<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Morgan</first-name><last-name>Rice</last-name></author><book-title>Geliebt</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>deu</lang><sequence name="The Vampire Journals" number="2"/></title-info><document-info><author><first-name>Morgan</first-name><last-name>Rice</last-name></author><program-used>calibre 0.8.21, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>25.2.2013</date><id>63606473-3808-4faa-ba6c-00ffaf5c66a2</id><version>1.0</version></document-info></description><body><section><empty-line/><p>Morgan Rice</p><p>Geliebt</p><p>The Vampire Journals</p><empty-line/><p>Band 2</p><p>�bersetzung aus dem amerikanischen Englisch von</p><empty-line/><p>Gabi Reichart-Schmitz</p><p><image l:href="#1"/></p></section><section><empty-line/><p>L�bbe Digital</p><p>Vollst�ndige E-Book-Ausgabe</p><empty-line/><p>des in der Bastei L�bbe GmbH &amp; Co. KG erschienenen Werkes</p><p>L�bbe Digital in der Bastei L�bbe GmbH &amp; Co. KG</p><p>Deutsche Erstausgabe</p><p>F�r die Originalausgabe:</p><p>Copyright � 2011 by Morgan Rice</p><p>Titel der amerikanischen Originalausgabe:</p><p>�Loved � Book 2 in the Vampire Journals�</p><p>Published by Arrangement with</p><p>LUKEMAN LITERARY MANAGEMENT LTD., BROOKLYN, NY, USA</p><p>F�r die deutschsprachige Ausgabe:</p><p>Copyright � 2012 by Baumhaus Verlag in der</p><p>Bastei L�bbe GmbH &amp; Co. KG, K�ln</p><p>Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schl�ck GmbH, 30827 Garbsen</p><p>Lektorat: Christina Neiske, M�nchen</p><p>Titelbild: � istockphoto/Ivan Bliznetsov</p><p>Umschlaggestaltung: � Tanja �stlyngen</p><p>Datenkonvertierung E-Book:</p><p>hanseatenSatz-bremen, Bremen</p><p>ISBN 978-3-8387-2015-9</p><p>Sie finden uns im Internet unter</p><empty-line/><p>www.luebbe.de</p><empty-line/><p>Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de</p><p>Der Preis dieses Bandes versteht sich einschlie�lich</p><empty-line/><p>der gesetzlichen Mehrwertsteuer</p></section><section><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>FAKT:</strong></p><p>Im Jahr 1692 wurden in Salem ein Dutzend M�dchen im Teenageralter von einer r�tselhaften Krankheit befallen. Man nannte diese M�dchen auch <emphasis>die</emphasis><emphasis>Besessenen</emphasis>. Die Krankheit lie� die jungen M�dchen hysterisch werden: Sie schrien herum und behaupteten, dass sie von ortsans�ssigen Hexen gequ�lt w�rden. Dies f�hrte zu den Hexenprozessen von Salem.</p><p>Bis zum heutigen Tag konnte keine Erkl�rung f�r die mysteri�se Erkrankung der jungen M�dchen gefunden werden.</p></section><section><empty-line/><p><emphasis>Sie tr�umte diese Nacht, sie s�h mein Bildnis,</emphasis></p><p><emphasis>Das wie ein Springbrunnen klares Blut vergoss,</emphasis></p><p><emphasis>Aus hundert R�hren; r�stge R�mer kamen,</emphasis></p><p><emphasis>Und tauchten l�chelnd ihre H�nde drein.</emphasis></p><p><emphasis>Dies legt sie nun als Warnung aus und Zeichen</emphasis></p><p><emphasis>Und Ungl�ck, das uns droht �</emphasis></p><p><emphasis>William Shakespeare, Julius C�sar</emphasis></p><p><emphasis>(Aus der �bersetzung von August Wilhelm von Schlegel, Zweiter Akt, Zweite Szene)</emphasis></p></section><section><p>
				
				1.
				Kapitel
				<emphasis>Hudson Valley, New York</emphasis><emphasis>(In der Gegenwart)</emphasis></p><p><emphasis>Z</emphasis>um ersten Mal seit Wochen war Caitlin Paine entspannt. Sie sa� auf dem Boden der kleinen Scheune, bequem an einen Heuballen gelehnt, und atmete tief durch. Rund drei Meter von ihr entfernt prasselte ein kleines Feuer in einer gemauerten Feuerstelle. Sie hatte gerade ein weiteres Holzscheit aufgelegt und lauschte dem beruhigenden Knistern der Flammen. Der Monat M�rz war noch nicht vor�ber, und heute Nacht war es besonders kalt. Das Fenster in der gegen�berliegenden Wand gab den Blick auf den Nachthimmel frei � sie konnte erkennen, dass es immer noch schneite.</p><p>Die Scheune war nicht beheizt, aber sie sa� dicht genug am Feuer, um nicht zu frieren. Sie f�hlte sich wohl, und ihre Augenlider wurden allm�hlich schwer. Es roch nach Rauch. Als sie sich ein wenig weiter zur�cklehnte, sp�rte sie, wie die Anspannung in ihren Schultern und ihren Beinen nachlie�.</p><p>Nat�rlich war das Feuer nicht der wahre Grund f�r ihren inneren Frieden, auch nicht das Heu oder der Schutz, den die Scheune bot. Es lag an ihm. Caleb. Sie sa� ganz still und betrachtete ihn.</p><p>Er sa� ihr gegen�ber, ungef�hr f�nf Meter entfernt, und schlief. Sie nutzte die Gelegenheit, seine vollkommenen Gesichtsz�ge und seine blasse, durchscheinende Haut zu studieren. Noch nie hatte sie so feine Gesichtsz�ge gesehen. Es war so unwirklich � als w�rde sie eine Skulptur anstarren. Es war unvorstellbar, dass er schon seit dreitausend Jahren lebte. Sie selbst sah mit ihren achtzehn Jahren �lter aus als er.</p><p>Aber es lag nicht nur an seinem Aussehen. Er strahlte etwas Besonderes aus, eine Art unterschwellige Energie. Und einen au�ergew�hnlichen inneren Frieden. Wenn sie mit ihm zusammen war, hatte sie das Gef�hl, alles w�rde wieder gut werden.</p><p>Sie war einfach nur froh, dass er noch da war, dass er immer noch bei ihr war. Und sie hoffte, dass sie zusammenbleiben w�rden. Aber noch w�hrend sie das dachte, schalt sie sich daf�r, weil sie wusste, dass sie sich nur �rger einhandeln w�rde. Aus Erfahrung wusste sie, dass Typen wie er nicht blieben. So tickten die nicht.</p><p>Caleb schlief so ruhig und atmete so flach, dass man kaum erkennen konnte, ob er �berhaupt schlief. Zuvor war er auf Nahrungssuche gegangen. Als er zur�ckkehrte, war er gelassener. Er hatte einen kleinen Stapel Holzscheite mitgebracht, und es war ihm auch gelungen, die Scheunent�r abzudichten, sodass Schnee und Zugluft drau�en blieben. Nachdem er das Feuer angez�ndet hatte, war er eingeschlafen, daher k�mmerte sie sich jetzt darum.</p><p>Sie griff nach ihrem Becher und trank einen Schluck Rotwein. Der Alkohol trug zu ihrer Entspannung bei. Sie hatte die Flasche in einer verborgenen Kiste unter einem Heuhaufen gefunden; aus einer Laune heraus hatten sie und ihr kleiner Bruder Sam sie vor Monaten dort versteckt. Caitlin trank sonst nie Alkohol, aber sie dachte sich, ein paar Schlucke k�nnten nicht schaden � nach all dem, was sie durchgemacht hatte.</p><p>In ihrem Scho� lag ihr aufgeschlagenes Tagebuch, in einer Hand hielt sie einen Stift, in der anderen den Becher. Das Buch lag schon seit zwanzig Minuten dort. Sie hatte keine Ahnung, wo sie anfangen sollte. Normalerweise passierte ihr das nicht, aber diesmal war es anders. Die Ereignisse der j�ngsten Vergangenheit waren sehr dramatisch gewesen und schwer zu verarbeiten. Zum ersten Mal seit Tagen war sie ruhig und entspannt. Zum ersten Mal seit Tagen f�hlte sie sich ann�hernd in Sicherheit.</p><p>Sie beschloss, dass es am besten w�re, ganz vorne zu beginnen. Was geschehen war. Warum sie hier war. Wer sie �berhaupt war. Sie musste die Ereignisse verarbeiten, doch sie war sich nicht sicher, ob sie die Antworten auf alle Fragen kannte.</p><p>***</p><p><emphasis>Bis letzte Woche war mein Leben normal. Im Laufe der Zeit hatte ich mich an Oakville gew�hnt, es gefiel mir sogar. Dann marschierte Mom eines Tages herein und verk�ndete, dass wir umziehen w�rden. Wieder einmal. Unser Leben wurde auf den Kopf gestellt, das kannten wir ja schon zur Gen�ge von ihr.</emphasis></p><p><emphasis>Aber diesmal war es schlimmer. Wir zogen nicht wieder in eine kleine Stadt, sondern nach New York. In eine Gro�stadt. Das bedeutete den Besuch einer staatlichen Schule und ein Leben umgeben von Beton, noch dazu in einer gef�hrlichen Wohngegend.</emphasis></p><p><emphasis>Sam war ebenfalls stocksauer. Wir redeten dar�ber, nicht mitzugehen und uns davonzumachen. Aber die Wahrheit war, dass es keine Alternative gab.</emphasis></p><p><emphasis>Also zogen wir wieder mal um. Wir schworen uns beide insgeheim, dass wir abhauen w�rden, wenn es uns nicht gefiele. Wir w�rden schon irgendwo unterkommen. Irgendwo. Vielleicht k�nnten wir sogar versuchen, Dad aufzusp�ren. Aber wir wussten beide, dass das nicht realistisch war.</emphasis></p><p><emphasis>Und dann passierte es. Es ging so schnell. Mein K�rper ver�nderte sich, er verwandelte sich. Ich wei� immer noch nicht richtig, was geschehen ist und was aus mir geworden ist. Ich wei� nur, dass ich nicht mehr dieselbe bin.</emphasis></p><p><emphasis>Ich erinnere mich an jenen schicksalhaften Abend, an dem alles begann. Die Carnegie Hall. Mein Date mit Jonah. Und dann � die Konzertpause. Meine � Nahrungsaufnahme? Der Mord, den ich begangen haben soll? Ich kann mich immer noch nicht erinnern. Ich wei� nur das, was man mir erz�hlt hat. Ich wei�, dass ich in jener Nacht etwas Schreckliches getan habe, aber es ist alles in einem Nebel verschwunden. Was auch immer ich getan habe, es liegt mir schwer im Magen. Ich wollte niemandem etwas antun.</emphasis></p><p><emphasis>Am n�chsten Tag nahm ich die Ver�nderungen an mir wahr. Ich hatte definitiv mehr Kraft, und ich wurde empfindlicher gegen�ber Licht. Auch mein Geruchssinn ver�nderte sich. Tiere benahmen sich seltsam in meiner Gegenwart, und auch ich reagierte merkw�rdig auf sie.</emphasis></p><p><emphasis>Und dann war da die Sache mit meiner Mom. Sie sagte mir, sie w�re nicht meine richtige Mutter, und kurz darauf wurde sie von diesen Vampiren umgebracht, die hinter mir her waren. Ich habe nie gewollt, dass ihr so etwas zust��t. Ich f�hle mich immer noch irgendwie schuldig. Aber ich kann mich jetzt nicht gehen lassen. Ich muss mich auf das konzentrieren, was vor mir liegt, was ich steuern kann.</emphasis></p><p><emphasis>Es folgte meine Gefangennahme durch diese furchtbaren Vampire. Sp�ter meine Flucht. Mit Caleb. Ohne ihn h�tten sie mich bestimmt get�tet. Oder mir Schlimmeres angetan.</emphasis></p><p><emphasis>Calebs Clan. Sein Volk. Sie waren so anders. Aber trotzdem waren auch sie Vampire. Sie hatten ein ausgepr�gtes Revierverhalten. Waren eifers�chtig. Misstrauisch. Sie warfen mich hinaus und lie�en ihm keine Wahl.</emphasis></p><p><emphasis>Aber er w�hlte trotzdem. Trotz allem entschied er sich f�r mich. Erneut rettete er mich. Er hat alles f�r mich riskiert. Ich liebe ihn daf�r. Mehr, als er je erfahren wird.</emphasis></p><p><emphasis>Ich muss ihm helfen. Er glaubt, ich sei die Auserw�hlte, eine Art Vampir-Messias. Er ist �berzeugt, dass ich ihn zu einem verlorenen Schwert f�hren kann, das einen Vampirkrieg verhindern und alle retten wird. Ich pers�nlich glaube nicht daran. Nicht mal sein eigenes Volk glaubt es. Doch ich wei�, dass das alles ist, was er hat; es bedeutet die Welt f�r ihn. Und f�r mich ist es das Mindeste, was ich tun kann. Dabei geht es mir gar nicht um das Schwert. Ich will einfach nicht, dass er geht.</emphasis></p><p><emphasis>Also tue ich, was ich kann. Meinen Dad wollte ich ohnehin schon immer suchen. Ich will wissen, wer er wirklich ist. Wer ich wirklich bin. Ob ich wirklich ein halber Vampir bin, beziehungsweise ein halber Mensch, oder was auch immer. Ich brauche Antworten. Au�erdem will ich wissen, was aus mir werden wird �</emphasis></p><p>�Caitlin?�</p><p>Als sie aufwachte, war sie v�llig benommen. Caleb stand vor ihr und sch�ttelte sie sanft an der Schulter. Er l�chelte.</p><p>�Ich glaube, du bist eingeschlafen�, sagte er.</p><p>Sie sah sich um und entdeckte das offene Tagebuch in ihrem Scho�. Schnell klappte sie es zu und sp�rte, wie ihre Wangen hei� wurden. Hoffentlich hatte er nicht darin gelesen. Vor allem nicht den Teil �ber ihre Gef�hle f�r ihn.</p><p>Sie setzte sich auf und rieb sich die Augen. Es war noch dunkel, und das Feuer war bis auf die Glut heruntergebrannt. Er musste auch gerade erst aufgewacht sein. Sie fragte sich, wie lange sie wohl geschlafen hatte.</p><p>�Tut mir leid�, sagte sie. �Ich habe zum ersten Mal seit Tagen geschlafen.�</p><p>Er l�chelte wieder, ging zum Feuer und legte einige Holzscheite auf. Sie begannen zu knacken und zu zischen, als das Feuer wieder aufflackerte. Sie sp�rte, wie die W�rme ihre F��e erreichte.</p><p>Er starrte ins Feuer, und sein L�cheln verblasste langsam, als er sich in seinen Gedanken verlor. Die Flammen warfen einen warmen Schein auf sein Gesicht und lie�en ihn noch attraktiver wirken, falls das �berhaupt m�glich war. Seine gro�en, hellbraunen Augen waren weit ge�ffnet. W�hrend sie ihn betrachtete, wechselten sie die Farbe und wurden hellgr�n.</p><p>Caitlin setzte sich auf und merkte, dass ihr Weinglas noch fast voll war. Sie trank einen Schluck. Der Wein w�rmte sie. Sie hatte schon eine ganze Weile nichts mehr gegessen, weshalb ihr der Alkohol sofort zu Kopf stieg. Sie sah den anderen Becher dort stehen und besann sich auf ihre guten Manieren.</p><p>�Soll ich dir auch etwas einschenken?�, fragte sie und f�gte nerv�s hinzu: �Ich meine, ich wei� nicht, ob du �berhaupt Wein trinkst ��</p><p>Er lachte.</p><p>�Doch, auch Vampire trinken Wein�, erwiderte er l�chelnd, kam zu ihr her�ber und hielt ihr seinen Becher hin.</p><p>Sie war �berrascht. Nicht von seinen Worten, sondern von seinem Lachen. Es klang sanft, elegant und schien im Raum zu verklingen. Wie alles an ihm war auch sein Lachen r�tselhaft.</p><p>Sie sah ihm in die Augen, als er sein Glas an die Lippen hob, und hoffte, er w�rde ihren Blick erwidern.</p><p>Er tat es.</p><p>Dann sahen beide gleichzeitig weg. Caitlins Herz schlug schneller.</p><p>Caleb kehrte an seinen Platz zur�ck, setzte sich ins Stroh, lehnte sich zur�ck und sah sie an. Er schien sie genau zu mustern, und das machte sie verlegen.</p><p>Unbewusst strich sie sich mit der Hand �ber ihre Kleidung und w�nschte, sie tr�ge etwas H�bscheres. Ihre Gedanken rasten, w�hrend sie �berlegte, was sie �berhaupt anhatte. Irgendwo auf dem Weg � sie konnte sich nicht mehr an den Ort erinnern � hatten sie kurz Halt gemacht. Sie war in das einzige Bekleidungsgesch�ft gegangen, das es gab � ein Secondhandladen der Heilsarmee �, und hatte sich andere Kleidung besorgt.</p><p>Jetzt blickte sie entsetzt an sich herunter und erkannte sich selbst kaum wieder. Sie hatte zerrissene, verwaschene Jeans an, Turnschuhe, die ihr eine Nummer zu gro� waren, und ein Sweatshirt �ber einem T-Shirt. Dar�ber trug sie eine ausgeblichene, lila Jacke, an der ein Knopf fehlte und die ihr ebenfalls zu gro� war. Aber die Sachen hielten warm. Und das war momentan das Wichtigste.</p><p>Trotzdem war sie verlegen. Warum musste er sie so sehen? Da lernte sie schon mal jemanden kennen, der ihr wirklich gefiel, und dann hatte sie keine Chance, sich h�bsch zu machen. In dieser H�tte gab es kein Bad, und selbst wenn es eines g�be, h�tte sie keine Schminkutensilien dabei. Besch�mt wich sie seinem Blick aus.</p><p>�Habe ich lange geschlafen?�, fragte sie.</p><p>�Ich wei� es nicht. Ich bin selbst gerade erst aufgewacht�, antwortete er und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. �Ich habe meinen Durst heute ziemlich fr�h gestillt. Das hat mich ganz aus dem Konzept gebracht.�</p><p>Sie sah ihn an.</p><p>�Erkl�r es mir�, forderte sie ihn auf.</p><p>Er verstand nicht, was sie meinte.</p><p>�Die Nahrungsaufnahme�, pr�zisierte sie. �Wie funktioniert es? Bringst du � Menschen um?�</p><p>�Nein, nie�, antwortete er.</p><p>Er schwieg eine Weile und ordnete seine Gedanken.</p><p>�Es ist kompliziert, wie alles, was mit Vampiren zu tun hat�, erkl�rte er. �Es h�ngt vom Vampirtyp ab, au�erdem von der Clanzugeh�rigkeit. Ich ern�hre mich nur von Tieren, haupts�chlich Rehen. Davon gibt es ohnehin zu viele, und die Menschen jagen sie auch � h�ufig essen sie sie nicht einmal.�</p><p>Sein Gesichtsausdruck wurde finster.</p><p>�Aber andere Clans sind nicht so kultiviert. Sie ern�hren sich von Menschenblut. In der Regel suchen sie sich unerw�nschte Menschen aus.�</p><p>�Unerw�nschte?�</p><p>�Obdachlose, Herumtreiber, Prostituierte � Menschen, deren Verschwinden niemandem auff�llt. So ist es immer schon gewesen. Vampire wollen keine Aufmerksamkeit auf sich lenken.</p><p>Weil wir kein Menschblut trinken, betrachten wir uns � das hei�t meinen Clan, den Whitetide Clan � als reinbl�tig und die anderen Arten als unrein. Wovon man sich ern�hrt � von dessen Energie wird man durchstr�mt.�</p><p>Caitlin sa� ganz still und dachte nach.</p><p>�Wie ist es bei mir?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>Er warf ihr einen Blick zu.</p><p>�Warum will ich manchmal Blut trinken, manchmal aber auch nicht?�</p><p>Er runzelte nachdenklich die Stirn.</p><p>�Ich bin mir nicht sicher. Bei dir ist es anders. Du bist ein Halbblut. Das ist sehr selten � Ich wei� aber, dass du gerade erwachsen wirst. Andere Vampire werden verwandelt, �ber Nacht. Bei dir ist es ein l�ngerer Prozess. Vielleicht wird es eine Weile dauern, bis du alle Ver�nderungen durchlaufen und dich damit arrangiert hast.�</p><p>Caitlin lehnte sich zur�ck und erinnerte sich an die schmerzhaften Hungerattacken, von denen sie wie aus dem Nichts �berfallen worden war. Sie war nicht mehr in der Lage gewesen, an etwas anderes zu denken � sie wollte nur noch ihren Hunger beziehungsweise Durst stillen. Das war furchtbar gewesen. Sie f�rchtete sich schon vor dem n�chsten Mal.</p><p>�Aber woher wei� ich, wann es wieder passieren wird?�</p><p>Er sah sie an. �Du kannst es nicht wissen.�</p><p>�Aber ich will keine Menschen umbringen�, erwiderte sie heftig. �Niemals.�</p><p>�Das musst du auch nicht. Du kannst dich von Tieren ern�hren.�</p><p>�Aber was ist, wenn ich gerade irgendwo bin, wo es keine Tiere gibt?�</p><p>�Du wirst lernen m�ssen, dein Verlangen zu kontrollieren. Dazu braucht man viel �bung. Und Willensst�rke. Es ist nicht einfach, aber es ist m�glich. Du kannst es kontrollieren. Jeder Vampir macht das durch.�</p><p>Caitlin dachte dar�ber nach, wie es sein w�rde, ein lebendes Tier zu fangen und sein Blut auszusaugen. Ihr war klar, dass sie bereits schneller war als je zuvor, aber sie wusste nicht, ob sie daf�r tats�chlich schon schnell genug war. Au�erdem hatte sie keine Ahnung, was sie tun m�sste, falls sie tats�chlich ein Reh erwischte.</p><p>Wieder sah sie ihn an.</p><p>�Wirst du es mir beibringen?�, fragte sie hoffnungsvoll.</p><p>Er begegnete ihrem Blick, und sie sp�rte, wie ihr Herz schneller klopfte.</p><p>�Die Nahrungsaufnahme ist in unserer Rasse heilig. Dabei ist man immer allein�, sagte er sanft und entschuldigend. �Au�er �� Er verstummte.</p><p>�Au�er?�, hakte sie nach.</p><p>�Au�er bei einer Hochzeitszeremonie. Um Ehemann und Ehefrau aneinander zu binden.�</p><p>Er blickte zur Seite und rutschte unbehaglich hin und her. Das Blut schoss ihr in die Wangen, und pl�tzlich fand sie es sehr warm im Raum.</p><p>Sie beschloss, das Thema fallen zu lassen. Momentan hatte sie keine Hungerkr�mpfe, sie w�rde sich damit besch�ftigen, wenn es so weit war. Sie hoffte, dass er dann bei ihr sein w�rde.</p><p>Au�erdem interessierte sie sich gar nicht sonderlich f�r Ern�hrungsfragen, Vampire, Schwerter oder �hnliches. Sie wollte etwas �ber <emphasis>ihn</emphasis> erfahren. Oder eigentlich dar�ber, was er f�r sie empfand. Es gab so viele Fragen, die sie ihm gerne gestellt h�tte. <emphasis>Warum hast du all das f�r mich riskiert? Ging es dir blo� darum, dieses Schwert zu finden? Oder gab es sonst noch etwas? Wirst du auch bei mir bleiben, wenn du dein Schwert gefunden hast? W�rdest du die Grenze f�r mich �berschreiten, obwohl eine Liebesbeziehung mit einem Menschen verboten ist?</emphasis></p><p>Doch sie hatte Angst.</p><p>Daher sagte sie nur: �Ich hoffe, wir werden dein Schwert finden.�</p><p><emphasis>Lahm</emphasis>, dachte sie.<emphasis> F�llt dir nichts Besseres ein? Kannst du nie mutig genug sein, um zu sagen, was du wirklich denkst?</emphasis></p><p>Aber seine Energie war zu intensiv. Wenn sie in seiner N�he war, konnte sie kaum klar denken.</p><p>�Das hoffe ich auch�, erwiderte er. �Es ist keine gew�hnliche Waffe. Wir Vampire sind schon seit Jahrhunderten darauf versessen. Es wird gemunkelt, es w�re das exquisiteste t�rkische Schwert, das je geschmiedet wurde. Es besteht aus einem Metall, das jeden Vampir t�ten kann. Damit w�ren wir unbesiegbar. Ohne das Schwert hingegen ��</p><p>Er verstummte, offensichtlich scheute er sich, die Konsequenzen auszusprechen.</p><p>Caitlin w�nschte, Sam w�re hier und k�nnte ihnen helfen, indem er sie zu ihrem Dad f�hrte. Pr�fend sah sie sich in der kleinen Scheune um. Sie entdeckte kein Anzeichen daf�r, dass er vor Kurzem hier gewesen war. Erneut bedauerte sie es, ihr Handy verloren zu haben. Es h�tte ihr Leben so sehr erleichtert.</p><p>�Sam hat �fter mal hier �bernachtet�, sagte sie. �Ich war mir sicher, dass er hier sein w�rde. Ich wei�, dass er in diese Stadt zur�ckgekehrt ist � ganz bestimmt. Er w�rde nicht woanders hingehen. Morgen reden wir in der Schule mit seinen Freunden. Ich werde schon herausfinden, wo er steckt.�</p><p>Caleb nickte. �Glaubst du, er wei�, wo sich euer Vater befindet?�</p><p>�Ich � wei� es nicht�, antwortete sie. �Aber er wei� auf jeden Fall viel mehr �ber ihn als ich. Er sucht schon seit einer Ewigkeit nach ihm. Wenn jemand etwas wei�, dann er.�</p><p>Caitlin dachte daran, wie Sam st�ndig auf der Suche gewesen war, wie er ihr seine neuen Hinweise gezeigt hatte, um dann doch immer wieder entt�uscht zu werden. So oft war er abends in ihr Zimmer gekommen und hatte auf der Bettkante gesessen. Seine Sehnsucht nach ihrem Vater war �berw�ltigend gewesen, er war wie besessen davon. Sie sehnte sich ebenfalls nach ihm, aber ihr Wunsch war lange nicht so stark. F�r sie war es schlimmer gewesen, seine Entt�uschung mitzuerleben.</p><p>Caitlin erinnerte sich an ihre verkorkste Kindheit, an alles, was sie verpasst hatten, und pl�tzlich wurde sie von ihren Gef�hlen �berw�ltigt. In ihrem Augenwinkel bildete sich eine Tr�ne. Verlegen wischte sie sie schnell weg und hoffte, dass Caleb es nicht gesehen hatte.</p><p>Doch er hatte es gesehen. Er sah auf und musterte sie aufmerksam.</p><p>Dann erhob er sich langsam und setzte sich neben sie. Er war so nahe, dass sie seine Energie ganz deutlich sp�ren konnte. Ihr Herz klopfte schneller.</p><p>Sanft fuhr er ihr mit einem Finger durch das Haar und strich ihr eine Str�hne aus dem Gesicht. Dann lie� er seinen Finger an ihrem Auge vorbei die Wange hinuntergleiten.</p><p>Sie hielt den Kopf gesenkt und blickte zu Boden, weil sie seinen Blick f�rchtete. Sie sp�rte, wie eindringlich er sie musterte.</p><p>�Mach dir keine Sorgen�, sagte er mit seiner sanften, tiefen Stimme, bei deren Klang sie sich so wohlf�hlte. �Wir werden deinen Vater finden. Wir werden gemeinsam nach ihm suchen.�</p><p>Aber das war es nicht, was ihr Sorgen bereitete. Sie sorgte sich um ihn. Um Caleb. Sie fragte sich, wann er sie verlassen w�rde.</p><p>Au�erdem fragte sie sich, ob er sie wohl k�ssen w�rde, wenn sie ihm ins Gesicht schaute. Sie sehnte sich danach, die Ber�hrung seiner Lippen zu sp�ren.</p><p>Aber sie hatte Angst, den Kopf zu heben.</p><p>Nach einer gef�hlten Ewigkeit brachte sie schlie�lich den Mut auf, ihn anzusehen.</p><p>Doch er hatte sich bereits abgewandt. Er lehnte an dem Heuballen, hatte die Augen geschlossen und schlief. Der Feuerschein beleuchtete das sanfte L�cheln auf seinem Gesicht.</p><p>Sie r�ckte n�her an ihn heran und lehnte sich ebenfalls zur�ck. Ihr Kopf ruhte nur wenige Zentimeter neben seiner Schulter, sodass sie sich beinahe ber�hrten.</p><p>Und beinahe gen�gte ihr das.</p></section><section><p>
				
				2.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>C</emphasis>aitlin schob das Scheunentor auf und betrachtete blinzend die schneebedeckte Welt dort drau�en. Der Schnee reflektierte das helle Sonnenlicht. Sie schlug die H�nde vors Gesicht, weil ein bis dahin unbekannter Schmerz in ihre Augen schoss.</p><p>Caleb trat neben sie � er war damit besch�ftigt, sich einen �berzug aus einem d�nnen, durchsichtigen Material �ber Arme und Hals zu ziehen. Es sah fast aus wie Klarsichtfolie, aber es schien mit seiner Haut zu verschmelzen. Schon konnte sie den �berzug gar nicht mehr erkennen.</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Hautfolie�, antwortete er, w�hrend er die Folie sorgf�ltig mehrfach um Arme und Schultern wickelte. �Damit ist es uns m�glich, bei Sonnenschein hinauszugehen. Ansonsten w�rde unsere Haut verbrennen.� Er musterte sie. �Du brauchst das nicht � noch nicht.�</p><p>�Woran merkt man das denn?�, fragte sie.</p><p>�Glaub mir�, erwiderte er grinsend. �Du w�rdest es wissen.�</p><p>Er griff in die Tasche und nahm ein Fl�schchen Augentropfen heraus, von denen er mehrere Tropfen in jedes Auge tr�ufelte. Er drehte sich um und sah sie an.</p><p>Offensichtlich erkannte er, dass ihre Augen schmerzten, denn er legte ihr sanft eine Hand auf die Stirn. �Leg den Kopf zur�ck�, forderte er sie auf.</p><p>Sie gehorchte.</p><p>�Mach die Augen weit auf�, sagte er.</p><p>Vorsichtig lie� er ihr in jedes Auge je einen Tropfen fallen.</p><p>Es brannte wie verr�ckt. Sie schloss die Augen und senkte den Kopf.</p><p>�Au�, sagte sie und rieb sich die Augen. �Du kannst es mir auch einfach sagen, wenn du sauer auf mich bist.�</p><p>Er lachte. �Tut mir leid. Anfangs brennt es, aber das geht schnell vorbei. Innerhalb weniger Sekunden werden deine Augen nicht mehr lichtempfindlich sein.�</p><p>Sei zwinkerte und rieb sich erneut die Augen. Schlie�lich blickte sie auf und merkte, dass er recht hatte � die Schmerzen hatten aufgeh�rt.</p><p>�Die meisten von uns wagen sich trotzdem nicht raus in die Sonne, wenn es nicht unbedingt sein muss. Bei Tag sind wir schw�cher. Aber manchmal geht es eben nicht anders.�</p><p>Fragend sah er sie an. �Diese Schule, die dein Bruder besucht hat � ist sie weit weg?�</p><p>�Es ist nur ein kurzer Fu�marsch�, entgegnete sie und ging �ber die schneebedeckte Wiese voran. �Es ist die Highschool von Oakville. Bis vor wenigen Wochen war es auch meine Schule. Irgendeiner von meinen Freunden <emphasis>muss</emphasis> einfach wissen, wo Sam steckt.�</p><p>***</p><p>Die Highschool von Oakville sah noch genauso aus, wie Caitlin sie in Erinnerung hatte. Irgendwie f�hlte es sich unwirklich an, wieder dort zu sein. So, als h�tte sie nur einen kurzen Urlaub gemacht und w�re nun in ihr normales Leben zur�ckgekehrt. Einen kurzen Moment lang glaubte sie sogar, dass die Ereignisse der vergangenen Woche nur ein verr�ckter Traum gewesen waren. Sie schwelgte in der Fantasievorstellung, dass alles wieder v�llig normal w�re, genau so, wie es zuvor gewesen war. Es war ein sch�nes Gef�hl.</p><p>Aber als sie zur Seite blickte und Caleb neben sich sah, wusste sie, dass nichts normal war. Wenn es irgendetwas noch Unwirklicheres gab als ihre R�ckkehr, dann war es eine R�ckkehr mit Caleb an ihrer Seite. Sie w�rde ihre alte Schule zusammen mit diesem fantastisch aussehenden Typen betreten. Er war weit �ber einen Meter achtzig gro�, hatte breite Schultern und war von Kopf bis Fu� schwarz gekleidet. Der Kragen seines schwarzen Ledermantels war hochgeschlagen, und seine �berdurchschnittlich langen Haare fielen locker dar�ber. Er sah aus, als w�re er gerade von der Titelseite einer angesagten Teenie-Zeitschrift gestiegen.</p><p>Caitlin malte sich die Reaktion der anderen M�dchen aus, wenn sie sie zusammen mit ihm sahen. Bei dem Gedanken l�chelte sie unwillk�rlich. Sie war nie auffallend beliebt gewesen, und die Jungs hatten ihr nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Das hie� jedoch nicht, dass sie unbeliebt gewesen w�re � sie hatte einige gute Freunde, auch wenn sie nie der Mittelpunkt der angesagtesten Clique gewesen war. Sie ordnete sich irgendwo in der Mitte ein. Allerdings hatte sie bisweilen das Gef�hl gehabt, dass die wirklich angesagten M�dchen sie verachteten. Sie schienen immer zusammenzustecken, spazierten hochn�sig auf den G�ngen herum und ignorierten alle, die ihrer Ansicht nach unter ihrem Niveau waren. Jetzt w�rden sie ihr vielleicht Beachtung schenken.</p><p>Caitlin und Caleb stiegen die Treppen hoch und gingen durch die breiten Doppelt�ren in die Schule hinein. Caitlin warf einen Blick auf die gro�e Uhr: Es war acht Uhr drei�ig. Perfekt. Die erste Stunde w�rde gleich enden, und die G�nge m�ssten sich jeden Moment f�llen. So w�rden sie weniger auffallen. Sie musste sich keine Gedanken wegen des Sicherheitspersonals oder eines Ausweises machen.</p><p>Wie aufs Stichwort klingelte es. Innerhalb von Sekunden tauchten die ersten Sch�ler auf den Fluren auf.</p><p>Das Gute an Oakville war, dass zwischen dieser Highschool und der Highschool in New York City Welten lagen. Hier war selbst zu Sto�zeiten immer noch genug Platz. Gro�e Fenster s�umten die G�nge und lie�en Licht und Himmel herein. �berall konnte man B�ume sehen, egal wo man war. Beinahe vermisste sie ihre alte Schule. Beinahe.</p><p>Eigentlich hatte sie die Nase voll von Schule. Streng genommen w�rde es nur noch wenige Monate bis zu ihrem Schulabschluss dauern, aber sie hatte das Gef�hl, als h�tte sie in den letzten Tagen mehr gelernt, als sie je in einem Klassenraum lernen k�nnte. Im Vergleich dazu spielten ein paar weitere Monate Unterricht und ein offizielles Diplom keine Rolle. Sie lernte sehr gerne, aber sie h�tte auch kein Problem damit, nicht mehr zur Schule zu gehen.</p><p>Als sie den Flur entlanggingen, hielt Caitlin nach vertrauten Gesichtern Ausschau. Sie begegneten haupts�chlich Zehntkl�sslern und Elftkl�sslern, aber sie entdeckte niemanden aus ihrer zw�lften Klasse. �berrascht registrierte sie die Reaktion der M�dchen, an denen sie vorbeigingen. Jede Einzelne starrte Caleb buchst�blich an. Keine einzige Sch�lerin versuchte, ihr Interesse zu verbergen; sie waren nicht in der Lage, den Blick abzuwenden. Es war unglaublich. Sie kam sich vor, als w�rde sie in Begleitung von Justin Bieber durch die Schule spazieren.</p><p>Caitlin drehte sich um und sah, dass alle M�dchen stehen geblieben waren und immer noch starrten. Einige fl�sterten untereinander.</p><p>Sie warf Caleb einen Blick zu und fragte sich, ob ihm das aufgefallen war. Falls ja, lie� er sich jedenfalls nichts anmerken.</p><p>�Caitlin?�, sagte jemand mit verbl�ffter Stimme.</p><p>Caitlins Blick fiel auf Luisa, eines der M�dchen, mit denen sie vor ihrem Umzug befreundet gewesen war.</p><p>�Oh mein Gott!�, f�gte Luisa aufgeregt hinzu und breitete die Arme aus. Bevor Caitlin reagieren konnte, umarmte Luisa sie bereits. Caitlin erwiderte die freudige Begr��ung. Wie sch�n, ein vertrautes Gesicht zu sehen.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Luisa leicht hektisch. Das war typisch f�r sie. Ihr schwacher spanischer Akzent kam durch, da sie erst vor wenigen Jahren von Puerto Rico hergezogen war. �Ich bin ganz durcheinander! Ich dachte, du w�rst weggezogen? Ich habe dir gesimst und Nachrichten �ber Facebook geschickt, aber du hast nicht geantwortet ��</p><p>�Es tut mir so leid�, antwortete Caitlin. �Ich habe mein Handy verloren, und ich hatte keine Gelegenheit, an einen Computer zu gehen, und ��</p><p>Luisa h�rte nicht zu. Gerade hatte sie Caleb bemerkt und starrte ihn wie hypnotisiert an. Ihr klappte f�rmlich die Kinnlade herunter.</p><p>�Wer ist dein Freund?�, fragte sie schlie�lich leise. Caitlin l�chelte. Sie hatte ihre Freundin noch nie so fassungslos erlebt.</p><p>�Luisa, das ist Caleb�, stellte Caitlin vor.</p><p>�Es ist mir ein Vergn�gen�, sagte Caleb, l�chelte sie an und streckte die Hand aus.</p><p>Luisa konnte den Blick nicht von ihm l�sen. Langsam hob sie die Hand. Sie war wie bet�ubt und offensichtlich nicht in der Lage zu sprechen. Dann warf sie Caitlin einen ungl�ubigen Blick zu � sie konnte nicht verstehen, wie diese sich so einen Typen geschnappt hatte. Sie betrachtete ihre Freundin mit anderen Augen, fast als w�sste sie nicht, wer sie war.</p><p>��hm ��, stammelte Luisa mit weit aufgerissenen Augen, �� �hm � wie � wo � habt ihr euch denn kennengelernt?�</p><p>Caitlin spielte ganz kurz mit dem Gedanken, Luisa alles zu erz�hlen. Dann musste sie innerlich l�cheln. Es w�rde nicht funktionieren.</p><p>�Wir sind uns � nach einem Konzert begegnet�, sagte sie stattdessen.</p><p>Das entsprach zumindest teilweise der Wahrheit.</p><p>�Oh mein Gott, was f�r ein Konzert? In New York? Von den Black Eyed Peas!?�, rief Luisa aufgeregt. �Ich bin ja so neidisch! Die m�chte ich unbedingt mal auf der B�hne sehen!�</p><p>Caitlin l�chelte bei dem Gedanken an Caleb auf einem Rockkonzert. Irgendwie konnte sie sich ihn dort nicht vorstellen.</p><p>��hm � nicht direkt�, antwortete sie. �Luisa, h�r zu, tut mir leid, dass ich dich unterbrechen muss, aber ich habe nicht viel Zeit. Ich bin auf der Suche nach Sam. Hast du ihn vielleicht gesehen?�</p><p>�Klar. Alle haben ihn gesehen. Er ist letzte Woche zur�ckgekommen. Er sah merkw�rdig aus. Ich habe ihn gefragt, wo du bist und was mit ihm los ist, aber er wollte mir nichts erz�hlen. Wahrscheinlich pennt er drau�en in dieser leeren Scheune, die er so liebt.�</p><p>�Nein, da ist er nicht�, erwiderte Caitlin. �Wir kommen gerade von dort.�</p><p>�Wirklich? Tut mir leid, dann wei� ich es nicht. Er ist ja erst in der zehnten Klasse, deshalb haben wir nicht viel miteinander zu tun. Hast du es schon �ber Facebook versucht? Er ist doch st�ndig online.�</p><p>�Ich habe mein Handy nicht ��, begann Caitlin.</p><p>�Nimm meins�, fiel Luisa ihr ins Wort. Bevor Caitlin ihren Satz beenden konnte, hatte Luisa ihr schon ihr Handy in die Hand gedr�ckt. �Facebook ist schon offen. Logg dich ein und schick ihm eine Nachricht.�</p><p><emphasis>Nat�rlich</emphasis>, dachte Caitlin. <emphasis>Warum ist mir das nicht selbst eingefallen?</emphasis></p><p>Caitlin loggte sich ein, tippte Sams Namen in das Suchfeld, rief sein Profil auf und klickte auf <emphasis>Nachricht</emphasis>. Sie z�gerte kurz und �berlegte, was sie schreiben sollte. Dann tippte sie ein: <emphasis>Sam, ich bin�s. Ich bin in der Scheune. Komm dorthin. So bald wie m�glich.</emphasis></p><p>Sie dr�ckte auf <emphasis>Senden</emphasis> und gab Luisa das Handy zur�ck.</p><p>Hinter ihnen entstand ein kleiner Tumult, und Caitlin drehte sich um.</p><p>Eine Gruppe der beliebtesten, �lteren M�dchen kam direkt auf sie zu. Sie fl�sterten und starrten Caleb an.</p><p>Zum ersten Mal stieg ein neues Gef�hl in Caitlin auf. Eifersucht. Sie las in den Augen dieser M�dchen, die ihr zuvor nie Beachtung geschenkt hatten, dass sie ihr Caleb nur zu gerne wegschnappen w�rden. Diese M�dchen konnten jeden Jungen haben, den sie nur wollten. Es spielte keine Rolle, ob er eine Freundin hatte oder nicht. Man konnte blo� hoffen, dass sie kein Auge auf den eigenen Freund warfen.</p><p>Und jetzt hatten sie Caleb ins Visier genommen.</p><p>Caitlin hoffte und betete, dass Caleb immun gegen ihre Macht war. Und dass er Caitlin nach wie vor mochte. Aber wenn sie es sich recht �berlegte, konnte sie es sich nicht vorstellen. Sie war so durchschnittlich. Warum sollte er bei ihr bleiben, wenn M�dchen wie diese ihn unbedingt f�r sich haben wollten?</p><p>Caitlin betete, dass sie einfach vorbeigehen w�rden. Nur dieses eine Mal.</p><p>Aber nat�rlich taten sie das nicht. Ihr Herz h�mmerte, als die Gruppe direkt bei ihnen stehen blieb.</p><p>�Hi, Caitlin�, sagte eine von ihnen mit vorget�uschter Freundlichkeit.</p><p>Tiffany. Gro�, glattes blondes Haar, blaue Augen und spindeld�rr. Sie war von Kopf bis Fu� mit Designerklamotten ausstaffiert. �Wer ist denn dein Freund?�</p><p>Caitlin wusste nicht, was sie antworten sollte. Tiffany und ihre Freundinnen hatten sie bisher immer links liegen lassen und ihr nicht einmal einen Blick geg�nnt. Jetzt war Caitlin ganz �berrascht, dass sie �berhaupt ihren Namen kannten. Und offensichtlich wollten sie ein Gespr�ch beginnen. Caitlin wusste nat�rlich, dass das nichts mit ihr zu tun hatte. Sie wollten Caleb. So sehr, dass sie sich sogar dazu herablie�en, mit ihr zu sprechen.</p><p>Das verhie� nichts Gutes.</p><p>Caleb musste ihr Unbehagen gesp�rt haben, denn er trat einen Schritt n�her und legte ihr den Arm um die Schulter.</p><p>Noch nie in ihrem Leben war Caitlin f�r etwas dankbarer gewesen als f�r diese Geste.</p><p>Mit neu entdecktem Selbstvertrauen schaffte Caitlin es, ihnen zu antworten. �Das ist Caleb.�</p><p>�Was macht ihr denn hier?�, fragte ein anderes M�dchen. Bunny. Sie war eine Kopie von Tiffany, nur mit braunem Haar. �Ich dachte, du w�rst umgezogen oder so.�</p><p>�Nun, ich bin zur�ckgekommen�, erwiderte Caitlin.</p><p>�Und du, bist du neu hier?�, fragte Tiffany an Caleb gerichtet. �Bist du in der Zw�lften?�</p><p>�Ich bin neu hier, ja�, antwortete er unverbindlich.</p><p>Tiffanys Augen leuchteten auf, weil sie seine Antwort so interpretierte, dass er ihre Schule besuchen w�rde. �Super�, sagte sie. �Heute Abend gebe ich eine Party, bei mir zu Hause. Es werden nur ein paar enge Freunde da sein, aber wir h�tten dich sehr gerne dabei. Und � �hm � du kannst auch kommen�, f�gte sie hinzu und sah Caitlin an.</p><p>Caitlin sp�rte Ver�rgerung in sich aufsteigen.</p><p>�Vielen Dank f�r die Einladung, meine Damen�, sagte Caleb, �aber es tut mir leid, Caitlin und ich haben heute Abend schon etwas Wichtiges vor.�</p><p>Caitlins Herz schwoll vor Stolz an.</p><p>Gewonnen!</p><p>Zufrieden betrachtete sie ihre entt�uschten Gesichter.</p><p>Die M�dchen r�mpften die Nase und zogen ab.</p><p>Caitlin, Caleb und Luisa blieben allein zur�ck. Caitlin atmete auf.</p><p>�Oh mein Gott!�, meinte Luisa. �Diese M�dchen haben dich immer links liegen lassen. Und jetzt haben sie dich eingeladen!�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Caitlin verwirrt.</p><p>�Caitlin!�, stie� Luisa pl�tzlich hervor und packte sie am Arm. �Mir ist gerade etwas eingefallen. Susan hat letzte Woche von Sam gesprochen. Sie sagte, er w�re bei den Colemans. Tut mir leid, ich habe mich gerade erst wieder daran erinnert. Vielleicht hilft dir das weiter.�</p><p><emphasis>Die Colemans. Nat�rlich. Da muss er sein.</emphasis></p><p>Hektisch fuhr Luisa fort: �Wir treffen uns �brigens heute Abend alle im Franks. Du musst unbedingt auch kommen! Wir vermissen dich. Und bring Caleb mit. Es wird eine tolle Party. Die halbe Klasse wir da sein. Du <emphasis>musst</emphasis> einfach kommen.�</p><p>�Na ja � Ich wei� nicht ��</p><p>Es l�utete zur n�chsten Stunde.</p><p>�Ich muss los. Ich bin so froh, dass du wieder da bist! Ich hab dich lieb. Ruf mich an. Ciao!�, rief Luisa, winkte Caleb zu und eilte davon.</p><p>Caitlin stellte sich vor, wie es w�re, ihr normales Leben wieder aufzunehmen. Sie w�rde mit ihren Freunden abh�ngen, auf Partys gehen, eine normale Schule besuchen und ihren Abschluss machen. Der Gedanke gefiel ihr. F�r einen Moment versuchte sie, die Ereignisse der vergangenen Woche zu verdr�ngen und so zu tun, als w�re nie etwas Schlimmes geschehen.</p><p>Aber dann fiel ihr Blick auf Caleb, und die Realit�t holte sie ein. Ihr ganzes Leben hatte sich ver�ndert. F�r immer. Die Ver�nderungen waren nicht r�ckg�ngig zu machen. Diese Tatsache musste sie einfach akzeptieren.</p><p>Ganz abgesehen davon, dass sie jemanden umgebracht hatte und von der Polizei gesucht wurde. Und dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie irgendwo gefasst w�rde. Und dass ein ganzer Clan Vampire sie umbringen wollte. Und dass dieses Schwert, nach dem sie suchten, das Leben vieler Menschen retten k�nnte.</p><p>Ihr Leben war ganz klar nicht mehr so, wie es einmal gewesen war, und es w�rde auch nie wieder so sein. Es war an der Zeit, sich der Realit�t stellen.</p><p>Caitlin legte Caleb die Hand auf den Arm und f�hrte ihn zum Ausgang. Die Colemans. Sie wusste, wo sie wohnten. Es leuchtete ihr ein, dass Sam sich dort eingenistet hatte. Wenn er nicht in der Schule war, musste er bei den Colemans sein. Sie w�rden als N�chstes dort nach ihm suchen.</p><p>Als sie in die frische Luft hinauskamen, wunderte sie sich, wie gut es sich anf�hlte, die Highschool zu verlassen � diesmal endg�ltig.</p><p>***</p><p>Caitlin und Caleb �berquerten das Grundst�ck der Colemans. Der Schnee auf dem Rasen knirschte unter ihren F��en. Das Haus machte nicht viel her, es war ein bescheidener Hof an der Landstra�e. Aber ein gutes St�ck dahinter an der Grundst�cksgrenze gab es eine Scheune. Caitlin entdeckte eine Reihe heruntergekommener Pick-ups, die planlos auf der Wiese abgestellt worden waren. Jede Menge Fu�spuren im Schnee zeigten ihr, dass viele Leute zur Scheune gegangen waren.</p><p>Das war es, was die Kids in Oakville taten � sie hingen in Scheunen ab. Oakville war ebenso l�ndlich wie spie�ig, und die H�tten und Scheunen verschafften ihnen die M�glichkeit, sich au�erhalb der Elternh�user zu treffen. Es war viel besser, als in einem Keller abzuh�ngen. Die Eltern h�rten nichts. Und die Kids hatten einen eigenen Eingang � und einen eigenen Ausgang.</p><p>Caitlin atmete tief durch, als sie zur Scheune gingen und das schwere Holztor aufschoben.</p><p>Sofort stieg ihr der Geruch in die Nase. Marihuana. Der Qualm hing �berall in der Luft. Au�erdem stank es nach abgestandenem Bier. Viel zu viel davon.</p><p>Was sie jedoch am deutlichsten wahrnahm, mehr als alles andere, war der Geruch eines Tieres. Ihre Sinne waren noch nie so gesch�rft gewesen. Der Schreck �ber die Anwesenheit eines Tieres durchfuhr sie heftig. In ihrer Nase stach es, als h�tte sie gerade Ammoniak geschn�ffelt.</p><p>Sie blickte nach rechts. Dort in der Ecke lag ein gro�er Rottweiler. Langsam setzte er sich auf, starrte sie an und fletschte die Z�hne. Er stie� ein leises, kehliges Knurren aus. Es war Butch. Caitlin erinnerte sich an ihn. Er war der fiese Rottweiler der Familie Coleman. Als br�uchten die Colemans auch noch ein b�sartiges Tier, um ihren schlechten Ruf zu untermauern!</p><p>Die Colemans waren immer schon Unruhestifter gewesen. Es gab drei Br�der im Alter von siebzehn, f�nfzehn und dreizehn, und Sam hatte sich irgendwann mit dem mittleren Bruder Gabe angefreundet. Einer war schlimmer als der andere. Ihr Dad hatte die Familie schon vor langer Zeit verlassen � niemand wusste, wo er steckte �, und ihre Mom war nie da. Die Jungen wuchsen im Grunde alleine auf. Trotz ihres jugendlichen Alters waren sie st�ndig betrunken oder bekifft und gl�nzten in der Schule meistens durch Abwesenheit.</p><p>Caitlin war ver�rgert, weil Sam mit ihnen abhing. Das konnte nur zu Problemen f�hren.</p><p>Im Hintergrund spielte Musik. Pink Floyd, <emphasis>Wish You Were Here</emphasis>.</p><p><emphasis>Das passt</emphasis>, dachte Caitlin.</p><p>In der Scheune wirkte es dunkel, umso mehr, weil der heutige Tag so strahlend war. Ihre Augen brauchten einige Sekunden, um sich anzupassen.</p><p>Da war er. Sam. Er sa� mitten auf diesem verschlissenen Sofa, umgeben von rund einem Dutzend Jungs. Links von ihm sa� Gabe, rechts Brock.</p><p>Sam beugte sich gerade �ber eine Wasserpfeife. Er inhalierte, setzte die Pfeife ab und lehnte sich zur�ck. Es dauerte lange, bis er schlie�lich ausatmete, zu lange.</p><p>Gabe stie� ihn an, und Sam sah auf. V�llig zugedr�hnt starrte er Caitlin an. Seine Augen waren blutunterlaufen.</p><p>Ein scharfer Schmerz durchfuhr Caitlin. Sie war mehr als entt�uscht. Sie f�hlte sich schuldig, wenn sie daran dachte, wie sie sich in New York gestritten hatten. Ihre Worte waren sehr harsch gewesen. �Dann geh doch!�, hatte sie geschrien. Warum hatte sie so hart sein m�ssen? Nur zu gerne h�tte sie ihre Worte zur�ckgenommen.</p><p>Jetzt war es zu sp�t. Wenn sie andere Worte gew�hlt h�tte, w�re nun vielleicht alles anders.</p><p>Eine Welle des Zorns schlug �ber ihr zusammen. Sie war w�tend auf die Colemans und auf die Kids in dieser Scheune, die auf St�hlen, Heuballen und verschlissenen Sofas herumlungerten, tranken, rauchten und nichts aus ihrem Leben machten. Es stand ihnen frei, nichts aus ihrem Leben zu machen. Aber sie hatten nicht das Recht, Sam mit hineinzuziehen. Er war besser als sie. Ihm hatte einfach der Halt gefehlt. In seinem Leben gab es keine Vaterfigur, und ihre Mutter war nie liebevoll mit ihren Kindern umgegangen. Er war ein gro�artiger Junge, und sie wusste, dass er unter den Besten in seiner Klasse w�re, wenn er nur ein halbwegs stabiles Zuhause gehabt h�tte. Aber irgendwann war es zu sp�t gewesen. Inzwischen war er v�llig abgestumpft.</p><p>Sie ging einige Schritte auf ihn zu. �Sam?�</p><p>Er starrte sie nur wortlos an.</p><p>Es war schwierig zu erkennen, was in diesem Blick lag. Waren es die Drogen? Tat er so, als w�re ihm alles gleichg�ltig? Oder war ihm tats�chlich alles gleichg�ltig?</p><p>Dieser teilnahmslose Blick schmerzte sie mehr als alles andere. Sie hatte gehofft, er w�rde sich freuen und sie in den Arm nehmen. Aber mit dieser Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Sie schien ihm egal zu sein. Als w�re sie eine Fremde. Wollte er einfach nur vor seinen Freunden cool erscheinen? Oder hatte sie es diesmal endg�ltig vermasselt?</p><p>Einige Sekunden vergingen, bis er schlie�lich wegsah und die Wasserpfeife an einen Freund weiterreichte. Seine Schwester ignorierte er.</p><p>�Sam!�, rief sie, diesmal deutlich lauter. Ihr Gesicht war ger�tet vor �rger. �Ich rede mit dir!�</p><p>Sie h�rte seine Loser-Freunde kichern, und hei�e Wut stieg in ihr auf. Sie f�hlte noch etwas anderes, einen animalischen Instinkt. Die Wut erreichte ein Level, das fast nicht mehr zu kontrollieren war, und sie hatte Angst, gleich zu explodieren. Ihr Zorn war nicht mehr menschlich � er war animalisch.</p><p>Diese Typen waren gro� und kr�ftig, aber sie wusste, dass sie mit jedem von ihnen im Handumdrehen fertigwerden w�rde. Hoffentlich schaffte sie es, sich zu beherrschen � es fiel ihr schwer.</p><p>Der Rottweiler knurrte inzwischen lauter und kam langsam auf sie zu. Es war, als w�rde er etwas wittern.</p><p>Eine Hand legte sich sanft auf ihre Schulter. Caleb. Er war noch da. Er musste ihre Erregung gesp�rt haben, sein Instinkt hatte es ihm sicher gesagt. Er versuchte, sie zu beruhigen, damit sie nicht die Kontrolle �ber sich verlor. Seine Gegenwart bes�nftigte sie. Aber es war nicht leicht.</p><p>Schlie�lich drehte Sam sich um und sah sie an. In seinem Blick lag Trotz. Er war immer noch b�se auf sie, das war offensichtlich.</p><p>�Was willst du?�, fragte er knapp.</p><p>�Warum bist du nicht in der Schule?�, h�rte sie sich sagen. Sie wusste selbst nicht, warum sie ihn ausgerechnet das fragte, wo ihr doch so viele andere Fragen auf der Seele brannten. Es musste eine Art Mutterinstinkt sein.</p><p>Die Jungs kicherten. Ihre Wut wurde wieder st�rker.</p><p>�Was geht <emphasis>dich</emphasis> das an?�, fragte Sam. �Du hast mir gesagt, ich soll gehen.�</p><p>�Es tut mir leid�, erwiderte sie. �Das war nicht so gemeint.�</p><p>Sie war froh, eine Chance zu haben, das loszuwerden.</p><p>Aber ihre Entschuldigung zeigte offensichtlich keine Wirkung. Er starrte sie weiterhin an.</p><p>�Sam, ich muss mit dir reden. Unter vier Augen�, sagte sie.</p><p>Sie wollte ihn aus diesem Umfeld herausholen, mit ihm an die frische Luft gehen, wo sie sich richtig unterhalten konnten. Sie wollte nicht nur etwas �ber ihren Dad erfahren, sondern auch einfach mit ihm reden, wie fr�her. Und sie wollte ihn vorsichtig �ber den Tod ihrer Mom informieren.</p><p>Aber dazu w�rde es nicht kommen. Die Energie in dieser vollen Scheune war einfach zu d�ster, zu gewalttr�chtig. Sie sp�rte, wie sie allm�hlich die Kontrolle verlor. Trotz Calebs Hand bekam sie sich nicht mehr in den Griff.</p><p>�Ich bleibe hier�, sagte Sam.</p><p>Seine Freunde kicherten erneut.</p><p>�Warum entspannst du dich nicht?�, sagte einer der Typen zu Caitlin. �Du bist so nerv�s. Komm, setz dich. Nimm einen Zug.�</p><p>Er hielt ihr die Wasserpfeife hin.</p><p>Sie starrte ihn an.</p><p>�Warum steckst du dir das Teil nicht sonst wohin?�, sagte sie z�hneknirschend.</p><p>Die Kids riefen durcheinander.</p><p>Der Typ, der ihr die Wasserpfeife angeboten hatte, war gro� und muskul�s. Sie erinnerte sich, dass man ihn aus dem Football-Team geworfen hatte. Jetzt lief er rot an.</p><p>�Was hast du gesagt, du Schlampe?�, fragte er und stand auf.</p><p>Er war viel gr��er, als sie ihn in Erinnerung hatte, fast zwei Meter. Calebs Griff an ihrer Schulter verst�rkte sich. Sie wusste nicht, ob er sie ermahnen wollte, ruhig zu bleiben, oder ob er selbst auch angespannt war.</p><p>Die Anspannung im Raum stieg dramatisch.</p><p>Der Rottweiler schlich n�her. Er war jetzt nur noch wenige Schritte entfernt und knurrte wie verr�ckt.</p><p>�Jimbo, entspann dich�, sagte Sam zu dem gro�en Typen.</p><p>Sams Besch�tzerinstinkt war wieder erwacht. Egal, was geschah, er wollte sie besch�tzen. �Sie kann richtig nervig sein, aber sie hat es nicht so gemeint. Sie ist immer noch meine Schwester. Komm wieder runter.�</p><p>�Ich habe es genau so gemeint�, schrie Caitlin wutentbrannt. �Ihr haltet euch wohl f�r besonders cool, was? Ihr seid ein Haufen Loser, ihr werdet nie etwas erreichen. Wenn ihr eurer eigenes Leben vermasseln wollt, nur zu, aber zieht Sam nicht mit hinein!�</p><p>Jimbo sah noch w�tender aus als Caitlin, falls das �berhaupt m�glich war. Drohend kam er auf sie zu.</p><p>�Sieh mal einer an, Fr�ulein Lehrerin. Spielt hier die besorgte Mommy und will uns sagen, was wir zu tun haben!�</p><p>Alle lachten.</p><p>�Warum zeigt ihr es uns nicht, du und dein schwuchteliger Freund?�</p><p>Jimbo trat noch n�her und versetzte Caitlin mit seiner Riesenpranke einen Sto� gegen die Schulter.</p><p>Das war ein gro�er Fehler.</p><p>Die Wut in Caitlin explodierte und war nicht mehr zu kontrollieren. In dem Moment, als Jimbo sie ber�hrte, schoss ihre Hand mit Lichtgeschwindigkeit in die H�he und verdrehte ihm die Hand. Ein lautes Knacken war zu h�ren, als sie ihm das Handgelenk brach.</p><p>Dann zog sie seinen Arm hinter seinen R�cken und schubste ihn mit dem Gesicht voran auf den Boden.</p><p>In weniger als einer Sekunde lag er hilflos auf dem Bauch. Sie stellte ihm einen Fu� in den Nacken.</p><p>Voller Schmerz schrie Jimbo auf.</p><p>�Mein Gott, mein Handgelenk, mein Handgelenk! Dieses verdammte Biest hat mir den Arm gebrochen!�</p><p>Sam war wie alle anderen schockiert aufgesprungen. Er wirkte verst�rt. Er hatte keine Ahnung, wie seine kleine Schwester einen so gro�en Typen derart schnell hatte zu Fall bringen k�nnen.</p><p>�Entschuldige dich�, fauchte Caitlin Jimbo an. Der Klang ihrer eigenen Stimme erschreckte sie. Sie klang kehlig, wie die Stimme eines Tieres.</p><p>�Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid!�, wimmerte Jim.</p><p>Caitlin h�tte es gerne dabei belassen, aber ein Teil von ihr lie� es nicht zu. Die Wut war zu pl�tzlich und zu heftig �ber sie gekommen. Sie konnte einfach nicht aufh�ren. Der Zorn hatte seinen H�hepunkt noch nicht erreicht. Sie wollte diesen Jungen umbringen. Es war absolut unvern�nftig, aber sie wollte es trotzdem.</p><p>�Caitlin!?�, schrie Sam. Sie h�rte die Furcht in seiner Stimme �Bitte!�</p><p>Aber Caitlin konnte nicht anders, sie w�rde diesen Typen t�ten.</p><p>In dem Moment h�rte sie ein w�tendes Knurren und sah aus dem Augenwinkel den Hund. Er setzte zum Sprung an, und seine Z�hne zielten direkt auf ihre Kehle.</p><p>Caitlin reagierte sofort. Sie lie� Jimbo los und hielt den Hund mit einer einzigen Bewegung mitten in der Luft auf. Sie fasste ihn unter dem Bauch und schleuderte ihn von sich.</p><p>Er flog mehrere Meter quer durch den Raum und durchbrach die Holzwand der Scheune. Das Holz zersplitterte, und der Hund segelte jaulend durch das Loch.</p><p>Alle starrten Caitlin an. Sie konnten nicht begreifen, was sie gerade miterlebt hatten. Caitlins Kraft und Geschwindigkeit waren eindeutig �bermenschlich gewesen, es gab keinerlei Erkl�rung daf�r. Die Anwesenden blickten sie mit offenem Mund an.</p><p>Caitlin wurde von einer Woge der Gef�hle �berflutet. �rger. Traurigkeit. Sie wusste nicht, was sie f�hlte, und vertraute sich selbst nicht mehr. Sie konnte nicht sprechen, sie musste hier raus. Sam w�rde nicht mitkommen, das war ihr inzwischen klar. Er war ein anderer Mensch geworden.</p><p>Sie ebenfalls.</p></section><section><p>
				
				3.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>C</emphasis>aitlin und Caleb spazierten langsam am Flussufer entlang. Diese Seite des Hudson River war verwahrlost und �bers�t von stillgelegten Fabriken und Treibstofflagern. Hier unten war es �de, aber friedlich. Gro�e Eisschollen trieben an diesem M�rztag flussabw�rts, zerfielen langsam und knackten bisweilen leise. Das Eis sah aus, als stamme es aus einer anderen Welt. Es reflektierte das Licht auf merkw�rdige Weise, w�hrend Nebelschwaden langsam �ber den Fluss schwebten. Caitlin hatte Lust, auf eine Eisscholle zu klettern, sich hinzusetzen und sich treiben zu lassen, wohin auch immer die Reise f�hren w�rde.</p><p>Sie schwiegen beide und waren in ihre Gedanken versunken. Caitlin war es peinlich, dass sie vor Caleb so ausgerastet war. Sie sch�mte sich, weil sie die Kontrolle �ber sich verloren und so gewaltt�tig agiert hatte.</p><p>Sie sch�mte sich auch f�r ihren Bruder, weil er sich so danebenbenommen hatte und mit diesen Losern abhing. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Es war ihr sehr unangenehm, dass sie Caleb dieser Situation ausgesetzt hatte. Das war kein guter Einstieg gewesen, um ihre Familie kennenzulernen. Was mochte er jetzt wohl von ihr denken? Dieser Gedanke schmerzte sie mehr als alles andere.</p><p>Das Allerschlimmste war, dass sie nicht wusste, was sie jetzt tun sollten. Bei der Suche nach ihrem Dad hatte sie gro�e Hoffnungen auf Sam gesetzt. Einen Plan B hatte sie nicht, sonst h�tte sie ihren Dad schon vor Jahren selbst gesucht und vielleicht auch gefunden. Sie wusste nicht, was sie Caleb sagen sollte. W�rde er jetzt gehen? Bestimmt w�rde er das. Sie konnte ihm nicht helfen, und er musste unbedingt dieses Schwert finden. Warum sollte er also bei ihr bleiben?</p><p>Caitlin wurde immer nerv�ser. Sie vermutete, dass Caleb nur auf den richtigen Moment wartete, um ihr zu sagen, dass er aus ihrem Leben verschwinden w�rde. Wie alle anderen vor ihm.</p><p>�Es tut mir sehr leid�, sagte sie schlie�lich leise, �wie ich mich eben aufgef�hrt habe. Ich sch�me mich, dass ich so die Beherrschung verloren habe.�</p><p>�Das musst du nicht. Du hast nichts Falsches getan, du lernst noch. Und du bist sehr stark.�</p><p>�Es tut mir auch leid, dass mein Bruder sich so benommen hat.�</p><p>Er l�chelte. �Wenn ich eins gelernt habe im Laufe der Jahrhunderte, dann ist es, dass man nicht f�r das Verhalten seiner Familienangeh�rigen verantwortlich ist.�</p><p>Schweigend gingen sie weiter. Nachdenklich blickte er auf den Fluss hinaus.</p><p>�Und was jetzt?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>Er blieb stehen und sah sie an.</p><p>�Wirst du jetzt gehen?�, f�gte sie z�gernd hinzu.</p><p>Er war tief in Gedanken versunken.</p><p>�F�llt dir irgendein Ort ein, an dem dein Vater sein k�nnte? Irgendjemand, der ihn kannte? Irgendetwas, das uns weiterhelfen k�nnte?�</p><p>Sie hatte es schon versucht. Es gab nichts. Absolut nichts. Ratlos sch�ttelte sie den Kopf.</p><p>�Es <emphasis>muss</emphasis> etwas geben�, sagte er eindringlich. �Denk scharf nach. Hast du Erinnerungen an ihn?�</p><p>Caitlin dachte angestrengt nach. Sie schloss die Augen und versuchte krampfhaft, sich an etwas zu erinnern. Dieselbe Frage hatte sie sich schon so oft gestellt. So oft hatte sie ihren Vater in ihren Tr�umen gesehen, dass sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten konnte. Immer wieder hatte sie ihn in demselben Traum gesehen � sie lief �ber eine Wiese und sah ihn in der Ferne, aber wenn sie n�her kam, entfernte er sich. Aber das war nicht er. Es waren blo� Tr�ume.</p><p>Manchmal flackerten Erinnerungen an die Zeit auf, als sie noch ein kleines Kind gewesen war. Sie war mit ihm irgendwohin gegangen, es musste im Sommer gewesen sein. Sie erinnerte sich an das Meer und daran, dass es warm gewesen war, richtig warm. Aber dann wiederum war sie sich nicht sicher, ob das die Wirklichkeit war. Die Erinnerung verschwamm zusehends. Sie hatte auch keine Ahnung, wo dieser Strand gewesen sein k�nnte.</p><p>�Es tut mir so leid�, sagte sie. �Ich w�nschte, ich h�tte eine Spur. Nicht nur um deinetwillen, sondern auch um meinetwillen. Ich habe einfach keine Ahnung, wo er stecken k�nnte. Und ich habe keine Ahnung, wie ich ihn finden soll.�</p><p>Caleb drehte sich zum Fluss um. Er seufzte tief und starrte auf das Eis hinaus. Erneut wechselten seine Augen die Farbe, diesmal wurden sie meergr�n.</p><p>Caitlin sp�rte, dass der Zeitpunkt jetzt gekommen war. Jeden Moment w�rde er sich umdrehen und es ihr sagen. Er musste gehen. Sie war nicht mehr von Nutzen f�r ihn.</p><p>Am liebsten h�tte sie etwas erfunden und eine L�ge �ber ihren Vater erz�hlt, um eine Spur zu legen. Damit er bei ihr blieb. Aber ihr war klar, dass sie das nicht fertigbringen w�rde.</p><p>Auf einmal war sie den Tr�nen nahe.</p><p>�Ich verstehe das nicht�, murmelte Caleb und blickte immer noch auf den Fluss hinaus. �Ich war mir so <emphasis>sicher</emphasis>, dass du die Auserw�hlte bist.�</p><p>Wieder schwieg er. Sie wartete eine gef�hlte Ewigkeit.</p><p>�Es gibt noch etwas, das ich nicht verstehe�, erkl�rte er schlie�lich und drehte sich zu ihr um. Seine gro�en Augen hypnotisierten sie f�rmlich.</p><p>�Ich f�hle etwas, wenn ich in deiner N�he bin. Aber es ist ganz verschwommen. Wenn ich mit anderen zusammen bin, kann ich immer deutlich sehen, was wir miteinander erlebt haben, wann unsere Wege sich gekreuzt haben, egal in welchem K�rper. Aber bei dir � ist alles tr�b. Ich sehe nichts. Das ist mir noch nie passiert. Es ist, als w�rde ich � davon abgehalten, etwas zu sehen.�</p><p>�Vielleicht sind wir uns ja nie begegnet�, gab Caitlin zu bedenken.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Auch das w�rde ich sehen. In deinem Fall kann ich weder die Vergangenheit noch die Zukunft erkennen. Das ist mir in dreitausend Jahren noch nie passiert. Ich habe das Gef�hl � als h�tte ich eine Erinnerung an dich. Ich kann es fast greifen, aber eben nur fast. Es kommt nicht. Das treibt mich in den Wahnsinn.�</p><p>�Na ja�, sagte sie, �vielleicht gibt es einfach nichts zu sehen. Vielleicht ist das jetzt einfach nur die Gegenwart. M�glicherweise gab es nie mehr und wird auch nie mehr geben.�</p><p>Sofort bereute sie ihre Worte. Jetzt ging das schon wieder los, sie riss einfach ihren Mund auf und sagte d�mliche Sachen, die sie gar nicht so meinte. Warum musste sie so etwas sagen? Es war das genaue Gegenteil von dem, was sie dachte und f�hlte. Sie h�tte eigentlich sagen wollen: <emphasis>Ja. Ich f�hle es auch. Ich habe das Gef�hl, als w�ren wir schon ewig zusammen. Und ich m�chte f�r immer bei dir bleiben.</emphasis> Stattdessen purzelten ganz andere Worte aus ihrem Mund. Es musste daran liegen, dass sie so nerv�s war. Jetzt konnte sie ihre Worte nicht mehr zur�cknehmen.</p><p>Doch Caleb lie� sich nicht abschrecken. Im Gegenteil, er trat n�her, legte ihr die Hand an die Wange und schob ihr Haar zur�ck. Dabei sah er ihr tief in die Augen. Diesmal wurden seine Augen blau. Der Blickkontakt war �berw�ltigend.</p><p>Ihr Herz pochte heftig, und �berall in ihrem K�rper breitete sich Hitze aus. Sie hatte das Gef�hl, sich in seinem Blick zu verlieren.</p><p>Versuchte er sich zu erinnern? Wollte er sich verabschieden?</p><p>Oder w�rde er sie vielleicht gleich k�ssen?</p></section><section><p>
				
				4.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>W</emphasis>enn es etwas gab, was Kyle noch mehr hasste als Menschen, dann waren es Politiker. Er konnte ihr Getue, ihre Heuchelei und ihre Selbstgerechtigkeit nicht ausstehen. Ihre Arroganz fand er ebenfalls unertr�glich. Und das Ganze war ohne jede Grundlage, denn die meisten von ihnen lebten nicht einmal hundert Jahre lang. Er hingegen lebte schon l�nger als f�nftausend Jahre. Wenn sie von ihren bisherigen Erfahrungen sprachen, wurde ihm �bel.</p><p>Es war Schicksal, dass Kyle diesen Politikern t�glich begegnete, wenn er ausgeschlafen hatte und durch die City Hall ans Tageslicht hinaufstieg. Der Blacktide Clan hatte sich vor Jahrhunderten unter dem Rathaus von New York City, der City Hall, niedergelassen und immer in enger Partnerschaft mit den Politikern gestanden. Tats�chlich war es sogar so, dass viele der angeblichen Politiker heimliche Mitglieder seines Clans waren, die ihre Aufgaben innerhalb der Stadt und des Staates ausf�hrten. Diese Vermischung mit den Menschen war ein notwendiges �bel.</p><p>Aber unter den Politikern gab es auch genug echte Menschen, und die sorgten bei Kyle immer f�r eine G�nsehaut. F�r ihn war es ein unertr�glicher Zustand, dass sie sich in diesem Geb�ude aufhalten durften. Ganz besonders st�rte es ihn, wenn sie ihm zu nahe kamen. Jetzt rempelte er einen von ihnen absichtlich im Vorbeigehen heftig mit der Schulter an. �He!�, rief der Mann, aber Kyle ging einfach mit zusammengebissenen Z�hnen weiter und strebte auf die gro�e Fl�gelt�r am Ende des Flurs zu.</p><p>Wenn er k�nnte, w�rde Kyle sie alle umbringen. Aber er durfte nicht. Sein Clan unterstand dem Obersten Rat, dessen Mitglieder sich immer noch zur�ckhaltend gaben, aus welchem Grund auch immer. Sie warteten auf den richtigen Zeitpunkt, um die menschliche Rasse f�r alle Zeiten auszul�schen. Kyle wartete inzwischen schon seit tausend Jahren, und er wusste nicht, wie lange er das noch aushalten w�rde. In der Vergangenheit hatte es einige wunderbare Augenblicke gegeben, als sie gr�nes Licht erhalten hatten und nahe dran gewesen waren. Im Jahr 1350 hatten die Vampire in Europa endlich Einigkeit erzielt und gemeinsam die Pest verbreitet. Das waren gro�artige Zeiten gewesen. Allein der Gedanke daran zauberte ein L�cheln auf Kyles Gesicht.</p><p>Es hatte auch andere sch�ne Zeiten gegeben � beispielsweise das finstere Mittelalter, als der Oberste Rat ihnen erlaubt hatte, Krieg in ganz Europa zu f�hren und Millionen von Menschen umzubringen und zu sch�nden. Kyle grinste breit. Das waren die gro�artigsten Jahrhunderte seines Lebens gewesen.</p><p>Doch in den vergangenen Jahrhunderten war der Oberste Rat schwach und pathetisch geworden. Als h�tten sie Angst vor den Menschen. Der Zweite Weltkrieg war h�bsch gewesen, aber so begrenzt und viel zu kurz. Kyle gierte nach mehr. Seitdem hatte es keine gr��eren Seuchen und keine richtigen Kriege mehr gegeben. Man k�nnte fast den Eindruck gewinnen, als w�ren die Vampire angesichts der zunehmenden Zahl und der wachsenden Macht der Menschen in eine Art Schockstarre verfallen.</p><p>Aber jetzt kamen sie endlich zur Besinnung, es tat sich etwas. Kyle stolzierte aus der Vordert�r der City Hall, stieg die Treppe hinunter und ging mit federnden Schritten die Stra�e entlang. Er beeilte sich, weil er sich auf seinen Ausflug in das South-Street-Seaport-Viertel freute. Eine riesige Lieferung w�rde ihn dort erwarten. Zigtausende Kisten mit vollkommen intakten, genver�nderten Erregern der Beulenpest. Sie waren Hunderte von Jahren in Europa gelagert und seit dem letzten Ausbruch perfekt konserviert worden. Und jetzt hatte man sie genmanipuliert, um sie absolut resistent gegen Antibiotika zu machen. Sie w�rden ihm, Kyle, zur Verf�gung stehen, damit er genau das tun konnte, was er immer schon gewollt hatte, n�mlich einen neuen Krieg auf dem amerikanischen Kontinent zu entfesseln. In seinem Territorium.</p><p>Man w�rde sich in den kommenden Jahrhunderten auf jeden Fall an ihn erinnern.</p><p>Der Gedanke daran lie� Kyle laut auflachen, doch in Verbindung mit seinem finsteren Gesichtsausdruck wirkte das Lachen eher wie ein w�tendes Knurren.</p><p>Er w�rde nat�rlich Rexus, dem obersten Meister seines Clans, Rechenschaft ablegen m�ssen, aber das war reine Formsache. In Wahrheit w�rde er, Kyle, der Leiter der Aktion sein. Tausende von Vampiren aus seinem eigenen Clan � und aus allen Nachbarclans � w�rden ihm unterstehen. Damit w�rde er m�chtiger und einflussreicher sein als je zuvor.</p><p>Kyle wusste schon genau, wie er die Seuche ausl�sen w�rde: Eine Charge der Bakterien w�rde er in der Penn Station, eine im Grand Central Terminal und eine am Times Square verteilen. Das Timing w�rde perfekt sein, genau zur Rushhour. Das w�rde den Stein so richtig ins Rollen bringen. Er sch�tzte, dass innerhalb weniger Tage die H�lfte der Bev�lkerung Manhattans infiziert sein w�rde. Nach einer weiteren Woche w�rden es alle sein. Diese Epidemie breitete sich rasend schnell aus, da die �bertragung �ber die Luft erfolgte.</p><p>Die j�mmerlichen Menschen w�rden nat�rlich die Stadt abriegeln � Br�cken und Tunnel dichtmachen, Luftverkehr und Schiffsverkehr einstellen. Aber genau das war es, was er wollte. Sie w�rden sich selbst einsperren und w�ren damit v�llig hilflos dem Schrecken ausgeliefert, der folgen w�rde. Kyle und seine Vampire w�rden einen Vampirkrieg entfesseln, wie ihn die Menschheit noch nie erlebt hatte. Es war nur eine Frage von Tagen, bis sie alle eingeschlossenen und verzweifelt gegen die Pest ank�mpfenden New Yorker komplett ausgel�scht haben w�rden.</p><p>Und danach w�rde die Stadt ihnen geh�ren. Nicht nur <emphasis>unter</emphasis> der Erde, sondern auch oberhalb. Es w�re der Startschuss, ein Aufruf an alle Clans in jeder Stadt, jedem Land, es ihnen gleichzutun. Innerhalb weniger Wochen w�re Amerika in ihrer Hand, wenn nicht sogar die ganze Welt. Kyle w�re derjenige, der das Ganze in Gang gebracht haben w�rde. Er w�rde allen in bester Erinnerung bleiben � als derjenige, der die Vampire f�r immer �ber die Erde gebracht hatte.</p><p>Nat�rlich w�rden sie Verwendung f�r die �brig gebliebenen Menschen finden. So k�nnten sie die �berlebenden beispielsweise versklaven und in gro�en Zuchtbetrieben unterbringen. Das w�rde Kyle gefallen. Man w�rde daf�r sorgen, dass sie alle dick und fett w�rden, und wenn die Vampire Blutdurst bek�men, k�nnten sie aus einer endlosen Vielfalt ausw�hlen. Die Menschen w�ren in einem perfekten Zustand. Ja, sie w�rden gute Sklaven sein und ein k�stliches Mahl abgeben, wenn sie richtig aufgezogen wurden.</p><p>Bei dem Gedanken lief Kyle das Wasser im Mund zusammen. Fantastische Zeiten lagen vor ihm. Nichts w�rde ihm im Wege stehen.</p><p>Nichts, das hei�t, abgesehen von diesem verdammten Whitetide Clan, der seinen Standort unter The Cloisters hatte. Ja, diese Vampire waren ihm ein Dorn im Auge. Aber kein gro�er. Sobald er das schreckliche M�dchen fand, diese Caitlin, und diesen abtr�nnigen Verr�ter Caleb, w�rden sie ihn zu dem Schwert f�hren. Damit w�re der Whitetide Clan wehrlos, und nichts w�rde Kyle und seinem Clan noch im Wege stehen.</p><p>Kyle sch�umte vor Wut, als er an dieses dumme kleine M�dchen dachte, das ihm entwischt war. Sie hatte ihn der L�cherlichkeit preisgegeben.</p><p>Nun bog er in die Wall Street ein. Ein Passant, ein gro�er Mann in einem adretten Anzug, hatte das Pech, seinen Weg zu kreuzen. Kyle rammte ihn mit aller Kraft an der Schulter, sodass er einige Schritte r�ckw�rtsstolperte und gegen eine Mauer prallte.</p><p>Der Mann schrie erbost: �He Kumpel, wo liegt dein Problem??�</p><p>Als Kyle ihn sp�ttisch angrinste, ver�nderte sich sein Gesichtsausdruck. Mit einem Mann wie Kyle, der mehr als eins neunzig gro� war und �u�erst breitschultrig, legte man sich besser nicht an. Obwohl er selbst auch gro� und kr�ftig war, drehte der Mann sich schnell um und ging weiter. So dumm war er nicht.</p><p>Nach diesem kleinen Zwischenfall f�hlte Kyle sich ein wenig besser, aber seine Wut war immer noch nicht abgek�hlt. Er w�rde dieses M�dchen finden und sie dann ganz langsam t�ten.</p><p>Aber jetzt war nicht die richtige Zeit. Er musste einen klaren Kopf bewahren, weil er sich um wichtigere Dinge zu k�mmern hatte. Die Lieferung am Kai.</p><p>Er atmete tief ein, und langsam breitete sich wieder ein L�cheln auf seinem Gesicht aus. Die Lieferung war nur noch wenige H�userblocks entfernt.</p><p>Dieser Tag war f�r ihn sch�ner als Weihnachten.</p></section><section><p>
				
				5.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>S</emphasis>am erwachte mit heftigen Kopfschmerzen. Vorsichtig �ffnete er ein Auge und erkannte, dass er auf dem Boden der Scheune im Stroh eingeschlafen war. Es war kalt. Keiner seiner Freunde hatte sich am Vorabend die M�he gemacht, das Feuer zu sch�ren. Dazu waren sie alle zu bekifft gewesen.</p><p>Der Raum drehte sich immer noch um Sam. Er hob den Kopf, zog sich einen Strohhalm aus dem Mund und sp�rte einen f�rchterlichen Schmerz an den Schl�fen. Er hatte in einer merkw�rdigen Haltung geschlafen, deshalb schmerzte sein verkrampfter Nacken, als er den Kopf bewegte. Er rieb sich die Augen und versuchte, die verklebten Lider zu �ffnen, aber es fiel ihm schwer. Gestern Abend hatte er es wirklich �bertrieben. Er erinnerte sich an die Wasserpfeife. Danach hatte er Bier und Southern Comfort getrunken, sp�ter noch mehr Bier. Er hatte sich �bergeben m�ssen und dann wieder Gras geraucht. Irgendwann im Laufe der Nacht war er einfach aus den Latschen gekippt. Wann genau, das wusste er nicht mehr.</p><p>Obwohl ihm schlecht war, hatte er gro�en Hunger. Am liebsten w�rde er jetzt einen ganzen Stapel Pfannkuchen und ein Dutzend Eier vertilgen, aber er bef�rchtete, sich erneut �bergeben zu m�ssen. Allein beim Gedanken daran musste er w�rgen.</p><p>M�hsam versuchte er, sich an die Ereignisse des Vortages zu erinnern. Die Begegnung mit Caitlin fiel ihm ein � wie k�nnte er das vergessen. Ihr Auftritt hatte ihn so richtig fertiggemacht. Wie sie Jimbo zu Fall gebracht hatte. Dann die Sache mit dem Hund. Was zum Teufel war das gewesen? War das wirklich passiert?</p><p>Als er aufblickte, sah er das Loch in der Wand, durch das der Hund gesegelt war. Kalte Luft str�mte herein. Das war eindeutig der Beweis daf�r, dass er nicht getr�umt hatte. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Und wer war der Kerl, der sie begleitet hatte? Er sah aus wie ein Footballspieler, war aber extrem blass. Er wirkte, als w�re er geradewegs dem Film <emphasis>Matrix</emphasis> entstiegen. Sam konnte nicht einsch�tzen, wie alt er war. Das Eigenartige war, dass er das unbestimmte Gef�hl hatte, ihn von irgendwoher zu kennen.</p><p>Seine Freunde lagen um ihn herum und schliefen, die meisten schnarchten. Sam hob seine Uhr vom Boden auf und sah, dass es elf Uhr vormittags war. Sie w�rden sicher noch eine Weile weiterschlafen.</p><p>Er durchquerte die Scheune und griff nach einer Flasche Wasser. Er wollte gerade trinken, als er merkte, dass sie mit Zigarettenstummeln gef�llt war. Angewidert stellte er die Flasche ab und sah sich suchend um. Aus dem Augenwinkel entdeckte er einen halb gef�llten Wasserkrug auf dem Boden. Er trank und trank, bis er ihn fast geleert hatte.</p><p>Jetzt ging es ihm schon besser. Seine Kehle war so trocken gewesen. Er atmete tief ein und legte sich eine Hand an die Schl�fe. Der Raum drehte sich immer noch, und es stank. Er musste hier raus.</p><p>Also ging Sam zum Scheunentor und schob es auf. Die kalte Morgenluft f�hlte sich gut an, aber trotz der Wolken war es so verdammt hell, dass er die Augen zusammenkneifen musste. Es schneite wieder. Super, noch mehr Schnee.</p><p>Fr�her hatte Sam Schnee geliebt, vor allem, wenn es so viel geschneit hatte, dass sie nicht in die Schule gehen konnten. Zusammen mit Caitlin war er den halben Tag Schlitten gefahren.</p><p>Aber jetzt schw�nzte er ohnehin meistens die Schule, sodass es keinen Unterschied mehr machte. Der Schnee ging ihm nur noch auf die Nerven.</p><p>Sam steckte die Hand in die Tasche und zog eine zerknitterte Zigarettenpackung heraus. Er steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und z�ndete sie an.</p><p>Ihm war klar, dass er eigentlich nicht rauchen sollte. Aber alle seine Freunde rauchten, und immer wieder hatten sie ihm Zigaretten aufgedr�ngt. Schlie�lich hatte er nachgegeben und vor einigen Wochen damit angefangen. Es gefiel ihm. Er hustete zwar mehr als zuvor, und seine Brust schmerzte bereits, aber das war ihm egal. Er wusste, dass Rauchen sch�dlich war, aber er glaubte ohnehin nicht, dass er lange leben w�rde. Er hatte schon immer das Gef�hl gehabt, dass er nicht �lter als zwanzig werden w�rde.</p><p>Allm�hlich bekam er wieder einen klaren Kopf und dachte �ber den Vortag nach. Caitlin. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Ein richtig schlechtes Gewissen, denn er liebte sie doch, wirklich. Sie war eigens hergekommen, um ihn zu sehen. Warum hatte sie nach Dad gefragt? Oder hatte er sich das eingebildet?</p><p>Er konnte kaum glauben, dass sie auch hier war. Ob ihre Mom wohl ausgeflippt war, als Caitlin ebenfalls gegangen war? Ganz bestimmt. Wahrscheinlich versuchte sie gerade, sie beide zu finden. Aber vielleicht auch nicht. Wen k�mmerte es? Sie hatte sie einmal zu oft zu einem Umzug gezwungen.</p><p>Aber Caitlin stand auf einem anderen Blatt. Er h�tte sie nicht so schlecht behandeln d�rfen. Er h�tte netter sein sollen, aber er war einfach zu bekifft gewesen. Trotzdem hatte er ein schlechtes Gewissen. Vermutlich wollte ein Teil von ihm zur Normalit�t zur�ckkehren, was auch immer das war. Caitlin kam der Normalit�t am n�chsten.</p><p>Warum war sie zur�ckgekommen? Wollte sie auch wieder in Oakville leben? Das w�re fantastisch. Vielleicht k�nnten sie sich gemeinsam eine Wohnung nehmen. Je mehr Sam dar�ber nachdachte, desto besser gefiel ihm die Vorstellung. Er wollte mit ihr reden.</p><p>Er zog sein Handy aus der Tasche und sah das blinkende Symbol im Display. Er klickte es an und las die neue Facebook-Nachricht. Sie war von Caitlin � sie war in der alten Scheune.</p><p>Perfekt. Er w�rde sofort hinfahren.</p><p>***</p><p>Nachdem Sam den Wagen abgestellt hatte, ging er �ber das Grundst�ck zur alten Scheune. Wenn sie von der <emphasis>alten Scheune </emphasis>sprachen, wussten beide sofort, was gemeint war. Als sie in Oakville gewohnt hatten, waren sie h�ufig dort gewesen. Die Scheune geh�rte zu einem Grundst�ck mit einem gro�en Haus, das schon seit Jahren zum Verkauf stand. Aber der Kaufpreis war viel zu hoch. Soweit sie wussten, kamen nie Interessenten, um das Geb�ude zu besichtigen.</p><p>Ganz hinten auf dem Grundst�ck stand diese coole Scheune � sie war v�llig leer. Sam hatte sie eines Tages entdeckt und Caitlin gezeigt. Sie fanden nichts dabei, dort abzuh�ngen. Beide hassten den kleinen Wohnwagen, den sie sich mit ihrer Mom teilen mussten. Eines Abends waren sie lange in der H�tte geblieben, hatten sich unterhalten und �ber der coolen Feuerstelle Marshmallows ger�stet. Schlie�lich waren sie beide eingeschlafen. Seitdem hatten sie hin und wieder dort �bernachtet, vor allem, wenn zu Hause dicke Luft gewesen war. Nach einigen Monaten hatten sie begonnen, die Scheune als ihr Eigentum zu betrachten.</p><p>Mit federnden Schritten marschierte Sam auf die Scheune zu und freute sich auf Caitlin. Sein Kopf war inzwischen wieder ziemlich klar, daf�r hatte nicht zuletzt der gro�e Kaffee von Dunkin� Donuts gesorgt, den er w�hrend der Fahrt getrunken hatte. Mit f�nfzehn durfte er eigentlich noch nicht Auto fahren, aber er hatte nicht warten wollen, bis er alt genug war, um seinen F�hrerschein zu machen. Bisher war er noch nie von der Polizei angehalten worden. Und er konnte fahren. Warum sollte er also warten? Seine Freunde liehen ihm ihren Pick-up, fertig.</p><p>Als Sam sich der Scheune n�herte, fragte er sich pl�tzlich, ob dieser Typ wohl bei ihr sein w�rde. Er hatte etwas an sich � das er nicht einordnen konnte. Waren die beiden zusammen? Caitlin hatte Sam immer alles erz�hlt. Wie kam es also, dass er noch nie von dem Typen geh�rt hatte?</p><p>Und warum stellte Caitlin auf einmal Fragen wegen Dad? Sam war sauer auf sich selbst, weil es tats�chlich Neuigkeiten gab, die er ihr gerne erz�hlt h�tte. Endlich hatte er eine Antwort auf seine Nachforschungen �ber Facebook bekommen. Ihr Dad hatte sich gemeldet. Er schrieb, dass er sie vermisste und sie sehen wollte. Endlich. Nach all den Jahren. Sam hatte bereits zur�ckgeschrieben. Sie waren also wieder in Kontakt, und Dad wollte sie beide sehen. Warum hatte Sam ihr das nicht einfach erz�hlt? Nun, zumindest konnte er es ihr jetzt sagen.</p><p>Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, der Schneefall wurde dichter, und auf einmal f�hlte Sam sich gl�cklich. Vielleicht w�rde alles wieder gut werden, nun, da Caitlin hier war. Vielleicht war sie zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht, als er total fertig war � bestimmt w�rde sie ihm helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Sie hatte immer schon ein H�ndchen daf�r gehabt, ihm aus der Patsche zu helfen. Vielleicht war das seine Chance.</p><p>Er wollte eine weitere Zigarette aus der Tasche ziehen, �berlegte es sich jedoch anders. Vielleicht konnte er seinem Leben eine neue Richtung geben.</p><p>Er zerdr�ckte die Schachtel und warf sie ins Gras. Er brauchte die Zigaretten nicht. Er war st�rker.</p><p>Voller Vorfreude �ffnete er die Schuppent�r. Er wollte Caitlin in den Arm nehmen und ihr sagen, dass es ihm leidtat. Ihr w�rde es ebenfalls leidtun, und alles w�re wieder gut.</p><p>Aber die Scheune war leer.</p><p>�Hallo?�, rief Sam, obwohl er schon wusste, dass niemand da war.</p><p>Sein Blick fiel auf die Asche in der Feuerstelle. Das Feuer musste schon vor Stunden gel�scht worden sein. Nirgendwo entdeckte er Habseligkeiten, die darauf hindeuteten, dass sie vielleicht noch in der N�he war. Caitlin war fort. Wahrscheinlich war sie mit diesem Typen gegangen. Warum hatte sie nicht einfach auf ihn warten k�nnen? Warum hatte sie ihm keine Chance gegeben? Warum war sie nicht ein paar Stunden l�nger geblieben?</p><p>Sam f�hlte sich, als h�tte ihm jemand einen heftigen Schlag in die Magengrube versetzt. Seine eigene Schwester. Selbst ihr war er inzwischen gleichg�ltig.</p><p>Er musste sich setzen und lie� sich auf einen Heuballen sinken. Als er den Kopf auf den H�nden aufst�tzte, merkte er, dass die Kopfschmerzen zur�ckkehrten. Sie war tats�chlich weg. War sie f�r immer gegangen? Tief in seinem Inneren sp�rte Sam, dass es so war.</p><p>Schlie�lich atmete er tief durch. Nun gut.</p><p>Jetzt war er also ganz auf sich allein gestellt. Damit konnte er umgehen. Er brauchte ohnehin niemanden.</p><p>�Hallo.�</p><p>Die Stimme war wundersch�n, sanft und weiblich.</p><p>Einen Sekundenbruchteil lang hoffte Sam, dass es Caitlin w�re, auch wenn er sofort wusste, dass sie es nicht war. Noch nie hatte er so eine wundersch�ne Stimme geh�rt.</p><p>Ein M�dchen stand im Eingang und lehnte l�ssig am T�rrahmen. Wow. Sie sah umwerfend aus mit ihren langen, welligen roten Haaren und leuchtend gr�nen Augen. Ihr K�rper war perfekt. Sie musste etwa in seinem Alter sein, vielleicht ein wenig �lter. Wow. Sie <emphasis>rauchte</emphasis>.</p><p>Sam stand auf.</p><p>Er konnte es kaum glauben, aber sie sah ihn an, als wollte sie mit ihm flirten. Anscheinend stand sie auf ihn. Noch nie hatte ihn ein M�dchen auf diese Weise angesehen. Er konnte sein Gl�ck kaum fassen.</p><p>�Ich bin Samantha�, sagte sie mit ihrer s��en Stimme, trat einen Schritt vor und streckte ihm die Hand entgegen.</p><p>Sam ging auf sie zu und gab ihr die Hand. Ihre Haut war ganz zart und weich.</p><p>Tr�umte er? Was machte dieses M�dchen hier mitten im Nirgendwo? Wie war sie �berhaupt hergekommen? Er hatte kein Auto geh�rt, nicht einmal Schritte, die sich der Scheune gen�hert hatten. Und er war selbst eben erst gekommen. Er konnte es sich nicht erkl�ren.</p><p>�Ich bin Sam�, sagte er.</p><p>Sie l�chelte strahlend und enth�llte perfekte wei�e Z�hne. Ihr L�cheln war unglaublich. Als sie ihn direkt anblickte, sp�rte Sam, wie ihm die Knie weich wurden.</p><p>�Sam, Samantha�, meinte sie. �Das h�rt sich gut an.�</p><p>Er starrte sie an und fand keine Worte.</p><p>�Ich habe dich hier drau�en gesehen und dachte mir, dass dir kalt sein muss�, erkl�rte sie. �Willst du hereinkommen?�</p><p>Sam zerbrach sich den Kopf, kam aber nicht dahinter, was sie meinte.</p><p>�Herein?�</p><p>�Ins Haus�, erl�uterte sie und grinste, als w�rde das auf der Hand liegen. �Du wei�t schon, so ein Ding mit W�nden und Fenstern.�</p><p>Sam versuchte zu begreifen, was sie gesagt hatte. Sie lud ihn ins Haus ein? In das Haus, das zum Verkauf stand? Warum sollte sie ihn dort hineinbitten?</p><p>�Ich habe es gerade gekauft�, sagte sie, als w�rde sie seine Gedanken beantworten. �Ich bin noch nicht dazu gekommen, das <emphasis>Zu-verkaufen</emphasis>-Schild abzunehmen�, f�gte sie hinzu.</p><p>Sam war verwirrt. �Du hast dieses Haus <emphasis>gekauft</emphasis>?�</p><p>Sie zuckte mit den Schultern. �Ich muss schlie�lich irgendwo wohnen. Ich werde die Oakville High besuchen, um mein letztes Schuljahr abzuschlie�en.�</p><p>Wow. Das erkl�rte alles.</p><p>Sie war auf der Highschool, in der Abschlussklasse. Vielleicht w�rde er es sich noch mal �berlegen und doch an die Schule zur�ckkehren. Zum Teufel, ja. Wenn sie dort war, warum nicht?</p><p>�Ach so, klar�, sagte er so l�ssig, wie er konnte. �Warum nicht? Ich w�rde das Haus gerne mal von innen sehen.�</p><p>Sie drehten sich um und gingen auf das Haus zu. Unterwegs sah Sam die zerdr�ckte Zigarettenschachtel, b�ckte sich und hob sie auf. Wen interessierte es schon, ob er rauchte, nachdem Caitlin gegangen war?</p><p>�Dann bist du also neu hier?�, fragte Sam.</p><p>Ihm war klar, dass die Frage d�mlich war. Das hatte sie ihm ja bereits erz�hlt. Aber er wusste nicht, was er sonst sagen sollte. Lockere Plauderei war noch nie seine St�rke gewesen.</p><p>Sie l�chelte blo�. �So k�nnte man es ausdr�cken.�</p><p>�Warum bist du ausgerechnet hierher gezogen?�, f�gte Sam hinzu. �Ich meine, nichts f�r ungut, aber diese Stadt ist echt �de.�</p><p>�Das ist eine lange Geschichte�, antwortete sie r�tselhaft.</p><p>Pl�tzlich kam ihm ein Gedanke.</p><p>�Warte mal, hast du eben gesagt, dass du das Haus gekauft hast? <emphasis>Du?</emphasis> Meinst du nicht deine Eltern?�</p><p>�Nein, ich meine mich. Mich allein�, erwiderte sie. �Ich habe es selbst gekauft.�</p><p>Er begriff es immer noch nicht. Auf die Gefahr hin, dass er sich wie ein Idiot anh�rte � er musste die Sache einfach kl�ren.</p><p>�Das Haus ist also nur f�r dich? Deine Eltern ��</p><p>�Meine Eltern sind tot�, unterbrach sie ihn. �Ich habe das Haus gekauft. F�r mich. Ich bin jetzt achtzehn, ich bin erwachsen und kann tun, was ich will.�</p><p>�Wow�, sagte Sam ehrlich beeindruckt. �Das ist echt cool. Ein ganzes Haus f�r dich allein. Wow. Ich meine, das mit deinen Eltern tut mir leid, aber ich � ich kenne einfach sonst niemanden in unserem Alter, der ein Haus besitzt.�</p><p>Sie sah ihn an und l�chelte. �Mit mir wirst du noch viele �berraschungen erleben.�</p><p>Dann �ffnete sie die T�r und sah zu, wie er begeistert das Haus betrat.</p><p>Er war so leicht zu beeinflussen.</p><p>Sie leckte sich die Lippen und sp�rte ein dumpfes Hungergef�hl in ihren Schneidez�hnen aufsteigen.</p><p>Es w�rde viel einfacher sein, als sie gedacht hatte.</p></section><section><p>
				
				6.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>C</emphasis>aleb und Caitlin standen am Fluss und sahen sich tief in die Augen. Sie zitterte vor Sorge, dass er sich vielleicht gleich von ihr verabschieden w�rde.</p><p>Aber dann erregte etwas seine Aufmerksamkeit, und sein Blick wurde abgelenkt. Wie gel�hmt starrte er auf ihren Hals.</p><p>Er streckte die Hand aus und ber�hrte mit den Fingern ihre Kehle. Sie sp�rte Metall. Ihre Halskette. Sie hatte ganz vergessen, dass sie sie trug.</p><p>Er hob die Kette an und betrachtete sie aufmerksam.</p><p>�Was ist das?�, fragte er leise.</p><p>Sie hob die Hand und legte ihre Hand �ber seine. Es war ihr Kreuz, das kleine Silberkreuz.</p><p>�Nur ein altes Kreuz�, antwortete sie.</p><p>Aber bevor sie ausgesprochen hatte, ging ihr auf, dass das Kreuz tats�chlich <emphasis>richtig</emphasis> alt war. Es befand sich schon seit Generationen im Besitz ihrer Familie. Ihre Gro�mutter hatte es ihr kurz vor ihrem Tod geschenkt und dabei erz�hlt, dass sie das Kreuz wiederum von ihrer Gro�mutter erhalten hatte. Es stammte von dem Familienzweig ihres Vaters. Ja. Vielleicht war das eine richtige Spur.</p><p>Caleb musterte es genau.</p><p>�Das ist kein normales Kreuz�, sagte er schlie�lich. �Die Ecken sind abgerundet. Ich habe schon seit tausend Jahren kein solches Kreuz mehr gesehen. Es ist ein Petruskreuz�, erkl�rte er fasziniert. �Woher hast du das?�</p><p>�Ich � ich hatte es eigentlich schon immer�, antwortete sie atemlos. Ihre Erregung wuchs.</p><p>�Das ist das Zeichen eines alten Clans aus Jerusalem. Eines extrem m�chtigen, geheimen Clans. Es wurde sogar gemunkelt, dass er vielleicht gar nicht existiert. Wie kommt es, dass das Kreuz in deinem Besitz ist?�</p><p>Ihr Herz schlug heftig. �Ich � ich wei� es nicht genau. Meine Gro�mutter hat mir nur erz�hlt, es w�re von meinem Vater. Ich � hatte gar nicht mehr daran gedacht.�</p><p>Vorsichtig drehte er es um und betrachtete die R�ckseite. Verbl�fft riss er die Augen auf.</p><p>�Da ist eine Gravur.�</p><p>Sie nickte. Ja, da war tats�chlich eine Gravur.</p><p>�Stimmt, in einer fremden Sprache � vielleicht ist es griechisch�, meinte sie.</p><p>�Latein�, stellte er richtig. <emphasis>�Spina et rosa in Salem congregant�</emphasis>, las er vor und sah sie erwartungsvoll an, als m�sste sie die Inschrift verstehen.</p><p>Sie hatte mal wieder keine Ahnung � wie eigentlich immer.</p><p>�Das hei�t: <emphasis>Die Rose und der Dorn treffen sich in Salem.</emphasis>�</p><p>Ratlos sahen sie sich an.</p><p>Caitlins Gedanken �berschlugen sich, als sie sich fragte, was das bedeuten k�nnte. Calebs Augen funkelten angesichts der neuen Spur.</p><p>�Das Kreuz geh�rte deinem Vater. Es muss ihm geh�rt haben. Diese Gravur ist ein altes Vampirr�tsel. Bestimmt will er dir damit mitteilen, wie du ihn finden kannst. Er sagt uns, wohin wir als N�chstes gehen m�ssen.�</p><p>�Nach Salem?�</p><p>Er nickte ernst.</p><p>Dann legte er ihr eine Hand auf die Schulter. �Mir liegt sehr viel an dir. Ich m�chte auf gar keinen Fall, dass dir etwas zust��t. Das hier ist mein Krieg, deshalb solltest du nicht mit hineingezogen werden. Das Ganze kann sehr gef�hrlich werden, und du bist kein reinrassiger Vampir. Daher bist du verwundbar. Du musst nicht mitkommen � vor allem nicht, nachdem ich nun wei�, wo ich als N�chsten suchen muss. Du hast mir bereits mehr geholfen, als ich dir sagen kann.�</p><p>Caitlin wurde das Herz schwer. Wollte er sie nicht dabeihaben? Oder versuchte er, sie zu besch�tzen? Sie hatte das Gef�hl, es k�nnte Letzteres sein.</p><p>�Ich wei�, dass ich die Wahl habe�, sagte sie mit fester Stimme. �Ich entscheide mich daf�r, mit dir zu gehen.�</p><p>Er sah sie lange an und nickte schlie�lich. �Okay.�</p><p>�Au�erdem�, f�gte sie schmunzelnd hinzu, �kann ich dich doch nicht ganz allein meiner Familie ausliefern.�</p></section><section><p>
				
				7.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>K</emphasis>yle ging gespannt �ber das Kopfsteinpflaster der Stra�en von South Street Seaport. Seine Schritte wurden immer schneller. Diesen Augenblick hatte er sich schon seit Jahren ausgemalt.</p><p>Als er um die Ecke bog, konnte er es bereits sehen. Das Schiff. <emphasis>Sein</emphasis> Schiff.</p><p>Getarnt als historisches Segelschiff aus einem europ�ischen Land w�rde es eine Woche dort im Hafen vor Anker liegen. Wie d�mlich diese Menschen doch waren! Sie glaubten beinahe alles und waren viel zu arglos, um die Fracht von diesem St�ck Geschichte zu �berpr�fen. Sie begriffen nicht, dass das Schiff als Instrument f�r ihren Tod dienen k�nnte. Dass dieses Schiff ihr Trojanisches Pferd sein w�rde.</p><p>D�mliche Touristen dr�ngten sich am Hafen und waren entz�ckt, dieses geschichtstr�chtige Schiff vor ihrer Nase zu haben. Wenn sie blo� w�ssten.</p><p>Kyle bahnte sich einen Weg durch das Gedr�nge und ging auf einen schmalen Durchgang zu. Vier kr�ftige M�nner standen Wache, aber als sie ihn kommen sahen, nickten sie und machten schnell Platz. Alles Mitglieder seines Clan. Sie waren schwarz gekleidet und so gro� wie er. Kyle sp�rte die Wut, die sie ausstrahlten, und entspannte sich sofort. Unter seinesgleichen f�hlte er sich immer am wohlsten.</p><p>Respektvoll bildeten sie eine Gasse, und nachdem Kyle durch ihre Mitte spaziert war, verschlossen sie den Durchgang wieder.</p><p>Kyle n�herte sich dem Heck des Schiffes, das den Augen der �ffentlichkeit verborgen blieb. Mehrere Vampire standen dort, und als sie ihn entdeckten, machten sie sich sofort an die Arbeit. Sie lie�en eine gro�e Rampe seitlich aus dem Schiffsrumpf herunter und rollten einen riesigen, mit Holz verschalten Beh�lter hinunter. Zehn M�nner bugsierten den Beh�lter von der Rampe auf das Kopfsteinpflaster. Kyle trat n�her.</p><p>�Mein Meister�, sagte ein kleiner Vampir mit beginnender Glatze. Er lief auf Kyle zu und verbeugte sich.</p><p>Der Mann schwitzte heftig und wirkte �beraus nerv�s. Sein Blick huschte unruhig hin und her. Offensichtlich hatte er nach Polizisten Ausschau gehalten. Und er hatte wohl ziemlich lange warten m�ssen. Gut. Kyle lie� die Leute gerne warten.</p><p>�Es ist alles hier�, fuhr der Mann hektisch fort. �Wir haben die Lieferung mehrmals �berpr�ft. Alles ist heil und unversehrt, mein Meister.�</p><p>�Ich will es sehen�, sagte Kyle.</p><p>Der Mann schnippte mit den Fingern, und vier M�nner liefen herbei. Sie r�ckten dem Beh�lter mit Stemmeisen zu Leibe und l�sten eine der Holzplanken. Dann rissen sie mehrere Lagen strapazierf�higer Plastikfolie herunter.</p><p>Kyle trat n�her und steckte die Hand in den Beh�lter. Er ertastete eine kleine, kalte Glasflasche und nahm sie heraus.</p><p>Pr�fend musterte er sie unter dem Licht einer Stra�enlaterne.</p><p>Genau so, wie er es in Erinnerung hatte. Die Mikroben der Beulenpest wimmelten in der Flasche herum und waren v�llig intakt. Langsam breitete sich ein L�cheln auf seinem Gesicht aus.</p><p>Jetzt konnte dieser Krieg beginnen.</p><p>***</p><p>Kyle verschwendete keine Zeit. Schon wenige Stunden sp�ter befand er sich in der Penn Station und war bereit, sich ans Werk zu machen. Als er mitten im Gedr�nge durch den Bahnhof marschierte, loderte wieder seine Wut auf. Er ging mitten durch die Gruppen von Menschen, die jetzt zur Rushhour alle nach Hause zu ihren armseligen kleinen Familien und Ehem�nnern und Ehefrauen strebten. Kyle hasste sie alle.</p><p>Einzelne Menschen waren schon schlimm genug, aber Menschenmassen fand er absolut unertr�glich � sie eilten gesch�ftig in alle Richtungen und f�hlten sich wichtig, dabei w�rden sie in ihrem kurzen Leben praktisch keine Spuren auf der Erde hinterlassen. Kyle hatte sie alle �berlebt und �berdauert, Generation f�r Generation, seit Tausenden von Jahren. Selbst bedeutendere Pers�nlichkeiten wie beispielsweise C�sar und Stalin � und sein besonderer Liebling Hitler � waren innerhalb k�rzester Zeit praktisch vergessen. Zu Lebzeiten hatten sie eine Rolle gespielt, aber nur wenig sp�ter galten sie nichts mehr. Die hektischen Bewegungen und die Selbstgef�lligkeit der Passanten brachten ihn v�llig durcheinander. Am liebsten h�tte er jeden Einzelnen von ihnen umgebracht. Und genau das w�rde er bald tun.</p><p>Aber nicht jetzt.</p><p>Kyle hatte zuerst noch etwas Wichtiges zu erledigen. Etwas <emphasis>wirklich</emphasis> Wichtiges. Er wurde von einer kleinen Gruppe von acht Vampiren begleitet, sie bahnten sich so schnell wie m�glich einen Weg durch die Menge. Jeder von ihnen trug einen Rucksack. Und in jedem Rucksack befanden sich dreihundert Ampullen mit Pesterregern. Bald w�rden sie sich in vier Teams aufteilen, und jedes Team w�rde � wie die vier apokalyptischen Reiter � den Tod an jeder Ecke des Bahnhofs in Umlauf bringen. Ein Team w�rde sich um den Bahnhof selbst k�mmern, eins um den Zugang zur Grand Central, eines um die U-Bahn-Linien A, C und E und das vierte um die Zuglinien 1 und 9. Kyle hatte den besten Platz f�r sich selbst reserviert, n�mlich die Amtrak-Z�ge. Bei dem Gedanken daran, dass er damit derjenige sein w�rde, der die meisten Menschen infizierte, l�chelte er zufrieden. Vielleicht konnte er dadurch sogar noch andere St�dte ausschalten.</p><p>Weitere Vampire aus Kyles Clan waren in den restlichen U-Bahn-Stationen der Stadt �berall flei�ig bei der Arbeit, beispielsweise am Times Square.</p><p>Kyle nickte, und sofort teilten die Teams sich auf. Er steuerte allein auf den Eingang Eighth Avenue zu.</p><p>Er fuhr die Rolltreppe hinunter, marschierte zum Ende des Bahnsteigs und ging dann weiter, bis ihn niemand mehr sah. Schnell sprang er hinunter auf die Gleise. Als er landete, liefen Ratten in alle Richtungen davon. Sie sp�rten seine Ausstrahlung. Was f�r eine Ironie, dachte Kyle. Damals waren es die Ratten gewesen, die die Pest verbreitet hatten. Jetzt flohen sie davor.</p><p>Kyle verschwand in der Dunkelheit und folgte dem Tunnel, wobei er sich ganz am Rand hielt. Er ging immer weiter, bis er die Kreuzung erreichte, an der sich alle Gleise trafen. Dort zog er eine Glasampulle aus seinem Rucksack und hielt sie unter ein Notlicht. Er konnte seine Erregung kaum im Zaum halten. Er stellte den Rucksack ab, griff mit beiden H�nden hinein und machte sich ans Werk.</p><p>Nach so vielen Jahrhunderten des Wartens war es nun nur noch eine Frage von Stunden.</p></section><section><p>
				
				8.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>S</emphasis>am konnte sein Gl�ck kaum fassen. Ein fantastisch aussehendes M�dchen � aus der Zw�lften! � f�hrte ihn durch ein tolles Haus. Sie schien auf ihn zu stehen. Sie war cool und sexy. Und sie hatten das ganze Haus f�r sich.</p><p>Es war, als w�re ein Engel vom Himmel gefallen und in seinem Scho� gelandet. Er konnte es immer noch nicht glauben. Genau das hatte er gebraucht, und zwar genau jetzt. Er bef�rchtete, dass sich sein Gl�ck jeden Moment wenden k�nnte und sie ihn auffordern w�rde, zu gehen. Doch anscheinend hatte sie es nicht eilig damit, ihn loszuwerden. Im Gegenteil, sie schien sich �ber seine Gesellschaft zu freuen. Und es war ihr sogar gleichg�ltig, dass er in ihrem Schuppen gewesen war. Er konnte es einfach nicht fassen. So viel Gl�ck hatte er noch nie gehabt.</p><p>Als er in dem Haus herumlief, fiel ihm auf, dass es im Grunde genommen immer noch leer war. Im K�hlschrank befanden sich keine Lebensmittel, und es gab auch nicht viele M�bel. Nur hier und da stand ein Stuhl herum, und in einem Raum entdeckte er ein kleines Sofa. Er freute sich dar�ber, denn es gab ihm einen Grund, ihr seine Hilfe anzubieten. Er konnte ihr bei der Renovierung und beim Umzug helfen, Lebensmittel und Werkzeug kaufen � was immer sie brauchen w�rde. Selbst wenn sie ihn nur in ihrer Scheune �bernachten lassen w�rde, w�re das cool. Und wenn sie ihn im Haus haben wollte, nun ja, das w�re einfach fantastisch. Aber was noch wichtiger war, er mochte sie. Er war einsam, das wurde ihm jetzt klar. In ihrer Gesellschaft f�hlte er sich wohl.</p><p>�Das ist das Wohnzimmer�, sagte sie, als sie ihn in den letzten Raum f�hrte, der ziemlich kahl war. An den W�nden hingen keine Bilder, auf dem Boden lag kein Teppich � es gab nur ein kleines Sofa in der Mitte.</p><p>�Entschuldige, dass es noch so leer ist�, f�gte sie hinzu. �Ich bin gerade erst angekommen. Ich wollte meine alten Sachen nicht mitbringen. Das hier soll ein richtiger Neubeginn werden.�</p><p>Sam nickte. Er brannte darauf, ihr jede Menge Fragen zu stellen. Zum Beispiel: <emphasis>Wo kommst du her? Wie sind deine Eltern gestorben? Warum bist du ausgerechnet in diese Stadt gekommen?</emphasis></p><p>Aber er wollte nicht aufdringlich sein. Deshalb stand er einfach nur da und nickte wie ein Idiot.</p><p>Au�erdem war er nerv�s. Er f�hlte sich stark zu ihr hingezogen, mehr als zu jedem anderen M�dchen, das er bislang kennengelernt hatte, und er wusste einfach nicht, was er sagen sollte. Er hatte das Gef�hl, dass jedes Wort nur falsch sein k�nnte � daher traute er sich gar nicht, irgendetwas zu sagen.</p><p>�M�chtest du dich setzen?�, fragte sie, ging zu dem Sofa und lie� sich hineinfallen.</p><p><emphasis>Und ob ich das will!</emphasis></p><p>Er versuchte, seine Begeisterung zu verbergen. Er ging zu ihr, so l�ssig er konnte, und setzte sich neben sie. Das Sofa war so klein, dass ihre Beine sich leicht ber�hrten. Als er ihr Parf�m roch, begann sein Puls zu rasen. Er fiel ihm zunehmend schwer, klar zu denken.</p><p>Sie schlug ein Bein unter und drehte ihm das Gesicht zu. L�chelnd sah sie ihm in die Augen, w�hrend er sich zum millionsten Mal fragte, ob das alles nur ein Traum war. Vielleicht spielte ihm einer seiner Freunde einen Streich.</p><p>�So�, sagte sie. �Jetzt erz�hl mir mal was von dir.�</p><p>�Was denn?�, fragte er.</p><p>�Bist du von hier?�</p><p>Sam �berlegte, wie er die Frage beantworten sollte. Es war nicht einfach.</p><p>�Nein, eigentlich nicht. Aber man k�nnte die Frage trotzdem mit Ja beantworten, weil ich l�nger hier gelebt habe als an jedem anderen Ort. Wir sind sehr oft umgezogen. Meine Familie, meine ich, meine Schwester, meine Mom und ich.�</p><p>�Was ist mit deinem Dad?�, wollte sie sofort wissen.</p><p>Sam zuckte mit den Schultern.</p><p>�Er war nie da. Man hat mir gesagt, er w�re gegangen, als ich noch ganz klein war. Ich erinnere mich nicht mehr.�</p><p>�Hast du je versucht, ihn zu finden?�</p><p>Sam sah ihr in die Augen und fragte sich, ob sie Gedanken lesen konnte.</p><p>�Das ist seltsam, dass du danach fragst�, entgegnete er, �denn ich habe es tats�chlich versucht. Ich wollte immer wissen, wo er ist. Aber ich habe nie etwas herausgefunden. Bis letzte Woche.�</p><p>�berrascht riss sie die Augen auf. Sam war erstaunt, wie begeistert sie aussah. Er verstand das nicht. Warum sollte es f�r sie eine Rolle spielen?</p><p>�Wirklich?�, fragte sie. �Wo ist er denn?�</p><p>�Ich wei� es nicht genau, aber wir haben Kontakt �ber Facebook. Er schreibt, dass er mich sehen will.�</p><p>�Und? Warum hast du dich noch nicht mit ihm getroffen?�</p><p>�Ich habe es vor. Es kam so pl�tzlich, ich muss erst noch einen Plan schmieden.�</p><p>�Worauf wartest du?�, meinte sie l�chelnd.</p><p>Sam �berlegte kurz. Sie hatte recht. Worauf wartete er eigentlich?</p><p>�Warum schreibst du ihm nicht und schl�gst ihm vor, ihn zu besuchen? Wei�t du, wenn man nichts plant, passiert auch nichts. An deiner Stelle w�rde ich ihm jetzt gleich eine Nachricht senden�, sagte sie.</p><p>Sam sah ihr erneut in die Augen und sp�rte, wie sich seine Gedanken ver�nderten. Alles, was sie sagte, hatte Hand und Fu�. Es war merkw�rdig: Jedes Mal, wenn sie etwas �u�erte, hatte er das Gef�hl, als w�rde ihr Gedanke zu seinem werden. Sie hatte recht, er sollte das nicht l�nger aufschieben.</p><p>Er griff in die Tasche, zog sein Handy heraus und loggte sich bei Facebook ein.</p><p>Sie r�ckte n�her an ihn heran und blickte mit ihm zusammen auf das Display. Sein Herz begann wieder zu rasen. Er liebte das Gef�hl, als ihre Schultern sich ber�hrten. Es war perfekt. Der Geruch ihrer Haare war �berw�ltigend. Er lie� sich derart ablenken, dass er einen Augenblick verga�, warum er sein Handy in der Hand hielt.</p><p>Dann sah er, dass er eine neue Nachricht erhalten hatte, und �ffnete sie.</p><p>Es war eine weitere Nachricht von seinem Vater.</p><p>Er schrieb: <emphasis>Sam, ich w�rde dich wirklich sehr gerne sehen. Wir m�ssen uns unbedingt treffen. Ich wei�, dass die Schule dich in Anspruch nimmt, aber wie sieht denn dein Stundenplan genau aus? Ich kann wegen meines kranken Beines schlecht reisen, aber vielleicht k�nntest du mich besuchen? Ich lebe in Connecticut.</emphasis></p><p>Samantha l�chelte. �Na also!�</p><p>�Was soll ich antworten?�, fragte Sam.</p><p>�Sag Ja. Morgen ist Samstag, es ist Wochenende. Welcher Zeitpunkt k�nnte besser sein?�</p><p>Sie hatte schon wieder recht. Samstag war wirklich der beste Tag. Dieses M�dchen war nicht nur ausgesprochen sexy, sie war auch richtig clever.</p><p>Sam schrieb zur�ck: <emphasis>Okay, klingt gut. Wie w�re es mit diesem Wochenende? Wie ist deine Adresse?</emphasis></p><p>Er z�gerte eine Sekunde, dann dr�ckte er <emphasis>Senden</emphasis>. Schon f�hlte er sich besser.</p><p>�Ich freue mich so f�r dich, ich bin ganz aufgeregt�, erkl�rte Samantha l�chelnd. �Wow, es ist so cool, dass ich dich in so einer aufregenden Phase kennenlerne.�</p><p>Pl�tzlich streckte sie ihre zarten Finger aus und streichelte ihm das Gesicht. Dann strich sie ihm langsam durch die Haare. Das Gef�hl war �beraus intensiv. Geradezu �berw�ltigend. Sein Herz klopfte wie wild, und er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.</p><p>Er drehte sich zu ihr um und sah sie an. Sie streichelte ihn jetzt mit beiden H�nden, sein Gesicht, seinen Hals, seine Haare. Er konnte den Blick nicht von ihren gro�en, strahlenden gr�nen Augen losrei�en. Er konnte kaum noch atmen.</p><p>�Ich mag dich sehr�, sagte sie.</p><p>Sam wollte etwas erwidern, aber sein Mund war zu trocken. Er brauchte mehrere Versuche. �Ich mag dich auch sehr.�</p><p>Er wusste, dass er sich jetzt vorbeugen und sie k�ssen sollte, aber er war zu nerv�s. Als sie sich vorbeugte und ihre Lippen auf seine legte, war er erleichtert.</p><p>Es war unglaublich. Das Blut str�mte ihm ins Gehirn, und er betete, dass der Kuss niemals enden m�ge.</p></section><section><p>
				
				9.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>A</emphasis>ls Caitlin die Arme um Caleb legte � sein K�rper f�hlte sich wunderbar an � und mit ihm losflog, dachte sie daran, wie viel Gl�ck sie doch hatte. Noch am Vortag hatte sie bef�rchtet, dass Caleb sich f�r immer von ihr verabschieden w�rde. Doch ausnahmsweise hatte ihr Leben eine positive Wendung genommen.</p><p><emphasis>Gott sei Dank, dass es diese Halskette gibt</emphasis>, dachte sie.</p><p>Am sp�ten Nachmittag erreichten sie Salem. Unauff�llig landeten sie auf einem leeren Feld am Ortsrand, damit niemand sie bemerkte.</p><p>Dann gingen sie zu Fu� weiter und kamen bald auf die Hauptstra�e.</p><p>Caitlin war �berrascht, denn sie hatte sich Salem anders vorgestellt. Ihr ganzes Leben lang hatte sie von dieser Stadt geh�rt, haupts�chlich in der Schule, und immer in Verbindung mit den Hexen. Sie fand es seltsam, den Ort jetzt als allt�gliche, lebendige Stadt zu erleben. In ihrer Vorstellung war es ein perfekt erhaltener, historischer Ort gewesen, fast wie ein B�hnenbild. Daher traf es sie unvorbereitet, ganz normale, moderne Menschen zu sehen, die ihr Leben lebten, Auto fuhren und von hier nach da eilten.</p><p>Salem sah fast genauso aus wie jede andere Kleinstadt in Neuengland. Es gab einige Filialen der �blichen Gesch�fte und die obligatorischen Apotheken. Alles war modern � Caitlin entdeckte fast keine Spur, die darauf hindeutete, dass dieser Ort so viel Geschichte erlebt hatte. Au�erdem war die Stadt wesentlich gr��er, als sie erwartet hatte. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie mit der Suche nach ihrem Dad beginnen sollten.</p><p>Caleb musste �hnliche Gedanken gehabt haben, denn in seinem Gesicht stand die Frage: <emphasis>Was nun?</emphasis></p><p>�Na ja�, sagte sie, �wir haben wohl nicht damit gerechnet, dass er auf der Hauptstra�e auf uns wartet und uns in die Arme schlie�t.�</p><p>Caleb schmunzelte.</p><p>�Nein, dass es so einfach werden w�rde, habe ich auch nicht geglaubt.�</p><p>�Was machen wir jetzt?�, fragte sie.</p><p>Caleb erwiderte ihren Blick. �Ich wei� es nicht�, antwortete er schlie�lich.</p><p>Caitlin �berlegte. Einige Leute gingen an ihnen vor�ber und warfen ihnen merkw�rdige Blicke zu. Sie betrachtete ihr Spiegelbild in einem Schaufenster und bemerkte, dass sie ein erstaunliches Bild abgaben. Sie waren alles andere als unauff�llig. Er war so gro� und von Kopf bis Fu� elegant in Schwarz gekleidet. Er wirkte wie ein Filmstar, der direkt aus einem Film mitten auf der Stra�e gelandet war. Neben ihm kam sie sich durchschnittlicher vor als je zuvor.</p><p>�Vielleicht sollten wir mit dem N�chstliegenden beginnen, meinem Nachnamen�, schlug sie vor. �Falls mein Dad hier noch wohnt, ist er vielleicht unter dem Namen Paine gemeldet.�</p><p>Caleb l�chelte. �Glaubst du, dass seine Nummer �ffentlich zug�nglich ist?�</p><p>�Ich bezweifle es. Aber manchmal sind die n�chstliegenden Antworten die besten. Au�erdem kann es nicht schaden, wenn wir es probieren. Oder hast du einen besseren Vorschlag?�</p><p>Caleb starrte vor sich hin. Schlie�lich sch�ttelte er den Kopf.</p><p>�Dann lass es uns versuchen�, sagte sie.</p><p>Zum millionsten Mal w�nschte sie, sie h�tte ihr Handy noch. Doch als sie sich umsah, entdeckte sie ein Internet-Caf� auf der anderen Stra�enseite.</p><p>***</p><p>Caitlin hatte jede m�gliche Schreibweise von <emphasis>Paine</emphasis> eingegeben, die ihr einfiel, jedoch ohne Erfolg. Sie war entt�uscht. Sie hatten in s�mtlichen Adress- und Gesch�ftsverzeichnissen von Salem gesucht. Sie hatten es mit Paine, Payne, Pain und Paiyne probiert. Nichts. Es gab keine einzige Person dieses Namens.</p><p>Caleb hatte recht gehabt, die Idee war d�mlich. Falls ihr Vater tats�chlich hier lebte, w�rde er seine Daten nicht �ffentlich machen. Au�erdem hatte sie angesichts der r�tselhaften Hinweise, auf die sie bisher gesto�en waren, das Gef�hl, dass er es ihnen ohnehin nicht so leicht machen w�rde.</p><p>Seufzend drehte sie sich zu Caleb um.</p><p>�Du hattest recht. Das war reine Zeitverschwendung.�</p><p><emphasis>�Die Rose und der Dorn treffen sich in Salem�</emphasis>, sagte Caleb immer wieder langsam vor sich hin.</p><p>Man konnte f�rmlich sehen, wie sein Gehirn arbeitete.</p><p>Sie hatte den Satz im Stillen auch dauernd wiederholt und hin und her �berlegt. Trotzdem hatte sie noch keine Idee, was er bedeuten k�nnte. Eine Rose? Ein Dorn?</p><p>�Vielleicht gibt es hier irgendwo einen Rosengarten?�, dachte sie laut. �Vielleicht finden wir dort eine Art versteckten Hinweis? Oder vielleicht ist es der Name eines Hauses?�, f�gte sie hinzu. �Eine Bar oder eine alte Schenke mit dem Namen �Die Rose und der Dorn�?�</p><p>Caitlin wandte sich wieder dem Computer zu und probierte weitere Suchbegriffe aus. Sie gab <emphasis>Rose</emphasis> allein ein. Dann <emphasis>Dorn</emphasis>. Dann <emphasis>Rose und Dorn</emphasis>. Unternehmen. Parks. G�rten.</p><p>Kein Ergebnis.</p><p>Entt�uscht fuhr sie den Computer schlie�lich herunter.</p><p>Mehrere Minuten blieben sie schweigend sitzen und dachten nach.</p><p>�Vielleicht denken wir in die falsche Richtung�, meinte Caleb pl�tzlich.</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Na ja, wir haben nach einer lebenden Person gesucht�, erl�uterte er, �in der Gegenwart, in diesem Jahrhundert. Aber Vampire leben Tausende von Jahren. Wenn ein Vampir zu einem anderen sagt: <emphasis>Besuch mich doch mal</emphasis>, meint er nicht zwingend in diesem Jahrhundert. Vampire denken in Jahrhunderten, nicht in Jahren.</p><p>Es k�nnte also sein, dass dein Vater jetzt nicht mehr hier ist, aber einmal hier war. Vor langer Zeit. Vielleicht sollten wir nicht nach einer lebenden Person suchen, sondern nach jemandem, der irgendwann einmal hier gelebt hat. Wir sollten auch in Betracht ziehen, dass er hier gestorben sein k�nnte.�</p><p>Caitlin starrte ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Gestorben? Was redest du denn da? Ist mein Vater tot?�</p><p>�Es ist schwierig, dir das zu erkl�ren, aber du musst es anders betrachten. Vampire durchleben mehr als ein Leben, sie leben in verschiedenen Gestalten. Viele von uns haben Grabsteine, obwohl sie noch leben. Ich selbst bin beispielsweise unter verschiedenen Namen auf vielen Friedh�fen in zahlreichen L�ndern begraben. Offenkundig bin ich nicht wirklich tot oder begraben. Aber zur jeweiligen Zeit mussten die Ortsans�ssigen sicher sein, dass ich tot bin. Wir mussten ihnen beweisen, dass ich nicht zur�ckkommen w�rde. Eine Beerdigung und ein Grabstein waren die einzigen Dinge, die den Leuten diese Sicherheit gaben.</p><p>Wir Vampire hinterlassen nicht gerne Spuren, und wir m�chten nicht, dass die Menschen wissen, dass wir zur�ckkehren. Das w�rde zu viel unerw�nschte Aufmerksamkeit erregen. Manchmal lassen wir uns beerdigen, wenn es keine Alternative gibt. Dann stehlen wir uns still und leise mitten in der Nacht davon und ziehen weiter.�</p><p>Er warf ihr einen Blick zu.</p><p>�Es k�nnte durchaus sein, dass dein Vater hier beerdigt wurde. Wir haben nach lebenden Paines gesucht, aber wir haben uns noch nicht nach toten umgesehen.�</p><p>***</p><p>Caitlin war betroffen, als sie den kleinen Friedhof betraten. Die Gedanken wirbelten ihr im Kopf herum. Noch nie hatte sie einen derart alten Ort betreten. Am Eingang stand ein gro�es Schild mit der Aufschrift: <emphasis>Friedhof, 1637</emphasis>. Sie staunte �ber die Tatsache, dass die Menschen seit fast vierhundert Jahren hierherkamen.</p><p>Noch mehr wunderte sie sich dar�ber, dass einige Touristen �ber den Friedhof spazierten. Sie hatte angenommen, dass sie die Einzigen sein w�rden. Doch schlie�lich handelte es sich um Salem. Au�erdem war dieser Friedhof eine besondere Attraktion. Die Besucher betrachteten ihn anscheinend als Museum. Caitlin stellte fest, dass es neben den Gr�bern tats�chlich ein Museum gab. Sie fand das nicht in Ordnung. Ihrer Meinung nach sollte dieser Ort mit mehr Piet�t behandelt werden.</p><p>Der Friedhof war klein und �berschaubar, kaum gr��er als ein Garten. Ein Kopfsteinpflasterweg wand sich zwischen den Gr�bern hindurch, und als sie den Weg entlangschlenderten, staunte sie �ber das Alter der Grabsteine und die seltsamen Schriftzeichen, die schon seit langer Zeit verwittert waren. Die Inschriften waren englisch, aber so altert�mlich, dass sie fast wie eine andere Sprache wirkten.</p><p>Sorgf�ltig studierte sie die Namen, wobei sie sich insbesondere auf die Nachnamen konzentrierte.</p><p>Aber sie konnte keinen einzigen <emphasis>Paine</emphasis> finden, auch nicht in abgewandelter Form. Sie hatten das Ende des Weges erreicht. Es gab nichts.</p><p>Caitlin und Caleb blieben stehen, und sie las die Aufschrift auf einer Gedenktafel. Sie beschrieb einige der furchtbaren Folterungen, die die Hexen erdulden mussten. Eine der Hexen war zu Tode <emphasis>gequetscht</emphasis> worden, hie� es. Caitlin war entsetzt.</p><p>�Ich kann nicht fassen, was man ihnen angetan hat�, entr�stete sie sich. �Offenbar mussten alle Hexen einen furchtbaren Tod erleiden.�</p><p>�Sie waren keine Hexen�, sagte Caleb ernst.</p><p>Caitlin sah ihn an, als sie die Trauer in seiner Stimme h�rte.</p><p>�Sie waren welche von uns�, f�gte er hinzu.</p><p>Caitlin riss die Augen auf. �Vampire?�, fragte sie ungl�ubig.</p><p>Caleb nickte und blickte auf die Grabsteine.</p><p>Schweigen senkte sich �ber sie, w�hrend Caitlin �ber diese Information nachgr�belte.</p><p>�Ich verstehe nicht�, sagte sie schlie�lich. �Wieso waren sie hier?�</p><p>Caleb seufzte. �Es waren Puritaner. Sie wurden in England nicht wegen ihrer Reform des Christentums verfolgt. Sie wurden verfolgt, weil sie Vampire waren. Deshalb verlie�en sie Europa und kamen hierher. Um ungehindert leben zu k�nnen. Die europ�ischen Vampire versuchten, der Unterdr�ckung durch die alte Welt zu entfliehen. Sie wussten, dass sie eine neue Nation gr�nden mussten, um zu �berleben. Also wanderten sie aus. Sie geh�rten zu den guten Vampiren, sie wollten sich nicht mit anderen Vampiren oder mit Menschen bekriegen. Sie wollten blo� in Ruhe gelassen werden.</p><p>Aber im Laufe der Zeit folgten ihnen die b�sen Vampire hierher, es wurden immer mehr. Die fr�hen Kriege in den Kolonien wurden nicht zwischen Menschen gef�hrt, in Wahrheit handelte es sich um Kriege zwischen guten und b�sen Vampirclans.</p><p>Die Hexenverfolgung in Salem war nur eine Fassade f�r die Verfolgung von Vampiren.</p><p>Wo Gutes ist, folgt Schlechtes. Es existiert ein immerw�hrender Kampf zwischen Licht und Dunkelheit. Die Hexen, die in Salem verfolgt und geh�ngt wurden, waren alle gute Vampire.</p><p>Deshalb w�rde es absolut Sinn ergeben, wenn dein Vater hier begraben w�re. Salem ist �berhaupt naheliegend. Auch dein Kreuz ergibt Sinn. Alles deutet auf dasselbe hin, n�mlich dass du die auserw�hlte Erbin bist. Der Schl�ssel f�r die Suche nach dem Schwert, das sie versteckt haben und das uns alle retten soll.�</p><p>Caitlin lie� ihren Blick erneut �ber den Friedhof schweifen. Ihr schwirrte der Kopf von Calebs Bericht �ber die Geschichte der Vampire. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Aber eine Sache war klar: Hier gab es niemanden namens <emphasis>Paine</emphasis>. Sie befanden sich wieder in einer Sackgasse.</p><p>�Hier ist nichts�, sagte sie schlie�lich.</p><p>Caleb sah sich ein weiteres Mal aufmerksam um und sagte dann entt�uscht: �Du hast recht.�</p><p>Caitlin bef�rchtete, dass ihre Suche diesmal endg�ltig gescheitert war. Aber sie konnte nicht zulassen, dass sie hier endete.</p><p>�Die Rose und der Dorn, die Rose und der Dorn�, fl�sterte sie immer wieder vor sich hin und wollte die Antwort erzwingen.</p><p>Aber es funktionierte nicht.</p><p>Caleb wanderte den Weg entlang, w�hrend Caitlin eine andere Richtung einschlug und dabei vor sich hin gr�belte.</p><p>Bald entdeckte sie eine weitere Gedenktafel, die an einen Baum genagelt war. Zuerst las sie blo�, um sich abzulenken, aber je mehr sie las, desto aufgeregter wurde sie.</p><p>�Caleb!�, rief sie. �Komm schnell her!�</p><p>Er eilte zu ihr.</p><p>�H�r dir das an: <emphasis>Nicht alle Hexen, die verfolgt wurden, liegen auf diesem Friedhof begraben. Tats�chlich handelt es sich nur um einen Bruchteil. Auf der Liste der �Beschuldigten� standen �ber einhundertdrei�ig weitere Hexen. Einige entkamen, manche wurden woanders begraben. Die vollst�ndige Liste befindet sich in den Aufzeichnungen des Museums</emphasis>.�</p><p>Sie sahen sich an und dachten beide das Gleiche. Unvermittelt drehten sie sich um und starrten auf das Museum am Rande des Friedhofs.</p><p>***</p><p>Die Sonne stand schon tief, als sie das Museum erreichten, und die Eingangst�r wurde ihnen buchst�blich vor der Nase zugeschlagen. Caleb trat vor, streckte die Hand aus und verhinderte, dass sie ganz geschlossen wurde.</p><p>Das verdrie�liche Gesicht einer alten Dame erschien im T�rspalt.</p><p>�Tut mir leid, aber f�r heute ist Feierabend�, sagte sie. �Kommen Sie doch morgen wieder, wenn Sie m�chten.�</p><p>�Entschuldigen Sie bitte�, antwortete Caleb h�flich, �wir brauchen nur wenige Minuten. Leider k�nnen wir morgen nicht wiederkommen.�</p><p>�F�nf Uhr ist schon vorbei�, erwiderte sie barsch. �Wir schlie�en jeden Tag um f�nf. Es gibt keine Ausnahmen, so sind die Regeln. Ich kann dieses Museum nicht f�r jeden offen halten, der sp�ter kommt. Wie ich bereits sagte, k�nnen Sie morgen wiederkommen. Guten Abend.�</p><p>Erneut wollte sie die T�r schlie�en, doch Caleb hinderte sie wieder daran. Zum zweiten Mal erschien ihr Gesicht im T�rspalt � diesmal richtig ver�rgert.</p><p>�H�ren Sie, wollen Sie, dass ich die Polizei rufe �?�</p><p>Pl�tzlich erstarrte sie mitten im Satz, als ihr Blick und Calebs sich begegneten. Mehrere Sekunden lang starrte sie ihn an, bis sich ihr Gesichtsausdruck schlie�lich ver�nderte und sanfter wurde. Dann begann sie �berraschenderweise zu l�cheln.</p><p>�Hallo, Leute�, sagte sie heiter. �Wie sch�n, dass ihr hier seid. Kommt doch herein.� Mit einem L�cheln �ffnete sie die T�r weit und trat zur Seite.</p><p>Caitlin sah Caleb schockiert und verbl�fft an. <emphasis>Was hatte er blo� getan?</emphasis></p><p>Was auch immer es war, sie wollte es ebenfalls lernen.</p><p><emphasis>Mach dir keine Gedanken, du wirst es lernen.</emphasis></p><p>Wieder blickte Caitlin Caleb an und war noch verbl�ffter, als sie begriff, dass er ihr gerade einen Gedanken geschickt hatte � und sie ihn verstanden hatte.</p><p>***</p><p>Sie hatten das Museum f�r sich, als sie durch die schmalen, schwach beleuchteten G�nge spazierten. Bilder, Gedenktafeln und alle m�glichen Utensilien s�umten die W�nde. Alle Exponate standen im Zusammenhang mit Hexen, Richtern und Hinrichtungen. Es war ein d�sterer Ort.</p><p>Im weiteren Verlauf erreichten sie eine gro�e Schautafel. Caitlin begann zu lesen und war derart fasziniert, dass sie Caleb den Text laut vorlas.</p><p>�H�r dir das mal an�, sagte sie. <emphasis>�In Salem erkrankte im Jahr 1692 pl�tzlich eine Gruppe von M�dchen im Teenageralter an einer seltsamen Krankheit. Die meisten bekamen hysterische Anf�lle und behaupteten, dass sie von Hexen heimgesucht worden w�ren. Viele dieser M�dchen gingen sogar so weit, die Hexen beim Namen zu nennen, die ihnen angeblich zugesetzt hatten.</emphasis></p><p><emphasis>Weil die Erkrankungen so r�tselhaft waren, viele der jungen M�dchen pl�tzlich starben und es keine andere Erkl�rung daf�r gab, verfielen die Bewohner der Stadt in Panik. Sie machten Jagd auf die Leute, die der Hexerei beschuldigt worden waren.</emphasis></p><p><emphasis>Bis zum heutigen Tage konnte nicht herausgefunden werden, woran diese M�dchen erkrankt und warum sie derart hysterisch geworden waren.�</emphasis></p><p>�Es lag daran, dass sie erwachsen wurden�, erkl�rte Caleb leise.</p><p>Caitlin sah ihn an.</p><p>�Genau wie du�, f�gte er hinzu. �Sie waren welche von uns, und sie wurden von schmerzhaften Hungerattacken �berrascht. Sie waren nicht krank, sondern nur hysterisch. Die Ver�nderungen in ihrem K�rper haben sie v�llig �berfordert. Sie hatten keine Ahnung, wie sie damit umgehen sollten.�</p><p>Caitlin dachte scharf nach. M�dchen im Teenageralter im Jahr 1692 in Salem, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden gestanden hatten. M�dchen, die genau das Gleiche durchlebt hatten, was sie gerade durchmachte.</p><p>Sie war �berw�ltigt. Es gab eine Verbindung zwischen ihr und diesen historischen Ereignissen. Sie f�hlte sich nicht mehr so allein, doch gleichzeitig erschreckte die Erkenntnis sie. Diese Best�tigung wollte sie gar nicht h�ren. Im Gegenteil, sie wollte h�ren, dass nichts davon der Wahrheit entsprach, alles nur ein Albtraum war und bald wieder Normalit�t Einzug in ihr Leben halten w�rde. Doch je mehr sie erfuhr, desto gr��er wurde ihre Furcht, dass es f�r sie keine Normalit�t mehr geben w�rde.</p><p>�Hier ist es�, sagte Caleb, der sich am anderen Ende des Raumes befand.</p><p>Caitlin eilte zu ihm hin�ber.</p><p>�Die Liste der einhundertdreiunddrei�ig Beschuldigten.�</p><p>Langsam lasen sie die lange Liste der Namen, die in einer altert�mlichen Handschrift verfasst war. Die Schrift war schwer zu entziffern, deshalb kamen sie nur langsam vorw�rts.</p><p>Als Caitlin beinahe das Ende der Liste erreicht hatte, erstarrte sie pl�tzlich. Sie zeigte mit dem Finger auf das Glas.</p><p>Dort stand ihr Nachname, Paine. Er war genauso geschrieben wie ihr Name, und er befand sich auf der Liste der �Beschuldigten�.</p><p><emphasis>�Elizabeth Paine. Der Hexerei angeklagt. 1692.�</emphasis></p><p><emphasis>Elizabeth? Eine Frau?</emphasis></p><p>�Ich habe es gewusst�, sagte Caleb. �Ich habe gewusst, dass es eine Verbindung gibt.�</p><p>�Aber ��, stammelte Caitlin v�llig verwirrt, �� <emphasis>Elizabeth</emphasis>. Das ist doch eine Frau. Ich dachte, wir suchen nach meinem Dad?�</p><p>�So einfach ist das nicht. Vergiss nicht, wir haben es hier mit mehreren Generationen zu tun. Es k�nnte sein, dass Elizabeth die Gesuchte ist. Aber es k�nnte genauso gut sein, dass wir nach ihrem Vater suchen, m�glicherweise auch nach ihrem Ehemann. Wir wissen nicht, wo deine Abstammung beginnt oder endet. Uns ist lediglich bekannt, dass es eine Verbindung gibt.�</p><p>�Sieh dir das an!�, rief Caitlin aufgeregt und hastete zu einem anderen Exponat ganz in der N�he.</p><p>Beide standen davor und betrachteten die Informationstafel. Es war unglaublich � es gab ein ganzes Exponat, das Elizabeth Paine gewidmet war.</p><p>Caitlin las laut vor: �<emphasis>Elizabeth Paine war einzigartig unter den Personen der Beschuldigtenliste. Sie erreichte traurige Ber�hmtheit, denn ihr Schicksal ist in </emphasis>Der scharlachrote Buchstabe<emphasis> verewigt. Es ist weithin akzeptiert, dass die Geschichte der ber�hmten Heldin des Romans, Hester Prynne, in Wahrheit auf dem Leben von Elizabeth Paine basiert. Sie war die Grundlage f�r das bedeutendste Werk von Nathaniel Hawthorne, der lange Zeit in Salem lebte.</emphasis>�</p><p>Caitlin blickte Caleb mit vor Erregung geweiteten Augen an.</p><p>�Das ist es!�, stie� sie atemlos hervor. Sie war kaum in der Lage, ihre Aufregung zu z�geln.</p><p>�Was denn?�, fragte er. Er verstand immer noch nicht.</p><p>�Erkennst du es denn nicht?�, sagte sie. �Das R�tsel ist ein Wortspiel. Hawthorne. <emphasis>Haw</emphasis> wie Hagebutte und <emphasis>Thorne</emphasis> wie Dorn. Aus der Hagebutte wird eine Rose. <emphasis>Die Rose und der Dorn</emphasis>. Der Dorn ist Hawthorne. Und die Rose ist scharlachrot, wie in <emphasis>Der Scharlachrote Buchstabe</emphasis>. Damit muss Elizabeth Paine gemeint sein. Anders ausgedr�ckt, es geht um Hawthorne und Paine.�</p><p>In diesem Augenblick betrat die alte Frau den Raum, die offensichtlich wieder zu Sinnen kam. Sie sagte: �Es tut mir leid, aber ich muss jetzt wirklich schlie�en ��</p><p>Caitlin eilte zu ihr hin und ergriff ihren Arm. �Wo lebte Hawthorne?�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Nathaniel Hawthorne�, wiederholte sie aufgeregt. �Es hei�t, er lebte eine Zeitlang in Salem.�</p><p>�Junge Dame, wir wissen genau, wo er wohnte. Sein Haus wurde erhalten und steht immer noch hier, bis zum heutigen Tage. Es ist v�llig intakt.�</p><p>Caitlin und Caleb wechselten einen Blick.</p><p>Beiden war klar, was ihr n�chstes Ziel sein w�rde.</p></section><section><p>
				
				10.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>D</emphasis>ie Sonne ging gerade unter, als Caitlin und Caleb sich Hawthornes Haus n�herten. Das einfache rote Haus lag etwa f�nfzehn Meter vom B�rgersteig zur�ckgesetzt und sah mit seinem Vorgarten und den B�schen aus wie jedes andere bescheidene Kleinstadthaus. Der dunkelrote Anstrich und die Fensterl�den verliehen ihm einen Hauch altert�mlicher Schlichtheit.</p><p>Trotzdem konnte man erkennen, dass es anders war � es strahlte Geschichte aus.</p><p>Schweigend betrachteten Caitlin und Caleb das einfache H�uschen.</p><p>�Ich habe es mir gr��er vorgestellt�, meinte Caitlin.</p><p>Caleb stand mit gerunzelter Stirn da.</p><p>�Was ist los?�</p><p>�Dieses Haus kommt mir bekannt vor�, antwortete Caleb. �Ich bin nicht sicher, woher, aber es scheint mir woanders gestanden zu haben.�</p><p>Caitlin betrachtete seine perfekten Gesichtsz�ge und staunte dar�ber, an wie viele Dinge er sich noch erinnern konnte. Nachdenklich fragte sie sich, wie es wohl war, so viele Erinnerungen zu haben. Hunderte von Jahren � sogar Tausende. Er trug Erfahrungen mit sich herum, von denen sie nur tr�umen konnte. War das ein Segen oder ein Fluch? W�rde sie sich das f�r sich selbst w�nschen?</p><p>Sie ging auf den Eisenzaun zu, der das Grundst�ck umgab, und wollte das Tor �ffnen. �berrascht stellte sie fest, dass es verschlossen war. Jetzt sah sie auch das Schild: <emphasis>Ge�ffnet an Werktagen von 9 bis 17 Uhr</emphasis>.</p><p>Pr�fend warf sie einen Blick auf ihre Uhr. Achtzehn Uhr drei�ig. Das Haus war bereits geschlossen.</p><p>�Was jetzt?�, fragte sie.</p><p>Caleb sah sich verstohlen um. Weit und breit war keine Menschenseele zu entdecken. Auf einmal begriff Caitlin, was er dachte. Als er sie ansah, nickte sie zustimmend.</p><p>Schnell streckte er die Hand nach dem Metallriegel aus und riss ihn mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung ab. Erneut schaute er sich um. Als er niemanden sah, �ffnete er das kleine Tor und gab ihr ein Zeichen, sich zu beeilen. So gut es ging, schloss er das Gartent�rchen wieder und legte den Riegel behutsam ins Gras. Dann eilte er ihr hinterher.</p><p>Als Caitlin die Haust�r erreichte, drehte sie am T�rknauf, doch die T�r war abgeschlossen.</p><p>Also streckte Caleb die Hand aus und wollte die T�r mit Gewalt �ffnen.</p><p>�Warte�, sagte Caitlin schnell.</p><p>Caleb hielt inne.</p><p>�Darf ich es versuchen?�, fragte sie verschmitzt l�chelnd.</p><p>Sie wollte einfach wissen, ob sie das konnte. Zwar f�hlte sie die Kraft durch ihre Adern str�men, aber sie kannte ihre Grenzen nicht. Auch wusste sie nicht, ob sie die Kraft einfach so abrufen konnte.</p><p>L�chelnd machte er ihr Platz. �Bitte, nur zu!�</p><p>Vorsichtig drehte sie an dem Knauf, doch er gab nicht nach. Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen, aber es tat sich immer noch nichts. Entmutigt und besch�mt lie� sie die Hand sinken und wollte schon aufgeben.</p><p>Doch da sagte Caleb: �Konzentrier dich! Du gehst vor wie ein Mensch. Hab Vertrauen in deine Kraft. Dreh den Knauf aus deinem Inneren heraus. Vertrau auf deinen K�rper.�</p><p>Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Dann legte sie die Hand erneut auf den Knauf, versuchte, seine Anweisungen zu befolgen, und richtete ihre Konzentration nach innen.</p><p>Diesmal war ein lautes Knacken zu h�ren. Als sie �berrascht die Augen �ffnete, stellte sie fest, dass sie den T�rknauf aufgebrochen hatte. Die T�r war offen.</p><p>Stolz l�chelte sie Caleb an.</p><p>�Sehr gut�, lobte er sie und forderte sie mit einer Handbewegung auf, einzutreten. �Ladys first.�</p><p>Das Haus war gem�tlich, mit seinen niedrigen Decken, Sprossenfenstern und knarrenden Holzdielenb�den. Drau�en wurde es schnell d�mmrig, daher hatten sie nicht viel Zeit f�r ihre Suche � sofern sie kein Licht einschalten wollten. Also drehten sie z�gig eine Runde durch das Haus und versuchten, sich so schnell wie m�glich einen �berblick zu verschaffen.</p><p>�Was suchen wir eigentlich?�, wollte Caitlin wissen.</p><p>�Das wei� ich genauso wenig wie du�, erwiderte er. �Trotzdem denke ich, dass wir am richtigen Ort sind.�</p><p>Am Ende des Flurs stand eine gro�e Infotafel mit Einzelheiten �ber Hawthornes Leben. Sie blieb stehen und las vor: �<emphasis>Nathaniel Hawthorne war nicht einfach nur ein Autor, der �ber Salem schrieb, wie viele andere, sondern er lebte auch in Salem. Viele seiner Erz�hlungen spielen in Salem. Die meisten in seinen Romanen beschriebenen Geb�ude existierten tats�chlich, viele stehen sogar heute noch.</emphasis></p><p><emphasis>Zudem hatte Hawthorne eine pers�nliche Beziehung zu einigen Ereignissen und Personen seiner Werke. Sein ber�hmtestes Werk beispielsweise, </emphasis>Der Scharlachrote Buchstabe<emphasis>, erz�hlt die Geschichte einer Frau namens Hester Prynne, die wegen ihres ehebrecherischen Verhaltens ins Gef�ngnis gesteckt wurde. Hawthorne hatte eine direktere Verbindung zu jenen Ereignissen, als man meinen sollte, denn sein Gro�vater, John Hawthorne, war einer der Richter bei den Hexenprozessen von Salem gewesen. Er war mitverantwortlich f�r die Anklage, die Verurteilung und die Hinrichtung der Hexen. Seine Abstammung stellte eine schwere B�rde f�r Hawthorne dar.</emphasis>�</p><p>Fasziniert sahen Caitlin und Caleb sich an. Hier gab es eindeutig eine enge Verbindung � sie hatten das Gef�hl, dass sie auf etwas Wichtiges gesto�en waren. Trotzdem wussten sie immer noch nicht genau, was das war. Offenbar fehlte ihnen noch ein Bindeglied.</p><p>Z�gig setzten sie ihren Weg durch das Haus fort, musterten aufmerksam die Einrichtung und hielten die Augen offen. Doch als sie das Erdgeschoss komplett durchk�mmt hatten, standen sie immer noch mit leeren H�nden da.</p><p>Z�gernd blieben sie vor einer schmalen Holztreppe stehen, die mit einer Samtkordel abgesperrt war. Daran hing ein Schild mit der Aufschrift: <emphasis>Privat, Zutritt nur f�r Angestellte</emphasis>.</p><p>Caleb warf Caitlin einen Blick zu.</p><p>�Jetzt sind wir schon so weit gekommen�, meinte er und l�ste die Kordel.</p><p>Aufgeregt stiegen sie die Treppe hinauf. Ihre Schritte hallten auf den harten Holzstufen wider. Das ganze Haus �chzte und st�hnte, als wolle es sich �ber die ungebetenen Besucher beschweren.</p><p>Die Decken im Obergeschoss waren sogar noch niedriger, sodass Caleb kaum aufrecht stehen konnte. Zwar war es inzwischen deutlich dunkler geworden, doch sie konnten noch genug erkennen. Das Zimmer, in dem sie standen, war wundersch�n und sehr gem�tlich � es war mit breiten Holzdielen, Sprossenfenstern und geschmackvollen Stilm�beln ausgestattet. In der Mitte befand sich eine gemauerte Feuerstelle, die offensichtlich h�ufig benutzt worden war. Die Ru�spuren hatten bis heute �berdauert.</p><p>Caitlins Blick fiel auf eine weitere Infotafel, die sich mit der Geschichte von Elizabeth Paine besch�ftigte.</p><p>Wieder las Caitlin laut vor: �<emphasis>Hester Prynne, die Figur, die im Mittelpunkt des Romans </emphasis>Der scharlachrote Buchstabe<emphasis> steht, wurde verfolgt, weil sie den Namen des Vaters ihres illegitimen Kindes nicht preisgeben wollte. Viele Gelehrte sind heute der Meinung, dass der Roman in Wahrheit auf dem Leben einer Frau basierte, die in Salem gelebt hatte: Elizabeth Paine. Keinem der Wissenschaftler ist es jedoch bislang gelungen, etwas �ber die Abstammung von Elizabeths Kind herauszufinden, weil sie es ablehnte, den Namen des Vaters zu verraten. Einer Legende zufolge soll er ein geheimnisvoller Fremder gewesen sein, der mit einem Schiff aus Europa gekommen war. Angeblich war Elizabeth eine verbotene Romanze mit ihm eingegangen.</emphasis></p><p><emphasis>Elizabeth wurde wegen ihres Ehebruchs aus Salem verbannt und lebte allein mit ihrem Kind in einem kleinen Cottage im Wald au�erhalb der Stadt. Die genaue Lage ihres Cottages ist bis dato unbekannt.�</emphasis></p><p>Sprachlos sah Caitlin Caleb an.</p><p>Schlie�lich fl�sterte sie: �Eine verbotene Romanze? Zwischen �?�</p><p>Caleb nickte. �Ja. Eine Romanze zwischen einem Vampir und einem Menschen. In der Geschichte geht es in Wahrheit nicht um Ehebruch, sondern um Vampire � und um das Kind, das aus dieser Beziehung hervorging. Das Kind von Elizabeth und einem Vampir. Das Kind war ein Halbblut.�</p><p>Caitlin f�hlte sich, als w�rde ihr der Boden unter den F��en weggezogen. Die Entdeckung �berw�ltigte sie f�rmlich.</p><p>Au�erdem hatte sie das Gef�hl, dass die Geschichte sich wiederholte, viele Generationen sp�ter. Alles lief nach dem gleichen Muster ab: eine verbotene Romanze, zwei Rassen, sie und Caleb. Sie traten in die Fu�stapfen ihrer Vorfahren. War das Leben an sich einfach eine endlose Wiederholung von Ereignissen?</p><p>Pr�fend sah sie sich im Raum um. Das schwindende Licht erschwerte die Suche, obendrein wusste sie immer noch nicht, wonach sie �berhaupt suchten. Aber es bestand zumindest kein Zweifel mehr daran, dass sie den richtigen Ort gefunden hatten.</p><p>Caleb spazierte neugierig durch das Zimmer und betrachtete alles ganz genau. Beide waren sich ganz sicher, dass das, was sie suchten, hier zu finden war. Vielleicht war es ja sogar das Schwert?</p><p>Doch es gab nur wenige M�belst�cke, in denen offensichtlich nichts versteckt war.</p><p>�Hier, ich hab etwas!�, rief Caleb schlie�lich aus.</p><p>Caitlin eilte zu ihm hin�ber. Er stand neben einer kleinen antiken Truhe.</p><p>Mit der Hand tastete er die Seite des M�belst�cks ab. �Sieh dir das mal an.�</p><p>Sanft nahm er ihre Hand und f�hrte sie an die Stelle, die er gefunden hatte. Pl�tzlich sp�rte sie es � eine kleine Einkerbung in der Form eines Kreuzes.</p><p>�Was ist das?�, wollte sie wissen.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete er. �Ich wei� nur eins: Diese Einkerbung geh�rt eigentlich nicht in dieses M�belst�ck. Und ich habe eine Vermutung � ich wette, diese ungew�hnliche Form entspricht ganz genau der Form deines Kreuzes.�</p><p>Verst�ndnislos erwiderte sie seinen Blick. Wovon redete er �berhaupt? Doch auf einmal begriff sie und fasste nach ihrer Halskette.</p><p>�Ich glaube, dass dein Kreuz in Wahrheit ein Schl�ssel ist�, erkl�rte er.</p><p>Schnell nahm sie die Kette ab, und dann schoben sie das Kreuz gemeinsam in die Einkerbung. Begeistert stellten sie fest, dass es ganz genau hineinpasste. Ein leises Klicken war zu h�ren, als sie das Kreuz vorsichtig nach rechts drehten. Pl�tzlich �ffnete sich ein hohes, schmales Fach.</p><p>Mit klopfendem Herzen griff Caitlin hinein und zog vorsichtig eine kleine Schriftrolle heraus. Das Papier war vergilbt und br�chig. Die alte Schnur, mit der die Rolle zusammengebunden war, zerbr�selte unter ihren Fingern.</p><p>Behutsam reichte sie Caleb das Dokument, dann rollten sie es gemeinsam auseinander.</p><p>Es war eine handgezeichnete Karte � offensichtlich Hunderte von Jahren alt.</p><p>Am oberen Rand war eine handschriftliche Notiz zu erkennen: <emphasis>Elizabeths Cottage.</emphasis></p><p>�Ihr Cottage�, fl�sterte Caleb atemlos. �Das hier ist eine Landkarte, die zeigt, wo Elizabeth gelebt hat.�</p><p>Ehrf�rchtig starrte Caitlin den Plan an.</p><p>�Wer auch immer diese Karte hier versteckt hat, wollte, dass du sie findest. Deine Halskette war der Schl�ssel. Und das Geheimfach wurde bis jetzt noch nie ge�ffnet. Ganz offensichtlich solltest nur du diesen Plan finden und Elizabeths Cottage suchen. Dort wirst du ganz bestimmt auf etwas sto�en, das f�r dich bestimmt ist.�</p><p>Die Nachricht war f�r <emphasis>sie</emphasis> bestimmt. F�r Caitlin, ganz allein f�r Caitlin. Der Gedanke �berw�ltigte sie. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie das Gef�hl, dass sie erw�nscht war. Sie f�hlte sich geliebt und wichtig. Es gab eine Verbindung zwischen ihr und etwas Gro�em, das Hunderte von Jahren alt war. Denn sie war der Mittelpunkt dieses ganzen Puzzles. Es fiel ihr schwer, ihre Emotionen zu z�geln.</p><p>Doch dann passierte es. Ganz pl�tzlich krampfte sich ihr Magen zusammen � die Schmerzen waren unertr�glich. Verst�rt kr�mmte sie sich zusammen und schnappte nach Luft.</p><p>�Bist du in Ordnung?�, fragte Caleb besorgt und legte ihr die Hand auf die Schulter.</p><p>Die Hungerattacke war zur�ckgekehrt. Diesmal waren die Schmerzen so intensiv, dass sie kaum atmen konnte.</p><p>Der n�chste Stich durchfuhr sie so heftig, dass sie zusammenzuckte. Dann stie� sie ein schauerliches Knurren aus und lief quer durch den Raum, als k�nnte sie den Schmerz dadurch absch�tteln. Dabei stie� sie eine gro�e Infotafel um, deren Glas klirrend zu Bruch ging.</p><p>Doch es gelang ihr nicht, sich wieder in den Griff zu bekommen. V�llig au�er Kontrolle drehte sie sich im Kreis. Wenn das so weiterging, w�rde sie das komplette Inventar zerst�ren.</p><p>Auf einmal tauchte Caleb neben ihr auf und hielt sie fest.</p><p>�Caitlin�, sagte er eindringlich. �Caitlin, h�r mir zu!�</p><p>Mit seiner ganzen Kraft packte er ihre Schultern, doch er war kaum in der Lage, sie zu b�ndigen.</p><p>�Alles wird gut. Du hast blo� Hunger. H�rst du mich? Alles wird gut. Du brauchst nur Nahrung. Wir m�ssen sofort hier raus�, sagte er laut und deutlich. �Sofort!�</p><p>Gepeinigt sah sie zu ihm auf. Sie konnte ihn zwar h�ren, wenn auch undeutlich, doch die Schmerzen waren so stark, dass sie sie �berw�ltigten. Das Verlangen nach Nahrung und die blinde Zerst�rungswut wurden �berm�chtig.</p><p>Offensichtlich ahnte Caleb, was gleich geschehen w�rde, denn er packte ihren Arm mit festem Griff. Noch bevor sie reagieren konnte, hatte er sie die Treppe hinuntergezerrt und zur T�r hinausgeschoben.</p><p>Es war schon fast dunkel, als sie Hawthornes Haus verlie�en und durch den Garten zur Stra�e eilten. In ihrer Hast blickten sie nicht auf und bemerkten gar nicht, dass sie geradewegs in eine Falle liefen.</p><p>�Stehen bleiben!�, rief pl�tzlich jemand.</p><p>Vor ihnen standen mehrere Polizisten und richteten ihre Waffen auf sie.</p><p>�H�nde hoch! Ganz langsam!�</p><p>Caitlin befand sich immer noch in einer Art Nebel. Die stechenden Schmerzen peinigten sie, au�erdem wurde sie von Wellen der Wut �berrollt. Daher hatte sie Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und zu verstehen, was gesprochen wurde. Sie sah die Polizisten zwar, doch sie f�rchtete sich nicht. Im Gegenteil, sie wollte sich auf sie st�rzen.</p><p>Calebs fester Griff an ihrer Schulter war das Einzige, was sie noch zur�ckhielt.</p><p>�H�nde hoch, habe ich gesagt!�, br�llte ein Polizist, w�hrend die anderen beiden langsam n�her kamen.</p><p>�Ruhig, Caitlin, ganz ruhig!�, fl�sterte Caleb und hob ganz langsam die H�nde. Mit der Schriftrolle in der Hand stupste er Caitlin an, damit sie seinem Beispiel folgte. �Sie k�nnen uns nichts tun.�</p><p>Caitlin f�hlte sich jedoch alles andere als ruhig. Pl�tzlich sah sie rot. Als der Schmerz erneut zuschlug, konnte sie sich nicht l�nger beherrschen und verlor endg�ltig die Kontrolle. Mit starrem Blick zoomte sie die Kehle eines Polizisten heran und sah das Blut pulsieren. Sie brauchte sein Blut. Sofort.</p><p>Sie setzte zum Sprung an. Der Polizist in der Mitte war ihr Opfer � bevor er �berhaupt reagieren konnte, hatte sie ihn bereits erreicht und umklammerte ihn. Sie warf den Kopf zur�ck, bleckte die Z�hne und n�herte sich seinem Hals.</p><p>Doch dann fiel auf einmal ein Schuss.</p></section><section><p>
				
				11.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>D</emphasis>ie Uhr schlug gerade Mitternacht, als Kyle � flankiert von zwei Dutzend Vampiren � die Marmortreppe hinunterstieg. Es war eine lange Nacht gewesen, doch alles war viel besser gelaufen, als er es sich je ertr�umt hatte. Trotzdem f�rchtete er sich davor, Rexus gegen�berzutreten, dem obersten Meister des Blacktide Clans. Da sie schon seit Tausenden von Jahren zusammen waren, wusste Kyle ganz genau, dass Rexus Dummk�pfe nicht ertragen konnte. Er tolerierte keinen noch so kleinen Fehler, weshalb Kyle seit dem Tag, an dem er diese Caitlin hatte entkommen lassen, immer nerv�ser wurde. Rexus bestrafte selbst die geringste Verfehlung � daher war Kyle darauf vorbereitet und fragte sich nur, wann er wohl bestraft werden w�rde. Mit Sicherheit wartete Rexus nur auf den richtigen Zeitpunkt, denn er verga� nie etwas.</p><p>Doch weil Kyles Arbeit in jeder Ecke der Stadt heute Abend so hervorragend funktioniert hatte, konnte er sich nicht vorstellen, dass sein Meister immer noch unzufrieden mit ihm sein w�rde. Seine gute Arbeit sollte den Fehler mehr als wettgemacht haben. Schlie�lich war das hier ein historischer Moment, und Kyle war ein wichtiger General in dem kommenden Krieg. Wie k�nnte sein Meister ihn ausgerechnet jetzt bestrafen?</p><p>Je mehr Kyle dar�ber nachdachte, desto mehr freute er sich auf die Begegnung mit seinem Meister. Es w�rde ihm das gr��te Vergn�gen bereiten, �ber die Macht der Seuche zu berichten, �ber die Schnelligkeit, mit der sie sich ausbreiten w�rde, und �ber die Effizienz, mit der seine M�nner und er die Erreger verbreitet hatten. Au�erdem freute er sich auf Rexus� Anerkennung und auf ihre gemeinsame Freude �ber den Krieg, auf den sie schlie�lich schon seit Jahrtausenden gewartet hatten.</p><p>Kyle f�hlte sich wie berauscht, als er seinen Weg unter die Erde fortsetzte, tief unter die City Hall. Immer weiter ging es durch einen mit Marmor ausgekleideten Gang und durch riesige mittelalterliche T�ren. Nach diesem Tag hatte er sich jahrelang gesehnt. Wie er es liebte, seine Vampire hinter sich zu sp�ren � und wie unb�ndig er sich auf den bevorstehenden Krieg freute! Ein derart schwindelerregendes Gl�cksgef�hl hatte er nicht mehr empfunden, seit er die Enthauptungen w�hrend der Franz�sischen Revolution hatte miterleben d�rfen.</p><p>Als Kyle schlie�lich die R�umlichkeiten seines Meisters erreichte und die Doppelt�ren passierte, traten unvermittelt mehrere hochrangige Vampire hinter ihn und hinderten seine Begleiter daran, ihm zu folgen. Mit einem Knall schlugen sie die T�ren zu, sodass Kyle allein eintreten musste. Das gefiel ihm �berhaupt nicht. Aber man hatte ohnehin keine andere Wahl, wenn man es mit Rexus zu tun hatte. Und man konnte nie wissen, was er als N�chstes tun w�rde.</p><p>Der riesige Raum hatte �hnlichkeit mit einer H�hle. �berrascht stellte Kyle fest, dass Hunderte von Vampiren schweigend in Reihen an beiden Seiten standen. Unter ihnen waren viele, die Kyle nicht kannte.</p><p>Trotz ihrer gro�en Anzahl war es der Meister, der den Raum dominierte � die schweigenden, regungslosen Gestalten bildeten lediglich eine Art Mauer. Rexus. Er sa� wie immer auf seinem m�chtigen Marmorthron im Zentrum des Raumes und starrte auf Kyle hinunter. Genauso wollte der Meister es haben.</p><p>Kyle trat vor und verneigte sich.</p><p>�Mein Meister�, sagte er.</p><p>Eine lastende Stille lag �ber der Versammlung.</p><p>Schlie�lich hob Kyle den Blick.</p><p>�Sicherlich wird es Euch freuen zu erfahren, mein Meister, dass unsere Arbeit zur vollsten Zufriedenheit erledigt werden konnte. Die Pest wurde in jeden Winkel der Stadt getragen. Innerhalb weniger Tage wird sie die Menschen in die Knie gezwungen haben.�</p><p>Unbehagliches Schweigen folgte auf seine Worte, w�hrend der Meister weiterhin auf Kyle hinunterstarrte. Diese eisblauen Augen � wie immer bekam Kyle eine G�nsehaut.</p><p>Schlie�lich senkte er den Kopf, weil er diesen Blick einfach nicht mehr aushalten konnte.</p><p>�Du hast deine Sache gut gemacht, Kyle�, sprach der Meister. Seine Stimme war tief und rau. �Andere Clans erstatten bereits Bericht. Es werden immer mehr.�</p><p>�Dieser Krieg wird gro�artig werden, mein Meister�, erwiderte Kyle. �Es ist mir eine gro�e Ehre, ihn f�r Euch zu f�hren.�</p><p>Erneut entstand eine bedr�ckende Stille.</p><p>�Dieser Krieg wird in der Tat gro�artig werden�, fuhr Rexus schlie�lich fort. �Bereits in wenigen Tagen wird New York uns geh�ren, und dann ist es nur noch eine Frage von Wochen, bis alle Menschen unsere Sklaven sein werden.�</p><p>Ein L�cheln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Dabei lief Kyle ein Schauer den R�cken hinunter, denn wenn Rexus l�chelte, konnte das nur eins bedeuten: eine schlechte Nachricht.</p><p>�Leider muss ich dir mitteilen�, fuhr Rexus fort, �dass du nicht da sein wirst, um diese Freude mit uns zu teilen.�</p><p>Ein pl�tzlicher Schmerz durchzuckte Kyles Brust, als er voll Furcht aufsah. Er war sprachlos. Wo sollte er denn sein? Wollte Rexus ihm einen Auftrag an einem anderen Ort erteilen?</p><p>�Nicht hier?�, fragte er schlie�lich ratlos. Seine Stimme �berschlug sich, und er sch�mte sich daf�r. �Mein Meister, ich f�rchte, ich verstehe nicht. Ich habe doch schon alles perfekt erledigt.�</p><p>�Das wei� ich. Und das ist auch der Grund, warum du �berhaupt noch atmest�, erkl�rte Rexus kalt.</p><p>Kyle schluckte.</p><p>�Allerdings stehen deine fr�heren Fehler nach wie vor im Raum. Ich vergesse nie etwas, Kyle.�</p><p>Erneut schluckte Kyle und sp�rte, wie seine Kehle trocken wurde. Genau das war es, wovor er sich gef�rchtet hatte.</p><p>�Du hast dieses Halbblut entkommen lassen. Jetzt f�hrt sie m�glicherweise einen Vampir von einem anderen Clan zu dem Schwert. Falls das so sein sollte, ist unser Krieg gef�hrdet.� Er beugte sich vor, sodass Kyle dem Blick aus den eisblauen Augen nicht ausweichen konnte. �<emphasis>Ernsthaft</emphasis> gef�hrdet.�</p><p>Kyle war nicht so dumm, sich zu verteidigen. Das w�rde die Sache nur noch schlimmer machen. Also verharrte er einfach auf den Knien und wartete. Dabei zitterte er vor Wut und Angst. Man hatte ihn hereingelegt � er hatte ihren Krieg perfekt vorbereitet, und trotzdem w�rde man ihn bestrafen.</p><p>In den nachfolgenden Sekunden des Schweigen fragte Kyle sich nerv�s, wie seine Zukunft wohl aussehen w�rde.</p><p>�Kyle aus dem Blacktide Clan, du hast deine Pflichten vernachl�ssigt und unseren heiligen Schwur gebrochen. Hiermit verurteile ich dich dazu, mit Weihwasser �bergossen zu werden. Danach wirst du aus unserem Clan verbannt werden und nicht mehr zu uns geh�ren. Du wirst leben, doch es wird ein einsames Leben sein. Du wirst f�r immer ein Ausgesto�ener sein. F�r immer.�</p><p>Kyle riss voller Furcht und Verbl�ffung die Augen auf, als sofort Dutzende von Vampiren neben ihm auftauchten, seine Arme packten und ihn wegzerrten. Diese Strafe war einfach zu hart. Sie war unfair.</p><p>�Aber mein Meister, das k�nnt Ihr nicht machen. Ich habe Euch so viele Jahrhunderte lang als unerm�dlicher Krieger gedient!�</p><p>Verzweifelt wehrte sich Kyle, doch immer mehr H�nde griffen zu und schleppten ihn weg.</p><p>�Ich kann sie finden!�, schrie er. �Ich kann sie zur�ckbringen! Ich bin der Einzige, der sie finden kann. Ihr m�sst mir diese Chance geben!�</p><p>�Du hast bereits zu viele Chancen gehabt�, erwiderte der Meister mit einem eisigen L�cheln. �Ich werde sie selbst finden. Schlie�lich habe ich genug gute Soldaten in meiner Armee.�</p><p>Das war das Letzte, was Kyle h�rte, bevor er durch die Fl�gelt�ren aus dem Raum geschleift wurde.</p><p>�Mein Meister!�, schrie Kyle wieder, doch bevor er fortfahren konnte, wurde ihm schon die T�r vor der Nase zugeschlagen.</p><p>�berall um ihn herum waren Arme, und bevor er sichs versah, lag er flach auf dem R�cken auf einer Steinplatte.</p><p>Immer mehr Vampire beugten sich �ber ihn und hielten ihn fest. Sie alle sannen auf Rache. Kyle dachte an all die Fehden, die er im Laufe der Jahrtausende ausgefochten hatte. Um das zu erreichen, was er schlie�lich erreicht hatte, war er vielen auf die F��e getreten. Jetzt war die Zeit f�r Vergeltung gekommen.</p><p>H�hnisch grinsend trat ein Vampir mit einem Eimer in der Hand n�her.</p><p>�NEEEIIINNN!�, schrie Kyle panisch. Da er diese Art der Bestrafung schon �fter miterlebt hatte, konnte er die furchtbaren Schmerzen erahnen, die ihn erwarteten.</p><p>Als er aufsah, neigte sich der Eimer, dann ergoss sich die Fl�ssigkeit �ber sein Gesicht.</p><p>Seine entsetzlichen Schreie hallten in den G�ngen wider.</p></section><section><p>
				
				12.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>W</emphasis>�hrend Caitlin sich an Caleb festklammerte und mit ihm durch die kalte Luft flog, lie� die schmerzhafte Hungerattacke allm�hlich nach, und sie konnte wieder klar denken. Als sie an sich hinuntersah und entdeckte, dass sie beide voller Blut waren, versuchte sie sich zu erinnern, was eigentlich passiert war.</p><p>Nach und nach kehrte die Erinnerung zur�ck: Sie hatten Hawthornes Haus verlassen. Die Polizei war aufgetaucht, dann hatte Caitlin die Kontrolle �ber sich verloren. Ein Schuss war gefallen. Genau, jetzt wusste sie es wieder: Als sie gerade ihre Z�hne in den Hals des Polizisten hatte bohren wollen, hatte Caleb sie weggezogen. Mit Lichtgeschwindigkeit hatte er sie weggerissen und sie so davor bewahrt, einen weiteren Menschen anzugreifen.</p><p>Doch er hatte daf�r bezahlt, denn der Polizist hatte geschossen und Caleb am Arm getroffen. Sein Blut war �berall gewesen, aber offensichtlich hatte die Verletzung ihn nicht beeintr�chtigt. Stattdessen war es ihm irgendwie gelungen, alle drei Polizisten auszuschalten, bevor sie �berhaupt hatten reagieren k�nnen. Dann hatte er Caitlin mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung hochgehoben und war mit ihr davongeflogen. Sie bewunderte seine Selbstbeherrschung und die Art und Weise, wie er jede schwierige Situation meisterte. Schlie�lich hatte er es geschafft, sie dort herauszuholen, ohne dass jemand ernsthaft verletzt worden war � mal abgesehen von seiner eigenen Verletzung. Es war ihr peinlich, dass sie derart unbeherrscht war und schwierige Situationen nicht im Griff hatte. Sie hatte ihn schon wieder in Gefahr gebracht.</p><p>Es war bereits dunkel, als Caitlin und Caleb �ber die W�lder am Rande von Salem flogen. Allm�hlich beruhigte sie sich wieder. Caleb hielt sie fest, und nach und nach l�ste sich ihre Anspannung. Auch ihr Hunger und ihre Wut lie�en nach.</p><p>Als sie schlie�lich irgendwo mitten im Wald landeten, f�hlte sie sich wieder ganz normal. R�ckblickend kamen ihr die Ereignisse der vergangenen Stunde jetzt wild und verr�ckt vor � sie konnte einfach nicht nachvollziehen, warum sie sich derart aufgef�hrt hatte. Woher war diese pl�tzliche Wut gekommen? Warum hatte sie die Kontrolle verloren?</p><p>Nat�rlich wusste sie, dass diese Fragen nicht mit Logik zu beantworten waren: Wenn die furchtbaren Schmerzen sie �berfielen, drehte sie einfach v�llig durch. Dann war sie ihren animalischen Instinkten ausgeliefert � als w�re sie in dem Zustand ein anderer Mensch. Gott sei Dank hatte Caleb eingegriffen, denn sonst h�tte sie jetzt diesen Polizisten auf dem Gewissen. Er hatte sie vor einer Riesendummheit bewahrt.</p><p>Als sie das Blut an seinem Arm sah, hatte sie wieder ein schlechtes Gewissen. Wegen ihr war er angeschossen worden.</p><p>Impulsiv streckte sie die Hand aus und legte sie auf seinen Arm.</p><p>�Es tut mir so leid�, entschuldigte sie sich. �Bist du okay?�</p><p>�Ja, absolut�, beruhigte er sie. �Vampire sind anders als Menschen: Unsere Haut verheilt sehr schnell. In ein paar Stunden wird nichts mehr davon zu sehen sein. Zum Gl�ck war das nur eine ganz normale Kugel � bei einer Kugel aus Silber h�tte die Sache ganz anders ausgesehen. Aber so musst du dir wirklich keine Gedanken machen�, f�gte er beschwichtigend hinzu.</p><p>Pr�fend musterte sie seinen Arm und stellte fest, dass die Wunde tats�chlich schon gut verheilt war. Zu ihrer Verbl�ffung sah sie nur noch wie ein gro�er blauer Fleck aus, der vor ihren Augen kleiner zu werden schien.</p><p>Ob sie wohl auch �ber diese Eigenschaft verf�gte? Wahrscheinlich nicht, denn schlie�lich war sie ja nur ein Halbblut. Bestimmt hatten nur richtige Vampire diese erstaunliche F�higkeit zur Schnellheilung. Ein Teil von ihr w�nschte sich, sie w�re eine von ihnen. Unsterblichkeit. �bermenschliche Kr�fte. Unverwundbarkeit gegen�ber den meisten Waffen. �ber einige dieser Eigenschaften verf�gte sie, jedoch offensichtlich nicht �ber alle. Sie hing zwischen zwei Welten, und sie hatte keine Ahnung, f�r welche sie sich entscheiden sollte.</p><p>Nicht, dass sie es sich aussuchen k�nnte. Die einzige M�glichkeit, ein echter Vampir zu werden, bestand darin, von einem Vampir verwandelt zu werden. Aber Caleb war nicht dazu bereit, denn das war verboten. Au�erdem hatte sie das Gef�hl, dass er ihr die Verwandlung auch dann nicht nahelegen w�rde, wenn es erlaubt w�re. Seine Unsterblichkeit machte ihm offensichtlich zu schaffen � er schien Caitlin regelrecht um ihre Sterblichkeit zu beneiden. Sie hatte den Eindruck, dass er es ihr in ihrem eigenen Interesse nicht w�nschte, unsterblich zu sein.</p><p>�Hast du sie noch?�, wollte er wissen.</p><p>Verst�ndnislos sah sie ihn an.</p><p>�Die Karte, die ich dir vorhin gegeben habe.�</p><p>Nat�rlich, die war schlie�lich der Grund, warum sie genau hier gelandet waren.</p><p>Schnell steckte sie die Hand in die Tasche und stellte erleichtert fest, dass der Plan noch da war. Zum Gl�ck gab es Rei�verschlusstaschen.</p><p>Nachdem sie Caleb die Rolle gegeben hatte, rollte er sie auseinander und starrte darauf.</p><p>�Wir sind nicht weit weg�, bemerkte er, lie� das Papier sinken und schaute nachdenklich in den Wald. �Das Cottage m�sste ganz in der N�he sein.�</p><p>Caitlin sah sich um und kniff die Augen zusammen. Au�er B�umen konnte sie nichts erkennen.</p><p>�Ich sehe nichts�, erwiderte sie.</p><p>�Die Karte ist ziemlich alt�, erkl�rte er. �Sie wurde mit der Hand gezeichnet und ist sicherlich nicht besonders genau. Aber die Markierungen deuten auf diese Gegend hin.�</p><p>Erneut sahen sie sich um, jedoch ohne Erfolg.</p><p>Schlie�lich meinte Caitlin: �Dieses Cottage stand hier irgendwo vor Hunderten von Jahren. K�nnte es nicht vielleicht sein, dass es gar nicht mehr existiert?�</p><p>Wieder lie� Caleb pr�fend den Blick schweifen. Dann steuerte er durch das raschelnde Laub in eine bestimmte Richtung, und sie folgte ihm.</p><p>�Ja�, entgegnete er, �das k�nnte sein, vor allem, wenn es aus Holz erbaut wurde. Dann existiert es h�chstwahrscheinlich nicht mehr. Aber ich hoffe einfach, dass es ein Steincottage ist. Die meisten Cottages, die von Vampiren erbaut wurden, waren aus Stein. Dann k�nnte es n�mlich noch stehen, zumindest teilweise.�</p><p>�Selbst wenn es so w�re, glaubst du nicht, dass es inzwischen entdeckt oder auch mutwillig zerst�rt worden sein k�nnte?�, fragte sie.</p><p>�Das ist gut m�glich. Es sei denn ��</p><p>Sie wartete. �Es sei denn?�</p><p>�Es sei denn, dass es von der Vegetation �berwuchert wurde. Unter Vampiren gibt es eine Tradition, die eine M�glichkeit darstellt, bestimmte Hinweise �ber Generationen hinweg weiterzugeben. Wir erbauen ein Cottage aus Stein an einem abgelegenen Ort und bepflanzen es dann rundherum mit Glyzinien, Dornenstr�uchern und dichtem Gestr�pp. Wenn das H�uschen eine Weile sich selbst �berlassen bleibt, wuchern die Pflanzen derart schnell und dicht, dass es f�r Menschen praktisch nicht mehr aufzusp�ren ist. Auf diese Weise k�nnen eingeweihte Vampire es noch Jahrhunderte sp�ter wiederfinden.�</p><p>Erneut sah er sich um.</p><p>�Der Vorteil an diesem Wald hier besteht darin, dass er so abgeschieden ist. Das gibt mir Hoffnung.�</p><p>�Vorausgesetzt, diese Karte ist keine F�lschung�, �berlegte Caitlin laut. �M�glicherweise handelt es sich ja um eine falsche Spur.�</p><p>L�chelnd sah Caleb sie an.</p><p>�Du hast einen wachen Verstand�, erwiderte er. �Aber vielleicht denkst du zu viel. Es w�re zwar m�glich, aber ich glaube nicht daran. Diese Schriftrolle ist echt.�</p><p>Als sie weiter in den Wald vordrangen, nahm er sie an der Hand. Das einzige Ger�usch, das zu h�ren war, war das Rascheln des trockenen Laubs. Die K�lte ging ihr durch Mark und Bein.</p><p>Auf einmal schl�pfte Caleb aus seinem Ledermantel und legte ihn ihr f�rsorglich um die Schultern. Wieder einmal war sie verbl�fft dar�ber, wie er ihre Gedanken lesen konnte. Seine F�rsorge r�hrte sie.</p><p>�Nein�, protestierte sie, �ich kann doch nicht deinen Mantel ��</p><p>�Nimm ihn ruhig, ich friere gar nicht.�</p><p>Der Mantel f�hlte sich wundervoll an. Er war erstaunlich schwer, und Calebs K�rperw�rme hing noch darin. Caitlin liebte den Ledergeruch. Irgendwie hatte sie den Eindruck, als h�tte er das Kleidungsst�ck schon seit Jahrhunderten getragen. Nat�rlich war ihr der Mantel viel zu gro�, doch trotzdem schien er ihr perfekt zu passen. Au�erdem hatte sie darin das Gef�hl, zu Caleb zu geh�ren � so, als w�re sie seine Freundin. Sie liebte dieses Gef�hl.</p><p>Pr�fend schaute Caleb auf die Schriftrolle und wieder in den Wald. Immer noch nichts. Caitlin drehte sich langsam im Kreis und sp�hte mit zusammengekniffenen Augen in den d�mmrigen Wald. Als ihre Augen sich angepasst hatten, glaubte sie auf einmal, etwas entdeckt zu haben.</p><p>�Caleb�, rief sie.</p><p>Als er sich zu ihr umdrehte, zeigte sie mit dem Finger in den Wald.</p><p>�Siehst du das? Ganz da hinten. Das sieht aus wie ein Dickicht, findest du nicht auch?�</p><p>Angestrengt blickte er in die angegebene Richtung, dann nahm er ihre Hand und ging mit ihr auf das Gestr�pp zu. �Schlie�lich haben wir nichts zu verlieren�, meinte er.</p><p>Je n�her sie kamen, desto optimistischer wurde Caitlin. Das Dickicht war riesengro� und bestand aus einem Wust von undurchdringlichen Zweigen und Dornenranken. Der Gedanke an eine Mauer dr�ngte sich auf. Als sie das Gestr�pp umrundeten, stellten sie fest, dass es um die drei�ig Meter tief sein musste. Au�erdem war es tats�chlich undurchdringlich. Wenn Calebs Beschreibung auf irgendetwas passte, dann war es das hier. Niemand konnte dieses Dickicht durchdringen � es sei denn, er h�tte eine Machete dabei und w�re bereit, in tagelanger Arbeit einen Weg freizuschlagen. Was auch immer sich in der Mitte befinden mochte � falls dort �berhaupt etwas war �, es w�re mit hoher Wahrscheinlichkeit unber�hrt.</p><p>Genauso gut konnte es sich nat�rlich auch einfach um ein ganz normales Dornengestr�pp handeln, in dem sie als Ergebnis ihrer Bem�hungen nichts als weitere Dornen vorfinden w�rden.</p><p>Langsam nickte Caleb. �Tats�chlich�, murmelte er. �Das k�nnte es sein.�</p><p>Nachdem er die Stelle eine Weile nachdenklich gemustert hatte, forderte er sie schlie�lich auf: �Geh mal bitte ein St�ck zur�ck.�</p><p>Caitlin fragte sich, was er wohl vorhatte, folgte aber gehorsam seiner Anweisung.</p><p>Sorgf�ltig zog er seine �rmel bis �ber die H�nde hinunter, um sie zu sch�tzen, und riss dann mit seiner unglaublichen Kraft an dem Dornengestr�pp. Es war, als w�rde man einer Kettens�ge bei der Arbeit zusehen.</p><p>Innerhalb weniger Sekunden hatte er bereits einen schmalen Durchgang gerodet, gerade eben breit genug f�r eine Person. Er steckte schon tief in der Dornenhecke, als sie ihn pl�tzlich rufen h�rte: �Hier!�</p><p>Caitlin folgte ihm auf dem schmalen Weg durch das Astwerk und holte ihn schlie�lich nach gut zehn Metern ein.</p><p>�ber seine Schulter hinweg erhaschte sie einen Blick auf eine niedrige Steinmauer.</p><p>�Du hast es tats�chlich gefunden�, jubelte er.</p><p>Nachdem Caleb weitere �ste beiseiteger�umt hatte, kam ein kleines gemauertes H�uschen zum Vorschein. Gemeinsam traten sie durch die niedrige T�r.</p><p>Drinnen war es dunkel, und es roch ziemlich muffig. Nach einigen z�gernden Schritten blieb er pl�tzlich stehen. Vor ihren F��en rollte etwas zur Seite. Vorsichtig b�ckte Caleb sich und hob es auf.</p><p>�Was ist das?�, wollte Caitlin wissen.</p><p>Er hielt den Gegenstand in die H�he, aber sie konnte ihn in der Dunkelheit nicht erkennen. Schlie�lich kl�rte er sie auf: �Eine alte Kerze. Ich glaube, sie ist noch intakt. Nimm sie bitte mal.�</p><p>Caitlin hielt die Kerze, w�hrend er seine H�nde mit Lichtgeschwindigkeit gegeneinanderrieb � die Bewegung war derart schnell, dass sie die W�rme sp�ren konnte, die von seinen H�nden ausstrahlte. Dann legte er die Handfl�chen �ber den Kerzendocht und wartete einen Moment. Als er sie wegzog, stellte Caitlin verbl�fft fest, dass die Kerze brannte. Ehrf�rchtig sah sie zu ihm auf. Sie w�nschte, sie k�nnte das auch.</p><p>�Das musst du mir unbedingt beibringen�, sagte sie l�chelnd.</p><p>Im Kerzenschein konnte sie erkennen, wie er ihr L�cheln erwiderte. Vorsichtig beleuchtete sie den Boden vor ihren F��en und entdeckte weitere Kerzen. Daher also stammte das rollende Ger�usch, das sie zuvor geh�rt hatten. Caleb hob eine zweite Kerze auf und bog den Docht zurecht, damit Caitlin ihn mit ihrer Flamme anz�nden konnte. Nun verf�gten sie �ber ausreichend Licht, um das Cottage zu erkunden.</p><p>Es war winzig und so niedrig, dass Caitlin gerade noch aufrecht stehen konnte, wohingegen Caleb sich ducken musste. Der einzige Raum ma� ungef�hr drei mal drei Meter. Die Steinw�nde waren nicht perfekt gemauert, boten aber trotzdem auf den ersten Blick keine geeignete Stelle, an der man etwas verstecken k�nnte. An einer Wand befand sich eine kleine Feuerstelle, auf der �ste und Bl�tter lagen, die wohl im Laufe der Jahrhunderte durch den Schornstein gefallen waren.</p><p>Die Holzdielen waren bemerkenswert gut erhalten, was aber auch einleuchtend war. Das Cottage hatte keine Fenster, und da es abgesehen von dem Kamin und der T�r keine �ffnung gab, hatten die Witterungseinfl�sse dem Inneren kaum etwas anhaben k�nnen. Au�erdem war das kleine Haus derart �berwuchert, dass die Elemente schon seit Jahrhunderten keine Chance mehr gehabt hatten.</p><p>Ansonsten war nicht viel zu sehen. Es schien keinerlei Versteckm�glichkeiten zu geben, die H�tte war komplett leer. Leider sah es so aus, als w�ren sie erneut in eine Sackgasse geraten.</p><p>Immerhin war der Raum trocken, gem�tlich und bot Schutz. Sie k�nnten also wenigstens die Nacht hier verbringen, sich ein wenig aufw�rmen und ausruhen.</p><p>�Glaubst du, du kannst ein Feuer in Gang bringen?�, fragte sie.</p><p>Pr�fend musterte er den offenen Kamin. �Ich sehe keinen Grund, warum das nicht funktionieren sollte.�</p><p>Nachdem er ihr seine Kerze gereicht hatte, r�umte er z�gig die �ste und Bl�tter zur Seite. Der Staub lie� Caitlin niesen.</p><p>Caleb zog weitere �ste aus dem Kamin, sammelte alles ein und trug es aus dem Cottage.</p><p>Caitlin h�rte, wie er aufs Dach kletterte und den Kamin auch von oben reinigte. Pl�tzlich sp�rte sie einen Luftzug und begriff, dass der Schornstein jetzt frei war. Sekunden sp�ter tauchte Caleb wieder auf und brachte einen Armvoll trockenes Feuerholz mit. Wie schnell er war! Die Schnelligkeit von Vampiren war erstaunlich. Im Vergleich dazu f�hlte sie sich ziemlich langsam und schwerf�llig.</p><p>Nachdem er das Holz auf der Feuerstelle aufgeschichtet hatte, nahm er eine Kerze und entz�ndete das Holz an mehreren Stellen gleichzeitig. Innerhalb weniger Minuten prasselte in dem kleinen Cottage ein gem�tliches Feuer. Dankbar stellte sie sich davor und genoss die W�rme.</p><p>Sie steckte die beiden Kerzen weit oben in die Steinmauer, sodass der Raum jetzt ziemlich warm und hell war. Dann setzte sie sich nahe ans Feuer, lehnte sich mit dem R�cken gegen die Wand und rieb sich die H�nde. Allm�hlich f�hlte sie sich besser.</p><p>Caleb folgte ihrem Beispiel und lie� sich an der anderen Seite des Feuers nieder. Der Raum war so klein, dass sich ihre F��e fast ber�hrten.</p><p>Aufmerksam musterte Caleb das Zimmer � den Boden, die W�nde, die Ziegel des gemauerten Kamins und dann die Decke. Dabei unterzog er jede Einzelheit einer intensiven Pr�fung. Auch Caitlin sah sich ganz genau um. Beide hatten nur einen Gedanken: Was konnte hier versteckt sein? Und wo?</p><p>�Das ist definitiv der richtige Ort�, meinte Caleb nachdenklich. �Hier hat Elizabeth gelebt. Die Frage ist blo�, warum die Karte uns hierhergeschickt hat. Ich sehe jedenfalls nichts�, f�gte er schlie�lich niedergeschlagen hinzu.</p><p>�Ich auch nicht�, musste Caitlin zugeben.</p><p>Ungezwungenes Schweigen senkte sich �ber sie. Nach dem Strudel der Ereignisse im Laufe des Tages f�hlte Caitlin sich ersch�pft. Sie war einfach froh, dass sie f�r die Nacht ein Dach �ber dem Kopf hatten, und konnte allm�hlich an nichts anderes mehr denken. Sie liebte das Gef�hl von Calebs Mantel um ihre Schultern. In der Tasche ihrer Jeans sp�rte sie ihr Tagebuch und h�tte es gerne herausgenommen, um einen Eintrag zu machen � aber sie war schlicht und ergreifend zu m�de.</p><p>Sie sah zu Caleb hin�ber und betrachtete ihn versonnen. Es war erstaunlich, wie immun er gegen�ber K�lte, M�digkeit und offensichtlich sogar Hunger war. In der Nacht schien seine Energie sogar noch zuzunehmen. Trotz all dem, was sie durchgemacht hatten, wirkte er absolut frisch � und das, obwohl man auf ihn geschossen hatte. Ein Blick auf seinen Arm zeigte ihr, dass die Wunde bereits vollst�ndig verheilt war.</p><p>Gedankenverloren starrte er ins Feuer, und seine braunen Augen leuchteten. Caitlin empfand das dringende Bed�rfnis, mehr �ber ihn zu erfahren.</p><p>�Erz�hl mir etwas von dir�, forderte sie ihn auf. �Bitte.�</p><p>�Was willst du denn wissen?�, fragte er und sah weiter ins Feuer.</p><p>�Alles�, erwiderte sie. �Die Dinge, die du erlebt hast � Ich kann all das nur schwer begreifen. Woran kannst du dich am besten erinnern?�</p><p>Ein langes Schweigen senkte sich �ber den Raum, w�hrend Caleb mit gerunzelter Stirn nachdachte.</p><p>�Schwer zu sagen�, begann er schlie�lich leise. �An Anfang war ich absolut begeistert von der Vorstellung, immer weiterzuleben, Jahrhundert f�r Jahrhundert. Dann starben nach und nach alle Menschen, die mir etwas bedeutet hatten � Freunde, Verwandte und andere geliebte Menschen. Das ist es, was am meisten wehtut. Man f�hlt sich sehr, sehr einsam.</p><p>Nach den ersten hundert Jahren baut man allm�hlich eher eine Bindung zu Orten als zu Menschen auf: zu D�rfern, St�dten, Geb�uden, Bergen. Daran h�lt man sich fest.</p><p>Doch im Laufe der Jahrhunderte verschwinden sogar diese Orte von der Bildfl�che. Ortschaften verfallen, neue entstehen. L�nder schlie�en sich zusammen. Kriege l�schen ganze Kulturen aus, die man einst geliebt hat. Sprachen gehen verloren. Also lernt man, sein Herz auch nicht mehr an Orte zu h�ngen.�</p><p>Caleb r�usperte sich.</p><p>�Wenn Orte, die man liebt, von der Bildfl�che verschwinden, wendet man sich schlie�lich Besitzt�mern zu. �ber viele Jahrhunderte habe ich Kunstgegenst�nde gesammelt und einen unsch�tzbaren Schatz angeh�uft. Das hat mir gro�e Freude bereitet. Aber nach einigen Hundert Jahren hat das ebenfalls seinen Reiz eingeb��t. Das Sammeln wird irgendwann bedeutungslos.</p><p>Nach Tausenden von Jahren schlie�lich betrachtet man das Leben mit anderen Augen. Man bindet sich nicht mehr an Menschen, Orte oder Besitzt�mer. Man bindet sich an gar nichts mehr.�</p><p>�Was bleibt denn dann noch �brig?�, wollte Caitlin wissen. �Was bedeutet dir etwas? Es muss doch noch irgendetwas geben.�</p><p>Gr�belnd starrte Caleb vor sich hin.</p><p>�Ich nehme an�, antwortete er nach einer Weile, �dass nur noch Eindr�cke �brigbleiben, wenn alles andere wegf�llt.�</p><p>�Eindr�cke?�</p><p>�Genau, Eindr�cke von bestimmten Menschen. Erinnerungen an Zeiten, die man miteinander verbracht hat. Wie sie einen beeinflusst haben.�</p><p>Caitlin w�hlte ihre n�chsten Worte mit Bedacht.</p><p>�Meinst du � Beziehungen? Liebesbeziehungen?�</p><p>Schweigen legte sich �ber den Raum. Sie sp�rte, dass auch er sich M�he bei der Wahl seiner Worte gab.</p><p>�Es gibt alle m�glichen Arten von Beziehungen, die eine Rolle spielen, aber im Endeffekt wird eine Liebesbeziehung wahrscheinlich den tiefsten Eindruck hinterlassen�, erwiderte er schlie�lich. �Aber es steckt mehr dahinter. Am Anfang geht es um die Liebesgeschichte, doch im Laufe der Zeit nimmt die Person einen kleinen Teil von dir in Besitz. Ich wei� nicht, wie ich es sonst erkl�ren soll. Aber es ist das, was einem nach all den Jahrhunderten bleibt.�</p><p>Calebs Ehrlichkeit r�hrte Caitlin. Sie hatte damit gerechnet, dass er ihr erz�hlen w�rde, wo er geboren wurde und aufgewachsen war. Aber wie �blich war er weit dar�ber hinausgegangen. Seine Worte beeindruckten sie sehr. Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte.</p><p>�Nach so langer Zeit�, fuhr er fort, �versucht man automatisch, alle Menschen, die man kennenlernt, einzuordnen und herauszufinden, ob man sie schon in einem anderen Leben gekannt hat. Ich habe festgestellt, dass ich eigentlich jeden, den ich jetzt treffe, bereits in einem anderen Leben kannte. Die anderen erinnern sich nie daran, ich aber schon. Daher warte ich immer auf den Moment, in dem ich begreife, woher ich sie kenne. Irgendwann kommt dieser Moment, und dann ergibt alles einen Sinn.�</p><p>Caitlin z�gerte mit der n�chsten Frage, denn sie f�rchtete sich vor der Antwort.</p><p>�Was ist denn � mit uns?�</p><p>Mit gerunzelter Stirn schaute Caleb ins Feuer, w�hrend Caitlin nerv�s auf seine Antwort wartete. Es dauerte lange, bis er weitersprach.</p><p>�Du bist die Einzige, bei der alles irgendwie im Dunkeln bleibt. Ich bin mir sicher, dass wir uns irgendwo schon mal begegnet sind � aber bisher wei� ich nicht, wann und wo das war. Irgendetwas wird vor mir zur�ckgehalten, und ich verstehe nicht, warum das so ist. Daher kann ich nur vermuten, dass es etwas �ber dich � �ber uns � gibt, das ich nicht erfahren soll.�</p><p>Wieder war Caitlin sprachlos. Ihre Gef�hle f�r ihn �berw�ltigten sie derart, dass alles, was sie sagen w�rde, nur falsch verstanden werden konnte.</p><p>V�llig verwirrt erhob sie sich und hob mit zitternder Hand ein Holzscheit auf, um es ins Feuer zu werfen. Aber weil sie so nerv�s war, glitt es ihr aus der Hand und landete mit einem dumpfen Ger�usch auf dem Boden.</p><p>Caitlin und Caleb erstarrten und sahen sich an. Der Aufprall des Holzscheits hatte irgendwie hohl geklungen. Die Dielenbretter � unter den Dielenbrettern musste sich ein Hohlraum befinden!</p><p>Gleichzeitig eilten die beiden zu der Stelle, an der das St�ck Holz gelandet war. Als Caleb es zur Seite schob, wirbelte jahrhundertealter Staub auf und legte das blanke Holz frei. Mit den Fingerkn�cheln klopfte er auf das Dielenbrett, und erneut war ein hohles Ger�usch zu h�ren.</p><p>�Geh mal ein St�ck zur�ck�, forderte er sie auf.</p><p>Dann hob er den Arm und schlug mit der Faust kr�ftig auf das Brett. Das Holz zersplitterte mit einem lauten Krachen. Nun griff er in das Loch und riss mehrere Dielen heraus.</p><p>Schlie�lich nahm Caitlin eine Kerze und hielt sie in den Hohlraum. Das Loch war nicht tief, sie konnten die Erde auf dem Grund erkennen. Obwohl Caitlin die H�hlung sorgf�ltig ausleuchtete, fanden sie zuerst nichts. Doch als sie die Kerze in eine Ecke hielt, entdeckte sie pl�tzlich doch etwas. �Da!�</p><p>Vorsichtig griff sie danach und zog es langsam heraus. Dann hielt sie den Gegenstand in die H�he und befreite ihn von zentimeterdickem Staub.</p><p>Es war ein kleiner roter Beutel aus Satin, der mit einer Schnur zugebunden war. Was mochte blo� darin sein? Eine M�nze? Ein Schmuckst�ck? Ihr Herz pochte heftig vor Aufregung, als es ihr endlich gelang, die Schnur zu l�sen. Vorsichtig griff sie in den Beutel und f�hlte kaltes Metall.</p><p>Verbl�fft starrten beide auf den Gegenstand in ihrer Hand.</p><p>Es war ein kleiner Schl�ssel.</p><p>Sie vergewisserte sich, dass sonst nichts mehr in dem Beutel steckte. Nur dieser Schl�ssel.</p><p>Caleb nahm ihn ihr aus der Hand, ging dichter ans Feuer und betrachtete ihn ganz genau.</p><p>�Kannst du etwas damit anfangen?�, wollte sie wissen.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>Nachdenklich setzten sie sich wieder ans Feuer und betrachteten den Schl�ssel. Als Caitlin ihn umdrehte, fiel ihr auf einmal etwas auf. Sie befeuchtete ihre Fingerspitze und fuhr damit �ber das Metall. Eine feine Schmutzschicht l�ste sich und enth�llte eine winzige Gravur: <emphasis>The Vincent House</emphasis>.</p><p>Fragend sah Caitlin Caleb an. �Kennst du das?�</p><p>Seufzend lehnte er sich zur�ck und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ich nehme an, unsere Suche ist noch nicht vor�ber�, sagte er schlie�lich.</p><p>Seine Stimme klang entt�uscht. Offensichtlich hatte er damit gerechnet, in diesem Cottage das Schwert zu finden. Er tat ihr leid, und sie f�hlte sich irgendwie schuldig, obwohl sie ebenfalls frustriert war. Anscheinend mussten sie sich auf eine noch l�ngere Suche einstellen. Aber zumindest waren sie auf einen weiteren Hinweis gesto�en. Sie steckten nicht in einer Sackgasse, sondern hatten immerhin einen Schl�ssel gefunden. Aber wozu passte er?</p><p>Bevor sie ihren Gedanken zu Ende f�hren konnte, kr�mmte sie sich pl�tzlich vor Schmerz zusammen. Eine extrem schmerzhafte Hungerattacke �berfiel sie, schlimmer als je zuvor. Sie konnte kaum noch atmen.</p><p>Pl�tzlich sp�rte sie eine Hand auf der Schulter. �Caitlin?�</p><p>Er wartete nicht erst auf eine Antwort. Eine starke Hand fasste sie unter einem Arm, dann wurde sie hochgehoben und in Windeseile aus dem Cottage getragen. In hohem Tempo ging es durch das Dickicht in den Wald hinein.</p><p>W�hrend die Schmerzen ihr immer wieder durch den K�rper schossen, flogen die B�ume rasend schnell an ihr vor�ber.</p><p>Sie sp�rte, wie die bekannte Wut sich in ihr aufbaute. Das Verlangen nach Nahrung wuchs. Und das Verlangen, zu t�ten. Ihr K�rper ver�nderte sich zusehends, w�hrend sie sich in Calebs Armen wand und nicht wusste, wie lange sie sich noch im Griff haben w�rde.</p><p>Endlich blieb Caleb stehen und stellte sie auf ihre F��e. Mit kraftvollem Griff hielt er sie an den Schultern fest und sah ihr direkt in die Augen.</p><p>�Du musst mir zuh�ren. Ich wei�, dass dir das jetzt schwerf�llt, aber du musst dich konzentrieren.�</p><p>Also gab sie sich die gr��te M�he, sich auf seine Worte und seine Augen zu konzentrieren. Ihre Welt verschwand in einem roten Nebel, w�hrend der Drang zu t�ten immer gr��er wurde.</p><p>�Du hast einfach blo� Hunger. Du brauchst Blut, und zwar sofort. Wir sind in einem Wald und k�nnen zusammen auf die Jagd gehen � ich kann dir beibringen, wie es geht.�</p><p><emphasis>Beibringen. Beibringen.</emphasis> Sie versuchte, sich an seine Worte zu klammern.</p><p>Dann sp�rte sie, wie er sie mit sich zog, und ehe sie sichs versah, waren sie schon in der Nacht verschwunden.</p></section><section><p>
				
				13.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>S</emphasis>amantha erwachte bei Tagesanbruch und warf einen Blick neben sich. Da lag dieser Typ bei ihr im Bett, Sam. Es war so einfach gewesen, ihn zu verf�hren, dass sie beinahe schon ein schlechtes Gewissen hatte. Nat�rlich wusste sie, dass sie gegen ein Gesetz versto�en hatte, indem sie mit einem Menschen schlief, aber weil dieses Exemplar so jung und knackig war, hatte sie beschlossen, es nicht zu genau zu nehmen. Warum auch? Niemand w�rde je davon erfahren. Selbstverst�ndlich w�rde sie selbst es niemandem erz�hlen, und diesen Sam w�rde sie einfach nicht lange genug leben lassen, als dass er es jemandem verraten k�nnte. Dann und wann � etwa alle hundert Jahre � musste sie sich das g�nnen. Diesen Luxus nahm sie sich einfach heraus.</p><p>Au�erdem hatte er etwas an sich, etwas Besonderes, das ihn f�r einen Menschen fast ertr�glich machte. Sogar mehr als ertr�glich, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Doch sie konnte nicht genau sagen, was es war � das machte ihr mehr zu schaffen als alles andere.</p><p>Innerlich aufgew�hlt setzte sie sich auf, immer noch nackt, und sprang mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung aus dem Bett. Leise spazierte sie durchs Zimmer, sammelte ihre Kleider ein und zog sich schnell an. Als sie durch die Glasschiebet�ren nach drau�en sah, d�mmerte gerade der Morgen. <emphasis>Welch eine Ironie</emphasis>, dachte sie. <emphasis>Nachts zu schlafen und morgens aufzuwachen. Genau wie ein Mensch.</emphasis> Der Gedanke verursachte ihr �belkeit, aber manchmal musste man eben Zugest�ndnisse machen.</p><p>Ein Blick �ber die Schulter zeigte ihr, dass der Junge immer noch tief und fest schlief. Sie war der Grund daf�r, dass er so ersch�pft war, so viel war sicher. Ihr war klar, dass er so etwas wie mit ihr noch nie erlebt hatte und wohl auch nie wieder erleben w�rde. Schlie�lich konnte sie auf zweitausend Jahre Erfahrung zur�ckblicken. Er konnte sich gl�cklich sch�tzen, f�rs Erste zumindest. In den kommenden Wochen w�rde er ungl�cklich sein, wenn sie genug von ihm hatte und alles erfahren haben w�rde, was sie �ber seinen Vater wissen musste. Denn dann w�rde sie sich seiner entledigen. Doch einstweilen war er ein am�santes Spielzeug. Sogar ausgesprochen am�sant.</p><p>Sie bewegte sich geschmeidig und lautlos wie eine Katze, sodass er selig weiterschlief. Sie k�nnte durch das ganze Haus tanzen, ohne dass er auch nur einen Ton h�ren w�rde � es sei denn, sie wollte geh�rt werden. Das war einer der zahlreichen Vorteile des Vampirdaseins.</p><p>Wie leichtgl�ubig und naiv er doch war: Er hatte ihr tats�chlich geglaubt, dass das Haus ihr geh�rte. Au�erdem hatte sie sich Gedanken gemacht, weil weder Decken noch Laken noch Kissen vorhanden waren � auch sonst gab es nat�rlich keine pers�nlichen Gegenst�nde �, aber zu ihrer �berraschung hatte er nicht einmal nachgefragt. Zumindest war das Haus teilm�bliert; wahrscheinlich war das das Werk eines verzweifelten Maklers, der die Immobilie f�r potenzielle Besichtigungen besser in Szene setzen wollte. Wenigstens hatte sie einen Vorteil daraus ziehen k�nnen.</p><p>Hitze breitete sich abermals in ihren Adern aus, und sie begriff, dass sie nicht l�nger warten konnte. Sie brauchte Nahrung. Es war ihr schwergefallen, nur mit ihm zu schlafen und am Ende nicht, wie sie es gew�hnlich tat, sein Blut zu trinken. Doch sie brauchte ihn lebend. Schlie�lich war er der Schl�ssel, deshalb musste sie sich unbedingt zusammenrei�en. Aber das stillte ihren Hunger nicht. W�hrend sie durch das Haus wanderte und m��ig zum Fenster auf die leere Landstra�e hinaussah, hoffte sie, dass ein ahnungsloser Mensch des Weges kommen w�rde. Vielleicht ein kleines Kind, das zu fr�h aufgestanden war. Das w�re perfekt.</p><p>Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gedacht, da fuhr schon ein gl�nzender BMW die Stra�e entlang und bog in die Einfahrt ein. Der Kies knirschte, als die Reifen mit den blitzblanken Felgen langsam auf das Haus zurollten. Wer um Himmels willen tauchte um diese Tageszeit hier auf? Wer konnte wissen, dass sie hier war?</p><p>Ihr Herzschlag setzte kurz aus, als sie sich fragte, ob es sich um ein Mitglied ihres Clans handeln k�nnte. Hatte etwa jemand beobachtet, wie sie mit einem Menschen geschlafen hatte? Hatte ein konkurrierender Vampir ihr Fehlverhalten gemeldet, und kamen sie jetzt, um sie zu bestrafen?</p><p>Die Autot�r �ffnete sich und ein Mann in einem billigen Anzug stieg aus. Unter dem Arm trug er ein <emphasis>Zu</emphasis>-<emphasis>Verkaufen</emphasis>-Schild, mit dem er auf die Haust�r zuging.</p><p>Samantha war so erleichtert, dass sie laut auflachte. Er war nur ein erb�rmlicher Mensch, zudem ein Immobilienmakler. Das waren die Schlimmsten �berhaupt.</p><p>Nat�rlich, jetzt verstand sie. Wahrscheinlich wollte er jemandem das Haus zeigen � vielleicht veranstaltete er auch einen Tag der offenen T�r � und jetzt war er in aller Fr�he gekommen, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Voll �bereifer und verzweifelt auf einen Abschluss hoffend.</p><p>Als er n�herkam, sah sie, wie er verwirrt die Stirn runzelte. Die Verwirrung schlug in Besorgnis um, als er Anzeichen daf�r entdeckte, dass das Geb�ude bewohnt war. In der Zufahrt stand Sams Pick-up. Im Haus brannte Licht. Zuerst wirkte der Mann �u�erst irritiert, als w�rde er sich den Kopf zerbrechen, ob er vielleicht das Licht angelassen hatte und wessen Auto das sein k�nnte. Als er dann offensichtlich begriff, dass mehr dahintersteckte, war er ver�rgert.</p><p>Samantha l�chelte. Seine Ver�rgerung gefiel ihr, und sie freute sich, dass es f�r ihn noch viel schlimmer kommen w�rde. Sie konnte es kaum erwarten.</p><p>Schwungvoll �ffnete sie die Haust�r und ging geradewegs auf ihn zu.</p><p>Sein Gesichtsausdruck ver�nderte sich schlagartig, als sein �rger in Wut umschlug.</p><p>�Was zum Teufel tust du in diesem Haus?�, schrie er quer �ber den Rasen und ging schnell auf sie zu. �Ist dir eigentlich klar, dass das Hausfriedensbruch ist? Ihr jungen Leute haltet alles f�r einen gro�en Spa� � ihr glaubt, dass ihr einfach so irgendwo eindringen k�nnt, gerade wie es euch gef�llt. Ich habe das gr�ndlich satt! Aber diesmal wirst du nicht ungestraft davonkommen. Ich habe genug davon!�, br�llte er hektisch, w�hrend er sein Handy aus der Tasche zog.</p><p>Ihr L�cheln wurde noch breiter, was ihn erst so richtig auf die Palme brachte.</p><p>�Du h�ltst das wohl immer noch f�r einen Spa�, was?�, zischte er. Dabei hielt er sein Handy ans Ohr und verdoppelte sein Tempo.</p><p>Als er sie erreicht hatte, packte er sie grob am Arm. Dann drehte er sich um und wollte sie mitzerren.</p><p>Schockiert stellte er fest, dass sie andere Pl�ne hatte. Noch bevor seine Finger sich ganz um ihren Arm schlie�en konnten, hatte sie ihm schon mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung die Schulter ausgekugelt. Als N�chstes brach sie ihm scheinbar m�helos den Arm.</p><p>Mit schmerzverzerrtem Gesicht begann er zu schreien. Doch bevor er auch nur einen Laut von sich geben konnte, hatte sie schon seinen Kopf gepackt. Ein lautes Knacken war zu h�ren, und dann nichts mehr. Sein K�rper erschlaffte.</p><p>Als er zu Boden fiel, st�rzte sie sich auf ihn und bohrte ihre Z�hne in seinen Hals. Ihre Augen waren geschlossen, w�hrend sie trank und trank � sie war wie berauscht von seinem Blut, das in ihren K�rper str�mte.</p><p>Nachdem sie ihre Mahlzeit schlie�lich beendet hatte, hob sie den leblosen K�rper auf, trug ihn zu seinem Auto, �ffnete den Kofferraum und warf ihn hinein. Bevor sie die Heckklappe zuknallte, angelte sie noch die Autoschl�ssel aus der Hosentasche des Ungl�cklichen.</p><p>Danach kehrte sie zum Haus zur�ck, wischte sich gleichm�tig die letzten Blutspuren vom Mund und bewunderte den Morgenhimmel.</p><p>Es w�rde ein richtig sch�ner Tag werden.</p></section><section><p>
				
				14.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>C</emphasis>aitlin rannte. Wieder einmal war sie auf der Wiese und lief durch kniehohes Gras. Der Tag brach gerade an, und w�hrend sie lief, schien die Welt sich um sich selbst zu drehen. Sie hatte das Gef�hl, sich direkt auf die riesige, strahlende Sonne zuzubewegen.</p><p>Weit hinten am Horizont stand ihr Vater � seine Silhouette wurde von der Sonne angestrahlt. Mit weit ausgebreiteten Armen wartete er darauf, sie zu umarmen. Zwar konnte sie seine Gesichtsz�ge nicht erkennen, aber sie wusste trotzdem, dass er voll Vorfreude l�chelte. Wenn sie doch nur schneller laufen k�nnte!</p><p>Doch so sehr sie sich auch anstrengte, der Abstand wurde einfach nicht kleiner.</p><p>Das �berraschte sie nicht. So verlief dieser Traum immer � das wusste sie, noch w�hrend sie tr�umte.</p><p>Doch diesmal war es anders. Diesmal gewann sie pl�tzlich Boden unter den F��en und kam tats�chlich n�her heran.</p><p>Jetzt waren es noch f�nfzig Meter, dann zwanzig, schlie�lich nur noch zehn. Zum ersten Mal sah sie ihn richtig: Er war gro� und stolz und stand dort in all seiner Pracht, angestrahlt von der Sonne. Ein gut aussehender Mann. Ein K�mpfer. Irgendwie sah er Caleb �hnlich.</p><p>Caitlin sprang geradewegs in seine Arme, und er erwiderte ihre Umarmung. Es f�hlte sich so gut an, endlich bei ihm zu sein.</p><p>�Daddy!�, rief sie �bergl�cklich.</p><p>�Mein Kind�, antwortete er mit seiner tiefen, wundersch�nen und beruhigenden Stimme. �Ich habe dich so vermisst. Die ganze Zeit habe ich auf dich hinuntergeschaut. Und ich bin so stolz auf dich.�</p><p>Dann packte er sie an den Schultern, schob sie auf Armesl�nge weg und sah ihr tief in die Augen.</p><p>Seine Augen waren so leuchtend gelb wie die Sonne und strahlten sie f�rmlich an.</p><p>Sie konnte es kaum ertragen, ihn anzusehen, aber gleichzeitig konnte sie ihren Blick nicht von ihm l�sen. Diese Augen strahlten so viel W�rme und Liebe aus.</p><p>�Erinnerst du dich noch, Caitlin?�, fragte er. �Erinnerst du dich an die Zeit, als du noch klein warst? Wei�t du noch, wohin wir da immer gegangen sind? Zu den Klippen, den roten Klippen.�</p><p>Vor ihrem inneren Auge tauchte ein Bild von gigantischen roten Klippen und riesigen Felsen auf, die hoch �ber einem Strand aufragten und steil bis ins Wasser abfielen. Ein magischer Ort. Ja, sie erinnerte sich tats�chlich � die Erinnerung kam zur�ck.</p><p>�Dort wirst du mich finden�, verk�ndete er. �Setze deine Suche fort und triff mich dort.�</p><p>Als sie die Hand ausstreckte, um ihn festzuhalten, war er auf einmal verschwunden.</p><p>Abrupt schreckte sie aus dem Schlaf auf.</p><p>Sie stellte fest, dass sie auf dem R�cken lag und in die Baumwipfel blickte. Zwischen den B�umen erkannte sie einen Wolkenfetzen, der �ber den Himmel segelte.</p><p>Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie sich befand, doch sie hatte das Gef�hl, immer noch zu tr�umen. Der Wind bewegte die leise rauschenden, kahlen �ste � die ganze Welt schien lebendig zu sein, zu schwanken und Ger�usche zu machen.</p><p>Obwohl sie unter freiem Himmel auf dem Boden lag, f�hlte sie sich wohl. Sie sah sich um und entdeckte, dass sie auf einem Haufen weicher Tannennadeln ruhte. Dicht neben ihr schlief Caleb auf dem Waldboden. Ihr Herz schlug h�her, weil es sich verdammt gut anf�hlte, so dicht neben ihm zu liegen. Hoffentlich w�rde er nicht so bald aufwachen � sie k�nnte noch eine Ewigkeit neben ihm liegen. Die Welt f�hlte sich einfach richtig an.</p><p>W�hrend sie in den Himmel hinaufsah, versuchte sie sich zu erinnern, wie sie eigentlich hierhergekommen waren und was am Vorabend geschehen war.</p><p>Sie erinnerte sich daran, wie sie das Blut getrunken hatte. Eine kleine Gruppe Rehe war aufgetaucht, und Caleb hatte ihr beigebracht, die Ruhe zu bewahren und auf den richtigen Moment zu warten. Er hatte ihr gezeigt, wie sie ihren Hunger z�geln konnte.</p><p>Als sie den Rehen schlie�lich nachjagte, hatte ihr K�rper sie �berrascht, denn er hatte ihr gesagt, was sie zu tun hatte. Sie hatte �ber ihre eigene Geschwindigkeit gestaunt, mit der sie sich durch den Wald bewegte.</p><p>Schlie�lich hatte sie die Arme um den Hals eines Rehs geschlungen und war mitgezogen worden. Das Tier war schneller gelaufen, als sie es sich h�tte vorstellen k�nnen. Dann hatte sie die Vene gefunden und ihre Z�hne hineingebohrt. Sie war wie elektrisiert gewesen.</p><p>Nie zuvor hatte sie sich so lebendig gef�hlt wie in dem Augenblick, als das Blut des Rehs durch ihren K�rper floss. Wie neugeboren.</p><p>Noch w�hrend sie ihren Durst gestillt hatte, waren die Schmerzen langsam abgeebbt, bis sie sich st�rker f�hlte als je zuvor. Sie hatte das Gef�hl, die ganze Welt w�rde ihr geh�ren.</p><p>Caleb war letzte Nacht ebenfalls auf der Jagd gewesen. Als sie sich danach wiedergetroffen hatten, waren sie beide absolut beschwingt gewesen, aber gleichzeitig auch sehr m�de. Schlie�lich hatten sie sich auf den Waldboden gelegt, in die schwankenden B�ume aufgesehen und dem Rauschen des Windes gelauscht.</p><p>Innerhalb k�rzester Zeit waren sie beide fest eingeschlafen.</p><p>Jetzt schob sie sich zentimeterweise n�her an ihn heran, um auszuprobieren, wie sich das anf�hlte. Sie trug immer noch seinen Ledermantel, dessen �rmel bis zu ihren Fingerspitzen reichten. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und streichelte mit dem Handr�cken seine Wange; sie war ganz glatt und weich. Caitlin stellte sich vor, sie w�ren ein Paar.</p><p>Pl�tzlich h�rte sie in der N�he ein Rascheln und setzte sich abrupt auf.</p><p>Direkt vor ihnen war ein Rudel W�lfe aufgetaucht und pirschte sich langsam n�her heran. Da sie noch nie einem Wolf begegnet war, hatte sie keine Ahnung, wie sie reagieren sollte. Seltsamerweise f�rchtete sie sich nicht. Stattdessen war sie v�llig fasziniert und wie hypnotisiert. In gewisser Weise f�hlte sie sich den W�lfen sogar merkw�rdig verwandt.</p><p>Langsam streckte sie die Hand nach Caleb aus und sch�ttelte ihn leicht.</p><p>Alarmiert schreckte er aus dem Schlaf auf. Das Wolfsrudel kam immer n�her und war jetzt nur noch wenige Schritte entfernt. Schn�ffelnd umkreisten die Tiere Caitlin und Caleb.</p><p>�Hab keine Angst�, sagte Caleb leise. �Ich kann ihre Gedanken sp�ren. Sie sind blo� neugierig. Verhalte dich einfach ganz ruhig.�</p><p>Caitlin blieb still sitzen und beobachtete, wie der Anf�hrer auf sie zukam, die Nase hob und beinahe ihre Wange ber�hrte.</p><p>Angespannt fragte sie sich, was sie jetzt tun sollte. Ihr Herz pochte heftig, und am liebsten h�tte sie den Wolf weggesto�en. Stattdessen befolgte sie Calebs Anweisung und r�hrte sich nicht.</p><p>Pl�tzlich drehte der Wolf sich um und spazierte davon.</p><p>Sofort folgten die �brigen W�lfe seinem Beispiel.</p><p>Alle au�er einem. Ein kleiner Wolf � noch ein Welpe, der kaum gr��er war als ein kleiner Hund � z�gerte und blieb zur�ck. Er hinkte ein wenig und sah dem Rudel nach. Dann drehte er sich um, blickte Caitlin an und kam direkt auf sie zu.</p><p>Unvermittelt sprang er auf ihren Scho� und senkte den Kopf. Offensichtlich wollte er nicht mit den anderen gehen.</p><p>�Es ist ein Weibchen, das von seinem Rudel versto�en wurde�, erkl�rte Caleb. �Sie wollen sie nicht mehr bei sich haben, weil sie verletzt ist. Sie stellt eine Belastung dar, und die anderen sind zu hungrig, um Geduld zu haben. Deshalb haben sie sich von ihr abgewendet.�</p><p>Angestrengt versuchte Caitlin, sich zu konzentrieren und die Gedanken des Tieres zu lesen, wie Caleb es tat. Es gelang ihr nicht ganz, aber sie sp�rte die Energie und die Gef�hle des kleinen Wolfes. Er war sehr einsam und hatte Angst.</p><p>Caitlin hob ihn hoch und nahm ihn in die Arme. Als sie seinen Kopf streichelte, leckte das Tier ihr das Gesicht ab.</p><p>Sie l�chelte.</p><p>�Du hast eine neue Freundin�, meinte Caleb.</p><p>�K�nnen wir sie mitnehmen?�, fragte sie.</p><p>Nachdenklich runzelte Caleb die Stirn.</p><p>�Das w�re keine gute Idee�, erwiderte er schlie�lich. �Der Geruch � k�nnte andere Dinge anziehen.�</p><p>�Aber wir k�nnen sie doch nicht einfach sich selbst �berlassen�, sagte Caitlin bittend. Ihr Besch�tzerinstinkt war auf einmal erwacht.</p><p>�Dort, wo wir hingehen, wird es sehr gef�hrlich werden. Sie k�nnte zwischen die Fronten geraten.�</p><p>�W�re sie hier denn nicht in Gefahr?�, fragte sie. �Sie w�rde sterben, wenn wir sie allein lassen.�</p><p>Erneut dachte Caleb nach.</p><p>�Das stimmt. Gut, ich denke, wir k�nnen sie mitnehmen ��</p><p>Als h�tte das Tier ihn genau verstanden, rannte es zu Caleb, sprang auf seinen Scho� und leckte ihm das Gesicht.</p><p>Caleb grinste breit und streichelte das weiche Fell des Wolfes. �Okay, okay, es reicht, du kleiner Kerl�, wehrte er ihn lachend ab.</p><p>�Wie sollen wir sie nennen?�, fragte Caitlin.</p><p>�Ich habe keine Ahnung.�</p><p>Pl�tzlich hatte sie eine Idee. Die Rose und der Dorn.</p><p>�Rose, wir k�nnen sie Rose nennen.�</p><p>Zustimmend nickte Caleb. �Rose�, wiederholte er. �Ja, das klingt perfekt.�</p><p>Als w�rde sie bereits auf ihren neuen Namen h�ren, kehrte Rose zu Caitlin zur�ck und machte es sich wieder auf ihrem Scho� bequem.</p><p>�Ein Wolfsrudel ist ein sehr machtvolles Zeichen�, erl�uterte Caleb. �Es bedeutet, dass die Energie der Natur uns unterst�tzt. Das hei�t, dass wir bei unserer Suche nicht allein sind.�</p><p>�Jetzt f�llt es mir wieder ein: Letzte Nacht hatte ich einen Traum�, erz�hlte Caitlin. �Er war so anders, so klar. Es war, als h�tte ich � Besuch gehabt. Von meinem Vater.�</p><p>Caleb drehte sich um und starrte sie an.</p><p>�In dem Traum habe ich mich pl�tzlich an Dinge erinnert, die ich vergessen hatte. In einem Sommer hat mein Vater mich auf eine Insel mitgenommen. Riesige Felsen stiegen aus dem Meer auf, und da waren diese steilen Klippen, rote Klippen, die in der Sonne leuchteten ��</p><p>Calebs Miene erhellte sich auf einmal. �Du hast von den Aquinnah-Klippen getr�umt�, sagte er langsam. �Ja, das macht absolut Sinn.�</p><p>�In meinem Traum hat er mir gesagt, ich soll dorthin zur�ckkehren. Er hat gesagt, dass ich ihn dort � <emphasis>treffen</emphasis> soll.�</p><p>�Das war kein Traum�, rief Caleb und richtete sich aufgeregt auf. �Vampire statten manchmal in Morgentr�umen Besuche ab. Dein Vater will, dass wir zu diesen Klippen gehen.�</p><p>�Aber was ist mit dem Schl�ssel, den wir gerade gefunden haben?�, wollte Caitlin wissen.</p><p>�Bislang haben wir doch �berhaupt keine Ahnung, wof�r der bestimmt ist�, erwiderte Caleb. �Dieses Vincent House k�nnte �berall sein. Das ist quasi eine Sackgasse. Wir wissen also ohnehin nicht, wohin wir als N�chstes gehen sollen.�</p><p>Er stand auf. �Lass uns sofort zu den Klippen aufbrechen.�</p></section><section><p>
				
				15.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>A</emphasis>ls Sam in einem fremden Schlafzimmer erwachte, schaute er sich erstaunt um und versuchte sich zu erinnern, wo er war. Das Bett war bequem � viel bequemer als die Betten, in denen er in letzter Zeit geschlafen hatte. Trotzdem konnte er sich nicht erinnern, wessen Schlafzimmer das war oder was er hier zu suchen hatte.</p><p>Doch schlie�lich fiel es ihm wieder ein: Samantha.</p><p>Er drehte sich suchend um, aber sie war nicht mehr da. War all das wirklich passiert, oder hatte er blo� getr�umt?</p><p>Als er sich aufsetzte und sich die Augen rieb, stellte er fest, dass er nackt war und ohne Bettzeug auf einer blo�en Matratze lag. Seine Klamotten waren auf dem Boden verstreut. Er war ersch�pft, f�hlte sich aber trotzdem richtig gut. Er war ein anderer. Ein Mann, das war das Schl�sselwort. Zum ersten Mal in seinem Leben f�hlte er sich wie ein richtiger Mann. Eine Nacht wie diese hatte er noch nie erlebt, und er hegte schon jetzt die Vermutung, dass sie einzigartig bleiben w�rde. Samantha war einfach unglaublich.</p><p>Schwungvoll sprang Sam aus dem Bett, zog sich an und spazierte durch das leere Haus. Als er durch die Glast�ren hinausblickte, stellte er fest, dass der Tag gerade erst anbrach. Auch das war verr�ckt, denn er hatte schon seit einer halben Ewigkeit keinen Sonnenaufgang mehr erlebt. In letzter Zeit war er nur selten vor zw�lf Uhr aufgestanden.</p><p>Er war hungrig und durstig, aber vor allem ersch�pft.</p><p>�Samantha?�, rief er und lief suchend durch das ganze Haus.</p><p>Er sah in jedem Zimmer nach, konnte sie aber nirgendwo finden. Allm�hlich fragte er sich, ob das Ganze nicht doch ein Produkt seiner Fantasie gewesen sein k�nnte.</p><p>Schlie�lich landete er im Wohnzimmer und warf einen Blick aus dem gro�en Panoramafenster. In der Einfahrt stand sein Pick-up � und dahinter parkte ein gl�nzender BMW. Ob das ihrer war? Warum hatte er ihn nicht schon fr�her gesehen? Dieses M�del steckte voller �berraschungen.</p><p>Aber das war ihm nicht wichtig. Nicht einmal die Tatsache, dass er hier �bernachten konnte, spielte eine Rolle. Er begriff, dass er einfach gerne mit ihr zusammen war. Er mochte ihren Geruch, den Klang ihrer Stimme, die Art, wie sie sich bewegte. Und dann war da nat�rlich noch die letzte Nacht. Das M�del war einfach eine Wucht.</p><p>Aber der wesentlichste Punkt war, dass er es au�erordentlich genoss, jemanden zum Reden zu haben. Jemanden, der zuh�rte, sich Gedanken machte und ihn auch wirklich zu verstehen schien. Tats�chlich war er drauf und dran, sich in dieses M�dchen zu verlieben. Er konnte es kaum glauben, aber es war so. War sie etwa nach all dem, was geschehen war, einfach gegangen?</p><p>Als er die Haust�r �ffnete, stand sie auf einmal vor ihm. Samantha. Sie hatte die T�r gleichzeitig von der anderen Seite ge�ffnet.</p><p>�Hey�, sagte Sam und versuchte, gelassen zu wirken, obwohl er in Wahrheit v�llig begeistert war, sie zu sehen. Sein Herz klopfte heftig, sobald er sie auch nur ansah. Heute Morgen war sie noch h�bscher als gestern Abend. Ihre langen roten Haare waren ein wenig zerzaust, und sie starrte ihn aus ihren leuchtend gr�nen Augen an. Sie war so blass. Das war er selbst zwar auch � aber sie war definitiv der hellh�utigste Mensch, dem er je begegnet war.</p><p>�Hey�, antwortete sie l�ssig. Sie wirkte verlegen, als h�tte er sie bei irgendetwas �berrascht.</p><p>Hastig schob sie sich an ihm vorbei und verschwand im Haus.</p><p>Verwirrt ging er ihr hinterher und fragte sich dabei, ob er etwas falsch gemacht hatte. Vielleicht war er ihr einfach nicht gut genug. Ob sie wohl wollte, dass er ging?</p><p>Befangen folgte er ihr zum Badezimmer.</p><p>Er h�rte Wasser laufen und sah durch die offene T�r, wie sie sich die H�nde wusch und sich Wasser ins Gesicht spritzte. Wahrscheinlich war sie auch erst vor Kurzem aufgewacht und kehrte gerade von einem Morgenspaziergang zur�ck.</p><p>�Du bist aber fr�h auf�, sagte er l�chelnd, w�hrend sie sich noch mal das Gesicht wusch.</p><p>Sie machte eine Pause und nahm sich Zeit, bevor sie nach einem Handtuch griff und sich das Gesicht abtrocknete. Dann strich sie sich die Haare zur�ck und atmete tief durch.</p><p>�Ja�, antwortete sie, �ich war joggen. Ich bin eine Fr�haufsteherin.�</p><p>�Ohne Schuhe?�, fragte er verbl�fft.</p><p>Samantha blickte an sich hinunter und stellte fest, dass sie barfu� war. Sie wurde rot � dieser Junge war ganz sch�n aufmerksam.</p><p>�Das ist besser f�r die F��e�, entgegnete sie, drehte sich schnell um und verlie� das Badezimmer.</p><p>Sam war �berrascht, als sie so hastig an ihm vor�berst�rmte, und fragte sich erneut, ob sie ihm aus dem Weg ging. Vielleicht hatte sie ihre Meinung ge�ndert. Wahrscheinlich hatte er es einfach vermasselt. Das war ja klar: Jedes Mal, wenn er etwas super fand, musste er es irgendwie vermasseln.</p><p>Verunsichert folgte Sam ihr ins Wohnzimmer. Er hatte das Gef�hl, mit ihr reden zu m�ssen, um reinen Tisch zu machen.</p><p>Sie war gerade dabei, ihre langen roten Haare zu einem Pferdeschwanz zur�ckzubinden. Ihre Wangen waren ger�tet � von ihrer vorherigen Bl�sse war nichts mehr zu sehen. <emphasis>Sie muss wirklich schnell gelaufen sein</emphasis>, dachte er.</p><p>�Samantha�, begann er z�gernd, �ich fand die letzte Nacht einfach toll.�</p><p>Als sie sich umdrehte und ihn ansah, wurden ihre Gesichtsz�ge weicher. Langsam kam sie zu ihm, legte ihm eine Hand an die Wange und k�sste ihn ausgiebig.</p><p>Sams Herz schlug h�her: Sie war seiner also nicht �berdr�ssig. Anscheinend hatte er die Sache doch nicht vermasselt. Es machte sich wieder Optimismus in ihm breit. Er wollte sie.</p><p>Doch bevor er sie umarmen konnte, wich sie zur�ck, ging zur Couch und warf sich ihren schwarzen Ledermantel �ber.</p><p>�Ich f�hle mich irgendwie rastlos�, verk�ndete sie. �Lass uns von hier verschwinden.� Sie drehte sich zu ihm um. �Hast du Lust auf eine kleine Spritztour?�</p><p>�Eine Spritztour?�, fragte er und warf einen Blick auf seine Uhr. �So fr�h?�</p><p>�Ich hasse es, einfach so herumzusitzen�, erkl�rte sie. �Ich muss hier raus. Lass uns ein bisschen frische Luft schnappen. Was ist, bist du dabei?� Ihre gr�nen Augen hielten seinen Blick fest.</p><p>Als sich ihre Blicke trafen, sp�rte er, wie seine Gedanken sich ver�nderten � beinahe so, als w�rde er unter einem Bann stehen. Pl�tzlich stellte er fest, dass ihm ihr Plan gefiel: Er fand ihn absolut sinnvoll. Warum sollten sie in diesem Haus bleiben? Das w�re doch langweilig. Auf einmal wollte er auch hier raus, und zwar sofort.</p><p>�Ja, klar bin ich dabei�, h�rte er sich sagen, �aber wohin sollen wir denn fahren?�</p><p>�Schreib eine E-Mail an deinen Dad�, schlug sie vor. �Sag ihm, wir kommen ihn besuchen.�</p><p>�berrascht zog Sam die Augenbrauen hoch. �Meinen Dad? Du meinst, jetzt sofort?�</p><p>�Warum nicht? Ihr wolltet euch doch ohnehin treffen. Warum nicht jetzt gleich? Er wohnt in Connecticut, nicht wahr? Das w�re doch ein sch�ner Ausflug.�</p><p>Sam versuchte nachzudenken. Der Vorschlag kam so pl�tzlich.</p><p>�Na ja, ich wei� ja nicht, ob er so kurzfristig auch will und Zeit hat ��</p><p>�Sam�, sagte sie entschlossen, �er schreibt dir E-Mails, und er will dich unbedingt sehen. Frag ihn doch einfach! Besser noch, lass uns auf jeden Fall hinfahren. Falls er nicht kann, machen wir zumindest eine coole Spritztour.�</p><p>Erneut stellte er fest, dass seine Meinung sich �nderte. Er begriff auf einmal, dass sie v�llig recht hatte. Nat�rlich. Warum war ihm das eigentlich nicht selbst eingefallen? Eine sch�ne, lange Fahrt nach Connecticut. Eine E-Mail an seinen Dad. Ja, das war perfekt.</p><p>Also z�ckte er sein Handy, loggte sich bei Facebook ein und begann zu schreiben: <emphasis>Lieber Dad, ich m�chte dich heute gerne besuchen. Ich breche gerade auf, ich bin nur ein paar Stunden entfernt. Bitte schick mir deine Adresse. Ich hoffe, du hast so kurzfristig Zeit. Liebe Gr��e, Sam</emphasis>.</p><p>Nachdem Sam das Handy wieder eingesteckt hatte, nahm er seine Schl�ssel und eilte zur Haust�r. Sie wartete bereits drau�en.</p><p>Als sie �ber den Rasen auf den BMW zusteuerten, sagte Sam: �Deine Karre gef�llt mir.�</p><p>Sie lie� die Schl�ssel vor seiner Nase baumeln und l�chelte.</p><p>�Danke�, erwiderte sie. �Daf�r habe ich lange gespart.�</p></section><section><p>
				
				16.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>W</emphasis>�hrend Caitlin und Caleb an der Reling standen und aufs Meer hinaussahen, k�ndigte die Schiffssirene das Ablegen der F�hre nach Martha�s Vineyard an. Aufgeregt blickte Caitlin in das aufgew�hlte Wasser hinunter. Sie liebte es, mit dem Schiff zu fahren, sie f�hlte sich dabei immer so gl�cklich und frei. Als sie das Auf und Ab der Wellen beobachtete, dachte sie daran, dass sie normalerweise jetzt in einem bl�den Klassenzimmer sitzen und dem langweiligen Gerede eines Lehrers lauschen w�rde. Stattdessen f�hlte sie sich erwachsen und unabh�ngig. Die Welt geh�rte ihr.</p><p>Dann warf sie Caleb einen Blick zu, in der Erwartung, ihn ebenfalls gl�cklich und zufrieden zu sehen, doch zu ihrem Erstaunen wirkte er ausgesprochen nerv�s. So hatte sie ihn noch nie erlebt.</p><p>Er war noch blasser als sonst, sodass sie sich fragte, ob ihm auf See �bel wurde oder ob er vielleicht nicht schwimmen konnte.</p><p>Um ihn zu beruhigen, legte sie ihre Hand auf seine. �Bist du okay?�</p><p>Z�gernd nickte er und schluckte, w�hrend er die Reling umklammerte und ins Wasser hinuntersah, als w�re es ein Feind.</p><p>�Was ist denn los?�, wollte sie wissen.</p><p>Erneut schluckte er.</p><p>�Wasser�, antwortete er blo� und umklammerte die Reling noch fester. �Vampire m�gen kein Wasser, vor allem nicht, wenn sie es �berqueren m�ssen. Die meisten von uns w�rden es nicht einmal versuchen.�</p><p>Pr�fend horchte Caitlin in sich hinein, stellte aber erneut fest, dass sie sich absolut wohlf�hlte. Das lag wahrscheinlich daran, dass sie kein richtiger Vampir war.</p><p>�Warum ist das so?�, fragte sie.</p><p>�Das Wasser schw�cht uns�, erkl�rte er. �Eine gr��ere Wasserfl�che ist ein Energiefeld, das beim �berqueren unsere Sinne schw�cht. Wir k�nnen nicht mehr so gut Gedanken lesen und andere Personen nicht mehr so gut beeinflussen. Unsere Wahrnehmung ist beeintr�chtigt. Gewisserma�en ist das wie ein Neustart � wir verlieren die Macht und die Sicherheit, die wir auf festem Boden hatten.�</p><p>Pl�tzlich sp�rte Caitlin, wie Rose sich tiefer in ihre Jacke zur�ckzog. Sie zitterte und hatte ganz offensichtlich ebenfalls Angst. Beruhigend kraulte Caitlin ihr den Kopf.</p><p>Auf der gro�en F�hre befanden sich nur wenige Fahrg�ste, an Deck war praktisch niemand. Sie konnten sich gl�cklich sch�tzen, dass die F�hre zu dieser Jahreszeit �berhaupt in Betrieb war. Die kalte M�rzluft in Verbindung mit den Nebelschwaden �ber dem Wasser lud nicht gerade zu einem Ausflug ein.</p><p>�M�chtest du hineingehen?�, fragte sie.</p><p>Er sah aufs Wasser hinaus.</p><p>�Wenn es dir nichts ausmacht�, antwortete er schlie�lich.</p><p>��berhaupt nicht, mir ist ohnehin kalt.�</p><p>Also gingen sie hinein und spazierten zwischen den leeren Sitzreihen hindurch. Sie entschieden sich f�r zwei Pl�tze nebeneinander direkt an einem Fenster.</p><p>Neugierig streckte Rose den Kopf aus Caitlins Jacke, dann jaulte sie leise.</p><p>�Ich glaube, sie hat Hunger�, meinte Caitlin. �Was fressen kleine Wolfswelpen eigentlich?�</p><p>Caleb grinste. �Keine Ahnung. Vielleicht Gummib�rchen?�</p><p>Caitlin erwiderte sein L�cheln. �Dann werde ich mal sehen, was es im Kiosk zu kaufen gibt. Willst du auch etwas?�</p><p>Abwehrend sch�ttelte Caleb den Kopf; er sah immer noch ein bisschen seekrank aus.</p><p>Caitlin �berflog das Angebot an Knabberzeug und S��igkeiten im Kiosk. Dann bestellte sie einen Hotdog f�r Rose, ein Snickers f�r sich selbst und auch eins f�r Caleb, f�r den Fall, dass er es sich anders �berlegen sollte.</p><p>Als sie gezahlt hatte und gerade zur�ckgehen wollte, hielt sie pl�tzlich inne. Eine Brosch�re, die an der Wand hing, hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Beim Lesen erstarrte sie vor Verbl�ffung � sie konnte kaum glauben, was dort stand.</p><p>Kurzerhand riss sie die Brosch�re ab und eilte die Sitzreihen entlang.</p><p>Atemlos hielt sie Caleb das Faltblatt vor die Nase.</p><p>Er warf einen Blick darauf, stutzte und sah genauer hin. Dann klappte ihm die Kinnlade herunter.</p><p>Die Brosch�re war ein Werbeprospekt f�r Martha�s Vineyard, und unter den Sehensw�rdigkeiten war unter anderem auch das Vincent House aufgelistet.</p></section><section><p>
				
				17.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>S</emphasis>am sa� auf dem Beifahrersitz des BMW, w�hrend sie die Interstate entlangrasten. Da fuhr er nun in einem neuen BMW durch die Gegend und lehnte sich bequem zur�ck, neben sich eine scharfe Braut � er f�hlte sich wie in einem Traum. Und es war <emphasis>ihr</emphasis> Auto, und <emphasis>sie</emphasis> fuhr. Sie war ja ohnehin schon sexy, aber das hier machte sie so richtig sexy. Wie in einem James-Bond-Film. Solche Sachen passierten ihm normalerweise einfach nicht. Die M�dchen wollten sonst nicht einmal mit ihm reden. Und die wenigen Versuche, die er unternommen hatte, um eine abzuschleppen, waren nicht sonderlich gut gelaufen.</p><p>Mit ihr dagegen wurde es immer besser, denn sie besa� nicht nur ein tolles Haus und einen hei�en Schlitten, sondern liebte es offensichtlich, einfach draufloszufahren � genau wie er. Beide hatten sie die Fenster ge�ffnet, und es versprach ein warmer M�rztag zu werden. Als im Radio Coldplay lief, streckte Sam die Hand aus und drehte die Lautst�rke hoch. Gespannt wartete er, ob sie das Radio leiser stellen oder den Sender wechseln w�rde, doch stattdessen machte sie die Musik blo� noch lauter. Er konnte sein Gl�ck kaum fassen.</p><p>W�hrend er aus dem Fenster sah und die B�ume beobachtete, die drau�en vorbeiflogen, fragte er sich, wie das Treffen mit seinem Dad wohl verlaufen w�rde. Irgendwie war es unfassbar, dass das hier tats�chlich passierte. Nach der jahrelangen Suche w�rde er ihn nun endlich in wenigen Stunden wiedersehen. Kaum zu glauben, dass sein Dad all die Jahre so nahe gewesen war. In Connecticut, nur ein paar Autostunden entfernt. Seine Adresse hatte er ihm mittlerweile geschickt, er schien sich auf den Besuch zu freuen.</p><p>Wie er wohl aussah? Wahrscheinlich war er ein cooler Typ, gro�, unrasiert, mit l�ngeren Haaren und einem Motorrad. Vielleicht war er t�towiert, vielleicht hatte er sogar Piercings. Sam fragte sich, wie das Haus aussehen mochte, in dem er wohnte. Bestimmt war es ein tolles gro�es Haus, m�glicherweise sogar direkt am Wasser gelegen. In Sams Vorstellung k�nnte er auch ein ehemaliger Rockstar sein.</p><p>Er malte sich aus, wie sie eine lange, von B�umen ges�umte Zufahrt entlangfuhren und vor der Haust�r hielten. Sein Dad w�rde die T�r �ffnen, hinauseilen und strahlen, wenn er Sam entdecken w�rde. Als N�chstes w�rde sein Dad ihn fest in die Arme schlie�en. Und um Verzeihung bitten.</p><p><emphasis>Es tut mir so leid, mein Sohn. In all den Jahren habe ich st�ndig versucht, dich aufzusp�ren, doch ich konnte dich nicht finden. Jetzt wird alles anders. Du wirst hier bei mir wohnen.</emphasis></p><p>Bei diesen Gedanken musste Sam unwillk�rlich l�cheln. Er konnte seine Begeisterung kaum noch z�geln. Ob der heutige Tag wohl einen Neubeginn f�r ihn bedeuten w�rde? Ja, je mehr er dar�ber nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien es ihm. Vielleicht w�rde er gar nicht mehr nach Oakville zur�ckkehren. Vielleicht w�rde er direkt dort bleiben und bei seinem Vater einziehen. Endlich w�rde er Halt finden, und jemanden, der ihn wirklich gernhatte und sich um ihn k�mmerte, tagein, tagaus. Das w�rde super werden. Heute war der erste Tag seines neuen Lebens.</p><p>Schlie�lich richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Samantha � sie hatte das Fenster heruntergelassen, und ihre langen, roten Haare wehten ihm Fahrtwind. Sie war so sexy, so cool. Was sie wohl an ihm fand? Warum machte sie sich Gedanken um ihn und um seinen Dad, warum fuhr sie mit ihm dorthin? Vermutlich war sie einfach unternehmungslustig, genau wie er, immer auf der Suche nach etwas Neuem.</p><p>Ob es wohl passend war, in ihrer Begleitung aufzukreuzen? Doch je l�nger er dar�ber nachgr�belte, desto toller fand er die Vorstellung. Er w�rde dadurch cooler wirken, als er eigentlich war. Sein Dad w�re bestimmt beeindruckt, wenn er mit einem so attraktiven M�dchen auftauchte. Vielleicht w�rde er ihm sogar anerkennend zunicken.</p><p>Dann fragte er sich, was Samantha wohl tun w�rde, nachdem er bei seinem Dad eingezogen war. W�rde sie in der N�he bleiben? Oder w�rde sie wieder fahren? Nat�rlich w�rde sie fahren, schlie�lich hatte sie ja gerade erst dieses Haus in Oakville gekauft. Sie musste zur�ckkehren. Was w�rde dann aus ihnen beiden werden?</p><p>Nerv�s biss Sam sich auf die Unterlippe und fragte sich, wie die Dinge sich wohl entwickeln w�rden. Wenn sein Dad wollte, dass er zu ihm zog, w�rde er auf jeden Fall zustimmen. Doch eigentlich wollte er Samantha nicht so bald wieder verlieren.</p><p>Nun gut, darum w�rde er sich k�mmern, wenn es so weit war. Im Moment war ihm einfach alles zu viel, deshalb w�rde er jetzt einfach die Autofahrt und diesen Moment genie�en.</p><p>Der Wagen brummte kraftvoll, als Samantha in den sechsten Gang schaltete. Der Tacho zeigte mehr als einhundertsiebzig Stundenkilometer an. Sam war begeistert und absolut fasziniert. Ob sie ihn wohl auch einmal fahren lassen w�rde? Zwar hatte er noch keinen F�hrerschein, aber irgendetwas sagte ihm, dass ihr das ohnehin egal w�re.</p><p>Schlie�lich fasste er sich ein Herz und fragte: �Meinst du, ich k�nnte auch mal fahren?�</p><p>Samantha warf ihm einen Blick zu und l�chelte. Ihre perfekten Z�hnen leuchteten.</p><p>�Meinst du, du kriegst das hin?�</p></section><section><p>
				
				18.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>I</emphasis>n Edgartown, einem kleinen St�dtchen im S�dosten von Martha�s Vineyard, verlie�en Caleb und Caitlin die F�hre. Als sie die Gangway hinuntergingen, fiel Caitlin auf, dass sowohl Caleb als auch Rose erleichtert waren, wieder festen Boden unter den F��en zu haben. Vorsichtig streckte der kleine Wolf seinen Kopf heraus, schn�ffelte und sah sich neugierig um.</p><p>Erneut betrachtete Caitlin die Brosch�re, die sie in der Hand hielt. Darin wurden die Touristen eingeladen, historische Sehensw�rdigkeiten auf der Insel Martha�s Vineyard zu erkunden. Gegen Ende der Liste war aufgef�hrt: <emphasis>The Vincent House, erbaut 1672</emphasis>.</p><p>Nach dieser Entdeckung hatten sie beschlossen, ihren Plan zu �ndern und zuerst dem Vincent House einen Besuch abzustatten. Die Aquinnah-Klippen konnten warten. Schlie�lich lautete die Gravur auf dem Schl�ssel <emphasis>Vincent House</emphasis>, also war diese Spur konkreter als die Klippen � vielleicht m�ssten sie die Klippen nun auch gar nicht mehr aufsuchen. Den Schl�ssel bewahrte Caitlin sicher in ihrer Tasche auf. Zum wiederholten Mal tastete sie danach, sp�rte das Metall unter ihren Fingern und war beruhigt.</p><p>Caleb und Caitlin spazierten die lange Mole entlang, die fast menschenleer war. Sie hatten die Insel praktisch f�r sich. Trotz der k�hlen Jahreszeit war es w�hrend der �berfahrt sp�rbar w�rmer geworden, und inzwischen war es sogar ungew�hnlich warm, knapp zwanzig Grad. Caitlin schwitzte und h�tte gerne eine Schicht ihrer warmen Kleidung ausgezogen.</p><p>Als sie an sich hinuntersah, stellte sie peinlich ber�hrt fest, dass sie immer noch die Sachen trug, die sie vor einigen Tagen bei der Heilsarmee erstanden hatte. Sie h�tte liebend gern etwas anderes angezogen, doch sie hatte kein Geld. Und Caleb konnte sie nicht fragen.</p><p>Offensichtlich fand Caleb es ebenfalls warm, denn er zerrte an seinem Kragen herum. Die Temperatur f�hlte sich nach Sp�tfr�hling an, nicht nach M�rz. Die Sonne strahlte vom Himmel und wurde vom Wasser reflektiert.</p><p>Pl�tzlich sah Caleb sie an und schlug vor, als h�tte er ihre Gedanken gelesen: �Lass uns ein paar neue Klamotten f�r dich kaufen.� Noch bevor sie etwas erwidern konnte, f�gte er hinzu: �Mach dir keine Gedanken. Ich habe eine Kreditkarte mit unbeschr�nktem Kreditrahmen.� Dann grinste er ein bisschen verlegen. �Das ist einer der Vorteile, wenn man Tausende von Jahren lebt: Man h�uft ein Verm�gen an.�</p><p>Erneut staunte Caitlin dar�ber, wie er immer wieder ihre Gedanken erraten konnte. Einerseits fand sie das angenehm, andererseits machte sie sich Sorgen dar�ber, wie viel er eigentlich wusste. Kannte er etwa auch ihre tiefsten Gedanken und Gef�hle? Hoffentlich nicht. Selbst wenn es so sein sollte, hatte sie jedoch das Gef�hl, dass er in der Lage w�re, seine F�higkeit zu steuern. Er w�rde sie bestimmt nicht ausspionieren.</p><p>�Wenn du meinst ��, erwiderte Caitlin z�gernd. �Und wenn du mich den Betrag eines Tages zur�ckzahlen l�sst.�</p><p>Er nahm ihre Hand, und sie gingen die Hauptstra�e des malerischen St�dtchens entlang. Trotz des wundersch�nen Wetters waren kaum Menschen unterwegs � Caitlin vermutete, dass das an der Jahreszeit lag. Offensichtlich war das Touristengesch�ft saisonabh�ngig, sodass sie praktisch die ganze Stadt f�r sich hatten.</p><p>Sie hatte noch nie einen sch�neren Ort gesehen. Alles war so sauber und perfekt instand gehalten. Die kleinen, historischen H�user waren entz�ckend. Man f�hlte sich in die Anfangsjahre des neunzehnten Jahrhunderts zur�ckversetzt. Das St�dtchen wirkte wie ein stilles Kunstwerk.</p><p>Das Einzige, was diese Illusion zerst�rte, waren die modernen Gesch�fte. Caitlin nahm an, dass im Sommer bestimmt alle L�den ge�ffnet waren und sich jede Menge wohlhabende K�ufer darin dr�ngten. Wahrscheinlich k�nnte sie es sich normalerweise gar nicht leisten, hier einzukaufen. Sie hatte wirklich Gl�ck, jetzt mit Caleb hier zu sein, noch dazu an einem so wundersch�nen Tag!</p><p>Verz�ckt schloss sie die Augen und atmete die Fr�hlingsluft ein. Beinahe konnte sie sich vorstellen, mit Caleb irgendwann in einem vergangenen Jahrhundert hier gelebt zu haben. Wie sch�n w�re es, sich hier niederzulassen und ein ganz normales Leben zu f�hren. Aber sie wusste, dass das nicht m�glich war.</p><p>�Sollen wir das Vincent House suchen?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>�Ja, sp�ter�, entgegnete er. �Erst mal kleiden wir dich neu ein.�</p><p>Caleb f�hrte sie in das einzige Gesch�ft, das ge�ffnet hatte: Lily Pulitzer.</p><p>Die Glocke �ber der alten T�r bimmelte, als sie eintraten, und die Verk�uferin freute sich ganz offensichtlich, endlich Kunden zu haben. Schnell legte sie ihre Zeitung zur Seite, eilte herbei und begr��te sie ausgesprochen liebensw�rdig.</p><p>Bevor Caitlin herumst�berte, reichte sie Rose an Caleb weiter. Die Verk�uferin war entz�ckt.</p><p>�Was f�r ein s��er Welpe!�, staunte sie mit gro�en Augen. �Ist das ein Husky?�</p><p>Am�siert l�chelte Caleb ihr zu. �So etwas in der Art�, antwortete er.</p><p>Zehn Minuten sp�ter verlie�en sie das Gesch�ft. Caitlin war von Kopf bis Fu� neu eingekleidet und f�hlte sich wie ein neuer Mensch. Als sie an sich hinuntersah, musste sie fast laut lachen. Die Kleidung war absolut untypisch f�r sie. Jetzt war sie von einem Extrem ins andere gefallen: von der Heilsarmeekleidung hin zu einem Traum in Pastellt�nen. Sie war herausgeputzt mit einer lindgr�nen Jeans, einem rosa T-Shirt, einem blasslila Kaschmirpulli und einem lindgr�nen Mantel. Nicht, dass sie es sich gro� h�tte aussuchen k�nnen � nur dieses eine Gesch�ft war ge�ffnet, und in ihrer Gr��e war sonst nichts mehr da gewesen. Aber der Mantel passte ihr gut und besa� eine Innentasche, die gerade eben gro� genug f�r ihr Tagebuch war. Zu dem Outfit hatten sie Ballerinas erstanden, die mit goldenen Pailletten besetzt waren. Jetzt sah Caitlin aus, als w�re sie einem Lily-Pulitzer-Katalog entstiegen.</p><p>Nun ja, wenn sie schon mitten in einen Vampirkrieg geraten w�rde, w�re sie zumindest modisch gekleidet. Und wahrscheinlich w�re sie der einzige Vampir, der <emphasis>nicht</emphasis> schwarz gekleidet war.</p><p>L�chelnd dachte sie an den �berraschten Gesichtsausdruck der Verk�uferin, als sie sie gebeten hatte, ihre alten Klamotten einfach zu entsorgen. Bestimmt kam so etwas nicht jeden Tag vor.</p><p>Irgendwie gefiel sie sich. Zwar war es nicht die Kleidung, die sie ausgew�hlt h�tte, um diese Reise mit Caleb zu unternehmen. Daf�r h�tte sie schwarze Kleidung vorgezogen, vielleicht eine Lederjacke mit hohem Kragen im Gothic-Stil. Aber es war trotzdem in Ordnung. Ihre Kleidung war neu, und daf�r war sie dankbar.</p><p>�Vielen Dank, Caleb�, sagte sie, als sie das Gesch�ft verlie�en. Das meinte sie absolut ernst. Noch nie in ihrem Leben hatte ein Mann ihr Kleider gekauft, und schon gar nicht so h�bsche. Er hatte keine Ahnung, wie dankbar sie ihm war und wie gut es sich anf�hlte, dass jemand sich so um sie k�mmerte und sorgte.</p><p>W�hrend sie die Stra�e entlangschlenderten, nahm er l�chelnd ihre Hand. Ihr war ein wenig warm in ihrem neuen Outfit, aber bei den milden Temperaturen war das ja auch nicht verwunderlich. Lieber ein bisschen zu warm als zu kalt.</p><p>Sie hatten die Verk�uferin nach dem Vincent House gefragt und waren freudig �berrascht gewesen, dass die Frau nicht nur wusste, wo es sich befand, sondern dass ihr n�chstes Ziel sogar nur eine Stra�e entfernt war.</p><p>Zum ersten Mal hatten sie es nicht eilig, als sie in die angewiesene Richtung spazierten. Ausnahmsweise lie�en sie sich Zeit � sie hatten beide das Gef�hl, dass die Dinge sich ohnehin wieder zuspitzen w�rden, sobald sie das Haus erreichen und den n�chsten Hinweis finden w�rden. Au�erdem waren sie so m�de, dass sie gar keine Lust hatten, sich zu beeilen. Einerseits waren sie nat�rlich neugierig auf den n�chsten Hinweis, andererseits war ihnen jedoch bewusst, dass sich ihr Leben dadurch bald schon unwiderruflich ver�ndern w�rde. Und das w�rde wahrscheinlich mit sich bringen, dass sich ihre Wege trennen w�rden.</p><p>Caitlin setzte Rose auf den Boden und erlaubte ihr, neben ihnen herzulaufen. Zufrieden stellte sie fest, dass der kleine Wolf brav bei ihnen blieb und nicht davonlief. Einmal rannte er zu einem kleinen Grasfleck und erleichterte sich, kehrte jedoch gleich wieder zu ihnen zur�ck. Seine Wunde schien zu verheilen, er hinkte kaum noch. Als Caitlin sich b�ckte, um Rose ein kleines St�ck Hotdog zu geben, fra� sie es vergn�gt auf.</p><p>Sie passierten eine gro�e, historische Kirche, gingen einen wei�en Palisadenzaun entlang und bogen dann in einen Fu�weg ein, der durch tadellos gepflegte Parkanlagen f�hrte. Trotz der Jahreszeit war der Rasen gr�n und kr�ftig. Auf einer Seite lag eine prachtvolle Walfang-Kirche, auf der anderen Seite eine riesige Walf�nger-Villa aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, an deren R�ckseite sich eine gro�e Veranda befand. Auf dem Schild stand: <emphasis>The Daniel Fisher House</emphasis>. Noch nie hatte Caitlin ein sch�neres Haus gesehen. Wie sch�n w�re es, hier zu wohnen! Als sie mit Caleb Hand in Hand durch den Park schlenderte, w�hrend Rose neben ihnen herlief, f�hlte es sich fast so an, als w�ren sie nach Hause gekommen.</p><p>Nachdem sie dem Fu�weg noch hundert Meter weiter gefolgt waren, stie�en sie schlie�lich auf ein kleines, historisches Geb�ude, das ein wenig zur�ckversetzt lag. Auf der Hinweistafel war zu lesen: <emphasis>The Vincent House, 1672.</emphasis></p><p>Caleb und Caitlin starrten auf das Haus. Es machte nicht viel her � es war klein und niedrig, hatte nur wenige winzige Fenster und sah wie ein typisches Bauwerk aus dem siebzehnten Jahrhundert aus. In dem bescheidenen Holzbau konnten kaum mehr als ein oder zwei Schlafzimmer Platz finden. Damit entsprach es nicht gerade Caitlins Erwartungen.</p><p>Gespannt gingen sie auf die Haust�r zu. Caleb streckte die Hand aus und drehte am T�rknauf, doch die T�r war verschlossen.</p><p>�Hallo?�, rief jemand. �Kann ich Ihnen helfen?�</p><p>Als sie sich umdrehten, entdeckten sie eine Frau in den Sechzigern, die tadellos gekleidet war und sich ihnen gesch�ftsm��ig mit strengem Blick n�herte.</p><p>Caleb stie� Caitlin an und sagte: �Diesmal bist du an der Reihe. Versuch, ihr Denken zu manipulieren. Du kannst es. Diese F�higkeit haben die Vampire den Menschen voraus. Bei dir ist sie noch nicht vollst�ndig entwickelt, aber du hast definitiv einige Macht. �be an dieser Frau. Beeinflusse sie. Bleib ganz ruhig und lass zu, dass ihre Gedanken zu deinen Gedanken werden. Lass zu, dass deine Gedanken zu ihren werden. Leg ihr nahe, was sie tun muss. Sie muss es aussprechen. Du musst es einfach nur zulassen.�</p><p>Die Frau kam n�her und rief ihnen erneut etwas zu: �Das Haus ist momentan geschlossen, wie es auch auf der Tafel steht. Ich f�rchte, Sie m�ssen w�hrend der Saison wiederkommen. Bis dahin gibt es keine F�hrungen, weil Restaurierungsarbeiten durchgef�hrt werden.� Dann warf sie einen Blick auf Rose. �Und Hunde d�rfen sowieso auf gar keinen Fall in das Haus.�</p><p>Inzwischen war die Frau bis auf wenige Schritte herangekommen, stemmte die H�nde in die H�ften und sah sie streng an. Dabei wirkte sie wie eine unnachgiebige Lehrerin.</p><p>Rose blickte zu ihr auf und knurrte leise.</p><p>Auffordernd sah Caleb Caitlin an.</p><p>Caitlin wiederum drehte sich etwas nerv�s zu der Frau um. Da sie das hier noch nie ausprobiert hatte, war sie sich nicht sicher, ob sie es konnte.</p><p><emphasis>Okay</emphasis>, dachte sie, <emphasis>dann mal los</emphasis>.</p><p>Konzentriert starrte sie die Frau an und versuchte, ihre Gedanken zu ersp�ren. Sie erkannte ihren starken Willen und ein hohes Ma� an Unnachgiebigkeit. Diese Person war nicht leicht zu kontrollieren. Sie sp�rte ihre Entr�stung und ihre Ver�rgerung, ihr Beharren auf ein Einhalten der Vorschriften. Caitlin lie� zu, dass die Gedanken zu ihren wurden.</p><p>Als N�chstes versuchte sie, ihr einen Gedanken zuzusenden. Dabei schlug sie vor, dass es in Ordnung sei, die Vorschriften auch mal ab und zu au�er Kraft zu setzen und ein Auge zuzudr�cken. Und dass sie die beiden Besucher ruhig einlassen k�nnte.</p><p>Gespannt fragte sich Caitlin, ob es wohl funktionieren w�rde. Doch die Frau erwiderte ihren Blick weiterhin mit einem ver�rgerten Gesichtsausdruck. Anscheinend klappte der Versuch nicht.</p><p>�Vielen Dank�, sagte Caitlin sehr freundlich. �Es war nett, Sie kennenzulernen. Wir sind Ihnen so dankbar, dass Sie f�r uns eine Ausnahme machen, nur dieses eine Mal, und dass wir uns das Haus allein ansehen d�rfen.�</p><p>Streng erwiderte die Frau ihren Blick.</p><p>�Das habe ich nicht gesagt!�, widersprach sie mit Nachdruck.</p><p>Doch Caitlin atmete tief ein, schloss die Augen und konzentrierte sich.</p><p>Dann schlug sie die Augen wieder auf und sah die Frau erneut an.</p><p>Nach vollen zwei Sekunden wurden die Augen der Frau allm�hlich glasig. Schlie�lich sagte sie: �Wissen Sie was � Ich denke, es kann nicht schaden, wenn ich mal eine Ausnahme mache. Ich w�nsche Ihnen viel Spa�.�</p><p>Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und ging davon.</p><p>Freudig erregt drehte Caitlin sich zu Caleb um. Ihre eigenen F�higkeiten verbl�fften sie, sie war richtig stolz auf sich. Caleb schenkte ihr ein anerkennendes L�cheln.</p><p>�Wende diese F�higkeit nur an, wenn es unbedingt sein muss�, ermahnte er sie, �und auch nur auf eine Weise, die anderen keinen Schaden zuf�gt. Das ist es n�mlich, was die guten Vampire von den b�sen unterscheidet.�</p><p>Aufgeregt zog Caitlin den kleinen silbernen Schl�ssel aus der Tasche. Doch als sie ihn in das Haust�rschloss stecken wollte, stellte sie entt�uscht fest, dass er nicht passte.</p><p>�Er passt nicht�, seufzte sie.</p><p>Auch Caleb probierte es, aber ebenfalls erfolglos.</p><p>Schlie�lich runzelte er frustriert die Stirn. �Du hast recht.� Dann sah er sich suchend um. �Vielleicht gibt es noch einen Eingang.�</p><p>Als sie ums Haus gingen, fanden sie eine weitere T�r. Erneut probierte Caleb den Schl�ssel aus, aber wieder passte er nicht.</p><p>�Vielleicht ist das gar kein T�rschl�ssel�, meinte Caitlin. �Vielleicht geh�rt er zu etwas anderem, etwas, das sich <emphasis>im</emphasis> Haus befindet.�</p><p>�Nun, ich denke, wir haben keine Wahl�, erkl�rte er. Verstohlen sah er sich um und brach dann schnell das Schloss auf.</p><p>Hastig betraten sie das Haus und schlossen die T�r hinter sich.</p><p>Im Haus war es ziemlich d�ster, denn durch die kleinen Fenster drang nur wenig Licht. Die Decken waren niedrig, sodass Caleb beinahe den Kopf einziehen musste. Alles war aus Holz: Holzdecken, Holzpfosten, Holzdeckenbalken und Holzdielen. Mitten im Raum befand sich eine riesige, gemauerte Feuerstelle. Das Haus war in einem perfekten Zustand � sie hatten das Gef�hl, eine Zeitreise ins Jahr 1672 unternommen zu haben.</p><p>Die Holzdielen knarrten, als sie durch das ganze Haus wanderten und in jede Ecke und jeden Winkel blickten. Auch das Mobiliar unterzogen sie einer genauen Pr�fung. Allerdings fanden sie nichts, wozu der Schl�ssel passen k�nnte. Vielmehr war es so, dass sie �berhaupt keine Verstecke finden konnten.</p><p>Die beiden machten nochmals einen Rundgang und trafen sich dann in der Mitte wieder.</p><p>�Hast du etwas gefunden?�, fragte Caleb.</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Und du?�</p><p>Er sch�ttelte ebenfalls den Kopf.</p><p>Pl�tzlich h�rten sie ein Ger�usch und fuhren aufgeschreckt herum.</p><p>Die Haust�r ging auf, und ein gro�er, schwarz gekleideter Mann in den F�nfzigern stand auf der Schwelle. Dann kam er ins Haus.</p><p>Kurz vor Caleb blieb er schlie�lich stehen und starrte ihn an.</p><p>Caleb erwiderte seinen Blick.</p><p>�Caleb?�, fragte der Mann nach einer Weile.</p><p>Calebs Gesichtsausdruck wurde weicher.</p><p>�Roger?�, fragte er zur�ck.</p><p>Auf einmal l�chelten die beiden M�nner und umarmten sich herzlich. Es dauerte mehrere Sekunden, bis sie sich wieder loslie�en.</p><p><emphasis>Wer ist das denn?</emphasis>, dachte Caitlin.</p><p>Roger fing an zu lachen � ein tiefes, warmes und freundliches Lachen. Nun hielt er Caleb an den Schultern fest und betrachtete ihn genau. Obwohl Caleb gro� war, �berragte Roger ihn deutlich.</p><p>�Verdammt noch mal!�, rief Roger. �Wie lange haben wir uns schon nicht mehr gesehen � hundertf�nfzig Jahre?�</p><p>�Eher um die zweihundert�, erwiderte Caleb.</p><p>Wer auch immer dieser Mann sein mochte, er hatte ganz offensichtlich eine wichtige Rolle in Calebs Leben gespielt.</p><p>Jetzt drehte Caleb sich um und streckte die Hand nach Caitlin aus. �Entschuldige bitte meine Unh�flichkeit�, sagte er. �Roger, darf ich dir Caitlin Paine vorstellen?�</p><p>Roger verbeugte sich leicht. �Nett, dich kennenzulernen, Caitlin.�</p><p>Caitlin erwiderte sein L�cheln. �Ganz meinerseits. Woher kennt ihr euch denn, ihr zwei?�</p><p>�Oh�, entgegnete Roger grinsend, �sagen wir einfach, wir kennen uns schon sehr lange.�</p><p>�Roger geh�rt zu meinen �ltesten Freunden�, warf Caleb ein. �Er hat mir schon ein- oder zweimal das Leben gerettet.�</p><p>�Schon �fter�, lachte Roger.</p><p>In dem Moment streckte Rose den Kopf aus Caitlins Jacke hervor, und Rogers Augen leuchteten auf. �Hallo, du kleines Kerlchen�, sagte er, trat n�her und streichelte Rose sanft.</p><p>Begeistert leckte der kleine Wolf ihm die Hand.</p><p>�Woher hast du gewusst, dass wir hier sind?�, wollte Caleb wissen.</p><p>�Caleb, ich bitte dich�, erwiderte Roger, als l�ge die Antwort auf der Hand. �Das hier ist eine Insel. Ich habe dich schon von Weitem gerochen.�</p><p>�Also hast du schon Bescheid gewusst, sobald wir die F�hre verlassen hatten�, meinte Caleb mit einem L�cheln. �Und du hast abgewartet, wohin ich gehen w�rde.�</p><p>�Nat�rlich�, best�tigte Roger. �H�ttest du es nicht genauso gemacht? Allerdings habe ich mir schon gedacht, dass du hierherkommen w�rdest.�</p><p>Bed�chtig blickte Caleb sich in dem Raum um. �Warum?�</p><p>�Es gibt nur einen einzigen Grund, warum einer von uns zum Vincent House kommen w�rde. Das Schwert, habe ich recht? Du bist doch hinter dem Schwert her, oder etwa nicht?�</p><p>Z�gernd wechselten Caitlin und Caleb einen Blick.</p><p>�Gut m�glich�, antwortete Caleb vorsichtig.</p><p>�Wei�t du�, erkl�rte Roger dann, �die Sache mit dem Schwert ist die: Nur die Person, der es vorherbestimmt ist, das Schwert zu finden, wird es auch tats�chlich finden. Also der oder die <emphasis>Auserw�hlte</emphasis>. Zuf�llig wei� ich, dass du das nicht bist. Und was deine Freundin angeht, bei allem Respekt � Na ja, ich will nicht vorschnell urteilen, aber wenn sie nicht ��</p><p>Schnell griff Caitlin in die Tasche und zog den kleinen, silbernen Schl�ssel heraus.</p><p>Sprachlos starrte Roger ihn einige Sekunden lang an.</p><p>�Mein Gott�, fl�sterte er dann.</p><p>Als br�uchte er eine Best�tigung, blickte er Caleb fragend an. Caleb nickte.</p><p>Roger atmete tief ein.</p><p>�Nun�, fuhr er in einem ganz anderen Ton fort, �das �ndert nat�rlich alles.�</p><p>Kopfsch�ttelnd musterte er Caitlin.</p><p>�Das h�tte ich nie gedacht�, meinte er dann.</p><p>�Dann wei�t du also, wo es sich befindet?�, fragte Caleb.</p><p>Roger nickte. �Nicht hier�, antwortete er.</p><p>Erneut wechselten Caitlin und Caleb einen Blick.</p><p>�Dieser Schl�ssel�, erkl�rte Roger, �war einmal richtig, aber jetzt nicht mehr. Er ist ein K�der. Das Schwert ist nicht mehr im Vincent Haus. Dieses Haus ist jetzt nur noch ein Ort, den man aufsuchen muss.�</p><p>V�llig verwirrt sah Caitlin ihn an.</p><p>�Aber ��, setzte sie an.</p><p>�Das Vincent House wurde an diesem Ort wiederaufgebaut, es wurde umgezogen�, fuhr Roger fort. �Kennt ihr denn seine Geschichte nicht?�</p><p>Caitlin sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Caleb, ich bin ehrlich entt�uscht von dir � du l�sst nach�, sagte Roger tadelnd. �Das Vincent House stand urspr�nglich an einem anderen Ort. Erst vor zweihundert Jahren haben wir es hier wieder aufgebaut. Der Rat hatte sich Sorgen wegen der Sicherheit gemacht. Also haben sie den Gegenstand aus dem Haus herausgeholt und an einen sichereren Ort gebracht. Und sie haben jemanden beauftragt, ihn zu bewachen. Dieser Jemand bin ich.�</p><p>Aufmerksam musterte Caleb seinen Freund.</p><p>�Seit fast zweihundert Jahren warte ich darauf, dass jemand mit diesem Schl�ssel hier auftaucht�, fuhr Roger fort. Erneut sch�ttelte er den Kopf. �Nie h�tte ich gedacht, dass du das sein k�nntest.�</p><p>�Wirst du uns den Ort zeigen?�, fragte Caleb.</p><p>Der Mann warf ihm einen langen, harten Blick zu, dann sah er Caitlin an.</p><p>Schlie�lich hielt er ihr seine gro�e Hand hin.</p><p>�Darf ich mal sehen?�, bat er.</p><p>Fragend schaute Caitlin Caleb an. Der nickte.</p><p>Vorsichtig legte sie den kleinen, silbernen Schl�ssel in Rogers Handfl�che.</p><p>Staunend starrte er darauf. Dann hielt er den Schl�ssel ans Licht und drehte ihn um, um die Gravur auf der R�ckseite zu lesen. Schlie�lich sch�ttelte er zum wiederholten Male den Kopf.</p><p>�Verdammt�, sagte er dann. �Ich h�tte geschworen, dass er gr��er ist.�</p></section><section><p>
				
				19.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>I</emphasis>nzwischen sa� Samantha auf dem Beifahrersitz. Sie war beeindruckt, wie gut Sam mit dem Wagen zurechtkam � nicht schlecht f�r sein Alter. �berrascht stellte sie fest, wie gut er mit der Schaltung umgehen konnte, und verzieh ihm schnell das anf�ngliche Knirschen beim Einlegen der G�nge. Sobald er in den dritten geschaltet hatte, war er sogar richtig gut. Seine Aggressivit�t gefiel ihr, insbesondere als der Tacho hundertneunzig anzeigte. Er hatte die richtige Einstellung, das musste man ihm lassen.</p><p>Entspannt lehnte sie sich zur�ck und genoss die Fahrt. Nat�rlich waren sie viel langsamer, als wenn sie geflogen w�ren, aber f�r Menschen war die Reisegeschwindigkeit gar nicht so �bel. Bei dem Gedanken an den Besitzer des Autos, diesen Immobilienmakler � ihr Fr�hst�ck �, l�chelte sie zufrieden. Sein Blut floss immer noch durch ihre Adern, und es f�hlte sich gut an. Sie war erst einmal f�r eine Weile satt.</p><p>Nat�rlich h�tte sie den Jungen eigentlich nicht fahren lassen m�ssen, aber warum sollte er sich nicht ein bisschen am�sieren? Seine Tage waren ohnehin gez�hlt. Es war nur noch eine Frage von Stunden, bis sie seinen Vater treffen und herausfinden w�rde, wo sich dieses Schwert befand. Danach k�nnte sie die beiden aus dem Weg r�umen.</p><p>Doch irgendetwas nagte an ihr � unerkl�rlicherweise mochte sie diesen Jungen. Und das beunruhigte sie mehr als alles andere, denn sie konnte sich nicht entsinnen, in Hunderten von Jahren auch nur einen einzigen Menschen wirklich gemocht zu haben. Ganz zu schweigen von einem kleinen, dummen Teenager. Widerwillig musste sie zugeben, dass Sam etwas Besonderes war. Irgendwie schien eine Seelenverwandtschaft zwischen ihnen zu bestehen, etwas, das sie wiedererkannte. Schon bald hatte sie gesp�rt, dass er trotz seiner Jugend bereits viel herumgeschubst worden war. Wahrscheinlich resultierte daraus seine draufg�ngerische Art, seine Gleichg�ltigkeit gegen�ber der Welt � so als w�sste er, dass seine Tage gez�hlt waren, als w�re er bereit, stilvoll abzutreten. Und genau das gefiel ihr. Es erinnerte sie an eine Aff�re, die sie mit einem jungen Prinzen in Bulgarien gehabt hatte, irgendwann im vierzehnten Jahrhundert �</p><p>Vielleicht musste sie ihn ja nicht sofort umbringen, vielleicht k�nnte sie ihn noch ein bisschen l�nger leben lassen. Vielleicht sogar dann noch, wenn sie das Schwert gefunden hatte. Er k�nnte ihr Sklave sein, ein Spielzeug, mit dem sie tun konnte, was sie wollte. Vielleicht k�nnten sie sogar �</p><p>Abrupt brach sie ihren Gedankengang ab � sie war w�tend auf sich selbst. Wurde sie etwa allm�hlich sentimental?</p><p>Das kam nicht in Frage, schlie�lich musste sie sich auf die Aufgabe konzentrieren, die vor ihr lag. Auf seinen Vater. In K�rze w�rden sie ihr Ziel erreichen, in weniger als einer Stunde. Falls der Vater ein Vampir war, musste sie sich m�glicherweise auf einen Kampf einstellen, da er ihre Anwesenheit sofort sp�ren w�rde. H�chste Wachsamkeit war gefragt.</p><p>Sie w�rde tun, was getan werden musste; falls erforderlich w�rde sie sich auch auf einen Kampf um Leben und Tod einlassen. Dieser Mann war der Schl�ssel zum Schwert, der Schl�ssel zum Sieg ihres Clans. Und um diesen Sieg zu erringen, w�rde sie alles tun, gleichg�ltig, ob sie im Himmel oder in der H�lle landen w�rde.</p><p>***</p><p>W�hrend Sam sich vom Navigationsger�t des Wagens zur Adresse seines Vaters leiten lie� und sie ihrem Ziel immer n�her kamen, war er zunehmend irritiert. Er hatte sich vorgestellt, dass sein Vater in einem vornehmen Stadtteil an einer sch�nen Stra�e wohnte, nat�rlich in einem tollen Haus mit einem riesigen Grundst�ck.</p><p>Jetzt hatte er allerdings das Gef�hl, dass irgendetwas nicht stimmen konnte, denn das Navi verk�ndete, sie w�rden ihr Ziel nach etwa einer Meile erreichen. Sie fuhren gerade durch ein richtiges Kaff � eigentlich war es nicht einmal ein Dorf, sondern blo� eine lang gezogene, langweilige Landstra�e, an der hier und da Wohnwagen standen.</p><p>Als das Navi ihnen schlie�lich mitteilte, dass sie nun ein letztes Mal abbiegen m�ssten, traute Sam seinen eigenen Augen nicht. Auf einem gro�en Schild stand: <emphasis>Homestead Trailer Park</emphasis>.</p><p>Hier also lebte sein Dad. In einer Wohnwagensiedlung.</p><p>W�hrend sie langsam die unbefestigte Stra�e zwischen den Wohnwagen entlangrollten, von denen einer sch�biger aussah als der andere, sp�rte er, wie sich ein ungutes Gef�hl in seinem Magen ausbreitete. Das Gef�hl war ihm vertraut � es trat immer dann auf, wenn seine Tr�ume platzten. Wie bl�d von ihm, sich Hoffnungen zu machen. Was war er doch f�r ein Idiot!</p><p>Je weiter sie fuhren, desto geringer wurde die Anzahl der Wohnwagen. Als sie das Ende der Sackgasse erreichten, entdeckte er die gesuchte Nummer auf einem hellblauen Camper. Das winzige Gef�hrt war v�llig heruntergekommen. Die Fliegengittert�r hing schief in den Angeln, die kleinen Eingangsstufen waren kaputt, und das Unkraut rund um den Trailer wucherte kniehoch. Er lag etwas versteckt hinter einigen Str�uchern, aber das war nicht die Art von Privatsph�re, die Sam sich vorgestellt hatte.</p><p>Auf einmal war er sehr verlegen. Es war ihm schrecklich peinlich, dass er Samantha an diesen Ort gebracht hatte. Er w�nschte, er k�nnte einfach abhauen � oder sich zusammenrollen und sterben.</p><p>Er hielt an und schaltete die Z�ndung aus. Die beiden blieben erst einmal im Wagen sitzen und sahen sich an. Mindestens zum zehnten Mal �berpr�fte Sam das Navi, um sicherzugehen, dass die Adresse tats�chlich richtig war. Sie war es.</p><p>�Sollen wir aussteigen?�, fragte Samantha schlie�lich.</p><p>Sam wusste nicht, was er jetzt tun sollte. Was war das f�r ein Mann, der an einem derartigen Ort lebte? Was f�r ein Mensch war sein Dad blo�?</p><p>Am liebsten h�tte er den Motor gestartet und w�re einfach davongebraust. Doch irgendwie konnte er nicht.</p><p>Schlie�lich schluckte er, �ffnete die T�r und stieg aus. Samantha folgte seinem Beispiel.</p><p>Langsam n�herten sie sich dem Trailer. Nachdem sie die verrotteten Holzstufen hinaufgestiegen waren, �ffnete Sam die quietschende Fliegengittert�r.</p><p>Er atmete tief durch, hob die Hand und klopfte an.</p><p>Von drinnen kamen raschelnde Ger�usche. Sekunden sp�ter ging die T�r auf.</p><p>Und dann stand er vor ihm, sein Vater.</p></section><section><p>
				
				20.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>R</emphasis>oger f�hrte sie zur�ck auf den Weg, der durch die gepflegten Parkanlagen verlief, vorbei am Daniel Fisher House. Dann kehrten sie auf die Stra�e zur�ck, bogen einmal ab und erreichten die gro�e, historische Walfang-Kirche.</p><p>Als sie die Eingangsstufen hinaufstiegen, sahen sich Caleb und Caitlin verbl�fft an. Genau an dieser Kirche waren sie erst kurz zuvor vorbeigegangen.</p><p>Das Portal war verschlossen, doch Roger hatte einen Schl�ssel. Nachdem er aufgesperrt hatte, hielt er die T�r auf und lie� sie eintreten.</p><p>�Wir haben das Schwert nicht weit weggebracht�, sagte er l�chelnd und zwinkerte ihnen zu.</p><p>Als sie in der Kirche standen, schloss er das Portal wieder ab.</p><p>Caitlin war sprachlos. Die Kirche war atemberaubend, so hell und luftig, so wundersch�n in ihrer Schlichtheit � ganz anders als alle anderen Kirchen, die sie bisher betreten hatte. Es gab keine Kreuze, keine Heiligenfiguren, keine Dekoration, nicht einmal S�ulen oder Balken: Der Raum wirkte einfach dadurch, dass er so riesig und offen war und an allen Seiten gro�e, alte Fenster besa�. Es gab zahlreiche Reihen schlichter Holzb�nke, die Hunderte von Menschen fassen konnten. Der Ort strahlte Ruhe und Frieden aus.</p><p>�Das hier ist der gr��te Raum Amerikas mit einer hohen, offenen Decke�, erkl�rte Roger. �Keine S�ulen, keine Balken. Die Kirche wurde von meisterhaften Schiffsbauern erbaut. Und sie steht heute noch genauso sicher wie damals.�</p><p>�So verbringst du also jetzt deine Tage, Roger?�, fragte Caleb l�chelnd. �Indem du dich um eine alte Kirche k�mmerst?�</p><p>Roger erwiderte sein L�cheln. �Das ist auf jeden Fall besser, als dich st�ndig aus allen m�glichen schwierigen Situationen rauszuhauen�, entgegnete er. Dann seufzte er tief und lange. �Ich bin m�de, Caleb. Schlie�lich lebe ich schon viel l�nger als du, und ich habe es einfach gr�ndlich satt. Dieser Ort gef�llt mir. Er ist ruhig. Ich st�re niemanden, und niemand st�rt mich. St�ndig diese verdammten Kriege � ich habe genug davon. Clans, Politik � Ich ziehe es vor, allein zu leben. Mir gef�llt es hier. Ganz ehrlich, ich h�tte nie geglaubt, dass nach all den Jahren noch jemand kommen w�rde. Inzwischen dachte ich schon, dass es �berhaupt keinen Auserw�hlten gibt. Aber ganz offensichtlich habe ich mich geirrt.� Roger warf Caitlin einen Blick zu. �Und jetzt macht ihr mich arbeitslos.�</p><p>Er wandte sich an Caleb. �Bevor ich euch hinbringe, habe ich noch eine Bitte an dich.�</p><p>Caitlin fragte sich, was das wohl sein k�nnte. Wie hoch war der Preis f�r den Zugang zu solch einem wertvollen Gegenstand, den dieser Mann sein ganzes Leben lang bewacht hatte?</p><p>�Was immer du m�chtest, mein alter Freund�, erwiderte Caleb.</p><p>�Es ist schon so lange her, seit ich dich zuletzt spielen geh�rt habe�, sagte Roger leise.</p><p>Er deutete auf einen gro�en alten Fl�gel in einer Ecke der Kirche.</p><p>�Spiel die Path�tique, die 8. Klaviersonate von Beethoven. Den zweiten Satz, genau wie damals in Wien.�</p><p>�Das ist so lange her, Roger.�</p><p>Roger l�chelte �ber das ganze Gesicht. �Ich bin mir ganz sicher, dass du es nicht verlernt hast!�</p><p>Schlagartig wurde Caitlin bewusst, dass es noch sehr vieles gab, was sie von Caleb nicht wusste � und was sie wahrscheinlich auch nie erfahren w�rde. Ihm gegen�ber kam sie sich so jung vor. Caleb und Roger hatten im Laufe der Jahrhunderte viel mehr miteinander erlebt, als Caleb und sie je erleben konnten. Dieser Gedanke stimmte sie traurig. Sie w�nschte sich so sehr, unsterblich zu sein � ein richtiger Vampir, genau wie er �, damit sie f�r immer an seiner Seite bleiben konnte.</p><p>Gespannt beobachtete sie, wie Caleb langsam die leere Kirche durchquerte. Die Holzdielen knarrten unter seinen F��en. Dann stieg er die drei Stufen zu dem Holzpodium hinauf und n�herte sich dem Instrument. Vorsichtig zog er die Abdeckung von dem Steinway und nahm auf der Sitzbank Platz.</p><p>Nachdem er den Deckel aufgeklappt hatte, blieb er ganz still sitzen und starrte auf die Tasten.</p><p>Schlie�lich schloss er die Augen. Caitlin fragte sich, was er wohl dachte, welche Erinnerungen jetzt gerade in ihm wach wurden. Nach einer Weile dachte sie, er h�tte seine Meinung ge�ndert und w�rde �berhaupt nicht spielen.</p><p>Doch dann legte er die H�nde auf die Tasten und begann.</p><p>Er spielte wundersch�n.</p><p>Die T�ne stiegen in der gro�en, leeren Kirche auf, wurden von den W�nden zur�ckgeworfen und erf�llten den ganzen Raum.</p><p>So eine Musik hatte Caitlin noch nie geh�rt. Ihr kamen die Tr�nen, am liebsten h�tte sie den Moment festgehalten.</p><p>Der Gedanke, dass Caleb so viele Facetten besa�, die sie wahrscheinlich niemals kennenlernen w�rde, machte sie unendlich traurig. Doch es blieb ihr nichts anderes �brig, als diese Tatsache zu akzeptieren. Sie musste lernen, die kurze Zeit mit ihm zu nutzen und gl�cklich zu sein.</p><p>Das Klavierspiel lie� sie pl�tzlich an Jonah denken � sie hatte schon lange nicht mehr an ihn gedacht, und auch das machte sie traurig. Wenn sie mit Caleb zusammen war, war kein Platz mehr f�r Jonah. Doch tief in ihrem Unterbewusstsein war er immer da, obwohl sie so wenig Zeit miteinander verbracht hatten. Es tat ihr leid, dass ihre Freundschaft so abrupt hatte enden m�ssen. Aber irgendwie hatte sie es im Gef�hl, dass sie sich eines Tages wiedersehen w�rden. Sie wusste es einfach.</p><p>Im Moment wollte sie jedoch nicht einmal daran denken. Vor allem nicht in diesem Augenblick � sie f�hlte sich voll und ganz mit Caleb verbunden und hoffte, dass dieser Zustand nie enden w�rde.</p><p>Die Musik erf�llte ihre Seele, w�hrend sie eine gef�hlte Ewigkeit dort stand und zuh�rte. Weder sie noch Roger r�hrten sich, wie gebannt lauschten sie Calebs perfektem Spiel.</p><p>Schlie�lich war es vor�ber. Der letzte Ton hing noch mehrere Sekunden lang in der Luft. Als Caitlin zu Roger hin�bersah, �ffnete er gerade langsam die Augen.</p><p>Caleb erhob sich bed�chtig, ging �ber das Podium, stieg die Treppe hinunter und kehrte zu ihnen zur�ck. Direkt vor Roger blieb er stehen und sah ihn an.</p><p>Roger atmete tief durch und wischte sich eine Tr�ne aus dem Augenwinkel.</p><p>�Das war genau so, wie ich es in Erinnerung hatte�, sagte er leise.</p><p>Erneut holte er tief Luft, dann drehte er sich um und durchquerte den Raum mit schnellen Schritten.</p><p>�Kommt mit�, forderte er sie auf.</p><p>***</p><p>Caitlin und Caleb folgten Roger, der sie eine alte Holzwendeltreppe hinauff�hrte. Als sie eine Zwischenetage erreichten, warf Caitlin einen Blick hinunter und bewunderte staunend die Sch�nheit der Kirche aus diesem Blickwinkel.</p><p>Dann ging Roger einen Gang entlang, verschwand durch eine verborgene T�r und stieg eine weitere Wendeltreppe hinauf. Die beiden folgten ihm immer h�her hinauf. Caitlin hatte das Gef�hl, dass hier oben schon jahrelang niemand mehr gewesen war.</p><p>Die Treppe endete in einer kleinen Kuppel ganz oben in der Kirche. Hier gab es kaum genug Platz f�r die drei.</p><p>Roger streckte die Hand aus und zog leicht an einem versteckten Riegel. Als sich ein Geheimfach �ffnete, nahm er vorsichtig eine kleine, juwelenbesetzte Kiste heraus.</p><p>Melancholisch betrachtete er die kleine Truhe.</p><p>�Ich habe sie nie selbst ge�ffnet�, erkl�rte er. �Und ich h�tte nie geglaubt, dass ich das je erleben w�rde � bis ich deinen Schl�ssel gesehen habe.�</p><p>Dabei blickte er Caitlin in die Augen. In dem kleinen Raum war es hei� und stickig, und allm�hlich bekam sie Platzangst, sie f�hlte sich ganz benommen. All das war so unwirklich, und es schien gar nicht mehr aufzuh�ren.</p><p>�Ich habe deinen Vater gut gekannt�, sagte Roger pl�tzlich.</p><p>Caitlin klappte die Kinnlade herunter. Sprachlos starrte sie ihn an. Sie hatte so viele Fragen, dass sie gar nicht wusste, womit sie anfangen sollte.</p><p>�Wie war er?�, stie� sie schlie�lich hervor.</p><p>�Er war ein guter Mann, ein gro�artiger Mann. Ich habe ihn geliebt. Er war gr��er als wir alle. Und er w�re sehr stolz auf dich, dass du es so weit gebracht hast�, f�gte er hinzu und hielt ihr mit beiden H�nden die Truhe hin.</p><p>Vorsichtig schob Caitlin den silbernen Schl�ssel in das Schloss und betete, dass er passen m�ge. Er passte. Mit einem sanften Klicken drehte sie ihn rechtsherum, und der Deckel sprang auf.</p><p>Alle drei beugten sich gespannt dar�ber und sp�hten in die Truhe.</p><p>Doch was sie sahen, best�rzte sie zutiefst.</p></section><section><p>
				
				21.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>H</emphasis>e Kumpel, steh auf und verschwinde!�, rief jemand schroff.</p><p>Kyle sp�rte, wie er erst leicht getreten und dann mit einem Stock angesto�en wurde.</p><p>M�hsam �ffnete er ein wenig die Augen.</p><p>Er lag auf einer kalten, harten Fl�che, aber er hatte keine Ahnung, wo er sich befand. Langsam ging am Horizont die Sonne auf, und sofort brannte ihm das Licht in den Augen und auf der Haut.</p><p>�He Kumpel, h�rst du mich? Ich habe gesagt, du sollst verschwinden!�, rief ein Polizist.</p><p>Jetzt schlug Kyle die Augen ganz auf und erkannte, dass er auf einem Marmorboden lag. Ja, das waren die kalten Marmorstufen der City Hall. Wie ein Penner lag er bei Tagesanbruch drau�en vor dem Rathaus. Als er aufblickte, sah er zwei uniformierte Polizisten, die ihn grinsend mit ihren Schlagst�cken anstupsten.</p><p>Angestrengt versuchte Kyle sich zu erinnern, wie er hierhergelangt war. Jetzt fiel es ihm wieder ein: Er hatte Rexus Bericht erstattet. Dann hatten sie ihn gepackt und gefesselt. Oh, und als N�chstes war das Weihwasser gekommen. Unwillk�rlich hob er die Hand und betastete die eine Seite seines Gesichtes � alles normal. Als er die andere Seite untersuchte, kehrten sofort die Schmerzen zur�ck. Er f�hlte die Umrisse, die schrecklichen Wunden, die Entstellung. Sie hatten ihn mit Weihwasser gesch�ndet. Das war eine Bestrafung, die traditionell bei Verr�tern angewendet wurde. Man hatte ihn, Kyle, als Verr�ter gebrandmarkt � den Mann, der seinem Clan Tausende von Jahren treu ergeben gewesen war. Wegen eines einzigen kleinen Fehlers. Das war unvorstellbar.</p><p>Wieder sp�rte Kyle den Schmerz in der einen Gesichtsh�lfte, und unglaubliche Wut stieg in ihm auf.</p><p>�Sollen wir ihn aufs Revier bringen?�, fragte der eine Polizist seinen Kollegen.</p><p>�N�. Zu viel Papierkram. Ersparen wir uns den �rger und k�mmern wir uns selbst darum.�</p><p>Einer der Polizisten hob seinen Schlagstock mit der Absicht, diesmal hart zuzuschlagen.</p><p>�Bring ihn auf die Beine�, forderte er seinen Kollegen auf.</p><p>Der andere zerrte grob an Kyles Arm und zog ihn hoch. Dabei wurde Kyles andere Gesichtsh�lfte sichtbar. Beim Anblick der entstellten Gesichtsz�ge schreckten die Polizisten beide zur�ck.</p><p>�Heilige Schei�e! Was zum Teufel ist das denn?�</p><p>Blinde Wut �berkam Kyle, und bevor die beiden M�nner auch nur reagieren konnten, packte er jeden von ihnen mit einer Hand und hob sie hoch �ber seinen Kopf. Sie waren ziemlich gro�, aber Kyle war gr��er � viel gr��er � und viel, viel st�rker. Dann knallte er die beiden mit voller Wucht mit den K�pfen zusammen.</p><p>Als sie auf den Stufen zusammenbrachen, trampelte Kyle sie mit gezielten Tritten gegen ihre K�pfe zu Tode.</p><p>Aber seine Wut war noch nicht abgeebbt. Seine eigenen Leute hatten ihn ausgesto�en, als w�re er ein Niemand. Nach all dem, was er f�r sie getan hatte. Nachdem er den Krieg entfacht hatte. Und all das nur wegen eines winzigen Fehlers, wegen dieses bl�den M�dchens. Caitlin. Daf�r w�rde er sie b��en lassen.</p><p>Doch zuerst w�rde er seinen eigenen Clan daf�r bezahlen lassen. Niemand hatte das Recht, ihn so zu behandeln. Niemand. Sie hatten ihn zwar verbannt, aber er musste das ja nicht akzeptieren. Schlie�lich gab es immer noch genug Vampire, die ihm treu ergeben waren. Mit seinen F�higkeiten k�nnte er sogar selbst der oberste Meister des Clans werden.</p><p>Und als er zitternd vor Wut dort stand, schoss ihm pl�tzlich etwas durch den Kopf � das war die z�ndende Idee! Ein Plan, ein Weg, wie er seine Rache bekommen und die Kontrolle zur�ckgewinnen konnte. Ein Weg, wie er selbst oberster Meister werden konnte.</p><p>Es war das Schwert, an das er dachte. Wenn er das h�tte, wenn er es vor den anderen finden k�nnte, dann w�re die Macht in seinen H�nden. Nicht in ihren. Und dann k�nnte er zur�ckkehren und sie zerst�ren. Zumindest diejenigen, die ihn verraten hatten. Diejenigen dagegen, die ihm gegen�ber loyal geblieben waren, w�rde er als Soldaten aufnehmen.</p><p>Ja, es w�rde ein Blutbad geben, wie sie es noch nie erlebt hatten. Wenn er das Heft erst wieder in der Hand hielt, w�rde er sich um die Menschen k�mmern und den Krieg h�chstpers�nlich zu Ende bringen. Bis dahin w�rde die Pest ganze Arbeit geleistet haben, und er, Kyle, h�tte das Sagen. Mit diesem Schwert k�nnte er New York regieren. Alle R�te und alle Clans �berall auf der Welt w�rden ihm unterstehen und sich ihm gegen�ber verantworten m�ssen.</p><p>Dieser Plan gefiel ihm. Allerdings musste er das M�dchen finden, wenn er das Schwert haben wollte. Um sie zu finden, w�rde er Hilfe brauchen � diesen jungen Russen, den S�nger, den sie verwandelt hatte und der immer noch ihren Geruch in seinen Adern hatte.</p><p>Ja, der Plan war wirklich gut.</p><p>Schnell drehte Kyle sich um und st�rmte die Treppen der City Hall hinauf, riss mit einer Hand das Metallschloss heraus und trat die T�r ein. So fr�h am Morgen war die Eingangshalle noch leer. Er sprintete den Flur entlang, erreichte das andere Ende und zog an einem versteckten Hebel. Als die Wand zur�ckschwang, eilte er die Steintreppe hinunter und verschwand in der Dunkelheit.</p><p>Kyle wusste, dass er sich im schlimmsten Fall mit einer ganzen Armee konfrontiert sehen w�rde. Deshalb rannte er mit voller Geschwindigkeit. Allerdings w�rden sie bestimmt nie damit rechnen, dass er sie ganz allein angreifen w�rde. Au�erdem wusste er, dass sie mit dem Krieg besch�ftigt waren � wenn er sich beeilte, k�nnte es ihm gelingen, sich zu holen, was er brauchte. Vor allem bei Tagesanbruch standen seine Karten gut, wenn viele von ihnen sich gerade schlafen legten.</p><p>Er erreichte die niedrigeren Ebenen und lief z�gig einen breiten Korridor entlang, bis er die gro�e T�r fand, die er gesucht hatte. Wie er schon vermutet hatte, stand nur eine Wache davor, ein junger, schw�cherer Vampir, der erst wenige hundert Jahre alt war. Bevor dieser �berhaupt reagieren konnte, hatte Kyle ihm bereits einen sauberen Kinnhaken verpasst, der ihm das Bewusstsein raubte.</p><p>Jetzt stemmte Kyle die Schulter gegen die T�r und dr�ckte sie ein. Schnell durchquerte er den Raum � da war er ja, der junge Russe. Man hatte ihn mit ausgestreckten Armen an die Wand gekettet und geknebelt. Seine Augen waren vor Furcht und Schrecken weit aufgerissen. Da er schon tagelang hier gefangen gehalten wurde, war er psychisch gebrochen. Kyle verschwendete keine Zeit, sondern zeriss sofort die Ketten an seinen H�nden und F��en. Der Russe zog sich das Klebeband vom Mund und begann sofort zu schreien.</p><p>�Wer sind Sie? Warum bin ich hier? Wohin bringen Sie mich? Warum haben ��</p><p>Ohne viel Federlesens schlug Kyle ihm mit dem Handr�cken so kr�ftig ins Gesicht, dass er ohnm�chtig wurde. Dann warf er sich den schlaffen K�rper �ber die Schulter und trug ihn aus dem Raum. Die Ketten schleiften hinter ihnen her.</p><p>Z�gig lief er dieselbe Strecke zur�ck, und ehe er es sich versah, war er wieder in der City Hall und trat ins Tageslicht hinaus. Mit ganzer Kraft rannte er weiter; dabei stellte er erfreut fest, dass niemand ihm gefolgt war.</p><p>Allm�hlich entspannte er sich innerlich ein bisschen. Jetzt hatte er das, was er brauchte. Dieser junge Mann, in dessen Adern immer noch Caitlins Blut floss, konnte ihn direkt zu ihr f�hren. Und wenn er sie erst gefunden hatte, dann w�rde er auch das Schwert bekommen.</p><p>Zufrieden l�chelte er vor sich hin. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis er das Schwert besitzen w�rde.</p></section><section><p>
				
				22.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>C</emphasis>aitlin und Caleb flogen �ber Martha�s Vineyard und �berquerten dabei viele Meilen dunklen Waldes. Die Sp�tnachmittagssonne strahlte vom Himmel. Caitlin staunte, wie gro� die Insel war. Die Aquinnah-Klippen, die jetzt ihr Ziel waren, befanden sich auf der anderen Seite der Insel. Trotz Calebs hoher Fluggeschwindigkeit w�rden sie eine ganze Weile brauchen.</p><p>Caleb flog nicht gerne, wenn Leute in der N�he waren, weil er nicht unn�tig Aufmerksamkeit auf sich oder �berhaupt auf die Vampire lenken wollte. Jetzt hatte er allerdings keine Bedenken, weil zu dieser Jahreszeit kaum Menschen unterwegs waren. Au�erdem flogen sie gr��tenteils �ber ausgedehnte W�lder.</p><p>In Caitlins Kopf drehte sich alles, als sie an die Walfang-Kirche und den neuesten Hinweis zur�ckdachte, den sie dort gefunden hatten. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Sie hatte vermutet, es k�nnte vielleicht noch ein weiterer Schl�ssel sein, aber stattdessen hatten sie eine kleine Schriftrolle vorgefunden, ein br�chiges, vergilbtes St�ck Pergament, das in der Mitte durchgerissen worden war. Schon der erste Blick hatte ihnen gezeigt, dass eine H�lfte fehlte. Und ohne die andere H�lfte war auch die erste nutzlos. Was sie nun also hatten, war die H�lfte eines R�tsels. Angesichts des Zustandes der Schriftrolle war es ohnehin erstaunlich, dass sie so lange �berlebt hatte. H�tte sie nicht in einem schmalen, luftdichten Metallr�hrchen gesteckt, w�re bestimmt nichts mehr davon �brig gewesen. Das R�hrchen ruhte inzwischen sicher in Caitlins Tasche.</p><p>Zu dritt hatten sie die mysteri�se Nachricht auf der halben Schriftrolle studiert, aber allen war klar gewesen, dass sie nutzlos war. Die Worte und S�tze waren in der Mitte durchgerissen worden. Ihnen blieben nur Bruchst�cke, Teile eines R�tsels.</p><p>Es lautete wie folgt:</p><p><strong>Die vier Reiter �</strong></p><p><strong>Sie verlassen �</strong></p><p><strong>betreten einen Ring �</strong></p><p><strong>versammeln sich �</strong></p><p><strong>und finden die �</strong></p><p><strong>neben der vierten �</strong></p><p>Immer wieder hatten sie versucht, die S�tze zu vervollst�ndigen. Aber so sehr sie sich auch bem�ht hatten, ohne die andere H�lfte war es ihnen nicht gelungen.</p><p>Ern�chtert hatten sie schlie�lich aufgegeben. Roger hatte ein wenig kleinlaut gewirkt, obwohl er nat�rlich nichts daf�rkonnte. Es gab keinerlei Spuren oder Hinweise darauf, wo sich die zweite H�lfte befinden k�nnte.</p><p>Also hatten Caitlin und Caleb beschlossen, der einzigen anderen Spur nachzugehen, die sie noch hatten: die Aquinnah-Klippen, von denen Caitlin getr�umt hatte.</p><p>Sie hatte M�he, sich den Traum wieder ins Ged�chtnis zu rufen. Er kam ihr bereits fern und undeutlich vor, als h�tte sie ihn schon vor Monaten getr�umt. Allm�hlich fragte sie sich sogar, ob sie es �berhaupt getr�umt hatte. Sie wollte Caleb nicht entt�uschen und ihn nicht noch tiefer in dieses scheinbar aussichtslose Unterfangen verstricken.</p><p>Schlie�lich lie�en sie die W�lder hinter sich und erreichten eine wundersch�ne Graslandschaft. Die Gr�ser schwankten im Wind und wurden von der Sp�tnachmittagssonne angestrahlt, die sie in einem sanften Rot leuchten lie�. Die Aussicht war wundersch�n. Unter ihnen erkannte Caitlin eine Farm, Schafe und K�he weideten auf den weiten Wiesen.</p><p>Schon bald konnte man den Salzgeruch des Meeres riechen. Erneut ver�nderte sich die Landschaft, jetzt flogen sie �ber D�nengras, das dann allm�hlich in Sand �berging.</p><p>Schlie�lich kamen die Klippen in Sicht.</p><p>Sie waren schlichtweg atemberaubend. Hoch ragten sie in den Himmel auf, die Felsen leuchteten in einem geheimnisvollen Rot. Vor allem jetzt in der Sp�tnachmittagssonne wirkten die riesigen Klippen so lebendig, als st�nden sie in Flammen.</p><p>Am Fu� der Felswand befand sich ein Sandstrand, der mit Felsbrocken jeglicher Gr��e und Form �bers�t war. Das Ganze hatte etwas Pr�historisches und M�rchenhaftes, es schien so unwirklich wie ein Strand auf dem Mars. Caitlin konnte nicht fassen, dass es so etwas �berhaupt gab.</p><p>Rose musste das Mystische auch gesp�rt haben, denn sie streckte ihren kleinen Kopf aus Caitlins Jacke und schnupperte die salzige Luft.</p><p>Als sie �ber den Klippen kreisten und dann zur Landung ansetzten, kam ihr der Ort pl�tzlich seltsam vertraut vor. Sie hatte eindeutig das Gef�hl, als h�tte sie ihn schon einmal gesehen. Ganz genau. Irgendwann einmal musste sie mit ihrem Dad hier gewesen sein.</p><p>Sie hatte keine Ahnung, ob sie etwas finden w�rden, aber offenbar waren sie genau an dem Ort, an dem sie sein sollten.</p><p>Der Strand war menschenleer. Nachdem Caleb sanft auf dem Sand gelandet war, setzte Caitlin Rose auf den Boden. Sofort rannte der kleine Wolf los, sprang ins Wasser und schwamm mit den Wellen ans Ufer zur�ck.</p><p>Caitlin und Caleb mussten unwillk�rlich l�cheln.</p><p>Langsam gingen sie den Strand entlang und lie�en die Umgebung auf sich wirken. Schweigend nahm Caleb ihre Hand.</p><p>Der Strand wurde von dem Ger�usch der sich brechenden Wellen und vom Geruch der Salzluft beherrscht. Caitlin schloss die Augen und atmete tief durch. Die frische Luft tat gut.</p><p>Aufmerksam lie� Caleb die Blicke �ber den Strand und die Felsen schweifen.</p><p>�Das hier ist definitiv der richtige Ort�, erkl�rte Caitlin schlie�lich. �Ich sp�re, dass ich mit ihm hier gewesen bin.�</p><p>Caleb nickte. �Das kann gut sein. F�r uns Vampire ist das ein sehr bedeutender Ort.�</p><p>�berrascht sah Caitlin ihn an. �Warst du denn schon mal hier?�</p><p>�Schon oft�, antwortete er. �Die Aquinnah-Klippen geh�ren zu unseren heiligen Orten; sie sind eins der �ltesten Energiefelder der Erde. Die roten Felsen und der Sand speichern die uralte Energie, die wir brauchen, und geben sie wieder an uns ab.</p><p>Menschen merken das nat�rlich nicht, sie haben die tiefe Bedeutung dieses Ortes nie begriffen. Doch wir Vampire wissen seit Tausenden von Jahren davon. Es ist ein machtvoller und mystischer Ort, den unsere Ahnen geschaffen haben.</p><p>Es w�re also nachvollziehbar, wenn dein Vater dir diesen Ort gezeigt h�tte. Unter Vampiren ist es ein alter Brauch, junge beziehungsweise frisch verwandelte Vampire an diesen Ort zu bringen. In erster Line jedoch ist es ein Ort der Liebe.�</p><p>Fragend sah Caitlin ihn an. �Ein Ort der Liebe?�</p><p>�Vampirhochzeiten sind zwar ausgesprochen selten�, fuhr er fort, �weil wir uns nicht fortpflanzen k�nnen und weil wir uns nicht leichtfertig dazu entschlie�en, uns f�r alle Ewigkeit zu binden. Aber wenn zwei Vampire dennoch heiraten, sind die entsprechenden Zeremonien sehr aufwendig und feierlich. Sie k�nnen tagelang dauern. Und fast immer findet eine solche Hochzeit genau hier statt.�</p><p>Ehrf�rchtig blickte Caitlin sich um.</p><p>�Wenn wir nachts bei Vollmond herkommen w�rden�, erkl�rte er, �k�nnte es durchaus sein, dass wir eine Vampirhochzeit miterleben w�rden. Diese Klippen symbolisieren die Ewigkeit, sie geh�ren zu den �ltesten Werken der Natur auf diesem Planeten. Man glaubt, dass ihre Energie eine Verbindung unterst�tzt, die nie wieder zerst�rt werden kann.�</p><p>Das Herz wurde Caitlin weit. Obwohl sie erst so kurze Zeit zusammen waren, hatte sie das Gef�hl, Caleb schon ewig zu kennen. Als er von Eheschlie�ung sprach, wurde ihr klar, dass sie sich nichts mehr w�nschte, als den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen zu k�nnen. Der Gedanke, dass ihr Leben vor seinem enden w�rde, weil sie verschiedenen Rassen angeh�rten und ihre Liebe verboten war, erschien ihr absolut deprimierend. Bald w�rde sie nur noch eine weitere Erinnerung f�r ihn sein.</p><p>Am liebsten h�tte sie ihm von ihren Bef�rchtungen erz�hlt, aber sie wusste nicht, wie sie sich ausdr�cken sollte. Au�erdem war sie sich nicht sicher, ob er f�r sie das Gleiche empfand. Daher ging sie einfach nur schweigend weiter.</p><p>Alles f�hlte sich so vollkommen an. Warum konnte es nicht so bleiben, wie es gerade war? Sie liebte diese Insel und diesen Strand und konnte sich durchaus vorstellen, sich zusammen mit Caleb hier niederzulassen. Vor ihrem inneren Auge sah sie, wie sie sich ein gemeinsames Leben aufbauten, in Sicherheit vor dem Rest der Welt. Vielleicht w�rden sie hoch oben auf den Klippen ein kleines Haus mit Blick �ber das Meer bauen und ihre Vergangenheit einfach hinter sich lassen. Aber w�re das �berhaupt m�glich?</p><p>Im Laufe der vergangenen Tage hatte Caitlin das Gef�hl gehabt, dass ihr Leben immer mehr aus den Fugen geriet. St�ndig war um sie herum etwas passiert, und sie war in alles mit hineingezogen worden. Doch nachdem die Dinge sich nun ein wenig beruhigt hatten und sie ganz offensichtlich in einer Sackgasse steckten, fragte sie sich, ob sie die Suche nicht einfach abbrechen sollten, damit sie wieder eine Art normales Leben f�hren k�nnte.</p><p>Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass das nicht m�glich war. Sie w�rden ihrer Bestimmung folgen und das Schicksal erf�llen. Sehr bald w�rde sich alles zwischen ihnen f�r immer ver�ndern. Der Gedanke war niederschmetternd.</p><p>Sie musste an Calebs Klavierspiel denken. Die Musik war so wundersch�n gewesen, im Geiste h�rte sie ihn immer noch spielen.</p><p>�Ich wusste gar nicht, dass du Klavier spielen kannst�, sagte sie leise.</p><p>Er seufzte tief. �Das ist lange her. Ich f�rchte, ich bin dem St�ck nicht gerecht geworden. Du h�ttest mal h�ren sollen, wie Ludwig es gespielt hat!�</p><p>Verbl�fft starrte sie ihn an. �Du meinst doch nicht etwa Ludwig van Beethoven?�</p><p>Doch er nickte.</p><p>�Du hast Beethoven tats�chlich spielen h�ren, Beethoven h�chstpers�nlich?�</p><p>�Ja, gegen Ende seines Lebens.�</p><p>Sprachlos und mit offenem Mund sah Caitlin ihn an. Wieder einmal fand sie es erschreckend, was er alles gesehen und erlebt haben musste.</p><p>�Du meinst, du � hast ihn richtig kennengelernt?�, fragte sie schlie�lich ungl�ubig.</p><p>�Ja�, antwortete Caleb, �wir waren eng befreundet. Er war einer von uns.�</p><p>�Ein <emphasis>Vampir</emphasis>?� Jetzt war Caitlin richtig schockiert.</p><p>Wieder nickte er blo�.</p><p>Nat�rlich h�tte Caitlin gerne mehr erfahren � am liebsten alles � doch sie merkte, dass Caleb nicht dar�ber reden wollte. Was auch immer geschehen war, er verband tiefe Gef�hle damit.</p><p>�Es muss unglaublich faszinierend sein, Menschen wie ihn pers�nlich getroffen zu haben. Sich an so etwas zu erinnern�, murmelte sie.</p><p>�Ja, manchmal schon�, erwiderte er. �Aber meistens ist es eher eine Last.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Irgendwann fangen die Erinnerungen an, dich herunterzuziehen. Man verliert sich so sehr in der Vergangenheit, dass es einem schwerf�llt, in der Gegenwart zu leben. Man kann es mit einem Haus vergleichen, das mit alten Dingen angef�llt ist. Ab einem gewissen Punkt bleibt kein Platz mehr f�r etwas Neues.�</p><p>Schweigend gingen sie einige Minuten nebeneinander her. Die Sonne schickte sich an unterzugehen und tauchte alles in ein sanftes Licht. Die Wellen brachen sich krachend, Rose lief kl�ffend vor ihnen her, und �ber ihren K�pfen kreischten Seem�wen.</p><p>Erneut sah Caitlin sich um und suchte nach einem Hinweis auf ihren Vater, nach etwas, woran sie sich erinnerte. Doch sie fand nichts.</p><p>Pl�tzlich h�rte sie ein lautes Ger�usch und sp�rte einen Luftzug, dann rasten zwei wei�e Pferde an ihnen vor�ber. Automatisch drehte sie sich um, um zu sehen, woher sie kamen, konnte aber nichts entdecken. Es mussten wilde Pferde sein. Jetzt galoppierten sie den Strand hinunter ins flache Wasser hinein.</p><p>Caleb und Caitlin drehten gleichzeitig den Kopf und sahen sich an. So etwas hatte Caitlin noch nie gesehen.</p><p>�Wildpferde�, erkl�rte Caleb. �Auch noch wei�e Wildpferde. Das ist ein sehr gutes Zeichen. Komm, fangen wir sie!�, rief er und sprintete los.</p><p>Zuerst dachte Caitlin, er w�re verr�ckt geworden: Wie sollten sie blo� ein Pferd einholen? Doch dann fiel ihr ihre neu entdeckte Schnelligkeit wieder ein, und sie rannte los.</p><p>Es f�hlte sich an, als w�rden ihre Beine von ganz allein laufen. Bevor sie wusste, wie ihr geschah, lief sie schneller als jemals zuvor. Bald hatte sie Caleb eingeholt, und innerhalb weniger Sekunden liefen sie neben den Pferden her. Rose folgte ihnen auf dem Fu�e.</p><p>Ein breites Grinsen erhellte Calebs Gesicht. �Lass uns reiten!�, rief er.</p><p>Dann schwang er sich auf den R�cken des einen Pferdes, und Caitlin sprang so schnell, wie sie konnte, auf das andere Pferd. Sie konnte es kaum fassen, dass sie jetzt auf dem R�cken eines Pferdes sa� und neben Caleb hergaloppierte. Sein Haar wehte wild im Wind, und er lachte �berm�tig. Seite an Seite rasten sie den Strand entlang, immer weiter dem Sonnenuntergang entgegen. Es f�hlte sich absolut unwirklich an.</p><p>Der Ritt f�hrte meilenweit den Strand entlang. Die Klippen, die Felsen und der Sand flogen an ihnen vor�ber. �berrascht stellte Caitlin fest, wie lang dieser Strand doch war. Endlos dehnte er sich vor ihnen aus.</p><p>Und dann blieben die Pferde ganz pl�tzlich ohne Vorwarnung stehen.</p><p>Caleb und Caitlin gelang es nicht, sie zum Weiterlaufen zu bewegen � sie weigerten sich einfach.</p><p>Verwirrt wechselten sie einen Blick.</p><p>�Ich glaube, sie wollen, dass wir hier absteigen!�, rief Caleb schlie�lich lachend.</p><p>Caitlin sah nach unten und stellte fest, dass sie im knietiefen Wasser standen.</p><p>Calebs Grinsen wurde noch breiter. �Da werden wir wohl nasse F��e bekommen!�</p><p>Und schon sprang er vom Pferder�cken und landete im Wasser.</p><p>Schnell zog Caitlin die Schuhe aus, nahm sie in eine Hand und folgte Calebs Beispiel.</p><p>Das Wasser an ihren nackten F��en war eiskalt, doch es reichte ihr nur bis zu den Schienbeinen, als die Welle sich zur�ckzog. Eigentlich war es sogar regelrecht erfrischend. Und der weiche Sand f�hlte sich wunderbar an.</p><p>Als sie aufsah, galoppierten die Pferde davon, den leeren Strand entlang der Sonne entgegen.</p><p>Rose rannte ins Wasser, spielte mit den Wellen und jaulte �berm�tig.</p><p>Caleb kam n�her und hob Caitlin spielerisch hoch, damit sie nicht nass wurde, als die n�chste Welle heranrollte. Er schwankte nicht einmal, er war so stark wie ein Fels in der Brandung. Lachend wirbelte er sie im Kreis und hielt sie fest an sich gedr�ckt.</p><p>Das Herz wurde ihr weit.</p><p>Langsam setzte er sie ab, hielt sie aber immer noch im Arm. Ihre Blicke begegneten sich. Allm�hlich verblasste sein L�cheln, und sein Gesicht wurde ernst.</p><p>Seine Augen wechselten die Farbe, von Braun zu Meeresgr�n. Wie gebannt starrte er auf sie hinunter.</p><p>Ihr Herz klopfte heftig, als er sich schlie�lich vorbeugte und sie k�sste.</p><p>***</p><p>Der Kuss war wie ein Feuerwerk. Eine grenzenlose W�rme und ein unglaubliches Prickeln breiteten sich in ihrem ganzen K�rper aus � anders als alles, was sie bisher erlebt hatte. Sie erwiderte seinen Kuss, erst vorsichtig, dann mutiger, bis er sie schlie�lich aus dem Wasser hob und Richtung Strand trug.</p><p>Dort legte er sie in den trockenen Sand und lie� sich neben ihr nieder. Der Strand war nach wie vor leer, und die ganze Welt schien ihnen zu geh�ren. Caitlin hob die Hand und fuhr ihm durch die Haare, und ihre K�sse wurden immer leidenschaftlicher.</p><p>Von diesem Augenblick hatte sie getr�umt, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte.</p><p>Noch nie hatte sie jemanden so sehr geliebt.</p></section><section><p>
				
				23.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>S</emphasis>am wurde das Herz schwer, als er endlich seinem Vater gegen�berstand. Er traute seinen Augen nicht. Er war schon entt�uscht gewesen, als er die Wohnwagensiedlung mit dem verwahrlosten Trailer und die heruntergekommene Umgebung gesehen hatte, doch das war gar nichts gegen die Entt�uschung, als er jetzt vor seinem Vater stand. All seine Tr�ume l�sten sich auf einen Schlag in Luft auf.</p><p>Sein Dad war ein kleiner, d�nner, schw�chlicher Mann, f�nfzig bis sechzig Jahre alt, und er wurde bereits kahl. Seine langen, str�hnigen Haare hatte er seitlich �ber die kahle Stelle gek�mmt. Seit Tagen schon hatte er sich nicht mehr rasiert, und seine Kleidung sah aus, als h�tte er darin geschlafen. Seine Haut war mit Warzen �bers�t und wies b�se Aknenarben auf. Seine kleinen, schwarzen Knopfaugen huschten st�ndig hin und her � als er Sam anstarrte, dr�ngte sich ihm der Vergleich mit einer Ratte auf. Ja, dieser Mann wirkte durch und durch schmierig und fies.</p><p>Zudem sah er Sam nicht im Geringsten �hnlich. Und er glich in keiner Weise dem Dad, den Sam sich in seiner Fantasie vorgestellt hatte.</p><p>Sam konnte nicht begreifen, dass er von so einem Menschen abstammen sollte. Dadurch f�hlte er sich noch minderwertiger, als es ohnehin schon immer der Fall gewesen war.</p><p>Vielleicht war es doch die falsche Adresse. Er betete, dass es so w�re.</p><p><emphasis>Bitte, lieber Gott, lass ihn nicht mein Vater sein.</emphasis></p><p>�Sam?�, fragte der Mann pl�tzlich.</p><p>Dieses eine Wort lieferte die Best�tigung, dass die Adresse tats�chlich stimmte. Sam f�hlte sich absolut elend. Er war es also tats�chlich.</p><p>Sam suchte verzweifelt nach Worten. ��hm, sind Sie ��</p><p>�Ob ich dein Dad bin?�, unterbrach ihn der Mann und versuchte sich an einem L�cheln. Dabei enth�llte er zwei Reihen kleiner, orangegelber Z�hne. �Ja, der bin ich.�</p><p>Dann lie� der Mann den Blick von Sam zu Samantha wandern und musterte sie absch�tzend von Kopf bis Fu�. Dabei leckte er sich die Lippen.</p><p>�Ich dachte, du w�rdest allein kommen?�, fragte er Sam, ohne die Augen von Samantha zu lassen.</p><p>�Ich ��, begann Sam, �na ja, ich, �h ��</p><p>�Wer ist das?�, fiel er ihm ungeduldig ins Wort.</p><p>�Das ist Samantha�, sagte Sam schlie�lich. �Sie ist meine �� Sam verstummte, weil er nicht wusste, wie er sie nennen sollte.</p><p>�Freundin�, erg�nzte Samantha liebensw�rdig.</p><p>Dankbar warf Sam ihr einen Blick zu. Er liebte den Klang dieses Wortes, vor allem aus ihrem Mund.</p><p>�Na gut, dann �� Der seltsame Mann drehte sich um und ging hinein.</p><p>Sam und Samantha sahen sich an. Die seltsame Begr��ung hatte sie beide �berrascht, sie wussten nicht so richtig, was sie davon halten sollten.</p><p>War das eine Einladung gewesen, ihm in den Trailer zu folgen?</p><p>Z�gernd trat Sam ein, Samantha folgte ihm und machte die T�r hinter sich zu.</p><p>***</p><p>Pr�fend sah Samantha sich in dem kleinen, d�steren Wohnwagen um. Der Tag war sch�n und sonnig, aber da alle Fensterrollos heruntergezogen waren, merkte man hier drin nichts davon � der Raum wurde nur durch eine kleine Lampe in einer Ecke erhellt. Es war d�ster, und �berall stand Ger�mpel herum.</p><p>Samantha hatte beim Anblick dieses Mannes gleich gesp�rt, dass er keiner von ihnen war, kein Vampir. Das h�tte sie sofort gewusst. Daraus schloss sie, dass Sams <emphasis>Mutter</emphasis> der Vampir sein musste. Also hatten sie auf der falschen Seite seiner Abstammungslinie gesucht. Mit diesem Mann verschwendeten sie nur ihre Zeit � es sei denn, er k�nnte sie zu Sams richtiger Mutter f�hren.</p><p>Die Entt�uschung in Sams Gesicht war ziemlich offensichtlich, und sie hatte tats�chlich Mitleid mit ihm. Wie lange war es her, seit sie zuletzt Mitleid f�r einen Menschen empfunden hatte? Sie �rgerte sich �ber sich selbst. Dieser Junge brachte sie aus dem Gleichgewicht.</p><p>�Nun, na ja ��, murmelte der Mann. Offensichtlich war er nicht an soziale Kontakte gew�hnt. Er ging auf und ab und g�nnte ihnen kaum einen Blick. �Was wollt ihr trinken?�, fragte er schlie�lich. �Wie w�r�s mit einem Bier?�</p><p>Sam z�gerte. ��h, ja � ein Bier w�re okay�, antwortete er dann.</p><p>Der Mann verschwand in der winzigen K�che und kehrte kurz darauf mit zwei gro�en Dosen mit warmem Bier wieder, die er auf dem Tisch abstellte. Weder Sam noch Samantha griffen danach.</p><p>Sam trat nerv�s von einem Fu� auf den anderen und wusste nicht, was er sagen sollte. Seinem Dad schien es genauso zu gehen.</p><p>Unbehagliches Schweigen senkte sich �ber den Raum. Irgendetwas war seltsam. Sein Dad schien sich gar nicht richtig zu freuen, ihn zu sehen. Oder aber er konnte es einfach nur nicht richtig zeigen.</p><p>Aufmerksam sah Samantha sich um. �berall herrschte Unordnung, der Raum sah v�llig verwahrlost aus. Leere Wasserflaschen lagen auf dem Boden herum, daneben stapelten sich alte Zeitungen und Zeitschriften. In einer Ecke stand ein kleiner Schreibtisch, auf dem ein offener Laptop stand.</p><p>Samantha sp�rte irgendetwas, und mithilfe ihrer scharfen Vampiraugen zoomte sie die Einzelheiten auf dem Computerbildschirm heran. Dabei erkannte sie, dass er bei Facebook eingeloggt war � allerdings unter einem anderen Namen.</p><p>��h, habt ihr irgendjemandem davon erz�hlt, dass ihr mich besucht?�, wollte sein Dad schlie�lich wissen.</p><p>Verwirrt erwiderte Sam seinen forschenden Blick. ��h, was ��</p><p>�Hast du zum Beispiel deiner Mutter davon erz�hlt?�</p><p>�Nein�, entgegnete Sam. �Ich habe schon eine ganze Weile nicht mehr mit ihr gesprochen. Das hier war ein spontaner Entschluss. Irgendwie habe ich einfach gedacht, es w�re cool, wenn wir uns treffen k�nnten.�</p><p>Daraufhin nickte der Mann zustimmend und entspannte sich augenscheinlich ein wenig.</p><p>�Gut�, sagte er. Dann zog er eine zerknitterte Zigarettenpackung aus der Tasche, z�ndete sich eine Zigarette an und inhalierte tief. Der kleine Raum f�llte sich mit Qualm. �Also, worauf steht ihr denn so?�</p><p>Sam und Samantha wechselten einen fragenden Blick � sie wussten beide nicht, worauf er hinauswollte.</p><p>��h, was meinst du denn?�, fragte Sam.</p><p>Samantha blickte erneut zu dem Laptop und betrachtete wieder die Facebook-Seite. Irgendetwas daran st�rte sie. Diesmal entdeckte sie, dass mehrere Tabs ge�ffnet waren. Alle auf Facebook. Und jeder Tab unter einem anderen Benutzernamen.</p><p>Sein Dad musste ihren Blick bemerkt haben, denn er ging pl�tzlich zu dem Laptop und klappte ihn zu. Dann kehrte er zu ihnen zur�ck.</p><p>�Ich meine�, fuhr er fort, �habt ihr Sex miteinander?�</p><p>Pl�tzlich nahm er mit einer schnellen Bewegung etwas vom Tisch.</p><p>Samantha sah die Verwirrung in Sams Gesicht, die gerade in Ver�rgerung umschlug.</p><p>In dem Moment begriff sie, was los war. Dieser Mann war �berhaupt nicht sein Dad. Er war ein Schwindler. Ein P�dophiler, der sich seine Opfer �ber das Internet suchte. �ber Facebook k�derte er Kinder und wartete darauf, dass ihm jemand wie Sam �ber den Weg lief � jemand, der verzweifelt genug war, um zu glauben, dass er sein Dad sein k�nnte.</p><p>Der Mann war blitzschnell. Bevor Samantha auch nur reagieren konnte, hatte er sich ein gro�es K�chenmesser geschnappt, war quer durch den Raum geschossen und hatte Sam von hinten in einen W�rgegriff genommen. Das riesige Messer presste er so fest gegen Sams Kehle, dass er um ein Haar die Haut angeritzt h�tte.</p><p>Vor Schock schossen Sam die Tr�nen in die Augen.</p><p>�Wenn du auch nur eine Bewegung machst, ist er tot�, knurrte der Mann Samantha b�se an.</p><p>Die Situation war interessant f�r Samantha. Angesichts der Tatsache, dass dieser Typ nicht Sams Vater war, hatte sie hier nichts mehr verloren und verschwendete nur noch ihre Zeit. Eigentlich k�nnte sie einfach hinausspazieren und Sam sterben lassen. Das w�rde keinen Unterschied machen. Sam war ihre einzige Spur gewesen, aber jetzt war er nutzlos f�r sie.</p><p>Doch irgendetwas lie� sie z�gern. Dieser Junge hatte einen Funken in ihr entfacht. Sie konnte es kaum fassen, aber sie empfand tats�chlich etwas f�r ihn. Und wenn es etwas gab, das sie mehr hasste als Menschen, dann waren das Widerlinge wie dieser Typ hier. Nein, sie konnte nicht einfach hinausspazieren.</p><p>�Knie dich hin und zieh dein Shirt aus�, befahl der Mann Samantha mit dunkler, eiskalter Stimme, w�hrend er Sam immer noch das Messer gegen die Kehle presste.</p><p>Als Sam sich wand, ritzte das Messer die Haut, und ein wenig Blut trat hervor.</p><p>Samantha h�tte den Mann jederzeit umbringen k�nnen. Doch das Problem war das Messer � sie wollte nicht riskieren, dass er Sam t�tete. Daher konnte sie keine hastigen, �berst�rzten Bewegungen machen.</p><p>Langsam lie� sie sich auf die Knie sinken, hob die H�nde und zog ihr Shirt aus. Darunter trug sie einen BH.</p><p>Als sie aufblickte, sah sie die Augen des widerlichen Kerls aufleuchten. L�stern grinste er �ber das ganze Gesicht. Dann deutete er mit dem Messer auf sie.</p><p>�Zieh deinen BH aus�, befahl er als N�chstes.</p><p>Sam schien Morgenluft zu wittern, denn in diesem Moment bewegte er sich mit einer f�r einen Menschen bewundernswerten Geschwindigkeit. Mit raschem Griff packte er das Handgelenk des perversen Kerls und hielt ihn mit aller Kraft fest.</p><p>Doch der Typ war stark. Wahrscheinlich war er durch jahrelange Rangeleien mit Kids durchtrainiert und gest�hlt, au�erdem war er auf eine solche Situation vermutlich durchaus vorbereitet. Jedenfalls gelang es ihm, sich loszurei�en und Sams Wange mit dem Messer zu ritzen.</p><p>Sam schrie vor Schmerz auf und dr�ckte die H�nde auf die Wunde. �berall war Blut.</p><p>Dann sah Samantha, wie der Mann ausholte und Sam das Messer in die Brust rammen wollte.</p><p>Jetzt wurde sie aktiv. Blitzschnell sprang sie durch den Raum, ergriff das Handgelenk des Widerlings und riss ihm den Arm mit so viel Kraft zur�ck, dass sie ihm die Schulter auskugelte.</p><p>Der Mann schrie auf und lie� das Messer fallen.</p><p>Aber sie war noch nicht fertig mit ihm. Mit ihrer �bermenschlichen Kraft packte sie ihn und brach ihm mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung das Genick.</p><p>Leblos sank der Mann zu Boden.</p><p>Samanthas Wut war noch nicht wieder abgeebbt, als sie sich umdrehte und Sam vor sich stehen sah. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er sie an. Offensichtlich stand er unter Schock, er schien seine Schmerzen gar nicht mehr zu sp�ren. Sie war sicher, dass er so etwas noch nie zuvor erlebt hatte � und wahrscheinlich auch nie wieder erleben w�rde.</p><p>Er hatte doch tats�chlich versucht, sie zu retten. Obwohl man ihm ein Messer an die Kehle gehalten hatte. In all den Jahrhunderten hatte noch niemand so etwas f�r sie tun wollen.</p><p>Vielleicht w�rde sie ihn trotz allem doch leben lassen.</p></section><section><p>
				
				24.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>A</emphasis>ls Caitlin und Caleb erwachten, war es schon dunkel. Die Nacht war warm, und ein riesiger Vollmond schien auf die beiden hinunter, die dicht nebeneinander im Sand lagen.</p><p>Immer noch hatten sie den Strand ganz f�r sich allein. Das Krachen der sich brechenden Wellen erf�llte die Luft. V�llig nackt lagen sie sich in den Armen, auf ihren M�nteln, die sie als behelfsm��ige Decke im Sand ausgebreitet hatten. Rose lag neben ihnen.</p><p>Schweigend sahen sie sich in die Augen. Dann k�ssten sie sich erneut, ganz langsam.</p><p>Ihre Beziehung hatte sich nun f�r immer ver�ndert. Und Caitlin hatte sich ver�ndert. Noch nie zuvor war sie so gl�cklich gewesen.</p><p>Bisher waren sie zwei Personen gewesen, die sich wie zuf�llig begegnet waren, weil sie einen gemeinsamen Auftrag zu erf�llen hatten. Jetzt waren sie ein Liebespaar. Sie waren <emphasis>zusammen</emphasis>.</p><p>Inst�ndig hoffte Caitlin, dass es f�r immer so bleiben w�rde.</p><p>Sie brannte darauf, ihm jede Menge Fragen zu stellen. Zum Beispiel: <emphasis>Was jetzt?</emphasis> Denn er hatte eine Grenze �berschritten, die f�r Vampire verboten war. Was w�rde passieren, wenn sie ihn f�nden? W�rden sie ihn umbringen? Hatte er sein Leben f�r sie aufs Spiel gesetzt? War sie das wirklich wert?</p><p>W�rde er sie nun verlassen, nachdem er diese Grenze �berschritten hatte? Gab es irgendeine M�glichkeit f�r sie beide, zusammenzubleiben?</p><p>Wie k�nnte ihre Zukunft aussehen?</p><p>Ihre Gef�hle �berw�ltigten sie f�rmlich, als sie begriff, was er f�r sie geopfert hatte.</p><p>�Ich habe Angst�, sagte sie schlie�lich leise.</p><p>�Wovor?�, fragte er.</p><p>�Um uns�, erwiderte sie. �Und ich habe Angst davor, zu sterben. Du wirst ewig weiterleben. Aber ich �� M�hsam suchte sie nach Worten. �� werde nicht weiterleben. Ich will bei dir sein. Ich m�chte sein wie du. Unsterblich.�</p><p>Sein Gesichtsausdruck wurde ernst. Langsam stand er auf und zog sich an. Blicklos starrte er aufs Meer hinaus.</p><p>Auch Caitlin kleidete sich wieder an und freute sich �ber ihren warmen Mantel. Pr�fend klopfte sie auf die Taschen, um sicherzugehen, dass ihr Tagebuch und die Schriftrolle noch sicher verstaut waren. Dann trat sie neben ihn.</p><p>�Ich m�chte auch mit dir zusammen sein�, erkl�rte er. �Aber glaub mir, du m�chtest nicht unsterblich sein, denn das ist ein Fluch. Es ist viel besser, zu sterben und von vorne zu beginnen � in einem anderen Leben, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, in einem anderen K�rper. Sich nicht erinnern zu m�ssen. Dem Lebenszyklus seinen normalen Lauf zu lassen. Wir Vampire � wir sind widernat�rlich.�</p><p>Ernst sah er sie an.</p><p>�Nichts w�re mir lieber, als dich an meiner Seite zu haben. Aber ich bin es nicht wert, dass du f�r mich die Qual der Unsterblichkeit auf dich nimmst.�</p><p><emphasis>�Bitte�</emphasis>, fl�sterte sie und nahm seine Hand. �Ich will es. Verwandle mich! Verwandle mich, damit ich ein richtiger Vampir werde. Damit ich f�r immer bei dir bleiben kann.�</p><p>Tr�nen stiegen in seine Augen.</p><p>�So sehr ich dich auch liebe, das k�nnte ich niemals tun�, erwiderte er. �Du w�rdest f�r immer in einem Schwebezustand verharren. Au�erdem k�nntest du niemals Kinder bekommen. Das k�nnte ich dir nicht antun. Schon gar nicht aus selbsts�chtigen Gr�nden. Zudem w�rde man mich sehr schwer bestrafen, wenn ich dich einfach so ohne Erlaubnis verwandeln w�rde.�</p><p>Caitlin wurde das Herz schwer. Vielleicht sollte es trotz allem nicht sein.</p><p>Wortlos erwiderte er ihren Blick.</p><p>�Wenn wir die Nacht hier verbringen wollen, sollten wir uns eine gesch�tzte Stelle suchen und ein Feuer anz�nden�, bemerkte er dann.</p><p>Schweigend gingen sie die Klippen entlang.</p><p>�Ich glaube, ich habe w�hrend unseres Ritts etwas gesehen�, meinte er. �Eine H�hle, irgendwo da dr�ben.� Er zeigte auf eine Felsgruppe.</p><p>Tats�chlich fanden sie eine kleine H�hle am Fu�e der Klippen. Sie war nicht besonders tief, bot jedoch genug Platz, um ihnen ein wenig Schutz zu gew�hren.</p><p>Der H�hlenboden bestand aus demselben feinen Sand wie der Strand und wurde vom Mond beleuchtet. Mitten in der H�hle lag ein gro�er Haufen angekohltes Holz. Ganz offensichtlich war dieser Unterschlupf bereits von anderen benutzt worden. Wahrscheinlich war er ein beliebter Ort f�r ein Lagerfeuer, und vielleicht verbrachten verliebte P�rchen sogar manchmal die Nacht hier.</p><p>Caleb b�ckte sich, um sich mit Lichtgeschwindigkeit die H�nde zu reiben, wie er es schon einmal getan hatte, und innerhalb weniger Sekunden brannte ein munteres Feuer, das f�r Licht und W�rme in der H�hle sorgte. Rose kam n�her und lie� sich neben dem Feuer nieder.</p><p>Caitlin schlang einen Arm um Calebs Taille und genoss die W�rme des Feuers.</p><p>Schlie�lich setzten sie sich hin und betrachteten die H�hlendecke und die Zeichnungen an den W�nden. Die H�hle war wie ein Gew�lbe geformt und reflektierte das Licht vielfach.</p><p>�Wie geht es jetzt weiter?�, fragte Caitlin.</p><p>Nat�rlich meinte sie das Schwert, aber sie wollte auch wissen, wie es mit <emphasis>ihnen</emphasis> weitergehen w�rde.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete er. �Anscheinend stecken wir wieder in einer Sackgasse.�</p><p>�Es tut mir leid�, sagte Caitlin entschuldigend. �Vielleicht hatte mein Traum gar keine Bedeutung und wir haben eine falsche F�hrte verfolgt. Vielleicht sollten wir zum Vincent House zur�ckkehren, wir k�nnten etwas �bersehen haben, irgendein ��</p><p>Pl�tzlich unterbrach Caleb sie, indem er ihr eine Hand auf den Arm legte. Er deutete auf eine Wand der H�hle.</p><p>Als sie seinem Blick folgte, entdeckte sie es ebenfalls.</p><p>Sie standen auf.</p><p>In einer Ecke der H�hle befand sich hoch oben an der Wand eine kleine Einkerbung in Form eines Kreuzes, die irgendwie unnat�rlich wirkte. Ohne den Vollmond und das helle Feuer h�tten sie sie �berhaupt nicht entdeckt. Die Einkerbung war so klein, dass selbst Caleb mit seinen scharfen Augen sie leicht h�tte �bersehen k�nnen.</p><p>Caitlin streckte sich und versuchte, den Schmutz abzukratzen. Jetzt waren die Umrisse deutlicher zu erkennen � es sah aus wie ein winziges Schl�sselloch.</p><p>Caitlin zog den kleinen Schl�ssel aus der Tasche und warf Caleb einen Blick zu. Er nickte.</p><p>Vorsichtig schob sie den Schl�ssel in das Schl�sselloch und stellte fest, dass er perfekt hineinpasste.</p><p>Verbl�fft sahen sie sich an.</p><p>Sie drehte den Schl�ssel. Ein leises Klicken war zu h�ren, dann �ffnete sich eine kleine T�r im Fels.</p><p>Z�gernd steckte Caitlin die Hand hinein und zog etwas heraus. Eine Schriftrolle. Eine halbe Schriftrolle.</p><p>Sie hatten die zweite H�lfte des R�tsels gefunden.</p><p>***</p><p>Feierlich zog Caitlin das kleine luft- und wasserdichte Metallr�hrchen aus der Tasche und nahm die erste H�lfte des Schriftst�cks heraus. Dann traten sie n�her ans Feuer heran und hielten die beiden H�lften ans Licht.</p><p>Endlich konnten sie den gesamten Text lesen:</p><p><strong>Die vier Reiter reiten auf einem Pfad in die Freiheit.</strong></p><p><strong>Sie verlassen das gemeinsame Land,</strong></p><p><strong>betreten einen Ring aus Blut,</strong></p><p><strong>versammeln sich in dem Haus</strong></p><p><strong>und finden die, die sie liebten,</strong></p><p><strong>neben der vierten Spitze des Kreuzes.</strong></p><p>Voller Ehrfurcht sahen sie sich an.</p><p>�Was bedeutet das?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>�Ich � ich bin nicht sicher. Aber die Begriffe �Pfad in die Freiheit� und �gemeinsames Land� kommen mir so bekannt vor. Nat�rlich kann ich mich t�uschen, aber ich glaube, dass alles auf den Freedom Trail in Boston hindeutet � der Pfad in die Freiheit. Und mit �gemeinsames Land� k�nnte der Boston Common gemeint sein, dieser gro�e �ffentliche Park mitten in Boston. Vielleicht sollen wir irgendetwas auf dem Freedom Trail suchen. Das w�rde tats�chlich Sinn machen: Salem, Edgartown und Boston. Diese drei St�dte haben vieles gemeinsam und sind eng miteinander verbunden.�</p><p>Caitlin bem�hte sich, das alles zu begreifen.</p><p>�Aber � wie ist das m�glich?�, wollte sie wissen. �Alles wirkt so willk�rlich. Warum haben wir die Schriftrolle hier gefunden? In genau dieser H�hle? Ich finde, das ergibt �berhaupt keinen Sinn. Was w�re denn gewesen, wenn wir woandershin gegangen w�ren?�</p><p>�Doch, es macht wohl Sinn�, widersprach er. �Denk doch mal nach. Wir sind nicht zuf�llig hier gelandet. Schlie�lich hat dein Vater dich aufgesucht und uns zu den Klippen gef�hrt. Dann kamen diese Pferde � sie haben uns vor diese H�hle gebracht und sind dann stehen geblieben.�</p><p>Ungl�ubig sah sie ihn an.</p><p>�Pferde unterst�tzen uns Vampire � sie sind mystische Tiere und dienen uns als Boten. Seit Anbeginn der Zeit haben sie uns beigestanden. Immer, wenn wir sie brauchten, kamen sie. Deshalb war das hier kein Zufall, sondern sie haben uns an diesen Ort gef�hrt. Manchmal�, fuhr er fort, �sind gerade die Ereignisse, die wie reiner Zufall wirken, am sorgf�ltigsten vorausgeplant.�</p><p>Staunend betrachtete Caitlin die Rolle mit der alten Handschrift und dachte �ber die Begebenheiten nach, die sie hierhergebracht hatten. Tats�chlich leuchtete ihr ein, dass all das einer Bestimmung folgte.</p><p>Und sie begann zu hoffen, dass ihre Beziehung zu Caleb vielleicht auch vorherbestimmt sein k�nnte.</p><p>�Wohin m�ssen wir also jetzt?�, fragte sie. �Nach Boston?�</p><p>Er nickte. �Sieht ganz so aus, als m�ssten wir wieder auf dieses Schiff zur�ck.�</p></section><section><p>
				
				25.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>K</emphasis>yle ging nerv�s auf dem Deck der kleinen Jacht auf und ab, als sie am fr�hen Morgen Richtung Martha�s Vineyard rasten. Er konnte nicht stillhalten, denn er hasste Boote, und er hasste Wasser. Am meisten hasste er es, sich auf dem Wasser fortzubewegen � wie alle Vampire. Aber vielleicht hasste er es noch mehr als die meisten anderen.</p><p>Dieser Russe war �berzeugt gewesen, dass Caitlin sich irgendwo in dieser Richtung aufhielt, also waren sie auf dem Highway die K�ste entlanggefahren. Doch dann hatte ihre Suche in einem Hafen geendet. Hier hatte der junge Mann auf das Meer gezeigt und behauptet, dass dieses d�mliche M�dchen, die Quelle allen �bels, auf der Insel war.</p><p>Daraufhin war Kyle derart in Wut geraten, dass er v�llig die Beherrschung verloren hatte. Dieses M�dchen hatte nicht nur daf�r gesorgt, dass er ihr die ganze Ostk�ste entlang nachjagen musste und dass er ihretwegen den Krieg vers�umte, sondern jetzt zwang sie ihn auch noch, an Bord eines Schiffes zu gehen! Sch�umend vor Wut war er auf die erstbeste Jacht zumarschiert, die im Hafen vor Anker lag, war an Bord gesprungen und hatte kurzerhand die gesamte Mannschaft umgebracht. Dann hatte er sie alle �ber Bord geworfen, ihr Boot gekapert und war zusammen mit dem Russen losgefahren. Immerhin hatte er sich bei der Ermordung der Mannschaft ein wenig abreagieren k�nnen.</p><p>Doch hier drau�en auf dem Meer, umgeben von nichts als blauem Wasser, flammte seine Wut erneut auf. Er war es so satt, dieses M�dchen zu jagen, und wollte sie endlich finden. Sobald sie ihm gezeigt hatte, wo sich ihr Vater befand � oder das Schwert �, w�rde er sie umbringen.</p><p>Vor lauter Ungeduld fuhr er fast aus der Haut. Nerv�s lief er zu Sergei, der am Ruder stand, und schrie wieder auf ihn ein.</p><p>�Fahr schneller!�</p><p>�Ich kann nicht, mein Meister�, beteuerte der junge Russe ver�ngstigt. �Dieses Boot f�hrt einfach nicht schneller.�</p><p>�Bist du dir wirklich sicher, dass sie auf dieser Insel ist?�, fragte er zum zehnten Mal.</p><p>�Ich bin mir sicher, dass sie in dieser Richtung �ber das Meer gefahren ist�, antwortete er. �Ich sp�re es.�</p><p>�Danach habe ich nicht gefragt�, erwiderte Kyle drohend.</p><p>Der Russe hob den Kopf und atmete tief ein. Einen Augenblick wirkte er verunsichert, beinahe so, als h�tte er seine Meinung ge�ndert. Als h�tte er ihre F�hrte verloren.</p><p>Wenn das tats�chlich der Fall sein sollte, w�rde Kyle ihn einfach umbringen.</p><p>�Ganz bestimmt sind sie in diese Richtung unterwegs gewesen. Ich sp�re ihre Pr�senz sehr stark. Aber � mehr wei� ich nicht.�</p><p>Aufgebracht st�rmte Kyle wieder an die Reling. Sein Gesicht war vor Wut rot angelaufen. Alles vers�umte er. Nachdem er Tausende von Jahren gewartet hatte, begann jetzt der Krieg � <emphasis>sein</emphasis> Krieg � ohne ihn. In New York breitete sich gerade in diesem Moment die Pest aus. Das war sein Werk, er hatte die Pesterreger auf die Welt losgelassen. Und er war hier, weit weg von all dem, und sa� mit einem d�mlichen russischen Operns�nger auf einer Jacht fest. Ausgerechnet er konnte die Fr�chte seiner eigenen Arbeit nicht genie�en, konnte nicht miterleben, wie diese erb�rmlichen Menschen schrien und um ihr Leben rannten. Gerade darauf hatte er sich am meisten gefreut.</p><p>Daf�r w�rde er dieses M�dchen b��en lassen, ja, das w�rde er.</p><p>Rasend vor Wut umklammerte Kyle die Reling mit beiden H�nden, und als sie schlie�lich unter seinen Fingern nachgab, riss er sie komplett ab und warf sie ins Meer.</p><p>***</p><p>Caitlin stand auf der F�hre an der Reling und blickte aufs Meer hinaus. Rose steckte wieder in ihrer Jacke, und Caleb stand neben ihr. Noch war kein Land zu sehen, aber bald w�rde es am Horizont auftauchen.</p><p>Ein Teil von ihr w�nschte sich, dass sie das Land nie erreichen w�rden. Solange sie sich drau�en auf dem Meer befanden, w�rde alles unver�ndert bleiben. Caleb und sie w�ren noch zusammen. Doch sobald Land in Sicht k�me, w�rde ihr Leben sich unwiderruflich ver�ndern. Wie von einem Magnet angezogen w�rden sie sich ins Bostoner Zentrum auf den Freedom Trail begeben. Irgendwie wusste sie, dass das die letzte Etappe ihrer Suche sein w�rde � sie konnte es einfach sp�ren. Und das jagte ihr Angst ein.</p><p>Sie sah zu Caleb hin�ber, der offenbar ebenfalls nerv�s war. Er umklammerte die Reling und schaute sorgenvoll aufs Meer hinaus. Allm�hlich konnte sie seine Mimik besser deuten und wusste daher, dass er nicht oft so aussah. Diesmal schien jedoch nicht seine Angst vor Wasser der Grund zu sein. Es war etwas anderes. F�rchtete er sich auch vor der Zukunft? Davor, was passieren w�rde, wenn sie das Schwert schlie�lich fanden?</p><p>Denn sie wussten beide, dass er sie nicht mitnehmen konnte, wenn sich das Schwert erst einmal in seinem Besitz befand. Er w�rde auf dem Kriegspfad sein. Wahrscheinlich w�rde er zu seinem Clan zur�ckkehren und sich mitten in einen Vampirkrieg st�rzen. F�r Caitlin war dann in seinem Leben kein Platz mehr. Trotzdem konnte sie sich ein Leben ohne ihn genauso wenig vorstellen.</p><p>Die Dinge zwischen ihnen lagen nun anders. Als er ihr den Arm um die Taille legte, sp�rte sie ganz deutlich, dass sie sich noch nie jemandem so nahe gef�hlt hatte � beinahe so, als w�ren sie eins. Die letzte Nacht hatte sie ver�ndert, und sie sp�rte, dass auch er sich irgendwie ver�ndert hatte, wenn auch vielleicht in geringerem Ma�e als sie.</p><p>Diesmal schwiegen sie w�hrend der gesamten �berfahrt. Doch es lag nicht daran, dass sie sich mit Gedanken an den letzten Hinweis herumqu�lten oder versuchten, das R�tsel zu l�sen. Nein, sie genossen es ganz einfach, nebeneinanderzustehen, zusammen zu sein. Keiner von beiden hatte das Bed�rfnis, zu sprechen, sie wollten nur die Ruhe vor dem Sturm genie�en.</p><p>Pl�tzlich verzog Caleb das Gesicht. Er biss die Z�hne zusammen, wie er es manchmal tat, wenn er sich auf einen Kampf vorbereitete.</p><p>Fragend sah sie ihn an.</p><p>�Was ist los?�, wollte sie wissen.</p><p>Mit zusammengekniffenen Augen suchte er den Horizont ab. Erst nach kurzem Schweigen antwortete er.</p><p>�Ich sp�re etwas.�</p><p>Geduldig wartete sie darauf, dass er noch etwas hinzuf�gen w�rde, aber er schwieg.</p><p>�Was denn?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>Erneut lie� er sich Zeit mit seiner Antwort.</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte er dann z�gerlich. �Es herrscht gro�e Unruhe. Ich sp�re, dass meine Leute leiden � Ich sp�re � dass jemand uns sucht. Und ich sp�re � dass uns ernste Gefahren bevorstehen.�</p></section><section><p>
				
				26.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>A</emphasis>ls ihre Jacht in den Hafen von Edgartown einlief, konnte Kyle es kaum noch erwarten und sprang eilig von Deck. Er flog etwa zehn Meter weit und landete leichtf��ig auf der Pier. Das Boot zu vert�uen, �berlie� er dem Russen.</p><p>Als er wieder festen Boden unter den F��en hatte, f�hlte er sich sofort besser.</p><p>Der junge Russe stellte hastig den Motor ab und ging vor Anker, dann folgte er ihm.</p><p>�He, ihr k�nnt dort nicht anlegen!�, rief ein dickb�uchiger Mann mittleren Alters und st�rmte auf sie zu. �Das ist eine private Anlegestelle! Sie ist reserviert f�r ��</p><p>Noch bevor er seinen Satz beenden konnte, packte Kyle ihn mit einer Hand an der Kehle, dr�ckte fest zu und hob den schweren Mann hoch.</p><p>Die Augen des Mannes traten hervor, w�hrend sein Gesicht feuerrot anlief. Kyle schnitt eine Grimasse und warf ihn mit einer schwungvollen Bewegung ins Hafenbecken.</p><p>Mit einem lauten Platschen landete der Mann weit drau�en im Wasser.</p><p>Kyle hoffte, dass er ihn umgebracht hatte. Vielleicht h�tte er noch l�nger zudr�cken sollen.</p><p>�Wo ist sie?�, fragte er mit zusammengebissenen Z�hnen.</p><p>Nerv�s blickte der Russe sich um und versuchte, sich zu orientieren. Dann hob er die Nase und schnupperte pr�fend in jede Richtung.</p><p>�Wenn du sie verloren hast, bringe ich dich um!�, drohte Kyle mit leiser Stimme.</p><p>Erneut sah der Russe sich um und drehte sich schlie�lich zur Hauptstra�e um.</p><p>�In diese Richtung ist sie gegangen�, sagte er entschlossen und marschierte los, w�hrend Kyle ihm nicht von den Fersen wich.</p><p>***</p><p>Nachdem Kyle und Sergei die Stufen zu der Walfang-Kirche von Edgartown hinaufgestiegen waren, trat Kyle einfach die gro�en Doppelt�ren ein.</p><p>Mit einem lauten Krachen zersplitterten sie, dann marschierte Kyle durch den Vorraum in die Kirche, dicht gefolgt von Sergei. Mitten in dem gro�en, leeren Raum blieben sie stehen und schauten sich um.</p><p>Niemand war zu sehen.</p><p>Zornig packte Kyle den Russen an den Schultern.</p><p>�Jetzt bin ich es endg�ltig leid!�, schrie er. �WO IST SIE???�</p><p>�Nirgendwo, wo du sie finden k�nntest�, sagte jemand k�hl und ruhig im hinteren Bereich der Kirche.</p><p>Kyle und Sergei fuhren herum.</p><p>In der T�r stand Roger und erwiderte gelassen ihre Blicke.</p><p>Sofort sp�rte Kyle eine Ver�nderung des Energiefeldes und wusste auf Anhieb, dass er einen Vampir vor sich hatte. Keine nervigen Menschen mehr. Allm�hlich n�herten sie sich ihrem Ziel.</p><p>Langsam ging Kyle auf Roger zu; Sergei hielt sich dicht an seiner Seite.</p><p>�Ganz im Gegenteil�, erwiderte Kyle langsam, �du wirst mir ganz genau erz�hlen, wo sie ist, mit wem sie zusammen ist und wohin sie will.�</p><p>Roger ging ein paar Schritte auf die beiden zu, holte dann pl�tzlich aus und schleuderte etwas in ihre Richtung.</p><p>Kyle sah das Geschoss kommen, doch Sergei war nicht so schnell.</p><p>Ein langer, spitzer Vampirspeer flog auf sie zu. W�hrend Kyle ihm rechtzeitig ausweichen konnte, hatte Sergei nicht so viel Gl�ck. Der Speer mit der silbernen Spitze streifte seine Wange, ritzte die Haut und riss eine tiefe Wunde, bevor er weiterflog. Die Waffe hatte ihn nicht voll getroffen, doch die Wunde blutete heftig.</p><p>Vor Schmerz schrie Sergei auf und hob die H�nde an sein blut�berstr�mtes Gesicht.</p><p>Kyle fackelte nicht lange. Rasch machte er drei Schritte vorw�rts, sprang in die Luft und trat Roger mit beiden F��en gegen die Brust, sodass er quer durch den Raum flog und gegen die Wand krachte.</p><p>Bevor er sich aufrappeln konnte, war Kyle bereits �ber ihm und packte ihn mit beiden H�nden an der Kehle.</p><p>Kyle sp�rte Rogers Energie und erkannte, dass sein Gegner zu den sehr alten Vampiren geh�rte. So alt, dass seine Kraft schon betr�chtlich nachgelassen hatte. Daher war Kyle ihm deutlich �berlegen, und er wusste, dass er ihn mit Leichtigkeit t�ten konnte. Er w�rde es genie�en, ihn zu foltern! Ganz langsam.</p><p>Pl�tzlich bewegte Roger die Hand, und etwas Gelbes blitzte auf. Noch bevor Kyle reagieren konnte, begriff er.</p><p>Roger hatte sich gerade eine Suizidpille in den Mund geschoben.</p><p>Nun war es zu sp�t.</p><p>Rogers K�rper erschlaffte in Kyles Armen.</p><p>Rasend vor Wut warf Kyle den Kopf zur�ck und stie� einen Urschrei aus, der s�mtliche Kirchenfenster erzittern lie�.</p></section><section><p>
				
				27.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>S</emphasis>am war immer noch v�llig durcheinander.</p><p>Diese Szene in dem Wohnwagen war so intensiv gewesen, dass er sie immer noch nicht verarbeiten konnte. Dieser widerliche Kerl. Das Messer. Der Kampf. Seine Wange. Und dann Samantha � sie hatte den Kerl einfach umgebracht. Einfach so. Das war unglaublich. Wer war sie?</p><p>W�hrend sie in einem einfachen Stra�enrestaurant in einer Nische sa�en, musterte er sie nachdenklich. Mehr denn je f�hlte er sich von ihr angezogen � aber er war auch misstrauisch geworden. Sie sah v�llig entspannt aus und trank in kleinen Schlucken ihren Vanilleshake. Er konnte das absolut nicht verstehen. War sie wirklich dasselbe M�del? Cool und sexy sa� sie ihm gegen�ber � und doch war genau dasselbe M�dchen eben noch wie eine psychotische Furie auf diesen widerlichen Kerl losgegangen und hatte ihn umgebracht, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Hatte sie ihn tats�chlich get�tet?</p><p>Alles war so schnell gegangen, und es war so dunkel gewesen, dass er gar nicht mehr genau sagen konnte, was eigentlich passiert war. Doch er erinnerte sich an das Ger�usch, dieses scheu�liche Knacken, als sie ihm den Hals herumgerissen hatte. Und er erinnerte sich daran, wie der Typ v�llig schlaff zu Boden gesunken war. F�r ihn hatte der Kerl tot ausgesehen, ganz sicher war er sich jedoch nicht. Vielleicht hatte sie ihn blo� k. o. geschlagen. Aber wie hatte sie das blo� angestellt? Dieser Typ war stark gewesen, und er hatte ein Messer gehabt.</p><p>Wohl zum millionsten Mal �rgerte er sich �ber sich selbst. Warum war er nur so dumm und naiv? Wie hatte er diesem Mann glauben k�nnen, wie hatte er blo� auf einen Internet-Betr�ger hereinfallen k�nnen? War er wirklich so ein Idiot? Was hatte er sich nur dabei gedacht? Er sch�mte sich so sehr. Au�erdem glaubte er jetzt noch viel weniger daran, dass er seinen Dad je finden w�rde.</p><p>Damit nicht genug, er hatte auch noch Samantha in die Sache hineingezogen. Schlimmer noch, er hatte sie nicht einmal besch�tzt. Sie war es gewesen, die ihn besch�tzt hatte. Wie peinlich! Jetzt hielt sie ihn bestimmt f�r einen absoluten Volltrottel.</p><p>Er bef�rchtete, dass sie sich nach all dem einfach aus dem Staub machen w�rde. Und er k�nnte es ihr nicht einmal ver�beln.</p><p>�Bist du okay?�, fragte sie und musterte besorgt seine Wange.</p><p>Vorsichtig zog er das Papiertuch von der Wunde. Es blutete nicht mehr, aber es tat immer noch h�llisch weh.</p><p>�Ja�, antwortete er, dann sah er zu ihr r�ber und betrachtete sie. Er stellte fest, dass sie nicht einmal einen blauen Fleck abbekommen hatte. �Wie hast du das blo� gemacht? Ich meine, wie hast du es geschafft, ihm so die H�lle hei� zu machen?�</p><p>Gleichm�tig zuckte sie mit den Schultern. �Ich mache schon fast mein ganzes Leben lang Karate. Ich hoffe, ich habe dich nicht zu sehr schockiert. Aber dieser Kerl war richtig gef�hrlich, und ich wollte kein Risiko eingehen. Ich habe blo� eine ganz einfache Technik angewendet. Wenn du willst, kann ich sie dir beibringen.�</p><p>Irgendwie schaffte sie es immer wieder, dass er sich besser f�hlte. Es war, als k�nnte sie seine Gedanken lesen � auf jeden Fall wusste sie immer genau, was sie sagen musste, um ihn zu beruhigen und ihm die Befangenheit zu nehmen. Es war unglaublich, wie seine Sorgen sich auf Anhieb verfl�chtigten.</p><p>�Es tut mir wirklich leid�, sagte er. �Ich bin so ein Idiot. Wie konnte ich dich blo� dort hinbringen?�</p><p>�He�, erwiderte sie, �wir wollten doch ohnehin eine Spritztour machen, stimmt�s?�</p><p>Verbl�fft starrte er sie an, bis sie schlie�lich beide in Lachen ausbrachen.</p><p>Dadurch l�ste sich jede Anspannung.</p><p>Als Sam nach seinem bis dahin unber�hrten Burger griff und kr�ftig hineinbiss, fiel Samanthas Blick auf sein Handgelenk. Mit ihren eiskalten Fingern packte sie seine Hand.</p><p>Sam lie� den Burger sinken und fragte sich, was sie da tat. Sie zog seine Hand n�her zu sich und starrte auf sein Handgelenk. Seine Uhr. Sie starrte auf seine Uhr.</p><p>Pl�tzlich ver�nderte sich ihr Gesichtsausdruck. Anscheinend war sie v�llig gebannt.</p><p>�Was ist denn?�, fragte er schlie�lich.</p><p>�Woher hast du die Uhr?�, wollte sie mit todernster Miene wissen.</p><p>Er warf einen Blick auf seine Uhr. Er hatte v�llig vergessen, dass er sie �berhaupt trug. Seit er ein Kind war, hatte er sie st�ndig getragen. In gewisser Weise war sie ein Teil von ihm, sodass er sie gar nicht mehr bemerkte. Sie sah seltsam aus, diese Uhr, da musste er ihr auf jeden Fall recht geben. Trotzdem konnte er ihre Aufregung nicht ganz verstehen.</p><p>�Die hat meinem Dad geh�rt�, erkl�rte er. �Das glaube ich zumindest, denn ich war damals zu klein, um noch eine Erinnerung daran zu haben. Ich hatte die Uhr immer schon.�</p><p>Jetzt musterte Sam die Uhr ebenfalls mit neu erwachter Neugier. Das Geh�use bestand aus einem merkw�rdigen Metall � er hatte es immer f�r Platin gehalten � und an den Seiten waren eigenartige Zeichen eingraviert. Sie wirkte sehr alt und tickte irgendwie merkw�rdig. Eigentlich war es ungew�hnlich, dass er sie nie aufziehen oder die Batterie wechseln musste. Sie tickte einfach immer weiter, und sie zeigte immer die richtige Zeit an.</p><p>Nachdenklich strich Samantha mit den Fingern dar�ber.</p><p>�Hier�, meinte Sam und nahm die Uhr ab. �Nur zu, sieh sie dir ruhig an. Du kannst sie auch umlegen, wenn du m�chtest. Auf der R�ckseite steht irgendein cooles Zeug. Ich habe nie herausgefunden, was es bedeutet�, f�gte er hinzu und reichte ihr das gute St�ck.</p><p>Als er ihr die Uhr in die Hand legte, strahlte sie wie ein Kind in einem S��warenladen. Langsam drehte sie sie in alle Richtungen und betrachtete sie sorgf�ltig. Pl�tzlich riss sie �berrascht die Augen auf.</p><p>�Was ist denn? Kannst du die Schrift lesen? Ich glaube, es k�nnte Franz�sisch sein oder so�, sagte er.</p><p>�Das ist Latein�, korrigierte sie ihn atemlos.</p><p>Aufgeregt starrte sie ihn mit ihren sch�nen Augen an.</p><p>�Das bedeutet: <emphasis>Die Rose und der Dorn treffen sich in Salem.</emphasis>�</p></section><section><p>
				
				28.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>C</emphasis>aitlin und Caleb standen im Boston Common auf einem kleinen H�gel und sahen sich pr�fend um. Caleb hielt einen Plan des Freedom Trail in der Hand, den er gerade in einem Gesch�ft erstanden hatte, und fuhr immer wieder mit dem Finger die Route entlang. Caitlin hatte die beiden H�lften der alten Schriftrolle hervorgezogen.</p><p>�Lies es noch einmal vor�, forderte er sie auf.</p><p>Caitlin kniff die Augen zusammen, um die verblasste Schrift besser lesen zu k�nnen, und begann:</p><p><strong>�Die vier Reiter reiten auf einem Pfad in die Freiheit.</strong></p><p><strong>Sie verlassen das gemeinsame Land,</strong></p><p><strong>betreten einen Ring aus Blut,</strong></p><p><strong>versammeln sich in dem Haus</strong></p><p><strong>und finden die, die sie liebten,</strong></p><p><strong>neben der vierten Spitze des Kreuzes.�</strong></p><p>�Ein Pfad in die Freiheit�, wiederholte Caleb laut und konzentrierte sich. �Das <emphasis>muss</emphasis> einfach ein Hinweis auf den Freedom Trail sein. Das macht absolut Sinn, er liegt genau zwischen Salem und Martha�s Vineyard. Wir sind in der Mitte.</p><p>Und der Hinweis auf �das gemeinsame Land� � Damit kann nur dieser Park hier gemeint sein, in dem wir uns jetzt befinden. Auch das ergibt einen Sinn. An dem Ort, an dem wir gerade stehen, wurden im siebzehnten Jahrhundert die Hexen hingerichtet. Der Ort ist sehr geschichtstr�chtig, vor allem f�r uns Vampire.</p><p>In der Schriftrolle hei�t es �sie verlassen das gemeinsame Land�. Das hei�t wohl, wir m�ssen hier <emphasis>beginnen</emphasis>, aber ich bin nicht sicher, warum. Was den Rest angeht � �Ring aus Blut�, �versammeln sich in dem Haus�, �vierte Spitze des Kreuzes� � Ich habe nicht die geringste Ahnung, wohin wir von hier aus gehen m�ssen.�</p><p>Erneut blickte Caitlin sich um. Der Blick von hier oben war beeindruckend. Trotz des warmen Wetters lag noch ein wenig Schnee, und einige Kinder fuhren mit ihren Schlitten den H�gel hinunter. Sie kreischten vor Vergn�gen, und ihre Eltern freuten sich mit ihnen. Der ganze Park wirkte wundersch�n und sehr idyllisch. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, dass hier einmal Hexen geh�ngt worden waren.</p><p>Auf dem H�gel stand nur ein gro�er Baum. Ansonsten war nichts zu sehen, was als Spur h�tte gedeutet werden k�nnen.</p><p>�Warum hei�t es �die vier Reiter�?�, fragte sie. �Worum k�nnte es dabei gehen?�</p><p>�Das bezieht sich auf die Apokalypse. Es geht um die vier Reiter der Apokalypse, die in alle vier Himmelsrichtungen reiten. Ich glaube, das soll bedeuten, dass die Welt untergehen wird, falls wir das Schwert nicht finden.�</p><p>�Oder vielleicht hei�t es auch�, �berlegte sie, �dass die Welt untergeht, <emphasis>wenn</emphasis> wir es finden.�</p><p>Nachdenklich sah Caleb sie an. �Vielleicht�, erwiderte er leise.</p><p>Erneut sah er sich um. �Warum ausrechnet <emphasis>hier</emphasis>?�, fragte er. �Warum dieser Ort?�</p><p>W�hrend Caitlin �berlegte, hatte sie pl�tzlich eine Eingebung.</p><p>�Vielleicht geht es ja auch gar nicht um diesen Ort�, meinte sie. �Vielleicht geht es darum, diesen Ort zu verlassen � um die Reise an sich.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�In der Schriftrolle ist die Rede vom Reisen, man verl�sst einen Ort und begibt sich an einen anderen. Vielleicht sollen wir einfach diese Orte aufsuchen und die entsprechenden Wege zur�cklegen, aber nicht notwendigerweise Dinge finden. Vielleicht geht es einfach nur um den Weg, die <emphasis>Reise</emphasis>.�</p><p>Verwirrt runzelte Caleb die Stirn.</p><p>�Wie bei diesen Leuten, die in die Maislabyrinthe gehen�, erkl�rte sie. �Der Weg ist das Ziel, aus diesem Grund tun sie es. Indem man in bestimmte Richtungen geht und bestimmten Mustern folgt, soll man sich angeblich irgendwie ver�ndern.�</p><p>Caleb betrachtete sie anerkennend. Anscheinend gefiel ihm ihre Idee.</p><p>�Okay�, sagte er. �Das kann ich nachvollziehen. Aber trotzdem wei� ich nicht, wohin wir gehen sollen.�</p><p>�Na ja�, �berlegte sie, �hier hei�t es, �sie verlassen das gemeinsame Land� und �betreten einen Ring aus Blut�. Unser n�chster Anlaufpunkt w�re demnach der Ring aus Blut.�</p><p>�Und was soll das sein?�</p><p>Caitlin stand neben ihm und starrte auf den Plan. Die sechzehn historischen Sehensw�rdigkeiten entlang des rund vier Kilometer langen Freedom Trail waren aufgef�hrt. Der blo�e Anblick auf dem Plan �berw�ltigte sie. Sie hatte keine Ahnung, in welche Richtung sie gehen sollten. Erneut betrachtete sie eine Sehensw�rdigkeit nach der anderen, aber keine schien die Form eines Kreises oder eines Rings zu haben. Und ganz sicher gab es keinen Hinweis auf einen Ring aus Blut.</p><p>Auch die Bildunterschriften halfen nicht weiter.</p><p>Doch dann sah sie es.</p><p>Ganz unten auf dem Plan gab es eine Fu�note, unter der Bildunterschrift zum Old State House. Dort hie� es: <emphasis>Direkt vor dem Geb�ude auf der Devonshire Street ereignete sich das </emphasis>Massaker von Boston.</p><p>�Hier!�, rief sie aufgeregt und zeigte darauf. �Das Massaker von Boston. Es gibt hier zwar keinen Ring, aber zweifellos wurde an dieser Stelle viel Blut vergossen.�</p><p>Sie sah Caleb fragend an. �Was meinst du?�</p><p>Nachdem er nochmals den Plan studiert hatte, nickte er ihr schlie�lich zu.</p><p>�Lass es uns versuchen.�</p><p>***</p><p>Caitlin und Caleb verlie�en den Park, bogen in die Court Street ein und steuerten auf die Bostoner Altstadt zu. Bald kam das Old State House in Sicht. Es war ein gro�es Backsteingeb�ude, das in den Anfangsjahren des achtzehnten Jahrhunderts errichtet worden war, mit historischen Sprossenfenstern und einem gro�en, wei�en Turm. Das Bauwerk war in seiner Schlichtheit und Sch�nheit atemberaubend.</p><p>Sie umkreisten das Geb�ude auf der Suche nach dem Schauplatz des Massakers von Boston. Als sie um eine Ecke bogen, standen sie pl�tzlich davor.</p><p>Abrupt blieben sie beide stehen.</p><p>Es war ein Ring � ein perfekter Kreis.</p><p>Die Stelle, die an das Massaker erinnerte, war klein, kaum gr��er als ein Gullydeckel. Caitlin und Caleb traten n�her und betrachteten sie aufmerksam.</p><p>Es gab keine besondere Kennzeichnung: Es handelte sich lediglich um einen schlichten Kreis aus kleinen Kopfsteinen, die vor dem Old State House in den Boden eingelassen waren.</p><p>�Wir sind definitiv auf der richtigen Spur�, bemerkte Caleb.</p><p>�Warum?�</p><p>�Wegen des Balkons dar�ber�, erl�uterte er und zeigte auf das Geb�ude. �Von diesem Balkon aus wurde die amerikanische Unabh�ngigkeitserkl�rung erstmals verlesen.�</p><p>Neugierig betrachtete Caitlin den kleinen Balkon.</p><p>�Und?�</p><p>�Die Gr�ndung des amerikanischen Staatenbundes war in Wahrheit die Gr�ndung eines <emphasis>Vampirstaates</emphasis>. Freiheit und Gerechtigkeit f�r alle. Glaubensfreiheit, keine religi�sen Verfolgungen mehr. Eine kleine Gruppe von Leuten, die eine riesige und m�chtige Nation eroberte. Glaubst du wirklich, eine kleine Gruppe Menschen h�tte das bewerkstelligen k�nnen?</p><p><emphasis>Wir</emphasis> waren es, die Vampire, auch wenn das nat�rlich nicht in den Geschichtsb�chern steht. Die Gr�ndung Amerikas war die Gr�ndung <emphasis>unserer</emphasis> Nation.</p><p>Aber die b�sen Clans wie beispielsweise der Blacktide Clan haben seither wieder und wieder versucht, die Macht an sich zu rei�en. Deshalb hat es immer zwei verfeindete Lager gegeben. Gut und B�se. Freiheit und Verfolgung. Wo das eine ist, gibt es auch das andere.</p><p>Ich bin davon �berzeugt, dass dein Vater einer der Gr�nder gewesen sein muss. Zu ihnen geh�rten nur die m�chtigsten Vampire. Sie besa�en die m�chtigsten Waffen und bewahrten sie f�r k�nftige Generationen auf.�</p><p>�Sie bewahrten sie auf?�, fragte Caitlin, w�hrend sie versuchte, diese Informationen zu verarbeiten.</p><p>�Das Schwert, nach dem wir suchen � das t�rkische Schwert � ist dazu gedacht zu besch�tzen, nicht anzugreifen. Aber dazu muss es in den richtigen H�nden sein. Sollte es in die falschen H�nde geraten, k�nnte es zu einer schrecklichen Waffe werden. Deshalb wurde es so sorgf�ltig versteckt � damit nur die richtigen Leute es finden. Und wenn irgendjemand in der Lage gewesen w�re, es zu verstecken, dann dein Dad.�</p><p>Momentan war Caitlin damit �berfordert, diese Einzelheiten richtig zu verarbeiten. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass all das der Wahrheit entsprach. Doch ganz offensichtlich ergab das einen Sinn. Sie hatte das Gef�hl, dass ihre Suche sich dem Ende zuneigte.</p><p>�Aber ich kann hier keine weiteren Hinweise erkennen�, sagte sie schlie�lich und sah sich zweifelnd um.</p><p>�Ich auch nicht�, gab Caleb zu. �Aber wenn deine Theorie stimmt und es hier um den Weg geht, w�rde das bedeuten, dass wir diesen Kreis aus irgendeinem Grund einfach nur sehen sollten, um dann die Spur weiterzuverfolgen.�</p><p>Er nahm die Schriftrolle und studierte sie zum wiederholten Mal.</p><p><emphasis>�Versammeln sich in dem Haus�</emphasis>, las er langsam und nachdenklich. �Was f�r ein Haus?�</p><p>Caitlin breitete erneut den Plan des Freedom Trail aus.</p><p>�Entlang dieser Besichtigungsroute gibt es jede Menge H�user: das Paul Revere House, John Coburn�s House, das John J. Smith House � Jedes davon k�nnte gemeint sein. Es k�nnte sogar ein Haus sein, das gar nicht auf dem Freedom Trail liegt�, f�gte sie hinzu.</p><p>�Das glaube ich nicht�, widersprach Caleb. �Irgendwie habe ich das Gef�hl, dass wir aus einem bestimmten Grund auf diese F�hrte gesetzt wurden. Unser Ziel muss irgendwo auf dem Freedom Trail liegen.�</p><p>Beide beugten sich �ber den Plan und lasen alle Beschreibungen aufmerksam durch. Pl�tzlich hielt Caitlin inne. Ein neuer Gedanke war ihr durch den Kopf geschossen.</p><p>�Und wenn es gar kein Haus ist?�, fragte sie aufgeregt.</p><p>Fragend sah Caleb sie an.</p><p>�Aus irgendeinem Grund erscheint mir die Bezugnahme auf ein normales Haus zu offensichtlich. Alle anderen Hinweise waren wesentlich subtiler. Was w�re, wenn der Hinweis nicht w�rtlich zu nehmen ist, sondern im �bertragenen Sinne?�</p><p>Sie folgte dem Pfad mit dem Finger.</p><p>�Beispielsweise k�nnte eine Kirche gemeint sein. Sieh mal�, sagte sie und zeigte mit dem Finger darauf. �Die Meeting House Church, wo fr�her Versammlungen abgehalten wurden. Sie liegt gleich um die Ecke.�</p><p>Calebs Augen wurden gro�, und er nickte anerkennend.</p><p>Dann l�chelte er. �Ich bin froh, dass du auf meiner Seite bist.�</p><p>***</p><p>Z�gig marschierten sie die Washington Street entlang und erreichten innerhalb k�rzester Zeit die Meeting House Church. Auch diese historische Kirche war perfekt restauriert.</p><p>Als sie eintreten wollten, wurden sie von einer Aufseherin aufgehalten.</p><p>�Es tut mir leid, aber wir schlie�en gerade�, sagte sie. �Das hier ist ein Museum, und es ist siebzehn Uhr. Warum kommt ihr nicht einfach morgen wieder?�</p><p>Caleb warf Caitlin einen Blick zu, und sie sp�rte sofort, was er dachte: Er wollte, dass sie ihre Willenskraft an dieser Frau ausprobierte.</p><p>Also blickte Caitlin der Frau tief in die Augen und schickte ihr auf dem Gedankenweg einen Vorschlag. <emphasis>Sie w�rde sie einlassen, sie w�rde eine Ausnahme f�r sie machen.</emphasis></p><p>Pl�tzlich blinzelte die Frau mit den Augen und sagte: �Wisst ihr was? Ihr beide seid so ein nettes Paar. Deshalb mache ich f�r euch eine Ausnahme � aber erz�hlt es blo� nicht weiter!� Sie zwinkerte ihnen zu.</p><p>Bevor sie das Geb�ude betraten, schenkte Caleb Caitlin ein stolzes L�cheln.</p><p>Die Kirche war wundersch�n. Wie die Walfang-Kirche auf Martha�s Vineyard bestand auch sie aus einem riesigen offenen Raum mit gro�en Fenstern, die in alle Richtungen zeigten. Die Kirchenb�nke aus Holz waren leer. Sie hatten das Museum f�r sich allein.</p><p>�Diese Kirche ist riesig�, bemerkte Caitlin. �Was machen wir jetzt?�</p><p>�Lass uns zun�chst dem vorgegebenen Weg folgen�, schlug Caleb vor und zeigte auf die roten Pfeile auf dem Boden, die den Besuchern den Weg weisen sollten.</p><p>So gelangten sie zu einer Reihe von Exponaten und kleinen Gedenktafeln, die entlang eines Holzgel�nders ausgestellt waren. Sie blieben stehen, um zu lesen.</p><p>Auf einmal riss Caitlin die Augen auf. �H�r dir das an�, sagte sie. <emphasis>�An diesem Ort entschuldigte sich im Jahr 1697 Richter Sewall daf�r, dass er einer der Richter bei den Hexenprozessen von Salem gewesen war, bei denen die Hexen im Jahr 1692 zum Tode verurteilt worden waren.�</emphasis></p><p>Aufgeregt sahen Caleb und Caitlin sich an � die Verbindung zu Salem war hochinteressant. Offensichtlich waren sie am richtigen Ort. Alle Hinweise ihrer Suche liefen an einem Punkt zusammen. Sie f�hlten sich ihrem Ziel so nahe, so als w�re das Schwert direkt unter ihren F��en versteckt.</p><p>Doch als sie sich aufmerksam umsahen, entdeckten sie nichts, was eine weitere Spur darstellen k�nnte.</p><p>�Nun, das hier muss das Haus sein, in dem sie zusammenkommen. Und wenn du recht hast, wenn es tats�chlich um den Weg geht, dann stellt sich jetzt die Frage: Wo ist der vierte Ort?�</p><p>Erneut las er das R�tsel vor:</p><p><strong>�Die vier Reiter reiten auf einem Pfad in die Freiheit.</strong></p><p><strong>Sie verlassen das gemeinsame Land,</strong></p><p><strong>betreten einen Ring aus Blut,</strong></p><p><strong>versammeln sich in dem Haus</strong></p><p><strong>und finden die, die sie liebten,</strong></p><p><strong>neben der vierten Spitze des Kreuzes.�</strong></p><p>�Wir haben �das gemeinsame Land� verlassen�, �berlegte er laut, �wir haben den �Ring� betreten, und wir haben uns �in dem Haus versammelt�. Jetzt m�ssen wir noch �neben der vierten Spitze des Kreuzes die finden, die wir liebten�. Wenn du mit deiner Vermutung richtig liegst, haben wir noch ein letztes Ziel vor uns.�</p><p>Beide dachten angestrengt nach.</p><p>�Ich glaube, dieser letzte Punkt bezieht sich auf die Suche nach deinem Vater�, sagte er. �Wir haben bestimmt nur noch eine Station vor uns. Aber wo? Was ist �die vierte Spitze des Kreuzes�? Eine weitere Kirche?�</p><p>Caitlin zerbrach sich den Kopf, trat dann einen Schritt vor und musterte wieder den Plan. Mit dem Finger verfolgte sie die Route, die sie bisher zur�ckgelegt hatte. Pl�tzlich leuchteten ihre Augen auf.</p><p>�Einen Stift�, stie� sie atemlos hervor. �Schnell, ich brauche einen Stift.�</p><p>Suchend lief Caleb den Gang entlang, bis er schlie�lich in einer Kirchenbank einen Stift fand.</p><p>Sorgf�ltig zeichnete Caitlin eine Linie in den Plan des Freedom Trail ein.</p><p>�Es ergibt ein Muster�, erl�uterte sie aufgeregt. �Der Weg, den wir gegangen sind, ergibt ein Muster. Wir haben im Boston Common begonnen.� Sie f�gte einen Kreis ein. �Dann haben wir den Ring aus Blut betreten�, fuhr sie fort und verband die beiden Punkte miteinander. �Als N�chstes waren wir in der Meeting House Church.� Sie kreiste auch die Kirche ein und zog eine Verbindungslinie.</p><p>�Sieh mal, wo wir �berall gewesen sind. Sieh dir das Muster an.�</p><p>Unsicher kniff er die Augen zusammen.</p><p>�Das Muster ist noch nicht ganz fertig, deshalb erkennst du es noch nicht. Schlie�lich haben wir erst drei Punkte aufgesucht. Aber ein vierter w�rde es vervollst�ndigen.�</p><p>Sie zog eine letzte Linie, um das Muster fertigzustellen.</p><p>Die Kinnlade klappte ihm herunter, als er begriff.</p><p>�Ein Kreuz�, sagte er leise. �Wir sollten den Konturen eines Kreuzes folgen.�</p><p>�Ja�, bekr�ftigte sie aufgeregt. �Und wenn wir der Linie folgen, wenn wir das Kreuz symmetrisch vervollst�ndigen, kann es nur auf einen Ort hindeuten.�</p><p>Mit den Augen verfolgten sie die Linie.</p><p>Genau dort am Ende der Linie, an der vierten Spitze des Kreuzes, lag der Friedhof von King�s Chapel.</p><p>��Die, die sie liebten��, sagte Caleb. �Der Friedhof.�</p><p>�Dort ist er beerdigt�, erg�nzte sie.</p><p>�Und ich wette, dass sich dort auch das Schwert befindet.�</p><p>***</p><p>Samantha lie� die Au�enbezirke von Boston hinter sich und steuerte den BMW z�gig den Highway entlang. Das Ziel hie� Salem. Sam sa� auf dem Beifahrersitz. Samantha �rgerte sich immer mehr �ber die wachsenden Schwierigkeiten bei der Suche nach Sams Dad. Als sie die Nachrichten auf Facebook gesehen hatte, nachdem Sam ihr voller Aufregung erz�hlt hatte, dass er in Kontakt mit seinem Vater stand, war sie �berzeugt gewesen, dass alles ganz leicht werden w�rde. Sie w�rde ihn einfach zu seinem Vater bringen, und daraus w�rde sich der direkte Weg zum Schwert ergeben.</p><p>Doch die Dinge hatten sich komplizierter gestaltet. Diesen widerlichen Kerl hatte sie nicht auf der Rechnung gehabt, aber vor allem hatte sie nicht damit gerechnet, dass sie Gef�hle f�r Sam entwickeln k�nnte. Das machte die Dinge nur noch komplizierter und tr�bte ihre Wahrnehmung. Ihr urspr�nglicher Plan war so simpel gewesen: Sie wollte seinen Dad finden, beide umbringen und mit dem Schwert zur�ckkehren. Inzwischen war sie sich nicht mehr sicher, ob sie Sam �berhaupt t�ten wollte. Sie sah die frische Wunde an seiner Wange, eine st�ndige Erinnerung daran, dass er versucht hatte, sie zu retten.</p><p>Mehr als alles andere war sie w�tend auf sich selbst, auf ihren Mangel an Selbstdisziplin. Sie hasste Gef�hle � sie kamen einem blo� immer in die Quere.</p><p>Nachdem seine Uhr sie auf die Spur nach Salem gebracht hatte, h�tte sie sich seiner entledigen k�nnen. Aber aus irgendeinem verr�ckten Grund wollte sie ihn bei sich haben � sie verstand sich selbst nicht mehr. Also hatte sie ihm gesagt, sie br�uchte seine Hilfe bei etwas, das ihr wichtig w�re. Dazu m�ssten sie nach Salem fahren. Ob er dabei w�re? Daraufhin hatte er �ber das ganze Gesicht gestrahlt. Es war mehr als offensichtlich, dass er keine Lust hatte, in die Schule zur�ckzukehren.</p><p>Au�erdem konnte sie ihn weiterhin benutzen, um seinen Dad aufzusp�ren. Das mit der Uhr war ein Gl�cksfall gewesen. Salem war jedoch kein kleiner Ort, und diese alte Gravur konnte alles bedeuten. Daher k�nnte es sich tats�chlich als n�tzlich erweisen, ihn dabeizuhaben.</p><p>Pl�tzlich sp�rte sie etwas und ging abrupt in die Eisen. Kreischend kam der Wagen mitten auf dem Highway zum Stehen.</p><p>�Hoppla!�, rief Sam, w�hrend er sich mit den H�nden am Armaturenbrett abst�tzte. �Was soll das denn?�</p><p>Mehrere Autofahrer mussten ihnen mit quietschenden Reifen ausweichen und hupten emp�rt.</p><p>Aber Samantha war das v�llig egal. Sie hatte irgendwelche Schwingungen aufgefangen.</p><p>Hochkonzentriert reckte sie das Kinn und horchte in sich hinein.</p><p>Ja. Da war es wieder. Ganz in der N�he. Das Signal war unmissverst�ndlich. Bedeutende Vampiraktivit�ten fanden statt, und zwar hier in Boston. Sie konnte das Pulsieren der Schwingungen in ihren Adern sp�ren. Sie strahlten eine gewisse Dringlichkeit aus. Vielleicht hatte das Ganze sogar etwas mit dem Schwert zu tun.</p><p>V�llig unvermittelt wendete sie um hundertachtzig Grad und zwang die �brigen Verkehrsteilnehmer damit zu waghalsigen Man�vern. Der BMW raste den Storrow Drive in der entgegengesetzten Richtung entlang.</p><p>Sam wurde gegen die T�r geschleudert und klammerte sich Halt suchend an den T�rgriff.</p><p>�Wozu die Eile?�, fragte er �berrascht und ein wenig erschrocken.</p><p>Nach einigen Hundert Metern bog Samantha quietschend nach links ab und �berquerte dabei unerschrocken vier Fahrspuren.</p><p>�Eine kleine Plan�nderung�, erwiderte sie nur.</p><p>***</p><p>Kyle sprang schon von der Jacht, bevor sie �berhaupt angelegt hatte, und landete geschickt auf dem Kopfsteinpflaster Bostons. Kurz darauf stand Sergei neben ihm.</p><p>Auf der �berfahrt hatte er mehrmals daran gedacht, den Russen zu t�ten, doch das h�tte ihm nur vor�bergehend Freude bereitet und ihm nicht das verschafft, was er so dringend brauchte. Also hatte er beschlossen, ihm eine letzte Chance zu geben.</p><p>Wenn Sergei auch in Boston keine Anhaltspunkte fand, wo das M�dchen war, w�rde er ihn ganz bestimmt umbringen und einen anderen Weg finden. Ungeduldig sah Kyle den Russen an.</p><p>Zumindest hatte er noch die gro�e Wunde im Gesicht. Der Gedanke, dass der S�nger eine sch�ne, gro�e Narbe zur�ckbehalten w�rde, gefiel Kyle au�erordentlich.</p><p>Zum Gl�ck leuchteten die Augen des Russen jetzt auf.</p><p>�Sie ist definitiv hier, mein Meister�, sagte er aufgeregt. �Ich sp�re sie ganz deutlich. Sie kann nur wenige Blocks entfernt sein.�</p><p>Ein zufriedenes L�cheln breitete sich auf Kyles Gesicht aus. Diesmal schien es zu stimmen. Ja, er glaubte ihm. Nur wenige Blocks entfernt. Das klang doch fantastisch.</p><p>Kyle ging auf eine gl�nzende neue Limousine zu, deren Fahrer bei laufendem Motor neben der ge�ffneten T�r stand.</p><p>Der Russe �ffnete die Beifahrert�r und stieg ein.</p><p>�He!�, rief der Fahrer.</p><p>Doch bevor er �berhaupt reagieren konnte, hatte Kyle ihm schon einen kr�ftigen Fausthieb verpasst, der ihn einige Meter r�ckw�rtsfliegen lie�. Mit einer geschmeidigen Bewegung nahm Kyle auf dem Fahrersitz Platz und f�delte sich in den Verkehr ein.</p><p>Dann raste er durch den dichten Bostoner Verkehr, scherte aus, nur weil es ihm Spa� machte, und rammte dabei einen anderen Wagen. �berall um ihn herum wurde kr�ftig gehupt. Er grinste breit. Jetzt f�hlte er sich schon ein bisschen besser.</p><p>Innerhalb k�rzester Zeit w�rde das Schwert ihm geh�ren.</p><p>Und dann w�rde er sie alle t�ten.</p></section><section><p>
				
				29.</p><p>Kapitel</p><p><emphasis>A</emphasis>ls Caitlin und Caleb die Meeting House Church verlie�en und in die School Street einbogen, konnten sie schon den Friedhof der King�s Chapel sehen. Er war nur zwei Blocks entfernt.</p><p><emphasis>Die vierte Spitze des Kreuzes</emphasis>, dachte Caitlin. <emphasis>Es passt alles zusammen</emphasis>.</p><p>Beim Gehen dachte sie dar�ber nach, dass sie die ganze Zeit der Form eines Kreuzes gefolgt waren, als w�ren sie von einer unsichtbaren Hand geleitet worden.</p><p>Ihr Herz schlug immer schneller. Sie war aufgeregt und nerv�s, endlich ihren Vater zu treffen, wenn er denn noch lebte. Gleichzeitig wappnete sie sich auch dagegen, sein Grab zu sehen, falls er tot sein sollte. So oder so wusste sie nicht, wie sie darauf reagieren w�rde. Aber sie war auf jeden Fall sehr gespannt, zu erfahren, wer er war, von wem sie abstammte. Endlich w�rde sie Informationen �ber ihre Familie erhalten und herausfinden, was das Schicksal f�r sie bereithielt.</p><p>Gleichzeitig machte sie sich Sorgen, dass ihre Beziehung zu Caleb bald zu Ende sein k�nnte. Was w�rde passieren, wenn sie das Schwert tats�chlich f�nden? Was w�rde er dann tun? W�rde er gehen, um seinen Krieg zu f�hren und seinen Clan zu retten? Und was w�rde das f�r sie bedeuten?</p><p>H�ndchen haltend legten sie die letzten Meter zu dem Friedhof zur�ck. Sein Griff wurde fester. Vielleicht teilte er ja ihre Gedanken. Was auch immer sie in den n�chsten Minuten finden w�rden, k�nnte ihrer beider Leben f�r immer ver�ndern. Caitlin sp�rte, dass Rose sich tiefer in ihrer Jacke verkroch.</p><p>Die Sonne ging gerade unter, als sie den d�steren kleinen Friedhof der King�s Chapel betraten. Es handelte sich um den kleineren der beiden historischen Friedh�fe Bostons, der schon ziemlich in Vergessenheit geraten war. Er war nur etwa drei�ig Meter breit und kaum l�nger. Kleine, bescheidene Grabsteine, Hunderte von Jahren alt, waren auf dem Gel�nde verteilt.</p><p>Ein schmaler, gepflasterter Weg wand sich zwischen den Gr�bern hindurch. Caitlin setzte Rose auf dem Boden ab, damit sie neben ihnen herlaufen konnte. W�hrend sie jeden einzelnen Grabstein musterten und jede Inschrift lasen, klopfte Caitlins Herz heftig. Konnte das hier das Grab ihres Vaters sein? Oder das dort dr�ben?</p><p>Sie begannen ihre Suche ganz hinten in der letzten Reihe, gingen von Stein zu Stein und hielten nach einem Hinweis Ausschau. Bald stellte Caitlin fest, dass sie sich zu den gr��eren Grabm�lern hingezogen f�hlte � sie hoffte, dass ihr Vater eine bedeutende Pers�nlichkeit gewesen war und deshalb einen gro�en Grabstein bekommen hatte.</p><p>Doch sie konnten seinen Namen nirgendwo finden.</p><p>Als sie ihre Suche beendet hatten und wieder am Eingang gelandet waren, entdeckte Caitlin auf einmal, dass noch eine letzte Grabreihe �brig war. Sie lag direkt an der Stra�e, ganz dicht beim Eingang. Langsam schritten sie die Gr�ber ab.</p><p>Schlie�lich fanden sie es � ganz am Ende.</p><p>Auf dem Grabstein stand: <emphasis>Elizabeth Paine, gestorben 1692</emphasis>.</p><p>Es handelte sich um dieselbe Elizabeth Paine, auf die sie bereits in Salem gesto�en waren. Die Frau aus Hawthornes <emphasis>Der scharlachrote Buchstabe</emphasis>. Die Frau, die eine Beziehung mit einem Vampir eingegangen war, wie Caleb ihr erz�hlt hatte. Die Frau, die Caitlins Nachnamen trug. Hier war sie begraben.</p><p>War sie es, der sie die ganze Zeit auf der Spur gewesen waren? Hatte Caitlin nicht ihren Vater, sondern ihre <emphasis>Mutter</emphasis> gesucht?</p><p>Oder war Elizabeths Ehemann der Vampir gewesen?</p><p>Caleb kniete sich mit Caitlin neben das Grab. Auch Rose lie� sich nieder und starrte den Grabstein an.</p><p>�Das ist der Ort�, sagte er voller Ehrfurcht. �Hierher sollten wir kommen. Das ist ihre letzte Ruhest�tte. Sie ist deine Vorfahrin.�</p><p>Caitlin war verwirrt. �Dann haben wir also die ganze Zeit nach meiner <emphasis>Mom</emphasis> gesucht?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, erwiderte Caleb. �Es k�nnte sein, dass <emphasis>sie</emphasis> der Vampir war. Oder der Mann, den sie geheiratet hat.�</p><p>�Aber�, warf Caitlin ein, �hei�t das, dass sie tot sind? Oder leben sie noch?�</p><p>Langsam sch�ttelte Caleb den Kopf. �Ich habe keine Ahnung�, gab er schlie�lich zu.</p><p>Erneut las er den Text auf der Schriftrolle: <emphasis>�� und finden die, die sie liebten, neben der vierten Spitze des Kreuzes.�</emphasis> Er lie� seinen Blick �ber den ganzen Friedhof schweifen. �Das muss der richtige Ort sein. Das hier sind �die, die sie liebten�. Das muss die vierte Spitze des Kreuzes sein. Es gibt sonst keine andere M�glichkeit�, sagte er nachdenklich. �Trotzdem sehe ich nichts, was auf das Versteck des Schwertes hindeutet. Du?�</p><p>Auch Caitlin sah sich erneut auf dem kleinen Gel�nde um, das inzwischen von der untergehenden Sonne rot angestrahlt wurde. Dann seufzte sie. Nein. Es gab keine einzige Spur.</p><p>Doch dann hatte sie pl�tzlich wieder eine Eingebung.</p><p>�Lies es noch einmal vor�, forderte sie. �Ganz langsam.�</p><p><emphasis>�Und finden die, die sie liebten, neben der vierten Spitze des Kreuzes.�</emphasis></p><p>�Neben�, wiederholte sie mit leuchtenden Augen.</p><p>�Was?�</p><p>�Es hei�t <emphasis>neben</emphasis> der vierten Spitze des Kreuzes. Nicht <emphasis>an</emphasis>, sondern <emphasis>neben</emphasis>�, sprudelte sie hervor.</p><p>Gleichzeitig drehten sie sich um und betrachteten das gro�e Steingeb�ude neben dem Friedhof.</p><p>Die King�s Chapel.</p><p>***</p><p>Als sie die leere Kirche betreten hatten, schloss Caleb das m�chtige Portal hinter sich. Es fiel mit einem lauten Knall ins Schloss. Nat�rlich war die Kirche verschlossen gewesen, doch Caleb hatte das Portal mit seiner enormen Kraft aufgebrochen. Jetzt hatten sie die Kirche f�r sich.</p><p>In der wundersch�nen kleinen Kapelle str�mte das Sonnenlicht durch die bunten Fenster. Sofort war Caitlin von Ruhe und Frieden erf�llt. Der Innenraum war anheimelnd und elegant, die Kirchenb�nke waren jeweils in einzelne Bereiche f�r Familien unterteilt und mit rotem Samt bezogen. Alles war sehr gut in Schuss, und sie f�hlte sich, als w�re sie in einem anderen Jahrhundert gelandet.</p><p>Caleb trat neben sie, und gemeinsam sahen sie sich um. In der Luft lag eine ganz besondere Stille.</p><p>�Es ist hier�, sagte er. �Ich kann es f�hlen.�</p><p>Und zum ersten Mal konnte auch Caitlin es sp�ren.</p><p>Nach und nach hatte sich ihre Wahrnehmung gesch�rft, und jetzt sp�rte sie deutlich die Anwesenheit des Schwertes. Sie war wie elektrisiert. Dabei wusste sie gar nicht, was sie aufregender fand: die Tatsache, dass das Schwert hier war, oder dass sie es jetzt auch sp�ren konnte.</p><p>Caitlin setzte Rose ab, schritt langsam den mit einem Teppich ausgelegten Mittelgang entlang und versuchte, mithilfe ihrer gesch�rften Sinne herauszufinden, wo das Schwert sein k�nnte. Ihr Blick blieb an der Kanzel am anderen Ende der Kapelle h�ngen.</p><p>Eine h�bsche kleine Wendeltreppe f�hrte zur Kanzel hinauf. Sie sah aus, als w�re von dort aus schon seit Jahrhunderten gepredigt worden. Aus irgendeinem Grund f�hlte sie sich zu diesem Ort hingezogen.</p><p>�Ich sp�re es auch�, sagte Caleb.</p><p>Sofort blieb sie stehen und sah ihn an.</p><p>�Geh nur�, forderte er sie auf. �Steig hinauf. Schlie�lich ist es <emphasis>dein</emphasis> Schwert und <emphasis>deine</emphasis> Familie.�</p><p>Also ging sie weiter und stieg langsam die Wendeltreppe hinauf. Rose blieb am Fu�e der Stufen sitzen. Leise winselnd blickte sie zu Caitlin hinauf und lie� sie nicht aus den Augen.</p><p>Endlich erreichte Caitlin die Kanzel, die gerade eben genug Platz f�r eine Person bot, und musterte die sch�nen Holzschnitzereien. Nirgends war ein Versteck zu erkennen, es gab nur ein Holzgel�nder, das einen Halbkreis formte und ihr bis an die Brust reichte. Das Holz f�hlte sich ganz glatt an, abgenutzt �ber die Jahrhunderte. Aber nirgendwo war ein Fach oder eine Schublade zu sehen.</p><p>Doch dann entdeckte sie etwas.</p><p>In dem Holz befand sich eine ganz schwache Einbuchtung, die �berstrichen worden war. Sie hatte die Form eines winzigen Kreuzes � ungef�hr so gro� wie das Kreuz an ihrer Halskette.</p><p>Als sie an der Einbuchtung kratzte, bl�tterte ein wenig Farbe ab. Ein Schl�sselloch kam zum Vorschein.</p><p>Caitlin nahm ihre Halskette ab und schob das kleine Kreuz in das Schl�sselloch. Es passte tadellos.</p><p>Als sie es vorsichtig drehte, klickte es leise.</p><p>Dann zog sie daran, aber nichts tat sich. Als sie fester zog, h�rte sie, wie noch mehr Farbe abplatzte. Die Scharniere waren komplett �bermalt worden. Mit den Fingern�geln versuchte sie, die Farbe wegzukratzen. Dann schob sie die Finger in den schmalen Spalt, der sich nun zeigte, und zog kraftvoll. Inzwischen war der Umriss eines hohen, schmalen Fachs zu erkennen. Wieder zog sie.</p><p>Und jetzt �ffnete sich das Fach.</p><p>Abgestandene Luft und eine Staubwolke quollen daraus hervor.</p><p>Als der Staub sich gelegt hatte, riss Caitlin erstaunt die Augen auf.</p><p>Da war es. Das Schwert.</p><p>Es war schlichtweg atemberaubend. Der Griff war vollst�ndig mit Gold und Juwelen �berzogen. Ohne das Schwert ber�hrt zu haben, konnte sie bereits seine Macht sp�ren.</p><p>Vorsichtig griff sie in das Fach und ber�hrte das Schwert voller Ehrfurcht.</p><p>Sanft legte sie eine Hand auf den Griff und die andere auf die Schwertscheide. Dann nahm sie es langsam aus dem Fach heraus und hielt es in die H�he, damit Caleb es ebenfalls sehen konnte.</p><p>Sie konnte sehen, wie ihm vor Staunen die Kinnlade herunterklappte.</p><p>Nun zog sie das Schwert langsam aus der Scheide, und mit einem leisen Klirren kam die Klinge zum Vorschein. Sie bestand aus einem Metall, das sie nicht kannte, und schimmerte anders als alles, was sie je gesehen hatte.</p><p>Die Energie, die das Schwert ausstrahlte, war �berw�ltigend � sie f�hlte sich an wie Elektrizit�t und str�mte durch Caitlins Hand und ihren Arm.</p><p>Sie hatte das Gef�hl, dass sie mit diesem Schwert alles erreichen konnte.</p><p>***</p><p>Der BMW hielt mit kreischenden Bremsen vor der King�s Chapel. Blitzschnell sprang Samantha heraus und lie� den Wagen einfach mitten auf der Stra�e stehen. Verbl�fft stieg Sam ebenfalls aus.</p><p>Andere Autofahrer hupten wie wild.</p><p>�He Lady, dort k�nnen Sie nicht parken!�, rief ein Polizist und lief auf sie zu.</p><p>Doch Samantha holte aus und schlug ihm mit der Faust auf die Nase. Noch bevor der Mann bewusstlos zu Boden sank, zog sie ihm flink die Pistole aus dem Halfter.</p><p>Schockiert und sprachlos sah Sam zu.</p><p>�Heilige Schei�e ��, setzte er an.</p><p>Aber bevor er den Satz zu Ende bringen konnte, nahm sie ihn in einen W�rgegriff und hob ihn hoch. Er wusste kaum, wie ihm geschah.</p><p>Dann zerrte sie ihn die Stufen zur King�s Chapel hinauf.</p><p>�Samantha!�, schrie er. �Was machst du ��</p><p>Mit dem Fu� trat Samantha das Kirchenportal auf und st�rzte in die Kapelle.</p><p>�KEINE BEWEGUNG!�, rief sie schrill.</p><p>Im Mittelgang der Kapelle blieb Samantha stehen und hielt ihre Geisel mit der linken Hand fest, w�hrend sie mit der rechten die Pistole auf Sams Schl�fe richtete.</p><p>Als Samantha aufsah, entdeckte sie dieses M�dchen � Caitlin � oben auf der Kanzel, mit dem Schwert in der Hand. Ihrem Schwert. Dem Schwert, das sie so dringend brauchte.</p><p>An der Seite der Kapelle stand dieser andere Vampir, der ihren Clan verraten hatte. Caleb.</p><p>Und direkt vor ihr im Gang sah sie einen kleinen, knurrenden Wolfswelpen.</p><p>�Lass das Schwert fallen!�, schrie Samantha, �oder ich bringe deinen Bruder um!�</p><p>Verzweifelt versuchte Sam, sich aus ihrem Griff zu winden, doch er war ihrer Kraft nicht gewachsen.</p><p>�Bitte�, flehte er, �tu das nicht. Warum machst du das?�</p><p>Samantha registrierte, dass Caitlin v�llig verwirrt aussah und nicht wusste, was sie tun sollte. Immer wieder blickte sie zu Caleb hin�ber, als wartete sie auf seinen Rat.</p><p>�Gib ihr das Schwert nicht�, sagte Caleb mit Nachdruck.</p><p>�Wenn du es nicht tust, wird dein Bruder sterben!�, kreischte Samantha. �Ich schw�re es!�</p><p>�Sam?�, rief Caitlin.</p><p>�Es tut mir so leid, Caity�, wimmerte Sam. �Bitte, gib ihr das Schwert. Lass nicht zu, dass sie mich umbringt.�</p><p>Angespanntes Schweigen senkte sich �ber die Kapelle, w�hrend Caitlin mit sich rang.</p><p>Rose fletschte die Z�hne und schlich langsam auf Samantha zu.</p><p>�Okay!�, rief Caitlin schlie�lich. �Wenn ich dir das Schwert gebe, l�sst du ihn dann auch ganz bestimmt gehen?�</p><p>�Ja. Wirf es jetzt herunter�, befahl Samantha.</p><p>Erneut z�gerte Caitlin.</p><p>Dann warf sie das Schwert ganz pl�tzlich von der Kanzel.</p><p>Es landete mit einem lauten Klirren mitten im Gang auf dem Boden. Caitlin, Caleb und Samantha waren alle gleich weit von dem Schwert entfernt.</p><p>In diesem Augenblick rannte Rose los und st�rzte sich auf Samantha.</p><p>Doch Samantha richtete die Pistole auf den kleinen Wolf und dr�ckte ab.</p><p>Gleichzeitig flog krachend das Portal auf, und Kyle und Sergei st�rmten herein.</p><p>Mit dieser unerwarteten Wendung hatte niemand der Anwesenden gerechnet. Sie machte das Chaos perfekt.</p><p>Kyle machte sich die allgemeine Verwirrung zunutze.</p><p>Bevor auch nur irgendjemand reagieren konnte, raste er den Gang entlang und schlug Sam und Samantha mit einem einzigen Schlag bewusstlos. Die Pistole schlitterte �ber den Boden.</p><p>Caleb z�gerte keine Sekunde und st�rmte auf das Schwert zu, das immer noch am Boden lag.</p><p>Doch Kyle hatte es ebenfalls entdeckt und schoss direkt hinter ihm her.</p><p>Bevor Caleb das Schwert erreichen konnte, sprang Kyle ihn von hinten an und warf ihn zu Boden.</p><p>Kyle landete auf Caleb, und die beiden begannen miteinander zu ringen. Sie waren einander kr�ftem��ig nahezu ebenb�rtig.</p><p>Jetzt machte sich Sergei die Situation zunutze und schnappte sich das Schwert.</p><p>Anfangs war Caitlin zu schockiert gewesen, um zu reagieren, aber jetzt wurde sie aktiv. Sie musste Caleb helfen. Kyle schien allm�hlich die Oberhand zu gewinnen. Gerade versuchte er, Caleb mit den Daumen die Augen auszustechen.</p><p>Mit einem Satz sprang Caitlin von der Kanzel, flog durch die Luft und landete knapp f�nf Meter tiefer auf dem Kirchenboden. Dann st�rmte sie auf Kyle zu und trat ihn hart in die Rippen. Durch den Tritt wurde er gerade noch rechtzeitig von Caleb hinunterbef�rdert.</p><p>Doch pl�tzlich versank Caitlin ohne Vorwarnung in einer Welt des Schmerzes.</p><p>Sie schrie auf. Kaltes Metall drang in ihren R�cken ein und durchbohrte ihre Haut und ihre Eingeweide bis zu ihrem Magen. Genauso schnell wurde die Waffe wieder herausgezogen.</p><p>Als sie auf die Knie sank, sp�rte sie, wie das Blut in ihre Kehle stieg, ihren Mund und ihre Z�hne erreichte und ihr dann das Kinn hinuntertropfte.</p><p>Schockiert und voller Qualen sah sie sich um und begriff, dass sie von hinten niedergestochen worden war. In den R�cken. Mit dem Schwert.</p><p>�NEIN!�, schluchzte Caleb entsetzt und eilte zu ihr.</p><p>Dabei war er so abgelenkt, dass er Sergei gar nicht wahrnahm, der mit dem blutigen Schwert neben Caitlin stand. Ganz offensichtlich war der Russe mit seinem Werk zufrieden, denn er grinste gemein.</p><p>�Du hast mich vor meiner Zeit get�tet�, knurrte er w�tend. �Und jetzt habe ich mich revanchiert.�</p><p>Dann drehte Sergei sich pl�tzlich um und rannte mit dem Schwert den Gang entlang.</p><p>Kyle sprang auf und folgte ihm.</p><p>Als die beiden an Samantha vorbeiliefen, erlangte sie gerade das Bewusstsein wieder. Sie schnappte sich den bewusstlosen Sam, warf ihn sich �ber die Schulter und eilte den beiden anderen hinterher.</p><p>Abgesehen von Caitlin und Caleb war die Kirche jetzt leer. Und Rose nat�rlich, die blutend auf der Seite lag und vor sich hin winselte.</p><p>�Caitlin!�, schrie Caleb und packte sie an den Schultern. Dann beugte er sich vor und streichelte ihr die Wangen. Die Tr�nen str�mten ihm �ber das Gesicht.</p><p>Das Schwert hatte er v�llig vergessen, so sehr schockierte ihn ihre Verletzung. Irgendwo in seinem Unterbewusstsein war ihm klar, dass die anderen mit dem Schwert die Kirche verlassen hatten. Mit dem Schwert, das er schon sein ganzes Leben lang hatte finden und besch�tzen wollen � darauf hatte er sogar einen Eid geschworen.</p><p>Doch jetzt interessierte ihn nur noch Caitlin, die blutend und sterbend vor ihm lag.</p><p>Sie lag auf dem R�cken auf dem Boden der Kapelle und sp�rte, wie die Welt kalt wurde. F�rchterliche Schmerzen am R�cken und im Bauch qu�lten sie, und sie sp�rte, wie viel Blut sie verlor. Vage nahm sie Calebs H�nde auf ihrem Gesicht wahr.</p><p>Als sie die Augen aufschlug, sah sie die Kirchendecke. Und Caleb. Sein wundersch�nes Gesicht, das auf sie hinunterblickte.</p><p>Sie wusste, dass sie im Sterben lag. Aber trotz der Schmerzen war sie nicht traurig um ihrer selbst willen. Nur die Vorstellung, nicht mehr bei ihm sein zu k�nnen, machte sie ungl�cklich.</p><p>�Caitlin!�, schluchzte Caleb. �Bitte geh nicht. Verlass mich nicht!�</p><p>W�hrend er sie in den Armen wiegte, weinte er leise vor sich hin.</p><p>Caitlin sah in seine gro�en Augen, die jetzt fast schwarz waren, und versuchte, ihren Blick zu fokussieren.</p><p><emphasis>Geh nicht.</emphasis></p><p>Doch es funktionierte nicht.</p><p>�Caitlin�, flehte er unter Tr�nen. �Ich m�chte, dass du es wei�t. Ich kann jetzt sehen, wo wir uns getroffen haben. In einem fr�heren Leben. Jetzt kann ich alles sehen.�</p><p>Als Caitlin zu sprechen versuchte, gehorchte ihre Stimme ihr nicht mehr. Ihre Kehle war so trocken, und das Blut war �berall. Sie brachte nicht mehr als ein Fl�stern hervor.</p><p>�Was?�, fragte Caleb und beugte sich vor. �Sag es bitte noch mal.�</p><p>Diesmal legte er sein Ohr an ihren Mund.</p><p>�Verwandle � mich�, hauchte sie.</p><p>Entsetzt starrte er sie an, nicht sicher, ob er sie richtig verstanden hatte.</p><p>Mit allerletzter Kraft streckte Caitlin die Hand aus, packte ihn am Hemd und zog ihn dicht zu sich herunter.</p><p>�Verwandle mich!�, befahl sie.</p><p>Damit hatte sie ihre letzten Kraftreserven aufgebraucht.</p><p>Die Augen fielen ihr zu, und sie sp�rte, wie ihr die Welt entglitt.</p><p>Das Allerletzte, was sie sah, war Caleb, der sich immer n�her zu ihr beugte. Seine Eckz�hne standen hervor und wurden l�nger, immer l�nger, je n�her er ihr kam.</p><p>Und dann sp�rte sie einen exquisiten Schmerz an ihrem Hals, als die Z�hne ihre Haut durchbohrten.</p><p>Danach versank ihre Welt in schw�rzester Dunkelheit.</p></section><section><p>
				
				Fakten und Fiktionen</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>FAKT:</strong></p><p>Im Jahr 1692 wurden in Salem ein Dutzend M�dchen im Teenageralter von einer r�tselhaften Krankheit befallen. Man nannte diese M�dchen auch <emphasis>die</emphasis><emphasis>Besessenen</emphasis>. Die Krankheit lie� die jungen M�dchen hysterisch werden: Sie schrien herum und behaupteten, dass sie von ortsans�ssigen Hexen gequ�lt w�rden. Dies f�hrte zu den Hexenprozessen von Salem. Bis zum heutigen Tag konnte keine Erkl�rung f�r die mysteri�se Erkrankung der jungen M�dchen gefunden werden.
				<strong>FAKT:</strong></p><p>Nathaniel Hawthornes bedeutendstes Werk, <emphasis>Der scharlachrote Buchstabe</emphasis>, basiert auf dem Leben von Elizabeth Paine, die in Salem lebte. Sie wurde bestraft, weil sie die Identit�t des Vaters ihres Kindes nicht verraten wollte.
				<strong>FAKT:</strong></p><p>Nathaniel Hawthorne hat nicht nur �ber Salem geschrieben, sondern auch lange dort gelebt. Seine Familie lebte schon seit vielen Generationen in Salem. Sein Urgro�vater war einer der Richter bei den Hexenprozessen von Salem gewesen. Hawthornes Haus in Salem existiert bis zum heutigen Tage.
				<strong>FAKT:</strong></p><p>Im siebzehnten Jahrhundert wurden in Boston auf dem H�gel von Beacon Common Hexen hingerichtet.
				<strong>FAKT:</strong></p><p>Elizabeth Paine liegt auf dem Friedhof der Bostoner King�s Chapel begraben. Ihr Grabstein steht gut sichtbar in der ersten Grabreihe neben der Kapelle.</p></section><section><p>
				
				�ber den Autor</p><p><emphasis>M</emphasis>organ Rice schreibt schon seit vielen Jahren, doch <emphasis>The Vampire Journals</emphasis> sind seine erste Vampirserie. Morgan Rice ist das Pseudonym eines bekannten US-Autors, der in New York City lebt.</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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