle Manifestation dieses Vorgangs.�</p><p>�Das haben Sie von Wun Ngo Wen erfahren.�</p><p>Ja. Oder aus seinen medizinischen Archiven, die ich sp�ter studierte.</p><p>Ina war noch immer von dem Marsianer fasziniert. �Diese Warnung an die Vereinten Nationen, wegen �berbev�lkerung und Ressourcenknappheit�� hat Wun je mit Ihnen dar�ber gesprochen? Ich meine, in der Zeit, bevor��</p><p>�Ich wei�. Ja, doch, ein bisschen.�</p><p>�Was hat er gesagt?�</p><p>Das war anl�sslich einer unserer Unterhaltungen �ber das eigentliche Ziel der Hypothetischen gewesen. Wun hatte ein Diagramm aufgezeichnet, das ich jetzt f�r Ina auf dem staubigen Parkettboden reproduzierte: eine senkrechte und eine waagrechte Linie, die einen Graphen definierten. Die Senkrechte stand f�r Bev�lkerungszahlen, die Waagerechte f�r die Zeit. Eine gezackte Kurve kreuzte mehr oder weniger horizontal �ber die Graphenebene.</p><p>�Entwicklung der Bev�lkerung in der Zeit�, sagte Ina. �So viel verstehe ich. Aber was genau wird gemessen?�</p><p>�Jede Tierpopulation stellt ein relativ stabiles �kosystem dar. Seien es F�chse in Alaska oder Br�llaffen in Belize. Die Population schwankt abh�ngig von �u�eren Faktoren�� ein besonders kalter Winter etwa oder eine Zunahme von nat�rlichen Feinden��, aber sie ist jedenfalls kurzfristig stabil.�</p><p>Was jedoch, hatte Wun gefragt, wenn wir eine intelligente, Werkzeuge gebrauchende Spezies �ber einen l�ngeren Zeitraum betrachten? Ich malte Ina den gleichen Graphen noch einmal auf, nur diesmal bewegte sich die Kurve stetig nach oben.</p><p>�Was hier geschieht�, sagte ich, �ist, dass die Population, dass die Menschen lernen, ihre F�higkeiten weiterzugeben. Dass sie nicht nur <emphasis>wissen, </emphasis>wie man Feuersteine schl�gt, sondern dass sie auch anderen Menschen <emphasis>zeigen, </emphasis>wie man es macht und wie man die Arbeit �konomisch aufteilt. Kooperation ergibt mehr zu essen. Die Bev�lkerung w�chst. Mehr Menschen kooperieren noch effizienter und entwickeln neue Fertigkeiten. Ackerbau. Viehhaltung. Lesen und Schreiben�� was bedeutet, dass Fertigkeiten noch besser weitergegeben und sogar vererbt werden k�nnen an sp�tere Generationen.�</p><p>�Also verl�uft die Kurve immer steiler�� bis wir in uns selbst ertrinken.�</p><p>�Nicht zwangsl�ufig. Es gibt andere Kr�fte, die die Kurve nach rechts ziehen. Wachsender Wohlstand und technisches K�nnen wirken zu unseren Gunsten. Wohlgen�hrte, in Sicherheit lebende Menschen tendieren dazu, ihre Reproduktion zu begrenzen. Technologie und eine flexible Kultur geben ihnen die Mittel dazu. Letzten Endes, meinte jedenfalls Wun, wird die Kurve sich wieder nach rechts neigen.�</p><p>Ina schien verwirrt. �Dann gibt es also gar kein Problem? Keine Hungersnot, keine �berbev�lkerung?�</p><p>�Ungl�cklicherweise ist die Bev�lkerungskurve f�r die Erde noch weit davon entfernt, waagrecht zu verlaufen. Und wir haben es mit einschr�nkenden Bedingungen zu tun.�</p><p>�Einschr�nkende Bedingungen?�</p><p>Noch ein Diagramm. Eine Kurve, die wie ein kursives S verlief, am h�chsten Punkt waagrecht. Dar�ber zeichnete ich zwei parallele horizontale Linien: die eine, mit A bezeichnete, ein gutes St�ck �ber der Trendkurve, die andere, mit B bezeichnete, schnitt die Kurve im Aufschwung.</p><p>�Was sind das f�r Linien?�, fragte Ina.</p><p>�Beide kennzeichnen die Erhaltungsm�glichkeit des Planeten. Wie viel Ackerland zur Verf�gung steht, Treibstoff und Rohstoffe, um die Technik am Laufen zu halten, saubere Luft, sauberes Wasser. Das Diagramm zeigt den Unterschied zwischen einer erfolgreichen und einer scheiternden intelligenten Spezies. Eine Spezies, die ihre gr��te Zahl unterhalb des Limits erreicht, hat das Potenzial, langfristig zu �berleben. Und kann sich all den Dingen zuwenden, von denen die Science-Fiction-Autoren immer getr�umt haben: ins Sonnensystem, in die Galaxis expandieren, Zeit und Raum manipulieren.�</p><p>�Wie gro�artig.�</p><p>�Immer sachte. Die Alternative ist unerfreulicher. Eine Spezies, die an die Nachhaltigkeitsgrenzen st��t, bevor sie ihre Bev�lkerungszahl stabilisiert hat, ist h�chstwahrscheinlich zum Untergang verurteilt. Hungersn�te, versagende Technik und ein Planet, der von der Zivilisation so ersch�pft ist, dass er sich nicht mehr regenerieren kann.�</p><p>�Verstehe. Und was sind jetzt wir? Fall A oder Fall B? Hat Wun Ihnen das gesagt?�</p><p>�Alles, was er mit Sicherheit sagen konnte, war, dass beide Planeten, die Erde wie der Mars, auf ihr jeweiliges Limit zusteuerten. Und dass die Hypothetischen intervenierten, bevor sie es �berschreiten konnten.�</p><p>�Aber <emphasis>warum </emphasis>haben sie interveniert? Was erwarten sie von uns?�</p><p>Das war eine Frage, auf die Wuns Volk keine Antwort wusste. Genauso wenig wie wir.</p><p>Nein, das ist nicht ganz richtig: Jason Lawton hatte eine Art Antwort gefunden.</p><p>Aber ich war noch nicht bereit, dar�ber zu sprechen.</p><empty-line/><p>Ina g�hnte. Ich verwischte die Zeichnungen auf dem staubigen Fu�boden, und sie knipste die Schreibtischlampe aus. Die weit verstreuten Nachtlampen gaben ein ersch�pftes Licht ab. Au�erhalb der Lagerhalle ert�nte etwa alle f�nf Sekunden ein Ger�usch, das wie der Schlag einer riesigen ged�mpften Glocke anmutete.</p><p>�Ticktack�, sagte Ina, w�hrend sie sich auf ihrer Matratze aus schimmliger Pappe einrichtete. �Ich erinnere mich an die Zeit, als die Uhren noch tickten. Sie auch, Tyler? Diese altmodischen Uhren?�</p><p>�Meine Mutter hatte eine in der K�che.�</p><p>�Es gibt so viele Sorten Zeit. Die Zeit, nach der wir unser Leben messen. Monate und Jahre. Oder die <emphasis>gro�e </emphasis>Zeit, die Zeit, die Berge wachsen und Sterne entstehen l�sst. Oder all die Dinge, die zwischen zwei Herzschl�gen geschehen. Es ist schwer, in all diesen Zeiten zu leben. Und leicht zu vergessen, dass man in allen lebt.�</p><p>Das metronomische Scheppern ging weiter.</p><p>Im tr�ben Licht konnte ich gerade noch ihr m�des L�cheln erkennen.</p><p>�Ich glaube, ein Leben ist genug f�r mich�, sagte sie.</p><p>Am Morgen erwachten wir vom Ger�usch einer aufgerissenen Ziehharmonikat�r, begleitet vom Einfall grellen Lichts. Jala rief nach uns.</p><p>Ich eilte die Treppe hinunter. Jala war schon in der Lagerhalle, Diane kam langsam hinter ihm her.</p><p>Ich trat n�her und sagte ihren Namen.</p><p>Sie versuchte zu l�cheln, aber sie hatte die Z�hne zusammengebissen und ihr Gesicht war unnat�rlich blass. Und ich bemerkte, dass sie ein zusammengefaltetes Tuch auf eine Stelle �ber ihrer H�fte presste und dass sowohl das Tuch als auch ihre Baumwollbluse rot leuchteten vom Blut, das hindurchgesickert war.</p></section><section><title><p>Verzweifelte Euphorie</p></title><p>Acht Monate nach Wun Ngo Wens Rede vor den Vereinten Nationen begannen die gek�hlten Zuchtbecken im Perihelion-Labor, nutzlastf�hige Mengen marsianischer Replikatoren hervorzubringen, und in Canaveral und Vandenberg wurden die Delta-7-Flotten bereit gemacht, um sie ins All zu tragen. Ungef�hr um diese Zeit entstand in Wun der dringende Wunsch, den Grand Canyon zu sehen. Ausl�ser f�r sein Interesse war eine Ausgabe der Zeitschrift <emphasis>Arizona Highways </emphasis>gewesen, die einer von den Biologen in seinem Quartier hatte liegen lassen.</p><p>Er zeigte sie mir einige Tage sp�ter. �Schauen Sie.� Beinahe zitternd vor Eifer, bl�tterte er die Seiten einer Fotoreportage �ber die Wiederinstandsetzung des Bright-Angel-Wanderwegs auf. Der Colorado River, der durch pr�kambrischen Sandstein schnitt und einzelne gr�ne T�mpel bildete. Ein Tourist aus Dubai auf einem Maultier. �Haben Sie schon mal davon geh�rt, Tyler?�</p><p>�Ob ich schon mal was vom Grand Canyon geh�rt habe? Ja, ich glaube, die meisten Leute haben das.�</p><p>�Er ist wirklich erstaunlich. Sehr, sehr sch�n.�</p><p>�Spektakul�r. So hei�t es. Aber ist nicht gerade der Mars f�r seine Schluchten ber�hmt?�</p><p>Er l�chelte. �Sie sprechen von den Gefallenen Landen. Ihre Leute haben sie Valles Marineris genannt, als sie sie vor sechzig Jahren�� vor hunderttausend Jahren�� vom Weltraum aus entdeckten. Teile davon sehen diesen Fotografien tats�chlich sehr �hnlich. Aber ich bin nie dort gewesen. Und ich nehme auch nicht an, dass ich noch einmal Gelegenheit dazu haben werde. Ich glaube, ich w�rde stattdessen gerne den Grand Canyon besuchen.�</p><p>�Dann besuchen Sie ihn. Dies ist ein freies Land.�</p><p>Wun quittierte die Redensart�� wom�glich war es das erste Mal, dass er sie h�rte�� mit einem Blinzeln und nickte. �Ja, das mache ich. Ich werde mit Jason �ber die Reisem�glichkeiten sprechen. M�chten Sie nicht mitkommen?�</p><p>�Was, nach Arizona?�</p><p>�Ja, Tyler, nach Arizona, zum Grand Canyon.� Er mochte ein Vierter sein, aber in diesem Augenblick klang er eher wie ein Zehnj�hriger. �Wollen Sie mit mir hinfahren?�</p><p>�Dar�ber muss ich nachdenken.�</p><p>Ich war noch mit Nachdenken besch�ftigt, als ich einen Anruf von E. D. erhielt.</p><empty-line/><p>Seit Preston Lomax� Wahl zum Pr�sidenten war E. D. Lawton politisch unsichtbar geworden. Seine Kontakte zur Industrie bestanden zwar noch�� wenn er eine Party schmiss, konnte man davon ausgehen, dass m�chtige Leute auftauchten��, doch er w�rde nie wieder die Art von Einfluss geltend machen k�nnen, derer er sich zu Garlands Amtszeit erfreut hatte. Es gab sogar Ger�chte, dass er sich in einem Zustand psychischen Verfalls befand, eingebunkert in seine Wohnung in Georgetown, von wo aus er ehemalige politische Verb�ndete mit unerw�nschten Anrufen behelligte. Das mochte wohl so sein, aber weder Jason noch Diane hatten in letzter Zeit von ihm geh�rt, daher war ich einigerma�en perplex, als ich den H�rer abnahm und seine Stimme h�rte.</p><p>�Ich m�chte mit dir reden�, sagte er.</p><p>Was eine durchaus interessante Aussage war von einem Mann, der Molly Seagrams sexuelle Spionageaktion finanziert, wenn nicht gar erdacht hatte. Mein erster, wahrscheinlich gesunder Impuls war, gleich wieder aufzulegen, aber als Geste erschien mir das unangemessen.</p><p>�Es geht um Jason�, f�gte er hinzu.</p><p>�Dann reden Sie doch mit Jason.�</p><p>�Das kann ich nicht, Tyler. Er h�rt mich nicht an.�</p><p>�Wundert Sie das?�</p><p>Er seufzte. �Okay, du stehst nat�rlich auf seiner Seite. Aber ich will ihm ja nichts B�ses. Und es ist sogar dringend. In Bezug auf sein eigenes Wohl.�</p><p>�Ich wei� nicht, was das hei�en soll.�</p><p>�Und ich kann es am Schei�telefon nicht erkl�ren. Ich bin gerade in Florida, zwanzig Minuten von dir. Komm ins Hotel, ich geb dir einen aus und du kannst mir ins Gesicht sagen, dass ich mich verziehen soll. Bitte, Tyler. Acht Uhr, Hotelbar im Hilton, an der F�nfundneunzig. Vielleicht rettest du jemandem das Leben.�</p><p>Er legte auf, bevor ich antworten konnte.</p><p>Ich rief Jason an und erz�hlte ihm, was gerade passiert war.</p><p>�Wow�, sagte er. �Wenn die Ger�chte zutreffen, ist E. D. im Umgang sogar noch unangenehmer als fr�her. Sieh dich vor.�</p><p>�Ich hatte eigentlich nicht die Absicht hinzufahren.�</p><p>�Musst du nat�rlich auch nicht. Aber� vielleicht solltest du.�</p><p>�Ich hab genug von E. D.s Tricks, vielen Dank.�</p><p>�Vielleicht w�r�s aber besser, wenn wir w�ssten, was ihn umtreibt.�</p><p>�Soll das hei�en, du <emphasis>willst, </emphasis>dass ich mich mit ihm treffe?�</p><p>�Nur, wenn du dich dabei wohl f�hlst.�</p><p><emphasis>�Wohl f�hlen?�</emphasis></p><p>�Es ist nat�rlich deine Entscheidung.�</p><p>Also setzte ich mich in mein Auto und fuhr �ber den Highway, vorbei an Unabh�ngigkeitstagbeflaggung (morgen war der 4. Juni) und fliegenden Fahnenh�ndlern (ohne Lizenz, jederzeit darauf gefasst, in ihren verwitterten Pick-ups das Weite suchen zu m�ssen), w�hrend ich in Gedanken noch einmal all die Fahr-zur-H�lle-Reden rekapitulierte, die ich mir in den vergangenen Monaten f�r E. D. Lawton ausgedacht hatte. Als ich beim Hilton ankam, war die Sonne hinter den D�chern verschwunden und die Uhr am Empfang zeigte 20:35.</p><p>E. D. sa� in der Bar an einem Tisch, seinen Drink vor sich. Er wirkte erst �berrascht, mich zu sehen. Dann aber erhob er sich, packte meinen Arm und bugsierte mich auf die Sitzbank ihm gegen�ber.</p><p>�Was zu trinken?�</p><p>�So lange bleib ich nicht.�</p><p>�Trink etwas, Tyler. Es verbessert die Einstellung.�</p><p>�Hat es Ihre Einstellung verbessert? Sagen Sie einfach, was Sie wollen, E. D.�</p><p>�Oha, daran erkenne ich, ob einer w�tend ist�� wenn er meinen Namen ausspricht wie eine Beleidigung. Warum bist du so sauer? Wegen der Sache mit deiner Freundin und dem Arzt, wie hie� er gleich, Malmstein? Ich habe das nicht arrangiert. Ich habe nicht mal meine Einwilligung dazu gegeben. Die Leute, die f�r mich gearbeitet haben, waren ein wenig �bereifrig. Die Sache wurde einfach in meinem Namen abgewickelt. Nur, dass du�s wei�t.�</p><p>�Das ist eine ziemlich erb�rmliche Entschuldigung f�r ein derartiges Verhalten.�</p><p>�Ist es wohl. Ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage. Und bitte um Verzeihung. K�nnen wir jetzt von etwas anderem sprechen?�</p><p>An diesem Punkt h�tte ich einfach gehen k�nnen. Dass ich es nicht tat, lag vermutlich an der Besorgnis, ja Verzweiflung, die er verstr�mte. E. D. war noch immer zu jener gedankenlosen Herablassung imstande, die ihn seiner Familie so teuer gemacht hatte, aber er besa� nicht mehr die alte Selbstsicherheit. In der Stille zwischen seinen Wortausbr�chen konnte er die H�nde nicht still halten, er rieb sich das Kinn, faltete eine Serviette zusammen und wieder auseinander, strich sich �ber die Haare. Schweigen breitete sich aus, bis er einen guten Schluck von seinem zweiten Drink genommen hatte (nein, vermutlich nicht erst der zweite�� die Vertrautheit, mit der die Kellnerin ihn bedient hatte, lie� anderes vermuten).</p><p>�Du hast Einfluss auf Jason�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Wenn Sie mit Jason reden wollen, warum tun Sie es nicht auf direktem Wege?�</p><p>�Weil das nicht geht. Aus naheliegenden Gr�nden.�</p><p>�Was soll ich ihm denn sagen?�</p><p>E. D. starrte erst mich an, dann seinen Drink. �Du sollst ihm sagen, dass er den Stecker aus dem Replikatorenprojekt ziehen muss. Buchst�blich. Den K�hlschrank abstellen. Schluss machen.�</p><p>Jetzt war es an mir, ungl�ubig dreinzublicken. �Es muss Ihnen doch klar sein, wie abwegig das ist.�</p><p>�Ich bin nicht bl�d, Tyler.�</p><p>�Also, warum��</p><p>�Er ist mein Sohn.�</p><p>�Wie haben Sie denn das herausgefunden?�</p><p>�Weil wir politischen Streit hatten, ist er pl�tzlich nicht mehr mein Sohn? Glaubst du, ich bin so oberfl�chlich, dass ich das nicht trennen kann? Dass ich ihn nicht liebe, nur weil ich anderer Meinung bin?�</p><p>�Ich wei� von Ihnen nur das, was ich gesehen habe.�</p><p>�Du hast gar nichts gesehen.� Er hielt kurz inne, dann sagte er: �Jason ist nur eine Marionette in den H�nden von Wun Ngo Wen. Ich m�chte, dass er aufwacht und begreift, was gespielt wird.�</p><p>�Sie haben ihn dazu erzogen, eine Marionette zu sein. <emphasis>Ihre </emphasis>Marionette. Es gef�llt Ihnen nur nicht, dass jetzt jemand anders einen derartigen Einfluss auf ihn hat.�</p><p>�Bl�dsinn, totaler Bl�dsinn. Oder, na gut, wenn wir hier schon mal am Beichten sind, vielleicht ist es so, ich wei� nicht, vielleicht brauchen wir alle mal eine Familientherapie, aber darum geht�s hier nicht. Es geht darum, dass alle m�chtigen Leute in diesem Land auf Wun Ngo Wen und sein beschissenes Replikatorenprojekt abfahren. Aus dem offensichtlichen Grund, dass es billig ist und dem Wahlvolk einleuchtend erscheint. Wen k�mmert�s da, wenn es nicht funktioniert, denn alles andere funktioniert ja auch nicht, und wenn nichts funktioniert, dann ist das Ende nahe und alle unsere Probleme erscheinen in einem anderen Licht, im Licht der roten Sonne n�mlich. Stimmt�s? Ist es nicht so? Sie reden es sch�n, sie bezeichnen es als Spiel mit offenem Ausgang, aber in Wirklichkeit ist es ein Taschenspielertrick, um das Volk bei Laune zu halten.�</p><p>�Interessante These, aber��</p><p>�W�rde ich mich hier mit dir unterhalten, wenn ich das Ganze nur f�r eine interessante <emphasis>These </emphasis>hielte? Stell mir die richtigen Fragen, wenn du anzweifelst, was ich sage.�</p><p>�Welche denn zum Beispiel?�</p><p>�Zum Beispiel: Wer genau ist eigentlich Wun Ngo Wen? Wen repr�sentiert er und was will er wirklich? Anders als er im Fernsehen glauben machen will, ist er n�mlich nicht Mahatma Gandhi in der Munchkin-Version. Er ist hier, weil er etwas von uns will. Etwas, das er von Anfang an wollte.�</p><p>�Den Start der Replikatoren.�</p><p>�Offensichtlich.�</p><p>�Ist das ein Verbrechen?�</p><p>�Die bessere Frage w�re: Warum starten die Marsianer diese Aktion nicht selbst?�</p><p>�Weil sie nicht davon ausgehen k�nnen, dass sie f�r das gesamte Sonnensystem sprechen. Weil ein solches Projekt nicht unilateral in Angriff genommen werden kann.�</p><p>E. D. verdrehte die Augen. �Das sind die Sachen, die man halt so <emphasis>sagt, </emphasis>Tyler. �ber Multilateralismus und Diplomatie zu sprechen, erf�llt den gleichen Zweck wie �Ich liebe dich� zu sagen: man kriegt das H�schen leichter runter. Es sei denn nat�rlich, die Marsianer sind wirklich engelsgleiche Wesen, die vom Himmel herabgestiegen sind, um uns von allem �bel zu erl�sen. Und ich nehme mal an, dass du das nicht glaubst.�</p><p>Wun hatte dies so oft von sich gewiesen, dass ich kaum widersprechen konnte.</p><p>�Ich meine, sieh dir ihre Technologie an. Diese Leute betreiben seit tausend Jahren Biotechnik. Wenn sie die Galaxie mit Nanobots bev�lkern wollten, h�tten sie das schon l�ngst tun k�nnen. Also: Warum haben sie es nicht getan? <emphasis>Warum? </emphasis>Offensichtlich doch, weil sie Angst vor Vergeltungsma�nahmen haben.�</p><p>�Vergeltungma�nahmen von den Hypothetischen? Sie wissen nichts �ber die Hypothetischen, was wir nicht auch wissen.�</p><p>�Das behaupten sie. Braucht aber nicht zu hei�en, dass sie nicht Angst vor ihnen h�tten. Was uns betrifft�� wir sind die Arschl�cher, die vor nicht allzu langer Zeit einen nuklearen Angriff auf die Polarartefakte unternommen haben. Ja, wir nehmen die Verantwortung auf uns, warum nicht? Herrgott, mach die Augen auf, Tyler! Das ist das klassische T�uschungsman�ver. K�nnte kaum abgefeimter sein.�</p><p>�Vielleicht sind Sie aber auch nur paranoid.�</p><p>�Bin ich das? Wer bestimmt, was Paranoia in Spinzeiten hei�t? Wir alle sind paranoid. Denn wir alle wissen, dass b�se M�chte unser Leben kontrollieren, und schon damit entsprechen wir der <emphasis>Definition </emphasis>von Paranoia.�</p><p>�Ich bin ja nur praktischer Arzt. Aber intelligente Menschen sagen mir��</p><p>�Du meinst nat�rlich Jason. Jason sagt, dass alles gut wird.�</p><p>�Nicht nur Jason. Die Regierung. Der gr��te Teil des Kongresses.�</p><p>�Aber die sind vom Rat der Eierk�pfe abh�ngig. Und die Eierk�pfe sind von all dem genauso hypnotisiert wie Jason. Willst du wissen, was deinen Freund antreibt? Furcht. Er hat Angst davor, unwissend zu sterben. <emphasis>Wenn er </emphasis>unwissend stirbt, dann hei�t das in der Situation, in der wir uns befinden, dass <emphasis>die menschliche Spezies </emphasis>unwissend stirbt. Und das macht ihm eine Schei�angst, diese Vorstellung, dass eine ganze, dem Vernehmen nach intelligente Spezies aus dem Universum getilgt werden kann, ohne dass sie begreift, warum und wozu. Anstatt mir Paranoia zu bescheinigen, solltest du mal �ber Jasons Gr��enwahn nachdenken. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Spin zu verstehen. Da taucht Wun auf und h�lt ihm ein Werkzeug hin, das diesem Zweck zu dienen scheint, und nat�rlich greift er zu. Das ist so, als w�rde man einem Pyromanen ein Streichholz hinhalten.�</p><p>�Wollen Sie wirklich, dass ich ihm das erz�hle?� �Ich�� E. D. wirkte pl�tzlich verdrossen, vielleicht war aber auch sein Alkoholspiegel zu hoch gestiegen. �Ich dachte, weil er auf dich h�rt��</p><p>�Das glauben Sie nicht im Ernst.�</p><p>Er schloss kurz die Augen. �Vielleicht nicht. Ich wei� nicht. Aber ich muss es versuchen. Verstehst du das? F�r mein Gewissen.� Ich war verbl�fft �ber sein Bekenntnis, eines zu besitzen. �Lass mich offen zu dir sein. Ich habe das Gef�hl, als w�rde ich einem Zugungl�ck in Zeitlupe zusehen. Die R�der schweben schon in der Luft, und der Zugf�hrer hat es noch nicht bemerkt. Was mache ich also? Ist es zu sp�t, die Notbremse zu ziehen? Zu sp�t, �Achtung� zu schreien? Vermutlich. Aber er ist mein Sohn, Tyler. Der Mann, der den Zug f�hrt, ist mein Sohn.� �Er ist in keiner gr��eren Gefahr als wir alle.� �Ich glaube, das stimmt nicht. Selbst wenn diese Sache gelingt, werden wir daraus nicht mehr gewinnen als abstrakte Information. Jason ist damit zufrieden, doch der Rest der Welt wird damit nicht zufrieden sein. Du kennst Preston Lomax nicht. Ich schon. Lomax w�re nur zu gern bereit, Jason einen Fehlschlag anzuh�ngen und ihn der Meute zum Fra� vorzuwerfen. In seiner Regierung gibt es eine Menge Leute, die Perihelion dichtmachen oder dem Milit�r �berantworten wollen. Und das sind noch die besten Varianten, die ich hier ausmale. Im ung�nstigsten Fall werden die Hypothetischen sauer und schalten den Spin ab.�</p><p>�Sie bef�rchten also, dass Lomax Perihelion dichtmacht?�</p><p>�Ich habe Perihelion aufgebaut�� ja, ich mache mir deswegen Sorgen. Doch das ist nicht der Grund, warum ich hier bin.�</p><p>�Ich kann Jason weitergeben, was Sie gesagt haben, aber glauben Sie, dass er darauf h�ren wird?�</p><p>�Ich�� Mit w�ssrigen Augen inspizierte er die Tischplatte. �Nein. Nat�rlich nicht. Aber wenn er reden m�chte� Er soll wissen, dass ich erreichbar bin. <emphasis>Wenn </emphasis>er reden m�chte. Ich w�rd�s ihm nicht zur Qual machen. Ehrlich.� Es war, als h�tte er eine T�r ge�ffnet und seine ganze Einsamkeit w�rde hervorsprudeln.</p><p>Jason vermutete, dass E. D.s Erscheinen in Florida Teil irgendeines machiavellistischen Plans war. Beim alten E. D. w�re das vielleicht zutreffend gewesen, aber der neue E. D. erschien mir wie ein alternder, seiner Macht entkleideter Mann, der seine Pl�ne am Grund eines Glases fand und den es aus einem pl�tzlichen Schuldbewusstsein heraus hierher verschlagen hatte.</p><p>Mit sanfter Stimme fragte ich: �Haben Sie versucht, mit Diane zu sprechen?�</p><p>�Diane?� Er machte eine abwinkende Geste. �Diane hat ihre Telefonnummer ge�ndert. Ich kann sie nicht erreichen. Au�erdem hat sie sich ganz diesem beschissenen Weltuntergangskult hingegeben.�</p><p>�Es ist kein Kult. Nur eine kleine Kirche mit ein paar seltsamen Ideen. Es ist eher Simon, der sich da engagiert, nicht sie.�</p><p>�Sie ist vom Spin paralysiert. Genau wie der Rest eurer verdammten Generation. Sie hat sich kopf�ber in diesen religi�sen Quatsch gest�rzt, als sie kaum aus der Pubert�t raus war. Ich kann mich noch gut erinnern. Pl�tzlich kam sie an und hat beim Abendessen Thomas von Aquin zitiert. Ich wollte, dass Carol mit ihr dar�ber spricht. Aber Carol war nicht zu gebrauchen, typisch. Und wei�t du, was ich dann gemacht habe? Ich habe ein Streitgespr�ch veranstaltet. Sie und Jason. Sechs Monate lang hatten sie �ber Gott diskutiert, also habe ich die Sache auf formelle Beine gestellt, so im Stil einer Collegedebatte, und der Trick dabei war, dass beide jeweils f�r die Sache argumentieren mussten, die sie <emphasis>nicht </emphasis>vertraten: Jason musste die Existenz Gottes verteidigen und Diane musste den atheistischen Standpunkt einnehmen.�</p><p>Davon hatten sie mir nie erz�hlt. Aber ich konnte mir gut vorstellen, mit welchem Unwohlsein sie sich dieser Erziehungsma�nahme unterzogen hatten.</p><p>�Es sollte ihr demonstrieren, wie einf�ltig sie war. Sie hat ihr Bestes gegeben, ich glaube, sie wollte mich beeindrucken. Sie hat im Wesentlichen das wiedergegeben, was Jason zu ihr gesagt hatte. Aber Jason�� E. D.s Stolz war nicht zu �bersehen. �Jason war brillant. Einfach unfassbar brillant. Er gab ihr jedes Argument zur�ck, das sie ihm je vorgesetzt hatte, und setzte dann noch eins drauf. Und er hat das Zeug nicht einfach nur nachgeplappert. Er hatte theologische Schriften gelesen, hatte sich mit der ganzen Bibelgelehrsamkeit besch�ftigt. Und er hat die ganze Zeit gel�chelt, so als wolle er sagen: Sieh her, ich kenne diese Argumente in- und auswendig, ich kenne sie mindestens genauso gut wie du, ich kann sie im Schlaf hersagen, und trotzdem halte ich sie f�r zutiefst falsch. Er war v�llig unnachgiebig, und schlie�lich hat sie nur noch geweint. Sie hat bis zum Ende durchgehalten, aber die Tr�nen sind ihr nur so �bers Gesicht gelaufen.�</p><p>Ich starrte ihn an.</p><p>Er fing meinen Blick auf. �Steck dir deine moralische �berheblichkeit sonst wohin, Tyler. Ich wollte ihr eine Lektion erteilen. Ich wollte, dass sie sich der Realit�t stellt und nicht eine von diesen spinverr�ckten Autisten wird. Eure ganze Schei�generation��</p><p>�Interessiert es Sie, ob sie noch lebt?�</p><p>�Ja, nat�rlich.�</p><p>�Niemand hat in letzter Zeit von ihr geh�rt. Sie sind nicht der Einzige, der sie nicht erreichen kann. Ich habe mir �berlegt, dass ich versuchen k�nnte, sie aufzusp�ren. Was halten Sie davon?�</p><p>Doch die Kellnerin brachte einen neuen Drink, und E. D. verlor das Interesse an dem Thema, an mir, an der Welt um ihn herum. �Ja, ich m�chte wissen, ob�s ihr gut geht.� Er nahm seine Brille ab und reinigte die Gl�ser mit einer Serviette. �Ja, tu das, Tyler.�</p><p>Und so beschloss ich, mit Wun Ngo Wen nach Arizona zu fahren.</p><empty-line/><p>Mit Wun zu reisen, war so �hnlich, als w�rde man einen Popstar oder einen hohen Politiker begleiten�� viel Sicherheitsvorkehrungen, wenig Spontaneit�t, aber alles perfekt organisiert. Nach einer streng aufeinander abgestimmten Folge von Flugplatzabsperrungen, Charterfl�gen und Stra�enkonvois landeten wir schlie�lich am Ausgang des Bright Angel Trails, drei Wochen vor den geplanten Replikatorenstarts, an einem Julitag, der so hei� war wie Feuerwerk und so klar wie ein Flussquell.</p><p>Wun stand dort, wo das Gel�nder dem Rand des Canyons folgte. Die Parkverwaltung hatte den Wanderweg und das Besucherzentrum f�r Touristen gesperrt und drei ihrer besten (und fotogensten) Ranger standen bereit, Wun und ein Kontingent von Bundesbeamten mit Schulterhalftern unter dem wei�en Wanderoutfit auf eine Expedition in den Canyon hineinzuf�hren, wo man zum �bernachten Zelte aufschlagen w�rde.</p><p>Wun war f�r die Wanderung Ungest�rtheit zugesagt worden, aber momentan war das Ganze noch ein einziger Zirkus. Der Parkbereich war von �bertragungswagen vollgestellt, Journalisten und Fotografen warfen sich wie verzweifelte Bittsteller in die Absperrseile, aus einem �ber der Canyonkante schwebenden Hubschrauber wurde gefilmt. Wun war trotzdem gl�cklich. Er grinste. Er saugte die Kiefernnadelluft in gro�en Z�gen ein. Die Hitze war unertr�glich, vor allem f�r einen Marsianer, h�tte ich gedacht, doch er lie� keine Anzeichen von Ersch�pfung erkennen, trotz des Schwei�es, der auf seiner faltigen Haut glitzerte. Er trug ein leichtes Khakihemd, dazu passende Hosen und Wanderstiefel in Kindergr��e, die er in den vergangenen Wochen schon eingelaufen hatte. Er nahm einen Schluck aus einer Aluminiumfeldflasche, bot sie dann mir an.</p><p>�Wasserbruder�, sagte er.</p><p>Ich lachte. �Behalten Sie es. Sie werden es brauchen.�</p><p>�Ich w�nschte, Sie k�nnten mit mir zusammen nach unten steigen. Das hier ist�� Er sagte etwas in seiner eigenen Sprache. �Zu viel Kohl f�r einen Topf. Zu viel Sch�nheit f�r einen einzelnen Menschen.�</p><p>�Sie k�nnen sie jederzeit mit den FBI-M�nnern teilen.�</p><p>Er warf den Sicherheitsleuten einen b�sen Blick zu. �Das kann ich leider nicht. Sie schauen, aber sie sehen nichts.�</p><p>�Ist das auch eine marsianische Redensart?�</p><p>�Klingt ganz so.�</p><empty-line/><p>Wun richtete noch einige liebensw�rdige Abschiedsworte an die Pressemeute und den frisch eingetroffenen Gouverneur von Arizona, w�hrend ich mir eines der diversen Perihelion-Fahrzeuge auslieh und mich Richtung Phoenix aufmachte.</p><p>Niemand schritt ein, niemand folgte mir, niemand interessierte sich f�r mich. Ich mochte Wun Ngo Wens Leibarzt sein�� einige von den Presseleuten hatten mich vielleicht sogar erkannt��, aber au�erhalb von Wuns Dunstkreis war ich nicht nachrichtenrelevant. Nicht die Bohne. Ein gutes Gef�hl. Ich drehte die Klimaanlage auf, bis das Wageninnere sich wie ein kanadischer Herbsttag anf�hlte. Gut m�glich, dass ich erlebte, was die Medien als �verzweifelte Euphorie� bezeichneten, dieses Wir-m�ssen-alle-sterben-aber-alles-ist-m�glich-Gef�hl, das seinen H�hepunkt ungef�hr zu der Zeit erreichte, als Wun an die �ffentlichkeit trat. Das Ende der Welt�� plus Marsianer: Was sollte angesichts dessen noch unm�glich sein? Oder auch nur <emphasis>unwahrscheinlich? </emphasis>Und was sollte man unter diesen Umst�nden noch mit einer Moral anfangen, die Anstand, Geduld und Tugend predigte, die mahnte, nicht �ber die Str�nge zu schlagen?</p><p>E. D. hatte meine Generation beschuldigt, vom Spin paralysiert zu sein, und vielleicht war das ja auch so. Wir waren jetzt seit drei�ig Jahren vom Scheinwerferlicht gebannt. Keiner von uns hatte je dieses Gef�hl grundlegender Verletzlichkeit absch�tteln k�nnen, diese intensive Wahrnehmung des Schwerts, das �ber unseren K�pfen schwebte. Dieses Gef�hl tr�bte jedes Vergn�gen, lie� selbst unsere besten und mutigsten Gesten vorl�ufig und unentschlossen wirken.</p><p>Aber auch die st�rkste L�hmung nutzt sich irgendwann ab. Jenseits der Furcht liegt die Unbek�mmertheit, jenseits der Starre der Tatendrang. Es sind allerdings nicht unbedingt gute oder besonnene Taten, die dabei herauskommen. Ich fuhr an Dutzenden von Warnschildern vorbei, die auf die Gefahr von Stra�enpiraterie hinwiesen, und der Verkehrsreport im Radio vermeldete die �wegen polizeilicher Ma�nahmen� gesperrten Stra�en so emotionslos, als sei von Bauarbeiten die Rede. Dennoch schaffte ich es ohne Zwischenf�lle bis zum Parkplatz hinter dem Jordan Tabernacle.</p><p>Der derzeitige Pfarrer war ein junger Mann mit B�rstenschnitt namens Bob Kobel, der sich am Telefon bereit erkl�rt hatte, mich zu empfangen. Er kam zum Auto, als ich es gerade abschloss, und f�hrte mich ins Pfarrhaus, um mir Kaffee und Doughnuts und ein paar offene Worte anzubieten. Er sah aus wie ein ehemaliger Spitzensportler, der ein wenig rund um die H�ften geworden, aber immer noch vom alten Teamgeist erf�llt war.</p><p>�Ich habe nachgedacht �ber das, was Sie gesagt haben�, sagte er. �Ich verstehe, warum Sie in Kontakt zu Diane Lawton treten wollen. Aber verstehen Sie, warum das eine unangenehme Angelegenheit f�r unsere Kirche ist?�</p><p>�Nicht so richtig, nein.�</p><p>�Nun, danke f�r Ihre Offenheit. Dann lassen Sie mich erkl�ren. Zum Pastor dieser Gemeinde bin ich erst nach der K�lberkrise geworden, doch ich bin schon seit vielen Jahren Mitglied. Ich kenne Diane und Simon. Ich habe sie einmal als meine Freunde betrachtet.�</p><p>�Jetzt nicht mehr?�</p><p>�Ich w�rde gern glauben, dass wir nach wie vor Freunde sind, aber da m�ssten Sie sie selber fragen. Sehen Sie, Dr. Dupree, f�r eine relativ kleine Gemeinde haben wir eine recht kontroverse Geschichte. Das liegt vor allem daran, dass wir anfangs eine Art Bastardkirche waren, ein Haufen von Dispensationalisten, der sich mit einigen desillusionierten New-Kingdom-Hippies zusammengetan hat. Was wir gemeinsam hatten, waren der starke Glaube daran, dass die Endzeit unmittelbar bevorsteht, und ein aufrichtiges Bed�rfnis nach christlicher Gemeinschaft. Kein ganz leichter Zusammenschluss, wie Sie sich vorstellen k�nnen. Wir haben einiges an Glaubenskonflikten durchgemacht. Schismen, wenn Sie so wollen. Dogmatische Dispute, die f�r die Gemeinde, offen gesagt, gar nicht mehr nachzuvollziehen waren. Simon und Diane schlossen sich einer Gruppe eingefleischter Posttribulationisten an, die Jordan Tabernacle f�r sich beanspruchten. Daraus ergab sich eine schwierige Situation, das, was man in der s�kularen Welt als Machtkampf bezeichnen w�rde.�</p><p>�Den sie verloren haben?�</p><p>�O nein. Sie �bernahmen die Kontrolle, jedenfalls f�r eine Weile. Sie radikalisierten Jordan Tabernacle auf eine Weise, die viele von uns mit Unbehagen erf�llte. Dan Condon war einer von ihnen, derjenige, der uns mit diesem Netzwerk von Verr�ckten in Verbindung gebracht hat, die die Wiederkunft Christi mit Hilfe einer roten Kuh herbeif�hren wollen. Was f�r eine Vermessenheit! Als w�rde der Herr erst noch auf ein Rinderzuchtprogramm warten, bevor er die Gl�ubigen versammelt.� Kobel nahm einen Schluck Kaffee.</p><p>�Ich kann zu ihrem Glauben nichts weiter sagen.�</p><p>�Sie erw�hnten am Telefon, dass Diane keinen Kontakt zu ihrer Familie hat.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nun, vielleicht will sie es so. Ich habe ihren Vater fr�her oft im Fernsehen gesehen. Er machte einen ziemlich einsch�chternden Eindruck.�</p><p>�Ich bin nicht hier, um sie zu entf�hren. Ich will mich nur davon �berzeugen, dass es ihr gut geht.�</p><p>Noch ein Schluck Kaffee. Noch ein nachdenklicher Blick. �Ich w�rde Ihnen gern sagen k�nnen, dass es ihr gut geht. Und vermutlich ist es auch der Fall. Doch nach dem Skandal ist die ganze Gruppe hinaus in die Wildnis gezogen. Und einige von ihnen haben der Einladung, sich mit den Strafverfolgungsbeh�rden zu unterhalten, noch nicht Folge geleistet. Besuche sind daher nicht gern gesehen.�</p><p>�Aber nicht unm�glich?�</p><p>�Nicht unm�glich, wenn man ihnen bekannt ist. Ich bin nicht sicher, ob das f�r Sie gilt, Dr. Dupree. Ich k�nnte Ihnen den Weg erkl�ren, doch ich bezweifle, dass sie Sie reinlassen.�</p><p>�Auch nicht, wenn Sie f�r mich b�rgen?�</p><p>Kobel blinzelte. Er schien dar�ber nachzudenken. Dann l�chelte er. Er nahm vom Schreibtisch hinter ihm ein Blatt Papier, auf das er eine Adresse sowie ein paar Zeilen Wegbeschreibung kritzelte. �Das ist eine gute Idee, Dr. Dupree. Sagen Sie ihnen, Pastor Bob h�tte Sie geschickt. Aber seien Sie trotzdem vorsichtig.�</p><p>Pastor Bobs Wegbeschreibung f�hrte mich zu Dan Condons Ranch, ein zweist�ckiges Haus in einem dicht bewachsenen Tal etliche Stunden von der Stadt entfernt. Keine sehr eindrucksvolle Ranch allerdings, jedenfalls f�r meinen ungeschulten Blick. Es gab eine gro�e Scheune, die sich, verglichen mit dem Haus, in einem �u�erst reparaturbed�rftigen Zustand befand, und ein paar Rinder, die auf einigen unkrautbewachsenen Streifen Grammagras weideten.</p><p>Ich hatte kaum die Bremse bet�tigt, da kam ein stattlicher Mann in Overall die Verandatreppe heruntergepoltert, mindestens hundert Kilo schwer, mit Vollbart und einem ganz und gar nicht erbauten Gesichtsausdruck. Ich lie� das Fenster herunter.</p><p>�Privatgrundst�ck, Meister.�</p><p>�Ich w�rde gern mit Simon und Diane sprechen.�</p><p>Er starrte mich an.</p><p>�Sie erwarten mich nicht. Aber sie wissen, wer ich bin.�</p><p>�Haben sie Sie eingeladen? Wir legen hier n�mlich nicht so viel Wert auf Besucher.�</p><p>�Pastor Bob Kobel meinte, Sie w�rden nichts dagegen haben, wenn ich mal kurz vorbeik�me.�</p><p>�So, so. Meinte er.�</p><p>�Ich soll Ihnen sagen, ich sei im Grunde harmlos.�</p><p>�Pastor Bob, hm? K�nnen Sie sich ausweisen?�</p><p>Ich zog meinen Personalausweis hervor. Er griff danach und verschwand wieder im Haus.</p><p>Ich wartete. Ich lie� alle Fenster herunter, damit der trockene Wind durchs Auto wehen konnte. Die Sonne stand tief genug, um die Verandapfeiler Schatten werfen zu lassen, und diese Schatten waren ein erkleckliches St�ckchen l�nger geworden, als der Mann endlich zur�ckkam, mir meinen Ausweis wiedergab und sagte: �Simon und Diane werden Sie empfangen. Und tut mir Leid, wenn ich ein bisschen schroff geklungen habe. Ich hei�e Sorley.� Ich stieg aus dem Auto und sch�ttelte ihm die Hand. Sein H�ndedruck war von der festen Sorte. �Aaron Sorley. Die meisten nennen mich Bruder Aaron.�</p><p>Er geleitete mich durch die quietschende Fliegent�r ins Haus. Trotz der Hitze ging es dort drinnen recht lebhaft zu: Ein Kind in Baumwoll-T-Shirt kam uns lachend entgegen; in der K�che kochten zwei Frauen f�r eine offenbar betr�chtliche Anzahl von Leuten�� riesige T�pfe auf dem Herd, Berge von Gem�se auf dem Schneidebrett.</p><p>�Simon und Diane teilen sich das hintere Zimmer, die Treppe rauf, die letzte T�r auf der rechten Seite. Sie k�nnen gern hochgehen.�</p><p>Ich h�tte keinen F�hrer gebraucht. Simon erwartete mich oben auf der Treppe.</p><p>Der ehemalige Pfeifenreinigererbe sah ein bisschen abgezehrt aus. Was nicht weiter verwunderlich war, wenn man bedenkt, dass ich ihn seit der Nacht des chinesischen Angriffs auf die Polartefakte vor zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er mochte das Gleiche �ber mich denken. Sein L�cheln war noch immer bemerkenswert, breit und freigebig, ein L�cheln, mit dem er vielleicht sogar in Hollywood etwas h�tte anfangen k�nnen, wenn Simon dem Mammon mehr zugetan gewesen w�re als seinem Gott. Er mochte sich nicht mit einem H�ndedruck begn�gen�� er schloss mich in seine Arme. �Willkommen! Tyler! Tyler Dupree! Ich bitte um Verzeihung, wenn Bruder Aaron ein bisschen ruppig war. Wir haben nicht oft Besuch, aber du wirst feststellen, dass wir gro�z�gige Gastgeber sind, wenn man erst einmal da ist. Wir h�tten dich schon l�ngst eingeladen, wenn wir es auch nur f�r denkbar gehalten h�tten, dass du die Reise auf dich nehmen k�nntest.�</p><p>�Das ist ein gl�cklicher Zufall. Ich bin in Arizona, weil��</p><p>�Oh, ich wei�. Wir h�ren auch ab und zu mal die Nachrichten. Du bist zusammen mit dem schrumpligen Mann gekommen. Du bist sein Arzt.�</p><p>Er f�hrte mich den Flur entlang zu einer cremefarbenen T�r�� ihre, Simons und Dianes T�r�� und �ffnete sie. Das Zimmer dahinter war in einem behaglichen, wenn auch leicht zeitentr�ckten Stil m�bliert, in der Ecke ein gro�es Bett mit einer gesteppten Tagesdecke �ber der dicken Matratze, ein Fenstervorhang aus gelbem Gingan, ein Baumwollteppich auf dem Dielenfu�boden. Ein Stuhl am Fenster. Auf dem Stuhl Diane.</p><empty-line/><p>�Sch�n, dich zu sehen�, sagte sie. �Danke, dass du dir Zeit f�r uns genommen hast. Ich hoffe, wir haben dich nicht von deiner Arbeit weggerissen.�</p><p>�Nur so weit, wie ich weggerissen werden wollte. Wie geht es dir?�</p><p>Simon ging durchs Zimmer und stellte sich neben sie. Er legte eine Hand auf ihre Schulter und lie� sie dort.</p><p>�Uns geht�s gut�, sagte sie. �Wir sind vielleicht nicht wohlhabend, aber wir kommen zurecht. Mehr kann man in diesen Zeiten wohl auch nicht erwarten. Es tut mir Leid, dass wir uns nicht gemeldet haben, Tyler. Nach den Problemen bei Jordan Tabernacle ist es schwieriger geworden, der Welt au�erhalb der Kirche zu trauen. Ich nehme an, du hast von der Sache geh�rt?�</p><p>�Ein f�rchterliches Chaos�, sagte Simon. �Der Heimatschutz hat den Computer und den Fotokopierer aus dem Pfarrhaus geholt, einfach abgeholt und nie wieder zur�ckgegeben. Nat�rlich hatten wir mit dem ganzen Unsinn um die roten F�rsen �berhaupt nichts zu tun. Wir hatten lediglich einige Brosch�ren an die Gemeinde weitergegeben. Damit sie selbst entscheiden konnten, ob man sich f�r so eine Sache engagieren sollte. Und nur deswegen wurden wir verh�rt. Kannst du das fassen? Offenbar ist das schon ein Verbrechen in Preston Lomax� Amerika.�</p><p>�Niemand verhaftet worden, hoffe ich?�</p><p>�Niemand aus unserem Umfeld.�</p><p>�Aber es hat alle nerv�s gemacht�, sagte Diane. �Pl�tzlich stellt man alles in Frage, was man f�r selbstverst�ndlich genommen hat. Telefonanrufe, Briefe.�</p><p>�Ich vermute, ihr m�sst vorsichtig sein.�</p><p>�O ja�, sagte Diane.</p><p>�Echt vorsichtig�, sagte Simon.</p><p>Diane trug ein schlichtes Baumwollkleid mit einem G�rtel um die Taille und ein rotwei� kariertes Kopftuch, das wie ein Hijab aussah. Kein Make-up, aber sie brauchte auch keins�� Diane in Sack und Asche zu kleiden, war genauso aussichtslos, als w�rde man versuchen, einen Suchscheinwerfer unter einem Strohhut zu verbergen. Mir wurde bewusst, wie heftig es mich nach ihrem blo�en Anblick verlangt hatte. Wie unvern�nftig heftig. Ich sch�mte mich fast f�r die Freude, die mir ihre Gegenwart bereitete. Zwei Jahrzehnte lang waren wir wenig mehr als alte Bekannte gewesen. Zwei Menschen, die sich einmal n�her gestanden hatten. Ich hatte kein Recht auf diesen beschleunigten Puls, dieses Gef�hl der Schwerelosigkeit, das sie in mir hervorrief, indem sie einfach nur auf diesem Holzstuhl sa�, indem sie leicht err�tend wegsah, als unsere Blicke sich trafen. Es war unrealistisch und es war unfair�� irgendjemandem gegen�ber unfair, vielleicht mir, wahrscheinlich ihr. Ich h�tte gar nicht herkommen d�rfen.</p><p>�Und wie geht es dir?�, fragte sie. �Du arbeitest immer noch mit Jason zusammen, wie ich h�re. Ich hoffe, bei ihm ist alles in Ordnung.�</p><p>�Ihm geht�s ausgezeichnet. Er l�sst sehr herzlich gr��en.�</p><p>Sie l�chelte. �Daran zweifle ich. Das klingt so gar nicht nach Jase.�</p><p>�Er hat sich ver�ndert.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Es wird viel �ber Jason geredet�, sagte Simon, der Dianes Schulter weiter fest im Griff hatte, seine schwielige Hand zeichnete sich dunkel vor dem blassen Baumwollstoff ab. ��ber Jason und den runzligen Mann, den sogenannten Marsianer.�</p><p>�Nicht nur sogenannt�, erwiderte ich. �Er ist dort geboren und aufgewachsen.�</p><p>Simon blinzelte. �Wenn du das sagst, dann muss es wohl wahr sein. Aber wie gesagt, es ist viel geredet worden. Man wei�, dass der Antichrist unter uns wandelt, das steht fest, und es k�nnte sein, dass er bereits ber�hmt ist, dass er abwartet und seinen sinnlosen Krieg plant. Und deshalb sieht man sich die Leute, die in der �ffentlichkeit stehen, sehr genau an. Ich will damit nicht sagen, dass Wun Ngo Wen der Antichrist ist, aber ich st�nde nicht allein da, wenn ich es behaupten w�rde. Kennst du ihn gut, Tyler?�</p><p>�Wir unterhalten uns von Zeit zu Zeit. Ich glaube nicht, dass er genug Ehrgeiz besitzt, um der Antichrist zu sein.� Obwohl E. D. Lawton mir an dieser Stelle vermutlich widersprochen h�tte.</p><p>�Trotzdem ist dies auch ein Punkt, der uns zur Vorsicht veranlasst. Deswegen war es auch ein Problem f�r Diane, den Kontakt zu ihrer Familie aufrechtzuerhalten.�</p><p>�Weil Wun Ngo Wen der Antichrist sein k�nnte?�</p><p>�Weil wir nicht die Aufmerksamkeit m�chtiger Personen auf uns lenken wollen, so nahe am Ende der Tage.�</p><p>Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.</p><p>�Tyler ist lange unterwegs gewesen�, sagte Diane. �Er hat bestimmt Durst.�</p><p>Simons L�cheln flammte wieder auf. �M�chtest du vor dem Essen noch etwas trinken? Wir haben jede Menge Limonaden. Magst du Mountain Dew?�</p><p>�Ja, ausgezeichnet.�</p><p>Er ging aus dem Zimmer. Diane wartete, bis seine Schritte auf der Treppe zu h�ren waren. Dann legte sie den Kopf schief und sah mich richtig an. �Du bist weit gefahren.�</p><p>�Es gab keine andere M�glichkeit, dich zu erreichen.�</p><p>�Aber du h�ttest dir nicht die M�he machen m�ssen. Ich bin gesund und gl�cklich. Das kannst du Jase mitteilen. Und nat�rlich auch Carol. Und E. D., falls es ihn interessiert. Ich brauche keine Kontrollbesuche.�</p><p>�Das ist auch keiner.�</p><p>�Du wolltest nur mal Hallo sagen?�</p><p>�Ja, so etwas in der Art.�</p><p>�Wir sind keinem Kult beigetreten. Ich stehe unter keinem Zwang.�</p><p>�Hab ich auch nicht behauptet.�</p><p>�Aber du hast daran gedacht, oder?�</p><p>�Ich bin froh, dass es dir gut geht.�</p><p>Sie wandte den Kopf, und das Licht der untergehenden Sonne fiel auf ihre Augen. �Entschuldige. Ich bin einfach ein wenig verbl�fft, dich so pl�tzlich hier zu sehen. Und ich bin froh, dass du gut zurechtkommst. Du kommst doch gut zurecht, oder?�</p><p>�Nein. Ich bin paralysiert. Jedenfalls glaubt dein Vater das. Er sagt, unsere ganze Generation sei vom Spin paralysiert. Wir sind immer noch gefangen in dem Augenblick, als die Sterne ausgingen, wir haben keinen Frieden damit geschlossen.�</p><p>�Und du glaubst, dass das wahr ist?�</p><p>�Wahrer vielleicht, als irgendeiner von uns zugeben w�rde.� Ich sagte Dinge, die ich �berhaupt nicht geplant hatte. Aber Simon w�rde jeden Augenblick mit seiner Dose Mountain Dew und seinem beinharten L�cheln zur�ckkehren, und die Gelegenheit w�re unwiderruflich vertan. �Ich sehe dich an und sehe immer noch das M�dchen auf dem Rasen vor dem Gro�en Haus. Vielleicht hat E. D. also Recht. F�nfundzwanzig gestohlene Jahre. Sie sind ziemlich schnell vergangen.�</p><p>Diane nahm es schweigend hin. Warme Luft bewegte die Ginganvorh�nge, das Zimmer wurde dunkler. Dann sagte sie: �Mach die T�r zu.�</p><p>�W�rde das nicht ein bisschen ungew�hnlich aussehen?�</p><p>�Mach die T�r zu, Tyler, ich m�chte nicht, dass jemand mith�rt.�</p><p>Also schloss ich die T�r, ganz vorsichtig, und sie erhob sich, kam zu mir, fasste mich an den H�nden. Ihre H�nde waren k�hl. �Wir sind dem Ende der Welt zu nahe, um einander zu bel�gen. Es tut mir Leid, dass ich nicht mehr angerufen habe, aber es sind vier Familien, die sich ein Haus und ein Telefon teilen�� es ist leicht zu erkennen, wer telefoniert und wohin.�</p><p>�Simon hat es nicht erlaubt.�</p><p>�Im Gegenteil, Simon h�tte es akzeptiert. Simon akzeptiert die meisten meiner Gewohnheiten und Eigenarten. Aber ich m�chte ihn nicht bel�gen, diese Last m�chte ich nicht tragen. Ich muss allerdings zugeben, dass mir unsere Gespr�che fehlen, Tyler. Diese Gespr�che waren wie Rettungsleinen. Als ich kein Geld hatte, als die Kirche sich gespalten hat, als ich mich ohne Grund einsam gef�hlt habe� der Klang deiner Stimme war wie eine Transfusion.�</p><p>�Warum dann damit aufh�ren?�</p><p>�Weil es illoyal ist. Damals. Und <emphasis>jetzt.� </emphasis>Sie sch�ttelte den Kopf, als wollte sie mir einen schwierigen, aber wichtigen Gedanken vermitteln. �Ich wei�, wie du das mit dem Spin meinst. Ich denke auch dar�ber nach. Manchmal tue ich so, als g�be es eine Welt, in der der Spin nicht passiert und unser Leben anders verlaufen ist. <emphasis>Unser </emphasis>Leben, deins und meins.� Sie holte zitternd Luft, err�tete heftig. �Und wenn ich schon nicht in dieser Welt leben kann, dachte ich, k�nnte ich sie wenigstens alle paar Wochen besuchen und dich anrufen, und wir k�nnten alte Freunde sein und uns �ber etwas anderes unterhalten als das Ende der Welt.�</p><p>�Das h�ltst du f�r illoyal?�</p><p>�Es <emphasis>ist </emphasis>illoyal. Ich habe mich in Simons Obhut begeben. Er ist mein Ehemann. Selbst wenn das keine weise Entscheidung gewesen sein sollte, so war es doch <emphasis>meine </emphasis>Entscheidung, und ich bin vielleicht keine so gute Christin, wie ich sein sollte, aber ich habe doch ein Bewusstsein f�r Pflicht und Beharrlichkeit und daf�r, zu jemandem zu stehen, selbst wenn� �</p><p>�Selbst wenn <emphasis>was, </emphasis>Diane?�</p><p>�Selbst wenn es wehtut. Ich glaube, keiner von uns beiden sollte weiter �ber das Leben nachdenken, das wir h�tten haben k�nnen.�</p><p>�Ich bin nicht gekommen, um dich ungl�cklich zu machen.�</p><p>�Nein, aber diese Wirkung hat es.�</p><p>�Dann werde ich nicht bleiben.�</p><p>�Bleib zum Essen. Das ist ein Gebot der H�flichkeit.� Sie blickte zu Boden. �Lass mich dir noch etwas sagen, solange wir noch ungest�rt sind. Ich teile nicht alle von Simons Glaubensgrunds�tzen. Ich kann nicht glauben, dass die Welt damit enden wird, dass die Gl�ubigen zum Himmel auffahren. Gott m�ge mir vergeben, aber das erscheint mir einfach nicht plausibel. Doch ich glaube, dass die Welt enden <emphasis>wird. </emphasis>Dass sie schon dabei ist zu enden. Schon angefangen hat, unser aller Leben zu beenden. Und��</p><p>�Diane��</p><p>�Nein, lass mich zu Ende sprechen. Lass mich beichten. Ich glaube, dass die Welt enden wird. Ich glaube, was Jason mir vor vielen Jahren erz�hlt hat�� dass eines Morgens eine riesige Sonne aufgehen wird und dass dann in wenigen Stunden oder Tagen unsere Zeit auf der Erde abgelaufen ist. Und ich m�chte an dem betreffenden Morgen nicht allein sein.�</p><p>�Das m�chte niemand.� Au�er vielleicht Molly Seagram, dachte ich. Molly, die den Film <emphasis>On the Beach </emphasis>mit ihrem Fl�schchen voller Selbstmordpillen nachspielt. Molly und alle Leute ihresgleichen.</p><p>�Und ich <emphasis>werde </emphasis>nicht allein sein. Ich werde bei Simon sein. Was ich dir beichten m�chte, Tyler�� und wof�r ich auf Vergebung hoffe��, ist, dass es, wenn ich mir diesen Tag ausmale, nicht unbedingt Simon ist, mit dem ich mich zusammen sehe.�</p><p>Die T�r ging polternd auf. Simon. Mit leeren H�nden. �Jetzt steht das Essen doch schon auf dem Tisch�, sagte er. �Zusammen mit einem gro�en Krug Eistee f�r durstige Reisende. Komm mit runter und setz dich zu uns. Es ist f�r alle reichlich da.�</p><p>�Danke�, erwiderte ich. �Das klingt gut.�</p><empty-line/><p>Die acht Erwachsenen, die das Farmhaus gemeinsam bewohnten, waren die Sorleys, Dan Condon und seine Frau, die McIsaacs und Simon und Diane. Die Sorleys hatten drei Kinder, die McIsaacs f�nf, sodass wir zu siebzehnt an einem gro�en, auf B�cke gestellten Tisch in dem an die K�che grenzenden Zimmer sa�en. Daraus resultierte ein angenehmer L�rm, der andauerte, bis �Onkel Dan� den Tischsegen ank�ndigte, worauf sich unverz�glich alle H�nde falteten und alle K�pfe senkten.</p><p>Dan Condon war das Alpha-M�nnchen der Gruppe. Er war gro� und ernst, fast d�ster, auf eine Lincolnsche Weise h�sslich. Indem er die Mahlzeit segnete, erinnerte er uns daran, dass es stets wohlgetan sei, einem Fremden Speis und Trank vorzusetzen, selbst in dem Fall, dass dieser Fremde ohne Einladung auf Besuch gekommen sei, Amen.</p><p>Nach der Art, wie die Unterhaltung gef�hrt wurde, schloss ich, dass Bruder Aaron in der Hierarchie an zweiter Stelle stand und mit der Aufgabe betraut war, im Falle von Meinungsverschiedenheiten f�r klare Verh�ltnisse zu sorgen. Sowohl Teddy McIsaac als auch Simon ordneten sich ihm unter, hielten sich aber an Condon, wenn es um letztinstanzliche Urteile ging. War die Suppe zu salzig? �Genau richtig�, sagte Condon. Das Wetter in letzter Zeit ziemlich hei�? �Nicht sehr ungew�hnlich in dieser Gegend�, erkl�rte Condon.</p><p>Die Frauen sprachen kaum und hatten die Augen die meiste Zeit fest auf ihren Teller gerichtet. Condons Gattin war eine kleine, korpulente Frau mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck. Sorleys Frau war beinahe so stattlich wie er selbst und lie� ihrem L�cheln freien Lauf, als das Essen gelobt wurde. McIsaacs Frau sah kaum �lter als achtzehn aus, w�hrend er sein verdrie�liches Gesicht sicherlich schon �ber vierzig Jahre trug. Keine der Frauen sprach mich direkt an und keine von ihnen wurde mir mit ihrem eigenen Namen vorgestellt. Diane war ein Diamant unter diesen Zirkonen, das war augenf�llig�� und erkl�rte wohl auch ihr �u�erst zur�ckhaltendes Benehmen.</p><p>Die Familien waren allesamt Versprengte aus der Jordan-Tabernacle-Gemeinde. Sie seien durchaus nicht die radikalsten Gemeindemitglieder, erl�uterte Onkel Dan, nicht so radikal wie diese wilden Dispensationalisten, die sich letztes Jahr nach Saskatchewan abgesetzt hatten, aber sie seien auch nicht lau in ihrem Glauben, so wie Pastor Bob Kobel und seine Truppe von Kompromisslern. Die Familien seien auf die Ranch�� Condons Ranch�� gezogen, um einige Meilen zwischen sich und die Versuchungen der Stadt zu legen und den letzten Aufruf in kl�sterlichem Frieden zu erwarten. Bisher, sagte er, sei der Plan aufgegangen.</p><p>Ansonsten konzentrierte sich die Unterhaltung auf einen Lastwagen mit ausgelaugter Batterie, eine noch nicht abgeschlossene Dachreparatur und eine drohende Kl�rbeh�lterkrise, und als die Mahlzeit beendet war, war ich genauso erleichtert wie die Kinder (Condon warf einem der Sorley-M�dchen, das allzu freudig aufgeseufzt hatte, einen �u�erst strengen Blick zu).</p><p>Sobald das Geschirr abgetragen war�� Frauenarbeit auf der Condon-Ranch��, verk�ndete Simon, dass ich mich nun verabschieden m�sse.</p><p>�Macht es Ihnen nichts aus zu fahren, Dr. Dupree?�, fragte Condon. �Es gibt jetzt fast jede Nacht Raub�berf�lle.�</p><p>�Ich werde die Fenster geschlossen lassen und das Gaspedal immer sch�n durchtreten.�</p><p>�Das ist wahrscheinlich das Beste.�</p><p>�Wenn du nichts dagegen hast, Tyler�, sagte Simon, �fahr ich noch bis zum Zaun mit dir mit. An so einem warmen Abend ist es sch�n, zu Fu� zur�ckzugehen.�</p><p>Dem konnte ich nur zustimmen.</p><p>Dann stellten sich alle zum herzlichen Abschiednehmen auf. Die Kinder wanden sich, bis ich ihnen die Hand sch�ttelte und sie entlassen waren. Als Diane an der Reihe war, nickte sie mir zu, schlug aber die Augen nieder, und als ich ihr die Hand gab, nahm sie sie, ohne mich anzusehen.</p><empty-line/><p>Simon fuhr etwa einen halben Kilometer h�gelaufw�rts mit und zappelte dabei wie jemand, der etwas sagen will, aber doch den Mund h�lt. Ich ermunterte ihn nicht. Die Abendluft war voller D�fte und relativ k�hl. Ich hielt an der Stelle an, die er mir zeigte, vor einem zerbrochenen Zaun und einer Ocatillahecke. �Danke f�rs Mitnehmen�, sagte er.</p><p>Als er ausstieg, verharrte er einen Moment an der offenen T�r.</p><p>�Wolltest du noch was sagen?�, fragte ich.</p><p>Er r�usperte sich. �Wei�t du��� die Stimme kaum lauter als der Wind��, �ich liebe Diane ebenso sehr, wie ich Gott liebe. Ich gebe zu, das klingt blasphemisch, f�r mich hat es jedenfalls immer so geklungen. Aber ich glaube, dass Gott sie auf die Welt gesetzt hat, damit sie meine Frau wird, und dass das ihr ganzer Daseinszweck ist. Also bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es die zwei Seiten derselben Medaille sind: Sie zu lieben, ist meine Art, Gott zu lieben. Glaubst du, dass das m�glich ist, Tyler Dupree?�</p><p>Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern machte die T�r zu und schaltete seine Taschenlampe ein. Ich beobachtete im Spiegel, wie er in die Dunkelheit und das Gezirpe der Grillen hinein verschwand.</p><empty-line/><p>In dieser Nacht traf ich auf keine Banditen oder Stra�enr�uber.</p><p>Die Abwesenheit der Sterne und des Mondes hatte die Nacht seit den fr�hen Jahren des Spins zu einer dunklen, gef�hrlichen Angelegenheit gemacht. Kriminelle hatten ausgefeilte Strategien f�r �berf�lle aus dem Hinterhalt entwickelt. Bei Nacht zu reisen hie�, die Wahrscheinlichkeit, ausgeraubt oder ermordet zu werden, um ein Vielfaches zu erh�hen.</p><p>Es herrschte daher nicht viel Verkehr auf der R�ckfahrt nach Phoenix, haupts�chlich waren Trucker in ihren gut gesicherten Riesenlastern unterwegs. Meistens war ich ganz allein auf der Stra�e, bohrte Lichtkeile in die Dunkelheit und lauschte dem Knirschen der Reifen und dem Rauschen des Windes. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein einsameres Ger�usch gibt. Vermutlich ist das der Grund, warum man Radios in die Autos einbaut.</p><p>Aber es waren keine Diebe oder M�rder auf der Stra�e.</p><p>Nicht in dieser Nacht.</p><empty-line/><p>Ich �bernachtete in einem Motel au�erhalb von Flagstaff und traf am n�chsten Morgen am Flughafen wieder mit Wun Ngo Wen und seiner Wachmannschaft zusammen.</p><p>W�hrend des Fluges nach Orlando war Wun ziemlich gespr�chig. Er hatte die Geologie der s�dwestlichen W�ste studiert und war besonders angetan von einem Stein, den er auf der R�ckfahrt nach Phoenix in einem Souvenirladen gekauft hatte�� sein ganzer Tross hatte am Stra�enrand halten und warten m�ssen, w�hrend er sich durch das Fossilienregal w�hlte. Er zeigte mir seine Ausbeute: eine kreideartige, spiralf�rmige H�hlung in einem St�ck Bright-Angel-Schiefer, gerade zwei, drei Zentimeter im Durchmesser. Der Abdruck eines Trilobiten, sagte er, vor zehn Millionen Jahren gestorben, geborgen aus dem steinig sandigen �dland unter uns, das einst der Boden eines uralten Meeres gewesen war.</p><p>Er hatte noch nie ein Fossil gesehen. Es gebe keine Fossilien auf dem Mars, sagte er. Keine Fossilien im gesamten Sonnensystem, nur hier, auf der uralten Erde.</p><empty-line/><p>In Orlando wurden wir auf die R�ckbank eines weiteren Wagens in einem weiteren Konvoi gesetzt, der uns zum Perihelion-Gel�nde bringen sollte. Wir fuhren bei Sonnenuntergang los, nachdem eine gro�fl�chige Durchsuchungsaktion uns eine Stunde lang aufgehalten hatte. Als wir den Highway erreichten, entschuldigte sich Wun f�r sein wiederholtes G�hnen. �Ich bin so viel k�rperliche Aktivit�t nicht gew�hnt.�</p><p>�Na, ich habe Sie bei Perihelion doch schon �fter auf dem Heimtrainer gesehen.�</p><p>�Ein Heimtrainer ist kein Canyon.�</p><p>�Das ist wohl wahr.�</p><p>�Ich bin ersch�pft, aber gl�cklich. Es war eine wundervolle Expedition. Ich hoffe, Sie haben Ihre Zeit �hnlich angenehm verbracht.�</p><p>Ich erz�hlte ihm, dass ich Diane aufgesp�rt hatte und dass sie bei guter Gesundheit war.</p><p>�Das ist sch�n. Ich bedaure, dass ich sie nicht kennen lernen konnte. Wenn sie ihrem Bruder auch nur von ferne �hnelt, muss sie eine bemerkenswerte Person sein.�</p><p>�Das ist sie.�</p><p>�Aber der Besuch hat Ihre Hoffnungen nicht vollst�ndig erf�llt?�</p><p>�Vielleicht hab ich mir das Falsche erhofft.� Vielleicht erhoffte ich mir schon seit langem etwas ganz und gar Falsches.</p><p>�Nun ja.� Wun g�hnte wieder, die Augen halb geschlossen. �Die Frage� wie immer ist doch die Frage, wie man die Sonne anblickt, ohne geblendet zu werden.�</p><p>Ich wollte ihn fragen, wie er das meinte, aber sein Kopf war schon gegen das Sitzpolster gesunken und ich hielt es f�r r�cksichtsvoller, ihn schlafen zu lassen.</p><empty-line/><p>Unser Konvoi bestand aus f�nf Autos plus einem Transportfahrzeug mit einer kleinen Einsatztruppe von Infanteristen, abgestellt f�r den Fall, dass es Probleme geben sollte. Der Mannschaftswagen war kastenf�rmig, etwa so gro� wie die gepanzerten Fahrzeuge, die zum Transport von Bargeld zwischen den Regionalbanken verwendet wurden, und leicht mit einem solchen zu verwechseln.</p><p>Und tats�chlich war zuf�llig, etwa zehn Minuten vor uns, ein Konvoi der Firma Brink�s unterwegs, der dann jedoch den Highway verlie� und Richtung Palm Bay fuhr. Kundschafter, die hinter den Hauptzufahrten Posten bezogen hatten und telefonisch miteinander verbunden waren, verwechselten uns mit dem Geldtransport und wiesen uns als Zielobjekt f�r eine Bande von Stra�enr�ubern aus, die weiter vorn im Hinterhalt lag.</p><p>Es waren hochprofessionelle Kriminelle. Sie hatten einen Stra�enabschnitt vermint, der um ein sumpfiges Naturschutzgebiet herumf�hrte, und verf�gten �ber automatische Waffen und sogar Panzerabwehrraketen, und mit einem Brinks�s-Konvoi h�tten sie kurzen Prozess gemacht: F�nf Minuten nach der ersten Ersch�tterung w�ren die Angreifer bereits weit im Moorgebiet verschwunden und w�rden die Beute unter sich aufteilen. Aber ihre Kundschafter hatten einen schwerwiegenden Fehler gemacht. Einen Banktransport aufs Korn zu nehmen, ist eine Sache, doch sich mit f�nf schwergepanzerten Fahrzeugen voller Sicherheitspersonal und einem Mannschaftswagen von Elitesoldaten anzulegen, ist etwas ganz anderes.</p><p>Ich blickte durch die get�nte Seitenscheibe und sah flaches gr�nes Wasser und kahle Zypressen vor�bergleiten, als die Stra�enlichter ausgingen.</p><p>Einer der R�uber hatte die unterirdischen Stromkabel gekappt. Pl�tzlich war die Dunkelheit richtig dunkel, eine schwarze Wand hinter dem Fenster, und ich sah nichts mehr au�er meinem erschrockenen Spiegelbild. Ich sagte: �Wun��</p><p>Aber er schlief weiter, sein faltiges Gesicht so ausdruckslos wie ein Daumenabdruck.</p><p>Dann fuhr das F�hrungsauto auf die Mine.</p><p>Die Ersch�tterung schlug wie eine Stahlfaust gegen unser Fahrzeug. Die Kolonne fuhr in geh�rigem Abstand, doch wir waren trotzdem dicht genug dran, um zu sehen, wie der vordere Wagen in einer gelben Stichflamme emporschoss und brennend, mit umherfliegenden Reifen, auf den Asphalt zur�ckfiel.</p><p>Unser Fahrer schwenkte zur Seite und hielt an. Die Stra�e war blockiert. Dann gab es eine zweite Explosion am hinteren Ende des Konvois, eine weitere Mine, die den Stra�enbelag brockenweise ins Sumpfgebiet schleuderte und uns jeglichen Fluchtweg abschnitt.</p><p>Wun war jetzt wach, verbl�fft und �ngstlich. Seine Augen waren so gro� wie Monde und auch fast so hell.</p><p>In unmittelbarer N�he knatterten Handfeuerwaffen. Ich duckte mich und zog auch Wun mit nach unten, wir sa�en gekr�mmt in unseren Sitzgurten und fummelten fieberhaft an den Verschl�ssen. Der Fahrer zog eine Waffe irgendwo unter dem Armaturenbrett hervor und rollte sich aus der T�r hinaus. Gleichzeitig sprangen ein Dutzend M�nner aus dem Mannschaftswagen hinter uns und begannen in die Dunkelheit zu feuern. Zivile Sicherheitsleute aus den anderen Fahrzeugen versuchten sich unserem Wagen zu n�hern, um Wun zu sch�tzen, wurden jedoch von heftigem Gewehrfeuer daran gehindert.</p><p>Der unerwartete Widerstand muss die Stra�enr�uber aus dem Konzept gebracht haben. Sie setzten jetzt schwere Waffen ein. Unter anderem eine raketengetriebene Granate, wie man mir sp�ter erz�hlte. Ich bekam nur mit, dass ich pl�tzlich taub war, unser Wagen um eine komplizierte Achse herum rotierte und die Luft geschw�ngert war von Rauch und Glassplittern.</p><empty-line/><p>Dann, ich wei� nicht wie, war ich aus der hinteren T�r heraus, das Gesicht auf den k�rnigen Asphalt gepresst, Blutgeschmack im Mund, und Wun war auch da, lag auf der Seite, ein oder zwei Meter von mir entfernt. Einer seiner Schuhe�� die Wanderstiefel in Kindergr��e, die er sich f�r den Canyon gekauft hatte�� stand in Flammen.</p><p>Ich rief seinen Namen. Er bewegte sich schwach. Kugeln prasselten auf die �berreste des Autos hinter uns, schlugen kleine Krater in den Stahl. Mein linkes Bein war taub. Ich robbte n�her heran und benutzte ein abgerissenes St�ck Polsterung, um die Flammen am Schuh zu ersticken. Wun hob �chzend den Kopf.</p><p>Unsere M�nner erwiderten das Feuer, Leuchtspurgeschosse fegten ins Moorgebiet zu beiden Seiten der Stra�e.</p><p>Wun kr�mmte den R�cken und kam auf die Knie. Er schien nicht zu wissen, wo er war. Er blutete aus der Nase. Die Haut auf der Stirn war aufgerissen.</p><p>�Nicht aufstehen�, kr�chzte ich.</p><p>Aber er versuchte weiter auf die F��e zu kommen, schleifte den verbrannten, stinkenden Stiefel �ber den Boden.</p><p>�Um Gottes willen�, sagte ich. Ich streckte die Hand nach ihm aus, doch irgendwie entwand er sich meinem Griff. �Um Gottes willen, <emphasis>nicht aufstehen!�</emphasis></p><p>Aber schlie�lich schaffte er es, rappelte sich hoch und stand zitternd da, klar umrissen vor dem brennenden Autowrack. Er blickte nach unten, schien mich jetzt zu erkennen. �Tyler�, sagte er. �Was ist passiert?�</p><p>Dann fanden ihn die Kugeln.</p><empty-line/><p>Es gab eine Menge Leute, die Wun Ngo Wen hassten. Sie misstrauten seinen Absichten, so wie E. D. Lawton, oder verabscheuten ihn, weil sie glaubten, er sei ein Feind Gottes; weil seine Haut zuf�llig schwarz war; weil er f�r die Evolutionstheorie eintrat; weil er einen handfesten Beweis f�r den Spin und eine verst�rende Wahrheit �ber das Alter des �u�eren Universums verk�rperte. Viele dieser Leute hatten sich verschworen, ihn zu t�ten; Dutzende von Morddrohungen waren in den Akten des Heimatschutzministeriums dokumentiert.</p><p>Doch es war keine Verschw�rung, der er zum Opfer fiel. Es war eine Kombination aus Habgier, Verwechslung und vom Spin hervorgerufener R�cksichtslosigkeit.</p><p>Es war ein besch�mend irdischer Tod.</p><p>Wuns Leichnam wurde�� nach gr�ndlicher Autopsie und Probenentnahme�� einge�schert, und er bekam ein Staatsbegr�bnis mit allem, was dazugeh�rt. Dem Trauergottesdienst in der National Cathedral in Washington wohnten W�rdentr�ger aus allen Teilen der Welt bei. Pr�sident Lomax hielt eine ausf�hrliche Rede.</p><p>Es hie�, man wolle seine Asche ins All schie�en, aber dazu kam es dann doch nicht. Jason zufolge wurde die Urne vorl�ufig, bis zu einer Entscheidung �ber ihren endg�ltigen Verbleib, im Keller des Smithsonian Institute untergebracht.</p><p>Vermutlich steht sie dort heute noch.</p></section><section><title><p>Vor einbruch der Dunkelheit zu Hause</p></title><p>Ich verbrachte einige Tage in einem Krankenhaus in der N�he von Miami, genas von leichteren Verletzungen, schilderte dem FBI meine Sicht der Ereignisse und versuchte, Wuns Tod zu verarbeiten. Es war in dieser Zeit, dass ich den Entschluss fasste, Perihelion zu verlassen und eine eigene Praxis zu er�ffnen.</p><p>Ich beschloss aber auch, meine Absicht erst nach dem Replikatorenstart kundzutun; ich wollte Jason nicht zu einem so heiklen Zeitpunkt damit belasten.</p><empty-line/><p>Im Vergleich zu den gewaltigen Anstrengungen der Terraformung stellte der Abschuss der Replikatoren geradezu eine Antiklimax dar. Die Ergebnisse, so denn alles nach Plan verlief, w�rden weitaus gro�artiger ausfallen, aber die Unaufw�ndigkeit des Vorgangs�� nur eine Hand voll Raketen wurde ben�tigt, kein cleveres Timing war erforderlich�� verhinderte jede dramatische Wirkung.</p><p>Pr�sident Lomax lie� in dieser Sache nichts anbrennen. Trotz w�tender Proteste seitens der EU, der Chinesen, Russen und Inder weigerte er sich, irgendjemand au�erhalb des engsten Kreises wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Perihelion und der NASA Einblick in die Replikatorentechnologie zu gew�hren, und hatte alle entsprechenden Passagen in den ver�ffentlichten Editionen der marsianischen Archive streichen lassen. �K�nstliche Mikroben� (Lawton-Sprech) seien eine �Hochrisiko�-Technologie, sie k�nnten �waffenf�hig� gemacht werden (dies war zutreffend, wie selbst Wun einger�umt hatte), die USA seien daher verpflichtet, dieses brisante Wissen in �sichere Obhut� zu nehmen, um �nanotechnische Proliferation sowie einen neuen, t�dlichen R�stungswettlauf� zu verhindern.</p><p>Die Europ�ische Union hatte Beschwerde eingereicht und die UNO einen Untersuchungsausschuss eingesetzt, aber in einer Welt, in der auf vier Kontinenten lokale Konflikte brodelten, hatten Lomax� Argumente ein betr�chtliches Gewicht (obwohl, wie Wun ihm h�tte entgegenhalten k�nnen, die Marsianer es seit mehreren Jahrhunderten schafften, mit eben dieser Technologie zu leben�� und die Marsianer waren nicht mehr und nicht weniger menschlich als ihre terrestrischen Vorfahren).</p><p>Aus all diesen Gr�nden lockte der sp�tsommerliche Raketenstart in Canaveral nur wenige Menschen an und erregte kein sehr gro�es Medieninteresse. Wun Ngo Wen war schlie�lich tot, und die Sender hatten sich mit der Berichterstattung �ber seine Ermordung reichlich verausgabt�� die auf den Offshore-Rampen installierten vier schweren Delta-Raketen schienen da eher wie eine Fu�note zu den Begr�bnisfeierlichkeiten, oder, schlimmer noch, eine Wiederauff�hrung: die Saatguttransporte, neu aufbereitet f�r eine Zeit gesunkener Erwartungen.</p><p>Aber wenn es auch nur eine kleine Show war, so war es dennoch eine Show. Lomax kam extra eingeflogen. E. D. Lawton hatte eine H�flichkeitseinladung angenommen und sich sogar auf gutes Benehmen verpflichten lassen. Und so fuhr ich am Morgen des Starttages zusammen mit Jason zu den VIP-Logen an der �stlichen K�ste Cape Canaverals.</p><p>Die alten Offshore-Rampen�� noch gut in Schuss, nur vom Salzwasser ein wenig r�tlich verf�rbt�� waren daf�r gebaut worden, die riesigen Tr�gerraketen der Saatgut�ra aufzunehmen, die brandneuen Deltas muteten im Vergleich dazu geradezu winzig an. Nicht, dass wir auf die Entfernung nennenswerte Einzelheiten h�tten erkennen k�nnen�� nur vier wei�e S�ulen drau�en im sommerlichen Dunst des Meeres, dazu das Gitterwerk der anderen Abschussrampen, die Schienenverbindungen, die im sicheren Umkreis vor Anker liegenden Begleit- und Hilfsschiffe. Es war ein klarer, hei�er Morgen. Der Wind war b�ig�� nicht stark genug, um den Start zu gef�hrden, aber mehr als ausreichend, um die Fahnen knattern zu lassen und das wohlfrisierte Haar von Pr�sidenten Lomax zu zerzausen, als er das Podium erklomm, um zu den versammelten W�rdentr�gern und Pressevertretern zu sprechen.</p><p>Die Rede war dankenswert kurz. Lomax beschwor das Verm�chtnis Wun Ngo Wens und gab seiner tiefen �berzeugung Ausdruck, dass das Replikatorennetzwerk, das nun in die eisigen Randbereiche des Sonnensystems gepflanzt werden sollte, uns Aufschluss �ber die Natur und den Zweck des Spins verschaffen werde. In hehren Worten sprach er davon, dass die Menschheit ihre Spuren im Kosmos hinterlassen werde. (�Er meint die Galaxis�, fl�sterte Jason, �nicht den Kosmos. Und�� <emphasis>unsere Spuren hinterlassen? </emphasis>Wie ein Hund, der einen Hydranten anpinkelt? Irgendjemand sollte wirklich diese Reden gegenlesen.�) Abschlie�end zitierte der Pr�sident einen russischen Dichter aus dem neunzehnten Jahrhundert, F. I. Tjutschev:</p><poem><stanza><v>Wie ein Trugbild entschwunden ist die �uߒre Welt,</v><v>Und der Mensch, eine Waise, klein und h�sslich,</v><v>blickt�� hilflos, allein und g�nzlich nackt��</v><v>ins schwarze Nichts des Weltalls, welches unermesslich.</v><v>Alles Leben, Licht�� nur noch als Traum erscheinen sie,</v><v>da, pl�tzlich, im Scho� der tiefen Nacht,</v><v>nicht l�nger R�tsel, dennoch fremd, sieht er</v><v>ein schicksalhaftes Etwas, f�r ihn gemacht.</v></stanza></poem><p>Dann verlie� er die B�hne, und nach dem prosaischen Vorgang des R�ckw�rtsz�hlens ritt die erste Rakete auf ihrer Feuers�ule hinauf in den entr�tselten Kosmos jenseits des Himmels. Ein schicksalhaftes Etwas. F�r uns gemacht.</p><p>W�hrend alle anderen nach oben blickten, schloss Jason die Augen und faltete die H�nde im Scho�.</p><empty-line/><p>Zusammen mit den �brigen G�sten begaben wir uns anschlie�end in den Empfangsbereich, wo noch einige Pressegespr�che auf uns warteten. (Jason hatte einen Zwanzigminutentermin mit einem Kabelsender, ich war f�r zehn Minuten gebucht. Ich war �der Arzt, der Wun Ngo Wen das Leben zu retten versuchte�, obwohl ich nichts weiter getan hatte, als seinen brennenden Schuh zu l�schen und seinen K�rper aus der Schusslinie zu ziehen. Ein rascher Check�� Atmung, Puls�� hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass ich nichts f�r ihn tun konnte und es am kl�gsten war, den Kopf unten zu halten, bis Hilfe eintraf. Was ich auch den Reportern immer wieder erz�hlte, bis sie es endlich begriffen hatten, jedenfalls nicht mehr fragten.)</p><p>Pr�sident Lomax bewegte sich h�ndesch�ttelnd durch den Raum und wurde schlie�lich von seinen Beratern in Beschlag genommen und fortgezerrt. Kurz darauf lauerte E. D. Jason und mir am Bufett auf.</p><p>�Jetzt hast du also bekommen, was du wolltest�, sagte er. Der Kommentar war f�r Jason bestimmt, aber E. D. sah mich an. �Es l�sst sich nicht mehr r�ckg�ngig machen.�</p><p>�Weshalb�, erwiderte Jason, �es sich auch nicht lohnt, noch gro� dar�ber zu streiten.�</p><p>Wun und ich hatten Jason in den Monaten nach seiner Behandlung unter strengster Beobachtung gehalten. Er hatte sich einer ganzen Reihe neurologischer Tests unterzogen, darunter eine Serie von Magnetresonanz-Tomographien. Keiner der Tests hatte irgendeinen Defekt offenbart, die einzigen auff�lligen physiologischen Ver�nderungen waren auf seine Gesundung von der AMS zur�ckzuf�hren. Ein blitzsauberes Gesundheitsattest also, eindeutiger, als ich es je f�r m�glich gehalten h�tte.</p><p>Und doch schien er auf subtile Weise ver�ndert. Ich hatte Wun gefragt, ob alle Vierten einen psychologischen Wandel durchmachten. �In einem gewissen Sinne, ja�, hatte er geantwortet. Von marsianischen Vierten wurde erwartet, dass sie sich nach ihrer Behandlung anders verhielten, aber in dem Wort �Erwartung� steckte etwas Mehrdeutiges: Ja, sagte Wun, es werde �erwartet� (f�r wahrscheinlich gehalten), dass ein Vierter sich ver�ndert, aber sein Umfeld, seine Freunde und Kollegen, w�rde diese Ver�nderung auch �von ihm erwarten� (ihm abverlangen).</p><p>Wie hatte Jason sich ver�ndert? Zum einen bewegte er sich anders. Er hatte seine AMS sehr geschickt getarnt, doch nun waren sein Gang und seine Gesten wieder deutlich freier geworden. Er war der blecherne Holzf�ller nach der �lkannenbehandlung. Zwar war er noch gelegentlich missgestimmt, aber seine Launen waren nicht mehr so heftig. Er fluchte weniger�� stolperte nicht mehr so leicht in eine jener emotionalen Senkgruben, in denen das einzige noch verwendbare Wort �Schei�e� hieߠ� und scherzte h�ufiger als fr�her.</p><p>Das alles klingt gut, und das war es auch, doch es betraf nur die Oberfl�che. Andere Ver�nderungen schienen problematischer. Von der Leitung des Tagesgesch�fts bei Perihelion hatte er sich so weit zur�ckgezogen, dass sein Mitarbeiterstab ihn nur noch einmal in der Woche �ber die laufenden Gesch�fte informierte. Er hatte begonnen, marsianische Astrophysik zu studieren, unter Umgehung, wenn nicht gar krasser Missachtung der Sicherheitsbestimmungen, und das einzige Ereignis, das seine neu erlangte Gem�tsruhe durchbrach, war Wuns Tod, der ihm auf eine Weise naheging, die ich nicht recht nachvollziehen konnte.</p><p>�Dir ist klar�, sagte E. D. jetzt, �dass es das Ende von Perihelion war, was wir gerade gesehen haben.�</p><p>Das war es, in der Tat. Abgesehen von der noch zu leistenden Interpretation des Feedbacks, das wir von den Replikatoren zu erhalten hofften, war Perihelions Geschichte als zivile Raumfahrtbeh�rde zu Ende. Der Stellenabbau war bereits in vollem Gange, die H�lfte der technischen Mitarbeiter hatte ihre K�ndigung bekommen. Das wissenschaftliche Personal schrumpfte etwas langsamer, wurde aber zusehends von Universit�ten oder finanzstarken Unternehmen abgeworben.</p><p>�Dann soll es eben so sein�, gab Jason mit dem Gleichmut eines Vierten (oder einer lange unterdr�ckten Feindseligkeit gegen seinen Vater) zur�ck. �Die Arbeit, die wir zu tun hatten, ist getan.�</p><p>�Und das sagst du mir so einfach ins Gesicht.�</p><p>�Ich glaube, dass es der Wahrheit entspricht.�</p><p>�Ist es irgendwie von Bedeutung, dass ich mein Leben damit verbracht habe, das aufzubauen, was du gerade eingerissen hast?�</p><p>�Ist es von Bedeutung?� Jason �berlegte. �Nein, vermutlich nicht.�</p><p>�Mein Gott, was ist nur mit dir passiert? Wenn du einen Fehler von dieser Tragweite machst��</p><p>�Ich denke nicht, dass es ein Fehler ist.�</p><p>�� solltest du auch die Verantwortung daf�r �bernehmen.�</p><p>�Das habe ich meines Erachtens getan.�</p><p>�Denn wenn es schief l�uft, bist du derjenige, dem man die Schuld geben wird.�</p><p>�Das ist mir bewusst.�</p><p>�Den man der Meute zum Fra� vorwerfen wird.�</p><p>�Wenn es dazu kommt.�</p><p>�Ich kann dich nicht sch�tzen.�</p><p>�Das konntest du nie.�</p><empty-line/><p>Ich fuhr mit Jason zur�ck zu Perihelion. Er hatte seit neuestem ein deutsches Brennstoffzellenauto, ein Nischenfahrzeug, denn die meisten von uns benutzten immer noch die Benzinverbrenner, entwickelt von Leuten, die nicht glaubten, dass es sich noch lohnte, R�cksicht auf irgendeine Zukunft zu nehmen. Eilige Pendler �berholten uns, wollten nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein.</p><p>Ich teilte ihm mit, dass ich Perihelion verlassen und eine eigene Praxis er�ffnen wolle.</p><p>Jason schwieg eine Weile lang, beobachtete die Stra�e, von deren Belag warme Luft aufstieg, als w�rden die R�nder der Welt in der Hitze schmelzen. Dann sagte er: �Das musst du nicht, Tyler. Perihelion wird noch ein paar Jahre lang �ber die Runden kommen, und ich habe gen�gend Einfluss, um deine Stellung zu sichern. Falls n�tig, kann ich dich auch privat anstellen.�</p><p>�Aber genau das ist es ja, Jase. Es besteht keine Notwendigkeit. Ich war immer ein wenig unausgelastet bei Perihelion.�</p><p>�Du meinst, du hast dich gelangweilt?�</p><p>�K�nnte ganz gut sein, sich zur Abwechslung mal etwas n�tzlich zu machen.�</p><p>�Du f�hlst dich unn�tz? Ohne dich w�rde ich jetzt im Rollstuhl sitzen.�</p><p>�Das ist nicht mein Verdienst, das war Wun. Ich hab nur die Spritze reingedr�ckt.�</p><p>�Von wegen. Du hast mich durch das ganze Martyrium geschleust. Daf�r bin ich dir dankbar. Au�erdem� ich brauche jemand zum Reden, jemand, der nicht versucht, mich zu kaufen oder zu verkaufen.�</p><p>�Wann haben wir unser letztes richtiges Gespr�ch gef�hrt?�</p><p>�Nur weil ich damit besch�ftigt war, eine gesundheitliche Krise zu �berstehen, hei�t das doch nicht, dass es keine mehr geben wird.�</p><p>�Du bist ein Vierter, Jase. Die n�chsten f�nfzig Jahre wirst du keinen Arzt mehr brauchen.�</p><p>�Und die einzigen Leute, die das von mir wissen, sind du und Carol. Was ein weiterer Grund ist, warum ich dich nicht gehen lassen m�chte.� Er z�gerte. �Wie w�r�s, wenn du dich selber der Behandlung unterziehst? Dir f�nfzig zus�tzliche Jahre g�nnst?�</p><p>Das h�tte ich wohl tun k�nnen. Aber f�nfzig Jahre w�rden uns tief in die Heliosph�re der sich ausdehnenden Sonne tragen. Es w�re eine sinnlose Geste. �Ich w�re lieber jetzt n�tzlich.�</p><p>�Du bist also fest entschlossen zu gehen?�</p><p>E. D. h�tte gesagt: <emphasis>Bleib! </emphasis>E. D. h�tte gesagt: <emphasis>Es ist deine Aufgabe, auf ihn aufzupassen!</emphasis></p><p>E. D. h�tte so einiges gesagt.</p><p>�Ja.�</p><p>Jason packte das Lenkrad fester und starrte auf die Stra�e, als habe er dort etwas unendlich Trauriges gesehen. �Tja�, sagte er. �Dann kann ich nichts weiter tun, als dir alles Gute zu w�nschen.�</p><empty-line/><p>An meinem letzten Tag bei Perihelion beorderte das technische Personal mich in einen der inzwischen nur noch selten benutzten Konferenzr�ume, wo mir zu Ehren eine Abschiedsparty stattfand und ich einige Geschenke erhielt, die dem Anlass�� ein weiterer Abgang aus einer unaufhaltsam schwindenden Belegschaft�� angemessen waren: ein Minikaktus in einem Terrakottatopf, ein Kaffeebecher mit meinem eingravierten Namen, eine Krawattennadel in Form eines Merkurstabs.</p><p>Abends dann stand Jason mit einem problematischeren Geschenk an meiner T�r.</p><p>Es war ein verschn�rter Pappkarton. Als ich ihn �ffnete, stie� ich auf etwa ein Pfund eng bedrucktes Papier und sechs nicht n�her gekennzeichnete optische Speicherplatten.</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Medizinisches Wissen. Du kannst es als Lehrbuch betrachten.�</p><p>�Welche Art von medizinischem Wissen?�</p><p>Er l�chelte. �Aus den Archiven.�</p><p>�Den marsianischen Archiven?�</p><p>Er nickte.</p><p>�Aber das ist alles streng geheim.�</p><p>�Genau genommen, ja. Aber Lomax w�rde auch die Telefonnummer f�r den Notruf als streng geheim einstufen, wenn er der Ansicht w�re, dass er damit durchk�me. K�nnte sein, dass hier Informationen zu finden sind, die Pfizer und Eli Lilly die Gesch�ftsgrundlage entziehen. Aber deren Interessen kann ich nicht als ma�geblich empfinden. Du vielleicht?�</p><p>�Nein, aber��</p><p>�Ich glaube auch nicht, dass Wun dieses Wissen h�tte geheim halten wollen. Also habe ich in aller Stille Teile des Archivs nach au�en gegeben, an Leute, denen ich vertraue. Du musst nichts Bestimmtes damit machen, Tyler. Sieh es dir an oder ignorier es, hefte es ab�� ganz wie du willst.�</p><p>�Toll. Danke, Jase. Ein Geschenk, f�r dessen Besitz ich verhaftet werden k�nnte.�</p><p>Ein noch breiteres L�cheln. �Ich wei�, dass du das Richtige tun wirst.�</p><p>�Was immer das sein mag.�</p><p>�Du wirst es herausfinden. Ich habe Vertrauen zu dir, Tyler. Seit der Behandlung��</p><p>�Ja?�</p><p>�Scheine ich alles ein bisschen klarer zu sehen.�</p><p>Er erl�uterte das nicht weiter, und schlie�lich stellte ich den Karton zu meinem anderen Gep�ck, als eine Art Souvenir. Ich war sogar versucht, das Wort ANDENKEN draufzuschreiben.</p><empty-line/><p>Die Replikatorentechnologie war langsam sogar im Vergleich zur Terraformung eines toten Planeten. Zwei Jahre vergingen, bevor wir so etwas wie eine erkennbare R�ckmeldung von den Einheiten erhielten, die wir am Rand des Sonnensystems verstreut hatten.</p><p>Die Replikatoren waren allerdings durchaus emsig da drau�en. Kaum ber�hrt von der Schwerkraft der Sonne, taten sie das, wof�r sie gemacht waren: sich St�ck f�r St�ck, Jahrhundert f�r Jahrhundert zu vermehren, den Anweisungen folgend, die in ihr supraleitf�higes �quivalent einer DNA eingeschrieben waren. Mit der n�tigen Zeit und einem angemessenen Vorrat an Eis und kohlenstoffhaltigen Spurenelementen w�rden sie irgendwann so weit sein, nach Hause zu telefonieren. Die ersten in eine Umlaufbahn au�erhalb der Spinmembran geschickten Aufkl�rungssatelliten fielen jedoch zur Erde zur�ck, ohne ein Signal aufgenommen zu haben.</p><p>W�hrend dieser zwei Jahre gelang es mir, einen Partner zu finden�� Herbert Hakkim, ein sanftm�tiger in Bengalen geborener Arzt, der sein Praktikum ungef�hr zu der Zeit abgeschlossen hatte, als Wun den Grand Canyon besuchte��, und gemeinsam �bernahmen wir die Praxis eines Arztes in San Diego, der in den Ruhestand ging. Hakkim war offen und freundlich im Umgang mit den Patienten, aber er hatte praktisch kein Privatleben und schien damit auch recht zufrieden zu sein: au�erhalb der Sprechstunden hatten wir kaum miteinander zu tun, und ich glaube, die intimste Frage, die er mir je gestellt hat, war die, warum ich zwei Handys mit mir herumtragen w�rde. (Eines aus dem �blichen Grund; das andere, weil seine Nummer die letzte war, die ich Diane gegeben hatte. Nicht, dass es je geklingelt h�tte. Auch machte ich keinen weiteren Versuch, mit ihr in Verbindung zu treten. Aber wenn ich mich von der Nummer und dem dazugeh�rigen Handy getrennt h�tte, h�tte sie keine M�glichkeit gehabt, mich zu erreichen, und das erschien mir immer noch� nun, nicht richtig.)</p><p>Ich mochte meine Arbeit und im Gro�en und Ganzen mochte ich auch meine Patienten. Ich bekam mehr Schusswunden zu sehen, als ich erwartet hatte, aber das waren jetzt die harten Jahre des Spins: Die Kurven f�r Mord und Selbstmord begannen sich der Senkrechten anzun�hern, und man hatte den Eindruck, dass alle unter drei�ig irgendeine Art von Uniform trugen�� Armee, Nationalgarde, Heimatschutz, privater Sicherheitsdienst; es gab sogar uniformierte Scouts, die die verunsicherten Produkte sinkender Geburtsraten nach Hause geleiteten. Es war die Zeit, als Hollywood Massen von extrem gewaltt�tigen und extrem frommen Filmen auf den Markt warf, in denen der Spin nie ausdr�cklich erw�hnt wurde; denn der Spin war�� genau wie Sex in welcher Form auch immer sowie alle W�rter, die ihn bezeichneten�� von Lomax� Kulturausschuss und der Medienkontrollbeh�rde FCC aus dem �Entertainment-Diskurs� verbannt worden.</p><p>Es waren auch die Jahre, in denen die Regierung eine Reihe von Gesetzen erlie�, die dem Zweck dienten, die marsianischen Archive zu zensieren. Diese Archive, so der Pr�sident und seine Verb�ndeten im Kongress, enthielten �beraus gef�hrliches Wissen, das redigiert und gesch�tzt werden m�sse. Sie der �ffentlichkeit zug�nglich zu machen, sei das Gleiche, als w�rde man �Baupl�ne f�r eine Kofferatombombe ins Internet stellen�. Auch das anthropologische Material war davon betroffen: in der ver�ffentlichten Version wurde ein Vierter als �angesehener �lterer Mensch� definiert. Kein Wort �ber medizinisch bewirkte Langlebigkeit.</p><p>Aber wer wollte schon Langlebigkeit? Das Ende der Welt r�ckte mit jedem Tag n�her.</p><p>Falls es daf�r noch eines Beweises bedurft h�tte, so lieferte ihn das Flackern.</p><empty-line/><p>Die ersten positiven Ergebnisse aus dem Replikatorenprojekt lagen seit etwa einem halben Jahr vor, als das Flackern begann. Den Gro�teil der Neuigkeiten �ber die Replikatoren erfuhr ich von Jason, ein paar Tage bevor sie in den Medien verbreitet wurden. An sich war es nichts Spektakul�res: Ein NASA/Perihelion-Beobachtungssatellit hatte ein schwaches Signal aufgefangen, das von einem bekannten Planetenk�rper in der Oortschen Wolke stammte, ein gutes St�ck jenseits der Umlaufbahn des Pluto�� ein regelm��iger, unkodierter Signalton, der die bevorstehende Fertigstellung einer Replikatorenkolonie anzeigte (die bevorstehende Reife, k�nnte man sagen).</p><p>Was trivial anmutet�� bis man sich klar macht, was es bedeutet.</p><p>Die schlummernden Zellen einer neuartigen, von Menschenhand geformten Biologie waren auf einem Brocken staubigen Eises in den Tiefen des Weltalls gelandet. Daraufhin hatten diese Zellen einen qu�lend langsamen Stoffwechselprozess begonnen, bei dem sie die geringe Hitze der fernen Sonne absorbierten, diese benutzten, um in der N�he umherschwirrende Wasser- und Kohlenstoffmolek�le aufzuspalten, und mit Hilfe des entstandenen Rohmaterials Duplikate ihrer selbst herstellten.</p><p>Im Laufe etlicher Jahre wuchs diese Kolonie zur Gr��e, sagen wir, eines Kugellagers an. Ein Astronaut, der die unfassbar lange Reise auf sich nehmen w�rde und genau w�sste, wo er hinzusehen hatte, w�rde sie als schwarzes Gr�bchen auf dem felsig-eisigen Regolith des Wirtsk�rpers erkennen. Die Kolonie aber war um ein winziges bisschen effizienter als ihr einzelliger Vorfahr. Sie begann, schneller zu wachsen und mehr Hitze zu erzeugen. Das Temperaturgef�lle zwischen der Kolonie und ihrer Umgebung betrug nur ein Bruchteil eines Grad Kelvin�� au�er wenn Fortpflanzungssch�be latente Energie in die unmittelbare Umgebung pumpten��, aber es war stabil. Weitere Jahrtausende (oder irdische Monate) vergingen. Subprogramme im genetischen Substrat der Replikatoren, von lokalen Hitzegradienten aktiviert, modifizierten das Wachstum der Kolonie, und wie ein menschlicher Embryo produzierte die Kolonie nicht nur immer weitere, sondern nun auch spezialisierte Zellen, die Entsprechung von Herz und Lunge, Armen und Beinen. Diese besa�en Ranken, die sich in das lockere Material des Wirtsk�rpers zw�ngten, nach kohlenstoffhaltigen Molek�len gruben.</p><p>Schlie�lich begannen mikroskopisch kleine, aber sorgsam kalkulierte Dampfexplosionen die Rotation des Wirtsobjekts abzubremsen (geduldig, �ber Jahrhunderte), bis die Oberfl�che der Kolonie permanent der Sonne zugekehrt war. Jetzt nahm die Differenzierung ernsthafte Formen an: Die Kolonie stie� Kohlenstoff-Kohlenstoff- sowie Kohlenstoff-Silizium-Verbindungen aus, sie bildete monomolekulare Schnurrhaare aus, um diese Verbindungen zu verketten und sich auf der Komplexit�tsleiter nach oben zu hieven. Aus diesen Verbindungen heraus generierte sie lichtempfindliche Punkte�� Augen�� und die F�higkeit, Hochfrequenzrauschen zu erzeugen und zu verarbeiten.</p><p>Im Laufe weiterer Jahrhunderte erweiterte und verfeinerte die Kolonie diese F�higkeiten, bis sie mit einem regelm��igen Zwitschern auf sich aufmerksam machte, ein Ger�usch etwa, wie es ein neugeborener Sperling machte. Und dieses Ger�usch hatte unser Satellit aufgefangen.</p><p>Die Medien berichteten einige Tage lang�� mit Archivfotos von Wun Ngo Wen, seiner Beerdigung, des Raketenstarts�� und verga�en die Sache dann wieder. Schlie�lich war es lediglich die erste Phase dessen, wof�r die Replikatoren konzipiert waren. Nichts Aufregendes. Eher langweilig. Es sei denn, man dachte l�nger als drei�ig Sekunden dar�ber nach.</p><p>Dies war Technologie mit einem Eigenleben�� ganz buchst�blich: Ein Geist aus der Flasche, f�r immer und ewig.</p><empty-line/><p>Das Flackern kam ein paar Monate sp�ter.</p><p>Das Flackern war das erste Anzeichen f�r eine Ver�nderung oder St�rung in der Spinmembran�� wenn man die Himmelserscheinung nicht mitz�hlt, die dem chinesischen Raketenangriff auf die Polarartefakte gefolgt war, damals in der Fr�hzeit des Spins. Beide Ereignisse waren von jedem Punkt des Erdballs aus sichtbar (gewesen). Davon abgesehen, hatten sie jedoch kaum etwas gemeinsam.</p><p>Nach dem Raketenangriff schien die Spinmembran gewisserma�en ins Stottern geraten zu sein und erholte sich erst, nachdem sie Stroboskopbilder des Himmels erzeugt hatte, vervielf�ltigte Monde, kreisende Sterne.</p><p>Das Flackern war anders.</p><p>Ich beobachtete es vom Balkon meiner Vorstadtwohnung aus. Ein warmer Septemberabend. Einige der Nachbarn hatten sich schon drau�en aufgehalten, als es begann�� jetzt kamen wir alle raus. Wie schnatternde Stare hockten wir auf unseren Br�stungen.</p><p>Der Himmel war hell. Nicht von Sternen, sondern von hauchd�nnen goldenen Feuerf�den, die wie Blitze �ber den Horizont zuckten. Die F�den bewegten und verschoben sich auf v�llig unberechenbare Weise, erloschen, flammten neu auf. Es war faszinierend und furchterregend zugleich.</p><p>Und es war ein globales, kein lokal begrenztes Ereignis. Auf der Tageslichtseite des Planeten war es nur undeutlich sichtbar, vom Sonnenlicht verschluckt oder von Wolken verdeckt. In Nord- und S�damerika sowie in Westeuropa jedoch f�hrte das Schauspiel am dunklen Himmel zu Panikausbr�chen. Immerhin erwarteten wir seit etlichen Jahren das Ende der Welt, und jetzt schien es so weit zu sein�� zumindest sah es nach der Ouvert�re aus.</p><p>In dieser Nacht wurden allein in der Stadt, in der ich lebte, Hunderte von Selbstmorden oder Selbstmordversuchen, Dutzende von Morden oder T�tungen auf Verlangen verzeichnet. Offenbar gab es viele Menschen wie Molly Seagram, Menschen, die dem vorhergesagten �berkochen der Meere mit Hilfe von t�dlichen Tabletten dieser oder jener Art entgehen wollten; die einen Vorrat angelegt hatten, der auch f�r Freunde und Familie reichte. Als der Himmel aufleuchtete, entschlossen sich viele von ihnen, die letzte Reise anzutreten. Etwas voreilig, wie sich herausstellte.</p><p>Das Schauspiel dauerte etwa acht Stunden. Am n�chsten Morgen war ich im �rtlichen Krankenhaus, um in der Notaufnahme auszuhelfen. Bis Mittag hatte ich sieben F�lle von Kohlenmonoxidvergiftung gesehen, Leute, die sich mit ihrem im Leerlauf laufenden Auto in der Garage eingeschlossen hatten. Bei den meisten konnte ich nur noch den Tod feststellen, und die �berlebenden waren kaum besser dran. Menschen, die ansonsten vollkommen gesund waren, denen man tagt�glich im Supermarkt begegnet sein mochte, w�rden den Rest ihres Lebens an Beatmungsger�ten zubringen, mit irreparablen Hirnsch�den, Opfer eines fehlgeschlagenen Ausstiegsplans. Sehr unerfreulich. Doch die Schusswunden waren noch schlimmer. Ich konnte sie nicht behandeln, ohne an Wun Ngo Wen zu denken, wie er auf dem Highway in Florida gelegen hatte und das Blut aus den Tr�mmern seines Sch�dels gesprudelt war.</p><p>Acht Stunden. Dann war der Himmel wieder leer und die Sonne strahlte aus ihm heraus wie die Pointe eines schlechten Witzes.</p><p>Anderthalb Jahre sp�ter geschah das Gleiche noch einmal.</p><empty-line/><p>�Du siehst aus wie jemand, der seinen Glauben verloren hat�, sagte Hakkim einmal zu mir.</p><p>�Oder nie einen besessen hat�, erwiderte ich.</p><p>�Ich meine nicht den Glauben an Gott. Davon scheinst du vollkommen unbelastet zu sein. Der Glaube an irgendetwas anderes. Ich wei� nicht, an was.�</p><p>Das kam mir r�tselhaft vor. Ich begriff es erst nach meinem n�chsten Gespr�ch mit Jason.</p><p>Er rief mich zu Hause an (auf meinem regul�ren Handy, nicht dem verwaisten Ger�t, das ich wie einen untauglichen Gl�cksbringer mit mir herumtrug). Ich sagte: �Hallo?�, und er sagte: �Du siehst dir das bestimmt gerade im Fernsehen an.�</p><p>�Was sehe ich mir an?�</p><p>�Stell einen der Nachrichtensender ein. Bist du allein?�</p><p>Die Antwort war ja. Freiwillig. Keine Molly Seagram, die das Ende aller Tage verkomplizierte.</p><p>Der Nachrichtensender zeigte ein mehrfarbiges Diagramm, dazu ein monotoner Offkommentar. Ich stellte ihn stumm. �Was sehe ich da, Jase?�</p><p>�Eine JPL-Pressekonferenz. Es geht um den vom Orbitalempf�nger aufgenommenen Datensatz.�</p><p>Replikatorendaten, mit anderen Worten. �Und?�</p><p>�Wir sind im Gesch�ft.� Ich konnte sein L�cheln praktisch h�ren.</p><p>Der Satellit hatte multiple Radioquellen geortet, die Signale aus dem �u�eren Sonnensystem sendeten. Was bedeutete, dass mehr als eine Replikatorenkolonie zur Reife gelangt war. Komplexe Daten, sagte Jason. W�hrend die Replikatorenkolonien alterten, verlangsamte sich zwar ihr Wachstum, doch ihre Funktionen wurden raffinierter. Sie richteten sich nicht mehr nur nach der Sonne aus, um ihre Energiezufuhr zu sichern�� sie analysierten das Sternenlicht und errechneten Planetenumlaufbahnen und verglichen die Ergebnisse mit den in ihren genetischen Code eingeschriebenen Mustern. Nicht weniger als ein Dutzend voll ausgereifte Kolonien hatten haargenau die Daten zur�ckgeschickt, f�r deren Sammlung sie konzipiert worden waren, vier bin�re Datenstr�me, die Folgendes verk�ndeten:</p><empty-line/><p>1. Dies ist ein Planetensystem eines Sterns mit einer Sonnenmasse von 1,0.</p><p>2. Das System besitze acht gro�e Planetenk�rper (Pluto liegt unterhalb des wahrnehmbaren Massenlimits).</p><p>3. Zwei dieser Planeten sind optisch leer, umgeben von Spinmembranen.</p><p>4. Die berichterstattenden Replikatorenkolonien haben in den Reproduktionsmodus umgeschaltet, sto�en unspezifische Samenzellen ab und expedieren sie mittels Kometendampfexplosionen in Richtung benachbarter Sterne.</p><empty-line/><p>Dieselbe Botschaft, so Jason, sei an Benachbarte, weniger reife Kolonien geschickt worden, die in Reaktion darauf redundante Funktionen �bersprangen und ihre Energie voll und ganz auf die eigene Fortpflanzung ausrichteten.</p><p>Mit anderen Worten: Wir hatten das �u�ere Sonnensystem erfolgreich mit Wuns quasibiologischen Systemen infiziert.</p><p>Welche nunmehr Sporen bildeten.</p><p>�Das verr�t uns aber nichts �ber den Spin�, sagte ich.</p><p>�Nat�rlich nicht. Noch nicht. Doch dieses kleine Rinnsal an Information wird in nicht allzu langer Zeit zu einem rei�enden Strom werden. Bald werden wir ein Spinverzeichnis aller Sterne im Umkreis erstellen k�nnen�� und irgendwann der ganzen Galaxis. Auf dieser Grundlage sollten wir imstande sein zu deduzieren, woher die Hypothetischen kommen, wo sie �berall Spins installiert haben und was mit Spinwelten geschieht, wenn ihre Sterne expandieren und ausbrennen.�</p><p>�Aber damit w�re noch nichts wieder in Ordnung gebracht, oder?�</p><p>Er seufzte, als h�tte ich eine �u�erst dumme Frage gestellt und ihn damit schwer entt�uscht. �Nein, vermutlich nicht. Aber ist wissen nicht besser als spekulieren? Vielleicht erfahren wir, dass wir dem Untergang geweiht sind, vielleicht erfahren wir aber auch, dass uns mehr Zeit bleibt, als wir denken. Denk dran, Tyler, wir arbeiten auch noch an anderen Fronten. Wir haben uns in die theoretische Physik aus Wuns Archiven vertieft. Wenn man die Spinmembran als ein Wurmloch darstellt, das ein Objekt umschlie�t, welches auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt��</p><p>�Aber wir beschleunigen nicht. Wir bewegen uns nirgendwo hin.� Au�er geradewegs in die Zukunft.</p><p>�Nein, aber wenn du die Rechnung durchf�hrst, erh�ltst du Ergebnisse, die unseren Beobachtungen �ber den Spin entsprechen. Woraus wir Hinweise darauf gewinnen k�nnen, welche <emphasis>Kr�fte </emphasis>die Hypothetischen manipulieren.�</p><p>�Aber zu welchem Zweck, Jase?�</p><p>�Es ist noch zu fr�h, das zu sagen. In jedem Fall glaube ich nicht an die Nutzlosigkeit von Wissen.�</p><p>�Auch wenn wir sterben?�</p><p>�Jeder muss mal sterben.�</p><p>�Ich meine, wir als Gattung.�</p><p>�Das bleibt abzuwarten. Was immer der Spin sein mag, er ist mehr als eine Art ausgefeiltes globales Euthanasieprogramm. Die Hypothetischen verfolgen irgendein Ziel.�</p><p>Vielleicht. Aber genau das, begriff ich jetzt, war der Glaube, der mich verlassen hatte. Der Glaube an die Gro�e Rettung.</p><p>Alle Sorten und Geschmacksrichtungen der Gro�en Rettung. Etwa: in letzter Minute w�rden wir ein technisches Wundermittel ersinnen und uns in Sicherheit bringen. Oder: die Hypothetischen waren wohlt�tige Wesen, die den Planeten in ein Reich des Friedens verwandeln w�rden. Oder: Gott w�rde uns alle erretten, jedenfalls die wahren Gl�ubigen unter uns. Oder. Oder. Oder.</p><p>Die Gro�e Rettung. Es war eine honigs��e L�ge. Ein Rettungsboot aus Papier. Es war nicht der Spin, der meine Generation so verkr�ppelt hatte. Es war die Verlockung und der Preis der Gro�en Rettung.</p><empty-line/><p>Das Flackern kehrte ein Jahr sp�ter im Winter zur�ck, hielt achtundvierzig Stunden an und verschwand wieder. Viele von uns begannen es f�r eine Art Wetterleuchten zu halten, unvorhersehbar, aber im Grunde harmlos.</p><p>Im April gab es ein Flackern, das drei Tage dauerte und die �bertragung der Aerostatsignale st�rte. Dies rief eine neue (kleinere) Welle von Selbstmorden beziehungsweise Selbstmordversuchen hervor�� in Panik gerieten die Leute weniger durch das, was sie am Himmel sahen, als wegen des Versagens ihrer Telefone und Fernsehger�te.</p><p>Ich hatte aufgeh�rt, die Nachrichtensendungen zu verfolgen, aber bestimmte Ereignisse konnte man nicht ignorieren: die milit�rischen R�ckschl�ge in Nordafrika und Osteuropa, der von Anh�ngern eines Kults durchgef�hrte Staatsstreich in Simbabwe, der Massensuizid in Korea. Vertreter des apokalyptischen Islams erzielten in diesem Jahr gro�e Erfolge bei Wahlen in Algerien und �gypten. Ein philippinischer Kult, der sich dem Andenken an Wun Ngo Wen verpflichtet hatte�� der als pastoralistischer Heiliger, als agrarischer Gandhi angesehen wurde��, hatte in Manila einen Generalstreik angezettelt.</p><p>Und ich bekam weitere Anrufe von Jason. Er schickte mir ein Telefon mit irgendeinem eingebauten Verschl�sselungsteil, das uns seiner Einsch�tzung nach einen �ganz guten Schutz gegen Stichwortj�ger� bot, was immer das hei�en mochte.</p><p>�Klingt ein bisschen paranoid�, sagte ich.</p><p>�Sinnvoll paranoid, glaube ich.�</p><p>Vielleicht, sofern wir Dinge besprechen wollten, die die nationale Sicherheit ber�hrten. Das taten wir aber nicht, jedenfalls anfangs. Stattdessen fragte mich Jason �ber meine Arbeit aus, mein Leben, die Musik, die ich h�rte. Ich begriff, dass er versuchte, eine Gespr�chssituation herzustellen, wie sie vor zwanzig oder drei�ig Jahren bestanden hatte�� vor Perihelion, sogar noch vor dem Spin. Er habe seine Mutter besucht, berichtete er. Sie richte ihre Tage noch immer nach der Uhr und nach der Flasche aus. Im Haus habe sich nichts ge�ndert, Carol h�tte darauf bestanden. Das Personal halte alles sauber, alles an seinem Platz. Er sagte, das Gro�e Haus sei wie eine Zeitkapsel�� als w�re es in der ersten Nacht des Spins hermetisch abgeriegelt worden. Ein bisschen gespenstisch sei das.</p><p>Ich fragte ihn, ob Diane jemals anrufe.</p><p>�Diane hat schon vor Wuns Tod aufgeh�rt, mit Carol zu sprechen. Nein, wir haben nichts von ihr geh�rt.�</p><p>Dann fragte ich nach dem Replikatorenprojekt. Man hatte in letzter Zeit nichts mehr dar�ber geh�rt.</p><p>�Das JPL h�lt die Ergebnisse unter Verschluss.�</p><p>Ich h�rte die Traurigkeit in seiner Stimme. �So schlimm?�</p><p>�Es l�uft nicht nur schlecht. Jedenfalls bis vor kurzem. Die Replikatoren haben alles getan, was Wun sich von ihnen erhoffte. Erstaunliche Dinge, Tyler, ich meine, wirklich verbl�ffend. Ich w�nschte, ich k�nnte dir die Softwareverzeichnisse zeigen, die wir erstellt haben. Fast zweihunderttausend Sterne in einem Raum von Hunderten von Lichtjahren. Wir wissen inzwischen mehr �ber die Evolution der Sterne und Planeten, als ein Astronom aus E. D.s Generation sich je h�tte vorstellen k�nnen.�</p><p>�Aber nichts �ber den Spin?�</p><p>�Das habe ich nicht gesagt.�</p><p>�Und, was hast du erfahren?�</p><p>�Zum einen, dass wir nicht allein sind. Im erw�hnten Raumvolumen haben wir drei optisch leere Planeten etwa von der Gr��e der Erde gefunden, in Umlaufbahnen, die nach Erdma�st�ben bewohnbar sind oder es in der Vergangenheit waren. Der n�chstgelegene umkreist den Stern Ursa Majoris 47. Der am weitesten entfernte��</p><p>�Die Details brauche ich nicht unbedingt.�</p><p>�Wenn wir uns das Alter der betroffenen Sterne ansehen, dann scheinen die Hypothetischen irgendwo aus der Richtung des galaktischen Mittelpunkts zu stammen. Es gibt noch andere Hinweise: Die Replikatoren haben ein paar Wei�e Zwerge gefunden�� ausgebrannte Sterne im Wesentlichen, aber Sterne, die vor ein paar Milliarden Jahren wie die Sonne ausgesehen haben m�ssen��, mit Planeten in diversen Umlaufbahnen, die die solare Ausdehnung niemals h�tten �berstehen d�rfen.�</p><p>�Spin�berlebende?�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>�Bewohnbare Planeten?�</p><p>�Wir haben keine rechte M�glichkeit, das herauszufinden. Aber sie sind nicht durch Spinmembrane gesch�tzt, und ihre derzeitige stellare Umgebung ist nach unseren Ma�st�ben absolut lebensfeindlich.�</p><p>�Und was bedeutet das?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Niemand wei� das. Wir dachten, wir k�nnen ergiebigere Vergleiche anstellen, je weiter das Replikatorennetzwerk expandiert. Was wir mit den Replikatoren geschaffen haben, ist ein neurales Netzwerk von unvorstellbarer Ausdehnung. Sie reden mit sich selbst, wie Neuronen es auch tun, nur tun sie es �ber Jahrhunderte und Lichtjahre hinweg. Es ist einfach atemberaubend sch�n, Tylor. Ein Netzwerk, das gr��er ist als alles, was die Menschheit je geschaffen hat. Es sammelt Informationen, filtert sie, speichert sie, sendet sie an uns zur�ck��</p><p>�Und was ist jetzt schiefgegangen?�</p><p>Es klang, als k�nnte er es nur unter Schmerzen aussprechen. �Vielleicht das Alter. Alles altert, sogar sorgf�ltigst gesch�tzte genetische Codes. K�nnte sein, dass sie sich �ber unsere Vorgaben hinaus entwickeln. Oder��</p><p>�Ja, aber was ist passiert, Jase?�</p><p>�Die Daten werden weniger. Und wir erhalten fragmentarische, widerspr�chliche Informationen von den Replikatoren, die am weitesten von der Erde entfernt sind. Das kann alles M�gliche bedeuten. Sollten sie sterben, liegt es vielleicht daran, dass ein Fehler im Quellcode wirksam wird. Aber einige der seit langem bestehenden Knotenpunkte geben ebenfalls den Geist auf.�</p><p>�Irgendetwas hat es auf sie abgesehen?�</p><p>�Das w�re eine etwas voreilige Annahme. Ich h�tte eine andere Erkl�rung anzubieten: Als wir diese Dinger in die Oortsche Wolke geschossen haben, haben wir eine einfache interstellare �kosph�re geschaffen�� Eis, Staub und k�nstliches Leben. Aber was, wenn wir nicht die Ersten waren? Vielleicht ist die interstellare �kosph�re ja gar nicht so einfach beschaffen.�</p><p>�Du meinst, es sind noch andere Arten von Replikatoren da drau�en?�</p><p>�K�nnte sein. Jedenfalls, wenn es so ist, konkurrieren sie um die Ressourcen, ja vielleicht benutzen sie sogar <emphasis>einander </emphasis>als Ressourcen. Wir dachten, wir w�rden unsere Replikatoren in einen leeren, sterilen Raum schicken. Aber vielleicht gibt es dort schon eine andere Spezies. Eine feindliche Spezies.�</p><p>�Du glaubst, sie werden <emphasis>gefressen?�</emphasis></p><p>�Gut m�glich.�</p><empty-line/><p>Das Flackern kehrte im Juni zur�ck, um nach knapp achtundvierzig Stunden wieder zu verschwinden.</p><p>Im August gab es sechsundf�nfzig Stunden Flackern plus zeitweilige Telekommunikationsprobleme.</p><p>Als es Ende September wieder anfing, war niemand �berrascht. Den ersten Abend verbrachte ich bei geschlossenen Jalousien, k�mmerte mich nicht um den Himmel und sah mir einen Film an, den ich eine Woche zuvor heruntergeladen hatte. Einen alten Film, pr�-Spin. Ich interessierte mich dabei weniger f�r die Handlung als f�r die Gesichter, die Gesichter von Menschen, die ihr Leben ohne Angst vor der Zukunft lebten. Menschen, die sich, jedenfalls hin und wieder, ohne Ironie oder Nostalgie �ber den Mond und die Sterne unterhielten.</p><p>Dann klingelte das Telefon.</p><p>Nicht mein regul�res Telefon und auch nicht das technisch aufger�stete, das Jason mir geschickt hatte. Ich erkannte das aus drei T�nen zusammengesetzte Klingeln sofort wieder, obwohl ich es seit Jahren nicht mehr geh�rt hatte. Es klang ged�mpft�� ich hatte das Handy in der Tasche einer Jacke gelassen, die im Flurschrank hing.</p><p>Es klingelte noch zweimal, bevor ich es hervorgekramt hatte und mich melden konnte.</p><p>�Hallo?� Ich rechnete damit, dass es eine falsche Verbindung war. Ich hoffte, das ich Dianes Stimme h�ren w�rde. Hoffte es und hatte zugleich Angst davor.</p><p>Doch es war eine M�nnerstimme am anderen Ende. Simons Stimme, wie ich mit etwas Versp�tung erkannte.</p><p>�Tyler? Tyler Dupree? Bist du das?�</p><p>Ich hatte in meinem Leben genug Notrufe entgegengenommen, um die Besorgnis in seiner Stimme wahrzunehmen. �Ja, ich bin�s, Simon. Was ist los?�</p><p>�Ich d�rfte gar nicht mit dir sprechen, aber ich wei� nicht, an wen ich mich sonst wenden soll. Ich kenne keine �rzte hier in der Gegend. Und es geht ihr so schlecht. Sie ist krank, Tyler! Ich glaube nicht, dass es besser wird. Ich glaube, sie braucht��</p><p>Dann wurde die Verbindung durch das Flackern unterbrochen und es war nur noch Rauschen in der Leitung.</p></section><section><title><p>4. x 10<sup>9</sup> n. Chr.</p></title><p>Hinter Diane kamen En und zwei Dutzend seiner Cousins und Cousinen sowie noch einmal die gleiche Anzahl von Fremden, alle unterwegs in die neue Welt. Jala trieb sie hinein, dann schob er die gewellte Stahlt�r des Lagerhauses zu. Gleich wurde es wieder dunkler. Diane legte einen Arm um mich, und ich f�hrte sie zu einem halbwegs sauberen Platz unter einer der Halogenidlampen. Ibu Ina entrollte einen leeren Jutesack, auf den sie sich legen konnte.</p><p>�Der L�rm�, sagte Ina.</p><p>Diane legte sich hin und schloss die Augen, sie war sichtlich ersch�pft. Ich kn�pfte ihre Bluse auf und begann, mit aller Vorsicht, sie von der Wunde zu l�sen. �Mein Arztkoffer��</p><p>�Ja, nat�rlich.� Ina schickte En die Treppe hinauf, damit er uns beide Taschen brachte, ihre und meine. �Der L�rm��</p><p>Diane zuckte zusammen, als ich den verfilzten Stoff von dem geronnenen Blut der Wunde zog, aber ich wollte ihr kein Medikament verabreichen, bevor ich nicht das Ausma� der Verletzung gesehen hatte. �Welcher L�rm?�</p><p>�Auf den Docks m�sste um diese Zeit ein gewaltiger L�rm herrschen. Aber es ist ruhig, Man h�rt nichts.�</p><p>Ich hob den Kopf. Ina hatte Recht. Es waren keinerlei Ger�usche zu h�ren au�er den nerv�sen Unterhaltungen der Minang-Dorfbewohner und einem leisen Trommeln, das der Regen auf dem hohen Metalldach veranstaltete. Aber das war nicht der Augenblick, sich dar�ber Gedanken zu machen. �Am besten fragen Sie Jala. Vielleicht wei� er, was los ist.�</p><p>Dann wandte ich mich wieder Diane zu.</p><empty-line/><p>�Es ist nur �u�erlich�, sagte Diane. Sie holte tief Luft, die Augen vor Schmerz zusammengekniffen. �Nur ein Kratzer. Glaub ich jedenfalls.�</p><p>�Das sieht nach einer Schusswunde aus.�</p><p>�Ja. Die Reformasi haben Jalas Unterschlupf in Padang aufgesp�rt. Zum Gl�ck waren wir gerade dabei, uns aus dem Staub zu machen. <emphasis>Uh!</emphasis>�</p><p>Sie hatte Recht. Es war nur eine Fleischwunde, die allerdings gen�ht werden musste. Die Kugel war durch das Gewebe knapp oberhalb des H�ftknochens gedrungen, der Einschlag hatte, wo die Haut nicht aufgerissen war, b�se Prellungen verursacht, und es bestand die M�glichkeit, dass der Bluterguss sehr tief reichte, dass durch die Ersch�tterung eins der inneren Organe gesch�digt worden war. Sie habe kein Blut im Urin gehabt, sagte sie, und sowohl Blutdruck als auch Puls bewegten sich in einem den Umst�nden entsprechenden Bereich.</p><p>�Ich werde dir etwas gegen die Schmerzen geben. Und das hier m�ssen wir zun�hen.�</p><p>�N�h es zu, wenn du musst, aber ich will keine Medikamente. Wir m�ssen hier weg.�</p><p>�Du willst doch nicht, dass ich dich ohne Bet�ubung zusammenflicke.�</p><p>�Dann eben was �rtliches.�</p><p>�Wir sind hier nicht im Krankenhaus. F�r eine �rtliche Bet�ubung habe ich nichts dabei.�</p><p>�Dann n�h einfach los, Tyler. Ich halte das schon aus.�</p><p>Ja, aber konnte ich es auch? Ich sah meine H�nde an. Sie waren sauber�� es gab flie�endes Wasser im Waschraum der Lagerhalle��, und Ina half mir, die Latexhandschuhe �berzust�lpen, bevor ich Diane verarztete. Sauber waren sie also. Aber nicht gerade ruhig.</p><p>Ich war nie zimperlich gewesen, was meine Arbeit betraf. Schon als Medizinstudent und selbst beim Sezieren war ich imstande gewesen, das Gef�hl auszuschalten, das uns den Schmerz eines anderen mitempfinden l�sst, als sei es unser eigener. So zu tun, als sei die gerissene Arterie, die meiner Behandlung bedurfte, nicht mit einem lebendigen Menschen verbunden. So zu tun�� und es w�hrend der erforderlichen Minuten auch wirklich zu glauben.</p><p>Doch jetzt zitterte meine Hand, und die Vorstellung, eine Nadel durch diese blutigen Fleischr�nder zu sto�en, erschien mir brutal, von nicht zu rechtfertigender Grausamkeit.</p><p>Diane umfasste mein Handgelenk. �Es ist eine <emphasis>Vierten</emphasis>sache�, sagte sie.</p><p>�Was?�</p><p>�Du hast das Gef�hl, die Kugel h�tte dich getroffen statt mich. Stimmt�s?�</p><p>Ich nickte erstaunt.</p><p>�Das ist typisch f�r Vierte. Ich glaube, es soll uns zu besseren Menschen machen. Aber du bist immer noch Arzt. Du musst da durch.�</p><p>�Falls ich es nicht kann, �bergebe ich an Ina.�</p><p>Aber irgendwie ging es. Ich konnte es und ich tat es.</p><empty-line/><p>Nach einiger Zeit kehrte Ina von ihrer Besprechung mit Jala zur�ck. �Heute sollten Arbeitskampfma�nahmen stattfinden. Die Polizei und die Reformasi stehen vor den Toren und beabsichtigen, den Hafen unter ihre Kontrolle zu bringen. Man rechnet mit Zusammenst��en.� Sie sah Diane an. �Wie sieht�s aus bei Ihnen, meine Liebe?�</p><p>�Ich bin in guten H�nden�, fl�sterte Diane mit br�chiger Stimme.</p><p>Ina begutachtete meine Arbeit. �Kompetent�, erkl�rte sie.</p><p>�Danke�, erwiderte ich.</p><p>�Wenn man die Umst�nde bedenkt. Aber h�rt zu, ihr beiden. Wir m�ssen dringend weg. Das Einzige, was im Moment zwischen uns und dem Gef�ngnis steht, ist der Arbeiteraufstand. Wir m�ssen umgehend auf die <emphasis>Capetown Maru.�</emphasis></p><p>�Die Polizei sucht nach uns?�</p><p>�Ich glaube, nicht nach Ihnen speziell. Jakarta hat irgendeine Art von Vereinbarung mit den Amerikanern getroffen, das Emigrationsgewerbe zu bek�mpfen. Also wurden die Docks immer mal wieder durchsucht, hier und anderswo, unter viel �ffentlichem Get�se, damit die Leute vom US-Konsulat auch ordentlich beeindruckt sind. Nat�rlich ist das nicht von Dauer. Es geht zu viel Geld durch zu viele H�nde, als dass das Gesch�ft ernsthaft unterdr�ckt werden w�rde. Aber f�r den �u�eren Schein gibt es nichts Besseres, als wenn uniformierte Polizei ein paar Menschen aus den Lader�umen von Frachtschiffen zerrt.�</p><p>�Sie sind zu Jalas Unterschlupf gekommen�, sagte Diane.</p><p>�Ja, sie wissen �ber Sie und Dr. Dupree Bescheid, sie w�rden Sie auch gern in Gewahrsam nehmen, aber das ist nicht der Grund, warum dort drau�en Polizei steht. Es laufen nach wie vor Schiffe aus dem Hafen aus, doch nicht mehr lange. Die Gewerkschaft ist ziemlich stark hier in Teluk Bayur. Sie werden k�mpfen.�</p><p>Jala rief etwas von der T�r her, Worte, die ich nicht verstand.</p><p>�Jetzt m�ssen wir wirklich los�, sagte Ina.</p><p>�Helfen Sie mir, eine Trage f�r Diane zu machen.�</p><p>Diane versuchte sich aufzusetzen. �Ich kann gehen.�</p><p>�Nein�, sagte Ina. �In diesem Punkt muss ich Tyler Recht geben. Bewegen Sie sich m�glichst nicht.�</p><p>Wir legten weitere vern�hte Jutest�cke �bereinander und bildeten daraus eine Art H�ngematte. Ich nahm das eine Ende, und Ina wies einen der st�mmigeren Minang-M�nner an, am anderen Ende anzupacken.</p><p>�Beeilung jetzt!�, rief Jala und winkte uns in den Regen hinaus.</p><empty-line/><p>Monsunzeit. War dies ein Monsun? Der Morgen sah aus wie die Abendd�mmerung. Wolken zogen wie nasse Wollkn�uel �ber das graue Wasser von Teluk Bayur, schnitten die T�rme und Radarschirme der gro�en Doppelrumpftanker ab. Die Luft war hei� und roch �bel. Der Regen durchn�sste uns schon in der kurzen Zeit, die wir brauchten, Diane in den wartenden Wagen zu laden. Jala hatte f�r seine Emigrantentruppe einen kleinen Konvoi organisiert: drei Autos und ein paar kleine Transporter mit offenem Verdeck und harten Gummireifen.</p><p>Die <emphasis>Capetown Maru </emphasis>hatte am Ende eines hohen Betonpiers festgemacht, etwa einen halben Kilometer entfernt. In entgegengesetzter Richtung�� reihenweise Lagerhallen, aufget�rmte Industriewaren und fette rotwei�e Avigas-Beh�lter lagen dazwischen�� hatte sich eine dichte Menge von Dockarbeitern am Tor versammelt. �ber das Trommeln des Regens hinweg konnte ich jemanden durch ein Megaphon sprechen h�ren. Dann Ger�usche, die wie Sch�sse klangen.</p><p>�Steigen Sie ein.� Jala dr�ngte mich auf den R�cksitz des Autos, wo sich Diane �ber ihre Wunde beugte, als w�rde sie beten. �Schnell, schnell.� Er klemmte sich hinters Steuer.</p><p>Ich warf einen letzten Blick auf die vom Regen verwischte Menschenmenge. Ein Gegenstand von der Gr��e eines Footballs stieg �ber ihr auf, zog Spiralen von wei�em Rauch hinter sich her. Tr�nengas.</p><p>Der Wagen schoss vorw�rts.</p><empty-line/><p>�Das da ist nicht nur Polizei�, sagte Jala, als wir auf den schmalen Streifen des Kais bogen. �Die Polizei w�rde sich nicht so t�richt anstellen. Das sind New Reformasi. Schl�gertypen, die sie in den Slums von Jakarta von der Stra�e weg engagiert und in Regierungsuniformen gesteckt haben.�</p><p>Uniformen und Gewehre. Und noch mehr Tr�nengas, aufger�hrte Wolken, die im regnerischen Dunst verschwammen. Die Menge begann sich an den R�ndern aufzul�sen.</p><p>Ein fernes Krachen ert�nte, und ein Feuerball stieg ein paar Meter hoch in den Himmel.</p><p>Jala sah es im R�ckspiegel. �Mein Gott, wie idiotisch! Da muss jemand auf ein �lfass gefeuert haben. Die Docks��</p><p>Sirenen heulten �ber das Wasser, w�hrend wir den Kai entlang fuhren. Die Menschenmenge war inzwischen in Panik geraten. Jetzt konnte ich die Polizisten sehen, die in einer Linie durch das Tor dr�ngten. Einige von ihnen trugen schwere Waffen und Masken mit schwarzen Schnauzen. Ein Feuerwehrwagen rollte aus einem Schuppen und fuhr kreischend auf das Tor zu.</p><p>Wir fuhren �ber eine Reihe von Rampen und hielten dort, wo der Pier sich auf einer H�he mit dem Hauptdeck der <emphasis>Capetown Maru </emphasis>befand, ein alter, unter Billigflagge fahrender Frachter, wei� und rostorange gestrichen. Eine st�hlerne Gangway war zwischen Hauptdeck und Pier ausgelegt worden, und die ersten Minang hatten sie bereits bestiegen.</p><p>Jala sprang aus dem Auto, und als ich Diane auf den Kai bugsiert hatte�� auf ihren eigenen F��en, an mich gelehnt, die Jutebahre hatten wir zur�ckgelassen��, war er bereits in eine hitzige, auf Englisch gef�hrte Diskussion mit einem Mann am Ende der Gangway verwickelt: der Kapit�n oder Steuermann des Schiffes vielleicht, jedenfalls jemand, der mit entsprechender Autorit�t ausgestattet war, ein untersetzter Mann mit einem Sikh-Turban und zusammengebissenen Z�hnen.</p><p>�Es war schon vor Monaten vereinbart�, sagte Jala.</p><p>�� aber dieses Wetter��</p><p>�� bei <emphasis>jedem </emphasis>Wetter��</p><p>�� ohne Genehmigung der Hafenbeh�rde��</p><p>�� ja, aber es ist keine Hafenbeh�rde da� Sehen Sie!�</p><p>Es sollte eine rhetorische Geste sein. Doch Jalas ausladende Handbewegung richtete sich gerade in dem Moment auf die Benzin- und Gasbunker nahe des Haupttors, als einer der gro�en Beh�lter explodierte.</p><p>Ich sah es nicht. Die Ersch�tterung dr�ckte mich in den Beton, und ich f�hlte die Hitze im Nacken. Der Krach war gewaltig. Ich rollte mich auf den R�cken, das Dr�hnen noch in den Ohren. Das Avigas, dachte ich. Oder was immer hier gelagert wurde. Benzol. Kerosin. Heiz�l oder sogar rohes Palm�l. Das Feuer musste sich ausgebreitet haben, oder die schlecht ausgebildeten Polizisten hatten in die falsche Richtung geschossen. Ich drehte den Kopf und fand Diane neben mir, mehr verwirrt als �ngstlich. Ich dachte: Ich kann den Regen gar nicht h�ren. Aber da war ein anderes, erschreckenderes Ger�usch: das Klirren herabst�rzender Metallsplitter. Brennend schlugen sie auf den Pier und das Deck der <emphasis>Capetown Maru.</emphasis></p><p>�Kopf einziehen�, rief Jala mit gurgelnder Stimme, wie unter Wasser. �Alle Mann runter mit den K�pfen!�</p><p>Ich versuchte Diane mit meinem K�rper abzudecken. Brennendes Metall fiel etliche Sekunden lang wie Hagel um uns herum zu Boden oder klatschte in das dunkle Wasser hinter dem Schiff. Dann h�rte es pl�tzlich auf. Nur noch der Regen fiel, sanft wie Fl�stern.</p><p>Wir rappelten uns hoch. Jala war schon wieder dabei, Leute auf die Gangway zu schieben, wobei er �ngstliche Blicke zur�ck auf die Flammen warf. �Das muss nicht der Letzte gewesen sein! Kommt an Bord, los, los!� Er lotste die Dorfbewohner an der <emphasis>Capetown</emphasis>-Mannschaft vorbei, die damit besch�ftigt war, Br�nde an Deck zu l�schen und die Leinen zu werfen.</p><p>Rauch trieb auf uns zu, verdeckte die Sicht auf das Geschehen an Land. Ich zog Diane mit mir. Sie zuckte bei jedem Schritt zusammen, und Blut aus ihrer Wunde sickerte in den Verband. Wir waren die Letzten auf der Gangway. Einige Matrosen schickten sich schon an, die Metallkonstruktion hinter uns einzuziehen, die H�nde an den Winden, die Augen auf die Feuers�ulen im Hafen gerichtet.</p><p>Die Maschinen der <emphasis>Capetown Maru </emphasis>dr�hnten unter Deck. Jala sah mich und lief herbei, um Dianes anderen Arm zu nehmen. Diane registrierte seine Anwesenheit. �Sind wir sicher?�, fragte sie.</p><p>�Nicht, bevor wir aus dem Hafen raus sind.�</p><p>Auf dem gr�ngrauen Wasser ert�nten H�rner und Pfeifen. Jegliches Schiff, dem das m�glich war, setzte sich jetzt in Bewegung. Jala blickte zum Kai zur�ck und erstarrte. �Ihr Gep�ck.�</p><p>Es war auf einen der kleinen Transporter geladen worden. Zwei ramponierte Hartschalenkoffer voller Papiere, Pharmazeutika und digitaler Speichermedien. Sie lagen noch da, einsam und verlassen.</p><p>�Fahrt die Gangway wieder aus�, rief Jala den Matrosen zu.</p><p>Sie blinzelten ihn an, waren sich nicht sicher, ob er hier irgendetwas zu bestimmen hatte. Der Erste Offizier war schon zur Br�cke gegangen. Jala warf sich in die Brust und reif etwas Heftiges in einer Sprache, die ich nicht kannte. Die Matrosen zuckten mit den Achseln und lie�en die Gangway auf den Kai zur�ckrasseln.</p><p>Die Schiffsmotoren liefen warm, gaben einen satten Ton von sich.</p><p>Ich rannte �ber die Gangway, das gewellte Aluminium dr�hnte unter meinen F��en. Ich schnappte mir die Koffer, warf einen letzten Blick zur�ck: Etwa ein Dutzend uniformierter New Reformasi kam auf die <emphasis>Capetown Maru </emphasis>zugelaufen. �Legt ab�, rief Jala, als kommandiere er das Schiff. �Schnell, legt ab!� Die Gangway wurde eingezogen. Ich warf das Gep�ck an Bord und sprang hinterher. Erreichte das Deck, bevor sich das Schiff in Bewegung setzte.</p><p>Dann explodierte ein weiterer Avigas-Tank, und wir wurden von der Ersch�tterung zu Boden geworfen.</p></section><section><title><p>Von Tr�umen umzingelt</p></title><p>Die n�chtlichen Schlachten zwischen Stra�enpiraten und kalifornischer Polizei machten das Reisen zu einer ohnehin beschwerlichen Angelegenheit. Durch das Flackern jedoch wurde alles noch schlimmer. Offizielle Stellen warnten dringend vor jedem nicht unbedingt n�tigen Reiseverkehr w�hrend der Flackerphasen, aber das hielt die Leute nicht von dem Versuch ab, Familie oder Freunde zu erreichen, und in manchen F�llen auch nicht davon, einfach ins Auto zu steigen und zu fahren, bis ihnen das Benzin oder die Lebenszeit ausging. Ich packte in aller Eile einige Koffer, in die ich alles hineinstopfte, was ich nicht zur�cklassen wollte, einschlie�lich des Archivmaterials, das mir Jason gegeben hatte.</p><p>An diesem Abend staute sich der Verkehr auf dem Alvarado Freeway, und auch auf der I-8 ging es kaum schneller voran. Ich hatte jede Menge Zeit, �ber die Absurdit�t meines Vorhabens nachzudenken. Hals �ber Kopf loszufahren, um die Frau eines anderen Mannes zu retten, eine Frau, die mir einmal mehr bedeutet hatte, als gut f�r mich war. Wenn ich die Augen schloss und mir Diane Lawton vorzustellen versuchte, dann bekam ich kein zusammenh�ngendes Bild mehr zusammen, nur eine verwischte Montage einzelner Momente und Gesten. Diane, wie sie sich mit einer Hand die Haare zur�ckstreicht und sich ins Fell von St. Augustine, ihrem Hund, vergr�bt. Diane, wie sie f�r ihren Bruder ein Internetlink in den Ger�teschuppen schmuggelt, wo die auseinander gebauten Teile eines Rasenm�hers auf dem Boden liegen. Diane im Schatten einer Weide, wie sie viktorianische Lyrik liest und �ber eine Textstelle l�chelt, die ich nicht verstanden habe: <emphasis>Wo der Sommer reift zu jeder Stunde </emphasis>oder <emphasis>Das Kind hat nicht mal wahrgenommen�</emphasis></p><p>Ich war an El Centro vorbei, als das Radio �erhebliche� Polizeiaktivit�ten westlich von Yuma meldete und der Verkehr sich an der Staatsgrenze auf mindestens f�nf Kilometern staute. Ich beschloss, keine lange Verz�gerung zu riskieren, und bog auf eine kleinere Verbindungsstra�e mit der Absicht, die I-10 anzusteuern, die die Staatsgrenze in der N�he von Blythe querte.</p><p>Die Stra�e war weniger voll, aber immer noch recht belebt. Das Flackern lie� die Welt irgendwie auf den Kopf gestellt erscheinen, oben dunkler als unten. Gelegentlich zuckte eine besonders dicke Lichtader vom n�rdlichen zum s�dlichen Horizont, als w�rde sich in der Spinmembran ein Riss auftun, als w�rden sich Bruchst�cke des dahinter liegenden Universums hindurchbrennen.</p><p>Ich dachte an das Telefon in meiner Tasche, Dianes Telefon, die Nummer, die Simon angerufen hatte. Es hatte keine R�ckrufnummer angezeigt, und die Ranch�� falls sie sich �berhaupt noch auf der Ranch aufhielten�� war nicht im Telefonverzeichnis registriert. Ich wollte, dass es noch einmal klingelte. Wollte es�� und hatte doch auch Angst davor.</p><p>Der Verkehr nahm wieder zu, als die Stra�e sich dem Highway bei Palo Verde n�herte. Es war inzwischen nach Mitternacht, und ich schaffte bestenfalls f�nfzig Kilometer pro Stunde. Ich dachte an Schlaf. Ich brauchte Schlaf. Kam zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich besser w�re, heute nicht mehr weiterzufahren, erst mal zu schlafen, dem Verkehr Zeit zu geben, sich aufzul�sen. Aber ich wollte nicht im Auto �bernachten. Die wenigen geparkten Autos, die ich gesehen hatte, waren von ihren Besitzern verlassen und dann gepl�ndert worden, die aufgebrochenen Kofferraumklappen wie vor Schreck aufgerissene M�nder.</p><p>S�dlich einer kleinen Stadt namens Ripley sah ich, kurz im Scheinwerferlicht aufblitzend, ein verblichenes Schild mit der Aufschrift MOTEL und dahinter eine zweispurige, kaum befestigte Stra�e, die sich vom Highway entfernte. Ich bog ab. F�nf Minuten sp�ter stand ich vor einem umz�unten Gel�nde, auf dem sich ein Motel befand, oder auch ein ehemaliges Motel, ein zweist�ckiges Geb�ude, hufeisenf�rmig um einen Swimmingpool herumgezogen, der im Licht des flackernden Himmels leer aussah. Ich dr�ckte auf den Klingelknopf.</p><p>Das Tor war ferngesteuert und mit einer handtellergro�en, auf einem hohen Mast befestigten Videokamera ausgestattet, die jetzt herumschwenkte, um mich in Augenschein zu nehmen, w�hrend ein auf Autofensterh�he angebrachter Lautsprecher rauschend zum Leben erwachte. Von irgendwoher, aus dem Empfang des Motels oder sonstwo, konnte ich ein paar Takte Musik h�ren. Keine programmierte Musik, einfach Musik, die im Hintergrund lief. Dann eine Stimme. Schroff, metallisch, unfreundlich. �Wir nehmen heute Abend keine G�ste.�</p><p>Ich lie� ein paar Augenblicke vergehen, dann klingelte ich noch einmal.</p><p>Die Stimme kehrte zur�ck. �Welchen Teil haben Sie eben nicht verstanden?�</p><p>�Ich kann bar bezahlen�, sagte ich, �falls das ein Kriterium ist. Und ich werde mich auch nicht �ber den Preis beschweren.�</p><p>�Wir haben geschlossen, tut mir Leid, Kollege.�</p><p>�Okay� h�ren Sie, ich kann im Auto schlafen, aber w�r�s m�glich, dass ich auf das Gel�nde fahre, um ein bisschen Schutz zu haben? Vielleicht, dass ich hinter dem Geb�ude parke, wo ich von der Stra�e aus nicht gesehen werden kann?�</p><p>L�ngere Pause. Ich h�rte eine Trompete, die eine Snaredrum vor sich herjagte. Der Song klang vertraut.</p><p>�Tut mir Leid. Heute nicht. Fahren Sie bitte weiter.�</p><p>Stille. Minuten vergingen. Eine Grille s�gte in der kleinen Oase aus Palmen und Feinkies vor dem Motel. Noch einmal dr�ckte ich auf die Klingel.</p><p>Der Besitzer war schnell wieder da. �Ich kann Ihnen eins sagen, Mister, wir sind bewaffnet und werden langsam sauer. Es w�re besser, wenn Sie sich einfach wieder auf den Weg machten.�</p><p>�Harlem Air Shaft�, sagte ich.</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Der Song, der bei Ihnen l�uft. Ellington, oder? Harlem Air Shaft. Klingt nach seiner 50er-Jahre-Band.�</p><p>Noch einmal eine ziemlich lange Pause, w�hrend der der Lautsprecher eingeschaltet blieb. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich richtig lag, obwohl ich diese Ellington-Nummer seit Jahren nicht mehr geh�rt hatte.</p><p>Dann h�rte die Musik auf, ihr d�nner Faden mitten im Takt gekappt. �Au�er Ihnen noch jemand im Auto?�</p><p>Ich lie� das Fenster hinunter und schaltete die Innenbeleuchtung ein. Die Kamera machte einen Schwenk, richtete sich dann wieder auf mich.</p><p>�Na sch�n. Sagen Sie mir, wer in diesem St�ck die Trompete spielt, und ich mach das Tor auf.�</p><p>Trompete? Wenn ich an Ellingtons 50er-Jahre-Truppe dachte, fiel mir Paul Gonsalvez ein, aber Gonsalvez spielte Saxophon. Es hatte eine ganze Hand voll von Trompetern gegeben. Cat Anderson? Willie Cook? Es war zu lange her.</p><p>�Ray Nance�, sagte ich.</p><p>�Falsch. Clark Terry. Aber Sie k�nnen trotzdem reinkommen.�</p><empty-line/><p>Der Besitzer kam mir entgegen, als ich vor der Eingangst�r hielt. Ein hochgewachsener Mann, etwa vierzig, in Jeans und einem �ber der Hose getragenen karierten Hemd. Er nahm mich sorgf�ltig in Augenschein. �Nichts f�r ungut�, sagte er, �aber beim ersten Mal, als das passiert ist�� Er deutete zum Himmel, auf das Flackern, das seine Haut gelblich f�rbte und den Stuckw�nden einen bl�sslich ockerfarbenen Anstrich verlieh. �Nun, als sie die Grenze bei Blythe zumachten, haben die Leute hier bei mir um Zimmer gek�mpft. Ich meine, buchst�blich gek�mpft. Ein paar Typen haben mich mit Waffen bedroht, genau da, wo Sie jetzt stehen. Was ich in der Nacht an Geld eingenommen hatte, musste ich doppelt wieder ausgeben f�r Reparaturen. Die Leute haben in ihren Zimmern gesoffen, rumgekotzt, alles kaputt gemacht. Auf der I-10 dr�ben war�s noch schlimmer�� den Nachtportier vom Days Inn haben sie erstochen. Danach habe ich dann sofort den Sicherheitszaun installiert. Wenn jetzt das Flackern wieder anf�ngt, schalte ich einfach das ZIMMER FREI-Schild ab und mach den Laden dicht, bis es vorbei ist.�</p><p>�Und legen Duke auf.�</p><p>Er l�chelte. Wir gingen nach drinnen, damit ich mich eintragen konnte. �Duke�, sagte er, �oder Pops oder Diz. Miles, wenn ich in der richtigen Stimmung bin. Nichts, was sp�ter als 1965 ist.� Der Empfang war ein schummrig beleuchteter, unspezifisch tapezierter Raum, ausgestattet mit allerlei alten Westernmotiven, und durch die T�r zum Allerheiligsten des Besitzers�� es sah so aus, als w�rde er dort wohnen�� wehte nach wie vor Musik heraus. Er inspizierte die Kreditkarte, die ich ihm gegeben hatte.</p><p>�Dr. Dupree.� Er gab mir die Hand. �Ich bin Allen Fulton. Sind Sie Richtung Arizona unterwegs?�</p><p>Ich sagte, dass es mich vor der Grenze von der Interstate vertrieben hatte.</p><p>�Ich wei� nicht, ob es Ihnen auf der I-10 besser ergehen wird. In einer Nacht wie dieser scheinen alle Leute aus Los Angeles nach Osten zu wollen. Als w�re das Flackern so etwas wie ein Erdbeben oder eine Flutwelle.�</p><p>�Werde sicher bald weiterfahren.�</p><p>Er reichte mir einen Schl�ssel. �Schlafen Sie erst mal ein bisschen. Ein Rat, der nie verkehrt ist.�</p><p>�Ist das mit der Karte in Ordnung? Falls Sie lieber Bargeld m�chten��</p><p>�Die Karte ist so gut wie Bargeld, solange die Welt nicht untergeht. Und wenn sie das tut, werde ich keine Zeit mehr haben, mich zu �rgern.�</p><p>Er lachte. Ich versuchte zu l�cheln.</p><p>Zehn Minuten sp�ter lag ich vollst�ndig bekleidet auf einem harten Bett in einem Zimmer, das nach Antiseptika in verschiedenen Duftnoten sowie einer zu feucht eingestellten Klimaanlage roch, und fragte mich, ob ich nicht doch h�tte weiterfahren sollen. Ich legte das Handy auf den Nachttisch, schloss die Augen und schlief sofort ein.</p><empty-line/><p>Und erwachte wieder. Nach weniger als einer Stunde. Aufgeschreckt, ohne zu wissen, wovon.</p><p>Ich setzte mich auf und sah mich im Zimmer um, glich die verschiedenen Grauschattierungen mit meiner Erinnerung ab. Schlie�lich richtete sich meine Aufmerksamkeit auf das fahle Rechteck des Fensters, in dem, bevor ich eingeschlafen war, noch das Licht pulsiert hatte.</p><p>Das Flackern hatte aufgeh�rt.</p><p>Was dem Schlaf eigentlich h�tte f�rderlich sein m�ssen, aber ich wusste�� wie man eben derlei Dinge weiߠ�, dass ich nicht mehr w�rde schlafen k�nnen. Ich trank eine Tasse Kaffee, den ich in der kleinen, zum Zimmer geh�renden Maschine kochte. Eine halbe Stunde sp�ter sah ich wieder auf die Uhr. Viertel vor zwei. Tiefste Nacht. Die Zone verlorengegangener Objektivit�t. Ich konnte genauso gut unter die Dusche springen und mich wieder auf den Weg machen.</p><p>Ich zog mich an und ging so leise wie m�glich zum Empfang, mit der Absicht, den Schl�ssel einfach in den Briefkasten zu werfen, doch Fulton war ebenfalls noch wach, das Licht des Fernsehers schimmerte aus seinem Zimmer. Er streckte den Kopf heraus, als er mich an der T�r rumoren h�rte.</p><p>Er machte einen etwas merkw�rdigen Eindruck. Betrunken vielleicht oder stoned. Er blinzelte ein paarmal, bevor er mich erkannte. �Dr. Dupree�, sagte er.</p><p>�Tut mir Leid, dass ich Sie schon wieder aufscheuche. Ich finde keine Ruhe und fahre lieber weiter. Trotzdem vielen Dank f�r Ihre Gastfreundschaft.�</p><p>�Erkl�rungen sind nicht n�tig. Ich w�nsche Ihnen was. Wollen hoffen, dass Sie vor Sonnenaufgang noch irgendwo hinkommen.�</p><p>�Das hoffe ich auch.�</p><p>�Also, ich seh�s mir einfach im Fernsehen an.�</p><p>�Im Fernsehen?� Pl�tzlich war ich mir nicht mehr sicher, wovon eigentlich die Rede war.</p><p>�Hab den Ton runtergedreht, will Jody nicht aufwecken. Hatte ich Jody erw�hnt? Meine Tochter. Sie ist zehn. Ihre Mutter lebt in La Jolla mit einem M�belhandwerker zusammen. Die Sommer verbringt Jody bei mir. Hier drau�en in der W�ste. Was f�r ein Schicksal, wie?�</p><p>�Nun ja��</p><p>�Aber ich will sie nicht wecken.� Fulton wirkte pl�tzlich ern�chtert. �Ist das falsch von mir? Sie einfach schlafen zu lassen w�hrenddessen? Vielleicht sollte ich sie doch aufwecken. Wenn ich�s mir recht �berlege: Sie hat sie ja nie gesehen. Sie ist erst zehn. Kennt sie �berhaupt nicht. Sch�tze, das ist ihre letzte Chance.�</p><p>��h, tut mir Leid, aber ich wei� nicht, wovon��</p><p>�Sie sind jetzt allerdings anders. Nicht so, wie ich sie in Erinnerung habe. Nicht, dass ich mich je besonders gut ausgekannt h�tte�� aber fr�her, wenn man abends oft drau�en war, hat man sie doch zwangsl�ufig ein bisschen kennen gelernt.�</p><p>�Was kennen gelernt?�</p><p>Er blinzelte. �Die Sterne.�</p><empty-line/><p>Wir gingen hinaus, stellten uns neben den Swimmingpool und blickten auf den Himmel.</p><p>Der Pool hatte schon lange kein Wasser mehr gesehen. Staub und Sand bildeten D�nen auf dem Grund, an den W�nden hatte sich jemand mit lila Graffiti verewigt. Wind lie� ein Metallschild�� KEINE BADEAUFSICHT�� gegen die Zaunverstrebungen klappern. Der Wind war warm und kam aus Osten.</p><p>Die Sterne.</p><p>�Sehen Sie?�, sagte Fulton. �Ganz anders. Ich kann keines von den alten Sternbildern erkennen. Alles sieht irgendwie so� verstreut aus.�</p><p>Mehrere Milliarden Jahre k�nnen so etwas bewirken. Alles altert, sogar der Himmel, alles strebt einem H�chstma� an Entropie, Unordnung, Zuf�lligkeit entgegen. Unsere Galaxis war in den vergangenen drei Milliarden Jahren von unsichtbaren Kr�ften m�chtig durcheinander gewirbelt worden, ja hatte sich mit einer kleineren Satellitengalaxis�� M41 in den alten Katalogen�� vermischt, sodass die Sterne nun in ganz und gar nichtssagender Anordnung am Himmel verteilt waren.</p><p>�Alles klar mit Ihnen, Dr. Dupree? Vielleicht wollen Sie sich lieber hinsetzen.�</p><p>Zu bet�ubt, um zu stehen, ja. Ich setzte mich auf den gummierten Beton, lie� die F��e in den leeren Pool baumeln, und blickte immerfort nach oben. Nie zuvor hatte ich etwas so Sch�nes oder so Furchterregendes gesehen.</p><p>�Nur noch wenige Stunden bis Sonnenaufgang�, murmelte Fulton.</p><p>Ja, hier. Weiter �stlich, irgendwo �ber dem Atlantik, musste die Sonne bereits �ber den Rand des Horizonts gestiegen sein. Ich wollte ihn danach fragen, aber da ert�nte eine piepsige Stimme aus dem Schatten nahe beim Eingang.</p><p>�Dad? Ich hab dich reden h�ren.� Jody, die Tochter. Sie kam z�gernd n�her. Sie trug einen wei�en Pyjama und war in ein Paar Schuhe geschl�pft, ohne sie zuzubinden. Sie hatte ein breites Gesicht�� schlicht, aber h�bsch�� und schl�frige Augen.</p><p>�Komm her, mein Schatz�, sagte Fulton. �Setz dich auf meine Schultern und sieh dir den Himmel an.�</p><p>Sie kletterte, immer noch verwirrt, an ihm hoch, und Fulton hob sie, die H�nde um ihre Fu�kn�chel gelegt, der glitzernden Dunkelheit entgegen.</p><p>�Sieh nur, Jodie�, sagte er und l�chelte ungeachtet der Tr�nen, die ihm �ber das Gesicht liefen. �Wie weit man heute Nacht sehen kann. Heute kann man praktisch bis ans Ende der Welt sehen.�</p><empty-line/><p>Ich ging wieder rein, um zu sehen, was es im Fernsehen an Nachrichten gab. Das Flackern hatte vor etwa einer Stunde aufgeh�rt. Es war einfach verschwunden, zusammen mit der Spinmembran. Der Spin war so still zu Ende gegangen, wie er begonnen hatte, ohne Fanfare, �berhaupt ohne Ger�usch, abgesehen von einem atmosph�rischen Rauschen von der Sonnenseite des Planeten her.</p><p>Die Sonne.</p><p>Drei Milliarden und ein paar zerquetschte Jahre �lter geworden. Ich versuchte mich daran zu erinnern, was Jason mir �ber ihren Zustand erz�hlt hatte. T�dlich, keine Frage. Das Bild von �berkochenden Meeren war in den Medien lang und breit ausgemalt worden�� aber hatten wir diesen Punkt schon erreicht? War bis Mittag alles vorbei, oder blieb noch Zeit bis zum Ende der Woche?</p><p>Spielte das �berhaupt eine Rolle?</p><p>Ich schaltete den kleinen Videoschirm in meinem Zimmer an und stie� auf eine Live�bertragung aus New York. Es hatte keine gr��ere Panik gegeben�� zu viele Leute schliefen noch oder hatten auf die morgendliche Fahrt zur Arbeit verzichtet, nachdem sie aufgewacht waren, die Sterne erblickt und die naheliegenden Schl�sse daraus gezogen hatten. Das Nachrichtenteam hatte, wie in einem Fiebertraum heroischen Journalismus, auf dem Dach eines Geb�udes auf Staten Island eine Kamera aufgebaut. Das Licht war tr�be, der �stliche Himmel hellte sich auf, doch es war noch nichts zu sehen.</p><p>Seit dem Ende des Flackerns, wurde mitgeteilt, sei keine Verbindung nach Europa zustandegekommen, was auf elektrostatische Interferenzen zur�ckzuf�hren sein k�nnte�� vielleicht hatte das ungefilterte Sonnenlicht alle von den Aerostaten �bermittelten Signale geschluckt. Es war noch zu fr�h, um allzu unheilvolle Schl�sse zu ziehen. �Da wir noch keine offiziellen Reaktionen haben�, sagte der Moderator, �ist der beste Rat, den wir Ihnen geben k�nnen, wie immer der, zu Hause vor den Ger�ten zu bleiben und abzuwarten, bis sich die Lage gekl�rt hat.�</p><p>�Gerade heute�, erg�nzte seine Komoderatorin, �werden alle Leute m�glichst bei ihren Familien bleiben wollen.�</p><p>Ich sa� auf der Bettkante meines Motelzimmers und sah weiter zu.</p><p>Bis die Sonne aufging.</p><p>Die Kamera fing sie zun�chst als eine karmesinrote Wolkenschicht ein, die �ber den �ligen Horizont des Atlantiks strich. Dann kam ein gl�hender Rand, und Filter schoben sich vors Objektiv, um das grelle Licht abzud�mpfen.</p><p>Ihr Umfang war schwer abzusch�tzen, aber sie stieg auf�� nicht ganz rot, eher ein r�tliches Orange, sofern dies nicht Resultat von Kameramanipulationen war��, bis sie �ber dem Meer, �ber Queens und Manhattan schwebte, zu gro� eigentlich, um als Himmelsk�rper durchzugehen, eher wie ein gewaltiger, mit bernsteinfarbenem Licht gef�llter Ballon.</p><p>Ich wartete auf weitere Kommentare, doch das Bild blieb stumm, bis zu einem Studio im mittleren Westen, dem Ausweichhauptquartier des Senders, umgeschaltet wurde und jemand ins Bild kam, der zu schlecht zurechtgemacht war, als dass es sich um einen regul�ren Moderator handeln konnte, und der v�llig sinnlose Warnungen von sich gab. Ich schaltete den Apparat aus.</p><p>Und trug mein Gep�ck zum Auto.</p><p>Fulton und Jody kamen aus dem B�ro, um mich zu verabschieden. Pl�tzlich waren sie alte Freunde, denen es Leid tat, dass ich gehen musste. Jody sah ziemlich �ngstlich aus. �Sie hat mit ihrer Mama gesprochen�, sagte Fulton. �Die hatte noch nichts von den Sternen geh�rt.�</p><p>Ich versuchte mir das fr�hmorgendliche Gespr�ch auszumalen: Wie Jody aus der W�ste anruft und ihrer Mutter etwas mitteilt, das diese als unmittelbares Bevorstehen des Weltuntergangs begreifen muss. Wie Jodys Mutter Abschiedsworte an ihre Tochter richtet und zugleich versucht, sie nicht zu Tode zu erschrecken, sie vor der schrecklichen Wahrheit zu sch�tzen.</p><p>Nun lehnte Jody sich gegen ihren Vater, und dieser legte z�rtlich den Arm um sie. �M�ssen Sie wirklich wegfahren?�, fragte sie.</p><p>Ich nickte.</p><p>�Wenn Sie wollen, k�nnen Sie n�mlich hier bleiben. Hat mein Papa gesagt.�</p><p>�Mr. Dupree ist Arzt�, sagte Fulton sanft. �Vermutlich muss er einen Hausbesuch machen.�</p><p>�Das stimmt�, erwiderte ich. �Das muss ich.�</p><empty-line/><p>Viele Menschen benahmen sich sehr schlecht an diesem Morgen, in ihren vermeintlich letzten Stunden. Es war, als sei das Flackern nur eine Probe f�r das bevorstehende Ende gewesen. Wir hatten die Vorhersagen geh�rt: brennende W�lder, sengende Hitze, verdampfende Meere. Die Frage war nur, ob es einen Tag, eine Woche oder einen Monat dauern w�rde.</p><p>Und so schlugen wir Fenster ein, nahmen das, was uns gefiel, nahmen jeden Plunder, den uns das Leben vorenthalten hatte. M�nner versuchten Frauen zu vergewaltigen, wobei etliche von ihnen feststellen mussten, dass der Verlust aller Hemmungen in beide Richtungen funktionierte und das vermeintliche Opfer die F�higkeit entwickelte, seinem Widersacher ins Auge zu stechen oder in die Hoden zu treten. Alte Rechnungen wurden mit der Waffe beglichen. Die Selbstmorde waren Legion. (Ich dachte an Molly. Wenn sie nicht schon seit dem ersten Flackern tot war, dann starb sie mit Sicherheit jetzt, starb vielleicht sogar voller Befriedigung �ber das Aufgehen ihres Plans. Zum ersten Mal �berkam mich das Bed�rfnis, um sie zu weinen.)</p><p>Doch es gab auch Inseln des Anstands und Handlungen von heroischer Selbstlosigkeit. Die Interstate 10 an der Grenze nach Arizona war eine solche Insel.</p><p>W�hrend des Flackerns war eine Abteilung der Nationalgarde an der Br�cke �ber den Colorado River stationiert gewesen. Die Soldaten waren jedoch kurz nach dem Ende des Flackerns verschwunden, zur�ckbeordert vielleicht oder einfach auf ungenehmigtem Urlaub, unterwegs nach Hause, und ohne sie h�tte die Br�cke zu einem unpassierbaren Nadel�hr werden k�nnen.</p><p>Wurde sie aber nicht. Ein Dutzend Zivilisten, Freiwillige mit Taschenlampen oder Signalleuchten aus ihrer Notfallausr�stung, hatte die Aufgabe �bernommen, den Verkehr zu regeln. Und sogar die ewig Eiligen�� die Leute, die bis Sonnenaufgang noch eine weite Strecke zur�cklegen wollten oder mussten, nach New Mexico, Texas oder sogar Louisiana, falls ihnen der Motor nicht vorher wegschmolz��, sogar sie schienen zu begreifen, dass das notwendig war, dass jeder Versuch, sich vorzudr�ngeln, aussichtslos war und es keine Alternative dazu gab, sich in Geduld zu �ben. Ich wei� nicht, wie lange diese Stimmung anhielt oder was sie hatte entstehen lassen. Vielleicht war es menschliche Solidarit�t, vielleicht war es aber einfach auch das Wetter: ungeachtet des aus Osten auf uns zurollenden Verh�ngnisses war es eine pervers <emphasis>sch�ne </emphasis>Nacht. Verstreute Sterne in einem klaren, k�hlen Himmel; eine anregende Brise, die den Auspuffgestank fortwehte und so sanft durchs Autofenster strich wie die Hand einer sorgenden Mutter.</p><empty-line/><p>Ich erwog, mich in einem der �rtlichen Krankenh�user zu melden, meine Dienste als Arzt zur Verf�gung zu stellen�� im Palo Verde in Blythe, das ich einmal im Rahmen einer Konsultation besucht hatte, oder vielleicht im La Paz Regional in Parker. Aber welchem Zweck sollte das dienen? Es gab keine Heilung f�r das, was uns erwartete. Es gab allenfalls Linderung, Morphium, Heroin�� also Mollys Strategie, aber nur, wenn die Arzneischr�nke nicht schon gepl�ndert waren.</p><p>Und was Fulton zu Jody gesagt hatte, traf im Wesentlichen zu: Ich hatte einen Hausbesuch zu machen.</p><p>Eine Suche. Mit mittlerweile quichottischen Z�gen. Was immer es war, das Diane zu schaffen machte, ich w�rde auch das nicht in Ordnung bringen k�nnen. Warum also die Reise �berhaupt zu Ende bringen? Nat�rlich, es war eine M�glichkeit, sich vor dem Ende der Welt zu besch�ftigen�� t�tige H�nde zittern nicht, ein t�tiger Verstand ger�t nicht in Panik. Aber das war keine Erkl�rung f�r die Dringlichkeit, das existenzielle Bed�rfnis, sie zu sehen, das mich w�hrend des Flackerns auf die Stra�e getrieben hatte und das jetzt eher noch st�rker geworden war.</p><p>Vorbei an Blythe, vorbei an dem beunruhigenden Streifen abgedunkelter Gesch�fte, vorbei an den belagerten Tankstellen�� und endlich lag die Stra�e offen vor mir. Der dunkle Himmel, das Funkeln der Sterne.</p><p>Und das L�uten des Handys. Ich w�hlte in meiner Tasche, bremste ab, w�hrend ein Laster von hinten an mir vorbeirauschte.</p><p>�Tyler.� Simons Stimme.</p><p>Bevor er weiterreden konnte, sagte ich: �Gib mir deine Nummer, bevor wir wieder unterbrochen werden. Damit ich euch erreichen kann.�</p><p>�Das darf ich nicht. Ich��</p><p>�Von wo rufst du an?�</p><p>�Ein Handy. Wir benutzen es nur f�r lokale Gespr�che. Im Moment hab ich es, aber Aaron tr�gt es auch manchmal bei sich, also��</p><p>�Ich w�rde nur anrufen, wenn es absolut notwendig ist.�</p><p>�Okay, ist vermutlich auch egal.� Er gab mir die Nummer. �Hast du den Himmel gesehen, Tyler? Klar, du bist ja wach. Es ist die letzte Nacht auf Erden, nicht wahr?�</p><p>Ich dachte: Warum fragst du mich das? Simon lebte seit drei Jahrzehnten in der letzten Nacht auf Erden. Man h�tte annehmen sollen, dass er es besser w�sste als ich. �Was ist mit Diane, Simon?�</p><p>�Ich m�chte mich f�r den letzten Anruf entschuldigen. Angesichts� angesichts dessen, was jetzt kommt.�</p><p>�Wie geht es ihr?�</p><p>�Das meine ich ja. Es kommt nicht mehr darauf an.�</p><p>�Ist sie tot?�</p><p>Lange Pause. Er klang gekr�nkt, als er sich wieder meldete. �Nein, sie ist nicht tot.�</p><p>�Schwebt sie in der Luft und wartet auf die Entr�ckung oder was?�</p><p>�Es ist nicht n�tig, meinen Glauben zu beleidigen.� <emphasis>Meinen </emphasis>Glauben, nicht <emphasis>unseren </emphasis>Glauben.</p><p>�Dann braucht sie vielleicht �rztliche Behandlung. Ist sie noch krank, Simon?�</p><p>�Ja, aber��</p><p>�Auf welche Art? Was sind die Symptome?�</p><p>�Nur noch eine Stunde, dann geht die Sonne auf, Tyler. Du wei�t ja, was das bedeutet.�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet. Und ich sitze gerade im Auto, ich kann vor Sonnenaufgang auf der Ranch sein.�</p><p>�Oh. Nein, das ist nicht gut. Nein, ich��</p><p>�Warum nicht? Wenn es das Ende der Welt ist, warum soll ich dann nicht da sein?�</p><p>�Du verstehst nicht. Was jetzt geschieht, ist nicht nur das Ende der Welt. Es ist die Geburt einer neuen Welt.�</p><p>�Wie krank ist sie? Kann ich mit ihr sprechen?�</p><p>Simons Stimme begann zu zittern. Ein Mann am Rande des Zusammenbruchs. Wir befanden uns alle an diesem Rand. �Sie kann nur fl�stern. Sie bekommt keine Luft. Sie ist schwach, hat stark abgenommen.�</p><p>�Wie lange geht das schon?�</p><p>�Ich wei� nicht. Ich meine, es fing allm�hlich an��</p><p>�Wann wurde es offensichtlich, dass sie krank ist?�</p><p>�Vor ein paar Wochen. Oder vielleicht auch, �h, vor ein paar Monaten.�</p><p>�Ist sie irgendwie �rztlich behandelt worden?� Pause. �Simon?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Es schien nicht notwendig.�</p><p>�Es schien nicht <emphasis>notwendig?�</emphasis></p><p>�Pastor Dan wollte es nicht.�</p><p>Ich dachte: Und hast du Pastor Dan gesagt, dass er sich ganz gewaltig ins Knie ficken kann? �Ich hoffe, dass er sich inzwischen anders besonnen hat.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Dann brauch ich deine Hilfe, um zu ihr zu kommen.�</p><p>�Tu das nicht, Tyler. Das n�tzt niemandem etwas.�</p><p>Ich war bereits dabei, nach der Abfahrt Ausschau zu halten, an die ich mich zwar nur undeutlich erinnerte, die ich aber auf der Karte markiert hatte. Eine namenlose W�stenstra�e, vom Highway runter in Richtung einer ausgetrockneten Cienaga. �Hat sie nach mir gefragt?� Stille. �Simon? Hat sie nach mir gefragt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sag ihr, dass ich auf dem Weg zu ihr bin.�</p><p>�Nein, Tyler� Auf der Ranch gehen gerade ein paar problematische Dinge vor sich. Du kannst hier nicht einfach reinspazieren.�</p><p>Problematische Dinge? �Ich dachte, es w�rde eine neue Welt geboren.�</p><p>�Ja. In Blut geboren.�</p></section><section><title><p>Der Morgen und der Abend</p></title><p>Ich kam zu der kleinen Anh�he, von der aus man die Condon-Ranch �berblickte, und parkte so, dass der Wagen vom Haus aus nicht zu sehen war. Als ich die Scheinwerfer ausschaltete, konnte ich am �stlichen Himmelsrand das erste Leuchten der aufgehenden Sonne sehen, das die neuen Sterne bereits auszul�schen begann.</p><p>Das war der Moment, in dem ich zu zittern begann.</p><p>Ich kam nicht dagegen an. Ich machte die T�r auf und fiel aus dem Auto, rappelte mich wieder hoch. Die Landschaft sch�lte sich aus der Dunkelheit wie ein verlorener Kontinent: braune H�gel, vernachl�ssigtes Weideland, das sich in W�ste zur�ckverwandelt hatte, der lange flache Abhang, der zum Farmhaus f�hrte. Mesquit- und Kerzenstr�ucher zitterten im Wind. Ich zitterte ebenfalls. Es war Furcht�� nicht das etwas verkniffene Unbehagen, mit dem wir alle seit Beginn des Spins lebten, sondern eine Panik, die von den Eingeweiden ausging, sich wie eine Erkrankung der Muskeln und des Darmtrakts anf�hlte. Tag der Vollstreckung f�r den zum Tode Verurteilten. Schinderkarren und Galgen nahten von Osten her.</p><p>Ich fragte mich, ob Diane eine �hnliche Angst ergriffen hatte. Und ob ich sie w�rde tr�sten k�nnen. Ob ich selbst noch etwas aufzubieten hatte, das zum Trost taugte.</p><p>Wieder erhob sich Wind, fegte Sand und Staub vom trockenen Grat. Vielleicht war dieser Wind ja der Vorbote der aufgedunsenen Sonne, ein Wind, der von der hei�en Seite der Welt kam.</p><p>Ich hockte mich irgendwo hin, wo ich nicht gesehen zu werden hoffte, und schaffte es, immer noch zitternd, die Nummer, die Simon mir genannt hatte, in mein Handy zu tippen.</p><p>Er nahm nach zwei, drei Klingelzeichen ab. Ich presste das Handy an mein Ohr, um die Windger�usche zu reduzieren.</p><p>�Du solltest das wirklich nicht tun�, sagte er.</p><p>�St�re ich die Entr�ckung?�</p><p>�Ich kann nicht reden.�</p><p>�Wo ist sie, Simon? Welcher Teil des Hauses?�</p><p>�Wo bist du?�</p><p>�Gleich hinter dem H�gel.� Der Himmel war jetzt heller, wurde mit jeder Sekunde heller, am westlichen Horizont zeigte er sich schon als angesto�enes Purpurrot. Ich konnte das Farmhaus deutlich sehen. Es hatte sich nicht sehr ver�ndert in den Jahren seit meinem Besuch, nur die Scheune wirkte aufpoliert, war m�glicherweise repariert und get�ncht worden.</p><p>Weitaus beunruhigender fand ich allerdings die Grube, die parallel zur Scheune verlief und von locker aufgeh�ufter Erde bedeckt war. Eine k�rzlich angelegte Abwasserleitung vielleicht. Oder ein Kl�rbeh�lter. Oder ein Massengrab.</p><p>�Ich gehe jetzt zu ihr�, sagte ich.</p><p>�Das ist unm�glich.�</p><p>�Ich nehme an, dass sie im Haus ist. Eines der Zimmer im ersten Stock. Richtig?�</p><p>�Selbst wenn du sie zu sehen kriegst��</p><p>�Sag ihr, dass ich komme, Simon.�</p><p>Unten sah ich jetzt eine Gestalt, die sich zwischen dem Haus und der Scheune bewegte. Simon war es nicht. Auch nicht Aaron Sorley, es sei denn, Bruder Aaron hatte in der Zwischenzeit f�nfzig Kilo abgenommen. Vermutlich Pastor Dan Condon. Er trug in jeder Hand einen Eimer Wasser. Er schien in Eile zu sein. Irgendetwas ging in der Scheune vor.</p><p>�Du riskierst dein Leben�, sagte Simon.</p><p>Ich lachte. Ich konnte nicht anders. Dann sagte ich: �Bist du in der Scheune oder im Haus? Condon ist in der Scheune, stimmt�s? Was ist mit Sorley und McIsaac? Wie komme ich an denen vorbei?�</p><p>Ich sp�rte einen Druck im Nacken, wie von einer warmen Hand. Ich wandte mich um. Es war Sonnenlicht, das den Druck aus�bte. Der Rand der Sonne war �ber den Horizont getreten. Mein Auto, der Zaun, der Fels, die d�rren Umrisse der Kerzenstr�ucher, alles warf lange violette Schatten.</p><p>�Tyler? Tyler, es gibt keinen Weg vorbei. Du musst�� Doch Simons Stimme ging in einem pl�tzlichen Rauschen unter. Das Licht der Sonne musste den Aerostaten, der den Anruf �bertrug, erreicht und das Signal ausgel�scht haben. Instinktiv dr�ckte ich auf die Wahlwiederholung, aber das Telefon war nicht mehr zu gebrauchen.</p><p>Ich kauerte an Ort und Stelle, bis die Sonne zu drei Vierteln aufgegangen war. Die Scheibe war riesig und r�tlich orange. Sonnenflecken schw�rten auf ihr wie eiternde Wunden. Hin und wieder erhoben sich Staubwolken aus der W�ste ringsum und verdeckten sie vor�bergehend.</p><p>Dann erhob ich mich. Vielleicht schon tot. Vielleicht t�dlich verstrahlt. Die Hitze war zu ertragen, bislang jedenfalls, doch auf zellul�rer Ebene mochten �ble Dinge vorgehen, vielleicht schossen R�ntgenstrahlen durch die Luft wie unsichtbare Gewehrkugeln. Also stand ich auf und spazierte in aller Offenheit, unbewaffnet, �ber den ausgetretenen Weg auf das Farmhaus zu. Unbewaffnet und unbehelligt, jedenfalls bis ich die Holzveranda erreicht hatte und Bruder Sorley mitsamt seinen hundertdrei�ig Kilo durch die Fliegent�r gest�rmt kam und mir mit dem Kolben eines Gewehres seitlich gegen den Kopf schlug.</p><empty-line/><p>Bruder Sorley t�tete mich nicht, wom�glich, weil er nicht mit blutbefleckten H�nden zur Entr�ckung antreten wollte. Stattdessen warf er mich in eines der Zimmer im Obergeschoss und schloss die T�r ab.</p><p>Einige Stunden vergingen, bis ich mich aufsetzen konnte, ohne dass mir �bel wurde. Als das Schwindelgef�hl endlich nachlie�, schlurfte ich zum Fenster und lie� die gelbe Papierjalousie hoch. Von hier aus gesehen, stand die Sonne hinter dem Haus, der Hof und die Scheune waren in ein glei�endes Orange getaucht. Die Luft war brutal hei�, aber es brannte nirgendwo. Eine Katze, sichtlich desinteressiert an der Feuersbrunst am Himmel, schlappte stehendes Wasser aus einem schattigen Graben. Vermutlich w�rde die Katze den Sonnenuntergang noch erleben. Genau wie ich.</p><p>Ich versuchte das Fenster hochzuschieben�� nicht, dass ich unbedingt von hier h�tte nach unten springen k�nnen��, doch die Schieber waren abmontiert, die Gegengewichte unbeweglich gemacht worden, der ganze Rahmen schon vor Jahren gewisserma�en festlackiert.</p><p>Au�er dem Bett befanden sich keine M�bel im Zimmer. Und keine Werkzeuge, nur das nutzlose Handy in meiner Tasche. Die Zimmert�r war aus schwerem, solidem Holz, und ich bezweifelte, dass ich die Kraft hatte, sie aufzusprengen. Diane war vielleicht nur wenige Meter entfernt, wom�glich trennte uns nur eine einzige Wand. Aber ob es wirklich so war, wusste ich nicht, und es gab keine M�glichkeit, es herauszufinden.</p><p>Schon der blo�e Versuch, zusammenh�ngende Gedanken zu fassen, rief einen tiefen, �belkeit erregenden Schmerz an der Stelle hervor, wo der Gewehrkolben mir den Kopf aufgeschlagen hatte. Ich musste mich wieder hinlegen.</p><empty-line/><p>Am Nachmittag legte sich der Wind. Als ich wieder zum Fenster schwankte, konnte ich den Rand der Sonnenscheibe �ber dem Haus und der Scheune sehen, so gro�, dass man den Eindruck hatte, sie w�rde best�ndig fallen, und so nah, dass man gerade nach ihr greifen konnte.</p><p>Die Temperatur in dem Zimmer war seit dem Morgen stetig gestiegen. Ich hatte keine Mittel, sie zu messen, aber sie musste bei 40�C liegen, mit weiterer Tendenz nach oben. Hei�, doch keine t�dliche Hitze, wenigstens nicht unmittelbar t�dlich. Gern h�tte ich jetzt Jason bei mir gehabt, um mir das erkl�ren zu lassen: die Thermodynamik der globalen Ausl�schung. Er h�tte mir ein Diagramm aufmalen und zeigen k�nnen, wo die Temperaturkurve mit der Letalit�tslinie konvergierte.</p><p>Hitzeflimmern stieg von der gebackenen Erde auf. Dan Condon lief noch mehrere Male zwischen Haus und Scheune hin und her. In der scharfen Intensit�t des orangefarbenen Tageslichts war er leicht zu erkennen, er hatte etwas von neunzehntem Jahrhundert an sich mit seinem quadratischen Bart und dem h�sslichen, pockennarbigen Gesicht: Lincoln in Jeans, langbeinig, zielstrebig. Er blickte nicht auf, nicht einmal, als ich gegen das Fenster klopfte.</p><p>Dann trommelte ich gegen die Zimmerw�nde, dachte, dass Diane das vielleicht h�ren w�rde. Doch ich erhielt keine Reaktion.</p><p>Dann wurde mir wieder schwindlig und ich fiel aufs Bett zur�ck. Die Luft im Zimmer war schw�l, mein Schwei� tr�nkte die Bettw�sche.</p><p>Ich schlief oder verlor das Bewusstsein.</p><empty-line/><p>Als ich wieder aufwachte, dachte ich f�r einen Moment, im Zimmer sei Feuer ausgebrochen�� doch es war nur die stehende Hitze in Verbindung mit einem ma�los kitschigen Sonnenuntergang.</p><p>Ich ging zum Fenster. Die Sonne war �ber den westlichen Horizont gezogen und sank so rasch, dass man es mitverfolgen konnte. Sp�rliche Wolken standen hoch am sich verdunkelnden Himmel, Fetzen von Feuchtigkeit, einem bereits ausged�rrten Land entzogen. Ich sah, dass jemand mein Auto den H�gel hinabgerollt und auf der linken Seite der Scheune abgestellt hatte. Und zweifellos die Schl�ssel an sich genommen hatte. Nicht, dass noch ausreichende Mengen Benzin im Tank gewesen w�ren oder man sonst mit dem Auto noch gro� etwas h�tte anfangen k�nnen.</p><p>Aber ich hatte den Tag �berlebt. <emphasis>Wir </emphasis>hatten den Tag �berlebt. Wir beide. Diane und ich. Und Millionen andere. Wir hatten es hier also mit der langsamen Version der Apokalypse zu tun: Sie w�rde uns t�ten, indem sie uns schonend kochte, Grad f�r Grad. Oder, sollte das nicht klappen, indem sie das �kosystem der Erde ausbrannte.</p><p>Endlich verschwand die Sonne. Die Luft schien augenblicklich um zehn Grad abzuk�hlen. Vereinzelte Sterne lugten durch die Gazewolken.</p><p>Ich hatte lange nichts gegessen, geschweige denn getrunken. Vielleicht war es ja Condons Absicht, mich an Dehydration verrecken zu lassen. Vielleicht hatte er mich aber auch einfach vergessen. Ich hatte nicht den Hauch einer Vorstellung davon, wie Pastor Dan sich diese Ereignisse geistig zurechtlegte, ob er sich best�tigt f�hlte oder schreckliche Angst hatte�� oder eine Mischung aus beidem.</p><p>Das Zimmer wurde dunkel. Kein Deckenlicht, keine Lampe. Aber ich konnte ein leises Tuckern h�ren, wahrscheinlich ein mit Benzin betriebener Generator, und es drang Licht aus den Fenstern im Erdgeschoss und aus der Scheune.</p><p>W�hrend ich an technischen Hilfsmitteln nichts besa� als mein Handy. Ich zog es aus der Tasche und schaltete es ein, ohne bestimmte Absicht, einfach nur, um das Phosphoreszieren des Displays zu sehen.</p><p>Dann kam mir ein anderer Gedanke.</p><empty-line/><p>�Simon?�</p><p>Stille.</p><p>�Simon, bist du das? Kannst du mich h�ren?�</p><p>Stille. Dann eine blecherne, digitalisierte Stimme: �Du hast mich beinahe zu Tode erschreckt. Ich dachte, dieses Ding w�rde nicht mehr funktionieren.�</p><p>�Nur bei Tageslicht nicht.�</p><p>Sonnenrauschen hatte jegliches Signal der in gro�er H�he schwebenden Aerostaten geschluckt. Nun aber schirmte die Erde uns vor der Sonne ab. Vielleicht hatten die Aerostaten Sch�den davongetragen�� die Verbindung klang nach Niedrigfrequenz und war von Rauschen durchsetzt��, doch es reichte, um sich zu verst�ndigen.</p><p>�Tut mir Leid, was da passiert ist�, sagte Simon. �Aber ich hatte dich ja gewarnt.�</p><p>�Wo bist du? In der Scheune oder im Haus?�</p><p>Pause. �Im Haus.�</p><p>�Ich hab den ganzen Tag hinuntergesehen, aber ich habe weder Condons Frau noch Sorleys Frau oder die Kinder entdeckt. Oder die McIsaacs. Was ist mit ihnen passiert?�</p><p>�Sie sind weggefahren.�</p><p>�Bist du dir da sicher?�</p><p>�Ob ich mir sicher bin? Ja, nat�rlich. Diane war nicht die Einzige, die krank geworden ist. Tats�chlich war sie die Letzte. Teddy McIsaacs kleine Tochter ist als Erste krank geworden. Dann sein Sohn. Dann Teddy selbst. Als es schlie�lich so aussah, als w�ren die Kinder, na ja, also richtig ernsthaft krank, ohne dass es besser wurde, da hat er sie in seinen Pick-up gesetzt und ist weggefahren. Pastor Dans Frau ist mitgekommen.�</p><p>�Wann war das?�</p><p>�Vor ein paar Monaten. Aarons Frau und die Kinder sind kurz darauf auf eigene Faust weggegangen. Ihr Glaube hatte sie verlassen. Au�erdem hatten sie Angst, sich anzustecken.�</p><p>�Du hast sie weggehen sehen? Ganz sicher?�</p><p>�Ja, warum denn nicht?�</p><p>�Die Erde neben der Scheune sieht ganz so aus, als ob man dort etwas verscharrt h�tte.�</p><p>�Ach das. Tja, da hast du Recht, dort ist etwas verscharrt�� die Rinder.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Ein Mann namens Boswell Geller hatte eine gro�e Ranch oben in der Sierra Bonita. Ein Freund von Jordan Tabernacle vor der Spaltung, ein Freund von Pastor Dan. Er hat rote F�rsen gez�chtet, aber letztes Jahr hat das Landwirtschaftsministerium eine Untersuchung angestrengt. Gerade, als er anfing, Fortschritte zu machen. Boswell und Pastor Dan wollten alle roten Rinderarten der Welt miteinander kreuzen. Pastor Dan sagt, dass es das sei, worum es im vierten Buch Mose, Kapitel neunzehn, geht: eine reine rote F�rse, die am Ende der Zeit geboren wird, hervorgegangen aus allen Arten auf der ganzen Welt, �berall, wo das Evangelium gepredigt wurde. Das Opfer ist ein buchst�bliches wie ein symbolisches. Im biblischen Opfer hat die Asche die Kraft, eine besudelte Person zu reinigen, beim Untergang der Welt aber verzehrt die Sonne die F�rse und ihre Asche wird verstreut in alle Himmelsrichtungen, auf dass sie die ganze Welt reinigt, sie vom Tode reinw�scht. Das geschieht jetzt gerade. Brief an die Hebr�er, Kapitel neun: �Denn wenn der B�cke und der Ochsen Blut und die Asche von der Kuh, gesprengt auf die Unreinen, sie heiligt zu der leiblichen Reinigkeit, wieviel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst als ein Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist Gottes dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott?� Und nat�rlich��</p><p>�Ihr habt diese Rinder <emphasis>hier </emphasis>gehabt?�</p><p>�Ja, nur ein paar. F�nfzehn Zuchttiere, die herausgeschmuggelt wurden, bevor das Ministerium sie beschlagnahmen konnte.�</p><p>�Und danach sind die Leute dann krank geworden?�</p><p>�Nicht nur die Leute, die Rinder auch. Wir haben die Grube neben der Scheune ausgehoben, um sie darin zu vergraben, alle aus dem urspr�nglichen Bestand, au�er dreien.�</p><p>�Schw�che, unsicherer Gang, Gewichtsverlust gingen dem Tod voraus?�</p><p>�Ja, so ungef�hr�� woher wei�t du das?�</p><p>�Die Symptome von KVES. Die K�he waren die �bertr�ger. Das ist es, was Diane krank macht.�</p><p>Ein langes Schweigen. Dann: �Ich darf dieses Gespr�ch �berhaupt nicht fuhren.�</p><p>�Ich bin oben in dem hinteren Zimmer.�</p><p>�Ich wei�, wo du bist.�</p><p>�Dann komm und schlie� die T�r auf.�</p><p>�Das kann ich nicht.�</p><p>�Warum? Wirst du beobachtet?�</p><p>�Ich kann dich nicht einfach befreien. Ich d�rfte mich nicht mal mit dir unterhalten. Ich bin besch�ftigt, Tyler. Ich mache Diane etwas zu essen.�</p><p>�Ist sie noch kr�ftig genug, um zu essen?�</p><p>�Ja� wenn ich ihr helfe.�</p><p>�Lass mich raus. Es muss ja niemand wissen.�</p><p>�Ich kann nicht.�</p><p>�Sie braucht einen Arzt.�</p><p>�Ich kann dich nicht rauslassen, selbst wenn ich wollte. Bruder Aaron hat den Schl�ssel.�</p><p>Ich dachte kurz nach. �Dann lass das Telefon bei ihr, wenn du ihr das Essen bringst�� dein Telefon. Du sagtest doch, dass sie mit mir sprechen will, stimmt�s?�</p><p>�Sie sagt jetzt oft Sachen, die sie gar nicht meint.�</p><p>�Und du glaubst, das war hier auch der Fall?�</p><p>�Ich muss jetzt Schluss machen.�</p><p>�Lass ihr das Telefon da, Simon. Simon?�</p><p>Totenstille.</p><empty-line/><p>Ich ging zum Fenster, wartete. Ich sah Pastor Dan zwei leere Eimer von der Scheune zum Haus tragen und kurz darauf mit gef�llten, dampfenden zur�ckkehren. Wenige Minuten sp�ter ging auch Aaron Sorley zur Scheune.</p><p>Womit nur noch Simon und Diane im Haus waren. Vielleicht gab er ihr gerade etwas zu essen. F�tterte sie.</p><p>Ich versp�rte ein unb�ndiges Verlangen, das Telefon zu benutzen, aber ich hatte beschlossen zu warten, die Dinge sich ein wenig beruhigen, die Hitze abklingen zu lassen.</p><p>Ich beobachtete die Scheune. Helles Licht drang durch die Bretterw�nde, als sei drinnen eine Batterie von Industrielampen installiert. Condon war den ganzen Tag lang hin- und hergelaufen. Irgendwas geschah da drinnen.</p><p>Meine Armbanduhr vermeldete gerade das Ablaufen einer weiteren Stunde, als ich, ziemlich leise, ein Ger�usch h�rte, das vom Schlie�en einer T�r herr�hren mochte. Dann Schritte auf der Treppe, und gleich darauf sah ich Simon zur Scheune gehen.</p><p>Er blickte nicht nach oben. Und er kam auch nicht wieder aus der Scheune heraus. Er war dort mit Sorley und Condon, und wenn er das Telefon nach wie vor bei sich hatte, konnte ihn ein Anruf in Gefahr bringen. Nicht, dass mir Simons Wohlergehen �berm��ig am Herzen gelegen h�tte.</p><p>Wenn er aber das Telefon bei Diane gelassen hatte, dann war jetzt die Gelegenheit da.</p><p>Ich tippte die Nummer ein.</p><p>�Ja.� Es war Diane, die antwortete. �Ja?� Ihre Stimme war atemlos, schwach.</p><p>�Diane. Ich bin�s. Tyler.� Ich hatte M�he, meinen Puls zu kontrollieren; es war, als h�tte sich eine T�r in meiner Brust ge�ffnet.</p><p>�Tyler� Simon sagte, du w�rdest vielleicht anrufen.�</p><p>Ich musste mich anstrengen, sie zu verstehen. Sie sprach vollkommen kraftlos, nur mit Hals und Zunge. Was der �tiologie von KVES entsprach: Die Krankheit bef�llt zuerst die Lunge, dann das Herz, eine koordinierte Attacke von beinahe milit�rischer Effizienz. Vernarbtes, schaumartiges Lungengewebe gibt weniger Sauerstoff an das Blut ab; das Herz, sauerstoffunterversorgt, pumpt das Blut mit weniger Leistung; die KVES-Bakterien machen sich beide Schw�chen zunutze, graben sich mit jedem m�hsamen Atemzug tiefer in den K�rper hinein. �Ich bin nicht weit weg, Diane. Ich bin ganz in der N�he�</p><p>�In der N�he? Kann ich dich sehen?�</p><p>Ich wollte ein Loch in die Wand rei�en. �Bald. Das verspreche ich. Wir m�ssen dich hier wegbringen. Dir Hilfe besorgen. Damit wir dich wieder gesund kriegen.�</p><p>Ich lauschte dem Ger�usch weiterer qu�lender Atemz�ge und fragte mich schon, ob sie mir noch zuh�rte. Dann sagte sie: �Ich dachte, ich h�tte die Sonne gesehen��</p><p>�Es ist nicht das Ende der Welt�� jedenfalls noch nicht.�</p><p>�Nicht?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Simon��</p><p>�Was ist mit ihm?�</p><p>�Er wird so entt�uscht sein.�</p><p>�Du hast KVES, Diane. So wie die McIsaacs, da bin ich mir ziemlich sicher. Sie waren gut beraten, sich Hilfe zu suchen. Es ist eine heilbare Krankheit.� Ich f�gte nicht hinzu: bis zu einem bestimmten Punkt, so lange sie noch nicht bis zum Endstadium fortgeschritten ist. �Aber wir m�ssen dich hier unbedingt wegbringen.�</p><p>�Du hast mir gefehlt.�</p><p>�Du hast mir auch gefehlt� Verstehst du, was ich sage, Diane?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Bist du bereit, fortzugehen?�</p><p>�Wenn der Zeitpunkt kommt��</p><p>�Der Zeitpunkt ist ziemlich nahe. Ruh dich bis dahin aus. Aber wir werden uns dann vielleicht beeilen m�ssen. Verstehst du?�</p><p>�Simon� entt�uscht.�</p><p>�Du ruhst dich aus, und ich��Ich hatte keine Gelegenheit, den Satz zu beenden. Ein Schl�ssel klirrte im T�rschloss. Ich klappte das Handy zu, steckte es in die Tasche.</p><p>Die T�r ging auf, und Aaron Sorley stand im Rahmen, das Gewehr in der Hand, schwer atmend, als sei er die Treppe hochgelaufen. Seine m�chtige Gestalt zeichnete sich im tr�ben Licht des Flurs ab.</p><p>Ich wich zur�ck, bis meine Schultern gegen die Wand stie�en.</p><p>�Bei Ihrem F�hrerschein ist ne Marke, wo steht, dass Sie Arzt sind�, sagte er. �Stimmt das?�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Dann kommen Sie mit.�</p><empty-line/><p>Sorley f�hrte mich die Treppe hinunter und aus der Hintert�r hinaus in Richtung Scheune. Der Mond, bernsteinfarben gefleckt vom Licht der aufgetriebenen Sonne, narben�bers�t und kleiner, als ich ihn in Erinnerung hatte, war �ber dem �stlichen Horizont aufgegangen. Die Nachtluft war berauschend k�hl. Ich saugte sie tief ein. Die Erleichterung hielt an, bis Sorley das Scheunentor aufriss und uns roher Tiergestank entgegenschlug, ein Schlachthausgeruch nach Exkrementen und Blut.</p><p>�Na los, gehen Sie rein�, sagte er und gab mir mit der freien Hand einen Sto�.</p><p>Das Licht kam von einer gro�en Halogenidbirne, die �ber einer offenen Viehbox hing. In einem Verschlag irgendwo weiter hinten knatterte ein Benzingenerator, es klang wie das Heulen eines Motorrads in der Ferne.</p><p>Dan Condon stand am offenen Ende des Pferchs, die H�nde in einen Eimer dampfendes Wasser getaucht. Er blickte auf, als wir eintraten. Er runzelte die Stirn, sein Gesicht eine karge Landschaft unter dem grellen Licht, aber er sah weniger einsch�chternd aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Eher kleinlaut, abgezehrt, vielleicht sogar krank, vielleicht im Fr�hstadium von KVES. �Macht die T�r wieder zu�, sagte er.</p><p>Aaron folgte der Aufforderung. Simon stand ein paar Schritte von Condon entfernt, warf mir kurze, nerv�se Blicke zu.</p><p>�Kommen Sie her�, sagte Condon. �Wir brauchen Ihre Hilfe.�</p><p>In dem Pferch, auf einem verdreckten Strohbett, versuchte eine magere F�rse ein Kalb zu geb�ren. Sie lag auf der Seite, ihr knochiger Rumpf ragte aus der Box heraus. Der Schwanz war mit einer Schnur an ihrem Hals festgebunden, um ihn aus dem Weg zu schaffen. Die Fruchtblase dr�ngte aus der Vulva heraus, und das Stroh ringsum war mit blutigem Schleim besprenkelt.</p><p>Ich sagte: �Ich bin kein Tierarzt.�</p><p>�Das wei� ich.� In Condons Augen war ein Ausdruck m�hsam unterdr�ckter Hysterie, der Blick eines Mannes, der eine Party veranstaltet und feststellen muss, dass alles aus dem Ruder l�uft�� die G�ste drehen durch, die Nachbarn beschweren sich, und die Flaschen fliegen aus den Fenstern wie M�rsergranaten. �Aber wir brauchen noch jemanden zum Anpacken.�</p><p>Alles, was ich �ber Zuchtvieh und Tiergeburten wusste, hatte ich aus Molly Seagrams Erz�hlungen �ber das Leben auf der Farm ihrer Eltern, und keine dieser Geschichten hatte besonders erbaulich geklungen. Immerhin war Condon mit allem ausger�stet, was meiner Erinnerung nach zur unverzichtbaren Grundausstattung geh�rte: hei�es Wasser, Desinfektionsmittel, Geburtshilfeketten, eine gro�e Flasche Mineral�l, die bereits von blutigen Fingerabdr�cken �bers�t war.</p><p>�Sie ist teils Angler�, sagte Condon, �teils eine Rote D�nische, teils eine Rote Wei�russische, und das ist nur die j�ngste Linie. Aber Kreuzungen bergen das Risiko von Dystokie, das hat auch Bruder Geller immer gesagt. �Dystokie� bedeutet schwere Geburt. Kreuzzuchten haben Schwierigkeiten zu kalben. Sie liegt schon fast vier Stunden in den Wehen. Wir m�ssen den F�tus herausziehen.� Er redete wie abwesend, mit monotoner Stimme, als w�rde er einen Vortrag vor einer Versammlung von Schwachsinnigen halten. Es schien v�llig gleichg�ltig, wer ich war oder wie ich hierher gekommen war�� entscheidend war, dass ich zur Verf�gung stand.</p><p>�Ich brauche Wasser.�</p><p>�Da ist ein Eimer zum Waschen�, sagte ich.</p><p>�Nicht zum Waschen. Ich hatte seit gestern Abend nichts mehr zu trinken.�</p><p>Condon hielt inne, als m�sse er diese Information erst einmal verarbeiten. Dann nickte er. �Simon, k�mmere dich darum.�</p><p>Simon schien in diesem Trio der Laufbursche zu sein. Er zog den Kopf ein und murmelte: �Ich hol dir was zu trinken, Tyler, klar doch.� Sorley �ffnete das Scheunentor, um ihn hinauszulassen.</p><p>Condon wandte sich wieder der Viehbox zu, wo die ersch�pfte F�rse schwer atmend dalag. Er sch�ttete sich Mineral�l �ber die H�nde und hockte sich hin, um den Geburtskanal zu weiten, wobei sich sein Gesicht in einer Mischung aus Eifer und Widerwillen verzerrte. Kaum hatte er damit begonnen, da erschien das Kalb in einem weiteren Sturzbach aus Blut und Fl�ssigkeit, doch trotz der heftigen Wehen der F�rse brachte es kaum den Kopf heraus. Das Kalb war zu gro�. Molly hatte mir von �berdimensionierten K�lbern erz�hlt�� nicht so schlimm wie eine Stei�geburt oder eine H�ftverklemmung, aber unangenehm genug.</p><p>Es machte die Sache nicht besser, dass die F�rse offenkundig krank war. Gr�nlicher Schleim lief ihr aus dem Mund, und auch wenn die Wehen nachlie�en, rang sie schwer nach Luft. Ich fragte mich, ob ich Condon darauf ansprechen sollte: Sein g�ttliches Kalb war offenbar auch schon infiziert.</p><p>Entweder bemerkte er es nicht, oder es war ihm egal. Condon war alles, was vom dispensationalistischen Fl�gel von Jordan Tabernacle �brig geblieben war, eine Kirche f�r sich, auf ganze zwei Gemeindemitglieder geschrumpft, Sorley und Simon, und ich konnte nur erahnen, wie robust sein Glaube gewesen sein musste, um ihn hierher, ans Ende der Welt zu tragen. �Das Kalb, das Kalb ist rot�, sagte er. �Aaron, sieh dir das Kalb an.�</p><p>Sorley, der mit seiner Flinte an der T�r postiert war, kam heran, um in den Pferch zu sp�hen. Das Kalb war in der Tat rot. Von Blut �bergossen. Und ausgesprochen schlaff.</p><p>�Atmet es?�, fragte Sorley.</p><p>�Das kommt noch.� Condon war gedankenverloren, schien diesen Moment auszukosten, von dem seiner �berzeugung nach eine ganze�� gewonnene oder verlorene�� Ewigkeit abhing. �Schnell jetzt, schlingt die Ketten um die Hornschuhe.�</p><p>Sorley warf mir einen Blick zu, in dem eine eindeutige Warnung lag�� <emphasis>wehe, du sagst auch nur ein Wort��,</emphasis> und wir taten wie befohlen, m�hten uns, bis wir bis zu den Ellbogen blutig waren. Ein �bergro�es Kalb zur Welt zu bringen, ist ein ziemlich brutaler Vorgang, eine groteske Hochzeit von Biologie und roher Gewalt. Man ben�tigt dazu mindestens zwei einigerma�en kr�ftige M�nner. Die Geburtshilfeketten waren zum Ziehen da, und das Ziehen musste mit den Wehen der Kuh abgestimmt sein, anderenfalls bestand die Gefahr, dass wir das Tier ausweideten.</p><p>Diese F�rse jedoch war �u�erst geschw�cht, und ihr Kalb�� dessen Kopf leblos zur Seite hing�� war offensichtlich eine Totgeburt. Ich sah Sorley an. Sorley sah mich an. Keiner von uns sagte ein Wort.</p><p>�Als Erstes m�ssen wir sie rausholen. Dann werden wir sie wiederbeleben�, erkl�rte Condon.</p><p>Ein k�hler Luftzug kam von der Scheunent�r her. Dort stand Simon mit einer Flasche Mineralwasser in der Hand. Er starrte erst uns an, dann, erschreckend blass im Gesicht, das Totgeborene. �Hab dir was zu trinken gebracht�, presste er heraus.</p><p>Die F�rse brachte eine weitere schwache, wirkungslose Wehe hinter sich. Ich lie� die Kette fallen. �Trink erst mal, mein Sohn�, sagte Condon. �Danach machen wir weiter.�</p><p>�Ich muss mich sauber machen. Wenigstens die H�nde.�</p><p>�Da ist sauberes hei�es Wasser in den Eimern neben den Heuballen. Aber mach schnell.� Seine Augen waren zusammengepresst, verschlossen vor allen K�mpfen, die sein gesunder Menschenverstand mit seinem Glauben ausfechten mochte.</p><p>Ich sp�lte und desinfizierte meine H�nde. Sorley behielt mich scharf im Auge. Seine eigenen H�nde waren noch um die Geburtshilfeketten gespannt, sein Gewehr lehnte in Reichweite an einer Stange der Box.</p><p>Als Simon mir die Flasche reichte, neigte ich mich zu ihm und sagte: �Ich kann Diane nur helfen, wenn ich hier rauskomme. Verstehst du? Und das schaffe ich nicht ohne deine Hilfe. Wir brauchen einen Wagen mit vollem Tank, und Diane muss drinsitzen, am besten noch bevor Condon merkt, dass das Kalb tot ist.�</p><p>Simon stockte der Atem. �Ist es wirklich tot?�</p><p>�Es atmet nicht, und die F�rse h�lt sich kaum noch am Leben.�</p><p>�Aber ist das Kalb rot? Ganz und gar rot? Ohne wei�e oder schwarze Flecken?�</p><p>�Selbst wenn es ein beschissenes Feuerwehrauto w�re, Simon, w�rde es Diane nicht das Geringste n�tzen.�</p><p>Er sah mich an, als h�tte ich ihm gerade mitgeteilt, sein kleiner Hund sei �berfahren worden. Ich fragte mich, wann er seine �bersch�umende Selbstsicherheit gegen diese hilflose Verwirrung eingetauscht hatte, ob es pl�tzlich geschehen oder ob sie St�ck f�r St�ck aus ihm herausgerieselt war, wie Sand durch ein Stundenglas.</p><p>�Sprich mit ihr. Frag sie, ob sie bereit ist, hier wegzugehen.� Falls sie noch in der Lage war, zu sprechen. Falls sie sich daran erinnerte, dass ich mit ihr gesprochen hatte.</p><p>�Ich liebe sie mehr als das Leben selbst�, murmelte Simon.</p><p>In diesem Moment rief Condon: �Wir brauchen dich wieder hier!�</p><p>Ich trank die halbe Flasche leer. Das Wasser war sauber und rein und k�stlich. Simon starrte mich an, w�hrend ihm Tr�nen in die Augen stiegen.</p><p>Dann ging ich zur�ck zu Sorley und den Geburtshilfeketten, und wir zogen und zerrten im Einklang mit den Zuckungen der schwangeren F�rse.</p><empty-line/><p>Endlich, gegen Mitternacht, hatten wir das Kalb herausgezogen, es lag auf dem Stroh, ein Kn�uel von schlaffen Gliedma�en, die blutunterlaufenen Augen leblos.</p><p>Condon stand eine Weile �ber dem kleinen K�rper. Dann wandte er sich mir zu: �Gibt es irgendetwas, das Sie tun k�nnen?�</p><p>�Ich kann es nicht von den Toten erwecken, falls Sie das meinen.�</p><p>Sorley sah mich warnend an, als wollte er sagen: Qu�l ihn nicht, es ist schon schlimm genug.</p><p>Langsam bewegte ich mich in Richtung Scheunent�r. Simon war vor etwa einer Stunde verschwunden, als wir noch mit starken Blutungen k�mpften, die sich �ber das Stroh und unsere Kleidung, unsere Arme und H�nde ergossen. Durch den offenen Spalt der T�r konnte ich beim Auto�� meinem Auto�� Bewegungen ausmachen und ein Aufblitzen von kariertem Stoff, m�glicherweise Simons Hemd. Er war da drau�en mit irgendwas besch�ftigt.</p><p>Sorley sah von dem toten Kalb zu Pastor Dan Condon und wieder zur�ck, strich sich den Bart, ohne zu merken, dass er Blut hineinrieb. �Vielleicht, wenn wir es verbrennen�, sagte er.</p><p>Condon richtete einen welken, hoffnungslos starrenden Blick auf ihn.</p><p>Pl�tzlich riss Simon die Scheunent�ren auf und lie� einen Schwall k�hler Luft herein. Wir drehten uns um. Der Mond �ber seinen Schultern war aufgedunsen, fremd. �Sie ist im Auto�, sagte er. �Wir k�nnen fahren.� Er sprach zu mir, sah aber unverwandt in Richtung Sorley und Condon.</p><p>Pastor Dan zuckte nur mit den Achseln�� als seien derlei weltliche Dinge nicht l�nger relevant.</p><p>Ich sah Bruder Aaron an. Bruder Aarons Hand streckte sich nach dem Gewehr.</p><p>�Ich kann Sie nicht hindern�, sagte ich. �Aber ich gehe jetzt.�</p><p>Er hielt inne, lie� die Hand in der Luft h�ngen, runzelte die Stirn. Es war, als versuchte er die Abfolge von Vorg�ngen zu rekonstruieren, die zu dem gegenw�rtigen Augenblick gef�hrt hatten, einer aus dem anderen notwendig hervorgehend, mit unerbittlicher Logik, und doch, und doch� Seine Hand fiel schlaff hinunter. Er wandte sich Pastor Dan zu. �Ich glaube, wenn wir es trotzdem verbrennen, dann w�re das in Ordnung.�</p><p>Ich ging zur Scheunent�r, blickte mich nicht um. Sorley h�tte es sich anders �berlegen, zum Gewehr greifen k�nnen, aber ich war nicht mehr imstande, mich daf�r zu interessieren.</p><p>�Vielleicht noch verbrennen, bevor es Morgen wird�, h�rte ich ihn sagen. �Bevor die Sonne wieder aufgeht.�</p><empty-line/><p>�Fahr du�, sagte Simon, als wir das Auto erreichten. �Es ist Benzin im Tank und ein paar Extrakanister im Kofferraum. Au�erdem etwas zu essen und noch mehr Wasserflaschen. Du f�hrst, und ich sitz hinten, um sie zu st�tzen.�</p><p>Ich lie� den Wagen an und fuhr langsam den H�gel hoch, an dem Weidezaun und der mondbeschienenen Ocotilla vorbei in Richtung Highway.</p></section><section><title><p>Spin</p></title><p>Nach einigen Kilometern, in sicherer Entfernung zur Condon-Ranch, fuhr ich an den Stra�enrand und sagte zu Simon, er solle aussteigen.</p><p>�Was? Hier?�</p><p>�Ich muss Diane untersuchen. Und daf�r brauche ich die Taschenlampe aus dem Kofferraum. Okay?�</p><p>Er nickte mit weit aufgerissenen Augen.</p><p>Diane hatte kein Wort gesagt, seit wir die Ranch verlassen hatten. Sie hatte einfach nur auf dem R�cksitz gelegen, den Kopf in Simons Scho�, und versucht, Luft zu bekommen. Ihr Atem war das lauteste Ger�usch, das im Auto zu h�ren war.</p><p>W�hrend Simon mit der Taschenlampe in der Hand wartete, entledigte ich mich meiner blutgetr�nkten Sachen und wusch mich so gr�ndlich, wie ich konnte�� eine Flasche Mineralwasser mit ein bisschen Benzin vermischt, um den gr�bsten Dreck abzuschrubben, eine weitere Flasche zum Nachsp�len. Dann zog ich eine frische Jeans und ein Sweatshirt aus meinem Gep�ck an und streifte ein paar Latexhandschuhe aus dem Arztkoffer �ber. Eine dritte Flasche Wasser trank ich in einem Zug leer, und dann lie� ich Simon das Licht auf Diane richten, w�hrend ich sie mir ansah.</p><p>Sie war mehr oder weniger bei Bewusstsein, aber zu ersch�pft, um einen zusammenh�ngenden Satz herauszubringen. Sie war d�nner, als ich sie je gesehen hatte, fast wie eine Magers�chtige, und sie hatte gef�hrlich hohes Fieber. Blutdruck und Puls waren ebenfalls erh�ht. Als ich ihr die Lunge abh�rte, klang es, als w�rde ein Kind seinen Milkshake durch einen d�nnen Strohhalm saugen. Es gelang mir, ihr ein bisschen Wasser und dazu ein Aspirin einzufl��en. Dann riss ich die Versiegelung einer sterilen Subkutannadel auf.</p><p>�Was ist das?�, fragte Simon.</p><p>�Ein Universalantibiotikum.� Ich tupfte Dianas Arm ab und sp�rte mit etwas M�he eine Vene auf. �Du wirst auch eins brauchen.� Genau wie ich�� das Blut der F�rse war zweifellos mit aktiven KVES-Bakterien verseucht gewesen.</p><p>�Wird sie das von der Krankheit heilen?�</p><p>�Nein, ich f�rchte nicht. Vor einem Monat vielleicht. Jetzt nicht mehr. Sie braucht �rztliche Behandlung.�</p><p>�Du bist doch Arzt.�</p><p>�Ich bin Arzt, aber ich bin kein Krankenhaus.�</p><p>�Dann k�nnen wir sie vielleicht nach Phoenix bringen.�</p><p>Ich dachte dar�ber nach. Alle w�hrend des Flackerns gemachten Erfahrungen sprachen daf�r, dass st�dtische Krankenh�user im besten Fall �berlaufen waren, im schlechtesten in Schutt und Asche lagen. Ich z�ckte mein Handy und suchte im Adressverzeichnis nach einer halb vergessenen Nummer.</p><p>�Wen rufst du an?�</p><p>�Jemand, den ich von fr�her kenne.�</p><p>Er hie� Colin Hinz. Wir waren Zimmergenossen in Stony Brook gewesen und hatten den Kontakt nie ganz abrei�en lassen. Als ich zuletzt von ihm geh�rt hatte, war er in der Leitung des St.-Joseph-Hospitals in Phoenix besch�ftigt gewesen. Es war einen Versuch wert�� jetzt sofort, bevor die Sonne wieder aufging und jede Telekommunikation f�r einen weiteren Tag lahm legte.</p><p>Das Telefon klingelte lange, doch schlie�lich nahm er ab. �Wollen schwer hoffen, dass es was Wichtiges ist�, murmelte er.</p><p>Ich entschuldigte mich und erkl�rte ihm, ich sei etwa eine Stunde von der Stadt entfernt und h�tte eine Kranke bei mir, die dringender Behandlung bed�rfe�� jemand, der mir sehr nahe stehe.</p><p>Colin seufzte. �Ich wei� nicht, was ich dir sagen soll, Tyler. St. Joe ist in Betrieb und, wie ich geh�rt habe, ist auch die Mayo Clinic in Scottsdale offen, aber beide haben ganz wenig Personal. Es gibt widerspr�chliche Berichte von anderen Krankenh�usern. Eine schnelle Behandlung kriegst du jedenfalls nirgendwo, und hier schon mal gar nicht. Bei uns stapeln sich die Leute: Schusswunden, Suizidversuche, Autounf�lle, Herzinfarkte, die ganze Palette. Und Cops an der T�r, die verhindern, dass sie die Notaufnahme st�rmen. Wie ist der Zustand deiner Patientin?�</p><p>Ich erwiderte, Diane habe KVES im fortgeschrittenen Stadium und m�sse vermutlich bald beatmet werden.</p><p>�Wo zum Teufel hat sie sich KVES geholt? Nein, ist schon gut�� ganz egal. Ehrlich, ich w�rde gern helfen, wenn ich k�nnte, aber unsere Krankenschwestern haben schon die ganze Nacht Parkplatztriage gemacht und ich kann nicht versprechen, dass sie deinem Fall Priorit�t erteilen w�rden, auch nicht bei einer Empfehlung von mir. Es ist sogar ziemlich sicher, dass sie in den n�chsten vierundzwanzig Stunden keinen Arzt zu sehen kriegt. Falls wir alle �berhaupt noch so lange leben.�</p><p><emphasis>�Ich </emphasis>bin Arzt, erinnerst du dich? Alles was ich brauche, ist ein bisschen Ausr�stung. Ringerl�sung, Beatmungsger�t, Sauerstoff��</p><p>�Ohne hartherzig klingen zu wollen, aber wir waten hier praktisch im Blut. Und du solltest dich, angesichts dessen, was gerade passiert, vielleicht fragen, ob es sich wirklich lohnt, einen KVES-Fall im Endstadium zu versorgen. Wenn du alles hast, was du brauchst, um es ihr bequem zu machen��</p><p>�Ich will es ihr nicht bequem machen, ich will ihr Leben retten.�</p><p>�Okay. Aber was du eben beschrieben hast, das war eine hoffnungslose Situation, es sei denn, ich h�tte etwas falsch verstanden.� Im Hintergrund h�rte ich Stimmen, die nach seiner Aufmerksamkeit verlangten, ein Rumoren menschlichen Elends.</p><p>�H�r zu, Colin, die Sachen zur Versorgung brauche ich dringender als ein Bett.�</p><p>�Wir k�nnen nichts von unseren Sachen entbehren. Sag mir, ob ich sonst etwas f�r dich tun kann. Ansonsten tut es mir Leid�� ich habe zu tun.�</p><p>Ich �berlegte fieberhaft. �Okay. Sag mir, wo ich Ringerl�sung herkriegen kann, Colin, mehr verlang ich nicht.�</p><p>�Na ja.�</p><p>�Was na ja?�</p><p>�Ich d�rfte dir das gar nicht sagen, aber was soll�s. St. Joe�s hat ein Abkommen mit der Stadt im Rahmen des zivilen Notstandplans. Im Norden der Stadt gibt es einen Lieferanten f�r medizinischen Bedarf namens Novaprod.� Er gab mir die Adresse und eine grobe Wegbeschreibung. �Eine Einheit der Nationalgarde ist dort zum Schutz postiert. Das ist unsere prim�re Quelle f�r Medikamente und Ausr�stung.�</p><p>�Lassen die mich rein?�</p><p>�Ja. Wenn ich anrufe und ihnen sage, dass du kommst, und wenn du dich ausweisen kannst.�</p><p>�Tu das f�r mich, Colin. Bitte.�</p><p>�Mach ich. Wenn ich eine Leitung nach drau�en kriege. Die Telefone sind unzuverl�ssig.�</p><p>�Danke. Wenn ich mich irgendwie revanchieren kann��</p><p>�Kannst du vielleicht. Du hast doch in der Raumfahrtindustrie gearbeitet, richtig? Perihelion?�</p><p>�In letzter Zeit nicht mehr, aber stimmt.�</p><p>�Kannst du mir sagen, wie lange das alles noch dauern wird?� Er brachte die Frage fast fl�sternd vor, und pl�tzlich konnte ich die M�digkeit in seiner Stimme h�ren. Und die uneingestandene Furcht. �Ich meine, so oder so?�</p><p>Ich erwiderte, dass ich es schlicht und einfach nicht sagen konnte�� und auch bezweifelte, dass irgendjemand bei Perihelion mehr wisse als ich.</p><p>Er seufzte. �Okay. Es ist nur so bitter, wei�t du, die Vorstellung, wir w�rden das hier alles durchmachen und dann in ein paar Tagen verbrennen, ohne erfahren zu haben, was das Ganze eigentlich soll.�</p><p>�Ich w�nschte, ich k�nnte dir eine Antwort geben.�</p><p>Im Hintergrund rief jetzt jemand seinen Namen. �Ich w�nsche mir auch vieles. Muss Schluss machen, Tyler.�</p><p>Ich dankte ihm noch einmal und legte auf.</p><p>Die Morgend�mmerung war noch einige Stunden entfernt.</p><p>Simon hatte etwas abseits vom Auto gestanden, in den Sternenhimmel gestarrt und so getan, als w�rde er nicht zuh�ren. Ich winkte ihn heran. �Wir m�ssen weiter, Simon.�</p><p>�Hast du Hilfe f�r Diane finden k�nnen?�</p><p>�Sozusagen.�</p><p>Er nahm die Antwort hin, ohne nachzufragen. Doch bevor er ins Auto stieg, zupfte er mich am �rmel und sagte: �Da� Was glaubst du, was das ist, Tyler?� Er deutete auf den westlichen Horizont, wo sich eine sanft gebogene silberne Linie durch etwa f�nf Grad des Nachthimmels schwang. Es sah aus, als habe jemand ein riesiges flaches C aus der Dunkelheit gekratzt.</p><p>�Vielleicht ein Kondensationsstreifen. Ein Milit�rflugzeug.�</p><p>�Nachts?�</p><p>�Ich wei� nicht, was es ist, Simon. Komm, steig ein�� wir haben keine Zeit zu verlieren.�</p><empty-line/><p>Wir kamen schneller voran, als ich gedacht hatte, und erreichten das in einem �den Industriegel�nde gelegene Lagerhaus f�r medizinischen Bedarf rechtzeitig vor Sonnenaufgang. Ich zeigte dem nerv�sen Nationalgardisten, der am Eingang postiert war, meinen Ausweis, worauf er mich an einen anderen Nationalgardisten und einen zivilen Angestellten weiterreichte, die mich durch die Regalg�nge f�hrten. Ich fand, was ich brauchte, und ein dritter Nationalgardist half mir, es zum Auto zu tragen. Allerdings zog er sich rasch zur�ck, als er Diane auf dem R�cksitz nach Atem ringen sah. �Ich w�nsche Ihnen viel Gl�ck�, sagte er mit etwas zittriger Stimme.</p><p>Ich nahm mir die Zeit, ihr einen Tropf zu basteln, wobei ich den Beutel an den Jackenhaken des Autos h�ngte. Ich zeigte Simon, wie man den Zufluss steuerte und daf�r sorgte, dass sie den Schlauch im Schlaf nicht einklemmte oder abriss. Sie wachte nicht einmal auf, als ich ihr die Nadel in den Arm stach.</p><p>Als wir wieder unterwegs waren, fragte Simon: �Wird sie sterben?�</p><p>Ich packte das Steuer ein wenig fester. �Nicht, wenn ich es verhindern kann.�</p><p>�Wo bringen wir sie hin?�</p><p>�Nach Hause.�</p><p>�Etwa ins Haus von Carol und E. D.? Den ganzen Weg?�</p><p>�Genau.�</p><p>�Warum dorthin?�</p><p>�Weil ich ihr da helfen kann.�</p><p>�Das ist eine lange Fahrt. Ich meine, so wie die Dinge stehen.�</p><p>�Ja, das kann eine lange Fahrt werden.�</p><p>Ich drehte mich kurz um, sah, wie er ihr sanft den Kopf streichelte. Dianes Haare hingen schlaff herunter, vom Schwei� verfilzt, und Simons H�nde waren blass an den Stellen, wo er das Blut abgewaschen hatte.</p><p>�Ich verdiene es nicht, mit ihr zusammen zu sein�, sagte er. �Ich wei�, dass das alles meine Schuld ist. Ich h�tte die Ranch verlassen k�nnen. Ich h�tte Hilfe holen k�nnen.�</p><p>Ja, dachte ich. Das h�ttest du.</p><p>�Aber ich glaubte an das, was wir taten. Du wirst das wahrscheinlich nicht verstehen. Es war nicht nur das rote Kalb, Tyler. Ich war �berzeugt davon, dass wir am Ende belohnt w�rden.�</p><p>�Wof�r belohnt?�</p><p>�Glauben. Beharrlichkeit. Vom ersten Moment an, als ich Diane kennen lernte, hatte ich das Gef�hl, dass wir Teil von etwas Spektakul�rem sein w�rden, auch wenn ich es noch nicht ganz begreifen konnte. Dass wir eines Tages gemeinsam vor dem Thron Gottes stehen w�rden�� nicht weniger. �Dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis dass es alles geschehe.� <emphasis>Unser </emphasis>Geschlecht, <emphasis>unsere </emphasis>Generation, auch wenn wir anfangs einen falschen Weg einschlugen. Zugegeben, bei diesen New-Kingdom-Veranstaltungen sind Dinge passiert, die mir heute sch�ndlich erscheinen. Trunkenheit, L�sternheit, L�gen. Wir haben uns davon abgewandt, was einerseits gut war, andererseits aber hatten wir das Gef�hl, die Welt sei ein bisschen kleiner geworden, seitdem wir nicht mehr unter Leuten waren, die versuchten, das tausendj�hrige Reich Christi vorzubereiten. Es war, als h�tten wir eine Familie verloren. Und ich dachte, na ja, wenn du nach dem reinsten und einfachsten Weg suchst, dann sollte dich der in die richtige Richtung f�hren. �Wenn ihr beharret, werdet ihr euer Leben gewinnen.��</p><p>�Jordan Tabernacle.�</p><p>�Es ist nicht schwer, die Prophezeiung am Spin zu messen. Zeichen in der Sonne, im Mond und in den Sternen, hei�t es bei Lukas. Ersch�ttert sind die M�chte des Himmels. Aber es ist nicht� es ist nicht�� Er schien den Faden zu verlieren.</p><p>�Wie sieht�s da hinten mit ihrer Atmung aus?� Ich brauchte eigentlich nicht zu fragen, ich konnte jeden Atemzug h�ren, den sie machte�� sie atmete schwer, aber regelm��ig. Ich wollte Simon nur ablenken.</p><p>�Sie kriegt Luft� Bitte, Tyler, halt an und lass mich raus.�</p><p>Wir fuhren Richtung Osten. Es herrschte �berraschend wenig Verkehr. Colin Hinz hatte mich vor m�glichen Verstopfungen rund um den Flughafen gewarnt, doch die hatten wir umfahren. Hier drau�en begegneten uns nur wenige Pkws, wenn auch eine ganze Reihe aufgegebener Fahrzeuge auf dem Seitenstreifen standen. �Das ist keine gute Idee.� Im R�ckspiegel sah ich, wie sich Simon Tr�nen aus den Augen rieb. Er wirkte so verletzlich und verwirrt wie ein Zehnj�hriger bei einer Beerdigung.</p><p>�Wei�t du, ich hatte in meinem ganzen Leben nur zwei Wegzeichen. Gott und Diane. Und ich habe sie beide verraten. Ich habe zu lange gewartet. Es ist nett von dir, es zu leugnen, aber sie liegt im Sterben.�</p><p>�Nicht unbedingt.�</p><p>�Ich will nicht bei ihr sein mit dem Wissen, dass ich es h�tte verhindern k�nnen. Ich w�rde lieber in der W�ste sterben. Das ist mein Ernst, Tyler. Ich will aussteigen.�</p><p>Der Himmel wurde langsam hell, ein h�ssliches violettes Schimmern, eher dem Lichtbogen einer defekten Neonlampe �hnlich als irgendetwas Nat�rlichem.</p><p>�Das ist mir egal.�</p><p>Er sah mich verbl�fft an. �Was?�</p><p>�Es ist mir egal, wie du dich gerade f�hlst. Ich habe dich mitgenommen, weil wir eine schwierige Reise vor uns haben und ich mich nicht um sie k�mmern und gleichzeitig fahren kann. Au�erdem werde ich fr�her oder sp�ter schlafen m�ssen�� wenn du dich dann ans Steuer setzen k�nntest, m�ssten wir nicht anhalten, au�er um zu tanken und Verpflegung zu kaufen.�</p><p>�Kommt es darauf denn an?�</p><p>�Es ist nicht gesagt, dass sie stirbt, Simon, aber sie ist so krank, wie du glaubst, und sie <emphasis>wird </emphasis>sterben, wenn sie keine Hilfe bekommt. Und die einzige Hilfe, die ich kenne, ist ein paar tausend Kilometer von hier entfernt.�</p><p>�Himmel und Erde vergehen. Wir werden alle sterben.�</p><p>�F�r Himmel und Erde kann ich nicht sprechen, aber ich weigere mich, sie sterben zu lassen, solange ich etwas dagegen tun kann.�</p><p>�Darum beneide ich dich.�</p><p>�Was? Worum in aller Welt k�nntest du mich beneiden?�</p><p>�Um deinen Glauben.�</p><empty-line/><p>Ein gewisses Ma� an Optimismus war noch m�glich, aber nur nachts. Bei Tageslicht verdorrte er.</p><p>Ich fuhr ins Hiroshima der aufgehenden Sonne. Das Licht tat mir zwar vermutlich nicht besonders gut, aber ich hatte aufgeh�rt, mir dar�ber Sorgen zu machen. Dass wir �berhaupt den ersten Tag �berlebt hatten, war ein R�tsel�� ein Wunder, h�tte Simon wohl gesagt. Es ermunterte mich zu einem gewissen Pragmatismus: Ich holte meine Sonnenbrille aus dem Handschuhfach und versuchte die Augen stur auf die Stra�e zu richten anstatt auf das orangefarbene Feuer, das aus dem Horizont emporschwebte.</p><p>Drau�en wurde es immer hei�er. Ebenso im Wageninneren, trotz der Klimaanlage, die ich auf Hochtouren laufen lie�, um Dianes K�rpertemperatur halbwegs unter Kontrolle zu behalten. Irgendwo zwischen Albuquerque und Tucumcari wurde ich von heftiger M�digkeit �berschwemmt. Wiederholt fielen mir die Augen zu und beinahe h�tte ich einen Kilometeranzeiger gerammt. Darauf fuhr ich an den Stra�enrand und stellte den Motor ab. Ich sagte Simon, er solle den Tank aus den Kanistern auff�llen und sich bereit machen, das Steuer zu �bernehmen. Er nickte widerstrebend.</p><p>Wir waren besser vorangekommen, als ich erwartet hatte. Es hatte wenig bis gar kein Verkehr geherrscht, wom�glich weil die Leute Angst hatten, allein unterwegs zu sein. W�hrend Simon Benzin nachf�llte, fragte ich ihn, was er zu essen mitgenommen hatte.�</p><p>�Nur was ich auf die Schnelle in der K�che gefunden habe. Ich hatte es eilig. Sieh selbst nach.�</p><p>Im Kofferraum, zwischen den eingedellten Kanistern, dem verpackten medizinischen Bedarf und einzelnen Flaschen Mineralwasser fand ich einen Pappkarton. Er enthielt drei Schachteln Cheerios, zwei B�chsen Cornedbeef und eine Flasche Pepsi light. �Jesus, Simon.�</p><p>Er zuckte zusammen; mir wurde klar, dass ich mich nicht gerade sorgf�ltig ausgedr�ckt hatte. �Das war alles, was ich finden konnte.�</p><p>Und keine Sch�sseln oder L�ffel. Aber ich war ebenso hungrig wie m�de. Wir beschlossen, den Motor ein wenig abk�hlen zu lassen. W�hrenddessen setzten wir uns in den Schatten des Autos, dessen Scheiben heruntergelassen waren, damit die aus der W�ste wehende Brise hindurchblasen konnte. Die Sonne stand sengend am Himmel, es war wie High Noon auf dem Merkur. Wir benutzten die B�den leerer Plastikflaschen als behelfsm��ige Tassen und a�en in lauwarmem Wasser eingeweichte Cheerios. Es sah ein bisschen aus wie Klebstoff und schmeckte auch so.</p><p>Ich besprach die n�chste Reiseetappe mit Simon, erinnerte ihn daran, die Klimaanlage einzuschalten, sobald wir unterwegs waren, und bat ihn, mich zu wecken, falls sich auf der Stra�e irgendwelche Probleme abzeichneten.</p><p>Dann k�mmerte ich mich um Diane. Der Tropf und die Antibiotika schienen ihr etwas Energie eingefl��t zu haben. Sie �ffnete die Augen und fl�sterte: �Tyler�, nachdem ich ihr ein bisschen Wasser eingefl��t hatte. Sie nahm ein paar L�ffel voll Cheerios an, drehte dann aber den Kopf weg. Ihre Wangen waren eingefallen, die Augen teilnahmslos.</p><p>�Hab noch ein bisschen Geduld, Diane.� Ich stellte ihren Tropf neu ein, ich half ihr aufzusitzen, die Beine aus dem Auto gestreckt, w�hrend sie ein wenig br�unlichen Urin abschlug. Dann wischte ich sie ab und tauschte ihr beschmutztes H�schen gegen einen sauberen Baumwollslip aus meinem Koffer aus.</p><p>Nachdem sie versorgt war, stopfte ich eine Decke in die L�cke zwischen Vorder- und R�ckbank�� ein Schlafplatz f�r mich, wo ich sie nicht st�rte. Simon hatte w�hrend der ersten Etappe nur kurz geschlafen und musste �hnlich ersch�pft sein wie ich�� aber er war nicht mit einem Gewehr geschlagen worden. Die Stelle, an der mich Bruder Aaron erwischt hatte, war geschwollen und gab dr�hnend Meldung, wenn ich mit den Fingern auch nur in die N�he geriet.</p><p>Simon beobachtete das alles aus einigen Metern Entfernung und machte ein m�rrisches, vielleicht auch eifers�chtiges Gesicht. Als ich ihn rief, z�gerte er, blickte sehnsuchtsvoll �ber die W�ste, tief ins Herz des absoluten Nichts. Dann schlich er zum Auto zur�ck und setzte sich hinter das Lenkrad.</p><p>Ich quetschte mich in meine Nische. Diane schien ohne Bewusstsein, doch bevor ich einschlief, f�hlte ich, wie sie meine Hand dr�ckte.</p><empty-line/><p>Als ich erwachte, war es wieder dunkel, Simon hatte angehalten, um die Pl�tze zu tauschen. Ich kletterte aus dem Auto und streckte mich. Mir tat noch immer der Kopf weh, meine Wirbels�ule f�hlte sich etwas steif an, aber ich war ausgeruhter als Simon, der nach hinten kroch und sofort einschlief.</p><p>Ich wusste nicht, wo wir waren, abgesehen davon, dass wir nach wie vor auf der I-40 Richtung Osten fuhren und das Land hier weniger ausged�rrt war: zu beiden Seiten der Stra�e erstreckten sich bew�sserte Felder unter einem karmesinroten Mond. Ich �berzeugte mich davon, dass Diane bequem lag und frei atmen konnte, und lie� alle T�ren f�r eine Weile offen stehen, um die schlechte Luft, ein mit Blut und Benzin vermischter Krankenzimmergeruch, zu vertreiben. Dann setzte ich mich ans Steuer.</p><p>Nur wenig Sterne hingen �ber der Stra�e, und sie waren schwer zu erkennen. Ich dachte an den Mars. Befand er sich noch unter einer Spinmembran oder war er, ebenso wie die Erde, freigesetzt worden? Ich wusste nicht, wo am Himmel ich nach ihm suchen musste, und selbst wenn ich ihn fand, w�rde ich wohl kaum Einzelheiten erkennen k�nnen. Was ich aber sah�� gar nicht �bersehen konnte��, war die geheimnisvolle Silberlinie, auf die mich Simon noch in Arizona aufmerksam gemacht und die ich f�lschlich f�r einen Kondensationsstreifen gehalten hatte. Jetzt war sie sogar noch auff�lliger. Sie war vom westlichen Horizont fast bis zum Zenit gewandert, und aus der sanften Kurve war ein Oval geworden, ein abgeflachtes O.</p><p>Der Himmel, den ich �ber mir sah, war drei Milliarden Jahre �lter als der, den ich zuletzt vom Rasen des Gro�en Hauses aus gesehen hatte. Man musste wohl damit rechnen, dass er alle m�glichen Geheimnisse in sich trug.</p><p>Als wir wieder unterwegs waren, testete ich das Autoradio, das in der Nacht zuvor stumm geblieben war. Es war nichts Digitales zu empfangen, doch nach einigem Suchen erwischte ich einen Lokalsender auf dem FM-Band�� einer von denen, die sich normalerweise ganz der Countrymusik und der Christlichkeit widmen. Jetzt allerdings wurde nur geredet. Ich erfuhr eine ganze Menge, bevor der Empfang schlie�lich im Rauschen unterging.</p><p>Ich erfuhr etwa, dass wir gut beraten gewesen waren, gr��ere St�dte zu meiden. Die St�dte waren Katastrophengebiete�� nicht auf Grund von Pl�nderungen und Gewalt (davon hatte es �berraschend wenig gegeben), sondern wegen des v�lligen Zusammenbruchs der Infrastruktur. Der Aufgang der roten Sonne hatte so sehr nach dem lange vorhergesagten Tod der Erde ausgesehen, dass die meisten Leute einfach zu Hause geblieben waren, um gemeinsam mit ihren Familien zu sterben, und der st�dtische Betrieb weitgehend zum Erliegen kam: Polizei und Feuerwehr waren praktisch nicht mehr vorhanden, die Krankenh�user hoffnungslos unterbesetzt.</p><p>Die vergleichsweise wenigen Leute, die sich zu erschie�en versuchten oder gro�e Mengen von Alkohol, Kokain, Oxycontin oder Amphetaminen einnahmen, verursachten in ihrer Unachtsamkeit die akutesten Probleme: sie wurden beim Autofahren bewusstlos oder lie�en, w�hrend sie starben, brennende Zigaretten fallen. Wenn der Teppich dann zu glimmen begann oder die Vorh�nge in Flammen aufgingen, war niemand da, um 911 zu w�hlen, und in vielen F�llen w�re bei der Feuerwehr auch niemand dagewesen, um den Anruf entgegenzunehmen. Kleine Feuer wurden auf diese Weise schnell zu Gro�br�nden.</p><p>Vier gro�e Rauchs�ulen stiegen aus Oklahoma City auf, sagte der Nachrichtensprecher, und telefonischen Berichten zufolge lagen die s�dlichen Stadtteile von Chicago weitgehend in Schutt und Asche. Jede Gro�stadt im Land�� sofern �berhaupt Kontakt bestand�� meldete wenigstens einen oder zwei au�er Kontrolle geratene Br�nde.</p><p>Nachdem sich allerdings die M�glichkeit abgezeichnet hatte, dass die menschliche Rasse zumindest noch ein paar Tage l�nger �berleben w�rde, waren wieder wesentlich mehr Notfallhelfer und kommunale Angestellte auf ihre Posten zur�ckgekehrt. (Die Kehrseite war, dass die Leute sich jetzt Sorgen machten, wie lange wohl ihre Vorr�te reichen w�rden: Pl�nderungen von Lebensmittelgesch�ften wurden zusehends zu einem Problem.) Wer keine unverzichtbaren Dienste zu leisten hatte, wurde aufgefordert, zu Hause zu bleiben�� die Botschaft war vor Sonnenaufgang �ber Not�bertragungssysteme und �ber jede noch funktionierende Radio- und Fernsehleitung verbreitet worden und wurde jetzt am Abend wiederholt. Was als Erkl�rung daf�r dienen mochte, warum so wenig Verkehr herrschte. Ich hatte ein paar Milit�r- und Polizeipatrouillen gesehen, aber keine davon hatte uns aufgehalten, vermutlich wegen des Schildes an meinem Auto�� nach dem ersten Flackern hatten die meisten Staaten, darunter auch Kalifornien, Notdienstplaketten an �rzte ausgegeben.</p><p>Die Arbeit der Polizei war ohnehin l�ckenhaft. Das regul�re Milit�r blieb trotz mancher Desertationen mehr oder weniger intakt, doch die Einheiten der Reserve und der Nationalgarde waren arg reduziert und konnten die �rtlichen Beh�rden nicht unterst�tzen. L�ckenhaft war auch die Stromversorgung; die meisten Elektrizit�tswerke waren unterbesetzt und kaum funktionst�chtig, sodass sich immer mehr Ausf�lle �ber das Netz verbreiteten. Es gingen Ger�chte um, wonach die Atomkraftwerke San Onofre in Kalifornien und Pickering in Kanada kurz vor der Kernschmelze standen, aber daf�r gab es bislang noch keine Best�tigung.</p><p>Der Nachrichtensprecher verlas eine Liste von Nahrungsmitteldepots und von Krankenh�usern, die ihren Betrieb aufrecht erhielten (mit gesch�tzten Wartezeiten), sowie Erste-Hilfe-Tipps f�r zu Hause. Und eine vom Wetteramt ausgegebene Warnung vor l�ngeren Aufenthalten in der Sonne. Das Sonnenlicht scheine zwar nicht unmittelbar t�dlich zu sein, doch eine �berm��ige UV-Belastung k�nne, so hie� es, zu �langfristigen Problemen� f�hren�� und das war ebenso traurig wie komisch.</p><empty-line/><p>Ich empfing noch einige vereinzelte Sendungen bis zum Morgengrauen, doch bald lie� die aufsteigende Sonne alles in Rauschen untergehen.</p><p>Der Tag brach unter Wolken an. Ich musste also nicht direkt ins grelle Sonnenlicht hineinfahren, aber selbst dieser ged�mpfte Sonnenaufgang war bedr�ckend fremdartig. Die �stliche H�lfte des Himmels wurde zu einer brodelnden Suppe aus rotem Licht, auf ihre Art ebenso hypnotisch wie die Glut eines erl�schenden Lagerfeuers. Gelegentlich teilten sich die Wolken, und bernsteinfarbene Sonnenstrahlen fingerten �bers Land. Um die Mittagszeit jedoch hatte sich die Bew�lkung verdichtet, und bald begann es zu regnen�� ein hei�er, lebloser Regen, der sich �ber den Highway legte und die kr�nklichen Farben des Himmels spiegelte.</p><p>Am Morgen hatte ich den letzten Benzinkanister in den Tank gef�llt, und irgendwo zwischen Cairo und Lexington begann sich die Nadel der Benzinanzeige bedrohlich dem roten Bereich zu n�hern. Ich weckte Simon und sagte ihm, dass ich die n�chste Tankstelle ansteuern w�rde�� und jede weitere, die danach kam, bis wir eine gefunden hatten, die uns Benzin verkaufte.</p><p>Die n�chste Tankstelle erwies sich als ein kleines familienbetriebenes Franchise mit vier Pumpen und angeschlossenem Imbiss, etwa einen halben Kilometer abseits des Highways gelegen. Der Laden war dunkel und die Pumpen vermutlich au�er Betrieb, aber ich fuhr trotzdem vor, stieg aus dem Auto und nahm den Zapfhahn vom Haken.</p><p>Ein Mann mit einer M�tze der Cincinnati Bengals auf dem Kopf und einem Schrotgewehr in der Hand erschien von der Seite des Geb�udes her. �Das wird nichts�, sagte er.</p><p>Ich steckte den Zapfhahn langsam zur�ck. �Sie haben keinen Strom?�</p><p>�Richtig.�</p><p>�Und kein Notaggregat?�</p><p>Er zuckte mit den Achseln und kam n�her. Simon schickte sich an, aus dem Wagen zu steigen, aber ich winkte ihn zur�ck. Der Mann mit der Bengals-M�tze�� er war ungef�hr drei�ig und hatte sch�tzungsweise drei�ig Pfund �bergewicht�� besah sich den auf der R�ckbank installierten Infusionstropf. Dann warf er einen Blick auf das Nummernschild. Es war ein kalifornisches, was mir vermutlich keine Goodwillpunkte einbrachte, doch die Notdienstplakette war deutlich zu sehen. �Sie sind Arzt?�</p><p>�Ja. Tyler Dupree. Dr. med.�</p><p>�Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen nicht die Hand sch�ttele. Ist das Ihre Frau da drin?�</p><p>Ich bejahte, weil das unkomplizierter war, als lange Erkl�rungen abzugeben. Simon sah mich an, erhob aber keinen Einspruch.</p><p>�Haben Sie irgendwelche Papiere, die belegen, dass Sie Arzt sind? Nichts f�r ungut, aber es hat in den letzten Tagen eine Menge Autodiebst�hle gegeben.�</p><p>Ich zog meine Brieftasche hervor und warf sie vor ihm auf den Boden. Er hob sie auf, betrachtete das Kartenfach, fischte eine Brille aus seiner Hemdtasche, sah noch einmal genau hin. Schlie�lich gab er mir die Brieftasche zur�ck. �Tut mir Leid, Dr. Dupree. Ich bin Chuck Bernelli. Wenn Sie nur Benzin brauchen, stelle ich die Pumpen an. Falls Sie mehr ben�tigen, kostet es mich eine Minute, den Laden zu �ffnen.�</p><p>�Das Benzin brauche ich auf jeden Fall. Verpflegung w�re zwar sch�n, aber ich habe nicht viel Bargeld bei mir.�</p><p>�Zum Teufel damit. F�r Kriminelle und Betrunkene�� und daran herrscht momentan kein Mangel auf den Stra�en�� haben wir geschlossen, aber f�rs Milit�r und f�r die Autobahnpolizei machen wir jederzeit auf. Und auch f�r Mediziner. Jedenfalls so lange es noch Benzin gibt. Ich hoffe, Ihrer Frau geht es nicht allzu schlecht.�</p><p>�Nicht, wenn ich sie dahin bekomme, wo ich hinwill.�</p><p>�Lexington V. A.? Samaritan?�</p><p>�Ein bisschen weiter noch. Sie braucht spezielle Behandlung.�</p><p>Er blickte zum Auto. Simon hatte die Fenster heruntergelassen, damit frische Luft hineinwehte. Regen klatschte auf das staubige Fahrzeug und den �ligen, von Pf�tzen �bers�ten Asphalt. Diane drehte sich im Schlaf um, begann zu husten. Bernelli runzelte die Stirn. �Dann mach ich mal die Pumpen an. Sie wollen sicher gleich weiter.�</p><p>Bevor wir wieder losfuhren, stellte er noch einige Lebensmittel f�r uns zusammen: ein paar Suppendosen, eine Schachtel Cracker, einen Dosen�ffner. Aber er kam nicht in die N�he des Autos.</p><empty-line/><p>Qu�lender, periodisch auftretender Husten ist ein typisches Symptom f�r KVES. Es mutet schon beinahe hinterh�ltig an, wie der Erreger seine Opfer vorerst schont, es vorzieht, sie erst einmal nicht in einer verheerenden Pneumonie zu ertr�nken, obwohl das dann letzten Endes doch das Mittel ist, mit dem er sie umbringt�� sofern nicht schon vorher komplettes Herzversagen eintritt. Bei dem Gro�h�ndler in der N�he von Flagstaff hatte ich mir einen Sauerstoffbeh�lter und eine Maske verschafft, und als der Husten Dianes Atmung zu beeintr�chtigen begann�� sie war am Rande der Panik, verdrehte die Augen, weil sie das Gef�hl hatte, in ihrem eigenen Sputum zu ertrinken��, machte ich die Atemwege, so gut es ging, frei und hielt ihr die Sauerstoffmaske �ber Mund und Gesicht, w�hrend Simon fuhr.</p><p>Irgendwann wurde sie ruhiger, ihre Gesichtsfarbe normalisierte sich, und sie konnte wieder schlafen. Ich sa� bei ihr, ihr fiebriger Kopf schmiegte sich an meine Schulter. Der Regen fiel unerbittlich und zwang uns, langsamer zu fahren. Jedes Mal wenn wir durch eine Senke fuhren, zog der Wagen eine sch�umende Wasserwolke hinter sich her. Zum Abend hin schwand das Licht, hinterlie� glimmende Kohlen am westlichen Horizont.</p><p>Es gab keinerlei Ger�usche neben dem Trommeln des Regens auf dem Autodach, und ich war recht zufrieden damit, dem zuzuh�ren, als sich Simon pl�tzlich r�usperte und fragte: �Bist du Atheist, Tyler?�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Ich will nicht unh�flich sein, aber ich habe mich gefragt, ob du dich als Atheisten bezeichnen w�rdest?�</p><p>Ich wusste nicht recht, wie ich darauf antworten sollte. Simon hatte einen hilfreichen, ja unverzichtbaren Beitrag dazu geleistet, dass wir bis hierher gekommen waren. Doch er war auch jemand, der sein geistiges Kapital in einen Haufen unzurechnungsf�higer Dispensationalisten investiert hatte, deren einziger Einwand gegen das Ende der Welt darin bestand, dass es ihren detaillierten Erwartungen nicht entsprach. Ich wollte ihn nicht beleidigen, ich brauchte ihn noch�� Diane brauchte ihn noch. Also sagte ich: �Spielt es denn eine Rolle, als was ich mich bezeichnen w�rde?�</p><p>�Ich war einfach nur neugierig.�</p><p>�Tja� Ich wei� es nicht. Sch�tze, das w�re meine Antwort. Ich erhebe nicht den Anspruch zu wissen, ob Gott existiert oder warum er das Universum auf diese Weise ins Schleudern gebracht hat. Tut mir Leid, Simon, das ist alles, was ich an der theologischen Front zu bieten habe.�</p><p>Einige Kilometer lang schwieg er. Dann sagte er: �Vielleicht ist es das, was Diane meinte.�</p><p>�Was sie wozu meinte?�</p><p>�Wenn wir dar�ber sprachen. Was wir �brigens l�nger nicht mehr getan haben, wenn ich�s mir recht �berlege. Wir waren unterschiedlicher Ansicht �ber Pastor Dan und Jordan Tabernacle, auch vor dem Schisma schon. Ich fand, dass sie zu zynisch war. Sie sagte, ich sei zu leicht zu beeindrucken. Nun, kann schon sein. Pastor Dan besa� die Gabe, die Schrift aufzuschlagen und auf jeder Seite Erkenntnisse zu finden�� solide wie ein Haus, S�ulen und Grundpfeiler der Erkenntnis. Das ist wirklich eine Gabe, wei�t du. Ich selber kann es nicht. So sehr ich es versuche, ich bin bis heute nicht in der Lage, die Bibel aufzuschlagen und sofort zu begreifen, was da steht.�</p><p>�Vielleicht ist es auch gar nicht so gedacht.�</p><p>�Ich wollte es aber. Ich wollte so sein wie Pastor Dan�� klug und immer, na ja, mit festem Boden unter den F��en. Diane sagte, es sei ein Teufelspakt, Dan Condon h�tte Demut gegen Gewissheit getauscht. Vielleicht ist es das, was mir abging. Und vielleicht ist es das, was sie in dir sah, warum sie all die Jahre an dir festgehalten hat: deine Demut.�</p><p>�Simon, ich��</p><p>�Schon gut. Das ist nichts, wof�r du dich entschuldigen m�sstest, und du brauchst es auch nicht um meinetwillen zu besch�nigen. Ich wei�, dass sie dich angerufen hat, wenn sie dachte, ich schlafe, oder wenn ich au�er Haus war. Ich wei�, dass ich mich gl�cklich sch�tzen darf, sie so lange bei mir gehabt zu haben.� Er drehte sich zu mir um. �W�rdest du mir einen Gefallen tun? Sag ihr bitte, es t�te mir Leid, dass ich mich nicht besser um sie gek�mmert habe, als sie krank wurde.�</p><p>�Das kannst du ihr doch selber sagen.�</p><p>Er nickte nachdenklich und fuhr tiefer in den Regen hinein. Ich sagte ihm, er solle versuchen, n�tzliche Informationen im Radio zu finden, jetzt, wo es wieder dunkel war. Meine Absicht war, wach zu bleiben und zuzuh�ren, aber ich hatte rasende Kopfschmerzen und begann alles doppelt zu sehen, und nach einer Weile schien es dann doch angenehmer, einfach die Augen zu schlie�en und zu schlafen.</p><empty-line/><p>Ich schlief fest und lange, jede Menge Kilometer blieben unter den R�dern des Autos zur�ck. Als ich aufwachte, war es erneut ein regnerischer Morgen. Wir parkten auf einem Rastplatz�� westlich von Manassas, wie ich sp�ter erfuhr��, und eine Frau mit einem eingerissenen schwarzen Regenschirm klopfte ans Fenster.</p><p>Blinzelnd �ffnete ich die T�r, worauf sie, mit achtsamen Blicken auf Diane, einen Schritt zur�ckwich. �Soll Ihnen von dem Mann sagen, Sie solln nich warten.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Soll Sie von ihm gr��en und Sie solln nich auf ihn warten.�</p><p>Simon sa� nicht auf dem Vordersitz. Auch zwischen den M�lltonnen, den nassen Picknicktischen und den Plastiktoiletten war er nicht zu sehen. Einige andere Wagen standen herum, die meisten im Leerlauf vor sich hintuckernd, w�hrend ihre Fahrer auf dem Klo waren. Ich registrierte B�ume, Parklandschaft, einen h�geligen Ausblick auf eine regennasse kleine Industriestadt unter einem feuerroten Himmel. �D�nner blonder Typ? Schmutziges T-Shirt?�</p><p>�Genau der. Meinte, Sie solln nicht zu lange schlafen. Dann isser losgezogen.�</p><p>�Zu Fu�?�</p><p>�Ja. Runter Richtung Fluss, nicht anner Stra�e lang.� Die Frau schielte wieder zu Diane hin�ber. �Geht�s Ihnen beiden gut?�</p><p>�Nein. Aber wir haben�s nicht mehr weit. Nett, dass Sie fragen. Hat er sonst noch etwas gesagt?�</p><p>�Ja. Soll ausrichten, Gott segne Sie und er findet von hier aus selber weiter.�</p><p>Ich versorgte Diane. Warf einen letzten Blick �ber den nassen Parkplatz. Dann fuhr ich weiter.</p><empty-line/><p>Ich musste mehrmals anhalten, um Dianes Tropf zu richten oder ihr Sauerstoff zu verabreichen. Sie �ffnete die Augen �berhaupt nicht mehr, und sie schlief nicht einfach nur�� sie war ohne Bewusstsein. Ich mochte nicht dar�ber nachdenken, was das bedeutete.</p><p>Die Stra�en erlaubten kein schnelles Fahren, der Regen prasselte nur so herunter und �berall gab es Hinweise auf das Chaos der letzten Tage. Ich kam an dutzenden von ausgebrannten, an den Stra�enrand geschobenen Autowracks vorbei, aus einigen stieg noch Rauch auf. Etliche Stra�en waren f�r den zivilen Verkehr gesperrt, durften nur von Milit�r oder Notdienstfahrzeugen befahren werden. Mehrmals stand ich vor Stra�ensperren und musste kehrtmachen. Die Hitze des Tages machte die feuchte Luft fast unertr�glich, am Nachmittag kam zwar ein starker Wind auf, doch auch der brachte nur wenig Erleichterung.</p><p>Zumindest war Simon erst kurz vor unserem Ziel desertiert. Ich schaffte es zum Gro�en Haus, solange noch Licht am Himmel war.</p><p>Der Wind war noch heftiger geworden, hatte fast Sturmst�rke erreicht, und die Auffahrt der Lawtons war von Zweigen und �sten �bers�t. Das Haus selbst war dunkel, jedenfalls sah es in der gelbbraunen D�mmerung so aus.</p><p>Ich lie� Diane im Auto, klopfte an die T�r. Und wartete. Klopfte noch einmal, nachdr�cklich. Endlich �ffnete sie sich einen Spaltbreit, und Carol Lawton sp�hte hinaus.</p><p>Ich konnte ihr Gesicht in der schmalen �ffnung kaum erkennen: ein blassblaues Auge, eine runzelige Wange.</p><p>�Tyler Dupree�, sagte sie. �Bist du allein?� Die T�r ging weiter auf.</p><p>�Nein. Diane ist bei mir. Und ich brauche Hilfe, um sie nach drinnen zu schaffen.�</p><p>Carol trat auf die Veranda und linste hinunter zum Auto. Als sie Diane sah, versteifte sich ihr kleiner K�rper, sie zog die Schultern hoch und rang nach Luft. �Gro�er Gott�, fl�sterte sie. �Sind denn <emphasis>beide </emphasis>meine Kinder zum Sterben nach Hause gekommen?�</p></section><section><title><p>Der abgrund in Flammen</p></title><p>Die ganze Nacht hindurch r�ttelte der Wind am Gro�en Haus, ein hei�er, salziger Wind, aufger�hrt von dem unnat�rlichen Sonnenlicht der letzten drei Tage. Ich nahm ihn sogar im Schlaf wahr: Er war da in den Momenten des Beinaheerwachens, er bildete den Soundtrack zu einem Dutzend unbehaglicher Tr�ume. Und auch nach Sonnenaufgang klopfte er noch an die Fenster, als ich mich anzog und nach Carol Lawton Ausschau hielt.</p><p>Das Haus war seit Tagen ohne Strom. Der Flur im ersten Stock war vom regengefilterten Licht, das durch das Fenster am Ende des Korridors fiel, nur schwach erleuchtet. Die Eichenholztreppe f�hrte hinunter in die Diele, wo zwei tropfnasse Erkerfenster Licht von der Farbe blasser Rosen ins Haus lie�en. Ich fand Carol im Salon, sie machte sich gerade an einer antiquarischen Kaminsimsuhr zu schaffen.</p><p>�Wie geht es ihr?�, fragte ich.</p><p>Carol warf mir einen Blick zu. �Unver�ndert.� Sie widmete sich wieder der Uhr, die sie mit einem Messingschl�ssel aufzog. �Ich war gerade bei ihr. Ich vernachl�ssige sie nicht, Tyler.�</p><p>�Das habe ich auch nicht angenommen. Was ist mit Jason?�</p><p>�Ich habe ihm beim Anziehen geholfen. Tags�ber geht es ihm besser. Ich wei� nicht, wie das kommt. Die N�chte machen ihm zu schaffen. Die letzte Nacht war� schwer.�</p><p>�Ich werde sie mir beide ansehen.� Ich verzichtete darauf, sie zu fragen, ob es Neuigkeiten gab, ob die FEMA oder das Wei�e Haus irgendwelche neuen Direktiven ausgegeben hatten. Das w�re v�llig sinnlos gewesen�� Carols Universum endete an der Grenze ihres Grundst�cks. �Sie sollten ein bisschen schlafen, Carol.�</p><p>�Ich bin achtundsechzig, ich schlafe nicht mehr so viel wie fr�her. Aber du hast Recht, ich bin m�de�� ich sollte mich wirklich hinlegen. Sobald ich hier fertig bin. Diese Uhr verliert Zeit, wenn man sich nicht um sie k�mmert. Deine Mutter hat sie fr�her jeden Tag gestellt, wusstest du das? Und nach ihrem Tod hat Marie sie immer aufgezogen, wenn sie hier sauber gemacht hat. Aber seit ungef�hr sechs Monaten kommt Marie nicht mehr. Die Uhr ist auf Viertel nach vier stehengeblieben, sechs Monate lang. Wie in dem alten Witz: zweimal am Tag ging sie richtig.�</p><p>�Wir sollten uns �ber Jason unterhalten.� Am Abend zuvor war ich zu ersch�pft gewesen, um �ber die Grundfakten hinaus Weiteres zu erfragen: Jason war ohne vorherige Ank�ndigung eine Woche vor Ende des Spins eingetroffen und in der Nacht, in der die Sterne wiederkamen, erkrankt. Seine Symptome waren eine periodisch auftretende partielle L�hmung und ein gest�rtes Sehverm�gen, dazu Fieber. Carol hatte sich um �rztliche Hilfe bem�ht, aber keinen Erfolg gehabt, also k�mmerte sie sich selbst um ihn, wenn sie auch nicht imstande gewesen war, mehr zu leisten als eine einfache palliative Versorgung.</p><p>Sie bef�rchtete, er werde sterben. Den Rest der Welt schloss ihre Sorge nicht mit ein�� Jason hatte ihr gesagt, dar�ber brauche sie sich keine Gedanken zu machen. Bald wird wieder alles normal sein, hatte er gesagt.</p><p>Und sie glaubte ihm. Die rote Sonne barg keine Schrecken f�r Carol. Die N�chte allerdings seien schlimm, sagte sie. Die N�chte ergriffen Jason wie ein b�ser Traum.</p><empty-line/><p>Zuerst sah ich bei Diane vorbei.</p><p>Carol hatte sie in einem Zimmer im Obergeschoss untergebracht�� ihrem fr�heren Kinderzimmer, sp�ter umgewandelt in ein G�stezimmer. Ihr Zustand war stabil, und sie konnte ohne Hilfsmittel atmen. Das war jedoch kein Grund zur Beruhigung, sondern geh�rte zur �tiologie der Krankheit: Die Flut stieg an und ebbte wieder ab, und mit jedem Zyklus sp�lte sie ein weiteres St�ck Widerstandskraft hinweg.</p><p>Ich k�sste Diane auf die hei�e, trockene Stirn und sagte ihr, sie solle sich ausruhen. Sie gab nicht zu erkennen, dass sie mich geh�rt hatte.</p><p>Dann ging ich zu Jason. Ich hatte ihm eine Frage zu stellen. Carol zufolge war er in das Gro�e Haus zur�ckgekehrt, weil es einen Konflikt bei Perihelion gegeben habe. An n�here Einzelheiten konnte sie sich nicht mehr erinnern, aber es hatte wohl etwas mit Jasons Vater zu tun�� �E. D. f�hrt sich mal wieder unangenehm auf��� und auch mit �diesem kleinen schwarzen runzligen Mann, der gestorben ist�� der Marsmensch�.</p><p>Der Marsmensch oder Marsianer. Von dem das Langlebigkeitsmittel stammte, das Jason zu einem Vierten gemacht hatte. Das Medikament, das ihn eigentlich h�tte sch�tzen m�ssen vor dem, was ihn jetzt zu t�ten schien.</p><empty-line/><p>Er war wach, als ich an die T�r klopfte und sein Zimmer betrat. Dasselbe Zimmer, das er vor drei�ig Jahren bewohnt hatte. Als wir Kinder in einer ordentlichen, �berschaubaren Kinderwelt gewesen waren und die Sterne auf ihrem angestammten Platz am Himmel gestanden hatten. Da war noch das helle Rechteck, wo einst ein Bild des Sonnensystems die Wand bedeckt hatte. Da war der Teppich, inzwischen dampfgereinigt und chemisch gebleicht, auf dem wir an regnerischen Tagen wie diesem Cola versch�ttet und Kuchenst�cke verstreut hatten.</p><p>Und da war Jason.</p><p>�Das klingt wie Tyler�, sagte er.</p><p>Er lag im Bett, bekleidet�� er bestehe darauf, sich jeden Morgen anzuziehen, hatte Carol gesagt�� mit Khakihosen und einem blauen Baumwollhemd. Er sa� gegen die aufgeschichteten Kissen gelehnt und schien hellwach.</p><p>�Hast ja nicht viel Licht hier drin, Jase.�</p><p>�Mach die Rollos hoch, wenn du m�chtest.�</p><p>Das tat ich, mit dem Effekt, dass noch mehr von dem tr�ben Bernsteintageslicht ins Zimmer fiel. �Was dagegen, wenn ich dich untersuche?�</p><p>�Nat�rlich nicht.� Er sah. mich nicht an. Sofern �berhaupt etwas aus seiner Kopfhaltung zu folgern war, blickte er auf einen leeren Punkt an der Wand.</p><p>�Carol sagt, du h�ttest Probleme mit dem Sehen.�</p><p>�Carol praktiziert das, was man in deinem Beruf als Realit�tsflucht bezeichnet. Tats�chlich bin ich blind. Seit gestern Morgen.�</p><p>Ich setzte mich neben ihn auf die Bettkante. Er drehte den Kopf in meine Richtung, eine qu�lend langsame Bewegung. Mit einer kleinen Taschenlampe leuchtete ich in sein rechtes Auge, um die Verengung der Pupille zu beobachten.</p><p>Die Pupille verengte sich nicht. Sie glitzerte. Die Pupille in seinem Auge glitzerte, als w�ren ihr winzige Diamanten injiziert worden.</p><p>Jason musste mein Zur�ckzucken gesp�rt haben. �So schlimm?�, fragte er.</p><p>Ich konnte nicht sprechen.</p><p>�Ich kann keinen Spiegel benutzen, Ty. Ich bin darauf angewiesen, dass du mir sagst, was du siehst.�</p><p>�Das� ich wei� nicht, was das ist, Jason. Auf jeden Fall etwas, das ich nicht diagnostizieren kann.�</p><p>�Dann beschreib es einfach nur.�</p><p>Ich bem�hte mich um professionelle Sachlichkeit. �Es sieht aus, als seien dir irgendwelche Kristalle ins Auge gewachsen. Die Sklera wirkt normal und die Iris scheint nicht betroffen zu sein, aber die Pupille ist vollst�ndig �berlagert von Sp�nen oder Splittern, irgendetwas Glimmerndem. Von so etwas habe ich noch nie geh�rt. Ich wei� nicht, wie man es behandelt.�</p><p>Ich erhob mich vom Bett, suchte mir einen Sessel, setzte mich. Eine Zeit lang gab es keinen Laut au�er dem Ticken der Nachttischuhr, einer weiteren von Carols Antiquit�ten.</p><p>Schlie�lich holte Jason Luft und rang sich etwas ab, das er offenbar f�r ein beruhigendes L�cheln hielt. �Danke. Du hast Recht, es ist ein Zustand, den man nicht behandeln kann. Aber dennoch werde ich deine Hilfe brauchen w�hrend, nun, w�hrend der n�chsten Tage. Carol gibt sich M�he, aber das alles �bersteigt ihr Fassungsverm�gen.�</p><p>�Meines auch.�</p><p>Mehr Regen trommelte gegen das Fenster. �Es ist keine ausschlie�lich medizinische Hilfe, die ich brauche.�</p><p>�Wenn du eine Erkl�rung hierf�r hast��</p><p>�Eine Teilerkl�rung allenfalls.�</p><p>�Dann kl�r mich bitte auf, Jase, denn ich krieg hier langsam ein bisschen Angst.�</p><p>Er legte den Kopf auf die Seite, lauschte irgendeinem Klang, den ich nicht geh�rt hatte oder nicht h�ren konnte. �Die Kurzversion lautet, dass mein Nervensystem Einwirkungen ausgesetzt ist, die ich nicht kontrollieren kann. Der Zustand meiner Augen ist nur eine �u�erliche Manifestation davon.�</p><p>�Eine Krankheit?�</p><p>�Nein, aber das ist die Wirkung, die es hat.�</p><p>�Ist es ansteckend?�</p><p>�Im Gegenteil. Ich glaube, es ist einzigartig. Eine Krankheit, die nur ich ausbilden kann�� auf diesem Planeten jedenfalls.�</p><p>�Dann hat es etwas mit der Langlebigkeitsbehandlung zu tun.�</p><p>�In gewisser Weise. Aber ich��</p><p>�Nein, Jase, ich brauche darauf eine Antwort, bevor du irgendetwas anderes sagst. Ist dein Zustand�� was immer es genau ist�� eine direkte Wirkung der Substanz, die ich dir verabreicht habe?�</p><p>�Keine <emphasis>direkte </emphasis>Wirkung, nein. Du hast keinerlei Schuld, falls es das ist, was dich interessiert.�</p><p>�Im Moment ist es mir vollkommen gleichg�ltig, wer welche Schuld hat. Diane ist krank. Hat Carol dir nichts erz�hlt?�</p><p>�Sie sagte was von einer Grippe.�</p><p>�Das war gelogen. Es ist keine Grippe, es ist KVES im Sp�tstadium. Ich bin dreitausend Kilometer gefahren, mitten durch das Ende der Welt oder was immer es ist, weil sie im Sterben liegt, Jase. Und es gibt, so weit ich wei�, nur eine M�glichkeit der Heilung�� und genau die hast du gerade in Frage gestellt.�</p><p>Er drehte wieder den Kopf, so als wollte er irgendeine unsichtbare Ablenkung absch�tteln. �Wei�t du, es gibt Aspekte des marsianischen Lebens, die Wun dir verheimlicht hat. E. D. hat das ja immer vermutet, und zu einem gewissen Grad war sein Verdacht durchaus begr�ndet. Auf dem Mars wird eine Biotechnologie betrieben, von der wir nicht einmal tr�umen k�nnen. Vor einigen Jahrhunderten war das Vierte Alter genau das, was Wun dir geschildert hat: eine Langlebigkeitsma�nahme und eine gesellschaftliche Institution. Aber seither hat es sich weiterentwickelt. F�r Wuns Generation war das Vierte eher eine <emphasis>Plattform, </emphasis>ein biologisches Betriebssystem, das immer ausgefeiltere Anwendungen erm�glicht. Es gibt nicht nur das Vierte, es gibt 4.1, 4.2�� wenn du verstehst, was ich meine.�</p><p>�Was ich dir gegeben habe��</p><p>�War die traditionelle Behandlung. Die Basisvier, wenn du so willst.�</p><p>�Aber?�</p><p>�Ich habe sie inzwischen erg�nzt.�</p><p>�War diese Erg�nzung auch etwas, das Wun vom Mars mitgebracht hat?�</p><p>�Ja, der Zweck��</p><p>�Der Zweck spielt im Moment keine Rolle. Bist du absolut sicher, dass du nicht an den Folgen der urspr�nglichen Behandlung leidest?�</p><p>�So sicher man sein kann.�</p><p>Ich stand auf.</p><p>Jason h�rte, wie ich mich zur T�r bewegte. �Ich kann es erkl�ren�, sagte er. �Und ich brauche nach wie vor deine Hilfe. Aber k�mmere dich um sie, Ty, unbedingt. Ich hoffe, sie wird wieder gesund. Doch denk dran�� meine Zeit ist auch begrenzt.�</p><empty-line/><p>Der Koffer mit den marsianischen Pharmazeutika war dort, wo ich ihn gelassen hatte, unber�hrt, hinter dem kaputten Wandst�ck im Keller des Hauses meiner Mutter. Ich trug ihn im b�igen Bernsteinregen �ber den Rasen ins Gro�e Haus.</p><p>Carol war in Dianes Zimmer, verabreichte ihr Sauerstoff.</p><p>�Wir m�ssen sparsam damit umgehen�, sagte ich, �es sei denn, Sie zaubern eine neue Flasche herbei.�</p><p>�Ihre Lippen waren ein bisschen blau.�</p><p>�Lassen Sie mal sehen.�</p><p>Sie r�ckte von ihrer Tochter weg. Ich schloss das Ventil und legte die Maske beiseite. Man muss vorsichtig sein mit Sauerstoff. Er ist unentbehrlich f�r Patienten, die an Atemnot leiden, aber zu viel davon kann die Luftbl�schen in der Lunge zum Platzen bringen. Meine Bef�rchtung war, dass Diane, je schlechter ihr Zustand wurde, immer h�here Dosen ben�tigen w�rde, also eine Sauerstofftherapie, die man mithilfe von Beatmungsger�ten verabreicht. Einen entsprechenden Ventilator hatten wir aber nicht.</p><p>Wir hatten auch keine M�glichkeit, ihre Blutgase zu �berwachen, doch sahen ihre Lippen relativ normal aus, als ich ihr die Maske vom Gesicht nahm. Ihr Atem allerdings ging schnell und flach, und obwohl sie einmal die Augen �ffnete, blieb sie lethargisch und zeigte keine Reaktionen.</p><p>Carol beobachtete argw�hnisch, wie ich den staubigen Koffer �ffnete und eine der marsianischen Phiolen sowie eine Injektionsspritze hervorholte. �Was ist das?�</p><p>�Das Einzige, was ihr das Leben retten kann.�</p><p>�Ja? Bist du dir da sicher, Tyler?�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Nein, ich meine, bist du dir <emphasis>wirklich </emphasis>sicher? Denn das ist das Gleiche, was du auch Jason gegeben hast, nicht wahr? Als er AMS hatte.�</p><p>Es hatte keinen Sinn, es abzustreiten. �Ja.�</p><p>�Ich mag seit drei�ig Jahren nicht mehr praktizieren, aber ich bin nicht vollkommen ahnungslos. Ich habe ein bisschen �ber AMS recherchiert, nachdem du das letzte Mal hier warst. Habe in die Fachzeitschriften geguckt. Und das Interessante ist: die Krankheit ist unheilbar. Es gibt keine Zaubermedizin. Und selbst wenn es sie g�be, k�nnte sie wohl kaum gleichzeitig ein Spezifikum gegen KVES sein. Ich muss also annehmen, dass du im Begriff bist, einen pharmazeutischen Wirkstoff zu verabreichen, der in irgendeinem Zusammenhang mit dem runzligen Mann steht, der in Florida gestorben ist.�</p><p>�Ich werde mich nicht mit Ihnen streiten, Carol. Sie haben offenbar Ihre eigenen Schl�sse gezogen.�</p><p>�Du sollst dich nicht mit mir <emphasis>streiten, </emphasis>du sollst mich <emphasis>beruhigen. </emphasis>Du sollst mir sagen, dass dieses Mittel mit Diane nicht das Gleiche anrichtet, was es mit Jason angerichtet hat.�</p><p>�Wird es nicht�, erwiderte ich, aber ich glaube, Carol wusste, dass ich den Vorbehalt unterschlug, das unausgesprochene <emphasis>soweit ich es beurteilen kann.</emphasis></p><p>Sie sah mich mit festem Blick an. �Sie bedeutet dir immer noch etwas.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Das versetzt mich immer wieder in Erstaunen. Die Beharrlichkeit der Liebe.�</p><p>Ich stach die Nadel in Dianes Vene.</p><empty-line/><p>Mittags war es im Haus nicht mehr nur hei�, sondern auch so feucht, dass ich fast schon damit rechnete, Moos von der Decke h�ngen zu sehen. Ich sa� bei Diane, um bei negativen Wirkungen der Injektion sofort einschreiten zu k�nnen. Irgendwann klopfte es energisch an der Haust�r. Diebe, dachte ich, Pl�nderer�� doch als ich in die Diele kam, war Carol schon �ffnen gegangen und gerade dabei, sich bei einem beleibten Mann zu bedanken, der ihr zunickte und sich zum Gehen wandte.</p><p>�Das war Emil Hardy�, sagte sie, w�hrend sie die T�r zuzog. �Erinnerst du dich an die Hardys? Ihnen geh�rt das kleine Kolonialstilhaus in der Bantam Hill Road. Emil hat eine Zeitung ausgedruckt.�</p><p>�Eine Zeitung?�</p><p>Sie hielt zwei zusammengeheftete Seiten Papier hoch. �Er hat einen Elektrogenerator in seiner Garage. Er h�rt nachts Radio und macht sich Notizen, dann druckt er eine Zusammenfassung aus und liefert sie an H�user in der Nachbarschaft. Das hier ist die zweite Ausgabe. Er ist ein netter Mensch und meint es gut, aber ich sehe keinen Sinn darin, so etwas zu lesen.�</p><p>�Darf ich es mir ansehen?�</p><p>�Wenn du m�chtest.�</p><p>Ich nahm es mit nach oben.</p><p>Emil war ein achtbarer Amateurreporter, dessen Berichte sich haupts�chlich auf Washington und Virginia bezogen�� eine amtliche Liste von zu meidenden Gegenden und feuerbedingten Evakuierungen, Versuche, die lokale Infrastruktur wieder in Gang zu bringen� Ich �berflog das alles nur. Es waren einige weiter unten stehende Beitr�ge, die meine Aufmerksamkeit fesselten.</p><p>Der erste betraf eine Meldung, wonach Messungen der Sonnenstrahlung ergeben h�tten, dass diese zwar erh�ht sei, doch nicht ann�hernd so intensiv wie vorhergesagt. �Regierungsexperten�, hie� es da, �sind verbl�fft und �u�ern sich vorsichtig optimistisch �ber die Chancen eines langfristigen �berlebens der Menschheit.� Es war keine Quelle angegeben, also konnte es sich um eine Erfindung irgendeines Kommentators handeln, um einen Versuch, weiterer Panik vorzubeugen, aber es stimmte mit meiner eigenen Erfahrung �berein: das Sonnenlicht war seltsam, aber nicht unmittelbar t�dlich. Kein Wort dar�ber allerdings, welchen Einfluss es auf die Ernte, das Wetter oder die Umwelt allgemein haben k�nnte. Immerhin machten weder die m�rderische Hitze noch die sintflutartigen Regenf�lle einen sonderlich <emphasis>normalen </emphasis>Eindruck.</p><p>Noch weiter unten war ein Artikel mit der �berschrift WELTWEIT LICHTER AM HIMMEL GESICHTET. Es handelte sich um die C- oder O-f�rmigen Linien, die Simon in Arizona entdeckt hatte. Sie waren im Norden bis Anchorage und im S�den bis Mexico City gesichtet worden. Die Berichte aus Europa und Asien waren zwar l�ckenhaft und befassten sich haupts�chlich mit den unmittelbaren Auswirkungen der Krise, doch auch dort war von entsprechenden Lichtpunkten die Rede.</p><empty-line/><p>Diane kam vor�bergehend zu sich, als ich bei ihr war.</p><p>�Tyler.� Ihre Stimme war so zart wie das Ger�usch eines fallenden Blattes.</p><p>Ich nahm ihre Hand. Sie war trocken und unnat�rlich warm.</p><p>�Es tut mir Leid.�</p><p>�Es gibt nichts, das dir Leid tun m�sste.�</p><p>�Es tut mir Leid, dass du mich so sehen musst.�</p><p>�Es wird besser. Es wird eine Weile dauern, aber du wirst dich erholen.�</p><p>Sie sah sich im Zimmer um, erkannte es wieder. Ihre Augen weiteten sich. �Hier bin ich.�</p><p>�Hier bist du.�</p><p>�Sag mir noch mal meinen Namen.�</p><p>�Diane�, sagte ich. �Diane. Diane.�</p><empty-line/><p>Diane war schwer krank, doch es war Jason, der im Sterben lag. Das erfuhr ich, als ich wieder zu ihm ging.</p><p>Er habe heute nichts gegessen, hatte mich Carol informiert. Er hatte Eiswasser durch einen Strohhalm zu sich genommen, ansonsten aber jede Fl�ssigkeitsaufnahme verweigert. Er konnte seinen K�rper kaum noch bewegen. Als ich ihn bat, seinen Arm zu heben, tat er es mit so gro�er M�he und so langsam, dass ich ihn wieder nach unten dr�ckte. Nur seine Stimme war noch kr�ftig, doch er rechnete damit, auch sie fr�her oder sp�ter zu verlieren. �Wenn die kommende Nacht auch nur ann�hernd so ist wie die letzte, werde ich bei Tagesanbruch nicht mehr bei klarem Verstand sein. Ich m�chte reden, solange ich es noch kann.�</p><p>�Gibt es einen bestimmten Grund, warum sich dein Zustand nachts verschlechtert?�</p><p>�Einen ganz einfachen, glaube ich. Dazu kommen wir noch. Erst m�chte ich, dass du mir einen Gefallen tust. Mein Koffer lag auf der Kommode. Ist er noch dort?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Mach ihn auf. Ich habe einen Audiorekorder eingepackt. Hol ihn bitte raus.�</p><p>Ich fand ein mattsilbernes Rechteck von der Gr��e eines Kartenspiels, neben einem Stapel von Manila-Umschl�gen, adressiert an Personen, deren Namen ich nicht kannte. �Ist es das hier?�, fragte ich, um mich gleich darauf zu verw�nschen�� nat�rlich konnte er es nicht sehen.</p><p>�Wenn es ein Sony-Ger�t ist, ja. Eine Packung mit Leerdisks m�sste gleich darunter liegen.�</p><p>�Ja, ist alles hier.�</p><p>�Gut, dann unterhalten wir uns also. Bis es dunkel wird und vielleicht noch etwas l�nger. Und ich m�chte, dass du das Ger�t laufen l�sst. Leg eine neue Disk ein, wenn die erste voll ist, oder eine neue Batterie, falls n�tig. Kannst du das f�r mich tun?�</p><p>�Ja, solange ich mich nicht um Diane k�mmern muss. Wann willst du anfangen?�</p><p>Er drehte den Kopf. Seine diamantgespickten Pupillen glitzerten. �Jetzt gleich w�re nicht zu fr�h.�</p></section><section><title><p>Ars moriendi</p></title><p>Die Marsianer, so Jason, entsprachen nicht unserem Bild eines einfachen, friedlichen, pastoralen Volkes; ein Bild, dem Wuns Berichte zumindest Vorschub geleistet hatten.</p><p>Es traf zu, dass sie nicht besonders kriegerisch waren�� die F�nf Republiken hatten ihre politischen Differenzen vor beinahe einem Jahrtausend beigelegt��, und �pastoral� waren sie zumindest in dem Sinne, dass sie den Gro�teil ihrer Ressourcen landwirtschaftlich nutzten. Aber �einfach� waren sie nicht, in keiner Weise. Sie waren Meister in der Kunst der synthetischen Biologie, ihre ganze Zivilisation war darauf gegr�ndet. Wir hatten ihnen mit biotechnischen Mitteln einen bewohnbaren Planeten gebaut, und so war es nicht verwunderlich, dass sie von Beginn an ein profundes Verst�ndnis f�r die Funktion und die potenziellen Verwendungsm�glichkeiten der DNA besa�en, das sie von Generation zu Generation weiterreichten.</p><p>Wenn ihre Gro�technologie mitunter recht plump anmutete�� Wuns Raumschiff etwa war fast primitiv gewesen, eine Newtonsche Kanonenkugel��, so war dies der radikalen Beschr�nktheit ihrer nat�rlichen Ressourcen geschuldet. Der Mars war eine Welt ohne �l und Kohle, die ein fragiles, wasser- und stickstoffarmes �kosystem trug. Eine so �ppige, ja verschwenderische industrielle Basis wie die auf der Erde h�tte auf Wuns Planeten niemals existieren k�nnen. Auf dem Mars war jede Anstrengung darauf gerichtet, ausreichend Nahrungsmittel f�r eine streng zu begrenzende Bev�lkerung zu produzieren�� und die Biotechnologie diente diesem Zweck ganz ausgezeichnet.</p><p>�Hat Wun dir das erz�hlt?�, fragte ich Jason, w�hrend der Regen ununterbrochen weiterfiel und der Nachmittag zur Neige ging.</p><p>�Er hat sich mir anvertraut, ja. Allerdings lie� sich das meiste von dem, was er erz�hlte, auch aus den Archiven erschlie�en.� Rostfarbenes Licht, das durchs Fenster fiel, spiegelte sich in Jasons blinden Augen.</p><p>�Aber es k�nnte auch sein, dass er gelogen hat.� �Ich w�sste nicht, dass er je <emphasis>gelogen </emphasis>h�tte, Tyler. Er war nur etwas knausrig mit der Wahrheit.�</p><p>Die mikroskopisch kleinen Replikatoren, die Wun zur Erde gebracht hatte, waren avancierte synthetische Biologie. Sie besa�en alle F�higkeiten, die Wun ihnen zugeschrieben hatte. Und noch weitaus mehr: Zu den uns nicht bekannten Funktionen der Replikatoren geh�rte ein verborgener zweiter Subkanal, der es ihnen erm�glichte, untereinander sowie mit ihrem Ursprungsort zu kommunizieren. Wun hatte nicht verraten, ob es sich um ein konventionelles Schmalband oder um etwas Exotischeres handelte�� Letzteres, vermutete Jason��, jedenfalls erforderte es einen Empf�nger, der fortgeschrittener war als alles, was wir auf der Erde bauen konnten. Es erforderte, so Wun, einen <emphasis>biologischen </emphasis>Empf�nger. Ein modifiziertes menschliches Nervensystem.</p><empty-line/><p>�Du hast dich <emphasis>freiwillig </emphasis>zur Verf�gung gestellt?�</p><p>�H�tte ich gemacht�� wenn ich gefragt worden w�re. Aber Wun hat sich mir nur aus einem einzigen Grund anvertraut: Weil er seit seiner Ankunft auf der Erde um sein Leben f�rchtete. Er hegte keinerlei Illusionen in Bezug auf menschliche Korruptheit oder Machtpolitik. Er brauchte vor allem jemanden, dem er seinen Medikamentenbestand anvertrauen konnte f�r den Fall, dass ihm etwas zusto�en w�rde. Jemand, der dessen M�glichkeiten und Zwecke begriff. Er hat mir nie nahe gelegt, ein Empf�nger zu werden. Die Modifikation funktioniert nur bei Vierten. Wei�t du noch, was ich gesagt habe? Die Langlebigkeitsbehandlung ist eine Plattform, ein Sprungbrett. Sie unterst�tzt andere Anwendungen. Dies ist eine davon.� �Also hast du dir das hier <emphasis>mit Absicht </emphasis>zugef�gt?� �Ja, ich habe mir die Substanz injiziert, nachdem er gestorben war. Es war nicht traumatisch und hatte keine unmittelbare Wirkung. Es bestand ja gar nicht die M�glichkeit, dass Nachrichten der Replikatoren die Spinmembran durchdrangen, solange diese voll funktionsf�hig war. Es war eine rein <emphasis>latente </emphasis>F�higkeit, die ich mir da verschaffte.�</p><p>�Warum hast du es dann gemacht?�</p><p>�Weil ich nicht in einem Zustand der Unwissenheit sterben wollte. Wir alle haben angenommen, dass wir, wenn der Spin zu Ende ist, innerhalb von Tagen oder gar Stunden sterben w�rden. Der einzige Sinn von Wuns Modifikation lag f�r mich darin, dass ich in diesen letzten Stunden in Kontakt mit einer Datenbasis treten w�rde, die fast so gro� ist wie die Galaxis selbst. Ich w�rde erfahren�� so weit man das als Erdling �berhaupt erfahren <emphasis>kann��,</emphasis> wer die Hypothetischen sind und warum sie das alles mit uns angestellt haben.�</p><p>Ich dachte: <emphasis>Ja und, wei�t du das jetzt? </emphasis>Und vielleicht wusste er es ja wirklich. Vielleicht war es das, was er noch unbedingt mitteilen wollte, bevor ihn die F�higkeit zu sprechen verlie�; vielleicht wollte er deshalb, dass ich einen Mitschnitt davon machte. �Wusste Wun, dass du so etwas tun w�rdest?�</p><p>�Nein, und ich bezweifle, dass er es gebilligt h�tte� obwohl er dieselbe Anwendung laufen hatte.�</p><p>�Tats�chlich? Das hat man gar nicht gemerkt.�</p><p>�Konnte man auch nicht. Du musst dir eins klar machen: Was mit mir passiert�� mit meinem K�rper, meinem Gehirn��, das ist nicht die Anwendung.� Er wandte mir seine blicklosen Augen zu. �Das ist eine Funktionsst�rung.�</p><empty-line/><p>Die Replikatoren waren von der Erde aus ins �u�ere Sonnensystem geschickt worden, und dort, weit von der Sonne entfernt, gediehen sie pr�chtig. (Hatten die Hypothetischen das bemerkt, und machten sie die Erde verantwortlich f�r etwas, das im Grunde ein marsianisches Projekt war? War es das, was die Marsianer, wie E. D. unterstellte, von Beginn an geplant hatten? Jason �u�erte sich nicht dar�ber�� ich vermute, dass er es nicht wusste.) Nach und nach verbreiteten sich die Replikatoren zu den n�chsten Sternen und dar�ber hinaus�� weit dar�ber hinaus. Die Kolonien waren auf astronomische Entfernungen nicht zu sehen, aber h�tte man sie auf einem Raster unserer eigenen stellaren Umgebung abgebildet, w�rde man sie als sich stetig ausdehnende Wolke wahrgenommen haben, als eine zeitlupenhafte Explosion k�nstlichen Lebens.</p><p>Die Replikatoren waren nicht unsterblich; sie lebten, vermehrten sich und starben schlie�lich. Was jedoch �ber sie hinaus Bestand hatte, war das Netzwerk, das sie bauten: ein Korallenriff von modulierten, miteinander verbundenen Knotenpunkten, in dem sich Daten ansammelten und zum Ausgangspunkt des Netzes wanderten.</p><p>�Als wir uns das letzte Mal gesprochen haben�, rief ich Jason in Erinnerung, �sagtest du, es gebe ein Problem. Du sagtest, die Replikatorenpopulation bilde sich zur�ck.�</p><p>�Ja, sie wurden mit etwas konfrontiert, das niemand auf der Rechnung gehabt hatte.�</p><p>�Und was?�</p><p>Er schwieg einige Zeit, wie um seine Gedanken zu sammeln. �Wir nahmen an, dass wir mit den Replikatoren etwas Neues in das Universum einf�hren w�rden, eine v�llig neue Form von k�nstlichem Leben. Diese Annahme war naiv. Wir�� die Menschen, ob auf der Erde oder auf dem Mars�� waren nicht die erste intelligente Spezies, die sich in unserer Galaxis entwickelt hat. Bei weitem nicht. Tats�chlich ist an uns nichts Ungew�hnliches, praktisch alles, was wir in unserer kurzen Geschichte getan haben, ist vorher schon getan worden, irgendwo, von irgendjemand.�</p><p>�Du willst sagen, die Replikatoren sind auf andere Replikatoren getroffen?�</p><p>�Eine �kologie von Replikatoren. Die Sterne sind ein Dschungel, Tyler. Es gibt dort mehr Leben, als wir uns je vorgestellt haben.�</p><p>Ich versuchte mir den Prozess, den Jason beschrieb, vor Augen zu f�hren: Weit entfernt von der spinisolierten Erde, weit jenseits des Sonnensystems, so tief im Weltraum, dass selbst die Sonne nur ein Stern unter vielen ist, l�sst sich ein Replikatorensame auf einem staubigen Eissplitter nieder und beginnt sich zu vermehren. Er setzt den gleichen Zyklus von Wachstum, Beobachtung, Kommunikation und Reproduktion in Gang, der schon unz�hlige Male im Verlauf der langsamen Wanderung seiner Vorfahren stattgefunden hat. Vielleicht erlangt er das Reifestadium, vielleicht beginnt er sogar kleine Datenexplosionen zu erzeugen� doch mit einem Mal wird der Zyklus unterbrochen.</p><p>Da ist etwas, das die Anwesenheit des Replikators wahrnimmt. Und das immer hungrig ist.</p><p>Dieses r�uberische Wesen (erl�uterte Jason) ist ebenfalls ein halborganisches, autokatalytisches R�ckkopplungssystem; es ist an sein eigenes Netzwerk angeschlossen, und dieses Netzwerk ist �lter und weitaus gr��er als das, was die terrestrischen Replikatoren in der vergleichsweise kurzen Zeit seit ihrem Start von der Erde errichten konnten. Der R�uber ist h�her entwickelt als seine Beute, seine f�r Nahrungssuche und Ressourcennutzung zust�ndigen Subroutinen haben sich �ber Milliarden von Jahren verfeinert. Die terrestrische Replikatorenkolonie, blind und ohne Fluchtm�glichkeit, wird aufgefressen.</p><p>�Gefressen� tr�gt hier allerdings eine spezielle Bedeutung: So n�tzlich sie ihm auch sein m�gen, der R�uber will mehr als die kohlenstoffhaltigen Molek�le, aus denen die Replikatoren bestehen. Viel interessanter f�r ihn ist ihre <emphasis>Bedeutung, </emphasis>die in ihre Reproduktionsmuster eingeschriebenen Funktionen und Strategien. Von diesen �bernimmt er, was ihm potenziell wertvoll erscheint, dann reorganisiert und nutzt er die Replikatorenkolonie f�r seine eigenen Zwecke. Die Kolonie stirbt nicht, sie wird absorbiert, ontologisch verschlungen, sie wird, zusammen mit ihren Geschwistern, einer gr��eren, komplexeren und sehr viel �lteren interstellaren Hierarchie unterstellt.</p><p>Und sie ist weder das erste noch das letzte derartige Konstrukt, das auf diese Weise �gefressen� wird.</p><p>�Replikatorennetzwerke�, sagte Jason, �geh�ren zu den Dingen, deren Erzeugung sich f�r intelligente Zivilisationen sozusagen aufdr�ngt. Angesichts der Grenzen, die das Reisen bei Sublichtgeschwindigkeit der Erforschung der Galaxis setzt, begn�gen sich die meisten technologischen Kulturen mit einem Netz von Von-Neumann-Maschinen�� Replikatoren��, das einen steten Fluss von wissenschaftlichen Informationen erzeugt, der sich im Laufe der Zeit exponentiell ausdehnt.�</p><p>�Okay, das verstehe ich so weit. Die marsianischen Replikatoren sind nicht einzigartig. Sie sind auf etwas gesto�en, das du eine �kologie nennst��</p><p>�Eine Von-Neumann-�kologie.� (Nach dem im zwanzigsten Jahrhundert lebenden Mathematiker John von Neumann, der als Erster von der M�glichkeit selbstreproduzierender Maschinen gesprochen hatte.)</p><p>�Eine Von-Neumann-�kologie. Und von der wurden sie also absorbiert. Aber das verr�t uns nichts �ber die Hypothetischen oder den Spin, oder.�</p><p>Jason sch�rzte ungeduldig die Lippen. �Die Hypothetischen <emphasis>sind </emphasis>die Von-Neumann-�kologie, Tyler. Es ist ein und dasselbe.�</p><empty-line/><p>An diesem Punkt musste ich kurz Abstand nehmen und mir dar�ber klarwerden, wer das eigentlich war, der da zu mir sprach. Er sah aus wie Jason. Aber alles, was er sagte, zog seine Identit�t in Zweifel.</p><p>�Kommunizierst du mit dieser� Wesenheit? Jetzt, meine ich? In diesem Moment?�</p><p>�Ich wei� nicht, ob man es Kommunikation nennen kann. Kommunikation wirkt in zwei Richtungen. Das ist hier nicht der Fall, nicht in dem Sinne, den du unterstellst. Und wirkliche Kommunikation w�re auch nicht ganz so �berw�ltigend wie das hier. Vor allem nachts�� bei Tageslicht ist der Input reduziert, vermutlich weil die Sonnenstrahlung das Signal schluckt.�</p><p>�Nachts ist das Signal st�rker?�</p><p>�Vielleicht ist auch das Wort �Signal� irref�hrend. Ein Signal ist das, was die urspr�nglichen Replikatoren �bermitteln sollten. Was ich empfange, kommt �ber die gleiche Tr�gerwelle und �bermittelt Information, aber es ist aktiv, nicht passiv. Es versucht, das mit mir zu machen, was es mit allen anderen Knotenpunkten im Netzwerk gemacht hat. Es versucht, mein Nervensystem zu �bernehmen und neu zu programmieren.�</p><p>Dann war also tats�chlich ein drittes Wesen mit im Zimmer. Ich, Jase�� und die Hypothetischen, die ihn bei lebendigem Leibe auffra�en. �K�nnen sie das? Dein Nervensystem umprogrammieren?�</p><p>�Nicht <emphasis>erfolgreich, </emphasis>nein. F�r sie wirke ich wie eine beliebige Schnittstelle im Replikatorennetzwerk. Die Biotechnologie, die ich mir gespritzt habe, ist empf�nglich f�r ihren Eingriff, doch auf andere Weise, als sie erwarten. Und weil sie mich nicht als biologisches Wesen wahrnehmen, k�nnen sie nichts anderes tun, als mich zu t�ten.�</p><p>�Gibt es irgendeine M�glichkeit, dieses Signal abzublocken, dich davor zu sch�tzen?�</p><p>�Nicht, dass ich w�sste. Falls die Marsianer �ber eine solche Technik verf�gen, haben sie es unterlassen, dies in ihren Archiven zu dokumentieren.�</p><p>Das Fenster in Jasons Zimmer ging nach Westen. Der rosenfarbene Schimmer, der jetzt zu uns hereindrang, kam von der untergehenden, hinter Wolken versteckten Sonne. �Und sie sind jetzt bei dir. Sprechen zu dir.�</p><p>�Sie. Es. Wir brauchten ein besseres Pronomen. Die ganze Von-Neumann-�kologie ist ein einzelnes Wesen. Es denkt seine eigenen langsamen Gedanken, macht seine eigenen Pl�ne. Aber viele von seinen Billionen Teilen sind ebenfalls autonome Individuen, die miteinander wetteifern, die schneller agieren als das Netzwerk im Ganzen und die sehr viel intelligenter sind als jedes menschliche Einzelwesen. Die Spinmembran zum Beispiel��</p><p>�Die Spinmembran ist ein <emphasis>Individuum!�</emphasis></p><p>�In jedem wesentlichen Sinne, ja. Seine Ziele und Zwecke empf�ngt es aus dem Netzwerk, aber es wertet Ereignisse aus und trifft autonome Entscheidungen. Es ist komplexer, als wir es uns im Traum h�tten vorstellen k�nnen, Tyler. Wir haben angenommen, die Membran sei entweder <emphasis>an </emphasis>oder <emphasis>aus, </emphasis>wie ein Lichtschalter, wie ein bin�rer Kode. Aber mitnichten. Sie kennt <emphasis>viele </emphasis>Zust�nde, <emphasis>viele </emphasis>Zwecke. Viele Stufen der Durchl�ssigkeit beispielsweise. Wir wussten, dass sie ein Raumschiff passieren lassen und einen Asteroiden abwehren kann, aber sie besitzt noch weitaus subtilere F�higkeiten. Das ist der Grund, warum wir in den letzten Tagen nicht von der Sonnenstrahlung �berw�ltigt wurden�� die Membran gew�hrt uns noch immer einen gewissen Schutz.�</p><p>�Ich wei� nicht, wie gro� die Zahl der Todesopfer ist, Jase, aber es muss allein in dieser Stadt tausende von Menschen geben, die Angeh�rige verloren haben, seit der Spin zu Ende ist. Ich w�rde mich doch sehr schwer tun, diesen Leuten zu sagen, dass sie �besch�tzt� werden.�</p><p>�Aber das werden sie. Die Spinmembran ist nicht Gott�� sie sieht nicht den Spatzen vom Dach fallen. Doch sie kann verhindern, dass der Spatz an t�dlichem ultraviolettem Licht verbrennt.�</p><p>�Und wof�r das alles?�</p><p>Jason runzelte die Stirn. �Ich� bekomme es nicht recht zu fassen. Oder vielleicht kann ich es auch nicht <emphasis>�bersetzen��</emphasis></p><p>Es klopfte an der T�r. Carol trat mit einem Arm voll Bettw�sche ins Zimmer.</p><p>Ich schaltete den Rekorder ab. �Saubere Laken?�</p><p>�Zum Festbinden.� Die Laken waren in Streifen geschnitten. �Wenn die Kr�mpfe anfangen.� Sie deutete zum Fenster, auf das schwindende Tageslicht.</p><p>�Danke�, sagte Jason sanft. �Tyler, wenn du eine Pause brauchst, w�re jetzt der richtige Zeitpunkt. Aber bleib nicht zu lange.�</p><empty-line/><p>Ich ging, um nach Diane zu sehen, die sich in einem entspannten Zwischenstadium befand. Sie schlief. Ich dachte �ber das marsianische Mittel nach, das ich ihr verabreicht hatte, die �Basisvier�, in Jasons Worten, die halbintelligenten Molek�le, die zum Kampf gegen die KVES-Bakterien in ihrem K�rper antraten, winzig kleine Bataillone, ausgehoben, um sie zu reparieren und umzubauen, sofern ihr K�rper noch nicht zu geschw�cht war, um diese Belastungen zu �berstehen.</p><p>Ich k�sste sie auf die Stirn und sprach sanfte Worte, die sie vermutlich nicht h�rte. Dann ging ich die Treppe hinunter und hinaus auf den Rasen des Gro�en Hauses.</p><p>Der Regen hatte endlich aufgeh�rt�� abrupt und vollst�ndig��, und die Luft war so frisch wie den ganzen Tag nicht. Der Himmel war am Zenit tiefblau. Ein paar Wolkenfetzen umspielten die monstr�se Sonne, die sich anschickte, den westlichen Horizont zu k�ssen. Regentropfen standen auf jedem einzelnen Grashalm, winzige, bernsteinfarbene Perlen.</p><p>Jason hatte gesagt, dass er sterben werde. Jetzt begann ich es mir selbst einzugestehen.</p><p>Als Arzt hatte ich den Tod besser kennen gelernt, als es die meisten Leute je tun. Ich wusste, wie Menschen sterben. Ich wusste, dass das g�ngige Bild unserer Einstellung zum Tod�� als Abfolge von Verleugnung, Wut, Hinnahme�� bestenfalls eine grobe Verallgemeinerung war. Diese Emotionen m�gen sich innerhalb von Sekunden entwickeln oder auch gar nicht; der Tod kann sie jederzeit �bertrumpfen. F�r viele Menschen stellt sich die Frage gar nicht, wie man seinem Tod begegnet�� ihr Tod kommt unangek�ndigt, als Folge einer gerissenen Aorta oder einer falschen Entscheidung an einer vielbefahrenen Kreuzung.</p><p>Doch Jason wusste, dass er im Sterben lag. Und ich konnte es nicht fassen, dass er das mit einer so gespenstischen Gelassenheit hinnahm, bis ich begriff, dass in seinem Tod auch eine Erf�llung lag. Er stand im Begriff, dem auf die Spur zu kommen, dessen Erforschung er sein ganzes Leben gewidmet hatte: der Bedeutung des Spins und der Stellung der Menschheit darin�� <emphasis>seiner </emphasis>Stellung darin, denn er war ma�geblich an der Ausschickung der Replikatoren beteiligt gewesen.</p><p>Es war, als habe er die Hand ausgestreckt und die Sterne ber�hrt.</p><p>Und die Sterne hatten ihn ber�hrt. Die Sterne brachten ihn um. Aber er starb im Zustand der Gnade.</p><empty-line/><p>�Wir m�ssen uns beeilen. Es ist fast dunkel, nicht wahr?�</p><p>�Fast.�</p><p>�Und der Regen hat aufgeh�rt. Oder ich h�re ihn jedenfalls nicht mehr.�</p><p>�Die Temperaturen sind auch runtergegangen. M�chtest du, dass ich das Fenster aufmache?�</p><p>�Ja, bitte. Den Audiorekorder, hast du ihn wieder eingeschaltet?�</p><p>�Er l�uft.� Ich schob das alte Holzfenster einige Zentimeter nach oben, k�hle Luft str�mte in das Zimmer.</p><p>�Wir hatten �ber die Hypothetischen gesprochen��</p><p>�Ja.�</p><p>Schweigen.</p><p>�Jase? H�rst du mich?�</p><p>�Ich h�re den Wind. Ich h�re deine Stimme. Ich h�re��</p><p>�Jason?�</p><p>�Tut mir Leid, Ty. Ich werde im Moment abgelenkt. Ich� <emphasis>uh!</emphasis>� Seine Arme und Beine zuckten heftig gegen die Leinenfesseln, die Carol �ber das Bett gebunden hatte. Sein Kopf bohrte sich ins Kissen. Es sah aus, als erleide er einen epileptischen Anfall, einen kurzen allerdings: Er war schon vorbei, noch bevor ich ans Bett getreten war. Er schnappte nach Luft, atmete tief ein. �Entschuldige, tut mir Leid��</p><p>�Du musst dich nicht entschuldigen.�</p><p>�Ich kann nichts dagegen machen.�</p><p>�Ich wei�. Ist schon gut, Jase.�</p><p>�Gib ihnen keine Schuld daf�r, was mit mir passiert.�</p><p>�Wem? Den Hypothetischen?�</p><p>Er versuchte zu l�cheln, obwohl er offensichtlich Schmerzen hatte. �Wir sollten einen neuen Namen f�r sie finden, meinst du nicht? Sie sind nicht mehr so hypothetisch, wie sie mal waren. Aber mach sie nicht verantwortlich. Sie wissen nicht, was mit mir passiert. Ich befinde mich unterhalb ihrer Abstraktionsschwelle.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>Er sprach schnell und eifrig, als w�re unsere Unterhaltung eine willkommene Ablenkung von der k�rperlichen Qual. Vielleicht war es aber auch ein weiteres Symptom seines Zustands. �Du und ich, Tyler, wir sind Gemeinschaften von lebenden Zellen. Wenn du eine ausreichende Anzahl meiner Zellen besch�digst, dann sterbe ich, dann hast du mich ermordet. Wenn wir uns aber die H�nde sch�tteln und ich dabei ein paar Hautzellen verliere, dann wird keiner von uns beiden den Verlust bemerken. Er bleibt unsichtbar. Wir leben auf einem gewissen Abstraktionsniveau, wir interagieren als K�rper, nicht als Zellkolonien. Das Gleiche gilt f�r die Hypothetischen. Sie bewohnen ein gr��eres Universum als wir.�</p><p>�Und das gibt ihnen das Recht, Menschen zu t�ten?�</p><p>�Ich spreche �ber ihre Wahrnehmung, nicht �ber ihre Moral. Der Tod eines einzelnen Menschen�� <emphasis>mein </emphasis>Tod�� w�rde ihnen vielleicht etwas bedeuten, wenn sie ihn im richtigen Kontext wahrnehmen k�nnten. Aber das k�nnen sie nicht.�</p><p>�Sie haben das aber schon �fter gemacht, andere Spinwelten geschaffen�� haben die Replikatoren das nicht entdeckt, bevor die Hypothetischen ihnen den Garaus machten?�</p><p>�Andere Spinwelten, ja. Viele. Das Netzwerk der Hypothetischen ist so weit gewachsen, dass es die bewohnbare Zone der Galaxis zum gr��ten Teil umfasst. Und das ist es, was sie eben tun, wenn sie einem Planeten begegnen, der eine intelligente, Werkzeuge gebrauchende Spezies von einem gewissen Reifegrad beherbergt: Sie h�llen ihn in eine Spinmembran.�</p><p>Ich stellte mir Spinnen vor, die ihre Opfer in Seide wickeln. �Wozu?�</p><p>Die T�r ging auf. Carol war wieder da, ein Teelicht auf einer Porzellanuntertasse in der Hand. Sie stellte die Untertasse auf die Kommode und z�ndete die Kerze mit einem Streichholz an. Die Flamme tanzte, hatte M�he, sich gegen die hereinwehende Brise zu behaupten.</p><p>�Um ihn zu sch�tzen�, sagte Jason.</p><p>�Wogegen zu sch�tzen?�</p><p>�Gegen das Altern, gegen den Tod. Technologische Kulturen sind sterblich, wie alles andere auch. Sie bl�hen so lange, bis sie ihre Ressourcen ersch�pft haben, dann sterben sie.�</p><p>Es sei denn, sie machen es anders, dachte ich. Es sei denn, sie setzen ihre Bl�te fort, indem sie sich ausdehnen, in ihr Sonnensystem, in ihre Galaxis�</p><p>Jason nahm meinen Einwand vorweg: �F�r Wesen mit einer Lebensdauer wie der unsrigen ist selbst die Raumfahrt in der n�heren Umgebung langsam und ineffizient. Wer wei�, vielleicht w�ren wir die Ausnahme von der Regel gewesen. Doch die Hypothetischen treiben sich schon sehr, sehr lange da drau�en nun. Bevor sie die Spinmembran entwickelten, haben sie unz�hlige Zivilisationen dabei beobachtet, wie sie in ihrem eigenen Ausfluss ertrunken sind.� Er holte Luft, hustete, w�rgte.</p><p>Carol drehte sich zu ihm um. Die Maske der Professionalit�t fiel von ihr ab, und in dem Augenblick, den er brauchte, um sich wieder zu erholen, war sie einfach nur von Angst ergriffen, keine �rztin mehr, sondern eine Mutter, deren Kind stirbt.</p><p>Jason konnte es�� zum Gl�ck�� nicht sehen. Er schluckte schwer und begann langsam wieder normal zu atmen.</p><p>�Aber wozu der Spin, Jase? Er st��t uns in die Zukunft, doch er �ndert �berhaupt nichts.�</p><p>�Im Gegenteil�, sagte er. �Er �ndert alles.�</p><empty-line/><p>Jasons letzte Nacht war insofern paradox, als seine Ausdrucksweise immer unbeholfener und stockender wurde, w�hrend das Wissen, das ihm zufloss, exponentiell zu wachsen schien. Ich glaube, er erfuhr in diesen wenigen Stunden mehr, als er auch nur ansatzweise mitteilen konnte, und selbst das, was er mitteilte, war �berw�ltigend, war ungeheuerlich in dem, was es �ber das Schicksal der Menschheit andeutete.</p><p>Lassen wir das Trauma beiseite, das gequ�lte Tasten nach den richtigen Worten; was er sagte, war� Nun, es begann mit dem Satz: �Versuch es aus ihrer Warte zu betrachten.�</p><p>Ihre Warte: die der Hypothetischen.</p><p>Die Hypothetischen�� ob als ein einzelner Organismus oder als Vielheit von Organismen betrachtet�� hatten sich aus schlichten Von-Neumann-Apparaturen entwickelt und allm�hlich �ber unsere Galaxis verbreitet. Der Ursprung dieser ersten selbstreproduzierenden Maschinen lag im Dunkeln; ihre Nachkommen hatten keine direkte Erinnerung daran, so wenig, wie Sie oder ich uns an die menschliche Evolution �erinnern� k�nnen. Vielleicht waren sie das Produkt einer fr�h entstandenen biologischen Kultur, von der es keine Spuren mehr gab; vielleicht waren sie auch aus einer anderen, �lteren Galaxis eingewandert. Jedenfalls geh�rten die Hypothetischen von heute einem fast unvorstellbar alten Geschlecht an. Unz�hlige Male hatten sie mit angesehen, wie intelligente biologische Spezies sich auf Planeten wie dem unseren entwickelten und dann ausstarben. (Durch passives �bertragen organischen Materials von Stern zu Stern m�gen sie sogar dazu beigetragen haben, den Prozess der Evolution in Gang zu setzen.) Und sie hatten beobachtet, wie biologische Kulturen als Nebenprodukt ihrer rasch wachsenden Komplexit�t primitive Von-Neumann-Netzwerke hervorbrachten�� nicht einmal, sondern viele Male. F�r die Hypothetischen sahen wir alle mehr oder weniger aus wie Replikatorenbrutst�tten: seltsam, fruchtbar, fragil. Aus ihrer Warte war dieses stotternde Schwangergehen mit einfachen Von-Neumann-Netzwerken, gefolgt vom raschen �kologischen Kollaps des Ursprungsplaneten, sowohl ein R�tsel als auch eine Trag�die. Ein R�tsel, weil fl�chtige Ereignisse auf einer rein biologischen Zeitskala f�r sie schwer zu begreifen oder auch nur wahrzunehmen waren. Eine Trag�die, weil sie die Vorl�uferkulturen als gescheiterte <emphasis>biologische </emphasis>Netzwerke zu begreifen begonnen hatten, die�� �hnlich wie sie selbst�� wachsender Komplexit�t zustrebten, aber vorzeitig der Endlichkeit ihrer planetarischen �kosysteme zum Opfer fielen. F�r die Hypothetischen hatte der Spin also den Sinn, uns�� und dutzende von �hnlichen Zivilisationen, die zuvor und seither auf anderen Planeten entstanden waren�� im Zustand unserer technologischen Bl�te zu erhalten. Doch wir waren keine Museumsst�cke, eingefroren zur �ffentlichen Zurschaustellung�� vielmehr bastelten die Hypothetischen uns ein neues Schicksal. W�hrend sie uns in den extremen Langsammodus gestellt hatten, trugen sie die Teile eines Experiments zusammen, eines �ber Milliarden von Jahren konzipierten und jetzt seiner Vollendung zustrebenden Experiments: eine erweiterte biologische Umwelt zu erzeugen, in die hinein sich diese ansonsten zum Untergang verurteilten Kulturen ausdehnen konnten, in der sie sich schlie�lich begegnen und miteinander vermischen w�rden.</p><empty-line/><p>Ich begriff die Bedeutung dieser Formulierung nicht. �Eine erweiterte biologische Umwelt? Gr��er als die Erde selbst?�</p><p>Inzwischen war es dunkel. Jasons Worte wurden von krampfartigen Bewegungen und unwillk�rlichen Lauten unterbrochen. Von Zeit zu Zeit �berpr�fte ich seinen Puls, der recht schnell ging und schw�cher wurde. �Die Hypothetischen�, sagte er, �k�nnen Zeit und Raum manipulieren, den Beweis daf�r sehen wir rings um uns. Aber damit, eine Zeitmembran zu erschaffen, sind ihre M�glichkeiten noch l�ngst nicht ersch�pft. Mit Hilfe von r�umlichen Schleifen k�nnen sie unseren Planeten mit anderen, �hnlichen Planeten verbinden� neuen Planeten, einige davon k�nstlich geschaffen, zu denen wir reisen k�nnen, direkt und ganz leicht� �ber Verbindungsst�cke, Br�cken, was auch immer, Konstruktionen, von den Hypothetischen zusammengef�gt aus der Materie toter Sterne� Konstruktionen, die buchst�blich durch den Weltraum geschleppt wurden, geduldig, sehr geduldig, im Verlauf vieler Millionen Jahre��</p><p>Carol sa� auf der einen Seite des Bettes, ich auf der anderen. Ich hielt Jasons Schultern fest, wenn sein K�rper in Zuckungen verfiel, und sie streichelte seinen Kopf w�hrend der Phasen, in denen er nicht sprechen konnte. Seine Augen funkelten im Kerzenlicht, er starrte angestrengt ins Nichts.</p><p>�Die Spinmembran ist immer noch da, sie arbeitet, denkt, aber ihre zeitliche Funktion besteht nicht mehr, ist abgeschlossen� Das ist es, was es mit dem Flackern auf sich hatte, eine Begleiterscheinung des allm�hlichen Herunterfahrens� Und jetzt ist die Membran durchl�ssig, sodass etwas in die Atmosph�re eintreten kann, etwas <emphasis>Gro�es��</emphasis></p><p>Sp�ter dann wurde klar, was er meinte. Doch zun�chst dachte ich, er w�rde allm�hlich in den Zustand der Demenz �bergehen, w�re einer Art metaphorischen �berlast erlegen, ausgel�st durch das Wort �Netzwerk�. Aber ich irrte mich.</p><p><emphasis>Ars moriendi ars vivendi est: </emphasis>Die Kunst des Sterbens ist die Kunst des Lebens. Das hatte ich irgendwann w�hrend meines Studiums gelesen, und das fiel mir jetzt wieder ein, als ich bei ihm sa�. Jason starb, wie er gelebt hatte�� im heroischen Streben nach Erkenntnis. Und sein Geschenk an die Welt sollte in den Fr�chten dieser Erkenntnis bestehen, den nicht gehorteten, sondern frei verteilten, allen zug�nglichen Fr�chten.</p><p>Die andere Erinnerung, die sich einstellte, w�hrend Jasons Nervensystem von den Hypothetischen umgewandelt und zerfressen wurde, ohne dass diese ahnten, dass es f�r ihn t�dlich enden w�rde, ging zu jenem Nachmittag vor langer Zeit zur�ck, als er auf meinem Billigfahrrad den Abhang der Bantam Hill Road hinuntergerast war. Ich dachte daran, wie geschickt, mit fast balletthafter Eleganz, er das auseinanderfallende Gef�hrt kontrolliert hatte, bis von diesem nichts mehr blieb als Ballistik und Geschwindigkeit, der unvermeidliche �bergang von Ordnung in Chaos.</p><p>Jasons K�rper�� und man bedenke, dass er ein Vierter war�� war eine fein eingestellte Maschine. Er starb nicht leicht. Irgendwann vor Mitternacht verlor er die F�higkeit zu sprechen. Carol hielt seine Hand und sagte ihm, er sei sicher, er sei zu Hause. Ich wei� nicht, ob dieser Trost ihn noch erreichte in den seltsamen und verschlungenen Gefilden, die sein Bewusstsein nun betreten hatte. Ich hoffe es.</p><p>Nicht lange danach verdrehten sich seine Augen, seine Muskeln entspannten sich. Sein K�rper k�mpfte noch weiter, rang sich krampfhafte Atemz�ge ab, fast bis in den Morgen hinein. Dann lie� ich ihn mit Carol allein, die ihm mit unendlicher Z�rtlichkeit �ber den Kopf strich und ihm weiter zufl�sterte. Ich bemerkte nicht, dass die Sonne, als sie aufging, nicht mehr aufgedunsen und rot war, sondern so hell und strahlend und vollkommen wie vor dem Ende des Spins.</p></section><section><title><p>4 x 10<sup>9 </sup>n. Chr.</p><p>Ein jeder landet irgendwo</p></title><p>Ich blieb auf dem Deck, w�hrend die <emphasis>Capetown Maru </emphasis>dem offenen Meer zustrebte.</p><p>Nicht weniger als ein Dutzend Containerschiffe fl�chteten aus Teluk Bayur und k�mpften um eine g�nstige Position vor der Hafenausfahrt. Die meisten davon kleine Handelsschiffe mit zweifelhafter Registrierung, vermutlich unterwegs nach Port Magellan, obwohl ihre Frachtbriefe etwas ganz anderes auswiesen�� Schiffe, deren Besitzer und Kapit�ne viel zu verlieren hatten, wenn sie einer eingehenden �berpr�fung unterzogen w�rden.</p><p>Ich stand neben Jala, wir hielten uns an der Reling fest und beobachteten einen mit Rost gesprenkelten K�stenfrachter, der aus einer dichten Rauchbank heraussteuerte und dabei dem Heck der <emphasis>Capetown </emphasis>gef�hrlich nahe kam. Beide Schiffe gaben Alarm, und die Deckmannschaft der <emphasis>Capetown </emphasis>wandte sich besorgt nach achtern. Doch der K�stenfrachter drehte ab, bevor es zum Zusammensto� kam.</p><p>Dann verlie�en wir den Schutz des Hafens, setzten uns der hohen See und den wogenden Wellen aus, und ich ging nach unten in den Aufenthaltsraum, zu Ina und Diane und den anderen Emigranten. En sa� mit Ina und seinen Eltern an einem Klapptisch. Mit R�cksicht auf ihre Verletzung war Diane der einzige gepolsterte Sessel �berlassen worden; inzwischen hatte die Wunde aufgeh�rt zu bluten, und es war ihr gelungen, sich trockene Sachen anzuziehen.</p><p>Eine Stunde sp�ter kam Jala herein, lenkte mit einem lauten Ruf die Aufmerksamkeit auf sich und hielt eine Rede, die Ina mir anschlie�end folgenderma�en �bersetzte: �Wenn man alles selbstgef�llige Eigenlob wegl�sst, dann hat Jala nur gesagt, dass er auf die Br�cke gegangen sei und mit dem Kapit�n gesprochen habe. Alle Feuer an Deck seien gel�scht und unserer Fahrt stehe nichts mehr im Wege. Der Kapit�n bittet um Entschuldigung f�r die raue See. Nach den Vorhersagen m�ssten wir bis zum Abend, sp�testens morgen Fr�h aus dem Wetter heraus sein. In den n�chsten paar Stunden allerdings�� In diesem Augenblick schnitt En, der neben Ina sa�, ihr auf denkbar wirkungsvolle Weise das Wort ab: indem er sich zu ihr umdrehte und sich in ihren Scho� �bergab.</p><empty-line/><p>Zwei N�chte sp�ter gingen Diane und ich aufs Deck hinauf, um uns die Sterne anzusehen. Nachts war es dort ruhiger als zu jeder anderen Zeit. Wir suchten uns einen Platz zwischen den Zehn-Meter-Containern und den Achterdeckaufbauten, wo wir reden konnten, ohne dass jemand mith�rte. Die See war ruhig, die Luft angenehm warm, und �ber den Schornsteinen und dem Radar der <emphasis>Capetown </emphasis>wimmelte es von Sternen, als h�tten sie sich in der Takelage verfangen.</p><p>�Schreibst du immer noch an deinen Erinnerungen?� Diane hatte die Sammlung von Speicherkarten gesehen, die ich in meinem Gep�ck aufbewahrte, zusammen mit den digitalen und pharmazeutischen Schmuggelwaren, die wir aus Montreal mitgebracht hatten. Dazu diverses vollgekritzeltes Papier, Notizhefte, lose Seiten.</p><p>�Nicht mehr so oft. Es scheint nicht mehr so dringend�� das Bed�rfnis, alles aufzuschreiben.�</p><p>�Oder die Angst, zu vergessen.�</p><p>�Oder das.�</p><p><emphasis>�Und f�hlst </emphasis>du dich anders?� Sie l�chelte.</p><p>Ich war ein <emphasis>neuer </emphasis>Vierter. Diane nicht. Ihre Wunde hatte sich inzwischen geschlossen, ohne mehr als einen Streifen gekr�uselter Haut zu hinterlassen, der der Kr�mmung ihrer H�fte folgte. Die Selbstheilungskr�fte ihres K�rpers waren mir immer noch ein bisschen unheimlich. Obwohl ich sie, so stand zu vermuten, jetzt auch besa�.</p><p>Ihre Frage war ironisch gemeint. Viele Male hatte ich Diane gefragt, ob sie sich als Vierte anders f�hlen w�rde, und die eigentliche Frage lautete: Kam sie <emphasis>mir </emphasis>anders vor?</p><p>Eine befriedigende Antwort darauf hatte es nie gegeben. Nat�rlich war sie ver�ndert nach ihrer �Wiederauferstehung� im Gro�en Haus�� wer w�re das nicht gewesen? Sie hatte einen Ehemann und einen Glauben verloren und war aus langer Agonie in eine Welt erwacht, bei deren Anblick sich wohl selbst ein Buddha vor Verbl�ffung am Kopf gekratzt h�tte.</p><p>�Der �bergang ist nur eine T�r�, sagte sie. �Eine T�r zu einem Zimmer, in dem du noch nie gewesen bist, allenfalls hast du von Zeit zu Zeit einen Blick hineingeworfen. Jetzt ist es das Zimmer, in dem du wohnst, es ist deins, es geh�rt dir. Es hat bestimmte Eigenschaften, die du nicht ver�ndern kannst. Du kannst es nicht gr��er oder kleiner machen. Aber wie du es einrichtest, das ist dir �berlassen.�</p><p>�Eine ziemlich philosophische Antwort.�</p><p>�Tut mir Leid, mehr kann ich nicht anbieten.� Sie wandte ihren Blick hinauf zu den Sternen. �Sieh mal, man kann den Bogen sehen.�</p><p>Wir bezeichnen ihn als �Bogen�, weil wir eine in gewissem Sinne kurzsichtige Spezies sind. Der gro�e Torbogen ist in Wirklichkeit ein Ring, ein Kreis mit einem Durchmesser von anderthalbtausend Kilometern, doch nur die H�lfte davon erhebt sich �ber den Meeresspiegel. Der Rest ist unter Wasser oder in der Erdkruste vergraben, vielleicht�� so ist verschiedentlich spekuliert worden�� um das subozeanische Magma als Energiequelle anzuzapfen. Aber aus unserem Ameisenblickwinkel war es in der Tat ein Bogen, dessen Scheitelpunkt ein gutes St�ck �ber die Atmosph�re hinausreichte, und selbst seine exponierte H�lfte war vollst�ndig sichtbar nur auf Fotos, die aus dem Weltraum aufgenommen wurden, Bilder, die in der Regel bearbeitet waren, um bestimmte Details hervorzuheben. Wenn man einen Querschnitt des Ringmaterials�� der Draht, der zum Reifen gebogen wird�� h�tte machen k�nnen, w�rde sich ein Rechteck mit einer Kantenl�nge von einem halben respektive anderthalb Kilometern ergeben. Gewaltig, dennoch nur ein winziger Bruchteil des Raums, den er umschloss�� und von weitem eben nicht immer leicht zu sehen.</p><p>Die Route der <emphasis>Capetown Maru </emphasis>verlief s�dlich des Ringes, parallel zu seinem Radius und fast genau unterhalb seines Scheitels. Die Sonne strahlte noch immer auf diesen Gipfelpunkt, der nicht mehr wie ein gekr�mmtes U oder J erschien, sondern wie ein mildes Stirnrunzeln (ein Stirnrunzeln �ber das ganze Gesicht, wie Diane einmal sagte) hoch oben am Nordhimmel. Sterne rotierten an ihm vorbei wie phosphoreszierendes Plankton, das vom Bug eines Schiffes geteilt wird.</p><p>Diane lehnte ihren Kopf gegen meine Schulter. �Ich w�nschte, Jason h�tte das hier sehen k�nnen.�</p><p>�Ich glaube, er hat es gesehen. Nur nicht aus dieser Perspektive.�</p><empty-line/><p>Im Gro�en Haus stellten sich nach Jasons Tod drei Probleme.</p><p>Das dringlichste betraf Diane, deren k�rperlicher Zustand noch Tage nach der Verabreichung der marsianischen Substanz unver�ndert blieb. Sie schwebte am Rande des Komas und wurde periodisch von heftigem Fieber ergriffen, Phasen, in denen ihr der Puls am Hals schlug wie ein flatternder Insektenfl�gel. Wir hatten kaum etwas da, um sie zu versorgen, und ich hatte M�he, sie dazu zu bewegen, wenigstens hin und wieder einen Schluck Wasser zu trinken Der einzige echte Fortschritt war das Atemger�usch, das entspannter und weniger schleimhaltig klang�� wenigstens ihre Lunge befand sich also auf dem Weg der Besserung.</p><p>Das zweite Problem teilten wir mit vielen anderen Familien im ganzen Land: einer von uns war gestorben und musste beerdigt werden. Eine Welle des Todes�� Unfall, Selbstmord, Mord�� war in den letzten Tagen �ber die Welt hinweggesp�lt, und kein Land der Erde war darauf vorbereitet, mit den Folgen umzugehen, au�er auf die denkbar grobschl�chtigste Art und Weise: Im Radio wurden Sammelstellen f�r Massenbegr�bnisse bekannt gegeben; K�hlfahrzeuge von Fleischfabriken waren requiriert worden; es gab auch eine Nummer, die man anrufen konnte, jetzt wo das Netz wieder funktionsf�hig war�� jedoch Carol wollte von all dem nichts h�ren. Als ich das Thema anschnitt, fuhr sie emp�rt auf: �Das werde ich nicht tun, Tyler. Ich lasse nicht zu, dass Jason in eine Grube geworfen wird wie die Armen im Mittelalter.�</p><p>�Aber wir k�nnen ihn nicht��</p><p>�Still. Ich habe immer noch den einen oder anderen Kontakt von fr�her. Lass mich ein paar Anrufe machen.�</p><p>Sie war mal eine angesehene Fach�rztin gewesen und musste in den Zeiten vor dem Spin �ber ein gro�es Netzwerk von Kontakten verf�gt haben, doch nach drei�ig Jahren alkoholseliger Abgeschiedenheit�� wen konnte sie da noch kennen? Trotzdem verbrachte sie einen ganzen Vormittag am Telefon, machte ge�nderte Nummern ausfindig, stellte sich neu vor, erkl�rte, lockte, bat inst�ndig. F�r mich klang das alles hoffnungslos. Aber f�nf Stunden sp�ter fuhr ein Leichenwagen die Auffahrt hinauf, zwei ersch�pfte, doch unbeirrbar freundliche und kompetente M�nner kamen herein, legten Jasons Leichnam auf eine Rollbahre und bef�rderten ihn�� zum letzten Mal�� aus dem Gro�en Haus.</p><p>Den Rest des Tages sa� Carol im Obergeschoss, hielt Dianes Hand und sang Lieder, die diese nicht h�ren konnte. Am Abend dann genehmigte sie sich den ersten Drink seit dem Morgen, an dem die rote Sonne aufgegangen war�� eine �Instandhaltungsdosis�, so nannte sie es.</p><p>Unser drittes Problem war E. D. Lawton.</p><empty-line/><p>E. D. musste dar�ber informiert werden, dass sein Sohn gestorben war, und Carol wappnete sich daf�r, auch dieser Pflicht Gen�ge zu tun. Sie gestand, dass sie seit einigen Jahren nur noch �ber Anw�lte mit E. D. gesprochen und er ihr immer Angst gemacht habe, jedenfalls wenn sie n�chtern war: Er war gro�, herausfordernd, einsch�chternd�� Carol war zart, ausweichend, sch�chtern. Ihre Trauer jedoch hatte die Gewichte ein wenig verschoben.</p><p>Es dauerte Stunden, doch irgendwann gelang es ihr, ihn zu erreichen�� er war in Washington, eine kurze Autofahrt entfernt�� und ins Bild zu setzen. �ber die Todesursache �u�erte sie sich nur vage, sie erz�hlte ihm, Jason sei mit einer Lungenentz�ndung nach Hause gekommen und sein Zustand habe sich dramatisch verschlechtert, kurz nachdem der Strom ausgefallen und die Welt aus den Fugen geraten war�� kein Telefon, kein Notfalldienst, keine Hoffnung.</p><p>Ich fragte sie, wie E. D. die Nachricht aufgenommen habe.</p><p>Sie zuckte mit den Achseln. �Zuerst hat er gar nichts gesagt, Schweigen ist E. D.s Art, Schmerz auszudr�cken. Sein Sohn ist gestorben. Das mag ihn nicht unbedingt �berrascht haben, angesichts dessen, was in den letzten Tagen geschehen ist, aber es hat ihm wehgetan�� ich glaube, es hat ihm unsagbar wehgetan.�</p><p>�Haben Sie ihm gesagt, dass Diane hier ist?�</p><p>�Ich hielt es f�r kl�ger, es nicht zu tun.� Sie sah mich an. �Ich habe ihm auch nicht gesagt, dass du hier bist. Ich wei�, dass Jason und E. D. Streit hatten. Jason ist nach Hause gekommen, um vor irgendetwas zu fliehen, was bei Perihelion vorging, etwas, das ihm Angst gemacht hat. Und ich nehme an, dass es etwas mit dem marsianischen Medikament zu tun hat. Nein, Tyler, du brauchst es mir nicht zu erkl�ren�� ich will es nicht h�ren, w�rde es vermutlich auch gar nicht verstehen. Aber ich dachte, es w�re besser, wenn E. D. hier nicht ins Haus einfallen und versuchen w�rde, die Kontrolle zu �bernehmen.�</p><p>�Er hat sich nicht nach ihr erkundigt?�</p><p>�Nein, nicht nach Diane. Eines allerdings war merkw�rdig: Er hat mich gebeten, daf�r zu sorgen, dass Jason� dass Jasons Leichnam konserviert wird. Er hat eine Menge Fragen dazu gestellt. Ich habe ihm gesagt, ich h�tte Vorbereitungen getroffen, es werde eine Beerdigung geben und ich w�rde ihn verst�ndigen. Aber dabei wollte er es nicht belassen. Er will, dass eine Autopsie vorgenommen wird. Ich habe mich stur gestellt. Warum sollte er eine Autopsie wollen, Tyler?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>Aber ich machte mich daran, es herauszufinden. Ich ging in Jasons Zimmer, wo inzwischen die Laken von seinem Bett gezogen worden waren. Ich �ffnete das Fenster, setzte mich in den Sessel neben der Kommode und sah mir an, was er hinterlassen hatte.</p><p>Jason hatte mich gebeten, seine Erkenntnisse �ber die Natur der Hypothetischen und ihre Manipulation der Erde aufzuzeichnen, jeweils eine Kopie dieser Aufzeichnung in etwa ein Dutzend wattierte, bereits adressierte und frankierte Umschl�ge zu stecken und diese zu verschicken, sobald die Post ihren Dienst wieder aufgenommen hatte. Zweifellos hatte er, als er wenige Tage vor Ende des Spins im Gro�en Haus eintraf, nicht damit gerechnet, einen solch atemberaubenden Monolog zu produzieren. Irgendetwas anderes hatte ihn verfolgt.</p><p>Ich ging die Umschl�ge durch. Sie waren, in Jasons Handschrift, an Personen adressiert, deren Namen ich nicht kannte. Nein, den Namen auf <emphasis>einem </emphasis>der Umschl�ge erkannte ich. Es war mein Name.</p><empty-line/><cite><p><emphasis>Lieber Tyler,</emphasis></p><p><emphasis>ich wei�, ich habe dir in der Vergangenheit manch unzumutbare Last auferlegt. Und nun bin ich, wie ich f�rchte, im Begriff, dir eine weitere aufzuerlegen�� und diesmal steht erheblich mehr auf dem Spiel. Es tut mir Leid, falls dies allzu abrupt wirkt, aber ich bin in Eile, aus Gr�nden, die sich dir bald erschlie�en werden.</emphasis></p><p><emphasis>Die j�ngsten Himmelserscheinungen, die die Medien als</emphasis> �<emphasis>Flackern� bezeichnen, haben bei der Regierung Lomax die Alarmglocken l�uten lassen. Das Gleiche gilt f�r einige andere Ereignisse, die weniger �ffentliche Aufmerksamkeit erregt haben. Nur ein Beispiel: Nach dem Tod von Wun Ngo Wen sind Gewebeproben seiner Organe im Zentrum f�r Tierkrankheiten auf Plum Island untersucht worden, derselben Einrichtung, in der er nach seiner Ankunft auf der Erde in Quarant�ne gehalten wurde. So subtil die marsianische Biotechnologie sein mag�� die moderne Forensik ist hartn�ckig. Dabei ist deutlich geworden, dass Wuns Physiologie, insbesondere sein Nervensystem, auf weitaus radikalere Weise ver�ndert worden war, als die in seinen Archiven beschriebene Prozedur des �Vierten Alters� vorsieht. Aus diesem und anderen Gr�nden haben Lomax und seine Leute E. D. aus seinem unfreiwilligen Ruhestand geholt und sind jetzt geneigt, seinen Vermutungen �ber Wuns Motive Geh�r zu schenken. E. D. hat die Gelegenheit genutzt, neuen Anspruch auf Perihelion zu erheben, und er verliert keine Zeit, um aus der Paranoia im Wei�en Haus Kapital zu schlagen.</emphasis></p><p><emphasis>F�r welches Vorgehen hat sich die Administration entschieden? F�r das plumpe. Lomax (oder sein Beraterstab) hat den Plan gefasst, eine Razzia bei Perihelion durchzuf�hren und alles zu beschlagnahmen, was uns aus Wuns Besitz zur Verf�gung stand, ebenso wie unsere s�mtlichen Aufzeichnungen und Arbeitsnotizen.</emphasis></p><p><emphasis>Noch sieht E. D. den Zusammenhang zwischen meiner Genesung von der AMS und Wuns Pharmazeutika nicht, oder er beh�lt seine Erkenntnis f�r sich. Jedenfalls m�chte ich das glauben. Denn sollte ich in die H�nde der Sicherheitsdienste fallen, w�rden sie als Erstes eine Blutanalyse durchf�hren und mich dann zu einem wissenschafllichen Studienobjekt machen, vermutlich in Wuns alter Zelle auf Plum Island. Und ich glaube nicht, dass E. D. es dazu wirklich kommen lassen will. So sehr er es mir auch ver�beln mag, dass ich ihm Perihelion �gestohlen� und mit Wun Ngo Wen gemeinsame Sache gemacht habe�� er ist immer noch mein Vater.</emphasis></p><p><emphasis>Aber keine Sorge. Auch wenn E. D. wieder mitmischt im Wei�en Haus�� ich habe ebenfalls Verb�ndete. Keine mit gro�er Macht ausgestatteten Menschen�� wenn auch einige von ihnen durchaus so manches Gewicht auf die Waagschale werfen k�nnen��, sondern intelligente, anst�ndige Leute, die gewillt sind, das Schicksal der Menschheit in einem etwas weiteren Rahmen zu begreifen. Dank ihrer wurde ich rechtzeitig vor dem Zugriff auf Perihelion gewarnt. Ich bin den H�schern durch die Finger geschl�pft. Jetzt bin auf der Flucht.</emphasis></p><p><emphasis>Du, Tyler, stehst lediglich unter dem Verdacht der Beihilfe�� obwohl auch du in die gleiche Situation geraten k�nntest wie ich. Es tut mir Leid. Ich wei�, ich trage Verantwortung daf�r, dass du dich in dieser Lage befindest. Eines Tages werde ich dich pers�nlich um Verzeihung bitten. Vorl�ufig aber kann ich nicht mehr anbieten als einen guten Rat.</emphasis></p><p><emphasis>Die Datentr�ger, die ich dir bei deinem Abschied von Perihelion �bergeben habe, enthalten streng geheime Ausz�ge aus Wun Ngo Wens Archiven. Kann sein, dass du sie verbrannt, vergraben oder in den Pazifik geworfen hast. Egal. Lange Jahre in der Raumfahrtplanung haben mich die Vorz�ge der Redundanz gelehrt. Ich habe Wuns Informationen an Dutzende von Personen in diesem Land und in aller Welt versandt. Noch ist davon nichts ins Internet gestellt worden�� so verantwortungslos ist keiner��, aber sie kursieren. Dies ist ohne Zweifel eine zutiefst unpatriotische, kriminelle Handlung. Falls ich gefasst werde, wird man mich wegen Hochverrat anklagen.</emphasis></p><p><emphasis>Ich bin aber nicht der Auffassung, dass Informationen dieser Art (sie enthalten etwa Beschreibungen menschlicher Modifikationen, die unter anderem��, und ich sollte es wissen�� schwere Krankheiten heilen k�nnen) unter Verschluss gehalten werden sollten, selbst wenn ihre Freigabe Probleme aufwirft. Lomax und sein handzahmer Kongress sind da anderer Meinung. Also verbreite ich die letzten Fragmente der Archive und mache mich aus dem Staub. Tauche unter. Du wirst vielleicht das Gleiche tun wollen. Vielleicht wirst du es sogar m�ssen. Jeder, der zur alten Perihelion-Truppe geh�rte, jeder, der mir nahe stand, kann sich fr�her oder sp�ter des besonderen Interesses der Bundesbeh�rden sicher sein.</emphasis></p><p><emphasis>Oder du willst�� im Gegenteil�� bei der n�chsten FBI-Dienststelle vorsprechen und den Inhalt dieses Umschlags �bergeben. Falls du das f�r das Beste, f�r das Richtige, h�ltst, folge deinem Gewissen�� ich nehme es dir nicht �bel, will allerdings auch nicht f�r das Ergebnis garantieren. Meine Erfahrungen mit der Regierung Lomax legen die Vermutung nahe, dass die Wahrheit in diesem Fall eher nicht befreiend sein wird.</emphasis></p><p><emphasis>Wie auch immer, ich bedaure, dich in diese schwierige Lage gebracht zu haben. Es ist nicht fair. Es ist zu viel verlangt von einem Freund, und ich war stets stolz darauf, dich meinen Freund nennen zu d�rfen.</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht hatte E. D. in einem Punkt Recht: Unsere Generation hat sich drei�ig Jahre lang abgem�ht, das wiederzuerlangen, was der Spin uns in jener Oktobernacht gestohlen hat. Aber es gelingt uns nicht. Es gibt in diesem Universum nichts, an dem wir uns festhalten k�nnen, und es n�tzt auch nichts, es dennoch zu versuchen. Wenn ich eines gelernt habe aus meiner �Viertheit�, dann das. Wir sind so verg�nglich wie Regentropfen. Wir fallen alle, und ein jeder landet irgendwo.</emphasis></p><p><emphasis>Fall du, wie du magst, Tyler. Mach von den beigef�gten Dokumenten Gebrauch, wenn es erforderlich ist. Sie waren teuer, aber sie sind absolut verl�sslich. (Es ist gut, Freunde in hohen �mtern zu haben!)</emphasis></p></cite><empty-line/><p>Bei den �beigef�gten Dokumenten� handelte es sich im Wesentlichen um eine Garnitur von Ersatzidentit�ten: P�sse, ID-Karten des Heimatschutzministeriums, Sozialversicherungsnummern, sogar medizinische Diplome, alle mit meiner Personenbeschreibung, keines davon mit meinem richtigen Namen.</p><empty-line/><p>Dianes Gesundung schritt weiter voran. Der Puls stabilisierte sich, die Lunge wurde frei, nur das Fieber hielt sich noch. Das marsianische Medikament verrichtete sein Werk, regenerierte ihren K�rper bis ins kleinste Detail, bearbeitete und verbesserte ihn auf subtilste Weise.</p><p>Und sie begann Fragen zu stellen�� �ber die Sonne, �ber Pastor Dan, �ber die Reise von Arizona zum Gro�en Haus. Wegen der Fiebersch�be blieben die Antworten, die ich ihr gab, nicht immer haften. Mehr als einmal fragte sie mich, was mit Simon sei. In klaren Momenten erz�hlte ich ihr von dem roten Kalb und der R�ckkehr der Sterne; wenn sie groggy war, sagte ich nur, dass Simon �woanders� sei und ich mich noch eine Weile um sie k�mmern w�rde. Keine dieser Antworten�� weder die wahren noch die halb wahren�� schienen sie zu befriedigen.</p><p>An manchen Tagen war sie v�llig teilnahmslos, sa� mit dem Gesicht zum Fenster, sah zu, wie das Sonnenlicht �ber die Berge und T�ler der Bettdecke strich. An anderen ergriff sie eine fiebrige Unruhe. Eines Nachmittags verlangte sie Papier und Kugelschreiber�� doch als ich ihr das Gew�nschte brachte, schrieb sie nur einen einzigen Satz: <emphasis>Bin ich nicht meines Bruders H�terin, </emphasis>den allerdings immer wieder, bis sie einen Krampf in den Fingern bekam.</p><p>�Ich hab ihr von Jason erz�hlt�, gestand Carol, als ich ihr das vollgeschriebene Blatt zeigte.</p><p>�Sind Sie sicher, dass das klug war?�</p><p>�Fr�her oder sp�ter musste sie es erfahren. Sie wird dar�ber hinwegkommen, Tyler. Keine Sorge. Diane wird damit fertig. Diane war schon immer stark.�</p><empty-line/><p>Am Morgen des Tages von Jasons Beerdigung machte ich die Umschl�ge fertig und warf sie auf dem Weg in die �rtliche Kapelle, die Carol f�r die Trauerfeier reserviert hatte, in einen aufs Geratewohl ausgesuchten Briefkasten. Die P�ckchen mit der Aufnahme seiner �letzten Worte� w�rden vielleicht ein paar Tage auf Bef�rderung warten m�ssen�� der Postbetrieb kam erst allm�hlich wieder in Gang��, doch nach meiner Einsch�tzung waren sie dort sicherer als im Gro�en Haus.</p><p>Die �Kapelle� war ein konfessionsfreies Bestattungsinstitut an einer der Ausfallsstra�en, auf der es recht lebhaft zuging, seit die Reisebeschr�nkungen aufgehoben waren. Zwar hatte Jason f�r aufw�ndige Beerdigungen immer nur die Geringsch�tzung des Rationalisten �brig gehabt, aber Carols Auffassung von W�rde verlangte nach einer Zeremonie, selbst wenn sie nur bescheiden, pro forma war. Es war ihr gelungen, eine kleine Trauergemeinde zusammenzutrommeln, gr��tenteils langj�hrige Nachbarn, die Jason als Kind gekannt und seine Karriere bruchst�ckhaft im Fernsehen und in der Zeitung verfolgt hatten. Es war sein verblassender Prominentenstatus, der die Bankreihen f�llte.</p><p>Ich hielt eine kurze Rede (Diane h�tte es nat�rlich besser gemacht, aber sie war noch zu krank, um teilzunehmen). Jase, sagte ich, habe sein Leben dem Streben nach Erkenntnis verschrieben, nicht hochm�tig, sondern in Demut�� es sei seine tiefe �berzeugung gewesen, dass Wissen nicht geschaffen, sondern entdeckt werde; es k�nne nicht Eigentum sein, sondern m�sse weitergegeben werden, von Hand zu Hand, von Generation zu Generation. Jason habe sich in den Prozess dieser Weitergabe eingegliedert und nach wie vor sei er Teil davon, auch nach seinem Tod lebe er fort im gro�en Netzwerk des Wissens.</p><p>E. D. betrat die Kapelle, w�hrend ich noch auf der Kanzel stand. Er war schon halb den Gang hinunter, als er mich erkannte. Lange starrte er mich an, bevor er sich auf der n�chsten freien Bank niederlie�.</p><p>Er war noch hagerer, als ich ihn in Erinnerung hatte, und die verbliebenen Haare hatte er sich so kurz scheren lassen, dass sie fast unsichtbar waren. Doch er trat noch immer wie ein Mann von Macht und Einfluss auf. Er trug einen wie angegossen sitzenden Anzug. Er verschr�nkte die Arme und inspizierte mit herrschaftlichem Gebaren den Raum, um festzustellen, wer anwesend war. Schlie�lich blieb sein Blick bei Carol h�ngen.</p><p>Als die Zeremonie schlie�lich zu Ende war, erhob sich Carol und nahm tapfer die Beileidsbekundungen der in Reih und Glied antretenden und dann nach drau�en strebenden Nachbarn entgegen.</p><p>Sie hatte w�hrend der letzten Tage ausgiebig geweint und zeigte sich nun entschlossen tr�nenlos, beinahe distanziert. E. D. trat auf sie zu, als der letzte Gast gegangen war. Sie versteifte sich, wie eine Katze, die die Anwesenheit eines �berlegenen Feindes sp�rt.</p><p>�Carol�, sagte er und warf mir einen s�uerlichen Blick zu. �Tyler.�</p><p>�Unser Sohn ist tot�, erwiderte sie.</p><p>�Deswegen bin ich hier.�</p><p>�Ich hoffe, du bist hier, um zu trauern��</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>� � und nicht aus anderen Gr�nden. Er ist n�mlich nach Hause gekommen, um vor dir zu fliehen. Ich nehme an, du wei�t das.�</p><p>�Ich wei� mehr dar�ber, als du dir vorstellen kannst. Jason war verwirrt��</p><p>�Jason war so manches, E. D., aber verwirrt war er nicht. Ich war bei ihm, als er starb.�</p><p>�Tats�chlich? Das ist interessant. Ich war bei ihm, als er noch lebte.�</p><p>Carol atmete heftig ein und wandte den Kopf zur Seite, als habe sie eine Ohrfeige erhalten.</p><p>�Ich war derjenige, der Jason aufgezogen hat, das wei�t du so gut wie ich. Vielleicht hat dir das Leben, das ich ihm verschafft habe, nicht gefallen, jedenfalls habe ich ihm einen Weg gewiesen und ihm die Mittel verschafft, dieses Leben zu f�hren.�</p><p>�Ich habe ihn geboren.�</p><p>�Das ist eine physiologische Funktion, keine moralische. Alles, was Jason je besessen hat, hat er von mir. Alles, was er gelernt hat, habe ich ihn gelehrt.�</p><p>�Zum Guten und zum Schlechten.�</p><p>�Und jetzt willst du mir Vorw�rfe machen, nur weil ich ein paar praktische Anliegen habe.�</p><p>�Was f�r praktische Anliegen?�</p><p>�Ich spreche von der Autopsie.�</p><p>�Ja, das hast du schon am Telefon gesagt. Aber das ist w�rdelos und �berhaupt auch unm�glich.�</p><p>�Ich hatte gehofft, du w�rdest das ernst nehmen�� offenbar ist das nicht der Fall. Aber ich brauche dein Einverst�ndnis gar nicht. Drau�en vor dem Haus warten M�nner, die Anspruch auf den Leichnam erheben werden, unter Vorlage einer gerichtlichen Anordnung gem�� dem Gesetz �ber Notfallma�nahmen.�</p><p>Sie machte einen Schritt von ihm weg. �So viel Macht hast du?�</p><p>�Wir haben gar keine Wahl in dieser Angelegenheit, weder du noch ich. Es wird so verfahren, ob es uns gef�llt oder nicht. Und es ist doch im Grunde nur eine Formalit�t, es entsteht kein Schaden. Also lass uns um Gottes willen ein bisschen W�rde und gegenseitigen Respekt wahren. �berlass mir den Leichnam meines Sohnes.�</p><p>�Das kann ich nicht.�</p><p>�Carol��</p><p>�Ich kann dir seinen Leichnam nicht geben.�</p><p>�Du h�rst mir nicht zu. Du hast gar keine Wahl.�</p><p>�Nein, tut mir Leid, <emphasis>du </emphasis>h�rst <emphasis>mir </emphasis>nicht zu. Also noch mal, E. D., ich <emphasis>kann </emphasis>dir seinen Leichnam nicht geben.�</p><p>Er machte den Mund auf und wieder zu. Seine Augen weiteten sich. �Was hast du getan?�</p><p>�Es gibt keinen Leichnam. Nicht mehr.� Ihre Lippen sch�rzten sich zu einem verschlagenen, bitteren L�cheln. �Aber seine Asche kannst du haben. Wenn du darauf bestehst.�</p><empty-line/><p>Ich fuhr Carol zum Gro�en Haus zur�ck, wo Emil Hardy�� der sein Nachrichtenbl�ttchen nicht mehr produzierte, seit es wieder Strom gab�� Diane Gesellschaft geleistet hatte. �Wir haben uns �ber die alten Zeiten hier in der Nachbarschaft unterhalten�, sagte Hardy beim Abschied. �Hab die Kinder fr�her �fter beim Fahrradfahren beobachtet. Ach, ist das lange her. Diese Hautgeschichte, die sie hat��</p><p>�Ist nicht ansteckend�, unterbrach ihn Carol. �Keine Sorge.�</p><p>�Allerdings ungew�hnlich.�</p><p>�Ja, ungew�hnlich ist sie. Vielen, vielen Dank, Emil.�</p><p>�Ashley und ich w�rden uns freuen, wenn Sie demn�chst mal zum Abendessen r�berk�men.�</p><p>�Das klingt wunderbar. Richten Sie ihr meinen Dank aus.� Sie schloss die T�r und wandte sich mir zu. �Jetzt br�uchte ich einen Drink. Aber eins nach dem anderen. E. D. wei�, dass du hier bist. Du musst also woanders hin und du musst Diane mitnehmen. Kannst du das? Kannst du sie an einen sicheren Ort bringen? Wo E. D. sie nicht findet?�</p><p>�Nat�rlich. Aber was ist mit Ihnen?�</p><p>�Ich bin nicht in Gefahr. E. D. schickt vielleicht irgendwelche Leute her, um nach dem zu suchen, was Jason ihm seiner Meinung nach gestohlen hat. Aber er wird nichts finden�� solange du nur gr�ndlich genug bist, Tyler��, und das Haus kann er mir nicht wegnehmen. E. D. und ich�� wir haben unseren Waffenstillstand schon vor langer Zeit unterzeichnet, unsere Scharm�tzel sind trivial. Aber <emphasis>dir </emphasis>kann er etwas anhaben, und er kann auch Diane schaden, selbst wenn es nicht in seiner Absicht liegt.�</p><p>�Das werde ich nicht zulassen.�</p><p>�Dann pack deine Sachen zusammen. Du hast vielleicht nicht mehr viel Zeit.�</p><empty-line/><p>Am Tag, bevor die <emphasis>Capetown Maru </emphasis>den Torbogen queren sollte, ging ich aufs Deck, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Der Bogen war weitgehend unsichtbar, beide Enden hinter dem Horizont verborgen, doch in der letzten halben Stunde vor der D�mmerung war das Scheitelst�ck eine messerscharfe und sanft gl�hende Linie am Himmel, fast direkt �ber unseren K�pfen. Am Vormittag war es dann hinter einem Schleier aus hohen Zirruswolken verschwunden, doch wir wiegten uns in dem Bewusstsein, dass es trotzdem da war.</p><p>Die Aussicht auf den Transit machte alle nerv�s�� nicht nur die Passagiere, auch die Crew. Zwar gingen sie den �blichen T�tigkeiten nach, die das Schiff ihnen abverlangte, reparierten, was zu reparieren war, schmirgelten und malten, doch in ihrem Arbeitsrhythmus war etwas Hektisches, Eiliges, das am Vortag noch nicht da gewesen war. Jala kam mit einem Plastikstuhl aufs Deck und setzte sich zu mir, vom Wind gesch�tzt durch die �ber zehn Meter langen Container, mit einem schmalen Ausblick aufs Meer.</p><p>�Das ist meine letzte Fahrt auf die andere Seite�, sagte er. Den Temperaturen angepasst trug er ein weites gelbes Hemd und Jeans, das Hemd hatte er aufgekn�pft, um seine Brust in die Sonne zu halten. Er holte eine Dose Bier aus einer K�hlbox und �ffnete sie. All dies, sein gesamtes Verhalten, wies ihn als s�kularisierten Mann aus, als Gesch�ftsmann, der der Scharia der Muslime und dem Adat der Minang gleicherma�en geringsch�tzig begegnete. �Diesmal gibt es keine R�ckkehr.� Er hatte alle Br�cken hinter sich abgebrochen�� buchst�blich, sollte er etwas mit den Unruhen in Teluk Bayur zu tun gehabt haben (der Ausbruch des Feuers war zu einem f�r unsere Flucht verd�chtig g�nstigen Zeitpunkt erfolgt, auch wenn wir davon ziemlich in Mitleidenschaft gezogen wurden). Jahrelang hatte er Emigrantenschmuggel betrieben, weitaus lukrativer als seine legalen Import/Export-Gesch�fte. Mit Menschen lie�e sich mehr Geld verdienen als mit Palm�l, sagte er. Doch die Konkurrenz aus Indien und Vietnam nehme zu und das politische Klima habe sich verschlechtert�� lieber jetzt in den Ruhestand nach Port Magellan gehen, als den Rest des Lebens in einem Gef�ngnis der New Reformasi verbringen.</p><p>�Sie haben den Transit schon einmal mitgemacht?�</p><p>�Zweimal.�</p><p>�War es schwierig?�</p><p>Er zuckte mit den Achseln. �Glauben Sie nicht alles, was Sie h�ren.�</p><p>Bis zum Mittag waren etliche der �brigen Passagiere aufs Deck gekommen. Neben den Minangkabau-D�rflern war eine bunte Mischung aus Achinesen, Malaien und Thai an Bord, insgesamt waren wir etwa hundert Leute, zu viele f�r die vorhandenen Kabinen, doch im Laderaum waren drei Aluminiumcontainer als Schlafquartiere pr�pariert worden. Nat�rlich mit ausreichender Bel�ftung�� dies war nicht der grauenhafte Menschenschmuggel, der einst Fl�chtlinge nach Europa und Nordamerika gebracht hatte. Viele von denen, die den Bogen Tag f�r Tag querten, waren gewisserma�en �berlauf aus den von der UNO initiierten Umsiedlungsprogrammen und oft durchaus zahlungskr�ftig. Wir wurden mit Respekt behandelt von einer Mannschaft, die zum Teil schon Monate in Port Magellan zugebracht hatte und die Reize und Fallgruben des Ortes aus eigener Anschauung kannte.</p><p>Einer der Matrosen hatte einen Teil des Hauptdecks mit Netzen abgeteilt, damit eine Gruppe von Kindern Fu�ball spielen konnte. Hin und wieder flog der Ball �ber die Netze hinweg, oft genau in Jalas Scho�, was ihn jedes Mal ver�rgerte. Er war ein bisschen reizbar heute.</p><p>Ich fragte ihn, wann das Schiff den Transit beginnen w�rde.</p><p>�Bei dieser Geschwindigkeit, in ungef�hr zw�lf Stunden.�</p><p>�Unser letzter Tag auf Erden.�</p><p>�Machen Sie keine Witze.�</p><p>�W�rtlich gesprochen.�</p><p>�Und reden Sie nicht so laut�� Seeleute sind abergl�ubisch.�</p><p>�Was werden Sie in Port Magellan machen?�</p><p>Er hob die Augenbrauen. �Was werde ich machen? Sch�ne Frauen v�geln. Und vielleicht auch ein paar h�ssliche. Was sonst?�</p><p>Der Fu�ball flog einmal mehr �bers Netz. Diesmal hob ihn Jala auf und hielt ihn fest. �Verdammt noch mal, ich habe euch gewarnt. Das Spiel ist vorbei!�</p><p>Sofort dr�ngte ein Dutzend Kinder gegen das Netz und erhob kreischend Protest. En war es schlie�lich, der den Mut aufbrachte, zu uns zu kommen und Jala direkt gegen�berzutreten. �Gib ihn bitte zur�ck�, sagte er.</p><p>�Du willst ihn wiederhaben?� Jala stand auf, herrisch und auf schwer nachvollziehbare Weise w�tend. �Du willst ihn haben? Dann hol ihn dir.� Er kickte den Ball aus der Hand hoch in die Luft, ein weiter Torwartabschlag, der ihn �ber die Reling hinweg in die blaugr�ne Unendlichkeit des Indischen Ozeans bef�rderte.</p><p>Erst war En verbl�fft, dann machte sich Zorn auf seinem Gesicht breit. Er sagte etwas Leises, verbittert Klingendes auf Minang.</p><p>Jala lief rot an und schlug den Jungen mit der flachen Hand ins Gesicht, so heftig, dass Ens schwere Brille �ber das Deck polterte. �Entschuldige dich, Rotzbengel.�</p><p>En lie� sich auf ein Knie nieder, die Augen zusammengepresst. Schluchzend holte er einige Male Luft. Dann stand er wieder auf und sammelte seine Brille ein. Etwas zitternd setzte er sie auf und kam zu uns zur�ck mit einer, wie ich fand, erstaunlichen W�rde. Er blieb genau vor Jala stehen. �Nein�, sagte er leise. �<emphasis>Du </emphasis>musst dich entschuldigen.�</p><p>Jala schnappte nach Luft, fluchte und hob erneut die Hand.</p><p>Ich packte sein Handgelenk mitten im Schwung.</p><p>Er sah mich verdutzt an. �Was soll das? Lassen Sie los.�</p><p>Er versuchte mir die Hand zu entrei�en, doch ich hielt sie fest. �Schlagen Sie ihn nicht noch mal.�</p><p>�Ich mache, was ich will!�</p><p>�Nat�rlich. Aber schlagen Sie ihn nicht noch mal.�</p><p><emphasis>�Sie�� </emphasis>nach allem, was ich f�r Sie getan habe�!� Er blickte mir ins Gesicht. Und stockte.</p><p>Ich wei� nicht, was er in meinen Augen sah. Ich wei� nicht mal genau, was ich in diesem Augenblick empfand. Was immer es war, es schien ihn zu verwirren. Sein Arm erschlaffte. �Verr�ckter Schei�amerikaner�, sagte er kleinlaut. �Ich gehe in die Kantine.� Und an die kleine Ansammlung von Kindern und Matrosen, die uns mittlerweile umringte, gewandt, f�gte er hinzu: �Wo ich hoffentlich ein bisschen <emphasis>Ruhe </emphasis>und <emphasis>Respekt </emphasis>finde!� Er stakste davon.</p><p>En starrte mich mit offenem Mund an.</p><p>�Tut mir Leid, das alles�, sagte ich.</p><p>Er nickte.</p><p>�Den Ball kann ich euch allerdings nicht wiederholen.�</p><p>Er ber�hrte seine Wange an der Stelle, wo Jala ihn erwischt hatte. �Nicht so schlimm.�</p><p>Sp�ter beim Essen, wenige Stunden vor der Querung, erz�hlte ich Diane von dem Vorfall. �Ich habe v�llig ohne �berlegung gehandelt. Es schien einfach� naheliegend. Wie ein Reflex. Hat das etwas mit dem Viertentum zu tun?�</p><p>�Mag sein. Der Impuls, ein Opfer zu besch�tzen, zumal wenn es ein Kind ist, und es spontan, ohne Nachdenken zu tun�� diesen Drang hab ich auch schon versp�rt. Ich vermute, das ist etwas, das die Marsianer in unsere neurale Neukonstruktion eingeschrieben haben�� vorausgesetzt, dass sie wirklich in der Lage sind, Gef�hle derart fein zu steuern. Ich w�nschte, wir h�tten Wun Ngo Wen hier, damit er es uns erkl�rt. Oder Jason. F�hlte es sich erzwungen an?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Oder falsch, unangemessen?�</p><p>�Nein. Ich glaube, es war genau das Richtige.�</p><p>�Aber vor der Behandlung h�ttest du so etwas nicht getan?�</p><p>�Vielleicht schon. Oder ich h�tte es gewollt. H�tte aber wahrscheinlich so lange �berlegt, bis es zu sp�t gewesen w�re.�</p><p>�Also bist du froh dar�ber.�</p><p>Nein. Einfach nur �berrascht. Es sei gleicherma�en <emphasis>Ich </emphasis>wie marsianische Biotechnologie im Spiel gewesen, sagte Diane, und ich war geneigt, ihr zuzustimmen. Wie bei jedem anderen �bergang�� von Kindheit zu Jugend, von Jugend zu Erwachsensein�� bekam man es mit neuen Verpflichtungen zu tun, neuen M�glichkeiten, neuen Zweifeln.</p><p>Zum ersten Mal seit vielen Jahren war ich mir selbst wieder fremd.</p><empty-line/><p>Ich war fast fertig mit Packen, als Carol, ein wenig betrunken, die Treppe herunterkam, einen Schuhkarton im Arm. Der Karton trug die Aufschrift ANDENKEN (AUSBILDUNG). �Das solltest du an dich nehmen�, sagte sie. �Es geh�rte deiner Mutter.�</p><p>�Wenn es Ihnen etwas bedeutet, behalten Sie�s ruhig.� �Danke, aber was ich daraus haben wollte, habe ich mir bereits genommen.�</p><p>Ich �ffnete den Deckel und warf einen Blick auf den Inhalt. �Die Briefe.� Die anonymen Briefe, adressiert an Belinda Sutton, wie meine Mutter mit M�dchennamen hie�.</p><p>�Ja. Dann hast du sie also gesehen. Hast du sie mal gelesen?�</p><p>�Nein, nicht richtig. Gerade mal genug, um zu sehen, dass es Liebesbriefe waren.�</p><p>�O Gott, das klingt so s��lich. Ich w�rde sie eher als Huldigungen ansehen. Sie sind eigentlich ziemlich keusch, wenn man genau liest. Nicht unterschrieben. Deine Mutter hat sie bekommen, als wir noch auf der Universit�t waren. Sie ging damals mit deinem Vater aus, und <emphasis>dem </emphasis>konnte sie sie schwerlich zeigen�� er hat ihr ja selbst Briefe geschrieben. Also hat sie sie mir gezeigt.�</p><p>�Sie hat nie herausgefunden, von wem sie kamen?�</p><p>�Nein, nie.�</p><p>�Sie muss doch neugierig gewesen sein.�</p><p>�Nat�rlich. Aber sie war inzwischen mit Marcus verlobt. Sie hatte ihn kennen gelernt, als er und E. D. ihr erstes Unternehmen gr�ndeten�� die Entwicklung und Fertigung von H�henballons��, damals, als die Aerostaten noch �Blauer Himmel�-Technologie waren, wie Marcus es nannte, ein bisschen verr�ckt, ein bisschen idealistisch. Belinda nannte die beiden die Zeppelin-Br�der. Also waren wir wohl die Zeppelin-Schwestern, Belinda und ich. Denn zu der Zeit begann ich mit E. D. zu flirten. Wei�t du, in gewisser Weise war meine ganze Ehe nichts anderes als der Versuch, mit deiner Mutter befreundet zu bleiben.�</p><p>�Die Briefe��</p><p>�Interessant, nicht wahr, dass sie sie all die Jahre aufbewahrt hat. Irgendwann habe ich sie gefragt, warum. Warum sie nicht einfach wegwerfen? Sie erwiderte: �Weil sie aufrichtig sind.� Das war ihre Art, die Person zu ehren, die sie geschrieben hatte. Der letzte Brief traf eine Woche vor ihrer Hochzeit ein. Danach keine mehr. Und ein Jahr sp�ter habe ich E. D. geheiratet. Auch als Paare waren wir unzertrennlich, hat sie dir das je erz�hlt? Wir sind zusammen in Urlaub gefahren, zusammen ins Kino gegangen. Belinda kam zu mir ins Krankenhaus, als die Zwillinge geboren wurden, und ich habe ihr die T�r aufgemacht, als sie <emphasis>dich </emphasis>zum ersten Mal nach Haus brachte. Aber das alles ging zu Ende nach Marcus� Unfall. Dein Vater war ein wundervoller Mensch, Tyler, sehr direkt, sehr witzig, der Einzige, der E. D. zum Lachen bringen konnte. Doch leider auch sehr leichtsinnig. Belinda war am Boden zerst�rt, als er starb. Und nicht nur seelisch. Marcus hatte den Gro�teil ihrer Ersparnisse durchgebracht, und von dem, was noch �brig war, musste sie die Hypothek tilgen, die auf ihrem Haus in Pasadena lag. Als also E. D. nach Osten ging und wir dieses Grundst�ck kauften, da lag es irgendwie nahe, ihr anzubieten, das G�stehaus zu beziehen.�</p><p>�Und den Haushalt zu f�hren.�</p><p>�Das war E. D.s Idee. Ich wollte sie einfach nur in der N�he haben. Meine Ehe war nicht so erfolgreich, wie ihre es gewesen war. Eher das Gegenteil. Und sie war mehr oder weniger die einzige Freundin, die ich hatte. Die Einzige, der ich alles anvertrauen konnte. Fast alles.�</p><p>�Deswegen wollen Sie die Briefe behalten? Weil sie Teil Ihrer gemeinsamen Geschichte sind?�</p><p>Carol l�chelte wie zu einem Kind, das etwas schwer von Begriff ist. �Nein, Tyler. Ich hab�s doch gesagt�� es sind <emphasis>meine </emphasis>Briefe.� Sie zwinkerte. �Nun schau nicht so fassungslos. Deine Mutter war so heterosexuell, wie eine Frau nur sein kann. Ich hatte einfach das Pech, mich in sie zu verlieben. Mich so verzweifelt in sie zu verlieben, dass ich bereit war, alles zu tun�� sogar einen Mann zu heiraten, der einen etwas widerlichen Eindruck machte, schon damals��, nur um in ihrer N�he zu bleiben. Die ganze Zeit �ber, Tyler, in all den Jahren, habe ich ihr nie etwas von meinen Gef�hlen verraten. Nie, au�er in diesen Briefen. Ich habe mich gefreut, dass sie sie aufbewahrte, auch wenn sie mir immer ein wenig gef�hrlich vorkamen, wie etwas Explosives oder Radioaktives, ein Zeugnis meiner Narrheit. Als deine Mutter starb�� ich meine, genau an dem Tag, als sie starb��, habe ich Panik gekriegt. Ich versteckte die Schachtel. Ich dachte daran, die Briefe zu zerst�ren, aber ich konnte es nicht, hab�s nicht fertig gebracht. Und dann, als E. D. sich von mir hat scheiden lassen, als niemand mehr get�uscht werden musste, habe ich sie einfach an mich genommen. Weil es ja <emphasis>meine </emphasis>Briefe sind, nicht wahr. Es waren immer meine.�</p><p>Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte.</p><p>Carol sah den Ausdruck in meinem Gesicht und legte ihre zerbrechlichen H�nde auf meine Schultern. �Reg dich nicht auf. Die Welt ist voller �berraschungen. Wir sind uns und einander von Geburt an fremd�� und nur selten werden wir formell vorgestellt.�</p><empty-line/><p>Also brachte ich vier Wochen in einem Motelzimmer in Vermont zu und versorgte Diane, w�hrend sie langsam gesundete.</p><p>K�rperlich gesundete, sollte ich sagen. Das emotionale Trauma, das sie auf der Condon-Ranch und sp�ter erlitten hatte, wirkte nach, schlug sich in Ersch�pfung und Introvertiertheit nieder. Sie hatte sich schon verabschiedet von einer Welt, die zu Ende zu gehen schien�� und fand sich dann wider Erwarten in einer ganz anderen Welt wieder. Es stand nicht in meiner Macht, sie mit dem allen zu vers�hnen. Ich erkl�rte, was erkl�rt werden musste. Ich erhob keine Forderungen und machte deutlich, dass ich keine Belohnung erwartete.</p><p>Ihr Interesse an der ver�nderten Welt wuchs nach und nach. Sie erkundigte sich nach der wieder in ihre angestammte Funktion eingesetzten Sonne, und ich gab an sie weiter, was mir Jason erz�hlt hatte: Die Spinmembran war noch da, aber die zeitliche Umh�llung beendet; sie sch�tzte uns weiterhin, wie sie es die ganze Zeit getan hatte, indem sie die t�dliche Strahlung in ein Simulakrum von Sonnenlicht umwandelte, das f�r das �kosystem des Planeten vertr�glich war.</p><p>�Warum haben sie die Membran dann f�r sieben Tage abgeschaltet?�</p><p>�Sie wurde <emphasis>herunter</emphasis>geschaltet, nicht abgeschaltet. Und das haben sie gemacht, damit etwas durch die Membran hindurchkommen konnte.�</p><p>�Das Ding im Indischen Ozean.�</p><p>�Ja.�</p><p>Sie bat mich, ihr die Aufnahme von Jasons letzten Stunden vorzuspielen, und sie weinte, als sie sie h�rte. Sie fragte nach seiner Asche. Hatte E. D. sie an sich genommen oder hatte Carol sie behalten? (Keines von beidem�� Carol hatte sie mir in die Hand gedr�ckt mit der Aufforderung, ich solle damit machen, was mir angemessen erscheine. �Die Wahrheit ist, Tyler, dass du ihn besser kanntest als ich. Jason war f�r mich ein Geheimnis. Der Sohn seines Vaters. Aber du warst sein Freund.�)</p><p>Wir beobachteten, wie sich die Welt wiederentdeckte. Die Massenbegr�bnisse nahmen ein Ende. Die trauernden, ver�ngstigten �berlebenden begann zu begreifen, dass der Planet seine Zukunft zur�ckgewonnen hatte�� so merkw�rdig und fremd diese Zukunft auch sein mochte. F�r unsere Generation war das ein atemberaubender Umschwung, der Mantel der Ausl�schung war uns von den Schultern geglitten. Was w�rden wir ohne ihn anfangen? Wie w�rden wir darauf reagieren, dass wir nicht mehr zum Tode verdammt, dass wir nur noch sterblich waren?</p><p>Wir sahen die Aufnahmen der gewaltigen Konstruktion im Indischen Ozean, die sich in die Haut des Planeten gegraben hatte. Noch immer verdampfte das Meerwasser, wo es mit den gewaltigen S�ulen in Ber�hrung kam. Der Bogen, wurde er bald genannt, oder auch der Torbogen, nicht nur seiner Form wegen, auch weil etliche auf See befindliche Schiffe in die H�fen zur�ckkehrten mit Berichten �ber verschwundene Navigationspunkte, eigenartiges Wetter, durchdrehende Kompasse und K�stenlinien, wo es gar kein Land h�tte geben d�rfen. Diverse Seestreitkr�fte wurden in Marsch gesetzt. Jasons �Testament� gab Hinweise auf eine Erkl�rung der Vorg�nge, doch nur wenige Menschen wussten davon�� ich, Diane, das Dutzend, denen es mit der Post zugestellt worden war.</p><p>Diane begann etwas f�r ihre Fitness zu tun, joggte, w�hrend das Wetter herbstlich wurde, auf einem unbefestigten Weg hinter dem Motel und kehrte mit dem Geruch nach gefallenem Laub und Holzrauch in den Haaren zur�ck. Ihr Appetit wuchs, ebenso wie das Speisenangebot im Coffeeshop. Es wurden wieder Nahrungsmittel geliefert, die Wirtschaft kam langsam wieder in Gang.</p><p>Wir erfuhren, dass auch der Mars vom Spin befreit war. Signale waren zwischen den beiden Planeten hin- und hergegangen, und in einer seiner Reden deutete Pr�sident Lomax an, dass das Raumfahrtprogramm wiederaufgelegt werden sollte, ein erster Schritt auf dem Weg zur Aufnahme st�ndiger Beziehungen mit �unserem Schwesterplaneten�, wie er sich ausdr�ckte.</p><p>Wir sprachen �ber die Vergangenheit. Wir sprachen �ber die Zukunft.</p><p>Was wir nicht taten: Wir fielen uns nicht in die Arme.</p><p>Wir kannten einander zu gut�� oder nicht gut genug. Wir hatten eine Vergangenheit, aber keine Gegenwart. Und Diane machte sich gro�e Sorgen um Simon.</p><p>�Er hat dich beinahe sterben lassen�, erinnerte ich sie.</p><p>�Nicht mit Absicht. Er ist nicht boshaft. Das wei�t du.�</p><p>�Dann ist er gef�hrlich naiv.�</p><p>Nachdenklich schloss sie die Augen. Dann sagte sie: �Es gibt da eine Wendung, die Pastor Kobel vom Jordan Tabernacle gebrauchte: �Sein Herz schrie nach Gott�. Wenn es jemanden gibt, auf den das passt, dann Simon. Aber man muss den Satz verallgemeinern. �Sein Herz schrie��� ich glaube, das sind wir alle, das ist universell. Du, Simon, ich, Jason. Sogar Carol. Und auch E. D. Wenn Menschen begreifen, wie gro� das Universum und wie kurz ihr Leben ist, dann schreit ihr Herz auf. Manchmal ist es ein Freudenschrei�� ich glaube, das war es bei Jason, und das war es, was ich an ihm nicht verstanden habe: Er war in der Lage, Ehrfurcht zu empfinden. Doch f�r die meisten von uns ist es ein Schreckensschrei. Der Schrecken des Todes, der Schrecken der Sinnlosigkeit. Unsere Herzen schreien auf. Vielleicht nach Gott, vielleicht nur, um das Schweigen zu �bert�nen.� Sie strich sich die Haare aus der Stirn, und ich sah, dass ihr Arm, vor nicht allzu langer Zeit noch erschreckend d�nn, wieder rund und kr�ftig geworden war. �Ich glaube, der Schrei, der sich aus Simons Herz gel�st hat, war der reinste, unverf�lschteste Laut, zu dem Menschen f�hig sind. Nein, er ist kein guter Menschenkenner. Ja, er ist naiv. Deshalb ist er auch von einem Glauben zum n�chsten geirrt: New Kingdom, Jordan Tabernacle, die Condon-Ranch�� egal was, solange es offen und freim�tig war, solange es ihm vermittelte, dass die Menschen eine Bedeutung haben.�</p><p>�Und unterdessen h�ttest du elendig zugrunde gehen k�nnen.�</p><p>�Ich sage nicht, dass er klug ist. Ich sage, dass er nicht b�se ist.�</p><p>Sp�ter wusste ich diese Art zu denken und zu argumentieren besser einzusch�tzen: Diane sprach wie eine Vierte. Mit Distanz, aber doch engagiert. Vertraulich, aber objektiv. Ich kann nicht sagen, dass es mir missfiel, doch von Zeit zu Zeit lie� es mir die Nackenh�rchen zu Berge stehen.</p><empty-line/><p>Nicht lange, nachdem ich sie f�r vollst�ndig gesund erkl�rt hatte, teilte mir Diane mit, dass sie weggehen wolle. Ich fragte sie, was sie vorhabe.</p><p>Sie m�sse Simon finden, erwiderte sie. �Einige Dinge kl�ren�, so oder so. Schlie�lich w�ren sie immer noch verheiratet. Es war ihr wichtig, herauszufinden, ob er noch am Leben sei.</p><p>Ich machte sie darauf aufmerksam, dass sie weder Geld noch eine eigene Wohnung hatte. Sie sagte, sie w�rde schon irgendwie �ber die Runden kommen. Also gab ich ihr eine der Kreditkarten, mit denen mich Jason ausgestattet hatte, allerdings mit der Warnung verbunden, dass ich nicht daf�r garantieren k�nne�� ich hatte keine Ahnung, wer f�r die Deckung aufkam, wo das Limit lag und ob man sie anhand der Karte w�rde aufsp�ren k�nnen.</p><p>Sie fragte, wie sie mit mir in Verbindung treten k�nne.</p><p>�Ruf einfach an.� Sie hatte meine Nummer, jene �ber all die Jahre beibehaltene und weiterbezahlte Nummer eines Handys, das ich immer mit mir herumgetragen hatte, obwohl es sehr selten klingelte.</p><p>Dann fuhr ich sie zum n�chsten Busbahnhof.</p><empty-line/><p>Das Handy klingelte sechs Monate sp�ter, als die Zeitungen haufenweise Artikel �ber �die neue Welt� produzierten und die TV-Sender erste Bilder einer felsigen, wilden Landspitze �von der anderen Seite des Torbogens� zeigten.</p><p>Inzwischen hatten hunderte von Schiffen, gro�e und kleine, die �berfahrt gewagt. Zum Teil waren es wissenschaftliche Expeditionen, von der UNO genehmigt, von der amerikanischen Marine eskortiert, von �eingebetteten� Reportern begleitet. Es gab aber auch viele private Charterfahrten. Und es gab Fischtrawler, die bei der R�ckkehr in den Hafen einen Fang im Laderaum hatten, der bei schlechten Lichtverh�ltnissen als Kabeljau durchgehen konnte. Das war nat�rlich streng untersagt, doch bis das Verbot in Kraft getreten war, hatte sich der �Bogenkabeljau� bereits auf allen asiatischen M�rkten breitgemacht. Er erwies sich als essbar und sogar nahrhaft. Was man, wie Jason gesagt h�tte, als Anhaltspunkt werten durfte�� als der Fisch einer DNA-Analyse unterzogen wurde, wies sein Genom auf entfernte terrestrische Abstammung hin. Die neue Welt war nicht nur gastlich, sie schien auch menschlichen Bed�rfnissen gem�� ausgestattet zu sein.</p><p>�Ich habe Simon gefunden�, sagte Diane.</p><p>�Und?�</p><p>�Er lebt in einem Wohnwagenpark am Rand von Wilmington. Er verdient ein wenig Geld mit Reparaturen�� Fahrr�der, Toaster, solche Sachen. Ansonsten lebt er von der Wohlfahrt und besucht eine kleine Pfingstkirche.�</p><p>�Hat er sich gefreut, dich zu sehen?�</p><p>�Er wollte gar nicht wieder aufh�ren, sich f�r das zu entschuldigen, was auf der Condon-Ranch passiert ist. Er sagte, er will es wieder gutmachen. Er hat mich gefragt, ob es irgendetwas gibt, was er tun kann, um mir das Leben zu erleichtern.�</p><p>Ich umklammerte das Handy ein bisschen fester. �Was hast du ihm gesagt?�</p><p>�Dass ich mich scheiden lassen will. Er war einverstanden. Und er hat noch was gesagt�� er meinte, ich h�tte mich ver�ndert, irgendetwas sei anders an mir. Er konnte es nicht genau festmachen. Aber ich glaube, es hat ihm nicht gefallen.�</p><p>Ein Hauch von Schwefel m�glicherweise.</p><p>�Habe ich mich so sehr ver�ndert, Tyler?�</p><p>�Alles ver�ndert sich.�</p><empty-line/><p>Ihr n�chster wichtiger Anruf kam ein Jahr sp�ter. Ich lebte inzwischen, zum Teil erm�glicht durch Jasons gef�lschte Ausweispapiere, in Montreal, wartete darauf, dass mein Immigrantenstatus amtlich wurde, und hatte eine Assistentenstelle in einer Ambulanzklinik in Outremont inne.</p><p>Seit unserer letzten Unterhaltung war man der grundlegenden Dynamik des Bogens auf die Spur gekommen. Die Fakten waren verwirrend f�r jeden, der sich ihn als statische Maschine oder simple �T�r� vorstellte, doch wenn man ihn so betrachtete, wie Jason es getan hatte�� als komplexe, mit Bewusstsein begabte Wesenheit, die f�hig war, Ereignisse im Rahmen eines definierten Bereichs wahrzunehmen und zu beeinflussen��, kam man der Sache schon viel n�her.</p><p>Zwei Welten waren durch den Bogen verbunden worden, aber nur f�r bemannte Meeresfahrzeuge, die ihn von S�den querten.</p><p>Man bedenke, was das bedeutet: F�r den Wind, die Meeresstr�mung oder den Zugvogel war der Bogen nichts anderes als ein Paar station�rer S�ulen zwischen dem Indischen Ozean und dem Golf von Bengalen; sie bewegten sich ungehindert um den Bogenbereich herum und durch ihn hindurch, ebenso wie alle Schiffe, die von Norden nach S�den kreuzten.</p><p>Wenn man dagegen per Schiff den �quator von S�den her bei neunzig Grad �stlich �berquerte und zum Bogen zur�ckblickte�� dann tat man das von einem unbekannten Meer aus, unter einem seltsamen Himmel, Lichtjahre von der Erde entfernt.</p><p>In Madras hatte ein ehrgeiziger, illegaler Kreuzfahrtveranstalter englischsprachige Plakate drucken lassen mit der Aufforderung: REISEN SIE BEQUEM ZU EINEM FREUNDLICHEN PLANETEN! Interpol machte dem ein Ende�� die UNO versuchte damals noch, die �berfahrten zu regulieren��, doch die Plakate hatten es ziemlich gut getroffen. Wie konnte so etwas zugehen? Fragen Sie die Hypothetischen!</p><p>Dianes Scheidung war vollzogen, wie sie mir mitteilte, aber sie hatte weder Arbeit noch sonstige Perspektiven. �Ich dachte, wenn ich zu dir kommen k�nnte�� Sie klang zaghaft, �berhaupt nicht wie eine Vierte�� oder wie eine Vierte nach meiner Vorstellung h�tte klingen sollen. �Wenn das geht, wenn dir das recht ist. Ehrlich gesagt, brauche ich ein bisschen Hilfe. Um zur Ruhe zu kommen und, na ja, das Richtige f�r mich zu finden.�</p><p>Also besorgte ich ihr einen Job in der Klinik und k�mmerte mich um die Einwanderungsformalit�ten. Im Herbst kam sie zu mir nach Montreal.</p><empty-line/><p>Es folgte ein �beraus zaghafter Prozess der Ann�herung, sehr langsam, sehr altmodisch�� vielleicht ein bisschen marsianisch��, und dabei entdeckten Diane und ich einander in einem g�nzlich neuen Licht. Wir steckten nicht mehr in der Zwangsjacke des Spins. Wir waren auch keine Kinder mehr, die blind nach Trost suchten. Wir verliebten uns als Erwachsene.</p><p>Es waren die Jahre, als die Weltbev�lkerung ihren H�chststand von acht Milliarden erreichte. Der Gro�teil des Wachstums war in die aufgebl�hten Megast�dte geflossen: Schanghai, Jakarta, Manila, die K�stenst�dte Chinas, Lagos, Kinshasa, Nairobi, Maputo, Caracas, La Paz, Tegucigalpa�� all die von Feuern beleuchteten, von Smog umh�llten Karnickelbauten dieser Welt. Es h�tte ein Dutzend Torb�gen gebraucht, um die Wachstumskurve umzukehren, aber die �berbev�lkerung sorgte f�r eine stete Welle von Auswanderern, Fl�chtlingen, �Pionieren�, die sich h�ufig in die Lader�ume illegaler Schiffe gepfercht sahen und nicht selten tot oder im Sterben liegend die K�ste von Port Magellan erreichten.</p><p>Port Magellan war die erste getaufte Ansiedlung in der neuen Welt. Inzwischen waren gro�e Teile dieser Welt grob kartografiert worden, meistenteils aus der Luft. Port Magellan bildete die �stliche Spitze eines Kontinents, der, wenn auch noch nicht offiziell, ��quatoria� genannt wurde. Es gab eine zweite, sogar noch gr��ere Landmasse�� �Borea���, die den n�rdlichen Pol �berspannte und bis in die gem��igte Zone des Planeten reichte. Die s�dlichen Meere waren von Inseln und Archipelen �bers�t.</p><p>Das Klima war gem��igt, die Luft frisch, die Schwerkraft lag bei 95,5 Prozent der auf der Erde herrschenden. Beide Kontinente waren Vorratskammern, die nur darauf warteten, ge�ffnet zu werden�� in den Meeren und Fl�ssen wimmelte es von Fischen. In den Slums von Douala und Kabul kursierten Geschichten, wonach man sich das Essen in �quatoria nur von den B�umen zu pfl�cken brauchte und anschlie�end ein Schl�fchen zwischen den Wurzeln machen konnte.</p><p>Die Wirklichkeit sah nat�rlich ein bisschen anders aus: Port Magellan war eine von Soldaten bewachte UNO-Enklave, die rundherum gewachsenen Barackensiedlungen dagegen waren unregiert und unsicher. Die K�stenlinie jedoch war �ber hunderte von Kilometern mit Fischerd�rfern gesprenkelt, es wurden Touristenhotels rings um die Lagunen von Reach Bay und Aussie Harbor gebaut, und die Aussicht auf freies, fruchtbares Land lockte zahlreiche Siedler landeinw�rts entlang der Flusst�ler des Wei�en und des Neuen Irrawaddi.</p><p>Die bedeutendste Nachricht aus der neuen Welt in jenem Jahr allerdings betraf die Entdeckung des zweiten Bogens. Er befand sich eine halbe Welt vom ersten Bogen entfernt, nahe den s�dlichen Ausl�ufern der borealischen Landmasse, und dahinter gab es eine weitere neue Welt�� anf�nglichen Berichten zufolge nicht ganz so einladend wie die erste, doch das lag vielleicht nur daran, dass dort gerade Regenzeit herrschte.</p><empty-line/><p>�Es muss noch mehr Leute wie mich geben�, sagte Diane eines Tages im f�nften Jahr der Nachspinzeit. �Ich w�rde sie gerne kennen lernen.�</p><p>Ich hatte ihr meine Ausgabe der marsianischen Archive gegeben, eine grobe Erst�bersetzung auf einer Reihe von Speicherkarten, und sie studierte sie mit der gleichen Gr�ndlichkeit, mit der sie sich fr�her der viktorianischen Dichtung oder den New-Kingdom-Traktaten gewidmet hatte.</p><p>Sollte Jasons Vorgehen erfolgreich gewesen sein, ja, dann gab es sicher noch mehr Vierte auf der Erde. Aber sich als solcher zu erkennen zu geben, war nichts anderes als ein Freifahrtschein in das n�chstgelegene Gef�ngnis. Die Regierung Lomax hatte alles Marsianische zu einer Angelegenheit der nationalen Sicherheit erkl�rt und unter Verschluss gestellt, und die inl�ndischen Sicherheitsdienste waren in der Wirtschaftskrise, die auf das Ende des Spins folgte, mit weitreichenden polizeilichen Befugnissen ausgestattet worden.</p><p>�Denkst du je dar�ber nach?�, fragte sie etwas sch�chtern.</p><p>Dar�ber, ob auch ich ein Vierter werden wollte. Indem ich mir eine Dosis der klaren Fl�ssigkeit aus einer der Phiolen, die ich in einem Stahlsafe im Kleiderschrank unseres Schlafzimmers aufbewahrte, in den Arm spritzte. Nat�rlich hatte ich dar�ber nachgedacht�� wir w�rden uns dadurch �hnlicher werden.</p><p>Aber wollte ich das? Ich war mir des Abstands, der Kluft zwischen ihrer Viertheit und meiner �profanen� Menschlichkeit durchaus bewusst, aber ich hatte keine Angst davor. In manchen N�chten, wenn ich in ihre feierlich ernsten Augen blickte, war mir dieser Abgrund sogar lieb und teuer. Denn der Abgrund ist es, der die Br�cke bestimmt, und die Br�cke, die wir gebaut hatten, war sch�n und stabil.</p><p>Sie streichelte meine Hand, fuhr mit ihren glatten Fingern �ber meine strukturierte Haut, ein subtiler Hinweis darauf, dass ich die Behandlung eines Tages so oder so ben�tigen w�rde, selbst wenn ich nicht besonders scharf darauf war.</p><p>�Noch nicht�, sagte ich.</p><p>�Wann?�</p><p>�Wenn ich bereit bin.�</p><empty-line/><p>Auf Pr�sident Lomax folgte Pr�sident Hughes und auf diesen Pr�sident Chaykin, doch sie waren allesamt Veteranen ein und derselben Spinzeitpolitik. Sie betrachteten die marsianische Biotechnologie als neue Atombombe, potenziell jedenfalls, und im Moment geh�rte sie ganz ihnen, konnte als urheberrechtlich gesch�tzte Drohung dienen. In seiner ersten diplomatischen Depesche an die F�nf Republiken hatte Lomax diese darum ersucht, jegliche biotechnischen Informationen aus unkodierten �bertragungen vom Mars zur Erde zu verbannen. Er hatte diese Bitte mit den Wirkungen begr�ndet, die eine derartige Technologie in der politisch geteilten und oft gewaltt�tigen Welt�� als Beispiel f�hrte er den Tod Wun Ngo Wens an�� entfalten k�nnte, und bisher hatten die Marsianer mitgespielt und seinem Wunsch entsprochen.</p><p>Doch sogar dieser zensierte Kontakt mit dem Mars hatte sein Ma� an Zwietracht ges�t. Die egalit�re Wirtschaftsweise der F�nf Republiken hatte Wun Ngo Wen zu einer Art Maskottchen der neuen globalen Arbeiterbewegung gemacht. Ich war reichlich schockiert, Wuns Gesicht auf Transparenten zu erblicken, die von Textilarbeiterinnen aus den asiatischen Fabrikzonen oder von Chipsockelaufsteckern aus den zentralamerikanischen <emphasis>Maquiladoras </emphasis>getragen wurden�� aber ich bezweifle, dass es ihm missfallen h�tte.</p><empty-line/><p>Diane reiste zu E. D.s Beerdigung in die USA, fast auf den Tag genau elf Jahre, nachdem ich sie von der Condon-Ranch befreit hatte.</p><p>Wir hatten in den Nachrichten von seinem Tod erfahren, wobei beil�ufig erw�hnt worden war, dass E. D.s Exfrau Carol sechs Monate vor ihm gestorben war, ein weiterer Schock f�r Diane. Carol hatte schon vor Jahren aufgeh�rt, unsere Anrufe entgegenzunehmen. Zu gef�hrlich, sagte sie. Es reiche ihr zu wissen, dass wir in Sicherheit seien. Und es gab im Grunde auch nichts zu sagen.</p><p>Diane besuchte das Grab ihrer Mutter, w�hrend sie in Washington war. Am meisten bedr�ckte sie, wie sie sagte, dass Carols Leben so unvollst�ndig gewesen sei: ein Verb ohne Objekt, ein anonymer Brief, missverstanden, weil die Unterschrift fehlte. �Es ist weniger sie, die mir fehlt, als die, die sie h�tte sein k�nnen.�</p><p>Bei E. D.s Trauerfeier achtete sie sorgf�ltig darauf, sich nicht zu erkennen zu geben. Zu viele seiner politischen Kumpanen waren anwesend, darunter der Vizepr�sident und der Justizminister. Doch ihre besondere Aufmerksamkeit galt einer unbekannten Frau auf einer der hinteren B�nke, die ihrerseits immer wieder verstohlen zu Diane sah. �Ich wusste sofort, dass sie eine Vierte ist�, sagte sie sp�ter. �Ich kann gar nicht genau sagen, warum. Ihre Haltung, die alterslose Erscheinung�� aber es war noch mehr, es war wie ein Signal, das zwischen uns hin- und herlief.� Als die Zeremonie beendet war, ging sie auf die Frau zu und fragte sie, auf welche Weise sie mit E. D. bekannt gewesen war.</p><p>�Ich war nicht mit ihm bekannt�, erwiderte die Frau. �Nicht im eigentlichen Sinne. Ich war eine Weile im Forschungsteam bei Perihelion, in der Zeit, als Jason Lawton dort der Leiter war. Ich hei�e Sylvia Tucker.�</p><p>Der Name kam mir gleich bekannt vor, als Diane ihn nannte. Sylvia Tucker war eine der Anthropologinnen, die in Florida mit Wun Ngo Wen zusammengearbeitet hatten. Sie war freundlicher gewesen als die meisten anderen der befristet angestellten Wissenschaftler�� gut m�glich, dass Jason sich ihr anvertraut hatte.</p><p>�Wir haben E-Mail-Adressen ausgetauscht�, sagte Diane. �Keiner von uns hat das Wort �Vierte� ausgesprochen. Aber wir <emphasis>wussten </emphasis>es beide, da bin ich sicher.�</p><p>Eine Korrespondenz folgte nicht daraus, doch von Zeit zu Zeit erhielt Diane digitale Presseausschnitte von Sylvia Tuckers Adresse. Diese betrafen zum Beispiel: Einen Industriechemiker aus Denver, der auf Grund einer Sicherheitsverf�gung verhaftet und auf unbestimmte Zeit in Gewahrsam genommen worden war; eine geriatrische Klinik, die auf Grund eines Bundeserlasses geschlossen worden war, einen Soziologieprofessor von der University of California, der bei einem Feuer ums Leben gekommen war, es wurde Brandstiftung vermutet; und so weiter.</p><p>Ich hatte bewusst keine Liste der Adressen aufbewahrt, an die Jasons P�ckchen gegangen waren, und sie auch nicht auswendig gelernt. Doch einige der Namen in den Artikeln klangen durchaus vertraut.</p><p>�Sie will uns mitteilen, dass wir gejagt werden�, sagte Diane. �Die Regierung jagt Vierte.�</p><p>Einen Monat lang diskutierten wir, was wir machen w�rden, wenn wir die gleiche Art von Aufmerksamkeit auf uns z�gen. Wohin sollten wir fliehen, angesichts des globalen Sicherheitsapparats, den Lomax und seine Erben aufgebaut hatten?</p><p>Im Grunde gab es darauf nur eine plausible Antwort. Nur einen Ort, wo dieser Apparat nicht t�tig werden konnte, wo die �berwachung vollkommen blind war. Wir machten also unsere Pl�ne�� diese P�sse, jenes Bankkonto, diese Route �ber Europa nach S�dasien�� und legten sie beiseite, bis wir sie brauchen w�rden.</p><p>Dann empfing Diane eine letzte Nachricht von Sylvia Tucker, die aus nur zwei W�rtern bestand: <emphasis>Haut ab.</emphasis></p><p>Und das taten wir.</p><empty-line/><p>Auf der letzten Etappe der Reise, beim Anflug auf Sumatra, sagte Diane: �Bist du sicher, dass du es tun willst?�</p><p>Ich hatte die Entscheidung vor einigen Tagen getroffen, w�hrend eines Zwischenaufenthalts in Amsterdam, als wir immer noch Sorge hatten, dass wir verfolgt w�rden, dass unsere P�sse markiert seien, dass unser Vorrat an marsianischen Pharmazeutika doch noch beschlagnahmt werden w�rde.</p><p>�Ja�, erwiderte ich. �Bevor wir die �berfahrt machen.�</p><p>�Ganz sicher?�</p><p>�So sicher, wie man sein kann.�</p><p>Nein, nicht sicher. Aber bereit. Bereit, das zu verlieren, was verloren gehen w�rde, und bereit, das anzunehmen, was zu gewinnen war.</p><p>Diane und ich mieteten uns also ein Zimmer im dritten Stock eines im Kolonialstil gehaltenen Hotels in Padang, wo wir f�r eine Weile unbemerkt bleiben w�rden. Wir alle fallen, sagte ich mir, und ein jeder landet irgendwo.</p></section><section><title><p>N�rdlich von �berall und Nirgends</p></title><p>Eine halbe Stunde vor der Querung des Bogens, eine Stunde nach Anbruch der Dunkelheit, trafen wir im Speiseraum der Mannschaft auf En. Einer der Matrosen hatte ihm, um ihn zu besch�ftigen, einen Bogen Papier und ein paar Stifte gegeben.</p><p>Er schien erleichtert, uns zu sehen. Er sei ein bisschen besorgt wegen der �berfahrt, sagte er. Er r�ckte seine Brille zurecht�� leicht zusammenzuckend, als sein Daumen die wunde Stelle ber�hrte, die Jalas Schlag auf seiner Wange hinterlassen hatte�� und fragte mich, wie das vor sich gehen w�rde.</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich habe die Fahrt noch nie gemacht.�</p><p>�Werden wir es merken, wenn es soweit ist?�</p><p>�Von der Crew habe ich geh�rt, dass der Himmel dann ein bisschen seltsam wird. Und in dem Moment, wo die Querung stattfindet, wenn wir uns genau zwischen der alten und der neuen Welt befinden, springt die Kompassnadel um, von Nord auf S�d. Und auf der Br�cke lassen sie die Schiffshupe ert�nen. Du wirst es nicht verpassen.�</p><p>�Eine weite Reise. In kurzer Zeit.�</p><p>Wie wahr. Der Bogen�� jedenfalls unsere �Seite��� war, bevor er sich aus dem Orbit herabgesenkt hatte, quer durch den interstellaren Raum herbeigeschafft worden, vermutlich in einer Geschwindigkeit, die unter der des Lichts lag. Doch die Hypothetischen hatten �onen von Spinzeit zur Verf�gung gehabt, um den Transport �ber die B�hne zu bringen. Wom�glich h�tten sie jede Entfernung bis zu drei Milliarden Lichtjahren �berbr�cken k�nnen, und schon ein winziger Bruchteil dessen befand sich jenseits von allem, was unsere Sinne erfassen konnten.</p><p>�Da fragt man sich doch�, sagte Diane, �warum sie sich die ganze M�he gemacht haben.�</p><p>�Nun, Jason zufolge��</p><p>�Ich wei�. Die Hypothetischen wollen uns vor dem Aussterben bewahren, damit wir uns zu etwas Komplexerem entwickeln k�nnen. Aber warum wollen sie das? Was erwarten sie von uns?�</p><p>En ignorierte unseren theoretischen Exkurs. �Und wenn wir dann �bergesetzt haben��</p><p>�Dann�, sagte ich, �ist es noch eine Tagesreise bis Port Magellan.�</p><p>Diese Auskunft zauberte ihm ein L�cheln ins Gesicht.</p><p>Ich wechselte einen Blick mit Diane. Sie hatte sich En vor zwei Tagen vorgestellt, und inzwischen waren die beiden bereits befreundet. Sie hatte ihm aus einem in der Schiffsbibliothek gefundenen Buch mit englischen Kindergeschichten vorgelesen. Und sie hatte Housman f�r ihn zitiert: <emphasis>Das Kind hat gar nicht wahrgenommen� �</emphasis>Das gef�llt mir nicht�, hatte En gesagt.</p><p>Er zeigte uns seine Zeichnung: Bilder von Tieren, die er in Videofilmen aus der Ebene von �quatoria gesehen haben musste, langhalsige Gesch�pfe mit nachdenklichen Augen und tigergestreiftem Fell.</p><p>�Sie sind wundersch�n�, sagte Diane.</p><p>En nickte feierlich. Wir �berlie�en ihn seiner Arbeit und gingen wieder aufs Deck.</p><empty-line/><p>Der Nachthimmel war klar, und der Scheitel des Bogens jetzt genau �ber uns. Ein letztes Schimmern des Lichts reflektierend, wies er aus diesem Blickwinkel nicht die geringste Kr�mmung auf, sondern stellte eine reine euklidische Gerade dar, eine elementare Zahl [1] oder einen Buchstaben [I].</p><p>Wir standen an der Reling, so nahe zum Bug des Schiffes hin, wie es uns m�glich war. Der Wind zerrte an unserer Kleidung, unseren Haaren. Die Schiffsflaggen knatterten, das Meer warf zerkl�ftete Spiegelbilder der Positionslampen zur�ck.</p><p>�Hast du sie?�, fragte Diane.</p><p>Sie meinte die winzige Phiole, die einen Teil von Jasons Asche enthielt. Wir hatten diese Zeremonie�� wenn man es denn so nennen konnte�� geplant, lange bevor wir Montreal verlassen hatten. Jason hatte sich nie viel aus Gedenkaktionen gemacht, aber ich glaube, diese h�tte er gutgehei�en. �Hier.� Ich zog das Keramikr�hrchen aus meiner Tasche.</p><p>�Er fehlt mir. Er fehlt mir immerzu.� Sie schmiegte sich an meine Schulter, und ich legte meinen Arm um sie. �Ich w�nschte, ich h�tte ihn als Vierten erlebt. Doch ich glaube nicht, dass es ihn sehr ver�ndert hat.�</p><p>�Nein, gar nicht.�</p><p>�In gewisser Weise war Jason <emphasis>immer </emphasis>ein Vierter.�</p><p>Als wir uns dem Augenblick der �berfahrt n�herten, schienen die Sterne zu verblassen, als w�rde etwas Gazeartiges das Schiff umh�llen. Ich �ffnete das R�hrchen mit Jasons Asche. Diane legte ihre Hand auf meine.</p><p>Pl�tzlich drehte der Wind, und die Temperatur fiel um ein oder zwei Grad.</p><p>�Manchmal�, sagte sie, �wenn ich an die Hypothetischen denke, dann bekomme ich pl�tzlich Angst.�</p><p>�Wovor?�</p><p>�Dass wir ihr rotes Kalb sind. Oder das, was sich Jason von den Marsianern erhoffte. Dass sie von uns erwarten, wir w�rden sie vor irgendetwas retten. Etwas, vor dem sie Angst haben.�</p><p>Vielleicht war es so. Andererseits, dachte ich, werden wir das tun, was das Leben immer tut�� alle Erwartungen entt�uschen.</p><p>Ich f�hlte ein Zittern durch ihren K�rper laufen. �ber uns wurde die Bogengerade langsam blasser. Dunst legte sich �ber das Meer. Nur dass es kein Dunst im gew�hnlichen Sinne war�� es hatte nichts mit Wetter zu tun.</p><p>Das letzte Schimmern des Bogens verschwand, ebenso der Horizont. Auf der Br�cke der <emphasis>Capetown Maru </emphasis>musste der Kompass mit seiner Rotation begonnen haben. Der Kapit�n lie� das Schiffshorn ert�nen, ein brutaler L�rm, das Kreischen des emp�rten Raumes. Ich sah nach oben. Die Sterne wirbelten schwindelerregend umher.</p><p>�Jetzt�, rief Diane in den L�rm hinein.</p><p>Ich beugte mich �ber die Reling, und gemeinsam, die H�nde aufeinander gelegt, drehten wir das R�hrchen um. Die Asche tanzte im Wind, gl�nzte wie Schnee, als sie von den Schiffslichtern erfasst wurde. Sie entschwand unseren Blicken, noch bevor sie auf das schwarze Wasser traf�� aufgenommen, wie ich glauben m�chte, von dem leeren Raum, den wir querten, dem zusammengef�gten Ort zwischen den Sternen.</p><p>Diane lehnte sich gegen meine Brust. Der Klang des Horns pulsierte durch unser beider K�rper, bis er schlie�lich verstummte.</p><p>Dann hob sie den Kopf. �Der Himmel�, sagte sie.</p><p>Die Sterne waren neu und fremdartig.</p><empty-line/><p>Am Morgen kamen wir hinauf aufs Deck, um die Luft der neuen Welt zu riechen und ihre Hitze zu sp�ren, wir alle miteinander: En, seine Eltern, Ibu Ina, die anderen Passagiere, sogar Jala und eine Reihe von Crewmitgliedern, die gerade keinen Dienst zu versehen hatten.</p><p>Es h�tte auch die Erde sein k�nnen, der Farbe des Himmels und der W�rme der Sonnenstrahlen nach zu urteilen. Die Landspitze von Port Magellan zeichnete sich als gezackte Linie am Horizont ab, ein felsiges Vorgebirge und ein paar blasse Rauchs�ulen, die zun�chst senkrecht aufstiegen und dann, von h�heren Winden erfasst, nach Westen abdrifteten.</p><p>Ina stellte sich zu uns an die Reling, En im Schlepptau. �Es sieht so vertraut aus�, sagte sie. �Und f�hlt sich doch so anders an.�</p><p>Verschlungene Klumpen Gr�nzeug, dem Festland von �quatoria durch St�rme oder Flut entrissen, schaukelten in unserem Kielwasser, riesige achtfingrige Bl�tter, die schlaff auf der Wasseroberfl�che trieben. Der Bogen lag jetzt hinter uns, kein Tor nach au�en mehr, sondern ein Tor zur�ck nach innen, eine ganz neue Art von Tor.</p><p>Ina sagte: �Es ist, als w�rde eine Geschichte zu Ende gehen und eine neue beginnen.�</p><p>En sch�ttelte den Kopf. �Nein.� Er lehnte sich in den Wind, als k�nnte er so die Zukunft ein St�ck vorantreiben. �Die Geschichte beginnt erst, wenn wir landen.�</p></section><section><title><p>Danksagung</p></title><p>Aus Gr�nden der Dramaturgie habe ich f�r �Spin� einige Krankheiten erfunden. KVES ist eine imagin�re, von Rindern �bertragene Krankheit, f�r die es keine Entsprechung in der realen Welt gibt. Auch AMS ist ganz und gar ausgedacht, doch ihre Symptome �hneln denen der multiplen Sklerose, einer leider sehr realen Krankheit. Zwar ist MS bisher noch nicht heilbar, aber es zeichnen sich eine Reihe von vielversprechenden neuen Therapien ab. Dennoch sollte man Science-Fiction-Romane nicht mit einer medizinischen Fachzeitschrift verwechseln. Leser, die sich n�her �ber MS informieren m�chten, finden die beste Informationsquelle unter www.nationalmssociety.org.</p><p>Die f�r Sumatra und das Volk der Minangkabau extrapolierte Zukunft ist ebenfalls weitgehend ein Produkt meiner Fantasie, allerdings hat die matrilineare Kultur der Minangkabau sowie ihre Koexistenz mit dem modernen Islam l�ngst die Aufmerksamkeit der Anthropologen geweckt�� siehe Peggy Reeves Sandays Studie �Women at the Center: Life in a Modern Matriarchy�.</p><p>Wer sich f�r den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs �ber die Evolution und die Zukunft des Sonnensystems interessiert und Informationen sucht, die nicht von der Science Fiction eingef�rbt sind, k�nnte hier f�ndig werden: �The Life and Death of Planet Earth� von Peter D. Ward und Donald Brownlee oder �Our Cosmic Origins� von Armand Delsemme.</p><p>Viele Leute haben mir beim Schreiben dieses Buches geholfen (und ich danke ihnen allen), der Preis f�r den unverzichtbarsten Beitrag aber geht einmal mehr an meine Frau Sharry.</p></section><section><p>Robert Charles Wilson</p><p><strong>Spin</strong></p><p>Roman</p><empty-line/><p>Aus dem kanadischen Englisch von Karsten Singelmann</p><empty-line/><p>Deutsche Erstausgabe</p><empty-line/><p>WILHELM HEYNE VERLAG</p><p>M�NCHEN</p><empty-line/><p>Titel der Originalausgabe: SPIN</p><p>3. Auflage</p><p>Deutsche Erstausgabe 8/06</p><p>Redaktion: Alexander Martin</p><p>Copyright � 2005 by Robert Charles Wilson</p><p>Copyright � 2006 der deutschen Ausgabe und der �bersetzung</p><p>by Wilhelm Heyne Verlag, M�nchen</p><p>in der Verlagsgruppe Random House GmbH</p><p>www.heyne.de</p><p>Printed in Germany 2006</p><p>Umschlaggestaltung: Nele Sch�tz Design, M�nchen</p><p>Satz: C. Schaber Datentechnik, Wels</p><p>Druck und Bindung: GGP Media GmbH, P��neck</p><empty-line/><p>ISBN-10: 3-453-52200-1</p><p>ISBN-13: 978-3-453-52200-8</p><image l:href="#0"/></section></body><binary id="cover" 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