<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Rice,</first-name><last-name>Morgan</last-name></author><book-title>The Vampire Journals - Verwandelt: Band 1 (German Edition)</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>deu</lang></title-info><document-info><author><first-name>Rice,</first-name><last-name>Morgan</last-name></author><program-used>calibre 0.8.21, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>25.2.2013</date><id>0f5b4109-2004-44c2-976a-75b98fa30658</id><version>1.0</version></document-info></description><body><section><p>
				Morgan Rice
				Verwandelt
				The Vampire Journals
				Band 1
				�bersetzung aus dem amerikanischen Englisch von</p><empty-line/><p>Gabi Reichart-Schmitz</p><p><image l:href="#0"/></p></section><section><empty-line/><p>L�bbe Digital</p><p>Vollst�ndige E-Book-Ausgabe</p><empty-line/><p>des in der Bastei L�bbe GmbH &amp; Co. KG erschienenen Werkes</p><p>L�bbe Digital in der Bastei L�bbe GmbH &amp; Co. KG</p><p>Deutsche Erstausgabe</p><p>F�r die Originalausgabe:</p><p>Copyright � 2011 by Morgan Rice</p><p>Titel der amerikanischen Originalausgabe:</p><p>�Turned � Book 1 in The Vampire Journals�</p><p>Published by Arrangement with</p><p>LUKEMAN LITERARY MANAGEMENT LTD., BROOKLYN, NY, USA</p><p>Dieses Werk wurde vermittelt durch</p><p>die Literarische Agentur Thomas Schl�ck GmbH, 30827 Garbsen</p><p>F�r die deutschsprachige Ausgabe:</p><p>Copyright � 2012 by Bastei L�bbe GmbH &amp; Co. KG, K�ln</p><p>Lektorat: Beate Christmann, Pulheim</p><p>Titelbild: � istockPhoto/Ivan Bliznetsov</p><p>Umschlaggestaltung: � Tanja �stlyngen</p><p>Datenkonvertierung E-Book:</p><p>hanseatenSatz-bremen, Bremen</p><p>ISBN 978-3-8387-1652-7</p><p>Sie finden uns im Internet unter</p><empty-line/><p>www.luebbe.de</p><empty-line/><p>Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Ist es heilsam,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>So entbl��t umherzugehen und einzusaugen den Dunst Des Morgens? Wie, ist Brutus krank,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Und schleicht er vom gesunden Bett sich weg,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Der schn�den Ansteckung der Nacht zu trotzen?</emphasis></p><p>William Shakespeare, Julius C�sar</p><p>(Aus der �bersetzung von August Wilhelm von Schlegel, Zweiter Aufzug, Erste Szene)</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>1.
				Kapitel</p><p><emphasis>C</emphasis>aitlin Paine f�rchtete sich jedes Mal vor dem ersten Tag an einer neuen Schule, denn sie fand es sehr anstrengend, immer wieder von vorne anfangen zu m�ssen. Zwangsl�ufig musste sie sich um wichtige Dinge wie das Kennenlernen neuer Freunde, die neuen Lehrer und das Erkunden der R�ume, G�nge und Treppenh�user k�mmern. Au�erdem waren da aber auch noch ein paar andere � zugegebenerma�en weniger wichtige � Dinge wie das Organisieren eines neuen Spinds, der Geruch des neuen Geb�udes und die Ger�usche, die dort zu h�ren waren. Aber mehr als vor allem anderen f�rchtete sie sich vor den neugierigen Blicken. Sie hatte immer das Gef�hl, dass alle sie anstarrten, wenn sie irgendwo neu war. Dabei wollte sie doch nichts weiter, als anonym zu sein. Doch offensichtlich sollte das nicht sein.</p><p>Caitlin verstand nicht, was an ihr so auff�llig war. Mit ihrer Gr��e von einem Meter f�nfundsechzig war sie nicht sonderlich gro�, und sie fand sich mit ihren braunen Haaren, den braunen Augen und ihrem normalen Gewicht absolut durchschnittlich. Sie war ganz bestimmt nicht so h�bsch wie manche der anderen M�dchen, und mit ihren achtzehn Jahren war sie zwar ein wenig �lter als die anderen, aber auch nicht alt genug, um herauszustechen.</p><p>Nein, es war irgendetwas anderes. Sie hatte etwas an sich, was die Leute zweimal hinsehen lie�. Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie anders war. Aber woran genau das lag, wusste sie nicht.</p><p>Wenn es noch etwas Schlimmeres gab als einen ersten Schultag, dann war es ein erster Schultag mitten im Halbjahr, wenn alle anderen Sch�ler bereits Zeit gehabt hatten, Kontakte zu kn�pfen. Der heutige Tag � dieser erste Schultag Mitte M�rz � w�rde sicher besonders schlimm werden. Sie hatte da so ein Gef�hl.</p><p>Trotzdem h�tte sie sich in ihren wildesten Fantasien nicht vorstellen k�nnen, dass es so schlimm werden w�rde. Nichts, was sie je erlebt hatte � und sie hatte schon viel erlebt �, hatte sie auf das hier vorbereitet.</p><p>An einem eiskalten M�rzmorgen stand Caitlin vor ihrer neuen Schule � einer gro�en staatlichen Schule in New York City � und fragte sich: Warum ausgerechnet ich? In ihrem Sweatshirt und den Leggins war sie viel zu leger gekleidet, au�erdem war sie nicht im Entferntesten auf das lautstarke Chaos vorbereitet gewesen, das sie nun begr��te. Hunderte von Sch�lern standen dort, tobten, kreischten und dr�ngelten sich aneinander vorbei. Es sah aus wie auf einem Gef�ngnishof.</p><p>Caitlin fand alles hier irgendwie �bertrieben: Diese Kids lachten zu laut, fluchten zu viel, schubsten sich gegenseitig zu heftig. Man h�tte das Ganze f�r eine gro�e Schl�gerei halten k�nnen, w�re nicht auch hier und da ein L�cheln zu sehen oder ein sp�ttisches Lachen zu h�ren gewesen. Diese Kids hatten einfach zu viel Energie, und Caitlin konnte nicht verstehen, woher sie die nahmen. Sie selbst war ersch�pft und litt unter Schlafmangel, au�erdem fror sie erb�rmlich. Ergeben schloss sie die Augen und w�nschte sich, alles w�rde wie von Zauberhand verschwinden.</p><p>Als sie die Hand in die Tasche steckte, f�hlte sie pl�tzlich etwas zwischen ihren Fingern: ihren iPod. Ja! Schnell steckte sie sich die Ohrst�psel in die Ohren und drehte die Lautst�rke auf. Sie hatte das dringende Bed�rfnis, alles andere zu �bert�nen.</p><p>Aber es kam nichts. Sie warf einen Blick auf das Ger�t und stellte fest, dass die Batterie leer war. Na super.</p><p>In der Hoffnung auf Ablenkung kontrollierte sie ihr Handy. Keine neuen Nachrichten.</p><p>W�hrend sie so dieses Meer an neuen Gesichtern betrachtete, f�hlte sie sich einsam. Nicht, weil sie das einzige wei�e M�dchen war � das war ihr sogar ganz recht. Einige ihrer engsten Freundinnen an anderen Schulen hatten dunklere Haut gehabt � Schwarze, S�damerikanerinnen, Asiatinnen, Inderinnen �, und einige ihrer niedertr�chtigsten Neiderinnen waren Wei�e gewesen. Nein, daran lag es nicht. Sie f�hlte sich einsam, weil es hier so st�dtisch war. Unter ihren F��en war Beton, und mit einem lauten Summton war sie in den �Erholungsbereich� eingelassen worden, vorher hatte sie allerdings noch mehrere hohe Metalltore passieren m�ssen. Jetzt war sie eingesperrt, gefangen hinter einem robusten Metallzaun, der von Stacheldraht gekr�nt war. Sie hatte das Gef�hl, im Gef�ngnis gelandet zu sein.</p><p>Als sie an dem gro�en Schulgeb�ude hinaufblickte, dessen Fenster mit Gitterst�ben versehen waren, verbesserte das ihre Stimmung auch nicht gerade. Sie hatte sich immer problemlos an neue Schulen gew�hnt � egal, ob sie gro� oder klein gewesen waren �, aber die hatten sich alle in Vororten befunden. Dort hatte es Gras und B�ume gegeben, und der Himmel war zu sehen gewesen. Doch hier war nichts au�er Stadt. Sie hatte das Gef�hl, nicht mehr atmen zu k�nnen. Und das jagte ihr Angst ein.</p><p>Ein lautes Klingeln ert�nte, und sie bewegte sich zusammen mit Hunderten von Sch�lern auf den Eingang zu. Ein gro�es M�dchen rempelte sie grob an, sodass ihr das Tagebuch aus der Hand fiel. Sie hob es auf und wartete, ob sich das M�dchen entschuldigen w�rde. Aber sie war nirgendwo mehr zu sehen � wahrscheinlich war sie schon in dem Gew�hl verschwunden. Irgendwo h�rte sie Gel�chter, aber sie konnte nicht feststellen, ob es ihr galt.</p><p>Angespannt umklammerte sie ihr Tagebuch; es war das Einzige, was ihr Halt gab. Bis jetzt hatte es sie �berallhin begleitet. Sie machte sich st�ndig Notizen und fertigte Zeichnungen an, wohin sie auch ging. Das Buch war eine Landkarte ihrer Kindheit.</p><p>Schlie�lich erreichte sie die Eingangst�r und musste sich mit den anderen zusammen hineinquetschen. Es war, als w�rde man zur Hauptverkehrszeit in einen Zug steigen. Sie hatte gehofft, dass es im Geb�ude warm sein w�rde, aber durch die offenen T�ren wehte ein kalter Luftzug, der sie noch mehr frieren lie�.</p><p>Am Eingang standen zwei gro�e M�nner vom Sicherheitsdienst, flankiert von zwei Polizisten der Stadt New York. Sie trugen Uniform, und ihre Schusswaffen waren deutlich zu sehen.</p><p>�WEITERGEHEN!�, befahl einer von ihnen.</p><p>Sie konnte den Grund nicht erkennen, warum zwei bewaffnete Polizisten den Eingang einer Highschool bewachen mussten. Ihre Furcht wuchs und wurde noch st�rker, als sie den Metalldetektor erblickte, der wie eins dieser Ger�te beim Sicherheitscheck am Flughafen aussah.</p><p>Vier weitere bewaffnete Polizisten standen links und rechts neben dem Detektor, au�erdem waren dort noch zwei weitere Sicherheitsbedienstete.</p><p>�TASCHEN LEEREN!�, blaffte ein Wachmann.</p><p>Caitlin beobachtete, wie die anderen Jugendlichen die Gegenst�nde aus ihren Taschen in kleine Plastikk�rbe legten. Rasch folgte sie ihrem Beispiel und holte ihren iPod, ihre Geldb�rse und ihre Schl�ssel raus.</p><p>Dann schob sie sich durch den Detektor, doch der Alarm wurde ausgel�st.</p><p>�DU!�, fuhr ein Wachmann sie an. �Zur Seite treten!�</p><p>Nat�rlich.</p><p>Alle starrten sie an, als sie die Arme heben musste und der Wachmann mit einem Handscanner ihren K�rper absuchte.</p><p>�Tr�gst du Schmuck?�</p><p>Sie fasste sich ans Handgelenk, dann an den Hals, und pl�tzlich fiel es ihr ein: ihr Kreuz.</p><p>�Nimm es ab�, forderte der Wachmann unfreundlich.</p><p>Es war die Halskette, die ihre Gro�mutter ihr kurz vor ihrem Tod geschenkt hatte. Daran hing ein kleines Silberkreuz mit einer Gravur in einer fremden Sprache, deren Bedeutung sie nie herausgefunden hatte. Ihre Gro�mutter hatte ihr erz�hlt, dass sie das Kreuz wiederum von ihrer Gro�mutter erhalten hatte. Caitlin war nicht religi�s, und sie verstand auch die Bedeutung nicht, aber sie wusste, dass das Schmuckst�ck Hunderte von Jahren alt war. Es war bei Weitem das Wertvollste, was sie besa�.</p><p>Caitlin hob das Kreuz an, nahm es jedoch nicht ab.</p><p>�Lieber nicht�, antwortete sie.</p><p>Der Mann starrte sie mit kaltem Blick an.</p><p>Pl�tzlich brach ein Tumult aus. Es gab ein Riesengeschrei, als ein Polizist einen gro�en, d�nnen Jungen packte und gegen die Wand stie�. Dabei zog er ihm ein kleines Messer aus der Tasche.</p><p>Der Wachmann kam ihm zu Hilfe, und Caitlin nutzte die Gelegenheit, um in der Menge unterzutauchen.</p><p>Willkommen in der staatlichen Schule von New York City, dachte Caitlin. Gro�artig.</p><p>Schon jetzt z�hlte sie die Tage bis zu ihrem Schulabschluss.</p><p>* * *</p><p>Noch nie hatte sie so breite Flure gesehen. Es war unvorstellbar, dass sie sich je f�llen k�nnten, aber sie waren �bervoll. Die Sch�ler dr�ngten sich Schulter an Schulter. Auf diesen G�ngen mussten sich Tausende von Jugendlichen befinden, der Anblick der vielen Gesichter erschreckte sie ma�los. Der L�rm hier drin war sogar noch schlimmer, weil er von den W�nden zur�ckgeworfen und so verst�rkt wurde. Am liebsten h�tte sie sich die Ohren zugehalten. Aber sie hatte nicht einmal genug Platz, um die Arme zu heben. Allm�hlich bekam sie Platzangst.</p><p>Es klingelte, und das Treiben nahm zu.</p><p>Schon sp�t dran.</p><p>Schnell warf sie einen Blick auf den Raumplan und entdeckte schlie�lich in der Ferne das Klassenzimmer. Vergeblich versuchte sie, sich zwischen den K�rpern hindurchzuschieben. Nach mehreren gescheiterten Versuchen begriff sie schlie�lich, dass sie offensiver vorgehen musste. Also fuhr sie die Ellbogen aus und schubste zur�ck, schob einen K�rper nach dem anderen zur Seite. Auf diese Weise durchquerte sie den Flur und �ffnete die schwere T�r zu ihrem Klassenzimmer.</p><p>Sie wappnete sich gegen die ganzen Blicke, die sich auf sie richten w�rden, wenn sie � die neue Sch�lerin � gleich am ersten Tag zu sp�t kam. Eigentlich h�tte sie erwartet, dass der Lehrer sie schelten w�rde, weil sie den Unterricht unterbrach. Doch verbl�fft stellte sie fest, dass nichts davon geschah. Der Raum, der f�r drei�ig Sch�ler gedacht war, war mit rund f�nfzig Jugendlichen vollgestopft. Einige sa�en auf ihren Pl�tzen, andere spazierten durch die G�nge, alle schrien und br�llten sich gegenseitig etwas zu. Es herrschte das absolute Chaos.</p><p>Bereits vor f�nf Minuten hatte es zum Unterrichtsbeginn geklingelt, aber der Lehrer, der ungepflegt wirkte und einen zerknitterten Anzug trug, hatte noch nicht einmal mit dem Unterricht begonnen. Stattdessen hatte er die F��e auf den Tisch gelegt, las Zeitung und ignorierte die Klasse vollkommen.</p><p>Caitlin ging zu ihm hin und legte ihren neuen Ausweis auf seinen Tisch. Dann blieb sie dort stehen und wartete darauf, dass er Notiz von ihr nahm, aber nichts dergleichen geschah.</p><p>Schlie�lich r�usperte sie sich.</p><p>�Entschuldigen Sie bitte.�</p><p>Widerstrebend lie� er die Zeitung sinken.</p><p>�Ich bin Caitlin Paine. Ich bin neu hier. Ich glaube, ich soll Ihnen das hier geben.�</p><p>�Ich bin blo� eine Vertretung�, erkl�rte er und vertiefte sich wieder in seine Lekt�re.</p><p>Caitlin war verwirrt.</p><p>�Sie �berpr�fen nicht die Anwesenheit?�, fragte sie.</p><p>�Der Lehrer ist am Montag wieder da�, antwortete er kurz angebunden. �Er wird sich darum k�mmern.�</p><p>Als Caitlin begriff, dass das Gespr�ch beendet war, nahm sie ihren Ausweis wieder an sich.</p><p>Dann drehte sie sich zur Klasse um. Das Chaos hatte nicht eine Sekunde lang aufgeh�rt. Das einzig Gute daran war, dass sie nicht auffiel. Niemand hier schien Notiz von ihr zu nehmen.</p><p>Sie lie� den Blick durch den �berf�llten Raum schweifen und stellte genervt fest, dass es offensichtlich keinen einzigen freien Sitzplatz mehr gab.</p><p>Also fasste sie sich ein Herz, umklammerte ihr Tagebuch und ging z�gernd einen Gang entlang. Dabei zuckte sie einige Male zusammen, als die Kids sich ankreischten. Vom hinteren Ende des Klassenzimmers aus konnte sie den ganzen Raum �berblicken.</p><p>Es gab wirklich keinen freien Platz.</p><p>Sie blieb stehen und kam sich vor wie eine Idiotin. Allm�hlich nahmen ein paar Sch�ler Notiz von ihr, doch sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hatte nicht vor, die ganze Zeit hier stehen zu bleiben, und dem Vertretungslehrer war es offensichtlich v�llig gleichg�ltig, was sie tat. Hilflos sah sie sich um.</p><p>Ein paar G�nge weiter ert�nte Gel�chter � sie war sich sicher, dass sie ausgelacht wurde. Schlie�lich war sie nicht wie diese Kids angezogen, und sie sah auch nicht so aus wie sie. Ihre Wangen wurden hei�.</p><p>Doch als sie sich gerade darauf vorbereitete, die Klasse und vielleicht sogar die ganze Schule zu verlassen, h�rte sie pl�tzlich eine Stimme.</p><p>�Hier.�</p><p>Sie drehte sich um.</p><p>In der letzten Reihe neben dem Fenster erhob sich ein gro�er Junge von seinem Platz.</p><p>�Setz dich�, sagte er. �Bitte.�</p><p>Im Klassenzimmer wurde es ein wenig ruhiger, w�hrend die anderen auf ihre Reaktion warteten.</p><p>Sie ging zu ihm hin�ber und versuchte, ihm dabei nicht in die Augen zu sehen � gro�e, strahlende gr�ne Augen �, aber sie konnte es sich nicht verkneifen.</p><p>Er sah einfach fantastisch aus und hatte glatte, olivfarbene Haut � sie konnte nicht erkennen, ob er schwarz, S�damerikaner, wei� oder irgendeine Mischung war, aber sie hatte auf jeden Fall noch nie so glatte, weiche Haut gesehen. Sie betonte seine markanten Gesichtsz�ge. Seine braunen Haare trug er kurz, und er war sehr d�nn. Irgendwie wirkte er hier fehl am Platz. Er war so zerbrechlich. Vielleicht war er ein K�nstler.</p><p>Obwohl es untypisch f�r sie war, sich auf den ersten Blick in einen Typen zu vergucken, war sie sofort hin und weg. Zwar hatte sie bereits miterlebt, wie sich ihre Freundinnen verknallt hatten, aber sie hatte es nie wirklich verstanden � bis jetzt!</p><p>�Und wo willst du dich hinsetzen?�, fragte sie.</p><p>Sie versuchte, ruhig und gelassen zu klingen, aber das wirkte nicht sehr �berzeugend. Sie hoffte nur, dass er nicht h�rte, wie nerv�s sie war.</p><p>Doch er grinste nur breit und enth�llte dabei seine perfekten Z�hne.</p><p>�Gleich hier dr�ben�, antwortete er und ging zu der breiten Fensterbank, die nur ein paar Schritte entfernt war.</p><p>Sie sah ihn an, und er hielt ihren Blick fest. Eigentlich wollte sie wegsehen, aber irgendwie gelang ihr das nicht.</p><p>�Danke�, sagte sie und war sofort sauer auf sich selbst.</p><p>Danke? Mehr nicht? Danke!?</p><p>�Gut so, Barack!�, schrie eine Stimme. �Gib diesem netten wei�en M�dchen deinen Sitzplatz!�</p><p>Gel�chter folgte, und der L�rmpegel im Raum stieg wieder an. Die anderen ignorierten sie wieder.</p><p>Caitlin sah, wie er verlegen den Kopf senkte.</p><p>�Barack?�, fragte sie. �Hei�t du so?�</p><p>�Nein�, antwortete er und wurde rot. �Sie nennen mich blo� so. Wie Barack Obama. Sie finden, ich sehe ihm �hnlich.�</p><p>Sie betrachtete ihn genauer und stellte fest, dass da tats�chlich etwas dran war.</p><p>�Es liegt daran, dass ich halb schwarz, teilweise wei� und teilweise puerto-ricanisch bin.�</p><p>�Nun, ich finde, es ist ein Kompliment�, erwiderte sie.</p><p>�Nicht so, wie sie es sagen�, widersprach er.</p><p>Als sie ihn dabei beobachtete, wie er sich auf die Fensterbank setzte, merkte sie, dass sein Selbstvertrauen angekratzt war. Und sie erkannte, dass er sensibel war. Sogar verletzlich. Er passte nicht zu diesen Kids. Es war verr�ckt, aber auf einmal hatte sie das Bed�rfnis, ihn zu besch�tzen.</p><p>�Ich bin Caitlin�, stellte sie sich vor, streckte die Hand aus und sah ihm in die Augen.</p><p>�berrascht blickte er auf, und sein L�cheln kehrte zur�ck.</p><p>�Jonah�, entgegnete er.</p><p>Mit festem Griff nahm er ihre Hand und sch�ttelte sie. Als sie seine glatte Haut sp�rte, begann ihr Arm zu prickeln. Sie hatte das Gef�hl, dass sie miteinander verschmolzen. Er hielt ihre Hand eine Sekunde zu lange fest, und unwillk�rlich erwiderte sie sein L�cheln.</p><p>* * *</p><p>Der Rest des Vormittags lag irgendwie im Nebel, und als Caitlin schlie�lich die Cafeteria erreichte, war sie hungrig. Sie �ffnete die gro�e T�r und wurde v�llig erschlagen von dem riesigen Raum und dem unglaublichen L�rmpegel der gef�hlt tausend Kids, die alle durcheinanderschrien. Es war, als w�rde man eine Sporthalle betreten � wenn man einmal davon absah, dass alle f�nf Meter Sicherheitsleute in den G�ngen standen und das Geschehen aufmerksam beobachteten.</p><p>Wie �blich wusste sie nicht, wohin sie gehen sollte. Suchend sah sie sich in dem gro�en Raum um und entdeckte schlie�lich einen Stapel Tabletts. Sie nahm sich eins davon und stellte sich an das Ende der Warteschlange � oder an das, was sie daf�r hielt.</p><p>�Nicht vordr�ngeln, du Schlampe!�</p><p>Caitlin drehte sich um und sah sich einem �bergewichtigen M�dchen gegen�ber, das sie um f�nfzehn Zentimeter �berragte. Finster blickte es auf Caitlin herunter.</p><p>�Es tut mir leid, ich wusste nicht ��</p><p>�Das Ende der Warteschlange ist dahinten!�, fauchte ein anderes M�dchen und deutete mit dem Daumen hinter sich.</p><p>Caitlin sah, dass die Schlange noch mindestens hundert Sch�ler weit zur�ckreichte. Es sah aus, als m�sse man bestimmt zwanzig Minuten warten.</p><p>Gerade machte sie sich auf den Weg zum Ende der Reihe, als ein Sch�ler in der Schlange einen anderen so heftig schubste, dass er vor ihr auf den Boden knallte.</p><p>Dann sprang der erste Junge auf den am Boden Liegenden und boxte ihn ins Gesicht.</p><p>Die ganze Cafeteria brach in begeistertes Gr�len aus, und Dutzende von Kids umringten die K�mpfer.</p><p>�K�MPFEN! K�MPFEN!�</p><p>Caitlin trat einige Schritte zur�ck und beobachtete entsetzt die gewaltt�tige Szene zu ihren F��en.</p><p>Schlie�lich kamen vier Wachleute her�ber und beendeten das Ganze. Sie trennten die beiden blutenden Jungs voneinander und brachten sie weg. Dabei schienen sie es jedoch nicht besonders eilig zu haben.</p><p>Nachdem Caitlin endlich ihr Essen bekommen hatte, sah sie sich suchend um. Sie hoffte, irgendwo Jonah zu entdecken, aber er war nicht zu sehen.</p><p>Also ging sie die G�nge entlang, aber fast alle Tische waren komplett besetzt. Zwar gab es noch ein paar wenige freie Pl�tze, aber die wirkten nicht gerade einladend, weil man dort neben gro�en Cliquen h�tte sitzen m�ssen.</p><p>Zu guter Letzt fand sie einen freien Tisch ganz hinten. An seinem Ende sa� nur ein kleiner, zierlicher Chinese mit Zahnspange, der ziemlich �rmlich gekleidet war. Doch er hielt den Kopf gesenkt und konzentrierte sich ausschlie�lich auf sein Essen.</p><p>Sie f�hlte sich einsam. Pr�fend kontrollierte sie ihr Handy. Auf Facebook hatte sie einige Mitteilungen von Freunden aus ihrem letzten Wohnort bekommen. Sie wollten wissen, wie es ihr in New York City gefiel. Aber ihr war nicht danach, ihnen zu antworten, sie waren so weit weg.</p><p>Caitlin bekam kaum etwas hinunter, offensichtlich war die �belkeit des ersten Tages noch nicht ganz verschwunden. Also versuchte sie, an etwas anderes zu denken. Sie schloss die Augen und dachte an ihre neue Wohnung im f�nften Stock eines schmutzigen Geb�udes ohne Fahrstuhl in der 132. Stra�e. Sofort wurde ihr noch �bler. Sie atmete tief durch und zwang sich, an etwas Sch�nes in ihrem Leben zu denken.</p><p>An ihren kleinen Bruder. An Sam. Er war vierzehn und ging scharf auf die zwanzig zu. Sam schien immer zu vergessen, dass er der J�ngere war � er benahm sich, als w�re er ihr �lterer Bruder. Inzwischen war er tough und abgebr�ht, weil sie st�ndig umzogen, ihr Dad sie verlassen hatte und wegen der Art und Weise, wie ihre Mutter ihre beiden Kinder behandelte. Caitlin sah, wie sehr ihm das alles zu schaffen machte, und sie registrierte, dass er anfing, sich abzukapseln. Seine h�ufigen Streitereien in der Schule �berraschten sie nicht. Vielmehr f�rchtete sie, dass das alles noch schlimmer werden w�rde.</p><p>Aber was Caitlin anging, so liebte Sam sie aus ganzem Herzen. Und sie ihn. Er war die einzige Konstante in ihrem Leben, der einzige Mensch, auf den sie sich verlassen konnte. Offensichtlich war sie das Einzige auf der Welt, wof�r er noch eine Schw�che hatte. Deshalb war sie fest entschlossen, sich alle M�he zu geben, um ihn zu besch�tzen.</p><p>�Caitlin?�</p><p>Sie zuckte zusammen.</p><p>Neben ihr stand Jonah. Mit der einen Hand balancierte er ein Tablett, und in der anderen trug er einen Geigenkasten.</p><p>�Darf ich mich zu dir setzen?�</p><p>�Ja, ja nat�rlich�, stammelte sie verwirrt.</p><p>Idiotin, dachte sie. H�r auf, nerv�s zu sein.</p><p>In Jonahs Gesicht blitzte ein L�cheln auf, dann nahm er gegen�ber Platz. Er sa� sehr gerade, nahm eine perfekte K�rperhaltung ein und legte seine Geige vorsichtig neben sich. Dann erst stellte er behutsam sein Tablett mit dem Essen ab. Er hatte etwas an sich, das sie nicht richtig einordnen konnte. Er war anders als alle Menschen, die sie bisher kennengelernt hatte. Es war, als stammte er aus einer anderen Epoche. Und er geh�rte definitiv nicht an diesen Ort.</p><p>�Wie war dein erster Tag?�, fragte er.</p><p>�Nicht so, wie ich es erwartet hatte.�</p><p>�Ich wei�, was du meinst�, erwiderte er.</p><p>�Ist das eine Geige?�</p><p>Sie deutete mit dem Kinn auf sein Instrument. Er behielt es nahe bei sich und hatte eine Hand darauf gelegt, als h�tte er Angst, es k�nnte gestohlen werden.</p><p>�Genau genommen ist es eine Bratsche. Sie ist nur ein bisschen gr��er als eine Geige, hat aber einen ganz anderen Klang. Viel weicher.�</p><p>Sie hatte noch nie eine Bratsche gesehen und hoffte, er w�rde sie auf den Tisch legen, um sie ihr zu zeigen. Aber er machte keine Anstalten, sie aus dem Kasten zu nehmen, und Caitlin wollte nicht zu neugierig wirken. Seine Hand ruhte immer noch auf dem Instrument, es sah aus, als w�rde er es besch�tzen, als w�re es etwas Pers�nliches, etwas Privates.</p><p>��bst du viel?�</p><p>Jonah zuckte mit den Schultern. �Einige Stunden t�glich�, antwortete er lapidar.</p><p>�Einige Stunden!? Du musst gro�artig spielen!�</p><p>Wieder zuckte er mit den Schultern. �Ich spiele vermutlich ganz passabel. Es gibt viele Musiker, die viel besser sind als ich. Aber ich hoffe, es ist meine Fahrkarte, um von dieser Schule wegzukommen.�</p><p>�Ich wollte immer gerne Klavier spielen�, gestand Caitlin.</p><p>�Warum tust du es dann nicht?�</p><p>Sie wollte gerade sagen: Weil ich nie ein Klavier hatte, verkniff es sich dann aber. Stattdessen zuckte sie mit den Schultern und richtete den Blick auf ihren Teller.</p><p>�Dazu musst du kein eigenes Klavier besitzen�, erkl�rte Jonah.</p><p>Sie sah ihn an, verbl�fft, dass er ihre Gedanken gelesen hatte.</p><p>�Hier in der Schule gibt es einen Proberaum. Neben all den ganzen schlechten Dingen hier gibt es also auch etwas Gutes. Du kannst kostenlosen Unterricht bekommen, du musst dich nur anmelden.�</p><p>Erstaunt riss Caitlin die Augen auf.</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Vor dem Musikraum h�ngt eine Anmeldeliste. Frag nach Mrs Lennox und sag ihr, dass du eine Freundin von mir bist.�</p><p>Freundin. Das gefiel Caitlin. Sie sp�rte, wie sich langsam ein Gl�cksgef�hl in ihr ausbreitete.</p><p>Sie l�chelte, und ihre Blicke trafen sich.</p><p>Als sie in seine leuchtend gr�nen Augen starrte, brannte sie darauf, ihm eine Million Fragen zu stellen: Hast du eine Freundin? Warum bist du so nett zu mir? Magst du mich wirklich?</p><p>Doch stattdessen biss sie sich lieber auf die Zunge und schwieg.</p><p>Sie f�rchtete, dass ihr gemeinsames Essen bald vorbei sein w�rde, und zerbrach sich den Kopf, wie sie ihre Unterhaltung verl�ngern k�nnte. Angestrengt suchte sie nach einer Frage, die ihr ein Wiedersehen mit ihm sichern w�rde. Aber sie wurde nur noch nerv�ser und erstarrte in Schweigen.</p><p>Schlie�lich �ffnete sie doch noch den Mund, um etwas zu sagen, aber genau in dem Augenblick klingelte es.</p><p>Im Raum brachen L�rm und Unruhe aus. Jonah stand auf und griff nach seiner Bratsche.</p><p>�Ich bin sp�t dran�, erkl�rte er und nahm sein Tablett.</p><p>Dann warf er einen Blick auf ihr Tablett. �Soll ich deins auch mitnehmen?�</p><p>Sie stellte fest, dass sie es v�llig vergessen hatte, und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Okay�, meinte er.</p><p>Auf einmal wirkte er sch�chtern. Anscheinend wusste er nicht, was er sagen sollte.</p><p>�Na ja � dann bis bald.�</p><p>�Bis bald�, echote sie lahm; doch ihre Stimme war kaum lauter als ein Fl�stern.</p><p>Als ihr erster Schultag zu Ende war, trat Caitlin hinaus in den sonnigen M�rznachmittag. Obwohl es sehr windig war, fror sie nun nicht mehr. Die Kids um sie herum schrien und kreischten, aber der L�rm machte ihr nichts mehr aus. Sie f�hlte sich lebendig und frei. Den Rest des Tages hatte sie in einer Art Nebel verbracht, und sie konnte sich nicht einmal an den Namen eines einzigen neuen Lehrers erinnern.</p><p>Die ganze Zeit kreisten ihre Gedanken um Jonah.</p><p>St�ndig fragte sie sich, ob sie sich in der Cafeteria nicht wie eine Idiotin benommen hatte. Schlie�lich war sie �ber ihre eigenen Worte gestolpert und hatte ihm kaum eine Frage gestellt. Ihr war tats�chlich nichts Besseres eingefallen, als sich nach dieser d�mlichen Bratsche zu erkundigen. Stattdessen h�tte sie lieber in Erfahrung bringen sollen, wo er wohnte, woher er kam und an welchem College er sich bewerben wollte.</p><p>Am wichtigsten w�re die Frage gewesen, ob er eine Freundin hatte. Ein Typ wie er musste doch mit jemandem zusammen sein.</p><p>Genau in dem Moment eilte eine h�bsche, gut gekleidete Latina an Caitlin vorbei. Caitlin musterte sie von Kopf bis Fu� und fragte sich einen Moment lang, ob sie seine Freundin sein k�nnte.</p><p>Caitlin bog in die 134. Stra�e ein und wusste f�r einen Moment nicht mehr, wo sie lang musste. Es war das erste Mal, dass sie von der Schule nach Hause ging, und gerade wollte ihr einfach nicht einfallen, wo sich ihre neue Wohnung befand. Orientierungslos blieb sie an der Stra�enecke stehen. Eine Wolke verdunkelte die Sonne, der Wind frischte auf, und pl�tzlich fror sie wieder.</p><p>�Hey, amiga!�</p><p>Caitlin wandte sich um und bemerkte, dass sie vor einer schmuddeligen Eckkneipe � oder eher Bodega � stand. Vier verwahrlost aussehende M�nner sa�en auf Plastikst�hlen davor. Sie sp�rten die K�lte offensichtlich gar nicht und grinsten Caitlin an, als w�re sie ihre n�chste Mahlzeit.</p><p>�Komm r�ber, Baby!�, rief ein anderer Mann.</p><p>Jetzt fiel es ihr wieder ein.</p><p>Die 132. Stra�e � das war die Adresse.</p><p>Schnell drehte sie sich um und ging strammen Schritts eine andere Seitenstra�e hinunter. Dabei warf sie einige Male einen Blick �ber die Schulter, um zu kontrollieren, ob diese M�nner ihr folgten. Gl�cklicherweise taten sie es nicht.</p><p>Der kalte Wind brannte auf ihren Wangen und sorgte daf�r, dass sie hellwach war, w�hrend sie die harte Realit�t ihrer neuen Wohngegend auf sich wirken lie�. Sie betrachtete die stillgelegten Autos, die Schmierereien an den Hausw�nden, den Stacheldraht, die Gitter vor den Fenstern � Pl�tzlich f�hlte sie sich wieder schrecklich allein, und ihr war sehr beklommen zumute.</p><p>Sie war nur noch drei H�userblocks von ihrem Apartment entfernt, aber es kam ihr vor wie eine halbe Ewigkeit. Insgeheim w�nschte sie sich, sie h�tte einen Freund an ihrer Seite � am liebsten Jonah. W�rde sie wirklich in der Lage sein, diesen Weg jeden Tag allein zu bew�ltigen? Sie war w�tend auf ihre Mom. Wie konnte sie ihr nur zumuten, st�ndig umzuziehen? Wie konnte sie sie immer wieder an neue Orte verpflanzen, die sie hasste? Wann w�rde das je aufh�ren?</p><p>Glasscherben.</p><p>Caitlins Herz schlug schneller, als sie sah, dass auf der anderen Stra�enseite etwas vor sich ging. Mit gesenktem Kopf beschleunigte sie ihre Schritte, aber als sie n�her kam, h�rte sie Schreie und geh�ssiges Gel�chter. Sie kam nicht umhin zu bemerken, was dort geschah.</p><p>Vier gro�e Typen � vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt � standen um einen Jungen herum. Zwei von ihnen hielten ihn an den Armen fest, w�hrend der Dritte vortrat und ihm einen Schlag in den Bauch versetzte und der Vierte ihn ins Gesicht boxte. Das Opfer war ungef�hr siebzehn, gro�, d�nn und wehrlos. Der Junge fiel zu Boden, und zwei der Angreifer traten ihm ins Gesicht.</p><p>Caitlin blieb unwillk�rlich stehen und starrte hin�ber. Sie war entsetzt, so etwas hatte sie noch nie erlebt.</p><p>Die anderen Jungen gingen um ihr Opfer herum und traten mit ihren Stiefeln zu.</p><p>Caitlin f�rchtete, dass sie den Jungen umbringen w�rden.</p><p>�NEIN!�, schrie sie.</p><p>Ein �bles, knirschendes Ger�usch war zu h�ren.</p><p>Aber es klang nicht nach brechenden Knochen � es h�rte sich eher nach Holz an. Holz, das zermalmt wurde. Jetzt erkannte Caitlin, dass sie auf einem kleinen Musikinstrument herumtrampelten. Sie sah genauer hin und entdeckte Teile einer Bratsche, die verstreut auf dem Gehweg herumlagen.</p><p>Entsetzt schlug sie sich die Hand vor den Mund.</p><p>�Jonah!?�</p><p>Ohne nachzudenken, �berquerte Caitlin die Stra�e und rannte geradewegs auf die Typen zu, die sie inzwischen ebenfalls bemerkt hatten. Sie sahen sie an, und ihr fieses Grinsen wurde noch breiter, w�hrend sie sich gegenseitig mit den Ellbogen anstie�en.</p><p>Jetzt stand sie vor dem Opfer und stellte fest, dass es sich in der Tat um Jonah handelte. Er blutete im Gesicht und hatte diverse Bluterg�sse. Au�erdem war er bewusstlos.</p><p>Sie sah zu den vier Rowdys auf. Ihre Wut war st�rker als ihre Furcht, und so stellte sie sich zwischen Jonah und die anderen.</p><p>�Lasst ihn in Ruhe!�, schrie sie.</p><p>Der Typ in der Mitte, der mindestens einen Meter neunzig gro� und sehr muskul�s war, lachte.</p><p>�Und wenn nicht?�, fragte er mit tiefer Stimme.</p><p>Da wurde Caitlin pl�tzlich heftig von hinten gesto�en. Sie hob die Arme, um sich abzufangen, aber das milderte ihren harten Aufprall auf dem Asphalt kaum. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie ihr Tagebuch durch die Luft flog; die einzelnen Bl�tter verteilten sich �berall um sie herum.</p><p>Sie h�rte jemanden lachen, und Schritte n�herten sich.</p><p>Ihr Herz klopfte heftig, und ihr Adrenalinspiegel stieg sprunghaft an. Es gelang ihr, sich zur Seite zu rollen und aufzuspringen, bevor sie sie erreichten. Dann sprintete sie die Stra�e entlang und rannte um ihr Leben.</p><p>Die Verfolger waren ihr dicht auf den Fersen.</p><p>Auf einer der vielen Schulen, die sie besucht hatte, hatte Caitlin sich f�r Leichtathletik angemeldet � damals, als sie noch geglaubt hatte, sie w�rde auf Dauer dort bleiben. Schnell hatte sie festgestellt, dass sie Talent hatte. Sie war sogar die Beste im Team gewesen, und zwar nicht bei Langstreckenl�ufen, sondern im Sprint. Damals war sie sogar schneller gewesen als die meisten Jungen, das kam ihr jetzt zugute.</p><p>Sie rannte, was das Zeug hielt, und die Typen schafften es nicht, sie einzuholen.</p><p>Schnell warf Caitlin einen Blick hinter sich. Als sie sah, wie weit die anderen zur�ckblieben, war sie optimistisch, dass sie sie abh�ngen konnte. Jetzt musste sie blo� noch den richtigen Weg w�hlen.</p><p>Die Stra�e endete in einer T-Kreuzung, also konnte sie entweder nach links oder nach rechts abbiegen. Wenn sie ihren Vorsprung halten wollte, w�rde sie keine Zeit haben, es sich noch einmal anders zu �berlegen, das hie�, sie musste sich schnell entscheiden. Da sie nicht sehen konnte, wohin die Stra�en f�hrten, bog sie blindlings nach links ab.</p><p>Sie betete, dass sie die richtige Wahl getroffen hatte. Bitte!</p><p>Doch als die Stra�e einen scharfen Linksknick machte, stockte ihr Herz. Sie erkannte, dass sie eine Sackgasse erwischt hatte.</p><p>Falscher Schachzug.</p><p>Eine Sackgasse. Sie lief bis zur Mauer und suchte nach einem Ausweg. Als sie begriff, dass es keinen gab, drehte sie sich um, um sich ihren Verfolgern zu stellen.</p><p>V�llig au�er Atem sah sie zu, wie sie um die Ecke bogen und n�her kamen. �ber ihre Schultern hinweg konnte sie erkennen, dass sie in Sicherheit gewesen w�re, wenn sie sich f�r die andere Richtung entschieden h�tte. Nat�rlich. Wie sollte es auch anders sein.</p><p>�Okay, du Schlampe�, sagte einer von ihnen drohend, �jetzt bist du dran.�</p><p>Langsam und heftig atmend kamen sie auf sie zu und grinsten breit. Offenbar waren sie bereits voller Vorfreude, weil sie ihr gleich wehtun w�rden.</p><p>Caitlin schloss die Augen und atmete tief durch. Sie w�nschte sich mit aller Macht, dass Jonah aufwachen und um die Ecke biegen w�rde � hellwach und allm�chtig, bereit, sie zu retten. Aber als sie die Augen �ffnete, war er nicht da. Nur ihre Angreifer. Sie kamen immer n�her.</p><p>Sie dachte daran, wie sehr sie ihre Mom daf�r hasste, dass sie ihre Kinder gezwungen hatte, st�ndig umzuziehen. Sie dachte an ihren Bruder Sam. Sie dachte daran, wie ihr Leben wohl nach diesem Tag sein w�rde.</p><p>Sie lie� ihr ganzes Leben Revue passieren, und ihr wurde bewusst, wie ungerecht man sie behandelt hatte. Nie war etwas gut f�r sie gelaufen. Und dann machte es pl�tzlich Klick. Sie hatte genug davon.</p><p><emphasis>Das verdiene ich nicht</emphasis>. <emphasis>DAS VERDIENE ICH EINFACH NICHT</emphasis><emphasis>!</emphasis></p><p>Und pl�tzlich sp�rte sie es.</p><p>Es �berkam sie wie eine Welle, und es war anders als alles, was sie bisher erlebt hatte. Unkontrollierbare Wut �berkam sie und schoss durch ihre Adern. Es fing in ihrem Bauch an und breitete sich von dort aus weiter aus. Ihre F��e f�hlten sich an, als w�ren sie im Boden verwurzelt, als w�ren sie eins mit dem Asphalt, und eine urt�mliche Kraft ergriff Besitz von ihr. Sie str�mte durch ihre Handgelenke, die Arme hinauf bis in ihre Schultern.</p><p>Caitlin stie� einen Urschrei aus, der sogar sie selbst �berraschte und erschreckte. Als dann der erste Typ seine kr�ftige Hand auf ihr Handgelenk legte, sah sie zu, wie ihre Hand sich selbstst�ndig machte, das Handgelenk des Angreifers ergriff und es im rechten Winkel zur�ckbog. Er verzog das Gesicht vor Schreck und auch vor Schmerz, als sein Handgelenk brach.</p><p>Schreiend fiel er auf die Knie.</p><p>Die anderen drei rissen erstaunt die Augen auf.</p><p>Der Gr��te st�rzte sich sofort auf sie.</p><p>�Du verd��</p><p>Doch noch bevor er seinen Satz beenden konnte, war sie in die Luft gesprungen und hatte ihm beide F��e in die Brust gerammt. Er flog rund drei Meter r�ckw�rts und knallte scheppernd in einen Haufen Blechm�lltonnen.</p><p>Bewegungslos blieb er liegen.</p><p>Die anderen beiden Jungs tauschten erschrockene Blicke. Die Furcht stand ihnen ins Gesicht geschrieben.</p><p>Unmenschliche Kraft str�mte durch Caitlins K�rper, und sie h�rte sich selbst w�tend knurren. Dann hob sie die beiden verbliebenen Gegner (von denen jeder doppelt so gro� war wie sie) mit je einer Hand vom Boden in die H�he.</p><p>Als sie dort oben in der Luft baumelten, holte sie aus und knallte die beiden mit unglaublicher Wucht gegeneinander. Sie st�rzten zu Boden.</p><p>Sch�umend vor Wut stand Caitlin �ber ihnen und sah sich um.</p><p>Keiner der vier Angreifer r�hrte sich.</p><p>Aber sie empfand keine Erleichterung. Im Gegenteil, sie wollte mehr. Mehr Kids, mit denen sie k�mpfen konnte. Mehr K�rper, um sie durch die Gegend zu werfen.</p><p>Und au�erdem wollte sie noch etwas anderes.</p><p>Pl�tzlich sch�rfte sie ihr Blick, sie konnte glasklar sehen und ihre entbl��ten H�lse heranzoomen. Sie konnte alles millimetergenau erkennen � sie sah sogar ihre Venen pulsieren. Es war offensichtlich: Sie wollte zubei�en, und sie wollte Nahrung.</p><p>Weil sie nicht verstand, was mit ihr geschah, warf sie den Kopf zur�ck und stie� einen schauerlichen Schrei aus, der unheimlich von den Geb�uden widerhallte. Es war der urt�mliche Schrei des Sieges und der ungestillten Wut.</p><p>Es war der Schrei eines Tieres, das mehr wollte.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>2.
				Kapitel</p><p><emphasis>C</emphasis>aitlin stand vor ihrer neuen Wohnung, starrte die T�r an und begriff erst langsam, wo sie war. Sie hatte keine Ahnung, wie sie hierhergelangt war. Das Letzte, an das sie sich erinnerte, war die enge Stra�e. Irgendwie war es ihr wohl gelungen, nach Hause zu gehen.</p><p>Trotz ihres Blackouts erinnerte sie sich an alles, was in dieser engen Gasse passiert war. Sie versuchte, die Bilder aus ihrem Kopf zu vertreiben, aber es funktionierte nicht. Sie betrachtete ihre Arme und H�nde, weil sie damit rechnete, dass sie jetzt anders aussahen � doch sie waren ganz normal. Genau so wie immer. Die Wut war in sie gefahren, hatte sie verwandelt und war ebenso schnell wieder verschwunden.</p><p>Aber die Nachwirkungen blieben. Sie f�hlte sich ausgelaugt und leer, irgendwie benommen. Und sie f�hlte noch etwas, aus dem sie nicht schlau wurde. In ihrem Kopf blitzten immer wieder bestimmte Bilder auf, Bilder von den entbl��ten H�lsen dieser Tyrannen. Von ihren Venen, die im Rhythmus ihres Herzschlags pulsierten. Und sie sp�rte einen Hunger. Ein heftiges Verlangen.</p><p>Eigentlich wollte Caitlin gar nicht nach Hause � sie wollte sich nicht mit der neuen Wohnung und dem Auspacken besch�ftigen. Wenn Sam nicht gewesen w�re, h�tte sie sich vielleicht einfach umgedreht und w�re gegangen. Sie hatte keine Ahnung, wohin � aber gegangen w�re sie trotzdem.</p><p>Doch schlie�lich atmete sie tief ein und legte die Hand auf den T�rknauf. Entweder war der Knauf warm, oder ihre Hand war eiskalt.</p><p>Caitlin betrat die hell erleuchtete Wohnung. Sie roch, dass Essen auf dem Herd stand � oder wahrscheinlich eher in der Mikrowelle. Sam. Er kam immer fr�h nach Hause und machte sich etwas zu essen. Ihre Mom w�rde erst in einigen Stunden heimkommen.</p><p>�Das sieht nicht nach einem tollen ersten Tag aus.�</p><p>Verbl�fft drehte Caitlin sich um. Ihre Mom war doch schon zu Hause. Sie sa� auf der Couch und rauchte eine Zigarette. W�tend musterte sie Caitlin von Kopf bis Fu�.</p><p>�Was hast du gemacht? Wie hast du es geschafft, diesen Pulli derma�en zu ruinieren?�</p><p>Caitlin sah an sich hinunter. Die Schmutzflecken waren ihr noch gar nicht aufgefallen; wahrscheinlich waren sie von ihrem Sturz.</p><p>�Warum bist du so fr�h zu Hause?�, wollte Caitlin wissen.</p><p>�F�r mich war es auch der erste Tag, wie du wei�t�, erwiderte ihre Mutter barsch. �Du bist nicht die Einzige. Aber es war nicht genug zu tun, deshalb hat der Chef mich fr�her nach Hause geschickt.�</p><p>Caitlin konnte den fiesen Ton ihrer Mom nicht mehr ertragen. Nicht heute Abend. Eigentlich war sie ihrer Tochter gegen�ber immer pampig, doch heute hatte Caitlin die Nase voll davon. Sie beschloss, es ihr mit gleicher M�nze heimzuzahlen.</p><p>�Super!�, schnauzte sie zur�ck. �Hei�t das, dass wir wieder umziehen werden?�</p><p>Ihre Mom sprang auf die F��e. �H�te deine Zunge!�, schrie sie.</p><p>Caitlin wusste, dass ihre Mutter nur auf einen Vorwand gewartet hatte, um sie anzuschreien. Ihr war auch klar, dass es am besten war, das Gespr�ch schnell zu beenden.</p><p>�Du solltest nicht rauchen, wenn Sam in der N�he ist�, erwiderte Caitlin k�hl, ging in ihr winziges Zimmer, knallte die T�r hinter sich zu und schloss ab.</p><p>Ihre Mom trommelte gegen die T�r.</p><p>�Komm sofort wieder raus, du kleines Luder! Wie sprichst du denn mit deiner Mutter? Wer sorgt denn daf�r, dass das Essen auf den Tisch kommt ��</p><p>An diesem Abend war Caitlin so sehr mit sich selbst besch�ftigt, dass sie die Stimme ihrer Mom ausblenden konnte. Stattdessen ging sie in Gedanken die Ereignisse des Tages noch mal durch: wie diese Kids gelacht hatten, das Ger�usch ihres eigenen Herzschlags, ihr eigener br�llender Schrei.</p><p>Was genau war geschehen? Wieso hatte sie pl�tzlich so viel Kraft? Lag es nur an dem Adrenalinsto�? Sie w�nschte sich, dass es so w�re. Aber gleichzeitig war ihr klar, dass es nicht allein am Adrenalin gelegen haben konnte. Was war sie?</p><p>Das H�mmern an ihrer T�r ging weiter, aber Caitlin h�rte es kaum. Ihr Handy lag auf dem Schreibtisch und vibrierte wie verr�ckt. Es blinkte, weil sie neue Kurzmitteilungen, E-Mails und Facebook-Nachrichten erhalten hatte � aber auch das registrierte sie kaum.</p><p>Stattdessen ging zu dem winzigen Fenster und sah hinunter auf die Ecke der Amsterdam Avenue. In ihrem Kopf h�rte sie Jonahs Stimme. Seine leise, tiefe, beruhigende Stimme. Und sie sah sein L�cheln. Schnell rief sie sich ins Ged�chtnis, wie schlaksig er war, wie zerbrechlich er wirkte. Dann sah sie ihn auf dem Boden liegen, blutend, daneben die Bruchst�cke seines kostbaren Instruments. Wieder stieg Zorn in ihr auf.</p><p>Doch ihr Zorn schlug in Sorge um � Sorge darum, ob es ihm gut ging, ob er aufgestanden war, ob er es nach Hause geschafft hatte. Sie stellte sich vor, wie er nach ihr rief. Caitlin. Caitlin.</p><p>�Caitlin?�</p><p>Eine andere Stimme drang durch die T�r. Eine Jungenstimme.</p><p>Verwirrt schreckte sie auf.</p><p>�Ich bin�s, Sam. Lass mich rein.�</p><p>Sie ging zur T�r und lehnte den Kopf dagegen.</p><p>�Mom ist weg�, sagte die Stimme auf der anderen Seite. �Sie holt Zigaretten. Komm schon, lass mich rein.�</p><p>Sie �ffnete die T�r.</p><p>Dort stand Sam und starrte sie besorgt an. Er sah �lter aus als f�nfzehn. Sicher, er war fr�h gewachsen und hatte schon einen Meter achtzig erreicht, aber das Breitenwachstum stand noch aus. Im Moment war er linkisch und schlaksig. Er hatte schwarze Haare, braune Augen, und sein Teint glich ihrem. Man sah eindeutig, dass sie miteinander verwandt waren. Sie merkte, wie besorgt er war. Er liebte sie �ber alles.</p><p>Schnell lie� sie ihn herein und schloss die T�r direkt wieder.</p><p>�Tut mir leid�, entschuldigte sie sich. �Ich kann sie heute Abend einfach nicht ertragen.�</p><p>�Was ist zwischen euch beiden denn vorgefallen?�</p><p>�Das �bliche. Sie ist bereits in dem Moment auf mich losgegangen, als ich zur T�r reingekommen bin.�</p><p>�Ich glaube, sie hatte einen harten Tag�, vermutete Sam. Wie immer versuchte er, Frieden zwischen ihnen zu stiften. �Ich hoffe, sie wird nicht wieder rausgeschmissen.�</p><p>�Wen interessiert das? New York, Arizona, Texas � Was spielt es schon f�r eine Rolle, was als N�chstes kommt? Unsere Umzieherei wird niemals aufh�ren.�</p><p>Sam sa� auf ihrem Schreibtischstuhl und runzelte die Stirn. Sofort bekam sie ein schlechtes Gewissen. Manchmal hatte sie wirklich eine scharfe Zunge und redete, ohne nachzudenken; doch jetzt w�nschte sie, sie k�nnte ihre Worte zur�cknehmen.</p><p>�Wie war denn dein erster Tag?�, fragte sie in dem Versuch, das Thema zu wechseln.</p><p>Er zuckte mit den Schultern. �Ich denke, ganz okay.� Seine F��e spielten mit dem Stuhl.</p><p>Er sah auf. �Und wie war�s bei dir?�</p><p>Sie antwortete ebenfalls mit einem Schulterzucken. Aber etwas an ihrem Gesichtsausdruck erregte seine Aufmerksamkeit, denn er wendete den Blick nicht ab, sondern starrte sie weiter an.</p><p>�Was ist passiert?�</p><p>�Nichts�, entgegnete sie abwehrend, drehte sich um und ging zur�ck ans Fenster.</p><p>Sie konnte sp�ren, dass sein Blick ihr folgte.</p><p>�Du wirkst � ver�ndert.�</p><p>Sie schwieg und fragte sich, ob er etwas wusste oder ob man ihr rein �u�erlich eine Ver�nderung anmerkte. Sie schluckte.</p><p>�Wie denn?�</p><p>Schweigen.</p><p>�Ich wei� nicht�, antwortete er schlie�lich.</p><p>Ziellos starrte sie nach drau�en und entdeckte einen Mann vor der Eckkneipe, der einem Kunden ein Beutelchen mit Gras zusteckte.</p><p>�Ich hasse es hier�, gestand ihr Bruder.</p><p>Sie drehte sich um und sah in sein Gesicht.</p><p>�Ich auch.�</p><p>�Ich habe sogar schon dar�ber nachgedacht ��, er senkte die Stimme, �� mich einfach aus dem Staub zu machen.�</p><p>�Was willst du damit sagen?�</p><p>Er zuckte mit den Schultern.</p><p>Sie musterte ihn. Er wirkte richtig niedergeschlagen.</p><p>�Wohin willst du denn?�, wollte sie wissen.</p><p>�Vielleicht � mache ich mich auf die Suche nach Dad.�</p><p>�Wie denn? Wir haben doch keine Ahnung, wo er ist.�</p><p>�Ich k�nnte es versuchen. Vielleicht k�nnte ich ihn finden.�</p><p>�Sam. Nach allem, was wir wissen, k�nnte er genauso gut tot sein.�</p><p>�Sag so was nicht!�, schrie er und lief dunkelrot an.</p><p>�Tut mir leid�, entschuldigte sie sich.</p><p>Er beruhigte sich wieder.</p><p>�Hast du dir schon mal �berlegt, dass er uns vielleicht gar nicht sehen will, selbst wenn wir ihn finden? Schlie�lich hat er uns verlassen. Und er hat nie versucht, wieder Kontakt zu uns aufzunehmen.�</p><p>�Vielleicht, weil Mom ihn nicht gelassen hat.�</p><p>�Oder vielleicht, weil er uns nicht mag.�</p><p>Sams Blick wurde noch finsterer, w�hrend er unruhig die F��e hin und her bewegte. �Ich habe ihn auf Facebook gesucht.�</p><p>Caitlin riss �berrascht die Augen auf.</p><p>�Du hast ihn gefunden?�</p><p>�Da bin ich mir nicht sicher. Es gab vier Personen mit seinem Namen, und zwei davon haben kein Foto eingestellt. Also habe ich beiden eine Nachricht geschickt.�</p><p>�Und?�</p><p>Sam sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich habe noch keine Antwort bekommen.�</p><p>�Dad ist bestimmt nicht bei Facebook.�</p><p>�Das kannst du gar nicht wissen�, entgegnete er.</p><p>Caitlin seufzte, ging zu ihrem Bett und legte sich darauf. Sie starrte an die vergilbte Decke, von der die Farbe bereits abbl�tterte, und fragte sich, wie es dazu hatte kommen k�nnen, dass sie diesen Punkt erreicht hatten. Es hatte Orte gegeben, an denen sie gl�cklich gewesen waren, sogar Zeiten, als selbst ihre Mom beinahe zufrieden gewirkt hatte. Wie damals, als sie mit diesem Typen zusammen gewesen war. Da war sie zumindest zufrieden genug, um Caitlin in Ruhe zu lassen.</p><p>Es hatte St�dtchen gegeben, wie beispielsweise ihren letzten Wohnort, wo sowohl Sam als auch Caitlin echte Freunde gefunden hatten. Beinahe hatte es so ausgesehen, als k�nnten sie tats�chlich auch dort bleiben � zumindest lange genug, um ihren Schulabschluss zu machen. Doch dann hatte sich ganz schnell alles wieder ver�ndert. Koffer packen, Abschied nehmen � War es etwa zu viel verlangt, sich eine normale Kindheit zu w�nschen?</p><p>�Ich k�nnte nach Oakville zur�ckgehen�, meinte Sam unvermittelt und unterbrach damit ihre Gedanken. Oakville war ihr letzter Wohnort gewesen. Irgendwie war es verbl�ffend, dass er immer ihre Gedanken lesen konnte. �Ich k�nnte bei Freunden wohnen.�</p><p>Der Tag wuchs ihr allm�hlich �ber den Kopf. Es war einfach zu viel. Sie konnte nicht mehr klar denken, und weil sie so frustriert war, verstand sie blo�, dass Sam sie auch noch im Stich lassen wollte. Anscheinend bedeutete sie ihm nicht mehr wirklich etwas.</p><p>�Dann geh doch!�, schnauzte sie ihn an, ohne es zu wollen. Es war, als h�tte jemand anderes f�r sie gesprochen. Als sie merkte, wie barsch sie geklungen hatte, bedauerte sie ihre Unbeherrschtheit sofort.</p><p>Warum blo� musstest du so damit herausplatzen? Warum hast du dich nicht besser unter Kontrolle?</p><p>Wenn sie in einer besseren Stimmung gewesen w�re, wenn sie ruhiger gewesen w�re und wenn nicht so viel gleichzeitig auf sie eingest�rmt w�re, w�re ihr das sicher nicht passiert. Dann w�re sie freundlicher gewesen.</p><p>Sie h�tte zum Beispiel etwas gesagt wie: Ich wei�, dass du niemals abhauen w�rdest, egal, wie schlimm es kommt, weil du mich nicht allein lassen w�rdest. Daf�r liebe ich dich. Und nat�rlich w�rde ich dich auch nicht im Stich lassen. Trotz unserer verkorksten Kindheit haben wir wenigstens immer noch uns.</p><p>Stattdessen hatte sie sich von ihrer schlechten Laune leiten lassen. Stattdessen hatte sie egoistisch reagiert und ihn angeschnauzt.</p><p>Sie setzte sich auf. An seinem Gesichtsausdruck konnte sie erkennen, wie verletzt er war. Gerne h�tte sie ihre Worte zur�ckgenommen und ihm gesagt, dass es ihr leidtat, aber sie war schlichtweg �berfordert. Irgendwie schaffte sie es nicht, den Mund aufzumachen.</p><p>Still stand Sam auf, verlie� den Raum und schloss leise die T�r hinter sich.</p><p>Du bl�de Kuh, dachte sie. Du bist so eine Idiotin. Warum musst du ihn genauso behandeln, wie Mom dich behandelt?</p><p>Sie legte sich zur�ck und starrte wieder an die Decke. Auf einmal begriff sie, dass es noch einen anderen Grund f�r ihre barsche Reaktion gab. Er hatte ihren Gedankengang unterbrochen, und das genau zu dem Zeitpunkt, als sie zu den schlechten Dingen kam. Eine dunkle Erinnerung war ihr durch den Kopf geschossen, und Sam war dazwischengekommen, bevor sie den Gedanken hatte festhalten k�nnen.</p><p>Es ging um den Exfreund ihrer Mom. Am vorvorletzten Wohnort. Zu der Zeit hatte Mom tats�chlich gl�cklich gewirkt, ein einziges Mal. Frank. F�nfzig. Klein, untersetzt, beginnende Glatze. Er roch immer nach billigem Rasierwasser. Damals war Caitlin sechzehn gewesen.</p><p>Sie hatte in der winzigen Waschk�che gestanden und ihre W�sche zusammengelegt, als pl�tzlich Frank in der T�r auftauchte. Er war ein ekliger Typ, st�ndig starrte er sie an. Er hob ein Unterh�schen von ihr auf und hielt es grinsend hoch. Sie sp�rte, wie ihr vor Verlegenheit und Zorn das Blut ins Gesicht schoss.</p><p>�Das hast du fallen lassen�, meinte er, und sein Grinsen wurde noch breiter. Sie riss ihm ihre Unterw�sche aus der Hand.</p><p>�Was willst du?�, fuhr sie ihn an.</p><p>�Redet man so mit seinem neuen Stiefvater?�</p><p>Er machte einen halben Schritt auf sie zu.</p><p>�Du bist nicht mein Stiefvater.�</p><p>�Aber ich werde es sein � und zwar bald.�</p><p>Sie versuchte, sich wieder auf die W�sche zu konzentrieren, aber er kam noch n�her. Zu nahe. Ihr Herz schlug heftig.</p><p>�Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir beide uns ein bisschen besser kennenlernen�, sagte er dann und �ffnete dabei seinen G�rtel. �Findest du nicht auch?�</p><p>Entsetzt versuchte sie, sich an ihm vorbeizuquetschen. Sie wollte fl�chten, aber er versperrte ihr den Weg, packte sie grob und dr�ckte sie gegen die Wand.</p><p>Und da geschah es.</p><p>Sie kochte vor Wut. So w�tend war sie noch nie gewesen. Sie sp�rte, wie ihr von Kopf bis Fu� hei� wurde. Als er noch n�her kam, sprang sie in die H�he und trat ihm mit beiden F��en gegen die Brust.</p><p>Obwohl sie nicht einmal halb so viel wog wie er, flog er r�ckw�rts durch die T�r, riss sie dabei aus den Angeln und landete drei Meter weiter im Nebenzimmer. Es war, als w�re er von einer Kanonenkugel durchs Haus geschossen worden.</p><p>Zitternd blieb Caitlin stehen. Sie war kein gewaltt�tiger Mensch, noch nie hatte sie jemanden geschlagen. Au�erdem war sie weder gro� noch stark. Woher hatte sie also gewusst, wie sie ihn treten musste? Woher war auf einmal die Kraft gekommen? Noch nie hatte sie jemanden durch die Luft fliegen und eine T�r zerschmettern sehen � schon gar nicht einen erwachsenen Mann �, also woher war die Kraft dazu gekommen?</p><p>Sie ging zu ihm und starrte auf ihn hinunter.</p><p>Er lag bewusstlos auf dem R�cken. Sie fragte sich, ob sie ihn umgebracht hatte. Aber gleichzeitig kochte in ihr immer noch die Wut, sodass es ihr gleichg�ltig war. Eher machte sie sich Sorgen um sich selbst. Wer � oder was � war sie eigentlich?</p><p>Frank sah sie nie wieder. Am folgenden Tag machte er mit ihrer Mom Schluss und kam nie zur�ck. Zwar hegte ihre Mom den Verdacht, dass zwischen ihnen beiden etwas vorgefallen war, aber Caitlin sagte kein Wort. Trotzdem machte ihre Mom Caitlin f�r die Trennung verantwortlich. Sie warf ihr vor, die einzige gl�ckliche Zeit in ihrem Leben zerst�rt zu haben. Seitdem hatte sie nicht aufgeh�rt, ihr Vorw�rfe zu machen.</p><p>Caitlin starrte an die Decke, und ihr Herz pochte wieder heftig. Sie dachte an die Wut, die sie heute erfasst hatte, und fragte sich, ob es einen Zusammenhang zwischen den beiden Vorf�llen gab. Sie war immer davon ausgegangen, dass die Sache mit Frank nur ein verr�ckter, einmaliger Zwischenfall gewesen war, ein pl�tzlicher, merkw�rdiger Kraftausbruch. Aber jetzt fragte sie sich, ob vielleicht doch mehr dahintersteckte. War da irgendeine besondere Kraft in ihr? War sie nicht normal? War sie verr�ckt?</p><p>Wer war sie?</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>3.
				Kapitel</p><p><emphasis>C</emphasis>aitlin rannte. Die Schl�ger waren zur�ck, und sie jagten sie die Stra�e entlang. Vor ihr lag eine Sackgasse, die vor einer massiven Mauer endete, aber sie lief trotzdem weiter, direkt darauf zu. Sie wurde immer schneller, unglaublich schnell, und die H�user flogen nur so an ihr vorbei. Der Wind wehte durch ihre Haare.</p><p>Als sie der Mauer immer n�her kam, sprang sie, und mit einem einzigen Satz stand sie oben, in fast zehn Metern H�he. Ein weiterer Sprung, und wieder flog sie meterweit durch die Luft. Diesmal landete sie auf dem Asphalt, allerdings ohne aus dem Rhythmus zu geraten. Sie rannte und rannte. Dabei f�hlte sie sich stark und unbesiegbar. Ihre Geschwindigkeit erh�hte sich weiter, und sie hatte das Gef�hl, fliegen zu k�nnen.</p><p>Als sie nach unten sah, wurde der Asphalt vor ihren Augen zu Gras � hohem, schwankendem gr�nem Gras. Sie durchquerte eine Pr�rie, die Sonne schien, und sie erkannte die Gegend als die Heimat ihrer fr�hen Kindheit.</p><p>Sie sp�rte, dass in der Ferne am Horizont ihr Vater stand. Sie n�herte sich ihm; sah ihn jetzt deutlicher. Er hatte die Arme weit ausgebreitet und strahlte �ber das ganze Gesicht.</p><p>Sie sehnte sich danach, ihn wiederzusehen, und rannte mit aller Kraft.</p><p>Doch pl�tzlich st�rzte sie.</p><p>Ein riesiges, mittelalterliches Portal �ffnete sich, und sie betrat eine Kirche. Sie ging einen schwach beleuchteten Gang entlang, an dessen beiden Seiten Fackeln brannten. Vor dem Altar kniete ein Mann mit dem R�cken zu ihr. Als sie sich ihm n�herte, erhob er sich und drehte sich um.</p><p>Es war ein Priester. Er sah sie an und erblasste vor Furcht. Sie sp�rte das Blut in ihren Adern flie�en und sah sich selbst dabei zu, wie sie auf den Mann zuging. Sie war nicht in der Lage, stehen zu bleiben. Voller Furcht streckte er ihr ein Kreuz entgegen.</p><p>Doch sie st�rzte sich trotzdem auf ihn. Dabei merkte sie, wie ihre Z�hne l�nger wurden � zu lang �, und sie sah, wie sie sich in den Hals des Priesters bohrten.</p><p>Er schrie gellend auf, aber das war ihr egal. Sie sp�rte, wie sein Blut durch ihre Z�hne hindurch und in ihre Venen str�mte, und es war das gro�artigste Gef�hl ihres Lebens.</p><p>Caitlin setzte sich ruckartig im Bett auf und atmete heftig. Orientierungslos sah sie sich um. Grelles Sonnenlicht str�mte herein.</p><p>Endlich begriff sie, dass sie nur getr�umt hatte. Sie wischte sich den kalten Schwei� von der Stirn und schwang die Beine aus dem Bett.</p><p>Stille. Dem Sonnenstand nach zu urteilen, mussten Sam und ihre Mom die Wohnung bereits verlassen haben. Sie warf einen Blick auf die Uhr und sah, dass es in der Tat schon sp�t war: acht Uhr f�nfzehn. Sie w�rde an ihrem zweiten Schultag zu sp�t kommen.</p><p>Super.</p><p>Es wunderte sie, dass Sam sie nicht geweckt hatte. In all den Jahren hatte er sie nie verschlafen lassen � immer hatte er sie geweckt, wenn er vor ihr aus dem Haus musste.</p><p>Er ist sicher noch sauer wegen gestern Abend.</p><p>Sie sah auf ihr Handy, aber es war tot. Offensichtlich hatte sie vergessen, den Akku aufzuladen. Auch gut. Sie hatte ohnehin keine Lust, sich mit jemandem zu unterhalten.</p><p>Schnell zog sie sich an und fuhr sich mit den H�nden durch die Haare. Normalerweise w�rde sie ohne Fr�hst�ck aufbrechen, aber an diesem Morgen hatte sie Durst. Ungew�hnlich gro�en Durst. Also ging sie zum K�hlschrank und nahm einen Zweiliterkarton roten Grapefruitsaft heraus. Hektisch riss sie den Verschluss auf und trank direkt aus dem Tetrapak. Sie h�rte nicht auf, bis sie die zwei Liter Saft komplett in sich hineingesch�ttet hatte.</p><p>Verbl�fft betrachtete sie den Getr�nkekarton. Hatte sie ihn wirklich gerade komplett leer getrunken? Normalerweise trank sie nie mehr als ein halbes Glas auf einmal. Mit einer Hand zerdr�ckte sie die Packung und formte eine kleine Kugel daraus. Sie verstand nicht, woher diese neu entdeckte Kraft kam, die in ihren Adern zirkulierte. Es war aufregend. Und unheimlich.</p><p>Doch sie war immer noch durstig. Und hungrig. Aber sie hatte kein Verlangen nach Essen. Ihre Adern wollten mehr, aber sie begriff nicht, was dieses Mehr war.</p><p>* * *</p><p>Irgendwie war es seltsam, die Flure ihrer Schule so leer zu sehen. Es war das genaue Gegenteil von gestern. W�hrend des Unterrichts war keine Menschenseele zu entdecken. Sie sah auf ihre Uhr; es war acht Uhr vierzig. Bis die dritte Unterrichtsstunde begann, dauerte es noch eine Viertelstunde. Sie fragte sich, ob es sich �berhaupt lohnte, in die Klasse zu gehen, aber sie wusste auch nicht, wohin sie sonst gehen sollte. Also folgte sie den Raumnummern bis zu ihrem Klassenzimmer.</p><p>Vor dem Raum blieb sie stehen und lauschte, ob sie die Stimme des Lehrers h�ren konnte. Sie z�gerte. Eigentlich hasste sie es, reinzuplatzen und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Aber ihr blieb keine andere Wahl.</p><p>Sie holte tief Luft und drehte den T�rknopf.</p><p>Als sie eintrat, drehten sich alle zu ihr um und starrten sie an, einschlie�lich der Lehrerin.</p><p>Schweigen.</p><p>�Miss �� Der Lehrerin fiel ihr Name nicht ein, und sie ging zu ihrem Pult und nahm einen Zettel in die Hand. �Miss Paine. Das neue M�dchen. Sie sind f�nfundzwanzig Minuten zu sp�t.�</p><p>Die Lehrerin, eine strenge �ltere Frau, musterte Caitlin ver�rgert. �Was haben Sie zu Ihrer Entschuldigung vorzubringen?�</p><p>Caitlin z�gerte.</p><p>�Es tut mir leid?�</p><p>�Das reicht nicht. M�glicherweise ist es dort, wo Sie herkommen, zul�ssig, zu sp�t zu kommen � hier ist das ganz gewiss unakzeptabel.�</p><p>�Inakzeptabel�, korrigierte Caitlin und bereute es sofort.</p><p>Peinliches Schweigen senkte sich �ber den Raum.</p><p>�Wie bitte?�, erwiderte die Lehrerin langsam.</p><p>�Sie haben gesagt unakzeptabel. Sie meinten inakzeptabel.�</p><p>�ACH DU SCHEISSE!�, rief ein vorlauter Junge in einer der hinteren Reihen, und die ganze Klasse brach in Gel�chter aus.</p><p>Das Gesicht der Lehrerin wurde feuerrot.</p><p>�Sie freche G�re! Melden Sie sich sofort beim Direktor!�</p><p>Die Lehrerin marschierte zu Caitlin und �ffnete die T�r. Dort stand sie nun, nur wenige Zentimeter von ihr entfernt � so dicht, dass Caitlin ihr billiges Parfum riechen konnte. �Raus aus meinem Klassenzimmer!�</p><p>Normalerweise w�re Caitlin aus dem Raum geschlichen � sie h�tte auch niemals einen Lehrer korrigiert. Aber irgendetwas hatte sich ver�ndert, etwas, das sie nicht ganz verstand. Auf einmal f�hlte sie Trotz. Sie hatte nicht mehr das Gef�hl, dass sie jedem gegen�ber Respekt zeigen musste. Und vor allem hatte sie keine Angst mehr.</p><p>Also blieb Caitlin einfach stehen, ignorierte die Lehrerin, blickte sich suchend um und hielt Ausschau nach Jonah. Der Raum war �berf�llt, und sie suchte eine Reihe nach der anderen aufmerksam ab. Keine Spur von Jonah.</p><p>�Miss Paine! Haben Sie nicht geh�rt, was ich gesagt habe!?�</p><p>Herausfordernd erwiderte Caitlin ihren Blick. Dann drehte sie sich um und verlie� ganz gem�chlich das Klassenzimmer.</p><p>Hinter ihr wurde die T�r zugeschlagen, dann war ged�mpftes Geschrei zu h�ren, gefolgt von einem �Ruhe bitte!�.</p><p>Caitlin wanderte den leeren Flur entlang; sie wusste nicht wirklich, wohin sie gehen sollte.</p><p>Dann h�rte sie Schritte. In der Ferne tauchte ein Mann vom Sicherheitsdienst auf und kam direkt auf sie zu.</p><p>�Ausweis!�, blaffte er sie an, als er nur noch gut zehn Meter von ihr entfernt war.</p><p>�Bitte?�, fragte sie.</p><p>Er kam n�her.</p><p>�Wo ist Ihr Ausweis? Sie sollen ihn st�ndig sichtbar bei sich tragen.�</p><p>�Welchen Ausweis?�</p><p>Er blieb stehen und musterte sie. Er war ein h�sslicher, gemein aussehender Mann mit einem riesigen Muttermal auf der Stirn.</p><p>�Sie k�nnen nicht durch die Flure spazieren, ohne einen unterschriebenen Ausweis bei sich zu haben. Das wissen Sie. Wo ist er?�</p><p>�Ich wusste nicht ��</p><p>Er nahm sein Funkger�t und sprach hinein: �Versto� gegen die Ausweispflicht in Fl�gel 14. Ich bringe sie jetzt in Verwahrung.�</p><p>�Verwahrung?�, fragte Caitlin verwirrt. �Was haben Sie vor ��</p><p>Grob griff er nach ihrem Arm und zerrte sie den Flur entlang.</p><p>�Kein Wort mehr!�, fauchte er.</p><p>Caitlin gefiel es nicht, dass seine Finger sich in ihren Arm gruben und dass sie abgef�hrt wurde wie ein unartiges Kind. Sie sp�rte, wie sich die Hitze in ihrem ganzen K�rper ausbreitete. Die Wut k�ndigte sich an. Ihr war nicht ganz klar, woher sie das wusste, aber so war es: In wenigen Augenblicken w�rde sie ihren Zorn nicht mehr unter Kontrolle haben � ebenso wenig wie ihre Kraft.</p><p>Sie musste etwas tun, bevor es zu sp�t war. Sie setzte ihre gesamte Willenskraft ein, damit es aufh�rte. Aber solange seine Finger sie ber�hrten, w�rde es nicht funktionieren.</p><p>Schnell sch�ttelte sie seinen Arm ab, bevor die volle Kraft von ihr Besitz ergreifen konnte. Seine Hand flog regelrecht weg, und er stolperte ein paar Schritte r�ckw�rts.</p><p>Verbl�fft starrte er sie an. Wie war es m�glich, dass ein M�dchen ihrer Gr��e ihn mehrere Schritte durch den Flur bef�rdert hatte, obwohl sie nur leicht mit dem Arm gezuckt hatte? Er schwankte zwischen Emp�rung und Furcht. Sie erkannte, dass er �berlegte, ob er sie angreifen oder in Ruhe lassen sollte. Schlie�lich legte er die Hand auf seinen G�rtel, an dem eine gro�e Dose Pfefferspray hing.</p><p>�Wenn du mich noch einmal anfasst, junge Dame�, sagte er voller kalter Wut, �werde ich das Pfefferspray einsetzen.�</p><p>�Dann lassen Sie die Finger von mir!�, entgegnete sie herausfordernd. Der Klang ihrer eigenen Stimme best�rzte sie � er hatte sich ver�ndert: Ihre Stimme war tiefer und rauer.</p><p>Langsam nahm der Mann die Hand von der Spraydose. Offenbar gab er nach.</p><p>�Geh vor mir her�, forderte er sie auf. �Den Flur entlang und die Treppe hinauf.�</p><p>Der Wachmann lie� sie in einem Vorraum vor dem B�ro des Direktors zur�ck. Sein Funkger�t meldete sich, und er hastete eilig davon. Aber dann drehte er sich noch einmal kurz um und blaffte sie an: �Lass dich blo� nicht wieder irgendwo auf den G�ngen blicken!�</p><p>Caitlin wandte sich um und sah, dass dort rund f�nfzehn Sch�ler und Sch�lerinnen aller Altersklassen herumsa�en und -standen, die offensichtlich alle zum Direktor mussten. Sie wirkten alle wie Au�enseiter. Einer nach dem anderen wurde hereingerufen. Ein Wachmann passte auf, aber er schlief beinahe im Stehen ein.</p><p>Caitlin hatte keine Lust, hier den halben Tag lang zu warten � und sie hatte auch nicht die geringste Lust, den Direktor kennenzulernen. Sie h�tte nicht zu sp�t kommen d�rfen, das stimmte, aber das hier verdiente sie nicht. Sie hatte die Schnauze voll.</p><p>Die T�r zum Gang ging auf, und ein Sicherheitsmann zerrte drei weitere Sch�ler hinein, die k�mpften und sich gegenseitig schubsten. In dem kleinen Wartebereich, der v�llig �berf�llt war, entstand ein Tumult. Dann ert�nte der Gong, und die G�nge hinter den Glast�ren f�llten sich. Jetzt herrschte drinnen und drau�en Chaos.</p><p>Caitlin wartete auf ihre Chance. Als die T�r sich wieder �ffnete, dr�ckte sie sich an einem Sch�ler vorbei und schl�pfte auf den Flur hinaus.</p><p>Dort warf sie einen kurzen Blick �ber die Schulter, aber niemand hatte sie bemerkt. Schnell quetschte sie sich durch die Menge und bog um eine Ecke. Wieder warf sie einen Blick zur�ck, aber immer noch folgte ihr niemand.</p><p>Sie war in Sicherheit. Selbst wenn den Sicherheitsleuten ihre Abwesenheit auffallen sollte � was sie allerdings stark bezweifelte, da nicht einmal ihre Daten aufgenommen worden waren �, w�re sie bereits zu weit weg, um erwischt zu werden. Sie eilte noch schneller durch die Flure und vergr��erte so den Abstand weiter. Sie war unterwegs zur Cafeteria. Sie musste Jonah finden, denn sie wollte unbedingt wissen, ob es ihm gut ging.</p><p>Die Cafeteria war auch heute wieder �berf�llt, und sie schritt die G�nge ab, um nach ihm Ausschau zu halten. Nichts. Sie wiederholte ihren Rundgang und lie� ihren Blick �ber jeden Tisch schweifen, aber sie fand ihn nicht.</p><p>Sie bereute es, dass sie nicht zu ihm zur�ckgekehrt war, um nach seinen Verletzungen zu sehen und einen Rettungswagen zu rufen. Sie fragte sich, ob er wohl schwer verletzt war. Vielleicht lag er sogar im Krankenhaus. Vielleicht w�rde er gar nicht mehr in die Schule zur�ckkommen.</p><p>Deprimiert nahm sie sich ein Tablett mit Essen und fand einen Tisch, von dem aus sie die T�r gut im Blick hatte. Sie a� kaum etwas, sondern musterte jeden Sch�ler, der hereinkam.</p><p>Aber er tauchte nicht auf.</p><p>Schlie�lich klingelte es, und die Cafeteria leerte sich. Sie blieb sitzen und wartete.</p><p>Nichts.</p><p>* * *</p><p>Zum letzten Mal an diesem Schultag ert�nte der Gong, und Caitlin stand vor dem ihr zugewiesenen Spind. Sie gab die Zahlenkombination ein, die auf dem Blatt Papier in ihrer Hand stand, drehte an dem Knauf und zog. Es funktionierte nicht. Also gab sie die Kombination noch einmal ein. Diesmal ging die T�r auf.</p><p>Sie starrte in den leeren Metallspind. Die Innenseite der T�r war voller Graffiti. Ansonsten war der Schrank v�llig kahl. Bedr�ckend. Sie dachte an die anderen Schulen, wo sie immer sofort ihren Spind gesucht und sich die Kombination eingepr�gt hatte. Dort hatte sie die T�ren mit Fotos von Jungs aus Hochglanzmagazinen beklebt. Das war ihre Art gewesen, sich h�uslich einzurichten, einen vertrauten Ort in der Schule zu finden.</p><p>Aber irgendwann im Laufe der Zeit hatte ihre Begeisterung nachgelassen. Sie fragte sich allm�hlich, warum sie sich noch die M�he machen sollte, da es doch blo� eine Frage der Zeit war, bis sie wieder umziehen musste. Also lie� sie sich immer mehr Zeit mit dem Dekorieren ihres Spinds.</p><p>Diesmal w�rde sie sogar ganz darauf verzichten. Mit einem lauten Knall warf sie die T�r zu.</p><p>�Caitlin?�</p><p>Sie fuhr zusammen.</p><p>Direkt neben ihr stand Jonah.</p><p>Er trug eine gro�e Sonnenbrille, und die Haut darunter sah geschwollen aus.</p><p>Als sie ihn so dort stehen sah, war sie verwirrt � und sie freute sich wahnsinnig. Es �berraschte sie, wie sehr sie sich freute. Ein warmes Gef�hl breitete sich in ihrem Magen aus, und ihr Mund wurde trocken.</p><p>Es gab so viel, was sie ihn fragen wollte: Bist du gut nach Hause gekommen? Hast du diese Schl�ger noch mal gesehen? Hast du gemerkt, dass ich da war � Aber irgendwie schafften die Worte es nicht von ihrem Gehirn bis zu ihrem Mund.</p><p>Ein �Hallo� war alles, was sie herausbekam.</p><p>Er starrte sie an. Es sah aus, als ob er nicht wusste, womit er anfangen sollte.</p><p>�Ich habe dich heute im Unterricht vermisst�, sagte sie und bereute sofort ihre Wortwahl.</p><p>D�mlich. Du h�ttest sagen sollen: �Ich habe dich nicht im Unterricht gesehen.� �Vermisst� klingt verzweifelt.</p><p>�Ich bin zu sp�t gekommen�, erkl�rte er.</p><p>�Ich auch.�</p><p>Unbehaglich trat er von einem Fu� auf den anderen. Sie stellte fest, dass er seine Bratsche nicht dabeihatte. Also war es wirklich geschehen. Es war nicht blo� ein b�ser Traum gewesen.</p><p>�Bist du okay?�, fragte sie.</p><p>Sie deutete auf seine Sonnenbrille.</p><p>Langsam nahm er sie ab.</p><p>Sein Gesicht war voller Bluterg�sse und dick angeschwollen. An seiner Stirn und unter einem Auge klebten Pflaster.</p><p>�Mir ging�s schon mal besser�, sagte er. Er wirkte verlegen.</p><p>�Oh mein Gott!�, stie� sie hervor und f�hlte sich schrecklich. Ihr war klar, dass sie froh dar�ber sein sollte, dass sie ihm geholfen und ihn vor Schlimmerem bewahrt hatte. Aber stattdessen hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht fr�her dort gewesen war und sich sp�ter nicht um ihn gek�mmert hatte. Aber nachdem � es passiert war, hatte sich alles in einer Art Nebel abgespielt. Sie konnte sich nicht einmal richtig daran erinnern, wie sie nach Hause gekommen war. �Es tut mir so leid.�</p><p>�Hast du geh�rt, was passiert ist?�, wollte er wissen.</p><p>Er sah sie mit seinen strahlenden gr�nen Augen aufmerksam an, und sie hatte das Gef�hl, als ob er sie auf die Probe stellte. Als ob er erreichen wollte, dass sie zugab, dort gewesen zu sein.</p><p>Hatte er sie etwa gesehen? Das konnte doch eigentlich nicht sein. Schlie�lich war er bewusstlos gewesen. Oder etwa nicht? Hatte er vielleicht beobachtet, was danach vorgefallen war? Sollte sie besser zugeben, dass sie dort gewesen war?</p><p>Einerseits brannte sie darauf, ihm zu erz�hlen, wie sie ihm geholfen hatte, denn dann w�re er ihr sicher dankbar. Andererseits konnte sie ihm auf gar keinen Fall erkl�ren, was sie getan hatte, ohne als L�gnerin oder Sonderling dazustehen.</p><p>Nein, beschloss sie f�r sich. Du kannst es ihm nicht sagen. Es geht nicht.</p><p>�Nein�, log sie. �Vergiss nicht, dass ich hier ja niemanden kenne.�</p><p>Es folgte eine Pause.</p><p>�Ich wurde angegriffen�, erkl�rte er dann. �Auf dem Nachhauseweg von der Schule.�</p><p>�Es tut mir so leid�, versicherte sie noch einmal. Sie klang wie eine Idiotin, die immer wieder denselben dummen Satz wiederholt, aber sie wollte nichts sagen, was zu viel verraten k�nnte.</p><p>�Ja, mein Dad ist ziemlich sauer�, fuhr er fort. �Sie haben mir meine Bratsche weggenommen.�</p><p>�Das ist echt �bel. Wirst du eine neue bekommen?�</p><p>Jonah sch�ttelte langsam den Kopf. �Er hat Nein gesagt. Das k�nne er sich nicht leisten. Und ich h�tte besser darauf aufpassen sollen.�</p><p>Caitlin war betroffen. �Aber ich dachte, du h�ttest gesagt, die Bratsche w�re deine Fahrkarte, um von dieser Schule wegzukommen.�</p><p>Er zuckte mit den Schultern.</p><p>�Was wirst du jetzt machen?�, fragte sie.</p><p>�Das wei� ich nicht.�</p><p>�Vielleicht findet die Polizei deine Bratsche wieder.� Sie erinnerte sich nat�rlich daran, dass sie zerst�rt worden war, aber sie dachte, so k�nnte sie vielleicht beweisen, dass sie von nichts wusste.</p><p>Er betrachtete sie wieder aufmerksam, als wollte er sich ein Urteil dar�ber bilden, ob sie log.</p><p>Schlie�lich erwiderte er: �Sie haben sie zertr�mmert.� Dann machte er eine Pause. �Vermutlich haben manche Menschen einfach das Bed�rfnis, Dinge zu zerst�ren.�</p><p>�Ach du meine G�te�, sagte sie, �das ist ja schrecklich.�</p><p>�Mein Dad ist sauer, weil ich mich nicht gewehrt habe � Aber so bin ich eben nicht.�</p><p>�Was f�r Mistkerle. Vielleicht erwischen die Bullen sie ja.�</p><p>Ein schwaches Grinsen huschte �ber Jonahs Gesicht. �Das ist ja das Seltsame an der ganzen Sache: Sie haben schon bekommen, was sie verdienen.�</p><p>�Wie meinst du das?�, fragte sie und versuchte, �berzeugend zu klingen.</p><p>�Ich habe diese Typen kurz danach in einer Sackgasse gefunden. Sie waren noch schlimmer zugerichtet als ich. Nicht mal mehr ger�hrt haben sie sich.� Sein Grinsen wurde breiter. �Jemand muss sie sich vorgekn�pft haben. Vielleicht gibt es tats�chlich einen Gott.�</p><p>�Das ist ja seltsam�, meinte sie.</p><p>�Vielleicht habe ich auch einen Schutzengel.� Wieder musterte er sie gr�ndlich.</p><p>�Ja, vielleicht�, entgegnete sie.</p><p>Er starrte sie noch lange an, als warte er auf eine Erkl�rung oder einen Hinweis von ihr. Doch sie schwieg.</p><p>�Da ist noch etwas, das noch seltsamer ist�, fuhr er schlie�lich fort.</p><p>Er b�ckte sich, zog etwas aus seinem Rucksack und hielt es ihr hin.</p><p>�Das habe ich gefunden.�</p><p>Schockiert starrte sie auf den Gegenstand in seiner Hand. Es war ihr Tagebuch.</p><p>Als sie es entgegennahm, schoss ihr das Blut ins Gesicht. Einerseits war sie hocherfreut, es wiederzuhaben, andererseits aber auch entsetzt, weil er einen Beweis daf�r hatte, dass sie dort gewesen war. Er musste sich sicher sein, dass sie gelogen hatte.</p><p>�Dein Name steht drin. Es geh�rt doch dir, oder?�</p><p>Sie nickte und untersuchte das Tagebuch. Es war alles da. Das Buch hatte sie v�llig vergessen.</p><p>�Da waren auch einige lose Bl�tter. Ich habe sie alle eingesammelt und hineingelegt. Ich hoffe, ich habe alle gefunden�, erkl�rte er.</p><p>�Das hast du�, sagte sie leise. Sie war gleichzeitig ger�hrt und verlegen.</p><p>�Ich bin der Spur der Bl�tter gefolgt, und das Komische daran war, dass � sie mich in diese Gasse gef�hrt haben.�</p><p>Sie sah weiterhin auf ihr Buch und mied jeden Blickkontakt.</p><p>�Was glaubst du, wie dein Tagebuch dorthin gelangt ist?�, wollte er wissen.</p><p>Diesmal sah sie ihm in die Augen. Sie gab sich die gr��te M�he, keine Miene zu verziehen.</p><p>�Als ich gestern Abend nach Hause gegangen bin, habe ich es irgendwo verloren. Vielleicht haben es ja diese Schl�ger gefunden.�</p><p>Er musterte sie nachdenklich. Schlie�lich meinte er: �Vielleicht.�</p><p>Schweigend standen sie sich gegen�ber.</p><p>�Das Eigenartigste �berhaupt ist�, fuhr er fort, �dass ich etwas gesehen habe, bevor ich v�llig das Bewusstsein verlor. Und zwar h�tte ich schw�ren k�nnen, dich gesehen zu haben, wie du �ber mir gestanden und diese Typen angeschrien hast, sie sollen mich in Ruhe lassen � Ist das nicht verr�ckt?�</p><p>Wieder betrachtete er sie genau, und sie erwiderte seinen Blick offen.</p><p>�Ich w�re ja ziemlich irre, wenn ich so etwas tun w�rde�, antwortete sie. Gegen ihren Willen hoben sich ihre Mundwinkel zu einem leichten L�cheln.</p><p>Und nach einer kurzen Pause verzog sich auch sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. �Ja�, erwiderte er, �das stimmt allerdings.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>4.
				Kapitel</p><p><emphasis>A</emphasis>uf dem Heimweg von der Schule umklammerte sie ihr Tagebuch. Caitlin schwebte auf Wolke sieben. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so gl�cklich gewesen war. Immer wieder h�rte sie Jonahs Worte in ihrem Kopf.</p><p>�Heute Abend ist ein Konzert in der Carnegie Hall. Ich habe zwei Freikarten. Es sind die schlechtesten Pl�tze im ganzen Saal, aber der S�nger soll fantastisch sein.�</p><p>�Hei�t das, du willst mit mir ausgehen?�, hatte sie l�chelnd geantwortet.</p><p>Er hatte ihr L�cheln erwidert. �Wenn es dir nichts ausmacht, mit einem Typen voller Bluterg�sse auszugehen? Schlie�lich ist Freitagabend.�</p><p>Sie h�pfte praktisch nach Hause und konnte ihre Aufregung kaum kontrollieren. Sie verstand zwar nichts von klassischer Musik � eigentlich hatte sie sich noch nie richtig damit besch�ftigt �, aber das war ihr egal. Mit ihm w�rde sie �berallhin gehen.</p><p>Carnegie Hall. Er hatte gesagt, dass man sich schick machte, wenn man dorthin ging. Was sollte sie blo� anziehen? Sie hatte nicht mehr viel Zeit, um sich umzuziehen, weil sie sich vor dem Konzert in einem Caf� treffen wollten. Sie ging schneller.</p><p>Im Handumdrehen war sie zu Hause, und selbst das triste Geb�ude konnte ihr die Laune nicht verderben. Sie sprang die Treppen in den f�nften Stock hinauf und war noch nicht mal kaputt, als sie oben ankam.</p><p>Sofort hallten ihr die Schreie ihrer Mutter entgegen: �Du verdammtes Mistst�ck!�</p><p>Caitlin duckte sich instinktiv, um dem Buch auszuweichen, das ihre Mutter ihr an den Kopf werfen wollte. Es verfehlte sie nur knapp und krachte gegen die Wand.</p><p>Noch bevor Caitlin �berhaupt etwas sagen konnte, st�rzte ihre Mutter sich mit ausgefahrenen Fingern�geln auf sie.</p><p>Caitlin erwischte ihre Handgelenke gerade noch rechtzeitig, und es kam zu einem heftigen Gerangel.</p><p>Die neue Kraft str�mte durch Caitlins Adern, und sie wusste, dass sie ihre Mom ohne Weiteres h�tte quer durch den Raum schleudern k�nnen. Doch sie zwang sich, die Kraft zu beherrschen, und stie� ihre Mom von sich, aber nur so fest, dass sie auf dem Sofa landete.</p><p>Dort brach ihre Mutter pl�tzlich in Tr�nen aus und blieb schluchzend sitzen.</p><p>�Das ist deine Schuld!�, schrie sie zwischen zwei Schluchzern.</p><p>�Wo ist denn los mit dir?�, br�llte Caitlin zur�ck. Sie war v�llig unvorbereitet und hatte keine Ahnung, was eigentlich los war. Ein so verr�cktes Verhalten war sogar f�r ihre Mutter ungew�hnlich.</p><p>�Sam.�</p><p>Ihre Mom hielt einen Zettel hoch.</p><p>Caitlins Herz h�mmerte, als sie ihn nahm. Furcht erfasste sie. Was auch immer passiert war, es konnte nichts Gutes sein.</p><p>�Er ist weg!�</p><p>Caitlin �berflog die handgeschriebene Notiz. Aber sie konnte sich nicht richtig konzentrieren und erfasste deshalb nur Bruchteile davon: haue ab � will nicht hierbleiben � zu meinen Freunden zur�ck � versucht nicht, mich zu finden.</p><p>Ihre H�nde zitterten. Sam hatte es tats�chlich getan. Er war gegangen. Und er hatte nicht auf sie gewartet. Nicht einmal, um sich von ihr zu verabschieden.</p><p>�Du bist schuld!�, fauchte ihre Mom.</p><p>Caitlin konnte es einfach nicht glauben. Sie lief durch die Wohnung und �ffnete Sams T�r, denn ein Teil von ihr rechnete damit, ihn in seinem Zimmer vorzufinden.</p><p>Aber der Raum war leer � und tadellos aufger�umt. Er hatte nichts zur�ckgelassen. Sam hatte sein Zimmer nie sonderlich in Ordnung gehalten. Es stimmte also: Er war wirklich fort.</p><p>Caitlin sp�rte, wie ihr die Galle hochkam. Der Gedanke, dass ihre Mutter ausnahmsweise recht hatte, dr�ngte sich ihr auf. Es war tats�chlich ihre Schuld. Sam hatte sie gefragt, und sie hatte blo� geantwortet: �Dann geh doch.�</p><p>Dann geh doch. Warum nur hatte sie das gesagt? Sie hatte vorgehabt, sich am n�chsten Morgen zu entschuldigen und ihre Worte zur�ckzunehmen, aber als sie aufwachte, war er bereits fort gewesen. Sie hatte heute nach der Schule mit ihm reden wollen. Aber jetzt war es zu sp�t.</p><p>Sie wusste, wohin er wahrscheinlich wollte. Es gab nur einen Ort, an den es ihn zog, und zwar an ihren letzten Wohnort. Dort ginge es ihm bestimmt gut, zumindest wahrscheinlich besser als hier. Schlie�lich hatte er dort Freunde. Je l�nger sie dar�ber nachdachte, desto weniger Sorgen machte sie sich. Im Gegenteil, sie freute sich f�r ihn. Endlich hatte er es geschafft, auszubrechen. Und sie wusste bereits, wie sie ihn aufsp�ren konnte.</p><p>Aber darum w�rde sie sich sp�ter k�mmern. Schnell warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr und stellte fest, dass sie sp�t dran war. Sie rannte in ihr Zimmer, schnappte sich ihre h�bschesten Klamotten und Schuhe und warf sie in eine Sporttasche. Um sich zu schminken, hatte sie keine Zeit mehr.</p><p>�Warum musst du alles kaputt machen, was du in die Finger bekommst!?�, kreischte ihre Mom direkt hinter ihr. �Ich h�tte dich niemals zu mir nehmen sollen!�</p><p>Caitlin starrte sie schockiert an.</p><p>�Was redest du denn da?�</p><p>�Ganz genau�, fuhr ihre Mom fort. �Ich habe dich aufgenommen. Du bist nicht mein Kind. Du bist es nie gewesen. Du warst seine Tochter. Du bist nicht meine richtige Tochter. H�rst du mich!? Ich sch�me mich daf�r, dich als Tochter zu haben!�</p><p>Caitlin sah den Hass in ihren schwarzen Augen. Sie hatte ihre Mom noch nie so rasend erlebt. In ihren Augen entdeckte sie Mordlust.</p><p>�Warum musstest du das Einzige, was gut war in meinem Leben, vertreiben?�, br�llte ihre Mom.</p><p>Erneut st�rzte sie sich mit ausgestreckten H�nden auf Caitlin und packte sie am Hals. Bevor Caitlin reagieren konnte, wurde sie schon gew�rgt � und zwar heftig.</p><p>Caitlin rang nach Luft. Aber der Griff um ihren Hals war eisern. Er sollte sie t�ten.</p><p>Die Wut brach �ber Caitlin herein, und diesmal konnte sie sie nicht mehr unterdr�cken. Sie sp�rte die inzwischen vertraute, prickelnde Hitze, die in ihren Zehen begann und bis in ihre Arme und Schultern hinaufwanderte. Diesmal lie� sie sich von ihr einh�llen. Die Muskeln an ihrem Hals traten hervor. Ohne dass Caitlin etwas tat, lockerte sich der Griff um ihren Hals.</p><p>Ihre Mom musste den Beginn der Verwandlung mitbekommen haben, denn pl�tzlich sah sie �ngstlich aus. Caitlin warf den Kopf zur�ck und stie� einen Schrei aus. Sie hatte sich in ein furchterregendes Wesen verwandelt.</p><p>Ihre Mom lie� sie los, trat einen Schritt zur�ck und starrte sie mit offenem Mund an.</p><p>Caitlin streckte eine Hand aus und versetzte ihrer Mutter einen heftigen Sto�, der sie mit einer solchen Wucht r�ckw�rtsfliegen lie�, dass sie mit einem lauten Krachen die Wand durchbrach und im angrenzenden Zimmer landete. Dort prallte sie gegen die n�chste Wand und sank bewusstlos zu Boden.</p><p>Caitlin atmete schwer und versuchte, sich zu konzentrieren. Pr�fend sah sie sich in der Wohnung um und �berlegte, ob es etwas gab, was sie mitnehmen wollte. Sie wusste, da war etwas, aber sie konnte irgendwie nicht klar denken. Schlie�lich nahm sie ihre Sporttasche mit ihrer Kleidung und verlie� ihr Zimmer. Sie stieg �ber die Tr�mmer der Wand und ging an ihrer Mutter vorbei.</p><p>Ihre Mom lag st�hnend dort, machte aber bereits Anstalten, sich aufzurappeln.</p><p>Doch Caitlin ging einfach weiter und verlie� die Wohnung.</p><p>Sie schwor sich, dass sie niemals zur�ckkehren w�rde.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>5.
				Kapitel</p><p><emphasis>C</emphasis>aitlin marschierte z�gig die Seitenstra�e entlang durch den kalten M�rzabend. Ihr Herz klopfte immer noch heftig wegen des Zwischenfalls mit ihrer Mutter. Die kalte Luft prickelte wie Nadeln in ihrem Gesicht � das f�hlte sich gut an. Sie atmete tief ein und f�hlte sich frei. Nie wieder w�rde sie in dieses Apartment zur�ckkehren. Nie wieder diese schmutzigen Stufen hinaufsteigen m�ssen. Nie wieder dieses Wohnviertel sehen. Nie wieder einen Fu� in diese Schule setzen. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie eigentlich gehen sollte, aber zumindest w�rde es ein Ort sein, der weit weg von all dem hier war.</p><p>Sie erreichte die breite Avenue und hielt nach einem freien Taxi Ausschau. Nachdem sie eine Minute oder so gewartet hatte, kam sie zu dem Schluss, dass keins kommen w�rde. Also hatte sie keine andere Wahl, als die U-Bahn zu nehmen.</p><p>Caitlin marschierte zu der U-Bahn-Station an der 135. Stra�e. In New York City war sie noch nie Bahn gefahren. Daher wusste sie auch nicht, welche Linie sie nehmen und wo sie aussteigen musste. Davon mal ganz abgesehen war der jetzige Zeitpunkt denkbar ung�nstig f�r Experimente. Sie f�rchtete sich vor dem, was sie wohl in einer kalten M�rznacht unten in der Station erwarten w�rde � vor allem in dieser Wohngegend.</p><p>Trotzdem stieg sie die Treppe hinunter, deren Seitenw�nde mit Graffiti bedeckt waren, und n�herte sich dem Fahrkartenh�uschen. Zum Gl�ck war es besetzt.</p><p>�Ich muss zum Columbus Circle�, erkl�rte Caitlin.</p><p>Die �bergewichtige Fahrkartenverk�uferin hinter der Plexiglasscheibe ignorierte sie.</p><p>�Entschuldigen Sie bitte�, wiederholte Caitlin, �aber ich muss ��</p><p>�Ich habe gesagt, der Bahnsteig da dr�ben!�, blaffte die Frau.</p><p>�Nein, das haben Sie nicht gesagt�, widersprach Caitlin. �Sie haben gar nichts gesagt!�</p><p>Wieder ignorierte die Frau sie.</p><p>�Wie viel macht das?�</p><p>�Zwei f�nfzig�, verlangte die Frau kurz angebunden.</p><p>Caitlin kramte in ihrer Tasche und zog drei zerknitterte Dollarscheine hervor. Sie schob sie unter der Glasscheibe hindurch.</p><p>Die Verk�uferin hinter dem Schalter gab ihr ein Ticket, ohne ihr auch nur einen Blick zu g�nnen.</p><p>Caitlin nahm das Ticket und entwertete es.</p><p>Der Bahnsteig war nur sp�rlich beleuchtet und beinahe menschenleer. Nur zwei Obdachlose sa�en in Decken geh�llt auf einer Bank. Einer der beiden schlief, aber der andere sah sie an, als sie vorbeiging. Er begann, etwas vor sich hin zu brabbeln, und Caitlin beschleunigte ihren Schritt.</p><p>Sie ging bis an den Rand des Bahnsteigs und beugte sich vor, um zu sehen, ob die U-Bahn kam. Nichts.</p><p>Komm schon!</p><p>Wieder sah sie auf die Uhr. Schon f�nf Minuten zu sp�t. Sie fragte sich, wie lange es wohl noch dauern w�rde. Ob Jonah es aufgeben w�rde, auf sie zu warten? Sie k�nnte es ihm nicht ver�beln.</p><p>Pl�tzlich nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Sie drehte sich um. Nichts.</p><p>Als sie genauer hinsah, dachte sie, sie k�nnte einen Schatten ausmachen, der sich an der wei� gekachelten Wand entlangdr�ckte. Sie hatte das ungute Gef�hl, beobachtet zu werden, aber sie entdeckte niemanden.</p><p><emphasis>Ich muss wohl Wahnvorstellungen haben.</emphasis></p><p>Caitlin ging zu dem gro�en Plan des U-Bahn-Netzes. Er war zerkratzt, eingerissen und mit Schmierereien bedeckt, aber sie konnte ihre Linie noch erkennen. Zumindest war sie am richtigen Ort. Die Linie f�hrte geradewegs zum Columbus Circle. Langsam f�hlte sie sich ein bisschen besser.</p><p>�Hast du dich verlaufen, Kleine?�</p><p>Caitlin drehte sich um. Hinter ihr stand ein gro�er schwarzer Mann. Er war unrasiert, und als er grinste, konnte sie erkennen, dass ihm einige Z�hne fehlten. Er stand zu nahe bei ihr, sodass sie seinen schrecklichen Mundgeruch wahrnahm: Er war betrunken.</p><p>Sie trat zur Seite und entfernte sich einige Schritte.</p><p>�He, du Schlampe, ich rede mit dir!�</p><p>Caitlin ging weiter.</p><p>Der Mann war offensichtlich richtig zugedr�hnt; er torkelte und schwankte, als er ihr langsam folgte. Aber Caitlin ging viel schneller als er, und der Bahnsteig war lang, sodass sie einen ausreichenden Abstand zwischen ihnen herstellen konnte. Sie wollte eine weitere Konfrontation vermeiden. Nicht hier. Nicht jetzt.</p><p>Doch er kam immer n�her. Sie �berlegte, wie lange es wohl noch dauern w�rde, bis ihr keine andere Wahl mehr blieb, als sich der Situation zu stellen. Bitte, lieber Gott, hol mich hier raus.</p><p>In dem Moment erf�llte ohrenbet�ubender L�rm die Station. Die U-Bahn fuhr ein. Gott sei Dank.</p><p>Sie stieg ein und beobachtete zufrieden, wie die T�ren sich vor dem Mann schlossen. Er fluchte und schlug gegen die Metallverkleidung der Bahn.</p><p>Sie fuhren los, und Sekunden sp�ter war er verschwunden. Endlich war sie auf dem Weg aus diesem Stadtviertel hinaus, auf dem Weg in ein neues Leben.</p><p>* * *</p><p>Caitlin stieg am Columbus Circle aus und marschierte z�gig los. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie zwanzig Minuten zu sp�t kommen w�rde. Sie schluckte.</p><p>Bitte sei noch da. Bitte geh nicht. Bitte.</p><p>Als sie nur noch wenige H�userblocks von ihrem Ziel entfernt war, sp�rte sie pl�tzlich einen stechenden Schmerz in der Bauchgegend. Sie blieb stehen und kr�mmte sich. Die Intensit�t des Schmerzes �berraschte sie.</p><p>Vorn�bergebeugt umklammerte sie ihren Bauch. Sie war nicht mehr in der Lage, sich zu bewegen, und �berlegte kurz, ob die Passanten sie wohl anstarrten, aber ihre Qual war so gro�, dass es ihr letztendlich gleichg�ltig war. So etwas hatte sie noch nie erlebt. M�hsam schnappte sie nach Luft.</p><p>Viele Menschen hasteten an ihr vorbei, aber niemand blieb stehen, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei.</p><p>Nach ungef�hr einer Minute konnte sie sich schlie�lich wieder langsam aufrichten. Der Schmerz lie� allm�hlich nach.</p><p>Sie atmete tief ein und aus, w�hrend sie �berlegte, was die Ursache des Schmerzes sein k�nnte.</p><p>Schlie�lich ging sie weiter in Richtung des Caf�s. Aber sie war v�llig verwirrt. Und da war noch was � sie hatte Hunger. Es war kein normaler Hunger, sondern eher etwas wie ein unstillbarer Durst. Als eine Frau mit einem Hund an der Leine vor�berging, drehte Caitlin sich um und starrte das Tier an. Sie ertappte sich dabei, wie sie den Kopf reckte und den Hals des Hundes musterte.</p><p>Zu ihrem eigenen Erstaunen erkannte sie die Adern unter der Haut des Tieres und sah das Blut darin pulsieren. Sein Herzschlag war auszumachen, und Caitlin nahm ein dumpfes, bet�ubendes Gef�hl in ihren Z�hnen wahr. Sie wollte das Blut dieses Hundes.</p><p>Als w�rde der Hund ihren Blick sp�ren, drehte er sich um und starrte voller Furcht zu Caitlin hinauf. Er knurrte und zog an der Leine, um schneller wegzukommen. Die Hundebesitzerin sah sie verst�ndnislos an.</p><p>Caitlin ging weiter. Sie verstand nicht, was mit ihr los war. Sie liebte Hunde. Noch nie hatte sie einem Tier etwas zuleide getan, nicht einmal einer Fliege! Was passierte hier mit ihr?</p><p>Doch dann verschwand der Hunger so schnell, wie er gekommen war, und Caitlin f�hlte sich wieder normal. Als sie um die n�chste Stra�enecke bog, sah sie das Caf�. Sie atmete tief durch, beschleunigte ihren Schritt und war beinahe wieder die Alte. Ein erneuter Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie eine halbe Stunde zu sp�t war. Sie betete, dass er noch da war.</p><p>Sie �ffnete die T�r. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, diesmal jedoch nicht vor Schmerz, sondern aus Angst, Jonah k�nnte schon gegangen sein.</p><p>Schnell suchten ihre Augen das Caf� ab. V�llig au�er Atem blieb sie stehen und hatte schon jetzt das Gef�hl, dass sie auffiel. Als sie die G�ste zu ihrer Linken und dann zu ihrer Rechten musterte, stellte sie fest, dass alle Blicke auf sie gerichtet waren. Nur Jonah konnte sie nicht entdecken. Das Herz wurde ihr schwer. Er war wohl schon gegangen.</p><p>�Caitlin?�</p><p>Sie wirbelte herum. Hinter ihr stand Jonah und lachte sie an. Sie freute sich riesig.</p><p>�Es tut mir so leid�, versicherte sie hastig. �Normalerweise komme ich nie zu sp�t. Es ist nur ��</p><p>�Schon okay�, meinte er und legte ihr leicht die Hand auf die Schulter. �Mach dir keine Gedanken. Ich bin einfach nur froh, dass du in Ordnung bist�, f�gte er hinzu.</p><p>Sie sah in seine strahlenden gr�nen Augen. Sein Gesicht war immer noch gr�n und blau verf�rbt und angeschwollen. Trotzdem entspannte sie sich zum ersten Mal an diesem Tag wieder. Nun hatte sie das Gef�hl, dass alles wieder gut werden w�rde.</p><p>�Wir haben blo� nicht mehr viel Zeit, wenn wir p�nktlich da sein wollen�, sagte er. �Uns bleiben nur noch f�nf Minuten. Ich denke, wir sollten ein anderes Mal einen Kaffee trinken.�</p><p>�Schon okay�, erwiderte sie. �Ich bin nur froh, dass wir das Konzert nicht verpassen. Ich f�hle mich wie eine komplette ��</p><p>Pl�tzlich blickte Caitlin an sich hinunter und stellte entsetzt fest, dass sie immer noch ihre legere Kleidung trug und ihre Sporttasche, in der sich ihre h�bschen Sachen und die schicken Schuhe befanden, in der Hand hielt. Urspr�nglich hatte sie geplant, fr�h im Caf� zu sein, die Damentoilette aufzusuchen und sich dort umzuziehen. Doch jetzt stand sie ihm schlampig gekleidet gegen�ber und klammerte sich an eine Sporttasche. Ihre Wangen gl�hten. Sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte.</p><p>�Jonah, es tut mir leid, dass ich in diesem Aufzug hier aufkreuze�, erkl�rte sie schlie�lich. �Ich wollte mich eigentlich vorher umziehen, aber � Hast du nicht gesagt, wir haben noch f�nf Minuten?�</p><p>Besorgt schaute er auf seine Armbanduhr.</p><p>�Ja, aber ��</p><p>�Ich bin sofort wieder da�, rief sie, und noch bevor er etwas einwenden konnte, sauste sie quer durch das Caf� und verschwand auf der Toilette.</p><p>Dort st�rmte sie in eine Kabine und verriegelte die T�r. Dann riss sie ihre Sporttasche auf und zerrte ihre schicken Sachen heraus. Leider waren sie inzwischen leicht zerknittert. Im Handumdrehen schl�pfte sie aus ihrer Kleidung und ihren Schuhen und zog schnell ihren schwarzen Samtrock und ihre wei�e Seidenbluse an. Dann steckte sie sich ihre Ohrringe mit den unechten Diamanten in die Ohrl�ppchen. Sie waren billig, sahen aber gut aus. Ihr Outfit wurde durch die schwarzen High Heels abgerundet.</p><p>Pr�fend betrachtete sie sich im Spiegel. Sie sah ein wenig zerzaust aus, aber es war nicht so schlimm, wie sie es sich vorgestellt hatte. Ihre am Hals offen stehende Bluse enth�llte das kleine silberne Kreuz, das sie wie immer um den Hals trug. Sie hatte keine Zeit gehabt, sich zurechtzumachen, aber zumindest war sie angemessen gekleidet. Schnell hielt sie die H�nde unter den Wasserhahn und fuhr sich durch die Haare. Dann schnappte sie sich ihre schwarze Handtasche.</p><p>Gerade wollte sie gehen, da fiel ihr Blick auf ihre Kleidung und die Turnschuhe. Sie z�gerte kurz. Nat�rlich wollte sie diese Klamotten nicht den ganzen Abend mit sich herumschleppen. Eigentlich wollte sie sie sogar nie wieder tragen.</p><p>Also kn�llte sie die Kleidungsst�cke zusammen und stopfte sie hochzufrieden in den M�lleimer in der Ecke des Raums. Jetzt besa� sie nur noch das Outfit, das sie am K�rper trug � und es f�hlte sich gut an, in dieser Kleidung in ihr neues Leben zu spazieren.</p><p>Jonah wartete vor dem Caf� auf sie, wippte mit dem Fu� und sah immer wieder auf die Uhr. Als sie die T�r �ffnete, drehte er sich rasch um, doch bei ihrem Anblick erstarrte er. Sprachlos starrte er sie an.</p><p>Caitlin hatte noch nie erlebt, dass ein Junge sie so ansah. Sie fand sich eigentlich nicht besonders attraktiv. Doch durch Jonahs Blick f�hlte sie sich, als w�re sie etwas � ganz Besonderes. Zum ersten Mal f�hlte sie sich wie eine Frau.</p><p>�Du bist � wundersch�n�, sagte er leise.</p><p>�Danke�, erwiderte sie. Du auch, h�tte sie gerne geantwortet, aber sie hielt sich zur�ck.</p><p>Erf�llt von neuem Selbstvertrauen ging sie auf ihn zu, hakte sich bei ihm unter und wandte sich in Richtung der Carnegie Hall. Er passte sich ihrem Tempo an und legte seine freie Hand auf ihre.</p><p>Wie sch�n es war, Arm in Arm mit einem Jungen zu gehen. Trotz der Ereignisse des heutigen Tages und des Vortages schwebte Caitlin nun im siebten Himmel.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>6.
				Kapitel</p><p><emphasis>D</emphasis>ie Carnegie Hall war brechend voll. Jonah ging voraus und bahnte sich einen Weg durch die Menge zur Kasse, um ihre Tickets abzuholen. Durchzukommen war nicht einfach. Die hier versammelten Menschen waren wohlhabend und anspruchsvoll, und alle schienen es eilig zu haben. Caitlin hatte noch nie so viele gut gekleidete Leute auf einem Fleck gesehen. Die meisten M�nner trugen einen Smoking, die Frauen lange Abendkleider. �berall glitzerte und funkelte kostbarer Schmuck. Es war aufregend!</p><p>Jonah holte die Tickets ab und f�hrte Caitlin die Treppe hinauf. Er reichte die Tickets einem Saalordner, der den Kontrollabschnitt abriss und dann die Tickets zur�ckgab.</p><p>�Kann ich eins davon behalten?�, fragte Caitlin, als Jonah die Tickets gerade in die Tasche stecken wollte.</p><p>�Na klar�, sagte er und gab ihr eins.</p><p>Sie strich mit dem Daumen dar�ber.</p><p>�Ich hebe so was gerne auf�, f�gte sie err�tend hinzu. �Da bin ich vermutlich ein bisschen sentimental.�</p><p>Jonah l�chelte, als sie das Ticket vorne in ihre Tasche steckte.</p><p>Ein Platzanweiser zeigte ihnen den Weg. Sie gingen einen luxuri�sen Flur mit einem dicken roten Teppich entlang. Gerahmte Bilder von K�nstlern und S�ngern hingen an den W�nden.</p><p>�Wie hast du denn die Freikarten ergattert?�, wollte Caitlin wissen.</p><p>��ber den Lehrer, bei dem ich den Bratschenunterricht nehme�, erkl�rte er. �Er hat ein Abonnement, aber heute konnte er nicht herkommen, deshalb hat er mir die Karten gegeben.�</p><p>�Ich hoffe, es schm�lert das Ganze f�r dich nicht, dass ich nicht selbst daf�r bezahlt habe�, f�gte er dann noch hinzu.</p><p>Sie sah ihn verwirrt an.</p><p>�Unsere Verabredung.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, erwiderte sie. �Du hast mich doch hierhergebracht. Das ist das Einzige, worauf es ankommt. Es ist einfach fantastisch hier.�</p><p>Ein anderer Platzanweiser zeigte Caitlin und Jonah eine schmale T�r, die direkt in den Konzertsaal f�hrte. Sie befanden sich weit oben, in einer H�he von ungef�hr f�nfzehn Metern. In der kleinen Loge gab es nur zehn bis f�nfzehn Pl�tze. Ihre Sitze lagen am Rand des Balkons, direkt vorne am Gel�nder.</p><p>Jonah klappte den dicken Pl�schsitz f�r sie herunter, und sie sah auf die Zuschauermenge und die Musiker hinab. Es war der stilvollste Ort, an dem sie je gewesen war. Staunend betrachtete sie das Meer grauer Haare unter sich und f�hlte sich rund f�nfzig Jahre zu jung, um hier zu sein. Trotzdem war sie begeistert.</p><p>Als Jonah sich setzte, ber�hrten sich ihre Ellbogen. Die N�he seines warmen K�rpers war aufregend. W�hrend sie warteten, h�tte sie am liebsten seine Hand gehalten. Aber sie wollte nicht riskieren, aufdringlich zu wirken. Also hoffte sie, dass er den ersten Schritt wagen w�rde. Aber er machte keine Anstalten. Na ja, es war ja noch fr�h. Vielleicht war er auch sch�chtern.</p><p>Stattdessen beugte er sich �ber das Gel�nder und zeigte ihr die Musiker.</p><p>�Die besten Geiger sitzen am B�hnenrand�, erl�uterte er. �Diese Frau dort ist eine der besten Geigerinnen der Welt.�</p><p>�Hast du schon mal hier gespielt?�, fragte sie.</p><p>Jonah lachte. �Sch�n w�r�s!�, meinte er. �Dieser Konzertsaal liegt nur f�nfzig H�userblocks von unserem entfernt, aber er k�nnte sich genauso gut auf einem anderen Planeten befinden � zumindest, was mein Talent angeht. Vielleicht irgendwann einmal.�</p><p>Sie blickte auf die B�hne hinunter, wo Hunderte von Musikern ihre Instrumente stimmten. Sie trugen alle Abendgarderobe und wirkten ernst und konzentriert. Hinten an der Wand hatte ein riesiger Chor Aufstellung genommen.</p><p>Pl�tzlich stolzierte ein junger Mann um die zwanzig mit langem wallendem Haar auf die B�hne. Auch er trug einen Smoking. Als er zwischen den Musikern hindurchging und auf die Mitte der B�hne zustrebte, erhob sich das gesamte Publikum und applaudierte.</p><p>�Wer ist das denn?�, fragte Caitlin.</p><p>Gerade erreichte der Mann das Zentrum der B�hne und verbeugte sich l�chelnd mehrere Male. Selbst von hier oben konnte Caitlin erkennen, dass er umwerfend attraktiv war.</p><p>�Sergei Rakow�, antwortete Jonah. �Er ist einer der besten Operns�nger der Welt.�</p><p>�Aber er sieht so jung aus.�</p><p>�Hier geht es nicht um Alter, sondern um Talent�, antwortete Jonah. �Aber es gibt Talent, und es gibt Talent. Und mit dieser Art von Talent muss man geboren sein � und man muss sehr viel �ben. Nicht vier Stunden t�glich, sondern acht Stunden. Jeden Tag. Das w�rde ich tun, wenn ich k�nnte, aber mein Dad l�sst mich nicht.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Er will nicht, dass sich mein ganzes Leben nur um eine Bratsche dreht.�</p><p>Sie h�rte die Entt�uschung in seiner Stimme.</p><p>Schlie�lich ebbte der Applaus ab.</p><p>�Heute Abend spielen sie Beethovens 9. Sinfonie�, erkl�rte Jonah. �Sie ist wohl sein ber�hmtestes Werk. Hast du sie schon mal geh�rt?�</p><p>Caitlin sch�ttelte den Kopf und kam sich sehr dumm vor. Sie hatte in der neunten Klasse klassische Musik durchgenommen, aber sie hatte im Unterricht kaum zugeh�rt. Damals hatte sie dem Ganzen nichts abgewinnen k�nnen, und au�erdem waren sie gerade erst wieder umgezogen, und ihre Gedanken waren ganz woanders. Doch jetzt w�nschte sie, sie h�tte besser aufgepasst.</p><p>�Um diese Sinfonie zu spielen, braucht man ein gro�es Orchester�, f�hrte er weiter aus, �und einen gro�en Chor. Wahrscheinlich sind mehr Musiker und S�nger auf der B�hne erforderlich als f�r jedes andere Musikst�ck. Das ist alles sehr aufregend. Deshalb ist das Konzerthaus auch so voll.�</p><p>Sie lie� den Blick �ber den Saal schweifen. Dort waren Tausende von Menschen und kein einziger freier Sitzplatz.</p><p>�Dieses Werk ist die letzte vollendete Sinfonie Beethovens. Er wusste, dass er bald sterben w�rde, und setzte dieses Wissen in Musik um. Was man h�rt, ist der Klang des bevorstehenden Todes.� Er drehte sich zu ihr und l�chelte entschuldigend. �Tut mir leid, es ist etwas morbid, ich wei�.�</p><p>�Nein, das ist schon in Ordnung�, erwiderte sie, und sie meinte es auch so. Sie liebte es einfach, ihm zuzuh�ren. Sie liebte den Klang seiner Stimme, und es gefiel ihr, wie viel er wusste. Ihre Freunde f�hrten immer oberfl�chliche Unterhaltungen, aber sie wollte mehr. Sie sch�tzte sich gl�cklich, mit Jonah zusammen zu sein.</p><p>Es gab so viel, was sie ihm sagen wollte, so viele Fragen, die sie ihm stellen wollte � aber auf einmal wurden die Lichter gedimmt, und im Zuschauerraum wurde es ganz still. Sie w�rde warten m�ssen. Erst einmal lehnte sie sich zur�ck und machte es sich bequem.</p><p>Als sie den Blick senkte, entdeckte sie �berrascht, dass Jonah seine Hand auf die Armlehne zwischen ihnen gelegt hatte � mit der Handfl�che nach oben, als ob er ihre Hand einlud. Langsam, um nicht zu eifrig zu wirken, streckte sie ihre Hand aus und legte sie in seine. Sie war weich und warm. Ihre H�nde schienen miteinander zu verschmelzen.</p><p>Als das Orchester zu spielen begann und die ersten T�ne erklangen � sanft, ruhig und melodi�s �, wurde sie von einem ihr bisher unbekannten Gl�cksgef�hl erfasst. Ihr wurde pl�tzlich bewusst, dass sie noch nie zuvor so gl�cklich gewesen war. Die Ereignisse des Vortags verblassten v�llig. Wenn das der Klang des Todes war, wollte sie mehr davon h�ren.</p><p>* * *</p><p>Caitlin ging voll und ganz in der Musik auf und wunderte sich, dass sie die noch nie geh�rt hatte. Doch als sie gerade noch dar�ber nachdachte, wie sie ihr Date mit Jonah weiter ausdehnen k�nnte, geschah es wieder. Der Schmerz schlug ganz pl�tzlich zu. Er traf sie im Bauch, wie zuvor auf der Stra�e, und sie musste ihre ganze Willenskraft aufwenden, um nicht vor Jonahs Augen umzukippen. Schweigend biss sie die Z�hne zusammen und rang nach Luft. Auf ihrer Stirn bildeten sich Schwei�perlen.</p><p>Ein weiterer stechender Schmerz ergriff Besitz von ihr.</p><p>Dieses Mal schrie sie leise auf, nur ein kleines bisschen, aber laut genug, um die Musik zu �bert�nen, die gerade anschwoll. Jonah musste sie geh�rt haben, denn er drehte sich zu ihr und sah sie besorgt an. Sanft legte er ihr eine Hand auf die Schulter.</p><p>�Bist du okay?�, fragte er.</p><p>Nein, sie war nicht okay. Der Schmerz war �berw�ltigend. Und sie sp�rte noch etwas anderes: Hunger. Sie hatte geradezu Hei�hunger. Noch nie zuvor in ihrem Leben hatte sie ein Gef�hl derma�en �berw�ltigt.</p><p>Sie sah kurz zu Jonah hin�ber, und ihr Blick suchte sofort seinen Hals. Instinktiv konzentrierte sie sich auf das Pulsieren seiner Vene und verfolgte ihren Verlauf vom Ohr hinunter bis zur Kehle. Sie beobachtete das Pochen seines Pulses und z�hlte die Herzschl�ge.</p><p>�Caitlin?�</p><p>Das Verlangen wurde �berm�chtig. Sie sp�rte, dass sie sich nicht mehr l�nger unter Kontrolle haben w�rde, wenn sie auch nur noch eine Sekunde l�nger sitzen blieb. Wenn sie jetzt nichts unternahm, w�rde sie definitiv ihre Z�hne in Jonahs Hals bohren.</p><p>Mit allerletzter Willenskraft stand Caitlin auf, sprang mit einer einzigen flie�enden Bewegung �ber Jonah hinweg und rannte die Stufen hinauf zur T�r.</p><p>Im selben Moment wurden die Lichter im Saal voll aufgedreht, w�hrend das Orchester noch die letzten Noten spielte. Pause. Das gesamte Publikum sprang auf und applaudierte wie wild.</p><p>Caitlin erreichte die T�r wenige Sekunden, bevor die Massen sich aus ihren Sitzen erhoben.</p><p>�Caitlin!?�, schrie Jonah irgendwo hinter ihr. Wahrscheinlich versuchte er, ihr zu folgen.</p><p>Sie konnte nicht zulassen, dass er sie so sah. Und was noch viel wichtiger war: Sie durfte ihn nicht in ihre N�he lassen. Sie f�hlte sich wie ein Tier. Schnell lief sie die leeren G�nge der Carnegie Hall entlang, schnell und immer schneller, bis sie schlie�lich regelrecht sprintete.</p><p>Bald erreichte sie eine unglaubliche Geschwindigkeit und raste f�rmlich �ber die mit Teppichen ausgelegten Flure. Sie war ein Tier auf der Jagd. Und sie brauchte Nahrung. Sie wusste genug, um zu begreifen, dass sie von der Menschenmenge weg musste. Und zwar schnell.</p><p>Als sie einen Ausgang entdeckte, lehnte sie sich mit der Schulter gegen die T�r, doch sie war verschlossen. Caitlin sprengte sie einfach aus den Angeln.</p><p>Anschlie�end fand sie sich in einem nicht f�r die �ffentlichkeit bestimmten Treppenhaus wieder. Sie sauste die Stufen hinauf, immer drei auf einmal nehmend, bis sie eine weitere T�r erreichte. Sie �ffnete sie auf die gleiche Weise wie die erste T�r und stand in einem neuen Gang.</p><p>Dieser Gang war noch vornehmer und noch leerer als die anderen. Trotz des Nebels, in dem sie sich bewegte, erkannte sie, dass sie sich im Backstagebereich befand. Sie ging den Flur entlang und kr�mmte sich vor Hunger. Ihr war klar, dass sie das keine Sekunde l�nger aushalten konnte.</p><p>Sie hob die Hand und versetzte der n�chstbesten T�r einen Sto�. Sie flog mit einem lauten Krachen auf. Es war eine private Garderobe.</p><p>Vor einem Spiegel sa� der S�nger, Sergei, und bewunderte sich selbst. Das hier musste seine Garderobe sein. Irgendwie hatte es sie hierherverschlagen.</p><p>�rgerlich stand er auf.</p><p>�Es tut mir leid, aber jetzt gibt es keine Autogramme�, schnauzte er sie an. �Die Sicherheitsleute h�tten Ihnen das sagen sollen. Das ist meine freie Zeit. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen w�rden, ich muss mich vorbereiten.�</p><p>Mit einem kehligen Schrei st�rzte Caitlin sich direkt auf seinen Hals und bohrte ihre Z�hne tief in seine Kehle.</p><p>Er schrie auf, aber es war zu sp�t.</p><p>Ihre Z�hne stie�en in seine Venen. Sie trank. Sie sp�rte, wie sein Blut durch ihre Adern floss und ihr heftiges Verlangen allm�hlich gestillt wurde. Es war genau das, was sie gebraucht hatte. Und sie h�tte keinen Augenblick l�nger warten k�nnen.</p><p>Sergei sank bewusstlos in seinem Stuhl zusammen, w�hrend Caitlin sich mit blutverschmiertem Gesicht aufrichtete und zufrieden l�chelte. Sie hatte einen neuen Geschmack entdeckt. Und nichts w�rde dem je wieder im Wege stehen.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>7.
				Kapitel</p><p><emphasis>G</emphasis>race O�Reilly, Detective der New Yorker Mordkommission, �ffnete die T�r zur Carnegie Hall und wusste sofort, dass es schlimm werden w�rde. Sie hatte die Presse schon �fter au�er Rand und Band erlebt, aber noch nie so wie jetzt. Die Reporter �berschlugen sich f�rmlich und waren ungew�hnlich aggressiv.</p><p>�Detective!�</p><p>Als sie eintrat, riefen sie wiederholt nach ihr, und Blitzlichter flammten auf.</p><p>Als Grace und ihre Beamten durch das Foyer gehen wollten, wichen sie nicht einen Millimeter zur Seite. Grace war vierzig Jahre alt, muskul�s und abgebr�ht. Sie hatte kurze schwarze Haare und dunkle Augen, und sie war tough. Eigentlich war sie daran gew�hnt, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, aber diesmal war es nicht einfach. Die Reporter witterten eine Riesenstory, und sie w�rden nicht nachgeben. Das w�rde der Polizei das Leben deutlich schwerer machen.</p><p>Ein junger internationaler Star, der auf dem Zenit seines Ruhms und seiner Macht ermordet wurde, und das mitten in der Carnegie Hall w�hrend seines Deb�ts in den USA � Die ganze Presse war bereits versammelt, um �ber das Deb�t zu berichten. Auch ohne das kleinste Problemchen w�ren Berichte �ber seine Darbietung in den Zeitungen �berall auf der Welt zu lesen gewesen. Selbst wenn er nur gestolpert und gest�rzt w�re oder sich den Fu� verstaucht h�tte, w�re die Story auf s�mtlichen Titelseiten gelandet.</p><p>Und jetzt das! Ermordet. Mitten in dem verdammten Konzert. Nachdem er erst wenige Minuten zuvor gesungen hatte. Das war einfach zu viel. Die Presse hatte sich f�rmlich darauf gest�rzt, und sie w�rde ganz sicher nicht lockerlassen.</p><p>Mehrere Journalisten hielten ihr Mikrofone vors Gesicht.</p><p>�Detective Grant! Angeblich soll Sergei von einem wilden Tier umgebracht worden sein. Ist das wahr?�</p><p>Sie ignorierte sie alle und setzte die Ellbogen ein, um an ihnen vorbeizugelangen.</p><p>�Warum waren die Sicherheitsvorkehrungen in der Carnegie Hall nicht besser, Detective?�, wollte ein anderer Reporter wissen.</p><p>Der n�chste rief: �Es hei�t, man habe es mit einem Serienm�rder zu tun. Er wird schon der �Beethoven-Schl�chter� genannt. K�nnen Sie dazu Stellung nehmen?�</p><p>Als sie endlich die andere Seite des Foyers erreicht hatte, drehte sie sich zu den Journalisten um.</p><p>Die Menge wurde still.</p><p>�Beethoven-Schl�chter?�, wiederholte sie. �F�llt euch denn nichts Besseres ein?�</p><p>Bevor die Journalisten weitere Fragen stellen konnten, verlie� sie z�gig den Raum.</p><p>Grace stieg zusammen mit den anderen Kripobeamten die Hintertreppe der Carnegie Hall hinauf. W�hrenddessen wurde sie von ihren Kollegen mit Informationen versorgt. Aber in Wahrheit h�rte sie kaum zu. Sie war m�de. Letzte Woche hatte sie gerade mal ihren vierzigsten Geburtstag gefeiert, und sie wusste, dass sie noch nicht so m�de h�tte sein d�rfen. Aber die langen Abende im M�rz mit den ganzen �berstunden hatten sie geschafft, und sie brauchte dringend ein wenig Erholung. Das hier war bereits der dritte Mord in diesem Monat, die Selbstmorde nicht mitgez�hlt. Sie sehnte sich nach warmem Wetter, nach etwas Gr�n und nach weichem Sand unter den F��en. Kurzum: Sie wollte ein anderes Leben.</p><p>Als sie den Gang betraten, der zum Backstagebereich f�hrte, warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr. Ein Uhr nachts. Auch ohne nachzusehen, war ihr klar, dass die Spuren am Tatort inzwischen verdorben waren. Warum nur hatte man sie nicht fr�her geholt?</p><p>Sie h�tte heiraten sollen, wie ihre Mutter es ihr geraten hatte. Damals, mit drei�ig. Zu der Zeit hatte sie einen Freund gehabt. Er war nicht perfekt gewesen, aber es h�tte klappen k�nnen. Doch sie hatte sich an ihre Karriere geklammert, genau wie ihr Vater. Sie hatte gedacht, das sei es, was ihr Vater wollte. Inzwischen war ihr Vater tot, und sie hatte nie wirklich herausgefunden, was er wollte. Sie war m�de. Und einsam.</p><p>�Keine Zeugen�, sagte einer der Beamten, die sie begleiteten. �Die Gerichtsmedizin meint, es w�re zwischen 22:15 Uhr und 22:28 Uhr passiert. Es gibt keine Anzeichen f�r einen Kampf.�</p><p>Grace gefiel dieser Tatort nicht. Zu viele Leute waren in die Ermittlungen involviert, und zu viele waren vor ihr hier gewesen. Jeder Schritt, den sie unternahm, w�rde genau beobachtet werden. Und gleichg�ltig, wie gro�artig die Ermittlungsarbeit war, die sie leisten w�rde � den Verdienst w�rde sich schlussendlich jemand anders auf die Fahnen schreiben. Zu viele Abteilungen waren involviert, und das bedeutete strategische Verwicklungen.</p><p>Schlie�lich lie� sie die letzten Reporter hinter sich und betrat den abgesperrten Bereich, zu dem nur ausgew�hlte Beamte Zutritt hatten. Als sie den Flur dort entlangging, wurde es endlich ruhiger. Endlich konnte sie wieder in Ruhe nachdenken.</p><p>Die T�r zu seiner Garderobe war angelehnt. Sie streifte sich Latexhandschuhe �ber und schob die T�r vorsichtig ganz auf.</p><p>In ihren zwanzig Dienstjahren bei der Polizei hatte sie schon alles erlebt. Sie hatte Leichen gesehen, die auf jede erdenkliche Art und Weise umgebracht worden waren, selbst auf Arten, die sie sich in ihren schlimmsten Albtr�umen nicht h�tte vorstellen k�nnen. Aber so etwas hatte sie noch nie gesehen.</p><p>Nicht, weil das hier besonders blutig gewesen w�re. Nicht, weil schreckliche Gewalt angewendet worden w�re. Nein, es war etwas anderes. Etwas Unwirkliches. Es war zu ruhig. Alles war in perfekter Ordnung. Alles au�er der Leiche nat�rlich. Der Tote sa� zusammengesunken in seinem Stuhl, sein Hals war entbl��t. Und dort waren zwei vollkommene L�cher zu sehen, direkt in seiner Halsschlagader.</p><p>Kein Blut. Keine Kampfspuren. Keine zerrissene Kleidung. Alles war sauber und ordentlich. Es war, als h�tte eine Fledermaus sein Blut ausgesaugt und w�re dann davongeflogen, ohne etwas zu ber�hren. Es war gespenstisch und absolut grauenerregend. W�re seine Haut nicht so wei� gewesen, h�tte man geglaubt, dass er noch lebte und nur ein Nickerchen hielt. Sie war sogar versucht, zu ihm zu gehen und nach seinem Puls zu suchen. Aber ihr war klar, wie dumm das gewesen w�re.</p><p>Sergei Rakow. Er war zwar noch jung, aber nach dem, was sie geh�rt hatte, ein arrogantes Arschloch gewesen. Konnte er also bereits Feinde gehabt haben?</p><p>Wer zum Teufel konnte das getan haben? Ein Tier? Ein Mensch? Eine neuartige Waffe? Oder war er es selbst gewesen?</p><p>�Der Angriffswinkel schlie�t Selbstmord als Todesursache aus�, erkl�rte Detective Ramos. Er stand mit seinem Notizblock neben ihr und las � wie immer � ihre Gedanken.</p><p>�Ich will alles wissen, was wir �ber ihn in Erfahrung bringen k�nnen�, forderte sie. �Ich will wissen, wem er Geld schuldete. Ich will wissen, wer seine Feinde waren � ich will wissen, wer seine Exfreundin und wer seine zuk�nftige Ehefrau war. Ich will alles. Vielleicht ist er den falschen Leuten auf die F��e getreten.�</p><p>�Ja, wird erledigt�, antwortete Ramos und eilte aus dem Zimmer.</p><p>Warum wohl w�rde jemand genau diesen Zeitpunkt ausw�hlen, um ihn zu ermorden? Warum w�hrend der Pause? Steckte eine Botschaft dahinter?</p><p>Langsam ging sie durch den mit dickem Teppich ausgelegten Raum und betrachtete den toten S�nger aus jeder m�glichen Perspektive. Er hatte lange, gewellte schwarze Haare und war sogar jetzt noch auffallend attraktiv. Was f�r eine Verschwendung.</p><p>Just in dem Moment, als sie das dachte, wurde es pl�tzlich laut im Raum. Alle Polizisten drehten sich gleichzeitig um. Ein kleiner Fernseher in der Ecke hatte sich eingeschaltet. Er zeigte Aufnahmen des Konzerts vom heutigen Abend. Beethovens Neunte erf�llte das Zimmer.</p><p>Einer der Beamten ging Richtung Fernseher, um ihn abzuschalten.</p><p>�Nicht�, befahl sie.</p><p>Er blieb stehen.</p><p>�Ich m�chte das gerne h�ren.�</p><p>Sie starrte Sergei an und lauschte seiner Stimme. Der Stimme des Mannes, der vor nur wenigen Stunden noch gelebt hatte. Es war gespenstisch.</p><p>Noch einmal umkreiste Grace den Raum. Diesmal kniete sie sich hin.</p><p>�Wir haben bereits das ganze Zimmer untersucht�, versicherte ein FBI-Agent ungeduldig.</p><p>Doch da entdeckte sie etwas aus dem Augenwinkel. Sie schob die Hand weit unter den Sessel. Dann reckte sie den Hals und drehte den Arm zur Seite.</p><p>Schlie�lich fand sie, was sie gesucht hatte. Mit rotem Kopf stand sie auf und hielt ein kleines St�ck Papier hoch.</p><p>Die Polizisten starrten sie an.</p><p>�Der Rest einer Eintrittskarte�, sagte sie, nachdem sie den Papierfetzen mit ihrer behandschuhten Hand untersucht hatte. �Rechter Balkon, Sitz drei. Vom heutigen Konzert.�</p><p>Sie blickte auf und sah die Polizisten ernst an. Ausdruckslos erwiderten sie ihren Blick.</p><p>�Glauben Sie, das Ticket hat dem M�rder geh�rt?�, fragte schlie�lich einer.</p><p>�Nun, eins ist mal sicher�, antwortete sie und warf einen letzten Blick auf den toten russischen Opernstar. �Ihm geh�rte es nicht.�</p><p>* * *</p><p>Kyle stolzierte �ber den roten Teppich den Gang entlang und bahnte sich m�helos einen Weg durch das Gedr�nge. Wie immer war er schlecht gelaunt. Er hasste Menschenansammlungen, und er hasste die Carnegie Hall. Irgendwann um 1890 herum hatte er hier einmal ein Konzert besucht, und es war nicht gut gelaufen. Er war sehr nachtragend.</p><p>Der hohe schwarze Kragen seines Mantels verdeckte seinen Nacken und rahmte sein Gesicht ein. Er marschierte einen Gang entlang, und s�mtliche Leute machten ihm Platz. Polizeibeamte, Sicherheitsleute, Presseagenten � alle bildeten eine Gasse f�r ihn.</p><p>Menschen sind so leicht zu kontrollieren, dachte er. Ein kleines bisschen mentale Beeinflussung � und schon hasten sie aus dem Weg wie dumme Schafe.</p><p>Kyle war ein Vampir aus dem Blacktide Clan und hatte in seinen mehr als dreitausend Jahren schon alles erlebt, was man nur erleben konnte. Er war dabei gewesen, als Christus gekreuzigt wurde. Er war Zeuge der Franz�sischen Revolution gewesen. Er hatte miterlebt, wie sich die Pocken in Europa ausbreiteten � er hatte sogar mit dazu beigetragen. Es gab eigentlich nichts mehr, was ihn noch �berraschen konnte.</p><p>Aber diese Nacht �berraschte ihn. Und er mochte keine �berraschungen.</p><p>Normalerweise w�rde er einfach seine stattliche Erscheinung f�r sich sprechen lassen und sich einen Weg durch die Menge bahnen. Trotz seines Alters sah er jung und attraktiv aus, und die Leute machten ihm �blicherweise gerne Platz. Aber daf�r hatte er heute Nacht keine Geduld, schon gar nicht unter den gegebenen Umst�nden. Schlie�lich gab es dringende Fragen, auf die er noch keine Antwort hatte.</p><p>Welcher Vampir w�re so waghalsig, in der �ffentlichkeit einen Menschen zu t�ten? Wer w�rde sich f�r eine solche Weise entscheiden, bei der die Leiche unweigerlich gefunden werden musste? Es verstie� gegen jegliche Regel ihrer Art. Gleichg�ltig, ob man zu den Guten oder zu den B�sen z�hlte, diese Grenze �berschritt man einfach nicht. Niemand wollte, dass diese Art von Aufmerksamkeit auf die Vampire gelenkt wurde. Es handelte sich um einen Versto� gegen ihre �berzeugung, f�r den es nur eine m�gliche Bestrafung gab, n�mlich den Tod. Einen langsamen, qualvollen Tod.</p><p>Wer w�re dreist genug, so etwas zu tun? So viel unerw�nschte Aufmerksamkeit bei Presse, Politik und Polizei zu erregen? Und was noch schlimmer war, das Ganze auf dem Territorium seines Clans zu tun? Es warf ein schlechtes Licht auf seinen Clan � schlimmer als schlecht. Es lie� sie wehrlos aussehen. Alle Vampire w�rden zusammenkommen und seinen Clan daf�r verantwortlich machen. Und wenn sie diesen aus der Art geschlagenen Vampir nicht finden k�nnten, w�rde das Krieg bedeuten. Krieg zu einer Zeit, zu der sie es sich nicht leisten konnten, weil sie gerade dabei waren, ihren Masterplan in die Tat umzusetzen.</p><p>Kyle ging an einer Polizistin vorbei, und sie stie�en heftig zusammen. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, drehte sie sich auch noch um und starrte ihn an. Er war �berrascht. Kein anderer Mensch in dieser Menge besa� die mentale St�rke, ihn �berhaupt wahrzunehmen. Sie musste st�rker sein als die anderen. Entweder das, oder er wurde allm�hlich nachl�ssig.</p><p>Er verdoppelte seine mentale Kraft und richtete sie auf die Frau. Schlie�lich sch�ttelte sie den Kopf, wandte sich ab und ging weiter. Er w�rde sie im Auge behalten m�ssen. Schnell warf er einen Blick auf ihr Namensschild. Detective Grace Grant. Sie k�nnte vielleicht zu einem Problem werden.</p><p>Kyle setzte seinen Weg fort und eilte an weiteren Reportern vorbei, ignorierte das Absperrband und stie� auf eine Gruppe von FBI-Agenten. Dann erreichte er die offen stehende T�r und blickte in den Raum. Dort befanden sich weitere FBI-Agenten sowie ein Mann in einem teuren Anzug. Sein unruhiger Blick und sein ehrgeiziges Aussehen lie�en Kyle vermuten, dass er Politiker war.</p><p>�Die russische Botschaft ist nicht erfreut�, fauchte er den verantwortlichen FBI-Agenten an. �Ihnen ist sicher klar, dass das nicht nur eine Angelegenheit der New Yorker Polizei oder der amerikanischen Regierung ist. Sergei war ein Star unter den S�ngern unseres Landes. Seine Ermordung muss als Affront gegen�ber Russland betrachtet werden ��</p><p>Kyle hob die Hand und brachte den Politiker mit seiner Willenskraft zum Schweigen. Er hasste es, Politikern zuzuh�ren, und speziell von diesem hier hatte er schon mehr als genug geh�rt. Au�erdem hasste er Russen. Eigentlich hasste er fast alles. Aber heute Nacht erreichte sein Hass eine neue Dimension. Beinah h�tte seine Ungeduld ihn �berw�ltigt.</p><p>Niemand der Anwesenden schien zu bemerken, dass Kyle den Politiker zum Schweigen gebracht hatte, nicht einmal der Politiker selbst. Vielleicht waren sie auch dankbar. Auf jeden Fall stellte Kyle sich an eine Wand und setzte erneut seine mentale Kraft ein. Diesmal, um daf�r zu sorgen, dass alle den Raum verlie�en.</p><p>�Ich w�rde vorschlagen, dass wir eine kurze Kaffeepause einlegen�, sagte der verantwortliche FBI-Agent auf einmal. �Damit wir wieder einen klaren Kopf bekommen.�</p><p>Alle nickten zustimmend und verlie�en fluchtartig das Zimmer, als w�re es das Normalste der Welt. Zuletzt sorgte Kyle noch daf�r, dass sie die T�r hinter sich schlossen. Er hasste den Klang menschlicher Stimmen, und gerade jetzt wollte er sie nicht h�ren.</p><p>Kyle atmete tief ein. Da er nun endlich allein war, konnte er seine Gedanken voll und ganz auf diesen Menschen konzentrieren. Er ging dicht an Sergei heran und zog ihm den Kragen zur�ck, um die Bissspuren betrachten zu k�nnen. Dann legte er zwei seiner blassen, kalten Finger in die Wunden. Anschlie�end hielt er sie in die H�he und sch�tzte den Abstand zwischen ihnen ab.</p><p>Eine kleinere Bissspur, als er vermutet h�tte. Es war also eine Sie; der aus der Art geschlagene Vampir war weiblich. Und jung: Die Z�hne waren nicht besonders lang.</p><p>Er legte die Finger wieder �ber die Bissspuren und schloss die Augen. Auf diese Weise versuchte er, die Herkunft des Blutes und die Herkunft des Vampirs, der zugebissen hatte, zu erf�hlen. Schlie�lich riss er erschreckt die Augen auf. Schnell zog er die Finger zur�ck. Was er gef�hlt hatte, gefiel ihm nicht, denn er konnte es nicht deuten. Es handelte sich definitiv um einen aus der Art geschlagenen Vampir. Sie geh�rte weder zu seinem Clan noch zu irgendeinem Clan, den er kannte. Was ihn jedoch noch mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass er nicht herausfinden konnte, zu welcher Vampirspezies sie �berhaupt geh�rte. Das war ihm in den dreitausend Jahren noch nie passiert.</p><p>Er hielt sich die Finger unter die Nase und roch daran. Ihr Geruch �berw�ltigte ihn. Normalerweise w�rde das ausreichen � er w�sste ganz genau, wo sie zu finden w�re. Aber in diesem Fall war er ratlos. Irgendetwas verschleierte seinen Blick.</p><p>Er runzelte die Stirn. Sie hatten keine Wahl. Sie mussten sich auf die Polizei verlassen. Seine Vorgesetzten w�rden nicht gerade erfreut sein.</p><p>Kyle war jetzt noch schlechter gelaunt als vorher, falls das �berhaupt m�glich war. Er starrte Sergei an und �berlegte, was er mit ihm tun sollte. In einigen Stunden w�rde er erwachen � ein weiterer Vampir ohne Clan, der frei herumlief. Er k�nnte kurzen Prozess machen und ihn auf der Stelle endg�ltig umbringen. Das w�rde ihm sogar Spa� machen, und die Vampire brauchten wohl kaum Nachwuchs.</p><p>Aber damit w�rde er Sergei ein gro�es Geschenk machen. Er m�sste nicht die Unsterblichkeit ertragen, nicht Tausende von Jahren des Weiterlebens und der Verzweiflung erdulden, all die endlosen N�chte � Nein, das w�re zu freundlich. Warum sollte Sergei nicht lieber mit ihm gemeinsam leiden?</p><p>Er dachte dar�ber nach. Ein Operns�nger. Sein Clan h�tte sicher Spa� an ihm. Dieser kleine russische Junge k�nnte sie unterhalten, wenn ihnen danach war. Er w�rde ihn mitnehmen. Ihn verwandeln. Damit h�tte er einen weiteren Sch�tzling, der ihm zur Verf�gung st�nde.</p><p>Au�erdem k�nnte Sergei ihm helfen, sie zu finden. Ihre Witterung befand sich jetzt in seinem Blut. Er konnte sie zu ihr f�hren. Und dann w�rden sie sie leiden lassen.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>8.
				Kapitel</p><p><emphasis>D</emphasis>er brennende Schmerz weckte Caitlin. Ihre Haut f�hlte sich an, als st�nde sie in Flammen, und als sie die Augen aufschlagen wollte, schoss ein stechender Schmerz durch ihren Kopf. Eine Explosion in ihrem Sch�del.</p><p>Also hielt sie die Augen geschlossen und tastete mit den H�nden ihre Umgebung ab. Sie lag auf irgendetwas. Es war weich, aber trotzdem fest. Eine Matratze konnte es nicht sein. Sie fuhr mit den Fingern daran entlang. Es f�hlte sich wie Plastik an.</p><p>Wieder �ffnete Caitlin die Augen, ganz langsam diesmal, und blickte fl�chtig an sich hinunter. Plastik. Schwarzes Plastik. Und dieser Gestank! Was war das? Sie drehte den Kopf ein wenig, machte die Augen weiter auf, und dann begriff sie es: Sie lag auf M�lls�cken. Angestrengt reckte sie den Kopf. Sie war in einem M�llcontainer.</p><p>Mit einem Ruck setzte sie sich auf. Ihr Kopf und ihr Nacken schmerzten h�llisch. Der Gestank war unertr�glich. Inzwischen waren ihre Augen ganz ge�ffnet, und sie sah sich entsetzt um. Wie zum Teufel war sie hier gelandet?</p><p>Sie rieb sich die Stirn und versuchte zu rekonstruieren, wie sie hierhergekommen war. Doch sie hatte keinen Erfolg. Also versuchte sie, sich an den Vorabend zu erinnern. Mithilfe ihrer ganzen Willenskraft beschwor sie die Erinnerung herauf. Langsam kam alles zur�ck �</p><p>Der Streit mit ihrer Mutter. Die U-Bahn. Die Verabredung mit Jonah. Die Carnegie Hall. Das Konzert. Und dann � dann �</p><p>Der Hunger. Das heftige Verlangen. Genau, das Verlangen. Sie hatte Jonah verlassen. War hinausgeeilt. Durch die G�nge gestreift. Und dann � Leere. Nichts.</p><p>Wohin war sie gegangen? Was hatte sie getan? Und wie war sie nur hierhergelangt? Hatte Jonah sie etwa unter Drogen gesetzt? Hatte er sie missbraucht und dann hier abgelegt?</p><p>Das konnte sie sich nicht vorstellen. Er war nicht der Typ f�r so etwas. Das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie allein durch die G�nge gestreift war. Sie hatte Jonah weit hinter sich gelassen. Nein. Er konnte nichts damit zu tun haben.</p><p>Aber was war dann passiert?</p><p>Caitlin kniete sich langsam hin, doch einer ihrer F��e rutschte zwischen zwei S�cke, und sie sank tiefer in den Container. Schnell zog sie den Fu� heraus und fand wieder festen Halt, wobei die Plastikflaschen in dem Sack laut knirschten.</p><p>Der Metalldeckel des Containers stand offen. Hatte sie ihn letzte Nacht ge�ffnet und war hineingeklettert? Warum h�tte sie das tun sollen? Sie streckte den Arm in die H�he und schaffte es geradeso eben, die Metallstange am oberen Rand zu packen. Sie hatte Bedenken, ob sie genug Kraft haben w�rde, um sich herauszuziehen.</p><p>Aber als sie es versuchte, stellte sie verbl�fft fest, wie einfach es war: eine anmutige Bewegung, und schon schwang sie die Beine �ber den Rand, lie� sich fallen und landete auf dem Asphalt. Zu ihrem Erstaunen war ihre Landung sanft und anmutig, und sie sp�rte fast nichts davon. Was war blo� mit ihr los?</p><p>In dem Moment, als Caitlin auf dem B�rgersteig landete � mitten in New York City �, ging ein gut gekleidetes Paar vor�ber. Die beiden erschraken heftig. Sie drehten sich um und starrten sie peinlich ber�hrt an � anscheinend konnten sie nicht verstehen, warum ein M�dchen im Teenageralter aus einem gro�en M�llcontainer sprang. Sie warfen ihr einen ausgesprochen seltsamen Blick zu und beschleunigten ihren Schritt, um so schnell wie m�glich von ihr wegzukommen.</p><p>Caitlin konnte es ihnen nicht ver�beln. Wahrscheinlich h�tte sie es genauso gemacht. Sie sah an sich hinunter. Noch immer trug sie ihre Abendgarderobe von gestern, aber inzwischen war sie v�llig verschmutzt und mit M�ll bedeckt. Au�erdem stank sie. Sie klopfte den Schmutz so gut es ging ab.</p><p>Dabei tastete sie schnell ihre Taschen ab. Kein Handy. Ihre Gedanken rasten, als sie sich zu erinnern versuchte, ob sie es aus der Wohnung mitgenommen hatte.</p><p>Nein. Sie hatte es in ihrem Zimmer zur�ckgelassen, auf der Ecke ihres Schreibtischs. Eigentlich hatte sie vorgehabt, es mitzunehmen, aber ihre Mom hatte sie so aus der Fassung gebracht, dass sie es vergessen hatte. Mist! Ihr Tagebuch hatte sie auch liegen lassen. Und sie brauchte beides. Au�erdem musste sie dringend duschen und sich umziehen.</p><p>Caitlin warf einen Blick auf ihr Handgelenk, aber ihre Uhr war verschwunden. Sie musste sie irgendwann im Laufe der Nacht verloren haben. Vorsichtig machte sie einen Schritt auf den belebten Gehsteig. Aber die Sonne schien ihr direkt ins Gesicht, und sofort breitete sich Schmerz hinter ihrer Stirn aus.</p><p>Schnell trat sie in den Schatten zur�ck. Sie hatte keine Ahnung, was mit ihr los war. Zum Gl�ck war es bereits sp�ter Nachmittag. Hoffentlich ging dieser Kater � oder was auch immer es war � schnell vor�ber.</p><p>Sie versuchte dar�ber nachzudenken, wohin sie gehen konnte. Am liebsten h�tte sie Jonah angerufen. Das war verr�ckt, schlie�lich kannte sie ihn kaum. Und nach letzter Nacht � was auch immer sie getan haben mochte � wollte er sie bestimmt nie wiedersehen. Aber trotzdem war er der Erste, der ihr in den Sinn kam. Sie wollte seine Stimme h�ren und bei ihm sein. Nicht zuletzt deshalb, weil sie ihn brauchte, um ihre Ged�chtnisl�cken zu schlie�en. Sie wollte unbedingt mit ihm reden. Und daf�r brauchte sie ihr Telefon.</p><p>Also w�rde sie ein letztes Mal nach Hause gehen, ihr Handy und ihr Tagebuch holen und sofort wieder verschwinden. Sie betete, dass ihre Mutter nicht zu Hause war. Vielleicht war das Gl�ck ja ausnahmsweise mal auf ihrer Seite.</p><p>* * *</p><p>Caitlin stand vor dem Geb�ude und betrachtete es mit einem unguten Gef�hl. Die Sonne ging unter, und das Licht st�rte sie nicht mehr so sehr. Vielmehr f�hlte sie sich mit jeder Stunde, die die Nacht n�her r�ckte, st�rker.</p><p>Mit Lichtgeschwindigkeit sprang sie die Treppen in den f�nften Stock hinauf und �berraschte sich selbst. Obwohl sie immer drei Stufen auf einmal nahm, waren ihre Beine kein bisschen m�de. Sie konnte sich nicht erkl�ren, was mit ihrem K�rper vor sich ging. Doch was es auch sein mochte, es gefiel ihr sehr!</p><p>Ihre gute Laune verschwand, als sie sich der Wohnungst�r n�herte. Ihr Herz begann zu h�mmern. Sie fragte sich, ob ihre Mom wohl zu Hause war. Wie w�rde sie reagieren?</p><p>Aber als sie die Hand nach dem Knauf ausstreckte, stellte sie erstaunt fest, dass die T�r bereits offen und nur leicht angelehnt war. Ihre ungute Vorahnung verst�rkte sich. Warum stand die T�r offen?</p><p>Z�gernd betrat Caitlin das Apartment. Der Holzboden unter ihren F��en knarrte. Langsam ging sie durch den Flur ins Wohnzimmer.</p><p>Als sie den Raum betrat, drehte sie den Kopf zur Seite � und schlug sofort entsetzt die Hand vor den Mund. Schlagartig wurde ihr �bel. Sie wandte sich ab und �bergab sich.</p><p>Es war ihre Mom. Sie lag mit offenen Augen auf dem Boden. Tot. Ihre Mutter. Tot. Aber wie war das passiert?</p><p>Blut sickerte aus ihrem Hals und bildete eine kleine Pf�tze auf dem Fu�boden. Das konnte ihre Mutter auf keinen Fall selbst getan haben. Sie war ermordet worden. Aber wie? Und von wem? So sehr sie ihre Mutter auch hasste, ein derartiges Ende h�tte sie ihr nie gew�nscht.</p><p>Das Blut war noch frisch, und Caitlin begriff auf einmal, dass es gerade erst geschehen sein musste. Die offene T�r � War jemand eingebrochen?</p><p>Schnell drehte sie sich einmal im Kreis und sah sich um. Sie sp�rte, wie sich ihr die Nackenhaare aufstellten. Befand sich au�er ihr noch jemand in der Wohnung?</p><p>Wie um ihre unausgesprochene Frage zu beantworten, tauchten genau in diesem Moment drei Personen aus dem anderen Zimmer auf. Sie waren von Kopf bis Fu� schwarz gekleidet. Ungezwungen spazierten sie ins Wohnzimmer und kamen auf Caitlin zu. Drei M�nner. Es war schwer zu sagen, wie alt sie waren � sie wirkten irgendwie alterslos �, vielleicht Ende zwanzig. Alle drei waren gut gebaut. Muskul�s. Kein Gramm Fett. Gepflegt. Und sehr, sehr blass.</p><p>Einer von ihnen trat vor.</p><p>Voller Angst ging Caitlin einen Schritt zur�ck. Sie empfand Grauen. Sie verstand nicht, warum, aber sie konnte die Energie dieses Mannes sp�ren. Und diese Energie war ausgesprochen negativ.</p><p>�So�, sagte der Anf�hrer mit tiefer, b�ser Stimme. �Jetzt ist es Zeit f�r unsere Rache.�</p><p>�Wer sind Sie?�, fragte Caitlin und bewegte sich weiter r�ckw�rts. Dabei suchte sie den Raum nach einer Waffe ab. Nach etwas, was man als Schlagstock verwenden konnte. Sie �berlegte, welche M�glichkeiten zur Flucht sie hatte. Das Fenster hinter ihr. Gab es dort drau�en eine Feuertreppe?</p><p>�Das ist genau die Frage, die wir eigentlich dir stellen wollten�, antwortete der Mann. �Deine Menschenfreundin hatte keine Antwort darauf�, f�gte er hinzu und deutete auf die Leiche ihrer Mom. �Hoffentlich hast du eine.�</p><p>Menschenfreundin? Wovon redete dieser Typ?</p><p>Caitlin zog sich weiter zur�ck. Sie hatte nicht mehr viel Bewegungsspielraum, denn sie hatte schon beinahe die Wand erreicht. Jetzt erinnerte sie sich wieder: Das Fenster hinter ihr lag tats�chlich an einer Feuertreppe. An ihrem ersten Tag in der Wohnung hatte sie auf der Leiter gesessen. Zwar war sie verrostet und altersschwach, aber sie schien noch zu funktionieren.</p><p>�Das war ein ganz sch�nes Fressen in der Carnegie Hall�, fuhr der Mann fort. Schritt f�r Schritt kamen die drei n�her. �Sehr dramatisch.�</p><p>Verzweifelt durchforstete Caitlin ihr Ged�chtnis.</p><p>Fressen? So sehr sie sich auch bem�hte, sie hatte absolut keine Ahnung, wovon er redete.</p><p>�Warum in der Pause?�, wollte er wissen. �Welche Botschaft wolltest du damit vermitteln?�</p><p>Jetzt hatte sie die Wand erreicht und konnte nicht mehr weiter. Die M�nner kamen noch einen Schritt n�her. Caitlin war sich sicher, sie w�rden sie t�ten, wenn sie ihnen nicht sagte, was sie wissen wollten.</p><p>Sie dachte scharf nach. Botschaft? Pause? Pl�tzlich erinnerte sie sich, durch die G�nge gelaufen zu sein, �ber teppichbedeckte Flure, von Raum zu Raum. Sie hatte etwas gesucht. Ja, allm�hlich kehrte die Erinnerung zur�ck. Dort war eine offene T�r gewesen. Eine Garderobe. Ein Mann. Er hatte zu ihr aufgesehen. In seinen Augen hatte Furcht gestanden. Und dann �</p><p>�Du warst in unserem Revier�, erkl�rte er, �und du kennst die Regeln. Daf�r wirst du dich verantworten m�ssen.�</p><p>Sie kamen noch n�her.</p><p>Bumm!</p><p>Genau in dem Augenblick flog die Wohnungst�r auf, und mehrere uniformierte Polizisten st�rmten herein, ihre Waffen im Anschlag.</p><p>�Keine Bewegung, ihr Wichser!�, br�llte ein Cop.</p><p>Die drei wandten sich um und starrten die Polizisten an.</p><p>Dann spazierten sie langsam und v�llig furchtlos auf sie zu.</p><p>�Ich habe gesagt: KEINE BEWEGUNG!�</p><p>Doch der Anf�hrer ging einfach weiter, und der Polizist schoss. Der L�rm war ohrenbet�ubend.</p><p>Aber verbl�ffenderweise blieb der Mann nicht stehen. Er grinste nur noch breiter, streckte einfach die Hand aus und fing die Kugel im Flug auf. Caitlin beobachtete schockiert, wie er sie mit der blo�en Hand stoppte. Dann ballte er langsam eine Faust und zerquetschte die Kugel. Als er die Hand �ffnete, rieselte der Staub langsam zu Boden.</p><p>Die Polizisten sahen starr vor Schreck zu, ihre M�nder standen vor Staunen weit offen.</p><p>Der Anf�hrer streckte die Hand aus und nahm dem Polizisten die Waffe ab. Dann schlug er ihm damit mitten ins Gesicht. Der Mann flog r�ckw�rts und riss dabei mehrere seiner M�nner mit.</p><p>Caitlin hatte genug gesehen.</p><p>Ohne zu z�gern, drehte sie sich um, �ffnete das Fenster und kletterte hinaus. Sie sprang auf die Feuertreppe und raste die wackeligen, verrosteten Stufen hinunter.</p><p>Sie nahm rasant die Kurven und lief, so schnell sie konnte. Die alte Feuertreppe war wahrscheinlich seit Jahren nicht mehr benutzt worden, und als sie um eine Ecke bog, gab eine Stufe nach. Sie rutschte ab und schrie auf, fing sich aber sofort wieder. Obwohl die ganze Fluchttreppe wackelte und schwankte, hielt sie.</p><p>Als sie drei Stockwerke zur�ckgelegt hatte, h�rte sie L�rm von oben. Sie blickte auf und sah die drei M�nner auf die Feuertreppe springen. Sie kletterten unglaublich schnell hinunter. Viel schneller als Caitlin. Sie beeilte sich noch mehr.</p><p>Als sie den ersten Stock erreichte, stellte sie fest, dass es hier nicht weiterging; bis zum Gehsteig fehlten fast f�nf Meter. Sie drehte sich um und sah die M�nner n�her kommen. Dann schaute sie wieder nach unten. Es gab keine Alternative. Sie sprang.</p><p>Caitlin machte sich auf einen harten Aufprall gefasst und rechnete mit dem Schlimmsten. Aber zu ihrer �berraschung landete sie geschmeidig wie eine Katze auf den F��en, fast ohne sich wehzutun. Sie sprintete los und war zuversichtlich, dass sie ihre Verfolger, wer auch immer sie sein mochten, weit hinter sich lassen konnte.</p><p>Als sie binnen Sekunden das Ende des H�userblocks erreicht hatte, staunte sie �ber ihre unglaubliche Geschwindigkeit und warf einen kurzen Blick zur�ck. Sie erwartete, die M�nner irgendwo in der Ferne zu sehen.</p><p>Verbl�fft registrierte sie, dass sie ihr ganz dicht auf den Fersen waren. Wie war das nur m�glich?</p><p>Bevor sie diesen Gedanken zu Ende verfolgen konnte, st�rzten sie sich schon auf sie, und sie wurde zu Boden gedr�ckt.</p><p>Caitlin musste ihre ganze neu gewonnene Kraft aufwenden, um ihre Angreifer abzuwehren. Sie rammte einen von ihnen mit dem Ellbogen und war freudig �berrascht, als er r�ckw�rtsstolperte. Ermutigt wandte sie sich dem n�chsten Angreifer zu und freute sich, als sie auch ihn ein paar Meter durch die Luft schleudern konnte.</p><p>Doch dann st�rzte sich der Anf�hrer auf sie und begann, sie zu w�rgen. Er war st�rker als die anderen. Sie sah in seine gro�en, rabenschwarzen Augen und hatte das Gef�hl, einem Hai in die Augen zu blicken. Seine Augen waren seelenlos und leer. Es war der Blick des Todes.</p><p>Caitlin wehrte sich mit aller Macht und setzte ihre gesamte Kraft ein, und schlie�lich gelang es ihr, sich zur Seite zu rollen und ihn abzusch�tteln. Sie sprang auf die F��e und rannte wieder los.</p><p>Doch sie war noch nicht weit gekommen, als der Anf�hrer sie auch schon wieder eingeholt hatte. Wie konnte er nur so schnell sein? Sie hatte ihn doch gerade erst quer �ber die Stra�e geschleudert!</p><p>Diesmal schlug er ihr mit dem Handr�cken ins Gesicht, bevor sie sich wehren konnte. Sehr fest. Alles um sie herum begann sich zu drehen. Schnell kam sie wieder zu Bewusstsein und wollte sich gerade verteidigen, als sich die beiden anderen M�nner pl�tzlich auf sie knieten. Der Anf�hrer zog ein Tuch aus der Tasche.</p><p>Bevor sie reagieren konnte, dr�ckte er ihr das Tuch �ber Nase und Mund.</p><p>Wieder drehte sich alles, und die Welt verschwand in einem Nebel.</p><p>Sie tauchte in die Dunkelheit ein, doch sie h�tte schw�ren k�nnen, dass eine dunkle Stimme ihr im letzten Moment noch ins Ohr fl�sterte: �Jetzt geh�rst du uns.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>9.
				Kapitel</p><p><emphasis>A</emphasis>ls Caitlin erwachte, war um sie herum schw�rzeste Nacht. An ihren Hand- und Fu�gelenken sp�rte sie Metall, und ihre Glieder schmerzten. Sie begriff, dass man sie angekettet hatte. Im Stehen. Ihre Arme waren zur Seite gestreckt, und sie konnte weder Arme noch Beine bewegen. Als sie es dennoch versuchte, rasselten die Ketten, und das kalte, harte Metall grub sich tiefer in ihre Handgelenke und Fu�kn�chel. Wo zum Teufel war sie?</p><p>Sie �ffnete die Augen ein St�ck weiter und versuchte mit klopfendem Herzen zu erf�hlen, wo sie sich befand. Es war kalt. Sie war vollst�ndig angezogen, aber barfu�, und unter ihren F��en sp�rte sie kalten Stein. Auch hinter ihrem R�cken war Stein. Sie stand an einer Mauer. Man hatte sie an eine Mauer gekettet.</p><p>Angestrengt versuchte sie, etwas zu erkennen, aber die Dunkelheit war undurchdringlich. Sie fror, und sie war durstig. Als sie schluckte, merkte sie, dass ihre Kehle komplett ausgetrocknet war.</p><p>Sie zerrte mit aller Kraft an ihren Fesseln, aber trotz ihrer neu entdeckten Kr�fte bewegten sich die Ketten nicht. Es gelang ihr nicht, sich zu befreien.</p><p>Caitlin �ffnete den Mund, um nach Hilfe zu rufen. Der erste Versuch scheiterte. Ihr Mund war zu trocken. Wieder schluckte sie.</p><p>�Hilfe!�, schrie sie mit kratziger Stimme. �HILFE!� Diesmal war ihr Ruf richtig laut.</p><p>Nichts. Sie lauschte angestrengt. Irgendwo in der Ferne h�rte sie ein schwaches Rauschen. Aber woher kam es?</p><p>Sie versuchte sich zu erinnern. Wo war sie zuletzt gewesen?</p><p>Sie war nach Hause gegangen, in ihre Wohnung. Als sie an ihre Mom dachte, runzelte sie die Stirn. Sie war tot. Das tat ihr sehr leid, als w�re sie irgendwie schuld an ihrem Tod. Und sie hatte Gewissensbisse. Sie w�nschte, sie h�tte eine bessere Tochter sein k�nnen, auch wenn Mom sie nicht gut behandelt hatte. Selbst wenn sie nicht ihre richtige Tochter sein sollte, wie sie gestern behauptet hatte. Hatte sie das ernst gemeint? Oder war das nur in der Wut aus ihr herausgeplatzt?</p><p>Und dann diese drei M�nner. Ganz in Schwarz gekleidet � und so blass. Sie waren auf sie zugekommen. Die Polizei. Die Kugel. Wie hatte er blo� die Kugel aufgehalten? Was waren das f�r M�nner? Warum hatten sie von ihrer Menschenfreundin gesprochen? Wenn der Mann nicht diese Kugel aus der Luft aufgefangen h�tte, h�tte sie wahrscheinlich geglaubt, dass sie unter Wahnvorstellungen litten.</p><p>Dann � die Sache auf der Stra�e. Die Jagd.</p><p>Danach � Finsternis.</p><p>Pl�tzlich h�rte Caitlin eine Metallt�r quietschen. Sie kniff die Augen zusammen, als in der Ferne pl�tzlich ein Lichtschein auftauchte. Es war eine Fackel. Jemand mit einer Fackel in der Hand kam auf sie zu.</p><p>Als er sich n�herte, wurde es heller um sie herum. Offenbar befand sie sich in einem gro�en, hallenden Raum, der in den Felsen gehauen war. Er sah sehr alt aus.</p><p>Der Mann war jetzt so nah, dass Caitlin seine Gesichtsz�ge erkennen konnte. Er hielt die Fackel in die H�he und starrte sie an, als w�re sie ein seltsames Insekt.</p><p>Dieser Mann war grotesk. Sein Gesicht war verzerrt und lie� ihn wie eine alte, hagere Hexe aussehen. Er grinste und enth�llte dabei kleine orangefarbene Z�hne. Sein Atem stank. Er n�herte sich ihr bis auf wenige Zentimeter und musterte sie genau. Dann hob er eine Hand, und sie konnte seine langen, gekr�mmten gelben Fingern�gel sehen. Sie sahen aus wie Klauen. Ganz langsam zog er sie ihr �ber die Wange � nicht fest genug, um blutige Kratzer zu hinterlassen, aber doch so, dass sie zusammenzuckte. Er grinste noch breiter.</p><p>�Wer sind Sie?�, fragte Caitlin entsetzt. �Wo bin ich?�</p><p>Doch er grinste sie nur weiter an, als w�rde er sein Opfer genau unter die Lupe nehmen. Er starrte auf ihre Kehle und leckte sich die Lippen.</p><p>Genau in diesem Moment h�rte Caitlin, wie erneut eine Metallt�r aufging, und sah, wie weitere Fackeln n�her kamen.</p><p>�Lass sie in Ruhe!�, rief eine Stimme aus der Ferne. Der Mann, der vor Caitlin stand, huschte schnell mehrere Schritte zur�ck. Dem�tig senkte er den Kopf.</p><p>Nun n�herte sich eine ganze Gruppe mit Fackeln, und als sie Caitlin erreichte, konnte sie ihren Anf�hrer erkennen. Es war der Mann, der sie auf der Stra�e gejagt hatte.</p><p>Er erwiderte ihren Blick und schenkte ihr ein L�cheln, das so warm war wie ein Eisblock. Einerseits sah er gro�artig aus, dieser Mann, alterslos, aber andererseits auch Furcht einfl��end. B�se. Aus gro�en kohlschwarzen Augen starrte er sie an.</p><p>Er wurde von f�nf anderen M�nnern flankiert, die ebenfalls alle schwarz gekleidet waren. Doch die anderen waren nicht so gro� und nicht so gut aussehend wie er. Zu der Gruppe geh�rten auch zwei Frauen, die sie ebenfalls kalt und gleichg�ltig musterten.</p><p>�Du musst unseren Aufseher entschuldigen�, sagte der Mann mit tiefer, kalter und sachlicher Stimme.</p><p>�Wer sind Sie?�, fragte Caitlin. �Warum bin ich hier?�</p><p>�Verzeih uns diese unbequeme Art der Unterbringung�, fuhr der Mann fort und strich mit der Hand �ber die dicke Metallkette, die sie an die Wand fesselte. �Wir lassen dich nur zu gerne gehen�, erkl�rte er, �wenn du uns vorher noch ein paar Fragen beantwortest.�</p><p>Sie erwiderte seinen Blick, wusste aber nicht, wie sie reagieren sollte.</p><p>�Dann fange ich mal an. Ich hei�e Kyle. Ich bin der stellvertretende Anf�hrer des Blacktide Clans.� Er machte eine Pause. �Jetzt bist du an der Reihe.�</p><p>�Ich wei� nicht, was Sie von mir wollen�, entgegnete Caitlin.</p><p>�Zun�chst einmal wollen wir wissen, aus welchem Clan du stammst. Zu wem geh�rst du?�</p><p>Caitlin zerbrach sich den Kopf dar�ber, ob sie den Verstand verloren hatte. Bildete sie sich das alles nur ein? Sie musste in einer Art schlechtem Traum stecken geblieben sein. Aber sie f�hlte den kalten Stahl an ihren H�nden und F��en und wusste, dass es nicht so war. Sie hatte keine Ahnung, was sie diesem Mann erz�hlen sollte. Wovon redete er �berhaupt? Clan? Wie � Vampirclan?</p><p>�Ich geh�re zu niemandem�, antwortete sie schlie�lich.</p><p>Er starrte sie lange an, dann sch�ttelte er den Kopf.</p><p>�Wie du willst. Wir hatten es schon �fter mit aus der Art geschlagenen Vampiren zu tun. Es ist immer das Gleiche: Sie kommen, um uns auf die Probe zu stellen. Um zu pr�fen, wie sicher unser Revier ist. Danach kommen mehr von ihnen. Und so verschieben sich die Reviere.</p><p>Aber wei�t du, sie kommen damit nie durch. Unser Clan ist der �lteste und st�rkste im Land. Niemand dringt ungestraft in unser Gebiet ein und mordet.</p><p>Deshalb frage ich dich noch einmal: Wer hat dich geschickt? F�r wann ist eure Invasion geplant?�</p><p>Revier? Invasion? Caitlin konnte kaum glauben, dass sie nicht tr�umte. Vielleicht hatte man ihr Drogen gegeben. Vielleicht hatte Jonah ihr etwas untergejubelt. Aber sie trank gar keinen Alkohol, und sie nahm nie Drogen. Sie tr�umte auch nicht. Das hier war die Wirklichkeit, die schreckliche und unglaubliche Realit�t.</p><p>Nat�rlich h�tte sie die anderen einfach als eine Gruppe komplett verr�ckter Menschen abtun k�nnen, als eine unheimliche Sekte oder eine Art Verein, der total abgedreht war. Aber nach den Geschehnissen der letzten beiden Tage dachte sie lieber noch einmal genauer dar�ber nach: ihre eigene Kraft; ihr Verhalten; die Art und Weise, wie ihr K�rper sich ver�nderte � Gab es am Ende tats�chlich Vampire? Und war sie einer von ihnen? War sie blindlings in einen Krieg unter Vampiren gestolpert? Das w�re zumindest typisch f�r sie.</p><p>Caitlin �berlegte fieberhaft. Hatte sie wirklich jemanden umgebracht? Wenn ja, wen? Sie konnte sich zwar nicht daran erinnern, aber sie hatte das schreckliche Gef�hl, dass der Mann die Wahrheit sagte. Dass sie tats�chlich jemanden get�tet hatte. Es war vor allem dieser Gedanke, der daf�r sorgte, dass sie sich furchtbar f�hlte. Eine Welle des Mitleids und des Bedauerns erfasste sie. Wenn das stimmte, war sie eine M�rderin. Und das k�nnte sie nie vergessen.</p><p>Sie starrte den Mann an.</p><p>�Niemand hat mich geschickt�, versicherte sie schlie�lich. �Ich erinnere mich nicht mehr genau, was ich getan habe. Aber was auch immer es war, ich habe es allein getan. Ich wei� auch nicht, warum. Und es tut mir sehr leid�, f�gte sie hinzu. �Das wollte ich nicht.�</p><p>Kyle drehte sich um und sah seine Begleiter an. Sie erwiderten seinen Blick. Er sch�ttelte den Kopf und wandte sich wieder an Caitlin. Sein durchdringender Blick wurde noch k�lter und h�rter.</p><p>�Du willst mich also f�r dumm verkaufen, ich verstehe. Das ist nicht besonders klug von dir.�</p><p>Kyle gab seinen Untergebenen ein Zeichen. Sofort eilten sie herbei und l�sten die Ketten von Caitlins Handgelenken. Ihre Arme sanken herab, und sie war erleichtert, als das Blut wieder in ihre H�nde str�mte. Als N�chstes ketteten sie ihre Fu�gelenke los. Dann packten sie je zwei von ihnen mit festem Griff an den Armen und Schultern.</p><p>�Wenn du mir nicht antworten willst�, sagte Kyle, �dann wirst du dich eben vor der Versammlung verantworten m�ssen. Vergiss nicht, du hast es so gewollt. Aber sie werden sicher keine Gnade walten lassen, wie ich es vielleicht getan h�tte.�</p><p>Als sie sie abf�hrten, f�gte Kyle noch hinzu: �Vertue dich nicht. Du wirst so oder so sterben. Aber meine Methode w�re schnell und schmerzlos gewesen. Jetzt wirst du erleben, was Leiden bedeutet.�</p><p>Caitlin versuchte, Widerstand zu leisten, als sie sie wegschleiften. Aber es war zwecklos. Es gab nichts, was sie tun konnte, als sich ihrem Schicksal zu stellen.</p><p>Und zu beten.</p><p>* * *</p><p>Die Eichent�r �ffnete sich, und Caitlin traute ihren Augen kaum. Der Raum war riesig, kreisf�rmig und von drei�ig Meter hohen Steins�ulen ges�umt, die zudem reich verziert waren. Alle anderthalb Meter leuchtete eine Fackel. Der Raum sah aus wie das Pantheon und schien antik zu sein.</p><p>Als sie hereingef�hrt wurde, fiel ihr als Erstes der L�rm auf. Eine riesige Menge war dort versammelt. Sie blickte sich um und sah Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von M�nnern und Frauen in schwarzer Kleidung, die alle durcheinanderliefen. Ihre Bewegungen waren seltsam, so schnell, so willk�rlich, so � unmenschlich.</p><p>Sie h�rte ein Rauschen und hob den Blick. Dutzende dieser Kreaturen sprangen oder flogen durch den Raum, vom Boden zur Decke, von der Decke auf Balkone, von S�ulen zu Mauervorspr�ngen. Das war es auch, was das rauschende Ger�usch verursachte, das sie eben geh�rt hatte. Es war, als h�tte sie eine H�hle voll von gigantischen Flederm�usen betreten.</p><p>Sie lie� all das auf sich wirken und war zutiefst ersch�ttert. Vampire existierten also tats�chlich. Hie� das, sie war eine von ihnen?</p><p>Sie f�hrten sie in die Mitte des Raums. Die Ketten klirrten, und ihre F��e auf dem Steinboden waren kalt. Sie brachten sie zu einem Punkt, der durch einen gro�en Kreis aus Bodenfliesen gekennzeichnet war.</p><p>Als sie das Zentrum erreicht hatten, ebbte der L�rm allm�hlich ab. Die Bewegungen verlangsamten sich. Hunderte von Vampiren lie�en sich vor ihr in einem gro�en Amphitheater aus Stein nieder. Das Ganze sah aus wie eine politische Versammlung, wie auf den Bildern, die sie von der Rede zur Nation gesehen hatte � nur dass hier anstelle von Politikern jede Menge Vampire anwesend waren, die sie zudem alle anstarrten. Ihre Disziplin und Ordnung waren beeindruckend. Innerhalb von Sekunden hatten alle Platz genommen und waren verstummt.</p><p>Caitlin stand mitten in der Halle und wurde von ihren Begleitern festgehalten. Kyle trat neben sie, verschr�nkte die H�nde und senkte ehrerbietig den Kopf.</p><p>Vor der Versammlung stand ein gewaltiger Sessel aus Stein. Er wirkte wie ein Thron. Darin sa� ein Vampir, der �lter aussah als die anderen. Er musste schon sehr alt sein, sie sah es in seinen kalten blauen Augen. Er schaute auf sie hinab, als h�tte er schon zehntausend Jahre erlebt. Sie hasste das Gef�hl, das sein Blick in ihr ausl�ste. Er schien das personifizierte B�se zu sein.</p><p>�So�, knurrte er leise. �Das ist also diejenige, die in unser Revier eingedrungen ist.� Seine Stimme war tief und rau, ohne jede Spur von W�rme. Sie hallte in dem gro�en Saal wider.</p><p>�Wer ist der Anf�hrer deines Clans?�, fragte er.</p><p>Caitlin hielt seinem Blick stand und �berlegte, was sie antworten sollte. Sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte.</p><p>�Ich habe keinen Anf�hrer�, entgegnete sie schlie�lich. �Und ich geh�re auch nicht zu einem Clan. Ich bin allein hier.�</p><p>�Du kennst die Strafe f�r die �bertretung der Grenzen�, fuhr er fort, und seine Mundwinkel verzogen sich zu einem L�cheln. �Wenn es etwas Schlimmeres als Unsterblichkeit gibt�, f�hrte er aus, �dann ist es die Unsterblichkeit voller Qualen.�</p><p>Er blickte sie starr an.</p><p>�Das ist deine letzte Chance.�</p><p>Sie starrte zur�ck und hatte immer noch keine Ahnung, was sie sagen sollte. Aus dem Augenwinkel suchte sie nach einem Fluchtweg. Doch sie entdeckte keinen.</p><p>�Wie du willst�, sagte er und nickte ganz leicht.</p><p>Eine Seitent�r ging auf, und ein Vampir in Ketten wurde von zwei W�rtern hereingezerrt. Sie brachten ihn mitten in die Halle bis zu der Stelle, wo Caitlin stand. Voller Angst sah sie zu und verstand nicht, was vor sich ging.</p><p>�Dieser Vampir hat gegen die Paarungsregel versto�en�, erl�uterte der Anf�hrer. �Das hei�t, sein Versto� war nicht so schwerwiegend wie deiner. Aber trotzdem muss er bestraft werden.�</p><p>Der Anf�hrer nickte erneut, und ein Helfer mit einer kleinen Glasflasche in der Hand trat vor. Er spritzte den Inhalt auf den gefesselten Vampir.</p><p>Dieser schrie gellend auf. Caitlin sah, dass die Haut an seinem Arm sofort Blasen warf, als h�tte er sich verbrannt. Seine Schreie waren f�rchterlich.</p><p>�Das ist nicht blo� irgendein Weihwasser�, erkl�rte der Anf�hrer, �sondern ein ganz besonderes. Aus dem Vatikan. Ich versichere dir, dass es sich durch alle Hautschichten brennen wird, und der Schmerz wird f�rchterlich sein. Schlimmer als S�ure.�</p><p>Wieder warf er Caitlin einen harten Blick zu. In der Halle war es totenstill.</p><p>�Erz�hl uns, woher du kommst, und dir werden schreckliche Qualen erspart bleiben.�</p><p>Caitlin schluckte � sie wollte dieses Wasser nicht auf ihrer Haut sp�ren. Die Wirkung, die es hatte, schien entsetzlich zu sein. Andererseits, wenn sie kein echter Vampir war, sollte es ihr auch keinen Schaden zuf�gen. Aber es war trotzdem kein Experiment, das sie gerne wagen wollte.</p><p>Sie zerrte an ihren Ketten, aber sie gaben nicht nach.</p><p>Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und auf ihrer Stirn stand der Schwei�. Was sollte sie ihm blo� sagen?</p><p>Er versuchte, sie einzusch�tzen.</p><p>�Du bist mutig, und ich bewundere deine Loyalit�t gegen�ber deinem Clan. Aber deine Zeit ist abgelaufen.�</p><p>Er nickte, und sie h�rte Ketten rasseln. Dann sah sie, wie zwei Gehilfen einen gro�en Kessel in die H�he zogen. Mit jedem Zug hob er sich ein gutes St�ck weiter in die Luft. Als er oben war � rund f�nf Meter �ber dem Boden �, schwangen sie das Gef�� direkt �ber ihren Kopf.</p><p>�Dieser Vampir wurde nur mit sehr wenig Weihwasser bespritzt�, erkl�rte der Anf�hrer. �Doch �ber dir befinden sich mehrere Liter davon. Wenn das Wasser sich �ber dich ergie�t, wirst du unvorstellbare Schmerzen erleiden. Du wirst diese Schmerzen dein Leben lang sp�ren; du wirst zwar weiterleben, aber unbeweglich und hilflos sein. Denk daran: Du selbst hast dich daf�r entschieden.�</p><p>Der Mann nickte, und Caitlins Herz schlug noch schneller. Die Gehilfen befestigten die Ketten an einem Stein und ergriffen so schnell wie m�glich die Flucht.</p><p>Als Caitlin nach oben sah, neigte sich der Kessel bereits, und die Fl�ssigkeit floss heraus. Sie senkte den Kopf und schloss die Augen.</p><p>Bitte, lieber Gott. Hilf mir!</p><p>�Nein!�, kreischte sie, und ihr Schrei hallte im Saal wider.</p><p>Dann ergoss sich das Wasser �ber sie.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>10.
				Kapitel</p><p><emphasis>D</emphasis>as Wasser bedeckte ihren ganzen K�rper, und sie hatte M�he, Luft zu holen und die Augen offen zu halten. Doch rund zehn Sekunden sp�ter, als ihre Haare, ihr K�rper und ihre Kleidung bereits komplett durchn�sst waren, zwinkerte Caitlin. Sie machte sich auf den Schmerz gefasst.</p><p>Doch er kam nicht.</p><p>Sie zwinkerte noch einmal, sah zu dem Kessel auf und fragte sich, ob er schon vollst�ndig geleert war. Er war leer. Sie sah an sich hinunter und stellte fest, dass sie klitschnass war. Aber es ging ihr gut. Sie hatte nicht die geringsten Schmerzen.</p><p>Auf einmal begriff es auch der Anf�hrer. Er stand auf, und die Kinnlade klappte ihm herunter. Ganz offensichtlich konnte er es nicht fassen. Auch Kyle drehte sich um und starrte sie mit offenem Mund an. Die ganze Versammlung, Hunderte von Vampiren, stand auf, und ein Raunen lief durch die Reihen.</p><p>Damit hatten sie nicht gerechnet. Alle waren wie vor den Kopf gesto�en.</p><p>Aus irgendwelchen Gr�nden hatte das Wasser bei ihr keine Wirkung gezeigt. Vielleicht war sie trotz allem doch kein Vampir?</p><p>Caitlin erkannte ihre Chance.</p><p>W�hrend die anderen noch zu schockiert waren, um zu reagieren, mobilisierte sie all ihre Kr�fte und sprengte mit einer einzigen Bewegung ihre Ketten. Dann sprintete sie davon und visierte die Seitent�r an � sie betete, dass sie irgendwohin f�hren w�rde.</p><p>Sie hatte die halbe Halle durchquert, bevor auch nur irgendjemand aus seiner Schockstarre erwachte.</p><p>�Haltet sie!�, schrie schlie�lich der Anf�hrer.</p><p>Und dann rauschten Hunderte von K�rpern auf sie zu. Der L�rm prallte von den W�nden ab und schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen. Caitlin erkannte, dass sie nicht blo� rannten � nein, sie sprangen auch von der Decke und den Balkonen und breiteten die Fl�gel aus, um sie zu erreichen. Also verdoppelte sie ihre Geschwindigkeit und rannte, so schnell sie konnte.</p><p>Sie irrte in der Dunkelheit umher, die nur schwach von Fackeln erhellt wurde. Als sie um eine Ecke bog, entdeckte sie schlie�lich in der Ferne eine weitere T�r. Sie stand offen, und Licht drang herein. Es war in der Tat ein Ausgang, und er w�re perfekt, w�re da nicht dieser eine letzte Vampir gewesen.</p><p>Er stand vor der T�r und versperrte ihr den Weg. Gro� und gut gebaut, war auch er von Kopf bis Fu� in Schwarz gekleidet. Allerdings sah er j�nger aus als die anderen, vielleicht wie zwanzig, und seine Gesichtsz�ge waren kantiger. Trotz der Eile und trotz der Lebensgefahr, in der Caitlin schwebte, registrierte sie unwillk�rlich, wie unglaublich attraktiv dieser Vampir war. Dennoch versperrte er ihr den Weg nach drau�en.</p><p>Vielleicht konnte sie den anderen davonlaufen, aber sie kam nicht an diesem Mann vorbei. Doch er �ffnete die T�r noch weiter, als wollte er ihr Platz machen. Hatte er vor, sie zu t�uschen? Sie bemerkte, dass er einen langen Speer in der Hand hielt.</p><p>Als sie n�her kam, hob er ihn hoch und zielte direkt auf sie. Doch sie war jetzt nur noch wenige Schritte von der T�r entfernt und konnte nicht mehr anhalten. Sie waren ihr auf den Fersen, und wenn sie langsamer w�rde, w�re es sofort vorbei mit ihr. Also rannte sie auf den einzelnen Vampir zu, schloss die Augen und stellte sich darauf ein, von dem Speer durchbohrt zu werden. Wenigstens w�rde es schnell gehen.</p><p>Als sie die Augen wieder �ffnete, sah sie, wie er den Speer loslie�, und duckte sich reflexartig.</p><p>Aber er hatte zu hoch gezielt. Viel zu hoch. Sie warf einen Blick �ber die Schulter und begriff, dass er gar nicht sie anvisiert hatte, sondern einen der Vampire, der sich auf sie st�rzen wollte. Die silberne Spitze des Speers durchbohrte die Kehle des Vampirs, und ein gr�sslicher Schrei erf�llte den Gang, als die Kreatur zu Boden fiel.</p><p>Staunend betrachtete Caitlin den Vampir. Er hatte sie gerade gerettet. Warum?</p><p>�Lauf weiter!�, schrie er.</p><p>Sie nahm wieder Geschwindigkeit auf und raste durch die offene T�r.</p><p>Als sie sich umdrehte, zog er gerade mit aller Kraft die T�r zu. Schnell packte er einen gro�en Metallriegel und verbarrikadierte damit die T�r. Dann ging er einige Schritte r�ckw�rts, bis er neben ihr stand, und beobachtete von dort aus die T�r.</p><p>Unwillk�rlich sah sie zu ihm auf, musterte sein Gesicht, seine dunklen Haare und Augen. Er hatte sie gerettet. Warum?</p><p>Er erwiderte ihren Blick nicht, sondern beobachtete immer noch voller Angst die T�r. Und das aus gutem Grund. Bereits eine Sekunde, nachdem er sie verriegelt hatte, war ein K�rper von der anderen Seite dagegengeprallt. Zwar war die T�r mehr als einen Meter dick und aus massivem Stahl, und auch die Riegel waren �u�erst robust, aber den Vampiren war sie nicht gewachsen. Ihre K�rper krachten dagegen, die T�r war kurz davor, zu bersten. Es war nur noch eine Frage von Sekunden, bis die Vampire durch den Stahl brechen w�rden.</p><p>�Los!�, rief er, ergriff ihren Arm und rannte los. Er zog sie einfach mit sich, sodass sie schneller lief, als sie je zuvor gelaufen war. Sie rannten durch einen Gang, dann durch den n�chsten, immer weiter. Ab und zu beleuchteten Fackeln ihren Weg. Allein h�tte sie es nie geschafft, von dort zu fliehen.</p><p>�Was ist hier los?�, fragte Caitlin atemlos, w�hrend sie immer weiter liefen. �Wohin ��</p><p>�Hier entlang!�, schrie er und zog sie abrupt in eine andere Richtung.</p><p>Hinter sich h�rten sie ein Krachen, die Meute war ihnen weiter auf den Fersen.</p><p>Schlie�lich erreichten sie eine Wendeltreppe aus Stein, die sich eine Mauer hochwand. Mit voller Geschwindigkeit st�rmte er mit ihr zusammen darauf zu, und sie sausten die Treppe hinauf, immer drei Stufen auf einmal nehmend. Schnell gewannen sie an H�he.</p><p>Als sie oben ankamen, schien die Treppe direkt vor einer Wand zu enden. �ber ihnen befand sich eine Decke aus Stein, und sie konnte keinen Ausweg entdecken. Sie steckten in einer Sackgasse. Wohin hatte er sie gef�hrt?</p><p>Doch er schien ebenfalls verwirrt zu sein. Und w�tend. Aber er wirkte entschlossen. Er trat einige Schritte zur�ck, nahm Anlauf und sprang mit beiden F��en gegen die Decke. Es war einfach unglaublich: Mit seinen �bermenschlichen Kr�ften trat er ein Loch in die Decke. Steinbr�ckchen rieselten herab, und ein Lichtschein fiel durch das Loch. Es war elektrisches Licht. Wo waren sie?</p><p>�Komm weiter!�, rief er.</p><p>Er sprang durch das Loch, ergriff ihren Arm und zog sie hinauf in den lichtdurchfluteten Raum.</p><p>Sie sah sich um. Es sah aus, als bef�nden sie sich in einem Gerichtsgeb�ude. Oder in einem Museum. Es war ein prachtvolles, wundersch�nes Bauwerk. Die B�den waren aus Marmor, die W�nde und die S�ulen aus Stein. Der Raum war rund. Es k�nnte auch ein Regierungsgeb�ude sein.</p><p>�Wo sind wir?�, wollte sie wissen.</p><p>Statt einer Antwort nahm er ihre Hand und sprintete wieder los. Beinahe mit Lichtgeschwindigkeit durchquerten sie den Raum. Vor ihnen tauchte eine riesige, zweifl�gelige Stahlt�r auf. Er lie� ihre Hand los und st�rmte direkt darauf zu. Krachend flog die T�r auf.</p><p>Diesmal folgte sie ihm auf dem Fu�e, ohne erst dazu aufgefordert werden zu m�ssen. Hinter sich h�rte sie bereits das Ger�usch fallender Steine und wusste, dass der Mob nicht mehr weit entfernt war.</p><p>Endlich gelangten sie ins Freie; sie sp�rten die kalte Nachtluft im Gesicht. Caitlin war dankbar, nicht mehr unter der Erde zu sein.</p><p>Rasch versuchte sie, sich zu orientieren. Sie waren definitiv in New York. Aber wo? Die Umgebung kam ihr vage bekannt vor. Sie sah eine Stra�e, ein vorbeifahrendes Taxi. Als sie sich umdrehte, erkannte sie das Geb�ude, das sie gerade verlassen hatten. Die City Hall, das Rathaus von New York City. Der Clan hatte sich unter der City Hall versammelt.</p><p>Schnell liefen sie die Stufen hinunter, �berquerten den Vorplatz und steuerten auf die Stra�e zu. Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie bereits den L�rm der Vampire hinter sich h�rten, die durch die T�r brachen.</p><p>Caitlin und ihr Begleiter strebten auf ein gro�es Eisentor zu, das von zwei Sicherheitsleuten flankiert wurde. Die Sicherheitsleute drehten sich um und sahen zwei Personen auf das Tor zurennen. Verbl�fft rissen sie die Augen auf und griffen nach ihren Waffen.</p><p>�Keine Bewegung!�, schrien sie.</p><p>Doch noch bevor sie �berhaupt reagieren konnten, packte der Vampir Caitlin, machte drei gro�e S�tze und sprang. Sie flogen durch die Luft � drei Meter, f�nf Meter �, lie�en das Eisentor hinter sich und landeten elegant auf der anderen Seite.</p><p>Sofort st�rmten sie weiter. Verbl�fft sah Caitlin ihren Besch�tzer an und fragte sich, wie gro� seine Macht sein mochte. Warum k�mmerte er sich um sie? Warum f�hlte sie sich an seiner Seite so wohl?</p><p>Mehr Zeit zum Nachdenken blieb ihr jedoch nicht, denn hinter ihnen ging Metall zu Bruch, und Sch�sse waren zu h�ren. Die anderen Vampire hatten das Tor durchbrochen und die Wachm�nner einfach �berrannt. Sie waren schon wieder dicht hinter ihnen.</p><p>Caitlin und ihr Begleiter rannten und rannten, aber es reichte nicht. Die Meute r�ckte immer n�her.</p><p>Pl�tzlich ergriff er ihre Hand und bog mit ihr um eine Ecke. Sie liefen eine Seitenstra�e entlang, die vor einer Mauer endete.</p><p>�Dort gibt es keinen Durchgang!�, schrie sie, aber er rannte einfach weiter und zog sie mit sich.</p><p>Als sie das Ende der Stra�e erreichten, kniete er sich hin und �ffnete mit einem Finger den gro�en Eisendeckel eines Kanalisationsschachtes.</p><p>Sie drehte sich noch einmal um und sah eine gro�e Gruppe Vampire auf sie zukommen. Sie waren nur noch knapp zehn Meter entfernt.</p><p>�Los!�, br�llte er, und bevor sie reagieren konnte, hatte er sie schon in den Schacht geschoben.</p><p>Sie hielt sich an der Leiter fest und sah noch oben. Er nahm den Kanaldeckel als Schutzschild und bereitete sich auf den Ansturm vor.</p><p>Dann fiel die Meute �ber ihn her. Er schwenkte den schweren Deckel. Sie h�rte, wie er einen Vampir nach dem anderen niederschlug. Offenbar versuchte er, zu ihr zu gelangen und ebenfalls in das Loch zu klettern, aber er schaffte es nicht. Er war komplett eingekreist.</p><p>Als sie gerade wieder hinaufklettern wollte, um ihm zu helfen, l�ste sich einer der Vampire aus der Gruppe und schl�pfte in das Loch. Er entdeckte Caitlin, fauchte und kam direkt auf sie zu.</p><p>Sie hastete die Leiter hinunter und nahm immer zwei Sprossen auf einmal, aber sie war nicht schnell genug. Er sprang sie an, und sie st�rzten beide in die Tiefe.</p><p>W�hrend des Sturzes bereitete sie sich auf den Aufprall vor. Gl�cklicherweise landeten sie im Wasser.</p><p>Als sie aufstand, stellte sie fest, dass sie bis zur Taille in schmutzigem Abwasser stand.</p><p>Im selben Augenblick landete der Vampir mit einem lauten Platschen neben ihr. Er holte aus und schlug ihr ins Gesicht, sodass sie mehrere Schritte r�ckw�rtstaumelte.</p><p>Sie sah, dass er wieder zuschlagen wollte, diesmal gegen ihren Hals. Gerade noch rechtzeitig warf sie sich zur Seite. Er war schnell, aber das war sie auch.</p><p>Er strauchelte und fiel ins Wasser. Sofort sprang er wieder auf, wirbelte herum und nahm eine Angriffsposition ein. Offenbar wollte er ihr mit der rechten Hand das Gesicht zerkratzen, doch sie wich aus. Er verfehlte sie nur ganz knapp; sie sp�rte noch den Luftzug an ihrer rechten Wange. Seine Hand traf die Wand mit einer solchen Kraft, dass sie sich in die Mauer bohrte.</p><p>Caitlin war jetzt sauer. Gl�hender Zorn pulsierte in ihren Adern. Sie ging zu dem feststeckenden Vampir, holte mit dem Fu� aus und trat ihm kraftvoll in den Bauch. Er kr�mmte sich zusammen.</p><p>Dann umfasste sie ihn von hinten und warf ihn mit dem Gesicht zuerst gegen die Wand. Sein Kopf prallte gegen den Stein. Sie war stolz auf sich und dachte, sie h�tte ihn erledigt.</p><p>Doch ein pl�tzlicher Schmerz im Gesicht belehrte sie eines Besseren. Der Vampir hatte sich schnell erholt � schneller, als sie es f�r m�glich gehalten h�tte � und versetzte ihr erneut einen Schlag. Diesmal sprang er sie an, landete mit einem lauten Krachen auf ihr und brachte sie zu Fall. Sie hatte ihn untersch�tzt.</p><p>Seine Hand lag an ihrer Kehle. Sie war zwar stark, aber er war st�rker � durch seine Adern floss sehr alte Kraft. Seine Hand war kalt und feucht. Sie versuchte, ihn abzuwehren, aber es gelang ihr nicht. Schlie�lich sank sie auf die Knie, und er dr�ckte zu. Ehe sie sich versah, dr�ckte er ihren Kopf unter Wasser. Im letzten Moment gelang es ihr noch, um Hilfe zu rufen.</p><p>Eine Sekunde sp�ter tauchte ihr Kopf unter.</p><p>* * *</p><p>Caitlin sp�rte unter Wasser eine Bewegung und wusste, dass noch jemand anders ins Wasser gesprungen war. Sie litt unter Sauerstoffmangel und konnte sich nicht wehren.</p><p>Starke Arme hoben sie aus dem Wasser.</p><p>Sie sprang auf und schnappte nach Luft. Sie atmete tief ein, wieder und wieder.</p><p>�Bist du okay?�, fragte er und hielt sie an den Schultern fest.</p><p>Sie nickte. Mehr brachte sie nicht zustande. Ihr Angreifer trieb auf dem R�cken im Wasser. Blut sickerte aus seinem Hals. Er war tot.</p><p>Sie sah ihn an, und seine braunen Augen erwiderten ihren Blick. Er hatte sie gerettet. Schon wieder.</p><p>�Wir m�ssen weiter�, sagte er, nahm ihren Arm und f�hrte sie durch das h�fthohe, schwappende Wasser. �Dieser Kanaldeckel wird sie nicht lange abhalten.�</p><p>Wie aufs Stichwort wurde der Deckel �ber ihnen pl�tzlich aufgerissen.</p><p>Sie rannten los, durchquerten einen Tunnel nach dem anderen und h�rten hinter sich Wasser aufspritzen.</p><p>Ihr Retter bog scharf um eine Kurve. Hier reichte das Wasser ihnen nur noch bis zu den Kn�cheln. Jetzt konnten sie wieder richtig beschleunigen.</p><p>Sie bogen in einen weiteren Tunnel ein und fanden sich pl�tzlich mitten im Versorgungsnetz von New York City wieder. Man sah gigantische Leitungen, die riesige Dampfwolken ausstie�en. Die Hitze war unertr�glich.</p><p>Er f�hrte sie in den n�chsten Tunnel, hob sie auf und nahm sie huckepack. Sie schlang ihre Arme um seine Brust. So kletterten sie eine Leiter hinauf. Als sie oben ankamen, schlug er gegen einen Kanaldeckel und warf ihn dann im hohen Bogen aus dem Schacht.</p><p>Endlich befanden sie sich wieder oberirdisch in den Stra�en von New York City. Doch sie hatte keine Ahnung, wo sie waren.</p><p>�Halte dich gut fest�, forderte er sie auf, und sie verst�rkte den Griff um seine Brust. W�hrend er lief und lief, erreichte er eine Geschwindigkeit, die sie noch nie erlebt hatte. Sie erinnerte sich daran, wie sie einmal vor Jahren auf einem Motorrad mitgefahren war und der Wind ihr bei fast achtzig Stundenkilometern durch die Haare peitschte. Genau so f�hlte es sich auch jetzt an. Nur dass sie noch schneller waren.</p><p>Inzwischen mussten sie etwa hundertzwanzig Stundenkilometer erreicht haben, dann hundertsechzig, hundertneunzig � Es ging immer weiter. Die Geb�ude, die Menschen, die Autos � alles verschwamm in einem Nebel. Und dann hoben sie pl�tzlich ab.</p><p>Sie flogen durch die Luft. Dazu �ffnete er seine gro�en schwarzen Schwingen, die neben ihr langsam auf und ab schlugen. Sie flogen �ber Autos und Menschen hinweg. Als sie hinunterschaute, sah sie, dass sie gerade die 14. Stra�e �berflogen. Und nur wenige Sekunden sp�ter die 34. Dann befanden sie sich �ber dem Central Park. Es raubte ihr den Atem.</p><p>Er warf einen pr�fenden Blick �ber die Schulter, und sie folgte seinem Beispiel. Doch sie konnte kaum etwas sehen, weil ihr der Wind in die Augen peitschte. Dennoch erkannte sie, dass ihnen niemand folgte.</p><p>Schlie�lich wurde er ein wenig langsamer und verringerte ihre Flugh�he. Nun flogen sie direkt �ber den Baumwipfeln. Es war wundersch�n. So hatte sie den Central Park noch nie erlebt. Die Wege waren erleuchtet, und die Baumkronen befanden sich direkt unter ihnen. Sie h�tte die H�nde ausstrecken und sie ber�hren k�nnen. So wundersch�n w�rde ihr der Park bestimmt nie wieder vorkommen.</p><p>Sie verst�rkte den Griff um seine Brust und sp�rte seine W�rme. Ein Gef�hl von Sicherheit machte sich in ihr breit. Wie unwirklich das alles auch sein mochte, in seinen Armen f�hlte es sich wieder normal an. Am liebsten w�re sie ewig so weitergeflogen. Sie schloss die Augen, sp�rte die k�hle Brise �ber ihr Gesicht streichen und betete, dass diese Nacht nie enden w�rde.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>11.
				Kapitel</p><p><emphasis>C</emphasis>aitlin sp�rte, wie sie immer langsamer wurden und weiter an H�he verloren. Sie �ffnete die Augen. Keines der Geb�ude unter ihnen kam ihr bekannt vor. Offensichtlich waren sie in einem Vorort, wom�glich irgendwo in der Bronx.</p><p>Sie flogen �ber einen kleinen Park, und in der Ferne glaubte sie ein Kloster zu erkennen. Als sie n�her kamen, sah sie, dass es sich tats�chlich um ein Kloster handelte. Was hatte denn ein Kloster in New York City zu suchen?</p><p>Angestrengt zerbrach sie sich den Kopf. Auf einmal fiel ihr ein, dass sie dieses festungs�hnliche Geb�ude schon einmal gesehen hatte. Irgendwo auf einer Ansichtskarte � Ja. Es war ein Museum. Als sie einen kleinen H�gel hinaufflogen, sah sie die Befestigungsmauern und die mittelalterlich anmutenden Kreuzg�nge. Pl�tzlich wusste sie wieder, worum es sich handelte: The Cloisters. Das kleine Museum, das zum Metropolitan Museum of Art in New York City geh�rte. Die Fragmente waren in Europa zusammengetragen und St�ck f�r St�ck in die USA gebracht worden. Es war viele Hundert Jahre alt. Warum brachte er sie hierher?</p><p>Sie �berflogen die �u�eren Mauern und landeten sanft auf einer gro�en Steinterrasse, von der aus man den Hudson River sehen konnte. Es war dunkel, trotzdem landete er mit beiden F��en elegant auf dem Steinboden. Vorsichtig lie� er sie herunter.</p><p>Als sie ihm gegen�berstand, betrachtete sie ihn genau. Sie hoffte, dass er sich nicht als Traumfigur entpuppen und gleich wegfliegen w�rde. Und sie hoffte, dass er wirklich so fantastisch aussah, wie sie ihn in Erinnerung hatte.</p><p>Das tat er. Wom�glich sogar noch besser. Er blickte mit seinen gro�en braunen Augen auf sie hinunter, und in dem Moment war sie verloren.</p><p>Es gab so viele Fragen, die sie ihm gerne stellen wollte, dass sie �berhaupt nicht wusste, womit sie beginnen sollte. Wer war er? Warum konnte er fliegen? War er ein Vampir? Warum hatte er f�r sie sein Leben riskiert? Warum hatte er sie hierhergebracht? Und was am wichtigsten war: War all das, was sie gerade erlebt hatte, nur eine wilde Halluzination gewesen? Oder gab es tats�chlich Vampire, und das mitten in New York City? War sie auch einer?</p><p>Sie �ffnete den Mund, um ihn auszufragen, aber alles, was sie herausbrachte, war: �Warum sind wir hier?�</p><p>Ihr war sofort klar, wie dumm die Frage war, und sie hasste sich daf�r, nichts Wichtigeres gefragt zu haben. Doch als sie dort so in der kalten M�rznacht stand, das Gesicht ein wenig taub vor K�lte, brachte sie einfach nicht mehr zustande.</p><p>Er starrte sie an. Sein Blick schien ihre Seele zu durchbohren, als k�nnte er in sie hineinsehen. Es sah aus, als �berlegte er, wie viel er ihr anvertrauen sollte.</p><p>Nach einer gef�hlten Ewigkeit �ffnete er schlie�lich den Mund und wollte etwas sagen.</p><p>Doch da rief jemand: �Caleb!�, und sie drehten sich beide um.</p><p>Eine Gruppe von M�nnern � waren es Vampire? � in schwarzer Kleidung marschierte direkt auf sie zu. Caleb wandte sich ihnen zu. <emphasis>Caleb. Der Name gef�llt mir</emphasis>.</p><p>�Wir haben keine Freigabe f�r deine Ankunft�, erkl�rte der Mann in der Mitte �u�erst ernst.</p><p>�Ich komme unangek�ndigt�, entgegnete Caleb geradeheraus.</p><p>�Dann m�ssen wir dich in Gewahrsam nehmen�, erwiderte der Mann und nickte seinen M�nnern zu, die Caleb und Caitlin langsam einkreisten. �So sind die Regeln.�</p><p>Caleb nickte unbeeindruckt. Der Mann in der Mitte sah Caitlin direkt an. Sie entdeckte Missbilligung in seinen Augen.</p><p>�Du wei�t, dass wir sie nicht reinlassen k�nnen�, erinnerte er Caleb.</p><p>�Doch, das werdet ihr�, entgegnete Caleb bestimmt. Fest erwiderte er den Blick des Mannes. Hier wurde offensichtlich ein Machtkampf ausgetragen.</p><p>Caitlin merkte, dass der Mann unsicher war, was er tun sollte. Es folgte ein langes, angespanntes Schweigen.</p><p>�Na sch�n�, meinte er schlie�lich, drehte sich abrupt um und ging voraus. �Das ist deine Sache.�</p><p>Caleb folgte ihm mit Caitlin an seiner Seite.</p><p>Der Mann �ffnete eine riesige mittelalterliche T�r, indem er an dem runden T�r�ffner aus Messing zog. Dann trat er zur Seite und bedeutete Caleb, einzutreten. Drinnen standen zwei schwarz gekleidete M�nner direkt links und rechts neben der T�r.</p><p>Caleb nahm Caitlin an der Hand und f�hrte sie hinein. Als sie durch den steinernen Torbogen trat, hatte sie das Gef�hl, in einem anderen Jahrhundert gelandet zu sein.</p><p>�Ich nehme an, wir m�ssen keinen Eintritt zahlen�, sagte Caitlin zu Caleb und l�chelte.</p><p>Er sah sie an und blinzelte. Offensichtlich brauchte er einen Moment, um zu begreifen, dass sie einen Scherz gemacht hatte. Doch dann erwiderte er ihr L�cheln.</p><p>Er hatte ein wundersch�nes L�cheln.</p><p>Pl�tzlich musste sie an Jonah denken und war verwirrt. Es sah ihr nicht �hnlich, starke Gef�hle f�r einen Jungen zu entwickeln � und schon gar nicht f�r zwei am selben Tag. Sie mochte Jonah immer noch. Aber Caleb war anders. Jonah war ein Junge, aber Caleb war � obwohl er jung aussah � ein Mann. Oder war er � etwas anderes? Er hatte etwas an sich, was sie sich nicht erkl�ren konnte, und sie war nicht in der Lage, den Blick von ihm zu wenden. Es war etwas, das in ihr den Wunsch weckte, ihm nicht mehr von der Seite zu weichen. Sie mochte Jonah sehr. Aber sie brauchte Caleb. In seiner N�he zu sein f�llte sie vollst�ndig aus.</p><p>Calebs L�cheln verschwand so schnell, wie es gekommen war. Er war eindeutig beunruhigt.</p><p>�Ich f�rchte, unser Eintrittspreis wird viel h�her sein�, sagte er, �falls dieses Treffen nicht so l�uft, wie ich es mir erhoffe.�</p><p>Er f�hrte sie durch einen weiteren Torbogen in einen kleinen mittelalterlichen Innenhof. Der Hof war vollkommen symmetrisch und an allen vier Seiten von S�ulen und Bogengew�lben umgeben. Im Mondschein sah er wundersch�n aus. Sie konnte kaum glauben, dass sie sich immer noch in New York City befanden. Genauso gut h�tten sie irgendwo in Europa auf dem Land sein k�nnen.</p><p>Sie �berquerten den Hof und gingen einen langen Gang entlang. Das Ger�usch ihrer Schritte wurde von den Steinw�nden zur�ckgeworfen. Mehrere M�nner begleiteten sie. Ob es wohl Vampire waren? Und falls ja, warum waren sie so zivilisiert? Warum griffen sie weder Caleb noch sie an?</p><p>Sie bogen in einen weiteren Gang ein und traten durch eine weitere mittelalterliche T�r. Dann wurden sie pl�tzlich aufgehalten.</p><p>Vor ihnen stand ein Mann � ebenfalls schwarz gekleidet �, der Caleb verbl�ffend �hnlich sah. Er trug einen volumin�sen roten Umhang um die Schultern und war in Begleitung einer Gruppe von M�nnern. Offensichtlich hatte er eine verantwortliche Position.</p><p>�Caleb�, sagte er leise. Er klang betroffen.</p><p>Caleb sah ihn mit ruhigem Blick an.</p><p>�Samuel�, erwiderte Caleb.</p><p>Der Mann sch�ttelte ganz leicht den Kopf.</p><p>�Keine Umarmung f�r deinen verlorenen Bruder?�, fragte Caleb.</p><p>�Du wei�t, dass die Lage sehr ernst ist�, entgegnete Samuel. �Du hast mehrere Gesetze gebrochen, indem du heute Nacht hierhergekommen bist. Insbesondere, indem du sie mitgebracht hast.�</p><p>Er machte sich nicht einmal die M�he, Caitlin eines Blickes zu w�rdigen. Sie war beleidigt.</p><p>�Aber ich hatte keine andere Wahl�, verteidigte sich Caleb. �Der Tag ist gekommen. Es herrscht Krieg.�</p><p>Unter den Vampiren, die hinter Samuel standen, brach unterdr�cktes Gemurmel aus, ebenso in der wachsenden Gruppe hinter Caleb und Caitlin. Sie drehte sich um und stellte fest, dass sie inzwischen von mehr als einem Dutzend Vampiren umgeben war. Allm�hlich bekam sie Platzangst. Sie waren absolut in der Unterzahl, und es gab keinen Ausweg. Zwar hatte sie keine Ahnung, was Caleb getan hatte, aber was auch immer es war � sie hoffte, dass es ihm gelingen w�rde, sich herauszureden.</p><p>Samuel hob die H�nde, und das Gemurmel erstarb.</p><p>�Was noch wichtiger ist�, fuhr Caleb fort, �ist diese Frau hier.� Er nickte in Caitlins Richtung. �Sie ist es.�</p><p>Frau. Caitlin war noch nie als Frau bezeichnet worden. Das gefiel ihr. Aber sie verstand nicht, was er meinte. Sie ist es? Er hatte den Satz so komisch betont, beinahe, als w�rde er vom Messias reden. Langsam fragte sie sich, ob sie alle verr�ckt waren.</p><p>Wieder ging ein Raunen durch die Menge, und alle K�pfe wandten sich ihr zu, alle starrten sie an.</p><p>�Ich muss den Rat sehen�, verlangte Caleb. �Und ich muss sie mitnehmen.�</p><p>Samuel sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Du wei�t, dass ich dich nicht davon abhalten kann. Ich kann dir blo� einen Rat geben. Und ich rate dir, sofort zu gehen, auf deinen Posten zur�ckzukehren und zu warten, bis der Rat dich rufen l�sst.�</p><p>Starr erwiderte Caleb seinen Blick. �Ich f�rchte, das ist nicht m�glich.�</p><p>�Du hast schon immer getan, was du wolltest�, stellte Samuel fest.</p><p>Er trat zur Seite und bedeutete Caleb mit einer Geste, dass er passieren konnte.</p><p>�Deine Frau wird nicht erfreut sein�, kommentierte Samuel.</p><p>Frau?, dachte Caitlin, und ein Schauer lief ihr den R�cken hinunter. Warum war sie pl�tzlich so wahnsinnig eifers�chtig? Wie konnte es blo� sein, dass sie in so kurzer Zeit so starke Gef�hle f�r Caleb entwickelt hatte? Welches Recht hatte sie, so besitzergreifend zu sein?</p><p>Sie sp�rte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Es machte ihr tats�chlich etwas aus. Zwar ergab das nicht den geringsten Sinn, aber es machte ihr sogar sehr viel aus. Warum hat er mir nicht erz�hlt �</p><p>�Nenn sie nicht so�, entgegnete Caleb. Seine Wangen waren ebenfalls feuerrot. �Du wei�t, dass ��</p><p>�Du wei�t was?!�, schrie eine weibliche Stimme.</p><p>Alle drehten sich um, als eine Frau den Gang entlang auf sie zukam. Sie war ebenfalls von Kopf bis Fu� in Schwarz gekleidet und hatte lange, wallende rote Haare, die sich �ber ihre Schultern ergossen, und riesige, funkelnde gr�ne Augen. Sie war gro�, alterslos und auffallend sch�n.</p><p>In ihrer Gegenwart f�hlte Caitlin sich klein und unbedeutend, als w�re sie gerade geschrumpft. Das war eine Frau. Oder war sie � ein Vampir? Was auch immer sie sein mochte, sie war eine Kreatur, mit der Caitlin sich niemals w�rde messen k�nnen. Sie war ern�chtert und sofort bereit, ihr Caleb kampflos zu �berlassen.</p><p>�Du wei�t was!?�, wiederholte die Frau und starrte Caleb w�tend an, wobei sie dicht an ihn herantrat. Sie warf Caitlin einen kurzen Blick zu und verzog die Lippen zu einem h�hnischen Grinsen. Noch nie hatte jemand Caitlin derart hasserf�llt angesehen.</p><p>�Sera�, sagte Caleb sanft, �wir sind seit siebenhundert Jahren nicht mehr verheiratet.�</p><p>�Vielleicht deiner Ansicht nach�, fauchte sie.</p><p>Langsam umkreiste sie die beiden. Dabei musterte sie Caitlin von Kopf bis Fu�, als w�re sie ein ekliges Insekt.</p><p>�Wie kannst du es wagen, sie hierherzubringen!�, knurrte sie. �Also wirklich, das h�ttest du eigentlich besser wissen m�ssen.�</p><p>�Sie ist es. Die, auf die wir gewartet haben. Die Auserw�hlte�, erkl�rte Caleb entschieden.</p><p>Anders als die anderen wirkte diese Frau nicht �berrascht. Stattdessen lachte sie nur sp�ttisch.</p><p>�Das ist ja l�cherlich�, entgegnete sie. �Du hast Krieg �ber uns gebracht, und das f�r einen Menschen. Blo� weil du ein bisschen verliebt bist�, f�gte sie mit wachsender Ver�rgerung hinzu. Mit jedem Satz schien sie mehr Unterst�tzung von der Menge hinter sich zu bekommen, deren Zorn langsam wuchs. Allm�hlich wurden die Vampire zu einem w�tenden Mob.</p><p>�Eigentlich�, fuhr Sera fort, �haben wir das Recht, sie zu zerfleischen.�</p><p>Die Zuschauer hinter ihr begannen zustimmend zu murmeln. Wut blitzte in Calebs Gesicht auf.</p><p>�Dann m�sstest du zuerst mich erledigen�, erwiderte er und hielt ihrem Blick stand.</p><p>Caitlin wurde es warm ums Herz. Schon wieder setzte er f�r sie sein Leben aufs Spiel. Vielleicht bedeutete sie ihm doch etwas.</p><p>Samuel trat zwischen die beiden und streckte die H�nde aus. Die Menge beruhigte sich wieder.</p><p>�Caleb hat um eine Audienz vor dem Rat gebeten�, erkl�rte er. �Das ist das Mindeste, was wir ihm schuldig sind. Lasst ihn seinen Fall darlegen. Lasst den Rat entscheiden.�</p><p>�Warum sollten wir?�, fauchte Sera.</p><p>�Weil ich es gesagt habe�, antwortete Samuel mit eiserner Entschlossenheit. �Und hier erteile immer noch ich die Befehle, Sera, nicht du.� Samuel warf ihr einen langen, strengen Blick zu. Schlie�lich zog sie sich zur�ck.</p><p>Samuel trat zur Seite und zeigte auf die Steintreppe.</p><p>Caleb nahm wieder Caitlins Hand und f�hrte sie die breiten Steinstufen hinunter, die irgendwo in der Dunkelheit verschwanden.</p><p>Hinter ihnen erscholl h�hnisches Gel�chter.</p><p>�Und tsch�ss!�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>12.
				Kapitel</p><p><emphasis>I</emphasis>hre Schritte hallten auf den Steinstufen, und es ging immer weiter abw�rts. Die Beleuchtung war schwach. Caitlin hakte sich bei Caleb unter und hoffte, dass er sie nicht abwimmeln w�rde. Doch er hielt sie fest und verst�rkte seinen Griff sogar. Wieder f�hlte sich alles irgendwie gut an. Sie konnte sogar in die Tiefen der Dunkelheit hinabsteigen, solange sie nur zusammen waren.</p><p>Viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Was war das f�r ein Rat? Warum hatte er darauf bestanden, sie mitzunehmen? Und warum wollte sie unbedingt an seiner Seite bleiben? Sie h�tte doch dort oben einfach protestieren und ihm sagen k�nnen, dass sie lieber oben warten w�rde. Aber sie wollte nicht oben warten; sie wollte bei ihm sein. Sie konnte sich �berhaupt nicht mehr vorstellen, woanders zu sein.</p><p>Nichts davon ergab einen Sinn. Statt Antworten zu bekommen, begegneten Caitlin auf Schritt und Tritt neuen Fragen. Wer waren all diese Leute dort oben? Waren sie wirklich Vampire? Und was machten sie hier, in The Cloisters?</p><p>Sie bogen um eine Ecke und betraten einen gro�en Raum, dessen Sch�nheit sie beeindruckte. Es war einfach unglaublich! Es kam ihr so vor, als w�rde sie tats�chlich in eine echte mittelalterliche Festungsanlage hinuntersteigen: hohe Decken und R�ume, die aus mittelalterlichem Stein gehauen worden waren. Rechts standen mehrere Sarkophage auf dem Boden. Ihre Deckel waren mit Schnitzereien verziert. Manche waren ge�ffnet. Schliefen sie etwa darin?</p><p>Caitlin versuchte sich an die Legenden �ber Vampire zu erinnern, die sie mal geh�rt hatte. Sie schliefen in S�rgen, waren nachts munter, verf�gten �ber �bermenschliche Kr�fte sowie eine �bermenschliche Geschwindigkeit. Sonnenlicht bereitete ihnen Schmerzen. Offensichtlich passte das alles. Auch sie selbst hatte in der Sonne Schmerzen gehabt, aber es war nicht unertr�glich gewesen. Und sie war immun gegen Weihwasser. Dar�ber hinaus wimmelte es an diesem Ort von Kreuzen, The Cloisters war voll davon. Doch augenscheinlich machte das diesen Vampiren nichts aus. Im Gegenteil, das hier schien ihr Zuhause zu sein.</p><p>Gerne h�tte sie Caleb all diese Fragen gestellt, aber sie wusste nicht, mit welcher sie anfangen sollte. Schlie�lich entschied sie sich f�r den letzten Punkt.</p><p>�Die Kreuze�, begann sie und nickte in Richtung eines Kreuzes, an dem sie gerade vorbeikamen. �St�ren sie euch nicht?�</p><p>Er sah sie verst�ndnislos an. Offensichtlich war er ganz in seine Gedanken versunken gewesen.</p><p>�F�gen Kreuze Vampiren nicht Schmerzen zu?�, fragte sie.</p><p>Jetzt begriff er.</p><p>�Nicht allen Vampiren�, antwortete er. �Unsere Rasse ist sehr vielf�ltig, ganz wie die menschliche Rasse. Es gibt viele Arten innerhalb unserer Rasse, und auch viele Territorien � oder Clans. Das Ganze ist ziemlich komplex. Auf gute Vampire haben Kreuze jedenfalls keinen Einfluss.�</p><p>�Gute Vampire?�</p><p>�Genau wie bei euch Menschen gibt es auch bei uns gute und b�se M�chte. Wir sind nicht alle gleich.�</p><p>Dabei belie� er es. Wie �blich warfen seine Antworten nur noch mehr Fragen auf, doch sie schwieg. Schlie�lich wollte sie nicht zu neugierig erscheinen. Nicht jetzt.</p><p>Trotz der hohen Decken waren die T�ren sehr klein. Die bogenf�rmigen Holzt�ren standen offen, und sie mussten den Kopf einziehen. Der n�chste Raum war ebenfalls atemberaubend. Sie blickte zur Decke und sah �berall buntes Glas. Rechts von ihr war eine Art Kanzel, und davor standen Dutzende kleiner Holzst�hle. Es war schlicht, aber wundersch�n. Es sah absolut so aus wie in einem mittelalterlichen Kloster.</p><p>Doch sie entdeckte weder ein Lebenszeichen, noch h�rte sie eine Bewegung. Sie h�rte gar nichts. Wo waren sie alle?</p><p>Sie erreichten den n�chsten Raum, dessen Boden leicht absch�ssig war, und sie schnappte nach Luft. Diese kleine Kammer war komplett mit Sch�tzen gef�llt. Da es ein Museum war, waren die Sch�tze alle in Glasvitrinen untergebracht. Direkt vor ihren Augen befanden sich unter hellen Halogenstrahlern unvergleichliche Sch�tze im Wert von Hunderten von Millionen Dollar. Goldene Kreuze. Gro�e Silberpokale. Manuskripte aus dem Mittelalter �</p><p>Staunend folgte sie Caleb durch den Raum, bis er vor einer hohen, schmalen Glasvitrine stehen blieb. Darin lag ein langer, prachtvoller Elfenbeinstab. Er betrachtete ihn eingehend.</p><p>Mehrere Sekunden lang harrte er schweigend davor aus.</p><p>�Was ist das?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>Zuerst antwortete er nicht, doch schlie�lich erwiderte er: �Ein alter Freund.�</p><p>Das war alles, mehr sagte er nicht. Sie fragte sich, was er wohl mit diesem Gegenstand zu tun hatte und welche Macht er besa�. Dann las sie, was auf der Tafel stand: �Anfang 14. Jahrhundert�.</p><p>�Das ist ein Bischofsstab. Er ist sowohl eine Rute als auch ein Stab � eine Rute zur Bestrafung und ein Stab zur F�hrung treuer Anh�nger �, das Symbol unserer Kirche. Er hat die Macht zu segnen oder zu verfluchen. Er ist das, was wir bewachen. Er ist das, was uns besch�tzt.�</p><p>Ihre Kirche? Was sie bewachen?</p><p>Doch bevor sie weiterfragen konnte, nahm er sie an der Hand und f�hrte sie durch die n�chste T�r.</p><p>Sie stie�en auf ein Absperrseil aus Samt. Er hakte es los und zog es zur Seite, damit sie durchgehen konnte. Dann folgte er ihr, hakte das Seil wieder ein und ging voraus zu einer kleinen Wendeltreppe aus Holz. Sie f�hrte abw�rts, und es sah aus, als w�rde sie im Fu�boden enden. Verwirrt betrachtete sie die Treppe.</p><p>Caleb kniete sich hin und �ffnete einen im Boden verborgenen Riegel. Eine Bodenklappe �ffnete sich, und sie konnte jetzt sehen, dass die Treppe weiter in die Tiefe f�hrte.</p><p>Caleb sah ihr in die Augen. �Bist du bereit?�</p><p>Gerne h�tte sie Nein gesagt, aber stattdessen nahm sie seine Hand.</p><p>Diese Treppe war schmal und steil und f�hrte in tiefe Schw�rze. Sie wand sich immer tiefer, bis Caitlin schlie�lich in der Ferne Licht sah und h�rte, dass sich etwas bewegte. Als sie um die Ecke bogen, erreichten sie einen weiteren Raum.</p><p>Dieser Raum war gro� und hell erleuchtet, �berall steckten Fackeln. Alles sah genauso aus wie in den R�umlichkeiten im oberen Stockwerk; es gab hohe, mittelalterliche Steindecken, die nach oben gew�lbt und reich verziert waren. An den W�nden hingen gro�e Wandteppiche, und der Raum war mit mittelalterlichen M�beln ausgestattet.</p><p>Au�erdem war er voller Leute. Voller Vampire. Sie waren ganz in Schwarz gekleidet und verteilten sich zwanglos im Raum. Viele von ihnen sa�en auf den verschiedensten Sitzgelegenheiten, manche unterhielten sich. In dem anderen Clan unter der City Hall waren das B�se und die Dunkelheit allgegenw�rtig gewesen, und Caitlin hatte sich st�ndig bedroht gef�hlt. Hier dagegen war sie seltsam gelassen.</p><p>Caleb f�hrte sie mitten durch den Raum. Dabei wurde es immer ruhiger um sie herum. Alle Blicke waren auf sie beide gerichtet. Am anderen Ende n�herte sich Caleb einem Vampir, der noch gr��er war als er und auch wesentlich breitere Schultern hatte. Ausdruckslos blickte der Mann auf Caleb hinunter.</p><p>�Ich brauche eine Audienz�, sagte Caleb schlicht.</p><p>Der Vampir drehte sich langsam um, verlie� den Saal und schloss die T�r.</p><p>Caleb und Caitlin warteten. Sie drehte sich um und lie� den Blick schweifen. Alle � Hunderte von Vampiren � sahen sie an. Aber niemand machte Anstalten, sich ihnen zu n�hern.</p><p>Dann ging die T�r wieder auf, und der gro�e Vampir gab ihnen ein Zeichen. Sie traten ein.</p><p>In dem kleinen Raum war es dunkler, nur schwach wurde er von zwei Fackeln an der anderen Seite erleuchtet. Au�erdem war er fast leer, abgesehen von einem langen Tisch an einer Seite. Dahinter sa�en sieben Vampire, die sie ernst ansahen. Sie wirkten wie ein Richtergremium.</p><p>Diese Vampire hatten etwas an sich, was sie deutlich �lter wirken lie�. Ihr Gesichtsausdruck war strenger � definitiv ein Richtergremium.</p><p>�Der Rat tagt!�, rief der gro�e Vampir, stie� seinen Stab auf den Boden und verlie� eilig das Zimmer. Mit Nachdruck schloss er die T�r. Jetzt standen sie beide allein den sieben Vampiren gegen�ber.</p><p>Unsicher hielt sich Caitlin neben Caleb und wusste nicht, was sie tun oder sagen sollte.</p><p>Es folgte eine ungem�tliche Stille, w�hrend die Richter sie musterten. Caitlin hatte das Gef�hl, als w�rden sie ihr direkt in die Seele blicken.</p><p>�Caleb�, begann schlie�lich der Vampir in der Mitte des Gremiums mit rauer Stimme. �Du hast deinen Posten verlassen.�</p><p>�Das habe ich nicht, Sir�, antwortete Caleb. �Ich habe meinen Posten treu und brav zweihundert Jahre lang innegehabt. Doch heute Abend war ich gezwungen, aktiv zu werden.�</p><p>�Du hast nur aktiv zu werden, wenn wir es dir befehlen�, lautete die Antwort. �Du hast uns alle in Gefahr gebracht.�</p><p>�Es war meine Pflicht, vor einem bevorstehenden Krieg zu warnen�, erl�uterte Caleb. �Und ich glaube, dass die Zeit gekommen ist.�</p><p>Die Mitglieder des Rates schnappten nach Luft. Danach folgte ein langes Schweigen.</p><p>�Und wieso denkst du das?�</p><p>�Sie haben sie mit Weihwasser �bergossen, aber es hat ihre Haut nicht verbrannt. Unsere Lehre besagt, dass der Tag kommen wird, an dem die Auserw�hlte erscheint, und sie wird immun gegen�ber unseren Waffen sein. Au�erdem hei�t es, dass sie der Vorbote des Krieges sein wird.�</p><p>Ein unterdr�cktes Raunen breitete sich aus. Alle musterten Caitlin pr�fend. Einige der Vampire begannen sogar, sich zu unterhalten, bis schlie�lich der Mann in der Mitte mit der Handfl�che auf den Tisch schlug.</p><p>�Ruhe!�, rief er.</p><p>Allm�hlich erstarb das Gemurmel.</p><p>�So. Du hast uns also alle in Gefahr gebracht, um einen Menschen zu retten?�, fragte er.</p><p>�Ich habe sie gerettet, um uns zu retten�, entgegnete Caleb. �Wenn sie wirklich diejenige ist, auf die wir warten, dann sind wir nichts ohne sie.�</p><p>Caitlin schwirrte der Kopf. Sie wusste nicht, was sie denken sollte. Die Auserw�hlte? Lehre? Wovon redete er blo�? Sie fragte sich, ob er sie vielleicht verwechselt hatte und sie f�r jemanden hielt, der viel bedeutender war als sie.</p><p>Das Herz wurde ihr schwer. Nicht, weil der Rat sie so eindringlich musterte, sondern weil sie bef�rchtete, dass Caleb sie nur in seinem eigenen Interesse gerettet haben k�nnte. Sicher w�rde er herausfinden, dass sie nur ein ganz normales, durchschnittliches M�dchen war, unabh�ngig davon, was in den letzten Tagen passiert war. Und dann w�rde er sich von ihr abwenden. Wie alle anderen M�nner in ihrem Leben zuvor auch.</p><p>Als wollte er ihre Gedanken best�tigen, sch�ttelte der Richter in der Mitte den Kopf und sah Caleb herablassend an.</p><p>�Du hast einen schweren Fehler begangen�, behauptete er. �Du siehst nicht, dass du es bist, der diesen Krieg angefangen hat. Dein pl�tzlicher Aufbruch hat sie auf unsere Anwesenheit aufmerksam gemacht. Au�erdem ist sie nicht diejenige, f�r die du sie h�ltst.�</p><p>Caleb versuchte es erneut: �Wie erkl�rt ihr es euch dann ��</p><p>Ein anderes Mitglied des Rates unterbrach ihn: �Vor vielen Jahrhunderten gab es einmal einen �hnlichen Fall. Damals war auch ein Vampir immun gegen Waffen, und die Leute haben geglaubt, er w�re der Auserw�hlte. Aber er war es nicht. Er war nur ein Halbblut.�</p><p>�Ein Halbblut?�, fragte Caleb. Pl�tzlich klang er unsicher.</p><p>�Ein Vampir von Geburt an�, erl�uterte der andere, �einer, der nie verwandelt wurde. Sie sind immun gegen�ber manchen Waffen, aber nicht gegen�ber allen. Doch das macht sie noch lange nicht zu einem der Unseren. Es macht sie auch nicht unsterblich. Ich werde es dir zeigen.� Abrupt drehte er sich zu Caitlin um.</p><p>Sein durchdringender Blick machte sie nerv�s. �Erz�hl mal, Kleine, wer hat dich verwandelt?�</p><p>Caitlin hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Sie wusste nicht einmal, was die Frage bedeuten sollte. Wieder einmal fragte sie sich vergebens, welche Antwort sie wohl am besten geben sollte. Sie z�gerte, weil sie das Gef�hl hatte, dass ihre Antwort eine gro�e Bedeutung haben w�rde � nicht nur f�r ihre eigene, sondern auch f�r Calebs Sicherheit. Um seinetwillen wollte sie die richtige Antwort geben, aber sie wusste einfach nicht, welche das war.</p><p>�Es tut mir leid�, gab sie schlie�lich zu, �aber ich wei� nicht, wovon Sie sprechen. Ich wurde nie verwandelt. Ich wei� nicht einmal, was das bedeutet.�</p><p>Ein anderes Ratsmitglied beugte sich vor. �Wer ist denn dein Vater?�, wollte er wissen.</p><p>Warum musste er sie ausgerechnet danach fragen? Es war die eine Frage, die sie sich st�ndig selbst gestellt hatte, ihr ganzes Leben lang. Wer war er? Warum hatte sie ihn nie kennengelernt? Warum hatte er sie verlassen? Die Antwort auf diese Frage war das, was sie sich mehr als alles andere im Leben w�nschte. Und sie konnte sie definitiv nicht liefern.</p><p>�Ich wei� es nicht�, erwiderte sie schlie�lich.</p><p>Der Vampir lehnte sich zur�ck, als h�tte er einen Sieg errungen. �Siehst du?�, sagte er. �Halbbl�ter werden nicht verwandelt. Und nie kennen sie ihre Eltern. Du hast dich geirrt, Caleb. Du hast einen gro�en Fehler gemacht.�</p><p>�Die Lehre besagt, dass der oder die Auserw�hlte ein Halbblut sein uns zu dem verlorenen Schwert f�hren wird�, widersprach Caleb herausfordernd.</p><p>�Die Lehre besagt, dass ein Halbblut den Messias bringen wird�, stellte das Mitglied des Gremiums richtig. �Nicht sein wird.�</p><p>�Das ist Haarspalterei�, antwortete Caleb. �Ich sage euch, dass der Krieg begonnen hat und dass sie uns zu dem Schwert f�hren wird. Die Zeit vergeht. Wir m�ssen uns von ihr zu dem Schwert f�hren lassen. Es ist unsere einzige Hoffnung.�</p><p>�Das sind doch alles Ammenm�rchen�, warf ein anderer Vampir ein. �Dieses Schwert, von dem ihr da redet, existiert gar nicht. Und sollte es doch existieren, w�re es bestimmt kein Halbblut, das uns zu ihm f�hren w�rde.�</p><p>�Wenn wir es nicht tun, dann werden es andere tun. Sie werden sie gefangen nehmen, das Schwert finden und es gegen uns verwenden.�</p><p>�Du hast einen schweren Regelversto� begangen, indem du sie hierhergebracht hast�, wiederholte nun ein Vampir, der ganz au�en sa�.</p><p>�Aber ich ��, begann Caleb.</p><p>�ES REICHT!�, rief der Anf�hrer.</p><p>Es wurde still.</p><p>�Caleb. Du hast vors�tzlich mehrere Gesetze unseres Clans gebrochen. Du hast deinen Posten verlassen. Du hast deine Mission nicht erf�llt. Du hast einen Krieg entfacht. Und du hast uns alle in Gefahr gebracht � wegen eines Menschen. Sie ist nicht einmal ein Mensch, sondern ein Halbblut, und du hast sie in unsere Mitte gebracht. Damit gef�hrdest du uns alle.</p><p>Wir verurteilen dich zu f�nfzig Jahren Gefangenschaft. Du wirst dieses Gel�nde nicht mehr verlassen. Und du wirst dieses Halbblut unverz�glich von hier fortschaffen.</p><p>Und jetzt geh.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>13.
				Kapitel</p><p><emphasis>C</emphasis>aitlin und Caleb standen zusammen auf der gro�en offenen Terrasse von The Cloisters und blickten in die Nacht hinaus. In der Ferne war der Hudson River zu erkennen, der zwischen den kahlen B�umen hervorblitzte.</p><p>�Du musst mir einige Fragen beantworten, Caleb�, sagte sie leise, nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten.</p><p>�Ich wei߫, antwortete Caleb.</p><p>�Was mache ich hier? Was glaubst du, wer ich bin?�, fragte Caitlin. Sie brauchte ein paar Sekunden, bis sie den Mut aufbrachte, ihre letzte Frage zu stellen: �Und warum hast du mich gerettet?�</p><p>Caleb starrte ziellos in die Ferne. Sie hatte keine Ahnung, was er dachte und ob er �berhaupt antworten w�rde.</p><p>Schlie�lich wandte er ihr das Gesicht zu. Sie sahen sich in die Augen, und die Intensit�t seines Blicks war �berw�ltigend. Sie h�tte nicht wegsehen k�nnen, selbst wenn sie es versucht h�tte.</p><p>�Ich bin ein Vampir�, erkl�rte er rundheraus. �Ich geh�re zum Whitetide Clan. Ich lebe seit mehr als dreitausend Jahren, und achthundert davon habe ich mit diesem Clan verbracht.�</p><p>�Warum bin ich hier?�</p><p>�Die Vampirclans und die verschiedenen Vampirrassen f�hren st�ndig Krieg gegeneinander. Ihr Revier ist ihnen sehr wichtig. Ungl�cklicherweise bist du mitten hineingestolpert.�</p><p>�Was meinst du?�, fragte sie. �Wie denn?�</p><p>Er sah sie verwirrt an. �Erinnerst du dich nicht mehr?�</p><p>Sie starrte ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Deine Beute. Du warst der Ausl�ser f�r alles.�</p><p>�Beute?�</p><p>Langsam sch�ttelte er den Kopf. �Du erinnerst dich wirklich nicht mehr. Das ist charakteristisch f�r die erste T�tung. Es l�uft immer so ab.� Er sah ihr in die Augen. �Du hast letzte Nacht jemanden umgebracht. Einen Menschen. Du hast sein Blut getrunken. In der Carnegie Hall.�</p><p>Um Caitlin herum drehte sich alles. Sie konnte kaum glauben, dass sie f�hig sein sollte, jemandem etwas zuleide zu tun, aber tief in ihrem Innern sp�rte sie, dass es wahr war. Doch sie hatte Angst zu fragen, wer das Opfer gewesen war. Konnte es Jonah gewesen sein?</p><p>Als h�tte er ihre Gedanken gelesen, f�gte Caleb hinzu: �Der Operns�nger.�</p><p>Caitlin konnte das alles kaum begreifen. Es war zu unwirklich. Es war, als w�re sie gerade mit einem schwarzen Brandzeichen markiert worden, das sie nie wieder loswerden w�rde. Sie f�hlte sich furchtbar. Und au�er Kontrolle.</p><p>�Warum habe ich das getan?�, fragte sie.</p><p>�Du hattest Hunger�, erkl�rte er. �Warum du allerdings diesen Ort und diesen Zeitpunkt gew�hlt hast, wei� niemand. Damit hat dieser Krieg begonnen. Du hast dich im Revier eines anderen Clans befunden � eines sehr m�chtigen Clans.�</p><p>�Also war ich nur zur falschen Zeit am falschen Ort?�</p><p>Er seufzte. �Ich wei� es nicht. Vielleicht steckt auch mehr dahinter.�</p><p>�Was willst du damit sagen?�</p><p>�Vielleicht solltest du dort sein. Vielleicht war es deine Bestimmung.�</p><p>Sie �berlegte. Sie f�rchtete sich davor, die n�chste Frage zu stellen. Doch schlie�lich �berwand sie sich. �Bedeutet all das, dass � ich ein Vampir bin?�</p><p>Er wandte sich ab. Nach einer kurzen Pause erwiderte er: �Ich wei� es nicht.�</p><p>Dann sah er sie wieder an. �Du bist kein richtiger Vampir, aber du bist auch kein richtiger Mensch. Du bist irgendwo dazwischen.�</p><p>�Ein Halbblut?�, hakte sie nach.</p><p>�So w�rden sie es nennen. Ich bin mir da nicht so sicher.�</p><p>�Was genau ist das eigentlich?�</p><p>�Ein Vampir, der bereits als Vampir geboren wurde. Es verst��t gegen unser Gesetz und unsere Lehre, Nachwuchs mit einem Menschen zu zeugen. Manchmal kommt es jedoch vor, dass ein ungehorsamer Vampir es trotzdem tut. Wenn die Menschenfrau sein Kind zur Welt bringt, ist es ein Halbblut. Nicht ganz Mensch, nicht ganz Vampir. Unsere Rasse sieht allerdings auf Halbbl�ter herab. Die Strafe f�r die Kreuzung mit einem Menschen ist der Tod. Ohne Ausnahme. Und das Kind wird versto�en.�</p><p>�Aber du hast doch gesagt, dass euer Messias ein Halbblut sein wird, oder nicht? Wie k�nnen sie denn auf sie herabsehen, wenn eines davon ihr Erl�ser sein wird?�</p><p>�Das ist das Paradoxe an unserer Religion�, gab er zu.</p><p>�Erz�hl mir mehr�, hakte sie nach. �Inwiefern unterscheidet sich ein Halbblut von einem Vampir?�</p><p>�Echte Vampire trinken von dem Augenblick ihrer Verwandlung an Blut. Halbbl�ter fangen gew�hnlich erst damit an, wenn sie erwachsen werden.�</p><p>Sie f�rchtete sich bereits vor der Antwort auf ihre n�chste Frage.</p><p>�Wann ist das?�</p><p>�Mit achtzehn.�</p><p>Caitlin �berlegte angestrengt. Das ergab Sinn. Sie war vor Kurzem achtzehn geworden, und ihre Gel�ste hatten gerade begonnen.</p><p>�Halbbl�ter sind sterblich�, fuhr Caleb fort. �Sie k�nnen sterben wie normale Menschen. Wir dagegen k�nnen das nicht. Um ein echter Vampir zu sein, muss man von einem echten Vampir verwandelt werden, und es muss gewollt sein. Es ist nicht erlaubt, einfach irgendjemanden zu verwandeln � sonst w�rde unsere Rasse sich zu stark vermehren. Daher muss man vorab die Erlaubnis des Rates einholen.�</p><p>Caitlin runzelte die Stirn und versuchte, all das zu begreifen.</p><p>�Du verf�gst zwar �ber manche unserer Eigenschaften, aber nicht �ber alle. Und da du nicht reinrassig bist, werden die Vampire dich leider nicht akzeptieren. Jeder Vampir geh�rt zu einem Clan. Es ist zu gef�hrlich, keinen Clan zu haben. Normalerweise w�rde ich einen Antrag stellen, dich aufzunehmen. Aber angesichts der Tatsache, dass du ein Mischling bist � sie w�rden es nie erlauben. Kein Clan w�rde dich als Mitglied akzeptieren.�</p><p>Caitlin schluckte. Wenn es noch etwas Schlimmeres gab, als herauszufinden, dass sie nicht vollkommen menschlich war, dann war es, herauszufinden, dass sie gar nichts richtig war.</p><p>Sie geh�rte nirgendwo dazu, weder hier noch dort, sondern steckte zwischen zwei Welten.</p><p>�Was war denn das f�r ein Gerede �ber den Messias? Dar�ber, dass ich � die Auserw�hlte sein soll?�</p><p>�Gem�� unserer Lehre soll eines Tages ein Bote, ein Messias, kommen und uns zu dem verlorenen Schwert f�hren. Es hei�t, dass irgendwann ein Krieg ausbrechen wird, ein letzter, ultimativer Krieg zwischen allen Vampirrassen, ein Krieg, der sogar auf die menschliche Rasse �bergreifen wird. Das ist unsere Version der Apokalypse. Das Einzige, was sie aufhalten und uns alle retten kann, ist das verlorene Schwert. Und die einzige Person, die uns zu ihm f�hren kann, ist der Messias. Als ich heute miterlebt habe, was mit dir geschehen ist, war ich �berzeugt, dass du es bist. Ich habe noch nie gesehen, dass ein Vampir immun gegen Weihwasser ist.�</p><p>Sie sah zu ihm auf.</p><p>�Und jetzt?�, wollte sie wissen.</p><p>Er blickte in die Ferne.</p><p>�Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.�</p><p>Caitlin sp�rte, wie sich Verzweiflung in ihr breitmachte.</p><p>�Also ist das der einzige Grund, warum du mich gerettet hast?�, fragte sie. Sie z�gerte, weil sie Angst vor der Antwort hatte. �Weil du geglaubt hast, ich w�rde euch zu einem verlorenen Schwert f�hren?�</p><p>Caleb starrte sie verwirrt an.</p><p>�Was sollte es sonst f�r einen Grund geben?�, erwiderte er.</p><p>Die Antwort nahm Caitlin komplett den Wind aus den Segeln, als h�tte er ihr einen heftigen Schlag versetzt. All die Liebe, die sie f�r ihn empfunden hatte, die beiderseitige Verbundenheit, die sie sich eingebildet hatte � all das l�ste sich in Luft auf. Am liebsten h�tte sie geweint. Sie wollte weglaufen, aber sie wusste nicht, wohin. Sie sch�mte sich so sehr.</p><p>�Na ja�, bemerkte sie und unterdr�ckte die Tr�nen, �zumindest wird es deine Frau freuen, dass du nur deinen Job erledigt hast und keine Gef�hle f�r eine andere hegst � oder f�r irgendetwas anderes au�er einem bl�den Schwert.�</p><p>Dann drehte sie sich um und eilte davon. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie gehen sollte, aber sie musste auf jeden Fall weg von ihm. Ihre Gef�hle waren �berm�chtig, und sie wurde nicht schlau aus ihnen.</p><p>Doch sie war erst wenige Schritte weit gekommen, als sie eine Hand auf ihrem Arm sp�rte. Er drehte sie zu sich um und sah ihr in die Augen.</p><p>�Sie ist nicht meine Frau�, erkl�rte er leise. �Wir waren einmal verheiratet, das stimmt, aber das ist siebenhundert Jahre her. Die Ehe hat nur ein Jahr gehalten. Leider vergessen Vampire nichts, also gibt es auch kein richtiges Ende.�</p><p>Caitlin sch�ttelte seine Hand ab. �Nun, was auch immer sie f�r dich ist, sie wird sich freuen, dich zur�ckzubekommen.�</p><p>Caitlin ging auf die Treppe zu.</p><p>Erneut hielt er sie auf, diesmal �berholte er sie und stellte sich ihr in den Weg.</p><p>�Ich wei� nicht, wodurch ich dich verletzt habe�, sagte er, �aber was ich auch getan habe, es tut mir leid.�</p><p>Es ist eher das, was du nicht getan hast, h�tte Caitlin gerne gesagt. Es ist, dass du mich nicht magst, dass du mich nicht liebst. Dass ich f�r dich nur eine Sache war, ein Mittel zum Zweck. So war es bisher mit jedem Jungen, den ich kennengelernt habe. Aber ich hatte geglaubt, dass es diesmal vielleicht anders w�re.</p><p>Doch sie sprach ihre Gedanken nicht aus, sondern senkte nur den Kopf und gab sich gro�e M�he, nicht zu weinen. Leider gelang es ihr nicht. Hei�e Tr�nen liefen ihr �bers Gesicht. Da ber�hrte pl�tzlich eine Hand ihr Kinn und hob es an. Er zwang sie, ihn anzusehen.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte er noch einmal. Es klang aufrichtig. �Du hattest recht. Es war nicht der einzige Grund, warum ich dich gerettet habe.� Er holte tief Luft. �Ich empfinde etwas f�r dich.�</p><p>Caitlins Herz schlug schneller.</p><p>�Aber du musst verstehen: Es ist verboten. Die Gesetze sind diesbez�glich �u�erst streng. Ein Vampir kann niemals mit einem Menschen, einem Halbblut oder sonst jemandem zusammen sein, der kein echter Vampir ist. Die Strafe w�re der Tod. Daran f�hrt kein Weg vorbei.�</p><p>Caleb senkte den Blick.</p><p>�Verstehst du das?�, fuhr er schlie�lich fort. �Wenn ich Gef�hle f�r dich h�tte und nicht nur um das Allgemeinwohl besorgt w�re, h�tte das meinen Tod zur Folge.�</p><p>�Und was soll jetzt aus mir werden?�, fragte sie. Sie sah sich um. �Hier bin ich eindeutig nicht willkommen. Wohin soll ich gehen?�</p><p>Caleb sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nach Hause kann ich auch nicht�, f�gte sie hinzu. �Ich habe kein Zuhause mehr. Die Polizei sucht nach mir. Diese b�sen Vampire suchen nach mir. Was soll ich blo� tun? Soll ich alleine da hinausgehen? Ich wei� doch nicht einmal mehr, was ich bin.�</p><p>�Ich w�nschte, ich w�sste eine Antwort. Ich habe es versucht. Ich habe es wirklich versucht. Aber mehr kann ich nicht tun. Man kann sich dem Rat nicht widersetzen. Das w�rde f�r uns beide das Todesurteil bedeuten. Ich bin zu f�nfzig Jahren Haft verurteilt worden und kann dieses Gel�nde nicht verlassen. Wenn ich es t�te, w�rde mein Clan mich f�r immer verbannen. Das musst du verstehen.�</p><p>Caitlin wandte sich zum Gehen, aber er hielt sie erneut auf.</p><p>�Du musst es einfach verstehen! Du bist nur ein Mensch. Dein Leben wird in sp�testens achtzig Jahren vorbei sein. Aber ich habe noch Tausende von Jahren vor mir. Dein Leiden ist kurz; meins ist endlos. Ich kann es nicht riskieren, f�r immer aus meinem Clan versto�en zu werden. Der Clan ist alles, was ich habe. Ich liebe dich. Ich hege starke Gef�hle f�r dich, obwohl ich das selbst nicht richtig verstehe. In all den Jahren habe ich so etwas noch nie erlebt. Aber ich kann es einfach nicht riskieren, diese Mauern zu verlassen.�</p><p>�Ich frage dich noch einmal�, unterbrach sie ihn. �Was soll aus mir werden?�</p><p>Er sah nur zu Boden.</p><p>�Ich verstehe. Das ist nicht mehr dein Problem.�</p><p>Caleb wollte noch etwas erwidern, aber diesmal war sie verschwunden. Wirklich weg.</p><p>Schnell �berquerte sie die Terrasse und stieg die Steintreppe hinunter. Dann steuerte sie auf die Bronx zu und verschwand in der dunklen New Yorker Nacht. Noch nie hatte sie sich so einsam gef�hlt.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>14.
				Kapitel</p><p><emphasis>B</emphasis>egleitet von einer kleinen Gruppe Vampire marschierte Kyle den Gang entlang. Ihre Schritte hallten von den Steinw�nden wider. Einer seiner Helfer leuchtete ihnen mit einer Fackel den Weg.</p><p>Sie n�herten sich der Kommandozentrale, einer unterirdischen Kammer, die nur von solchen Vampiren betreten wird, die eine ausdr�ckliche Erlaubnis erhalten haben. Kyle war noch nie hier gewesen. Aber an diesem Tag war er vom obersten Meister h�chstpers�nlich herzitiert worden. Die Angelegenheit musste also ernst sein. In viertausend Jahren war Kyle noch nie hierherbestellt worden. Aber er hatte von anderen geh�rt, denen das widerfahren war. Sie waren gekommen und nie wieder zur�ckgekehrt.</p><p>Kyle schluckte schwer und beschleunigte seinen Schritt. Er war immer schon der Meinung gewesen, dass man unangenehme Dinge am besten schnell hinter sich brachte.</p><p>Schlie�lich kamen sie an eine gro�e T�r. Sie stand offen, wurde aber von mehreren Vampiren bewacht. Kalt erwiderten sie seinen Blick. Doch dann traten sie zur Seite und machten den Weg frei. Nachdem Kyle durch die T�r getreten war, streckten sie ihre St�be aus und hinderten die anderen daran, ihm zu folgen. Die T�r schlug hinter Kyle zu.</p><p>Drinnen standen Dutzende von Vampiren in strammer Haltung an beiden Seiten des Raumes. Vorne in der Mitte entdeckte er einen m�chtigen Marmorthron, und darin sa� Rexus, der oberste Meister.</p><p>Kyle trat mehrere Schritte vor, neigte den Kopf und wartete darauf, dass Rexus das Wort an ihn richtete.</p><p>Der Meister starrte ihn aus seinen kalten, harten eisblauen Augen an.</p><p>�Erz�hl mir alles �ber diesen Menschen oder das Halbblut � oder was auch immer sie ist. Alles, was du wei�t�, forderte Rexus Kyle auf. �Und �ber diesen Spion. Wie konnte er sich einschleusen?�</p><p>Kyle holte tief Luft und begann zu berichten.</p><p>��ber das M�dchen wissen wir nicht viel�, gab er zu. �Wir haben keine Ahnung, warum das Weihwasser keine Wirkung auf sie hatte. Aber wir wissen, dass sie es war, die �ber den Operns�nger hergefallen ist. Er befindet sich inzwischen in unserer Obhut, und wir erwarten, dass er uns zu ihr f�hren wird, sobald er sich erholt hat. Er wurde von ihr verwandelt. Ihr Geruch ist in seinem Blut.�</p><p>�Welchem Clan geh�rt sie an?�, fragte Rexus.</p><p>Kyle bewegte sich unruhig hin und her. Er w�hlte seine Worte sehr sorgf�ltig.</p><p>�Wir glauben, dass sie ein aus der Art geschlagener Vampir ist, eine Einzelg�ngerin.�</p><p>�Glauben!? Wei�t du denn gar nichts?�</p><p>Die Zurechtweisung lie� Kyle das Blut in die Wangen schie�en.</p><p>�Also hast du sie in unsere Mitte gebracht, ohne etwas �ber sie zu wissen�, stellte Rexus fest. �Du hast unseren gesamten Clan in Gefahr gebracht.�</p><p>�Ich habe sie hergebracht, um sie zu vernehmen. Ich hatte keine Ahnung, dass sie immun ��</p><p>�Und was ist mit dem Spion?�, fiel Rexus ihm ins Wort.</p><p>Kyle schluckte.</p><p>�Caleb. Wir haben ihn vor zweihundert Jahren aufgenommen. Er hat seine Loyalit�t viele Male unter Beweis gestellt. Wir hatten nie einen Grund, ihm zu misstrauen.�</p><p>�Wer hat ihn rekrutiert?�, wollte Rexus wissen.</p><p>Kyle machte eine Pause und schluckte erneut.</p><p>�Ich.�</p><p>�Aha�, sagte Rexus. �Also hast du gleich zweimal eine Bedrohung in unsere Reihen geholt.�</p><p>Rexus blitzte ihn an. Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Eine Feststellung voller Verachtung.</p><p>�Es tut mir leid, Meister�, antwortete Kyle und neigte den Kopf. �Aber zu meiner Verteidigung m�chte ich anmerken, dass niemand hier, kein einziger Vampir, je einen Verdacht gegen Caleb gehegt hat. Bei vielen Gelegenheiten ��</p><p>Rexus hob die Hand.</p><p>Kyle brach ab.</p><p>�Du hast mich gezwungen, den Krieg zu beginnen. Jetzt muss ich unsere ganzen Ressourcen umverteilen. Unser Masterplan muss erst einmal auf Eis gelegt werden.�</p><p>�Es tut mir leid, Meister. Ich werde alles tun, um sie zu finden, und dann wird sie daf�r b��en.�</p><p>�Ich f�rchte, daf�r ist es zu sp�t.�</p><p>Kyle schluckte erneut und wappnete sich gegen das, was als N�chstes kommen w�rde. Falls es der Tod war, so war er bereit.</p><p>�Du musst dich nicht l�nger vor mir verantworten. Ich selbst bin ebenfalls vorgeladen worden. Und zwar vor den Obersten Rat.�</p><p>Kyle riss die Augen auf. Sein ganzes Leben lang hatte er Ger�chte �ber diesen Obersten Rat geh�rt, das oberste Gremium der Vampire, vor dem sich sogar der oberste Meister zu verantworten hatte. Doch jetzt erst wusste er mit Sicherheit, dass dieser Oberste Rat tats�chlich existierte und dass er vorgeladen werden w�rde.</p><p>�Sie sind �u�erst unzufrieden mit den heutigen Ereignissen und fordern Antworten. Du wirst ihnen die Fehler erkl�ren, die du begangen hast � warum sie entkommen ist, wie sich ein Spion einschleusen konnte � Au�erdem wirst du Pl�ne zur Ausmerzung anderer Spione vorlegen. Und dann wirst du ihr Urteil akzeptieren.�</p><p>Kyle nickte langsam. Angesichts der Dinge, die auf ihn zukamen, erf�llte ihn Entsetzen. Das alles h�rte sich gar nicht gut an.</p><p>�Wir kommen in der n�chsten Neumondnacht zusammen. Das verschafft dir Zeit. Ich schlage vor, dass du unterdessen dieses Halbblut findest. Wenn es dir gelingt, k�nnte es dir das Leben retten.�</p><p>�Meister, ich verspreche, dass ich alles daf�r tun werde. Ich selbst werde die Suchaktion leiten. Wir werden sie finden. Und wir werden sie b��en lassen.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>15.
				Kapitel</p><p><emphasis>J</emphasis>onah sa� auf der Polizeiwache und hatte gro�e Angst. Auf der einen Seite sa� sein Dad, der nerv�ser wirkte, als Jonah ihn je erlebt hatte, und auf der anderen sein frisch angeheuerter Anwalt. Ihnen gegen�ber in dem kleinen, hell erleuchteten Verh�rraum hatten f�nf Polizeibeamte Platz genommen. Hinter ihnen befanden sich f�nf weitere Polizisten, die alle nerv�s auf und ab gingen.</p><p>Es war die Schlagzeile des Tages: Ein international gefeierter Operns�nger war ermordet worden � w�hrend seines ersten Auftritts auf amerikanischem Boden, mitten in der Carnegie Hall �, und zwar unter �u�erst seltsamen Umst�nden. Aber das war noch nicht alles! Als die Polizei ihrer einzigen Spur nachgegangen und das Apartment der einzigen verd�chtigen Person � einer jungen Frau � aufgesucht hatte, waren vier Polizisten ums Leben gekommen.</p><p>Nun waren sie nicht nur hinter der �Beethoven-Schl�chterin� her (manche Zeitungen bezeichneten die verd�chtige Frau auch als �Carnegie-Hall-M�rderin�), sondern jagten zudem auch noch einen Polizistenm�rder � einen vierfachen Polizistenm�rder, um genau zu sein! Jeder Polizist in der Stadt war auf die Morde angesetzt, und keiner von ihnen w�rde ruhen, bis der Fall gel�st war.</p><p>Doch die einzige Spur, die sie momentan hatten, sa� ihnen gegen�ber. Jonah. Die Person, die den Abend mit ihr verbracht hatte.</p><p>Jonah sp�rte, wie sich erneut Schwei�tropfen auf seiner Stirn bildeten. Inzwischen sa� er seit mehr als sechs Stunden in diesem Raum. In den ersten drei Stunden hatte er sich st�ndig den Schwei� abgewischt, doch jetzt lie� er die Tropfen einfach herunterlaufen. Er war l�ngst auf seinem Stuhl zusammengesackt und v�llig am Ende.</p><p>Tats�chlich wusste er nicht, was er noch hinzuf�gen sollte. Ein Polizist nach dem anderen war ins Zimmer gekommen, und sie alle hatten ihm dieselben Fragen gestellt, immer wieder.</p><p>Wie lange kennst du sie schon? Warum hast du sie in dieses Konzert mitgenommen? Warum ist sie in der Pause gegangen? Warum bist du ihr nicht gefolgt?</p><p>Wie war es nur so weit gekommen? Als sie kam, war sie so h�bsch gewesen. Und so s��. Er hatte sich in ihrer Gegenwart wohlgef�hlt und es geliebt, sich mit ihr zu unterhalten. Er war davon �berzeugt gewesen, dass es ein traumhaftes Date werden w�rde.</p><p>Doch dann hatte sie angefangen, sich irgendwie seltsam zu benehmen. Kurz nach Beginn des Konzerts war sie immer unruhiger geworden. Sie hatte � krank war nicht das richtige Wort � Sie hatte � zappelig gewirkt. Er hatte das Gef�hl gehabt, sie w�rde gleich platzen. Als m�sste sie dringend irgendwohin, und zwar schnell.</p><p>Zuerst hatte er geglaubt, das Konzert gefiele ihr nicht. Er fragte sich, ob es doch keine gute Idee gewesen war, sie einzuladen. Dann hatte er �berlegt, ob sie ihn vielleicht nicht mochte. Aber allm�hlich war ihre Rastlosigkeit immer auff�lliger geworden, und er hatte die Hitze, die sie ausstrahlte, f�rmlich sp�ren k�nnen. Inzwischen machte er sich Gedanken, ob sie nicht vielleicht doch krank war � vielleicht litt sie ja an einer Lebensmittelvergiftung.</p><p>Als sie schlie�lich aufgesprungen und hinausgest�rmt war, hatte er gedacht, sie w�rde zur Damentoilette rennen. Er war zwar verwirrt gewesen, hatte aber geduldig vor der T�r gewartet. Er war davon ausgegangen, dass sie nach der Pause wiederkommen w�rde. Erst nach f�nfzehn Minuten � nach dem letzten Pausengong � war er allein an seinen Platz zur�ckgekehrt.</p><p>Und nach weiteren f�nfzehn Minuten waren pl�tzlich im ganzen Saal die Lichter aufgeflammt. Ein Mann war auf die B�hne getreten und hatte verk�ndet, dass das Konzert nicht fortgesetzt werden w�rde. Das f�r die Konzertkarten bezahlte Geld werde zur�ckerstattet. Doch einen Grund hatte er nicht genannt. Die Menschen waren verbl�fft und ver�rgert gewesen, aber haupts�chlich verwundert. Jonah besuchte schon sein ganzes Leben lang Konzerte, aber er hatte noch nie einen Abbruch nach der Pause erlebt. War der S�nger krank geworden?</p><p>�Jonah?�, blaffte die Polizistin ihn an.</p><p>Jonah schreckte auf.</p><p>Die Polizistin starrte ihn w�tend an. Detective Grace war ihr Name. Sie wirkte ausgesprochen tough. Und sie war unerbittlich.</p><p>�Hast du nicht geh�rt, was ich dich gerade gefragt habe?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich m�chte, dass du mir noch einmal alles erz�hlst, was du �ber sie wei�t�, forderte sie. �Wiederhole, wie du sie kennengelernt hast.�</p><p>�Diese Frage habe ich bestimmt schon tausend Mal beantwortet�, erwiderte Jonah frustriert.</p><p>�Ich will es noch einmal h�ren.�</p><p>�Ich habe sie in der Schule kennengelernt. Sie war neu. Ich habe ihr meinen Sitzplatz angeboten.�</p><p>�Was geschah dann?�</p><p>�Wir sind ins Gespr�ch gekommen, haben uns sp�ter zuf�llig in der Cafeteria getroffen. Dann habe ich sie ins Konzert eingeladen, und sie hat Ja gesagt.�</p><p>�Das war alles?�, hakte Detective Grace nach. �Sonst gibt es keine weiteren Einzelheiten, gar nichts?�</p><p>Jonah �berlegte, wie viel er ihnen verraten sollte. Nat�rlich gab es noch mehr. Er war von diesen Schl�gern verm�belt worden, und danach hatte Caitlins Tagebuch unerkl�rlicherweise neben ihm gelegen. Deshalb hatte er vermutet, dass sie da gewesen war � und dass sie ihm geholfen hatte. Vielleicht hatte sie sogar diese Typen verpr�gelt. Wie sie das gemacht haben sollte, konnte er sich allerdings nicht erkl�ren.</p><p>Aber sollte er das den Bullen erz�hlen? Die Geschichte von den Schl�gern? Dass er glaubte, er habe sie dort gesehen? Dass er glaubte, sich daran zu erinnern, dass sie vier Typen verdroschen hatte, die doppelt so gro� waren wie sie selbst? Nichts davon ergab einen Sinn, nicht einmal f�r ihn. Ganz gewiss k�nnten auch sie sich keinen Reim darauf machen. Sie w�rden blo� annehmen, dass er log und sich irgendetwas ausdachte. Nein, sie waren hinter ihr her. Und er w�rde ihnen nicht helfen.</p><p>Trotz allem wollte er sie immer noch besch�tzen. Doch er verstand nicht, was da passiert war. Und ein Teil von ihm glaubte es einfach nicht, wollte es nicht glauben. Hatte sie wirklich diesen Operns�nger umgebracht? Warum? Und hatte er wirklich zwei L�cher im Hals, wie die Zeitungen schrieben? Hatte sie ihn etwa gebissen? War sie vielleicht eine Art �</p><p>�Jonah!�, rief Grace ungeduldig. �Ich habe gefragt, ob da sonst noch etwas ist?�</p><p>Die Polizistin starrte ihn an.</p><p>�Nein�, antwortete er schlie�lich. Er hoffte, dass sie nicht merkte, dass er log.</p><p>Ein anderer Detective trat vor. Er beugte sich zu Jonah hinunter und sah ihm in die Augen. �Hat irgendetwas von dem, was sie an dem Abend gesagt hat, darauf hingedeutet, dass sie psychisch labil sein k�nnte?�</p><p>Jonah runzelte die Stirn.</p><p>�Sie meinen, ob ich denke, dass sie verr�ckt ist? Warum sollte ich das? Wir haben uns gut verstanden. Ich mag sie. Sie ist klug und nett. Ich unterhalte mich gerne mit ihr.�</p><p>�Wor�ber genau habt ihr gesprochen?� Das war wieder der weibliche Detective.</p><p>��ber Beethoven�, entgegnete Jonah.</p><p>Die Polizisten tauschten Blicke. Sie sahen so verwirrt und angewidert aus, als h�tte er Pornografie gesagt.</p><p>�Beethoven?�, fragte einer der Polizisten � ein untersetzter Typ in den F�nfzigern � sp�ttisch. Jonah war ersch�pft und wollte ihm seinen Spott heimzahlen.</p><p>�Er war Komponist.�</p><p>�Ich wei�, wer Beethoven war, du kleiner Mistkerl!�, schnauzte er Jonah an.</p><p>Nun mischte sich noch ein anderer Polizist ein. Er war �ber sechzig und hatte ein rotes Gesicht. Er st�tzte sich mit seinen gro�en H�nden auf den Tisch und beugte sich dann so weit vor, dass Jonah seinen schlechten Atem riechen konnte. �H�r mal, Kumpel, das ist kein Spiel. Wegen deiner kleinen Freundin mussten vier Polizisten sterben�, erinnerte er ihn. �Und wir wissen, dass du wei�t, wo sie sich versteckt. Du solltest besser den Mund aufmachen und ��</p><p>Jonahs Anwalt hob die Hand. �Das ist reine Spekulation, Detective. Sie k�nnen meinen Mandanten nicht beschuldigen ��</p><p>�Ihr Mandant ist mir schei�egal!�, br�llte der Detective.</p><p>Angespanntes Schweigen erf�llte den Raum.</p><p>Pl�tzlich ging die T�r auf, und ein weiterer Polizist kam herein. Er trug Latexhandschuhe und hatte Jonahs Handy dabei. Er legte es vor Jonah auf den Tisch. Jonah freute sich, es zur�ckzubekommen.</p><p>�Habt ihr etwas gefunden?�, fragte einer der Polizisten.</p><p>Der Kollege mit dem Handy streifte die Handschuhe ab und warf sie in den M�lleimer. Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nichts. Das Handy ist sauber. Vor dem Konzert hat er ein paar Kurzmitteilungen von ihr bekommen, das ist alles. Wir haben ihre Nummer angerufen, aber das Handy ist ausgeschaltet. Jetzt �berpr�fen wir s�mtliche Verbindungen. �brigens sagt er die Wahrheit: Vor dem gestrigen Tag hat sie ihn noch nie angerufen und ihm auch keine Nachrichten geschickt.�</p><p>�Das habe ich Ihnen doch gesagt�, warf Jonah ein.</p><p>�Meine Damen und Herren Polizisten, sind wir jetzt fertig?�, fragte Jonahs Anwalt.</p><p>Die Polizisten wechselten rasch einen Blick.</p><p>�Mein Mandant hat kein Verbrechen begangen. Er hat kooperiert und s�mtliche Fragen beantwortet. Au�erdem hat er nicht die Absicht, den Staat New York oder auch nur die Stadt zu verlassen. Auch weiterhin steht er Ihnen jederzeit f�r Fragen zur Verf�gung. Ich bitte also darum, dass er jetzt gehen kann. Schlie�lich ist er noch Sch�ler und muss morgen fr�h in die Schule.� Der Anwalt sah auf seine Uhr. �Gentlemen, es ist fast ein Uhr nachts.�</p><p>Genau in diesem Moment klingelte und vibrierte es laut. Alle Blicke richteten sich auf Jonahs Handy, das vor ihm auf dem Metalltisch lag. Dann vibrierte es erneut und leuchtete auf. Noch bevor Jonah danach greifen konnte, sah er bereits, von wem die SMS stammte � und alle anderen im Raum sahen es ebenfalls.</p><p>Sie war von Caitlin.</p><p>Sie wollte wissen, wo er war.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>16.
				Kapitel</p><p><emphasis>E</emphasis>rneut kontrollierte Caitlin ihr Handy. Es war ein Uhr, und gerade hatte sie Jonah eine SMS geschickt. Keine Antwort. Vermutlich schlief er. Wahrscheinlich wollte er ohnehin nichts mehr mit ihr zu tun haben. Aber sie wusste nicht, was sie sonst tun sollte.</p><p>Nachdem sie The Cloisters verlassen hatte, bekam sie in der frischen Nachtluft allm�hlich wieder einen klaren Kopf. Je weiter sie sich von diesem Ort entfernte, desto besser ging es ihr. Die Wirkung von Calebs Ausstrahlung und Energie lie� nach, und ihr logisches Denkverm�gen kehrte zur�ck.</p><p>In seiner Gegenwart war sie aus irgendeinem Grund nicht in der Lage gewesen, klar zu denken. Seine Ausstrahlung hatte sie v�llig in seinen Bann gezogen. Sie hatte nur noch an ihn denken k�nnen.</p><p>Doch seit sie wieder allein war, kehrten die Gedanken an Jonah zur�ck. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie Caleb mochte � als w�rde sie Jonah damit hintergehen. Jonah war in der Schule und bei ihrem Date so nett zu ihr gewesen. Sie fragte sich, was er jetzt wohl von ihr hielt, nachdem sie einfach davongerannt war. Wahrscheinlich hasste er sie.</p><p>Sie ging durch den Fort Tryon Park und warf erneut einen Blick auf ihr Handy. Gl�cklicherweise war es sehr klein, sodass sie es in der winzigen Innentasche ihres engen Rocks verstauen konnte.</p><p>Irgendwie hatte es alles unbeschadet �berstanden, aber der Akku war fast leer. Er war seit fast zwei Tagen nicht mehr aufgeladen worden. Sie wusste, dass es nur noch wenige Minuten dauern konnte, bis sich das Handy ausschalten w�rde. Hoffentlich w�rde Jonah vorher antworten. Wenn nicht, h�tte sie keine M�glichkeit mehr, ihn zu erreichen.</p><p>Schlief er? Ignorierte er sie? Das k�nnte sie ihm nicht ver�beln. Wahrscheinlich w�rde sie es genauso machen.</p><p>Caitlin lief weiter durch den Park. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie gehen sollte. Das Einzige, was sie wusste, war, dass sie diesen Ort weit hinter sich lassen musste. Sie musste weg von Caleb, weg von den Vampiren, weg von allem. Sie wollte ihr normales Leben zur�ck. Unbewusst hegte sie die Hoffnung, dass all das einfach verschwinden w�rde, wenn sie nur weit und lange genug ging. Die aufgehende Sonne w�rde einen neuen Tag bringen, und vielleicht w�rde sich herausstellen, dass alles nur ein Albtraum gewesen war.</p><p>Wieder kontrollierte sie ihr Handy. Jetzt blinkte es, und aus Erfahrung wusste sie, dass es sich in etwa drei�ig Sekunden ganz verabschieden w�rde. Sie starrte auf das Display, w�hrend sie hoffte und betete, dass Jonah sich melden w�rde. Dass er anrufen und sagen w�rde: Wo bist du? Ich komme sofort. Dass er sie retten w�rde.</p><p>Aber pl�tzlich wurde das Display schwarz. Das Handy war tot. Absolut tot.</p><p>Resigniert steckte sie es wieder in die Tasche. Ihr blieb nur noch ihr neues Leben. Es gab niemanden mehr. Sie war ganz auf sich allein gestellt � wie sie es immer schon gewesen war.</p><p>Schlie�lich verlie� sie den Fort Tryon Park und fand sich in der Bronx wieder. Die Stadt gab ihr das Gef�hl von Normalit�t und Orientierung zur�ck. Sie wusste zwar immer noch nicht genau, wohin sie sich wenden sollte, aber es f�hlte sich gut an, Richtung Stadtzentrum zu gehen.</p><p>Ja, das war es: Sie w�rde zur Penn Station laufen! Dort k�nnte sie einen Zug nehmen und weit weg fahren. Vielleicht w�rde sie an ihren letzten Wohnort zur�ckkehren. Vielleicht war ihr Bruder noch dort. Sie k�nnte von vorn anfangen. So, als w�re das alles nie passiert.</p><p>Sie blickte sich um, �berall an den W�nden und Mauern waren Graffitis, und an jeder Stra�enecke standen Nutten und Stricher. Aber diesmal lie�en sie Caitlin in Ruhe. Vielleicht erkannten sie, dass sie am Ende ihrer Kr�fte war und bei ihr nichts zu holen war.</p><p>Dann entdeckte sie ein Stra�enschild: 186. Stra�e. Es w�rde ein langer Marsch werden. Hundertf�nfzig H�userblocks bis zur Penn Station. Daf�r w�rde sie die ganze Nacht brauchen. Dennoch war es das, was sie wollte. Sie w�rde den Kopf frei bekommen, frei von Caleb und Jonah und den Ereignissen der vergangenen zwei Tage und N�chte.</p><p>Sie sah endlich Licht am Ende des Tunnels, und daf�r lohnte es sich, die ganze Nacht zu laufen.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>17.
				Kapitel</p><p><emphasis>A</emphasis>ls Caitlin erwachte, war es Morgen. Sie sp�rte die schwache W�rme der Sonnenstrahlen und hob m�hsam den Kopf, um sich zu orientieren. Unter ihren Armen und unter ihrer Stirn war kalter Stein. Wo war sie?</p><p>Als sie sich umblickte, erkannte sie, dass sie sich im Central Park befand. Nun erinnerte sie sich auch wieder, dass sie irgendwann letzte Nacht eine Pause eingelegt hatte, um sich auszuruhen. Sie war so m�de und ersch�pft gewesen, dass sie offensichtlich im Sitzen eingeschlafen war, sich nach vorne gebeugt und die Arme und den Kopf auf ein Steingel�nder gelegt hatte.</p><p>Es war bereits fr�her Vormittag, und der Park war gut besucht. Eine Frau mit ihrer kleinen Tochter warf ihr einen seltsamen Blick zu. Als sie an Caitlin vor�bergingen, zog sie ihre Tochter n�her an sich heran.</p><p>Caitlin setzte sich auf und sah sich um. Einige Leute starrten sie an, und sie fragte sich, was sie wohl denken mochten. Ihre Kleider waren schmutzig, aber das war ihr egal. Sie wollte nur noch diese Stadt hinter sich lassen, in der f�r sie alles schiefgelaufen war.</p><p>Das Verlangen traf sie wie ein Schlag. Hunger. Oder war es Durst? Ein stechender Schmerz durchfuhr sie, und sie war auf einmal hungriger und durstiger, als sie es je zuvor gewesen war. Es war ein wahnsinniger, urt�mlicher Trieb. Sie wollte dem Drang nachgeben und Blut saugen, wie sie es in der Carnegie Hall getan hatte.</p><p>Ein kleiner Junge, nicht �lter als sechs, spielte in der N�he Fu�ball und schoss den Ball zuf�llig in ihre Richtung. Er rannte auf sie zu. Seine Eltern waren schon weit vorausgegangen, mindestens zehn Meter.</p><p>Das war ihre Chance! Jede Faser ihres K�rpers schrie nach Blut. Sie starrte auf seinen Hals und konnte das Pulsieren des Blutes erkennen, beinahe konnte sie es sp�ren und riechen. Am liebsten h�tte sie sich auf den Jungen gest�rzt.</p><p>Aber irgendetwas hielt sie zur�ck. Instinktiv wusste sie zwar, dass sie bald sterben musste, wenn sie kein Blut bekam. Aber lieber w�rde sie sterben, als dem Jungen etwas zuleide zu tun. Also lie� sie ihn gehen.</p><p>Das Sonnenlicht war unangenehm, aber noch ertr�glich. Lag es daran, dass sie ein Halbblut war? Welche Wirkung h�tte die Sonne wohl auf andere Vampire gehabt? Vielleicht verschaffte ihr das einen Vorteil.</p><p>Trotzdem musste sie in dem grellen Sonnenlicht blinzeln. Sie f�hlte sich benommen und durcheinander. So viele Menschen. So viel Unruhe. Warum hatte sie hier angehalten? Wohin war sie unterwegs gewesen? Ach ja, richtig � sie wollte zur Penn Station.</p><p>Ihre F��e schmerzten, weil sie so viel gelaufen war. Aber jetzt war es nicht mehr weit, nur noch drei�ig Blocks. Sie konnte den Rest der Strecke zur�cklegen, in einen Zug steigen und das Weite suchen. Mit reiner Willenskraft w�rde sie sich selbst zwingen, wieder normal zu werden. Wenn sie die Stadt nur weit genug hinter sich lie�, w�rde es vielleicht klappen.</p><p>Bed�chtig stand Caitlin auf und wollte aufbrechen.</p><p>�Stehen bleiben!�, schrie pl�tzlich jemand.</p><p>�Keine Bewegung!�, br�llte eine andere Stimme.</p><p>Langsam drehte sich Caitlin um.</p><p>Vor ihr stand ein Dutzend New Yorker Polizisten in Uniform. Jeder von ihnen hatte eine Schusswaffe auf sie gerichtet. Sie hielten ungef�hr f�nf Meter Abstand, als f�rchteten sie sich, n�her zu kommen. Als w�re Caitlin ein wildes Tier.</p><p>Sie betrachtete die Polizisten und hatte seltsamerweise keine Angst. Stattdessen breitete sich eine merkw�rdige Ruhe in ihr aus. Und von Minute zu Minute schwand ihr Zugeh�rigkeitsgef�hl zur menschlichen Rasse. Sie f�hlte sich unbesiegbar, als k�nnte sie ihnen davonlaufen oder sie bezwingen, ganz gleich, wie zahlreich sie waren oder �ber welche Waffen sie verf�gten.</p><p>Aber gleichzeitig war sie auch m�de und resigniert. Ein Teil von ihr wollte nicht mehr weglaufen, weder vor den Polizisten noch vor den Vampiren. Sie wusste ja nicht einmal, wohin sie lief oder wovor sie davonlief. Auf eigenartige Weise h�tte es ihr deshalb sogar gefallen, von der Polizei abgef�hrt zu werden. Verhaftet zu werden w�re zumindest etwas Normales, etwas, das ihr Verstand erfassen konnte. Ihre Sinne waren gesch�rft, sodass ihr jedes kleine Detail auffiel: die Form ihrer Waffen, die Konturen des Abzugs, selbst die L�nge der Fingern�gel.</p><p>�H�nde hoch, und zwar so, dass wir sie sehen k�nnen!�, schrie ein Polizist.</p><p>Die Beamten in der ersten Reihe waren nur wenige Schritte von Caitlin entfernt.</p><p>Kurz �berlegte sie, wie ihr Leben h�tte sein k�nnen, wenn ihr Vater sie nicht im Stich gelassen h�tte. Wenn sie niemals umgezogen w�ren. Wenn sie eine andere Mom gehabt h�tte. Wenn sie sich dauerhaft an einem Ort niedergelassen h�tten. Wenn sie einen Freund gehabt h�tte. W�re sie dann normal geworden? W�re ihr Leben dann normal verlaufen?</p><p>Einer der Polizisten war nur noch einen Schritt weit weg.</p><p>�Umdrehen! Und H�nde hinter den R�cken�, befahl er. �Ganz langsam.�</p><p>Caitlin lie� langsam die Arme sinken, drehte sich um und legte die H�nde auf den R�cken. Sie sp�rte, wie der Polizist ihre Handgelenke ergriff und dabei viel zu grob und unn�tig brutal an ihren Armen zerrte. Dann f�hlte sie das kalte Metall der Handschellen, die in ihre Haut einschnitten.</p><p>Der Polizist packte sie am Hinterkopf und zerrte an ihren Haaren. Dann beugte er sich dicht zu ihr herunter und fl�sterte ihr ins Ohr: �Daf�r wirst du auf dem elektrischen Stuhl landen.�</p><p>Und da passierte es! Ehe sie sich�s versah, war das scheu�liche Ger�usch splitternder Knochen zu h�ren. Sie roch Blut, und auf einmal spritzte warmes Blut �ber ihr ganzes Gesicht.</p><p>Nur den Bruchteil einer Sekunde sp�ter h�rte sie Schreie und Sch�sse. Instinktiv lie� sie sich zu Boden fallen. Erst dann sah sie sich um und begriff, was passiert war.</p><p>Der Polizist, der ihr Handschellen hatte anlegen wollen, war tot � er war enthauptet worden. Die anderen Polizisten schossen wild um sich, aber sie hatten keine Chance. Eine Horde Vampire � die aus der City Hall � hatte sich auf sie gest�rzt. Sie rissen die Beamten in St�cke.</p><p>Den Polizisten gelang es zwar, einige Vampire zu treffen, aber das n�tzte ihnen nichts. Der Ansturm ging trotzdem weiter. Es war ein wahres Blutbad.</p><p>Pl�tzlich sp�rte Caitlin die vertraute W�rme in ihrem Blut. Die Kraft stieg von ihren F��en aus nach oben und breitete sich bis zu den Armen und Schultern aus. Mit einem kr�ftigen Ruck sprengte sie die Handschellen und betrachtete verbl�fft ihre H�nde. An beiden Handgelenken baumelten Reste des Metalls, aber ihre H�nde waren frei.</p><p>Sie sprang auf die F��e und beobachtete fasziniert die grausigen Szenen, die sich vor ihren Augen abspielten. Die Vampire kauerten �ber den Leichen der Polizisten. Offensichtlich waren sie zu besch�ftigt, um auf Caitlin zu achten. Sie begriff, dass sie fliehen musste � und zwar schnell.</p><p>Doch noch bevor sie den Gedanken in die Tat umsetzen konnte, packte jemand sie mit einem eiskalten, starken Griff von hinten am Hals. Sie sah sich um und erkannte das Gesicht: Es war Kyle. Und sein Blick war voller Mordlust.</p><p>Mit einem h�hnischen Blick erwiderte er ihren Blick.</p><p>�Wir retten dich nicht�, sagte er. �Wir nehmen uns lediglich, was uns zusteht.�</p><p>Sie versuchte sich zu wehren. Kraftvoll holte sie aus, aber er fing ihren Arm m�helos ab und griff wieder nach ihrer Kehle. Schon bald bekam sie keine Luft mehr. Sie war ihm einfach nicht gewachsen.</p><p>�Du bist manchen Dingen gegen�ber vielleicht immun�, knurrte er, �aber du bist nicht ann�hernd so stark wie ich. Und du wirst es auch nie werden.�</p><p>In diesem Augenblick nahm Caitlin eine schnelle Bewegung wahr; pl�tzlich konnte sie wieder atmen. Verbl�fft sah sie Kyle r�ckw�rtsstolpern. Dann wurde er mit solcher Macht nach hinten geschleudert, dass er in das Steingel�nder krachte und es zertr�mmerte.</p><p>Suchend sah sich Caitlin nach dem Angreifer um.</p><p>Es war Caleb.</p><p>Er war da.</p><p>Bevor sie �berhaupt realisiert hatte, was geschah, sp�rte sie bereits den vertrauten, festen Griff um ihre Taille. Sein muskul�ser Arm umschlang sie, und sie rannten und rannten. Dabei wurden sie immer schneller, genau wie in der Nacht zuvor. Sie liefen durch den Central Park in Richtung S�den, und bald schon nahm sie die B�ume nur noch verschwommen wahr. Wieder erhoben sie sich in die Luft und flogen.</p><p>Caleb breitete seine Fl�gel aus und h�llte sie darin ein. Sie flogen hoch �ber der Stadt.</p><p>�Ich dachte, du k�nntest nicht fort�, begann Caitlin schlie�lich.</p><p>�Das kann ich auch nicht�, erwiderte Caleb.</p><p>�Bedeutet das, dass du ��</p><p>�Ich bin verbannt. Ja.�</p><p>Ihre Gef�hle �berw�ltigten sie. Er hatte alles f�r sie aufgegeben.</p><p>Sie flogen h�her und h�her, fast bis zu den Wolken. Caitlin hatte keine Ahnung, wohin die Reise ging. Als sie nach unten schaute, erkannte sie, dass sie die Stadt verlie�en. Sie war �bergl�cklich, alles hinter sich zu lassen, und sie war mehr als bereit f�r einen Neustart. Aber am allermeisten freute sie sich, in Calebs Armen zu sein. Der Himmel vor ihnen leuchtete in einem sanften Orange, und sie w�nschte sich nur, dass dieser Moment nie enden m�ge.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>�ber den Autor</p><p>Morgan Rice schreibt schon seit vielen Jahren, doch <emphasis>The Vampire Journals</emphasis> sind seine erste Vampirserie. Morgan Rice ist das Pseudonym eines bekannten US-Autors, der in New York City lebt.</p></section></body><binary id="cover" 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