<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_history</genre><author><first-name>Alfredo</first-name><last-name>Colitto</last-name></author><book-title>Das Geheimnis der Alchimistin</book-title><annotation><p>Medicus Mondino im Kampf gegen die Inquisition Mondino de� Liuzzi ist Arzt und Anatom an der Universit�t von Bologna. Als er eines Abends auf die Totengr�ber wartet, die ihm eine Leiche zum Sezieren bringen sollen, steht einer seiner Sch�ler mit einem grausam zugerichteten M�nnerleichnam vor seiner T�r. Offensichtlich wurde das Herz des Opfers zu Eisen verwandelt. Der Student bittet Mondino um Hilfe und offenbart sich ihm: Sein wahrer Name ist Gerardo da Castelbretone, er ist Templer und versteckt sich in Bologna vor den Schergen des Inquisitors Uberto da Rimini. Der Tote, ebenfalls ein Tempelritter, war bei Gerardo zu Gast und wurde w�hrend dessen Abwesenheit ermordet. Mondino beschlie�t, gemeinsam mit seinem Sch�ler das R�tsel um den Mord und das verwandelte Herz zu l�sen. Unterst�tzt werden die beiden von der h�bschen arabischen Heilkundlerin Adia, der Mondino schon bald n�herkommt.</p><empty-line/><p>Die Originalausgabe erschien 2009�unter dem Titel �Cuore di ferro��bei Edizioni Piemme Spa, Casale Monferrato.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>it</src-lang></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-03-04">4.3.2013</date><id>ADAD6578-C5B1-44D2-9657-26DE940C5F82</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2011</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><strong>MEINER MUTTER </strong></p><p>In unendlicher Dankbarkeit</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/><p><image l:href="#2"/></p></section><section><title><p><strong>PROLOG </strong></p></title><p><emphasis>Messere, </emphasis></p><p><emphasis>am zw�lften Januar im Jahre des Herrn 1305 wart Ihr gemeinsam mit anderen Tempelrittern an einer �u�erst grausamen Handlung gegen einen unschuldigen Menschen beteiligt. Dies in der Hoffnung, ihm ein Geheimnis zu entrei�en, durch das Ihr neben unendlichen Reicht�mern auch Unsterblichkeit erlangen k�nntet. </emphasis></p><p><emphasis>Obwohl Ihr nicht einmal sicher wart, dass sich der Mann im Besitz dieses Geheimnisses befand, habt Ihr ihn auf das Grausamste gequ�lt und schlie�lich get�tet, ohne ihn zu einem Gest�ndnis bewegen zu k�nnen. Die Tatsache, dass es sich dabei keineswegs um einen sarazenischen Glaubensfeind, sondern um einen Christenmenschen wie Euch selbst handelte, hat Euch nicht gen�gt, Eure Hand zur�ckzuhalten. </emphasis></p><p><emphasis>Eure Tat widert mich an, aber dies ist nicht der Grund f�r mein Schreiben. </emphasis></p><p><emphasis>Das von Euch so begehrte Geheimnis befindet sich nun in Italien, in der Stadt Bologna. Auch ich w�nsche mich seiner zu bem�chtigen, doch dazu ben�tige ich Hilfe. Und bevor ich versuche, andere Helfer, die sich als unentschlossen und unzuverl�ssig erweisen k�nnten, von seiner Existenz zu �berzeugen, wende ich mich lieber an Euch, der Ihr bereits ohne Z�gern get�tet habt, um es in Euren Besitz zu bringen. </emphasis></p><p><emphasis>Sollte mein Vorschlag Euch interessieren, findet Euch am Sonnabend, den ersten Mai 1311 nach der Vesper vor dem �lberg des Ortes ein, der hier �Sancta Hierusalem Bononiensis� genannt wird. Dort werde ich Euch erkl�ren, was ich von Euch im Gegenzug f�r das, was ich Euch anbiete, haben m�chte. </emphasis></p><p><emphasis>Betrachtet den Gegenstand, den Ihr diesem Brief beigelegt findet, als Beweis meiner Glaubw�rdigkeit. </emphasis></p><p><emphasis>In treuem Glauben </emphasis></p><p><emphasis>Ein Freund </emphasis></p><empty-line/><p>Im Herbst 1310 erhielten in Neapel, Zypern und Toledo drei Tempelritter je eine Abschrift dieses in fehlerlosem Latein verfassten Briefes. Die Schreiben unterschieden sich lediglich in Bezug auf Ort und Tag der Verabredung.</p><p>Sie reagierten erstaunt und besorgt. Jeder der drei wusste, auf welches Ereignis sich der geheimnisvolle �Freund� bezog. Deshalb waren sie geneigt, nicht an seiner Glaubw�rdigkeit zu zweifeln - zumal jeder von ihnen mit dem Pergament auch einen in schwarze Seide gewickelten Gegenstand erhielt, der die absto�ende Faszination einer Schlange besa�: ein skelettierter menschlicher Finger, von einem Netz aus Blutgef��en bedeckt, jedoch ohne Haut oder Nagel.</p><p>Die Adern waren kalt, hart und dunkel, ein Geflecht aus Metallf�den.</p><p>Der betreffende Gegenstand konnte eigentlich nur die Arbeit eines �u�erst geschickten Handwerkers sein, der einen menschlichen Knochen mit Eisen �berzogen hatte. Doch seine unglaubliche Originaltreue lie� den Betrachter vermuten, dass es sich um einen echten Finger handelte, der sich in Eisen verwandelt hatte, und nicht um eine kunstreiche Arbeit.</p><p>Die drei Ritter konnten nicht wissen, dass sie alle den gleichen Brief erhalten hatten. Doch jeder von ihnen beschloss f�r sich, dass er unter allen Umst�nden herausfinden musste, ob der Absender die Wahrheit sagte. Falls jemand in der Lage war, menschliches Blut in Eisen zu verwandeln, konnte er es wahrscheinlich auch in Gold verwandeln.</p><p>Und Blut, das sich in Gold verwandelte, war ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Erlangung der unendlichen Macht �ber Leben und Tod, nach der sie alle strebten.</p><p>Dieses Geheimnis, dem sie jahrelang nachgejagt waren und das sie f�r immer verloren geglaubt hatten, war wie aus dem Nichts wieder aufgetaucht, um sie erneut zu versuchen. Doch es galt, vorsichtig zu sein. In Bologna war wie in den meisten europ�ischen St�dten nach dem Willen von Philipp dem Sch�nen und best�tigt von Papst Clemens V. ein Prozess gegen die Tempelritter im Gange.</p><p>Als Kaufmann, Pilger oder S�ldner verkleidet, machten sich die Ritter auf den Weg. Eines war ihnen allen klar: Derjenige, der den Brief geschickt hatte, wusste zu viel und musste auf jeden Fall ausgel�scht werden.</p></section><section><title><p><strong>EINS </strong></p></title><p><strong>M</strong>ondino de� Liuzzi sah den Brand. Er h�rte auch das Prasseln der Flammen und wie ein Dachbalken mit einem dumpfen Knall zusammenst�rzte. Auf der Stra�e war so viel Betrieb, als w�re es heller Tag: M�nner, Frauen und Kinder, die sich hastig angezogen hatten. Alle br�llten, um den L�rm zu �bert�nen. Vom gro�en Brunnen hinter der Kirche Sant�Antonino und denen der umliegenden H�user holten die Frauen einen Eimer Wasser nach dem anderen herauf, w�hrend die M�nner eine Kette bildeten, die bis zum obersten Stockwerk des Geb�udes reichte, aus dem die Flammen hochschlugen. Das unentwegte Quietschen der Brunnenrollen mischte sich in ihr Geschrei.</p><p>Mondino blieb nicht stehen, um zu helfen, und vernachl�ssigte damit gleich zweifach seine Pflicht - einmal als B�rger der Stadt und dann als Nachbar und Bewohner des Viertels. Doch er hatte in dieser Nacht anderes vor. Die M�nner, die er erwartete, mussten sich rasch und ungesehen ihrer Last entledigen. Wahrscheinlich hatten sie sich in einem Hauseingang verborgen, aber dort konnten sie nicht lange bleiben, bei all dem Volk auf der Gasse. Er legte hastig die kurze Wegstrecke zur�ck, die ihn von der Medizinschule trennte, wobei er sich im Schatten der Bogeng�nge hielt, um nicht erkannt zu werden. Niemand aus seinem Bekanntenkreis h�tte es riskiert, nachts ohne Begleitung das Haus zu verlassen. Aber selbst dann h�tte er sich in der Stra�enmitte gehalten. Ganz gewiss w�re es ihm nie in den Sinn gekommen, durch die abgrundtiefen Schatten der Bogeng�nge zu laufen. Mondino war gro� und kr�ftiger, als es seine magere Gestalt vermuten lie�, doch K�rperkraft z�hlte wenig gegen zwei oder drei mit Dolchen bewaffnete Schurken. Wie so oft, wenn er an die Gefahren dachte, die er f�r seine Liebe zur Wissenschaft eingehen musste, stieg Wut in ihm auf, und er ballte die F�uste.</p><p>W�hrend auf der Stra�e eine ganze Familie vorbeihastete, die mit ihren Eimern l�schen helfen wollte, blieb er reglos hinter einer S�ule stehen. Der Ehemann lief an ihm vorbei, ohne sich nach ihm umzudrehen, ebenso die drei S�hne, die barfu� durch den tiefen Schlamm stapften. Die Ehefrau, braunhaarig und aufreizend, schien seine Gegenwart jedoch zu sp�ren - sie wandte sich um und starrte in die Dunkelheit. Als sie ihn bemerkte, �ffnete sie den Mund, um zu schreien. Mondino tat das einzig M�gliche: Er trat aus der Dunkelheit in den Halbschatten und legte einen Finger auf den Mund. Seine breite Stirn, der hochaufgeschossene, schlanke K�rper, die gr�nen Augen und die kastanienbraunen gewellten Haare, die er nicht zu lang und nicht zu kurz trug, wirkten meist vertrauenerweckend auf das andere Geschlecht. Und er hoffte, dass es auch dieses Mal funktionieren w�rde.</p><p>Eine kleine, fette Alte - wahrscheinlich ihre Mutter oder Schwiegermutter -, deren runder Kopf in eine graue Haube geh�llt war, eilte an der Braunhaarigen vorbei und packte sie am Arm. Dabei zischte sie so etwas wie �Du liederliche Dirne� und zerrte sie weiter.</p><p>Mondino legte noch einen halben H�userblock zur�ck, untersuchte forschend jeden Schatten und zog, als er vor der Schule stand, einen gro�en Schl�ssel unter seinem Gewand hervor. Er steckte ihn ins Schloss, trat ein und zog die T�r hinter sich zu.</p><p>Im Dunklen hantierte er mit Z�nder und Feuerstein, z�ndete schlie�lich die Kerze an, die immer auf einem Brett neben der T�r lag. Dann ging er durch die leeren Bankreihen und hielt die Flamme an die Dochte der �llampen an den vier Ecken des Seziertischs. F�r das, was er vorhatte, musste er alles genau erkennen k�nnen. Er holte eine S�ge aus dem Trog und zwei Chirurgenmesser, ein langes und ein kurzes, und begann, die Klinge des l�ngeren zu wetzen, w�hrend er sich bem�hte, nicht auf die Schreie und die Ger�usche des Brandes zu achten. Mondino versuchte, sich auf das Schaben des Messers �ber den gut gefetteten Lederriemen zu konzentrieren, aber es gelang ihm nicht. Er hoffte nur, dass es keine Toten oder Verletzten gab.</p><p>Pl�tzlich ert�nte ein erregtes Klopfen an der T�r, drei- oder viermal hintereinander. Mondino seufzte erleichtert, legte das Messer weg und ging hin, um zu �ffnen.</p><p>Als er jedoch seinen Sch�ler Francesco Salimbene vor sich sah, der vollkommen verst�rt wirkte, blieb Mondino der Mund vor �berraschung weit offen stehen. Salimbenes Kopf war unbedeckt, die langen schwarzen Haare schmutzig, das Gesicht voller Schwei�perlen, und in seinen blauen Augen leuchtete der Wahnsinn. Selbst im schwachen Schein der �llampen sah man die Blutflecken auf seinem knielangen Gewand und den schwarzen besohlten Beinlingen. Mondino richtete den Blick auf den Mann, den Francesco um die Taille gepackt hielt, und bemerkte, dass es sich um einen Toten handelte. Bevor er irgendeine Reaktion zeigen konnte, stie� ihn der junge Mann jedoch bereits zur�ck und verschaffte sich mit Gewalt Zutritt ins Innere der Schule. Sobald er eingetreten war, schlug er die T�r mit der freien Hand hinter sich zu.</p><p>�Ich bitte Euch, Magister, schreit nicht�, sagte er, w�hrend er die Leiche vorsichtig auf dem Marmortisch ablegte. �Ich werde Euch alles erkl�ren.�</p><p>Mondino nutzte diesen Moment, um zu dem Pult mit der geneigten Platte zu eilen, auf dem er das Messer abgelegt hatte. Er packte es entschlossen und stellte sich zwischen den jungen Mann und die T�r. Als er einen Blick auf den Toten auf dem Seziertisch warf, fiel ihm auf, dass dessen Arme verst�mmelt waren - jemand hatte die H�nde am Gelenk abgetrennt - und dass sein Gewand �ber der Brust blutgetr�nkt war.</p><p>�Ich habe nicht geschrien�, sagte er. �Aber ich habe auch nicht die Absicht, einen Mord zu decken. Erkl�re mir also bitte, was mein schlechtester Sch�ler hier bei mir mit einer Leiche im Arm zu suchen hat. Dann werden wir die H�scher rufen und die Angelegenheit nach dem Gesetz regeln.�</p><p>�Dieser Mann, Angelo da Piczano�, sagte der andere, w�hrend er sich umdrehte und furchtlos das auf ihn gerichtete Messer betrachtete, �wurde auf schreckliche Weise get�tet. Es scheinen Zauberk�nste und ein Pakt mit dem B�sen im Spiel gewesen zu sein.�</p><p>�Hast du ihn get�tet?�</p><p>Der junge Mann breitete entsetzt die Arme aus. �Nat�rlich nicht. Glaubt Ihr wirklich, dass ich dann zu Euch gekommen w�re, um Euch um Hilfe zu bitten?�</p><p>Das schwache Licht der �llampen lie� seine Augen jetzt eher schwarz als blau aussehen. Mondino bef�rchtete, Salimbene lauerte nur darauf, dass er einen Moment nicht aufpasste, um dann zu versuchen, ihn zu entwaffnen. Sollte dem tats�chlich so sein, dann w�rde er aber am eigenen Leib erfahren, dass ein Arzt vielleicht besser als ein Soldat wusste, wie und wo er sein Messer im Fleisch versenken musste.</p><p>�Ich habe nicht gesagt, dass ich dir helfen werde�, meinte er ausdruckslos. �Fahr fort.�</p><p>�Ich kann Euch nicht alles erkl�ren, Meister�, sagte der junge Mann. �Trotzdem bitte ich Euch, mir zu vertrauen und mir zu helfen, die Leiche dieses Mannes verschwinden zu lassen. Wenn die Inquisitoren sie finden, k�nnten viele Unschuldige darunter zu leiden haben.�</p><p>Mondino konnte kaum glauben, dass jemand so viel Dreistigkeit besa�. �Merkst du eigentlich, was du da von mir verlangst? Beweise f�r einen Mord verschwinden zu lassen ist ein schweres Vergehen. Und einen M�rder zu decken ein noch schwereres. Wenn du glaubst, ich sei bereit, dir zu helfen, irrst du dich gewaltig.�</p><p>�Also glaubt Ihr wirklich, ich h�tte ihn get�tet?�</p><p>In Salimbenes Stimme lag unendliche Traurigkeit, doch Mondino lie� sich davon nicht r�hren. �Das ist die logischste Annahme, ja. Und um mich vom Gegenteil zu �berzeugen, braucht es etwas mehr als ein einfaches �Bitte vertraut mir�.�</p><p>Mondino empfand zwar keine Angst vor seinem Sch�ler, dennoch war es unsinnig, �berfl�ssige Risiken einzugehen. Am besten versuchte er, Zeit zu gewinnen. Bald w�rden die Totengr�ber mit der Leiche kommen, die er angefordert hatte. Er w�rde einen von ihnen schicken, um die Wachen zu holen, und alles k�me zu seinem guten Ende. Er musste bis dahin einfach nur immer weiter mit Salimbene reden.</p><p>�Ich werde Euch so viel sagen�, meinte der junge Mann nach kurzem Z�gern. �Ich hei�e nicht Francesco Salimbene, sondern Gerardo da Castelbretone. Und diesem Mann hier schuldete ich Hilfe und Schutz, so wie er mir. Ich h�tte ihm niemals etwas angetan.�</p><p>�Ist er mit dir verwandt?�</p><p>�Nein, warum?�</p><p>Der Arzt betrachtete den Toten. Er war um die vierzig, ein kr�ftiger Mann mit hartem Gesichtsausdruck, der ihn selbst im Tod nicht verlassen hatte. Er war nur mit einer Tunika bekleidet und trug weder einen G�rtel noch ein Obergewand.</p><p>�Weil er dir �hnlich sieht. Aber es ist mehr eine �hnlichkeit des Wesens als der Gesichtsz�ge.�</p><p>Gerardo da Castelbretone, falls er denn wirklich so hie�, schien mit sich zu k�mpfen. Dann l�chelte er bitter und zuckte mit den Schultern. �Ihr habt ein scharfes Auge, Magister. Nein, er ist nicht mit mir verwandt. Doch zwischen uns herrscht eine ebenso tiefe Bindung, als w�ren wir Br�der. Ich bin ein Armer Ritter Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem, genau wie er einer war. Dies muss die �hnlichkeit sein, die Ihr zwischen uns bemerkt habt.�</p><p>Es folgte ein Moment des Schweigens, in dem Mondino die Nachricht in sich aufnahm, bevor er herausplatzte: �Du bist also ein Tempelritter! Deshalb benutzt du einen falschen Namen, lernst nicht und besuchst meine Stunden nur zum Zeitvertreib. Du gibst dich als Student aus, um dich der Verhaftung und dem Prozess gegen deinen Orden zu entziehen!� Mondino war so aufgebracht, dass er, das Messer schwingend, einen halben Schritt auf den jungen Mann zuging. �Und jetzt hast du beschlossen, aufrichtig zu mir zu sein, weil du Hilfe brauchst. Aber da hast du dich verrechnet. Die Streitigkeiten der Kirche interessieren mich nicht.�</p><p>Gerardo hob beschwichtigend beide H�nde. �Bitte h�rt mich erst an, bevor Ihr eine Entscheidung trefft.�</p><p>�Rede�, sagte Mondino, ohne das Messer zu senken.</p><p>Der junge Mann erkl�rte, Angelo da Piczano sei ein Mitbruder, der sich der Verhaftungswelle durch Papst Clemens V. auf Betreiben des K�nigs von Frankreich, Philipp des Sch�nen, hatte entziehen k�nnen und nach Neapel gefl�chtet war. Sie hatten einander in Ravenna kennen gelernt, wo Gerardo seine Lehrzeit absolvierte, um in den Orden aufgenommen zu werden, und hatten trotz des Altersunterschiedes Freundschaft geschlossen. Vor vier Monaten hatte Angelo ihm geschrieben, dass er wegen dringender Angelegenheiten nach Bologna kommen m�sse, nat�rlich inkognito, und ihn um einige Tage Gastfreundschaft gebeten.</p><p>�Ich habe ihm geantwortet, meine Unterkunft st�nde ihm zur Verf�gung, und so ist er vor f�nf Tagen hier eingetroffen.�</p><p>�Hat er dir erz�hlt, welche Angelegenheiten ihn in unsere Stadt f�hrten?�, fragte Mondino. Gegen seinen Willen begann ihn die Angelegenheit zu interessieren. Er hatte zwar nicht verstanden, was der junge Mann mit seiner Bemerkung von einem Pakt mit dem B�sen gemeint hatte, doch allein die verst�mmelten Arme der Leiche waren ein deutliches Zeichen daf�r, dass der Templer nicht in irgendeiner Wirtshausschl�gerei umgekommen war oder bei einem Raub�berfall.</p><p>�Nein, und ich habe ihn auch nicht gefragt�, antwortete Gerardo. �Es sind schwierige Zeiten f�r uns. Und je weniger einer vom anderen wei�, desto besser.�</p><p>Mondino nickte, worauf der junge Mann in aller K�rze seine Geschichte zu Ende erz�hlte. An diesem Abend hatte ihn Angelo gebeten, ihm die Wohnung allein zu �berlassen. Er musste sich mit jemandem treffen und wagte es nicht, sich an einem anderen Ort in der Stadt zu verabreden, weil er eine Falle f�rchtete. Gerardo hatte ihm erkl�rt, wie er bei Gefahr �ber die D�cher fliehen k�nnte, dann hatte er in einer Sch�nke beim Mercato di Mezzo zu Abend gegessen und sein M�glichstes versucht, um sich den Angeboten der Dirnen zu entziehen, ohne zu offenbaren, dass er ein M�nch war.</p><p>�Angelo hat mir gesagt, dass ihn dieses Treffen nicht lange aufhalten w�rde und ich nach dem Komplet zur�ckkehren k�nne�, fuhr Gerardo fort, wandte sich kurz um und lie� seine Augen �ber den Toten gleiten. �Als ich in die Wohnung zur�ckkam, habe ich ihn dort tot auf meinem Bett gefunden. Doch mir blieb nicht einmal die Zeit, Grauen �ber den Frevel zu empfinden, den man seinem K�rper angetan hatte, denn die Schergen der Inquisition klopften bereits an meine T�r. Wahrscheinlich waren sie von der gleichen Person gerufen worden, die Angelo get�tet hatte. In diesem Moment wusste ich nur eines: Sie durften ihn nicht in diesem Zustand finden. Also habe ich Feuer gelegt, um sie abzulenken, habe ihn gepackt und bin mit ihm �ber die D�cher geflohen.�</p><p>�Und dann ist dir nichts Besseres eingefallen, als hierherzukommen und mich mit solchen Schwierigkeiten zu begl�cken�, meinte Mondino ironisch; er konnte seine Wut kaum z�geln.</p><p>Gerardo hatte also den Brand gelegt. Auch daf�r w�rde er sich verantworten m�ssen. Inzwischen h�rte man nur noch vereinzelte Schreie, ein Zeichen, dass die Flammen besiegt waren. Das bedeutete, dass auch die Totengr�ber gleich kommen mussten.</p><p>�Ich dachte eigentlich nicht, Euch zu dieser Stunde hier anzutreffen, Meister�, sagte der Tempelritter. �Aber als ich das Licht unter der T�r sah, beschloss ich anzuklopfen.�</p><p>�Du l�gst! Jeder meiner Studenten wei�, dass ich oft nachts hierherkomme, um ohne gro�es Aufsehen meine anatomischen Versuche durchzuf�hren.�</p><p>Der junge Mann nickte und gestand damit ein, dass er gerade gelogen hatte. �Die H�scher der Inquisition suchen nach mir und h�tten wohl nicht lange gebraucht, um mich zu finden, wenn ich durch die Leiche meines Freundes behindert durch die Stra�en geirrt w�re. Ich brauchte Hilfe.�</p><p>Mondino musste an seinen Onkel Liuzzo denken, der ihm seit langem prophezeite, dass ihn seine Gewohnheit, nachts in ihre Medizinschule zu gehen, um dort Leichen zu sezieren, fr�her oder sp�ter ins Ungl�ck st�rzen w�rde. Doch Liuzzo hatte dabei vor allem an die M�glichkeit gedacht, dass ihn irgendein Schurke auf dem Weg dorthin �berfallen k�nnte, weil Mondino darauf beharrte, allein aus dem Haus zu gehen, ohne den roten Talar der �rzte als Schutz zu tragen oder sich von einem Diener begleiten zu lassen. Dass sein Neffe jedoch in eine solche Situation kommen w�rde, w�re ihm nie in den Sinn gekommen.</p><p>�Warum hast du ihn nicht dort liegen gelassen, als du die Wohnung in Brand gesteckt hast?�, fragte Mondino misstrauisch. �Dann h�tte der Inquisitor nur eine verkohlte unkenntliche Leiche gefunden und du w�rst nicht unglaubliche Risiken eingegangen, um ihn mit dir herumzuschleppen.�</p><p>Gerardo wandte ihm den R�cken zu und starrte stumm auf den Toten auf dem Marmortisch. Ein Windhauch lie� die Flammen der Lampen flackern, und einen kurzen Moment wirkte es durch die tanzenden Schatten, als h�tte Angelo da Piczanos K�rper sich bewegt. Unwillk�rlich wich Mondino einen Schritt zur�ck.</p><p>�Antworte mir, Templer�, rief er, w�tend dar�ber, dass er sich so erschreckt hatte. Es fiel ihm immer noch schwer, seinen Sch�ler Gerardo zu nennen. Das Gesicht, die langen Haare, die blauen Augen, der kr�ftige, gut proportionierte K�rperbau, all das verband er in seinem Kopf mit einem Bild, dem er dem Namen Francesco Salimbene aus Imola gegeben hatte. Und nun wehrte er sich gegen die Vorstellung, ihn anders nennen zu m�ssen.</p><p>�M�glicherweise w�re er nicht vollst�ndig verbrannt�, antwortete Gerardo, ohne sich umzudrehen. �Und seine �berreste h�tten unserem Orden schweren Schaden zuf�gen k�nnen. Denn durch sie w�re die Beschuldigung, wir w�rden den Teufel anbeten, die man gegen uns erhebt, gest�rkt worden.�</p><p>Gerardo deutete zum zweiten Mal an, dass schwarze Magie im Spiel gewesen sein k�nnte, doch an dem Toten auf dem Tisch fiel bis auf die abgeschnittenen H�nde nichts Seltsames auf. Das Gesicht zeigte eher Erstaunen als Todesangst. Ein wenig getrocknetes Blut im Nacken zwischen den kurzen Haaren verriet, dass man ihn von hinten niedergeschlagen hatte.</p><p>�Also�, meinte Mondino, �du hast diesen Mann nackt und tot in deiner Wohnung gefunden. Du hast ihm etwas �bergezogen, hast Feuer gelegt und bist geflohen. Wie wolltest du dich seiner entledigen?�</p><p>Gerardo riss verbl�fft den Mund auf. �Woher k�nnt Ihr wissen, dass er nackt war?� Dann nickte er. �Ach nat�rlich. Das Gewand.�</p><p>Der Umstand, dass der andere sich so schnell von seiner �berraschung erholte, ver�rgerte den Arzt ein wenig. Doch das war nicht der richtige Zeitpunkt, um �ber solche Nichtigkeiten nachzudenken. Er musste weiter mit Gerardo reden und darauf hoffen, dass die Totengr�ber bald kamen.</p><p>�Ja, genau, das Gewand�, sagte Mondino. �Es ist zwar blutbefleckt, aber nicht zerrissen, ein Zeichen daf�r, dass man ihm die Wunde an der Brust zugef�gt hat, nachdem man ihn entkleidet hatte. Und vielleicht�, fuhr er fort und trat ein wenig zur Seite, um die Leiche genauer zu betrachten, �auch nachdem er schon tot oder zumindest durch den Schlag auf den Kopf bewusstlos war.�</p><p>�Euer Scharfblick wird Eurem Ruf gerecht�, sagte Gerardo. �Ihr wisst alles, obwohl Ihr selbst nicht dabei wart.�</p><p>Gegen seinen Willen empfand Mondino Genugtuung �ber dieses Kompliment, denn er sp�rte, dass es ehrlich gemeint war, und tadelte sich gleich darauf stumm. Eitelkeit geh�rte zu seinen gr��ten Fehlern.</p><p>�Du hast auf einen Pakt mit dem Teufel angespielt�, sagte er. �Was ist so merkw�rdig an dieser Verletzung?�</p><p>Gerardo drehte sich um und sah ihn an. Sein Blick schwankte zwischen Angst und Entschlossenheit. �Seht selbst, Magister.�</p><p>Mit schnellen, aber respektvollen Bewegungen hob er den Oberk�rper des Toten an und zog ihm die Tunika �ber den Kopf. Sobald Mondino die Wunde an der Brust sah, steigerte sich sein Interesse ins Unermessliche. Er bat Gerardo, sich zwischen die B�nke des H�rsaals zur�ckzuziehen und n�herte sich, ihn stets im Auge behaltend, dem Tisch. �ber den Toten gebeugt zog er mit dem Finger die R�nder der Wunde auf der kalten Haut nach.</p><p>�Wer dies getan hat, wei� genau, wie er Knochen und Fleisch zerteilen muss�, sagte er dann mit Bestimmtheit. �Ich habe tagelange Versuche ben�tigt, bis mir ein so sauberer Schnitt gelang.�</p><p>Das Brustbein war der L�nge nach durchges�gt und die Rippen unter der schwarz verf�rbten Haut an den Seiten gebrochen. Links befand sich ein kleines dreieckiges Loch. Nachdem er sein Opfer durch den Schlag auf den Kopf bet�ubt hatte, musste der M�rder ihm mit einem Pfriem oder einem Stilett das Herz durchbohrt haben, bevor er sich ans Werk gemacht hatte. Der Oberk�rper des Mannes wirkte wie ein kleiner Schrein, bei dem man nur die T�rfl�gel �ffnen musste, um zu sehen, was er enthielt.</p><p>�Ich habe seinen Brustkorb geschlossen�, sagte Gerardo und best�tigte damit Mondinos �berlegungen. �Als ich ihn ausgestreckt auf meinem Bett gefunden habe, war er ge�ffnet und wirkte wie ein obsz�ner Schlund. Und da drinnen ��</p><p>Er verstummte, �berw�ltigt von einem Gef�hl, das ebenso gut Schrecken oder Schmerz sein konnte. Mondino verga� die Totengr�ber, die gleich kommen mussten und den Umstand, dass Gerardo gef�hrlich war und gesucht wurde. Jetzt wollte er nur noch eines: das Geheimnis dieses toten Tempelritters ergr�nden. Er schob die �rmel seines Gewandes bis zu den Ellenbogen hinauf und zog mit den Fingern die R�nder der Wunde auseinander. In seinem Kopf erschien das Bild eines Tabernakels. Entschieden verjagte er jedoch diesen blasphemischen Gedanken, obwohl ihn eine Eingebung durchzuckte, dass dies genau die Absicht des M�rders gewesen sein k�nnte: Indem er aus der Brust seines Opfers ein Tabernakel aus Fleisch und Knochen errichtete, wollte er den Glauben an Gott verh�hnen.</p><p>Das gen�gte. Er durfte nicht l�nger z�gern. In diesem unnat�rlichen Schweigen, in dem jedes Rascheln der Gew�nder so laut wie ein Peitschenhieb zu klingen schien, dr�ckte Mondino die R�nder der Wunde auseinander und �ffnete die beiden Fl�gel aus Fleisch an der Brust.</p><p>Als er in den K�rper blickte, stie� er einen Schreckensschrei aus, der in dem leeren H�rsaal noch furchterregender klang, und wich instinktiv zur�ck.</p><p>Dann hob er den Blick und starrte zu Gerardo hin�ber, der hinter dem Pult stehen geblieben war, als w�re dies eine ganz normale Anatomiestunde. In den blauen Augen seines Sch�lers lag jedoch kein Spott; er sah seinen Lehrer nur mitf�hlend an, als w�sste er genau, was Mondino gerade empfand.</p><p>Mondino wollte etwas sagen, doch das Grauen l�hmte seine Stimmb�nder. Er rang m�hsam um Selbstherrschung, n�herte sich dem Tisch und sah sich von neuem diesen gemarterten K�rper an. Dieses Mal gab er der Versuchung nicht nach, die Augen abzuwenden. Das, was er zwischen dem getrockneten Blut und den zerschmetterten Knochen erblickte, raubte ihm den Atem, doch es beruhigte ihn irgendwie auch. Das Ganze war schrecklich, aber in gewisser Weise erkl�rbar.</p><p>�Jemand hat sich einen grausamen Scherz mit diesem Ungl�ckseligen erlaubt�, sagte er in krampfhaft gelassenem Ton. �Und ich stimme dir zu, dass man unwillk�rlich an einen Pakt mit dem Teufel denken muss, wenn ein menschlicher K�rper so gesch�ndet wird. Der M�rder hat das Herz des Toten entfernt und den Brustkorb des Toten in ein blasphemisches Tabernakel verwandeln wollen, indem er anstelle des Kelchs mit den geweihten Hostien die eiserne Nachbildung eines Herzens eingesetzt hat.�</p><p>�Das ist keine Nachbildung�, sagte Gerardo so leise, dass Mondino schon dachte, er habe sich verh�rt.</p><p>�Wie?�</p><p>�Das Herz. Es ist keine Nachbildung. Seht genauer hin.�</p><p>Mondino schaute noch einmal in den weit ge�ffneten Brustkorb, und nun sah er ganz deutlich, was ihm eigentlich schon vorher aufgefallen war, was er aber aus seinem Kopf verbannt hatte, weil er keine Erkl�rung daf�r gefunden hatte: Dieses Herz in der Brust von Angelo da Piczano war ein echtes menschliches Herz, das jemand in einen Metallblock verwandelt hatte.</p><p>Es konnte gar nicht anders sein angesichts der Genauigkeit, mit der es sich nahtlos mit den Arterien und Venen zusammenf�gte, die es wiederum mit den anderen Organen verbanden. Man sah weder �berg�nge noch Verbindungsst�cke.</p><p>Diese Arbeit spiegelte mehr eine g�ttliche als eine menschliche Perfektion wider, wenn auch eine abartige, weil sie dem Tod und nicht dem Leben zugewandt war. In diesem Augenblick glaubte Mondino tats�chlich, ein Werk des B�sen vor sich zu haben.</p><p>Er wandte sich Gerardo zu. All die Sicherheit, die ihn zuvor durchstr�mt hatte, war jetzt versiegt; seine ausgetrocknete Kehle hinderte ihn am Sprechen. Mit hastigen Bewegungen stellte er die vier �llampen n�her an den Tisch heran. Er musste besser sehen. Musste wissen. Nachdenken. Dass er eigentlich Gerardo hatte im Auge behalten wollen, verga� Mondino vollkommen - sein Blick galt nur noch diesem ge�ffneten Brustkorb mit dem getrockneten Blut, den zum Stillstand gekommenen, leblosen Organen und diesem in eine Ungeheuerlichkeit verwandelten Herzen.</p><p>Mondino war sicher, dass diese gr�ssliche Inszenierung von der Hand eines Menschen und nicht von einer �berirdischen Macht stammte. Auf den Knochen des Brustkorbs sah man deutlich Spuren von den Z�hnen eines S�geblatts, und soweit er wusste, bediente sich Satan keiner so gew�hnlichen Mittel. Doch der M�rder musste zweifellos vom Teufel zu seiner Tat getrieben worden sein. Warum hatte er dies getan? Was hoffte er damit zu bewirken?</p><p>Mondino hob pl�tzlich den Kopf, weil er f�rchtete, Gerardo k�nnte seine geistige Abwesenheit nutzen, um ihn zu �berw�ltigen. Doch der junge Mann hatte sich nicht von der Stelle bewegt. Er starrte ihn an, die H�nde auf das Pult mit der geneigten Platte gest�tzt, auf dem der Arzt sonst seine Abschriften der Lehrb�cher oder Papier f�r Aufzeichnungen ablegte.</p><p>�Ich habe nicht die Absicht, etwas gegen Euch zu unternehmen, Meister�, sagte der junge Mann, als h�tte er Mondinos Gedanken gelesen. �Wenn ich dies gewollt h�tte, w�ret Ihr schon l�ngst entwaffnet und �berw�ltigt.�</p><p>�Versuch es nur, und du wirst eine �berraschung erleben�, erwiderte Mondino, aber er klang keineswegs feindselig.</p><p>Seine ganze Aufmerksamkeit war von einem Gedanken erf�llt, der seine Seele vor Neugier und Furcht erbeben lie�. Seinem wissenschaftlichen Verstand war klar, dass der Verwandlung von Angelo da Piczanos Herzen nicht irgendein nebul�ser Hexenzauber zugrunde lag, sondern die exakten K�nste der Alchimie. Einer fehlgeleiteten Alchimie - daran bestand kein Zweifel. In keinem der Traktate, die er w�hrend seines Medizinstudiums gelesen hatte, fand sich der Hinweis auf die M�glichkeit, menschliches Blut in Metall zu verwandeln. W�hrend seiner Ausbildung hatte Mondino sich sogar eine Abschrift des <emphasis>Liber Aneguemis</emphasis> besorgt, die lateinische �bersetzung eines arabischen Manuskripts, das als Standardwerk �ber die dunkle Seite der Alchimie galt. Doch nicht einmal dort wurde etwas so Furchtbares erw�hnt.</p><p>Mondinos Gedanken rasten. Wenn er die Formel finden und sie an einer Leiche anwenden k�nnte, w�rde sich ihm der gesamte Verlauf der Blutgef��e durch die Organe und Muskeln des menschlichen K�rpers enth�llen wie eine detaillierte Landkarte. Dann w�rde ihm gelingen, was ihm mit dem Seziermesser bislang nicht gelungen war. Und er k�nnte die magische Formel in die Abhandlung �ber Anatomie einf�gen, an der er arbeitete, zum Wohl der Medizin und aller lebenden und zuk�nftigen �rzte.</p><p>Allerdings w�re die Aussicht darauf, sich in eine so finstere, aber gleichzeitig auch faszinierende und bedeutsame Materie zu vertiefen, unwiderruflich dahin, wenn er Gerardo und die Leiche der Inquisition �bergab.</p><p>Mondino sah wieder den Templer an, der sich immer noch nicht bewegt hatte und ihn jetzt aufmerksam musterte. Der Lehrer sp�rte ganz deutlich, dass er in dieser Nacht einem v�llig anderen Menschen gegen�berstand: Gerardo war nicht mehr der zerstreute Student, wie er ihn bis zum vorigen Tag gekannt hatte.</p><p>�Was w�rdest du tun, wenn ich beschlie�en w�rde, dich nicht anzuzeigen?�, fragte ihn Mondino.</p><p>Der junge Mann l�chelte leicht. Offensichtlich hatte er Mondinos Interesse an der Leiche und ihrem Geheimnis bemerkt und gedachte, dies zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen.</p><p>�Magister, helft mit, Angelos Leiche verschwinden zu lassen. Ich werde eine Messe f�r ihn lesen lassen und mich dann mit all meinen Kr�ften auf die Suche nach seinem M�rder machen�, sagte er so bestimmt, als h�tte Mondino bereits die Entscheidung getroffen, sich auf seine Seite zu schlagen.</p><p>Und in einem gewissen Sinn, dachte der Arzt erstaunt, war dem genau so. Er sagte sich zwar weiterhin, dass es sch�ndlich und gef�hrlich war, einen Mord zu decken, aber da Gerardo vorhatte, den T�ter zu finden - koste es, was es wolle -, w�rde letzten Endes doch der Gerechtigkeit Gen�ge getan. Er dachte an die Gefahren, denen er sich aussetzen w�rde, f�r sein Amt als Magister des <emphasis>Studiums</emphasis>, das ihm so viele Opfer abverlangt hatte, und vielleicht auch f�r seine Familie, sollte er entdeckt werden. Doch jeder Einwand schmolz vor dem leidenschaftlichen Feuer jenes Traums wie Schnee in der Sonne dahin. Die Vision von der Entdeckung der Formel hatte inzwischen von all seinen Gedanken Besitz ergriffen und lie� ihn nicht mehr los.</p><p>Mondino sah Gerardo eindringlich an, legte das Messer auf den Tisch und sagte wider besseres Wissen und unvorsichtigerweise: �Ich werde dir helfen.� Dass er diese �berst�rzten Worte sp�ter bereuen w�rde, ahnte er bereits beim Sprechen.</p><p>Bevor er noch etwas hinzuf�gen konnte, klopfte jemand laut an die T�r, und eine Stimme rief barsch: ��ffnet im Namen der Heiligen Inquisition!�</p><p>Gerardo sah Mondino erschrocken an; der junge Mann war wie gel�hmt vor Aufregung und der bangen Frage, was der andere jetzt tun w�rde. Nun war der Augenblick gekommen, wo Mondino das eben gegebene Versprechen halten musste oder sich aus allen Schwierigkeiten befreien konnte.</p><empty-line/><p>W�hrend er den Mann auf der gegen�berliegenden Seite des Eichentisches ansah, der den Raum beinahe in der Mitte teilte, f�hlte sich Remigio Sensi in eine ferne Zeit zur�ckversetzt, in der er noch nicht aus Aragon nach Bologna zur�ckgekehrt und noch kein angesehener Bankier war.</p><p>Hugues de Narbonne hatte er in Tortosa kennen gelernt, anl�sslich einer Begebenheit, an die er nur ungern zur�ckdachte.</p><p>Damals wie heute z�hlten die Tempelritter zu seinen besten Kunden. Sie brauchten oft Geld f�r ein neues Pferd oder ein Geschenk f�r ihre Geliebte, und konnten nat�rlich f�r diese Art Schulden keinen Kreditbrief zu Lasten ihres Ordens zeichnen.</p><p>Remigio berechnete ihnen einen ziemlich niedrigen Zinssatz, um sich nicht den Zorn des Erzbischofs von Tarragona zuzuziehen, denn im Grunde galt jeder zinspflichtige Kredit als Wucher. Da die Kirche jedoch wusste, dass sie die Tempelritter dringend brauchte, um Spaniens S�den von den Mauren zu befreien, dr�ckte sie bei den Geldverleihern immer ein Auge zu.</p><p>Dennoch hatte Hugues de Narbonne seine Dienste nie in Anspruch nehmen m�ssen. Er war damals Kommandant von Akkon gewesen, verantwortlich f�r die Templerflotte und alle Waren, die sie transportierte, und hatte selbst nach dem Fall der Stadt im Jahr 1291 wichtige Aufgaben innerhalb des Ordens behalten. Er hatte reichlich Geld, und auch an Geliebten mangelte es ihm nicht, obwohl er Armut und Keuschheit gelobt hatte. Und was das Gebot des Gehorsams anbetraf, vermutete Remigio, dass der Franzose nur sich selbst gehorchte.</p><p>An dem Tag, an dem Hugues de Narbonne ihn aufgesucht hatte, hatte er ihm bewiesen, dass er genau �ber ihn und seine Gesch�fte Bescheid wusste, obwohl sie einander noch nie begegnet waren. Hugues hatte ohne Umst�nde gefordert, Remigio solle seine berufliche Diskretion verletzen, auf der seine Glaubw�rdigkeit als Geldverleiher und -wechsler gr�ndete, und ihm die Namen einiger seiner Kunden und die H�he ihrer Schulden enth�llen. Selbstredend hatte Remigio sich geweigert, worauf der Ritter ohne zu z�gern auf ihn losgegangen war und ihm die Lippe aufgeschlagen hatte. Danach hatte er dem Geldverleiher seelenruhig erkl�rt, dass er ihn noch diese, sp�testens aber n�chste Nacht von einem gedungenen M�rder t�ten lassen w�rde, wenn er sich weigerte zu reden. Daraufhin w�rde sein B�ro von den Soldaten des K�nigs durchsucht, um seinen Tod aufzukl�ren und er, Hugues, f�nde dann schon einen Weg, den Soldaten bei ihrer Aufgabe zu helfen. So w�rde er also auf jeden Fall erfahren, was er wissen wollte, und es l�ge nur an ihm, Remigio, ob er sein Leben verlieren wolle.</p><p>Daraufhin hatte Remigio seine Verzeichnisse geholt und sie ihm gezeigt.</p><p>Hugues hatte die Informationen benutzt, um die unaufrichtigen Ritter zu �berf�hren. Aufgrund der Beweise wurden sie schwerer Verbrechen f�r schuldig befunden und aus dem Orden ausgeschlossen, weil man sie f�r unw�rdig befand, ihm weiter zu dienen. Man hatte sie dann zu vielen Jahren als Rudersklaven auf spanischen Galeeren verurteilt.</p><p>Vielleicht war dieses Urteil gerecht gewesen. Aber es konnte auch sein, dass Hugues sich einfach nur unbequemer Feinde hatte entledigen wollen. Nat�rlich erlebten Remigios Gesch�fte aufgrund dieser Indiskretionen einen Niedergang, von dem er sich nicht mehr erholte. Der Geldverleiher entschloss sich daraufhin, in seine Heimat zur�ckzukehren und in Bologna eine Bank zu er�ffnen.</p><p>Inzwischen z�hlten vor allem die Scholaren des <emphasis>Studiums</emphasis> zu seinen Kunden; seine Beziehungen zu den Tempelrittern hatte er jedoch aufrechterhalten und weiterhin Gesch�fte mit ihnen gemacht - selbst nachdem man den Orden �ffentlich angeklagt hatte. Die Templer in Bologna, die sich der Verhaftung entzogen hatten, wandten sich an ihn, um Kredite zu erhalten oder um heimlich Land zu verkaufen, das die Kirche noch nicht beschlagnahmt hatte und empfahlen ihn auch Mitbr�dern in anderen St�dten weiter.</p><p>An jenem Abend - die Klappe zur Stra�enseite war schon seit einer Weile geschlossen - kam nach dem Nachtmahl einer der bewaffneten Diener, die der Bankier aus Sicherheitsgr�nden im Haus hatte, zu ihm und meldete, dass ein Reisender aus Tortosa ihn dringend zu sprechen w�nsche. Remigio ging daraufhin ins Erdgeschoss - in der Annahme, dass er einen Templer vorfinden w�rde. Als er aber sah, dass Hugues de Narbonne auf ihn wartete, wurde ihm schwindelig und er w�re beinahe bewusstlos zu Boden gesunken.</p><p>Der Franzose war so elegant gekleidet wie immer. Ein blaues Gewand, das ihm gerade bis �ber die Knie reichte, ein Tribut an die neue Mode, die die m�nnlichen Gew�nder immer k�rzer werden lie�, bleigraue Beinlinge und schwarze Halbstiefel. Er war sichtlich gealtert, und seine Locken, die unter dem weich fallenden Barett hervorkamen, wirkten inzwischen eher wei� als blond. Trotz allem war er aber immer noch eine beeindruckende Erscheinung. Hochgewachsen, kr�ftig, mit kantigem Kopf und einem grausam wirkenden Mund. Seine blo�en Oberarme waren mit einem dichten blonden Flaum bedeckt, und die H�nde erinnerten an die Pranken eines L�wen. Remigio entschloss spontan, dass er den Franzosen besser empfing und allein mit ihm sprach, als zu versuchen, ihn mit Gewalt aus dem Haus zu entfernen. Dennoch wies er seine beiden Diener leise an, hinter der T�r zu warten und sofort hereinzust�rmen, wenn er sie rief.</p><p>Sobald sie allein in seinem Arbeitszimmer waren, lie� der Geldverleiher alle F�rmlichkeiten au�er Acht und sprach Hugues de Narbonne direkt an: �Was auch immer Euch hierhergef�hrt haben mag, Messere, ich werde nichts f�r Euch tun. Absolut nichts.�</p><p>Diesmal war er sicher, dass er das Heft in der Hand hielt, aber als der Franzose aufstand, die H�nde auf den Tisch st�tzte und sich ihm zuwandte, f�hlte Remigio, wie ihm der Atem stockte.</p><p>�Ich muss Euch wohl nicht erinnern, was das letzte Mal geschehen ist, als Ihr mir einen Gefallen verweigert habt�, sagte Hugues de Narbonne und starrte ihn mit seinen grauen Augen gef�hrlich an.</p><p>�Die Zeiten haben sich ge�ndert�, erwiderte Remigio und bem�hte sich krampfhaft, keine Angst zu zeigen. �Euer Orden steht unter Anklage, der Gro�meister De Molay sitzt im Gef�ngnis und k�nnte auf dem Scheiterhaufen enden, und die H�scher der Inquisition suchen nach Euch. Ich m�sste nur laut rufen, und sofort h�ttet Ihr alle Schergen der Stadt auf dem Hals.�</p><p>�Und warum tut Ihr es dann nicht?�, forderte ihn der Franzose heraus.</p><p>Remigio sah ihn nur stumm an.</p><p>�Ich werde Euch sagen, warum�, fuhr Hugues de Narbonne fort. �Selbst wenn der Orden der Tempelritter angeklagt wird, bleiben sie weiterhin Eure besten Kunden, und wenn sich das Ger�cht verbreitete, Ihr h�ttet den Kommandanten von Akkon verraten und verhaften lassen, w�rdet Ihr sie alle verlieren. Au�erdem k�nnte ich den Dominikanern, solltet Ihr mich an sie verkaufen, verraten, dass Ihr als Mittelsmann f�r viele Gesch�fte von Tempelrittern fungiert, die sich der Verhaftung haben entziehen k�nnen, dass Ihr viele ihrer Verstecke kennt und dass Euer Haus f�r die Mitglieder des Ordens, die auf der Durchreise sind, eine feste Anlaufstation ist. Was meint Ihr wohl, wie sie reagieren w�rden?�</p><p>�So etwas w�rdet Ihr Euren Mitbr�dern niemals antun�, erwiderte Remigio, doch seine Stimme klang nicht sehr �berzeugend.</p><p>Jetzt war der Franzose an der Reihe, ihn stumm anzusehen, und sein Blick besagte mehr als eine lange Rede. Hugues de Narbonne war bereit, jeden zu opfern, um seine Ziele zu erreichen.</p><p>Es klopfte an der T�r. Auf Remigios �Herein!� betrat Fiamma den Raum. Sie hatte geh�rt, dass trotz der sp�ten Stunde noch ein Kunde gekommen war, und wollte den Bankier nun unterst�tzen, indem sie wie immer die Dokumente ausfertigte.</p><p>Sie war unauff�llig gekleidet, wie es einer jungen Frau ihres Alters geziemte, mit Pantoffeln und einer schlichten Tunika aus leichtem Wollstoff, die ihre weiblichen Formen verh�llte. Allerdings hatte sie ihre Haare wohl schon zum Schlafengehen gel�st und offensichtlich keine Zeit gehabt, sie neu zu frisieren. So flossen ihre blonden Locken, nur von einem Haarreif gehalten, damit sie ihr nicht in die Stirn fielen, ungeb�ndigt �ber ihre Schultern, ein Anblick, dem nur wenige M�nner zu widerstehen vermocht h�tten. Sie hielt ihr Gesicht seitlich abgewandt, um dem Gast nur den unversehrten Teil davon zu zeigen. Remigio bemerkte genau den Blick, den Hugues de Narbonne auf sie warf.</p><p>�Ich ben�tige keine Hilfe, mein Kind�, sagte er darauf hastig. �Au�erdem sind wir beinahe fertig.�</p><p>Fiamma wirkte �berrascht. Ihre schwarzen Augen, die im Kontrast mit ihren blonden Haaren noch dunkler wirkten, wandten sich in einer Mischung aus Neugier und Misstrauen ihrem Gast zu. Remigio konnte die Erregung, die dieser unverh�llte Blick in Hugues de Narbonne ausgel�st hatte, beinahe k�rperlich sp�ren. In diesem Moment brach seine Abneigung gegen den Franzosen, die sich in den Jahren von dessen Abwesenheit gemildert hatte, erneut durch.</p><p>�Ich habe gesagt, du kannst dich zur�ckziehen�, fuhr Remigio Fiamma an.</p><p>�Wie Ihr w�nscht�, erwiderte sie gef�gig, doch ihre K�rperhaltung und ihre Blicke straften den Ton L�gen. Sie knickste kurz vor dem Besucher, wobei sie ihm einen Augenblick lang ihr Gesicht von vorn zeigte, und verlie� den Raum. Die T�r zog sie lautlos hinter sich zu.</p><p>�Ihr wart Witwer, als ich Euch kennen lernte�, sagte Hugues nachdenklich, sobald sie wieder allein waren. �Selbst wenn Ihr sofort danach wieder geheiratet h�ttet, k�nnte das Kind h�chstens sechs oder sieben Jahre alt sein, wenn sie Eure Tochter w�re. Und ihr K�rper wirkt nicht wie der eines kleinen M�dchens.�</p><p>�Fiamma ist neunzehn Jahre alt und meine Adoptivtochter. Ich habe sie zun�chst in meine Dienste genommen, als ich noch in Tortosa lebte, nachdem Ihr alles daf�r getan habt, um mich zu ruinieren. Dann habe ich sie in mein Herz geschlossen und adoptiert. Aber ich w�sste nicht, was Euch dies anginge.�</p><p>Hugues de Narbonne nahm wieder auf einem der drei mit purpurfarbenen Seidenkissen bedeckten St�hle Platz und legte die H�nde auf die Oberschenkel. Sein Blick wirkte so kalt und berechnend, dass das Herz des Bankiers schneller zu schlagen begann. Doch wie gut die Informationsquellen auch sein mochten, die dem Franzosen zur Verf�gung standen, �ber Fiamma konnte er nichts wissen. Niemand wusste etwas �ber sie, nicht einmal Remigios Beichtvater. Es war das bestgeh�tete Geheimnis seines Lebens.</p><p>�Wirklich schade, dass diese Narbe ihr Gesicht entstellt�, fuhr Hugues fort. �Aber ich glaube kaum, dass es Euch schwer fallen wird, einen Ehemann f�r sie zu finden. Ich kann mir vorstellen, dass viele junge M�nner in Bologna gern mit einem angesehenen Bankier verwandt w�ren.�</p><p>Remigio begriff nicht, was f�r ein Spiel sein Gegen�ber spielte. Jedes seiner Worte schien eine versteckte Drohung zu enthalten. Doch was konnte er tun? In seiner jetzigen Lage hatte Hugues keine M�glichkeit, ihm zu schaden, trotzdem f�rchtete er ihn. Ein irrationales Gef�hl, das m�glicherweise auf der ehrfurchtgebietenden Erscheinung dieses Mannes gr�ndete, der so hochgewachsen und stark war, obwohl er die f�nfzig bereits �berschritten hatte. Gegen seinen Willen musste Remigio zugeben, dass Hugues de Narbonne der geborene Anf�hrer war. Er musste nur etwas sagen, und schon versp�rte sein Gespr�chspartner den dringenden Wunsch, seinen Befehlen zu gehorchen und f�r diese Willf�hrigkeit Anerkennung in seinen hellen Augen zu lesen. Nicht einmal das begrenzte schulm��ige Latein, das er benutzte, wenn jemand nicht seine Muttersprache beherrschte, schm�lerte diesen Eindruck von Autorit�t. Man konnte sich sehr leicht vorstellen, wie ein Heer von Tempelrittern seinen Befehlen auf dem Schlachtfeld bis in den Tod folgte.</p><p>Vielleicht, sagte Remigio sich, sollte er sich doch anh�ren, was Hugues de Narbonne von ihm wollte.</p><p>�Sagt mir, was Euch hierhergef�hrt hat, Messer Hugues�, sagte Remigio immer noch zitternd und ohne Selbstvertrauen. �Dann werde ich eine Entscheidung treffen.�</p><empty-line/><p>Als Mondino die T�r �ffnete, sah er sich einem Dominikanerm�nch gegen�ber, dem drei H�scher des Podest� folgten. Jeder von ihnen hielt eine Fackel in der Hand und stand damit in einer Lichtinsel auf der dunklen Stra�e. Als Mondino Uberto da Rimini erkannte, verwandelte sich seine Sorge beinahe in Angst. Der Inquisitor war bekannt f�r seine Erbarmungslosigkeit und die Z�higkeit, mit der er jeden verfolgte, der sich ihm in den Weg stellte. Seit er nach Bologna gekommen war, um dort den Prozess gegen die Tempelritter zu f�hren, hatten sich die Anklagen und Verurteilungen wegen Ketzerei vervielfacht. Bisher war Mondino ihm noch nicht pers�nlich begegnet, doch er hatte ihn mehrmals bei religi�sen Feierlichkeiten aus der Ferne gesehen. Uberto da Rimini war ein schm�chtiger Mann, einen ganzen Kopf kleiner als er, d�nn und vollkommen kahl. Seine <emphasis>complexio</emphasis>, sein Temperament, war warm und trocken, soweit Mondino das beurteilen konnte. Sein Gegen�ber beeindruckte durch eine brennende nerv�se Energie, die von seinem ganzen, in das schwarzwei�e Gewand der Dominikaner geh�llten K�rper ausging, die sich aber vor allem in den schwarz funkelnden, eng stehenden Augen spiegelte.</p><p>�Friede mit Euch, Vater�, sagte Mondino. �Warum seid Ihr so sp�t noch unterwegs?�</p><p>�Diese Frage k�nnte ich ebenso gut Euch stellen�, erwiderte der Dominikaner. Er hielt beinahe drei Schritte Abstand zu ihm, ein Trick, den kleine M�nner oft anwandten, um einem gr��eren Gegen�ber in die Augen sehen zu k�nnen, ohne den Kopf in den Nacken legen zu m�ssen. �Wenn ein Mann nachts wach ist, anstatt zu schlafen, muss man bef�rchten, dass ihn unerlaubte Beweggr�nde dazu veranlassen und nicht das Bed�rfnis, dem Willen Gottes zu entsprechen.�</p><p>Mondino wusste genau, dass es besser war, nicht auf diese Provokation zu reagieren, sondern stattdessen m�glichst ausweichend auf die Fragen zu antworten in der Hoffnung, dass die Sbirren, wie die H�scher im Volksmund hie�en, ihn in Ruhe lie�en und der Inquisitor bald ging. Doch wieder einmal machte ihm sein impulsives Temperament einen Strich durch die Rechnung.</p><p>�In dieser Stadt sind es haupts�chlich die Geistlichen, die zu sp�ter Stunde Gottes Willen entsprechen�, sagte er.</p><p>Er sah dem M�nch an, dass er die studentische Verwendung dieser Redensart kannte. Gottes Wille war bekanntlich �Gehet hin und mehret Euch!�, und so hatte es sich unter den Scholaren verbreitet, auf diese Weise den Geschlechtsakt zu umschreiben. Mit dieser Aussage hatte der Arzt Uberto in eine Zwickm�hle gebracht: Wenn dieser seine Worte best�tigte, w�rde er damit quasi zugeben, dass die M�nche nachts zu Dirnen gingen. Andererseits konnte er sich und seine Glaubensbr�der aber auch nicht L�gen strafen, die �ber sich sagten, dass sie die Nacht damit zubrachten, Gott so gut wie m�glich zu dienen.</p><p>Mondino blieb jedoch nicht genug Zeit, um seine eigene Scharfsinnigkeit auszukosten. Uberto da Rimini sagte nur einen Satz: �Nehmt ihn fest.� Und bevor Mondino sich auch nur r�hren konnte, standen bereits zwei M�nner neben und einer hinter ihm.</p><p>�Was habt Ihr vor, Inquisitor?�, fragte Mondino ganz gelassen. �Ich bin kein Ketzer und habe kein Verbrechen begangen. Ich bin Mondino de� Liuzzi, Arzt des <emphasis>Studiums</emphasis>.�</p><p>Der Abscheu auf dem Gesicht des M�nches zeigte sich nun noch unverh�llter. �Ich wei� genau, wer Ihr seid. Der Quacksalber, der die Medizin verdorben hat, indem er den Brauch einf�hrte, unter offener Verletzung einer p�pstlichen Bulle menschliche K�rper zu zerteilen. Kein Wunder, dass Ihr so unversch�mt gegen jemanden seid, der das Wort Christi verbreitet.�</p><p>�Die Bulle <emphasis>De sepulturis</emphasis> verbietet nur, Leichen zu zerst�ckeln und zu kochen, aber nicht, sie zu Forschungszwecken zu sezieren�, erwiderte Mondino. �Sie wurde vor allem deshalb erlassen, weil der Handel mit falschen Reliquien und Heiligenknochen unterbunden werden sollte.�</p><p>Uberto w�rdigte ihn keiner Antwort. �Wir suchen einen sch�ndlichen M�rder, der seine Wohnung in Brand gesetzt hat und dann �ber die D�cher geflohen ist. M�glicherweise hat er die Leiche des Mannes, den er get�tet hat, mit sich genommen.�</p><p>�Und den sucht Ihr in meinem Haus?�</p><p>�Nachdem die Nachbarn den Brand gel�scht hatten, haben sie uns erz�hlt, es handele sich bei dem M�rder um einen Eurer Studenten. Eure Medizinschule ist nur eine Stra�e von dort entfernt, es w�re also logisch, dass er bei Euch Unterschlupf suchte.�</p><p>�Aber es ist nicht logisch anzunehmen, dass ich einem M�rder Zuflucht gew�hrt h�tte�, zischte Mondino durch zusammengebissene Z�hne. �Hier ist niemand.�</p><p>Jetzt war es heraus. Er hatte gelogen. Als er die T�r ge�ffnet hatte, war er noch nicht sicher gewesen, ob er dieses Risiko wirklich eingehen wollte, obwohl er es Gerardo versprochen hatte und obwohl er sich so sehr f�r diese Leiche mit dem eisernen Herzen interessierte. Doch der Hochmut des Inquisitors und die instinktive Abneigung, die er ihm einfl��te, hatten ihr �briges getan, und nun konnte Mondino nicht mehr zur�ck, selbst wenn er es gewollt h�tte: Diese L�ge war unverzeihlich. Ab jetzt bedeutete Gerardo zu retten, sich selbst zu retten.</p><p>�D�rfen wir das �berpr�fen?�</p><p>�Nein. Mein Wort muss Euch gen�gen.�</p><p>Uberto da Rimini gab den H�schern einen Wink, woraufhin sie Mondino an den Armen packten. Er versuchte, sich mit einem Ruck zu befreien, doch der Mann hinter ihm umklammerte seine Taille. Mondino h�rte, wie etwas in Scherben ging. Eine der �llampen musste zu Boden gefallen sein.</p><p>�Lasst mich sofort los!�</p><p>�Wir wollen nur eintreten und selbst nachsehen. Wenn Ihr nichts vor uns verbergt, habt Ihr nichts zu bef�rchten.�</p><p>�Hier in der N�he wohnen viele meiner Studenten�, sagte Mondino mit kaum verhohlener Wut. �Ich habe zahlreiche von ihnen gesehen, die vor kurzem geholfen haben, den Brand zu l�schen. Wollt Ihr wirklich, dass ich sie zu Hilfe rufe?�</p><p>Die Wachen lockerten kaum merklich ihren Griff. Sie wussten genau, dass die Studenten freudig jede Gelegenheit nutzten, um Unruhe zu verbreiten, besonders wenn einer von ihnen oder einer ihrer Lehrer bedroht wurde. Das wusste nat�rlich auch Uberto da Rimini. Er warf Mondino einen so schneidenden Blick zu, dass dieser all seine Selbstachtung aufbieten musste, um die Augen nicht zu senken, und sagte leise: �Lasst ihn los.�</p><p>Die H�scher wichen einen Schritt zur�ck, wobei die Kurzschwerter an ihren G�rteln leise klirrten. Ihre Gesichter verrieten keinerlei Gef�hlsregung, so dass Mondino den Eindruck gewann, sie w�rden ohne zu z�gern jedem Befehl des Inquisitors gehorchen, obwohl sie der Stadt und nicht der Kirche unterstanden. Au�erdem konnte er sich ausmalen, dass es ziemlich unangenehme Folgen haben k�nnte, wenn man einem Befehl Uberto da Riminis nicht nachkam.</p><p>�Wir werden diesen Mann bald fassen und ihn dazu bringen, alles zu gestehen�, sagte der Dominikaner und sah dem Arzt mit eindringlichem Blick in die Augen. �Ich hoffe f�r Euch, dass Ihr die Wahrheit gesagt habt.�</p><p>Dann wandte er sich so ruckartig um, dass sein schwarzer Mantel und die gedrehte Leinenkordel, mit der seine wei�e Kutte zusammengehalten wurde, herumschwangen, und entfernte sich in Richtung der Kirche Sant�Antonino. Die Wachen folgten ihm wortlos.</p><p>Obwohl er ihnen am liebsten eine bei�ende Bemerkung nachgerufen h�tte, neigte Mondino nur den Kopf und sagte: �Friede mit Euch, Vater.�</p><empty-line/><p>Sobald er h�rte, dass die T�r geschlossen wurde, stieg Gerardo aus der Truhe, in der er sich auf Befehl des Arztes auf die Leiche seines Freundes hatte legen m�ssen.</p><p>�Mir ist beinahe das Herz stehen geblieben�, sagte er und holte tief Luft.</p><p>�Genau wie mir�, erwiderte Mondino. �Obwohl ich drau�en an der frischen Luft war.�</p><p>Schweigen machte sich breit. W�hrend seiner Flucht �ber die D�cher war Gerardo keine Zeit zum �berlegen geblieben. In der Truhe hatte er mit klopfendem Herzen die Ohren gespitzt, bereit, eine Verzweiflungstat zu begehen, sollte der Inquisitor hereinkommen und den Raum durchsuchen oder Mondino ihn verraten. Doch nun, wo die Gefahr vor�ber war, erinnerte sich sein K�rper mehr als sein Kopf an das Gef�hl von Angelos kalter Haut, diesen engen, direkten Kontakt mit dem Tod. Gerardo erschauerte so heftig, dass er sich auf den Boden setzen musste. Schlie�lich str�mten Tr�nen aus seinen Augen.</p><p>Mitleidslos holte ihn Mondino br�sk in die Gegenwart zur�ck.</p><p>�Die Totengr�ber, auf die ich warte, m�ssen gleich hier sein�, sagte er. �Vermutlich haben sie sich vor den Leuten versteckt, die das Feuer gel�scht haben, und vor dem Inquisitor, aber sobald auf der Stra�e Ruhe eingekehrt ist, werden sie hier klopfen.�</p><p>�Ihr erwartet Totengr�ber?�, fragte Gerardo und wischte sich die Tr�nen mit dem Handr�cken ab. �Um diese Zeit?�</p><p>Obwohl der Arzt gerade riskiert hatte, verhaftet und schwer bestraft zu werden, wenn die H�scher den Gesuchten bei ihm gefunden h�tten, wirkte er nicht ver�ngstigt. Gerardo betrachtete ihn genauer - und vielleicht weil sie nun nicht mehr Lehrer und Sch�ler waren, war es f�r ihn, als s�he er Mondino zum ersten Mal: einen Mann um die vierzig, der aber j�nger wirkte. Gro� und schlank, mit gr�nen, durchdringenden Augen unter der hohen Stirn. Wenn er den gest�hlten K�rper unter dem schwarzen, kn�chellangen Gewand n�her besah, hatte er wohl gut daran getan, dass er erst gar nicht versucht hatte, ihn zu entwaffnen. Trotz seiner Ausbildung und ihres Altersunterschiedes h�tte eine t�tliche Auseinandersetzung mit dem Arzt einen unerwarteten Ausgang nehmen k�nnen.</p><p>W�hrend beide Angelos Leiche aus der Truhe holten und ihn wieder auf den Marmortisch legten, erkl�rte Mondino seinem Sch�ler, dass er auf die Leiche einer an diesem Tag hingerichteten Frau wartete, an der er eine Sektion vornehmen w�rde.</p><p>�Ich habe die Frage mit dem Magistrat gekl�rt, also ist alles nach dem Gesetz�, sagte er, �ffnete wieder den Brustkorb des Toten und sah sich das Herz aus Eisen an, als w�re es faszinierend und nicht eine solche Abscheulichkeit. �Aber ich muss es trotzdem im Verborgenen tun, weil die Kirche gegen den Fortschritt der Wissenschaft ist und keine Gelegenheit vers�umt, sich einzumischen.� Er sah Gerardo an, als w�re dieser direkt f�r das Verhalten der Kirche ihm gegen�ber verantwortlich. �Solange die Priester sich in alles einmischen, anstatt sich nur darum zu k�mmern, die Seelen ihrer Sch�fchen zu retten, werden wir keinen Fortschritt erleben.�</p><p>Es war ein offenes Geheimnis, dass Mondino politisch auf der Seite der Lambertazzi stand, also ein Ghibelline war, der die Herrschaft des Kaisers bef�rwortete und gegen die des Papstes war. Seine Ansichten hatten ihm sogar Jahre der Verbannung eingetragen, und er hatte Bologna nur nach Zahlung einer empfindlich hohen Geldstrafe wieder betreten d�rfen. Gerardo als M�nch war nat�rlich anderer Meinung und unterst�tzte die Geremei, aber dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um Einw�nde zu erheben.</p><p>Er schwieg, w�hrend Mondino ein Messer nahm und die Stellen einzuschneiden begann, an denen das Fleisch dem Metall Platz gemacht hatte. Der Tempelritter beobachtete ihn bei seiner T�tigkeit und konnte seine Bewunderung f�r seinen Lehrmeister nicht unterdr�cken. Mondino arbeitete konzentriert und genau. Seine Bewegungen wirkten nie �berst�rzt, obwohl er diese Abscheulichkeit aus Fleisch und Eisen in k�rzester Zeit aus Angelos Brust entfernte. Er �bergab sie ihm, damit er sie in der Truhe versteckte. Als er das, was einmal das Herz seines Freundes gewesen war, in der Hand hielt, konnte Gerardo nur mit M�he einen Aufschrei unterdr�cken, aber er beherrschte sich und folgte widerspruchslos dem Befehl.</p><p>�Sag mir, was du jetzt vorhast�, sagte Mondino ohne ihn anzusehen.</p><p>Er hatte Angelos Brustkorb wieder geschlossen und wirkte jetzt gelassener.</p><p>�Wie meint Ihr das, Meister?�</p><p>�Wir wollen doch herausfinden, wer deinen Freund get�tet hat, oder?�, erwiderte Mondino ungeduldig. �Daf�r m�ssen wir uns einen Plan ausdenken.�</p><p>�Also wollt Ihr mir dabei auch helfen?�</p><p>Gerardo konnte den Unmut in seiner Stimme nicht verbergen. Er war nat�rlich froh, dass der Arzt ihn dabei unterst�tzen wollte, die Leiche verschwinden zu lassen, aber er sch�tzte es gar nicht, dass ihn jemand bei der Suche nach dem T�ter behinderte.</p><p>Mondino stand hinter ihm, vor dem Trog, in dem er seine chirurgischen Instrumente aufbewahrte. Als er sich umdrehte, hielt er in der einen Hand eine Spule mit Seidenfaden und in der anderen eine dicke Nadel.</p><p>�H�r mir jetzt gut zu�, sagte er, und sein Blick war hart. �Ich habe den Inquisitor belogen. Ich habe dir geholfen und damit gegen das Gesetz versto�en - jetzt bin ich genauso in Gefahr wie du. Und ich habe nicht die Absicht, einem jungen, unerfahrenen Mann zuzusehen, wie er einen Fehler begeht, sich verhaften l�sst und uns beide in den Abgrund rei�t. Du hast meine Hilfe gewollt, und jetzt ist es zu sp�t f�r einen R�ckzieher. Ich werde �ber jeden Schritt entscheiden, den wir tun. Ist das klar?�</p><p>�Keineswegs�, antwortete Gerardo w�tend. �Ich sch�tze Euch als Arzt und Lehrer und danke Euch daf�r, dass Ihr mich nicht verraten habt, aber ich habe keineswegs die Absicht, mich in dem, was ich tun muss, von Euch f�hren zu lassen.�</p><p>Ihm hatte missfallen, dass Mondino ihn als jungen unerfahrenen Mann bezeichnet hatte, und er glaubte nicht im mindesten, dass ein Laie, zudem noch ein Gegner der Kirche, der �ber keinerlei soldatische Ausbildung verf�gte, ihm helfen k�nnte, einen M�rder zu finden. Au�erdem musste er ja auch noch die Interessen der Tempelritter verteidigen.</p><p>Mondino n�herte sich der Leiche und begann wortlos, den Brustkorb zuzun�hen. Er durchbohrte das Fleisch und zog den Faden mit schnellen, geschickten Bewegungen hindurch, eine Kunststopferin h�tte es nicht besser machen k�nnen. Als er fertig war, lie� er sich von Gerardo helfen, dem Toten wieder das Gewand anzuziehen. Schlie�lich teilte er ihm seine �berlegungen mit.</p><p>�Meine Mitarbeit ist nicht verhandelbar�, sagte er und richtete seine gr�nen, entschlossenen Augen auf seinen ehemaligen Sch�ler. �Du willst den M�rder finden, und ich will dieses R�tsel der Alchimie l�sen. Also m�ssen wir uns verb�nden, und du solltest das besser nicht ablehnen.�</p><p>�Weil Ihr mich sonst anzeigen w�rdet?�, erwiderte Gerardo aufgebracht.</p><p>�Nein, weil wir schneller an unser Ziel gelangen k�nnen, wenn wir zwei parallele Strategien verfolgen. Je mehr Zeit wir verlieren, desto leichter k�nnten wir entdeckt werden.�</p><p>�Ihr sprecht, als h�ttet Ihr schon eine Idee.�</p><p>�So ist es. Aber bevor ich weiterspreche, musst du meine Hilfe vorbehaltlos annehmen.�</p><p>Gerardo �berlegte. Selbst wenn Mondino keine milit�rische Ausbildung durchlaufen hatte, wirkte er stark und entschlossen, wie ein Mann, den man in einem Kampf nicht untersch�tzen sollte. Au�erdem hatte er bewiesen, dass er in unvorhergesehenen Situationen schnell und tatkr�ftig handeln konnte. Und der Gedanke, in zwei Richtungen Nachforschungen anzustellen, war keineswegs dumm. Blieb nur noch der Umstand, dass er nicht wusste, ob er Mondino vertrauen konnte, wenn sie die Leiche erst einmal beseitigt hatten.</p><p>�Werdet Ihr mich auch nicht verraten?�, fragte er.</p><p>�Jetzt kann ich das nicht mehr, aber so langsam bereue ich meinen Entschluss. Also entscheide dich, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.�</p><p>�Na gut, aber wir treffen alle Entscheidungen gemeinsam.�</p><p>Mondino �berdachte noch einmal alles kurz, dann nickte er. �Nun erkl�re ich dir meinen Plan, dann sagst du mir, was du vorhast, und wir werden uns schon einigen.�</p><p>Wahrscheinlich wurde sein Handeln von seiner Arbeit als Lehrer bestimmt. Obwohl er gerade eine gleichberechtigte Zusammenarbeit akzeptiert hatte, verhielt er sich, als dozierte er vom Pult aus. Sie begannen von neuem zu streiten, wurden jedoch von einem hastigen T�rklopfen unterbrochen. Es waren die Totengr�ber, die sich, genau, wie Mondino es prophezeit hatte, mit ihrem Karren und der Frauenleiche in einem Hauseingang versteckt und sich erst wieder hervorgewagt hatten, als es auf der Stra�e wieder ruhig geworden war. Gerardo zog sich eilig in das Nebenzimmer zur�ck, w�hrend Mondino sie hereinlie�. Von seinem Lauschposten hinter der T�r h�rte Gerardo ihre Entschuldigungen: Sie h�tten sich erschreckt, als der Inquisitor aus dem Dominikanerorden zusammen mit drei Sbirren in n�chster N�he an ihnen vorbeigekommen sei, und h�tten die Leiche deshalb in einen Abwassergraben geworfen. Mondino emp�rte sich und sagte, es sei unm�glich, an einem mit Schmutz und unaussprechlichen Stoffen bedeckten K�rper anatomische Versuche durchzuf�hren. Die Totengr�ber forderten jedoch trotzdem ihren Lohn, und wenn es nur daf�r sei, beharrten sie, dass sie die Leiche wieder fortbr�chten. Der Arzt handelte mit ihnen eine Summe aus und verdoppelte diese schlie�lich, damit sie auch den toten Mann vom Seziertisch mitnahmen. Mondino gab an, dass es sich dabei um eine Leiche handele, an der er seine Versuche bereits durchgef�hrt habe, und wies die Totengr�ber an, ihn in einem gew�hnlichen Massengrab zu beerdigen. Die beiden nickten und legten Angelo �ber die Frauenleiche auf ihren Holzkarren, strichen die vereinbarte Summe ein und gingen zufrieden ihrer Wege.</p><p>Als die Totengr�ber au�er H�rweite waren, kehrte Gerardo in den H�rsaal zur�ck. Endlich konnten sie in Ruhe miteinander reden.</p><p>�Wie ich schon gesagt habe, gilt es zwei Spuren zu verfolgen�, nahm der Arzt seinen Plan wieder auf und lehnte sich gegen eine Bank. �Zuerst gilt es herauszufinden, wen Angelo heute Abend treffen sollte und wem er seit seiner Ankunft in der Stadt begegnet ist. Die zweite Frage, die wir l�sen m�ssen, ist die mit der Alchimie.�</p><p>�Ich begreife Euer Interesse f�r das Geheimnis, menschliches Blut in Eisen zu verwandeln�, erwiderte Gerardo. Obwohl er vollkommen ersch�pft war und sich gern hingesetzt h�tte, blieb er respektvoll stehen. �Doch ich sehe nicht, wie uns dies helfen k�nnte, den M�rder zu finden.�</p><p>�Ich habe die Alchimie ein wenig als Teil meiner medizinischen Ausbildung studiert, dennoch habe ich nie etwas �hnliches geh�rt�, erkl�rte Mondino, und seine Augen starrten ins Leere, als versuchte er, in einem einzigen Augenblick alle B�cher, die er jemals gelesen hatte, durchzugehen. �Ein Geheimnis wie dieses kann nur ganz wenigen Menschen bekannt sein. Wenn wir herausfinden, wer es kennt, werden wir dem M�rder sehr nah gekommen sein.�</p><p>Gerardo war vom Scharfsinn des Arztes �berrascht. Sie hatten keinen Augenblick Ruhe gehabt, seit er an seine T�r geklopft hatte, und trotzdem hatte Mondino die Zeit gefunden, einen Plan auszuarbeiten, dem au�er ein paar Einzelheiten nichts hinzuzuf�gen war. Spontan entschloss er sich, sein Wissen mit ihm zu teilen. Er griff in die kleine Ledertasche, die er am G�rtel trug, und holte ein zerknittertes St�ck Papier hervor.</p><p>�Das fiel aus Angelos Gewand, als ich ihn angezogen habe. Vielleicht ist es ja nicht wichtig, aber andere Hinweise habe ich nicht.�</p><p>Mondino begutachtete den Zettel. Er schien hastig von einem gr��eren Blatt abgerissen worden zu sein und enthielt nur wenige Worte, die jemand mit einem Griffel ohne Tinte oder vielleicht mit einem Fingernagel eingeritzt haben musste.</p><p>�Filomena, Schwemme, Markt�, las Mondino laut. �Das ist die Adresse einer Frau. Eine Dirne?�</p><p>�Das habe ich ebenfalls vermutet, Magister. Es k�nnte sein, dass Angelo sein Keuschheitsgel�bde nicht immer eingehalten hat.�</p><p>Mondino verzog die Lippen zu einem sarkastischen L�cheln, und Gerardo machte sich schon darauf gefasst, einem Kommentar �ber M�nche, die das Leben allzu sehr genossen, widersprechen zu m�ssen, doch der Arzt schwieg und sah wieder auf den Zettel.</p><p>�Es gibt in der Stadt viele Schwemmen, an denen man Tiere waschen und tr�nken kann. Und einige M�rkte�, sagte er dann. �Doch ich m�chte wetten, dass es sich um den auf der Piazza Campo del Mercato handelt.�</p><p>�Wie k�nnt Ihr Euch da so sicher sein?�</p><p>�Dein Freund war fremd hier. Wenn er sich nur diese Worte notiert hat, ohne n�here Angaben, k�nnte ich mir vorstellen, dass er den gr��ten Tiermarkt meinte.�</p><p>Vermutlich hatte er Recht, aber Gerardo wollte seinen alten Lehrer nicht schon wieder loben. �Dann werde ich dort mit meinen Nachforschungen beginnen�, sagte er nur. �F�r heute Nacht ��</p><p>�Heute Nacht kannst du hierbleiben�, unterbrach ihn der Arzt und l�ste sich von der Bank. �Es gibt zwar kein Bett, aber du kannst die Decken aus der Truhe auf dem Tisch ausbreiten und dort schlafen.�</p><p>�Ich werde die Nacht damit verbringen, f�r Angelos Seele zu beten�, erwiderte Gerardo. Allein bei dem Gedanken, sich auf diese Marmorplatte zu legen, auf der schon so vielen Leichen die Eingeweide entnommen worden waren, schauderte es ihn.</p><p>�Wie du willst. Morgen zur dritten Stunde habe ich Unterricht, aber der Pedell kommt schon zur ersten Stunde, um den H�rsaal vorzubereiten. Sorg daf�r, dass du dann nicht mehr hier bist.�</p><p>�Seid unbesorgt, ich werde in der Morgend�mmerung aufbrechen�, antwortete Gerardo. �Und dann werde ich sofort nach der Frau zu suchen beginnen. Was habt Ihr vor?�</p><p>�Ich werde mit einigen Alchimisten reden, die ich kenne. Am Nachmittag, kurz vor der Vesper, treffen wir uns in der Kirche der Heiligen Vitale und Agricola, in der N�he meiner Wohnung. Du findest mich dort in der Bank meiner Familie.�</p><p>�Keine Sorge, ich werde dort sein.�</p><p>�Gut�, meinte Mondino und �ffnete die T�r. �Dann bis morgen.�</p><p>�Bis morgen, Magister�, antwortete Gerardo. �Und ich danke Euch nochmals f�r alles.�</p><p>Der Arzt wandte sich langsam um und betrachtete ihn aufmerksam. �Ich habe meine Entscheidungen immer impulsiv getroffen�, sagte er. �So auch die, dir zu helfen. Ich hoffe, du wirst dein Bestes tun, damit ich sie nicht bereuen muss.�</p><p>Mit diesen Worten ging er hinaus auf die dunkle Gasse, nahm nicht einmal eine Laterne mit, um sich den Weg zu leuchten, und machte sich mit sicheren Schritten auf den Heimweg.</p><p>Gerardo blieb reglos auf der Schwelle stehen, um den ruhigen Lauten der Nacht zu lauschen. Falls die Nachbarn schon wieder in ihre Betten gegangen waren, bedeutete das, dass der Brand keine schweren Sch�den verursacht hatte. Dennoch w�rde man den H�schern seine Beschreibung gegeben haben, und von morgen an w�rde nicht nur die Inquisition, sondern auch die Stadtpolizei nach ihm suchen. Er w�rde eine neue Unterkunft finden, einen anderen Namen annehmen und doppelt so wachsam wie vorher sein m�ssen.</p><p>Gerardo schloss die T�r und sicherte sie mit dem Riegel. Dann fuhr er sich durch die beinahe schulterlangen Haare, mehr um sich zu beruhigen, als um sie zu ordnen, ging zu der Truhe und kniete davor nieder. In Ermangelung der Leiche w�rde er an Angelos eisernem Herzen wachen, das dort unter zwei Decken begraben in der h�lzernen Truhe lag.</p><p>Er war sicher, dass Angelos Seele, wo auch immer sie sich jetzt befinden mochte, dringend Trost brauchte.</p></section><section><title><p><strong>ZWEI </strong></p></title><p><strong>U</strong>nter einem bleigrauen wolkenverhangenen Himmel stand Uberto da Rimini tief geb�ckt in der schmalen Allee des kleinen Friedhofs, der sich an die Kirche San Domenico anschloss, und j�tete rund um die Gr�ber Unkraut. Er war fr�h wach geworden und noch immer aufgebracht, dass er die von dem anonymen Informanten gemeldete Leiche nicht gefunden hatte, und seine Wut war keineswegs verraucht, als er sich erinnerte, wie hochm�tig ihm dieser Arzt den Zutritt zur Schule verweigert und zudem damit gedroht hatte, einen Aufruhr unter den Studenten auszul�sen. In dieser gereizten Stimmung hatte Uberto sich dann �ber einen Bruder ge�rgert, der eine Karaffe Wasser auf dem Boden versch�ttet hatte, und ihm zur Bu�e einen Tag mit harter Arbeit auf dem Friedhof auferlegt.</p><p>Eigentlich hatte nur der Prior die Macht, Strafen zu verh�ngen, aber er war zu weichherzig daf�r. Seitdem Uberto sich im Kloster einquartiert hatte, war er so gut wie nicht mehr in Erscheinung getreten. So konnte er sich immer, wenn seine Autorit�t �bergangen wurde, herausreden, dass er nicht zugegen gewesen w�re, nichts gesehen h�tte oder von nichts w�sste.</p><p>So war es dazu gekommen, dass Uberto nun alle Befehle erteilte. Und auch wenn ihm das rechtm��ig erschien, da er dazu bef�higt war, bem�hte er sich, nicht der S�nde des Hochmuts zu verfallen. Aus diesem Grund hatte er nach einer Weile beschlossen, dem von ihm bestraften M�nch bei der Arbeit des Unkrautzupfens auf dem Friedhof zur Hand zu gehen. Er begl�ckw�nschte sich dazu, dass er gegen sich selbst ebenso unerbittlich war wie gegen jeden anderen. Au�erdem war die k�rperliche Anstrengung das einzige Mittel, seinen Zorn abzureagieren.</p><p>Sie arbeiteten schweigend, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Uberto b�ckte sich, um einen L�wenzahn auszurei�en, der in einem Spalt zwischen zwei Ziegelsteinen gewachsen war, aber die lange spitze Wurzel brach kurz unter der Erdoberfl�che ab, und in seinen H�nden blieben blo� die Bl�tter zur�ck. Das bedeutete, dass die Pflanze dort bereits in wenigen Tagen wieder hervorsprie�en w�rde.</p><p>Er richtete sich auf und blickte �ber die Grabreihen, die noch vor ihm lagen. Jedes Jahr gab es mehr Anfragen von Pr�laten und hochrangigen Pers�nlichkeiten, die in der N�he des Grabes des heiligen Dominikus bestattet werden wollten, und das Kloster konnte sie kaum alle aufnehmen. Der Friedhof war �berf�llt, und selbst wenn die Br�der sich nach Leibeskr�ften bem�hten, ihn zu pflegen, wuchs das Unkraut doch immer wieder nach.</p><p>Genau wie die Ketzerei, nach jedem Versuch, sie mit Stumpf und Stiel auszumerzen, dachte Uberto, ber�hrt von der schlichten Wahrheit dieser Analogie, die andere in ihrem eifrigen Bem�hen um Originalit�t vielleicht nur als simpel abgetan h�tten. Doch der Grund daf�r war nicht die Ketzerei. Die Schuld lag bei den Inquisitoren, die es aus Sorge, dass sie sich bei den �rtlichen Machthabern unbeliebt machen k�nnten, bei haarspalterischen Prozessen und milden Strafen bewenden lie�en. Wie konnte man einen Ketzer abschrecken, wenn man ihn h�chstens dazu verurteilte, eine Pilgerreise zum Heiligen Stuhl anzutreten?</p><p>Es gab nur einen einzigen Weg, das Wiedererstarken der Ketzerei zu verhindern: Man musste sie mitsamt der Wurzel ausrei�en, egal wie viel M�he das kosten mochte. Sicher w�rden dabei auch Fehler begangen werden. Und so mancher Unschuldige w�rde auf dem Scheiterhaufen enden, aber zumindest w�re seine Seele gerettet, weil er f�r das Wohl der Kirche gestorben war. So hatte man es mit den Katharern im Languedoc gehalten und in j�ngerer Zeit mit Fra Dolcino und seinen Anh�ngern. Katharer und Dolcinianer gab es mittlerweile nicht mehr.</p><p>Und so musste man auch mit den Templern verfahren. Die Aufgabe der Heiligen Inquisition war es dabei nicht, sichere Beweise f�r Schuld oder Unschuld zu finden, wie es der Erzbischof von Ravenna, Rinaldo da Concorezzo, wollte. Die Anschuldigungen gegen die Tempelritter waren zu schwerwiegend und ihre Macht zu gro�, als dass die Kirche das Risiko eingehen konnte, sie freizusprechen. Der Orden musste vernichtet werden und ihre Anf�hrer auf dem Scheiterhaufen brennen. Es war die Aufgabe eines jeden guten Inquisitors, die Kirche bei der Erreichung dieses Ziels zu unterst�tzen, selbst wenn man daf�r schwierige Entscheidungen treffen musste.</p><p>Uberto da Rimini setzte sich zum Nachdenken auf die Stufe eines Grabes, w�hrend der Bruder mit seiner Arbeit fortfuhr, ohne innezuhalten oder auch nur den Kopf zu heben.</p><p>Die Verbrecher scherten sich nicht um die Befolgung von Gesetzen, wenn sie ihre Missetaten begingen. Warum sollte sich also derjenige, der sie bek�mpfte, von einer Reihe nutzloser Vorschriften aufhalten lassen? Wenn er die Leiche eines Templers finden wollte, der man ansah, dass hier der Teufel im Spiel war, wie es in dem Schreiben des Informanten hie�, konnte Uberto nicht den legalen Weg beschreiten. Er hatte schon nach einem zuverl�ssigen Mann geschickt, einem ehemaligen Priester, der am Rande des Gesetzes lebte, und er erwartete ihn jeden Augenblick. Er musste sehr vorsichtig sein, denn das, was er ihm auftragen wollte, w�rde sicher nicht den Beifall des Erzbischofs finden.</p><p>Der junge Mann, der sich letzte Nacht der Verhaftung entzogen hatte, war ein Student von Mondino de� Liuzzi. Und die Tatsache, dass der Arzt ihm keinen Einlass in seine Medizinschule gew�hrt hatte, erschien dem Inquisitor immer noch verd�chtig. Man musste ermitteln, aber im Geheimen. Sobald sich Beweise f�nden, w�rde Uberto nach dem Gesetz verfahren. Er war fest �berzeugt, dass dieser Fall entscheidend dazu beitragen konnte, den Niedergang der Templer zu beschleunigen. Sollte er Erfolg haben, w�rden etliche hohe Kirchenf�rsten, vielleicht sogar auch der Papst in Person, seine Schritte guthei�en.</p><p>Sollte er hingegen scheitern, w�rde er alles geheim halten. So bestand f�r ihn keine Gefahr.</p><p>Ein Bruder n�herte sich eilig und teilte Uberto mit, dass ein gewisser Guido Arlotti ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen w�nschte.</p><p>Uberto hatte ihn bereits erwartet. Doch sosehr es ihn dr�ngte, Arlotti zu treffen, so hatte er nicht die Absicht, sich ihm schmutzig und verschwitzt wie ein Bauer zu zeigen.</p><p>Er schnitt dem Bruder mit einer br�sken Handbewegung das Wort ab und sagte ihm, dass er den Besucher in sein Arbeitszimmer f�hren sollte. Dann schritt er zu einem Tor, das in den Gem�segarten f�hrte, wusch sich hastig am Brunnen, wobei er darauf achtete, die Grasflecken sorgf�ltig von seinen H�nden zu entfernen, und betrat das Kloster durch eine Nebent�r. In der Ferne h�rte er ein Gewitter aufziehen.</p><empty-line/><p>Guido erwartete ihn stehend in seinem Arbeitszimmer. Er war ein untersetzter Mann mit kurzen braunen Haaren und trug eine knielange Tunika. Diese betonte seine kr�ftigen Arme und st�mmigen Waden, �ber denen sich die Wollstr�mpfe spannten. Die F��e steckten in geschlossenen Riemenschuhen, die zwar nicht allzu elegant, aber aus bestem Leder waren. Keiner h�tte bei seinem Anblick vermutet, dass er fr�her Priester gewesen war. Nun verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit dem fragw�rdigen Gewerbe der Kuppelei; aber auf seine Art war Arlotti ein Christ geblieben, er f�rchtete die H�lle und half der Kirche gegen Geld und Ablass seiner S�nden bei der schwierigen Aufgabe, Personen ausfindig zu machen, die der Ketzerei verd�chtigt wurden.</p><p>Uberto begr��te seinen Gast und bot ihm ein Glas Wasser aus dem Krug auf dem Tisch an. Guido lehnte jedoch ab. Sie kamen sofort zum Grund seines Besuchs, ohne sich erst zu setzen. Auf diese Art unterstrichen sie, dass Guido sich gar nicht dort befinden und dass ihr Treffen so kurz wie m�glich verlaufen sollte. Uberto war froh, als er bemerkte, dass nicht nur er sich unbehaglich f�hlte. Auch der ehemalige Priester empfand sich in einem Gotteshaus fehl am Platz. Das machte es ihm leichter, ihre Beziehungen im richtigen Gleichgewicht zu halten.</p><p>�Sobald ich Eure Botschaft erhalten habe, bin ich hierhergeeilt, Vater�, sagte Guido. �Womit kann ich Euch dienlich sein?�</p><p>Uberto trat einen Schritt zur�ck. Guido verstr�mte zwar keinen Gestank, aber seinem K�rper und seinen Kleidern haftete der s��liche Geruch von duftendem R�ucherwerk an, das in den Hurenh�usern verbrannt wurde.</p><p>�Ich muss dir eine sehr heikle Aufgabe �bertragen�, sagte er.</p><p>�Ich h�re.�</p><p>�Ich habe den Verdacht, dass ein Magister des <emphasis>Studiums</emphasis> einem gesuchten Verbrecher Unterschlupf gew�hrt hat, wahrscheinlich einem Tempelritter, der sich als Student ausgibt, und dass er ihm dabei geholfen hat, eine Leiche verschwinden zu lassen. Wie k�nnte er das bewerkstelligt haben?�</p><p>Guido schwieg lange mit finsterer Miene. Er streckte eine Hand zu dem Wasserkrug aus, dann zog er sie wieder zur�ck. �Da gibt es viele M�glichkeiten�, sagte er schlie�lich. �Wie hei�t der Arzt?�</p><p>�Mondino de� Liuzzi.�</p><p>Guido nickte. �Ich kenne ihn. Mondino unterh�lt Kontakte zu allen Totengr�bern Bolognas, von denen er Leichen f�r seine Versuche kauft. Er k�nnte einen von denen um Hilfe gebeten haben.�</p><p>�K�nntest du ihn ausfindig machen?�</p><p>�Das wird nicht leicht�, antwortete Guido. �Wie Ihr wisst, gibt es in der Stadt viele kleine Friedh�fe und zahllose Totengr�ber. Wenn einer von ihnen Mondino dabei geholfen hat, eine Leiche verschwinden zu lassen, wird er ganz sicher den Mund halten. Aber wenn man ihm Straffreiheit verspricht und vielleicht eine kleine Belohnung ��</p><p>�Handle nach deinem Gutd�nken ��, fiel ihm Uberto ins Wort. �Hauptsache, es werden Beweise gefunden, dass Mondino darin verwickelt ist. Und nat�rlich brauchen wir auch den verschwundenen Leichnam.�</p><p>Guidos Miene verfinsterte sich erneut. �Das k�nnte sich als unm�glich erweisen. Wenn ich der Totengr�ber w�re, dem man eine solche Aufgabe anvertraut, w�rde ich die Leiche in ein Massengrab von Lepratoten werfen. So w�rde er mit ungel�schtem Kalk bedeckt und bald nicht mehr zu identifizieren sein.�</p><p>�Wir k�nnen immer noch hoffen, dass nicht alle mit so viel Intelligenz gesegnet sind wie du�, sagte Uberto und weigerte sich, ein Scheitern auch nur in Betracht zu ziehen. �Wenn du mir bringst, was ich suche, werde ich deinen Lohn verdoppeln.�</p><p>�Ich will auch eine Bescheinigung �ber Generalablass, und zwar mit Unterschrift des Erzbischofs.�</p><p>�Schlag dir das aus dem Kopf. Rinaldo da Concorezzo darf nicht einmal etwas von deiner Existenz ahnen, zumindest solange, bis die Prozesse gegen die Templer abgeschlossen sind.�</p><p>Guido verzog ver�rgert sein Gesicht. �Ich verstehe. Aber Ihr wisst, dass ich �ber viele S�nden nicht bei der Beichte sprechen kann. Und inzwischen ist mehr als ein Jahr vergangen, seit ich den letzten Ablass erhalten habe.�</p><p>Er bezog sich auf die verschiedenen Gesetzes�bertretungen bis hin zu Mord, die er auf eigene Faust oder im Auftrag von Kirchenm�nnern begangen hatte. Uberto wusste, dass er nicht der Einzige war, der auf Guidos Dienste zur�ckgriff. Er sollte ihn sich lieber gewogen halten.</p><p>�Ich werde sehen, was ich tun kann�, sagte er deshalb. �Sorg du daf�r, dass du Ergebnisse erzielst.�</p><p>Endlich glitt ein L�cheln �ber Guido Arlottis breites Gesicht. �Ergebnisse sind meine Spezialit�t�, sagte er und verlie� mit einer leichten Verbeugung das Zimmer.</p><empty-line/><p>Als Uberto zum Friedhof der Basilika zur�ckkehrte, war die dunkle Wolkendecke noch dichter geworden, doch er sch�tzte, dass man noch etwas arbeiten konnte, ehe es zu regnen anfing. Er schaute zu dem Bruder hin�ber, dessen Strafe er geteilt hatte. Seit dem fr�hen Morgen m�hte sich dieser ununterbrochen tief geb�ckt �ber den Gr�bern. Uberto empfand aufrichtiges Mitgef�hl mit ihm, dennoch musste er noch einmal von vorn beginnen.</p><p>Er ging zu ihm hin�ber und erkl�rte ihm sanft, wie man vorgehen musste, man musste Unkraut f�r Unkraut einzeln und im Ganzen ausrei�en.</p><p>�Aber dann brauchen wir ja Wochen, um alles zu s�ubern�, protestierte der andere und schaute mit schwei��berstr�mtem Gesicht zu ihm auf.</p><p>Die G�te verschwand so schnell aus den Z�gen des Inquisitors, als w�re sie nie dort gewesen, und der Bruder entschuldigte sich hastig f�r seine Unversch�mtheit. Dann kniete er sich auf den Boden und begann, mit der Sichelspitze in die Spalten zwischen den Grabplatten zu fahren.</p><p>Das war eine gute Idee. In einem Anfall von Demut beschloss Uberto, es ihm gleichzutun. Er klaubte von der Erde eine spitze Scherbe auf und grub damit das Erdreich rund um die L�wenzahnwurzel auf, bis es ihm gelang, sie im Ganzen herauszurei�en, sogar bis zu ihrer d�nnen Spitze. Dann warf er sie auf den Haufen zu den anderen Unkr�utern und f�llte das Loch wieder mit Erde auf, so dass im Boden nichts mehr davon zeugte, dass dort einmal eine Pflanze gewachsen war.</p><empty-line/><p>Gerardo lief durch den Regen. Die Kapuze seines Mantels hatte er sich �ber die Stirn gezogen. Er war m�de wegen der durchwachten Nacht und der vielen Aufregungen, und alles Geschehene erschien ihm auf einmal unwirklich. Er hatte nicht nur f�r Angelos Seele gebetet, sondern Gott auch um Vergebung f�r die Art und Weise gebeten, wie er sich der Leiche hatte entledigen m�ssen. Die Vorstellung, dass sein Freund nun in einem Massengrab ruhte, auf dem nicht einmal ein Kreuz an seinen Namen erinnerte, schien ihm fast noch schrecklicher als dessen Tod.</p><p>Wie er mit Mondino vereinbart hatte, sollte er die Menschen suchen, mit denen Angelo da Piczano in den wenigen Tagen seines Aufenthalts in Bologna Kontakt gehabt hatte. Aber zun�chst brauchte er Geld, da alles, was er besa�, verbrannt war. Ihm blieb nur noch das Geld in seiner B�rse.</p><p>Sofort bei Anbruch des Tages hatte Gerardo die Medizinschule verlassen und sich auf die Suche nach einer neuen Unterkunft gemacht. Selbstverst�ndlich musste er sich daf�r in einen anderen Teil der Stadt begeben. Er hatte das Viertel von Porta Stiera gew�hlt, genauer gesagt den Borgo del Rondone, der ganz in der N�he der Kirche der Heiligen Nabor und Felix lag. Dass man in diesem Viertel einen anderen Dialekt sprach als in der Strada Maggiore, wie es Dante Alighieri berichtet hatte, dieser neumodische Dichter aus Florenz, der auch in Bologna gewohnt hatte, hatte Gerardo allerdings feststellen k�nnen, doch er hatte kein Gef�hl f�r Sprachen. Schon das Lateinlernen war ihm schwergefallen. Dialekt hin oder her, es war auf jeden Fall nicht ganz einfach gewesen, ein Zimmer zu finden, denn er brauchte eine Unterkunft, die ihm im Falle b�ser �berraschungen eine Fluchtm�glichkeit bot. Gl�cklicherweise schien jede Familie in der Stadt Zimmer an Studenten zu vermieten. Schlie�lich war er bei einem B�cker f�ndig geworden, dessen Haus einen Hintereingang auf der R�ckseite hatte. Seine falsche Identit�t als Francesco Salimbene konnte Gerardo nun nicht mehr benutzen, daher hatte er sich wieder seines eigenen Namens bedient. Seit dem Haftbefehl gegen die Templer waren drei Jahre vergangen, und sicher suchte im Moment keiner nach einem neu ordinierten M�nch wie ihm.</p><p>Denn das war die Ironie des Schicksals: Seit er ein kleiner Junge war, hatte Gerardo davon getr�umt, Tempelritter zu werden, und als er dann nach den langen Lehrjahren mit geistlichen Studien und soldatischen �bungen endlich das Gel�bde abgelegt hatte und darauf wartete, an seinen ersten Bestimmungsort geschickt zu werden, hatte Philipp der Sch�ne den Feldzug gegen seinen Orden begonnen. Um seiner Verhaftung zu entgehen, hatte Gerardo Ravenna verlassen, war unter falschem Namen nach Bologna gekommen und hatte jeden Kontakt zu seiner Familie abgebrochen. Er hatte sein Aussehen ver�ndert, sich die Haare wachsen lassen und auf Bart und Ordensgewand verzichtet. Dann hatte er sich bei Mondino eingeschrieben, studierte aber nur eben so viel, um seine vorget�uschte Rolle aufrechtzuerhalten, und erwartete nun das Ende des Prozesses, bevor er entscheiden wollte, was er mit seinem weiteren Leben anfing.</p><p>Nun war er schon wieder in Schwierigkeiten und wurde nicht nur als Tempelritter, sondern auch als Brandstifter gesucht.</p><p>Er hatte dar�ber nachgedacht, aus der Stadt fortzugehen, seine Meinung dann jedoch ge�ndert. Fern von Bologna w�rde er n�mlich nicht mehr nach Angelos M�rder suchen k�nnen; au�erdem war er davon �berzeugt, dass er sich leichter unter den vierzigtausend Einwohnern Bolognas verbergen konnte, wie er es bislang getan hatte, als in irgendeinem St�dtchen in der Umgebung, wo er bestimmt auffallen w�rde.</p><p>Jetzt musste er sich allerdings ins Stadtzentrum wagen, um sich Geld zu leihen. Dass die Bankiers ihre Geldstuben ausgerechnet in dem Viertel hatten, das f�r ihn am gef�hrlichsten war, weil ihn dort viele Leute kannten - unter anderem auch sein ehemaliger Vermieter -, beunruhigte Gerardo sehr. Er hoffte, dass die Kapuze ihn hinreichend sch�tzen w�rde, musste aber st�ndig gegen den Wunsch ank�mpfen, sich umzudrehen und nachzusehen, ob ihn jemand beobachtete.</p><p>Es fiel ein beharrlicher Nieselregen, vor dem alle Schutz unter den Bogeng�ngen suchten. Die Stra�e �berlie�en sie den Pferdekarren und denjenigen, deren Lasten zu gro� waren, als dass sie sich zwischen den S�ulen hindurchquetschen konnten. Gerardo blieb stehen, um abzuwarten, bis eine kleine Ziegenherde den gepflasterten Platz vor der Kirche San Francesco �berquert hatte. Der k�rzeste Weg zum Trebbo dei Banchi f�hrte an Mondinos Schule vorbei, aber nat�rlich sollte er sich dort nicht blicken lassen. In diesem Augenblick schl�pfte ein Zicklein durch eine offene T�r in eine Taverne. Als der Hirte ihm nachging, war es pl�tzlich verschwunden. Daraufhin entbrannte eine lautstarke Auseinandersetzung, an der sich auch der Hund des Hirten beteiligte, der w�tend kl�ffte, um die Herde zusammenzuhalten, w�hrend sein Herr sich stritt.</p><p>Gerardo ging weiter und dachte, dass die Frau des Gastwirts dem armen Zicklein inzwischen bestimmt schon die Gurgel durchgeschnitten hatte, damit es nicht meckerte, und dass der Hirte es gewiss nie wiedersehen w�rde.</p><p>Als er �ber den Mercato di Mezzo lief, sank er mit den Schuhen tief in den Schmutz ein. Auf den Stufen unter dem Vordach der Kapelle, in der das den heiligen Aposteln geweihte Steinkreuz aufbewahrt wurde, brieten zwei Bauern ein St�ck Schwein. Vielleicht wussten sie nicht, dass sie damit ein Bu�geld von den st�dtischen Wachen riskierten. Gerardo gab vor, sie warnen zu wollen, nutzte jedoch die Gelegenheit, um sich umzusehen.</p><p>Die Bauern sagten ihm, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten k�mmern, aber da war Gerardo schon weitergegangen. Auf H�he des Turms der Asinelli bog er rechts ab, und schon befand er sich mitten im Viertel Trebbo dei Banchi. Pl�tzlich versp�rte er erneut den unwiderstehlichen Drang sich umzudrehen, aber er wusste, dass er damit nur die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt h�tte und sich dadurch die Wahrscheinlichkeit erh�hte, erkannt zu werden. Gerardo versuchte sich zu beruhigen und lief mit gesenktem Kopf weiter.</p><p>So erreichte er den Laden von Remigio Sensi, dem Bankier des Vertrauens der Tempelritter. Der Bogengang �ber der Klappe, die nach dem �ffnen auf zwei St�tzen gelegt wurde und so als Ladentheke diente, auf der man das Geld z�hlen und Schuldscheine unterzeichnen konnte, war zu hoch, um einen wirksamen Schutz gegen das schlechte Wetter abzugeben - vielleicht war die Luke deshalb geschlossen.</p><p>Vorsichtig n�herte sich Gerardo der ge�ffneten T�r. Direkt hinter dem Eingang standen in einem d�steren Flur zwei st�mmige, in graue Haustuniken gekleidete Wachen. Als Gerardo die kurzen Degen an ihren G�rteln sah, wurde ihm klar, dass sie sich weniger im Inneren des Hauses aufhielten, um sich vor dem Regen zu sch�tzen, sondern um nicht gegen das Verbot zu versto�en, welches das Tragen von Waffen in der �ffentlichkeit untersagte. Als Gerardo ihnen sagte, dass er Remigio sprechen wolle, traten die beiden zur Seite und gaben ihm den Weg in den fensterlosen Flur frei, der auch am helllichten Tag von einer Lampe beleuchtet werden musste. Gerardo zog sich den nassen Mantel aus, legte ihn auf einer Bank ab und betrat dann durch eine zweifl�gelige Eichent�r das Arbeitszimmer des Bankiers.</p><p>�berrascht blieb er stehen, als er eine junge Frau vor sich sah, die �ber den Tisch gebeugt sa�. Ihre blonden Haare waren von einem Schleier bedeckt, der in demselben Gr�nton gehalten war wie ihr reich besticktes Kleid. Mit einem schabenden Ger�usch lie� sie die Feder �ber ein Blatt Pergament gleiten. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er eine Frau schreiben sah. Selbst seine Mutter, die des Lesens kundig war, musste ihre Briefe einem Schreiber diktieren.</p><p>�Nur herein mit Euch, Messere�, sagte eine M�nnerstimme. Erst da bemerkte Gerardo den Bankier. Er stand genau an der Mitte eines Tisches, der den Raum teilte - ein �lterer Mann mit sp�rlichem Haarwuchs, gierigem Blick, platter Nase und einem vorgew�lbten Bauch, den auch das lange schwarze, gut geschnittene Gewand nicht v�llig verbergen konnte. Hinter ihm an der Wand stand eine Geldtruhe mit zwei Schl�ssern, die einen h�chst sicheren Eindruck machte; rechts und links davon befanden sich Regale voller Dokumente, die von Deckeln aus festem Leder zusammengehalten wurden.</p><p>Gerardo ging zu dem Bankier und stellte sich vor, wobei er den Namen des Mitbruders nannte, der ihm geraten hatte, sich an ihn zu wenden. Dass er ebenfalls ein Tempelritter war, verschwieg er jedoch, immerhin wusste er nicht, ob er der jungen Frau vertrauen konnte.</p><p>Wie zur Best�tigung seiner Gedanken bat Remigio sie, nach den Frauen in der K�che zu sehen. Sie legte den G�nsekiel hin, blies �ber die gerade geschriebenen Worte und bedachte den Bankier mit einem ver�rgerten Blick, der ganz bestimmt nicht der einer Dienerin war. �Ich habe dort erst vor kurzem nach dem Rechten geschaut�, entgegnete sie. �Kann ich zuerst diesen Brief zu Ende schreiben?�</p><p>Sie schien es absichtlich zu vermeiden, in Gerardos Richtung zu blicken, st�tzte sich mit einem Ellenbogen auf den Tisch und hatte sich dem Bankier seitlich zugewandt.</p><p>Remigio Sensi seufzte laut. Es war wohl nicht das erste Mal, dass seine Anweisungen in Frage gestellt wurden. �Tu einfach, was ich dir gesagt habe�, meinte er leise.</p><p>Die junge Frau blickte ihn an, als wollte sie ihm widersprechen, doch dann schien sie es sich anders zu �berlegen. Sie nickte, erhob sich, und als sie hinter dem Tisch hervorkam, musste sie sich ganz zu Gerardo hin�berdrehen, so dass er nun die Narbe sah, die ihre linke Gesichtsh�lfte verunstaltete. Gerardo war beim Anblick dieser Entstellung tief betroffen, mehr noch aber r�hrte ihn der Blick aus ihren tiefen, dunklen Augen, die eine unendliche Traurigkeit tr�bte.</p><p>Kurz darauf senkte sie die Lider, wie es sich f�r eine bescheidene junge Frau geh�rte, und lief schnell in ihren gelben Filzpantoffeln, die gut mit dem Blond ihrer Haare harmonierten, aus dem Raum.</p><p>�Ich habe noch nie eine Frau als Schreiber gesehen�, sagte Gerardo erstaunt und setzte sich auf den mit einem purpurroten Seidenkissen gepolsterten Stuhl.</p><p>Remigio lachte. �Fiamma ist meine Adoptivtochter. Als ich sie bei mir aufgenommen habe, konnte sie bereits lesen und schreiben.�</p><p>�Seltsam f�r eine Frau. Ist sie von vornehmer Herkunft?� Gerardo wollte eigentlich gar nichts �ber Fiammas Familie wissen, doch etwas in ihm str�ubte sich dagegen, dieses Thema zu verlassen.</p><p>�Ihr Vater war ein venezianischer Kaufmann, der seine Gesch�fte im K�nigreich von Aragon betrieb, zu nah am Gebiet der Sarazenen�, erkl�rte Remigio. �Eines Tages wurde die Stadt angegriffen und Fiammas Familie ausgel�scht. Aber ein Tempelritter sucht mich wohl kaum in meinem Arbeitszimmer auf, um mit mir �ber das Schicksal meiner Adoptivtochter zu plaudern.�</p><p>�Nein, sicherlich nicht.� Gerardo holte tief Luft. �Um es kurz zu machen, Messer Remigio,�, sagte er dann, �wegen eines ungl�ckseligen Zwischenfalls habe ich mein gesamtes Geld verloren und muss mir nun etwas leihen. Bei Ravenna besitze ich L�ndereien, die ich verkaufen m�chte, und mit einem Teil des Erl�ses w�rde ich die Summe zur�ckzahlen.�</p><p>�Ein Zwischenfall? Welcher Art?�</p><p>�Was tut das zur Sache?�</p><p>Remigio Sensi st�tzte sich mit den Handfl�chen auf den dunklen Tisch und sah ihm direkt in die Augen. �Ihr seid ein Tempelritter. Wenn der Zwischenfall, von dem Ihr sprecht, etwas mit der Inquisition zu tun hat, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man Euch gefangen nimmt. Und ich muss wissen, welches Risiko ich eingehe.�</p><p>Gerardo nickte langsam. Er konnte dem Geldverleiher zwar nicht alles sagen, beschloss jedoch, ihm zumindest einen Teil der Wahrheit zu erz�hlen. �Die Inquisition hat damit nichts zu tun�, log er. �Das Haus, in dem ich wohnte, hat Feuer gefangen, und ich musste fliehen. Ich hatte nicht die M�glichkeit, den Hausherrn zu entsch�digen.�</p><p>�Ein Brand?�, fragte Remigio und musterte ihn aufmerksam. �Es handelt sich dabei doch nicht etwa um das Haus hinter der Kirche von Sant�Antonio, in dem es letzte Nacht gebrannt hat? Ich kenne den Hausherrn; er wohnt nicht weit von hier.�</p><p>Gerardo f�hlte sich ertappt. Er wollte eine Ausrede, irgendeine L�ge erfinden, doch er schwieg einen Moment zu lange. Der Bankier machte eine Geste, als w�re es nicht weiter von Bedeutung.</p><p>�Seid unbesorgt, bei mir sind Eure Geheimnisse sicher�, sagte er. �Ich werde Euch bestimmt nicht verraten. Aber kommen wir wieder auf unser Gesch�ft zur�ck.�</p><p>Er blickte auf und starrte ein gro�es Gem�lde an, auf dem der heilige Matth�us, der Schutzpatron der Geldwechsler, abgebildet war, als wollte er dessen Beistand erbitten. Dann erkl�rte er Gerardo die Bedingungen f�r die Anleihe.</p><p>�Wie Ihr wisst, gestattet die Stadt das Verleihen von Geld, vorausgesetzt, die Zinsen liegen nicht h�her als vier Denar pro Monat f�r eine Lira. Selbstverst�ndlich deckt das bei jemandem, der gesucht wird, keinesfalls die Risiken ab.�</p><p>�Was schlagt Ihr also vor?�, fragte Gerardo und wusste, dass auf diese Vorbemerkung ein ungeheuerliches Angebot folgen w�rde.</p><p>�Das h�ngt von der Gesamtsumme ab, die Ihr ben�tigt, doch ich denke, dass ich mindestens f�nfzehn Denar im Monat pro Lira ansetzen muss, wobei die gesamte Schuld ein Jahr nach Vertragsabschluss abgel�st sein muss.�</p><p>Gerardo hatte eine noch unversch�mtere Forderung erwartet und war erleichtert. Doch seine Freude war nur von kurzer Dauer.</p><p>�Au�erdem�, fuhr der Bankier fort, �bedarf es einer <emphasis>stipulatio poena</emphasis> f�r den Fall, dass die Zahlung bei F�lligkeit nicht erfolgt.� Er seufzte tief auf, als ob es ihm leidt�te, ihm dies mitzuteilen, und f�gte dann hinzu: �F�nfzig Prozent des Gesamtbetrags.�</p><p>Gerardo sprang erbost auf. �Was? Aber das ist Wucher! Das ist eine schwere S�nde, die auf das H�chste verurteilt wird von der ��</p><p>�Leise, Messere, beleidigt mich nicht�, unterbrach ihn Remigio, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. �Seid Ihr Euch denn der Risiken nicht bewusst, die ich eingehe, wenn ich einem Fl�chtling Geld leihe? Noch dazu, wenn dieser Mitglied eines Ordens ist, gegen den Beschuldigungen wegen Ketzerei und unz�chtigen Treibens erhoben werden, und wenn gleichzeitig noch ein Prozess gegen ihn im Gange ist? Und damit Ihr es wisst, ich bin noch nicht fertig.�</p><p>�Das gen�gt�, meinte Gerardo, hielt ihn mit der Hand auf und wandte sich zur T�r. �Ich werde anderswo nach besseren Bedingungen suchen.�</p><p>�Ihr werdet sie nicht finden. Wie Ihr auch niemanden absolut Vertrauensw�rdigen finden werdet, der Eure Lage kennt und Euch dennoch nicht verr�t. Das, was ich neben den bereits genannten Bedingungen von Euch verlangen wollte, waren �brigens keine weiteren Zinsen, sondern lediglich zwei B�rgen, die f�r Euch einstehen.�</p><p>Gerardo hatte sich so sehr erhitzt, dass er sich verstohlen Luft unter das Gewand f�cheln musste, um sich ein wenig Abk�hlung zu verschaffen. Dann wandte auch er sich dem heiligen Matth�us zu und bat Gott im Geiste um Vergebung, da er der S�nde des Wuchers Vorschub leisten w�rde, wenn er diese Bedingungen annahm. Mit zusammengepressten Z�hnen stie� er hervor: �Ihr wisst sehr gut, dass ich nicht ablehnen kann. Aber ich habe keine Ahnung, wo ich die zwei B�rgen finden soll, die Ihr von mir verlangt.�</p><p>�Ihr habt Gl�ck�, sagte der Bankier vers�hnlich. �Eigentlich m�sst Ihr nur einen finden, den anderen kann ich Euch empfehlen.�</p><p>�Und wer ist das?�, fragte Gerardo misstrauisch.</p><p>�Ein Templer wie Ihr. Er ist Franzose, �beraus verm�gend und erst vor kurzem in der Stadt eingetroffen. Aber ich kenne ihn schon lange. Ich werde ihm Eure Situation schildern und bin mir sicher, dass er gern einem in Schwierigkeiten geratenen Mitbruder helfen wird.� Mit diesen Worten erhob sich Remigio Sensi und sagte: �Ich muss mich jetzt weiter um meine Gesch�fte k�mmern, aber es w�re mir eine Ehre, wenn Ihr meine Gastfreundschaft annehmen w�rdet. Ich lasse Euch in die K�che bringen, wo Fiamma Euch einen Teller Suppe geben wird. Es ist ja beinahe Zeit f�r das Mittagsmahl.�</p><p>Zweifellos war dieses freundliche Angebot pure Berechnung. Remigio wollte sich die Tempelritter nicht zum Feind machen, denn seit gegen sie prozessiert wurde, bescherten sie ihm noch bessere Gesch�fte als zuvor. Als Gerardo den Namen der jungen Frau h�rte, antwortete er sofort: �Ich nehme an, um Euch einen Gefallen zu tun, Messer Remigio, aber macht Euch nicht zu viele Umst�nde. Eine Sch�ssel mit lauwarmer Milch und etwas Brot gen�gen v�llig. Doch zuerst habe ich noch eine Frage an Euch.�</p><p>�Fragt nur.�</p><p>Gerardo wollte nichts unversucht lassen - vielleicht wusste der Bankier ja etwas �ber Angelo da Piczano. M�glicherweise hatte dieser ihn w�hrend seines kurzen Aufenthalts in Bologna ebenfalls aufgesucht.</p><p>�Ich habe erfahren, dass mein Freund und Mitbruder Angelo da Piczano seit ein paar Tagen in der Stadt ist�, sagte er. �Hat er sich zuf�llig an Euch gewandt? Ich w�re Euch sehr dankbar, wenn Ihr mir sagen k�nntet, wo ich ihn finden kann.�</p><p>Der Bankier sch�ttelte schon den Kopf, ehe Gerardo seinen Satz beendet hatte. �Diesen Namen habe ich noch nie geh�rt�, sagte er. �Und selbst wenn mir der Gesuchte bekannt w�re, w�rde ich es Euch nicht sagen.� Er hob die Hand, um den Protesten des jungen Mannes zuvorzukommen. �Mein Beruf begr�ndet sich auf Diskretion�, erl�uterte er. �Wenn mich jemand nach Euch fragen w�rde, w�rde ich ihm ebenso wenig sagen, wo Ihr Euch aufhaltet.�</p><p>�Ich wei� aber, dass sich einige Tempelritter, die sich vor�bergehend in der Stadt aufhielten, dank Eurer Hilfe getroffen haben�, entgegnete Gerardo aufgebracht.</p><p>�Ja, das ist richtig. Doch erst, nachdem ich mich versichert hatte, dass beide Seiten mit einem Treffen einverstanden waren.�</p><p>Der Bankier erkl�rte Gerardo, dass es ein ganz einfaches System g�be: Wenn ihm jemand sagte, dass er eine bestimmte Person treffen wolle, erkl�re er zun�chst, er kenne ihn nicht, ging zu dem Gesuchten und �berbrachte ihm die Botschaft. Wenn der andere einverstanden war, vereinbarte er ein Treffen. Anderenfalls tat er gar nichts.</p><p>�Sollte Euer Freund sich in den n�chsten Tagen an mich wenden�, meinte Remigio abschlie�end, �werde ich ihm ganz sicher Eure Bitte vortragen. F�llt seine Antwort positiv aus, werde ich Euch Bescheid geben. Andernfalls sind Nachfragen zwecklos. Ich bin mir sicher, dass Ihr mich versteht.�</p><p>Gerardo nickte m�de. Angelo w�rde nicht aus dem Jenseits zur�ckkehren, um mit Remigio Sensi oder jemand anderem zu sprechen. Wenn er erfahren wollte, wen sein toter Freund w�hrend seines Aufenthalts in Bologna getroffen hatte, musste er anderswo suchen.</p><p>Der Bankier ging zur T�r, �ffnete sie und gab einem der Diener Anweisungen, Brot und Milch f�r den Gast vorzubereiten. Dann kehrte er gemessenen Schrittes an den Tisch zur�ck und setzte sich.</p><p>�Gut, dann sagt mir jetzt, wie viel Ihr ben�tigt.�</p><p>Gerardo seufzte tief. �Mindestens vierzig Bolognini.�</p><p>�Findet einen B�rgen, und das Gesch�ft steht�, erwiderte Remigio mit einem L�cheln, das freundlich wirken sollte, aber nur seine Gier erkennen lie�. �Dann werden wir uns auch um den Verkauf der G�ter k�mmern, die Ihr angesprochen hattet. Ach ja, wo wohnt Ihr eigentlich?�</p><p>�Im Moment m�chte ich das lieber nicht sagen�, antwortete Gerardo.</p><p>�Wie Ihr w�nscht.�</p><p>Das L�cheln auf dem Gesicht des Bankiers gefror, ein deutliches Zeichen, dass er Gerardos Misstrauen nach den langen Erkl�rungen �ber seine Diskretion nicht begriff. Sie verabschiedeten sich k�hl. Gerardo verlie� das Arbeitszimmer und folgte einem Diener, der ihn in die K�che brachte.</p><p>Ein gro�er Raum, der mehr durch das Feuer im Kamin als durch die sp�rlichen Sonnenstrahlen erhellt wurde, die durch das einzige, von dicken Gittern gesch�tzte Fenster hereinfielen. Fiamma schimpfte gerade mit einem etwa neunj�hrigen M�dchen, dem der Rotz aus der Nase lief. Es war barfu� und wirkte v�llig versch�chtert. Im Raum war noch ein anderes, etwas �lteres M�dchen, das eine graue Haube trug und auf einer Arbeitsfl�che aus Terrakottafliesen neben dem Kamin ein H�hnchen rupfte.</p><p>�Entschuldigt�, sagte die Hausherrin sofort. Als sie sich zu ihm umdrehte, wehte der zarte gr�ne Schleier hoch, der ihr Gesicht bedeckte. �Dieses dumme M�dchen hier hat im ersten Laden keine Milch bekommen, und anstatt woanders hinzugehen, ist es mit leeren H�nden zur�ckgekehrt. Ich werde es sogleich wieder losschicken, aber Ihr m�sst ein wenig warten.�</p><p>�Macht Euch keine Umst�nde, Madonna�, antwortete Gerardo. Er setzte sich an den Tisch in der Mitte der K�che �Brot und K�se reichen v�llig aus, wenn Ihr davon etwas f�r mich �brig habt.�</p><p>Fiamma schickte das M�dchen sofort in die Speisekammer, um den K�se zu holen, und schenkte ihm eigenh�ndig aus einem Krug auf dem Tisch einen Becher Wein ein.</p><p>Das M�dchen lief schniefend los. Wenig sp�ter kehrte es mit einem St�ck frischem K�se auf einer dicken Scheibe Brot zur�ck. Gerardo nahm die Speisen entgegen, dankte der Kleinen und machte sich schweigend ans Essen, wobei er versuchte, sich in Anbetracht der Gegenwart einer Dame nicht zu sehr von seinem Appetit �berw�ltigen zu lassen, den der Anblick und der Geruch des K�ses in ihm geweckt hatten.</p><p>Gl�cklicherweise war der Wein mit Wasser gestreckt, doch auch so stieg er ihm, vielleicht wegen der durchwachten Nacht, sofort zu Kopf. In seinem gesamten K�rper machten sich eine angenehme W�rme und ein Wohlgef�hl breit, die keineswegs zu seiner Lage passten. Inzwischen war das �ltere M�dchen mit dem Rupfen des Huhns fertig geworden, hatte es �ber dem Feuer abgefl�mmt und entnahm nun die Innereien. Herz, Leber und Magen legte es beiseite, den Rest warf es in einen Holzeimer.</p><p>�Ist das Essen zu Eurer Zufriedenheit, Messere?�, fragte Fiamma.</p><p>Gerardo hatte seinen Gedanken nachgehangen, und ganz gegen die guten Sitten und die Ordensvorschriften der Tempelritter, denen er Gehorsam geschworen hatte, hob er den Kopf und sah ihr direkt in die Augen. Die junge Frau wandte den Blick nicht ab, und so verharrten sie, bis Gerardo, dem schmerzlich bewusst war, wie unz�chtig sein Blick auf die Dame war, tr�umerisch hervorbrachte: �Es ist alles vorz�glich, Madonna.�</p><p>Als jemand kicherte, drehte er sich ruckartig um. Die Magd neben dem Kamin arbeitete mit dem R�cken zu ihm, doch er war sich sicher, dass sie alles beobachtet hatte. Schnell erhob er sich, als w�re die Stuhlfl�che unter ihm pl�tzlich hei� geworden.</p><p>�Jetzt muss ich gehen�, sagte er. �Ich danke Euch f�r alles. So habe ich mich schon lange nicht mehr gef�hlt.�</p><p>Nach diesem unbeholfenen Satz, der von einem lauten Niesen des barf��igen M�dchens begleitet wurde, verlie� Gerardo die K�che und �berlie� es den dreien herauszufinden, was er damit gemeint hatte. Dass es ihnen gelingen w�rde, glaubte er kaum, denn er wusste es ja selbst nicht.</p><p>An der T�r nahm er seinen Mantel, trat auf die Stra�e und ging hin�ber zu den sieben Kirchen, welche zusammen die Benediktinerbasilika Santo Stefano bildeten, den Mittelpunkt dieses architektonischen Komplexes, der vor Jahrhunderten auf Wunsch von Bischof Petronius entstanden war und nun in der gesamten Christenheit als <emphasis>Sancta Hierusalem Bononiensis</emphasis> bekannt war.</p><p>Aus einem Impuls heraus trat er durch das gro�e Portal der ersten Kirche, die nach der Kreuzigung hie�. Seine Gef�hle waren in Aufruhr, und ein kurzer Aufenthalt im Haus Gottes w�rde ihm nur guttun. Gerardo durchquerte hastig das Schiff und wandte sich dann nach links, um in die Kirche zu gelangen, in der das heilige Grab von Jerusalem nachgebildet war. Rund um das achteckige Sanktuarium, das die sterblichen �berreste des heiligen Petronius beherbergte, des bedeutendsten Schutzpatrons von Bologna, knieten sechs M�nche ins Gebet vertieft. Gerardo blieb kurz stehen und bewunderte dieses kleine, aber so wichtige architektonische Meisterwerk. Es hie�, dass es die Proportionen des Originals im richtigen Ma�stab wiedergab und dass unter dem Fu�boden eine heilige Quelle sprudelte, die alle Krankheiten heilen konnte. Es gab sogar Ger�chte, unter der Kirche solle sich ein alter unterirdischer Tempel befinden, der schon lange vor der Kirche dort gestanden habe und einst der heidnischen G�ttin Isis geweiht war.</p><p>Dennoch fand Gerardo an diesem heiligen Ort keinen Trost. Er f�hlte sich aufgew�hlter denn je. Leise, um die betenden M�nche nicht zu st�ren, verlie� er die Kirche durch eine T�r auf der rechten Seite, lief durch den verlassenen Kreuzgang und betrat die Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit. Er wollte gerade wieder gehen, als Gerardo in einer Ecke einen knienden Priester bemerkte. Der Mann hatte seine Schritte geh�rt und sich wortlos nach ihm umgedreht. Unsicher blieb der Fl�chtling stehen. W�hrend er nach einer Ausrede suchte, um seine Anwesenheit zu erkl�ren, kamen ihm die Worte ganz nat�rlich �ber seine Lippen, als ob sie das Einzige w�ren, was an diesem Ort und in diesem Augenblick angebracht w�ren.</p><p>�Vater, ich m�chte beichten.�</p><p>Der Priester nickte, stand auf und bedeutete ihm, n�her zu kommen. Gerardo kniete vor ihm nieder und wartete darauf, dass der Priester die �bliche Formel sprach. Dann beichtete er alle S�nden, an die er sich erinnerte. Im Geiste bat er Gott dabei um Verzeihung, dass er nicht die Dinge enth�llen konnte, die ihn wirklich bedr�ckten. Eigentlich sollten die Lippen eines Priesters versiegelt sein, doch er wusste nur zu gut, dass seine Vorgesetzten einem Priester gew�hnlich die Absolution erteilten, wenn er das Beichtgeheimnis gebrochen hatte, falls diese Verfehlung im Namen des �bergeordneten Wohls der Kirche geschehen war. Und zurzeit schien die Kirche die Vernichtung des Templerordens als ihr �bergeordnetes Wohl anzusehen. Gerardo durfte also kein Risiko eingehen.</p><p>W�hrend er seinen Kopf nach verborgenen S�nden durchforstete, immer noch leicht bet�ubt vom Wein und der durchwachten Nacht, entschl�pfte ihm pl�tzlich, er habe dar�ber nachgedacht, wie gern er eine Familie gr�nden w�rde mit einer Frau, Kindern und einer Arbeit nachgehen, die der Ehre des Herrn gewidmet war.</p><p>Der Priester unterbrach ihn neugierig: �Und warum denkst du, dass dies eine S�nde sein k�nnte, mein Sohn?�</p><p>Gerardo merkte sofort, dass er einen Fehler begangen hatte. Dieser Gedanke war eine S�nde, weil sie im Widerspruch zu seinem heiligen Gel�bde stand, aber das konnte er ihm nicht sagen.</p><p>�Die Frau, die diese W�nsche in mir ausgel�st hat, ist verheiratet, Vater�, log er. �Ich habe eine Tods�nde begangen.�</p><p>Der Priester nickte ernst, als ob er eine solche Antwort erwartet h�tte. Dann fragte er Gerardo, ob er noch anderes zu beichten h�tte, und als dieser verneinte, erlegte er ihm eine strenge Bu�e auf und entfernte sich. Gerardo stand auf, verlie� die Kirche, und als er wieder im Freien stand, f�hlte er auf einmal die ganze M�digkeit der durchwachten Nacht schwer auf sich lasten, als ob die Beichte ihn v�llig ersch�pft h�tte.</p><p>Der Regen hatte zugenommen. Gerardo zog sich wieder die Kapuze �ber den Kopf, und w�hrend er mit unsicheren Schritten den Platz �berquerte, traf er zwei Entscheidungen: Bevor er Filomena, die Frau von dem K�rtchen aufsuchte, w�rde er zu seiner neuen Unterkunft gehen und ein wenig schlafen. Au�erdem w�rde er in Zukunft daf�r sorgen, dass er sich niemals mit der Tochter des Bankiers allein in einem Raum befand.</p><empty-line/><p>Durch das ge�ffnete Fenster im Haus der Familie Liuzzi, das an einer Seitenstra�e der Via San Vitale lag, drang das graue Licht des Nachmittags hinein, und vom Hof stieg der Geruch von feuchter Erde auf. Der Sommer war nicht mehr fern, doch der Regen h�llte noch alles in die grauen Farben des Winters. Zum dritten Mal nahm Mondino den G�nsekiel in die Hand, tunkte ihn ins Tintenfass und musste ihn zum dritten Mal unverrichteter Dinge wieder sinken lassen. Vor ihm lag ein wei�es Blatt, eine neue Kerze und ein ganzes Ries Hadernpapier, das nur darauf wartete, mit weiteren anatomischen Notizen beschrieben zu werden. Aber es war nichts zu machen; er konnte sich einfach nicht konzentrieren.</p><p>An diesem Tag hatte er seine Medizinvorlesung abgesagt und den ganzen Morgen damit verbracht, mit drei Alchimisten zu sprechen, die im Viertel Porta Procola wohnten, in der N�he der �Circla�, wie der Holzzaun im Volksmund genannt wurde. Er bildete vor�bergehend noch den dritten Stadtbefestigungsring um Bologna, solange die eigentlichen Maurerarbeiten noch nicht begonnen hatten.</p><p>Trotzdem hatte Mondino von keinem der drei etwas Brauchbares erfahren, vor allem auch deshalb, weil er nicht gewagt hatte, in seinen Fragen allzu sehr ins Detail zu gehen. Er glaubte zwar, dass er kein gro�es Risiko einging, weil die Alchimisten sich meist nur um ihre eigenen Angelegenheiten k�mmerten und sich von Richtern und Ankl�gern fernhielten, doch man konnte nie vorsichtig genug sein. Man hatte ihm den Namen eines weiteren Alchimisten genannt, der sich erst vor kurzem nach jahrelangen Reisen in Bologna niedergelassen hatte. Er w�rde ihn so schnell wie m�glich aufsuchen und befragen.</p><p>Allerdings hegte der Arzt keine gro�e Hoffnungen, denn derjenige, der ihm seinen Namen genannt hatte, hatte auch hinzugef�gt, dass es sich bei dem Alchimisten um einen Mann handelte, der dem <emphasis>aqua vitae</emphasis> nicht nur zum Zwecke der Alchimie oder Medizin zugetan war.</p><p>Mondino nahm all seine Willenskraft zusammen, um eine Zeichnung des Muskels zwischen Arm und Schulter zu beenden, dessen Form an den umgedrehten griechischen Buchstaben Delta erinnerte und den einige Mediziner daher auch Deltoideus oder Deltamuskel nannten. Am Rand der Zeichnung notierte er Ratschl�ge, wie man ihn vom Knochen l�sen konnte, dann fuhr er mit den Brustmuskeln fort. Doch seine Gedanken wanderten automatisch zu dem, was im menschlichen K�rper unter diesen Muskeln und dem sch�tzenden Brustkorb lag: das Herz. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zu dem Geheimnis, auf das er letzte Nacht gesto�en war � Und schon wieder verlor Mondino sich in einem faszinierenden und gef�hrlichen Tagtraum.</p><p>Verzweifelt stand er auf, um den Stapel mit den bereits beschriebenen Bl�ttern zu holen. Als er am Fenster vorbeikam, blieb er stehen, um hinaus auf den Regen zu starren. Nicht einmal das monotone, beinahe einschl�fernde Rauschen des Wassers auf den Bl�ttern des Apfelbaums im Garten und auf den D�chern der Nachbarh�user vermochten ihm beruhigendere Gedanken zu verschaffen. Er schaute zu den T�rmen der Caccianemici Piccoli hin�ber und zum Campanile der Kirche der heiligen Vitale und Agricola in Arena, die die H�user der Umgebung �berragten; dabei sah er Gerardo bei seiner Flucht �ber die D�cher vor sich, wie er eine Leiche hinter sich herschleppte, bis es ihm seiner Erz�hlung nach gelungen war, �ber eine Reihe sanft absteigender Terrassen in einem eingez�unten Garten den Boden zu erreichen. Mondino kannte den Besitzer dieses Hauses. Er war ein Ghibelline wie er selbst, der - welche Ironie des Schicksals - sich einmal vor den Vergeltungsma�nahmen einer mit den Geremei eng verbundenen Welfenfamilie retten konnte, indem er Gerardos Weg in genau der umgekehrten Richtung genommen hatte: Er hatte sich von einer Terrasse zur n�chsten hochgehangelt und war dann �ber die D�cher gelaufen, bis er auf H�rweite an die H�user der Lambertazzi hinter der Piazza Maggiore herangekommen war. Dort hatte er dann angefangen zu schreien, bis Hilfe kam. Die Vergeltungsma�nahme endete schlie�lich mit drei Toten und mehreren Verletzten auf beiden Seiten, denen Mondino und sein Onkel Liuzzo unterschiedslos Hilfe leisteten.</p><p>Als er an diese Begebenheit zur�ckdachte, musste Mondino den Kopf sch�tteln. Bologna w�rde sich nie mehr zum Ruhm des vorangegangenen Jahrhunderts aufschwingen, wenn sich seine Einwohner weiterhin in Streitigkeiten zwischen Welfen und Ghibellinen verzettelten, angef�hrt von den Familien der Geremei und der Lambertazzi. Aber gleichzeitig wollte er das Feld nicht kampflos der Kirche �berlassen, die der Stadt ihre Vorherrschaft aufzwingen wollte. Am besten w�re es, seine Freiheit zu behalten, ohne dass man daf�r dem Papst oder dem Kaiser Rechenschaft ablegen musste. Aber weil dies nicht m�glich war, sollte man sich lieber mit Heinrich VII. verb�nden, der vor wenigen Monaten in Mailand zum K�nig von Italien gekr�nt worden war. Vor ein paar Tagen war Heinrich nach Lodi und Cremona aufgebrochen. Sollte es ihm gelingen, die beiden St�dte zu unterwerfen, w�rde seine Herrschaft dadurch gefestigt. Mondino �berlegte, was er wohl tun w�rde, wenn der Herrscher vor den Toren von Bologna stehen w�rde wie einst vor so langer Zeit Barbarossa. Seine Treue zu den Ghibellinen legte ihm nahe, einen ehrenvollen Frieden auszuhandeln, aber wenn die Stadt beschlie�en sollte, zu den Waffen zu greifen und zu k�mpfen, w�rde auch er dies tun. In einer so unsicheren Welt z�hlte die Freiheit der Stadt mehr als alles andere.</p><p>Ein Donner riss ihn aus seinen Gedanken und rief Mondino in Erinnerung, warum er den Schreibtisch verlassen hatte. Er holte den Stapel mit den Notizen zu seinem Buch von einem Regal. Es waren Hunderte von Bl�ttern, mit Fu�noten und Bildern, in denen Punkt f�r Punkt, Organ um Organ der Aufbau des menschlichen K�rpers beschrieben wurde. Mondino stellte sich gern vor, wie aus seiner Abhandlung ein gro�es, ledergebundenes Buch werden w�rde, auf dem in goldenen Lettern dann ein schlichter Titel prangen sollte: <emphasis>Anothomia</emphasis>. Ein Buch, das die �rzte der kommenden Jahre mit demselben Respekt studieren w�rden, wie ihn die Juristen dem Werk des gro�en Irnerius von Bologna entgegenbrachten. Und das wie dessen Abhandlung mit dem Fortschritt menschlichen Wissens vervollst�ndigt und verbessert werden w�rde, dabei jedoch immer die Grundlage bleiben w�rde, an der niemand vorbeikam.</p><p>Im Augenblick bestand seine Abhandlung nur aus einer Sammlung von Notizen, die Mondino immer wieder �berarbeitete und die er noch nicht in Reinschrift abzufassen wagte. Weitere Studien, weitere Forschungen waren n�tig, ehe er der Welt seine Ergebnisse wie eine unfehlbare Landkarte pr�sentieren konnte, der man blind folgen konnte.</p><p>F�r sein Werk konnte die Enth�llung des Geheimnisses, wie man Blut in Eisen verwandelte, ein ungeheuer wichtiger Fortschritt sein. Sicher, es war gef�hrlich, aber es geh�rte zu Liuzzos Wesen, nie ein Risiko einzugehen, ihm selbst war diese Eigenschaft fremd. Sein Onkel war ein ausgezeichneter Arzt, aber ihm fehlte v�llig der Wunsch sich weiterzuentwickeln. Er beschr�nkte sich darauf, Regeln anzuwenden, die andere aufgestellt hatten. Vielleicht, dachte Mondino, hatte er es jedoch gerade deshalb so schnell und so weit im <emphasis>Studium</emphasis> gebracht.</p><p>Er sch�tzte die Ergebnisse der Forschung, war aber nicht bereit, sich daf�r in irgendeiner Weise zu exponieren. Mondino hatte sich daher entschlossen, ihm die ganze Angelegenheit zu verschweigen. Sein Onkel h�tte sich nur erschreckt, ihm Kn�ppel zwischen die Beine geworfen und ihm das Leben schwer gemacht.</p><p>Als h�tten seine Gedanken ihn herbeigerufen, erschien Liuzzo pl�tzlich im T�rrahmen.</p><p>�Guten Abend, Onkel. Ich wusste nicht, dass Ihr schon eingetroffen seid.�</p><p>�Du k�nntest auch ab und zu mal hinunterkommen, um deinem Vater einen Besuch abzustatten�, sagte Liuzzo vorwurfsvoll. �Er hat mir gesagt, dass er dich heute noch gar nicht zu Gesicht bekommen hat.�</p><p>�Ihr seid ungerecht. Ich bin erst vor kurzem bei ihm gewesen. Er schlief, und ich wollte ihn nicht wecken.�</p><p>Sein Vater war krank. F�r Mondino stand fest, dass er in der linken Lunge ein Karzinom hatte oder ein Sarkom, wie Galen es bezeichnete. Wenn er sich auf die rechte Seite drehte, bekam er kaum noch Luft, weil die einzige gesunde Lunge von seinem K�rpergewicht zusammengepresst wurde und die linke, in der der Tumor wucherte, sich nicht mehr ausdehnen konnte. Diese Krankheit war unheilbar, und man konnte nicht mehr tun, als dem alten Mann beizustehen und ihm die letzten Monate seines Lebens so angenehm wie m�glich zu gestalten. Mondino und seine drei S�hne, Gabardino, Ludovico und Leone, kamen abwechselnd zu ihm ins Zimmer, sobald sie ein wenig freie Zeit hatte.</p><p>Liuzzo betrat das Arbeitszimmer und n�herte sich den Unterlagen auf dem Schreibtisch. �Diese Aufzeichnungen nehmen deine gesamte Zeit in Anspruch�, sagte er. �Wenn du keine Vorlesungen h�ltst, schreibst du. Und in der Nacht schl�fst du nicht wie jeder andere gute Christenmensch, sondern gehst fort, um Leichen zu sezieren. Nicht nur dein Vater bekommt dich kaum zu Gesicht. Auch deine S�hne wissen inzwischen, dass sie nicht auf dich z�hlen k�nnen. Wenn Leone einen Rat braucht, wendet er sich gleich an Pietro und Lorenza.�</p><p>Pietro und Lorenza hie� das Ehepaar, das Mondino nach dem Tod seiner Frau in seine Dienste genommen hatte. Sie waren jung und voller Energie, und ihre kleine Tochter brachte mit ihrem fr�hlichen Kreischen Leben ins Haus.</p><p>�Hast du nichts dazu zu sagen?�, bohrte Liuzzo nach.</p><p>�Was soll ich denn sagen?�, fuhr Mondino zornig auf. �Dass Ihr Recht habt? Nun gut, Ihr habt Recht. Seid Ihr jetzt zufrieden?�</p><p>Liuzzo erstarrte. �Ich habe nur vorbeigeschaut, um dich daran zu erinnern, dass du am Sonntag beim Bankett nicht fehlen darfst�, sagte er f�rmlich. �Ich erwarte, dass du mich zu Hause abholst, wie es deine Pflicht als j�ngerer Partner unserer Medizinschule ist.�</p><p>Nach diesen Worten drehte er sich um und verlie� gru�los den Raum. Mondino lauschte den Schritten seines Onkels auf der Holztreppe, die nach unten ins Erdgeschoss f�hrte. Dann kehrte er zum Regal zur�ck und legte den Packen Aufzeichnungen fort. Jetzt stand fest, dass er an diesem Nachmittag nicht mehr arbeiten w�rde.</p><empty-line/><p>Als Gerardo am Campo del Mercato ankam, hatte es aufgeh�rt zu regnen. Der Arbeitstag war vor�ber, und auf dem Platz waren nur noch Menschen, die ihren Feierabend genossen, sich unterhielten oder miteinander w�rfelten. Die Folgen der Missernte des Vorjahres, durch die die Getreidepreise gestiegen waren, waren noch nicht vor�ber, aber die Leute wollten nur noch eines: die ganze Misere vergessen. Drei kleine Jungen warfen im Spiel Kieselsteine gegen das M�uerchen der Schwemme. Auf der gegen�berliegenden Seite wusch ein Bauer seinen Esel, indem er ihm aus einem mit Zinn bereiften Holzeimer Wasser �ber die Kruppe sch�ttete. Als Gerardo die Kinder fragte, ob sie ihm sagen k�nnten, wo eine gewisse Filomena wohnte, antworteten sie im Chor: �Die behaarte Frau?� und rannten davon wie die Hasen. Gerardo wollte keine Aufmerksamkeit erregten, indem er Erwachsene nach ihr fragte, daher beschloss er, einen Soldo zu opfern. Er zeigt die M�nze den Jungen, die etwas weiter weg stehen geblieben waren. Einer von ihnen schien der Anf�hrer zu sein, ein d�rrer, blonder Knabe, dessen aufgesch�rfte Knie unter der kurzen, �rmellosen Tunika hervorschauten. Der kam nun ein wenig auf ihn zu und blieb in sicherer Entfernung stehen. Mit einer Handbewegung machte er Gerardo begreiflich, dass er zuerst die M�nze wollte, bevor er etwas sagte. Der Templer warf sie ihm vor die F��e. Rasch b�ckte sich der Junge, hob sie auf und zeigte dann auf eine Gasse ganz in der N�he der gro�en Schwemme. �Das vorletzte Haus rechts!�, schrie er. Dann lief er fort, gefolgt von seinen Kameraden, denen er voller Stolz den eben so leicht verdienten Soldo zeigte.</p><p>Gerardo folgte den Angaben des Jungen. Er wunderte sich ein wenig �ber dessen seltsames Verhalten, ma� dem aber nicht allzu viel Bedeutung bei. Sollte die Frau, die er suchte, eine Dirne sein, war es nur nat�rlich, dass die Eltern den Kindern eingesch�rft hatten, dass sie sich von ihrem Haus und ihren Freiern fernhalten sollten.</p><p>Die Gasse stank wie alle engen Stra�en der Stadt, da trotz der Kontrolle durch die <emphasis>Ministrali di contrada</emphasis>, den von den Bewohnern des Viertels gew�hlten Vertretern, �berall Unrat und Kot herumlagen. Eigentlich waren die Beamten verpflichtet, jeden anzuzeigen, der erwischt wurde, wie er seinen Abfall auf die Stra�e warf. Dieses Prinzip funktionierte auf den Hauptstra�en, aber in den Gassen herrschten andere Sitten, denen man nur schwer beikommen konnte.</p><p>Gerardo ging bis zum vorletzten Haus und musste dabei �ber einen verendeten Hund steigen, den jemand gl�cklicherweise mit etwas L�schkalk bedeckt hatte. Dann klopfte er an der T�r.</p><p>Ihm �ffnete die h�sslichste Frau, die er je in seinem Leben gesehen hatte. Sie war alt - weit �ber f�nfzig -, und ihre Haare unter der dreckigen Haube waren vollkommen grau. Die Alte war nachl�ssig gekleidet und ihr Blick leer. Man sah sofort, warum die Jungen sie mit diesem Spottnamen belegt hatten. Ihre Handr�cken waren mit borstigen, schwarzen Haaren bedeckt wie bei einem Mann. Ihr Gesicht war glatt, aber auf den Wangen konnte man die Spuren eines Rasiermessers erkennen, und ihre Augenbrauen waren so pelzig wie Seidenraupen. Gerardo �berlegte schaudernd, wie wohl ihre Beine aussehen mochten, aber zum Gl�ck wurden diese von ihrem kn�chellangen Gewand verdeckt.</p><p>�Seid Ihr Donna Filomena?�, fragte er ungl�ubig. Angelo da Piczano konnte unm�glich mit so einer Frau sein Keuschheitsgel�bde gebrochen haben.</p><p>�Und wer seid Ihr?�</p><p>�Mein Name tut nichts zur Sache; mich schickt ein Freund.�</p><p>Die Frau fragte, wie dieser Freund hie�e, konnte mit dem Namen, den Gerardo nannte, jedoch nichts anfangen. Offenbar hatte sich Angelo ihr unter einem falschen Namen vorgestellt. Erst als Gerardo ihn beschrieb und hinzuf�gte, dass sein Freund sie vor ein paar Tagen besucht habe und sehr zufrieden gewesen sei, hellte sich die Miene der Frau auf.</p><p>�Kommt nur herein�, sagte sie mit rauer Stimme. �Aber Ihr m�sst im Voraus bezahlen.�</p><p>Gerardo versuchte, sein Anliegen zu erkl�ren, aber die Frau wollte nicht ein Wort mehr h�ren, ehe sie nicht Geld gesehen hatte. Also gab er ihr drei Soldi und versprach ihr den Rest f�r danach. Er hatte nicht die Absicht, mit ihr zu s�ndigen, aber er hoffte, dass die Geldgier sie dazu verleiten w�rde, seine Fragen zu beantworten.</p><p>Die Frau lie� ihn in eine K�che eintreten, deren W�nde rauchgeschw�rzt waren, schloss die T�r zur Stra�e und ging gleich darauf in einen kleinen Flur, um dort eine andere T�r zu �ffnen. Gerardo trat in das Zimmer in der Annahme, dass sie ihm folgen w�rde; stattdessen schloss die Meg�re aber die T�r hinter ihm und lie� ihn allein.</p><p>Beziehungsweise <emphasis>nicht</emphasis> allein, denn es kam noch schlimmer.</p><p>Als er einen halbnackten Knaben von etwa sechs oder sieben Jahren vor sich sah, der ihn auf einem einigerma�en sauberen Strohlager erwartete, begriff Gerardo. Der Raum war fensterlos und wurde nur von einem Kerzenstumpen beleuchtet, den die Alte wahrscheinlich in einer Kirche gestohlen hatte. Wortlos stand der Junge auf, ging auf ihn zu, lie� seine H�nde unter seinen �berrock gleiten und machte sich an seinen Beinlingen zu schaffen.</p><p>Erst da reagierte Gerardo und stie� den Jungen heftiger zur�ck, als es notwendig gewesen w�re. Der Kleine fiel nach hinten auf das Bett, stand aber sofort wieder auf und machte sich erneut ans Werk. W�hrend sein Blick anfangs leer und fast stumpf gewesen war, wirkte er jetzt vollkommen ver�ngstigt.</p><p>Gerardo wies ihn erneut ab, diesmal etwas freundlicher, doch der Knabe lie� nicht locker. Jetzt war er kurz davor loszuheulen.</p><p>Einer pl�tzlichen Eingebung folgend, fragte Gerardo so sanft wie m�glich: �Hast du Angst, dass man dich schl�gt, wenn du deine Aufgabe nicht erledigst?�</p><p>Der Junge hielt unvermittelt inne, starrte ihn lange an und nickte dann zweimal.</p><p>�Nur keine Angst, das wird nicht geschehen. Aber jetzt lass das bitte. Ich bin keiner von diesen b�sen M�nnern, die sonst zu dir kommen. Wie hei�t du?�</p><p>Der Kleine schaute ihn wieder misstrauisch an, als wollte er herausfinden, ob Gerardo tats�chlich die Wahrheit sagte oder ob dies nur ein Trick war. Schlie�lich wies er mit einem Finger auf seinen Mund und breitete die Arme in einer Geste der Ohnmacht aus.</p><p>�Bist du stumm?�</p><p>Kopfnicken. <emphasis>Ja</emphasis>.</p><p>�Hat man dich entf�hrt?�</p><p>Noch ein wortloses Nicken.</p><p>Gerardo hatte von diesen sch�ndlichen Vergn�gungen geh�rt, aber es war das erste Mal, dass er unmittelbar damit in Ber�hrung kam. Spontan beschloss er, dass er den Jungen auf keinen Fall in den H�nden dieser schrecklichen Alten zur�cklassen w�rde.</p><p>�Nur keine Sorge�, sagte er leise und setzte sich zu ihm aufs Bett. �Ich werde dich von hier fortbringen.�</p><p>Als er sah, wie sich das Misstrauen in den Augen des Jungen in Hoffnung verwandelte, war das mehr, als er ertragen konnte. Er stand so abrupt auf, dass die Kerzenflamme flackerte, und er versuchte, den Raum zu verlassen. Doch die T�r war von au�en verriegelt. Er fing an zu klopfen und zu schreien, woraufhin die Frau sofort herbeieilte und ihm �ffnete.</p><p>�Warum habt Ihr mich eingeschlossen?�, fragte Gerardo mit hochrotem Kopf.</p><p>�Das tue ich immer�, erkl�rte Filomena. Ihr Atem stank nach Wein. Mit ihren haarigen H�nden und den buschigen Augenbrauen sah sie im Halbdunkel aus wie eine Ausgeburt der H�lle. �Um zu verhindern, dass der Kleine davonl�uft. Ich habe viel Geld f�r ihn bezahlt und m�chte nichts riskieren. Wenn er abhaut, wer rennt ihm dann hinterher? F�r so was bin ich zu alt.�</p><p>Sie wagte es sogar zu lachen und entbl��te dabei ihre gelblichen Z�hne. Gerardo verlie� wortlos das Zimmer, sie verriegelte die T�r wieder mit einer Holzlatte und folgte ihm �berrascht, aber auch ein wenig besorgt in die K�che.</p><p>�Was ist, gef�llt Euch Masino nicht? Ich muss sagen, da seid Ihr aber der Erste. Also Euer Freund ��</p><p>�Was ist mit meinem Freund?�, fragte Gerardo sofort und zwang sich, seinen Zorn zu bez�hmen. Im Moment war das Wichtigste, dass er etwas �ber Angelo erfuhr.</p><p>�Ihm hat es sehr gefallen. Er hat auch gesagt, dass er bald wiederkommen w�rde.�</p><p>Gerardo packte sie an der Kehle. �Du l�gst!�, sagte er zornig. �Angelo w�rde niemals so etwas tun!�</p><p>Die Meg�re antwortete nicht. In ihren Augen las Gerardo Trotz und Schl�ue. Inzwischen wusste sie, dass sie einen Fehler begangen hatte, als sie ihn eingelassen hatte. Sie schien beschlossen zu haben, dass sie von jetzt an gar nichts mehr sagen w�rde. Ihm blieb keine Zeit zum Nachdenken. Wenn sie um Hilfe schrie und jemand vorbeikam, konnte es f�r ihn sehr gef�hrlich werden. Es widersprach all seinen Instinkten, eine Frau zu schlagen, aber Gerardo �berwand sich und versetzte ihr zwei saftige Ohrfeigen, wobei er mit der freien Hand immer noch ihre Kehle gepackt hielt, um sie am Schreien zu hindern. Sie knurrte einen Fluch und versuchte, mit der Faust nach ihm zu schlagen, doch Gerardo hielt sie am Handgelenk fest und dr�ckte ihren Hals zu. Ihre raue Haut, die starke K�rperbehaarung und ihr m�nnliches Aussehen machten es ihm leichter, nicht seinem Mitleid nachzugeben.</p><p>Filomena begann zu jammern. �Was wollt Ihr von mir?�, r�chelte sie. �Ich bitte Euch ��</p><p>�Du musst mir sagen, was du �ber Angelo wei�t�, antwortete Gerardo hart. �Dann lasse ich dich gehen. Wenn du versuchst zu schreien oder ich merke, dass du l�gst, bringe ich dich um.�</p><p>Sie nickte, und diesmal stand echte Angst in ihren Augen. �Das ist gar kein Freund von Euch, oder?�, fragte sie. �Ihr wollt ihm schaden, ihn der Sodomie bezichtigen.�</p><p>Ohne die Hand von ihrer Kehle zu nehmen, �berlegte Gerardo schnell. Wenn er das best�tigte, w�rde die Frau ihm nicht helfen, denn bei einem Prozess wegen Sodomie gegen einen ihrer Kunden w�rde auch sie zum Tode verurteilt. Andererseits wollte er ihr aber auch nicht sagen, dass Angelo tot war.</p><p>�Ich m�chte ihm nur deutlich machen, dass er mir aus dem Weg gehen soll�, log er. �Jetzt, wo ich sein Geheimnis kenne, wird er vorsichtiger sein. Also los, rede.�</p><p>Er lockerte seinen Griff, und tats�chlich redete die Frau. Sie sagte, dass sein Freund eines Tages zu ihr gekommen sei und dabei den Namen eines Mannes genannt h�tte, den sie gut kannte, daher h�tte sie ihn eingelassen.</p><p>�Wie hie� dieser Mann?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf und warf ihm einen misstrauischen Blick zu. Gerardo dr�ckte wieder fester zu, und nach kurzem Zaudern schlug er ihr mit der Faust ins Gesicht. Ehe er ihr jedoch noch einen Schlag versetzen konnte, gab Filomena nach.</p><p>�Er hei�t Francesco�, stammelte sie, �ein M�nch aus dem Augustinerkloster.�</p><p>Bei diesen Worten schwindelte es Gerardo. Noch ein M�nch, der das eigene Gel�bde auf die niedertr�chtigste Art und Weise brach.</p><p>�Und was hat Angelo mit dem Jungen gemacht?�, fragte er. Er empfand eine Mischung aus Zorn, Ekel und Scham, aber er musste alles wissen.</p><p>�Das, was alle machen�, antwortete die Frau und zuckte mit den Schultern.</p><p>Gerardo beschloss noch einmal, dass er diesen armen Jungen nicht hierlassen w�rde, und wenn er daf�r dieses Mannweib t�ten musste.</p><p>Er bat sie, ihm alles zu wiederholen, was Angelo an diesem Abend gesagt hatte, aber sie zuckte wieder nur mit den Schultern. �Er hat nichts gesagt. Die Leute kommen nicht zum Plaudern zu mir.�</p><p>Gerardo dr�ckte wieder kr�ftig ihre Kehle zu. Filomena riss die Augen auf. Sie machte ein Zeichen, dass sie reden wollte, und sobald sie wieder atmen konnte, hustete sie heftig.</p><p>Als der Hustenanfall vor�ber war, st�tzte sie sich mit einer Hand auf den Tisch, als ob sie Halt br�uchte, und kr�chzte: �An etwas erinnere ich mich.�</p><p>�Woran?�</p><p>�An diesem Abend taten mir die Beine weh, wie jedes Mal, wenn in der Stadt Nebel aufkommt, denn als er gehen wollte, bin ich nicht aufgestanden, um ihm die T�r zu �ffnen. Ich habe ihm gesagt, dass das die Gebrechen des Alters seien und habe ihm gew�nscht, dass er seine Jugend genie�en solle, solange es ging.�</p><p>�Und dann?�, fuhr Gerardo sie ungeduldig an.</p><p>�Er hat mich so seltsam angesehen und hat gesagt ��</p><p>�Was hat er gesagt?� Gerardo konnte sich nicht mehr zur�ckhalten.</p><p>�Er hat gesagt: �Ich werde nicht alt. Und doch werde ich immer noch da sein, selbst wenn dein Haus schon unter der Last der Jahrhunderte eingest�rzt ist.� Ich erinnere mich nicht nur wegen dieser Worte daran, sondern wegen seines Blicks. Er sah beinahe aus, als w�re er verr�ckt.�</p><p>Gerardo lie� ihre Kehle los. Er war �berrascht. Wusste Angelo vielleicht, dass er in ein paar Tagen sterben w�rde und hatte deswegen gesagt, dass er nicht alt werden w�rde? Aber was f�r einen Sinn ergab dann der zweite Satz?</p><p>Filomena nutzte den kurzen Moment, in dem er abgelenkt war, um sich loszurei�en. Sie warf den Weinkrug um, als sie zu dem Vorsprung aus Ziegelsteinen neben dem Kamin eilte, um das dort liegende Messer zu holen. Ehe Gerardo sie erreicht hatte, war sie bereits auf die andere Seite des Tisches gelaufen und schrie wie eine Besessene. �Zu Hilfe! Geremia! Bernardo! Kommt schnell!�</p><p>Gerardo begriff, dass die Alte noch Komplizen haben musste, die den Auftrag hatten, ihr bei eventuellen Problemen mit den Freiern zu helfen. Er konnte nicht rufen, dass jemand aus der Nachbarschaft den H�schern Bescheid sagen sollte, denn das war das Letzte, was er sich w�nschte. Ihm blieb nur eine M�glichkeit: Er musste fliehen. Mit einem Satz war er an der T�r, riss sie auf und lief dann hinaus auf das G�sschen, genau im gleichen Moment, als aus dem Haus gegen�ber zwei plumpe Gestalten erschienen. Er blieb nicht stehen, um zu sehen, ob sie ihn verfolgten oder zu der Alten liefen. In seiner Panik rannte Gerardo einfach los, so schnell er konnte. Als er endlich wagte, sich umzudrehen, stellte er fest, dass ihm niemand auf den Fersen war. Erst jetzt bemerkte er ein unangenehmes feuchtes Gef�hl an seinen Beinen. Als er an sich herunterblickte, sah er, dass er von Wein durchn�sst war.</p><p>Es war beinahe Abend, aber in diesem Zustand konnte er sich nicht mit Mondino treffen, daher beschloss er, erst in seine Herberge zu gehen, um sich umzuziehen. W�hrend er lief, wurde er immer wieder von nerv�sem Zittern durchgesch�ttelt, vollkommen ersch�pft von der M�digkeit und den schrecklichen Dingen, die er �ber seinen Mitbruder und Freund herausgefunden hatte. Er konnte sich erst wieder beruhigen, als er endlich seine Unterkunft erreicht hatte, und dort schwor er sich, dass er den armen Masino befreien w�rde, selbst wenn es ihn das Leben kosten sollte.</p></section><section><title><p><strong>DREI </strong></p></title><p><strong>W</strong>�hrend er sich auf dem belebten Platz vor der Basilika Santo Stefano umsah, dachte Wilhelm von Trier, dass dieser Anblick die lange Reise, die er hinter sich gebracht hatte, nicht lohnte. Nat�rlich hatte der Gedanke, dass Bologna ein getreues Abbild der heiligen St�tten von Jerusalem schaffen wollte, etwas Interessantes, und der Name <emphasis>Sancta Hierusalem Bononiensis</emphasis> war in der ganzen Christenheit bekannt. Dennoch fand er, der das echte Jerusalem mit eigenen Augen gesehen hatte, es �bertrieben und geradezu gottesl�sterlich, dass man hier heilige Namen wie �Tal Josaphat�, �Golgatha� und ��lberg� an Pl�tze und H�gel der Stadt vergab. Einer Stadt, die von Kaufleuten, Gasth�usern und Hurenh�usern gesch�ndet wurde, selbst wenn ihre Anwesenheit auf gewisse Weise von den dort erbauten Kirchen geadelt wurde.</p><p>Die �Grabeskirche� wollte er aber trotz allem besuchen. Doch zun�chst musste er eine Unterkunft finden, sich ausruhen und st�rken in der Hoffnung, am Nachmittag w�rde es nicht mehr so feucht sein. Das Alter forderte seinen Tribut: Wilhelm von Trier war ein betagter Mann und h�tte nie die Insel Zypern verlassen, wo er eine sichere Zuflucht vor der Welle von Beschuldigungen und Prozessen gefunden hatte, die �ber seinen Orden hereingebrochen waren. Es gab jedoch einen triftigen Grund, der ihn trotz aller Gebrechen und der Notwendigkeit, unerkannt zu bleiben, zu dieser Reise bewogen hatte. Instinktiv fuhr seine Hand unter das Gewand, um nach der in die Beinlinge eingen�hten Tasche zu tasten, wo er die Landkarte verwahrte. Beinahe h�tte er sie auf Zypern zur�ckgelassen, und erst im letzten Moment hatte er sich doch dazu entschlossen, sie mitzunehmen. Diese Karte, die sie dem Mann unter der Folter abgepresst hatten, hatte sich als vollkommen nutzlos erwiesen. Dennoch war sie zu genau gezeichnet, als dass es sich um eine F�lschung handeln konnte. W�hrend all der Jahre hatte Wilhelm sich gefragt, ob sie nicht ein Geheimnis verbarg, das zu entschl�sseln sie nur nicht in der Lage gewesen waren. Vielleicht w�rde er nun endlich eine Antwort auf diese Frage bekommen.</p><p>Er bog gem�chlich in eine Gasse links des Platzes ein, weil er dachte, dass dort der ideale Ort f�r ein Gasthaus w�re, in dem man ihm nicht zu viele Fragen stellen w�rde. Auf seiner Reise hatte er sich als Pilger nach Santiago de Compostela ausgegeben. Sein unscheinbares �u�eres und die �rmliche Kleidung hatten ihn zwar vor Dieben und R�ubern besch�tzt, aber sie hatten ihn auch gezwungen, stets in elenden Absteigen zu �bernachten. So konnte er es kaum erwarten, dass endlich alles vor�ber war und er nach Zypern zur�ckkehren konnte.</p><p>Doch zun�chst musste er herausfinden, was der mysteri�se �Freund�, der ihm den Brief geschrieben hatte, f�r das versprochene Geheimnis haben wollte. Und dann musste er eine M�glichkeit finden, es ihm zu entrei�en und ihn zum Schweigen zu bringen. Das musste jedoch alles bis zum Abend warten. Wenn in dem Brief die Wahrheit gestanden hatte, w�rde er nach der Vesper alles erfahren.</p><p>Er fand ein Gasthaus, das seinen Vorstellungen entsprach, trat ein und wunderte sich, dass der Wirt einigerma�en Latein konnte. W�hrend seiner gesamten Reise durch das Gebiet von Italien hatte Wilhelm Schwierigkeiten gehabt, sich zu verst�ndigen: In der Verkleidung eines Pilgers hielt er sich vor allem an bescheidenen Orten auf, und die armen Leute dort sprachen nur <emphasis>Volgare</emphasis>.</p><p>Der Gastwirt erkl�rte ihm, in Bologna sei man an G�ste aus aller Herren L�nder gew�hnt, M�nner der Kirche, Studenten und Pilger, und da brauchte man f�rs Gesch�ft schon ein wenig Latein. �Als ich ein kleiner Junge war, hat mein Vater mich zu einem Benediktinerm�nch aus der Basilika hier zum Lernen geschickt�, erz�hlte er. �Und jetzt wei� ich, dass er recht daran getan hat.�</p><p>Wilhelm fragte nach einem Zimmer nur f�r sich allein und erkl�rte, er w�rde an Schlaflosigkeit leiden und es deshalb nicht ertragen, in Gemeinschaftsr�umen zu �bernachten. Der Wirt hatte noch ein kleines Zimmer mit einem Bett f�r zwei Personen, und der Tempelritter willigte ein, f�r zwei zu zahlen, obwohl er den Raum allein benutzte. Er stieg �ber eine enge Holztreppe in den ersten Stock hinauf, betrat das Zimmer, lie� die beiden Quers�cke - sein einziges Gep�ck - auf den Boden fallen, zog die Schuhe aus und legte sich mit einem Seufzer der Erleichterung auf den mit Stroh gef�llten Stoffsack.</p><p>Auf Zypern schlief er auf einer Matratze aus feiner Wolle. Die unbequemen Schlafpl�tze w�hrend seiner Reise hatten ihn an seine Jugend erinnert. Auch jetzt, w�hrend er es genoss, endlich seine Glieder entspannt ausstrecken zu k�nnen, in diesem angenehmen Augenblick, der dem Schlaf vorausgeht, dachte Wilhelm von Trier an die ferne Zeit zur�ck, in der die Suche ihren Anfang genommen hatte.</p><p>Er war blutjung gewesen, als er mehr aus Abenteuerlust denn aus religi�ser Berufung in den Orden der Tempelritter eintrat und sofort ins Heilige Land aufgebrochen war. Man hatte ihn der Komturei von Tyros zugeteilt. Dort hatte ihm ein Gef�hrte von dem Geheimnis erz�hlt, nach dem zu suchen sein Lebensinhalt werden sollte.</p><p><emphasis>Al iksir</emphasis>, so hatte er es genannt. Ein Geheimnis, das arabische Alchimisten schon vor Christi Geburt kannten und das vermutlich aus dem fernen Indien stammte. Die abendl�ndischen Wissenschafter nannten es �Lebenselixier�, ein trockenes Pulver, welches das Leben auf unbestimmte Zeit verl�ngern und jede Wunde, jedes k�rperliche Gebrechen heilen konnte.</p><p>Der M�nch, der ihm davon erz�hlt hatte, behauptete, in Alexandretta, einer Stadt, die seit langem in der Hand der Sarazenen war, lebe ein Alchimist, der dieses Geheimnis kannte. Sein Mitbruder versuchte schon l�ngere Zeit, unter falschem Namen dorthin zu gelangen, doch es war ihm nicht gelungen. Nun hatte er erfahren, dass der Mann, den er suchte, sich zu den Mauren nach Spanien gefl�chtet hatte.</p><p>�Und aus diesem Grunde spreche ich davon zu Euch, Bruder�, hatte er Wilhelm erkl�rt. �Ich brauche Eure Hilfe. Daf�r biete ich Euch an, an den Nachforschungen teilzunehmen. Ich hatte Gelegenheit, Euch in diesen Monaten zu beobachten, und ich wei�, dass Ihr der Richtige seid: mutig, klug und entschlossen.�</p><p>Wilhelm hatte die Schmeicheleien zur�ckgewiesen und ihn direkt gefragt, was genau er von ihm wolle. Das war schnell gesagt. Wilhelm hatte den Rang eines Sergeanten und arbeitete auch in der Schreibstube. �ber seinen Tisch gingen alle Versetzungsbefehle der Komturei. Der Mitbruder brauchte seine Hilfe, um sich nach Spanien schicken zu lassen, wo er seine Nachforschungen fortsetzen wollte.</p><p>So waren beide wenige Monate vor dem Fall von Akkon, der den endg�ltigen Verlust des Heiligen Landes f�r die christlichen M�chte besiegelte, in den Dienst der Komturei von Tortosa �bergewechselt, wo ein weiterer Tempelritter ihrer Gruppe beigetreten war. Die drei hatten einen Pakt geschlossen, um das Elixier in ihren Besitz zu bringen. Dann war Wilhelms Freund am Fieber gestorben, und sie waren nur noch zu zweit. Inzwischen war der t�rkische Alchimist, den sie suchten, get�tet worden; man hatte seine Leiche vor den Toren Granadas gefunden. Dem Toten fehlte das Herz. Dieser Umstand hatte die Feindseligkeiten zwischen Granada, das in der Hand der Sarazenen war, und Tortosa, der Festung des K�nigreiches Aragon, noch versch�rft. Wilhelm und sein Gef�hrte hatten schon die Hoffnung aufgegeben, ihre Nachforschungen mit Erfolg beenden zu k�nnen, da der Alchimist tot war. Doch unerwartet war ein neuer Verb�ndeter aufgetaucht, ebenfalls ein Tempelritter, der sie auf eine weitere Spur brachte - und zwar in Tortosa �</p><p>Wilhelm von Trier war nicht mehr in der Lage, die Vergangenheit weiter heraufzubeschw�ren. Seine bewussten Gedanken vermischten sich mit seltsamen Bildern, die in seinem Kopf ohne logische Verbindung entstanden, und einen Moment sp�ter schlief der alte Tempelritter bereits.</p><empty-line/><p>Mondino trat auf Zehenspitzen in die T�r des Zimmers, das sein Vater im Erdgeschoss des Hauses bewohnte, und beobachtete ihn verstohlen. Rainerio lag mit dem Kopf zum Fenster und betrachtete die kleinen leuchtend gr�nen Fr�chte, die sich nach der Bl�te an dem Apfelbaum gebildet hatten. Der alte Mann war abgemagert und blass, seine Haut gl�nzte merkw�rdig, und sein Blick wurde jeden Tag abwesender. Mondino unterdr�ckte seinen Schmerz, betrat den Raum und setzte sich auf einen Schemel neben dem Bett.</p><p>�Guten Abend, Vater.�</p><p>Er fragte ihn nie, wie es ihm ging. Alle, die das Zimmer betraten, taten dies unver�nderlich. Er nicht. Was f�r einen Sinn sollte es auch haben, einen Sterbenden nach seinem Befinden zu fragen, das zwang ihn doch nur zu l�gen und mit krampfhaftem L�cheln und abgedroschenen Phrasen zu antworten. Denn wenn er die Wahrheit gesagt h�tte, h�tten sich die Leute unwohl gef�hlt, ihn mit freundlichen Ermahnungen �berh�uft und einen heuchlerischen Optimismus zur Schau getragen. Selbst Mondino war nicht ehrlich zu ihm, denn jedes Mal, wenn er den Raum betrat, legte sich eine Maske �ber sein Gesicht, um seine wahren Gef�hle vor seinem Vater zu verbergen. Es war keine Heuchelei, sondern Mitgef�hl. F�r sie beide.</p><p>Rainerio drehte sich um und l�chelte. �Mondino. Inzwischen l�sst du dich hier nur noch selten sehen.�</p><p>Der Arzt nickte, wieder lenkte ihn der Gedanke ab, der ihn seit dem vergangenen Abend nicht loslie�. Gerardo war nicht zu ihrer Verabredung erschienen. Und sosehr er sich auch bem�hte, alle harmlosen M�glichkeiten f�r seine Abwesenheit in Betracht zu ziehen, drehte sich sein Kopf nur um eine einzige Bef�rchtung: Wenn er verhaftet worden war, w�rden die H�scher auch bald an seine T�r klopfen.</p><p>�Genau dar�ber wollte ich mit Euch reden, Vater�, sagte er und verjagte diese d�steren Gedanken. �Es kann sein, dass ich in n�chster Zeit noch h�ufiger von zu Hause abwesend sein werde.� Er wandte den Blick ab und suchte nach den passenden Worten. �Ich m�chte Euch sagen, dass dies keineswegs Gleichg�ltigkeit Euch gegen�ber ist.�</p><p>Trotz seiner Selbstbeherrschung hatte seine Stimme einen Moment geschwankt. Er hoffte nur, dass sein Vater es nicht bemerkt hatte.</p><p>�Ist dir wieder ein R�tsel untergekommen?�</p><p>�Woher wisst Ihr das?�, platzte Mondino aufs H�chste �berrascht heraus.</p><p>Rainerio l�chelte nicht, aber in seinen Augen blitzte ein F�nkchen Heiterkeit auf. �Muss ich dich an die Geschichte mit den �pfeln erinnern? Sie ging mir gerade durch den Kopf.�</p><p>Mondino erinnerte sich ganz genau an diese Episode, auch weil sie ihm eine kr�ftige Tracht Riemenhiebe eingebracht hatte. Als kleiner Junge hatte er einmal alle �pfel vom Baum gestohlen und sie auf dem Dachboden in einer mit �lpapier ausgelegten Holzkiste versteckt, die er dann mit einem Deckel zugenagelt hatte. Er hatte geh�rt, was sein Onkel Liuzzo �ber das spontane Entstehen von W�rmern gesagt hatte und beschlossen, dies zu �berpr�fen. Sollte er nach zwei oder drei Wochen bei �ffnen der Truhe W�rmer in den �pfeln finden, w�rde er daran glauben, dass sie von selbst entstanden.</p><p>�Das m�sst Ihr nicht�, erwiderte er l�chelnd. �Ich frage mich noch heute, wie es Euch gelungen ist, mich zu erwischen.�</p><p>�Weil ich dich kenne�, antwortete Rainerio. �Dich fasziniert alles, was du dir nicht erkl�ren kannst, und du findest keine Ruhe, bis du eine befriedigende Antwort gefunden hast. Nicht einmal der g�ttliche Aristoteles entgeht deinen Nachforschungen. Und nun hast du anscheinend wieder etwas gefunden, das deine Fantasie besch�ftigt. Deshalb sieht man dich kaum noch zu Hause.�</p><p>Mondino und sein Vater hatten nie viel miteinander geredet. Beide hatten den f�r Choleriker typischen schwierigen Charakter, der von den S�ften der gelben Galle beherrscht wird. Zwischen ihnen hatte es selten Umarmungen und oft Streit gegeben. Mondino war davon �berzeugt, dass sein Vater dem, was er tat, keine Beachtung schenkte. Und nun zeigte ihm Rainerio, dass er ihn viel genauer kannte, als er erwartet h�tte.</p><p>Es stimmte, er liebte es, Geheimnissen auf den Grund zu gehen. Aus diesem Grund war er auch Arzt geworden. Noch mehr als der Gedanke, die Leiden seiner Mitmenschen zu lindern, hatte ihn der Drang, die Funktionsweise des menschlichen K�rpers zu erschlie�en, dazu getrieben, diesen Beruf zu ergreifen. Und aus dem gleichen Grund hatte er sich f�r die Anatomie begeistert. Aber es war besser, wenn sein Vater nicht einmal ahnte, welcher Art das Geheimnis war, das ihn nun besch�ftigte.</p><p>�Richtig, Vater�, gab er zu und senkte den Blick. �Ich studiere eine neue Technik, um ��</p><p>�Lass nur�, unterbrach ihn sein Vater knapp. �Wenn du nicht dar�ber reden willst, schon gut. Du bist nicht verpflichtet mich anzul�gen.�</p><p>Mondino merkte, wie er err�tete. Er �berlegte kurz, ob er alles abstreiten sollte, aber dann sagte er sich, dass es sch�ndlich w�re, die wenige Zeit, die ihm noch mit seinem Vater blieb, damit zu verbringen, ihm L�gen zu erz�hlen. �Verzeiht mir�, sagte er leise. Dann f�gte er ein wenig lauter hinzu: �Die Angelegenheit ist gef�hrlich. Je weniger Ihr wisst, desto besser. Ich bitte Euch auch, Liuzzo gegen�ber nichts zu erw�hnen.�</p><p>�Betrifft die Gefahr die Inquisition?�, fragte Rainerio.</p><p>�Ja�, erwiderte Mondino und vermied es zu erkl�ren, dass das Verschwinden der Leiche und die Unterst�tzung eines Brandstifters auch ein weltliches Gericht angingen. In einer einzigen Nacht hatte er eine ansehnliche Palette an Verbrechen angeh�uft. �Aber es besteht die M�glichkeit, dadurch etwas wirklich Gro�artiges zum Wohle der ganzen Menschheit zu erreichen.�</p><p>Sein Vater wandte sich wieder dem Apfelbaum zu. Die jungen gr�nen Fr�chte schauten zwischen den Zweigen hervor und ahnten nichts davon, dass sie eines sch�nen Tages auf den Boden fallen und im Schlamm verrotten w�rden.</p><p>�Ich bitte dich, sei sehr vorsichtig�, sagte Rainerio in einem prophetischen Ton, der seinem Sohn einen langen Schauer den R�cken hinunterjagte. �Mir schwant B�ses.�</p><p>Mit schwerem Herzen verlie� Mondino das Zimmer. Und das nicht nur wegen des Schicksals seines Vaters.</p><empty-line/><p>Als er unter dem gro�en Schild am Turm der Garisendi vorbeikam, auf dem das Verbot, in der Stadt Waffen zu tragen, verk�ndet wurde, fiel Gerardo ein, dass er selbst unbewaffnet war. Und er konnte sich nicht entscheiden, ob dies f�r sein Vorhaben von Vor- oder Nachteil war.</p><p>Sein Waffenlehrer, den sein Vater dreimal die Woche auf ihre kleine Burg hatte kommen lassen, nachdem Gerardo seinen Entschluss verk�ndet hatte, dem Orden beitreten zu wollen, hatte ihn gelehrt, dass das Schwert f�r einen Templer wie das heilige Kreuz sei. Eine Waffe gegen das B�se, aber eben eine geweihte Waffe, die man mit Verstand einsetzen musste. �Sie wird nur im Kampf benutzt�, hatte der erfahrene b�rtige M�nch gesagt. �Wir sind keine gemeinen S�ldner. Wir sind Soldaten Christi und d�rfen nur gegen die Feinde des Glaubens k�mpfen.� Und er wiederholte oft, die einzige M�glichkeit sicherzugehen, dass man niemanden aus nichtigen Gr�nden in einer Rauferei auf der Stra�e oder im Wirtshaus t�tete, w�re, keine Waffen zu tragen au�er im Krieg. �Wenn ich kein Schwert bei mir trage, kann ich sicher sein, dass ich es nicht benutze�, pflegte er zu sagen.</p><p>W�hrend Gerardo unter den Bogeng�ngen entlangging und abwesend Handwerker, Stoffverk�ufer und K�seh�ndler dabei beobachtete, wie sie ihre Waren verstauten und die St�nde abbauten, packte ihn die Wut wegen dieses Lebens, von dem er getr�umt hatte und das ihm verwehrt worden war. Er hatte das Kettenhemd und das wei�e Gewand mit dem Kreuz auf der Brust nur ein einziges Mal getragen, und zwar an dem Tag, als man ihn zum M�nch geweiht hatte. Er erinnerte sich noch genau, wie schwer Helm, Schild und Schwert gewesen waren, erinnerte sich an seinen Stolz, ein m�chtiges Werkzeug in den H�nden des Herrn zu sein, Mitglied eines der wichtigsten und legend�rsten Orden in der Geschichte der Kirche. Er hatte erst vor kurzem das Haus verlassen, in dem er geboren und aufgewachsen war, und sich in die Komturei der Templer nach Ravenna begeben, wo er nun darauf wartete, dass man ihm seinen ersten Einsatzort nannte. Just da fuhr der von Papst Clemens V. h�chstpers�nlich unterzeichnete Haftbefehl gegen alle Mitglieder des Ordens wie ein Blitz aus heiterem Himmel auf sie nieder.</p><p>Viele der Soldaten Christi hatten zun�chst an einen Irrtum geglaubt und gelassen auf die Inquisitoren gewartet, �berzeugt davon, dass sie nichts zu bef�rchten h�tten. Gerardo war dem Rat seines Waffenlehrers gefolgt, der eilig nach Zypern aufgebrochen war. �R�ckzug ist keine Flucht�, hatte er gesagt. �Verbirg dich, beobachte von einem sicheren Ort aus, was geschieht, und dann, wenn es angebracht ist, gib dich zu erkennen.�</p><p>Gerardo hatte es nie bereut, dass er diesem Rat gefolgt war. Er war nach Bologna geflohen, hatte einen anderen Namen angenommen, mehr zu ihrem als zu seinem eigenen Besten den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen und ihnen in drei Jahren nur einen einzigen Brief geschickt, um sie zu unterrichten, dass es ihm gut gehe und er zu ihnen zur�ckkehren werde, sobald sich der Sturm gelegt habe. Er hoffte tats�chlich, dass mit dem Ende des Prozesses, mit dem in wenigen Wochen gerechnet wurde, seine Lage eine deutliche Wendung nehmen w�rde.</p><p>Trotzdem h�tte er sich mit einem Dolch am G�rtel sicherer gef�hlt. Er hatte keineswegs die Absicht, die alte Frau zu t�ten, obwohl sie dieses Schicksal tausendfach verdient h�tte f�r das, was sie Masino und sicherlich auch anderen Kindern angetan hatte. Aber mit einer Waffe h�tte er sie bestimmt schneller dazu gebracht, seinen Forderungen zu entsprechen, und er h�tte sich verteidigen k�nnen, falls die beiden Kerle, die er das letzte Mal gesehen hatte, hinzukommen w�rden.</p><p>Gerardo verfolgte keinen bestimmten Plan. Er wollte einfach dort anklopfen und baute darauf, dass man ihm �ffnen w�rde, wenn er seine Stimme verstellte. Sobald er der Frau gegen�berstand, w�rde er sie in den Raum zur�ckdr�ngen und daf�r sorgen, dass sie keinen Schaden anrichtete, w�hrend er den Jungen befreite und ihn wegbrachte. Am vergangenen Abend war er todm�de und nicht in der Lage gewesen, einen klaren Gedanken zu fassen. Er war nicht einmal zu seiner Verabredung mit Mondino gegangen, weil er, kaum dass er sein Zimmer betreten hatte, auf seinem Strohsack zusammengesunken war und die ganze Nacht, den Vormittag und einen Teil des Nachmittags durchgeschlafen hatte. Er war erst aufgewacht, als die Sonne bereits im Westen unterging. Jetzt f�hlte er sich erfrischt und ausgeruht und zweifelte nicht daran, dass er seinen Plan erfolgreich w�rde umsetzen k�nnen.</p><p>Wie schon am vorigen Abend vermied er es, �ber die Piazza del Mercato zu gehen. Er hielt sich dicht an den Mauern, bog zwei Stra�en vor dem Platz ab, betrat die Gasse von der entgegengesetzten Seite und stand schlie�lich vor Filomenas Haust�r.</p><p>Der Moment war gekommen. Er klopfte, wartete und machte sich bereit, seine Stimme zu verstellen.</p><p>Doch niemand kam, um zu �ffnen. Er klopfte noch einmal, kr�ftiger, und rief die Frau beim Namen.</p><p>Nichts.</p><p>Gerardo hangelte sich an der Mauer bis zum Fenster hoch, das nur zwei Arml�ngen vom Boden entfernt war, und versuchte, durch einen Schlitz der geschlossenen Fensterl�den hineinzusehen, aber dort war alles finster. Trotz der Dunkelheit brannte im Haus kein Licht. Es konnte sehr gut sein, dass Filomena es wegen einer Erledigung verlassen hatte und der Junge sich jetzt allein dort aufhielt, aber Gerardo hatte das unbestimmte Gef�hl, dass dies nicht der Fall war. Schweren Herzens hielt er sich mit einer Hand fest und brach mit der anderen den Fensterladen auf, rief Masino zu, er sollte sich melden und etwas auf den Boden werfen, wenn er dort im Zimmer eingesperrt w�re.</p><p>Nichts geschah. Die K�che hinter dem Fensterladen schien verlassen zu sein. Das Herdfeuer war erloschen, Bretter und Borde waren leerger�umt, kein Topf, keine Kelle und kein einziges Messer waren mehr zu sehen. Unter dem Tisch glaubte er die Scherben des Kruges auszumachen, den er am Vorabend zerbrochen hatte.</p><p>Diese Hexe hatte vielleicht bef�rchtet, dass er ihr die H�scher ins Haus schicken w�rde, und war deshalb in aller Eile umgezogen. Ihren kleinen Gefangenen hatte sie wahrscheinlich mitgenommen. Es w�re zu gef�hrlich gewesen, die Nachbarn zu fragen, wohin sie gegangen war, und er zweifelte auch, ob sie es wussten. Gerardo wollte gerade gehen, da packte ihn jemand an den Kn�cheln. Es gelang ihm, den Angreifer mit einem Fu� im Gesicht zu treffen, der ihn daraufhin fluchend loslie�. Gerardo sprang hinunter und fand sich einem klapperd�rren Mann mit einem ungepflegten Bart und ohne Vorderz�hne gegen�ber, unter dessen zu kurzer Tunika geflickte Beinlinge hervorschauten. Doch am meisten wurde sein Blick von dem langen Dolch gefesselt, den der andere mit einer schnellen Bewegung unter seinem Gewand hervorzog.</p><p>�Bernardo! Komm her, um Gottes willen!�</p><p>Als er diesen Namen h�rte, erinnerte sich Gerardo, was Filomena am vergangenen Abend gerufen hatte. Das waren also ihre Spie�gesellen, die sie zur�ckgelassen hatte, um die Wohnung zu bewachen, vielleicht in Erwartung seiner R�ckkehr. Er h�rte ein Ger�usch hinter sich, ungef�hr vier oder f�nf Schritte entfernt, sah sich aber gar nicht erst um, sondern griff gleich den Mann vor sich an und �berraschte ihn damit. Mit einer Hand packte er den Arm, der den Dolch hielt, drehte das Handgelenk seines Angreifers um, bis dieser die Waffe fallen lie�, und mit der anderen versetzte er ihm einen Schlag gegen die Kehle, dass der Mann keuchend auf dem Boden zusammenbrach.</p><p>Gerardo b�ckte sich, um die Waffe aufzuheben, und rollte sofort zur Seite, um dem Angriff des zweiten Mannes auszuweichen, der sich auf ihn gest�rzt, doch ins Leere gegriffen hatte. Gerardo versetzte ihm einen Fu�tritt gegen den Kopf und schleuderte ihn auf seinen Kumpan. Noch w�hrend seine Angreifer sich m�hsam aufrappelten, drehte er sich um und rannte so schnell er konnte auf den Platz zu. Er kam in der N�he der Schwemme aus der Gasse heraus, wo die gleichen Jungen wie am Vorabend mit einem Ball aus Lumpen spielten. Bevor sie ihn wiedererkennen konnten, verbarg Gerardo den Dolch unter seinem Arm und wandte sich nach links, wo er etwa zwanzig Schritte normal weiterlief, bis er den n�chsten Bogengang erreicht hatte. Dort versteckte er sich hinter einer S�ule und wartete auf die beiden M�rder, die auch gleich darauf vorn an der Gasse auftauchten. Sie sahen sich kurz um, um festzustellen, wohin er verschwunden war, dann entschieden sie sich, nach rechts zu gehen und entfernten sich eilig.</p><p>Gerardo beruhigte sich endlich, wenn auch nur f�r kurze Zeit: Schlagartig kam all die Angst, die er im Augenblick des Geschehens unterdr�ckt hatte, in ihm hoch, so dass seine H�nde und Beine zitterten. Zum ersten Mal au�erhalb der Stunden mit seinem Waffenlehrer hatte er einem echten Feind gegen�bergestanden. Sein Leben war wirklich in Gefahr gewesen, und dieses Wissen lie� ihn nun nicht mehr los. Nur ein Umstand milderte seine Angst: dass seine milit�rische Ausbildung ihn gerettet hatte. All die Stunden, in denen er gelernt hatte zu k�mpfen, ohne sich von Gef�hlen und Gedanken hemmen zu lassen, hatten sich als n�tzlich erwiesen. Er ging im Kopf noch einmal den kurzen Kampf auf der Gasse durch und musste dann grinsen. Diese beiden Galgenstricke h�tte sein Waffenlehrer ganz sicher nicht als �Feinde des Glaubens� bezeichnet, aber wenn es die eigene Haut zu retten galt, verloren diese theoretischen Definitionen ihre Bedeutung.</p><p>Gerardo sah sich den Dolch genauer an, den er seinem Angreifer entrissen hatte. Ein Holzgriff und eine billige, aber widerstandsf�hige und scharf geschliffene Eisenklinge. Gerardo verbarg die Waffe unter seinem Gewand und steckte sie in den Stoffg�rtel, der seine Beinlinge hielt. Dann machte er sich auf den Weg zu seinem gemieteten Zimmer.</p><p>Er hatte den kleinen Jungen nicht retten k�nnen, und der Schmerz dar�ber lastete wie ein Klumpen auf seiner Brust. Doch zumindest besa� er jetzt eine Waffe.</p><empty-line/><p>Gegen eine Hauswand gelehnt, von der aus er die gesamte Kirche San Giovanni in Monte im Blick hatte, sah sich Wilhelm von Trier ruhelos um. In dieser Nachbildung der heiligen St�tten in Bologna sollte die Kirche den �lberg darstellen, den Ort, zu dessen F��en Jesus Christus sich vor seinem Leidensweg in den Garten von Gethsemane zur�ckgezogen hatte. Der alte Tempelritter fragte sich, warum der anonyme �Freund�, der ihm den Brief geschrieben hatte, gerade diesen Ort als Treffpunkt ausgesucht hatte. Er war zu genau in seiner Beschreibung gewesen, als dass es sich um einen zuf�llig gew�hlten Ort handeln konnte. Es hatte schon vor einiger Zeit zum Vespergebet gel�utet, und obwohl viele Leute an ihm vor�bergekommen waren, hatte sich keiner von ihnen ihm gen�hert. Wilhelm fragte sich weiter, wie der andere ihn erkennen wollte, doch er war �berzeugt, dass seine Sorge unbegr�ndet war. Vermutlich wusste der sogenannte Freund, wie er aussah. Schlie�lich hatte er schon bewiesen, dass er zu viel �ber ihn wusste.</p><p>Nach Sonnenuntergang wurde es auf dem Platz immer ruhiger, bis sich kaum noch ein Mensch auf der Stra�e zeigte. Au�er ihm war nun nur noch ein Bettler dort, der zwanzig Schritt von ihm entfernt unter einem Bogengang sa� und den Passanten seinen verst�mmelten rechten Arm und die offene linke Hand entgegenstreckte, um Almosen einzusammeln. Statt der �blichen groben Tunika aus Sackleinen, mit der viele arme Leute sich kleideten, trug der Mann ein schwarzes, schmutziges und schmieriges Gewand, das urspr�nglich aus einem guten Stoff geschneidert worden sein musste - vermutlich eine milde Gabe.</p><p>Nun l�utete die Kirchenglocke zur Komplet. Als h�tte der Bettler auf dieses Zeichen gewartet, stand er auf und lief schnell auf ihn zu.</p><p>Wilhelm musterte ihn aufmerksam und versuchte herauszufinden, ob es sich um einen echten Bettler handelte oder um diesen �Freund�, der sich so verkleidet hatte. Doch als der Mann n�her kam, wich jeder Zweifel: Dieser Gestank und der Schmutz konnten keine Verkleidung sein. Wilhelm bereitete sich schon darauf vor, seine Bitte um ein Almosen zur�ckzuweisen, doch der Mann wandte sich mit einem Satz in holprigem Latein an ihn, in dem der Templer das Wort �amicus� heraush�rte.</p><p>Sofort forderte Wilhelm ihn auf, den Satz zu wiederholen, und nach einigen Versuchen gelang es ihm, die Botschaft zu entschl�sseln: Der Freund, mit dem er verabredet war, konnte nicht kommen. Er bat ihn, in sein Gasthaus zur�ckzukehren und dort auf ihn zu warten.</p><p>Der Mann streckte seine unverletzte Hand fordernd aus, und Wilhelm lie� widerwillig eine M�nze hineinfallen. Woher wusste der Freund, wo er wohnte? Nachdem er gegessen und sich ausgeruht hatte, war er an diesem Nachmittag nur noch im B�ro eines bei den Tempelrittern als vertrauensw�rdig geltenden Bankiers gewesen, bei dem er einige gro�e Silberm�nzen in Bologneser Lire eingewechselt hatte. Doch dem hatte er nat�rlich nicht erz�hlt, dass er in einem billigen Gasthaus Quartier bezogen hatte.</p><p>Besorgt und misstrauisch kehrte er in die Herberge zur�ck und stellte erstaunt fest, dass der Wirt nicht in der Eingangst�r stand und das Kommen und Gehen der G�ste �berpr�fte. Aus dem Garten h�rte man wilde Fl�che und heftiges Gegacker. Er ging hin, um nachzuschauen, und sah den Mann mit einem streunenden Hund k�mpfen, der in das H�hnergehege eingedrungen war und zwei Hennen get�tet hatte, bevor er erwischt wurde. Kopfsch�ttelnd stieg Wilhelm die Treppen hinauf und betrat sein Zimmer.</p><p>Kurz darauf sp�rte er einen entsetzlichen Schmerz im Nacken und ihm schwanden die Sinne.</p><empty-line/><p>Als er wieder zu sich kam, stellte Wilhelm von Trier fest, dass er gel�hmt war und nicht sprechen konnte. Er sp�rte einen bitteren Geschmack im Mund. W�hrend er ohnm�chtig gewesen war, musste ihm jemand einen Trank eingefl��t haben. Er begriff, dass er in eine Falle getappt war. Der J�ger war zur Beute geworden.</p><p>Er h�rte eine leichte Bewegung im Raum und ein metallisches Klirren, als w�rde jemand Messer sch�rfen. Wilhelm gab noch eine Zeitlang vor, ohnm�chtig zu sein, und versuchte inzwischen anhand der Ger�usche herauszufinden, was geschah und ob es f�r ihn eine M�glichkeit gab, sich zu retten. Doch es gelang ihm nicht. Schlie�lich �ffnete er furchterf�llt die Augen.</p><p>Vor dem Bett stand sein Tod und sah ihm l�chelnd ins Gesicht. F�r ihn begann jetzt die Passion.</p></section><section><title><p><strong>VIER</strong></p></title><empty-line/><p><strong>M</strong>ondino betrat schweren Herzens den Bankettsaal. Bei einem solchen traditionellen Fest, zu dem ein frischgebackener Doktor seine Lehrer einlud, um den Erwerb der <emphasis>licentia docendi</emphasis> zu feiern, legten selbst die �ltesten und angesehensten Professoren ihre �bliche Ernsthaftigkeit ab und g�nnten sich ein L�cheln und Gaumenfreuden. Mondino, der seinen Sch�lern altersm��ig n�her war als den anderen Dozenten, nutzte diese freudigen Anl�sse sonst mit Vergn�gen, genoss die Musik und die Lieder und lie� sich nie lange bitten, um eine Estampie oder eine Farandole zu tanzen. Dass er kein Gef�hl f�r Rhythmus hatte und h�ufig aus dem Takt kam, st�rte ihn dabei wenig.</p><p>Er glaubte fest daran, dass es ein Gewinn f�r die Menschheit war, wenn ein neuer Doktor in die Welt der Medizin, der Jurisprudenz oder der freien K�nste eintrat. Deshalb war es nur recht und billig, diesen Anlass zu feiern. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass dieses Bankett von einem wohlhabenden Studenten aus Syrakus ausgerichtet wurde, der keine Kosten gescheut hatte. Die Dozenten der medizinischen Fakult�t sprachen schon seit Wochen von nichts anderem.</p><p>Dennoch, als er �ber die Florentiner Terrakottafliesen durch den gro�en Saal mit dem Kreuzgew�lbe lief, in dem man drei lange, mit blendend wei�en Tischt�chern bedeckte Tafeln hufeisenf�rmig aufgestellt hatte, versp�rte Mondino beim Anblick der Diener, die Sch�sseln, Bretter und L�ffel verteilten, nicht das leiseste Ziehen im Magen. Er hatte noch immer keine Nachricht von Gerardo, und die Freude an dem Fest wurde ihm von der Vorstellung verdorben, dass dies sein letztes Bankett sein w�rde, wenn der junge Mann verhaftet worden war.</p><p>�Magister, welche Freude, Euch an meiner bescheidenen Tafel begr��en zu d�rfen�, empfing ihn der frischgebackene Doktor und kam ihm entgegen. Er war ein Riese, gro� und breit, Mitte drei�ig, mit h�ngenden Wangen. Mondino war davon �berzeugt, dass er in seiner fernen Heimat Syrakus ein guter Arzt sein w�rde.</p><p>�Wie k�nnte ich den Doktorschmaus eines meiner besten Sch�ler vers�umen�, antwortete Mondino freundlich. �Ganz abgesehen davon, dass viele meiner Kollegen schon beim Gedanken an dieses Fest die Fastenregeln gebrochen haben.�</p><p>Der Student erwiderte lachend, Mondino w�re zu g�tig und er hoffe, die Erwartungen der G�ste nicht zu entt�uschen. Dann geleitete er ihn zu seinem Platz und entfernte sich wieder, um die letzten Vorbereitungen zu �berwachen.</p><p>Mondino bemerkte zufrieden, dass man ihn an die Haupttafel gesetzt hatte, nah an den Platz, an dem man die Braten aufschneiden w�rde, eine deutliche Respektsbekundung. Dort sa�en die Rektoren der Universit�ten f�r die einheimischen und die fremden Studenten und die beiden Generalpedelle. Mondino ging zu ihnen und begr��te sie, bevor er sich auf den ihm angewiesenen Platz neben Liuzzo setzte. Die schwarzen oder braunen Gew�nder der Notabeln des <emphasis>Studiums</emphasis> hoben sich gegen die roten Talare der �rzte ab. Die anderen G�ste hatten bei der Wahl der Kleidung Fantasie bewiesen - der Saal war eine einzige Farbenpracht. Niemand war barh�uptig erschienen; selbst in den Kopfbedeckungen entdeckte man eine gewisse Vielfalt, obwohl alle leichte Stoffe gew�hlt hatten, da sich langsam die warme Jahreszeit n�herte und der Wein und das Tanzen einen schon genug ins Schwitzen bringen w�rden.</p><p>�Onkel, ich wollte euch abholen, wie wir es vereinbart hatten, aber Ihr wart schon aufgebrochen�, sagte Mondino, sobald er sich gesetzt hatte.</p><p>�Ich musste aufgrund einer seltsamen Angelegenheit aus dem Haus�, erwiderte Liuzzo. Er schien nicht so ver�rgert wie am gestrigen Tag. �Ein Mord in einem Gasthaus in der N�he der Basilika Santo Stefano.�</p><p>�Man hat Euch wegen eines Ermordeten bem�ht?�</p><p>Der Onkel sah ihn an, als w�sste er nicht, ob er dar�ber reden sollte. Dann seufzte er und meinte: �Es war nun einmal so, dass der Get�tete, ein Deutscher, der erst k�rzlich in die Stadt gekommen ist, eine schreckliche Besonderheit aufwies. Die Frau, die die Leiche entdeckt hat, ist schreiend aus dem Wirtshaus geflohen. Einige Passanten haben sie aufgehalten und nachgesehen. Dann hat jemand den Richter benachrichtigt. Aufgrund ihrer wirren Erz�hlungen von einem Brustkorb, der aussah, als h�tte ihn ein Anatom ge�ffnet und von einem Herzen, das in einen Eisenblock verwandelt worden war, hat der Richter gemeint, er sollte besser einen Arzt mitnehmen, und hat mich holen lassen, bevor er dieses Haus betrat. Aber was ist mit dir, Neffe?�</p><p>Mondino bot seine gesamte Geistesgegenwart auf, um ein gezwungenes L�cheln aufzusetzen. �Nichts, Onkel. Nur dass solche Erz�hlungen nicht gerade appetitanregend wirken. Aber, das, was Ihr erz�hlt, klingt wirklich interessant. Fahrt also ruhig fort.�</p><p>�Ich wei� nicht, Mondino. Du bist ganz blass geworden. Bist du sicher, dass es dir gut geht?�</p><p>�Ja, ja, mir geht es ausgezeichnet. Ihr sagtet, das Herz sei in einen Eisenblock verwandelt worden? Das erscheint mir v�llig unglaublich.�</p><p>�Mir ebenfalls�, gab Liuzzo zu. �Auf jeden Fall haben wir es nicht mit eigenen Augen sehen k�nnen. Der Besitzer des Gasthauses hatte den Vorfall den M�nchen gemeldet, und als wir ankamen, hat uns die Inquisition nicht hereingelassen. Ich war bereits zu sp�t f�r dieses Bankett, deshalb habe ich mich beim Richter entschuldigt und bin gegangen. Anscheinend war der Tote ein Tempelritter, der unter falschem Namen reiste, und die Dominikaner haben die Absicht, diesen Mord als Beweis zu nutzen, dass die Templer satanische Rituale aus�ben. Denk dir, sie haben nicht einmal zugelassen, dass man den Leichnam von dort fortschaffte. Sie verlangen, dass Uberto da Rimini ihn vorher zu Gesicht bekommt. Heute Abend wird er aus Argenta von seinem Besuch beim Erzbischof zur�ckerwartet.�</p><p>�Ihr wollt wirklich sagen, dass der Tote noch da liegt?�, fragte Mondino. �Und wie lange wird er dort bleiben?�</p><p>�Das wei� ich nicht. Jedenfalls steht fest, dass niemand sich traut, in der Abwesenheit des Inquisitors eine Entscheidung zu treffen. Alle scheinen furchtbare Angst zu haben, sie k�nnten einen Fehler begehen.�</p><p>Mondino nickte. W�hrend ihrer kurzen Begegnung war ihm der Inquisitor bestimmt nicht wie jemand vorgekommen, der bereitwillig verzieh. Er wollte gerade noch weitere Fragen stellen, als der Gastgeber um Ruhe bat, damit er das Bankett er�ffnen konnte. Inzwischen hatten alle G�ste Platz genommen, und auf den Tafeln dampften schon die Suppensch�sseln mit den Ravioli in Br�he, dem ersten Gang.</p><p>Die Dankesrede des frischgebackenen Doktors war angenehm kurz. Dann �u�erte der Rektor der Universit�t der fremden Studenten, an der der neue Doktor studiert hatte, seinerseits einen kurzen Dank, an den sich ein Gebet anschloss, und danach begann das Mahl. Gl�cklicherweise teilten sich nur je zwei Tischg�ste eine Schale und jeder hatte seinen eigenen L�ffel, so dass es nicht zu absto�enden Szenen kam, die Mondino schon bei weniger prunkvollen Banketten erlebt hatte: Die unbedeutenderen G�ste, die oft weder eine Schale noch Besteck bekamen, st�rzten sich nicht selten ohne Anstand auf die gemeinschaftlichen Sch�sseln und befleckten sich die �rmel bis zu den Ellenbogen, wenn sie die Suppe mit ihren zu Kellen geformten H�nden tranken.</p><p>Die Diener f�llten die Schalen mit dampfender Br�he, in der k�stliche Ravioli ungef�hr von der Gr��e einer halben Kastanie schwammen, und die Versammlung von w�rdigen Professoren widmete sich mit der geb�hrenden Aufmerksamkeit dem Essen. Mondino dagegen �berlie� die Schale beinahe ganz seinem Onkel, er kostete nur ein wenig Br�he und einige Ravioli. Er wusste nicht, wie er Liuzzo weiter befragen konnte, ohne ihn misstrauisch zu machen, schlie�lich durfte er ihm nicht entdecken, was er gemeinsam mit Gerardo getan hatte: Der Onkel h�tte einen Wutausbruch bekommen.</p><p>Dennoch musste etwas geschehen. Wenn in der Stadt eine weitere Leiche aufgetaucht war, die �hnliche Verletzungen aufwies wie die von Angelo da Piczano, musste er sie unbedingt sehen. Vielleicht w�rde er n�tzliche Hinweise finden, um den M�rder ausfindig zu machen, bevor die Inquisition ihn gefangen nahm. Sollten die Priester ihn zuerst in ihre Finger bekommen, w�rde der Mann unter der Folter sicher gestehen, dass er einen anderen Tempelritter auf dieselbe Art und Weise get�tet hatte - und dieses Gest�ndnis w�rde sehr bald zu Gerardos Verhaftung f�hren. Zurzeit, so hoffte Mondino zumindest, hatte die Stadtverwaltung anderes zu tun, als nach einem Studenten zu suchen, den man verd�chtigte, einen Brand gelegt zu haben, bei dem nicht einmal schwerer Schaden entstanden war. Aber wenn es um die Morde an Angelo da Piczano und an dem Deutschen in Santo Stefano ging, w�rde eine Jagd auf den T�ter beginnen, der Gerardo nicht entgehen konnte. Und sobald sie ihn hatten, w�rden sie auch Mondino verhaften.</p><p>W�hrend die Diener die inzwischen leeren Suppensch�sseln wegtrugen und gro�e Platten mit Hasen nach franz�sischer Art brachten, wurde die allgemeine Unterhaltung wieder aufgenommen. Liuzzo machte nicht einmal Anstalten, sich selbst zu bedienen; er erwartete, dass sein Neffe sie beide versorgte. Mondino fischte drei sch�ne, mit einer dunklen So�e bedeckte St�cke Fleisch von der Platte, packte sie auf eine dicke Scheibe Brot und legte die auf das Tischtuch zwischen ihnen.</p><p>�Mondino, irgendetwas beunruhigt dich doch�, sagte Liuzzo.</p><p>Er f�gte nichts mehr hinzu, aber offensichtlich erwartete er eine Erkl�rung.</p><p>�Ja, es stimmt, Onkel�, erwiderte Mondino, nahm ein St�ck Hase in die Finger und biss hinein, mehr aus Anstand als aus Appetit. �Wenn Ihr es genau wissen wollt: Mir gef�llt die Vorstellung �berhaupt nicht, dass die M�nche sich jetzt anma�en, die Justiz unter unseren D�chern �bernehmen zu wollen. Der Tote, von dem Ihr spracht, war ein Tempelritter? Ausgezeichnet, dann sollten die Richter der Stadt hinzugezogen werden, und niemand wird der Inquisition die Erlaubnis verweigern, eigene Ermittlungen zu dem Mord anzustellen. Aber dieser Machtmissbrauch, diese Anma�ung gefallen mir �berhaupt nicht.�</p><p>Er hatte das Thema vor allem deswegen angeschnitten, weil er die Aufmerksamkeit seines Onkels ablenken wollte, aber dann hatte Mondino sich wirklich echauffiert, wie jedes Mal, wenn er auf die Einmischung des Papsttums in das st�dtische Leben zu sprechen kam. Er verstummte pl�tzlich, da auf einmal eben aufgrund seiner Worte eine Idee in seinem Kopf Gestalt angenommen hatte.</p><p>Liuzzo schluckte seinen Bissen hinunter und leckte sich sorgf�ltig die Finger ab, bevor er zu sprechen begann. �Ich wei�, dass dir dieses missf�llt, Mondino�, sagte er bed�chtig, als m�sse er jedes seiner Worte genau abw�gen. �Und ich wei� auch, wohin dich deine Abneigung gegen den Papst gebracht hat. Ich fordere ja nicht von dir, dass du deine Prinzipien verleugnest. Das w�rde ich von niemandem verlangen: Was bleibt von einem Mann, wenn man ihm das nimmt, woran er glaubt?�</p><p>�Nichts als eine leere H�lle, die sich nach dem Wind dreht und sich mal bl�ht, mal in sich zusammenf�llt�, erwiderte Mondino scharf. Liuzzo hatte eine rhetorische Frage gestellt und verlangte eigentlich keine Antwort - aber ihm hatte dessen Anspielung auf seine Verbannung so sehr missfallen, dass er sich einfach nicht zur�ckhalten konnte. Denn genau dorthin - in die Verbannung - hatte ihn seine Abneigung gegen den Papst vor mehr als zehn Jahren gebracht.</p><p>Liuzzo wischte ein wenig So�e mit zwei Fingern auf, leckte sie ab und meinte: �Ich wei�, du w�rdest es wieder tun. Und das bewundere ich an dir. Diese F�higkeit, konsequent bis zum Ende zu gehen. Aber�, sagte er und wehrte mit einer Hand schon im Voraus die Einw�nde seines Neffen ab, �jetzt bist du ein Magister des <emphasis>Studiums</emphasis> von Bologna, der ersten und besten Universit�t Europas. Du bist Familienvater, hast keine Frau mehr an deiner Seite und bist nicht mehr so jung wie vor zehn Jahren.�</p><p>�Ja und? Ich bin immer noch ich�, erwiderte Mondino sch�rfer als beabsichtigt auf die ruhigen Ausf�hrungen seines Onkels. �Ich wei�, was es euch alle gekostet hat�, f�gte er hinzu. �Euch, meinen Vater. Und ich habe schon mehrmals vorgeschlagen, dass ich meine Schulden bezahle.�</p><p>Diesmal verlor Liuzzo seine Ruhe. Er sprach noch leiser, damit ihn die ihnen gegen�bersitzenden Tischg�ste nicht h�rten, aber seine Worte klangen so schneidend wie das Ger�usch von einer Klinge auf einem Schleifstein. �Die tausend Lire, die dein Vater und ich f�r deine R�ckkehr bezahlen mussten, bedeuteten ein Opfer f�r uns, weil wir nicht reich sind, aber wir haben sie nie als eine Schuld betrachtet. Wenn du so engherzig bist, dass du die uneigenn�tzige Hilfe deiner Familie nicht annehmen kannst, ist das dein Problem. Ich meinte nicht das Geld, sondern dass du deinen Kindern gegen�ber eine Verantwortung hast. Wenn du dich in Schwierigkeiten bringst, werden sie wiederum f�r deinen Stolz b��en m�ssen. Und �ffentlich die Kirche des Machtmissbrauchs und der Anma�ung zu beschuldigen bedeutet, Schwierigkeiten anzuziehen.�</p><p>Er wandte sich dem Tischnachbarn zu seiner Linken zu, einem alten Arzt, der sich vor zwei Jahren aus der Lehre zur�ckgezogen hatte, den aber alle aus Respekt weiterhin zu den Banketten einluden, und unterhielt sich mit ihm dar�ber, wie doch das Innere von genau richtig ger�steten Brotscheiben die So�e kr�ftig und geschmackvoll machte. Mondino gr�belte schweigend. Stimmte es denn, dass er uneigenn�tzige Hilfe nicht annehmen konnte? Dieser Satz hatte ihn verletzt. Aber ihm blieb keine Zeit, dar�ber nachzudenken.</p><p>Er kehrte zu seinen vorigen �berlegungen zur�ck. Der Mensch, der f�r die beiden Morde verantwortlich war, durfte nicht in die H�nde der Inquisition gelangen. Denn eines musste man den Dominikanern lassen: Sie beherrschten es wirklich, Gefangenen Gest�ndnisse abzupressen. Manchmal gen�gte schon die <emphasis>territio verbalis</emphasis>, also die Androhung von Folter, andere Male musste man zur wirklichen Folter greifen. Doch das Ergebnis stand bereits im Vorhinein fest.</p><p>Jetzt, da die Vorstellung, im Gef�ngnis zu enden, f�r ihn immer wahrscheinlicher zu werden drohte, f�hlte Mondino blanke Angst. Selbst f�r den Fall, dass seine Strafe mild ausfiele - und daran glaubte er keineswegs -, w�rde man ihm die Lehrerlaubnis entziehen und ihm vielleicht sogar verbieten, seinen Beruf als Arzt auszu�ben. Wie sein Onkel richtig gesagt hatte, trug er nicht nur f�r sich die Verantwortung, sondern auch f�r seine Kinder. Und wenn man ihn verhaftete, w�rden gerade sie am meisten darunter leiden.</p><p>Es gab nur eine M�glichkeit, dem zu entgehen. Eine M�glichkeit, die ihn zwang, selbst etwas zu riskieren, wie bei einer Partie W�rfel alles aufs Spiel zu setzen, und das mit h�chst ungewissem Ausgang. Er musste seinem Schicksal zuvorkommen. Einfach nur darauf zu warten, dass das Schicksal unerbittlich zuschlug, entsprach nicht seinem Charakter.</p><p>�Ist alles nach Eurem Geschmack, Meister Mondino?�</p><p>Die Stimme des Mannes aus Syrakus schreckte ihn auf. Der frischgebackene Doktor machte seine Runde zwischen den Tischen, um sich davon zu �berzeugen, dass seine G�ste auch zufrieden waren. Mondino hob den Blick vom Teller und meinte l�chelnd: �Gewiss, dieser Hase schmeckt wirklich ausgezeichnet, und die Ravioli waren ebenfalls k�stlich.�</p><p>Der Student dankte ihm und versicherte, dass die Braten noch besser sein w�rden, danach ging er weiter und fragte Liuzzo und die anderen Tischg�ste. Mondino versank wieder in seinen Gedanken, w�hrend sich die Platten um ihn herum leerten, die Hasen in den gierigen M�ndern verschwanden und man die So�e mit Brotst�cken auftunkte.</p><p>Darauf wurde der Braten gereicht, der im ganzen Raum ein zustimmendes Raunen ausl�sten. Mondino bemerkte die �ppig gef�llten Platten jedoch kaum. Er f�hlte sich wie in einer unwirklichen Dimension, wie in einem Traum gefangen, in dem ihn keinerlei Sinneseindr�cke erreichen konnten. Es tat ihm leid, dass er seinen Onkel gekr�nkt hatte, und er wusste, dass Liuzzo eine Entschuldigung erwartete, aber es gelang ihm nicht, sich so weit von seinen Gedanken zu l�sen, dass er dazu imstande war.</p><p>Er nahm ein St�ck Ziege, legte es auf eine Scheibe Brot vor sich und begann zu essen, vor allem, weil er nicht auffallen wollte. Sein ohnehin sp�rlicher Appetit war ihm nun vollends vergangen.</p><p>Sobald es zwischen den G�ngen eine Pause gab, in der Musiker heitere und ein wenig frivole Lieder anstimmten, nutzten die G�ste die Gelegenheit, um aufzustehen, sich die Beine zu vertreten und in den Garten zu gehen, damit sie sich dort erleichtern konnten. Auf diesen Moment hatte Mondino gewartet.</p><p>�Onkel, kann ich bitte mit Euch reden?�, fragte er.</p><p>Liuzzo drehte sich um, und als er sah, dass sein Neffe sich schon erhoben hatte, stand er ebenfalls auf. �Nur wenn du dich bei mir entschuldigen willst�, erwiderte er trocken.</p><p>Sie entfernten sich einige Schritte von der Tafel, die gerade abger�umt wurde, damit die Tische f�r das Dessert und den K�se vorbereitet werden konnten.</p><p>�Bitte verzeiht mir�, sagte Mondino. �Es war dumm und kleinlich von mir, so mit Euch zu sprechen.� Er hob den Blick und sah seinem Onkel in die Augen. �Nun muss ich das Bankett verlassen, und ich bitte Euch mir zu helfen, dass ich dies m�glichst mit Anstand tun kann.�</p><p>�Das Bankett verlassen?�, fragte Liuzzo nach, den dieser Versto� gegen die guten Sitten erschreckte. �Aber das kannst du nicht tun! Du w�rdest unseren Gastgeber beleidigen, der sich monatelang bem�ht hat, alles so vorzubereiten, wie es sich geh�rt.�</p><p>Mondino gab ihm ein Zeichen, dass er leiser sprechen sollte. Er schwieg solange, bis zwei G�ste auf ihrem Weg in den Garten an ihnen vor�bergegangen waren, dann sagte er: �Ich m�chte zum Capitano del Popolo gehen und ihn um die Erlaubnis bitten, mir diese Leiche ansehen zu d�rfen. Und ich muss gleich zu ihm, bevor sie den Toten wegbringen. Ich habe nicht die Absicht, dem Papst zu gestatten, sich bei uns als Herr im Haus aufzuspielen.�</p><p>Liuzzo blieb stehen und sah ihn an. Sein Schweigen war beredter als viele Worte. Mondino f�gte nichts mehr hinzu, und schlie�lich stie� sein Onkel mit zusammengepressten Z�hnen hervor: �Ich werde sagen, man h�tte dich an das Bett eines Kranken gerufen, und dich bei unserem Gastgeber entschuldigen. Aber wisse, dass ich das nur f�r das Wohl unserer Familie tue und keineswegs f�r dich. Jetzt geh, wenn du das wirklich tun musst. Und wenn wir uns wiedersehen, m�chte ich mit dir noch einmal ernsthaft �ber die Bedingungen unserer Zusammenarbeit sprechen. Ich habe mehr als f�nfzehn Jahre darangesetzt, um meine Medizinschule auf den Weg zu bringen. Und ich werde nicht zulassen, dass du dies alles nur f�r deine Ideen wegwirfst.�</p><p>Nach diesen Worten drehte er ihm den R�cken zu und ging zum Tisch zur�ck. Obwohl er aufgebracht war, l�chelte er den G�sten links und rechts zu und tauschte mit ihnen heitere Bemerkungen �ber die Musik und die Akrobaten aus, die sie in der Pause erfreuten. Mondino beneidete seinen Onkel um diese Gabe, sich in Gesellschaft angemessen benehmen zu k�nnen, ein Talent, �ber das er nur in geringem Ma�e verf�gte. Es war kein Zufall gewesen, dass die acht Weisen der Welfen gerade ihn ausgew�hlt hatten und nicht seinen Onkel oder seinen Vater, als sie im Jahr 1299 die Liste mit den zweihundert Ghibellinen zusammenstellten, die sie in die Verbannung schicken wollten.</p><p>Wegen seiner Ideen hatte man Mondino auf drei Jahre nach Faenza verbannt. W�hrend dieser Zeit hatten sein Vater und sein Onkel f�r die Familie gesorgt. Um die Strafe zu bezahlen und zur�ckkehren zu d�rfen, hatte Mondino alles aufgewandt, was er besa�, und selbst das hatte noch nicht gen�gt. In den letzten Jahren war es ihm leidlich gelungen, sich erneut ein bescheidenes kleines Verm�gen aufzubauen, weil er ein guter Arzt war; und ausgerechnet jetzt musste Gerardo kommen und ihn erneut in Schwierigkeiten bringen.</p><p>Nein, nicht einmal das stimmte. Gerardo war gekommen und hatte ihn um Hilfe gebeten, aber er h�tte sie ihm verweigern k�nnen. Liuzzo an seiner Stelle h�tte die Wachen gerufen und der Gerechtigkeit ihren Lauf gelassen.</p><p>Und ganz bestimmt h�tte sich Liuzzo nicht von dem Traum verf�hren lassen, hinter das Geheimnis zu kommen, wie man Blut in Eisen verwandelte.</p><p>Mondino verlie� mit schweren Schritten den Raum, bevor die Pause zwischen den G�ngen endete und jemandem seine Abwesenheit auffiel. Er wollte sich weder verabschieden noch Erkl�rungen abgeben m�ssen. Es war besser so. Sein Onkel w�rde ihn schon entschuldigen.</p><p>Kaum dass er das Haus verlassen hatte, trat er in einen Pferdehaufen, weil Mondino so in Gedanken versunken war, dass er nicht darauf achtete, wohin er seine F��e setzte. Er musste stehen bleiben und seinen Lederschuh mit einem St�ckchen s�ubern. Liuzzos Worte gingen ihm nicht aus dem Kopf.</p><p>Er hatte ihn bel�gen m�ssen, da er ihm keinesfalls die Wahrheit offenbaren konnte. Jetzt, da eine zweite Leiche aufgetaucht war, wuchs die Gefahr noch, in die er sich und seine Familie gebracht hatte, indem er Gerardo geholfen hatte. Er wusste, dass Liuzzo ihn hart kritisiert h�tte, wenn er ihm alles erz�hlt h�tte. Er h�tte ihm an den Kopf geworfen, dass er ein unverantwortlicher, impulsiver Dummkopf sei, wie schon in der Vergangenheit. Und das h�tte Mondino diesmal nicht ertragen k�nnen.</p><p>Vor allem, weil er mittlerweile selbst dachte, dass es stimmte.</p><empty-line/><p>Das Gespr�ch begann, sich in die falsche Richtung zu entwickeln. Uberto da Rimini hatte sich die M�he gemacht, durch unsichere und sumpfige Gebiete bis nach Argenta zu reisen, um sich mit einer wichtigen Bitte an den Erzbischof von Ravenna, Rinaldo da Concorezzo, zu wenden. Er war sicher, dass er die n�tigen Argumente zur Hand hatte, um ihn zu �berzeugen. Stattdessen hatte der kirchliche W�rdentr�ger sofort sein Vorgehen wegen des Brandes vom vergangenen Donnerstag kritisiert, das keinen Leichnam zutage gef�rdert hatte.</p><p>�Monsignore, verzeiht meinen Eifer�, sagte Uberto mit zusammengebissenen Z�hnen und bem�hte sich krampfhaft, m�glichst dem�tig zu blicken. �Aber die Person, die uns dies mitgeteilt hat, hat sich bisher stets als verl�sslich erwiesen.�</p><p>�Das bezweifele ich nicht�, erwiderte der Erzbischof. �Doch es bleibt bestehen, dass Ihr keine Beweise gefunden habt.�</p><p>Genau diese Mentalit�t eines Winkeladvokaten hatte Rinaldos Karriere in der Kurie beg�nstigt. Doch Uberto konnte nicht begreifen, wie der Papst einen so schwachen Menschen damit beauftragen konnte, den Prozess gegen die Tempelritter in Norditalien zu leiten, eine Aufgabe, die ganz andere Leute erfordert h�tte. Personen, die in Ausnahmesituationen schon einmal bereit waren, die Normen des �blichen Handelns zu �berschreiten. Leute wie ihn zum Beispiel.</p><p>�Wir haben keine Beweise gefunden, weil sich noch jemand in der Wohnung aufgehalten hat. Anstatt die T�r zu �ffnen, hat die Person Feuer gelegt und ist mit der Leiche �ber die D�cher geflohen.�</p><p>�Gibt es wenigstens daf�r Beweise?�, fragte Rinaldo gleichm�tig.</p><p>Sie befanden sich in dem Saal, in dem der Erzbischof wichtige G�ste empfing, und Uberto hatte dieses Zeichen von Respekt zufrieden bemerkt. Doch Rinaldo da Concorezzo machte keine Anstalten sich zu setzen, also musste auch er in diesem gro�en zugigen Raum stehen bleiben und frieren. Er hatte den Verdacht, dass der Erzbischof dies mit Absicht tat, und f�hlte, wie die R�te in seine Wangen stieg.</p><p>�Nein, Monsignore, wir haben keine absolute Sicherheit, dass sich jemand in der Wohnung aufgehalten hat, aber dennoch ��</p><p>�Wie k�nnt Ihr dann von Mord sprechen, von einem Pakt mit dem B�sen, einer Flucht �ber die D�cher mit einer Leiche auf dem R�cken? Das sind schwerwiegende Anschuldigungen, und ich bin nicht bereit, sie einfach so zu akzeptieren, solange konkrete Beweise fehlen, um sie zu untermauern.�</p><p>Uberto musste sichtbar an sich halten, antwortete dann aber gleichm�tig, dass es vermutlich einfacher w�re, wenn der Erzbischof ihm erlaubte, alles von Anfang an zu erz�hlen.</p><p>Rinaldo da Concorezzo ging zum offenstehenden Fenster und drehte sich dann so, dass ihm die warme Sonne des fr�hen Nachmittags auf den R�cken scheinen konnte.</p><p>�Erz�hlt denn, Vater�, sagte er.</p><p>Uberto begann mit dem anonymen Brief, der vor drei Abenden die Basilika San Domenico erreicht hatte. Der Verfasser hatte ihn unter der T�r des Konvents hindurchgeschoben, kr�ftig geklopft und war danach verschwunden. Es war nicht zum ersten Mal, dass sie auf diese Weise Informationen erhielten - immer von derselben Person verfasst, wie die Schrift der Briefe zeigte, und immer hatten sie sich als �u�erst n�tzlich erwiesen. Einige Tempelritter, die der ersten Verhaftungswelle entkommen waren, hatte man dank dieses geheimnisvollen Informanten festnehmen k�nnen.</p><p>�Habt Ihr nie herauszufinden versucht, um wen es sich handelte?�, fragte Rinaldo da Concorezzo.</p><p>�Wenn jemand uns tatkr�ftig unterst�tzt, es aber vorzieht, dabei anonym zu bleiben, Monsignore, sehe ich keinen Grund, Zeit und Mittel darauf zu verschwenden zu entdecken, wie er hei�t.�</p><p>Uberto bereute seine Worte umgehend. H�tte sich einer seiner M�nche in diesem Ton an ihn gewandt, w�rde er daf�r sorgen, dass dieser demn�chst in den entlegensten Winkeln der Christenheit das Wort des Herrn verbreiten konnte. Er musterte das Gesicht des Erzbischofs aufmerksam, um dort zu entdecken, welchen Preis er f�r seine Unversch�mtheit wohl bezahlen musste, und bemerkte, dass Rinaldo da Concorezzo so im Licht stand, dass man seine Augen nicht erkennen konnte. Er fragte sich noch einmal, ob der Erzbischof dies bewusst tat.</p><p>�Ich hingegen sehe sehr wohl einen Grund, keine anonymen Anzeigen oder Beschuldigungen entgegenzunehmen, Vater Uberto�, erwiderte Rinaldo k�hl. �Und damit auch Ihr ihn entdecken k�nnt, fordere ich Euch auf, dar�ber nachzudenken, w�hrend Ihr auf dem Friedhof Eurer Abtei Unkraut ausrei�t, und zwar einen ganzen Tag lang von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und ohne eine Pause, um zu essen, zu trinken oder Euch auszuruhen. Jetzt fahrt mit Eurer Erz�hlung fort und wagt es nicht noch einmal, es am geb�hrenden Respekt fehlen zu lassen.�</p><p>Uberto schluckte die Dem�tigung, froh, so billig davongekommen zu sein. Und nahm gleichzeitig eine wichtige Information auf. Die Strafe, die Rinaldo ihm auferlegt hatte, konnte kein Zufall sein. Jemand musste ihn �ber die S�uberungsaktion auf dem Friedhof informiert haben. Offenbar hatte der Erzbischof Spione in seinem Konvent. Er musste also demn�chst vorsichtiger vorgehen.</p><p>Inzwischen erz�hlte er mit m�glichst dem�tigen Worten, dass er sofort nach dem Erhalt dieses Briefs zum Podest� gegangen war, um bewaffneten Begleitschutz anzufordern, dann hatte er sich zu dem Haus begeben, in dem er nach Aussage des Briefes ein schreckliches Verbrechen vorfinden sollte. Angeblich war dort ein Tempelritter w�hrend eines Rituals get�tet worden, mit dem man Baphomet gn�dig stimmen wollte, jenen heidnischen G�tzen, den die Templer anbeteten. Doch kaum hatten die Wachen an die Haust�r geklopft, hatten sie Flammen aus einem Fenster im obersten Stockwerk schlagen sehen. Die Wachen hatten versucht, die T�r niederzurammen, aber dann war ein Nachbar, der im Erdgeschoss wohnte, herbeigeeilt und hatte ihnen ge�ffnet. Inzwischen war der Brand jedoch vollends ausgebrochen und der Weg nach oben versperrt. Als das Feuer unter Kontrolle war, hatte man in den �berresten der Wohnung nichts gefunden.</p><p>�Wem geh�rt dieses Haus?�, fragte Rinaldo.</p><p>�Einem Wollh�ndler, der �ber jeden Verdacht erhaben ist, Monsignore�, antwortete Uberto. �Aber er hatte die Wohnung im obersten Stockwerk an einen Medizinstudenten vermietet, einen gewissen Francesco Salimbene aus Imola. Wir vermuten, dass es sich um einen Templer handelt.�</p><p>�Ihr vermutet es? Steht sein Name denn nicht in den von Euch beschlagnahmten Listen?�</p><p>�Offensichtlich handelt es sich um einen falschen Namen, Monsignore�, sagte Uberto. �Au�erdem k�nnte er auch ein Fremder sein, dann w�rde er in den Listen von Bolognas Komturei nicht aufgef�hrt.� Er atmete tief durch und f�gte hinzu: �Aber vielleicht kennt ihn ja einer der verhafteten Templer. Und dies ist der Grund f�r meinen Besuch.�</p><p>�Wirklich? Werdet deutlicher, Vater.�</p><p>Uberto war �berzeugt, in der Stimme des Kirchenf�rsten einen Hauch Ironie ausgemacht zu haben, doch als er ihm forschend ins Gesicht blickte, konnte er wieder seine Augen im Gegenlicht nicht erkennen. Konnte es sein, dass ein Erzbischof der Kirche Christi sich �ber einen M�nch der Inquisition lustig machte?</p><p>�Ich bin gekommen, um dem�tig eine Bitte an Euch zu richten, derentwegen ich mich schon fr�her an Euch gewandt habe und der Ihr bisher Eure Zustimmung versagt habt. M�glicherweise werdet Ihr aber ��</p><p>�Sagt mir jetzt nicht, dass Ihr den weiten Weg nur deshalb gemacht habt, um wieder von mir zu verlangen, ich sollte die Folter zulassen!�, polterte Rinaldo aufgebracht. �Was bringt Euch zu der Annahme, dass ich zustimmen k�nnte, wenn ich Euch doch schon einmal erkl�rt habe, dass ich ganz und gar gegen diese Verh�rmethode bin?�</p><p>Nun, da der Erzbischof sein gutm�tiges Verhalten abgelegt hatte, war seinen Worten die ganze Autorit�t seines Amtes anzuh�ren. Uberto da Rimini glaubte dennoch fest daran, dass er �ber die richtigen Argumente verf�gte, um ihn zu �berzeugen.</p><p>�Monsignore, der Prozess wird in weniger als einem Monat abgeschlossen sein, und bis jetzt ist noch kein Beweis gegen die Templer ans Licht gekommen. Ich bin �berzeugt, unser Papst, Clemens V. ��</p><p>�Wagt es nicht, mit Eurem kleinen Geist den Willen des Stellvertreters Christi auf Erden auszulegen!�, donnerte Rinaldo, wandte sich vom Fenster ab und richtete sich zu seiner vollen Gr��e auf. �Solange ich f�r diesen Prozess verantwortlich bin, werde ich niemals zulassen, dass man mit Folter Gest�ndnisse erpresst. Ihr habt die Reise hierher vergeblich gemacht, Vater Uberto. Geht jetzt und vergesst Eure Bu�e nicht. Ich werde mir vom Prior berichten lassen, ob Ihr sie hinter Euch gebracht habt.�</p><p>Nach diesen Worten wandte er ihm den R�cken zu und nahm endlich auf einem der bequemen St�hle im Saal Platz.</p><p>�Es wird alles nach Eurem Willen geschehen, Monsignore�, sagte Uberto mit zusammengebissenen Z�hnen. Dann verneigte er sich leicht und ging. Nachdem er den Raum verlassen hatte, schloss er die T�r hinter sich.</p><p>Hastig lief er die Treppe hinunter, rief im Vor�bergehen einen Novizen zu sich und befahl ihm, die beiden Soldaten seiner Eskorte zu holen, die sicher in der K�che herumlungerten. Als die beiden M�nner erschienen, war er schon im Sattel. Sie stellten ihm lieber keine Fragen und sa�en ebenfalls auf.</p><p>Kurz darauf verlie� die kleine Gesellschaft die Burg durch das Tor und machte sich in leichtem Trab auf den R�ckweg nach Bologna.</p><p>Die Sonne war hinter einer grauen Wolkendecke verschwunden, die genau zu Ubertos d�sterer Laune passte. Dieses Gespr�ch war ein vollkommener Fehlschlag gewesen.</p><p>Nur ein Gedanke hob seine Laune ein wenig: Vielleicht konnte Guido Arlotti, der Mann, den er damit beauftragt hatte, Nachforschungen �ber Mondino anzustellen, etwas Interessantes herausfinden, wenn er die Totengr�ber befragte. Falls er konkrete Beweise gegen den Arzt bek�me, w�rde er ihn verhaften lassen und ihn mit allen Mitteln dazu bringen, ihm den Aufenthaltsort dieses Tempelritters zu verraten, der sich als Student ausgab. Dann w�rde er den Erzbischof eben vor vollendete Tatsachen stellen.</p><p>Uberto war kein Dummkopf, obwohl Rinaldo sich darauf versteifte, ihn wie einen solchen zu behandeln. Er wusste genau, dass man Beweise brauchte, um jemanden anzuklagen. Doch Beweise offenbarten sich nur dem, der wusste, wie er danach suchen sollte, dachte er und zog hart an den Z�geln, um sein Pferd daran zu hindern, dass es am Stra�enrand graste.</p><empty-line/><p>Gerardo lag auf dem Bett und starrte die Decke an, als die Erkenntnis, dass er unglaublich dumm gewesen war, ihn traf wie ein Hammerschlag. Die alte Filomena hatte ihm eine wichtige Information gegeben, und er hatte es nicht bemerkt.</p><p>Er stand sofort auf, streifte hastig seine Beinlinge und das Obergewand �ber und verga� auch das �ppige Barett mit der Falte nicht, das ihm in die Stirn fiel und so sein Gesicht verbarg. Er verlie� sein Zimmer und ging leisen Schrittes in Richtung Eingangst�r, damit die Hauswirtin nicht auf ihn aufmerksam wurde, die ihm gegen�ber sehr freundlich und m�tterlich geworden war, seit sie einen Monat Miete im Voraus erhalten hatte.</p><p>Dennoch fing ihn die Hauswirtin im Flur ab und hielt ihn auf, um mit ihm �ber die Unterwerfung von Lodi und Cremona durch Heinrich den Siebten und die k�rzlich begonnene Belagerung von Brescia zu sprechen.</p><p>�Glaubt Ihr, dass er bis zu uns kommen wird?�, fragte ihn die Frau. �Ich zittre schon bei dem Gedanken, dass sich die Ereignisse unter Barbarossa wiederholen k�nnten.�</p><p>�Das wird nicht geschehen. Ich glaube kaum, dass Heinrich, selbst wenn es ihm gelingen sollte, Brescia zu unterwerfen, dann auch nach Bologna kommen w�rde. Aber selbst wenn er es t�te, w�rden wir ihm schon den passenden Empfang bereiten.�</p><p>Gerardo lie� dieses Gespr�ch eigentlich vollkommen gleichg�ltig, dennoch hatte er mit Inbrunst geantwortet. Die Vorstellung, Bologna in die H�nde eines ausl�ndischen Kaisers geben zu m�ssen, lie� ihn erschaudern. Die Frau strahlte und dankte ihm mit einem lauten Lachen, das ihr Doppelkinn zum Zittern brachte. �So sprechen tapfere M�nner. Solange wir auf junge Leute wie Euch z�hlen k�nnen, wird Bologna nie fallen.�</p><p>Pl�tzlich h�rte man eines ihrer kleinen Kinder in einem anderen Raum weinen. Das lenkte die B�ckersfrau ab, und Gerardo nutzte die g�nstige Gelegenheit, um mit einem hastigen Gru� und einem fl�chtigen L�cheln zu verschwinden. Eilig machte er sich auf den Weg zu der Kirche der Heiligen Filippo und Giacomo di Savena im Viertel San Giacomo. Dort hatten sich die Augustiner auf einem Platz, der an die Via San Donato angrenzte, niedergelassen, w�hrend sie darauf warteten, dass ihre neue Basilika, die nicht weit von dort entfernt gebaut wurde, bald fertiggestellt w�rde.</p><p>W�hrend er �ber die beinahe menschenleeren, in das weiche Nachmittagslicht getauchten Stra�en lief, �berkam Gerardo eine altvertraute Traurigkeit. Er h�tte niemals zugegeben, dass er den Sonntag, den Tag des Herrn nicht mochte, aber es war so. Seit seiner Kindheit war dies f�r ihn immer ein unausgef�llter, langweiliger Tag gewesen, an dem man nichts Interessantes unternehmen konnte und von zu vielen Erwachsenen umgeben war. An den Werktagen konnte man sich viel freier und leichter f�hlen. Und dieser seltsame Eindruck hatte ihn auch nicht verlassen, seit er ein Mann geworden war.</p><p>Als er an der Fischhandlung der Familie Asinelli an der Porta Ravegnana vorbeikam, hielt er sich wegen des Geruchs nach verdorbenem Fisch die Nase zu, der die Luft verpestete, obwohl der Laden geschlossen war. Er erreichte die Pforte des Konvents, klopfte, und als ein Novize am Fenster erschien, sagte er, er wolle mit Pater Francesco sprechen. Der junge Mann wies ihn an zu warten und schloss das Fenster wieder.</p><p>W�hrend er vor der verschlossenen T�r stand, wurde Gerardo bewusst, dass er sich gar keinen Plan zurechtgelegt hatte. Er war sofort zum Konvent geeilt, sobald ihm seine eigene Unachtsamkeit aufgefallen war, um den Priester zu zwingen, ihm alles zu sagen, was er �ber Angelo da Piczano wusste. Wenn Angelo sich wirklich bei der Alten auf ihn berufen hatte, mussten sie sich offensichtlich getroffen haben. Vielleicht konnte ihm Pater Francesco eine n�tzliche Spur entdecken, um diesen Mord aufzukl�ren. Aber der M�nch w�rde sicher nicht reden, da er eine Leidenschaft mit Angelo teilte, die ihn auf den Scheiterhaufen bringen konnte. Er konnte nur eines versuchen, �berlegte Gerardo, und das war, ihn in einen einsamen Teil des Konventes zu locken und ihn dort unter Einsatz seines Dolches und des Umstands, dass er sein Geheimnis kannte, zu Tode zu erschrecken.</p><p>Je l�nger er warten musste, desto besorgter wurde er. Was war, wenn dieses Weibsst�ck den M�nch gewarnt hatte? Vielleicht hatte sich der Priester nun eilig auf eine Pilgerfahrt begeben oder in ein anderes Kloster, um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Nein, das konnte nicht sein. Gerardo konnte sich nicht vorstellen, dass diese Frau, die so h�sslich war wie die S�nde und behaart wie ein Tier, zu einem ihrer Stammkunden ging, um ihm zu gestehen, dass sie ihn verraten hatte. Was h�tte sie denn davon? Es war wesentlich wahrscheinlicher, dass sie beschlossen hatte, unbemerkt zu verschwinden. Vermutlich war sie bereits irgendwo an einem sicheren Ort, um jenes Geld auszugeben, das sie mit ihrem sch�ndlichen Handel verdient hatte, und vielleicht, was Gott verhindern m�ge, ihn von neuem zu beginnen.</p><p>Endlich �ffnete sich das Fensterchen wieder, und in der �ffnung erschien das bartlose Gesicht des Novizen. �Leider geht es Bruder Francesco nicht gut�, sagte er. �Er schl�ft, und mir wurde gesagt, dass er nicht geweckt werden d�rfe.�</p><p>�Was ist denn mit ihm?�</p><p>�Nichts Au�ergew�hnliches�, erwiderte der junge Mann, �sein Hodenbruch hat ihm heute Nacht wieder starke Schmerzen bereitet. Man hat ihn deshalb in die Krankenstation gebracht, wo unser Apotheker ihm einen Schlaftrunk verabreicht hat.� Er l�chelte Gerardo entschuldigend an. �Deshalb habe ich Euch so lange warten lassen. Ich habe ihn nirgendwo gefunden.�</p><p>�Das verstehe ich�, meinte Gerardo. �Ich werde an einem der n�chsten Tage wiederkommen.�</p><p>�Soll ich ihm sagen, dass Ihr nach ihm gefragt habt, wenn er aufwacht?�</p><p>Gerardo versuchte seinen Worten einen festen Klang zu verleihen. �Nein danke. Er soll sich besser in Frieden erholen, wenn er kann.�</p><p>Das Gasthaus lag direkt hinter der Basilika Santo Stefano, in einer kurzen, dunklen, schlammigen Gasse. Mondino zeigte mit unbewegtem Gesicht dem Soldaten, der auf einer T�rstufe sa�, seine Erlaubnis vor.</p><p>�Ich muss die Leiche des Deutschen sehen�, sagte er. �Befehl des Capitano del Popolo.�</p><p>Alles war einfacher gewesen als gedacht. Er war zum Palazzo des Podest� gegangen, wo er einen befreundeten Richter gefunden hatte, der ihn sofort zu Pantaleone Buzacarini, dem Capitano del Popolo, gef�hrt hatte, ohne dass er erst im Vorzimmer warten musste. Mondino hatte erkl�rt, dass es ihm f�r seine anatomischen Studien n�tzlich sei, wenn er diesen seltsamen Toten sehen k�nnte, und der Capitano, ein Ghibelline wie er, hatte ihm auf der Stelle die Genehmigung erteilt. �Wir k�nnen uns nicht mit der Inquisition anlegen�, hatte er gesagt. �Deshalb werden wir keine Untersuchungen von Amts wegen �ber diesen Fall anstellen, solange sie uns nicht darum bitten. Aber ein Arzt ist kein Richter, und gegen wissenschaftliche Neugier k�nnen sie nichts sagen.�</p><p>Es war klar, was er damit meinte: Ihm waren die H�nde gebunden, aber es freute ihn, wenn ein weltlicher B�rger sich dort einmal umsah. Und so hatte er ihm eine Erlaubnis ausgestellt, sie unterschrieben und mit zweierlei Siegeln versehen: seinem pers�nlichen und dem des Volkes mit einem Brustbild des heiligen Petrus.</p><p>Der Soldat tat nicht einmal so, als k�nne er das Dokument lesen, aber er sah sich beide Siegel sorgf�ltig an. Schlie�lich meinte er zufrieden: �Meinetwegen geht hinein. Aber Ihr m�sst erst noch die beiden M�nche �berzeugen, die das Zimmer bewachen.�</p><p>�Wei�t du, wie der Tote hei�t?�, fragte Mondino.</p><p>�Wilhelm von Trier, hat man mir gesagt.�</p><p>�Wie hat man herausgefunden, dass er Tempelritter ist?�</p><p>Der Mann zuckte die Achseln. �Ich glaube, er trug einen Brief bei sich. Der Wirt kann Latein, und als er ihn in seinem Gep�ck gefunden hat, ist er schnurstracks zu den M�nchen gelaufen.�</p><p>Mondino nickte und ging die Holztreppe in den ersten Stock hinauf. Er begriff sofort, um welches Zimmer es sich handelte, weil zwei blutjunge, ziemlich ver�ngstigt wirkende Dominikaner vor der T�r standen. Sie sagten ihm, dass sie den Befehl h�tten, niemanden vorbeizulassen, aber Mondino tat so, als h�tten sie nichts gesagt, dr�ckte die T�r auf und betrat den Raum. Die beiden M�nchlein z�gerten einen Augenblick zu lang, was Mondino nutzte, um die T�r hinter sich zu schlie�en und den Riegel vorzulegen. Dann holte er eine mit getrockneten Lavendelbl�ten gespickte halbe Orange aus der Tasche, die er benutzte, um den Gestank nach Krankheit und Tod zu bek�mpfen, und dr�ckte sie unter seine Nase, ohne auf die Schreie der beiden jungen M�nner zu achten, die ihm befahlen, er solle sofort den Raum verlassen.</p><p>Liuzzos Beschreibung hatte ihn nicht auf das vorbereitet, was er jetzt vor sich sah. Er hatte erwartet, etwas in der Art vorzufinden wie das, was er bereits kannte. Nat�rlich gab es �hnlichkeiten - aber diesmal war der M�rder wesentlich brutaler vorgegangen: Der Leichnam sa� aufrecht im Bett, den R�cken an die Wand gelehnt. Es handelte sich um einen alten, d�rren Mann mit vorspringendem Kinn. Er trug kein Hemd, so dass sein ge�ffneter Brustkorb die obsz�ne Verwandlung seines Herzens enth�llte. Doch damit hatte sich der geheimnisvolle M�rder dieses Mal nicht begn�gt. Er hatte auch das Gesicht seines Opfers verunstaltet, indem er ihm von der Stirn bis zum Kinn und �ber die Nase von einer Wange zur anderen ein Kreuz in die Haut geschnitten hatte. Ein entsetzlicher Anblick.</p><p>�berall klebte Blut: auf den Armen, dem Gesicht des Toten, auf seinen Haaren, auf dem wei�en Bart, den Leinenbeinlingen, den W�nden und nat�rlich auf dem Strohsack, der damit durchtr�nkt war.</p><p>Etwas fiel Mondino sofort ins Auge: Obwohl man anhand der Fu�spuren im blutigen Staub erkennen konnte, dass etliche Menschen den Raum betreten haben mussten, hatte offensichtlich keiner von ihnen den Toten angefasst. Die Frau, die ihn entdeckt hatte, die Passanten, die ihr zu Hilfe geeilt waren, als sie auf die Stra�e gelaufen war, und die M�nche, die gekommen waren, um sich alles anzuschauen - niemand hatte gewagt, diese makabre Inszenierung zu zerst�ren. Weshalb, konnte Mondino nicht genau sagen - wohl aus Angst vor dem Satan oder weil sie dachten, dass sie eine bestimmte Bedeutung haben musste.</p><p>Ganz offensichtlich verbarg sich hinter dem Verbrechen wie auch dem Mord an Angelo da Piczano eine symbolische Bedeutung. Das in Eisen verwandelte Herz sollte wohl etwas sagen, genau wie die abgeschnittenen H�nde von Angelo und das Kreuz auf Wilhelm von Triers Gesicht.</p><p>Den Sinn dieser Verst�mmelungen zu entr�tseln k�nnte Mondino und Gerardo helfen, den T�ter zu finden.</p><p>Der Gedanke an Gerardo brachte ihn auf. Wo war der ungl�ckselige Kerl jetzt, wo er ihn brauchte?</p><p>Mondino befahl sich, keinen sinnlosen Gedanken nachzuh�ngen. Er spitzte die Ohren. Von der anderen Seite der T�r war nichts zu h�ren. Falls die beiden losgerannt waren, um Hilfe zu holen, blieb ihm wenig Zeit.</p><p>Er sah sich rasch den ganzen Raum an und musterte aufmerksam jeden einzelnen Gegenstand. Er machte sich nicht erst die M�he, die Quers�cke des Toten zu durchsuchen. Es war anzunehmen, dass der Wirt dies schon getan hatte, und sollte er au�er dem Brief noch etwas Wichtiges entdeckt haben, befand es sich nun entweder in seinem Besitz oder in den H�nden der Dominikaner.</p><p>Da durchzuckte Mondino eine Eingebung, und er entschloss sich, den Toten selbst zu durchsuchen. Wenn es noch etwas zu entdecken gab, irgendetwas, das ihn auf die Spur des M�rders und seines alchimistischen R�tsels f�hren konnte, konnte es sich nur direkt am K�rper des Toten befinden. Und es w�re auch noch da, weil bisher niemand den Mut gehabt hatte, ihn zu ber�hren.</p><p>Dank seiner langen Erfahrung mit dem Tod empfand Mondino keinen Ekel, als er die Leiche des Deutschen sorgf�ltig abtastete. Kurz darauf f�hlte er eine Ausbeulung auf H�he des G�rtels. Er schob eine Hand zwischen Stoff und Haut und fand so in einer innen in den Leinenbeinlingen angen�hten Tasche ein hochwertiges, weiches und sorgsam zusammengerolltes St�ck Pergament und etwas Hartes, das sich, als er es herausholte, als skelettierter, menschlicher Finger erwies, dessen Adern wie das Herz in der Brust des Toten in Eisen verwandelt worden waren. Doch der Finger geh�rte nicht zu ihm. Ein rascher Blick auf die H�nde der Leiche best�tigte, dass keiner fehlte.</p><p>Mondino �berlegte, dass er vielleicht von Angelo da Piczano stammen k�nnte, dem die H�nde gefehlt hatten. Aber ihm blieb keine Zeit, sich in Vermutungen zu verlieren. Jeden Moment konnte jemand erscheinen.</p><p>Er entrollte das Pergament und stellte fest, dass es sich um eine Landkarte handelte mit Zeichen, die wohl W�lder und Berge darstellen sollten. Neben der Karte selbst gab es eine Reihe von Symbolen, wie er sie noch nie gesehen hatte, und einen mit roter Tinte gezeichneten, von einigen arabischen Buchstaben umgebenen Punkt. Im genauen Bewusstsein, dass er sich damit eines weiteren Verbrechens schuldig machte, steckte Mondino die Karte und den eisernen Finger in seine Tasche, dann riss er pl�tzlich die T�r auf und erschreckte damit die beiden M�nche, die reglos im Flur stehen geblieben waren, steckte die halbe Orange wieder in seine Tasche und lief die Treppen hinunter.</p><p>M�glicherweise war er auf etwas Wichtiges gesto�en, aber das konnte er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Mehr als je zuvor w�nschte er sich brennend, das Geheimnis zu erfahren, mit dem man Blut in Metall verwandeln konnte; aber jetzt war es am vordringlichsten, den M�rder zu entdecken, bevor die Kirche ihn fand. Dieser Mann - falls es sich wirklich um einen einzelnen T�ter handelte - stellte eine ernstzunehmende Gefahr dar, und es gab nur einen sicheren Weg, ihn am Reden zu hindern �</p><p>Mondino fand den Gedanken allerdings unertr�glich, kaltbl�tig einen Mann zu t�ten, selbst wenn es sich dabei um einen M�rder handelte, der bereits zwei Menschen auf eine gelinde gesagt schreckliche Weise umgebracht hatte.</p><p>Er gr��te die Wache mit einem Nicken, ging mit schnellen Schritten durch die Haust�r und prallte unter den Arkaden so heftig gegen einen Obstverk�ufer, dass der beinahe hinfiel. Dennoch entschuldigte sich der Mann bei ihm, eingesch�chtert durch den roten Talar und den mit Eichh�rnchenfell besetzten Umhang, den Mondino f�r das Bankett angezogen hatte.</p><p>W�hrend er sich mit hastigen Schritten in der Menge verlor, die den Platz f�llte, ermahnte sich Mondino, nicht daran zu denken, was sie tun w�rden, wenn sie den M�rder erst einmal hatten. Zuerst musste er gefunden werden. Dann w�rde er gemeinsam mit Gerardo eine Entscheidung f�llen.</p><p>In seinem Leben hatte es noch nie so viele Dinge auf einmal gegeben, �ber die er besser nicht nachdachte.</p></section><section><title><p><strong>F�NF</strong></p></title><empty-line/><p><strong>M</strong>ondino war fr�h aus dem Haus gegangen. An diesem Tag h�tte er eigentlich Vorlesung halten m�ssen, aber er wollte vorher noch mit einem anderen Alchimisten sprechen. Es gelang ihm, sich nicht von den fliegenden H�ndlern aufhalten zu lassen, die die Stra�en verstopften und Waren aller Art feilboten. Stattdessen lief er zielstrebig unter dem Bogengang die gesamte Via San Donato hindurch, bis er schlie�lich zu dem frei stehenden Haus kam, das sich an die Pf�hle der <emphasis>Circla</emphasis> anschloss, wo der gesuchte Mann angeblich lebte. Mondino fand ihn im Hof, wo er die H�hner mit den Schalen von Saubohnen f�tterte. Er war eine beeindruckende Erscheinung mit dichtem schwarzem Haar und gro�en kastanienbraunen Augen. Man hatte Mondino gesagt, dass er sich gern dem Alkohol ergab. Um dieses Problem zu umgehen, war der Arzt so zeitig am Morgen zu ihm gegangen - aber offensichtlich war er trotzdem zu sp�t gekommen. Die Augen des Alchimisten wirkten getr�bt, und er musste sich bem�hen, ihm sein Anliegen verst�ndlich zu machen. Als der Alchimist endlich nickte und Mondino in sein Laboratorium f�hrte, hingen dort trotz des ge�ffneten Fensters dichte Schwaden von frisch destilliertem Alkohol in der Luft. Auch die H�hner schienen unter der Wirkung zu leiden, denn sie scharrten mit reichlich unsicheren Krallen in einem furchtbaren Durcheinander aus Zangen, H�mmern und verschiedenerlei Werkzeugen. Oben im Kamin hing an einem Haken ein Topf, in dem Bohneneintopf brodelte. Auf einer Steinplatte brannte ein kleines Kohlefeuer, und dar�ber erhob sich ein merkw�rdig geformter Destillierapparat. Mondino hatte so etwas noch nie gesehen. Die verschiedenen Teile, also der genietete Kupferkessel, das Steigrohr und das K�hlgef��, waren hier �bereinander und nicht wie sonst nebeneinander angeordnet. Der Gegenstand wirkte gedrungener als die normalen Destillierapparate mit Schlangenk�hler, sah aber �u�erst funktionell aus.</p><p>�Er hei�t <emphasis>alquitara</emphasis>�, sagte der Alchimist, als er Mondinos Interesse bemerkte. �Weil der K�hler direkt �ber dem Steigrohr sitzt, kann der Dampf sofort kondensieren und in das Sammelgef�� tropfen.�</p><p>�Dem Namen nach scheint es eine arabische Erfindung zu sein�, meinte Mondino. �Ich habe schon Destillierapparate aus diesen L�ndern gesehen, aber noch keinen wie den hier.�</p><p>�Mir ging es ebenso, aber ich versichere Euch, dass er besser arbeitet als die herk�mmlichen. Ich habe ihn von einer Kr�uterhexe, einer konvertierten Araberin, die sich mit ihren Liebestr�nken und anderen magischen Gebr�uen ihren Lebensunterhalt verdient. Sie hat ihn mir im Tausch gegen ein Buch �berlassen. Doch sagt mir, was ist der Grund Eures Besuchs?�</p><p>Der Alchimist starrte ihn aus seinen gro�en, leicht getr�bten Augen an und r�lpste laut. Jetzt stand zweifelsfrei fest, dass er das <emphasis>aquae vitae</emphasis>, welches er in dem Destillierapparat brannte, nicht zu alchimistischen Zwecken nutzte. Mondino fiel ein, dass er nun wenigstens eindeutigere Fragen nach dem Tod des deutschen Tempelritters stellen konnte, ohne gleich Verdacht zu erregen.</p><p>�Ihr habt bestimmt schon von dem seltsamen Tod dieses Mannes in Santo Stefano geh�rt�, sagte er.</p><p>�Wer hat das nicht? Die Nachricht hat in der gesamten Stadt die Runde gemacht. Aber ich halte das f�r v�lligen Unsinn.�</p><p>�Weshalb denn?�</p><p>�Weil ich ein Alchimist bin, Messere, und daher sehr genau wei�, dass man das Herz eines menschlichen Wesens nicht in ein St�ck Eisen verwandeln kann.�</p><p>�Seid Ihr Euch da absolut sicher?�</p><p>Der Mann richtete sich auf, und es gelang ihm sogar, ihn mit fast klarem Blick anzusehen, ehe er antwortete. �Absolut. Aber Ihr habt mir immer noch nicht den Grund Eures Besuchs genannt.�</p><p>Der Mann wusste nichts. Nun war es nicht mehr notwendig, etwas preiszugeben. Mondino sah sich auf der Suche nach einer Ausrede um, dabei fiel sein Blick wieder auf die <emphasis>alquitara</emphasis>. �Ich w�rde gerne einen Destillierapparat wie diesen hier kaufen�, sagte er. �An wen kann ich mich deswegen wenden?�</p><p>�Vielleicht an dieselbe Person, von der ich ihn erworben habe. Aber ich muss Euch warnen, das ist eine seltsame Frau.�</p><p>�Die Kr�uterhexe?� Mondino hatte noch nie eine pers�nlich getroffen, aber er konnte sich sehr gut vorstellen, dass gewiss alle Kr�uterhexen merkw�rdige Frauen waren.</p><p>�Hmm. Aber seid Ihr wirklich deswegen gekommen?�</p><p>Mondino nickte nur, ohne weiter ins Detail zu gehen. Ihm war gerade etwas eingefallen. �Diese Frau spricht Arabisch, nicht wahr?�, fragte er nach.</p><p>�Mit mir hat sie in <emphasis>Volgare</emphasis> geredet�, sagte der Mann achselzuckend. Er ging zum Kamin und r�hrte mit einem langen L�ffel die Suppe um.</p><p>�Aber Arabisch spricht sie auch.�</p><p>�Ich denke schon�, antwortete der Alchimist verkniffen. �Sie ist Araberin.�</p><p>�Und sie kann lesen, schlie�lich habt Ihr ihr ein Buch gegeben�, sagte Mondino mehr zu sich selbst. Dann etwas lauter: �Wisst Ihr, wo sie wohnt?�</p><p>Der Mann konnte sich nicht konzentrieren und lie� seinen Blick st�ndig zwischen dem Kessel und dem Destillierapparat hin- und herwandern. �Sie wohnt an der Bova�, sagte er. �Ich wei� nicht genau wo, aber dort in der Gegend m�sste man sie kennen. Sie hei�t Adia Bintaba. Wenn Ihr mich jetzt entschuldigen wollt ��</p><p>Mondino verlie� das Haus und machte sich mit einem L�cheln auf den Lippen auf den Weg zur Medizinschule. Er w�rde diese Frau bitten, ihm die arabischen S�tze auf der Karte zu �bersetzen. Und er war �berzeugt, dass sie wertvolle Informationen enthielten.</p><empty-line/><p>Gerardo kam gegen Ende der Vorlesung. Er n�herte sich von au�en einem Fenster, schlug das Tuch zur Seite, das die n�tzliche Aufgabe erf�llte, Luft ins Zimmer hereinzulassen und gleichzeitig den Studenten den Blick nach drau�en zu verwehren, damit sie nicht vom Geschehen auf der Stra�e abgelenkt w�rden, und winkte Mondino einen Gru� zu, unbemerkt von den Studenten, die �ber Abschriften aus Avicennas Kanon der Medizin gebeugt sa�en.</p><p>Mondino starrte ihn einen Augenblick mit einer Mischung aus �berraschung, Wut und Erleichterung an, dann dozierte er weiter. Er hatte die <emphasis>lectio</emphasis> schon beendet, jetzt war die Zeit der <emphasis>quaestiones</emphasis> gekommen, der Fragestunde. Gerardo lie� das Tuch wieder sinken und wartete. Obwohl er nie wirklich studiert hatte, fehlte ihm die Universit�tswelt auf einmal. Seine ersten Vorlesungen lagen schon Jahre zur�ck, aber er erinnerte sich noch ganz genau daran, wie ihm Mondino mit der gleichf�rmigen Stimme eines Mannes, der das, was er gerade erkl�rt, schon viele Male wiederholt hat, erl�uterte, wie man Fragen nach den aristotelischen Ursachen stellt, dem Schema, dem schon sein Lehrer, Taddeo Alderotti, gefolgt war: �Ihr m�sst zuerst an die Stoffursache, beziehungsweise den Stoff der Untersuchung denken, dann an die Formursache oder die Form, in der sich der Gegenstand zeigt, danach an die Wirkursache, oder den Urheber des Werkes, und schlie�lich an die Zweckursache, also das Ziel oder der Zweck des gew�hlten Themas. Hierauf werde ich eine Reihe von <emphasis>dubita</emphasis> formulieren, auf die dann die <emphasis>disputatio</emphasis> folgt und schlie�lich die <emphasis>solutio</emphasis>.�</p><p>Die Erinnerung an diese bestimmt nicht gl�cklichen, aber im Vergleich zur Gegenwart gewiss nicht so schwierigen Tage half Gerardo dabei, sich die Zeit zu vertreiben, und pl�tzlich ging die Vorlesung zu Ende.</p><p>Mondino kam als Letzter heraus, eine ganze Weile nach den Studenten, als der Pedell bereits begonnen hatte, den H�rsaal aufzur�umen, und schlug, ohne sich umzusehen, den Weg Richtung Piazza Maggiore ein. Gerardo lie� ihn etwa ein Dutzend Schritte vorausgehen, ehe er sich zu ihm gesellte. Er wollte ihn gerade begr��en, als der Arzt sich ruckartig zu ihm umdrehte.</p><p>�Du hast dir ja Zeit gelassen�, sagte er, und man h�rte ihm seine Wut an. �Ich habe inzwischen schon das Schlimmste bef�rchtet.�</p><p>�Ich bitte Euch, mir zu verzeihen, Meister. Gehen wir an einen Ort, wo es etwas ruhiger ist, dann erkl�re ich Euch alles. Ich muss dringend mit Euch sprechen.�</p><p>�Auch ich muss mit dir reden�, erwiderte Mondino in einem Ton, als ob nichts ihm unangenehmer w�re. �Aber ich muss jetzt beim Schmied eine chirurgische Gabel abholen, die ich dringend ben�tige. Begleite mich, wir werden uns auf dem Weg dorthin unterhalten.�</p><p>�Wie Ihr w�nscht, Magister�, antwortete Gerardo.</p><p>�Und lass diese alberne Ehrerbietung und nenn mich nicht Magister, zumindest wenn wir unter uns sind. Ich bin nie dein Lehrer gewesen, denn du bist nicht in meine Vorlesungen gekommen, um etwas zu lernen, sondern nur, um dich zu verstecken.�</p><p>�Magister�, sagte Gerardo ruhig, �Ich schulde Euch sehr viel, weil Ihr mir geholfen habt, und allein aus diesem Grund verdient Ihr allen Respekt, den ich Euch entbieten kann. Au�erdem sollten wir weiter vorgeben, Lehrer und Student zu sein, denn das ist der beste Weg, nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen, selbst wenn ich Eure Vorlesungen nicht mehr besuche.�</p><p>Mondino schwieg kurz, schlie�lich nickte er beinahe widerwillig. Gerardo folgte ihm, w�hrend er die Stra�e �berquerte, wobei er darauf achtete, sich die F��e nicht mit Kot zu beschmutzen. Kurz darauf erreichten sie den Bogengang vor ihnen, der Meister ging voran, der Student dahinter hielt einen halben Schritt Abstand.</p><p>Mondino fragte ihn, was er in diesen Tagen getan hatte, und der junge Mann erz�hlte ihm von dem Zimmer, das er im Borgo del Rondone gemietet hatte und von seinem Besuch beim Bankier, aber nichts von dem Gefallen, um den er ihn bitten wollte, denn dies war nicht der passende Zeitpunkt. Stattdessen sprach er von Filomena und von Masino, von seinem Besuch im Haus der Frau und dem Grauen, das er empfunden hatte.</p><p>�So langsam glaube ich, dass Angelo da Piczano diesen schrecklichen Tod verdient hat�, meinte er abschlie�end. �Aber am meisten qu�lt mich jetzt, dass ich nicht wei�, wie ich den Jungen retten k�nnte. Filomena hat es mit der Angst zu tun bekommen und ist an einen unbekannten Ort geflohen.�</p><p>�Und was ist mit dem M�nch, von dem du mir erz�hlt hast?�, fragte Mondino, w�hrend er vor Gerardo herlief, ohne sich umzudrehen. �Ich glaube, ich wei�, um wen es sich handelt. Wenn ich mich nicht irre, ist sein Vetter der Baumeister, der die Arbeiten an der neuen Basilika San Giacomo Maggiore in der Via San Donato leitet.�</p><p>�Pater Francesco.� Gerardo sprach den Namen ver�chtlich aus. �Ich habe gestern versucht, ihn aufzusuchen, aber er lag in der Krankenstation des Klosters, und man hat mich nicht zu ihm gelassen.�</p><p>Als sie die Piazza Maggiore �berquerten, kamen sie am Palazzo des <emphasis>Podest�</emphasis> vorbei. Rechts von ihnen standen einige H�user, die man schon seit l�ngerem abrei�en wollte, um an ihrer statt eine gro�e Basilika zu Ehren des heiligen Petronius zu errichten.</p><p>�Was hat er?�, fragte Mondino.</p><p>�Soweit ich verstanden habe, leidet er an einem Hodenbruch. Eine zu milde Strafe f�r seine S�nden. Auch deswegen wollte ich mit Euch sprechen.�</p><p>��ber seinen Bruch?� Mondino blieb stehen und drehte sich zu seinem ehemaligen Sch�ler um. Sein Blick war alles andere als wohlwollend.</p><p>Gerardo fasste sich ein Herz. �Nun ja�, antwortete er leise, damit die Passanten und die fliegenden H�ndler, die sich auf dem Platz dr�ngten, ihn nicht h�ren konnten. �Meiner Meinung nach k�nnte die Untersuchung durch einen ber�hmten Arzt, wie Ihr es seid, ein guter Weg sein, ihn unter vier Augen zu sprechen und zum Reden zu bringen. Er k�nnte etwas Wichtiges �ber Angelo da Piczano wissen. Und vielleicht auch �ber Filomena.�</p><p>�Deiner Meinung nach!�, fuhr der Arzt auf. �Und wer bist du, dass du mir sagen willst, was ich tun soll?�</p><p>Gerardo schaute sich um und bemerkte, dass einige Leute sich nach ihnen umgedreht hatten.</p><p>�Wir erregen Aufmerksamkeit�, sagte er und schenkte den Neugierigen ein bes�nftigendes L�cheln. �Nun gut, wenn Ihr mir nicht helfen wollt, werde ich einen anderen Weg finden, um mit diesem verkommenen M�nch zu reden.�</p><p>Mondino setzte sich wieder in Bewegung, Gerardo folgte ihm, und nach ein paar Schritten achtete niemand mehr auf sie. Auf der anderen Seite des Platzes bogen sie in die Via delle Pescherie mit ihren Fischl�den ein, und lie�en den Seidenmarkt und den Cornacchina-Turm rechter Hand liegen. Erst dann richtete der Arzt wieder das Wort an ihn.</p><p>�Das mit der Untersuchung ist eine gute Idee�, sagte er, noch immer stur geradeaus schauend. Er schien nicht mehr w�tend zu sein.</p><p>�Dann werdet Ihr dorthin gehen?�, fragte Gerardo. Der Gestank von verfaultem Fisch, der hinter den Verkaufstheken der H�ndler aufstieg, war so durchdringend, dass er ihn beinahe vor sich zu sehen glaubte.</p><p>�Ja. Aber jetzt gibt es Wichtigeres, �ber das wir uns unterhalten m�ssen. Hast du von dem zweiten ermordeten Templer geh�rt?�</p><p>Gerardo zuckte zusammen. �Noch ein Tempelritter? Davon wei� ich nichts.�</p><p>Vor einem der ber�hmtesten Fischl�den der Stadt gr��te Mondino mit einer h�flichen Verbeugung die Ehefrau eines Lambertazzi, eine seltsame Frau, die sich pers�nlich auf den Markt begab, um die M�gde beim Einkaufen zu �berwachen, dann informierte er Gerardo �ber den Tod Wilhelms von Trier und dar�ber, dass er seine Leiche vor den Inquisitoren untersuchen konnte, wobei er es ihm gelungen war, eine Karte mit alchimistischen Symbolen an sich zu bringen.</p><p>�Eine Karte? Wovon?�</p><p>�Das wei� ich noch nicht. Wir werden sp�ter dar�ber sprechen, wenn ich sie dir zeige. Seit gestern trage ich sie mit mir herum, weil ich darauf rechnete, dich zu treffen. Jetzt ist viel wichtiger, dass unser M�rder ein weiteres Opfer get�tet hat. Zahlreiche B�rger haben den Leichnam des Deutschen gesehen, und die Geschichte, dass er einen Eisenblock anstelle des Herzens in der Brust hatte, ist mittlerweile in aller Munde.�</p><p>�Hat man ihm ebenfalls die H�nde abgetrennt?�</p><p>�Nein. Aber in sein Gesicht war ein blutiges Kreuz eingeschnitten. Sagt dir das etwas?�</p><p>�Nein, nichts, abgesehen von der Tatsache, dass diese Morde uns etwas mitteilen sollen. Die H�nde, das Kreuz, das eiserne Herz � Das sind alles Symbole. Aber wof�r?�</p><p>�Wenn wir das herausfinden�, antwortete Mondino d�ster, �lernen wir vielleicht auch den M�rder kennen.�</p><p>Ein Holzf�ller, dessen R�cken unter der Last des f�r seine Schultern viel zu schweren Stapels tief gebeugt war, schob sich zwischen sie. Gerardo musste um ihn herumgehen und holte Mondino auf H�he eines B�ckerladens ein, aus dem ein Duft nach Brot und Gew�rzen aufstieg. Er war davon �berzeugt, dass diese Unterhaltung, die immer wieder von der Menge und dem L�rm um sie herum unterbrochen wurde, Mondinos Art war, sich an ihm zu r�chen, weil er sich nicht wie vereinbart bei ihm gemeldet hatte.</p><p>�Meister�, versuchte er zu sagen. �Es ist unklug, von diesen Dingen in aller �ffentlichkeit zu sprechen.�</p><p>�Ganz im Gegenteil�, antwortete der Arzt, der weiterhin einen halben Schritt voraus ging. �Wir w�rden mehr Aufmerksamkeit erregen, wenn wir uns in irgendeine Taverne zur�ckz�gen, um dort zu reden.�</p><p>Gerardo teilte seine Meinung nicht, aber er wollte nicht weiter in seinen Meister dringen. Mondino hatte einen schwierigen Charakter, und er brachte ihn besser nicht gegen sich auf, vor allem, weil er ihn noch um diesen einen Gefallen bitten wollte.</p><p>Sie bogen in eine ruhigere Seitenstra�e ab, und kurz darauf betraten sie einen weitl�ufigen, sauberen Hauseingang, in dem man nur das metallische Ger�usch einer Feile h�rte.</p><p>Gerardo nutzte diesen Moment der Ruhe, um die Unterhaltung wieder aufzunehmen. �Ist er Eurer Meinung nach heimt�ckisch ermordet worden?�</p><p>Mondino nickte. �Als ich ihn untersuchte, habe ich gesehen, dass er ein H�matom am Hinterkopf hatte, wie dein Freund Angelo. Das ist der zweite Mord, der auf diese Art und Weise begangen wurde, und das verr�t uns etwas �ber den T�ter.�</p><p>�Ihr wollt sagen, dass es sich um einen Menschen mit eher geringen K�rperkr�ften handelt, nicht wahr?�</p><p>�Genau�, erwiderte der Arzt. Man sah ihm deutlich an, wie ver�rgert er war, dass man seine Schlussfolgerungen vorweggenommen hatte, und Gerardo musste sich zusammenrei�en, um nicht zu grinsen. �Nicht sehr stark, aber ganz sicher schlau genug, um seine Opfer davon zu �berzeugen, ihm so weit zu vertrauen, dass sie ihn in ihre Unterkunft einlassen.�</p><p>Das Schaben der Feile kam aus dem Laden eines Messerschmieds, wo ein Junge mit einer Ledersch�rze auf der Eingangsstufe sa� und eine Klinge nachbearbeitete. Sobald er sie entdeckte, lief er hinein, und einen Augenblick sp�ter kam ein Mann heraus, der sein Vater zu sein schien. In der Hand hatte er eine Gabel mit einem d�nnen Griff und zwei Zinken, die in Haken ausliefen, von der Art, wie sie Chirurgen benutzten, um damit w�hrend der Operationen Hautlappen und Muskelenden anzuheben. �Sie ist seit gestern fertig, Meister�, sagte er nur. Mondino begutachtete sie zufrieden und zahlte, ohne um den Preis zu feilschen. Danach wandten sie sich wieder der Stra�e zu, wo gerade zwei Frauen mit Holzbottichen voller schmutziger W�sche auf dem Kopf vor�bergingen. Sie traten aus dem Toreingang heraus, und Mondino wollte gerade den Weg nach Hause einschlagen, als Gerardo ihm am Arm ber�hrte, um ihn aufzuhalten.</p><p>�Meister, ich m�chte Euch um einen Gefallen bitten.�</p><p>�Noch einen? Habe ich dir nicht schon gen�gend Gefallen erwiesen?�</p><p>Gerardo blieb so lange schweigend mit gesenktem Kopf stehen, bis der Arzt ihn endlich fragte, worum es sich handelte.</p><p>�Ich habe Euch doch erz�hlt, dass ich zu einem Bankier gegangen bin und ihn um eine Anleihe gebeten habe, doch er verlangt zwei B�rgen. Einer steht schon bereit, der andere ��</p><p>�Soll ich sein�, erg�nzte Mondino.</p><p>�Ich wei�, dass es ungeb�hrlich ist, Euch darum zu bitten, doch ich kenne niemanden sonst, an den ich mich wenden k�nnte�, gestand Gerardo. �Ich verspreche Euch, dass Ihr dabei kein Risiko eingeht, ich habe die Mittel, um meine Verbindlichkeiten einzul�sen.�</p><p>�Wo wohnt dieser Bankier?�, fragte Mondino knapp.</p><p>�Nicht weit von hier�, antwortete Gerardo sofort. �Wir sollten m�glichst gleich zu ihm gehen, ehe er seinen Laden schlie�t.�</p><empty-line/><p>Ein Diener klopfte an die T�r, steckte den Kopf ins Zimmer und meldete, dass Gerardo da Castelbretone mit einem B�rgen f�r den Kredit gekommen war. Remigio Sensi nickte und sagte ihm, er solle sofort gehen und den bewussten Edelmann bitten, so schnell wie m�glich zu kommen. Dann entlie� er ihn mit einer Handbewegung und nahm die Unterhaltung mit dem Klienten, der vor ihm sa�, wieder auf.</p><p>�Also, dann ist alles in Ordnung, Messere. Meine Tochter hat hier die Dokumente zur Unterschrift bereit.�</p><p>Der Klient, ein beleibter Grundbesitzer aus Casalecchio di Reno, las sich die Dokumente aufmerksam durch, wobei er Zeile f�r Zeile mit dem Finger verfolgte. Schlie�lich nahm er den G�nsekiel, tauchte ihn in die Tinte und unterschrieb jedes Blatt.</p><p>�Sehr gut�, sagte Remigio gl�cklich, weil das Gesch�ft nun endlich abgeschlossen war. Er �bergab das Geld, der Mann verbeugte sich leicht vor ihm, und Fiamma und ging dann hinaus auf die Stra�e, wo eine Eskorte auf ihn wartete. Gleich danach befahl Remigio den beiden Dienern, die Ladenluke zu schlie�en und Gerardo und seinen B�rgen einzulassen.</p><p>Gerardo stellte Mondino vor, und Remigio schmeichelte ihm, als er ihm sagte, nat�rlich sei ihm der gro�e Mondino de� Liuzzi bekannt. Fiamma erhob sich und knickste erst vor Mondino, dann vor Gerardo, indem sie einen Fu� nach hinten setzte und leicht das Knie beugte. Doch w�hrend sie den Arzt mit gesenktem Kopf begr��te, wechselte sie mit Gerardo einen Blick, der Remigio �berhaupt nicht behagte.</p><p>�Wir werden wohl noch etwas warten m�ssen�, sagte der Bankier zu seinen G�sten. Er schlug einen Z�nder gegen einen Feuerstein und entz�ndete drei Lampen, denn wenn die Ladenluke geschlossen wurde, war es im Gesch�ftsraum selbst am helllichten Tag dunkel. �Und du, meine Tochter, kannst dich jetzt zur�ckziehen. Mit diesen Edelm�nnern hier komme ich allein zurecht.�</p><p>�Mit Verlaub, ich muss den Brief beenden, den Ihr mir heute Morgen zu schreiben aufgetragen habt�, erwiderte Fiamma entschlossen. �Falls ich das noch l�nger aufschiebe, k�nnten wir ihn heute Abend vielleicht nicht mehr �berbringen lassen.�</p><p>Mit diesen Worten setzte sie sich schnell wieder hinter den Tisch, als wolle sie die Diskussion damit beenden. Sie nahm ein Blatt Pergament, tauchte die Feder in die Tinte und begann, etwas von einem Notizzettel aus Papier abzuschreiben.</p><p>Remigio presste die Lippen zusammen und wandte sich an Mondino. �Ihr m�sst ein wenig Geduld haben, Magister�, sagte er. �Ich habe gerade erst nach dem zweiten B�rgen geschickt, es wird wohl noch ein Weilchen dauern, ehe er hier eintrifft.�</p><p>Misstrauisch fuhr Gerardo auf. �Ihr habt mich doch nicht verraten, oder, Messer Remigio?�</p><p>Er fuhr mit einer Hand unter sein Gewand, dann schaute er zu Fiamma hin�ber, und der Bankier hatte den Eindruck, dass einzig die Anwesenheit der jungen Frau ihn davon abhielt, seinen Dolch zu ziehen.</p><p>Beschwichtigend hob er die H�nde. �Beruhigt Euch, Ich wei� nicht, ob ich frei reden kann ��</p><p>�Der Magister wei� alles �ber meine derzeitige Lage�, entgegnete Gerardo, der sich immer noch misstrauisch umsah, als f�rchtete er, jeden Moment die Inquisition ins Zimmer st�rmen zu sehen. �Vor ihm k�nnt Ihr offen sprechen.�</p><p>�Umso besser�, meinte Remigio. �Sonst h�tte ich Euch bitten m�ssen, ihn �ber alles in Kenntnis zu setzen. Ich kann keinen B�rgen annehmen, dem die m�glichen Risiken nicht bekannt sind.�</p><p>�Wei� etwa auch der Mann, von dem Ihr mir berichtet habt, darum?�, fragte Gerardo.</p><p>�Selbstverst�ndlich. Ich habe Euch bereits gesagt, dass er ein Tempelritter ist wie Ihr.�</p><p>Remigio wies auf einige mit Seidenkissen gepolsterte St�hle, und sie setzten sich alle drei. Eine der Lampen stand neben Fiamma auf dem Tisch, damit sie beim Schreiben gut sehen konnte, und beleuchtete ihr Gesicht. Mondino musterte sie mit professionellem Blick.</p><p>�Eine Kauterisation mit dem Brenneisen�, sagte er mehr zu sich selbst und sch�ttelte den Kopf. �Vor f�nf oder sechs Jahren, der Dicke des Gewebes nach zu urteilen.� Dann wandte er sich an Remigio. �War der graue Star wirklich so schlimm, dass man bei einem Kind bereits den Kauter einsetzen musste?�</p><p>Der Bankier wollte gerade seine Frage beantworten, doch Fiamma schaute auf und kam ihm zuvor. �Ich litt an Katarakt und hatte in der gesamten linken Gesichtsh�lfte schreckliche Schmerzen�, erkl�rte sie mit einem d�steren Blick, der genau zeigte, wie sehr sie gelitten hatte. �Die �rzte sagten, dass die Kauterisation die einzige Methode w�re, um eine Heilung zu gew�hrleisten.�</p><p>Mondino zuckte mit den Schultern. �F�r mich ist der Kauter ein barbarisches Instrument, das sicher bald nicht mehr in der Medizin eingesetzt werden wird.�</p><p>�Und was verwendet Ihr stattdessen, Magister?� fragte Remigio. Das Thema interessierte ihn eigentlich nicht, doch er lie� seine Klienten immer ein wenig von der Arbeit erz�hlen. Dadurch f�hlten sie sich wohler und sicherer, entspannten sich und waren zug�nglicher. Mondino erl�uterte mit wenigen Worten, dass die Kauterisation eine schwierige Heilmethode sei, die mit Bedacht eingesetzt werden sollte, da sie �u�erst schmerzhaft f�r die Patienten war und in vielen F�llen doch nicht zu den gew�nschten Ergebnissen f�hrte. Die �rzte setzten sie immer noch h�ufig ein, aber bei einem Katarakt griffe er lieber auf eine Behandlung zur�ck, die vor allem aus einer hei�-trockenen Di�t bestand, kombiniert mit Wickeln aus Harz, Nelke, Kubebenpfeffer und Galgant.</p><p>�Ich bitte Euch, mich zu entschuldigen�, sagte Fiamma und stand auf, sobald der Arzt seine Ausf�hrungen beendet hatte. �Ich muss nachschauen, ob die Frauen in der K�che alles richtig machen.�</p><p>Sie verlie� den Raum so schnell, dass die Flammen der �llampen flackerten, und Remigio war froh, dass Mondinos Interesse an ihrer Narbe sie letztlich doch aus dem Raum vertrieben hatte. Pflichtschuldig erkl�rte er, dass diese Narbe ein sehr heikles Thema f�r sie sei. Die beiden anderen nickten wortlos.</p><p>�Sagt mir zumindest den Namen des Mannes, auf den wir warten�, meinte Gerardo und kehrte wieder zum Anlass ihres Besuchs zur�ck.</p><p>�Er hei�t Hugues de Narbonne�, antwortete Remigio. �Er war Kommandant der Komturei von Akkon, vielleicht habt Ihr von ihm geh�rt.�</p><p>Stumm vor Verwirrung riss Gerardo Augen und Mund auf. Die �berraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er tat Remigio fast ein wenig leid, und er wandte sich hastig ab, um den Deckel der Geldtruhe zu schlie�en, damit er ihm nicht ins Gesicht schauen musste. Sicher glaubte der junge Mann, ein Mann, der so weit oben in der Hierarchie der Templer rangierte, m�sse eine Art Heiliger sei. Dabei war Hugues Interesse an ihm sicher nicht von Gro�herzigkeit bestimmt.</p><p>Nachdem ihn Gerardo zum ersten Mal aufgesucht hatte, hatte Remigio Hugues de Narbonne unverz�glich davon in Kenntnis gesetzt. Der Franzose hatte von ihm gefordert, er solle ihm sofort jeden Besuch eines Tempelritters melden, vor allem, wenn er erst vor kurzem in die Stadt gekommen war. Als der Bankier ihm mitteilte, dass ein Tempelritter zu ihm gekommen war, der dringend Geld ben�tigte, weil er seinen gesamten Besitz bei einem Brand verloren hatte, war Hugues sehr interessiert gewesen. Er hatte auch sofort zugestimmt, f�r dessen Kredit zu b�rgen.</p><p>Ein Diener trat ein und meldete die Ankunft des Franzosen. Remigio sagte ihm, er m�ge ihn vorlassen, und sobald Hugues de Narbonne das Arbeitszimmer betrat, stellte er alle der Form halber auf Latein vor. Man machte sich sofort an die Abwicklung des Kredits, aber ohne Fiamma dauerte die Erstellung der Dokumente ein wenig. W�hrend Remigio schrieb, unterhielt sich Hugues angeregt mit den anderen beiden. Sie sprachen �ber Schl�sser und Garnisonen, von Seereisen und von der arabischen Medizin, die Hugues f�r die fortschrittlichste in ganz Europa hielt. Worauf Mondino entgegnete: �Nicht mehr lange.�</p><p>Alle lasen dann mit der gebotenen Aufmerksamkeit die Vertragsklauseln durch und verhandelten dar�ber. Am Ende war Remigio mit dem Gesch�ft weniger zufrieden als urspr�nglich gedacht. Sein Unmut steigerte sich noch, als Gerardo ihn fragte, ob er ihnen einen Raum zur Verf�gung stellen k�nnte, um vertrauliche Dinge zu besprechen. Remigio entging nicht, wie zornig Mondino bei diesen Worten wurde. Offensichtlich war dies so nicht vereinbart. Allerdings hatte er keineswegs vor, dieser Bitte zu entsprechen.</p><p>�Mein Haus ist kein �ffentlicher Ort�, antwortete er kurz angebunden. �Wenn Ihr etwas zu bereden habt, geht in ein Gasthaus.�</p><p>Gerardo und Mondino nickten und erhoben sich, aber Hugues de Narbonne blieb sitzen. �Wie Ihr verstehen werdet, Messer Remigio�, sagte er mit einem kalten L�cheln, �m�ssen wir sehr vorsichtig sein in Bezug auf das, was wir sagen und wo wir es sagen. Dieser junge Mann hier hatte eine ausgezeichnete Idee. Euer Haus ist der einzige Ort, an dem wir sicher sein k�nnen, dass uns niemand verr�t.� Er griff nach dem Lederbeutel, den er am G�rtel trug, und zog einige M�nzen hervor, die er barsch auf den Tisch warf. �Wir werden Euch f�r die Unannehmlichkeit entsch�digen.�</p><p>Trotz der Wachen vor der T�r wagte es Remigio nicht, sie einfach davonzujagen, wie er es gerne getan h�tte. Hugues hatte ihm schon gezeigt, wie gef�hrlich es sein konnte, ihn herauszufordern. Au�erdem k�nnte es auch ganz n�tzlich sein, seiner Bitte zu entsprechen. Vielleicht w�rde er dabei etwas erfahren, was er gegen ihn verwenden k�nnte. Und k�nnte ihn sich dadurch ein f�r alle Mal vom Hals schaffen.</p><p>�Mein Arbeitszimmer steht Euch zur Verf�gung�, sagte er und stand auf, ohne die M�nzen anzuschauen oder gar zu ber�hren. �Ich werde Euch Wein und N�sse bringen lassen, doch fasst Euch bitte kurz. Ich muss heute im Laufe des Tages noch andere Gesch�fte abschlie�en.�</p><empty-line/><p>Sobald sie allein waren, entschuldigte sich Hugues de Narbonne f�r seine unh�fliche Art und f�gte hinzu, dies sei leider unumg�nglich gewesen. �Ich kenne Messer Remigio seit langem�, erkl�rte er, �und wei�, wie man ihn behandeln muss.� Dann wandte er sich an Gerardo. �Wor�ber wolltet Ihr mit mir sprechen?�</p><p>Mondino betrachtete ihn genauer. Das azurblaue Gewand, das bestickte Hemd und die Str�mpfe aus feiner Wolle, die er trug, konnten nicht �ber sein wildes, fast animalisches Wesen hinwegt�uschen. Doch seine hellen Augen blickten keinesfalls stumpf drein wie bei einem Tier. Ganz im Gegenteil zeugten sie von einer gef�hrlichen Intelligenz, die allzeit bereit schien, jede Situation zum eigenen Vorteil zu nutzen.</p><p>Gerardo schien nichts dergleichen zu sehen. Er war gl�cklich wie ein Kind �ber die Beachtung, die ihm eine bedeutsame Pers�nlichkeit seines Ordens schenkte, die, machten die Templer nicht so schwierige Zeiten durch, bestimmt nicht ein Wort an ihn gerichtet h�tte. Ohne sich lange bitten zu lassen, erz�hlte der junge Mann ihm von seiner Bef�rchtung, die k�rzlich in der Stadt geschehenen Morde k�nnten sich auf den laufenden Prozess auswirken.</p><p>�Warum sprecht Ihr im Plural?�, fragte Hugues sofort nach. �Soweit ich wei�, gab es nur einen Mord.�</p><p>Mondino versuchte, Gerardo ein Zeichen zu geben, doch der junge Mann achtete nicht darauf. Er erl�uterte, dass es zwei Morde gegeben hatte: Den ersten habe er verheimlichen k�nnen, weil er in seiner Wohnung geschehen sei, doch beim zweiten sei er machtlos gewesen. Seine Absicht sei es, den M�rder vor der Inquisition zu finden, und er wolle mit Hugues die Informationen, �ber die er verf�ge, teilen. Sicher wisse der Kommandant von Akkon Dinge, die einem einfachen Ritter des Ordens unbekannt seien.</p><p>An diesem Wortschwall fand Mondino nur ein Gutes: Gerardo hatte ihn nicht mit hineingezogen, er hatte mit keiner Silbe erw�hnt, welchen Anteil sein Meister am Verbergen der Leiche Angelos da Piczano hatte. Dennoch beunruhigte ihn das blinde Vertrauen, das der junge Mann diesem Franzosen mit den kalten Augen entgegenbrachte.</p><p>Mondino traute ihm nicht im Geringsten. Ihr Treffen im Haus von Remigio Sensi schien abgesprochen gewesen zu sein, und ganz offensichtlich verbarg sich hinter Hugues de Narbonnes Interesse f�r Gerardo mehr als der blo�e Wunsch, einem Mitbruder in Schwierigkeiten zu helfen.</p><p>Ihm fiel nur eine M�glichkeit ein, um zu verhindern, dass der junge Mann die Karte erw�hnte, und das war, ihm zuvorzukommen. So erz�hlte er, dass er f�r die Stadt den Leichnam Wilhelms von Trier vor dem Eintreffen des Inquisitors untersucht hatte.</p><p>Sie wurden unterbrochen, als die beiden Diener Remigios hereinkamen und einen Krug Wein, Zinnbecher und eine Olivenholzschale mit N�ssen brachten, dazu zwei ausgeh�hlte Marmorbl�cke zum Knacken der Schalen. Aus ihrem Benehmen sprach Verwunderung und Misstrauen gegen�ber diesen Klienten, die ihren Herrn davon �berzeugt hatten, sich aus dem eigenen Arbeitszimmer zu entfernen. Vielleicht war dies noch nie vorgekommen.</p><p>Als sie sich entfernt hatten, stand Hugues auf, um nachzusehen, ob die T�r auch wirklich fest geschlossen war, dann stellte er Mondino knapp und sachlich eine Reihe Fragen �ber Wilhelm von Trier. Mondino befand sich auf einmal in der Rolle des Antwortenden, ohne genau begriffen zu haben, wie es dem Franzosen gelungen war, das Kommando an sich zu rei�en. Dies schien f�r ihn ganz normal zu sein. Hugues wollte genau wissen, welche Wunden der K�rper aufwies, ob Schwefelgeruch in der Luft gelegen habe und ob das Material, in das sich das Herz verwandelt hatte, wirklich Eisen war oder etwas anderes.</p><p>Ganz allgemein verrieten die Fragen, dass Hugues mit Morden vertraut war, und er gab auch offen zu, dass er sich f�r seine Komturei im K�nigreich von Aragon damit befasst hatte, aber nicht mit Alchimie. Seine Vorstellungen von alchimistischen Prozessen waren verworren und wunderlich, und Mondino, der im Gegensatz zu ihm Arnold von Villanova, Ramon Llull und vor allem Albertus Magnus und Roger Bacon studiert hatte, erkl�rte ihm, dass das alchimistische Werk, das in diesem schmutzigen Gasthaus hinter Santo Stefano vollbracht worden war, kein kanonisches Verfahren sei. Dort war nicht gen�gend Zeit gewesen f�r das Durchlaufen der vier Schritte und der drei Phasen der Transmutation, was Wochen oder auch Monate dauern konnte.</p><p>�Ein Alchimist ist kein Zauberer, wie das gemeine Volk denkt�, erl�uterte er, nahm sich eine Nuss und legte sie auf die kleine ausgeh�hlte Marmorplatte. �Es reicht nicht, ein Feuerchen anzuz�nden, einige magische Worte zu murmeln und dann mit den Fingern zu schnipsen, um ein derartiges Ergebnis zu erzielen.�</p><p>�Wie erkl�rt Ihr Euch dann, was Ihr gesehen habt?�, fragte Hugues de Narbonne.</p><p>Mondino knackte die Nuss, indem er mit der anderen Marmorplatte die Schale zerbrach. �Ich kann es nicht erkl�ren. Ich wei� nur, wie es nicht passiert sein kann.�</p><p>�Auch ich habe lange dar�ber nachgedacht�, mischte sich Gerardo ein. �Kann es nicht sein, dass der M�rder seine Opfer gezwungen hat, eine Substanz zu trinken, die das Herz von innen verwandelt hat, und dass er erst danach den Brustkorb ge�ffnet hat, um der Welt sein Werk zu zeigen?�</p><p>Die Augen des Franzosen leuchteten bei dieser Frage auf und bekundeten ein Interesse, das Mondinos Meinung nach �ber den Wunsch hinausging, Gerechtigkeit f�r seinen Orden und die armen Opfer zu erlangen. �Ich habe noch nie von einem �hnlichen Gift geh�rt�, entgegnete Mondino. �Aber vielleicht handelt es sich ja auch gar nicht um Gift ��</p><p>Die beiden anderen starrten ihn an und erwarteten, dass er weitersprach. Doch der Arzt lie� sich Zeit, l�ste den Nusskern aus der Schale und kaute ihn sorgf�ltig, ehe er antwortete. �Wenn Ihr glaubt, dass es sich hier um irgendein alchimistisches Pr�parat handelt�, sagte er schlie�lich zu dem Franzosen, �kann ich dem nur zustimmen. Aber ich habe noch nie von einer Substanz geh�rt, die so etwas bewirken k�nnte. Au�erdem gibt es noch andere Auff�lligkeiten.�</p><p>�Welche?�</p><p>Mondino trank einen Schluck Wein, und die anderen beiden taten es ihm gleich. �Wie ist es m�glich, dass ein Mann Gift trinkt und dieses Gift von der Kehle nicht in den Magen geht, sondern direkt ins Herz? Wie ist es dorthin gekommen? Wie ist es m�glich, dass es beim Durchlaufen des �brigen K�rpers keine Spuren hinterlassen hat? Und vor allem, wenn das Opfer zuerst bet�ubt und dann mit einem Pfriem erstochen wurde, wie die H�matome im Nacken und das Loch in der Brust bei beiden Leichen beweisen, wie konnte dann die Fl�ssigkeit in den K�rper gelangen? Sobald die Lebensprozesse aufh�ren, funktioniert das ganze Kreislaufsystem, das auch das Herz in Gang h�lt, nicht mehr.�</p><p>�Und wie lautet die Antwort auf diese Fragen?�, fragte Gerardo.</p><p>Mondino sah das erwartungsvolle Leuchten in seinen Augen und es tat ihm leid, dass er ihn entt�uschen musste. �Ich habe keine Antworten�, gestand er ver�rgert. �Nur Fragen.�</p><p>�Ihr habt �ber beide Leichen gesprochen�, sagte Hugues de Narbonne und starrte ihn mit seinen grauen Augen an. �Warum habt Ihr mir nicht vorher gesagt, dass Ihr auch den anderen Toten gesehen habt?�</p><p>Mondino bemerkte, dass er bereits zu viel gesagt hatte, weil er sich von seinem wissenschaftlichen Interesse an dem Fall hatte abgelenken lassen. Doch die unterschwellige Drohung in Hugues� Stimme bewog ihn, dem mit einem Angriff zu begegnen.</p><p>�Messere, ich kenne Euch nicht, und ich schulde Euch keine Erkl�rungen�, sagte er. �Gerardo ist Euch vielleicht zum Gehorsam verpflichtet, ich nicht.�</p><p>Der Franzose lie� nun jeden Anschein von Liebensw�rdigkeit fallen. Er sprang unglaublich schnell auf und packte ihn am Kragen, hob ihn vom Stuhl und dr�ckte ihn gegen die Wand.</p><p>�Messere, vielleicht bedeutet es f�r Euch nur eine intellektuelle Herausforderung, diese Mordf�lle zu l�sen�, sagte er mit zusammengepressten Kiefern. �F�r mich ist das jedoch anders.�</p><p>Mondino packte seine Handgelenke, um sich zu befreien, aber erst als Gerardo eingriff, entspannte sich die Lage wieder.</p><p>�Kommandant, ich bitte Euch�, sagte er entschieden. �Lasst ihn los, oder ich muss ihn verteidigen.�</p><p>Hugues de Narbonne drehte den Kopf zu ihm hin�ber und starrte ihn an, h�chst erstaunt �ber diesen Ungehorsam. Dann �nderte er seine Taktik. �Also gut�, sagte er mit leiser, rauer Stimme und lockerte seinen Griff. �Entschuldigt meine Heftigkeit, Messer Mondino. Es ist nur so: Sollte dem K�nig von Frankreich sein Vorhaben gelingen, meinen Orden aufzul�sen, wird die Mehrzahl der Templer zu einfachen <emphasis>purgationes</emphasis> oder h�chstens einigen Jahren Kerkerhaft verurteilt werden. Doch diejenigen, die h�here �mter bekleiden, und zu denen geh�re auch ich, werden auf dem Scheiterhaufen enden. Selbst wenn ihnen die Flucht gelingt, m�ssen sie den Rest ihres Lebens unauff�llig im Verborgenen und in Armut fristen. Sicher werdet Ihr verstehen, dass ich alles daransetzen werde, damit dies nicht geschieht.�</p><p>�Ich habe nur eines verstanden�, antwortete Mondino erhitzt und ziemlich laut, �und zwar, dass ich Euch nicht mag und dass ich Gerardos Entschluss nicht teile, Euch alles zu enth�llen, was er �ber diese Morde wei�.�</p><p>�Bitte, beruhigt Euch�, sagte Gerardo wieder, stellte sich zwischen sie und breitete die Arme aus. Dann wandte er sich an Hugues de Narbonne. �Es ist meine Schuld, dass der Magister in diese Sache hineingezogen wurde. Ich bitte Euch, nicht mehr zu fragen, als wir Euch sagen d�rfen, Kommandant, aber Ihr k�nnt gewiss sein, dass wir Euch nichts Wichtiges verschweigen.�</p><p>Hugues de Narbonne nickte und trat einen Schritt zur�ck, als ob nichts gewesen w�re. Mondino sp�rte sein Herz heftig schlagen, versuchte jedoch, eine m�glichst gleichm�tige Miene aufzusetzen. Er entschuldigte sich und sagte, dass er sie nun verlassen m�sse; es sei Zeit, zum Mittagessen zu seiner Familie zu gehen. Schlie�lich hatte ihm der Franzose mit seinem aufbrausenden Verhalten den besten Vorwand geliefert, um sich dieser Unterredung zu entziehen.</p><p>Gerardo sah ihn emp�rt an. �Ich habe gerade gesagt, dass wir dem Kommandanten nichts Wichtiges verschweigen werden�, sagte er. �Zeigt bitte auch ihm die Karte, von der Ihr vorhin gesprochen habt, Meister.�</p><p>Mondino warf ihm einen w�tenden Blick zu, aber nun war es zu sp�t. Gerardo hatte offensichtlich vor, sein ganzes Wissen mit diesem Hugues de Narbonne zu teilen, und wenn er jetzt die Karte hervorholte, w�rde das die bestehenden Probleme auch nicht schlimmer machen. Vielleicht konnte der Franzose sogar etwas N�tzliches dazu beitragen.</p><p>Mit einem resignierten Seufzer griff er mit einer Hand unter sein Obergewand. �Ich habe in einer Geheimtasche in den Beinlingen Wilhelms von Trier diese Karte gefunden�, erl�uterte er und zog die kleine Pergamentrolle hervor. �Ich habe weder begriffen, was sie darstellen soll, noch, ob sie �berhaupt mit seinem Tod in Verbindung steht, obwohl ich geneigt bin, das zu glauben, da ich dort auch noch dies gefunden habe.�</p><p>Mit einer raschen Bewegung �ffnete er die Faust und zeigte den Fingerknochen, den er zusammen mit der Karte gefunden hatte. Die beiden Tempelritter starrten ihn mit gro�en Augen an. Mondino packte ihn sogleich wieder weg, ehe Hugues versuchen w�rde, ihm den Finger abzunehmen.</p><p>�Ihr habt recht gesehen�, sagte er. �Die Adern am Finger sind in Eisen verwandelt worden, genau wie das Herz der beiden Leichen. Der Finger geh�rte �brigens nicht Wilhelm von Trier, und ich kenne seine Herkunft nicht.�</p><p>�Meister, aber das bedeutet ja ��, meinte Gerardo, ohne seinen Satz zu vollenden.</p><p>�Was?�, fragte Mondino. �Dass unser Mann in eine Falle getappt ist? Vielleicht. Genau dar�ber wollte ich mit Euch sprechen.�</p><p>�Schauen wir uns die Karte an�, unterbrach sie Hugues.</p><p>Mondino stellte den Weinkrug und die Schale mit den N�ssen beiseite und schob die Lampe n�her, bevor er das Pergament auf dem Tisch entrollte. Es handelte sich um ein kleines Blatt von bester Qualit�t, weich und fleckenlos, aus der Innenseite einer Tierhaut. Die Zeichnungen waren mit gro�er Sorgfalt ausgef�hrt worden, zuerst mit einer Bleispitze, dann hatte man Pigmente von drei verschiedenen Farben aufgetragen: wei� f�r die Stra�en, rot f�r die Berge und schwarz f�r die Felder und W�lder. In den beiden oberen Ecken waren Sonne und Mond abgebildet. In den unteren Ecken befanden sich ein gr�ner und ein roter L�we, die einander anstarrten. Zwischen den beiden Tieren sah man einen roten Kreis, unter den mit einer inzwischen gr�nlich verblassten Tinte auf Kupfersalzbasis die arabischen Buchstaben <image l:href="#3"/> geschrieben waren. Mit derselben Tinte hatte jemand andere Wortgruppen in noch kleineren Buchstaben gekritzelt, die beinahe den gesamten freien Raum auf der Karte ausf�llten. Oben in der Mitte zwischen den Bildern von Sonne und Mond war ein weiterer roter, allerdings unbeschrifteter Kreis. Der von der Karte beschriebene Weg verband die beiden Kreise, wobei er durch W�lder und Berge f�hrte. Mondino hatte jede Einzelheit der Karte studiert, aber da er nicht wusste, um welche Gegend es sich handelte, und er auch nicht Arabisch lesen konnte, hatte er sich keinen Reim darauf machen k�nnen.</p><p>�Sagt Euch das etwas?�, fragte er Hugues.</p><p>Der Franzose starrte aufmerksam auf die Karte. �Nichts�, meinte er dann. �Au�er dass ein Ort in Spanien beschrieben wird.�</p><p>�Woher wisst Ihr das?�, fragte Gerardo �berrascht.</p><p>�Unter dem unteren Kreis steht <emphasis>al-hamr&#x101;</emphasis>, oder alhambra, wie die Spanier sagen. Das bedeutet �die Rote� und bezeichnet die Festung der Stadt Granada im S�den Spaniens. Ein St�tzpunkt der Mauren. Das muss der Ausgangspunkt des Weges sein.�</p><p>�Da Ihr des Arabischen m�chtig seid�, meinte Mondino fragend, �k�nnt Ihr uns sagen, was die anderen Worte bedeuten?�</p><p>�Es scheinen Verse zu einer Hochzeit zu sein�, antwortete Hugues de Narbonne, ohne auf die Karte zu schauen. �Sie preisen die Brautleute, doch sie ergeben wenig Sinn, und es scheinen auch einige Verse zu fehlen. Vielleicht sind sie nur dorthin geschrieben worden, um die leeren Stellen auszuf�llen.�</p><p>Mondino kannte diese Angewohnheit von den Notaren Bolognas, Verse auf die R�nder von Urkunden und Dokumenten zu kopieren, damit man dort nichts unberechtigt hinzuf�gen konnte. Vielleicht hielten es die Araber ja genauso.</p><p>�Das ist m�glich�, sagte er kurzangebunden und rollte das Pergament wieder zusammen. �Wie dem auch sei, wenn der tote Templer sich so viel M�he gemacht hat, diese Karte zu verbergen und sie zusammen mit dem Finger aufbewahrte, den ich Euch soeben gezeigt habe, k�nnte es uns helfen, etwas mehr �ber sie zu erfahren.�</p><p>Hugues leerte seinen Zinnbecher und knallte ihn so hart auf den Tisch, dass die Flamme in der Lampe flackerte. �Damit verschwenden wir nur unsere Zeit�, sagte er, den Becher immer noch umklammert. �Wir m�ssen den M�rder vor der Inquisition finden. Und da bringt uns eine Karte voller sinnloser Symbole nicht weiter. Wir m�ssen vielmehr herausfinden, wen diese beiden M�nner seit ihrer Ankunft in Bologna getroffen haben. Wir m�ssen uns aufteilen und unauff�llig alle befragen, die sie gesehen haben, angefangen bei den Leuten in ihrer Unterkunft. Von dort erweitern wir unseren Wirkungskreis dann stetig. Vor allem m�sst Ihr, Gerardo, uns jetzt alles erz�hlen, was Angelo da Piczano in Eurer Gegenwart gesagt oder getan hat.�</p><p>Hugues hatte wieder das Heft in die Hand genommen und entschied allein �ber die Vorgehensweise. Mit seiner rauen Stimme, den kalten grauen Augen und der m�chtigen Statur verf�gte er �ber eine so nat�rliche Autorit�t, dass man sich nicht mit ihm anlegen wollte.</p><p>Mondino zwang sich, ihm dennoch zu widersprechen.</p><p>�Ich stimme Euch nicht zu, Messere. Wie ich bereits gesagt habe, bin ich Euch gegen�ber nicht zu Gehorsam verpflichtet und werde nach meinem eigenen Plan handeln, w�hrend Ihr und Gerardo die Treffen und Wege Eurer beiden toten Mitbr�der nachverfolgen solltet.�</p><p>Hugues wurde rot, als ob der andere ihn geohrfeigt h�tte. Er war es nicht gewohnt, dass man seine Entscheidungen in Frage stellte. Schweigend starrte er Mondino an und umklammerte den leeren Becher weiter mit seiner gro�en, mit dichtem blondem Flaum behaarten Hand. Der Arzt hielt seinem Blick stand, und schlie�lich stie� der Franzose durch die zusammengepressten Z�hne hervor: �Und was habt Ihr f�r einen Plan?�</p><p>�Das Geheimnis, wie man menschliches Blut in Eisen verwandeln kann, ist in meinen Augen nur wenigen bekannt. Ich selbst habe noch nie davon geh�rt, und dabei habe ich f�r meine medizinische Ausbildung auch Alchimie studiert. Ich befrage die Alchimisten hier in der Stadt, ob sie jemanden wissen, der ein derartiges Geheimnis kennen k�nnte. Findet man denjenigen, hat man h�chstwahrscheinlich auch gleich den M�rder gefunden.�</p><p>Hugues schenkte ihm ein ver�chtliches L�cheln. �Die Alchimisten zu befragen ist wohl das Erste, was der Inquisition in den Sinn gekommen ist. Ihren Schritten zu folgen ist ein Fehler. Dies ist ein Wettlauf, bei dem wir es uns nicht erlauben k�nnen, als Zweite im Ziel anzukommen.�</p><p>Obwohl dem Franzosen weiterhin seine Bewunderung galt, kam Gerardo Mondino zu Hilfe. �Verzeiht, Kommandant, aber gewiss haben die Alchimisten den M�nchen der Inquisition nur so wenig wie m�glich gesagt. Jemandem gegen�ber, der nicht der Kirche angeh�rt und dar�ber hinaus die Materie mindestens ebenso gut, wenn nicht besser kennt als sie, werden sie bestimmt zug�nglicher sein.�</p><p>Hugues �berlegte kurz, ehe er sprach, dann senkte er zustimmend seinen gro�en, lockigen Schopf. �Gut, dann teilen wir uns die Arbeit. Wir werden mit dem gemeinen Volk sprechen, Ihr mit den Alchimisten. Und wir werden uns gegenseitig auf dem Laufenden halten.�</p><p>So wie er das sagte, wirkte es noch einmal, als h�tte er �ber Mondinos Aufgabe entschieden. Doch der Arzt beschloss, dass er nicht zu sehr auf seiner Unabh�ngigkeit beharren sollte. Im Grunde hatte er Recht, den M�rder der Tempelritter zu finden lag im Interesse von ihnen dreien, und da Hugues nun einmal mit von der Partie war, schien es das Kl�gste zu sein, mit ihm zusammenzuarbeiten.</p><p>�Ja, gut. Nun sollten wir gehen. Ich m�chte nicht, dass diesem armen Bankier noch die Galle �berl�uft�, beschied der Arzt.</p><p>Sie erhoben sich alle drei gemeinsam. Hugues de Narbonne lie� die M�nzen auf dem Tisch liegen, die er dem Bankier zuvor so br�sk hingeworfen hatte, und sie verlie�en das Arbeitszimmer. Remigio war nicht geblieben, um sie zu verabschieden, und daher gingen sie, ohne dass sie jemand zur T�r begleitete.</p><p>Sobald sie auf der Stra�e standen, sagte Mondino: �Jetzt muss ich Euch verlassen. Ich erwarte dann Nachrichten �ber Gerardo.�</p><p>Mit diesem Satz hatte er klargestellt, dass er Hugues de Narbonne nur wiedersehen wollte, wenn es unbedingt notwendig war. Er drehte ihnen den R�cken zu und entfernte sich unter den Arkaden.</p></section><section><title><p><strong>SECHS</strong></p></title><empty-line/><p><strong>R</strong>emigio Sensi entfernte sein Gesicht von den beiden kleinen L�chern im Gem�lde des heiligen Matth�us, durch die er alles, was in seinem Arbeitszimmer vorging, h�ren und sehen konnte, und wischte sich mit dem �rmel seines Gewandes den Schwei� von der Stirn.</p><p>Meist benutzte er dieses Versteck, um das Verhalten jener Kunden auszuspionieren, denen er nicht sonderlich vertraute. Er fand dann einen Vorwand, um sie allein zu lassen, und zog sich in die kleine Kammer zur�ck, die sich in der Mauer hinter dem Bild befand. Wenn die Kunden nun in seinen Unterlagen w�hlten, sich �berm��ig froh oder eingesch�chtert zeigten, sich der Geldtruhe n�herten oder sogar - wie schon einige Male geschehen, wenn sie zu zweit waren - leise �ber ihre betr�gerischen Absichten sprachen, fand Remigio bei seiner R�ckkehr einen freundlichen, aber unab�nderlichen Vorwand, um das Gesch�ft nicht abzuschlie�en, ohne die Ehrbarkeit von jemandem in Zweifel zu ziehen.</p><p>Doch diesmal handelte es sich nicht um einen Kreditbrief oder einen An- oder Verkauf, sondern um etwas viel Ernsteres. Und das, was er erfahren hatte, erforderte sofortige Ma�nahmen.</p><p>Er verlie� die Kammer, rief einen der Diener von der T�r und schickte ihn los, um eine Nachricht zu �berbringen. Kurz darauf betrat ein junger, auffallend gekleideter Mann den Raum, der ein gelbes Obergewand und rote Beinlinge mit orangefarbenen Streifen trug. Die langen, kastanienbraunen Haare unter dem braunen goldbestickten Barett fielen ihm bis auf die Schultern.</p><p>�Ich wollte mich gerade zu Tisch setzen, als mich Eure Botschaft erreichte�, sagte er statt einer Begr��ung und setzte sich Remigio gegen�ber, ohne erst eine Aufforderung abzuwarten. �Ich hoffe, Ihr habt mich so eilig rufen lassen, weil Ihr eine gute Nachricht f�r mich habt.�</p><p>�Genauso ist es�, erwiderte Remigio und sah ihm in die Augen. �Ich schlage Euch vor, dass ich Euch Eure Schulden erlasse. Damit w�rde Euer Vater nie erfahren, in welche Schwierigkeiten Ihr Euch mit dem W�rfelspiel gebracht habt.�</p><p>Der junge Mann sah ihn lange an, ohne irgendeine Erleichterung dar�ber erkennen zu lassen. �Was wollt Ihr daf�r?�, fragte er dann.</p><p>Remigio erkl�rte es ihm. Der junge Mann h�rte ihm aufmerksam zu und sagte schlie�lich: �Seid Ihr wirklich sicher, dass es so einfach ist?�</p><p>�Man muss nur sorgf�ltig Zeit und Ort w�hlen�, erwiderte Remigio. �Darum k�mmere ich mich, und ich werde Euch Bescheid geben.�</p><p>�Und danach schulde ich Euch nichts mehr?�</p><p>�Dann zerrei�en wir gemeinsam den Kreditbrief, darauf gebe ich Euch mein Wort.�</p><p>�Der Handel gilt�, sagte der junge Mann und stand mit einer Gelenkigkeit auf, die verriet, dass er an k�rperliche Ert�chtigung und den Umgang mit Waffen gew�hnt war. �Ich erwarte Eure Nachricht.�</p><p>Mit federndem Schritt verlie� er das Arbeitszimmer, und als der Diener die T�r hinter ihm geschlossen hatte, gestattete sich Remigio ein L�cheln. Bald w�rde er ein m�gliches Problem aus seinem Leben geschafft haben und au�erdem seine Rache bekommen.</p><p>Mondino lie� sich in einer Kalesche zur Porta Lame bringen und ging dann zu Fu� weiter bis zur Bova, wo die Kan�le delle Moline und Cavadizzo in den Navile-Kanal flossen. Dort befragte er einige Bauern, bog dann nach rechts von der Hauptstra�e ab und nahm den Weg zwischen zwei Weizenfeldern hindurch, deren Halme noch kurz und gr�n waren. Auch au�erhalb der Stadtmauern begann Bologna sich zu bev�lkern, doch es gab hier erst wenige vereinzelte H�user, zwischen denen Weinberge und �cker lagen.</p><p>Die Weizenpfl�nzchen wirkten schw�chlich, da der k�rzlich gefallene Regen das Erdreich zu stark durchn�sst hatte. Eine weitere l�ngere Schlechtwetterperiode w�rde die Ernte ernsthaft gef�hrden. Mondino war m�de, und seine F��e schmerzten. Er hatte die Kalesche lieber fortgeschickt, um nicht aufzufallen, doch allm�hlich bereute er seinen Entschluss.</p><p>Schlie�lich sah er ein bescheidenes einst�ckiges Haus mit einem Strohdach vor sich. Die Brandschutzgesetze galten nur innerhalb der Stadtmauern. Doch bald, wenn sich die H�user noch weiter ausbreiteten und es immer weniger Felder geben w�rde, w�rde auch die Kr�uterhexe ihr Dach mit Ziegeln decken m�ssen.</p><p>�Da ist es�, sagte er zu sich, als er den Ort nach der Beschreibung der Bauern erkannte.</p><p>Stabile, aber windschiefe Mauern, ein mit ungleichen Steinen umz�untes Beet, ein gesattelter Esel, der an einem Pfahl festgebunden war. Ein H�hnerstall aus Schilfrohr, der keinen sicheren Schutz vor F�chsen bot. Aus dem Schornstein drang ein feiner Rauchfaden, den der Wind in einem beinahe rechten Winkel abdr�ngte. Der Garten war zwar bepflanzt, aber von Unkraut �berwuchert. Das alles vermittelte einen seltsamen Eindruck, als lebte hier jemand, der genau wusste, wie man etwas tun musste, aber keine Zeit daf�r hatte. Was vollkommen absurd war, denn wenn man in einem so abgelegenen Winkel eines hatte, dann war es Zeit.</p><p>�He, Ihr da im Haus!�, rief Mondino aus Leibeskr�ften. Er wartete, aber niemand erschien. Nur der Esel drehte sich um und sah ihn an. Der Holzsattel auf seinem R�cken wackelte dabei hin und her.</p><p>�Ich m�chte mit Madonna Adia sprechen�, schrie Mondino.</p><p>Er ging auf das Haus zu, kam aber nur einige Schritte weit, weil zwei riesige Hunde hinter dem Haus hervorkamen. Ihr Fell war eisengrau, und um die Augen und die Schnauze hing die Haut in Falten herunter. Sie beobachteten ihn stumm und beinahe traurig. W�hrend seiner Verbannung nach Faenza hatte Mondino solche Hunde gesehen, und ihr Besitzer hatte ihm ihre Herkunft erkl�rt: Es handelte sich um eine alte von den Molossern abstammende Rasse, die Columella in seiner <emphasis>De re Rustica</emphasis> beschrieben hatte und die sich durch die r�mischen Legionen in ganz Europa verbreitete, denn diese Hunde hatten Seite an Seite mit ihren Herren gek�mpft. Mondino verwechselte daher ihr friedliches Verhalten nicht mit Sanftheit und wagte sich nicht weiter vor. Er war sicher, dass sich jemand im Haus aufhielt, denn es stieg nicht nur Rauch aus dem Schornstein - die Fenster standen sperrangelweit offen, und die T�r war nur angelehnt. Jemand musste seine Rufe geh�rt haben.</p><p>W�hrend er noch �berlegte, was er tun sollte, h�rte er einen schrillen Pfiff, zwei Worte in einer ihm unbekannten Sprache, und die Hunde verschwanden wieder gem�chlich hinter dem Haus.</p><p>�Kommt nur, es besteht keine Gefahr�, sagte eine weibliche Stimme in fehlerlosem Italienisch.</p><p>Mondino n�herte sich misstrauisch. Eine Frau kam mit zwei leeren K�rben aus dem Haus und h�ngte sie links und rechts an den Sattel des Esels, dann wandte sie sich l�chelnd an Mondino.</p><p>�Ich will gerade los. Was w�nscht Ihr?�</p><p>Mondino hatte eine runzelige Alte erwartet, aber diese Frau war das genaue Gegenteil. Sie war jung, hatte eine bernsteinfarbene Haut und einen schlanken K�rper. Auf dem Kopf trug sie einen Schleier aus wei�er Seide, der ihre gl�nzenden dunklen Haare eher betonte als verbarg. Das lange indigoblaue Kleid unterstrich ihre weiblichen Formen, und ihre Augen wirkten so tief und dunkel wie Brunnen.</p><p>�Ein Alchimist hat mir Euren Namen genannt�, sagte er und versuchte seine �berraschung zu verbergen. �Ich wei�, dass Ihr Araberin seid und lesen k�nnt.�</p><p>�Ja und?�</p><p>Ihre Stimme hatte pl�tzlich eine gewisse H�rte angenommen. Mondino beeilte sich zu l�cheln, um sie zu beruhigen. �Ich m�chte Euch eine Landkarte zeigen, auf der einige S�tze in Eurer Sprache geschrieben sind�, erkl�rte er. �Und Euch bitten, sie mir zu �bersetzen.�</p><p>�Seid Ihr sicher, dass Ihr keinen Zaubertrank braucht, um den Widerstand Eurer Liebsten zu brechen oder die Kraft Eurer Lenden zu mehren? Fast alle M�nner kommen deswegen in mein Haus.�</p><p>�Ich nicht�, erwiderte Mondino. �Ich bin gekommen, um Euch ��</p><p>�Um mir die Landkarte zu zeigen, Ihr braucht es nicht zu wiederholen, ich bin ja nicht taub.�</p><p>�Tats�chlich?�, sagte Mondino, der allm�hlich �rgerlich wurde. �Wenn ich daran denke, wie lange Ihr mich habt schreien lassen, m�sst Ihr wirklich ein wenig schwerh�rig sein.�</p><p>Die Frau lachte lauthals los, ein heiseres melodi�ses Lachen. �Ich habe Euch nicht gleich geantwortet, weil ich gerade eine schwierige Passage las�, sagte sie. �Und ich wollte sie beenden, bevor ich das Haus verlasse.�</p><p>Mondino verdross die Tatsache, dass sie nicht einmal in Erw�gung zu ziehen schien, zu Hause zu bleiben, um seiner Bitte nachzukommen. �Nat�rlich werde ich Euch f�r die Unannehmlichkeiten bezahlen, Madonna�, sagte er. �Ich erwarte selbstverst�ndlich nicht, dass Ihr es umsonst und um reinen Gotteslohn tut.�</p><p>�Ich verstehe�, erwiderte Adia. �Aber ich muss dringend nach Corticella, und ich bin bereits zu sp�t. K�nnt Ihr nicht morgen wiederkommen?�</p><p>Mondino hatte noch nie eine Kr�uterhexe kennen gelernt, aber er wusste genau, dass diese Frauen f�r gew�hnlich sehr empf�nglich f�r die Verlockungen des Geldes waren. Vielleicht versuchte die Araberin aber auch nur, den Preis in die H�he zu treiben.</p><p>�Habt Ihr es so eilig, dass Ihr nicht einmal Eure Haust�r abschlie�t?�, fragte er ironisch. Er legte eine Hand an die B�rse, die er am G�rtel trug. �Also, ich werde Euch zwei Soldi geben, aber nicht mehr. W�rdet Ihr jetzt bitte einen Blick auf diese Landkarte werfen?�</p><p>Adia Bintaba erstarrte merklich. Sie schl�pfte mit einem Fu� in den Steigb�gel und schwang sich geschickt in den Sattel des Esels. Dann rief sie ihm von oben zu: �Bei mir zu Hause gibt es kaum etwas zu stehlen, dennoch rate ich Euch von dem Versuch ab, in meiner Abwesenheit dort einzutreten�, sagte sie. �Meine Hunde sind gute W�chter. Was Eure Bitte angeht, kommt wieder, sobald Ihr ein wenig gutes Benehmen gelernt habt.�</p><p>Dann trat sie dem Esel mit ihrem Lederpantoffel leicht in die Flanke und ritt davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.</p><p>Mondino blieb stehen und sah ungl�ubig zu, wie sie sich entfernte. Aufrecht im Sattel des Esels sah sie noch sch�ner aus, aber er war sicherlich nicht hierhergekommen, um einer Frau hinterherzuschauen. Wieder vergeudete Zeit, eine weitere Sackgasse. Vielleicht stimmte, was Hugues de Narbonne gesagt hatte, und die Spur der Alchimie f�hrte wirklich nirgendwohin. Doch jetzt war es die einzige, die er verfolgen konnte.</p><empty-line/><p>Gerardo sah Hugues de Narbonne an und wusste nicht, was er tun oder sagen sollte. Am n�chstliegenden w�re es gewesen, sich zu verabschieden und zu gehen, aber das wollte er nicht. Au�er einem Tempelritter der Komturei von Ravenna, wo er sein Gel�bde abgelegt hatte, war er noch nie jemandem begegnet, der im Heiligen Land gelebt und gek�mpft hatte. Sein Kopf war voll von Geschichten und Legenden dar�ber, und jetzt hatte er niemand Geringeren vor sich als den Kommandanten von Akkon. Aber was konnte er ihn fragen? Sollte er ihn etwa zu sich nach Hause einladen und ihn auffordern, von alten K�mpfen zu erz�hlen? Hugues de Narbonne h�tte ihn nur ausgelacht - und das zu Recht.</p><p>Der Franzose erl�ste ihn aus seiner Verlegenheit, als h�tte er gerade seine Gedanken gelesen. �Warum gehen wir nicht zu mir nach Hause und essen etwas?�, schlug er vor. �Dabei k�nnten wir uns ein wenig unterhalten. Ich kann mir vorstellen, dass du mir viele Fragen stellen m�chtest.�</p><p>W�hrend ihres Gespr�chs im Haus des Bankiers hatte er ihn stets mit �Ihr� angeredet, und nun war er zum �Du� �bergegangen. Seine Stellung im Orden gab ihm jedes Recht dazu, aber Gerardo gefiel die Vorstellung, dass dies ein Vertrauensbeweis war und kein Privileg seines h�heren Ranges. Er nahm die Einladung begeistert an, und sie machten sich sofort auf den Weg in den Borgo dei Cartolai. Das Viertel war nach den Papiermachern benannt, die hier ihre Werkst�tten hatten. Die beiden M�nner folgten ein kurzes St�ck dem Kanal, der die Wasser der Savenna in die Stadt leitete. Unterwegs zeigte sich Hugues de Narbonne �u�erst umg�nglich und sehr gespr�chig. Als sie sein Haus betraten, lachte er herzlich, als er sah, wie verwirrt Gerardo �ber die Unordnung in seiner K�che war.</p><p>�Als ich die Wohnung mietete, wollte ich keine Dienerschaft�, sagte er. �Aus Gr�nden der Geheimhaltung. Einige Male habe ich versucht, mir selbst ein Mahl zu kochen, dann habe ich es jedoch aufgegeben. Ich gehe zum Essen in die Taverne oder ich lasse mir die Speisen bringen.�</p><p>Er nahm einen Soldo aus der Tasche, stellte sich an die T�r und pfiff zwei Kinder heran, die sich damit vergn�gten, �ber die Pf�tzen am Stra�enrand zu h�pfen. Der �ltere der beiden kam sofort zu ihm und kassierte mit einem breiten L�cheln die M�nze.</p><p>�Sag deiner Mutter, sie soll uns etwas Gutes zu essen bringen�, erkl�rte Hugues in holprigem <emphasis>Volgare</emphasis>, das den kleinen Jungen und selbst Gerardo zum Lachen brachte.</p><p>Der Kleine rannte davon, w�hrend sein Bruder in die Pf�tze pinkelte, �ber die er gerade geh�pft war. Hugues schloss die T�r. �Seine Mutter ist mit dem Wirt der Taverne an der Ecke verheiratet�, sagte er und ging Gerardo in einen kleinen Raum voraus, der mit einem Tisch, St�hlen und einer langen, schwarzen Anrichte mit zwei Kerzenleuchtern darauf ausgestattet war. �Sie ist nicht nur eine sch�ne Frau, sondern auch sehr entgegenkommend.�</p><p>Gerardo kommentierte dies lieber nicht und setzte sich auf den Platz, den Hugues de Narbonne ihm zuwies. Als er sich gesetzt hatte, fuhr der Franzose fort: �Du denkst jetzt bestimmt: �Wie kann dieser Mann nur so schamlos seine Gel�bde brechen? � Habe ich Recht?�</p><p>�Kommandant, ich habe nicht ��</p><p>�Gib es auf, es steht dir ins Gesicht geschrieben. Doch die entscheidende Frage lautet anders: Was ist ein Gel�bde? Antworte.�</p><p>�Nun, eine heilige Verpflichtung, die wir vor Christus annehmen ��</p><p>�Vor der Heiligsten Maria.�</p><p>Gerardo stockte der Atem. Unter den Dutzenden Anklagepunkten gegen seinen Orden erinnerte er sich nur zu gut an denjenigen, der ihnen zur Last legte, dass die Templer die Muttergottes Jesus Christus gleichstellen wollten. Obwohl er Maria die schuldige Verehrung entgegenbrachte, hatte Gerardo diese Aufwertung der Jungfrau Maria weder praktiziert noch angenommen, diese Anschuldigung sei etwas anderes als ein Hirngespinst der krankhaften Fantasie Philipps des Sch�nen. Und dass dieser ein begr�ndetes Interesse daran hatte, die Tempelritter zu beseitigen, damit er seine enormen Schulden bei ihnen nicht bezahlen musste, lag auf der Hand.</p><p>Hugues de Narbonne schien sich angesichts von Gerardos Best�rzung zu am�sieren. �Jetzt denkst du gerade, dass die Anschuldigungen gegen uns, die du f�r falsch gehalten hast, der Wahrheit entsprechen.�</p><p>Gerardo sch�ttelte verwirrt den Kopf: �Sagt Ihr mir, was ich denken soll, Kommandant. Die Jungfrau Maria Christus gleichzustellen, ist H�resie.�</p><p>�Ich sprach nicht von der Jungfrau Maria. Und ich stelle sie ihm nicht gleich, sondern vielmehr sogar �ber ihn�, erwiderte der Franzose gelassen.</p><p>Nach diesen Worten hatte Gerardo jetzt nur noch einen Wunsch: dieses Haus zu verlassen und den Kommandanten seinen Ketzereien zu �berlassen. Das Amt, das er bekleidete oder besser bekleidet hatte, da Akkon nun seit �ber zwanzig Jahren in den H�nden der Sarazenen war, verbot es ihm, den Mann offen zu kritisieren, aber Gerardo wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben.</p><p>Hugues de Narbonne brach in herzliches Gel�chter aus. �Entschuldige, dass ich ein wenig meinen Spa� mit dir getrieben habe�, sagte er. �Dein Gesichtsausdruck ist einfach unsagbar komisch.�</p><p>Gerardo seufzte erleichtert auf. �Ich wusste doch, dass Ihr das nicht ernst meinen konntet, aber einen Augenblick lang habe ich wirklich geglaubt ��</p><p>�Ich habe das ganz ernst gemeint. Ich bat dich nicht um Verzeihung f�r das, was ich gesagt habe, sondern daf�r, wie ich es gesagt habe. Ich h�tte das Thema in kleinen Schritten angehen, erst die Lage sondieren und dich darauf vorbereiten sollen � Stattdessen wollte ich wiederholen, was mein Meister vor langer Zeit mit mir getan hat. Jetzt verstehe ich, warum er damals so gelacht hat.�</p><p>Gerardo begriff seine eigene Reaktion nicht. Er wusste, dass er nun h�tte aufstehen und gehen m�ssen, stattdessen blieb er jedoch sitzen, wie gel�hmt von den vielen Fragen, die sich in seinem Kopf h�uften. Wenn er nicht die Muttergottes meinte, f�r wen benutzte der Kommandant dann die Anrede Heiligste Maria? Und warum sprach er von einem Meister, als w�ren diese Ketzereien eine im Orden anerkannte Praxis? W�hrend seiner Lehrzeit und der Vorbereitung auf das Gel�bde hatte Gerardo nie etwas Derartiges geh�rt. Handelte es sich etwa um geheimes Wissen, das da vor ihm ausgebreitet wurde? Und wenn dem so war, warum hatte sich Hugues de Narbonne entschlossen, ausgerechnet ihm davon zu erz�hlen, wo er ihn doch gar nicht kannte? Eine Frage war aber am dr�ngendsten: Beging er gerade eine Tods�nde, wenn er hier war und dem Franzosen nicht widersprach?</p><p>�Zuh�ren ist keine S�nde�, sagte Hugues und bewies ihm noch einmal, dass er in ihm lesen konnte wie in einem offenen Buch. �Wenn dir das, was ich sagen werde, als Ketzerei erscheint und du es f�r unvereinbar mit den Wahrheiten des christlichen Glaubens h�ltst, kannst du gehen und nie mehr zur�ckkommen. Ich werde nicht von der B�rgschaft zur�cktreten und werde dich als von der Gehorsamspflicht befreit betrachten, die du mir als deinem Vorgesetzten gegen�ber schuldig bist. Also: Was wirst du tun?�</p><p>Gerardo hatte sich schon entschieden, und Hugues� Worte waren wie �l, das ins Feuer gegossen wurde: Sie fachten seinen brennenden Wissensdurst noch weiter an.</p><p>�Sprecht�, brachte er endlich heraus.</p><p>�Ich nehme an, du hast schon von Baphomet geh�rt, dem G�tzenbild, das zu verehren wir beschuldigt werden�, begann der Franzose.</p><p>�Ihr wollt mir doch nicht sagen, dass auch dies wahr ist?�, fl�sterte Gerardo kaum h�rbar. All seine �berzeugungen wurden innerhalb eines einzigen Tages in den Grundfesten ersch�ttert.</p><p>Hugues machte eine Handbewegung, als wollte er ein nerv�ses Pferd beruhigen. �Ja, es stimmt, dass einige von uns, ich w�rde sogar behaupten, der bessere, wenngleich kleinere Teil unserer Br�der, etwas verehren, das wir Baphomet nennen. Doch es ist falsch, dass es sich um ein G�tzenbild handelt, und teuflisch ist es auch nicht. Alles liegt im Sinn der Worte verborgen.�</p><p>Er stand auf, ging in die K�che und kam mit einem Krug Wei�wein zur�ck, allerdings ohne Becher. Er trank einen langen Schluck, bevor er ihn Gerardo anbot. �Trink, das brauchst du jetzt.�</p><p>Der junge Mann gehorchte mechanisch, dann stellte er den Krug wortlos zwischen sie auf den Tisch.</p><p>�Kennst du die Sprache der Juden?�, fragte ihn Hugues.</p><p>�Nat�rlich nicht!�, erwiderte Gerardo emp�rt. Allein der Gedanke, etwas mit den M�rdern Christi gemeinsam zu haben, war ihm ein Grauen.</p><p>�Ich auch nicht. Aber ich kenne ihr Alphabet. Die Juden lehnen wie die Sarazenen die Botschaft Christi ab und werden daf�r auf ewig verdammt sein. Aber das bedeutet nicht, dass sie dumm oder unwissend sind. Die Weisheit von Ungl�ubigen kann tief sein.�</p><p>�Und was hat das hebr�ische Alphabet damit zu tun?� Hugues bel�chelte seine Ungeduld. �Ich komme gleich dazu.� Er streckte eine Hand aus und �ffnete die Anrichte hinter sich. Er entnahm ein Blatt Konzeptpapier und was er zum Schreiben brauchte. Dann f�llte er das Blatt mit zwei Reihen geheimnisvoller Zeichen; Gerardo sah ihm schweigend dabei zu.</p><p>Als er damit fertig war, drehte er das Blatt zu ihm und zeigte ihm die beiden Zeichenfolgen:</p><p><image l:href="#4"/><image l:href="#5"/></p><p>�Die untere Zeile ist in entgegengesetzter Reihenfolge geschrieben�, sagte Gerardo, nachdem er sich Zeichen angesehen hatte.</p><p>�Richtig. Es handelt sich um eine hebr�ische Geheimsprache, die nach den ersten und letzten beiden Buchstaben ihres Alphabets Atbash genannt wird. Die Buchstaben werden erst von rechts nach links geschrieben, dann von links nach rechts. Danach nimmt man ein Wort und ersetzt jeden Buchstaben darin mit dem aus der untenstehenden Reihe.�</p><p>�Das Ergebnis ist ein ganz anderes Wort�, meinte Gerardo, �und nur f�r den verst�ndlich, der den Code kennt.�</p><p>�Was f�r ein heller Kopf du bist�, sagte Hugues l�chelnd und nickte zustimmend. �Tats�chlich ist sie sehr einfach zu entschl�sseln, aber man muss die Ausgangssprache kennen. Und das ist ein Geheimnis, das niemand von uns den Inquisitoren enth�llen wird, nicht einmal unter den schlimmsten Folterqualen.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Nehmen wir das Wort Baphomet�, sagte Hugues und deutete auf einige Zeichen aus der oberen Reihe. �Im Hebr�ischen besteht es aus f�nf Buchstaben: Taw, Mem, Vaw, Pe, Beth.�</p><p>Er zeigte auf die Buchstaben und �bertrug sie darunter. <image l:href="#6"/></p><p>�Von rechts nach links gelesen, wie bei den Juden �blich, ergibt das BA.PH.O.ME.T. Jetzt nehmen wir diese Buchstaben und tauschen sie mit denen aus der Zeile darunter aus.� Er deutete immer kurz mit der Feder auf die entsprechenden Buchstaben, dann �bertrug er sie unter die ersten f�nf. <image l:href="#7"/></p><p>Er betrachtete sie einen Moment lang mit seltsamer Ehrfurcht, bevor er las: �Aleph, Jod, Pe, Waw, Schin. Oder von rechts nach links gelesen: S.O.P.H.I.A.�</p><p>�Die G�ttin der Weisheit!�, rief Gerardo �berrascht aus.</p><p>�Genau. Und jetzt sag mir, wie es Ketzerei sein k�nnte, der Weisheit zu huldigen?�</p><p>�Aber das muss man dann doch auch dazusagen!�, rief Gerardo noch einmal laut. Er war erregt, und sein Gesicht brannte wie im Fieber. �Man muss den Inquisitoren die Geheimschrift entdecken und zeigen, dass kein �bel darin ist.�</p><p>Hugues de Narbonne sch�ttelte den Kopf. Seine grauen Augen sahen ihn traurig an: �Unser Orden ist bereits verurteilt, gib dich keinen Illusionen hin. Wir sind sogar f�r unser eigenes Wohl zu m�chtig geworden. Wir k�nnen nichts sagen oder tun, um dieses Schicksal abzuwenden. Alles, was uns zu tun bleibt, ist, das Wissen in Sicherheit zu bringen, das uns anvertraut wurde.�</p><p>Gerardo griff instinktiv nach dem Krug und trank einen gro�en Schluck Wein. Hugues tat es ihm nach; dann setzte er zu einer langen Erkl�rung an, die von eindringlichen Blicken und schnellen Schlucken aus dem Krug begleitet wurde. Er erz�hlte �ber die griechische G�ttin Sophia, ihren Ursprung in der <emphasis>Anima Mundi</emphasis>, der Weltseele der Gnostiker, �ber die Gro�e Mutter, die der Welt das Leben schenkt und die gr��er ist als der Erl�ser selbst, denn ohne sie g�be es nicht einmal eine Welt, um sie zu erl�sen, und also auch keinen Erl�ser. Er schloss mit den Worten, dieses g�ttliche weibliche Prinzip w�rde in der christlichen Religion von Maria Magdalena, der Ehefrau Christi, verk�rpert.</p><p>�Christus war unverheiratet!�, schrie Gerardo, schlug mit der Hand auf den Tisch und sprang v�llig au�er sich auf. �Und die Magdalena war eine ��</p><p>�Sprich es nicht aus!� Hugues schnellte hoch, beugte sich �ber den Tisch und packte ihn am Hals. �Schm�he die Heilige Mutter nicht.�</p><p>Gerardo war vollkommen �berrascht - nicht, weil die Reaktion des Franzosen so schnell war und heftig ausfiel, sondern wegen der unerwarteten Leidenschaftlichkeit in den Worten des Franzosen, der sich sonst so abgekl�rt �u�erte.</p><p>In diesem Moment klopfte es. Hugues lie� Gerardos Hals los, richtete sich auf und ging zur T�r. Aus der K�che waren Worte und unterdr�cktes Kichern zu h�ren, dann kehrte der Kommandant in Begleitung einer etwa drei�igj�hrigen Frau zur�ck, die ein �rmelloses graues �bergewand �ber einer tief ausgeschnittenen Leinentunika trug und ihre kupferroten Haare unter einer Haube zusammengenommen hatte. Sie hielt eine Tonsch�ssel in H�nden, der ein angenehmer Geruch nach Schmorfleisch entstr�mte. Obenauf lagen zwei dicke Scheiben Brot. Als sie das Fleisch auf den Tisch stellte, beugte sie sich so weit vor, dass man ihren Busen sah, und schenkte Gerardo ein anz�gliches L�cheln.</p><p>�Gianna bleibt nur wenig Zeit, bis ihr Mann Verdacht sch�pft und nach ihr sucht�, erkl�rte Hugues. �Ich habe ihr erz�hlt, dass ich einen Gast habe, und sie ist bereit, uns beide f�r einen Soldo zus�tzlich zu befriedigen, aber nur gemeinsam, nicht nacheinander.�</p><p>Offensichtlich konnte er sich auch bei Leuten verst�ndlich machen, die kein Latein sprachen, wenn er wollte. Gerardo beschr�nkte sich darauf, den Kopf zu sch�tteln. Die beiden lachten, weil er err�tet war, und gingen ins Schlafzimmer. Auf der Schwelle drehte die Frau sich um, sah ihn fast ein wenig sehnsuchtsvoll an und hauchte ihm mit den Fingerspitzen einen Kuss zu.</p><p>�Wenn du es dir �berlegst, kannst du noch nachkommen�, sagte sie.</p><p>Hugues fl�sterte ihr etwas ins Ohr, worauf sie schallend lachte, dann schlossen sie die T�r.</p><p>Gerardo blieb wie gel�hmt am Tisch sitzen und fragte sich, warum er nicht ging. Ein Teil in ihm, den er krampfhaft zu unterdr�cken suchte, fl�sterte ihm zu, dass er bereits ges�ndigt h�tte, indem er sich hatte erregen lassen, und dass er damit auch gleich in das Zimmer nebenan gehen und sich mit der Frau vergn�gen k�nnte.</p><p>Er suchte nach einem Mittel, um sich von diesen Gedanken abzulenken, deshalb sah er sich erneut das Blatt mit dem hebr�ischen Alphabet an, das auf dem Tisch lag. Und bald war Gerardos Kopf wieder mit den vielen Enth�llungen besch�ftigt, die er in so kurzer Zeit und alle auf einmal erhalten hatte. Christus war verheiratet, und das mit Maria Magdalena, einer Frau von �blem Ruf, obwohl sie sp�ter erl�st und heiliggesprochen worden war. Das konnte einfach nicht wahr sein. Vielleicht, dachte Gerardo, enthielten die gegen seinen Orden erhobenen Anschuldigungen wegen Ketzerei, die er immer f�r falsch und vors�tzlich ersonnen gehalten hatte, doch einen wahren Kern.</p><p>Aber sosehr er sich auch bem�hte, klar zu denken - er war zu nichts anderem in der Lage, als im Kopf immer wieder die gleichen Satzfetzen zu wiederholen, die keinen logischen Zusammenhang hatten. Zuerst dachte er, er w�sste zu wenig, um es beurteilen zu k�nnen. Dann, dass es eine S�nde sei, sich hinter dieser vorget�uschten Unwissenheit zu verstecken. Was war denn nun seine Pflicht? Sich selbst anzuzeigen und sich in die H�nde der Inquisition zu begeben, um dort zu erkl�ren, er habe in gutem Glauben gehandelt? Nein, das war zu gef�hrlich. So lief er Gefahr, unter der Folter befragt zu werden. Und selbst wenn man ihm schlie�lich Glauben schenken und ihn freilassen w�rde, w�re er f�r den Rest seines Lebens als Kr�ppel gezeichnet. Nachdem er eingehend sein Gewissen erforscht hatte, kam Gerardo zu dem Schluss, dass er sich nicht zum M�rtyrer berufen f�hlte.</p><p>Au�erdem bestand immer noch die M�glichkeit, dass Hugues� Worte der Wahrheit entsprachen. Vielleicht stimmten die verbreiteten Ger�chte, dass die Tempelritter im Heiligen Land Geheimnisse entdeckt hatten, die im Widerspruch zur offiziellen Lehre der Kirche standen. Er sah sich das hebr�ische Wort an, das Baphomet hie�, und darunter seine Transkription in Sophia, die G�ttin der Weisheit. Wie viele Geheimnisse er wohl entdecken mochte, wenn er Hugues de Narbonne folgte?</p><p>Schnell verjagte Gerardo diesen gottesl�sterlichen Gedanken, doch bevor er seine Aufregung auch nur so weit kontrollieren konnte, dass er in der Lage war, eine klare Entscheidung zu treffen, und sei es auch nur der Entschluss, einfach aufzustehen und zu gehen, kam Gianna bereits wieder aus dem Schlafzimmer. Sie richtete hastig ihre Haube.</p><p>�Komm an einem anderen Tag wieder�, fl�sterte sie ihm zu, als sie an ihm vorbeiging. �Bei dir werde ich schon daf�r sorgen, dass ich mehr Zeit habe.�</p><p>Die T�r zur Stra�e fiel mit einem trockenen Laut ins Schloss, und gleich darauf erschien Hugues de Narbonne im Arbeitszimmer. Er blickte ernst, aber Gerardo beging nicht den Irrtum, dies darauf zur�ckzuf�hren, dass der Franzose sich bewusst war, welch schwere S�nde er soeben begangen hatte. Offensichtlich betrachtete sich der Kommandant als jemanden, der �ber den Gesetzen der Kirche stand. Damit musste es einen anderen Grund f�r diese Ernsthaftigkeit geben. Vielleicht hielt er ja noch mehr Enth�llungen bereit. Gerardo beendete seinen inneren Kampf und bereitete sich darauf vor, weiter zuzuh�ren. Damit verschob er jede Entscheidung auf den Zeitpunkt, an dem er endlich dieses Haus verlassen w�rde.</p><p>�Als ich in den Orden eingetreten bin�, sagte der Franzose und setzte sich vor die Sch�ssel mit dem Schmorfleisch, �habe ich das gleiche Gel�bde abgelegt wie du, obwohl ich es von Anfang an als sinnlose Einschr�nkung empfunden habe. Dann hat mich jedoch jemand einer h�heren Weisheit teilhaftig werden lassen, und damit waren die Gel�bde �berholt. Das, was du hier erlebt hast, war keine gew�hnliche Verletzung des Keuschheitsgel�bdes, so wie du es definieren w�rdest. Ich meine damit, dass das, was wir gerade getan haben, keine S�nde war und daher auch keiner Beichte bedarf, um vergeben zu werden.�</p><p>Gerardo begriff den Gedankengang, obwohl er ihn als entsetzliche Gottesl�sterung empfand. Im Grunde sagte der Kommandant damit, dass f�r die in das geheime Wissen der Templer Eingeweihten die �blichen Verhaltensvorschriften nicht mehr galten. Und dass nur die Nichteingeweihten den Ordensregeln unterworfen waren. Doch er begriff immer noch nicht, aus welchem Grund Hugues sich entschlossen hatte, ihm solche Geheimnisse anzuvertrauen, die er doch, wie er kurz zuvor behauptet hatte, nicht einmal unter der Folter enth�llt h�tte.</p><p>�Kommandant�, sagte er, als es ihm gelungen war, den Reigen der wild durch seinen Kopf tanzenden Gedanken ein wenig zu beruhigen. �Warum gerade ich?�</p><p>Hugues lachte und schlug mit der Hand auf den Tisch. �Das ist endlich die richtige Frage!�, sagte er und nickte. �Hast du dich denn nicht gefragt, warum ich bereit war, f�r einen v�llig Fremden eine B�rgschaft zu unterschreiben?�</p><p>�Remigio hatte mir gesagt ��</p><p>�Lass den Bankier aus dem Spiel, er wei� nichts. Die Wahrheit ist, dass ich dich seit dem Abend treffen wollte, an dem ich erfahren habe, was du mit Angelo da Piczanos Leiche getan hast.�</p><p>�Ihr wusstet es schon, bevor ich es Euch erz�hlte!�, brach es aus Gerardo heraus. �Aber wie konntet Ihr ��</p><p>�Das ist einfacher als du denkst. Ich kannte Angelo, und wir haben uns getroffen, als er nach Bologna kam.�</p><p>Hugues nahm das Brot vom Topf, warf einen kritischen Blick hinein, holte sich einen mit fetter So�e bedeckten Brocken Fleisch heraus und legte ihn auf eine der Scheiben.</p><p>�Also wart Ihr derjenige, den Angelo in der Nacht treffen sollte, als er ermordet wurde!�, rief Gerardo aus.</p><p>Hugues sch�ttelte nur stumm den Kopf und tauchte die Finger wieder in die So�e, dann strich er mit ihnen �ber das Brot, damit es sie aufsaugte. �Nein. Er hatte mir gesagt, dieses Treffen f�nde erst einen Tag sp�ter statt. Sonst w�re er noch am Leben.� Er verstummte, und seine grauen Augen verfinsterten sich. �Nun gut, sobald ich von dem Brand h�rte, bin ich dorthin gerannt. Die Inquisition war bereits vor Ort, aber sie hatten nichts gefunden. Als ich mich umh�rte, ist mir klar geworden, dass der dort verschwundene Student, �ber den alle redeten, auch ein Tempelritter sein musste. Und er musste eine schwierige, gef�hrliche Aufgabe gemeistert haben, indem er floh und Angelos Leiche nicht in den H�nden der Dominikaner zur�cklie�.�</p><p>�Dann seid Ihr also zu Remigio gegangen und habt ihm gesagt, dass er Euch benachrichtigen sollte, falls ich mich an ihn wenden w�rde�, sagte Gerardo. �Deshalb hat er so aufgehorcht, als ich ihm sagte, mir w�re ein Ungl�ck zugesto�en.�</p><p>�So ungef�hr hat es sich abgespielt. Ich muss Euch loben. Ein wacher Verstand ist eine wichtige Voraussetzung f�r einen zuk�nftigen Eingeweihten.�</p><p>�Ihr habt mir noch nicht geantwortet, Kommandant. Warum w�nscht Ihr, dass ich dieses geheime Wissen teile?�</p><p>Hugues forderte ihn auf, sich aus dem Topf zu bedienen, doch Gerardo sch�ttelte den Kopf, ohne den Blick von dem Franzosen abzuwenden. Achselzuckend biss dieser in ein St�ck Fleisch, das er dann wieder auf die fettige Brotscheibe legte.</p><p>�Gott spricht zu uns und bringt uns so auf den Weg, den wir gehen m�ssen�, sagte er mit vollem Mund. �Bisweilen finden wir dort Pr�fungen und Hindernisse vor, die den Charakter st�hlen. Manchmal auch kleine oder gr��ere Gl�cksf�lle, auf die wir uns aber nichts einbilden sollten. Und manchmal richtet er es so ein, dass wir zur rechten Zeit dem richtigen Menschen begegnen.� Er unterbrach sich kurz und sp�lte einen Bissen mit einem Schluck Wein aus dem Krug hinunter. �Wir, die wir noch die wahre Weisheit im Heiligen Land erfahren haben, werden alt�, fuhr er fort. �Viele von uns sind inzwischen gestorben. Wir brauchen frisches Blut, damit die Fackel nicht verl�scht. Deshalb werde ich, wenn das alles hier beendet ist, mein ganzes Wissen mit dir teilen, falls du das m�chtest.� Er nahm sein St�ck Fleisch wieder auf und deutete auf den Topf. �Aber nun iss. F�r die Aufgabe, die ich dir �bertragen will, wirst du deine ganze Kraft ben�tigen.�</p><empty-line/><p>Als er an die Baustelle der Basilika von San Giacomo Maggiore kam, die an der Stra�e nach San Donato errichtet wurde, blieb Mondino neben einer Reihe von Steinmetzen stehen, die auf dem Boden sa�en und an den Kapitellen der S�ulen arbeiteten. Er machte m�helos den Baumeister aus, einen kr�ftigen Augustinerm�nch mit einem langen grauen Bart, der auf einem Steinquader stand und die Arbeiten �berwachte.</p><p>Als er ihn rief, wandte sich der M�nch ruckartig um, sprang hinab und lief ihm zwischen den Steinquadern und den Balken entgegen, die den kleinen Platz vor der Kirche ausf�llten.</p><p>�<emphasis>Pax vobiscum</emphasis>, Magister�, sagte er und sch�ttelte den Staub von der Kutte. �Bitte entschuldigt meine nachl�ssige Kleidung.�</p><p>�<emphasis>Et cum spiritu tuo</emphasis>�, erwiderte Mondino. �Ich sehe, dass Ihr gut vorw�rtsgekommen seid, Pater Paolo. Wann wird das Dach gedeckt?�</p><p>Der M�nch wandte sich mit beinahe v�terlichem Stolz wieder der Baustelle zu. Die vier �u�eren Ecken waren bereits fertiggestellt und wurden durch Mauerabschnitte verbunden, zwischen denen Maurer und andere Handwerker ihrer Arbeit nachgingen.</p><p>�Bevor ich auch nur an das Dach denken kann, werden noch mindestens zwei Jahre vergehen�, sagte er versonnen, als w�rde er schon die vollendete Basilika vor sich sehen. �Aber sagt, womit kann ich Euch dienen?�</p><p>�Eigentlich dachte ich, dass ich Euch n�tzlich sein k�nnte. Oder besser gesagt Eurem Vetter Francesco.�</p><p>Der Mund des M�nches �ffnete sich zu einem fast perfekten O. �Meinem Vetter. Aber woher ��</p><p>Mondino l�chelte wohlwollend. �Einer meiner Sch�ler kennt ihn und hat mir seinen Namen genannt. Wie Ihr wisst, k�nnen bei einem Hodenbruch jederzeit wichtige Organe abgeklemmt werden, und das kann f�r den Patienten lebensbedrohlich werden. Deshalb sollte man ihn besser so schnell wie m�glich entfernen, als dieses Risiko weiter einzugehen.�</p><p>Der Baumeister sah �berrascht aus, doch auf seinem jung gebliebenen Gesicht zeigte sich kindliche Freude. �Meint Ihr damit wirklich, dass Ihr selbst die Operation durchf�hren w�rdet? Francesco wird sehr gl�cklich dar�ber sein. In letzter Zeit bereitet ihm sein Bruch gro�e Schmerzen.� Auf einmal verfinsterte sich seine Miene jedoch, und er fasste sich verlegen an den Bart. �Aber ich f�rchte, dass wir uns das nicht leisten k�nnen �� Er unterbrach sich, um zwei Arbeitern, die unter einem dicken Balken standen, der von einem Flaschenzug in die H�he gehievt wurde, zuzurufen, sie sollten sich aus der Gefahrenzone begeben. Die beiden gingen gem�chlich ein paar Schritte zur Seite.</p><p>�Vor drei Wochen ist ein Seil gerissen, und einer von ihnen ist dabei umgekommen, dennoch lernen sie nicht daraus�, sagte er kopfsch�ttelnd. �Aber um auf meinen Vetter zur�ckzukommen ��</p><p>�Macht Euch keine Sorgen wegen des Geldes�, sagte Mondino, der diese Frage vorhergesehen hatte. �Da mir aus Forschungszwecken an dieser Operation liegt, werde ich von Eurem Vetter nur ein Drittel meines �blichen Honorars verlangen.�</p><p>Das Gesicht des b�rtigen M�nches erstrahlte. �Danke, Magister. Das ist wirklich ein Geschenk des Himmels.�</p><p>�Wir wollen nicht �bertreiben.�</p><p>�Das meine ich ernst. Francesco hatte wirklich an Euch gedacht, als man ihm sagte, dass man den Hodenbruch operieren sollte. Aber da er wusste, das er sich Euer Honorar nicht leisten konnte, wollte er sich an Bertruccio oder Ottone wenden, die nach Eurer Methode vorgehen.�</p><p>Bertruccio Lombardo und Ottone da Lustrulano waren die einzigen Sch�ler Mondinos, die diese Operation durchzuf�hren in der Lage waren, ohne dass der Patient dabei an Sepsis oder Blutverlust starb. Mondino war �berrascht, dass der Baumeister von der Neuerung wusste, die er in der Behandlung von Hodenbr�chen eingef�hrt hatte, aber dann fiel ihm ein, dass dies nicht so �berraschend war: Die M�nner der Kirche k�mpften zwar beharrlich gegen den Fortschritt der Wissenschaft, aber sie war gern bereit, davon Gebrauch zu machen, wenn er ihnen nutzen konnte. Die fr�here Methode, einen Hodenbruch zu operieren, die sein Lehrer Taddeo Alderotti praktizierte, sah eine Kauterisierung des Skrotums vor, wonach das verbrannte Fleisch in Schichten abgetragen wurde. Dabei war eine Kastration des Patienten unvermeidlich. Mondino begriff sehr genau, warum es einem verdorbenen M�nch wie dem Vetter des Baumeisters so wichtig war, dass er nach seiner Methode operiert wurde, welche fast immer die Zeugungsf�higkeit erhielt.</p><p>�Ich bin ebenfalls froh, dass er mich bevorzugt�, sagte er, doch er brachte kein L�cheln hervor. �Das macht alles viel einfacher. Obwohl ich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, sagen muss, dass beide �rzte, die Ihr genannt habt, ebenfalls in der Lage sind, diese Operation durchzuf�hren.�</p><p>�Das bezweifele ich nicht. Dennoch, wenn man die Wahl hat, ist der Lehrer trotz allem immer besser als die Sch�ler, meint Ihr nicht auch?�</p><p>Die Freude des M�nches f�r seinen Vetter war r�hrend, und Mondino hatte ein paar Gewissensbisse, weil er ihn benutzte.</p><p>�Selbstverst�ndlich, Vater�, sagte er und mied den Blick des Baumeisters. �Wenn es Euch recht ist, werde ich morgen Nachmittag ins Kloster kommen, um einen Blick auf den Patienten zu werfen.�</p><p>�Das passt ausgezeichnet. Wir werden Euch erwarten. Und nochmals vielen Dank.�</p><p>Der M�nch wandte sich ab und kehrte an seine Arbeit zur�ck. Auf dem lauten, mit Steinen, Karren, Steinmetzen und Maurern angef�llten Platz erhob sich die im Bau befindliche Kirche San Giacomo. Ohne Dach sah sie noch aus wie eine Ruine aus fernen Zeiten.</p></section><section><title><p><strong>SIEBEN</strong></p></title><empty-line/><p><strong>W</strong>�hrend er mit gesenktem Kopf zwischen zwei H�userreihen eine kleine Stra�e entlanglief, hielt sich Gerardo mit einer Hand Mund und Nase zu, um den Gestank nicht einatmen zu m�ssen. Er hoffte nur, dass nicht irgendeine Hausfrau an einem Fenster �ber ihm genau in diesem Moment den Inhalt ihrer Nachtt�pfe nach drau�en kippte. Vorsichtig schaute er kurz nach oben, und als er sah, dass alle L�den geschlossen waren, schritt er schnell vorw�rts. Er h�tte zwar die Hauptstra�e benutzen k�nnen, um zu dem Gasthaus zu gelangen, in dem der Deutsche get�tet worden war, aber diese mied er aus zweierlei Gr�nden: Erstens f�rchtete er, erkannt zu werden. Vor drei Tagen hatte Hugues de Narbonne ihm befohlen, alles herauszufinden, was Wilhelm von Trier von seiner Ankunft in der Stadt an bis zu seinem Tod getan hatte. Dass der Besitzer des Hauses, das Gerardo angez�ndet hatte, genau in dieser Gegend wohnte, hatte ihn nicht weiter gek�mmert; er hatte darauf beharrt, dass Gerardo tat, wie gehei�en, und Gerardo hatte nicht gewagt, etwas einzuwenden. Obwohl er immer noch best�rzt war �ber die Enth�llungen des Franzosen, so war er doch ein Tempelritter, und ihre Ordensregeln schrieben unbedingten Gehorsam gegen�ber Rangh�heren vor.</p><p>Der zweite Grund, warum er nicht die Hauptstra�e benutzte, war, dass die Gegend um Santo Stefano an das Viertel Trebbo dei Banchi angrenzte, was bedeutete, dass er mehrmals am Tag an Remigios Haus vorbeimusste. Und er wollte nicht, dass der Bankier ihn fragte, warum er so oft hier vorbeikam. Vor allem aber wollte er Fiamma nicht begegnen, die stets an dem langen Tisch hinter ihrem Adoptivvater sa� und Dokumente ausfertigte.</p><p>Remigio war sehr diskret gewesen; er hatte ihn nur mit einem Kopfnicken gegr��t und ihn nicht angesprochen. Fiamma hingegen schien seine Gegenwart im Voraus zu ahnen, und jedes Mal, wenn der junge Mann an ihrem Gesch�ft vorbeikam, schaute sie von den Papieren auf und sah ihn unergr�ndlich an.</p><p>Trotz seiner Vors�tze hatte Gerardo die Augen nicht abwenden k�nnen und f�hlte, wie sein Herz schneller schlug. In diesen Tagen hatte er st�ndig an das denken m�ssen, was ihm Hugues de Narbonne gesagt hatte: dass ihm erlaubt sein w�rde, Geheimnisse zu erfahren, die nur einer kleinen Minderheit der Tempelritter bekannt waren. Geheimnisse, die sein Leben auf unerwartete Weise ver�ndern w�rden und dies vielleicht sogar bereits taten.</p><p>Gerardo ging nicht aus dem Kopf, was Hugues und diese Frau im Schlafzimmer getan hatten. Vor einigen Jahren, als er noch in der kleinen Burg seiner Eltern wohnte, hatte ihn eine Magd namens Assunta, eine verheiratete Frau mit zwei Kindern, in die Freuden der k�rperlichen Liebe eingef�hrt. Sie hatten sich oft in den Mittagsstunden des Sommers im d�mmrigen Pferdestall getroffen oder unter freiem Himmel im Weinberg. Diese Erinnerungen waren das schlimmste Hindernis gewesen, das er nach seinem Gel�bde �berwinden musste. Er hatte Monate voller Gebete und geistiger Exerzitien gebraucht, bevor er das unterdr�cken konnte, woran sein K�rper ihn hartn�ckig erinnerte. Schlie�lich und endlich war es ihm jedoch gelungen.</p><p>Hatte er jedenfalls geglaubt. Nun aber musste er feststellen, dass dem nicht so war.</p><p>Allein der Gedanke, man k�nnte die Ordensregeln im Namen einer h�heren Weisheit, die den meisten verwehrt blieb, brechen, ohne damit eine S�nde zu begehen, hatte gen�gt, dass sein Kopf sich beharrlich damit besch�ftigte. In diesen Tagen hatte Gerardo sich oftmals die Frage gestellt, was er eigentlich vom Leben wollte. Dabei hatte er zum ersten Mal angezweifelt, dass er wirklich zu einem M�nchssoldaten bestimmt war, der die Christenheit verteidigen sollte. Aber noch hatte er keine Antwort darauf gefunden, was er dann anstrebte.</p><p>Nun lief er schon die kompliziertesten Umwege durch mit Schlamm, Exkrementen und Unrat bedeckte G�sschen, nur um nicht an Fiamma vorbeikommen zu m�ssen. Zugleich ersehnte er sich nichts anderes, und wenigstens einmal am Tag gab er diesem Verlangen nach und ging die Hauptstra�e entlang, die von der Porta Ravegnana in das Viertel um <emphasis>Sancta Hierusalem</emphasis> f�hrte.</p><p>Als er die Gasse verlie�, nahm er die Hand von Mund und Nase und konnte endlich wieder frei atmen. Er vermied es, noch einmal in dem Gasthaus vorbeizuschauen, um keinen Verdacht zu erregen. Am ersten Tag war er dort hineingegangen, hatte sich als einer der vielen Schaulustigen ausgegeben und Fragen �ber den Mord an Wilhelm von Trier gestellt. Der Wirt wurde von einem Haufen Leuten bedr�ngt, die alles �ber den Templer und das Herz aus Eisen wissen wollten; deshalb hatte er auch nicht bemerkt, dass Gerardos Fragen zielgerichteter waren als die der anderen Neugierigen. Bereitwillig hatte er Gerardo und f�nf oder sechs anderen Personen um ihn herum, die ihm gespannt zuh�rten, erz�hlt, wie der Deutsche angekommen war und ein Zimmer f�r sich allein verlangt hatte, dass er am Nachmittag das Wirtshaus verlie�, dass er aber nicht gesehen hatte, dass er zur�ckgekommen war.</p><p>�Ein streunender Hund war in den H�hnerstall eingedrungen�, berichtete der Wirt, hocherfreut, dass er noch einmal sein Abenteuer erz�hlen konnte. �Ich habe geh�rt, wie die Hennen gegackert haben und bin schnell raus, um nachzuschauen. Ich bin mir sicher, dass der M�rder den Hund da reingeschickt hat, damit er ungesehen in das Zimmer des Deutschen schl�pfen konnte. Genau in der Zeit, die ich bei den Hennen verbrachte, muss auch mein Gast zur�ckgekommen und ins obere Stockwerk hinaufgegangen sein.�</p><p>�Wer hat die Leiche entdeckt?�, fragte ein pickeliger junger Mann.</p><p>�Eine Frau, die bei mir sauber gemacht hat.�</p><p>�Vielleicht k�nnen wir uns auch noch von ihr erz�hlen lassen, was sie gesehen hat?�, fragte Gerardo.</p><p>�Sie arbeitet nicht mehr hier. Sie hatte zu viel Angst.�</p><p>�Wo wohnt sie?�</p><p>�Irgendwo an der Via Galliera, hinter dem Campo del Mercato.�</p><p>Gerardo hatte sich den Namen der Frau nennen lassen und war noch am gleichen Nachmittag zu ihr gegangen. Mit ein wenig Geld hatte er sie dazu gebracht, ihm alles zu erz�hlen, was sie bereits den M�nnern des Capitano del Popolo gesagt hatte. Leider erfuhr Gerardo nicht viel mehr, als dass sie nach dem Vespergel�ut einer Erledigung wegen aus dem Haus musste und dass sie sich vom Stallknecht des Gasthauses hatte begleiten lassen, einem kr�ftigen jungen Mann, der sie zur Not besch�tzen konnte. Sie habe den Deutschen vor der Kirche San Giovanni in Monte gesehen, wie er mit einem Bettler sprach, dem eine Hand fehlte, sagte sie weiter, und dass dieser Bettler sich meistens in dieser Gegend aufhielt.</p><p>Sie erinnerte sich auch, wie der Mann, der trotz seines fortgeschrittenen Alters gro� war, sich zu dem Bettler hinunterbeugte, als wollte er ihm zuh�ren. Sonst wurden Bettler mit wenigen Worten, einem Almosen oder einem Fu�tritt abgefertigt, und sie habe sich gewundert, dass dieser Deutsche sich so viel M�he gab, den Klagen des Kr�ppels zu lauschen. Gleich darauf sei dieser in Richtung Wirtshaus zur�ckgegangen.</p><p>Als sie am n�chsten Morgen die T�r zu seinem Zimmer �ffnete, um dort den Boden zu fegen, sah sie ihn auf dem Strohlager liegen, mit ge�ffnetem Brustkorb und einem Herzen, das sich in einen Block Eisen verwandelt hatte.</p><p>Vermutlich hatte die Begegnung zwischen Wilhelm von Trier und dem Bettler keine Bedeutung, aber man konnte nie wissen. Gerardo hatte ihn sich von der Frau beschreiben lassen und dann rund um <emphasis>Sancta Hierusalem</emphasis> nach ihm gesucht.</p><p>Er umrundete zweimal die Kirchen und erkundete sorgf�ltig den Platz und die Gassen um San Giovanni in Monte, doch er fand keine Spur von dem Kr�ppel, den ihm die Frau beschrieben hatte. Er w�re leicht zu erkennen, wusste Gerardo, denn er trug eine �bel verschmutzte schwarze Kutte, die fr�her einmal einem M�nch geh�rt haben musste, hatte lange Haare und einen langen Bart und st�tzte sich beim Laufen auf einen Pilgerstab aus Eschenholz.</p><p>Gerardo hatte f�r seine Nachforschungen die Zeit kurz vor dem None-L�uten gew�hlt, weil dann der Arbeitstag zu Ende ging, die L�den in K�rze schlie�en w�rden und jede Menge Volk auf dem Heimweg durch die Stra�en str�mte. Das war der beste Zeitpunkt f�r jemanden, der von Almosen lebte.</p><p>Im Zweifel, ob er eine falsche Beschreibung bekommen hatte, hielt Gerardo andere Bettler an, bekam von allen jedoch die gleiche Antwort: Der Kr�ppel stammte aus Ferrara - weshalb sie ihn nur den Ferrareser nannten. Sie hatten ihn seit einiger Zeit nicht mehr gesehen und nahmen aus diesem Grund an, er sei in seine Vaterstadt zur�ckgekehrt. Gerardo stellte noch mehr Fragen, und nach und nach brachte er in Erfahrung, dass der Ferrareser genau an dem Tag verschwunden war, an dem man die Leiche des Deutschen gefunden hatte. Ebenso gut konnte er aber auch zuf�llig an diesem Tag weggegangen sein, wusste Gerardo - Vagabunden wechselten h�ufig den Ort. Inzwischen h�uften sich die Zuf�lle jedoch zu sehr, als dass er noch l�nger an sie glauben wollte.</p><p>Wenn der Mann es f�r n�tig gehalten hatte, nach dem Mord zu verschwinden, konnte es wirklich sein, dass er etwas wusste und deswegen kein Risiko eingehen wollte. Er musste ihn also unbedingt finden. Doch Gerardo erschien die Idee unsinnig, sich auf den Weg nach Ferrara zu machen, um einen Bettler zu suchen, dem eine Hand fehlte.</p><p>Ein gel�hmter Junge, der ungef�hr f�nfzig Schritt von Remigio Sensis Wechselstube entfernt auf einem mit eisenbeschlagenen R�dern versehenen Brett sa� und um Almosen bettelte, hatte ihm als Einziger eine andere Auskunft gegeben. Er gab zu bedenken, dass der Kr�ppel m�glicherweise ja gar nicht weggegangen war, sondern einfach nur krank. In diesem Fall w�rde er sich vermutlich in dem unterirdischen Gew�lbe aufhalten, sagte der Junge.</p><p>�Welches Gew�lbe?�, fragte Gerardo.</p><p>�F�r eine Lira zeig ich es Euch�, antwortete der Junge.</p><p>�Eine Lira?� Gerardo lachte �ber diese absurde Forderung. �Scheint dir das nicht ein wenig �bertrieben?�</p><p>��berhaupt nicht. Jemand anders, dem ich es gezeigt habe, hat sie mir klaglos gegeben.�</p><p>�Wirklich?�, meinte Gerardo l�chelnd. �Sag mir seinen Namen, und ich werde dir glauben.�</p><p>Das Gesicht des Jungen verfinsterte sich. �Auf keinen Fall. Er hat mir ja gerade deshalb so viel Geld gegeben, damit ich mit niemandem dar�ber rede.�</p><p>�Wie passend�, erwiderte Gerardo, den ihr Gespr�ch langsam belustigte. �Du kannst nicht sagen, um wen es sich handelt, aber du darfst sagen, wie viel Geld er dir gegeben hat.�</p><p>�Ich l�ge nicht�, beharrte der Junge. �Was meint Ihr, warum hat Euch noch niemand von dem unterirdischen Gew�lbe erz�hlt?�</p><p>�Weil sie nicht daran gedacht haben, dass der Ferrareser krank sein k�nnte.�</p><p>Der Junge sch�ttelte ernst den Kopf. Er konnte h�chstens elf oder zw�lf Jahre alt sein, aber er versuchte, sich wie ein Erwachsener zu verhalten. Der obere Teil seines K�rpers war normal ausgebildet, die Beine dagegen nur zwei d�rre Stecken, die gekr�mmt auf dem fahrbaren Brett lagen.</p><p>�Man hat es Euch nicht gesagt, weil es ein Geheimnis der Bettler ist.�</p><p>Gerardo ging in die Knie, bis sein Gesicht auf gleicher H�he mit dem des Jungen war. �Und du bist bereit, mir dieses Geheimnis zu verraten, wo du das Wort, das du einem Unbekannten gegeben hast, so streng h�ltst. Warum?�</p><p>Der Junge sah ihn w�tend an. �Weil ich nie jemandem versprochen habe, es nicht zu verraten!� Er st�tzte sich mit den H�nden auf dem Stra�enpflaster ab, um das Brett zu drehen und sich zu entfernen. �Wenn es Euch also interessiert zu erfahren, wo das unterirdische Gew�lbe ist, kostet das eine Lira.�</p><p>Als Gerardo aufstand, sah er, wie Remigio aufrecht hinter seiner Luke sa� und ihn von fern beobachtete. Als sein Blick dem des Bankiers begegnete, gr��te der ihn wie gewohnt mit einem Neigen des Kopfes. Gerardo erwiderte den Gru� auf gleiche Weise, dann lief er dem Jungen nach und hielt ihn an der Schulter fest, als er ihn eingeholt hatte. �Ich bin interessiert. Aber ich kann dir nicht so viel bezahlen. Ich habe mir gerade Geld geliehen, weil ich nichts mehr besa�.�</p><p>�Das glaube ich Euch nicht. Lasst mich gehen.�</p><p>Der Kr�ppel schien entschlossen zu verschwinden, ohne �ber den Preis zu verhandeln. Gerardo nutzte die letzte Chance, doch noch ein Gesch�ft mit dem Jungen zu machen, und griff in seine B�rse. Als dieser das Klingeln der M�nzen h�rte, hielt er an. Schlie�lich einigten sie sich auf zehn Soldi, was zwei Wochenl�hnen von vielen ehrlichen Arbeitern entsprach.</p><p>�F�nf sofort�, sagte Gerardo und legte ihm die M�nzen in die Hand, die so schmutzig und schwielig war, dass sie sich kaum mehr schlie�en wollte, �und f�nf, wenn ich dieses ber�hmte unterirdische Gew�lbe gesehen habe.�</p><p>�Der Handel gilt�, sagte der Junge. �Kommt mit.�</p><p>Er steckte das Geld in die kleinere der beiden Umh�ngetaschen �ber seinem zerrissenen Gewand und stie� seinen Karren mit den H�nden vorw�rts.</p><p>Gerardo kam nicht umhin, ihn zu m�gen. Er beschloss, dass er ihm die f�nf Soldi, die er ihm bereits gegeben hatte, selbst dann lassen w�rde, wenn sich das Geheimnis des unterirdischen Gew�lbes als L�ge herausstellen sollte.</p><p>�Wie hei�t du?�, fragte er ihn.</p><p>�Bonagrazia, zu Euren Diensten�, erwiderte der Junge ohne sich umzudrehen. �Aber alle nennen mich nur Bonaga.�</p><p>Sie verlie�en den Platz, kamen an dem Wirtshaus vorbei, in dem Wilhelm von Trier get�tet worden war, und tauchten in das Labyrinth aus Gassen zwischen Santo Stefano und der Strada Maggiore ein. Bonaga lenkte seinen Karren ge�bt, doch an einigen Stellen versperrten ihm Tr�mmerhaufen und Unrat den Weg. Damit sie nicht zu viel Zeit verloren, nahm Gerardo ihn dann auf den Arm, ohne sich um den Schmutzgestank zu k�mmern, den der Junge ausstr�mte, und hob ihn und seinen Karren �ber die Hindernisse.</p><p>Irgendwann blieb der Junge vor den Resten eines eingest�rzten Hauses stehen. �Wir sind da�, sagte er. Er fuhr um einen Haufen Steinquader herum, hielt dann jedoch pl�tzlich an und gab Gerardo ein Zeichen zu schweigen. Aus der gr��eren Tasche holte er eine zusammengerollte Schleuder, legte einen Stein in das gew�lbte Lederst�ck in der Mitte und steckte einen Finger in den Ring am �u�eren Ende einer der beiden Schn�re. Dann lie� er blitzschnell die Schleuder zweimal �ber seinem Kopf wirbeln und lie� los. Gerardo war sofort bei ihm. Er hatte die Hand bereits an den Griff seines Dolches gelegt, aber als er das zufriedene Grinsen des Jungen sah, entspannte er sich. Er folgte seinem Blick und entdeckte auf einem Grasfleck zwischen den Tr�mmern, etwa acht Schritt von ihnen entfernt, eine Amsel mit zerschmettertem Kopf.</p><p>�Das ist mein Abendessen�, sagte Bonaga. �Ein echter Gl�ckstreffer.�</p><p>�Stimmt. Schlie�lich war es f�r einen Treffer gleich beim ersten Mal ziemlich weit.�</p><p>Der Junge wirkte gekr�nkt. �Ich h�tte sie auch auf die doppelte Entfernung erwischt. Mit dem Gl�ckstreffer meinte ich eigentlich, dass ich �berhaupt eine Amsel gefunden habe. Die Gastwirte schlachten sie in Mengen ab, um sie ihren G�sten geschmort zu servieren. Es gibt fast keine mehr in der Stadt.�</p><p>Gerardo ging zu dem toten Vogel, packte ihn am Schwanz und hielt ihn dann dem Jungen hin. Bonaga lie� ihn sofort in der gr��eren Tasche verschwinden, die zur H�lfte mit Flusskieseln gef�llt zu sein schien. Dann drehte er das Brett so, dass er durch den Eingang, an dem die T�r fehlte, in das Haus fahren konnte. Er schien sich trotz des Halbdunkels gut auszukennen.</p><p>�Kommt, hier entlang.�</p><p>Aus Vorsicht wartete Gerardo, bis sich seine Augen an das sp�rliche Licht gew�hnt hatten, bevor er ihm folgte. In dem eingest�rzten Haus herrschte eine seltsame Stille, vielleicht bedingt durch den Umstand, dass der L�rm von den Hauptstra�en diesen abgelegenen Ort nicht erreichte. Sobald Gerardo ihn eingeholt hatte, zeigte Bonaga ihm eine breite Spalte, die unter einer Mauer klaffte.</p><p>�Das da ist das unterirdische Gew�lbe�, sagte er und hielt die Hand auf, um auch den Rest seines Geldes zu erhalten.</p><p>�Einen Moment�, bremste ihn Gerardo. �Du musst mir noch sagen, was genau dieser Ort ist und warum sich der Mann, den ich suche, deiner Meinung nach dort unten aufhalten soll.�</p><p>Der Junge z�gerte einen Moment, bevor er etwas sagte, dann fl�sterte er: �Dies ist der geheime Zufluchtsort der Bettler. Ich habe geh�rt, das Gew�lbe soll sehr alt sein und sich meilenweit unter der Stadt erstrecken. Viele kommen jeden Abend zum Schlafen her. Andere bleiben auch tags�ber hier, wenn sie zu krank sind, um hinauszugehen.�</p><p>�Wie ist es m�glich, dass niemand davon wei�?�, fragte Gerardo.</p><p>Bonaga erkl�rte ihm, jemand habe einst, lange vor seiner Geburt, ein neues Stockwerk auf das Haus �ber ihnen bauen wollen, dabei sei es jedoch zusammengest�rzt, weil der Hohlraum darunter das Gewicht nicht trug. So hatte man die unterirdischen R�ume entdeckt. Das Haus war verlassen worden, weil es sich nicht lohnte, es wieder aufzubauen - schlie�lich war das Erdreich darunter ausgeh�hlt. Die Bettler hatten das unterirdische Gew�lbe erkundet, f�r tauglich befunden und besiedelt. Die B�rger dagegen hatten mit der Zeit vergessen, dass es �berhaupt existierte.</p><p>�Ich bin nie dort gewesen�, meinte Bonaga traurig. �Allein kann ich nicht dort hinunter, und niemand hat mich je dorthin bringen wollen.�</p><p>Seine Stimme war hart geworden. Vielleicht war er deswegen bereit gewesen, das Geheimnis zu verraten - nicht so sehr des Geldes wegen, sondern weil er sich ausgeschlossen f�hlte.</p><p>�Hast du keine Freunde?�</p><p>Der Junge sch�ttelte den Kopf und sah Gerardo in die Augen. �Wir Armen sind untereinander alle Feinde. Ich muss jedes Almosen, das ich bekomme, immer sofort ausgeben, sonst stehlen es mir die anderen und nutzen aus, dass ich nicht fliehen kann.� Er schwieg einen Moment, dann f�gte er hinzu: �Aber wenn mir genug Zeit bleibt, meine Schleuder zu greifen und mich mit dem R�cken zu einer Wand zu stellen, halten sie sich von mir fern.�</p><p>�M�chtest du gern sehen, wie es da unten ist?�, fragte ihn Gerardo, einer Eingebung folgend.</p><p>Der Junge zuckte mit den Schultern und schaute stumm zu Boden. Gerardo b�ckte sich und hob ihn von dem Brett hoch. Dann begann er, mit dem Jungen in den Armen zwischen den Tr�mmern hinunterzugehen.</p><p>Als sie den Gang erreichten, setzte er Bonaga auf einem Steinquader ab und schaute sich um. In dem sp�rlichen Licht, das von oben hereinfiel, entdeckte Gerardo eine Fackel, und als er genauer hinsah, auch einen Z�nder und einen Feuerstein. Er schlug den Z�nder auf den Stein. Die mit ranzigem �l getr�nkte Fackel fing sofort Feuer und brachte au�er Licht auch einen dichten schwarzen Qualm hervor.</p><p>Der Junge schrie verwundert auf. Sie befanden sich in einem alten Gang, der vor langer Zeit einmal Teil der r�mischen Kanalisation gewesen sein musste: In der Mitte verlief ein Abwasserkanal, der jedoch ausgetrocknet war, und auf der linken Seite gab es leicht erh�ht einen schmalen Weg. Im Gang wehte ein leichter Wind. Offensichtlich gab es weitere Ausg�nge, so dass die Luft zirkulieren konnte; allerdings brachte der Wind keinen sehr angenehmen Geruch mit. Der nun seit Jahrhunderten ausgetrocknete Boden des Kanals war mit Unrat �bers�t, in dem Ratten herumhuschten.</p><p>�Dort entlang kommt man unter die Kirche Santo Sepolcro�, sagte Bonaga und zeigte auf den Abschnitt des Ganges zu ihrer Rechten. �Jetzt geht niemand mehr dorthin, sie sagen, der Platz sei verflucht.�</p><p>Gerardo starrte in den dunklen Gang. Dieser Ort machte es leicht, an jede Art von �bernat�rlichen Erscheinungen zu glauben. �Verflucht? Inwiefern?�</p><p>�Das wei� ich nicht. Wie ich Euch schon gesagt habe, redet kaum jemand mit mir. Ich habe nur geh�rt, dass einige Bettler verschwunden sind und dann dort unten gefunden wurden. Tot.�</p><p>�Ich verstehe. Und wohin geht es auf der anderen Seite?�</p><p>�Folgt man dem Gang, kommt man irgendwann in einem gro�en Raum heraus�, antwortete Bonaga. Er betrachtete diesen d�steren Ort wie eines der sieben Weltwunder. �Man hat mir erz�hlt, dort w�ren die W�nde bemalt wie in einer Kirche. Ich wei�, dass der Ferrareser dort seinen Schlafplatz hat.�</p><p>�Ich werde ihn suchen gehen�, sagte Gerardo. �Warte hier auf mich. Ich bringe dich hinauf, wenn ich zur�ckkomme.�</p><p>�Nein!�, rief der Junge �ngstlich aus. �Wir m�ssen sofort von hier verschwinden!�</p><p>Mit erregter Stimme erkl�rte er ihm, dass Gerardo, wenn er so gekleidet, wie er jetzt war, dort hingehen w�rde, sicher nicht mehr lebend aus dem unterirdischen Gew�lbe herausk�me. Und er, Bonaga, w�rde dann dort auf dem Stein keine M�glichkeit haben, je wieder hinaufzukommen, und sicher schnell das gleiche Schicksal erleiden.</p><p>Gerardo z�gerte. Er wollte die Sache endlich hinter sich bringen und mit dem Ferrareser sprechen, damit er erfuhr, ob der etwas mehr oder weniger N�tzliches �ber den Mord an dem deutschen Tempelritter wusste. Doch der schrille Klang in Bonagas Stimme und vor allem sein dr�ngender Blick veranlassten ihn, die Bedrohung ernst zu nehmen. Er l�schte die Fackel, nahm den kleinen Bettler wieder in die Arme und kehrte mit ihm an die Oberfl�che zur�ck.</p><p>Wortlos setzte er ihn auf seinen Karren, gab ihm die anderen versprochenen f�nf Soldi, und sie traten den R�ckweg an. Sobald sie den Platz vor Santo Stefano wieder erreicht hatten, verabschiedete sich Gerardo von dem Jungen und ging in Richtung Via San Vitale, wo er sich mit Mondino verabredet hatte. Er schaute zum Himmel hoch. Die Sonne war hinter einer dichten Wolkendecke verborgen. Es sah nach Regen aus.</p><p>Weil Gerardo es eilig hatte, nahm er die Hauptstra�e und fand sich pl�tzlich, ohne dass er es bemerkt hatte, direkt vor Remigios Luke wieder. Der Bankier hatte seinen Dienern bereits befohlen, die Holzklappe hochzuziehen, und wartete darauf, dass sie seine Anweisung ausf�hrten, damit er sie von innen verriegeln konnte. In den wenigen Sekunden, bevor ihm die Sicht versperrt wurde, sah Gerardo, wie Fiamma den Kopf hob und ihn ansah.</p><p>Unf�hig einfach weiterzugehen, erwiderte er den Blick und hob instinktiv die Hand zum Gru�. Die Klappe schloss sich mit einem trockenen Laut, und Gerardo hatte den Eindruck, dass Fiamma ihm kurz zuvor zugel�chelt hatte.</p><empty-line/><p>Uberto da Rimini war ziemlich ver�rgert, als er das Haus verlie� und sich Richtung Trebbo dei Banchi aufmachte. Die beiden jungen M�nche, die er mitgenommen hatte, gingen gesenkten Hauptes einen Schritt hinter ihm und wagten nicht, ihn in seinen Gedanken zu st�ren.</p><p>Er war eben bei dem Hauswirt des Studenten gewesen, der den Brand gelegt hatte. Doch der Wollh�ndler hatte sich nicht etwa zufrieden gezeigt, dass die Inquisition sich seiner Interessen annahm - immerhin hatten die H�scher der Stadt noch nichts erreicht -, vielmehr verhehlte er seinen Unwillen nicht, dass er mit ihm zusammenarbeiten musste. Uberto hatte nicht herausgefunden, ob es daran lag, dass der Mann nur ein dummer Ghibelline war oder ob er sich so verhielt, weil er etwas zu verbergen hatte. Vielleicht stimmte ja beides.</p><p>Wenigstens hatte er sich bei allen Begegnungen respektvoll verhalten, weniger ihm als seinem Amt gegen�ber. Das geh�rte zu den Dingen, die Uberto an seiner Mission als Inquisitor sch�tzte. Er h�tte ungern einem im Guten wie im Schlechten unbedeutenden Orden angeh�rt wie den Augustinern oder den Eremitanern von San Girolamo zum Beispiel. Ihm gefiel die Angst, die die schwarz-wei�e Kutte der Dominikaner in den Menschen ausl�ste. Das Volk war von Natur aus nicht fromm, und das Einzige, was es in Zaum hielt, war eine gesunde Gottesfurcht. Die von der Inquisition mit ihrer Arbeit st�ndig gen�hrt wurde. Uberto war �berzeugt, dass der Heilige Vater das Privileg, gegen Ketzerei und Glaubensverst��e vorzugehen, fr�her oder sp�ter nur noch seinem Orden anvertrauen und die Franziskaner, die sich oft als zu weich erwiesen hatten, entmachten w�rde.</p><p>Nachdem seine Nachforschungen �ber den Studenten unter dem Namen Francesco Salimbene nicht erfolgreich waren, hatte Uberto von dem H�ndler wenigstens eine Personenbeschreibung des Gesuchten bekommen. Inzwischen war er �berzeugt, dass Francesco Salimbene nicht dessen richtiger Name war. Dass er unter einem falschen Namen reiste, zeigte mehr als alles andere, dass dieser Mann schuldig war. Das z�hlte zwar vor Gericht noch nicht als Beweis, dachte Uberto ver�rgert, als er sich an sein letztes Gespr�ch mit dem Erzbischof erinnerte, doch f�r ihn war es Grund genug, dass er diese Spur verfolgte.</p><p>Wenn sie den verschwundenen jungen Mann fanden, der h�chstwahrscheinlich ein Tempelritter war und sich nur zum Schein als Student ausgegeben hatte, w�rde sich vieles kl�ren. Dann w�rde Rinaldo da Concorezzo nicht mehr umhin k�nnen, die l�ngst f�lligen Entscheidungen zu treffen, an denen seine Feigheit ihn bisher gehindert hatte.</p><p>Au�erdem musste er gegen Mondino de� Liuzzi ermitteln. Uberto war bleich vor Zorn geworden, als er erfahren hatte, dass der Arzt als Erster die Leiche des deutschen Tempelritters bei Santo Stefano untersucht hatte. Doch dann hatte er begriffen, dass auch dies ein wichtiges Indiz war. Seine Anwesenheit am Tatort war verd�chtig. Wie er seit dem Abend des Brandes in Sant�Antonino vermutete, hatte Mondino etwas zu verbergen.</p><p>Uberto hoffte sehr, dass Guido Arlotti mittlerweile etwas �ber ihn herausgefunden hatte. Der ehemalige Priester war noch nicht bei ihm erschienen, um Bericht zu erstatten, doch die Zeit dr�ngte, und Uberto hatte nicht vor zu warten, bis es jenem genehm war. Deshalb hatte er beschlossen, ihn in der Taverne aufzusuchen, die er als St�tzpunkt f�r seine Gesch�fte benutzte. Guido hatte ihm Ergebnisse versprochen. Und nun war der Moment gekommen, ihn daran zu erinnern, dass man keine leeren Versprechungen machen sollte.</p><p>Mit eiligen Schritten erreichte er Porta Ravegnana, folgte der Stra�e des Mercato di Mezzo bis zur Br�cke �ber die Aposa, dann bog er nach rechts in die Stra�e der Schmiede ein, immer gefolgt von den beiden M�nchen, die miteinander sprachen. Das laute Ger�usch der H�mmer auf den Ambossen und der scharfe Geruch nach Eisen, das im Wasser geh�rtet wurde, umfing sie wie eine Decke. Sie bahnten sich ihren Weg �ber den getrockneten Schlamm in der Mitte der Stra�e, zwischen Schwertern, Eisenkesseln, Messern und anderen Waren in den Auslagen der Werkst�tten.</p><p>Die Leute aus dem Volk, die ihnen begegneten, senkten abweisend den Blick. Uberto kannte auch den Grund: Durch die Stra�en ging das Ger�cht, dass die Kirche an der Erh�hung des Brotpreises schuld sei.</p><p>Ein Lehrling mit blonden Haaren so dick wie Strohhalme, der gerade dabei war, mit einem Tuch einen Harnisch zu polieren, spuckte auf den Boden, als sie vor�berkamen. Uberto blieb stehen, drehte sich um und starrte ihn wortlos an, bis der Junge auf die Knie fiel und in einem beinahe unverst�ndlichen Dialekt einen Haufen Entschuldigungen hervorbrachte. Sein Spucken sei keine Verachtung gegen sie gewesen, sagte er, sondern nur ein Zufall, er habe sie nicht gesehen, wer w�rde sich schon einfallen lassen auszuspucken, wenn ein Inquisitor der Dominikaner vor�berging �</p><p>Uberto, der zufrieden die Angst in den Augen des jungen Mannes sah und gl�cklich war, dass ihn sogar ein Dummkopf wie dieser Bursche erkannt hatte, herrschte ihn an, dass er in Zukunft gut aufpassen solle, was er tue, und ging seines Weges. Seine Begleiter hatten die Szene mit ausdruckslosen Gesichtern beobachtet und folgten ihm nun wieder wortlos. Es waren zwei t�chtige junge M�nner, die Uberto als seine pers�nlichen Assistenten ausgew�hlt hatte, um sie in die Aufgaben eines Inquisitors einzuf�hren. Besonders den kleineren von beiden, ein M�nch namens Antonio, der wusste, was Gehorsam war.</p><p>Deshalb hatte er beschlossen, die beiden in Guido Arlottis Schlupfwinkel mitzunehmen. Sie sollten endlich lernen, dass man nicht immer ganz nach den Regeln handeln konnte und dass es zuweilen n�tig war, sich die H�nde schmutzig zu machen, wenn man den Teufel besiegen wollte.</p><p>Als sie das Viertel der Schmiede verlie�en, dr�hnten ihnen die Ohren so vom L�rm der H�mmer, dass sie eine Weile brauchten, bis sie wieder die normalen Stra�enger�usche h�rten. Uberto drehte sich um und sah nach, ob die beiden Novizen immer noch hinter ihm liefen. Er f�hrte sie auf einem komplizierten Weg, der von der Notwendigkeit bestimmt war, unsichere Stra�en zu meiden, dabei aber gleichzeitig von m�glichst wenigen Menschen bemerkt zu werden. Endlich erreichten sie den Torbogen des Torre de Galliera. Nur ein kleines St�ck weiter blieben sie in einem namenlosen G�sschen vor der T�r einer Taverne stehen.</p><p>Uberto befahl Bruder Antonio, dort drinnen nach Guido zu suchen und ihn hinauszubringen. Wenn es m�glich war, wollte er sich den Anblick der Szenen ersparen, die sich seiner Vorstellung nach dort abspielten: halbnackte Weiber, verrohte M�nner, Schmutz und dazu dumpfer Schwei�geruch. Der junge Mann nickte und ging ohne zu z�gern mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck und zusammengebissenen Z�hnen hinein. Wenige Augenblicke sp�ter kam er jedoch sichtlich aufgel�st wieder heraus. Er erkl�rte, Guido Arlotti sei nicht in der Lage hinauszukommen und k�nne vielleicht nicht einmal reden. Der Wirt hatte ihm gesagt, er l�ge noch von der vergangenen Nacht vollkommen betrunken in seinem Zimmer im oberen Stockwerk.</p><p>Uberto �berlegte, was er tun sollte. Da er so weit gelaufen war, wollte er Antworten. Es blieb ihm nichts anderes �brig: Er sagte den beiden, sie sollten ihm folgen, und betrat die Taverne.</p><p>Der Schmutz und der Gestank entsprachen genau seiner Vorstellung. Die Dirnen und S�ufer mussten die kurze Zeit jedoch genutzt haben, um zu verschwinden: Die Taverne war verlassen bis auf drei M�nner mit unstetem Blick, die schweigend um einen quadratischen Tisch sa�en. Uberto schritt mit seinen Sandalen �ber das feuchte Stroh, das den Boden bedeckte, und ging auf den Wirt zu, einen Mann mit breiten Schultern und Schenkeln wie Baumst�mme. Er lie� sich von ihm erkl�ren, wo Guidos Zimmer war, und stieg, gefolgt von den beiden M�nchen, die Treppe hinauf.</p><p>Er wies sie an, vor der T�r auf ihn zu warten, und betrat allein den Raum. Angeblich, um ihnen den Anblick eines zum Tier verkommenen Mannes zu ersparen. Doch eigentlich wollte er, obwohl er beiden vertraute, lieber keine Zeugen bei seiner Unterredung mit Guido haben.</p><p>Als Erstes �ffnete Uberto das schmale Fenster und lie� Luft und Licht herein. Der untersetzte Mann, der auf dem breiten Bett unter einem Tuch aus d�nnem Seidenstoff lag, protestierte laut fluchend.</p><p>�Ich bin es, Guido�, sagte der Inquisitor nur.</p><p>Die Wirkung war verbl�ffend: Guido Arlotti setzte sich schlagartig auf, riss die Augen auf und stotterte mit rauer Stimme: �Ihr? Aber wie ��</p><p>�Ich kann nicht l�nger warten, Guido�, fertigte ihn Uberto ab. �Entt�usch mich nicht. Hast du etwas N�tzliches herausgefunden?�</p><p>�Mein Kopf schmerzt�, jammerte Arlotti. Er fuhr sich mit der Hand �ber das Gesicht in dem krampfhaften Bem�hen, seinen klaren Verstand wiederzufinden, den der Wein ihm geraubt hatte. Als er den Inquisitor wieder ansah, l�chelte er. M�glicherweise zog er aber auch nur eine Grimasse wegen seiner Kopfschmerzen.</p><p>�Ich habe die Totengr�ber gefunden�, sagte er dann. �Sie haben die Leiche in einem Massengrab beerdigt. Ich habe sie daf�r bezahlt, dass sie sie wieder ausgraben, und dabei etwas sehr Interessantes entdeckt.�</p><p>�Was?�</p><p>�Der Tote hatte eine Naht auf der Brust. Ich habe sie ge�ffnet und nur einen Hohlraum gefunden. Dieser Mann hatte kein Herz mehr.�</p><p>Uberto musste sich zwingen, um �u�erlich gleichg�ltig zu bleiben. Nach dem Auffinden des deutschen Tempelritters mit einem Herz aus Eisen in der Brust kam ein solches Detail beinahe einer Anklage gleich. Mondino w�rde vieles erkl�ren m�ssen. Auf die eine oder andere Weise war sein Schicksal besiegelt.</p><empty-line/><p>�Wei�t du, was passieren kann, wenn dich jemand erkennt?�, fragte Mondino wohl zum hundertsten Mal.</p><p>Gerardo zuckte nur wortlos mit den Schultern. An dem Ort, zu dem sie unterwegs waren, war das ziemlich unwahrscheinlich, und der Arzt wusste das auch.</p><p>Gerardo respektierte seinen Lehrer, aber er nahm keine Anweisungen von ihm entgegen. Als Mondino versucht hatte, ihn davon zu �berzeugen, er solle nach Hause zur�ckkehren, und versprochen hatte, ihm am folgenden Tag alles zu erz�hlen, hatte Gerardo erwidert, er denke gar nicht daran und war mit ihm zusammen losgezogen.</p><p>�Versprich mir zumindest, dass du dich nicht vom Zorn fortrei�en l�sst�, fing Mondino wieder an.</p><p>�Ich kann nichts versprechen.�</p><p>Mondino blieb auf der Stelle stehen, drehte sich um und betrachtete seinen ehemaligen Sch�ler im D�mmerlicht des Sonnenuntergangs. Er lie� vier Frauen aus dem Volk vorbei, die eng aneinendergedr�ngt, mit gesenktem Kopf und zusammengepressten Lippen vorw�rtsliefen, um jeden m�nnlichen Ann�herungsversuch zu vermeiden. Als die Passantinnen au�er H�rweite waren, sagte er w�tend: �Dann lassen wir es sein. Ich bin ja durchaus bereit, Risiken einzugehen, aber nur unter der Bedingung, dass sie nicht dumm sind.�</p><p>Gerardo seufzte tief. Dennoch musste er zugeben, dass der Arzt nicht ganz Unrecht hatte. Es war nicht angebracht, die Risiken, die eine an sich bereits gef�hrliche Situation mit sich brachte, noch zu erh�hen. Nur weil er diesen Kerl am liebsten w�rgen w�rde, bis er bereute, jemals geboren zu sein, durfte er seiner Wut noch lange nicht Luft machen.</p><p>�Ich verspreche es�, sagte Gerardo seufzend. �Ich werde nur tun, was Ihr mir sagt, und werde mich nicht vom Zorn mitrei�en lassen. K�nnen wir nun weitergehen?�</p><p>Sie bogen in das Viertel San Giacomo ein. Kurz darauf standen sie vor dem Tor des Konvents. Mondino klopfte, nannte seinen Namen und erkl�rte, Pater Francesco erwarte ihn. Der M�nch schloss das Fensterchen und �ffnete die T�r, um sie einzulassen. Im Flur erwartete sie schon Vater Paolo, der Baumeister von San Giacomo Maggiore, und l�chelte breit hinter seinem langen grauen Bart. Er teilte ihnen mit, dass die M�nche jetzt leider beim Abendessen s��en und der Prior deshalb nicht selbst kommen k�nnte, um einen so bedeutenden Arzt wie Mondino zu begr��en.</p><p>�Wenn Ihr Euch uns anschlie�en wollt, w�rden wir uns gl�cklich sch�tzen�, f�gte er hinzu.</p><p>Gerardo l�chelte insgeheim. Mondino hatte ihm genau das vorhergesagt. Er wusste sehr gut, dass er beim Prior der Augustiner nicht gern gesehen war, und dieses eine Mal erwies sich die Abneigung der Kirche ihm gegen�ber als vorteilhaft. Aus diesem Grunde hat er auch die Essenszeit f�r seinen Besuch im Konvent gew�hlt. Damit war beiden Parteien gedient: Die M�nche hatten einen Vorwand, um sich nicht zeigen zu m�ssen, und sie beide waren froh dar�ber, m�glichst wenig gesehen zu werden.</p><p>�Leider muss ich so schnell wie m�glich zu einem anderen Kranken�, erwiderte Mondino. �Aber sorgt Euch nicht wegen des Abendessens. Ich arbeite besser mit leerem Magen. Bitte bringt mich jetzt zu Eurem Vetter.�</p><p>Sichtlich erleichtert f�hrte sie Pater Paolo durch lange, menschenleere Flure, in denen es beinahe dunkel war, weil noch niemand Fackeln und Kerzen angez�ndet hatte. Als sie an dem leeren Dormitorium vorbeigingen, blieb er nicht stehen und erkl�rte, man habe Pater Francesco in eine einzelne Zelle verlegt, die sogar �ber eine T�r verf�gte.</p><p>�Seine Schmerzensschreie haben alle wachgehalten, und morgens beim Matutin schliefen die M�nche schlie�lich im Stehen vor Ersch�pfung�, erkl�rte er l�chelnd. �Deswegen hat ihm der Prior diese Ausnahme zugestanden und ihn in das Zimmer f�r wichtige G�ste verlegen lassen.� Sie gingen bis zu einer schmucklosen, aber ger�umigen Zelle. In ein Laken geh�llt, lag Pater Francesco auf dem Strohsack, auf einem aus rohem Holz gezimmerten Bettrahmen.</p><p>Pater Paolo stellte sie einander vor und fragte, ob Mondino ein Kohlebecken ben�tige. Freundlich, aber bestimmt erkl�rte der Arzt, er habe alles N�tige dabei.</p><p>�Wie schlie�t Ihr die Wunde?�, fragte der M�nch.</p><p>�Ich werde sie nicht kauterisieren, wenn Ihr das wissen wollt. Ich benutze einen Seidenfaden.�</p><p>�Ich verstehe� sagte Pater Paolo, wirkte jedoch, als h�tte er kein Wort verstanden.</p><p>�Ich ben�tige lediglich eine Sch�ssel mit Wasser, aber ich sehe dort schon eine�, sagte Mondino und zeigte auf eine Sch�ssel und einen Krug, die auf einem Tisch vor dem Fenster standen. �F�r alles �brige wird mein Assistent sorgen. Setzt Euch ruhig wieder zu Tisch, Pater. Wenn Ihr Euer Mahl beendet habt, werdet Ihr uns noch hier finden.�</p><p>Der Pater neigte den Kopf, bedankte sich noch einmal, verlie� den Raum und schloss die T�r hinter sich. Mondino bat Gerardo, den Patienten vorzubereiten, und begleitete seine Worte mit einem mahnenden Blick. Dann machte er sich daran, seine Instrumente aus der Tasche zu holen und sie auf dem Tisch aufzureihen.</p><p>Gerardo war so �berrascht, dass er seinen Zorn ganz verga�. Er hatte sich einen Menschen erwartet, der brutal wirkte, niedertr�chtig oder zumindest unzuverl�ssig - stattdessen war Pater Francesco ein Bild der Sanftmut: helle Augen, kurzgeschnittene Haare, ein bartloses Gesicht und ein aufrichtiges L�cheln, trotz der Schmerzen, die ihm sein Hodenbruch bereitete. Er war der Typus Geistlicher, an den man sich instinktiv wenden w�rde, wenn man eines Rates oder tr�stender Worte bedurfte.</p><p>Wortlos hob Gerardo das Laken an und half dem Pater, sich im Bett aufzusetzen; dann lie� er ihn sich wieder hinlegen, aber quer, mit dem R�cken auf der Matratze und den F��en auf dem Boden. Er erkl�rte ihm, dass er ihn festbinden m�sse, um auszuschlie�en, dass er sich w�hrend der Operation unkontrolliert bewegte. Pater Francesco stimmte bereitwillig zu.</p><p>�Tut, was Ihr tun m�sst�, sagte er und breitete l�chelnd die Arme aus.</p><p>Gerardo band seine H�nde an einem Seitenteil des Bettes fest, dann holte er zwei weitere St�cke Seil aus der Tasche. W�hrend er Pater Francescos Kn�chel anhob und die Beine spreizte, sagte er sich, dass er sich nicht wundern sollte. Auch Angelo da Piczano hatte wie ein Tempelritter ohne Fehl und Tadel gewirkt, der sich ganz den Ordensregeln und der Verteidigung des Glaubens verschrieben hatte. Und dennoch hatte er sch�ndliche Dinge mit unschuldigen Kindern getrieben, denselben Kindern, die Christus �ber alles liebte. <emphasis>Lasset die Kindlein zu mir kommen</emphasis>. Die Art, wie Leute wie Angelo und Pater Francesco diese Worte in den Schmutz zogen, lie� wieder Wut in ihm aufkommen. Im Aufruhr seiner Gef�hle zog Gerardo das Seil zu fest, woraufhin Pater Francesco schmerzerf�llt st�hnte.</p><p>�Pass auf!�, fuhr ihn Mondino sofort an.</p><p>�Das macht nichts, Magister�, sagte Francesco mit einem engelsgleichen L�cheln. �Es ist meine Schuld, ich bin zu empfindlich.�</p><p>Gerardo befestigte das Seil mit einem Doppelknoten, dann hob er das Hemd an und legte die Geschlechtsteile frei. W�hrend er sich umdrehte, damit er den Anblick dieses erwachsenen Mannes, der dort mit gespreizten Beinen wie eine Dirne dalag, nicht sehen musste, sagte er: �Der Patient ist bereit, Meister.�</p><p>Mondino nickte, sagte ihm, er solle die Sch�ssel mit dem Wasser am Fu� des Bettes auf den Boden stellen, dann setzte er sich auf einen Schemel vor Francescos gespreizte Beine und begann mit ge�bten Bewegungen, dessen Schamhaare abzurasieren; dabei legte er das Glied mit der freien Hand mal nach links und rechts, um die Klinge besser f�hren zu k�nnen, und wusch ab und an das Rasiermesser in der Sch�ssel ab.</p><p>W�hrend er diese Szene beobachtete, dachte Gerardo, dass er gut daran getan hatte, in den Jahren, in denen er sich als Student ausgegeben hatte, nicht ernsthaft zu studieren. Er h�tte nie als Chirurg arbeiten k�nnen.</p><p>Als die Genitalien vollkommen haarlos waren, steckte Gerardo dem M�nch einen Lappen zwischen die Z�hne, auf den er bei�en konnte, um den Schmerz zu ertragen. Sie hatten beschlossen, keine schmerzlindernden Mittel einzusetzen, denn falls Pater Francesco danach eingeschlafen w�re, h�tten sie ihn nicht befragen k�nnen. W�hrend Mondino das Rasiermesser hinlegte, das Chirurgenmesser nahm und zu schneiden begann, wandte Gerardo wieder den Blick ab. Er konnte den Anblick von Blut eigentlich gut ertragen - hatte er gedacht. Nun musste er jedoch feststellen, dass ein Schwerthieb eine Sache war, dass es jedoch etwas ganz anderes war zuzusehen, wie jemand mit einem Chirurgenmesser, das Guglielmo da Saliceto erfunden hatte, an den intimsten Teilen eines Mannes herumschnippelte und bohrte. Die Operation dauerte k�rzer als er gedacht hatte. Francesco st�hnte vor Schmerz, biss die Z�hne zusammen, w�hrend sein Strohsack sich mit Blut tr�nkte und etwas nicht genau zu Erkennendes mitsamt Blut, Wasser und Haaren in der Sch�ssel landete. Mondino wusch die Wunde mehrfach mit Essig aus, strich eine Wundsalbe darauf und wartete ab, dass der Blutfluss nachlie�. Dann lie� er sich die Nadel und den Seidenfaden geben und vern�hte den Schnitt.</p><p>�Alles in Ordnung�, sagte er dann, hob den Kopf und sah seinem Patienten in die Augen. �Die Operation ist gelungen.�</p><p>Francesco spuckte den Lappen aus und versuchte zu l�cheln, indem er eine schmerzliche Grimasse unterdr�ckte. �Ich wei� nicht, wie ich Euch danken soll�, brachte er m�hsam heraus.</p><p>�Oh, ich wei� schon, wie�, sagte Mondino und erwiderte sein L�cheln nicht. �Ihr kanntet einen Tempelritter namens Angelo da Piczano. Ich muss einige Dinge �ber ihn wissen.�</p><p>�Wie bitte?�, fragte Francesco noch vom Schmerz bet�ubt. Dann riss er seine hellen Augen weit auf. �Nein, ich kenne niemanden mit diesem Namen. Warum fragt Ihr mich nach ihm?�</p><p>�Weil Angelo da Piczano tot ist�, erwiderte Mondino genauso k�hl wie vorher. �Und wir versuchen herauszufinden, wer ihn get�tet hat. Wir wissen, dass Ihr einer der Letzten gewesen seid, die ihn lebend gesehen haben, deshalb macht Euch nicht die M�he, uns zu bel�gen, und sagt uns alles, was Ihr �ber ihn wisst, das uns auf die Spur seines M�rders f�hren k�nnte.� Der M�nch �ffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Mondino fuhr fort, wobei er dessen Glied fest mit der linken Hand nahm und die Rechte mit dem Messer erhob. �Ich brauche Euch wohl nicht erst zu sagen, dass das Ergebnis dieser sch�nen Operation darunter leiden k�nnte, sollte ich Euch beim L�gen ertappen. Es ist bedauerlich, aber manchmal wird es notwendig, auch die Geschlechtsteile zu entfernen. Niemand w�rde mir die Schuld daf�r geben.�</p><p>Er klang ruhig, doch sein Blick wirkte entschlossen. Pater Francesco begriff, dass er in der Falle sa�. �Ihr seid deswegen hier�, zischte er w�tend. �Ihr habt Euch das Vertrauen meines Cousins mit der Geschichte von der Operation zu Studienzwecken erschlichen, nur um mich �ber diesen Angelo da Piczano zu befragen. Gut, es tut mir leid, Euch zu entt�uschen, aber ich kenne ihn nicht. Ich habe nicht einmal von ihm geh�rt. Und Ihr werdet es nicht wagen, mir etwas anzutun. Ich werde schreien, wenn Ihr es versucht, und einen Augenblick sp�ter werden meine Ordensbr�der hier sein.�</p><p>Seine blauen Augen blitzten jetzt herausfordernd, von Schmerz war dort im Moment nichts zu sehen. Nun wirkte er nicht mehr wie die Verk�rperung des Guten. Gerardo machte einen Schritt auf ihn zu, um ihn am Hals zu packen, doch Mondino hielt ihn zur�ck.</p><p>�Halt�, sagte er, ohne den M�nch aus den Augen zu lassen.</p><p>Dann n�herte er langsam das Rasiermesser dem Glied des Mannes, wobei er darauf achtete, dass dieser alles genau durch seine gespreizten Beine beobachten konnte.</p><p>�Das werdet Ihr nicht tun�, sagte der M�nch.</p><p>�Ihr kennt mich nicht�, erwiderte Mondino und senkte die Klinge, bereit zum Schnitt.</p><p>Pater Francesco schrie aus Leibeskr�ften, aber er musste aufh�ren, weil die Anstrengung den Schmerz in seinem Unterleib wiederaufleben lie�.</p><p>Gerardo wandte sich beunruhigt zur T�r, doch Mondino lie� sich nicht beeindrucken.</p><p>�Eure Mitbr�der sitzen beim Abendessen im Refektorium�, erkl�rte er ruhig. �Au�erdem wissen sie, dass es schmerzhaft ist, einen Hodenbruch zu beheben, und erwarten sogar ein wenig Geschrei. Niemand wird kommen.�</p><p>Gerardo sah, wie in den Augen des M�nches pl�tzlich Zweifel erschien, dann blickten sie wieder hochm�tig</p><p>�Wenn Ihr mich nicht auf der Stelle losbindet, werde ich um Hilfe rufen�, drohte Francesco. �Ich werde Hilfe, M�rder schreien. Und Ihr k�nnt sicher sein, dass dann jemand kommt.�</p><p>�In diesem Fall�, erwiderte Mondino, �werde ich Eure Mitbr�der davon in Kenntnis setzen, was ihr mit den Jungen in der Absteige dieses Weibes treibt. Dann werden sie Euch gleich selbst in St�cke rei�en. Vielleicht wird dem Prior aber auch gelingen, sie rechtzeitig aufzuhalten, und dann werdet Ihr dem Henker �bergeben, f�r einen dem�tigenden Prozess, der auf dem Scheiterhaufen endet.�</p><p>Gerardo zitterte buchst�blich vor Angst. Sollte Francesco tats�chlich um Hilfe rufen und sollten dann die M�nche kommen, w�rde jemand die Sbirren holen, man w�rde ihn erkennen und verhaften. Mondino als sein Komplize w�rde sein Schicksal teilen. Zu wissen, dass Francesco auf dem Scheiterhaufen enden w�rde, w�re da nur ein schwacher Trost. Die T�uschung Mondinos gr�ndete auf der Annahme, dass der M�nch nicht wissen konnte, dass Gerardo gesucht wurde, aber das Risiko war dennoch sehr gro�. Der junge Mann begriff nicht, wie der Arzt so ruhig bleiben konnte.</p><p>In Pater Francescos leidenden Augen zuckte ehrliche Furcht auf. Er starrte Mondino an, und das, was er dort erblickte, bewog ihn, nicht zu schreien.</p><p>�Welches Weib?�, versuchte er hervorzusto�en.</p><p>�Sie hei�t Filomena�, antwortete Mondino. �Vergeudet Eure Zeit nicht mit L�gen, sie selbst hat Euch verraten. Wir wissen alles, aber aus diesem Grund sind wir nicht hier.�</p><p>Francesco r�ttelte an den Seilen, die seine Arme hielten, und wieder entlockte ihm die Anstrengung einen leisen Schmerzenslaut.</p><p>�Wenn Ihr nicht aufh�rt, Euch so zu winden und zu schreien�, sagte Mondino immer noch ganz ruhig, �werdet Ihr nur eines erreichen: n�mlich dass sich Eure Wunde wieder �ffnet. Und in diesem Fall gelingt es mir vielleicht nicht, sie rechtzeitig zu schlie�en. Der erneute Blutverlust k�nnte t�dlich f�r Euch sein.�</p><p>Diesmal nahm der Mann die Drohung ernst. Er nickte und sagte: �Was w�rdet Ihr tun, wenn ich zugebe, Angelo da Piczano zu kennen?�</p><p>Seine Lage war verzweifelt, aber dennoch versuchte er noch zu handeln. Gerardo war froh, dass er vor drei Tagen nicht mit ihm hatte sprechen k�nnen. Er h�tte nichts aus ihm herausgebracht und ihn nur vorgewarnt.</p><p>�In diesem Fall�, sagte Mondino, �werden wir Euch einige Fragen stellen und gehen, sobald Ihr sie uns beantwortet habt. Wir sind nicht daran interessiert, Euch anzuzeigen, sonst h�tten wir das bereits getan. Diese Drohung w�rden wir nur im �u�ersten Notfall umsetzen. �brigens w�re es ziemlich ung�nstig f�r Euch, wenn Ihr �ber das reden w�rdet, was wir hier in diesem Raum besprochen haben.�</p><p>Francesco schien �ber seinen Vorschlag nachzudenken. Seine Selbstbeherrschung war be�ngstigend.</p><p>�Zuerst bindet meine Beine los�, sagte er nach einer Weile.</p><p>�Zuerst redet!�, mischte sich Gerardo ein, der sich nicht mehr beherrschen konnte.</p><p>�Ihr habt geh�rt, was mein Assistent gesagt hat�, meinte Mondino. �Sagt uns, was wir wissen wollen. Dann entkommen wir alle schneller dieser unangenehmen Situation.�</p><p>Der M�nch gab seufzend auf. �Na gut. Aber ich sage Euch gleich, ich wei� nur sehr wenig.�</p><p>Sein Gest�ndnis war entt�uschend. Er hatte Angelo da Piczano einige Tage vor seinem Ableben in den �ffentlichen B�dern nahe der Porta Genovese getroffen. Angelo war aufgefallen, wie er die jungen M�nner anstarrte, und er hatte ihn angesprochen. Nach einer kurzen Unterredung hatte Francesco ihm Filomenas Adresse gegeben und daf�r f�nf Soldi bekommen.</p><p>�Seitdem habe ich ihn nicht wiedergesehen, und ich wusste nicht einmal, dass er tot ist�, sagte er mit schmerzerstickter Stimme. �Ich wei� nicht, was ich tun soll, wenn Ihr mir nicht glaubt.�</p><p>Gerardo war �berzeugt, dass er die Wahrheit sagte. Inzwischen hatte er ihnen Dinge gestanden, die f�r ein Todesurteil ausreichten, und er hatte keine Veranlassung, etwas zu verschweigen, nur um einen Toten zu sch�tzen. Er dachte schon, dass sie umsonst ein gro�es Risiko eingegangen waren, als Mondino von seinem Schemel aufstand und sagte: �Noch ein Letztes. Die Adresse des Hauses, in das Filomena umgezogen ist und wir verlassen Euch. Ich wei�, dass Ihr sie kennt.�</p><p>Francesco nickte. Inzwischen fehlte ihm die Kraft, sich zu widersetzen.</p><p>�Im Borgo del Pratello�, fl�sterte er. �Ein Haus mit einer gr�nen T�r, in der ersten Gasse rechts hinter dem Gasthaus zum Wildschwein.�</p><p>Dann schloss er die Augen und st�hnte leise, �berw�ltigt vom Schmerz und der Ersch�pfung durch den Blutverlust. Mondino packte seine Instrumente ein, w�hrend Gerardo den Patienten losband und ihn in der richtigen Haltung ins Bett legte. Kaum hatten sie den Raum verlassen, standen sie Pater Paolo gegen�ber, der im Flur auf sie wartete.</p><p>�Das Abendessen ist gerade beendet�, sagte er verlegen. �Leider kann der Prior ��</p><p>�Das macht nichts�, unterbrach ihn Mondino. �Wie ich Euch gesagt habe, m�ssen wir dringend weiter. Was mein Honorar betrifft, werde ich in den n�chsten Tagen einen Diener schicken.�</p><p>�Wie Ihr w�nscht�, antwortete der M�nch. �Ist alles gut verlaufen?�</p><p>Mondino wirkte pl�tzlich best�rzt, was Gerardo erstaunte.</p><p>�Ja und nein, Pater, ja und nein.�</p><p>�Bitte spannt mich nicht auf die Folter.�</p><p>Der Arzt erkl�rte, die Operation sei gelungen und Francesco ginge es gut. Man musste jetzt nur das Laken und den Strohsack wechseln und ihn ausruhen lassen. Au�erdem sollte man den Bruder Apotheker bitten, ihm zweimal am Tag einen beruhigenden Sud zu verabreichen.</p><p>�In l�ngstens einer Woche wird Pater Francesco wieder auf den Beinen sein.�</p><p>�Und was ist dann das Problem?�</p><p>Mondino seufzte. �Der Hodenbruch war an einer schwierigen Stelle�, antwortete er. �Ich habe das abschneiden m�ssen, was dem Chirurgenmesser im Weg war, um nicht zu riskieren, dass ich das Bauchfell verletze.�</p><p>�Dr�ckt Euch bitte klar aus.�</p><p>�Genauer gesagt, Pater, ich konnte eine Kastration nicht vermeiden. Ich rate Euch aber, es Eurem Vetter erst zu sagen, wenn er sich vollst�ndig erholt hat.�</p><p>Das angespannte Gesicht des M�nches gl�ttete sich bei diesen Worten. �Macht Euch deswegen keine Sorgen, Magister�, sagte er mit einem feinen L�cheln. �Das einzige Wichtige ist, dass es Francesco gut geht. Und was den Rest betrifft � F�r einen M�nch ist der Umstand, dass er den Versuchungen des Fleisches nicht mehr erliegen kann, eher eine Hilfe als ein Problem.�</p><empty-line/><p>Es war dunkel geworden. W�hrend sie in der Stra�enmitte liefen, um b�se �berraschungen zu vermeiden, die sich hinter den S�ulen der Bogeng�nge verbergen konnten, dachte Mondino �ber das nach, was er gerade getan hatte. Er hatte sich das Vorrecht angema�t, �ber einen anderen Menschen zu richten und ihn zu bestrafen.</p><p>�Es war nicht n�tig, ihn zu kastrieren, oder?�, fragte Gerardo leise, als w�rde er in seinen Gedanken lesen.</p><p>Mondino z�gerte ein wenig mit der Antwort, aber als er sie gab, waren alle seine Zweifel verschwunden. �Ja, so ist es. Wir k�nnen ihn nicht anzeigen, aber so kann er wenigstens niemandem mehr wehtun.�</p><p>�Nein, ich meinte eigentlich ��</p><p>Mondino blieb stehen und sah ihn an. �Hast du wirklich geglaubt, die Erkl�rung, die ich Pater Paolo gegeben habe, entspr�che der Wahrheit?�, sagte er beleidigt von dem Gedanken, der junge Mann k�nnte seine F�higkeiten in Zweifel ziehen. �Ich bin sehr wohl in der Lage, einen Hodenbruch zu operieren, ohne die Manneskraft zu beeintr�chtigen.�</p><p>Gerardo nickte stumm, und sie setzten ihren Weg in Richtung Pratello fort. Diesmal liefen sie Seite an Seite, ohne sich um die F�rmlichkeiten zu k�mmern. Der Mond war noch nicht aufgegangen, und auf diese Entfernung konnte man im schwachen Licht der wenigen Laternen �ber den Hauseing�ngen nur m�hsam etwas erkennen.</p><p>�Meister�, nahm Gerardo nach einigen Schritten das Gespr�ch wieder auf, �woher wusstet Ihr, dass Filomena in der Stadt geblieben ist und dass er ihre Adresse kannte? Ich hatte Euch doch erz�hlt, dass sie Angst bekommen hat und abgehauen ist.�</p><p>Mondino zuckte mit den Schultern. Obwohl er keine Lust hatte zu reden, antwortete er seinem Sch�ler. �Frauen wie sie f�rchten sich vor nichts�, sagte er. �Sie hat nur geglaubt, dass dieses Haus nicht mehr sicher sei, und ist woandershin gezogen, in einen Schlupfwinkel, den sie vermutlich schon seit l�ngerem in der Hinterhand hatte.�</p><p>�Ich verstehe, aber woher wusste Francesco davon?�</p><p>�Weil sie es ihm gesagt hat. Sobald sie sich in ihrer neuen Wohnung eingerichtet hatte, wird sie all ihren Stammkunden Bescheid gesagt haben. Wem sollte sie sonst diesen armen Jungen verkaufen?�</p><p>Diese Worte beschlossen ihre Unterhaltung. Die beiden M�nner liefen weiter durch fast menschenleere Stra�en. Nur ab und zu trafen sie auf eine Gruppe Studenten, die in Tavernen gingen oder aus ihnen herauskamen und Dirnen, die ihnen aus den Fenstern zuzwinkerten. Die M�nner wirkten nicht allzu vertrauenerweckend, fand Gerardo. Als sie das Wirtshaus zum Wildschwein erreichten, bogen sie in die Gasse ab, die verlassen wirkte, schlammig und dunkel war. Nach wenigen Schritten standen sie vor dem Haus mit der gr�nen T�r. Es hatte noch nicht zur Komplet gel�utet.</p><p>�Lass mich hineingehen�, sagte Mondino leise. �Selbst wenn du versuchst, deine Stimme zu verstellen, wird sie dich erkennen.�</p><p>�Meister, das ist meine Angelegenheit. Ich habe Masino versprochen, dass ich ihn befreie, und ich will dieses Versprechen halten, aber ich m�chte nicht, dass Ihr unn�tige Risiken eingeht.�</p><p>Mondino hatte sich aus verschiedenen Gr�nden entschlossen, ihm zu helfen. Einmal war ihm der Gedanke unertr�glich, den Jungen in den H�nden dieses schrecklichen alten Weibes zu lassen. Dann wollte er Gerardo besch�tzen, und zwar nicht nur, weil der junge Mann seine Hilfe unbedingt brauchte, um das Geheimnis zu l�ften, mit dessen Entdeckung sie sich beide befassten, sondern auch wegen eines merkw�rdigen Gef�hls von Loyalit�t, das er lieber nicht weiter ergr�nden wollte. Dennoch, dies war nicht der Zeitpunkt f�r lange und peinliche Erkl�rungen.</p><p>Er packte Gerardo am Kragen seines Gewandes und stie� ihn gegen eine Mauer. �Wenn du glaubst, ich bleibe hier drau�en im Dunklen stehen und warte darauf, dass du mir irgendwann einmal erz�hlst, was dort drinnen passiert ist, dann irrst du dich gewaltig� sagte er und reckte das Kinn auffordernd nach oben. �Wir gehen dort gemeinsam hinein, ob es dir nun gef�llt oder nicht.�</p><p>Dann lie� er ihn unvermittelt los, und bevor Gerardo sich von seiner �berraschung erholen konnte, hatte Mondino schon an die T�r geklopft.</p><p>Was danach geschah, lief mit der Schnelligkeit und der verqueren Logik eines Traums ab. Die Frau �ffnete die T�r, und Mondino packte sie am Hals, um sie am Schreien zu hindern. Gemeinsam betraten Gerardo und er das Haus und schlossen die T�r sofort wieder sorgf�ltig. Diesmal war Filomena nicht allein. Am Tisch sa� einer ihrer Komplizen, der sogleich aufsprang und sich mit einer Eisenstange bewaffnet auf sie st�rzte. Gerardo bohrte ohne Vorwarnung seinen Dolch in dessen Brust kurz oberhalb des Solarplexus, und w�hrend der Mann auf dem Boden zusammensank, drang er weiter ins Innere des Hauses vor, um Masino zu suchen. Mondino stie� Filomena von sich, die auf einer Bank zu sitzen kam, und holte sein Chirurgenmesser aus der Tasche, um sie damit in Schach zu halten. Vielleicht war es nicht notwendig, aber angesichts dieser Frau mit den struppigen Haaren und den behaarten H�nden f�hlte er sich mit einer Waffe in der Hand sicherer.</p><p>Gerardo kehrte kurz darauf mit dem Jungen im Arm zur�ck. Der Kleine trug eine Tunika und eine M�tze, aber weder Beinlinge noch Schuhe. Masino hatte sein Gesicht gegen Gerardos Hals gepresst, und seine H�nde umklammerten ein kleines Kruzifix aus Holz, wahrscheinlich das Einzige, das er von hier mitnehmen wollte.</p><p>Die Alte nutzte den Moment, in dem Mondino das Kind ansah, um sich schreiend auf ihn zu werfen. Sie hatte unter ihrem Kleid ein langes Stilett hervorgezogen und stach damit auf ihn ein. H�tte sie ihn dabei getroffen, h�tte sie ihn aufgespie�t wie eine Drossel.</p><p>Mondino gelang es nicht, ihr ganz auszuweichen, das Stilett schnitt durch sein Gewand und ritzte die Haut an seiner linken H�fte. Instinktiv versenkte er sein Messer in ihrer Kehle. Ein Strahl warmen, sprudelnden Blutes schoss aus ihrem Hals.</p><p>Gerardo rief etwas, das er nicht verstand, aber er sah, wie der andere die T�r �ffnete, und folgte ihm, w�hrend er sich mit dem �rmel das Blut aus dem Gesicht wischte. Zum Gl�ck war es drau�en stockdunkel. Mondino folgte dem Tempelritter, der den Jungen trug, durch die menschenleeren Stra�en. Sie kamen an der Kirche Sant�Antonino vorbei und an dem Haus, in dem Gerardo den Brand gelegt hatte, aber sie blieben nicht stehen, um sich die rauchgeschw�rzten Balken im obersten Stockwerk und das Holzger�st anzusehen, wo sicher schon in der n�chsten Woche gearbeitet werden w�rde. Mondino war an diesen Anblick gewohnt, da er jeden Tag auf seinem Weg von der Medizinschule nach Hause hier vorbeikam. Sie gingen weiter bis zu den H�usern der Galluzzi und dann bis zum Kloster San Procolo, wo sie Masino hinbringen wollten. Die M�nche k�mmerten sich vor allem darum, Waisenkindern ein neues Zuhause zu geben. An der T�r gab Gerardo dem Jungen ein wenig Geld und redete lange leise mit ihm. Dann klopften sie, lie�en Masino dort und entfernten sich durch die Dunkelheit in verschiedene Richtungen.</p><p>Er kehrte mit zerrissenem Gewand und blutbeschmiert nach Hause zur�ck. Den ganzen Weg �berlegte er angestrengt, was er seiner Familie erz�hlen w�rde, um sein Aussehen zu rechtfertigen, als k�nnte er dadurch verhindern, dar�ber nachzudenken, dass er gerade einen Menschen get�tet hatte. In diesem Moment begriff Mondino, warum M�rder die Nacht liebten.</p><p>Sie bot Schutz, und man konnte sich darin verstecken, sogar vor sich selbst.</p></section><section><title><p><strong>ACHT </strong></p></title><p><strong>W</strong>�hrend Mondino zum Kloster der Dominikaner lief, konnte er noch so oft wiederholen, dass er nichts zu bef�rchten hatte: Es stimmte einfach nicht. Ihm war stets bewusst, was er in jener Nacht vor acht Tagen getan hatte; in jener Nacht, die ihm mittlerweile so entfernt schien wie ein anderes Leben, als er beschloss, Gerardo zu helfen. Und nun hatte diese Sorge aufgrund der dringlichen Vorladung des Inquisitors beinahe unertr�gliche Ausma�e angenommen.</p><p>Im Gehen sp�rte er unter seinem Gewand den st�renden Verband an der Seite. Zu Hause hatte er l�gen m�ssen und erz�hlt, er sei wie durch ein Wunder dem Angriff eines Strauchdiebs entkommen, der sich damit begn�gt h�tte, ihm seine B�rse zu entrei�en, bevor er im Dunkel der Nacht verschwunden sei. Selbstverst�ndlich hatte er sich vor dem Heimkommen vorsorglich seinen G�rtel abgeschnitten und die B�rse in einen Kanal geworfen.</p><p>Alle hatten diese Erkl�rung ohne weitere Fragen akzeptiert, doch er war �berhaupt nicht stolz darauf, dass er so �berzeugend l�gen konnte.</p><p>Es war der letzte Tag im April, und obwohl es schon sp�ter Nachmittag war, wirkte die Luft immer noch mild. Die Leute waren alle deutlich leichter gekleidet als noch vor einer Woche, und so allm�hlich bekam man das Gef�hl, dass der Sommer vor der T�r stand. Auch er h�tte gerne auf den mit Eichh�rnchenfell verbr�mten Umhang �ber dem roten Talar verzichtet, durch den er ins Schwitzen kam, wenn er schneller ausschritt, aber er hatte ihn ganz bewusst f�r das bevorstehende Gespr�ch angelegt. Wenn er vor den Inquisitor trat, wollte er sich von den Insignien seines Berufs besch�tzt wissen.</p><p>Mondino zwang sich, eine ruhigere Gangart einzuschlagen. Er beneidete Gerardo, der zu dieser Stunde selig schlief, um f�r seine n�chtliche Unternehmung mit Hugues de Narbonne ger�stet zu sein. Mondino gefiel es nicht, dass der Franzose sich an ihrer Suche beteiligte, doch er konnte nichts dagegen tun. Au�erdem war er ganz froh, dass sich ein anderer mit Gerardo auf ein so gefahrvolles Abenteuer begab.</p><p>Heute Nacht hatte er kaum geschlafen, gequ�lt von Alptr�umen, in denen er immer wieder auf die unterschiedlichste Art das Gef�hl durchlebte, das ihn �berw�ltigt hatte, als er Filomena das Messer in die Kehle rammte. Und als er schlie�lich aufgestanden war, hatte ihm Lorenza berichtet, dass ein Dominikanerm�nch gekommen war, um ihn gegen die zehnte Stunde zu einer dringlichen Unterredung mit dem Inquisitor einzubestellen.</p><p>Um diese Zeit waren weniger Leute auf den Stra�en. Nach der Arbeit wirkten alle entspannter. Nur einige heimarbeitende Wollk�mmer, die im Innenhof eines Hauses Matratzen auseinandergenommen hatten, waren immer noch eifrig damit besch�ftigt, die Fasern zu trennen.</p><p>Sonst liebte Mondino den Anblick, den das Alltagsleben in seiner Stadt ihm bot, aber in diesem Moment bemerkte er es kaum. Er hatte sich schon einen Vorwand ausgedacht, um dem Inquisitor zu erkl�ren, warum er in den Fall des Deutschen verwickelt war, und auf seinem Weg zu ihm versuchte er, die Schwachstellen darin zu finden. Sicher hatte der Inquisitor ihn aus diesem Grund zu sich bestellt. W�re es zum Beispiel um die Unterschlagung von Angelo da Piczanos Leichnam gegangen, h�tte man ihn schon l�ngst mit bewaffneten Wachen abholen lassen.</p><p>Oder auch nicht, gr�belte Mondino, damit es unter seinen Studenten keinen Aufruhr gab. Vielleicht war der Inquisitor so schlau gewesen, ihn dem Schein nach nur zu einer freundschaftlichen Unterredung einzuladen, und sobald er das Kloster betrat, w�rde er ihn verhaften lassen. Dann w�rden vielleicht auch Proteste aufflammen, aber da die Verhaftung nicht in aller �ffentlichkeit geschah, w�rden sie deutlich gem��igter ausfallen.</p><p>So oder so: Mondino wusste, dass seine Lage hoffnungslos war, sollte man Beweise f�r das finden, was er getan hatte. In diesem Fall konnten ihn auch seine Studenten nicht mehr sch�tzen.</p><p>Daher blieb ihm nichts anderes �brig, als im Falle des Deutschen seine Rolle als Abgesandter der Stadt weiterzuspielen. Die Kirche musste sehr ver�rgert dar�ber sein, dass er sich angema�t hatte, die Leiche vor den Inquisitoren zu untersuchen. Aber warum hatte man dann nicht auf offiziellem Weg protestiert, beim Podest� oder dem Capitano del Popolo? Mondino hatte dieses Gasthaus mit einer offiziellen Genehmigung betreten.</p><p>Es hatte keinen Sinn, sich weiter das Hirn zu zermartern. Inzwischen war er angekommen und w�rde bald wissen, warum man ihn einbestellt hatte. Er lief quer �ber den Platz, vorbei an den stattlichen Grabmalen von Egidio Foscarari und Rolandino de� Passaggeri, dem gro�en Rechtsgelehrten, der selbst Kaiser Friedrich II. die Stirn geboten und sich im Namen der Einwohner Bolognas geweigert hatte, ihm seinen gefangen gehaltenen Sohn Enzo zu �bergeben. Auch Mondino w�re gern seiner medizinischen Verdienste wegen einmal so bestattet worden. Vielleicht, dachte er weiter, sollte er sich darauf beschr�nken, seine Abhandlung zu schreiben, und aufh�ren, davon zu tr�umen, jenes Geheimnis zu l�ften, wie man Adern in Eisen verwandeln k�nnte, damit er auf diese Weise herausfand, wie der Blutkreislauf im menschlichen K�rper verlief. Doch nun gab es kein Zur�ck mehr.</p><p>Er klopfte an das Tor des Klosters, stellte sich beim Bruder Pf�rtner vor und sagte, dass er vom Inquisitor Uberto da Rimini erwartet w�rde. Der Bruder lie� ihn sofort ein und befahl einem Novizen, ihn zu begleiten.</p><p>Mondino lief durch S�le und G�nge, immer dem leisen patschenden Ger�usch hinterher, das die nackten F��e des M�nchs auf dem Fu�boden machten. Schlie�lich klopfte der Bruder an eine T�r, und auf eine Antwort hin, die Mondino nicht h�ren konnte, betrat er das Zimmer und kam fast unverz�glich wieder heraus. Mit einem ehrerbietigen L�cheln trat er zur Seite, lie� Mondino vorbei und schloss die T�r hinter ihm. Mondino stellte sich vor, wie die nackten F��e sich wieder auf dem Gang entfernten, und versp�rte den unwiderstehlichen Drang, ihnen zu folgen. In diesem Kloster hatte er bereits jetzt das Gef�hl zu ersticken.</p><p>Er betrat ein ger�umiges Zimmer, das geschmackvoll, aber ohne �berm��igen Luxus eingerichtet war. Ganz hinten sa� der Inquisitor Uberto da Rimini an einem Tisch aus Walnussholz, auf den Licht durch ein offenes Fenster fiel. Er schaute mit einem beinahe wohlwollenden Blick von einem Band mit Miniaturen auf.</p><p>�Mondino de� Liuzzi�, sagte er trocken. �Ich danke Euch, dass Ihr gekommen seid.�</p><p>�Es ist mir ein Vergn�gen, Vater�, antwortete Mondino. �Ich dachte mir schon, dass Ihr mich sprechen wolltet, und hatte eigentlich selbst vor, Euch heute um eine Unterredung zu bitten. Ihr seid mir mit Eurer Aufforderung knapp zuvorgekommen.�</p><p>Der kleine magere K�rper des Inquisitors wirkte durch den m�chtigen Tisch, hinter dem er sa�, und den gro�en Kodex, in dem er las, noch schm�chtiger. �Umso besser�, sagte er, �umso besser.� Danach verharrte er eine lange Zeit schweigend und starrte dem Arzt in die Augen.</p><p>�Warum habt Ihr nach mir geschickt?�, fragte schlie�lich Mondino.</p><p>�Oh�, antwortete der Dominikaner und machte eine weitschweifige Geste, bei der seine fast kindlich kleine Hand aus dem �rmel seiner wei�en Kutte hervorkam. �Es geht um den Mord an diesem deutschen Tempelritter, Wilhelm von Trier. Man hat mir berichtet, dass Ihr die Leiche untersucht habt.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Mondino. Da der Pr�lat ihm bislang keinen Platz angeboten hatte, n�herte er sich nun unaufgefordert dem Tisch und setzte sich auf einen Stuhl, von dem aus er durch das Fenster den Himmel sehen konnte. �Fragt mich bitte alles, was Ihr wollt.�</p><p>Diese Unterredung war ein heikles Wortgefecht, bei dem man erst einmal die Themen einkreisen musste, ohne sie direkt anzusprechen, ehe man zum Angriff �berging. Mondino best�tigte alles, was der Inquisitor bereits wusste. Der stellte zun�chst ein paar allgemeine Fragen und erhielt ebenso allgemein gehaltene Antworten, dann fragte Uberto den Arzt, ob er festgestellt habe, welche und wie viele Verletzungen zum Tode gef�hrt hatten.</p><p>�Eine, Vater.�</p><p>�Eine einzige?�</p><p>Uberto wirkte beinahe entt�uscht, und Mondino konnte sich auch den Grund daf�r denken: F�r einen Mord konnte man nur so viele Leute zum Tode verurteilen, wie die Leiche Wunden aufwies. Der Inquisitor hatte wohl gehofft, auf einen Streich gleich mehrere Feinde loswerden zu k�nnen.</p><p>�Das �berrascht mich allerdings nicht�, sagt Uberto.</p><p>�Warum?�, fragte Mondino.</p><p>�Bei diesen satanischen Ritualen stirbt das Opfer h�ufig erst nach langen Qualen durch einen einzigen Sto�.�</p><p>Endlich kam er zur Sache. Mondino �berlegte, was er sagen konnte, ohne sich zu verraten, doch ihm fiel nichts Besseres ein, als die Worte des Priesters noch einmal fragend zu wiederholen.</p><p>�Satanische Rituale?�</p><p>�Ihr wollt doch hoffentlich nicht leugnen, dass es sich um so etwas handelt.� Die Stimme des Inquisitors klang pl�tzlich hart. �Dieser Tempelritter ist ihrem G�tzenbild, dem Baphomet geopfert worden. Und ich glaube auch zu wissen, warum.�</p><p>�Warum?�</p><p>Mondino wusste, dass er nicht mehr lange einfach nur die Worte des Priesters wiederholen konnte. Doch er war fest entschlossen, nichts von Bedeutung zu �u�ern, solange der andere nicht gesagt hatte, was genau er von ihm wollte.</p><p>Uberto da Rimini lie� die h�fliche Maske fallen. Sein Gesicht wurde hart, jetzt sah man nur noch schroffe Kanten und gerade Linien. �Weil gerade ein Prozess gegen die Templer stattfindet�, sagte er. �Und mit sch�ndlichen Handlungen wie diesen hoffen sie, sich des Schutzes der d�monischen Kr�fte versichern zu k�nnen. Oh, wenn ich nur daran denke, dass diese Schlangenbrut am Busen der Kirche gen�hrt worden ist �� Uberto sch�ttelte den Kopf und verstummte.</p><p>H�tte Mondino nun seine Worte wiederholt, w�re das einer Provokation gleichgekommen, daher zog er es vor zu schweigen. Er blieb reglos und stumm vor dem Inquisitor sitzen und wartete darauf, dass dieser fortfuhr.</p><p>�Also�, sagte Uberto und fuhr mit dem Zeigefinger eine Holzmaserung in der Tischplatte nach, �best�tigt Ihr mir, dass Ihr in der Art und Weise, wie der Mord ausgef�hrt wurde, unzweifelhafte Anzeichen f�r Teufelsanbetung und moralischer Verkommenheit gesehen habt?�</p><p>�Das kann ich nicht best�tigen�, erwiderte Mondino. �So etwas habe ich nicht gesehen.�</p><p>Nun hatte er sich offen dem Willen des Inquisitors entgegengestellt. Damit waren die Grenzen abgesteckt. Jeder hatte Stellung bezogen. Jetzt war der Moment zum Angriff gekommen.</p><p>Uberto da Rimini schien �ber seine Worte nachzudenken. Fast wollte es erscheinen, als erw�ge er ernsthaft, ob er sich in seiner Beurteilung wom�glich geirrt haben k�nnte und der Tod des Deutschen doch kein Ritualmord war.</p><p>�Und doch�, sagte er dann, fast als w�rde er eine innere �berlegung abschlie�en. �Das Herz dieses Mannes war in ein St�ck Eisen verwandelt.�</p><p>Mondino w�hlte seine Worte mit Bedacht, ehe er sie aussprach. �Dies habe ich gesehen�, sagte er mit ruhiger Stimme. �Das kann ich nicht leugnen ��</p><p>�Und?�</p><p>�Ein ungew�hnliches Ph�nomen, ich habe von Derartigem noch nie zuvor geh�rt oder gelesen. Aber das allein gen�gt nicht, um mit Sicherheit zu wissen, dass der Teufel mit im Spiel war. Ein Alchimist h�tte das ��</p><p>�Ein Alchimist!�</p><p>�Vater�, sagte Mondino und hob beschwichtigend die Arme. �Ich wei�, dass das merkw�rdig klingt, aber Ihr wisst besser als ich, dass das metallische Prinzip, das in der Materie enthalten ist, wie es <emphasis>Geber</emphasis> in seinem Trakat <emphasis>von der Zusammensetzung der Alchimie</emphasis> erkl�rt ��</p><p>Mondino verstummte, als er das grimmige L�cheln bemerkte, das sich auf den Lippen des Inquisitors breit machte. Er begriff sofort, dass er einen Fehler begangen hatte, doch nun war es zu sp�t. Instinktiv machte er den R�cken krumm und bereitete sich darauf vor, den Schlag zu empfangen.</p><p>�Ich verf�ge nicht �ber Euer Wissen, Magister�, sagte Uberto honigs��. �Und ich wei� nicht viel �ber das metallische Prinzip und das Brennbare in der Materie. Aber ich wei� sehr gut, dass dieser Geber, von dem Ihr sprecht, ein Ungl�ubiger ist, ein Sarazene, ein Teil dieser Rasse, die wir in unseren Kreuzz�gen bek�mpft haben und gegen die wir immer noch an unseren K�sten Krieg f�hren. Wollt Ihr mir etwa sagen, dass Ihr Euch, um die Behauptung zu untermauern, bei dem fraglichen Mord habe kein Pakt mit dem Teufel stattgefunden, auf die Worte eines Gottlosen beruft?�</p><p>�Die Religion der Araber ist zweifelsohne ein Irrglaube�, beeilte sich Mondino zu versichern. �Sie verf�gen jedoch �ber profundes Wissen. Der <emphasis>Kanon der Medizin</emphasis> von Avicenna ist, wie Ihr wisst, einer der Texte �ber Medizin, der in der Christenheit am meisten genutzt wird, und auch wir im <emphasis>Studium</emphasis> sch�tzen ��</p><p>�Das <emphasis>Studium</emphasis>!�, sagte Uberto und schaffte es, dieses Wort klingen zu lassen, als handele es sich um Abschaum. �Dieser Haufen von sittenlosem Volk, das �ber die Stadt hereinbricht, ehrbaren Frauen nachstellt und mit Dirnen Unzucht treibt. Dieses Pack, das seine Zeit in den Tavernen bei Wein und W�rfelspiel und anderen Sch�ndlichkeiten verbringt, die ich gar nicht aussprechen m�chte. Menschen, die, wie Maurizio da San Vittore gesagt hat, �das Wissen nicht um seiner selbst willen suchen, sondern um es aus Eitelkeit oder f�r Geld zu Markte zu tragen�. Sollte ich mich da etwa wundern, wenn die Texte, die die Grundlage ihrer Studien bilden, aus dem Land der Ungl�ubigen kommen?�</p><p>Eine direktere Beleidigung h�tte Mondino nicht erwarten k�nnen. Ganz offensichtlich beabsichtigte Uberto, ihn zu treffen, wenn er ver�chtlich �ber seine Studenten sprach - denn dass die Lehrmeister dieses �sittenlosen Volks� nicht besser als ihre Sch�ler seien, schwang zweifelsfrei in seiner Rede mit. Ihr Gespr�ch nahm eine gef�hrliche Wendung. Mondino wusste, dass er diese boshafte Bemerkung besser ignoriert und dem Priester beigepflichtet h�tte. Aber er konnte nicht schweigen - weniger weil er selbst beleidigt worden war, sondern weil man die Wissenschaft verunglimpft hatte.</p><p>�Und doch haben sich hervorragende christliche Wissenschaftler mit Alchimie besch�ftigt�, beharrte er. �Albertus Magnus selbst, der <emphasis>doctor universalis</emphasis>, der im �brigen ein Dominikaner war wie Ihr, hat an der Universit�t vor den Studenten von Paris gelehrt ��</p><p>�Genug!�, schrie Uberto, schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und sprang auf. �Ich lasse nicht zu, dass Ihr einen hervorragenden Christen, einen Bischof der Kirche, mit dem Pack vergleicht, von dem ich zuvor gesprochen habe. Albertus wurde <emphasis>doctor universalis</emphasis> oder auch <emphasis>doctor expertus</emphasis> genannt, eben weil er sich zu geistigen H�hen aufschwang, die f�r dieses Gesindel unerreichbar sind. Und ich erinnere Euch daran, dass er zwar in Paris lehrte, doch er unterrichtete dort ein ehrbares Fach - die Theologie! Er erkannte das Bed�rfnis so vieler junger Leute, die ihr Seelenheil gef�hrdeten, eben weil sie weltlichen Vergn�gungen und profanen Wissenschaften nachgingen, und ist zu ihnen gegangen. Und die jungen Leute sch�tzten ihn. Um seine Vorlesungen besuchen zu k�nnen, verlie�en sie die H�rs�le der Rechtswissenschaft und der Medizin. Sie versammelten sich so zahlreich, dass Albertus auf �ffentlichen Pl�tzen sprechen musste, denn es gab keine S�le, die gro� genug waren, um alle seine Sch�ler aufzunehmen.�</p><p>Auch Mondino hatte sich erhoben, weil es die H�flichkeit gebot, aber auch, weil der andere ihn nicht �berragen sollte. Jetzt stand der Inquisitor vor ihm. So schm�chtig der gut einen Kopf kleinere Uberto war, so gelang es ihm doch, Mondino Angst einzujagen.</p><p>Ein Schweigen legte sich �ber sie, das niemand von ihnen brechen wollte. Das Licht, das zum Fenster hereinfiel, wurde immer schw�cher; bald w�rde die Sonne untergehen. Eigentlich h�tte man im Raum eine Lampe entz�nden m�ssen, aber Uberto schien es nicht zu bek�mmern. Sichtlich befriedigt dar�ber, dass er seinen Gegner endlich zum Verstummen gebracht hatte, gestattete er sich ein L�cheln, in dem noch ein Anflug von Wut mitschwang.</p><p>�Die Alchimie�, sagte er, nun wieder gelassen, �wird bald von der christlichen Wissenschaft verworfen werden. Sie wird der Hexerei gleichgestellt und verfolgt werden, wie es sein soll. Wenn diese Zeit anbricht, werden Wissenschaftler, �rzte und Philosophen gut daran tun, wenn sie ihr Wissen vorher von den Einfl�ssen der Ungl�ubigen reinigen. Allerdings�, f�gte er an, und sein L�cheln bekam wieder diese grimmige Note, �wollte ich nicht nur �ber den Tod dieses deutschen Tempelritters mit Euch reden.�</p><p>Mondino sp�rte, wie ihm das Herz nach unten sackte. Er tat sein Bestes, um m�glichst gleichg�ltig zu wirken, und fragte: �Ben�tigt Ihr vielleicht meine Dienste als Arzt? Eure <emphasis>complexio</emphasis> scheint mir etwas zu hitzig, wahrscheinlich leidet Ihr an einem �berschuss an gelber Galle. Darin k�nnte ich Euch sicher helfen.�</p><p>Uberto ging um ihn herum und zwang ihn dadurch, sich ebenfalls zu drehen. Der Inquisitor bewegte sich mit beinahe weiblicher Anmut, doch nichts an seinem Gesicht wirkte anziehend. Mondino kam spontan der Vergleich mit einem Kater in den Sinn, der darauf lauert, gleich der Maus den t�dlichen Hieb zu versetzen. �Wenn Eure Dienste als Arzt, wie ich erfahren habe, darin bestehen�, sagte er, �Toten das Herz herauszurei�en und ihre Leichen verschwinden zu lassen, nein danke, dann habe ich keinen Bedarf daf�r.� Seine Augen funkelten boshaft, w�hrend er ihn anstarrte und hinzuf�gte: �Magister, Ihr seid entdeckt.�</p><p>Gerardo f�hlte sich extrem unwohl in diesen Kleidern. Ein verschwitztes Hemd, das vor Schmutz starrte und an mehreren Stellen eingerissen war, keine Str�mpfe oder Beinlinge und um sich zu bedecken nur ein Leinensack, den man keinesfalls als Gewand bezeichnen konnte. Vielleicht lag es an seiner schlechten Laune, dass er sich nicht mit dem gebotenen Respekt an seinen Kommandanten wandte.</p><p>�Mondino meint, dass Ihr die Karte schon einmal gesehen habt, die er Euch beim Bankier gezeigt hat�, sagte er pl�tzlich. �Ist das wahr?�</p><p>Hugues de Narbonne verbl�ffte ihn mit einer ehrlichen Antwort. �Ja, das ist wahr.�</p><p>�Und warum habt Ihr das nicht gesagt?�</p><p>Der Franzose hielt mitten auf der Stra�e an. Auch in Lumpen und als Bettler gekleidet, verf�gte er immer noch �ber die Autorit�t eines Anf�hrers. �Ich entscheide, was ich sage oder nicht, Gerardo�, antwortete er in einem Ton, der keine Widerrede duldete. �Mondino ist keiner von uns, und ich wei� nicht, wie sehr wir ihm trauen k�nnen. Du musst nicht mehr wissen als dass diese Karte nutzlos ist. Einige Leute glauben, dass sie an einen geheimen Ort f�hrt, an dem das Geheimnis der Unsterblichkeit bewahrt wird, aber nach vielen Jahren voller nutzloser Versuche mussten sie feststellen, dass es eine F�lschung war.�</p><p>�Das Geheimnis der Unsterblichkeit�, wiederholte Gerardo ungl�ubig.</p><p>Sie redeten wie immer auf Latein, doch sehr leise, um sich nicht zu verraten, da Bettler dieser Sprache nicht m�chtig waren.</p><p>�Kannst du dir vorstellen, was Menschen von Format bewirken k�nnten, wenn sie nicht mehr dem Tod unterworfen w�ren? Sie k�nnten den Glauben wirksamer verteidigen und das menschliche Wissen weiter vertiefen, als dies bislang geschehen ist. In den richtigen H�nden w�re dieses Geheimnis eine unermesslich wertvolle Gabe.�</p><p>�Aber die Karte ist eine F�lschung, das habt Ihr selbst gesagt.�</p><p>�Ganz genau. Und doch h�tet sie ihr R�tsel nur zu gut. Aber vielleicht gibt es einen anderen Weg, um dorthin zu gelangen.�</p><p>�Welchen?�</p><p>�Genug jetzt, Gerardo. Falls ich es f�r angebracht halte, werde ich dir davon erz�hlen, wenn wir zur�ck sind.� Er zeigte nach vorne. �Dort ist das eingest�rzte Haus. Wir sind da, oder?�</p><p>�Ja.�</p><p>Sie betraten die Ruine, und Gerardo n�herte sich lauschend dem Eingang zu dem unterirdischen Gew�lbe. Von unten drang schwaches Licht herauf. Nachdem er sich versichert hatte, dass kein Laut in den eingest�rzten Mauern zu h�ren war, wandte er sich an Hugues de Narbonne. �Der Weg ist frei�, sagte er nur.</p><p>Hugues bedeutete ihm, er solle hinabsteigen. Barfu� und als Bettler verkleidet, war der Franzose nicht wiederzuerkennen. Gerardo hoffte, dass seine eigene Verkleidung genauso gut war. Der Geruch, der von ihrer beider Kleidung ausging, war kaum zu ertragen, aber inzwischen hatte er sich daran gew�hnt.</p><p>Er begann, sich zwischen den Tr�mmern und Ziegelsteinen hindurchzuwinden und dankte dem Himmel, dass er wenigstens Schuhe an den F��en hatte. Das war Hugues� Idee gewesen. Seiner Meinung nach gab es nur einen Weg, an die gew�nschten Informationen zu kommen und das unterirdische Gew�lbe wieder lebend zu verlassen, und zwar indem sie sich selbst als Vagabunden ausgaben. Um m�glichst echt auszusehen, hatten sie heute Morgen zwei Bettler mit einem Hieb auf den Kopf bewusstlos geschlagen und ihnen ihre Beutel f�r die Almosen und die vor Schmutz starrenden Kleider abgenommen. Ihre eigenen Gew�nder hatten sie in der Unterkunft des Franzosen gelassen und sich noch vor Sonnenuntergang auf den Weg gemacht.</p><p>Hugues fiel es nicht schwer, ohne Schuhe herumzulaufen, und er bewegte sich barfu� vollkommen nat�rlich. Gerardo hingegen kam ohne Schuhe nicht zurecht - er h�pfte und stolperte so unsicher herum, dass sie beschlossen, ihn seine Schuhe tragen zu lassen. Man hatte zwar sicher noch nie einen Bettler mit fast neuen Schuhen gesehen, aber Gerardo hatte sie, bevor sie aufbrachen, noch rasch mit Staub und Fett eingeschmiert. Im Vertrauen darauf, dass es niemand in der Dunkelheit bemerken w�rde, begaben sie sich auf ihre Mission.</p><p>Bevor die beiden M�nner den Gang betraten, sahen sie einander noch einmal an. Die Fackel, die Gerardo am Vortag benutzt hatte, war verschwunden. Wahrscheinlich hatte der erste Bettler, der am Abend zur�ckgekehrt war, sie genommen, um mit ihr die anderen Fackeln entlang des Wegs anzuz�nden.</p><p>�Hast du alles begriffen?�, fragte Hugues. �Denk daran, dass nur du sprechen kannst, ich bin stumm.�</p><p>�Nat�rlich wei� ich das�, antwortete Gerardo etwas ver�rgert, da der Franzose ihm diese Frage bereits zum dritten Mal stellte. �Und jetzt versucht bitte, so wenig wie m�glich Latein zu sprechen. Jemand k�nnte uns h�ren.�</p><p>Hugues schien nicht daran gew�hnt, jemand anderem das Kommando zu �berlassen, aber in diesem Fall war es unvermeidlich. Er sprach nur Franz�sisch und Latein, daher musste er so tun, als w�re er stumm. Gerardo konnte in der Mundart von Ravenna sprechen, die ihm vertraut war, weil er sie als kleiner Junge von den Dienern bei sich zu Hause gelernt hatte.</p><p>Um glaubw�rdig zu wirken und die Suche nach dem Ferrareser zu rechtfertigen, hatten Hugues und Gerardo sich eine Geschichte ausgedacht. Gef�hrlich war das Unterfangen jedoch so oder so. Gerardo hoffte inst�ndig, dass der Bettler wenigstens etwas Brauchbares zum Tod von Wilhelm von Trier sagen konnte. Er wusste nicht genau, wie er unauff�llig darauf zu sprechen kommen konnte, aber das war ein Problem, dem er sich zu gegebener Zeit stellen w�rde. Erst einmal mussten sie den Saal mit den Wandfresken finden, von dem der Junge gesprochen hatte.</p><p>Sie liefen, die Almosenbeutel �ber der Schulter, den schmalen, erh�hten Weg entlang, Gerardo voraus und dahinter Hugues. Von dem ausgetrockneten Kanal stieg Verwesungsgestank auf; er stammte zweifellos von �berresten, die sich im Laufe vieler Jahre dort angesammelt hatten. Es hingen nur wenige Fackeln an der Wand, in einem Abstand von ungef�hr zwanzig oder drei�ig Schritten; sie verstr�mten ein sp�rliches Licht, das gerade ausreichte, um nicht zu stolpern. W�hrend sie sich ihren Weg durch das Halbdunkel bahnten, �berlegte Gerardo, ob der Tunnel, durch den sie schritten, vielleicht gar kein Abwasserkanal war, sondern ein uralter Geheimgang. Wenn man beide Arme ausstreckte, konnte man die W�nde ber�hren. Kurz �ber ihren K�pfen erhob sich ein Spitzbogengew�lbe aus Ziegelsteinen, das trotz seines Alters �u�erst robust wirkte.</p><p>Nur an einer Stelle, an einer Verbreiterung, wo der Gang nach links abbog, drohte ein Teilst�ck der Mauer einzust�rzen, doch sie wurde von einem Balken zwischen den W�nden abgest�tzt. Die beiden Tempelritter mussten sich b�cken, um unter der St�tze hindurchzutauchen, und kurz darauf erreichten sie einen gro�en runden Saal, der von kleinen Feuern beleuchtet wurde. Gerardo z�hlte etwa f�nfzehn Leute, doch hinter ihnen im Gang waren bereits die Schritte von anderen Bettlern zu h�ren. Es musste schon zur Komplet gel�utet haben.</p><p>�Wir sind da�, fl�sterte er.</p><p>Hugues nickte stumm.</p><p>Der Rauch der Feuer und Fackeln hatte die W�nde mit einer schw�rzlichen Schicht bedeckt, unter der man �berreste von Fresken ausmachen konnte, die einst den Raum geschm�ckt hatten. Der Fu�boden war nicht eben, sondern fiel zum Gang hin in einer Reihe flacher Stufen ab. Gerardo war immer mehr davon �berzeugt, dass es sich um ein altes r�misches Haus oder eine Therme handelte, die unter den nachfolgenden Bauten begraben worden war.</p><p>Aber sie waren nicht gekommen, um die Werke antiker Baukunst zu bestaunen, sondern um eine Mission zu erf�llen. Die beiden Tempelritter n�herten sich einem der Feuer und begannen, die Leute nach dem Mann aus Ferrara zu fragen.</p><p>Der erste Bettler, den Gerardo ansprach, war ein junger schm�chtiger Bursche, der seine Bl��e nur mit einem Sack bedeckte und der an Stirn und H�nden blutige Verb�nde trug. Er schaute nicht einmal zu ihnen auf, als er sagte, dass er den Kr�ppel, den sie suchten, nicht kannte, und nahm die Verb�nde ab, unter denen schmutzige, aber absolut gesunde H�nde zum Vorschein kamen. Danach kramte er in seinem Almosenbeutel und zog eine tote Katze hervor, die von seinen beiden Gef�hrten mit Lachen und zufriedenen Rufen kommentiert wurde.</p><p>W�hrend Gerardo sich dem n�chsten Feuer zuwandte, ber�hrte ihn Hugues an der Schulter.</p><p>�Rechts von dir. Dreh dich nicht zu schnell um�, fl�sterte er in heiserem Latein.</p><p>Gerardo sp�rte zun�chst Ver�rgerung. Doch dann sagte er sich, dass Hugues bestimmt nicht riskierte, dass seine Tarnung als stummer, ungebildeter Bettler aufflog, wenn er nicht einen triftigen Grund daf�r hatte. L�chelnd, als wollte er jemanden begr��en, drehte er sich in die angegebene Richtung und ihm gefror das Blut in den Adern: Wenige Schritte neben ihnen war ein st�mmiger Mann, der nichts als einen Lumpen um die Taille gewickelt hatte. Er hatte eine auff�llige Beule und verkrustetes Blut mitten auf seinem kahlen Sch�del. Gerardo erkannte in ihm voller Schrecken den ersten Bettler, den sie niedergeschlagen hatten, um ihm die Kleider zu stehlen. Wenn er sie erkannte, war ihr Leben in Gefahr.</p><p>In diesem Moment schaute der Mann auf, und ihre Blicke begegneten sich.</p><empty-line/><p>Der Inquisitor hatte ganz leise, keineswegs bedrohlich geklungen, was die Beschuldigung noch deutlicher und vernichtender erscheinen lie�. In diesem Tonfall stellte man unbezweifelbare Tatsachen fest.</p><p>Mondino begriff, dass seine Laufbahn als Arzt und wahrscheinlich auch sein Leben zu Ende waren. Absurderweise dachte er in diesem Augenblick weder an seine Lieben noch an die Strafe, die er zu erwarten hatte. Ihn besch�ftigte nur ein Gedanke, nur eines bedauerte er: dass er seine Abhandlung �ber die Anatomie niemals vollenden w�rde.</p><p>�Ich wei� nicht, wovon Ihr sprecht, Vater�, sagte er wenig �berzeugend. �Es ist richtig, ich seziere Leichen zu Studienzwecken, aber ��</p><p>�Aber vor kurzem ist Euch ein Toter untergekommen, der einen �hnlichen Anblick bot wie der Deutsche, der bei Santo Stefano gefunden wurde: die Brust ge�ffnet, die Rippen gebrochen und nach au�en gebogen. Und auch zu Lebzeiten gingen beide derselben Bestimmung nach: Sie waren beide Tempelritter. Ist das nicht merkw�rdig?�</p><p>Offensichtlich wusste der Inquisitor alles. Leugnen war sinnlos, aber es zuzugeben kam einem Selbstmord gleich. Wenn Uberto seinen Kopf wollte, �berlegte Mondino, musste er schon kommen und ihn sich selbst holen. Er w�rde sich ihm nicht auf einem Silbertablett servieren.</p><p>�Worauf wollt Ihr hinaus?�, fragte er.</p><p>�Das ist ganz einfach. Die beiden Leichname unterschieden sich nur in einem einzigen Punkt: Das Herz des einen war in einen Eisenblock verwandelt, w�hrend das Herz des anderen herausgerissen war. Und da k�nnte man zu Recht annehmen, dass dem ersten das Gleiche angetan wurde wie dem zweiten Toten. Man k�nnte Euch anklagen, dass Ihr f�r beide Verbrechen verantwortlich seid, aber das entspricht wahrscheinlich nicht der Wahrheit, und die Kirche ist nur an der Wahrheit interessiert.�</p><p>Mondino zwang sich, ruhig zu atmen. Er w�nschte sich nichts sehnlicher, als sich wieder zu setzen. Er durchschaute das Spiel des Inquisitors nur zum Teil. Der meinte wohl, dass die Kirche nichts gewann, wenn sie ihn des Mordes an den beiden Tempelrittern beschuldigte. Das war zwar eine gute Nachricht, aber dennoch hatte Mondino den begr�ndeten Verdacht, dass ihm das Schlimmste noch bevorstand.</p><p>�Es entspricht tats�chlich nicht der Wahrheit, Vater. Ich kannte die beiden M�nner nicht, von denen Ihr sprecht, und ich h�tte keinen Grund gehabt, sie umzubringen. Au�erdem verf�ge ich nicht �ber die n�tigen Kenntnisse, um das zu tun, was ihnen angetan wurde.�</p><p>�Ihr seid kein Zauberer, wollt Ihr damit sagen.�</p><p>�Vater, ich wei� nicht, ob wir es hier mit dem Werk eines ��</p><p>�Aber nat�rlich, Magister! Selbstverst�ndlich haben wir es hier mit dem Werk eines Zauberers zu tun, der seine dunkle Macht durch einen Pakt mit dem Teufel erhalten hat. Dies ist unbestreitbar.�</p><p>Mondino sagte nichts dazu. Sollte Uberto da Rimini doch glauben, was er wollte. Hauptsache, er war geneigt, jemand anderen wegen G�tzenverehrung zu beschuldigen.</p><p>�Stimmt Ihr mir zu, dass die Verwandlung eines Menschenherzens in einen Metallblock das Werk von Zauberei ist?�, fragte der Priester.</p><p>Diese Frage klang sehr pr�zise. Offensichtlich verfolgte er ein Ziel, aber sosehr Mondino sich auch den Kopf zermarterte, er begriff nicht, was der Inquisitor beabsichtigte. Er hatte den unangenehmen Eindruck, dass er sich im Dunkeln am Rande eines Abgrundes vorw�rtsbewegte.</p><p>�Das k�nnte sein.�</p><p>Auf Ubertos Gesicht erstrahlte ein echtes, beinahe freundliches L�cheln. Mondino sp�rte, dass er alles tun w�rde, um diesen wohlwollenden Ausdruck auf dem Gesicht des Inquisitors zu erhalten, und er hasste sich f�r seine Feigheit. Drau�en h�rte man eine Kurbelrolle quietschen. Obwohl es schon dunkel war, holte noch jemand Wasser vom Brunnen des Gartens.</p><p>�Gut, ich sehe, dass wir uns allm�hlich verstehen�, sagte Uberto. �Ich will Euch nicht l�nger im Ungewissen lassen, Magister: Die Totengr�ber haben Euch verraten.�</p><p>Mondino schwitzte; er hatte das Gef�hl, dass ihm hei� und kalt zugleich war. All diese Worte zielten darauf ab, ihn einzusch�chtern, ihn zu Wachs in den H�nden des Inquisitors zu machen. Doch er durfte sich noch nicht ergeben. Das lie� sein Stolz nicht zu.</p><p>�Ich habe gar nicht vor abzustreiten, dass ich diesen Leichnam f�r meine Anatomiestudien verwendet habe�, sagte er. �Aber ��</p><p>�Schweigt!�, unterbrach ihn Uberto heftig. Das g�tige L�cheln war verschwunden. �Begreift Ihr denn nicht, dass Euch kein Ausweg bleibt? Im Quersack des Deutschen ist ein Brief gefunden worden, der ihn als Tempelritter identifizierte. Au�erdem wurde er darin eines brutalen Mordes an einem armen Christenmenschen bezichtigt, den er zusammen mit einigen seiner Mitbr�der begangen haben soll. Der Absender forderte ihn auf, nach Bologna zu kommen, um sich eines dunklen Geheimnisses zu bem�chtigen. Seid Ihr Euch eigentlich dar�ber im Klaren, wer diese Tempelritter wirklich sind, die Ihr zu verteidigen scheint?�</p><p>�Ich verteidige niemanden, Vater. �ber die Templer wei� ich im �brigen wenig oder gar nichts.�</p><p>�Umso besser, obwohl Eure Taten eine andere Sprache zu sprechen scheinen. Nun denn, ich gehe davon aus, dass Ihr nicht ernsthaft daran zweifelt, dass es f�r uns ein Einfaches w�re, einen Prozess gegen Euch anzustrengen, in dem Ihr als der M�rder des ersten Templers und wegen der �hnlichkeit des <emphasis>modus operandi</emphasis> auch des zweiten erscheinen werdet, und dann ein Urteil gegen Euch zu erwirken, das f�r Euch den Tod und die Beschlagnahme s�mtlicher G�ter Eurer Familie bedeutet? Antwortet: Glaubt Ihr das oder nicht?�</p><p>Der Inquisitor hatte die Stimme erhoben, bis er schlie�lich die letzten Worte herausgeschrien hatte. In seinen Mundwinkel hatte sich ein wenig Schaum gebildet, den er jetzt mit dem Handr�cken fortwischte, ohne den Blick von Mondino abzuwenden. Dieser senkte den Kopf, starrte die Terrakottafliesen des Fu�bodens an und merkte, dass er �berhaupt keine Lust hatte, jemals wieder aufzuschauen. Dennoch zwang er sich, dem Inquisitor wieder in die Augen zu sehen, ehe er die Niederlage eingestand.</p><p>�Das glaube ich, Vater.�</p><p>�Und Ihr tut gut daran. Ihr habt noch die M�glichkeit, Euch zu retten, vergeudet sie nicht. Wie ich Euch bereits sagte, ist die Kirche trotz der Beweise, die gegen Euch vorliegen, zumindest im Moment geneigt, an Eure Unschuld zu glauben, und Ihr werdet nicht angeklagt.�</p><p>�Ich danke Euch.�</p><p>Im Garten h�rte man Stimmengemurmel. Der Inquisitor ging ans Fenster und starrte hinaus in die Dunkelheit. Die Stimmen verstummten unvermittelt, und Uberto wandte sich wieder ihm zu.</p><p>�Wir vertrauen darauf, dass Ihr Eure Dankbarkeit nicht nur in Worten ausdr�ckt, Magister�, sagte er. �Wenn das Kollegium der Inquisitoren Euch bitten w�rde, in Eurer Funktion als Arzt und Lehrer des <emphasis>Studiums</emphasis> auszusagen, dass das Herz dieses deutschen M�nches durch Hexenwerk in Metall verwandelt wurde, w�rdet Ihr das tun? Antwortet nur mit Ja oder Nein.�</p><p>Endlich hatte er offen erkl�rt, was er wollte, so dass Mondino eine ungef�hre Vorstellung davon bekam, wie die Verhandlungen weitergehen w�rden und was Uberto von ihm wollte: Die Kirche hatte die M�glichkeit erkannt, diesen mysteri�sen Mord als Beweis im Prozess gegen die Templer zu benutzen. Mondino daf�r zu verurteilen, war nicht von Vorteil, weil dadurch die �ffentliche Aufmerksamkeit von denen abgelenkt w�rde, die die Inquisition als die wahren Schuldigen hinstellen wollte, selbst wenn die beiden ermordeten Templer die Opfer waren und nicht die T�ter. Daher bot der Inquisitor ihm Straffreiheit an im Austausch gegen seine Zeugenaussage. Mondino sa� in der Falle, und er hatte keine Wahl. Alles in ihm wollte laut zustimmen, doch aus seinem Mund kam das genaue Gegenteil.</p><p>�Nein.�</p><p>Daraufhin schlug Uberto seine kleine Faust mit solcher Gewalt auf den Tisch, dass das Tintenfass umkippte und die Tinte �ber die gewachste Holzplatte floss. Gedankenverloren nahm der Inquisitor ein Blatt feinstes Pergamentpapier und dr�ckte es auf den Fleck; dabei lie� er Mondino nicht einen Moment lang aus den Augen.</p><p>�Versucht nicht, dieses Zimmer zu verlassen, Ihr w�rdet hinter der T�r festgenommen werden�, sagte er und streckte die freie Hand nach einem Silbergl�ckchen aus. �Bald werden die Wachen da sein und sich Eurer annehmen.�</p><p>�Einen Augenblick noch�, sagte Mondino und hob beide H�nde in einer dem�tigen Geste, die ihn einen schrecklichen Kampf mit sich selbst kostete. �K�nnen wir nicht noch einmal dar�ber reden?�</p><p>�Es gibt nichts weiter zu sagen�, erwiderte Uberto, kn�llte das Pergament zusammen und warf es auf den Fu�boden. �Es gibt nur Ja oder Nein.�</p><p>�Was Ihr da von mir verlangt, ist schwierig�, sagte Mondino. �Vielleicht k�nnte ich es tun, aber ich brauche ein paar Tage Bedenkzeit.�</p><p>Er hatte dies gesagt, um Zeit zu gewinnen und die Ankunft der Wachen hinauszuz�gern, aber gleichzeitig wurde ihm klar, dass diese Worte der Wahrheit entsprachen. In wenigen Augenblicken drohte sich sein gesamtes Leben zu ver�ndern; er stand an einem Scheideweg, und aus verschiedenen Gr�nden behagte ihm keine der M�glichkeiten, die vor ihm lagen. Er war verwirrt und hatte das Bed�rfnis, allein zu sein und in Ruhe �ber alles nachzudenken.</p><p>Uberto da Rimini verzog die Lippen zu einem schmalen L�cheln. �Jetzt seid Ihr nicht mehr so hochm�tig, Magister�, sagte er. �Die Aussicht darauf, im Gef�ngnis zu enden, ist oft sehr wirksam. Gut, ich gew�hre Euch zwei Tage Bedenkzeit. Wenn Ihr Euch aber bei Sonnenuntergang am Sonntag nicht zu einer Aussage entschlossen habt, werdet Ihr verhaftet. Ich vertraue darauf, dass Ihr nicht flieht. Falls Ihr das versucht, werde ich die Anklage gegen Euch �ffentlich machen. Ihr w�rdet verfolgt werden, egal, wohin Ihr Euch wendet, und k�nntet nicht mehr an Eurer geliebten Universit�t unterrichten.�</p><p>Mondino nickte wortlos. Der Inquisitor l�utete das Silbergl�ckchen, woraufhin in der T�r zwei �u�erst kr�ftige M�nche erschienen.</p><p>�Geleitet diesen Mann hinaus�, sagte Uberto. �Im Augenblick ist er noch frei.�</p><p>Mondino verneigte sich leicht und ging dann zur T�r. Noch bevor er die Schwelle erreichte, rief ihn der Inquisitor zur�ck.</p><p>�Da ist noch etwas. Im Prozess m�sst Ihr nicht nur die besprochene Aussage machen, sondern auch enth�llen, wo sich derjenige befindet, der Euch die Leiche gebracht hat.�</p><p>Mondino drehte sich um, um zu antworten, aber Uberto gebot ihm mit einer Handbewegung Einhalt. ��berlegt es Euch gut, bevor Ihr in diesem Punkt l�gt. Ich wei�, dass der Mann zu Euren Studenten geh�rt, und ich denke, dass er ein Tempelritter ist, der sich als Euer Sch�ler ausgibt. Ich bin mir sicher, dass er diese M�nner auf so sch�ndliche Weise get�tet hat.�</p><p>�Das glaube ich keineswegs�, gab Mondino entschieden zur�ck. �Er ist ein junger Mann, der in etwas verwickelt wurde, das gr��er ist als er selbst.�</p><p>�Wenn er es nicht war, dann m�sst Ihr es gewesen sein�, sagte der Inquisitor r�tselhaft. �Es muss einen Schuldigen geben. Und Ihr entscheidet, wer das sein soll.�</p><empty-line/><p>Sobald Mondino das Zimmer verlassen hatte, lie� Uberto Guido Arlotti rufen. Der ehemalige Priester wartete in einem Nebenzimmer und kam sofort zu ihm.</p><p>�Von nun an musst du Mondino wie ein Schatten folgen�, befahl ihm der Inquisitor. �Ich m�chte wissen, wohin er geht, was er tut, mit wem er sich trifft. Und vor allem muss ich erfahren, wo sich dieser angebliche Student versteckt, der in dem Haus wohnte, in dem der Brand ausgebrochen ist. Er nannte sich Francesco Salimbene, aber das ist nicht sein richtiger Name. Nun wird er einen anderen angenommen haben. Mondino sucht ihn gewiss auf, um ihn zu warnen.�</p><p>�Wie Ihr w�nscht, Vater�, antwortete Guido. �Aber bef�rchtet Ihr nicht, dass Mondino ebenfalls fl�chtet?�</p><p>�Nein, sein Leben ist hier, er wird nicht fliehen. Er n�tzt uns, solange er frei ist, und das wei� er.�</p><p>Guido Arlotti nickte. �Ich mache mich sofort an die Arbeit.�</p><p>Er verlie� umgehend das Zimmer.</p><p>Gerardo drehte dem Bettler den R�cken zu, dem sie die Kleider geraubt hatten, und bewegte sich langsam zu der gegen�berliegenden Seite des unterirdischen Gew�lbes. Hugues de Narbonne folgte ihm. Der Mann konnte ihn nicht erkannt haben, denn sie hatten ihn von hinten angegriffen, doch sie durften das Risiko, dass er sie entdeckte, nicht untersch�tzen. Falls sie den Mann aus Ferrara nicht auf dieser Seite des Raumes fanden, w�re es besser f�r sie, den Raum zu verlassen, ohne noch einmal an dem Bettler vor�berzugehen, der halbnackt mit lauten Worten sein Schicksal beklagte, ohne die Silberm�nze zu erw�hnen, die Gerardo ihm als Entsch�digung f�r Beutel und Gewand in die Hand gelegt hatte.</p><p>Die beiden bewegten sich langsam vorw�rts und achteten darauf, nicht auf die Habseligkeiten zu treten, die �berall auf dem Boden verstreut lagen. Allm�hlich f�llte sich das Gew�lbe immer weiter mit M�nnern und Frauen. Zum Gl�ck schienen viele sich untereinander nicht zu kennen, so dass die Anwesenheit der beiden verkleideten Templer nicht auffiel. Gerardo fragte jeden, an dem er vorbeikam, wo er den Mann aus Ferrara finden k�nnte, doch ohne Erfolg. Einige kannten ihn nicht einmal, andere erz�hlten ihm, dass er in letzter Zeit immer hier unten geblieben war, aber wo er jetzt war, konnten sie ihm nicht sagen. Mittlerweile hatten Gerardo und Hugues schon den h�chsten Punkt auf den Treppen erreicht, wo zwei M�nner und eine Frau unreife �pfel in einem Tontopf kochten. Als Gerardo sie nach dem Kr�ppel fragte, be�ugte ihn die Frau misstrauisch. Sie war ungef�hr zwanzig Jahre alt und h�tte sch�n sein k�nnen, w�re sie nicht so �beraus mager gewesen und h�tten ihr nicht zwei Schneidez�hne und ein Eckzahn gefehlt.</p><p>�Warum sucht ihr ihn?�, fragte sie.</p><p>Gerardo erz�hlte die Geschichte, die sie sich ausgedacht hatten: Sie seien von Ravenna vertrieben worden, gab er an, und auf dem Weg hierher h�tte ihnen ein anderer Bettler empfohlen, nach ihrer Ankunft in Bologna einen Kr�ppel aufzusuchen, der der Ferrareser genannt wurde. Er w�re ein guter Mensch und w�rde ihnen dabei helfen, sich in der Stadt zurechtzufinden.</p><p>�Der Ferrareser soll ein guter Mensch sein?�, lachte der �ltere der beiden M�nner, ein rundlicher Typ mit grauen Locken. �War der, der euch das gesagt hat, vielleicht blind und taub?�</p><p>Die anderen beiden lachten dreckig, und als die Frau sich etwas ungeschickt bewegte, entbl��te sie ihre Beine weit oberhalb der Knie. Gerardo schaute zur Seite.</p><p>�Hier gibt es keine guten Menschen�, sagte der �ltere. �Nur Hurens�hne, die zu jeder Schandtat bereit sind, wenn sie daf�r einen Tag l�nger leben k�nnen.�</p><p>�In Ravenna war es genauso�, erwiderte Gerardo und setzte sich neben sie, dabei versuchte er den Dialekt nachzuahmen, den die Dienerschaft bei ihm zu Hause gesprochen hatte. �Wie auch immer, ich m�chte den Mann aus Ferrara finden.�</p><p>Die drei Bettler schwiegen pl�tzlich. Der �ltere r�hrte mit einem Holzst�ck die �pfel in dem kleinen Tontopf um. Der J�ngere, ein Blondschopf mit einem langen Bart, der die ganze Zeit still gewesen war, zischte: �Niemand hat euch eingeladen, euch zu setzen. Ihr braucht gar nicht darauf zu z�hlen, dass ihr euch mit eurer Geschichte ein Abendessen ergattern k�nnt, verstanden?�</p><p>Die Frau schaute Gerardo auf eine Art an, dass er err�tete, und sagte: �Wir haben nur diese �pfel, und die sind f�r uns.�</p><p>�Unreife �pfel�, knurrte der grauhaarige Bettler. �Wir m�ssen sie zu Brei verkochen, sonst bekommen wir davon heftige Bauchschmerzen.�</p><p>�Aber wenn ihr auch etwas habt�, meinte die Frau weiter, �bleibt ruhig. Der Ferrareser wird bald kommen.�</p><p>�Du Schlampe!�, rief der b�rtige junge Mann. �Ich wei� genau, warum du willst, dass sie bleiben.�</p><p>�Lass mich in Ruhe�, antwortete sie b�se. Von einem Moment auf den anderen hatte sie eine spitze Tonscherbe in der Hand. �Oder ich schneide ihn dir ab, du brauchst ihn sowieso nicht mehr.�</p><p>Der Alte lachte. Gerardo und Hugues fielen in sein Gel�chter ein und hofften, die Situation dadurch etwas zu entsch�rfen. Der Blonde schaute sie misstrauisch an.</p><p>�Hast du nicht gesagt, dass dein Freund taubstumm ist?�</p><p>�Und?�</p><p>�Warum hat er dann gelacht, wenn er uns nicht h�ren kann?�</p><p>Gerardo seufzte. �Weil er nicht blind ist.�</p><p>�Was zum Teufel tut das jetzt zur Sache?�</p><p>�Er hat gesehen, dass wir alle gelacht haben, und da hat er eben eingestimmt.� Gerardo stand auf. Diese Unterhaltung wurde allm�hlich gef�hrlich. �Wir gehen schon.�</p><p>�Wolltet ihr nicht etwas �ber den Ferrareser erfahren?�, fragte die Frau.</p><p>Der Blonde warf ihr einen b�sen Blick zu, dann starrte er Gerardo feindselig an, w�hrend er Anstalten machte aufzustehen. Hugues stellte sich kampfbereit hin. Der junge Bettler schaute zwischen ihnen beiden hin und her, dann lie� er sich wieder neben sein erb�rmliches Feuer fallen.</p><p>�Wenn Ihr wisst, wo wir ihn finden k�nnen, Madonna�, sagte Gerardo, �sagt es uns bitte.�</p><p>�Ach was Madonna!�, lachte der Blonde bitter und packte die Frau am Arm. �Sie ist eine Dirne, sonst nichts.�</p><p>�Lass mich!�, schrie die Frau, sprang pl�tzlich auf und suchte hinter den Templern Schutz. �Wenn du mich anr�hrst, werden die beiden mich schon besch�tzen.� Dann wandte sie sich an Gerardo: �Also, hast du jetzt was zu essen oder nicht?�</p><p>Ihnen blieb keine Wahl. Gerardo wollte eigentlich nur noch fort, aber damit h�tte er sich zu verd�chtig gemacht. �Sicher�, sagte er und griff in den Beutel, den er um den Hals trug. Er begl�ckw�nschte sich im Stillen daf�r, dass er noch nachgesehen hatte, was darin war, ehe sie in das unterirdische Gew�lbe hinabgestiegen waren. �F�nf Spatzen und ein St�ck Brot. Das ist viel besser als eure �pfel.�</p><p>Bei diesen Worten beruhigten sich die M�nner sofort. Der �ltere mit den grauen Haaren sagte: �Spatzen in Apfelso�e, was f�r ein Schmaus. Setzt euch nur zu uns.�</p><p>�Erst will ich alles �ber den Ferrareser wissen�, beharrte Gerardo.</p><p>�Ach, du kannst es wohl nicht lassen�, sagte die Frau l�chelnd. �Der Ferrareser war in letzter Zeit merkw�rdig. Er war eine ganze Woche nur hier unten. Warum, hat er nicht gesagt. Vielleicht hat ihn jemand beim Klauen erwischt, und er hat sich vorsichtshalber versteckt. Gestern ist er wieder rausgegangen, und als er wiederkam, hat er geplappert wie ein Wasserfall. Er hat gesagt, dass er bald reich sein w�rde, dass ihm jemand einen Gefallen getan hat und dass es ihn einen Dreck k�mmern w�rde, ob das die Heilige Jungfrau Maria oder der Teufel h�chstpers�nlich gewesen w�re. Heute ist er in aller Fr�he losgezogen, aber er ist noch nicht zur�ckgekehrt. Normalerweise schl�ft er hier�, sagte sie und zeigte auf die Wand wenige Schritte von ihnen entfernt. Dann seufzte sie. �Das ist alles. Jetzt lass uns essen. Ich kann es nicht erwarten, endlich Fleisch zwischen meinen Lippen zu sp�ren.�</p><p>Gerardo entging nicht, dass dieser Satz doppeldeutig war, denn die Frau presste dabei eine Hand auf seinen Schenkel. Er wusste nicht mehr, wie er sich aus dieser schwierigen Situation befreien sollte, und Hugues als Taubstummer konnte ihm dabei auch nicht helfen.</p><p>�F�nf Spatzen und ein St�ck Brot?�, sagte hinter ihnen jemand heiser und drohend.</p><p>Gerardo drehte sich um und stand auf einmal dem Bettler mit dem Lumpen um die Taille gegen�ber.</p><p>�Ja und?�, meinte er herausfordernd und wunderte sich selbst �ber seine Schlagfertigkeit. �F�r dich ist hier kein Platz. Wir sind f�nf, und wenn du nicht sofort verschwindest, werden wir dir heimleuchten!�</p><p>Die anderen nickten best�tigend. Sie h�tten auch jemanden umgebracht, um ihr Abendessen zu verteidigen, daran bestand kein Zweifel.</p><p>�F�nf Spatzen und ein St�ck Brot�, wiederholte der Mann, der zu w�tend war, um sich einsch�chtern zu lassen, �das war genau in meinem Beutel. Den du mir gestohlen hast�, sagte er und zeigte darauf. �Und das Gewand, das du am Leib tr�gst, ist auch meins.� Er drehte sich zu seinen Freunden um. �Der da hat mich bestohlen!�, schrie er. �Helft mir, dass ich meine Sachen wiederbekomme!�</p></section><section><title><p><strong>NEUN</strong></p></title><empty-line/><p><strong>A</strong>ls Mondino die Kirche San Domenico verlie�, war es schon fast dunkel. Es hatte vor kurzem zur Vesper gel�utet. Gedankenverloren machte er sich auf den Heimweg, aber als er das Schild einer Taverne sah, beschloss er, hineinzugehen und einen Becher Wein zu trinken. Es gab vieles, �ber das er nachdenken musste, und dazu hielt er sich lieber allein zwischen Fremden auf als nach Hause zu gehen, wo ihn all jene Probleme erwarteten, um die er sich inzwischen nicht gek�mmert hatte.</p><p>Er setzte sich an einen Tisch, der so schwer war, dass nicht einmal zwei M�nner ihn h�tten umwerfen k�nnen, beobachtete das verstohlene Laufen der M�use im Stroh und trank dazu einen Wei�wein aus den Colli Bolognesi.</p><p>In der Taverne wimmelte es von Studenten des Rechts und der Medizin aus verschiedenen <emphasis>Nationes</emphasis>, deren Fl�che und witzige Bemerkungen in ihrem mit fremden Sprachen durchsetzten Latein die Luft erf�llten. Mondino erkannte die kehligen Laute der Deutschen und der D�nen, die endsilbenbetonte Sprechweise der Franzosen, die markante Sprachmelodie der Spanier. Bologna war dank der Universit�t eine der lebendigsten St�dte �berhaupt. Die Vorstellung, die kommenden Jahre in einem dunklen Verlies verbringen zu m�ssen, lie� ihn jeden Blick, jedes Wort noch intensiver in sich aufnehmen. Mondino betrachtete aufmerksam jede noch so kleine Einzelheit. Vielleicht fiel ihm deshalb auch ein Mann in der Menge auf, der gleich ihm die allgemeine Hochstimmung nicht zu teilen schien. Der Mann war untersetzt und muskul�s. Sein breites Gesicht zeigte deutlich, wie sehr ihn dieses babylonische Sprachengewirr st�rte, und dennoch tat er nichts, um seinen Wein und die Schale mit Oliven m�glichst schnell zu verzehren. Einige Male war es Mondino so vorgekommen, als h�tte er in seine Richtung geschaut. Vielleicht fragte der Mann sich ja, was ein Arzt inmitten dieser Menge verloren hatte. Er trank noch einen Schluck Wein direkt aus dem Krug, da es in der Taverne keine Gl�ser gab, und wandte sich dann wieder seinen Gedanken zu.</p><p>Diese drehten sich nur um zwei �berlegungen: Sollte er gegen die Templer aussagen? Und sollte er Gerardo verraten? Jemanden zu verraten, der ihm vertraute und dem er allm�hlich selbst zu vertrauen lernte, war undenkbar, dennoch konnte er unm�glich sich selbst und seine Familie opfern, um Gerardo zu retten. Was den anderen Punkt betraf: Seinetwegen konnten die Tempelritter ruhig alle auf dem Scheiterhaufen enden, dann w�rde es eben einen Orden weniger geben.</p><p>Doch das eigentliche Problem blieb bestehen. Unter Eid etwas im Widerspruch zur Lehre zu erkl�ren bedeutete, einen Meineid zu leisten. Wegen dieser S�nde konnte er aber in der Kirche die Absolution erbitten und Bu�e tun. Schlimmer war, dass seine italienischen und vor allem die franz�sischen Kollegen den Respekt vor ihm verlieren w�rden. In der Medizinschule von Montpellier w�rde man lauthals �ber ihn lachen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ein gef�hrlicher M�rder straffrei ausgehen w�rde und weiter ungehindert Morde begehen k�nnte.</p><p>Als er von der falschen Klarsichtigkeit des Weines beseelt das F�r und Wider abwog, sah Mondino, dass die Waagschale sich nur nach einer Seite senkte. Und schlie�lich hatte er sich entschieden.</p><p>Die beiden folgenden Tage w�rde er darauf verwenden, den M�rder zu finden. Er war �berzeugt, dass er der L�sung schon sehr nahe gekommen war, und wenn er ganz sicher herausfand, wer die beiden Tempelritter ermordet hatte, w�rden die Anklagen und Drohungen Ubertos von selbst in sich zusammenfallen.</p><p>Sollte er sein Ziel nicht erreichen, w�rde er Gerardo genug Zeit geben, um aus Bologna zu fliehen und ihn dann anzeigen, wie es der Inquisitor von ihm verlangt hatte. Es tat ihm leid, aber seine N�chstenliebe reichte nicht so weit, dass er daf�r die Folter auf sich nahm.</p><p>Vielleicht w�rde es aber gar nicht dazu kommen m�ssen. Gegen seinen Willen hatte ihm Uberto da Rimini etwas Wichtiges verraten, indem er ihm den Inhalt des Briefes er�ffnete, der sich unter den pers�nlichen Sachen Wilhelms von Trier gefunden hatte. So hatte sich Mondinos �berlegung best�tigt, dass jemand die beiden ermordeten Tempelritter in eine Falle gelockt hatte. Jetzt musste er nur noch herausfinden, wer den K�der ausgelegt hatte.</p><p>Er musste zu der Kr�uterhexe zur�ckkehren. Vielleicht war der M�rder ja ein Sarazene, da die Landkarte, die sich nun in seinem Besitz befand, arabisch beschriftet war. Und es gab nicht gerade viele Araber in Bologna. Vielleicht kannten sie einander. Wenn er sich geschickt anstellte, �berlegte Mondino, w�rde ihm die Frau nicht nur das Geschriebene �bersetzen, sondern ihn dar�ber hinaus noch auf eine wichtige Spur bringen.</p><p>In diesem Moment kamen zwei deutsche Studenten auf ihn zu. Keiner von beiden geh�rte zu seinen Sch�lern, sie hatten ihn jedoch erkannt und erkl�rten ihm, dass sie seine Arbeit und seinen Mut bewunderten, mit den anatomischen Studien den Widerspruch der Kirche herauszufordern.</p><p>Mondino war nicht gerade in der besten Stimmung, um Lobeshymnen auf seinen eigenen Mut entgegenzunehmen, aber er zwang sich zu einem L�cheln: �Ich tue nichts anderes als im menschlichen K�rper die Dinge zu suchen, die es mir eines Tages erlauben werden, ihn wirklich zu kennen.�</p><p>Um nicht geizig zu wirken, bot er beiden jungen M�nnern Wein aus seinem Krug an, die in gro�en Schlucken daraus tranken und es ihm mit einem frechen Lied dankten, in dem es um einen Quacksalber ging und in dem nach jeder Strophe der ber�hmte Satz Avicennas wiederholt wurde: �Ein unwissender Arzt ist der Statthalter des Todes.�</p><p>Kurz darauf zahlte Mondino seinen Wein und machte sich auf den Heimweg. Mit Einbruch der Dunkelheit war es k�lter geworden, und sein pelzverbr�mter Umhang kam ihm jetzt sogar zu d�nn vor. Die Stra�en waren menschenleer, und seine Schritte erzeugten auf dem schlammigen Untergrund der Stra�e ein leises, schmatzendes Ger�usch. Pl�tzlich warf Mondino die Kapuze des Umhangs zur�ck und drehte sich um. Er hatte geglaubt, Schritte hinter sich zu h�ren, aber er musste sich wohl geirrt haben. Hinter ihm war niemand.</p><p>Er blieb eine Weile stehen und lauschte, w�hrend sein Herz unwillk�rlich aufgeregt zu schlagen begann; dann setzte er seinen Weg fort, wobei er auf die Stra�enmitte wechselte und die Schatten unter den Arkaden im Auge behielt.</p><p>Die ausgestandene Angst und die Dunkelheit riefen ihm in Erinnerung, was er am vergangenen Abend getan hatte. Das Bewusstsein, Filomena get�tet zu haben, hatte ihn die ganze Zeit �ber nie v�llig verlassen, aber w�hrend und nach dem Gespr�ch mit dem Inquisitor war er zu sehr von anderen Sorgen abgelenkt, um daran zu denken.</p><p>Als er so durch die Dunkelheit schritt, hatte Mondino pl�tzlich wieder vor Augen, wie er das Chirurgenmesser in der Kehle der alten Frau versenkte, und er durchlebte noch einmal das Gef�hl, wie die Klinge das Fleisch durchteilte, ein Fleisch, das wesentlich widerstandsf�higer und elastischer war als das von Leichen.</p><p>Diese Frau war b�se gewesen und hatte den Tod verdient, aber er w�re lieber nicht ihr Henker gewesen. Andererseits w�re er selbst umgekommen, wenn er nicht den ersten Schritt gemacht h�tte, und Filomena h�tte bestimmt keine Gewissensbisse gehabt, seinen K�rper zu zerst�ckeln und ihn den Hunden zum Fra� vorzuwerfen, um die Spuren des Mordes zu beseitigen.</p><p>Seufzend machte sich Mondino daran, ganz leise ein <emphasis>requiescat in pace</emphasis> f�r Filomenas Seele zu beten, obwohl er bezweifelte, dass dieses Gebet an dem Ort, wo sie sich nun befand, irgendetwas ausrichten konnte.</p><p>Als er von der Via San Vitale in die Seitenstra�e einbog, in der er wohnte, und die erleuchteten Fenster sah, dachte der Arzt erst, er h�tte sich geirrt. Um diese Zeit brannten hier sonst keine Lampen; sein Vater und seine Kinder h�tten eigentlich l�ngst zu Bett gegangen sein m�ssen. Er n�herte sich der Haust�r und bemerkte, dass sie nicht verriegelt war. Besorgt nahm er sich vor, Pietro und Lorenza zu ermahnen, die vor dem Schlafengehen die Aufgabe hatten, die Lichter zu l�schen und alle T�ren zu verriegeln. Dann durchquerte er den kleinen Hof, der zur K�che f�hrte. Das Herdfeuer brannte, aber dort war niemand.</p><p>Mondino betrat das gro�e Zimmer und entdeckte dort die beiden Dienstboten �ber das unter dem Fenster stehende gro�e Kohlebecken gebeugt. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, betrat Liuzzo durch eine zweite T�r den Raum und lie� ihn nicht einmal zu Wort kommen: �Wo bist du, wenn man dich braucht? Wir haben �berall nach dir suchen lassen. Deinem Vater ging es schlecht, und deine Kinder wussten nicht, was sie tun sollten. Gabardino ist schlie�lich zu mir nach Hause gekommen, um mich zu holen, und ich bin sofort hierhergeeilt.�</p><p>Mondino bemerkte, wie er blass wurde. �Oh Gott, ist es ernst? Ich will ihn sehen.�</p><p>Gefolgt von seinem Onkel ging er ins Zimmer seines Vaters. Die Vorh�nge am Himmelbett waren ge�ffnet, und seine drei S�hne umstanden ihren Gro�vater schweigend. Mondino nickte ihnen kurz zu und erntete feindliche Blicke. Der alte Rainerio schlief, und er wollte ihn nicht aufwecken. Doch die gelbliche Hautfarbe und der leichte Schwei�film auf seinem Gesicht zeigten deutlich, dass sein Zustand sich verschlechtert hatte. Er atmete m�hsam, und der unter dem Laken verborgene K�rper wirkte noch magerer. Mondino kniete sich neben das Bett, legte den Kopf auf die Matratze und weinte stumm, mit geschlossenen Augen. Niemand sagte etwas, und f�r eine Weile war im Zimmer nichts als der rasselnde Atem des alten Mannes zu h�ren.</p><p>Als er sich beruhigt hatte, sprach Mondino ein Gebet, dann �ffnete er die Augen und stand auf. Mit einer Kopfbewegung forderte er Liuzzo auf, ihm zu folgen, und verlie� den Raum. Die beiden j�ngeren S�hne kamen ihm nach; nur Gabardino blieb zur�ck, um �ber seinen Gro�vater zu wachen. Im Flur hielt Mondino kurz vor dem aufrecht stehenden Hochwebstuhl inne, der seit dem Tod seiner Frau mit einem Leinentuch verdeckt war, da ihn niemand mehr benutzte. Nun holte sich der Tod also sein zweites Opfer in diesem Haus. Mondino sch�ttelte stumm den Kopf und setzte seinen Weg fort.</p><p>Sie kehrten in das gro�e Zimmer zur�ck. Mondino schickte die beiden Kinder zu Bett. Ludovico wies er an, zur Matutin aufzustehen und Gabardino am Bett des alten Mannes abzul�sen. Und Leone mahnte er, den Bruder ab den Laudes zu ersetzen.</p><p>Er lehnte Lorenzas Angebot ab, ihm etwas zu essen zu machen, und schickte sie und ihren Mann ebenfalls schlafen. Wenigstens war ihre kleine Tochter durch die Unruhe im Haus nicht aufgewacht.</p><p>Als sie allein waren, fragte er Liuzzo, was er seinem Vater gegeben h�tte.</p><p>Der alte Arzt sagte achselzuckend: �Den �blichen Aufguss aus Ysop und Bilsenkraut, um das Abhusten zu erleichtern und die Schmerzen zu lindern. Nur habe ich diesmal die Dosis Bilsenkraut verdoppelt, damit er ein wenig Schlaf findet.�</p><p>�Habt Ihr die Auflage mit den hei�en Steinen ausgesetzt?�</p><p>�Nur, solange er schl�ft. Danach sollen sie die Therapie fortsetzen. Ich wei�, dass sie eigentlich sinnlos ist, doch Rainerio scheint dadurch Erleichterung zu versp�ren, und deine Kinder haben das Gef�hl, dass sie sich n�tzlich machen k�nnen.�</p><p>Mondino nickte. Die Auflage von hei�en Steinen trocknete manchmal den �berschuss an schwarzer Galle aus, der zu Tumoren f�hrte, und brachte die K�rpers�fte ins Gleichgewicht, was eine Heilung des Patienten erm�glichte. Doch dies gelang nur im Anfangsstadium einer Krankheit. Inzwischen war Rainerio in Gottes Hand.</p><p>�Glaubt Ihr, es ist an der Zeit, den Pfarrer zu rufen?�</p><p>�Nein. Die Kirche Sant� Antonino ist gleich nebenan, und sollten sich die Ereignisse �berst�rzen, w�rde es nicht lange dauern, bis jemand von ihnen hier w�re. Doch du kannst nicht einfach weiterhin verschwinden, ohne dass jemand wei�, wo du bist.� Liuzzos Blick war streng, w�hrend er sich dem gro�en Esstisch in der Mitte des Raumes n�herte. Er machte allerdings keine Anstalten, sich zu setzen, sondern st�tzte sich mit zu F�usten geballten H�nden auf die Holzplatte und sagte: �Jetzt sag mir endlich, wo du heute den ganzen Tag gewesen bist.�</p><p>Nun war der Moment, den Mondino gef�rchtet hatte, gekommen. Liuzzo w�rde sich nicht mit vagen Erkl�rungen abspeisen lassen, doch er konnte ihn auf keinen Fall in seine Schwierigkeiten hineinziehen.</p><p>�Das kann ich nicht sagen�, antwortete Mondino seufzend. Er hatte weder Lust noch die Kraft, sich eine L�ge auszudenken.</p><p>Liuzzo machte zwei schnelle Schritte auf das Kohlenbecken zu, das an der Wand unter dem Fenster mit den verriegelten L�den stand, und beugte sich hinunter, als wollte er es hochheben und gegen ihn schleudern. Doch dies war nat�rlich nicht seine Absicht. Er sah nach, ob der Ziegelstein, den die beiden Dienstboten dort zum Erhitzen hineingelegt hatten, ausreichend mit Glut bedeckt war; dann richtete er sich auf und sagte: �Ich habe nicht vor, in meiner Medizinschule einen Teilhaber zu behalten, der st�ndig etwas vor mir verbirgt.� Er hob die Hand, um den Widerspruch seines Neffen zu unterbinden. �Leugne das nicht�, meinte er gereizt. �Zuerst verl�sst du unter fadenscheinigen Ausreden den Doktorschmaus. Dann verschwindest du jeden Tag �ber mehrere Stunden, ohne dass irgendjemand wei�, wo du zu finden bist. Und jetzt kommst du erst nachts nach Haus. H�ltst du mich etwa f�r dumm?�</p><p>�Nein Onkel, das tue ich keineswegs. Ihr habt Recht zu denken, dass ich etwas vor Euch verheimliche, aber ich kann wirklich nicht mit Euch dar�ber sprechen.�</p><p>Liuzzo seufzte und kehrte zum Tisch zur�ck. Er sah ihn teils besorgt, teils verzweifelt an. �W�hrend wir heute Abend nach dir suchen lie�en�, sagte er, �hat uns jemand gesagt, er habe einen Mann mit einem �rztetalar aus der Kirche San Domenico kommen sehen. Einen gro�en, d�nnen Mann, der ziemlich beunruhigt wirkte. Warst du das?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Was zum Teufel hattest du bei den Dominikanern zu suchen? Und erz�hl mir jetzt bitte nicht, du h�ttest dort einen Kranken besucht.�</p><p>�Nein, Onkel, ich habe dort keinen Kranken besucht.�</p><p>�Warst du dort, um mit dem Inquisitor zu sprechen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich hatte als Erster die Leiche dieses deutschen Tempelritters untersucht, der vergangenen Sonnabend in Santo Stefano get�tet wurde. Uberto da Rimini hat von mir gefordert, im Prozess gegen die Tempelritter auszusagen. Ich soll unter Eid erkl�ren, dass es sich um einen Akt von Hexerei handelt.�</p><p>�Ich hoffe, du hast ihm das zugesagt.�</p><p>Wieder zeigte sich die Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere. Liuzzo h�tte an seiner Stelle keine Sekunde gez�gert.</p><p>�Ich habe Nein gesagt. Onkel, Ihr wisst doch genau, dass Hexerei ��</p><p>Liuzzo verlor die Geduld und schlug mit der Faust auf den Tisch. �Lass aus dem Spiel, was ich wei� und was ich nicht wei�!�, br�llte er, und sein Gesicht r�tete sich vor Zorn. �Bist du dir eigentlich bewusst, dass wir gleich doppelt Anlass haben, gute Beziehungen zur Kirche zu pflegen? Einmal, weil wir �rzte sind, und dann, weil wir auf der Seite der Lambertazzi stehen. Wei�t du, was es hei�t, wenn die Inquisition uns einen Gefallen schuldet? Und was bedeutet es schon, ob du glaubst oder nicht, dass es Hexerei gewesen sein soll? Die Kirche will den Orden der Tempelritter aufl�sen und versucht, daf�r wirksame Vorw�nde anzuh�ufen. Seit wann k�mmert dich das Schicksal von M�nchen?�</p><p>Mondino, der auf der anderen Seite des Tisches stand, antwortete nicht. Sein Onkel hatte dank seiner diplomatischen F�higkeiten, zwischen den Worten zu lesen und darauf zu reagieren, die Situation genau beschrieben. Ihm selbst ging dieses Talent vollkommen ab. Seine Beharrlichkeit, die Wahrheit zum Vorschein bringen zu wollen, verursachte stets nur Schwierigkeiten.</p><p>Doch er entschloss sich, Liuzzo lieber nicht zu erz�hlen, dass er der Kirche einen Gefallen schuldete, selbst wenn er aussagte, und nicht umgekehrt. Und dass man ihn, falls er nicht aussagte, verhaften und verurteilen w�rde, was auch f�r die Familie und die Medizinschule schwere Nachteile mit sich br�chte.</p><p>Mondino verlie� der Mut. Er konnte dieses Problem unm�glich in nur zwei Tagen l�sen. Er verfiel in beharrliches Schweigen. Als Liuzzo begriff, dass er von Mondino keine Antwort erhalten w�rde, sagte er: �Ich habe mir ein Bett im Zimmer neben dem deines Vaters herrichten lassen. Heute Nacht werde ich in eurem Haus bleiben, damit ich mich um ihn k�mmern kann. Ich m�chte nicht, dass er, wenn du noch einmal aus einem deiner mysteri�sen Gr�nde das Haus verlassen m�sstest, ohne Pflege hier allein bleibt.�</p><p>Dann drehte er ihm den R�cken zu und verlie� das Zimmer.</p><empty-line/><p>Von den Freunden des halbnackten Bettlers stand nur einer auf, ein kleiner Mann, der ziemlich angriffslustig wirkte. Gerardo sch�tzte die Lage blitzschnell ein: Niemand schien sehr geneigt zu sein, den Mann zu unterst�tzen, der sie beschuldigte. Ihm widerstrebte der Gedanke, ihn zu verpr�geln, nachdem er ihn schon niedergeschlagen und seiner k�mmerlichen Habe beraubt hatte, aber jetzt war das die einzige M�glichkeit, ihn zum Schweigen zu bringen.</p><p>Hugues de Narbonne kam ihm zuvor, indem er einen Schritt vortrat und dem Bettler einen Faustschlag ins Gesicht versetzte, so dass dieser nach hinten umkippte. Er wollte noch einmal zuschlagen, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung sah und sich zu Gerardo umdrehte.</p><p><emphasis>�Heus! Post tergum�,</emphasis> rief er.</p><p>Gerardo wandte sich daraufhin um, gerade noch rechtzeitig, um dem blonden b�rtigen Mann auszuweichen, der versuchte, ihn mit einem Stein aus der Feuerstelle zu treffen. Er stie� ihn zur�ck, doch der Kerl fing an zu schreien: �Habt ihr geh�rt? Der Stumme redet Latein. Entweder ist das ein Wunder, oder die zwei geh�ren nicht zu uns!�</p><p>�Fliehen wir!�, sagte Hugues leise. Und ohne abzuwarten rannte er auf die Einm�ndung des Ganges zu, wobei er mit seinen nackten F��en geschickt den Feuern und auf dem Boden liegenden K�rpern auswich. Gerardo folgte ihm umgehend. Inzwischen hatte sich der unterirdische Raum in ein wahres Inferno verwandelt: �berall zwischen den Feuern und dem Rauch sprangen Bettler auf, schrien und versuchten, die allgemeine Verwirrung zu nutzen, um einander zu bestehlen. Schl�gereien brachen aus, und die meisten waren mit sich selbst besch�ftigt. Doch eine gr��ere Gruppe unter F�hrung des Blonden und des Bettlers, dem sie die Kleider gestohlen hatten, st�rzte sich auf ihre Verfolgung.</p><p>Hugues rannte in der Mitte des Abwasserkanals, zwischen Abfall und Ratten hindurch. Er war zwar doppelt so alt wie Gerardo und barfu�, aber dennoch hatte Gerardo M�he, ihm zu folgen. Hinter ihnen hallten die Schreie der w�tenden Bettler.</p><p>Schlie�lich erreichte Hugues die Stelle, an der der Gang eine Biegung machte. Der Franzose keuchte, aber er war nicht stehen geblieben, weil er ersch�pft war. Nun versuchte er mit aller Macht, den Balken wegzudr�cken, der die Mauer st�tzte.</p><p>�Hilf mir!�, rief er.</p><p>�Aber so werden alle sterben�, sagte Gerardo. Der Gedanke, sich um diesen Preis zu retten, stie� ihn ab.</p><p>Hugues warf ihm einen harten Blick zu. �Ich glaube nicht, dass sie sterben werden, und ich versichere dir, dass mir das nicht leidt�te�, knurrte er keuchend, w�hrend er sich gegen den Balken stemmte. �Jetzt benimm dich nicht wie ein kleines Kind und hilf mir. Die da werden uns t�ten und auffressen, wenn sie uns kriegen.�</p><p>Diese Drohung schien der Wahrheit beunruhigend nahe zu kommen. Die Ger�chte �ber die Angewohnheit von Bettlern, alles zu essen, auch Menschenfleisch, wirkten in diesem Augenblick nicht �bertrieben. Und die Schreie ihrer Verfolger schienen bereits ganz aus der N�he zu kommen. Gerardo sprang dem Franzosen zur Seite und begann, mit aller Kraft den Balken wegzuschieben.</p><p>Er sah den Blonden in vier oder f�nf Schritten Entfernung auftauchen. Auf dessen b�rtigem Gesicht zeigte sich zun�chst eine boshafte Freude, dann jedoch Furcht, als er begriff, was die beiden Eindringlinge gerade taten. Er lief schneller, um sich auf sie zu st�rzen, doch im selben Augenblick gab der Balken endlich nach: Ihrer St�tze beraubt, fiel die einsturzgef�hrdete Mauer einfach in sich zusammen, riss dabei einen Teil der Decke mit und versperrte den Gang.</p><p>�Rennen wir�, sagte Hugues. �Ich wei� nicht, wie lange sie brauchen werden, um den Durchgang wieder zu �ffnen.�</p><p>Sie beeilten sich, bis sie an den Tr�mmerhaufen kamen, durch den man den Gang verlassen konnte. Drau�en war es inzwischen dunkel geworden, doch der beinahe volle Mond beleuchtete hell die Steine.</p><p>Hugues kletterte geschickt �ber die Tr�mmer, und diesmal fiel Gerardo nicht zur�ck. Als sie durch die Spalte in dem eingest�rzten Haus nach drau�en gestiegen waren, blieben sie beide stehen und atmeten tief durch. Erst jetzt, in der k�hlen Nachtluft, fiel ihnen auf, wie verr�uchert und stickig es in dem unterirdischen Gew�lbe gewesen war. J�h fuhr der Franzose herum - sein in jahrelangen K�mpfen gesch�rfter Instinkt hatte ihn gewarnt.</p><p>�Runter!�, schrie er und sprang wieder zur�ck in die Spalte.</p><p>Gerardo folgte ihm instinktiv, ohne nachzudenken. Sie stolperten mehr �ber die Tr�mmer, als dass sie hinunterkletterten, w�hrend drei Pfeile aus einer Armbrust �ber ihre K�pfe hinweg zischten. Von oben h�rte man jemanden unterdr�ckt fluchen.</p><p>�Ein Hinterhalt�, sagte Gerardo leise, stand m�hsam auf und massierte sich seine geprellte Schulter.</p><p>Hugues de Narbonne nickte, immer noch keuchend. �Sie haben uns erwartet.�</p><p>�Ich verdanke Euch mein Leben, Kommandant.�</p><p>Hugues sch�ttelte den Kopf. �Das verdankst du deiner Geistesgegenwart.�</p><p>�Wer, glaubt Ihr, sind die?�, fragte Gerardo und deutete mit dem Kopf nach oben.</p><p>�Ich habe keine Ahnung. Zuerst m�ssen wir aber lebend hier herauskommen, dann k�nnen wir uns das alles fragen.�</p><p>Ganz offensichtlich hatten diese M�nner nur auf sie gewartet und waren daran gew�hnt, stumm zu t�ten. Bis auf das Zischen der Pfeile und den unterdr�ckten Fluch hatte kein Ger�usch ihre Anwesenheit verraten. Nun h�rte Gerardo, wie sie sich hinter den Pfeilern des eingest�rzten Hauses leise miteinander berieten.</p><p>�Ergebt euch und kommt mit erhobenen H�nden heraus�, sagte schlie�lich eine heisere Stimme. �Wir werden euch kein Haar kr�mmen.�</p><p>Hugues antwortete auf Franz�sisch mit einem Satz, den Gerardo nicht ganz verstand, der ihm jedoch aus dem Mund eines M�nchs �u�erst vulg�r erschien, vor allem aus dem eines M�nchssoldaten. Es klang wie: �Schert euch zum Teufel und lasst es euch von hinten besorgen!�</p><p>Auf der anderen Seite des Spalts herrschte Schweigen, das vielleicht auf diese Antwort in einer fremden Sprache zur�ckzuf�hren war. Aus dem Gang hinter ihnen waren inzwischen wieder die w�tenden Stimmen der Bettler zu vernehmen. Anscheinend war es ihnen mittlerweile gelungen, einen Durchlass an der Einsturzstelle frei zu r�umen, und sie w�rden es bald so verbreitert haben, dass sie hindurchkamen.</p><p>Auf der einen Seite die Bettler, auf der anderen die Armbrustsch�tzen. Gerardo drehte sich um und sah Hugues de Narbonne an. Erst da bemerkte er im Schein des Mondes das dunkle Blut in seinen Haaren.</p><p>�Ihr seid verwundet�, sagte er.</p><p>�Das ist nichts�, antwortete der Franzose. �Ich habe mir den Kopf an einem Stein gesto�en.�</p><p>Dann sackten ihm die Knie weg, und er wurde bewusstlos.</p><p>Gerardo konnte ihn gerade noch auffangen, damit Hugues nicht mit dem Gesicht auf den Boden fiel und lehnte ihn gegen einen gro�en Stein. Die Stimmen aus dem Gang waren jetzt deutlicher zu h�ren. Schon bald w�rden die w�tenden Bettler �ber sie herfallen.</p><p>Ihm brach der Schwei� aus. Er war allein und musste jetzt entscheiden, ob er von der Hand der Bettler sterben oder sich in einer Verzweiflungstat den Pfeilen stellen wollte. Leise kletterte er wieder nach oben bis zur Spalte. Sobald sein Kopf dort im Halbdunkel auftauchte, zischte jedoch ein Pfeil an seinem Ohr vorbei, und er duckte sich sofort wieder.</p><p>Ein Schmerzensschrei ert�nte. Einer der Sch�tzen war getroffen worden. Aber von wem? Als Gerardo vorsichtig den Kopf hob, sah er, wie zwei dunkle Gestalten aus dem Schutz einer S�ule hervorkamen, um etwas hinter ihnen anzugreifen. Das war der Moment. Er w�rde keine zweite Gelegenheit bekommen. Zitternd zog Gerardo seinen Dolch und warf sich nach vorn.</p><empty-line/><p>Mondino blieb lange am Tisch des gro�en Raumes sitzen. Pl�tzlich h�rte er ein Ger�usch aus dem Zimmer seines Vaters, und da er glaubte, der alte Mann sei aufgewacht, schlich er auf Zehenspitzen hin. Als er sah, was dort vorging, konnte er seinen �rger nicht unterdr�cken.</p><p>�Lorenza!�, zischte er drohend.</p><p>Die Frau tuschelte mit Gabardino und hielt eine Holztasse mit Milch in der Hand. Als sie ihren Namen h�rte, drehte sie sich ruckartig um. Ihr Gesicht unter der wei�en Haube, die ihre Haare bedeckte, war hochrot geworden. Mondino bedeutete ihr, sie solle zu ihm in die K�che kommen, und dort machte er ihr schwere Vorw�rfe, dass sie seine Anordnungen missachtet hatte. Lorenza brach in Tr�nen aus, die Tasse noch in H�nden. Daraufhin legte sich Mondinos Wut ganz pl�tzlich wieder und wich einer tiefen Traurigkeit.</p><p>�Ich habe dir doch gesagt, du sollst meinem Vater niemals Milch geben�, sagte er. �Milch regt die feuchten S�fte an, von denen er schon zu viel hat.� Vielleicht w�rde die Frau seine Anordnungen eher befolgen, wenn er ihr den Grund daf�r mit einfachen Worten erkl�rte. �Kurz gesagt, wenn man ihm warme Milch zu trinken gibt, k�nnte das seinen Tod beschleunigen.�</p><p>�Diese Milch ist anders�, fl�sterte sie mit gesenktem Kopf. �Und sie schmeckt ihm doch so gut.�</p><p>Nun klang Mondinos Stimme ver�rgert. �Ich diskutiere nicht mit dir �ber meine Anordnungen. Wenn ich dich noch einmal dabei sehe, dass du meinem Vater Milch gibst, wirst du aus diesem Haus gejagt. Hast du verstanden?�</p><p>Lorenza nickte zweimal mit gesenktem Kopf, dann fragte sie ihn, ob er etwas essen wolle. Mondino entlie� sie mit einem barschen Wink und blieb allein in der K�che zur�ck. Ehrlich gesagt hatte er schon ein flaues Gef�hl im Magen, doch er wusste genau, dass dies kein Hunger war. Nur eine nerv�se Reaktion auf seine Angst. Statt etwas zu essen oder zu versuchen, sich ein wenig auszuruhen, zog er es vor, �ber den Schlaf seines Vaters zu wachen, und schickte seinen �ltesten Sohn zu Bett.</p><p>Als er dort auf einem unbequemen Stuhl sa�, den er sich aus dem gro�en Zimmer geholt hatte, stellte Mondino erstaunt fest, dass er trotz all der Anstrengungen dieses Tages nicht m�de war. Schuldgef�hle qu�lten ihn. Sein Vater lag im Sterben, und er konnte nicht an seiner Seite sein. Seine S�hne brauchten in dieser schwierigen Zeit jemanden, der sie anleitete, eine Autorit�t, die ihnen dabei half, das R�tsel und die Realit�t des Todes anzunehmen - doch er war nie da. Und das Schlimmste war, dass er ihnen nicht einmal die Gr�nde f�r seine Abwesenheit erkl�ren konnte.</p><p>Ob er sich dem Schmerz auf diese Weise entziehen wollte oder weil der wissenschaftliche Teil seines Verstandes stets die Oberhand gewann, konnte er selbst nicht genau sagen, jedenfalls begann Mondino, �ber die Krankheit seines Vaters nachzudenken. In den Leichen, die er studierte, hatte er zahlreiche Tumore gesehen. Zusammenballungen aus organischem Material, die tats�chlich wie sich an die Organe oder Knochen klammernde Krebse aussahen und so den Namen �Karzinom� rechtfertigten, den Hippokrates vom griechischen <emphasis>karkinos</emphasis>, Krebs, abgeleitet hatte. Manchmal waren diese Karzinome eine feste, kompakte Masse. Andere breiteten sich mit Fisteln oder Metastasen bis zu den Organen in ihrer Umgebung aus und wirkten eher wie eine b�sartige Krake. In diesem Fall konnte man nur noch um ein Wunder beten. Hatten sich noch keine Metastasen gebildet, glaubte Mondino, dass man die Krankheit durch einen chirurgischen Eingriff behandeln konnte. Er hatte diese Operation an Leichen ausprobiert, oft mit Erfolg, es war ihm gelungen, das Karzinom zu isolieren und ohne Schaden f�r das lebende Gewebe zu entnehmen.</p><p>Das Problem an der Sache war, dass man den K�rper eines lebenden Menschen nicht so wie den einer Leiche �ffnen konnte, da diese Operation den Patienten get�tet h�tte. Mondino glaubte fest daran, dass es eines Tages m�glich sein w�rde, chirurgische Eingriffe im Inneren des K�rpers durchzuf�hren. Daf�r musste man die Abl�ufe im K�rper jedoch noch genauer verstehen - zum Beispiel das Blut. Laut Galens Lehre gab es zwei verschiedene Blutkreisl�ufe, den der Venen und den der Arterien. Diese Idee wurde durch Beobachtungen best�tigt: Das Blut aus den Venen und das aus den Arterien wies zwei unterschiedliche Rotf�rbungen auf. Doch was Galens Theorie anging, dass die linke Herzkammer vom Blut der rechten versorgt w�rde, konnte Mondino nicht best�tigen: Bei seinen Sektionen hatte er keine Spur von kleinen L�chern im Bereich zwischen den Kammern oder von dem bei Galen beschriebenen �rete mirabile� gefunden.</p><p>Und wenn Arterien und Venen auf irgendeine Weise durch haarfeine Gef��e verbunden waren, so d�nn, dass sie bisher allen Beobachtungen entgangen waren? Was w�re, wenn eine solche Verbindung es zulie�e, eine oder mehrere Venen zu verschlie�en, ohne den Blutkreislauf anzuhalten?</p><p>Vielleicht w�rde die Enth�llung dieses Geheimnisses der Schl�ssel dazu sein, sich in Zukunft an die Durchf�hrung von inneren chirurgischen Eingriffen zu wagen. Diese Hoffnung hatte ihn dazu getrieben, Gerardo zu helfen, ohne an die Folgen zu denken. Doch jetzt waren die Folgen �ber ihn hereingebrochen, und ihm blieb keine M�glichkeit, sich ihnen zu entziehen.</p><p>Mondino steckte eine Hand in die Innentasche seines Gewandes, in der er seit dem Tag, als er sie dem toten Deutschen abgenommen hatte, die Karte mit sich trug. Er war keineswegs �berzeugt, dass sie nichts mit dem Geheimnis des eisernen Herzens zu tun hatte, wie Hugues de Narbonne behauptete. Er holte das kleine viereckige Pergament heraus, faltete es auseinander und betrachtete es lange. Die drei Farben der verwendeten Tinten, Schwarz, Wei� und Rot spielten auf die drei Phasen des Opus Magnum der Alchimie an, Aufl�sung, Gerinnung und Vereinigung. Der gr�ne und der rote L�we in den beiden unteren Ecken standen f�r den Anfang und das Ende des Opus Magnum. Die Sonne und der Mond in den beiden oberen Ecken waren Symbole f�r Gold und Silber, die edlen Metalle, aber auch die Sublimate von Quecksilber und Schwefel. Dies hatte Mondino begriffen, seit er das erste Mal einen Blick auf die Karte geworfen hatte. Dennoch verstand er die Botschaft nicht, sosehr er sich auch bem�hte. Er war �berzeugt, dass der Schl�ssel daf�r in den arabischen S�tzen zu finden war, doch er vertraute der �bersetzung nicht, die ihm Hugues de Narbonne gegeben hatte. Mondino kannte einige M�nche, die aus dem Arabischen �bersetzen konnten, aber im Augenblick hatte er ganz bestimmt nicht den Wunsch, diese Karte einem Mann der Kirche zu zeigen, der sp�ter gegen ihn aussagen konnte. Der einzige Mensch, den er noch nach einer �bersetzung fragen konnte, war Adia Bintaba, die Kr�uterhexe. Ihm hatte die Art, wie sie gewagt hatte, ihn zu behandeln, nicht gefallen, doch wenn er dieser Sache auf den Grund gehen wollte, musste er seinen Stolz vergessen und zu ihr zur�ckkehren in der Hoffnung, dass sie dann nicht gerade wieder das Haus verlie�.</p><p>�berw�ltigt von M�digkeit steckte Mondino die Karte in die Tasche und schloss die Augen. Er wollte nicht einschlafen, doch seine Gedanken begannen sich zu verwirren, wurden von Bildern durchsetzt, die nichts mit der Karte oder der Drohung des Inquisitors zu tun hatten. Eines der letzten Dinge, an die er sich erinnerte, bevor er auf dem Stuhl eind�mmerte, w�hrend der alte Rainerio sich im Schlaf unruhig hin und her warf, war der ironische Blick aus den dunklen Augen dieser Kr�uterhexe �</p><empty-line/><p>Das durch den Eingang und die Risse im eingest�rzten Haus fallende Mondlicht half Gerardo, jedem Hindernis auszuweichen, bis er seine Angreifer erreicht hatte.</p><p>Sie waren zu dritt. Einer lag auf dem Boden, die anderen beiden trugen Schwerter an der Seite und hielten die Armbr�ste. Sie wandten ihm den R�cken zu.</p><p>Seinem Instinkt folgend, st�rzte sich Gerardo auf den Mann, der ihm am n�chsten stand, und packte ihn mit einer Hand am Hals, wie er es so oft bei seinen Waffen�bungen getan hatte. Diesmal tat er jedoch nicht nur so, als w�rde er jemandem die Kehle durchschneiden, sondern er versenkte seinen Dolch tats�chlich im Fleisch des Angreifers.</p><p>Als der Mann mit einem schrecklichen Schrei in sich zusammensank, wandte sich sein Komplize um. Er hatte gerade einen Pfeil auf eine Gestalt abgeschossen, die etwa ein Dutzend Schritt entfernt in der Dunkelheit kauerte. Als er Gerardo sah, begriff er augenblicklich, dass ihm nicht genug Zeit blieb, um die Armbrust wieder zu laden. Deshalb schlug er sie Gerardo blitzschnell ins Gesicht und zog das Schwert an seiner Seite.</p><p>Gerardo wich rechtzeitig aus, deshalb streifte ihn die Armbrust nur an der Schulter. Trotzdem begriff er, dass er sterben w�rde: Sein Gegner war kr�ftiger, gr��er und hatte ein Schwert, er nur einen Dolch.</p><p>Andererseits hatte er jedoch nichts mehr zu verlieren. Deshalb brauchte er keine Angst mehr zu haben.</p><p>Er beobachtete seinen Feind, ohne sich von einem vagen Ger�usch hinter ihm ablenken zu lassen, das er im Moment nicht zuordnen konnte.</p><p>Pl�tzlich setzte sein Gegner einen Fu� auf einen lockeren Stein. Er verlor nicht das Gleichgewicht, verlagerte aber seinen Arm mit dem Schwert nach au�en, und das auch nur f�r einen Augenblick.</p><p>Noch bevor er die mangelnde Deckung wirklich sah, hatte Gerardo seine Bewegung bereits erahnt, war vorgesto�en und rammte ihm den Dolch unterhalb der Rippen in den K�rper, w�hrend er mit der freien Hand das Gelenk seines Schwertarms festhielt. Der Mann fiel auf die Knie. Noch bevor Gerardo sich fragen konnte, ob er ihn t�ten oder am Leben lassen sollte, fuhr ein Schwert auf die Stirn des Armbrustsch�tzen nieder und spaltete sie in zwei Teile.</p><p>Gerardo drehte sich ruckartig um und sah Hugues de Narbonne vor sich. Blut klebte in seinen lockigen Haaren, und sein Blick wirkte verwirrt. Er hielt das Schwert des Mannes in der Hand, dem er gerade die Kehle durchgeschnitten hatte.</p><p>�Sehr gut, mein Junge�, sagte er, �ausgezeichnete Arbeit.�</p><p>Doch seine Stimme klang nicht wie sonst, sondern als k�me sie aus weiter Ferne.</p><p>�Geht es Euch gut, Kommandant?�, fragte Gerardo, w�hrend Hugues das Schwert ablegte und sich hinunterbeugte, um die Armbrust und die Pfeile des Toten aufzuheben.</p><p>�Nein, ganz und gar nicht�, antwortete er. �Schau nach, wer da unten ist�, sagte er und zeigte auf eine undeutliche Gestalt, die dort st�hnend im Dunkel lag, �Und dann erledige ihn. Ich werde inzwischen unsere Freunde geb�hrend empfangen.�</p><p>Erst da bemerkte Gerardo, dass die Ger�usche hinter ihm von den Bettlern ausgingen, die gerade aus dem Gang kamen. Hugues lud die Armbrust. Vor Anstrengung biss er die Z�hne zusammen. Endlich schoss er einen Pfeil ab, und der erste Bettler, der durch den Spalt im Boden kam, fiel mit einem Schrei nach hinten.</p><p>In dem eingest�rzten Haus wurde es wieder still.</p><p>Gerardo eilte zu der Gestalt im Dunklen neben dem Eingang des Hauses zu. Das mit R�dern versehene Brett und die gel�hmten Beine erkannte er sofort. Es war der verkr�ppelte Junge, Bonaga. In seiner Schulter steckte ein Pfeil und ein zweiter in seinem Bauch. Er lebte zwar noch, aber es sprach nicht viel daf�r, dass er durchkam. Der Kleine weinte und st�hnte unterdr�ckt, dabei hielt er die Schleuder immer noch fest in seiner Hand. Als er Gerardo sah, versuchte er krampfhaft, etwas zu sagen, aber Gerardo legte ihm den Finger auf die Lippen.</p><p>�Danke f�r deine Hilfe�, meinte er. �Keine Sorge, wir bringen dich von hier weg.�</p><p>Er holte den Karren aus der Dunkelheit und �berlegte, ob er den Jungen bis zu Mondinos Haus auf den Armen tragen konnte, ohne dass ihn die Bettler einholten.</p><p>�Ich habe dich verraten�, stammelte Bonaga schlie�lich ganz leise. Er l�chelte schwach. �Aber dann habe ich es bereut. Ich wusste doch nicht, dass sie dich t�ten wollten.�</p><p>Er wollte noch etwas hinzuf�gen, als sein L�cheln in einen Ausdruck des Entsetzens �berging. Gerardo drehte sich ruckartig um, aber nicht schnell genug, um die Klinge aufzuhalten, die auf die Stirn des Jungen niederfuhr und ihm den Kopf spaltete wie eben noch dem Armbrustsch�tzen.</p><p>�Nein, Kommandant!�, schrie er beinahe unter Tr�nen. �Er hat uns gerettet.�</p><p>�Und was hattest du vor, wolltest du ihn etwa lebend der Rotte �berlassen, die sich hier gleich tummeln wird?�, erwiderte Hugues immer noch teilnahmslos. �Oder wolltest du ihn und seinen Karren auf der Flucht mitschleppen?�</p><p>Gerardo war entsetzt. Er betrachtete die Leiche des armen Jungen, der ihm f�r zehn Soldi das Versteck der Bettler gezeigt hatte, und f�hlte, wie sich sein Herz zusammenkrampfte. Aus dem Schnitt, der die kastanienbraunen Haare teilte, quoll das Blut in Str�men hervor. Bonaga war auf der Stelle tot gewesen. W�re er einfach still in seiner Ecke sitzen geblieben, h�tte ihn niemand bemerkt. Stattdessen hatte er ihnen helfen wollen, war entdeckt worden und hatte dann dabei sein eigenes Leben durch einen der Menschen verloren, die er gerettet hatte.</p><p>Gerardo sch�ttelte den Kopf, unf�hig, die eigenen Tr�nen zu unterdr�cken. Einen Feind zu t�ten war eine Sache. Doch Freunde zu t�ten war Verrat. Und kein noch so geheimes Wissen konnte eine solche Tat rechtfertigen. Zum ersten Mal dachte er, dass es ein gro�er Fehler gewesen war, Hugues de Narbonne zu vertrauen.</p><p>�Der Junge wollte uns gerade etwas Wichtiges entdecken�, sagte er hart. �Er hat erkl�rt, dass er mich verraten hatte, aber dies bald bereute.�</p><p>Der Franzose schien Gerardos Worten keinerlei Bedeutung zuzumessen. �Jetzt ist es zu sp�t, um ihn zu fragen�, erkl�rte er zynisch. Als er Gerardos Gesichtsausdruck sah, f�gte er hinzu: �Er war verloren, begreifst du das nicht? Ich habe nur seine Leiden verk�rzt.� Er presste die Kiefer aufeinander, lie� das Schwert fallen und legte die H�nde an den Kopf. Als er schwankte, st�tzte Gerardo ihn nicht. Hugues tastete unsicher nach seiner Schulter, als s�he er nicht gut. �Begleite mich nach Hause�, sagte er dann schnell. �Ich kann mich nicht mehr auf den Beinen halten, und die da� - er deutete auf den Spalt zwischen den Tr�mmern - �werden auf uns losst�rmen, sobald sie begreifen, dass sie niemand mehr mit einer Armbrust bedroht.�</p></section><section><title><p><strong>ZEHN</strong></p></title><empty-line/><p><strong>M</strong>ondino wurde wach und wusste zun�chst nicht, woher das Ger�usch kam. Dann begriff er, dass jemand an der r�ckw�rtigen T�r zur Stra�e geklopft hatte, und beeilte sich, nachzusehen, wer das war. Er ging zur K�che hinaus und �ber den Hof. Ehe er �ffnete, fragte er, wer da sei, aber im Grunde wusste er es bereits.</p><p>�Magister, ich bin�s, Gerardo. Macht bitte auf.�</p><p>Mondino �ffnete die gro�e Haust�r. Die Stra�e lag still und verlassen da. Keine Glocke hatte bislang zu den Laudes gel�utet, aber die Dunkelheit der Nacht wurde bereits heller. In diesem D�mmerlicht stand sein ehemaliger Sch�ler vor ihm: m�de, mit zerzausten Haaren und ger�teten Augen. Ein �bler Geruch umgab ihn, als h�tte er sich im Unrat gew�lzt.</p><p>�Was gibt es?�, fragte Mondino finster. �Wei�t du eigentlich, wie sp�t es ist?�</p><p>�Meister, Ihr m�sst mit mir kommen. Der Kommandant ist verletzt und fantasiert.�</p><p>�Verletzt? Wer war das?�</p><p>�Er hat sich den Kopf angesto�en.�</p><p>Mondino fragte nach, was passiert sei, doch Gerardo dr�ngte ihn zur Eile und sagte, dass Hugues in einen tiefen Schlaf gefallen sei, aus dem er ihn nicht mehr aufwecken konnte.</p><p>�Mein Vater liegt im Sterben�, erwiderte der Arzt. �Ich werde doch nicht sein Lager verlassen, nur um diesen Franzosen zu behandeln.�</p><p>Gerardo seufzte. �Das verstehe ich, Magister. Aber im Fieberwahn hat der Kommandant etwas von Blut und Eisen erz�hlt. Und von einem Toten ��</p><p>Mondino musste sich an der T�r abst�tzen, w�hrend die Bedeutung dieser Worte zu seinem immer noch ein wenig schlaftrunkenen Verstand vordrang. �Willst du mir etwa sagen�, sagte er langsam, �dass Hugues de Narbonne der gesuchte M�rder ist?�</p><p>Gerardo machte eine Kopfbewegung, die die Frage weder best�tigte noch verneinte. �Genau das m�chte ich wissen. Aber daf�r m�sste man ihn wachbekommen.�</p><p>Mondino lie� ihn auf der Stra�e vor der offenen T�r stehen. Er ging zur�ck ins Haus, begab sich nach oben in sein Zimmer, packte die Instrumente, die ihm m�glicherweise nutzen k�nnten, in eine Tasche, nahm eine Salbe und einige St�cke Seide und Leinen, dann zog er sich um. F�r ihr Vorhaben war es besser, wenn man ihn nicht erkannte. Er legte den Umhang und den roten Talar ab, schl�pfte in ein Paar grauer Beinlinge und Lederstiefeletten; �ber das Hemd zog er sich schlie�lich eine knielange, braune Tunika, die viel mehr Bewegungsfreiheit lie� als die beinahe bodenlangen Gew�nder, die er f�r gew�hnlich trug.</p><p>Dann setzte er sich ein Barett aus leichtem Stoff auf, in demselben Grau wie die Beinlinge, schaute fl�chtig in den Silberspiegel an der Wand und ging wieder in die K�che.</p><p>Gerade als er in den Hof hinaustreten wollte, bemerkte Mondino, dass jemand hinter ihm stand. Er drehte sich hastig um und sah Liuzzo in der T�r des gro�en Raums stehen, in Nachthemd und Schlafm�tze und Filzpantoffeln an den F��en. Er starrte ihn nur stumm an.</p><p>�Onkel, ich muss gehen. Ein Mann ist verletzt und braucht dringend meine Hilfe.�</p><p>�Dann werde ich gehen. Bleib bei deinem Vater. Heute k�nnte sein letzter Tag sein.�</p><p>Mondino sp�rte, wie dieser Satz ihn bedr�ckte. Liuzzo hatte Recht, und dennoch konnte er nicht gehen. Es stand zu viel auf dem Spiel: seine Freiheit und die seiner Familie. In diesem Moment hasste er seinen Onkel, der ihn so bedr�ngte.</p><p>�Ich muss gehen�, brachte er durch die zusammengepressten Z�hne hervor. �Ich kann es Euch nicht erkl�ren, aber ��</p><p>�Ich bin diese Dinge leid, die du nicht erkl�ren kannst!�, rief Liuzzo aus, ohne die T�rschwelle freizugeben. �Sag mir, was wichtiger sein kann, als deinem Vater in den letzten Stunden seines Lebens beizustehen, zum Teufel noch mal!�</p><p>Dieser Fluch aus dem Mund seines Onkels klang so unangemessen, dass es Mondino die Sprache verschlug. Er sch�ttelte langsam den Kopf und meinte dann: �Heute werde ich meine Vorlesung nicht halten k�nnen. Ich bitte Euch, mich zu ersetzen, Onkel.�</p><p>�Aber sicher werde ich dich ersetzen, mach dir keine Sorgen. Allerdings nicht nur heute, sondern f�r immer! Wenn du dieses Haus verl�sst, ohne mir zu sagen, wohin und warum du gehst, sind wir geschiedene Leute!�</p><p>Mondino lie� die Schultern h�ngen, wandte sich Gerardo zu, der auf der Stra�e wartete, und verlie� schweigend das Haus. Er zog die T�r hinter sich zu.</p><p>Ein Abschnitt seines Lebens war beendet. Alles um ihn herum brach zusammen.</p><empty-line/><p>Guido Arlotti begl�ckw�nschte sich dazu, dass er nicht der M�digkeit nachgegeben hatte und schlafen gegangen war - sonst h�tte er diese g�nstige Gelegenheit verpasst. Ein Arzt von Mondinos Ruf verlie� nicht im Morgengrauen das Haus, um einen Patienten zu besuchen, wenn es sich nicht um einen �u�erst schweren Fall handelte.</p><p>Oder um etwas, das gegen das Gesetz verstie�.</p><p>Er folgte den beiden Gestalten h�chst vorsichtig in einem Abstand von zwanzig Schritten. Der Arzt hatte sehr gute Ohren und h�tte ihn am Vorabend beinahe entdeckt. Auch dieses Mal schien er zu sp�ren, dass er verfolgt wurde, denn auf dem Weg durch die Stadt drehte er sich mehrmals um. Da Guido nun wusste, mit wem er es zu tun hatte, lief er keine Gefahr, entdeckt zu werden. Er hielt sich an die noch im Dunklen liegenden Bogeng�nge und hastete von einer S�ule zur n�chsten.</p><p>Als er ein Ger�usch h�rte, drehte er sich ruckartig um und hob die F�uste angriffsbereit vor die Brust. Nachts tat man gut daran, in der Stra�enmitte zu laufen wie Mondino und sein Begleiter. Dort musste man zwar auf Schlammpf�tzen, Pferdemist und den unebenen Boden achten, aber zumindest vermied man unangenehme �berraschungen, die einen aus dem Schatten eines Hauseingangs oder hinter der S�ule einer Arkade �berfallen konnten. Zwischen zwei S�ulen hatte Guido dieses Ger�usch geh�rt: das Rascheln von Stoff und keuchendes Atmen. Er z�ckte seinen Dolch, den er unter dem Gewand verborgen trug, und beugte sich vor, um besser sehen zu k�nnen. Da bemerkte er im Dunkeln eine unf�rmige Masse, die sich als zwei ineinander verschlungene K�rper entpuppte: ein Mann und eine Frau in Lumpen, zwei Herumtreiber, die kein Dach �ber dem Kopf besa�en, wohin sie nachts heimkehren konnten, die aber dennoch die Zeit und die Lust hatten, sich den Vergn�gungen des Fleisches hinzugeben.</p><p>Guido entspannte sich und nahm seine hastige Verfolgung wieder auf. Im Stra�engewirr der Stadtmitte w�hlten die beiden M�nner immer schmalere und schlechter beleuchtete Wege. Sie unterhielten sich erregt, und Guido h�tte einen Goldflorentiner gegeben, um zu verstehen, was sie sagten, denn er war sich sicher, dass er vom Inquisitor das Doppelte daf�r erhalten h�tte. Doch leider konnte er nicht noch n�her an die beiden herankommen, und so musste er sich damit begn�gen, sich in den wenigen verbliebenen dunklen Winkeln herumzudr�cken. Die Morgenr�te f�rbte die Mauern bereits rosa. Mondino und sein Begleiter gingen durch die Arkaden, in denen die Seidenh�ndler ihren Sitz hatten, betraten das Viertel mit den Fischhandlungen und bogen schlie�lich in die Via delle Clavature ein, die ihren Namen von den hier ans�ssigen Schl�sselmachern hatte. Die ersten Handwerker �ffneten bereits ihre L�den und trugen in aller Ruhe ihre Waren nach drau�en. Die �rmsten der Armen, die hier im Schutz der Bogeng�nge geschlafen hatten, standen eilig auf, ehe jemand kommen und sie verscheuchen konnte. Guido jagte mit einem Fu�tritt einen Jungen fort, der ihn an einem �rmel gepackt und um ein Almosen gebettelt hatte, dann verbarg er sich schnell hinter einer S�ule. Bestimmt hatte Mondino den unterdr�ckten Schrei des Bettlers nicht geh�rt, und wenn doch, hatte er es gewiss f�r einen Streit unter Obdachlosen gehalten.</p><p>Guido verlie� sein Versteck erst wieder, als die beiden schon um die Ecke gebogen waren, und eilte ihnen hastig nach. Sie gingen nach S�den, in Richtung San Niccol� delle Vigne, wo sich die Basilika San Domenico erhob. Dann wandten sie sich nach Osten, �berquerten den Savena und bogen in das Viertel der Papiermacher ein. Dort trugen die Gesch�ftsleute bereits gro�e Packen Hadernpapier heraus, das sie als Notizpapier an Studenten und Notare verkaufen wollten, au�erdem einige Stapel mit Pergamentbl�ttern, die nach dem Grad ihrer Qualit�t und der Helligkeit unterschieden wurden. Die Stapel beschwerten sie mit gro�en Flusskieseln, damit der Wind die Bl�tter nicht fortwehte.</p><p>Das war nun wirklich der ung�nstigste Zeitpunkt f�r eine Verfolgung, dachte Guido zornig. Es war nicht mehr Nacht, andererseits waren aber auch noch nicht gen�gend Leute unterwegs, dass er in der Menge untertauchen konnte. Ganz im Gegenteil w�rde den wenigen Menschen, die um diese Tageszeit schon unterwegs waren, ein Mann auffallen, der hastig von einer S�ule zur n�chsten schl�pfte. Und genau diese Leute konnten ihm Schwierigkeiten bereiten. Er beschloss daher, seine Taktik zu �ndern, und lief jetzt entspannt vorw�rts, blieb ab und zu an einer Ladentheke stehen, wechselte hin und wieder ein Wort mit einem Handwerker oder H�ndler und kehrte Mondino dabei so oft wie m�glich den R�cken zu.</p><p>Schlie�lich blieben die beiden vor dem bescheidenen, aber recht gepflegten Haus eines Kleinh�ndlers oder t�chtigen Handwerkers stehen. Der j�ngere Mann �ffnete die T�r mit einem gro�en Schl�ssel, den er aus einer Tasche seines Gewandes gezogen hatte; dann traten sie ein.</p><p>Guido bemerkte schnell, dass alle L�den geschlossen waren, daher brauchte er gar nicht erst zu versuchen, durch die bespannten Fenster zu sp�hen. Er fand einen gesch�tzten Platz, von dem aus er den Eingang beobachten konnte, und richtete sich auf eine l�ngere Wartezeit ein. Sobald sie ein Fenster �ffneten, w�rde er n�her kommen, um die beiden M�nner zu belauschen, doch sonst war es sinnlos, ein solches Risiko einzugehen.</p><empty-line/><p>Das Haus lag v�llig im Dunkeln. Mondino wartete im Eingang, bis Gerardo eine Kerze in einem Halter aus Ton angez�ndet hatte, ehe er weiterging. Im flackernden Licht des Dochts sah er, dass in der K�che ein heilloses Durcheinander herrschte: Jeder einzelne Gegenstand - Teller, Kr�ge, Pfannen, T�pfe, St�hle, Lumpen zum Abtrocknen - war nicht an seinem Platz. Es sah beinahe so aus, als h�tte sich jemand einen Spa� erlaubt und alles ausger�umt, ohne die Gegenst�nde zu benutzen.</p><p>Gerardo stellte die Kerze auf den Kaminsims.</p><p>�Das war ich�, sagte er, als er den verwirrten Blick Mondinos bemerkte. �Nachdem ich den Kommandanten ins Bett gebracht habe, habe ich etwas zu essen gesucht, aber ich habe nicht einmal einen Kanten trockenes Brot gefunden. Ach, �brigens, hier gibt es keine Diener, wir k�nnen frei reden.�</p><p>Mondino nickte. �Bring mich zu ihm. Ist er im Schlafzimmer?�</p><p>�Ja. Aber erst m�ssen wir unser Gespr�ch zu Ende f�hren.�</p><p>�Welches Gespr�ch?�</p><p>In Wirklichkeit wusste er nur zu gut, worauf Gerardo sich bezog. Auf dem Weg hierher hatte er ihn �ber seine Unterredung mit dem Inquisitor unterrichtet und ihm genau erkl�rt, was das f�r ihn bedeutete.</p><p>�Magister�, sagte Gerardo ernst. �Das k�nnt Ihr mir nicht antun.�</p><p>Mondino f�hlte, wie blinde Wut in ihm aufstieg. �Was kann ich dir nicht antun? Wer hat denn in der Nacht mit einer Leiche im Arm an meine T�r geklopft? Nur deinetwegen bin ich �berhaupt in diese Lage geraten. Au�erdem rede ich ja gar nicht davon, dich in den Tod zu schicken. Sollte ich gezwungen sein, dich anzuzeigen, werde ich dich vorher warnen, damit dir gen�gend Zeit zur Flucht bleibt. Im Grunde �ndert sich f�r dich dadurch nichts. Denn es wird jetzt schon nach dir gesucht.�</p><p>Gerardo stand neben dem Eichentisch, auf dem eine gro�e kupferne Abwaschsch�ssel thronte, umgeben von einem Gefolge aus Tellern und anderem Geschirr. Bei Mondinos Worten packte er eine Sch�pfkelle aus Holz und schwang sie wie eine Waffe. Einen Moment lang f�rchtete Mondino, dass er ihn angreifen wollte, aber der junge Mann schlug sie nur heftig in die eigene Handfl�che, w�hrend er sprach.</p><p>�Ich werde als Tempelritter und wegen Brandstiftung gesucht�, sagte er. �Das mit dem Brand ist schwer zu beweisen, und wenn der Prozess mit einem Freispruch f�r den Orden endet, k�nnte ich in weniger als einem Monat schon wieder ein freier Mann sein. Nach Eurer Aussage bin ich dagegen ein fl�chtiger M�rder. Ich werde weder Land noch Freunde besitzen, in die weite Ferne ziehen, einen anderen Namen annehmen und mir ein ganz neues Leben aufbauen m�ssen.�</p><p>�Das h�ttest du dir �berlegen m�ssen, bevor du mich da mit hineingezogen hast.�</p><p>�Das d�rft Ihr nicht sagen!�, sagte Gerardo erregt und schlug mit der Kelle auf einen Zinnteller. Ein durchdringendes Ger�usch von Metall auf Metall dr�hnte in ihren Ohren. �Ihr h�ttet mir gleich in jener Nacht sagen m�ssen, dass Ihr mir nicht helfen wollt. Wenn Ihr mich jetzt anzeigt, seid Ihr genauso ein Verr�ter wie Hugues de Narbonne!�</p><p>Mondino sprang auf ihn zu, stie� dabei mit der umgeh�ngten Tasche gegen das aufget�rmte Geschirr und warf dadurch zwei Holzn�pfe herunter. �Wag es ja nicht, mich mit diesem m�rderischen Hurensohn zu vergleichen, der imstande ist, einen armen Kr�ppel umzubringen, dessen einzige Schuld darin bestand, euch helfen zu wollen�, rief er und packte Gerardo bei den Falten seines Gewandes. �Du hast Recht, ich habe in jener Nacht beschlossen, dir zu helfen. Und weil ich dir helfen wollte, habe ich dieses schreckliche Weib umgebracht, ja, ich bin dir selbst jetzt gefolgt und habe meinen Vater, der im Sterben liegt, im Stich gelassen. Ich wei� genau, dass ich das nicht h�tte tun m�ssen, und glaube mir, ich �bernehme die volle Verantwortung f�r meinen Entschluss.�</p><p>Der Arzt starrte Gerardo in die Augen, der wortlos nickte, ohne sich gegen den Griff zu wehren. Mondino holte tief Luft und meinte: �Der Inquisitor hat sich unmissverst�ndlich ausgedr�ckt: Er braucht dringend einen Schuldigen, um ihn als Druckmittel im Prozess gegen deinen Orden zu verwenden. Wenn ich dich nicht dieser Morde bezichtige, wird er sie mir anlasten. Ich habe die Totengr�ber bezahlt, die den Leichnam deines Mitbruders weggebracht haben. Sie haben nur mich gesehen, nicht dich. Und ich habe als Erster die Leiche des Deutschen untersucht. Man k�nnte daraus schnell den Schluss ziehen, dass ich dies nur getan h�tte, um die Beweise f�r meine Schuld verschwinden zu lassen. Wenn du aber tats�chlich annimmst, ich sei bereit, auf dem Scheiterhaufen zu brennen, nur um dir zu ersparen, dass du an einen fernen Ort fliehen und dir deinen Lebensunterhalt selbst verdienen musst, dann irrst du dich gewaltig. Und jetzt bring mich zu deinem Kommandanten.�</p><p>Gerardo legte die Sch�pfkelle vorsichtig in die Kupfersch�ssel, nahm die Kerze vom Brett und ging wortlos voran. Sobald sie die K�che verlassen hatten, drehte er sich noch einmal um und sagte: �Versprecht mir zumindest, dass Ihr mich nur anzeigt, wenn es uns nicht gelingt, den wahren M�rder zu finden.�</p><p>Dies konnte ihm Mondino leicht zusagen. �Das verspreche ich dir. Wenn der wahre M�rder Hugues de Narbonne ist, f�llt die Schuld zwar immer noch auf deinen Orden, aber wir beide w�ren gerettet.�</p><p>Gerardo nickte ernst. �Ich verstehe Euch, Magister�, sagte er. �Wenn man f�r die anderen nichts mehr tun kann, dann w�re es dumm, nicht an die eigene Rettung zu denken.�</p><p>�Also vorw�rts. Vergiss nicht, dass wir nur bis morgen Abend Zeit haben.�</p><p>Im flackernden Schein der Kerzen durchquerten sie ein mit Tisch und St�hlen m�bliertes kleines Arbeitszimmer. Im Haus war es absolut still, aber nicht nur in der K�che, �berall in der Wohnung herrschte Unordnung.</p><p>Sie betraten einen Raum, der zum gro�en Teil von einem breiten, ein wenig sch�bigen Himmelbett ohne Vorh�nge eingenommen wurde. Gerardo stellte die Kerze auf eine Weidentruhe und ging zum Fenster, um Licht hereinzulassen. Sobald er das Leinentuch weggezogen und den Holzladen ge�ffnet hatte, str�mte milchiges Licht ins Zimmer.</p><p>Hugues lag mit offenen Augen auf dem Bett und starrte die beiden M�nner schweigend an. Dabei verzog er keine Miene. Mondino bemerkte seinen glasigen Blick, trat ans Bett heran und schwenkte eine Hand vor seinen Augen. Der Tempelritter zuckte mit den Lidern, sonst bewegte sich jedoch kein Muskel. Mondino sprach ihn an, ber�hrte und sch�ttelte ihn, doch er konnte ihn nicht aus diesem D�mmerzustand rei�en. Als er versuchte, ihn mit der Spitze eines Chirurgenmessers in den Arm zu stechen, zog Hugues den Arm ruckartig fort, doch selbst jetzt blieb sein Gesicht unver�ndert. Er reagierte auf �u�ere Reize, war aber nicht bei Bewusstsein.</p><p>�Er hat sich den Kopf angeschlagen, hast du gesagt?�, fragte Mondino, ohne sich zu Gerardo umzudrehen.</p><p>�Ja. Am Anfang ist sehr viel Blut ausgetreten. Zun�chst hat er die Besinnung verloren, doch dann ist er wieder zu sich gekommen. Er konnte bis hierher laufen, allerdings redete er dabei wirres Zeug. Da hat er die Dinge gesagt, die ich Euch berichtet habe.�</p><p>�Und was ist dann geschehen?�, fragte Mondino und bedeutete ihm, er solle helfen, Hugues in eine sitzende Position aufzurichten, damit er ihn mit dem R�cken an das Betthaupt lehnen konnte.</p><p>�Das habe ich Euch bereits gesagt. Pl�tzlich ist er ohnm�chtig geworden und hat sich seitdem nicht wieder erholt. Ich habe es mit Ohrfeigen versucht und ihm Wasser ins Gesicht gespritzt � Es war nichts zu machen. Er atmete, aber sonst wirkte er wie tot.�</p><p>�Jetzt ist er wach, aber nicht bei klarem Bewusstsein�, sagte Mondino fast zu sich selbst. �Schauen wir uns also die Wunde an.�</p><p>Der Arzt schob die blutverkrusteten Haare beiseite und entdeckte dort eine Schwellung und eine etwa vier Finger lange, klaffende Wunde. Er schor ihm die Haare rund um die geschwollene Stelle mit einem Rasiermesser, tastete die Verletzung mit den Fingern ab, wie es Rogerius in seinem Buch �ber die Chirurgie empfahl, und fand seine Vermutung best�tigt, dass der Knochen gebrochen war. Gewiss war auf diese Weise Eiter ins Innere gelangt, in die H�hle, die das Gehirn enthielt.</p><p>�Der Sch�del muss aufgebohrt werden�, sagte er. �Hilf mir, ihn festzubinden.�</p><p>Gerardo suchte nach Seilen, und sie fesselten ihn an H�nden und F��en an die Pfosten, die den Baldachin trugen, lie�en ihn allerdings in der aufrechten Position. Leider hatte Mondino keine <emphasis>spongia somnifera</emphasis> mitgenommen, den Schwamm, der mit einem schmerzstillenden Mittel getr�nkt wurde, wodurch der Patient bet�ubt wurde und den Schmerz besser ertragen konnte. Daher mussten sie den Franzosen knebeln, um ihn am Schreien zu hindern. Dieser lie� alles widerstandslos �ber sich ergehen, wahrscheinlich bemerkte er nichts von dem, was um ihn herum geschah. Mondino zog einen kleinen Bohrer aus der Tasche und bat Gerardo, den Kopf des Patienten zu halten.</p><p>Obwohl Hugues beinahe bewusstlos war, b�umte er sich beim Anblick des Bohrers auf, zerrte an den Seilen und versuchte, trotz des Knebels zu schreien.</p><p>Mondino vermied es, ihm in die Augen zu sehen, atmete einmal tief durch und wandte sich mit einem kurzen Gebet an Gott, in dem er ihn bat, ihm die Hand zu lenken. Er hatte schon �hnliche Operationen durchgef�hrt und wusste um die hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie t�dlich oder mit einer unheilbaren L�hmung des Patienten endeten. Nur die kleinste Unachtsamkeit, und es konnte geschehen, dass die Spitze des Bohrers, nachdem sie die letzte d�nne Knochenschicht durchsto�en hatte, pl�tzlich weit in das Innere des Sch�dels drang. Oder dass man die R�nder des Bruchs zu weit auseinanderzog, und sie danach nicht mehr zusammenwuchsen. In diesem Fall lebte der Patient zwar weiter, aber nur im Bett und unter vielen tausend Vorsichtsma�nahmen, um zu verhindern, dass die giftigen D�mpfe in der Luft in sein Gehirn eindrangen. Fr�her oder sp�ter bekam er sehr hohes Fieber und starb unter starken Schmerzen.</p><p>Hugues de Narbonne mochte ein M�rder sein, aber Mondino w�rde ihn ebenso sorgf�ltig operieren, als m�sste er Heinrich VII. h�chstpers�nlich den Sch�del �ffnen. Und das nicht nur, weil Hugues am Leben bleiben musste, um ihnen alle die Geheimnisse zu enth�llen, die er bislang verschwiegen hatte, sondern vor allem aus Respekt sich selbst und seiner Kunst gegen�ber. Der Eid des Hippokrates schien zwar in dieser entarteten Zeit zu einer reinen Formalit�t verkommen zu sein, doch f�r ihn gr�ndete sich die gesamte Medizin darauf.</p><p>Schlie�lich wandte er sich wieder dem Franzosen zu. F�r den unwahrscheinlichen Fall, dass er ihn trotz seines Zustands h�ren oder verstehen konnte, sagte Mondino so ruhig und bestimmt wie m�glich: �Wir m�ssen den Sch�del aufbohren, damit der Eiter herausflie�en kann. Es wird schmerzhaft sein, aber danach wird es Euch besser gehen.�</p><p>Hugues lie� nicht erkennen, ob er ihn verstanden hatte. Sein Blick war wieder gl�sern geworden, und er wehrte sich nicht gegen Gerardo, der seinen Kopf festhielt. Als der Bohrer sich in den Knochen fra�, b�umte er sich auf und knurrte vor Schmerzen, dann verlor er das Bewusstsein, und sein Kopf sank auf die Brust, womit er Mondino die Arbeit erleichterte.</p><p>Der Arzt brachte vier d�nne Kan�le an, f�hrte den Spatel zwischen die R�nder des Bruchs ein und erweiterte den Spalt so weit, dass er einen Seidenstreifen einf�hren konnte, der sich unverz�glich mit Eiter vollsog. Er wiederholte diesen Schritt mehrmals mit einem sauberen Stoffstreifen, bis kein Eiter mehr zu sehen war. Die Kopfhaut hatte wieder zu bluten begonnen, aber nun war die Operation beendet. Mondino s�uberte die Wunde sorgf�ltig mit einem St�ck Leinen und bestrich sie mit einer Salbe aus Myrrhe und Kr�utern.</p><p>�Ich habe mein M�glichstes getan�, sagte er schlie�lich. �Doch er ist schwer verletzt, ich wei� nicht, ob er sich wieder erholt.�</p><p>�Wollt Ihr sagen, dass er sterben k�nnte?�, fragte Gerardo.</p><p>�Das kommt darauf an. Wenn er hohes Fieber bekommt, wird er sich nicht wieder erholen. Sonst k�nnte er es schaffen, aber es ist noch zu fr�h, um zu sagen, ob er je wieder sprechen oder vern�nftig denken kann.�</p><p>�Wie lange wird es dauern, bis wir das wissen?�</p><p>Mondino zuckte mit den Schultern. �Eine Stunde, einen Tag, eine Woche � Bei Verletzungen des Gehirns kann man nichts vorhersagen, das m�sstest du eigentlich wissen, da ich erst vor ein paar Monaten dar�ber eine Vorlesung gehalten habe.�</p><p>Der junge Mann schaute ihn reuig an, und Mondino l�chelte bitter. Es war erst neun Tage her, dass er Gerardos wahre Identit�t herausgefunden und sich darangemacht hatte, hinter das Geheimnis des Eisenherzens zum kommen - dennoch schien ihm die Zeit, in der er nur seine Vorlesungen gehalten hatte, so weit entfernt wie ein Traum, der beim Wachwerden immer mehr verblasste.</p><p>�Was sollen wir tun?�, fragte Gerardo ersch�pft.</p><p>Mondino wandte sich ihm zu und betrachtete ihn genauer im Licht des anbrechenden Tages, der die Kerze auf der Truhe �berfl�ssig machte. Der junge Mann war am Ende seiner Kr�fte. Diese Nacht w�re er beinahe umgebracht worden, er hatte selbst jemanden get�tet, hatte bei einem Verwundeten gewacht und noch kein Auge zugetan. Wie er selbst �brigens auch nicht.</p><p>Mondino h�tte sich nichts Sch�neres vorstellen k�nnen, als sich auf dem dreckigen Strohlager auszustrecken, das er im Nebenzimmer gesehen hatte, in einen erholsamen Schlaf zu versinken und zumindest f�r ein paar Stunden all jene Probleme zu vergessen, die auf ihn einst�rmten.</p><p>Doch diese Zeit hatten sie nicht.</p><p>�Ich gehe und spreche mit dieser arabischen Kr�uterhexe�, sagte er. �Sie wohnt auf dem Land, nicht weit von der Bova. Ich m�chte sie bitten, die Worte auf der Karte zu �bersetzen.� Er deutete auf Hugues, der immer noch bewusstlos ans Bett gefesselt dalag. �Ich traue den Worten deines Kommandanten nicht.�</p><p>�Ehemaligen Kommandanten�, erwiderte Gerardo. �Dass er diesen armen Jungen get�tet hat, widersprach unserem Gel�bde, und damit schulde ich ihm keinen Gehorsam mehr.�</p><p>Mondino nickte. �Du solltest weiterhin versuchen, diesen verkr�ppelten Bettler zu finden�, sagte er. �Wenn er seinen Freunden erz�hlt hat, er w�rde bald reich sein, wei� er gewiss etwas. Aber zun�chst m�chte ich dich bitten, noch einmal zu Remigio Sensi zur�ckzukehren und dir die Namen von allen Tempelrittern geben zu lassen, die erst seit kurzem in der Stadt sind.�</p><p>�Warum?�</p><p>Mondino war erstaunt, dass er fragte. Gerardo begriff sonst sehr schnell, aber die M�digkeit musste sein Intuitionsverm�gen geschw�cht haben.</p><p>�Falls die get�teten Templer wirklich in eine Falle gelockt wurden, k�nnte es sein, dass sie nicht nur zwei Leuten gilt.�</p><p>�Einer der Neuank�mmlinge k�nnte das n�chste Opfer sein�, schloss Gerardo.</p><p>�Sehr richtig. Wir m�ssen erfahren, wer sie sind und wie viele es sind. Und wir m�ssen sie warnen. Au�erdem sollten wir versuchen herauszufinden, wer das n�chste Opfer sein k�nnte und ihm heimlich folgen. Dabei kann ich dir nach meiner R�ckkehr helfen, w�hrend du weiter nach dem Bettler suchst.�</p><p>�Das ist eine gute Idee�, sagte Gerardo. �Ich werde sofort aufbrechen.�</p><p>�Willst du vorher nicht ein wenig schlafen? Es ist noch fr�h, du kannst dich bis zur dritten Stunde ausruhen.�</p><p>�Lieber nicht. Wenn ich Zeit finde, werde ich am Nachmittag schlafen.� Er schaute zu Hugues de Narbonne, der vermutlich schlief; m�glicherweise war er aber auch nur ohnm�chtig. Oder stellte sich schlafend. �Was machen wir mit ihm?�</p><p>All die Bewunderung und der Respekt, die Gerardo in den letzten Tagen f�r seinen ehemaligen Kommandanten gezeigt hatte, waren aus seiner Stimme gewichen.</p><p>�Ich werde ihm einen schmerzstillenden Trank geben, damit er schl�ft�, antwortete Mondino. �Sp�ter kannst du nachsehen, wie es ihm geht, doch bitte warte bis zu meiner R�ckkehr, ehe du ihn befragst. Einverstanden?�</p><p>�Einverstanden.�</p><p>Einem Mann mit einer Sch�delverletzung ein Schlafmittel zu verabreichen, war sicher nicht die beste Therapie. Aber es war der einzige Weg sicherzugehen, dass er den ganzen Morgen �ber ruhiggestellt war und dass Gerardo, sollte er seiner Anordnung zuwiderhandeln wollen, nicht allein mit dem Verh�r beginnen konnte. Mondino f�rchtete, dass der junge Mann nicht die notwendige Unvoreingenommenheit besa�, um seinen Kommandanten zu zwingen, die ganze Wahrheit zu sagen oder herauszufinden, ob er log.</p><p>Sie gingen in die K�che. Gerardo z�ndete das Feuer aus der Glut des Vortags an, und Mondino mischte in einem t�nernen Gef�� einen Trank aus Lavendel, Passionsblume und Baldrian. Als der Sud fertig war, fl��ten sie ihn Hugues ein, der in der Zwischenzeit die Augen ge�ffnet hatte, aber immer noch abwesend wirkte. Dann verabredeten sie, dass sie einander an der gleichen Stelle am Nachmittag irgendwann zwischen Sext und Non treffen w�rden, und verlie�en den Mann, der wie ein sitzender Gekreuzigter mit weit ausgebreiteten Armen und dem Kopf auf der Brust aussah.</p><p>Mondino lief sogleich Richtung Piazza Maggiore. Gerardo blieb zur�ck und schloss sorgf�ltig ab. Bevor er sich auf den Weg ins Trebbo dei Banchi machte, versteckte er noch den Schl�ssel in einer Spalte im Holz unter dem Fenster.</p><empty-line/><p>Guido Arlotti beobachtete, wie der junge Mann den Schl�ssel versteckte, und z�gerte einen Moment. Der Inquisitor hatte ihm aufgetragen, Mondino wie ein zweiter Schatten zu folgen, aber er sollte auch herausfinden, wo sich der als Brandstifter gesuchte Student verbarg. Nun wusste er, dass dieser Student und der junge Mann, den Mondino immer mit Gerardo angesprochen hatte, ein und dieselbe Person waren. Wem der beiden sollte er also folgen?</p><p>Au�erdem h�tte er sich gern ein wenig in dem Haus umgesehen. Nach dem, was er auf seinem Lauschposten am Fenster mitbekommen hatte, musste dort etwas Ungew�hnliches vorgefallen sein.</p><p>Guido bereute, dass er aus reinem Geiz, weil er seinen Lohn mit niemandem teilen wollte, nicht ein paar M�nner mitgenommen hatte. W�ren seine Kumpane jetzt bei ihm gewesen, h�tten sie sich die Aufgaben teilen und er von Uberto da Rimini das Doppelte verlangen k�nnen und nicht nur den Generalablass f�r all die S�nden, die er seit einem Jahr angeh�uft hatte.</p><p>Guido war M�nch gewesen, er glaubte an die H�lle und die ewige Verdammnis. Aber er hatte seit langem akzeptiert, dass er zu schwach war, um seinen Leidenschaften zu widerstehen. Wenn er also Auftr�ge f�r m�chtige M�nner der Kirche erledigte, nutzte er die Gelegenheit und forderte Vergebung und den Erlass aller S�nden gegen milde Bu�en. Einmal hatte er nur eine Nacht auf einem Lager aus Brennnesseln verbringen m�ssen, damit ihm ein Mord vergeben wurde, den er auf Anordnung desselben Pr�laten begangen hatte, der ihm dann die Absolution erteilte. Guido war �berzeugt, dass er ein Leben ganz nach seinem Belieben f�hren konnte, ohne daf�r b��en zu m�ssen. Nur eine Vorstellung jagte ihm Angst ein, und zwar im Zustand der Tods�nde zu sterben, ehe er Vergebung erlangen und rechtzeitig bereuen konnte. Doch im Augenblick erschien ihm der Tod sehr weit entfernt.</p><p>Schlie�lich entschied er sich, Mondino zu folgen, so wie er es urspr�nglich vorgehabt hatte. Die beiden w�rden einander bestimmt am Nachmittag erneut treffen, und bis dahin hatte er ein paar zuverl�ssige M�nner benachrichtigt, die er dann auf den Templer und Mondino ansetzen k�nnte. Das w�rde ihm Zeit geben, das Haus zu betreten. Sobald er dann alle Informationen gesammelt hatte, w�rde er sich unverz�glich zum Inquisitor begeben.</p><p>W�hrend der junge Mann Richtung Santo Stefano lief, kam Guido hinter der S�ule des Bogengangs hervor, in dem er sich versteckt hatte, und machte sich an Mondinos Verfolgung. Er sah ihn zwar nicht mehr, weil er vorhin aber geh�rt hatte, wohin er unterwegs war, war er nicht weiter beunruhigt.</p></section><section><title><p><strong>ELF </strong></p></title><p><strong>G</strong>erardo lief mehr schlafend als wach durch die Stra�en, die das Viertel der Papierh�ndler von der Basilika Santo Stefano und dem Trebbo dei Banchi trennten. Er konnte nicht mehr logisch denken, und immer wieder kehrten Erinnerungsfetzen zu den Ereignissen der gerade vergangenen Nacht zur�ck: das unterirdische Gew�lbe, die Bettler, die Flucht � Pl�tzlich sah er wieder Bonagas schmerzerf�lltes L�cheln vor sich, das sich zu einer Grimasse des Schreckens verzerrte, kurz bevor ihm Hugues de Narbonne den Sch�del wie eine reife Melone spaltete.</p><p>Er sp�rte einen heftigen Schlag und h�rte einen emp�rten Aufschrei und eine ganze Reihe von Fl�chen. Erst da wurde ihm bewusst, dass er wie ein Schlafwandler mit geschlossenen Augen durch die Gegend lief und gegen das Rad eines Gem�sekarrens gesto�en war, wodurch er den Bauern, der ihn zog, aus dem Tritt brachte. Er entschuldigte sich und ging schnell weiter, ehe die Schreie des Mannes zu viele Leute zusammenriefen. Er war m�de, aber mit dem Schlafen musste er sich bis zum Nachmittag gedulden. Noch gab es zu viele ungel�ste Fragen - und der Geheimnisse wurden immer mehr -, und die Zeit war knapp. Hugues de Narbonne war m�glicherweise ein M�rder und Verr�ter seines Ordens - das herauszufinden, war seine vordringliche Mission. Und dann musste er auch den Bettler mit der verst�mmelten Hand finden. Gerardo hoffte inst�ndig, dass die langwierige Suche auch wirklich die M�he wert war. Au�erdem musste er erfahren, welche Tempelritter k�rzlich in die Stadt gekommen waren, und herausfinden, wer von ihnen das n�chste Opfer sein k�nnte.</p><p>Und als ob das nicht gen�gte, gab es da eine beunruhigende Frage, �ber die Mondino und er kaum gesprochen hatten, weil sie nicht gen�gend in der Hand hatten, um dar�ber auch nur eine vage Vermutung anstellen zu k�nnen. Wer waren die Armbrustsch�tzen, die ihm und Hugues de Narbonne aufgelauert hatten? Warum wollten sie sie t�ten? Wer hatte sie geschickt?</p><p>Gerardo wusste es nicht. Er nahm an, dass Bonaga ihnen Bescheid gesagt hatte, als Hugues und er sich in das unterirdische Gew�lbe hinabbegeben hatten. Wahrscheinlich meinte der Junge deshalb, er habe sie verraten. Schade, dass er ihnen nicht mehr hatte sagen k�nnen.</p><p>H�chstwahrscheinlich w�rde derjenige, der die drei M�nner geschickt hatte, weitere M�rder entsenden, um ihr Werk zu vollenden, sobald er vom Fehlschlag der ersten Mission erfuhr. Mondino und ihm blieb nichts weiter �brig, als tatenlos zuzusehen und sich zu fragen, wo und wann es zum n�chsten Angriff kommen w�rde.</p><p>Als er die Piazza Santo Stefano erreichte, blieb Gerardo unvermittelt stehen, weil er einige H�scher aus einer der �belriechenden Gassen kommen sah, die zu dem unterirdischen Gew�lbe der Bettler f�hrten. Hinter ihnen gingen zwei Totengr�ber, die einen Karren mit Leichen hinter sich herzogen. Obwohl er wusste, dass er am besten so schnell wie m�glich verschwand, blieb Gerardo wie angewurzelt stehen und beobachtete, wie der kleine Trauerzug ganz nah an ihm vor�berzog.</p><p>Die Armbrustsch�tzen waren recht gut gekleidet gewesen, sie trugen kurze Wolltuniken �ber den Hemden, gestrickte Beinlinge, gutes Schuhwerk und leichte Umh�nge, die offensichtlich dazu dienten, ihre Waffen zu verbergen. Einer der drei, ein junger Mann mit langen braunen Haaren, war eleganter gekleidet als die anderen beiden und trug unter seinem Umhang eine Weste aus versteiftem Leder. Sie hatte ihn jedoch nicht vor Bonagas Steinen und vor Hugues� Klinge sch�tzen k�nnen: Seine Nase war gebrochen und der Kopf fast vollst�ndig von den Schultern abgetrennt. Die Passanten zeigten verwundert mit dem Finger auf seine �bel zugerichtete Leiche, als ob sie ihn kannten, doch Gerardo wagte es nicht, sie zu fragen, wie der tote Mann hie�.</p><p>Als er Bonagas kleinen K�rper und d�rre Beine unter einer der Leichen hervorragen sah, sch�ttelte er ger�hrt den Kopf. Einer der Neugierigen neben ihm deutete seine Geste falsch und meinte: �Diese Stadt ist nicht mehr sicher. Das liegt nur an den vielen fremden Studenten, die hierherkommen und sich als Herren aufspielen.�</p><p>�Ach ja�, sagte Gerardo kurz angebunden, ohne den anderen anzusehen.</p><p>�Ihr seid doch nicht etwa auch so ein Student, oder?�, fragte der Mann, als bereute er seine Bemerkung. �Ich wollte Euch nicht beleidigen, es ist nur so, dass ��</p><p>Gerardo hob beschwichtigend die H�nde und machte sich wieder auf den Weg. Bei all seiner Verwirrung fragte er sich, ob das, was ihn antrieb, schneller zu gehen, wirklich nur die Eile war, seine Aufgabe so bald wie m�glich hinter sich zu bringen, um dann endlich schlafen zu k�nnen, oder ob da nicht auch ein Funken Hoffnung mitspielte, Fiamma wiederzusehen, wenn er mit dem Bankier sprach.</p><p>Als er Remigio Sensis Haus erreichte, merkte Gerardo sofort, dass dort etwas nicht stimmte. Die Luke zur Stra�e stand offen - wie immer um diese Tageszeit -, aber dass die weit ge�ffnete Haust�r unbewacht war, schien Gerardo ungew�hnlich. Dann sah er einen der Diener, die sonst immer f�r Schutz sorgten, aus einem schmalen G�sschen kommen, das am Innenhof des Hauses vorbeif�hrte, unmittelbar gefolgt von seinem Kameraden. Beide wirkten sehr besorgt.</p><p>Gerardo hielt sie auf und fragte sie, was passiert sei.</p><p>�Dahinten liegt ein Toter�, sagte einer.</p><p>�Ein Landstreicher�, meinte der andere. �Die Frauen sind sehr beunruhigt. Aber das ist nicht das Problem.�</p><p>�Was denn dann?�</p><p>Der Mann wollte schon antworten, doch sein Kamerad stie� ihn mit dem Ellenbogen in die Seite und deutete mit dem Kinn zum Eingang des G�sschens. Der andere schwieg sofort, als Fiamma in einem Hauskleid aus der kleinen Stra�e kam. Unter der Haube quoll ihr dichtes Haar hervor.</p><p>�Messer Gerardo, Euch schickt der Himmel�, rief sie aus. �Ich bin v�llig verzweifelt.�</p><p>�Was ist passiert? Ich habe geh�rt, es hat einen Toten gegeben.�</p><p>In der Aufregung des Moments legte Gerardo ihr eine Hand auf die Schulter, um sie zu beruhigen. Fiamma err�tete und starrte ihn an, w�hrend sie einen Schritt zur�ckwich.</p><p>�Kommt mit und seht selbst�, sagte sie und ging zur�ck in die Gasse.</p><p>Gerardo folgte ihr sofort. Die Gasse war nicht gepflastert, und auf dem trockenen Schlamm t�rmten sich Berge von Unrat, den jemand gegen die Mauer gekehrt hatte, um den Weg freizumachen. Auf einem dieser Haufen lag die Leiche eines Mannes.</p><p>Gerardo n�herte sich ihm, w�hrend Fiamma zur Seite trat, um ihn vorbeizulassen. Er bemerkte sofort den Pilgerstab aus Birkenholz und die schwarze M�nchskutte, die schmutzig und ein wenig zerrissen war. Als sein Blick auf das linke Handgelenk fiel, das in einem Stummel endete, gab es keine Zweifel mehr: Dieser Tote war der Ferrareser. Er hatte seine blutverschmierten H�nde vor die Bauchwunde gepresst, die ihm jemand mit einem Dolch oder einem schmalen Schwert geschlagen hatte. Seine Augen standen weit offen, und die Lippen waren zu einer schmerzerf�llten Grimasse verzogen.</p><p>�Wer hat ihn get�tet?�, fragte Gerardo.</p><p>Fiamma schaute ihn an, als wollte sie abw�gen, ob man ihm trauen k�nne. �Ich wei� es nicht�, sagte sie dann und senkte den Blick.</p><p>�Habt Ihr schon die Sbirren gerufen?�</p><p>�Wegen eines toten Bettlers? Sie w�rden nicht kommen. Ich habe stattdessen nach den Totengr�bern geschickt. Warum macht Ihr Euch so viele Sorgen um diesen Mann?�</p><p>�Ich? Eher scheint Ihr Euch Sorgen um ihn zu machen. Ich sehe, dass in Eurem Haus gro�e Aufregung herrscht.�</p><p>Fiamma schlug verzweifelt die H�nde vors Gesicht, als erinnerte sie sich gerade an etwas sehr Schlimmes. Als sie sie wieder fortnahm, wirkte sie �u�erst entschieden. Vielleicht hatte sie gerade beschlossen, ihm zu trauen.</p><p>�Das Durcheinander, das Ihr bemerkt habt, hat nichts mit dem Tod dieses Mannes zu tun�, sagte die junge Frau mit tr�nenerstickter Stimme.</p><p>�Sondern?�</p><p>�Remigio ist verschwunden.�</p><empty-line/><p>Um zur Bova zu gelangen, wollte Mondino ein Boot auf dem Cavadizzo, einem st�dtischen Kanal, nehmen; das w�rde ihm eine Strecke Weges sparen. Seine Hand glitt �ber die Tasche, in der sich die Karte befand. Er hoffte ernsthaft, dass sich die Unterredung mit der Kr�uterhexe nicht als Zeitverschwendung herausstellte. Mondino versuchte, nicht den Mut zu verlieren, dennoch dr�ngte sich der Gedanke auf, dass sein Leben direkt auf einen Abgrund zusteuerte. Das Schlimmste aber war, dass er nicht einmal auf die Unterst�tzung seiner Familie rechnen konnte - im Gegenteil: Er musste schweigend ihre Missbilligung erdulden, in dem Bewusstsein, dass er sie auch verdiente.</p><p>Es musste gerade zur Prim gel�utet haben, denn die Stadt erwachte allm�hlich, und in den Stra�en erklangen die typischen Ger�usche des beginnenden Tages: sich r�uspernde Kehlen und lautes Ausspucken, was Mondino immer leichte �belkeit bescherte, ihm heute aber ganz besonders den qualvollen Zustand seines Vaters in Erinnerung brachte. Dieser hatte immer wieder heftige Hustenanf�lle, bei denen er solche Unmengen von Schleim ausspuckte, dass die T�cher neben seinem Bett sie gar nicht aufsaugen konnten.</p><p>Als er das Eisentor vor der Kapelle erreichte, in der das Kreuz der heiligen Apostel aufbewahrt wurde, blieb Mondino stehen. Dieses Gotteshaus war eines von vieren, die der heilige Ambrosius vor fast tausend Jahren zum Schutz der Stadt hatte errichten lassen. Aus einer pl�tzlichen Eingebung betrat der Arzt die Kapelle. In diesem Moment sah er ungef�hr ein Dutzend Schritte entfernt eine schattenhafte Gestalt, die ihn an jemanden erinnerte, hinter eine S�ule huschen. Mondino ma� dem wenig Bedeutung bei und begann zu beten. Er wandte sich an die heiligen Apostel Christi, denen das Kreuz geweiht war, bat sie, seinem Vater in der Stunde seines Todes beizustehen und ihm zu vergeben, dass er nicht an seinem Sterbelager weilte. Dann bat er den heiligen Ambrosius, ihm die n�tige Kraft zu verleihen, um diesen Kampf siegreich zu bestehen und ihn vor seinen Feinden zu besch�tzen.</p><p>Mondino kannte und liebte die Kraft des inbr�nstigen Gebetes, aber er h�tte sich eine Kirche gew�nscht, die den Lehren Christi n�her stand und nicht so sehr von der weltlichen Macht besessen war. Auch dies war vermutlich eine Illusion, wie seine Idee, das Geheimnis des Blutkreislaufs zu entdecken. Vielleicht war ein Wissenschaftler auch immer ein Tr�umer: Man musste seine Tr�ume nur in die richtige Richtung lenken. Doch er hatte sich von einem falschen Traum verf�hren lassen, und nun waren ihm die Dinge entglitten und drohten ihn zu �berrollen. Er musste den M�rder der beiden Templer finden - nur so w�rde er zumindest teilweise das Unheil abwenden k�nnen, das sich �ber ihm zusammenbraute.</p><p>Daf�r blieb ihm jedoch nur noch sehr wenig Zeit.</p><p>Um die Sorgen, die ihn nicht loslie�en, zu mildern, stimmte er leise das Lied <emphasis>Te lucis ante terminum</emphasis> an, das �blicherweise zur Komplet nach Sonnenuntergang gesungen wurde. Aber es war das einzige Lied aus der Feder des heiligen Ambrosius, das er kannte, au�erdem fand er, dass es sehr gut zu seiner gegenw�rtigen Situation passte. �ber ihm drohte eine dunkle Nacht voller Alptr�ume hereinzubrechen, selbst wenn es erst fr�h am Morgen war.</p><p>Als Mondino aus der Kapelle in den Sonnenschein trat, f�hlte er sich sofort besser. Helligkeit �berflutete die Stra�e, und von der D�sternis, die eben noch so schwer auf seiner Seele gelastet hatte, war nichts mehr zu sp�ren. Mondino st�tzte sich auf einen der steinernen Greife an den Seiten des Tores, atmete tief durch und dankte dem heiligen Ambrosius und den Aposteln. In diesem Moment fiel ihm ein Mann auf, der mit dem R�cken zu ihm vor einem Obsth�ndler stand und den Preis f�r einen Korb Kirschen auszuhandeln schien. Er war von st�mmiger, kr�ftiger Statur und erinnerte ihn an den Mann, den er am Vorabend allein in der Taverne hatte trinken sehen. Pl�tzlich erinnerte er sich, dass er hinter sich eine Gestalt bemerkt hatte, als er das Wirtshaus verlassen hatte, und ein Mann schnell hinter einer S�ule verschwunden war, als er die Kapelle mit dem steinernen Kreuz betreten hatte. Immer derselbe Mann!</p><p>Er zwang sich, gleichm�tig zu wirken, und lief durch den Torbogen der Porta Govese weiter. Doch er war best�rzt. Dieser Mann verfolgte ihn. Sicher auf Anordnung des Inquisitors. Vielleicht hatte er ihn mit Gerardo sprechen sehen, und das, nachdem Mondino Uberto da Rimini erkl�rt hatte, er kenne ihn nicht. Jetzt durfte er ihn nicht auch noch dabei beobachten, wie er mit einer Kr�uterhexe redete.</p><p>Was sollte er tun?</p><p>Mondino sah sich im Gehen um und suchte nach einer M�glichkeit, seinen Verfolger abzusch�tteln. Sobald er erst einmal den Kanal delle Moline kurz hinter der Porta Govese erreicht hatte, musste er nach links zum Cavadizzo abbiegen, doch nun war es sinnlos geworden, ein Boot zu nehmen. So h�tte man ihn allzu leicht verfolgen k�nnen. Instinktiv wandte er sich nach rechts und folgte dem Kanal in die entgegengesetzte Richtung auf die M�hlen zu, von denen er seinen Namen hatte.</p><p>Je n�her er dem Campo del Mercato kam, desto mehr Volk dr�ngte sich auf den Stra�en rund um den Platz: M�nner, Frauen, Kinder und Tiere verstopften die Durchg�nge. Es war Sonnabend, und der w�chentliche Viehmarkt war bereits in vollem Gange. Viele Bauern und Hirten hatten Bologna bereits am Vorabend erreicht und neben ihren Tieren geschlafen, um sie vor Dieben zu besch�tzen. Nun, da sie wach waren, sahen sie die Notwendigkeit nicht ein, erst abzuwarten, dass der Markt offiziell er�ffnet wurde, und begannen mit kleineren An- und Verk�ufen. Nur f�r die gr��eren Abschl�sse ben�tigte man Notare und Bankiers - bei einem oder zwei St�ck Vieh konnte man das Ganze einfach mit einem Handschlag besiegeln.</p><p>Mondino sah einen Rechtsgelehrten vorbeikommen, den er kannte, ihm folgte eine ganze Schar Assistenten in Seminaristentracht. Er blieb stehen, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln und sich bei dieser Gelegenheit noch einmal nach seinem Verfolger umzusehen. Dieses Mal konnte er ihn nicht entdecken, aber er wusste, dass er sich irgendwo verbarg. Ohne Eile verabschiedete Mondino sich von dem Rechtsgelehrten und mischte sich unter das Volk. Mittlerweile wich seine Angst einer aufsteigenden Wut.</p><p>Flucht war nicht die einzige M�glichkeit, um seine Spuren zu verwischen. Er hatte zwar nicht die Zeit gehabt, sich seinen Verfolger genauer anzusehen, aber er war sicher, dass dieser kleiner, wenn auch kr�ftiger als er selbst war. Vielleicht konnte er ihn �berw�ltigen.</p><p>Mondino begann, sich nach einem geeigneten Platz f�r sein Vorhaben umzusehen. Er verlie� die �berf�llte Stra�e und n�herte sich immer weiter dem beinahe menschenleeren Kanaldamm, wo die Holzbohlen, die die Getreidem�hlen antrieben, laut klapperten und quietschten. Bei der f�nften M�hle, die Fantulino genannt wurde, entdeckte er hinter einer Ziegelsteinmauer eine breite Nische. Er trat einen Schritt zur Seite und verbarg sich dort im Schatten. Nun h�rte er nichts mehr au�er dem Rauschen des Rades, das sich in der Mitte des Kanals auf einem Balken drehte, der in zwei gleichen Geh�usen auf beiden Uferseiten verankert war. Mit klopfendem Herzen wartete Mondino eine Zeitlang, die ihm endlos erschien, aber in Wirklichkeit wohl nicht einmal f�r das Aufsagen eines Vaterunsers gereicht h�tte. Dann h�rte er schlurfende Schritte, und kurz darauf tauchte sein Verfolger auf. Der Arzt lie� ihm keine Zeit, irgendetwas zu unternehmen, sondern streckte blitzschnell einen Fu� vor und brachte ihn ins Straucheln. W�hrend der Mann mit den H�nden ruderte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, packte er ihn an der Schulter und zog ihn in den sch�tzenden Schatten der Mauer. Ehe er ihn befragen konnte, musste er ihn irgendwie fesseln, aber der andere wehrte sich, und Mondino stellte fest, dass er ihn untersch�tzt hatte. Sein Gegner war klein, aber �u�erst kr�ftig.</p><p>Zum Gl�ck schien auch der andere kein Interesse zu haben, die Aufmerksamkeit des Volkes auf sich zu lenken. Er schrie nicht und rief auch nicht um Hilfe. Er keuchte nur wie ein Stier, st�tzte sich auf einem Bein ab, befreite sich aus Mondinos Griff und ging dann mit dem Kopf voran auf ihn los. Der Arzt wurde an der Brust getroffen und schlug mit dem R�cken gegen die Ziegelmauer. Er konnte sich allerdings befreien, ehe der andere ihn an der Taille zu fassen bekam, und versetzte ihm einen Faustschlag in den Nacken. Beide k�mpften schweigend und schlugen nach Leibeskr�ften zu, denn ihnen war klar, dass sie sich beeilen mussten, um den Kampf f�r sich zu entscheiden, ehe jemand sie bemerkte. Pl�tzlich sp�rte Mondino, wie der andere ihm die Kehle zudr�ckte und ihm die Luft wegblieb. In der Hitze des Gefechts �berlegte er nicht lange und bohrte einen Finger in ein Auge des Mannes, der daraufhin leise aufschrie, ihn loslie� und sich die H�nde vors Gesicht schlug. Mondino nahm Anlauf und schob den Mann wie einen Sack an den Rand des Kanals.</p><p>Dieser versuchte, sich mit den F��en abzust�tzen, aber er konnte ihm nicht mehr gen�gend Widerstand entgegensetzen. Er griff nach Mondinos Haaren, aber in seiner Hand blieb nur dessen Barett zur�ck. Als er gegen die niedrige Br�stung stolperte, knickten seine Beine weg, und einen Augenblick sp�ter fiel er mit einem dumpfen Klatschen ins Wasser. Gleich darauf gelang es ihm, wieder aufzustehen, er war triefend nass, sch�umte vor Wut und sah wild entschlossen zur Uferb�schung hinauf.</p><p>Zwei M�nner am anderen Ufer st�rzten sich schreiend ins Wasser - nicht so sehr, um dem Mann zu helfen, sondern um Mondino zu packen, den sie offensichtlich f�r einen R�uber hielten. Zwei weitere M�nner liefen zu der nahen Br�cke, um ihm den Weg abzuschneiden. Wenn sie ihn erwischten, w�rden sie ihn m�glicherweise t�ten. Es kam h�ufiger vor, dass Diebe, die der Menge in die H�nde fielen, bereits tot oder so gut wie tot waren, wenn sie beim Richter abgeliefert wurden. Mondino drehte sich um und rannte zwischen H�usern, Weinbergen und G�rten davon, aber er wusste, dass er dieses Tempo nicht allzu lange durchhalten konnte.</p><empty-line/><p>Als Guido Arlotti aus dem Kanal gestiegen war, konnte er gerade noch die schlanke Gestalt Mondinos hinter einer Hausmauer verschwinden sehen. Der Abstand zwischen ihm und seinen Verfolgern war schon recht gro� geworden. Er hoffte, dass sie ihn, falls sie ihn schnappten, erst ordentlich verpr�geln w�rden, ehe sie ihn zur M�hle zur�ckbrachten.</p><p>W�tend erz�hlte er den M�nnern, die ihm zu Hilfe geeilt waren, dass dieser Mann versucht h�tte, ihn auszurauben, was ihm jedoch gl�cklicherweise nicht gelungen war. Falls seine Helfer erw�hnen sollten, dass Mondino nicht wie ein gew�hnlicher Strauchdieb gekleidet war, w�rde er sagen, dass es sich seiner Ansicht nach um einen verschuldeten Studenten handelte, der in seiner Verzweiflung wohl versuchte, auf verbrecherische Weise zu Geld zu kommen. Doch die anderen schienen sich �berhaupt nicht daf�r zu interessieren. Sie versicherten sich lediglich, dass es ihm gut ging, und wollten dann weiter ihren eigenen Gesch�ften nachgehen. Guido dankte ihnen und nahm das Angebot an, in die M�hle zu gehen, um sich dort abzutrocknen und auf weitere Nachrichten zu warten. Doch zun�chst gab er einem Jungen einen Soldo und bat ihn, zu einer Taverne im Borgo di Galliera zu laufen, die er als St�tzpunkt f�r seine Gesch�fte benutzte und die zum Gl�ck nicht weit entfernt war. Dort sollte er zwei M�nner holen. Er versprach ihm eine weitere M�nze, wenn er diese beiden so schnell wie m�glich herschaffte.</p><p>Die M�hle war klein, aber es wimmelte dort von Menschen: Kunden brachten Getreides�cke zum Mahlen, andere kauften Mehl bei der Frau des M�llers, und wieder andere schauten nur zum Zeitvertreib vorbei und unterhielten sich �ber die st�ndig steigenden Getreidepreise. Der M�ller borgte Guido eine wei�e Tunika, und seine Frau, eine rundliche Blondine mit einem �ppigen Busen, h�ngte seine Kleider in der Sonne zum Trocknen auf. Guido musste unz�hlige Male die Geschichte erz�hlen, wie er angegriffen worden war und gek�mpft hatte, wie er ins Wasser gefallen und der Schurke dann gefl�chtet war.</p><p>Er dankte l�chelnd f�r die Hilfe, aber innerlich sch�umte er vor Wut. Als die Menge endlich genug von seiner Geschichte hatte, zog er sich in eine Ecke zur�ck, wartete auf seine Gef�hrten und sann auf Rache. Falls die M�nner, die Mondino verfolgten, ihn nicht erwischten, er w�rde ihn schon wiederfinden und es ihm heimzahlen. Insgeheim hoffte er sogar, dass es ihnen nicht gelang. Schlie�lich wusste er ja, wo er ihn finden konnte.</p><p>Jetzt betraf ihn die Angelegenheit pers�nlich.</p><empty-line/><p>Als Mondino sicher war, dass seine Verfolger die Jagd nach ihm aufgegeben hatten, verlangsamte er sein Tempo und blieb schlie�lich stehen. Mit einem Arm st�tzte er sich an einer Mauer ab, um wieder zu Atem zu kommen. Er war vollkommen ersch�pft. Diese Art der k�rperlichen Bewegung brachte das Blut viel zu stark in Wallung und brannte in den Lungen, aber sie erzeugte auch eine angenehme Empfindung, beinahe eine Euphorie. M�glicherweise war jedoch gar nicht die k�rperliche Anstrengung daf�r verantwortlich, sondern die Befriedigung dar�ber, dass er gek�mpft und gewonnen hatte. Andererseits war Mondino �berzeugt, dass der andere ihn wiederfinden w�rde, wenn er ihn tats�chlich seit geraumer Zeit verfolgte, musste er wissen, wo er wohnte. Aber das spielte keine Rolle. Morgen Abend w�rde die Frist ablaufen, die ihm der Inquisitor gew�hrt hatte, und das Problem w�rde sich auf die eine oder andere Art l�sen. Der Spitzel w�rde wahrscheinlich zu seinem Auftraggeber zur�ckkehren, doch im Moment z�hlte nur, dass er ihm entkommen war. Mondino wollte schleunigst die �bersetzung der Karte �berpr�fen und dann sofort zu Hugues de Narbonne zur�ckkehren, um nach ihm zu sehen und ihn, falls es ihm besser ging, zu befragen, noch bevor Gerardo dazukam.</p><p>Er durchschritt die <emphasis>Circla</emphasis> beim Tor zum Viertel San Pietro, kam an der Walkm�hle f�r Wolle vorbei und bog dann nach rechts in die Felder ab, wobei er immer dem Kanal folgte, der parallel zur Stadtbefestigung in Richtung der Porta delle Lame verlief.</p><p>Dieses Mal waren mehr Menschen unterwegs, vielleicht weil Sonnabend war. Im Grunde kam ihm das sogar gelegen, weil er dadurch nicht auffiel. Am fr�hen Morgen zogen fast alle in Richtung Stadt, �berwiegend Bauern und Handwerker, die zu Fu� oder mit Handkarren zum Markt wollten. Hin und wieder kam auch ein Reiter vorbei.</p><p>Da Mondino nun den Weg kannte, erreichte er das Haus der Kr�uterhexe schneller, als er vermutet hatte. Auch diesmal kam niemand heraus, um ihn zu begr��en, doch sobald er die Frau gerufen hatte, ert�nte von drinnen die Aufforderung, er solle eintreten. Misstrauisch ging Mondino n�her auf das Anwesen zu, doch die Hunde lie�en sich diesmal nicht blicken. Er dr�ckte die T�r auf und blieb gleich regungslos, wie gel�hmt vor Erstaunen im Rahmen stehen. Das Haus bestand nur aus einem einzigen Raum, der gleichzeitig als K�che, Arbeitszimmer und Schlafgemach diente. Er war wesentlich ger�umiger, als es die Au�enmauern vermuten lie�en, und sehr hell. Obwohl er mit zahllosen Dingen angef�llt war, herrschte eine gewisse Ordnung. Keine der �blichen Art, wie Mondino schnell feststellte, als er die B�cher sah, die auf dem Boden zu T�rmen und S�ulen gestapelt waren, die Heilkr�uter, die in einer Ecke zum Trocknen hingen, die Regale voller Ton- und Glasgef��e, den arabischen Destillierapparat und zahlreiche Gegenst�nde aus Kupfer und Holz, von denen er nicht die leiseste Ahnung hatte, wozu man sie verwendete. Doch er hatte den Eindruck, dass die Frau, die am Tisch in der Mitte des Raumes �ber die Seiten eines gro�en Buches gebeugt sa�, sofort mit sicherem Griff jeden Gegenstand finden konnte. Mondino hatte zwar noch nie das Haus einer Kr�uterhexe gesehen, aber er hatte es sich deutlich anders vorgestellt.</p><p>�Kommt nur herein�, sagte die Frau und wandte sich zu ihm um. �Ihr seid also zur�ckgekehrt. Ich nehme an, dass Ihr dieses Mal etwas h�flicher sein werdet.�</p><p>Mondino verbeugte sich leicht in ihre Richtung, was man als Begr��ung oder als eine Art Best�tigung deuten konnte. Er trat ein und blieb in der Mitte des Raumes stehen. Die Frau klappte das Buch zu und l�chelte. Dann schien sie sich doch noch auf ihre guten Manieren zu besinnen, deutete mit k�niglicher Geste auf die einzige Bank des Hauses an einer L�ngsseite des Tisches und meinte: �Setzt Euch bitte. Ihr habt mir noch nicht gesagt, wer Ihr seid.�</p><p>Mondino erkl�rte, dass er ein Scholar des <emphasis>Studiums</emphasis> sei, wobei er den Namen eines seiner Sch�ler nannte. Die Frau sah ihn durchdringend an und stellte sich ihrerseits vor: �Hadiya Bint Aabi Bakr, zu Euren Diensten. Aber nennt mich ruhig Adia Bintaba wie jeder hier.� Sie setzte sich in geziemendem Abstand neben ihn auf die Bank und erkl�rte, als w�ren sie erst einen Moment vorher auseinandergegangen: �Erz�hlt mir von der Karte.�</p><p>Mondino zog das Pergament eilig aus der Tasche; diesmal sprach er nicht von Geld. Wenn diese Frau f�r die �bersetzung einen Lohn wollte, w�rde sie ihn danach fragen m�ssen.</p><p>Adia nahm die Karte und studierte sie aufmerksam. �In den Versen auf Arabisch geht es um eine Hochzeit�, sagte sie und best�tigte damit die Version von Hugues de Narbonne. �Aber sie sind nicht vollst�ndig. Es scheint, als ob einige Worte fehlen w�rden, denn so, wie er hier steht, ergibt der Text keinen Sinn. Was die Karte an sich betrifft, so scheinen die Buchstaben zwischen den L�wen etwas Rotes zu bezeichnen, was mir seltsam vorkommt.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil es �berfl�ssig ist, das Wort �rot� unter einen roten Punkt zu schreiben. Der Text muss noch eine andere Bedeutung haben.�</p><p>�K�nnte damit vielleicht ein Ort in Spanien gemeint sein?�</p><p>Adias Gesicht erhellte sich. �Aber nat�rlich. Die rote Festung der Stadt Gharnata, die Ihr Granada nennt. Wahrscheinlich ist sie der Ausgangspunkt, w�hrend der nicht n�her bezeichnete Punkt oben das Ziel darstellen soll.�</p><p>Hugues de Narbonne hatte die Wahrheit gesagt. Mondino lie� die Schultern h�ngen und sank in sich zusammen. Entt�uschung war gar kein Ausdruck f�r seinen Gem�tszustand. Erst in diesem Moment wurde ihm klar, dass er dem Franzosen allzu bereitwillig Unlauterkeit unterstellt hatte, weil er sich w�nschte, dass sich in diesen Versen eine wichtige Botschaft fand. Stattdessen war es nur eine Aneinanderreihung sinnloser Worte, und wenn sich doch etwas darin verbarg, dann h�chstens Angaben, wie man einen Ort in Spanien erreichte.</p><p>�Seid Ihr ganz sicher? Ich meine, wisst Ihr, diese Karte k�nnte auch etwas mit Alchimie zu tun haben ��</p><p>�Wirklich?�, unterbrach Adia den Arzt, dabei leuchteten ihre Augen unergr�ndlich. �Wollt Ihr mir vielleicht andeuten, dass es sich bei der Hochzeit in den Versen um die Vereinigung von Quecksilber mit Schwefel handelt, um das metallische Prinzip und das unentz�ndliche der Materie? Habe ich richtig geraten?�</p><p>�Und woher wisst Ihr all das?�, stotterte Mondino. Nun war er vollkommen verwirrt.</p><p>Eine �berraschung jagte die n�chste. Diese Frau klang nicht wie irgendeine Kr�uterhexe vom Lande, ja nicht einmal wie eine Frau.</p><p>Adia st�tzte einen Ellenbogen auf den Tisch, �ffnete den Mund zu einem L�cheln und lie� wei�e regelm��ige Z�hne sehen. �Ich stamme aus einer Familie von Alchimisten. Mein Vater hatte keine m�nnlichen Nachfahren, daher hat er seine Kenntnisse an mich weitergegeben. Das ist zwar nicht gerade �blich, aber manchmal kommt es vor.�</p><p>�Der Mann, der mir Euren Namen genannt hat, hat gesagt, Ihr w�rt eine Kr�uterhexe�, sagte Mondino.</p><p>Adia neigte sich zu ihm hin�ber und Mondino bemerkte, dass sie nicht mehr so jung war, wie er bisher angenommen hatte. Sie musste ungef�hr f�nfundzwanzig Jahre alt sein, und doch sah er in diesem Haus keine Anzeichen, dass sie einen Mann oder Kinder hatte. Hatte eine so sch�ne Frau wirklich niemanden gefunden, der sie ehelichen wollte? Oder wollte sie vielleicht gar nicht heiraten? Das schien zwar abwegig, aber sie war solch eine erstaunliche Pers�nlichkeit, dass er sich das bei ihr durchaus vorstellen konnte.</p><p>�Die Leute misstrauen einer Kr�uterhexe�, sagte Adia ernst. �Aber noch mehr misstrauen sie einer Frau, die sich mit Wissenschaften besch�ftigt. Ich habe das geringere �bel gew�hlt.� Sie l�chelte wieder, und Mondino meinte, in ihren Augen einen Hauch von Traurigkeit zu entdecken. �Au�erdem h�lt es die M�nner im Zaum, wenn man als Kr�uterhexe gilt�, f�gte sie an, �die guten wie die schlechten.�</p><p>�Ich verstehe�, stotterte Mondino verlegen, nur um irgendetwas zu sagen. �Wenn Ihr also meint, dass diese Verse nichts mit Alchimie zu tun haben, kann ich Euch vertrauen.�</p><p>Adia Bintaba setzte sich auf. �Ich habe nichts dergleichen gesagt. Die Tatsache, dass auf einer Karte voller alchimistischer Symbole von einer Hochzeit die Rede ist, kann kein Zufall sein. Ich habe nur gesagt, dass diese Verse unvollst�ndig sind. Wenn wir w�ssten, welche Worte fehlen, w�re alles klarer. Habt Ihr sonst nichts? Was wei� ich, einen Brief, ein Buch � Seid ehrlich zu mir, wenn Ihr wollt, dass ich Euch helfe.�</p><p>�Diese Karte ist alles, was ich habe�, sagte Mondino achselzuckend.</p><p>�Und wie seid Ihr in ihren Besitz gekommen?�</p><p>�Das kann ich Euch nicht sagen.�</p><p>Adias Blick sagte ihm auch ohne Worte �berdeutlich, was sie von diesem Mangel an Vertrauen hielt. �Das k�nnt Ihr also nicht sagen�, wiederholte sie nachdenklich. �K�nnt Ihr mir zumindest schildern, welches Geheimnis Ihr mit dieser Karte zu entdecken hofft?�</p><p>Mondino hatte diese Frage nicht erwartet und war einen Moment sprachlos. Er wollte sie auf die richtige Spur f�hren in der Hoffnung, dass die Frau eine Verbindung entdeckte, die ihm entgangen war. Aber er konnte ihr gewiss nicht erz�hlen, was er getan hatte. Also versuchte er krampfhaft, etwas zu erfinden.</p><p>�Wie ich Euch gesagt habe, studiere ich Medizin. Ich und einige Kommilitonen stellen Forschungen �ber den Blutkreislauf an. Einer hatte die Idee, dass wir uns eine viel genauere Vorstellung vom Kreislaufsystem machen k�nnten, wenn es uns gel�nge, Blut in festes Metall zu verwandeln. Nun ist diese Karte ��</p><p>�Wer hat diese Idee gehabt?�</p><p>Von dieser Bemerkung �berrumpelt, sagte Mondino ohne nachzudenken: �Mein Lehrmeister, Mondino de� Liuzzi.�</p><p>�Mondino�, wiederholte Adia. �Der Sch�ler von Taddeo?�</p><p>�Genau der�, best�tigte der Arzt und konnte sein Erstaunen kaum verhehlen, dass dieser Frau sowohl sein Name als auch der von Taddeo Alderotti vertraut war. �Kennt Ihr ihn?�</p><p>�Nur dem Namen nach. Er ist ein Dummkopf.�</p><p>Mondinos Gesicht verfinsterte sich. �Mein Meister gilt als einer der besten lebenden �rzte�, erwiderte er verkniffen.</p><p>Adia schien sich sehr beherrschen zu m�ssen, dass sie nicht laut lachte. Sie hob beschwichtigend beide H�nde und sagte dann: �Ich streite seine Verdienste ja gar nicht ab. Ich habe sogar gro�e Hochachtung vor Mondinos anatomischen Forschungen und warte mit Ungeduld auf die Abhandlung, an der er schreibt. Aber f�r mich bleibt er ein Dummkopf, weil er nur das �u�ere betrachtet.�</p><p>�Ich kann Euch nicht folgen.�</p><p>Adia sah ihn mitleidig an. �Die Wissenschaft muss den Menschen entwickeln, so wie der Mensch die Wissenschaft entwickelt�, sagte sie dann, als ob damit alles erkl�rt w�re.</p><p>�Wie meint Ihr das? Erl�utert mir das genauer.�</p><p>�Ich werde es in einfache Worte kleiden, damit Ihr es verstehen k�nnt�, erwiderte sie. Offensichtlich machte sie sich �ber ihn lustig. Auf einmal f�hlte Mondino sich unbehaglich, als w�re er der Einzige, der einen Scherz nicht verstand. �Aber sagt mir zuerst noch eines: Warum hat Euer Lehrmeister Euch geschickt und ist nicht selbst gekommen?�</p><p>�Er hatte keine Ahnung, dass Ihr eine gelehrte Alchimistin seid�, antwortete Mondino und rutschte unruhig auf der Bank hin und her. �Und er meinte, ich w�sste genug f�r ein Gespr�ch mit einer Kr�uterhexe.�</p><p>Adia starrte ihn an, doch sie l�chelte jetzt nicht mehr. �Zuf�lligerweise habe ich als Mann verkleidet einmal eine Anatomievorlesung von Mondino de� Liuzzi besucht. Und jetzt erkl�rt mir, warum Ihr unter falschem Namen in mein Haus gekommen seid, Magister, und was Ihr f�r Erkl�rungen von mir erhofft.�</p></section><section><title><p><strong>ZW�LF</strong></p></title><empty-line/><p><strong>A</strong>ls der Junge in Begleitung der beiden Helfer auftauchte, die Guido hatte rufen lassen, trug dieser schon wieder seine getrockneten Kleider und gab dem M�ller mit einem Dank die geliehene Tunika zur�ck. Der Junge streckte die Hand aus und forderte die versprochene M�nze ein.</p><p>�Ich hatte gesagt, ich w�rde sie dir geben, wenn du <emphasis>schnell</emphasis> mit meinen Freunden zur�ckk�mst�, fertigte ihn Guido ab. �Verschwinde, ehe du meine F��e zu sp�ren bekommst, weil du mich so lange hast warten lassen.�</p><p>Die Kunden und Schaulustigen, die vor der M�hle standen, lachten angesichts des entt�uschten Gesichtsausdrucks des Jungen, und ein alter Mann dr�ckte ihm zum Trost einen Kanten Brot in die Hand. Guido hatte sich indessen bereits im Laufschritt auf den Weg zur Porta Galliera gemacht</p><p>- schlie�lich wusste er nicht, wie lange sich der Arzt bei der Kr�uterhexe aufhalten w�rde, und er wollte die beiden unter allen Umst�nden �berraschen.</p><p>�Wohin gehen wir?�, fragte einer der beiden Komplizen.</p><p>�Vor die Stadt�, antwortete Guido, ohne langsamer zu werden. �Wir m�ssen den Mann finden, der mich in den Kanal gesto�en hat.�</p><p>Durch das Fenster, unter dem er gelauscht hatte, hatte er Mondino von einer konvertierten Araberin reden h�ren, die eine Kr�uterhexe war. Er lachte laut auf. Was wollte es schon hei�en, dass sie konvertiert war, wenn die Frau Rituale vollzog, die im Widerspruch zum christlichen Glauben standen? Aber dar�ber w�rde man zu gegebener Zeit noch befinden. Im Augenblick war nur wichtig, dass er sich genau erinnerte, wo sie wohnte: irgendwo an der Bova, hatte Mondino gesagt. Dort d�rfte es nicht viele Araber geben.</p><p>�Sollen wir ihn t�ten?�</p><p>�Nein. Derjenige, der mich bezahlt, braucht ihn lebend. Allerdings hat er nicht genau gesagt, <emphasis>wie</emphasis> lebendig er sein muss.�</p><p>Die andern beiden lachten. Guido bediente sich oft ihrer, wenn er Unterst�tzung ben�tigte. Sie waren zuverl�ssig, schreckten vor nichts zur�ck und wussten, wie wichtig Verschwiegenheit war.</p><p>�Seid ihr bewaffnet?�</p><p>Sein Nebenmann schob einen Zipfel seiner Tunika aus grobem Hanf zur Seite und zeigte ihm ein schmales Schwert, das er zwischen Haut und Hemd verbarg. Der andere nickte nur.</p><p>�Bei ihm wird auch eine Frau sein�, informierte Guido die beiden. �Sie ist eine Hexe.�</p><p>Das hatte er gesagt, um zu sehen, wie sie reagierten. Denn er wollte nicht, dass die M�nner im entscheidenden Moment fl�chteten, weil sie sich vor einem Hexenfluch f�rchteten. Die beiden schwiegen einen Augenblick, dann fragte der erste: �Wie ist sie?�</p><p>�Das wei� ich nicht.�</p><p>Der andere, der bisher geschwiegen hatte, grinste: �Hoffen wir mal, dass sie jung und zart ist und keine alte vertrocknete Schlampe. Muss sie auch am Leben bleiben?�</p><p>Guido glaubte nicht, dass der Inquisitor etwas dagegen einzuwenden h�tte, wenn sie sich ein wenig mit der Hexe vergn�gten.</p><p>�Nein�, erwiderte er. �Die braucht niemand.�</p><p>Bei n�herer �berlegung stellte Mondino allerdings ebenfalls ein Problem dar, wenn er am Leben blieb. Er war ein bedeutender Mann, ein Magister des <emphasis>Studiums</emphasis>, der ihn anzeigen und verhaften lassen k�nnte. Guido wusste genau, dass der Inquisitor sich, falls es Probleme gab, niemals gegen die Richter der Stadt stellen w�rde, um ihn zu verteidigen. Er musste schon selbst daf�r sorgen, dass er nicht zu Schaden kam.</p><p>Guido �berlegte noch ein wenig, doch als sie Porta Galliera erreichten, hatte er seine Entscheidung getroffen. Er w�rde Mondino ebenfalls t�ten. Danach w�rde er dem Inquisitor berichten, man h�tte ihn entdeckt, und er h�tte sich verteidigen m�ssen, um sein Leben zu retten. Uberto da Rimini w�re bestimmt aufgebracht, aber ihm w�rde nichts anderes �brig bleiben, als sich den Tatsachen zu beugen.</p><p>Endlich erschien ein L�cheln auf Guidos Lippen. Dieser Morgen w�rde doch noch ein erfreuliches Ende finden.</p><empty-line/><p>Adia Bintaba ging zum Kamin im Hintergrund des Zimmers, nahm einen seltsam geformten Topf hoch, der dort neben der Glut stand, und meinte: �Ich vergesse meine Pflichten als Hausherrin. Bitte, nehmt ein Getr�nk aus meiner Heimat an.�</p><p>Sie goss aus dem kleinen Topf eine bernsteinfarbene Fl�ssigkeit in zwei Zinntassen und kam zum Tisch zur�ck. �Es hei�t <emphasis>atay</emphasis>�, sagte sie. �Man sagt, es sei vor Jahrhunderten aus dem fernen China nach Arabien gekommen. Es ist au�erordentlich gesund, es kl�rt den Kopf und bek�mpft Vergiftungserscheinungen.�</p><p>Mondino f�hrte die Tasse an seine Lippen und kostete einen Schluck. �Und es schmeckt auch gut�, sagte er �berrascht. �Danke. Aber ich bitte Euch, lasst uns zum Thema zur�ckkommen. Ich m�chte ja nicht unh�flich erscheinen, aber es ist nun einmal so, dass meine Zeit aus Gr�nden, die ich Euch nicht erkl�ren kann, knapp bemessen ist.�</p><p>Inzwischen hatte er ihr alles enth�llt. Unter ihrem eindringlichen Blick hatte er zugegeben, dass er wirklich Mondino de� Liuzzi war und ihr ohne etwas zu verheimlichen erkl�rt, warum er zu ihr gekommen war und wonach er genau suchte. Er hatte ihr auch von Wilhelm von Trier erz�hlt, ohne allzu sehr in die Einzelheiten zu gehen, und hatte es vermieden zu erw�hnen, wie oft er in diesen Tagen gegen das Gesetz versto�en hatte. Er vertraute dieser Frau instinktiv, doch seine Vorsicht lehrte ihn, darin nicht zu weit zu gehen.</p><p>Adia trank einen Schluck von diesem <emphasis>atay</emphasis>, dann noch einen, und genoss ihn sichtlich. �Zeit m�ssen wir nutzen und sollten uns nicht von ihr benutzen lassen�, sagte sie. �Sonst wird sie f�r uns zum Gef�ngnis. Beruhigt Euch also und h�rt mir bitte zu.�</p><p>�Sprecht!�</p><p>�Ihr wollt wissen, wem es gelungen ist, das Herz dieses Tempelritters in einen Eisenblock zu verwandeln�, sagte Adia. �Ich kann Euch nur eins dazu sagen, und zwar, dass es sich um eine verzerrte Anwendung der alchimistischen Prinzipien handelt. Dieser Weg f�hrt zu nichts Gutem. Ihr solltet ihn verlassen.�</p><p>Mondino sp�rte, wie sein Gesicht vor Zorn err�tete. Ihr belehrender Ton behagte ihm gar nicht. �Das glaube ich nicht�, sagte er, st�tzte sich energisch mit den Ellenbogen auf den Tisch und sah sie an. �Die Anwendung ist abwegig, weil man sie benutzt hat, um einen Mord zu begehen, aber die wissenschaftlichen Kenntnisse, durch die man diese Verwandlung bewirken kann, sind an und f�r sich weder gut noch schlecht.�</p><p>Adia seufzte, als h�tte sie ein st�rrisches Kind vor sich.</p><p>�Ich gebe Euch ein Beispiel. Stellen wir uns vor, Euer Lebensziel w�re es, den Gipfel eines Berges zu erobern, gut?�</p><p>�Sicher. Fahrt fort.�</p><p>�Ihr macht Euch an den Aufstieg, leidet unter K�lte und Hunger. Wilde Tiere und R�uber bedrohen Euch. Auf Eurem Weg kommt Ihr an den H�tten von Sch�fern und Holzf�llern vorbei, die Euch Gastfreundschaft und St�rkung bieten. Ihr zeigt Euch erkenntlich, indem Ihr ihnen ein wenig bei ihrer Arbeit helft, sie von Krankheiten heilt - schlie�lich seid Ihr ja Arzt -, dann verabschiedet Ihr Euch und wandert weiter. Bis Ihr eines Tages entdeckt, dass Ihr wirklich auf dem Gipfel angekommen seid. Wie f�hlt Ihr Euch?�</p><p>�Ich nehme an, zufrieden. Aber ich verstehe den Sinn dieses Beispiels nicht, und wie ich Euch gerade gesagt �</p><p>�Ich bin noch nicht fertig. Auf der anderen Seite des Berges gibt es einen Mann, der das gleiche Ziel wie Ihr verfolgt. Er macht sich an den Aufstieg, und um sich gegen die K�lte zu sch�tzen, stiehlt er dem ersten Holzf�ller, dem er begegnet, Kleider und Decken. Um zu essen zu haben, t�tet er die Tiere eines Sch�fers und als der ihn ertappt, auch den Hirten. Um nicht allein zu sein, entf�hrt er dessen Witwe, schleppt sie einige Tage mit sich, ungeachtet ihrer Tr�nen. Als er ihrer �berdr�ssig ist, l�sst er sie allein im Wald zur�ck und steigt weiter hinauf. Er trifft auf andere Sch�fer und Holzf�ller, und allen nimmt er etwas, oft sogar ihr Leben, ohne etwas zur�ckzugeben. Eines Tages erreicht auch er den Gipfel des Berges, und zwar genau in dem Moment, als Ihr dort angekommen seid.� Adia unterbrach sich und sah ihm direkt in die Augen. �Das Ergebnis ist das Gleiche, sogar zum gleichen Zeitpunkt. Aber wollt Ihr wirklich behaupten, dass es keine Rolle spielt, mit welchen Mitteln es erreicht wurde und dass f�r beide das Ziel an und f�r sich weder gut noch schlecht ist?�</p><p>Ein Teil seines Verstandes bewunderte die Klarheit, mit der Adia ihren Gedanken erl�utert hatte. Dennoch ertrug er es nicht, dass sie es auf seine Kosten getan hatte. Er, der bekannte <emphasis>magister medicinae</emphasis>, den man in Italien und sogar in Frankreich ehrte, wurde von einer Frau in Bedr�ngnis gebracht. Aus reiner Arroganz beschloss er, nicht darauf zu antworten.</p><p>�Ich bin nicht hierhergekommen, um mit Euch philosophische Diskurse zu f�hren, Madonna�, sagte er. �Ich hatte Euch urspr�nglich eine andere Frage gestellt. K�nnt Ihr mir sagen, wie es m�glich ist, das Blut und die Adern eines menschlichen Herzens in Eisen zu verwandeln? Und wer so etwas erreicht haben k�nnte?�</p><p>Adia seufzte noch einmal betont laut. Wie es schien, am�sierte sie sich immer noch auf seine Kosten.</p><p>�Abu Ali al-Husain Ibn Sina, den Ihr unter dem Namen Avicenna kennt�, sagte sie, �w�rde jetzt anf�hren, dass die Kenntnis von etwas nicht vollkommen ist, solange man ihre Ursachen nicht kennt. Stimmt Ihr dem zu?�</p><p>�Ja, aber was hat das mit meinen Fragen zu tun?�</p><p>�Ich kann Euch nicht viel �ber den Vorgang sagen, der n�tig ist, um menschliches Blut erst in Eisen und dann in Gold zu verwandeln, aber ��</p><p>�In Gold?�, unterbrach sie Mondino zweifelnd.</p><p>�Ja, in Gold. Ihr seid doch ein Arzt? Dann m�sst Ihr die Werke von Jabir ibn Hayyan kennen, den Ihr Geber nennt, von Michele Scoto, Arnaldo da Villanova, Albertus Magnus ��</p><p>�Die kenne ich�, erwiderte Mondino gereizt. �Doch an der Universit�t lehren die moderneren Magister, dass man aus der Alchimie nur das f�r die Medizin N�tzliche nehmen und den Rest verwerfen soll. Ich habe selbst die Rezeptur von Michele Scoto zur Verwandlung von Blei in Gold ausprobiert, jedoch ohne brauchbare Ergebnisse.�</p><p>�Tats�chlich?�, sagte Adia. �Und was genau habt Ihr getan?�</p><p>�Ich bin Schritt f�r Schritt seinen Anweisungen gefolgt. Ich habe das Blei genommen, es dreimal mit Kalk, rotem Arsen, sublimiertem Vitriol und Alaunzucker geschmolzen, es dann in den Saft von Meermelde und wilder Gurke gelegt. Danach ��</p><p>�� hat sich das Blei nicht in Gold verwandelt�, unterbrach sie ihn wieder, �und Ihr habt daraus geschlossen, die Rezeptur sei falsch.�</p><p>�Genau.�</p><p>�Nun, Ihr irrt Euch.�</p><p>Mondino wurde allm�hlich w�tend. Adia Bintaba mochte sich mit Wissenschaft befassen, dennoch zeigte sie die �bliche weibliche Neigung, nicht die Tatsachen zu ber�cksichtigen, sondern nur den eigenen Ideen anzuh�ngen.</p><p>�Etwas kann nicht wahr sein, wenn die Erfahrung lehrt, dass es falsch ist�, erwiderte er trocken.</p><p>�Will Euch denn wirklich nicht in den Kopf, dass das Ergebnis nicht nur von der Rezeptur abh�ngt, sondern auch von demjenigen, der sie anwendet?�, antwortete sie aufgebracht. �Ihr weigert Euch, diese Grundwahrheit zu akzeptieren - und das, obwohl Ihr ein kluger Mann seid. In der Alchimie ist der wissenschaftliche Fortschritt der Spiegel des inneren Fortschritts. Ein Alchimist, der seine pers�nlichen Eigenschaften nicht vervollkommnet hat, kann lange den Formeln und Verfahren aus den B�chern folgen. Er wird erfolglos bleiben.�</p><p>Mondino beschloss, dass dieses Spiel nun schon zu lange w�hrte. �H�rt, Madonna Adia�, sagte er streng. �Ich w�rde ja gern hier bei Euch bleiben und mit Euch diskutieren, aber wie ich Euch bereits gesagt habe, ist meine Zeit knapp bemessen. Habt Ihr nun eine Vorstellung, wie jemand diesen deutschen Tempelritter auf so unmenschliche Weise get�tet haben kann, ja oder nein?�</p><p>Adia brach in herzliches Gel�chter aus, und Mondino sp�rte, wie er gl�hend rot wurde. Er hatte den Weg umsonst gemacht: Nun hatte er beinahe einen ganzen Vormittag der beiden Tage, die ihm blieben, verloren. Er konnte es sich nicht leisten, l�nger hier zu verweilen und sich von dieser Frau zum Narren machen zu lassen.</p><p>�Nat�rlich habe ich davon eine Vorstellung�, sagte Adia, als sie aufgeh�rt hatte zu lachen. �Und ich versuche schon eine Weile, sie Euch darzulegen, aber Ihr lasst mich ja nicht zu Wort kommen.�</p><p>�Ich lasse Euch nicht zu Wort kommen? Das ist die H�he!�</p><p>Die Frau wurde ernst. �Das gen�gt. Ich habe nicht den ganzen Tag f�r Euch Zeit. Entweder Ihr schweigt jetzt und h�rt mir zu oder Ihr geht.�</p><p>Mondinos Meinung �ber Frauen in der Wissenschaft verschlechterte sich zusehends. Am liebsten h�tte er ihr den R�cken gekehrt und umgehend das Haus verlassen. Dennoch zwang er sich dazu, Ruhe zu bewahren. Da er schon einmal hier war, konnte er ebenso gut bis zum Ende zuh�ren.</p><p>�Sprecht�, sagte er.</p><p>Adia warf ihm einen ironischen Blick zu. �Wie ich bereits sagte: Ihr begreift nichts von diesem R�tsel, wenn Ihr Euch nicht bem�ht, seine Ursachen zu verstehen. Ihr m�sst wissen, dass der Weg zum Haus Gottes, also zur Vervollkommnung der Seele und der Materie, die die Alchimie verfolgt, nicht festgelegt ist. Das Ziel bleibt immer gleich, doch die Wege dorthin k�nnen unterschiedlich sein, wie in dem Beispiel mit dem Berg, das ich Euch vorhin gegeben habe. Der bekannteste ist der, unedle Metalle in Gold zu verwandeln.� Mondino wollte etwas erwidern, doch sie hielt ihn mit einer Handbewegung auf. �Um solch ein Ergebnis zu erreichen, gen�gt es nicht, eine Abhandlung zu lesen oder eine Rezeptur anzuwenden, wie Ihr es getan habt. Die Verwandlung von Metallen ist wie ein Gradmesser. Je h�her die Vollkommenheit ist, die die Seele erreicht hat, desto mehr n�hert sich die Verwandlung der Vollendung. K�nnt Ihr mir bis hierhin folgen?�</p><p>Mondino nickte, und sie fuhr fort: �Wie ich Euch gesagt habe, kann eine unreine Seele unm�glich die vollkommene Verwandlung erreichen. Dennoch gibt es Menschen, die dies nicht akzeptieren wollen, die nach der Macht um der Macht willen streben; Menschen, die das <emphasis>al-iksir</emphasis>- bei Euch nennt man es �Lebenselixier� - erschaffen wollen, indem sie die �berg�nge erzwingen. Sie paktieren mit dunklen M�chten, und selbst wenn sie niemals die Vollkommenheit erreichen k�nnen, erlangen sie doch manchmal auf diesem Weg gewisse Kr�fte. Sie genie�en f�r einen kurzen Augenblick die Illusion eines Sieges, doch dann wenden sich die gleichen Kr�fte unausweichlich gegen sie und t�ten sie. Um die M�chte der Natur zu kontrollieren, muss die Seele im Einklang mit dem Universum sein. Ist die Seele allerdings verschlossen, zerquetschen diese M�chte sie wie eine Nuss, wenn sie erst einmal geweckt sind. Dies geschieht jedoch nicht etwa aus Bosheit, nein, sondern einzig und allein deshalb, weil es in ihrer Natur liegt.�</p><p>�Kommt bitte zum Wesentlichen�, sagte Mondino.</p><p>�Ich bin �berzeugt�, sagte Adia, �dass der Mann, nach dem Ihr sucht, das Verfahren gefunden hat, menschliches Blut in <emphasis>Materia prima</emphasis>, also die Ursubstanz, und erst danach in Eisen umzuwandeln. Und dann ist es ihm vielleicht gelungen, aus diesem alchimistischen Eisen, einem Stoff, der sich �brigens grundlegend von gew�hnlichem Eisen unterscheidet, Gold zu gewinnen.�</p><p>�Aber habt Ihr nicht gesagt, dass es einer unreinen Seele nicht m�glich ist, diese Umwandlung durchzuf�hren?�, fragte Mondino, der gegen seinen Willen neugierig geworden war.</p><p>�In der Tat. Wenn er sich nicht von dunklen M�chten helfen l�sst, wie ich gerade sagte. Ich glaube, dass der Templer aus diesem Grund get�tet wurde. In einer so abwegigen Verwandlung ist Mord wahrscheinlich ein unverzichtbarer Bestandteil.�</p><p>Adia sprach von mit schwarzer Magie verbundener Alchimie und dies mit genaueren Begr�ndungen als Uberto da Rimini sie ihm gegeben hatte. Im Kern unterschied sie sich jedoch nicht von ihm. Mondino lauschte stumm. Sein wissenschaftlicher Verstand wehrte sich gegen die Vorstellung, dass so etwas m�glich sein k�nnte, doch hier ging es nicht darum, ob er daran glaubte oder nicht. Sondern ob vielleicht jemand anders daran geglaubt hatte. Wenn dies stimmte, waren die beiden get�teten Tempelritter nichts anderes als die Versuche eines verdorbenen Alchimisten, die Verwandlung von Metallen zu erreichen. In diesem Fall brach die These, es h�tte sich um eine Falle oder Rache gehandelt, in sich zusammen. Dies w�rde wiederum bedeuten, dass Gerardo sich vergeblich bem�hte, wenn er nach den Templern suchte, die erst vor kurzer Zeit nach Bologna gekommen waren.</p><p>Also war noch mehr kostbare Zeit verschwendet. Er musste sofort gehen.</p><p>Gerade als Mondino sich verabschieden wollte, wurde die T�r mit einem Fu�tritt weit aufgesto�en, und drei M�nner betraten den Raum. Mondino erkannte sogleich den untersetzten Mann, den er in den Kanal geworfen hatte. Die anderen beiden waren zwei Galgenstricke, in deren Augen ein obsz�nes Funkeln aufleuchtete, als sie Adias ansichtig wurden. Alle drei waren mit langen Dolchen bewaffnet.</p><p>�Keiner r�hrt sich!�, sagte der untersetzte Mann, der ihr Anf�hrer zu sein schien. �Ihr und die Hexe seid verhaftet.�</p><empty-line/><p>Gerardo stand vom K�chentisch auf und begann unter den besorgten Blicken Fiammas und der M�gde auf und ab zu laufen. Er hatte gerade von dem Becher Milch genippt, den ihm die Herrin des Hauses angeboten hatte, w�hrend er ihr zuh�rte. Nun wusste er nicht mehr, was er denken sollte.</p><p>An diesem Morgen war Fiamma wie jeden Tag zu ihrem Adoptivvater gegangen, um ihn zu wecken. Sie hatte einige Male geklopft und schlie�lich, als sie keine Antwort bekam, die T�r zu seinem Zimmer ge�ffnet. Das Bett war unber�hrt gewesen und ihr Vater nicht dort. Sie hatte ihn im ganzen Haus gesucht, ihn jedoch nicht gefunden. Niemand hatte ihn das Haus verlassen sehen, und die Vordert�r war von innen verriegelt. Falls Remigio hinausgegangen war, hatte er dies nur durch die T�r hinter der K�che tun k�nnen, die auf den Hof ging, in dem sie H�hner und Schweine hielten. Fiamma und die beiden jungen M�gde hatten dort nachgeschaut und beim �ffnen der T�r in der Hofmauer zur Gasse hin die Leiche des Bettlers entdeckt. Sie waren noch damit besch�ftigt zu begreifen, was geschehen war, als Gerardo auftauchte.</p><p>�Glaubt Ihr, dass Euer Vater ihn get�tet hat?�, fragte der junge Mann.</p><p>Fiamma sah ihn misstrauisch an. �Wenn er es getan hat, dann nur, um sich zu verteidigen. Vielleicht hat der Mann ihn ja angegriffen, um ihn zu berauben, als er ihn herauskommen sah. Das Verschwinden meines Vaters und der Tod des Bettlers k�nnen aber genauso gut nichts miteinander zu tun haben.�</p><p>Gerardo sch�ttelte den Kopf. Die Wahrscheinlichkeit, dass das mysteri�se Verschwinden Remigio Sensis und die Leiche des verkr�ppelten Bettlers hinter seinem Haus nichts miteinander zu tun hatten und nur eine Laune des Schicksals waren, ging praktisch gegen null.</p><p>Gerardo lief weiter zwischen Tisch und Kamin auf und ab. Fiamma erteilte den beiden jungen M�dchen in harschem Ton Anweisungen f�r das Mittagessen. Vielleicht wollte sie sie besch�ftigen oder sie versuchte, sich damit selbst zu �berzeugen, dass alles bald wieder seinen normalen Gang gehen w�rde. Doch Gerardo glaubte nicht daran.</p><p>Der Kr�ppel hatte den anderen Bettlern gesagt, er w�rde bald reich sein. Offensichtlich wusste er etwas �ber den Mord an dem deutschen Tempelritter und hatte versucht, sich f�r sein Schweigen bezahlen zu lassen - was ihm jedoch �bel bekommen war. Falls Remigio ihn get�tet hatte, wof�r alles sprach, bedeutete dies, dass der Bankier in das Geheimnis um das Herz aus Eisen verwickelt war. Vielleicht war er ja der M�rder der beiden Tempelritter und nicht Hugues de Narbonne, wie Gerardo bis zu diesem Moment geglaubt hatte. Doch warum hatte der Bankier sein Haus dann heimlich wie ein Dieb durch die Hintert�r verlassen?</p><p>Es war ungeheuer wichtig, ihn schnell zu finden, und das nicht nur, um Fiammas Sorgen zu lindern. Und wenn Remigio Hugues de Narbonnes Komplize war? Vielleicht war er ja zu ihm gegangen, nachdem er den Bettler get�tet hatte. Das konnte sein � Schlie�lich hatte Remigio ihm Hugues vorgestellt, was wiederum bedeutete, dass die beiden einander bereits kannten. Sollte sich der Tempelritter inzwischen erholt und der Bankier ihn vom Bett losgebunden haben, liefen Gerardo und Mondino Gefahr, auf einen Schlag jede M�glichkeit zu verlieren, sich gegen die Beschuldigungen zu rechtfertigen.</p><p>Gerardo blieb ruckartig stehen und schlug mit der Faust auf den Tisch. Die drei Frauen drehten sich gleichzeitig erschrocken um.</p><p>�Verzeiht mir�, sagte er. �Aber mir ist etwas eingefallen, was ich �berpr�fen muss. Madonna Fiamma, ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um Euch dabei zu helfen, Euren Vater zu finden. Ich muss jetzt gehen, aber ich werde so bald wie m�glich zur�ckkommen.�</p><p>Fiamma stellte ihm keine Fragen und begleitete ihn zur Vordert�r. Die beiden Diener lungerten drau�en herum und wussten nicht genau, was sie tun sollten. Gerardo wollte sich gerade verabschieden, als die junge Frau impulsiv seine H�nde ergriff. �Remigio Sensi ist nicht mein Vater�, sagte sie ernst.</p><p>�Ich wei�, Madonna, das habe ich nur der K�rze wegen gesagt.�</p><p>Fiamma sch�ttelte heftig den Kopf, wobei noch mehr blonde Haare unter der Haube hervorquollen. �Darum geht es nicht. Ich wollte Euch nur sagen, dass Ihr keine Angst haben braucht, mich zu verletzen oder zu ersch�ttern, wenn Ihr mir die Wahrheit sagt. Glaubt Ihr wirklich, dass er diesen Bettler get�tet hat?�</p><p>In einem Augenblick gingen Gerardo mehrere m�gliche Antworten durch den Kopf, doch schlie�lich beschloss er, aufrichtig zu sein.</p><p>�Alles deutet darauf hin, dass es so ist, Madonna. Dennoch sollte man keine vorschnellen Urteile �u�ern, bevor wir ihn nicht gefunden haben.�</p><p>Beide bemerkten in diesem Augenblick, dass sie ihre H�nde noch ineinander verschlungen hielten. Verlegen l�sten sie sie, und Gerardo entfernte sich ohne ein weiteres Wort, doch mit klopfendem Herzen.</p><p>Er sp�rte Fiammas Augen auf seinem R�cken, dennoch widerstand er der Versuchung, sich noch einmal umzudrehen. Verwirrt dachte er an sein Gel�bde, erwog die M�glichkeit, das M�nchshabit aufzugeben und sich zu verheiraten, erinnerte sich an die Tatsache, dass er diese wundersch�ne junge Frau mit der Narbe im Gesicht niemals um ihre Hand bitten konnte, nachdem er ihren Vater als M�rder entlarvt hatte. In diese Gedanken versunken, prallte er gegen einen Passanten, der in die entgegengesetzte Richtung lief. Der Mann, seiner Kleidung nach ein Edelmann, lie� einen Hagel von Beschimpfungen gegen ihn h�ren. Er hatte bereits den Befehl auf den Lippen, dass seine beiden Diener dem Tagtr�umer eine Lektion erteilen sollten, als ein paar Schritte weiter jemand losschrie.</p><p>�Das ist er!�, br�llte Gerardos ehemaliger Hauswirt und zeigte anklagend mit dem Finger auf ihn. �Der hat mein Haus angez�ndet! Packt ihn! Brandstifter!�</p><p>Gerardo wich der ersten Wache aus, die versuchte, ihn zu packen, und rannte los. Aus dem Augenwinkel sah er noch, wie Fiamma auf die Stra�e lief und versuchte, sich zwischen ihn und seine Verfolger zu stellen, doch erfolglos. Pl�tzlich packte ihn jemand an der Schulter, er fiel zu Boden und erkannte einen der beiden Diener des Edelmanns �ber sich. Kurz danach hatte der andere ihn ebenfalls eingeholt und versetzte ihm einen Fu�tritt in die Seite, dann noch einen und einen dritten.</p><p>Unter Schmerzen h�rte Gerardo Fiamma schreien und dachte, dass nun alles verloren war. Er w�rde nicht zwischen der g�ttlichen oder der irdischen Liebe w�hlen m�ssen, sondern am Galgen enden.</p><empty-line/><p>�Verhaftet? Und in wessen Namen bitte?�, fragte Mondino und stellte sich sch�tzend vor Adia. �Es ist mir nicht bekannt, dass der Capitano del Popolo sich Halunken bedient, um Gerechtigkeit zu �ben.�</p><p>Der Mann warf sich in die Brust und dr�ckte den R�cken durch. �Ich bin Guido Arlotti, Beamter f�r besondere Aufgaben in Diensten von Pater Uberto da Rimini, Inquisitor von Bologna. Lasst Euch widerstandslos die H�nde binden; dann wird auch niemand verletzt.�</p><p>Einer seiner Begleiter nahm ein St�ck Schnur, das er statt eines G�rtels um sein Gewand gebunden hatte, aber er wartete erst auf Befehle und r�hrte sich nicht. Mondino sah sich nach einem Fluchtweg um. Guido Arlotti stand zwar in den Diensten des Inquisitors, doch ob es sich hier um einen offiziellen Auftrag handelte, war sehr fraglich. Die Kirche exponierte sich nicht gern in solchen Angelegenheiten und w�rde nicht offen die Justiz der Stadt �bergehen, indem sie einen Beamten schickte, um ihn zu verhaften. Guido Arlotti musste diese List ausgeheckt haben, um ihn gefahrlos fesseln zu k�nnen. Dann wollte er ihn f�r das Bad im Kanal b��en lassen und w�rde Adia etwas antun. Seine beiden Begleiter verschlangen sie bereits mit den Augen.</p><p>Sichtlich unbeeindruckt und nicht im Geringsten ver�ngstigt, trat die Alchimistin einen Schritt vor und sagte gelassen: �Verschwindet sofort, dann geschieht euch kein Leid.�</p><p>Die beiden Schergen lachten lauthals, schienen sich aber doch etwas unwohl in ihrer Haut zu f�hlen und sahen zu ihrem Anf�hrer hin�ber.</p><p>�Glaubt Ihr wirklich, Ihr k�nntet uns mit Euren Hexenk�nsten erschrecken?�, sagte Guido Arlotti ver�chtlich. Dann ging er entschlossen auf Mondino zu.</p><p>Statt einer Antwort stie� Adia einen langen Pfiff aus und rief etwas auf Arabisch. Die drei schauten sich verbl�fft an, aber ihre Verwirrung w�hrte nur kurz, denn hinter ihnen dr�ngten sich die zwei grauen Molosser nebeneinander durch die T�r. Ohne ein Jaulen oder ein Knurren st�rzten sie sich auf die M�nner und packten sie mit ihren Z�hnen an den Schultern.</p><p>In einem Augenblick f�llte sich der Raum mit Schreien und L�rm. Guido Arlotti, der vor seinen Komplizen stand, drehte sich um, um zu sehen, was da vorging. Mondino nutzte diese Gelegenheit, um sich auf ihn zu st�rzen und seinen Arm, mit dem er die Waffe hielt, festzuhalten. Der andere f�hrte einen Hieb gegen ihn, aber Mondino gelang es, Guido ein Knie in den Unterleib zu rammen, so dass diesem der Dolch entglitt. Beide gingen zu Boden und rollten ineinander verschlungen durch den Raum.</p><p>Mondino wusste weder, was um ihn herum geschah, noch, wo Adia war. Ob die Hunde oder die M�nner die Oberhand behalten hatten, vermochte er nicht zu sagen. Er sah nur die gro�en H�nde von Guido, die versuchten, ihn zu schlagen, ihm ein Auge auszukratzen oder ihn an der Kehle zu packen, und er konzentrierte seine ganze Aufmerksamkeit darauf, ihn daran zu hindern. Es gelang ihm, seinen Gegner mit dem Ellenbogen unterhalb des Wangenknochens zu treffen und ihm ein w�tendes Knurren zu entlocken. Doch Mondinos Triumph w�hrte nur kurz, da Guido ihm einen heftigen Kopfsto� versetzte, durch den er beinahe die Besinnung verlor, doch seltsamerweise war es Arlotti, der nun vor Schmerz schrie und von ihm ablie�. W�hrend er keuchend auf dem Boden lag und versuchte aufzustehen, sp�rte Mondino die Klinge des Dolchs unter seiner Hand. Er packte ihn und setzte sich auf, benommen, aber bereit, sich zu verteidigen.</p><p>Mit grimmig zusammengepressten Kiefern und dem Dolch in der Hand sah er sich um. Guido Arlottis Spie�gesellen lagen blutend und verletzt auf dem Boden. Ihre Kleidung war zerfetzt, und sie hatten auch ihre Dolche nicht mehr, die nun auf dem Tisch hinter Adia lagen. Die beiden Molosser bewachten sie lautlos mit ihren roten Augen und dem traurig h�ngenden Maul. Sie schienen bereit, bei der kleinsten Bewegung von ihnen sofort loszuspringen. Guido Arlotti sa� auf dem Boden und massierte sich zitternd vor Wut den Nacken. Adia Bintaba hatte ihm einen Stock �ber den Kopf gezogen und sah ihn nun herausfordernd an.</p><p>Trotz ihrer Lage konnte Mondino nicht umhin, sie in dieser kriegerischen Pose wundersch�n zu finden. Er stand m�hsam auf, klopfte sich den Staub vom Gewand und ging zu Guido. �Werdet Ihr uns jetzt sagen, wer Euch schickt und warum?�, sagte er drohend.</p><p>Der Mann spuckte ihm vor die F��e. �Zur H�lle mit Euch und dieser Hure!�</p><p>Mondino beugte sich hinunter und wollte ihn am Hals packen, doch Adia hielt ihn auf, indem sie mit dem Stock seine Brust ber�hrte.</p><p>�Das reicht�, sagte sie. �Ihr habt schon gen�gend Unruhe in mein Haus gebracht.�</p><p>Mondino hatte nicht die Absicht, in dieser angespannten Situation Befehle von ihr entgegenzunehmen. �Verzeiht�, sagte er und beherrschte sich nur m�hsam. �Ich muss aber unter allen Umst�nden wissen, warum mir dieser Mann seit gestern Abend wie ein Schatten folgt. Es ist au�erordentlich wichtig.�</p><p>�Was in meinem Hause wichtig ist, entscheide ich�, erwiderte Adia. �Ihr drei, raus mit euch. Sonst sage ich meinen Mastinos, sie sollen euch angreifen.�</p><p>Sie hob gebieterisch den Stock, worauf die beiden M�nner auf der anderen Seite des Zimmers vorsichtig und unter Schmerzen aufstanden. Einem war der halbe Arm zerfleischt worden, der andere verlor Blut aus dem Oberschenkel. Guido Arlotti hatte als einziger keine Bisswunden, daf�r jedoch zahllose Bluterg�sse im Gesicht und auf den Armen. Mondino konnte sich denken, dass er selbst keinen Deut besser aussah.</p><p>�Madonna�, sagte er etwas h�flicher. �Die Informationen, �ber die dieser Mann verf�gt, sind �beraus wichtig f�r mich. Es kann sogar eine Frage von Leben und Tod sein.�</p><p>Adia sagte zwei Worte auf Arabisch, daraufhin kamen die Hunde zu ihr und legten sich zu ihren F��en hin. �Geht�, sagte sie dann zu den drei Angreifern. �Und zwar schnell, bevor ich es mir anders �berlege.�</p><p>Die drei schwankten hastig zur T�r, und im Nu waren sie unter den wachsamen Blicken Adias und der Hunde drau�en. Als sie so weit entfernt waren, dass sie sich sicher f�hlte, schrie Guido Arlotti: �Wir sehen uns wieder, Hexe! Du wirst auf dem Scheiterhaufen brennen mitsamt deinen H�llenhunden!�</p><p>Dann drehte er sich um und schloss zu den anderen auf, die zu �bel zugerichtet waren, um laut Rache zu schw�ren.</p><p>�Es war ein Fehler, sie gehen zu lassen�, sagte Mondino, w�hrend er die drei M�nner beobachtete, wie sie sich entfernten. �Jetzt seid Ihr ebenfalls in Gefahr.�</p><p>�Und was h�tte ich Eurer Meinung nach tun sollen?�, erwiderte Adia. Sie legte den Stock auf den Boden und beugte sich �ber ihre beiden Mastinos, um sie auf Verletzungen zu untersuchen. �Sie t�ten?�</p><p>�Nein, aber ��</p><p>�Was aber? Wie h�tte ich sie sonst daran hindern k�nnen, dem Inquisitor von mir zu erz�hlen? Die korrekte Anwendung von Alchimie sieht keine Morde vor, Magister. Ich dachte, ich h�tte mich klar genug ausgedr�ckt.�</p><p>�Und was werdet Ihr nun tun?�</p><p>Adia schaute sich traurig im Zimmer um. Zahlreiche B�cher waren zu Boden gefallen und die Bank war umgeworfen, doch die seltsame Ordnung, die Mondino bei seiner Ankunft aufgefallen war, schien durch den Angriff der Fremden nicht weiter gest�rt worden zu sein.</p><p>�Ich habe mich hier wohl gef�hlt�, sagte sie mit einem Hauch von Wehmut in der Stimme. �Aber jetzt ist der Moment gekommen, unverz�glich von hier wegzugehen.�</p><p>�Ihr wollt sofort gehen?�, fragte Mondino �berrascht. �F�r immer?�</p><p>�Ein Mann, der offenbar im Dienste der Inquisition steht, hat mich gerade beschuldigt, eine Hexe zu sein. Das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen, meint Ihr nicht auch?�</p><p>Sie hatte Recht, obwohl die Gefahr vielleicht nicht so unmittelbar bevorstand, wie sie zu glauben schien. Uberto da Rimini hatte im Augenblick nichts als den Prozess gegen die Tempelritter im Kopf, und bevor er Lust haben w�rde, sich mit einer Frau vom Land zu besch�ftigen, die er f�r eine einfache Kr�uterhexe halten musste, w�rde einige Zeit vergehen.</p><p>�Und Ihr lasst alles hier zur�ck? All dieses � Wissen.� Mondino hatte kein besseres Wort gefunden, um das zu beschreiben, was er sah.</p><p>Adia l�chelte. �Ich werde so viel wie m�glich mit mir nehmen. Das �brige hinterlasse ich den Besitzern des Hauses zum Ausgleich f�r das, was ich ihnen noch schulde. Mir bleibt keine Zeit, zu ihnen zu gehen und abzurechnen.�</p><p>�Und wohin wollt Ihr jetzt?�</p><p>�Zum Hafen von Corticella. Jemand, dem ich vertraue, wird mich dort aufnehmen, bis ich einen Platz auf einem Schiff nach Venedig gefunden habe. Und was ist mit Euch?�</p><p>�Wie meint Ihr das?�</p><p>�Der R�ckweg nach Bologna ist nicht sicher. Diese M�nner schienen zwar zu �bel zugerichtet, um etwas zu unternehmen, aber sie k�nnten Euch dennoch an einer einsamen Stelle auflauern. Und Ihr allein h�ttet nur geringe Chancen gegen sie, selbst wenn sie unbewaffnet sind.�</p><p>Mondino hatte eine seltsame Traurigkeit bei der Nachricht beschlichen, dass Adia f�r immer fortgehen w�rde. Doch bei diesen Worten flammte seine Wut erneut auf.</p><p>�Wenn mir diese Gefahr droht, verdanke ich das nur Euch, weil Ihr sie habt gehen lassen�, sagte er trocken.</p><p>�Genau das wollte ich Euch gerade sagen�, erwiderte Adia gelassen. �Ich f�hle mich in gewisser Weise f�r Eure Sicherheit verantwortlich, deshalb biete ich Euch an, mit mir gemeinsam zu gehen. Zu zweit und mit den Hunden wird uns nichts geschehen.�</p><p>�Aber ich muss in die entgegengesetzte Richtung.�</p><p>Sie seufzte ungeduldig. �Seid Ihr wirklich so begriffsstutzig oder tut Ihr das absichtlich, um mich zu �rgern? Es stimmt, Ihr macht einen Umweg, aber daf�r bringt Ihr nicht Euer Leben in Gefahr. Von Corticella aus k�nnt Ihr ein Boot auf dem Navile-Kanal nehmen, um nach Bologna zur�ckzukehren. Insgesamt werdet Ihr h�chstens eine Stunde verlieren. Habt Ihr es denn so eilig?�</p><p>�Nein, Euer Entschluss hat mich nur �berrascht. Wenn ich an mein Heim, an meine B�cher denke � Kann man das alles wirklich so einfach zur�cklassen?�, fragte Mondino eindringlich. �Ohne Trauer, ohne weiter daran zu denken?�</p><p>Adias Blick verlor sich. �Das war nicht das erste Mal, dass ich fliehen und alles zur�cklassen musste. Obwohl ich zum christlichen Glauben konvertiert bin, bin ich �berall, wohin ich gehe, nur geduldet�, fuhr sie mit einem verkrampften L�cheln fort. �Wenigstens sehe ich so immer wieder neue Orte, lerne die Welt kennen und begegne vielen Menschen, die wie ich nach der Wahrheit suchen.�</p><p>Mondino wollte sie eigentlich fragen, welche Wahrheit sie meinte, aber dies war weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt daf�r.</p><p>�Ich nehme Euer Angebot an, Madonna�, sagte er und gab sich einen Ruck. �Wenn Ihr erlaubt, werde ich Euch beim Packen helfen.�</p><p>Adias Lippen �ffneten sich zu einem L�cheln. �Das ist das erste freundliche Wort, seit Ihr hierhergekommen seid.�</p></section><section><title><p><strong>DREIZEHN</strong></p></title><empty-line/><p><strong>G</strong>erardo h�rte in der Ferne einen Riegel im Schloss und �ffnete die Augen. In der Zelle war es jedoch stockfinster. Sein Gesicht war von den Fausthieben und Fu�tritten stark angeschwollen, und bei jeder Bewegung sp�rte er starke Schmerzen.</p><p>Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Jetzt bemerkte er wieder den stechenden Kotgeruch, der von einer Schicht fauligem Stroh in der Ecke aufstieg. Er war ihm bereits aufgefallen, als er die Zelle betreten hatte. Gerardo hatte sich auf den nackten Boden gelegt, m�glichst weit von diesem Haufen Unrat entfernt, und nach einer Weile hatte nicht einmal die Sorge um die eigene verzweifelte Lage ihn vom Schlafen abhalten k�nnen.</p><p>Bei dem Versuch aufzustehen stie� er sich den Kopf. Er hatte nicht bedacht, dass die Decke weniger als f�nf Fu� hoch war und man dort nicht stehen konnte. Luft kam durch eine kleine �ffnung neben der T�r, die auch dazu diente, dem Gefangenen das Essen durchzureichen. Zumindest nahm Gerardo das an, denn seit seinem Eintreffen hatte man ihm weder Trank noch Speise gegeben.</p><p>Zun�chst hatte man ihn zusammen mit vier oder f�nf anderen Leuten in einer gew�hnlichen Zelle untergebracht. Sp�ter hatten ihn zwei riesige H�scher abgeholt und ohne weitere Erkl�rungen in diese winzige Kammer gesperrt, die fr�her wohl als Abstellraum gedient hatte und in eine Einzelzelle umgewandelt worden war, als man im Palazzo des Podest� die st�dtischen Gef�ngnisse eingerichtet hatte.</p><p>Von diesem Moment an blieb Gerardo allein und wartete im Dunkeln darauf, dass man ihn verh�rte.</p><p>Die T�r �ffnete sich, und auf der Schwelle erschienen zwei Wachen, die so gro� waren, dass sie den kleinen Raum nicht gemeinsam betreten konnten. Einer von ihnen packte ihn bei den Handgelenken und zerrte ihn nach drau�en. Die pl�tzliche Helligkeit blendete den Templer schmerzhaft, und Gerardo kniff die Augen fest zusammen. Die beiden packten ihn unter den Achseln, hoben ihn an und schleiften ihn mit solcher Brutalit�t mit sich, dass seine F��e kaum den Boden ber�hrten. Sie kamen an einigen Gemeinschaftszellen vorbei, aus denen es intensiv nach Schwei� und Ausscheidungen stank, aus einer roch es sogar nach Verwesung. Gerardo fragte lieber nicht, wohin sie gingen. Er wusste, dass er statt einer Antwort nur Schl�ge erhalten h�tte. Sie gingen eine kurze Holzstiege hinab und danach eine Steintreppe. Als der Gefangene merkte, dass das Licht schw�cher wurde, wagte er es, wieder die Augen zu �ffnen: Sie waren in einem unterirdischen Gelass angekommen, offensichtlich die Folterkammer.</p><p>Er war sehr �berrascht, als er den Podest� h�chstpers�nlich vor sich sah und neben ihm den Capitano del Popolo. Gerardo kannte sich im Prozesswesen nicht sonderlich aus, aber selbst ihm war bewusst, dass daran etwas merkw�rdig war. Die Verhaftung eines der Brandstiftung angeklagten Studenten war eigentlich nicht so wichtig, dass man daf�r den Podest� pers�nlich bem�hen musste.</p><p>Dennoch war Gerardo entschlossen, sich nicht einsch�chtern zu lassen. Obwohl er von den Schl�gen noch halb bet�ubt gewesen war, hatte er sich in den vorangegangenen Stunden eine Verteidigungsstrategie ausgedacht, die zwar sehr simpel, andererseits aber auch schwer zu widerlegen war: Er w�rde alles leugnen.</p><p>Den Brand konnte er nicht abstreiten. Aber es gab andererseits auch keine Beweise daf�r, dass er ihn gelegt hatte. Niemand hatte gesehen, wie er das Haus betreten hatte, niemand hatte seine Flucht �ber die D�cher beobachtet. Gegen ihn sprach einzig und allein der Umstand, dass er nach dem Brand verschwunden war und sich danach nicht mehr beim Hausherrn gemeldet hatte, um von ihm eine Erkl�rung zu verlangen, oder bei einem Richter, um eine Entsch�digung einzufordern, da seine gesamte Habe den Flammen zum Opfer gefallen war. Warum hatte er sich so verhalten, w�rde man ihn fragen, wenn er doch unschuldig war?</p><p>Gerardo hatte vor zu behaupten, er sei an diesem Abend nicht zu Hause gewesen und h�tte, nachdem er von dem Brand erfahren hatte, beschlossen, sich zu verstecken, aus Angst, man k�nnte ihn zu Unrecht beschuldigen.</p><p>Keine sonderlich gute Verteidigung, aber es war auch nicht leicht, ihm das Gegenteil zu beweisen. Er musste auf jeden Fall einer Verurteilung entgehen. Brandstiftung wurde als gegen die Stadt gerichtetes Verbrechen angesehen und streng bestraft. Erst vor wenigen Monaten hatte man einen Brandstifter geblendet, nachdem man ihm hei�es Blei �ber die Schultern gegossen hatte.</p><p>Gerardos gesamter Plan beruhte auf der These, dass man ihn nicht foltern w�rde - doch der Ort, an dem er sich nun befand, sprach gegen diese Annahme.</p><p>Er schwieg, wie es sich f�r einen Gefangenen geh�rte, doch insgeheim beobachtete er Enrico Bernadazzi aus Lucca, der dieses Halbjahr das Amt des Podest� bekleidete. Der b�rtige Mann mit dem ovalen Gesicht starrte auf irgendeinen Punkt oberhalb seines Kopfes, als w�re er in tiefsinnige Gedanken versunken. �ber dem kn�chellangen, gelben Gewand aus feiner Wolle trug er einen blauen �rmellosen �berrock und eine Kopfbedeckung aus Stoff, die durch ihre graue Farbe entfernt an einen Helm erinnerte. Seine elegante Erscheinung passte eindeutig nicht zu diesem feuchten, schmutzigen Raum, der mit lauter furchterregenden Maschinen und Gegenst�nden angef�llt war.</p><p>Allm�hlich wurde das Schweigen immer belastender, aber Gerardo wartete geduldig mit gesenktem Haupt, bis ihn der Podest� mit seinem toskanischen Tonfall ansprach: �Seid Ihr Francesco Salimbene aus Imola, Student der Medizin?�</p><p>Gerardo versuchte, sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Sie hatten also noch nicht herausgefunden, wie er wirklich hie�.</p><p>�Ja, Exzellenz.�</p><p>�Wisst Ihr, warum Ihr verhaftet worden seid?�</p><p>�Ja, Exzellenz. F�r einen Brand, den ich gelegt haben soll, aber ich bin unschuldig.�</p><p>Der Capitano del Popolo Pantaleone Buzacarini wechselte einen schnellen Blick mit dem Podest�, dann �bernahm er das Reden.</p><p>�Ihr seid nicht unschuldig. Ein Zeuge hat beobachtet, wie Ihr in der Brandnacht das Haus betreten habt, aber keiner hat Euch wieder herauskommen sehen.� Er seufzte, als w�re er es leid, immer wieder Verbrecher davon �berzeugen zu m�ssen, dass ihre Lage ausweglos war. �Euer Schicksal ist besiegelt, Messere. Wir k�nnen leicht andere Zeugen finden, die Euch belasten, und dar�ber hinaus sind wir �berzeugt, dass Ihr unter Folter schon gestehen werdet.� Der Mann hatte ein kantiges Gesicht und einen kr�ftigen K�rper und war ungef�hr so gro� wie Gerardo. Sein dunkler �berrock, der die kurze, soldatisch anmutende Tunika und die Beinlinge mit den schwarz-roten L�ngsstreifen bedeckte, raschelte, als er mit einer ausholenden Geste auf die im Raum verteilten Folterinstrumente deutete. Das Seil zum Aufh�ngen - dies war die am meisten angewandte Folter; sie z�hlte zu den leichteren Martern, denn durch sie wurden nur die Glieder ausgerenkt. Aus dem Augenwinkel erkannte Gerardo auch das Rad und das Glutbecken f�r Eisen und Zangen, in dem zum Gl�ck jedoch kein Feuer brannte. Der Gefangene erschauerte unwillk�rlich, was dem aufmerksamen Auge des Capitano nicht entging.</p><p>�Aber dies ist ein Zivilprozess!�, protestierte er. �Der Einsatz von Folter ist gegen das Gesetz.�</p><p>�Der Brand des Hauses aus der Kirchengemeinde von Sant�Antonino ist Eure geringste Sorge, glaubt mir�, sagte der Podest� und strich sich �ber den Bart. �Der Inquisitor Uberto da Rimini, der �ber Eure Verhaftung unterrichtet wurde, verlangt, dass Ihr ins Dominikanerkloster �berf�hrt werdet, aber die Gr�nde f�r diese Anfrage sind �u�erst mysteri�s. Bevor wir ihr entsprechen, wollen wir wissen, wessen Euch die Inquisition genau beschuldigt. Ihr k�nnt es uns freiwillig sagen oder unter der Folter. Das bleibt Eure Entscheidung.�</p><p>Gerardo schwieg. Sein Verstand arbeitete fieberhaft, aber sosehr er sich auch bem�hte, er konnte sich nicht entscheiden, was er darauf antworten sollte. Mondino hatte ihm bereits erkl�rt, wessen ihn der Inquisitor beschuldigen wollte: des Mordes an Wilhelm von Trier und an Angelo da Piczano, mit der Hilfe von schwarzer Magie und eines Teufelspaktes. Aber das sollte er lieber nicht sagen, selbst wenn er unschuldig war, denn diese Anklage wog deutlich schwerer als die wegen Brandstiftung. Au�erdem w�rde er mit jedem derartigen Gest�ndnis Mondino mit hineinziehen, und das wollte er unter allen Umst�nden vermeiden: Abgesehen von den moralischen Erw�gungen war der Arzt nun seine einzige Hoffnung auf Rettung. Nur wenn Mondino den wahren M�rder fand, w�rde Gerardo entlastet werden. Denn eines war sicher: Allzu lange w�rde Gerardo den Podest� oder den Capitano del Popolo kaum von seiner Unschuld �berzeugen k�nnen.</p><p>Zun�chst musste er auf Zeit spielen und weiter alles abstreiten.</p><p>�Ich habe nichts zu sagen�, erkl�rte er mit fester Stimme und sah erst dem Podest� und dann dem Capitano del Popolo in die Augen, �au�er, dass ich mich des Verbrechens f�r unschuldig erkl�re, dessen Ihr mich anklagt.�</p><p>Die beiden schauten sich an. Pantaleone Buzacarini kratzte mit dem Finger an einem kleinen wei�en Fleck auf einem der schwarzen Streifen seiner Beinlinge.</p><p>�Wie Ihr bemerkt haben werdet, Messere�, erwiderte der Capitano dann und sah ihm direkt ins Gesicht, �haben wir Euch hierherbringen lassen, ohne dass ein Richter oder Henker zugegen ist. Wir hofften, die Angelegenheit im Guten l�sen zu k�nnen. Ihr sagt uns, was wir wissen wollen, und wir bieten Euch die Sicherheit auf einen gerechten Prozess und eine eher milde Strafe. Ich frage Euch jetzt zum letzten Mal: Warum ist der Inquisitor so an Euch interessiert?�</p><p>Gerardo begann zu verstehen. Die Stadtregierung von Bologna, die zwar zum Teil welfisch und damit dem Papsttum wohlgesinnt war, konnte es nur schwer ertragen, dass die Inquisition sich in die Rechtssprechung einmischte. Der Mord an dem deutschen Tempelritter unterlag zun�chst dem �blichen Strafrecht und fiel damit in den Zust�ndigkeitsbereich des Podest�. Der Capitano del Popolo hatte Mondino die Erlaubnis erteilt, die Leiche des Deutschen zu untersuchen, weil er sich dar�ber ge�rgert hatte, dass die Inquisition sich anma�te, in diesem Mord zu ermitteln.</p><p>Man hatte ihn hierhergebracht, um ihm mit dem Anblick der Folterinstrumente Angst einzujagen, und jetzt wollten sie ihn mit der Aussicht auf eine milde Strafe k�dern, weil sie ahnten, dass hinter seiner Anklage mehr als eine einfache Brandstiftung steckte, sonst w�re das Interesse des Inquisitors an ihm nicht so gro�. Sie wollten unter allen Umst�nden in Erfahrung bringen, was die Inquisition ihm vorwarf, damit sie geeignete Gegenma�nahmen ergreifen konnten und verhindern, dass man ihnen vielleicht vorwarf, sie w�ren ihren Amtspflichten nicht nachgekommen.</p><p>Allerdings konnte Gerardo sich nicht auf ein schlichtes m�ndliches Versprechen verlassen, das die beiden Edelleute ohne weiteres leugnen konnten, sobald sie das Gew�nschte erfahren hatten. Zu viel stand auf dem Spiel. Es ging nicht nur um sein eigenes Wohl, sondern um das �berleben eines der ruhmreichsten kirchlichen Orden. W�rde er dem Handel des Capitano del Popolo zustimmen, g�be es keine Rechtfertigung mehr f�r alles, was er bisher getan hatte. Die Brandstiftung, das Verbergen der Leiche von Angelo da Piczano, der Tod des armen verkr�ppelten Jungen, die L�gen, die Flucht � Vor allem aber w�rde Gerardo sich selbst nicht mehr in die Augen sehen k�nnen, denn er k�nnte sich dann nur noch als gemeiner Verbrecher ohne ein h�heres Ziel sehen.</p><p>�Ich habe nichts zu sagen�, wiederholte er.</p><p>Pantaleone Buzacarini machte einen Schritt nach vorn und versetzte ihm einen Faustschlag ins Gesicht. Gerardo, der schon durch die Pr�gel vor seiner Verhaftung und von dem Aufenthalt in der Zelle geschw�cht war, schlug die H�nde vors Gesicht und sank wie ein nasser Sack zu Boden. Er sp�rte, wie warmes Blut aus seiner Nase durch seine Finger rann und sein ohnehin schon schmutziges Gewand befleckte.</p><p>�Habt Ihr denn immer noch nicht begriffen, dass Euch gar keine Wahl bleibt?�, fuhr ihn Pantaleone w�tend an. �Gleich werdet Ihr es aber gewisslich verstehen. Ich werde den Henker und den Notar holen lassen. Dann werdet Ihr uns schon sagen, was wir wissen wollen, das garantiere ich Euch.�</p><p>Er wandte sich zum Gehen, doch der Podest� hielt ihn mit einer Handbewegung zur�ck. Einen Moment lang bewegte sich niemand und in dem unterirdischen Raum herrschte Stille, so dass, wenn auch nur ged�mpft, die Alltagsger�usche aus den Stockwerken �ber ihnen zu h�ren waren. Rufe, T�renschlagen, Riegel, die auf- oder zugeschoben wurden.</p><p>�Wir k�nnen es uns nicht erlauben, den Inquisitor offen herauszufordern�, sagte Enrico Bernadazzi und l�chelte verschlagen. �Aber mir ist eben eingefallen, wie wir erfahren k�nnen, was wir wissen wollen, ohne mit der Kirche in Konflikt zu geraten. Lasst den Gefangenen wieder in seine Zelle bringen.�</p><p>Der Capitano del Popolo �ffnete eine T�r, und kurz darauf betraten die beiden riesigen Wachen den Raum. Gerardo wurde wieder fortgeschleift und erfuhr so nicht mehr, was dem Podest� eingefallen war. Aber es machte kaum einen Unterschied, ob er von einem weltlichen oder einem kirchlichen Henker gefoltert w�rde.</p><empty-line/><p>Gleich nach dem Mittagessen gesellte sich Uberto da Rimini zum Prior vor die Basilika und gab sich leutselig, w�hrend er mit ihm die Arbeiten am neuen Glockenturm beobachtete, die in diesen Tagen nach �ber einem Monat Stillstand aufgrund finanzieller Probleme wieder aufgenommen wurden. Damit schienen alle Hindernisse aus dem Weg ger�umt, und der Prior war davon �berzeugt, dass der Campanile in einigen Jahren, und zwar im Jahre des Herrn 1313, geweiht werden k�nnte.</p><p>Zwischen den Gesteinsbl�cken auf der Baustelle wimmelte es nur so von in Sackleinen gekleideten Tagel�hnern und Hilfsarbeitern, unter denen die Maurermeister in ihren bequemen, aber eleganten Gew�ndern und die schwarz-wei�en Kutten einiger Dominikaner hervorstachen.</p><p>�Er wird wundersch�n�, sagte der Prior mit einem kindlichen L�cheln. Der Mann war gro� und kr�ftig - er �berragte Uberto um einen ganzen Kopf -, aber ausgesprochen einf�ltig. Sein einziges Lebensziel, so schien es, war, dass er einmal in den Kirchenb�chern als Erbauer des neuen Campanile genannt w�rde. �Genau dies hat unserer Kirche zu ihrer Vollendung noch gefehlt.�, sagte er begeistert.</p><p>�Ich stimme Euch zu�, erwiderte Uberto. Um nicht schmutzig zu werden, hatten sie sich in sicherer Entfernung von der Baustelle an eine niedrige Mauer gestellt, die den mit Flusskieseln gepflasterten Kirchplatz vom Friedhof hinter der Basilika trennte. �Ich bin davon �berzeugt, dass der Erzbischof bei seiner Ankunft beeindruckt sein wird.�</p><p>Der Prior err�tete sofort. �Wie habt Ihr davon erfahren?�, fragte er schuldbewusst, ohne den Versuch zu machen, es zu leugnen.</p><p>Uberto hatte Teile eines Gespr�chs zwischen dem Verwalter und dem K�chenbruder belauscht, die sich �ber einige zus�tzliche G�ste beim Abendbrot unterhalten hatten. Doch er verlor keine Zeit mit Erkl�rungen und beantwortete die Frage mit einer Gegenfrage.</p><p>�Warum habt Ihr mich nicht dar�ber unterrichtet?�</p><p>�Der Bote ist erst heute Morgen eingetroffen�, erwiderte der gro�e Mann und wich seinem Blick aus, �wir waren selbst �berrascht. In der Eile der Vorbereitungen muss es mir wohl entgangen sein, Euch zu benachrichtigen.�</p><p>Vielleicht entsprach das der Wahrheit, aber es war nicht gesagt. Uberto vermutete, dass der Erzbischof ihm einen �berraschungsbesuch abstatten wollte und daher den Befehl gegeben hatte, sein Kommen nicht vorher anzuk�ndigen. In jedem Fall h�tte er sich keinen unpassenderen Moment aussuchen k�nnen, um Ubertos Pl�ne zu durchkreuzen.</p><p>Er sah hin�ber zur Zelle des heiligen Dominikus, die inzwischen zu einer Kapelle umgebaut war. �Das macht nichts�, sagte er und t�uschte Gleichg�ltigkeit vor. �Ich h�tte nur gern die Zeit gehabt, mich auf den Besuch vorzubereiten.�</p><p>Der Prior nickte und entschuldigte sich erneut, um zu beobachten, wie das, was er als seine �Sch�pfung� bezeichnete, langsam Gestalt annahm. Uberto sann inzwischen eifrig nach einem Weg, wie er diesem schlimmen Schicksalsschlag begegnen konnte. Er hatte darum gebeten, dass der der Brandstiftung beschuldigte Student in die Haft des Klosters �berf�hrt w�rde, damit er ihn in Ruhe befragen und ihm mit allen Mitteln ein Gest�ndnis entrei�en konnte. Er hatte zwar damit gerechnet, dass irgendjemand dem Erzbischof sein Vorgehen hinterbringen w�rde, aber einkalkuliert, dass dies einige Zeit dauern w�rde. Und wenn Rinaldo erst einmal vor vollendeten Tatsachen stand, w�rde er sich ihm kaum mehr in den Weg stellen k�nnen, ohne mit Clemens V. selbst in Konflikt zu geraten. Doch nun musste Uberto erfahren, dass der Erzbischof bereits heute Abend in Bologna eintreffen w�rde. Und dass er nicht im Palazzo des Bischofs Quartier beziehen w�rde oder in der Komturei des Templerordens, wo er vor drei Jahren gemeinsam mit den Erzbisch�fen von Pisa und Cremona den Prozess er�ffnet hatte, sondern im Dominikanerkloster. Selbstverst�ndlich hatte dies den Prior nicht erstaunt, er war nur gl�cklich, ein weiteres denkw�rdiges Ereignis in die Register eintragen zu k�nnen. Welche Ehre: ein Besuch des Erzbischofs von Ravenna w�hrend seines Priorats!</p><p>Rinaldo bestand sicher darauf, dass das Verh�r nach dem Gesetz durchgef�hrt w�rde - damit w�rde er jedoch nichts Brauchbares herausfinden. Uberto sah nur einen Ausweg: Er musste seine Bitte um Herausgabe des Gefangenen auf die Zeit nach dem Besuch des Erzbischofs verschieben. Allerdings barg auch diese M�glichkeit Schwierigkeiten. Zun�chst einmal wusste er nicht, wie lange der Erzbischof zu bleiben gedachte. Einen Tag, vielleicht aber auch eine Woche. Und Uberto wollte den Gefangenen nicht zu lange in den H�nden des Podest� lassen. Wenn er wegen Brandstiftung verurteilt w�rde, konnte er bald tot sein oder zumindest nicht mehr in der Lage zu sprechen.</p><p>Gl�cklicherweise wusste im Konvent niemand au�er ihm von der Verhaftung des jungen Mannes. Dadurch gewann er etwas Zeit zum Nachdenken, dennoch musste er schnell eine Entscheidung treffen.</p><p>Uberto wollte sich schon vom Prior verabschieden, als auf dem Kirchplatz ein junger Amtsdiener erschien, der sich, als er sie entdeckte, gleich in ihre Richtung wandte. Uberto nahm an, dass er Neuigkeiten vom Podest� f�r ihn brachte. Was immer er ihm zu sagen hatte, der Prior durfte nichts davon erfahren. Uberto wollte dem Amtsdiener entgegengehen, doch der Prior hielt ihn am Arm zur�ck und l�chelte milde. �Lasst ihn zu uns kommen, Pater�, sagte er. �Ich kenne Eure Bescheidenheit, doch die Hierarchie muss eingehalten werden.�</p><p>Ehe Uberto etwas erwidern konnte, hatte der Amtsdiener sie schon erreicht. Er verneigte sich, �bergab dem Inquisitor ein zusammengerolltes Pergament mit dem Siegel des Podest� und zog sich unverz�glich respektvoll zur�ck, damit dieser es in Ruhe lesen konnte.</p><p>�Ich habe den Befehl, gleich eine Antwort mitzunehmen�, sagte er. �Wenn Ihr Euch zum Schreiben ins Kloster begeben wollt, kann ich hier darauf warten.�</p><p>Uberto nickte und unterbrach den Mann mit einer Handbewegung, dankbar f�r den Vorwand, unter dem er sich entfernen konnte. �Es geht schneller, wenn Ihr gleich mit mir kommt�, sagte er. Dann wandte er sich an den Prior. �Ich bitte Euch, mich zu entschuldigen�, sagte der Inquisitor schnell und wandte ihm den R�cken zu, ohne ihm die M�glichkeit f�r eine Antwort zu geben.</p><p>W�hrend sie zum Tor des Klosters liefen, erbrach er das Siegel und begann, den Brief zu lesen. Der Podest� von Bologna, Enrico Bernadazzi, stimmte seiner Bitte zu, Francesco Salimbene zu verh�ren. Da der verhaftete Student jedoch eines Verbrechens gegen die Stadt beschuldigt wurde, konnte er der Bitte um Verlegung in die Kerker des Dominikanerklosters nicht entsprechen. Der Inquisitor m�sste sich schon ins Stadtgef�ngnis begeben, wenn er ihn verh�ren wolle, und das ausschlie�lich in Anwesenheit des Podest�, des Capitano del Popolo und eines Notars.</p><p>Auf den schmalen Lippen Ubertos erschien ein L�cheln. Sicher glaubte der Podest�, ihn mit diesem Brief zu ver�rgern - und unter normalen Umst�nden w�re das auch der Fall gewesen. Doch im Augenblick schien ihm die M�glichkeit, den Gefangenen ohne den Erzbischof zu verh�ren, wie eine Antwort des Himmels auf seine Gebete. Und vielleicht war dem ja auch so.</p><p>Nun hing jedoch alles davon ab, dass die Gefangensetzung Salimbenes geheim blieb und schnell etwas geschah. Er musste unverz�glich handeln.</p><p>�Ich werde dem Podest� meine Antwort pers�nlich geben�, sagte er dem Boten. �Ich begleite Euch in den Palazzo.�</p><p>Er bedeutete dem Mann, er solle vorangehen, und folgte ihm. Aus dem Augenwinkel bemerkte er den neugierigen Blick des Priors, der aufzuhorchen schien. Konnte es sein, dass er der mysteri�se Spion Rinaldos war, der ihn �ber jede seiner Bewegungen auf dem Laufenden hielt? Er konnte es sich nicht vorstellen, doch inzwischen war dies unwichtig geworden. Wenn er den Gefangenen zu einem Gest�ndnis brachte, w�rde ihm Rinaldo da Concorezzo keine Kn�ppel mehr zwischen die Beine werfen k�nnen.</p><p>Unterwegs riss der Inquisitor das Pergament in kleine Fetzen, und als sie �ber eine der zahlreichen Br�cken den Savena �berquerten, warf er sie ins Wasser. Er sah, wie die Schnipsel vom Strom fortgetragen wurden, kleine wei�e Flecken voller schwarzer Tintenschn�rkel.</p><p>Wie eine winzige Flotte von Dominikanern, die zur Verteidigung des Glaubens herbeieilte.</p><p>Als Gerardo h�rte, wie sich die T�r �ffnete, dachte er, die Wachen w�ren gekommen, um ihn zu holen, und stellte sich innerlich schon auf die Folter ein. Er wusste nicht, ob und wie lange er ihr widerstehen w�rde, und w�nschte sich nur, dass er nicht beim ersten Schmerz zusammenbrechen w�rde wie ein kleiner Junge.</p><p>Er hatte die Augen geschlossen, damit ihn das pl�tzliche Licht in seiner Zelle nicht blendete. Da h�rte er eine M�nnerstimme sagen: �Ihr k�nnt eintreten, aber bleibt nicht zu lange.� Als N�chstes nahm Gerardo einen f�r diesen Ort ungew�hnlichen Geruch wahr: den Duft von sauberer W�sche und duftenden Haaren. Den Duft einer Frau.</p><p>�berrascht riss er die Augen auf und musste sie geblendet sofort wieder schlie�en. Was er in dem kurzen Moment gesehen hatte, ergab keinen Sinn.</p><p>�Schmerzt Euch das Licht in den Augen?�, fragte Fiamma. �Wenn Ihr wollt, l�sche ich die Lampe.�</p><p>Sie musste sie mit etwas abgedeckt haben, denn jetzt war der Schein schw�cher. Gerardo �ffnete erneut seine Augen und sah, wie sie mit einem schlichten wei�en Gewand und einem Schleier auf dem Kopf �ber dem schmutzigen Fu�boden auf ihren Fersen hockte. Sie hatte die Lampe hinter sich neben die T�r gestellt. Gerardo sch�mte sich entsetzlich f�r sein Aussehen und den bei�enden Gestank, der die Zelle erf�llte. Er bemerkte ihn kaum noch, aber Fiamma schon, denn sie presste sich ein Taschentuch aus Leinen vor den Mund.</p><p>�Das Licht ist jetzt gut so, danke, Madonna�, brachte er stammelnd zwischen den geschwollenen Lippen hervor. �Warum seid Ihr gekommen?�</p><p>�Freut Ihr Euch denn nicht, mich zu sehen?�, fragte sie ihn.</p><p>Gerardo sch�ttelte den Kopf. �So ist es nicht. Selbstverst�ndlich freue ich mich. Aber jetzt wei� man, dass Ihr mich kennt, und man k�nnte Euch befragen, um von Euch etwas �ber mich zu erfahren. Ich w�rde es nicht ertragen, wenn man Euch meinetwegen ein Leid zuf�gen w�rde.�</p><p>Instinktiv streckte Fiamma eine Hand aus, um ihm �ber das Gesicht zu streicheln, dann zog sie sie sofort wieder zur�ck. In dieser winzigen Zelle waren sie zu einer unschicklichen N�he gezwungen, und trotz der Schmerzen in seinen Knochen und Muskeln regten sich in Gerardo Gef�hle, die ihn in Verlegenheit brachten.</p><p>Die junge Frau hatte auf den Boden einen kleinen Korb gestellt, aus dem sie ein Leinentuch und einen Krug Wasser holte. Sie tauchte einen Zipfel ins Wasser und begann, Gerardos Gesicht vorsichtig von Schmutz und verkrustetem Blut zu s�ubern.</p><p>�Sie werden mir nichts tun, nur keine Sorge�, sagte sie. �Der Capitano del Popolo hat bei Remigio hohe Schulden und war sehr erfreut, mir diesen Besuch bei Euch im Austausch f�r einen Brief zu gestatten, der ihm den Erlass dieser Schuld best�tigt.�</p><p>�Das durftet Ihr nicht tun!�, rief Gerardo. �Euer Vater ��</p><p>�Remigio ist nicht mein Vater�, unterbrach ihn Fiamma heftig. �Das habe ich Euch bereits gesagt. Und au�erdem ist er verschwunden, wie Ihr wisst. Wenn er wiederkehrt, <emphasis>falls</emphasis> er je wiederkehrt, kann er meine Entscheidung nur noch zur Kenntnis nehmen. Ich habe seine Unterschrift so gut gef�lscht, dass nicht einmal er es bemerken w�rde.� Nach einer kurzen Pause f�gte sie hinzu: �Ich h�tte alles getan, um Euch besuchen zu k�nnen.�</p><p>Gerardo sp�rte, wie sein Herz bei diesen Worten schneller schlug, doch er blieb stumm. �berrascht bemerkte er, dass die Vorstellung, sein Gel�bde zu brechen, ihm auf einmal gar nicht mehr so schrecklich erschien. Vielleicht lag es daran, dass ihm der Tod drohte. Fiamma hatte die S�uberung seines Gesichts beendet, zog ihre Hand zur�ck und legte das schmutzige Tuch auf den Boden. Nur bei ihrer heftigen Bemerkung �ber Remigio hatte sie das Taschentuch vom Mund genommen, sonst hielt sie es sich weiter vors Gesicht.</p><p>�Ich habe Euch etwas zu essen und frisches Wasser zum Trinken mitgebracht�, sagte sie und stellte den Korb vor ihn hin. �Bitte, bedient Euch.�</p><p>Gerardo holte eine abgedeckte Sch�ssel hervor, in der sich eine noch lauwarme Suppe befand. Er st�rzte sie gierig hinunter und genoss ihren reichhaltigen, w�rzigen Geschmack. Dann nahm er das gro�e St�ck Fleisch am Boden der Sch�ssel in die Hand und verschlang auch dieses zusammen mit einer Scheibe Brot. Fiamma beobachtete ihn hinter ihrem Tuch beim Essen mit einem Ausdruck, der ihn an seine Mutter erinnerte. Schlie�lich trank Gerardo die H�lfte des Wassers im Krug und sparte sich den Rest f�r sp�ter auf.</p><p>�Danke�, sagte er. �Das tat gut.�</p><p>�Kann ich noch etwas f�r Euch tun?�</p><p>Gerardo wollte schon ablehnen, doch jetzt, wo er sich gest�rkt hatte, f�hlte er sich wacher und kr�ftiger, und zum ersten Mal kam ihm in den Sinn, in welcher Lage er Hugues de Narbonne zur�ckgelassen hatte.</p><p>�Eines g�be es da schon, Madonna.�</p><p>�Sprecht nur.�</p><p>Gerardo erkl�rte ihr in wenigen Worten, ohne zu sehr auf Einzelheiten einzugehen, dass Hugues in der vergangenen Nacht am Kopf verletzt worden war, Mondino ihn operiert hatte und sie ihn ans Bett fesseln und knebeln mussten, um ihn ruhigzustellen.</p><p>�Dann haben wir ihn genau so zur�ckgelassen, aus Gr�nden, die ich Euch nicht erkl�ren werde�, sagte er. �Ich gedachte, ihn am Nachmittag zu befreien, nachdem ich mit Eurem Vater gesprochen hatte. Dann wurde ich verhaftet und hatte ihn bis zu diesem Moment vergessen.�</p><p>�W�nscht Ihr, dass ich nach ihm sehe?�</p><p>Gerardo z�gerte. �Wenn keiner zu ihm geht, k�nnte er sterben. Ich habe mich dort mit meinem Magister verabredet, aber allein kommt er nicht herein. Da ich �berzeugt war, ich w�rde vor ihm dort eintreffen, habe ich ihm nicht gesagt, wo der Schl�ssel versteckt ist.�</p><p>�Sorgt Euch nicht, ich werde dort auf ihn warten.�</p><p>Gerardo erinnerte sich an die Blicke, die Hugues in Remigios Haus auf die junge Frau geworfen hatte, und pl�tzlich erschien ihm die Vorstellung, sie in die H�hle des L�wen zu schicken, keine so gute Idee, selbst wenn der Franzose jetzt schwach und verletzt war.</p><p>�Aber denkt daran�, ermahnte er sie mit ernstem Blick, �wartet, bis Mondino eintrifft, ehe Ihr ihn losbindet. Wir haben Grund zu der Annahme, dass Hugues de Narbonne nicht der ist, der zu sein er vorgibt.�</p><p>�Nur keine Angst, ich werde aufpassen�, versicherte Fiamma ihm. �Ich werde mich von den beiden Dienern meines Vaters begleiten lassen. In diesen Tagen bleibt die Bank geschlossen.�</p><p>Gerardo erkl�rte ihr daraufhin, wo das Haus lag und wo er den Schl�ssel versteckt hatte. �Ich danke Euch von Herzen f�r Eure Freundlichkeit, Madonna�, sagte er und bem�hte sich zu l�cheln. �Gott wei�, wie ich diese im Moment brauchen kann.�</p><p>Fiamma nickte, doch sie blieb ernst und schien an etwas anderes zu denken. Sie schwieg einen Moment, als m�sste sie einen inneren Kampf mit sich selbst ausfechten. �Nun, ich bin nicht nur deshalb gekommen�, sagte sie dann. �Ich muss mit Euch reden.�</p><p>�Wor�ber?�</p><p>��ber mich.�</p><p>�berrascht brachte Gerardo nur heraus: �Ich h�re.�</p><p>Fiamma schwieg lange, dann holte sie tief Luft. �Das hier hat mir kein Arzt zugef�gt, der einen Katarakt entfernen wollte�, sagte sie, nahm das Taschentuch vom Mund und zeigte ihm ihre linke Gesichtsh�lfte. Im flackernden Schein der �llampe schien die Narbe wie eine wei�liche Schlange vom Auge bis zum Kinn zu zucken. Gerardo war best�rzt. Doch was f�r eine Rolle spielte die Narbe in diesem Moment? Die junge Frau schien zu aufgew�hlt, um sich in zusammenh�ngenden S�tzen auszudr�cken.</p><p>�Das habe ich allen erz�hlt, auch Remigio�, fuhr Fiamma fort. So zusammengekauert, die H�nde auf den Knien gefaltet, wirkte sie fast wie ein kleines M�dchen. �Ich musste es vergessen.�</p><p>Die junge Frau sch�ttelte den Kopf, als k�nnte sie nicht fortfahren, dann dr�ckte sie sich wieder das Taschentuch vor den Mund. Sie schien in Tr�nen ausbrechen zu wollen, doch sie konnte nicht weinen. Ihre Brust hob und senkte sich unter dem d�nnen Gewand.</p><p>�Madonna, ich bitte Euch, beruhigt Euch!�, sagte Gerardo. Seinem Gef�hl folgend beugte er sich zu ihr hin�ber und nahm sie in den Arm.</p><p>Fiamma stie� einen Schrei aus, als h�tte jemand sie gebissen. Sie wich zur�ck und steckte eine Hand in den G�rtel, den sie um die Taille trug, w�hrend Gerardo sie erschrocken beobachtete und schon glaubte, sie wolle einen Dolch hervorziehen. Stattdessen holte die Frau einen bestickten kleinen Beutel hervor, der drei Dinge enthielt: ein Blatt Hadernpapier, einen Bogen Pergament und eine Art Heft, das kleinste, das Gerardo je gesehen hatte. Sie wollte es ihm erst in die Hand dr�cken, doch dann entschied sie sich anders und legte alles auf den schmutzstarrenden Boden zwischen sie beide.</p><p>�Das erste Blatt ist ein Brief f�r Euch�, sagte sie. �Das Heft ist mein Tagebuch aus l�ngst vergangener Zeit, und das Pergament ist nutzlos, aber ich wei�, dass Ihr danach gesucht habt. Lest bitte den Brief und das Tagebuch. Ich m�chte, dass Ihr mich versteht und mir vielleicht sogar verzeiht.�</p><p>Dann rief sie die Wachen, um sich die T�r �ffnen zu lassen, nahm den Korb mit dem Geschirr und verlie� sichtlich aufgew�hlt und ohne ein Wort des Abschieds die Zelle. Sie wandte sich nicht einmal mehr um.</p><p>Gerardo war wieder allein. All der Trost, dass er endlich etwas gegessen und getrunken hatte, war dahin, und er f�hlte ein schweres Gewicht auf seinem Magen lasten. Er nahm den Brief, der sehr kurz war. Als er ihn gerade zu Ende gelesen hatte, h�rte er wieder das Ger�usch von Schritten auf dem Gang. Hastig befeuchtete er die Finger mit Speichel, l�schte die Lampe und versteckte alles an dem einzig m�glichen Platz: unter dem dreckigen Stroh.</p><p>�Komm von selbst heraus, ohne dass wir dich holen m�ssen�, sagte einer der Wachen, als er den Riegel zur�ckschob. �Der Inquisitor erwartet dich.�</p><p>Gerardo kroch auf allen vieren aus der Zelle und richtete sich langsam auf. Die beiden lie�en ihn dieses Mal zwischen sich laufen, ohne ihn mit Gewalt fortzuschleifen.</p><empty-line/><p>Hugues de Narbonne starrte mit weit ge�ffneten Augen in die Dunkelheit und machte sich allm�hlich Sorgen. Als er wieder erwacht war, hatte er sich an alles erinnert, wenn auch etwas verworren, als h�tte er es nur getr�umt: Gerardo hatte ihn nach Hause begleitet, dann hatte er ihn allein gelassen und war mit dem Arzt zur�ckgekehrt. Hugues erinnerte sich an schreckliche Kopfschmerzen und ein merkw�rdiges Gef�hl, wie von Luft im Gehirn. Der Arzt musste ihm den Sch�del aufgebohrt haben und dabei war er sicher ohnm�chtig geworden.</p><p>Die Operation war offenbar gegl�ckt, da er jetzt wieder bei klarem Verstand war, auch wenn er immer noch st�ndig stechende Kopfschmerzen hatte. Aber warum hatten sie ihn nicht losgebunden, als sie das Haus verlie�en? War es m�glich, dass sie hinter sein Geheimnis gekommen waren?</p><p>Hugues war im Geiste jeden Winkel des Hauses auf Beweise durchgegangen, die Gerardo und Mondino gefunden haben konnten, aber er war �berzeugt, dass es keine gab. �berhaupt nichts. S�mtliche B�cher, Dokumente und Gegenst�nde, die ihn h�tten verraten k�nnen, waren sicher in Toledo versteckt, wohin er umgezogen war, nachdem er die Komturei der Tempelritter in Tortosa verlassen hatte.</p><p>Leider hatte er in der Zwischenzeit einem menschlichen Bed�rfnis nachgeben m�ssen, und der Gestank seines eigenen Kots widerte ihn an.</p><p>Dem schw�cheren Licht nach, das durch die geschlossenen Fenster hereinfiel, musste es bereits Nachmittag sein. Warum kam niemand? Wollten sie ihn hier etwa an Hunger und Durst sterben lassen? Nein, das ergab keinen Sinn. Sie hatten keinen Grund, ihn umzubringen - und w�re dem doch so, h�tten sie l�ngst kurzen Prozess mit ihm gemacht und bestimmt keine Zeit damit vergeudet, ihn am Kopf zu operieren. Nein, offensichtlich hatten sie vor zur�ckzukehren, aber es musste ihnen etwas dazwischengekommen sein.</p><p>Er versuchte, an den Seilen zu ziehen, mit denen er an die vier Bettpfosten gefesselt war; es war jedoch nichts zu machen, die Knoten waren genau gebunden. Auch der Knebel war so sorgf�ltig an seinem Kopf befestigt, dass er sich bei Hugues� Versuch, sich davon zu befreien, noch tiefer in seinen Mund geschoben hatte. Hugues konnte nur ein leises Winseln hervorbringen, das durch die geschlossenen Fensterl�den drau�en wohl kaum zu h�ren war.</p><p>Au�erdem wurden die Kopfschmerzen unertr�glich, sobald er sich bewegte oder zu schreien versuchte.</p><p>Ersch�pft lie� er sich gegen das Betthaupt sinken. Er versuchte zu schlafen, um wieder zu Kr�ften zu kommen, aber in dieser Haltung war das fast unm�glich. Zu dem st�ndigen Pochen im Kopf gesellten sich Schmerzen an den Handgelenken, den Kn�cheln und den Schultern. Sobald sein Kopf nach vorn auf die Brust sank, wachte er auf, fiel dann wieder in einen leichten, unruhigen Schlaf und erwachte von neuem.</p><p>In einem dieser Momente, als er halbwach vor sich hin d�mmerte, glaubte er, ein Ger�usch zu h�ren. Auf einen Schlag war er hellwach. All seine Sinne spannten sich an.</p><p>Noch ein Ger�usch. Eine T�r, die sich schloss.</p><p>Jemand hatte das Haus betreten. Gerardo oder Mondino oder vielleicht alle beide. Auf diesen Moment hatte Hugues gewartet, aber es war noch zu fr�h, um zu erkennen zu geben, dass er wach war. Als Erstes musste er die beiden dazu bringen, ihn loszubinden. Wenn sie sahen, dass er noch schlief, w�rden sie vielleicht die Knoten l�sen, zumindest hoffte er das. Und solange er nicht wusste, was sie vorhatten, w�rde er vorgeben, bewusstlos zu sein. Als Hugues Schritte h�rte, schloss er die Augen und lie� den Kopf nach vorn auf die Brust sinken.</p><p>�Guten Tag, Herr Ritter�, sagte eine Frauenstimme.</p><p>�berrascht verga� Hugues seine Vors�tze und �ffnete schlagartig die Augen. Vor ihm stand Fiamma, die Tochter des Bankiers, mit einer Kerze in der einen und einer Stofftasche in der anderen Hand. Die beiden hatten sie geschickt, damit sie ihm half. Hugues de Narbonne f�hlte Erleichterung in sich aufsteigen.</p><p>�Als ich h�rte, dass Ihr verletzt seid, bin ich so schnell wie m�glich gekommen�, sagte die junge Frau. �Zum Gl�ck seid Ihr noch am Leben.�</p><p>Es war sehr freundlich von ihr, sich um ihn zu sorgen. Als er sie so betrachtete, hatte Hugues den Eindruck, dass sie ihn an jemanden erinnerte. Vielleicht hatte er ihre Mutter in Tortosa kennen gelernt - im K�nigreich von Aragon hatte er zahllose galante Abenteuer erlebt. Obwohl er sich an eine so sch�ne Frau, wie sie Fiammas Mutter gewesen sein musste, sicher erinnert h�tte.</p><p>Die junge Frau z�ndete mit der Flamme eine zweite Kerze an, die in einer Tonschale auf einer Truhe stand. Dann lie� sie ein paar Tropfen Wachs auf das Holz tropfen und dr�ckte ihre Kerze dort neben der anderen fest. Schlie�lich schob sie die Truhe neben das Bett.</p><p>�So kann ich besser sehen�, erkl�rte sie. �Ich m�chte nicht danebenschneiden.�</p><p>Als er in dem helleren Licht die Kotflecken auf der Matratze sah, sch�mte sich Hugues auf einmal. Das war sicher nicht die beste Situation f�r die Begegnung mit einer jungen Frau. Sobald sie ihn befreit hatte, w�rde er ein Fenster �ffnen, um den Gestank hinauszulassen, und dann w�rde er sich waschen gehen.</p><p>Fiamma nahm ein Messer aus der Stofftasche und n�herte sich ihm. Hugues war etwas verwirrt, als er sah, dass sie es auf seine Brust gerichtet hielt und sich nicht den Seilen zuwandte, die seine Handgelenke fesselten, doch als sie begann, sein Gewand zu zerschneiden, entspannte er sich. Nat�rlich, sie wollte nicht diese blut- und kotverschmierten Kleider ber�hren. Sie schnitt sie lieber auf und lie� sie auf das Bett fallen. So w�rde sie ihn zwar nackt sehen, aber wenn es ihr nichts ausmachte, hatte Hugues nichts dagegen. Trotz seines Alters war sein K�rper immer noch fest und muskul�s, und nichts, dessen er sich sch�men musste. Zu schade, dass er das Bett verschmutzt und immer noch diese schrecklichen Kopfschmerzen hatte. Sonst h�tte er sie sofort an sich gezogen, sobald sie ihn losgebunden hatte. Aber das konnte er ja immer noch tun, sobald er sich gewaschen und gest�rkt hatte, dachte er mit dem Anflug eines L�chelns.</p><p>Fiamma legte seinen kr�ftigen Oberk�rper frei, den ein dichter blonder Pelz bedeckte, in dem nur ein paar wenige wei�e Haare zu finden waren. Dann fuhr sie mit dem Messer weiter nach unten und schnitt das ganze Gewand auseinander. Nur die Beinlinge lie� sie unber�hrt. Sie war wirklich eine Sch�nheit mit diesen seidigen Haaren, dem intensiven Blick und den vollen Br�sten, die sich unter der wei�en Tunika abzeichneten. Selbst die Narbe, die ihr Gesicht verunstaltete, konnte ihre Sch�nheit nicht mindern.</p><p>Die junge Frau entfernte sich von ihm und leerte den Inhalt der Stofftasche auf der Truhe aus. Sie holte verschiedene Metallgegenst�nde hervor, die auf der Holzplatte klirrten. Warum schnitt sie nicht endlich die Fesseln an seinen Handgelenken durch? Hugues versuchte zu sprechen, aber der Knebel verwandelte seine Worte in unverst�ndliches Jammern.</p><p>Fiamma wandte sich ihm zu und starrte ihm lange wortlos in die Augen. Dann sagte sie: �Die anderen musste ich erst niederschlagen und dann mit einem L�hmungstrank bewegungsunf�hig machen. Ihr seid freundlicherweise bereits geknebelt und gefesselt.�</p><p>Da endlich begriff Hugues. Mit dieser Klarheit des Geistes, die oft dem Tode vorausgeht, kam ihm auf einmal wieder eine tief versch�ttete Erinnerung an ein entstelltes M�dchen in den Sinn. Er hatte sie bislang nicht wiedererkannt, weil er sie f�r tot gehalten hatte und weil die Frau, die vor ihm stand, nicht mehr das zierliche kleine M�dchen von damals war. Nun wusste er: Sie hatte Angelo da Piczano und Wilhelm von Trier get�tet. Und jetzt war er an der Reihe.</p><p>W�hrend Fiamma wieder mit dem Messer n�her kam und seine Haut aufschnitt, schrie er aus Leibeskr�ften, bis er keine Luft mehr in den Lungen hatte. Doch hinter dem Knebel kam nur ein erb�rmliches Winseln heraus.</p><p>Nachdem Fiamma ihr Werk vollendet hatte, ging sie in die K�che, zog die blutverschmierten Kleider aus und wusch sich sorgf�ltig in der Sch�ssel, die sie schon mit Wasser gef�llt hatte, als sie gekommen war. Obwohl ihre Rache nun beinahe vollzogen war, empfand sie keine Befriedigung. Sie war m�de und viel trauriger, als sie es sich in all den Jahren vorgestellt hatte, in denen sie jede Einzelheit geplant hatte.</p><p>Sie trocknete sich mit einem Hanflumpen ab, der an einem Haken neben dem Ofen hing, holte saubere Kleider aus ihrer Tasche und zog sie �ber: ein dunkelbraunes Gewand, eine Bluse und eine wei�e Haube. Unauff�llige Kleider, mit denen sie sich unter die Menge mischen konnte, sobald die Leute von dem Mord erfahren hatten. Ehe sie ging, kehrte sie noch einmal zur T�r des Schlafzimmers zur�ck und bewunderte ihr Werk. Hugues de Narbonne war der Anf�hrer gewesen, ohne den die anderen vielleicht gar nicht so weit gegangen w�ren. Er hatte es verdient, am meisten zu leiden. Ehe sie ihn get�tet hatte, hatte sie ihm erz�hlt, wer sie war, und hatte sich an der Panik in seinen Augen geweidet, w�hrend sie seine Haut mit dem Messer einritzte und die Konturen der Schnitte zog, die sie dann mit der S�ge ausf�hren wollte. Sie hatte ihm sogar die Maden gezeigt, die sp�ter von seinem Gehirn fressen w�rden. Hugues war immer noch ans Bett gefesselt, in derselben Position, in der sie ihn vorgefunden hatte. Das Zimmer war �ber und �ber mit Blut bedeckt. Das eiserne Herz erbl�hte in seiner Brust wie eine Blume des B�sen, und die Sch�deldecke mit dem, was von seinen blonden Locken �brig geblieben war, ruhte auf seinen Geschlechtsteilen. Der ge�ffnete Kopf, den sie kurz �ber den Augen aufges�gt hatte, war voller wei�licher Larven, wie sie in den Kadavern streunender Hunde entstehen.</p><p>Fiamma hatte jahrelang Zeit gehabt, dar�ber nachzudenken, wie sie die M�nner t�ten w�rde. Allen sollte das Herz in Eisen verwandelt werden, als Zeichen, dass sie keine Gnade oder Mitleid kannten, und dar�ber hinaus sollte jeder ein anderes Zeichen f�r seine ganz besondere Schuld erhalten. Angelo, der die Gewalttat eigentlich verhindern wollte und dann doch nicht eingeschritten war, wurden die H�nde abgetrennt daf�r, dass er tatenlos zugeschaut hatte. Wilhelm, dem alten Mann, der ihr Gesicht entstellt hatte, hatte sie es mit derselben M�nze heimgezahlt und ihm ein Kreuz ins Gesicht geritzt. Und Hugues, dessen krankes Hirn Tod und Folter angeordnet hatte, hatte nun den Kopf voller Maden.</p><p>In Gedanken hatte sie die drei M�nner Pilatus, Longinus und Kaiphas getauft, wie die M�rder Christi. Der erste hatte sich die H�nde vom Blut des Erl�sers reingewaschen, der zweite hatte ihm eine Seite mit der Lanze durchbohrt und der dritte war die treibende Kraft f�r seine Ermordung. Und obwohl sie wusste, dass sie sich nicht mit Gottes Sohn vergleichen durfte, f�hlte sie sich ihm doch �hnlich in ihrer vergewaltigten Unschuld. Fiamma sah sich als ein Opferlamm, das seinem Schicksal hilflos ausgeliefert war.</p><p>Ohne zu z�gern kehrte sie nun der Leiche den R�cken und verlie� das Haus. Die T�r lie� sie offen. Die Stra�e war voller Leute, und die Nachmittagssonne �berflutete alles mit einem warmen Goldton. Fiamma holte tief Luft und stie� einen schrecklichen Schrei aus. Dann lief sie los und rief laut, dort l�ge ein Toter mit aufgeschnittenem Brustkorb und einem Herzen, das in einen Eisenblock verwandelt war. Sogleich machte sich auf der Stra�e eine Aufregung breit, und die Menge wuselte durcheinander wie ein Ameisenhaufen, in dem man mit einem Stecken herumgestochert hatte: Alle liefen ziellos umher, viele rannten nach Haus, die H�ndler schlossen ihre L�den, die Papierh�ndler versuchten, ihre Stapel Papier und Hefte in Sicherheit zu bringen, ehe die Menge darauf herumtrampelte, die Frauen schrien, und die Nachricht von dem neuen Toten mit einem eisernen Herzen verbreitete sich wie ein Lauffeuer.</p><p>Fiamma ging ungest�rt davon, die Tasche �ber der Schulter. Jetzt musste sie noch einen Menschen t�ten, doch f�r diesen Tag hatte sie genug getan.</p></section><section><title><p><strong>VIERZEHN</strong></p></title><empty-line/><p><strong>U</strong>berto da Rimini betrachtete den jungen Mann vor sich mit unverh�llter Befriedigung. Zuerst hatte er die verschwundene Leiche gefunden und jetzt auch noch denjenigen, der sie weggebracht hatte, nachdem er den Mann get�tet und Feuer im Haus gelegt hatte. Schon bald w�rde der Erzbischof alle Beweise bekommen, die er wollte.</p><p>Er brauchte nur noch ein Gest�ndnis.</p><p>Mit einem Anflug von Wut stellte sich Uberto das asketische Gesicht von Rinaldo di Concorezzo vor, wenn er sagte: �<emphasis>Wir haben eine Leiche und einen Brandstifter. Doch wo sind die Beweise, dass die Leiche sich wirklich in dem Haus befand und dass der Brandstifter auch der M�rder ist?</emphasis>�</p><p>Rinaldos Besessenheit, das Gesetz zu beachten, grenzte an Naivit�t, um nichts Schlimmeres zu sagen. Wer w�rde schon freiwillig gestehen, ein Verbrechen ver�bt zu haben, das ihn direkt auf den Scheiterhaufen brachte?</p><p>�Ihr seid also Francesco Salimbene�, sagte Uberto ruhig. �Der Tempelritter, der in der Wohnung in der Kirchengemeinde von Sant�Antonino lebte, die vor zwei Wochen niedergebrannt ist. Gebt Ihr das zu?�</p><p>�Ich gebe zu, dass ich in dieser Wohnung gelebt habe, Vater, aber ich bin ein Medizinstudent, kein Tempelritter.�</p><p>�Aber Angelo da Piczano, den Ihr bei Euch aufgenommen hattet, war ein Templer. Wo h�tte ein von der Inquisition gesuchter Tempelritter Unterschlupf gesucht, wenn nicht bei einem Mitbruder?�</p><p>�Er w�re zu einem Freund gegangen. Ich kannte Angelo und seine Lage, und ich glaubte nicht, das Gesetz zu brechen, wenn ich ihn f�r einige Tage bei mir aufnahm. F�r die weltliche Gerichtsbarkeit hatte er kein Verbrechen begangen.�</p><p>�Tempelritter haben keine Freunde unter dem normalen Volk.�</p><p>�Dies kann ich nicht wissen, aber wenn Ihr es sagt, muss es stimmen. Ich wei� nur, dass er und ich Freunde waren und ich keinen Grund hatte, ihm ein Obdach zu verweigern.�</p><p>Es legte sich eine Stille �ber den Raum, die nur von der kratzenden Feder des Notars zu seiner Linken gebrochen wurde. Dieser schrieb die Fragen und Antworten auf ein Blatt Pergament, das auf der geneigten Fl�che eines Pultes von zwei Eisenw�rfeln gehalten wurde. Uberto erkannte, dass sie auf diese Weise zu keinem Ergebnis kommen w�rden. Er hatte gehofft, den Angeklagten in eine Reihe von kleinen Gest�ndnissen verwickeln zu k�nnen, die ihn langsam und unerbittlich festnageln w�rden. Deshalb hatte er ihn nicht gleich beschuldigt, einen falschen Namen benutzt zu haben. Francesco Salimbene erwies sich jedoch als schlauer, als er gedacht hatte, obwohl er noch so jung war. Es gab nur ein Mittel, um ihn schnell dazu zu bringen, seine Verbrechen zu gestehen � In diesem Palazzo waren Uberto jedoch die H�nde gebunden.</p><p>�K�nntet Ihr uns genau erkl�ren, wessen Ihr diesen jungen Mann beschuldigt, Vater?�</p><p>Die Stimme, der man anh�rte, dass er aus Lucca kam, geh�rte dem Podest� Enrico Bernadazzi. Uberto drehte sich um und sah ihn tats�chlich in der T�r stehen, so elegant gekleidet wie immer. Ihm auf den Fu� folgte Pantaleone Buzacarini, der Capitano del Popolo.</p><p>�So hatten wir das nicht vereinbart, Eure Exzellenz�, wehrte sich der Dominikaner. �Ich habe mich nur deshalb einverstanden erkl�rt, zur Befragung des Gefangenen hierherzukommen, weil man mir versichert hat, ich h�tte dabei alle Freiheiten.�</p><p>�Das habt Ihr nur akzeptiert, weil es keine andere M�glichkeit gab�, sagte der Capitano del Popolo. �Aber unsere Vereinbarungen gelten unver�ndert. Haltet Ihr es wirklich f�r eine Einschr�nkung Eurer Freiheit, uns zu sagen, welcher Vergehen Ihr den Gefangenen beschuldigt?�</p><p>Pantaleone Buzacarini war bekannterma�en ein Ghibelline, der diese Stellung aufgrund der neuen Politik der Welfen bekleidete, die Gegner in die Lenkung der Geschicke der Stadt einzubeziehen, sie aber in der Minderheit zu halten. Bei ihm musste er doppelt vorsichtig sein.</p><p>�Darum geht es nicht�, antwortete Uberto und w�hlte den Weg der Vernunft. �Ich m�chte sie nur lieber nicht erw�hnen, bevor ich etwas Greifbares in H�nden habe. Ich beschuldige ungern jemanden ohne Beweise.�</p><p>�Ich hatte genau das Gegenteil angenommen�, stie� Pantaleone leise zwischen den Z�hnen hervor, woraufhin auf den Lippen des Podest� ein L�cheln erschien - und dies, obwohl der ein unvers�hnlicher Welfe war.</p><p>�Was meintet Ihr gerade?�, fragte Uberto, der es in Wirklichkeit genau geh�rt hatte.</p><p>�Nichts von Bedeutung. Doch sagt mir eins, wenn Ihr nicht einmal dem Gefangenen mitteilt, welches Verbrechens Ihr ihn beschuldigt, wie soll er sich da schuldig bekennen?�</p><p>Uberto h�tte den Capitano del Popolo liebend gern selbst auf das Rad gespannt und gefoltert. Solche respektlosen Verhaltensweisen waren die direkte Folge der Schw�che von Kirchenf�rsten wie dem Erzbischof von Ravenna.</p><p>Er verschr�nkte die Arme vor der Brust seiner wei�en Kutte, die er unter dem schwarzen Umhang mit der Kapuze seines Ordens trug; diese Geste l�ste bei seinen Untergebenen und den Befragten sonst Angst und Schrecken aus.</p><p>�Wie und wann ich es ihm mitteilen werde, entscheide ich, Capitano. Und jetzt, wenn Ihr erlaubt, m�chte ich das Verh�r fortsetzen.�</p><p>Der Notar schrieb nicht mehr mit und beobachtete alle drei von seinem Tisch aus, wobei er sich mit der G�nsefeder am Ohr kitzelte.</p><p>Francesco Salimbene verfolgte seinerseits aufmerksam jedes Wort. �ber sein Gesicht glitten abwechselnd Hoffnung und Entt�uschung wie beim Spiel von Licht und Schatten, das die zwischen Bl�ttern durchscheinende Sonne hervorbringt.</p><p>�Fahrt ruhig fort�, sagte der Podest� und stellte sich hinter dem Notar auf. Pantaleone folgte ihm sogleich. �Wir werden Euch nicht st�ren.�</p><p>Nun machte sich wieder ausschlie�lich Schatten auf dem Gesicht des jungen Mannes breit - Uberto war jedoch zu aufgebracht, um dar�ber Befriedigung zu empfinden. Leider hatte der unversch�mte Capitano Recht. Unter diesen Umst�nden blieb ihm keine andere M�glichkeit, als den Gefangenen zu ihren Bedingungen zu befragen. Und dann musste man auch noch schnell zu einem Ergebnis kommen.</p><p>Doch vielleicht konnte er die Lage ja noch zu seinem Vorteil wenden.</p><p>�Soweit ich wei߫, sagte er, an den Podest� gewandt, und ignorierte den Capitano del Popolo vollkommen, �gibt es schwerwiegende Beweise gegen diesen Mann, dass er ein Brandstifter ist. Dennoch behauptet er, der Brand w�re in seiner Abwesenheit ausgebrochen.�</p><p>�Das ist richtig, aber dieses Verbrechen f�llt in den Zust�ndigkeitsbereich der Stadt.�</p><p>�Und wie wollt Ihr nachweisen, dass er schuldig ist, wo der Angeklagte nicht gesteht?�</p><p>Der Podest� warf ihm einen verbl�fften Blick zu. �Die Beweise gegen ihn sind so belastend, dass sie den Einsatz der Folter rechtfertigen. Aber das wisst Ihr selbst sehr genau.�</p><p>�Dann fahrt doch Ihr mit dem Verh�r fort.�</p><p>�Wollt Ihr damit sagen, dass Ihr lieber darauf verzichtet, ihn zu befragen, als uns zu erkl�ren, wessen Ihr ihn beschuldigen werdet?�</p><p>�Keineswegs�, erwiderte Uberto. �Doch ich habe mich entschieden, aufrichtig zu Euch zu sein. Bei dem Verbrechen, dessen ich ihn beschuldigen werde, handelt es sich um Mord, bei dem auf Hexenk�nste zur�ckgegriffen wurde. Mord, von einem Tempelritter ver�bt, der nach dem Brand in der Gemeinde Sant�Antonino verschwunden ist und dessen Namen ich noch nicht kenne �� Er bemerkte, dass der Capitano del Popolo ihn unterbrechen wollte, und brachte ihn durch einen Blick zum Schweigen. �Ich wei�, dass es dort wirklich einen Mord gegeben hat�, sagte er, um seinem Einwand zuvorzukommen, �da ich die Leiche ausfindig gemacht habe. Kann ich jetzt fortfahren?�</p><p>�Tut das�, mischte sich der Podest� ein.</p><p>�Ich habe die Absicht, diesen jungen Mann, der aller Wahrscheinlichkeit nach nicht Francesco Salimbene hei�t, au�erdem des Mordes an Wilhelm von Trier anzuklagen. Der deutsche Tempelritter wurde tot in einem Wirtshaus in der N�he der Basilika Santo Stefano aufgefunden; sein Herz war in einen Eisenblock verwandelt. Doch um meine Anklagen zu beweisen, muss der Gefangene sich erst schuldig bekennen, den Brand gelegt zu haben. Allerdings werde ich mich jetzt zur�ckziehen, wenn Ihr das f�r angebracht haltet, w�hrend Ihr ihn dazu befragt, und mit anderen Beschuldigungen folgen, wenn er diese Tat gestanden hat.�</p><p>Der Capitano del Popolo klatschte langsam in die H�nde, eine vulg�re Geste, mit der sonst das gemeine Volk seinen Beifall f�r die Darbietungen der Gaukler und B�nkels�nger ausdr�ckte. Uberto, der Podest�, der Notar und sogar der Gefangene drehten sich zu ihm hin und starrten ihn an.</p><p>�Meine Hochachtung, Inquisitor�, sagte Pantaleone. �Ich h�tte Euch nicht f�r so schlau gehalten.�</p><p>�Was meint Ihr damit? Erkl�rt Euch n�her�, griff der Podest� in strengem Ton ein.</p><p>�Jeder wei� doch, dass Erzbischof Rinaldo da Concorezzo den Einsatz von Folter verabscheut�, erkl�rte der Capitano. �Und wie Euch bekannt ist, ben�tigt ein Inquisitor die Erlaubnis des Bischofs, um einen Angeklagten zu foltern. Da der Angeklagte nicht <emphasis>cospectu tormentorum,</emphasis> also bereits beim puren Anblick der Folterinstrumente gestanden hat, will der gute Inquisitor nun uns die Aufgabe �berlassen, ihn zu foltern, um dann die Ergebnisse f�r sich zu nutzen.�</p><p>�Nun und?�, entgegnete Uberto heftig. �Ihr habt mich doch aufgefordert, meine Befragung hier durchzuf�hren, statt mir den Beschuldigten zu �berlassen. Jetzt schlage ich Euch eine Zusammenarbeit vor, die sich sowohl f�r die Kirche als auch f�r die Stadt als Segen erweisen kann. Welche Gr�nde k�nnt Ihr vorbringen, um sie abzulehnen?�</p><p>Der Capitano del Popolo wollte etwas sagen, doch der Podest� hielt ihn auf. �Das gen�gt, Pantaleone. Lasst nicht zu, dass Euer Herz eines Ghibellinen in Konflikt mit der Vernunft ger�t. Sollte der junge Mann tats�chlich dieser Verbrechen gegen die Stadt und gegen die Kirche schuldig sein, w�re es wohl das Beste, im allgemeinen Interesse vereint vorzugehen und alle wechselseitigen Rivalit�ten aus dem Spiel zu lassen. Lasst bitte den Henker rufen.�</p><p>Diesmal konnte sich Uberto selbst nur m�hsam zur�ckhalten, um nicht zu applaudieren. �Wohl gesprochen!�, rief er, w�hrend der Capitano den Raum verlie�.</p><p>Auf seine Worte folgte eine angespannte Stille, die andauerte, bis Pantaleone Buzacarini mit dem Henker zur�ckkam. Uberto zog sich neben den Podest� zur�ck und �berlie� dem Capitano die Aufgabe, den Gefangenen peinlich zu befragen, der seine Version wiederholte und daraufhin sofort mit Zugseilen gefoltert wurde. Der Henker band ihm die H�nde hinter dem R�cken zusammen, befestigte sie an einem Seil, das von einer an der Decke angebrachten Laufrolle herunterhing, und hievte ihn �ber einen Mechanismus von weiteren Laufrollen zwei Arm hoch �ber den Boden. Er gab ihm die Zeit, den Schmerz in den Schultern zu sp�ren, die so einer unnat�rlichen Spannung ausgesetzt waren, dann lie� er auf einen Wink des Capitano hin Seil ab und hielt es kurz darauf abrupt an. Der junge Mann schrie laut vor Schmerzen, als seine hinter dem R�cken gefesselten Arme nach oben gerissen wurden und auszukugeln drohten.</p><p>�Das ist nur der erste Grad�, erkl�rte Pantaleone Buzacarini. �Gesteht lieber gleich, dann bleibt Euch der zweite erspart. Beim dritten gesteht fast jeder.�</p><p>�Nein � Ich habe den Brand nicht gelegt, glaubt mir doch�, antwortete Gerardo mit gepresster Stimme. �Als ich nach Hause kam, habe ich die Flammen gesehen. Da habe ich bef�rchtet, man k�nnte mir die Schuld geben, und ich bin geflohen.�</p><p>Der Notar schrieb Frage und Antwort auf. Der Capitano wandte sich an den Podest�, und als der ihm zunickte, befahl er dem Henker, den Gefangenen noch einmal hochzuziehen. Als das Seil ihn diesmal nach oben zog und �ber dem Boden baumeln lie�, entlockte ihm der Schmerz einige Tr�nen und heftiges St�hnen.</p><p>�Noch k�nnt Ihr Euch den gr��ten Schmerz ersparen�, ermahnte ihn der Capitano. �Gesteht Ihr?�</p><p>�Nein, ich war es nicht�, brachte der junge Mann m�hsam hervor. �Ich bitte Euch, ich bin unschuldig.�</p><p>Der Henker lie� Seil ab und hielt es wieder an. Diesmal endete der Schrei des Gefangenen in einem erstickten Schluchzen.</p><p>�Habt Ihr den Brand in jenem Haus in der Gemeinde Sant� Antonino vor zwei Wochen gelegt?�, fragte der Capitano unger�hrt.</p><p>Uberto, der neben dem Podest� stand, lie� das Gesicht des jungen Mannes keinen Moment aus den Augen und suchte darin nach Anzeichen, dass er aufgeben w�rde. Allm�hlich schien sein Widerstand zu schwinden. Er w�rde bald gestehen. Wenn die Zugfolter ihn erst einmal gebrochen hatte, w�rde er keine Kraft mehr haben, beim Verh�r wegen des zweifachen Mordes Widerstand zu leisten. Und selbst wenn, erreichte er damit nur eines: dass er wieder gefoltert w�rde, bis er ein Gest�ndnis ablegte. Danach konnte man ihn sicher dazu zu bringen, seine Bekenntnisse auch <emphasis>sponte non vi</emphasis>, also ohne die Anwendung der Folter, zu wiederholen. Uberto wusste aus Erfahrung, dass ein Angeklagter - wenn er erst einmal nachgab - nicht mehr die Kraft hatte, sich zu widersetzen. Er tat dann alles, was man von ihm verlangte.</p><p>�Ich bin unschuldig�, bestand der junge Mann und bewies eine ungew�hnliche Beharrlichkeit. �Was diese Anklage betrifft und auch all die anderen, derer mich der Inquisitor beschuldigen will.�</p><p>Der Capitano gab dem Henker einen Wink, der daraufhin erneut das Seil hochzog. In diesem Moment h�rte man hinten auf dem Flur Stimmen und das Ger�usch von Schritten. Ein Wachmann betrat den Raum und meldete, dass jemand dringend nach dem Capitano del Popolo und dem Inquisitor verlangte.</p><p>�Wer?�, fragte Uberto.</p><p>�Ein Dominikaner und ein Papierh�ndler. Der M�nch sagte, er h�tte eine Nachricht des Erzbischofs, der andere will mit Messere Pantaleone sprechen, um ihm ein schreckliches Verbrechen zu er�ffnen.�</p><p>Einen feindseligen Blick wechselnd, verlie�en Uberto und Pantaleone Buzacarini den Raum und folgten der Wache nach drau�en. Die beiden M�nner, die sie dort erwarteten, wirkten ziemlich ver�ngstigt. Als Erster ergriff der Papierh�ndler das Wort. Noch w�hrend sie einige Schritte entfernt waren, konnte er sich nicht mehr zur�ckhalten und rief ihnen zu: �Capitano, im Viertel der Papiermacher hat man einen Mann gefunden, der in seiner eigenen Wohnung an das Bett gebunden war, sein Kopf war voller W�rmer, und anstatt des Herzens hatte er einen Block aus Eisen.�</p><p>Bei diesen Worten blieb Uberto schlagartig stehen. Noch ein Mensch, der auf diese Weise get�tet worden war! Dies entlastete zwangsl�ufig Mondinos Studenten, der diesen Mord nicht begangen haben konnte, da er im Gef�ngnis war. Das ganze Kartenhaus der Anschuldigungen, das er vorbereitet hatte, schien in sich zusammenzubrechen.</p><p>Doch ihm blieb keine Zeit, dar�ber nachzudenken, denn hinter ihm erschien sein Assistent Bruder Antonio. Der junge Mann, der noch ein wenig kleiner war als er, musste gerannt sein, denn er keuchte und schwitzte. Dennoch verbeugte er sich in geb�hrender Form: �Verzeiht die St�rung, Vater�, sagte er leise. �Der Erzbischof ist hier und verlangt dringend nach Euch.�</p><p>�Hat er wirklich �dringend� gesagt?�</p><p>Der M�nch nickte. �Er hat sich schon in Eurem Arbeitszimmer eingerichtet und sieht alle Akten des Prozesses durch, um sich zu versichern, dass es keine Unregelm��igkeiten gibt.�</p><p>Uberto da Rimini hatte noch nie in seinem Leben geflucht, und er tat es nicht einmal in diesem Augenblick. Doch er musste jedes Qu�ntchen Selbstbeherrschung einsetzen, um Gott nicht zu fragen, warum er st�ndig all seine M�hen vereitelte. Es h�tte keine Stunde mehr gedauert, um dem falschen Studenten ein Gest�ndnis zu entrei�en, aber er wagte es nicht, noch l�nger zu verweilen. Nun ging es vor allem darum, sein Vorgehen geheim zu halten, er hatte ja nicht einmal mit Bruder Antonio �ber die Verhaftung gesprochen. Wenn es Gott gefiel, w�rde er morgen zur�ckkehren und die unterbrochene Befragung wiederaufnehmen.</p><p>�Dringende Probleme rufen mich, wie Ihr geh�rt habt�, sagte er deshalb zum Capitano del Popolo, der sich gerade leise mit dem Papierh�ndler unterhielt. �Ich verlange, dass die Befragung unterbrochen und nur in meiner Anwesenheit wiederaufgenommen wird, im Namen der Zusammenarbeit, die uns in diesem Fall vereint.�</p><p>�Das sei Euch gew�hrt� erwiderte der Podest�, der sich zu ihnen gesellte. �Doch ich werde nur bis morgen zur sechsten Stunde auf Euch warten. Dann werde ich alleine fortfahren.� Er drehte sich zum Verh�rraum um, in dem nur noch der Notar und der Henker zur�ckgeblieben waren, und rief: �Man soll dem Gefangenen die Seile abnehmen und ihn wieder in seine Zelle bringen. Wir fahren morgen fort.�</p><p>Uberto verneigte sich kurz vor ihm und eilte im Gefolge von Bruder Antonio davon.</p><p>�Da ist noch etwas�, f�gte der Dominikaner leise hinzu, w�hrend sie aus dem Geb�ude in das Gewirr der L�den eintauchten, die einen guten Teil des Platzes unterhalb des Durchganges ausf�llten und den Fu�g�ngern und Handkarren gerade gen�gend Platz zum Durchkommen lie�en. �Ich wollte nicht vor Fremden mit Euch dar�ber reden.�</p><p>�Worum geht es?�</p><p>�Dieser ehemalige Priester, Guido Arlotti. Er wollte Euch im Kloster aufsuchen und sagte, er h�tte wichtige Neuigkeiten f�r Euch. Er war voller blauer Flecke und seine Kleider waren zerrissen. Weil er Euch nicht angetroffen hat, ist er gegangen, um sich umzuziehen und seine Wunden zu versorgen, aber er hat gesagt, er w�rde sp�ter wiederkommen.�</p><p>Uberto nickte seufzend. Das war zu viel auf einmal; er musste sich einen Moment Zeit nehmen, um sich Klarheit zu verschaffen und zu entscheiden, wie er weiter vorgehen w�rde. Doch daf�r musste er ungehindert handeln k�nnen. Und er hoffte, dass der Erzbischof so schnell wie m�glich dahin zur�ckkehren w�rde, woher er gekommen war.</p><empty-line/><p>Ihr Weg bis zum Hafen von Porticella verlief ruhig und angenehm. Sie folgten dem Ufer des Navile-Kanals zu Land, unter den Schreien der Maultiertreiber, die ihre Tiere antrieben, die Boote stromaufw�rts zu ziehen, und den Pfiffen der Bootsf�hrer, mit denen sie sich warnten, wenn sie einander entgegenkamen. Dass so viele Menschen unterwegs waren, bedeutete an sich schon einen ausreichenden Schutz vor Guido Arlotti und seinen Kumpanen, falls diese vorhatten, sich an ihnen zu r�chen. Doch Adia zweifelte, dass sie in ihrem ramponierten Zustand die Kraft hatten, irgendetwas zu unternehmen, und Mondino stimmte ihr zu.</p><p>Sie liefen hintereinander: zuerst der Esel, vollbeladen mit Gep�ck, das mit festen Netzen aus Seil zusammengeschn�rt war. Dann Adia und Mondino, die das Tier abwechselnd mit einem Klaps auf den R�cken antrieben, wenn es stehen blieb, und dahinter die Hunde, die st�ndig hin und her liefen; sie keuchten, und die Zunge hing ihnen aus dem Maul, doch sie verfolgten jede Bewegung aufmerksam.</p><p>Adia und Mondino redeten wieder �ber den Mord an dem deutschen Tempelritter. Die Alchimistin fragte, ob die Leiche zuf�llig eine kreisf�rmige Wunde wie von einem Pfriem in der Brust h�tte.</p><p>Mondino sah sie an; in seinem Blick mischten sich Verwunderung und Misstrauen: �Woher wisst Ihr das?�</p><p>W�hrend die allgemeinen Informationen �ber die Leiche inzwischen in aller Munde waren, war dieses Detail nicht durchgesickert. Es konnte sogar sein, dass es Mondino als Einzigem aufgefallen war - und das auch nur, weil Angelo da Piczanos Leiche die gleiche Wunde aufwies.</p><p>Adia l�chelte geheimnisvoll. �Nat�rlich dank meiner Hexenk�nste. Haben Euch die Leute, die Euch von mir erz�hlt haben, denn nicht erw�hnt, dass ich die Vergangenheit und die Zukunft zu deuten wei�?�</p><p>�Treibt bitte keinen Scherz mit mir und antwortet auf meine Frage.�</p><p>Adia schlug auf die Kruppe des Esels und schnalzte dazu mit der Zunge. Daraufhin trottete das Tier, das einen Augenblick lang stehen geblieben war und den Kanal zu ihrer Rechten betrachtet hatte, folgsam weiter.</p><p>�Ich habe nur eine Vermutung ge�u�ert, hochgesch�tzter Herr Doktor�, sagte Adia mit einer gewissen Heiterkeit in der Stimme. �Wenn dieser Mann mit einem Pulver get�tet wurde, das Blut in Eisen verwandelt, kann er es nicht in Fl�ssigkeit aufgel�st getrunken haben, das seht Ihr doch genauso, oder?�</p><p>�Das habe ich mir auch schon �berlegt�, sagte Mondino. �Sonst h�tten sich alle Blutgef��e in Eisen verwandeln m�ssen, sobald das Gift durch sie hindurchfloss. Stattdessen waren nur das Herz und die benachbarten Blutgef��e von der Verwandlung betroffen.�</p><p>Dieses Problem hatte ihn aus wissenschaftlicher Sicht am meisten besch�ftigt, und er hatte auch keine Antwort gefunden, als er mit Gerardo und Hugues de Narbonne dar�ber gesprochen hatte.</p><p>�Das bedeutet�, fuhr Adia fort, �dieses Gift, wie Ihr es nennt, wurde direkt ins Herz injiziert. Mit einem hohlen Stilett oder etwas �hnlichem.�</p><p>�Doch so etwas gibt es nicht!� rief Mondino aus. �Ich halte mich �ber alle Neuerungen der Wissenschaft auf dem Laufenden und habe noch nie etwas von einer d�nnen Hohlklinge geh�rt, die fest genug w�re, um ein menschliches Herz zu durchsto�en, ohne sich zu verbiegen.�</p><p>Aus einem Seitenweg zu ihrer Linken kam ihnen ein Bauer entgegen, der einen Karren voller Gem�se hinter sich her zog. Sein Hund, ein kr�ftiger Mischling mit h�ngenden Ohren, fing an, zu knurren und die beiden Molosser anzubellen. Mondino bef�rchtete schon, dass es zu einem Kampf kommen w�rde, doch Adia rief einen kurzen Befehl auf Arabisch, und die Tiere blieben starr am Stra�enrand stehen, ohne die geringste feindliche Regung gegen den Hund des Bauern zu zeigen. Der knurrte und sabberte munter weiter, wagte es jedoch nicht, sich ihnen zu n�hern. Nachdem der Bauer sich vergeblich heiser geschrien hatte, um ihn zu sich zu rufen, lie� er die Stangen des Karrens los und zwang seinen Hund mit Fu�tritten, mit ihm weiterzuziehen. W�hrend sie sich entfernten, bemerkte Mondino, wie er mit der linken Hand eine Geste machte, um Schaden von sich abzuwehren.</p><p>�Die Leute hier glauben, meine Hunde seien vom Teufel besessen, und das nur, weil sie sich vern�nftig verhalten�, erkl�rte Adia schulterzuckend.</p><p>�Dass sie Euren Befehlen aufs Wort gehorchen, �berrascht sogar mich�, entgegnete Mondino.</p><p>�In meiner Heimat hat das Abrichten von Hunden, Pferden und Falken eine tausendj�hrige Tradition�, sagte Adia. �Mein Volk hat vor Jahrhunderten entdeckt, dass sich Gehorsam leichter durch Sanftmut als durch Schl�ge erreichen l�sst.�</p><p>Mondino konnte sich gerade noch zur�ckhalten, dass er nicht etwas Bissiges �ber die islamischen Horden sagte, die �ber das Heilige Land herfielen und wie grausam sie dort gegen die Christen k�mpften.</p><p>�Ihr habt etwas �ber dieses Instrument gesagt�, wechselte er das Thema.</p><p>�Dar�ber gibt es nichts mehr zu sagen��, erwiderte Adia und schien pl�tzlich �bel gelaunt. Diese beschw�rende Geste des Aberglaubens musste sie st�rker verletzt haben, als sie zugeben wollte. �Eine Sache gibt es so lange nicht, bis jemand sie braucht. Und wenn dann der Bedarf daf�r da ist, wird sie fr�her oder sp�ter geschaffen.�</p><p>Mondino dachte nach und kam zu dem Schluss, dass sie Recht haben k�nnte. Kein Arzt hatte bisher eine Arznei direkt ins Blut injizieren m�ssen, doch die Vorstellung war faszinierend. Bestimmt w�rden Heilmittel auf diese Weise wesentlich schneller wirken. Aber um dieses Verfahren anwenden zu k�nnen, musste man erst mehr dar�ber wissen, wie der Blutkreislauf �berhaupt funktionierte. Dieser Gedanke brachte ihn zu seinen gegenw�rtigen Problemen zur�ck und lie� auch ihn verstummen.</p><p>Das n�chste St�ck Weges legten sie schweigend zur�ck. Erst als sie Corticella vor sich sahen, ein kleines, aber ausgesprochen lebhaftes Dorf, unterhielten sie sich wieder. Mondino h�tte das erste Boot nach Bologna nehmen m�ssen, aber es fiel ihm merkw�rdig schwer, sich von dieser Frau mit der bernsteinfarbenen Haut und der heiseren Stimme zu trennen, und nicht einmal der Gedanke an den Inquisitor und sein Ultimatum konnten ihn davon abhalten, Adia zu der Familie zu begleiten, die sie aufnehmen w�rde.</p><p>Der Hafen wimmelte von Wasserfahrzeugen aller Arten: von den einfachen Stakk�hnen, die sich geschickt sogar durch die flachsten Gew�sser bewegten und zum Transport von kleinen Lasten dienten, �ber die imposanteren, �Rascona� genannten K�hne mit ihren trapezf�rmigen Segeln, mit denen man den breiten Po und sogar das offene Meer befahren konnte. Mondino beobachtete gebannt die Schiffe und die Verkaufsverhandlungen, die praktisch �berall stattfanden: auf den Kaimauern, an hastig aufgebauten St�nden, in den gro�en, fest gemauerten Lagerh�usern an den Ufern. Eines der Lagerh�user erregte seine Aufmerksamkeit, denn es hatte ein vorgelagertes eigenes Landungsbecken, so dass die kleineren Boote unter einem Bogen hindurch direkt in das Geb�ude fahren und dort ihre Waren entladen konnten. Dieser Anblick erinnerte Mondino an Beschreibungen, die er �ber Venedig geh�rt hatte, und auf einmal, vielleicht durch all diese Boote um ihn herum, erfasste ihn eine gro�e Reiselust. Er sp�rte den Wunsch, neue Orte zu sehen und sein Leben nicht mehr l�nger nur auf eine einzige Stadt zu beschr�nken.</p><p>Adia schien sich sehr gut mit Booten, Segeln und Bemastungen auszukennen und erkl�rte ihm auf ihrem Weg ihre unterschiedlichen Funktionen. Auf Mondinos Frage, ob sie sehr viel gereist sei, antwortete die Frau, dass sie stundenlang �ber all die Orte reden k�nnte, an denen sie gewesen sei.</p><p>Endlich erreichten sie das Gasthaus, das sie anstrebte, ein f�r dieses Dorf eigentlich viel zu gro�es Geb�ude, in dessen unterem Teil die Taverne lag und dar�ber zwei Stockwerke mit zahlreichen Gastzimmern. Der Wirt empfing Adia sehr herzlich, sagte ihr, sie k�nne so lange bleiben, wie sie w�nschte, und wollte nichts von Bezahlung h�ren.</p><p>�Ich habe seine Tochter von einer schlimmen G�rtelrose geheilt�, erkl�rte Adia, w�hrend sie ihre Tiere im Hof hinter dem Haus unterbrachte.</p><p>�Was habt Ihr dazu benutzt?�, fragte Mondino neugierig.</p><p>�Bl�tter vom Holunderstrauch, als Sud, und Umschl�ge. Aber wenn ich ehrlich sein soll�, f�gte sie l�chelnd hinzu, �habe ich den Eindruck, dass die Krankheit von selbst zur�ckgegangen ist, nachdem sie ihren �blichen Verlauf genommen hatte.�</p><p>Nachdem beide sich frisch gemacht hatten, Adia in ihrem Zimmer und Mondino am Brunnen im Hof, schlug sie ihm vor, etwas zu essen, bevor sich ihre Wege trennten.</p><p>�Bei all der Aufregung, die Eurer Ankunft in meinem Haus gefolgt ist, erinnert mich mein Magen erst jetzt daran, dass ich nichts zu Mittag gegessen habe. Und hier gibt es ein ausgezeichnetes, in Wein geschmortes Kaninchen.�</p><p>Mondino nahm ihren Vorschlag sofort an und das mit einer Begeisterung, die die Umst�nde keineswegs rechtfertigten. Als sie den Schankraum betraten, fanden sie ihn voller Menschen. Der Wirt erkl�rte ihnen, er h�tte im Augenblick keinen Platz f�r sie, und bat sie, im oberen Stockwerk zu essen, er versicherte, er w�rde ihnen das Essen m�glichst schnell dorthin bringen lassen. Mondino glaubte, dass er sie f�r ein Paar hielt, und wollte schon protestieren, doch Adia zupfte ihn am �rmel seines Gewandes und gab ihm zu verstehen, er solle es lassen.</p><p>W�hrend sie die Stufen hinaufgingen, erkl�rte sie: �Er ist zu h�flich, um es zu sagen, aber hier kennen mich viele Leute, und er m�chte nicht, dass seine G�ste sich erschrecken, wenn sie eine Hexe im Schankraum sehen.�</p><p>Sie a�en in einem privaten Raum neben Adias Zimmer, der mit einem niedrigen Tisch und zwei kleinen roten Samtsofas ausgestattet war. Eigentlich war es eher Zeit f�r ein Abendals f�r ein Mittagsmahl, und die Sonne, die sich schon ziemlich weit nach Westen in Richtung Modena abgesenkt hatte, tauchte den Raum in einen warmen r�tlichen Schein.</p><p>W�hrend sie das Kaninchen a�en, mit Brotst�cken die So�e auftunkten und einen k�hlen und tr�gerisch leichten Trebbiano dazu tranken, unterhielten sie sich weiter �ber Alchimie und all die Orte, an welche Adias Wissensdurst sie gef�hrt hatte. Sie war in Griechenland gewesen, wo sie die Ruinen des Parthenon und die Burg von Athen gesehen hatte. Von Sizilien aus hatte sie sich nach Barcelona eingeschifft, war zu Fu� zur Basilika von Santiago de Compostela gewandert und hatte von dort aus die Pyren�en �berquert, um schlie�lich s�dw�rts nach Bologna zu reisen.</p><p>Nun w�rde sie nach Venedig gehen, war ihr Plan, wo sie einen j�dischen Gelehrten besuchen wollte, von dem sie sehr viel geh�rt hatte, und danach w�rde sie nach Frankreich weiterziehen.</p><p>Mondino erz�hlte, dass er sehr gern eines Tages die Medizinschule von Montpellier besuchen w�rde, f�gte jedoch hinzu, dass er kaum Zeit f�r eine so lange Reise finden w�rde, in seinem Alter und bei all den Verpflichtungen, die seine Familie und sein Beruf mit sich brachten.</p><p>�Unsere Verpflichtungen liegen da, wo wir sie haben wollen�, erwiderte Adia und sah ihm in die Augen. �Und was das Alter betrifft, wei� ich wirklich nicht, was Ihr meint.�</p><p>�Macht Euch nicht lustig �ber mich, Madonna Adia�, sagte Mondino ein wenig beleidigt, weil sie das Gespr�ch auf diesen Punkt gebracht hatte. �Ich wei� genau, dass ich nicht mehr in der Bl�te meiner Jahre stehe, und ��</p><p>�Erz�hlt bitte keinen Unsinn�, unterbrach sie ihn. �Seht Ihr nicht selbst, dass Ihr bei jedem Eurer W�nsche gleich eine Entschuldigung findet, warum Ihr ihn nicht verwirklichen k�nnt? Begreift Ihr denn nicht, dass alles nur von Euch selbst abh�ngt?�</p><p>�Das verstehe ich nicht, und ich bitte Euch, nicht weiterzureden, damit dieser sch�ne Moment nicht durch einen Streit verdorben wird. Sagen wir einfach, dass ich vielleicht zu schwach und faul bin, um eine Reise bis Montpellier zu unternehmen.�</p><p>�Schwach?�, gab sie lachend zur�ck. �So, wie Ihr mit diesen Schurken gek�mpft habt, h�tte ich mich bei Euch auch ohne meine Mastinos sicher gef�hlt.�</p><p>Mondino sp�rte, wie ihm bei ihren Worten das Blut ins Gesicht stieg, doch er versuchte sein Bestes, um sich unbeeindruckt zu geben, und sagte nichts dazu.</p><p>Adia sah ihn an und lachte lauthals los. �Ihr seid gerade sehr komisch, wisst Ihr das? Ihr zwingt Euch dazu, so gleichg�ltig wie eine Statue zu erscheinen, aber Ihr seid es keineswegs.�</p><p>�Ihr scheint sehr viel dar�ber zu wissen, wie ich bin und wonach ich mich sehne.�</p><p>�So ist es�, erwiderte sie mit einer gewissen Dreistigkeit, aber Mondino blieb nicht die Zeit, sie verwirrend zu finden, weil Adia ihm unverwandt mit leicht ge�ffneten Lippen in die Augen schaute. �Ich wei� �brigens auch, wonach ich mich sehne�, f�gte sie leise hinzu.</p><p>In der durch den Wein gel�sten Stimmung wusste Mondino nicht, wie ihm geschah, aber pl�tzlich umarmten sie einander, und ihre Lippen suchten gierig die des anderen. Adia fl�sterte ihm ins Ohr, er solle sie in ihr Zimmer tragen, und er gehorchte ihr aufs Wort, hob sie auf seine Arme, ohne dabei aufzuh�ren sie zu k�ssen, und f�hlte sich ein wenig, als entweihe er die Tradition der Hochzeit, w�hrend er mit ihr die Schwelle �berschritt.</p><p>Mondino verlor keine Zeit damit, erst nach einer Kerze zu suchen, ihm gen�gte der Lichtstreif, der unter dem Laden des geschlossenen Fensters hereinfiel. Er legte Adia sanft auf das �rmliche, aber mit einem sauberen Laken �berzogene Strohlager. Sie half ihm mit schnellen und erfahrenen Bewegungen, die ihm vor Eifersucht einen Stich versetzten, Gewand und Beinlinge im Stehen auszuziehen, dann war auch sie nackt und sa� vor ihm.</p><p>Sie verweilten kurz und schauten einander schweigend in die Augen. Ihr Verlangen sprach f�r sie, und das, was Adia danach tat, wirkte auf Mondino nicht vulg�r, sondern wie ein echter Ausdruck von Liebe, z�rtlich und ungeheuer erregend. Er streichelte ihren dunklen Schopf, fl�sterte sinnlose Worte, versuchte zweimal, sich diesen gierigen Lippen zu entziehen, um sich mit ihr zu vereinigen, und beide Male brachte Adia ihn mit der Hand davon ab, bis Mondino sich von ihr leiten lie�.</p><p>Irgendwann legte sich Adia, ohne den Blick von ihm zu l�sen, mit verf�hrerischen Bewegungen nach hinten auf das Strohlager. Mondino beherrschte seinen Drang, sich wie ein Tier auf sie zu st�rzen, er blieb stehen und betrachtete sie bewundernd im Halbdunkel des Zimmers, denn er ahnte, dass sie genau dies wollte.</p><p>�Komm�, sagte Adia mit heiserer Stimme und streckte einladend die Hand aus.</p><p>Mondino kniete sich auf die Matratze und streichelte sie langsam, von den Knien hinauf bis zu den Br�sten. Adia st�hnte und versuchte, ihn an sich zu ziehen, aber diesmal wehrte er ab. Jeder Blick, jede Ber�hrung bereitete ihm eine Lust, wie er es bis zu diesem Moment nie f�r m�glich gehalten h�tte.</p><p>�Du lernst schnell�, lachte sie leise.</p><p>Als sie ihn wieder am Handgelenk zog, war Mondino sofort �ber ihr, voller Ungest�m wie ein rei�ender Fluss.</p><p>Sie liebten einander erst wild und leidenschaftlich, und nach einer kurzen Ruhepause, in der es keiner Worte bedurfte, taten sie es noch einmal, mit mehr Ruhe, aber und dem gleichen Vergn�gen. Danach schlief Mondino mit dem Gedanken ein, dass er das letzte Boot nach Bologna vers�umt hatte, und versank dann in wirre Tr�ume, in denen auf irgendeine Weise alle Ereignisse dieses langen Tages vorkamen: die Gehirnoperation an Hugues de Narbonne, die drei bewaffneten M�nner, die in Adias Haus eingedrungen waren, ihre traurigen Hunde und der Duft ihrer warmen Haut.</p><empty-line/><p>Uberto da Rimini versuchte vergeblich, seinen Zorn zu verbergen. Er konnte sich vor dem Erzbischof von Ravenna keinen Wutausbruch erlauben. Und dennoch schien es Rinaldo da Concorezzo darauf anzulegen, dass er seine Selbstbeherrschung verlor. Kaum war er angekommen, hatte er sich in Ubertos Arbeitszimmer eingerichtet und sich alle Unterlagen zum Prozess gegen die Tempelritter bringen lassen. Erst als ihm alles vorlag, hatte er nach ihm geschickt. Jetzt, nach einem kargen Mahl, unterzog er ihn einem regelrechten Verh�r. Uberto betete nur stumm, dass er nicht aus Versehen zwischen seinen Papieren irgendeine verr�terische Notiz zur�ckgelassen hatte.</p><p>Doch Rinaldo schien sich am meisten f�r den Mord an dem Deutschen zu interessieren.</p><p>�Monsignore�, sagte Uberto und bem�hte sich, nicht herausfordernd zu klingen, �ich bin sicher, dass der Mord an dem Tempelritter Wilhelm von Trier, der in Santo Stefano tot aufgefunden wurde, der zweite seiner Art in Bologna ist. Wie ich Euch bereits das letzte Mal gesagt habe, wurde der erste nur nicht entdeckt, weil die Leiche zusammen mit dem M�rder verschwunden ist.�</p><p>�Ich bezweifele ja nicht, dass Ihr davon �berzeugt seid�, antwortete der Erzbischof. �Und ich bin auch bereit zu glauben, dass es sich wirklich so abgespielt hat, wie Ihr sagt, Pater Uberto.� Er schwieg kurz und starrte auf die �ber den Tisch verstreuten Papiere und Pergamente, als suche er dort eine Eingebung. �Aber in einem Punkt verstehen wir uns weiterhin nicht: Pers�nliche �berzeugungen m�ssen von Beweisen best�tigt werden, um in einem Prozess von Bedeutung zu sein.�</p><p>Uberto h�tte dem Erzbischof gerne erz�hlt, dass es Beweise gab, und zwar genug: einen Toten, in dessen Brust anstelle des Herzens ein Loch klaffte, und einen Mann, der ihn erst umgebracht und dann zwei Totengr�ber bezahlt hatte, um ihn in einem namenlosen Massengrab verschwinden zu lassen. Aber er wusste, dass er auf der Hut sein musste. Wenn er der Versuchung nachgab und dem Erzbischof die Wahrheit enth�llte, w�rde Rinaldo da Concorezzo alles zum Scheitern bringen. Sein Wahn, dass alles genau nach dem Gesetz zuzugehen habe, und seine beharrliche Ablehnung, die Folter anzuwenden, um Gest�ndnisse zu erhalten, w�rden seine Pl�ne vereiteln. Wom�glich w�rde der Erzbischof ihm sogar Strafen auferlegen, wenn er erf�hre, dass Uberto Mondino de� Liuzzi erpresste, um ihn zu einer Zeugenaussage im Prozess zu zwingen.</p><p>�Ich bin ganz Eurer Meinung, Monsignore�, sagte der Inquisitor deshalb nur. �Und ich tue mein M�glichstes, um die notwendigen Beweise zusammenzutragen.�</p><p>Er f�hlte sich seltsam, wie er da in seinem eigenen Arbeitszimmer auf der anderen Seite des Schreibtischs auf einem unbequemen Stuhl sa�. Am liebsten w�re er aufgestanden und h�tte seine Unterlagen geordnet, nur um sich wieder als Herr in seinem eigenen Haus zu f�hlen, doch die Etikette lie� dies nicht zu.</p><p>�Was gedenkt Ihr, in diesem Fall genau zu tun?�, fragte Rinaldo.</p><p>Jetzt war der Moment der Entscheidung gekommen. Bisher hatte sich Uberto mit Halbwahrheiten und Auslassungen durchlavieren k�nnen. Doch nun musste er den entscheidenden Schritt tun und den Erzbischof bewusst anl�gen. Eine L�ge im Namen des Glaubens war keine eigentliche S�nde, doch sicher sah Rinaldo das anders. Sollte er hinter das falsche Spiel seines Inquisitors kommen, w�rde er ihn seines Amtes entheben. W�hrend er die Decke betrachtete, als w�rde er sich sammeln, f�hlte Uberto Hass in sich aufsteigen. Warum war der Erzbischof nicht noch einige Tage in seiner Burg von Argenta geblieben, inmitten der ferraresischen S�mpfe? Wenn er erst einmal das Gest�ndnis des jungen Gefangenen im Palazzo des Podest� in H�nden und eine schriftliche Aussage von Mondino de� Liuzzi hatte, w�re es zweitrangig, auf welche Weise er sie erhalten hatte. Dann z�hlte nur noch das Ergebnis. Und falls es Schwierigkeiten g�be, k�nnte Uberto sogar den Erzbischof �bergehen und eine Nachricht direkt an den Papst schicken.</p><p>Stattdessen hatte Rinaldo sich jedoch ausgerechnet diesen fatalsten aller Augenblicke ausgesucht, um ihnen einen Besuch abzustatten und alles durcheinanderzubringen. Uberto blieb nichts anderes �brig, als gute Miene zum b�sen Spiel zu machen.</p><p>W�hrend der Inquisitor sich geistig darauf vorbereitete, gleich eine Unmenge von L�gen von sich zu geben, klopfte es, und ein Novize steckte den Kopf zur T�r herein. Nachdem er sich tief vor dem Erzbischof verneigt hatte, verk�ndete er mit hochrotem Kopf, im Erdgeschoss warte ein gewisser Guido Arlotti dringend auf Pater Uberto und er habe ihm nicht begreiflich machen k�nnen, dass der Inquisitor nicht gest�rt werden d�rfe. Was er nun tun solle, fragte er dem�tig.</p><p>Uberto z�gerte einen Moment. Wenn Guido es wagte, in einem Augenblick wie diesem so hartn�ckig darauf zu bestehen, ihn zu sehen, musste etwas Schwerwiegendes geschehen sein. Doch sosehr er auch darauf brannte zu erfahren, worum es sich handelte, konnte er das Gespr�ch mit dem Erzbischof nicht daf�r unterbrechen.</p><p>�Sag ihm, er soll sp�ter wiederkommen�, erkl�rte er dem Novizen. �Jetzt habe ich zu tun.�</p><p>�Aus welchem Grund will dieser Mensch Euch so dringend sprechen?�, mischte sich Rinaldo da Concorezzo ein.</p><p>�Es handelt sich um einen ehemaligen Ordensbruder, der seit Jahren auf dem Weg der Verdammnis ist�, sagte Uberto und nahm seine Strategie der Halbwahrheiten wieder auf. �In letzter Zeit n�hert er sich wieder dem Glauben an, doch seine Gewissenskrisen k�nnen sehr gut bis zum Ende unseres Gespr�ches warten.�</p><p>�Erlaubt, dass ich Euch berichtige, Pater�, sagte Rinaldo. �Nichts ist wichtiger als die R�ckkehr des verlorenen Sohnes. Geht ruhig, ich warte hier auf Euch.�</p><p>Uberto schluckte den Vorwurf, dankte dem Erzbischof f�r seine Gro�mut und folgte dem Novizen hastig in das untere Stockwerk, beunruhigt �ber die Nachrichten, aber froh �ber das unerwartete Gl�ck, Guido doch so schnell sprechen zu k�nnen.</p><p>Arlotti stand wartend in der Eingangshalle. Er trug eine Tunika und saubere Beinlinge in mattem Gr�n. Seine Kopfbedeckung aus weichem Stoff reichte ihm bis �ber die Ohren, aber selbst sie konnte die Bluterg�sse und Kratzer in seinem Gesicht nicht verbergen. Seine Lippen waren geschwollen und aufgeplatzt, und er hatte ein blaues Auge. Uberto f�hrte ihn in einen kleinen, sp�rlich m�blierten Raum mit einem auf die Wand aufgemalten Kruzifix. Das Zimmer wurde nur von einer Kerze unterhalb des Kruzifixes sp�rlich erhellt, doch der Inquisitor machte keinerlei Anstalten, die auf einem rechteckigen Schr�nkchen neben dem Tisch stehende �llampe anzuz�nden oder sich auf eine der beiden B�nke zu setzen. Er gab Guido zu verstehen, er solle leise reden, und fragte ihn, was geschehen sei. Der ehemalige M�nch unterrichtete ihn �ber seinen ungl�cklich verlaufenen Zusammensto� mit Mondino, Adia und den Mastinos.</p><p>�Und was habt Ihr getan, als die Frau Euch weggeschickt hat?�</p><p>�Wir ben�tigten erst einmal alle die Hilfe eines Wundarztes, deshalb sind wir in die Stadt zur�ckgekehrt.� Bevor der Inquisitor etwas einwenden konnte, sah Guido hoch, starrte ihn an und f�gte hinzu: �Die Hexe wird mir fr�her oder sp�ter daf�r b��en, und Mondino finde ich wieder, wann ich will. Aber deswegen bin ich nicht hier. Wisst Ihr �ber den neuen Mord Bescheid?�</p><p>Uberto breitete die Arme aus. �Ich habe vor kurzem davon erfahren, als ich mich im Palazzo des Podest� aufhielt. Das ist ein gro�es Problem, denn der junge Mann, den ich der ersten beiden Morde anklagen wollte, kann den dritten nicht begangen haben, da er sich seit heute Morgen im Kerker befindet.�</p><p>�Genau dar�ber wollte ich mit Euch sprechen�, erwiderte Guido, und auf seinem Gesicht breitete sich ein triumphierendes L�cheln aus. �Mondino und ein junger Mann namens Gerardo sind die M�rder. Ich bin beinahe sicher, dass dieser Gerardo der falsche Student ist, von dem Ihr mir erz�hlt habt. Der, der jetzt im Gef�ngnis sitzt.�</p><p>Das war beinahe zu sch�n, um wahr zu sein. Jetzt kannte Uberto Francesco Salimbenes richtigen Namen und w�rde ihn am n�chsten Tag einsetzen k�nnen, um den Widerstand des Gefangenen endg�ltig zu brechen. Allerdings w�rde er die Informationen vorher sorgf�ltig �berpr�fen m�ssen. Er konnte sich keinen falschen Schritt erlauben.</p><p>�Bist du dir vollkommen sicher?�, fragte er.</p><p>�Ja�, erwiderte Guido, ohne zu z�gern. �Die Leiche wurde zur Vesper entdeckt, aber der Mann ist zwischen den Laudes und der Stunde davor get�tet worden. Ich habe alles gesehen.�</p><p>Uberto da Rimini sah ihn lange an, bevor er etwas sagte. Falls Guido wirklich Zeuge des Mordes geworden war, konnte man den Fall als abgeschlossen betrachten. Und der Prozess gegen die Templer w�rde trotz der sonderbaren Empfindlichkeit des Erzbischofs mit einer exemplarischen Strafe enden. Was sollte Rinaldo gegen diese erdr�ckende Wahrheit auch sagen? Ein M�nch, der sich als Student ausgab und auf teuflische Weise drei Mitbr�der umbrachte, und das im Verein mit einem Arzt, der schon immer gegen die Kirche war. Dieser Umstand w�rde sogar die Inquisitoren der Franziskaner beeindrucken, die mit ihrem falsch verstandenen Mitleid das letzte Hindernis bildeten, das es zu �berwinden galt, um dieses Unkraut Templerorden aus dem Garten der Kirche auszumerzen.</p><p>�Wenn du alles gesehen hast, warum hast du nicht sofort die Sbirren gerufen, damit sie sie auf frischer Tat ertappen?�, fragte er pl�tzlich misstrauisch. �Und gesetzt den Fall, dass du es aus irgendeinem Grund, den du mir noch erkl�ren wirst, nicht gleich tun konntest, warum bist du dann nicht sofort danach zu mir gekommen? Bei so einer Neuigkeit muss alles zur�ckstehen.�</p><p>Guido hatte offenbar erfasst, wie wichtig seine Antwort war, denn er wog seine Worte wohl ab. �Eigentlich habe ich es nicht gesehen�, berichtigte er sich. �Ich hatte mich au�erhalb des Hauses versteckt und habe <emphasis>geh�rt</emphasis>, was sie taten. Sie sprachen von einer Operation am Gehirn, aber ich h�tte nie gedacht, dass sie seinen Kopf �ffnen w�rden, um ihn mit W�rmern zu f�llen. Als sie das Haus verlie�en, glaubte ich noch, der Mann sei am Leben, und hatte vor, sp�ter nach ihm zu sehen. Erst als ich in die Stadtmauern zur�ckkehrte, habe ich die Nachricht geh�rt und begriffen, was geschehen war.�</p><p>�Haben sie auch vom Herzen gesprochen?�</p><p>Wieder z�gerte Guido Arlotti einen Augenblick, bevor er antwortete: �Nein, aber wenn es dem Wohl der Kirche dient, kann ich das vor einem Notar beschw�ren. Nat�rlich f�r den Generalablass, um den ich Euch gebeten hatte. Wenn ich einen Meineid schw�re, begehe ich eine Tods�nde.�</p><p>Uberto lief in dem engen Raum zwischen der T�r und der Wand mit dem Kruzifix auf und ab. Zun�chst musste Mondino verhaftet werden. Es hatte keinen Sinn mehr, ihn zu einer Aussage gegen die Tempelritter zu zwingen, da auch er ein M�rder war. Allzu schwer d�rfte das Unterfangen, ihn zu fassen, nicht werden, nahm Uberto an, denn der Arzt wusste noch nicht, dass er entdeckt war. Man musste ihn jedoch der Justiz �berantworten, bevor er versuchen konnte zu fliehen.</p><p>Uberto �ffnete das rechteckige Schr�nkchen und holte seine Schreibutensilien heraus: dickes Papier, eine Feder, ein halbvolles Tintenfass und eine Stange roten Siegellack. Im Stehen verfasste er, �ber den Tisch gebeugt, eine kurze Nachricht an den Podest� und wedelte danach hektisch mit dem Blatt, um die Tinte zu trocknen. Nachdem er den Brief gefaltet hatte, nahm er die Kerze auf, die zu F��en des gemalten Christus stand, und hielt sie an das Siegelwachs, um zwei gro�e Tropfen auf das Papier zu tr�ufeln. Auf das weiche Wachs dr�ckte er seinen Ring und �bergab Guido die Botschaft.</p><p>�Hier steht, dass ich die umgehende Verhaftung von Mondino de� Liuzzi, dem bekannten Magister des <emphasis>Studiums,</emphasis> fordere, da er gemeinsam mit Francesco Salimbene, der bereits gefangen gesetzt ist, unter Zuhilfenahme von Zauberkr�ften einen dreifachen Mord begangen hat�, sagte er. �Bring das dem Podest� und wiederhole ihm, was du gesehen und geh�rt hast, genau wie du es mir erz�hlt hast, aber erw�hne nicht, dass der junge Mann eigentlich Gerardo hei�t. Dieses Wissen m�chte ich im Augenblick noch geheim halten. Hast du mich verstanden?�</p><p>�Ja, Vater.�</p><p>�Dann geh. Komm so bald wie m�glich zur�ck und berichte mir.�</p><p>Guido verlie� den Konvent, und Uberto ging langsam die Stufen hinauf, um zum Erzbischof zur�ckzukehren. Angesichts dieser Entwicklungen war er bereit, r�ckhaltlos zu l�gen. Das Spiel n�herte sich seinem Ende, und wenn Mondino erst einmal verhaftet war, w�rde Rinaldo da Concorezzo kaum noch etwas tun k�nnen, um ihm Kn�ppel zwischen die Beine zu werfen.</p><p>Es musste ihm nur gelingen, das Ganze noch einige Tage geheim zu halten.</p><p><emphasis>Mein lieber Gerardo, </emphasis></p><p><emphasis>w�hrend ich Dir diesen Brief schreibe, bist du in einer Zelle gefangen. Wenn Du die Wahrheit erf�hrst, wirst Du glauben, ich sei ein Scheusal - und vielleicht bin ich das auch. Die Narbe, die mein Gesicht verunstaltet, ist nichts im Vergleich zu der, die ich in meiner Seele trage. Ich wei�, dass das, was ich getan habe, unverzeihlich ist, und ich begehre auch von niemandem Vergebung. </emphasis></p><p><emphasis>Bald werde ich in meinem Grab liegen, besch�tzt von dem, der Bologna besch�tzt. Wir sind einander begegnet, als der Verlauf unserer Lebenswege nicht mehr zu �ndern war. Gott ist nicht gerecht, einigen gibt er mit vollen H�nden und anderen nimmt er alles. </emphasis></p><p><emphasis>Aber ich m�chte wenigstens ausschlie�en, dass Du f�r ein Verbrechen verurteilt wirst, das Du nicht begangen hast. </emphasis></p><p><emphasis>Lies meine Geschichte, mehr verlange ich nicht von Dir. </emphasis></p><p><emphasis>Fiamma </emphasis></p><p>Diese Worte hatten sich in Gerardos Kopf eingebrannt. Er hatte nur diesen Brief lesen k�nnen, bevor ihn die Sbirren ergriffen hatten, um ihn zum Inquisitor zu bringen. Sobald er ersch�pft, mit Schmerzen und einem ausgekugelten linken Arm in seine Zelle zur�ckkehrte, galt sein erster Gedanke jedoch dem Rest, den er dringend lesen wollte.</p><p>Im Dunkeln steckte er die Hand unter das feuchte Stroh und stie� einen Seufzer der Erleichterung aus, als er feststellte, dass das Tagebuch noch an seinem Platz war. Er fand auch die �llampe, musste allerdings erst wieder ausruhen, weil ihn selbst diese leichten Aufgaben �berm��ig ersch�pft hatten. Als er sich erholt hatte, erkundete er auf allen vieren die gesamte Zelle, tastete den Boden ab und fuhr mit den H�nden sogar an den W�nden und der Decke entlang, auf der Suche nach etwas, das er als Feuerstein benutzen konnte.</p><p>In einem Winkel f�hlte er eine Ritze, schob die Fingern�gel darunter und presste, bis es ihm gelang, einen Splitter des Ziegelsteins abzubrechen.</p><p>Arme und Schultern schmerzten ihn so sehr, dass es ihm unm�glich war, den Splitter kr�ftig genug �ber den Boden zu ziehen, um eine Flamme zu erzeugen. Nach einigen vergeblichen Versuchen lie� sich Gerardo ermattet b�uchlings auf den eiskalten Boden fallen.</p><p>Trotz des Verh�rs und der Aussicht, am n�chsten Tag wieder gefoltert zu werden, drehten sich seine Gedanken ausschlie�lich um Fiammas Brief. Die Tatsache, dass sie ihm so vertraulich geschrieben hatte, l�ste in ihm ein schwer zu erkl�rendes Gef�hl aus. Doch die Bedeutung dieser S�tze hatte ihm Angst eingejagt. Was konnte sie so Furchtbares getan haben, dass sie es f�r unverzeihlich hielt? Warum war sie so sicher, dass sie bald im Grab enden w�rde? Und worauf spielte sie an, wenn sie von einem Verbrechen schrieb, das er nicht begangen hatte? Auf Angelo da Piczano? Doch woher wusste sie das? Die Antworten auf diese Fragen mussten sich in dem Heft befinden, aber um es zu lesen, brauchte er Licht.</p><p>Gerardo versuchte vergeblich aufzustehen. Die Ruhe und die Feuchtigkeit schienen seine Glieder noch weiter versteift zu haben. Schlie�lich schlief er auf dem Boden ein, auf einer Seite zusammengerollt wie ein Hund, den Kopf auf einem Arm abgelegt.</p></section><section><title><p><strong>F�NFZEHN</strong></p></title><empty-line/><p><strong>A</strong>ls sich Bilder von Rainerio auf dem Totenbett in seinen Halbschlaf mischten, riss Mondino schuldbewusst die Augen auf. Wie hatte er nur seinen Vater vergessen k�nnen?</p><p>Er stand hastig auf, zog sich leise an und verlie� das Zimmer, ohne den Mut zu haben, Adia zu wecken. Vielleicht w�rden sie einander nie wiedersehen - doch in diesem Moment f�hlte er sich nicht stark genug f�r einen schmerzlichen Abschied.</p><p>Drau�en war es noch dunkel, aber in den unteren R�umen war der Gastwirt bereits auf den Beinen und verteilte schniefend, hustend und spuckend mit einer Heugabel sauberes Stroh auf dem Boden. Trotz der Hitze hatte er sich wohl eine Erk�ltung zugezogen. Mondino brummte einen Gru�, ohne ihn anzusehen, zahlte das Essen vom vergangenen Abend und trat auf die Stra�e hinaus. Am Hafen bestieg er das erste Boot, das er fand, akzeptierte den Wucherpreis des Schiffers, ohne Zeit mit Verhandeln zu vergeuden, und ertrug nur ungeduldig die langsame Fahrt stromaufw�rts auf dem Boot, das von einem Maulesel auf dem Treidelpfad l�ngs des Ufers gezogen wurde. Als er in Bologna ankam, war die Sonne gerade aufgegangen und lie� die roten Ziegel der Stadt aufleuchten. Er stieg aus, sobald sie die <emphasis>Circla</emphasis> erreicht hatten, und vor den gro�en Salzlagern fand er sofort jemanden, der ihn auf einem Eselskarren mitnahm. Kurz darauf betrat er sein Heim verstohlen wie ein Dieb und flehte Gott inst�ndig an, dass sein Vater inzwischen nicht gestorben war, ohne dass er ihn noch einmal h�tte wiedersehen k�nnen.</p><p>Uberto war fr�h aufgestanden, weil er von Guido die letzten Neuigkeiten erfahren wollte, bevor der Erzbischof ihn den ganzen Tag mit Beschlag belegen w�rde, um noch einmal mit ihm die Akten durchzugehen. Weit kamen die beiden Verb�ndeten jedoch nicht, denn der Kirchenf�rst st�rmte in sein Zimmer, noch w�hrend der ehemalige Priester Uberto Bericht erstattete.</p><p>�Was ist das f�r eine Geschichte mit einem Studenten und einem Arzt, die des Mordes und der Hexerei angeklagt werden?�, fragte Rinaldo scharf. Guidos Anwesenheit ignorierte er genauso wie dessen unauff�lliges Verschwinden. �Warum bin ich nicht dar�ber in Kenntnis gesetzt worden, dass der Student, der in Verdacht steht, die Morde begangen zu haben, im Amtsgeb�ude des Podest� gefangen ist?�</p><p>�Ich h�tte Euch noch heute Vormittag dar�ber informiert, Monsignore�, log Uberto und fragte sich, durch wen der Erzbischof davon erfahren haben konnte. �Ich wollte nur solange warten, bis Ihr aufgestanden seid. Es erstaunt mich, dass mir jemand zuvorgekommen ist.�</p><p>Rinaldo da Concorezzo warf ihm einen k�hlen Blick zu. �Unterlasst Eure unbeholfenen Versuche herauszufinden, aus welchen Quellen ich meine Informationen beziehe. Ihr braucht nicht mehr wissen, als dass ich in jedem Konvent meiner Di�zese Leute meines Vertrauens habe, die mich �ber alles auf dem Laufenden halten. Deshalb versucht gar nicht erst, weiter etwas vor mir zu verbergen, sonst werde ich daf�r sorgen, dass Ihr es bereut.� Uberto neigte ergeben den Kopf, ohne etwas zu erwidern, und der Erzbischof fuhr fort: �Setzt Euch umgehend mit dem Podest� in Verbindung. Ich will diesen jungen Mann pers�nlich befragen.�</p><p>�Aber Monsignore, was wird aus der �berpr�fung des Prozesses?�, versuchte Uberto Zeit zu gewinnen.</p><p>�Diese �berpr�fung ist jetzt zweitrangig angesichts der Morde, die Bologna in den letzten Wochen ersch�ttert haben. Sollten die Tempelritter tats�chlich darin verwickelt sein, ist es unsere vordringlichste Aufgabe, dies nachzuweisen. Ich bin sicher, dass wir auf die bedingungslose Zusammenarbeit des Podest� z�hlen k�nnen.�</p><p>Uberto wusste sich im Moment keinen Rat mehr. Sollte Rinaldo sich zum Palazzo des Podest� begeben, w�rde er dort herausfinden, dass der Inquisitor bereits gestern mit dem Verh�r des Templers begonnen und ihm dies verschwiegen hatte. Au�erdem w�rde der Pr�lat erfahren, dass man dabei die Folter angewandt hatte, und er w�rde ihn wohl kaum �berzeugen k�nnen, dass er nichts damit zu tun hatte. Es war sogar m�glich, dass dieser Ghibelline, der Capitano del Popolo, ihn offen beschuldigen w�rde, er habe dahingehend gewirkt, dass die Stadt die Verantwortung f�r die Folter des Gefangenen �bernahm, w�hrend die Kirche davon profitierte. Immerhin hatte er dies dem Podest� gestern in deutlichen Worten gesagt.</p><p>Uberto begriff nun, dass er schnell handeln musste, ohne sich von moralischen Skrupeln hindern zu lassen, wenn er nicht als Seelsorger in irgendeiner abgelegenen Berggemeinde enden wollte.</p><p>�Euer Wunsch sei mir Befehl, Monsignore�, sagte er und verneigte sich. �Habt die G�te und geduldet Euch hier, w�hrend ich die Anweisungen erteile.�</p><p>Guido hatte im Flur vor dem Arbeitszimmer auf ihn gewartet. Als sie weit genug entfernt waren, dass man sie nicht mehr belauschen konnte, sagte er leise: �Was soll ich tun?�</p><p>Uberto erkl�rte es ihm in wenigen Worten. Er sollte das Ger�cht verbreiten, ein Tempelritter namens Gerardo, der sich unter dem falschen Namen Francesco Salimbene aus Imola verbarg, h�tte auf grauenvolle Weise drei Menschen get�tet, um einen Pakt mit dem Teufel zu erf�llen. Und er sollte die Menge gegen ihn aufhetzen.</p><p>�Das wird nicht schwer sein�, meinte Guido. �Die Unzufriedenheit wegen des gestiegenen Brotpreises will sich gar nicht mehr legen, und ein Funke kann gen�gen, um einen Aufstand loszutreten.�</p><p>Es konnte sogar sein, deutete Arlotti an, dass es dem w�tenden Volk gelang, den Palazzo des Podest� zu st�rmen und den Gefangenen in St�cke zu rei�en. Oder wie es in der Vergangenheit schon vorgekommen war, dass der Podest� sich entschloss, Gerardo vom Balkon in die Menge zu werfen, um gr��eren Schaden von sich und der Stadt abzuwenden. So oder so w�rden die Tumulte f�r die Ablenkung sorgen, die Uberto ben�tigte, um den Erzbischof davon zu �berzeugen, dass es zu gef�hrlich w�re, den Konvent zu verlassen, und selbst f�r den unwahrscheinlichen Fall, dass Gerardo �berleben sollte, h�tte er Zeit gewonnen, um sich einen neuen Plan auszudenken.</p><p>�Das wird Euch viel Geld kosten�, sagte Guido. �Ich habe so etwas schon einmal gemacht und wei�, dass man f�r ein gutes Ergebnis wenigstens sechs oder sieben Leute braucht, die man auf M�rkte und Tavernen ansetzt.�</p><p>Uberto konnte daf�r nicht das Geld des Klosters benutzen. Dem Verwalter w�re dies aufgefallen, und er h�tte es sofort dem Prior berichtet. Andererseits konnte Uberto jedoch auch nicht auf die Sonderverm�gen der Inquisition zur�ckgreifen, da Rinaldo da Concorezzo jeden Posten bis zum letzten Soldo nachpr�fen w�rde. Also blieb ihm nichts anderes �brig, als diese Ausgaben aus seinem eigenen Verm�gen zu bestreiten.</p><p>�Streck du das N�tige vor�, sagte er deshalb zu Guido. �Ich werde dich bezahlen, sobald der Erzbischof abgereist ist.�</p><p>Als der ehemalige M�nch auf diese Worte hin das Gesicht verzog, schn�rte es ihm vor Zorn die Eingeweide zusammen. Er wusste genau, was sein Gegen�ber sagen wollte.</p><p>�Vater, leider verf�ge ich nicht �ber so viel Geld�, jammerte Guido dann auch prompt. �Wenn es nur um mich ginge, w�rde ich ja gern warten, aber die anderen M�nner, die das Volk aufhetzen sollen, m�ssen sofort bezahlt werden. Au�erdem m�ssen sie mit gen�gend Geld ausgestattet werden, damit sie eine Lokalrunde ausgeben k�nnen, um eine g�nstige Stimmung zu schaffen f�r das, was sie sagen.�</p><p>W�hrend Uberto die Lippen zu einem schmalen Strich zusammenpresste, starrte er Guido lange an, doch der hielt seinem Blick stand. Der Inquisitor war emp�rt. Dieser Mann, der von Intrigen lebte, unter M�rdern und Dirnen, wagte es, ihn herauszufordern. Er hatte gesp�rt, dass Uberto beim Erzbischof in Ungnade gefallen war, und war deshalb nicht mehr bereit, ein Risiko einzugehen, falls er nicht sofort daf�r bezahlt wurde. Der Inquisitor sp�rte pl�tzlich einen unb�ndigen Drang nach Rache, aber es gelang ihm, sich zu beherrschen. Nicht Guido war sein Feind, sondern die anderen, seine Vorgesetzten und seine Untergebenen, die sich gegen ihn verschworen hatten. Sie mussten aufgehalten werden, und Guido war der Einzige, auf den er daf�r zur�ckgreifen konnte.</p><p>�Komm mit�, sagte er schlie�lich und machte sich auf den Weg zu seiner Zelle.</p><p>Als sie an der T�r waren, lie� er ihn eintreten, holte eine mit M�nzen prall gef�llte B�rse aus weichem Leder unter dem Strohlager hervor und warf sie ihm ver�chtlich hin. Arlotti fing sie im Flug auf, wog sie kurz in den H�nden und lie� sie dann unter seiner Tunika verschwinden.</p><p>�Dort drinnen sind ausreichend florentinische Gulden und Bolognini, um alles zu bezahlen� sagte Uberto. �Sieh nur zu, dass du gute Arbeit machst.�</p><p>�Ihr werdet zufrieden sein, Vater�, antwortete der ehemalige M�nch mit einem verschlagenen L�cheln. Dann f�gte er beinahe besorgt hinzu: �Bei solchen Gelegenheiten gibt es aber immer ein paar Tote. Frauen werden in den Gassen vergewaltigt und get�tet, Kinder zertrampelt, es kommt zu Messerstechereien � Ist die Meute erst einmal losgelassen, ist sie nicht mehr zu kontrollieren. Das solltet Ihr wissen, bevor Ihr eine Entscheidung trefft.�</p><p>�Ich wei�, und ich bedaure es�, erwiderte Uberto. Ein Schauder lief ihm �ber den R�cken bei dem Gedanken an das, was er gerade in die Wege leitete. �Doch hier geht es darum, den christlichen Glauben gegen einen M�rder zu verteidigen, der nicht gez�gert hat, seine Seele im Tausch f�r irgendwelche sch�ndlichen Verg�nstigungen zu verkaufen, und gegen einen Pr�laten, der zu schwach f�r das Amt ist, das er bekleidet. Leider ist dieses Opfer notwendig.�</p><p>�Wenn es ein Opfer f�r den Glauben ist, bin ich einverstanden�, sagte Guido. �Aber wenn alles vorbei ist, will ich unverz�glich den Generalablass, den Ihr mir versprochen habt. Ich muss von allen S�nden freigesprochen werden, die ich beim Erf�llen Eurer Befehle begangen habe.�</p><p>�Keine Sorge, du wirst ihn schon erhalten�, antwortete Uberto. �Jetzt geh, lass uns keine Zeit verschwenden.�</p><p>Guido Arlotti verlie� ohne eine Antwort den Raum. Uberto wollte ihm schon folgen, aber aus einem pl�tzlichen Impuls heraus warf er sich auf die Knie und begann inbr�nstig zu beten. Guido w�rde seinen Ablass bekommen, aber wer w�rde ihn lossprechen? Er bat Gott mehrmals um Verzeihung f�r das, was er plante, f�r die Menschen, die seinetwegen sterben w�rden und f�r die L�gen, die er aussprechen m�sste. Nur die Gewissheit, auf der Seite des Rechts zu stehen, gab ihm die Kraft, diesen Weg weiterzuverfolgen. Sicher, er wollte damit auch sich selbst retten, aber einzig und allein, weil er wusste, dass er der Kirche bei der Verteidigung des Glaubens noch viel zu geben vermochte. Ihm fiel die Aufgabe zu, f�r sie zu k�mpfen, da der Erzbischof ein Feigling war. Und wenn er Erfolg h�tte, wenn letzten Endes seine Handlungen zu einer Verurteilung der Tempelritter f�hren w�rden, wie es zweifellos der Wille Seiner Heiligkeit, Papst Clemens V., war, zweifelte er nicht daran, dass jemand an h�chster Stelle seine Loyalit�t zu lohnen wusste.</p><p>Gest�rkt durch diese Gedanken verlie� Uberto seine Zelle und befahl dem ersten M�nch, dem er auf dem Flur begegnete, sofort zum Podest� zu gehen und ihn �ber den unmittelbar bevorstehenden Besuch des Erzbischofs zu unterrichten. Danach kehrte er in sein Arbeitszimmer zur�ck, wo er Rinaldo da Concorezzo mitteilte, er h�tte die gew�nschten Anordnungen gegeben und man m�sse dem Podest� ein paar Stunden Zeit lassen, um sich auf ihren Empfang vorzubereiten.</p><p>�Dann lasst uns mit unserer Arbeit fortfahren�, sagte der Erzbischof. �Wir werden das Kloster eben sp�ter verlassen.�</p><p>�Wie Ihr w�nscht, Monsignore.�</p><p>Wenn Guido seine Aufgabe gut erf�llte, w�rde die Stadtmitte in zwei oder drei Stunden bereits unpassierbar sein. Uberto r�stete sich mit Geduld und Sanftmut und holte die Prozessakten aus einem m�chtigen, verschlossenen Schrank im Hintergrund des Raumes.</p><empty-line/><p>Gerardo �ffnete die Augen in der Dunkelheit und wusste nicht, wie viel Zeit inzwischen vergangen war. Der Gedanke an Fiammas Tagebuch dr�ngte sich in seinen Kopf und lie� keinen Raum f�r anderes, doch weil sein K�rper von der Folter geschw�cht und von der K�lte steif geworden war, konnte er sich nicht einmal aufsetzen. Er musste sich also in Geduld �ben, ganz langsam zun�chst nur H�nde und F��e bewegen, sich vorsichtig auf die eine Seite, dann auf die andere rollen, um schlie�lich den Nacken zu beugen und die Schultern zu heben. Erst nach einer endlosen Zeit, in der er seinen K�rper wieder die einfachsten Bewegungen gelehrt hatte, wie ein Toter, der aus dem Grab aufersteht, gelang es ihm, sich auf alle viere aufzurichten, sich die Lampe zu holen und den Ziegelsteinsplitter so kr�ftig �ber den Boden zu ziehen, dass der einen kleinen Funkenregen erzeugte.</p><p>Nichts.</p><p>Um den Docht anzuz�nden, reichte der Funke nicht aus, man brauchte eine Lunte dazu, und das Stroh war zu feucht.</p><p>Gerardo packte den Saum seines Gewandes mit der unversehrten Hand und f�hrte ihn an den Mund. Er zerrte mit den Z�hnen daran, bis er etwas abgerissen hatte. Geduldig machte er sich daran, den Stoff auszufransen, so dass er auf dem Boden ein kleines H�ufchen Fasern erhielt. Er verteilte sie �ber einige der trockensten Strohhalme und zog wieder den Splitter �ber den Boden. Beim vierten oder f�nften Versuch entz�ndete sich die Lunte und glomm. Gerardo blies zart darauf, �beraus vorsichtig, um sie nicht auszupusten, und endlich erhob sich aus dem Haufen ein Fl�mmchen. Rasch nahm er einen Strohhalm und f�hrte ihn an den Docht. Kurz darauf breitete sich in der Zelle ein flackerndes Licht aus. In der Lampe war nur noch wenig �l, deshalb beeilte sich Gerardo mit dem Lesen des Tagebuchs. Es war auf Latein geschrieben, und �ber jeder Seite stand ein Datum.</p><p><emphasis>18. Januar A.D. 1305 </emphasis></p><p><emphasis>Heute bin ich seit einer Woche in der H�hle oder vielleicht sogar noch l�nger. Der Schmerz im Gesicht hat ein wenig nachgelassen, doch die Haut spannt, als geh�rte sie nicht zu mir. Ich wei� nicht, wie ich hierhergekommen bin. Ich bin lange gelaufen, unter Tr�nen und mit zusammengebissenen Z�hnen, dann habe ich geschlafen. Meine Erinnerungen an jene Tage sind verschwommen. Doch von dem, was vorher geschehen ist, erinnere ich jede Einzelheit, als w�rde ich es gerade vor mir sehen. Eigentlich habe ich anfangs gar nichts gesehen, sondern nur geh�rt, von dem Versteck unter dem Boden aus, wo ich mich auf Befehl meines Vaters verborgen hatte, als die drei M�nner ihre Pferde vor unserem Haus anhielten. </emphasis></p><p><emphasis>Es waren drei Tempelritter. Sie sind ins Haus gekommen, haben ihn gefesselt und ihn mit gl�henden Eisen gefoltert, wobei sie von ihm forderten, er solle das Geheimnis des Elixiers offenbaren. Er sagte immer wieder, er kenne es nicht, aber sie haben ihm nicht geglaubt. Sie haben etwas von einem t�rkischen Alchimisten erz�hlt, den man ermordet und ohne Herz vor den Toren Gharnatas gefunden hatte. Und sie beschuldigten meinen Vater, ihn get�tet zu haben. Vater hat weiter alles abgestritten, doch ich sp�rte deutlich, dass er log. Und zwar, weil er im letzten Jahr die alchimistischen Versuche aufgegeben hatte, weil er mich nicht mehr die Tugend des Einfachen lehrte und darauf bestanden hatte, dass ich lernte, Fleisch und Knochen zu zerteilen wie ein Medicus, zuerst an toten Hunden und Katzen, dann an menschlichen Leichen, die er sich irgendwie beschaffte. </emphasis></p><p><emphasis>Doch eigentlich wusste ich da noch nicht, dass ich es begriffen hatte. Erst sp�ter, als ich hierherkam, machte ich mir einen Reim auf alles. Doch in diesem Moment, verborgen in meinem Versteck, zitterte ich vor Angst und flehte zu Jesus, dass diese M�nner aufh�rten, meinen Vater zu qu�len, und dass sie mich nicht f�nden. </emphasis></p><p><emphasis>Schlie�lich fanden sie mich aber doch. Ohne es zu merken muss ich ein Ger�usch gemacht haben, denn ganz pl�tzlich wurde es still im Raum. Dann hat einer der M�nner unvermittelt den Teppich hochgerissen, die Luke ge�ffnet und mich gewaltsam herausgezogen. Ich schrie und weinte - genau wie mein Vater. Doch sie kannten keine Gnade. Sie haben mich gefesselt vor ihn geschleppt und haben ihm gesagt, sie w�rden mich t�ten, wenn er nicht redete. Weinend beteuerte Vater erneut, dass er kein Geheimnis zu enth�llen h�tte. Sein ganzes Leben lang h�tte er versucht, das Elixier zu erschaffen, sagte er, aber es w�re ihm nie gelungen. Der �lteste und der j�ngste Tempelritter zweifelten kurz und sahen denjenigen fragend an, der ihr Anf�hrer zu sein schien: einen gro�en, kr�ftigen Mann mit lockigen blonden Haaren und behaarten Armen. Doch dieser zeigte nur auf das Kohlebecken mit den gl�henden Eisen, die sie benutzt hatten, um meinen Vater zu foltern. </emphasis></p><p><emphasis>�Sehen wir mal, ob dein Geheimnis die Qualen deiner Tochter wert ist�, sagte er h�hnisch. </emphasis></p><p><emphasis>Der J�ngste, der dem Gesicht nach beinahe wie ein guter Mensch wirkte, stellte sich vor das Kohlebecken und meinte: �Kommandant, das M�dchen hat nichts damit zu tun! Wir k�nnen uns eine solche Schuld nicht aufladen!� </emphasis></p><p><emphasis>Der andere, der Latein mit franz�sischem Akzent sprach, erwiderte: �Es ist zu sp�t, es dir anders zu �berlegen, Angelo. Er muss reden. Und wenn der Schmerz am eigenen Leib nicht ausreicht, wird ihn vielleicht der seiner Tochter dazu bringen.� </emphasis></p><p><emphasis>Ich hoffte so sehr, dass der junge Mann sich ihm weiter widersetzen und mich besch�tzen w�rde - immerhin hatte ich doch nichts getan! Aber er senkte nur noch dem�tig den Kopf und gab den Weg frei. Daraufhin nahm der �lteste Templer, die andern nannten ihn Wilhelm, ein gl�hendes Eisen aus dem Becken und n�herte es meinem Gesicht. Vater schrie, er solle mir nichts tun und dass er ihnen sagen w�rde, was sie wissen wollten. Darauf zog der alte Mann seine Hand zur�ck, und Vater fing an zu reden. Er sagte, das Geheimnis des Elixiers w�re zu bedeutend, um es zu Hause aufzubewahren und dass es sich in einer gro�en H�hle unterhalb der H�gel bef�nde. Er h�tte nur die Karte hier im Haus, wie man zu der H�hle gelangte. Dabei deutete er mit dem Kopf auf das h�here Regal. Die drei warfen es einfach um und entdeckten dahinter tats�chlich die Nische in der Mauer mit der Landkarte. </emphasis></p><p><emphasis>Der Anf�hrer bedeutete dem alten Mann, dass dieser mit den Eisen wieder zu mir kommen sollte. </emphasis></p><p><emphasis>�Aber Hugues�, erwiderte dieser und wandte den Kopf in Richtung meines Vaters. �Er hat doch schon alles gesagt.� </emphasis></p><p><emphasis>�Wir haben wenig Zeit�, beharrte ihr Anf�hrer. �Er muss begreifen, dass er lieber nicht versuchen sollte, uns zu hintergehen und uns auf die Suche nach dem Elixier einfach irgendwohin schicken darf. Verunstalte ihr Gesicht. Und wenn er uns nicht gleich alles sagt, blenden wir sie. Zuerst ein Auge, dann das andere.� </emphasis></p><p><emphasis>�Bitte nicht!�, flehte Vater. �Ich habe Euch doch die Wahrheit gesagt!� </emphasis></p><p><emphasis>Doch diesmal machte der alte Mann weiter. Ich habe noch gesehen, wie sich das rotgl�hende Eisen meinem Gesicht n�herte, ich habe geschrien. Zuerst habe ich nur einen hei�en Hauch an meiner Wange gesp�rt, wie wenn man einen Ofen �ffnet, um nachzusehen, ob das Brot schon fertig ist, aber dann kam ein Schmerz, der jede Vorstellungskraft �berstieg, und es stank nach verbranntem Fleisch. Ich wei� nur noch, dass ich einen schrecklichen Schrei ausstie�, dann verschwamm alles vor meinen Augen. </emphasis></p><p><emphasis>Von diesem Augenblick an wei� ich nicht mehr genau, was geschehen ist. Pl�tzlich, als ich die Augen wieder �ffnete, stand unser Haus in Flammen</emphasis>.</p><p>Gerardo hob schwer atmend den Kopf. Das konnte nicht wahr sein. Tempelritter, M�nner, die geschworen hatten, den Ungl�ubigen das Heilige Land zu entrei�en und um jeden Preis den wahren Glauben Christi zu bewahren, konnten sich nicht mit einer derartig sch�ndlichen Tat befleckt haben. Folter, Mord, Gewalt an einem Kind � Und doch bezeugte das Tagebuch das Gegenteil. Die Narbe in Fiammas Gesicht war also auf so grausame Weise entstanden.</p><p>Und die Namen der drei Tempelritter, die f�r diese schreckliche Tat verantwortlich waren, kannte er genau.</p><p>Wieder beugte er den Kopf �ber das Buch und las weiter:</p><p><emphasis>6.Februar, A.D. 1305 </emphasis></p><p><emphasis>Ich habe einen Menschen get�tet, und das vollkommen umsonst. </emphasis></p><p><emphasis>Einen Hirten, der f�nf Ziegen h�tete. Ich habe ihn durch einen Hilferuf angelockt und ihm den Kopf mit einem Stein zerschmettert. Dann habe ich auch noch eine Ziege get�tet, um ihr Fleisch zu essen; eine zweite habe ich lebend mitgenommen und den Rest der Herde freigelassen. </emphasis></p><p><emphasis>Ich habe das Brustbein des Sch�fers aufgeschnitten, wie es mich mein Vater gelehrt hat, das Herz herausgenommen und dabei sorgf�ltig Venen und Arterien abgetrennt. Dann bin ich Schritt f�r Schritt den Anweisungen gefolgt, die ich in der H�hle gefunden hatte, indem ich die Zutaten unter einer Kotschicht aus meinen eigene Exkrementen aufweichen lie�. </emphasis></p><p><emphasis>Als ich die Mischung drei Tage sp�ter �berpr�fte, sah ich, dass sie sich in eine graue, gleichm��ige Masse verwandelt hatte und nicht in eine rote, wie es in den Anweisungen stand. Trotzdem unternahm ich die weiteren Schritte, f�gte die anderen Zutaten hinzu und zermahlte alles zu einem sehr feinen Pulver. Dann flehte ich Gott in einem Gebet stumm um Verzeihung an f�r das, was ich getan hatte, befeuchtete ein St�ck Stoff und trug ein wenig von dem Pulver auf meine Narbe auf. </emphasis></p><p><emphasis>Nichts geschah. </emphasis></p><p><emphasis>Von namenloser Furcht erf�llt, versuchte ich, der lebenden Ziege das Elixier aus dem in Wasser gel�sten Pulver zu trinken zu geben, um zu sehen, was geschehen w�rde, bevor ich riskierte, es selbst zu trinken. </emphasis></p><p><emphasis>Doch nichts geschah. </emphasis></p><p><emphasis>Weinend beschloss ich, mich zu t�ten. Ich hatte dies alles in der Hoffnung getan, die Wunde heilen zu k�nnen, die mein Gesicht verunstaltete und die aussah wie ein von Wasser aufgequollenes Seil. Aber mein Vater muss das dem t�rkischen Alchimisten entrissene Geheimnis falsch abgeschrieben haben. Oder das gesamte Dokument war von Anfang eine F�lschung. Seit ich das B�chlein mit den geheimen Anweisungen gefunden habe, wei� ich, warum der Mann, nachdem er aus unserem Haus verschwunden war, ohne Herz vor den Toren Gharnatas gefunden wurde. Mein Vater hat ihn get�tet, um das Elixier zu erzeugen. Doch auch ihm ist es anscheinend nicht gelungen. Sonst h�tte er es den drei Templern, die ihn folterten, sicher verraten. Besonders als sich deren Grausamkeit gegen mich richtete. </emphasis></p><p><emphasis>Ich kann nicht glauben, dass er dieses Geheimnis um den Preis seines Lebens sch�tzen wollte. Und um den des meinigen. </emphasis></p><p><emphasis>Als ich begriff, dass ich f�r nichts einen Menschen get�tet hatte, habe ich verstanden, dass ich nicht besser war als die drei, die meinen Vater umgebracht haben. Und ich beschloss zu sterben. </emphasis></p><p><emphasis>Bevor ich mir die Kehle mit dem Messer durchschnitt, wollte ich es jedoch ausprobieren, damit mir nicht die Hand dabei zitterte und ich mir eine Wunde zuf�gte, die mich vor meinem Tod noch stundenlang leiden lie�e. Ich schleppte die Ziege ins Innere der H�hle und schlitzte ihren Hals mit einem sicheren Schnitt auf, doch sie wehrte sich und biss mir in die Hand. Mit einer unkontrollierten Bewegung lie� ich die Schale mit dem falschen Elixier fallen. Ein wenig davon legte sich auf die Kehle der Ziege, die noch im Todeskampf zuckte. </emphasis></p><p><emphasis>Dann geschah etwas, das schwer zu begreifen ist: Vor meinen Augen begann sich das Blut der Ziege in ein dem Eisen �hnliches Metall zu verwandeln. Ich sah, wie ihre Adern anschwollen und die Haut aufplatzte, w�hrend sie zu einem metallenen Geflecht wurden Diese Verwandlung schritt so lange voran, bis das Tier starb. Mit dem letzten Herzschlag h�rte auch die Verwandlung auf, da das Blut nicht mehr die K�rnchen des grauen Pulvers durch den Organismus transportierte. </emphasis></p><p><emphasis>Und genau in diesem Moment begann in mir der bitters��e Plan meiner Rache aufzukeimen. Ich wusste noch nicht, wo oder wie ich es tun w�rde, aber ich begriff, dass ich mich nicht umbringen durfte, bevor ich die M�rder meines Vaters und Urheber meiner Verst�mmelung aus der Welt geschafft hatte. </emphasis></p><p>Gerardo sa� auf dem Boden der Zelle, doch seine Gedanken waren ganz woanders. Es kam ihm beinahe so vor, als s�he er das Grauen jenes M�dchens vor sich, das gerade aus dem brennenden Haus entkommen war, verunstaltet und von Schmerzen an K�rper und Seele gequ�lt, und das dann mehr aus einem Instinkt heraus als einer bewussten Entscheidung folgend das geheime Versteck ihres Vaters in den Bergen um Granada aufgesucht hatte. Dies musste derselbe Ort sein wie der auf der Landkarte vermerkte. Derselben Landkarte, die Mondino der Leiche des Deutschen abgenommen hatte. Doch warum hatten die drei Tempelritter, die dem Vater diese Karte unter Folter entrissen hatten, das M�dchen nicht entdeckt?</p><p>Vielleicht w�rde er die Antwort darauf auf den n�chsten Seiten des Tagebuchs finden, doch ihm blieb jetzt keine Zeit, um weiterzulesen. Nun stand fest, dass Fiamma die gesuchte M�rderin war, und sie musste so schnell wie m�glich aufgehalten werden. Bestimmt hatte sie inzwischen Hugues de Narbonne get�tet. Trotz der Schuld, die der Franzose auf sich geladen hatte, zog es Gerardo das Herz zusammen bei dem Gedanken, dass ausgerechnet er ihn gefesselt und mit einem Knebel im Mund den H�nden der jungen Frau �berantwortet hatte.</p><p>Auf einmal kamen ihm die letzten Worte von Fiammas Brief in den Sinn: <emphasis>Bald werde ich in meinem Grab liegen</emphasis>. Gerardo konnte an nichts anderes mehr denken; er h�mmerte mit den F�usten gegen die T�r seiner Zelle und rief laut nach der Wache.</p><p>Mondino erwachte abrupt und mit einem unterdr�ckten Schrei aus dem Schlaf. Erst als sich sein Atem wieder beruhigt hatte, nahm er wahr, dass er sich in seinem Schlafzimmer befand und nicht in einem schlammigen Sumpf, wo ihn mit scharfen Piken bewaffnete Feinde verfolgten.</p><p>Er setzte sich auf, und als seine nackten F��e den kalten Boden ber�hrten, wurde er endg�ltig wach. Er war zur�ckgekommen, w�hrend alle im Haus noch schliefen. Hatte nachgesehen, ob sein Vater in seinem Bett lag, war dann hinauf in sein Zimmer gegangen, wo er sich gerade noch die Schuhe ausziehen konnte, bevor er in seinen Kleidern eingeschlafen war.</p><p>Das Licht, das durch das Fenster hereinfiel, zeigte ihm an, dass der Morgen bereits fortgeschritten war. Ihn erwartete wieder ein langer Tag. Er w�rde Gerardo aufsuchen und ihm mitteilen, dass er ihm den ganzen Tag Zeit gab, um die Stadt zu verlassen, dann wollte er noch am selben Abend zum Dominikanerkloster gehen und mit dem Inquisitor reden. Es war sinnlos, darauf zu hoffen, dass sie den M�rder von Angelo da Piczano und Wilhelm von Trier fassen w�rden. Mondino war �berzeugt, dass Gerardo nichts Brauchbares herausgefunden hatte. Er bereute nichts von dem, was er getan hatte, angefangen bei dem Abend, an dem er ihm geholfen hatte, die Leiche seines Freundes verschwinden zu lassen, bis zu seinem Kampf mit Guido Arlotti - bei dem er, w�ren Adias Mastinos nicht gewesen, auch sein Leben h�tte verlieren k�nnen. Der Traum, eine vollst�ndige Karte des menschlichen Gef��systems zu zeichnen, wog diese Risiken auf. Doch dieser Weg war hier zu Ende.</p><p>Er holte den Nachttopf unter dem Bett hervor und entleerte ihn aus dem Fenster, das auf den Garten hinausging, dann stellte er ihn an seinen Platz zur�ck. Diese Aufgabe kam sonst Lorenza zu, doch die Frau hatte schon zu viel mit seinem Vater zu tun.</p><p>Mondino ging zur Kommode, goss aus dem Krug Wasser in die Zinnsch�ssel und wusch sich das Gesicht, wobei er das Gef�hl des k�hlen Wassers auf der Haut genoss. Dann nahm er das Rasiermesser, seifte sich sorgf�ltig ein und begann sich zu rasieren, w�hrend er sich in dem Silberspiegel an der Wand betrachtete. Das Gesicht, das ihm aus dem Spiegel entgegenstarrte, sah nicht so aus, als geh�re es zu einem bedeutenden, in Italien und Frankreich bekannten Anatom. Er sah viel eher aus wie ein Beutelschneider vom Schlag eines Guido Arlotti und seiner Kumpane: Seine Augen waren ger�tet, der Bart war lang, das Haar schmutzig.</p><p>Doch von morgen an w�rde sich alles �ndern. Sein Leben w�rde wieder eine geordnete Folge aus Forschung, Lehre und Alltagsleben sein, ohne Fluchten, Verfolgungsjagden und K�mpfe. Ohne lebensbedrohliche Schwierigkeiten. Er w�rde sich bei Liuzzo entschuldigen und ihn bitten, seine Entscheidung, ihre Partnerschaft in der Medizinschule aufzul�sen, zur�ckzunehmen. Und er w�rde versuchen, Gerardo aus seinem Kopf zu verbannen, der sich irgendwo in der Fremde sein Leben aus dem Nichts w�rde neu aufbauen m�ssen.</p><p>Als er mit dem Rasieren fertig war, zog Mondino sich ein sauberes Hemd und Hosen an und einen neuen feuerroten Talar, den er f�r besondere Anl�sse aufbewahrt hatte. Er hatte nicht die Absicht, ersch�pft und niedergeschlagen vor dem Inquisitor zu erscheinen. Es war ihm wichtig, wenigstens den Anstand zu wahren. Deshalb legte er, bevor er die Treppe hinunterging, auch noch den mit Eichh�rnchenfell verbr�mten Umhang um.</p><p>So sorgf�ltig gekleidet, betrat Mondino das Zimmer seines Vaters. Rainerio war wach, und es schien ihm ein wenig besser zu gehen. Doch statt des �blichen m�den L�chelns zeigte sein Gesicht Beunruhigung, ja geradezu Angst.</p><p>�Mondino! Wo kommst du her?�</p><p>�Ich bin bei Tagesanbruch zur�ckgekehrt, Vater. Niemand hat mich gesehen.�</p><p>�Gott sei Dank. Du musst sofort fliehen.�</p><p>Mondino stockte der Atem. �Fliehen? Warum?�</p><p>�Gestern Abend war ein Richter der Stadt hier, ein Toskaner, mit dem ich schon lange befreundet bin, er wollte mich warnen, dass heute die Sbirren kommen, um dich zu verhaften.�</p><p>�Und wessen beschuldigt man mich?�</p><p>Rainerio richtete den Oberk�rper auf und st�tzte sich auf seine Ellenbogen. Mondino lief zum Betthaupt und half ihm, sich ganz aufzurichten. Als der alte Mann sa�, ein dickes Federkissen im R�cken, sah er ihn lange schweigend an. �Mondino, du musst aufrichtig zu mir sein�, sagte er dann. �Ein Vater kann alles verstehen. Aber ich muss die Wahrheit wissen.� Er hielt kurz inne, bevor er kaum vernehmbar hinzuf�gte: �Hast du jemanden get�tet?�</p><p>Als Erstes ging Mondino durch den Kopf, Guido Arlotti k�nnte an den Folgen seiner Schl�ge gestorben sein. Aber nein, das war unm�glich. Er war �bel zugerichtet gewesen, aber nicht schlimmer als er selbst. Dann musste es um die alte Frau gehen. Aber sie konnten unm�glich auf ihn gekommen sein.</p><p>Er wollte seinen Vater nicht bel�gen, konnte jedoch nicht einmal sich selbst gegen�ber eingestehen, dass er Filomena get�tet hatte.</p><p>�Werde ich denn beschuldigt, jemanden umgebracht zu haben?�, fragte er vorsichtig.</p><p>Rainerio nickte. �Ja, einen Franzosen, Hugues de �, ich erinnere mich nicht genau. Man hat ihn in seiner Wohnung an das Bett gefesselt gefunden, den Kopf aufges�gt und voller W�rmer. Und das Herz ��</p><p>�� in einen Block aus Eisen verwandelt�, fl�sterte Mondino.</p><p>Er traute seinen Ohren nicht. Als sein Vater Hugues� Namen erw�hnte, hatte er f�r einen Augenblick geglaubt, dass dieser an den Folgen seiner Operation gestorben war und dass sich die Mordanklage darauf bez�ge. Stattdessen musste er nun annehmen, dass der M�rder den Franzosen gefunden und umgebracht hatte. Und dass man jetzt ihn dieses Verbrechens beschuldigte.</p><p>�Also wei�t du davon�, sagte Rainerio und sah seinem Sohn fest in die Augen. �Warst du es?�</p><p>�Nein, das schw�re ich Euch�, erwiderte Mondino, gl�cklich dar�ber, dass er wenigstens in diesem Punkt die Wahrheit sagen konnte. �Aber ich habe dessen Haus betreten, und dabei muss mich jemand gesehen haben.�</p><p>�Hast du keine M�glichkeit, deine Unschuld zu beweisen?�</p><p>Mondino sch�ttelte betr�bt den Kopf. Einzig Gerardo h�tte f�r ihn aussagen k�nnen, wenn der nicht selbst gesucht w�rde.</p><p>�Dann musst du fliehen�, sagte Rainerio entschieden. �Ich werde Liuzzo bitten, einen seiner Freunde unter den Anw�lten zu beauftragen, und wir werden unser M�glichstes tun, dass du nicht verurteilt wirst. Wenn uns das gelingt, kannst du zur�ckkehren.�</p><p>�Ich bin �berzeugt, dass sich alles aufkl�ren wird�, log Mondino, aber er konnte seinem Vater dabei nicht in die Augen sehen. �Wenn Ihr Liuzzo seht, sagt ihm bitte, dass ich mich so bald wie m�glich f�r mein unm�gliches Verhalten ihm gegen�ber entschuldigen werde.�</p><p>Bei diesen Worten f�hlte Mondino sich gleich besser. Der Gedanke, dass er Gelegenheit haben w�rde, seinen Onkel um Verzeihung zu bitten, half ihm dabei, sich zu �berzeugen, dass es tats�chlich eine Zukunft f�r ihn gab.</p><p>�Das werde ich tun. Aber jetzt geh. Die Sbirren k�nnen jeden Moment hier sein.�</p><p>Mondino k�sste seinen Vater zum Abschied auf die Stirn, dann verlie� er den Raum und eilte zur K�che. Er w�re beinahe mit Lorenza zusammengeprallt, die bei seinem Anblick versuchte, wie ein kleines Kind die Holztasse in ihrer Hand hinter dem R�cken zu verbergen.</p><p>�Erwische ich dich wieder!�, rief Mondino w�tend aus.</p><p>�Verzeiht�, sagte Lorenza erschrocken und blickte zu Boden. �Ich bitte Euch ��</p><p>In einem Anflug von Wut streckte Mondino die Hand nach der Tasse aus, die hinunterfiel. Ihr Inhalt ergoss sich �ber den Boden.</p><p>�Ich wische das sofort auf�, sagte die Frau leise, drehte sich um und ging in die K�che zur�ck.</p><p>Der Geruch, der vom Boden aufstieg, erinnerte ihn an etwas. Einem inneren Drang folgend, b�ckte sich Mondino, tauchte einen Finger in die Reste der versch�tteten Milch und f�hrte ihn zum Mund. Der angenehme, unverwechselbare Geschmack l�ste in seinem Kopf einen Sturm verwirrter Gef�hle und Erinnerungen aus, von denen er noch nicht einmal gewusst hatte.</p><p>Auf einmal begriff er Lorenzas Absichten und als sie mit einem Lappen in der Hand wiederkam, sprach er sie an: �Du gibst meinem Vater von deiner Muttermilch anstatt Kuhmilch.�</p><p>Die Frau versuchte dies durch ein Kopfsch�tteln zu leugnen. Sie war so ver�ngstigt, dass sie beinahe kein Wort herausbrachte.</p><p>�Nein, nein, das ist nicht wahr ��</p><p>�Du darfst nicht l�gen. Nicht mir gegen�ber.�</p><p>Lorenza gab Rainerio ihre Muttermilch in der unter dem einfachen Volk verbreiteten �berzeugung, die Milch einer Frau bes��e Wunderkr�fte und k�nne jedes �bel heilen.</p><p>�Ich bitte Euch�, sagte sie und brach in Tr�nen aus. �Jagt uns nicht fort � Wir w�ssten doch nicht, wohin wir gehen sollten ��</p><p>Sie zitterte vor Angst. Obwohl sie nur aus Aberglauben handelte, verdiente sie, die ihrer eigenen Tochter die Milch entzog, um sie Rainerio zu geben, f�r ihr Handeln Anerkennung und gewiss keine Vorw�rfe. Um sie zu beruhigen, tat Mondino etwas, von dem er nie geglaubt h�tte, dass er dazu f�hig sein w�rde: Er umarmte sie und dr�ckte sie fest an seine Brust.</p><p>�Verzeih mir, Lorenza�, sagte er leise. �Tu ruhig mit meinem Vater, was dir richtig erscheint. Alles wird gut werden.�</p><p>Dann lie� er sie erstaunt und immer noch weinend mit dem Lappen in der Hand stehen, durchma� mit schnellen Schritten die K�che und �ffnete kurz darauf die T�r zur Stra�e.</p><p>Im gleichen Moment bog eine Abordnung Wachen unter dem Befehl ihres Hauptmanns um die Ecke. Mondino wich einen Schritt zur�ck, um nicht bemerkt zu werden, schloss die T�r hastig wieder und wusste nicht, was er tun sollte. Zum Fliehen war es zu sp�t. Seine einzige Rettung war, sich im Haus zu verbergen. Also wandte er sich um und rannte zur�ck durch die K�che.</p><p>Lorenza kniete im Flur und wischte die Milch auf. Mondino beugte sich �ber sie und ber�hrte sie an der Schulter. �Die Sbirren kommen, um mich zu verhaften�, fl�sterte er. �Verrate mich nicht.�</p><p>Er rannte ins obere Stockwerk hinauf, w�hrend die Soldaten bereits ins Haus kamen und laut nach ihm fragten, betrat sein Arbeitszimmer und sah sich verzweifelt nach einem Versteck um. Einen Moment �berlegte Mondino, ob er aus dem Fenster klettern und �ber die D�cher fliehen sollte, wie Gerardo in der Nacht, als jener Albtraum begonnen hatte. Doch die Mauer war zu hoch, und er lief Gefahr, dass man ihn fand, wenn er wie eine Salami an der Mauer baumelte, ohne sich auf das Dach hochziehen zu k�nnen. Au�erdem w�rde er sich bei dem Versuch, in den Hof hinunterzuspringen, ein Bein brechen. Auf den Treppen ert�nten Schritte und Stimmen. Kurzentschlossen kletterte der Arzt auf das Fensterbrett und kauerte sich auf dem schmalen Gesims zusammen, das um das Haus lief.</p><p>Gerade noch rechtzeitig. Einen Augenblick sp�ter wurde die T�r aufgerissen und jemand sagte: �Ihr beiden seht im Schlafzimmer nach. Ich �bernehme das hier.�</p><p>Mondino meinte, die Stimme zu kennen. Er blieb unbeweglich in seinem improvisierten Versteck hocken, hielt den Atem an und hoffte, dass ihn niemand aus den Nachbarh�usern bemerkte. Er zwang sich, nicht an das zu denken, was ihn erwarten w�rde, wenn man ihn fasste - sch�ndliche Beschuldigungen, ein Prozess, in dem er unm�glich seine Unschuld beweisen konnte, und beinahe sicher ein Todesurteil. W�hrend die Wache das ganze Arbeitszimmer durchsuchte, dachte Mondino an die Aufzeichnungen zu seinem Anatomielehrbuch. Es konnte sein, dass der Mann den Packen �ffnete, die Bl�tter mit den Notizen und Zeichnungen sah und sie als Beweise gegen ihn beschlagnahmte. Wo sie dann wohl enden mochten?</p><p>Doch all diese �berlegungen l�sten sich in Luft auf, als er h�rte, wie Schritte sich dem Fenster n�herten.</p><p>Tr�gerische Hoffnung keimte in ihm auf, als der Mann stehen blieb. Mondino betete inbr�nstig, er m�ge nicht ans Fenster treten. Er duckte sich auf das Sims, auf allen vieren, mit gesenktem Kopf, um sich besser im Gleichgewicht zu halten. Von drau�en musste er wie einer dieser Wasserspeier wirken, wie man sie an Kirchenfassaden fand. Er h�rte den Atem und roch sogar den Geruch des Mannes, eine Mischung aus Schwei� und Zwiebeln, stark, aber nicht unangenehm. Pl�tzlich bemerkte er, dass der Geruch intensiver geworden war und begriff. Er hob langsam den Kopf, und sie sahen einander an.</p><p>Mondino erkannte ihn sogleich, auch der Narbe wegen, die seinen Mund verunstaltete. Der Mann war vor einem Jahr zu ihm gekommen, verzweifelt, mit einem Tumor an der Unterlippe, den der Wundarzt, an den er sich gewandt hatte, nicht zu entfernen gewagt hatte. Mondino hatte ihn operiert, und als er geheilt war, hatte der Mann verk�ndet, er w�rde ihm auf ewig dankbar sein. W�hrend der wenigen Momente, die sie einander schweigend ansahen, fiel Mondino ein, dass er Luca hie�, wie der Schutzpatron der �rzte.</p><p>�Man hat mich geschickt, weil sie wissen, dass ich Euch kenne�, sagte die Wache leise.</p><p>Dann schwieg er. Man konnte seinem Gesicht ganz deutlich ansehen, dass er unentschlossen war. Mondino sch�pfte Hoffnung.</p><p>Dann erlosch dieses F�nkchen Hoffnung genauso pl�tzlich wieder, wie es aufgeflammt war.</p><p>�Ich habe ihn gefunden!�, rief der Mann. �Kommt hierher!�</p><p>Er packte Mondino am Nacken, zog ihn hoch und half ihm, �ber das Fensterbrett zu steigen. �ber sein Gesicht hatte sich eine eiserne Maske gelegt.</p><p>Resigniert gab sich Mondino in die H�nde der beiden Sbirren, die inzwischen in das Arbeitszimmer geeilt waren.</p><p>�Mondino de� Liuzzi�, sagte Luca. �Im Namen des Podest�, Ihr seid verhaftet!�</p></section><section><title><p><strong>SECHZEHN</strong></p></title><empty-line/><p><strong>U</strong>berto da Rimini arbeitete leichten Herzens. Der Erzbischof hatte es sich in den Kopf gesetzt, jedes einzelne Blatt der den Prozess betreffenden Akten zu lesen. Dies war ein deutliches Zeichen, dass er ihm misstraute, dennoch ber�hrte den Inquisitor dies nicht mehr sehr. Vor einer Stunde war Guido Arlotti bei ihm erschienen, um ihm mitzuteilen, dass sein Plan aufgegangen war. Die auf dem Platz versammelte Menschenmenge w�rde sich kaum zerstreuen, bevor sie nicht die Leiche des falschen Studenten gesehen h�tte, und der Capitano del Popolo hatte eine Schar Sbirren geschickt, um Mondino de� Liuzzi zu verhaften.</p><p>Der M�nch, den Uberto zum Podest� geschickt hatte, um ihn �ber ihr Kommen zu unterrichten, war mit der Nachricht zur�ckgekehrt, dass es auf dem Platz nur so von aufgebrachten Leuten wimmelte und es ihm nicht gelungen war, den Palazzo des Podest� zu erreichen. Der Erzbischof hatte zwar erkl�rt, er lie�e sich davon nicht einsch�chtern, doch Uberto hielt diesen Wagemut f�r vorget�uscht. Er war �berzeugt, dass Rinaldo da Concorezzo auf das Verh�r verzichten und innerhalb der sicheren Mauern des Konvents bleiben w�rde. Und am folgenden Tag w�rde es zu sp�t sein.</p><p>Alles war geregelt. Nun galt es nur noch abzuwarten.</p><p>�Hier hei�t es, der Befragte h�tte in Bezug auf die Beschuldigung, dass er den Ritus <emphasis>l�osculum sub cauda</emphasis> praktiziert habe, gelogen und seine Unschuld erkl�rt�, sagte Rinaldo da Concorezzo und sah von den Verh�rprotokollen auf.</p><p>�Das stimmt�, best�tigte Uberto abwesend. �Sie erkl�ren st�ndig, dass sie in allem unschuldig sind.�</p><p>�Das habe ich nicht gemeint�, erwiderte der Erzbischof trocken. �Ich wollte Eure Aufmerksamkeit vielmehr auf die Worte lenken, die Ihr gebraucht habt. Ihr habt nicht gesagt: �Er hat sich f�r unschuldig erkl�rt�, sondern: �Er hat <emphasis>gelogen</emphasis> und seine Unschuld erkl�rt.� Wie k�nnt Ihr so sicher sein, dass er gelogen hat?�</p><p>�Verzeiht mir, Monsignore�, antwortete Uberto, dessen Geduld nun endg�ltig aufgebraucht war. �Das war eine Leichtfertigkeit von mir. Ich habe mir nur gedacht, dass das Offizium des Heiligen Vaters keine so obsz�ne Beschuldigung in die Liste aufgenommen h�tte, wie jene, von den Novizen zu fordern, sie sollten den Anus ihrer �lteren Mitbr�der k�ssen, wenn man sich vorher nicht vergewissert h�tte, dass es sich um eine begr�ndete Anschuldigung handelte. Deshalb habe ich daraus geschlossen, dass die Unschuldserkl�rung des Angeklagten eine L�ge sei. Es ging darum, an ihm zu zweifeln oder am Offizium des Heiligen Vaters.�</p><p>Der Erzbischof nickte. �Ich sehe, dass wir unterschiedliche Sprachen sprechen, Pater Uberto�, sagte er. �F�r Euch geht es immer darum, jemandem aufgrund seiner angenommenen Zuverl�ssigkeit zu glauben oder nicht. Eurer Denkweise ist die Frage von Beweisen v�llig fremd.�</p><p>�Ich gebe zu, dass ich darin meine Grenzen habe.� Nachdem er Rinaldos Vorw�rfe all die Zeit stumm ertragen hatte, lie�en Ubertos Worte nun seine Wut erkennen, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. �Ich bin nun mal ein M�nch, und seit meiner Kindheit hat man mich gelehrt, dass der Glaube keiner Beweise bedarf.�</p><p>�Dann erscheint es Euch also logisch, f�r ein Urteil �ber menschliche Verfehlungen und die christliche Lehre ein und dasselbe System anzuwenden, als seien diese gleichzusetzen?�</p><p>�Das habe ich nicht gesagt, Monsignore.�</p><p>�Gesagt habt Ihr es tats�chlich nicht, aber Eure Taten sprechen f�r Euch. Seid ehrlich, Pater Uberto. Mir kommen ernsthafte Zweifel, ob Ihr der Richtige seid, um diese Aufgabe zu erf�llen.�</p><p>Dieser Schlag traf Uberto unvorbereitet. Er �ffnete ein paarmal stumm den Mund, bis er schlie�lich hervorbrachte: �Wollt Ihr mich etwa meines Amtes entheben? Aber das geht nicht. Es sind nur noch wenige Wochen bis zum Ende des Prozesses. Hinsichtlich der vom Pontifex veranschlagten Zeiten sind wir bereits im Verzug, und ��</p><p>�Beruhigt Euch, ich wei� auch, dass es zu sp�t f�r einen Austausch ist. Ich habe nur vor, Euch zwei Franziskanerm�nche meines Vertrauens zur Seite zu stellen, damit Ihr durch eine konstruktive Gegen�berstellung gemeinsam die gerechtesten Entscheidungen treffen k�nnt.�</p><p>Diesmal verschlug es Uberto tats�chlich die Sprache. In jeder seiner Entscheidungen dem Urteil der Franziskaner unterworfen zu sein, bedeutete eine schlimmere Dem�tigung als eine Amtsenthebung. Nun gab es keinen Zweifel mehr: Der Erzbischof hatte ihm den Krieg erkl�rt.</p><p>�Wenn dies Euer Entschluss ist, respektiere ich ihn und nehme ihn widerspruchslos an�, sagte er, sichtlich bem�ht, ruhig zu bleiben. �Sollte es dennoch etwas geben, was ich tun kann, um Euer Vertrauen zur�ckzugewinnen, so sagt es mir bitte.�</p><p>Der Erzbischof seufzte. �Das wird sich zeigen. Es h�ngt viel davon ab, was uns der Gefangene w�hrend des Verh�rs gleich sagen wird. Sollte es sich herausstellen, dass er eindeutig der Morde schuldig ist, die ihm zur Last gelegt werden, und sollte man auch sehen, dass er nicht allein daf�r verantwortlich ist, sondern noch andere Mitglieder seines Ordens, wie Ihr anzunehmen scheint, wird der Prozess zu einem schnellen Ende kommen und niemand sein Amt aufgeben m�ssen.�</p><p>�Ich danke Euch, Monsignore, und vertraue darauf, dass alles so verlaufen wird, wie Ihr es gerade geschildert habt.�</p><p>Rinaldo machte eine Handbewegung, als wollte er sagen, es sei noch zu fr�h f�r Dankesbezeugungen, dann sah er aus dem Fenster und meinte schlie�lich: �Ich glaube, jetzt ist der Moment gekommen, um unsere Arbeit im Konvent zu unterbrechen und uns zum Palazzo des Podest� zu begeben.�</p><p>Auf diesen Moment hatte Uberto gewartet. Er hatte �berlegt, ob er versuchen sollte, den Kirchenf�rsten von seiner Meinung abzubringen, und war eigentlich sicher, dass Rinaldo nach einem eher formellen Protest nachgeben w�rde. Aber nun war seine Wut zu gro�. Soll er doch die Folgen seiner Sturheit zu sp�ren bekommen, dachte er.</p><p>�Nat�rlich, Monsignore. Ich werde sofort Anweisung geben, dass man uns eine kleine Eskorte zusammenstellt.�</p><p>�Keine Eskorte und kein Pomp�, erwiderte Rinaldo. �Damit erregen wir nur weiter den Unwillen des Volks. Nur wir beide werden gehen, begleitet von zwei M�nchen mit Weihrauchfass und Schiffchen und einem Kruzifixtr�ger.�</p><p>Uberto nickte, als sei dieser dumme Vorschlag ein vern�nftiger Gedanke. �Wie Ihr w�nscht�, sagte er nur und verlie� sein Studierzimmer.</p><p>W�hrend er die Treppe hinunterging, ahnte er bereits, welche M�nche sie begleiten w�rden. Einer von ihnen war h�chstwahrscheinlich der Spion, der dem Erzbischof alles hinterbracht hatte. Im Laufe des vergangenen Tages hatte er ihn zweimal im Gespr�ch mit Rinaldo �berrascht. Er w�rde ihm anordnen, das Kreuz zu tragen. Es war nur gerecht, dass er die Gefahren einer Lage teilte, die auch durch sein Zutun entstanden war. Die anderen waren zwei junge kr�ftige M�nner, die sie im Notfall verteidigen konnten.</p><p>Vor der geschlossenen T�r des Priors blieb Uberto stehen. Er hatte bereits die Hand gehoben, um anzuklopfen, als ihn pl�tzlich ein Gedanke durchzuckte. In einem so entscheidenden Augenblick seines Lebens musste er beten, bevor er irgendetwas tat. Er ging eilig davon und begab sich in die kleine Kapelle, die man in der Zelle eingerichtet hatte, in der der heilige Dominikus sein Leben ausgehaucht hatte.</p><p>Kaum war er �ber die Schwelle getreten, fiel er auf die Knie, rief den Heiligen an und bat ihn, sich f�r ihn bei Gott zu verwenden. Uberto wusste, dass seine Laufbahn nun zu Ende war. Sollten sie den Gefangenen nicht verh�ren k�nnen, w�rde ihn der Erzbischof der Dem�tigung unterziehen, dass er sich zwei Franziskanern gegen�ber verantworten musste, was beinahe schlimmer war als eine Amtsenthebung. Sollten sie dagegen heil und unversehrt im Palazzo des Podest� ankommen, w�rde Rinaldo erfahren, dass man den Templer in Ubertos Anwesenheit unter Folter befragt hatte, und ihn <emphasis>a divinis</emphasis> von seinem Amt suspendieren.</p><p>Jetzt konnte ihn nur noch ein Wunder retten.</p><p>Uberto befragte sein Gewissen und kam zu dem Schluss, dass er seine Pflicht getan hatte, um die Ketzerei auszurotten. Nun lag die Verantwortung nicht mehr in seinen H�nden. Wenn es Gottes Wille war, dass er weiterhin den Glauben verteidigte, sollte er ihm ein Zeichen schicken, indem er die Hindernisse aus dem Weg r�umte.</p><p>Genau in diesem Augenblick entstand in seinem Kopf ein Bild, wie der Erzbischof von der aufgebrachten Menge get�tet wurde.</p><p>Uberto legte entsetzt die H�nde vor die Augen. Konnte es wirklich sein, dass der heilige Dominikus, der gesegnete Prediger und Gr�nder seines Ordens, ihm eine so abscheuliche Tat nahe legte? Ohne sich selbst gegen�ber einzugestehen, dass er den Mord an einem Diener der Kirche als M�glichkeit ins Auge fasste, machte er sich daran, die m�glichen Folgen unbefangen wie in einem Gedankenspiel durchzugehen. Sollte Rinaldo da Concorezzo verschwinden, w�rde die Kirche davon profitieren, und er selbst w�rde auf seinem Weg nach oben nicht l�nger aufgehalten werden. Im Gegenteil: Er w�rde schlagartig aufsteigen. Wenn der Erzbischof nicht mehr war, konnte es sehr gut sein, dass Papst Clemens V. ihm die Leitung des Prozesses �bertrug. Und selbst wenn man in aller Eile einen neuen Erzbischof ernannte, w�rde er, Uberto, der eigentliche Leiter dieses Prozesses bleiben, weil er ihn bereits seit seinen Anf�ngen verfolgt hatte und ihn besser als jeder andere kannte.</p><p>Immer noch als abstrakte �berlegung erw�gte der Inquisitor, wie ein gedungener M�rder den Anschlag ver�ben k�nnte, und seine Miene verfinsterte sich. Im Prinzip konnte er bei einem solchen Auftrag nur auf Guido Arlotti z�hlen, aber eines war sicher: Der ehemalige M�nch w�rde sich niemals dazu bereit erkl�ren, einen Erzbischof der heiligen Mutter Kirche zu ermorden, sollte es ihm nicht der Papst pers�nlich befehlen.</p><p>Die einzige andere M�glichkeit bestand darin, dass er selbst den Willen des Heiligen vollstreckte. Doch auch dies w�rde sich als problematisch gestalten: Der Erzbischof musste gleich verschwinden, das stand au�er Frage, und selbst wenn er es gewollt h�tte, h�tte Uberto ihn sicher nicht in seinem Studierzimmer oder drau�en vor aller Augen erdolchen k�nnen.</p><p>Stumm beichtete er dem heiligen Dominikus, dass er seine Botschaft nicht zu deuten wusste, bekreuzigte sich und �ffnete die Augen.</p><p>Und pl�tzlich sah er alles klar vor sich.</p><p>Das, was einst das Bett des Heiligen gewesen war, der genaue Ort, an dem er seine Seele ausgehaucht hatte, wurde von einem Sonnenstrahl beleuchtet, der durch die angelehnten Fensterl�den hereindrang. Das �brige Zimmer lag im Schatten, aber dieses armselige Strohlager auf einigen rohen Holzbrettern gl�nzte wie ein K�nigsthron. Uberto begriff, dass er die S�nde des Hochmuts begangen hatte, und bat den Heiligen mit Tr�nen der R�hrung in den Augen hastig um Verzeihung.</p><p>Er hatte geglaubt, er selbst m�sse die Botschaft deuten, er selbst m�sse handeln. In seinem Hochmut hatte er, wenn auch nur in Gedanken, die M�glichkeit erwogen, einen Mord zu begehen und seine Seele zu ewiger Verdammnis zu verurteilen. Stattdessen war das Bild des Erzbischofs, der von der aufgebrachten Menge get�tet wurde, nur eine Weissagung, die der heilige Dominikus ihm gesandt hatte, um ihn zu beruhigen. Gott und seine Heiligen waren selbst in der Lage, alle Hindernisse aus dem Weg zu r�umen; sie brauchten ihn gar nicht. Wie hatte er nur glauben k�nnen, dass er f�r sie handeln m�sse? Uberto nahm sich vor, dass er sich eine harte Strafe auferlegen und sowohl K�rper als auch Geist dem�tigen w�rde, um f�r diese S�nde des Hochmuts zu b��en. Und gleich darauf dankte er Gott und allen Heiligen f�r die gew�hrte Gnade: die Gelegenheit, im Scho� der Kirche aufzusteigen, damit er die Ketzerei in Zukunft noch wirksamer bek�mpfen konnte.</p><p>Wie als Antwort auf seine �berlegungen verlosch der leuchtende Sonnenstrahl allm�hlich, und das Zimmer lag wieder im Halbdunkel. Uberto erhob sich mit leichtem Herzen und verlie� gest�rkt die Kapelle. Er ging in das Amtszimmer des Priors und bat um die Erlaubnis, drei M�nche und das Kreuz mitnehmen zu d�rfen. Als der gro�e Mann protestierte, erkl�rte er, es handle sich um einen ausdr�cklichen Wunsch des Erzbischofs. Sobald er die Genehmigung erhalten hatte, benachrichtigte er die ausgew�hlten M�nche und lie� ihnen ausrichten, dass sie sich bereit halten sollten. Dann stieg er die Stufen hinauf und kehrte in sein Studierzimmer zur�ck. Er war sicher, dass Rinaldo Concorezzos Stunden gez�hlt waren. Gelenkt von g�ttlicher Hand w�rde ihn noch an diesem Morgen ein Stein oder ein Stockhieb t�ten.</p><p>Sein Herz war leicht: Er w�rde sich nicht die H�nde mit Blut beflecken m�ssen, und dar�ber war er sehr froh. Dennoch w�rde er die Augen offen halten, beschloss Uberto, und wenn sich eine Gelegenheit ergab, der g�ttlichen Vorsehung nachzuhelfen, w�rde er sie nicht ungenutzt verstreichen lassen.</p><empty-line/><p>Die Wachen machten einen langen Umweg, um Mondino zum Palazzo des Podest� zu bringen, und mieden die Piazza Maggiore, wo immer mehr Leute zusammenliefen. Schon von weitem h�rte man von dort Geschrei und L�rm, obwohl der Markt, der sonst dort abgehalten wurde, heute am Sonntag geschlossen war.</p><p>�Was ist los?�, fragte der Arzt an niemand Bestimmten gerichtet.</p><p>Man hatte ihn nicht gefesselt. Um ihn an einer Flucht zu hindern, hatten ihn die beiden, denen er �bergeben worden war, schlicht in ihre Mitte genommen, w�hrend Luca, ihr Anf�hrer, ein paar Schritte vorausging.</p><p>Dieser antwortete ihm, ohne sich nach ihm umzudrehen: �In der Stadt hat sich das Ger�cht verbreitet, man h�tte den Hexer verhaftet, der diese M�nner get�tet und ihre Herzen in Eisen verwandelt hat. Er soll ein Tempelritter sein. Man sagt auch, dass der Podest� daran denken w�rde, ihn freizulassen und alles zu vertuschen, um sich nicht mit der Kirche anzulegen. Die Menge will nun die Gerechtigkeit selbst in die Hand nehmen, ohne erst den Prozess abzuwarten.�</p><p>Mondino setzte einen Moment lang das Herz aus. Bei diesen Worten ging seine letzte Hoffnung auf Rettung dahin.</p><p>�Wie hei�t der Mann, den ihr verhaftet habt?�, fragte er, nur um sicherzugehen.</p><p>�Francesco Salimbene. Aber man sagt, das sei ein falscher Name. Ich w�rde ja meinen, Ihr solltet ihn kennen.�</p><p>�Und der Podest� will ihn wirklich frei lassen?�</p><p>�Macht Ihr Witze? Ich wei� nicht, wer dieses Ger�cht in die Welt gesetzt hat.�</p><p>Sie kamen an der R�ckseite des Palazzo di Accursio vor�ber, den die Stadt erworben und dann zum Sitz des �ltestenrates gemacht hatte. Die Messe war gerade vor�ber; die Leute verlie�en die Kirche und gingen dann einzeln oder in kleinen Gruppen auf den Platz zu. Niemand schenkte der Schar Sbirren besondere Beachtung.</p><p>�Ihr solltet lieber ruhig sein und keine Schwierigkeiten machen�, sagte Luca und blieb unvermittelt stehen. Er drehte sich um und sah den Gefangenen an. �Wenn die w�ssten, dass Ihr ebenfalls in diese Morde verwickelt seid, w�rden sie Euch auf der Stelle in St�cke rei�en, und wir k�nnten nichts tun, um Euch zu besch�tzen.�</p><p>�Ich bin unschuldig�, sagte Mondino und sah ihm direkt in die Augen.</p><p>�Dann habt Ihr ja gleich doppelt Grund zu schweigen�, erwiderte Luca mit einem Funken Sarkasmus in der Stimme.</p><p>Sie setzten ihren Weg fort und kamen kurz darauf auf dem an die Piazza Maggiore angrenzenden Platz heraus, wo die Kesselschmiede an Werktagen ihre St�nde aufstellten. Der gesamte Raum zwischen dem Palazzo des �ltestenrats und dem alten Geb�ude der Stadtverwaltung, in dem man K�nig Enzo gefangen gehalten hatte, war mit Leuten gef�llt. Der Platz war so bev�lkert wie am Tag des heiligen Bartholom�us w�hrend des Porchetta-Festes. Doch die Menge, welche sich dort versammelt hatte, verstr�mte nichts von der heiteren Vorfreude, die sonst an diesem Tag vorherrschte, wenn sie darauf wartete, dass vom Balkon des Rathauses die traditionellen Lebensmittel und M�nzen geworfen wurden. Die Schreie und durcheinanderhallenden Rufe waren die einer w�tenden Meute, die Blut sehen wollte.</p><p>Mondino senkte den Kopf und lief weiter.</p><p>Die wenigen Dutzend Schritte bis zum r�ckw�rtigen Eingang am Palazzo des Podest� kamen ihm wie Meilen vor. Um nicht erkannt zu werden, hob er den Kopf nicht einmal, als sie unter das gro�e Kreuzgew�lbe traten, das den Torre dell�Arengo trug. Bis auf die Portalwachen der drei nebeneinanderliegenden Geb�ude - dem Palazzo des Podest�, dem Sitz des Capitano del Popolo und dem Palast von K�nig Enzo, waren die beiden Stra�en, die sich unter dem Gew�lbe kreuzten, menschenleer. Alles Geschehen spielte sich auf der Piazza ab.</p><p>Es war schon lange her, seit Mondino zum letzten Mal einer �ffentlichen Hinrichtung beigewohnt hatte, doch er erinnerte sich genau an die n�chterne Zeremonie. Der Verurteilte erschien mit den M�nchen, den Sbirren und dem Henker auf dem Balkon. Einer der M�nche hielt ihm bemalte Holztafeln vors Gesicht, damit er die w�st schreienden Leute aus dem Volk nicht sehen musste. Dann legte man ihm das Seil um den Hals, und der Henker stie� ihn �ber die Br�stung. Es war auch vorgekommen, dass das Seil riss, dann hatte das Volk den Ungl�ckseligen get�tet.</p><p>Der Gedanke, ihm k�nne auch ein solches Schicksal zuteilwerden, schien Mondino wie ein Alptraum.</p><p>Die Wachen lie�en sie passieren, und schweigend stiegen sie die Stufen hinauf; begleitet von Sprechch�ren, die laut die sofortige Herausgabe des Schuldigen forderten. Im ersten Stock, wo sich gew�hnlich die Richter aufhielten, waren die Holzscheiben mit den Wappen des Einhorns, des Adlers, des Hirsches und der anderen Tiere genauso leer wie die St�hle der Notare. Dieses sonst so mit Leben erf�llte Geb�ude war am Sonntag wie ausgestorben.</p><p>Die Sbirren blieben stehen und redeten mit einem Mann, der einen Talar trug und sie zu einer hohen T�r schickte, deren Fl�gel in Spitzb�gen ausliefen. Luca klopfte, wartete auf die Aufforderung einzutreten, doch als niemand antwortete, ging er trotzdem hinein.</p><p>Schlie�lich schaute Mondino auf. Sie befanden sich in einem gro�en Raum, in dem hinten an der Ecke eines langen Tisches Enrico Bernadazzi aus Lucca und Pantaleone Buzacarini aus Padua sa�en, also der Podest� und der Capitano del Popolo. Vor ihnen stand Gerardo und redete lebhaft auf sie ein.</p><p>Mondino nahm all diese Einzelheiten mit einer gewissen Distanz auf. Seit seiner Verhaftung glitt alles an ihm ab, ohne Spuren in seiner Seele zu hinterlassen. Sogar die Schreie der Menge, die der im Wind wehende Leinenvorhang in der Fenster�ffnung nicht zu d�mpfen vermochte, waren zu einem Hintergrundger�usch geworden, das nicht das Geringste mit ihm zu tun hatte. Der L�rm klang f�r Mondino wie das Rauschen eines Flusses, der Hochwasser f�hrte. Ein Detail riss ihn jedoch aus diesem Zustand der Teilnahmslosigkeit: Gerardo h�tte gefesselt sein m�ssen, stattdessen war er frei. Einer seiner Arme hing kraftlos an der Seite hinab, ein Anzeichen daf�r, dass man ihn einige Male der Seilfolter unterzogen hatte. Alles in allem aber verhielt er sich nicht wie ein Gefangener beim Verh�r. Er schien vielmehr eine viel versprechende Sache zu vertreten, die ihm ein sicheres Auftreten verschaffte.</p><p>Mondino konnte sich keinen Reim darauf machen. In jedem Fall w�rde er bald eine Erkl�rung daf�r bekommen, was hier vor sich ging. Bei ihrer Ankunft hatten seine drei H�scher ihr Gespr�ch unterbrochen und sich gleichzeitig zur T�r umgedreht. Mondino hoffte, Gerardo w�rde so geistesgegenw�rtig sein, sich gleichg�ltig zu zeigen, aber er wurde entt�uscht.</p><p>�Magister!�, rief der junge Mann aus. �Euch schickt der Himmel!�</p><p>�Mich schickt niemand, man hat mich verhaftet�, antwortete der Arzt.</p><p>Die Sbirren blieben drei Schritte vor dem Podest� stehen. Nur ihr Anf�hrer trat vor, um weitere Anweisungen zu erhalten.</p><p>�Lasst uns allein�, befahl Enrico Bernadazzi.</p><p>Die drei gehorchten wortlos, und als sie den Raum verlassen und die T�r hinter sich geschlossen hatten, begr��te der Capitano del Popolo Mondino f�rmlich. Dann setzte er ihn �ber die aktuelle Lage in Kenntnis, wobei er seine Stimme erheben musste, um den L�rm von drau�en zu �bert�nen. Mondino verschlug es die Sprache, als er h�rte, was der Capitano ihm zu sagen hatte. Er konnte kaum glauben, dass die junge Tochter des Bankiers und der teuflische M�rder, den sie suchten, ein und dieselbe Person sein sollten. Sein Verstand war wie gel�hmt, er reagierte nur langsam auf jede weitere Neuigkeit. Innerhalb einer knappen Stunde hatte er schlie�lich erfahren, dass er wegen Mordes gesucht wurde und aus diesem Grunde auch verhaftet worden war, und h�rte, dass er nun jedoch wieder frei war. Einen Augenblick lang f�rchtete Mondino, dass es sich um eine Falle handeln k�nnte, um ihn mit Gerardos Hilfe in Widerspr�che zu verwickeln und dazu zu bringen, etwas zu gestehen, was er nicht getan hatte. Er wagte erst zu glauben, als Pantaleone Buzacarini ihn auf Fiammas Tagebuch und den Brief hinwies, die offen auf dem Tisch lagen. Mondino ergriff sie, bl�tterte in dem Buch und las hier und da ein paar S�tze; dann l�ste sich die Anspannung endlich etwas.</p><p>�O mein Gott�, sagte er leise.</p><p>Der Podest� und der Capitano del Popolo nickten beide. �Das haben wir ebenfalls gesagt, als der junge Mann uns diese Papiere gezeigt hat�, meinte Enrico Bernadazzi. �Wir haben ihm auf seine Anfrage hin diese Unterredung gew�hrt, weil wir glaubten, er wolle ein Gest�ndnis ablegen. Ihr k�nnt Euch nicht vorstellen, wie ungl�ubig und �berrascht wir waren, als wir erfuhren, was wirklich geschehen war.�</p><p>�Das kann ich mir hingegen sehr gut vorstellen�, sagte Mondino, der noch vollkommen durcheinander war. Nachdem er sich ein wenig gefasst hatte, f�gte er hinzu: �Das hei�t also, dass ich nach Hause gehen kann?�</p><p>�Wir m�ssen Fiamma aufhalten!�, schrie Gerardo, der bis zu diesem Augenblick kein Wort gesagt hatte. �Sie wird sich umbringen!�</p><p>Der junge Mann war offensichtlich aufs H�chste erregt. Seine Augen gl�hten, und st�ndig zuckte er, als m�sste er krampfhaft den Drang unterdr�cken, aufzuspringen oder wegzulaufen. Nur sein linker Arm hing schlaff an seinem K�rper herab.</p><p>�Warum glaubst du, dass sie sich umbringen will?�, fragte Mondino. �In dem Brief schreibt sie: �Bald werde ich in meinem Grab liegen�, aber sie sagt nicht, wo und auf welche Weise sie sterben wird.�</p><p>�Ich glaube, dass Gerardo aus Castelbretone Recht hat�, mischte sich der Capitano del Popolo ein. Mondino bemerkte, dass Gerardo ihm seinen wahren Namen genannt hatte, und war froh dar�ber. Eine L�ge weniger, die man aufrechterhalten musste. �Inzwischen hat die junge Frau ihre Rache vollzogen und die Beweise f�r ihre Schuld �bergeben. Das kann nur hei�en, dass sie bereits alles f�r ihre Flucht in die Wege geleitet hat, um sich der Strafe zu entziehen, entweder in ein anderes Land oder ins Jenseits.�</p><p>�Dann soll sie sich doch umbringen�, meinte Mondino kalt. Er empfand nicht das geringste Mitleid f�r diese Frau, die beinahe sein Leben zerst�rt h�tte.</p><p>�Magister!�, rief Gerardo vorwurfsvoll aus. Anscheinend konnte er nur noch schreien.</p><p>Der Podest� hob eine Hand, um Mondino von einer ver�rgerten Antwort abzuhalten. �Das Tagebuch und der Brief sind ein schwerer Schuldbeweis�, sagte er laut �ber den L�rm hinweg. �Doch wenn Fiamma Sensi sich das Leben nimmt, bevor sie gesteht, wird es wesentlich l�nger dauern, bis ich Euch freilassen kann.�</p><p>Mondino schwieg. Vom Platz h�rte man den rhythmisch skandierten Schlachtruf: �Gebt-ihn-uns! Gebt-ihn-uns!�</p><p>�Dann holt sie eben�, sagte Mondino darauf. �Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt.�</p><p>�Das versteht Ihr nicht?�, meinte der Capitano del Popolo, ging zum Fenster und schob den Vorhang beiseite. �Hier liegt das Problem.�</p><p>Mondino warf einen Blick aus dem Fenster und erschauderte. Von hier oben wirkte der Anblick der Massen beeindruckend. Die st�dtische Miliz stand in voller R�stung vor dem Palazzo, aber sie wirkte ziemlich unerheblich im Verh�ltnis zu der Menge, die sich auf dem Platz zusammendr�ngte. Sicher hatte es bereits die ersten Verwundeten gegeben, und m�glicherweise war schon jemand von der Menge erdr�ckt worden.</p><p>�Sie drohen, den Palazzo zu st�rmen�, sagte Pantaleone Buzacarini und lie� den Leinenvorhang fallen. �Ich kann keinen einzigen Mann entbehren, um diese Frau zu holen. Au�erdem wissen wir nicht einmal, wo sie sich aufh�lt.�</p><p>�Und was gedenkt Ihr zu tun, um die Menge zu zerstreuen?�, fragte Mondino.</p><p>�Um ernsthafte Zwischenf�lle zu vermeiden, w�re es das Einfachste, diesen jungen Mann am Gel�nder des Balkons aufzukn�pfen�, sagte der Podest�. �Ein Unrecht, das leugne ich nicht, aber zum Wohle der Stadt.�</p><p>�Das meint Ihr doch nicht ernst!�, protestierte Mondino. Gerardo hatte sich ruckartig umgewandt, aber er sagte kein Wort, als missfiele ihm der Gedanke gar nicht so sehr. �Ein solcher Akt w�re nicht nur ein schweres Unrecht, sondern auch ein R�ckschritt in der Verteidigung der B�rgerrechte.�</p><p>�Nat�rlich habe ich das nicht ernst gemeint�, erwiderte Enrico Bernadazzi, doch sein Blick strafte seine Worte L�gen. �Allerdings bleibt das Problem bestehen. Jeden Augenblick kann man �ber uns herfallen, und wir k�nnen niemanden schicken, um Fiamma Sensi gefangen zu nehmen. Au�erdem w�rde es den Wachen derzeit kaum gelingen, unversehrt durch die Menge zu kommen.�</p><p>�Dann werden wir gehen!�, rief Gerardo.</p><p>�Und wohin?�</p><p>�Um Fiamma zu holen. Wir d�rfen keine Zeit verlieren. Ich glaube, dass ich wei�, wo ich sie finden kann.�</p><p>Darauf herrschte einen Augenblick Stille, und alle �berdachten diesen Vorschlag.</p><p>�Als Verantwortlicher f�r die Gerichtsbarkeit der Stadt�, sagte der Capitano del Popolo, �kann ich das nicht gestatten. Es ist zu gef�hrlich. Au�erdem k�nnen normale B�rger niemanden verhaften. Abgesehen davon, dass ihr beide zwar von der Anklage wegen Mordes entlastet seid, aber euch immer noch der Brandstiftung und des Verbergens einer Leiche schuldig gemacht habt.�</p><p>Da hatte Mondino sich endlich entschieden. Er konnte sich zwar keineswegs mit dem Gedanken anfreunden, in dieses Chaos hinauszugehen und sein Leben zu riskieren, aber es war die einzige M�glichkeit, schnell von einer Anklage freigesprochen zu werden, die ihm die Todesstrafe einbringen oder zumindest seine berufliche Laufbahn unwiderruflich zerst�ren konnte. Au�erdem spukte ihm schon wieder der Traum durch den Kopf, mit dem alles seinen Anfang genommen hatte. Sobald Fiamma in den H�nden der Justiz war, w�rde sie unerreichbar f�r ihn sein. Wenn er ihr Geheimnis doch noch erfahren wollte, musste er jetzt handeln. Er hatte so viel riskiert - wie sollte er sich da im letzten Moment zur�ckziehen?</p><p>�Dies sind Beschuldigungen, die wir mit der Hilfe eines guten Anwalts leicht entkr�ften werden�, sagte er zu den beiden Amtstr�gern. �Und das wisst ihr auch. Ich werde euch mein Haus verpf�nden als Sicherheit, dass wir unsere Freiheit nicht zu einem Fluchtversuch nutzen. Ich kann euch auch sofort einen Schuldschein unterschreiben.�</p><p>Bei diesen Worten warf ihm Gerardo einen dankbaren Blick zu, den Mondino lieber nicht beachtete. �Ihr m�sst nur einen als Mann aus dem Volk gekleideten Sbirren mit uns schicken�, f�gte er hinzu. �Er wird Fiamma Sensi verhaften, womit die F�rmlichkeiten gewahrt bleiben.�</p><p>Der Podest� und der Capitano del Popolo sahen einander unentschlossen an.</p><p>�Abgesehen von allen �berlegungen�, schloss Mondino, �w�re es besser, dass die Menge uns hier nicht vorfindet, wenn es ihr tats�chlich gelingt, in das Geb�ude einzudringen.�</p><p>�Wisst Ihr auch wirklich, wo sie ist?�, fragte der Podest�, an Gerardo gewandt. �Es w�rde mich sehr wundern, wenn sie nach allem, was sie getan hat, einfach zu Hause s��e und auf uns wartete.�</p><p>�Inzwischen ist ihr alles egal�, mutma�te Gerardo und fuhr ernst fort: �Ihr nehmt jedoch zu Recht an, dass sie nicht zu Hause ist. Ich werde Euch jedoch erst sagen, wo ich sie suchen will, wenn Ihr mir Euer Wort gegeben habt, dass ich die Sbirren begleiten darf, die sie verhaften werden. Unter meiner F�hrung werden sie den Ort viel schneller finden.�</p><p>�Gut�, sagte der Podest� und schritt zur Tat. �Ich werde Euch drei M�nner mitschicken, keinen mehr. Und jetzt verfassen wir den Brief.�</p><p>Er lie� Pergament, Tinte und Feder bringen, doch im ganzen Geb�ude war kein einziger Notar aufzutreiben. So verfasste er eigenh�ndig das Dokument und unterschrieb es eilig. Dann rief er die drei Sbirren herein, die vor der T�r gewartet hatten. Der Capitano del Popolo lie� sie in seine Privatr�ume bringen und lieh ihnen unauff�llige Gew�nder, die weit genug waren, um die schmalen Schwerter zu verbergen, die sie an der Seite an einem G�rtel zwischen Hemd und �bergewand trugen.</p><p>�Wir sollten auch eine Waffe tragen�, sagte Mondino.</p><p>�Das Gesetz ist da eindeutig, und ich werde es bestimmt nicht brechen�, erwiderte Pantaleone. �B�rgern ist es verboten, innerhalb der Stadtmauern Waffen zu tragen. Haltet euch immer dicht bei meinen Wachen, dann wird euch nichts geschehen.�</p><p>Kurz darauf verlie�en die f�nf M�nner einer nach dem anderen das Geb�ude durch den Hintereingang. Die Menge, die sich am vorderen Portal versammelt hatte, bemerkte sie nicht. Aber sie hatten erst ein Dutzend Schritte zwischen den verlassenen St�nden des Mercato di Mezzo zur�ckgelegt, als sich hinter ihnen ein Schrei erhob: �Der M�rder flieht!�</p><p>Sie wandten sich geschlossen um, und zu seinem Entsetzen erkannte Mondino die st�mmige Gestalt von Guido Arlotti, der anklagend mit dem Finger auf sie zeigte.</p><empty-line/><p>Der �u�ere Rand der Menge wogte hin und her wie ein Weizenfeld im Wind. Viele drehten sich zu der kleinen Gruppe um, und der Schrei: �Der M�rder flieht!� wurde von Dutzenden M�ndern wiederholt. Gerardo sah, wie zahlreiche Menschen sich aus der Menge l�sten und zun�chst langsam auf sie zukamen, als w�ssten sie nicht recht, was zu tun sei, dann wurden sie jedoch immer schneller.</p><p>�Los, rennen wir!�, schrie Mondino vor ihm. Gerardo folgte ihm ohne zu z�gern, so schnell es ihm sein von der Haft und der Folter geschw�chter K�rper erlaubte. Die drei Sbirren hingegen, die eine instinktive Furcht trieb, begingen den Fehler, ihre schmalen Schwerter zu ziehen. Darauf erhob sich aus der Menge ein undeutlicher Schrei, und einen Augenblick sp�ter hatten sich die w�tenden Menschen bereits auf sie gest�rzt. Gerardo h�rte die Schmerzensrufe, w�hrend die Sbirren im wahrsten Sinne des Wortes in St�cke gerissen wurden, und ballte die F�uste, wandte sich jedoch nicht um. Selbst mit zwei gesunden Armen h�tte er ihnen nicht helfen k�nnen, geschweige denn jetzt, wo sein linker ausgerenkt war. Mondino rannte in einigem Abstand und mit bis zu den Kn�cheln gerafftem Talar vor ihm her. Bevor sie die Br�cke �ber die Aposa erreichten, sahen sie zwei Gruppen von festlich gekleideten Leuten, die feierlich aufeinander zukamen. Gerardo erkannte, dass es sich um einen Hochzeitszug handelte. Die Braut kam von der linken Seite, zu Pferde, neben ihr die Eltern, dahinter ihre Verwandten. Der Br�utigam n�herte sich von links; er ging zu Fu�, trug einen Falken auf dem Arm und wurde ebenfalls von Freunden und Verwandten begleitet. Wahrscheinlich sollte das Paar in der Kathedrale San Pietro heiraten und hatte geplant, sich auf dem Weg zum Mercato di Mezzo zu treffen und das letzte St�ck Weges gemeinsam zur�ckzulegen. Bei aller Hast konnte Gerardo nicht umhin, die Sch�nheit der Braut zu bewundern: Sie war blond, in Wei� und Gold gekleidet und trug einen bestickten Schleier, der im leichten Wind flatterte. Das Zaumzeug ihres Pferdes war mit den gleichen Motiven verziert wie ihr Kleid.</p><p>Er sah, wie die �berraschung auf den Gesichtern der Leute in Furcht �berging. Der Br�utigam lie� den Falken fliegen, der schnell in den blauen Himmel aufstieg, und zog sein Zierschwert; alle M�nner des Zuges taten es ihm gleich. Mondino wich nach rechts aus, und Gerardo folgte ihm. Die Menge st�rmte ohne zu z�gern gegen die Schwerter, sei es, weil die Menschen auf ihre �berzahl vertrauten, oder aus selbstm�rderischer Wut. Die beiden Gruppen prallten unter Schreien und dem Klirren von Metall gegen Metall aufeinander, ein Zeichen daf�r, dass auch viele ihrer Verfolger ungeachtet des Verbotes bewaffnet waren. Gerardo hoffte nur, dass die Braut es noch rechtzeitig geschafft hatte, ihr Pferd zu wenden und im Galopp zu fliehen.</p><p>Selbst in der Eile ihrer Flucht hatte Mondino nicht vergessen, wohin sie unterwegs waren, und versuchte zweimal, die Richtung nach Santo Stefano einzuschlagen, aber bei beiden Gelegenheiten versperrten ihnen mit St�cken bewaffnete Nachz�gler den Weg, die noch zur Piazza unterwegs waren, weil sie das Spektakel dort nicht vers�umen wollten. Schlie�lich wurden sie nach S�den, zur Kirche des heiligen Dominikus abgedr�ngt, dem letzten Ort, den Gerardo jetzt sehen wollte. Schon bei der Erinnerung an Uberto da Riminis fanatischen Blick krampfte sich ihm der Magen zusammen.</p><p>Auf einmal blieb Mondino stehen und drehte sich keuchend, eine Hand gegen die Seite gepresst, zu ihm um.</p><p>�Sind sie immer noch hinter uns her?�, fragte er atemlos.</p><p>Gerardo nickte stumm, er brachte kein Wort heraus. Ihre Verfolger waren zwar weniger geworden, da der Hauptteil wohl immer noch in die Auseinandersetzung mit dem Hochzeitszug verwickelt war, aber die Schreie kamen deutlich n�her. Dem L�rm nach mussten es mindestens sechs oder sieben sein</p><p>- zu viele f�r zwei unbewaffnete M�nner.</p><p>Au�erdem zogen noch weitere br�llende und mit Kn�ppeln bewaffnete Gruppen durch die Stra�en. Anscheinend hatte die Menge sich aufgeteilt und, anstatt auf der Piazza zu bleiben, hatte der Mob begonnen, seinen Zorn in der Stadt auszutoben. Von Zeit zu Zeit h�rte man aus den Seitenstra�en Kampfger�usche oder dass ein Edelmann beschimpft wurde, der es wagte, sich am Fenster zu zeigen. Hier und da erklang der Schrei: �Brot! Brot!� Alle Tore waren mittlerweile fest verrammelt.</p><p>Gerardo und Mondino befanden sich an einer hohen Einfassungsmauer ohne Tor�ffnungen. Dort konnten sie nicht stehen bleiben. Ersch�pft nahmen sie ihren Weg wieder auf, bis sie die R�ckseite der Basilika des heiligen Dominikus erreicht hatten. Dort schl�pften sie in eine dunkle Gasse zwischen zwei H�userreihen und konnten endlich ein wenig zu Atem kommen. Im gleichen Moment sah Gerardo eine seltsame Prozession vom Vorplatz der Kirche her auftauchen. Zwei kr�ftige Dominikanerm�nche in wei�er Kutte und schwarzen Umh�ngen liefen Weihrauchf�sschen schwenkend voran, gefolgt von einem weiteren M�nch, der ein vergoldetes Kreuz trug, und hinter ihm der Erzbischof h�chstpers�nlich in vollem Ornat: die Mitra auf dem Haupt, die wei�e Dalmatika mit den beiden roten Streifen vorn und hinten, den versilberten Hirtenstab in der Hand. Hinter ihm schritt Uberto da Rimini ohne Kapuze �ber seinem kahlen Kopf und wie immer mit hochm�tigem Blick.</p><p>Gerardo fragte sich, wohin sie unterwegs waren und ob sie wussten, welcher Gefahr sie sich aussetzten. Die M�nner der Kirche wurden zwar gef�rchtet und geachtet, aber sie waren beim Volk verhasst und blieben daher in einem Moment des Aufruhrs wie diesem besser im Schutz ihrer Kirchen und Kl�ster. W�re der Inquisitor nicht dabei gewesen, h�tte Gerardo sogar das Risiko auf sich genommen, sie zu warnen. Doch Uberto da Rimini wusste nichts �ber die j�ngste Entwicklung der Ereignisse und h�tte un�berlegt reagieren k�nnen, wenn er ihn in Freiheit sah. Auch Mondino beobachtete verwundert die kleine M�nchsschar, die direkt in ihr Verderben marschierte.</p><p>Ohne Vorwarnung tauchte aus einer Seitenstra�e ein Pulk schreiender Leute auf, die mit ihren St�cken an die T�ren der H�user schlugen. Als sie die Kirchenm�nner und den Erzbischof in vollem Ornat bemerkten, z�gerten sie eingesch�chtert. Doch es gen�gte, dass einer von ihnen einen Stein aufhob und ihn mit einem Aufschrei auf die Prozession schleuderte, und schon st�rzten sich die anderen mit erhobenen St�cken auf die M�nche.</p><p>Es entbrannte ein w�tender Kampf. Die beiden M�nche schwangen ihre Weihrauchf�sschen wie eisenbeschlagene Kn�ppel, dass die Funken nur so flogen. Einem gelang es, seinen Angreifer am Kopf zu treffen und ihn so in die Flucht zu schlagen. Einem anderen rutschte ein St�ck gl�hende Kohle in den Kragen, woraufhin der Mann br�llend seinen Stock loslie� und wild h�pfte, um sich von der Glut zu befreien. Doch diese Geschehnisse trugen nur dazu bei, die anderen anzustacheln, die sich geschlossen auf die M�nche warfen. Der Erzbischof und der Inquisitor standen reglos daneben, als ginge das Ganze sie nichts an. Doch als einer der M�nche, von einem Stockhieb getroffen, zu Boden ging, st�rzten sich drei M�nner, die inzwischen so von Wut erf�llt waren, dass sie sich auch nicht mehr vom heiligen Ornat einsch�chtern lie�en, auf den Erzbischof.</p><p>In den H�usern erhob sich hinter den geschlossenen Fenstern ein Chor entsetzter Frauenschreie. Gerardo, der bis jetzt alles nur tatenlos beobachtet hatte, hielt es nicht mehr aus und st�rmte los. Mondinos Rufe verhallten ungeh�rt - der junge Mann war nicht mehr zu bremsen. Uberto da Rimini �berlie� Gerardo sich selbst, aber dass die Menge einen Erzbischof der r�mischen Kirche in St�cke riss, besonders einen, der den Ruf eines gerechten Mannes hatte wie Rinaldo da Concorezzo, wollte er nicht dulden. W�hrend Gerardo den Schutz der Gasse verlie� und sich in die Menge st�rzte, brannte sich ein Bild in seinem Kopf ein, n�mlich das geradezu verz�ckte Gesicht des Inquisitors, mit der dieser die Szene beobachtete. Er sah aus, als werde er gerade Zeuge eines Wunders und nicht einer schrecklichen Gewalttat. Gerardo nahm wahr, wie zwei M�nner ihre St�cke hoben, um auf den Erzbischof einzuschlagen, ohne dass Uberto eine Hand zu seiner Verteidigung r�hrte. Ganz im Gegenteil: Der Inquisitor betrachtete Rinaldo mit ekstatischer Freude, und als er sich dem Bischof zuwandte, meinte Gerardo zu sehen, dass er ihn seinen Angreifern sogar entgegenstie�. Rinaldo da Concorezzo knickten unter den Schl�gen die Beine weg, er verlor seine Mitra und fiel auf die Knie.</p><p>Die beiden M�nner aus dem Volk wechselten einen Blick; sie schienen pl�tzlich vor ihrer eigenen Courage erschrocken, und diesen Moment nutzte Gerardo, um sich auf sie zu st�rzen. Er verteilte Fu�tritte und schlug mit der gesunden Hand zu, wohin er traf. Aus dem Augenwinkel sah er, dass Mondino, der ihm gefolgt war, einen Stock vom Boden aufhob, den einer der Angreifer verloren hatte, und ihn herumwirbelte, um die anderen fernzuhalten.</p><p>Gerardo half dem Erzbischof auf, doch im gleichen Augenblick warf sich Uberto da Rimini auf ihn und w�rgte ihn. In den dunklen Augen des Inquisitors sah Gerardo eine Mordlust, die ihn erschreckte. Da Uberto jedoch nicht nur kleiner und schw�cher war als der junge Tempelritter, sondern auch unge�bt im K�mpfen, hatte er keine Chance: Zwei schnell aufeinanderfolgende Faustschl�ge in sein Gesicht gen�gten, und der Inquisitor ging zu Boden. Dort blieb er benommen und verwirrt liegen. In diesem Moment nahte eine Schar M�nche, die aus dem nahen Konvent herbeigelaufen kamen. Sie waren zwar unbewaffnet, aber bereit, mit blo�en H�nden zu k�mpfen. Auch aus den umliegenden H�usern eilten jetzt Leute herbei, um den Kirchenm�nnern zu helfen; dennoch machten die Angreifer keine Anstalten sich zur�ckzuziehen. Angelockt von dem Kampfesl�rm, hatte eine neue Gruppe Aufst�ndischer ihre Reihen verst�rkt: M�nner und Frauen in Gew�ndern aus grobem Leinen, barfu� oder mit besohlten Beinlingen, die an den Kn�cheln heruntergerollt waren, nahmen die M�nche von hinten unter Beschuss und feuerten einen dichten Steinhagel auf die Ordensleute.</p><p>�Gehen wir, hier werden wir nicht mehr gebraucht�, sagte Mondino und trat neben seinen ehemaligen Sch�ler.</p><p>Gerardo nickte. Der Kampf ging zwar unvermindert weiter, doch die M�nche und die Leute, die ihnen aus den H�usern zu Hilfe geeilt waren, gewannen nun die Oberhand. Dies war nicht der richtige Moment, um Zeit zu vergeuden und vielleicht noch Erkl�rungen geben zu m�ssen, denen ohnehin niemand glauben w�rde.</p><p>Pl�tzlich packte jemand seinen ausgerenkten Arm. Gerardo durchzuckte ein ungeheurer Schmerz, w�hrend der Inquisitor aus Leibeskr�ften schrie: �Er ist der Hexer! Er ist der M�rder!� und ihn mit einer Kraft festhielt, die er diesen kleinen H�nden niemals zugetraut hatte. Gerardo sprang herum und traf ihn mit dem Knie voll im Gesicht. Mit beachtlicher Geistesgegenwart half Mondino durch einen Stockschlag auf den kahlen Kopf von Uberto nach, und davon wurde dieser erneut und endg�ltig zu Boden geschickt.</p><p>�Los, laufen wir!�, schrie der Arzt und schaute sich nach einem Fluchtweg um.</p><p>Zum Gl�ck waren die Schreie des Inquisitors im allgemeinen L�rm untergegangen. Niemand hatte sie beachtet. Instinktiv kniete Gerardo vor dem Erzbischof nieder und k�sste dessen Ring. �Wir sind unschuldig, Monsignore�, sagte er. �Der Podest� hat uns freigelassen. Erkl�rt das bitte dem Inquisitor, wenn er sich erholt hat.�</p><p>Rinaldo da Concorezzo schenkte ihm ein wohlwollendes L�cheln und musterte ihn aufmerksam und mit einer Ruhe, als w�rde nicht rings um sie gek�mpft.</p><p>�Ich glaube dir, mein Sohn, selbst wenn ich nicht wei�, wer du bist�, sagte er und hob die rechte Hand. �Und ich segne dich.�</p><p>Gerardo neigte kurz den Kopf, dann sprang er auf und rannte Mondino hinterher, der schon etliche Schritte vor ihm in Richtung Santo Stefano lief.</p><empty-line/><p>Guido Arlotti hatte sich von dem Zusammensto� mit dem Hochzeitszug nicht ablenken lassen, aber seine M�nner hatte die allgemeine Stimmung von Erregung und Gewalt erfasst, die sich inzwischen in der ganzen Stadt verbreitet hatte: Sie hatten sich in den Angriff auf die Verwandten der Braut gest�rzt und hieben mit ihren Dolchen auf die Sprunggelenke der Pferde ein. Diese st�rzten in einem Durcheinander aus Schreien und Wiehern zu Boden. Die Braut hatte geistesgegenw�rtig ihr Pferd gewendet, ihm die Abs�tze ihrer zierlichen bestickten Schuhe in die Flanken gerammt und sich in Sicherheit gebracht. Ihre Eltern hatten jedoch nicht so viel Gl�ck gehabt; sie lagen verletzt, vielleicht auch bereits tot, auf dem Boden in einer Blutlache. Die Geldb�rsen und den Schmuck hatte man ihnen bereits abgenommen.</p><p>Die Aussicht auf Beute war verlockender als der Lockruf der Gewalt, und Guido musste sich anstrengen, um wenigstens f�nf der M�nner, die er eingesetzt hatte, um die Menge aufzuhetzen, zur�ck an seine Seite zu beordern. Erst als er ihnen das Doppelte des ausgemachten Lohns versprach, konnte er sie �berzeugen, ihm zu folgen. Im Gehen versteckten die M�nner die gestohlenen Sachen hastig unter ihren Kleidern und folgten ihrem Dienstherrn eifrig.</p><p>Sie rannten eilig auf die Stra�e zu, in die Arlotti Gerardo und Mondino hatte einbiegen sehen. Die beiden waren zwar aus ihrem Blickfeld verschwunden, Guido lie� sich jedoch von den Stimmen ihrer Verfolger leiten. Er durfte sie nicht entkommen lassen. Dass sie freigelassen worden waren, konnte nur eines bedeuten: Der Podest� war von ihrer Unschuld �berzeugt. Und genau aus diesem Grund mussten sie zum Schweigen gebracht werden.</p><p>Guido freute sich, die beiden mit eigenen H�nden zu richten, immerhin w�rde der Generalablass ihn ja von jeder Schuld lossprechen.</p><p>Doch zun�chst musste er sie einholen.</p><p>Er versetzte einem der M�nner einen Sto�, der gerade in die Gasse der Dirnen schl�pfen wollte, um dort sofort einen Teil seiner Beute auszugeben. �Keine Huren, bevor wir nicht den Auftrag erf�llt haben�, rief er streng. �Schnell, wir haben bereits zu viel Zeit verloren.�</p><p>Mit gezogenen Dolchen, um m�gliche Angreifer abzuschrecken, durcheilten sie das chaotische Schlachtfeld, in das sich die Stadtmitte von Bologna verwandelt hatte. Sie kamen in der N�he der Basilika San Domenico heraus, wo ein dichtes H�uflein Dominikanerm�nche die letzten Gewaltt�tigen verjagte.</p><p>Guido sah dort den Erzbischof mit der Mitra auf dem Haupt und dem Hirtenstab in der Hand stehen. Uberto da Rimini richtete sich gerade wieder auf, einen scharlachroten Blutfleck auf dem kahlen Sch�del. Als ihre Blicke sich begegneten, wies der Inquisitor mit einer herrischen Handbewegung auf eine Stra�e zu seiner Rechten, die in Richtung Santo Stefano und Sancta Hierusalem f�hrte. Dort entlang mussten Mondino und Gerardo verschwunden sein.</p><p>Guido sah sich um. Einige seiner Leute waren nicht mehr zu sehen, sie hatten sich wohl endg�ltig davongemacht. Doch die drei M�nner neben ihm waren mehr als genug f�r sein Vorhaben. Obwohl ihm langsam die Luft wegblieb, machte er sich erneut an die Verfolgung.</p><empty-line/><p>�Ist das der Ort?�, fragte Mondino und sah zweifelnd auf die �ffnung, die sich in dem eingest�rzten Haus am Ende der Gasse auftat. �Wei�t du genau, dass es hier ist?�</p><p>�Nein, aber wenn ich darauf wetten m�sste, w�rde ich es sofort tun.�</p><p>Gerardo schien sich seiner Sache sicher zu sein, obgleich es Mondino schwer fiel zu glauben, die Tochter des Bankiers k�nnte durch diese ge�ffnete T�r getreten sein, die sich dunkel, unheimlich und leer wie ein zahnloser Mund vor ihnen auftat. Dass sie dann auch noch durch die Tr�mmer in ein unterirdisches Gew�lbe hinabgestiegen war, das nach Gerardos Beschreibung wie die Mischung aus einer altr�mischen Kanalisation und einer Katakombe wirkte, schien ihm ganz und gar unm�glich.</p><p>Als Mondino jedoch andererseits bedachte, dass Fiamma f�r die schlimmsten Morde, die er je erlebt hatte, verantwortlich war, wurde er unschl�ssig. Wessen sie f�hig war oder nicht, war schwer einzusch�tzen.</p><p>Ohne auf die Steine und den Unrat zu achten, die den Weg durch die Gasse behinderten, gingen die beiden M�nner auf das Haus zu, aber sie waren erst einige Schritt weit gekommen, als eine Stimme hinter ihnen rief:</p><p>�Befehlt eure Seele Gott an.�</p><p>Mondino erkannte sie sofort und war deshalb keineswegs erstaunt, als er sich umwandte und Guidos untersetzte kr�ftige Gestalt vor sich sah. Er war in Begleitung eines Mannes, dessen lange Haare nicht verbergen konnten, dass man ihm die Ohren abgeschnitten hatte. Angst und bange wurde ihm erst, als er zwei weitere M�nner entdeckt, die ihnen am anderen Ende der Gasse den R�ckweg abschnitten.</p><p>Gerardo und Mondino stellten sich wortlos R�cken an R�cken, entschlossen sich zu verteidigen, obwohl ihre Lage hoffnungslos war: zwei unbewaffnete M�nner gegen vier Galgenstricke mit Dolchen. Das war wirklich das Ende.</p><p>�Ich bin gespannt, wie ihr euch schlagt, wenn euch weder Hexen noch Hunde beistehen�, sagte Guido h�hnisch und kam auf sie zu.</p><p>�Wir m�ssen wenigstens einen entwaffnen�, fl�sterte Gerardo.</p><p>Mondino zuckte mit den Schultern. Es war sinnlos geworden, einen Plan aufzustellen. Jetzt ging es nur noch darum, in W�rde zu sterben und m�glichst viele von den anderen in den Tod mitzunehmen.</p><p>�Auf mein Zeichen st�rzen wir uns beide auf den mit den abgeschnittenen Ohren�, fl�sterte Gerardo weiter. �Wenn es mir gelingt, ihm den Dolch abzunehmen, k�nnten wir es schaffen.� Er wartete gar nicht erst auf Mondinos Zustimmung, sondern schrie: �Jetzt!� und warf sich nach vorn.</p><p>Mondino folgte ihm, wild entschlossen, sein Leben so teuer wie m�glich zu verkaufen. Beide hatten in dem Handgemenge zur Verteidigung des Erzbischofs ihre Kopfbedeckungen verloren, so dass Gerardos lange Haare ihm ins Gesicht peitschten und er einen Moment nichts sehen konnte. Das erwies sich als verh�ngnisvoll. W�hrend der junge Templer ohne zu z�gern den Mann mit den abgeschnittenen Ohren angriff, einem Dolchsto� auswich und in seine Deckung eindrang, f�hlte Mondino pl�tzlich einen heftigen Schmerz an der rechten Schulter. Erst als er wie vom Blitz gef�llt auf den Boden zwischen Unrat und Kot fiel, bemerkte er, dass er den f�r Gerardo bestimmten Hieb abbekommen hatte.</p><p>Ihm ging kurz Adia durch den Kopf und das, was vielleicht zwischen ihnen h�tte werden k�nnen. Dann dachte er an seine Abhandlung, die unvollendet bleiben w�rde und an das Geheimnis, das zu enth�llen ihm nun doch nicht gelungen war.</p><p>Wie in Trance sah er, dass etwas auf ihn fiel, und konnte gerade noch rechtzeitig wegrollen. Es war der Mann mit den abgeschnittenen Ohren, der sich beide H�nde auf eine Wunde am Unterleib presste. Gerardo war es anscheinend gelungen, ihn zu entwaffnen und ihn mit seinem eigenen Dolch zu verwunden, doch es blieben immer noch drei Gegner, und allein w�rde er sie nicht besiegen k�nnen.</p><p>Mit ungeheurer Anstrengung zwang sich Mondino, den Kopf zu heben.</p><p>Gerardo hatte jetzt eine Waffe und schlug sich mit den anderen beiden Helfern Guidos herum. Er nutzte den engen Raum und brachte sie dazu, dass sie einander gegenseitig in den Bewegungen hinderten und er einen nach dem anderen angreifen konnte. Was er in seinem Eifer nicht bemerkte, war, dass Guido Arlotti sich gerade von hinten anschickte, ihn niederzustechen.</p><p>Mondino rollte wieder auf eine Seite, bis er mit den F��en zwischen Guidos Beine kam, der durch diesen �berraschenden Angriff das Gleichgewicht verlor. Gerardo schlug ihm mit dem Dolchgriff ins Gesicht, wobei er die Gegner vor ihm keinen Moment aus den Augen lie�. Guido sackte mit einem Schrei �ber Mondino zusammen.</p><p>Gerardos Schlag war hart gewesen, doch der Mann war kr�ftig und versuchte, sofort wieder auf die Beine zu kommen. Mondino war zwar nicht in der Lage, seinen rechten Arm zu bewegen, aber Fu�tritte austeilen konnte er zumindest noch. Er st�tzte sich auf den unversehrten Ellbogen und trat seinem Gegner mit dem Schuh so fest ins Gesicht, dass dieser erneut zu Boden ging. Dann nahm er all seine verbliebene Kraft zusammen, trat noch einmal zu und traf ihn an der Kehle.</p><p>W�hrend er �ber sich die Schreie und Ger�usche des Kampfes, in den Gerardo verwickelt war, wie durch einen Nebel wahrnahm, warf sich Mondino auf Guido und versetzte ihm mit dem linken Arm eine Reihe von Schl�gen immer wieder auf dieselbe Stelle im Gesicht, bis er sp�rte, dass dieser sich nicht mehr wehrte. Erst dann schaute er auf und konnte gerade noch beobachten, wie ihr letzter Gegner floh, nachdem Gerardo seinem Kumpan das Herz durchbohrt hatte.</p><p>�Wie geht es Euch, Magister?�, fragte der junge Mann und beugte sich �ber ihn.</p><p>�Schlecht, aber die Wunde ist nicht schlimm�, antwortete Mondino. �Lass mich hier und geh Fiamma suchen.�</p><p>�Seid Ihr sicher?�, fragte Gerardo zweifelnd.</p><p>�Ich habe genug Wunden gesehen, um zu wissen, dass diese hier nicht t�dlich ist, obwohl sie sehr schmerzt. Hilf mir, das Blut zu stillen, und dann geh. Es gilt, keine Zeit zu verlieren.�</p><p>Gerardo griff mit den H�nden unter das Gewand des immer noch bewusstlosen Guido, bis er dessen Leinenhemd hervorgezogen hatte. Er schnitt mit dem Dolch ein St�ck davon ab und reichte es Mondino, der es auf seine Wunde presste. Dann nahm er Guido den G�rtel ab und fesselte ihm damit die H�nde auf dem R�cken. Das Gleiche wiederholte er bei dem Mann mit den abgeschnittenen Ohren, der noch am Leben war. Ihm band er allerdings die F��e zusammen. Als er Mondino noch einen Dolch in die Hand gedr�ckt hatte, um damit die Gefangenen in Schach zu halten, ging er festen Schrittes zu dem eingest�rzten Haus und verschwand zwischen den Steinen in seinem Inneren.</p><empty-line/><p>Im Palazzo des Podest� herrschte hektisches Treiben. Die Menge auf der Piazza Maggiore hatte zwar angefangen, sich zu zerstreuen, kurz nachdem Gerardo und Mondino mit den Wachen das Geb�ude verlassen hatten, aber der Podest� und der Capitano del Popolo wussten genau, dass auch danach keine Ruhe einkehren w�rde. Ganz im Gegenteil. Immer noch bekamen sie Nachricht �ber Horden von B�rgern mit St�cken oder irgendwelchen behelfsm��igen Waffen, die jeden angriffen, der sich ihnen in den Weg stellte - insbesondere Edelleute oder Vertreter der bestehenden Ordnung. Sogar der Erzbischof schien nur durch ein Wunder �berlebt zu haben, doch das mochte Enrico Bernadazzi nicht glauben. Was tat der Erzbischof an einem solchen Tag auf den Stra�en? Dies musste irgendein leeres Ger�cht sein, das jeder, der es verbreitete, noch einmal ausschm�ckte.</p><p>Doch auf jeden Fall musste man diesem verheerenden Durcheinander Einhalt gebieten.</p><p>�Sind wir bereit?�, fragte er den Capitano del Popolo, der beunruhigt aus dem Fenster sah.</p><p>�Es fehlt nicht mehr viel. Die Leute stellen sich bereits auf. Sobald sie fertig sind, gehe ich ebenfalls hinunter.�</p><p>Pantaleone Buzacarini hatte den Befehl erteilt, die gesamte st�dtische Miliz vor dem Palazzo zu versammeln und dazu alle Freiwilligen, die sich auftreiben lie�en. Er w�rde sie aufteilen; die gr��te Gruppe w�rde unter seinem Befehl durch die Stadt patrouillieren, um die Ordnung wiederherzustellen. Sie sollten sich allerdings nicht zu weit verstreuen, wies er sie an, und sich durch Boten in Kontakt halten. Enrico setzte volles Vertrauen in den Capitano del Popolo, der vor einigen Monaten kurz nach ihrer Ernennung schon einmal eine �hnliche Unternehmung geleitet hatte und �u�erst erfolgreich gewesen war. Dennoch fragte er sich, warum er ausgerechnet am Ende seiner sechsmonatigen Amtszeit solche Schwierigkeiten bekommen musste. Er bedauerte aus tiefstem Herzen, dass er den jungen Tempelritter nicht der Menge geopfert hatte. Das hatte er einzig aus dem Grund nicht getan, weil solch eine Entscheidung nur im allgemeinen Einverst�ndnis getroffen werden konnte, Mondino jedoch nicht einverstanden gewesen war. Einen Augenblick lang hatte Enrico �berlegt, sie beide der Menge zu �berantworten, aber das h�tte zu Schwierigkeiten f�hren k�nnen. Mondino war zu bekannt. Es h�tte danach bestimmt Untersuchungen und Verh�re gegeben, bei denen er Rechenschaft h�tte ablegen m�ssen, und das h�tte sehr �bel f�r ihn ausgehen k�nnen.</p><p>Wenn ihm zu diesem Zeitpunkt aber klar gewesen w�re, dass es zu einem Aufstand dieser Gr��enordnung kommen w�rde, h�tte er es vielleicht trotzdem getan. Nun w�rde er sich auf jeden Fall vor dem �ltestenrat verantworten m�ssen und lief Gefahr, den ganzen letzten Monat seiner Amtszeit damit zu verbringen, sich gegen die Vorw�rfe seiner Unf�higkeit mit viel Aufwand von Zeit und Geld zu verteidigen.</p><p>Es gab nur einen ehrenhaften Ausweg aus der schwierigen Situation: Er musste die Unruhen mit fester Hand niederschlagen und die beiden Angeklagten wieder in seine Gewalt bringen. Er hoffte nur, dass es ihnen in der Zwischenzeit gelungen war, Remigio Sensis Tochter gefangen zu nehmen. In diesem Fall w�rde alles ein gutes Ende finden, und die �ltesten w�rden seinen Entschluss, die Gefangenen gehen zu lassen, nachtr�glich billigen. Doch wenn beide durch die Meute drau�en umkamen, w�rde er sich auch noch f�r ihren Tod verantworten m�ssen.</p><p>�Ich komme mit Euch�, erkl�rte er dem Capitano del Popolo.</p><p>�Wir k�nnen nicht beide den Palazzo verlassen. Einer von uns muss hier bleiben, um Neuigkeiten entgegenzunehmen und s�mtliche Handlungen aufeinander abzustimmen�, gab dieser zu bedenken.</p><p>Das stimmte. Den Palazzo ohne einen Anf�hrer zur�ckzulassen, an den man sich wenden und der die n�tigen Befehle geben konnte, hie� dem Aufstand T�r und Tor zu �ffnen. Enrico nickte widerwillig. Leider gab es keine Garantie, dass sich die Angelegenheit schnell l�sen lie�, und niemand wusste genau, wo man nach Gerardo da Castelbretone und Mondino de� Liuzzi suchen sollte. Nach den Ereignissen der letzten Tage war der Podest� bereit, an die seltsamsten Dinge zu glauben; dennoch konnte es sein, dass das unterirdische Gew�lbe, von dem der junge Mann gesprochen hatte, nur eine Ausgeburt seines verwirrten Geistes war.</p><p>�Ja, gut. Aber Ihr m�sst mir alle halbe Stunde einen Boten schicken�, erkl�rte er dem Capitano.</p><p>Das sagte ihm Pantaleone zu und verlie� dann eilig den Raum. Der Podest� stellte sich auf ein l�ngeres Warten ein.</p><p>In einer oder h�chstens zwei Stunden w�rde sein Schicksal entschieden sein.</p><p>Als Gerardo unten im Gang des unterirdischen Gew�lbes stand, wandte er sich nach rechts, wo der Weg nach Aussagen des armen Bonaga unter den sieben Kirchen der Basilika Santo Stefano in Santo Sepolcro endete. Fiamma konnte nicht wissen, dass Gerardo das unterirdische Gew�lbe bekannt war. Deshalb hatte sie auch angenommen, dass sie Andeutungen �ber den Ort ihres Freitodes machen k�nnte, ohne entdeckt zu werden. <emphasis>Gesch�tzt von dem, der Bologna besch�tzt</emphasis>, stand in dem Brief. Und in der Grabeskirche wurden die �berreste des heiligen Petronius aufbewahrt, dem wichtigsten Schutzheiligen der Stadt.</p><p>Andererseits hie�, den Ort zu kennen, noch lange nicht, dass er sie auch retten konnte. Gerardo war unschl�ssig. Einerseits musste Fiamma vor Gericht befragt werden, damit sein Orden und er von allen Anklagen freigesprochen wurden. Dennoch konnte er den Gedanken nicht ertragen, dass sie eventuell gefoltert w�rde, selbst wenn sie eine M�rderin war.</p><p>Gerardo hatte die Folter am eigenen Leib erfahren. Dieses Gef�hl ohnm�chtiger Angst, das er selbst durchlebt hatte, als er in den H�nden des Henkers gewesen war, war furchtbarer als die Erinnerung an den k�rperlichen Schmerz.</p><p>Selbst in ihrem m�rderischen Wahn war Fiamma nichts als ein Opfer.</p><p>Er ging auf das Licht zu, das er am Ende des Ganges sah, und kurz darauf betrat er auf Zehenspitzen einen kleinen Saal, der mit von der Feuchtigkeit beinahe vernichteten Fresken ausgeschm�ckt war. Fiamma, ganz in Schwarz gekleidet, stand mit dem R�cken zu ihm vor einer rechteckigen Platte auf der anderen Seite des Raumes.</p><p>Im Licht der beiden hohen Kerzen, die auf Steinbl�cken aufgestellt waren, erkannte Gerardo Remigio Sensi, der auf dieser Platte in einem wei�en Leinenhemd wie auf einem Opferaltar lag. In ihrer Umgebung konnte man im Halbschatten die �berreste von drei oder vier menschlichen K�rpern in unterschiedlichen Stadien der Verwesung erkennen. Allen waren die Brustbeine aufges�gt und die Rippen aufgebogen worden. Das mussten die Bettler sein, von denen Bonaga gesprochen hatte. Fiamma hatte sie benutzt, um an ihnen zu �ben.</p><p>�Fiamma�, sagte Gerardo so leise, als bef�nde er sich in einer Kirche.</p><p>Sie drehte sich langsam um und starrte ihn �berrascht an. Ihr Gewand aus schwarzem, golddurchwirktem Brokat fiel ihr bis auf die F��e und wurde an der Schulter von einer goldenen Brosche zusammengehalten. Auch ihr Mieder und die Schuhe waren aus schwarzem Stoff. Ein dunkler Schleier bedeckte ihre blonden Haare, die ihr offen auf die Schulter fielen. Aus dem ganzen Schwarz hob sich ihr blasses Gesicht wie ein heller Fleck ab.</p><p>�Gerardo. Wie hast du mich gefunden?�, fragte sie ebenso leise.</p><p>�Ein gel�hmter Junge hat mir das unterirdische Gew�lbe gezeigt. Als ich deinen Brief las, wusste ich, dass du diesen Ort meintest.�</p><p>Fiamma nickte. �Bonaga. Er hat ihn auch mir vor anderthalb Jahren gezeigt. Als ich ihn zum ersten Mal sah, wusste ich: Jetzt war der Moment gekommen.�</p><p>In ihrem Tagebuch hatte Fiamma Bonaga und das unterirdische Gew�lbe nicht erw�hnt, aber den Tag, an dem sie begonnen hatte, ihren Racheplan umzusetzen. Sie hatte Zugang zu allen Dokumenten ihres Adoptivvaters gehabt und wusste deshalb seit langem, wo sie ihre Peiniger erreichen konnte. Sie hatte ihnen den Brief geschrieben, der sie in die Falle gelockt hatte, und um sie zu �berzeugen, hatte sie jedem Schreiben einen in Eisen verwandelten Finger von den Bettlerleichen, an denen sie experimentiert hatte, geschickt. Gleichzeitig hatte sie diejenigen Templer, die der Verhaftung entkommen und in Remigios Wechselstube vorstellig geworden waren, mit anonymen Schreiben bei der Inquisition angezeigt.</p><p>�Sag doch bitte nicht so etwas�, sagte Gerardo. �Es ist immer noch Zeit, um ��</p><p>�Wof�r? Um bei lebendigem Leib als Hexe und M�rderin verbrannt zu werden? Ich habe Jahre gebraucht, um alles vorzubereiten, und es wird so enden, wie ich es beschlossen habe. Komm nicht n�her!�, rief Fiamma.</p><p>Gerardo hatte einen Schritt auf sie zugemacht, blieb jedoch unverz�glich stehen. Fiamma umklammerte einen merkw�rdigen Pfriem mit dreieckiger Klinge. Dieser lag auf der Steinplatte neben einem Glas, das im Licht der Kerzen bunt schimmerte.</p><p>�Der Griff dieses Stiletts ist mit dem Pulver gef�llt, das Blut in Eisen verwandelt�, sagte Fiamma. �Und die Klinge ist hohl. Ein Kratzer gen�gt, und du wirst eines schrecklichen Todes sterben. Ich bitte dich, zwing mich nicht dazu!�</p><p>Gerardo blieb regungslos stehen, doch ein uns�glicher innerer Schmerz qu�lte ihn. Er wusste, was Fiamma vorhatte, und wollte sie aufhalten, doch er hatte keine Idee wie. Sie ging um die Steinplatte herum, so dass sie ihm nicht mehr den R�cken zuwandte, und mit einer pl�tzlichen Handbewegung bohrte sie das Stilett in rascher Folge zweimal in Remigios F��e. Der Bankier zuckte kaum auf und lie� nicht einmal ein St�hnen vernehmen.</p><p>�Sein K�rper ist gel�hmt, er kann jedoch den Schmerz sp�ren. Jeden einzelnen, und jeden einzelnen hat er verdient�, meinte Fiamma.</p><p>Gerardo hatte in ihrem Tagebuch auch die Seiten �ber Remigio gelesen, der Fiamma als Tochter adoptiert hatte, sie aber seit ihrem dreizehnten Lebensjahr wie eine Ehefrau missbrauchte. Er hatte sich dar�ber emp�rt und den Wunsch versp�rt, dem Bankier eigenh�ndig etwas anzutun. Dennoch f�hlte er jetzt, als er die unmenschliche Strafe beobachtete, die die junge Frau f�r ihren Peiniger vorgesehen hatte, gegen seinen Willen Mitleid mit ihm.</p><p>Man konnte zusehen, wie Remigio Sensis Adern aufquollen und sich verh�rteten. An mehreren Stellen brachen sie durch die Haut wie knotige Wurzeln. Ihre Spur zog langsam seine Beine hinauf. Die Augen, das Einzige, was der Bankier noch bewegen konnte, zuckten fieberhaft hin und her, aber vielleicht nahmen sie auch gar nichts mehr wahr und verloren sich in diesem Meer aus Schmerz und Angst.</p><p>�Pilatus, Longinus und Kaiphas sind schnell gestorben�, sagte Fiamma. �Er aber hat mich sechs qualvoll lange Jahre missbraucht. Deshalb verdient er einen langsameren Tod.�</p><p>Als Gerardo h�rte, dass sie die ermordeten Tempelritter mit diesen biblischen sprechenen Namen belegte, wurde ihm das ganze Ausma� ihres Wahnsinns bewusst: Fiamma war in diesem Moment nicht bei ihm, ja, nicht einmal bei sich selbst: Ihre Seele war in dieser Grotte in Spanien geblieben, wo sie einen Kampf mit der Verzweiflung �ber den gleichzeitigen Verlust von Familie, Haus und Sch�nheit ausgefochten und verloren hatte. Sie verglich sich mit niemand Geringerem als Jesus Christus, dem reinen Lamm Gottes, das f�r die S�nden der Menschen geopfert worden war. Aber im Unterschied zu Christus verzieh die junge Frau ihren Peinigern nicht. Sie sann geduldig auf ihre Rache, lie� sich von Remigio anstellen und dann adoptieren, um �ber seine Beziehungen zu den Tempelrittern die M�rder ihres Vaters ausfindig zu machen. Zur Umsetzung ihres Plans ertrug sie sogar die Vergewaltigungen. All die Qualen hatten zwar ihren K�rper nicht t�ten k�nnen, wohl aber Fiammas Seele.</p><p>Gerardo bezweifelte nicht, dass sie ihn tats�chlich mit dem Stilett verletzen w�rde, falls er versuchte, sie zu entwaffnen. Besch�mt musste er sich eingestehen, dass er nicht genug Mut hatte, sich demselben Tod wie Remigio auszusetzen.</p><p>Die Beine des Bankiers waren jetzt starr wie Baumst�mme, und unter der Haut zeichnete sich ein eisernes Geflecht ab. Auf seinem unerbittlichen Weg zum Herzen hatte das Gift nun den Saum des Hemdes erreicht, aber Remigio lebte immer noch. Fiamma starrte ihm in die Augen und beobachtete aufmerksam jedes Aufb�umen seines gequ�lten K�rpers.</p><p>�Wie hast du ihn dazu gebracht, dir bis hierher zu folgen?�, fragte Gerardo.</p><p>Ohne den Blick von den Augen ihres Stiefvaters abzuwenden, antwortete sie ihm: �Ich wollte meine k�rperlichen Reize einsetzen, wie schon bei den Bettlern, die du hier liegen siehst.�</p><p>Gerardo schaute zu den gemarterten K�rpern hin�ber, die achtlos an den W�nden des Raumes abgelegt waren.</p><p>�Du hast sie benutzt, um dich im Umgang mit der S�ge und dem Messer zu �ben�, sagte er fassungslos. �Du hast f�r deine Rache unschuldige Menschen geopfert.�</p><p>�Sie waren nicht unschuldig!�, schrie Fiamma auf. �Sie f�rchteten diesen Ort, aber ihre L�sternheit war st�rker als ihre Angst. Und sie haben f�r ihre S�nde mit dem Tod bezahlt.�</p><p>�Und Remigio? Wie hast du es angestellt, dass er dir hierhergefolgt ist?�</p><p>Fiamma verzog ihre Lippen zu einer Grimasse, die nichts mit einem L�cheln gemein hatte.</p><p>�Eigentlich wollte ich ihn zu Hause t�ten und hier nur meinen Plan vollenden�, sagte sie nachdenklich. �Aber er hat mir dann meine Aufgabe sehr erleichtert.�</p><p>Sp�ttisch erkl�rte Fiamma - und damit wollte sie wahrscheinlich mehr den Bankier an seinen Fehler erinnern als Gerardo alles erkl�ren -, dass Remigio die Unterredung zwischen ihm, Mondino und Hugues de Narbonne heimlich belauscht und daraufhin beschlossen hatte, die Gelegenheit zu nutzen, um einen alten Feind loszuwerden. Er hatte einen jungen Adligen zu sich gerufen, der sich bei ihm tief verschuldet hatte, und diesem im Gegenzug f�r die Ermordung seines Feindes versprochen, seine Schuld zu erlassen. Ein paar Tage darauf hatte er beobachtet, wie Gerardo mit Bonaga redete. Dem verkr�ppelten Jungen hatte er dann Geld gegeben, um zu erfahren, was sie besprochen hatten. Dadurch hatte Remigio alles �ber das unterirdische Gew�lbe herausgefunden und den Jungen schlie�lich beauftragt, den Eingang zu �berwachen. Eines Abends hatte ihm Bonaga hinterbracht, dass Gerardo und ein anderer gro�er, �lterer Mann dort hinabgestiegen seien. Remigio war sofort klar gewesen, dass es sich bei Gerardos Begleitung nur um Hugues de Narbonne handeln konnte. Sogleich hatte er nach seinem Schuldner schicken lassen. Dieser hatte dann mit zwei Armbrustsch�tzen am Ausgang des Tunnels Stellung bezogen, um seinen Auftrag auszuf�hren. Es kam jedoch alles anders: Die Opfer hatten s�mtliche ihrer Angreifer get�tet und waren entkommen. Als Remigio erfuhr, wie die Begegnung abgelaufen war, war er �u�erst erschrocken.</p><p>�Er bef�rchtete, dass der Vater des jungen Mannes ihn aufsuchen w�rde, um Rache f�r seinen Sohn einzufordern�, berichtete Fiamma sp�ttisch. �Er war v�llig aufgel�st. Ich habe ihm geraten, sich einige Tage in diesem unterirdischen Gew�lbe zu verstecken, an einem geheimen Ort, wo niemand ihn je aufsp�ren w�rde. In der Zwischenzeit w�rde ich zum Vater des Toten gehen und versuchen, die Angelegenheit wieder einzurenken. Dieser Dummkopf hat mir sogar noch gedankt.�</p><p>Gerardo sch�ttelte den Kopf. �Aber sobald er hier die Leichen gesehen hat, musste er doch seinen Fehler bemerken.�</p><p>Fiamma zuckte mit den Schultern. �Da war es schon zu sp�t�, sagte sie d�ster.</p><p>�ber das unterirdische Gew�lbe legte sich ein Schweigen, in dem nur das leise Rauschen des Baches und Remigios Keuchen zu vernehmen waren, w�hrend sein K�rper sich immer mehr in eine reglose Statue verwandelte. Gerardo hatte nichts mehr zu sagen. Was er nicht wusste, konnte er sich denken. Fiamma hatte ihren Adoptivvater irgendwie in diesem unterirdischen Gew�lbe eingesperrt, war nach Hause zur�ckgekehrt und hatte allen erz�hlt, dass er verschwunden sei. Dann war er selbst verhaftet worden, und sie hatte ihn im Kerker besucht. Vielleicht, weil sie nicht wollte, dass ein Unschuldiger starb oder um �ffentlich bekannt zu machen, was er getan hatte. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt bestimmt schon einen Plan erdacht, wie sie Hugues de Narbonne umbringen w�rde, aber Gerardo hatte ihr die Angelegenheit durch seine Angaben erleichtert.</p><p>Gerardo graute vor dem, wozu diese junge Frau f�hig war. Und doch war seine Zuneigung gr��er als seine Angst. Fiamma hatte Schuld auf sich geladen, weil sie sich von ihrem Wunsch nach Rache beherrschen lie�, aber wie viel hatte sie erdulden m�ssen, ehe sie ihrem Wahnsinn zum Opfer gefallen war! Als er sie betrachtete, wie sie aufrecht vor ihm stand, das blasse, von den blonden Haaren umgebene Gesicht, die Narbe, die ihren Reiz eher noch betonte als ihn zu schm�lern, hatte Gerardo nur einen Wunsch: Er wollte sie in seine Arme nehmen und sie mit K�ssen bedecken, statt sie zu fesseln und vor den Podest� zu schleppen, wie es eigentlich seine Pflicht gewesen w�re.</p><p>Die junge Frau erl�ste Gerardo schlie�lich aus dieser schwierigen Situation. Fiamma stie� Remigio in dem Moment vom Altar, als der Bankier mit einem unterdr�ckten Seufzer und einem Krampf, der sein Gesicht trotz des bet�ubenden Trankes zu einer schmerzlichen Fratze verzerrte, starb. Der tote K�rper fiel plump wie ein Baumstamm herunter. Dann ergriff die junge Frau mit der freien Hand das bunte Glas, das neben dem Kopf des Bankiers gestanden hatte, leerte es in einem Zug und legte sich dann selbst auf die Steinplatte.</p><p>Die Bedeutung dieser Geste war eindeutig. Gerardo rannte zu ihr, obwohl sie noch den Dolch in der Hand hielt. Er hob ihren Kopf an, wollte sie aufrichten, um sie dazu zu bringen, das Gift wieder zu erbrechen, doch die junge Frau fl�sterte so traurig, dass es ihm schier das Herz zerriss: �Es ist zu sp�t, k�ss mich bitte.�</p><p>Sie schauten einander erst tief in die Augen, dann beugte Gerardo sich �ber Fiamma und presste seine Lippen auf ihren Mund.</p><p>Urspr�nglich hatte er es aus purem Mitleid f�r die Sterbende getan und erwartet, dass es ihn ekeln w�rde, wenn er eine M�rderin k�sste, die so viele sch�ndliche Verbrechen begangen hatte. Doch stattdessen setzte dieser Kuss all die Liebe frei, die beide in sich trugen und die nur darauf gewartet hatte, sich offen zu zeigen. Die Zeit schien stehen zu bleiben; ihre Lippen blieben vereint, ihre Zungen suchten sich, sie umarmten einander leidenschaftlich im Angesicht des Todes. Dann wurde Fiammas Atem unregelm��ig, ihre H�nde fielen herab, und das Stilett glitt aus ihrer Hand. Gerardo l�ste sich unter Tr�nen von ihr, er murmelte unzusammenh�ngende Worte, doch sie �ffnete ihren Mund zu einem schwachen L�cheln. �Danke�, fl�sterte sie und schaute ihm in die Augen.</p><p>Dann st�hnte sie, und gelblicher Schaum f�llte ihren Mund. Sie wurde von Kr�mpfen gesch�ttelt, und es w�rgte sie, doch Fiamma zwang sich, sich nicht zu �bergeben. Kalter Schwei� �berzog ihren K�rper, w�hrend Gerardo ihr Gesicht mit Tr�nen bedeckte. Das Leben wich rasch aus ihr, und sie lag still in ihrem schwarzen Gewand da. Der junge Mann hielt sie noch lange umklammert und machte seinem Schmerz mit Tr�nen Luft. Dann bettete er sie vorsichtig auf dem alten Altar, den sie sich zum Grab gew�hlt hatte, und wischte ihr mit einem Rockzipfel den Speichel und alle anderen Fl�ssigkeiten ab, mit denen ihr K�rper versucht hatte, sich von dem Gift zu befreien. Erst als Gerardo ihr zumindest einen Teil der Sch�nheit, die sie im Leben ausgezeichnet hatte, zur�ckgegeben hatte, nahm er sie in den Arm und verlie� das Gew�lbe, um Mondino zu Hilfe zu eilen. Nat�rlich h�tte er den Capitano del Popolo benachrichtigen k�nnen, dass er die beiden Leichen abholen lie�, doch im Augenblick handelte er nicht vern�nftig.</p><empty-line/><p>Mondino dr�ckte ein St�ck Stoff auf die Schulterwunde, um die Blutung zu stoppen, und achtete nicht auf die Proteste und Drohungen von Guido Arlotti, der an H�nden und F��en gefesselt am Boden sa�.</p><p>�Mein Freund wird sterben�, sagte Guido pl�tzlich und deutete auf den Mann ohne Ohren, der eine gro�e Wunde am Bauch hatte. �Und auch Ihr lebt nicht mehr lange, wenn Ihr mich nicht Hilfe holen lasst.� Als seine Drohungen ersch�pft waren, versuchte Arlotti es mit einem Appell an Mondinos Mitgef�hl.</p><p>�Lieber verblute ich, als dass ich Euch helfe�, sagte der Arzt. �Daher spart Euch Eure Worte. Seht� - er wies mit dem Kinn in eine Richtung -, �da kommen die M�nner des Podest�.�</p><p>Am anderen Ende der Gasse waren tats�chlich zwei H�scher in Kriegsuniform erschienen, gefolgt von Pantaleone Buzacarini in Soldatentunika und Lederwams. Hinter ihnen marschierten noch weitere bewaffnete Soldaten. Mondino unterrichtete den Capitano �ber das, was vorgefallen war, und Pantaleone �bernahm sofort das Kommando.</p><p>Er warf einen fl�chtigen Blick auf die Bauchwunde des Mannes mit den abgeschnittenen Ohren und setzte dessen Leiden mit einem Schwertstreich ein Ende. �Er w�re ohnehin unterwegs gestorben�, erkl�rte er schulterzuckend. Dann baute er sich vor Guido Arlotti auf.</p><p>�Du hast geh�rt, was Mondino gesagt hat�, meinte er ganz gelassen. �Er beschuldigt dich, du h�ttest die Ger�chte in die Welt gesetzt, die zu diesem Aufstand gef�hrt haben, und ich sehe keinen Grund, ihm nicht zu glauben.� Guido protestierte, doch der Capitano del Popolo unterbrach ihn mit einer Handbewegung. �Mich interessieren deine Ausreden nicht�, sagte er barsch. �Wenn du jetzt und hier gestehst, wie, aus welchem Grund und f�r wen du das getan hast, erreichst du das Gef�ngnis unversehrt. Andernfalls werde ich dir beide H�nde abschlagen, ehe ich dich meinen M�nnern �berlasse.�</p><p>Ohne Guidos Antwort abzuwarten, gab er einem H�scher ein Zeichen und hob das Schwert, w�hrend der Mann diesen an der Schulter packte und der L�nge nach zu Boden warf.</p><p>�Wartet!�, schrie Arlotti. Es war das erste Mal, dass Mondino Angst in seinen Augen entdeckte. �Ich stehe im Dienst des Inquisitors Uberto da Rimini. Wagt es nicht, mich anzur�hren, oder ihr werdet es teuer bezahlen!�</p><p>Ehe der Capitano del Popolo etwas erwidern konnte, drehten sich die Soldaten um, und auf einmal herrschte in der Gasse bedr�ckendes Schweigen. Mondino folgte ihrem Blick und sah Gerardo aus dem eingest�rzten Haus hervorkommen. Sein Gesicht wirkte genauso verwirrt wie in der Nacht, als er an sein Arbeitszimmer geklopft hatte. Und wie damals hatte er eine Leiche im Arm.</p><p>Gerardo schritt durch die schweigende Menge und trug Fiamma Sensi wie eine Braut. Der Kopf mit den blonden Locken, welche die Narbe verdeckten, ruhte auf seiner Brust, und das schwarze Gewand fiel in weichen Falten zu Boden. In dieser d�steren Umgebung stach ihre Sch�nheit nur noch deutlicher hervor.</p><p>�Ist das die gesuchte M�rderin?�, fragte ein Soldat ungl�ubig.</p><p>�Das ist sie�, best�tigte Gerardo ersch�pft. �In dem unterirdischen Gew�lbe hinter mir findet Ihr ihr letztes Opfer, Remigio Sensi, den Adoptivvater.�</p><p>Der Capitano del Popolo lie� das Schwert sinken, l�ste sich aus der Erstarrung, die alle Anwesenden befallen zu haben schien, und begann, laute Befehle zu rufen. Er beauftragte drei M�nner damit, Guido Arlotti zum Palazzo des Podest� zu bringen, doch erst, nachdem man ihn geknebelt hatte, damit er nicht um Hilfe schrie und noch einmal versuchte, das Volk aufzuwiegeln. Pantaleone warf jedem von ihnen einen strengen Blick zu und drohte, dass sie es mit ihrem Leben bezahlen w�rden, falls ihnen der Gefangene entk�me. Dann nahm er Gerardo sanft die Leiche aus dem Arm und �bergab sie zwei weiteren H�schern, die er ebenfalls zum Palazzo schickte. Schlie�lich lie� er zwei M�nner als Wache vor dem Eingang des eingest�rzten Hauses zur�ck und stieg selbst in das unterirdische Gew�lbe hinab, nachdem er sich von Gerardo den Weg hatte beschreiben lassen.</p><p>Als Pantaleone au�er Sichtweite war, wandte sich der junge Tempelritter an Mondino: �Meister, wie geht es Euch?�</p><p>�Schlecht. Ich brauche Liuzzo.� �Wollt Ihr, dass ich schnell zu ihm laufe und ihn hierherhole?�</p><p>�Nein, die Stra�en sind immer noch unsicher�, antwortete Mondino. �Gehen wir besser zu ihm. Wenn du mir hilfst, kann ich laufen.�</p><p>Gerardo stellte sich neben ihn. Mondino legte ihm den gesunden Arm um die Schultern und presste mit der anderen Hand den Stofffetzen fest auf die Wunde. So machten sie sich auf den Weg. Gerardo schwieg und bewegte sich, als w�re seine Seele vom K�rper losgel�st. Es war offensichtlich, dass er f�r Fiamma Sensi viel mehr als nur schlichte Sympathie empfunden hatte, und Mondino wollte seine Trauer nicht st�ren. Aber als sie den Platz vor Santo Stefano erreichten, konnte er sich nicht mehr zur�ckhalten.</p><p>�Und das Geheimnis des Eisens?�, fragte er gespannt.</p><p>�Ist verloren�, antwortete Gerardo abwesend. �Fiamma applizierte das Pr�parat in das Herz ihrer Opfer mit Hilfe eines hohlen Stiletts. Nachdem sie das Gift selbst getrunken hatte, ist ihr die Waffe aus der Hand geglitten, und das Pulver hat sich auf dem Boden verteilt.�</p><p>F�r Mondino war diese Nachricht ein weiterer schmerzhafter Schlag; er empfand sie wie einen Hieb. Adia hatte Recht gehabt mit dem Stilett, aber letzten Endes war das Geheimnis doch verloren gegangen und alles vergeblich gewesen.</p><p>�Fiamma hat Remigio das Gift in den Fu� injiziert�, fuhr Gerardo nach einer Weile fort. �Das Blut des Bankiers hat sich vor meinen Augen in Eisen verwandelt. Wenn Ihr der Meinung seid, dass etwas so Grauenhaftes dem Wohl der Wissenschaft dienen sollte, dann k�nnt Ihr seinen Leichnam studieren.�</p><p>Mondino h�rte seine Worte, doch er brachte keine Antwort heraus. Er sp�rte, wie seine Kr�fte schwanden, und musste all seine Konzentration aufwenden, um einen Fu� vor den anderen zu setzen und darauf, dass ihn diese Schritte in Sicherheit bringen w�rden. Alles andere hatte Zeit.</p><p>Sie schwankten weiter Richtung Via San Vitale und hielten einander umklammert wie zwei Betrunkene nach einer durchzechten Nacht.</p></section><section><title><p><strong>EPILOG</strong></p></title><empty-line/><p><strong>I</strong>m Hafen von Porticella pulsierte unter der Junisonne das Leben. Alles war wie immer. Mondino verlie� vorsichtig das Boot, sorgsam darauf bedacht, den rechten Arm nicht ruckartig zu bewegen. Die Wunde an der Schulter hatte sich geschlossen und war dabei, vollends zu heilen, aber Liuzzo hatte ihn ermahnt, sie einen weiteren Monat nicht zu belasten.</p><p>Er �ffnete die G�rteltasche, holte eine M�nze heraus und bezahlte den Bootsf�hrer. Dann machte er sich auf den Weg zu dem Gasthaus, in dem Adia lebte, und bem�hte sich, nicht zu schnell zu gehen.</p><p>Er konnte es kaum erwarten, sie wieder in die Arme zu schlie�en. W�hrend des Prozesses wegen der Eisenherzmorde, wie das Volk sie jetzt nannte, hatte er sie aus seinem Leben ausgeschlossen, um sie nicht zu verraten. Er und Gerardo hatten ihre Aussagen abgestimmt und nur von einer Kr�uterhexe gesprochen, die ihnen jedoch nichts Wichtiges enth�llt hatte und nach dem Angriff von Guido Arlotti und seinen Spie�gesellen irgendwohin geflohen war. Niemand hatte ihren Behauptungen widersprochen, weil das R�tsel um die M�rderin enth�llt worden war. Was sich als Makel auf den Amtszeiten des Podest� und des Capitano del Popolo h�tte erweisen k�nnen, hatte sich als gr��ter Erfolg ihrer Laufbahn erwiesen, und vor diesem Hintergrund hatten beide kein Interesse, den Dingen tiefer auf den Grund zu gehen. Umso mehr, da der Prozess wegen Fiamma Sensis Verbrechen von einem noch bedeutenderen �berschattet wurde: dem gegen die Templer in der Provinz Ravenna, der am 21. Juni mit einer Anerkennung ihrer absoluten Schuldlosigkeit und damit im Sinne der Anklagen geendet hatte. Rinaldo da Concorezzo hatte die Ritter zu einer einfachen �Reinigung� verpflichtet, was bedeutete, dass sie vor ihren Bisch�fen erscheinen und sich zum katholischen Glauben bekennen mussten, von mindestens sieben glaubensfesten Zeugen unterst�tzt. Danach, so lautete das Urteil, w�rden sie frei sein.</p><p>Es war noch nicht klar, wie Philipp der Sch�ne und Papst Clemens V. auf dieses Urteil reagieren w�rden, doch die Nachricht hatte sich bereits in ganz Europa verbreitet. Mondino k�mmerte das Schicksal der Templer nicht sonderlich, und soweit er begriffen hatte, wollte auch Gerardo sein Gel�bde aufgeben. Sein ehemaliger Sch�ler hatte am eigenen Leib erfahren, auf welche Abwege selbst der reinste und dem�tigste Orden geraten konnte, und sich deshalb entschlossen, Gott in einem weltlichen Leben zu dienen.</p><p>Beide hatten es als Genugtuung empfunden, dass Uberto da Rimini vom Amt eines Inquisitors abberufen wurde.</p><p>Als er Kenntnis von den Verfehlungen, den Umtrieben und den Erpressungen des Inquisitors aus dem Dominikanerorden erhalten hatte, hatte der Erzbischof ihn verurteilt, ohne Begleiter und ohne Geld zu Fu� nach Rom zu pilgern. Danach w�rde er in eine einsame Gemeinde in den Bergen an der Via Francigena geschickt, um sich um das Seelenheil der dortigen Bewohner zu k�mmern.</p><p>In all dieser Zeit, in Wahrheit waren es wenige Wochen gewesen, die Mondino wie eine Ewigkeit erschienen waren, hatte der Arzt Adia nur ein einziges Mal gesehen, als sie ihn besucht hatte, weil sie erfahren hatte, dass er verwundet war. Zwei Tage zuvor hatte Rainerios Begr�bnis stattgefunden, und die Trauer, die wie eine Glocke �ber dem Haus lag, hatte sie wie zwei Fremde miteinander sprechen lassen. Doch jetzt, da sein Leben wieder von s�mtlichen Hindernissen befreit war, konnte Mondino es kaum erwarten, sie wiederzusehen. Im Gehen kostete er die Vorfreude auf den Duft und die W�rme ihrer Haut aus.</p><p>Zun�chst hatte er �berlegt, erst zu ihr zu gehen, wenn er vollst�ndig genesen war, aber Adia hatte ihm am gestrigen Tag eine Nachricht geschickt, dass sie ihm etwas Wichtiges mitzuteilen habe. W�hrend er sich langsam zwischen Karren, Waren, Bootsf�hrern und Bauern seinen Weg bahnte, fragte Mondino sich, was genau sie ihm sagen wollte. Es konnte sein, dass sie endlich jemanden gefunden hatte, der sie nach Venedig mitnahm, und zwar auf einem Boot, das gro� genug war, um sie und ihre B�cher, die Hunde und den Esel aufzunehmen, und dass sie sich vor ihrer Abreise von ihm verabschieden wollte. Doch er hoffte und f�rchtete gleichzeitig, dass die Nachricht eine andere w�re, und er wusste noch nicht, wie er darauf reagieren w�rde.</p><p>Er fand sie im Garten hinter dem Gasthaus; Adia f�tterte gerade ihre Mastinos, die beide an derselben Kette lagen. Sie trug ein wei�es, �rmelloses Gewand, ein Leibchen aus blassgr�nem Brokat und Ledersandalen. Auf ihrem Kopf sa� eine schlichte Haube aus Leinen, die aussah wie die einer Magd und unter der ihre dunklen Locken hervorquollen.</p><p>Sobald sie ihn bemerkte, stellte Adia den Eimer mit Eingeweiden und trockenem Brot ab und rannte ihm entgegen, um ihn zu umarmen.</p><p>Mondino versuchte, sie auf den Mund zu k�ssen, aber sie entzog sich ihm, und ihre Miene verd�sterte sich ein wenig.</p><p>�Was ist los?�, fragte er besorgt. �Bist du denn nicht froh, mich zu sehen?�</p><p>�Darum geht es nicht�, erwiderte Adia.</p><p>Als sie ihr Fressen sahen, hatten die Hunde begonnen, an ihrer Kette zu zerren und zu sabbern, doch sie jaulten oder bellten nicht, wie viele ihrer Artgenossen es getan h�tten. Mondino trat einen Schritt vom Eimer zur�ck.</p><p>�Dann erz�hl mir bitte sofort, was du mir mitzuteilen hast. Ich habe heute Nacht im Gedanken an diesen Moment kein Auge zugetan.�</p><p>Adia wich einen Schritt zur�ck und senkte den Blick. Die Freude, mit der sie ihm entgegengelaufen war, schien echt gewesen zu sein, aber jetzt war sie unruhig. Verwirrt. Mondino sprach den Gedanken aus, der ihn seit dem vergangenen Abend qu�lte.</p><p>�Bist du schwanger? Ist es das, was du mir sagen willst? Wenn es so ist, mach dir keine Gedanken, ich ��</p><p>Ihn unterbrach Adias helles Lachen und er verharrte erstaunt und ver�rgert, mit offenem Mund.</p><p>�Du bist ein wahrer Kavalier, aber von dir h�tte ich mir nichts anderes erwartet�, sagte sie, und in ihren Augen lag noch ein L�cheln. �Doch darum geht es nicht.�</p><p>�Worum denn dann?� Mondino war erleichtert, dass er sich nicht um ein uneheliches Kind k�mmern musste, und dennoch konnte er eine gewisse Entt�uschung in seiner Stimme nicht verbergen.</p><p>�Warte, ich versorge erst die Hunde�, sagte Adia, nahm den Eimer, ging zu den Mastinos und kippte den Inhalt auf den Boden. Die beiden Hunde konnten sich kaum beherrschen, aber sie warteten, bis ihre Herrin sich entfernt hatte, bevor sie sich mit zufriedenem Knurren auf ihr Fressen st�rzten.</p><p>�Lass uns hinaufgehen�, sagte Adia. �Ich muss dir etwas zeigen.�</p><p>Sie gingen in den ersten Stock. Dort f�hrte sie ihn in ihr Zimmer und lie� ihn auf dem einzigen Stuhl vor dem Schreibtisch Platz nehmen, auf dem sich ein dickes ge�ffnetes Buch und eine Kerze in einem Leuchter aus Ton befanden. Mondino wusste sofort, um welches Buch es sich handelte.</p><p>�Wie �berzeugst du eigentlich die Leute, dass du nur eine einfache Kr�uterhexe bist?�, sagte er im Spa�. �Wenn dann auf deinem Tisch die <emphasis>Destructio Destructionis Philosophorum</emphasis> von Averro�s liegt?�</p><p>�Es k�nnte jedes Buch sein, es w�rde keinen Unterschied machen�, antwortete sie, nahm ihren geschw�rzten Kessel von dem Kohlebecken und goss ihrem Gast eine Tasse <emphasis>atay</emphasis> ein. �Keiner von denen, die meine Dienste in Anspruch nehmen, kann lesen.�</p><p>W�hrend Mondino die bernsteinfarbene Fl�ssigkeit in kleinen Schlucken trank, holte Adia eine Stofftasche aus dem wohlgef�llten Strohsack, der ihr Bett war. Sie ging zum Tisch, schloss das Buch und legte die beiden Landkarten mit der Ortsangabe der geheimen Grotte in Spanien vor Mondino hin.</p><p>�Die Neuigkeit betrifft also diese Pergamente?�, fragte Mondino. �Aber inzwischen ist doch offensichtlich, dass sie gef�lscht sind.�</p><p>Als Adia zu ihm nach Hause gekommen war, hatte der Arzt ihr auch die zweite Karte �berlassen, die Fiamma Gerardo im Kerker gegeben hatte. Doch da Fiamma selbst gesagt hatte, sie sei nutzlos, erwartete er sich keine gro�en Enth�llungen.</p><p>�Man sagt, zwei falsche Dinge machen noch lange kein richtiges�, erwiderte Adia. �Aber das stimmt nicht immer.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>Sie beugte sich vor, um ihm den roten Punkt auf der ersten Karte zu zeigen.</p><p>�Das ist nicht der Ausgangspunkt, wie ich gemeint habe, sondern der Endpunkt�, sagte sie. �Fiammas Vater hat sein Geheimnis gut verborgen.�</p><p>Sie erkl�rte ihm, dass die Worte <emphasis>al-hamra</emphasis> in diesem Fall nicht die Alhambra, die rote Festung der arabischen Stadt Granada, meinten, sondern die letzte Stufe der Opera magna der Alchimie, die �R�tung� hie�e.</p><p>�Das verstehe ich nicht�, sagte Mondino. �Was willst du damit sagen?�</p><p>�Dass der angezeigte Weg keine Entfernung ist, die man zu Fu� oder zu Pferde zur�cklegen muss, sondern dass er die verschiedenen Schritte beschreibt, um das alchimistische Gold zu erhalten.�</p><p>�Wie kannst du dir da so sicher sein?�</p><p>�Weil die beiden Karten zusammenh�ngen. Keine von ihnen ergibt einen Sinn, wenn man sie ohne die andere betrachtet. Erinnerst du dich an die unvollst�ndigen S�tze auf dem ersten Pergament? Die fehlenden Worte finden sich auf dem zweiten. Dazu verwirrt noch, dass die Informationen so gut verborgen sind, dass man beim Studieren der beiden Karten wirklich den Eindruck hat, es handle sich um reale Orte.�</p><p>�Also willst du mir sagen�, fasste Mondino zusammen, �dass du das Geheimnis des alchimistischen Goldes entschl�sselt hast, nach dem so viele Wissenschaftler seit Jahrhunderten suchen?�</p><p>�Ich will sagen, dass ich beim Untersuchen dieser Pergamente einen m�glichen Weg gefunden habe, um es zu gewinnen.�</p><p>In Erinnerung an das Beispiel mit dem Berg, das sie ihm bei ihrer zweiten Begegnung erz�hlt hatte, nickte Mondino. �Aber das ist nicht der richtige, denke ich mir.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Dennoch ist das Ergebnis dasselbe.�</p><p>�Ja. Wenn man haargenau diesem Weg folgt, gewinnt man m�helos alchimistisches Gold, das, wie du genau wei�t, etwas ganz anderes ist als normales Gold.�</p><p>�Wenn es wirklich existiert�, fl�sterte Mondino, �w�re es unendlich viel kostbarer als normales Gold: ein Elixier, mit dem man jede Wunde heilen kann, jede Krankheit und das Leben sogar um Jahrhunderte verl�ngern kann � Das ist unm�glich. Es muss sich um eine Legende handeln.�</p><p>Adia sch�ttelte nur stumm den Kopf. Sie war wie immer wundersch�n, doch in diesem Augenblick dachte Mondino nur an das offenbarte Geheimnis, den Hauptgrund, weswegen er sich auf die Jagd nach dem M�rder gemacht und sein Leben und seine berufliche Laufbahn aufs Spiel gesetzt hatte. In Fiammas Tagebuch war nicht die Rede davon gewesen, auf welche Weise sie das Pulver erzeugt hatte, um Adern und Blut in Eisen zu verwandeln, und mittlerweile hatte Mondino seinen Traum aufgegeben, eine vollst�ndige Karte des menschlichen Gef��systems zu erstellen. Niemand hatte Remigio Sensis Leiche ber�hren wollen, aus Furcht vor irgendeinem Unheil, und so hatte man den Bankier an dem Ort gelassen, wo er gestorben war. Die st�dtische Justiz hatte bestimmt, dass der Zugang zu dem unterirdischen Gew�lbe verschlossen werden sollte, und nachdem man alle Bettler fortgejagt hatte, die es bev�lkerten, hatte man das Haus, in dem sich der Zugang dazu verbarg, vollends zum Einsturz gebracht. Damit war der Spalt zur Gruft mit Tonnen von Steinen und Ziegeln versperrt. Mondino, der zun�chst einmal froh dar�ber war, dass er mit dem Leben davongekommen war und wieder gemeinsam mit Liuzzo die Medizinschule f�hrte, hatte den Bogen nicht �berspannen wollen und deshalb nicht gebeten, Remigios Leiche untersuchen zu d�rfen. Er hatte sich vielmehr gezwungen, nur an seine Arbeit und seine famili�ren Pflichten zu denken, vor allem jetzt, da sein Vater verstorben war.</p><p>Und nun reizte Adia pl�tzlich wieder diesen Teil seiner Seele, der doch eigentlich besser ruhen sollte.</p><p>�Hast du es ausprobiert?�, fragte Mondino mit einem Zittern in der Stimme.</p><p>Er war beinahe gl�cklich, als sie das verneinte.</p><p>�Du kannst also nicht wissen, ob es tats�chlich funktioniert?�</p><p>�Nein. Und ich will es auch gar nicht wissen. An dem Geheimnis klebt zu viel Blut.�</p><p>�Ich m�chte es trotzdem wissen.�</p><p>Adia starrte ihn entsetzt an. �Du wei�t nicht, was du da sagst.�</p><p>�Da irrst du dich. Ich verstehe deine Worte und dass es auf die Art und Weise ankommt, auf die man etwas tut, aber denk doch daran, welch unglaubliches Geschenk dieses Elixier f�r die Menschheit bedeutet.�</p><p>W�hrend er sprach, hatte Adia den Kopf gesch�ttelt. ��berleg doch bitte�, sagte sie dann traurig. �Fiammas Vater hat den Mann get�tet, der ihm das Geheimnis enth�llt hat, diesen T�rken, den man vor den Toren Gharnatas ohne Herz gefunden hat. Dann ist er selbst umgebracht und seine Tochter im Angesicht und in der Seele gezeichnet worden. All das nur wegen dieses unseligen Geheimnisses. Die Tempelritter, die es in ihren Besitz bringen wollten, haben unerdenkliche Sch�ndlichkeiten begangen, um dann ein schreckliches Ende zu finden. Fiamma selbst hat gemordet und sich nach einem qualvollen Leben umgebracht. M�chtest du wirklich enden wie sie?�</p><p>�Nein, aber ��</p><p>�Aber was? Verstehst du nicht, was du in Gang setzen w�rdest, wenn du dich dem alchimistischen Geheimnis verschriebest? Auch du w�rdest get�tet. Gierige und m�chtige M�nner w�rden einander zerfleischen, um in den Besitz der Formel zu kommen, damit kein anderer dar�ber verf�gen kann. Denn die Gierigen wollen die Macht in den H�nden weniger wissen. Und wenn sich die Nachricht verbreitete, dass man das Elixier gefunden hat, w�rde es noch mehr Tote geben. Stell dir vor, es k�nnte sogar ein Krieg ausbrechen. Ein Krieg, an dem sich zweifellos auch die Kirche beteiligen w�rde. Willst du das wirklich?�</p><p>Fiamma sah ihn so durchdringend an, dass Mondino sich beinahe vor ihr f�rchtete. Er ahnte, dass von seiner Antwort abhing, welchen Wert sie ihm als Mensch zuma�, und er w�nschte sich nichts mehr, als sie zufrieden zu stellen. Sein wissenschaftlicher Verstand lie� es jedoch nicht zu, sich so kurz vor dem Ziel geschlagen zu geben. Adias Beispiel mit dem Berg war eindringlich, aber wenig glaubhaft. Wenn ein Arzt einen Patienten operierte, z�hlte nur, wie die Operation durchgef�hrt wurde. Hatte man sie gut durchgef�hrt, wurde der Patient auch wieder gesund, selbst wenn der Arzt ein M�rder oder ein verabscheuungsw�rdiger Mensch war.</p><p>�Was m�chtest du also tun?�, sagte er schlie�lich und zog es vor, auf ihre Frage mit einer Gegenfrage zu antworten.</p><p>�Ich m�chte diese Karten vernichten�, antwortete die Alchimistin. �Aber da sie nicht mir geh�ren, brauche ich deine Zustimmung dazu.�</p><p>Mondino schwieg lange. Er war sich sehr wohl bewusst, welche Folgen seine Worte haben w�rden, aber er musste es sagen.</p><p>�Ich m�chte das alchimistische Gold sehen, zumindest einmal�, sagte er schlie�lich leise. �Wenn du mir nicht helfen willst, sag mir wenigstens, wie es geht. Dann werde ich es allein versuchen.�</p><p>Adia sah ihn r�tselhaft an. �Nur du kannst �ber dein Schicksal entscheiden�, sagte sie und zeigte auf Feder und Tintenfass auf dem Tisch. �Schreib.�</p><p>Mondino bemerkte den feindseligen Ton in ihrer Stimme; trotzdem nahm er die G�nsefeder zur Hand, tauchte sie in die Tinte und begann, auf der R�ckseite einer der beiden Karten alle Schritte zu notieren, die ihm Adia diktierte. Als der Platz aufgebraucht war, beschrieb er die R�ckseite der zweiten Karte bis zur H�lfte.</p><p>�Ist das alles?�, fragte er schlie�lich.</p><p>�Es fehlt noch etwas. Das Wichtigste.�</p><p>�Was?�</p><p>Adia wandte sich dem Glutbecken zu, in dem die Kohlen unter einem feinen Ascheschleier r�tlich glommen. Sie seufzte, und als sie sich wieder zu ihm umdrehte, hielt sie einen kleinen Dolch mit einem mit Intarsien versehenen Holzgriff in der Hand, den sie aus ihrem Gewand gezogen haben musste. Mondino starrte sie ungl�ubig an, zu �berrascht, um irgendwie reagieren zu k�nnen. Adia kam mit dem Messer in der Hand auf ihn zu, drehte es um und hielt ihm den Griff hin. Tr�nen schimmerten in ihren Augen, aber ihr Blick wirkte entschlossen.</p><p>�Beweis es mir.�</p><p>�Was?�</p><p>�Dass du bereit bist, es allein zu tun.�</p><p>Die �berraschung lie� Mondino die Lippen zu einem nerv�sen L�cheln verziehen. �Bitte, leg das Messer weg.�</p><p>�Wenn du das Elixier auf dem Weg gewinnen willst, den ich dir eben diktiert habe�, sagte Adia sehr ernst, �brauchst du ein noch schlagendes menschliches Herz. Nimm meines.�</p><p>Mondino wusste nicht, was er denken sollte. Er redete sich ein, dass sie es nicht ernst meinte, aber ohne Erfolg. Sie starrte ihn weiter an, die Klinge fest in der Hand.</p><p>�Adia, ich k�nnte dir nie etwas antun ��</p><p>�Aber jemand anderem schon?�, bedr�ngte sie ihn angriffslustig. �Wenn jetzt eine fremde Frau hier vor dir st�nde, w�rdest du sie t�ten, nur um deinen Traum zu erf�llen?�</p><p>�Du willst sagen, um das Elixier zu gewinnen, muss man einen Mord begehen?�</p><p>�Um es auf �diese� Weise zu gewinnen, ja�, erwiderte Adia und starrte ihn weiterhin an. �Das sage ich dir doch die ganze Zeit, aber du willst nicht zuh�ren.�</p><p>�Das hatte ich nicht begriffen�, sagte Mondino leise.</p><p>�L�gner.� Adias Blick war unbarmherzig. �Du hattest es sehr gut verstanden, aber du wolltest nicht dar�ber nachdenken. Auf diese Weise kann man die schlimmsten Sch�ndlichkeiten begehen: indem man vermeidet, dar�ber nachzudenken. Und nun triff deine Entscheidung.�</p><p>Mondino lie� den Kopf sinken. Jede weitere Erwiderung war sinnlos. Jetzt konnte er nur noch entschlossen handeln, um Adia und vor allem sich selbst zu beweisen, was f�r ein Mensch er war. Wie viel er im Namen der Wissenschaft bereit war aufs Spiel zu setzen.</p><p>Ohne zu z�gern nahm er den Dolch, den sie ihm hinhielt, und legte ihn auf den Tisch neben das Buch von Averro�s. Dann legte er ihr einen Arm um die Schultern. Mit der freien Hand warf er die Karten in das Glutbecken.</p><p>Er beugte sich zu ihr, um sie zu k�ssen, w�hrend sich die Pergamente, die das Geheimnis der Unsterblichkeit bargen, an den R�ndern einrollten und zu Asche verbrannten. Dass keine einzige Flamme aufstieg, wunderte Mondino kurz, doch dann beschloss er, nicht weiter dar�ber nachzudenken. Nun z�hlte nur noch Adia.</p></section><section><title><p><strong>DANKSAGUNGEN</strong></p></title><empty-line/><p>Ich m�chte all denen danken, die mir in den verschiedenen Phasen der Vorbereitung und Niederschrift dieses Romans eine Hilfe waren. Meinen Autorenfreunden Silvia Torrealta und Matteo Bortolotti danke ich f�rs Lesen und ihre Ratschl�ge, Piero P. Giorgi, Associated Professor an der University of Queensland f�r alles, was die Beschreibung des Lebens und der Arbeit von Mondino betrifft; Professor Rolando Dondarini, Medi�vist der geschichtlichen Fakult�t der Universit�t Bologna, f�r das Lektorieren meines Buches im Hinblick auf die historische und st�dtebauliche Rekonstruktion. Dann danke ich allen bei Piemme, die die Gabe haben, jedes Arbeitsgespr�ch in eine angenehme Unterhaltung zu verwandeln, ganz besonders der Verlegerin Maria Giulia Castagnone daf�r, dass sie seit dem ersten Expos� an die Geschichte geglaubt hat, und meiner Lektorin Francesca Lang. An dieser Stelle d�rfen auch ein Dank an meine Agentin Roberta Oliva und an Giancarlo Narciso nicht fehlen, ohne den ich vielleicht nicht Schriftsteller geworden w�re.</p></section><section><title><p><strong>GLOSSAR </strong></p></title><p>Akkon: alte Hafenstadt im Norden des heutigen Israel, auch St. Jean d�Acre genannt, im 12./13. Jahrhundert bedeutender Sitz der Tempelritter, ging 1291 als letzter St�tzpunkt der Kreuzfahrer verloren.</p><p>Albertus Magnus: (ca. 1200-1280), bedeutender Gelehrter und Philosoph, Bischof von Regensburg, wegen seines vielseitigen Wissens mit dem Ehrentitel <emphasis>doctor universalis</emphasis> belegt, besch�ftigte sich im Zuge seiner wissenschaftlichen Studien neben der Philosophie des Aristoteles auch mit Magie und Alchimie.</p><p>Atay: arabisch f�r Tee</p><p>Averro�s: (1126-1196), auch Ibn Ruschd genannt, arabisch-spanischer Arzt und Philosoph.</p><p>Avicenna: (980 -1037), eigentlich Ab&#x16B; Al&#x12B; al-Husayn ibn Abdull&#x101;h ibn S&#x12B;n&#x101;, Arzt, Gelehrter und Alchimist aus Persien; sein �Kanon der Medizin� war in seiner lateinischen �bersetzung ein grundlegendes Werk f�r die mittelalterliche Medizin.</p><p>Bolognini: M�nzw�hrung in Bologna vom 12. bis zum 17. Jahrhundert.</p><p>Borgo: hier: H�usergruppe rund um einen Platz oder eine Kirche, in der sich oft Angeh�rige einer bestimmten Berufsgruppe, z. B. Schmiede oder Papierh�ndler, niederlie�en. Sonst: Dorf/Viertel au�erhalb der Stadtmauern.</p><p>Capitano del Popolo: Vertreter des B�rgertums in der mittelalterlichen Stadtverwaltung, Gegengewicht zu der Macht der Adelsfamilien, �berwachte die Arbeit des Podest�.</p><p>Circla: volkst�mliche Bezeichnung f�r den provisorischen, aus Holz errichteten dritten Stadtbefestigungsring um Bologna.</p><p>Complexio: das Temperament eines Menschen, das laut Galen durch die vier S�fte des K�rpers (�<emphasis>humores</emphasis>�) und deren spezifischer Zusammensetzung bestimmt wird. Je nachdem, welche Fl�ssigkeit vorherrscht, ist das damit verbundene Temperament entweder sanguinisch (heiter, aktiv), phlegmatisch (passiv, schwerf�llig), melancholisch (traurig, nachdenklich) oder cholerisch (reizbar, erregbar).</p><p>Galen: (129-216), Wundarzt von Gladiatoren und Leibarzt des r�mischen Kaisers Marc Aurel; nach Hippokrates der bedeutendste Arzt der Antike, der mit seiner Weiterentwicklung der Viers�ftelehre (siehe Galle) und zahlreichen Anatomiestudien, aber auch philosophischen Schriften das medizinische Denken und Handeln der Menschen �ber Jahrhunderte bestimmte.</p><p>Galle: Nach Galen sind f�r den menschlichen K�rper analog zu den vier Elementen Wasser, Feuer, Luft und Erde die vier S�fte bestimmend (die Viers�ftelehre = Humoralpathologie): Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle. Galen ordnete den S�ften vier Temperamente zu (siehe <emphasis>complexio</emphasis>). Diese sind in einer f�r jeden Menschen spezifischen Mischung im Gleichgewicht (Eukrasie); sind sie im Ungleichgewicht (Dyskrasie), wird der Mensch krank. Aufgabe des Arztes ist es dann, die nat�rliche Heilkraft zur �berwindung einer Krankheit durch Di�tetik, Pharmakotherapie und/oder durch Chirurgie anzuregen.</p><p>Geber: (8. Jahrhundert) lateinische Form f�r Dsch&#x101;bir ibn Hayy&#x101;n, persischer Naturphilosoph, dessen �bersetzte Schriften im Mittelalter als Standardwerke der Alchimie galten. Im 13. Jahrhundert gaben einige Autoren eigene Werke als seine Schriften aus, um ihnen mehr Bedeutung zu verleihen.</p><p>Ghibellinen: auch Waiblinger genannt; im mittelalterlichen Italien Anh�nger des staufischen Kaisers, in Rivalit�t zu den Anh�ngern des Papstes, den Welfen. In den St�dten lieferten sich die beiden Parteien erbitterte Fehden, die �ber Jahrhunderte andauerten und im Verlauf derer die jeweils unterlegene Gruppe der Stadt verwiesen oder ins Exil geschickt werden konnte.</p><p>Hadernpapier: seit dem 13. Jahrhundert aus Lumpen und Textilabf�llen hergestellte, sehr langlebige Papiersorte.</p><p>Komplet: Die mittelalterliche Zeitrechnung richtete sich nach den Gebetszeiten; der Tag wurde von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in zw�lf gleiche Stunden eingeteilt, deren L�nge nach Region und Jahreszeit variierte. Man unterscheidet zwischen den Hauptgebeten Matutin (ca. 3 Uhr), Laudes (6-8 Uhr, bei Sonnenaufgang), Vesper (ca. 18 Uhr) und Komplet (ca. 21 Uhr) und den k�rzeren �kleinen Horen� Prim (Tagesanbruch), Terz (ca. 9 Uhr), Sext (ca. 12 Uhr) und Non (ca. 15 Uhr).</p><p>Komturei: Herrschaftssitz der Tempelritter. Oft handelt es sich dabei um Burgen z. B. Akkon in Galil�a und Tortosa in Spanien.</p><p>Laudes: 6-8 Uhr (siehe Komplet)</p><p>Licentia docendi: Befugnis, Vorlesungen an einer Universit�t abzuhalten.</p><p>Madonna: (deutsch: Herrin) gebr�uchliche Anrede im Mittelalter f�r eine Dame.</p><p>Magister: (deutsch: Meister) auch Doctor, Titel und Anrede f�r Lehrer der Universit�t.</p><p>Materia prima: Urzustand der Materie, erste Phase der Transmutation (siehe Transmutation) als �Schw�rze�.</p><p>Matutin: ca. 3 Uhr (siehe Komplet).</p><p>Medizinschule: Bologna gilt als der Ort, an dem die erste Universit�t Italiens gegr�ndet wurde (1088). Eigentlich bestand die Universit�t jedoch aus mehreren Hochschulen, z. B. der des Rechts und der Freien K�nste. In den Fakult�ten schlossen sich verschiedene Schulen in einer Art Genossenschaft zusammen. Gerade im naturwissenschaftlichen Bereich waren die einzelnen Medizinschulen stark an die Professoren gebunden, die sie gegr�ndet hatten und die von ihren Sch�lern direkt bezahlt wurden.</p><p>Mercato di Mezzo: Viertel im Zentrum Bolognas mit Markst�nden und L�den.</p><p>Messere: (deutsch: Herr) bis ins 17. Jahrhundert respektvolle Anrede f�r M�nner gehobenen Standes.</p><p>Nationes: erste Form von studentischen Zusammenschl�ssen, in Bologna z. B. seit der Gr�ndung der Universit�t im Jahr 1088. Dort wurden die Studenten in die einheimischen (�<emphasis>citramontanorum</emphasis>�) und fremden Nationes (�<emphasis>ultramontanorum</emphasis>�) unterschieden, denen jeweils ein Rektor vorstand.</p><p>Non: ca. 15 Uhr (siehe Komplet).</p><p>Offizium: auch Heiliges Offizium genannt; bis ins 16. Jahrhundert dem Papst unterstehende Einrichtung zur Kontrolle der Inquisition, danach offizielle Bezeichnung f�r die Inquisition selbst.</p><p>Opus Magnum: in der Alchimie die Verwandlung eines unedlen Stoffes in Gold oder die Schaffung des Steins der Weisen durch Transmutation (siehe Transmutation).</p><p>Podest�: Stadtvogt, B�rgermeister.</p><p>Prim: Tagesanbruch (siehe Komplet).</p><p>Sancta Hierusalem (Bononiensis): seit dem 9. Jahrhundert Bezeichnung f�r die aus den f�nf Kirchen bestehende, im Volksmund aber �Sette chiese�, sieben Kirchen, genannte Basilika Santo Stefano in Bologna, welche die heiligen St�tten von Jerusalem mehr oder weniger ma�stabsgetreu nachbildet. Vermutlich im Zusammenhang mit der Begeisterung f�r die ersten Kreuzz�ge entstanden, beinhaltet der Komplex u.a. ein Heiliges Grab, Golgatha und die Grabeskirche.</p><p>Sbirren: milit�risch organisierte, bewaffnete Diener von Polizei und Justiz.</p><p>Soldo: historische W�hrungseinheit, seit dem 12. Jahrhundert in Italien verbreitet, erst als Silber-, dann als Kupferm�nze.</p><p>Studium: bezeichnet im Mittelalter die Universit�t als Lehranstalt und Institution.</p><p>Transmutation: alchimistische Verwandlung von unedlen Stoffen in vier Phasen zu Gold. Die vier Phasen sind die �Schw�rze�, die �Wei�ung�, �Gelbung� und schlie�lich die �R�tung�.</p><p>Trebbo dei Banchi: mittelalterliche Bezeichnung f�r die Gegend, in der sich die Geldverleiher und Bankiers zu ihren Gesch�ften trafen oder ihre eigenen B�ros hatten, deren <emphasis>banco</emphasis>, eine Art Luke, tags�ber ausgeklappt war und an der sie dann ihre Verhandlungen f�hrten.</p><p>Vesper: ca. 18 Uhr (siehe Komplet).</p><p>Volgare: regional gepr�gte, vom einfachen Volk benutzte Umgangssprache.</p><p>Welfen: auch Guelfen; im mittelalterlichen Italien Unterst�tzer des Papstes, die sich erbitterte Machtk�mpfe mit den Ghibellinen lieferten (siehe Ghibellinen).</p></section></body><binary id="cover" 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