<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_history</genre><author><first-name>Peter</first-name><last-name>Ransley</last-name></author><book-title>Pestsiegel</book-title><annotation><p>Ein zerrissenes Land. Ein t�dliches Geheimnis. Ein junger Mann auf der Suche nach der Wahrheit.</p><p>Als Matthew Neave an einem Septemberabend 1625 den Auftrag erh�lt, den Leichnam eines �Pestkindes� auf seinem Karren zur Pestgrube zu bringen, ist er wenig erfreut, willigt aber aufgrund der guten Bezahlung ein. Auf dem Weg zur Grube stellt Matthew jedoch fest, dass das Neugeborene lebt. Er nimmt den Jungen bei sich auf und zieht ihn zusammen mit seiner Frau Susannah wie sein eigenes Kind gro�.</p><p>Als Tom ein junger Mann ist, tritt pl�tzlich ein unbekannter Wohlt�ter auf den Plan und verschafft dem Jungen eine Lehrstelle bei einem angesehenen Drucker in London. Tom findet sich in die neue Umgebung nur mit Widerwillen ein, und merkt bald, dass er nicht der Sohn eines Werftarbeiters aus Poplar ist, wie er bisher glaubte. Ein dunkles Geheimnis umgibt seine wahre Herkunft. Tom muss erkennen, dass ihn jemand lieber tot als lebendig sehen w�rde und seine Suche nach der Wahrheit alles andere als ungef�hrlich ist.</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>�ber Peter Ransley</strong></p><p>Peter Ransley stammt aus Leeds und lebt heute in London. Er arbeitet erfolgreich als Drehbuchautor f�r das britische Fernsehen und sein gro�es Interesse gilt der Geschichte. Durch die intensive Besch�ftigung mit dem englischen B�rgerkrieg entstand die Idee zu der Romantrilogie um den Druckerlehrling Tom Neave, deren Auftakt �Das Pestsiegel� ist. Die Arbeit am zweiten Teil hat der Autor mittlerweile abgeschlossen. Die deutsche �bersetzung wird ebenfalls im Fischer Taschenbuch erscheinen.</p><empty-line/><p>Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel �Plague Child� bei HarperPress, London.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2013-03-04">4.3.2013</date><id>9511609A-B9EA-4D1D-B46C-BEE9BC870AC5</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><year>2012</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>Pestsiegel</strong></p><p><emphasis>London um 1640</emphasis></p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p></section><section><empty-line/><p>F�r Cynthia, Nicholas, Imogen,</p><p>Rebecca und Lochlinn</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>Prolog</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Eines d�steren Abends im September des Jahres 1625 lenkte Matthew Neave den Karren mit den Toten, die er eingesammelt hatte, zum Ufer des Flusses Cherwell. Sieben Leichen: Viel w�rde man ihm nicht daf�r zahlen.</p><p>W�hrend die Pferde tranken, a� er das, was er an Brot und K�se noch �brig hatte. Das Brot war hart und trocken. Er weichte es mit etwas Bier aus seiner Flasche auf und wartete darauf, dass das Licht verschwand. Ehe es nicht dunkel war, n�herte er sich niemals der Pestgrube.</p><p>Im Fr�hsommer, als die Pest in Oxford ausgebrochen war, hatten die Verwandten der Toten auf der Lauer gelegen, um den Karren abzufangen. Die Angst vor der Seuche wurde von der Furcht vor der H�lle besiegt, in der ihre Liebsten, und sp�ter sie selbst, w�rden leiden m�ssen, wenn sie kein christliches Begr�bnis auf geweihtem Boden erhielten. Bei einem Kampf war Matthew niedergestochen und beinahe in die Grube geworfen worden, ehe die Wache gekommen war.</p><p>Doch als die Menschen starben oder flohen und der unbarmherzig hei�e Sommer die �briggebliebenen in dumpfer Apathie zur�cklie�, blieben solche �bergriffe aus. Gleichwohl setzte Matthew seine Flasche ab, als er das Ger�usch eines galoppierenden Pferdes h�rte. Unbemerkt tropfte Bier auf seine fleckige Barchentjacke, w�hrend er �ber die Christ Church Meadow starrte.</p><p>Wegen der B�ume konnte er den Reiter zun�chst nicht ausmachen, aber das Tier war ein rotbrauner Wallach, das Pferd eines Edelmanns. Das Pferd trat aus den B�umen hervor. Der Reiter war in Schwarz gekleidet. Er war maskiert, obwohl es kein hei�er Tag gewesen war. Vielleicht enthielt die Maske einen kleinen Strau� aus Kr�utern, die den Tr�ger vor der Seuche sch�tzen sollten. Aber Matthew wollte kein Risiko eingehen.</p><p>Er nahm das Messer, mit dem er den K�se geschnitten hatte, und zog sich zum Karren zur�ck. Der Gestank der verrottenden Leiber bot einen besseren Schutz als jede Waffe.</p><p>Wenige Meter vor ihm z�gelte der Mann sein Pferd.</p><p>�Matthew Neave?�</p><p>Matthews Arbeit machte ihn zu einem Ausgesto�enen. Au�er mit Susannah, die mit ihm lebte und deren religi�se Visionen ihr sagten, dass sie niemals an der Pest erkranken w�rde, sprach er�� von den Toten einmal abgesehen�� nur mit wenigen Menschen.</p><p>�Wer will das wissen?�</p><p>Der Mann nahm die Maske ab, hielt sich jedoch die Kr�uter darin weiter vors Gesicht. Matthew lie� das Messer fallen und riss seinen Hut herunter, die Worte erstarben ihm in der trockenen Kehle. Das war kein Herr von hoher Geburt. Das Pferd war aus einem besseren Stall als der Mann, der es ritt. Aber f�r Matthew war Mr�Eaton von weit gr��erer Bedeutung als jeder Edelmann.</p><p>Mr�Eaton war der Verwalter von Lord Stonehouse. Als Findelkind hatte er es aus eigener Kraft zu etwas Grundbesitz gebracht, Feld um Feld zusammengekauft. Das m�hsame Ringen hatte tiefe Furchen in seinem Gesicht hinterlassen. Am eindrucksvollsten war eine schartige Narbe, die sich von der rechten Wange bis zum Hals zog.</p><p>�Es gibt ein totes Kind in Horseborne. Bennets Farm.�</p><p>Mehrere Meilen entfernt, auf der anderen Seite des Shotover Hill, am Rand von Lord Stonehouse� Familienbesitz.</p><p>�Ein Pestkind, Sir?�</p><p>�Ja.�</p><p>Matthew wusste, dass das nicht stimmte, wusste, dass das Probleme gab. Er war an der Pest erkrankt, als er sechs war. Die qu�lenden schwarzen Beulen unter seinen Armen waren aufgeplatzt, aber er hatte �berlebt. Den Rest seiner Familie hatte man auf den Karren geworfen und ihn allein im Haus eingesperrt.</p><p>Die Pestordnung, die ohne Zweifel die Ansicht der meisten Menschen widerspiegelte, dass es sich bei der Krankheit um eine Strafe Gottes handele, schrieb vor, �berlebende Opfer f�r vierzig Tage und vierzig N�chte unter Quarant�ne zu stellen. Mehr als einen Monat lang war Matthew eingesperrt gewesen, am Leben erhalten allein durch die dicke Suppe und das d�nne Bier, das der einzige Nachbar, der sich in seine N�he wagte, ihm durch das Fenster reichte.</p><p>Da die wenigen �berlebenden der Pest nie wieder daran erkrankten, versorgte ihn die Krankheit, die Matthew beinahe get�tet hatte, jetzt mit Brot und, in einem Pestjahr wie diesem, sogar mit Fleisch. Manche Menschen hielten Matthew f�r einen Hellseher und Heilkundigen, denn es hie�, er k�nne vorhersagen, wer an der Krankheit st�rbe und wer �berlebe. Vielleicht wahrte der Verwalter jetzt nicht nur wegen der Leichen Abstand, sondern auch, weil er diese Geschichten ebenfalls geh�rt hatte.</p><p>Matthew kratzte sich am Kopf. Er kannte jeden Fall im Umkreis von zwanzig Meilen. Manche mochten der Quarant�ne entgangen sein, aber das war unwahrscheinlich. Noch unwahrscheinlicher war es, dass die Seuche sich immer noch ausbreitete. Die schneidende K�lte in der Luft und die geringer werdende Anzahl an Leichen verrieten ihm, dass der Ausbruch so gut wie vor�ber war.</p><p>Langsam sch�ttelte Matthew den Kopf. �Horseborne, Sir? Kann nicht sein.�</p><p>So m�hevoll, wie er seinen kleinen Grundbesitz aufgebaut hatte, so sorgsam hatte Mr�Eaton auch an seiner Art zu sprechen gearbeitet. Anders als Matthew mit seiner langsamen, verwaschenen Sprechweise ahmte er den k�hlen, sp�ttischen Tonfall der �ber ihm Stehenden nach.</p><p>�Ich f�rchte, es kann sein. Sie breitet sich immer noch aus.�</p><p>Die Wolken hatten inzwischen schwarze R�nder, und der Wind frischte auf. Als w�ssten sie, dass es ein kurzer Abend werden w�rde, machten die Mauerschwalben Sturzfl�ge �ber das Wasser, um Fliegen zu fangen. Schon bald w�rden sie davonfliegen, ganze Schw�rme von ihnen, und im Himmel verschwinden. So wie die Schwalben wussten, dass es keine Fliegen mehr gab, wusste Matthew, dass es in Horseborne keine Pest gab.</p><p>�Ich sammle es morgen ein.�</p><p>Trotz seiner Angst, sowohl vor den Leichen im Karren als auch wegen des Fluchs, mit dem Matthew ihn m�glicherweise belegen k�nnte, dr�ngte Mr�Eaton sein Pferd dichter heran. Sein Tonfall wurde wieder zu einem b�uerlichen, gedehnten Singsang mit scharfem Unterton.</p><p>�Du wirst es heute holen.�</p><p>�Es gibt keine Papiere�, erwiderte Matthew starrsinnig.</p><p>Nicht alle Menschen, die in der Grube endeten, waren Opfer der Pest. Um die Armen machte sich niemand �berm��ig Sorgen, aber als ein Bauer umgebracht und in die Grube geworfen worden war, hatten die Wachen Matthew eingebl�ut, wie wichtig die Papiere seien, mit denen sie vor seiner Nase herumfuchtelten, ehe sie ein versiegeltes Pesthaus �ffneten. Und Susannah hatte Matthew eingesch�rft, niemandem, den Gott nicht mit der Pest gestraft hatte, ein christliches Begr�bnis zu verweigern.</p><p>Aus einem Beutel am Sattel zog Mr�Eaton ein Dokument hervor. Er machte sich nicht die M�he, n�her heranzukommen, da er nicht erwartete, dass Matthew es lesen konnte. Das Papier allein gen�gte. Sp�ter konnte Matthew sich nicht entsinnen, ob es unterschrieben gewesen war, aber der Anblick von Falkenklauen, die einen Schild umklammerten, hatte sich in sein Ged�chtnis gebrannt. Es war Lord Stonehouse� Siegel, und dessen Wort war Gesetz.</p><p>Der Wind beugte die B�ume �ber Matthew, und was von der Sonne �brig war, verbarg sich hinter dunklen Wolken. Er w�rde eine Stunde brauchen, um nach Shotover Hill zu gelangen�� dorthin, wo auch der Bauer, der betrunken vom Markt zur�ckgekehrt war, ermordet worden war. Anschlie�end w�rde er nach Oxford zur�ckkehren und am n�chsten Tag ein gebrochenes Rad oder ein lahmes Pferd vorschieben. Er ging zu seinen Tieren.</p><p>�Dann breche ich besser auf�, sagte er.</p><p>�Du wirst tun, was ich sage! Keine Ausfl�chte!�</p><p>Matthew starrte ihn an. Der Verwalter hatte den Ruf, sich vor nichts zu f�rchten, aber irgendetwas hatte ihn erschreckt. Er hatte die Worte so heftig hervorgesto�en, dass ihm die Kr�uter, die er sich vor den Mund gehalten hatte, aus der Hand fielen. Gleichwohl lenkte er sein Pferd noch n�her.</p><p>�Hier!�</p><p>Etwas Silbernes blitzte auf. Matthew fing die M�nze ebenso geschickt wie eine Schwalbe Fliegen f�ngt. Seine Haltung ver�nderte sich.</p><p>�Danke, Sir!�</p><p>�An der Grube bekommst du noch eine. Und kein Wort�� verstanden?�</p><p>Matthew verstand, dass zwei halbe Kronen eine ganze ergaben. Und dass Mr�Eaton an der Grube auf ihn warten w�rde, um sicher zu gehen, dass er seine Aufgabe zu Ende brachte.</p><empty-line/><p>Der Regen setzte ein, kurz nachdem Matthew die Wiese hinter sich gelassen hatte. Heftige B�en durchn�ssten ihn, w�hrend er fluchend auf die Pferde eindrosch. Nur mit M�he und rutschend kam er den Shotover hoch. Sobald er �ber die Kuppe war, holte er die Silberm�nze heraus, um seine Stimmung zu heben. Eine halbe Krone. Erst dieses Jahr anl�sslich der Kr�nung Charles�I. frisch gepr�gt.</p><p>Sie half Matthew zu vergessen, dass er bis auf die Haut durchn�sst war. Eine halbe Krone! Das war mehr, als ein Tagel�hner in einem Monat verdiente. Und an der Grube w�rde er noch eine bekommen!</p><p>Er war so mit der M�nze besch�ftigt, dass er die herannahende Kutsche nicht wahrnahm. Der Kutscher peitschte die Pferde, damit sie am Fu� des H�gels Fahrt aufnahmen. Klappernd und holpernd rollte Matthews Karren den H�gel hinunter und war auf die Mitte des Fahrwegs geraten. Matthew riss an den Z�geln, und Funken flogen, als er erfolglos die Bremse zog.</p><p>Die Pferde der n�herkommenden Kutsche b�umten sich auf. Matthew erhaschte einen Blick auf das zornige Gesicht des Kutschers und sp�rte das Brennen eines Peitschenhiebs auf seiner Wange. Er lie� die Z�gel los, und der Karren schlingerte durch den Dreck. Mit einem knirschenden Ger�usch kratzte Holz �ber Stein.</p><p>Fluchend schrie er der Kutsche hinterher, dann suchte er nach der M�nze, die ihm aus der Hand geglitten war. Er schob eine der Leichen beiseite, die aus dem Karren gefallen war, bis er schlie�lich aufgab und verzweifelt den Kopf h�ngen lie�. Dann dachte er an die andere Silberm�nze, die bei der Grube auf ihn wartete. Er warf die Leiche zur�ck zu den anderen auf dem Karren und bedeckte sie mit den dicken B�ndeln aus Heu, mit denen er seine Fracht verbarg.</p><p>Als er kurz vor Horseborne den Weg zur Bennets Farm entdeckte, war das eine Rad verbogen und rieb an der Seite des Karrens. Der Name des Hofes sagte ihm etwas, aber er konnte sich nicht daran erinnern, was es war.</p><p>Der Weg war eine dicke, z�he Masse aus Schlamm, Bl�ttern und Dung, pockennarbig von den Hufen der Rinder und Pferde. Dar�ber lagen die frischen, tiefen Spuren einer Kutsche.</p><p>Inzwischen war es fast dunkel, der Regen hatte nachgelassen und tr�pfelte nur noch von den B�umen. Der Karren rumpelte und h�pfte durch ein kleines W�ldchen. Ein Zweig zerrte an Matthews Hut, ehe er das offene Tor zum Hof erreichte.</p><p>Vor der T�r des wohlhabend aussehenden Bauernhauses aus Flechtwerk und Lehm hielt er an. An der T�r war kein rotes Kreuz. Und noch etwas stimmte nicht.</p><p>Es gab keinen Hund. Wer hatte je von einem Bauernhof ohne Hund geh�rt? Dann fiel es ihm wieder ein. Bennet war der Bauer, der ermordet worden war. Mr�Eaton hatte den Hof gekauft, um ihn seinem benachbarten Land hinzuzuf�gen, und noch keinen neuen P�chter gefunden.</p><p>Mit wachsendem Unbehaben n�herte er sich der T�r und blieb abrupt stehen. Ein Paar funkelnder Augen beobachtete ihn aus den B�schen heraus. Er wollte schon davonlaufen, als er bemerkte, dass die Augen nicht blinzelten. Sie bestanden aus Juwelen und zierten den Kopf eines Falken, dem Mittelst�ck eines prachtvollen Anh�ngers, dessen goldene Kette sich in den B�schen verfangen hatte. Matthew wusste, woher er stammte. Es w�rde ein Finderlohn darauf ausgesetzt sein�� eine betr�chtliche Summe. Er hatte das Silber verloren, aber Gold gefunden. Er stopfte die Kette in seine Tasche und klopfte an die T�r.</p><p>Er hatte die Witwe Martin erwartet oder eine andere besoffene Hebamme, doch die Frau, die ihm �ffnete, war ein weiterer Schock f�r ihn. Wie Mr�Eaton geh�rte auch sie nicht zum Adel. Kate Beaumann war die Gesellschafterin einer vornehmen Dame, ebenso gottesf�rchtig, wie ihr schlichtes schwarzes Gewand vermuten lie�, und sie war offensichtlich genauso erschrocken dar�ber, ihn zu sehen, wie er �ber ihren Anblick. Sie kannten einander, denn es war erstaunlich, wie viele Menschen aus allen Schichten die Dienste eines Heilkundigen in Anspruch nahmen. Sie hatte ein herzliches, freundliches Gesicht, das Matthew an den guten Nachbarn erinnerte, der ihn w�hrend der Pest am Leben erhalten hatte. Sie war Mitte zwanzig, aber in ihrem Haar waren bereits graue Str�hnen zu sehen, und ihre Augen waren rot vom Weinen. Ihr Kleid war, wie ihre Unterschuhe, dreckbespritzt.</p><p>Er ber�hrte seinen tropfenden Hut. ��N Abend, Miss Beaumann.�</p><p>Ohne ein Wort bedeutete sie ihm, ihr zu folgen. Hastig schloss sie eine der T�ren, doch er hatte bereits einen Blick auf ein schwach gl�hendes Feuer und den hastig abgedeckten, blutbespritzten Boden erhascht. Sie f�hrte ihn in einen Stall, in dem der Bauer wohl seine kranken Tiere untergebracht hatte. Auf dem Stroh lag ein kleines, in eine Leinensch�rze geh�lltes B�ndel.</p><p>�Nimm ihn.�</p><p>Als er sich nicht r�hrte, hob sie das Ding auf und stie� es Matthew in die Arme. Das kleine B�ndel war kalt und feucht. Ein Teil des Tuches, mit dem es bedeckt war, rutschte zur Seite und gab den Blick auf das Gesicht des S�uglings frei, ohne die verr�terischen Pestbeulen oder Narben. Das Kind wirkte auf Matthew, als sei es totgeboren oder kurz nach der Geburt gestorben.</p><p>�Er sieht nicht aus wie ein Pestkind�, sagte er.</p><p>Die Rauheit in Kate Beaumanns Stimme �berraschte ihn. �F�r uns war er die Pest�, sagte sie.</p><p>Ohne ein weiteres Wort ging Matthew und rannte fast zum Karren. Er nahm die Sch�rze an sich, ehe er das Baby auf den Karren warf und es mit einem B�ndel Stroh zudeckte. Die Sch�rze war aus feinstem Leinen gefertigt, das m�glicherweise sogar aus Flandern stammte. Kate Beaumanns schmutziger Rock legte nahe, dass sie das Kind auf das Feld geworfen hatte, damit es starb. Das war ebenso verbreitet wie der Tod selbst. Matthew trank den letzten Schluck Bier, ehe er sich daran machte, den Shotover ein weiteres Mal zu �berwinden.</p><p>Die Frage war, warum Kate das Kind nicht einfach dort gelassen hatte. Oder es vergraben hatte. Oder es in den Fluss geworfen hatte. Babys sahen sich ziemlich �hnlich. Aber Leichen konnten gefunden werden.</p><p>Mr�Eatons Dr�ngen und Angst zeugten deutlich davon, dass das nicht geschehen durfte. Vielleicht hatte das Kind besondere Gesichtsz�ge oder ein Muttermal. Wenn das der Fall war, war die Grube die ideale L�sung f�r das Problem.</p><p>Eingesetzt zur Bek�mpfung der Pest, fra� sich der Kalk rasch in die Leiber und Gesichter und verwandelte sie innerhalb weniger Tage in einen nicht wiederzuerkennenden Schleim. Niemand w�rde sich der Grube n�hern und schon gar keine Leiche daraus hervorholen. Jemand wollte verhindern, dass man die Gesichtsz�ge des Kindes auf der Ladefl�che seines Karrens erkannte oder vorgab, sie zu erkennen.</p><p>Matthew zuckte mit den Schultern. Seine Hand schloss sich um den Anh�nger, bis er die Umrisse des juwelenbesetzten Vogels und die Glieder der Kette ertastete, eines nach dem anderen. Dann hielt er inne, und er h�rte auf, sie zu streicheln. Was, wenn man ihn verd�chtigte, das Schmuckst�ck gestohlen zu haben? Es war riskant, viel zu riskant, es zur�ckzugeben. Die Pferde, die den Karren immer langsamer zogen, brauchten neue Hufeisen, und der Schmied w�rde das Gold einschmelzen. Die herausgebrochenen Edelsteine konnte er einzeln auf der Witney Fair oder in Oxford verkaufen, zusammen mit der Leinensch�rze, die Susannah waschen und pl�tten konnte.</p><p>Auf diese Weise gr�belte er vor sich hin, und das Schaukeln des Karrens lie� ihn in einen Halbschlaf sinken. Allm�hlich rutschten ihm die Z�gel aus den Fingern, bis er den ersten holperigen Schrei vernahm.</p><p>Er musste eingeschlafen sein und getr�umt haben. Hier gab es nichts als den Wind, die ersch�pften Fehltritte der Hufe und das Knarzen des Karrens. Aber da war es erneut. Unmissverst�ndlich. Der Schrei eines Babys.</p><p>Hatte er nicht von Anfang an bef�rchtet, dass etwas nicht stimmte? Hatte Susannah ihn nicht ein ums andere Mal davor gewarnt, jemanden, der nicht an der Pest gestorben war, in die Grube zu werfen? Das Kind war mausetot gewesen�� und jetzt war es zur�ckgekehrt, um ihn heimzusuchen!</p><p>Als der Schrei zu einem kl�glichen Wimmern wurde, bekreuzigte Matthew sich voller Entsetzen und trieb die Pferde an, um dem Geist zu entfliehen, von dem er �berzeugt war, er w�rde ihn bis in die H�lle verfolgen. Es war die H�lle, der er als Kind irgendwie entkommen war, aber er wusste, dass er schon immer f�r sie bestimmt gewesen war. Seine H�lle war keine Feuergrube, sondern eine voller Leichen, die langsam zerfressen, verbrannt und wieder erschaffen wurden, nur um erneut zerfressen und verbrannt zu werden und sich bis in alle Ewigkeit im �tzenden Kalk zu winden.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>Teil I</p><p><strong>Half Moon Court</strong></p><p><emphasis>November 1641�� September 1642</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p><strong>1.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Das war die Geschichte, die ich schlie�lich dem Mann entlockte, den ich f�r meinen Vater hielt, Matthew Neave. Es gab verschiedene Versionen, jede farbenpr�chtiger als die vorige, und nat�rlich erz�hlte er auch, was danach geschah. Aber alles zu seiner Zeit.</p><p>Wir lebten in Poplar, von dem manche Leute sagten, es sei eine Gegend voll Heiden und Barbaren, weil es au�erhalb der Mauern Londons lag und wir keine Freien waren. Ich verstand das nicht, denn in Poplar Without, wie es naser�mpfend genannt wurde, hatten wir viele Freiheiten. Es gab wenige Gesetze, und einen Constable habe ich dort nie zu Gesicht bekommen. Ich liebte es dort. Benannt nach den hohen wohlgestalteten Pappeln, welche die High Street und die Marsch s�umten, war es immer noch zur H�lfte Farmland. Rinder wurden gez�chtet, die nur wenig Fett verloren, wenn sie von den Viehh�ndlern den kurzen Weg nach Smithfield getrieben wurden. Aber die Bauern wurden zur�ckgedr�ngt von der Vielzahl kleiner H�user, von denen jeden Tag mehr aus dem Boden schossen.</p><p>Diese H�user waren anders als die hohen Geb�ude in der Stadt, die mich mit Ehrfurcht erf�llten, als ich sie zum ersten Mal sah. Die fr�hlichen Fachwerkh�user mit ihren engen Giebelfronten boten einigen der ersten Hugenotten, die aus Frankreich geflohen waren, eine Heimstatt. Diese brachten mir bei, meinen Hut einen �Schapo� zu nennen und den Papst in Frankreich zu verfluchen. Vor allem jedoch waren die H�user f�r Werftarbeiter wie Matthew errichtet worden.</p><p>Besucher aus der Stadt nannten die Schiffsbauer einen scheinheiligen Haufen, denn sie seien, so behaupteten sie, ehrlose Gesellen, die nicht der Zunft der Schiffsbauer angeh�rten und au�erhalb der st�dtischen Gerichtsbarkeit standen. Aber f�r mich waren sie Zauberer, die gro�e Schiffe in ihren K�pfen herumtrugen. Auf der Werft in Blackwell sah ich, wie diese Visionen zu Schiffsr�mpfen wurden, dann zu Gerippen, Bug und Masten wuchsen empor, w�hrend ich Eimer voll Pech schleppte oder Matthew eine Krummaxt in die S�gegrube brachte.</p><p>Wenn der Schnee die Hundeinsel bedeckte und das Eis auf der Themse allm�hlich dicker wurde, war es hier immer noch warm. Mit nackten F��en und nichts am Leib au�er Kniehosen f�llte ich die Eimer mit Holz und Kohlen und trug sie zu den Feuern, �ber denen das Pech gekocht, das Eisen geh�mmert und gegossen und der Dampf erzeugt wurde, �ber dem das Holz gebogen wurde. Wie ein Wunder kam es mir vor, wenn das Holz am Ende genau die Form hatte, die den Zeichnungen des Schiffszimmermanns entsprach.</p><p>Manchmal, wenn ein Schiff fertig werden musste, brannten die Feuer die ganze Nacht �ber. Kein Wunder, dass es auf die wohlhabenden Stadtleute, welche die Schiffe in Auftrag gaben, wie die H�lle auf Erden wirkte. Und es roch wie die H�lle. Bei Ostwind gesellte sich der Rauch aus den Kalkgruben von Limehouse zu dem der Kohlen, und zusammen ergab es einen bei�enden giftigen Odem.</p><p>Wir lebten in H�tten, von denen viele �rmlich waren, aber ich war gl�cklich. Im Gegensatz zu meinen Kameraden wurde ich nicht geschlagen. Matthew schlug manchmal Susannah, besonders, wenn er seinen Lohn ausbezahlt bekommen hatte und im Black Boy oder dem Green Dragon gewesen war; aber mich schlug er nie. Er schrie mich an und verfluchte mich, und manchmal fuhr seine Hand zum G�rtel oder sammelte einen Scheit Holz auf, aber im letzten Moment hielt er sich zur�ck, sah mich merkw�rdig an und ging murmelnd davon.</p><p>Einmal fragte ich ihn, warum er mich niemals schlug.</p><p>Er lachte, als wollte er nie wieder aufh�ren. �Wollen der Herr etwa geschlagen werden?�</p><p>�Nein, Vater, aber jeder sonst wird geschlagen.�</p><p>Er versetzte mir eine Kopfnuss und wischte mir die Kappe vom Kopf, aber in dem Schlag lag nicht mehr Kraft als in den Klapsen, die Susannah mir gab.</p><p>�Da�, sagte er. �Ist dem Herrn es so recht?�</p><p>�Nein�, erwiderte ich, �aber das waren auch keine Schl�ge.�</p><p>Er h�rte auf zu lachen. �Du bist ein sonderbares Kind�, sagte er.</p><p>Ich glaubte nicht, dass ich sonderbar war, aber mir stie�en merkw�rdige Dinge zu. Die meisten Kinder, die ich kannte, hatten nur eine vage Vorstellung davon, wann sie geboren worden oder wie alt sie waren. Es gab einfach zu viele von ihnen. Aber ich wusste, dass ich im Jahr der Kr�nung von K�nig Charles geboren wurde, gegen Ende September. Ich sage, gegen Ende, denn der Tag schien zu variieren. Doch stets war es kalt geworden, Nebel hing �ber dem Marschland, und die trockenen Samenschoten der Sumpfpflanzen klapperten im Wind. Mit dem ersten Licht stand ich auf, die Lider noch verklebt, nahm einen Kanten Brot und etwas K�se von Susannah, und sie sagte: �Die Irrlichter waren da, Tom.�</p><p>Dann riss ich die Augen auf, lie� den Brotkanten fallen und rannte zur Vordert�r. Auf der Schwelle lag ein Kuchen, mit Zuckerguss und dem Namen TOM in dicken Buchstaben aus gelbem Marzipan darauf. Das Innere war hellgelb und mit Fr�chten gef�llt, und es war der k�stlichste Kuchen, den wir je a�en, wobei ich sagen muss, dass es der einzige Kuchen war, den wir je bekamen. Wir besa�en keinen Ofen, und der B�cker in der High Street verkaufte nur Brot und Pasteten. Ich suchte im Moor, aber den Ofen der Irrlichter fand ich nie. Matthew warnte mich, sie niemals zu fangen oder sie auch nur anzusehen, oder sie w�rden mich ebenfalls backen. Und dann w�rde TOM nicht nur auf dem Kuchen, sondern auch darin sein.</p><p>Aber ich war entschlossen, sie zu fangen, und eines Abends im nebligen September, bei richtigem Irrlicht-Wetter, bettelte ich Susannah an, mich zu wecken. Ich musste f�nf oder sechs gewesen sein, und eine ganze Woche lang erhob ich mich zitternd und starrte verschlafen durch die L�cher im �lpapier des Fensters.</p><p>Am f�nften Morgen d�ste ich ein und wachte mit einem Ruck wieder auf. Ich lehnte mich aus dem Fenster. Dort stand der Kuchen! Ich hatte sie verpasst! Die Stra�e war leer, bis auf eine Frau mit einem weiten grauen Umhang und spitzem Hut, wie Hexen ihn trugen. Sie musste mich geh�rt haben, denn sie blieb stehen und drehte sich langsam um. Im letzten Moment duckte ich mich, zitternd und voller Angst, sie k�nnte ein verkleidetes Irrlicht sein und mich augenblicklich in einen Kuchen verwandeln. Als ich mir schlie�lich zugeredet hatte, ich sei albern (ich f�hrte st�ndig solche Gespr�che mit mir selbst, wie alle einsamen Kinder es tun) und erneut nachschaute, war sie im wabernden Nebel verschwunden.</p><p>Eines Ostersonntags nach dem Gottesdienst sah ich den Kuchen im Vestib�l der Kirche. Er sah genauso aus wie immer, und das Marzipan glitzerte, aber beim Namen hatten sie einen Fehler gemacht. Statt meines Namens stand dort GLORIA. Ich nahm ein Messer, das neben dem Kuchen lag. Ob ich meinen Namen darauf schreiben oder mir ein St�ck abschneiden wollte, erinnere ich nicht mehr, aber das Messer wurde mir vom Pfarrer, Mr�Ingram, entwunden, und dann begann er, mich zu verpr�geln. Susannah h�rte den L�rm und sprang mir bei.</p><p>�Dies ist Tom.�</p><p>�Ah. Tom. Ja. Ich erinnere mich.�</p><p>Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis ich erfuhr, an was er sich erinnerte. In diesem Moment erntete ich indes wieder einmal diesen sonderbaren Blick. Unter Tr�nen versuchte ich ihm zu erkl�ren, dass es <emphasis>mein</emphasis> Kuchen sei, nicht Glorias! Ich wei� noch, dass er verbl�fft war, weil ich lesen konnte. Doch dazu war es wie folgt gekommen:</p><p>Susannahs gr��ter Schatz, praktisch ihr einziger Besitz, war ihre Bibel. Sie konnte nicht lesen, aber vom Gottesdienst in der Kirche kannte sie ganze Passagen auswendig und wusste, wo sie zu finden waren.</p><p>�Selig sind die Armen und Sanftm�tigen�, sagte sie zum Beispiel und fuhr mit dem Finger �ber die Textstelle, �denn sie werden Gott sehen.�</p><p>Voll Staunen starrte ich auf die Passage. Ich wusste, dass wir selig sein mussten, denn ich erkannte wohl, wie �rmlich unsere winzige Kammer war, in die der Wind durch die Spalten des �lpapiers am Fenster zog, auch wenn ich Gott nicht sehen konnte.</p><p>Ich glaubte, wenn ich die Worte verst�nde, w�rde ich Ihn sehen. Eines Tages deutete ich auf eine Textstelle und sagte zu Susannah: �Ich�� bin�� der�� gute�� Hi��</p><p>�Hirte!�, rief sie laut.</p><p>Das Leben war f�r sie ein einziges Gleichnis, so dass sie es f�r ein Wunder hielt. Pl�tzlich war mir die Gabe des Lesens verliehen worden. Zitternd und mit Freudentr�nen in den Augen zog sie mich auf die Stra�e, damit die Nachbarn davon erfuhren.</p><p>Eine skeptische Frau �ffnete das Buch an einer Stelle, die Susannah niemals rezitiert hatte. Als ich stumm auf die Seite blickte, hielt Susannah mich zun�chst f�r verstockt. Dann glaubte sie, einen Fehler gemacht zu haben, indem sie mich vorf�hrte wie einen Tanzb�ren und dass Gott seine Worte zur Strafe zur�ckgenommen h�tte.</p><p>Sie war so getroffen von diesem Gedanken und dem Grinsen und den Witzen der Nachbarn, dass ich zu den Passagen bl�tterte, die sie so oft f�r mich rezitiert hatte, dass ich sie auswendig kannte, und tat, als w�rde ich sie vorlesen. Ich stockte und stotterte sogar ein wenig, so dass Susannah, deren Gesicht erneut Freude zeigte, mich korrigieren konnte.</p><p>Die Nachbarn waren von Ehrfurcht ergriffen, und um diesen Ruf nicht zu verlieren, verwendete ich meine ganze Sorgfalt darauf, so glaubhaft wie m�glich zu wirken. Und an jenem Tag, als ich glaubte, jemand h�tte mir meinen Kuchen gestohlen, begann Mr�Ingram pers�nlich mich zu unterrichten. Er erkl�rte, dass es sich bei dem Kuchen um einen Osterkuchen handelte, mit Safran und Fr�chten aus dem Osten, ein Symbol der Auferstehung und der Wiedergeburt. Ich begriff nicht, was das mit dem Kuchen auf unserer T�rschwelle zu tun hatte, oder wer Gloria war, es sei denn, sie war eines der Irrlichter. Er lachte und sagte, es sei �berhaupt kein Name, sondern die Kurzform f�r <emphasis>Gloria in Excelsis Deo</emphasis>. Ehre sei Gott in der H�he.</p><p>Und das war meine erste Lektion in Latein.</p><empty-line/><p>Eines Tages, als ich acht war, kam ein bedeutender Edelmann, um die <emphasis>Resolution</emphasis> zu inspizieren, ein f�nfhundert Tonnen schweres bewaffnetes Handelschiff, an dem er beteiligt war. Seine Flagge flatterte am Mast; ein Falke mit erhobener Klaue. Ich sah, dass der Herr mich anstarrte, als ich einen Eimer mit kochendem Pech abstellte und ging, um den n�chsten zu holen. Er sagte etwas zum Schiffszimmermann, der etwas zu Matthew hin�berrief. Neugierig wandte ich den Blick von dem Pech ab, das ich gerade abzapfte, und die hei�e Masse spritzte auf meine nackten Beine. Ich hatte mich zuvor schon verbrannt, aber noch nie so �bel wie dieses Mal.</p><p>Schreiend rannte ich zur Pumpe, um die Beine in Wasser zu tunken, doch der Edelmann bestand darauf, dass ein Bader gerufen wurde, der meine Wunde verband und mir ein St�rkungsmittel gab. London Treacle war eine Mischung aus in Wein gel�sten Kr�utern und Honig, und manche M�nner behaupteten, sie w�rden sich selbst etwas antun, um es zu bekommen. Es war der erste Wein, den ich jemals trank. Ich lag im Kontor des Schiffsbauers, inmitten von Zeichnungen und Schiffsmodellen, die er anfertigte, ehe sie das richtige Schiff bauten, und schlief ein.</p><p>Tr�umte ich von dem Edelmann, weil er so freundlich zu mir gewesen war? Oder hat er sich tats�chlich �ber mich gebeugt? Ich wei� es nicht, aber ich habe eine vage Erinnerung an das Gesicht eines alten Mannes, der unter den Lippen eher ein feines B�schel Haare anstatt eines Bartes trug. In einem Moment l�chelte er, im n�chsten wurden seine Lippen schmal. Auch seine dunklen Augen wirkten einmal d�ster und besorgt, nur um dann mit einer eindringlichen, furchteinfl��enden Klugheit auf mich herniederzustarren, als k�nnten sie sich geradewegs in mein Herz und meine Seele bohren, wie das Messer eines Baders.</p><p>Als wir uns f�r den Heimweg bereit machten, fragte ich Matthew nach ihm und sagte, er habe besorgt und freundlich ausgesehen. Matthew lachte bitter auf.</p><p>�Freundlich? Aye, und wie freundlich er ist. Einer dieser adligen Kerle, der so freundlich ist, dich nach Paddington Fair zu schicken.�</p><p>Er blickte mich nicht an, sondern starrte auf den Fluss, wo die Gezeiten gerade wechselten und ein Boot abgetrieben wurde. In seinen Geschichten erz�hlte er mir oft, dass wir eines Tages mit der Flut zu einem weit entfernten Land aufbrechen w�rden, und ich dachte stets, das seien nichts als Geschichten. Doch jetzt lag etwas in seiner Stimme, das mir verriet, dass er am liebsten auf diesem Boot w�re. Ich umklammerte seine Hand.</p><p>�Paddington Fair? Er will mich nach Tyburn schicken? Das w�rde er nicht tun! Warum? Was habe ich getan?�</p><p>Er lachte. �Nix! Wei�t du denn nicht, wann ich einen Scherz mache?�</p><p>Er tat immer noch so, als h�tte er einen Witz gemacht, als er mit mir zu einem Feuer am Rande des Hofes ging, an dem nur wenige Menschen sa�en.</p><p>Manche Leute am Hafen sagten, Matthew sei ein Hellseher, weil er ihre Daumenn�gel polierte, bis sie im Feuerschein gl�nzten, und dann ihre Zukunft darin sah. Ich hatte ihn oft angebettelt, mir meine zu verraten, aber er hatte sich stets geweigert. Jetzt warf er ein paar Scheite ins Feuer, hockte sich daneben und starrte in die Flammen.</p><p>Ich hatte gesehen, wie er das bei anderen machte. �Erz�hlst du mir jetzt meine Zukunft?�, fragte ich und polierte aufgeregt meinen Daumennagel.</p><p>Er grinste. �Nein, Tom. F�r deine Zukunft brauche ich mehr als einen Nagel.�</p><p>Sein vom Feuer erhelltes Gesicht schien nur noch aus Augen zu bestehen. Der Hafen war still. Das hektische Rufen, das H�mmern, S�gen und Schwenken der Balken war vorbei. Der Edelmann war mit dem Schiff zufrieden, und sie brachten die Leinwand an Bord, bereit, die Segel zu hissen. Zwei M�nner n�herten sich streitend. Matthew wartete, bis sie vorbeigegangen waren, dann �ffnete er sein Wams und anschlie�end sein Hemd, das er im Winter niemals auszog. Darunter trug er einen G�rtel, an dem ein Beutel befestigt war. Er begann, etwas aus dem Beutel zu holen, stopfte es jedoch noch einmal zur�ck.</p><p>�Erz�hl niemandem davon, oder ich bin ein toter Mann!�</p><p>Ich begriff, dass viele seiner Scherze die Angst bannen sollten, die ihn bis zu einem bestimmten Grad stets begleitete. In diesem Moment erfasste ich nur die pure nackte Macht dieser Angst, was umso entsetzlicher war, als ich sie so unerwartet bei jemandem wahrnahm, der auf mich stets den Eindruck eines einfachen, heiteren Mannes gemacht hatte.</p><p>Er blickte sich st�ndig um und holte etwas aus seinem Beutel, von dem ein Glanz wie von einem Feuer auszugehen schien. Es war ein Anh�nger mit einem Falken, der so zornig aus seinem emailliertem Nest blickte, dass ich instinktiv zur�ckschreckte, aus Furcht, er k�nnte sich auf mich st�rzen. Matthew sagte, seine Augen seien Rubine und eine der Klauen umklammere eine Perle, unregelm��ig geformt, als sei sie gerade erst der Erde entrissen worden.</p><p>Ich streckte meine Hand danach aus, doch er schlug sie fort. �Nix da!�</p><p>Seine Angst schien zu schwinden, w�hrend er den Anh�nger betrachtete. Er l�chelte, liebkoste ihn beinahe und murmelte etwas vor sich hin. Ein Holzscheit verrutschte, und in die aufhellenden Flammen funkelte die goldene Kette. Er schien eher zu dem Anh�nger zu sprechen als zu mir, als fiele er angesichts des rot�ugigen Falken in eine Art Trance. Er habe eine Dame gesehen, sagte er, eine richtige Dame, und ihr Haar sei genau so hellrot gewesen wie meines.</p><p>�Werde ich sie heiraten?�</p><p>�Nein. Sie nicht. Du wirst ein gro�es Verm�gen machen. Und es wieder verlieren.�</p><p>�Eine Krone?�</p><p>Er sch�ttelte sich vor Lachen. Er schien zu seiner normalen Verfassung zur�ckgefunden zu haben. Ich liebte sein Lachen, bei dem sein Bauch und seine Wangen bebten, denn es lag immer so viel Freundlichkeit darin, selbst, wenn er sich �ber mich lustig machte.</p><p>�Viel mehr als eine Krone, Junge.�</p><p>Er steckte den Anh�nger in den Beutel zur�ck und zog sein Hemd und das Wams dar�ber. Der Falke schien zu flattern, als er verschwand, und er erinnerte mich an den Vogel auf der Flagge, die auf dem Schiff des alten Edelmanns wehte.</p><p>�Hat der Anh�nger etwas mit dem edlen Herrn zu tun?�, fragte ich.</p><p>Er packte mich an der Kehle. Einen Augenblick lang glaubte ich, er w�rde mich w�rgen, bis alles Leben aus mir gewichen sei, als Ausgleich daf�r, dass er mich nie geschlagen hatte. �Wer sagt das? Wer hat dir das erz�hlt? Antworte mir!�</p><p>�Nie�mand�, w�rgte ich hervor. �Der Vogel sieht genauso aus wie der auf der Flagge.�</p><p>Er lachte und lie� mich los. ��berhaupt nicht! Kein bisschen!�</p><p>Ich glaubte, dass er log. St�ndig blickte er hinter sich, wirbelte herum, sobald er eine Bewegung im Schatten wahrnahm, obwohl es nur ein Hund war, der nach Speiseresten suchte.</p><p>�Sag mir�, verlangte er, �ob du in der letzten Zeit jemals einen Mann gesehen hast mit einer Narbe im Gesicht. Inzwischen l�sst er sich Herr nennen.� Er verzog das Gesicht zu einem L�cheln, das keines war, und zeichnete mit den Fingern eine Linie vom Mundwinkel �ber die rechte Wange bis zum Hals. �Er arbeitet f�r den alten Edelmann. Wenn du ihm begegnest, glaubst du nicht mehr, dass er so freundlich ist.� Als ich nichts sagte, stie� er sein Gesicht voller Wucht gegen meines, dass ich vor Schreck einen Satz machte.</p><p>�Verstehst du?�</p><p>Ich nickte stumm. Ich verstand, dass der alte Edelmann, der Mann mit der Narbe und der Anh�nger irgendwie zusammenhingen. Und ich begriff, dass Matthew ein Dieb war, denn wie sonst h�tte er in den Besitz des Anh�ngers gelangt sein k�nnen? Mir machte es nichts aus, denn Poplar war voll von Leuten, die vor irgendetwas davonrannten; Beutelschneider, Fl�chtlinge, Lehrlinge, Schuldner, Huren. Aber ich glaubte, dass er vor mehr davonlief als vor der Tatsache, ein Dieb zu sein. Und es beunruhigte mich, nicht zu wissen, was es war.</p><p>�Ich wei� nicht, was eine Geschichte und was die Wahrheit ist�, sagte ich.</p><p>Er lachte br�llend. �Wenn die Menschen je den Unterschied zwischen den beiden Dingen erf�hren�, sagte er, �w�rde die Welt ganz anders aussehen.�</p><p>Mehr sagte er nicht, au�er: �Du bist ein seltsamer Junge, und ein ganz besonderer dazu.� Das sagte er auf dem Heimweg, als er wieder die Freundlichkeit in Person war.</p><p>In jener Nacht erwachte ich und h�rte, wie er mit Susannah stritt, unten, wo sie schliefen. Ich schlief oben, zusammen mit den Seeleuten, die wir als Logierg�ste aufnahmen.</p><p>�Ein Boot?�, rief sie. �In meinem ganzen Leben war ich noch nie auf einem Boot. Wo werden wir hinfahren?�</p><p>Mehr h�rte ich nicht, weil er sie schlug. Am n�chsten Tag erkl�rte er mir, dass wir mit dem Boot nach Hull fahren w�rden. Ich hatte so viele Schiffe entstehen sehen, dass ich ganz versessen darauf war, endlich auch einmal mit einem hinaus aufs Meer zu fahren. Und so bombardierte ich ihn mit Fragen, in welchem Teil Indiens Hull l�ge und ob es dort Papageien und Elefanten g�be.</p><p>Doch ehe das Schiff ablegte, kamen sie. Ein F�hrmann brachte sie, und ein Schiffszimmerer brachte mich zu ihnen. Matthew war nirgends zu sehen. �ngstlich blickte ich zu den Gesichtern der beiden empor, aber ich konnte keine Narbe entdecken.</p><p>Master Black war seinem Namen entsprechend in schlichtes Schwarz gekleidet, aufgehellt nur durch die �rmelkrausen aus feinem Leinen. Er hatte einen Stock und hinkte leicht. Der Mann, den ich sp�ter Gloomy George, den finsteren George, nannte, war ein magerer Mann mit eng zusammenstehenden Augen und misstrauischem Blick. St�ndig sah er sich um, als f�rchte er, jemand k�nnte ihm seine Tasche stehlen.</p><p>Susannah bekam einen ihrer Zitteranf�lle, als ich nach Hause gebracht wurde, und schien kaum zum Sprechen in der Lage zu sein. Die beiden M�nner f�llten unsere winzige Kammer fast g�nzlich aus. Susannah rannte zu unserer Nachbarin, Mutter Banks, um D�nnbier zu holen, doch Mr�Black warf nur einen Blick auf den Krug und wies ihn barsch zur�ck.</p><p>Gloomy George holte eine Bibel aus dem Kasten hervor, den er bei sich trug. Ich dachte, sie seien von der Kirche und gekommen, um zu �berpr�fen, ob ich tats�chlich ein Wunder sei, weil mir die Gabe des Lesens verliehen worden war. Er schlug das Buch Jesus Sirach auf. Mein Herz w�re mir in die Stiefel gerutscht, wenn ich welche besessen h�tte. So sehr ich das Neue Testament liebte, weil es von der Liebe handelte, so sehr verabscheute ich das Alte, da es ebenso voll von Rache und Hass war wie von langen W�rtern. Mit wachsender Panik starrte ich auf die Textstelle, die von Weisheit handelte.</p><p>�Mein Sohn, lerne die Lektion der Jugend�, brachte ich gerade eben noch hervor, stolperte dann �ber �Weisheit sammelnd�, und bei �Nur f�r den undisziplinierten Verstand scheint sie eine im �berma� fordernde Herrin zu sein� st�rzten die W�rter �ber mir zusammen wie Holzbalken eines Schiffes, wenn der Flaschenzug riss.</p><p>�Die Weisheit ist also eine im �berma� fordernde Herrin f�r dich, Tom?�, sagte Mr�Black.</p><p>�Nein, Sir�, murmelte ich, wie ich glaubte, aufrichtig, denn ich mochte die Weisheit, so wenig ich auch �ber sie wusste. Doch vielleicht sagte ich es auch, weil ich das f�r die Antwort hielt, die er von mir erwartete.</p><p>�Was bedeuteten also diese Worte?�</p><p>Ich starrte in seine Augen, die so schwarz waren wie seine Kleidung und so kalt wie Frost. Elend und besch�mt sch�ttelte ich den Kopf. Ich war ertappt. Ich war nicht nur kein Wunder, ich war �berdies ein Schwindler und Betr�ger. Noch heute sehe ich, wie Susannah die H�nde rang und die Augen niederschlug. Sie begann zu erkl�ren, dass es ihre Schuld sei, sie habe vor den Nachbarn zu sehr geprahlt und jetzt habe Gott sie gestraft, indem er die W�rter fortnahm. Doch als Mr�Black das Buch mit einen Knall zuklappte, verstummte sie.</p><p>Aus seinem Kasten zog Gloomy George ein Schreibpult hervor, dazu eine Feder, Tinte und Papier. Er tunkte die Feder in die Tinte und reichte sie mir.</p><p>�Vielleicht kannst du besser schreiben als lesen.�</p><p>Ich starrte das leere Blatt Papier an, so wie ich jetzt auf das Blatt vor mir starre, kaum imstande zu glauben, dass ich mich so verhielt, wie ich es tat.</p><p>�Los jetzt. Schreib deinen Namen, Kind.�</p><p>Ich konnte es, ein m�hseliges Gekritzel, auf das ich gleichwohl stolz war. Doch ich sah ihr Hohnl�cheln und h�rte die Geringsch�tzung in ihren Stimmen. Diese Genugtuung w�rde ich ihnen nicht g�nnen. Das Blut brannte in meine Wangen, und ich schleuderte die Feder von mir. Ein Tintenspritzer landete auf dem feinen Linnen von Mr�Blacks �rmelaufschlag. Ich sah das Entsetzen in Gloomy Georges Gesicht, kurz bevor ich den Hieb von Mr�Blacks Stock auf meinen Schultern sp�rte.</p><p>Ich taumelte nach vorn, st�rzte �ber den Schreibtisch, Tinte spritzte aus dem Horngef��. Ein weiterer Schlag traf mich am Kopf, und ich fiel zu Boden. Susannah schrie. �ber mir sah ich nur verschwommen Mr�Blacks Stiefel und die Metallspitze des Stockes, die sich hob und senkte. Ich sch�tzte meinen Kopf mit den Armen und rollte mich durch das Durcheinander aus Papier und Tinte zur Seite. Als der Stock den Boden neben mir traf, packte ich ihn und hielt ihn fest. Um nicht vorn�ber zu st�rzen, war Mr�Black gezwungen, ihn loszulassen.</p><p>Ich rappelte mich auf und packte den Stock fester. Wenn er w�tend gewesen war, als ich die Feder fortgeschleudert hatte, so war er jetzt �berrascht. Er wich zur�ck und st�rzte in seiner Hast beinahe �ber Gloomy George. Gaffend und mit aufgerissenem Mund stand Susannah daneben. Beschmiert mit Tinte und Blut, das mir �bers Gesicht lief, musste ich auf die beiden M�nner wie ein wildes Tier gewirkt haben. Kinder nahmen keinen Stock in die Hand. Sie schlugen nicht, sie wurden geschlagen.</p><p>Ich war wild, aber ich war kein Tier. Der gro�e Unterschied zwischen mir und meinen Kameraden war, dass ich geliebt wurde.</p><p>In Familien mit zehn oder elf Kindern war Liebe ein rares Gut. Kinder starben viel zu h�ufig, um das Risiko einzugehen, sie zu lieben. Sie wurden gestillt, als eines unter vielen. Susannah hatte andere Kinder geboren, aber sie waren bereits tot gewesen, als sie auf die Welt kamen, oder nachdem sie ein- oder zweimal nach der Brust geschrien hatten. Ich habe mich nie gefragt, warum ich allein so stark und kr�ftig war, so zum Leben entschlossen.</p><p>Und so hatten sie sich zu sehr um mich gesorgt, denn ich war alles, was sie hatten, und das machte mich selbsts�chtig und k�hn, als ich Mr�Blacks Stock packte. Ich empfand ein sonderbares Gef�hl der Macht, als ich den Ausdruck auf ihren Gesichtern sah. Ich wei� nicht, was ich getan h�tte, wenn in diesem Moment nicht ein h�mmerndes Klopfen an der T�r zu h�ren gewesen w�re.</p><p>Mein Mut verlie� mich. Ich dachte, es sei der Constable, der gekommen war, um mich nach Paddington Fair zu bringen. Mein Mund wurde trocken, und der Stock fiel mir aus der Hand. Mr�Black ergriff ihn, w�hrend George die T�r �ffnete. Es war nicht der Constable, sondern der Junge des F�hrmanns.</p><p>Das Boot w�rde in einer halben Stunde ablegen, um mit der Flut auslaufen zu k�nnen. Kurz angebunden erkl�rte Mr�Black, dass er dort sein w�rde. Sein Zorn schien verflogen zu sein, und er sah mich nicht an, als George den Kasten packte und Susannah mir das Gesicht abwischte und unter Tr�nen fl�sternd auf mich einredete, mich bei dem Herrn zu entschuldigen. Doch das w�rde ich nicht tun. Ich sollte mich bei ihm entschuldigen, weil er mich geschlagen hatte?</p><p>�Ich sagte Euch, dass es Zeitverschwendung ist, hierher zu kommen, Master�, grummelte George. �Der Junge hat den Teufel im Leib!�</p><p>W�hrend Mr�Black br�tend dasa� und nichts sagte, wandte George sich mit einer bitteren R�ge an Susannah. �Freundlichkeit zum Leib, Madam, ist Grausamkeit f�r die Seele.�</p><p>�Es tut mir leid, Sir�, erwiderte sie stockend. �Ich wei� nicht, was mit ihm los ist�� normalerweise ist er so ein gutes Kind.�</p><p>Sorgenvoll sch�ttelte er den Kopf. �Nein, Madam. Ihr seid zu gut zu ihm. Jedes Mal, wenn Ihr ihn verh�tschelt, bringt Ihr ihn einen Schritt n�her zur H�lle.�</p><p>Susannah stie� mich fort, als w�rde ich bereits brennen. George bedachte mich mit einem letzten absch�tzigen Kopfsch�tteln, hob den Kasten auf und �ffnete die T�r, doch Mr�Black r�hrte sich nicht.</p><p>�Master. Das Boot.�</p><p>Immer noch sagte er nichts, sondern sah mich an. Sein Blick schien sich bis tief in meine Seele zu bohren. Dann schaute er auf seine mit Tinte bespritzte Manschette und sprang auf, als wollte er mich erneut schlagen. Trotz der Gefahr f�r meine Seele zog Susannah mich an sich.</p><p>�Sir, es gibt hier ein Waschweib, das eine sehr seltene Seife���</p><p>�Sei still!�, schrie er, so laut, dass etwas Ru� vom Kamin rieselte. �Der Junge ist voller Tatkraft�, sagte er.</p><p>�Aye�, sagte George. �Der Kraft des B�sen.�</p><p>Mit kaltem Blick brachte Mr�Black ihn zum Schweigen. �Ich nehme ihn�, sagte er.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis George sich von seiner �berraschung erholt und seine Stimme wiedergefunden hatte. �Master! Sein Benehmen ist ebenso schlecht wie sein Lesen.�</p><p>�Beides kann man ihm beibringen�, sagte er, stupste mich mit dem Stock an, als sei ich eines der K�lber in Smithfield. �Komm! Die Flut wartet nicht.�</p><p>Erst sp�ter lernte ich, dass Mr�Black ewig brauchte, um zu einer Entscheidung zu kommen, dann jedoch verlangte, dass sie auf der Stelle umgesetzt wurde.</p><p>�Besitzt er noch andere Kleidung, die er tragen kann, bis man Ma� bei ihm genommen hat?�, blaffte er Susannah an.</p><p>�Nur das, was er am Leibe hat, Sir.�</p><p>�Keine Stiefel?�</p><p>�Stiefel? Sir, ich wollte�, stammelte sie, �ich meine, ich wollte schon immer���</p><p>�Keine Stiefel also. Eilt Euch, Weib, um Gottes Willen!� Wir waren bereits in der Poplar High Street, und Susannah war f�r etwas zur�ckgerannt, das sie in ein Tuch gewickelt nun bei sich trug. �Bestell Stiefel, zwei Paar, und eine Uniform bei Mr�Pepys�, befahl Mr�Black George barsch.</p><p>Erst als wir am Hafen ankamen, begriff ich, was geschah. Susannah war vor Freude wie von Sinnen, was mich vollkommen verwirrte, denn ich glaubte, nein, ich wusste, dass sie mich liebte, und ich konnte nicht fassen, dass sie mich wie ein schlecht verpacktes Paket diesem Rohling �bergab, gleichg�ltig, wie fein seine Kleidung war.</p><p>�Du bekommst eine Stellung�, sagte sie stolz. �Wirst ein Lehrling. Mit Stiefeln.�</p><p>Der Junge des F�hrmanns bereitete das Ablegen vor. Das Licht schwand, das weiche, magische Abendlicht �ber dem Wasser, das ich so liebte. Man hatte Fackeln entz�ndet, deren flackerndes Licht die M�nner beleuchtete, die sich wie Schatten bewegten und die Segel n�hten, die morgen an Bord der <emphasis>Resolution</emphasis> gehisst werden w�rden.</p><p>Als w�sste sie, dass meiner Seele in Zukunft wenig Gefahr durch zu viel Verz�rtelung drohte, umarmte Susannah mich ein letztes Mal. Und erst jetzt ging mir auf, dass ich im Begriff war, sie zu verlassen. Ich klammerte mich an sie, an ihren Geruch nach Bier und Kr�uterbrei, in dem ich stets, egal, wie schlecht die Zeiten gewesen sein mochten, ein St�ckchen Fleisch gefunden hatte. Ich war dabei, die Werft zu verlassen. Die gro�en Schiffe mit ihrer Verhei�ung von Freiheit.</p><p>Jetzt w�rde ich nie das Knarren und St�hnen h�ren und das Beben sp�ren, wenn die <emphasis>Resolution</emphasis> das Dock verlie�, w�rde sie nie schwanken sehen, bis sie ihre Seebeine gefunden hatte, sobald die Segel sich knallend strafften und sie aus dem Hafen hinaus auf die offene See fuhr. Jetzt w�rde ich nie nach Indien gelangen, nie voller Staunen die Papageien betrachten, nie auf einem Elefanten reiten und Matthews Geschichten lauschen k�nnen.</p><p>Matthew!</p><p>Ich schrie laut nach ihm.</p><p>�Vater!�� Vater!�</p><p>Ich glaube, Mr�Black konnte doch nicht g�nzlich gef�hllos sein, denn er bat einen Schiffszimmerer, Matthew zu suchen. Den ganzen Tag �ber hatte ihn noch niemand gesehen, was mein Elend noch verst�rkte. Er musste ohne mich nach Indien aufgebrochen sein. Doch der F�hrmann brummte und fluchte, und Mr�Black gab ihm ein knappes Zeichen zum Aufbruch. Mit einem Ruder stie� er gegen das Ufer, und das Boot driftete hinaus auf den Strom.</p><p>�Wartet! Wartet! Allm�chtiger Gott, ich h�tte es beinahe vergessen!�</p><p>Susannah warf mir das Tuch zu, das sie geholt hatte. Das Tuch flatterte ins Wasser, aber das, was darin eingewickelt war, landete mit einem dumpfen Aufprall vor meinen F��en. Ihre Bibel. Es war alles, was sie besa�. Alles? Es war ihr gr��ter Schatz. Unabl�ssig winkend stand sie da, wurde immer kleiner und verschwamm zusehends, w�hrend der F�hrmann die Ruder ins Wasser tauchte.</p><p>Tr�nen brannten mir in den Augen, doch dann sah ich das m�rrische L�cheln in Georges Gesicht und blinzelte sie fort. Zweifelsohne glaubte er, es sei gut f�r meine Seele, doch was er f�r gut hielt, hielt ich f�r eine gro�e S�nde.</p><p>Trotzig erwiderte ich seinen Blick. In diesem Moment schwor ich mir im Stillen bei der Bibel, die ich fest umklammerte, dass ich so b�sartig sein w�rde wie nur m�glich. Ich dachte an den Anh�nger, den Matthew gestohlen hatte, an die Zukunft, die er im flackernden Licht des Feuers auf dem Hof darin gesehen hatte, und war entschlossen, dass wo immer dieses Boot mich hinbringen w�rde, die Reise entweder mit gewaltigen Sch�tzen auf den Indischen Inseln oder in Paddington Fair enden w�rde.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>2.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Sie pr�gelten es aus mir heraus. Das B�se. Oder, wenn Ihnen das lieber ist, die kindlichen Fantasien. Mr�Black verpr�gelte mich mit seinem Stock, bis der zerbrach, ein Vergehen, f�r das ich umso h�rter mit dem neuen Stock bestraft wurde. Gloomy George drosch mit seinem Winkelhaken das B�se aus meinem Kopf. Doch am schlimmsten war Dr.�Gill, der Lehrer von St.�Paul�s, den sie eingestellt hatten, damit ich lernte, Lehrb�cher zu drucken, die in Latein abgefasst waren.</p><p>W�hrend George das B�se aus mir herauspr�gelte, pr�gelte Dr.�Gill mit einer Ferula so viel Latein in mich hinein wie m�glich. Dabei handelte es sich um ein flaches St�ck Holz, das sich zum Ende hin birnenf�rmig erweiterte. In der Mitte wies es ein Loch auf, durch das schon ein Hieb den heftigsten Schmerz hervorrief.</p><p>Schlimmer als die Schl�ge indes war der Keller, den ich f�r das k�lteste und feuchteste Loch auf Gottes Erde hielt. Selbst jetzt kann ich nicht daran zur�ckdenken, ohne zu erschaudern, obwohl ich nur einmal zuvor dort eingesperrt worden war�� aber dazu sp�ter. Ich glaube, beim ersten Mal hatte ich darin eine Art Anfall; jedenfalls sagte Mr�Black, dass ich nicht wieder dort eingesperrt werden w�rde, und George musste sich damit begn�gen, mich zu verpr�geln. Mein einziger Trost war Sarah, das M�dchen f�r alles, mit der ich die Bodenkammer teilte, obgleich sie zu Beginn nur eine weitere Feindin zu sein schien, und die mit einem so breiten Akzent sprach, dass ich dachte, sie k�me aus einem fremden Land wie Schottland.</p><p>�Da�� das ist dein Platz�� die Seite vom Balken�� und hier ist meiner. Verstanden?� Dieser Balken! Er war krumm und sa� genau so, dass ich mir jedes Mal den Kopf stie�, egal in welchen Winkel ich aus dem Bett stieg. �Trottel! Manche Leute lernens nie!�, sagte sie st�ndig, bis ich sie anschrie und sie eine schottische Hure nannte. �ber den ersten Schimpfnamen wirkte sie erboster als �ber den zweiten und sagte, sie w�re lieber tot als Schottin. Sie kam aus Hull. �Aus Indien!�, rief ich und fragte sie, ob es dort tats�chlich Papageien und Elefanten g�be.</p><p>�Ja klar�, sagte sie. �Und V�gel, die r�ckw�rts fliegen. Komm her, Dummkopf. Und pass auf den Balken auf.�</p><p>Sie rieb etwas von dem Schweinefett auf die Beule, das sie f�r ihre eigenen Wunden benutzte, und von diesem Moment an gab es immer Schweinefett, um den Schl�gen den brennenden Schmerz zu nehmen, egal, wie heftig sie gewesen waren. W�hrend sie mich einrieb, las ich ihr aus Susannahs Bibel vor. �ber den Pfarrer, Mr�Ingram, schrieb ich an Susannah, und von den Viehh�ndlern, die die Rinder nach Smithfield trieben, erhielt ich Nachrichten von ihr.</p><p>Eine von ihnen lautete, dass Matthew verschwunden sei, kurz nachdem ich die Werft verlassen hatte. Ich habe nie wieder etwas von ihm geh�rt. Falls Susannah Nachrichten von ihm erhielt, so sagte sie mir nichts davon. Das verletzte mich am meisten. Ich habe sie beide nie vergessen, aber meine Erinnerung an sie verblasste allm�hlich, w�hrend ich mich von einem barf��igen Grubenjungen in einen Londoner Lehrling verwandelte.</p><p>F�nf Jahre lang wurde ich im Lateinunterricht regelm��ig geschlagen, wenn ich richtig �bersetzte, und ich wurde verpr�gelt, wenn ich es falsch machte. Es schien keinen Unterschied zu machen, ob ich Fehler machte oder nicht. Ich wurde geschlagen, weil ich meine Schieberm�tze nicht trug, weil ich sie verlor, weil ich w�rfelte, fluchte, Gott l�sterte, ins Pot Upside Down, die Biersch�nke, ging, herumhurte (einmal sprach ich vor dem Pot mit einer Kupplerin), weil ich meine Stiefel verlor (ich muss gestehen, dass ich sie beim W�rfeln verloren hatte) und f�r einen Bestechungsversuch (ein Liebesgedicht an Mr�Blacks Tochter Anne, von der ich sogleich berichten werde), bis im Jahr 1640 das Parlament einberufen wurde und sie pl�tzlich zu besch�ftigt waren, um mich zu verdreschen.</p><p>Parlament? Ich hatte kaum je davon geh�rt. Der K�nig hatte es verboten und herrschte mit seinen eigenen pers�nlichen Ratgebern. Ebenso hatte er jene Nachrichten verboten, die seine Berater L�gen und Ger�chte nannten, und damit einem Gro�teil von Mr�Blacks Gesch�ft das Wasser abgegraben, wie dieser lamentierte. Robert Black, dessen Zeichen der Halbmond war, hatte Nachrichtenbl�tter mit Neuigkeiten von den Kriegen in Europa, Schiffsbr�chen und dergleichen publiziert, doch der K�nig hatte dies unter Androhung eines Prozesses vor der Star Chamber, dem k�niglichen Gericht, verboten. Doch jetzt war das Parlament wieder zusammengetreten, und London war so hungrig nach Neuigkeiten, dass die Drucker bereit waren, das Risiko einzugehen, um die Menschen mit dem Gew�nschten zu versorgen.</p><p>Der einzige Ort, den ich bislang kannte, an dem diskutiert wurde, war das Pot Upside Down. Die Auffassung meines Freundes Will, der den Debatten vorsa�, war simpel. Good Queen Bess, wie wir sie immer noch nannten, hatte alle ihre Kriege gegen die Spanier, Franzosen und Niederl�nder gewonnen. Charles hatte alle Kriege verloren. Er war verschuldet und musste das Parlament zusammenrufen, um mehr Geld zu bekommen. Aber das Parlament w�rde keine Gelder bereitstellen, ehe der K�nig nicht die Forderungen der Abgeordneten in Bezug auf Religion und Steuern erf�llt hatte.</p><p>Ich war f�r das Parlament, so wie die meisten Londoner Lehrjungen. Unser Held war Mr�John Pym, der Anf�hrer der Opposition gegen den K�nig. Mr�Black druckte seine Reden ab, in denen er feuerspeiend �ber die Ratgeber des K�nigs herfiel, die ihn zum Papismus bekehrt und ihn gar �berredet h�tten, seine W�lder an die Papisten zu verkaufen: eben jenen h�lzernen Schutzwall, aus dem die Schiffe gebaut wurden, die uns vor den Spaniern sch�tzten.</p><p>Wie wir in den Besitz dieser Reden gelangten, war eine Geschichte f�r sich, und in ihrer Verworrenheit von richtig und falsch �hnelte sie sehr der Geschichte des alten Matthew �ber das Pestkind. Es war strengstens verboten, aus dem Parlament zu berichten. Als Botenjunge war mir der Zutritt gestattet, und ich h�rte Mr�Pym pers�nlich, wie er bitter �ber die skrupellosen Drucker schimpfte, die um des Geldes willen seine Reden stahlen. F�r diesen Missbrauch der Privilegien, so donnerte er, sollten sie in den Tower gesperrt werden.</p><p>Eine Stunde sp�ter dr�ckte mir Mr�Ink eben jene Rede in die Hand. Mr�Ink war ein Schreiber, und ich wusste, dass Mr�Pym ihm vertraute und eng mit ihm zusammenarbeitete.</p><p>Gleichwohl war Mr�Pym, wie auch mein Master, ein sehr gottesf�rchtiger Mann. Sie sahen sich sogar �hnlich, mit ihren steifen Spitzb�rten, den schlichten schwarzen Gew�ndern und den wei�en, gest�rkten Kragen, nur dass der meines Masters glatt war, w�hrend Mr�Pyms aus fein gewebter Spitze bestand. Eines Tages rief er mich zu sich und starrte auf mich herab. Sein Bart war ebenso makellos wie seine Aufmachung, jedes Haar war an seinem Platz, als sei es dort eingemei�elt.</p><p>�Du kannst dich gl�cklich sch�tzen, f�r so einen gottgef�lligen Mann wie Mr�Black zu arbeiten�, sagte er.</p><p>�Ja, Sir�, stammelte ich, obwohl meine Prellungen und Wunden kaum verheilt waren und gl�cklich nicht unbedingt das Wort war, das mir in den Sinn gekommen w�re.</p><p>Er nahm einen Schilling aus der Tasche und hielt mir einen Umschlag entgegen. �Kennst du diese Adresse?�</p><p>�Ja, Sir�, log ich.</p><p>F�r so viel Geld h�tte ich jede Adresse gekannt, selbst im unbekannten West End, jenseits der Stadtmauern.</p><p>�Bist du diskret?�</p><p>Ich kannte die Bedeutung des Wortes nicht, doch erneut war ich bereit, alles zu sein, um den Schilling zu bekommen, und nickte energisch. Er wollte nicht riskieren, sich allein auf mein Nicken zu verlassen und blaffte: �Kannst du den Mund halten?�</p><p>�Ja, Sir.�</p><p>�Kein Wort zu niemandem, nicht einmal zu deinem Master. Verstanden?�</p><p>Ich war nur zu bereit, dieser Bitte nachzukommen. Mein Lohn bestand aus Brot und K�se, meiner Uniform und dem Bett, und das einzige Geld, das ich jemals erhielt, stammte von Auftr�gen wie diesem.</p><p>Der Brief war an die Countess of Carlisle am Bedford Square adressiert, in der N�he des neuen Covent Garden. Damals war es der erste �ffentliche Platz in London. Nach dem Gedr�nge in der Stadtmitte staunte ich �ber die gro�z�gigen neuen, aus Stein errichteten H�user mit ihren Vord�chern und S�ulen. Ich �berreichte den Brief einem herablassenden Diener namens Jenkins, der mich an der Hintert�r, in der N�he des Schei�haufens, auf die Antwort warten lie�. Damals glaubte ich, der Haufen r�che besser als unserer, da es die Schei�e einer echten Countess war. Inzwischen denke ich, dass er, im Gegensatz zu unserem, einfach nur regelm��ig von den Stra�enkehrern ges�ubert wurde.</p><p>Von Will aus dem Pot erfuhr ich, dass die Countess of Carlisle die Geliebte des Earl of Strafford gewesen war, eines ehemaligen G�nstlings des K�nigs, den man hingerichtet hatte. Sie war eine enge Freundin der K�nigin. Was also hatte sie sich mit Mr�Pym zu schreiben? Ich stellte mir vor, es seien Liebesbriefe, die ich �berbrachte, da ich selbst verliebt war. Tief und hoffnungslos, in Mr�Blacks Tochter Anne.</p><p>Anne hatte �ber meine nackten F��e gelacht, als ich zum ersten Mal zum Half Moon Court gekommen war. Sie waren gro� und schwarz wie das Pech, das in die Haut eingewachsen war. Die riesigen knochigen Zehen konnte ich wie Finger beugen. Sie heulte lachend auf, als sie sah, wie ich eine Feder mit meinen Zehen aufhob, und sagte, ich sei wie ein Affe, den sie einmal auf der Schulter eines Edelmanns gesehen hatte. Seitdem nannte sie mich Affe.</p><p>Ich versuchte, sie zu hassen. Zu meiner Schande strafte ich sie mit einem Fluch. Nicht mit einem, von dem sie so etwas wie die Pocken bek�me, denn ich konnte nicht zulassen, dass ihrer Haut, die wie Milch und Honig war, irgendetwas zustie�. Der Fluch, so hatte Matthew mir beigebracht, musste sich auf das angetane Unrecht beziehen, also verfluchte ich ihre F��e, die winzigen M�usen gleich unter ihrem Rock hervorlugten und wieder verschwanden. Ich gebot ihnen zu wachsen, bis sie gr��er waren als meine. Ich kratzte etwas abgestorbene Haut von meinen Fu�sohlen und schmuggelte sie in ihre Lieblingsschuhe.</p><p>Als sie sich beschwerte, die Schuhe w�rden dr�cken, und ihre Mutter erkl�rte, sie m�sse herausgewachsen sein, bereute ich auf der Stelle, was ich getan hatte, und verbrachte eine qualvolle schlaflose Nacht mit Gebeten, um den Fluch aufzuheben. Zu meiner Erleichterung schien es zu funktionieren, denn die Tage vergingen, und sie beschwerte sich nie �ber die neuen Schuhe.</p><p>Wenn sie �ber mich lachte oder, noch schlimmer, mich ignorierte, schmerzte mich das mehr als jeder Schlag, den ich je in diesem Haus erhielt. Laut Will aus dem Pot, der ein Experte in solchen Dingen war, litt ich an der schlimmsten Art der Liebe: der unerwiderten Liebe.</p><p>Doch so war es nicht immer gewesen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der wir einander so nahe kamen, wie zwei Kinder sich nur sein k�nnen. Es war mein erster Herbst in Half Moon Court gewesen. Im September, gegen Ende der dritten Woche, stand mein Osterkuchen auf der T�rschwelle. F�r jeden schien es eine h�chst mysteri�se Angelegenheit zu sein, doch f�r mich war es nat�rlich keine �berraschung. Die Irrlichter konnten so einen Kuchen im Nu �berall hinbringen. F�r George war es der Beweis, dass ich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte, und er r�hrte keinen Kr�mel davon an. Sarah sagte, es g�be gute und b�se Irrlichter. Ich glaube, sie begann von dem Moment an Schweinefett auf meine Beulen zu schmieren, als sie sich den letzten Kr�mel von den Fingern leckte. Mrs�Black befragte ihren Sternendeuter, der ihr sagte, der Kuchen sei gestohlen, und betrachtete mich mit tiefem Misstrauen. Mr�Black, dessen gesunder Menschenverstand im scharfen Widerspruch zum Aberglauben seiner Frau stand, brummte gereizt: �Wie kann er gestohlen sein, Elizabeth, wenn der Name des Jungen darauf steht?�</p><p>Anne war zun�chst neidisch, denn sie hatte noch nie so einen Kuchen bekommen, und dann fasziniert. Wir begannen zusammen zu spielen. Es fing damit an, dass sie mich verspottete, doch als sie herausfand, dass ich die Geschichten erz�hlen konnte, die Matthew mir erz�hlt hatte, von fernen L�ndern, pr�chtigen Schiffen und Elefanten und Papageien, gew�hnten wir uns an, uns unterm Apfelbaum in der Mitte des Hofes oder im Papierlager zu verstecken. So ging es zwei idyllische Monate lang, bis wir eines nebligen Herbsttages das Rattern und die kreischenden Bremsen einer Mietkutsche h�rten, die auf dem Hof zum Stehen kam. Wir rannten aus der Werkstatt, um sie uns anzusehen. Mit einem ahnungsvollen Schaudern ergriff ich Annes Hand.</p><p>Ein Edelmann stieg aus der Kutsche. Durch die Nebelschwaden erkannte ich die dunkelviolette Narbe, die vom oberen Rand der Wange bis zum Hals reichte, wo sie unter dem Kragen verschwand. Er blieb stehen und starrte uns an. Mr�Black kam heraus und befahl uns, auf der Stelle hereinzukommen. Anne rannte zu ihm, doch ich dachte an Matthews Warnung und f�rchtete, der Mann mit der Narbe sei wegen des Anh�ngers gekommen, den mein Vater gestohlen hatte. Ich floh vom Hof und versteckte mich f�r den Rest des Tages in Smithfield unter den Armen, die in den Abf�llen der Schlachter nach Essbarem suchten.</p><p>Daf�r wurde ich ausgepeitscht, und man verbot mir, mit Anne zu spielen. Das steigerte nur noch meine Sehnsucht nach ihr, doch jetzt ging es erst richtig los mit ihrem Hochmut und ihren grausamen Scherzen. Jenen Herbst bewahrte ich in meiner Erinnerung, doch die Jahre vergingen, und Anne wurde immer k�hler und zunehmend sch�ner, wie eine sich allm�hlich �ffnende Bl�te. Die Erinnerung verblasste, bis ich mich zu fragen begann, ob es diese beiden Herbstmonate tats�chlich jemals gegeben hatte, oder ob es nur eine Geschichte war, die ich mir ausgedacht hatte, um mich zu tr�sten.</p><p>So stand es also um mich, als ich sechzehn Jahre z�hlte. Ich war hoffnungslos verliebt, wusste nichts von den Reden, die ich �berbrachte, und interessierte mich noch weniger daf�r, au�er dass ich die anderen Boten bei diesem Spiel aus dem Feld schlagen musste. Ich wedelte mit der Rede, um sie zu trocknen, und rannte von Westminster durch die engen Stra�en, vorbei an der trostlosen Fassade des Gef�ngnisses von Newgate, k�mpfte mich, nach Luft ringend, durch den Gestank von Smithfield und erreichte schlie�lich den Half Moon Court. Hier lebten und arbeiteten wir in dem schmalen, nach fl�mischer Art gemauerten Haus mit seinem hervorspringenden Giebel und dem quietschenden Schild, RB neben einem gelben Halbmond. Mein Master ergriff den Brief und George seinen Winkelhaken, und ich bereitete die Presse vor. So war es, und es schien, als w�rde es immer so weitergehen, bis zu jenem folgenschweren Tag.</p><empty-line/><p>Es war November und stockfinster. Ein feiner Nieselregen trug den Geruch der Kohlewolken weiter, die �ber London hingen, sobald die Leute begannen, die Winterfeuer zu entz�nden. Die Werkst�tten und St�lle in Westminster Hall in der N�he des Gerichts, wo man sich um die besten Gesch�fte rangelte, waren l�ngst geschlossen. Ich dr�ckte mich mit den anderen Boten herum und wartete darauf, dass das House seine Sitzung f�r heute beendete. Ungew�hnlicherweise war noch kein Abgeordneter nach Hause gegangen. Manche der Boten waren dagegen bereits im Pot eingekehrt. Ich verkroch mich in eine Ecke, zog einen abgelegten Sack �ber mich und d�ste. Weit entfernte Schreie weckten mich. Ein Nachtw�chter rief die mittern�chtliche Stunde aus. Die Schreie kamen aus dem House. Kein Amtstr�ger stand an der T�r, und ich schlich in den Vorraum.</p><p>Selbst ich, f�r den die Worte, die in der Kammer des Parlaments widerhallten, so viel bedeuteten wie das Lateinische, das mein Lehrer mir einzupr�geln versuchte, wusste, dass etwas Au�ergew�hnliches vorging. Mr�Lenthall, der Speaker, musste immer wieder zur Ordnung rufen. Es folgte eine Stille, in der meine Schritte klangen, als sei das J�ngste Gericht angebrochen. Mein alter Feind, der Serjeant, drehte sich an der T�r zum Saal um, doch ich schl�pfte hinter einen Pfeiler.</p><p>�Der Antrag ist angenommen!�, verk�ndete Mr�Lenthall.</p><p>Wie der Antrag lautete, wusste ich nicht, und es interessierte mich auch nicht, au�er dass ich bald Mr�Pyms Rede in den H�nden halten w�rde und gehen k�nnte. Es gab einen gewaltigen Tumult, noch mehr Geschrei und F��estampfen und Rufe nach Ordnung, bevor die Abgeordneten herauskamen, immer noch erbittert streitend.</p><p>Mr�Pym trat mit einem Abgeordneten von etwa vierzig Jahren heraus. Sein Begleiter hatte ein gr�blerisches Gesicht, eine lange Nase und einen strubbeligen Bart. Ich kannte ihn nur von den Gelegenheiten, wo er mich mit finsterem Gesicht verjagte, wenn ich zu dicht vor seinen F��en herumkrauchte. Normalerweise hielt er langatmige Reden �ber die Trockenlegung der S�mpfe und sah aus, als h�tte er diese Arbeit gerade hinter sich gebracht. Jetzt lag ein Ausdruck beinahe religi�ser Entz�ckung auf seinem Gesicht, als er zusammen mit Mr�Pym aus dem Saal trat.</p><p>�Wenn dieser Antrag nicht angenommen worden w�re, John, h�tte ich alles verkauft und w�re nach Massachusetts gegangen.�</p><p>Pym l�chelte den j�ngeren Mann an, aber wie gew�hnlich lag ein Ausdruck der Wachsamkeit und Ersch�pfung in seinen Z�gen. �Wir haben die Neue Welt noch nicht hier, Oliver. Sie versuchen bereits, sie zu vernichten.�</p><p>Er blickte zu einer anderen Gruppe hin�ber, in deren Mitte George Goring stand, ein gutaussehender Mann, der wild um sich blickte und energisch gestikulierte.</p><p>Sie, die neue Welt?</p><p>Goring schrie: �Ihr k�nnt dem K�nig nicht solche Forderungen unterbreiten!�</p><p>Seine H�nde wanderten zu seiner Taille, und wenn Degen im Parlament erlaubt gewesen w�ren, h�tte er den seinen gezogen. Er ging auf John Pym zu, doch dieser war bereits mit anderen in einem Besprechungszimmer verschwunden. Ich h�rte Goring murmeln, dass es genug der Worte und zu sp�t f�r ein Treffen sei.</p><p>Die Mitglieder einer weiteren Gruppe um Sir Simon D�Elwes, der in jeder Debatte eine Seite vollkommen �berzeugend fand, bis er die Argumente der anderen h�rte, stellten fest, dass sie dringende Gesch�fte in den Grafschaften zu erledigen hatten und schickten ihre Diener aus, um die Pferde bereitzuhalten.</p><p>Verschiedene Abgeordnete schritten durch die Halle und diktierten den Schreibern etwas. Manche von ihnen, wie Mr�Ink, hatten tragbare Schreibtische an ihren H�ften befestigt.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte ich.</p><p>Zuerst gab er mir keine Antwort. Er fertigte eine saubere Abschrift der Notizen an, die, wie ich wusste, von Mr�Pym selbst stammten und die er mit seinem spinnenhaften Gekritzel hingeschmiert hatte. Er nahm Tinte auf. Die Feder flog �ber das Papier.</p><p>Dann sagte er, wobei er seine Abschrift kaum unterbrach: �Die Gro�e�� Remonstranz!�</p><p>Selbst in seiner Hast schien er die Worte wie eine Fanfare auszusto�en, als w�rde er einen Fehdehandschuh werfen.</p><p>�Die Gro�e�� was? Was ist das?�</p><p>Verdrossen schlug er die Hand vor die Stirn und versuchte weiterzuschreiben, aber er hatte den Faden verloren. Er wandte sich mir zu. Einen Moment lang glaubte ich, er w�rde die tropfende Feder nach mir werfen. Dann wurde sein langes, d�steres Gesicht etwas weicher, obwohl er schon vor langer Zeit deutlich gemacht hatte, dass er mich f�r einen elenden dummen kleinen Halunken hielt.</p><p>�Es ist eine Beschwerdeschrift gegen den K�nig�, sagte er, �von seinen dem�tigen Dienern, auf dass er unsere reformierte Religion unbehelligt lasse und nicht auf seine heimt�ckischen Ratgeber h�re���</p><p>�So wie seine katholische K�nigin Henrietta?�, unterbrach ich ihn.</p><p>Er schlug mir eine tintenverschmierte Hand auf den Mund und blickte sich nerv�s um. Aber ich hatte das Gef�hl, dass er mich zum ersten Mal beif�llig ansah.</p><p>�Und die Bitte, sich unsere bescheidenen Ansichten anzuh�ren, das Parlament nicht zu entlassen, wenn er sich entscheidet, seinen einfachen Knechten Geld abzunehmen, indem er alles mit Steuern belegt, was er sieht: Steine, Salz, selbst das einfache St�ck Seife, mit dem wir uns waschen.�</p><p>Da er aussah, als w�rde er sich mit Tinte waschen, und ich mich im Winter kaum jemals wusch, um nicht den zugefrorenen Eimer im Hof benutzen zu m�ssen, hielt ich Seife f�r unwichtig, und dieses ganze Remonstranz-Ding klang eine ganze Ecke zu bescheiden, als dass der K�nig sich auch nur einen Deut darum scheren w�rde.</p><p>Vielleicht waren meine Gedanken mir anzumerken. Mr�Inks Gesicht lief rot an. Zum ersten Mal sah er aus, als h�tte er Blut statt Tinte in den Adern.</p><p>�Aber vor allem ist das Gesuch f�r dich da�, sagte er.</p><p>�F�r mich?�, fragte ich erstaunt.</p><p>�F�r das Volk. Es wird die Welt ver�ndern.�</p><p>Die Welt ver�ndern? Was meinte er damit? Keine Steuern mehr auf Seife? Ich hielt ihn f�r einen Zauberer, wenn sein Schreibpult h�pfte und er die Worte in seinem Kopf, die sich wieder entwirrt hatten, mit fliegender Feder zu Papier brachte. Er sprach, w�hrend er schrieb, Mr�Pyms klangvoller Tonfall schlich sich in seine Stimme, und einige seiner Redewendungen wie �Das Parlament ist die Seele des Gemeinwesens��� hallten in meinem Kopf wider.</p><p>Es war, als h�tte er mich verhext. Von den Worten, die in meiner Hand trockneten, ging ein Zauber aus. Sie w�rden die Welt ver�ndern. Davon war ich restlos �berzeugt. Ich selbst w�rde mich �ndern. Als ich durch die dunkle Nacht rannte, beschloss ich, eine reformierte Pers�nlichkeit zu sein und nicht f�r ein Bier und ein W�rfelspiel mit den anderen Lehrjungen ins Pot Upside Down einzukehren. Biersch�nken und W�rfel standen ziemlich weit oben auf der Liste der Dinge, die f�r Lehrjungen verboten waren.</p><p>Aber ich muss gestehen, dass meine Schritte sich verlangsamten, als ich die Sch�nke erreichte. Trotz der sp�ten Stunde drangen aufgeregte Stimmen und Ger�chte �ber die Debatte durch die T�r. Nur einen Krug, �berredete ich mich, damit ich anschlie�end noch schneller w�rde rennen k�nnen.</p><p>In der N�he der Bar stand ein Fremder, ein Edelmann mit einem Biberhut und einem modisch kurzem Umhang, und befragte die Stammg�ste. Ich h�rte ihn �rot� sagen. Ich spitzte die Ohren, besonders, als ich dieses Wort h�rte. Meine Haare, rot wie Feuer und genauso unb�ndig, waren ein Fluch f�r mich. Mein Master konnte mich in jeder Sch�nke ausmachen, egal wie d�mmrig das Licht und rauchgeschw�ngert die Luft war. Die Leute glaubten, ich h�tte schottisches Blut in den Adern, oder, noch schlimmer, irisches, und seit die Papisten da dr�ben rebellierten, zogen sie mich damit auf, ein Spion zu sein. Ich hatte das aufbrausende Temperament, das mit roten Haaren einherging, und war deswegen schon in mehrere Schl�gereien verwickelt worden.</p><p>Ich bemerkte, dass der Herr mit dem Biberhut mich anstarrte. Rasch wandte er sich ab, um etwas zu einem Mann zu sagen, den ich f�r seinen Diener hielt. Der Mann hatte einen breiten Nacken, die Schultern einer Bulldogge und ein pockennarbiges Gesicht.</p><p>Manchmal spannten die Z�nfte die Nachtw�chter ein, um die Lehrjungen in den Sch�nken zu fangen. Pl�tzlich fiel mir wieder ein, dass ich eine reformierte Pers�nlichkeit war und geschworen hatte, nie wieder eine Sch�nke aufzusuchen. Ich schl�ngelte mich durch die Menge nach drau�en. Die kostbaren Zeilen, die Mr�Ink mir gegeben hatte, packte ich fester. Ich glaubte tats�chlich, dass diese Worte mich zum Besseren ver�ndert hatten, obwohl ich sie nicht verstand�� oder vielleicht gerade deswegen.</p><p>W�hrend ich rannte, stellte ich mir vor, wie die Tatsache, dass ich ein reformierter Charakter war, mich in einen guten Lehrjungen verwandeln w�rde. Ich w�rde ein freier B�rger der Stadt werden und trotz meiner F��e Anne heiraten. Ich w�rde eine eigene Druckerei mit Buchladen am St.�Paul�s Kirchhof er�ffnen, und in ein paar Jahren w�rde ich der Lord Mayor von London werden.</p><p>So flog ich durch die s��en Traumstra�en dahin und war so darin vertieft, dass ich den �blen Geruch am Smithfield Market kaum wahrnahm, obgleich er zehnmal st�rker war als in den anderen Stra�en. Der Gestank traf meine Nase im selben Moment, in dem ich merkte, dass etwas oder jemand hinter mir war.</p><p>Ich tauchte in eine dunkle Gasse ab, meine Schritte hallten laut. Abrupt blieb ich stehen. War es wirklich das Echo oder waren es die Schritte eines Mannes, der mir dichtauf folgte? Ich stopfte die wertvollen Papiere in meinen Beutel.</p><p>�Wer da?�</p><p>Ich vernahm ein verstohlenes Scharren und trat nach der Ratte, die vor meinen F��en vorbeihuschte. Ich war ein Narr, dass ich diesen Weg gew�hlt hatte. Ich h�tte den langen Weg am Old Bailey entlang nehmen sollen. Hier gab es Vagabunden, die sich mit den Roten Milanen und Raben um die Schlachtabf�lle stritten. London, so wusste ich, weil es in einem der Flugbl�tter gestanden hatte, die ich verkaufte, war inzwischen gr��er als Paris und damit die gr��te Stadt der Welt. Zu Tausenden zog sie Arme und Verzweifelte an, die mich um der Schirmm�tze auf meinem Kopf willen meucheln w�rden.</p><p>Atemlos eilte ich auf den eigentlichen Markt und hielt dabei eine Hand vor die Nase. Es roch nach altem Blut und Urin. Ich sprang zur Seite, als eine Schar Raben sich �ber eine gelbe Masse von Innereien hermachte. Der Mond war aufgegangen und warf lange dunkle Schatten in die St�lle, in die man in der Morgend�mmerung die Rinder brachte, die anschlie�end geschlachtet und verkauft wurden.</p><p>Der ganze Platz war verwaist und still, bis auf die kreisenden, kr�chzenden Raben. Ein Milan schoss herab. Er setzte den Ratten nach, die in der Nacht aus ihren L�chern krochen, um sich am Markt fett zu fressen. Hinter der Scheune, in der Heu gelagert wurde, ert�nte ein Klappern, als sei ein Eimer umgekippt. Ich sah den Schatten des Mannes, ehe ich ihn selbst sah. Ich kletterte �ber einen Marktstand und sprang vor Entsetzen �ber einen zweiten, etwas, das ich nie zuvor geschafft hatte. Ich h�rte den Mann fluchen, als er auf einem Kuhfladen ausrutschte.</p><p>Er war zwei Marktst�nde hinter mir. Noch eine Bude, und ich h�tte Cloth Fair erreicht, und in den verwinkelten Gassen und H�fen, die mir vertraut waren, w�rde er mich nie erwischen. Ich verh�hnte ihn, als ich mich daran machte, vom letzten Marktstand zu springen. Dann blieben mir die Worte im Halse stecken, als ich direkt vor mir Metall aufblitzen sah. Ein zweiter Mann trat aus dem Schatten der Mauer und schnitt mir den Weg nach Cloth Fair ab. Es war der Mann mit dem Biberhut aus der Sch�nke.</p><p>Ich zog meinen Dolch aus dem G�rtel, die einzige Waffe, die ein Lehrjunge mit sich f�hren durfte. Er war so gut wie nutzlos gegen das Schwert, das der Mann gezogen hatte, doch er z�gerte�� nicht wegen des k�mmerlichen Dolchs, sondern wegen der Rinne in der Mitte der Stra�e, in der ein toter Hund schwamm und in die ich zur�ckwich.</p><p>In jenen Stra�en musste man einen Mann innerhalb eines Augenblicks einsch�tzen k�nnen. Sein indigoblauer Leibrock war mit den Resten seiner letzten Mahlzeiten beschmutzt, der Umhang geflickt. Auch sein Gesicht, b�rtig wie eine Imitation seines K�nigs, eingesackt und ge�dert, hatte schon bessere Tage gesehen. Doch es war der Ausdruck in seinem Blick, der mir verriet, wie ich ihm m�glicherweise entkommen k�nnte. Seine Miene spiegelte eine Mischung aus Arroganz und Abscheu und zeigte mir, dass er das war, was wir Lehrjungen einen Mauermann nannten. In den engen Gassen w�rde er, komme was wolle, sich dicht an die H�userw�nde halten, Vor�bergehende r�de beiseite sto�en und sie in den Graben zwingen.</p><p>Ich tat, als w�rde ich mich auf ihn st�rzen, doch als er sein Schwert hob, duckte ich mich darunter und rannte durch den Graben zur gegen�berliegenden H�userwand. Ich hatte recht. Er �berquerte den Graben nicht, sondern stie� aus der Entfernung nach mir. Er erwischte mich und schlug mir fast die M�tze vom Kopf. Ich schwankte, rannte jedoch weiter. Ich w�re auch fast entkommen, doch der andere Mann, der nicht solche Abneigung gegen den Graben hatte, packte mich von hinten.</p><p>Er hatte einen Griff wie der Kiefer einer Bulldogge. Der Dolch fiel mir aus der Hand.</p><p>�Hast du das gesehen, Crow�, sagte der andere.</p><p>�Wollte mit einem Messer auf Euch losgehen, Sir.�</p><p>�Der kleine Schuft hat mich beleidigt!�</p><p>Er verh�hnte mich, verlangte Satisfaktion, setzte die Schwertspitze dicht neben meine Augen und schnitt schlie�lich mit einer wirbelnden Bewegung meinen G�rtel samt Beutel von meiner Taille.</p><p>Ich trat um mich und k�mpfte, doch dann brach ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, zusammen. Es war der Anblick der Papiere, die in meinen Beutel am Rand des Grabens lagen. Ein Blatt schaukelte zitternd in der dreckigen Pf�tze, jene kostbaren Worte, welche die Welt ver�ndern sollten, und schwamm davon.</p><p>�Bitte, bitte lasst mich gehen! Nehmt meinen G�rtel, meinen Beutel, was immer Ihr m�gt, aber lasst mir die Papiere!�</p><p>Der Mann verzog das Gesicht und hob den Beutel mit der Schwertspitze aus dem Abwassergraben. �Was haben wir hier�� einen Beutel. Aus dem Leder eines Schweinearschs. Wert?�</p><p>Crow grinste. �Zwei Penny.�</p><p>Ich sp�rte den Windzug des Schwerts, die Stelle, an der er meinen Sch�del streifte, als er mir die M�tze vom Kopf schlug. Sie drehte sich ein paarmal in der Luft, ehe er sie angewidert auffing.</p><p>�Au�erdem�� eine M�tze der Londoner Lehrjungen. Leicht besch�digt.�</p><p>�Ein Farthing.�</p><p>�Zwei Penny und ein Farthing!�, rief er in gespieltem Erstaunen. Dann zog er seine Hand �ber seine Kehle, was ich f�r einen Teil desselben Scherzes hielt, bis er sich unvermittelt abwandte. Crow packte mich bei den Haaren und riss meinen Kopf zur�ck.</p><p>Ich hing da wie ein Huhn mit verrenktem Hals, zu gel�hmt vor Angst, als dass ich h�tte um mich treten k�nnen. Ich vernahm das klirrende, gleitende Ger�usch, mit dem ein Messer aus der Scheide gezogen wurde. Dieser Ton endlich brachte mich dazu, zu k�mpfen. Als ich das Messer aufblitzen sah, versuchte ich, den Kopf wegzudrehen, doch der Mann war viel zu stark f�r mich und riss meinen Kopf noch weiter nach hinten. Fl�chtig vernahm ich ein Ger�usch, und Crow zuckte zusammen, als ein Milan nach seinem Sturzflug neben uns wieder aufstieg. Die Ratte zwischen seinen Klauen quietschte kurz auf, als das Leben aus ihr gepresst wurde. W�hrend die Ratte die Besinnung verlor, fand ich meine wieder.</p><p>F�r einen Moment abgelenkt, hatte Crow seinen Griff gelockert und das Messer instinktiv gegen den Milan gerichtet. Mit einem Ruck befreite ich meinen Kopf aus seiner Umklammerung und biss ihn so heftig in die Hand, dass ich sp�rte, wie ein Zahn wackelte und herausfiel. Er schrie auf und lie� das Messer fallen. Der andere Mann b�ckte sich, um den Beutel aufzuheben. Er packte mich, aber wie rasend verpasste ich ihm einen Kopfsto� nach dem anderen. Er rutschte auf einem Kuhfladen aus und fiel in den Graben. Seine Schreie wurden erstickt, als er einen Mundvoll von dem Grabeninhalt schluckte.</p><p>Ich packte den Beutel mit den kostbaren Zeilen und rannte, wie ich nie zuvor in meinen Leben gerannt war, wobei ich beinahe den Nachtw�chter und den Mann umstie�, der auf die Scheune h�tte aufpassen sollen.</p><p>Hinter mir h�rte ich jemanden schreien �Haltet den Dieb!�. Der Nachtw�chter versuchte, mich zu packen, aber ich riss mich los, denn es war immer der Lehrjunge, der Schuld hatte, und st�rmte in das Labyrinth aus H�fen, Gassen und verwinkelten Durchg�ngen von Cloth Fair.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>3.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Die Sorge meines Masters galt zur G�nze der durcheinander geratenen W�rtersuppe, die ich aus meinem Beutel fischte, so dass er meinen Zustand kaum wahrzunehmen schien.</p><p>Der kalte, gott�hnliche Zorn, von dem ich erwartet hatte, dass er �ber mich niedergehen w�rde, richtete sich stattdessen auf die Aufgabe, den Wortbrei aus verschmierten S�tzen in ein ordentliches Octav-Nachrichtenblatt zu verwandeln. Mr�Black w�rde seinen Gott und Mr�Pym entt�uschen�� und seinem Geldbeutel schaden��, wenn die Rede nicht in den Gasth�usern und Tavernen zirkulierte, in denen sich die ehrbaren M�nner diese Woche versammelten.</p><p>Wer waren Crow und der Mann mit dem Biberhut? Sie waren keine gew�hnlichen Taschendiebe. Ebenso wenig standen sie im Dienst der Zunft. Man hatte ihnen gesagt, ich sei h�ufig im Pot zu finden, und dass ich rotes Haar hatte. Aus all dem folgerte ich, dass die Worte, die ich �berbracht hatte, wirklich wichtig waren, vielleicht w�rden sie tats�chlich die Welt ver�ndern, und dass sie mich gejagt und versucht hatten zu t�ten, um an diese Papiere zu kommen.</p><p>Meine Schuldgef�hle und mein Elend wuchsen, als Mr�Black sich bem�hte, in einem tintenverschmierten Blatt nach dem anderen einen Sinn zu erkennen. Damals glaubten wir alle, das Ende der Zeit sei nahe. George war �berzeugt, das J�ngste Gericht w�rde 1666 tagen, denn in der Offenbarung war 666 die Zahl des Tieres, das als Erstes �berwunden werden musste. Ich pers�nlich glaubte, das Ende der Welt k�me in jener Nacht. Ich hatte die Worte in den H�nden gehalten, um die Welt zu retten, und ich hatte sie verloren.</p><p>Meine Gedanken wurden so irr, dass ich sogar w�nschte, man w�rde mich schlagen anstatt mich zu ignorieren, bis Mr�Black auf eine Seite stie�, an der er g�nzlich scheiterte.</p><p>�Das Parlament ist���, begann er. Seine Augen schienen vorzuspringen, als er sich bem�hte, die W�rter zu entziffern. Er schleuderte das Papier von sich. �Verdammt sei die Rede! Verdammt sei der Junge!�, br�llte er.</p><p>Ich hob das Blatt auf, klammerte mich an ein Wort, das ich im grauen Schmutz erkannte, wie ein Ertrinkender an einen Sparren. Das Wort, mitten in einer verschwommenen Masse, lautete �Seele�. Wie durch ein Wunder schienen sich andere W�rter vor meinen Augen aus der verwischten Tinte zu formen, als ich mich daran erinnerte, was Mr�Ink feierlich rezitiert hatte.</p><p>�Das Parlament ist die Seele des Gemeinwesens�, sagte ich.</p><p>�berrascht starrten sie mich an und warteten darauf, dass ich fortfuhr, doch ich konnte nicht. Der Sparren glitt mir aus den H�nden, und ich war kurz davor, zu ertrinken. Doch Mr�Black schnappte sich das Blatt erneut und war imstande, die n�chsten paar W�rter zu entziffern.</p><p>���das Gemeinwesen, welches allein in der Lage ist, die�� die���</p><p>Wir steckten erneut fest. Verzweifelt nahm ich Mr�Black das Blatt ab und starrte auf das verdreckte Wort. Vielleicht habe ich es entziffert, doch ich glaube eher, dass ich es irgendwie aus den Tiefen meines Ged�chtnisses ausgrub.</p><p>�Krankheiten!�, rief ich triumphierend. �Die Krankheiten zu erkennen���</p><p>Erneut ergriff Mr�Black das Papier, als ich nicht weiter wusste. Die folgenden Worte waren unentzifferbar, sowohl f�r seine Augen als auch f�r meine Erinnerung, aber die Phrasen und Argumente des Politikers waren ebenso bekannt wie sein Gesicht, und Mr�Black kannte Mr�Pym in- und auswendig.</p><p>���die Krankheiten zu erkennen, die das Herz im Leib der Politik befallen haben�, rief er.</p><p>Kein Gedicht hat mich je so ber�hrt wie diese beschmutzte Zeile politischer Rhetorik, denn sie wurde mit solch religi�ser Inbrunst vorgetragen. Ich erntete einen Blick, der dem nicht un�hnlich war, den Susannah mir zugeworfen hatte, als sie dachte, ich l�se aus der Bibel vor, w�hrend ich in Wahrheit nur das aus meiner Erinnerung hervorgekramt hatte, was sie gelesen und vorgesagt hatte.</p><p>�Gott ist bei uns!�, verk�ndete Mr�Black jubelnd.</p><p>Gloomy George, der von dieser v�llig unerwarteten Einm�tigkeit zwischen uns ausgeschlossen war, sah mich finster an.</p><p>�Mach dich an die Arbeit!�, schrie Mr�Black ihn an. �Steh nicht so bl�de rum, Mann, an den Setzerkasten!�</p><p>Der finstere Blick wurde zu purer B�swilligkeit, als George seinen Winkelhaken ergriff. Bisher war ich lediglich jemand gewesen, den man zu z�chtigen und, so hoffnungslos das Unterfangen auch sein mochte, davor zu bewahren hatte, sich zu vers�ndigen. Doch jetzt war ich nicht mehr zu retten, sein Todfeind. Der Teufel war eine �u�erst raffinierte Kreatur, der es irgendwie gelungen war, mir schmeichelnd und schleimend Mr�Blacks Gunst zuteil werden zu lassen, und musste um jeden Preis mit den Wurzeln ausgerottet werden. So funktionierte Georges Verstand.</p><p>Doch selbst George wurde von dem Verlangen getrieben, Mr�Pyms Worte zu erhaschen und sie so bald wie m�glich in der ganzen Stadt zu verteilen. In ganz London gab es keinen schnelleren Setzer. Wenn Mr�Inks Finger �ber die Seiten geflogen waren, so waren Georges Finger derart flink, dass ihre schnellen Bewegungen vor dem Auge verschwammen, wenn sie vom Setzerkasten zur Schiene und wieder zur�ck zum Kasten huschten und mit einer ganz eigenen Magie die Worte r�ckw�rts zusammensetzten, w�hrend Mr�Black und ich Mr�Pyms feine Redewendungen zutage f�rderten.</p><p>Je weiter die Nacht voranschritt, desto geringer wurden unsere Bedenken �ber die wachsende Kluft zwischen dem, was er tats�chlich gesagt hatte, und dem, was wir erfanden. Zum ersten Mal bekam ich eine Ahnung von der Macht der Worte, mit denen wir es zu tun hatten. Sie waren ebenso explosiv wie Schie�pulver. Alles, was noch fehlte, war eine Lunte. Das Parlament hatte das Recht, die k�niglichen Minister zu best�tigen. Das Recht? Der K�nig von Gottes Gnaden w�hlte seine eigenen Minister. Allein das Parlament hatte das Recht, Gesetze zu erlassen. Allein? Ohne den K�nig?</p><p>Und da, wie durch ein Wunder unbeschmutzt und unmissverst�ndlich, stand das gr��te Fass Schie�pulver von allen, aufgeschrieben in Mr�Inks schr�ger Schrift: Das Parlament hatte das Recht, die Streitmacht zu kontrollieren.</p><p>Zaudernd kam Mrs�Black die Treppe herunter, um zu sehen, was hier vor sich ging, und weckte dabei ihre Tochter auf. Ich erhaschte einen Blick auf Anne in ihrem Nachtgewand am Fu� der Treppe und hoffte, sie w�rde anhand des angeregten Geschnatters zwischen mir und ihrem Vater feststellen, dass er mich in ganz neuem Licht sah. Aber sie w�nschte ihrem Vater lediglich eine gute Nacht und wandte sich mit einem angeekelten Naser�mpfen von mir ab. Diese Nase mit ihrer winzigen W�lbung nach oben, von der ich glaubte, keine Skulptur k�nne sie nachahmen, zuckte, und schon f�hlte ich mich elend. Unweigerlich wurde ich mir des Gestanks und des Drecks von Smithfield bewusst, der mir anhaftete, wozu sich noch die Tinte gesellte, die ich auf die Form auftrug, zu der mehrere Schlie�platten zum Drucken zusammengef�gt waren.</p><p>Ich h�rte ihr Lachen auf der Treppe sowie das verhasste Wort Affe. Ich hatte viel zu viel Angst, sie noch einmal zu verfluchen, also hasste ich sie. Ich hasste die gesamte Familie Black. Ich hasste es, ein Lehrjunge zu sein. Mehr als alles andere auf der Welt wollte ich meine Stiefel von mir schleudern und wieder bei Matthew auf der Werft sein.</p><p>Nachdem wir einen Andruck gemacht und schlie�lich das Nachrichtenblatt gedruckt hatten, brach ich das Eis im Eimer auf dem Hof auf, wusch ab, was ich an Schmutz von meinem Gesicht und meinen H�nden bekam, und begann den kalten Brei zu essen und das Bier zu trinken, das Sarah f�r mich aufgehoben hatte. Mr�Black nahm sich etwas Wein und blickte voller Stolz auf das neue Nachrichtenblatt, das noch feucht im Kerzenlicht gl�nzte. Auf der ersten Seite zeigte es ein sch�nes Portr�t des K�nigs, dessen Haar sich unter dem Dreispitz in �ppigen Locken auf den Schultern kringelte, sowie ein bescheideneres Bild von Mr�Pym, dessen spitzer Bart bereits abplatzte, weil wir den Block schon so h�ufig benutzt hatten.</p><p>Es war Mr�Blacks Idee gewesen, die brisanten Forderungen des Parlaments in Achtung gebietenden, gut sichtbaren Lettern zu setzen:<emphasis>Eine GROSSE REMONSTRANZ des PARLAMENTSan seine MAJEST�T den K�NIGDer einzige�&amp; wahre Bericht von der Verhandlung des Parlaments, in welcher Seine Majest�t gebeten wird, das allerdem�tigste Flehen seiner Untertanen zu vernehmen</emphasis></p><p>Ich hatte mein Bier gerade in zwei gro�en Z�gen geleert, als Mr�Black zu George sagte: �Nimm dir von dem Wein und schenk auch Tom etwas ein.�</p><p>George hob die Augenbrauen, und es sah aus, als wollten sie sich nie wieder senken. Ihm wurde sonst nur an seinem Namenstag Wein angeboten, und mir hatte Mr�Black noch nie welchen gegeben. Kaum, dass er mich einmal �Tom� genannt hatte. Ich war immer �dieser Junge�, �der s�ndige Halunke� oder �der kleine Teufel�. Erst in letzter Zeit, seit ich fast so gro� war wie er, meine Stiefel regelm��ig anbehielt und pl�tzlich n�tzlich f�r ihn war, hatte er angefangen mich �Mr�Neave� zu nennen, wenn auch mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus.</p><p>Mr�Black nahm einen Schluck Wein, r�usperte sich und sah mich lange an. Mein Magen verkrampfte sich. Jetzt w�rde er mich fragen, wie die Papiere und ich selbst in so einen erb�rmlichen Zustand geraten konnten. Doch sein Blick wanderte zur�ck zu den trocknenden Nachrichtenbl�ttern, die immer noch im Kerzenschein gl�nzten, und sein Gesicht war von dem Triumph erf�llt, dass die Rede am n�chsten Tag auf der Stra�e zu lesen sein w�rde.</p><p>�Gut gemacht, Tom�, sagte er.</p><p>Die Worte klangen steif und ungelenk aus seinem Mund, da er ebenso wenig daran gew�hnt war, sie auszusprechen, wie ich daran, sie zu h�ren. Tats�chlich dauerte es einen Moment, mehrere Momente, bis ich sicher war, dass kein versteckter Spott auf den nachfolgenden Tadel hinwies. Erst als er noch mehr Wein in meinen Krug schenkte, sein Glas hob und sich sein Gesicht mit einem L�cheln darauf aus dem Schatten l�ste, begriff ich, dass er es ernst meinte.</p><p>Das L�cheln wirkte noch seltsamer auf mich als die Worte. Ohne jede Vorwarnung traten mir Tr�nen in die Augen. Oft genug hatte ich mich in diesem Haus in den Schlaf geweint, aber niemals hatte ich in ihrer Gegenwart Tr�nen vergossen. Je mehr ich geschlagen wurde, desto entschlossener wurde ich, niemals vor ihnen zu weinen.</p><p>�Was ist los, Tom�, sagte er, �sehe ich da Tr�nen?�</p><p>�Nein, Sir�, stammelte ich, �nein, Sir�, zog mich in den Schatten zur�ck und wischte mir mit dem �rmel �bers Gesicht.</p><p>�Du bist ein sonderbares Kind, oder etwa nicht, George?�</p><p>�Aye, Sir�, sagte George mit einem ungest�men Blick auf mich.</p><p>�Hart wie Stein, wenn er gez�chtigt wird, und heult, wenn er gelobt wird.�</p><p>�Ich bin nicht daran gew�hnt, Sir�, sagte ich.</p><p>�Nun, Tom, das mag schon sein. Du warst ziemlich st�rrisch, als wir dich aufgenommen haben, oder etwa nicht, George?�</p><p>George sah aus, als st�nde das Ende der Welt nicht nur kurz bevor, sondern sei bereits eingetreten. �Das war er, Sir. Der st�rrischste Lehrjunge in der ganzen Stadt. Und wenn ich meine Meinung sagen darf, ist er das immer noch.�</p><p>�Aber er bessert sich, George, er bessert sich.�</p><p>George sagte nichts, aber Mr�Black erwartete auch keine Antwort. �Es gab so viel zu tun und so wenig Zeit.�</p><p>Er stocherte in der schwachen roten Glut des Kohlenfeuers, bis ein paar Flammen aufloderten, die sein Gesicht beschienen. Er z�hlte noch keine vierzig Jahre, doch im flackernden Licht wirkten die Falten in seinem Gesicht wie die eines wesentlich �lteren Mannes. Sie hatten sich tief in seine Stirn und Wangen eingegraben wie die Linien in einem fein geschnittenen Holzblock. Er starrte in die Flammen, als h�tte er vergessen, dass wir da waren. Ich schob mich n�her heran. Als er gesagt hatte, ich sei ein sonderbares Kind, musste ich an Matthew denken, und ich f�hlte mich in den Moment zur�ckversetzt, in dem Matthew ins Feuer geblickt und den Anh�nger herausgezogen hatte. Wie konnten so ein undurchsichtiger Hellseher und ein geradliniger religi�ser Mann auf genau die gleiche Weise ins Feuer starren, obgleich der eine in die Zukunft und der andere in die Vergangenheit blickte?</p><p>�Du machst dir keine Vorstellung davon, wie viel B�ses in deiner Seele war, Tom�, sagte er.</p><p>Ich erschauderte. In diesem Augenblick glaubte ich vollkommen, dass er das B�se in mir entdeckt hatte. Susannah hatte mich nur wegen meines Tricks mit der Bibel f�r gut gehalten.</p><p>�Wir haben zu Gott gebetet, dass wir es ausrotten k�nnen, nicht wahr?�, sagte er zu George.</p><p>�Aye�, erwiderte George, faltete die H�nde und sagte mit einem ironischen Unterton, der an Mr�Black v�llig verschwendet war: �Und wir beten immer noch.�</p><p>�Mehr B�ses als du ahnst. Mehr als du dir �berhaupt vorstellen kannst!�</p><p>Mit diesen Worten wandte er sich um, sein Gesicht tauchte in den Schatten, und seine Stimme klang pl�tzlich streng. Der Wechsel von einem fast tr�umerischen Umgangston kam so unerwartet, dass es nicht nur mich, sondern auch George �berraschte. George nahm die H�nde auseinander, wandte seine gr�blerische Aufmerksamkeit von mir ab und starrte seinen Master mit jenem begierigen Gesichtsausdruck an, den ich einmal bei ihm gesehen hatte, als er an der T�r einem Streit zwischen Mr�Black und seiner Frau lauschte.</p><p>�Ich h�tte dich nie genommen, niemals, wenn es nicht so schlecht ums Gesch�ft gestanden h�tte. Schlecht? Wir waren dem Untergang nahe.�</p><p>Er nahm den letzten Schluck von seinem Wein, goss nach, trank die H�lfte und wanderte im Raum umher.</p><p>�Selbst dann h�tte ich es nicht getan, ich w�re mit eingezogenem Schwanz nach Oxford zur�ckgekehrt, wenn Merrick mir nicht angeboten h�tte, mich auszuzahlen. Merrick!�</p><p>Er spie das Wort aus. Merrick war der Drucker beim The Star in Little Britain. Hastig schluckte er den Wein herunter, als wollte er den Namen seines Rivalen fortsp�len. George nickte bed�chtig und sah mich an, als w�rde er zum ersten Mal etwas begreifen, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das sein k�nnte.</p><p>�Das war doch damals, Master, als Ihr�� �h, das Geld gefunden habt, um eine neue Druckerpresse zu kaufen, und die neuen Lettern aus Amsterdam.�</p><p>�Geliehen!�, sagte Mr�Black scharf, als bereue er seine Enth�llungen bereits. �So und nicht anders. Ich habe das Geld geliehen!�</p><p>Er hatte das Glas schon zur H�lfte an die Lippen gehoben, als er merkte, dass es leer war, und es kam zu einer kleinen Auseinandersetzung zwischen ihm und der Flasche. Energisch stellte er das Glas ab. Sein Blick fiel auf die trocknenden Bl�tter, die Augen strahlten vor Freude, er wandte sich erneut der Flasche zu, z�gerte und drehte sich bedauernd um. Dann sah er mich, wie ich �ber dieses Hin und Her l�chelte, und ehe ich wieder einen ernsten Ausdruck annehmen konnte, erwiderte er zu meiner allergr��ten �berraschung das L�cheln. Er schenkte sich Wein nach und deutete auf mich.</p><p>�Ich dachte, ich h�tte den Teufel h�chstselbst ins Haus geholt, den Druckerteufel, war es nicht so, George?�</p><p>�Ein h�chst geschickter Teufel�, sagte George und lie� mich nicht aus den Augen.</p><p>�Ach komm schon, George!� Seine Geste schloss nicht nur die gut ausgestattete Werkstatt mit ein, sondern auch die neue Truhe aus Zedernholz in den Raum, in dem wir a�en, mit ihren Flaschen und Kerzenhaltern. Nicht aus Silber, aber aus dem teuersten Zinn, das poliert beinahe so aussah wie Silber. �Ist das alles kein Zeichen f�r die Gnade Gottes?�</p><p>George richtete seinen ruhigen Blick unverwandt auf den Master. ��Im Gl�ck erkennt man den Freund nicht. Oder gute Diener.� Jesus Sirach, 12,8.�</p><p>Der Wein brachte eine vollkommen andere Seite an Mr�Black zum Vorschein. Er sah genauso streng aus wie immer, aber ich schw�re, dass er ein Zwinkern in den Augen hatte.</p><p>�Also gut, George. �Wer sich selbst nichts g�nnt, wem kann der Gutes tun? Er wird seinem eigenen Gl�ck nicht begegnen.� Jesus Sirach, 14,5.�</p><p>Ich hatte noch nie zuvor geh�rt, dass Mr�Black eines von Georges Bibelzitaten �bertrumpfte. George wirkte h�chst ver�rgert. Mr�Black klopfte ihm auf die Schulter.</p><p>�Kommt, Ihr Herren! Trinkt!�</p><p>George weigerte sich, und als Mr�Black sich meinen Krug n�herte, sagte er: �Der Junge hat genug, Sir.�</p><p>Mr�Black winkte ab. �Er hatte so gut wie nichts.�</p><p>�Aye, plus das, was er in der Sch�nke getrunken hat�, sagte George.</p><p>Ich sprang auf. �Ich gehe nicht in die Sch�nke!�</p><p>�Du hast danach gestunken, als du hereinkamst.�</p><p>�Ich wurde in einen Kampf verwickelt.�</p><p>�Eine Tavernenschl�gerei!�</p><p>�H�rt auf! Ihr weckt noch das ganze Haus auf!�</p><p>Zum ersten Mal galt Mr�Blacks Zurechtweisung uns beiden, nicht nur mir. Und zum ersten Mal befragte er mich, ohne automatisch davon auszugehen, dass ich der Schuldige war.</p><p>�Bist du in eine Sch�nke gegangen?�</p><p>Ich z�gerte. Die Besuche der Sch�nke hatten einige der schlimmsten Pr�gelstrafen nach sich gezogen, und sie waren der h�ufigste Grund, warum Lehrjungen aus den Z�nften ausgeschlossen wurden. Aber das lag daran, dass sie tranken, w�rfelten und herumhurten. Ich hatte nicht einmal etwas getrunken oder auch nur einen W�rfel geworfen.</p><p>�Nein, Sir�, sagte ich.</p><p>�Habt Ihr sein Z�gern bemerkt, Herr?�, fragte George.</p><p>�Sagst du die Wahrheit?� Die Strenge war wieder in Mr�Blacks Tonfall zur�ckgekehrt und lag im Widerstreit mit seiner Fr�hlichkeit.</p><p>�Ja, Sir!�</p><p>George bewegte leise die Lippen, aber ich h�rte sein Gebet. �O Herr, leite ihn, lass ihn seinen Fehler erkennen���</p><p>�H�r auf, George!�</p><p>George schwieg abrupt. Sein blasses Gesicht schien sich zu verzerren und zu schrumpfen, seine Lippen bewegten sich noch immer, aber es kam kein Ton heraus. Mr�Black drehte sich mit einer heftigen Bewegung um und warf dabei fast den Stuhl um. Schwerf�llig lie� er sich am Kopf der Tafel nieder, auf dem mit Leder bezogenen Sessel mit hoher Lehne, den er erst vor Kurzem gekauft hatte, und wirkte wie ein Richter.</p><p>George fand seine Stimme wieder. �Fragt ihn, wie er in den Kampf geraten ist.�</p><p>�Ich wurde angegriffen. Diebe, die versuchten, die Rede zu stehlen.�</p><p>�Warum hast du uns das nicht vorher erz�hlt?� Georges Stimme war �tzend vor Zweifel.</p><p>�Daf�r war keine Zeit.�</p><p>�Merricks Lehrjungen?�, fragte Mr�Black.</p><p>�Nein, Sir. Ich habe sie nie zuvor gesehen. Einer hatte ein Schwert.�</p><p>Ungl�ubig schaute George zur Decke, doch Mr�Black lehnte sich weit vor.</p><p>�Ein Edelmann?�</p><p>�Ja. Nein. Ich wei� nicht.�</p><p>�War er vielleicht fr�her einer gewesen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Beschreibe ihn.�</p><p>�Ein mageres Gesicht. Ein Bart wie der K�nig. Er trug einen Biberhut.�</p><p>�Wie halb London�, sagte George.</p><p>�Und der andere?�</p><p>�Ein Handlanger. Schultern wie ein Bulle.�</p><p>George lachte. �Das ist ein M�rchen aus einem dieser Bl�tter, die es f�r einen halben Penny zu kaufen gibt! Er l�gt!�</p><p>Mr�Black sprang auf. Seine gute Laune war ebenso rasch verschwunden, wie sie gekommen war. Er ergriff seinen Stock, den ich in den letzten Monaten immer seltener zu sp�ren bekommen hatte. �Stimmt das? Oder l�gst du?�</p><p>�Nein, Sir!�</p><p>Ich duckte mich, als ich sah, wie der Stock auf mich zu sauste, hielt die H�nde sch�tzend vor den Kopf und zuckte in Erwartung des Schlages zusammen. Der Stock zerbrach, als er ihn auf die Steinfliesen schleuderte. Er machte ein gequ�ltes Gesicht, und ich f�rchtete, er sei von jenem seltsamen Leiden befallen, das ihn von Zeit zu Zeit heimsuchte. Dann stand er ganz still, als habe er eine Vision, die andere nicht sehen konnten.</p><p>Murmelnd wich George zur�ck. �Der Junge hat Euch verflucht. Ich habe gesehen, wie er die Lippen bewegt hat.�</p><p>Mr�Black sch�ttelte den Kopf, als wollte er die Vision absch�tteln, so wie ein Hund sich das Wasser absch�ttelt. Er packte mich bei den Schultern und sch�ttelte mich. �L�gst du?�</p><p>�Nein, Sir!� Ich schluchzte, sein seltsam verzerrtes Gesicht jagte mir mehr Angst ein als Stockschl�ge.</p><p>Er sch�ttelte mich erneut und kam mit dem Gesicht ganz nah an meins. �Es ist f�r mich ebenso wichtig wie f�r dich, dass du die Wahrheit sagst! Verstehst du das, du kleiner Narr?�</p><p>Ich entzog mich ihm mit einem Anflug von �rger, der meine Tr�nen versiegen lie�. Ich hielt mich nicht f�r einen Narren, und ich war auch nicht mehr klein.</p><p>�Es ist wahr! Ich habe geh�rt, wie die M�nner einen anderen Lehrjungen �ber einen Jungen mit rotem Haar ausgefragt haben, und dann hat sich der Mann umgedreht und mich gesehen, und ich bin fortgelaufen, und dann���</p><p>�Wo war das?�</p><p>Die Worte erstarben in meinem Mund. Normalerweise h�tte ich gelogen. Ihm erz�hlt, es sei auf der Stra�e gewesen, irgendwo, aber sein Gesichtsausdruck war so beunruhigt, so dr�ngend, dass ich mich gen�tigt sah, die Wahrheit zu sagen.</p><p>�Im Pot.�</p><p>Ein trauriges L�cheln umspielte Georges Lippen. �Da haben wir es, Sir, da haben wir es.�</p><p>Daraufhin erwartete ich eine Tracht Pr�gel. Ich w�nschte, sie h�tten es getan. George fand den Gedanken offensichtlich reizvoll. Er nahm seinen alten Winkelhaken aus rostigem Metall zur Hand, von dem ich immer noch eine Narbe an der linken Schl�fe hatte. Doch Mr�Black wies ihn zur�ck. Er sah mich an, mit einem Blick von solcher Traurigkeit, der mich st�rker traf als jede Peitsche und jeder Stock.</p><p>�Ach Tom, ich hatte gerade begonnen, dir zu vertrauen.�</p><p>Jetzt konnte ich die Tr�nen nicht mehr aufhalten, die aus mir hervorbrachen, und mit ihnen ein Sturzbach an Worten. Er musste mehr von seinem S�ndenfimmel in mich hineingepr�gelt haben, als ich gemerkt hatte, doch es war mir verborgen geblieben, bis ein wenig Freundlichkeit alles ans Licht brachte. Das, und meine Erkenntnis, dass die Worte, welche die Welt ver�ndern w�rden, durch mein Verlangen nach einem Trunk h�tten verloren gehen k�nnen.</p><p>Ich gestand die Trinkerei. Ich gestand die W�rfelspiele. Ich gestand, obwohl ich f�rchtete, in Mr�Blacks Augen damit die gr��te S�nde begangen zu haben, zusammen mit Henry, Merricks Lehrjungen, getrunken und Schulden bei ihm gemacht zu haben.</p><p>Drohend stand George neben mir und wog den Winkelhaken in der Hand. Ich wollte, dass er mich schlug. Ich brauchte seine Grausamkeit. Doch als ich mich wie ein Opferlamm auf ihn zu bewegte, hielt Mr�Black ihn auf. Im Fl�sterton schalt er sich selbst, weil er nicht an jemanden geschrieben hatte. Er nahm Feder und Tinte, als wollte er auf der Stelle einen Brief schreiben, dann legte er beides wieder hin und schritt erneut auf und ab.</p><p>Auf meine Bestrafung zu warten, machte es zehnmal schlimmer. Ich f�hlte mich so sterbenselend, dass ich ihn anflehte, meinen Lehrvertrag aufzuheben und mich nach Hause zu schicken. Ich w�rde meine Uniform und die Stiefel zur�ckgeben, mir ein paar alte Sachen von der Lumpenfrau am Tower Hill besorgen und zu meinem Vater zur�ckkehren.</p><p>Wie angewurzelt blieb er stehen und starrte mich an, als h�tte ich etwas gesagt, das ihm zun�chst einen Schock versetzte und anschlie�end am�sierte. �Zu deinem Vater? Nein, nein, das geht nicht, das geht gar nicht. Daf�r ist es viel zu sp�t. Und was die Stiefel angeht��� Er schenkte mir eines seiner seltenen freudlosen L�cheln. �Ich bezweifle, dass sie irgendjemand anders passen w�rden.�</p><p>Der Hauch von Ungezwungenheit fiel von ihm ab. �Du wirst dieses Haus nicht eher verlassen, als ich es dir gestatte. Ist das klar?�</p><p>Nein. Nichts war klar. Weder das B�se, von dem er sagte, es sei in meiner Seele, noch der geheimnisvolle Edelmann, der pl�tzlich in mein Leben getreten war und derartige Best�rzung bei ihm ausgel�st hatte. Gleichwohl versprach ich, ihm zu gehorchen.</p><p>Er z�gerte. �Nein, ich kann dir nicht vertrauen. Ich kann es mir nicht <emphasis>leisten</emphasis>, dir zu vertrauen.� Er wandte sich zu George. �Sperr ihn in den Keller.�</p><p>George packte mich am Arm und nickte anerkennend �ber die Schwere und Gerechtigkeit der Bestrafung. Meine Zunge und die Glieder waren so gel�hmt vor Angst, dort in der Nacht eingesperrt zu werden, dass George mich bereits halb bis zur T�r gezerrt hatte, ehe ich den Tisch wie einen Anker umklammerte.</p><p>�Nicht in die Dunkelheit, Sir�, flehte ich. �Bitte schlie�t mich nicht in der Dunkelheit ein!�</p><p>�Nun, Tom�, sagte Mr�Black mit am�sierter Miene. �Ich dachte, du seiest erwachsen und w�rdest dich vor nichts f�rchten. Hast du immer noch Angst im Dunkeln?�</p><p>Ich hatte meine S�nden mit der Einsicht eines Mannes gebeichtet, aber jetzt verlie� mich jegliche Vernunft, und wimmernd wie ein Kind flehte ich ihn erneut an.</p><p>�Gib ihm eine Kerze�, sagte Mr�Black barsch.</p><p>Ich leistete keinen weiteren Widerstand. Schon fr�h hatte ich auf schmerzhafte Weise gelernt, dass es sinnlos war und George nur noch mehr Befriedigung verschaffte. George entz�ndete eine Kerze, und mit dem Winkelhaken in der anderen Hand f�hrte er mich hinunter in den Keller. Sein Schatten breitete sich �ber die niedrige Decke aus. Als er die Kellert�r �ffnete, rief der feuchtkalte, faulige Geruch die Erinnerung an mein Entsetzen beim ersten Mal wach, als sie mich hierher gebracht hatten, doch ich unterdr�ckte es, entschlossen, vor George keine Angst mehr zu zeigen. Es war sehr sp�t, und die Kerze w�rde ausreichen, bis das erste Licht des Tages durch den br�ckeligen Putz fiel.</p><p>Erst, wenn man regelm��ig bestraft wird, lernt man instinktiv, die Verfeinerungen solcher Strafen zu erkennen. Als George sich daran machte, die T�r hinter mir zu schlie�en, merkte ich, dass er mir die Kerze nicht geben wollte.</p><p>Ich stellte meinen Stiefel in die T�r und bem�hte mich, sie weiter aufzuziehen. Mit unertr�glicher Wucht traf der Winkelhaken meine Finger. Einen Augenblick lang konnte ich mich vor Schmerzen nicht r�hren, doch das Klappern des Schl�ssels lie� mich erneut an der T�r zerren. Es gelang mir, sie zur H�lfte zu �ffnen und nach der Kerze zu schnappen. George zuckte zur�ck, und hei�es Wachs spritzte auf seine Hand. Er schrie auf und lie� die Kerze fallen, die daraufhin erlosch.</p><p>Jetzt fiel nur noch ein schummriges, flackerndes, Licht aus dem Raum �ber uns in den Keller. Fl�chtig sah ich, dass George mit dem Winkelhaken auf mich zukam. Ich duckte mich, und als er gegen die Wand krachte, packte ich ihn von hinten und stie� ihn mit solcher Macht gegen den Putz, dass ich glaubte, die Wand m�sste einst�rzen. Kraftlos tastete er nach dem Winkelhaken, den er fallen gelassen hatte. Ich entdeckte ihn auf der Treppe und schnappte ihn mir.</p><p>Der Winkelhaken war mir an jeder Stelle meines K�rpers vertraut, bis auf meine Handfl�chen. Das Gef�hl, als sich meine Finger um das Metall schlossen, um dieses verhasste Eisen, und die Angst vor der Dunkelheit in dieser stinkenden Zelle trieben mich dergestalt zur Raserei, dass ich auf George einschlug. Er duckte sich, doch ich erwischte ihn mit voller Wucht an der Schl�fe, und der Gedanke, dass ich ihn gezeichnet hatte wie er mich gezeichnet hatte, l�ste eine solche Woge der Grausamkeit aus, dass es sich anf�hlte, als sei der Teufel, von dem George immer behauptet hatte, er stecke in mir, entfesselt und dr�nge mich, ihn wieder und wieder zu schlagen, so wie er mich geschlagen hatte.</p><p>George glitt aus und st�rzte, und Gott allein wei�, was ich getan h�tte, wenn ich Mr�Black eher auf der Treppe geh�rt h�tte. Doch als ich mich endlich umdrehte und ihn erblickte, lie� er bereits seinen Stock auf mich niedersausen.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>4.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Ich dachte, es sei eine Laus. <emphasis>Pediculus Humanus Corporis</emphasis>, wie mein Lateinlehrer Dr.�Giles mir eingetrichtert hatte, als er triumphierend ein besonders fettes Exemplar aus meinen Kleidern gefischt hatte. Sie kamen in der Nacht, um zu fressen. Wir waren aneinander gew�hnt, und solange sie sich nicht �ber besonders empfindliche Stellen wie meine Lenden hermachten, weckten sie mich selten auf. Und selbst dann weckte das Viech, solange es unentschlossen herumkroch, eher meinen Finger und Daumen, die �ber ihm schwebend darauf warteten, dass es sich endlich zum Fressen niederlie�, ehe sie sich befriedigt den kleinen Leib schnappten, um sogleich wieder in den Schlaf zu fallen.</p><p>Doch dieses Biest hockte auf meinem Gesicht, das normalerweise zu ledrig f�r eine anst�ndige Wanzenmahlzeit war. Meine Finger und Daumen pochten und stachen vor Schmerz, als ich instinktiv versuchte, sie zu kr�mmen, um die Laus zu fangen. Mein Kopf dr�hnte wie die gro�e Trommel bei der Lord Mayor Show, der Parade des B�rgermeisters. Etwas Furchtbares war geschehen, aber ich wollte mich nicht daran erinnern, ich wollte nur diese Laus fangen und wieder in den Schlaf sinken. Mein Finger und mein Daumen krochen verstohlen hoch zu meinem Gesicht. Sie ber�hrten eine klebrige, z�hfl�ssige Masse und hielten verunsichert inne, ehe sie sich um das Ding schlossen, das die Verwirrung ausgel�st hatte.</p><p>Im selben Moment sp�rte ich einen scharfen, nadelspitzen Schmerz und sprang schreiend auf. Ich sah wieder Mr�Blacks zorniges Gesicht und seinen niedersausenden Stock vor mir, als ich begriff, dass ich keine tote Laus, sondern eine lebendige Ratte festhielt, die, angelockt von dem getrockneten Blut auf meinem Gesicht, quiekte und mich in die Hand biss.</p><p>Schreiend schleuderte ich sie fort. Ich konnte nichts sehen. Ich stolperte gegen eine Wand, kalt und schmierig vor N�sse, dann an eine andere, ehe ich die T�r fand. Laut rufend h�mmerte ich dagegen, bis ich ersch�pft zu Boden sank.</p><p>Das letzte Mal hatten sie mich hier eingeschlossen, als ich neu hierher gekommen war. Damals hatte ich mich dumm gestellt und so getan, als h�tte ich meine F�higkeit zu lesen verloren. Auf verquere Art hatte ich gehofft, sie w�rden glauben, dass mir die Gabe des Lesens genommen worden sei, genauso, wie sie mir verliehen worden war. Sobald ich f�r sie nicht mehr von Nutzen war, w�rden sie mich nach Hause schicken. George jedoch war wesentlich raffinierter als ich, wenn es darum ging, solcherlei Gedanken zu verdrehen und verwirren.</p><p>Wenn es eine Gabe sei, sagte er, und ich sie nicht benutzte, w�rde Gott mich daf�r strafen, indem er mir das Augenlicht n�hme. Doch ich blieb verstockt, und als sie mir die Bibel gaben, kam nichts als Unsinn aus meinem Mund. Also sperrten sie mich ein, und mit dem schwindenden Licht verschwand auch meine Starrk�pfigkeit. In Poplar hatte ich immer das Licht der Sterne und des Mondes gesehen, egal wie bew�lkt und d�ster es gewesen war.</p><p>Als das D�mmerlicht im Keller zur v�lligen Schw�rze geworden war, glaubte ich, erblindet zu sein. Ich schrie und br�llte und w�lzte mich im Keller herum, bis sie mich freilie�en. Mr�Black verbot George, mich noch einmal einzusperren. Bis jetzt.</p><p>Ersch�pft wie ich war, versuchte ich das, was damals geschehen war, aus meinen Gedanken zu verbannen. Ich war jetzt ein Mann, sagte ich mir. Hatte Mr�Black das nicht gesagt? Ich sch�pfte etwas Mut aus seiner unerwarteten Belobigung und spielte die Szene immer wieder durch. Irgendwann w�rde es wieder hell werden, w�rde das Licht durch die Spalten in der Decke fallen.</p><p>Ich vergrub mein Gesicht in den H�nden, bis ich meinte, eine Ewigkeit m�sste vergangen sein. Ratten scharrten und huschten an mir vorbei. Ich schlug die Augen auf, aber es war immer noch stockdunkel. Wir hatten bis sp�t in die Nacht gearbeitet. Die Sonne w�rde doch gewiss bald aufgehen! Aber vielleicht war sie bereits aufgegangen? Unsinn, sagte ich mir. Gott konnte mich jetzt kaum daf�r bestrafen, dass ich nicht lesen konnte, ich las die ganze Zeit! Doch dann ergriff mich Panik. George hatte mir erneut dieselbe Strafe auf den Hals gew�nscht, weil ich ihn geschlagen hatte. Die Panik wuchs. Vielleicht war George tot. Was immer an M�nnlichkeit in mir steckte, ergriff die Flucht, und ich wurde wieder zu dem heulenden Kind, sprang hoch bis zur Decke und kratzte mit blo�en N�geln den Putz herunter.</p><p>Der Keller befand sich unter der Druckerei und somit weit ab von den Schlafr�umen. Trotzdem glaubte ich, dass Mr�Black mich h�ren musste, und sei es nur ged�mpft. Ich ballte die F�uste, um gegen die T�r zu h�mmern, als ich ein leises Kratzen vernahm. Es kam von unter der T�r. Noch mehr Ratten. Sie versuchten, in den Raum zu kommen. Ich stampfte mit dem Fu� auf. Ein Schrei. Entsetzt sprang ich zur�ck. Keine Ratte�� eine Art Geist, Georges Geist murmelte hinter der T�r. Schlie�lich formten sich Worte aus dem Gemurmel.</p><p>�Bl�der Affe!�</p><p>Noch nie hatte das verhasste Wort so wundersch�n geklungen.</p><p>�Anne?�</p><p>�Um Himmels willen, sei leise!�</p><p>�Ist George am Leben?�</p><p>�Nat�rlich ist er das. Aber das hat er nicht dir zu verdanken.�</p><p>�Ist es schon hell?�</p><p>�Siehst du nicht, dass es noch dunkel ist, du Narr? Was meinst du, warum ich dir eine Kerze bringe?�</p><p>Ich dankte Gott, als ich den �tzenden Geruch von Talg wahrnahm. Als ich mich tief b�ckte, konnte ich nur den schw�chsten gelben Schimmer der Kerze erhaschen, den Anne auf die Treppe gestellt haben musste. Sie erz�hlte mir, dass George einen Verband und ein St�rkungsmittel bekommen hatte, damit er schlafen konnte, w�hrend sie eine zweite, unangez�ndete Kerze unter der T�r hindurch schob. Anschlie�end reichte sie einen Feuerstein nach.</p><p>�Danke, Anne.�</p><p>�Miss Black. Und bedank dich nicht bei mir!� Ihre Stimme klang kalt und schroff. �Ich tue es nur, damit du aufh�rst, solchen Radau zu machen. Wie ein Baby im Dunkeln zu heulen!�</p><p>�Du w�rdest hier drin auch heulen.�</p><p>�Das w�rde ich nicht!�, sagte sie mit so viel Geringsch�tzung im Fl�sterton, dass meine Wangen brannten.</p><p>Das d�nne Lichtband unter der T�r begann zu flackern und verschwand, wie Irrlichter, die im Moor davontanzten. Meine Panik kehrte mit aller Macht zur�ck.</p><p>�Warte! Der Feuerstein ist feucht!�</p><p>�Du hast es noch gar nicht versucht.�</p><p>Ich kratzte mit dem Stiefel an der Wand. �Kein Funken! Bitte An� Miss Black. Gebt mir Licht von Eurer Kerze. Durch den T�rspalt.�</p><p>Das Licht, das gesegnete Licht unter der T�r, wurde heller. B�uchlings auf dem Boden liegend, konnte ich die Flamme sehen. Talg tropfte herab, und ich erhaschte einen Blick auf Annes schmale, zarte Finger. Die Flamme flackerte und erlosch beinahe. Sie schrie leise auf, und ich h�rte, wie sie sich aufrappelte und wartete, bis die Flamme wieder gr��er wurde.</p><p>�Ich kann nicht! Es zieht zu sehr! Sie wird ausgehen!�</p><p>�Hast du Angst?�, neckte ich sie. Doch als ich sie zur�cktreten h�rte, f�gte ich rasch hinzu: �Es tut mir leid, Miss Black. Miss Black�� steckt der Schl�ssel im Schloss?�</p><p>Stille. Ich meinte fast, sie in ihrem langen weidengr�nen Nachtgewand sehen zu k�nnen, in dem ich sie zuvor gesehen hatte, ein Tuch um die Schultern geschlungen, w�hrend ihre schmalen H�nde sich sch�tzend um das flackernde Licht schlossen.</p><p>Ich versuchte, meine Stimme so schwach und bescheiden wie m�glich klingen zu lassen. �Miss Black�� ich �berlege, ob es nicht einfacher w�re, wenn Ihr die T�r ein wenig �ffnen w�rdet.�</p><p>Sie lachte, und erneut schwang Geringsch�tzung in ihrer Stimme mit. �H�ltst du mich f�r so eine N�rrin, du Affe?�</p><p>Jetzt hatte das Wort wieder seinen alten verhassten Beiklang. Ich konnte mich gerade eben noch zur�ckhalten, um mich nicht aus Wut und Entt�uschung gegen die T�r zu werfen. Ich schlug die H�nde vor den Mund, um nicht laut zu br�llen.</p><p>Ich begriff nicht, wie ich sie in dem einem Moment lieben und im n�chsten so sehr hassen konnte. Meine Hoffnungen auf sie waren ebenso gewagt als wenn ich in den Spiegel blicken und behaupten w�rde, ich s�he gut aus. Stellen Sie sich zu den F��en und dem roten Haar eine Nase vor, die ebenso spitz und neugierig war wie ein Vogelschnabel, und Sie haben ein ziemlich gutes Bild von mir. Nur meine Augen, gro� und dunkel wie Tinte, bescherten mir �berhaupt irgendeine Aufmerksamkeit. Das und mein Gebrauch von Worten, die ich anfangs gehasst hatte, als sie versuchten, Rhetorik und Schreiben in mich hineinzupr�geln, und die ich inzwischen lieben gelernt hatte.</p><p>�Die T�r �ffnen?�, h�hnte sie. �Du bist schon einmal fortgelaufen.�</p><p>�Das werde ich nicht tun�, stie� ich mit einer pl�tzlichen Inbrunst hervor, die sie ebenso �berrascht haben musste wie mich. �Ich m�chte weglaufen, aber ich kann nicht von Euch weggehen!�</p><p>�Was f�r ein Unfug! Wie kann ich dir vertrauen? Niemand kann dir vertrauen. Mein Vater sagt, du h�ttest den Teufel im Leib. Ich bete jeden Tag f�r dich.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Pssst.�</p><p>�Was war das?�</p><p>�Sei leise!�</p><p>Ich wurde so still wie die Steinfliesen unter meinen F��en. Ich h�rte nichts au�er dem Scharren der Ratten und in der Ferne den Wind, der an den L�den r�ttelte, sowie das Knarren und Knacken von Holz. Des Nachts schien das Haus, genau wie die Schiffe im Hafen, Selbstgespr�che zu f�hren.</p><p>�Macht Ihr das wirklich?�, fl�sterte ich.</p><p>�Was?�</p><p>�F�r mich beten.�</p><p>�Das ist nichts als reine Christenpflicht�, sagte sie leise und ernsthaft. �F�r eine verlorene Seele zu beten. Um dich davon abzuhalten, solche Dinge zu tun. Und solche Sachen zu schreiben.�</p><p>Schreiben? Sie musste das Gedicht meinen, von dem ich einst den Mut besessen hatte, es f�r sie zu verfassen. Hatte sie es gelesen? Ebenso wie Mr�Blacks unerwartetes Lob trieb mir dieser Gedanke die Tr�nen in die Augen. Die Vorstellung, dass sie �berhaupt Notiz von mir genommen hatte und mehr in mir sah als jemand, �ber den man sich lustig machen und den man verspotten konnte, war eine Offenbarung.</p><p>�Weinst du?�</p><p>�Nein. Ja.�</p><p>�Vielleicht bist du doch noch nicht ganz verloren, Affe.�</p><p>In dem Spott lag etwas Weiches, oder war es nur meine Hoffnung? Doch �ber das folgende liebliche Ger�usch konnte es keine Zweifel geben: Der Schl�ssel drehte sich im Schloss. Ich sprang auf, um die T�r zu �ffnen, doch ehe ich das bewerkstelligen konnte, drehte sich der Schl�ssel wieder zur�ck.</p><p>�Wie kann ich die T�r �ffnen, wenn du so ein Gedicht f�r mich geschrieben hast?�</p><p>�Hast du es wirklich gelesen?�</p><p>�Nat�rlich nicht! Mein Vater sagte, es sei so voller Widerw�rtigkeiten���</p><p>�Widerw�rtigkeiten!�, rief ich hitzig. �Du glaubst also, es sei widerw�rtig, zu schreiben: Die Fenster Eurer Seele���</p><p>�H�r auf!�</p><p>�Die in ihrem Schauen nicht mich erblicken���</p><p>�Ich werde nicht zuh�ren!�</p><p>Ich h�rte, wie sie ging. Der gelbe Schimmer ihrer Kerze unter der T�r flackerte auf und verschwand. In diesem Moment scherte mich das nicht. Es war das Erste, das ich je geschrieben hatte und das wahrhaftig sagte, was ich empfand, und die Worte kamen �ber meine Lippen, als f�hrten sie ein Eigenleben.</p><empty-line/><p>�Ich wei�, die Fenster Eurer Seele</p><p>erblicken in ihrem Schauen nicht mich</p><p>sondern einen fremden Satyr. Und doch,</p><p>eines m��igen Tages, werden sie vielleicht</p><p>dieser tumben Zeilen gewahr.</p><p>Und lesen aus diesen ungelenken Worten</p><p>meine vergebliche Hoffnung auf Eure Liebe.</p><p>Allein, mir bleibt der Traum,</p><p>durch meine Liebe zu Euch</p><p>Euren Blick auf mir zu sp�ren.�</p><empty-line/><p>Die Worte hatten mich beruhigt. Nun kehrten die Ger�usche, das Rascheln der Ratten und das Tropfen von Wasser zur�ck. Und mittendrin ein anderes Ger�usch, drau�en vor der Kammer. Der schw�chste Schein gelben Lichts tauchte wieder unter der T�r auf.</p><p>�Anne? Miss Black?�</p><p>�Das waren nicht die Worte, die mein Vater benutzt hat.�</p><p>�Ich werde sie dir zeigen! Du h�ttest sie lesen sollen!�</p><p>�Ich kann nicht lesen! Das wei�t du doch!� Zorn und Dem�tigung lag in ihrer Stimme.</p><p>Das hatte ich nicht gewusst. Ich hatte sie oft mit der Bibel in die Kirche gehen sehen oder beobachtet, wie sie einen der Gedichtb�nde von Richard Lovelace aufschlug, die wir druckten.</p><p>�Ich bringe es dir bei.�</p><p>�Du!� Die Verachtung in ihrer Stimme war nicht zu �berh�ren. �Du hast das Gedicht abgeschrieben. Diesen albernen Spruch hast du doch nie selbst geschrieben!�</p><p>�Hab ich doch!�</p><p>�L�gner!�, h�hnte sie.</p><p>Mein Zorn brach unkontrolliert aus mir hervor, und ich h�mmerte wie rasend gegen die T�r. �Ich habe es selbst geschrieben, und es ist nicht albern, und ich liebe dich und werde dich immer lieben, Gott allein wei� warum!�</p><p>Sie versuchte mich zum Schweigen zu bringen, doch ich gab erst Ruhe, als ich aus der Ferne Mr�Blacks Grummeln h�rte, gefolgt von Mrs�Blacks schriller Stimme.</p><p>�Da ist jemand!�</p><p>Ich h�rte ihn sagen: �Das ist Tom. Lass ihn so viel h�mmern, wie er will.� Dann murmelte er etwas. Mrs�Blacks Stimme wurde lauter, sch�rfer und dr�ngender. �Ich h�re jemanden reden!�</p><p>Was immer Mr�Black erwiderte, wurde von w�tenden Gepolter und knarrenden Dielen �bert�nt.</p><p>Bis jetzt hatte ich in Annes Tonfall nichts vernommen au�er Heiterkeit und Spott, doch jetzt war Panik in ihrer Stimme. �O�Gott! Er darf mich hier nicht finden!�</p><p>�Geh! Geh jetzt!�, dr�ngte ich.</p><p>Ihre Schlafkammer befand sich ein Stockwerk �ber der von Mr�und Mrs�Black. Sie konnte es gerade noch schaffen. Als das Licht ihrer Kerze verschwand, h�rte ich oben die T�r gehen, und einen Moment sp�ter war sie wieder da.</p><p>�Es ist zu sp�t. Er kommt die Treppe herunter.�</p><p>��ffne die T�r!�</p><p>Sie st�hnte leise vor Furcht. �Nein!�</p><p>��ffne sie!�</p><p>Ich h�rte, wie der Schl�ssel umgedreht wurde, und machte die T�r auf. Anne trug ihr gr�nes Nachtgewand, genau wie ich es mir ausgemalt hatte. Den Rest hatte ich mir nie vorgestellt. Ihr wundervolles Haar war unter einer abgrundh�sslichen Nachtm�tze verborgen. Das hochm�tige, sp�ttische junge M�dchen war verschwunden und zu diesem zitternden Etwas geworden, das Gesicht genauso blass wie die Kerze, die sie in der Hand hielt. Als ich das Gedicht schrieb, glaubte ich, wie alle Jungen es tun, ich w�sste alles �ber die Liebe. Ich schaute in ihre Augen, sah ihren wilden Blick umherhuschen wie bei einem gefangenen Tier und begriff, dass ich nichts wusste, au�er, dass ich sie jetzt noch mehr liebte.</p><p>Bei meinem Anblick sah sie furchtsamer aus als je zuvor und wich auf die Treppe zur�ck. Ich nahm den Schl�ssel aus dem Schloss.</p><p>�Wer ist da?�, rief Mr�Black laut.</p><p>Anne wich erneut zur�ck. Ich zog sie an mich und hielt ihr den Mund zu, aus Angst, sie k�nnte schreien. Ich fl�sterte ihr ins Ohr: �Bleib hier! Wenn du in der Werkstatt L�rm h�rst, lauf zur�ck auf dein Zimmer!�</p><p>Ich blies die Kerze aus, erstickte ihren leisen Angstschrei und schlich die Treppe hinauf.</p><p>�Wer ist da?�, wiederholte Mr�Black.</p><p>Ich h�rte eine morsche Stufe knarren, gefolgt von Mr�Blacks gemurmeltem Fluch, und wusste, dass er beinahe unten war. Ich schl�pfte in die K�che, als er mit erhobener Kerze den Raum betrat. Der flackernde Lichtstrahl wanderte auf mich zu. Ich duckte mich hinter einen Stuhl. Von hier aus konnte ich in die Druckerwerkstatt sehen.</p><p>Als Mr�Black sich, die Kerze in der einen Hand, den Stock in der anderen, der Treppe n�herte, die in den Keller f�hrte, schleuderte ich den Schl�ssel in die Werkstatt. Er traf die Druckerpresse und, zu meinem gro�en Gl�ck, verschob einige der trocknenden Bl�tter. Die Klemmen, die sie beschwerten, fielen polternd zu Boden.</p><p>�Diebe!�, schrie Mr�Black, setzte die Kerze ab und rannte in die Werkstatt. Ich folgte ihm, lief geduckt um die Presse herum und versuchte zur T�r zu gelangen, doch er sah mich und schnitt mir den Weg ab. Er hob seinen Stock. Was immer auch mein vager Plan gewesen war, st�rzte in sich zusammen.</p><p>�Du bist es!�, rief er. �Wie bist du da rausgekommen?�</p><p>�Lauf!�, schrie ich. �Lauf!�</p><p>�Ihr seid also zu zweit!�</p><p>Ich wich dem ersten Hieb aus. Er stand mit dem R�cken zur K�che, und ich ersp�hte Annes versteinertes Gesicht, als sie die Kellertreppe heraufkam.</p><p>�Ich werde mit zweien von deiner Sorte fertig!�</p><p>Durch Annes Anblick abgelenkt, erwischte mich der n�chste Schlag, und ein dritter warf mich zu Boden.</p><p>�Wo ist der andere? Wer hat dich herausgelassen?�</p><p>Ich sch�tzte meinen Kopf mit den Armen und rollte mich zu einem gef�gigen Ball zusammen, wie ich es so viele Male zuvor getan hatte, um seine Schl�ge zu empfangen. Doch bei der Vorstellung, er k�nnte Anne entdecken, begann ich zu k�mpfen, wie ich nicht mehr gek�mpft hatte, seit sie mich aus Poplar fortgeholt hatten. Unter Schmerzen und wie durch einen verschwommenen Nebel sah ich seine Beine, nur wenige Zoll von mir entfernt, packte sie und zog. Als er erneut zuschlagen wollte, verlor er die Balance und st�rzte. Sein Gesicht zeigte gro�es Erstaunen, als er mit solch einer Wucht auf dem Boden aufschlug, dass ich glaubte, das Haus m�sste zusammenbrechen.</p><p>Ich war schon an der T�r und nestelte am Schl�ssel herum, ehe ich begriff, dass er sich nicht r�hrte und keinen Ton von sich gab. Ich ging zu ihm zur�ck. Mr�Black lag ganz still, die Augen geschlossen. Ein wilder Gedanke nach dem anderen jagte durch meinen Kopf. Ich war verliebt. Und ich hatte ihr gesagt, dass ich sie liebte. Und einen Moment sp�ter brachte ich ihren Vater um!</p><p>Als ich mich �ber ihn beugte, schlug er die Augen auf und packte mein Handgelenk. Er war ein kr�ftiger Mann, und ich konnte mich nicht loswinden. Ich hielt mich am Tisch fest, um zu verhindern, dass er mich zu Boden zog. Ein Stuhl fiel krachend um.</p><p>�Verdammt seist du!�, keuchte er und schnappte nach Luft. �Wirst du wohl hierbleiben!�</p><p>Ich dachte, er w�rde mir das Handgelenk brechen. Mit der anderen Hand dr�ckte er sich vom Boden ab und stand auf. Einen Moment sp�ter, und ich w�re gefallen. Ich stellte gerade meinen Stiefel auf die Hand, die er als Hebel benutzte, als ich Anne von oben in die K�che kommen sah, als sei sie gerade erst aufgewacht. Ein Ausdruck des Entsetzens lag auf ihrem Gesicht, als ihr Vater vor Schmerz aufschrie und mich loslie�. Ich wollte etwas zu ihr zu sagen, aber ihr Vater versuchte erneut voller Zorn, mich zu packen, und ich machte, dass ich zur T�r kam, zerrte am Riegel und war schon auf dem Half Moon Court, ehe er die T�r erreichte und hinter mir herbr�llte.</p><p>�Halt! Du kleiner Narr! Du bist in gro�er Gefahr! Komm zur�ck! Ich muss mit dir reden!�</p><p>Ich wollte schon zur Cloth Fair rennen, doch ich blieb stehen und drehte mich um. Beinahe w�re ich umgekehrt. Ich w�nschte, ich h�tte es getan. Ich z�gerte nicht aufgrund dessen, was er mir zurief, denn ich fasste seine Warnung vor der Gefahr, in der ich schwebte, nur als weiteres Geschw�tz �ber die Gefahren f�r meine Seele auf. Doch da die H�lle nicht �rger sein konnte als dieser finstere, rattenverseuchte Keller, beschloss ich auf der Stelle, dass ich in Zukunft selbst f�r mein Seelenheil sorgen w�rde.</p><p>Nein, es war der Ausdruck des Entsetzens auf Annes Gesicht, als ich auf die Hand ihres Vaters getreten war, der mir ins Herz schnitt und mich z�gern lie�. Mr�Black kam auf mich zu. Der Zorn war aus seinen Z�gen gewichen. Stattdessen spiegelte sein Gesicht dieselbe Besorgnis, die ich erst wenige Stunden zuvor gesehen hatte, als er mich gelobt hatte.</p><p>Ich z�gerte immer noch, w�hrend er n�herkam. Wenn ich zur�ckkehrte, was sollte ich Anne sagen? Erkl�ren? Was erkl�ren? Mich entschuldigen? Warum sollte ich mich entschuldigen? Ich hatte so viele Schl�ge eingesteckt, und ich w�rde es nicht l�nger dulden. Trotzdem blieb ich stehen, bis er mich fast erreicht hatte, denn er war mein Master, und ich respektierte ihn und hielt ihn f�r einen guten Mann. Anders als George schlug er niemals aus B�sartigkeit, sondern nur, damit ich mich dem beugte, was er f�r das Richtige hielt.</p><p>Und so stand ich da, hypnotisiert von den dunklen Augen inmitten der tiefen Falten seines Gesichts. Er war beinahe nah genug, um mich zu ber�hren, als ich �ber dem krummen Vorsprung des Hauses die ersten Lichtstrahlen am Nachthimmel entdeckte.</p><p>Unvermittelt brachten sie die Erinnerung an den dunklen Keller mit aller Macht zur�ck, an dieses entsetzliche Sehnen, die ersten winzigen Lichtblitze durch den Putz zu ersp�hen, dass ich meinen Blick von ihm losriss, mich umdrehte und rannte.</p><p>Er rief noch etwas, aber ich konnte ihn nicht l�nger verstehen. Ich rannte durch Cloth Fair nach Smithfield, wo bereits die ersten Rinder auf den Markt gef�hrt wurden. Ich warf meine blaue M�tze fort, die mich als Lehrjungen auswies, und war auf der Stelle inmitten der trampelnden Hufe verborgen. Es gab zwei Hirten. Ich hob einen Stecken auf und wurde zum dritten, so wie ich es manchmal als kleiner Junge in Poplar getan hatte.</p><p>Und dieser Stecken, mit dem ich die schwankenden Rinderleiber anstupste, sowie das Licht, das sich langsam in den Nachthimmel �ber dem gro�en Marktplatz fra�, wie ich es so oft mit halbgeschlossenen Augen dr�ben am Hafen gesehen hatte, wenn Matthew und ich zur Werft stolperten, erf�llten mich mit einer �berw�ltigenden, qu�lenden Sehnsucht nach zu Hause.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>5.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Ich w�nschte von ganzem Herzen, ich w�re eher nach Poplar zur�ckgekehrt, aber ich wagte es nicht, den direkten Weg durch Aldgate zu nehmen, aus Angst, beobachtet zu werden.</p><p>Ich brach nicht nur mein Wort: Die Kleider, die ich am Leib trug, und die Stiefel an meinen F��en geh�rten Mr�Black. Nachdem ich zum ersten Mal davongelaufen war, einen Monat nach meiner Ankunft, war ich prompt gefasst worden. Damals hatte man mir eingepr�gelt, dass ich die Kleidung, die ich trug, gestohlen h�tte, und dass man mich daf�r in Newgate einsperren k�nnte.</p><p>Statt nach Osten zu gehen, wie man es gewiss von mir erwartete, machte ich mich auf den Weg zum Fluss mit der vagen Hoffnung, einen F�hrmann zu �berreden, mich �berzusetzen. An der Blackfriars Treppe lachten sie oder sch�ttelten den Kopf. Aber weiter flussabw�rts reparierte ein F�hrmann sein Boot, das arg durchl�chert war. Ich half ihm, kochte das Pech, wie ich es fr�her getan hatte, und kalfaterte das Boot. Ich schlief in seiner H�tte, in die der Nebel kroch wie ein alter Freund, so wie ich es von zu Hause gewohnt war, wenn er aus dem Moor aufstieg und das gegen�berliegende Ufer des Flusses verschwinden lie�.</p><p>Der F�hrmann bezahlte mich mit Brot, getrocknetem Leng und Aal sowie einer Seemannsm�tze und einer zerrissenen Jacke, mit der er eines der L�cher in seinem Boot ausgestopft hatte. Die M�tze und die zerlumpte Jacke halfen, meine Uniform zu verbergen, bis ich endlich die Poplar High Street erreichte. Der Nebel h�llte die H�user in weiche, unbestimmte Schatten und d�mpfte die Schritte, so dass ich, als ich mich mit wachsender Erregung unserem alten Haus n�herte, beinahe in eine Frau hineingerannt w�re. Eine Entschuldigung murmelnd, wich ich ihr aus.</p><p>�Tom!�</p><p>Sie war so in Kleider geh�llt und hatte ein Tuch vor ihr Gesicht geschlungen, dass ich sie nur an der Stimme als unsere alte Nachbarin erkannte. �Mutter Banks!�</p><p>Ich trat auf sie zu, um sie zu umarmen, doch ein Unterton in ihrer Stimme lie� mich innehalten. �Ich hatte gebetet, dass du kommst.�</p><p>�Warum? Ist meine Mutter krank?�</p><p>�Du wei�t es nicht? Gott beh�te uns!�</p><p>Sie schaute die Stra�e hinab. Ich folgte ihrem Blick und sah inmitten der verschwommenen H�userzeile eines, das herausstach wie ein ausgebrochener Zahn. Ich rannte los. Die T�r hing in den Angeln. Die Nachbarh�user schienen nur wenig Schaden genommen zu haben.</p><p>Das Dach unseres Hauses war noch intakt, doch die Fenster waren klaffende L�cher, das Holz der Rahmen ru�geschw�rzt. Die T�r stand einen Spalt offen. Ich stie� sie auf, und ein stechender feuchter Geruch stieg mir in die Nase. Holz von halbverbrannten Balken zerbr�selte unter meinen F��en, als ich die Kammer betrat, in der Susannah gelebt und geschlafen hatte. Hinter mir h�rte ich Mutter Banks.</p><p>�Es tut mir so leid, Tom. Sie starb in den Flammen.�</p><p>Ich drehte mich um, und sie zog mich eng an sich.</p><p>�Was ist passiert?�</p><p>Sie erz�hlte mir, dass sie mitten in der Nacht durch Schreie und Rauchgeruch geweckt worden war. Als Mutter Banks zu unserem Haus kam, hatten die Nachbarn bereits Wasser herangeschafft, denn die H�user in der Stra�e waren so bauf�llig, dass es schon mehrmals gebrannt hatte und �berall in der Gasse Wasserf�sser aufgestellt worden waren. Die Leute glaubten, das Feuer sei durch eine Kerze entfacht worden, die Susannah brennen gelassen hatte, als sie schlafen gegangen war. Das Feuer musste schon eine ganze Weile gebrannt haben, ehe die Nachbarn davon geweckt wurden, denn Susannah war vom Rauch dahingerafft worden.</p><p>Ich fand den eisernen Kessel, den sie immer auf dem Feuer stehen hatte, und einen verbogenen zinnernen Kerzenhalter, auf den sie sehr stolz gewesen war, obwohl ich mir keinen Grund daf�r vorstellen konnte.</p><p>�Wenn die M�nner nicht gewesen w�ren, w�re es noch viel �bler ausgegangen.�</p><p>Ich lie� den Kerzenhalter fallen. �M�nner? Was f�r M�nner?�</p><p>�Logierg�ste.�</p><p>�Seeleute?�</p><p>�Susannah sagte, sie k�men vom Hafen. Sie selbst sagten, der Schiffsbauer habe sie geschickt.�</p><p>�Wie sahen sie aus?�</p><p>�Ich habe sie nie gesehen, bei dem Rauch und allem. Sie waren nur f�r eine Nacht hier. Sie haben Susannah herausgeschleppt. Sobald das Feuer gel�scht war, sind sie gegangen.�</p><p>�Wann war das?�</p><p>�Mittwoch.�</p><p>Einen Tag, nachdem ich vom Half Moon Court fortgelaufen war. Ich kletterte an dem nach oben, was von der Stiege �brig geblieben war. Der Treppenabsatz, auf dem ich fr�her geschlafen hatte, war sicher, und die Kammer, die Susannah vermietet hatte, war versengt, aber halbwegs unbesch�digt. Und das Dach, das normalerweise rasch Feuer fing und es weiter trug, war nahezu unber�hrt.</p><p>Ich ging wieder nach unten.</p><p>�Es sieht aus, als sei es hier unten ausgebrochen. Ihr habt Gl�ck gehabt.�</p><p>�Ja. Ich habe dem Herrn gedankt.� Mutter Banks faltete die H�nde. �Erst vor Kurzem sind neben der Kirche zwei ganze Stra�en niedergebrannt. Wir hatten Gl�ck, dass die M�nner so rasch reagiert haben.�</p><p>Ich ging im Zimmer herum, in dem Susannah geschlafen hatte und in dem der gr��te Schaden entstanden war. K�nig James hatte gesagt, London sei �aus Stecken errichtet�, und er wolle es �aus Steinen erbauen�, aber in den �stlichen Vororten hatte er damit aufgeh�rt, da der Sumpf diese H�user nicht tragen w�rde. Als die Bauarbeiter in aller Eile die H�user f�r neue Werftarbeiter hochgezogen hatten, hatten sie die Zwischenr�ume zwischen den Holzbalken mit einer Mischung aus M�rtel und Lumpen verstopft, die sich bei einem Brand rasch aufl�ste. Die Tr�mmer knirschten unter unseren F��en, w�hrend der feuchtkalte Nebel von der Stra�e uns umh�llte.</p><p>Erneut hob ich den Kerzenhalter auf und drehte den verbogenen St�nder in meinen Fingern. Ich erinnerte mich, dass ich einmal versucht hatte, mich damit nach oben zu schleichen, damit ich noch lesen konnte, nachdem alle anderen sich schlafen gelegt hatten. Es war das einzige Mal gewesen, dass ich Susannah jemals w�tend erlebt hatte.</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. �Susannah h�tte die Kerze niemals brennen lassen.�</p><p>Mutter Banks dr�ckte sachte meine Hand. �Sie muss es getan haben, Tom.�</p><p>Ich entzog mich ihrer Ber�hrung und schleuderte den Kerzenst�nder fort. �Ich glaube es nicht!�</p><p>Meine pl�tzliche Heftigkeit �ngstigte sie, diese Mischung aus Wut, Best�rzung und Trauer, die unvermittelt aus mir hervorbrach. Mir erging es nicht anders. Ich konnte nicht aufh�ren zu zittern. Zwei M�nner. Am Tag, nachdem ich davongelaufen war. Die das Offensichtliche vermuteten und annahmen, ich sei geradewegs nach Poplar gegangen. Die nicht mich, sondern meine Mutter fanden.</p><p>�Wo ist sie?�</p><p>�Begraben. Gestern. Es tut mir leid, Tom, es tut mir so leid. Komm mit mir.�</p><p>Ich war wieder wie ein Kind und wechselte von Ungest�m zu unkontrolliertem Schluchzen. Mutter Banks f�hrte mich zu ihrem Haus und murmelte, dass die Tr�nen mir gut t�ten, aber ich glaubte ihr nicht und konnte mir nicht vorstellen, dass ich mich je wieder besser f�hlen w�rde. Zuerst hatte ich Matthew verloren�� denn ich war �berzeugt, ihn nie wiederzusehen��, und jetzt Susannah!</p><p>Mutter Banks hatte nur wenig Kohlen, also kehrte ich zur�ck in die Ruine unseres Hauses und klaubte St�cke halbverbrannten Holzes auf. Der klamme gelbe Nebel drau�en war inzwischen so dick, dass beharrlich eine dumpfe Schiffsglocke ert�nte, denn jedes Schiff, das noch keinen sicheren Platz gefunden hatte, musste ganz langsam fahren. Mutter Banks entz�ndete ein Feuer und w�rmte etwas dicke Suppe auf, die ich mich zun�chst weigerte zu essen, dann aber gierig verschlang.</p><p>Der leere Teller entglitt meinen Fingern. Ich sp�rte, wie sie ihn mir sanft aus der Hand nahm.</p><p>�Sie h�tte�� niemals�� eine Kerze brennen lassen�, wiederholte ich dickk�pfig.</p><p>�Susannah hat sich ver�ndert. Sie war nicht mehr so, wie du sie gekannt hast.�</p><p>�Ver�ndert?�</p><p>�Schhh. Versuch zu schlafen.�</p><p>�Wie hat sie sich ver�ndert?�, murmelte ich.</p><p>�Sie ist Laienpredigerin geworden.�</p><p>�Eine Frau als Predigerin?�</p><p>Ich l�chelte. Das war die Art Geschichte, die ich bei den Flugschriften liebte, die Sorte, von der man nie wissen konnte, ob sie wahr war, aber von der man hoffte, sie sei es. Es waren diese Geschichten, welche die Leute f�r einen oder zwei Pennys kauften und am Feuer nacherz�hlten, bis viele Menschen sie glaubten. Die Art von Geschichte, �ber der man einschlief. Doch diese hier machte mich putzmunter, und erstaunt starrte ich Mutter Banks an.</p><p>Susannah hatte aufgeh�rt, zu Mr�Ingram nach St.�Dunstan�s zu gehen, und hatte sich stattdessen einem unabh�ngigen Pfarrer angeschlossen, bei dem man seine Gebetete im Stillen verrichtete, bis eine Person sich berufen f�hlte zu sprechen. Den meisten Frauen fehlten die Worte, und sie wandten sich an den Pfarrer, einen Mann, damit er sie f�hrte; doch es schien, als habe Susannah das besessen, was er die Gabe der Zungenrede nannte. Sie erhob sich und schlug den Raum in ihrem Bann, w�hrend ihre Worte �berall ert�nten.</p><p>Sie sagte, der gro�e Tumult in London, der vom Parlament angestachelt wurde, k�ndige von der Wiederkunft des Herrn. Christus sei wiedergeboren, dieses Mal nicht in einem Stall, sondern in einer Pestgrube. Sie behauptete, einen Zeugen daf�r zu haben, und gab eine ungereimte Geschichte aus Bibelzitaten und Erlebnissen von sich, die ihr angeblich selbst zugesto�en waren. Oxford wurde zu Bethlehem, und K�nig Charles zu Herodes.</p><p>Aus den umliegenden Gemeinden begannen die Menschen zu ihr zu kommen, selbst diejenigen, die sie f�r verr�ckt hielten, denn eine fremde Stimme sprach aus ihr. Manche glaubten tats�chlich an ihre Prophezeiungen, dass sich erneut Menschen gegen Christus verschworen h�tten.</p><p>�Was haltet Ihr von dem, was meine Mutter gesagt hat?�, fragte ich.</p><p>Sie z�gerte. �Zuerst glaubte ich, es sei der Hunger.�</p><p>�Hunger?�</p><p>�Sie hat gefastet. Tagelang nahm sie nichts zu sich au�er D�nnbier. Dann��� Sie z�gerte erneut. Ein Holzscheit sackte ein und warf einen flackernden Lichtschein auf ihr Gesicht. �Sie sprach in R�tseln, wie in der Bibel. Sie sagte, du seist ihr Kind und doch nicht ihr Kind.�</p><p>Ich lachte. �Was soll das hei�en?�</p><p>Die flackernde Flamme erstarb, und ihr Gesicht lag im Dunkeln. �Es gab ein Kind, das seiner Mutter geh�rte und nicht seiner Mutter�, sagte sie.</p><p>Ich h�rte auf zu lachen und starrte sie an. Sie hatte die H�nde gefaltet, und ihr Gesicht kam erneut ins Licht des Feuers. �Ich habe so sehr darum gebetet, dass du kommst! Und als du so aus dem Nebel getreten bist�� da dachte ich�� einen Moment���</p><p>Ich ergriff ihre H�nde und sch�ttelte den Kopf, unf�hig zu sprechen, so �berw�ltigt war ich von dem Ausdruck des Vertrauens und der Hoffnung in ihrem Gesicht.</p><p>�Ihr seid nicht�� Er, der gekommen ist?�</p><p>Sie streckte eine Hand aus, um mein Gesicht zu ber�hren, und ich nahm sie und k�sste sie. Jetzt konnte ich nicht anders und l�chelte und lachte.</p><p>�Nein, nein, Mutter Banks, es tut mir leid, aber danke�� ich wurde schon so oft f�r den Teufel gehalten! Aber ich hoffe, ich bin weder das eine noch das andere. Ich bin derselbe alte Tom, Tom Neave, die H�nde so schwarz wie eh und je. Seht Ihr? Doch jetzt ist es Tinte, kein Pech.�</p><p>Ich umarmte sie, und sie lachte mit mir, denn wir beide brauchten etwas Fr�hlichkeit an diesem d�steren Tag. Sie lachte vor Erleichterung und noch aus einem anderen Grund, denn wie ich hatte sie eine Neigung zum Praktischen. Gleichwohl sp�rte ich einen Hauch des Bedauerns bei ihr und sah erneut den schmalen Grat zwischen den Geschichten, die wir einander erz�hlten, und jenen, die wir f�r wahr hielten.</p><p>Als ich in jener Nacht schlie�lich vor dem niedergebrannten Feuer auf den Schlaf wartete, ging und ging mir Susannahs R�tsel nicht aus dem Kopf. Ihr Kind und doch nicht ihr Kind. Zum ersten Mal begann ich Fragen zu stellen, die ich mir schon l�ngst h�tte stellen sollen.</p><p>Hatte ich nicht zu leicht die Geschichten geglaubt, die ich mir selbst erz�hlt hatte? Zum Beispiel, dass Mr�Black mich aus keinen anderem Grund zu seinem Lehrjungen gemacht hatte, als dass er von meiner wundersamen Gabe des Lesens geh�rt hatte?</p><empty-line/><p>W�hrend der Nacht kam ein bitterer Ostwind auf und vertrieb den Nebel. Mutter Banks brachte mich nach St.�Dunstan�s und zeigte mir die unmarkierte Stelle, an der Susannah begraben lag. Ihr Grab befand sich in einer vernachl�ssigten Ecke, dort, wo der Wind �ber das Marschland fegte. Er beugte die B�ume in eine Richtung, w�hrend die Kirche sich, nachdem der Boden abgesackt war, zur anderen neigte. Es gab keine Grabsteine, und das ungeschnittene Gras wucherte, bis auf die Stelle mit dem frischen Grab.</p><p>Zumindest bot die Stelle einen weiten Blick �ber die Marsch, die ich so liebte, und wo das Land, in dem die Flut gl�nzende Wasserpf�tzen hinterlassen hatte, mit dem tiefen grauen Himmel verschmolz. Erneut sp�rte ich Tr�nen aufsteigen, ich sank auf die Knie und versuchte zu beten, konnte aber nicht aufh�ren, an die beiden M�nner und das Feuer zu denken.</p><p>Wir markierten ihr Grab mit einem kleinen Steinhaufen, und ich schwor, eines Tages zur�ckzukehren und einen ordentlichen Stein aufzustellen.</p><p>�Ist an dem Abend vor dem Feuer irgendetwas Besonders geschehen?�, fragte ich auf dem R�ckweg.</p><p>�Nein. Nun ja��� Mutter Banks z�gerte.</p><p>�Was?�</p><p>�Als ich hinausging zum Abtritt, h�rte ich Susannah schreien und rufen.�</p><p>�Habt Ihr an die T�r geklopft?�</p><p>�Nein.� Sie schluckte nerv�s. �Ich hatte Angst! Du wei�t nicht, wie sie war, Tom! Sie konnte mitten in einer Versammlung aufstehen und schreien, dass der Herr �ber sie gekommen sei.�</p><p>�Hat sie das an dem Abend auch gerufen?�</p><p>�Nein, nein, ich kann mich nicht erinnern. Nun ja�� ich h�rte sie rufen �Gott wei�, dass ich nicht wei�, wo er steckt!� Dann wurde es still. Ich dachte, sie h�tte im Schlaf geschrien.�</p><empty-line/><p>Im Trockendock stand das Skelett eines neuen Schiffes, aber keine M�nner arbeiteten daran, als ich nach dem Besuch des Friedhofs dorthin ging. Auf meinem Weg ins Kontor des Schiffsbauers kam ich an einem Eimer mit erstarrtem Pech vorbei.</p><p>Der Schiffsbauer machte eine Bemerkung, wie gro� ich geworden sei, und sagte, fr�her habe er stets zu mir hinunterblicken m�ssen, und jetzt m�sse er aufblicken. Ohne meine feuerroten Haare und die wie ein Bug hervorstehende Nase h�tte er mich gar nicht erkannt. Er nahm an, dass ich wegen Susannahs Tod zur�ckgekehrt sei, und ich erz�hlte nichts davon, dass ich meinen Vertrag gebrochen hatte, doch in seinem Gebaren lag eine Nervosit�t, als hege er einen Verdacht. Er hatte ein verletztes Bein, und als er die Schritte eines der wenigen Arbeiter drau�en auf dem Hof h�rte, humpelte er rasch zur T�r, um zu sehen, wer es war, als f�rchte er einen unwillkommenen Besucher.</p><p>Die meisten M�nner seien weitergezogen, um sich eine andere Arbeit zu suchen, erkl�rte er mir. Nachdem der Kiel des Schiffes drau�en auf Stapel gelegt worden war, war das Geld ausgegangen. Drei Edelleute waren an dem Boot beteiligt. Als einer von ihnen wegen Schulden eingesperrt worden war, hatten sich die anderen geweigert zu zahlen, bis sie den Anteilseigner ersetzt hatten. Er sagte, solange der Streit zwischen dem K�nig und dem Parlament anhielt, k�mmere sich niemand mehr um seine Gesch�fte, genauso wenig wie um das Skelett des Schiffes, das langsam zu verrotten begann.</p><p>Ich fragte ihn, wer die Seeleute gewesen seien, die in jener Nacht bei Susannah waren.</p><p>�Seeleute?� Er sch�ttelte den Kopf. �Das waren keine Seeleute. Der F�hrmann hat sie aus der Stadt r�bergebracht. Sie sagten, sie seien Freunde von dir. Hatten gehofft, dich hier zu finden.�</p><p>�Habt Ihr ihnen geglaubt?�</p><p>Er spie aus und ging zum Fenster. �Ich w�rde sie nicht mit an Bord haben wollen�, sagte er. �Einer sah aus wie ein Soldat.� Er spie erneut aus. �Oder als sei er mal einer gewesen. Er hatte ein langes Gesicht. Trug einen Biberhut. Mit dem anderen m�chte ich lieber nicht in Streit geraten. Sagte, dass sie dir helfen, deinen Vater zu finden.�</p><p>�Matthew! Was habt Ihr ihnen erz�hlt?�</p><p>�Dasselbe, was ich dem anderen Mann gesagt habe, der ihn gesucht hat, kurz nachdem er verschwand.�</p><p>�Welcher andere Mann?�</p><p>Zum ersten Mal sah er mich direkt an. �Steckst in Schwierigkeiten, was?�</p><p>Ich sagte nichts.</p><p>Er z�gerte, dann fuhr er fort: �Ich sagte ihnen und dem anderen Mann, dass Matthew einen Platz auf dem Schiff nach Hull gesucht hat oder auf einem Kohlenschiff auf dem Weg zur�ck nach Newcastle.�</p><p>�Ist er dorthin gegangen?�</p><p>Er musterte mich pr�fend und spie ein weiteres Mal aus. Dann nahm er ein paar Zeichnungen von einem Schemel und wies mich an, Platz zu nehmen. Er nahm eine Flasche aus dem Regal, auf dem auch die Flasche mit dem London Treacle gestanden hatte, den ich bekommen hatte, als ich mich mit dem Pech verbrannt hatte. Ich erinnerte mich an den seltsamen Traum von dem alten Edelmann, der sich an jenem Tag �ber mich gebeugt hatte, in genau diesem Raum.</p><p>�Wie geht es deiner Narbe?�, fragte er.</p><p>Ich zeigte ihm das verf�rbte, leicht runzlige St�ck Haut. Er betrachtete es fast bewundernd, w�hrend er Zeichnungen von Schiffen auf eine Seite des Tisches schob, die eines Tages vielleicht entstehen w�rden�� oder nie. Er goss die braune Fl�ssigkeit aus der Flasche ein.</p><p>�Ehe du fertig bist, wirst du einen ordentlichen Schluck hiervon brauchen.�</p><p>Ich hustete, als ich die brennende braune Fl�ssigkeit herunterschluckte, und Tr�nen traten mir in die Augen. Das schien seine Laune zu heben.</p><p>�Und noch einen.�</p><p>Er kippte das, was seinen Worten nach der beste holl�ndische Weinbrand war, nat�rlich verzollt, wie er mit einem Augenzwinkern beteuerte, hinunter, schenkte sich nach und starrte hinaus auf das halbfertige Boot im stillen Dock.</p><p>�Matthew stand hier, an dem Tag, an dem du gegangen bist. Er wollte zum Kai laufen und sich verabschieden. Er h�rte, wie du nach deinem Vater gerufen hast und w�re beinahe zusammengebrochen. Aber er hatte zu gro�e Angst.�</p><p>�Wo ist er hingegangen?�</p><p>Er deutete auf den Fluss. �Flussaufw�rts, nicht abw�rts. Am Tag, nachdem du gegangen bist�� mit der n�chsten Flut. Ich verschaffte ihm einen Platz auf einer Schute. Ich h�rte ihn sagen, er wolle irgendwo zwischen Maidenhead und Reading abgesetzt werden. Ich habe keine Ahnung, wohin er von dort aus gegangen ist, aber er rechnete damit, dass es sich um eine Tagesreise handelt, auf der gr�nen Stra�e, was immer das sein soll.�</p><p>Ich umarmte ihn. �Danke, danke! Ihr sagtet, ein anderer Mann habe nach Matthew gefragt. Kurz nachdem er verschwunden ist. Wer war es?�</p><p>Der Schiffsbauer schien gleichzeitig mit den Schultern zu zucken und zu erschaudern. �Ich hatte ihn nie zuvor gesehen, und ich bin nicht besonders erpicht darauf, ihm noch einmal zu begegnen. Er sagte mir, wo ich ihn erreichen k�nnte, falls ich von Matthew h�rte, aber ich h�rte nie von ihm, also gab ich ihm auch nie Bescheid.�</p><p>W�hrend er sprach, w�hlte er in einer Schublade zwischen alten Zeichnungen und Gezeitenkalendern, bis er ein St�ck Papier ausgegraben hatte. Die Handschrift war unregelm��ig und kaum lesbar, in kurzen w�tenden Strichen hatte die Feder sich ins Papier gebohrt. Es war die Handschrift eines Mannes, der sp�t im Leben und unter gro�en Schwierigkeiten Schreiben gelernt hatte, und sie war mit vielen Kringeln und Schn�rkeln verziert, um seine gesellschaftliche Stellung zu unterstreichen. Er hatte geschrieben: R.�E.�Esq., bei Mr�Black, Half Moon Court, Farringdon, London.</p><p>Der Schiffsbauer wusste nicht, wer R.�E.�Esq. war, aber er sagte, er h�tte eine Narbe im Gesicht gehabt, die von der Wange bis zum Hals reichte, genau wie Matthew es mir gezeigt hatte, als er mich so eindringlich vor einem narbigen Mann gewarnt hatte, damals vor acht Jahren am Lagerfeuer.</p><p>Ehe ich zur T�r hinaus war, hatte er sich einen weiteren Brandy eingegossen. Ich war schon halb die Treppe runter, als er rief: �Warte! Bei dem ganzen Gerede h�tte ich es beinahe vergessen!�</p><p>Erneut w�hlte er in der Schublade herum, dann in einer anderen, wobei er vor sich hin nuschelte und schlie�lich eine M�nze zum Vorschein brachte. �Matthew sagte, sie w�rde dir geh�ren, nicht ihm.�</p><p>Es ber�hrte mich zutiefst, als ich daran dachte, dass mein Vater, selbst in einem Moment der Panik und obwohl er selbst alles Geld gebrauchen konnte, das er hatte, mir so viel hinterlassen hatte, wie er konnte. �Mir?�</p><p>�Es geh�rt dir. Das hat er gesagt.�</p><p>Verwirrt nahm ich die M�nze entgegen, drehte sie immer wieder um, als k�nnte ich in den Inschriften irgendeine Botschaft erkennen. Aber es war nur ein silbernes Halbkronenst�ck wie jedes andere, das den K�nig auf einem Streitross zeigte.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>6.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Wenn ich in Poplar bliebe, w�rden sie mich finden, wer immer sie sein mochten. Also tat ich das, wovon ich annahm, dass sie es nicht erwarten w�rden. Wie Dick Whittington machte ich kehrt und ging zur�ck in die Stadt.</p><p>Ich w�rde herausfinden, wer die M�nner waren, die meiner �berzeugung nach meine Mutter get�tet hatten. Ich w�rde versuchen, Antworten auf die Fragen zu finden, die ohne Unterlass in meinem Kopf herumwirbelten wie ein Schwarm w�tender Bienen. Warum hatte Mr�Black mich als Lehrjungen genommen? Was hatte er mit dem Mann mit der Narbe zu tun?</p><p>Der Einzige, der diese Fragen beantworten konnte, oder zumindest die meisten davon, war Mr�Black.</p><empty-line/><p>Der Wind trieb dunkle dahineilende Wolken �ber die Marsch, als ich am n�chsten Morgen nach einer zweiten Nacht bei Mutter Banks aufbrach. Gegen Mittag erreichte ich die Au�enbezirke der Stadt. Dort machte ich Halt. Mit meiner Lehrlingskluft w�rde ich nicht weit kommen, und die �berreste der flotten Matrosenm�tze verdeckten mein rotes Haar kaum.</p><p>Kurz hinter der Stadtmauer fand ich genau die Art Markt, die ich brauchte. Von Irish Mary in einer Stoffbude im zweiten Gang kaufte ich d�nne Kniehosen, weil sie Schleifen hatten, die man am Knie binden musste und von denen ich so t�richt war zu glauben, das sei der letzte Schrei. Meine Lehrlingsstiefel tauschte ich gegen ein Paar Schuhe mit schicken Schnallen, wie sie auch �bei Hofe� getragen wurden, wie die Frau sagte. Ich lieb�ugelte mit einem ledernen Wams und zog die M�nze hervor, die Matthew mir hinterlassen hatte. Sie biss hinein und sagte, es sei nicht nur eine gute, sondern eine der ersten M�nzen, die gepr�gt worden waren.</p><p>�Woher wollt Ihr das wissen?�</p><p>�Seht hier. Auf dem Rand�� die Lilie.�</p><p>Mit dem langen Fingernagel deutete sie auf die winzige bourbonische Lilie �ber dem Kopf des K�nigs. Sie sagte, dieses Zeichen verrate, dass die M�nze 1625 gepr�gt worden sei, im Jahr der Kr�nung des K�nigs.</p><p>�Genau so alt wie Ihr�, kicherte sie.</p><p>Ein unerkl�rlicher Schauder erfasste mich; die Art Zittern, die Susannah stets hatte frage lassen: �Ist jemand �ber dein Grab gelaufen, Tom?�</p><p>Matthew hatte dem Schiffsbauer erz�hlt, dass die M�nze mir geh�re. Jetzt nahm ich sie zur�ck und drehte sie zwischen den Fingern. Vielleicht war es eine magische M�nze, und wenn ich sie ausgab, w�rde ich einen Teil meiner Vergangenheit weggeben. Widerstrebend zog ich das teure Wams aus und steckte die M�nze zur�ck in meine Tasche. Stattdessen erwarb ich das, was die Frau einen Josephmantel nannte, vielleicht nach dem Mantel der tausend Farben, obwohl diese Farben eher von den zahlreichen Lederflicken stammten, die ihn zusammenhielten, bedeckt mit Fett und anderen Flecken, deren Herkunft ich gar nicht so genau wissen wollte. An einem anderen Stand tauschte ich mein Lehrlingsmesser gegen einen Dolch mit S�gez�hnen. Er besa� Z�hne auf der Oberseite der Klinge, mit denen man die w�tende Klinge eines jeden Schwerts fangen und abbrechen konnte.</p><empty-line/><p>Die Stadt wirkte anders. Cornhill war sauber gefegt. Trotz Nieselregen waren Gruppen von Stra�enkehrern in Poultry unterwegs, die den Abfall aus den H�usern, tote V�gel und Hunde in ihre Karren warfen. Sie stritten nicht herum, wie sie es �blicherweise taten, dass ein Abfallhaufen �hinter der Linie� im Bereich eines anderen l�ge, und schoben ihn auch nicht �ber die Grenze, sobald der andere Karren au�er Sicht war. Man hatte Holzplanken ausgelegt, damit die Wagen nicht im Stra�enmatsch steckenblieben. Eine Gruppe M�nner debattierte erbittert vor St.�Stephen�s Walbrook. Die Glocken der Kirche l�uteten. Ich fragte einen Mann nach der Uhrzeit und ob es Zeit f�r den Gottesdienst sei. Er erkl�rte mir, es sei vier Uhr, und es g�be keinen Gottesdienst. Die Glocken l�uteten f�r den K�nig.</p><p>�Den K�nig?�</p><p>Wie bl�de starrte ich ihn an.</p><p>�Wisst Ihr es nicht? Der K�nig hat Frieden mit den Schotten geschlossen. Er trifft morgen aus Edinburgh ein, um mit dem Parlament zu sprechen.�</p><p>Der K�nig w�rde zum Parlament sprechen! Wie gel�hmt stand ich da. Der K�nig w�rde sich die Forderungen des Parlaments anh�ren! Wie in einem Traum ging ich weiter. Ich hatte das Gef�hl, dass das, was Mr�Ink gesagt hatte, wahr werden w�rde, und dass wir am Tor zu einer neuen Welt standen.</p><p>Es begann zu d�mmern, aber es war noch zu fr�h, um Will, meinen Zechkumpanen, im Pot aufzusuchen. Ich hoffte, einen Schlafplatz bei ihm erbetteln zu k�nnen. Schon einmal war es abends zu sp�t geworden, um zum Half Moon Court zur�ckzukehren, und ich hatte im Tabakspeicher seines Vaters �bernachtet. Ich bahnte mir meinen Weg durch die Milane, die wie jeden Abend �ber Smithfield aufstiegen und herabst�rzten, wie die Armen auf der Suche nach den Abf�llen, die von den Schlachtern fortgeworfen worden waren. In der Long Lane blieb ich stehen. Als ich vom Half Moon Court fortgelaufen war, hatte Mr�Black mir nachgerufen, ich bef�nde mich in gro�er Gefahr. War das nur so dahingesagt, um mich zur�ckzulocken? Oder war es eine aufrichtige Warnung gewesen? Mir schien es, als habe ein Hauch echter Verzweiflung in seiner Stimme gelegen. Ich hatte immer noch meine Lehrlingskluft bei mir, zu einem B�ndel zusammengerollt. Wieder und wieder drehte ich sie in den H�nden, unf�hig mir einzugestehen, dass das Band zwischen uns tats�chlich gerissen war.</p><p>Vom Half Moon Court her waren die Ger�usche von Pferdehufen zu h�ren. Eine Stimme, die ich nicht kannte, br�llte barsche Kommandos.</p><p>Eine Frau mit einem Jungen und einem M�dchen an ihren Rockzipfeln kam aus dem Markt und umklammerte ein blutiges B�ndel in einem Tuch, in Hochstimmung �ber das Abendessen. Das M�dchen trug ein abgenutztes Holzspielzeug, und der Junge versuchte, es sich zu schnappen. Das M�dchen rannte vor ihm davon in die Stra�e, gerade als eine Mietkutsche aus Cloth Fair in die Long Lane bog.</p><p>Der Junge hielt nur kurz inne, doch das M�dchen blieb wie angewurzelt vor der herannahenden Kutsche stehen. Der Kutscher, der auf einem der beiden Pferde ritt, riss verzweifelt an den Z�geln. Das Pferd, auf dem er sa�, reagierte, doch das andere b�umte sich auf und schleifte den Wagen in einem Bogen auf das Kind zu. Das M�dchen starrte zu dem steigenden Pferd empor, mehr Erstaunen als Angst im Blick. Die Frau schrie. Ein Mann in der Kutsche br�llte, doch seine Stimme erstarb, als er zur Seite geschleudert wurde. Die wild um sich schlagenden Hufe senkten sich �ber das Kind. Endlich drehte sich die Kleine um und begann zu rennen.</p><p>Ich schleuderte das B�ndel mit meiner Uniform gegen den Kopf des Pferdes. Das Pferd scheute, wieherte zornig und st�rzte gegen das andere Tier. Die Hufe gingen nur wenige Zoll neben dem M�dchen hernieder, als ich die Kleine packte.</p><p>Ich stand da und hielt sie fest, w�hrend der Kutscher sich bem�hte, die panischen Pferde zu beruhigen. Ich zitterte, aber das M�dchen wirkte unbeeindruckt.</p><p>�Pferd�, sagte sie und streckte die Hand nach dem Tier aus, das der Kutscher gerade wieder einspannte.</p><p>�Pferd�, best�tigte ich und strich ihr �bers Haar. �Pferd.�</p><p>Ihre Mutter schluchzte erleichtert und kam auf uns zu, als der Vorhang der Kutsche zur�ckglitt. Alles, was ich sehen konnte, war eine Narbe. Eine dunkelviolette Narbe, die von der Wange bis zum Hals reichte. Der Mann hatte sich auf seinem Sitz umgedreht, und die Narbe schien mich zu verfluchen und zu verdammen.</p><p>Wie versteinert presste ich das M�dchen an mich. Mein Hut war heruntergefallen, und es war immer noch hell genug, dass man mein leuchtend rotes Haar ausmachen konnte. Doch der Mann in der Kutsche achtete nicht auf mich, sondern richtete sich auf und rieb sich fluchend den Kopf, den er sich gesto�en hatte.</p><p>Dann wandte er sich mir zu. Ich erhaschte einen Blick auf das feine Leinenzeug, das er trug, und Augen, die so kalt wie M�nzen waren. Ehe er mein Gesicht sehen konnte, hob ich das kleine M�dchen hoch in die Luft und wiegte sie vor mir hin und her, um mein Haar zu verbergen. Sie quietschte vor Entz�cken.</p><p>�Versuchst du, dein Kind umzubringen? Ein Maul weniger zu stopfen?�</p><p>Ich empfand all die Angst und all den Hass, den ich in der Stimme meines Vaters geh�rt hatte, als er von diesem Mann gesprochen hatte. Und Wut, weil darin keine Spur von Sorge um das Kind oder seine Mutter lag. Ein fast unkontrollierbarer Drang erf�llte mich, den Mann aus seiner Kutsche zu zerren. In diesem Moment ergriff die Frau das Wort.</p><p>�Es tut mir leid, Sir. Ich bitte aufrichtig um Verzeihung. Es ist meine Schuld.�</p><p>Als ich den flehentlichen, bittenden Ton in ihrer Stimme h�rte, mit der sie die Schuld daf�r auf sich nahm, dass die Kutsche so r�cksichtslos gefahren war, hielt ich es nicht l�nger aus. Ich reichte ihr das Kind und ging auf die Kutsche zu.</p><p>Doch der Insasse hatte sich bereits abgewandt, gab sich widerwillig mit ihrer Entschuldigung zufrieden und rief dem Kutscher, der die Pferde mit einiger M�he wieder beruhigt hatte, zu: �Auf, Mann, auf und weiter! Ich muss nach Westminster, ehe es dunkel wird.�</p><p>Er schloss den Vorhang. Der Kutscher suchte nach seiner Peitsche, lie� sie knallen, und der Wagen fuhr mit einem Ruck an. Ich starrte ihm nach. Trotz der k�hlen Abendluft brach ich in Schwei� aus ob des Gedankens, wie nah ich daran gewesen war, mich selbst zu verraten. Etwas ber�hrte sanft meinen Ellenbogen. Die Frau streckte mir das Tuch entgegen, in das die blutigen �berreste gewickelt waren, die sie ergattert hatte. Ich versp�rte einen doppelten Stich: weil sie mir ihr Abendessen anbot, und weil ich wom�glich aussah, als k�nnte ich es brauchen. Sie fl�sterte dem kleinen M�dchen etwas zu.</p><p>�Danke�, sagte das M�dchen.</p><p>Ich l�chelte und wollte in einer galanten Geste meinen Hut l�pfen und mich verbeugen. Doch ich stellte fest, dass der Hut verschwunden war, und tat, als sei ich zutiefst �berrascht, was bei dem M�dchen ein Kichern und ein L�cheln bei der Frau hervorrief. Ich gab vor, ihn nicht finden zu k�nnen, obwohl er direkt vor meinen Augen lag, woraufhin das M�dchen ein perlendes Lachen h�ren lie�.</p><p>�Da ist er!�</p><p>�Wo?�</p><p>�Da!�</p><p>Das willkommene kleine Spiel wurde von einer vertrauten Stimme unterbrochen.</p><p>�Was ist hier los?� George war aus dem Half Moon Court getreten. Er trug immer noch einen Verband, dort, wo ich ihn mit dem Sch�rhaken getroffen hatte, aber sein umherhuschender Blick war so scharf wie eh und je. Ich wandte mich ab und hob meinen Hut auf. Die Frau erz�hlte ihm, was geschehen war. Alles, was ihn zu interessieren schien, war, dass die Kutsche und sein Passagier verschwunden waren. Rasch hob ich die Uniform auf, die von den R�dern der Kutsche zerrissen und beschmutzt worden war. Ich sp�rte seinen Blick auf mir, doch dann h�rte ich Annes Stimme.</p><p>�George, gehst du?�</p><p>Mir wurde leicht ums Herz! Wenn ich nur mit ihr sprechen k�nnte, ehe ich vor ihren Vater trat!</p><p>�Ich muss meinen Umhang holen�, sagte George. �Es ist ein kalter Abend.�</p><p>�Bitte beeil dich!�</p><p>�Schon gut, schon gut�, murrte er.</p><p>Er warf mir einen weiteren neugierigen Blick zu. Ich b�ckte mich und sammelte einen verfaulten Apfel aus dem Abwasserkanal auf, was ihn zufrieden zu stellen schien. Vermutlich war ich ein Bettler, und er wollte zur�ck in den Hof. Unter den �berh�ngenden Giebeln war es dunkler, und es war leicht, ihm zu folgen, indem ich mich auf der anderen Stra�enseite im Schatten der H�user hielt. Obwohl meine neuen Schuhe undicht waren, machten sie weniger L�rm als die plumpen Stiefel. Im Haus wurden Kerzen angez�ndet. Am l�ngsten hatte stets das Licht in meiner Kammer gebrannt, und ich konnte immer noch die Bibel meiner Mutter auf der Fensterbank liegen sehen.</p><p>Ich war entschlossen, zumindest diese mitzunehmen.</p><p>Anne kam zur T�r. Sie trug ein hellblaues Kleid mit hoher Taille, von dem ich wusste, dass es ihr bestes war. Vermutlich hatte sie es zu Ehren des Besuchers angezogen. Dar�ber trug sie eine Sch�rze. Sie hielt Georges Umhang in der Hand. Er schien sich endlos Zeit zu lassen, ihn umzulegen, und die ganze Zeit �ber sch�ttelte er ernst den Kopf, bis er sich endlich dazu durchrang, etwas zu sagen.</p><p>�Was Mr�Black zugesto�en ist, ist Gottes Heimsuchung f�r Euer Verhalten, Miss Black�, sagte er.</p><p>Entsetzt sah sie ihn an. �Was meinst du damit?�</p><p>�Ich denke, das wisst Ihr�, sagte er fest.</p><p>�Ich wei� es wahrhaftig nicht. Und jetzt hol den Doktor!�</p><p>Ich starrte hinauf zum Fenster von Mr�Blacks Schlafzimmer. Im flackernden Kerzenlicht konnte ich lediglich Mrs�Black erkennen, die ruhelos am Bett vorbeischritt und aus dem Fenster sp�hte.</p><p>George schloss die Kn�pfe seines Umhangs, blickte zum Fenster empor und sprach erst wieder, als Mrs�Black au�er Sicht war. �Ihr habt den Teufel aus dem Keller gelassen�, sagte er leise.</p><p>�Durchaus nicht!� Ihre Stimme war �hnlich leise, aber scharf und verachtungsvoll, als sei dies das Letzte auf der Welt, das ihr auch nur im Traum in den Sinn k�me.</p><p>�Ich habe Euch gesehen.�</p><p>�Ich ging nach unten, als ich den Tumult h�rte.�</p><p>�Ich sah Euch hinaufgehen.�</p><p>In seiner Stimme lag eine Spur Unsicherheit, auf die sie sich prompt st�rzte. �Das kann gar nicht sein! Du nimmst dich selbst viel zu wichtig. Hol den Doktor!�</p><p>M�glicherweise log er und hatte nur einen Verdacht. Oder er hatte etwas gesehen, konnte sich indes, noch benommen von meinem Schlag, nicht sicher sein. Jedenfalls begann er sich widerstrebend zu entfernen, und mein Herz flog Anne zu, weil sie ihm die Stirn bot.</p><p>Alles w�re gut gegangen, wenn sie nicht verbittert hinzugef�gt h�tte: �Du h�ttest ihm eine Kerze dalassen sollen.�</p><p>Sie wusste, was sie angerichtet hatte, kaum dass die Worte ihren Mund verlassen hatten. George blieb stehen und drehte sich ganz langsam um. Dabei sah ich das zufriedene L�cheln auf seinem Gesicht. Es verschwand, als er sie mit ernster Miene anblickte.</p><p>�Woher wisst Ihr von der Kerze?�</p><p>Sie lie� ein leises St�hnen h�ren. �Bitte geh!�</p><p>�Mr�Black braucht mehr als einen Doktor, um gesund zu werden. Wir m�ssen die Ursache seiner Krankheit mit der Wurzel herausrei�en. Eure S�nde.�</p><p>Er sprach so feierlich, so ernst, dass ich gegen das Gef�hl ank�mpfen musste, er habe recht, habe die ganze Zeit recht gehabt, und dass mir der Teufel im Leib sa�. Als George und Mr�Black mich damals von Poplar hierher gebracht hatten, hatte ich da nicht, noch ehe das Boot gegen die Blackfriar Stairs stie�, geschworen, mich ihm gegen�ber so schlecht zu benehmen wie nur m�glich?</p><p>�Ihr m�sst beichten�, forderte George.</p><p>Sie schwankte. Ich glaubte, sie w�rde in Ohnmacht fallen.</p><p>�Ich kann es meinem Vater nicht sagen! Es w�rde ihn umbringen!�</p><p>�Dann m�sst Ihr es Gott beichten.�</p><p>�Ja, ja. Du wirst es also meinem Vater nicht erz�hlen?�</p><p>�Wenn Ihr brav seid, Kind, und Euch meiner Lenkung anvertraut.�</p><p>Sie nickte fl�chtig und wandte sich ab. Ich konnte sehen, dass sie nahe daran war, in Tr�nen auszubrechen. �Bitte geh jetzt.�</p><p>Er war hartn�ckig. �Werdet Ihr es tun? Meine F�hrung annehmen?�</p><p>�Ja.�</p><p>Er l�chelte. �Gott sei gepriesen! Eine reuige S�nderin!�</p><p>Er ergriff ihre H�nde und begann ein Gebet zu murmeln. Zuerst f�gte sie sich und hielt den Kopf gesenkt, doch als sie versuchte, ihre H�nde fortzuziehen, wurde sein Griff st�rker, und er betete murmelnd weiter. Ein halbes Dutzend Mal w�re ich beinahe aus dem Torbogen getreten. Ein halbes Dutzend Mal hielt ich mich mit aller Macht zur�ck, bis es mir pl�tzlich egal war, ob er ganz und gar gut und ich ganz und gar b�se war. Ich sprang hervor.</p><p>�Lass sie los! Lass sie in Ruhe!�</p><p>Nichts, was George h�tte sagen k�nnen, h�tte seine Ansicht besser darstellen k�nnen. Einen Moment lang musste ich ausgesehen haben wie ein b�ser Geist, der aus dem Untergrund aufgestiegen war. Anne schrie auf und wich zur T�r zur�ck. George rannte los. �Anne!�, rief Mrs�Black von oben. �Was ist los? Holt George den Doktor?�</p><p>Er war spurlos verschwunden. �Ich hole ihn�, sagte ich.</p><p>Mein schlechtes Gewissen trieb mich an, ich hatte das Gef�hl, der Grund f�r Mr�Blacks Krankheit zu sein. Zu einem Wortbruch geh�rte mehr, als die Uniform fortzuwerfen und die Stiefel zu verkaufen. Ich ging, weil es mir nicht aus dem Kopf ging, dass es nicht l�nger meine Pflicht war. Mehrmals im Jahr hatte Mr�Black diese seltsamen Anf�lle. Er h�rte auf, mit was immer er gerade tat, und starrte mich an wie ein blinder Mann. Einmal wollte er sich auf seinen Stuhl sinken lassen, verfehlte ihn und st�rzte zu Boden. Als es zum ersten Mal geschah, f�rchtete ich mich sehr, und Mrs�Black bl�ute mir ein, dass ich, wenn so etwas gesch�he, sofort zu Dr.�Chapmann laufen m�sse, da das Leben meines Masters davon abhinge.</p><p>Der Doktor lebte in der N�he von St.�Bartholomew�s in Little Britain, doch gl�cklicherweise kehrte er gerade von einem Patienten nur zwei Stra�en weiter zur�ck. Er war ein emsiger kleiner Mann, der stets ausgezeichneter Laune war.</p><p>Als ich ihm zum ersten Mal begegnete und sagte, ich w�rde mein Haar hassen, hatte er mir angeboten, mich umsonst zur Ader zu lassen, angesichts der Entdeckungen von Mr�Harvey, der verk�ndete, dass das Blut zirkulierte und alles n�hrte; wenn er mir genug davon abn�hme, sagte er, w�rde vielleicht auch die Farbe aus meinem Haar verschwinden. Ich glaubte, er meinte es ernst, und wich hastig zur�ck, woraufhin er in schallendes Gel�chter ausbrach.</p><p>Jetzt sagte er schlitzohrig, w�hrend wir zum Half Moon Court zur�ckeilten: �Deine h�fische Aufmachung gef�llt mir, Tom. Sollst du morgen dem K�nig vorgestellt werden?�</p><p>Lachend stieg er die Treppe empor, doch sein Lachen erstarb rasch. Ich erkannte stets am Klang seiner Stimme, wie ernst der Anfall war. Jetzt gingen sein Gru� und sein Gepl�nkel fast sofort in Schweigen �ber. Von Anne oder George gab es keine Spur. Bis auf das Murmeln des Doktors war es sehr still im Haus. Ab und an knarrten die Dielen, wenn er �ber mir �ber den Boden schritt. Es war v�llig unm�glich, Mr�Black zur Rede zu stellen, aber zumindest konnte ich meine Bibel holen.</p><p>Ich �ffnete die T�r zur K�che, wo in einem Kessel neben dem Feuer Wasser erhitzt wurde. Ich schlich zum Fu� der Treppe, von wo aus ich sehen konnte, dass die T�r zu Mr�Blacks Schlafkammer geschlossen war. Ich h�rte das leise Klappern von Metall in einer Schale. Einmal hatte ich zugesehen, wie Dr.�Chapmann ihn zur Ader gelassen hatte. Nachdem er eine Binde um Mr�Blacks Arm gelegt hatte, hatte er die Lanzette in der Kerzenflamme erhitzt und sie in die hervorstehende Ader gestochen. Das Blut spritzte heraus, wurde jedoch rasch zu einem stetigen Rinnsal. Es dauerte etwa zehn Minuten.</p><p>Ich stieg ein, zwei Stufen der Treppe empor. Ein Schatten fiel auf den kleinen Absatz �ber mir. Ich erhaschte einen Blick auf den Saum von Mrs�Blacks schwarzem Kleid und wich an die Wand zur�ck. Sie konnte es nicht ertragen, wenn jemand zur Ader gelassen wurde, und zog sich in ihre eigene Kammer zur�ck. Anne war vermutlich bei ihr.</p><p>Unentschlossen stand ich da. Ich konnte geradewegs durch die Druckerwerkstatt und bis in Mr�Blacks dahinterliegendes kleines Kontor blicken. Die T�r war normalerweise verschlossen, doch jetzt stand sie offen. Papiere bedeckten das Schreibpult und den Boden darum herum. Ein Stuhl war umgest�rzt. Ich nahm eine Kerze aus der K�che und ging an der Druckerpresse vorbei ins Kontor. Mr�Black musste hier gearbeitet haben, als der Anfall ihn ereilte.</p><p>Als ich den Stuhl aufhob, sah ich es. Ein gebundenes schwarzes Rechnungsbuch, eines von der Sorte, in denen Mr�Black die Ausgaben f�r Tinte und Papier sowie die Anzahl der verkauften Nachrichtenbl�tter zu notieren pflegte. Doch auf dem Titel dieses Buchs stand mit Tinte ein einziger Buchstabe T.</p><p>Was immer ich gehofft hatte zu sehen, als ich es aufschlug, es war kein langweiliges Gesch�ftsbuch. Stattdessen erkannte ich Mr�Blacks s�uberliche Handschrift, mit der er eine Liste mit Anschaffungen und Zahlenreihen aufgeschrieben hatte.<emphasis>7.�Oktober 1640. Gezahlt an notwendigen Ausgaben f�r n�mlichen Lehrjungen:</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Pfund��S�chilling�D�ime�Stiefel, �2�Paar��1��12��4�Uniform, gef�ttert���4</emphasis><emphasis>�10</emphasis><emphasis>�0</emphasis><emphasis>Str�mpfe, aus Kammwolle�</emphasis><emphasis>�6</emphasis><emphasis>�2</emphasis><emphasis>Hemden, �2�St�ck</emphasis><emphasis>�1</emphasis><emphasis>�9</emphasis><emphasis>�10</emphasis><emphasis>M�tze�</emphasis><emphasis>�8</emphasis><emphasis>�3</emphasis></p><empty-line/><p>Hastig bl�tterte ich durch die Seiten. Das war mein Leben im Half Moon Court, von den Kosten f�r den F�hrmann, der mich hierher gebracht hatte, und den Unterricht bei Dr.�Gill, bis zu dem Brot und K�se, den ich gegessen hatte, sorgf�ltig aufgelistet bis auf den letzten Halfpenny. Bei einem Wort stutzte ich, da es nicht zu den anderen aufgef�hrten Begriffen zu passen schien. Portr�t. Portr�t?</p><p>Ich bl�tterte zur�ck und stie� auf einen Eintrag, dessen Betrag alle anderen in den Schatten stellte.<emphasis>8.�August 1637. Gezahlt an P.�Lely, f�r ein Portr�t in �l�&amp; Rahmen, 20�Pfund.</emphasis></p><p>Ich war niemals portr�tiert worden! Allein die Vorstellung war ein Witz. Nur von den Menschen bei Hofe wurden Bilder gemalt. Nein. Das war nicht richtig. Jeder Lord Mayor wurde gemalt und sein Portr�t im Rathaus aufgeh�ngt. Ich wurde sehr still.</p><p>Im Sommer 1637 hatte ich eine Nachricht an den Schreiber des Rathauses �berbracht und wurde angewiesen, auf eine Antwort zu warten. W�hrend ich im Wartesaal sa�, kam ein junger Mann hereingeschlendert. Sein Kittel und seine H�nde waren mit Farbe verschmiert. Er sprach mit einem starken holl�ndischen Akzent und sagte, der Lord Mayor sei ausgegangen, und er warte ebenfalls auf ihn.</p><p>Er schob mein Gesicht zur Seite, so dass er mein Profil sehen konnte, und murmelte etwas auf Holl�ndisch. Er sagte, er sei es leid, immer nur alte M�nner zu malen, die jung und schneidig aussehen wollten, und zur �bung w�rde er zu gerne eine Skizze von jemand Jungem und Schneidigem anfertigen.</p><p>Ich f�hlte mich geschmeichelt und staunte �ber die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der er mich skizzierte. Als der Schreiber mit der Antwort f�r mich sowie der Nachricht kam, dass der Lord Mayor jetzt zu sprechen sei, hatte der Maler mich eingefangen wie einen Vogel im Flug. Ein Grinsen. Einen Schmollmund, wenn ich mich langweilte. Im Profil. Mit gro�en Augen direkt aus dem Blatt Papier herausstarrend.</p><p>W�hrend die Kohle �ber das Papier flog, knurrte er: �Eure Augen. Die Nase. Alles, bis auf das Haar.�</p><p>�Was meint Ihr damit?�</p><p>Er schien zu sehr in Anspruch genommen von der n�chsten Skizze, um antworten zu k�nnen. �Dreh dich um. Nein, nein! Anders herum.�</p><p>Ich bettelte ihn an, mir eine Skizze zu schenken, aber er sagte, er br�uchte sie alle.</p><p>�Vielleicht wirst du ja eines Tages das Gem�lde sehen, hm?�</p><p>Er l�chelte, t�tschelte meine Wange und hinterlie� Spuren von Kohle und Farbe, die ich nicht fortwischte, sondern wartete, bis sie von allein verschwanden.</p><p>Peter. So lautete sein Name! Ich starrte auf das Rechungsbuch. P.�Lely. Peter Lely. Vielleicht hatte Mr�Black ihn beauftragt, ein Portr�t von sich selbst anzufertigen? Nein. Kein Drucker konnte sich das leisten, und wenn er k�nnte, w�rde es gewiss gut sichtbar irgendwo h�ngen. Jemand hatte f�r ein Portr�t von mir bezahlt. Aber wer? Warum? Und wo war es jetzt?</p><p>�ber mir h�rte ich Schritte, die tiefe Stimme des Doktors und Mrs�Blacks leise gefl�sterte Antwort. Rasch bl�tterte ich durch die restlichen Seiten. Ein zusammengefaltetes Blatt Papier, das ich f�r ein Lesezeichen hielt, rutschte aus dem Buch. Ich hob es auf und legte es auf den Tisch. Im Rest des Buches fand sich nichts mehr von Interesse, aber am Ende entdeckte ich einen v�llig neuen Abschnitt. Mr�Black hatte das Buch umgedreht, um auf der letzten Seite damit zu beginnen. Es handelte sich um eine Mischung aus einem Tagebuch und dem Bericht eines Vormunds �ber meine Fortschritte oder den Mangel derselben.</p><p>Ich sei �st�rrisch wie ein Esel�. �Aufgeweckt, aber unb�ndig.� An einem Tag gab es einen �Hoffnungsschimmer�, am n�chsten vollkommene Verzweiflung. �Wenn ich k�nnte, w�rde ich ihn ins Boot zur�ck nach Poplar setzen.�</p><p>Wie sich bald herausstellte, waren dies Notizen f�r einen Bericht mit sorgf�ltiger gew�hlten Worten, denn ich stie� auf den Entwurf eines solchen Reports, in dem mehrere abge�nderte Eintr�ge zusammengefasst waren. Er war vor zwei Monaten verfasst worden, und darin hie� es: �Mr�Tom spricht Latein wie ein Gelehrter, und ich habe ihm eine gute italienische Handschrift beigebracht, er kann bei Tisch eine Gabel benutzen, aber seine Tugendhaftigkeit muss immer noch ernstlich in Frage gestellt werden.�</p><p>Mr�Black hatte Berichte von Dr.�Gill bekommen. Warum hat er die geschrieben? Sie mussten f�r dieselbe Person bestimmt sein, die das Portr�t in Auftrag gegeben hatte. Das Rech-nungsbuch beantwortete zumindest einige der Fragen, die begonnen hatten, mich zu plagen. Mr�Black war daf�r bezahlt worden, dass er mich erzog und ausbildete, entweder von dem Mann mit der Narbe oder, was wahrscheinlicher war, von dem freundlichen alten Edelmann, den er vertrat, wie Matthew mir erz�hlt hatte.</p><p>Mir fiel das St�ck Papier ein, das ich aufgehoben hatte, und ich faltete es auseinander. Es war Teil eines Briefes, geschrieben auf anderem, dicken Papier von bester Qualit�t, dessen Handschrift sich sehr von Mr�Blacks unterschied. Mein Lehrmeister war stolz auf seine Handschrift, die einfache, sich neigende Schrift eines Gesch�ftsmanns ohne Schn�rkel, wie es erforderlich war f�r Mitteilungen, die vielleicht rasch im d�mmrigen Licht oder auf einem schwankenden Karren gelesen werden mussten.</p><p>Dieser Brief war in einer unregelm��igen linkischen Schrift verfasst, gro�z�gig mit Kapitalen gesprenkelt, mit kr�ftigen Federstrichen versehen, die sich durch die umgebenden Zeilen schnitten und es schwer machten, die Worte zu entziffern, so dass ich das Papier n�her an die Kerze halten musste. Solch ein Papier benutzten nur Edelleute, m�glicherweise jemand, der einen Schreiber hatte, um seine Briefe f�r ihn anzufertigen. Ich konnte sehen, warum er diesen hier nicht diktiert hatte.</p><p>Es war eine Seite aus einem l�ngeren Brief:<emphasis>� bedeutet, dass er den Jungen nun mit anderen Augen betrachtet. Er sieht in ihm eine gro�e Tollheit, die man aus der Welt schaffen muss. Vielleicht bei einer Tavernenschl�gerei oder einem �hnlichen UNFALL.Er hat M�nner f�r solche Zwecke, die ein Bild von ihm bekommen haben, und nat�rlich sticht das Haar des Jungen hervor wie ein Leuchtfeuer.Diese Angelegenheit wird mich rascher nach London f�hren, als es meine Absicht gewesen war, doch derweil bez�glich der Rechnungen, die Ihr mir geschickt habt��</emphasis></p><p>Die Seite endete mit einer sorgf�ltigen Aufz�hlung der Kosten f�r Tinte und Papier. Wie rasend suchte ich zwischen den Papieren nach der n�chsten Seite, konnte indes nichts finden. Trotz allem, was mir zugesto�en war, konnte ich nicht glauben, dass ich die Worte richtig gelesen hatte. Meine H�nde zitterten so stark, dass ich beinahe das Papier an der Kerze versengte. Ich begann, die Passage Wort f�r Wort noch einmal zu entziffern.</p><p>�Was tust du da?�</p><p>Es war Anne, und sie hielt den Kessel in der Hand. Ich war so still gewesen, so vertieft in den Brief, dass sie den Kessel vom Feuer genommen haben und schon auf dem Weg nach oben gewesen sein musste, ehe sie mich entdeckte.</p><p>�Jemand versucht, mich zu t�ten.�</p><p>Stockend und wenig �berzeugend kamen die Worte aus meinem Mund, durchzogen mit Unglauben, obwohl ich den Beweis daf�r vor Augen hatte. Aber ich musste vor Schock wie erstarrt gewesen sein, denn sie kam zu mir. Sorge spiegelte sich in ihrem Gesicht.</p><p>�Was redest du da?�, fl�sterte sie.</p><p>�Sieh nur!�</p><p>Ich zeigte ihr den Brief. Ich hatte vergessen, dass sie nicht lesen konnte. In meiner Panik plapperte ich drauf los, dass jemand daf�r gezahlt hatte, etwas aus mir zu machen, und jetzt, wo ich gescheitert war, hatte derjenige beschlossen, sich meiner zu entledigen. Es musste sich wie der allergr��te Unfug anh�ren, denn sie wich beunruhigt zur�ck.</p><p>�Du bist verr�ckt!�</p><p>�Sieh es dir an!�</p><p>Obwohl sie nicht lesen konnte, versuchte ich ihr die Muster zu zeigen, die die W�rter bildeten, in der vergeblichen Hoff-nung, dass sie den Irrsinn, die Boshaftigkeit in den Flecken und schwert�hnlichen Federstrichen erkennen w�rde.</p><p>�Anne�, rief Mrs�Black. �Das Wasser muss doch schon kochen!�</p><p>Oben wurde eine T�r ge�ffnet und knarrte leise. �Verschwinde�, zischte Anne.</p><p>�Ich bin nicht verr�ckt! Du musst mir glauben!�</p><p>Wir h�rten sie auf der Treppe. �Was ist da los? Ist George da?�</p><p>�Nein, Mutter�, rief Anne zur�ck. �Das Wasser hat gerade angefangen zu kochen. Ich komme gleich.� Mir fl�sterte sie zu: �George holt die Constables. Bleib hier, wenn du unbedingt verhaftet werden willst.�</p><p>Erst als sie ging, dachte ich an meine Bibel. Ich wollte sie zur�ckrufen, doch sie hatte bereits die H�lfte der Treppe erklommen. Ich faltete den Brief zusammen und schob ihn in meine Tasche. Dann ging ich zur T�r und lauschte. Im Hof war es still, doch vom Fluss her, aus Richtung Westminster, vernahm ich tumultartigen L�rm. Ich hoffte, das w�rde es George erschweren, einen Constable aufzutreiben.</p><p>Kurz darauf kehrte Anne zur�ck, um den Kessel erneut zu f�llen. Der Wassereimer in der K�che war leer. Sie ignorierte mich und ging zum Eimer im Hof, in dem wir uns normalerweise wuschen. Ich folgte ihr, nahm ihr den Eimer ab und tat, was ich so viele Male getan hatte. Ich zog meine Finger durch das Wasser und zerbrach den d�nnen Film aus Eis, der sich bereits gebildet hatte. Ich sehnte mich nach Normalit�t, und diese allt�gliche T�tigkeit beruhigte uns beide. Ich tauchte einen Krug ins Wasser und goss es in den Kessel.</p><p>�Wie geht es Mr�Black?�</p><p>�Er kann nicht sprechen.�</p><p>Ich war ersch�ttert. Wasser floss �ber den Rand des Kessels, als sie ihn fortzog. Ich starrte zum Fenster empor, wo ich den verl�ngerten Schatten des Doktors �ber die Wand wandern sah.</p><p>�Es tut mir leid.�</p><p>�Du hast ihn geschlagen!�, sagte sie vorwurfsvoll.</p><p>�Er hat mich auch geschlagen.�</p><p>�Das ist sein Recht.�</p><p>�Wenn es gerecht ist. Dass George die Kerze mitgenommen hat, war nicht gerecht.�</p><p>Instinktiv hatten wir uns vom Haus entfernt und in den Schatten des Baumes zur�ckgezogen, unter dem wir, f�r kurze Zeit, als Kinder gespielt hatten. �Ich h�tte dich niemals rauslassen sollen! George wei� Bescheid!�</p><p>�Vertrau ihm nicht!�</p><p>�Ich muss.�</p><p>Sie wandte sich zum Haus.</p><p>�Wenn er es wirklich gut mit dir meinte, w�rde er es deinem Vater erz�hlen.�</p><p>Sie blieb stehen. Sie stand jetzt im Licht, und ich konnte erkennen, dass ihre H�nde, die sie st�ndig aneinander rieb, vor K�lte ganz wei� waren. Ich sehnte mich danach, ihre H�nde zu ber�hren, sie in meine zu nehmen, aber ich wagte es nicht. In ihre Stimme lag eine Spur des alten Spotts.</p><p>�Aber dir kann ich vertrauen?�</p><p>�Ja.�</p><p>Ich sprach mit solchem Ungest�m, dass sie furchtsam zusammenschrak, nur um mich anschlie�end so eindringlich zu mustern, dass ich den Blick niederschlagen wollte, es jedoch nicht konnte oder wagte. Ihr Blick schien direkt zu meiner Seele vorzudringen, wie es weder ein Prediger, noch mein Vater oder meine Mutter je geschafft hatten.</p><p>�Hast du dieses Gedicht geschrieben?�</p><p>�Ja! Und es ist ernst gemeint, jedes Wort davon. Alles, was ich zu dir gesagt habe.�</p><p>Und so war es. In diesem Moment erkannte ich es so scharf und deutlich wie das Mondlicht auf den Eissplittern, die ich aus dem Eimer gebrochen hatte. Zitternd starrte sie mich an, doch ehe sie etwas sagen konnte, h�rten wir, wie jemand von Cloth Fair auf den Hof einbog. Gleichzeitig sah ich ihre Mutter ans Fenster treten. Ich sprang in den Schatten.</p><p>Es war der Kannengie�er, der auf der anderen Seite des Hofs lebte. Seine Kleidung war gew�hnlich staubig von dem Kalk, mit der er die Platten und Becher aus den Gussformen holte, doch jetzt war sie sauber. F�r ihn liefen die Gesch�fte ebenso schlecht wie f�r den Schiffsbauer.</p><p>Sein Gang war schwankend. Er schenkte Anne kaum einen Blick.</p><p>�Guten Abend, Mr�Reynolds.�</p><p>�Guten Abend, Anne.�</p><p>Mrs�Black hatte sich vom Fenster zur�ckgezogen. Die Intensit�t des Augenblicks war verflogen. Keiner von uns sagte ein Wort. Anne hob ihre Sch�rze an. Pl�tzlich schlug sie eine Hand vor den Mund, um ein Lachen zu unterdr�cken.</p><p>�Wie siehst du denn aus!�</p><p>�Gut, w�rde ich meinen�, sagte ich steif, mit einem Hauch von Entr�stung, doch auch mit dem Gef�hl der Erleichterung, weil wir uns wieder auf dem vertrauten Terrain sp�ttischen Gepl�nkels befanden.</p><p>Ich zeigte ihr meine Schuhe. Im D�mmerlicht konnte man den Spalt, wo sich das Oberleder von der Sohle l�ste, kaum erkennen, und ich fand, sie hatten besonders feine Schnallen.</p><p>�Diese Schuhe werden sogar bei Hofe getragen.�</p><p>�Welcher Hof?� Sie bem�hte sich, nicht zu kichern. �James� oder Elizabeths?�</p><p>Sie konnte ihr Lachen nicht l�nger zur�ckhalten, und ich hatte Angst, man k�nnte sie h�ren. �Ich musste meine Kleidung wechseln.�</p><p>�Wie die Leute in deinen Flugschriften?�, neckte sie. �Weil jemand versucht, dich umzubringen?�</p><p>Eine Bewegung am Fenster zog unseren Blick an. Die Kerzen in der Kammer warfen eine schwankende Silhouette an die Wand, als Dr.�Chambers seine Tasche packte. Hin und wieder, so stellte ich fest, wurden aus der Verzweiflung heraus gute Ideen geboren.</p><p>�Kannst du Zahlen lesen?�, fl�sterte ich dr�ngend.</p><p>�Nat�rlich!�, erwiderte sie emp�rt.</p><p>Ohne ein weiteres Wort packte ich sie an der Hand und rannte mit ihr ins Haus. Wasser spritzte aus dem Kessel, und sie lie� ihn beinahe fallen. Ich nahm ihn ihr ab und stellte ihn in die K�che zur�ck. Jetzt schien sie �berzeugt zu sein, dass ich irre war, und sie war nahe daran, zu schreien. Ich ging ins Kontor, nahm das Rechnungsbuch und deutete auf den Buchstaben T, den sie, wie ich glaubte, kannte.</p><p>Und w�hrend ich fl�sternd die Bezeichnung der Anschaffungen vorlas, �berflog sie mit wachsender Verwirrung die Zahlen dahinter. Sie kannte ein paar Buchstaben von ihren Stickarbeiten und die Zahlen vom Einkaufen. Wir h�rten, wie die T�r zur Schlafkammer oben ge�ffnet wurde. Ich lie� das Buch beinahe fallen und konnte nicht finden, wonach ich gesucht hatte. Anne bat mich stumm, zu gehen, die H�nde flehend ineinander verschlungen.</p><p>Ich fand den Eintrag.<emphasis>8.�August 1637. Gezahlt an P.�Lely, f�r ein Portr�t in �l�&amp; Rahmen, 20�Pfund.</emphasis></p><p>Sie verstand die Worte nicht, starrte jedoch in so gro�er Verwunderung auf die Ziffern, dass sie nicht auf Dr.�Chambers Stimme reagierte.</p><p>�Ich werde morgen wieder vorbeischauen.�</p><p>Von Mr�Black kam keine Antwort, aber seine Frau sagte: �Seht! Er schreibt etwas!� Ich h�rte, wie der Doktor in die Kammer zur�ckkehrte.</p><p>�Zwanzig <emphasis>Pfund</emphasis>!�, rief Anne aus.</p><p>So viel verdiente ein geschickter Schreiber in einem Jahr. Ich erkl�rte ihr, wof�r es gezahlt worden war.</p><p>�Ein Bild? Von dir? Es muss etwas mit dem Mann mit der Narbe zu tun haben.�</p><p>�Das denke ich auch.�</p><p>�Ich hasse ihn!�, sagte sie heftig. �Schreit meinen kranken Vater an. Kommandiert ihn herum. Wer ist er?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. Sie schaute immer noch auf die Eintragung im Buch und dann zu mir. Ich wei� nicht, was sie sah, aber es war nicht l�nger ein Clown, eine Witzfigur oder auch nur ein Lehrjunge. Sie biss sich auf die Unterlippe, wie sie es h�ufig tat, wenn sie gereizt oder ratlos war.</p><p>�Zwanzig Pfund�, wiederholte sie noch einmal voller Ehrfurcht. �F�r ein Bild. Von dir.�</p><p>�Von einem Affen.�</p><p>�Mach keine Witze. Wo ist es?�</p><p>�Woher soll ich das wissen?�</p><p>�Ich wei� es.� Die Worte platzten explosionsartig aus ihr her-aus. �Eines Tages hat mein Vater��� Sie verstummte.</p><p>�Was hat dein Vater?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf und weigerte sich, noch mehr zu sagen. Wir h�rten, wie Dr.�Chapman sich verabschiedete, und ich eilte durch die dunkle Druckerwerkstatt zur T�r. Verzweifelt versuchte ich mir etwas auszudenken, wie ich Anne wiedersehen k�nnte.</p><p>�Kannst du mir meine Bibel bringen?�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Ich werde dir schreiben. Durch Sarah.� Erneut st�hnte ich innerlich, aus Verzweiflung dar�ber, dass sie nicht lesen konnte.</p><p>�Ich werde es lernen�, sagte sie sachlich, als sei es etwas, dass sich in ein, zwei Tagen erledigen lie�e. �Wenn mein Vater nicht sprechen kann, muss ich lesen k�nnen. Meine Mutter kennt sich im Gesch�ft nicht aus.�</p><p>�Bring die Bibel in die Kirche. Sonntag.�</p><p>Sie stand da, zart und entschlossen, und lie� mich durch die Hintert�r hinaus, w�hrend ihre Mutter den Doktor zur Vordert�r geleitete. Sie hatte etwas an sich, dass ich nie zuvor bei ihr vermutet h�tte, hinter all dem Spott und den oberfl�chlichen Spielchen, etwas, dass ich selbst in diesem Alter nur Berechnung nennen konnte.</p><p>Was immer es war, ehe sie die T�r schlie�en konnte, beugte ich mich vor und k�sste sie.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>7.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Nach diesem Kuss war ich wie benommen und f�hlte mich wie im Traum. Vermutlich kann man es kaum einen Kuss nennen, eher ein Zusammenstupsen der Nasen, eine Kollision meiner Lippen mit ihrer Wange, die so kalt war wie das gesplitterte Eis im Eimer. Ein kurzes Festhalten ihrer zitternden Zartheit. Sie war zerbrechlich wie ein aus dem Nest gefallener Vogel, den ich einmal in Poplar gefunden und vergebens versucht hatte, zu w�rmen und am Leben zu erhalten. Und doch er�ffnete dieser Kuss mir die ganze Welt.</p><p>Ich sorgte mich nicht um meine Sicherheit, war blind f�r das, was um mich herum geschah. Alles, was ich wollte, war, �ber dieses Zittern nachzudenken, diese kalte Wange, ihre Arme, die mich festgehalten hatten.</p><p>Ich h�tte leicht George in die Arme laufen k�nnen, doch er musste vergeblich nach einem Constable Ausschau gehalten haben, denn ich h�rte von anderen Leuten, die die Stra�e entlangstr�mten, dass es vor Westminster zu heftigen Tumulten gekommen war. Ich tauchte in der Menge unter und war so wesentlich schwerer zu finden.</p><p>Ein Mann hatte durch einen Spie� eine Wunde davongetragen, aus der Blut sickerte. Er taumelte fast gegen mich. Ich duckte mich, als er seinen Kn�ppel erhob, doch er demonstrierte nur jubelnd, wie er den Sch�del des Wachmanns zertr�mmert hatte, der ihm die Wunde zugef�gt hatte. Er sagte, sein puritanischer Master habe ihm den Kn�ppel gegeben und ihn gedr�ngt, f�r den Gesetzentwurf zu k�mpfen.</p><p>�Den Gesetzentwurf?�</p><p>�Die Gro�e Remonstranz! Die Freedom Bill! Die Anh�nger des K�nigs versuchen, Mr�Pym davon abzuhalten, sie offiziell zu verk�nden, weil sie ihm die Kontrolle �ber Leute wie mich gibt. Die Armee!�</p><p>�Ihr seid Soldat?�</p><p>�Nein! Weber.� Stolz hielt er seinen Kn�ppel in die H�he. �Und Mitglied der Allerheiligen B�rgergarde!�</p><p>�Dann m�sst Ihr Will kennen�, sagte ich, denn Will war ein begeisterter Anwerber f�r die Allerheiligen.</p><p>�Und seinen Vater!� Der Weber hielt erneut seinen Kn�ppel hoch und schrie: �Ormonde! Ormonde!�</p><p>�Ormonde! Ormonde!�, skandierte die Menge.</p><p>Wills Vater war ein gl�hender Unterst�tzer von Mr�Pym und trat bei den Wahlen zur Ratsversammlung gegen den Kaufmann Benyon an, der mit Waren aus Ostindien handelte. Wer immer die Stadt kontrollierte, kontrollierte auch die st�dtischen B�rgergarden wie die Allerheiligen, die insgesamt rund zehntausend Mann umfassten.</p><p>Nachdem ich bereits von Anne ganz berauscht war, machte mich der Gedanke an all das nur noch trunkener, bis ich schlie�lich das Pot erreichte, wohin sich viele der Demonstranten begaben. Was Mr�Ink vorhergesagt hatte, war eingetreten. Der Aufruf war an das Volk gerichtet gewesen�� und das Volk hatte geantwortet!</p><p>Die Worte, die er kopiert und die ich aus dem Schmutz gerettet hatte, hatten dies bewirkt. Zumindest glaubte ich das. Nun ging der Kampf darum, dass sie auch offiziell ver�ffentlicht wurden. Unsere Schwarzkopien wurden in den Sch�nken gelesen, wo sie bierdurchtr�nkt von Hand zu Hand gereicht und den Menschen vorgelesen wurden, die nicht lesen konnten, Menschen, die schweigend nickten.</p><p>Sie sprachen nicht von Rebellion. Das Volk sprach von der Magna Charta. Von alten Rechten auf schwindendes Gemeindeland, das die Menschen von ihren Familien fort nach London getrieben hatte. Von dem Recht auf Religion. Und von dem gr��ten Recht von allen�� dem Recht, sich einen Laib Brot leisten zu k�nnen.</p><p>Will konnte ich nirgends entdecken. Ich klammerte mich an ein Bier, das mir ein vollkommen Fremder in die Hand gedr�ckt hatte, w�hrend ich in dem Gedr�nge etwas ersp�hte, das alles andere aus meinen Gedanken vertrieb. An der Bar stand der Mann mit dem Biberhut. Meine Wut rang mit dem Verlangen, die Flucht zu ergreifen. Ich glaubte, dass er meine Mutter get�tet hatte. Ich hatte wenig gegessen, und das Bier stieg mir zu Kopfe. Die Wut gewann, und ich k�mpfte mich durch die lachende, schreiende Menge. Jetzt sah ich die massige Gestalt von Crow und meinte erneut zu sp�ren, wie er meinen Kopf zur�ckriss, um mir die Kehle durchzuschneiden. Crow drehte sich um und musterte die Menge mit starrem Blick. Ich legte meine Hand an meinen Dolch, �berzeugt, dass er mich gesehen hatte, aber er geh�rte zu jenen M�nnern, die sich gewohnheitsm��ig st�ndig umsahen, um zu wissen, was hinter ihrem R�cken vorging.</p><p>���letzte Ort, an den er kommen w�rde�, h�rte ich ihn sagen.</p><p>�Ein Hund kehrt immer zum Gestank seiner eigenen Schei�e zur�ck�, sagte der Mann mit dem Biberhut.</p><p>Ein paar Kerzen standen auf einem Tisch, an dem ich auf dem Weg zur Bar vorbeikam. Ich l�schte sie mit meinem �rmel aus. Jemand rief etwas. Im Schatten verborgen n�herte ich mich der Bar.</p><p>Der Dolch f�hlte sich ganz anders an als mein Lehrlingsmesser, das im Vergleich dazu nichts als ein Spielzeug war. Der Dolch war schwerer und besser ausbalanciert. Ich l�ste ihn von meinem G�rtel und blieb stehen, wenige Zoll von ihren R�cken entfernt. Sie hatten die Aufmerksamkeit des Wirts gewonnen.</p><p>���rotes Haar. Tom Neave�, sagte der Mann mit dem Biberhut gerade. Er zog ein zerknittertes Blatt Papier aus der Tasche. Als er es auseinanderfaltete, erhaschte ich den Blick auf eine der Skizzen, die der Maler in jenem Sommer von mir angefertigt hatte. Mit wenigen Strichen hatte er mein Grinsen eingefangen, ebenso wie meine spitze Nase zwischen den dunkel gl�nzenden Augen.</p><p>Ich schob mich n�her heran. Ich versuchte zu schlucken, aber mein Mund war wie ausged�rrt. Crows derber Lederwams hatte einen Riss am R�cken, der wie ein offener Mund aussah und gr��er wurde, sobald er sich bewegte. Ich f�hlte mich davon angezogen und betrachtete ihn fasziniert.</p><p>Der Wirt sagte: �Hab ihn seit einer Woche nicht mehr gesehen.�</p><p>�Wir arbeiten f�r die Verlegerzunft und f�r Mr�Black�, sagte der Mann. Seine Stimme klang ernst und besorgt. �Er wird gesucht, weil er seinen Vertrag gebrochen hat, gestohlen hat�� Ihr k�nnt mich im The Cock and the Hen in Holborn erreichen�� Es ist eine Belohnung von f�nf Kronen auf ihn ausgesetzt.�</p><p>Der Wirt hob die Augenbrauen. In seinem Gesicht stand geschrieben, dass ihm das einen betr�chtlich gr��eren Gewinn bescheren w�rde, als es durch den Verkauf von Bier jemals m�glich war. Aber das war es nicht, was mich die Beherrschung verlieren lie�. Dazu kam es erst, als ich h�rte, dass Mr�Black, den ich f�r einen gottesf�rchtigen Mann gehalten hatte und der heuchlerisch so getan hatte, als wollte er mich vor der Gefahr warnen, zu den Verschw�rern geh�rte, die beabsichtigten, mich zu t�ten.</p><p>Der Dolch schien ein Eigenleben zu entwickeln, als ich ihn aus der Scheide zog. Ich sah nichts als den Riss in Crows Wams, der sich �ffnete und schloss und ein perfektes Ziel abgab.</p><p>�Tom!�</p><p>Gott sei mein Zeuge, aber ich glaubte, es sei die Stimme des Herrn, die mich innehalten lie�. Crow und der Mann mit dem Biberhut wirbelten herum, stie�en gegen einen Mann, der versuchte, zur Bar zu gelangen, der wiederum gegen mich stolperte. Mein Dolch fiel zu Boden.</p><p>�Tom!�</p><p>Will winkte neben einer der T�ren. Der Mann mit dem Biberhut schob sich durch eine Gruppe Zecher auf ihn zu. Crow machte sich auf der Stelle daran, die andere T�r zu sichern. Ich sah, wie sein Blick peinlich genau von Kopf zu Kopf wanderte. Trotz des D�mmerlichts und obwohl ich sp�rte, dass mein Hut fest auf dem Sch�del sa�, hatte ich das Gef�hl, meine roten Haare kr�chen �ber meinen Hals, als w�rden sie gleich einem Signalfeuer brennen.</p><p>Will sah mich an. Ich schaffte es gerade noch, stumm den Kopf zu sch�tteln. Als der Mann mit dem Biberhut ihn ansprach, sch�ttelte Will ebenfalls den Kopf und deutete auf die T�r, an der Crow stand.</p><p>�Er ist abgehauen�, rief der Mann mit dem Biberhut Crow zu, der hinaus auf die Stra�e st�rmte, den anderen dicht auf den Fersen.</p><p>Ich hob den Dolch auf und starrte seine Klinge an, w�hrend Will sich einen Weg durchs Gedr�nge bahnte, zusammen mit einem �lteren Mann in einer Uniformjacke im holl�ndischen Stil mit ordentlichem Leinenkragen.</p><p>�Ich wollte ihn umbringen�, sagte ich t�richterweise.</p><p>Der Mann sch�ttelte den Kopf. �Du standst falsch�, sagte er in gebildeter Sprechweise. �Du h�ttest ihn lediglich verwundet. Er h�tte sich umgedreht und dich get�tet.� Er zog seinen Finger �ber die Kehle.</p><p>Will unterbrach ihn barsch, als er sah, dass der Wirt etwas zur Schankmagd sagte. �Bring ihn hier raus, Luke!�</p><p>Er packte mich an einem Ellenbogen und der Mann namens Luke am anderen, und gemeinsam hetzten sie mit mir hinaus in die Nacht.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>8.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>In jener Nacht schlief ich, zusammengerollt in meinem Josephmantel, auf Ballen besten Virginia-Tabaks im Speicher von Wills Vater. Seitdem verbinde ich den Rauch von Virginia-Tabak, der kr�uselnd aus einer Tonpfeife emporsteigt, mit dem Geruch der Rebellion. Er stieg aus den Pfeifen von Will und Luke auf, als sie mich am n�chsten Morgen weckten. Sie brachten mich ins Kontor, wo ich einen dritten Mann kennenlernte, Ben. Es folgte eine genaue Inventur, jedoch nicht der Waren, sondern meiner selbst�� eine Vernehmung.</p><p>Alle drei waren Mitglieder der Allerheiligen B�rgergarde. Will und Ben waren typische Vertreter vieler Teilzeit-Soldaten der Stadt: durchschnittliche M�nner, die gegen die reichsten Kaufleute der Stadt k�mpften, welche in der Regel den K�nig unterst�tzten. Wie viele Tabakh�ndler bem�hte sich Wills Vater darum, das Monopol der sagenhaft reichen Gew�rzh�ndler zu brechen. Benyon, sein Gegner bei den Wahlen zur Ratsversammlung im n�chsten Monat, war einer von ihnen.</p><p>Ben war Apotheker. Von einem anderen Monopol, den �rzten, daran gehindert, in der Stadt zu arbeiten, praktizierte er in Spitalfields au�erhalb der Stadtmauern und verteilte Heilkr�uter an die Londoner Armen. Ben war still und zur�ckhaltend wie seine graue Jacke und Hose, doch in seinem Schweigen lag eine Starrk�pfigkeit, die Weigerung, alles als gegeben hinzunehmen, die mir gefiel.</p><p>Luke dagegen war ganz anders. Er schien nur ein Ziel gehabt zu haben, als er sich der B�rgergarde anschloss: zu k�mpfen. Er kam gerade vom Fechttraining und lehnte sein Schwert gegen einen klapprigen Tisch im Kontor. Er war Lehrz�gling eines Rechtsanwalts in Gray�s Inn und der zweite Sohn eines Adligen, und so sah er auch aus. Das ausgesprochen weiche Leder seiner Stulpenstiefel verspottete meine Schuhe �wie sie bei Hofe getragen wurden�. Ich versteckte sie unter dem Tisch, und meine Wangen brannten vor Verlegenheit, doch die Sch�bigkeit meiner Kniehosen konnte ich nicht verbergen, ebenso wenig den �blen Geruch und die Flecken auf meinem Josephmantel, bei dem er die Nase r�mpfte. Zweifelnd musterte er mich, als sei ich eine dieser Kuriosit�ten, die vom fahrenden Volk ausgestellt wurden.</p><p>�Du bist auf der Flucht�, sagte er gedehnt.</p><p>�Ja�, erwiderte ich herausfordernd. �Werdet Ihr mich nach Newgate bringen?�</p><p>�Bridewell�, korrigierte er, �f�r unbedeutende Misset�ter wie dich. Es sei denn, du h�ttest tats�chlich jemanden get�tet.�</p><p>Vielsagend blickte er auf den Dolch an meinem G�rtel. Ich sprang auf und warf beinahe den Tisch um. Eine Woche auf der Flucht hatte mich bereits ver�ndert, und ich hatte mir angew�hnt, zuerst zu handeln. Noch einen Moment l�nger, und ich w�re zur T�r raus gewesen, bereit, Luke von seinem Stuhl zu sto�en, falls er mich aufhalten wollte.</p><p>�Was ist passiert, Tom?�</p><p>Ben sprach mit leiser Stimme, und seine Besorgnis wirkte beruhigend auf mich. Ich sch�mte mich meiner heftigen und unangemessenen Reaktion und lie� mich auf meinen Schemel zur�ckfallen. Ich erz�hlte ihnen alles, von dem Moment an, als Mr�Black mich aus Poplar geholt hatte, bis zum Anschlag auf mein Leben und die Abrechnungen und Notizen �ber mich, die ich in Mr�Blacks Kontor entdeckt hatte.</p><p>Als ich fertig war, herrschte Stille, bis auf das Glockengel�ut der Schuten auf dem Fluss. Will paffte an einer Pfeife mit dem bestem Virginia seines Vaters, der sich von einer �fauligen, stinkenden Neuheit�, wie K�nig James ihn verspottet hatte, zu einem Heilmittel gegen alle m�glichen Leiden verwandelt hatte, von Koliken bis Blasensteinen.</p><p>�Ist das eine Geschichte aus deinen Flugschriften?�, fragte Luke skeptisch.</p><p>�Es ist die Wahrheit!� Ich schlug mit der Faust auf den Tisch, doch dann ert�nte zu den Schiffsglocken der viel tiefere Klang einer Kirchenglocke.</p><p>�St.�Mary-le-bow�, sagte Will. �Das bedeutet���</p><p>Der Ende seines Satzes wurde von dem gewaltigen Get�se der Glocken verschluckt, das sich von Osten her �ber die ganze Stadt ausbreitete. Gleich einem Feuer, das von Dach zu Dach sprang, schwoll der L�rm an, das kehlige Wummern von St.�Katherine�s beim Tower, das Hallen von St.�Dunstan-in-the-East, welches die Glockenspiele von St.�Lawrence Jewry und St.�Giles Cripplegate, St.�Paul�s, St.�Martin�s, St.�Dunstan-in-the-West und St.�Clement Danes zum Leben erweckte, bis der ganze Speicher einem riesigen Kessel aus T�nen glich.</p><p>Luke war nicht zu verstehen, aber niemand brauchte seine Worte zu h�ren.</p><p>�Der K�nig�, formte er mit den Lippen.</p><empty-line/><p>Der K�nig war angekommen, um zum Parlament zu sprechen! Alle unsere Streitigkeiten waren vergessen, als wir uns der gewaltigen Menge anschlossen, die sich die Thames Street entlangschob, vorbei an den Hallen der Fischh�ndler und die Fish Street hinauf. Indem wir unsere Fragen in die Menge br�llten und die Ohren dicht an den Mund derer hielten, die uns Antwort gaben, fanden wir allm�hlich heraus, dass der K�nig den Lord Mayor und die Ratsherren in Hoxton getroffen hatte, auf dem freien Feld direkt hinter den sich ausbreitenden neuen H�usern. Die Bauarbeiten waren, �hnlich wie in Poplar, in der aktuellen Krise abrupt zum Stillstand gekommen, es gab nur halbfertige H�user und Holzabf�lle in Matschpf�tzen zu sehen.</p><p>�Der K�nig hat den Lord Mayor auf der Stelle zum Ritter geschlagen�, schallte es aus der Menge.</p><p>Will st�hnte. �Ritterschaft gegen Gold! Der K�nig m�chte, dass die Stadt ihm ein Heer finanziert!�</p><p>Aufbrandende Jubelschreie brachten ihn zum Schweigen. Ich fragte mich, wie die Menge nach den Aufst�nden der letzten Nacht so gl�cklich dar�ber sein konnte, bis wir die Gracious Street erreichten. Wir kamen nicht mehr weiter, da die Menschen um den Springbrunnen herum sich uns entgegenschoben. M�nner und Frauen taumelten auf uns zu, H�nde und Kleider mit etwas bedeckt, das wie Blut aussah.</p><p>Selbst Luke verlor seine Kaltschn�uzigkeit und bahnte sich seinen Weg durch die Menge. Er br�llte mir etwas zu, aber ich konnte kein Wort verstehen. Die Glocken in unserer N�he verstummten, die anderen wurden ebenfalls leiser, und Lukes Stimme dr�hnte in meinen Ohren.</p><p>�Trinkt auf den K�nig! Und verdammt seien seine schlechten Ratgeber!�</p><p>Er verschwand in der wogenden Menge, nur um bald wieder aufzutauchen. Der feine Spitzenkragen war mit purpurnen Flecken bedeckt, von seinen H�nden tropfte es rot.</p><p>�Der beste Bordeaux!�, schrie er. �Wenn der K�nig Euch beg�nstigt, bedeutet Ihr ihm alles.�</p><p>Ich konnte es nicht fassen. Aus dem Brunnen sprudelte Wein. Eine Frau trug einen Krug davon fort. Die meisten streckten ihre H�nde aus und schl�rften ihn schmatzend, k�mpften sich immer wieder nach vorn, um noch mehr zu bekommen, ehe die F�sser, die den Nachschub lieferten, geleert waren. Auf H�nden und F��en schl�ngelte ich mich unter der Sch�rze eines Bierkutschers hindurch und fing den Wein auf, der ihm durch die Finger rann. Ich trank, indem ich den Kopf zum Himmel hob und den roten Regen einfing, bis ich das Gleichgewicht verlor und Gefahr lief, in dem blutroten Schlamm zertrampelt zu werden. Ob es der beste Bordeaux war oder Essig, wusste ich nicht, und ich schaffte es auch nicht, besonders viel davon zu schlucken, doch trunken war ich ganz gewiss. Trunken von dem Gedr�nge um mich herum, und dann, als wir uns wie ein Mann Richtung Cornhill wandten, vom donnernden Gebr�ll der Menge, das von dort ert�nte. Er war angekommen! Wir w�rden ihn verpassen! Dieser Gedanke stand jedem ins Gesicht geschrieben, als wir uns schiebend und unter Gebrauch der Ellenbogen am Leadenhall Market vorbeidr�ngten.</p><p>Die Menschen mussten seit Stunden an ihren Pl�tzen ausgeharrt haben. Die Route f�r den Einzug des K�nigs in die Stadt war seit hundert Jahren dieselbe. Der K�nig �berschritt die Stadtgrenze bei Moorgate, anschlie�end machte die Parade einen Schwenker und nahm die Route entlang der alten R�mermauer, machte in Bishopsgate erneut kehrt und n�herte sich dann, wie sie es nun tat, der Merchant Tailor�s Hall, die sich vor uns erhob. Die Zuschauer wurden so eng zusammengedr�ckt wie eine Steinmauer, und egal, wie sehr ich auch h�pfte und sprang, ich konnte wenig erkennen, bis auf flatternde Banner und Menschen, die sich gef�hrlich weit aus den Fenstern lehnten und einstimmig riefen: �Lang lebe der K�nig! Lang lebe der K�nig!�</p><p>So gro� er auch war, selbst Will musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um etwas zu sehen. Er warf seine H�nde in die Luft und schrie zusammen mit dem Rest der Menge. Ich wurde gegen ein Fachwerkhaus gedr�ckt. �ber mir war ein Querbalken, unterhalb des Fensters im oberen Geschoss, aus dem sich Menschen lehnten. Sp�ter h�rte ich, dass sie ein Verm�gen f�r dieses Privileg gezahlt hatten.</p><p>�Will, mach mir eine R�uberleiter.�</p><p>Er verschr�nkte die H�nde. Ich setzte meinen Fu� hinein, schwang den anderen auf einen Wandpfosten und tastete in dem losen Fischgr�tenmauerwerk nach Halt. Putz rieselte auf mich herab, als eine Hand mich von oben packte und hochzog. Unter dem Jubel der Leute um mich herum klammerte ich mich an den Querbalken. Bei dem Anblick unter mir fiel ich beinahe wieder herunter. Die Stra�en waren mit den freien Zunftmitgliedern der Stadt ges�umt. Ein gro�artiges Farbenspiel aus allen Farben des Regenbogens lie� die Stra�en so hell erstrahlen wie mitten im Sommer. Nun ritt eine weitere Entourage an Cornhill vorbei, gefolgt von der St�dtischen Artillerie. Banner flatterten an den Spie�en der M�nner, an ihren S�tteln hingen Pistolen. Ich hatte sie f�r Aufst�ndische gehalten, doch es schien, als seien sie dem K�nig ebenfalls erlegen.</p><p>Auf prachtvollen Pferden, die so exakt zu den Trommeln schritten, dass es aussah, als seien sie ebenfalls dem Anlass gem�� von Ehrfurcht ergriffen, ritten, jeweils zwei nebeneinander, die gro�en Peers. St�ndig in Gefahr, abzust�rzen, rief ich wie ein kleines Kind: �Wer ist das da, wer ist der mit dem Schwert?�, und jemand am Fenster oder noch h�ufiger Luke, der es geschafft hatte, sich bis nach vorn durchzuschl�ngeln, br�llte die Antwort.</p><p>�Das ist der Marquess von Hertford mit dem Reichsschwert���</p><p>Er schien jeden zu kennen, und dar�ber hinaus wusste er, was die verschiedenen Positionen zu bedeuten hatten, die die Reiter in Relation zum K�nig einnahmen.</p><p>�Das ist Manchester�� Lord Privy Seal�� und dies der Marquess von Hamilton�� raffiniert, ihn zum Herrn �ber die Pferde zu machen�� sie sind alle gem��igte Reformer�� Siehst du!�, schrie er Will zu. �Das ist eine Botschaft des K�nigs! Er hat sich seiner b�sartigen Ratgeber entledigt.�</p><p>Ich hielt das f�r eine wunderbare Nachricht. Ich musste mich an den Balken klammern, als die Menge unter mir ihre H�te schwenkte und die Menschen im Zimmer �ber mir mit den F��en auf den Boden stampften, so dass das ganze Haus erbebte.</p><p>Und da war er!</p><p>�Der K�nig! Der K�nig!�, br�llte die Menge.</p><p>Nie wieder in meinem ganzen Leben benutzte ich einen Holzschnitt dieses ovalen Gesichts, mit den langen Locken und dem spitzen Bart, ohne daran zu denken, wie vollkommen unangemessen er war, und ohne mich an diesen Moment zu erinnern. Er schien zu schweben, anstatt auf seinem prachtvollen schwarzen Pferd zu reiten. Der Sattel war mit silbernen und goldenen Stickereien verziert, sein hauchzarter Reitumhang flatterte wie Fl�gel hinter ihm, geschm�ckt mit dem Zeichen des Hosenbandordens: einem Stern, der silberne Strahlen aussandte.</p><p>Jedes Mal, wenn er die Hand hob oder l�chelte, brach die Menge in einen Freudentaumel aus. Schon machte die Nachricht die Runde, dass er in Hoxton geschworen habe, sich nicht vom Papismus beeinflussen zu lassen, sondern die protestantische Religion von Elizabeth und James zu wahren. Sein L�cheln wurde strahlender, als er vorbeiritt. Er hob die Hand und schien mich direkt anzul�cheln. Ich war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen, meine Fingern�gel scharrten im Mauerwerk, w�hrend ich mich festklammerte, und die Menge gr�lte unabl�ssig in meine Ohren. Ich liebte ihn. Es gab kein anderes Wort daf�r. Gottesgnadentum? Nat�rlich war er g�ttlich! K�mpften nicht �berall an der Route die Menschen darum, ihm nahe zu sein und mussten von den Zunftmitgliedern zur�ckgehalten werden? Erhofften sich nicht die Lahmen, Schwachen und Bettler Erleichterung von ihrem Los? Eine Frau dr�ngte sich nach vorn und hielt ihr blindes Kind in die H�he, in der Hoffnung, dass es f�r einen Augenblick dieselbe Luft atmen m�ge wie er.</p><p>Ich verrenkte mich, um dem K�nig so lange wie m�glich nachblicken zu k�nnen, w�hrend er in Richtung Cheapside verschwand. Als ich mich widerstrebend wieder umwandte, war ich auf der Stelle wie gel�hmt, als ich die Frau in der Kutsche unter mir sah. Anne war wundersch�n, aber auf eine frische und schlichte Art. Diese Frau aber war sch�n wie ein Kunstwerk. Perlen glitzerten in ihrem Haar, ihre Haut war wie d�nnes Porzellan, nur auf der Wange prangte frech ein Sch�nheitsfleck. Ihr Kleid war tief ausgeschnitten, und von meiner erh�hten Position ersp�hte ich mehr von einer Frau, als ich je zuvor gesehen hatte. Ich hegte keine Zweifel, wer sie war.</p><p>�Die K�nigin!�, rief ich. �Lang lebe die K�nigin!�</p><p>Die Frau blickte auf und l�chelte. Ihre Augen waren nicht k�nstlich. Man k�nnte sie unm�glich malen. Sie waren von einem so dunklen Blau, dass sie fast schwarz wirkten, und blitzten am�siert auf. Im Porzellan um sie herum bildeten sich winzige Lachfalten, ehe die Kutsche weiterrollte. In diesem Moment merkte ich, dass die Menschen um mich herum jaulend auflachen.</p><p>�Die K�nigin ist auf und davon, du Idiot!�</p><p>�Das ist Lucy Hay.�</p><p>�Countess of Carlisle.�</p><p>�Straffords Hure.�</p><p>Der Earl of Strafford war einer der k�niglichen Ratgeber gewesen, der nicht nur vom Parlament, sondern auch von vielen Anh�ngern des K�nigs f�r sein skrupelloses, nahezu gesetzloses Streben nach Macht gehasst worden war. Ihm war so viel Unmut entgegengeschlagen, dass selbst der K�nig nicht imstande gewesen war, ihn vor den Anfechtungen zu sch�tzen. Mit gr��tem Widerwillen hatte er das Todesurteil f�r seine Hinrichtung im Mai dieses Jahres unterzeichnet.</p><p>�Jetzt, wo Strafford tot ist, ist sie John Pyms Hure!�</p><p>�Die wechselt die Betten wie die Seiten.�</p><p>Es gab noch mehr Gel�chter, und unter mir brach ein Kampf aus. Ich achtete nicht auf diese niedertr�chtigen Anschuldigungen gegen eine so sch�ne Frau, auf die als Angeh�rige des Hofes ein Teil der k�niglichen G�ttlichkeit abgef�rbt haben musste. Ich war �berw�ltigt von dem Gedanken, dass ich bei ihrem Haus gewesen war, wenn auch nicht n�her als bis zu ihrem Schei�haufen, und dass ich, wenn ich jemals wieder Briefe f�r Mr�Pym �berbringen w�rde, vielleicht einen Blick auf Lucy Hay erhaschen k�nnte.</p><p>�Seht ihn euch an!�</p><p>�Er ist verliebt.�</p><p>�Komm her zu uns!�</p><p>Betrunkene H�nde streckten sich nach mir aus. Ich merkte, wie sehr meine Arme schmerzten, und lie� erleichtert den Querbalken los, streckte die Hand nach oben, wo mich jemand zu fassen bekam. Eine andere Hand packte mich am Kragen. Ich stie� mich von dem Wandpfosten, auf dem ich gestanden hatte, ab und griff nach der Fensterbank �ber mir. Genau in diesem Moment sah ich das Banner. Es wurde vom Fahnentr�ger eines der Peers in die H�he gehalten, der nicht in der Gnade des K�nigs stand, wenn man bedachte, wie weit hinter dem K�nig er ritt. Das Banner zeigte eine Art Vogel, ich wusste nicht, was f�r einen, aber ich hatte das Gef�hl, diese Art zuvor schon einmal gesehen zu haben. Der Vogel tauchte auf und verschwand wieder, sobald der Wind ihn erfasste, als w�rde er tats�chlich fliegen. Ein Falke. Ich <emphasis>hatte</emphasis> ihn schon einmal gesehen! Als sei es gestern gewesen, war ich wieder mit Matthew auf der Werft und schleppte Pech zur <emphasis>Resolution</emphasis>, an der dieselbe Flagge gehisst war, derselbe Falke, zu Ehren des bedeutenden Edelmanns, der das Schiff in Auftrag gegeben hatte.</p><p>Und da war er! Steif sa� er auf dem Pferd, als w�rde er nur noch selten reiten. Er zuckte zusammen, als er sich in der Menge umschaute, und ich sah sein Gesicht. Dieser Bart. Dieser freundliche Blick. Aber nein, gar nicht so freundlich. Das Gesicht glich einem zerknitterten St�ck Papier, die ergrauten Brauen waren stirnrunzelnd zusammengezogen. Doch f�r mich gab es keinen Zweifel, dass er der Edelmann war, der sich �ber mich gebeugt hatte, damals, als ich schlief, nachdem ich mich selbst mit dem hei�en Pech verbrannt hatte. Der Edelmann, vor dem Matthew sich gef�rchtet hatte und nach dessen Besuch Mr�Black mich als Lehrjungen aufgenommen hatte.</p><p>�Das ist er! Das ist der Mann!�</p><p>Ich musste von allen guten Geistern verlassen sein. Ich deutete auf ihn. Sah, wie er den Hals verrenkte, um nach oben zu blicken und mich anzustarren, w�hrend ich einen Moment lang an nur einer Hand hing. Die Leute �ber mir versuchten, mich zu packen, aber der Mann, der mich hielt, lockerte den Griff, und ich st�rzte auf die Menschen unter mir. Ein Mann ging fluchend zu Boden. Andere jubelten. Luke schrie etwas. Will und Ben kamen auf mich zu, doch ich bahnte mir sto�end, schubsend und k�mpfend einen Weg durch die Menge und schl�ngelte mich nach vorn, um den Mann zu erwischen, ehe er vorbei war. Ich erreichte die Zunftmitglieder, die den Weg mit derben Kn�ppeln blockierten, schnappte mir den Kn�ppel von einem von ihnen und brachte den Mann so aus dem Gleichgewicht. Was mich vorw�rts trieb, waren die Worte in dem Briefschnipsel, den ich in Mr�Blacks Kontor gefunden hatte: �Er betrachtet den Jungen mit anderen Augen.�</p><p>Der Mann mit der Narbe musste den Brief geschrieben haben, auf Anweisung des Edelmanns. Ich hatte nur ein Ziel, und zwar, zu dem Mann zu gelangen, der aus irgendeinem Grund erst beschlossen hatte, etwas aus mir zu machen, nur um dann, wie ein T�pfer, der ein fehlerhaftes Gef�� aussonderte, zu entscheiden, dass ich �eine gro�e Tollheit� sei, derer man sich entledigen musste.</p><p>Warum? Das war die Frage, die ich ihm ins Gesicht schleudern wollte. Warum?</p><p>Vielleicht schrie ich das Wort sogar. In meiner Erinnerung verschwimmen die Ereignisse, und ich kann mich nicht entsinnen. Der Zug war zum Halten gekommen. Ich duckte mich unter einem Pferd hindurch und stand nur wenige Schritte von dem Edelmann entfernt, der jetzt auf mich herunterstarrte. Ich war so pl�tzlich aufgetaucht, dass sein Pferd sich aufb�umte. Als der Edelmann aus dem Sattel zu rutschten drohte, versuchte ich, die Z�gel zu ergreifen. �berall um mich herum schrien Leute. Reiter hatten M�he, ihre scheuenden Pferde in Zaum zu halten. Ich sp�rte den brennenden Hieb einer Peitsche.</p><p>�Aus dem Weg! Ich muss zu meinen Vater!�</p><p>Die Stimme geh�rte einem Reiter, der sein Reittier perfekt unter Kontrolle hatte. Als er sein Pferd in meine Richtung dr�ngte, erhaschte ich einen Blick auf den Falken, der seinen Umhang zierte. Sein Gesicht �hnelte dem des alten Mannes, nur glatter, und er trug einen ordentlichen Bart, der wie gemei�elt wirkte. Seine scharfen grauen Augen wiesen ihn als einen Mann der Tat aus, der erst richtig lebendig wurde, wenn andere Menschen in Panik und Unordnung gerieten. Er brach durch die Menschenmenge und beugte sich �ber mich, den Kopf tief �ber den Pferdehals gesenkt. Seine Augen wurden schmal, w�hrend sein Schwert nach unten deutete. F�r ihn musste ich wie ein St�ck Wild sein, das er auf seinem Anwesen jagte. Oder eher wie Ungeziefer. Jemand schrie etwas in mein Ohr, aber ich war wie eine dieser Ratten am Hafen, hypnotisiert von einem streunenden Hund, der sie in die Ecke getrieben hatte. Die Schwertspitze war nur wenige Zoll von mir entfernt, als ein Kn�ppel sie zur Seite schlug. Das Schwert drang durch den Umhang in meine Schulter und wirbelte mich herum. Das Pferd des Reiters bockte, aber er bezwang es und lenkte es erneut auf mich zu.</p><p>�Lauf!�, schrie die Stimme.</p><p>Es war Luke. Er zerrte mich durch das Gew�hl und schob mich auf Will zu. �Lauf, du kleiner Narr! Lauf!�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>9.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Sie brachten mich zur�ck zum Speicherhaus, wo Mrs�Ormonde darauf bestand, mir ein Bett in Wills Kammer zu geben. Ben rieb eine k�hlende Salbe auf meine Schulter. Er erinnerte mich an Matthew, au�er dass in dem abgewetzten Tornister, in dem er seine Kr�uter bei sich trug, strenge Ordnung herrschte. Luke sa� am Ende des Bettes und sah zu. �Was um Himmels willen hattest du vor?�</p><p>Ich gab keine Antwort, entschlossen, nichts mehr zu sagen, da er meine Geschichte ins L�cherliche gezogen hatte. Ich hatte ihm gedankt, weil er mir das Leben gerettet hatte, aber so in seiner Schuld zu stehen, machte es nur noch schwerer, seine bevormundende Art zu ertragen.</p><p>Der pochende Schmerz in meiner Schulter war bereits verschwunden, als Ben die Salbe wieder in seinem Tornister verstaute. �Du hast gerufen �Das ist er�. Wer, glaubst du, war dieser alte Edelmann?�</p><p>�Hast du versucht, deine Geschichte zu beweisen?�, bohrte Luke weiter. �Der Pechjunge und der Peer?� Ich versuchte, ihm nicht zuzuh�ren, wandte mich ab und schmiegte mein Gesicht ins Kissen. Doch dann ver�nderte sich sein Tonfall. �Ein riskanter Weg, es zu beweisen, aber wirkungsvoll. Ich habe gesehen, wie er dich angeschaut hat, und ich bin sicher, dass er wusste, wer du bist.�</p><p>Ich setzte mich auf, starrte ihn an, aber auf seine typische Art, die mich so sehr reizte, wechselte er das Thema. �Es sah aus, als h�tte der J�ngere dich einfach f�r einen Verr�ckten gehalten. Aber seine Aufmachung war nicht korrekt. Er h�tte ein Zeremonienschwert tragen m�ssen, keinen Sto�degen.�</p><p>Er r�mpfte die Nase, auf diese verw�hnte Weise, als h�tte er etwas Schlechtes gerochen. Er hatte seine mit Wein befleckten Spitzenkragen abgenommen und wischte sich einen Fleck von der Kniehose. Als Einziger von uns sah er fast noch genauso tadellos aus wie vorhin, als wir zur Parade aufbrachen, und wirkte, anders als Ben, in so einem puritanischen Haushalt vollkommen fehl am Platze.</p><p>Er senkte einen imagin�ren Sto�degen und imitierte sitzend einen Ausfallschritt auf mich zu. Er lachte, aber mir lief ein Schauder �ber den R�cken. Seltsamerweise wollte ich gar nicht so genau h�ren, was er zu sagen hatte. Die Salbe tat ihre Wirkung, und das Bett, das die erste Federmatratze besa�, auf der ich je gelegen hatte, zeigte mir deutlich, wie qu�lend m�de ich war. Ich wollte das alles nur noch vergessen und in den Schlaf sinken. Doch Luke machte mich wieder vollkommen wach. Sein sachlicher Ton wurde noch k�hler.</p><p>�Es war ein italienisches Rapier, Bologna, sch�tzungsweise. Er h�tte ein gutes altes englisches Breitschwert tragen m�ssen, mit dem man einen Mann umhauen kann. Doch die Teile sind plump und wesentlich weniger effektiv. Es kommt auf den Sto�, die <emphasis>stoccata lunga</emphasis>, nicht auf den Hieb an�� die Spitze, nicht die Klinge z�hlt, wenn du einen Mann wirklich t�ten willst.�</p><p>In Lukes Stimme lag eine gen�sslich-makabre Eindringlichkeit, die mit unertr�glicher Klarheit den Geruch des Pferdes zur�ckbrachte, ebenso wie die Augen des jungen Mannes, eines fast geschlossen, das andere zielend, als sei es Teil der Klinge.</p><p>�Du meinst, er war vorbereitet?�, warf Will ein.</p><p>�Ja. Abgesehen vom Rapier war er perfekt ausgestattet. Ich m�sste wissen, wem das Wappen geh�rt�� Der Falke�� es liegt mir auf der Zunge���</p><p>�War er einer der M�nner aus dem Pot?�, fragte Ben.</p><p>�Nein. Das waren nur Handlanger�, sagte Will.</p><p>�Der Mann mit dem Biberhut sah aus wie ein vom Gl�ck verlassener Soldat�, erkl�rte Luke. �Hast du geh�rt, was sie an der Bar gesagt haben?�</p><p>�Sie sagten, sie k�men von der Verlegerzunft. Der Soldat bat den Wirt, ihm Bescheid zu geben���</p><p>�Wo?�</p><p>�The Hen�� Nein, The Cock and Hen in Holborn���</p><p>�Eine Soldatensch�nke�, sagte Will. �Dort rekrutierten sie M�nner f�r den Krieg.�</p><p>�Es wird keinen Krieg geben�, sagte Ben.</p><p>Im Gegensatz zu den anderen glaubte er nicht, dass die Menschen ihr eigenes Land zerst�ren w�rden, wie sie es in Europa getan hatten. So dumm waren die Engl�nder nicht. K�nig und Parlament legten ihren Zank seit f�nfzehn Jahren immer wieder bei, meinte Ben, und so w�rden sie es auch weiterhin halten. Er hatte sich der B�rgergarde angeschlossen, weil er daran interessiert war, Wunden zu behandeln, die seiner �berzeugung nach eher von �bungen im Artilleriekampf herr�hren w�rden als von einem mythischen Krieg.</p><p>Wills Schwester Charity, die etwa in Annes Alter war, brachte mir einen Becher Milchpunsch. Ihr schwarzes Kleid hatte einen gest�rkten Baumwollkragen, und sie strahlte jene Schlichtheit der holl�ndischen Portr�ts aus, die den K�nstlern zu eigen war, ehe sie nach London kamen und in Farben schwelgten, sobald sie f�r den Hof malten.</p><p>Erstaunlicherweise �bernahm auch Luke etwas von dieser Schlichtheit, sobald sie den Raum betrat. Sein Esprit verlie� ihn, als sie ihn mit einer Direktheit ansprach, die seine Ablenkungen und Frivolit�ten durchdrang. Er war bescheiden, wo er zuvor arrogant gewesen war, h�rte zu, wo er unterbrochen hatte, und beugte sich mit ernstem Gesicht vor, als Charity ihre Besorgnis zum Ausdruck brachte.</p><p>�Ich habe Euren Spitzenkragen ins Wasser gelegt, Mr�Ansell. Es war Blut darauf.�</p><p>�Blut��?�, fragte er �berrascht.</p><p>Ich dachte an den Weinbrunnen und konnte mir ein L�cheln kaum verkneifen. In diesem puritanischen Haus gab es keinen Alkohol, bis auf eine Flasche holl�ndischen Schnaps, der als Arznei Verwendung fand.</p><p>�Ach ja!�� Blut�, sagte Luke und versuchte, eine wegwerfende Handbewegung zu machen.</p><p>Sie kam dicht an ihn heran, starrte �ngstlich auf den Fleck auf seinem Leibrock. �Seid Ihr verletzt?�</p><p>�Verletzt? Nein, nein���, stammelte er. �Es ist n� nichts.�</p><p>Er bemerkte mein L�cheln, bedachte mich mit einem wilden Blick, halb Warnung, halb Flehen, und versuchte, seine Fassung wiederzuerlangen. Als er sich beeilte, Charity die T�r aufzuhalten, stie� er gegen das Fu�ende des Bettes.</p><p>Doch dann r�tete sich sein Gesicht vor Aufregung, und er schnippte triumphierend mit den Fingern.</p><p>�Falke! Der alte Edelmann, den du aufhalten wolltest, war Lord Stonehouse, dritter Earl. Sein Landsitz ist Highpoint House, mit ausgedehnten L�ndereien, in der N�he von Oxford. Bis vor f�nf Jahren hat er K�nig Charles� Kronlehen verwaltet, dann fiel er in Ungnade, weil er sich mit der Zahlung des Schiffsgeldes zu viel Zeit lie�.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>10.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Am n�chsten Tag schlief ich lange, und ich h�tte noch l�nger geschlafen, wenn Luke und Will nicht einen Sack vor meiner Nase umhergeschwenkt h�tten, von dem der stechende Geruch eines vernachl�ssigten Pferdestalls ausging.</p><p>�Was zum Teufel ist das?�</p><p>�Rabenfl�gel�, erkl�rte Luke w�rdevoll.</p><p>�Erprobt von der K�nigin, um den Fluch des roten Haares abzuwenden und es in ein modisches Schwarz zu verwandeln.� Will h�rte sich an wie der Hausierer in Cheapside, von dem sie es offensichtlich gekauft hatten.</p><p>�Und somit hoftauglich.� Luke deutete eine kleine Verbeugung an.</p><p>Pl�tzlich mochte ich mein rotes Haar, das ich Zeit meines Lebens gehasst hatte, sehr gerne. �Das werdet ihr mir nirgendwo hinschmieren!� Ich schnappte mir den Leinensack von Luke und warf einen Blick hinein. Widerw�rtig stinkender schwarzer Schleim, der die Konsistenz von lockeren Hundehaufen hatte, und mich zusammenzucken lie�. Luke versuchte, den Sack zu packen. Ich wich zur�ck und holte aus, um ihm den Sack entgegenzuschleudern.</p><p>�Willst du, dass man dich t�tet?�, schnauzte Will.</p><p>Er besa� eine Autorit�t, die Luke mit seiner st�ndigen Flachserei fehlte. Langsam lie� ich den Sack sinken. Sie erz�hlten mir, dass sie auf der Suche nach dem Mann mit dem Biberhut im Cock and Hen gewesen waren. Es war, wie Will gesagt hatte, ein Rekrutierungsb�ro f�r Soldaten. Die Religionskriege, die Europa seit drei�ig Jahren verw�steten, verliefen allm�hlich im Sande, und jedes zweite Schiff, das nach London kam, brachte Gl�cksritter mit, die sich dem Meistbietenden andienten. Einer von ihnen war der Mann mit dem Biberhut.</p><p>�Sein Name lautet Captain Gardiner�, sagte Luke. �Er ist ein entfernter Verwandter von Lord Stonehouse, ein armer Cousin.�</p><p>Ich betastete ein letztes Mal mein rotes Haar und reichte Will stumm den Sack mit der widerw�rtigen Masse. Im Hof tauchte ich meinen Kopf in einen Eimer mit eiskaltem Wasser, sch�ttelte mich wie ein Hund und schloss die Augen.</p><p>�Ist auch gut gegen L�use�, sagte Will.</p><p>�Sie werden schwarz anstelle rot�, prustete Luke.</p><p>Ich erschauderte und w�rgte, als sie die �belriechende Paste in mein Haar rieben. �Das ist widerlich! Wie lange muss ich so bleiben?�</p><p>�Die ganze Nacht.�</p><p>�Was?!�</p><p>Der schlimmste Moment war, als Ben am n�chsten Morgen kam. Als er mich auf einen Arm gest�tzt im Bett vorfand und die Masse wie harter Lehm an meinem Kopf klebte, verlangte er zu wissen, was darin sei, denn wenn es Bleiwei� sei, k�nnte es sein, dass ich nicht nur die Farbe, sondern gleich all meine Haare verl�re.</p><p>�ngstlich betrachtete ich mich in einem zinnernen Spiegel, als Luke wie ein Bildhauer den Lehm wegmei�elte. Meine Haare waren noch da, nicht ganz schwarz, aber von einem staubigen dunklen Braun. Die Wirkung war verbl�ffend. Selbst Luke hielt den Mund. Doch dann begann er zu lachen, als ich mein Gesicht ber�hrte, um mich zu vergewissern, dass ich der Fremde war, der mir aus dem Spiegel entgegenblickte.</p><empty-line/><p>Die Glocken l�uteten, als ich mich am n�chsten Sonntag St.�Mark�s n�herte, der Kirche von Mr�Blacks Gemeinde. Ihr Klang war im ganzen Bezirk und dar�ber hinaus wiederzuerkennen, da eine der Glocken leicht gesprungen war und den anderen hinterherzuhinken schien. Ich sah aus wie ein frommer Puritaner, mit strahlend wei�em Kragen, einer schwarzen Jacke und einem Paar Kniehosen von Will, die Charity gek�rzt hatte. Mein dunkles Haar umrahmte mein Gesicht unter dem breitrandigen Filzhut. Ich blickte zu Mr�Blacks Kirchenbank. Er war nicht dort, George hatte seinen Platz neben Mrs�Black eingenommen. Mein Herz machte einen Satz, als ich Anne erblickte�� und noch einen, als ich sah, dass sie die Bibel meiner Mutter dabei hatte, die sie versprochen hatte, mir zu bringen.</p><p>Nach dem Gottesdienst blieb ich sitzen, scheinbar in ein stilles Gebet vertieft. Anne ging so dicht an mir vorbei, dass ihre R�cke mich beinahe streiften. Ein Hauch von Rosenduft aus ihrem Duftkissen wurde zu mir getragen. Hinter meinen zum Gebet erhobenen H�nden zwinkerte ich ihr zu. Verdutzt sah sie mich an, lie� beinahe die Bibel fallen und schob sie unter die Bank neben mir.</p><p>Drau�en tr�delte Anne und trat nicht zu ihrer Mutter und George, die in ein Gespr�ch mit Benyon vertieft waren, dem Kaufmann, der mit ostindischen Waren handelte und der bei den Wahlen zur Ratsversammlung als Mann des K�nigs gegen Wills Vater antreten w�rde. Ich war �berrascht, ihn hier zu sehen, denn Mr�Black verachtete seine Politik und seine Religion. St.�Mark�s war eine �halbreformierte� Kirche, und Benyon dr�ngte stets auf eine R�ckkehr zu den alten Sakramenten und Zeremonien. Doch Anne und mir verschaffte seine Anwesenheit die Zeit, die wir brauchten.</p><p>Wir hatten beide den gleichen Gedanken und traten nacheinander hinter ein Mausoleum, das dem Andenken an Samuel Potter und seiner Witwe gewidmet war. Unabl�ssig blickte sie sich schuldbewusst nach ihrer Mutter und George um wie ein in die Enge getriebenes Tier. Ich wagte nicht, sie zu ber�hren, aus Furcht, sie k�nnte die Flucht ergreifen.</p><p>�Danke f�r die Bibel, Miss Black�, sagte ich.</p><p>Sie schluckte und l�chelte �ber die formelle Anrede. �Tom, ich kann dich nicht wiedersehen.�</p><p>�Dann solltet Ihr mich gewiss auch nicht Tom nennen.�</p><p>�Mr�Neave.� Jetzt konnte sie sich ein L�cheln nicht verkneifen, obwohl sie den Tr�nen nahe war. �Du Narr�� wie siehst du nur aus?�</p><p>�Ich bin ein Puritaner geworden.�</p><p>Ich ahmte Georges steife W�rde nach. Sobald ich um die Ecke des Mausoleums sp�hte, konnte ich ihn sehen. Er hatte die H�nde hinter dem R�cken verschr�nkt und nickte Benyon ernst zu, ebenso wie dem Pfarrer, Mr�Tooley, der sich zu ihnen gesellt hatte. Anne versteckte ihr Gesicht hinter den H�nden, um ihr Lachen zu verbergen. Sobald sie aufh�rte, nahm ich meinen Hut ab. Erneut musterte sie mich verbl�fft, als sie mein Haar sah.</p><p>�H�r auf, du Narr, h�r auf! Was um Gottes willen hast du mit deinem Haar gemacht?�</p><p>�Es nennt sich Rabenfl�gel.�</p><p>�Raben��</p><p>Sie schlug die Hand vor den Mund, um das Lachen zu ersticken. Als sie in ihren schweren Holzschuhen ausrutschte, klammerte sie sich an mich. Ich fing sie auf und lie� sie beinahe sofort wieder los, da ich immer noch bef�rchtete, sie w�rde entweichen wie ein Vogel. Doch in einer pl�tzlichen Bewegung hielt sie mich so fest, dass ich erschauderte. Sie schmiegte ihr Gesicht an meine Brust. Immer noch beklommen legte ich probeweise meine Hand auf die glatten Haarstr�hnen, die der Wind unter ihrem Hut auf ihre Stirn geweht hatte. Sie hatte die Augen geschlossen, als w�rde sie schlafen. F�r einen kurzen Moment brach die Sonne durch und w�rmte uns, und sie murmelte etwas, als w�rde sie tr�umen. Ich streichelte sie z�rtlich, doch dar�ber hinaus r�hrte sich keiner von uns und wollte es auch nicht.</p><p>�Anne�, rief ihre Mutter. Reglos standen wir da, nur meine Hand streichelte sie.</p><p>�Anne?� Lauter und fragend.</p><p>Anne riss die Augen auf. Mit einem leidenschaftlichen, wilden, verzweifelten Blick starrte sie zu mir empor, und f�r einen kurzen Moment nahm er jene tiefe eindringliche Zartheit an, von der ich nie geglaubt hatte, sie in ihren graumelierten Augen zu sehen.</p><p>�Anne?� Mrs�Blacks Holzschuhe klapperten auf dem Weg.</p><p>�Gott vergebe mir�, fl�sterte Anne. �Ich kann dich nicht wiedersehen. Versuch nicht, mich zu treffen, Tom. Bitte, bitte geh!�</p><p>Sie l�ste sich von mir, winkte ihrer Mutter zu und ging langsam auf sie zu. Ich folgte ihr in meiner frommen Pose und umklammerte meine Bibel. Mrs�Black starrte mich an, wandte sich dann jedoch wieder der Unterhaltung zu. Ich schnappte einen Brocken auf, als George sagte: �Der K�nig hat recht. Pym ist zu weit gegangen�, ehe Anne, aus Angst, ich w�rde direkt zu ihnen gehen, hinter ein Urnengrab sprang und mich verzweifelt heranwinkte.</p><p>�Geh zur�ck�, zischte sie.</p><p>�Nicht ehe du mir gesagt hast, was du f�r mich empfindest!�</p><p>Sie hob einen Zweig auf und schlug damit gegen ein paar Kr�uter. �Ich empfinde nichts! Gar nichts!�</p><p>�Das ist nicht wahr! Ich habe den Ausdruck in deinen Augen gesehen!�</p><p>�Der Ausdruck in meinen Augen!�, spottete sie, und jetzt lag in ihrem Blick dieselbe Grausamkeit, mit der sie sich als Kind �ber meine Affenf��e lustig gemacht hatte. Doch ich hielt ihrem Blick stand, bis sie sich schlie�lich mit einem Achselzucken abwandte und den Kr�utern einen weiteren wilden Hieb versetzte.</p><p>�Sag mir, dass du mich nicht liebst�, sagte ich. �Dann werde ich gehen und niemals versuchen, dich wiederzusehen.�</p><p>Sie schien mich nicht zu h�ren. Sie begann die Kr�uter aufzusammeln, die sie zuvor abgeschlagen hatten. Erneut bat ich sie, mir zu sagen, dass sie mich nicht liebe, und ich w�rde verschwinden.</p><p>�Ich kann nicht�, fl�sterte sie. Zwischen den Kr�utern waren Nesseln, die sie verbrennen mussten, aber sie schien es nicht zu bemerken.</p><p>�Du kannst nicht? Was meinst du damit?�</p><p>Sie lie� ein leises St�hnen h�ren, und einen Moment glaubte ich, sie w�rde ihr Gesicht in die Brennnesseln dr�cken. �Es ist eine S�nde, dich zu lieben.�</p><p>Als Allererstes verstand ich, dass sie mich liebte. Ich machte eine Bewegung, um sie in den Arm zu nehmen, aber ihr flehentlicher gequ�lter Blick lie� mich innehalten. Ich zog mich umgehend zur�ck, denn jetzt w�rde ich alles f�r sie tun, jetzt, wo ich wusste, dass sie mich liebte. Alles. Doch etwas musste ich sie fragen.</p><p>�Als ich dieses Buch im Kontor deines Vaters fand, mit den Aufzeichnungen �ber das Geld, das er f�r mich ausgegeben hat, und das Portr�t, da sagtest du, �Ich wei� es�. Was hast du damit gemeint?�</p><p>�Ich habe das Buch zuvor schon einmal gesehen.�</p><p>Sie schwieg einen Moment und blickte zur Gruppe um ihre Mutter. Es war ein ungew�hnlich milder Wintertag, die Sonne brach st�rker durch die Wolken. George war immer noch richtig in Fahrt, Mrs�Benyon zeigte Mrs�Black die vergoldete Verkleidung und die dicke Lederpolsterung ihrer Kutsche, w�hrend der Kutscher sich eine Pfeife anz�ndete und das Gesicht in die Sonne hielt.</p><p>Es sei an jenem Herbsttag gewesen, erz�hlte sie mir, als wir als Kinder zusammen gespielt hatten und der Mann mit der Narbe gekommen war. Wir wurden hereingerufen. W�hrend ich davonlief, nahm ihr Vater sie mit ins Kontor, wo er zusammen mit dem Mann die Rechnungsb�cher durchging. Nie zuvor habe sie ihren Vater so streng und zugleich so eingesch�chtert erlebt.</p><p>�Eingesch�chtert? Mr�Black?�, sagte ich.</p><p>�Genau wie ich.� Sie zitterte bei der Erinnerung an den Edelmann, der auf den Tisch geschlagen und geschrieen hatte: �Das gen�gt nicht, Black, das reicht nicht! Behaltet den Jungen scharf im Auge!�</p><p>Der Mann hatte sich zu ihr heruntergebeugt, so dass die Narbe beinahe ihr Gesicht ber�hrt hatte und sie den Wein in seinem Atem riechen konnte. �Du wei�t doch, was Tom Neave ist, oder? Ein Pestkind!�</p><p>Erst jetzt lie� Anne die Kr�uter fallen, die sie gesammelt hatte, und stellte fest, dass ihre H�nde von den Nesseln rote Flecken bekommen hatten.</p><p>�Was hat er damit gemeint?�</p><p>Ungest�m kratzte sie sich die H�nde. �Ich wei� es nicht! Wirklich nicht!� Sie blickte erneut zu ihrer Mutter. �Sie befahlen mir, nicht in deine N�he zu kommen. Sie glaubten, du seist schlecht.�</p><p>�Das war George!�, sagte ich ver�chtlich. �Er ist ein L�gner und Heuchler.�</p><p>�Das ist er nicht�, widersprach sie energisch. �Er h�lt das Gesch�ft am Laufen. Ich wei� nicht, was wir ohne ihn t�ten. Er arbeitet viel f�r Mr�Benyon.�</p><p>�F�r Benyon?� Ich traute meinen Ohren kaum. �Er ist ein Royalist! Wei� dein Vater das?�</p><p>�George zeigt ihm, was er druckt.�</p><p>�Bist du sicher?�</p><p>�Er hat ihm die Korrekturabz�ge gegeben, aber ich kann sie nicht lesen. George wei�, dass jemand meinen Vater daf�r bezahlt hat, dich aufzunehmen. Er sagt, er habe ihn gewarnt, dass du b�se bist und dass seine Krankheit Gottes Strafe ist.�</p><p>�Was f�r ein Unsinn!�</p><p>�Er hat Vater erz�hlt, dass ich dich aus dem Keller gelassen habe. Ich dachte, Vater w�rde wahnsinnig! Dass er nicht sprechen kann, macht es nur noch schlimmer. Er schreibt�� versucht zu schreiben.�</p><p>Sie vergrub ihr Gesicht in den H�nden und stolperte blind umher. Blut lief �ber ihre Handr�cken, wo sie sich die Haut aufgekratzt hatte.</p><p>�Anne, wo steckst du?�, rief Mrs�Black.</p><p>�Ich komme!�, erwiderte sie. �Mich hat etwas in die Hand gestochen. Ich hole nur etwas Ampfer.�</p><p>Sie riss ein paar Ampferbl�tter aus. Ich ergriff ihre Hand.</p><p>�Anne�� als er sagte, ich sei ein Pestkind, hast du da gedacht, ich w�rde schwarze Beulen bekommen?�</p><p>�berraschend begann sie zu lachen. �Ja. Ich habe jeden Tag danach gesucht.�</p><p>�Hast du welche gefunden?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Glaubst du, ich sei b�se?�</p><p>�Der Teufel ist schlau�, sagte sie mit eindringlicher Direktheit.</p><p>�Das sagt George.�</p><p>�Er sagt, dass niemand wei�, wer du wirklich bist. Woher du kommst.�</p><p>Das war wahr. F�r mich deutete mittlerweile alles darauf hin, dass ich nicht Matthews und Susannahs Kind war. Matthew war nicht wegen des gestohlenen Anh�ngers nach Poplar geflohen, sondern meinetwegen. Ein Pestkind. Was meinte der Mann damit? Soweit ich wusste, war ich nie an der Pest erkrankt. Ein kalter Schauder ergriff mich. Es gab ein Gesetz, dass mit dem Tode durch Erh�ngen bestraft w�rde, wer �mit einer s�ndhaften oder b�sen Seele sprach, ihr zu essen gab, sie bewirtete oder besch�ftigte�. Das, so glaubte die Kirche, sei die gr��te S�nde gegen Gott�� <emphasis>Maleficium</emphasis>, einen Pakt mit dem Teufel zu schlie�en.</p><p>�Anne, du darfst nicht glauben, dass ich eine b�se Seele bin!�</p><p>Ich musste so verzweifelt ausgesehen haben, so jammervoll, dass sie lachte und mich umarmte. �Nein, Tom, nicht wenn ich mit dir zusammen bin. Nicht, wenn du mich auf diese Weise anschaust.�</p><p>Kurz entschlossen k�sste sie mich. Nie zuvor hatte ich sie sch�ner gesehen, obwohl ihr Gesicht ger�tet war und ihre Haube schief sa�, so dass ihr widerspenstige Str�hnen blonden Haares in die Augen wehten.</p><p>Der Peitschenknall des Kutschers lie� sie zusammenzucken, als h�tte sie die Knute gesp�rt. �Doch wenn ich meinen Vater so liegen sehe�� Du sagst, wenn ich dir sage, dass ich dich nicht liebe, w�rdest du gehen.�</p><p>�Aber du <emphasis>tust</emphasis> es.�</p><p>�Ich <emphasis>darf</emphasis> dich nicht lieben.� Jetzt weinte sie, und Tr�nen verzerrten ihre Worte. �Ich habe meinem Vater versprochen�� ich habe bei der Bibel geschworen, dass ich dich nie wiedersehen werde. Und hier stehe ich jetzt, Gott verzeihe mir. Versprich mir bei der Bibel deiner Mutter, dass du mich nie wieder aufsuchen wirst, Tom!�</p><p>Ihre Augen waren blind vor Tr�nen, ihre Stimme klang so verzweifelt, und ich liebte sie so sehr, dass ich in diesem Moment alles f�r sie getan h�tte. Die Worte waren �ber meine Lippen, ehe ich sie zur�ckhalten konnte. �Ich verspreche es.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>11.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Dieser Dezember, dieses Weihnachtsfest, war eine einzige Leere f�r mich. Ich k�mmerte mich um nichts: Leben, Politik, Worte�� alles hatte den Geschmack von trockenem Brot. Ich trat der Allerheiligen B�rgergarde bei und ging mit Will, Luke und Ben nach Moorfields, f�r etwas, das ich f�r sinnloses Exerzieren hielt. Doch ich brauchte etwas Sinnloses. �Spie� nach rechts�� Hand�� Zum Angriff!� Oder, mit einer Muskete: �Kugel einlegen und stopfen�� Putzstock ziehen!�</p><p>Der Spie�meister, Big Jed, war Kohlentr�ger, ein riesiger Kerl, dessen freundliches Auftreten seine Worte L�gen strafte. Seine Stimmung passte zu meiner. Er war ein Veteran der Londoner Aufst�nde und erkl�rte, die Dienstvorschrift zum Gebrauch des Spie�es sei von hohen Herren geschrieben worden, die Gefallen an h�bschen Bildern fanden. Mit zwei kurzen S�tzen, bei denen es uns eiskalt �ber den R�cken lief, verscheuchte er das L�cheln von unseren Lippen und verdarb uns die Lust am Possenrei�en. �Das ist ein Spie߫, sagte er. �Damit bringt man Menschen um.�</p><p>Ich dachte, meine Liebe zu Anne w�rde schlie�lich vergehen. Ich betete daf�r, dass das endlich geschehen m�ge, doch sie schien nur noch st�rker zu werden. Die Abende waren am schlimmsten, wenn ich die Milane �ber Smithfield kreisen sah und mich danach sehnte, durch Cloth Fair zu streifen, nur um einen Blick auf sie zu werfen.</p><p>Kurz vor Weihnachten wurden die Wahlen f�r die Ratsversammlung der City of London abgehalten. Die Anh�nger des K�nigs verloren ihre Mehrheit, Georges Freund Benyon musste seinen Sitz an Wills Vater, John Ormonde, abgeben, doch selbst das trug wenig dazu bei, mich aufzumuntern.</p><p>Das Geld f�r meine Unterkunft bei den Ormondes verdiente ich als Bote f�r Mr�Pym. Die Aufst�nde wurden heftiger, und zum ersten Mal wurden Lehrjungen Roundheads genannt, Rundk�pfe, wegen ihrer kurz geschorenen Haare. Im Gegenzug verh�hnten sie die Royalisten als �Caballeros�, nach den bei Protestanten verhassten spanischen Truppen. Die Londoner machten daraus rasch das Wort �Cavalier�. Indem ich mich in die Politik st�rzte, versuchte ich Anne zu vergessen. Ich half, Demonstrationen zu organisieren, um den Einzug der Bisch�fe ins House of Lords zu verhindern, um die Mehrheit des K�nigs aufzubrechen, welche die reformerische Gesetzgebung des House of Commons behindert hatte. Jetzt erkannten die Lords die Gesetze an, sagte ein vergn�gter Mr�Ink, und das in einem beispiellosen, h�chst unparlamentarischen Tempo!</p><p>Selbst der Schritt des K�nigs, Mr�Pym wegen Hochverrats anzuklagen, was vom Parlament vertagt wurde, schien ihm keine Sorgen zu bereiten. Denn das w�rde einige Zeit in Anspruch nehmen, und die Zeit war jetzt auf Mr�Pyms Seite. Mr�Ink sch�ttelte seine verkrampften, �berall mit Tinte bespritzten Finger aus und erz�hlte mir, dass es einen Gesetzentwurf g�be, den Bisch�fen ihre Sitze f�r immer abzuerkennen. Zweite Lesung. Ein Gesetzentwurf, um die Macht des K�nigs zu beschneiden, ohne Zustimmung des Parlaments ein Heer aufzustellen. Dritte Lesung. Ein Gesetzentwurf��</p><p>Er dr�ckte mir einen Brief in die Hand, der umgehend der Countess of Carlisle �berbracht werden musste, und eilte davon, um weitere Gesetzentw�rfe abzuschreiben. Als ich den Bedford Square �berquerte, n�herte sich eine Kutsche mit solcher Geschwindigkeit, dass ich gezwungen war, auf den Gehsteig zu springen. Dabei st�rzte ich, und der Brief fiel in einen Haufen zusammengefegten Schnees. Als ich mich endlich wieder gesammelt und den Brief aufgehoben hatte, war die Kutsche vor dem Haus der Countess mit einem Ruck zum Stehen gekommen, und sie selbst kam aus dem Haus und die Vordertreppe herunter. Wie gel�hmt stand ich da, genau wie am Tag der k�niglichen Parade, als ich sie f�r die K�nigin gehalten hatte. Sie hatte die Juwelen einer K�nigin nicht n�tig. Ihre Augen gl�nzten, und die Wangen gl�hten in der schneidenden Luft. �ber einem kunstvoll bestickten Kleid aus gr�ner Seide trug sie einen Pelzumhang. Die kleinen Ringell�ckchen erbebten, als sie einen Lakaien schalt, weil er einem Jungen befahl, die Stufen von den Schneeresten zu befreien.</p><p>�Um Himmels willen, Jenkins, lass mich durch! Wenn ich mich nicht spute, wird ein gr��erer Schaden zu beklagen sein als ein gebrochenes Bein!� Sie glitt am Fu� der Treppe aus, fing sich wieder und drehte sich zu ihm um. �Schaffst du es?�</p><p>�Ich werde es versuchen, Ma�am.�</p><p>�Versuche interessieren mich nicht. Du musst es schaffen!�</p><p>Er machte eine leichte Verbeugung. Als er seinen Kopf senkte, sah ich, wie er kurz die Augen schloss und die Z�hne zusammenbiss, um seine Gef�hle im Zaum zu halten. Die Countess nahm einen Brief aus ihrem Umhang und reichte ihn dem Lakaien, und im selben Moment sah sie mich, den Brief in der Hand, wie ich sie angaffte. Jenkins erblickte mich ebenfalls. Er lie� seine aufgestauten Gef�hle an mir aus, schnappte sich meinen Brief und stie� mich beiseite.</p><p>�Fort!�</p><p>Ich glitt aus, fand mein Gleichgewicht wieder, und als er zu ihr zur�ckkehrte, zeigte ich ihm den Stinkefinger und schlurfte davon.</p><p>�Warte!�</p><p>In dem Glauben, dass sie unm�glich mich meinen konnte, schlenderte ich weiter, bis Jenkins mich am Arm packte.</p><p>�Du! Junge! Komm her.� Ungeduldig winkte sie mich heran. �Ja! Du!�</p><p>Widerstrebend kehrte ich zur�ck, so widerwillig, dass Jenkins mir ein paar St��e versetzte, um mich voranzutreiben. Ich ging auf sie zu, blieb kurz vor ihr stehen und blickte zu Boden, �berzeugt, dass sie in mir den Jungen wiedererkennen w�rde, der beim Einzug des K�nigs am Fenstersturz gehangen und auf ihr tief ausgeschnittenes Kleid heruntergeschaut hatte.</p><p>�Sieh mich an!�</p><p>Es war, als w�rde man von mir verlangen, in die Sonne zu schauen. Sie strahlte jene Art von Glanz, von Perfektion aus, die in das Reich der Phantasie geh�rte, nur unzureichend angedeutet in abgenutzten Holzschnitten von G�ttinnen, und doch stand sie jetzt in vollem Glanz vor mir. Es hie�, sie habe die Pocken gehabt, aber ich konnte es nicht glauben. Da war keine Narbe, kein einziger Makel auf der perfekten wei�en Haut ihres Halses oder den von der K�lte rosigen Wangen zu sehen. Es hie�, sie sei alt, �ber drei�ig, aber ich konnte nicht glauben, dass sie sehr viel mehr als zwanzig Jahre z�hlte. Es hie�, sie sei die Geliebte von Mr�Pym, doch so sehr ich seine Worte und seinen Mut auch verehrte, ich weigerte mich zu glauben, dass so eine g�ttliche Frau diese alten Knochen lieben k�nnte.</p><p>Forschend starrte sie mich an. Voller Panik merkte ich, dass sie etwas zu mir gesagt hatte, und ich hatte kein Wort verstanden.</p><p>�Hat er keine Stimme?�, sagte sie zu Jenkins, der mir einen heftigen Sto� versetzte.</p><p>�Doch�, sagte ich und fand die Sprache mit M�he wieder.</p><p>�Kannst du diesen Brief zu Mr�Pym bringen?� Als ich meinen Mund �ffnete, ahnte sie schon meine Erwiderung und wischte sie mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite. �Ich meine jetzt, w�hrend der Debatte, und ihn st�ren?�</p><p>Es war Fremden unm�glich, das House w�hrend der Sitzung zu betreten, aber genauso unm�glich schien es, ihr das zu sagen.</p><p>�Ja.�</p><p>Ein weiterer heftiger Sto� von Jenkins. �Ja, Ma�am�, sagte er. �Wei�t du nicht, wie du H�herstehende anzusprechen hast?� Salbungsvoll und entschuldigend wandte er sich an die Countess. �Verzeiht, Ma�am, es sind die Zeiten, der P�bel���</p><p>�Ach, sei doch still, Jenkins!� Sie reichte dem Lakaien den Brief. �Geben Sie ihn ihm�, sagte sie, als sei es gef�hrlich, mir nahe genug zu kommen, um ihn mir pers�nlich auszuh�ndigen.</p><p>Mit einem Blick voll puren Hasses reichte Jenkins mir den Brief, und ich f�gte ihn meiner immer l�ngeren Liste von Feinden auf dieser Welt hinzu. Ich nahm den Brief, blieb jedoch stehen, unf�hig, den Blick von ihr abzuwenden.</p><p>�Mach schon�, rief sie. �Mr�Pyms Leben h�ngt davon ab! Lauf!�</p><p>Ich rannte. F�r sie w�rde ich alles tun. Wie Merkur dahinfliegen, der als Bote f�r solch eine G�ttin angemessen gewesen w�re.</p><p>�Halt! Warte!�</p><p>Mit einem Ruck kam ich zum Stehen und st�rzte beinahe noch einmal in den Schnee. Die Countess eilte zur Kutsche. Sie war eine Frau, die erwartete, dass jeder mit ihren rasch wechselnden Gedanken Schritt hielt.</p><p>�Komm her! Steh nicht so rum!�</p><p>Ich hatte keine Ahnung, dass sie den Ruf hatte, das Unglaubliche, das Undenkbare zu tun. Ich rannte zur�ck, sah ihr zu, wie sie in die Kutsche stieg, das Kleid angehoben, so dass ihre Unterr�cke f�r einen Moment ihre Galoschen umspielten.</p><p>�Steig ein!�</p><p>Stumm stand ich da, als sei ich wie der Schnee festgefroren. Sie wandte ihren Blick gen Himmel, als wollte sie Gott fragen, warum sie es nur mit Schwachk�pfen zu tun hatte. �Du wirst es niemals rechtzeitig schaffen. Jenkins!�</p><p>Ein entsetzter Jenkins sprang vor, rutschte aus, rettete sich, indem er die offene Kutschent�r umklammerte, und warf mir einen weiteren hasserf�llten Blick zu�� dieses Mal war er zus�tzlich noch erf�llt von Ungl�ubigkeit. Jenkins stie� mich hinein und knallte die T�r zu. Die Countess klopfte gegen die Verkleidung, die Kutsche fuhr ruckend an, und ich wurde gegen die Countess geworfen. In ihrer Miene flackerte Abscheu auf, als ich sie ber�hrte. Einem Ertrinkenden gleich packte ich einen schwankenden Halteriemen und zog mich in die gegen�berliegende Ecke. W�hrend die Kutsche rumpelnd vom Platz in die Bow Street einbog, klammerte ich mich an den Riemen, ganz benommen von <emphasis>ihrem</emphasis> Duft, der sich schwer um mich zu legen schien. Wegen des gewaltigen Gestanks in London war ich so daran gew�hnt, kurze, forschende Atemz�ge zu nehmen, dass es eine ganz neue Erfahrung f�r mich war, so tief einzuatmen und mich g�nzlich dem Luftholen hinzugeben. Erstaunt stellte ich fest, dass es nicht ein Duft war, sondern viele; Jasmin und Lavendel bet�ubten die Sinne, nur um von einem scharfen Anflug Zimt erneut angeregt zu werden.</p><p>Die Bremsen quietschten, und ich lie� den Halteriemen los, woraufhin ich mit dem Kopf gegen die Vorderwand der Kutsche knallte und meinen Hut verlor. Karren und Kutschen bogen in The Strand ein und verstopften die Stra�e vor uns so dicht wie Hammelpasteten den Ofen des Kochs. Der Kutscher eines Karrens und der einer Mietkutsche schrieen sich an.</p><p>�London wird immer unm�glicher! Du solltest besser laufen!�, befahl die Countess.</p><p>Ich tastete nach dem T�rriegel, als sie sah, dass zwischen zwei Karren eine L�cke entstand. Sie riss einen Stock mit silbernem Knauf hoch, h�mmerte damit gegen die Trennwand und rief: �Fahr �ber die Piazza, Alfred!�</p><p>Als die Pferde scharf nach rechts ausscherten, schwang die T�r auf, und ich wurde hinausgeschleudert, bis ich halb aus der Kutsche hing. Verzweifelt klammerte ich mich an die T�r, das Kopfsteinpflaster unter mir verschwamm zusehends, ehe die Pferde mit einem scharfen Ruck nach rechts auf die Piazza bogen und ich wieder ins Innere der Kutsche geworfen wurde. Benommen vom Duft der Countess und dem Schlag auf meinen Kopf, gelang es mir gleichwohl, die T�r wieder zu schlie�en und mich zur�ck in den Sitz fallen zu lassen. Sie konzentrierte sich so sehr darauf, ob der Kutscher durchkam, dass sie entweder gar nicht bemerkt hatte, wie ich beinahe aus der Kutsche gefallen war, oder sich nicht darum scherte. Doch als wir �ber die Piazza rasch vorankamen, sp�rte ich ihren Blick auf mir.</p><p>�Du hast rotes Haar.�</p><p>�berzeugt, dass sie in mir den Burschen wiedererkannte, der am Fenstersturz gehangen und auf ihre Br�ste gestarrt hatte, sp�rte ich, wie mir das Blut in den Kopf schoss, in meinen Wangen brannte und mein verfluchtes Haar prickeln lie�.</p><p>�Schwarz�� schwarz, Ma�am�, stammelte ich.</p><p>�Widersprich mir nicht�, sagte sie scharf. �An den Wurzeln ist es rot. Du hast es gef�rbt. Extrem schlecht. Warum?�</p><p>�Das ist jetzt Mode, Ma�am�, sagte ich versuchsweise, w�hrend die Kutsche die St.�Martin�s Lane herunterraste. Fu�g�nger retteten sich mit einem Hechtsprung hinter die Pfosten, die den schmalen Gehsteig s�umten.</p><p>�Mode? Unsinn. Sieh mich an!�</p><p>Eine neue Note hatte sich in ihren scharfen Befehl geschlichen, ein Hauch von Neugier, vielleicht sogar Interesse. Widerwillig wandte ich den Kopf um. Ich hatte keine Ahnung, was sie sagen wollte, denn ich war von dem, was ich sah, so vom Donner ger�hrt, dass ich mich spontan zu ihr vorbeugte. Die Bewegung brachte sie zum Schweigen. Zuletzt hatte ich es am Hafen von Poplar gesehen, gl�nzend im abendlichen Feuerschein, als mein Vater mir mein Schicksal vorausgesagt hatte. In der holpernden Kutsche war ihr Umhang aufgegangen und gab den Blick auf den Anh�nger zwischen ihren Br�sten frei. Im Dunkeln der Kutsche schien etwas von dem Glanz dieses Feuers von den Juwelen abzustrahlen, aus denen die Augen des Vogels gebildet waren und mich anstarrten, w�hrend er eine Perle zwischen den Krallen festhielt.</p><p>Ich konnte mich nicht beherrschen und teilte ihren Umhang, um die Juwelen besser sehen zu k�nnen. Mit der flachen Hand gab sie mir eine Ohrfeige, die es in sich hatte.</p><p>Ich fiel zur�ck ins Polster, ganz benommen von dem Schlag. Obwohl ich ihn nur kurz aus der N�he gesehen hatte, hatte ich erkannt, dass es ganz und gar nicht derselbe Anh�nger war, obwohl er dem, den ich kannte, stark �hnelte. Der Vogel in dem Anh�nger meines Vaters war ein Falke gewesen, mit Rubinen als Augen. Dieser Vogel war eine Elster, und die Augen bestanden aus Diamanten.</p><p>�Verzeiht�, murmelte ich, �Ma�am. Ich�� ich verga� mich. Mein Vater���</p><p>Ich kauerte mich in die Ecke. Mir war schlecht, weil ich ihn beinahe verraten h�tte, und von der schwankenden Kutsche, die sich gerade an Charing Cross vorbeik�mpfte.</p><p>�Du hast den Anh�nger angeschaut. Es gibt nur noch einen anderen wie ihn. Hast du ihn gesehen?�</p><p>�Nein. Nie.�</p><p>�Du bist <emphasis>sein</emphasis> Junge, stimmt�s?� Sie beugte sich n�her zu mir, ihre Augen blitzten neugierig auf, wie bei der Elster auf ihrem Anh�nger.</p><p>Ich starrte zu ihr empor. Pl�tzlich hatte ich mich verwandelt, von einer geringen Person, von nicht mehr als einem Paar Beine, das Nachrichten �berbrachte, zu einem echten Menschen. Sein Junge? Wusste sie, wer mein Vater war? Wenn ich �lter und weiser gewesen w�re, h�tte ich vielleicht vorgegeben, Bescheid zu wissen, in der Hoffnung, ihr Ausk�nfte zu entlocken. Doch ich war ein ungehobelter Bursche, unbeherrscht und unbedacht, und reagierte mit einer Wildheit, die sie zur�ckschrecken lie�.</p><p>�Wessen Junge? Sagt es mir!�</p><p>�Wessen? Warum�� Mr�Pyms nat�rlich!� Sie l�chelte, aber erst nachdem ich sie dabei ertappt hatte, wie ihre Z�hne sich ver�rgert in die vollen Lippen dr�ckten. In ihrem Blick lag etwas, das ich nicht erwartet hatte, bei ihr zu sehen: Furcht. Es war nicht die nackte Angst, die Matthew gezeigt hatte, als er mir den n�heren Zusammenhang dieses Anh�ngers erkl�rte, sondern eher eine vorsichtige, zivilisierte Version von Angst, die mich gleichwohl ermutigte.</p><p>�Ihr meint nicht Mr�Pyms Junge. Was wolltet Ihr damit sagen?�</p><p>�Werd nicht unversch�mt!�</p><p>Sie hob den Stock mit dem silbernen Knauf auf. Ob sie mich geschlagen oder mich aus der Kutsche geworfen h�tte, Brief hin oder her, fand ich nicht heraus, denn vor Whitehall trat ein Wachmann in Livree auf die Stra�e, den Spie� erhoben, und gr�lte dem Kutscher zu, anzuhalten. Alfred riss die Z�gel zur�ck. Durch die Palasttore ersp�hte ich eine gro�e Gruppe Bewaffneter. Manche von ihnen waren h�fisch gekleidet, mit hellen, geschlitzten Leibr�cken und breitrandigen Federh�ten, andere trugen die schlichten holl�ndischen W�mser, wie bei S�ldnern �blich. Alle hatten Schwerter dabei, manche gar Pistolen. Ehe ich mehr erkennen konnte, h�mmerte die Countess gegen die Trennwand.</p><p>�Fahr! Fahr weiter!�</p><p>Die Kutsche machte einen Satz nach vorn, der Wachmann sprang mit einem w�tenden Aufschrei zur Seite. �Stopp! Im Namens des K�nigs!�</p><p>�Fahr! Fahr!�, schrie die Countess und h�mmerte auf das Holz ein. �Fahr schon, du Narr!�</p><p>Die verwirrten und erschreckten Pferde b�umten sich auf und preschten vorw�rts. Fl�chtig sah ich, wie die Wache hinter uns mit mehr Erfolg eine andere Kutsche requirierte. Alfred klammerte sich eher an die Z�gel als mit ihnen zu lenken. Ich glaubte, dass er jeden Moment von seinem Sitz fallen m�sste. Es war unm�glich, sich im Inneren der Kutsche irgendwo festzuhalten. Mein Halteriemen riss. Die Countess und ich krachten aufeinander und wurden im n�chsten Moment auf die andere Seite der Kutsche geworfen. Schreie von Fu�g�ngern und einem Karrenlenker, die gerade noch ausweichen konnten, gingen im Dr�hnen der R�der unter, in dem Knirschen und St�hnen der Kutsche, die kurz davor schien, sich vom Pferdgespann zu l�sen.</p><p>Eine andere Kutsche kam uns entgegen und machte keine Anstalten, auszuweichen. Alfred riss an den Z�geln. Verlor sie beinahe. Es sah aus, als m�ssten wir zusammensto�en. Alfred lie� die Peitsche �ber die entgegenkommenden Pferde knallen. Als sie stiegen, riss er seine Pferde zur Seite. Die Countess schloss die Augen. Bei der Kollision warf sie sich gegen mich. Sie umklammerte meinen Arm. Ein entsetzliches Knirschen ert�nte, das gar kein Ende zu nehmen schien. Ich zuckte zusammen und schloss ebenfalls die Augen. Die Kutscher br�llten sich an, aber unsere Kutsche war immer noch in Bewegung. Alfred hatte sie durch die schmale L�cke zwischen der anderen Kutsche und den Pfosten gelenkt, die den Gehsteig begrenzten. Die Pfosten rissen die Seite unseres Wagens auf, aber verlangsamten die Fahrt auch hinreichend, damit Alfred die Pferde wieder unter Kontrolle bekam.</p><p>Die Countess �ffnete die Augen. Ihr Blick verriet keine Furcht oder auch nur �rger �ber die besch�digte Kutsche, sondern Hochgef�hl. Wir sanken in unsere Polster zur�ck und sagten nichts, w�hrend die Kutsche mit einem gebrochenen Rad, das in Abst�nden klapperte, gleichsam nach Westminster humpelte. Ich hatte bereits den Brief vom Boden aufgehoben und m�hte mich mit der T�r ab, als sie impulsiv meine Hand dr�ckte. �Lauf, Tom! Bring ihm diesen Brief, ehe diese M�nner ihn erreichen!�</p><p>Tom! Sie kannte meinen Namen! Dieser Gedanke dr�hnte in meinem Kopf, als Alfred die T�r aufriss. Sie hatte mich Tom genannt! Vielleicht wusste sie tats�chlich, wer ich war! Diese Vorstellung durchdrang mich, als ich herausst�rzte und in der Lobby in Mr�Ink hineinrannte. Ich redete auf ihn ein, dass ich diesen Brief zu Mr�Pym bringen m�sse, und ohne ein Wort trieb er mich voran zum Sitzungssaal. Im schattigen Zugang standen zwei Wachen, und hinter ihnen der Serjeant-at-Arms in Kniehose und voller zeremonieller Uniform. Mr�Inks Augen leuchteten vor Aufregung. Es war, als habe er sein ganzes Leben lang auf diesen Augenblick gewartet.</p><p>�Ich k�mmere mich um die Wachen�, sagte er. �Du schl�pfst an dem aufgeblasenen Lackaffen vorbei.�</p><p>Ich verbarg mich in der Dunkelheit hinter einer S�ule. Ich konnte Mr�Pyms klangvolle Stimme h�ren. �Die Streitmacht f�r Irland versammelt sich, und der hochverehrte Lord Warwick hat ein Schiff von vierhundert Tonnen verproviantiert und bewaffnet���</p><p>Argumentierend und gestikulierend bestand Mr�Ink darauf, dass er unbedingt zu Mr�Pym m�sse. Ich schlich an der Mauer entlang. Der Serjeant hatte mir den breiten R�cken zugekehrt.</p><p>�Das Schiff kann sechshundert Mann aufnehmen und liegt bereit, um vom Hafen in London loszusegeln���</p><p>Ich sah, wie die Royalisten protestierend aufheulten. Der Speaker �bergab das Wort an Sir Edward Hyde.</p><p>�Sind Chester und Bristol nicht die �blichen H�fen, um sich nach Irland einzuschiffen? Ist das nicht ein Versuch des hochverehrten Abgeordneten, unter dem Vorwand, gegen die Papisten zu k�mpfen, eine Streitmacht nach London zu bringen, um gegen den K�nig zu k�mpfen?�</p><p>Ich war zehn, f�nfzehn Schritte von Mr�Pym entfernt. Ich hatte vor, am Serjeant-at-Arms vorbeizuflitzen und zu Mr�Pym zu rennen, aber als ich mich bereit machte, loszust�rmen, drehte der Mann sich um und blockierte durch seine ungeheure Gr��e meinen Weg. Ich hielt den Brief hoch.</p><p>�F�r Mr�Pym.�</p><p>Es bedachte mich mit einem emp�rten Blick. �Was in Satans Namen tust du hier?�</p><p>�Er muss ihn auf der Stelle haben!�</p><p>Im fleischigen Gesicht des Serjeants spiegelte sich seine ganze Emp�rung �ber die Missachtung des vorgeschriebenen Ablaufs. Mr�Ink wurde von einer der Wachen abgef�hrt, und der Serjeant rief den anderen Mann herbei, damit er sich meiner ann�hme. Er w�rde den Brief nicht einmal ber�hren. Er sagte, es sei schon einmal ein �hnlicher Brief an Mr�Pym geschickt worden, und der hatte den Verband eines Pestkranken enthalten. Ich wusste, dass das stimmte. Es hie�, der Brief sei von einem Papisten geschickt worden, in der Absicht, Mr�Pym zu t�ten. �berzeugt, dass er ein �hnliches Komplott vereitelt hatte, packte er mich mit dem Griff eines B�ren. Ich trat um mich und schrie, Tr�nen der Entt�uschung brannten mir in den Augen.</p><p>�Der Brief wird sein Leben retten, nicht ihn t�ten! Der K�nig hat Soldaten auf den Weg hierher geschickt!�</p><p>�Serjeant!�</p><p>Es war der Speaker, William Lenthall, ein freundlich gestimmter Rechtsanwalt von etwas f�nfzig Jahren mit sorgf�ltig gestutztem Bart und Schnurrbart sowie einem verschleierten Blick, der ihn stets aussehen lie�, als bef�nde er sich im Halbschlaf. Er hatte eine leise, fast furchtsame Stimme, die bei einem Tumult �u�erst wirksam war, allein weil die Abgeordneten des Parlaments gezwungen waren, Ruhe zu geben, wenn sie ihn verstehen wollten.</p><p>�Du hast einen Brief f�r Mr�Pym, Serjeant?�</p><p>�Ich glaube, er enth�lt einen weiteren pestverseuchten Verband, Sir.�</p><p>In diesen Tagen um Weihnachten herum brachte jeder Tag neue Ger�chte �ber Verschw�rungen und Gegenverschw�rungen hervor, es wurde sogar �berlegt, das House zu seinem besseren Schutz ins Rathaus umziehen zu lassen. Dass der Speaker Lenthall jetzt seinen Platz verlie�, zeigte das Ausma� der Nervosit�t des Parlaments. Ich konnte sehen, wie Mr�Pym sich erhob. Zu beiden Seiten verrenkten sich die Abgeordneten die H�lse, um besser sehen zu k�nnen.</p><p>�Frag den Boten, ob er so gut w�re, den Brief zu �ffnen�, sagte Mr�Lenthall h�flich.</p><p>Ich erbrach das Siegel, zeigte, dass nichts darin war, und ohne einen Kommentar, eine Frage oder Getue, bedeutete Mr�Lenthall dem Serjeant, den Brief zu Mr�Pym zu bringen. Niemand schien es besonders eilig zu haben. Ich dachte an die aufschneiderischen H�flinge, die in Whitehall ihre Schwerter geg�rtet hatten, an die verwitterten, scharf geschnittenen Gesichter der S�ldner, und beobachtete in qu�lender Ungeduld, wie der Serjeant sich feierlich vor dem Sessel des Speakers verbeugte, ehe er quer durch den Saal zu Mr�Pym schritt. Dieser schien eine Ewigkeit zu brauchen, um den Brief zu entfalten, ihn zu lesen und wieder zusammenzufalten, ehe er sich r�usperte und das Wort ergriff.</p><p>�Mr�Speaker, es hat den Anschein, als w�rde Seine Majest�t in K�rze an diesem Ort eintreffen, um mich festzusetzen���, best�rzte Schreie kamen auf. ���sowie vier weitere hochgeehrte Mitglieder unter Arrest zu stellen. Mr�Hampden, Mr�Haselrig, Mr�Holles und Mr�Strode. Ich erbitte Eure Erlaubnis, uns zur�ckziehen zu d�rfen.�</p><p>Speaker Lenthall zeigte erste Anzeichen von Anspannung und trommelte mit den Fingern auf die Armlehnen seines thron�hnlichen Sessels.</p><p>�Ihr habt meine Erlaubnis, Mr�Pym�, sagte der Speaker. �Von der Ihr, wie ich vorschlage, schnellstm�glich Gebrauch macht.�</p><p>W�hrend alle Blicke auf Mr�Pym gerichtet waren, schlich ich in eine Nische im Hintergrund des Saals und kauerte mich dicht am Boden zusammen.</p><p>Der Serjeant, der Gelegenheit beraubt, einen Giftm�rder festzunehmen, blickte zur Stelle, an der ich gestanden hatte. Ich dr�ckte mich noch weiter in mein Versteck und hielt den Atem an. Mr�Pym und drei weitere Abgeordnete eilten zur Lobby, doch der f�nfte, William Strode, erhob sich, um eine Rede zu halten. Er sei niemals ein Mann der Zugest�ndnisse gewesen, erkl�rte er, und jetzt sei die Zeit gekommen, dem K�nig zu trotzen.</p><p>�Kommt schon, Bill�, sagte ein Abgeordneter. �Ihr werdet doch nicht noch einmal zehn Jahre im Tower verbringen wollen.�</p><p>Doch es schien, als habe er genau das vor. Erst als drau�en das Rattern einer herannahenden Kutsche zu h�ren war, verlor Mr�Pym einen Teil seiner W�rde und Beherrschung und rief: �Es werden keine zehn Jahre, sondern der Richtblock! Schafft ihn hier raus!�</p><p>Zwei der kr�ftigsten Abgeordneten packten Strode und bugsierten ihn unsanft am Sessel des Speakers vorbei. Speichel spritzte ihm aus dem Mund, als er energisch protestierte und sich auf die Rechte und Privilegien des Parlaments berief. Die f�nf Mitglieder des Unterhauses verschwanden, w�hrend auf der Treppe von Westminster Hall Stimmengewirr und Gel�chter sowie Stiefelgepolter zu h�ren war. Der Rest des Unterhauses sprach aufgeregt und �ngstlich in kleinen Gruppen.</p><p>Der Speaker nahm wieder auf seinem Sessel Platz und sagte: �Ruhe bitte! Ruhe! Sir Edward Hyde trug ein Argument vor, die Einschiffung der Truppen f�r Irland vom Hafen in London betreffend. W�nscht jemand etwas darauf zu erwidern?�</p><p>Die Mitglieder des Parlaments folgten seinem Beispiel und kehrten zu ihren Pl�tzen zur�ck. Mr�Hyde erhob sich und sagte, vielleicht k�nne er seine Anmerkung noch weiter ausf�hren, und die Mitglieder lauschten aufmerksam, als h�tte es nie eine Unterbrechung gegeben. Das Trommeln der Stiefel und das Klirren der Schwerter drau�en in der Lobby wurden lauter. Die T�r �ffnete sich.</p><p>Edward Hyde nahm seinen Hut ab. Alle Mitglieder des Parlaments erhoben sich gleichzeitig und nahmen ihre H�te ab. Ich sah allein die Wirkung, nicht die Ursache, doch als alle Augen auf die ge�ffnete T�r gerichtet waren, hob ich vorsichtig den Kopf und erblickte den K�nig, der seinen Hut ebenfalls abnahm und allein den Sitzungssaal betrat. L�chelnd nickte er Mr�Hyde und einigen anderen Parlamentsmitgliedern zu, die er auf seiner Seite w�hnte. Er wirkte so ungezwungen, so zuvorkommend, dass es wie ein H�flichkeitsbesuch h�tte aussehen k�nnen, w�re da nicht das raue Gesicht des Earl of Roxburgh gewesen, der finster dreinblickend in der T�r stand, hinter ihm ein Trupp S�ldner, die ihre Schwerter aus den Scheiden zogen. Einige der j�ngeren H�flinge grinsten und spannten ihre Pistolen, doch es waren die S�ldner, die mich erschaudern lie�en. Reglos und stumm standen sie da, den kalten Blick in den Saal gerichtet, die H�nde locker in der N�he der schr�g h�ngenden Schwerter.</p><p>�D�rfte ich Euch um Euren Platz bitten, Mr�Speaker?�, bat der K�nig.</p><p>Mr�Lenthall stand auf und setzte sich auf eine der B�nke. Rasch schaute der K�nig in die N�he des Gel�nders am Ende der Kammer, wo Mr�Pym �blicherweise sa�, verwies anschlie�end auf die Vorlage zur Anklage gegen die f�nf Mitglieder wegen Hochverrats, die vertagt worden war, und die, wie er sagte, von den Abgeordneten des Parlaments dringend gepr�ft werden m�sse. Hochverrat sei eine so schwerwiegende Beschuldigung, fuhr er fort, dass die Angeklagten in Gewahrsam genommen werden mussten, w�hrend das Parlament sich beriet. Er blickte sich im stillen Sitzungssaal um.</p><p>�Ist Mr�Pym hier?�</p><p>Das Scharren und Klirren der Schwerter der S�ldner in der Lobby erstarb zu einer vollkommenen, ausgedehnten Stille.</p><p>Ich sah, wie der K�nig mit einer wei� behandschuhten Hand die Armlehne des Sessels umklammerte, den er zu seinem Thron gemacht hatte. Ehrf�rchtig bestaunte ich sein gebieterisches Profil. Es war dasselbe Gesicht, das vor kaum sechs Wochen beim l�rmenden Empfang des Volkes bei seiner R�ckkehr nach London geleuchtet hatte. Ich erwartete, dass das Gesicht mit dem makellosen Dreiecksbart, eingerahmt von dem strahlend wei�en, steifen Kragen, erneut leuchten w�rde, dass er irgendwelche Zauberworte ausspr�che, die jedermann jubelnd und rufend auf die Beine bringen w�rden. Als die Stille anhielt, rechnete ich damit, dass er vor Wut und Rache toben w�rde. Vielen Parlamentsmitgliedern erging es �hnlich, und instinktiv tasteten sie nach den leeren Schwertscheiden. Waffen waren im Sitzungssaal nicht gestattet. Was ich zuletzt erwartet hatte, war der leicht gereizte Unterton aus dem Mund des K�nigs.</p><p>�Mr�Speaker, sind diese f�nf Mitglieder des Parlaments anwesend?�</p><p>Lenthall sank auf die Knie. �Eure Majest�t, ich kann nur sehen und aussprechen, was dieses Haus mir vorschreibt.�</p><p>Der dem�tige Mann auf dem Boden schien pl�tzlich an Gr��e zu gewinnen, w�hrend der K�nig, der sich von dem Sessel erhob, zu schrumpfen schien.</p><p>�Also gut. Ich nehme an, meine Augen sind ebenso trefflich wie Eure.� Der K�nig suchte erst die B�nke auf der einen, dann auf der anderen Seite ab. Ich sah, wie er mit einer Hand den Hut umklammerte, die andere zusammenballte und wieder lockerte, doch seine Stimme klang beherrscht, und er schaffte es sogar, eine gewisse Unbek�mmertheit in seine Worte zu legen. �Wie ich sehe, sind die V�gel ausgeflogen.� Er setzte den Hut auf und ging.</p><p>Roxburgh wurde lebendig. �Platz da! Platz da!� Die S�ldner in der Lobby verwandelten sich in einen P�belhaufen, diejenigen, die vorne standen, schoben und stie�en gegen die, die sich hinter ihnen dr�ngten und nicht wussten, was vor sich ging. Als das letzte Paar Stiefel den Vorraum verlassen hatte und die Treppe hinuntergepoltert war, brach im Sitzungssaal die H�lle aus.</p><p>�Privileg! Privileg! Privileg!�</p><p>Sir Edward Hyde und die Partei des K�nigs machten zutiefst ungl�ckliche Gesichter, verzweifelt sch�ttelten sie den Kopf �ber diesen, wie einer murmelte, unverh�llten Angriff auf ihre Rechte. Andere schrien laut, einander heftig ins Wort fallend, �berzeugt, dass die f�nf Parlamentsmitglieder, wenn sie hier gewesen w�ren, nicht nur unter Arrest genommen, sondern an Ort und Stelle abgeschlachtet worden w�ren. Um Lenthall hatte sich eine Traube gebildet, man schlug ihm auf den R�cken, erstaunt, dass dieser freundliche, zur�ckhaltende Mann so viel Mut bewiesen hatte. Einige erkl�rten, dass nur Gott allein ihm diese Worte in den Mund gelegt haben konnte. Niemand nahm irgendeine Notiz von mir, als ich aufstand und den Sitzungssaal verlie�. Ich verstand nicht, warum ich nicht triumphierte, dass das Parlament solch einen erstaunlichen Sieg davongetragen hatte. Stattdessen f�hlte ich mich leer, als h�tte ich etwas verloren, das ich niemals wiederfinden w�rde. Ich konnte nur an die einsame Gestalt des K�nigs denken, wie er seinen Hut aufsetzte und den Saal verlie�.</p><p>In der Lobby traf ich Mr�Ink, der au�er sich vor Freude war. �Wir haben gewonnen, Tom! Wir haben gewonnen! Gott sei gepriesen, wir haben gewonnen! Jetzt wird er London verlieren!� Er stie� mich mit seinem heiligen Schreibbrett an, zerkratzt und befleckt und bespritzt von den tausenden Wortwechseln in diesem Saal, aber keiner, schw�rmte er, habe jemals an diesen herangereicht! Er nahm seine beste Feder, aus der Mitte eines Vogelfl�gels gefertigt und frisch gesch�rft, und tauchte sie in die Tinte.</p><p>�Lass es uns jetzt aufschreiben�, dr�ngte er. �Wo die Erinnerung noch frisch ist! Und du die Worte noch im Kopf hast!�</p><p>Der Tintentropfen, der zitternd an der Spitze der Feder sa�, sah aus wie eine Tr�ne. Ich sp�rte, dass sie auch bei mir bedrohlich locker sa�en, lie� den guten Mr�Ink mit offenem Mund und erstauntem Blick stehen und eilte davon. Bei all meiner Liebe zum Parlament f�hlte ich auch zutiefst mit jener einsamen Gestalt, die der K�nig eben abgegeben hatte, und war in diesem Moment zu verwirrt, um zu wissen, auf welcher Seite ich wirklich stand.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>12.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Am n�chsten Tag brach in London die H�lle los. �Privileg! Privileg! Privileg!�, gr�lte der Mob, und ich gr�lte mit. Die Geschichte vom K�nig, der ins Parlament eingedrungen war, war in aller Munde, die Anzahl der Cavaliere und S�ldner, die ihn begleitet hatten, wuchs mit den Ger�chten zu einer kleinen Armee an.</p><p>Als Will mich am Morgen wachr�ttelte, brachte er vor Aufregung fast kein Wort hervor. �Steh auf! Die B�rgergarden sind einberufen worden!�</p><p>Er erz�hlte mir, dass die Stadt ein Komitee zur �ffentlichen Sicherheit gegr�ndet habe. Der K�nig hatte nicht l�nger die Kontrolle �ber die st�dtischen B�rgerwehren. Das Volk glaubte, die katholische K�nigin habe den K�nig dazu �berredet, sich den Papisten anzuschlie�en. In einer Flugschrift nach der anderen las ich Geschichten �ber entsetzliche Gr�ueltaten, die von Katholiken im sich erhebenden Irland an Protestanten ver�bt worden waren. Frauen in London f�rchteten, dass sie, wie die Protestantinnen in Irland, gesch�ndet und ihre Kinder niedergemetzelt werden w�rden. Am Abend sah ich in der Milk Street zwei Frauen mit einem Kessel kochenden Wassers, der auf der Fensterbank im ersten Stock balancierte, von wo aus sie gestern noch den Inhalt des Nachttopfes ausgesch�ttet haben mochten.</p><p>Vergeblich bat der K�nig den Lord Mayor Gurney, Pym und die anderen Parlamentsmitglieder auszuliefern, die sich in der Stadt versteckt hielten. Alles, was der Lord Mayor ihm anbieten konnte, war ein �ppiges Mahl im Rathaus, w�hrend die Randalierer sich drau�en zusammenscharten.</p><p>Normalerweise hielt ich mich von gr��eren Tumulten fern. Ich f�rchtete, Crow und Captain Gardiner zu begegnen, dem Mann mit dem Biberhut, denn sie kannten meine radikalen Neigungen. Doch unsere B�rgergarde war aufgefordert worden, sich in der Coleman Street nahe des Rathauses zu versammeln. Einmal war ich sicher, Crows st�mmige Gestalt in der Menge gesehen zu haben und behielt meine Hand am Messer. Fackeln erhellten die Gesichter der k�niglichen Dragoner, die das Rathaus bewachten, w�hrend sie gleichzeitig versuchten, ihre Pferde zu beruhigen, die vor der anwachsenden w�tenden Menge scheuten. Nur ein kleines St�ck entfernt, in der Coleman Street, speisten Mr�Pym und die anderen Parlamentsmitglieder zu Abend. Die Trommeln, mit denen die B�rgergarden herbeigerufen wurden, bildeten die So�e zu ihrem Mahl. Ich k�mpfte mich durch die Menge zu unserer Standarte �F�r Gott und Parlament�, die von Big Jed in die H�he gehalten wurde, und gesellte mich zu Will und Luke vor der katholischen Kirche St Stephen�s, wo wir halfen, eine provisorische Barrikade in der Coleman Street zu errichten.</p><p>Zu meiner �berraschung erz�hlte Luke mir, er habe am Nachmittag Charity geheiratet. Es war eine der vielen Ehen bei den B�rgerwehren, die jetzt, da wir uns schon bald in Marsch setzen w�rden, geschlossen wurden. Ich half ihm, eine Bank aus der Kirche zu tragen und sie auf die Barrikade zu werfen.</p><p>�Du wirst Anne nicht heiraten?�</p><p>�Nein. Das ist vorbei.�</p><p>Lauernd sah er mich an. �Gibst du der Countess den Vorzug?�</p><p>�Und ihrer Kutsche�, brachte ich hervor, doch der Scherz war nicht aufrichtig. Manchmal gelang es mir, mehrere Stunden am St�ck nicht an Anne zu denken, aber dann sah ich eine Frau auf der Stra�e, die ich f�r sie hielt, oder roch die Damaszenerrose, die sie in ihrer Pomade benutzte. In solchen Momenten st�rzte ich mich in Aktivit�t, wie jetzt auch, und bem�hte mich, sie zu vergessen. Wir hoben eine weitere Bank hoch und man�vrierten sie durch die Kirchent�r.</p><p>�Ich h�rte, dass Anne jemand anderem versprochen sei.�</p><p>Ich lie� mein Ende der Bank so pl�tzlich fallen, dass Luke auch das andere Bankende aus der Hand rutschte und er vor Schmerz aufheulte, als es ihm auf den Zeh fiel.</p><p>�Wem?�</p><p>�Ich wei� es nicht! Es war nur ein Ger�cht in der Sch�nke!�</p><p>In der Barrikade klaffte noch immer eine L�cke, und ich schl�ngelte mich hindurch. Ich verga� meinen Schwur, sie nicht aufzusuchen. Sto�end und rempelnd bahnte ich mir meinen Weg, doch vor dem Rathaus blieb ich in der dichten Menschenmenge stecken. Als die Tore ge�ffnet wurden, erhob sich ein lautes Gebr�ll. Hell aufflammende Fackeln beleuchteten den gold und rot gl�nzenden Anstrich, als die k�nigliche Kutsche herausrollte. Als der K�nig das Rathaus verlie�, verstummte die Menge. Er wischte sich etwas von seinem Umhang, ehe er ruhig in die Kutsche stieg. Das Gemurre begann, als eine Gruppe k�niglicher Dragoner begann, langsam den Weg durch die Menge frei zu machen, die vor ihren Schwertern zur�ckwich. Schlie�lich fand die Menge ihre Stimme wieder und br�llte �Privileg! Privileg!�. Flugbl�tter wurden auf die Kutsche geschleudert, und ich erhaschte einen Blick auf das bleiche, �ngstliche Gesicht des K�nigs. Ich konnte es kaum glauben, dass dieselbe Menge ihm kaum zwei Monate zuvor solch einen begeisterten Empfang bereitet hatte und ich selbst ihn f�r g�ttlich gehalten hatte.</p><p>Ich warf mich in den Korridor, den die Dragoner geschlagen hatten, ehe er sich erneut schloss. Ich begann zu rennen, doch jetzt war ich bestens zu sehen. Fast direkt neben meinem Ohr bellte eine Stimme.</p><p>�Da ist er!�</p><p>Sie stach aus der Masse hervor, diese Narbe, wie ein lebendiges Wesen. Die kalten metallischen Augen hypnotisierten mich. Ich mochte vielleicht nicht Matthews Sohn sein, trotzdem hatte ich von ihm die Angst vor der Narbe geerbt. Der Mann bahnte sich seinen Weg zu mir. Vor ihm war ein Bursche, den ich nie zuvor gesehen hatte. Mager und drahtig wie ein Windhund, war er gut einen Fu� gr��er als der Rest der Menge und glitt durch sie hindurch, als habe er �l auf der Haut. Er war kurz davor, mich zu packen, als ein Kn�ppel, der irgendwo aus der Menge geworfen wurde, das Pferd eines Dragoners steigen lie�. Ein anderer Dragoner hieb auf den Aufr�hrer ein. Der Mann mit der Narbe rief mir etwas zu, aber ich erzwang meinen Weg durch die Menge, bis ich zu einer Gasse gelangte. Blindlings rannte ich drauflos. Dieser Teil der Stadt war mir unbekannt. Ich flitzte durch eine Gasse nach der anderen, bis die Schreie des Aufruhrs schw�cher wurden und ich nur noch meine hastenden F��e und meinen keuchenden Atem h�rte.</p><p>Ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Der Mond war nur ein schmaler Streifen, doch das Eis warf sein Abbild in einem unheimlichen Schimmer zur�ck. Ich lehnte mich gegen eine schmierige Wand und kam langsam wieder zu Atem. Ich konnte sie nicht einmal h�ren, so vorsichtig mussten sie sich mir gen�hert haben. Als ich aufblickte, sah ich am einen Ende der Stra�e Crows kr�ftige Silhouette. Am anderen stand der Mann mit dem Biberhut, die Hand am Schwert. Sie waren sich meiner so sicher, dass sie sich nicht einmal r�hrten. Ich bewegte mich ebenso wenig. Es schien sonderbar, doch einen Moment lang waren sie mir fast willkommen. Es lag nicht daran, dass ich es m�de war, davonzulaufen; es war das, was Luke gesagt hatte.</p><p>�Ich h�rte, dass Anne jemand anderem versprochen sei.�</p><p>Selbst wenn es nur ein Wirtshausger�cht war, welche Hoffnung gab es noch f�r mich? Schlie�lich hatte ich bei der Bibel geschworen, sie nie wieder aufzusuchen. In diesem Augenblick, als wir drei dort standen wie zu Eis erstarrt, fand ich einen Moment lang, dass es besser sei zu sterben, als sie nie wieder zu sehen. Doch meine Instinkte und meine Beine trieben mich in eine enge Stra�e. Crow und Gardiner hatten es nicht eilig, mir zu folgen, und schon bald fand ich heraus, warum. Die Stra�e f�hrte zu einer Kirche, die zwischen zwei engen Gassen eingezw�ngt war. Das Tor zum anderen Gang war versperrt.</p><p>�Wie bequem�, sagte Gardiner zu Crow, zog sein Schwert und schwang es in Richtung des Friedhofs, der �ber eine schmale Treppenflucht zu erreichen war. Viele Kirchen waren mitten in die Stadt hineingezw�ngt worden, wo die Menschen im Leben wie im Tod um ein wenig Raum k�mpften. Sie alle wollten auf ihrem eigenen St�ck geweihten Bodens begraben werden, und so war dieser Friedhof, wie viele andere auch, �berf�llt. Auf einer Seite der Treppe stand ein Haufen S�rge, die noch nicht begraben waren. Crow deutete mit einem Grinsen darauf.</p><p>�Vielleicht k�nnen wir uns einen von denen da ausleihen.�</p><p>Ich rannte die Treppe hoch, umklammerte mein Messer und duckte mich hinter die unebenen, wackeligen S�rge. Oben auf lag eine Leiche in einem Leichentuch.</p><p>�Willst du uns die Arbeit erleichtern, Tom?�, spottete Gardiner. Er hob sein Schwert.</p><p>Totengr�ber wurden, genau wie die Stra�enkehrer, in der Krise nicht entlohnt, oder sie beteiligten sich an den Aufst�nden oder hatten sich den B�rgergarden angeschlossen. Der Abfall sammelte sich, Leichen wurden nicht beerdigt. Beim Gestank des verrottenden Fleisches stieg mir die Galle in den Mund. Als Gardiner begann die Stufen zu erklimmen, riss ich das Leichentuch von dem toten K�rper. �Dieser hier ist an der Pest gestorben.�</p><p>Gardiner lachte und holte mit dem Schwert aus, bereit, voranzust�rmen. �Du l�gst! Du w�rdest dich niemals in seine N�he wagen.�</p><p>�Ich bin ein Pestkind!�, schrie ich und stie� den Leichnam auf die oberste Stufe. Langsam wich Gardiner zur�ck und steckte sein Schwert in die Scheide. Er fuhr sich mit der Zunge �ber die Lippen. �Erschie� ihn�, sagte er sachlich.</p><p>Jetzt sah ich, dass Crow eine Pistole hatte. Ich starrte hinunter auf den langen Lauf, erkannte jede gezogene Rille, sah Crows Auge hinter der Kimme und betete f�r mein Leben. Ich bat Gott um Vergebung, dass ich mir je den Tod gew�nscht hatte, doch dann sah ich einen blendend hellen Blitz und empfand einen rei�enden Schmerz, ehe alles von mir abglitt, als fiele ich in eine dunkle, bodenlose Grube.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>13.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Die H�lle ist es, nichts zu wissen. Nicht zu wissen, woher die Stimmen kommen oder was sie sagen. Die H�lle besteht aus sengendem Feuer und tropfendem Schwei�, aus Schmerz, von dem man nicht will, dass er wirklich aufh�rt, denn wenn er es t�te, dann w�rde alles nur von Neuem beginnen, und Warten war das Schlimmste. Nein, das ist nicht wahr. Die Narbe war das Schlimmste, genau, wie Matthew es mir gesagt hatte. Darum schloss ich die Augen, tat, als w�rde ich schlafen, sobald jemand den Raum betrat.</p><p>Da war der Mann mit der Narbe, und ein weiterer Mann. Da war ein Arzt, der meinen Arm schiente und verband. Er h�tte mich zur Ader gelassen, aber die Narbe sagte, ich h�tte um Himmels willen schon genug Blut verloren. Da war ein M�dchen in Schwarz, das sie Jane nannten. Sie hatte ruhige H�nde, zog die Vorh�nge zur�ck, entz�ndete das Feuer und lie� mir etwas zu essen da. Als das Fieber ein wenig nachlie�, begann ich davon zu kosten, aber nur, wenn ich allein war.</p><p>Eines Tages schl�rfte ich gerade meine Suppe, als ein kleiner, fetter Mann die Kammer betrat, oder besser gesagt, hereinrollte. Von den wohlgen�hrten Waden bis zu den dicklichen Wangen war alles an ihm warm und leutselig, bis auf seine Augen, von denen ein gerissener, wachsamer Blick ausging.</p><p>�Ertappt!�, sagte er und rieb sich voll Schadenfreude die H�nde. �Ich sagte meinen gelehrten Freunden, dass du eine kleine Maus bist, die nur zum Essen herauskommt, wenn die Falle ausgelegt ist.�</p><p>Etwas an der Art, wie er das Wort �Falle� aussprach, gefiel mir nicht und raubte mir den Appetit. Ich lie� den L�ffel auf den Teller fallen. �Bin ich in Newgate?�</p><p>�Newgate?� Er lachte sich kaputt. �Viel schlimmer als das. Du befindest dich in meinem Haus in der N�he des Lincoln�s Inn. Ich bin Advokat. Die Menschen k�nnen dem Gef�ngnis entkommen, aber niemals dem Gesetz. Stimmt�s, Mr�Eaton?�</p><p>Als der Mann mit der Narbe eintrat, drehte ich mich zur Wand. �Ist er wach, Mr�Turville? Ich hatte gehofft, er w�rde nie wieder zu sich kommen, damit w�re unser Problem erledigt gewesen.�</p><p>Ein nadelspitzer Schmerz schoss durch meine Schulter, als er mich packte und hochzog. Ich schrie auf und brach am ganzen K�rper in Schwei� aus. Die Narbe war eine violett flackernde Wunde, die nahe davor zu sein schien, mein Gesicht zu verschlingen. Angewidert drehte ich mich weg.</p><p>�Das reicht!�</p><p>In der Stimme des anderen Mannes lag ein neuer Tonfall. Er setzte sich auf das Bett, das unter seinem Gewicht nachgab, und roch stark nach Moschus. �Nun denn. Du bist nicht im Gef�ngnis und wirst auch nicht dorthin kommen.�</p><p>�Leider�, sagt der Mann, den er Eaton genannt hatte.</p><p>Turville ignorierte ihn und sagte freundlich und tr�stend: �Komm, Mr�Tom, setz dich auf. Wir m�ssen uns einmal ausf�hrlich unterhalten. Setz dich hin. Sei ein braver Junge.�</p><p>Er ber�hrte meine Schulter. Es war nichts gegen den Schmerz, den Eaton mir bereitet hatte, doch ich f�rchtete mich mehr vor seinem freundlichen Gebaren als vor Eatons Gewaltt�tigkeit. Ich war ersch�pft, ausgelaugt davon, nicht Bescheid zu wissen, w�hrend die um mich herum so vielsagende Bemerkungen machten wie �mein lieber Tom� oder �Mr�Tom�. Ich sprang auf, stie� ihn beinahe vom Bett und schrie ihn an, wobei ich auf Eaton deutete.</p><p>�Er hat versucht, mich zu t�ten! Er will es jetzt auch! Seht ihn Euch an! Ich kann ihn nicht in meiner N�he ertragen! Ich halte es nicht aus, ihn zu sehen!�</p><p>Der Ausbruch raubte mir das bisschen Kraft, das ich hatte, und ich fiel zur�ck ins Bett. Der Moschusgeruch �berw�ltigte mich beinahe, als Turville das Laken wieder �ber mich legte. �Das ist Unsinn, Tom! Mr�Eaton hat dich hierher gebracht. Er hat dir das Leben gerettet! Sein Mann hat Crow erschossen, als dieser dich erschie�en wollte.�</p><p>Wenn mein K�rper bereits ersch�pft war, so raubte mir das den Verstand. Ich beschimpfte sie. Mein Leben gerettet? Der Mann mit der Narbe? Wer hatte Matthew fortgetrieben, und wessen M�nner hatten, wie ich glaubte, Susannah get�tet? Der fette Mann stand auf und f�hrte eine gefl�sterte Unterhaltung mit Eaton.</p><p>�Tragt ein Halstuch, Mann! Er hat Albtr�ume wegen Eurer Narbe! So werden wir niemals weiterkommen.�</p><p>Mein Fieber wurde schlimmer. Das n�chste Mal, als ich Eaton sah, hatte er ein Tuch um den Hals geknotet, das den schlimmsten Teil seiner Narbe verbarg, doch ich sah sie trotzdem: in den Kohlen, die den Raum heizten, in den Zweigen eines Baumes drau�en vor dem Fenster. Ich bildete mir sogar ein, ein Mann mit einer Narbe n�hme f�r den Galgen Ma� an mir.</p><p>Als Eaton nicht mehr kam, erholte ich mich allm�hlich. Turville erkl�rte mir nicht, warum er mich in seinem Haus behielt. Er bestand darauf, dass ich kein Gefangener sei, obwohl ich eingesperrt war. Das gesch�he zu meiner eigenen Sicherheit, protestierte er, weil ich so verwirrt sei! Als ich um meine Kleider bat, sagte er, sie seien ruiniert. Er habe neue in Auftrag gegeben; aber diese tauchten niemals auf. Von Jane erfuhr ich, dass Turville Lord Stonehouse� Anwalt war und Eaton dessen Verwalter.</p><p>Nun war ich vollkommen verwirrt. Stand ich pl�tzlich erneut in Lord Stonehouse� Gunst? Oder steckten eher finstere Absichten dahinter? H�flich und geschickt wich Turville all meinen Fragen aus.</p><p>Jane pflegte mich langsam wieder gesund, obwohl ich so schwach und teilnahmslos war, dass ich kaum aus dem Bett kam. Aus der vertraulichen Art, mit der Turville sie ber�hrte, schloss ich, dass sie miteinander schliefen. Ich sah, wie sie vor ihm zur�ckzuckte, und als ich eine Bemerkung dar�ber machte, brach sie zusammen und erz�hlte mir ihre Geschichte.</p><p>Sie war Dienstm�dchen in Highpoint gewesen, Lord Stonehouse� Landsitz, bis ein Edelmann�� sie weigerte sich, seinen Namen zu nennen�� sie verdarb. Ihre Mutter, Mrs�Morland, die Haush�lterin von Highpoint, wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Jane verlor ihre Stellung und Eaton, dessen Aufgabe es war, sich um solche Dinge zu k�mmern, brachte sie in Turvilles Haushalt unter.</p><p>Ein seltsames Band wuchs zwischen uns. Sie hatte ein Kind geboren, das gestorben war. Von dem, was sie belauscht hatte, wusste sie, dass ich einer �hnlichen fr�heren Verbindung entstammte, aber sie konnte mir keine Einzelheiten nennen. Ich glaube, sonderbarerweise hielt sie mich f�r das Kind, das sie verloren hatte. Sie erz�hlte mir, dass der s��e Milchpunsch, der mir so schmeckte, Opium und andere Kr�uter enthielt, damit ich benommen blieb, bis sie ihre Pl�ne mit mir geschmiedet hatten. Ich h�rte auf, von dem Punsch zu trinken, und goss die hei�e Milch mit Bier in den Nachttopf. Jane h�rte, wie Turville Eaton erz�hlte, ich sei liebeskrank, doch dass ich am Ende der Woche davon kuriert sei.</p><p>�Kuriert? Was meinte er damit?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Aber Mr�Turville sagte es, als Mr�Eaton zus�tzliches Geld f�r Mr�Black verlangte.�</p><p>�Zus�tzliches Geld? Wof�r?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. Ihre Hand zitterte, als sie in ihrer Sch�rzentasche herumw�hlte, den Schl�ssel zu meiner Kammer hervorzog und ihn mir in die Hand dr�ckte.</p><p>�Seine Schlafkammer ist das erste Zimmer, an dem Ihr im n�chsten Stock vorbeikommt. Eure Kleider liegen in einer Kommode neben dem Ankleidetisch. Lasst den Schl�ssel im Schloss stecken. Sie werden denken, ich sei unachtsam gewesen.�</p><p>�Das werden sie niemals glauben!�</p><p>Sie zuckte mit den Schultern. �Turville trifft sich morgen um neun Uhr mit Mr�Eaton. Sein Studierzimmer liegt im ersten Stock. Sobald Ihr h�rt, wie sie hineingehen, schleicht Euch hinaus. Von der Halle aus f�hrt ein Korridor zur Hintertreppe. Die T�r wird offen sein.�</p><p>Ich flehte sie an, mit mir zu kommen, doch sie weigerte sich und sagte, sie w�rde nie eine andere Stellung finden. Aber ich k�nne einen Brief f�r sie an ihre Mutter schicken, die sehr krank sei. Sie wollte, dass ihre Mutter ihr das, was sie getan hatte, vergab.</p><p>Das, was sie getan hatte! Aber ich schrieb den Brief und versprach, ihn an Mrs�Morland zu schicken. Oder vielleicht, dachte ich, als ich in jener Nacht in den Schlaf sank, k�nnte ich ihn selbst �berbringen. Mrs�Morland war einmal in die Liaison eines Edelmanns verstrickt gewesen. Ich fragte mich, ob es vielleicht noch ein zweites Mal vorgekommen war.</p><empty-line/><p>Am n�chsten Morgen wartete ich an der T�r, bis ich Eatons barsche Stimme h�rte, Turvilles Begr��ung und das Schlie�en einer T�r, bei der es sich vermutlich um die zum Studierzimmer handelte. Erst dann �ffnete ich meine T�r. Durch das Treppenhaus erblickte ich einen kleinen Teil der schwarz-wei�en Bodenfliesen der Halle. Ich nahm ein paar Stufen und hielt den Atem an. Im Treppenaufgang hing ein riesiges Bild. Es zeigte ein prachtvolles Haus, mit einer Reihe von T�rmchen und holl�ndischen Giebeln sowie einer dreist�ckigen Turmuhr samt Glockenturm �ber den S�ulen eines steinernen Vordachs. Winzige Gestalten waren auf den Rasenfl�chen und auf den Feldern zu sehen, die sich bis zum Fluss erstreckten, Knechte bei der Arbeit, eine Dame, die an der frischen Luft spazierenging. In einer Ecke des Bildes entdeckte ich die Signatur <emphasis>P.�Lely</emphasis>, in der anderen <emphasis>Hightpoint, Oxon, 1635</emphasis>.</p><p>Ich schlich den n�chsten Absatz hinunter. Aus dem Stockwerk unter mir h�rte ich Stimmengemurmel, das aus dem Raum kommen musste, der Turville als Studierzimmer diente. Ein starker Moschusgeruch f�hrte mich zu Turvilles Schlafkammer. Die T�r stand offen. Sein Himmelbett nahm den gr��ten Teil des Raumes ein. Er fand offensichtlich gro�en Gefallen an Rot; purpurrote Seidenvorh�nge hingen am Baldachin, und scharlachrote Kissen lagen aufgeh�uft auf wei�en Teppichen. Ich umrundete das Bett, um zu einer Kommode zu gelangen, und zog die erste Schublade auf. W�sche. In der n�chsten fand ich meine Jacke und musterte sie best�rzt. Sie war mit dunklem eingetrocknetem Blut verkrustet, und jemand hatte die �rmel abgerissen, vermutlich der Doktor, um die Kugel aus meinem Arm zu schneiden. Ich suchte hektisch nach den anderen Sachen, fand jedoch weder Kniehosen noch Hemd. In Turvilles Hosen w�rde ich zwei- oder dreimal passen.</p><p>In der untersten Schublade wurde ich schlie�lich f�ndig. Die Hosen und der Leibrock waren in einem n�chternen Dunkelblau gehalten, jedoch aus einem weichen Samtstoff gefertigt, den sich nicht einmal Luke h�tte leisten k�nnen. Und von solch einem Leinenhemd mit feiner Spitze an den �rmeln hatte ich bislang nur getr�umt. Ich probierte das Hemd an. Es passte perfekt. Ebenso wie der Leibrock und die Kniehosen. Neben dem Ankleidetisch stand ein neues Paar Stiefel. Als ich in das weiche Leder schl�pfte, lief mir ein wohliger Schauder �ber den R�cken. Nie zuvor hatten meine gro�en, plumpen F��e solch ein elegantes, bequemes Zuhause gehabt.</p><p>Ich starrte in das dunkle, unebene Venezianische Glas und schreckte zur�ck. Der verdrie�liche Puritaner war verschwunden. Mein feuerrotes Haar war wieder da. War ich so lange krank gewesen, oder war die Farbe herausgewaschen worden? Ich wusste es nicht. Mein Bart war gewachsen. Die Kleidung mochte f�r mich geschneidert worden sein, doch ich erinnerte mich an keinen Schneider. Unvermittelt lie� ich mich aufs Bett sinken. Ein weiterer, dieses Mal unangenehmer Schauder erfasste mich, als ich mich entsann, wie ich mich im Delirium hin und her geworfen hatte, in der Meinung, dass man bei mir f�r den Galgen Ma� n�hme. Man hatte tats�chlich bei mir Ma� genommen. Dies war nicht die Kleidung eines Lehrjungen oder eines ehrbaren Handwerkers wie Mr�Black. Es war die Kleidung eines Edelmanns.</p><p>Selbst meine H�nde hatten sich ver�ndert. Die Tinte war von der Handfl�che und den Fingerspitzen verschwunden. Vielleicht war sie fortgeschrubbt worden. Nur an der Nagelhaut und dem fleischigen Teil des Handtellers waren ein paar Reste �brig geblieben. Das waren nicht meine H�nde, genauso wenig, wie das Spiegelbild Tom Neave zeigte. Ich empfand ein schmerzliches Gef�hl des Verlusts, als ich meine H�nde anstarrte. Da ich bislang nur von der Pechgrube in Poplar zum Tintenfass in Farringdon bef�rdert worden war, hatte ich diese seltsam rosigen H�nde nie zuvor gesehen.</p><p>Als die Uhr in der Halle die halbe Stunde schlug, fuhr ich zusammen. Ich schlich die Treppe hinunter und hielt mich dabei am Rand, wo die Wahrscheinlichkeit, dass die Stufen knarren w�rden, geringer war. Im Studierzimmer h�rte ich jemanden ruhelos auf und ab schreiten. Starker Tabakduft lag in der Luft. Noch ein Treppenabsatz, und ich w�re in der Halle. Eine Diele knarrte. Ich erstarrte. In der Stille klang es wie ein Pistolenschuss. Ich meinte, jemanden in der Halle geh�rt zu haben, und duckte mich hinter das Gel�nder. Schlie�lich schlich ich noch ein paar Stufen weiter und sp�hte in den Korridor. Ich konnte niemanden sehen.</p><p>�Ich h�tte zulassen soll, dass sie ihn erschie�en!�</p><p>Eatons Stimme ert�nte so pl�tzlich, dass ich eine Stufe herunterfiel und mich an das Treppengel�nder klammerte.</p><p>�Und alles verlieren?�, erwiderte Turville scharf. �Geduld, Mr�Eaton, Geduld. Wartet, bis der Tag vor�ber ist���</p><p>Warten, bis der Tag vor�ber war? Seine Stimme wurde zu einem bes�nftigenden Murmeln, und ich verstand nichts mehr, als ich weiter nach unten schlich. Es war nichts zu h�ren au�er dem Ticken der Uhr in der Halle und dem entfernten T�pfeklappern in der K�che. Ich ging an der Uhr vorbei und wandte mich zum Gang. An der Wand, eine Pfeife in der Hand, stand der gro�e Mann, langgliedrig wie ein Windhund, der mir an jenem Abend, als ich angeschossen worden war, durch die Menge gefolgt war. In seinem G�rtel hing eine Pistole. Er paffte an seiner Pfeife und l�chelte mich an. Ich rannte zur Vordert�r. Sie war abgeschlossen. Der Mann kam hinter mir her und packte mich. Ich trat um mich und k�mpfte, aber geschw�cht vom langen Liegen konnte ich nicht mehr ausrichten als seine Pfeife zu zerbrechen. Noch immer ein L�cheln im Gesicht hob er mich hoch, als sei ich nicht mehr als ein Baby, trug mich die Treppe hoch und setzte mich vor Turvilles Studierzimmer ab, ehe er an die T�r klopfte.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>14.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Eaton brauste auf. Er hatte nichts von den Kleidern gewusst und glaubte, Turville und ich h�tten meine Flucht gemeinsam geplant. Erst als ich ihm versicherte, dass ich Jane den Schl�ssel gestohlen und die Kleidung allein aufgest�bert h�tte, und Turville in seiner schmierigen Art sagte, die Kleider seien nur f�r den �Eventualfall� gedacht und ich sollte eigentlich nichts von ihnen erfahren, gab Eaton schlie�lich Ruhe und verfiel in finsteres Schweigen.</p><p>An der Wand hinter Turvilles Schreibtisch hing eine Zeichnung, und nach dem Bild, das ich drau�en gesehen hatte, erkannte ich, dass es sich um eine Karte der L�ndereien von Highpoint handelte, auf der das Haus W�lder, Rieselwiesen, D�rfer und Kirchen beherrschte. Turville strich um mich herum, als sei ich ein reinrassiges Pferd, das auf dem Viehmarkt zum Verkauf stand. Alles andere als w�tend �ber meine Hinterlist, wirkte er so erfreut, dass ich mich zunehmend unbehaglich f�hlte. Was mir bei Mr�Black eine Tracht Pr�gel eingebracht h�tte, schien hier auf gr��te Zustimmung zu sto�en. Selbst Eaton konnte nicht aufh�ren, mich anzustarren. Am bemerkenswertesten von allem aber war, dass er�� der Mann mit der Narbe, die Quelle all meiner Albtr�ume�� Angst hatte. M�glicherweise war das ein zu scharfes Wort. Aber er war auf jeden Fall aufgew�hlt, knackte mit seinen rauen Kn�cheln, blickte hinaus in einen riesigen Garten, ehe er den Blick erneut auf mich richtete.</p><p>�Diese Kleider sind einfach unglaublich!� Turville rieb sich die plumpen H�nde. �Sie zeigen es deutlich, Mr�Eaton.�</p><p>�Er sieht ihm ziemlich �hnlich!�, murmelte Eaton.</p><p>��hnlich? Er sieht haargenau so aus!�</p><p>Sie blickten auf ein Bild in der Mitte der Wand, von dem ich wusste, dass es ein Van Dyck war. Zuerst erkannte ich Lord Stonehouse nicht. Es lag nur zum Teil daran, dass er wesentlich j�nger war. Vor allem lag es daran, dass er so gl�cklich aussah. Dieses Bild war entstanden, lange bevor sein Haar ergraut und die Falten auf seiner Stirn sich in die tiefen Runzeln verwandelt hatten, die ich bei der Parade gesehen hatte. Es war ein Familienbild mit Highpoint House im Hintergrund. Neben Lord Stonehouse stand eine sittsam wirkende Frau, deren Z�ge beinahe reizlos wirkten, im Gl�ck jedoch fast sch�n zu nennen waren. Was leicht zu idealistisch h�tte wirken k�nnen, wurde durch die Rastlosigkeit des �ltesten Jungen authentisch, der versuchte, einem Cockerspaniel einen Stock aus dem Maul zu rei�en.</p><p>�Er hat die Stonehouse-Nase�, sagte Turville. �Eine Adlernase.�</p><p>Adlernase? Pl�tzlich sollte mir meine Nase, die ich stets gehasst hatte, die d�stere Arroganz eines Adlers verleihen? Oder eines Falken. Hatte sie f�r das Familiensymbol Pate gestanden? Ich sah es in den Gesichtern auf dem Gem�lde, oder zumindest meinte ich, es zu erkennen.</p><p>Turville legte mir eine Hand auf die Schulter. �Wenn er weiterhin im Dunkeln tappt, wie soll er dann die Gefahren erkennen?�</p><p>�Wollt Ihr damit andeuten, ich sollte es ihm sagen?�, fragte Eaton.</p><p>�Eine redigierte Version, Mr�Eaton. Ich kann Euch nichts befehlen, sondern nur Ratschl�ge erteilen. Ihr seid f�r ihn verantwortlich.�</p><p>Er war verantwortlich? Eaton trug kein Halstuch, und als er auf mich zutrat, um das Wort an mich zu richten, bebte die Narbe wie ein zweiter Mund. Unwillk�rlich zuckte ich zusammen. Turville verlor die Geduld.</p><p>�Du�, sagte er zu mir, mit einer Strenge, die er durch einen wackelnden Zeigefinger ins Spielerische zu verwandeln versuchte, �schuldest Mr�Eaton einen sehr gro�en Gefallen.�</p><p>�Wie ein Gefangener in Tyburn in der Schuld seines Henkers steht�, sagte ich verbittert.</p><p>Eaton sprang auf. �Das lasse ich mir nicht l�nger bieten, Turville!�</p><p>�Bitte, Eaton! Lasst den Jungen sprechen! Es ist wei� Gott schon schwer genug f�r uns�� bedenkt nur, wie schwer es f�r ihn sein muss! Fangt am Anfang an. Warum bist du von Mr�Black davongerannt, obwohl er nur versuchte, dich zu besch�tzen?�</p><p>Mich zu besch�tzen! Ich fand die Antwort auf diese Frage offensichtlich, aber als ich sie gab, sch�ttelte Turville den Kopf, zog ein Taschentuch aus seinem �rmel und wischte sich Stirn und H�nde ab. Als ich auf den Brief von Lord Stonehouse zu sprechen kam, in dem es hie�, ich sei eine gro�e Tollheit, derer man sich entledigen m�sse, st�hnte Turville laut auf.</p><p>�Seht Ihr, Eaton, seht Ihr!� Er wandte sich wieder an mich. �Lord Stonehouse versucht nicht, dich umzubringen! Dieser Brief stammt nicht von ihm! Er kam von Mr�Eaton, der Mr�Black warnte, dass dir von Richard Gefahr droht. Es ist Richard, nicht Lord Stonehouse, der dich als gro�e Tollheit ansieht, derer man sich���</p><p>�Obacht, Turville!�</p><p>Jetzt f�rchtete Eaton sich definitiv. Er sprang mit solcher Hast auf, dass sein Stuhl nach hinten umkippte. Mein Blick wurde nicht l�nger von der Narbe angezogen, sondern von den H�nden, mit denen er die R�ckenlehne eines weiteren Stuhls packte. Im Gro�en und Ganzen mochte er vielleicht als Herr durchgehen, aber nicht mit diesen H�nden. Sie waren so wettergegerbt wie die eines Mannes, der sein Land bearbeitete und nicht nur dar�ber hinwegritt. Seine Kn�chel wirkten wie h�lzerne Knoten, und die N�gel waren abgebissen. Ich sah pl�tzlich meine eigenen H�nde, wie sie in einigen Jahren aussehen w�rden, wenn ich ein Drucker bliebe. Mit einem Finger mit gelbem missgestaltetem Nagel deutete er auf mich.</p><p>�Es ist ein Akt der Barmherzigkeit, Turville! Nichts weiter. Das hat Mylord mir erkl�rt. Und dabei bleibt es auch, bis er mir etwas anderes sagt. Ich wei�, wann ich meinen Mund zu halten habe. So halte ich es seit drei�ig Jahren, und ich werde wegen dieses kleinen Balgs nicht alles wegwerfen.�</p><p>�Der Krieg �ndert alles, Eaton!�</p><p>�Krieg? Welcher Krieg?�</p><p>�Der K�nig ist in Oxford, um ein Heer aufzustellen.�</p><p>�Ein Heer! Beide Seiten haben Briefe an die Lordleutnants jeder Grafschaft geschickt. Das Parlament befiehlt, ihm die Soldaten zu schicken. Der K�nig befiehlt, die Truppen zu seinem Heer zu schicken.� Eaton schnippte ver�chtlich mit den Fingern. �Manche sind dumm genug gewesen und haben sich auf eine Seite gestellt. Die meisten machen sich in die Hose. Niemand hat einen Krieg erkl�rt. Und niemand wird es tun.�</p><p>Turville versuchte mehrmals, ihn zu unterbrechen, zerrte sein Taschentuch aus dem �rmel, erf�llte die Luft mit dem Geruch von Moschus und wischte sich die Stirn ab. �Angenommen, es k�me doch dazu? Und die falsche Seite gew�nne? Dann w�rdet Ihr alles verlieren. Genau wie ich.�</p><p>�Welches ist die falsche Seite?�, fragte ich.</p><p>Sie starrten mich an, als h�tten sie mich vollkommen vergessen. Nachdem sie sich beinahe an die Kehle gegangen w�ren, waren sie jetzt aus dem Konzept gebracht. Turville erholte sich als Erster. �Nun, Tom. Das ist eine gute Frage. Welches ist die richtige Seite und welches die falsche? Hmm? Der Junge ist nicht auf den Kopf gefallen. Kommt schon, Eaton, es wird Zeit, dass wir aus dem Schei�haus rauskommen. Andernfalls k�nnte man uns mit heruntergelassenen Hosen erwischen.�</p><p>Die Uhr in der Halle schlug elf. Beide M�nner blickten in die Richtung, aus der das Ger�usch kam, dann zu einander. Ich dachte daran, dass ich belauscht hatte, wie Turville zu Eaton sagte, noch bis zum Ende der Woche zu warten. Und auch Janes verwirrende Worte fielen mir wieder ein, dass ich liebeskrank sei und davon geheilt sein w�rde, ehe die Woche vor�ber sei.</p><p>�Was geschieht heute?�, fragte ich.</p><p>Erneut warfen sie einander Blicke zu, ehe Turville sagte: �Nun, Tom, das hier passiert! Dieses vielversprechende Treffen! Ein wenig fr�her, als wir, �h, geplant hatten, aber das hat keinerlei Bedeutung, ist es nicht so, Eaton?�</p><p>Eaton schaute von Turville zu mir und wieder zur�ck. Als der letzte Glockenschlag der Uhr in der Stille verklungen war, schien er zu einer Entscheidung gekommen zu sein. Er kam zu mir her�ber, beugte sein Gesicht zu mir herunter und sagte mit furchterregender Eindringlichkeit: �Ich habe den Brief geschrieben, von dem du einen Teil gelesen hast. Es war eine Warnung an Mr�Black, dass du in gro�er Gefahr schwebst. Es ist Lord Stonehouse� Sohn, Richard Stonehouse, der dich als gro�e Tollheit ansieht, nicht sein Vater.� Er deutete auf den Jungen auf dem Bild, der versuchte, dem Hund einen Stock zu entrei�en, und schenkte mir ein bitteres L�cheln. �Es ist dieser entz�ckende Junge, den ich vor Huren und Spielschulden bewahrt habe, der versucht hat, dich zu t�ten, w�hrend ich von seinem Vater mit der Aufgabe betraut wurde, daf�r Sorge zu tragen, dass dir kein Haar auf deinem kostbaren Sch�del gekr�mmt wird.�</p><p>Die Narbe bebte. Er hatte einen widerlichen animalischen Geruch an sich, der mir die Galle in den Mund trieb. Ich k�mpfte gegen das Verlangen, mich zu �bergeben. �Damit mir kein Haar gekr�mmt wird? Ist das der Grund, warum Ihr den Schn�sel unten stehen habt, bereit, mich zu erschie�en, falls ich gehe?�</p><p>Das am�sierte Turville, der entz�ckt die H�nde hob. �Ihr seht, Eaton, er ist eben so misstrauisch wie Ihr. Verst�ndlich, nur verst�ndlich. Der arme Junge hat Angst.�</p><p>�Gibson hat dir eine Warnung zugerufen�, sagte Eaton. �Wir wussten, dass du beim Rathaus sein w�rdest. Genau wie Gardiner. Gibson hat dich aus den Augen verloren, aber er sah Gardiner und folgte ihm. Er hat Crow erschossen. Gardiner ist leider entwischt.�</p><p>�Anschlie�end hat Eaton dich hierher getragen, unter gr��ter Gefahr f�r sich selbst���, warf Turville ein</p><p>�Mehr f�r meinen Umhang�, sagte Eaton gereizt. �Er ist vollkommen ruiniert. Du hast geblutet wie ein Schwein.�</p><p>�Geht auf Kosten des Hauses. Ich wette, dass Ihr nicht vers�umt habt, Euren Mantel in Rechnung zu stellen�, sagte Turville mit einem Augenzwinkern in meine Richtung.</p><p>Starrsinnig blickte ich von einem zum anderen. �Als ich in die k�nigliche Parade rannte, sah ich, wie Lord Stonehouse Richard befahl, mich zu t�ten.�</p><p>�Seht Ihr!� Voller Wut streckte Eaton mir die geballten F�uste entgegen.</p><p>Wesentlich gelassener setzte Turville sich an seinen Schreibtisch und verschr�nkte die H�nde. �Hast du Lord Stonehouse das sagen h�ren?�</p><p>Ich antwortete nicht.</p><p>�Er befahl Richard, dir nichts anzutun. Ich habe es von seiner Lordschaft pers�nlich.�</p><p>�Er ging mit seinem Sto�degen auf mich los!�</p><p>�Nat�rlich!� Eaton wandte sich von mir ab, als k�nnte er meinen Anblick nicht l�nger ertragen. Er schaute auf den Jungen auf dem Bild, der mit dem Hund rang, und imitierte �berraschend gut den Tonfall eines Edelmanns. �Es tut mir leid, Vater! Ich habe Euch nicht geh�rt! Mein einziger Gedanke war es, Euch zu besch�tzen!� Er wandte sich wieder zu mir um. �Ich musste mich deswegen bei Lord Stonehouse entschuldigen. Nat�rlich r�gte er mich deswegen. Deinetwegen h�tte ich fast meine Stellung verloren!�</p><p>Ich traute keinem von beiden, denn ich sp�rte dass sie f�r jede Wahrheit, die sie mir erz�hlten, eine andere verschwiegen. Wenn �berhaupt, so zog ich Eatons Schilderung vor, denn sie wurde ihm gegen solch erbitterten Widerstand entlockt, dass ich das Gef�hl hatte, sie m�sste wahr sein. Und als er fortfuhr, war es unbestreitbar, dass Eaton mich tats�chlich vor Gardiner und Crow gerettet hatte.</p><p>�Ich bin Euch sehr dankbar, Sir�, sagte ich, als w�rde mir ein Zahn gezogen.</p><p>�Sehr gut, Tom!�, rief Turville. �Und jetzt sch�ttle deinem Besch�tzer die Hand.�</p><p>Mein Besch�tzer! Die verdrehte Welt, in die ich unvermittelt geraten war, wurde immer toller! Diese rohe, brutale Kreatur, die den Mann, den ich f�r meinen Vater gehalten hatte, so in Schrecken versetzt hatte, dass er verschwunden war, und der meine Albtr�ume bev�lkerte, sollte mein Besch�tzer sein? Die Vorstellung, ihm die Hand zu sch�tteln, verursachte mir �belkeit, aber ich f�hlte, dass ich ihm mein Leben schuldete und zwang mich, ihm meine Hand entgegenzustrecken. Er ergriff sie mit einer Hand, die so rau und hart war wie rostiges Eisen, und mit einem L�cheln�� zumindest fasste ich es als L�cheln auf��, das eher von Misstrauen und Argwohn zeugte als von Freundschaft.</p><p>Turville klingelte nach Jane, die zitternd hereinkam und die Szene erstaunt betrachtete. Er befahl ihr, etwas zu trinken zu bringen, um die, wie er es nannte, gl�ckliche Vers�hnung zu feiern. Als er die Gl�ser vor uns aufstellte, l�chelte er Jane zu. �Sieht Mr�Tom nicht aus wie ein perfekter Edelmann?�</p><p>�Er ist ein edler Herr�, sagte sie. Blut stieg ihr in die Wangen.</p><p>�Oh, seht Ihr, wie ihre Wangen sich verf�rben, Eaton? Wenn ich doch nur wieder jung w�re und solche Blumen dort zum Bl�hen br�chte, wie Euer junger Poet Mr�Tom.�</p><p>Sie wandte den Blick von mir ab und versteifte sich, als er ihre flammenden Wangen t�tschelte. Ich sprang auf, unf�hig, mich zu beherrschen. �Lasst sie in Ruhe! Es gef�llt ihr nicht!�</p><p>Stille setzte ein. Turville verlor all seine Jovialit�t, und der Blick, mit dem er mich bedachte, loderte vor Wut. Eaton grinste. Jane verlor ihre �bliche Gelassenheit und rang gequ�lt die H�nde. �Ich�� es tut mir leid, Mr�Turville.�</p><p>Turville fand seine Heiterkeit ebenso rasch wieder, wie er sie verloren hatte. Er sagte zu ihr, dass er sie vollkommen verst�nde, und zwinkerte dabei Eaton auf eine Weise zu, dass ich ihn am liebsten geschlagen h�tte, aber ich wusste auch, dass ich es damit f�r Jane nur noch schlimmer machen w�rde. Sie ging, ohne mich anzusehen, und ich verfluchte mich daf�r, �berhaupt den Mund aufgemacht zu haben.</p><p>Der Wein war ein s��es Ges�ff. Ich traute nichts und niemandem in diesem Haus und r�hrte meinen kaum an, selbst als Eaton sich ein zweites Glas einschenkte. Ich erkl�rte ihnen, dass es in meinen Augen nicht viel Sinn erg�be, dass Lord Stonehouse nicht wolle, dass mir auch nur ein Haar gekr�mmt wurde, w�hrend sein �ltester Sohn mich zu t�ten versuchte.</p><p>�H�rt Euch die Logik darin an, Eaton�, rief Turville aus. �Das Geld f�r seine Erziehung war gut angelegt!�</p><p>�Logik?� Niedergeschlagen starrte Eaton auf das Gem�lde. �Es braucht mehr als Logik, um mit dieser Familie fertig zu werden. Seine Lordschaft hat keine Ahnung, dass sein �ltester Sohn versucht hat, dich t�ten zu lassen.�</p><p>�Warum erz�hlt Ihr es ihm nicht?�, fragte ich erstaunt.</p><p>Der Blick, den Eaton mir nun zuwarf, war nicht �rgerlich, sondern ver�chtlich. Sein Ausbruch schien ihn m�de gemacht zu haben. Er lie� sich auf einen Stuhl sinken, die Lehne nach vorn, als wollte er darauf reiten, legte sein Kinn auf die gefalteten H�nde und musterte mich gr�belnd. Turville l�chelte wohlwollend.</p><p>�Unschuld, Mr�Eaton�, sagte er, �ist eine Tugend, die geh�tet werden sollte, nicht verschm�ht.� Er hustete, zog wieder sein Taschentuch hervor und wischte sich Stirn und H�nde ab. Unvermittelt wurde seine Stimme scharf. �Du wirst nichts davon weitererz�hlen, ehe wir dir die Erlaubnis dazu erteilen. Ist das klar?�</p><p>Es war vollkommen klar, aber ich sagte nichts. Erneut wischte Turville sich �ber die Stirn, obwohl kein Schwei� darauf war. Eaton l�chelte. Es war das erste Mal, dass ich ihn l�cheln sah. Sie schienen es zu genie�en, wenn der andere sich unbehaglich f�hlte.</p><p>�Ich werde abstreiten, dass diese Unterhaltung jemals stattgefunden hat. Eaton ebenso. Verstanden?�</p><p>Ich sagte immer noch nichts. Er ballte die F�uste, stopfte das Taschentuch in seinen �rmel, zog es wieder hervor und fuhr in scharfem knappem Ton fort: �Lord Stonehouse w�rde uns nicht glauben. Wir haben keinen felsenfesten Beweis, dass es Richard war, der versucht hat, dich zu t�ten. Selbst mit einem Beweis w�re es riskant. Lord Stonehouse ist�� unberechenbar. Richard ist sein �ltester Sohn. Lord Stonehouse wei� um seine Schw�chen, aber ich m�chte nicht derjenige sein, der ihm sagt, dass Richard kaltbl�tig versucht hat, zum M�rder���</p><p>Eaton sprang auf. �Ich hoffe, Ihr wisst, was Ihr tut, Turville!�</p><p>���eines Jungen zu werden, dem sein Vater ein so gro�z�giges und in der Tat beispielloses Ma� an, �h, Barmherzigkeit entgegengebracht hat.�</p><p>Widerwillig akzeptierte Eaton diese rechtm��ige Beschreibung meiner Stellung, die so klar war wie der Londoner Nebel, und sank gr�belnd auf seinen Stuhl zur�ck. Derweil erz�hlte mir Turville, dass Lord Stonehouse, in einem Alter von sechzig Jahren und bei m��iger Gesundheit, eine dr�ngende, alles �berragende Sorge im Leben hatte: die Zukunft des bedeutendes Familienbesitzes. Richard sollte ihn beerben. Er erwartete es. Aber im Alter von sechsunddrei�ig Jahren hatte er in seinem Leben noch nicht mehr zustande gebracht, als ein kleines Verm�gen mit einer nicht existierenden Zuckerrohrplantage zu verlieren. Und ein weiteres bei Huren und Gl�cksspielen, murmelte Eaton. Noch ungl�cklicher von Lord Stonehouse� Standpunkt aus betrachtet, so fuhr Turville fort, sei die Tatsache, dass Richards Frau gestorben sei und ihm zwei T�chter, aber keinen Sohn geschenkt habe.</p><p>Allm�hlich lichtete sich hier und da der Nebel, und ich begann mir ein Bild von dieser Familie zu machen. Lord Stonehouse� Gattin, Frances, hatte die seltene Gabe besessen, Herzensg�te mit Klugheit zu verbinden, womit sie nicht nur die Familie, sondern das gesamte Anwesen zusammengehalten hatte. Darin stimmten Eaton und Turville �berein. Sie kannte jeden auf jedem Bauernhof und jedes Dorf, wusste und sorgte sich um jede Geburt und jeden Todesfall. Sie hatte zugeh�rt, Ratschl�ge erteilt, und wenn sie das Gef�hl hatte, jemand verdiene Hilfe, diese gew�hrt. Ihre Art, nein zu sagen, gab selbst den Entt�uschtesten das Gef�hl, beschenkt worden zu sein. F�nf Jahre vor meiner Geburt starb Frances. Das Gl�ck, das auf dem Gem�lde eingefangen war, verschwand. Richard wurde arrogant und eigensinnig. Trotz eines gro�z�gigen Taschengeldes und dem st�ndigen Versprechen, sich zu bessern, war er hoch verschuldet, und sein Vater f�rchtete, dass sich das Verm�gen unter ihm rasch aufl�sen w�rde.</p><p>Gleichwohl unternahm Lord Stonehouse nichts, bis sich Richard in Aussicht auf sein Erbe so heftig verschuldete, dass sein Vater gezwungen war, einen Teil des Grundbesitzes zu beleihen, um die Schulden begleichen zu k�nnen. Selbst dann vertraute Richard darauf, dass sein Vater keinerlei Ma�nahmen ergreifen w�rde oder es auch nur k�nnte. Der Besitz war ein unver�u�erliches Erblehen und w�rde von Rechts wegen auf den �ltesten Sohn �bergehen. Diese Verpflichtung war schwierig, aber nicht unm�glich aufzul�sen, nicht f�r jemanden mit Lord Stonehouse� Einfluss und Reichtum, und er unternahm Schritte, sein Testament zugunsten Edwards, des j�ngeren Sohns, zu �ndern. Ich betrachtete den Jungen auf dem Gem�lde, der sich �ngstlich an die Hand seiner Mutter klammerte.</p><p>�Es gibt noch einen�, murmelte Eaton.</p><p>Edward, ein Geistlicher, besch�ftigte sich indes weniger mit dem Familienbesitz als mit der Kirche und mit dieser weniger als mit seinem Labor, in dem er nach dem Stein der Weisen suchte. Doch sein Sohn, James, war Lord Stonehouse� Augapfel. Dann suchte die Pest Edwards Gemeinde heim. Edward �berlebte, aber James und der Rest der Familie starben. Edward heiratete erneut, aber Lord Stonehouse� Trauer war zu tief, um zu vergehen.</p><p>Turville beugte sich n�her zu mir und senkte die Stimme. Er war �lter als er aussah. Eitelkeit hatte ihn zum Puder greifen lassen, um die Adern auf seinen Wangen und die Narben auf seiner Haut zu verbergen. �Das war vor neun Jahren, als er am tiefsten Punkt seiner Trauer dich erblickte.�</p><p>�Auf der Werft.�</p><p>�Durch puren Zufall.�</p><p>�Durch puren Zufall!� Eaton ahmte Turvilles gelassenen Tonfall nach. Er sagte, in Highpoint gesch�he nichts durch puren Zufall! Turville versuchte ihn davon abzuhalten, noch mehr Wein zu trinken, doch ebenso gut h�tte er versuchen k�nnen, einen jagenden Hund dazu zu bringen, mit dem Gekl�ffe aufzuh�ren. Zusammen mit reichlich Speichel sprudelten die Worte aus ihm heraus, eine seltsame Mischung aus Stolz und Geh�ssigkeit, Macht und Entt�uschung. �Ich bin Lord Stonehouse� Verwalter. Ich r�ume den Dreck auf, den er und seine S�hne hinterlassen.� Mit einem abgebissenen Fingernagel stie� er gegen Turville. �Er macht den Dreck legal. Du���, er stie� mit dem Finger auf mich ein, �du bist der schlimmste Dreck, mit dem ich je zu tun hatte, und das wird ewig so weitergehen, Jahr um Jahr um Jahr!�</p><p>Turville sch�ttelte entschuldigend den Kopf in meine Richtung und rutschte auf seinem Stuhl herum, als sei er hei�. �Kommt schon, Eaton,���</p><p>�Ihr k�nnt mich mal sonst wo!� Er h�mmerte mit der Faust auf den Schreibtisch. �Ich trage die Hauptlast bei diesem lausigen Gesch�ft.�</p><p>�Mr�Tom k�nnte vielleicht���</p><p>�K�nnte vielleicht! Mr�Tom! Ach, das ist also Mr�Tom? Mr�Tom K�nnte-Vielleicht!� Er schwieg, Turvilles Unruhe k�hlte ihn ein wenig ab. �Mr�Tom.� Er deutete eine kleine ironische Verbeugung an und schaute auf das Gem�lde. �Mr�Richard, Mr�Edward, Mr�Tom.�</p><p>�Die Situation hat sich ge�ndert, Tom�, sagte Turville. Er l�chelte, doch es war ein L�cheln, dem ich weniger traute als Eatons verdrossener Derbheit. �Wir brauchen deine Hilfe. Wir m�ssen herausfinden, wer du wirklich bist. Und zwar schnell.�</p><p>Ich blickte von einem zum anderen. �Ge�ndert? Welche Situation?�</p><p>Ein Strahl der Wintersonne wanderte �ber den Schreibtisch und beleuchtete die Staubpartikel, die sich immer noch auf die Stelle legten, wo Eaton auf den Tisch geschlagen hatte. Es war so ruhig, dass ich das Ticken der Uhr in der Halle h�ren konnte. Schlie�lich sprach Turville, und er w�hlte seine Worte so sorgf�ltig, als verfasse er eine Urkunde.</p><p>�Trotz allem, was Richard getan hat, trotz Lord Stonehouse� Drohungen, sein Testament zu �ndern oder zumindest Schritte in diese Richtung zu unternehmen, hatten wir uns damit abgefunden, dass Richard erben w�rde. Wir haben seine Lordschaft darauf hingewiesen, so deutlich, wie wir es wagten, dass diese Erbschaft in einer Katastrophe enden w�rde. Es hat nichts gebracht. Er ist sein �ltester Sohn. Er bringt seinen Vater fast um den Verstand, aber dieser liebt ihn und vergibt ihm am Ende immer.� Turville r�usperte sich. �Du, Tom, warst die Marotte eines alten Mannes. Wir waren �berzeugt, dass du nie mehr als das sein w�rdest. Aber w�hrend du hier krank gelegen hast, ist etwas geschehen, das niemand hatte vorhersehen k�nnen. W�hrend Lord Stonehouse das Heer f�r das Parlament aufstellte, hat Richard seinem Vater mitgeteilt, dass er sich dem K�nig anschlie�en wird.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>15.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Ver�nderte ich mich in diesem Moment? Ja. Taten Eaton und Turville es auch? Mit Sicherheit. Ihre Haltung wandelte sich auf undefinierbare Weise, und ich hatte nicht l�nger das Gef�hl, geliehene Kleidung zu tragen. Sie wurden nicht kriecherisch, keineswegs, sie hatten immer noch das Sagen. Doch als sie mich jetzt Mr�Tom nannten, war der Spott in ihren Worten weniger deutlich, die Ironie gemindert. Ich war immer noch eine Art Gefangener, eine Tatsache, die man jedoch in h�flicher Gesellschaft unerw�hnt lie�. Ein falscher Schritt k�nnte f�r alle drei von uns �u�erst gef�hrlich werden, sagte Turville, als seien wir bereits gemeinsame Verschw�rer.</p><p>Jetzt, wo ich pl�tzlich mindestens wie ein halber Lord aussah und wohl aufgrund des Alkohols, den er intus hatte, �berwand auch Eaton seinen Widerwillen, den Bann seines Herrn zu brechen. Sobald er zu reden begonnen hatte, kannte er kein Halten mehr, und er faszinierte mich ebenso sehr wie Matthew, damals am abendlichen Feuer, als er mir von dem d�steren Septemberabend vor sechzehn Jahren erz�hlt hatte.</p><p>Eaton sprach abgehackt, als s��e er wie an jenem Abend wieder auf seinem rotbraunen Wallach auf dem Weg nach Highpoint. Gleich hinter dem Pf�rtnerhaus, so erz�hlte er mir, rollte Lord Stonehouse� Kutsche seitlich an ihm vorbei aus der Auffahrt. Henry, der Kutscher, nahm ihn nicht zur Kenntnis, ein Hinweis darauf, dass das eine Angelegenheit war, �ber die man besser schwieg. Er erhaschte einen Blick auf eine Frau mit feuerrotem Haar im Inneren der Kutsche. Eine andere Frau zog den Vorhang vor, als die holpernde, schaukelnde Kutsche vorbeiraste.</p><p>In der Empfangshalle h�rte er einen heftigen Streit zwischen Lord Stonehouse und seinen beiden S�hnen, Richard und Edward. Edward schrie, dass das Kind John Lloyds Bastard sei. Eaton zuckte zusammen, als Richard seinen Bruder grob unterbrach: �Ihr wisst doch gewiss, was sie f�r ihren Vetter Lloyd empfindet, Vater? Hat sie Euch nicht gesagt, von wem dieser Bastard ist? Ihr wart doch mit ihr zusammen!� Eine T�r wurde zugeschmettert, dann herrschte Stille. Mrs�Morland, die Haush�lterin in Highpoint, wischte eine dunkle Pf�tze vom Boden der Galerie auf, eine Aufgabe, zu der sie sich normalerweise niemals herablassen w�rde.</p><p>Eaton wurde in Lord Stonehouse� Studierzimmer befohlen. Seine Lordschaft war jetzt allein und sehr ruhig, was Unheil verhie�, und dr�ckte behutsam seinen Siegelring in das noch warme Wachs auf einem Pestbrief. In einem Tonfall, als spr�che er �ber nicht eingetriebene Pacht oder erkrankte Rinder, teilte er Eaton mit, dass in Horseborne ein Kind an der Pest gestorben sei. Es m�sse entfernt werden, ehe die Krankheit sich weiter ausbreite.</p><p>W�hrend seines Berichts hatte Eaton mich kein einziges Mal angeschaut. Jetzt tat er es, fingerte an seinem Gesicht herum, als w�rde er sich eine Pestmaske umbinden. �Ich fand Matthew Neave, den Kutscher des Pestkarrens, und befahl ihm, das tote Kind zu holen.�</p><p>�Mein Vater hat nie einen Pestkarren gelenkt�, rief ich.</p><p>Eaton ignorierte meinen Ausbruch. �Ich wartete neben der Pestgrube auf ihn. Er zeigte mir das tote Baby und schleuderte es in die Grube. Ich zahlte ihm���</p><p>Ich zog die Geburtsm�nze aus meiner Tasche und schob sie �ber den Tisch. Das lie� ihn verstummen. Turville reckte den Hals, um einen Blick darauf zu werfen. Sein Blick wurde mit einem Mal scharf. �Hast du Matthew Neave in letzter Zeit gesehen? Wei�t du, wo er ist?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf und erz�hlte ihm, wie ich zu der M�nze gekommen war. Eaton h�hnte, es k�nnte jede M�nze sein. Ich drehte sie um, so dass sie die Bourbonenlilie am Rand, oberhalb des Kopfes des K�nigs, sehen konnten, welche bewies, dass die M�nze 1625 gepr�gt worden war, dem Jahr der Kr�nung.</p><p>�War es eine halbe Krone?�, fragte Turville Eaton.</p><p>�Eine, um den Leichnam abzuholen. Eine weitere, um ihn in die Grube zu werfen.�</p><p>Ich erschauderte und schob das Geldst�ck zur�ck in meine Tasche, ehe Eaton danach greifen konnte. Er war knauserig genug, um sie zur�ckzuverlangen, mit der Begr�ndung, Matthew habe ihn hereingelegt, als er ihm ein anderes totes Kind aus einer Pestfamilie gezeigt habe, das bereits auf seinem Karren gelegen hatte.</p><p>�Einen oder zwei Monate sp�ter�, fuhr Eaton mit seiner Schilderung fort, �begannen in den D�rfern auf den L�ndereien von Highpoint Ger�chte zu kursieren.�</p><p>Susannah, das Weib, das mit Matthew Neave lebte, habe einen gesunden Jungen zur Welt gebracht. Da sie fast vierzig und kinderlos war und man ihr die Schwangerschaft nicht angesehen hatte, hielt man es f�r ein Wunder oder einen Zauber ihres Mannes, der als Hellseher und Heiler bekannt war.</p><p>�Als ich zu ihrer H�tte ritt, waren sie verschwunden. T�pfe, Pfannen, Pestkarren, Kind, alles war weg.�</p><p>Eaton hatte sich verausgabt. Es war, als sei er erneut durch jene regennasse Nacht geritten, w�hrend er die Geschichte erz�hlte. Er sa� da, das Kinn auf die gefalteten H�nde gest�tzt, knotig wie eine Baumwurzel, und starrte mich gr�belnd an. Turville schenkte Wein nach. Dieses Mal schluckte ich meinen mit einem Zug hinunter. Der Strahl der Wintersonne war ein St�ckchen weiter gewandert und erhellte nun etwas in dem Gem�lde an der Wand, das ich zuvor �bersehen hatte. Ich sprang auf, Turville packte seinen Wein, den ich beinahe umgeworfen h�tte. Das rostrote Kleid der Frau war z�chtig geschnitten, viel z�chtiger als das von Lucy Hay, aber eine Verwechslung war ausgeschlossen. Gehalten von einer goldenen Kette, halb in ihrem Kleid, halb darauf, lag der Anh�nger, den Matthew mir am Feuer an jenem d�steren Abend in Poplar gezeigt hatte. Der Falke blickte mich �ber den Saum ihres Kleides hinweg pr�fend an, die rubinroten Augen schienen mich anklagend anzufunkeln.</p><p>�Was ist los? Tom?�</p><p>Eatons Stimme hatte etwas Dr�ngendes und war vom vielen Reden heiser. Zum ersten Mal benutzte er meinen Namen. Er wollte etwas, und so, wie er das Gem�lde betrachtete, war ich mir sicher, dass es etwas mit dem Anh�nger zu tun hatte, den Matthew gestohlen hatte. Eaton und Turville glichen nun Jagdhunden, die B�uche leer, den Atem angehalten, bereit zum Sprung.</p><p>�Was ist los?�, wiederholte Eaton.</p><p>�Ist sie meine Mutter?�</p><p>Sie lachten am�siert. �Lady Frances? Sie war bereits f�nf Jahre tot, als das alles geschah�, sagte Turville.</p><p>�Wer ist meine Mutter?�</p><p>�Eine Hure und Diebin�, erwiderte Eaton.</p><p>Ich st�rzte mich auf ihn und �berrumpelte ihn. Mein Faust traf seine Narbe. Er schrie auf, sein Kopf wirbelte herum, Wein spritzte auf seine Jacke. Er packte mich mit einem Griff, so fest wie Ketten in einem Kerker.</p><p>�Sind dir diese schicken Kleider zu Kopf gestiegen? Dabei bist du nichts ohne uns. <emphasis>Nichts!</emphasis> Ich k�nnte dich genauso gut in eine Grube werfen lassen. Und dieses Mal w�rde ich mich vergewissern, dass du tot bist.�</p><p>�Warum habt Ihr dann Gardiner und Crow daran gehindert, mich zu t�ten?�, rief ich.</p><p>Turville lachte. �Jetzt hat er Euch, Eaton.�</p><p>Eaton zog mich zu sich heran, bis ich f�rchtete, er w�rde mich erdrosseln. Turville rappelte sich auf. �Lasst ihn los! Um Gottes willen, Eaton, seid kein Narr! Er hat das Temperament seiner Mutter! Und Ihr seid ebenso verr�ckt wie damals!�</p><p>Die Uhr schlug zw�lf. Beim Klang der Glocke l�chelte Eaton mich pl�tzlich an, dann Turville, und stie� mich von sich. Ich war so begierig darauf, etwas �ber meine leibliche Mutter zu erfahren, dass ich mir �ber diesen seltsamen Blickwechsel zwischen ihnen keine Gedanken machte. Sie erkl�rten mir, sie habe alle Stonehouse-M�nner in ihren Bann gezogen, den Vater und die S�hne. Sie lebte auf einem angrenzenden Landsitz und war, wie Turville sagte, von edler Geburt.</p><p>�Edel! Margaret Pearce!� H�hnisch klopfte Eaton sich auf die Schenkel.</p><p>Turville zufolge starb sie kurz nach meiner Geburt. Ihre Begleiterin in der Kutsche, Kate Beaumann, hatte die Gegend verlassen, und sie hatten nie herausgefunden, was aus ihr geworden war.</p><p>�Habt Ihr sie vielleicht gesehen? Eine kleine Frau. Trug stets einen grauen Umhang, sommers wie winters.�</p><p>Ich behielt meine Erinnerung f�r mich, wie ich in Poplar durch die L�cher im �lpapier gesp�ht hatte, um einen Blick auf die Irrlichter zu erhaschen, die meinen Kuchen brachten, und dabei jene verh�llte Gestalt gesehen hatte. Damals hatte ich es als ein Phantasiegebilde abgetan, zu gro� war meine Angst, zu viel gesehen zu haben und in einen Kuchen verwandelt zu werden.</p><p>Sie musterten mich scharf. �Eine einfache Frau���, fuhr Turville fort.</p><p>�Nicht einfach�, rief Eaton und korrigierte sich direkt selbst wieder: �Doch, einfach. Gew�hnlich wie Brot. Etwa so gro�.� Er hielt eine Hand vor seine Brust. �Ruhig, einen Akzent aus dem Westen des Landes. Man musste sich ziemlich tief b�cken, um die Lady zu verstehen. Dunkles Haar. Nun, zumindest war es dunkel. Ich sch�tze, jetzt ist es ebenso grau wie ihr Umhang. Hast du sie gesehen?�</p><p>Dieses Mal war es eher ein Flehen, aber ich sch�ttelte den Kopf. So wenig ich auch wusste, wie phantastisch es auch sein mochte, ich war entschlossen, f�r mich zu behalten, dass ich diese Frau in Poplar gesehen hatte. Zugleich versuchte ich, so viel wie m�glich aus ihnen herauszubekommen.</p><p>�Das ergibt doch keinen Sinn!�, rief ich. �Warum sollte Lord Stonehouse mich erst in die Grube werfen lassen, nur um dann seine Meinung zu �ndern und mir eine Ausbildung zu finanzieren?�</p><p>Eaton sprang auf. �Weil er hereingelegt worden war, gedem�tigt von deiner Mutter. Ich kenne nur die H�lfte davon, die Ger�chte, das Gerede, denn als du geboren wurdest, war er �berzeugt, dass du <emphasis>kein</emphasis> Stonehouse bist.�</p><p>�Bis er dich in Poplar sah, acht Jahre sp�ter�, sagte Turville ruhig. Er f�hrte mich zu dem Gem�lde, seine Hand liebkoste mich beinahe. �Er sah dein flammend rotes Haar, die Stonehouse-Nase, den r�misch breiten Steg, die tiefdunklen Augen���</p><p>�Er sieht nur, was er sehen will�, warf Eaton s�uerlich ein. �Er hatte gerade einen seiner Wutanf�lle und war kurz davor, Richard zu enterben. Wieder einmal! Er bezahlte Mr�Black durch mich daf�r, dass er dich ausbildet und erzieht.�</p><p>Ich starrte wieder das Gem�lde an, tastete nach meiner Nase. �Aber�� aber Lord Stonehouse kann doch sicher herausfinden, wer mein Vater ist?�</p><p>Eaton schenkte mir einen ungl�ubigen Blick. �Du meinst, er soll seine S�hne fragen? Sie haben es in jener Nacht abgestritten. Jeder, der seine Lordschaft kennt, h�tte es geleugnet. Und jetzt? Noch schlimmer. Edward hat noch einmal geheiratet, nachdem seine erste Frau und sein Kind an der Pest gestorben waren, und hat eine neue Familie. Er will nicht, dass pl�tzlich irgendein Bastard auftaucht. Richard ebenso wenig�� der f�rchtet um sein Erbe.�</p><p>�Lord Stonehouse muss doch zumindest wissen, ob ich sein Kind bin!�, platzte ich heraus.</p><p>Eaton lachte. Er lachte frei heraus. Es war eines der wenigen Male, dass ich ihn so erlebte. Er lachte, bis er am ganzen K�rper bebte und zu husten begann. �Wenn eine l�ufige H�ndin ausbricht, kann ein Hund sie vielleicht decken, aber er wird niemals wissen, wie viele Hunde schon vor ihm zum Zuge gekommen sind.�</p><p>Ich sp�rte, wie meine Wangen zu brennen begannen, doch ich schluckte meine Gef�hle herunter und bohrte meine N�gel in die Innenfl�chen meiner H�nde.</p><p>In gespielter Emp�rung warf Turville die H�nde in die H�he. �Mr�Eaton! Etwas mehr Feingef�hl bitte!�</p><p>Eaton h�rte auf zu lachen. Seine Stimme klang bitter. �Wenn er nicht wei�, dass Liebe kein Gedicht ist, wird er nicht besonders weit kommen. Und wir auch nicht.�</p><p>Erneut wandte er sich ab, um aus dem Fenster zu starren. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Eaton nicht Turvilles Garten sah, sondern die Felder und W�lder Highpoints an jenem dunklen, regnerischen Abend. Ich fragte mich gerade, was diese Bitterkeit hervorgerufen hatte und inwieweit sie mit der Nacht zusammenhing, in der ich geboren wurde, als Turville fortfuhr und dabei seine Worte mit Bedacht w�hlte.</p><p>Es g�be Anzeichen, sagte er, dass Lord Stonehouse in mir mehr zu sehen begann als einen Akt der Barmherzigkeit. Jetzt, da Richard sich dem K�nig angeschlossen hatte, hatte er Turville und Eaton befohlen, unbedingt herauszufinden, wer mein Vater war. Erneut betonte er, dass sie die strikte Anweisung hatten, mir nichts zu erz�hlen�� aber dass sie eingesehen h�tten, dass sie ohne meine Hilfe nicht weiterk�men. Turville verschr�nkte die H�nde und starrte mich eindringlich an.</p><p>�Kurz bevor die Gesellschafterin deiner Mutter, Kate Beaumann, verschwand, erz�hlte sie der Haush�lterin Mrs�Morland, dass das Medaillon im Anh�nger den Beweis enth�lt, wer dein Vater ist.�</p><p>Ich wurde ganz still. Eaton wandte sich schwungvoll vom Fenster ab, ohne sich mir zu n�hern. Einen Moment lang war der Wind in den B�umen drau�en das einzige Ger�usch.</p><p>�Wir wissen, dass Matthew es hat, denn mir ist zu Ohren gekommen, dass er einmal versucht hat, es zu verkaufen. Wei�t du, wo er steckt?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Komm schon, Tom�, sagte Turville freundlich. �Wir stehen auf derselben Seite, oder etwa nicht?� Als ich nichts sagte, tippte er auf eine Akte auf seinem Pult. �Wir haben Informationen dar�ber zusammengetragen, wo Matthew sich aufhalten k�nnte. Wirst du uns helfen, ihn zu finden?�</p><p>Unvermittelt sp�rte ich Aufregung und Hoffnung in mir aufsteigen, was ich nicht verbergen konnte. Ich gab mich keinen Illusionen �ber die beiden hin, aber so sehr sie mich brauchten, ich brauchte sie ebenfalls. Ich hatte Anne verloren, weil ich nicht wusste, wer ich war. Bestenfalls war ich ein Bastard, schlimmstenfalls Georges b�ser Geist. Aber wenn ich der Bastard eines Lords war, w�rde selbst Mr�Black mir vergeben.</p><p>�Was wird mit Matthew geschehen, wenn ich Euch helfe?�</p><p>�Nichts. Er k�nnte sogar, auch wenn ich nichts versprechen kann, eine kleine Belohnung erhalten, wenn er uns, �h, hilft, den Anh�nger zu finden.�</p><p>Eaton biss sich auf die Lippe, sagte jedoch nichts.</p><p>Turville l�chelte mich an. �Ich habe es Euch gesagt, Eaton! Aus deiner Akte, Mr�Tom, wei� ich, dass du neben deiner�� soll ich es deine poetische Wildheit nennen?�� auch �ber eine nat�rliche Schlauheit verf�gst, die dir verr�t, wo deine Interessen liegen.�</p><p>Meine Akte! Aus Regalen voll mit Streitsachen um L�ndereien und Gesetzesb�chern holte er eine Akte mit dem Wappen eines Falken und THOMAS NEAVE auf dem Deckblatt.</p><p>Thomas! Mein Leben lang war ich Tom gewesen, und nun sollte ich Thomas sein! Der hochwohlgeborene Thomas Neave! Er schlug den Aktendeckel auf, und benommen sah ich die Briefe, in denen angewiesen wurde, dass ich einen Ausbildungsvertrag bekommen, erzogen werden und ein Portr�t von mir in Auftrag gegeben werden sollte. Angesichts meiner Aufregung strahlte Turville, malte mir ein leuchtendes Bild von dem, was vielleicht am Ende dabei herausspr�nge, wenn ich meine Karten richtig ausspielte. Ein Haus in Drury Lane lag durchaus im Bereich des M�glichen��</p><p>�Ein Haus!�</p><p>�Pssst!� Turville legte einen Finger an die Lippen und blickte sich nerv�s um, als h�tte die Wandt�felung Ohren. Noch einmal betonte er, dass alles ruiniert w�re, wenn Lord Stonehouse w�sste, dass sie mich eingeweiht hatten. Ich d�rfte mit nicht mehr als drei Dienern rechnen, fuhr er fort.</p><p>�Drei��!� Ich kniff mich in den Handr�cken, um mich zu vergewissern, dass ich nicht tr�umte.</p><p>Er sagte, es tue ihm leid, dass es nicht mehr sein k�nnen, aber es sei opportun, Richards Exzessen eine puritanische Gen�gsamkeit entgegenzustellen. Mit schwacher Stimme sagte ich, ich w�rde mich bem�hen, mit drei Dienstboten auszukommen, als durch den Garten das entfernte Ger�usch einer Kirchenglocke zu h�ren war. Eine der Glocken hatte einen dumpfen, gebrochenen Klang.</p><p>�Das klingt nach meiner alten Gemeindekirche St.�Mark�s�, sagte ich.</p><p>�Es kommt auf jeden Fall aus der Richtung�, erwiderte Turville.</p><p>Erneut wechselten sie diesen verschw�rerischen Blick. �Macht schon�, sagte Eaton. �Erz�hlt es dem Jungen. Jetzt, da er wei�, wo seine wahren Interessen liegen.�</p><p>Selbst als Turville, jetzt mit den gemessenen Worten eines Anwalts, mir erkl�rte, dass Anne Black geheiratet hatte, oder�� als die Uhr in der Halle zur halben Stunde schlug�� um genau zu sein, um ein Uhr die Frau von George Samuel Sawyer werden w�rde, konnte ich es nicht fassen. Ich war arrogant und borniert genug zu glauben, dass sie, wenn sie mich nicht heiraten konnte, niemandes Frau werden w�rde. Und schon gar nicht die von Gloomy George! Das war absurd. L�cherlich. Niemals, sei es auf dieser Welt oder einer anderen, w�rde sie jemand so <emphasis>Altes</emphasis> heiraten. Gloomy George?</p><p>Es war Eaton, der mich zur Besinnung brachte. Seine Augen, normalerweise stumpf wie alte M�nzen, flammten lebendig auf, als er einer schmerzhaften Erinnerung nachhing. �Liebe!�, schnaubte er. �Vergiss es! Es gibt nur eine Sache, die wirklich z�hlt!� Energisch deutete er mit dem Finger auf die Karte des Grundbesitzes. �Acker! Land! Der <emphasis>Sitz</emphasis>!�</p><p>Eatons bitterer Ausbruch riss mich aus dem behaglichen, selbstzufriedenen Glauben, dass Anne niemals einem anderen als mir das Ja-Wort geben w�rde. Ich erinnerte mich genau daran, wie George Mr�Black Bericht erstattet hatte, als er Anne und mich erwischt hatte, und sah es als den Akt der Eifersucht, den sie darstellten. Als Mr�Black vom Schlag getroffen wurde, hatte George Annes Hand ergriffen und ihr gesagt, sie m�sse Gott beichten, dass es ihre Schuld sei, weil sie mich aus dem Keller herausgelassen hatte. Jetzt sah ich darin das Liebeswerben, das es war. Ich war so verst�rt �ber meine eigene Dummheit, dass ich mich nicht von der Stelle r�hrte. Die beiden M�nner erkannten in meinem Schweigen indes kein Zeichen des Schocks, sondern ein Zeichen der Schicksalsergebenheit. Jetzt lachte Turville ganz offen.</p><p>�Ich hatte mir Sorgen gemacht, du k�nntest dich wie ein Narr benehmen, Mr�Tom, aber jetzt, wo du wei�t, was auf dem Spiel steht, siehst du die Welt ein wenig anders, was?�</p><p>Das kurze Feuer in Eatons Augen erstarb. Er grinste. �Seine Lordschaft sah voraus, was geschehen w�rde. Er gab Black die strikte Anweisung, dass ihr getrennt werden solltet. Du kannst mir daf�r dankbar sein.�</p><p>�Ich sehe das Gesicht seiner Lordschaft direkt vor mir�, sagte Turville.</p><p>�Aye!�</p><p>�Die Tochter eines <emphasis>Druckers!</emphasis>�</p><p>Sie lachten, und Eaton klopfte mir auf den R�cken. Ich sprang auf. Ich stie� meinen Stuhl gegen Turville und erwischte seinen fetten Wanst. Er keuchte und taumelte r�ckw�rts in das B�cherregal. Von dort st�rmte er los, um mich zu packen, doch aus dem obersten Regal fiel ihm ein dickes Buch auf den Kopf. Als er benommen schwankte, rannte ich an ihm vorbei, doch Eatons ausgestreckte Arme warteten nur darauf, mich festzuhalten. Ich sprang auf den Schreibtisch und trat nach ihm, als er versuchte, mich herunterzuziehen. Er grunzte vor Schmerz auf, w�hrend ich mit einem weiteren Sprung die T�r erreichte und sie krachend hinter mir ins Schloss warf.</p><p>�Gibson!�, br�llte er.</p><p>Schlank, drahtig und entspannt lie� Gibson mich nicht aus den Augen. Ich z�gerte. Vielleicht ein Fenster. Es gab eines oberhalb des Treppenabsatzes, aber ich w�rde es niemals rechtzeitig �ffnen k�nnen. Gibson sah mein Z�gern und blickte grinsend zu mir hoch. Hinter mir riss Eaton fluchend die T�r zum Studierzimmer auf. Ich rannte die Treppe halb hinunter, sch�tzte den Kopf mit den Armen und sprang wie eine Kanonenkugel auf Gibson zu. Alle beide fanden wir uns benommen auf dem Boden wieder. Eaton und Turville schauten auf uns hinunter. Am Ende des Korridors zur Hintert�r stand Jane mit einem Krug in der Hand und sah erstaunt zu.</p><p>Ich befand mich in einem besseren Zustand als Gibson, der mit dem Sch�del auf die steinernen Fliesen aufgeschlagen war, und rappelte mich auf, doch er packte mein Bein. Ein Augenblick l�nger, und ich w�re gest�rzt, doch dann ert�nte ein dumpfes Ger�usch. Ein St�hnen. Die Fliesen um mich herum waren mit Tonscherben �bers�ht. Ein Schwall Wasser traf mich. Mein Bein war wieder frei, und ich zog mich gerade rechtzeitig zur�ck, um Gibson auszuweichen, der mich irritiert mit verschwommenem Blick anstarrte. Hinter ihm, mit dem Ausdruck reiner �berraschung auf dem Gesicht �ber das, was sie getan hatte, stand Jane, mit dem Henkel des zerbrochenen Kruges in der Hand. Ich sah, wie Gibson langsam umkippte und in das Wasser und die Tonscherben fiel. Jane reagierte als Erste und winkte mir, ihr den Korridor entlang zu folgen. Nach rechts zweigte ein weiterer Gang ab. Die T�r am Ende �ffnete sich zum Hof, von dem sie das Wasser geholt hatte.</p><p>Ich drehte mich um, um sie anzuflehen, mit mir zu kommen, aber als sie die anderen den Gang entlanghasten h�rte, versetzte sie mir einen Sto� und bedeutete mir energisch, zu fliehen.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>16.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Blinde Wut lenkte meine Schritte. Der Zorn �ber meine eigene Dummheit verwandelte sich in Zorn auf Anne. Dass sie auch nur daran denken konnte, jemand anderen zu heiraten, war schon schlimm genug. Aber ausgerechnet meinen schlimmsten Feind George!</p><p>Ich w�nschte, ich h�tte George get�tet, als ich ihn mit seinem Winkelhaken geschlagen hatte. Die Mordlust hatte man mir wohl angesehen, als ich nach Smithfield rannte, denn die Menschen pressten sich an die Hausw�nde, um mir auszuweichen.</p><p>Als ich am Half Moon Court vorbeikam, fiel mir etwas ein, dass Anne mir erz�hlt hatte, und ich wandte mich zum Haus. Ich hatte noch eine Chance. Die T�r war verschlossen, aber ich wusste, unter welchem Stein der Schl�ssel versteckt war. Ich blieb stehen. Der Tisch war f�r das Hochzeitsmahl gedeckt: Wildpastete, ein ganzer Karpfen, eine Gans am Spie�, von der das Fett heruntertropfte, eingemachte Fr�chte und F�sser voll Bier und Wein. Ich rannte in die Druckerei.</p><p>�Sa�rah?�, rief Mr�Black von oben. �Bist�� du da?�</p><p>Er war also immer noch zu krank, um zur Kirche zu gehen. Schuldgef�hle, weil ich ein Grund f�r seine Krankheit war, mischten sich mit der wachsenden Hoffnung, dass mein Plan funktionieren k�nnte.</p><p>Ich rannte in die Druckerei. Die Maschinen gl�nzten, Rahmen, Keile und Hammer lagen ordentlich auf dem polierten Stein, bereit f�r das n�chste Ausschie�en. Was immer sich �ber George sagen lie�, seine Arbeit gen�gte stets den h�chsten Anspr�chen. Der Titel eines Stapels mit Flugschriften lie� mich wieder an Georges s�uerliche, Unheil verk�ndende Stimme denken. <emphasis>Die sieben Schritte des S�nders zur H�lle.</emphasis> Der S�nder in mir wusste, dass er damit nicht viel Geld verdienen w�rde. Kaum, dass er das Papier damit w�rde bezahlen k�nnen. Gleichwohl strahlte die ganze Werkstatt Wohlstand aus, ganz zu schweigen von dem Hochzeitsmahl.</p><p>Ich ging ins Papierlager. Dort fand ich die Quelle des Reichtums: ein Stapel royalistischer Traktate, in B�ndeln verpackt und bereit zur Auslieferung. Ich riss ein B�ndel auf und nahm ein Blatt heraus. <emphasis>K�mpft f�r den K�niglichen Frieden!</emphasis> Das Impressum behauptete, es sei im White Horse, Oxford, dem Hauptquartier des K�nigs, gedruckt worden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Mr�Black, wie Anne mir erz�hlt hatte, davon wusste.</p><p>Doch als ich die Treppe emporrannte, wurde es nur zu offensichtlich, dass er kaum irgendetwas wusste. Er glaubte immer noch, ich sei Sarah, denn er hing halb aus dem Bett und tastete nach einer Feder, die er fallen gelassen hatte. Rund um das Bett lagen Papiere verstreut. Er hatte sich bem�ht, seinen Namen zu schreiben, doch seine feine schr�ge Handschrift hatte er verloren, und die Unterschrift war nicht mehr als ein spinnenartiges Gekritzel.</p><p>�S�arah. Hebe���</p><p>Ich schob meine H�nde unter seine Arme und versuchte, ihn hochzuheben. Mein verletzter Arm protestierte, und Mr�Black rutschte noch weiter aus dem Bett. Noch einmal versuchte ich ihn hochzuwuchten. Wenn er noch sein fr�heres Gewicht gehabt h�tte, h�tte ich es niemals geschafft, doch die faltige Haut schien �ber seine Knochen zu rutschen, als ich ihn in die Kissen zerrte. Er starrte mich an, oder zumindest eine H�lfte von ihm tat es. Die eine H�lfte, die rechte, schien dem alten Mr�Black zu geh�ren. Dasselbe dunkle Auge musterte mich streng, die halbe Lippe bebte, als wollte sie einen Befehl erteilen. Die linke Wange glich einem erstarrten Wirbel aus Fleisch, das Auge war halb geschlossen und bewegte sich nicht.</p><p>Ich verbarg mein Gesicht. Ich konnte den Anblick dessen, was ich getan hatte, nicht ertragen. Wenn ich an jenem Tag nicht mit ihm gek�mpft h�tte und davongelaufen w�re, w�re das alles nie geschehen. Jetzt erkannte ich, warum Anne ihm geschworen hatte, mich nie wieder zu treffen.</p><p>�N� n�her.�</p><p>Das Wort kam so verst�mmelt und gelallt aus seinem Mund, dass es einen Moment dauerte, ehe ich ihn verstand. Ich f�rchte mich, n�her an ihn heranzutreten. Er war die Verk�rperung meiner S�nden, ein Monster, das ich kaum durch die L�cken zwischen meinen Fingern ansehen konnte.</p><p>�N�her!�</p><p>Ein w�tendes, verbittertes Knurren. Es musste ein paar �berreste des alten Mr�Black enthalten haben, denn widerstrebend schob ich mich, immer noch sitzend, gehorsam auf der Bettkante auf ihn zu, ohne indes die H�nde vom Gesicht zu nehmen.</p><p>�Lass�� dich sehen.�</p><p>Ich zuckte zusammen, als seine rechte Hand in einem Bogen auf mich zukam, doch ich zog meinen Kopf nicht zur�ck. Ich erwartete einen Schlag, und tats�chlich sehnte ich mich pl�tzlich nach meiner alten Bestrafung. Doch stattdessen ber�hrte seine Hand die meine und l�ste die Finger von meinem Gesicht. Seine Ber�hrung war so sanft, so unerwartet und stand in so einem Widerspruch zu dem Stirnrunzeln, dass auf ewig in seinem Gesicht eingebrannt schien, dass ich in Tr�nen ausbrach.</p><p>�O Sir, vergebt mir, vergebt mir f�r das, was ich getan habe!�</p><p>Zu meinem Erstaunen legte der Mann, den ich stets als unnachgiebig hart und starrsinnig gekannt hatte, seine Arme um mich, oder, um genau zu sein, seinen guten Arm.</p><p>�H�tte�� dir�� sagen�� m�ssen.� Zwischen den einzelnen Worten lag eine lange qu�lende Pause, w�hrend der die beiden H�lften seines Gesichts miteinander zu ringen schienen. Doch die strenge verurteilende Seite war erstarrt, w�hrend die Seite, die mir zugel�chelt hatte, nachdem wir zusammen die Gro�e Remonstranz entziffert hatten, und die ich im Grunde erst kurz vor meinem Weglaufen entdeckt hatte, befreit wirkte. Sein rechtes Auge strahlte vor Lebendigkeit, dass es f�r beide reichte, w�hrend er sich bem�hte, mit den Lippen ein L�cheln zu formen. �H�tte�� dir�� viele�� Dinge�� sagen�� sollen�� viele��� Ersch�pft hielt er inne.</p><p>�Sie darf George nicht heiraten�, sagte ich.</p><p>�Sie�� nichts�� f�r�� dich�, brachte er heraus.</p><p>�Ich�� ich liebe sie, Sir!�</p><p>�George�� guter�� Mann�, sagte er.</p><p>Nichts hatte sich ge�ndert. Ich sp�rte die Wut in mir aufsteigen, genau wie damals, als er versucht hatte, mich in die Form zu pr�geln, in der sie mich haben wollten. �Ich h�tte nie gedacht, dass George Euch dazu bringt, Partei f�r den K�nig zu ergreifen�, sagte ich verbittert.</p><p>�K�nig��?�</p><p>Ich hielt die Flugschrift in die H�he. Langsam begann er zu lesen, dann lie� er es fallen. Sein Gesicht war ger�tet, so dass ich f�rchtete, er w�rde einen erneuten Anfall erleiden.</p><p>�Sie darf George nicht heiraten, Sir!�, flehte ich. �Wenn Ihr Eure Erlaubnis verweigert, kann es noch verhindert werden, selbst jetzt noch!�</p><p>Die Kirchenglocken h�rten auf zu l�uten. In der durchdringenden Stille �ffnete er bebend den Mund und schloss ihn wieder.</p><p>�Verweigert Ihr Eure Erlaubnis? Mr�Black?�</p><p>Er starrte mich an, der geschlossene Mund bebte. Ich hob ein Blatt Papier und eine Feder von Boden auf und tauchte sie in die Tinte.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>17.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Ich rannte an dem Gedenkstein vorbei, wo Anne sich an den Nesseln gebrannt hatte. Stolperte die Kirchenstufen hinauf. Fiel in der Vorhalle der L�nge nach hin. H�rte die Worte des Pfarrers nachhallen: ���in Krankheit und in Gesundheit, Treue zu schw�ren��� Voller Panik, dass sie �Ich will� sagen k�nnte, rappelte ich mich auf und rannte in die Kirche.</p><p>�Ich will.�</p><p>Es war George, der gesprochen hatte, ein George, der sein Gesicht geschrubbt hatte, bis es gl�nzte, ein George, der sich selbst zu diesem freudigen Anlass in einen schwarzen Leibrock und Kniehosen gezw�ngt hatte und dessen Worte unheilvoll durch die Kirche hallten. Annes einfaches, schmuckloses Kleid hob den Kontrast zwischen ihnen nur noch st�rker hervor.</p><p>Der Pfarrer, Mr�Tooley, wandte sich ihr zu. �Anne, willst du diesen Mann zu deinem angetrauten Gatten nehmen, mit ihm in Gottes Sakrament leben���</p><p>�Das wird sie nicht!�, schrie ich. �Ich meine, sie darf nicht! Ihr Vater verbietet es!�</p><empty-line/><p>Nach meinem Auftauchen in Turvilles Studierzimmer war dies das zweite Mal, dass ich erlebte, welche Macht darin lag, ein Edelmann zu sein oder zumindest wie einer auszusehen. Selbst ein reicher Kaufmann wie Benyon z�gerte zu widersprechen, vor allem als er h�rte, wie ich Mr�Tooley von Mr�Blacks Ver�rgerung berichtete, weil George aufwieglerische Pamphlete gedruckt hatte. Inzwischen herrschte das Parlament �ber die Stadt, und solcherlei Schriften waren ein ernstes Vergehen. Benyon schickte einen seiner Diener los, der sich verstohlen aus der Kirche schlich. Die Gemeinde war in Aufruhr. Mr�Tooley rief: �Dies ist ein Gotteshaus, keine Schaub�hne!�, w�hrend er mich zusammen mit George, Anne und Mrs�Black in die Sakristei f�hrte.</p><p>Anne weigerte sich, mich anzuh�ren. Sobald ich den Mund aufmachte, unterbrach sie mich mit den Worten: �Du hast dein Versprechen gebrochen.�</p><p>�Ich musste! Du kannst ihn nicht heiraten! Er hat deinen Vater betrogen!�</p><p>�Du hast dein Versprechen gebrochen, mich nie wieder aufzusuchen!� Ihre Augen f�llten sich mit Tr�nen. �Du hast es versprochen, versprochen!�</p><p>�Ich habe deinen Vater besucht.�</p><p>�Meinen Vater! Du hast ihn besucht? Du wirst ihn noch t�ten!�</p><p>Sie schlug die H�nde vors Gesicht.</p><p>�Er hat die Hochzeit verboten�, rief ich aus.</p><p>�Verboten?� Sie nahm die H�nde vom Gesicht und blickte mich w�tend an.</p><p>In der trostlosen Enge der Sakristei, mit den schwarzen Roben an den W�nden und Notizen von Gemeindeversammlungen, erholte George sich von seinem Schreck. �Wie kann das wahr sein?� Seine Stimme �berschlug sich beinahe vor Emp�rung. �Haben wir nicht mit ihm gesprochen, ehe wir gingen? Hat er uns nicht seinen Segen gegeben?�</p><p>�Ist das wahr, mein Kind?�, frage Mr�Tooley streng.</p><p>Anne wickelte ihre schlanken Finger umeinander, bis ich dachte, sie m�ssten brechen. �Ja. Ja. Soweit er eben sprechen konnte.� Ihre Mutter kam her�ber, um den Arm um sie zu legen, aber Anne stie� sie fort und fuhr mich an. �Warum glaube ich dir immer noch? Ich kann nicht ein Wort glauben von dem, was du sagst. Du hast versprochen, mich nicht wiederzusehen, und jetzt, jetzt�� ausgerechnet an diesem Tag��!�</p><p>Unter Tr�nen brach sie zusammen, und ihre Mutter f�hrte sie zu einer Bank in der Ecke. Ich konnte nicht anders und versuchte, zu ihr zu gelangen, doch Mr�Tooley packte mich an der einen Seite und George an der anderen. �Schlimmer als ein Dieb ist ein L�gner, Mr�Tooley, denn er stiehlt die Wahrheit aus Eurem Mund�, sagte George.</p><p>Das Zitat aus seinem Lieblingsbuch Jesus Sirach rief mir all die scheinheiligen Predigten ins Ged�chtnis, die er �ber die Jahre in mich hineingepr�gelt hatte und die mich st�rker verletzt und in Rage gebracht hatten als sein Winkelhaken. Ich bem�hte mich, meine Wut unter Kontrolle zu halten, und zog ein St�ck Papier aus der Tasche. �Ich kann es beweisen.�</p><p>George versuchte, es sich zu schnappen, aber Mr�Tooley streckte die Hand aus, und ich reichte ihm das Blatt. Er las laut vor: �Ich widerrufe die Einwilligung zur Heirat meiner Tochter, Anne Black, mit George Sawyer. Gezeichnet Robert Black.� Er runzelte die Stirn. �Warum sollte er das tun? So sp�t?�</p><p>Noch einmal erkl�rte ich ihm, dass ich Flugbl�tter gefunden hatte, die den K�nig unterst�tzten. Hitzig bestritt George, solche Pamphlete gedruckt zu haben.</p><p>�Was geht da vor sich, Mutter?�, sagte Anne und zeigte pl�tzlich wieder Tatkraft.</p><p>�Nichts!�, rief Mrs�Black, sah jedoch zunehmend unbehaglicher aus. �Ich habe an nichts anderes als an dich gedacht und wollte dich in Sicherheit wissen!�</p><p>George nahm das Blatt Papier. �Der Lehrjunge hat das geschrieben! Denn das ist er immer noch, trotz seiner gestohlenen Kleider! Dank ihm ist der arme Mr�Black nicht imstande zu schreiben.�</p><p>�Er kann!�, mischte Anne sich ein. �Lass mich sehen!�</p><p>�Es hat keinen Zweck, dass du es dir ansiehst, Kind�, sagte ihre Mutter. �Genau so wenig, als wenn ich es t�te.�</p><p>�Aye�, stimmte George zu. �Gepriesen sei der Herr, dass du solch eine garstige Betr�gerei nicht lesen kannst.�</p><p>�Ich kann lesen!�, rief Anne, dann geriet ihre Stimme ins Wanken. �Ein wenig. Und ich lerne schreiben.�</p><p>�Nachdem ich es verboten habe?�, sagte George mit frostiger Stimme.</p><p>Sie starrte zu Boden. Mr�Tooley blickte zur Seite. Es war, als w�ren sie bereits verheiratet, und was immer der Pfarrer dachte, er w�rde sich nicht zwischen Mann und Weib stellen. In seinen Predigten pflegte er die Tugenden einer gehorsamen Gattin zu loben, die genug Lesen und Schreiben konnte, um ihre Pflichten im Haushalt zu erf�llen, aber nicht genug, um die Bibel zu lesen, denn das war gef�hrlich, da sie einen Mann brauchte, der die Heilige Schrift f�r sie auslegte. Ich begann zu erahnen, was seit meinem Fortgang im Half Moon Court geschehen war. George hatte die Kontrolle �ber das Gesch�ft �bernommen, und Mrs�Black, voller Angst vor der Zukunft, hatte ihn nur allzu bereitwillig gew�hren lassen. Anne war die Hauptlast bei der Pflege ihres kranken Vaters zugefallen, und sie schien eine engere Beziehung zu ihm entwickelt zu haben, als die beiden gemerkt hatten.</p><p>�Nein, im eigentlichen Sinn habe ich nicht Schreiben gelernt�, stammelte sie. �Aber mein Vater muss es wie ein Kind neu lernen, und ich habe das eine oder andere aufgeschnappt. Das ist alles.�</p><p>�Lass uns allein�, sagte George, kaum weniger absch�tzig ihr gegen�ber als er sich mir gegen�ber verhalten hatte, als ich noch Lehrjunge war. �rger brodelte in mir, als sie still zu ihrer Mutter zur�ckkehrte. Ihre Schritte waren langsam und kontrolliert. Ich konnte nicht fassen, dass dies dieselbe Person war, die noch vor zwei Monaten mit mir �ber Gloomy George gelacht hatte.</p><p>�Warte!�, rief Mr�Tooley und zeigte ihr das St�ck Papier. �Ist das Mr�Blacks Handschrift?�</p><p>�Ich habe aufgeschrieben, was er zu sagen w�nschte, und er hat es unterzeichnet�, sagte ich. �Nachdem ich als Beweis das Pamphlet gezeigt habe, das George heimlich f�r die Partei des K�nigs gedruckt hatte.�</p><p>�Es gibt kein solches Pamphlet�, sagte George. Er schaute Mrs�Black an. �Oder?�</p><p>�Ich habe keines gesehen�, sagte sie.</p><p>�Ist das Mr�Blacks Unterschrift, Anne? In seinem derzeitigen Zustand?�, fragte Mr�Tooley.</p><p>�Sie sieht so aus.� Sie z�gerte und fl�sterte schlie�lich: �Ich wei� es nicht.�</p><p>�Tom!� Mr�Tooley feuerte die Frage auf mich ab wie die Kugel aus einer Muskete, so dass ich erschreckt zusammenzuckte. �Hat Mr�Black dies unterzeichnet?�</p><p>�Das sind die Worte, die er zu mir gesagt hat.�</p><p>�Beantworte meine Frage! Du befindest dich in einer Kirche, vor dem Gericht Gottes, das mehr z�hlt als jedes weltliche Gericht.�</p><p>Au�erhalb der Sakristei war es pl�tzlich still, bis auf ein Wispern und Scharren, das sich anh�rte wie die Ratten, die in meinem wiederkehrenden Albtraum im Keller �ber mich krochen. Diese Frage war der kr�nende Abschluss meiner Kindheit. Fragende Gesichter zogen verschwommen an mir vorbei. Der alte Edelmann, nachdem ich mich mit Pech verbrannt hatte. Wer bist du? Susannah, wie sie die Bibel aufschl�gt. Was stand darin? Mr�Black, streng und redlich. Hast du deine Lettern? Ihnen allen wollte ich eine Gegenfrage zur�ckschleudern. Wer von Euch hat mir die Wahrheit gesagt? Weder Susannah, noch Mr�Black oder Lord Stonehouse, obwohl jeder einen Teil davon kannte. In dieser sch�bigen Sakristei, mit dem knarrenden Tisch und den wackeligen Stapeln abgegriffener Gebetsb�cher, hatte ich das Gef�hl, als habe sich eine L�ge auf die andere geh�uft, gleich einem Stein auf den anderen, und ich hatte Angst, eine weitere hinzuzuf�gen, aus Furcht, die Lichtspalten, die ich enth�llt hatte, w�rden erneut verschwinden, und ich w�re auf ewig im Keller der Falschheit eingemauert.</p><p>Die Wahrheit war, dass ich sicher war, dass Mr�Black nicht wollte, dass Anne George heiratete. Anne w�rde zu einer Art Tod verdammt sein, wenn sie seine Frau w�rde. Das war die ganze Wahrheit. Die unwichtige rechtliche Wahrheit lautete, dass Mr�Black die Feder nicht hatte halten k�nnen und ich f�r ihn unterschrieben hatte.</p><p>�Tom?� S�mtliche Gesichter verschmolzen zu dem von Mr�Tooley. Er hatte dichte buschige Augenbrauen, die allm�hlich aufeinander zuzuwandern schienen. �Gott erwartet deine Antwort.�</p><p>Georges Anspannung, die ihn wie einen an der Leine zerrenden Hund wirken lie�, fiel sichtlich von ihm ab. Er l�chelte Anne zu und ergriff ihre Hand. �Es muss noch Hoffnung f�r seine Seele geben, wenn er im Haus Gottes nicht l�gen kann.�</p><p>Anne entzog sich ihm und warf mir einen Blick zu, der wie S�ure in meinem Gesicht brannte. Sie schwieg, aber die Worte lagen so deutlich in ihrem Blick, als h�tte sie sie ausgesprochen. Warum bist du hierher gekommen und hast alles ruiniert? Um eine weitere L�ge zu erz�hlen?</p><p>Mr�Tooley stie� einen Seufzer aus, der klang, als habe er ihn zur�ckgehalten, seit er die eigentliche Frage gestellt hatte. Seine Stimme und sein Gebaren glichen mehr denn je denen eines Richters. �Tom Neave, ich bin verpflichtet, dein Schweigen als Eingest�ndnis deiner Schuld zu deuten. Wie jedes Gericht dir erkl�ren wird, betrachten die Gesetze des K�nigreichs F�lschung als ein sehr ernstes Vergehen, noch schwerwiegender als das Davonlaufen von deinem Master. Mr�Henderson!�</p><p>Er rief nach dem Kirchenvorsteher, der offensichtlich sein Ohr direkt an der T�r gehabt hatte, denn er �ffnete sie auf der Stelle. Der Gro�teil der Gemeinde hatte sich ebenso dicht herangeschlichen und machte keine Anstalten, zur�ckzuweichen.</p><p>�Die Weisheit Salomons, Mr�Tooley!�, rief George. �Ihr habt ihn durch sein eigenes Schweigen �berf�hrt!�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>18.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Es war sinnlos, davonzulaufen, selbst wenn ich meine Beine h�tte anheben k�nnen. Sie hatten einen Constable gerufen, und ein weiterer befand sich unter den versammelten Gemeindemitgliedern. Sie packten mich bei den Armen und f�hrten mich den Mittelgang hinunter, wo ich in meinen Tr�umen mit Anne entlang geschritten war. Mr�Tooley trieb jedermann zur�ck auf seinen Platz, damit er mit der Zeremonie fortfahren konnte. Drau�en wartete noch ein weiteres Paar. Jeder wollte wegen des bevorstehenden Krieges noch rasch heiraten.</p><p>�Es war eine F�lschung�, sagte George zu Benyon.</p><p>�Eine F�lschung!� Benyon pfiff leise und sch�ttelte den Kopf. �Ein Verbrecher!�</p><p>�Seit jenem Tag, als wir ihn vom Fluss hierherbrachten, habe ich Mr�Black das prophezeit.�</p><p>�Daf�r wird er h�ngen!�</p><p>Die Worte machten in der Gemeinde die Runde wie ein Funken auf einem trockenen St�ck Zunder. Fetzen der Unterhaltung flogen mir zu, w�hrend ich den Gang hinuntertaumelte. Eine F�lschung. Ein Verbrecher. Daf�r wird er h�ngen. Ich wusste schon immer, dass er eines Tages die Leiter rauf muss. Der wird eines Morgens am Galgen baumeln. Mr�Black ist tot? Ermordet in seinem Bett! Und dann hat er die Unterschrift gef�lscht, um die Hochzeit zu verhindern. Er hat den Teufel im Leib! Es war, als sei ich, ohne den Luxus einer Gerichtsverhandlung oder eines Aufenthalts in Newgate, bereits auf dem Weg nach Tyburn. Die Gesichter der Gemeinde, die ein gesetztes Hochzeitsl�cheln gezeigt hatten, als ich die Kirche betreten hatte, waren nun bei der Aussicht auf eine �ffentliche Hinrichtung ger�tet. Die Anwesenden verrenkten die H�lse, die Augen traten aus den H�hlen, als sie mit den Ellenbogen um sich stie�en, um einen Blick auf mich erhaschen zu k�nnen.</p><p>�H�ngen?�</p><p>Ich h�rte Annes Stimme, die sich �ber alle anderen erhob. Ruckartig blieb ich stehen und riss mich von einem der Constables los. Mit tr�stenden und beschwichtigenden Gesten beugte sich Mr�Tooley �ber Anne. George gesellte sich zu ihnen, und sie steckten die K�pfe zusammen und diskutierten. Mrs�Black stand von der vordersten Bank auf, umklammerte ihren Hut und mischte sich in den immer lauter werdenden Wortwechsel ein. Aus dem Kn�uel heraus schoss ein Wirbelwind. Jeder Teil von Anne schien sich in w�tender Bewegung zu befinden. Ihre Haare flatterten, die gro�en, tr�nenerf�llten Augen und der bebende Mund schienen das ganze Gesicht auszuf�llen. Ihre Worte hallten durch die gesamte Kirche.</p><p>�Warum? Warum k�nnen wir nicht meinen Vater fragen, ob er unterzeichnet hat?�</p><p>Mrs�Black ergriff das Wort, aber ein eisiger Blick von Mr�Tooley brachte sie zum Schweigen. Er bem�hte sich, mit gemessener Stimme zu sprechen, aber in der ehrf�rchtigen Stille, die mit einem Mal herrschte, wurden seine Worte von den steinernen W�nden laut zur�ckgeworfen. �Anne! H�r nicht auf andere! Es wird eine Gerichtsverhandlung geben. Ich wei� nicht, was geschehen wird. Niemand wei� es.� Als sie den Mund zu einer Erwiderung �ffnete, erreichte seine Stimme jenen gereizten Tonfall, dem niemand in dieser Kirche sich je zu widersetzen gewagt hatte. �Anne! Willst du heiraten oder nicht?�</p><p>Sie senkte den Kopf. Ein gewaltiges kollektives Seufzen schien von der Gemeinde auszugehen. Mr�Tooley winkte Braut und Br�utigam entschieden zur�ck zum Altar, damit sie ihre Positionen f�r den Schwur einn�hmen. Mrs�Black huschte zur�ck in die erste Bankreihe. Die Constables packten mich erneut bei den Armen und f�hrten mich in die Vorhalle.</p><p>�F�nf Minuten!� Annes Stimme hallte in der Kirche wider.</p><p>In der T�r drehte ich mich um und sah, wie Anne ihre geballten F�uste mit solcher Macht in die H�ften stemmte, dass ich glaubte, sie w�rde in St�cke brechen.</p><p>�Es sind f�nf Minuten zu meinem Vater, Mr�Tooley. <emphasis>F�nf Minuten!</emphasis> Die Ehe dauert <emphasis>mein ganzes Leben!</emphasis>�</p><empty-line/><p>Die Ank�mmlinge f�r die n�chste Hochzeit starrten uns an, als wir uns durch den Friedhof schl�ngelten, vorbei am Mausoleum f�r Samuel Potter und seine Witwe. Wir mussten eine seltsame Prozession abgegeben haben. Mr�Tooley ging voran, zusammen mit Benyon und Mrs�Black, die M�he hatte, ihren Hut bei dem Wind aufzubehalten. Dann folgten Braut und Br�utigam. Anne blickte starr geradeaus. George fl�sterte ihr etwas ins Ohr und warf mir gelegentlich Blicke zu, w�hrend ich im festen Griff der beiden Constables hinter ihnen her stolperte. Die M�nner hielten mich so eng umklammert, dass wir wie ein Wesen mit sechs Beinen gewirkt haben mussten.</p><p>Es waren die l�ngsten f�nf Minuten meines Lebens. Jetzt kam es mir wie der Gipfel der Dummheit vor, Mr�Blacks Unterschrift nachgemacht zu haben. Doch da waren die geheimen Drucke, die George erstellt hatte, der Beweis, den Mr�Black gelesen hatte�� obwohl ich nicht wusste, wie viel er davon wirklich verstanden hatte. George glaubte gewiss, das w�rde durch die F�lschung aufgewogen, die ich allein durch mein Schweigen eingestanden hatte. Sobald er sich umwandte, zeigte sein Gesicht einen Ausdruck, den ich nur zu gut aus meiner Kindheit kannte: Vorfreude auf die mir bevorstehende Strafe.</p><p>Als wir in den Half Moon Court einbogen, stie� Mrs�Black einen Schrei aus. Die Vorh�nge zu Mr�Blacks Fenster waren zugezogen. Sarah stand auf der Eingangstreppe, und Mrs�Black und Anne rannten zu ihr. All meine vorherigen �ngste wurden von der Bef�rchtung in den Schatten gestellt, ich k�nnte ihn get�tet haben.</p><p>�Beinahe�, erkl�rte Sarah vernichtend. �Dieses Mal hast du es fast geschafft, so wie du ihn aufgeregt hast.�</p><p>Sie sagte, sie habe das Haus verlassen, um frisches Brot zu kaufen, und als sie zur�ckkam, habe sie ihn in einem furchtbaren Zustand angetroffen. Sie habe ihm einen Schluck zu trinken gegeben, und jetzt schlafe er. W�hrend Mrs�Black die Treppe hinaufeilte, schritt der Rest von uns ins Empfangszimmer, wo der Duft von frischem Brot sich zu dem der Wildpastete und der Gans gesellte, die immer noch am Spie� brutzelte. Von dort zogen wir weiter zur Druckerei. Mr�Tooley verlangte Beweise f�r das aufr�hrerische Material.</p><p>Unter den Blicken der Constables schritt ich geradewegs ins Papierlager. Kein Zeichen von <emphasis>K�mpft f�r den K�niglichen Frieden!</emphasis> Oder irgendwelchen anderen royalistischen Pamphleten. Ebenso wenig gab es eine Spur von den Druckformen, mit denen sie erstellt worden waren.</p><p>Nur mit M�he gelang es mir, Ruhe zu bewahren. Ich konnte Anne nicht in die Augen blicken. George beobachtete mich, den Kopf leicht geneigt, die Arme verschr�nkt.</p><p>�Sie waren hier! Ich schw�re, dass sie hier waren!�</p><p>Anne wandte sich ab. George schloss die Arme um sie. Ich sp�rte, wie Mr�Tooleys Blick mir folgte, als ich jedes Regal und jede Bank absuchte. Ich erinnerte mich, dass Benyon seinen Diener aus der Kirche geschickt hatte. �Sarah! Waren Mr�Benyons M�nner hier?�</p><p>�Aye. Mit einer Kutsche. Um mir zu sagen, dass die Feier erst sp�ter anfangen w�rde.�</p><p>�Haben sie etwas mitgenommen?�</p><p>�Ich wei� nicht. Ich war oben, bei Master Black.�</p><p>�Sie waren hier!�, sagte ich zu Anne. �Du musst mir glauben!�</p><p>Ich konnte den Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht ertragen. Sie wandte sich von mir ab. Sie sah aus, als h�tte man ihr gerade mitgeteilt, dass ihr Liebster gestorben sei. Obwohl Sarah Miss Etepetete wenig Liebe entgegenbrachte, erkannte sie Trauer, wenn sie sie sah.</p><p>�Kommt schon. Ihr werdet heiraten. Schon vergessen?�</p><p>Anne schien nicht zu wissen, wo sie war oder was geschehen war. �Es tut mir leid�, fl�sterte sie. Die Worte waren kaum zu h�ren. Ob es ihr um mich leid tat, ob sie mich damit ansprach oder eher allgemein alle Anwesenden, vermochte ich nicht zu sagen, doch George fasste es als eine an ihn gerichtete pers�nliche Entschuldigung auf. Er zeigte sich gro�herzig, vergebend und bek�mmert zugleich. �Das ist eine ihrer besten Qualit�ten, Mr�Tooley, dass sie stets versucht, das Gute in allen Menschen zu sehen. Mr�Black und ich haben uns jahrelang bem�ht, es in ihm zu finden. Aber Ihr habt gerade demonstriert, mein Lieber, beredter als ich es je gekonnt h�tte, dass dort nichts ist.�</p><p>Er dachte kurz nach. �Nein, schlimmer als nichts.� Er hatte sein d�nnes Haar �ber die Narbe an der Stirn gek�mmt, wo ich ihn geschlagen hatte. Aber der Wind hatte es zerzaust, und jetzt leuchtete die Narbe rot auf, als George mit dem Finger auf mich zeigte und sprach: �Er ist ein Besessener�� vom Teufel besessen!�</p><p>Es waren nicht die Worte, denn die hatte ich schon viele Male zuvor geh�rt, wenn auch noch nie so drastisch und ungest�m. Es war nicht einmal die Wirkung, die sie auf Anne hatten, die ein entsetztes Gesicht machte. Es war Georges Geste, als er mit offenen Armen auf sie zutrat, die mich dazu brachte, mich auf ihn zu st�rzen. Jeder wurde davon �berrascht, sogar ich selbst. Mein Schwung stie� Mr�Tooley beiseite und schleuderte George gegen die Druckerpresse. Als er zu Boden fiel, schlossen sich meine H�nde, die pl�tzlich ein Eigenleben zu entwickeln schienen, um seinen Hals. Es war meine volle Absicht, ihn zu t�ten. Ich verschwendete keinen Gedanken daran, was mit mir geschehen w�rde, denn in meiner Vorstellung w�rde ich ohnehin h�ngen. Doch was immer geschehen w�rde, er durfte Anne nicht heiraten. Er durfte sie nicht ber�hren, ihren Verstand vergiften�� Die Worte dr�hnten in meinem Kopf, als ich darum k�mpfte, Georges Hals zu umklammern, w�hrend die Constables versuchten, mich fortzuziehen. Ich glaubte wirklich, ich sei besessen. Als sie es schlie�lich schafften, mich wegzuzerren, war George nicht tot, weit gefehlt, aber zumindest war er nicht imstande zu sprechen. Das war doch immerhin etwas.</p><p>Die Druckerei sah aus, als sei ein Sturm hindurchgefegt. Bl�cke, Typen und Papier waren �ber den ganzen Boden verstreut. Man band mir die H�nde fest auf dem R�cken zusammen. Selbst dann schlichen sie vorsichtig um mich herum, als sei ich ein tollw�tiger Hund, der wom�glich unvermittelt zubiss. Die Lippe des einen Constables schwoll an, und in seinem Mundwinkel hing ein Tropfen Blut. Ich sah es in den aufblitzenden Bildern, als ich langsam wieder zu Bewusstsein kam. Nur ansatzweise war ich mir der Pr�gel bewusst, die ich eingesteckt hatte. Wie lange Mrs�Black schon dort stand, wusste ich nicht, aber sie sagte zu Mr�Tooley, dass Mr�Black mich oben zu sehen w�nsche. Er wollte, dass ich zu im hochkomme! Dabei konnte ich kaum die Stufen erklimmen. Mr�Tooley lehnte ab. Er wollte Mr�Black keiner weiteren Aufregung mehr aussetzen.</p><p>Ein heftiges Klopfen ert�nte aus der Kammer �ber uns, Putz rieselte auf uns nieder. Ehe Mr�Tooley sie aufhalten konnte, war Anne bereits den halben Weg die Treppe hinauf zu ihrem Vater. Der Pfarrer faltete die H�nde und schloss die Augen, w�hrend seine Lippen sich bewegten und er, wie ich mir vorstellte, Gott bat, diese Trauung, der l�ngsten, der er je beigewohnt hatte, so oder so zu Ende zu bringen. Mrs�Black sch�ttelte etwas Putz von ihrem Hut.</p><p>�Schur�ke�, bellte Mr�Black �ber uns, in einem Geheul aus verst�mmelten Silben, das Mr�Tooley aus seinem Gebet riss und mich auf die Beine brachte. Er mochte lallen, aber er hatte nichts von seiner rachs�chtigen Macht verloren, die sowohl er als auch George aus dem Alten Testament ableiteten. Sie erweckte alte Schauder zum Leben und gab George die Stimme zur�ck, obwohl ein leichtes n�selndes Rasseln in seiner Kehle mitklang, um die er vorsichtig einen seidenen Schal schlang. �Es ist Mr�Blacks gutes Recht, den �belt�ter zu sehen, Mr�Tooley. Ich habe den armen Herrn gewarnt, als wir den Jungen von da drau�en herholten, dass wir den Teufel in die Stadt bringen.�</p><p>Mr�Tooley, der nun ebenso rachdurstig dreinblickte wie George, nahm den Brief, auf dem ich Mr�Blacks Unterschrift gef�lscht hatte, und ging voran nach oben. In diesem Moment, glaube ich, w�re ich lieber die Leiter zum Galgen in Paddington Fair emporgestiegen als diese Stufen. Als ich die Kammer betrat, war ich wieder acht Jahre alt. Mr�Black bot einen furchterregenden Anblick. Ersch�pft davon, mit seinem Stock auf den Boden zu pochen, hatte er die Augen fast geschlossen, das Kinn ruhte auf der Brust. Sein Haar, immer noch verschwenderisch dicht, aber gr��tenteils grau, hing in Str�hnen herunter, bis auf ein B�schel, das vom Schwei� an seiner Stirn klebte. Er wurde teils von den Kissen abgest�tzt, teils von der Hand, die den Stock umklammert hielt. Es war der Nachfolger vieler solcher St�cke, doch f�r mich sah er genauso aus wie jener, mit dem er mich am ersten Tag geschlagen hatte, als ich ihn auf der Werft kennengelernt hatte.</p><p>Mr�Tooley n�herte sich Mr�Black, blieb verlegen stehen und hustete. Mr�Black riss die Augen auf, lie� den Blick �ber das Gesicht des Pfarrers gleiten und starrte schlie�lich mich direkt an. Ich w�re auf die Knie gefallen, wenn die beiden Constables mich nicht festgehalten h�tten. Wie hatte ich diesen aufrechten Mann nur so weit bringen k�nnen? Wie konnte ich es wagen, die Hochzeit seiner Tochter zu ruinieren? Wahrhaftig, der Teufel steckte in mir! George trat vor, nahm seinen Hut ab und deutete auf mich.</p><p>�Hier ist er, Master�, sagte er.</p><p>�Aye.� M�hsam richtete Mr�Black sich in seinen Kissen auf, seine Stimme klang einen Moment lang fast normal. �Da ist er.� Anne eilte zum Bett und richtete die Kissen. Mit einem Seufzer lie� er sich zur�cksinken und behielt sie die ganze Zeit im Blick. �Du wolltest�� mir nicht gehorchen���</p><p>Sie fiel auf die Knie. �Nein, Vater, nein! Ich dachte�� ich dachte��� W�hrend seine Stimme klarer geworden war, als er sie anblickte, wurde ihre von Schluchzern verwischt, so dass sie kaum imstande war, Worte zu formen. �Ich�� wollte�� sichergehen, was Ihr w�nscht. Tom�� er�� brachte einen Brief.�</p><p>�Diesen hier�, sagte Mr�Tooley und zog den Brief hervor.</p><p>Ich schloss die Augen, als Mr�Black auf das Gekritzel blickte, das ich geschrieben hatte, w�hrend Mr�Tooley die Zeilen �ber die zur�ckgezogene Erlaubnis vorlas. Als er unvermittelt aufh�rte zu lesen, �ffnete ich die Augen. Mr�Black streckte seine gute Hand aus, nahm den Brief und las ihn. Ich begann zu zittern und konnte nicht wieder aufh�ren. Ich war nicht nur ein Schurke und Betr�ger, ich war der d�mmste aller Schurken: jemand, der etwas so unfassbar N�rrisches getan hatte, dass man es unweigerlich herausfinden w�rde.</p><p>Mr�Black schenkte mir einen Blick von solch schwerem Ernst, dass ich meinen Mund �ffnete, um damit herauszuplatzen, was ich getan hatte, und ihn um Vergebung anzuflehen. Nur das triumphierende Leuchten in Georges Augen hielt mich davon ab. Diese Genugtuung w�rde ich ihm nicht g�nnen. Missmutig erwiderte ich seinen Blick, genau wie ich es vor all den Jahren auf dem Boot getan hatte, obwohl es mich jetzt unbarmherzig nicht zu einem Schatz, sondern nach Paddington Fair brachte.</p><p>�Ist das Eure Unterschrift, Sir?�, fragte Mr�Tooley.</p><p>�Das?� Mr�Black schielte auf das Blatt Papier. �Ob dieses armselige�� spinnenhafte�� Gekrakel meine Unterschrift ist?� Voller Verachtung spie er die Worte aus, dann murmelte er: �Schurke!�</p><p>Mr�Tooley stie� einen tiefen resignierten Seufzer aus und gab den Constables ein Zeichen, mich fortzuschaffen.</p><p>�Aye�, murmelte Mr�Black, nickte und starrte noch immer auf das Blatt Papier, als ich am Fu� seines Bettes vorbeiging. �Das�� ist�� aus mir�� geworden.�</p><p>�Wartet!�, rief Mr�Tooley und hielt uns so abrupt an der T�r auf, dass wir gegeneinander stie�en. �Wollt Ihr damit sagen, Sir, dass es Eure Unterschrift <emphasis>ist</emphasis>?�</p><p>�Was?�</p><p>Mr�Black umklammerte das Blatt Papier und starrte zu ihm empor. Anne, der George inzwischen aufgeholfen hatte, wiederholte die Frage. Es folgte ein Moment der Verwirrung, genau wie ich ihn erlebt hatte, ehe ich den verh�ngnisvollen Brief geschrieben hatte, bis Mr�Black den Brief vorstreckte, Mr�Tooley fast schlug und schrie: �Nat�rlich�� ist das�� meine verdammte�� Unterschrift�� nat�rlich, Sir!� Es herrschte fassungslose Stille. Dann bekam Mr�Black einen Hustenanfall, und Sarah und Anne eilten ihm zu Hilfe. Alle begannen auf einmal durcheinanderzusprechen, George sch�ttelte den Kopf und erkl�rte Mr�Tooley, sein armer Master w�sste nicht, was er da rede, bis Mr�Black seine Meinung deutlich machte, indem er den Brief fallen lie� und unter seiner Decke das Pamphlet hervorzog, das ich ihm gezeigt hatte und das George heimlich gedruckt hatte.</p><p>�Schurke!�, kreischte er, stie� mit seinem Stock mit solcher Kraft nach George, dass dieser r�ckw�rts taumelte.</p><p>�Ich wusste es! Ich wusste, dass du die Wahrheit gesagt hast!� Schon hatte Anne ihre Arme um mich geschlungen, ihr Gesicht war tr�nen�berstr�mt.</p><p>�Anne! Vor den Augen des Pfarrers!�, schrie eine schockierte Mrs�Black. �Du wirst heiraten!�</p><p>�Aye�, sagte Sarah. �Aber wen?�</p><p>Die kleine Schlafkammer glich einem Tollhaus. Mr�Tooley wollte wissen, ob es eine Hochzeit geben w�rde oder nicht. Die Constables wussten nicht, ob sie mich jetzt abf�hren sollten. Oder George. Oder keinen von beiden. Sarah fragte immer wieder, was sie jetzt mit dem ganzen Essen machen sollte. Mrs�Black brach auf einem Stuhl zusammen und schrie, es sei ihr egal, was Sarah damit anstelle. Gib es den Armen! Nie wieder w�rde sie sich in der Kirche blicken lassen k�nnen! Ich stand benommen in der Mitte des Tumults.</p><p>Ich verzehrte mich vor Angst, dass der Erfolg meiner L�ge allein um den Preis von Mr�Blacks Gesundheit erkauft worden sei. Gewiss war er zu verwirrt, um auch nur eine Vorstellung davon zu haben, was er tat. Inmitten des Gebrabbels starrte er mich direkt an. Er winkte mir, n�herzukommen. Die gute Seite seines Gesichts war merkw�rdig verzerrt, als st�nde er kurz vor einem Anfall. Sein rechtes Auge zuckte. In der Angst, ihm seinen letzten Krampf zu bescheren, ging ich zu ihm und blieb stehen. Es gab keinen Zweifel. Sein rechtes Auge schloss sich zu einem frevlerischen Zwinkern. Er zeigte auf den Stock, den ich ihm reichte, und brachte jedermann mit dumpfen St��en auf den Boden zum Schweigen. Er klopfte auf die Stelle, an der er schon so h�ufig Zeichen gegeben hatte, dass kleine Holzsplitter herausgebrochen waren. Von George fehlte jede Spur, doch in der Stille h�rte ich, wie unten die T�r ins Schloss fiel.</p><p>�Essen!�, sagte Mr�Black.</p><p>�Ihr meint�� was wir mit all dem Essen anfangen sollen?�, sagte Anne.</p><p>Mr�Black nickte l�chelnd. Mit dem Stock deutete er auf die Bibel, die stets neben seiner Bettstatt lag, und Mr�Tooley hob sie auf. Ich glaube, er erwartete eine Stelle aus dem Alten Testament, doch Mr�Black w�hlte das Neue.</p><p>�Lukas�, stie� er hervor. �F�nfzehn��� Ersch�pft lie� er sich zur�cksinken, aber Mr�Tooley schien zu wissen oder zu erraten, welche Verse er meinte und deutete darauf. Noch einmal l�chelte Mr�Black und nickte, und Mr�Tooley las vor. Seine Stimme zitterte ein wenig. �Und bringet ein gem�stet Kalb her und schlachtet�s; lasset uns essen und fr�hlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>19.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Es waren einige der gl�cklichsten Tage meines Lebens, jene Tage dieses Fr�hlings und Sommers. W�hrend das Land langsam auseinanderbrach, schien ich zu einer ganzen Person zu werden. Der Krieg drohte, kam indes niemals.</p><p>Jeden Tag erwartete ich, Eaton im Hof in der Half Moon Street vorfahren zu sehen. Die Kleider, in denen ich geflohen war, hatte ich eingepackt, bereit, sie ihm zur�ckzugeben. Ich wollte ihm in nichts verpflichtet sein, wollte jedoch auch nicht das Risiko eingehen, sie zur�ckzubringen. Als Eaton sich nicht blicken lie�, nahm ich an, er und Turville h�tten den Gedanken aufgegeben, ich k�nnte ein Edelmann werden. Die Geldzahlungen, die Mr�Black regelm��ig von Eaton erhalten hatte, wurden eingestellt. Damit schien auch die Gefahr f�r mein Leben zu schwinden. Crow war tot. Eine Zeitlang sah ich Captain Gardiner an jeder Stra�enecke, doch sobald ich die milit�rische Ausbildung wieder aufnahm, wurde ich kr�ftiger und st�rker, und meine Angst lie� nach.</p><p>Von Matthew h�rte ich nichts, und ich k�mmerte mich auch nicht mehr darum, meinen richtigen Vater zu finden. Dieses Zwinkern, das Mr�Black mir geschenkt hatte, und die Lesung aus dem Lukasevangelium waren ebenso gut, nein, tausendmal besser als jedes Blut, das irgendein Vater seinem Sohn mitgeben k�nnte. Anne fuhr mit ihrer Mission fort, Mr�Black zu helfen, das Schreiben neu zu erlernen, und es sich w�hrenddessen selbst anzueignen. Manchmal gesellte ich mich hinzu, doch ich sp�rte, dass ich die Atmosph�re zwischen ihnen verdarb, denn es war unm�glich, dass Anne und ich unsere Gef�hle f�reinander verbargen. Eines Tages stahl ich mir einen Kuss. Ich sah, wie Mr�Black mich mit seinem guten Auge unnachgiebig anstarrte und zog mich hastig zur�ck, seinen Zorn f�rchtend�� bis er mich, noch einmal, mit diesem unglaublichen Zwinkern bedachte.</p><p>W�hrend ich Mr�Black immer n�her kam und er sich immer st�rker auf mich verlie�, sprach Mrs�Black kaum mit mir. Sie sagte, sie habe nichts davon gewusst, dass George f�r den K�nig gedruckt habe�� und wenn sie es gewusst h�tte, w�re sie vermutlich insgeheim stolz darauf gewesen. Politik lehnte sie ab, sie sei nichts anderes als ein in sch�ne Worte gekleideter Wirtshausstreit, der niemals das Essen auf den Tisch br�chte. F�r sie war die Sache klar. Ihre Tochter hatte kurz davor gestanden, einen Mann zu heiraten, der eine St�tze der Gemeinde war und mit einem der reichsten M�nner der Stadt Gesch�fte gemacht hatte. Jetzt war alles verloren. Und wof�r? F�r einen schmutzigen Lehrjungen mit gro�en F��en, der jede Menge Stiefel durchgelaufen und ihren armen kranken Gatten verhext hatte, was der Sterndeuter ihr ohne jeden Zweifel best�tigt hatte. Der verlorene Sohn? Das war f�rwahr ein guter Vergleich! War er nicht auch ein Verschwender gewesen? Ein Tagedieb? Und dieser hier war es auch. Au�er, dass da nichts war, das er h�tte verschwenden k�nnen.</p><p>In diesem Punkt hatte Mrs�Black recht. Es gab kein Geld. Mr�Black, der mir lange und m�hsam Anweisungen gab, wie ich ein Gesch�ft zu f�hren hatte, das nicht l�nger existierte, bestand darauf, dass es noch gen�gend Geldmittel g�be. Die Geldkassette, in der er das Geld f�r das Gesch�ft aufbewahrt hatte, war jedoch leer. Ich verd�chtigte George, es genommen zu haben, doch Mr�Black war so verwirrt, dass ich mir nicht sicher sein konnte, wie viel Geld tats�chlich�� wenn �berhaupt�� darin gewesen war. Alles, was wir zum Leben hatten, waren die Wertmarken aus Blei und Zinn, welche die H�ndler herausgaben, da es zu wenige kleine M�nzen gab. Sie waren einen halben Penny oder einen Farthing wert. Sarah bewahrte sie in kleinen Lederbeuteln f�r Schlachter, B�cker und Milchladen auf. Es ert�nte jedes Mal ein Triumphschrei, wenn jemand eine vergessene Marke in einer Schublade fand, und wenn in einem Krug pl�tzlich ein kleiner Vorrat auftauchte, war es ein Festtag f�r uns.</p><p>Als die letzten Wertmarken uns nur noch Roggenbrot ohne K�se bescherten, erinnerte ich mich daran, wozu Mr�Ink mich an jenem turbulenten Tag dr�ngen wollte, als der K�nig versucht hatte, das Recht des Parlaments zu verletzen. Ich schrieb mein erstes Flugblatt und lieh mir von Will Geld f�r die Tinte und das Papier, um es zu drucken. Mit dem z�rtlichen Stolz eines Vaters f�r sein erstes Kind betrachtete ich den Probeabzug:<emphasis>PRIVILEG!Wie Mr�PYM�&amp; das Parlamentgerettet wurden.Der geheimnisvolle Bote offenbart,wie die Pl�ne der b�sartigen Ratgeber des K�nigs vereitelt wurden.</emphasis></p><p>Es gab einen solchen Ansturm auf das Flugblatt, dass ich die abgenutzten Typen ersetzen musste. Der Erfolg zog weitere Gesch�fte nach sich, und ich wurde umworben, nicht als Edelmann, sondern als Flugblattschreiber. Umworben und geschm�ht; denn der Flugblattschreiber wurde als der niederste aller Schreiber angesehen, aufr�hrerisch, liederlich, noch schlimmer gar als ein St�ckeschreiber, eine Hure der Druckerpresse, an einem Tag gekauft, am anderen fortgeworfen. Gelegentlich wurde ich meine T�tigkeit leid, sie widerte mich an, dann schrieb ich ein paar Gedichte. Aber als diese sich noch schlechter verkauften als moralische Traktate, kehrte ich zu meinen Geschichten zur�ck und zog es vor, gelesen und geschm�ht als �berhaupt nicht gelesen zu werden.</p><p>Mrs�Black jedoch begann, mich freundlicher anzusehen. Sobald mehr Geld da war, konnte sie sich einen besseren Sterndeuter leisten, Mr�Lilly. Er entdeckte einen Fehler in den Berechnungen des billigeren Kollegen. Merkur stand in Konjunktion, nicht Opposition zur Sonne, und somit war ich ein Bote, kein Teufel.</p><p>Ich konnte nun auch einen Arzt f�r Mr�Black bezahlen, doch es schien ihm besser gegangen zu sein, als er �berhaupt keinen Doktor gesehen hatte. Allm�hlich hatte er sein Sprachverm�gen wiedererlangt, obgleich seine Worte noch z�gernd und verwischt klangen, und er war in der Lage, eine Feier zur Erf�llung meines Lehrvertrages auszurichten. Sieben Jahre war ich hier gewesen! Sieben Jahre�� und endlich konnte ich die Uniform fortwerfen, meine Stiefel und diese verfluchte M�tze!</p><p>An einem hei�en, schw�len Augusttag trug Big Jed die Tische heraus und stellte sie unter den Apfelbaum. Aus Anlass der gro�artigen Gelegenheit sagte er, ich sei f�r eine Woche �vom Spie� beurlaubt�, doch in Wahrheit war das Exerzieren mit dem Spie� oder der geschulterten Muskete immer seltener geworden. Die Angst vor dem gro�en Krieg hatte abgenommen, als es nur vereinzelte Scharm�tzel weit entfernt von London gegeben hatte.</p><p>Will, Ben, Luke und Charity kamen. Letztere war guter Hoffnung, und zum Vergn�gen, und vielleicht auch zur �bung, hatte sie ihre kleinere Schwester Prudence und ihren Bruder Tenacious mitgebracht. Andere Flugblattschreiber waren da, wie der ohrlose Jack, dem man f�r seine radikalen Ansichten ein Ohr abgeschnitten hatte. Ich h�tte zu gerne Mr�Ink hier gesehen, doch zu meiner Entt�uschung war er noch nicht erschienen, als Mr�Black sich erhob, um seine Rede zu halten. Am kupferblauen Himmel war ein Donnergrollen zu h�ren, doch Mrs�Black sagte, das Gewitter w�rde vor�berziehen. Sie hatte ein Tageshoroskop von Mr�Lilly gekauft, und der hatte ihr versichert, es w�rde nicht regnen.</p><p>Mr�Black verk�ndete, dass ich hinreichend in die Geheimnisse des Handwerks eingewiesen sei, wenngleich es einige Diskussionen �ber mein Benehmen gegeben habe. Die G�ste lachten laut und klopften auf die Tische.</p><p>�Tom��� Seine Stimme bebte. �Du bist jetzt frei. Wenn du w� willst, darfst du�� jetzt eine Sch�nke besuchen.�</p><p>Die Runde brach erneut in Gel�chter aus, und ein weiteres Donnergrollen war zu h�ren, das Mrs�Black mit einer Handbewegung abtat.</p><p>�Du darfst sogar ein W�w�rfelspiel w� wagen.�</p><p>Noch mehr Jubel, und jemand sagte, er habe einen Regentropfen gesp�rt, doch Mrs�Black erwiderte, das habe er sich nur eingebildet.</p><p>�Und�� und��� Mr�Black hielt inne und st�tzte sich auf seinen Stock. Seine Frau sprang �ngstlich auf, doch er scheuchte sie unwirsch fort. Er war unf�hig, die Worte herauszubringen, und ich glaubte, es l�ge an seiner Krankheit, doch dann, als er endlich sprach, begriff ich, dass es die R�hrung war. �Es s� steht dir�� jetzt f� frei zu heiraten.�</p><p>Annes Hand schlich sich in meine. Mrs�Black l�chelte. Der Regen prasselte auf uns nieder, als h�tte jemand die Schleusen ge�ffnet. Lachend und halb durchn�sst wurde im Haus auf uns angesto�en, bis der Regen aufh�rte. Als die Sonne wieder zum Vorschein kam, sahen wir unter dem Apfelbaum eine einsame tropfnasse Gestalt.</p><p>�Mr�Ink!�, schrie ich. �Lieber Freund�� Ihr seid gerade rechtzeitig gekommen!�</p><p>�Ich wurde von den Neuigkeiten aufgehalten.� Er wirkte verst�rt, drehte seinen Hut zwischen den Fingern, von denen ein tintiger Regen tropfte.</p><p>�Neuigkeiten?�</p><p>�Der K�nig hat in Nottingham seine Truppen um sich geschart.�</p><empty-line/><p>Wir hatten so lange darauf gewartet, aber als es dann eintrat, traf es uns wie ein Schock. Womit wir nicht gerechnet hatten, war Eaton. An jenem Abend ritt er auf seinem schwarzen Wallach auf den Hof. F�r seine Verh�ltnisse war er beinahe h�flich. Er verbeugte sich leicht in meine Richtung, fast sp�ttisch, und nannte mich Mr�Tom. Genau wie vor sieben Jahren suchte er Mr�Black in seinem Kontor auf, doch im Unterschied zu damals war ich dieses Mal dabei. Er sagte, die Tatsache, dass der K�nig seine Truppen um sich scharte, habe Lord Stonehouse� Aufmerksamkeit auf ein unerledigtes Gesch�ft gelenkt.</p><p>�I� ich mache keine Gesch�fte mit Lord Stonehouse�, sagte Mr�Black fest.</p><p>�Ihr habt einen Vertrag, Sir.�</p><p>Der Vertrag betraf mich. In der Tat, sagte Eaton, sei nicht Mr�Black, sondern Lord Stonehouse mein Lehrmeister. Wir widersprachen ihm k�hn und erkl�rten, dass ich jetzt ein freier Geselle war. Die Zunft hatte ihre Zustimmung erteilt. Au�erdem habe Lord Stonehouse in diesem Jahr keine Zahlungen geleistet, und damit sei der Vertrag ung�ltig. Eaton ballte die F�uste und hielt sich mit einiger M�he zur�ck. Er schleuderte einen Brief auf das Schreibpult vor Mr�Black und teilte mir mit, wenn ich �ber den Inhalt des Schreibens zu diskutieren w�nschte, t�te ich gut daran, am n�chsten Morgen um neun Uhr in Mr�Turvilles Kanzlei zu sein.</p><p>�Ich habe keine Interesse, �ber irgendetwas zu diskutieren, Sir�, sagte ich.</p><p>�Auch gut. Ich w�nsche den Herren einen angenehmen Abend.�</p><p>Ich begleitete ihn nach drau�en. Als ich ins Kontor zur�ckkehrte, glaubte ich, Mr�Black habe einen erneuten Anfall erlitten. Er konnte nicht sprechen. Ich ergriff den Brief, der offen auf seinem Schreibtisch lag. Lord Stonehouse hatte das Grundst�ck erworben, auf dem sich der Half Moon Court befand, und gab Mr�Black einen Monat Zeit, das Haus zu r�umen. Ich f�rchtete, dass jeder Schritt aus dem Haus, das Mr�Black liebte, ihn umbringen w�rde.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>20.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Ich holte das Paket mit dem n�chternen dunkelblauen Leibrock und den Kniehosen hervor, nicht, um sie zur�ckzugeben, sondern um sie anzuziehen. Noch einmal wurde ich zum Edelmann. Aber was ich tat, war das Letzte, das Eaton erwartete. Ich ging nicht zu Turville, sondern in die Queen Street, zu Lord Stonehouse� Stadthaus, entschlossen, dem Puppenspieler gegen�berzutreten, nicht seinen Marionetten.</p><p>Ich machte mich auf den Weg, meine Worte wohldurchdacht wie der Text eines Schauspielers, doch als ich mich dem Haus n�herte, begann mein Mut zu schwinden. Ich wusste, dass es, ungeachtet Mr�Pyms, des Parlaments und der randalierenden Menge, keine Revolte gegeben h�tte ohne die Schachz�ge im Hintergrund, ausgef�hrt von einigen der reichsten und m�chtigsten Peers in England, Peers, die beim K�nig in Ungnade gefallen waren. Flugblattschreiber nannten sie die Gro�en Zw�lf�� Peers wie Warwick, Bedford, Essex und Stonehouse. Kein Wunder, dass ich langsamer wurde und meine Beine zitterten, als h�tte ich Sch�ttelfrost, sobald ich mich der Queen Street n�herte.</p><p>Die Stra�e war breiter und beeindruckender als die Stra�en im Stadtinneren. Die klassischen Fassaden der vierst�ckigen Reihenh�user bildeten eine einheitliche gerade Linie aus Stein und Ziegel, ohne die Gem�tlichkeit, die Schiefe und Enge, die Holz vermittelte. Es gab keinen Ort, um sich zu verstecken. Keine gem�tlichen Gassen. Ein Constable be�ugte mich aus seinem Schilderh�uschen am Ende der Stra�e, wurde jedoch von einer Einlass begehrenden Kutsche abgelenkt. Ich schl�pfte an der anderen Seite vorbei und passierte einen Stra�enkehrer, der die Pferde�pfel einsammelte, sobald die Pferde ihre Schw�nze hoben. Die Luft war anders. Keine Landluft, aber es war Luft, die man atmen konnte, ohne alle Naselang nach einem Blumenstrau� oder �hnlichem zu greifen. Ich brauchte nicht nach Lord Stonehouse zu fragen. Mitten in der Hausreihe, so gro� wie zwei oder drei der anderen H�user, stand Falcon Lodge. Gigantische Wandpfeiler flankierten die Fenster, die mit dreieckigen Ziergiebeln bekr�nt waren. �ber dem Haupteingang, in einen steinernen Schild, war ein Falke mit drohend erhobenen Klauen eingemei�elt.</p><p>Es war ein bedeckter, aber warmer Tag, und die Doppelt�ren zur Eingangshalle standen offen. Von der Stra�e aus konnte ich das schwarz-wei�e Schachbrettmuster der gefliesten Halle sehen, dazu Gem�lde und griechische B�sten. Diener eilten umher. Ihre gr�nen Seidenlivreen waren an der Brust mit einer Silberfadenstickerei verziert, die den abweisenden Falken darstellte. Lord Stonehouse hatte im Kreis der Gro�en Zw�lf die Rolle des Vorsitzenden der Komitees f�r Requirierungen und Informationen inne. So lautete, wie ich sp�ter erfuhr, der offizielle Name f�r Pl�nderungen. Die meisten bekannten Royalisten hatten London verlassen. Ihre H�user wurden beschlagnahmt und nach Waffen, Briefen sowie Tafelsilber durchsucht, das man einschmolz, um M�nzen zur Bezahlung der B�rgergarden zu gewinnen. Der Pl�nderer erhielt �blicherweise einen gewissen Anteil der besten St�cke, um ihn f�r seine M�hen zu entsch�digen. In der Stadt wurden, unter dem Deckmantel der Rechtm��igkeit, alte Rechnungen beglichen. Benyon war mit so viel von seinem Besitz geflohen, wie er in einer Kutsche unterbringen konnte, ehe sein feines Haus in der Thames Street von konkurrierenden Kaufleuten leerger�umt wurde. All dies f�hrte zu einem st�ndigen Strom von Besuchern in der Queen Street.</p><p>Ein korpulenter Mann stieg aus einer Kutsche und reichte einem Diener eine Karte, die dieser auf ein silbernes Tablett warf, bevor er jemandem, den ich nicht sehen konnte, zurief: �Sir Samuel Pope in der Angelegenheit des Marquess of Hamilton.� Mein Fu� befand sich bereits in der Luft und schwebte �ber der ersten Marmorstufe. Der Blick des Lakaien ruhte auf mir. Er hatte die perlenartigen eindringlichen Augen eines Falken. Das war der Moment, in dem mich der Mut verlie�. Was sollte ich sagen? �Thomas Neave, in der Angelegenheit der unehelichen Herkunft?�</p><p>Ich ging weiter und tat, als w�rde ich nur m��ig dahinschlendern. Kaum war ich umgekehrt, da h�rte ich ihn. Die ganze Stra�e h�rte seine volle, unbeherrschte Stimme durch ein offenes Fenster im ersten Stock. Eine leisere Stimme unterbrach ihn, doch diese wurde sofort �bert�nt. �Ist das alles, was du mir erz�hlen kannst? Dass du deine Meinung <emphasis>nicht</emphasis> ge�ndert hast? Ich wei� nicht, wie du es wagen konntest, hierherzukommen, w�hrend deine Freunde geflohen sind. Glaubst du, ich werde dich sch�tzen?�� Unterbrich mich nicht!�� Aufrichtig? Als ob ich das glauben k�nnte!�</p><p>Die andere Stimme brach durch, h�her, aber genauso b�sartig, eine Stimme am Rand der Verzweiflung. �Ich bin es, Vater, ich bin es! Ich glaube daran mehr als an alles andere in meinem Leben!�</p><p>�Du glaubst an nichts, au�er an das W�rfelgl�ck. Du spekulierst darauf, dass das Parlament verliert und du den Besitz bekommst.</p><p>�Es ist n�rrisch, so etwas zu behaupten! Ihr irrt Euch! Ihr vers�ndigt Euch gegen Euren Gott, Euren K�nig���</p><p>An dieser Stelle musste Lord Stonehouse gemerkt haben, dass das Fenster offenstand. Er trat an die Scheibe und schloss es. Sein Gesicht war vor Wut verzerrt. Er atmete so schwer, dass er einen Augenblick innehielt und die Augen schloss, ehe er sich umdrehte und wieder aus dem Blickfeld verschwand. Die Diener hatten mir alle ihren R�cken zugekehrt und lauschten angestrengt. Es war ein pl�tzlicher Impuls, und die Idee war bereits umgesetzt, kaum dass sie in meinem Kopf auftauchte. Ich sprang die Stufen hinauf, nahm eine der untersten Karten vom Tablett und hielt sie dem Diener hin, als dieser sich umdrehte. Ich hatte bemerkt, dass eine ganze Reihe von Dienern die Besucher hineinbegleitete, und ich setzte darauf, dass dieser Bedienstete nicht ausgerechnet jenen Herrn in Empfang genommen hatte, dessen Karte ich ihm gereicht hatte. Er starrte auf die Karte und dann kalt auf mich. Mein Herz rutschte mir bis in die Spitzen meiner teuren Stiefel, doch dann rief er �Sir Andrew Marham!� und warf die Karte auf das Tablett. Die n�chste H�rde hatte ich von der Stra�e aus nicht gesehen, einen Schreiber, der halb von einer S�ule verborgen wurde.</p><p>Er hatte den Kopf dem Treppengel�nder mit den kunstvollen Schnitzereien�� einem weiteren Falken, mit Hasen und Kaninchen in seinen Klauen�� zugewandt und lauschte einer erneuten Tirade von Lord Stonehouse in der Galerie des ersten Stocks, ehe eine T�r zugeknallt wurde, gefolgt von splitterndem Glas. Der Schreiber, ein kleiner verhutzelter Mann mit Augengl�sern, zuckte zusammen. �Nicht der beste Tag, um Seine Lordschaft zu besuchen, Sir Andrew�, sagte er, ehe er die Stirn runzelte. �Sir Andrew?� Er konsultierte die vor ihm liegende Liste. Seine Stimme wurde lauter. �Sir Andrew wartet bereits.�</p><p>Hinter mir h�rte ich das Klappern der Schuhe des Bediensteten auf dem Marmorfu�boden. Ich sp�rte, dass jedermanns Aufmerksamkeit auf mich gerichtet war. In meiner Verzweiflung tat ich das Einzige, was mir einfiel�� ich brachte die Wahrheit hervor, obgleich ich sie ein wenig ausschm�cken musste. Ich l�chelte. �Gott sei Dank ist er noch nicht zu Seiner Lordschaft vorgelassen worden.� Ich zog ein Taschentuch aus meinem �rmel und wischte mir mit einer �berschw�nglichen Geste, die ich mir von Turville abgeschaut hatte, �ber die Stirn. �Ich bin Sir Andrews Sekret�r. Er hat einige Papiere vergessen. Und ich muss ihm eine Nachricht �berbringen.� Ich zog den K�ndigungsbrief aus meiner Tasche, den Turville an Mr�Black geschickt hatte und der das magische Siegel der Falken trug.</p><p>Das Klappern der Schuhe, die n�her gekommen waren, verstummte. Der Schreiber nahm seine Feder auf. �Euer Name, Sir?�</p><p>�Thomas Neave�, sagte ich t�richterweise, aber die Worte kamen automatisch �ber meine Lippen. Er hielt inne, als er gerade seine Feder eintauchen wollte. Ich f�rchtete, er k�nnte meinen Namen von den Flugschriften kennen. Er blickte auf und musterte mich scharf, doch anscheinend kam er zu dem Schluss, dass mein dunkelblauer Samt und die Spitze unm�glich eine Kreatur aus der Gosse wie einen Flugblattschreiber kleiden konnten, und schrieb in sein Buch: <emphasis>�Thomas Neave Esq.�,</emphasis> was mir, wie ich zugeben muss, Vergn�gen bereitete. Er wies mir den Weg zwischen den Statuen von Mars und Minerva hindurch in ein Empfangszimmer mit einem ovalen Deckengem�lde, auf dem Nymphen von Satyrn gejagt wurden.</p><p>Drei Edelleute, von denen einer vermutlich Sir Andrew war, waren in eine Unterhaltung vertieft. Sie blickten auf, um mich alsdann zu ignorieren. Ich war g�nzlich vom Erfolg meiner T�uschung eingenommen. Ich w�rde den richtigen Moment abwarten, Lord Stonehouse abfangen und ihm freundlich, aber entschlossen gegen�bertreten. Ich w�rde an seine gute Seite appellieren und ihm erkl�ren, dass ich nichts von ihm verlangte als mein eigenes Leben. Es war mir nie in den Sinn gekommen, dass er wom�glich gar keine gute Seite hatte, dass er sie schon vor langer Zeit verloren haben k�nnte.</p><p>Sir Samuel, der korpulente Mann aus der Kutsche, der den Gro�teil eines Sofas mit Seidenpolstern einnahm, sch�ttelte den Kopf, als der Streit �ber uns abebbte und wieder aufbrandete. Er �u�erte die Meinung, dass Richard Stonehouse enterbt w�rde, wenn er sich dem K�nig anschl�sse. Ein schlanker, gescheit aussehender Mann, der sich als Sir Andrew entpuppte, sa� in die Ecke des Sofas gequetscht und widersprach. Was immer auch geschah, Lord Stonehouse vergab seinem �ltesten Sohn stets. Was f�r Lord Stonehouse z�hlte, war Blut. Der dritte Mann, den sie Jacob nannten, war wesentlich j�nger als die anderen beiden und kauerte unbehaglich auf einem Sitzkissen. Begierig darauf, etwas zu dem Gespr�ch beizutragen, sagte er, es g�be noch einen zweiten Sohn.</p><p>�Edward!� Sir Andrew l�chelte. �Der hat Milch, kein Blut in den Adern.�</p><p>�Noch dazu Muttermilch�, murmelte Sir Samuel, und die beiden M�nner lachten.</p><p>Getroffen erkl�rte der junge Mann, er habe geh�rt, und zwar aus sicherer Quelle, f�r den Fall, dass Richard ausgeschaltet w�rde, st�nde ein Bastard bereit, das Erbe anzutreten. Die beiden anderen Herren lachten br�llend. Sir Samuel klopfte dem jungen Mann auf den R�cken, brachte die Papiere, die er bei sich hatte, durcheinander und h�tte beinahe Sir Andrew vom Sofa gedr�ckt, so sehr zitterte sein Leib.</p><p>�Und Ihr habt das geschluckt!� Sir Samuel warf mir einen Blick zu, w�hrend ich eifrig einen Satyr betrachtete, der eine Nymphe am blauen Himmel verfolgte. Er trocknete sich die Augen. �Ihr entsch�digt einen f�rwahr f�r die langweilige Wartezeit, Jacob. Doch abgesehen davon, Sir, gibt es so eine Person nicht. Sie ist eine Erfindung von Lord Stonehouse, in Umlauf gebracht, um seinen missratenen Sohn zur R�son zu bringen. Leider hatte es genau den gegenteiligen Effekt.�</p><p>Ich begann gerade meinen Eintritt in die gute Gesellschaft zu genie�en, als ich Eaton in der Halle h�rte, der mit lauter Stimme, �tzend wie Essig, Sir Samuels wohlgen�hrte Worte �bert�nte und zu wissen verlangte, wer wartete. Ich verfluchte mich, dass ich meinen richtigen Namen angegeben hatte und schoss zur T�r, gerade rechtzeitig um zu sehen, wie Eaton das Buch des Schreibers aufhob. Ich huschte durch die Halle auf eine T�r zu, doch als ich sie erreichte, drehte sich der Knauf, und ich ersp�hte die Livree eines heraustretenden Dieners. Ich stand neben der Statue der Minerva. Es war gerade gen�gend Platz, um mich dahinter zu quetschen, ehe Eaton explodierte.</p><p>�Thomas Neave!�</p><p>�Sir Andrews Sekret�r, Mr�Eaton.�</p><p>�Sir Andrews���</p><p>Ich dr�ckte mich so eng wie m�glich an die Statue, aber die steinerne Kurve ihres Rockes w�lbte sich so sehr, dass ein Teil meines Leibrocks hervorragte. Eaton eilte auf mich zu. Wenn er nach unten geschaut h�tte, h�tte er mich unweigerlich sehen m�ssen, doch sein Blick war auf den Empfangssaal gerichtet. Er marschierte hinein, den unterw�rfigen Schreiber und den Bediensteten aus der Halle auf den Fersen. Ich vernahm ein undeutliches Stimmengewirr, wartete jedoch nicht ab, um das Ergebnis der Unterhaltung zu erfahren. Die Halle war leer. Ich rannte die gro�e Treppe hinauf zur Galerie. In Abst�nden waren Alkoven in die W�nde eingelassen, mit Glasspiegeln und kunstfertig gearbeiteten Schr�nken. Ich passierte eine geschlossene Doppelt�r, hinter der ich Stimmengemurmel h�rte. Lord Stonehouse� Stimme klang so anders, jetzt, da er nicht mehr br�llte, dass ich sie zuerst nicht erkannte.</p><p>�Das ist f�r dich und f�r dich allein bestimmt�� Kann ich dir in dieser Sache vertrauen?�</p><p>�Ja, Vater.�</p><p>�Die �rzte geben mir noch ein Jahr. Vielleicht ein wenig l�nger.�</p><p>Unten entstand ein Tumult. Von der Galerie aus konnte ich sehen, wie Eaton eine Tirade auf die Bediensteten loslie�. T�ren wurden ge�ffnet und geschlossen. Eaton eilte durch die Halle auf die Treppe zu. Ich flitzte den Korridor hinunter und versuchte, eine T�r zu �ffnen, aber sie war verschlossen. Ich h�rte, wie die Doppelt�ren ge�ffnet wurden, und schl�pfte in einen der Alkoven hinter einem Schrank, als Lord Stonehouse und sein Sohn herauskamen. In einem Spiegel in der N�he der Treppe sah ich Eaton heraufeilen, stehen bleiben und zaudern. Lord Stonehouse hatte den Arm um seinen Sohn gelegt. Er warf Eaton nur einen einzigen �rgerlichen Blick zu, und der Verwalter zog sich zur�ck.</p><p>Es war das erste Mal, dass ich Richard aus solcher N�he sah. Locken rahmten ein Gesicht ein, das so sch�n war, dass ich den Atem anhielt. Seine Augen waren dunkel und stechend, und sie gl�nzten von den Tr�nen, die er zur�ckzuhalten versuchte. �Ich kann meine Meinung nicht �ndern. Ich kann nicht!�</p><p>�Ich wei�! Ich habe es dir nicht aus diesem Grund erz�hlt, sondern�� vielleicht sehen wir einander nie wieder.�</p><p>�Sagt nicht so etwas!�</p><p>Lord Stonehouse l�chelte. Ich hatte dieses L�cheln zuvor gesehen, aber immer geglaubt, es sei ein Traum gewesen. Das war nicht das L�cheln des skrupellosen Mannes, der Eaton befohlen hatte, mich in die Grube zu werfen, oder der Mr�Black aus seinem Haus werfen lie�, sondern das des Mannes, der sich vor Jahren �ber mich gebeugt hatte, als ich ohnm�chtig geworden war, weil ich mich mit Pech verbrannt hatte. �Nun�� ich glaube dir, dass es dir leid tut�, sagte er zu seinem Sohn.</p><p>Richard konnte nicht sprechen, sondern schlang nur die Arme um seinen Vater. Ich wandte den Blick ab. Richard hatte zwei M�nner angeheuert, die mich t�ten sollten. Es war schwer, beinahe unm�glich zu glauben. Ich w�nschte, ich w�re nicht gekommen. H�tte dies nicht gesehen. Ich hatte angefangen, in ihnen nichts als b�se M�nner zu sehen, die ich, wenn schon nicht bek�mpfen, so doch zumindest �berlisten k�nnte. Lord Stonehouse lachte. Er hatte ein volles, tiefes Lachen, das sein Gesicht verwandelte, so dass sich darin die Erinnerung an jene gl�cklicheren Zeiten spiegelte, die ich auf dem Gem�lde mit seiner Frau Frances gesehen hatte. �Es ist seltsam�, sagte er.</p><p>�Was?�</p><p>Erstickt vor R�hrung, war die Stimme seines Vaters ein kaum h�rbares Fl�stern. �Ich bin stolz auf dich.�</p><p>�Stolz?� Richard grinste erstaunt. �Ich�� kann mich nicht erinnern, dass Ihr das je zuvor zu mir gesagt h�ttet.�</p><p>�Ich kann mich auch nicht erinnern, dass du jemals etwas getan h�ttest, an das du wirklich geglaubt hast.�</p><p>Er schaute zu einem Portr�t von Charles�I. hin�ber. Richard folgte seinem Blick. Wenn sie ein wenig zur Seite geschaut h�tten, h�tten sie mich gesehen, wie ich in den Alkoven gedr�ckt dastand, aber sie hatten nur Augen f�r ihren K�nig. Richard richtete sich auf, gerade und stolz, die Stimme vor R�hrung belegt. �Ich glaube an ihn.�</p><p>�Ich wei�. Das sehe ich jetzt. Ich w�nschte, ich k�nnte, aber�� Gott sei mit dir, mein Sohn!�</p><p>�Gott segne Euch, Vater.�</p><p>Sie umarmten sich noch einmal, dann ging Lord Stonehouse zu seinem Zimmer zur�ck. Richard eilte die Galerie entlang auf die Treppe zu. Jeder meiner Muskeln war angespannt. Sobald Richard Stonehouse die Treppe hinuntergegangen war und bevor Eaton die Gelegenheit hatte, sie emporzusteigen, wollte ich in Lord Stonehouse� Zimmer sein. Die Szene, deren Zeuge ich gerade geworden war, machte mir Hoffnung. Unter seiner Skrupellosigkeit verbarg sich ein Mann mit tiefen Gef�hlen, der sich, davon war ich �berzeugt, meiner Bitte nicht verschlie�en w�rde.</p><p>Ich schoss aus dem Alkoven heraus, als Lord Stonehouse sein Zimmer erreichte. Ich erhaschte einen Blick auf die pr�chtigen Wandteppiche, ehe ich aus den Augenwinkeln sah, wie Richard Stonehouse auf der Treppe kehrtmachte. Ich erstarrte. Jede Bewegung w�rde mich verraten. Ich hielt die Luft an, so gro� war meine Angst, er k�nnte mich h�ren, wenn ich ausatmete. Er betrat das Zimmer seines Vaters, und ich h�rte ihn sagen: �Mein Hut.� Fast sofort kam er wieder heraus, setzte einen fein gearbeiteten Federhut auf und ging davon. Langsam atmete ich aus und ein, um mein immer noch pochendes Herz zu beruhigen.</p><p>Er war fast au�er Sicht, doch noch nicht ganz zufrieden mit dem Sitz des Hutes. Vor einem Glasspiegel in einem der Alkoven blieb er stehen. Seine Finger erstarrten. Es dauerte den Bruchteil einer Sekunde, ehe ich begriff, dass er mich im Spiegel sehen konnte. Vermutlich glaubte er nicht, was der Spiegel ihm zeigte. Vielleicht hielt er mich f�r einen Geist. Ich konnte mich weder r�hren noch ein Wort herausbringen. In diesem Moment w�nschte ich, wirklich ein Geist zu sein, der so pl�tzlich verschwinden k�nnte, wie Richard glaubte, dass ich aufgetaucht war. Die Geh�ssigkeit in seinem Blick lie� mich erstarren wie ein Kaninchen vor einer Schlange.</p><p>�Du�, sagte er leise. �Du.�</p><p>Er kam nah genug heran, um den Samt meines Leibrocks zu ber�hren. Meine Kleider schienen die gleiche Wirkung auf ihn zu haben wie ein Streichholz auf Schwarzpulver. Als er mich auf der k�niglichen Parade beinahe get�tet hatte, hatte ich in meiner abgetragenen Kleidung wie eine l�cherliche Missgeburt gewirkt. Und jetzt? Auch wenn ich nicht an Richards anspruchsvolle Aufmachung eines H�flings heranreichte, von den riesigen blumigen Rosetten an den Schuhen bis zu den Federn an seinem Hut, hatte ich doch unmissverst�ndlich das Aussehen eines Edelmanns. Er hatte sein Schwert bereits halb gezogen, als er seinen Vater in der T�r stehen sah. Es war das einzige Mal, dass ich Lord Stonehouse sprachlos erlebt habe. Sein Mund stand offen. Er blinzelte und blinzelte noch einmal. Wenn Richard geglaubt hatte, er habe einen Geist erblickt, so war er davon �berzeugt. Ich �ffnete den Mund.</p><p>�Ich���</p><p>Es war das einzige Wort, das ich hervorbrachte. Doch das gen�gte. Ich existierte. Ich lebte. Richard ignorierte mich. Er w�rde nicht mit mir sprechen. Ich war unsagbar. Die Worte, die er zu seinem Vater sagte, waren wie S�ure, versetzt mit Bitterkeit. �H�ttet Ihr nicht wenigstens warten k�nnen, bis ich weg bin?�</p><p>�Ich hatte keine Ahnung, dass er hier ist.�</p><p>�Er hat sich also selbst hereingelassen, nehme ich an?� In einer einzigen verschwommenen Bewegung war das Schwert aus der Scheide und die Spitze an meiner Kehle. Er erwartete, dass ich zur�ckspringen w�rde, doch das tat ich nicht. Vor wenigen Momenten war ich noch so bewegt gewesen, dass ich den Impuls versp�rt hatte, ihn und seinen Vater zu umarmen. Jetzt erwiderte ich seinen Blick mit einem Gef�hl des Hasses, der seinem in nichts nachstand. �Und diese feine Spitze hat er auch mit seinen erb�rmlichen, aufwieglerischen Flugschriften bezahlt, nehme ich an?� Mit einem Wisch der Klinge riss er mir den Spitzenkragen ab. Unwillk�rlich zuckte ich zur�ck. Von diesem Augenblick an ignorierten sie mich. Ich hatte eine alte Wunde aufgerissen, und mit jedem Wort rissen sie sie weiter auf.</p><p>�Ich habe diesen Jungen seit Jahren nicht gesehen, und das ist die Wahrheit!�</p><p>�Ihr seid ein alter Heuchler!�</p><p>Das Gesicht seines Vaters lief rot an, so dass ich meinte, eine Ader m�sse geplatzt sein. �Wage es nicht, so mit mir zu reden, Richard!�</p><p>�Stolz? Ihr wart stolz, mich loszuwerden!�</p><p>�Das ist nicht wahr! Ich habe jedes Wort ernst gemeint!�</p><p>In Lord Stonehouse� Stimme lag so viel Agonie, dass ich mit mir rang, ihre Auseinandersetzung zu unterbrechen und das Missverst�ndnis aufzukl�ren, aber ebenso gut h�tte ich versuchen k�nnen, einen Wirbelsturm aufzuhalten. Sie schoben mich zur Seite bis an die Balustrade. Unten in der Halle konnte ich die Bediensteten, die Besucher und Eaton sehen, wie sie nach oben starrten. Letzterer warf mir einen grimmigen Blick zu, doch selbst er wagte es nicht, dazwischenzugehen. Als sie sich schlie�lich heiser gebr�llt hatten, lief Richard die Treppe hinunter, und erst jetzt schien er die wie gebannt dastehende Menschenmenge in der Halle zu bemerken.</p><p>Lord Stonehouse stand am Kopf der Treppe. In den Adern an seinen Schl�fen pochte das Blut, etwas Speichel bedeckte den Leinenkragen an seinem Hals, aber dennoch war er eine imposante, beinahe furchteinfl��ende Erscheinung. Er war gro� und hatte nicht allzu viel Fett angesetzt. Die muskul�sen Arme konnten immer noch ein Pferd bezwingen oder ein Schwert schwingen. Sein Haar war k�rzer als das seines Sohnes, doch er hatte noch mehr schwarze als graue Str�hnen. Er war nachl�ssig in Schwarz gekleidet, nur ein kleiner Orden des Heiligen Georg aus Gold und Emaille an seinem Hals, das Zeichen des Hosenbandordens, verriet seinen Rang. Vielleicht hatte er ihn angelegt, um seinen Sohn daran zu erinnern, dass er einst ein enger Vertrauter des K�nigs gewesen war.</p><p>�Richard! Komm zur�ck��� Das erste Wort war ein Befehl, die letzten beiden verwandelten sich in eine flehentliche Bitte. Richard h�rte es heraus, z�gerte und drehte sich um. Sein Gesicht, das ebenso hochm�tig und stolz war wie das seines Vaters, spiegelte nun deutlich dieselbe Unsicherheit, das Verlangen, zur�ckzukehren zu dem Punkt, an dem sie auseinandergegangen waren, ehe er mich entdeckt hatte. Wenn einer von ihnen einen Schritt nach unten oder der andere einen Schritt nach oben gemacht h�tte, w�re es vielleicht dazu gekommen. Doch letztlich war jeder von ihnen zu stolz, und als w�rde er seinen g�tigen Ton bereuen, deutete Lord Stonehouse mit einem ruckartigen Kopfnicken auf sein Zimmer und sagte barsch zu seinem Sohn: �Komm!� Als Richard sich abwandte, brach die Wut aus dem alten Mann hervor: �Ich werde dich unter Arrest stellen lassen!�</p><p>Richard zog sein Schwert, die Scheide erwischte beinahe den Schreiber, der gegen sein Schreibpult fiel. �Ich sehe Euch in der H�lle, Vater�, schrie er. �Euch und den Blender!�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>21.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Man sperrte mich in eine kleine Kammer. Den ganzen langen Tag lang, nach Richards ungest�mem Abgang, herrschte br�tende Stille, unterbrochen nur durch fl�sternde Stimmen und das Ger�usch von ankommenden und abfahrenden Kutschen. Die Kammer war ein Anbau der Bibliothek und wurde zur Lagerung der Korrespondenzen mit den k�niglichen Familien genutzt. In einer Textpassage auf einem befleckten Blatt, die von einem Spitzel im Parlament markiert worden war, pl�dierte ein Familienangeh�riger daf�r ���die Kinder nebst dem Familiensilber aufs Land zu schaffen, ehe die Ernte eingebracht sei und diese gar elendige Angelegenheit beg�nne�.</p><p>Es war Abend, und die Kerzen brannten, als zwei Bedienstete mich nach oben f�hrten. Sie gaben mir keine Antwort auf meine Fragen und w�rdigten mich keines Blickes. Sie wussten, wie Dienstboten stets alles wussten, dass ich das Pestkind war, und behandelten mich, als sei ich immer noch ansteckend.</p><p>Sie brachten mich in Lord Stonehouse� Studierzimmer und deuteten auf eine Stelle in einiger Entfernung von seinem Schreibpult. Lord Stonehouse sa� in einer Lichtglocke, die vom Kronleuchter �ber seinem Kopf gebildet wurde. Bei ihm war ein Mann, den ich f�r seinen Sekret�r hielt und der ihm Dokumente zum Unterzeichnen vorlegte. Lord Stonehouse nahm einen Schluck Wein aus einem Glas, stie� auf, machte sich daran, ein Blatt zu unterschreiben, und hielt inne.</p><p>�Acht Pferde?�</p><p>�Acht, Mylord.�</p><p>�Ich kenne den Stall des Duke of Richmond. Er hat zw�lf feine Berber. Sei so gut und finde heraus, was mit ihnen passiert ist, Mr�Cole.�</p><p>�Ja, Mylord.�</p><p>Er schob das Dokument ohne Unterschrift beiseite. Seine Stimme blieb gleichf�rmig und ohne jede Regung. �Pferde und Teller. Jeder Soldat, Offizier oder nicht, der des Diebstahls �berf�hrt wurde, wird nicht nur geh�ngt, sondern als Warnung f�r die anderen soll sein Leichnam h�ngen bleiben. Sonst noch etwas?�</p><p>Der Sekret�r deutete auf mich und zog sich mit einer Verbeugung zur�ck. Lord Stonehouse starrte mich an, als h�tte er mich vollkommen vergessen. Ich bin sicher, dass es keine Heuchelei war. Er hatte die F�higkeit einer F�hrungspers�nlichkeit, ein Problem vollkommen aus seinen Gedanken zu verbannen, w�hrend er sich mit anderen Dingen besch�ftigte. Er sah mich an, als sei ich ein St�ck Papier auf seinem Schreibtisch. �Du dachtest, du k�nntest eine Verschw�rung gegen mich anzetteln, was?�</p><p>�V�verschw�rung, Sir?�, stammelte ich best�rzt.</p><p>Ein knochiger Finger bohrte sich mir in den R�cken. �Mylord�, korrigierte Eaton mich. Er hatte so still in der Ecke gestanden, dass er mit dem dunklen Wandteppich hinter ihm zu verschmelzen schien.</p><p>Lord Stonehouse� Stimme war so kalt wie sein Blick. �Tritt n�her. Sieh mich an.�</p><p>Ich zwang mich, den Mann anzusehen, der mein leiblicher Vater sein k�nnte. In diesem Moment k�mmerte mich das wenig. Ich hatte jedes Verlangen nach einem richtigen Vater verloren, insbesondere nach einem, der einen bei der Geburt dazu verdammte, in der Grube zu landen. Es muss ein ganz �hnlicher Schreibtisch gewesen sein, an dem er gesessen und den Pestbrief gesiegelt hatte, ehe er sagte: �Sonst noch etwas?�</p><p>Sein Leinen war zerknittert, und auf seinem Kragen waren Weinflecken. Doch war es gerade diese Nachl�ssigkeit in der Kleidung, die deutlicher von seiner Macht zeugte als die feinsten Gew�nder. Sein Gesicht war lang und hager, und die Nase leicht gekr�mmt, wie bei dem Falken, der sein Wappentier war. Seine rabenschwarzen Augen hatten denselben unnachgiebigen, eindringlich starrenden Blick wie der Vogel. Es war schwer zu glauben, dass dies der Mann war, dessen r�hrenden Abschied von seinem Sohn ich heute Morgen zunichte gemacht hatte. Seine Stimme hatte die kr�chzende Sch�rfe eines anderen Vogels, der Saatkr�he.</p><p>�Du hast den Zeitpunkt gut gew�hlt.�</p><p>Ich hatte den Tag damit zugebracht, das Missverst�ndnis bitter zu bereuen, den Bruch zwischen Vater und Sohn, den ich verursacht hatte. �Es tut mir leid, Sir�, murmelte ich kl�glich und zuckte zusammen, als mich ein weiterer Sto� in den R�cken traf. ���Mylord.�</p><p>Gerade meine Niedergeschlagenheit reizte ihn zu unvermittelter Wut. Sp�ter erfuhr ich, dass er, wie viele starke, verh�rtete M�nner, Schw�che nicht ertragen konnte. Ich sah Eaton zusammenzucken, seine Narbe schien sich in seiner Wange zu verkriechen, denn er wusste, was nun k�me. Lord Stonehouse sprang auf. �Es tut dir leid? Dir? Das wird dir noch leidtun! Meinst du, du k�nntest hier hereinspazieren und dir einfach so dein Erbe schnappen?� Er schnipste mit den Fingern vor meinem Gesicht. �Das ist es doch, oder?�</p><p>Speichel spritzte mir ins Gesicht. Ich versuchte zu antworten, aber es war unm�glich gegen diesen heftigen Wortschwall anzukommen. Er w�tete gegen mich, sagte, er habe f�r das, was er getan habe, geb��t. Er hatte mich eingekleidet. Mich ausbilden lassen. Gott wusste, dass er nicht mehr tun konnte! Und wie dankte ich es ihm? Indem ich die Beziehung zu seinem �ltesten Sohn zerst�rte! Trotz ihrer endlosen Streitereien hatten sie sich stets wieder zusammengerauft, aber jetzt war es vorbei damit, und ich sei der Grund f�r den endg�ltigen Bruch. Erst ein Hustenanfall stoppte ihn. Schwer atmend st�tzte er sich auf den Tisch und nahm einen Schluck Wein. Rote Adern flammten auf seinen Wangen auf.</p><p>�Keine Nachricht von Richard?�</p><p>Eaton l�ste sich aus dem Dunkel des Wandteppichs. �Nein, Mylord. Ihr hattet in Erw�gung gezogen, ihn unter Arrest stellen zu lassen. Soll ich���</p><p>Lord Stonehouse warf das Glas nach Eaton, der sich gerade noch rechtzeitig ducken konnte. �Unter Arrest stellen? Meinen Sohn? F�r die einzige erhabene Tat, die er je begangen hat?� Eaton wischte sich den Bodensatz des Weins aus dem Gesicht. Der hasserf�llte Blick, den er Lord Stonehouse� R�cken zuwarf, war so ungest�m, dass diejenigen, mit denen er mich bedachte, dagegen geradezu milde wirkten. Lord Stonehouse kam zu mir. Seine Wut war verraucht, ersetzt durch eine unbarmherzige K�lte. Ich zog den unbeherrschten Zorn vor. Ich dachte an die Berichte �ber mich, die Jahr f�r Jahr �ber diesen Tisch gegangen sein mussten, Briefe, die von diesen kalten Augen gelesen wurden, von denen ich das Gef�hl hatte, als w�rden sie jede meiner S�nden kennen. Unheimlicherweise schien er meine Gedanken lesen zu k�nnen.</p><p>�Als ich dich damals aus dem Armenviertel herausgeholt habe, legten die ersten Berichte den Schluss nahe, dass du am Galgen enden w�rdest. Jetzt bist du nur einen Schritt davon entfernt.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Warum? Er glaubt, ich br�uchte einen Grund, um ihn h�ngen zu lassen, Eaton.�</p><p>Eaton lachte. Es war nur ein kurzes Auflachen, denn Lord Stonehouse bedachte ihn mit einem langen kalten Blick, ehe er so dicht an mich herantrat, dass ich den Wein in seinem Atem riechen konnte. �Ich k�nnte dich als Hochstapler h�ngen lassen. Es gibt keinen Beweis daf�r, wer du bist.� Der Blick aus seinen schwarzen Augen ruhte die ganze Zeit auf meinem Gesicht, w�hrend er mir erkl�rte, dass er das tun w�rde, genauso einfach, wie er den Pestbrief unterzeichnet hatte, um mich in die Grube werfen zu lassen. �Wer hat dich darauf gebracht?�, fragte er leise. Er schoss einen Blick auf Eaton ab, und der Ausdruck der Furcht auf dem Gesicht des Verwalters lie� mich erschaudern.</p><p>�Auf�� auf was gebracht?�</p><p>�Du glaubtest, du k�nntest einfach hier hereinmarschieren und dein Erbe beanspruchen, war es nicht so?�</p><p>�Nein, Mylord! Das ist es nicht, was���</p><p>�Es war vors�tzlich geplant.�</p><p>�Ich wei� nicht, was���</p><p>�Wer hat dir erz�hlt, dass mein Sohn hier sein w�rde?�</p><p>�Nie�mand!�</p><p>�L�gner!� Er betastete mein Doublet. �Feinster Samt. Wer hat dir das gekauft?�</p><p>Erneut schoss er einen Blick auf Eaton ab. Schuld stand dem Verwalter ins Gesicht geschrieben. Und da begriff ich. Ich erinnerte mich an den Ausdruck der Panik in Eatons Gesicht, als er mich zum ersten Mal in diesen Kleidern gesehen hatte. Zum �u�ersten entschlossen, weil Richard nicht erben und ihr luxuri�ses Leben ruinieren sollte, hatten sie mir meine Zukunft in den schillerndsten Farben ausgemalt. Das Stadthaus, von dem sie gesprochen hatten, kam mir jetzt wie ein Traum vor; vielleicht hatte nie die Aussicht auf irgendein Erbe bestanden, au�er in Lord Stonehouse� Fantasie, oder als Drohung, die er gegen seinen Sohn verwenden konnte. Eaton und Turville hatten sich verschworen, um mich im richtigen Moment zu pr�sentieren�� und ich war im denkbar ung�nstigsten aufgetaucht.</p><p>Erneut befingerte er den Leibrock. �Wer hat dir das gegeben? Was haben sie dir erz�hlt?�</p><p>Die Worte waren beinahe aus meinem Mund heraus, doch ich schluckte sie herunter. Wenn ich ihm die Wahrheit sagte, w�re er �berzeugt, dass ich mich zusammen mit Eaton und Turville verschworen hatte. �Nichts! Ich habe mir diese Kleider selbst gekauft!�</p><p>Ich erhaschte einen Blick auf Eatons erleichterte Miene. Lord Stonehouse bemerkte es ebenfalls; nicht die kleinste Nuance entging ihm. �Du?� Das Wort troff nur so vor Ungl�ubigkeit und Verachtung. Verachtung angesichts der blo�en Vorstellung, so ein j�mmerlicher Wicht wie ich k�nnte genug Geld verdienen, um sich solche Kleider leisten zu k�nnen. Ohne diese Verachtung h�tte er die Wahrheit aus mir herausbekommen, doch sie stachelte mich an, denn mein Stolz war ebenso gro� wie seiner. Aber es war eine andere Art des Stolzes; der Stolz auf sieben Jahre ehrlicher Arbeit und Plackerei. Der Verkauf meiner Flugschriften hatte angefangen, mir mehr Geld einzubringen, als ich mir je h�tte tr�umen lassen, und ich h�tte mir diese Kleider gerade eben selbst leisten k�nnen.</p><p>�Ja! Ich habe sie mir erarbeitet!� Ich streckte meine H�nde aus. Jede Furche meiner H�nde und die Windungen meiner Finger waren erneut von der Tinte verf�rbt. Die Arbeit, auf die ich so stolz war, war seine Verachtung nicht wert. Und kein Argument w�rde ihn umstimmen, sobald er einmal entschieden hatte, recht zu haben. Er sch�ttelte mich, dass mein Kopf hin und her wackelte. Ich verlor die Beherrschung, packte ihn bei den Schultern und stie� ihn von mir.</p><p>Ich hatte das Gef�hl, am Ende einer Reise angelangt zu sein, die damit begonnen hatte, dass ich Worte, welche die Welt ver�ndern w�rden, aus dem Schlamm gerettet hatte. Diese Worte hatten einen Prozess in Gang gesetzt, und die Armee w�rde ihn beenden. Doch wenn dies einer der M�nner war, der das Heer anf�hrte, einer der Gro�en Zw�lf, denen selbst Mr�Pym sich beugte, welche Hoffnung gab es dann noch? Seine Worte waren unredlich und falsch. Es waren keine Worte der Hoffnung und Ver�nderung, sondern der Doppeldeutigkeit und Verzweiflung.</p><p>Er war so schockiert, dass ich es gewagt hatte, Hand an ihn zu legen, dass er mich mit offenem Mund angaffte, w�hrend es nur so aus mir hervorsprudelte. Ich erz�hlte ihm von den Worten, die ich aus dem Schlamm gerettet hatte, dass ich geglaubt hatte, er sei ein ebenso gro�er Anf�hrer wie Mr�Pym, w�hrend er in Wirklichkeit nur daran d�chte, einen Mann zu h�ngen, weil er Berberpferde gestohlen hatte, und einem ehrlichen Drucker Haus und Hof zu nehmen. Eaton zuckte zusammen und wandte sich ab. Er erwartete, dass Lord Stonehouse explodieren w�rde, w�hrend ich immer weiter redete. Oh, ich erz�hlte jede Menge dummes Zeug, Sachen, die ich vom ohrlosen Jack aufgeschnappt hatte und kaum richtig verstand, aber mein mangelndes Wissen machte ich mit Leidenschaft und �berzeugung wett, w�hrend Lord Stonehouse mich anstarrte, als sei ich ein Wesen, das geradewegs vom Mond gest�rzt war.</p><p>Als er wieder genug Atem gesch�pft hatte, nahm er eine Glocke von seinem Pult. Ich redete immer noch weiter, fing ganz am Anfang an, wie er sich meiner auf dem Hof der Werft angenommen hatte, nachdem ich mich verbrannt hatte. Er sei es gewesen, ich wusste, dass er es gewesen sei, wiederholte ich, als er Anstalten machte, es abzustreiten. Ich sagte ihm alles, was ich ihm vielleicht gesagt h�tte, wenn er mich erzogen h�tte und nicht nur sein Geld. Als zwei st�mmige Diener eintraten und mich ergriffen, musste ich die Geschichte auf Flugblattl�nge k�rzen. In aller Hast erkl�rte ich ihm, dass ich nicht wegen des Schatzes gekommen sei.</p><p>�Welcher Schatz?�, fragte er mit verwirrtem Stirnrunzeln.</p><p>�Ich meine das Erbe. Ich bin deswegen gekommen.� Mit diesen Worten zog ich den Brief hervor, den er Mr�Black geschickt hatte.</p><p>�Wartet!� Er bedeutete den Dienern, mich loszulassen, und nahm den Brief. Er betrachtete das Siegel des Falken. Einen Moment dachte ich, es sei ein Trick von Eaton, und Lord Stonehouse habe den Brief nie zuvor gesehen, doch er war nur so unwichtig f�r ihn, dass er ihn vergessen hatte. Er las ihn durch, um sich den Inhalt ins Ged�chtnis zu rufen, ehe er aufblickte. �Deswegen bist du hergekommen?�</p><p>�Ja, Mylord.�</p><p>�Das ist alles?�</p><p>In seiner Stimme lag ein scharfer, ungl�ubiger Unterton, der mich erneut aufbrachte. Ich h�rte mich an wie der ohrlose Jack im Pot, als ich sagte, ich sei die letzte Person, die einen Landsitz haben wolle. Gro�grundbesitzer schienen vergessen zu haben, dass es Waldrechte gab, ebenso wie die Magna��</p><p>�Sei still!�, br�llte er. Er deutete auf ein Gem�lde von Highpoint House. Es war viel gr��er als das in Turvilles Haus und war, wie ich feststellte, viel sp�ter entstanden, denn das Dorf, das sich am Fluss erstreckt hatte, war nicht mehr da. Vielleicht hatte man es verlegt, weil es den Ausblick verdarb. �Du w�rdest das hier nicht haben wollen?�</p><p>�Nein, Mylord.�</p><p>�Dann bist du ein Narr.�</p><p>Erneut ver�rgert, und weil ich nichts zu verlieren hatte, sagte ich: �Ich verstehe durchaus, dass Euch das Probleme bereitet, Mylord.�</p><p>Seine schwarzen Augen schienen sich in meine zu bohren. Ich sp�rte die beiden Diener neben mir, den Blick starr geradeaus gerichtet. Ihre H�nde zuckten, bereit, mich fortzutragen wie einen Gang beim Dinner. Dann knurrte Lord Stonehouse und l�chelte. Es war bitter, aber immerhin ein L�cheln. �Nein, vielleicht bist du doch gar kein Narr�, fl�sterte er. Die H�nde der beiden Diener h�rten auf zu zucken und wurden gleichzeitig wieder hinter dem R�cken gefaltet.</p><p>Lord Stonehouse blickte erneut auf den Brief. �Du bist wegen Mr�Black hergekommen?�</p><p>�Ja, Mylord. Er war wie ein Vater zu mir.�</p><p>Er zuckte zusammen, kam auf mich zu und bedachte mich mit einem bohrenden Blick. �Wie ein Vater?�</p><p>�Ja, Mylord.�</p><p>Abrupt wandte er sich ab, so dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte. Er zerkn�llte den Brief, als er auf das Fenster zuschritt. Wachsst�ckchen l�sten sich vom Siegel, fielen klackernd zu Boden und bildeten eine d�nne Spur hinter ihm. Es war inzwischen ziemlich dunkel, und in den H�usern gegen�ber brannten Kerzen. Ein Fenster stand offen, aber die Luft war dick und warm und so still wie die Diener, die mich bewachten. Es war so leise, dass ich ihren Atem und das Knirschen ihrer Schuhe h�rte, wenn sie sich kaum merklich bewegten. Schlie�lich schleuderte der Lord den Brief auf den Tisch und wandte sich barsch an Eaton. �Davon hast du mir nichts erz�hlt.�</p><p>Eaton meldete sich zu Wort. �Es stand alles in den Berichten, Mylord. Dass der Teufel in ihm steckt, der Zorn, der���</p><p>�Nein, nein, Eaton, das meine ich nicht.� Rastlos wandte sich der alte Mann ab. Dann, wie ein Anwalt, der pl�tzlich einen Fehler im Verfahren findet, st�rzte er sich auf mich. �Aber wenn dein wunderbarer Mr�Black wie ein Vater zu dir war�� warum bist zu dann davongelaufen?�</p><p>Triumph blitzte in seinen Augen auf. Ich war ein Betr�ger, hatte mir eine Geschichte ausgedacht, um zu zeigen, was f�r ein wunderbarer Sohn ich sei�� und sein w�rde, im Gegensatz zu seinem eigenen. Es war eine Verschw�rung, um an sein Verm�gen zu kommen. Verschw�rungen hatten mein Leben ruiniert, jedes Mal, wenn ich versuchte, es mir aufzubauen. Ich war fertig mit Verschw�rungen. Er sah ohnehin das Schlimmste in mir, was immer ich sagte, also schleuderte ich ihm verbittert die Worte entgegen: �Ich bin davongelaufen, weil die M�nner Eures Sohnes versucht haben, mich zu t�ten.�</p><p>Eaton zuckte erneut zusammen. Er sah aus, als sei seine Narbe frisch aufgerissen. Mir fiel ein, was Turville gesagt hatte. Dass er nicht derjenige sein wolle, der, ohne einen g�nzlich unwiderlegbaren Beweis, Lord Stonehouse erkl�rte, sein Sohn sei ein kaltbl�tiger M�rder. Einen Moment lang stand er stumm da, dann schickte er die Diener fort und befahl ihnen, vor dem Zimmer zu warten. Sein Gesicht zeigte eine K�lte wie einer jener Wintertage, an denen die Nacht niemals weit zu sein schien. Eaton zog sich in den Schatten des Zimmers zur�ck. Lord Stonehouse sa� im Licht des Kronleuchters und sah zum ersten Mal aus wie der, der er war, einer der m�chtigsten M�nner Englands�� oder zumindest des Teils von England, der gegen den K�nig opponierte. All mein Wagemut verlie� mich. Ich begann zu zittern und konnte nicht wieder aufh�ren. Sein Schweigen war das Schlimmste, viel schlimmer als sein unbeherrschter, unvorhersehbarer Zorn, denn dieser war zumindest menschlich. Dazu kam diese bed�chtige Art, mit der er einen Schl�ssel aus dem Bund an seinem G�rtel ausw�hlte und sodann eine Schublade aufschloss und �ffnete. Ich war �berzeugt, er w�rde eine schwarze Richterkappe hervorholen, um mein Todesurteil zu unterzeichnen.</p><p>Stattdessen nahm er einen Stapel Papiere heraus. W�hrend er sie durchging, verst�rkte sich mein Zittern, wenn auch aus einem anderen Grund. Auf der Stelle hatte ich Mr�Blacks flie�ende schr�ge Handschrift erkannt, auf die er so stolz gewesen war. Als Drucker konnte ich genauso gut auf dem Kopf wie spiegelbildlich lesen. Als Lord Stonehouse die Seiten umbl�tterte, las ich hier und da �den Teufel aus ihm herauspr�geln��� �Latein gut, aber moralisch��� �ausgezeichnet��� �wenn er nicht zuerst in der H�lle landet�. Es waren die sorgf�ltig ausformulierten Versionen der Entw�rfe, die ich in Mr�Blacks Kontor gelesen und die er in den zur�ckliegenden acht Jahren meines Lebens viertelj�hrlich verfasst hatte. In diesem Studierzimmer, auf diesem Schreibtisch, waren sie also gelandet. Lord Stonehouse hatte sich am Rand Notizen gemacht, ein verkrampftes, eilig hingeschmiertes Gekritzel. Was mich r�hrte, war nicht der Inhalt der Bemerkungen�� die konnte ich nicht lesen��, sondern dass er sie �berhaupt gemacht hatte. Wer immer auch mein Vater sein mochte, ich begriff, dass ich ihm etwas bedeutete, und in diesem Moment sah ich in ihm zum ersten Mal meinen Wohlt�ter.</p><p>Die Liebe und Warmherzigkeit, mit der Susannah mich aufgezogen hatte, im Gegensatz zur Schroffheit, mit der die meisten Kinder aufwuchsen, brachte mich dazu, diese n�chternen Briefe �ber meinen moralischen Fortschritt, oder den Mangel desselben, mit Dankbarkeit zu betrachten. Sie hatten mir eine Ausbildung erm�glicht. Ohne sie h�tte ich Anne niemals kennengelernt. Ich konnte nicht aufh�ren, sie zu �berfliegen. Er blickte auf, und ich fuhr mir hastig mit der Hand �ber die Augen. Lord Stonehouse starrte mich streng und schmallippig an, als erwarte er Reue, vielleicht das Eingest�ndnis meiner Teilhabe an der Verschw�rung, die er zu erkennen glaubte�� alles, aber nicht das eine Wort, das ungelenk �ber meine Lippen kam.</p><p>�Danke�, sagte ich.</p><p>Verst�ndnislos starrte er mich einen Moment an, dann bedachte er mich mit einem finsteren Blick voller Misstrauen. �Daf�r, dass Ihr mich habt erziehen lassen�, stammelte ich. �Dass Ihr mir erm�glicht habt, Worte zu benutzen, um���</p><p>�Genug!�, sagte er barsch. Zum ersten Mal sah er aus, als f�hlte er sich unbehaglich und seiner selbst nicht ganz sicher. Dann wandte er sich wieder den vor ihm liegenden Bl�ttern zu, �berpr�fte Daten, stellte mir eine Reihe von Fragen �ber die Zeit, in der der erste angebliche Angriff�� wie er es nannte�� auf mich stattgefunden hatte. Genau wie Eaton und Turville mich gewarnt hatten, verlangte er Beweise. �Warum glaubst du, dass es mein Sohn war, der diese M�nner angeheuert hat?�</p><p>�Zuerst dachte ich es auch nicht. Ich glaubte, Ihr w�ret es gewesen.�</p><p>�Ich?� Er lachte. �Nachdem ich so viel Geld f�r dich ausgegeben hatte?�</p><p>Schlie�lich str�mte es aus mir heraus, in einer sonderbaren Mischung aus Dankbarkeit und Bitterkeit. Ich erz�hlte ihm von dem Brief, den Eaton an Mr�Black geschickt hatte, in dem er diesen vor der Gefahr warnte, die Richard f�r mich darstellte. Und ich schilderte ihm, dass ich f�lschlicherweise geglaubt hatte, er, Lord Stonehouse, sei meiner �berdr�ssig geworden; dass das Experiment, oder was immer es war, fehlgeschlagen sei und er mich aussortieren wollte wie ein T�pfer ein St�ck fortwarf, das beim Brennen gesprungen war. Als ich bei der k�niglichen Parade angelangt war und sagte, ich glaubte, er habe seinem Sohn befohlen, mich niederzustechen, schlug er mit der Faust auf den Tisch, um mich zum Schweigen zu bringen. �Du glaubtest, ich h�tte ihm befohlen, dich zu t�ten?�</p><p>�Ja, Mylord.�</p><p>Sein scharfer Blick sprang von mir zu Eaton. �Ich rief Richard zu, von dir abzulassen�, sagte er knapp. �Er sagte, er habe mich nicht geh�rt. Dass er bef�rchtet habe, mein Leben sei in Gefahr.� Unvermittelt wandte er sich an den Verwalter. �Glaubst du das, Eaton?�</p><p>�Es ist m�glich, dass Richard Euch nicht geh�rt hat, Mylord.�</p><p>�M�glich, ja, m�glich! Aber was <emphasis>glaubst</emphasis> du, Mann?� Eaton schwieg. Ich sah, wie die beiden M�nner ihr gegenseitiges Misstrauen n�hrten. �Warum hast du mir nichts davon erz�hlt, Eaton?�</p><p>Er hatte die Frage sehr leise gestellt. Doch Eaton antwortete noch immer nicht. Winzige Schwei�perlen hatten sich in seinem Haaransatz gesammelt, und eine davon lief langsam �ber seine Stirn und die Wange hinunter. Ich h�tte nie gedacht, dass ich jemals auch nur einen Hauch Mitleid mit diesem groben, brutalen Mann empfinden w�rde, doch da �berkam es mich. Er glich einem Tier, das sich vor einer Falle f�rchtete.</p><p>�Mr�Eaton hat mir das Leben gerettet�, sagte ich.</p><p>Die Wirkung dieser Worte auf Lord Stonehouse war bemerkenswert. Ich kann es nicht anders beschreiben, die beiden waren wie ein Herr und sein Hund. Der Hund war mit Brutalit�t erzogen worden, hatte kaum eine freundliche Geste erfahren, gehorchte blind jedem Befehl, stets in der Angst, die Brutalit�t k�nnte jeden Moment, ohne erkennbaren Anlass, wieder ausbrechen. Doch selbst die primitivste Beziehung hatte eine lange Geschichte, und diese Geschichte bestand aus gemeinsamen Erfahrungen, die die, welche jene Geschichte teilten, immer enger aneinanderbanden. Und genau das schien sich in diesem Momente zu ereignen.</p><p>�Warum hast du mir nichts davon erz�hlt, Mann?�, sagte Stonehouse. In Eatons Antwort lag etwas von der lang aufgestauten Spannung und Verbitterung, die schon immer in ihm gek�chelt hatte. Der Hund zeigte Z�hne. �Es war eine jener Perioden, in denen Mr�Richard gel�utert schien, Mylord. Ich f�rchtete, Ihr w�rdet mir keinen Glauben schenken.�</p><p>Lord Stonehouse blickte ihm in die Augen, dann stie� er einen langen Seufzer aus. �Das h�tte ich auch nicht. Du hast v�llig recht, Eaton. Ich habe ihm erkl�rt, dass er von dem Jungen nichts zu bef�rchten hat, doch auf der Treppe konnte ich sehen�� er h�tte ihn beinahe mit seinem Schwert durchbohrt!� Er seufzte tief, schritt erneut zum offenen Fenster und blickte hinaus. Es war so ruhig, dass ich eine Kerze tropfen h�ren konnte, als das Wachs �ber den Rand rann. �Hol Turville�, sagte er. Er deutete auf mich. �Und besorg ihm etwas zu essen.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>22.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Auf dem Weg die Treppe hinunter murmelte Eaton: �Gut gemacht! Das h�tte ich dir gar nicht zugetraut, Tom.� Er sprach, als sei er fast �berzeugt, wir h�tten meinen Einzug in die Queen Street gemeinsam geplant. Vielleicht w�rde er es Turville genau so erkl�ren. Ver�rgert und in einem Zustand �u�erster Verwirrung riss ich mich von ihm los. Ich war an diesen Ort gekommen, um offen und ehrlich zu sein, um mich von dem Komplott zu befreien, das unser Leben im Half Moon Court zu zerst�ren drohte, um mich frei zu machen, damit ich endlich Anne heiraten konnte. Aber jetzt wurde ich nur um so tiefer hineingezogen! Eaton schien den hasserf�llten Blick, den ich ihm zuwarf, zu genie�en und tat, als w�rde er eine Verbindung zwischen uns schaffen. �Das ist die rechte Einstellung, Tom! Turville vertraut mir nicht, und ich vertraue ihm nicht. Auf diese Weise kommen wir vorw�rts.�</p><p>In bester Laune drangsalierte er die Bediensteten, verlangte nach seinem Pferd und nach �Verpflegung f�r Mr�Tom�, ehe er ging. Die beiden Diener, die mich zuerst fast abger�umt h�tten wie einen Gang beim Dinner, schickten sich nun an, mich zu bedienen. Respektvoll f�hrten sie mich einen eichenget�felten Korridor entlang, bis wir zu einem riesigen Speisesaal mit einem gl�nzenden Mahagonitisch gelangten, der so lang war wie ein Schiff. Lord Stonehouse sa� allein an einem Ende. Ich hatte die T�r�ffnung schon fast durchschritten, als die Diener husteten�� sie taten alles gleichzeitig�� und mich geschickt fortlenkten. Lord Stonehouse nahm keine Notiz von uns. Neben seinem Platz stand ein weiteres Gedeck. Er befahl einem Diener, das silberne Besteck, die Teller und Gl�ser abzur�umen. Ich nahm an, sie seien f�r Richard aufgedeckt worden, f�r das, was vielleicht ihr letztes gemeinsames Mahl geworden w�re.</p><p>Nachdem ich in Gesellschaft des Sekret�rs, Mr�Cole, etwas Wildpastete gespeist hatte, wurde ich erneut nach oben in Lord Stonehouse� Studierzimmer gebracht. Seine Stimme hatte wieder ihren schroffen Klang angenommen.</p><p>�Du wirst diese Kleider nie wieder tragen. Ist das klar?�</p><p>�Ja, Mylord.�</p><p>�Ich werde entscheiden, welche Stellung du im Leben einnehmen wirst. Derweilen wirst du dich wie Mr�Cole kleiden.�</p><p>Ich sagte nichts. Anscheinend hatte ich recht gehabt. Turville hatte Lord Stonehouse� Pl�ne f�r mich v�llig �bertrieben dargestellt, teils, um mich von Mr�Black und Anne zu entfernen, teils, um mich zum richtigen Zeitpunkt als Erben ins Spiel zu bringen�� als Marionette, die er und Eaton manipulieren konnten.</p><p>Unvermittelt blaffte er los: �Hat Eaton dir von dem Anh�nger erz�hlt?�</p><p>Es war zwecklos, es abzustreiten. �Ja, Mylord.�</p><p>Er stand auf und hob ein Siegel von seinem Schreibtisch auf. Ich zuckte zusammen, weil ich im ersten Moment glaubte, er w�rde damit nach mir werfen. Stattdessen klopfte er unabl�ssig mit dem Siegel auf den Tisch, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. Er erkl�rte mir, dass er, als Matthew und Susannah und�� er r�usperte sich�� ihr Wunderbaby von seinem Land verschwanden, Eaton ausgeschickt habe, um sie ausfindig zu machen. Aber die Spur war erkaltet.</p><p>Lord Stonehouse ging zum Fenster und starrte hinaus auf die dunkle Stra�e. Acht Jahre sp�ter, fuhr er fort, nachdem er mich von der Werft geholt hatte, habe er Eaton erneut auf Matthews F�hrte angesetzt. Er h�tte ihn fast erwischt, als Matthew versuchte, den Anh�nger zu verkaufen.</p><p>Lord Stonehouse nahm eine Kerze aus einem Wandleuchter und hielt sie zu einem Bild hoch, das hinter seinem Schreibtisch hing. Es handelte sich um ein Portr�t seiner Frau Frances, das j�nger war als das Gem�lde in Turvilles Kanzlei. Sp�ter erfuhr ich, dass es kurz vor ihrem Tod entstanden war. In einer Hand hielt sie eine wei�e Rose, das Symbol der Liebe. Die andere deutete auf den Falkenanh�nger auf ihrem Busen.</p><p>�Ich glaube, dass der Anh�nger das Geheimnis deiner Geburt in sich verbirgt. Ich werde nicht ruhen, ehe er gefunden ist. Du wirst ihn zusammen mit Eaton aufsp�ren, dann werde ich entscheiden, was ich mit dir mache. Verstanden?�</p><p>Er stellte die Kerze zur�ck und hob die Klingel, um mich zu entlassen.</p><p>�Ich werde den Anh�nger finden, aber ich will nichts von Euch�, sagte ich. �Bis auf eine Sache.�</p><p>Im ersten Augenblick dachte ich, er w�rde mit der Klingel nach mir werfen. �Weiter.�</p><p>�Das Haus am Half Moon Court. Und meine Freiheit.�</p><p>�Um was zu tun? Die Tochter des alten Black zu heiraten?� Er setzte die Klingel wieder ab und lachte dr�hnend. Ich glaubte, er h�tte �berhaupt keinen Humor, aber jetzt tr�nten ihm die Augen vor Lachen. �Vorsicht, wenn du nicht aufpasst, finde ich am Ende noch Gefallen an dir! Du bist mein�� was auch immer. Ich habe dich zu dem gemacht, was du bist, und du wirst tun, was ich will. Die Tochter eines Druckers heiraten!�</p><p>Ich grub meine Fingern�gel in die Handfl�chen, als ich sp�rte, wie ich die Beherrschung verlor. Ich zog seine Wut seinem Gel�chter vor, mit dem er alles verh�hnte, an das ich glaubte. �Ich bin selbst ein Drucker!�</p><p>�Nat�rlich.� Er hob Mr�Turvilles Brief an Mr�Black auf. �Ich wei�, dass das hier ein Trick war, um dich hierherzubringen���</p><p>�Das war kein Trick!�</p><p>Er bedachte mich mit einem ungl�ubigen Blick. Sein L�cheln wurde herablassend. �Du glaubst also, du liebst diesen M�dchen?�</p><p>�So wie ich glaube, dass Ihr Eure Frau geliebt habt, Mylord.�</p><p>�Werde nicht ausfallend!�, rief er zornig.</p><p>Ich wollte schon kontern, dass das gemeine Volk dieselben Leidenschaften haben konnte wie die Lords, doch er wirkte auf eine Weise ber�hrt, die mich innehalten lie�. Er kam zu mir, umrundete mich, schien mich alsdann vollkommen zu vergessen, als er zum Portr�t seiner Frau ging und etwas murmelte, das ich nicht verstand. Schlie�lich drehte er sich zu mir um.</p><p>�Also gut. Setz dich.�</p><p>Er deutete auf ein Schreibpult, an dem Mr�Cole zu sitzen pflegte, auf dem Papier und Tinte lagen, und befahl mir, niederzuschreiben, dass im Austausch f�r den Anh�nger der Half Moon Court in Mr�Blacks Eigentum �bergehen w�rde. Er f�gte verschiedene juristische Wendungen und Bedingungen hinzu, aber das war der Kern des Dokuments. Ich war nicht in der Lage zu entscheiden, ob er es ernst meinte oder die ganze Angelegenheit als Scherz auffasste, aber auf jeden Fall versetzte es ihn in bessere Stimmung. Er sagte, meine Handschrift sei viel zu geschult, um die eines Edelmanns sein zu k�nnen, und vielleicht sei ich ja doch ein Drucker. Mr�Cole und ein Bediensteter bezeugten meine Unterschrift, als ich das vertraute eilige Hufgeklapper und Eatons Ruf nach dem Stallburschen h�rte.</p><p>Lord Stonehouse hatte sich wieder vollkommen unter Kontrolle. Er befahl dem Diener, Eaton auf der Stelle hinaufzuschicken. Er wies Mr�Cole an, die notwendigen juristischen Schritte einzuleiten, um Richard in den Kerker werfen zu lassen, wo er bleiben k�nne, bis er �ber seine Lage nachgedacht habe. Er l�chelte mir zu, w�hrend er das sagte, und nahm das Dokument, das ich unterzeichnet hatte. Ich sah ihn vor mir, wie er es als Auftakt zu einer weiteren Vers�hnung benutzen w�rde, sobald Richard hinreichend nachgedacht hatte. F�r ihn spielte es keine Rolle, dass Richard versucht hatte, mich zu t�ten. Das musste ein Missverst�ndnis gewesen sein, genau wie mein ungl�ckliches Hineinplatzen in ihr Treffen eines gewesen war. Zu diesem Zeitpunkt war es mir egal. Alles, worum ich mich sorgte, war Anne.</p><p>�Nun gut�, sagte Lord Stonehouse und sch�umte vor guter Laune geradezu �ber. �Du hast dir Zeit gelassen, Eaton! Ich habe herausgefunden, dass dieser junge Herr darauf besteht, ein Drucker zu sein! Was ist los, Mann? Bist du verletzt?�</p><p>Eaton sah aus, als sei seine Narbe frisch aufgerissen. Er wischte sich das Blut ab, das seinen Kragen und Umhang beschmutzte. �Das ist nicht meins�, sagte er. �Sondern Turvilles. Er ist tot. Die Akte �ber den Anh�nger ist verschwunden.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>23.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Es schien Lord Stonehouse nie in den Sinn gekommen zu sein, dass eine Durchsuchung und Pl�nderung, wie er sie mit skrupelloser Effizienz in royalistischen H�usern organisierte, jemals ihm zusto�en k�nnte, oder jenen, mit denen er Umgang pflegte. Niemals h�tte er gedacht, dass Richard, der sich ein ums andere Mal gef�gt hatte, tats�chlich rebellieren w�rde. Und da das Gesetz zeit seines Lebens allein in seinen H�nden gelegen hatte, hatte er gewiss nie in Betracht gezogen, dass in Kriegszeiten zweierlei Recht herrschte. Oder gar keines.</p><p>Als wir zu den St�llen hinuntergingen, erz�hlte Eaton mir, dass es kein Zeichen von Jane oder den anderen Bediensteten in Turvilles Haus g�be. Man glaubte, sie seien geflohen. Er w�hlte eine graue Stute f�r mich aus, von der er mit hinterh�ltigem Blick sagte, sie sei sanftm�tig, da ich nur in Moorgate Fields ab und zu geritten war. Kaum, dass ich auf ihr sa�, warf sie mich beinahe ab, und ich sagte zu Eaton, ich sei froh, dass er kein lebhafteres Pferd f�r mich ausgesucht habe. Er grinste, w�hrend er beide Tiere kontrollierte, und sagte, man lerne am besten, wie man sich auf einem Pferd hielt, indem man ein paarmal abgeworfen wurde. Er schien sich bemerkenswert schnell von seinem Schock �ber Turvilles Tod erholt zu haben. Mehrmals betonte er, wenn dies Richard nicht in den Augen seines Vaters schlecht mache, dann w�rde nichts es schaffen.</p><p>�Wir wissen nicht, ob es Richard war�, sagte ich.</p><p>�Nat�rlich war er es.�</p><p>�Hat ihn jemand gesehen?�</p><p>�Er wusste, wonach er suchen musste�, erwiderte er knapp. �Halt dich dicht bei mir, verdammt!�</p><p>Er ritt weiterhin vor mir her und z�gelte schlie�lich ungeduldig sein Pferd. In jeder Gasse schoss sein Blick nerv�s von einer Seite zur anderen. Es gab keine Ausgangssperre, aber es f�hlte sich so an, denn die Stra�en waren fast leer. Er erz�hlte mir, dass Trupps der B�rgergarden bereits Richtung Norden aufgebrochen waren, um sich dem Earl of Essex anzuschlie�en und das Parlamentsheer zu bilden.</p><p>Ich berichtete ihm von der Abmachung, die ich mit Lord Stonehouse getroffen hatte. Er schlug sich lachend auf die Schenkel und sagte, er habe noch nie so eine gute Geschichte geh�rt.</p><p>�Mr�Tom, ich glaube, dass Ihr ein ehrlicher Mann seid.�</p><p>�Das m�chte ich meinen!�, gab ich scharf zur�ck.</p><p>Er tippte sich an den Hut, halb sp�ttisch, halb respektvoll, und bediente sich seiner undeutlichen b�uerlichen Sprechweise. �Wenn wir diesen Anh�nger gefunden haben, Mylord, werdet Ihr Half Moon Court erhalten und ich soll mich mit High Point begn�gen? Was ist denn das f�r ein mieses Gesch�ft?�</p><p>Er lachte und verfiel anschlie�end in tiefes gr�blerisches Schweigen, bis wir Turvilles Haus erreichten. Eaton f�hrte mich �ber das Gras, und wir h�rten, wie eine Pistole gespannt wurde. In der ruhigen Nacht klang es wie ein scharfer Peitschenknall. Eaton rief der Wache, die er bei seinem ersten Besuch an diesem Abend dort abgestellt hatte, leise etwas zu. Man hatte nach einem Constable geschickt, aber keinen auftreiben k�nnen. Es schien, als seien die Constables ebenfalls verschwunden.</p><p>Die T�r zum Haus stand offen, und die Uhr in der Halle tickte langsam und leise. Es war das einzige Zeichen von Normalit�t. Auf der Treppe verstreut lagen Papiere. Eaton stoppte mich mit einer heftigen Bewegung und hielt mir den Mund zu. Er hatte sich nicht gewaschen, und an seiner Hand klebte der widerliche Geruch alten Blutes. Obwohl er eine Wache an der T�r postiert hatte, f�rchtete Eaton noch immer eine Falle. Ich hielt ihn f�r �bertrieben vorsichtig, doch dann h�rte ich es. Eine knarrende Diele, eine leises, tier�hnliches Grunzen, dann Stille.</p><p>Eaton ging leise zum Wachposten zur�ck und nahm dessen Pistole. Ich schlich die Treppe hinauf. Ein d�nner Strahl des Mondlichts fiel durch das Fenster am Treppenabsatz und beleuchtete einen blutigen Stiefelabdruck auf den zerknitterten Papieren. Eaton zog mich zur�ck und trat die T�r zum Studierzimmer auf.</p><p>Er schwang die Pistole in K�rperh�he herum und sah die kriechende Gestalt am Boden zuerst nicht. Als er auf sie zielte, machte ich in der Dunkelheit die Form der Haube aus und stie� einen Warnschrei aus.</p><p>Eaton senkte die Pistole. �Verdammt, Jane! Beinahe h�tte ich dich erschossen!�</p><p>Sie r�hrte sich nicht. Sie wiegte etwas oder jemanden im Arm und st�hnte leise. Als ich zu ihr ging, klebten Papiere an meinen Stiefeln. Ich ber�hrte sie sacht, aber sie reagierte noch immer nicht.</p><p>�Jane, ich bin�s. Tom.�</p><p>Eaton z�ndete eine Kerze an. Jane hielt Turvilles Kopf auf dem Scho� und redete z�rtlich auf ihn ein. Turvilles rechte Hand war zur H�lfte abgehackt. Daneben lag eine Pistole, die er festgehalten haben musste. An der Seite klaffte eine gro�e Wunde, und ich begriff, dass es Blut war, das die Papiere an meinen Schuhen kleben lie�. Ich wandte mich ab, als die reichhaltige Wildpastete, die ich gegessen hatte, mir wieder hochkam und in der Kehle brannte.</p><p>�Spuck�s aus�, sagte Eaton. �Die Schweinerei wird dadurch nicht gr��er.�</p><p>Gleichg�ltig starrte er nach unten, als betrachte er ein geschlachtetes Tier auf einem Bauernhof. Ich zwang mich, die Galle wieder hinunterzuschlucken, kniete mich neben Jane und legte einen Arm um sie. Sie reagierte auch dieses Mal nicht, sondern fuhr fort, die Wangen des toten Mannes zu streicheln und zu murmeln, dass sie einen Doktor holen und dass er wieder gesund werden w�rde. Erst als ich sagte, er br�uchte einen Pfarrer, keinen Arzt, wandte sie sich mit einem grellen, tierischen Schrei zu mir um. Ich hielt ihren bebenden K�rper, doch sie stie� mich fort, hob Turvilles Kopf erneut an, als versuchte sie, es ihm bequemer zu machen, und streichelte und k�sste ihn. Hilflos sah ich zu und hatte das Gef�hl, nichts �ber das Leben oder die Liebe zu wissen. Mit dem Ausdruck des Erstaunens in den offenen, starrenden Augen und der pockennarbigen Haut ohne jeden Puder, sah er noch h�sslicher aus als lebendig. Er hatte sie aufgenommen, als sie am Ende gewesen war, doch er hatte sie benutzt, und ich war sicher, dass sie �bel geschlagen worden war, nachdem ich entkommen war. Doch der Art und Weise nach zu urteilen, wie sie ihn hielt und nicht aufh�rte, ihn zu k�ssen, h�tte man meinen k�nnen, er sei der freundlichste und wunderbarste Mensch auf Erden f�r sie gewesen.</p><p>�Ein feiner Sohn! Er macht seinem Vater alle Ehre!� Eaton schwang die Kerze �ber die unordentlichen Papierhaufen und die leeren Regale, um einen Blick auf das Gem�lde hinter Turvilles Schreibtisch zu werfen. Es war diagonal durchgeschnitten, so dass das Portr�t von Lord Stonehouse gek�pft war. Der Schnitt war mit solcher Gewalt ausgef�hrt worden, dass die Leinwand mit einer gl�cklich l�chelnden Frances sich nach au�en rollte. �Van Dyck. In der Inventarliste mit drei�ig Pfund aufgef�hrt�, murmelte Eaton.</p><p>Ein Haufen Rechtsdokumente zerbr�selte unter seinen Stiefeln. Unvermittelt stie� er einen Schrei aus. Der Schnitt durch das Gem�lde gab den Blick auf die T�felung dahinter frei, von der ein Teil ge�ffnet worden war. Es handelte sich um einen geschickt versteckten Geheimschrank, der normalerweise vermutlich gar nicht auffiel. Doch das Schwert war mit einer Kraft gef�hrt worden, dass es in das dahinterliegende Holz geschnitten und eine Seite der T�r, die von der T�felung verdeckt wurde, freigelegt hatte.</p><p>�Er hat meine Papiere!�</p><p>�Was f�r Papiere?�</p><p>Eaton schrie, jetzt sei er erledigt. Er geb�rdete sich wie toll, suchte zwischen den Bruchst�cken der Papiere auf Tisch und Boden. Immer wieder kehrte er zu der �ffnung zur�ck und tastete das Innere ab, obwohl er wissen musste, dass nichts darin war.</p><p>�Jetzt hat er mich!�</p><p>�Was meint Ihr damit?�</p><p>Er wirbelte herum, t�rmte sich vor mir auf, und ich begriff, dass er durch den Verlust so sehr in Bedr�ngnis geraten war, dass er vergessen hatte, wer ich war. Er zwang sich zu einem L�cheln, soweit seine Narbe es zulie�. Er deutete auf die zerfetzte Karte an der Wand.</p><p>�H�rt zu, Tom. Ich habe mich um den Grundbesitz gek�mmert. Nicht Lord Stonehouse. Nicht seine S�hne. Ich kenne jedes W�ldchen, jeden Grashalm, ich wei�, welche Leute zahlen und welche nicht. Als Lohn gab mir Lord Stonehouse ein St�ck von seinem Land, den schlechtesten, undankbarsten Teil. Ohne diese Papiere kann es sein, dass ich alles verliere. Mehr meine ich damit nicht. Klar?�</p><p>Er sprach so leise, und seine Stimme verbreitete solche K�lte, dass meine alte Furcht vor ihm mit aller Macht zur�ckkehrte. Er war so gleichg�ltig �ber das Schicksal des armen Turville gewesen, dass er sich nichts dabei denken w�rde, mich neben ihm auf dem Boden zu sehen. �Ja, ich denke schon.�</p><p>�Vorausgesetzt, du hast verstanden.�</p><p>�Ich habe verstanden.�</p><p>�Gut. Wir m�ssen zu Matthew.�</p><p>�Ihr wisst, wo Matthew ist!�, rief ich.</p><p>�Kann sein. Die Einzelheiten befinden sich in den Papieren, die Richard mitgenommen hat.� Er schob mich zur Seite, packte Jane und verlangte zu wissen, was geschehen war und was sie wusste. In ihrer Angst machte sie keinerlei Anstalten, Turville loszulassen, und er zerrte weiter an ihr, bis ich ihn anschrie.</p><p>�Lasst sie los! Auf diese Weise werdet Ihr nichts aus ihr herausbekommen!�</p><p>Erst jetzt, als er erkannte, dass es einen praktischen Grund f�r eine Spur Freundlichkeit gab, schickte er einen Mann nach dem Pfarrer, und ich f�hrte Jane nach unten. Die Speisekammer war gepl�ndert worden, aber das Feuer brannte noch, und ich setzte sie davor. Ich st�berte eine halbvolle Flasche Wein auf, mischte ihn mit Honig und w�rmte ihn �ber dem Feuer auf. Der Honig stammte aus dem Garten, und als sie den vertrauten Duft von Holunderbl�ten wahrnahm, verschwand der leere Ausdruck in ihrem Gesicht allm�hlich.</p><p>Nach und nach erz�hlte sie uns, was geschehen war. Die K�chin hatte Richard hinten im Park gesehen, wo er mit einem kleinen Trupp M�nner am Tor Einlass begehrte. Beunruhigt war Jane zu Turville gerannt. Turville hatte �ber ihre �ngste gelacht, er habe sein ganzes Leben damit zugebracht, die Wut dieses Jungen zu bes�nftigen und seine Forderungen abzuwenden. Nichtsdestotrotz lud er die Pistole in seiner Schublade und schickte Jane nach dem Constable. Sie konnte keinen finden, und als sie zum Haus zur�ckkehrte, h�rte sie Richard durch das obere Fenster �Im Namen des K�nigs!� rufen und sah ihn das Schwert schwingen. Es gab einen gewaltigen L�rm und Jubel�� vielleicht war das der Moment gewesen, in dem er das Gem�lde aufgeschlitzt hatte.</p><p>Entsetzt hatte sie sich hinter dem Kohlenschuppen versteckt. Durch die Spalten im Mauerwerk beobachtete sie, wie Richard einige Papiere in seine Satteltasche stopfte. Wie die anderen M�nner war er mit einem schwarzen Umhang bekleidet. Seine hohen schwarzen Reitstiefel trugen keine Quasten oder Spitzen wie die der Cavaliere, und sein breiter schwarzer Hut war federlos. Sie h�rte, wie er im Streit die Stimme hob. Jemand, den Richard Colonel Royce nannte, sagte, sie m�ssten augenblicklich nach Norden reiten, um sich dem K�nig anzuschlie�en. Richard beschimpfte ihn w�st und sagte, wenn sie sich Highpoints bedienen wollten, m�ssten sie Richtung Osten aufbrechen.</p><p>�Nach Highpoint in Richtung Osten?� Eaton packte Jane bei den Schultern. �Highpoint liegt im Westen! Osten? Bist du sicher?�</p><p>Sie war sich sicher. Wie der Teufel wandte Richard seinen R�cken der untergehenden Sonne zu und ritt gen Osten, und die anderen folgten ihm.</p><p>Eaton versuchte mich buchst�blich aus der K�che zu zerren. Er wollte auf der Stelle aufbrechen und Richard nachreiten.</p><p>�Aber wohin?�</p><p>�Nach Poplar! Das Loch, aus dem du stammst.�</p><p>�Poplar? Warum?�</p><p>Er war zu sehr darauf bedacht, sofort aufzubrechen, um mehr zu sagen. Er rannte nach drau�en zu seinem Pferd und rief mir zu, ihm zu folgen. Als ich mich weigerte, Jane zur�ckzulassen, drohte er, allein aufzubrechen. Ich argumentierte, dass die anderen mehrere Stunden Vorsprung hatten und wir morgen fr�h besser vorank�men. Langsam und widerstrebend kehrte er zur�ck. Sein Gesicht zeigte denselben Ausdruck, der mir w�hrend seiner Unterredung mit Lord Stonehouse aufgefallen war: eine Mischung aus widerwilligem Gehorsam und Hass. Die L�ndereien von Highpoint waren, wie er mir gerade erz�hlt hatte, sein ganzes Leben. Ein Teil von ihm glaubte immer noch oder hoffte, er k�nnte Seine Lordschaft davon �berzeugen, dass ich ein Stonehouse sei. M�glicherweise war ich der Schl�ssel zu dem Land. Er w�rde nicht, konnte nicht ohne mich gehen.</p><p>Von diesem Moment an begann ich, wie ich zugeben muss, ein geheimes Vergn�gen an diesem Gedanken zu finden, obgleich ich es mir kaum eingestehen mochte. Dieser Mann, der einmal ohne zu zaudern f�r den Preis von zwei halben Kronen meinen Tod befohlen hatte; vor dem ich in Todesangst gelebt hatte, seit Matthew mich vor ihm gewarnt hatte, dieser Mann beugte sich, wenn auch mit Widerwillen, meinen W�nschen! Es war unm�glich, keine Befriedigung zu empfinden, unm�glich, mich nicht zu benehmen, als sei ich ein Stonehouse. Er erwartete es. Er erwartete diesen arroganten Tonfall, dieses Vorrecken des Kinns, und im Laufe der folgenden Tage begann ich tats�chlich, nach und nach dieses Gebaren anzunehmen. Zun�chst tat ich es im Scherz, stolzierte dahin und spielte meine Rolle, doch als sich seine Haltung dadurch ver�nderte und der Umgang mit ihm leichter wurde, verga� ich fast, dass ich nur eine Rolle spielte.</p><p>Ich war ebenso erpicht darauf wie er, den Anh�nger in die H�nde zu bekommen. Allerdings wollte ich dadurch Freiheit von den Stonehouse� erlangen, nicht einer von ihnen werden. Ich wollte frei sein, um Anne heiraten zu k�nnen. Doch ich versuchte nicht l�nger, Eaton davon zu �berzeugen, weil er das seinerseits f�r den gr��ten Witz aller Zeiten hielt.</p><empty-line/><p>Schlie�lich wurde ein Pfarrer aufgetrieben, und erst jetzt war Jane bereit, das Haus zu verlassen. W�hrend ich sie noch tr�stete, kam eine Nachricht von Lord Stonehouse, in der er Eaton anwies, sich mit dem Advokaten zu treffen, der Turville ersetzen sollte. Eaton murmelte, dass man stets von ihm erwarte, an zwei Orten gleichzeitig zu sein, und vereinbarte, sich am n�chsten Tag mit dem Mann in einer Taverne in der N�he von Lincoln�s Inn zu treffen, wo wir nach unserer R�ckkehr von Poplar einkehren w�rden.</p><p>Ich hob Jane auf den R�cken von Eatons Pferd, und wir brachten sie zum Half Moon Court. Eaton klebte an mir wie eine Entenmuschel am Schiff. Ich f�hrte Jane nach oben, damit Sarah sich um sie k�mmern konnte.</p><p>Als ich wieder nach unten kam, erschreckte Eaton mich, weil er wie ein Geist in Mr�Blacks Lehnstuhl sa�. Er w�rde mich nicht aus den Augen lassen, und als ich ihm erkl�rte, ich w�rde auf dem Boden schlafen, schlug er vor, sich dazuzulegen, die Dielen seien schlie�lich verdammt bequem im Vergleich zu manch anderen Orten, an denen er schon gen�chtigt hatte. Als er meinen Gesichtsausdruck sah, klopfte er mir lachend auf den R�cken. �Macht Euch keine Sorgen, Mr�Tom! Ich werde Euch nicht im Schlaf meucheln�� dazu seid Ihr viel zu kostbar.�</p><p>Er faltete seinen Umhang zu einem Kissen zusammen und sah in der Tat so zufrieden aus, als legte er sich in ein Federbett, und begr��te den Boden wie einen alten Bekannten. Die Zeit kurz vor dem Einschlafen ist eine merkw�rdige Zeit. Menschen vertrauen einander Dinge an, die sie bei Tageslicht niemals preisgeben w�rden. Er erz�hlte mir, dass er ein Findelkind sei, das von der Gemeinde aufgezogen worden war. Ein hungriges Maul, das niemand haben wollte. Er rannte davon, schlief unter Hecken, in Scheunen und St�llen. Er wilderte und stahl in jedem Winkel von Lord Stonehouse� L�ndereien. Er wurde von Lord Stonehouse ausgepeitscht und zur Gemeinde zur�ckgeschickt. Er lief erneut davon und wurde gefasst, als er den Hunden einen Hasen zu entrei�en versuchte, ehe die J�ger die Meute erreichten. Dieses Mal wurde er so schwer gepeitscht, dass seine Wange aufriss. Die Wunde begann zu eitern und hinterlie� eine bleibende Narbe. Lord Stonehouse verabscheute Wilddiebe, aber er war fasziniert von diesem wilden Tier, das sich lautlos wie ein Habicht auf ein Rebhuhn st�rzen konnte, das die F�hrte jedes Hasen zu kennen schien und, was noch wichtiger war, jedes Wilddiebs. Anfangs wurde er geduldet, dann bediente man sich seiner Kenntnisse, und schlie�lich besch�ftigte man ihn als Stallburschen.</p><p>Eatons Augen fielen zu, er rollte sich zusammen wie ein Tier und war auf der Stelle eingeschlafen. Es dauerte lange, bis ich ihm in den Schlaf folgte, w�hrend ich seine Narbe beobachtete, die sich im Halbdunkel hob und senkte.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>24.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Am n�chsten Tag herrschte einiger Schrecken und Verwirrung �ber Eatons Anwesenheit, ganz zu schweigen von Jane, die Sarah verstimmte, indem sie als Erste aufstand und Feuer machte. Eaton erkl�rte, es sei alles ein gro�es Missverst�ndnis gewesen und dass wir eine Einigung erzielt h�tten. Es wurde nie genauer erl�utert, worin diese Einigung bestand, doch Mr�Black war au�er sich vor Freude und dr�ckte Eaton die Hand.</p><p>Ich hielt mein Wort gegen�ber Lord Stonehouse und zog die feinen Kleider aus, mit einer seltsamen Mischung aus Erleichterung und Bedauern. Mir entging nicht, dass ich in Eatons Augen mit dem Ablegen der Kleider auch einen Teil der Fassade eines Stonehouse abgelegt hatte. In Eatons L�cheln schwang ein Hauch Sarkasmus mit, als er mich in meinem Lederwams und den Kniehosen sah. Es war, als sei ich zum gemeinen Soldaten degradiert worden. Er hatte einen derben, wenn auch sich wiederholenden Sinn f�r Humor, den ich niemals bei ihm erwartet h�tte, und so rief er mir immer wieder zu: �Bereit machen�� pr�sentiert�� Feuer!�</p><p>Er sattelte mein Pferd auf einer Seite des Apfelbaums, w�hrend Anne auf die andere Seite kam, um sich zu verabschieden. Das Wetter war umgeschlagen, und die ersten Bl�tter begannen zu fallen. Sie trat in einen kleinen Haufen von ihnen und wollte wissen, warum ich meine Kleider gewechselt habe.</p><p>�Weil ich in der Armee bin.�</p><p>�Und warum bist du dann nicht bei Will? Und dem Rest der Einheit?�</p><p>Ich hatte das Gef�hl, es hatte sich zu viel ereignet, um ihr alles in der kurzen Zeit zu erz�hlen. Nun, das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Aus irgendeinem Grund war mir unwohl bei dem Gedanken, ihr von dem sonderbaren Treffen mit Lord Stonehouse zu erz�hlen. Hier im Half Moon Court wehte ein anderer Wind. Ich hatte mich im Eimer auf dem Hof gewaschen, wie ich es immer getan hatte. Hatte mich in der Druckerei umgezogen, wo der Geruch der Tinte mir wie der frischeste Duft erschien. Und wichtiger als alles andere war Annes Ausdruck reiner Freude, als sie mich sah.</p><p>�Warum gehst du mit <emphasis>ihm</emphasis> fort?�, fl�sterte sie mit einem Seitenblick auf Eaton. �Wollt ihr nach dem Anh�nger suchen?�</p><p>Ich lachte. Im Sommer hatte ich ihr alles erz�hlt, was ich von Turville erfahren hatte. Doch damals hatte ich es als Phantasiegespinst abgetan, als ein M�rchen, das Eaton und Turville sich ausgedacht hatten, was zum Teil ja der Wahrheit entsprach. Der Anh�nger und die Stonehouses selbst wirkten wie einer Geschichte aus einem Flugblatt entsprungen. Jetzt, wo die �Geschichte� Wirklichkeit geworden war, empfand ich ein merkw�rdiges Unbehagen, Anne davon zu erz�hlen. Und ich sp�rte Eatons sp�ttischen Blick auf mir, w�hrend er beim Pferd den Gurt anzog. Ich wusste, was er dachte�� was f�r ein gro�artiger Witz es sei, dass ich ihretwegen die Aussicht auf eine bedeutende gesellschaftliche Stellung und einen der gr��ten Landsitze Englands aufgeben wollte.</p><p>�Es ist ein milit�rischer Auftrag�, sagte ich. �Ich bin nicht befugt, dir etwas dar�ber zu sagen.�</p><p>�Du bist ein miserabler L�gner, Tom! Mylord!� Sp�ttisch deutete sie eine Verbeugung an. Der Duft der Damaszenerrose bet�ubte mich, als sie dicht zu mir trat und mir ins Ohr fl�sterte: �Sag es mir. Sag mir die Wahrheit.�</p><p>Zweige knackten, als Eaton ein paar �pfel vom Baum pfl�ckte. Ich machte mich von ihr los. �Ich habe es dir gesagt!�</p><p>�Fass den Baum an!�, verlangte sie.</p><p>Es war ein Spiel, das wir in unserer kurzen gemeinsamen Kindheit zu spielen pflegten, ehe Eaton Mr�Black angewiesen hatte, uns voneinander zu trennen. Indem man den Baum ber�hrte, schwor man feierlich, die Wahrheit zu sagen. Gereizt schickte ich mich an, den Fu� in den Steigb�gel zu stellen.</p><p>Sie stie� einen Schrei aus. �Verlass mich nicht auf diese Weise, Tom�, rief sie und packte mich am Arm. Ich stolperte zur�ck, warf sie beinahe um, und wir lagen einander in den Armen. �Ich werde dich immer lieben, was auch geschehen wird�, sagte sie.</p><p>Ich k�sste sie. �Ich werde dich immer lieben, was auch geschehen wird�, wiederholte ich.</p><p>Ich ber�hrte den Baum, und sie legte ihre Hand auf meine. Als Eaton mein Pferd festhielt, damit ich aufsteigen konnte, pfiff er leise.</p><empty-line/><p>N�chtlicher Regen hatte etwas von dem Gestank fortgewaschen, und immer wieder kam stellenweise die Sonne durch, als wir hinunter nach Aldgate galoppierten. Ich empfand eine pl�tzliche Aufwallung von Gl�ck. Ich hatte keine Ahnung, was mich auf dem vor mir liegenden Weg erwartete, und ich scherte mich auch nicht drum, denn ich hatte das Gef�hl, die Antwort auf alles zu haben. In diesem Moment k�mmerte ich mich nicht einmal mehr um die Worte, die die Welt ver�ndern w�rden. Es gab eine gro�e Sache, die sich nicht zu �ndern brauchte. Und die sich niemals �ndern w�rde. �berall sah ich Liebe: in einer Mutter, die ein weinendes Kind tr�stete, in einem Mann, der mit einem M�dchen scherzte, das �pfel verkaufte; selbst in einem alten Mann und einer alten Frau, die sich zankten, wie sie es vielleicht schon seit Jahren taten. Die graue Stute schien meine Stimmung aufzunehmen, ihre Unrast legte sich, als ich sie t�tschelte.</p><p>�Habt Ihr das M�dchen gev�gelt?�</p><p>Ich tat, als h�tte ich Eaton nicht geh�rt und dr�ngte die Stute voran, doch Eaton �berholte mich mit vollendeter Leichtigkeit. Seine Narbe zuckte wieder und schien zu l�cheln, bis sie zeitweilig in seiner Wange verschwand. �Also nein. Habe mir schon gedacht. Ich kannte auch einmal eine solche Frau.�</p><p>Erstaunt starrte ich ihn an. Nie zuvor hatte er Gef�hle f�r irgendeine Kreatur gezeigt, f�r Frauen zuallerletzt. �Stolz�, fuhr er fort, die Lippen schmal, den Blick starr gerade aus. �Sie wollen dich und niemanden sonst. Sie wollen dich, aye, und das ist sehr gut, aber diese Sorte will dich, wie ein Mann ein Weib will, und das ist schlecht, sehr schlecht. Unnat�rlich.� Er fiel in Schritt, als ein Trupp der B�rgergarde die Stra�e nach Lothbury kreuzte, vorneweg wehte die Sturmfahne <emphasis>Gott ist mit Uns�� wer kann gegen Uns sein?</emphasis></p><p>�Ihr habt recht getan, ihr nichts zu erz�hlen. Aber macht nicht den Fehler, sie nicht zu nehmen, Mr�Tom. Sie ist reif wie die �pfel am Baum. Schiebt es nicht zu lange auf. Pfl�ckt sie jetzt�� bevor sie erf�hrt, dass sie Euch nicht heiraten kann.� Er bedachte mich mit einem l�sternen Grinsen.</p><p>Er widerte mich an. Ich war kein Puritaner. Wenn Luke oder Will solche Dinge gesagt h�tten, w�re es etwas anderes gewesen. Doch es war, als h�tte er meine hoffnungsfrohe Stimmung genommen und sie in den Dreck geschleudert, den die Pferde um unsere Stiefel herum aufwarfen. Brutal gab ich der Stute die Sporen und l�ste damit einen unerwarteten Energieschub bei dem erschrockenen Pferd aus, das vor wenigen Sekunden noch ebenso friedlich gewesen war wie ich.</p><p>Ein paar umherschweifende Soldaten pressten sich gegen die Hauswand, als ich unvermittelt auf sie zu galoppierte. Ich h�pfte und rutschte im Sattel auf und ab, verlor beinahe die Z�gel und bekam sie gerade eben noch zu fassen, als die Stute mit furchterregender Geschwindigkeit um die Ecke in die Broard Street einbog, schnurstracks auf ein paar Marktst�nde zu. Ich schloss die Augen. Das Tier schien entschlossen, �ber die St�nde hinwegzuspringen, wich indes im letzten Moment aus. Eine Frau kreischte. Kinder jauchzten, riefen �Ausrei�er!� und warfen mit Gem�se.</p><p>An der n�chsten Ecke wurde ich erst in die eine, dann in die andere Richtung geschleudert. Ich verlor einen Steigb�gel und dann erneut die Z�gel. Vor mir n�herte sich eine Mietkutsche. Die Bremsen quietschten ohne Unterlass, und ich sah nur noch den zu einem Schrei aufgerissenen Mund des Kutschers. Ich klammerte mich verzweifelt an den Sattel. Ich rutschte. Die Pflastersteine rasten auf mich zu. Eine Hand packte mich und zerrte mich zur�ck in den Sattel. Dann schnappte sie sich die Z�gel meines Pferdes und riss das Pferd seitlich neben die Mietkutsche. Es war nicht gen�gend Platz, um vorbeizureiten, und Eaton zog das sich aufb�umende Pferd nach unten und beruhigte es. Die Kutsche war zum Stehen gekommen, und augenblicklich stieg der Kutscher vom Bock herab und br�llte mich an. Eaton warf ihm einen Blick zu, und der Mann verzog sich murmelnd. Dann wandte er sich mit bebender Stimme an mich.</p><p>�Macht das nie wieder!�, sagte er.</p><p>Ich hatte nicht genug Atem, um ihm antworten zu k�nnen, und kaum genug Kraft, um den Kopf zu heben. Ich hoffe, ich war niemals so hart und grausam zu einem Pferd wie Eaton, aber er war es, der mir auf jenem Ritt nach Poplar beibrachte, wie man ein Pferd lenkte. Ich verga� zu z�hlen, wie oft er mich anbr�llte, die Zehen nach au�en und die Knie nach innen zu drehen, bis ich mich auf unerkl�rliche Weise im Einklang mit den Bewegungen des Pferdes hob und senkte, zeitweilig eins mit diesem Wesen wurde, als bes��e ich seine Beine und seine Kraft. Die Stute hatte eine wei�e Blesse auf der Stirn, und ich fing an, sie Patch zu nennen. Ein naheliegender Name, den m�glicherweise auch der Stalljunge benutzte, da sie sofort darauf reagierte. Nachdem wir der Mietkutsche entronnen waren, hatte ich den Eindruck, wir w�ren nicht l�nger einfach nur Pferd und Reiter, sondern Gef�hrten.</p><p>Direkt vor Poplar erstreckte sich �des, einsames Marschland. Wir ritten in einer Gangart, die ich f�r Galopp hielt, als Eaton pl�tzlich ohne Vorwarnung seinem Pferd die Peitsche gab und davonschoss. Patch setzte ihm nach, wobei sie mich beinahe abwarf. Ich verga� alles, was Eaton mir beigebracht hatte, und klammerte mich an Patch fest. Die Pferde schienen sich einander zu n�hern. Mein Hut flog davon, meine Haare flatterten. Eaton blickte sich �berrascht um, als ich begann, ihn einzuholen. Ich lie� Patch die Peitsche sp�ren. Eaton hatte eine kindliche Wildheit in mir wachgerufen, die ich genau hier, in Poplar, an mir gehabt hatte. Schreiend und jauchzend war ich ebenso ungest�m wie er. Kopf an Kopf flogen wir dahin, bis er allm�hlich langsamer wurde und eine L�nge vor mir zum Stehen kam.</p><p>Er grinste. �Das ist es. Gebt ihr die Peitsche. Zeigt ihr, wer der Herr ist.� Er nahm einen Apfel, den er im Half Moon Court gepfl�ckt hatte, und biss hinein. �Gerade richtig.� Er hielt ihn mir hin. Ich sch�ttelte den Kopf und sah ihn nicht an. Er a� den Apfel, wie er jede Mahlzeit zu sich nahm, als w�sste er nie, wann es das n�chste Mal etwas zu essen gibt. Hin und wieder lachte er, doch ich beendete die Reise in dickk�pfigem Schweigen.</p><empty-line/><p>Eaton hatte zu niemandem Vertrauen, weshalb er nur das N�tigste preisgab, und auch das nur, wenn er musste. Erst als wir uns Poplar n�herten, erz�hlte er mir, was in Matthews Akte stand, die Richard gestohlen hatte. Sie hatten Matthews Spur bis in die Gegend von Oxford verfolgt, wo er sich mehr schlecht als recht als Hellseher und Heiler durchschlug. Lord Stonehouse� Netzwerk aus Spionen und Zutr�gern hatte zwei Briefe abgefangen, adressiert an K B J Ingram, Pfarrer in St.�Dunstan�s Without, denn sie waren in Oxford abgeschickt worden, einer Hochburg der Royalisten. Man glaubte, sie bez�gen sich auf Juwelen, die f�r die Royalisten aus London herausgeschmuggelt wurden, bis Lord Stonehouse die Briefe las und begriff, dass es darin um den Anh�nger ging.</p><p>Soweit Eaton sich erinnerte, hie� es in einem der Briefe, der Anh�nger k�nne nicht zerst�rt werden, da �M�chte dagegen standen�. Er war mit einem roten Kreuz unterzeichnet.</p><p>�Matthews Zeichen�, sagte ich und erinnerte mich an seinen makabren Humor, der ihn seinen Namen mit dem Pestkreuz versehen lie�. �Aber warum schreibt er Mr�Ingram etwas �ber den Anh�nger?�</p><p>�Das hat er gar nicht. Er schreibt an KB, die bei Mr�Ingram wohnt.�</p><p>�KB?�</p><p>�Kate Beaumann.�</p><p>�Kate�� die Gesellschafterin meiner Mutter?�</p><p>�Genau die.�</p><p>Und jetzt war es an ihm, schweigend weiterzureiten.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>25.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Ich zeigte ihm den Weg durchs Moor, hinter St.�Dunstan�s vorbei. Auf Susannahs Grab stand ein Topf mit frischen Wildblumen, Primeln und Sumpfiris. Ich schickte mich an, abzusteigen, doch Eaton packte meinen Arm und deutete auf eine Reihe Armenh�user. Von allen Menschen, die ich je traf, hatte er die sch�rfsten Augen. Ich konnte nichts Auff�lliges entdecken. Die kleinen H�user wirkten ruhig und friedlich. Doch es war ungew�hnlich, dass niemand zu sehen war. Unsere Pferde suchten sich ihren Weg zwischen den Gr�bern hindurch. Als wir zu den H�usern hinunterritten, sah ich, was Eaton aus der Ferne erkannt hatte: aufgew�hlte Erde unter einigen B�umen, wo eine Gruppe Pferde �ber Nacht angebunden war.</p><p>Die T�r zum gr��ten Haus, in dem Mr�Ingram lebte, stand halb offen. Mit der Stiefelspitze stie� Eaton die T�r ganz auf. Der Boden der Diele war mit schmutzigen Fu�abdr�cken bedeckt. Er bedeutete mir, leise zu sein, und spitzte lauschend die Ohren. Au�er dem st�ndigen Rauschen des Windes �ber dem Marschland vernahm ich nichts. Es gab ein kleines Kontor, in dem Mr�Ingram die Gemeindemitglieder empfing. �berall verstreut lagen Papiere, und in einer kleinen Kleiderkammer lagen R�cke und Umh�nge auf einem Haufen.</p><p>Als wir uns der Wohnstube n�herten, nahm ich einen Geruch wahr, der mich an den Brand im Haus meiner Mutter erinnerte. Ehe Eaton mich aufhalten konnte, riss ich mich von ihm los und rannte ins Zimmer. Einige B�cher lagen verstreut auf dem Fu�boden, doch sonst war alles in Ordnung. Dann sah ich im Schlafzimmer nach. Ausgestreckt auf dem Bett, einen Arm an der Seite herunterh�ngend, lag John Ingram. Eaton stie� mich beiseite und hielt sein Ohr an Ingrams Mund.</p><p>�Immerhin haben sie ihn am Leben gelassen�, sagte er. Er zog die Bettdecke fort. Ich wandte mich ab. Wenn das der Preis war, um den Anh�nger zu bekommen, wollte ich ihn nicht haben.</p><p>�Kommt her! Hebt ihn hoch! Wenn Ihr noch nichts Schlimmeres als das gesehen habt, k�nnt Ihr Euch gl�cklich sch�tzen!�</p><p>Ingram war mit dem groben Leinenhemd bekleidet, das er gew�hnlich trug. Darunter war er nackt. An den Fu�sohlen, den Kn�cheln und den Innenseiten seiner Beine hatte er Brandmale. Er hatte sich nass gemacht, und der intensive bittere Geruch vermengte sich mit dem Gestank verbrannten Fleisches, der an ihm haftete. Eaton wirkte unger�hrt angesichts dieses Gr�uels. Doch sein verzweifeltes Verlangen, Ausk�nfte von Mr�Ingram zu erhalten, half dem armen Mann mehr als mein Mitleid. Wir zogen das Bett ab und drehten die Matratze um. Dabei stie� ich mit dem Fu� gegen ein Sch�reisen. Jemand hatte es fallengelassen, als es noch hei� war, denn der Boden, von dem ich es aufhob, war verkohlt. W�hrend ich nach frischem Bettzeug suchte, knirschten meine Stiefel auf erkalteten Kohlen und Asche. Bei diesem Ger�usch schlug Mr�Ingram die Augen auf. Voller Entsetzen blickte er uns an, und Eaton zerrte mich in sein Blickfeld. �Redet mit ihm! Er will keinen h�sslichen Rohling wie mich sehen.�</p><p>Ich versuchte es, aber er schien mich nicht wiederzuerkennen, drehte sich weg, stammelte, er habe uns alles gesagt, was er wisse, bis ihm die Augen zufielen und er erneut das Bewusstsein verlor. Vielleicht sah ich in meinem Lederwams den M�nnern zu �hnlich, die ihn gefoltert hatten. Ich ging in die K�che, um etwas zu finden, das ich ihm geben k�nnte. Es war eine gro�e K�che mit einem Backofen, da sie allen H�usern in der Reihe zur Verf�gung stand. Ich �ffnete einen Schrank. Der kr�ftige Geruch von Gew�rzen stieg mir in die Nase, doch bis auf ein gelbes Pulver fand ich nur wenig. Ich w�nschte, ich k�nnte mich daran erinnern, welche Kr�uter Matthew bei solchen furchtbaren Verbrennungen benutzt hatte. Ich �ffnete die Speisekammer und schreckte zur�ck, als ich eine geisterhafte Gestalt erblickte. Als ich mein Messer z�ckte, stie� sie einen Schrei aus, und ich begriff gerade noch rechtzeitig, wen ich vor mir hatte.</p><p>�Mutter Banks!�</p><p>In der Speisekammer wurde Mehl gelagert, und in ihrer Hast, sich zu verstecken, hatte sie einen Sack umgesto�en, voller Angst, die M�nner w�ren zur�ckgekommen. Ich ging zu ihr, um sie zu umarmen, doch sie wich mit unvermindertem Entsetzen zur�ck. �Ich bin es. Tom!�</p><p>�Ich wei�, wer du bist.�</p><p>�Ich habe Euch f�r einen Geist gehalten.�</p><p>�Ich glaubte, du w�rdest mich zu einem machen�, gab sie bitter zur�ck.</p><p>Sie war kalt und distanziert, ganz anders als beim letzten Mal, als ich sie gesehen und sie mich nach Susannahs Tod getr�stet hatte. Sie sah mich weiterhin an, als sei ich ein Fremder, und als sie Eaton erblickte, musste ich sie anflehen, zu bleiben. Zuerst dachte ich, sie w�rde mich meiner Uniform wegen mit den M�nnern in Verbindung bringen, die hier gewesen waren, aber dann sank mein Mut, als ich begriff, was es war. Sie wich mir aus, genau wie Anne mir vor Jahren ausgewichen war, nachdem Eaton ihr erz�hlt hatte, ich sei ein Pestkind. Sie w�rde mich nicht ber�hren oder auch nur in meine N�he kommen. Als ich es tat, bewegten sich ihre Lippen in einem stummen Gebet. Ich war ein Wesen, das Unheil brachte. Zuerst hatte ich Susannah den Tod gebracht. Und jetzt dies.</p><p>Ich �berredete Eaton, sie allein zu lassen, w�hrend sie John Ingram behandelte. Aus Kr�utern, Seife und Rosen�l stellte sie eine Salbe her und vermischte sie mit Eiwei�. Eaton durchsuchte die Papiere im Kontor, fand indes nichts.</p><p>Ich brachte etwas Ordnung in die winzige Kleiderkammer, hob einen Hut auf, der von einem schmutzigen Stiefel eingetreten worden war. Es war ein spitzer Hut, und es war h�chst unwahrscheinlich, dass Mr�Ingram so etwas jemals tragen w�rde. Daneben lag ein grauer Frauenumhang. Er war kurz, sehr kurz. Kate Beaumann musste in aller Eile aufgebrochen sein, wenn sie ihn hiergelassen hatte. Vielleicht hatte sie die M�nner kommen sehen und war geflohen. M��ig setzte ich mir den Hut auf, schaute mich im Spiegel an und erstarrte. Dann legte ich mir den Umhang um die Schultern. Ich sah genau das, was ich f�r ein Irrlicht gehalten hatte. Es k�nnte auch eine Hexe sein. Genau so eine Gestalt hatte ich als Kind in den Nebelschwaden verschwinden sehen, als ich versucht hatte herauszufinden, wer meinen Kuchen brachte.</p><p>Ich kehrte in die K�che zur�ck und schnupperte an den Gew�rzen und dem safranfarbenen Mehl. Es war noch nicht September, aber trotzdem waren sie da�� alle Zutaten, um einen Osterkuchen zu backen.</p><p>�Vielleicht hat Mr�Ingram ihnen nichts erz�hlt�, sagte ich, als ich zu Eaton zur�ckkehrte.</p><p>�O doch, das hat er.�</p><p>�Woher wollt Ihr das wissen?�</p><p>�Weil sie aufgeh�rt haben. Wir sollten ihm etwas von derselben Medizin verabreichen.� Er klapperte mit dem Feuereisen auf dem Rost. John Ingram schreckte auf, Sirup tropfte von seinem Kinn herab.</p><p>�Nein!�, schrie ich.</p><p>�Ich habe einen Witz gemacht.�</p><p>Dessen war ich mir gar nicht so sicher. Eaton behauptete zwar, er habe ein Gewissen, genau wie jeder andere auch, und wollte dem Mann die Eisen nur zeigen. Was schadete das schon? Er w�rde mit dem herausr�cken, was er wusste und uns eine Menge �rger ersparen. Ich warnte ihn, dass ich, wenn er John Ingram auch nur anr�hrte, auf der Stelle verschw�nde und er keine weitere Hilfe von mir erwarten k�nne. Er war wie ein Topf mit kochendem Wasser, den man vom Feuer genommen hatte und der langsam sprudelnd weiterbrodelte.</p><p>Er tippte sich an den Hut �Sehr wohl, Mylord. Wir werden es also auf den aufrichtigen und ehrlichen Weg erledigen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sehr wohl. Und wie, �h, sieht dieser Weg genau aus?�</p><p>�Ich werde mir etwas ausdenken.�</p><p>�Wie lange wird das dauern?�</p><p>�Ich wei� nicht.�</p><p>Er schob seinen Hut zur�ck, kratzte sich am Kopf und l�chelte. �Sehr wohl. Unterdessen foltert Richard vielleicht Matthew, der Euch wie ein liebender Vater gro�gezogen hat. Findet und zerst�rt wom�glich den Anh�nger.�</p><p>Ich wandte mich ab, aber mit seinen langen Schritten holte er mich bei der T�r ein. �Das sind die Konsequenzen des aufrechten und ehrlichen Weges, Mylord. Nur, damit wir einander verstehen.�</p><p>Seine Narbe pulsierte und hypnotisierte mich. Ich f�rchtete ihn weit mehr, wenn er seine Wut z�gelte und diesen sonderbar l�chelnden Ausdruck annahm. Denn es war, als blickte er mir geradewegs in die Seele und s�he dort Dinge, von denen ich nichts wusste und nichts wissen wollte. Er warf einen Blick auf Ingram, der vor sich hind�mmerte, w�hrend Mutter Banks ihm behutsam den Sirup von den Lippen wischte. Eaton hielt seine Lippen an mein Ohr. �Wenn Ihr den Anh�nger haben wollt, werden wir �blere Dinge tun m�ssen als dies.�</p><p>Ich st�rmte hinaus. Wind kr�uselte das Sumpfgras wie die Wellen auf dem Meer. Er brachte die ersten Regentropfen mit sich, und es schwang etwas darin mit, von dem ich mir stets vorgestellt hatte, es seien die Stimmen der Irrlichter. Der Regen wurde heftiger, lief die Fenster hinunter, durch die ich einen Stapel Gebetsb�cher auf der Fensterbank liegen sah. Ich ging ins Kontor, und dort war es. Der Buchr�cken hatte sich gel�st. Als ich lernte, daraus zu lesen, war es mir nicht so klein und leicht vorgekommen. Eatons sarkastisches L�cheln wurde breiter, als er es sah.</p><p>Ingram schlief oder tat so als ob. Mutter Banks sah mich misstrauisch an, doch das Gebet erstarb auf ihren Lippen, als sie die Bibel sah. Vielleicht glaubte sie immer noch, die Worte seien zu einem Kind gekommen, das nicht lesen konnte. Eaton, da war ich mir sicher, kannte die Geschichte. Ich bem�hte mich, ihn zu ignorieren, als ich das Buch aufschlug und die vertraute Seite fand.</p><p>�Ich bin der gute Hirte���</p><p>�Das Wunderkind ist zur�ckgekehrt.� Der Sarkasmus in John Ingrams Stimme war un�berh�rbar. Seine Augen waren immer noch geschlossen. Ein Siruptropfen gl�nzte auf seiner Lippe.</p><p>Ich erinnerte mich an den Ausdruck der Freude in Susannahs Gesicht. Sie hatte daran geglaubt. Sie hatte ein Wunder daraus gemacht. Wunder waren das, woran man glaubte. �Der gute Hirte gibt sein Leben f�r seine Schafe���</p><p>�W�hrend der Tagel�hner die Schafe verl�sst.� Ingram schlug die Augen auf, bedachte mich mit einem festen, anklagenden Blick und leckte sich den Sirup von den Lippen.</p><p>�Nur, wenn Ihr uns nicht helft�, sagte ich.</p><p>�Dir helfen! Wo du den Wolf mitgebracht hast?�</p><p>�Er ist nicht im Schafspferch! Ich werde daf�r sorgen, dass er drau�en bleibt! Ich schw�re es.� Er wandte das Gesicht ab. �Kate Beaumann hat die Kuchen gebacken, nicht wahr?�, sagte ich.</p><p>Es gab eine lange Pause, in der nichts zu h�ren war au�er dem trommelnden Regen. Ein L�cheln flackerte langsam in Mr�Ingrams Gesicht auf. Eaton schlich davon und kauerte sich vor den erkalteten Kamin.</p><p>�Jedes Jahr zu Michaelis�, sagte Mr�Ingram. �Sie lie� mich schw�ren, es dir nicht zu erz�hlen, aber da du es jetzt ohnehin wei�t��� Er starrte aus dem Fenster in den Regen. �Jedes Jahr zu Michaelis. Ich sagte ihr, es sei die falsche Jahreszeit, dass es ein Wiederauferstehungskuchen sei, den man nur zu Ostern backe, aber sie l�chelte dann immer und sagte: �Das stimmt, Mr�Ingram. Ein Kuchen zur Wiederauferstehung.��</p><empty-line/><p>Inzwischen blies der Wind in heftigen B�en gegen das Fenster. Ingram erz�hlte uns, wie der Pestkarren vor siebzehn Jahren in Poplar ankam. Ein Pestkarren!</p><p>Drei Erwachsene und ein Baby. In einem Pestkarren! Eaton hockte beim Kaminrost und starrte auf das regennasse Fenster, als s�he er den Karren auf den Hof fahren. Es war ein Wetter wie heute, fuhr er fort. Anfang des Winters. Sie h�tten den Karren abgewiesen, aber eine der Reisenden sprach wie eine Dame, obwohl sie genauso gekleidet war wie Matthew und Susannah. Und sie hatte einen Brief von Mr�Stevens dabei, dem Pfarrer in Shadwell in der N�he von Highpoint, wo er, Ingram, einst Vikar gewesen war.</p><p>Eaton fluchte leise. �Ich wusste doch, dass ich Euch zuvor schon einmal gesehen habe.�</p><p>Ingrams Angst vor ihm schien verschwunden zu sein. Eaton hingegen hatte die Furcht vor dem gepackt, was Ingram zu sagen hatte. Zugleich war er jedoch zunehmend begieriger darauf, es zu h�ren. Stevens sei nicht gut auf Lord Stonehouse zu sprechen gewesen, nahm Ingram die Erz�hlung wieder auf. In Highpoint House habe es einen Skandal gegeben, infolgedessen Stevens seines Lebensunterhalts beraubt wurde. Die Dame, Kate Beaumann�� damals nannte sie sich Mrs�Turner�� sagte, in dem Wirbel, der dem Skandal folgte, habe sie gleichfalls ihre Stellung verloren. Lord Stonehouse hatte seine Darlehen zur�ckgefordert und so den Verkauf des kleinen Landsitzes erzwungen, auf dem sie in Stellung gewesen war. Sein Verwalter bekam es, f�r seine Verdienste w�hrend der skandal�sen Vorg�nge.</p><p>Energisch sch�ttelte Eaton den Kopf und sprang auf. �Das ist nicht wahr! Ich��� Er ballte die F�uste, doch er schien eher gewillt, sich selbst zu verletzen, als Ingram zu schaden, und schlug sich selbst in die Seite.</p><p>In ihrem ersten Jahr hier, sagte Ingram, litt sie sehr. Sie sagte, dass ihre Verbindung zu dem Kind sowie die Namen derer, die sie seine Eltern nannte, niemals bekannt werden d�rften, denn damit w�rden sie beide in Gefahr geraten. In der Kirche vollf�hrte sie lange Bu�gebete f�r irgendeine unaussprechliche S�nde, die sie, wie sie sagte, nur Gott allein offenbaren konnte.</p><p>�Nachdem du nach London gegangen bist, Tom�, sagte Ingram, �brachte sie den Kuchen dorthin und wohnte dort bei einer Dame. Als die M�nner gestern kamen, war sie gerade aufgebrochen, um Susannahs Grab zu pflegen. Sie muss sie gesehen und die Flucht ergriffen haben.�</p><p>�Warum hat sie Matthew geschrieben, er solle den Anh�nger zerst�ren?�, fragte Eaton.</p><p>Ingram sah ihn an. �Sie sagte, das B�se stecke darin.�</p><p>Eaton fluchte leise. �Ihr habt Richard Stonehouse nichts von Kate Beaumann erz�hlt?�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Gott sei Dank. Was <emphasis>habt</emphasis> Ihr ihm erz�hlt?�</p><p>�Wo wir die Briefe f�r Matthew hingeschickt haben. Zur Abholung ins Blue Boar in Oxford.�</p><p>W�hrend Eaton hinausrannte, um sich um die Pferde zu k�mmern, verabschiedete ich mich von Mr�Ingram. Er zog mich dicht zu sich. �Erz�hl es ihm nicht, aber einmal sah ich auf einem Brief das Siegel der Dame, bei der sie in London wohnte. Es ist die Countess of Carlisle am Bedford Square. Vielleicht ist Kate dorthin geflohen.�</p><empty-line/><p>Eaton ritt schnell. W�hrend der ersten Meilen schien er sich nicht darum zu scheren, ob ich mit ihm Schritt hielt oder nicht. Selbst als die Pferde m�de und damit langsamer wurden und z�her Schlamm bis zu ihren M�hnen hochspritzte, nahm er kaum Kenntnis von mir und h�llte sich in m�rrisches Schweigen.</p><p>�Das war das erste Mal, dass ich das Wort �Gott� �ber Eure Lippen kommen h�rte�, sagte ich. Verwundert starrte er mich an. �Ihr sagtet, Gott sei Dank wei� Richard nichts von Kate Beaumann.�</p><p>�Habe ich das?�</p><p>Unbarmherzig bohrte er seinem Pferd die Sporen in die Flanken und trieb es wieder zum Galopp an. Wir wurden erst langsamer, als wir uns Aldgate n�herten. Ich hatte geh�rt, dass an den Hauptzug�ngen nach London die Stra�en befestigt und Gr�ben ausgehoben werden sollten. Nichts davon war geschehen, zum Teil aus Sorge, dass der Handel, der bereits ins Stocken geraten war, vollends zum Erliegen k�me. Doch die Wachen waren verst�rkt worden, und man hielt uns auf und fragte zu Eatons wachsendem �rger nach unserem Begehr. Nachdem wir die Stadtgrenze passiert hatten, sah Eaton aus, als wollte er erneut im Schweigen Zuflucht suchen, doch dann drehte er sich im Sattel zu mir um. Seine Augen wirkten wie frische Wunden, als er mich anblickte. Seine Worte sind mir zusammen mit dem sp�ttischen Unterton in seiner Stimme noch frisch im Ged�chtnis, lebhaft wie seine Narbe.</p><p>�Bevor Ihr in jener Nacht geboren wurdet, hatte ich Kate Beaumann gebeten, meine Frau zu werden.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>26.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Eaton hatte ein Treffen mit Turvilles Nachfolger im Seven Stars in der Carey Street vereinbart, einem Gasthaus, das regelm��ig von Advokaten frequentiert wurde, die mit Prozessen und Schuldtiteln zu tun hatten. Wir erreichten den Gasthof am fr�hen Abend. Eaton schickte eine Nachricht an Lord Stonehouse, in der er ihm mitteilte, dass wir mit der Morgend�mmerung nach Oxford aufbrechen w�rden. Nach seinem Eingest�ndnis�� zumindest hatte es sich nach einem Eingest�ndnis angeh�rt�� hatte er nichts mehr gesagt. Ich wei� nicht, ob ich mehr dar�ber erstaunt war, was er mir erz�hlt hatte, oder �ber die Art und Weise, es mir mitzuteilen. Einen Moment lang war er voll Reue und Bedauern gewesen. Nie zuvor hatte ich erlebt, dass er irgendetwas bereut h�tte, es sei denn, es lie� sich in �ckern und Pachtzins bemessen.</p><p>Ich schloss meine Finger um meinen Gl�cksbringer, das Halbkronenst�ck, das ich in der Tasche meines Wamses aufbewahrte. Ob ich recht daran tat, darin einen Gl�ckstaler zu sehen, wusste ich immer noch nicht. Was an dem Abend meiner Geburt auch geschehen war, hatte Ungl�ck und Reue �ber einen immer gr��er werdenden Kreis von Menschen gebracht.</p><p>W�hrend Eaton sich mit dem Advokaten traf, ging ich durch Covent Garden zum Haus der Countess of Carlisle am Bedford Square, wohin sich Kate Beaumann nach Mr�Ingrams Worten m�glicherweise gefl�chtet hatte.</p><p>Als ich die Stufen erklomm, f�hlte ich mich wieder wie der kleine Junge, den man zum Hintereingang schickte, um neben dem Schei�haufen auf eine Antwort zu warten. Mein alter Widersacher Jenkins �ffnete die T�r. Entschlossen, meinen Weg ins Haus zu erzwingen, hatte ich meinen Fu� bereits gehoben, um ihn in die T�r zu stellen, doch er riss sie mit einer �berschw�nglichen Geste auf. Kein Muskel in seinem Gesicht regte sich, als ich erstaunt noch vorn stolperte. Er verbeugte sich.</p><p>�Sie erwarten Euch bereits, Sir.�</p><p>Sie? Erwarteten mich? Er f�hrte mich hinauf in den ersten Stock. Die Decke �ber der Treppe war mit aufw�ndigem Rollwerk mit Blatt- und Bl�tenmotiven gestaltet. Schlie�lich geleitete er mich in einen get�felten Salon. M�glicherweise entsprach es Lucy Hays Sinn f�r Humor, dass auf der einen Seite Portr�ts vom K�nig und seinen Anh�ngern hingen, gemalt von Van Dyck, und auf der anderen Seite um einiges billigere Gem�lde von Lely, die Bedford, Stonehouse und andere Lords zeigten, die das Parlament unterst�tzten. Jenkins k�ndigte mich mit gro�em Genuss und noch mehr Doppeldeutigkeit als den �Gentleman, den Ihr erwartet, Mylady� an.</p><p>Die Countess sa� auf etwas, das f�r mich auf den ersten Blick wie ein Thron wirkte, doch es war lediglich ein dick gepolsterter Sessel mit kunstvoll vergoldeten Armlehnen. Der Elster-Anh�nger, den sie in der Kutsche getragen hatte, funkelte an ihrem Busen. Sie deutete auf einen Stuhl, doch ich glaubte, sie reiche mir ihre Hand zum Kuss und beugte mich vor.</p><p>�Benehmt Euch nicht wie ein Narr�, sagte sie gereizt. Sie sprach wie damals in der Kutsche, als d�rfe sie keine Zeit verschwenden. �Setzt Euch. Ihr habt meinen Brief bekommen?�</p><p>�Nein.�</p><p>Sie hatte ihn zum Half Moon Court geschickt. Ein Brief mit dem Siegel der Countess musste eine Sensation gewesen sein. Ich konnte mir gut vorstellen, wie Mrs�Black ihn Sarah aus den fettigen Fingern riss, ihn ins Licht hielt und schlie�lich deutlich sichtbar auf den Kaminsims stellte, wo jeder Besucher ihn sofort entdecken w�rde. Ich war so hypnotisiert von diesem Gedanken, dass ich zuerst gar nicht merkte, dass sich noch jemand im Raum befand. Mit dem gestutzten Bart sah er aus wie ein lebensgro�es Abbild des abgenutzten Holzschnitts, den wir zusammen mit der Gro�en Remonstranz gedruckt hatten. Doch ich war nicht sicher, ob er wirklich echt war, bis er das Wort ergriff.</p><p>�Jetzt werden wir demn�chst in seinen Skandalbl�ttern auftauchen, Lucy�, sagte er, und dann, als ich weiterhin dastand, als h�tte ich meine Zunge verschluckt: �Ihr seht aus, als h�ttet Ihr einen Geist gesehen.�</p><p>�Ich�� ich hatte jemand anderen erwartet, Mr�Pym.�</p><p>�Den K�nig wom�glich?� Er lachte dr�hnend und deutete auf Lucy Hay. �Ich w�rde mich nicht mit ihr anlegen.�</p><p>�Eine�� eine Dame namens Kate Beaumann�, stammelte ich. �Ich dachte, sie sei vielleicht hier.�</p><p>�Ich w�nschte, sie w�re es�, sagte Lucy, dann zu Mr�Pym: �Dies ist���</p><p>�Ich wei�, wer er ist!� Anders als bei seinen donnernden Reden im Unterhaus, sprach er jetzt mit dem leicht undeutlichen Akzent aus Somerset, von wo er stammte. Er ergriff meine Hand. �Der Mann, der meine Prosa verst�mmelt und mich aus dem House geschmuggelt hat�� Thomas Neave. Oder soll ich lieber Stonehouse sagen?�</p><p>�Neave, Sir.�</p><p>�Nun gut, wir werden sehen.�</p><p>Er sah zu Lucy hin�ber. Sie machte den Anh�nger ab und hielt ihn vor eine Kerze. Er sch�chterte mich ebenso ein wie der andere, wirkte jedoch eher schalkhaft und weniger bedrohlich. Die Elster hatte einen kleinen Haufen winziger Perlen in ihrem emaillierten Nest, vielleicht symbolisch f�r das Ger�cht, das sie an einem Ort aufgeschnappt und zum n�chsten getragen hatte, das Ger�cht, das Mr�Pym gerettet hatte.</p><p>Lucy Hay dr�ckte auf einen Granat an der Seite des Nests, hielt ihn fest und dr�ckte dann auf sein Pendant auf der anderen Seite. Instinktiv zuckte ich zur�ck, als die Elster auf mich zuflog. Im Inneren sah ich das Portr�t eines Mannes, doch sie schloss den Deckel schnell wieder, ehe ich erkennen konnte, wer es war.</p><p>�Ach�, sagte Mr�Pym. �Jetzt werden wir nie erfahren, f�r wen ihr Herz schl�gt.�</p><p>Lucy erkl�rte mir, sie sei am selben Tag bei Hofe eingef�hrt worden wie Frances Stonehouse. Sie waren Freundinnen geworden und hatten dieselbe Art von Anh�nger bei einem italienischen Juwelier bestellt. Durch Frances hatte Lucy Kate Beaumann kennengelernt, die auf dem benachbarten Landsitz lebte. Meine Geschichte hatte sie von Kate erfahren, die glaubte, Frances� Anh�nger sei verlorengegangen. Gleich nach ihrer Ankunft in Poplar hatte Matthew ihr erz�hlt, er habe ihn nie gesehen.</p><p>�Erst k�rzlich fand Kate heraus, dass Matthew gelogen hatte�, sagte Lucy Hay.</p><p>�Weil ich es Euch erz�hlt habe!�, platzte ich heraus. �In der Kutsche! Ich wollte es nicht, aber���</p><p>�Der Junge ist schlau�, sagte Mr�Pym. �Ihr habt recht, wie immer, Lucy. Er k�nnte es schaffen.�</p><p>�Was schaffen?�, fragte ich.</p><p>Er tat meine Frage mit einer Handbewegung ab. �Lord Stonehouse hat dir befohlen, den Anh�nger zu finden?�</p><p>�Ja. Er���</p><p>�Wir wissen, dass er Euch als Erben in Betracht zieht. Auch wir haben unsere Spione. Doch Lord Stonehouse ist�� wankelm�tig. Und es geht ihm nicht gut. Wir k�nnen es uns nicht leisten, dass einer der beiden S�hne ihn beerbt und somit die enorme Macht und der Einfluss des Namens Stonehouse dem K�nig zuf�llt!�</p><p>Jetzt stand er da, als hielte er mit seiner vollt�nenden Stimme eine Rede. Ich war sogar noch eingesch�chterter als durch den Anh�nger. Enorme Macht und Einfluss! Narr, der ich war, hatte ich das nie bedacht. Ich war jemand, der mit den Reden durch die Stadt rannte oder sie setzte. Nicht jemand, der sie hielt. Mr�Pym verstummt. Er stand direkt vor mir und bellte mich f�rmlich an.</p><p>�Angenommen, Ihr erbt tats�chlich. Werdet Ihr uns unterst�tzen?�</p><p>Meine Kehle war so trocken vor Aufregung, dass ein Augenblick verstrich, ehe ich sprechen konnte. �Ja, Mr�Pym�, sagte ich. �F�r Euch w�rde ich alles tun.�</p><p>�Gut! Sehr gut!� Er dr�ckte meinen Arm mit der Gewissheit eines Politikers, als sei alles abgemacht, der Anh�nger so gut wie gefunden und das Erbe gesichert.</p><p>�Angenommen�, sagte Lucy Hay trocken, �er ist kein Stonehouse?�</p><p>Sie verf�gte �ber die bemerkenswerte Begabung, ihn zur�ck auf den Boden zu holen, doch er besa� die nicht minder bemerkenswerte Gabe, es zuzulassen. F�r ihn war Politik ebenso wie Religion lediglich eine Frage des Glaubens.</p><p>�Seht ihn Euch an�, sagte er. Sie gingen beide um mich herum, betrachteten mich aus verschiedenen Winkeln, als sei ich eine Marmorstatue. �Seht Euch diese Nase an. Das Kinn.�</p><p>Lucy Hay hob es an. Ihre Hand war warm, und als sie mich loslie�, hing ein schwerer Duft aus Moschus und s��em Majoran an mir. �Ich gebe zu, alles an ihm sieht aus wie ein Stonehouse, bis auf dieses schreckliche Haar, das hat er von dieser Promenadenmischung, die seine Mutter war���</p><p>�Er ist nicht nur ein Stonehouse, er ist das Kind des alten Mannes�, sagte Pym entschieden.</p><p>�Ihr wollt nur, dass er es ist! Wie k�nnt Ihr das wissen?�</p><p>�Als ich in Highpoint war, habe ich mich verlaufen und fand mich in jenem Fl�gel wieder, der seit dem Tod von Lord Stonehouse� Frau unber�hrt geblieben war. Ich geriet in ihr altes Schlafzimmer. Dort hing ein Portr�t von�� �h, unserem Freund, dem jungen���</p><p>Er hatte meinen Namen vergessen. �Tom�, sagte sie.</p><p>�Tom, ich wei�, dass er Tom ist�, sagte Pym gereizt. �Ein Portr�t von Tom, als er etwa���</p><p>�Ich war zw�lf�, sagte ich. �Und das Bild stammt von Peter Lely.�</p><p>Er schrak leicht zusammen, als h�tte eine Statue gesprochen. �Ihr kennt Sir Peter?�</p><p>�Nur als Modell.� Ich erz�hlte ihm von dem Trick, meinem Botengang zum Rathaus, w�hrend dem er mich skizziert hatte.</p><p>�Wie wart Ihr gekleidet?�</p><p>�Wie ein Lehrjunge.�</p><p>�Seht Ihr!� Triumphierend wandte Pym sich an Lucy. �Lely hat ihn nach der neuesten Mode gekleidet gemalt, Highpoint House im Hintergrund. Ein Hund zu seinen F��en. Verschwenderische Spitze am Kragen und den Stulpenstiefeln. Ein Federhut hat sein rotes Haar komplett verborgen. In den behandschuhten H�nden hielt er einen kleinen Stock. Habt Ihr jemals solche Kleider gesehen?�</p><p>�Nur in meinen Tr�umen�, sagte ich.</p><p>Nur in meinen Tr�umen! Erst, als ich ging, verwirrt, immer noch wie in Trance, erinnerte ich mich an den Vertrag, den ich mit Lord Stonehouse geschlossen hatte. Ich wollte Anne. Und in diesem Moment wollte ich sie so sehr, dass ich beinahe zum Half Moon Court gegangen w�re. Beinahe.</p><empty-line/><p>Als ich zur�ck zum Seven Stars kam, war ich m�de. Eaton war au�er sich und hatte gedacht, ich sei, wie Kate, ebenfalls verschwunden. Er mutma�te, dass ich Anne besucht h�tte, und ich lie� ihn in dem Glauben. Er war ziemlich betrunken, und ich wollte schon in die Kammer nach oben gehen, die er uns f�r die Nacht gemietet hatte, als zwei sp�te Reisende, ein Mann und eine Frau, des Weges kamen. Genau wie ich blickte Eaton der Frau hinterher. Sie trug einen Umhang, war etwa so gro� wie mein Irrlicht und bewegte sich mit derselben flinken Anmut. Doch als sie sich umwandte, um etwas zu ihrem Begleiter zu sagen, sah ich, dass sie viel zu jung war, um Kate Beaumann sein zu k�nnen. Ihrer Gestalt und ihrer dahingleitenden Grazie wegen war ich stehen geblieben und hatte versucht, einen Blick auf ihr Gesicht zu werfen. Eaton empfand genau denselben hungrigen Drang, ihr Antlitz zu sehen. In dem Moment, in dem jeder von uns einen kleinen Stich des Bedauerns versp�rte, dass es sich bei der Frau nicht um Kate Beaumann handelte, trafen sich unsere Blicke. Abrupt wandten wir uns von einander ab, wie zwei M�nner, die entdecken, dass sie dasselbe geheime Laster teilen. Es war diese Entdeckung, im gleichen Ma�e oder sogar noch st�rker als seine Trunkenheit, die Eaton zum Reden brachte.</p><p>Er sa� so dicht am Feuer, dass seine Stiefel zu versengen begannen. Mich blickte er nie an. Es war, als spr�che er zu sich selbst, als zupfte er sich lang verkrusteten Schorf von einer Wunde. Er erz�hlte mir�� oder besser dem Feuer�� dass er, als Lord Stonehouse� Geldeintreiber, �berall auf den riesigen L�ndereien gehasst wurde, von Edgehill im Osten bis Grey Horse im Westen. Er genoss es. Es erleichterte seine Aufgabe. Angst war ein gro�artiger Anreiz, um die Menschen dazu zu bringen, ihre Pacht zu zahlen. Tagel�hner und sogar einige der wohlhabenderen Freibauern drohten ihren ungehorsamen Kindern damit, dass der Schwarze Reiter sie holen w�rde. Er genoss es, sie schreien zu h�ren und zu sehen, wie sie davonrannten, um sich zu verstecken, sobald er sich einem Bauernhof n�herte. Er brauchte keine Gesellschaft, lebte allein in der H�tte des Verwalters.</p><p>Eines Tages war er in Earl Staynton, dort, wo Stonehouse� L�ndereien an den Besitz der Pearces grenzten und wo Margaret Pearce mit ihrem kranken Vater und ihrer Gesellschafterin Kate Beaumann lebte. Die Pearces waren eine alte Familie, deren L�ndereien einst noch gr��er gewesen waren als jene von Lord Stonehouse, doch sie war im Niedergang begriffen. Wilddiebe streiften ungehindert durch Rowan Wood, um dessen Besitz sich die beiden Familien stritten. Eaton stellte Fallen auf. Beinahe erwischte er einen fl�chtenden Wilderer, doch sein Eifer, seiner habhaft zu werden, lie� ihn in seine eigene Falle tappen.</p><p>Die eisernen Z�hne bissen sich durch das Leder seiner Stiefel. Zuerst war er erboster �ber den entwischten Wilddieb als �ber den Schmerz, bis der feststellte, dass er die Falle nicht selbst entfernen konnte und Blut verlor. Es war Kate Beaumann, die am Rande der L�ndereien der Pearces entlangwanderte und sein Rufen h�rte, das eher wildesten Verw�nschungen als Hilfeschreien glich.</p><p>Als Kate ihn fand, war der Schmerz bereits unertr�glich, und er war nahe davor, die Besinnung zu verlieren, was ihm nie zuvor in seinem Leben passiert war. Er hielt es f�r Pech im Ungl�ck, dass eine Frau ihm zur Hilfe eilte, doch sie nahm nach seiner Anweisung das Ritzel heraus und schaffte es anschlie�end, mit einem kr�ftigen Holzscheit die Klemmbacken aufzustemmen.</p><p>Mehr als einen Monat brauchte er, um zu genesen, und w�hrend dieser Zeit besuchte sie ihn zusammen mit Margaret Pearce. Er war unwirsch und undankbar, denn er hatte keine Sprache, um Dankbarkeit auszudr�cken. Doch als er seine Arbeit wieder aufnahm, schlug er Lord Stonehouse vor, Rowan Wood zwischen den beiden Landsitzen aufzuteilen. Margaret Pearces Vater starb. Zum ersten Mal herrschte eine Zeitlang Frieden zwischen beiden Familien. Zwischen Margaret und Lord Stonehouse und seinen beiden S�hnen entwickelte sich eine Freundschaft.</p><p>Wasser war auf dem verwahrlosten Land der Pearces schon immer ein Problem gewesen. Es war Kate, die Eaton wegen einer versiegten Quelle um Rat fragte. Er humpelte von ihr fort, denn er hatte sich das Bein gebrochen, und es stellte sich heraus, dass es nur schwer heilte. Er h�hnte, dass er immer gewusst habe, dass sie eine Belohnung erwarte, weil sie ihn aus der Falle befreit hatte. Ihre Antwort bestand darin, dass sie ihm f�r seinen Fu� eine Salbe von Matthew Neave brachte, dem Lenker des Pestkarrens, von dem allgemein bekannt war, dass er ein Hellseher war und zudem die Gabe besa�, mit Kr�utern zu heilen. Als sein Fu� kr�ftig genug war, stieg Eaton die H�gel hinter Earl Staynton empor, entdeckte den Felsrutsch, der die Quelle blockierte, und legte sie wieder frei.</p><p>Als Kate kam, um ihm zu danken, bestritt er jegliches Wissen dar�ber. Von diesem Moment an wurde ihre Beziehung, auch wenn er es nicht so nannte, inniger. Eines Tages im Sommer 1625, diesem entsetzlichen Sommer, als die Sonne von einem kupferblauen Himmel herunterbrannte und die Pest in Oxford w�tete, fragte sie ihn, ob er einen Pfarrer kenne, der heimlich eine Ehe schlie�en w�rde. Eaton kannte viele Geheimnisse, was genau der Grund war, weshalb sie ihn gefragt hatte, doch das waren alles Geheimnisse, die er den Menschen entrissen hatte. Nie zuvor hatte ihm jemand, und schon gar nicht jemand wie Kate, freiwillig etwas anvertraut.</p><p>Sein erster Gedanke war, dass es Margaret betreffen m�sse, doch Kate bestritt dies. Auf jeden Fall hatte jetzt, wo Margarets Vater tot war, niemand mehr Einfluss auf sie. Kate sagte, die Auskunft sei f�r einen Freund. Misstrauisch gegen alles und jeden, stellte Eaton Nachforschungen an. Er konnte keinen solchen Freund entdecken. Dann d�mmerte es ihm, dass er selbst dieser Freund sein k�nnte. Er lachte �ber diese Vorstellung. Eher w�rde sie seinen Hund heiraten! Abgesehen davon hatte er niemals das leiseste Verlangen versp�rt, irgendjemanden zu heiraten. Doch er, der normalerweise tief und fest schlief, musste feststellen, dass er keinen Schlaf mehr fand. Unabl�ssig sah er ihr ehrliches, beinahe mildes Gesicht vor sich, auf dem gew�hnlich ein L�cheln lag, egal welche Kr�nkungen er ihr grunzend entgegenschleuderte.</p><p>Er gab sich keinen Illusionen �ber sich hin. Er war grob und ungehobelt, aber er war zu Geld und Besitz gekommen. Er begann sich zu waschen und mehr wie der wohlhabende Mann zu kleiden, der er war. Er erz�hlte ihr, dass Reverend Mark Stevens in Shadwell verschuldet sei und ihr jeden Dienst erweisen w�rde, den sie verlangte, ohne Fragen zu stellen. Sie war dankbar, sprach indes nicht weiter dar�ber. So war ihr Umgang miteinander. Unter dem Deckmantel einer harmlosen Bemerkung wurde eine Bitte ge�u�ert, die der andere ohne weitere Diskussion erf�llte.</p><p>Er war �berzeugt, dass Kate jemand anderen heiraten w�rde und es unbedingt vor Margaret Pearce geheim halten wollte, die so sehr auf ihre Gesellschafterin angewiesen war, dass sie ihr jedes Hindernis in den Weg legen w�rde. Ja, das musste es sein! Er war ein Narr gewesen, zu glauben, dass sie ihn auch nur ansehen k�nnte! Doch seine Gef�hle f�r sie qu�lten ihn. Er musste die Wahrheit wissen! Ein Dutzend Mal rang er mit sich, um mit ihr dar�ber zu sprechen. Die Worte kamen ihm nicht �ber die Lippen. Er konnte �ber Hunde reden. �ber Falken. �ber durchtriebene, l�gnerische P�chter. Aber �ber Liebe?</p><p>Es war das erste, und ich glaube das einzige Mal, dass ich dieses Wort aus seinem Mund h�rte. Ich wei� nicht, was mich mehr �berraschte: das Wort oder die Feststellung, dass seine Augen im flackernden Kerzenlicht feucht gl�nzten. Das Feuer war heruntergebrannt, die Asche knisterte leise im Kamin. Im fernen Stall wieherte ein Pferd, als die T�ren f�r die Nacht verriegelt wurden.</p><p>Margaret Pearce brachte es schlie�lich ans Licht. Eatons Ver�nderung fiel ihr auf, und sie sagte, er m�sse eine geheime Liebe haben. Niemand au�er Margaret Pearce konnte auf diese Weise mit ihm�� oder Lord Stonehouse�� reden. Sie war so sch�n und sagte es mit so ernster Besorgnis, ohne einen Blick auf Kate zu werfen, dass er die Flucht ergriff. Kate folgte ihm, und in seiner Pein und Verwirrung brachen seine Gef�hle aus ihm hervor. Beinahe floh er erneut, doch sie hielt ihn zur�ck. Sie sagte, sie f�hle sich durch seine Worte geschmeichelt und dass er viele Qualit�ten habe, die er vor sich selbst leugne. Sie brauche Zeit, um �ber das nachzudenken, was er gesagt hatte. Er wusste nicht, was sie mit Qualit�ten meinte oder wie er etwas vor sich selbst leugnen sollte, wenn er es ernsthaft wollte. Aber er war �berw�ltigt, dass sie ihn nicht kurzerhand weggeschickt hatte.</p><p>Er schwieg lange, starrte in die sterbende, langsam in sich zusammenfallende Glut. Die Kerze war heruntergebrannt, und ich sa� in vollkommene Dunkelheit geh�llt. Ich kam mir vor wie ein Eindringling, zusammengekauert auf einem Schemel, die Beine steif nach einem Tag auf dem Pferd, bis ich einen Krampf bekam und gezwungen war, mich zu bewegen. Aufgeschreckt sah er sich um, als h�tte er vollkommen vergessen, dass ich da war. Ich f�rchtete, er k�nnte die Geschichte nicht beenden, und fragte: �Was geschah dann?�</p><p>Er blitzte mich an. �Du bist geschehen! Im gro�en Haus brach die H�lle los! Deine Hure von einer Mutter hat dich zur Welt gebracht! Keine Ahnung, wo zum Teufel du herkamst! Was geschehen ist? Ich wei� es nicht! Das ist das Schlimmste. All diese Jahre! Ich habe nie wieder mit Kate gesprochen. Sie nie wieder gesehen. Sie nie wieder gehalten. Nie wieder ber�hrt. Das ist das Schlimmste!�</p><p>Er trat mit den Stiefeln ins Feuer, um die gl�hende Asche auf dem Kaminboden zu verteilen, st�rmte blindlings davon und warf dabei seinen Stuhl um.</p><empty-line/><p>Ich schlief wenig. Die Geschichte seiner Pein l�ste eine ganz �hnliche Unruhe in meinen Gedanken aus. Ich war im Begriff, Anne zu verlassen, und w�rde sie vielleicht nie wiedersehen. Ich konnte nicht fassen, dass ich Pyms Plan so leichthin zugestimmt hatte. O ja, ich w�rde Lord Stonehouse sein. Der bedeutende Peer! Der Adlige des Volkes. Die Probleme des Landes l�sen. Wenn ich fr�her daran gedacht hatte, war es nichts als ein Hirngespinst gewesen. Doch Pym stand im Zentrum der Macht. Es war nicht l�nger nur eine fixe Idee, ein Phantasiegebilde, sondern lag durchaus im Bereich des M�glichen.</p><p>Ich vergrub meinen Kopf im Kissen. Was hatte ich gesagt? Wenn ich ein Peer w�rde, k�nnte ich Anne niemals heiraten. Ich kratzte an einer besonders b�sartigen Wanze, die sie wahrscheinlich f�r die Advokaten, die dieses Haus frequentierten, aufbewahrt hatten und die sich ihren Weg in mich hineinzugraben schien wie diese verderbten Gedanken. Ich sp�rte Annes letzten Kuss, sah sie beim Baum stehen. Versprich mir, dass du zur�ckkommst. Ber�hr den Baum. Ich empfand solch ein brennendes, �berw�ltigendes Verlangen nach ihr, dass ich aus dem Bett sprang. Ich hatte das Gef�hl, jemand w�rde mich beobachten. Einen Moment lang glaubte ich im Halbschlaf, es sei Kate, die, obwohl ich mir dessen gr��tenteils nicht bewusst war, mein ganzes Leben lang �ber mich gewacht hatte.</p><p>Doch in diesem Zimmer, das vom Mondlicht auf unheimliche Weise erhellt wurde, war es nicht Kate, sondern Eaton, der auf der Fensterbank sa�. Ich hatte keine Ahnung, wie lange er schon dort gesessen hatte. Wom�glich hatte ich im Schlaf gesprochen, und er hatte mir zugeh�rt, so wie ich ihm am Feuer zugeh�rt hatte. Was immer wir einander sein mochten, wir waren durch eine gemeinsame Verpflichtung aneinander gebunden. Wir wussten, dass wir niemals Ruhe finden w�rden, bis wir den Anh�nger aufgesp�rt und herausgefunden hatten, was zu den Ereignissen in jener Nacht vor sechzehn Jahren gef�hrt hatte.</p><p>Alles, was er sagte, war: �Es ist hell genug.�</p><p>Er packte unsere Satteltaschen, und mit ein paar Tritten weckte er den Stalljungen. Bis auf den gelegentlichen Ruf des Nachtw�chters, der die Zeit ausrief, war es still, und wir ritten durch die vom Mond beschienenen, leeren Gassen, bis wir die Stra�e Richtung Westen erreichten.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>Teil II</p><p><strong>Highpoint</strong></p><p><emphasis>September/Oktober 1642</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p><strong>27.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Ehe es d�mmerte, waren wir aus London heraus und hatten das Dorf Chiswick hinter uns gelassen. Als die Sonne �ber den gr�nen Feldern aufging, hob sich meine Stimmung mit jedem Atemzug der guten Luft. Lord Stonehouse hatte auf Eatons Nachricht geantwortet und ihn angewiesen, Highpoint House als Ausgangspunkt f�r die Suche nach Matthew zu nehmen. Das Haus lag strategisch g�nstig n�rdlich von Oxford, und Lord Stonehouse schrieb, dass er Wills Einheit der B�rgerwehr befohlen habe, in Chipping Norton zu uns zu sto�en, drei�ig Meilen von Highpoint entfernt. Dies, so schrieb Lord Stonehouse, �sei sowohl der Absicht des Parlaments zutr�glich und dergleichen meinem eigenen sehnlichen Wunsche, des Anh�ngers habhaft zu werden�.</p><p>Man erwarte, dass der K�nig �voll Zuversicht aus Shrewsbury k�me�, schrieb er, um auf London zuzumarschieren. Der Earl of Essex, der Kommandeur des Parlaments, hatte London nach einer gewaltigen Abschiedsfeier seiner B�rger am 9.�September verlassen, begleitet von ernsten Gebeten und gro�em Applaus, mit dem Befehl, den K�nig gefangen zu nehmen. Sobald er nicht mehr in den F�ngen seiner b�sartigen Ratgeber w�re, w�rde er die Weisheit in den Ma�nahmen des Parlaments erkennen, und im K�nigreich w�rden wieder Frieden und Wohlstand einkehren.</p><p>Und was f�r ein K�nigreich! Ich war nie zuvor auf dem Land gewesen. Erst jetzt begriff ich, dass Poplar, mit seiner Hauptstra�e aus Fachwerkh�usern, mit den schmalen Giebelfassaden und dem trostlosen Marschland, alles M�gliche war, aber kein Land. Voller Ehrfurcht blickte ich �ber ein h�geliges Feld nach dem anderen, auf denen die Stoppeln abgebrannt wurden und der Boden vor dem Winterfrost umgegraben wurde. Ich sah ein Reh�� Eaton musste mir erkl�ren, um was es sich handelte��, das aus der Deckung am Waldrand hervorbrach.</p><p>Beim Anblick all dessen schwoll mir das Herz in der Brust, und an diesem ersten Tag, bei unserem ersten Halt, ehe wir Brot und K�se brachen, schickte ich ein inbr�nstiges Gebet zu Gott und dankte ihm daf�r, dass er mir diesen bescheidenen Platz im gro�artigen Unterfangen des Parlaments einger�umt hatte. Eaton, der sagte, dass er es mit dem Beten nicht so habe, kaute still an seinem Brot und beobachtete das Wetter. Ich h�tte ewig dort verweilen und die s��e Luft einatmen k�nnen. Zum ersten Mal begriff ich, dass ich mein Leben lang nichts als Kohle und Gestank eingeatmet hatte. Ich wandte mein Gesicht der Sonne entgegen, doch Eaton sa� bereits wieder auf dem Pferd und meinte, dass wir besser zusehen sollten, damit wir vor dem Regen noch ein St�ck vorank�men.</p><p>�Gott hat uns gutes Wetter geschickt�, protestierte ich.</p><p>�Den V�geln hat er aber nichts davon gesagt�, erwiderte Eaton.</p><p>Wir kamen an den Rand eines Waldes, und die V�gel waren verstummt. Die V�gel behielten recht. Die ersten Tropfen fielen mit dieser erbarmungslosen Beharrlichkeit, die Eaton verriet, dass der Regen den ganzen Tag anhalten w�rde. Am sp�ten Nachmittag ritten wir auf eine unheilvolle, dunkle Wolkendecke zu, die sich von Westen n�herte. Die Stra�en waren mit Schlagl�chern �bers�t und von einer Schicht aus Schlamm und Steinen bedeckt, die von den marschierenden Truppen und den Fuhrwerken von Tross und Artillerie aufgew�hlt worden waren. Dazu kamen die Hinterlassenschaften und die aufgew�hlte Erde der Rinder- und Schafherden, die zur Verpflegung hinter den Truppen hergetrieben wurden.</p><p>Zwischen �berh�ngenden B�umen passierten wir eine Kolonne Parlamentssoldaten, die einen Psalm sangen: �Die Heiligen sollen fr�hlich sein und preisen und r�hmen���</p><p>Es war ein Psalm, den wir oft in Moorfield gesungen hatten, wenn die �bung der B�rgergarde vorbei war. In bester Stimmung fiel ich ein: ���und sie sollen scharfe Schwerter in ihren H�nden haben���</p><p>Es knackte, und ein Schauer von Holzsplittern ging �ber den M�nnern nieder. Am Wegesrand lag ein Holzstapel, und ich glaubte, jemand w�rde ihn zerhacken. Alle sangen voll Begeisterung weiter: ���ihre K�nige zu binden mit Ketten und ihre Edlen���</p><p>Ein weiteres Knacken, und ein Soldat vor mir kippte gegen seinen Kameraden. Erstaunt starrte ich ihn an. Was ich f�r Holzsplitter gehalten hatte, waren gesplitterte Knochen. Seine halbe Schulter fehlte, und sein Arm war ein Wirrsal aus verst�mmeltem Fleisch und dem Leder seines Wamses. Die Kugel hatte ihn herumgeschleudert, genau vor mein sich aufb�umendes Pferd, und einen Moment lang starrte der Mann verst�ndnislos auf seinen Arm, der von den �berresten seiner Schulter herunterhing. Es ert�nte der entsetzlichste animalische Schrei, den ich je geh�rt hatte. Ich glaubte, er k�me von dem Pferd, doch dann sah ich, dass er aus dem Mund des Mannes kam.</p><p>Ich bin sicher, dass die Truppe, genau wie ich, noch nie zuvor ein Gefecht erlebt hatte. Der vordere Teil der Kolonne marschierte immer noch singend weiter, w�hrend die Nachhut um Hilfe rief. Der Offizier, ein Eisenwarenh�ndler, den ich vom �bungsplatz wiedererkannte, schrie: �Formieren! Formieren!�, und deutete auf die Stelle, von der die Sch�sse gekommen waren. Doch darauf hatten die Cavaliere nur gewartet. Als der Parlamentstrupp losrannte, um au�erhalb des Waldes in Stellung zu gehen, wurden die M�nner von einer Gruppe Dragoner niedergeritten, die sie von hinten angriffen und mit gez�ckten Schwertern schrien: �F�r Gott und K�nig!�</p><p>Ich zog mein Schwert und versuchte gerade, Patch im aufgew�hlten Schlamm wenden zu lassen, als Eaton ihr einen Peitschenhieb versetzte. Sie machte einen Satz nach vorn und warf mich beinahe ab. Ich schaffte es gerade noch, mich auf dem Sattel zu halten, w�hrend sie davonpreschte. Als ich sie endlich wieder unter Kontrolle hatte, peitschte Eaton sie erneut, bis wir offenes Land erreichten und die Schreie und Rufe nicht l�nger zu h�ren waren.</p><p>�Feigling!�, schrie ich in an. �Ihr habt mich dazu gebracht, sie im Stich zu lassen�� sie sterben zu lassen.�</p><p>�Wir m�ssen uns um unsere eigenen Angelegenheiten k�mmern�, sagte er.</p><p>Zornestr�nen brannten mir ihn den Augen. �Die Angelegenheit des Parlaments <emphasis>ist</emphasis> unsere Angelegenheit. Das sind unsere Kameraden, in Gottes Namen!�</p><p>�Ihr m�gt vielleicht ein Roundhead sein�, sagte er kurz angebunden, �aber ich sorge mich nur um meinen eigenen Kopf. Und wenn Ihr schon Psalmen singen m�sst, dann senkt wenigstens Eure Stimme. Vielleicht kann Gott sie h�ren, aber die Cavaliere k�nnen es auch.�</p><p>Ich war so verbittert und w�tend, dass die Worte �ber meine Lippen waren, ehe ich sie zur�ckhalten konnte. �Ihr seid eine traurige, einsame, gottlose Kreatur, und ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine Frau Euch jemals lieben k�nnte.�</p><p>Er biss sich auf die Lippen, trieb sein Pferd voran und sagte kein Wort mehr. Es war, als h�tte ich sein Vertrauen missbraucht, in dem ich es �berhaupt erw�hnt hatte. Ich wollte ihm nachreiten und mich entschuldigen, doch dann gl�hte ich vor Scham und Wut, weil ich meine Kameraden im Stich gelassen hatte. Ich begann zu ihnen zur�ckzureiten, hielt dann aber inne, aus Angst, den Cavaliere in die Arme zu laufen. Als ich endlich kehrtmachte, um Eaton zu folgen, war er beinahe au�er Sichtweite. Die ganze Zeit erwartete ich, dass er zur�ckblicken w�rde, doch das tat er nicht. Schlie�lich hob sich meine Stimmung. Es war ein gutes Gef�hl, frei zu sein, ohne seine m�rrische beobachtende Gegenwart.</p><p>Allm�hlich wurde es kalt und dunkel. Ich gelangte zu einem kleinen Bauernhof und bat um ein Nachtlager, doch der Bauer jagte mich mit einer Mistgabel und einem z�hnefletschenden Hund davon und sagte, er wolle keine weiteren Gutscheine. Mit Gutscheinen k�nne man kein Brot bezahlen!</p><p>Ich entdeckte, dass die Menschen, wo immer auch ihre Sympathien liegen mochten, die Grenze der Belastbarkeit bereits erreicht hatten. Sie wurden gezwungen, Soldaten bei sich einzuquartieren, gegen Gutscheine, die in vielen F�llen noch wertloser waren als Schuldscheine, und obwohl ich Geld hatte, vertraute mir niemand. Bis auf die Haut durchn�sst, lockte mich der warme Kohlenmeiler eines K�hlers, doch als ich merkte, wie der Mann und sein Sohn mein Pferd und Gep�ck be�ugten, zwang ich mich, weiterzureiten. Meine neuentdeckte Liebe f�r das Land verwandelte sich in Furcht. Es war so dunkel wie in Mr�Blacks Keller, nur dass das Rascheln und die Schreie nicht von Ratten stammten, sondern von W�lfen oder Geistern. Mein Pferd strauchelte. Ich hatte mich hoffnungslos verirrt. Mehr als alles andere war es meine Stadtnase, die mich schlie�lich rettete. Tabakgeruch f�hrte mich zu einer Ansammlung von Geb�uden, die sich als der Au�enbezirk von Beaconsfield entpuppte.</p><p>Eaton wartete Pfeife rauchend vor einem Gasthof. Der Regen schien ihm nichts auszumachen. Es tropfte von jedem Zipfel seines Hutes und Umhangs, w�hrend er h�hnisch zu mir emporblickte. Diese Erwartung, dass ich zu ihm k�me, dass ich von ihm abhing, erf�llte mich mit frischem Zorn. Ich trat Patch kr�ftig in die Seiten, doch sie weigerte sich, sich von dem Wasser fortzubewegen, das sie soff. Ich kippte nach vorne, griff halbherzig ins Geschirr und rutschte langsam vom Pferd. Der Stallbursche fing mich auf, als ich ersch�pft zusammensank.</p><p>Eaton blickte auf mich herunter und zog paffend an seiner Pfeife. �Versucht es ruhig woanders, wenn Ihr wollt. Man wird Euch nicht einlassen.�</p><p>Ich schnauzte ihn an, ich sei nicht hungrig, aber der Duft eines Eintopfs d�mpfte meinen Stolz. Nie zuvor oder danach habe ich so fest geschlafen. In der D�mmerung weckte er mich, beim erbarmungslosen Prasseln des Regens. Meine Kleider waren warm, aber immer noch feucht.</p><p>Wir schafften nicht mehr als ein Dutzend Meilen am Tag, manchmal weniger. Von beiden Seiten wurden wir beschossen. Es ist kaum zu glauben, aber in diesen ersten Tagen, und selbst sp�ter noch, wusste man nie, wer vor einem stand, ob Freund oder Feind. Wenn sie Uniformen trugen, geh�rten sie einem Regiment an, doch das half nur wenig, wenn man sich in Schussweite befand und nicht wusste, ob sich der Regimentskommandeur f�r den K�nig oder das Parlament erkl�rt hatte oder�� wie es gar nicht so selten vorkam�� mehrmals die Seiten wechselte. Nachdem eine Musketenkugel mir den Hut weggerissen hatte, hielten wir uns an die allgemein �bliche, durch Mundpropaganda �berlieferte Sitte und trugen fortan die orangefarbenen Halst�cher der Roundheads, in der Hoffnung, dass wir zumindest nur noch vom Feind beschossen w�rden. Die Cavaliere trugen rote T�cher.</p><p>In den Gasth�usern entlang der Strecke erfuhr Eaton durch das Spionagenetz der Stonehouses die letzten Neuigkeiten. Essex hatte sich erfolgreich mit den Midland-Streitkr�ften in Northampton vereint, aber viele M�nner in seinen Truppen waren unge�bte Freiwillige, schlecht gen�hrt, unbezahlt und am Rande der Meuterei, bis frische Geldmittel aus London eintrafen. Zun�chst hie� es, der K�nig sei in Shropshire, dann in Worcester.</p><p>Ich weigerte mich, Eaton zuzuh�ren, wenn er sagte, niemand w�sste, was er t�te, und erwiderte hitzig, dass Essex ein Veteran des Holl�ndischen Krieges sei. Es mochte angehen, dass Prinz Rupert, der Vetter des K�nigs und gef�rchteter Kommandeur der Kavallerie, ein oder zwei Scharm�tzel gewonnen h�tte, solche wie jene, deren Zeugen wir geworden waren. Aber wenn die Streitkr�fte des Parlaments sich erst zusammenschl�ssen, w�rden sie die Royalisten mit ihren Piken aufspie�en!</p><p>�Wenn sie sich jemals finden�, sagte Eaton.</p><p>Es stimmte, dass es so gut wie keine Landkarten gab. Wegweiser, wenn sie denn existierten, wurden entfernt oder umgedreht, um den Feind zu verwirren. Bei dem Wetter und mit den sporadischen K�mpfen brauchten wir beinahe eine Woche, um nach Oxford zu gelangen, anstelle der zwei Tage, die Eaton veranschlagt hatte. Die Stadt war angeblich immer noch �ngstlich neutral; die Universit�t stand r�ckhaltlos auf Seiten des K�nigs, die B�rger hingegen waren mehrheitlich f�r das Parlament. Es hatte aufgeh�rt zu regnen, doch auf der Christ Church Meadow standen Wasserpf�tzen. Ehrf�rchtig starrte ich auf das, was ich f�r die Turmspitzen von Kirchen und Kathedralen hielt und sagte, dies m�sse ein sehr gottesf�rchtiger Ort sein.</p><p>Eaton lachte. �An diesem Ort gibt es mehr S�nder als Heilige. Das sind die Colleges, die St�tten der Gelehrsamkeit�, sagte er sarkastisch. �Dort ist Magdalen, wo Richard Stonehouse das Spielen lernte.� Er zog seinen Hut tiefer und klappte den Kragen hoch. Ich fand, dass er so noch auff�lliger aussah, obwohl die Krempe nun seine Narbe verbarg. Aber auch ich klemmte meinen Hut noch fester auf mein rotes Haar. �Ist er hier?�</p><p>�Die Stonehouses sind �berall. Lord Stonehouse hat Teile der Stadt gekauft, die nicht den Colleges geh�ren.�</p><p>Als wir die Wiesen hinter uns gelassen hatten, noch vor der verfallenen Stadtmauer, sah ich es. Die groben roten Kreuze auf dem Flechtzaun waren verblasst, so dass sie kaum noch zu erkennen waren. Doch ich begriff sogleich, um was es sich handelte: an der aufgeworfen Tonerde, die mit wei�en Streifen gekennzeichnet war, und vor allem an der Art und Weise, wie die Menschen diesen Ort mieden. Ich stand ganz still und starrte die Stelle an.</p><p>�Geh�rt ihm die auch?�</p><p>�Die Pestgrube? Die geh�rt den Toten�, sagte Eaton, f�r seine Verh�ltnisse beinahe heiter. �Wenn man Euch dort hineingeworfen h�tte, h�tten wir jetzt nicht diesen ganzen �rger.�</p><empty-line/><p>Wir stellten die Pferde unweit der Pestgrube im Green Man unter, da Eaton meinte, die Stadt sei nicht sicher. Wir nahmen unsere orangefarbenen T�cher ab und begaben uns zu einem Gasthaus in der N�he der Ortsmitte, das Dog and Pheasant, das zu klein und �rmlich war, um einen eigenen Stall zu besitzen. Eaton wollte nicht das Risiko eingehen, dass ich mich in die N�he des Blue Boar wagte, wohin die Briefe f�r Matthew adressiert worden waren, obwohl ich zu bedenken gab, dass ich vermutlich leichter Auskunft erhalten w�rde als er. M�rrisch und verstimmt kehrte er vom Blue Boar zur�ck und sagte, er habe f�r eine Krone Informationen im Wert von vier Penny bekommen. Matthew war weg. Er hatte die Stra�e nach Woodstock und Chipping genommen, in Richtung Highpoint.</p><p>Wir gingen fr�h zu Bett, um, wie er sagte, am Morgen zeitig aufbrechen zu k�nnen. Doch ich hatte weniger als eine Stunde geschlafen, als ich h�rte, wie die �u�ere T�r geschlossen wurde. Sein Bett war leer. Vom Fenster aus sah ich ihn auf die Stra�e hinaustreten. Den ganzen Nachmittag war ich eingesperrt gewesen, und, immer noch w�tend, weil er mich nicht zum Blue Boar mitgenommen hatte, kletterte ich die Stiege hinab, um ihm zu folgen. Es war ziemlich dunkel, und es waren nur wenige Leute unterwegs, als er auf einen Platz zuschritt.</p><p>Voller Entsetzen blieb ich stehen, als ich einen Falken auf mich herabstarren sah. Er war so gro� wie ein Rotmilan und w�re wie ein Stein auf mich gest�rzt, wenn er nicht aus eben diesem Material bestanden h�tte. Anstatt des sonst �blichen Holzschildes diente er als Zeichen f�r einen reichen Gasthof, das Stonehouse Arms.</p><p>Meine Furcht lie� mich in einen dunklen Torweg zur�ckweichen, und das war gut, denn in diesem Moment drehte Eaton sich um und starrte in meine Richtung. Er besa� die Konzentration eines J�gers, Augen und Ohren waren auf jede Bewegung, jedes Ger�usch gerichtet. Ich wagte erst wieder zu atmen, als er sich umdrehte und in eine dunkle Gasse neben dem Gasthof einbog. Ich z�gerte, ihm zu folgen, denn ich f�rchtete, er k�nnte am Ende auf mich warten. Gel�chter veranlasste mich, mich vorsichtig den erleuchteten Fenstern zu n�hern. An einem Tisch, br�llend vor Lachen, entdeckte ich Captain Gardiner. Bei ihm war Richard Stonehouse. Mit den brennenden Kerzen vollf�hrten sie zum Schein einen Schwertkampf. Wachs spritzte �ber das Essen und die Gl�ser, w�hrend sie sich zankten. Ein Mann sa� dabei, nippte an seinem Wein und beobachtete sie mit einer Mischung aus Nachsicht und Widerwillen. Der scharf gebogenen Nase und seinen Augen nach zu urteilen�� obgleich diese teilweise hinter dicken Gl�sern verborgen waren�� konnte es sich nur um Edward Stonehouse handeln.</p><p>Ich rannte. Ich konnte es nicht fassen, dass ich so dumm gewesen war, Eaton zu vertrauen, der sich ohne Zweifel demn�chst zu ihnen gesellen w�rde. Ebenso zweifelsfrei hatte er mir seine Geschichte erz�hlt, um mich zu �berzeugen, dass er�� wie hatte Kate es genannt?�� Qualit�ten hatte, die er vor sich selbst leugnete. Ich rannte schneller als je zuvor in meinem Leben, entschlossen, mein B�ndel zu schnappen und aus dieser Stadt zu verschwinden.</p><p>Der Anblick dieses Trios und der �rger �ber meine eigene Naivit�t hatten mich in derartige Panik versetzt, dass es einige Minuten dauerte, ehe ich begriff, dass ich mich verirrt hatte. Ich kam an den tiefschwarzen Fluss, sah eine Gasse, von der ich �berzeugt war, sie zu kennen, und fand mich erneut am Marktplatz wieder. Alles, was ich besa�, befand sich im Dog and Pheasant�� mein Geld, selbst mein Messer. Der Gasthof war so �rmlich, dass nur wenige Menschen ihn kannten. Diejenigen, die ich fragte, sch�ttelten den Kopf. Ein Betrunkener war �berzeugt, ihn zu kennen, aber dann widersprach er sich st�ndig�� am Hauptplatz m�sst Ihr links gehen, nein rechts, und wenn Ihr an die Stelle kommt, wie war noch gleich der Name des Gasthofs?��, so dass ich ihn verzweifelt stehen lie�. Er folgte mir und schimpfte laut, er w�sste genau, wo es sei. In meiner Verzweiflung beschloss ich schlie�lich, B�ndel hin oder her, die Stadt zu verlassen. Doch genau in diesem Moment erkannte ich den zerfallenen Anleger vor einem Haus wieder. Das Gasthaus befand sich eine Stra�e weiter.</p><p>Dort angekommen, schnappte ich mir mein B�ndel und holte mein Gelds�ckchen aus der Spalte zwischen den Balken, wo ich es versteckt hatte. Ich stopfte es gerade in meine Tasche, als ich h�rte, wie die Haust�r zugeknallt wurde und Eaton den Wirt gr��te.</p><p>Ich holte mein Messer heraus, zog die Bettdecke �ber mich und gab vor zu schlafen. Als er den Raum betrat, h�rte er auf zu pfeifen, und ich zwang mich, regelm��ig zu atmen. Als er sich �ber mich beugte, roch ich seinen Bieratem, und ich packte mein Messer fester. Irgendetwas, eine Wanze oder Laus, begann mein Bein heraufzukrabbeln, aber ich wagte nicht, mich zu r�hren. Zumindest, dachte ich, w�rde er mich nicht t�ten. Er brauchte mich, um den Anh�nger von Matthew zu bekommen.</p><p>Seine Stiefel fielen einer nach dem anderen zu Boden, und wie �blich war er auf der Stelle eingeschlafen. Doch jedes Mal, wenn ich mich erhob, knackten die alten Holzdielen, und ich sp�rte seinen Blick auf mir. In jener Nacht hatte ich das Gef�hl, gar nicht zu schlafen. Gleichwohl erwachte ich, als sich das schwache Licht der Morgend�mmerung durchs Fenster stahl und Eaton, bereits in Stiefeln, sein B�ndel �ber die Schulter geworfen, neben mir stand.</p><p>Die Decke war zur Seite gerutscht. Er blickte auf das Messer, das immer noch neben meiner Hand lag. �Ihr geht wohl kein Risiko ein.�</p><p>Noch im Halbschlaf, wusste ich nicht, ob er wirklich vor mir stand oder eine Gestalt aus einem Albtraum war. Ich riss das Messer hoch. Es blieb in seinem Umhang h�ngen, und mit einem ver�rgerten Aufschrei packte er mein Handgelenk und nahm mir das Messer ab. �Seht Euch meinem Umhang an!�</p><p>Ich h�tte es auf der Stelle mit ihm ausgetragen, aber er hatte mein Messer, das er sich jetzt in den G�rtel steckte. Missmutig starrte ich zu ihm empor.</p><p>�Was ist los, Tom?�</p><p>Ich tat, als sei ich zu verschlafen f�r eine Antwort. Ich konnte ebenso durchtrieben sein wie er. Wenn ich zu meinem Pferd gelangen k�nnte, h�tte ich eine Chance zu entkommen. Er schlug vor, auf dem Weg zu den Pferden bei einem B�cker, den er kannte, etwas zu essen zu kaufen. Ich hob mein B�ndel auf, spritzte mir im Hof etwas Wasser ins Gesicht und folgte ihm durch die ruhigen Stra�en. Bislang war stets ich derjenige gewesen, der randvoll mit Geplapper und Fragen gewesen war, in dem Versuch, sein grimmiges Schweigen zu durchbrechen; nun bombardierte er mich umgekehrt mit Fragen. War ich krank? Hatte er mich auf irgendeine Weise ver�rgert? Ich verharrte in m�rrischem, einsilbigem Schweigen, das seinem in nichts nachstand. Zun�chst war das gar nicht so schwer, denn der Schlaf hing immer noch an mir. In den Gassen war es feucht und d�ster, und in den Stra�en hing ein fahles Grau, als seien einige der Wolken �ber unseren K�pfen zu uns herabgesunken. Die wenigen Menschen, die unterwegs waren, hatten ihre Kragen hochgeklappt und w�rdigten uns keines Blickes.</p><p>Der einzige Mensch, der unverkennbar wach und vollkommen vergn�gt war, war der B�cker. Ich wollte an der B�ckerei vorbeieilen, eingeh�llt in mein Schweigen, doch Eaton ging hinein, um einen Laib Brot und ein kleines Bier zu kaufen. M�rrisch lehnte ich beides ab. Eaton hob eine Augenbraue, denn normalerweise hatte ich einen geradezu be�ngstigenden Appetit. Er zuckte mit den Schultern und setzte sich auf eine Bank drau�en vor der B�ckerei, trank schmatzend sein Bier und erkl�rte, er k�nne die nussige Gerste aus Oxfordshire herausschmecken, die ein Bier zum echten Bier mache, anders als unser Londoner Pisswasser.</p><p>Nichts geht �ber den Duft frisch gebackenen Brotes am Morgen, besonders, wenn man am Abend zuvor nur wenig gegessen hat. Der Brotlaib war so hei�, dass Eaton ihn von einer Hand in die andere warf, als er ihn peinlich gerecht teilte. Der k�stliche aufsteigende Duft machte meinen Mund w�ssrig, und mein Magen zog sich zusammen, doch es war die sp�ttische Art und Weise, wie er das Brot brach, als sei er, gottverlassen wie er war, sich bewusst, dass er das letzte Abendmahl parodierte.</p><p>�Ich werde das Brot nicht mit Euch brechen�, sagte ich.</p><p>Er zuckte erneut mit den Schultern, verstaute den zur�ckgewiesenen Teil sorgf�ltig in seinem B�ndel und verspeiste den anderen ger�uschvoll, mit lautem behaglichem Schmatzen, w�hrend wir weitergingen.</p><p>Es war, als sei ich mitten in einem Albtraum aufgewacht und schritte nun durch ein Gleichnis. Als wir uns der Pestgrube n�herten, schien die aufgehende Sonne blasser und schw�cher zu werden, die H�user wurden zu Bruchbuden und die Bruchbuden zu Brachland, auf dem nichts wuchs. Eaton erblickte einen Karren neben der Grube und bog vom Weg auf den Pfad ab, der zur Grube f�hrte. Als ich ihm nicht folgte, rief er mich zur�ck. Brot und Bier hatten ihn in gro�artige Stimmung versetzt.</p><p>�Wollt Ihr nicht sehen, wovor Ihr gerettet wurdet, Mylord?�</p><p>Ich z�gerte. Ich versp�rte den Drang, davonzulaufen, aber meine Beine schienen sich in Wasser verwandelt zu haben. Eaton erreichte den rohen, mit groben roten Kreuzen beschmierten Zaun. Der Wind trug den bei�enden Kalkgeruch zu mir, doch er gen�gte nicht, um den darunterliegenden Gestank nach F�ulnis und Verwesung zu �berdecken oder die Fliegen fernzuhalten, die den Kopf des Karrenlenkers umschwirrten, als er mehr Kalk nachlegte. Er zog seine M�tze.</p><p>�Mr�Eaton! Habt Ihr etwas f�r mich?�</p><p>Eaton blickte lauernd zu mir zur�ck. �Heute nicht, Bryson. Bisschen sp�t im Jahr.�</p><p>Bryson stimmte zu und erkl�rte, dass es ein schlechtes Jahr gewesen sei, aber langsam w�rde es besser. Fieber breitete sich unter den Truppen aus, und er habe ordentlich zu tun, um sie zu beerdigen. Er ziehe nach Norden, noch hinter Highpoint, wo die beiden Armeen einander umkreisten.</p><p>�Sie sollten lieber anfangen, solange sie noch ein paar M�nner �brig haben�, witzelte er.</p><p>Ihre Unterhaltung verursachte mir �belkeit, doch zur gleichen Zeit empfand ich eine ungeheure, prickelnde Erregung, weil dieser edle Streit, jener Zusammensto�, der Englands Schicksal besiegeln w�rde, kurz bevorstand. Ich beschloss, dabei zu sein und mich hervorzutun oder zu sterben. Wenn ich �berlebte, k�nnte ich das gro�artigste Flugblatt �ber den Krieg schreiben, das je gedruckt worden war! Von diesen �berlegungen angefeuert, wandte ich mich von ihnen ab und eilte davon. Als das Gr�n wieder spross, hinter diesem Leichengrund, erblickte ich das Gasthaus, in dessen Stall wir unsere Pferde untergestellt hatten. Ich hatte keine Ahnung, wo Chipping Norton lag, wo ich Will treffen sollte, doch Gott w�rde mir den rechten Weg weisen.</p><p>Ich h�rte Eaton hinter mir hereilen und beschleunigte meine Schritte. �Tom�� was ist los?�</p><p>In seiner Stimme schwang etwas mit, das ich nie zuvor darin geh�rt hatte: Besorgnis. Aber ich wusste, dass sie ebenso tr�gerisch war wie eine Falschm�nze. Ich blieb so abrupt stehen, dass er fast in mich hineinrannte, und drehte mich zu ihm um. �Ich habe Euch gesehen, wie Ihr letzte Nacht zum Stonehouse Arms gegangen seid.�</p><p>Zu meinem Erstaunen lachte er und gab es bereitwillig zu. In seinem Lachen lag sogar ein Hauch von Erleichterung. �Wusste ich�s doch, dass mir jemand folgte. Ist das alles?�</p><p>�Alles? Ihr seid in ein Gasthaus gegangen, in dem die Br�der Stonehouse und Captain Gardiner �bernachteten!�</p><p>�Ich verstehe.� Er ging ein paar Schritte in tiefes, eindringliches Schweigen versunken. �Und Ihr glaubt, ich w�rde Euch eine Falle stellen, ist es nicht so?�</p><p>�Was soll ich sonst glauben?�</p><p>�Ja, was solltet Ihr sonst glauben? Ihr k�nnt genauso wenig vertrauen wie ich, Tom, und nichtsdestoweniger mag ich Euch daf�r.� Inzwischen hatten wir das Gasthaus erreicht, und er deutete auf die Bank davor, doch ich setzte mich nicht. �Habt Ihr mich das Gasthaus betreten sehen?�</p><p>Ich musste zugeben, dass ich das nicht hatte.</p><p>�Oder mich mit Richard Stonehouse oder Gardiner sprechen sehen?�</p><p>�Nein.�</p><p>Er erkl�rte mir, dass er bei den St�llen gewesen war, um Lord Stonehouse� Spion �ber Richards n�chste Schritte auszuhorchen, damit wir ihnen nicht �ber den Weg liefen.</p><p>�Warum habt Ihr mir nicht gesagt, dass Ihr dorthin geht?�</p><p>�Ihr habt geschlafen. Und ich wusste, dass Ihr so reagieren w�rdet.� Unvermittelt sprach er mit seinem alten Ungest�m, seine barsche Stimme triefte vor Verachtung, doch ob es mir galt oder vielleicht ihm selbst oder dem Leben im Allgemeinen, erfuhr ich nie. �Nachdem ich Crow get�tet hatte und nach allem, was ich �ber Richard gesagt habe, dass er den Familienbesitz ruinieren w�rde, glaubt Ihr tats�chlich, dass ich f�r ihn arbeiten w�rde?�</p><p>�Ja. Wenn Ihr der Ansicht w�rt, er w�rde gewinnen.�</p><p>Seine Narbe pochte, als wollte sie sich auf mich st�rzen. Dann wandte er sich ab, um die Beherrschung nicht zu verlieren. Er riss einen Stock aus der Hecke und schlug sich damit unabl�ssig an die Seite. �Ich glaubte, ich sei die sonderbarste aller Kreaturen Gottes, weil er mich dem Teufel �berlassen hatte, und ich war gl�cklich damit, denn es war sehr einfach. Die Menschen hatten Angst vor mir, und ich wusste, wer ich war.� Er drehte sich um und richtete den Stock gegen mich. �Aber Euch hat er noch sonderbarer gemacht. Er hat Euch zu dem aufrichtigen Tom Neave gemacht oder wer immer Ihr auch seid. Aufrichtig, aber nicht dumm, eine Kombination, die ich nie zuvor erlebt habe.�</p><p>Er schleuderte den Stock fort. �Ihr w�rdet Euch am liebsten davonmachen, was? Dann werdet Ihr das hier brauchen.�</p><p>Er gab mir mein Messer und ging zu den St�llen, wo unsere Pferde bereits gesattelt wurden. Wenn ich aus ihm nicht klug wurde, so wurde ich aus mir selbst kaum kl�ger. W�hrend er in die Schankstube ging, um die Rechnung zu begleichen, h�tte ich einfach entkommen k�nnen, doch jetzt war ich nicht willens, mich von ihm zu trennen.</p><p>Als er aus dem Gasthaus kam, sagte ich: �Ich war dort, wo Kate Beaumann in London gewohnt hat.�</p><p>Er sa� auf und h�rte aufmerksam zu, als ich ihm berichtete, was die Countess mir erz�hlt hatte. Er starrte �ber die braune Landschaft auf die sich windende Stra�e. �Aha. Sie wird vor uns da sein. Danke.�</p><p>Er sagte kein Wort mehr, starrte auf die vor uns liegende Stra�e und h�tte genauso gut allein reiten k�nnen, so wenig sprach er mit mir oder nahm mich auch nur zur Kenntnis. Wir ritten �ber Wiesen und durchquerten einen Fluss, bis wir einen Weg einschlugen, den ich f�r einen alten Gr�nen Weg hielt, einen Viehtreck durch das H�gelland. Mir fiel ein, dass der Schiffszimmerer mir erz�hlt hatte, dass Matthew die Gr�ne Stra�e genommen habe, und pl�tzlich war ich aufgeregt. Genau diesen Weg hoch �ber dem H�gelland musste er vor vielen Jahren entlanggefahren sein, als er mit dem Anh�nger geflohen war. Er war mit geheimnisvollen Steinhaufen und Kreuzen markiert. In der Ferne schien ein in die Kreide geritztes wei�es Pferd sich im wirbelnden Nebel mit uns zu bewegen. Eaton deutete mit seiner Peitsche darauf und erkl�rte, dort beg�nnen die L�ndereien von Highpoint.</p><empty-line/><p>Wir gelangten in ein von beiden Parteien umk�mpftes Gebiet. Gewehrfeuer und Kanonendonner waren zu h�ren. In dem Tal vor uns wurde eine Burg belagert. Als wir hinabstiegen und uns dem Hauptweg n�herten, bog Eaton in ein W�ldchen ab und bedeutete mir, still zu sein. In der Ferne ritt ein Trupp von vielleicht zwanzig M�nnern, mit dem roten Erkennungszeichen der Cavaliere. Eaton, dessen Augen sch�rfer waren als meine, sagte, einer von ihnen sei Richard, und trieb mich zur Eile an.</p><p>In diesem gottverlassenen Tal kamen wir durch ein Dorf, in dem die Parlamentssoldaten dabei waren, das Blei vom Kirchendach abzuziehen, um Kugeln daraus zu gie�en. Sie verlangten von uns, dass wir uns ihrer �Pilgerfahrt� anschl�ssen, um die Kirche vom Papismus zu befreien. Doch es war eine Sache, Bisch�fe zu hassen, eine andere, zuzusehen, wie B�cher, die f�r mich fast wie lebende Wesen waren, und Kruzifixe in ein Feuer geworfen wurden, um das betrunkene Soldaten tanzten. Wir eilten durch den Kirchhof weiter. Vor einem Grabstein blieb Eaton stehen. <emphasis>Sir Henry Pearce</emphasis> lautete die Inschrift, und auf dem Wappen war eine Wildkatze mit erhobener Tatze zu sehen.</p><p>�Das Wappen der Pearces�, sagte er. Er deutete auf die Wildkatze. �Ein angemessenes Symbol f�r Eure Mutter.�</p><p>Er verfiel wieder in sein typisches Schweigen, weigerte sich, mehr zu sagen, au�er dass die Pearces von altem Adel waren und dass ihnen vor hundert Jahren der Gro�teil des Tales geh�rt hatte, das wir gerade durchritten.</p><p>Zur�ck auf dem Gr�nen Weg stellte ich schockiert fest, dass Eaton den Soldaten ein paar Pistolen samt Kugeln und Schie�pulver gestohlen hatte, w�hrend sie feierten. Achselzuckend erkl�rte er, wir seien zu schlecht ausger�stet, um Skrupel zu zeigen; wir h�tten lediglich die Pl�nderer ausgeraubt. Das zumindest entsprach der Wahrheit. Im B�ndel eines Soldaten hatte ich einen gestohlenen Teller entdeckt, und ich hatte mitbekommen, dass eine Frau vergeblich einen Offizier anflehte, ihr die Schinken zur�ckzugeben, die sie f�r den Winter ger�uchert hatten, da sie und ihre Kinder die Gutscheine, die sie daf�r bekommen hatte, nicht essen k�nnten. Ich las ihr den Gutschein vor, als ich versuchte, ihr zu helfen: �Einzul�sen beim Parlament gegen Drei Schinken. Gez. J��� (Cpt.)� Der Hauptmann kl�rte mich auf, dass jeder Opfer f�r die gute Sache bringen m�sse. Darauf wusste ich keine Antwort, denn ich hatte genau dasselbe in meinen Flugbl�ttern gefordert, obwohl ich beim Schreiben wesentlich mehr Leidenschaft empfunden hatte als jetzt.</p><p>Von Will und seiner Einheit gab es keine Nachricht, doch der Hauptmann hatte uns erz�hlt, dass Chipping Norton, wo wir ihn treffen sollten, von den Royalisten gehalten wurde. Also ritten wir weiter Richtung Highpoint.</p><p>Die kurzen Pausen, die wir machten, dienten eher dazu, den Pferden etwas Ruhe zu g�nnen, da wir selbst auf ihren R�cken d�sen konnten. Es regnete ohne Unterlass, aber Eaton fand trockene Hohlwege, in denen es widerlich nach F�chsen stank. Wir hatten ein St�ck Leder zum Unterlegen und einen Fetzen einer Decke, doch um warm zu werden, waren wir auf einander angewiesen. Die gr��te Qual bereitete uns der Mangel an Nahrungsmitteln. �berall um uns herum fanden Truppenbewegungen statt, und Eaton wollte keinen Hasen schie�en oder ein Feuer entz�nden. Also a�en wir Beeren, von denen er, wie er sagte, einmal als Kind einen ganzen Winter gelebt hatte, ehe er lernte zu jagen. Sie h�tten ihm die Kraft gegeben, die er brauchte, doch alles, was sie mir brachten, war Durchfall.</p><p>Eines Morgens wachte ich mit knurrendem Magen auf und h�rte ein Ger�usch im Unterholz. Ich tastete nach der Pistole unter meinem B�ndel, w�hrend ich durch die Bl�tter sp�hte. Die Pferde, die wir ganz in der N�he angebunden hatten, reagierten ebenfalls auf das Ger�usch. Ich folgte ihren Blicken und entdeckte einen Hirsch, der wachsam schnuppernd die Nase hob. Mit einem vollen Magen h�tte ich sein prachtvolles Geweih und Gott f�r die Sch�nheit dieser Kreatur gepriesen, doch ausgehungert wie ich war, sah ich nur Fleisch, auch das ein Geschenk Gottes. Eaton schlief. Seine Warnungen lie�en mich z�gern, doch wir hatten am Abend zuvor keine Soldaten gesehen. Mein Mund wurde w�ssrig, und ich konnte schon fast das Wildbret riechen, das �ber dem Feuer brutzelte. Ich spannte die Pistole unter meinem B�ndel, um das Ger�usch zu d�mpfen, trotzdem wurde das Tier aufmerksam. Sein Kopf war angespannt, die Ohren zitterten. Jeden Augenblick w�rde es davonlaufen. Ich feuerte, doch w�hrend ich abdr�ckte, wurde mir die Pistole aus der Hand geschlagen. Der Hirsch floh, Zweige und Bl�tter regneten herab, und kreischend erhob sich eine Heerschar aus dem Schlaf gerissener V�gel.</p><p>Eaton riss mir die Pistole weg. �Verdammt, Sir! Wolltet Ihr etwa Euer eigenes Wild erlegen?�</p><p>�M� mein eigenes���, stotterte ich.</p><p>�Lord Stonehouse�. Stonehouse oder nicht, er w�rde Euch an den Galgen bringen, wenn Ihr diesen Hirsch geschossen h�ttet.�</p><p>�Sind wir in Highpoint?�</p><p>�Gestern Vormittag haben wir die Grenze �berschritten, als wir Barrow Down verlassen und den Great Forest betreten haben�� psst.�</p><p>Er hielt mir den Mund zu. Zuerst h�rte ich nichts, aber als die V�gel sich wieder in den B�umen niederlie�en und sich beruhigten, vernahm ich in der stillen Morgenluft mehrere Stimmen. Wortlos formte Eaton mit den H�nden einen Steigb�gel und lie� mich auf einen Baum klettern, w�hrend er alles in unsere B�ndel warf und die Pferde losmachte. Es waren die erneut aufflatternden V�gel, die mir verrieten, wo sie entlanggingen. Ich ersp�hte einen blutverschmierten Verband an einem Kopf, ein rotes Erkennungszeichen.</p><p>�Cavaliere. F�nf. Einer von ihnen ist verwundet.�</p><p>�Zu Pferd?�</p><p>�Nein. Sie haben unsere Spuren entdeckt.�</p><p>Er fluchte leise. �Sie wollen unsere Pferde.�</p><p>Ich war besch�mt �ber meine Dummheit, uns trotz Eatons Warnungen in diese Lage gebracht zu haben, doch der verlor kein Wort dar�ber. Wir befanden sich zwischen dicht gewachsenen B�umen und B�schen, wo man unm�glich reiten konnte. Eaton f�hrte die Pferde auf einen schmalen Pfad. Er hatte Schwierigkeiten, die Tiere zu b�ndigen, und wir h�rten, wie die M�nner uns einholten.</p><p>�Stopp! Im Namen des K�nigs!�</p><p>�Eine halbe Meile, und wir sind aus dem Wald raus. Aufsitzen!�</p><p>Ich warf mich auf Patchs R�cken und duckte mich so tief ich konnte, w�hrend ich Eaton folgte, der sich durch die B�ume schl�ngelte. Zweige peitschten uns, die gr��eren rissen uns mehrmals beinahe vom Sattel. Ein umgest�rzter Baum erledigte das schlie�lich. Mein Pferd mit seiner leichteren Last sprang hin�ber, doch Eatons strauchelte und warf ihn ab. Fast sofort war er wieder auf den Beinen, doch die Verz�gerung kostete uns den deutlichen Vorsprung, der notwendig gewesen w�re, um �ber das freie Feld zu entkommen, das so verlockend durch die B�ume hindurchschimmerte. Die M�nner waren nicht mehr weit von uns entfernt und schrien und br�llten wie J�ger, die sich der Beute n�herten.</p><p>Ich h�tte immer noch versucht, das offene Land zu erreichen, doch Eaton hatte einen k�hleren Kopf bewahrt als ich.</p><p>�Ladet Eure Pistole neu.�</p><p>Er band die Pferde fest, warf sich hinter den umgest�rzten Baum und zog seine eigene Pistole. Ich wei� nicht, ob er die Pferde als unwiderstehliche Versuchung absichtlich im Blickfeld gelassen hatte. Nat�rlich machte die Aussicht auf zwei Pferde f�r f�nf M�nner sie leichtsinnig. Ein Mann mit einem S�bel eilte dem Rest voraus und schrie, der schwarze Wallach geh�re ihm. Eaton wartete mit dem Feuern so lange, bis der mit dem S�bel beinahe �ber uns war.</p><p>Entsetzt starrte ich den Mann an, als er Blut spuckte. Sein Blick fixierte mich mit starren Augen, doch Eaton drehte ihn um und zog das Steinschlossgewehr aus seinem G�rtel. Er zielte damit auf einen der sich zur�ckziehenden Cavaliere, doch es klickte nur, ohne dass etwas geschah. Er schleuderte die Waffe fort und begann, seine eigene neu zu laden.</p><p>�Das wird sie eine ganze Ecke vorsichtiger machen�, sagte Eaton. Seine Augen leuchteten. Seine gew�hnliche Verdrossenheit war verschwunden, und er schien sich fast auf den Augenblick zu freuen, wenn sie wiederkamen. Zwischen den B�umen war es still, doch ich bemerkte eine Bewegung auf der einen Seite, dann auf der anderen.</p><p>�Sie kreisen uns ein�, fl�sterte ich.</p><p>�Aye. Wenn sie gescheit sind, sind wir verloren. Wir haben zwei Sch�sse gegen vier. Wenn die Bastarde loslegen, macht Ihr die Pferde los. Haltet Euch unten, wie ich es Euch gezeigt habe.�</p><p>�Und was macht Ihr?�</p><p>�Euch Deckung geben.�</p><p>�Aber���</p><p>�Los!�</p><p>Ich schl�ngelte mich von dem umgest�rzten Baum fort, wie er es mir beigebracht hatte, nutzte an Deckung, was immer ich fand, umrundete den Busch, an dem die Pferde angebunden waren, und machte sie los. Ich packte die Z�gel, doch die Bewegung der Pferde lie� einen der Cavaliere aufschreien.</p><p>�Sie wollen sich aus dem Staub machen!�</p><p>Als die Cavaliere aus der Deckung brachen, stand Eaton mit seiner Pistole auf. �Ich habe einen Schuss und mein Freund einen zweiten. Meine Herren, welche zwei von Euch m�chten je eine Kugel in ihr Herz bekommen, damit Eure lieben Freunde in den Genuss der Pferde kommen?�</p><p>Dass Eaton die Angelegenheit so darstellte, spaltete die Cavaliere, so dass sie stehen blieben und nerv�s von einem zum anderen blickten, wobei sie sich au�erhalb der Reichweite der Pistole hielten. Die Narbe, die mich einst so erschreckt hatte, musste auf sie ebenso bedrohlich wirken wie die Waffen. Je mehr wir uns Highpoint gen�hert hatten, desto mehr hatte Eaton an der Narbe gezupft und gerieben, bis sie zu einer n�ssenden Wunde geworden war. Jetzt bot er einen furchterregenden Anblick, ein Mann voller Todesverachtung, der sich ungesch�tzt darbot und sie mit seinem Blick in Schach hielt, w�hrend er sich unmerklich in meine Richtung zur�ckzog. Aus dem Mundwinkel sagte er: �Ist mein Steigb�gel frei, Tom?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Setzt Euren Fu� in Euren.�</p><p>Einer der M�nner machte Anstalten, nach seinem Steinschlossgewehr zu greifen. Eaton feuerte, verfehlte sein Ziel und rannte zu seinem Pferd. Mit der Beh�ndigkeit eines weit j�ngeren Mannes sprang er hinauf.</p><p>�Haltet Euch tief auf dem Pferd! Sie werden nicht auf die Tiere schie�en!�</p><p>Wir preschten davon, schl�ngelten uns durch die letzten B�ume hindurch, wobei ich im Sattel von einer Seite zur anderen h�pfte. Auf der anderen Seite des Tals sah ich, einer Luftspiegelung gleich, Statuen, die um einen Springbrunnen herum zu tanzen schienen. Hinter ihnen erhob sich ein gro�es wei�es Geb�ude, dessen endlose Wandpfeiler und Schornsteine durch die B�ume schimmerten. Es war der erste Blick, den ich auf Highpoint warf, und beinahe w�re es auch mein letzter gewesen. Ich sp�rte den Luftzug einer Kugel, und Eaton fiel direkt vor mein Pferd. Ich versuchte, ihm auszuweichen, doch die Hufe erwischten ihn.</p><p>Ich sprang ab. Er lag vollkommen reglos und blutete an der Stirn. Seine Jacke war am R�cken zerrissen, Blut sickerte hindurch. Eine Reihe von Sch�ssen fiel, einer streifte einen Baum in der N�he. Ich beugte mich �ber ihn, sp�rte seinen Atem auf meiner Wange und zerrte ihn m�hsam in den Schutz eines Baumes. Eatons schwarzer Wallach war durchgegangen und von zwei Cavalieren eingefangen worden, die dar�ber in Streit gerieten. Die anderen beiden konnte ich nicht sehen, aber als ich es geschafft hatte, Eaton hinter den Baum zu ziehen, fielen weitere Sch�sse in der N�he meines Pferdes.</p><p>Eaton �ffnete die Augen. �Lasst mich hier! �berlasst Ihnen Euer Pferd und rennt, was Ihr k�nnt!�</p><p>Ich kroch zur�ck, um sein B�ndel zu holen, und ein weiterer Schuss krachte. Entweder luden sie ihre Waffen unglaublich schnell nach, oder es hatten sich noch weitere Cavaliere zu ihnen gesellt. Eatons B�ndel war bei seinem Sturz aufgegangen, und ich zog sein zweites Hemd heraus. Er versuchte sich aufzurichten und erneut zu protestieren, keuchte indes vor Schmerz auf und sank zur�ck. Ich drehte ihn um, riss den R�cken der Jacke mit meinem Messer auf und zuckte beim Anblick der Wunde zusammen. Unabl�ssig sickerte Blut daraus hervor. So fest ich konnte stopfte ich das Hemd darauf und drehte ihn wieder auf den R�cken, damit sein Gewicht half, die Blutung zu stillen. Sein Blick begann glasig zu werden, wie bei einem Toten, und ich konnte meine Schluchzer nicht unterdr�cken, als ich mich neben ihn kniete und daran dachte, dass ich einst alles daf�r gegeben h�tte, ihn tot zu sehen. Jetzt hingegen w�rde ich alles daf�r geben, dass er am Leben blieb. Ich betete zu Unserem Vater, wenn man es denn ein Gebet nennen konnte, denn die Worte blieben mir im Halse stecken.</p><p>Das Gebet brachte etwas Leben in seinen Blick zur�ck, doch ich f�rchte, nicht in seine Seele, denn es war ein w�tender Lebensfunke. �Lasst das! Lasst mich sterben! Es ist besser f�r Euch! Geht!�</p><p>Er stie� mich fort. Ich verlor das Gleichgewicht, und als ich mich wieder aufrappelte, sah ich eine Bewegung zwischen den B�umen. Einer der Cavaliere st�rzte zu einem Baum nicht weit von mir entfernt. Eatons Hand schwebte zitternd �ber seinem Leib, als versuchte er immer noch kraftlos, mich fortzusto�en. Durch die letzte Baumreihe konnte ich den Springbrunnen sehen, durch den die Wandpfeiler des Hauses in der Luft zu flimmern schienen. Er hatte recht. Ich konnte das Pferd zur�cklassen und durch die B�ume entwischen. Doch stattdessen war es, als h�tte er mich mit seiner unbeteiligten, bitteren Wut auf das Leben angesteckt. Ich hob das Steinschlossgewehr auf und schl�ngelte mich hinter Eaton entlang, der jetzt vollkommen still war. Wie tot lag ich da und benutzte Eaton als bequeme St�tze f�r die Pistole. Als der Cavalier losrannte, wartete ich, wie Eaton es getan hatte, und schoss ihn mit einem Teil seiner kalten Wut nieder.</p><p>Als ich beobachtete, wie er fiel, h�rte ich ein Ger�usch hinter mir und drehte mich um, doch es war zu sp�t, um dem auf meinen Kopf niedersausenden Pistolengriff auszuweichen.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>28.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Der Himmel hatte sich wundersamerweise in ein schmerzhaftes Blau verwandelt, �ber den perfekt geformte wei�e Wolken glitten. Neun Musen ritten auf den Wolken, die von Putten mit rosigen, fetten Wangen weggepustet wurden. Diese wurden ihrerseits von Ziegen gejagt. Ziegen im Himmel? Eine von ihnen schien eine Wolke zu fressen, feine Wedel davon klebten in ihrem Bart. Ich h�rte sie schmatzen, die Hufe klapperten �ber den Himmel, als sie sich ein weiteres St�ck Wolke nahm. �berraschenderweise gab es im Himmel Schmerz. Das Licht war so hell, dass ich gezwungen war, meine Augen zu schlie�en. M�hsam drehte ich mich um, stellte fest, dass ich tats�chlich noch einen Leib besa�, wenngleich er haupts�chlich aus Striemen zu bestehen schien.</p><p>Das glich eher dem Fegefeuer, mit qu�lenden fl�chtigen Blicken auf den Himmel. Ja, ich schwebte zwischen zwei Orten, denn ich h�rte die Hufe und roch den Gestank der Ziege, als sie sich �ber mich beugte.</p><p>�Tom�� Tom���</p><p>Ich �ffnete die Augen einen Spalt und ergriff den Bart der Ziege.</p><p>�Er ist echt!�</p><p>Die Ziege hatte sich in Will verwandelt. Der Himmel kippte, Putten und Ziegen st�rzten auf mich zu, richteten sich selbst wieder auf, als ich gn�digerweise aus dem blendenden Sonnenlicht der Fenster getragen wurde und meine Sinne langsam wieder zur�ckkehrten. �ber mir schwankte eine schn�rkelverzierte Zimmerdecke, w�hrend ich auf einer improvisierten Trage aus dem Umhang eines Soldaten und zwei Spie�en getragen wurde.</p><p>Big Jed grinste zu mir herunter. �Eine friedliche Verwendung f�r die Spie�e�, sagte er. �Steht nicht in der Dienstvorschrift.�</p><p>Er und ein anderer Soldat legten mich in ein Rollbett in einem Gesellschaftszimmer, in dem Luke sa�, neben einer Statue von Mars, an dessen Schwertarm eine Muskete hing, und einer anderen Statue von Minerva, die mit Umh�ngen und B�ndeln beh�ngt war. Die Marmorfliesen waren grau vom Matsch.</p><p>�Willkommen zu Hause�, sagte Luke. M�hsam st�tzte ich mich auf die Ellenbogen, starrte auf das nicht zusammenpassende Durcheinander aus klassischen Statuen und trocknenden Kleidern, auf Will, der an einer S�ule lehnte, und Luke, der es sogar an diesem Ort schaffte, ein sauberes Hemd mit sorgf�ltig umgeschlagenen Spitzenmanschetten zu tragen. �Das ist doch Euer Landsitz, oder? Nicht schlecht, verglichen mit anderen.�</p><p>�u�erst behutsam setzte ich mich noch weiter auf. Von dem Zimmer aus konnte ich in die gro�e Halle blicken, aus der sie mich geholt hatten, durch zerschlagene Fenster, die auf eine Allee hinauswiesen, die breit genug f�r drei Kutschen nebeneinander war. Es war windstill, und die Font�ne des Springbrunnens schien reglos in der Luft zu stehen. Dahinter lagen G�rten, die kaum merklich zum tiefer liegenden Fluss abfielen. Auf der anderen Seite stieg das Land vom schnellflie�enden Wasser bis zur Wildnis des Great Forest wieder an. Ich verstand, was Pym gemeint hatte, als er von der Macht gesprochen hatte. K�nige hatten hier �bernachtet, und um ihnen einen angemessenen Rahmen bieten zu k�nnen, hatten Lord Stonehouse� Vorfahren sich fast in den Ruin gest�rzt.</p><p>W�hrend ich mich voller Ehrfurcht umschaute, erz�hlte Will mir, dass sie in der Schlacht von Highpoint gegen eine starke Einheit von Cavalieren gek�mpft hatten. Er sprach abgehackter als fr�her, gleichg�ltiger, als w�rde er seinem Oberst Bericht erstatten.</p><p>�Sie hatten Pferde, und wir waren nat�rlich zu Fu�, also hatten wir auf offenem Feld keine Chance. Mit den Spie�en haben wir sie am Fort eine Weile aufgehalten, obwohl wir dabei ein paar gute Kameraden verloren haben, was Luke?�</p><p>Luke sagte nichts. Er holte etwas Tabak und eine Pfeife aus seinem B�ndel.</p><p>�Wir zogen uns wohlgeordnet ins Haus zur�ck���</p><p>�Wir haben uns vor Angst in die Hosen gemacht.� Luke riss den Pfropfen von Mr�Ormondes bestem s��en Virginia ab. Seine H�nde zitterten.</p><p>Will fuhr fort, als h�tte er ihn nicht geh�rt. Sp�ter begriff ich, dass sie beide nach dem, was sie erlebt hatten, unter Schock standen, indes verschieden reagierten. Will sprach unaufh�rlich und erteilte den vorbeikommenden Soldaten Befehle. Luke war so respektlos wie immer, doch seine Witze hatten einen bitteren Beigeschmack bekommen.</p><p>�Ihre Armee st�rmte die Auffahrt dort hoch.� Will nahm sein Schwert, st�tzte sich auf Mars und deutete durch die zerschmetterten Fenster.</p><p>�Alle zw�lf Mann�, murmelte Luke.</p><p>�Wir lockten sie mit einer Finte herein und auf dem Treppenabsatz dort oben in einen Hinterhalt. Sie flohen in Unordnung, aber wir hatten ihre Pferde sichergestellt���</p><p>Die Pfeife fiel Luke aus den Fingern, als er den Tabak hineinstopfte, und zerbrach auf den Fliesen. Er fluchte. �Komm schon, Will. Sie kamen, um zu pl�ndern! Wir sind nach oben gerannt, um uns zu verstecken. Ich hatte Gl�ck, als ich auf einen der Bastarde schoss, und du hast einem anderen Caesars B�ste �bergebraten. Als sie versuchten zu fliehen, haben ein paar unserer lieben Kameraden sich ihre Pferde geschnappt, sind desertiert und haben sich zur�ck nach London verpisst. Ich w�nschte, ich h�tte mich ihnen angeschlossen.�</p><p>Er grinste, doch ich glaubte, dass er nur zur H�lfte scherzte. Jetzt, wo er keine Pfeife mehr hatte, drehte er an seinem Ehering, auf dem eingraviert stand: KEIN HERZ SO TREU WIE MEINES ZU DIR.</p><p>�Ich bin Vater geworden�, sagte er. �Ich habe einen Brief von Charity bekommen.� Neidisch starrte ich auf den Ring, als er ihn k�sste. Er hatte sie wahrhaftig gehalten und die Mysterien der Liebe entdeckt; was immer geschah, sie w�rden zusammen sein. Wenn ich dagegen im Wald gestorben w�re, h�tte sich meine Seele nur mit den verrottenden Bl�ttern vermengt, ohne dass ich herausgefunden h�tte, wer mein Vater war oder selbst einer geworden zu sein. Die Melancholie und ein Gef�hl der alten Verbundenheit mit Luke �ber die Angelegenheiten des Herzens lie�en mich die Arme ausstrecken, um ihn zu umarmen, doch er schob mich zur�ck.</p><p>�Du stinkst, Neave!�</p><p>Diesen Namen zu h�ren, bedeutete ebensoviel Trost wie eine Umarmung. Es f�hlte sich so wahrhaftig an wie ein St�ck Brot, w�hrend Stonehouse und dieser wunderbare Ort den Gehalt eines Steins der Weisen hatten, den die Alchimisten stets an einem Tag entdeckten, nur damit er am n�chsten Tag wieder verschwunden war.</p><p>Ich fragte, ob Richard Stonehouse zu der Bande geh�rt hatte, die sie angegriffen hatte. Auf keinen der M�nner passte seine Beschreibung. Will hatte geh�rt, dass er zu Pferd unterwegs sei, um sich Prinz Rupert in der N�he von Banbury anzuschlie�en. Falls das stimmte, war es sowohl beruhigend als auch verwirrend, denn ich konnte nicht nachvollziehen, warum Richard Highpoint nicht eingenommen hatte. Vielleicht, so dachte ich, war der Ruhm, mit Prinz Rupert zu reiten, gr��er als die Sehnsucht nach seinem Erbe.</p><p>Die M�nner, die versucht hatten, unsere Pferde zu stehlen, waren der k�mmerliche Rest des Trupps, der Highpoint angegriffen hatte. Luke sagte, sie h�tten die Sch�sse geh�rt, und er konnte seine M�nner gerade noch davon abhalten, mich zu t�ten, als er mein rotes Haar sah.</p><p>�Was ist mit dem Mann geschehen, der bei mir war?�, fragte ich.</p><p>�Wir haben ihn mit hierher genommen�, sagte Will. �Schlie�lich war er mit Euch zusammen.�</p><p>�Er hat uns verflucht. Hat gemeint, wir sollten ihn lassen, wo er war. Netter Kamerad�, sagte Luke.</p><p>Ich sprang auf. �Er lebt?�</p><p>Luke zuckte mit den Schultern. �Inzwischen ist er wahrscheinlich tot.�</p><empty-line/><p>Die Verwundeten wurden nur selten versorgt. Als Edelmann oder wenn der Rang hoch genug war, wurde man m�glicherweise von einem Wundarzt behandelt, doch anschlie�end wurde man bei einer unwilligen Familie einquartiert, die einen pflegen sollte. Wills Einheit bildete eine Ausnahme. Ben bestand darauf, dass jeder Verwundete ungeachtet seines Ranges eingesammelt wurde, andernfalls w�rde er die Truppe verlassen.</p><p>Er stand am Ende des langen Tisches, an dem normalerweise die Diener a�en. Es gab ein paar Rollbetten, aber die meisten verwundeten Soldaten waren auf Stroh gebettet, das man auf dem Tisch ausgestreut hatte.</p><p>�Wartet!�, schnauzte Ben. Er band gerade eine primitiv hergestellte Schiene an den Arm eines Mannes, der vor Schmerz st�hnte. Er drehte sich zu mir um. �Zieh das schmutzige Hemd aus. Verschwinde, Luke!�</p><p>�Ben, das ist���</p><p>�Ich wei�, wer das ist.�</p><p>Luke entfernte sich. Ich zog das Hemd aus und sah zu, w�hrend Ben seinen Patienten warnte, nicht zu versuchen, die Schiene zu lockern, denn je fester sie sa�, desto rascher w�rde der Knochen heilen. Der freundliche Mann, den ich in London gekannt hatte, war verschwunden. Bens Unterlippe war trotzig nach vorn geschoben. Seine blasse Haut war grau vor Ersch�pfung, und er arbeitete mit z�her Verbitterung. Auf einem der Rollbetten entdeckte ich Eaton oder zumindest seine Narbe. Sie hob und senkte sich gleichm��ig. Wovor ich einst vor Angst davongerannt war, darauf rannte ich jetzt zu, fiel auf die Knie und dankte Gott.</p><p>�Lasst das!�, murmelte Eaton unruhig. �H�rt auf damit.� Er war so hei�, dass ich das Gef�hl hatte, vor einem Ofen zu knien. Seine Stirn schien vor Schwei� zu knistern und Blasen zu schlagen, und die Kr�uter, mit denen Ben versucht hatte, sein Fieber zu stillen, hatten einen s��en Duft �ber ihn gelegt. Unvermittelt stie� er einen Schrei aus. �Ich habe es f�r Highpoint getan. Seht Ihr es? Haltet es zusammen!� Er dr�ckte meine Hand mit einem Griff, der nichts von seiner alten Kraft hatte.</p><p>�Ich bin�s, Tom.�</p><p>�Tom?� Er schlug die Augen auf, doch ich wei� nicht, wie viel er erkannte. �Tom? Sagt ihm, dass er abhauen soll. Jetzt. Ehe es zu sp�t ist.� Kraftlos stie� er mich fort. Ich verlor das Gleichgewicht, und eine andere Hand packte mich.</p><p>�Lass ihn in Ruhe!�, rief Ben w�tend. Er rief einen Krankenw�rter zu Eaton und f�hrte mich fort. �Ich versuche, das Fieber des Mannes zu senken, und du treibst es in schwindelnde H�he!�</p><p>Ich entschuldigte mich. �Wird er �berleben?�</p><p>Ben zuckte mit den Schultern. �Die Kugel ist nicht steckengeblieben und hat den Knochen nur gestreift. Sein Verstand ist offensichtlich st�rker mitgenommen als sein K�rper�� er scheint nicht mehr leben zu wollen. Was hast du mit ihm angestellt?�</p><p>�Ich? Nichts.�</p><p>�Er schimpft unaufh�rlich �ber dich. Wer hat ihm das Hemd in die Wunde gestopft?�</p><p>�Ich. Tut mir leid. War das falsch?�</p><p>�Es war eine Heidenarbeit, es wieder abzukriegen, aber wahrscheinlich hast du ihm damit das Leben gerettet.� Er kratzte sich am Kopf. �Deshalb verstehe ich nicht, warum er so w�tend auf dich ist.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>29.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Highpoint hatte sich in zwei Welten aufgeteilt. W�hrend des Kampfes waren die meisten Bediensteten geflohen. Die Soldaten hielten das Erdgeschoss besetzt, w�hrend der erste Stock, der nahezu unber�hrt geblieben war, von der Gehilfin der Haush�lterin besorgt wurde. Sie war, wie Will mir erz�hlte, eine ruhige Frau, doch sie war fromm bis zum Dorthinaus, und die Soldaten wagten sich nicht nach oben, um ihr nicht �ber den Weg zu laufen. Meistens k�mmerte sie sich um die eigentliche Haush�lterin, die schwerkranke Mrs�Morland�� Janes Mutter. Sie war oben geblieben und hatte ihre Patientin gepflegt, w�hrend die Soldaten auf der nahegelegenen Galerie schossen. Soldatengeschichten wuchsen beim Erz�hlen wie Berichte auf Flugbl�ttern, und es gab bereits die Legende, dass sie w�hrend des Feuers hinaus auf die Galerie trat, die Soldaten wegen ihrer Fl�che tadelte und ihnen anschlie�end aus der Bibel vorlas.</p><p>Eatons Zustand verschlechterte sich, sein Fieber stieg. Ben weigerte sich, mich zu ihm zu lassen, und so beschloss ich, dass ich allein Matthews Spur wieder aufnehmen und den Anh�nger aufsp�ren w�rde. Ich fand das B�ndel, das ich im Wald verloren hatte. Der Inhalt war gr��tenteils verschwunden, aber der Brief, den ich f�r Jane an ihre Mutter geschrieben hatte, war immer noch da. Ich beschloss, Mutter Predigerin, wie die Soldaten die ihren Dienst versehende Frau nannten, zu trotzen, sowohl, um mein Versprechen, das ich Jane gegeben hatte, einzul�sen, als auch in der Hoffnung, herauszufinden, was in diesem Haus geschehen war, als ich geboren wurde.</p><p>Oben schritt ich durch ein Labyrinth aus leeren, hallenden Korridoren, in denen ich niemandem begegnete, und blieb wie gel�hmt stehen, als ich zu einem riesigen Raum kam. Nie zuvor hatte ich solch eine Bibliothek gesehen. Inmitten der Regale voller unsch�tzbar wertvoller B�cher hing ein Portr�t von Lord Stonehouse mit vertr�umtem Blick. Seine Finger ruhten auf einem Buch, bei dem es sich, wie ich bei n�herer Betrachtung feststellte, um Machiavellis <emphasis>Der F�rst</emphasis> handelte. Auf einem Schriftband �ber den Regalen stand gemalt: <emphasis>Homo doctus in se semper divitias habet</emphasis>�� Ein gebildeter Mensch hat immer Reichtum in sich.</p><p>Und Macht, dachte ich, symbolisiert durch das Buch in dem Gem�lde. Woher sonst stammte der Reichtum, um sich die Bildung zu erkaufen? Hier gab es Hunderte von B�chern, und jedes einzelne kostete so viel, wie ein Tagel�hner in mehreren Jahren verdiente.</p><p>Irgendwo wurde eine T�r ge�ffnet und geschlossen. Ich rannte hinaus auf den Korridor, sah indes niemanden. Ich ging einen anderen Gang entlang, in dem fl�mische Gem�lde der Jahreszeiten hingen. Am Ende befanden sich zwei Doppelt�ren, zu denen es mich hinzog. Ich brauchte das Portr�t von Frances Stonehouse nicht zu sehen, um zu wissen, dass es ihr Schlafzimmer war. Gegen�ber ihrem Bild hing eines von James�I. Der Raum war makellos sauber, doch die Eichenm�bel besa�en eine d�stere, br�tende Schwere, die einer vergangenen �ra angeh�rte. Ein verblichener, zerschlissener Teppich bedeckte einen Tisch. Halbabgebrannte Kerzen, in den Haltern versteinert, waren genau so belassen worden, wie sie ausgel�scht worden waren, nachdem Frances gestorben war. In diesem Raum hatte Charles, dessen Volk im Begriff war, einander zu bek�mpfen, den Thron noch nicht bestiegen. Alles hier drin war vor mehr als zwanzig Jahren zum Stillstand gekommen.</p><p>Nicht alles.</p><p>Mein Herz pochte schmerzhaft, als ich mich selbst anstarrte. Es war das Portr�t eines Jungen, den ich nie zuvor gesehen hatte, obwohl es mich zeigte. Mich, wie ich an jenem Morgen mit einer Nachricht von Mr�Black zum Rathaus gelaufen war und ein scheinbar gelangweilter Maler, Peter Lely, mich gebeten hatte, ein paar beil�ufige Skizzen von mir machen zu d�rfen. Doch ich war kein dreckiger, ungepflegter Lehrjunge, der vor Aufregung grinste, weil er gezeichnet wurde. Genau wie Mr�Pym es beschrieben hatte, war ich elegant gekleidet, mit einem Hund zu meinen F��en und Highpoint House im Hintergrund.</p><p>Lely hatte mein Grinsen eingefangen, aber er hatte es in etwas anderes verwandelt, etwas zwischen einem frechen und einem �berlegenen L�cheln. Es war teils eine L�ge�� zumindest empfand ich es so�� und teils wahr. Es war ein Junge auf dem Weg, ein Mann zu werden; ein Bild dessen, was h�tte sein k�nnen anstatt dessen, was war.</p><p>Ich wollte ihm die Zunge herausstrecken, doch ich konnte es nicht. Die Wahrheit war, dass ich ihn ziemlich gerne mochte. Nein, es war mehr als das. Ich war fasziniert von ihm. Ich l�pfte einen imagin�ren Hut und schwang ihn mit einer �berschw�nglichen Geste und einer tiefen Verbeugung. Dann blieb ich wie angewurzelt stehen, als mir ein Gedanke in den Sinn kam. Woher wusste ich, dass er ich war? Ich hatte mich bislang nur in verzerrtem Glas oder in dunklen stillen Pf�tzen gesehen.</p><p>�Bist du sicher?�</p><p>Die Stimme war so leise und die Frage so passend, dass ich einen Augenblick glaubte, sie sei in meinem eigenen Kopf entstanden. Doch ich drehte mich um, und dort stand sie in der T�r. Im ersten Moment glaubte ich nicht, dass sie echt war. Sie war einfach so aus der Luft erschienen. Sie war das Irrlicht, der gute Geist, der meine ganze Kindheit lang �ber mich gewacht hatte.</p><p>�S� sicher?�, stotterte ich.</p><p>�Willst du Lord Stonehouse sein?�</p><p>Ich konnte nicht antworten. Albernerweise fragte ich mich, warum sie einen Gartenkorb mit Kr�utern und nicht meinen Osterkuchen trug, den ich in diesem Jahr nicht bekommen hatte. Aus Furcht, sie k�nnte sich aufl�sen, ging ich zu ihr und ber�hrte ihr Gesicht. Erschrocken wich sie zur�ck, Kr�uter fielen aus ihrem Korb. Ich sammelte sie auf und murmelte eine Entschuldigung. �Ich war nicht sicher, ob Ihr wirklich hier seid.�</p><p>Sie lachte. Eaton hatte ihr ziemlich geschmeichelt, als er sagte, sie s�he gew�hnlich aus. In Wirklichkeit war sie ziemlich h�sslich, hatte eine Stupsnase und pockennarbige Wangen und sah eher aus wie diese verwitterten Wasserspeier, die das Regenwasser von den Kirchd�chern spien. Doch ihr Lachen und ihre Stimme, perfekt aufeinander abgestimmt wie die Stimmen eines gregorianischen Chorals, verwandelten sie.</p><p>Dann wurde sie ernst. �Ich rate dir dringend: Vergiss den Anh�nger, vergiss die Stonehouses.�</p><empty-line/><p>Sonderbar, wie peinlich, hartn�ckig und geradezu nutzlos ein Geist werden konnte, wenn er sich in ein Wesen aus Fleisch und Blut verwandelte. Kate Beaumann leugnete nicht, dass sie wusste, wo Matthew sich aufhielt. Sie war auf dem Weg zu ihm gewesen, als sie erfahren hatte, dass Mrs�Morland sehr krank war, und war von der Belagerung aufgehalten worden. Doch sie weigerte sich rundheraus, mir zu sagen, wo Matthew war. Das w�rde mich zu dem Anh�nger f�hren, der Quelle allen �bels. Ihre alleinige Absicht war es, ihn zu finden und zu zerst�ren, und nichts w�rde sie davon abbringen. Sie weigerte sich sogar, mir zu sagen, was bei meiner Geburt geschehen war. Ich war so verzweifelt, dass ich ihr erz�hlte, dass Eaton bei mir war, weil ich dachte, das k�nnte meinen Fall m�glicherweise vorantreiben.</p><p>Sie stand da und wirkte mit jeder Faser erstarrt wie ein steinerner Wasserspeier, dann eilte sie davon. Sie war so rasch verschwunden, dass ich f�rchtete, sie habe sich erneut in einen Geist verwandelt. Ich musste rennen, um sie einzuholen, flehte sie an, Eaton zu besuchen, und sagte ihr, dass er den Lebenswillen verloren zu haben schien.</p><p>�Dann lass ihn doch sterben�, sagte sie, ohne ihre Schritte zu verlangsamen.</p><p>�Was hat er getan?�</p><p>Jetzt blieb sie stehen. �Ausgerechnet du, von allen Menschen, fragst das?�</p><p>�Ich meine, was hat er Euch angetan?�</p><p>�Frag ihn.�</p><p>Ich war schockiert �ber ihren Tonfall, in dem etwas von Eatons eigener Grausamkeit lag, doch sie weigerte sich, noch mehr zu sagen. Jeglicher Gleichmut hatte sie verlassen. Erneut fielen Kr�uter aus ihrem Korb, und ich sammelte sie auf, folgte ihrer Spur, um sie vor der Schlafkammer der Haush�lterin wiederzufinden. Ihre Lippen bewegten sich in einem fast unh�rbaren Gebet, das ich nicht zu unterbrechen wagte. Allm�hlich h�rte ihr Busen auf, sich unter dem schlichten braunen Kleid zu heben, das nur durch einen schneewei�en Kragen aufgelockert wurde. Ich legte die Kr�uter in den Korb und bat darum, Mrs�Morland sehen zu d�rfen.</p><p>�Willst du mit ihr �ber die Nacht deiner Geburt sprechen?�</p><p>Ich wich der Frage aus. �Ich habe eine Nachricht von ihrer Tochter.�</p><empty-line/><p>Mrs�Morlands Schlafkammer war der hei�este Raum in diesem riesigen, zugigen Geb�ude. Lavendelzweige knisterten im Feuer, doch sein s��er Duft konnte den durchdringenden Schwei�geruch und den Gestank des Nachttopfes, den eine junge Magd gerade entfernte, nicht �berdecken. Im flackernden Licht des Feuers, versteckt unter einer Nachtm�tze, konnte ich gerade eben die ruhigen, abgemagerten Z�ge eines Frauengesichts erkennen. Kate schickte die Magd fort, doch als die junge Frau mich sah, blieb sie so abrupt stehen, um einen umst�ndlichen Knicks zu machen, dass sie den Nachttopf in ihrer Hand verga� und etwas von dessen Inhalt versch�ttete.</p><p>�Verzeihung, Sir���, stotterte sie. �Aber Ihr seht genauso aus wie auf Eurem Bild.�</p><p>Das musste zu Mrs�Morland durch ihren leichten D�mmerschlaf durchgedrungen sein, denn mit schl�friger Stimme fragte sie nun: �Rose�� Was ist los?�</p><p>�Der junge Master ist gekommen, Mrs�Morland�, erwiderte Rose.</p><p>�Unsinn!�, entgegnete Kate scharf. �Er ist einer der Soldaten.�</p><p>Doch Mrs�Morland versuchte m�hsam, sich aufzusetzen, sp�hte erst in die eine, dann in die andere Richtung, mit Augen, die so blass waren, von solch einem milchigen Blau, dass sie nur wenig wahrgenommen haben konnten. �Mr�Richard�� ist Mr�Richard zur�ckgekommen?�</p><p>Kate versuchte einzuschreiten, doch Mrs�Morland schob sie fort und dr�ckte meine H�nde. Ich wollte ihr sagen, dass ich ein Soldat sei, aber sie tastete mein Gesicht und die Form meiner Nase ab. Sie befand sich in einem derart verwirrten Zustand, dass sie �berzeugt war, ich sei ihr Mr�Richard, der, wie rasch deutlich wurde, ihr Liebling war.</p><p>Ich begann den Brief vorzulesen, den ich von Jane mitgebracht hatte. Ich glaubte, Mrs�Morland w�rde nicht nur Jane vergeben, sondern auch ihre Freude zum Ausdruck bringen, dass Jane ihr vergab. Nichts h�tte dieser naiven Vorstellung ferner sein k�nnen.</p><p>�Ihr vergeben! Wo sie Schande �ber die Familie gebracht hat!� Ihre Reaktion l�ste Entr�stung bei mir aus. Ich versuchte mich von ihr loszumachen, doch sie packte meine H�nde nur umso fester. �Ihr seid zu gut, Mr�Richard. Ihr hattet schon immer ein gro�es Herz, wie Ihr es auch bei der anderen Metze hattet, deren Sohn zur�ckgekehrt ist, um Euch heimzusuchen. Aber ich werde nach ihm Ausschau halten!�</p><p>�Ach wirklich�, murmelte ich.</p><p>�Ich habe gesehen, wie der Bastard geboren wurde���</p><p>Kate ergriff meinen Arm. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck der Emp�rung, weil ich eine sterbende, verwirrte Frau ausnutzte, wie sie es sp�ter darstellte. Ich sch�ttelte Kate ab, denn nach dem, was Mrs�Morland �ber Jane gesagt hatte, empfand ich keinerlei Skrupel.</p><p>�Der alte Bock�, lachte die alte Frau nun auf.</p><p>�Der alte Bock?�</p><p>�Euer Vater! Er hatte geplant, Margaret Pearce zu heiraten.�</p><p>�Lord Stonehouse?�, sagte ich verbl�fft.</p><p>�Ihr habt sie alle geliebt�� Ihr wegen ihres Aussehens. Edward wegen ihrer guten Werke. Mylord wegen beidem. Ich wei�, was er im Sinn hatte!� Ihre H�nde bebten, irgendetwas brachte sie nach all diesen Jahren immer noch derart in Rage, dass sie die Worte ausspie. �Er sagte mir, er wolle Lady Frances� Zimmer neu gestalten!�</p><p>Unvermittelt furchte sich ihre Stirn vor Schmerz, und sie klammerte sich an meine H�nde. Kate gab ihr ein St�rkungsmittel, das sie mit leisen Grunzlauten schluckte, ohne meine H�nde dabei loszulassen. Als Mrs�Morland die Augen schloss und in das Kissen zur�cksank, dr�ngte Kate mich erneut zu gehen. Doch als die alte Haush�lterin begann, schl�frig vor sich hin zu murmeln, lauschte Kate genauso aufmerksam wie ich.</p><p>�Dieser Tag�� letzter Tag des Sommers. K�lte kam. Regen in der Luft. Mylord wird aus London erwartet. Jedes Feuer vorbereitet, jede Oberfl�che poliert! War in Myladys Zimmer, lie� die T�r offen. Margaret Pearce im Gang. Sagt, sie h�tte sich verlaufen. Verlaufen! Und dann war der Anh�nger gestohlen!�</p><p>Sie rang um Atem, und es dauerte einige Zeit, ehe sie fortfuhr. �Mylord kam sp�t�� schwarz wie die Wolken, die �ber dem Wald aufzogen. Pferd hatte ein Huf verloren�� und der Stallbursche seine Stellung.�</p><p>Sie lachte leise, �ffnete die blassblauen Augen ein zitternden Spalt weit und versuchte, mich zu direkt anzublicken. �Ihr habt Euch rar gemacht! Genau wie Edward! Aber <emphasis>sie</emphasis> nicht! Bei ihr schmolz er dahin wie Zucker im Wasser. Sie waren in der Bibliothek�� �Ihr wisst, wie lange ich Euch schon liebe�, sagte Mylord.�</p><p>Ich hatte den Eindruck, dass sie phantasierte und anfing, Unsinn zu erz�hlen. Ich versuchte, ihren Griff zu lockern, doch auf der Stelle schlossen sich ihre Finger wieder um meinen Arm.</p><p>�Wart Ihr dabei?�, fragte ich sie.</p><p>Die Erinnerung schien ihr frische Kraft zu geben, und sie sprach nun lauter weiter: �Nat�rlich war ich dabei! Was meint Ihr, wozu Schl�ssell�cher gut sind�� f�r Schl�ssel?�</p><p>Sie hustete vor Lachen �ber ihren eigenen Witz, rang erneut nach Atem, um schlie�lich noch eindringlicher fortzufahren. �Sie stand einfach da. Mir erging es nicht anders, das kann ich Euch sagen!�</p><p>�Was hat sie gesagt?�</p><p>�Sie lachte.�</p><p>�Sie hat gelacht?�</p><p>Mrs�Morland setzte sich auf. �Die Hure lachte! �Ihr versteht nicht�, sagte er. �Ich bitte Euch, mich zu heiraten.� �Darum bin ich gekommen, um mit Euch dar�ber zu sprechen, Mylord�, sagte sie. Unversch�mt! Genau das war sie! Ich dachte, das Ende der Welt w�rde kommen. Und es kam. F�r sie.�</p><p>Sie bewegte hektisch den Kopf, als versuchte sie durch ein Schl�sselloch zu schauen.</p><p>�Konnte sie nicht sehen. Dreimal die Glocke. Das galt mir. Dreimal f�r Mrs�Morland f�r �rger im Haus, zweimal f�r Mr�Eaton f�r �rger drau�en. �Die Dame ist ohnm�chtig geworden�, sagte er. Ohnm�chtig! Ich konnte den Sch�del sp�ren, als ich ihr meine Hand reinschob�� verzeiht meine Sprache, Mr�Richard, aber ich wei�, dass Ihr ein Mann von Welt seid. �Die Dame erwartet ein Kind, Mylord�, sagte ich. Er wurde wei� wie dieses Laken! Ich �bernahm das Kommando. Er hatte sich selbst schon genug zum Narren gemacht, indem er den Bastard gezeugt hatte. Und das hier war Frauensache.�</p><p>�Woher wisst Ihr, dass ich�� es sein Kind war?�</p><p>�Nat�rlich war der Bastard von ihm! Er war schlie�lich den ganzen Sommer hinter ihr her gewesen, oder etwa nicht? Wenn Eaton seine Aufgabe ordentlich erledigt h�tte, w�rdet Ihr jetzt nicht in solchen Schwierigkeiten stecken�� aber Ihr werdet Euch um ihn k�mmern, Mr�Richard, das werdet Ihr doch�� Ihr seid zur�ckgekommen, ganz wie Ihr gesagt habt, damit Ihr Euch um ihn k�mmert��� Ihre Stimme flackerte wie eine verl�schende Kerze. Sie lehnte sich in das Kissen zur�ck, und die strengen Linien ihres Gesichts entspannten sich, als h�tte sie all ihre S�nden gebeichtet und h�tte so ihren Frieden mit der Welt geschlossen. ��bel und Schande von diesem Haus fernhalten. Mehr�� wollte ich�� nie.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>30.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Die kalte, rohe Grausamkeit von Mrs�Morlands Schilderung traf mich und lie� mich wie bet�ubt zur�ck. Alle anderen Personen konnte ich mir vorstellen, doch obwohl sie in so grellen Farben gezeichnet wurde, blieb meine Mutter, Margaret Pearce, eine schemenhafte Gestalt. Trotz allem, was Mrs�Morland gesagt hatte, war es schwer zu glauben, dass Lord Stonehouse mein Vater war. Meine bevorstehende Geburt schien ein Schock f�r ihn gewesen zu sein. Eaton hatte mir erz�hlt, dass Kate ihn um den Namen eines Pfarrers gebeten hatte, der heimlich eine Ehe schlie�en w�rde. Der Besuch meiner Mutter bei Lord Stonehouse hatte gewiss etwas damit zu tun. Was f�r ein Narr war ich gewesen! Die ganze Zeit hatte ich nach meinem Vater gesucht, dabei lag der Schl�ssel zu allem mit Sicherheit bei meiner Mutter. Ich beschloss, auf der Stelle noch einmal mit Kate zu sprechen, doch in dieser Nacht starb Mrs�Morland.</p><p>Jetzt, nachdem sie scheinbar Richard gegen�ber ihre Seele erleichtert hatte, blieb ihr im Leben nichts weiter zu tun. Und es sah aus, als w�rde Eaton ihr in K�rze folgen. Ben war ausnahmsweise einmal kein Trost, ganz im Gegenteil. Normalerweise zeigte er gleicherma�en Interesse am Patienten wie an der Krankheit; in diesem Fall wurde er von Eaton abgewiesen, entwickelte jedoch eine, wie ich fand, makabre Faszination f�r die Krankheit, die er als Erkrankung der Seele beschrieb.</p><p>�Sieh dir die Wunde an�, sagte er zu mir, als unterrichte er einen Sch�ler. �Sie ist fast verheilt. Aber die K�rpers�fte sind so aus dem Gleichgewicht, dass sie an anderer Stelle hervorbrechen.� Er deutete auf die Narbe, aus der gelber Eiter sickerte, und machte eine Notiz in seinem Kollektaneenbuch, das er jeden Tag auf den neuesten Stand brachte. Er hatte eine Zeichnung von der Narbe angefertigt, welche, wie er sagte, interessanterweise in den letzten zwei Tagen an Gr��e gewonnen hatte. Er schloss das Buch. �Er will weder essen noch trinken. Er hat noch einen Tag, vielleicht zwei. Es tut mir leid, dass ich ihn nicht auf seinem letzten Weg begleiten kann.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Hast du es nicht geh�rt? Wir brechen auf.�</p><p>Tats�chlich. Ich war so von Mrs�Morland und meinen eigenen Problemen in Anspruch genommen gewesen, dass ich nicht mitbekommen hatte, wie die M�nner den Gep�ckkarren beluden, um am n�chsten Morgen in der D�mmerung aufbrechen zu k�nnen. Ich bat Will eindringlich, eine kleine Gruppe M�nner hierzulassen, um Highpoint House zu verteidigen, da Mrs�Morland mit Richards R�ckkehr gerechnet hatte. Will weigerte sich. Er hatte bereits zu viele M�nner verloren. Dem K�nig war es gelungen, Shrewsbury zu erreichen, und es wurde bef�rchtet, dass er jeden Moment einen Ausfall wagen und in Richtung S�den auf London zumarschieren w�rde. Essex war in Worcester, und Will hatte eine Eildepesche erhalten mit der Aufforderung, sich ihm anzuschlie�en.</p><empty-line/><p>In jenem Herbst regnete es beinahe ununterbrochen, die Pausen waren nur von kurzer Dauer, und der Regen drohte jeden Moment wieder einzusetzen. Ich fand Kate im K�chengarten, wo sie Kr�uter sammelte. Die R�nder ihres Umhangs waren dunkel von der N�sse, und Tropfen hingen an ihrem Handr�cken, w�hrend sie Majoran schnitt.</p><p>�Es tut mir leid, dass ich Euch wegen Mrs�Morland ver�rgert habe�, sagte ich.</p><p>Ihre Stimme klang gleichm�tig, gleichwohl anklagend. �Ich dachte, du wolltest sie mit ihrer Tochter auss�hnen, Tom.�</p><p>�Das wollte ich auch! Aber sie war so verbittert und unvers�hnlich.�</p><p>�Du hast sie nicht korrigiert, als sie dich f�r Richard hielt.�</p><p>Sie ging zu einer Reihe Lavendel und schnitt einige �hren davon ab. Eine schwache, zaghafte Sonne zauberte Farben auf die Regentropfen auf jedem Zweig, als sie sie in den Korb warf. Auf einmal war ich so erbost �ber ihre Ruhe, dar�ber, dass sie alles verdammte und nichts beantwortete, dass ich herausplatzte: �H�ttet Ihr Eaton geheiratet, wenn ich nicht geboren worden w�re?�</p><p>Sie taumelte, als h�tte ich sie geschlagen, lie� den Korb fallen, so dass die Kr�uter auf die Erde fielen. Alle Farbe war mit einem Mal aus ihrem Gesicht gewichen. Aus Angst, sie k�nnte in Ohnmacht fallen, f�hrte ich sie zu einer Bank in einer Laube. Unabl�ssig wiederholte ich, wie leid es mir t�te, doch sie unterbrach meine Entschuldigungen mit einer knappen Geste. Sie atmete schwer. Ich ging zum Korb zur�ck, verrieb Zitronenmelisse mit Lavendel und dem Regenwasser, das daran haftete, und gab es ihr als kleines Riecht�schchen in einem Lindenblatt.</p><p>Sie l�chelte schwach. �Matthews Sohn.�</p><p>�Unter anderem.�</p><p>Sie begann ruhiger zu atmen. �Eaton hat dir erz�hlt�� was hat er dir erz�hlt?�</p><p>Ich f�hlte mich schuldiger als je zuvor, weil ich die Geheimnisse verriet, die Eaton im Seven Stars eher dem niederbrennenden Feuer als mir anvertraut hatte. Aber jetzt, nachdem ich angefangen hatte dar�ber zu reden, musste ich auch weitermachen. Mag sein, dass ich seiner rauen, schroffen Geschichte einen poetischen Glanz verlieh, dass ich Gef�hle auf seiner Seite hinzuf�gte, die ich allein aufgrund der von ihm erz�hlten Fakten bei ihm vermutete. Sie sagte so gut wie nichts, doch ich setzte mich f�r ihn ein, als l�ge mein eigenes Herz in ihren H�nden. Wenn man nur das betrachte, was geschehen sei, was er getan habe, wie plump und unverbl�mt sein Handeln auch immer gewesen sein m�ge, zeige das dann nicht, dass er aufrichtig sei, dass er�� ich musste es sagen, ich musste einfach��, dass er sie liebte?</p><p>Sie zitterte, und ich dachte, sie w�rde weinen, bis ich merkte, dass sie lachte. �Tom, ach Tom, es ist ja, als w�rdest du um mich werben!�</p><p>�Er w�rde diese Worte ebenfalls benutzen, wenn er k�nnte, ich schw�re es!�, rief ich leidenschaftlich.</p><p>�Du kannst einem Menschen ins Herz schauen, nicht wahr?�</p><p>�Ja, genau, ich glaube, das kann ich!�</p><p>Sie lachte, bis ihr die Tr�nen in die Augen traten. Sie zupfte an den Lavendelspitzen und lie� sie auf den Scho� ihres Kleides fallen, als sei sie ein kleines M�dchen, das Er-liebt-mich-er-liebt-mich-nicht spielte. Dann flossen ihr Tr�nen �ber die Wangen, und ich begriff, dass sie nun tats�chlich weinte, dass ihre Ruhe gar keine Ruhe war, sondern eine fest verschlossene T�r, hinter der sie seit dem Tag meiner Geburt ihre Gef�hle eingesperrt hatte.</p><p>Ich legte meinen Arm um sie, und jeder, der in den Garten gekommen w�re, h�tte uns trotz des gro�en Altersunterschieds f�r ein Liebespaar gehalten. Einen Moment klammerte sie sich an mich, dann erhob sie sich, um zu gehen, doch ein pl�tzlicher Regenschauer ergoss sich �ber den Garten. Wir dr�ngten uns wieder zur�ck in die Laube, in die Ansammlung aus staubigen, zerbrechlichen Zweigen und toten Bl�ttern, und starrten auf den Regenvorhang vor uns.</p><p>�Warum hat er dir das alles erz�hlt?�</p><p>�Weil er erfahren hat, dass Ihr am Leben seid! Er dachte, dass er Euch vielleicht wiederfinden w�rde. Von dem Moment an hat er sich ver�ndert.�</p><p>�Ver�ndert? Dieser Mann?�</p><p>�Ja!�</p><p>�Tom, er h�lt dich zum Narren, so wie er mich zum Narren gehalten hat.�</p><p>�Es war, als h�tte er die Worte aus einem tiefen Brunnen hervorgeholt.�</p><p>�Das passt immerhin zu ihm�, murmelte sie.</p><p>Der Schauer h�rte so schnell auf, wie er gekommen war, und die Sonne kam wieder zum Vorschein. Erst jetzt bemerkte ich, dass ein �rmel meines Hemds an meinem Arm klebte. Auch ein Teil ihres Umhangs und Haares war dunkel vom Regen. �Glaubst du, er hat dir die Wahrheit gesagt?�, fl�sterte sie.</p><p>�Ja. Ja, gewiss. Kein Mann kann solche Gef�hle erfinden.�</p><p>Sie seufzte und erbebte. Ich merkte, wie nass wir waren, und dr�ngte sie, hineinzugehen, ehe sie sich erk�ltete. Doch sie weigerte sich und sagte, dass sie jetzt reden m�sse, oder sie w�rde es niemals tun. Sie hatte geglaubt, es sei das Beste, die Sache zu begraben, und dass mein Gl�ck davon abhinge. Jetzt, wo es mich zu diesem verfluchten Ort gezogen hatte, sei es das kleinere von zwei �beln, mir den Teil der Wahrheit zu erz�hlen, den sie kannte.</p><p>Im Laufe der Jahre hatte sie mir mehr gegeben als nur den Osterkuchen an meinem Geburtstag. Sie war es gewesen, die Mr�Ingram �berredet hatte, mir mit Hilfe der Bibel das Lesen beizubringen. Was als Wiedergutmachung f�r ihre S�nde�� nun, dazu w�rde sie noch kommen�� angefangen hatte, endete als, warum sollte sie es nicht sagen, Akt der Liebe.</p><p>�Du fragst mich, ob ich Eaton geheiratet h�tte, wenn all das nicht geschehen w�re? Hat er dir nicht gesagt, dass ich ihm sehr wohl geantwortet habe?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. Sie zitterte erneut, und erneut bat ich sie inst�ndig, hineinzugehen, doch sie erwiderte, es sei nicht die K�lte, die sie erzittern lie�, sondern die Erinnerung an jenen Tag und jenen Sommer, die schleichend wiedererwachte. Wie ich bereits von Eaton wusste, hatte alles damit begonnen, dass sie ihn aus der Falle befreit hatte. Davor kannte sie ihn nur als einen Menschen, den die Familie Pearce hasste, deren einst riesige L�ndereien schon lange im Niedergang begriffen waren. Margaret Pearce war ein Einzelkind. Ihre Mutter war tot, ihr Vater ein halsstarriger Mann, der den Gro�teil seines Geldes dabei verloren hatte, Lord Stonehouse� �bergriffe auf sein Land abzuwehren. Als er starb, stand er kurz vor dem Ruin. Das Einzige, das er seine Tochter hinterlassen hatte und das nicht verpf�ndet war, war sein Hass auf Lord Stonehouse.</p><p>Ich h�rte gebannt zu. Falls die Leute meine Mutter �berhaupt erw�hnt hatten, hatten sie von ihr gesprochen, als sei sie eine Hure aus einem Groschenblatt, aber niemand hatte sie als wirklichen Menschen lebendig werden lassen.</p><p>�War sie sch�n?�, fragte ich.</p><p>�Und geistreich. Und intelligent. Und bezaubernd. Wie du.�</p><p>�Ich bin bezaubernd?�</p><p>�Ach Tom! H�r dich doch an!�</p><p>�Meine F��e sind viel zu gro�, um jemals bezaubernd sein zu k�nnen.�</p><p>Ich hielt meine F��e vor ihr in die H�he, und sie lachte. Dann f�gte sie an: �Und deine Mutter war skrupellos.�</p><p>�Ich bin nicht skrupellos! Ganz und gar nicht!�</p><p>�Nein. Noch nicht.� Obwohl die Sonne kr�ftiger wurde und es inzwischen ziemlich warm in der Laube war, zitterte sie erneut. �Ich sehe so viel von ihr in dir. Das ist es, wovor ich solche Angst habe. Ich habe sie damals nicht f�r skrupellos gehalten. Ich glaubte, alles �ber sie zu wissen�� bis zu jenem Tag.�</p><p>Sie schwieg eine Weile, ehe sie mir erz�hlte, dass Margaret Pearce sie benutzt hatte. Nun, daf�r wurden Gesellschafterinnen bezahlt und bekamen zu essen und ein Dach �ber dem Kopf�� in diesem Fall vor allem Letzteres. Aber die meisten Gesellschafterinnen wurden auch ins Vertrauen gezogen. Sie hatte geglaubt, bei ihr sei es genauso, doch das war es nicht. Margaret Pearce hatte eine Art, die Dinge entweder heftig und �bertrieben darzustellen oder im genauen Gegenteil oberfl�chlich und sp�ttisch. Keines von beiden konnte Kate ernst nehmen, bis es zu sp�t war.</p><p>Margaret Pearce machte Lord Stonehouse f�r den Tod ihres Vaters verantwortlich, als h�tte er ihn eigenh�ndig ermordet. Und sie glaubte, dass die Seele ihres Vaters keine Ruhe finden w�rde, bis sie Rache ge�bt hatte. Und wie wollte sie das erreichen? Durch nichts weniger als dadurch, seine L�ndereien zu �bernehmen, so wie er beinahe den Besitz ihres Vater geschluckt hatte. F�r Kate Beaumann war dies ein Zeichen �bersteigerter Trauer um den Verlust, die sich, mit Geduld und Handarbeiten, ihrer Meinung nach wieder legen w�rde. Doch das tat sie nicht.</p><p>�Ich werde mir einen von ihnen schnappen, Kate. Was meinst du, wer sollte es sein? Der Vater ist ein alter Bock, aber er ist der Lord und muss den Ehrenplatz einnehmen. Aber wenn er stirbt, was wird dann aus mir? Das Verm�gen geht an Richard. Also muss es Richard sein, wie es ausschaut. Er sieht teuflisch gut aus, ist aber ein vollkommener R�pel. Ich kann mir nicht vorstellen, mein Leben mit ihm zu verbringen! Mit Edward kann man zumindest angenehm plaudern, und er ist nicht auf den Kopf gefallen, doch er ist weich wie Wasser. Und er ist nur der zweite Sohn.�</p><p>Kate h�rte zu, w�hrend sie an einem Spruchtuch stickte, und f�r sie h�rte es sich an wie eine dieser Geschichten aus einem Balladenb�chlein mit Schurken und Helden, die Margaret mit ihrer Kindheitsliebe und Vetter, John Lloyd, zu lesen pflegte. Sie liebte John sehr, und dieser schrieb ihr leidenschaftliche Briefe aus Irland, wo er gegen die Rebellen k�mpfte. Kate konnte sich nicht vorstellen, dass sie diese Liebe f�r irgendeinen Stonehouse aufs Spiel setzen w�rde. Falls sie beunruhigt war, weil Margaret f�r die Beerdigung ihres Vaters die kostbarste Trauerkleidung in Damast und Brokat bestellte, dann nur, weil sie bereits hochverschuldet waren.</p><p>Der Gottesdienst fand in der Kirche von Highpoint statt, was gemeinhin als gro�z�giges Zeichen der Vers�hnung von Lord Stonehouse seinem alten Feind gegen�ber erachtet wurde. Die Pfr�nde geh�rte einst zum Besitz der Pearces, und in dem normannischen Kirchenbau gab es noch immer mehr Bildnisse und Wappen dieser Familie als von den Stonehouses. Es kam Kate kurz in den Sinn, dass Margarets Pl�ne wom�glich kein kompletter Unsinn waren. Immerhin war die Familie Pearce �lter und vornehmer als die Stonehouses.</p><p>In Schwarz sah Margaret Pearce sogar noch sch�ner aus, geradezu erschreckend sch�n. Gleichwohl war ihre Trauer aufrichtig. Als der Pfarrer sagte: �Der Tod vereint uns alle�, hallte ihr �Amen� leidenschaftlich in den alten Steinmauern wider. Der Klang ihrer Stimme zog alle Blicke auf ihr von Trauer gezeichnetes Gesicht, mit der wei�en, makellosen Haut und den gro�en, feuchten Augen, dumpf vom Schlafmangel, ganz in Schwarz eingerahmt, bis auf ihr feuerrotes Haar. Selbst Lord Stonehouse, der normalerweise so unbewegt war wie eine der Statuen seiner Vorfahren, wandte den Blick abrupt ab, und es hie�, er habe sogar angemerkt, dass ihn Margarets Trauer an seine eigene lange Trauer um seine Frau Frances erinnerte.</p><p>Margaret Pearce wurde zu einem st�ndigen Gast auf Highpoint. Es vertreibe ihre d�steren Gedanken, sagte sie, wenn sie sich der mildt�tigen Aufgabe widmete, sich um die verdienten Armen auf dem Land der Stonehouse� zu k�mmern, eine Aufgabe, die seit Frances� Tod vernachl�ssigt worden war. Vielleicht erwartete sie, dass dadurch die Streitigkeiten mit den Stonehouses �ber das Land beigelegt w�rden. M�glicherweise w�re es ohne Eaton, der s�mtliche Fortschritte in dieser Hinsicht blockierte, auch dazu gekommen. Dann kam der Moment, wo Kate ihn aus der Falle befreite, und sp�ter legte er die Quelle frei, um das letzte verbleibende Pearce-Land in Earl Staynton zu bew�ssern. Margaret war begeistert. �Er ist in dich verliebt�, sagte sie. �Das wird unseren Besitz retten. Du <emphasis>musst</emphasis> ihn ein wenig ermutigen!�</p><p>Nun, nat�rlich redete sie so, ebenso wie sie in vertraulichen Momenten ausgelassen davon sprach, das Verm�gen der Stonehouse� zu �bernehmen. Kate ermutigte Eaton nicht. Vielmehr f�hlte sie sich von ihm abgesto�en. Doch Eatons Wohlwollen war ihre Rettungsleine. Deshalb besorgte Kate von Matthew Salbe f�r sein verletztes Bein. Darum fuhr sie trotz ihrer Abneigung fort, sich mit ihm zu treffen. Er gab ihr Ratschl�ge f�r das Earl-Staynton-Land, schickte sogar ein paar seiner M�nner dorthin. Das Land bl�hte auf, bis es kaum noch wiederzuerkennen war. Zu ihrem Erstaunen entdeckte sie in diesem m�rrischen, groben Mann Gef�hle, die scheuten wie nerv�se Pferde, sobald sie versuchte, sich ihnen zu n�hern.</p><p>Sie schwieg erneut. Ihr Atem ging wieder schwer, und eine ganze Weile schon hatte sie mich nicht mehr angesehen. Wie Eaton, als er seine Geschichte erz�hlt hatte, schien sie sich meiner Anwesenheit kaum bewusst zu sein.</p><p>Margaret entlie� schlie�lich die Magd, die ihr beim Anziehen half�� aus Gr�nden der Sparsamkeit, wie sie sagte. Eine Zeitlang war ihr jeden Morgen schlecht. Sie lie� jedoch nicht nach dem Arzt schicken, sondern befahl Kate, ein Heilmittel von Matthew zu holen. Es enthielt Mutterkorn, um ein ungewolltes Kind loszuwerden, obwohl Kate zu diesem Zeitpunkt davon nichts wusste.</p><p>Margaret wies Kate an, Eaton nach dem Namen eines Pfarrers zu fragen, der heimlich eine Trauung durchf�hren w�rde, und behauptete, sie w�rde f�r eine Freundin fragen. Glaubte Kate ihr? Es war eher so, dass sie es nicht in Frage stellte. Nat�rlich war sie naiv, blind f�r das, was vor sich ging, doch sie lebte in ihrer eigenen abgeschlossenen Welt. Eaton machte ihr einen Heiratsantrag. Sie stellte fest, dass sie etwas f�r diesen seltsamen, ungeschliffenen Mann empfand. Und ganz bestimmt wollte sie nicht f�r den Rest ihres Lebens Gesellschafterin bleiben. Sie sagte ihm, sie w�rde ihm ihre Antwort am folgenden Tag mitteilen.</p><p>Der absonderliche H�hepunkt dieser Entwicklung, der die gesamte Situation zuspitzte, war Margarets Erkl�rung, sie w�rde Earl Staynton verkaufen. Nach all ihren Beteuerungen, sie w�rde die L�ndereien ihres Vaters wieder aufbauen, ganz zu schweigen davon, dass sie den Besitz der Stonehouse� �bernehmen wollte, war dies eine �berraschung. Aber sie brauchte das Geld. Wof�r, sagte sie nicht, doch Kate glaubte, dass sie beabsichtigte, nach London zu fliehen. Es war der fr�he Nachmittag des 20.�September 1625. Eaton kam auf seinem rotbraunen Wallach vorbeigeritten, um Margaret einen Preis f�r Earl Staynton zu nennen und um Kates Antwort auf seinen Heiratsantrag zu h�ren.</p><p>Halb glaubte Kate, halb hoffte sie, dass er Margaret raten w�rde, nicht zu verkaufen. Wo w�rden sie leben? Welche Gef�hle er Kate auch immer entgegenbringen mochte, Eaton konnte seine lebenslange Gewohnheit nicht ablegen, hart und verbissen zu verhandeln. Von der Summe, die er nannte, wurde noch das Geld abgezogen, das Margaret den Stonehouses schuldete, sowie der Lohn f�r die Arbeit, die Eaton seiner Behauptung nach in das Pearce-Land gesteckt hatte. Schnell war klar, dass nur ein Bruchteil dessen �brig bleiben w�rde, mit dem Margaret gerechnet hatte. Sie beschuldigte Eaton, sie betr�gen zu wollen, und befahl, sie im Karren�� ihre Kutsche war zu diesem Zeitpunkt schon l�ngst verkauft�� nach Highpoint zu fahren. Kate f�hlte sich ebenfalls betrogen und weigerte sich, �ber eine Heirat zu sprechen. Eaton indes ging nicht, sondern folgte ihr wie ein Hund und sagte, er w�rde nicht verschwinden, ehe sie ihm geantwortet h�tte. Sie kehrte zu ihrer Stickarbeit zur�ck, aber als sie etwa eine Stunde sp�ter das Ger�usch einer Kutsche h�rte und nach drau�en kam, war er immer noch dort. Er schritt auf und ab, den Hut in der einen, die Peitsche in der anderen Hand.</p><p>Henry, der Kutscher aus Highpoint, tippte sich an den Hut. �Bitte steigt ein, Ma�am.�</p><p>�Warum? Was ist geschehen?�</p><p>�Ich wei� nicht, Ma�am, aber ich soll Euch abholen und nach Highpoint bringen.�</p><p>W�hrend Henry die Treppe herunterklappte, schlug Eaton mit dem Peitschengriff gegen seine Stiefel. �Ich brauche eine Antwort!�</p><p>�Nein!�, schrie sie, als die Kutsche �ber die mit Schlagl�chern �bers�te Auffahrt davonrumpelte. �Nein, nein, nein!�</p><p>Kate rief die Worte jetzt so laut, dass die V�gel im K�chengarten erschreckt aufflatterten und zwei Soldaten, die am Rand des Gartens vorbeigingen, stehen blieben und zu uns her�berstarrten. Doch sie schien sich der M�nner und mir �berhaupt nicht bewusst zu sein. Es war, als bef�nde sie sich wieder vor Angst bebend in der schaukelnden Kutsche.</p><p>Das Gesinde in Highpoint befand sich in einem Zustand best�rzter Unruhe. Sie h�rte Lord Stonehouse� laute Stimme und lief die Treppe hinauf und den Flur entlang, wo sie ihn und seine beiden S�hne sah. Richards Miene zeigte Heiterkeit, die er indes sorgsam vor seinem Vater verbarg. Edward, der gerade erst angefangen hatte, Augengl�ser zu tragen, schob diese unabl�ssig zur�ck, sobald sie von der Nase zu rutschten drohten.</p><p>�Sie hat mich betrogen, sie hat uns alle betrogen, Sir!�, schrie Lord Stonehouse.</p><p>�Sie�� sie ist eine verheiratete Dame, Vater�, sagte Edward.</p><p>Kate hatte Edward noch nie so erlebt. Gew�hnlich sanftm�tig und z�gerlich, hielt er dem Blick seines Vaters herausfordernd stand, die H�nde geballt. Margaret verheiratet? In diesem Moment erschien das Kate unm�glich. Noch best�rzter war sie �ber Richards Bemerkung, als er sch�tzend den Arm seines Bruders dr�ckte.</p><p>�Verheiratet. Aha. Aber mit wem?�</p><p>Sein Vater blitzte ihn an, dann erblickte er Kate. �Bibliothek!�, blaffte er.</p><p>Sie eilte davon. Das war eine Frauensache. Die M�nner schienen sich unwillk�rlich in der einen H�lfte des Hauses versammelt zu haben und die Frauen in der anderen. Als sie in ihrer Panik die Orientierung verlor, brachte eine Magd sie zur Bibliothek. Ihre Chopinen hinterlie�en ein matschiges Muster in einer Wasserpf�tze auf dem Flur, und sie erinnerte sich, wie seltsam sie das gefunden hatte, da Mrs�Morland so eine penible Haush�lterin war. Margaret Pearce lag ausgestreckt auf dem Boden, ein Kissen unter dem Kopf, Mrs�Morland kniete an ihrer Seite. Sie starrte zu Kate empor und l�chelte. Es war ein schwaches L�cheln, teils gr��end, teils erleichtert, denn sie litt heftige Schmerzen, doch es war ein L�cheln. Das wiederum erboste Mrs�Morland, als habe Margaret Pearce von allen Menschen am wenigsten ein Recht darauf.</p><p>�Das ist eine schmutzige Angelegenheit, Miss Beaumann�, sagte sie.</p><p>�Schmutzig?�, sagte Kate, best�rzt �ber ihr Verhalten, da sie dachte, Margaret sei einfach nur krank geworden.</p><p>�Schmutzig!�</p><p>Brutal riss sie Margarets Kleid hoch, wobei sie einen der Unterr�cke zerriss. Sie waren nass, und Kate begriff, wo das Wasser hergekommen war. Sie starrte auf den aufgebl�hten Bauch, das angespannte, teilweise eingerissene Geschlecht, den dunklen, ger�teten Umriss von etwas, das sich abm�hte, durchzukommen. Es hatte eine kurze Pause gegeben, doch schon folgte der n�chste Versuch, sich den Weg nach drau�en zu bahnen, und die Lippen von Margarets Geschlecht schoben sich zur�ck. Entsetzt schaute Kate zu, denn sie wusste, was dieses Etwas war. Samuel Pearce war ein strenger Puritaner gewesen, der au�er der Bibel nur wenige B�cher im Haus duldete. Eines dieser Werke war Stephen Batmans <emphasis>Das Verderben ermahnt Jedermann vor dem J�ngsten Gericht</emphasis>, eine Chronik aller wunderlichen und abscheulichen Geburten, von denen je berichtet worden war. Als Mrs�Morland das Kleid wieder nach unten zog, erinnerte Kate sich daran, dass die Auflistung zweifelsohne bewies, dass unz�chtiger, ehebrecherischer Beischlaf zur Geburt von Monstern f�hrte. Es gab Kinder, die mit zwei K�pfen geboren wurden, Gliedma�en oder Finger fehlten, die K�rper waren verdreht oder missgestaltet. Sie war �berzeugt, dass solch eine Monstrosit�t auftauchen w�rde.</p><p>�Richtet sie auf�, schnauzte Mrs�Morland sie an, �solange sie zwischen zwei Wehen ist!� Sie warf Kate einen anklagenden Blick zu, als h�tte sie es wissen m�ssen und sei mithin an diesem Frevel beteiligt.</p><p>Wie sie Margaret hochbekommen hatten, vermochte Kate sp�ter nicht mehr zu sagen. Sie selbst war klein, und Mrs�Morland war mager und gro�, und Margaret schwankte zwischen ihnen hin und her. Die Magd, die sie in die Bibliothek gef�hrt hatte, half ihnen die Treppe hinab, doch sobald Margaret zu sprechen begann, schickte Mrs�Morland das M�dchen fort. Margaret taumelte zwischen ihnen in die Halle. Sie klang betrunken, doch sie roch nicht nach Wein.</p><p>�Ich werde Lord Stonehouse heiraten! Was h�ltst du davon, Kate? Ich werde Lady Stonehouse sein! Du siehst�� alles wird wahr!� Sie glitt beinahe auf dem gefliesten Boden aus. Kate lie� Margaret einen Moment lang los, doch Mrs�Morland hielt sie weiterhin fest und zerrte sie mit brutalem Schwung �ber den rutschigen Boden, ehe Kate sie wieder zu fassen bekam. �Danke, Mrs�Morland�, sagte Margaret. �Ist meine Kutsche bereit?�</p><p>Dann �bermannte der Schmerz sie erneut. Mrs�Morland sah mit einem L�cheln voll grimmiger Befriedigung zu, w�hrend Henry, der Kutscher, ihr in den Wagen half. Margaret fiel �ber Kate, bohrte die Fingern�gel in ihre H�nde und biss auf einen der Lederriemen, konnte indes nicht verhindern, dass ihr ein Schrei entwich.</p><p>�Wartet!� Mrs�Morland h�mmerte an die Kutschent�r. �Ihr wisst, was Ihr zu tun habt?�</p><p>�Tun?� Kate starrte sie verwirrt an.</p><p>�Gott sei mit den geistig Armen!� Verdrossen rang Mrs�Morland die H�nde, legte sich dann eine Hand �ber Mund und Nase, als wollte sie jemanden ersticken.</p><p>�Ich kann das nicht tun!�</p><p>�Ihr werdet es schon schaffen. Der Karren wird es abholen.�</p><p>Sobald sie die zu Highpoint geh�renden L�ndereien hinter sich gelassen hatten�� so lautete Henrys Anweisung��, atmete dieser freier und zeigte zumindest etwas Mitleid mit ihnen. Ehe er sie in dem kalten, feuchten Bauernhaus allein lie�, sammelte er Holz und schlug den Feuerstein, um ein Feuer zu entz�nden. Kate hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Sie meinte, die Gegenwart des B�sen zu sp�ren. Mehrere Male w�re sie beinahe gegangen, doch jedes Mal, wenn sie die T�r �ffnete, murmelte Margaret etwas oder schrie und streckte tastend eine Hand aus, um die ihre zu umklammern. Kate fand Wasser, das sie erhitzte, sowie ein paar schmutzige Lumpen. Der Kopf kam heraus, klebrig und runzlig, aber zu ihrer �berraschung sah er vollkommen normal aus. Eine Weile schien das, was aus Margaret herauswollte, was immer es sein mochte, festzustecken, ebenso ersch�pft wie die Mutter. W�hrend dieser Momente betete Kate. Von der Bettstatt, auf der Margaret lag, h�rte sie ein klickendes, tastendes Ger�usch. Margaret murmelte etwas, doch Kate schloss diese Worte aus, indem sie noch st�rker darum betete, den Teufel zu bannen, der langsam aber sicher in diese Welt glitt.</p><p>Der Wind bildete kleine Wirbel und lie� einen Eimer drau�en klappern. Der Regen fand die Spalten im zerbr�ckelten Schornstein, spritzte hinein und zischte im Feuer. Als sei es Teil dieses Ger�uschs, Teil der Gewalt da drau�en, rutschte das Ding pl�tzlich in einer ungest�men Eruption heraus. Erleichtert glaubte Kate, die klebrige Masse sei tot. Sie wappnete sich und hob es auf. Es rutschte ihr aus den Fingern. Instinktiv hielt sie es fest. Das Ding erschauderte, lag warm und zitternd in ihren H�nden, der Mund bebte und stie� zu ihrem Erstaunen einen schrillen, holperigen, doch zunehmend kr�ftiger werdenden und ganz gewiss sehr menschlichen Schrei aus. Er war normal und ohne Makel. Sie dr�ckte den Jungen an sich, und er schien perfekt in ihre Arme zu passen, etwas, von dem sie bis jetzt nicht gewusst hatte, dass sie es vermisst hatte. All ihre �ngste und Vorstellungen waren wie fortgewischt. F�r einen Moment.</p><p>Margaret �ffnete die Augen und streckte die H�nde nach dem Kind aus. Kate empfand einen starken Widerwillen, das Kind loszulassen. Schlie�lich wollte sie es seiner Mutter reichen, doch schreckte dann im letzten Moment zur�ck. Die hypnotisierenden Augen einer Schlange schienen sie anzublicken, die gespaltene Zunge z�ngelte gl�nzend. Ein weiteres Hirngespinst! Doch die Wirklichkeit war noch schlimmer.</p><p>In ihrer Hand hielt Margaret n�mlich ein Schmuckst�ck, das Kate gut kannte. Sie wusste auch, dass Lord Stonehouse diesen Anh�nger, der seiner Frau Frances geh�rt hatte, mehr sch�tzte als seinen gesamten anderen Besitz. Der Feuerschein lie� die Augen des Falken aufflackern, und er schien sie anklagend anzufunkeln. Panik erf�llte sie, als sie sich vorstellte, Lord Stonehouse� Mann k�nnte kommen und den Anh�nger entdecken. Sie legte das schreiende Kind ab und versuchte, Margaret den Anh�nger abzunehmen. Sie sagte, sie sei verr�ckt gewesen, ihn zu stehlen.</p><p>�Das steht mir zu!�, sagte Margaret. �Darum wurde ich betrogen! Ich wollte mit dem Vater des Kindes fortgehen.�</p><p>�Seinem Vater?�</p><p>�Einem seiner V�ter. Heute Abend. Heute Nachmittag. Alles, was wir brauchten, war Geld.�</p><p>Einer seiner V�ter? Was phantasierte sie da? Margarets Miene spiegelte Gerissenheit und Wahnsinn, und die Worte kamen sto�weise aus ihrem Mund, so wie das Kind aus ihrem Leib gekommen war. Gleichwohl ergab ihre Rede einen furchtbaren Sinn. Sobald Eaton den Schuldschein f�r das Land gebracht h�tte, w�ren sie aufgebrochen. Das Kind sollte sp�ter heimlich geboren werden und nicht so pl�tzlich, ausgel�st durch die Krise. Die Worte quollen aus ihr hervor, voll inbr�nstiger, heftiger Rachegef�hle. Sie klammerte sich mehr an den Anh�nger, als dass sie das Kind festhielt, sagte, es sei ihr Zugriff auf den Kindsvater, denn das Geheimfach enthielte den Beweis, wer er war. Doch allm�hlich, ersch�pft und ausgelaugt, wie sie war, lockerte sich ihr Griff um den Anh�nger, und Kate glaubte, dass sie auch das Leben langsam loslie�. Margaret murmelte, dass, wenn ihr irgendetwas zustie�e, Kate f�r das Kind sorgen solle, wiederholte unabl�ssig, dass der Hinweis auf den Vater sich in dem Portr�tfach bef�nde, und fiel schlie�lich in einen tiefen, aber unruhigen Schlaf.</p><p>Kate nahm den Anh�nger aus Margarets schlaffen Fingern. Der Wind riss ihr die T�r der Bauernkate aus der Hand, sobald sie diese entriegelt hatte. Den Anh�nger warf sie so weit weg, wie sie nur konnte.</p><p>Das Kind schlief in der W�rme der Mutter. Die Schlange, die es mit ihr verband, hatte ihr sonderbares Pochen eingestellt. Kate biss sie nahe am Bauch des Kindes ab, wie sie es einmal bei einer Hebamme gesehen hatte, und obwohl es sinnlos war, wenn man bedachte, was sie vorhatte, band sie den Rest sorgf�ltig ab. Dann versuchte sie, den Jungen zu ersticken. Er trat um sich, k�mpfte und schrie. Seine Mutter r�hrte sich. Kate begann zu weinen und versuchte es erneut. Sie konnte es nicht. Sie stellte fest, dass sie immer noch die Leinensch�rze trug, die sie stets bei ihren Handarbeiten trug. Sie wickelte sie um das Kind und brachte es zu der ungesch�tztesten Stelle, die sie finden konnte, wo der Ostwind �ber ein offenes Feld schnitt und es keinen Schutz vor dem Regen gab. Dann schlief sie vor dem Feuer ein, ebenso ersch�pft, als h�tte sie selbst ein Kind geboren.</p><p>Das ferne Ger�usch eines Karrens weckte sie. Sie rannte zum Feld. Das Kind war kalt, nass und vollkommen reglos. Sie hastete mit ihm zur Bauernkate zur�ck. Es schien ewig zu dauern, bis der murmelnde, fluchende Karrenlenker endlich auftauchte und an die T�r klopfte. Es war ein Schock, als sie die T�r �ffnete und sah, dass es Matthew Neave mit dem Pestkarren war.</p><p>��N Abend, Miss Beaumann.�</p><p>Als sei es ein ganz normaler Abend, eine ganz normale Angelegenheit!</p><p>�Er sieht nicht aus wie ein Pestkind, Miss Beaumann.�</p><p>Diese gerissene Art, sie kaum anzusehen, sie indes gleichwohl anzuklagen, als sei sie mitschuldig, mithin verantwortlich! Dies brachte all ihren Zorn in ihr hervor, die gottesf�rchtige Seite in ihr, und sie war so verbittert wie Mrs�Morland, als sie ihm das Kind, kalt wie ein Stein, hinschob. �F�r uns ist er die Pest, Matthew!�</p><p>Matthew zuckte mit den Schultern, nahm ihn und ging pfeifend davon. Pfeifend! Als h�tte er ein Verm�gen gemacht! Sobald sie die T�r zuknallte, setzten die Schuldgef�hle ein. Sie hatte die S�nde aus der T�r geschoben: Warum blieb sie trotzdem bei ihr? In ihr? Sie vernichtete alle Spuren einer Kindsgeburt, warf die Schlange ins Feuer, wo sie sie anzuzischen und nach ihr zu speien schien. Doch sie konnte sich nicht von dem Gef�hl reinwaschen, eine Tods�nde begangen zu haben. Was umso schlimmer war, da sie den Grund daf�r nicht verstand. Es war nicht ihr Kind, nicht ihre S�nde, sie hatte nur ihre Pflicht erf�llt, doch so war es. Sie sp�rte immer noch seine schl�pfrige W�rme in ihren Armen, h�rte seinen ersten Schrei.</p><p>Der gutherzige Henry hatte f�r den n�chsten Tag einen freundlichen Karrenlenker aufgetan, der sie nach Hause brachte. Margaret hatte Fieber. Der Wahnsinn, der in ihr gesteckt hatte, als Kate und Mrs�Morland sie in Highpoint hinaus zur Kutsche gebracht hatten, hatte in ihrem Verstand Wurzeln geschlagen. Manchmal wusste sie von dem Kind, manchmal nicht. Manchmal war sie auf dem Weg nach Highpoint, um ihren Liebhaber zu treffen, aber welchen Liebhaber, wurde niemals klar. St�ndig phantasierte sie von dem Anh�nger. Sie musste den Anh�nger holen. Kate musste ihn sehen! Den Anh�nger zu nehmen, bedeutete seine Frau zu nehmen <emphasis>und</emphasis> seine Frau zu werden. Sie sprach von einer Heirat, manchmal war es, als w�rde sie die Zeremonie mit Kate durchgehen, doch ob diese Eheschlie�ung ein Phantasiegebilde war oder tats�chlich stattgefunden hatte, war unm�glich zu sagen. Stets endete ihr unzusammenh�ngendes Gefasel bei dem Anh�nger. �Pass gut darauf auf�, pflegte sie zu sagen. �Es ist der Schl�ssel zu allem. Pass gut auf den Anh�nger auf.� Sie lebte noch zwei Monate, ehe sie starb.</p><p>Lord Stonehouse verweigerte ihr ein Begr�bnis in der Kirche von Highpoint, also wurde sie in Shadwell begraben, dort, wo das Gesinde beerdigt wurde. Eaton kam zum Trauergottesdienst, doch Kate war mit knapper Not h�flich zu ihm. Er war so r�pelhaft und ungehobelt wie eh und je, die ganze Angelegenheit schien ihn unber�hrt zu lassen. Sie konnte nicht fassen, dass sie einmal etwas f�r ihn empfunden hatte, dass sie hinter dieser Grobschl�chtigkeit etwas gesehen hatte�� nun, das war jetzt egal. Sie verschloss ihre Ohren vor seinen Worten, au�er, als er sie fragte, ob sie die Geschichte �ber Matthew Neaves Wunderkind geh�rt habe. Da ging sie auf ihn los. Sie habe getan, was Lord Stonehouse wollte, rief sie. Das Kind war tot!</p><p>Wunderkind! Als sie beobachtete, wie Eaton davonritt, wusste sie, dass er es �berpr�fen w�rde. Es war eines der Dinge, die sie an ihm gemocht hatte�� er �berpr�fte und pr�fte noch einmal nach und �berlie� niemals etwas dem Zufall. So wie sie es getan hatte. Er w�rde es �berpr�fen, und sie wusste, was er dann tun w�rde.</p><p>Kate befahl dem Karrenlenker, sie zu Matthews armseliger Bruchbude zu fahren, auch wenn sie meilenweit entfernt war. Als sie das Kind sah, bei dem sich bereits die ersten roten Str�hnen zeigten, fiel sie auf die Knie und weinte vor Freude. Sie zweifelte keine Sekunde daran, dass der Herr ihn von den Toten zur�ckgeholt hatte. Aus diesem Grund hatte sie ihm immer an jenem Tag im September, wie schwierig es auch gewesen sein mochte und wo immer er auch gesteckt habe, stets einen Osterkuchen gebracht, das Symbol der Auferstehung.</p><p>Sie erkl�rte Matthew, dass sie verschwinden m�ssten, und zwar sofort, und dass sie sie auf ihrer Flucht begleiten w�rde. Sie wusste weder, wo sie hin sollten, noch wie sie fliehen sollten, bis sie den Pestkarren sah. Nur wenige Menschen w�rden sich einem Pestkarren n�hern. Wenn sie weit genug vom Pfarrbezirk entfernt waren, k�nnten sie die roten Kreuze �bermalen und sich dem immer st�rker werdenden Strom von Menschen anschlie�en, die wie sie selbst auf der Flucht waren, sei es nun wegen eines Verbrechens, wegen Ernteverlusts, schrumpfenden L�hnen und steigenden Preisen oder wegen der Streichung oder Beschneidung der Waldrechte. Sie alle flohen in das Reich der neuen M�glichkeiten: nach London.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>31.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Kate hatte vergessen, dass ich da war. Sie kauerte ganz vorn auf der Bank, die H�nde verschr�nkt, und wiegte sich leicht hin und her. Ich k�nnte schw�ren, dass sie in Gedanken auf dem Pestkarren sa�, der sie auf der zerfurchten Stra�e nach London in Sicherheit bringen sollte. Mit einem Ruck kam sie wieder zu sich, starrte mich an, als sei ich tats�chlich in diesem Moment von den Toten auferstanden, und fiel auf die Knie.</p><p>�Vergib mir! Vergib mir!�</p><p>Ich zog sie hoch. Hielt sie fest. Sagte ihr, sie solle keine N�rrin sein. Es g�be nichts zu vergeben. Genauso gut k�nnte ich vor ihr auf die Knie fallen. Ich tat es in aller Form, und sie zog mich lachend hoch. Dann weinte ich. Wir weinten zusammen, tiefe Schluchzer sch�ttelten uns, w�hrend einer den anderen festhielt. Die Soldaten, die schon zuvor an uns vorbeigekommen waren, blieben erneut stehen und musterten uns erstaunt. Sie hatten ein Schwein get�tet, um es zu p�keln, ehe sie am n�chsten Tag aufbrachen, und trugen pr�chtige Hinterbacken, von denen noch das Blut tropfte, auf ihren Schultern. Ich rief ihnen zu, sie sollten etwas Fleisch ungesalzen lassen f�r unser Fest heute Abend, und einer von ihnen gab scherzend zur Antwort: �Euer Hochzeitsfest?�</p><p>�Eine Wiedervereinigung�, rief ich.</p><p>Der Regen hatte aufgeh�rt, doch nicht f�r lange, wie mir schien. Die V�gel schwiegen, und Eaton hatte mir beigebracht, auf sie zu achten, mit einer seiner seltsamen Eselsbr�cken, die er stets zum Besten gab: Wenn die V�gel sich verpieseln, wird es wahrscheinlich bald nieseln.</p><p>Soldaten putzten ihre Musketen, und Will strich umher, befahl das Packen der Wagen, die bereits bepackt waren, oder die Reparatur eines gebrochenen Rades, was meines Erachtens ohne seine Einmischung schneller erledigt gewesen w�re. Luke siegelte eine Depesche, dann einen Brief an Charity, die er beide einem wartenden Reiter �bergab. �ber allem lag eine Zielstrebigkeit, die seit Tagen gefehlt hatte. Ich sp�rte sie in mir selbst. Zielstrebigkeit, Aufregung sowie einen stetig anwachsenden Groll. Ich erkl�rte Kate, dass ich die ganze Zeit �ber versucht hatte, meinen Vater zu finden, doch dass es mich jetzt nicht l�nger interessierte. Wer brauchte schon V�ter, wenn er solche M�tter wie Susannah und Kate hatte? Ich k�sste sie noch einmal.</p><p>Lachend entzog sie sich mir. �Ich bin nicht deine Mutter, Tom.�</p><p>�Aber so gut wie.�</p><p>�Du wirst also die ganze Sache vergessen und nach London zur�ckkehren?�</p><p>Ich schwieg. Wir gingen in die gro�e Halle, und ich starrte zum ersten Stock hinauf. Vor allem zwei Dinge hatte ich aus Kates Geschichte erfahren: das eine war ihre unersch�tterliche Liebe, das andere der gl�hende Hass meiner leiblichen Mutter. Ich sp�rte, dass sie mir diesen Hass mitgegeben hatte. So, wie sie geglaubt hatte, Lord Stonehouse habe ihren Vater get�tet, glaubte ich�� nein, ich wusste es��, dass er und seine S�hne meine Mutter get�tet hatten. Ich sah sie vor mir, alle drei, wie sie von oben zusahen, als Kate und Mrs�Morland meine Mutter halb die gro�e Treppe hinabf�hrten, halb hinabtrugen, w�hrend ich geboren wurde. Ich bin sicher, dass Kate wusste, was ich dachte, als ich ihr schlie�lich antwortete, denn sie blickte ebenfalls auf die Treppe, ehe sie sich schaudernd abwandte.</p><p>�Nein. Ich werde bleiben�, sagte ich. �Ich will herausfinden, was geschehen ist. Ich will die Wahrheit wissen.�</p><p>�Du willst Rache! Du wirst wie sie! Ich wusste, dass es so weit kommen w�rde! Das ist der schlechteste Grund, Highpoint besitzen zu wollen.�</p><p>Ich sp�rte, wie mir das Blut, meiner Mutter Blut, in die Wangen stieg, w�hrend ich meiner Stimme m�hsam einen festen Klang zu verleihen suchte. �Wo ist Matthew?�</p><p>�Ich werde es dir nicht sagen!�</p><p>�Ich werde ihn finden.�</p><p>Sie eilte die Treppe hinauf. �Ich w�nschte, ich h�tte dir nichts erz�hlt!�</p><p>Ich folgte ihr. �Der Pfarrer, dessen Namen Eaton Euch gegeben hat und der die heimliche Trauung vollzogen hat��, ist er noch in Shadwell?�</p><p>�Er wurde entlassen. Nach dem Skandal.�</p><p>�In Shadwell wird morgen doch Mrs�Morland beerdigt?�</p><p>Sie wirbelte herum. �Du darfst nicht hingehen! Edward Stonehouse h�lt den Gottesdienst. Sie werden dich t�ten!�</p><p>�Dann sagt mir, wo Matthew ist!�</p><p>Sie rannte davon und war verschwunden, so wie sie es den Gro�teil meines Lebens gehalten hatte. Erst sp�ter am Abend sah ich sie wieder, als das Schwein auf einem Spie� ger�stet wurde und die Soldaten vom Birnenmost betrunken waren. Das Lazarett war wieder zum Speisesaal f�r das Gesinde umfunktioniert worden, nur Eaton lag noch im hinteren Teil des Raums. Ben zog mich zur Seite.</p><p>�Es ist ein Wunder!�, fl�sterte er.</p><p>Man hatte Eaton auf seinem Rollbett abgest�tzt. Nur in jener Ecke des Raums waren Kerzen entz�ndet worden, und Kate bewegte sich in den Lichtkreis und wieder hinaus, tauchte k�hle Kompressen in eine Sch�ssel, um Eatons Gesicht damit abzutupfen.</p><p>�Sie war den ganzen Nachmittag und Abend bei ihm�, wisperte Ben. �In dem Moment, als sie kam, hat er die Augen aufgemacht und�� sieh nur!�</p><p>Seine Narbe hatte au�erordentlich gen�sst, doch als Kate jetzt den Verband abnahm, war sie sauber. Eaton bewegte sich unruhig. Kate murmelte etwas.</p><p>�Ich verstehe. Ihr seid wegen Tom gekommen. Ist das alles?�, entgegnete Eaton, und seine Stimme hatte ein wenig von ihrer alten Kraft zur�ckerlangt.</p><p>Ich war sicher, dass sie nicht nur meinetwegen zu ihm gekommen war. Ansonsten h�tte sie ihn sicher fr�her aufgesucht und nicht erst, als ich ihr erz�hlt hatte, dass Eaton mir seine Liebe f�r sie und seine Reue bekannt hatte. Aber als sie erwiderte: �Alles? Ihr habt ihm das Leben gerettet!�, schien Eatons altes ungest�mes Ich zur�ckzukehren, und er verfiel in ein heftiges, kaum verst�ndliches Gefasel und sagte, das sei absurd. Er habe mein Leben nur gerettet, um mich in gro�e Gefahr zu bringen.</p><p>�Das wei� er.�</p><p>�Das wei� er nicht! Nichts wei� er! Er muss hier weg! Er muss auf der Stelle aufbrechen!� Beunruhigt, er k�nnte einen R�ckfall erleiden, drohte sie damit, zu gehen, bis er Ruhe gab und sie mit einem Blick bedachte, der an ein gefangenes, teilweise gez�hmtes Tier erinnerte, eine Mischung aus gl�hender Feindseligkeit und Verlangen. Mehrere Male �ffnete er den Mund, um etwas zu sagen, doch was er zu sagen hatte, w�re f�r einen vollkommen Gesunden schon schwierig genug gewesen. Also schwieg er, und sein Groll verschwand und wich dem Verlangen nach diesen sanften Bewegungen, dem leisen Rascheln ihrer R�cke auf dem Boden. Und dann, von einem Moment auf den anderen, schlief er ein.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>32.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Eines der seltsamsten Dinge an diesem Krieg war die Tatsache, dass, obwohl sowohl der K�nig als auch das Parlament schworen, f�r Gott und das Volk zu k�mpfen, das Volk verschwand, sobald eine der beiden Parteien auftauchte, und alles Essen und Vieh mit sich nahm. So war es auch in Highpoint House. Solange die Soldaten dort waren, hielten sich nur Rose und Kate im Haus auf, um Mrs�Morland zu versorgen. An dem Morgen, an dem Wills Einheit abr�ckte, verbreitete sich die Nachricht ihrer Abreise auf geheimnisvollen Wegen bis in jeden Winkel des Tals, von Earl Staynton im Westen bis zum Grey Horse im Osten.</p><p>Auf der Suche nach etwas zu essen ging ich in die K�che. Eine gedrungene Frau schalt eine K�chenmagd aus, als sei sie verantwortlich f�r den Dreck und das Fett, das die Soldaten auf dem Bratspie� hinterlassen hatten. Sie waren best�rzt, als sie mich sahen. Ich entschuldigte mich f�r die Unordnung, doch die Frau, von der ich sp�ter erfuhr, dass sie Mrs�Adams hie� und die K�chin war, wandte mir den R�cken zu.</p><p>Andere Bedienstete verschwanden, sobald ich mich n�herte. Anfangs betrachtete ich es als verst�ndliche Verstimmung, weil die Soldaten das Haus in diesem Zustand hinterlassen hatten. Doch es war mehr als das. Sie wussten, wer ich war. Edward Stonehouse w�rde am Morgen den Trauergottesdienst f�r Mrs�Morland abhalten. Ich h�rte jemanden fragen, ob Richard dort sein w�rde. Ich war ein Eindringling.</p><p>Als ich Rose zul�chelte, die am Anfang so sch�n vor mir geknickst hatte, warf sie mir einen furchtsamen Blick zu, und ich sah, wie ein alter, in rostiges Schwarz gekleideter Mann ihr ein Zeichen gab, sich zur�ckzuziehen. Das, so vermutete ich, war Mr�Fawcett, der Hausdiener. Er hatte hervorstehende, frosch�hnliche Augen, sein Blick glitt von einem zum anderen, �berpr�fte Roses Kleidung ebenso wie die der �brigen Bediensteten. Alle trugen Schwarz, gingen der Reihe nach hinaus auf zwei Karren zu, die sie zum Begr�bnis bringen w�rden. Ich h�rte Fawcett leise etwas zu einem Mann mit breiter Brust sagen, den ich meinte, schon einmal gesehen zu haben. Seine Worte waren: �Das ist der Bastard der Hure.�</p><p>Das Blut brannte in meinen Wangen, und ich machte schon einen Schritt auf Fawcett zu, entschied mich dann jedoch anders. Hatte ich von Eaton gelernt, Wut in kaltbl�tige Verbitterung zu verwandeln? Oder hatte ich es von meiner Mutter geerbt?</p><p>Ich sah zu, wie die Bediensteten die Karren bestiegen. Mein �rger dar�ber, wie man meine Mutter in diesem Haus behandelt hatte, wuchs, w�hrend ich beobachtete, wie das Gesinde davonfuhr. Dann ging ich zu den St�llen. Ich w�rde vollenden, was meine Mutter begonnen hatte.</p><empty-line/><p>Patch wollte galoppieren, doch ich hielt die Z�gel kurz, w�hrend ich den Karren durch eine Furt folgte und anschlie�end h�gelauf in ein kahleres St�ck Land gelangte. Ein unbehagliches Schweigen hatte sich �ber die Karren gelegt. Einmal fing ich Mrs�Adams schwarzes Tuch auf, als es fortgeweht wurde. Sie nahm es entgegen, ohne mich anzusehen oder ein Wort zu sagen, und lie� es im Wind wehen, ehe sie es wieder umlegte, als h�tte ich es auf irgendeine Weise verseucht. Der Einzige, der meinem Blick nicht auswich, war der b�rtige Mann, mit dem Fawcett gesprochen hatte. Je l�nger ich ihn ansah, umso sicherer war ich mir, ihm schon einmal irgendwo begegnet zu sein. Ich konnte mich jedoch nicht entsinnen, wo das gewesen sein k�nnte.</p><p>Als wir uns Shadwell n�herten, sah ich hinter mir eine Kutsche den H�gel erklimmen. Ich lie� mich hinter die Karren zur�ckfallen und �berpr�fte meine Pistole. Das Dorf war ein Gewirr aus H�tten, die sich um die Kirche als dem einzigen stabilen Geb�ude scharten. Es gab einige kleine Bauernkaten, doch ansonsten schien das �berleben der Menschen von Schafen abzuh�ngen, die auf dem Friedhof grasten. Ich sa� nicht ab, sondern wartete, bis die Trauerg�ste in der Kirche verschwunden waren und die Kutsche anhielt.</p><p>Der Erste, der ausstieg, war Edward Stonehouse, w�rdevoll in seinem Priestergewand und mit dem Gebetbuch in der Hand, das Gesicht f�r den Gottesdienst feierlich gefasst. Interessiert blickte ich zu ihm hinunter. So nahe war ich ihm noch nie gewesen. �berrascht schaute er zu mir auf, die schweren metallenen Augengl�ser rutschten ihm dabei von der Nase. Seine H�nde zitterten, so dass er beinahe das Gebetbuch fallen gelassen h�tte. Sein r�tliches Gesicht verlor alle Farbe und erbleichte �ber seiner schwarzen Robe. Abrupt blieb er stehen. Seine Frau, die sich vom Kutscher heraushelfen lie�, stie� gegen seinen R�cken.</p><p>�Passt doch auf, Edward! Ihr seid heute Morgen so zerstreut!�</p><p>Ihre Stimme war scharf und ungeduldig. Sie sah aus, als h�tte sie gerade eine ganze Flasche Essig geleert; sie verdrehte die Augen, und ihre Lippen waren so d�nn, dass sie fast in ihrem Gesicht verschwanden. Wenn Edward Margaret Pearces Liebhaber gewesen war, dann hatte er mit seiner Frau einen schlechten Fang gemacht, dachte ich. Bis auf das kleine Verm�gen, das sie, wie Luke mir erz�hlt hatte, mit in die Ehe gebracht hatte und von dem vermutlich die gl�nzende Kutsche mit dem Stonehouse-Wappen und die Livree des Kutschers bezahlt worden waren.</p><p>�Was ist los? Wer ist das?� Ihre Augen hatten die Form von Schlitzen angenommen, als sie zu mir hinaufsp�hte. Ich erwiderte ihren Blick interessiert, w�hrend mein Pferd friedlich das Gras weidete. Sie packte Edwards Arm. �Unversch�mtheit! Sagt dem Kutscher���</p><p>Ob Edward den Mann anweisen sollte, mir die Peitsche zu geben, habe ich nie erfahren, denn er packte ihren Arm und zerrte sie beinahe durch das �berdachte Friedhofstor. Sie war so eine Behandlung offensichtlich nicht gewohnt und protestierte lauthals, bis ihr anscheinend d�mmerte, wer ich war, denn als sie das Vestib�l erreichten, sagte sie: �Das ist doch wohl nicht etwa <emphasis>der</emphasis>, oder?� und wirbelte herum, um mich erneut anzustarren. Mittlerweile scheuchte eine Gouvernante die Kinder aus der Kutsche. Zuerst einen Jungen, etwa zehn Jahre alt, der in seinem schwarzen Leibrock ganz trefflich aussah und vermutlich Lord Stonehouse als m�glicher Erben pr�sentiert werden sollte. Doch Phillip�� wieder nach Lukes Aussage�� stammte aus der ersten Ehe von Edwards Frau. Ihr Mann war von derselben Seuche dahingerafft worden, die auch Edwards erste Frau und ihren gemeinsamen Sohn get�tet hatte, in den Lord Stonehouse so vernarrt gewesen war. Die anderen Kinder, alles M�dchen, k�nnten meine Halbschwestern sein. Alle starrten mich an, wie es Kinder tun, ohne Befangenheit, und ich erwiderte ihre Blicke, bis Phillip von der gehetzten Gouvernante zu wissen verlangte: �Wer ist dieser Mann?�</p><p>�Ein Mann auf einem Pferd�, erwiderte sie.</p><p>�Das sehe ich�, sagte er mit vernichtender Verachtung. �Warum starrt er mich so an?�</p><p>�Mama sagte, er sei unversch�mt�, fl�sterte das �lteste M�dchen ihm zu und l�chelte einf�ltig.</p><p>�Hat sie das? Wirklich?� Er riss sich von der Gouvernante los und kam auf mein Pferd zu, das nerv�s zur�ckwich, bis ich es beruhigte und es nicht mehr von der Stelle wich. �He, du da! Fort mit dir! Ehe du dir eine t�chtige Tracht Pr�gel einf�ngst!�</p><p>Mrs�Stonehouse tauchte wieder auf der Vortreppe auf. �Phillip! Komm her! Du bist auf einer Beerdigung!�</p><p>Phillip sah ebenso arrogant und j�hzornig aus wie sein Stiefonkel Richard, aber mit einem letzten �Das ist eine private Beerdigung, Sir, und Fremde sind nicht willkommen!� schloss er sich widerwillig seinen Schwestern an, die in die Kirche marschierten. Bis jetzt hatte ich ein unerwartetes Vergn�gen aus der Sache gezogen, aber nun begann ich mich zunehmend unbehaglich zu f�hlen. Es gab keine Spur von Richard oder einer herannahenden Kutsche. Er k�nnte in der Kirche sein, aber es war unwahrscheinlich, dass er vor dem Gesinde hineingegangen war. Wills Geschichte, dass Richard losgezogen sei, um sich dem K�nig anzuschlie�en, hatte ich nie geglaubt. Doch solange seine Soldaten dort waren, hatte ich es nicht in Frage gestellt. Wenn Richard und Mrs�Morland einander so nahegestanden hatten wie sie sagte, h�tte ich erwartet, dass er zu ihrer Beerdigung k�me. Ich z�gerte und schaute mir auf der Suche nach Inspiration das einzige kunstvolle Detail dieser ansonsten schlichten Kirche an: ein Eingang mit Schnitzereien, die Menschen zeigten, die von der Frucht des Baumes der Erkenntnis verf�hrt wurden. Ob wohl meine Mutter durch diese Vorhalle geschritten war, um zu heiraten? Und wen hatte sie geheiratet?</p><p>Ich entdeckte ein W�ldchen, in dem ich mein Pferd so gut es ging vor neugierigen Blicken verbarg. Bei meiner R�ckkehr sah ich einen Mann von der R�ckseite der Kirche in Richtung Dorf laufen. Edwards Stimme, die mich an Schilf im Wind erinnerte, wurde vom nackten Stein verst�rkt und hallte um mich herum, als ich die Kirchent�r aufstie�: �Wir bringen nichts mit auf diese Welt��� Er hielt inne, als das alte, verzogene Holz �ber die Steinfliesen knirschte. Ich stand von hinten beleuchtet im T�rbogen und f�hlte mich wie ein Schauspieler auf der B�hne, als alle K�pfe sich zu mir umwandten. Erneut musste ich das protestierende �chzen der T�r ertragen, ehe sich die kalte, feuchte D�mmerung um mich schloss.</p><p>Ruckartig bewegten sich die K�pfe wieder nach vorn, als Edward fortfuhr. Sein Blick folgte mir, als ich z�gernd den Mittelgang entlangschlich und versuchte, einen Platz zu finden. �Und es ist gewiss, dass wir nichts mitnehmen k�nnen���</p><p>Es gab noch genug Platz in den Bankreihen, doch die Menschen r�hrten sich nicht, verharrten auf den Pl�tzen am Gang wie steinerne Statuen, blickten starr geradeaus oder hatten die K�pfe zum Gebet gesenkt und die H�nde gefaltet. Ich stolperte �ber eine hervorstehende Steinplatte und w�re gest�rzt, wenn ich nicht Mrs�Adams fleischige Schulter zu fassen bekommen h�tte. Ich murmelte eine Entschuldigung, aber sie benahm sich, als sei nichts geschehen, scheinbar zu tief in ihre Andacht versunken. Schlie�lich r�ckte jemand zur Seite, wenngleich missmutig, und �berlie� mir das Ende der Bank, auf dem ich unsicher mit einer Pobacke balancieren konnte. Es war Henry, der Kutscher. Ich nickte ihm zum Dank zu, doch auch er blieb stur dabei, mich nicht wahrzunehmen.</p><p>M�glicherweise hatte Edward den Psalm extra f�r mich ausgew�hlt. Die Kerzenflammen in den Wandleuchtern �ber seiner Kanzel beugten sich mit seinen Bewegungen, als er mich anklagend anstarrte. �Herr, wende deine Plage von mir!�</p><p>�Amen�, sagte Mrs�Stonehouse in ihrer Bank ganz vorn, ihre Kinder und schlie�lich die ganze Gemeinde taten es ihr gleich.</p><p>Edward umklammerte die Kanzel, seine Stimme klang wie die eines Racheengels. �H�re mein Gebet! Denn ich bin dein Pilgrim und dein B�rger wie alle meine V�ter�� lass ab von mir, dass ich mich erquicke, ehe denn ich hinfahre und nicht mehr hier sei.�</p><p>Ich erschauderte, denn obwohl die Worte an den Sarg unter ihm gerichtet waren, schienen sie direkt auf mich zu zielen. Ich f�hlte, dass ich Gott gel�stert hatte, als ich wie ein Dieb in der Nacht Erinnerungen stahl, die ich nie geteilt hatte. Als die Gemeinde leidenschaftlich f�r Mrs�Morlands Seele auf ihrer letzten Reise betete, bem�hte ich mich, mit einzustimmen, doch die Worte blieben mir in der Kehle stecken. Ich konnte ihre Gegenwart sp�ren. Sie wollte sich nicht auf die Reise begeben, solange ich dort war. Eine B�swilligkeit schien vom Sarg auszugehen, ebenso greifbar wie der klamme, s��liche Duft des Rosmarins auf seinem Deckel. Panik stieg in mir auf, und ich war kurz davor, aus der Kirche zu fl�chten, als mir einfiel, dass ich sehr wohl Erinnerungen hatte, Kates Erinnerungen, die genau so wirklich f�r mich waren, als w�ren es meine eigenen. Ich konnte mir vorstellen, wie Mrs�Morland das Kleid meiner Mutter hochgerissen hatte, als w�rde sie einen Vorhang zur�ckziehen, als ich das Licht der Welt erblickte.</p><p>Ich bedeckte mein Gesicht mit den H�nden und betete, nicht f�r Mrs�Morland, sondern f�r meine Mutter, die an diesem Ort begraben worden war, vermutlich in aller Heimlichkeit und Stille. Weinend stand ich unbeholfen und schwerf�llig auf, als der Sarg angehoben und den Mittelgang hinuntergetragen wurde. Die Kinder h�pften kurz umher, um die herabfallenden Rosenbl�tter aufzusammeln, bis sie von ihrer Mutter zur Ordnung gerufen wurden.</p><p>Durch meinen verschwommenen Blick sah ich hinter dem schwankenden Sarg die Liste der amtierenden Pfarrer, beginnend mit Hugh Bertrand im Jahre 1112. Von 1622 bis 1625 war Mark Stevens Pfarrer. Danach klaffte eine L�cke, bis 1627, als Edward Stonehouse die Pfr�nde erhielt, zusammen mit der Kirche in Highpoint. Auf einmal bemerkte ich, dass ich die Menschen in meiner Bankreihe aufhielt. Alle schoben sich eilig an mir vorbei, als sei ich eine Plage, wie Edward es indirekt nahegelegt hatte, au�er Henry, der seinen Hut fallen lie�. Als er ihn endlich aufgehoben hatte, hatten die meisten Trauerg�ste die Kirche verlassen und folgten dem Sarg.</p><p>�Upper Vale�, sagte Henry. Unsere Blicke trafen sich, und ich begriff, dass er der Kutscher gewesen sein musste, der Kate geholfen hatte, ein Feuer f�r meine Mutter zu entz�nden, nachdem er sie zu dem abgeschiedenen Bauernhaus gefahren hatte. �Mark Stevens ist in Upper Vale.�</p><p>�Danke�, sagte ich, aber er war bereits verschwunden.</p><p>Die Kirche blieb offen, vermutlich, weil der Todesfall noch im Register notiert werden musste. Auf einem kleinen Tisch in der Sakristei lag ein gebundenes Buch, bereit f�r die Eintragung, daneben eine Feder und ein Horn mit Tinte. Das Buch war aufgeschlagen, der Luftzug zerrte an den Seiten, die durch ein Siegel festgehalten wurden. Ich sprang auf, als ein klapperndes Ger�usch in der Kirche ert�nte. Eine zinnerne Sch�ssel, die bei Taufen verwendet wurde, war vom Taufbecken gefallen und rollte �ber die Steinfliesen. Durch die T�r konnte ich erkennen, wie der Sarg in das Grab abgesenkt wurde.</p><p>In dem Buch waren die Geburten, Eheschlie�ungen und Todesf�lle im Kirchspiel seit 1604 verzeichnet, dem Jahr, in dem die Kirche versuchte, ihren Einfluss auf die Eheschlie�ungen zu vergr��ern. Vor diesem Zeitpunkt heirateten die Menschen, oder glaubten es zumindest, indem ihre Eltern sich einigten, sie sich vor Zeugen zu einander bekannten oder sogar, bei armen Leuten in abgelegenen Gegenden, die Heirat durch einen H�ndedruck besiegelten, alles ohne den Segen der Kirche.</p><p>Ich bl�tterte zur�ck zum Jahr 1625. Die Seiten waren zusammengeklebt. Kein Wunder, dass meine H�nde zitterten. Seit diese ganze Geschichte losging, hatte ich gegen den Makel einer illegitimen Geburt zu k�mpfen. Erst jetzt, als ich davor war, diesen Umstand m�glicherweise zu widerlegen, begriff ich zur G�nze, wie sehr er meine Seele belastet hatte, so sehr ich auch versucht hatte, ihn kleinzureden oder mit einem Achselzucken abzutun. Ich war so fahrig, dass ich eine Seite einriss. M�hsam beherrschte ich mich. Im Jahr 1626 gab es keine Eintragungen, was ich nachvollziehen konnte, schlie�lich hatte es zwischen Mark Stevens Weggang und Edward Stonehouse� �bernahme der Pfarrei eine L�cke gegeben. Doch zu meiner gr��ten Entt�uschung gab es auch f�r das Jahr 1625 keine Eintragungen. Hektisch fingerte ich an den Seiten herum, �berzeugt, dass zwei zusammenkleben mussten, doch dem war nicht so. Es gab keine Ehe, und ich w�rde f�r immer ein Bastard bleiben m�ssen. Sie hatte entweder nie stattgefunden oder war lediglich ein Hirngespinst meiner Mutter gewesen.</p><p>Dann, als ich das Buch zur letzten Seite zur�ckbl�tterte, bemerkte ich etwas, das nur jemandem auffallen konnte, der ebenso gewissenhaft ausgebildet worden war wie ich von Mr�Black: ein kleines Fitzelchen Papier mit angeschnittener Kante, eingeschlossen in einen Tropfen Leim, wie eine Fliege im Bernstein. Ich drehte das Buch um, hielt es ins Licht und besah mir die Bindung genauer. Ja. Es gab keinen Zweifel. Die Seite f�r 1625 war entfernt und die Bindung erneuert worden. Ich war so eingenommen von meiner eigenen Klugheit, die zu dieser Entdeckung gef�hrt hatte, dass ich nicht bemerkte, wie sich jemand in den Raum schlich, bis mir die Pistole aus dem G�rtel gerissen wurde. Ich stie� gegen den Tisch und lie� das Buch fallen, die Tinte spritzte aus dem Horn, und die Feder fiel trudelnd zu Boden.</p><p>Mit triumphierender Miene richtete Edwards Sohn Phillip die Pistole auf mich.</p><p>�Tretet zur�ck, Sir! Oder ich schie�e!�</p><p>�Gib mir die Waffe.�</p><p>�Nein, Sir! Bleibt, wo Ihr seid, oder ich erschie�e Euch!� Die Pistole war nicht gespannt, aber er musste einem J�ger zugesehen haben oder m�glicherweise sogar Schie�unterricht erhalten haben, denn er nestelte daran herum, um den Hahn zu spannen. Er wich zur�ck. Die Pistole mit dem langen Lauf war zu schwer f�r ihn, schwankte hin und her, doch durch Versuch und Irrtum fand er den Verschlusshebel und k�nnte jeden Moment feuern. Ich st�rzte mich auf ihn, packte die Pistole und blockierte den Hahn mit meinem Finger. Mit einem Ruck wich er zur�ck, stie� sich den Kopf am T�rrahmen und ging benommen zu Boden. Innerhalb eines Augenblicks verwandelte er sich von einem Mann zur�ck in einen Jungen, der aussah, als w�rde er gleich zu weinen anfangen. Als ich auf ihn zuging, um ihm zu helfen, kroch er von mir fort und schrie mir zu, dass ich, wenn ich ihn erschie�en w�rde�� und noch dazu in der Kirche��, gewiss in die H�lle k�me. Ich versicherte ihm, dass ich nicht die Absicht h�tte, ihn zu erschie�en, obwohl er dasselbe beinahe mit mir gemacht h�tte, und h�tte ihm dann nicht dasselbe Schicksal gedroht?</p><p>�Nein, Sir!� Mit trotzig finsterem Blick stand er auf und hatte seinen Mut rasch wiedergefunden. �Denn ich bin gut und von edler Geburt, und Ihr seid schlecht und niedertr�chtig. Ihr seid ein Dieb, Sir, und das werde ich meinem Vater sagen, und der wird Euch <emphasis>h�ngen</emphasis> lassen!�</p><p>Ich ging in die Hocke, so dass ich genauso gro� war wie er. �Ich bin kein Dieb, Phillip. Ich versuche, einen zu fangen.�</p><p>Ungl�ubig sah er mich an. �Wen? Was hat er gestohlen?�</p><p>�Mich�, sagte er leise. �Das, was ich bin.� Zum ersten Mal sah er mich unsicher an. Er verstand mein Auftreten, nicht meine Worte. Ich deutete auf das Kirchenbuch. �Vielleicht kannst du deinen Vater fragen, wer die Seite mit den Eheschlie�ungen des Jahres 1625 herausgerissen hat.�</p><p>Er starrte mich noch einen Moment lang an, ehe er unvermittelt davonrannte. Ich rief ihm nach: �Was w�rdest du sagen, wenn ich dein Stiefbruder w�re?�</p><p>An der Kirchent�r blieb er stehen und schrie: �Ich w�rde Euch einen L�gner nennen, Sir!�, ehe er hinausrannte.</p><p>Eine Sache blieb noch zu tun. Ich ging zwischen den Grabsteinen hindurch. Einige waren leer, andere mit Totensch�deln oder gefl�gelten Engeln verziert. An der Grabst�tte von Mrs�Morland nahm ein Bediensteter nach dem anderen etwas Erde auf und warf sie auf den Sarg. Auch der b�rtige Mann nahm eine Handvoll. Im Gegensatz zu den anderen starrte er mich auch jetzt direkt an und traf meinen Blick, doch ich hatte meine Aufmerksamkeit etwas anderem zugewandt.</p><p>Phillip sprach eindringlich auf seine Mutter ein und formte dabei eine Pistole mit seiner Hand. Vielleicht erz�hlte er oft Geschichten, denn mit einem Ausdruck des Unglaubens im Gesicht bem�hte sie sich, ihn zum Schweigen zu bringen. Wie bet�ubt richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Edward, als seine Stimme schwankte und er, in der vertrautesten aller Passagen, Asche und Staub in der verkehrten Reihenfolge nannte. Die Abweichung breitete sich durch die Reihe der Trauernden aus. Zwei, die sich gerade b�ckten, um Erde aufzunehmen, stie�en gegeneinander, einer fiel fast auf den Erdh�gel und unterdr�ckte eilig ein Lachen. Die Regelm��igkeit, mit der die Erde aufs Holz prasselte, war unterbrochen. Im Vorbeigehen schnappte ich auf, wie Mrs�Stonehouse, die jetzt neben ihren Gatten getreten war, auf ihn einredete, er sollte die M�nner f�r meine unversch�mte Gottesl�sterung auf mich hetzen.</p><p>�Seid still!�</p><p>Die beiden Worte hallten �ber den Friedhof. Ihr blieb der Mund offen stehen, mit der �berraschung einer Frau, mit der nie zuvor so geredet worden war. Ehe sie etwas erwidern konnte, fuhr ihr Gatte fort, er hoffe, dass Mrs�Morland das ewige Leben finden w�rde. Er sprach schnell und trieb damit die Trauerg�ste an, so dass das Prasseln der Erde auf den Sargdeckel fast zu einem kontinuierlichen Ger�usch wurde.</p><p>Instinktiv wandte ich mich dem n�rdlichen Bereich des Friedhofs zu, einem wild �berwucherten Abschnitt. Als ich mich n�herte, zerstreuten sich die in der N�he grasenden Schafe, deren Glocken ein d�rres Totengel�ut abgaben. Hier waren die meisten Gr�ber eingesunken. Nur wenige hatten Grabsteine, und noch weniger waren gekennzeichnet. Kletten hingen an meinen Kniehosen, und die flauschigen wei�en Samen der Gemeinen Waldrebe wirbelten um mich herum, flogen, wohin der Wind sie trug, w�hrend ich zwischen den Steinen suchte.</p><p>�Margaret Pearce liegt dort!�</p><p>Edward war hinter mir aufgetaucht. Er deutete auf einen Stein, eingeklemmt in die Trockenmauer, kaum zu erkennen zwischen Brombeeren und Gr�sern. Ich riss das Gestr�pp heraus, ignorierte die Dornen und Nesseln. Der Stein trug keinen Namen, aber einmal war er zerkratzt worden, und jemand hatte mit der roten Farbe, mit der die Bauern ihre Schafe markierten, Obsz�nit�ten darauf geschmiert. Ich fiel auf die Knie und riss weiter das Unkraut mit beiden H�nden aus.</p><p>�Rei� es nur fort�, sagte Edward, �und es wird nur um so schneller sprie�en. An dieser Stelle wird nichts anderes wachsen.�</p><p>Ich sprang auf. �Ich werde einen neuen Stein aufstellen lassen.�</p><p>�Das wirst du nicht.�</p><p>�Ich habe das Recht dazu.�</p><p>�Du hast keinerlei Rechte hier! Genauso wenig wie sie. Sie kann froh sein, dass sie in geweihter Erde begraben liegt. Wenn sie �berhaupt noch geweiht ist! Sie hat die Erde verdorben, verflucht�� nichts wird in ihr wachsen au�er Unkraut!�</p><p>Seine Brust hob und senkte sich. In den H�nden hielt er immer noch das Gebetbuch und zupfte gereizt an einem Riss im R�cken. Alle hatten sich vom Grab abgewandt und starrten zu uns her�ber. Edwards j�ngster Spross, noch im Krabbelalter, schwankte auf uns zu, ehe Phillip ihn schnappte und, seine tadelnde Mutter nachahmend, zur Gouvernante stie�.</p><p>�Wenn du nicht gehst, werde ich dich unter Arrest stellen lassen!�</p><p>�Weil ich die Aufzeichnungen �ber die Eheschlie�ungen �berpr�ft habe?�</p><p>Mrs�Stonehouse kam mit entschlossenem Gesichtsausdruck auf uns zu, doch Edward drehte sich so abrupt zu ihr um, dass sie stehen blieb, ihren Hut im Wind festhielt und sich anstrengte, etwas zu verstehen.</p><p>�Warum wurde die Seite aus dem Jahr 1625 herausgerissen?�</p><p>S�mtliche Farbe wich aus seinem Gesicht, und ich glaubte schon, er w�rde ohnm�chtig werden. Trotz allem, trotz der langen Reise, die ich unternommen hatte, um die Wahrheit herauszufinden, empfand ich Mitleid mit ihm. Mein Innerstes war ein w�stes Gewirr aus Empfindungen; Wut �ber seine Mitschuld an dem, was meiner Mutter zugesto�en war; Freude, weil ich vielleicht endlich meinen Vater gefunden hatte.</p><p>�K�nnen wir woanders reden? Sp�ter?�</p><p>�Es gibt nichts zu reden!�, sagte er ungehalten.</p><p>Seine Reaktion war so heftig, seine Miene so voller Schuldgef�hle, dass ich nicht verhindern konnte, dass mir das Wort �ber die Lippen kam. �Vater���</p><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde nahm er es als Anrede seines Berufs, dann zuckte er zusammen, als h�tte ich ihn niedergestochen. �Ich bin nicht dein Vater!� Seine Frau musste ihn geh�rt haben, denn jetzt eilte sie mit einem Gesichtsausdruck auf uns zu, der deutlich machte, dass selbst ein Kavallerieangriff sie nicht h�tte aufhalten k�nnen.</p><p>�Die Eheschlie�ung wurde f�r illegal erkl�rt�, sagte Edward.</p><p>�Von wem? Von Lord Stonehouse?�, sagte ich.</p><p>Pl�tzlich redeten wir alle auf einmal. Die Trauerg�ste dr�ngten mit offenen M�ndern nach vorn.</p><p>�Welche Ehe?�, sagte Edwards Frau. �Wovon redet Ihr da? Wer ist dieser Mann? Ist er der Bas��</p><p>�Bastard? Nein, Madam�, sagte ich und nahm meinen Hut ab. �Ich denke, das d�rft Ihr mich nicht l�nger nennen.�</p><p>Sie starrte Edward an, der sich pl�tzlich umwandte, nicht zu mir, sondern zum Grab meiner Mutter, �ber das bereits wieder Unkraut und Nesseln zu kriechen schienen. <emphasis>�Origo mali!�,</emphasis> sagte er und spie die Worte regelrecht aus. Dann wirbelte er wieder zu mir herum und verlor vollkommen die Beherrschung. �Sie war eine Betr�gerin und Diebin! Sie hat mich get�uscht, damit ich zustimme, mit ihr fortzugehen, indem sie behauptete, sie habe Geld. Geld! Das Einzige an Wert, das sie besa�, war der Anh�nger, den sie an jenem Nachmittag gestohlen hat. Ich hatte nichts damit zu tun, ich war nicht daran beteiligt, ganz und gar nicht. Ich war entsetzt, als sie ihn mir zeigte, entsetzt!� Seine Stimme war jetzt voller Bitterkeit. �Sie hat jeden zum Narren gehalten, und ganz gewiss hat sie mich belogen! Du bist von niederer Geburt, ich habe nichts mit dir zu schaffen, <emphasis>nichts!</emphasis> Und <emphasis>das</emphasis> ist die ganze Wahrheit!�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>33.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Er hatte allen Grund zu l�gen. Seine Frau stand daneben. Seine Kinder hatten aufgeh�rt zu spielen, blickten von Ehrfurcht ergriffen zu ihrem normalerweise freundlichen Vater empor, der mit der Geh�ssigkeit eines radikalen Predigers ein Tirade auf mich loslie� und dabei mit dem Finger auf meiner Mutter Grab deutete. Auf ihren Gesichtern lag der Ausdruck, den Kinder haben, wenn sie die entsetzliche Vorahnung einer herannahenden Katastrophe haben, aber nicht begreifen, was oder warum es geschieht. Die beiden J�ngsten fl�chteten sich in die Arme der Gouvernante, und diese sprach fl�sternd auf sie ein, um sie zu tr�sten.</p><p><emphasis>Origo mali</emphasis>. Die Quelle des B�sen. Er irrte sich, wenn er auf das Grab meiner Mutter deutete. Die Quelle des B�sen war �berall um mich herum. Das Land. Das fruchtbare Tal unter mir, das bis Highpoint reichte und noch weiter bis zu dem Land, das einst im Besitz der Pearces gewesen war. Das war die Quelle des B�sen, der Grund f�r die Fehde zwischen den Stonehouses und den Pearces, die wahrscheinlich bis in die Zeiten der Tudors oder sogar noch weiter zur�ckreichte. Der urspr�ngliche Grund war vermutlich l�ngst vergessen, mit fr�heren Generationen begraben. Und ich lie� nun die Fehde wieder aufleben. Jetzt begriff ich, warum Kate mich zum Aufbruch gedr�ngt hatte. Wenn ich die Wahrheit herausf�nde, w�re es das Ende des Streits? Nein! Es w�rde lediglich zu noch mehr Verbitterung und weiteren Konflikten f�hren. Unvermittelt empfand ich ein gro�es Verlangen, bei Will, Luke und Ben zu sein, in einem rechtschaffenen Streit, den ich verstand, und, wenn ich �berlebte, zu Anne zur�ckzukehren. Ich konnte sie fast in meinen Armen sp�ren. Ich sehnte mich nach ihr und nach London mit seinem ganzen erb�rmlichen Gestank!</p><p>Doch die Sehnsucht hielt nur so lange an, bis ich mein Pferd gefunden hatte. Wenn ich davonreiten w�rde, w�re es nicht vorbei. Seit ich geboren wurde, hatten die Stonehouses versucht, mich zu t�ten. Zuerst der Vater. Dann Richard. Und jetzt drohte Edward jeden Moment der Geduldsfaden zu rei�en, und er sah aus, als w�re er ebenfalls dazu in der Lage. Meine H�nde, mit denen ich nach den Z�geln griff, waren rot und wei� gefleckt von den Nesseln und zerkratzt von den Brombeeren, die ich vom Grab meiner Mutter gerissen hatte. Jetzt kannte ich sie. Was immer ich sonst noch sein mochte, ich war meiner Mutter Sohn. Ich w�rde vollenden, was sie begonnen hatte, oder bei ihr in dieser Vorh�lle aus Unkraut landen, was zu meiner Natur ebenso wie zu ihrer besser passte als irgendein behaglicher, umhegter geweihter Boden. Ich stellte mir vor, wie sie die Worte sagte, von denen Kate mir erz�hlt hatte: �Ich werde mir einen von ihnen schnappen�� der Vater ist der Lord�� aber das Verm�gen geht an Richard�� aber er ist ein vollkommener R�pel�� Edward ist nicht auf den Kopf gefallen, doch er ist weich wie Wasser���</p><p>Eine Zeitlang hatte ich gedacht, ich sei Lord Stonehouse� Sohn, doch jetzt sah es so aus, als sei Edward mein Vater. Er hatte zugegeben, dass er bereit gewesen war, mit Margaret Pearce davonzulaufen, doch als das Geld nicht kam, stahl sie den Anh�nger, und das war zu viel f�r ihn. Er konnte nicht sehr viel �lter gewesen sein als ich. Jung. Naiv. Leicht einzufangen. Und die ganze Zeit �ber hatte Lord Stonehouse auf seine vorsichtige, verschwiegene Art eine Leidenschaft f�r sie gehegt.</p><p>Mrs�Morland sagte, sie habe gelacht: �Heirat! Genau dar�ber wollte ich mit Euch sprechen!� Lachen konnte ganz unterschiedliche Bedeutungen haben, je nachdem, wer es h�rte. Mrs�Morland hatte das h�hnische Lachen einer Hure darin geh�rt. Ich h�rte ein bitteres, ironisches Lachen. Wenn sie nur gewartet h�tte, h�tte sie sich den gr��ten Fisch von allen geangelt.</p><p>Ich bog auf den Weg ein und ritt an der Kirche vorbei. Edward schloss gerade die T�r und sprach mit dem K�ster, der das Kirchenbuch festhielt. Die Kinder, die plappernd in der Kutsche sa�en, verstummten, als ich herannahte. Vielleicht erwarteten sie, dass ich ihnen folgte, so wie ich es auf dem Weg hierher getan hatte, so wie ein Brachvogel einem Reisenden durchs Moor folgt. Doch ich lenkte Patch in die entgegengesetzte Richtung.</p><empty-line/><p>Auf unserem Weg nach Highpoint hatte Eaton mir den Weg nach Upper Vale gezeigt, wo ich, wie der Kutscher Henry mir gesagt hatte, Mark Stevens finden w�rde. Von Shadwell aus war es ein Ritt von weniger als einer Stunde, doch dieser unterschied sich sehr von dem Ritt von Shadwell nach Highpoint.</p><p>Ich kam durch seltsam karges Land mit Felsen und Heidekraut, von dem nicht einmal Schafe richtig satt wurden. Seltsam, doch auf eigent�mliche Weise vertraut. Es glich dem Marschland um Poplar herum; und es war ein Land fernab vom Einfluss der Stonehouse�, denn es lag au�erhalb ihrer Gerichtsbarkeit.</p><p>Das Land wurde fruchtbarer, als ich von der Heide auf eine Reihe verstreut liegender kleiner D�rfer zu ritt, von denen Upper Vale das erste war. Und das erste Geb�ude, ein wenig au�erhalb des Ortes gelegen, war eine kleine, heruntergekommene Kirche. Die H�tte daneben sah besser aus, das Strohdach war neu, und der Schornstein rauchte. Vom Hof hinter dem Haus erscholl ein Klappern, als ich mich n�herte. Vielleicht war ich ein Narr, weil ich Henry vertraute. Er wirkte aufrichtig, aber schlie�lich arbeitete er f�r Lord Stonehouse. Ich glitt aus dem Sattel, lockerte meine Pistole und schlich ums Haus. Eine pl�tzliche Bewegung lie� mich den Hahn meiner Pistole spannen. Ich blickte einem bemitleidenswert aussehenden Klepper in die Augen, der gerade seinen Wassereimer umgesto�en hatte. Ich stellte den Eimer wieder auf, damit er den letzten Rest Wasser bekam, und band Patch neben ihm fest.</p><p>Die Hintert�r stand einladend einen Spalt weit offen. Ich erwartete immer noch eine Falle und stie� mit der Stiefelspitze dagegen. Der Luftzug brachte den Geruch eines Holzfeuers mit sich. Ich brauchte nicht lange, um festzustellen, dass die H�tte leer war. Es war nur ein Raum, mit einer Leiter zum Dachboden, wo sich die Schlafstelle befand. Das Feuer war beinahe erloschen und produzierte mehr Rauch als W�rme. Es war sauber und ordentlich, doch es gab keine Anzeichen daf�r, dass hier ein Mann der Kirche wohnte: keine B�cher, keine Papiere, nur ein Regal mit Kr�utern.</p><p>Als ich mich der Kirche n�herte, erkannte ich, dass sie nicht heruntergekommen, sondern ausgepl�ndert war. Gedenktafeln waren aus ihren Verankerungen gerissen worden. Unter einem Fenster verstreut lag zersplittertes Buntglas. Die Scherben knirschten unter meinen Stiefeln, als ich den Mittelgang hinunterging. Zum Glas mischten sich Holzsplitter des Altargel�nders, das man weggehackt hatte, so wie Eaton und ich es auf unserer Reise nach Highpoint bei einigen Parlamentstruppen in einem Exzess aus religi�sem Eifer und Alkohol gesehen hatten. Das Gel�nder hatten sie als Feuerholz genommen und als Ersatz f�r brennende Katholiken.</p><p>Ein Mann war da, ein Geistlicher. Zuerst sah ich nur sein schwarzes Chorhemd im Luftzug flattern, der durch die zerschlagenen Fenster wehte, eine sanfte Bewegung in der Dunkelheit des Altarraums. Anfangs dachte ich, er h�tte die Kanzel erklommen und starre zur Decke empor. Dann begriff ich. Er hing vom Zugbalken herunter, und der Knoten des Seils dr�ckte seinen Kopf nach oben. Ich kroch auf die Kanzel und m�hte mich ab, ihn zu erreichen. Je mehr ich es versuchte, desto mehr drehte er sich von mir fort, wie ein fehlerhaftes Pendel. Seine Hand streifte mich, als versuchte er, meine zu fassen zu bekommen. Schlie�lich gelang es mir, ihn zu packen und am Seil zu schneiden, doch er zog mich mit sich. Einen albtraumhaften Moment lang schwang ich mit ihm; das Seil schien lebendig zu sein und wand sich wie eine Schlange, war kurz davor, sich auch um meinen Hals zu wickeln, ehe es unter dem doppelten Gewicht riss und wir beide zu Boden fielen.</p><p>Ich brach mir einen Nagel ab, als ich das Seil von der immer tiefer werdenden roten Furche in seinem Hals kratzte. Ich konnte keinen Herzschlag feststellen. Er war kalt, und als ich seine Arme bewegte, sp�rte ich keinen Widerstand. Er war seit etwas mehr als einer Stunde tot, vielleicht zwei. An meinen H�nden war Blut. Nein, kein Blut�� Farbe. Es sah aus wie die rote Farbe, mit der auch das Grab meiner Mutter beschmiert worden war. Behutsam zog ich das zerknitterte Chorhemd glatt. Die Buchstaben waren verschmiert und unvollst�ndig, aber ich konnte sie trotzdem entziffern: PAPIST. Nicht weit entfernt von seinem Leichnam lag ein orangefarbenes Tuch mit dem sich die Parlamentstruppen zu erkennen gaben�� es war von derselben Farbe wie meines.</p><p>Ich war so entsetzt, dass ich Patchs entferntes Wiehern und Schnauben kaum wahrnahm, bis sich das Ger�usch von Hufen auf Stein dazugesellte und ein Tor quietschte. Ich rannte zur�ck zur H�tte. Ein Mann ritt den Klepper, dem ich Wasser gegeben hatte, und f�hrte mein Pferd vom Hof. Wenn das Tor nicht geklemmt h�tte, h�tte er Erfolg gehabt. Ich st�rzte vorw�rts und erwischte den Saum seines Umhangs. Ich erhaschte einen Blick auf einen Bart und einen Mund mit nur wenigen Z�hnen, als er versuchte, mich mit der Peitsche zu schlagen. Doch ich zog ihn vom Pferd, und wir landeten zusammen auf dem Boden. Ich holte mit geballter Faust aus, ehe ich sah, wen ich vor mir hatte.</p><p>�Matthew!�</p><p>Er starrte mich so lange an, dass ich schon glaubte, ich h�tte mich geirrt. Ich war zu jung, um zu begreifen, dass der Zeitraum zwischen vierzig und f�nfzig, trotz der verlorenen Z�hne und der gr��tenteils ausgefallenen Haare, viel geringer war als der zwischen acht und siebzehn. Z�gernd streckte er seine Hand aus, betastete meinen stoppeligen Bart, ber�hrte mein rotes Haar und schenkte mir schlie�lich ein sehr z�gerliches, schiefes, beinahe zahnloses L�cheln.</p><p>�Na, Tom�, sagte er. �Wie geht�s dir?�</p><empty-line/><p>F�r eine betuliche Wiedervereinigung bleib uns keine Zeit. Wenn wir noch sehr viel l�nger geblieben w�ren, h�tte man mich geh�ngt.</p><p>Matthew deutete auf eine w�tende kleine Menge, die sich am Anfang des Dorfes nicht weit von uns versammelt hatte, bewaffnet mit Kn�ppeln und Mistforken. Ein Mann schwang einen Hammer und trug immer noch seine ru�geschw�rzte Schmiedesch�rze. Im sp�teren Verlauf des Krieges schlossen sich die D�rfler, rasend gemacht durch die Gr�ueltaten und Pl�nderungen, die sie sowohl von den Cavalieren als auch den Roundheads zu erdulden hatten, zu ihrem eigenen Schutz zu gro�en Gruppen zusammen. Man nannte sie die Kn�ppelm�nner. Spontane Zusammenschl�sse wie dieser waren erste Vorboten davon.</p><p>�Ich hielt dich f�r einen der M�nner, die den armen Mark get�tet haben!�, sagte Matthew. �Und die da dr�ben tun das auch. Nimm um Himmels willen dieses orangene Tuch ab, oder sie werden dich h�ngen! Ich werde so tun, als w�rde ich dich verfolgen, sonst kann ich nicht zur�ckkommen.� Er versetzte mir einen Fausthieb, der mich im Gesicht erwischte. Ich taumelte zur�ck. �Hau ab!�</p><p>Von der Menge erscholl ein Gr�len. �Schnapp ihn dir, Matt!�</p><p>Ich kletterte auf mein Pferd, als der Schmied gefolgt von der gesamten Meute auf mich zu gerannt kam. Er schleuderte seinen Hammer, w�hrend ich davongaloppierte. Er rannte neben mir her und packte meinen Sattel. So fest ich die Gurte auch angezogen hatte, er hatte gewaltige Kr�fte, und ich sp�rte, wie der Sattel verrutschte. Der Boden und sein grinsendes Gesicht kamen schwankend auf mich zu. Ich sah mich selbst am Balken h�ngen. Ich riss an den Z�geln. Patch stellte sich auf die Hinterbeine. Der Schwung schleuderte den Schmied nach vorn, doch immer noch klammerte er sich an den rutschenden Sattel. Ich trat mit meinem Stiefel zu, und der Sporn erwischte ihn im Gesicht. Er gab einen Grunzlaut von sich und st�rzte zu Boden. Ich richtete mich im Sattel auf. Die anderen waren stehen geblieben und schwiegen, jetzt, wo ihr Anf�hrer geschlagen war und im Gesicht blutete. Ich hielt an, voller Schuldgef�hle und Best�rzung. Was tat ich hier? Warum k�mpften wir alle einer gegen den anderen? Sie waren wie ich, wie die Menschen, die sich f�r die Worte eingesetzt hatten, die ich aus dem Matsch gerettet hatte. Ich sollte ihm helfen, mit ihnen reden! Das waren meine ungest�men Gedanken, bis der Schmied sich r�hrte und die Menge w�tend zu murren begann. Ich hieb Patch die Abs�tze in die Flanken und ritt davon.</p><empty-line/><p>Ich wartete im Heidekraut an einem Bach, bis Matthew mich eingeholt hatte. Er bestaunte meine Gr��e, meinen Bart, w�hrend ich nicht fassen konnte, dass er so klein und so, so��</p><p>�Zusammengeschrumpft und hutzelig?�, schlug er vor. �F�rn Hellseher ist das nur gut f�rs Gesch�ft. Je �lter ich werde, desto mehr Leute glauben mir.�</p><p>Ich lachte, ber�hrte ihn, konnte es immer noch nicht fassen, dass er hier war, dass er nicht von einer Minute auf die andere verschwinden w�rde. In einem Moment sah ich ihn ehrf�rchtig an, im n�chsten ungl�ubig. Ich umarmte ihn freudig und erstaunt, denn er war meine Vergangenheit, all die Geschichten, die er mir erz�hlt hatte. Doch dann, als ich seine knochige Brust an meiner sp�rte, kroch meine Hand unter sein Hemd, dorthin, wo er den G�rtel mit dem Beutel aufbewahrte.</p><p>Seit Eaton und ich zusammen aufgebrochen waren, hatte ich von diesem Moment getr�umt. Genau wie damals vor dem flackernden Feuer auf dem Hof der Werft w�rde er den Beutel aus seinem G�rtel und den Anh�nger aus dem Beutel holen. Ich f�hlte nichts als Haut und Knochen. Ich deutete zur�ck auf das Dorf.</p><p>�Hast du ihn dort gelassen?�</p><p>Er sah mir so direkt ins Gesicht, wie er es mein Leben lang getan hat.</p><p>�Ich habe ihn nicht, Tom.�</p><p>�Du l�gst! Wo ist er?�</p><p>�Ich habe ihn nicht.�</p><p>�Sag es mir!� Ich sch�ttelte ihn. Ich war wie ein Wahnsinniger. Er wich zur�ck, stolperte und w�re fast in den Bach gefallen, dann riss er sich das Hemd so heftig aus der Hose, dass der alte, m�rbe Stoff riss. Seine Rippen ragten aus dem gr�ulichen, faltigen Fleisch hervor.</p><p>�Ich sage dir, ich habe ihn nicht! Ich habe getan, was Kate mir gesagt hat, und habe das Ding weggeschafft, und das ist die Wahrheit!�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>34.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Ich sa� auf einem Stein am Bach, unf�hig, mich zu r�hren oder einen Gedanken zu fassen. An einem Teil des Himmels bildeten sich bereits wieder Regenwolken, die in die Heidelandschaft �berzugehen schienen, im Westen dagegen war der Himmel wei� wie Milch. Die Pferde schl�rften zufrieden am Bach. Als Matthew etwas Brot und K�se aus der Satteltasche nahm, zerrte der st�ndige Wind, der �ber die Heide strich, an den Haarb�scheln, die um seinen kahlen Scheitel wuchsen.</p><p>�Er hat mir nicht gut getan, und er h�tte auch dir nicht gut getan, Tom�, sagte er leise.</p><p>Ich sagte nichts. All die Jahre hatte ich die Erinnerung an Matthew mit mir herumgetragen und versucht mir einzureden, ich w�rde ihn immer noch lieben, aber die Wahrheit war, dass ich es nicht tat. Ich liebte die Erinnerung daran, wie er Schiffe baute und mir Geschichten von fernen L�ndern erz�hlte, wie er durch Zauberei Dinge geschehen lassen konnte und diesen Anh�nger hervorgeholt hatte, den blitzenden sich neigenden Falken, der im Feuerschein zu fliegen schien, als Matthew mir die Zukunft vorhersagte. Doch jetzt wusste ich, dass er England nie verlassen hatte und die Geschichten von den Seeleuten am Hafen stammten. Er konnte auch nicht zaubern, au�er dass er den Menschen weismachen konnte, seine Kr�uter w�rden wirken. Und den Anh�nger besa� er ebenfalls nicht mehr, wie er mir eben gesagt hatte.</p><p>�Was ist los, Tom?�, fragte er zaghaft. �Bist du nicht froh, mich zu sehen?�</p><p>�Doch, doch, nat�rlich�, sagte ich, diesem eigent�mlichen Klumpen zum Trotz, der sich in meiner Kehle bildete. Dann: �Nein! Nein, ich freue mich nicht.�</p><p>Ich packte das schimmelige Brot und schleuderte es in den Bach. Erstaunt blickte er ihm nach, als es h�pfend und wirbelnd davonschwamm, gegen einen Felsen stie� und schlie�lich verschwand. Noch erstaunter war er �ber den Sturzbach der Verbitterung, der aus mir herausbrach. Mir erging es nicht anders. Ich hatte nicht gewusst, dass sie all die Jahre in den tiefsten Verliesen meines Herzens versiegelt gewesen war. Er hatte mich verlassen. Er hatte Susannah verlassen, hatte sie ihren M�rdern �berlassen. Verbrannt. Wusste er das �berhaupt?</p><p>�Nat�rlich wei� ich das!� Mit pl�tzlicher Geh�ssigkeit ging er mich an. �Was meinst du, warum ich mir den Anh�nger vom Hals geschafft habe? Seit ich ihn an mich genommen habe, lastet ein Fluch auf mir, und auch f�r dich w�re es ein Fluch. Glaubst du, es sei auch nur ein Tag vergangen, an dem ich nicht an Susannah dachte? An dich?�</p><p>Das traf mich, doch wie alles, was Matthew sagte, war es wahr und zugleich gelogen. Da war etwas, das er mir verschwieg. Er w�sste, wo ich in der Stadt gelebt h�tte, konterte ich, weil er in Kontakt zu Kate geblieben war. Trotzdem hat er keinen Versuch unternommen, Kontakt zu mir aufzunehmen. Warum sollte ich mich freuen, ihn zu sehen? Mich f�r ihn interessieren?</p><p>Er stand neben dem Bach, spielte mit dem Klumpen K�se herum und schob sich einen Kr�mel davon in den Mund. Als er keine Antwort gab und ich eine w�tende Bewegung auf ihn zu machte, um zu erreichen, dass er mich zumindest anschaute, riss er den K�se mit einem Ruck von mir fort, als f�rchtete er, ich k�nnte ihn ebenfalls ins Wasser werfen. Die Bewegung erf�llte mich mit Scham und erz�rnte mich zugleich �ber das Ma� des Ertragbaren hinaus.</p><p>�Ich war kein guter Vater�, murmelte er.</p><p>�Du bist nicht mein Vater�, rief ich so laut, dass die Pferde ihre tropfenden M�uler aus dem Bach hoben und uns anstarrten.</p><p>�Das auch�, sagte er. �Das auch.� Er kratzte sich an der kahlen Stelle. Die Verwirrungen eines ganzen Lebens schienen in dieser Geste zu liegen, w�hrend er �ber die karge Heidelandschaft mit ihren B�schen und Felsen starrte, in der es immer irgendwie Abend zu sein schien. An manchen Stellen schien die Heide fast eins zu sein mit dem d�steren Himmel, der schwer aussah von noch mehr Regen. An anderen Stellen flackerten helle Lichtflecken auf, und es war heller als am Mittag. Einen Moment lang dachte ich, Matthew w�rde durch die Vorderz�hne pfeifen, doch es war der Wind, der von den Dornen zerfetzt wurde. Verstohlen schob Matthew sich ein weiteres St�ck K�se in den Mund.</p><p>Ich konnte ihn nicht anschauen oder still sitzen. Ich schritt zu meinem Pferd mit dem Gef�hl, ihn nie wieder sehen zu wollen. Patch sch�ttelte sich und bespritzte mich mit Wasser, doch ich sp�rte es kaum. Ich blieb stehen, ging zur�ck und sah, wie Matthew ein St�ckchen K�se aus einer Zahnl�cke pulte, und wandte mich erneut meinem Pferd zu. Ich steckte die H�nde in die Taschen, wie ich es stets tat, wenn ich nicht wusste, welchen Weg ich einschlagen sollte. Meine Finger schlossen sich um die M�nze. �berw�ltigt von heftigen Schuldgef�hlen, wirbelte ich herum und starrte auf seine gebeugte Gestalt. Die Wangen waren hohl, dann w�lbte seine umherstreifende Zunge sie nach au�en. Nach allem, was er getan hat, wie konnte ich da sagen, er sei kein guter Vater gewesen?</p><p>�Es tut mir leid�, weinte ich. �Es tut mir leid.�</p><p>Ich ging zu ihm und nahm ihn richtig in den Arm. Er sprang auf und lie� den K�se fallen, aus Angst, ich sei verr�ckt geworden und w�rde ihn gleichfalls in den Bach werfen. Doch dann sah er die M�nze in meiner Hand. �Kate sagte mir, es sei gef�hrlich, Kontakt zu dir aufzunehmen. Du hast ein anderes Leben gef�hrt. Du <emphasis>bist</emphasis> anders.� Er ergriff die M�nze. �Ist sie das? Mein Judaslohn? Ist sie es wirklich?� Er drehte sie auf den Rand, sah die Lilie, wog die M�nze in seiner Hand und machte Anstalten, sie mir zur�ckzugeben. Er erz�hlte mir, was ich mir schon zusammengereimt hatte. Nachdem er das, was er f�r ein totes Kind hielt, auf den Karren geworfen hatte, verfolgte ihn der teuflische Schrei eines b�sen Geistes. Je schneller er fuhr, desto lauter und schriller wurde er, bis er es nicht l�nger aushielt. Er hielt an, in der Absicht, das Kind vom Karren zu werfen. Doch der furchterregende Schrei verstummte, sobald er um den Karren herumging.</p><p>�Du siehst mich an. Und ich seh dich an. Und du siehst aus, als w�rdest du gleich wieder den Himmel zusammenschreien, also habe ich dich in meine Jacke gestopft, und Gott sei mein, du schl�fst! Nachdem ich dich zu Susannah gebracht habe, zeige ich Mr�Eaton ein totes Baby vom Karren, und���</p><p>Er schnippte die M�nze in die Luft, fing sie auf, sah sie einigerma�en wehm�tig an und schleuderte sie in den Bach. Ich musterte ihn genauso erstaunt, wie er mich angesehen hatte, als ich das Brot fortgeworfen hatte. Ich rannte zum Bach und sah die M�nze im Wasser gl�nzen, doch als ich mich danach streckte, legte er mir eine Hand auf den Arm.</p><p>�Lass sie, Tom. Es ist jetzt vorbei. Sie wird dir kein Gl�ck mehr bringen. Genauso wenig wie der Anh�nger.�</p><p>�Du hast ihn immer noch.�</p><p>�Nein, Tom.�</p><p>�Ich muss herausfinden, wer mein richtiger Vater ist. Ich will ihn nicht behalten!�</p><p>�Ist das wahr?�</p><p>�Ja!�</p><p>Er stie� einen tiefen Seufzer aus und starrte auf die M�nze im wirbelnden Wasser. �Ich habe ihn zur�ckgebracht.�</p><p>�Zur�ck? Wohin?�</p><p>�Nach Highpoint. Damit niemand mir vorwerfen kann, ich h�tte ihn gestohlen. Ich habe ihn Kate gegeben, und sie hat ihn in das Schmuckfach in Frances� Schlafzimmer gelegt.�</p><p>Mit offenem Mund starrte ich ihn an. �In das��! Jeder k�nnte ihn dort finden! Ich h�tte ihn finden k�nnen!�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Es ist ein Geheimfach�� Das ist wahr!�, rief er, als er meine ungl�ubige Miene sah. Er sprach mit der verzweifelten Eindringlichkeit eines gewohnheitsm��igen L�gners, dem niemand mehr Glauben schenkt, wenn er einmal die Wahrheit sagt. �Was meinst du, wo ich das Zimmermannshandwerk gelernt habe? Ehe ich den Pestkarren bekam, habe ich Holz an den Schrankbauer geliefert. Ich habe ihm zugesehen, wie er das Geheimfach gebaut hat.�</p><p>Erneut fuhr ich ihn skeptisch an. �Und woher wusste meine Mutter, wo sie danach suchen��� Ich zitterte. Doch nicht nur wegen der Abendk�lte und den vordringenden Regenwolken, die langsam �ber die Heide krochen und den blassen Himmel allm�hlich befleckten wie versch�ttete Tinte. Ich kannte die Antwort auf meine Frage, ehe ich sie stellte. �Du hast meiner Mutter davon erz�hlt, oder?� Ich sch�ttelte ihn. �Hast du es getan?�</p><p>Er seufzte sehr tief und erkl�rte, er habe immer Geschichten �ber den Anh�nger erz�hlt, den jedermann bewunderte, wenn Frances Stonehouse ihn in der Kirche trug. Er prahlte damit, zu wissen, wo er lag. An jenem Nachmittag im September kam Margaret Pearce zu ihm. Sie drohte, allen Leuten zu erz�hlen, dass weder seine Liebestr�nke noch seine Hurenmedizin wirkten, wenn er ihr nichts von dem Geheimfach erz�hlte.</p><p>Er seufzte noch einmal, lie� den Kopf in die H�nde sinken und starrte die M�nze im Wasser an. �Jetzt wei�t du alles. Zufrieden?�</p><p>Zufrieden? Ich zerrte Matthew von dem Stein hoch, umarmte ihn und tanzte mit ihm herum, bis er beinahe ins Wasser fiel.</p><p>�Komm! Lass uns gehen!�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Nach Highpoint. Ehe das Tageslicht schwindet.� Ich zog ihn zu seinem Pferd und verschr�nkte die Finger zu einer R�uberleiter, um seinen alten Knochen das Aufsitzen zu erleichtern.</p><p>�Warte.� Er w�rde sich keinen Zoll von der Stelle r�hren, ehe ich ihm nicht alles erz�hlt h�tte, was geschehen war. Als er erfuhr, dass die Parlamentssoldaten vor ein paar Tagen weitergezogen waren, wich er zur�ck.</p><p>�Wer hat dann Mark umgebracht?�</p><p>�Ich wei� es nicht. Aber ich wette, es waren Cavaliere, die Richard Stonehouse dienen.�</p><p>�Mark war kein Papist.�</p><p>�Sie haben ihn get�tet, um den letzten Beweis f�r die Eheschlie�ung zu vernichten. Sie trugen orangene T�cher wie meines, um sich als Roundheads auszugeben.�</p><p>Ein Blitz erhellte die Heidelandschaft. Die Pferde hoben die K�pfe und traten unruhig auf der Stelle, warteten unbehaglich auf das leise Murmeln des Donners. Die Aussicht auf einen Wolkenbruch auf dem offenen Land machte es leichter, Matthew auf sein Pferd zu bekommen. Als er bereits halb im Sattel sa�, hielt er inne.</p><p>�Sie haben gewartet, bis du mich findest, dann kriegen sie uns beide und den Anh�nger.�</p><p>�Das habe ich mir auch schon gedacht, Matthew. Wir sind beide Geschichtenerz�hler.�</p><p>�Es ist ein Unterschied, ob man eine Geschichte erz�hlt oder mittendrin steckt. Wir reiten in eine Falle.�</p><p>�Nicht, wenn wir wissen, dass es eine ist.� Ich sp�rte, wie mich etwas nach Highpoint zog, wie eine Kompassnadel vom Norden angezogen wurde. Ich f�hlte mich so kalt und hart wie das Metall selbst, wie das Eis, von dem es hie�, es bedecke die n�rdlichen Gefilde, und die Frostgeister, die Eis anstelle von Herzen hatten. �Wir k�nnen Marks Tod r�chen. Und den meiner Mutter.�</p><p>�Bist du toll? Wir k�nnen nicht gegen eine Armee von Cavalieren k�mpfen!�</p><p>�Nein.� Ich schwang mich auf mein Pferd. �Aber wir k�nnen den Anh�nger holen.�</p><p>Er schlug sich mit solcher Kraft gegen die Stirn, dass ich glaubte, sein Kopf m�sse davonfliegen. <emphasis>�Ihn stehlen�� noch einmal!�</emphasis></p><p>�Ihn Lord Stonehouse ordnungsgem�� zur�ckgeben.�</p><p>Erneut zerschnitten Blitze den Himmel, und dieses Mal war der Donner n�her. Wind kam auf und zerrte am Heidekraut. Ich dr�ngte mein Pferd auf den Pfad, doch Matthew hielt seines zur�ck.</p><p>�Tom. Sei kein Narr. Nicht du treibst das Pferd an, es ist der Anh�nger!�</p><p>Ich z�gerte, doch nur f�r einen Moment. �Vielleicht hast du recht. Du bist kl�ger als ich, Matthew. Aber eines habe ich gelernt�� man kann nicht ewig davonlaufen.�</p><p>Er sah mich an, als h�tte ich ihn mit einer Peitsche mitten ins Gesicht geschlagen. Es verletzte ihn st�rker als alles andere, das ich gesagt oder getan hatte. Und das sollte es auch.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>35.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Als ich die Heide verlie�, um nach Upper Vale hinunterzureiten, h�rte ich lautes Rufen und galoppierende Hufe hinter mir. Als Matthew mich einholte, deutete er auf einen Pfad, der durch das W�ldchen f�hrte, in dem ich Patch w�hrend des Trauergottesdienstes angebunden hatte. Niemand kannte das Land besser als Matthew, nicht einmal Eaton. Seit Jahren lebte er von seinen Kr�utern und seinem Scharfsinn und reiste auf wenig bekannten Wegen zwischen Lower Vale und Oxford umher. Er f�hrte mich durch einen Wald, der zu einem Teil des Great Forest wurde, w�hrend der Regen unerbittlich auf uns herabprasselte. Wir kamen nur langsam voran, aber die Route war wesentlich k�rzer, und als wir die ausladenden, undurchdringlichen Eichen erreichten, boten sie uns Schutz, sowohl vor dem Wolkenbruch als auch vor dem, was uns in Highpoint erwarten mochte.</p><p>Wir erreichten den Waldrand und starrten hinunter auf das Haus. Der Regen hatte jetzt nachgelassen und war zu einem gleichm��igen Nieseln geworden, durchbrochen von gelegentlichen kalten Tropfen, die aus den B�umen fielen. Wenn der Mond sich zeigte, warf er lange schwarze Schatten auf das Herrenhaus. Es sei genau derselbe Mond wie in der Nacht, in der ich geboren wurde, sagte Matthew. Voll Verachtung erwiderte ich, er bilde sich Dinge ein, aber ich war selbst nicht besser. Ich sah, wie meine Mutter in die Kutsche verfrachtet wurde, die daraufhin wild schlingernd die dunkle Allee entlangraste.</p><p>Wir durchquerten den Fluss, und Matthew f�hrte mich durch ein W�ldchen, in dem wir unsere Pferde lie�en und Laub unsere Schritte d�mpften. In der Halle brannten Kerzen, und wir sahen eine Magd, die in einem der unteren R�ume weitere entz�ndete. Es war niemand zu sehen oder zu h�ren, nur aus der K�che drang gelegentliches Geklapper. M�hsam bahnten wir uns unseren Weg um das Geb�ude herum zum �u�ersten Winkel, wo ich vorhatte, an der Au�enmauer hinaufzuklettern und durch ein Fenster einzusteigen. Doch zuerst versuchte ich es an einem Dienstboteneingang. Die T�r war offen.</p><p>�Das gef�llt mir nicht�, fl�sterte Matthew.</p><p>�H�r mal.� Ich deutete auf die St�lle.</p><p>�Ich h�re nichts.�</p><p>�Genau. Keine Pferde.�</p><p>�Sie haben sie au�er H�rweite gelassen.�</p><p>Ich z�gerte, hatte jedoch das Gef�hl, dem Anh�nger so nahe zu sein, dass ich einfach ins Haus musste. Ich schl�pfte in den dunklen Gang. Es roch nach verdorbenem Gekochtem. Einen Moment sp�ter folgte Matthew mir. Licht fiel aus einer offenen T�r, und ich duckte mich, als Mrs�Adams auftauchte und etwas Schweinefutter in einen Eimer im Gang warf. Ich beobachtete, wie sie wieder verschwand und h�rte sie jemandem zurufen: �Das nennst du sauber? Schrubb es! Schrubb die Soldaten fort! Und danke dem guten Herrn, dass er uns von ihnen erl�st hat!�</p><p>Wir erklommen die Hintertreppe, blieben im Schatten am Rand der Galerie stehen und blinzelten im Licht. Jede Kerze in jedem Kronleuchter brannte. Sobald wir die Galerie �berquert h�tten, w�rden wir in das Labyrinth aus dunklen Korridoren eintauchen, die zu Frances� Schlafzimmer f�hrten. Ich wollte gerade hin�berrennen, als der Schrei einer Frau ert�nte. Er kam aus dem gro�en Empfangszimmer mit Doppelt�ren auf der anderen Seite des Treppenabsatzes, gefolgt von Stimmengemurmel. Ich sprang zur�ck in den Schatten der Treppe.</p><p>Eaton trat aus dem Raum. Ich konnte Kate sehen, aber sonst niemanden. Es <emphasis>war</emphasis> ein Wunder. Nie h�tte ich gedacht, ihn je wieder auf den Beinen zu sehen, und rannte auf ihn zu. Er sah nicht froh aus, mich zu sehen, doch andererseits sah er niemals froh aus, irgendjemanden zu sehen. Ich umarmte ihn, und er wollte etwas sagen, doch das ging in dem pl�tzlichen Tumult unter, als T�ren aufgerissen und Schwerter gez�ckt wurden.</p><p>�Du kannst ihn jetzt aus deiner z�rtlichen Umarmung entlassen, Eaton�, sagte Richard.</p><p>Er lehnte an der Wand und sah aus wie f�r den Hof gekleidet, in einem roten Leibrock, �ber dem er einen kurzen Umhang mit juwelenbesetzter Spange trug, die den Stonehouse-Falken zeigte. Der Vogel schien aufzuflattern, sobald Richard sich bewegte. Hinter ihm standen mehrere M�nner. Aus der T�r des Zimmers, aus dem Eaton gekommen war, trat Captain Gardiner. Er sah noch fast genauso aus wie damals, als ich zum ersten Mal auf ihn getroffen war, im Gestank von Smithfield, nur dass sein neuer Biberhut frisch geb�rstet war. Er lehnte sich neben der T�r an die Wand. Das Licht einer Kerze wurde vom Sto�degen in seiner Hand reflektiert.</p><p>�Wo ist der andere?�, sagte Richard scharfz�ngig. �Idioten! Die Hintertreppe!�</p><p>Wie �blich war Matthew verschwunden. Wie er das angestellt hatte, wusste ich nicht, aber, so dachte ich s�uerlich, er hatte schlie�lich genug �bung darin. Ausnahmsweise einmal war ich froh dar�ber. Sie h�tten rasch aus ihm herausbekommen, wo sich der Anh�nger befand. Ich verga� Matthew und wandte meine Aufmerksamkeit, all meine verbitterte Aufmerksamkeit, Eaton zu. �Ich habe Euch vertraut�, sagte ich. �Ich hielt Euch f�r meinen Freund.�</p><p>�Du hast Eaton vertraut?�, sagte Richard ungl�ubig. �Du hast gedacht, er sei dein Freund?�</p><p>Lawinenartig brandete Gel�chter auf, und ich stellte fest, dass alle Bediensteten, die heute Morgen beim Gottesdienst gewesen waren, aufgetaucht waren, aus T�ren, in der Halle unten, auf halbem Weg die Treppe hinauf, wo das Gesicht des B�rtigen sich zu einem breiten Grinsen verzog. Die K�chin stand an der T�r zur Hintertreppe, ihr gewaltiger Leib bebte vor Lachen. Wie der K�nig bei seinem Versuch, Pym und die anderen vier Mitglieder im Unterhaus zu verhaften, bewies auch Richard einen feinen Sinn f�rs Theatralische. Alles musste Stil haben, alles war Teil einer Vorf�hrung, um den Leuten eindrucksvoll zu zeigen, wer die Macht hatte.</p><p>�Eaton hat keine Freunde, nicht wahr Eaton?�, sagte Richard.</p><p>�Keine�, erkl�rte Eaton schonungslos.</p><p>�Eaton ist der beste L�gner, der beste Betr�ger, den ich kenne, nicht wahr Eaton?�</p><p>Eaton sagte nichts, doch unter der Dienerschaft erhob sich ein w�tendes Gemurmel, und die K�chin sah aus, als wollte sie ihn anspucken.</p><p>�Ich habe erst herausgefunden, dass er meinen Vater seit Jahren betr�gt, als ich die Papiere aus der Kanzlei dieses anderen Gauners, Turville, geholt habe. Darum hast du diesen Hochstapler hierher gebracht, nicht wahr Eaton? Weil ich gedroht habe, meinem Vater die Beweise zu zeigen.� Es kam zu erneuten Unmuts�u�erungen beim Gesinde, doch Richard brachte es mit einer Geste zum Schweigen. �Aber um fair zu sein, Eaton hat den Grundbesitz aufgebaut. Er ist gut darin, Vertr�ge zu machen, und wir haben einen Vertrag geschlossen. Bring ihn mir, und du kannst deine Stellung behalten. Ich kann einen guten Verwalter gebrauchen.�</p><p>Er klopfte Eaton auf den R�cken. Eaton taumelte, und ich begriff, dass er immer noch krank war. Allein die lebhaft pochende Narbe brachte etwas Farbe in sein Gesicht. Er umklammerte die Balustrade hinter sich, um sich abzust�tzen, und warf einen Blick in das Empfangszimmer, aus dem er gekommen war. Ich folgte seinem Blick und sah, dass Kate von einem Soldaten festgehalten wurde, der ihr ein Messer an die Kehle hielt. Meine Taubheit verflog. Ich war ein Narr, aber kein kompletter Narr.</p><p>Eaton <emphasis>hatte</emphasis> sich w�hrend der Reise hierher ver�ndert�� ach was, schon lange zuvor. Der Gedanke an Kate, die Aussicht, sie wiederzusehen, hatte mit dem verbitterten, m�rrischen Teil seiner Natur gerungen, der Angst hatte, alles zu verlieren, was er sich im Laufe seines Lebens aufgebaut hatte. Jetzt erkannte ich die Anzeichen dieses inneren Kampfes w�hrend der Reise�� halbe Warnungen, unwirsche Zur�ckweisungen. Selbst den Tod hatte er dem Kampf vorgezogen, einem Kampf, der ihn zu sehr ersch�pft hatte, als dass er noch daran h�tte glauben k�nnen, ihn je zu gewinnen oder zu beschlie�en. Das alles las ich in dem gequ�lten Blick, den er Kate zuwarf, in dem Blick, mit dem er mich bedachte.</p><p>M�glicherweise nahm Richard es ebenfalls wahr. Sein sp�ttischer Tonfall verschwand. Ich erkannte seinen Vater in ihm wieder, in dieser gr�blerischen, beinahe m�rrischen Pose, die er anlegte wie einen Umhang. Er sagte, ein gro�es Verbrechen sei ver�bt worden, der Versuch, sich den Namen der Familie anzueignen, und sein Vater sei, ungl�cklicherweise, beinahe hinters Licht gef�hrt worden. Dann wandte er sich an mich.</p><p>�Wo ist der Anh�nger?�</p><p>�Ich wei� nicht.�</p><p>�Antworte Mylord!�, sagte Captain Gardiner.</p><p>Ich sagte nichts. Vielleicht war es Richards Signal, diese Bewegung seines Umhangs im unruhigen Kerzenlicht, die mich glauben lie�, der Falke habe sich mit schwirrenden Fl�geln auf mich gest�rzt und meine Wange mit seiner Klaue aufgerissen. Gardiners Sto�degen lag wieder ruhig in seiner Ausgangsposition, die Spitze zitterte noch, ehe ich sp�rte, wie das Blut aus dem Schnitt an meiner Wange heraussickerte und mir langsam �ber das Gesichte und den Hals lief.</p><p>�Wo ist der Anh�nger?�</p><p>Ich erwiderte seinen w�tenden Blick und biss mir auf die Lippen, damit ich nicht aufschrie, wenn der zweite Hieb k�me, doch Richard hielt Gardiner auf und sagte etwas zu einem seiner Soldaten, der daraufhin seine Pistole zog und damit auf Eaton zielte.</p><p>�Nimm seine Pistole, Eaton�, sagte Richard. Eaton r�hrte sich nicht. Jetzt waren wir zu zweit; ich mit meinem frischen Schnitt, Eaton mit seiner alten Narbe, die Richard selbst jetzt noch zu verunsichern schien. Mir fiel ein, dass Eaton mir erz�hlt hatte, wie Lord Stonehouse seinen S�hnen bei Ungehorsam damit gedroht hatte, Eaton w�rde in der Mitte der Nacht zu ihnen kommen. <emphasis>�Nimm sie!�,</emphasis> schnauzte Richard.</p><p>Der s�uerlich-ranzige Geruch von Eatons Krankheit umwehte mich, als er die Pistole aus meinem G�rtel zog.</p><p>�Ist sie geladen?�</p><p>�Ja, Mylord�, erwiderte Eaton.</p><p>Richard wirkte befriedigt �ber diese Anrede. Er schien Eatons Dem�tigung ebenso sehr zu brauchen wie meine. �Spann den Hahn.� Der Soldat hielt seine Pistole unver�ndert auf Eaton gerichtet, als dieser gehorchte. �Eaton ist ein guter Sch�tze, nicht wahr, Eaton? Ich wei� es. Du bist der Beste. Du hast mir das Schie�en beigebracht.�</p><p>�Danke, Mylord.�</p><p>�Streck deine rechte Hand aus�, sagte Richard zu mir. Als ich mich nicht r�hrte, sagte er gelassen, beinahe freundlich. �Eaton kann dir auch in den Ellenbogen oder in die Schulter schie�en, f�r ihn ist das egal, nicht wahr Eaton?� Eaton nickte gleichg�ltig und hob die Pistole. �Aber ich erachte es f�r passender, wegen deiner aufr�hrerischen Pamphlete gegen K�nig und Kirche, dir die sch�ndliche Hand zu nehmen und dir zumindest den Arm zu lassen.�</p><p>Langsam, ganz langsam, hob ich den Arm und streckte meine Hand aus. Ich wollte nicht, dass sie zitterte, aber das verdammte Ding tat es trotzdem. �Warte, Eaton�� feuere nicht, ehe ich dir das Signal gebe.� Er wandte sich an mich. �Ich werde deine Hand verschonen, wenn du mir sagst, wo der Anh�nger ist.�</p><p>Folterer haben viel gemein mit denen, die Kinder brechen. Wie Gloomy George hatte Richard ein Gesp�r f�r die Schwachstellen seines Opfers. Ich sp�rte, dass mein ganzes Leben, alles von Bedeutung, das ich je getan hatte, in dieser Hand lag. Damit hatte ich das Gedicht f�r Anne geschrieben, mit diesen Fingern, die nicht aufh�ren wollten zu zittern, hatte ich die Gro�e Remonstranz gedruckt. Ich wollte die Augen schlie�en, doch diese Genugtuung w�rde ich ihm nicht geben, obwohl die Bediensteten noch schlimmer waren. Hastig schlurften sie aus der Schusslinie, dabei kicherten und fl�sterten sie. Mit ihren vorgereckten H�lsen glichen sie denen, die an einer Grube standen, Wetten abschlossen und anschlie�end zuschauten, wie H�hne oder Hunde einander in St�cke rissen. Nur Rose sah bleich und elend aus und hatte sich abgewandt, doch Richard, der stets einen Blick f�r h�bsche Gesichter hatte, l�chelte und winkte sie nach vorn, als t�te er ihr damit einen Gefallen. Der Soldat mit der Pistole senkte die Waffe, um besser sehen zu k�nnen, und der Mann, der das Messer an Kates Kehle hielt, schob den Kopf vor.</p><p>Richard sagte, er w�rde mir Zeit geben, bis er bis f�nf gez�hlt h�tte�� da ich ein Lehrjunge sei, kannte ich doch gewiss die Zahlen? Es wurde gekichert und gelacht, dann herrschte absolute Stille, als er zu z�hlen begann. Als er bei drei ankam, langsam und ohne Eile z�hlend, konnte ich es nicht l�nger aushalten und versuchte zu sprechen, um damit herauszuplatzen, wo der Anh�nger war. Er h�rte auf zu z�hlen. Galle stieg mir hoch, doch mein Mund war so trocken, dass ich sie weder hinunterschlucken noch etwas sagen konnte. Richard wartete. Und w�hrend er wartete, l�chelte er. Dieses L�cheln des Triumphs lie� in mir alle Sturheit und den Hass auf Menschen wie ihn aufwallen, den jahrelange Schl�ge in mir eingepflanzt hatten. Ich w�rde nichts sagen. Sein L�cheln verschwand, und er fuhr fort zu z�hlen. Bei f�nf schloss ich die Augen.</p><p>Eaton feuerte.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>36.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Die Explosion machte mich taub. Ich wirbelte herum, in Erwartung des Treffers und des heftigen brennenden Schmerzes in meiner rechten Hand, von der ich wusste dass sie nicht mehr da sein w�rde. Doch fast im selben Moment wurde ich von Eaton gegen die Balustrade gesto�en. Seine Lippen bewegten sich, doch bei dem Sausen in meinen Ohren verstand ich kein Wort. Hinter Eaton sah ich den Mann, der Kate festgehalten hatte, ein Auge blickte starr aus seinem zerschmetterten Gesicht, w�hrend er langsam zu Boden sank. Gardiner lag am Boden und versuchte, seinen Sto�degen unter den F��en der in voller Panik fliehenden Bediensteten aufzusammeln. Und, am unfassbarsten von allem, meine rechte Hand war noch da, blutend zwar, aber vollst�ndig. Ich begriff, dass Eaton die and�chtige Aufmerksamkeit des Publikums dazu genutzt hatte, den Mann, der Kate festhielt, in eine schutzlose Position zu locken, und anschlie�end Gardiner mit der abgefeuerten Pistole niederzuschlagen.</p><p>Ich zuckte zusammen, als ich mein H�rverm�gen wiedererlangte. �Springt!�, schrie Eaton. Richards Entschlossenheit, mich vor dem Gesinde zu dem�tigen, gereichte ihm nun zum Nachteil, als nun alle schreiend und dr�ngelnd zur Treppe rannten und jeden Versuch seiner Soldaten, zu mir zu gelangen, zum Scheitern verurteilten. Ich kroch auf die Balustrade, um in die Halle unter mir zu springen, und erwartete, das Eaton mir folgen w�rde. Doch er rannte zu Kate. Ein Soldat zielte mit seiner Pistole auf Eatons R�cken. Ich sprang von der Balustrade zur�ck auf die Galerie, schickte den Soldaten zu Boden, so dass sein Schuss eine Kerze in einem Wandhalter traf. Ein Schauer von zersplittertem Glas und geschmolzenem Wachs ging auf Richard nieder, als dieser mit gez�cktem Schwert auf mich zukam. Ich rannte in den Raum, in dem Kate sich befand, kurz bevor Eaton die T�ren zuknallte und einen Tisch unter die T�rgriffe schob. Kate sah aus, als wollte sie ihm Vorhaltungen machen, begriff indes rasch, dass es sinnlos w�re und half mir, mehr M�belst�cke herbeizuschleppen, um die T�ren zu blockieren.</p><p>�Ich sagte Euch, Ihr solltet springen!�, schrie Eaton mich an.</p><p>�Ihr habt mein Leben zu oft gerettet, als dass ich es Euch nicht auf gleiche Weise vergelten k�nnte.�</p><p>�Ich habe es Euch gesagt! Nur Narren sind Helden! Es gibt ein Vorzimmer�� ein Fenster�� verschwindet!�</p><p>Als er einen Stuhl anhob, verlor er beinahe das Gleichgewicht. Ich fing ihn auf. Sein Gesicht war gelb wie Pergament, und ich h�rte das ungest�me Pochen seines Herzens im Takt mit der puckernden Narbe. Doch sein Gebaren war so unwirsch wie stets, seine Stimme beinahe ein Fauchen. �Ich habe es nicht f�r <emphasis>Euch</emphasis> getan. Glaubt das blo� nicht! Ich tat es f�r Highpoint. Alles nur, um die L�ndereien zusammenzuhalten, genau wie die Diebst�hle, als sie es St�ck f�r St�ck verkauften. Ich begriff zu sp�t, dass Ihr derjenige seid, dessen Aufgabe es gewesen w�re�� geht!�</p><p>Er stie� mich so heftig fort, dass ich beinahe �ber den Leichnam des Soldaten st�rzte, der Kate bedroht hatte.</p><p>�Hier! Hier entlang, Tom! Schnell!� Kate �ffnete die T�r zu einem Vorzimmer, als ein Schuss losging. Die Kugel riss ein Loch in die T�r, und einer der T�rgriffe flog davon. Eaton versuchte, mit seinem geringen Gewicht die improvisierte Barrikade zusammenzuhalten, doch quietschend rutschte der Tisch unaufhaltsam zur�ck. Eine der T�ren sprang mit einem Ruck auf, und einer der Soldaten wurde in den Raum katapultiert. Eaton schlug ihn mit einem Stuhl nieder.</p><p>Ich rappelte mich auf und rannte in das Vorzimmer, als Gardiner �ber die Reste der Barrikade sprang. Ich sah, wie die Spitze seines Schwertes sich in Eatons R�cken bohrte, ehe Gardiner sie wieder herauszog. Kate rief mir etwas zu, aber die Worte ergaben keinen Sinn f�r mich, denn Eaton stand immer noch da und schwankte lediglich ein wenig. Ich nehme an, dass ich im Verlauf unserer gemeinsamen Reise angefangen hatte, ihn f�r unverwundbar zu halten. Vielleicht glaubte das in gewissem Ma� jeder, denn einen kurzen Moment herrschte Ruhe, als alles stillzustehen schien. Er war wie ein gro�er Baum, der nach egal wie vielen Hieben immer noch keine Anstalten machte, umzufallen. Er hielt immer noch den Stuhl fest, mit dem er den Soldaten niedergeschlagen hatte, und machte eine Bewegung, um Gardiner ebenfalls zu schlagen. Dann st�rzte der Stuhl zu Boden, und langsam fiel auch er.</p><p>Alles, was ich sehen konnte, war Richards triumphierendes Gesicht in der T�r�ffnung. Ich schnappte mir das Schwert des toten Soldaten und rannte auf ihn zu. Ich hatte keinerlei Kenntnis von Richards oder Gardiners nobler italienischer Fechtkunst. Wenn die B�rgergarde mir irgendetwas beigebracht hatte, dann das altmodische Hauen und Stechen. Doch jede Menge Wahnwitz, ein Haufen blinder Wut angesichts Eatons Tod sowie eine gro�z�gige Portion �berraschung waren auf meiner Seite. Ich sprang auf den Tisch und lie� das Schwert auf ihn niedersausen. Einen Moment lang taumelte er, doch ich wurde von dem sich bl�henden Umhang irregef�hrt, als er sich wegduckte, und ich schaffte es lediglich, seinen Arm zu streifen, ehe mein Schwert sich im Umhang verfing und ich vom Tisch gerissen wurde. Wenn Richard dem Dienstpersonal beweisen wollte, dass ich das niederste aller niederen Gesch�pfe war, so bot ich ihm nun die beste Gelegenheit daf�r. Als w�re keine Zeit zwischen damals und heute vergangen, wurde ich zu dem, der ich gewesen war, als George mich zum ersten Mal in den Keller sperrte; ich schrie und trat um mich und biss und kratzte, bis ich vermutlich dem wilden Tier glich, das Eaton gewesen war, ehe die Stonehouses ihn geb�ndigt hatten.</p><empty-line/><p>Immer wieder verlor ich das Bewusstsein, doch ich glaube, dass Richard plante, am n�chsten Tag �ber mich zu Gericht zu sitzen. Dann jedoch tauchte ein mit Matsch bespritzter Bote mit der Nachricht auf, dass er am n�chsten Morgen in aller Fr�he aufbrechen m�sse. Ich wurde getreten und verh�hnt, der K�nig w�rde sich sein Eigentum zur�ckholen; in Warwickshire st�nde eine gro�e Schlacht bevor, und es sei doch zu schade, dass ich nicht dort sein und daran teilnehmen k�nne.</p><p>Richard erkl�rte mir, ich w�rde wegen Mordes angeklagt werden. Er sagte etwas �ber mildernde Umst�nde, wenn ich ihm Auskunft �ber den Anh�nger g�be, doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich einen Zustand erreicht, in dem es mir gleichg�ltig war, was mit mir geschah. Als ich fortgezerrt wurde, bewahrte ich in meinem Kopf das Bild von Kate, wie sie Eaton in ihren Armen wiegte, wie sie sich �ber ihn beugte, um ihn zu k�ssen, trotz des Blutes, das aus seinem Mund hervorquoll, wie sie ihn fest an sich gedr�ckt hielt. W�hrend Richard �ber Dinge sprach, die mir unwichtig und bedeutungslos erschienen, war es das Einzige, woran ich denken konnte, und es traf mich mit gewaltiger Macht, wie �hnlich Eaton und ich uns waren. Eaton hatte seinen Vater nie gekannt, und ich war fortw�hrend auf der Suche nach meinem, ohne ihn je zu finden. Der Hauptunterschied, vielleicht der einzige, zwischen uns war, dass ich die Liebe fr�h getroffen hatte.</p><p>Sie brachten einen Mann in den Raum, den ich zun�chst nicht erkannte, bis ich begriff, dass es der Schmied aus Upper Vale ohne seine Sch�rze war. Er bezeugte, dass ich einer der vier berittenen Parlamentssoldaten war, welche die Kirche entweiht und Mark Stevens geh�ngt hatten.</p><p>Nichts bringt einen Mann schneller wieder zur Vernunft als L�gen, vor allem, wenn sie so listig miteinander verwoben sind, dass sie wahr zu sein scheinen, und sich das Netz, je mehr man protestiert, umso enger um einen schlie�t. Der einzige Ausweg besteht darin, das K�mpfen einzustellen und den einen Knoten zu finden, der das ganze Geflecht zusammenh�lt.</p><p>Der Prozess war dazu gedacht, mich noch weiter zu brechen, damit ich verriet, wo der Anh�nger war. Richard lie� sogar Mr�Fawcett, den Hausdiener, Protokoll f�hren wie einen Gerichtsschreiber. Doch als Edward eintrat, in seiner Priesterrobe und einem Gebetbuch in der Hand, ver�nderte sich der Umgangston. Richard befahl einem Soldaten, die Pferde bereit zu machen. Er w�rde nachts reiten, wenn der Himmel klar blieb, und in einer halben Stunde aufbrechen. Man hatte tats�chlich vor, mich zu h�ngen! Richards Blick lie� keinen Zweifel daran. Es war offensichtlich an der Art, wie die Soldaten mich festhielten. Im Augenblick dieser Erkenntnis gaben meine Beine unvermittelt unter mir nach und trugen mich nicht l�nger.</p><p>Eine halbe Stunde. Hinter dem Tisch, an dem Richard sa�, hing eine Laternenuhr, die gerade die neunte Stunde anzeigte. Das Ziffernblatt war mit ineinander verflochtenen Tulpen verziert, und der Zeiger stand still in der Mitte eines Bl�tenblattes. Ich starrte ihn an, als k�nnte ich ihn dadurch unsinnigerweise aufhalten.</p><p>Ein im Fl�sterton gef�hrter Streit zwischen den Br�dern weckte leise Hoffnung in mir. Zumindest Edward schien die Ungeheuerlichkeit dessen zu erfassen, was sie planten. Er w�rde mich gerne tot sehen, aber er hatte Angst, entsetzliche Angst sogar, vor seinem Vater. �Was, wenn der K�nig nicht gewinnt?�, h�rte ich ihn fragen.</p><p>Richard wies jede M�glichkeit, dass es dazu kommen k�nnte, zur�ck, aber ich merkte, dass er sich davor f�rchtete, ebenso wie vor der Reaktion seines Vaters. Aus diesem Grund musste er sein Handeln durch einen Scheinprozess rechtfertigen. Meine einzige Chance bestand darin, mit dieser Angst zu spielen und zu versuchen, einen Keil zwischen die beiden Br�der zu treiben.</p><p>�Warum sollte ich Mark Stevens t�ten?�, sagte ich.</p><p>Verbl�fft sahen sie mich an, als sei ich bereits eine Leiche, derer man sich entledigen musste, und kein lebender Mensch.</p><p>�Weil er dir nicht die Informationen gegeben hat, die du von ihm haben wolltest�, sagte Richard.</p><p>�Aber das hat er doch�, log ich. �Er hat mir gesagt, dass er in Shadwell Edward und meine Mutter getraut hat.�</p><p>Die ganze Erregung, die Edward heute Morgen gezeigt hatte, war auf einen Schlag wieder da. Ehe Richard ihn aufhalten konnte, schrie er: �Die Ehe war ung�ltig!�</p><p>�Warum hat Euer Vater dann die Aufzeichnungen dar�ber entfernen lassen?�</p><p>�Weil ich meinem Vater an jenem Abend die Wahrheit erz�hlt habe!�</p><p>�Halt den Mund, Edward�, sagte Richard, doch er war nicht imstande, seinen Bruder aufzuhalten. Die Augengl�ser waren verrutscht, das Gesicht verzerrt. Es war eines jener Gesichter, in denen sich die jugendlichen Z�ge bis ins mittlere Alter halten, und ich konnte ihn mir vorstellen, wie er an jenem Abend voller Entsetzen seinem Vater gegen�bergestanden hatte.</p><p>�Ich sagte ihm, dass du nicht mein Kind bist.�</p><p>�Woher wusstet Ihr das?�</p><p>�Woher er es wusste?�, sagte Richard ver�chtlich. �Weil er sie nie gev�gelt hat! Behauptet er.�</p><p>�Es ist wahr�, schrie Edward seinen Bruder an. �Ich wusste nicht, dass sie schwanger war, als ich sie geheiratet habe.�</p><p>Richard war sich pl�tzlich der Anwesenheit des Hausdieners bewusst, dessen hervorstehende Augen noch weiter vorquollen als gew�hnlich und der so schnell schrieb, wie er konnte. �Streich das�, schnauzte er. �Gib mir das Buch. Verschwinde! Ihr alle, raus mit euch, bis auf dich!� Er deutete auf Gardiner. �Wartet! Keiner von euch hat das geh�rt, ist das klar?�</p><p>Sie verbeugten sich und gingen. Edward hielt sein Gebetsbuch fest und wiederholte unabl�ssig den lateinischen Vers eines Gebets. Zu meiner �berraschung ging Richard zu ihm und legte in einer Geste aufrichtiger Zuneigung seinen Arm um ihn. �Eddie, lass dich von ihm nicht einwickeln. Das will er doch nur, merkst du das nicht?�</p><p>�Wer ist dann mein Vater?�, fragte ich.</p><p>Richard deutete auf das Bild seines Vaters. �Man sollte meinen, er sei es, nach allem, was er f�r dich getan hat. Du hast nat�rlich keine Ahnung, nicht wahr, nicht den blassesten Schimmer, was du dieser Familie angetan hast.�</p><p>Verwundert erwiderte ich seinen Blick. �Ich habe Euch nichts getan. Nichts.�</p><p>�Seit du geboren wurdest�� wiedergeboren��� Er fuhr seinen Bruder an, der immer noch das lateinische Gebet murmelte. �Um Himmels willen, Eddie, h�r endlich damit auf. Wenn Gott dich bis jetzt nicht geh�rt hat, wird er es niemals tun.�</p><p>Edward verstummte, doch seine Lippen bewegten sich lautlos weiter, w�hrend Richard zum Schreibtisch seines Vaters marschierte. Er zog vergeblich an einer Schublade und gab schlie�lich Gardiner einen Wink, der das Schloss mit seinem Dolch aufbrach. Richard holte ein B�ndel Dokumente aus der Schublade, die mit rotem Wachs gesiegelt waren, und ein weiteres B�ndel mit Briefen, die er auf den Tisch warf. Dann zog er einen Packen Kinderzeichnungen heraus, Seiten mit Redewendungen und lateinischen Versen, die sich endlos wiederholten. Seine H�nde zitterten, als er versuchte, die zusammenklebenden Seiten zu trennen, bis er endlich fand, wonach er gesucht hatte.</p><p>Der einzige Zeiger der Laternenuhr machte ein leises kratzendes Ger�usch, als er mit einem Ruck vorw�rtssprang. Richard warf einen Blick darauf. Ich hatte das Gef�hl, die letzte halbe Stunde meines Lebens, die er mir zugestanden hatte, sei beinahe vor�ber, und unter diesen Umst�nden war das vergilbte St�ck Papier, das Richard mir vor die Augen hielt, das Letzte, was ich zu sehen erwartete.</p><p>�Erkennst du das?�</p><p>Ich nahm es und starrte es verwundert an. Es war ein plump hingekritzeltes lateinisches Zitat, das sich unabl�ssig wiederholte: <emphasis>omnes deteriores sum licentia</emphasis>.</p><p>�Das ist Terenz, nicht wahr?�, sagte ich. �F�r einen fr�heren Sklaven, wie er einer war, ist es sonderbar zu schreiben: �Zu viel Freiheit entw�rdigt uns.� Aber es m�sste sumus hei�en, nicht sum���</p><p>Er schnappte sich das Blatt. �O ja, <emphasis>du</emphasis> wei�t es nat�rlich!�</p><p>Ich musste es wissen. Ich hatte dieselbe Zeile bis zum Umfallen aufgeschrieben, immer und immer wieder. Das sagte ich ihm auch.</p><p>�Und nat�rlich perfekt�, sagte er. �Perfekte Handschrift, perfekt dekliniert���</p><p>Ich sagte ihm, dass ich wie jeder andere auch voller Fehler sei und dass ich mehr geschlagen worden sei als die meisten, doch er wollte nichts davon h�ren. W�hrend Edward sein Erstaunen zum Ausdruck brachte, als er eine Textstelle auf Griechisch fand, die er einst geschrieben hatte, erkl�rte Richard mit einem Sarkasmus, der spr�de war vor Zorn, dass ich perfekt war, eine perfekte Handschrift besa�, ein perfekter Sch�ler war und zu allem �berfluss auch noch ein perfekter Gentleman. Ich lachte �ber dieses idiotische Bild von mir, als ich an den wilden, ungehobelten Lehrjungen dachte, den man anfangs dazu zwingen musste, Stiefel zu tragen. Er versetzte mir eine brennende Ohrfeige.</p><p>Dann begriff ich. Seit dem Moment, als ich herausgefunden hatte, dass es Richard war, der mich t�ten wollte, hatte ich stets gedacht, es l�ge daran, dass ich sein Erbe bedrohte. Nat�rlich war es das, aber es steckte noch mehr dahinter, viel mehr. Nachdem ich mich mit dem Pech verbrannt und Lord Stonehouse mich entdeckt hatte, hatte er bei seiner R�ckkehr nach Highpoint Richard und Edward in diesen Raum zu sich bestellt. Ich sah die Szene f�rmlich vor mir, als Richard sie jetzt verbittert und wie unter Zwang schilderte.</p><p>Lord Stonehouse hatte das aufgesetzt, was die Br�der sein Henker-Gesicht nannten. Er teilte ihnen mit, dass er ein Kind mit den Stonehouse�schen Z�gen und feuerrotem Haar gesehen habe. Au�erdem lebte dieses Kind bei diesem Halunken Matthew Neave, der in der bewussten Nacht im Jahr 1625 den Pestkarren gelenkt hatte. Lord Stonehouse ging noch einmal durch, was seine beiden S�hne ihm an jenem Septemberabend vor siebzehn Jahren erz�hlt hatten�� dass Edward durch einen Trick dazu gebracht worden sei, zu heiraten, w�hrend das Kind der Sohn von Margaret Pearces Vetter John Lloyd sei. Richard unterst�tzte seinen Bruder erneut und sagte, es sei allgemein bekannt, dass Margaret Pearce ganz vernarrt in John Lloyd gewesen sei. Lord Stonehouse lie� sie auf die Bibel schw�ren, dass ihre Aussagen wahr seien, als st�nden sie vor Gericht.</p><p>Damit hielten sie die Sache f�r erledigt.</p><p>Weit gefehlt. Es war, als sei das, was in der Pestgrube begraben worden war, herausgekrochen, um sich gleich einem Blutegel an Richard zu h�ngen. So beschrieb er es, obwohl er die ver�nderte Haltung seines Vaters anfangs nicht mit mir in Verbindung brachte. Ehe er die Werft in Poplar besucht hatte, hatte Lord Stonehouse sich damit abgefunden, dass Richard keine Ambitionen hatte, die �ber den Familienbesitz und sein eigenes Vergn�gen hinausgingen, vor allem Letzteres. Nachdem er mich gefunden hatte, wurden seine alten Sehns�chte neu entfacht, sein �ltester Sohn m�ge eine wichtige Stellung bei Hofe einnehmen und die Geschicke des Landes mitbestimmen. Er wollte, dass er wieder Latein las und seine angestaubten Lektionen in Rhetorik wieder auffrischte, die er schon l�ngst vergessen hatte. Er war <emphasis>siebenundzwanzig</emphasis>! Sein Vater k�rzte ihm das Taschengeld, bis er sich f�gte. Er erkl�rte, der Name und das Verm�gen der Stonehouse� gr�ndete nicht auf der <emphasis>contra guardia</emphasis> und <emphasis>ricavatione</emphasis> der Fechtkunst, sondern auf <emphasis>ethos, pathos</emphasis> und <emphasis>logos</emphasis> der �berzeugungskraft und Streitkunst.</p><p>Glaube, Empfindung und Vernunft! Lass sie glauben, lass sie f�hlen, lass sie denken. Wie oft war ich mit denselben drei Maximen traktiert worden. Ich war von Dr.�Giles unterrichtet worden, doch die unsichtbare Hand hinter den Lektionen war Lord Stonehouse gewesen. Mir war genau dasselbe eingepr�gelt worden wie Richard.</p><p>Eines Tages legte Lord Stonehouse Richards lateinischen Text neben denselben Text in einer anderen Handschrift. Verglichen mit Richards unf�rmigen Buchstaben war der andere Text perfekt.</p><p>�Das wurde von einem Schreiber angefertigt�, sagte Richard ver�chtlich. �Kein Edelmann w�rde so schreiben. Wenn ich einen Brief schreiben muss, beauftrage ich einen Schreiber.�</p><p>�Ein Edelmann kann es sich nicht leisten, ungebildet zu sein, Sir!�, schnauzte sein Vater. �Deine Handschrift ist unlesbar!� Er tippte auf den anderen Text. �Das hier hat ein Junge von zehn Jahren geschrieben.�</p><p>Ob Lord Stonehouse beabsichtigte, dass Richard von mir erfuhr oder nicht, wusste ich nicht, aber von diesem Augenblick an wurde ich zu dem Blutsauger, der es, in seinen Augen, nicht nur auf sein Erbe, sondern auf seine ganze M�nnlichkeit abgesehen hatte. Er fand heraus, dass Mr�Black regelm��ig Geld bekam, da Lord Stonehouse �ber die Zahlungen, wie �ber alle seine Angelegenheiten, penibel Buch f�hrte. Deren H�he entsprach exakt der Summe, um die Richards Taschengeld gek�rzt worden war�� zumindest kam es ihm in seiner mittlerweile krankhaften Einbildung so vor. Dann sah er mein Bild.</p><p>Ich begriff immer mehr, wurde indes immer best�rzter. �Aber wenn das, was Ihr ihm �ber John Lloyd erz�hlt habt, wahr ist�, platzte ich heraus, �warum macht Ihr Euch dann solche Sorgen, dass er den Anh�nger finden k�nnte? Ihr <emphasis>wollt</emphasis> doch gewiss, dass er gefunden wird?�</p><p>�Du wei�t, warum�, sagte Richard.</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p>�Sag es ihm, Rich. Erz�hl�s ihm�, mischte Edward sich ein. <emphasis>�Weil er ihn vertauschen will, nat�rlich!�</emphasis></p><p>�Das wei� er�, sagte Richard.</p><p>�Ich wei� es nicht, ich schw�re es!�</p><p>�L�gner!� Richard schlug mich mit der Hand auf die tiefe Wunde in meinem Gesicht. �Wo ist er? Wo ist der Anh�nger?�</p><p>Vertauschen? Lord Stonehouse war verschlagen, doch f�r ihn z�hlte vor allem die Blutlinie. Einer von ihnen log, wahrscheinlich beide. Irgendetwas stimmte nicht�� etwas, das Kate mir erz�hlt hatte�� Mit dem Gef�hl der Benommenheit, dem Schmerz und der Verwirrung konnte ich nicht richtig denken�� aber ich <emphasis>musste</emphasis> nachdenken.</p><p>Richard starrte das Portr�t seines Vaters an. �Er will dich�, sagte er voll wilder Bitterkeit. �Er will dich als Erben.�</p><p>�Das ist nicht wahr.�</p><p>�Ich habe dich in der Queen Street gesehen. Gekleidet f�r deine Rolle.�</p><p>�Ich habe den Lakaien an der T�r hereingelegt. Euer Vater wusste nicht, dass ich dort war.�</p><p>�L�gner! Hat er dich wegen des Anh�ngers hier hochgeschickt? Nat�rlich hat er das. Wo ist er? Sag es mir! Sag es endlich!�</p><p>Jetzt war es Edward, der seinen Bruder beiseite nahm und im Fl�sterton auf ihn einredete. Ich vernahm das Wort Keller. Sie mussten Mr�Blacks Berichte �ber die �ngste meiner Kindheit gesehen haben, �ber den Keller und die Ratten. Meine Ged�rme begannen sich bei dem Gedanken daran zusammenzuziehen. Sie grinsten und wisperten wie zwei grausame Schuljungen, die eine neue Folter f�r ihr Opfer erfanden.</p><p>�Eddie!� Richard schlug triumphierend auf den Schreibtisch. �Das ist ein Streich! Das ist genial! Ich habe schon immer gesagt, dass du das Gehirn der Familie bist!�</p><p>Edward strahlte, und ich erkannte, dass es keine gr��ere Freude im Leben f�r ihn gab, als von seinem �lteren Bruder gelobt zu werden. Dieser befahl einem Soldaten, Bryson zu holen. Ich hatte keine Ahnung, wer Bryson war, und als sich herausstellte, dass er der B�rtige war, der bei Mrs�Morlands Beerdigung ein gewisses Interesse an mir gezeigt hatte, war ich zun�chst auch nicht kl�ger. Dann, wie ein pl�tzlicher Schlag auf den Kopf, fiel mir ein, wo ich ihn zuvor gesehen hatte. Es war in Oxford gewesen, als Eaton den Ort verlassen und an der Pestgrube angehalten hatte, um mit dem Mann, der die Leichen aus dem Karren hob, dar�ber zu plaudern, wie die Gesch�fte liefen. Bryson war der Fahrer des Pestkarrens.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>37.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Es brauchte vier Soldaten, um mich unten zu halten. Richard gewann seine Beherrschung wieder, w�hrend ich sie verlor. Ich bekam einen Schlag auf den Kopf und verlor beinahe die Besinnung. Nur verschwommen bekam ich mit, dass er Befehle erteilte f�r seinen Ritt in Richtung Norden zum K�nig. Er wies Gardiner an, mich mit Bryson zusammen zur Grube zu bringen, zuversichtlich, dass ich schon reden w�rde, sobald ich den Kalk r�che. Womit er sich nicht irrte.</p><p>Die bittere K�lte drau�en brachte mich wieder auf die Beine. Sie fesselten mir die H�nde, und Gardiner und ein Soldat namens Nat stie�en mich durch die B�ume. Nat fuhr erschrocken zur�ck, als aus der Dunkelheit ein Mann auftauchte, der kein Gesicht zu haben schien. Der Mann trat in einen vom Mondlicht erhellten Flecken und wurde zu Bryson. Er trug eine Maske, die nur seine Augen freilie�, sowie einen langen Lederumhang. Dieser erinnerte mich an meinen alten Josephmantel und trug die Spuren seiner Arbeit, Flecken, die ihn wie eine altert�mliche Weltkarte aussehen lie�en.</p><p>�Es ist genau hinter den B�umen, Captain�, sagte er.</p><p>Gardiner blieb kurz stehen. �Hast du noch eine Maske?�</p><p>�Nee, tut mir leid.� Brysons Augen blitzten beruhigend auf. �Euch passiert nichts. Gab dieses Jahr nicht viel Kundschaft. Is� nur �ne Gewohnheit von mir, mehr nicht. Haltet einfach nur genug Abstand.�</p><p>Nat sah alles andere als beruhigt aus, als er mich weiter vorw�rtsstie�. Das Pferd, das vor den Pestkarren gespannt war, blickte kurz auf und graste dann friedlich weiter. Ein leichter Gifthauch, der charakteristische Geruch der Pest, haftete dem Karren an, ein saurer Gestank nach Eiter und Schwei�, vermischt mit dem milchig-s��en Geruch des Kalks. Die Klappe des Karrens war ge�ffnet, und auf dem vergammelten Stroh konnte ich zwei Leichen erkennen. Es waren M�nner, beinahe nackt. Im tiefen Schatten sah es aus, als seien sie zerst�ckelt worden. Ich erhaschte einen Blick auf ein verfaulendes Gesicht, durch das schon der im Mondlicht silbrige Knochen hindurchschimmerte, und einen verdrehten, halbverwesten Arm. Nat murmelte ein Gebet, und selbst Gardiner wandte sich ab.</p><p>Bryson hob die Leichen an, als w�ren es S�cke mit R�ben, um auf dem nassen dunkelbraunen Stroh Platz zu schaffen. �Habe ich Euch nicht gesagt, dass ich schon zwei Fahrg�ste habe, Captain?�</p><p>Gardiner schluckte und fand zu seiner �blichen Gro�tuerei zur�ck. �Ach ja. Ich hatte es vergessen. Das hast du. Also los�, schnauzte er Nat an. �Steh nicht so rum. Rauf mit ihm!�</p><p>Bryson z�ndete eine Tonpfeife an, hob die Maske, um ein paarmal paffend daran zu ziehen, und sagte, es sei eine spezielle Mischung aus Virginiatabak und Kr�utern, gut gegen Pest, Pocken und diverse andere Beschwerden.</p><p>Gardiner beugte sich �ber mich und sagte freundlich, beinah im Konversationston: �H�r zu, Tom. Du kennst die Pest. Das Schreifieber.�</p><p>�Blutiges Erbrechen�, sagte Bryson.</p><p>�Schwarze Beulen.�</p><p>Gardiner deutete nickend zum Karren. �Das ist nur ein Vorgeschmack auf das, was auf dich zukommt. Am Ende wirst du reden, warum also bist du nicht vern�nftig und redest jetzt, hm?�</p><p>Ich starrte zu ihm empor. Ich wusste, dass ich so gut wie tot w�re, wenn sie mich in den Leichenkarren werfen w�rden. Wenn sie mich zum Haus zur�ckbr�chten, h�tte ich noch eine Chance. Wie gering diese auch sein mochte. Doch ich wollte lieber rasch sterben als langsam an der Pest.</p><p>�Da haben wir�s�, sagte Gardiner, als Tr�nen meine Augen benetzten, so sehr ich auch versuchte, sie zur�ckzuhalten. Es war die Freundlichkeit, die pl�tzliche Normalit�t, wie fadenscheinig sie auch immer sein mochte, die das bewirkte. Das und meine v�llige Ersch�pfung. �Sag es uns, und du bekommst einen hei�en Birnenmost mit Zucker.�</p><p>�Und Gew�rzen�, sagte Bryson und schmatzte mit den Lippen.</p><p>�Und Gew�rzen. Besser ein lebendiger Bastard als ein toter Stonehouse, was?� Beruhigend t�tschelte Gardiner meine Wange. M�glicherweise war es ein T�tscheln. Vielleicht gab er damit auch Bryson ein Zeichen. Wom�glich war es auch die Erinnerung an all die Momente, in denen ich mich George beinahe ergeben hatte, um dann doch einen Wutanfall zu bekommen, der ebenso sehr meiner eigenen Schw�che galt wie ihm. Was immer es war, besinnungsloser Zorn erf�llte mich. Ich biss ihn. Er br�llte vor Schmerz auf, als meine Z�hne sich um seinen Finger schlossen, und wich ruckartig zur�ck. Doch ich lie� nicht los, ehe er mich halb vom Boden anhob und mein eigenes Gewicht meine Z�hne wegriss, zusammen mit einem Teil seines Fleisches. Gardiner saugte an seinem zerfetzten Finger und starrte darauf, ehe er mir zwei brutale Tritte versetzte. Bryson nahm die Pfeife aus dem Mund. Er und der Soldat musterten mich respektvoll.</p><p>�Ich w�rde sagen, dieser Punkt geht an ihn�, sagte Bryson. �Eins zu null f�r ihn.�</p><p>�Auf den Karren! Werft ihn auf den Karren!�, schrie Gardiner sie an. Sie z�gerten. Vermutlich hatten sie gedacht, dass es niemals so weit kommen w�rde. Gardiner stie� den widerstrebenden Nat nach vorne. �Auf den Karren!� Bryson zuckte mit den Schultern, zog seine Maske herunter, und mit einer schnellen Bewegung schleuderten sie mich nach oben. Ich landete mit dem Gesicht im nasskalten, �belriechenden Stroh, richtete mich strampelnd auf und spie und spuckte die klebrigen, verrotteten Strohhalme aus. Ein Auge, oder besser die opalisierenden �berreste davon, bewegte sich in seiner H�hle. Ich �ffnete den Mund, um zu schreien, doch dann w�rgte ich, als ich sah, dass das, was sich bewegte, eine Made war. �berall auf dem Leichnam krochen sie herum. Ich wandte mich ab und erbrach mich. Unabl�ssig stie� ich mit dem Kopf gegen die Seitenwand des Karrens, als k�nnte ich sie auf diese Weise durchbrechen und mich befreien, doch schlie�lich brach ich im Stroh zusammen.</p><p>�Ich gehe zum Haus, um eine Maske zu holen�, fauchte Gardiner.</p><p>Ich h�rte ihn an seinem Finger saugen, als er davonging, dann das Kratzen eines Feuersteins, als Bryson seine Pfeife neu anz�ndete. Er befahl Nat, auf mich aufzupassen, w�hrend er zum Schei�en im Wald verschwand. Ich spuckte das Stroh und saure Reste des Erbrochenen aus und schaffte es, schmerzhaft langsam, mich in eine sitzende Position zu bringen, wobei ich m�hsam den Kopf von meinen Reisegef�hrten fernhielt. Die hintere Klappe des Karrens war immer noch ge�ffnet. Fieberhaft dachte ich daran, mich herunterzurollen, doch als h�tte er meine Gedanken gelesen, zog Nat sein Schwert. Der Schrei eines Tieres aus dem Wald lie� uns beide zusammenfahren. Gardiner, jetzt maskiert, kam herbeigeritten, gerade als Bryson aus dem Wald trat, seine Hose zukn�pfte und immer noch an der Pfeife paffte. Er knallte die Klappe des Karrens zu. Gardiner entlie� Nat und ritt hinter dem Karren her, w�hrend Bryson mit einem Schnalzen sein Pferd in Bewegung setzte.</p><empty-line/><p>Es war diese merkw�rdige Zeit, in der der Mond noch nicht ganz untergegangen und die Sonne noch nicht geboren waren. Der kleinste Lichtschimmer wurde von den B�umen abgefangen, die fast all ihrer Bl�tter beraubt waren. Durch die Zweige konnte ich einen Gasthof erkennen, der mir bekannt vorkam. Das Schild quietschte im Einklang mit den r�ttelnden Wagenr�dern: Es war der Gasthof kurz vor Oxford, in dem Eaton unsere Pferde untergebracht hatte, nicht weit von der Pestgrube entfernt.</p><p>In diesem Moment wusste ich, dass ich reden w�rde. Pest oder nicht Pest. Ich wollte leben, egal ob es drei Tage voller Qualen oder eine Stunde oder eine Minute war: Jede Sekunde war kostbar. Ich hatte nicht gelebt. Ich hatte keine richtigen Gedichte geschrieben, nur ein paar aufr�hrerische Flugschriften verfasst; ein paar K�sse stibitzt, aber nie die Liebe vollzogen. Alles au�er mir bereitete sich auf das Leben vor. Der erste Vogel gab einen geisterhaften, z�gernden Laut von sich, gefolgt von dem n�chsten und dann noch einem. Gardiner g�hnte und streckte sich. Er war kein Narr. Er wusste, dass selbst der Karren mit seinen krabbelnden Maden im Vergleich zur Grube das Leben bedeutete. Er wusste, dass ich es ihm erz�hlen w�rde, damit ich zumindest solange lebte, bis er �berpr�ft hatte, ob ich die Wahrheit gesagt hatte.</p><p>Der Karren blieb stehen. Ich setzte mich auf. Gardiner hatte sein Pferd ein St�ck entfernt angehalten und kratzte sich nach dem ersten Flohbiss des Morgens. Bryson taumelte schlaftrunken durch dicken wei�gestreiften Matsch und schob das mit einem verblichenen roten Kreuz versehene Tor auf. Ich wollte Gardiner zurufen, dass ich ihm sagen w�rde, wo der Anh�nger sei, verschluckte dabei allerdings einen kratzigen Strohhalm, der in meiner Kehle steckenblieb. Ich keuchte und w�rgte, doch ich bekam ihn nicht heraus, noch konnte ich sprechen. Ich geriet in Panik, dass es zu sp�t sein w�rde. Bryson beugte sich �ber mich, eine schattenhafte Gestalt, von der ich au�er den Augen hinter der Maske nur wenig sah. Ich spuckte das Stroh aus und stotterte: �Der Anh�nger ist���</p><p>Bryson hielt mir den Mund zu.</p><p>Gardiner kam n�her heran. �Was hat er gesagt?�</p><p>�Ich seh dich in der H�lle�, sagte Bryson.</p><p>�Dann lass ihn die H�lle sehen.� Gardiner sprang von seinem Pferd. Verunsichert starrte ich zu Bryson empor, begann stotternd zu reden, schwieg indes erneut, als Bryson ein Messer an das Seil hielt, mit dem meine H�nde gefesselt waren, und es teilweise durchschnitt. Zu meinem vollkommenen Erstaunen steckte er das Messer in meinen G�rtel, als er mich vom Karren zog. Meine verwirrten Sinne kamen fl�chtig zu dem Schluss, dass das eine weitere au�ergew�hnliche Folter war; sie planten irgendeinen Scherz mit mir, um das Vergn�gen zu steigern, wie die R�mer, die bewaffnete Gladiatoren gegen wilde Tiere k�mpfen lie�en. Meine Beine waren bereits wie tot, und ich taumelte und schwankte im Matsch, bis Bryson mich mit einem dicken Kn�ppel vorw�rts stie�, mit dem normalerweise das Tor offen gehalten wurde. Gardiner zog seinen Sto�degen und folgte uns, wobei er seine Maske fest ans Gesicht dr�ckte.</p><p>Ich stolperte �ber die kreisrunden Furchen im Matsch, die von dem st�ndig wendenden Karren eingepfl�gt worden waren. Der Schlamm saugte an meinen Stiefeln und gab sie nur widerwillig wieder frei; er spritze hoch bis zu meinen Wangen und schien den allm�hlich heller werdenden Himmel zu beschmutzen. Der furchtbare Gestank war nicht so erstickend wie auf dem Karren, aber nur, weil er �berlagert wurde von dem verstohlenen, �belkeit erregenden s��lichen Kalkgeruch. Die beiden M�nner, die mich antrieben, verfielen in Schweigen, bis ich stehen blieb und keinen Schritt weiterging. Keine der Zeichnungen, die ich je von der H�lle gesehen hatte, konnte an dieses Bild heranreichen. Sie waren L�gen, ein Maivergn�gen aus tanzenden Teufeln und Jahrmarktsmonstrosit�ten. Besser in solchen Scheinfeuern zu brennen und zu schreien, als leblos in dieser Grube zu liegen. Man hatte einige Versuche unternommen, die Leichen mit Erde zu bedecken, doch nach dem letzten Regen hatte sich ein kalter, stinkender See gebildet, bedeckt mit dickem, kalkigem Schaum. Gelegentlich stieg eine Gasblase auf, durch die man hier die Knochen einer Hand, dort den starren Blick eines Kindes sah.</p><p>Ich wich zur�ck, stolperte gegen Bryson, der mich festhielt, stur und unbeteiligt wie ein Stra�enkehrer, f�r den Moder und Dreck das t�glich Brot waren. Gardiner schnippte mit seinem Degen in meine Richtung, doch der Gestank hielt ihn auf Abstand und lie� ihn die Maske vor die Nase pressen. �Ich sehe doch, dass deine Zunge sich lockert, Tom.� Ich sagte nichts, sondern zerrte am angeschnittenen Seil um meine Handgelenke, doch es riss nicht.</p><p>�Wo ist der Anh�nger?�, blaffte er. �Bring ihn n�her ran, Mr�Bryson. Ich will sein Ged�chtnis sch�rfen.�</p><p>Selbst Bryson schien unwillig. �Macht Ihr es, Captain. Euer Degen ist l�nger als mein Kn�ppel.�</p><p>Gardiner fluchte und stie� mich nach vorn. Fruchtlos zerrte ich an den Fesseln, glitt aus und fiel. Mit seinen Stiefeln schob Gardiner mich dichter an den Rand der Grube. �Wirst du es mir sagen? Ich schw�re dir, wenn nicht���</p><p>Bryson hob den Kn�ppel �ber seinen Kopf und lie� ihn auf Gardiner niedersausen. Er h�tte ihn bewusstlos geschlagen, doch der Biberhut d�mpfte den Schlag. Mein Verstand war ebenso bet�ubt wie meine Beine, als seien beide gefesselt gewesen, und nur langsam kehrte das Gef�hl in schmerzhaften Wellen zur�ck. Ich blickte zu Gardiner empor, der benommen �ber mir schwankte, dann ein Br�llen h�ren lie� und mit dem Sto�degen auf Bryson losging. Bryson parierte den Schlag halb mit dem Kn�ppel, doch Gardiner entwaffnete ihn und riss ihm anschlie�end die Maske vom Gesicht. Es war Matthew.</p><p>Es schien ewig zu dauern, durch den Matsch zu rennen, der mich mit jedem Schritt aufzusaugen versuchte. Eine Ewigkeit lang schien Gardiner mit dem Schwert auszuholen, ehe ich sprang und ihn zu Boden riss. Sein Degen flog durch die Luft. Er befreite sich mit einer Rolle, sprang zu seinem Schwert und trat Matthew beiseite. Ich zerrte an dem Seil und rieb meine Haut wund, doch schlie�lich gab es nach. Ich riss Gardiner die Maske herunter und umklammerte seinen verletzen Arm, doch er benutzte seine Beine als Hebel und sch�ttelte mich ab. Er hob sein Schwert auf, w�hrend ich das Messer aus meinem G�rtel zog. Matthew lag regungslos am Boden.</p><p>Blut tropfte aus dem Riss in der Jacke �ber Gardiners linkem Arm. �Anh�nger oder nicht�, sagte er. �Du wirst dort landen, wo er dich von Anfang an h�tte reinschmei�en sollen��� Er trat nach Matthew, der st�hnend wieder zu sich kam. �Und wo er���, er trat noch einmal zu, ���dir Gesellschaft leisten wird.�</p><p>Ich wusste nichts von den <emphasis>contra cavatione</emphasis> oder den <emphasis>ricavatione,</emphasis> den unterschiedlichen Finten und T�uschungen, die mich trotz all meiner instinktiven Reaktionen auf die wirbelnde, blitzende Klinge immer weiter zur�ck und an den Rand der Grube trieben, so sehr ich auch versuchte, es zu verhindern. Doch ich kannte die <emphasis>stoccata lunga</emphasis>, die Methode, die Spitze auf dem k�rzesten und schnellsten Weg ins Herz zu sto�en. Zumindest hatte sich die Bewegungsabfolge in mein Ged�chtnis eingegraben, mit der er Eaton get�tet hatte. Die blitzende Klinge, die mir wie ein Dutzend Klingen erschien, schoss aus jedem m�glichen Winkel auf mich zu und hypnotisierte mich, doch ich wusste, dass ich nicht auf die Klinge, sondern auf seine Beinarbeit achten musste. Wenn er den linken Fu� zur�cksetzte und das rechte Knie anhob, w�rde er einen Ausfallschritt machen. Er hatte mich dort, wo er mich haben wollte, direkt am Rand. Der Gestank war �berw�ltigend. Er setzte den linken Fu� zur�ck. Ich warf das Messer. Ich erwischte ihn in der Brust, seine Schritte wurden in eine andere Richtung gelenkt, ohne ihn indes aufzuhalten. Er prallte gegen mich und flog durch seinen eigenen Schwung in die Grube. Ich rutschte aus, schwankte am Rand, hielt verzweifelt das Gleichgewicht, bis Matthew mich packte und zur�ckzog.</p><p>Gardiners Schreie wurden vom kalkfarbenen Schleim erstickt, in den sich rote Blutf�den mischten und der sch�umend Blasen warf, w�hrend er ihn nach unten zog, bis sich der Schaum neu zu formen begann und nichts von ihm �brig blieb als der Biberhut, der auf der Oberfl�che trieb. Schaudernd wandte ich mich ab und konnte nicht aufh�ren zu zittern. Matthew hielt mich fest, wie er mich nicht mehr gehalten hatte, seit ich ein kleiner Junge war.</p><p>�Ich fand, es sei an der Zeit, mit dem Davonlaufen aufzuh�ren�, sagte er.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>38.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Matthew wollte die beiden Leichen, die mit mir gereist waren, in die Grube werfen, nicht nur, um sie loszuwerden, sondern weil drei eine Gl�ckszahl sei. Doch davon wollte ich nichts wissen. So scheu�lich sie auch aussehen mochten, sie waren meine Gef�hrten auf meiner, wie ich glaubte, letzten Reise gewesen, und sie hatten eine bessere Ruhest�tte verdient.</p><p>�Du bist seltsam, Tom�, sagte er. �Das warst du schon immer, und ich glaube, du wirst es auch immer sein.�</p><p>Doch er lie� mir meinen Willen, und wir fanden eine Stelle unter einer Weide, von denen Matthew sagte, sie h�tten einen freundlicheren Geist als die Eiben weiter flussaufw�rts. Ich sagte ihm, da sei ich aber froh, denn ich w�re selbst gerne hier begraben, falls sich f�r mich keine Kirche finden lie�e.</p><p>Er hielt beim Graben inne. �Was redest du da von deiner Beerdigung, Tom? Ich habe vor, auf jeden Fall als Erster zu gehen.�</p><p>�Warum?� Meine Stimme geriet ins Stocken. �Ich lag bei ihnen. Und sie sind an der Pest gestorben.�</p><p>�Ach.� Er grub ein St�ck tiefer und sah mich forschend an. �Ist dir ein bisschen hei�?�</p><p>�Ja, genau!�</p><p>Er f�hlte meine Stirn, meinen Puls und dr�ckte dann meine Leiste. �Ist es hier empfindlich?�</p><p>Ich zuckte vor Schmerz zusammen. �Ja! Wie lange habe ich noch?�</p><p>�Ach Tom! Du wirst mich zuerst begraben.�</p><p>�Treib keine Spielchen mit mir. Sag mir die Wahrheit!�</p><p>Er hielt mich fest. �Du bist viel mutiger als ich. Und gr��er, und ein Soldat.�</p><p>�Das bedeutet nicht, dass ich weniger Angst habe.�</p><p>�Nein. Aber es sollte dir verraten, was das ist.� Er drehte den Leichnam mit dem opalisierenden Auge um.</p><p>�Eine Musketenwunde.�</p><p>�Und das?� Er deutete auf eine furchtbare Wunde, die den Kopf halb vom K�rper getrennt hatte.</p><p>�Ein S�belhieb! Es sind Soldaten�� die an ihren Wunden gestorben sind.�</p><p>Er grinste. �Schlechtes Jahr f�r die Pest, das. Sie haben versucht, dir Angst einzujagen. Und, geht�s dir jetzt besser? Fieber gesunken?�</p><p>Besser? Wundersamerweise waren all meine Symptome verschwunden, und ich sagte Matthew, ich w�nschte, seine Zauberkunst w�re ebenso effektiv wie seine rationalen Erkl�rungen. Ich hoffe, die armen Soldaten werden mir vergeben, aber ich tanzte um ihre Gr�ber herum und hatte das Gef�hl, es mit der gesamten Streitmacht des K�nigs aufnehmen zu k�nnen. Zumindest war ich jetzt in der Lage, sie ehrerbietiger zu behandeln. Ich durchsuchte das zerschlissene Wams des einen und die Kniehosen des anderen nach irgendetwas, das sie identifiziert h�tte, aber da war nichts. Also legten wir sie in ein unmarkiertes Grab, und ich sprach ein kurzes Gebet f�r sie und ihre M�tter und ihre Liebsten oder Frauen, die niemals wissen w�rden, ob sie lebten oder tot waren.</p><p>Schlie�lich gelangten wir zu einer Weggabelung. Matthew hob seine Peitsche und sagte, dieser Weg f�hre nach Highpoint, der andere nach London, und er w�rde letzteren empfehlen. Ich sch�ttelte den Kopf und deutete auf den ersten.</p><p>�Du wirst keinen Frieden bekommen, Tom�, sagte er leise.</p><p>�Ich habe dir gesagt, dass ich ihn seinem rechtm��igen Besitzer zur�ckgeben werde�, erkl�rte ich hitzig.</p><p>�Ach�, erwiderte er. �Tats�chlich?�</p><p>Mehr sagte er nicht, sondern trieb schnalzend das Pferd an und lenkte den Karren auf die Stra�e nach Highpoint.</p><empty-line/><p>Das Haus war wieder ruhig. Die Dienerschaft war da, zumindest sah ich ein Gesicht an einem Fenster, aber sie mussten mich vom Karren steigen gesehen haben, denn sie verschwanden erneut, wie sie es zuvor getan hatten. Die T�ren zum Empfangszimmer, wo Eaton die Barrikade gebaut hatte, hingen wie trunken in den Angeln. Die aufget�rmten M�bel waren wegger�umt worden, und auf dem Boden war ein gro�er dunkler Fleck. Kein Zeichen von Kate. Ich erreichte Frances� Schlafzimmer lange vor Matthew, hob den Deckel einer Eichentruhe an, zog eine Schublade heraus, schleuderte Colliers und Miederschmuck fort, als sei es Theaterplunder. Die Schublade sah vollkommen normal aus. Ich sch�ttelte sie. Kein verr�terisches Klappern. Ich leerte die zweite Schublade. Wieder nichts.</p><p>�Du hast gelogen�, sagte ich zu Matthew, als er eintrat.</p><p>�Tom. Wann habe ich dich je belogen?�</p><p>�Du l�gst vielleicht nicht, aber du sagst nie die Wahrheit.�</p><p>�Gemach, gemach. Sieh dich nur an. Du ver�nderst dich.�</p><p>Ich hielt das f�r einen weiteren seiner Witze, doch dann schaute ich in den Spiegel, zuckte zusammen und sah noch einmal hin. Fast meinte ich, Eaton, oder besser sein Geist, st�nde hinter mir. Der Schwerthieb, den Gardiner mir versetzt hatte, hatte auf meiner Wange eine dunkelviolette Wunde hinterlassen, die mich von einem jugendlich-frischen Jungen in einen Mann verwandelt hatte. Auf dem Portr�t konnte ich den Jungen sehen, der damals ins Rathaus gelaufen war, voller Tr�ume, dass er eines Tages ein freier Mann sein und die Tochter seines Lehrherrn heiraten w�rde. Der Mann, der mir aus dem Spiegel entgegenstarrte, hatte ebenfalls Tr�ume, doch in diese mischten sich erste Schatten aus Zur�ckhaltung und Verbitterung. Matthews Bild tauchte im Spiegel auf.</p><p>�Willst du immer noch, dass ich sie �ffne?�</p><p>�Ja.�</p><p>Er hob eine Schublade hoch. �Sieh her. F�llt dir auf, dass sie unterschiedlich dick sind?�</p><p>Ich riss sie ihm aus der Hand und h�tte sie fast zertr�mmert, doch er hielt mich auf und zeigte mir mit aufreizender Langsamkeit die sorgf�ltig verleimten Holzpfropfen, welche die Holzschrauben verbargen. Es schien ewig zu dauern, bis er die Pfropfen und Schrauben entfernt und den falschen Boden herausgenommen hatte. Auf einem Kissen aus Samt lag der Stonehouse-Anh�nger. Es war, als st�nde das Zimmer in Flammen. Ich zuckte zusammen, als der Falke mit seinem smaragdgr�nen Schnabel nach mir zu hacken schien. Sein Nest war ein riesiger polierter Rubin, umgeben von einem Miniaturwald aus emaillierten Blumen und Insekten, eingefasst in einen goldenen Rahmen.</p><p>Jetzt versuchte Matthew mich nicht mehr aufzuhalten. Welche Kr�fte mich auch immer zu dem Anh�nger hingezogen hatten, sie brachten ihn nun zum Schweigen. Er beobachtete mich, w�hrend ich angestrengt �berlegte, welche Juwelen Lucy Hay gedr�ckt hatte, und in welcher Reihenfolge. Am Rand des Miniaturwaldes gab es zwei kleine Smaragde, deren Gr�n dunkler war als bei den anderen, Jadegr�n hatte sie es genannt. Ich hielt einen fest und dr�ckte dann den anderen. Ich zog den Kopf ein, als der Falke mich fast am Auge traf. Der Rubin war aus seiner Halterung gesprungen und gab den Blick auf eine ovale Aush�hlung frei, in der man ein Portr�t aufbewahren oder hineinmalen konnte. Doch es gab kein Portr�t.</p><p>Ich hatte das M�rchen vom Bild meines Vaters, das mir entgegenstarren w�rde, so vollkommen akzeptiert, dass ich mich fassungslos hinsetzte, unf�hig zu glauben, dass dort nichts war, unf�hig zu erkennen, was dort war.</p><p>�Sieh mal�, sagte Matthew und deutete auf ein kleines zusammengefaltetes St�ck Papier, eingeklemmt am Boden des Fachs.</p><p>Ich erinnerte mich daran, was meine Mutter nach Kates Worten gesagt hatte: <emphasis>Wenn mir irgendetwas zust��t, gib das dem Kind. Im Portr�tfach ist der Beweis, wer der Kindsvater ist</emphasis>. Kein Portr�t, aber ihr �Beweis�, was immer das sein mochte.</p><p>Vorsichtig holte ich das Papier heraus und faltete es auseinander. Ich erwartete einen Namen, doch wie bei den Irrlichtern kam ich der Wahrheit zwar stetig n�her, doch nur solange, bis sie mir erneut auswich. Es war kein Name, sondern eine Art Geheimcode. Mein Blick verschwamm, als ich mich abm�hte, die Buchstaben zu lesen, denn M�rchen waren �berzeugend und einfach, aber letztendlich t�richt. Wo h�tte meine Mutter, in den Wirren jenes Tages und Abends, ein Portr�t meines Vaters hernehmen sollen, um es in den Anh�nger zu legen, den sie gestohlen hatte? Was tats�chlich geschehen war, musste wesentlich ergreifender gewesen sein. Die zittrigen Buchstaben hatten eine verblichene braune Farbe und sahen nicht aus, als seien sie mit Tinte geschrieben worden. Von irgendwoher hatte sie diesen Fetzen Papier ergattert und mit dem Blut meiner Geburt zwei W�rter aufgeschrieben, vielleicht mit dem Fingernagel. Das zweite Wort war so heftig verschmiert, dass ich nur den ersten Buchstaben entziffern konnte.</p><p>GRENZ-B</p><p>Ich las es Matthew vor. Er starrte den Anh�nger an, dann auf den Boden und kratzte sich am Bart.</p><p>�Was bedeutet das?�</p><p>Statt einer Antwort brachte Matthew mich in das W�ldchen, in dem wir am Abend zuvor unsere Pferde festgemacht hatten. Sie hatten sich befreit, doch ich rief nach Patch und fand sie schlie�lich zusammen mit dem anderen Pferd. Wir ritten dorthin, wo bis zu meiner Geburt die Grenze zwischen dem Land der Pearces und der Stonehouse� verlaufen war. Jetzt waren die Z�une verschwunden. Das ganze Land geh�rte den Stonehouses, doch Matthew wusste genau, wo die alte Grenze gewesen war. Wir banden unsere Pferde an einem Bach fest, f�r den, wie er sagte, Eaton die Quelle wieder freigelegt hatte, nachdem Kate ihn aus der Falle befreit hatte. Wir folgten dem Bach flussaufw�rts und kamen an einen gut ausgetretenen Pfad, der ihn kreuzte. Es war eine unerwartet gesch�tzte Stelle, jene Art von Versteck, die Kinder in Entz�cken versetzte. Eine Baumgruppe wuchs �ber einer hervorragenden Felszunge, unter der sich eine kleine H�hle befand. Der Pfad f�hrte direkt darunter entlang, h�gelabw�rts nach Highpoint und in die andere Richtung hinauf zu den Ruinen von etwas, das einmal ein Haus gewesen war.</p><p>�Was ist das?�</p><p>Die H�hle war versch�ttet, und Matthew r�umte die Steine beiseite. Er sah sich kurz um und fuhr dann fort, die Steine wegzur�umen, ehe er antwortete. �Dort hat deine Mutter gelebt.�</p><p>Ich folgte dem Pfad ein kleines St�ck, bis ich anhand der alten Fundamente erkennen konnte, dass es einst ein beachtliches Herrenhaus gewesen sein musste. Die Steine waren f�r andere Geb�ude fortgeschafft worden, bis nur noch ein dachloser, von Efeu �berwucherter Fl�gel �brig geblieben war. In ein paar Jahren w�rde auch er verschwunden sein. Langsam wanderte ich im schneidenden Wind zur�ck, der an meinem Hut und Umhang zerrte. Das musste der Pfad gewesen sein, den meine Mutter nach Highpoint genommen hatte oder zu dieser Stelle, um ihren Liebhaber zu treffen. Oder die Liebhaber. <emphasis>Ich sollte mir einen von ihnen schnappen, Kate. Was meinst du, wer es sein sollte?</emphasis></p><p>Matthew hatte den Eingang der H�hle nun freigelegt. Er kroch hinein, in den tieferen, schattigen Teil, und tastete die Wand ab.</p><p>�Hat sie sich hier mit ihren Liebhabern getroffen?�</p><p>Er kratzte sich am Kopf. �Ich erinnere mich, dass sie hier ihren Vetter getroffen hat.�</p><p>�John Lloyd?�</p><p>�Genau den.�</p><p>�Wann ist er aus Irland zur�ckgekommen?�</p><p>��berhaupt nicht. Er wurde bei den K�mpfen dort get�tet.� Matthew schnitt sich am Finger, fluchte und saugte daran. �Ich habe immer die Kr�uter f�r sie hier hinterlegt.�</p><p>�Liebestr�nke?�</p><p>�Etwas in der Art.�</p><p>W�hrend ich als Kind alles, was er sagte, geschluckt hatte, bemerkte ich jetzt die Ver�nderung in seinem Tonfall, sein ausweichendes Grinsen. �Etwas in der Art, um mich loszuwerden?�</p><p>Er tastete noch einen Moment herum, ehe er sagte: �Hat nicht besonders gut geklappt, was?�� Ah!� Er hatte die Nische gefunden, nach der er gesucht hatte, entfernte den Stein vor der �ffnung und griff mit den Fingern tiefer hinein, um etwas herauszupulen. Ich schnappte es ihm aus der Hand. Es war ein kleiner Topf, notd�rftig mit einem Feuerstein verschlossen. B. Das B stand f�r Briefe! Im Inneren des Topfes war ein kleines B�ndel davon. Ich las sie, genau an jener Stelle, an der meine Mutter sie gesammelt hatte. Ich erkannte die Handschrift sofort, und alles, was ihr in jenem Jahr zugesto�en war�� und mir, der ich in ihr heranwuchs�� breitete sich vor mir aus.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p>Teil III</p><p><strong>Edgehill</strong></p><p><emphasis>Oktober 1642�� April 1643</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p><strong>39.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Ein weiteres Mal kamen Matthew und ich an eine Weggabelung. Wieder zeigte er mit seiner Peitsche den Weg an. Der eine f�hrte nach Warwickshire, der andere nach London. Erneut flehte er mich an, mit ihm zusammen die Stra�e nach S�den zu nehmen, doch der Anh�nger, den ich jetzt an meiner Haut trug, wie Matthew es einst getan hatte, zog mich gleich einem Kompass nach Norden. Schweigend umarmten wir einander fest, dann blickte ich ihm schweren Herzens nach, bis er auf der Stra�e, die er vor siebzehn Jahren mit dem Pestkarren genommen hatte, nicht mehr zu sehen war.</p><empty-line/><p>S�dlich von Worcester stie� ich auf den Tross der Parlamentstruppen. Niemand wusste, wohin sie zogen�� oder wenn sie es wussten, sagten sie es mir nicht. Als ich an einem ziemlich gro�en Gasthaus vorbeikam, hatte ich eine Eingebung. Eaton hatte stets das wichtigste Gasthaus einer Stadt angesteuert. Der Wirt hatte die T�r gegen die Soldaten verbarrikadiert, doch als ich unabl�ssig dagegenh�mmerte, �ffnete er sie, wenn auch nur, um mir eine Pistole unter die Nase zu halten. Ich sagte, mein Name sei Eaton, und ich sei ihm Auftrag von Lord Stonehouse unterwegs. Er senkte die Pistole ein St�ck, starrte meine Narbe an, schenkte mir ein kleines Bier ein und gab mir eine Nachricht, die mit dem vertrauten Falken versiegelt war.</p><p>Lord Stonehouse� Brief war kurz und kam gleich zur Sache. Er verlangte von seinem Verwalter zu h�ren, der, wie Eaton es nannte, so lange f�r ihn die Drecksarbeit erledigt hatte.</p><p>�Irgendeine Antwort?�, fragte der Gastwirt.</p><p>�Keine Antwort�, sagte ich.</p><p>Ich �bernachtete in der Herberge und brach in der Morgend�mmerung auf. Es war der 23.�Oktober. Es regnete den ganzen Tag nicht, was ungew�hnlich f�r diesen Herbst war, und die Sonne ging an einem wolkenlosen Himmel auf. Lord Stonehouse� Brief war von einem Herrenhaus in Chadshunt abgeschickt worden, zwei Stunden zu Pferd entfernt. Daraus schloss ich, dass alle Stonehouses an diesem Tag in Warwickshire sein w�rden. Es r�hrte mich, dass beide Br�der, obwohl sie auf der anderen Seite als ihr Vater standen, ihm geschrieben hatten. Richard war bei Prinz Ruperts Kavallerie, und Edward diente als Kaplan bei der k�niglichen Infanterie.</p><p>In Chadshunt erfuhr ich, dass Lord Stonehouse im nahegelegenen Dorf Kineton in der Kirche war. Der Gottesdienst war fast vorbei. Statt hineinzugehen, betete ich drau�en zu Gott, mich zu lenken bei dem, was ich entdeckt hatte, und bei dem, was ich zu Lord Stonehouse sagen sollte. Ich wartete direkt im �berdachten Friedhofstor. W�hrend ich betete, wurde der Weg drau�en so belebt wie der Friedhof von St.�Paul�s, ebenso viele Menschen wollten in die eine wie in die andere Richtung gelangen, und ein Priester in seiner schwarzen Robe versuchte, sein Pferd zwischen den Menschen hindurchzuzwingen. Es gab sogar Hausierer, die Schutzamulette verkauften. Einer hielt mir die zerfledderten �berreste einer Taschenbibel entgegen und behauptete, sie habe eine Musketenkugel aufgehalten und verf�ge �ber besondere Kr�fte. F�r einen Shilling w�rde sie mein Leben retten. Ich zog ihn zur�ck, damit das Pferd des Pfarrers passieren konnte, und starrte unversehens Edward Stonehouse in die Augen. Einen Moment wirkten sie fremd, diese trockenen blinzelnden Augen, die normalerweise hinter den Augengl�sern verborgen waren. Jetzt waren sie von dutzenden Falten umgeben, weil er permanent die Augen zusammenkniff, um etwas erkennen zu k�nnen. Die beiden Armeen waren in weniger als zwei Meilen Entfernung in Stellung gegangen, und selbst ein Mann mit scharfen Augen konnte sich pl�tzlich auf der falschen Seite wiederfinden, ganz zu schweigen von jemandem, der nur verschwommen sah.</p><p>Edward schielte zu mir hinunter. Augenblicklich wich die Farbe aus seinen Wangen. Er stie� ein entsetztes Gebrabbel aus, sagte, das Pestkind sei um seinetwillen aus der Grube gestiegen, und gab seinem Pferd die Sporen.</p><p>Ich sprang vor, rief, dass ich mit ihm reden m�sse, und erwischte fast seine Z�gel. Doch ich wurde auf der einen Seite vom Hausierer behindert, der sagte, ich wolle doch gewiss mein Leben f�r einen Shilling retten, und auf der anderen von H�nden, die auf meine Schultern klopften und mich mit festem Griff packten.</p><p>�Die Narbe gef�llt mir�, sagte Luke.</p><p>�Da wird den Cavalieren angst und bange�, sagte Will.</p><p>Begeistert fielen sie �ber mich her, und Will forderte auf der Stelle die halbe Krone, um die er gewettet hatte, dass ich bei der Schlacht dabei sein w�rde, w�hrend Luke abstritt, dass es �berhaupt zu einem Kampf kommen w�rde.</p><p>�Essex wird sich aus dem Staub machen, wie er es zuvor schon getan hat.�</p><p>Inzwischen war Edward l�ngst verschwunden, und ich stellte fest, dass ich Lord Stonehouse schon wieder verpasst hatte. Luke fand heraus, dass er zusammen mit Essex aufgebrochen war, und versprach mir zu zeigen, wo ich ihn finden w�rde. Doch als ich Patch zu ihrem Lager f�hrte, kam der Befehl, dieses abzubrechen.</p><p>Es gab eine Rinne, die als Abort diente, doch die war so verstopft und faulig, dass die M�nner hinschissen, wo sie gerade gingen und standen. Tausende M�nner verteilten sich �ber Felder und kleine Weiler und hatten M�he, ihre Tornister zu packen und ihre Waffen zu pr�fen�� oder zu finden, denn Diebst�hle waren an der Tagesordnung. Sie waren beladen wie Packpferde, mit Topfhelm und Brustharnisch, den indes viele ablegten, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Musketiere trugen nicht nur ihre sperrigen Waffen, sondern auch Musketenst�tzen und Pulverh�rner um den Hals. Diese h�pften und klapperten im Wind, als ich eine vertraute Gestalt sah, deren Kopf und Schultern alle anderen �berragte und die gerade ihren Spie� hob.</p><p>Ich kann nicht behaupten, dass ich Big Jed umarmte, denn meine Arme schafften es nicht, seinen Leib zu umschlie�en, aber er dr�ckte jedes Fitzelchen Luft aus mir heraus und hob mich halb vom Boden hoch.</p><p>�Ich habe etwas f�r dich�, sagte er. �Ein Kurier erreichte uns, kurz nachdem wir Highpoint verlassen hatten.�</p><p>Er zog einen Brief aus seinem Tornister. Er sah aus, als w�re er von einem Ort zum anderen gereist, um die Einheit zu erreichen. Fettflecken von einem St�ck K�se hatten beinahe meinen Namen verschmiert, doch mein Herz klopfte schmerzhaft, als ich die kindliche Handschrift erkannte und das erbrach, was vom Siegel �brig geblieben war. Ich empfand eine Woge aus Freude und Schuldgef�hlen, dass Anne, die sich gewissenhaft bem�ht hatte, in diesem Sommer schreiben zu lernen, einen Brief zustande gebracht hatte, w�hrend ich, dem das Schreiben so leicht fiel, es nicht einmal versucht hatte. Der Brief war kurz.<emphasis>Ich h�tte mehr geschrieben, aber das ist mein Erster Brihf�&amp; der Kurier wartet, um nach Warre zu reiten. Ich Hoffe, du denkst an mich so Wie Ich an Dich und nicht an deine Countess.</emphasis></p><p>Meine Countess? Was um Himmels willen meinte sie damit?<emphasis>Ich kann dein Gedicht jetz ausw�ndig�&amp; kann es lehsen. Ich bete f�r dich jeden Tach�&amp; Gott schickt dich zur�ck zu deiner liebenden Anne, Amen.</emphasis></p><p>Ich las ihn, k�sste ihn, faltete ihn zusammen, um ihn in mein Wams zu stecken, faltete ihn auseinander, las ihn erneut, um mich zu vergewissern, dass die Worte noch dort waren. Das wiederholte ich mehrere Male, bis ich merkte, dass Luke mich grinsend beobachtete. Ich stopfte den Brief schlie�lich in mein Wams, woraufhin Luke seines �ffnete, um mir seinen Brief von Charity zu zeigen.</p><p>�Der Krieg macht aus den Frauen Dichterinnen�, sagte er.</p><p>Das Feld, das zuvor gedr�ngt voll gewesen war, war nun zur H�lfe leer. Ich hielt nach Patch Ausschau, aber sie war nirgendwo zu sehen. Niemand hatte sie weglaufen sehen. Sie war mehr als nur ein Pferd f�r mich geworden; seit wir London verlassen hatten, hatten wir alles geteilt; sie <emphasis>war</emphasis> London. Die M�nner sahen mich gleichg�ltig an, als ich umherrannte und nach ihr rief.</p><p>�Wahrscheinlich ist sie requiriert worden�, sagte Will. �Such dir stattdessen lieber ein M�dchen.�</p><p>�Ich will kein verdammtes M�dchen�, schrie ich ihn an. �Ich will mein Pferd.�</p><p>�Du bist ein Fu�soldat, kein Kavallerist.�</p><p>�Ich muss Lord Stonehouse finden.�</p><p>�Hier�, sagte Jed und dr�ckte mir einen Spie�, der fast dreimal so lang war wie ich, in die Hand. �Den habe ich gerade requiriert.�</p><empty-line/><p>Gegen Mittag fand Edward Stonehouse endlich den Weg zur k�niglichen Streitmacht auf einer Anh�he, von der aus man das fruchtbarste Land von ganz England �berblickte, einen Steilhang, der in der Gegend als Edgehill bekannt war. Erst jetzt, beim Anblick seines K�nigs, wurde er ruhiger. Die scharlachrote Standarte flatterte im Wind, schwarze Harnische gl�nzten, w�hrend Charles mit den Offizieren und Peers durch seine Truppen ritt. Er hat sich stets als Kriegerprinz dargestellt, aber seit dem Rosenkrieg vor beinahe zwei Jahrhunderten hatten Engl�nder auf englischem Boden nicht mehr gegeneinander gek�mpft. Kriege fanden anderswo statt, in Europa, Irland oder Schottland. In diesem Jahrhundert hatte auf diesen gr�nen Feldern, die sich quer �ber das ganze Land erstreckten, Frieden geherrscht, lediglich unterbrochen durch sporadische Hungerrevolten. Unter Henry III. hatten alle Peers an Kriegen au�erhalb des Landes teilgenommen. Von den Peers, die sich dicht an Charles dr�ngten, um zu verstehen, was er sagte, teilten nur f�nf diese Erfahrung. Wie ihr K�nig hatten die meisten immer noch das Gef�hl, einer Maskerade beizuwohnen. Doch als Charles fortfuhr und dabei auf viele seiner �blichen blumigen Ausdr�cke verzichtete, gewann seine Stimme eine neue St�rke und bekam einen dr�ngenden Unterton.</p><p>�In all euren loyalen Gesichtern sehe ich�� dass, genau wie kein Sohn auf seinen Vater verzichten kann, kein Untertan auf seinen rechtm��igen K�nig verzichten kann���</p><p>Edward strengte sich an, deutlicher zu sehen, indem er die Augen zusammenkniff, und machte die vertraute Statur seines Bruders aus, der aufrecht auf seinem Pferd sa�, den Kopf gesenkt.</p><p>�Meine k�nigliche Autorit�t wurde mir von Gott verliehen. Wir sind lange marschiert, in der Hoffnung, der Feind m�ge seinen Irrtum erkennen, doch jetzt sind wir auf ihn gesto�en. Die Angelegenheit wird nicht durch das Wort, sondern das Schwert entschieden, und wir m�ssen das zweifelhafte Risiko eines Krieges eingehen. M�ge die Gerechtigkeit unserer Sache uns Mut verleihen und Gott uns zum Sieg f�hren!�</p><p>Die widerhallenden Jubelrufe erreichten uns in den Wiesen unterhalb der Anh�he. Zu Wills Emp�rung waren wir zu sp�t gekommen und wurden der Reserve an der linken Flanke zugeteilt, in der N�he der verlassenen Geb�ude eines Geh�fts, die verstreut an der Stra�e nach Kineton lagen. Ich erhaschte einen Blick auf das hochgestreckte Schwert des K�nigs und einen Arm in schwarzer R�stung. Die Sonne kam heraus und spiegelte sich funkelnd darin, und durch unsere Reihen lief ein Murmeln, als einige Soldaten das als ein Zeichen zu unseren Ungunsten deuteten. Ein puritanischer Prediger antwortete darauf, indem er sang: �Die Heiligen sollen fr�hlich sein und preisen und r�hmen��� Soldaten um ihn herum fielen ein: �Ihr Mund soll Gott erheben!�</p><p>Das einsame Donnern einer Kanone brachte sowohl den Jubel als auch den Gesang zum Verstummen.</p><p>Es war zwei Uhr. Die beiden Armeen standen nun weniger als eine halbe Meile auseinander. Essex hatte entschieden, dass ein R�ckzug undurchf�hrbar sei, aber er hatte es auch nicht eilig zu k�mpfen. Es w�re Selbstmord, den Angriff h�gelaufw�rts zu f�hren. Seine Kanonen w�rden die Gegenseite vielleicht von ihrer �berlegenen Position verjagen. Doch die Entfernung war zu gro�, und wie diejenigen der antwortenden Kanone landeten die Kugeln lediglich im weichen Schlamm der Wiesen. Essex sah, wie sich mehrere Peers um den K�nig scharten. Es schien, als sei eine Art Streit im Gange. Zwischen dem sechzig Jahre alten Earl of Lindsey, der die Infanterie kommandierte, und Richards Held, Prinz Rupert, der die Infanterie <emphasis>und</emphasis> die Reiterei befehligen wollte, herrschte Uneinigkeit. Als Richard wie gebannt zusah, wie Lindsey seinen Kommandostab fortwarf und rief, wenn er kein General sein k�nne, dann w�rde er als Oberst an der Spitze seines Regiments sterben, sah er seinen Bruder. Er kannte dessen erregten Zustand nur zu gut und ritt zu ihm. Er legte einen Arm um Edwards Schulter und beruhigte ihn, w�hrend dieser von dem Teufel erz�hlte, der ihn verfolgte. Schlie�lich f�hrte Richard ihn zur Kante des Steilhangs. Seine Augen waren so scharf wie die seines Bruders schwach waren. Er konnte unser Banner sehen: ein rotes Kreuz mit den Worten F�R GOTT UND PARLAMENT. Er ersp�hte mein rotes Haar.</p><p>�Hat er Vater getroffen?�, wollte er von Edward wissen.</p><p>�Er war auf der Suche nach ihm.�</p><p>Richard konnte Essex� Banner sehen, eine gute halbe Meile entfernt auf der anderen Flanke. Erneut ersp�hte er mich zwischen all den Spie�soldaten, lachte und sagte, dass er leider keinen Flecken Kalk auf mir erkennen k�nne. Ich war wie der Rest, nur einer vom P�bel. Edward dankte Gott daf�r, dass sein �lterer Bruder ihn unterst�tzte, genau wie er es in jener entsetzlichen Nacht getan hatte, als er sich sch�tzend zwischen ihn und ihren Vater gestellt und erkl�rt hatte, das Kind k�nne nicht von Edward sein, da ihre Beziehung erst ein paar Monate w�hrte.</p><p>Best�rkt durch Richards Worte, ritt Edward davon. Er war einer der Kapl�ne unter Sir Jacob Astley, der inzwischen die F�hrung von Lindsay �bernommen hatte, und Edward stimmte mit besonderem Eifer in dessen kurzes Gebet mit ein: �O Herr, du wei�t, wie besch�ftigt ich an diesem Tag bin. Wenn ich dich auch vergesse, bitte vergiss mich nicht!�</p><p>Inzwischen war es Nachmittag geworden. Es war immer noch klar, aber die W�rme, die tags�ber geherrscht hatte, begann zu schwinden. Ich war �berzeugt, dass wir an diesem Tag nicht mehr k�mpfen w�rden, dass wir wieder nur umeinander kreisen und herumman�vrieren, noch mehr Psalmen singen und Reden halten w�rden. Dann sahen wir, wie ihre Kavallerie vorsichtig, beinahe gesetzt, sich ihren Weg den steilen Abhang hinunter bahnte. Eine Steinlawine brach los, und ein Pferd w�re beinahe gest�rzt. Als der Boden nur noch sanft abfiel, fiel die Kavallerie in Trab, und schlie�lich blies ein Trompeter zum Angriff.</p><p>Wie erstarrt sah ich zu, gefesselt von dem Anblick und den Ger�uschen, den Farben der Wimpel, dem Aufblitzen der gez�ckten Schwerter. Mir war, als s�he ich eine Vorstellung auf einem Turnierplatz. Ich war wieder der Junge, der die Sehensw�rdigkeiten Londons bestaunt, den Prunk, die k�nigliche Parade. Auch andere standen gaffend da. Wir waren alle aus London, waren Drechsler, Schneider, Gerber, B�cker und Drucker, Kutscher und F�hrm�nner. Manche trugen immer noch die Kleidung ihres Handwerks. Wir waren hart ausgebildet worden, doch nur im Exerzieren und in Waffenbefehlen, von denen es allein achtundvierzig f�r die Muskete und f�nfundsechzig f�r den Spie� gab. Die einzige Kampferfahrung der meisten von uns bestand darin, Teil des Mobs in London gewesen zu sein. Aus diesem Grund waren so viele von uns wie hypnotisiert von dem wunderbaren Spektakel, das �ber die Wiesen Kinetons auf uns zugaloppiert kam.</p><p>�Stellt eure verdammten Spie�e auf�, br�llte Jed, der weniger Phantasie, aber weit mehr Vernunft besa�.</p><p>Bei diesem ersten Angriff waren die Musketen von ebenso geringem Nutzen wie die Kanonen. Ein Pferd wurde getroffen, und ich sah den Kopf eines Mannes verschwinden, w�hrend sein Pferd weiterlief, eine Hand hielt noch die Z�gel umklammert, die andere sein wegrutschendes Schwert. Die meisten Soldaten hatten ihre Musketen zu fr�h abgefeuert, und es blieb keine Zeit, sie erneut zu laden. Die gegnerischen Reiter n�herten sich in einem schr�gen Winkel, zerschlugen die Flanke unserer Kavallerie und st�rmten auf die erste Kampflinie der Infanterie zu, die daraufhin die Flucht ergriff. Ein Mann rannte schreiend auf uns zu, Blut sprudelte aus einer Schwertwunde an seinem Hals. Er fiel, und Jed stolperte fast �ber ihn, ehe er ihn beiseiteschob.</p><p>�Haltet eure Spie�e hoch!�, schrie Will. �Wenn ihr davonlauft, seid ihr tot!�</p><p>Er stand da, schlug auf die fliehenden Soldaten ein und flehte sie an, zu bleiben und zu k�mpfen, w�hrend Luke, der alle Regeln �ber das Nachladen der Musketen gebrochen hatte, versuchte, Ruhe unter die sich zerstreuenden Musketiere zu bringen, mit einer Art gezwungener, benommener H�flichkeit.</p><p>�Z�ndschnur anpassen. Nachladen. Pr�sentieren.�</p><p>Die wiehernden Pferde mit geweiteten N�stern waren ebenso ver�ngstigt wie die M�nner. Eines rannte in die aufgestellten Spie�e, als sei es ein Zaun bei der Jagd. Es st�rzte zu Boden, hatte sich selbst aufgespie�t, und gelbliche Eingeweide quollen auf die Wiese, die unter dem aufgew�hlten Schlamm verschwunden war. Das Pulverhorn mit dem Schie�pulver am Hals eines Musketiers unter Lukes Kommando fing Feuer, und eine Ladung setzte die andere in Brand. Er wirbelte herum wie ein schreiendes Feuerwerk, schlug sich auf seine brennende Kleidung und fiel von hinten in unsere Linie, gerade als das um sich tretende sterbende Pferd von vorn hineinst�rzte. Schlitzend und hackend brachen die Cavaliere durch und galoppierten weiter. Nur einer z�gelte sein Pferd und schwenkte um. Selbst in diesem Moment sah ich darin vor allem ein Bespiel meisterhafter Reitkunst. Richard hielt sich tief im Sattel, die schwache Andeutung eines L�chelns auf den Lippen, und konzentrierte sein ganzes Sein auf die Spitze, nicht die Klinge seines Schwertes. Wie gel�hmt von diesem Anblick stand ich da, bis die Klinge nur noch wenige Zoll von mir entfernt war und ein gewaltiges Gebr�ll ert�nte, das eher von einem Tier als von einem Menschen zu stammen schien. Jed hob den hinteren Teil seines Spie�es an und schlug damit die Klinge fort. Richard versetzte ihm einen Hieb. Jed taumelte und lie� seinen Spie� fallen. Schreiend richtete ich meinen in die H�he. Richards Pferd b�umte sich auf und warf ihn beinahe ab, ehe es von den letzten angreifenden Pferden wie von einer Woge mitgerissen wurde.</p><p>Genauso pl�tzlich, wie sie gekommen waren, waren sie wieder verschwunden und f�hrten nicht wenige unserer Pferde mit sich. Wenn sie hinter unserem R�cken kehrtgemacht h�tten, w�re es vorbei gewesen. Doch unsere Gegner waren nicht disziplinierter als wir. Die fliehenden Soldaten waren f�r sie wie fliehende F�chse, Geschmei�, das ihre L�ndereien heimsuchte, ihnen aber auch das Vergn�gen der Jagd bescherte. Sie ritten ihre Beute zu Tode, bis sie nach etwa zwei Meilen in Kineton auf den Tross der Parlamentsarmee stie�en und ihn pl�nderten.</p><p>Es herrschte eine sonderbare, verbl�ffte Stille, in der das Gebr�ll und das Donnern der Pferde allm�hlich von den Schreien der Verwundeten ersetzt wurden. Ich konnte Jed nirgends sehen. Ich torkelte herum wie ein Betrunkener, so wie viele andere. Ich hob meinen Spie�, als ein geschw�rztes, blutiges Gesicht auf mich zutaumelte, ehe ich erkannte, dass es Will war. Wortlos schob er mich vorw�rts. Ich dachte, es sei vorbei, aber wir formierten uns erneut in einer Kampflinie. Ungl�ubig sah ich ihre Infanterie auf uns zukommen. Anders als die Pferde, die gleich einer donnernden Woge durch uns hindurchgefegt waren, waren die Infanteristen wie ein sich langsam bewegender Ozean, der sich kaum merklich vorw�rts schob. Es waren viel mehr M�nner als wir, und wenn sie ebenfalls ordentlich bewaffnet gewesen w�ren, w�re dies das Ende gewesen. Doch viele M�nner hatten nur Keulen, hoben hier ein Schwert, dort eine Muskete von den Toten und Verwundeten auf, als sie �ber sie hinwegstiegen.</p><p>Es folgte das, was in den Dienstvorschriften �Spie�dr�cken� genannt wurde, planm��ige geordnete Bewegungen, die das Chaos und das Blutbad vollkommen ignorierten, w�hrend jede Seite ein paar Yard gewann und alsdann wieder verlor. Wir stolperten �ber Leichen, duckten uns, rutschten torkelnd �ber das Gras, das im Matsch verschwunden und in Blut gebadet war.</p><p>Luke gingen die Z�ndschn�re aus, und er rannte die Reihe auf und ab, bem�ht, irgendeine Art von Ordnung aufrechtzuerhalten, die sich jedoch rasch aufl�ste. Wir waren keine M�nner mehr, sondern Ameisen, die, sobald ihr Nest zerst�rt war, herumwuselten, um unabl�ssig ihre Pflicht zu erf�llen. In endlosen Wiederholungen trampelten wir �ber die Gefallenen, um ihre Pl�tze einzunehmen. Die vor uns waren D�monen, mit geschw�rzten, blutbefleckten Gesichtern. Mein spezieller D�mon hatte einen offenen Mund mit abgebrochenen Z�hnen und eine riesige Warze seitlich an der Nase. Als mein Spie� ihn durchbohrte, ert�nte ein blutr�nstiges, befriedigtes Heulen. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass das Heulen aus meiner eigenen Kehle kam.</p><p>Langsam, doch unaufhaltsam ging die Sonne unter. In der D�mmerung sah ich eine Gruppe der royalistischen Kavallerie auf der Stra�e nach Kineton und dachte, beinahe gleichg�ltig, dass sie uns den Rest geben w�rden. Aber eine Kavallerieeinheit der Roundheads �berraschte sie, angef�hrt von einem Mann mit zerzausten Haaren, der seinen Helm verloren hatte und wild auf sie zust�rmte, um sie zu zerschmettern.</p><p>Als es fast zu dunkel war, um noch etwas zu erkennen, zogen sich beide Seiten wie in gegenseitigem Einvernehmen ein paar Schritte zur�ck. Sie waren wie zwei verwundete Bestien, widerwillig, ihr Territorium aufzugeben, aber zu ersch�pft, um zu k�mpfen oder auch nur einen Fu� vor den n�chsten zu setzen. Hin und wieder fielen vereinzelte Musketensch�sse. Ein oder zwei M�nner stolperten davon. Die meisten taten nichts, au�er dazustehen, ihre Waffen zu umklammern und benommen hin und her zu schwanken, w�hrend sie die verblassenden geisterhaften Gestalten der Gegenseite anstarrten.</p><p>Wir nahmen wieder unsere urspr�ngliche Stellung ein, und sie machten es genauso. Jede Seite hielt verbissen an der Tradition fest, dass ein Verlassen des Schlachtfelds einer Niederlage gleichk�me.</p><p>Der Mond ging auf. Zuerst bemerkte ich es kaum, dass Ben eine Wunde an meinem Bein verband. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wie ich sie mir zugezogen hatte, doch jetzt pochte sie schmerzhaft. Ben war beim Tross gewesen, doch er hatte es geschafft, sein medizinisches Zubeh�r in Sicherheit zu bringen, ehe die Cavaliere es an sich nehmen konnten. Seit ich zur�ckgekommen war, hatte ich nicht gesprochen, doch jetzt fand ich meine Stimme wieder.</p><p>�Jed ist da drau�en�� er ist verwundet.�</p><p>�Er ist zur�ckgekommen. Ich habe mich um ihn gek�mmert.� Ben ging zu Luke, der eine Kopfwunde hatte. �Jed wird vielleicht seinen Arm verlieren. Hol Wasser.�</p><p>In der N�he der verlassenen Hofgeb�ude war ein kleiner Bach. Ich nahm einen Eimer und humpelte darauf zu. Es war eine klare Nacht, und die Andeutung von Frost lag bereits in der Luft. Vom Schlachtfeld wurden die vernehmlichen Schreie der M�nner her�bergeweht. Sie riefen nach Gott oder ihren M�ttern. Ich konnte nichts tun, doch ich w�nschte, ich k�nnte die Ohren vor den Schreien verschlie�en, denn sie weckten in mir ein qu�lendes Gef�hl der Mitmenschlichkeit, das ich nicht ertragen konnte. Nicht jetzt. Ich wollte in diesem bet�ubten, gef�hllosen Zustand verharren. Doch dann registrierte mein Verstand inmitten dieses entsetzlichen Chors ein Ger�usch der Vernunft�� das Wiehern eines Pferdes.</p><p>�Patch!�, rief ich.</p><p>Ich rannte um die Geb�ude herum, so schnell mein Bein es zulie�, und fand die St�lle. Im D�mmerlicht war ich sicher, dass es Patch war. Doch als ich n�her kam, erkannte ich, dass das Tier schwarz war und mehrere Handbreit gr��er als meines. Doch es war ein Pferd, und in diesem Moment f�hlte ich mich ihm n�her als jedem Menschen. Ich stellte den Eimer ab und schnalzte leise mit der Zunge.</p><p>�Ein Pferdedieb bist du also auch noch!�</p><p>Richards entspannter, sp�ttischer Ton lie� mich erschaudern. Ich wirbelte herum, doch ehe ich mein Messer z�cken konnte, war die Spitze seines Schwertes schon an meiner Kehle. Sein Gesicht lag im Dunkeln, die zerfetzten �berreste seines Umhangs hingen �ber seinem Schwertarm.</p><p>�Ich habe keinen Streit mit Euch, Vater�, sagte ich so ruhig, wie meine Stimme es zulie�.</p><p>Er l�chelte und trat in den schmalen Lichtstreifen aus Mondlicht, das durch die T�r hereinfiel. �Du bist ein kluges Kind. Zuerst gibst du vor, Vaters Sohn zu sein, dann Edwards, und jetzt bin ich an der Reihe. Ich habe es dir gesagt, John Lloyd ist dein Vater.�</p><p>�Dann muss er aus dem Grab zur�ckgekommen sein, um sie zu lieben. Er ging im Sommer zuvor nach Irland und wurde dort get�tet.�</p><p>�Das beweist immer noch nicht, dass du mein Sohn bist.�</p><p>�Ich habe die Briefe, die Ihr meiner Mutter geschickt habt. Von den ersten Zeilen �ber die unsterbliche Liebe bis zu �hier ist eine Krone, damit du Hure abtreiben kannst�. Ich habe sie heute Morgen Eurem Vater gezeigt.�</p><p>Er sagte keinen Ton. Die Schwertspitze zielte jetzt auf mein Herz. Die ganze Zeit �ber achtete ich auf seine F��e, auf sein Gleichgewicht. Sobald er das Gewicht auf den rechten Fu� verlagerte, blieb mir der Bruchteil einer Sekunde Zeit, ehe er mich t�ten w�rde. Der Eimer war auf ein B�ndel Stroh gefallen. Ich streckte meine Hand danach aus, konnte ihn aber nur mit den Fingerspitzen ber�hren.</p><p>Die Klinge senkte sich minimal, nur um abrupt wieder angehoben zu werden. �Du l�gst. Mein Bruder sagt, du h�ttest Vater gesucht. Du hast ihn gar nicht gefunden, stimmt�s? Ich habe dich beobachtet. Du w�rst nie bei den Spie�gesellen gelandet, wenn du ihn gefunden h�ttest.�</p><p>Ich begann, auf ihn zuzugehen, nicht von der Klinge fort, sondern in sie hinein. Ich h�rte auf, seine F��e zu beobachten, und blickte ihm direkt in die Augen. Ich versuchte, der Mensch zu werden, der ich vor dem Schlachtfeld gewesen war. Es war eine Sache, wenn er jemanden damit beauftragte, mich zu t�ten, etwas anderes, wenn er als Vater seinen eigenen Sohn t�tete. Stockend sagte ich ihm genau das.</p><p>�Das liegt daran, dass du zum P�bel geh�rst. Adlige machten so etwas st�ndig�, sagte er ver�chtlich. Doch er wich meinem Blick aus, nur um erneut voll schauderhafter Faszination davon angezogen zu werden. Ich konnte die Gedanken fast sehen, die durch seine Augen hinein und wieder heraus zu schl�pfen schienen. <emphasis>Mein Kind. Mein Kind!</emphasis> Ich durfte nicht flehen. Ich durfte nicht betteln. So etwas tat nur der P�bel. Ich musste es irgendwie schaffen, in seinen Augen nicht l�nger das Pestkind zu sein. Ich musste zu dem Kind werden, das er vielleicht gewollt hatte. Die ganze Zeit, w�hrend ich mich vorw�rtsbewegte, wich er zur�ck bis zur Stallwand. Die Schwertspitze durchbohrte mein Wams, kratzte an meiner Haut, aber er war mir zu nahe, um mir einen t�dlichen Sto� zu versetzen.</p><p>�Ich will das Erbe nicht, Vater. Ich will nur���</p><p>�Nenn mich nicht so!�, schrie er.</p><p>�Tom!�, rief Luke.</p><p>Richard schleuderte mich quer durch den Stall, so dass ich gegen die gegen�berliegende Wand krachte und zu Boden ging. Die Schwertklinge schoss nach vorn wie die Zunge einer Schlange. Ich unterdr�ckte jeden Drang, die Augen zu schlie�en, und starrte weiter in seine.</p><p>Im letzten Moment hielt die Schwertspitze inne und verharrte. �Antworte ihm.�</p><p>Ich schluckte, keuchte und brachte einen Moment lang keinen Ton heraus.</p><p>Er schluckte ebenfalls und atmete schwer. �Antworte ihm!�</p><p>Zwei W�rter brachte ich heraus. �Komme gleich!�</p><p>Dort, wo er mich hingeschleudert hatte, lag ich n�her bei der T�r. Ich konnte gerade noch den Rand des Feldlagers sehen. Luke, dessen Kopf inzwischen bandagiert war, ging im Schein des Feuers umher und blickte in Richtung der St�lle.</p><p>Bring ihn dazu, weiterzureden, befahl ich mir selbst, aber mein Verstand war wie blockiert. Alles, was ich hervorbrachte, war ein d�mmliches Gestammel.</p><p>�Habt Ihr sie geliebt?�</p><p>�Sie geliebt?� Er stie� ein ungl�ubiges Lachen aus. �Ich habe von Anfang an gewusst, was sie war.�</p><p>Sein Vater, sein lieber Vater, sagte er, und in seiner Stimme lagen sowohl Sehnsucht als auch Hass, habe ihm nie f�r irgendetwas Anerkennung gezollt. Doch er hatte Margaret Pearce durchschaut, als sie in tiefstem Schwarz zur Beerdigung ihres Vaters kam. Ob er sich von ihr angezogen gef�hlt habe? Nat�rlich! Das erging jedem so. Aber er kannte die Frauen. Er hatte genug von ihnen gehabt.</p><p>�Wie Jane�, konnte ich mich nicht enthalten einzuwerfen, als mir die Geschichte einfiel, die sie mir in Turvilles Haus erz�hlt hatte.</p><p>�Jane?�, fragte er.</p><p>Er hatte sie vergessen. Ich verfluchte mich, dass ich ihn abgelenkt hatte, aber es spielte keine Rolle. Als st�nde er unter Zwang, fuhr er fort, getrieben davon, �ber etwas zu reden, von dem er nie zuvor einer lebenden Seele erz�hlt hatte. V�ter und S�hne! In beinahe jedem seiner Worte schwangen Stolz und Hass auf seinen Vater mit. Sein Vater war der kl�gste, scharfsinnigste aller M�nner, aber ein vollkommener Narr, sobald es um Frauen ging. Seine Frau hatte ihn um den kleinen Finger gewickelt. Als sie starb, hatte er nie aufgeh�rt, sie zu betrauern�� bis er Margaret Pearce in tiefstem Schwarz sah.</p><p>Oh, es gab keinen Mann bei der Beerdigung, der nicht mit ihr mitf�hlte, sagte Richard, hier oben�� er tippte sich an den Kopf�� und hier unten�� er schlug sich klatschend auf den Schritt. O ja, er wollte sie! Und wie er sie wollte!</p><p>Luke sagte etwas zu Ben, ihre Schatten h�pften und schwankten im Feuerschein. Dann schlenderte Luke langsam und gem�chlich, als genie�e er nach der Hitze des Gefechts die kalte schneidende Luft, auf die St�lle zu, wo wir uns befanden. Ich betete darum, dass er sein Schwert bei sich hatte.</p><p>Am Tag der Beerdigung, erz�hlte Richard, wurde er ins Studierzimmer seines Vaters gerufen. Nachdem Lord Stonehouse mit der Auflistung seiner Verfehlungen fertig war und Richard bereits Anstalten machte zu gehen, f�gte er noch hinzu: �Margaret Pearce. Respektiere ihre Trauer.� Das war alles. Respektiere ihre Trauer, zusammen mit einem eindringlichen Blick aus diesen schwarzen Augen.</p><p>�Ich war�� wie alt bist du?�</p><p>�Siebzehn.�</p><p>�Ich war neunzehn! Neunzehn! Ich glaube, er hat bis dahin nur meine Mutter gekannt. Ich hatte Huren gehabt, Dienstm�dchen, selbst eine Hofdame, die alt genug war, um meine Mutter sein zu k�nnen und die mich mehr �ber die Hinterlist eines Frauenherzens lehrte, von deren Ausma� mein Vater nicht einmal etwas ahnte. �Respektiere ihre Trauer!� Mit anderen Worten, Finger weg, sie geh�rt mir. Er war blind und sah nicht, auf was er sich da einlie�, was sie tat. Ich wusste, wof�r sie ihre Trauer benutzte! Zur Verf�hrung, der raffiniertesten Form der Verf�hrung.�</p><p>In seiner Stimme schwang eine grimmige Bewunderung mit, und pl�tzlich erkannte ich, dass meine Mutter und er aus demselben Holz geschnitzt waren. Seine Augen gl�nzten, und das Schwert zitterte. Vielleicht hatte er sie auf seine Weise doch geliebt, und sie hatte diese Liebe auf ihre Weise erwidert. Dann bekam seine Stimme einen scharfen, verbitterten Beiklang.</p><p>�Ich wusste genau, was sie tat.�</p><p>�Sie plante insgeheim, Highpoint zu �bernehmen.�</p><p>Er lie� das Schwert sinken. �Woher wei�t du das?�</p><p>Ich dachte an das, was Kate mir erz�hlt hatte, und sch�ttelte den Kopf. Origo mali, die Quelle des B�sen. Der Familienbesitz. Unvermittelt empfand ich zum ersten Mal einen winzigen Hoffnungsschimmer, dass wir einander die Hand reichen und uns m�glicherweise eines Tages sogar verstehen k�nnten. Ich machte einen zaghaften Schritt auf ihn zu. Das Schwert hob sich. Luke schlenderte auf die St�lle zu, doch ich bemerkte ihn erst, als er stehen blieb. Er musste Richards Klinge in der T�r aufblitzen gesehen haben, denn er hob seine Hand zum G�rtel.</p><p>�Warum habt Ihr es ihm nicht gesagt?�</p><p>�Es ihm gesagt?! Es w�re v�llig sinnlos gewesen. Ich war neunzehn. Was wusste <emphasis>ich</emphasis> schon von Trauer, Liebe, was wusste <emphasis>ich</emphasis> schon von <emphasis>irgendetwas</emphasis>?�</p><p>Sein Innerstes war von einer Bitterkeit erf�llt, die so lange hinter hohen D�mmen verborgen war, dass er nun erzitterte. Ich machte einen winzigen Schritt auf ihn zu. Vielleicht stammte ein Teil meiner eigenen Auflehnung von ihm�� und vielleicht merkte er das, denn er senkte die Schwertspitze. Noch einen Schritt, und ich k�nnte mich unter dem Schwert hindurchducken und seinen Arm packen.</p><p>�Der Familienbesitz stand rechtm��ig mir zu, aber ich kannte Frauen wie sie. Sie h�tte meinen Vater dazu gebracht, den Besitz ihr zuzusprechen�� ganze Stra�en in London, die ihm geh�ren.�</p><p>�Und warum hat sie dann nicht einfach Lord Stonehouse nachgestellt?�</p><p>�Und ob sie das getan hat! Nat�rlich war sie hinter ihm her. Doch mein Vater, so klug er auch ist, so naiv ist er, wenn es um Frauen geht. Er respektierte ihre Trauer zu lange. Mit seinen Gef�hlen knausert er wie ein Geizhals mit seinem Geld, und sie glaubte, sie w�rde bei ihm nichts ausrichten k�nnen. Also wandte sie sich mir zu. Ich mimte den Unschuldigen. Ich war leichter zu haben. Und jung�� und wir f�hlten uns beide�� eine Zeitlang�� zueinander hingezogen und�� aber du bist zu jung, um irgendetwas �ber die Liebe zu wissen.�</p><p>�So, wie Euer Vater es von Euch behauptete.�</p><p>Er schenkte mir einen w�tenden Blick, das Schwert kam erneut mit einem Ruck nach oben. Dann lachte er kurz auf. Sein Arm entspannte sich, die Klinge senkte sich erneut. Das war der Moment. Ein Schritt. Ein halber Schritt, und ich h�tte ihn gehabt, h�tte ihm das Schwert aus der Hand winden k�nnen. Ich h�tte es gekonnt. Ich wusste es. Doch in diesem Augenblick war ich ebenso von der Geschichte in den Bann gezogen, wie er begierig darauf war, sie zu erz�hlen.</p><p>�Was geschah dann?�</p><p>�Ich habe sie geschw�ngert. Sie glaubte, ich w�rde sie heiraten. Ich machte ihr klar, dass ich wusste, was f�r ein Spiel sie trieb, und dass sie das Kind loswerden sollte�� niemals�� in einer Million Jahre nicht�� h�tte ich gedacht, dass sie sich daraufhin meinem Dummkopf von einem Bruder zuwenden w�rde���</p><p>Seine Wachsamkeit hatte g�nzlich nachgelassen. Ich h�tte ihn �berw�ltigen k�nnen, oder ihn weiterreden lassen k�nnen. Vielleicht, vielleicht. Ich werde es niemals wissen. In dieser Nacht herrschte tiefer Frost, der einen glitzernden Schimmer auf die Grashalme legte, dort, wo das Mondlicht sie ber�hrte. Ich h�rte Lukes Stiefel darauf knirschen. Sah sein Schwert funkeln.</p><p>�Nein, Luke, nein!�, rief ich.</p><p>Er hatte seinen Sto� zur H�lfte ausgef�hrt. Mein Schrei brachte nicht nur ihn dazu, seinen Sto� teilweise abzufangen, sondern alarmierte auch meinen Vater. Es war zu sp�t, als dass er den Hieb mit dem Schwert h�tte parieren k�nnen, doch er drehte sich weg, so dass Luke ihn nur an der Seite erwischte. Dann st�rzte mein Vater sich mit solcher Macht auf ihn, dass er das Schwert nicht zur�ckziehen konnte, als Luke fiel. Ich fing meinen Freund auf, w�hrend Richard vergeblich versuchte, das Schwert aus dessen Brust zu ziehen. Auf Lukes Gesicht lag ein �berraschter Ausdruck, vollkommene Ungl�ubigkeit und dann der Schatten seines entwaffnenden L�chelns.</p><p>�Ich dachte, ich w�rde�� davonkommen�� alter Fr��</p><p>Blut quoll pl�tzlich aus seinem Mund. Ich schrie nach Ben und hielt Luke an mich gedr�ckt, als er erneut unter M�hen sprach. �Sag Charity, dass ich sie liebe, ich sehe sie im Him��</p><p>Ben zog mich zur Seite und kniete neben Luke nieder. Wegen des Schwerts konnte er das Wams nicht �ffnen und schnitt es deshalb mit dem Messer auf. Er sch�lte die blutgetr�nkten Briefe fort, die Charity Luke geschickt hatte. Er unternahm einen vergeblichen Versuch, die Blutung zu stoppen, dann sch�ttelte er den Kopf.</p><p>Ich h�rte das Pferd und sah aus den Augenwinkeln, wie mein Vater davonritt. Ich heulte wie der Insasse eines Tollhauses, eilte ihm humpelnd hinterher und zerrte mein Messer aus dem G�rtel.</p><p>Einige Zeit sp�ter fand Ben mich auf dem Schlachtfeld, wo die Toten und Verwundeten reglos dalagen, w�hrend der Frost immer st�rker wurde. Immer wieder stach ich auf einen Mann ein, der bereits tot war. Neben mir lag Richards zerfetzter Umhang. Der Mann, auf den ich einstach, war nicht Richard. Mein Verstand war wie leergefegt, und ich konnte Ben nicht erkl�ren, warum ich es tat. Weder Ben noch ich hatten den Mann je zuvor gesehen. Ebenso wenig war es m�glich zu sagen, f�r welche Seite er gek�mpft hatte, denn er war, wie viele andere, ausgezogen worden, von M�nnern, die Ringe, Stiefel, G�rtel einsammelten�� alles, was sie gebrauchen oder verkaufen konnten. Als Ben mich zur�ck zum Lager brachte, konnten wir immer noch h�ren, wie die Pl�nderer �ber das Feld wanderten, gleich W�lfen in der Nacht.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>40.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Das Tollhaus, durch das ich schritt, war Teil eines noch gr��eren Tollhauses. Beide Seiten beanspruchten den Sieg f�r sich. Fl�chtige Deserteure der Parlamentstruppen, die in Oxford ankamen, berichteten, die ganze Armee sei auf dem R�ckzug und der K�nig auf dem Weg nach London. In London druckte jemand, der sich ein �Edelmann von h�chstem Range� nannte�� es k�nnte der ohrlose Jack gewesen sein�� zwei Tage nach der Schlacht, am 25.�Oktober, eine verschmierte Quartausgabe, in der erkl�rt wurde, die Parlamentstruppen h�tten einen gro�artigen Sieg errungen, bei dem Prinz Rupert gefangen genommen wurde.</p><p>Was keine der beiden Seiten erwartet hatte, war eine Pattsituation. Jeder glaubte, solch ein erbitterter Konflikt m�sse doch alles l�sen, auf die eine oder andere Weise. Der K�nig marschierte auf London zu. Am 13.�November brandschatzte Rupert Brentford, zehn Meilen westlich von London. Londoner gerieten in Panik und Wut zugleich. Die Angst, ihr Hab und Gut zu verlieren, brachte etliche Royalisten dazu, das Parlament zu unterst�tzen. Am folgenden Tag sahen sich die royalistischen Truppen in Turnham Green einem Heer von Londonern gegen�ber, das zusammen mit B�rgergarden aus Hertfortshire, Essex und Surrey eine Streitmacht von vierundzwanzigtausend Mann bildete. Ein paar Sch�sse wurden abgefeuert. Der K�nig hatte weitaus zahlreicheren Feinden gegen�bergestanden, aber da war noch etwas anderes, das ihn den R�ckzug antreten und den Winter in Oxford verbringen lie�. Die Erinnerung an Edgehill schwebte wie ein Gifthauch �ber allen. Sowohl der K�nig als auch Essex hatten die frostige Nacht auf dem Schlachtfeld verbracht. Der K�nig hatte auf die sechzig Leichen gestarrt, die dort lagen, wo seine Standarte gestanden hatte, ehe er sich an ein Lagerfeuer kauerte, unf�hig zu schlafen, solange die Verwundeten schrien. Niemand w�nschte eine Wiederaufnahme des Kampfes. Doch ebenso wenig w�rde eine von beiden Seiten nachgeben, wenngleich man halbherzig zu verhandeln begann.</p><p>Es war Mitte Dezember, als ein Karrenlenker, der die letzten vom Frost angeschlagenen Fr�chte der Saison von einer Obstplantage in Chiswick geladen hatte, mich in die Stadt mitnahm.</p><p>Ich ging am Aldersgate entlang und bog in die Cloth Fair ein. Es schneite, doch der Schnee blieb noch nicht liegen. Die Stadt war ruhig. Die Luft war sonderbar sauber. Der Geruch von Smithfield war nur ein Gespenst seines fr�heren Gestanks, da sich in den Schlachth�fen nur wenig Fleisch befand. Ich stand an der Einfahrt zum Half Moon Court, und eine unerkl�rliche Panik ergriff mich, denn ich hatte das Gef�hl, etwas Schreckliches getan zu haben, aber nicht zu wissen, was es war. Aus der Druckerei ert�nte ein stetiges rhythmisches Klappern. Ich kannte und liebte jedes Ger�usch, das St�hnen des Drucktiegels�� die Presse brauchte �l��, das leise Seufzen, wenn die Druckform das Papier ber�hrte. Vor Edgehill hatte ich mich danach gesehnt, hier zu sein, hatte mir ausgemalt, wie ich �ber diesen Hof in Annes Arme laufen w�rde, wie ich sie unter dem Apfelbaum dr�cken und k�ssen w�rde. Doch jetzt stand ich da, und es widerstrebte mir, hineinzugehen. Die Panik in mir wuchs, w�hrend ich durch das Schneetreiben auf den nackten Baum starrte, auf das Fenster im hervorstehenden Giebel, aus dem ich mit so vielen Tr�umen geblickt hatte.</p><p>Im Inneren erhoben sich laute Stimmen, und dann kam Sarah heraus, um das Nachtgeschirr zu leeren, w�hrend sie �ber die Schulter nach hinten rief, dass sie damit Kopf und Kragen riskieren w�rde. Anne folgte ihr. Was immer mit meinem Verstand geschehen war, mein Herz war immer noch da. Es hoffte, h�pfte, sprang, blieb stehen und fing doppelt so schnell wieder von vorn an, als ich sie sah. Aber warum st�rmte ich nicht auf sie zu? Warum stand ich nur gaffend da, wie Sarah es zu nennen pflegte, als ich ein Lehrjunge war, der sich weigerte, Stiefel zu tragen? Anne war genauso sch�n, wie ich sie in Erinnerung hatte. Nein, noch sch�ner. Sie trug ein altes blaues Kleid, ihr Haar war zerzaust, und sie zog das Tuch ihrer Mutter fest um ihre Schultern, w�hrend sie mit Sarah um h�chst allt�gliche Sorgen stritt. Ich liebte sie und sog hungrig jedes Wort, jede Bewegung auf.</p><p>�Biiittte Sarah. Nur einen Eimer.�</p><p>�Master hat gesagt, keine Kohlen mehr bis es dunkel wird.�</p><p>Schmeichlerisch streichelte Anne ihre Wange. �F�hl meine Hand. Sie ist halb gefroren.�</p><p>�Wisst Ihr nicht, dass es eine Blockade in Newcastle gibt?�</p><p>�Es wird dir noch leid tun, wenn ich mich zu Tode friere.� Sie ging hinein und schmetterte die T�r hinter sich zu.</p><p>�Leid tun? Es w�re eine Befreiung!�, murmelte Sarah und kippte die Nachtt�pfe aus, als ihr Blick auf mich fiel.</p><p>Darum also war die Luft so sauber. Nur wenige Schornsteine rauchten. Ich wandte mich ab. Ich trug einen ramponierten breitrandigen Hut, den ich Gott wei� wo aufgegabelt hatte, und obwohl meine Kniehosen und das Wams noch dieselben waren, waren sie nur noch gut genug, um auf dem M�llhaufen zu landen. Was von der Sohle meines einen Stiefels �brig geblieben war, wurde lediglich durch ein St�ck Schnur am oberen Teil gehalten.</p><p>�Noch ein dreckiger Lausebengel, der behauptet, aus dem Krieg zu kommen�, grummelte Sarah vor sich hin, doch sie sprach absichtlich laut genug, damit ich es h�ren konnte.</p><p>Ich konnte keinen Augenblick l�nger bleiben. Konnte keinem von ihnen unter die Augen treten. Ich brauchte die Sicherheit und Anonymit�t der Stra�e.</p><p>�Halt! Hierher! Du da!� Sie kam hinter mir her, nestelte in ihrer Sch�rzentasche herum, in der sie stets ein paar trockene Brotkanten f�r Bettler hatte. Sie hielt mir den Kanten hin und lie� ihn dann zusammen mit dem Eimer fallen. �Der Herr sei gepriesen! Es ist Tom! Tom!� Sie umarmte mich, doch dann zuckte sie zur�ck. �Dein Gesicht. Was um Himmels willen hast du blo� angestellt? Du stinkst ja wie der Abfallhaufen.� Dann umarmte sie mich erneut mit gl�nzenden Augen. �Es ist Tom! Tom!�</p><p>Das ganze Haus schien in den Hof einzufallen, so viele T�ren wurden aufgerissen und so viele Rufe ert�nten. Die Druckerpresse blieb mitten in der Umdrehung stehen. Ein Fenster flog auf, und Mrs�Black lehnte sich heraus.</p><p>�O mein Gott! Und ich bin gar nicht richtig angekleidet, um ihn zu empfangen! Jane!�</p><p>Anne rannte heraus, das Tuch flog ihr von den Schultern. �Tom�� Tom�� du bist zur�ckgekommen�� du bist��� Sie blieb stehen und schlug sich die H�nde vor den Mund, um einen Schrei zu ersticken. �Einen Moment lang glaubte ich, du w�rst Eaton.�</p><p>�Eaton ist tot.�</p><p>�Gott sei gedankt.�</p><p>�Gott sei seiner Seele gn�dig�, sagte ich, mit dem ersten Ausbruch von Leidenschaft, der seit langer Zeit in mir aufstieg.</p><p>�Was ist los, Tom?�, fl�sterte sie. �Was ist passiert?�</p><p>Ich wollte immer noch davonlaufen, und zugleich sehnte ich mich danach, sie in den Arm zu nehmen. Wie konnte das sein? �Ich wei� nicht�, sagte ich. �Ich wei� es nicht.�</p><p>Sie zog mich an sich und k�sste mich, und dann wurden wir best�rmt. Mr�Black packte mich bei der Hand, zog mich hinein und rief Sarah zu, sie solle Kohlen aufs Feuer werfen. Merkte sie denn nicht, wie kalt es war? Seine Stimme war immer noch ein wenig verwaschen, hatte indes fast wieder den alten tiefen Klang. Er glaubte, es sei ein gro�artiger Sieg gewesen. War es wahr, dass der K�nig um Frieden bat? Denn er hatte gerade etwas in der Druckerpresse, das davon abhing. Ich versuchte, etwas zu sagen, w�hrend er mich in seinen Sessel vor dem Kamin dr�ckte, den Sarah hastig s�uberte und ein neues Feuer darin aufbaute.</p><p>�Die Presse muss ge�lt werden, Sir�, sagte ich.</p><p>Er lachte und schlug mir auf die Schulter. �Habt ihr das geh�rt? Einmal Drucker, immer Drucker. Nehemiah!�, rief er, und ein Lehrjunge, genauso trotzig und tintenverschmiert, wie ich es gewesen war, blickte von der Werkstatt her�ber. �Halte an deiner Berufung fest, dann wirst du vielleicht einmal wie Tom.�</p><p>Aus Nehemiahs Gesichtsausdruck schloss ich, dass es das Letzte war, was er wollte, so ein schmuddeliger Kerl zu werden wie ich.</p><p>�Mach schon! Du hast ihn geh�rt! �le die Presse!�, bellte Mr�Black, genau wie er mich fr�her angebr�llt hatte. �Anne! H�r auf, seine Narbe anzustarren�� es ist ein Ehrenzeichen! Hol Wein!�</p><p>Mrs�Black hatte ihren Auftritt, fegte auf mich zu in der festen Absicht, mich zu umarmen, w�hrend ich aufstand. Als sie meinen Geruch wahrnahm, der in der Hitze des Feuers noch bei�ender wurde, blieb sie stehen, streckte zun�chst ihre Hand, dann ihre Fingerspitzen aus. �Die Karten haben gesagt, dass du vor Weihnachten hier bist. Ich habe es Anne immer wieder gesagt, aber sie hat geglaubt, du bist tot. Sie hat sich die Seele aus dem Leib geweint.�</p><p>�Das habe ich nicht, Mutter�, sagte Anne w�tend.</p><p>�Ich hab ihr gesagt, sie soll etwas Sinnvolles machen, aber sie hat immer nur versucht, dir zu schreiben.� Anne wandte sich mit gl�nzenden Augen ab, w�hrend ihre Mutter tadelnd den Finger hob. �Schande �ber dich, Tom! Du bist ein Poet!� Niemals w�rde sie das Wort Flugblattschreiber verwenden. �Und nicht ein einziger Brief!�</p><p>Mr�Black war mittlerweile bei seinem zweiten Glas Wein angelangt und drohte seinerseits seiner Frau mit dem Finger. �Kommt schon, Mrs�Black, er hat schlie�lich nicht Feder und Tinte neben der Muskete mit ins Feld genommen, was Tom?�</p><p>Er sprach zu mir von Mann zu Mann, als h�tte er die Erfahrung, oder zumindest eine Vorstellung davon, was �im Feld� bedeutet. Ich merkte, dass er von mir erwartete, etwas zu schreiben wie die Flugschrift <emphasis>Ein genauer Bericht vom gef�hrlichsten und blutigsten Kampfe bei Kineton</emphasis>, die ich gesehen, es aber nicht �ber mich gebracht hatte, zu lesen. Erneut bem�hte ich mich, etwas zu sagen, als ich Jane im Hintergrund sah. Mit einem Anflug von Schuldgef�hlen erinnerte ich mich daran, dass irgendwo in meinem Tornister der Brief steckte, von dem ich versprochen hatte, ihn Mrs�Morland zu geben.</p><p>Sie begr��te mich sch�chtern und fragte mich, ob ich ihre Mutter gesehen h�tte. Unvermittelt platzte ich heraus: �Deine Mutter ist tot.� Meine Ungeschicklichkeit brachte alle zum Schweigen, doch schlie�lich fragte sie, ob ich sie gesehen h�tte. �Ja. Ja, das habe ich.� Jedes Wort f�hlte sich an wie ein St�ck Blei, das aus meinem Mund tropfte. �Ich habe ihr deinen Brief gegeben�, log ich. �Sie vergibt dir und gibt dir ihren Segen.�</p><p>Sie schloss die Augen und faltete die H�nde zum stummen Gebet, dann �ffnete sie die Augen wieder und schenkte mir ein wunderbares L�cheln. �Gott segne Euch, Tom!�</p><p>Ich brach in Tr�nen aus.</p><p>Einen Moment lang war es furchtbar still, dann dr�ngten sich alle um mich und redeten auf einmal, doch ich verstand nichts. Durch die Tr�nen verschwammen ihre Gesichter. Schamerf�llt versuchte ich verzweifelt, die Tr�nen zur�ckzuhalten, aber ich schaffte es nicht. Ich versuchte, von ihnen fortzukommen, stolperte �ber meinen Tornister und starrte unversehens in die Druckerwerkstatt. Nehemiah gaffte mich an. Er schmierte die Druckerpresse, und das �l tropfte auf seine Stiefel, als er von seiner Aufgabe abgelenkt wurde. Sie waren in echter Lehrjungenmanier geschn�rt, was bedeutete, dass sie so gut wie gar nicht geschn�rt waren. Aus irgendeinem Grund verdoppelte das meine Tr�nen nur noch.</p><p>�Was hast du getan, Tom?�, sagte Mr�Black mit all seiner alten Strenge.</p><p>�Ich wei� es nicht, Sir�, sagte ich. Ich wusste es tats�chlich nicht, und das lie� mich nur noch st�rker weinen, bis ich glaubte, nie wieder aufh�ren zu k�nnen. �Ich wei� es nicht, ich wei� es nicht!�</p><p>�Er muss sich ausruhen�, sagte Jane. �Es kann mein Bett haben.� Sie err�tete, als Anne sie mit einem eifers�chtigen Blick bedachte.</p><p>�Er kann mein Bett haben�, sagte sie.</p><p>�Anne!�, rief Mrs�Black entr�stet.</p><p>�Ich kann in deiner Kammer schlafen�, erkl�rte sie.</p><p>Ehe sie streiten konnten, f�hrte sie mich wie ein Kind nach oben.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>41.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Ich wei� nicht, wie viele Tage ich in ihrer Kammer einschlief und in Edgehill aufwachte, mit dem bei�enden Geruch von Schie�pulver in der Nase oder manchmal auch mit dem sonderbar sauberen, frischen Geschmack von Blut auf den Lippen. Oder ich schreckte hoch, die Befehle �Spie�e zur Hand�� erhebt eure Spie�e� klangen mir in den Ohren, und ich stellte fest, dass ich im Schlaf die entsprechenden Bewegungen ausgef�hrt hatte. Oder ich h�rte Lukes entspannte, fast tr�ge Stimme: �Streichholz anz�nden�� achtet auf die Pfanne�� pr�sentiert�� Feuer!� Sie holten einen Doktor, der versuchte, mich zur Ader zu lassen, aber ich konnte den Anblick von Blut nicht ertragen. Sie holten den Pfarrer, Mr�Tooley, der versuchte, meine Teufel auszutreiben, und aus dem Lukasevangelium zitierte, wo Jesus Legionen von Teufeln auf die Schweine hetzte. Doch offensichtlich�� ich erinnere mich nicht daran�� begann ich zu argumentieren, dass ich nicht verstand, warum die armen Schweine leiden mussten und sich selbst von den Klippen st�rzten, und dass ich es vorz�ge, meine Teufel zu behalten.</p><p>Alle sch�ttelten den Kopf �ber mich, alle bis auf Anne, die, sobald der Pfarrer gegangen war, sagte, sie s�he keine Teufel, und sich weigerte, irgendjemand anderes in die Kammer zu lassen. Sie brachte mir Essen und Trinken, trat mit schmalen Lippen ihrer Mutter entgegen, die sie schalt, weil sie sich wie ein Dienstm�dchen geb�rdete.</p><p>Doch allm�hlich verblassten die Teufel oder Visionen oder was immer es war. Eines Tages wachte ich auf, und Bruchst�cke des Schlachtfelds waren mir wie �blich in meinen Tr�umen erschienen, doch an diesem Morgen war es anders. Mir war wieder eingefallen, so deutlich, wie ich mich auch nur erinnern konnte, was geschehen war, nachdem ich von Luke fort und meinem Vater hinterher auf das Schlachtfeld gerannt war. Mr�Black hatte mir erz�hlt, dass Richard Stonehouse in einem der Flugbl�tter als vermisst aufgef�hrt worden war. Seine Leiche hatte man nicht gefunden. Ich hatte das Gef�hl, sobald wie m�glich Lord Stonehouse aufsuchen zu m�ssen. Ich stand aus dem Bett auf und w�re beinahe hingefallen, wenn ich mich nicht an einen Stuhl geklammert h�tte. Anne kam angerannt und sagte, ich solle mich wieder ins Bett legen. Ich sch�ttelte den Kopf, lie� mich jedoch schwerf�llig auf den Stuhl sinken.</p><p>�Bist du wieder da?�, fl�sterte sie.</p><p>Ich nickte.</p><p>�Bist du Tom?�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Kannst du sprechen?�</p><p>Ich l�chelte. �Ja.�</p><p>�Das macht komische Sachen mit deiner Narbe. L�chle noch einmal.� Ich lachte. Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und k�sste mich. �Ich liebe dich.�</p><p>�Ich liebe dich!�</p><p>�So sehr wie die Countess?�</p><p>�Was soll das mit der Countess?�</p><p>Automatisch tastete ich nach ihrem Brief, den ich unter dem Hemd bei mir getragen hatte, und sie reichte ihn mir. �Ich habe geholfen, dich auszuziehen. Mit Sarah�� Erinnerst du dich nicht?� Sie wurde rot. �Nur den oberen Teil. Meine Mutter war entsetzt.�</p><p>Ich las erneut <emphasis>Ich Hoffe, du denkst an mich so Wie Ich an Dich und nicht an deine Countess</emphasis> und war entsetzt, als sie mir erz�hlte, was sie zu diesem Satz veranlasst hatte. Nachdem Eaton und ich aus Poplar zur�ckgekehrt waren, um im <emphasis>Seven Stars</emphasis> zu �bernachten, ehe wir nach Highpoint aufbrachen, war ich auf der Suche nach Kate zum Bedford Square gegangen. Zur selben Zeit hatte die Countess mir einen Brief geschickt, in dem sie mich bat, sich mit Mr�Pym zu treffen. Der Brief lag auf einem Ehrenplatz auf dem Kaminsims im Half Moon Court, die elegante Handschrift und das beeindruckende Siegel glichen kleinen Dolchen der Eifersucht, die sich in Annes Herz bohrten. Das war ein Liebesbrief, daran gab es f�r sie keinen Zweifel. Jedes Mal, wenn sie den Brief ansah, f�hlte sie den Drang, ihn ins Feuer zu werfen, doch das wagte sie nicht. Schlie�lich hatte sie es nicht l�nger ausgehalten und war zum Bedford Square gegangen.</p><p>Ich bedeckte mein Gesicht mit den H�nden und stand auf, einen Moment lang nicht imstande, zuzuh�ren oder zu sprechen. Es war so kindisch, so undamenhaft, so unw�rdig. Es war mehr als das, obwohl ich es nicht erkannte. Ich hatte einen Schritt in diese Welt getan, m�glicherweise mehr als einen Schritt, und es war meine private Welt, in die sie nicht hineinpasste und in der es f�r sie keinen Platz gab. Ich liebte sie von ganzem Herzen, war indes zutiefst besch�mt bei dem Gedanken, sie k�nnte am Bedford Square aufgetaucht sein. Wenn jemals der Zeitpunkt k�me, dieses Problem zu l�sen, was jetzt unwahrscheinlicher schien als je zuvor, dann war es mein Part, das zu tun, nicht ihrer. Sie wartete, als sei sie sich dessen bewusst, die H�nde gefaltet, den Kopf gesenkt, bis ich mich wieder setzte.</p><p>�Ein widerlicher Hammel von einem Lakaien befahl mir, zum Hintereingang zu gehen�, sagte sie.</p><p>�Ich kenne ihn�, erwiderte ich schwach.</p><p>�Dann kam sie heraus.�</p><p>Erneut schlug ich die H�nde vors Gesicht, stellte mir vor, wie Lucy Hay die arme Anne zum Teufel jagte, sah sie gedem�tigt vom Bedford Square nach Hause wandern, so wie ich es in der Vergangenheit so viele Male getan hatte. Aber es kam noch schlimmer, viel schlimmer.</p><p>�Sie hat mich mit hinaufgenommen in ihr Bo� Bou��</p><p>�Boudoir.�</p><p>�Und gab mir etwas zu trinken, Scho� Scho��</p><p>�Schokolade.�</p><p>�Sie ist <emphasis>alt</emphasis>.�</p><p>�Sie ist eine sehr sch�ne Frau�, sagte ich kalt.</p><p>�Sie war wundersch�n geschminkt. Sie hat mir ein paar Farben geschenkt. Sieh mal.�</p><p>Sprachlos starrte ich Anne an, als sie ihre Wange aufgeregt mit einer fettigen roten Creme aus einem Topf betupfte. Offensichtlich hatte sich das Missverst�ndnis wegen des Briefs der Countess rasch aufgekl�rt. Anne erw�hnte es nicht, aber ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie �ber mich geredet hatten. Ich konnte kaum glauben, wie vertraut die beiden in so kurzer Zeit geworden waren, so vertraut, dass ich mit offenem Mund zuh�rte und Dinge �ber Lucy Hay erfuhr, die ich nicht gewusst hatte. Ehe ich geboren wurde�� diesen Umstand betonte Anne ausdr�cklich��, war Lucy Hay ernstlich erkrankt und verlor ihr erstes und einziges Kind, das tot geboren wurde. Dann starb ihr Gatte. Es war eine so schreckliche Trag�die, sagte Anne, deren Hass auf Lucy Hay sich in der Zeit, die es brauchte, eine Tasse Schokolade zu trinken, in Bewunderung verwandelt hatte.</p><p>�Aber danach war sie eine gemachte Frau.�</p><p>�Tats�chlich? Wie das?�</p><p>Anne rang buchst�blich die H�nde, verdrehte ihre schmalen Finger. Sie sah ein wenig l�cherlich aus mit dem Fleck Cochenille auf der einen Wange, wie ein halbgeschminkter Schauspieler aus Bankside.</p><p>�Hast du von Sir Thomas Moore geh�rt?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Er sagt, wenn der weibliche Ackerboden mehr Unkraut als Fr�chte hervorbringt, sollte er kult� kulti��</p><p>�Kultiviert?�</p><p>�Danke. Sollte er durch Bildung kultiviert werden.�</p><p>Ein wenig Schreibenlernen war eine Sache, doch das h�rte sich gar nicht gut an, auch nicht, als sie eine kurze Periode im letzten Jahrhundert erw�hnte, in der Frauen wie Queen Elisabeth und Lady Jane Grey ebenso vertraut mit den Klassikern waren wie M�nner. Doch was sie als N�chstes sagte, schockierte mich aufrichtig.</p><p>�Lucy�, sagte sie, �riet mir, nicht mehr als vier Kinder zu bekommen.�</p><p>Ich erkl�rte ihr, das sei widernat�rlicher Unsinn. Die typische Bemerkung einer Frau, die ihre nat�rliche Funktion nicht erf�llen kann. Sie erwiderte, dass Frauen dadurch eher die M�glichkeit bek�men, den M�nnern zu helfen, da Frauen einen k�hleren Kopf bewahrten als M�nner, und dass M�nner gelegentlich das Urteil einer Frau br�uchten.</p><p>�Urteil? Ach Anne, ich liebe dich, nicht dein Urteil. Welche Urteile solltest du schon f�llen k�nnen? Ich wei� nicht, welches Spiel sie treibt, aber sie ist eine Intrigantin, eine Wichtigtuerin! Du darfst nicht auf sie h�ren! Hast du mich verstanden?�</p><p>Rebellisch biss sie sich auf die Lippen. �Bist du eifers�chtig, weil ich sie besucht habe?�</p><p>�Eifers�chtig? Was f�r ein Unsinn. Nein, nat�rlich bin ich nicht eifers�chtig.�</p><p>Sie lie� den Kopf sinken und zupfte eine Weile schweigend an ihrem Kleid herum. Dann seufzte sie und warf mir einen resignierten, dem�tig bittenden Blick zu. Normalerweise zog ich frische Lebenskraft aus unserer Liebe und dem Unsinn, den wir miteinander redeten, gleich einer Biene, die Nektar aus der Bl�te trinkt. Aber diese Unterhaltung verwirrte und erm�dete mich. Ich ging zum Fenster. Es begann schon wieder zu schneien. Sarah f�tterte das Rotkehlchen, von dem sie behauptete, es sei seit Jahren dasselbe.</p><p>�Sie sagte auch, du seist einer der intelligentesten und f�higsten M�nner, die sie je kennengelernt hat.�</p><p>Ich wirbelte herum, starrte sie misstrauisch an, aber ihre Miene verriet Eifer und Ernsthaftigkeit, ohne die Spur eines L�chelns. Ich konnte nicht anders, als diesen Eifer aufzugreifen. �Wirklich? Das hat sie gesagt?�</p><p>�Ja, und das bist du auch, das wei�t du genau, Affe!� Sie st�rzte durch das Zimmer auf mich zu und warf sich mir mit gl�nzenden Augen zu F��en. Ich zog sie hoch, um sie zu k�ssen, doch sie entwand sich mir. �Warte! Bleib hier! R�hr dich nicht! Und nicht gucken!�</p><p>Sie eilte zu dem alten Spiegel, und w�hrend sie mir den R�cken zukehrte, raschelte und knisterte es geheimnisvoll, wobei sie immer wieder in den Spiegel blickte.</p><p>�Du mogelst! Du guckst ja doch!�</p><p>Ich wandte mich ab und bedeckte das Gesicht mit den H�nden. Das war die Form von Kabbelei, die ich bevorzugte. In der reizenden Art und Weise, wie Frauen eine Mode aufnehmen und sie im n�chsten Moment wieder verwerfen, schien sie bereits vergessen zu haben, dass sie Latein und Griechisch lernen wollte. Es wurde ganz still, und ich h�rte nur noch ihren Atem und wie sie leise vor sich hin murmelte. Dann raschelten ihre R�cke.</p><p>�Jetzt darfst du schauen�, befahl sie.</p><p>Sie hatte sich in eine Hofdame verwandelt, die Lippen ger�tet, die Wangen rosig, die Augenbrauen geschw�rzt, wodurch das erstaunliche, eindringliche Blau ihrer Augen noch betont wurde. Doch das war es nicht, das mich so reagieren lie�, wie ich es tat. Sie hatte die obersten Kn�pfe ihres Kleides ge�ffnet und den Kragen nach unten geklappt. Auf ihrer Brust ruhte der Anh�nger. Es schien den ganzen Raum in ein giftiges Licht zu tauchen. Die b�sartigen Augen des Falken starrten mich aus dem emaillierten Nest an.</p><p>Ich st�rzte mich auf sie. �Nimm ihn ab! Nimm das Ding weg!� Ich zerrte an dem Anh�nger. Sie schrie, als die Kette in ihren Hals schnitt. Der Verschluss sprang auf, und ich schleuderte das Ding durch die Kammer. Der Vogel schien zu flattern und mich anzuzischen. �Du hast in meinem B�ndel gew�hlt!�, rief ich. �Mach das nie wieder! Fass das Ding nie wieder an!�</p><p>Ihre Mutter tauchte in der T�r auf, und Anne fl�chtete sich schluchzend in ihre Arme. �Ich dachte, er w�rde mich umbringen! Ich dachte wirklich, er w�rde mich umbringen!�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>42.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Lord Stonehouse war ge�bt im Trauern. Es war sein nat�rlicher Geisteszustand. Meine Mutter musste das instinktiv gewusst haben, als sie die Kleider f�r die Beerdigung ihres Vaters ausgew�hlt hatte. Als ich an jenem Morgen zur Queen Street ging, dachte ich, dass sie diesen Moment gesch�tzt h�tte. Ich hatte das Gef�hl, sie genau zu kennen, ihr n�her zu stehen als jedem lebenden Menschen, einschlie�lich Anne.</p><p>Richard Stonehouse wurde immer noch vermisst. Das gro�e Stadthaus war nicht in Trauer, befand sich jedoch in einer Art Vorstufe davon. Die Vorh�nge waren halb heruntergelassen, und in der stillen Halle mit dem schwarz-wei�en Schachbrettmuster herrschte Grabesstille, w�hrend die griechischen B�sten und die Lakaien mich misstrauisch musterten. Sarah hatte ein altes Wams notd�rftig geflickt und einen neuen Kragen an ein Hemd gen�ht, das sie unter der Pumpe beinahe wei� geschlagen hatte. Ich trug meinen Soldatentornister. Die Lakaien durchsuchten den Tornister nach Schie�pulver, wobei der Inhalt, wie ich fand, auch so explosiv genug war.</p><p>�Name?�</p><p>�Thomas Neave.�</p><p>�Angelegenheit?�</p><p>�Ich habe eine Mission f�r Lord Stonehouse zu Ende gef�hrt.�</p><p>Lord Stonehouse befand sich in einer Besprechung und schloss die Angelegenheit so peinlich genau wie �blich ab. Als ich schlie�lich in sein Studierzimmer gef�hrt wurde, blieb ich, wie beim letzten Mal, wartend in einiger Entfernung zum Schreibtisch stehen, w�hrend der einsame Zeiger der Uhr weitersprang. Mr�Cole warf Sand auf seine Unterschrift, siegelte das Dokument, verbeugte sich und ging hinaus. Lord Stonehouse trug Augengl�ser zum Lesen, die ich nie zuvor gesehen hatte. Er legte sie in ein K�stchen und winkte mich heran.</p><p>�Hast du ihn?�</p><p>Es war, als spr�che er von einer Allerweltssendung eines Gew�hrsmannes aus Oxford. Dennoch lag etwas Beruhigendes in seinem knappen, m�den Ton, in seiner Distanziertheit, seiner K�hle, was ich erst allm�hlich begriff, vor allem durch das, was er nicht sagte. Er erw�hnte, wie man vielleicht h�tte erwarten k�nnen, Edgehill oder �unseren gro�artigen Sieg�, wie manche ihn nannten, mit keinem Wort. Er wusste Bescheid. Er begriff. Zumindest eine Verbindung gab es also zwischen uns.</p><p>Als ich den Anh�nger aus meinem B�ndel nahm, kam Leben in ihn, und er schnappte danach wie ein Falke nach der Beute. Der Anh�nger schien diesen d�steren Raum g�nzlich mit Licht zu erf�llen, das von dem polierten Eichenholz des Schreibtischs reflektiert wurde und in Lord Stonehouse� schwarzen Augen gl�nzte. Er stie� einen tiefen Seufzer aus, streichelte den Falken, als wollte er seine Federn gl�tten. Das Licht schien erst zu ersterben, als er bemerkte, dass ich noch zwei weitere Gegenst�nde auf seinen Schreibtisch gelegt hatte: einen kleinen Stapel Briefe und Richards zerfetzten Umhang.</p><p>Langsam legte er den Anh�nger fort und griff nach dem Umhang, schob seine Hand durch den Riss darin, starrte hinunter auf die dunkelbraunen Flecken an den R�ndern, dann auf mich, ebenso b�sartig wie der Falke, der jetzt auf dem Schmuckst�ck dahinzud�sen schien.</p><p>Ich erz�hlte ihm, wie Richard sich mir entgegengestellt und Luke get�tet hatte, um anschlie�end davonzureiten. Wie ich ihm nachgerannt sei, den Abzug gedr�ckt hatte, mich jedoch an nichts weiter erinnern konnte, bis ich wieder in London war. Erst nach und nach war es mir wieder eingefallen, was in jener Nacht geschehen war, bruchst�ckhaft, unvollst�ndig, in albtraumhaften Erinnerungsblitzen.</p><p>Lord Stonehouse streichelte den zerfetzten Umhang, sein skeptischer Blick lie� nie von mir ab, als ich erz�hlte, dass ich Richard verloren hatte, ehe ich die Wiesen erreicht hatte, die nicht l�nger Wiesen waren, sondern ein dunkler Morast aus Toten und Sterbenden. Ich rannte weiter, h�rte immer noch sein Pferd oder glaubte es zu h�ren. Unter dieser Sinnest�uschung rannte ich vor und zur�ck, bis ich schlie�lich, als sich die Wolken vor dem Mond verzogen hatten, den Steilhang drohend �ber mir aufragen sah. Ganz in der N�he brannte ein Lagerfeuer. Ein vertrautes Gesicht tauchte im Lichtschein auf und verschwand wieder, die tief in den H�hlen liegenden Augen und der spitz zulaufende Bart des K�nigs. Andere Gestalten erhoben sich im Feuerschein, starrten mich an. Ich stolperte davon, zu ersch�pft, um zu rennen, aber niemand folgte mir. Vielleicht hielten sie mich f�r einen Geist. Dann sah ich es. Richards Pferd. Das etwas Unglaubliches an diesem Ort tat. Es graste friedlich. Gleichg�ltig schnupperte es an einem Mann, der nur noch einen halben Mund hatte und verdrehte blicklose Augen, ehe es einen weiteren Flecken Erde abgraste. Vom Sattelknauf hing Richards Umhang herunter.</p><p>Ich nahm den Umhang und ging von einer auf dem Boden liegenden Gestalt zur anderen. Manche waren bereits tot, andere riefen etwas, und ihre Schreie wurden lauter, sobald ich mich ihnen n�herte. Ich betrachtete jeden K�rper oder drehte ihn um, bis ich auf zwei M�nner stie�, die sich �ber einen Leichnam gebeugt hatten. Einer zog dem Toten das Wams aus, der andere seine Stiefel. Sie knurrten mich an wie W�lfe.</p><p>�Das ist unser Revier!�</p><p>�Such dir selber eins!�</p><p>Doch als sie sahen, dass ich nichts mitnahm, sondern nur die Leichen umdrehte, ignorierten sie mich und begannen, sich wegen der Stiefel in die Haare zu kriegen. Ich stie� auf einen Mann, dessen Gesicht halb im Gras vergraben war und der eine Jacke trug, die ich f�r Richards hielt. Reglos lag er da, das Mondlicht spiegelte sich in den kleinen Raureifkristallen, die sich in der bitteren K�lte auf seinen Wangen bildeten. Ich drehte ihn um. Er lebte, und die Bewegung holte ihn aus seiner eisigen Starre.</p><p>�Hilf mir�, fl�sterte er, �liebe Mutter, hilf mir.�</p><p>Zuerst hatte ich nicht gesehen, was ihm fehlte, doch jetzt sah ich die entsetzliche Wunde in seinem Bauch, aus der die Eingeweide hervorquollen. W�rgend drehte ich mich weg, doch mit letzter Kraft klammerte er sich an meinen Arm und kreischte: �T�te mich, t�te mich, t�te mich!�</p><p>Er lie� mich nicht gehen. Ich stach auf ihn ein, bis sein Arm zu Boden fiel, die Schreie aufh�rten. Selbst dann konnte ich nicht aufh�ren. Ich stach immer noch auf ihn ein, als Ben mich fand.</p><p>Ich hatte die H�nde vors Gesicht geschlagen. Langsam senkte ich sie, f�rchtete, immer noch auf diesen Wiesen zu sein, aber ich befand mich im Studierzimmer bei Lord Stonehouse, dessen Gesicht so kalt war wie der Frost in jener Nacht. Mein schwei�nasses Hemd klebte an mir, aber ich zitterte, als bef�nde ich mich immer noch auf diesem eisigen Feld.</p><p>�Hast du Richard gefunden?�</p><p>�Ich wei� es nicht, Mylord.�</p><p>Er starrte auf den Umhang. �Hast du ihn get�tet?�, sagte er leise.</p><p>�Ich wei� es nicht. Versteht Ihr denn nicht? Ich wei� nicht einmal, an was davon ich mich tats�chlich erinnere und was Teil des Albtraums ist.�</p><p>Er stand auf. �Hast du meinen Sohn get�tet?� Er hatte unvermittelt die Stimme gehoben.</p><p>�Ich wei� es nicht!�, schrie ich ihn meinerseits an.</p><p>Die T�r flog auf, und die Diener, die stets drau�en warteten, eilten herein. Lord Stonehouse scheuchte sie mit einer ungeduldigen Geste fort, und sie stolperten beinahe �bereinander, als sie versuchten kehrtzumachen, sich zu verbeugen, zu verschwinden und die T�r hinter sich zu schlie�en, und das alles gleichzeitig. Nun konnte ich nur noch unsere sto�weisen Atemz�ge h�ren. Lord Stonehouse verlor so selten die Beherrschung, dass er ganz unvertraut wirkte. Er tastete mit der Hand �ber den Schreibtisch, als wollte er sich vergewissern, dass er noch da war, dann setzte er sich und faltete Richards Umhang zu einem akkuraten Rechteck, bis seine H�nde aufh�rten zu zittern. Er wandte sich den Briefen zu, und ich erz�hlte ihm, wie ich sie gefunden hatte.</p><p>Briefe, Papiere, waren sein t�glich Brot, und er konnte schneller die Spreu vom Weizen trennen als jeder andere, den ich kannte. Hastig �berflog er die Seiten.</p><p>�Das hatte ich mir schon gedacht.�</p><p>Kein Wort �ber mich, dass ich sein Enkel war, nichts. �Ihr habt Euch das gedacht?�</p><p>�Ich bin kein Narr.� Er beugte sich vor, sein Blick b�sartig und mitleidlos wie der des Falken, den seine Vorfahren als Wappentier gew�hlt hatten. �Zum letzten Mal. Hast du meinen Sohn get�tet?�</p><p>Dieser Blick gab mir das Gef�hl, bereits auf halbem Weg zum Galgen zu sein, und holte unerwartet aus mir heraus, nicht was er f�rchtete zu h�ren, sondern wovor mir graute. �Ich wei� es nicht. Ich wei� nur, dass ich meinen Freund get�tet habe.�</p><p>Das war�s. Ich hatte laut ausgesprochen, was ich mir nie zuvor eingestanden hatte. Ich hatte es immer gewusst, doch die Erinnerung war mir immer wieder entglitten und hatte sich beharrlich verborgen gehalten. Jetzt hatte ich es ausgesprochen. Es zugegeben. Ich empfand, zusammen mit einer Woge der Trauer, tiefe Erleichterung. Jetzt konnte ich tun, wovor ich mich seit dieser Nacht am meisten gef�rchtet hatte. Ich konnte zu Charity gehen, ihr seinen Ring geben und erz�hlen, wie Luke starb.</p><p>Lord Stonehouse machte eine Bewegung mit der Hand, die mir zeigen sollte, dass er das, was ich gesagt hatte, f�r unwichtig und unbedeutsam hielt. F�r ihn mochte das vielleicht nicht weiter von Bedeutung sein. Man erz�hlte sich, dass er keine Freunde hatte. Diese Geste, mit der er jemanden, den ich liebte, zu einer Belanglosigkeit reduzierte, machte mich unendlich w�tend. Seine Hand griff nach der Glocke, um die Diener zu rufen, doch ich scherte mich nicht l�nger darum, wer er war, was er sagte oder was er f�r mich getan hatte. Ich st�rzte nach vorn, beugte mich �ber ihn und umklammerte die Schreibtischkante.</p><p>�Er war mein liebster Freund. Wenn ich ihm nicht zugerufen h�tte, innezuhalten, h�tte Luke Euren Sohn get�tet. Stattdessen hat Richard ihn umgebracht.�</p><p>Die Worte schn�rten mir die Kehle zu. Er hatte die Hand noch immer an der Glocke. Seine Stimme war kalt, und in ihr lag Skepsis. �Warum hast du deinem liebsten Freund zugerufen, innezuhalten?�</p><p>�Warum? Weil Richard nicht nur Euer Sohn, sondern auch mein Vater ist! Glaubt Ihr, Mylord, dass es, nachdem ich ihn gefunden hatte, mich danach verlangte, ihn zu t�ten?�</p><p>�Nach dem, was du erz�hlt hast, hat er versucht, dich zu t�ten.�</p><p>�Nach dem, was ich erz�hlt habe? Fragt Eure Dienerschaft in Highpoint. Wie viele Beweise braucht Ihr noch? Ihr habt uns dazu erzogen, einander zu hassen. Zuerst habt Ihr versucht, Richard zu etwas zu machen, das er nicht ist�� und dann habt Ihr mich gefunden.�</p><p>Ver�rgert l�utete Lord Stonehouse die Glocke. Die Diener sprangen herbei und bauten sich neben mir auf. Angespannt ballte ich die F�uste. Ich w�rde mich nicht fortzerren lassen wie zuvor. Lord Stonehouse nippte an seinem Wein, der stets auf seinem Schreibtisch stand, tupfte sich die Lippen ab und befahl den M�nnern, seinen Sekret�r zu rufen.</p><p>Als sich die T�r hinter ihnen wieder schloss, sagte ich: �Ich glaube, mein Vater hat es selbst nicht �ber sich gebracht, als es schlie�lich so weit war. Oder vielleicht�, f�gte ich verbittert hinzu, �bin ich naiv, und das ist nur, was ich glauben m�chte.�</p><p>Lord Stonehouse fuhr zusammen, als das Kohlefeuer in sich zusammenfiel. Eine Flamme erhellte sein faltiges Gesicht, das die Farbe von altem Pergament hatte. Er starrte auf das B�ndel Briefe, die an meine Mutter gerichtet und teils voller T�uschung, teils voller Liebe waren, aber vielleicht war auch das wieder nur etwas, das ich glauben wollte. Er las eine Seite, dann eine andere. Der Sekret�r, Mr�Cole, trat ein und blieb in der vorgeschriebenen Position stehen, die Beine leicht auseinander, einige Akten unter dem Arm. Eine von ihnen trug, wie ich feststellte, den Titel <emphasis>Mr�Richard</emphasis>.</p><p>Lord Stonehouse war mit den Briefen fertig, stie� sie mit den Fingerspitzen zu einem ordentlichen Rechteck zusammen und legte sie in die Schublade, die erste rechter Hand, von der ich mittlerweile wusste, dass sie Richard zugedacht war. Dann schloss er die Schublade ab und wandte sich an seinen Sekret�r.</p><p>�Mr�Cole, ich glaube, wir haben eine �bereinkunft mit Mr�Neave?�</p><p>Mit einer �berschw�nglichen Geste zog der Sekret�r das Dokument hervor, das er bezeugt und ich unterschrieben hatte�� damals, vor ewigen Zeiten, als ich ein arroganter J�ngling voll Gewissheit und voller Ideale war. Diese Arroganz zeigte sich selbst in meiner Unterschrift mit diesem l�cherlichen Schn�rkel darunter, auf die ich so stolz gewesen war und die mich jetzt erschaudern lie�.</p><p>�Ich glaube, es war ein Anh�nger gegen den Besitz des���</p><p>�Half Moon Court, Mylord.� Mit einer weiteren �berschw�nglichen Geste legte Mr�Cole ein Dokument, gewichtig durch Siegel und Juristensprache, vor mich hin.</p><p>Ich quittierte den Empfang. Diesmal war meine Unterschrift schlicht und ohne jeden Schn�rkel. Lord Stonehouse warf einen Blick darauf und dann auf die andere, machte indes keine Bemerkung dazu. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass ich entlassen war. An der T�r wandte ich mich noch einmal um.</p><p>�Und�� die Hochzeit, Mylord?�</p><p>�Was? Ach ja. Die Tochter vom alten Black. Warum sollte ich dir im Weg stehen? Dich zu etwas machen wollen, das du nicht bist, hm?�</p><p>Noch ehe er den Satz beendet hatte, war er bereits wieder in die Akte vertieft, die Mr�Cole ihm vorgelegt hatte, zur�ck in seiner vertrauten Welt der Papiere.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>43.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Sie sprachen �ber Richards Akte. Lord Stonehouse w�rde nicht ruhen, ehe er nicht wusste, was seinem �ltesten Sohn zugesto�en war. Zweifelsohne instruierte er Mr�Cole bereits, herauszufinden, ob ich ihn get�tet hatte. Kein Wort dar�ber, dass ich sein Enkel war. Nichts. Ich war Mr�Neave. Sein Vater gehe sparsam mit seinen Gef�hlen um, hatte Richard gesagt. Sparsam? Gef�hle? Alles, worum er sich sorgte, war sein �ltester Sohn, das Erbe, das Verm�gen! Mit solcherlei Gedanken qu�lte ich mich herum, bis mir klar wurde, dass Richard genau dasselbe empfunden haben musste, nachdem er mein Bild zum ersten Mal gesehen hatte.</p><p>Ich sagte mir, dass ich frei sei. Ich hatte alles, was ich je wollte, und versuchte die Stimmung des letzten idyllischen Sommers wiederzubeleben. Aber als ich zum Half Moon Court zur�ckkehrte, war ich so verdrossen, dass Mr�Black mich in sein Kontor rief, da er das Schlimmste bef�rchtete. Gleichg�ltig legte ich ihm die Eigentums�berschreibung auf das Schreibpult. Zuerst wollte er es sich nicht ansehen, in dem Glauben, es handele sich nur um eine weitere Aufforderung, das Haus zu r�umen. Dann sah er das Siegel. Las die Bestimmungen, warf das Dokument mit einem Freudenschrei in die Luft, fing es auf, las die Bestimmungen erneut, um sich zu vergewissern, dass sie nicht vom Papier gefallen und verloren gegangen waren, und rief nach seiner Frau. Endlich freute auch ich mich. Ich grinste �ber das ganze Gesicht, als er mir Wein einschenkte und Stein um Stein das Haus betrachtete und sagte: �Dieser Stein geh�rt uns! Dank Tom! Und der auch! Und der!� Pl�tzlich war ich kein Wahnsinniger mehr, �ber den man sich im Fl�sterton unterhielt, sondern ein Retter.</p><p>�Sollten wir nicht das Aufgebot bestellen?�, fl�sterte Anne. �F�r den Fall, dass du wieder fortmusst?�</p><p>Ich k�sste sie und sagte, ich w�rde sofort aufbrechen und Mr�Tooley aufsuchen, doch nachdem der Wein mir Mut gemacht hatte, ging ich stattdessen zu Charity. Sie war verwirrt, als ich stammelnd hervorbrachte, dass Luke noch leben w�rde, wenn ich nicht gewesen w�re.</p><p>�Aber Eure Hand hat doch das Schwert nicht gef�hrt!�</p><p>�Nein, das nicht, aber���</p><p>Ich gab auf. Sie wollte nur immer wieder h�ren, dass er sie liebte und dass er sie im Himmel wiedersehen w�rde. All die Schuldgef�hle, mit denen ich mich gequ�lt hatte, waren wie weggeblasen, waren nichts im Vergleich zum Trost meiner Worte. Sie bat mich sogar, der Pate des kleinen Luke zu werden. Als ich zusagte, ergriff sie meine H�nde. �Was genau hat er gesagt? Erz�hlt es mir noch einmal!�</p><p>Sobald er Mr�Black die Eigentumsurkunde �bergegeben hatte, schien Lord Stonehouse meine Entscheidung zu respektieren, ein Drucker sein zu wollen, und versorgte uns mit Auftr�gen der Regierung. Das Parlament regierte durch Verordnungen, und wir druckten Verordnungen �ber Kriegsanleihen, um die Kriegsflotte in See stechen zu lassen, Verordnungen, um Seeleute zu �finden� (mit anderen Worten, sie zu pressen), Verordnungen �ber die Bewaffnung, �ber Dienstvorschriften zur Bewaffnung (wodurch das, was bereits kompliziert war, vollkommen unverst�ndlich wurde), Verordnungen, die besagten, dass die Landstra�en (soweit es welche gab) befestigt werden sollten, dass eine gro�e Mauer rund um die Stadt zu errichten sei, und Verordnungen, mit denen die Grundsteuer erh�ht wurde, um das alles zu bezahlen. Die Herrschaft des Parlaments war nicht das Paradies, wie die Gro�e Remonstranz vorausgesagt hatte, mit der ich so erwartungsvoll durch die Stra�en gerannt war. Und verglichen mit den Geldforderungen des Parlaments wirkten die letzten Ausschweifungen des K�nigs geradezu bescheiden. Und es war stinklangweilig. Mir wurde schlecht, sobald ich das Wort Verordnung nur sah.</p><p>Um dem �berdruss zu entkommen, schlug Mr�Black vor, dass ich nach Westminster gehen sollte, wie ich es immer getan hatte, doch ich weigerte mich. Wieder der Laufbursche eines Druckers sein? Ich war ein Handwerksgeselle, kurz davor, selbst Meister zu werden! Nehemiah konnte nach Westminster gehen. Also ging Nehemiah und kehrte mit gl�nzenden Augen zur�ck, er habe Mr�Pym gesehen! So ruppig wie meine H�nde schwarz waren, schnauzte ich ihn an, mit der Arbeit an der Presse weiterzumachen. Ich hatte kein Wort von Mr�Pym geh�rt. Auch nicht von der Countess. Nicht ein Wort. Ich dachte an jenen berauschenden Abend, ehe ich London mit Eaton verlassen hatte, als ich Mr�Pym am Bedford Square begegnet war. Doch nat�rlich waren sie einzig und allein an mir interessiert, solange ich die Aussicht hatte, ein Stonehouse zu werden, und das hatte ich gegen den Half Moon Court eingetauscht.</p><p>Es fiel mir schwer, mich auf das Setzen des schmuddeligen Textes zu konzentrieren, den Nehemiah mir gebracht hatte, eine Verordnung �ber den rechtm��igen Druck von Verordnungen.</p><p>Der einzige Brief, der mich erreichte, kam von Kate. Nachdem er mich auf der Stra�e nach Warwickshire verlassen hatte, war Matthew nach Highpoint zur�ckgekehrt. Kate und er waren nach London zur�ckgereist, wie sie es viele Jahre zuvor getan hatten, in dem einzigen Fuhrwerk, mit dem sie ungehindert beide sich bekriegende Seiten passieren konnten: dem Pestkarren. Poplar florierte. Ein Schiff f�r die Kriegsflotte wurde gebaut, und Matthew war Schiffszimmermann oder nannte sich zumindest so.</p><p>Eines d�steren Tages war meine Stimmung am Nullpunkt angelangt. Der Eimer im Hof war mit einer halben Zoll dicken Eisschicht bedeckt, und Sarah kehrte schlitternd �ber Schichten aus dreckigem knirschendem Schnee aus der B�ckerei zur�ck, mit nichts als zwei Laiben Roggenbrot in der Hand. Es gab so viele Verordnungen, die ich setzen musste, w�hrend Nehemiah an der Presse arbeitete. Ich roch das Bier in seinem Atem und beschuldigte ihn, im Pot gewesen zu sein. Er bestritt, jemals dort gewesen zu sein, was die Sache noch schlimmer machte, denn ich hatte ihn einmal dort gesehen, doch ich sagte nichts.</p><p>Ich schlug ihn mit meinem Winkelhaken und erwischte ihn an der Stirn. Die Buchstaben, die ich gesetzt hatte, flogen in alle Richtungen, was meine Wut noch steigerte. Ich holte erneut aus. Ein Blutstropfen bahnte sich seinen Weg �ber seine Stirn. Als Nehemiah die Arme hochriss, hielt ich inne. Ich sah mich selbst dort kauern, wie ich mir auf die Lippen gebissen hatte, um nicht zu weinen, wenn der n�chste Schlag mich traf.</p><p>Ich schleuderte den Winkel durch die Werkstatt und ging ins Haus. Ich sah Mr�Blacks erschrecktes Gesicht, als er aus seinem Kontor kam, doch ich stieg geradewegs die Treppe empor zu meiner alten Schlafkammer auf dem Dachboden. Ich wickelte die Decke um mich, denn es war bitterkalt hier oben. Am Fenster waren noch die Eisblumen zu sehen, die der morgendliche Frost dort hinterlassen hatte. Ich stie� Susannahs Bibel fort, die ich seit langer Zeit nicht mehr aufgeschlagen hatte, setzte mich auf den Fenstersims, atmete ein Loch ins Eis und sp�hte hinaus. Meine Knie stie�en gegen mein B�ndel, und unvermittelt versp�rte ich die tiefe Sehnsucht, es auf den R�cken zu schnallen und zu gehen, wohin meine F��e mich trugen.</p><p>Ich h�rte Schritte auf dem Treppenabsatz und glaubte, Mr�Black sei mir gefolgt. Die T�r wurde ge�ffnet, doch ich wandte mich nicht um, sondern starrte weiterhin aus dem Fenster.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte ich.</p><p>Ich sp�rte eine Ber�hrung, die sanfteste, zaghafteste aller Ber�hrungen an meiner Schulter. Es war Anne. Ich wusste, weshalb sie gekommen war. Ersch�pft sagte ich: �Es tut mir leid. Ich war immer noch nicht bei Mr�Tooley wegen des Aufgebots, aber���</p><p>�Ich will nicht, dass du zu ihm gehst.�</p><p>Gereizt dachte ich, erst Nehemiah, jetzt Anne. Sie war schon an der T�r und wollte gehen. �Ich verspreche dir���</p><p>�Ich will nicht, dass du zu ihm gehst�, wiederholte sie aufbrausend.</p><p>�Komm schon.� Ich hielt sie auf und nahm sie in den Arm. Sie hob ihr Gesicht und musterte mich forschend, mit einer Wildheit, die ich nie zuvor an ihr gesehen hatte. Der Anblick l�ste eine Woge des Verlangens aus, und ich senkte den Kopf, um sie zu k�ssen. Im letzten Moment drehte sie sich von mir weg. Das verdoppelte nur meine Erregung, und ich zog sie noch fester an mich. Sie wehrte sich und versuchte, etwas zu sagen, doch ich schloss meine Lippen �ber ihre. Wir waren ins Zimmer zur�ckgewichen, ich erhaschte einen kurzen Blick auf den Apfelbaum und erinnerte mich daran, wie Eaton den Rest seines Apfels fortgeworfen und gesagt hatte, zeig ihr, wer der Herr ist! Gib ihr die Peitsche! Er hatte recht! Es war lachhaft, dass wir zusammenlebten, so nah und so lange schon, und es noch nie getan hatten! Je mehr sie k�mpfte, je mehr ihre F�uste zuschlugen und ihre N�gel mich kratzen, desto mehr entflammte ich, bis ich sie dr�ben beim Bett hatte, kurz davor, sie darauf zu schleudern, bis sie mir einen h�llischen Hieb auf den Sch�del versetzte.</p><p>Nein. Nicht sie. Der Balken! Dieser verfluchte Balken! Doch es war, als h�tte sie ihn geschwungen, denn sie riss sich los und rannte zur T�r. Ich taumelte und lie� mich schwerf�llig aufs Bett fallen, mein Kopf dr�hnte. Sie machte ein, zwei Schritte zur�ck in meine Richtung. Ich konnte sie nicht ansehen. Von der Wucht des Sto�es hatte ich mir auf die Zunge gebissen, und meine Stimme klang belegt und verwaschen. �Ich�� ich�� gehe�� sofort zu�� Mr�T� T��</p><p>�Du verstehst nicht, Tom. Ich will dich nicht heiraten.�</p><p>Benommen sch�ttelte ich den Kopf. �Sei nicht n�rrisch.�</p><p>Ungest�m ballte sie die F�uste. �Ich bin nicht n�rrisch! Ich will dich nicht heiraten!�</p><p>Mit starkem Schwindelgef�hl stand ich auf. Der Raum schwankte leicht, bis ich imstande war, mich auf ihre schmalen Lippen zu konzentrieren, den entschlossenen Ausdruck in ihrem Blick. Der obere Teil ihres Kleides war zerrissen, und die Rundung ihres Busens hob und senkte sich hektisch. Sie murmelte etwas so leise vor sich hin, dass ich ihr nicht folgen konnte.</p><p>�Was?�</p><p>�Du�� willst�� mich�� nicht�� heiraten.�</p><p>Die Worte kamen zwischen gro�en Schluchzern, und Tr�nen quollen aus ihren Augen, dass ihr mein Herz zuflog. Zur selben Zeit lachte ich, so erstaunt war ich. �Aber Anne! Was f�r ein Unsinn! Ich liebe dich. Ich habe dich immer geliebt, und ich wollte dich schon immer heiraten.�</p><p>Mit einer ungeduldigen Geste wischte sie sich die Tr�nen aus den Augen. �Du magst mich vielleicht lieben, aber du willst mich nicht heiraten. Du wirst niemals gl�cklich sein mit mir.�</p><p>Unter ihrem �rger zitterte sie. Ich sp�rte, wie ihr ganzes Leben, und meines dazu, in St�cke fiel, und sehnte mich danach, sie festzuhalten und zu tr�sten, doch ich f�rchtete einen weiteren Wutausbruch. �Ich werde niemals mit jemand anderem gl�cklich sein�, sagte ich leise.</p><p>�Du wirst niemals gl�cklich sein mit mir�, wiederholte sie, genauso leise. �Wir passen nicht zusammen.�</p><p>�Passen nicht zusammen? Nat�rlich passen wir zusammen. Wir haben immer zusammengepasst.�</p><p>Als m�sste sie sich jedes Wort abringen, sagte sie: �Meinetwegen�� hast du�� keine�� angemessene Stellung.�</p><p>�Sei keine N�rrin. Dies hier ist alles, was ich will.�</p><p>�Dies hier? Das ist es?� Sie hatte aufgeh�rt zu zittern und war jetzt ziemlich ruhig, sah sich in der Kammer um, blickte auf Sarahs Bett mit dem Sackleinen, das sie als Bettzeug nutzte, und auf meines, das immer noch ungemacht war. Mr�Black musste sich zu Nehemiah an die Druckerpresse gesellt haben, denn sie lief jetzt in regelm��igem Rhythmus und lie� jedes Mal, wenn die Platte auf das Papier gepresst und dann f�r das n�chste Blatt zur�ckgerissen wurde, das ganze Haus erbeben. Sie kam n�her und blickte mir fest in die Augen. �Ist es das?�</p><p>Sie zwang mich dazu, den Blick auf Dinge zu lenken, die zu betrachten ich mich bislang geweigert hatte, dazu, auf eine Weise in mein Innerstes zu blicken, die so schmerzhaft war, dass ich nicht sprechen konnte. Ich wandte mich von ihr ab und stie� mir fast noch einmal den Kopf am Balken. Mit aller Kraft hieb ich mit der Faust dagegen und verzog das Gesicht, umklammerte die Hand, weil ich das Gef�hl hatte, jeden einzelnen Knochen darin gebrochen zu haben. Ich setzte mich auf den Fenstersims und atmete so schwer, dass die letzten Eisblumen schmolzen.</p><p>�Hier.� Sie reichte mir einen Lappen. �Deine Lippen bluten.�</p><p>Ich wischte sie ab und zeigte auf ihr zerrissenes Kleid. �Entschuldigung.�</p><p>�Schon gut. Ich werde es n�hen. Daf�r sind wir Frauen doch da.� Es war das einzige Anzeichen von Bitterkeit, das sie zeigte. �Was hat Lord Stonehouse gesagt?�</p><p>�Er glaubt, ich h�tte seinen Sohn get�tet.�</p><p>Sie war sehr still. �Und, hast du?�</p><p>�Ich wei� es nicht.� Ich erz�hlte ihr alles, was ich wusste, alles, woran ich mich erinnerte. Sie schwieg, bis ich ihr sagte, dass ich Lord Stonehouse vorgeworfen habe, er habe Richard und mich, Vater und Sohn, dazu gebracht, einander zu hassen, auch wenn er es nicht gewusst hatte. Ich glaubte, das sei die Wahrheit, es hatte ihn verletzt und sollte ihn auch verletzen, und ich war froh, dass ich es gesagt hatte. Aber Anne sah mich erschrocken an.</p><p>�Du kannst doch nicht auf diese Weise mit jemandem sprechen, der �ber dir steht!�</p><p>��ber mir stehen?�, fauchte ich sie an. �Ist er etwa etwas Besseres als ich?�</p><p>�Er ist ein Lord!�</p><p>�Er ist ein Lord!�, �ffte ich sie nach. �Er ist ein Betr�ger und M�rder.� Ich erz�hlte ihr von dem Vertrag, und sie sah, soweit es m�glich war, noch erschrockener aus.</p><p>�Du Narr!�</p><p>Es war eine Sache, mich als solcher zu f�hlen, doch eine ganz andere, von ihr so genannt zu werden. Sie wich zur�ck, und ich konnte mich gerade noch bremsen, mich auf sie zu st�rzen, wie ich es getan hatte, als sie den Anh�nger angelegt hatte. Selbst jetzt hatte ich das Gef�hl, der Anh�nger h�tte die Dinge zwischen uns vergiftet. �Ja. Ich bin ein Narr. Ich nehme an, ich h�tte eine gute Stellung f�r mich herausschlagen k�nnen. Ist es das, was du meinst? Ich habe es f�r <emphasis>dich</emphasis> getan! Gott wei� warum! Du hast recht! Wir passen �berhaupt nicht zusammen! Ich werde gehen!�</p><p>Sie war so blass, jeder Tropfen Blut schien aus ihrem Gesicht gewichen zu sein. �Ja�, fl�sterte sie. �Es ist das Beste, wenn du gehst. Geh jetzt. Ich w�nschte, du w�rst nie hierher gekommen.�</p><p>Dass sie es so ruhig hervorbrachte, machte alles nur noch schlimmer. Sie wandte sich zur T�r, und ich dachte, sie w�rde noch etwas sagen, aber falls sie das vorhatte, kamen die Worte nicht heraus. Sie ging, und ich h�rte sie etwas zu ihrer Mutter sagen, wieder ruhig und gefasst, als sei nichts geschehen, dann schloss sich die T�r zu ihrer Schlafkammer. Ein halbes Dutzend, nein, ein Dutzend Mal machte ich Anstalten, nach unten zu gehen und an ihre T�r zu klopfen, doch jedes Mal machte ich kehrt und starrte hinunter auf den gefrorenen Apfelbaum. Sie kannte mich besser als ich mich selbst. Der Anh�nger hatte mich in seinen Bann gezogen, und ich wollte mehr als das�� doch was, das wusste ich nicht. Sie hatte recht. Ich h�tte sie heiraten und hier bleiben k�nnen, oder an einem Ort wie diesem, und w�re zunehmend rastloser geworden, h�tte vielleicht sogar angefangen, sie zu hassen. Stattdessen hatte sie mich abgewiesen�� mich abgewiesen! Das f�hrte dazu, dass ich sie noch heftiger liebte als je zuvor und ihr zugleich in h�chstem Ma�e grollte. Sie hatte mir meine Freiheit geschenkt, doch es gibt nichts Schrecklicheres als Freiheit, wenn man nichts damit anzufangen wei�.</p><p>Die Druckerpresse blieb stehen, und das Haus schien zur Ruhe zu kommen, wie es das immer tat, gleich einem Schiff, das den Anker geworfen hatte. Jetzt w�rden sie die bedruckten Bl�tter zum Trocknen auslegen. Mr�Black w�rde sorgf�ltig und peinlich genau jedes einzelne inspizieren, hier eines, dort ein anderes bem�ngeln. Ich lauschte. Ja, da war seine scharfe Stimme, das Ger�usch eines gut gezielten Schlages, doch es rief nur ein Schniefen, keinen Schrei hervor. Er hatte nicht mehr die Kraft, die er damals bei mir besessen hatte. Ach, wenn ich doch nur zur�ckkehren und noch einmal von vorn beginnen k�nnte, wie w�rde ich diesen Schlag willkommen hei�en. Wenn ich zur�ckgehen und meine Fehler korrigieren k�nnte�� und meine hoffnungslosen Erwartungen!</p><p>Ich nahm mein B�ndel. Mir blieben noch ein paar Stunden Tageslicht. Ich packte meine Kleider ein und �berpr�fte die Stiefel, und unvermittelt �berkam mich das Verlangen, ohne Aufschub aufzubrechen. Nur eines musste ich noch ins B�ndel stecken, den Gegenstand, mit dem ich gekommen war�� Susannahs Bibel. Ich nahm sie und wollte sie gerade einpacken, als ich ihre Stimme zu h�ren meinte, wie sie sagte: �Tom, wann immer du einen Rat brauchst, �ffne das Buch.�</p><p>Ich hatte es seit vielen Monaten nicht mehr ge�ffnet, und Gott wei�, dass ich jetzt einen Rat brauchte. Vor dem Fenstersims fiel ich auf die Knie und schlug das Buch auf, wo der Zufall es wollte, wie Susannah es getan hatte, wobei ich nur im Neuen Testament suchte, nicht im Alten, da das f�r mich f�r die blutige Vergeltung von Edgehill stand. Ich schloss die Augen, schob den Finger zwischen die Seiten, wie Susannah es immer gemacht hatte, und �ffnete das Buch, um die Textstelle im Johannesevangelium zu lesen, in der Jesus die F�nftausend speist, mit f�nf Brotlaiben und zwei Fischen. Ich starrte den Text an, aber ich begriff nicht, welche Bedeutung er f�r mich hatte. Das einzige Brot im Haus war trockenes Roggenbrot, und es war viel zu schwer, um es �berhaupt zu brechen, ganz zu schweigen davon, F�nftausend zu ern�hren.</p><p>Ich gr�belte dar�ber nach und r�tselte herum, doch ich hatte weder Susannahs Glauben noch Matthews List, um eine Bedeutung darin zu erkennen, bis ich das Buch schlie�lich mit einem Knall schloss, es in mein B�ndel stopfte und zur T�r ging. Das Haus bebte, aber es war nicht die Ersch�tterung durch die Presse. Es war eine vorbeifahrende Kutsche, und zwar keine Mietkutsche, in der man bis auf die Knochen durchgesch�ttelt wurde, sondern ein Zweisp�nner. Ich sah, wie sich die edlen Pferde vorsichtig durch die schmale Einfahrt dr�ngten. Blitzartig ging mir auf, dass allein mein Mangel an Glauben, mein Beharren darauf, dass es ein R�tsel sein m�sse, obwohl es keins war, verhindert hatten, dass ich das Offensichtliche sah. Susannah h�tte die Bedeutung der Textstelle sofort erkannt. Ein Wunder w�rde geschehen! Skeptiker m�gen vielleicht sagen, das wahre Wunder l�ge darin, dass ich, wenn ich nicht �ber die Textstelle nachgegr�belt und ger�tselt h�tte, mein B�ndel schon l�ngst geschultert h�tte und unerreichbar auf der Stra�e unterwegs gewesen w�re.</p><p>In diesem Moment wusste ich mit absoluter Gewissheit, dass Lord Stonehouse, �berw�ltigt von Gewissensbissen �ber den Hass, den er zwischen Vater und Sohn ges�t hatte, gekommen war, um mich um Verzeihung zu bitten. Ich sah in ihm wieder den freundlichen alten Edelmann, der mich in die Arme genommen hatte, nachdem ich mich mit Pech verbrannt hatte. Gro�e Sch�tze. Das war genau das, was Matthew in dem Anh�nger vorhergesehen hatte. Es war genau das Ende, das eine Geschichte oder Ballade haben sollte. Das ganze Haus war in Aufruhr, als ich die enge Wendeltreppe hinunterrannte und mit Mrs�Black zusammenstie�, die Jane kreischend zurief, ihr bestes Kleid zurechtzulegen, w�hrend Mr�Black und Nehemiah mit weit aufgerissenen M�ndern aus der Werkstatt traten.</p><p>Nur Sarah, die sich die H�nde an einem Tuch abwischte, schien unger�hrt. �Er wird das Ding niemals hier rein bekommen�, sagte sie.</p><p>Ich rannte auf den Hof, rutschte auf dem Eis aus und fiel, so dass ich erst auf die livrierten Beine eines Lakaien blickte, dann in die ver�chtlich dreinschauenden Augen von Jenkins, meinem alten Feind vom Bedford Square, der gerade die Treppe aufstellte, damit die Countess aussteigen konnte.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>44.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Sie waren eingesch�chtert, aber sie liebten sie. Nie wieder traf ich einen Menschen, der im selben Atemzug so bezaubernd und abweisend zugleich sein konnte. Lucy Hay machte Mrs�Black Komplimente �ber den auserlesenen Stoff ihres Tuches (�Wer beliefert Euch?�) und lobte Mr�Black, er sei Londons Stimme der Freiheit (einen Satz, von dem ich schon jetzt wusste, dass er ihn hier und da mit geb�hrenden Dankesbezeugungen anbringen w�rde) und bat um die Erlaubnis, Anne und mich allein sprechen zu d�rfen.</p><p>Ich f�rchtete, sie wollte Anne sagen, sie st�nde mir im Weg. Anne erging es meiner Meinung nach ebenso, denn sie weigerte sich, herunterzukommen. Nur die gr�sslichsten Drohungen ihrer Eltern brachten sie schlie�lich nach unten, mit sehr blassem Gesicht und repariertem Kleid. Die letzten Kohlen wurden auf das Feuer geworfen, Wein in unsere H�nde gedr�ckt, und dann lie� man uns allein. Die Countess behielt ihren Pelzumhang an, denn die Kohlen, die Sarah auf das Feuer geh�uft hatte, hatten dieses praktisch erstickt. Sie nippte an ihrem Wein, verzog das Gesicht und goss, nachdem ich meinen mit einem Schluck heruntergesp�lt hatte, den Rest in mein Glas.</p><p>�Habt Ihr die Neuigkeiten von Richard Stonehouse geh�rt?�, sagte sie in einem Tonfall, aus dem man schlie�en konnte, dass sie sicher war, dass wir nichts geh�rt hatten. Ich wurde sehr still und war mir pl�tzlich sicher, dass man seine Leiche gefunden hatte. Normalerweise machte Lucy Hay sich�� meist zum Verdruss ihres Gegen�bers�� ein Vergn�gen daraus, andere mit Ausk�nften hinzuhalten, die niemand au�er ihr kannte. Doch jetzt sah sie meinen Gesichtsausdruck und sagte schnell: �Er lebt. Und ist quicklebendig.�</p><p>Auf meine Erleichterung folgte Verwirrung. Das, und was ich zu Lord Stonehouse gesagt hatte, machte jede Hoffnung auf eine gute Stellung bei ihm zunichte. Er hatte keinen Kontakt zu mir aufgenommen, um mir dies mitzuteilen, obwohl Richard mein Vater war und er zumindest eine Ahnung von den Qualen haben musste, die ich durchgemacht hatte. Ein Wunder! Lord Stonehouse von Gewissensbissen �berw�ltigt. Was f�r ein idiotischer Narr ich doch war! Ich sollte mich wieder meinen Balladen und Flugschriften widmen�� das war alles, was ich zuwege brachte. Ich h�rte kaum zu, was die Countess zu sagen hatte. Richard hatte sich hinter die royalistischen Linien zur�ckgezogen. Er war jetzt Sir Richard, erz�hlte sie uns. Zurzeit hielt er sich im Gefolge der K�nigin in Frankreich auf, um englische Soldaten aus den europ�ischen Armeen zu rekrutieren. Mir blieb immer noch gen�gend Tageslicht, um aufzubrechen. Ich starrte mein B�ndel an, das ich bei der T�r fallen gelassen hatte. Ich trank den Wein aus, unf�hig, Anne in die Augen zu blicken, und w�nschte, die Countess w�rde gehen, doch sie plapperte weiter und sagte, dass Lord Stonehouse die Nachricht, dass sein Sohn am Leben sei, feiern wolle, es indes f�r unangemessen hielt, einen Empfang f�r einen hohen Befehlshaber der Royalisten zu geben.</p><p>Das Feuer war schlie�lich doch noch angegangen. Die Countess seufzte vor Wohlbehagen und streifte den Pelzumhang von den Schultern. Der Zwilling des Falkenanh�ngers, den ich zum ersten Mal in ihrer Kutsche gesehen hatte, glitzerte zwischen ihren Br�sten. �M�nner�, sagte sie mit einem Kopfsch�tteln zu Anne, �haben keine Ahnung, wie sich so ein Interessenskonflikt l�sen l�sst.�</p><p>Anne starrte sie stumm an. Ich err�tete f�r sie, sicher, dass sie keine Ahnung hatte, wovon die Countess sprach.</p><p>�Alles in Ordnung zwischen Euch beiden?�</p><p>Anne sa� kerzengerade und schien ihre Finger verknoten zu wollen. Ich wollte sie festhalten, sie vor dieser neugierigen, wissbegierigen Frau besch�tzen, die einem blutsaugenden Floh glich, der sich von den vertraulichen Geheimnissen aus dem Leben anderer Menschen ern�hrt.</p><p>�Ich verstehe. Es scheint, als sei ich gerade im richtigen Moment gekommen.� Ich beugte mich vor, um ihr zu sagen, dass sie sich nicht einmischen solle, aber sie hob gebieterisch die Hand. �Ich gebe heute Abend eine kleine Gesellschaft f�r Lord Stonehouse�� von au�en betrachtet hat es nat�rlich nichts mit Richard zu tun, aber es wird ihn in die Lage versetzen, nun�� diskret zu feiern. Warwick wird dort sein. Bedford. Mr�Pym nat�rlich. Genau die richtigen Personen. Ich m�chte, dass du kommst.�</p><p>Ich wandte mich ihr zu und starrte sie an. Nach allem, was geschehen war, erwartete sie, dass ich Richards R�ckkehr ins Leben feiern w�rde? Auf der anderen Seite w�rde Mr�Pym dort sein und die gro�en Earls Bedford und Warwick, die sich seiner bedienten und die Kriegsflotte befehligten.</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte ich und blickte unbedacht wieder ins Feuer. �Ich wei� nicht, ob ich kommen soll���</p><p>�Oh, nicht <emphasis>Ihr!</emphasis>�, sagte sie. �Das w�re �berhaupt nicht gut.�</p><p>Sie sah nicht mich an, sondern Anne. Ich musterte die Countess erstaunt, Anne mit gro�em Entsetzen.</p><p>�Ich brauche eine Kammerfrau. Alle aufgeweckten Zofen sind in Paris bei der K�nigin oder in Oxford beim K�nig. Es gibt keinen Grund, warum Rechtschaffenheit nicht attraktiv sein sollte, doch puritanische Frauen sind so langweilig wie Lebertran.� Ich versuchte erneut, sie zu unterbrechen, aber nichts konnte sie aufhalten. �Wir leben in einer Welt, in der das Unterste zu oberst gekehrt ist, wie es in der Ballade hei�t, und wir machen aus Edelleuten Bauern und aus Bauern Edelleute. Aber f�r diesen Moment m�chte ich dich Lady Black nennen. M�nner m�gen Geheimnisse. Komm schon, Anne. Wir haben nur wenig Zeit.�</p><p>Sie erhob sich und bedeutete Anne, ihr zu folgen. Anne sprang auf, doch damit endete ihre Folgsamkeit auch schon. Sie wich zur�ck und hakte die Finger ineinander, als wollte sie sie abrei�en. �Ich kann nicht.�</p><p>�Unsinn. Nat�rlich kannst du.�</p><p>�Ich w�sste gar nicht, was ich sagen soll�, rief Anne gepeinigt auf. �Oder was ich tun soll!�</p><p>Ich trat zwischen sie und stellte mich sch�tzend vor sie. �Sie hat recht. Das ist l�cherlich. Wie soll sie einen Unterhaltung mit Mr�Pym bestreiten? Oder mit Lord Stonehouse?�</p><p>Ehe die Countess antworten konnte, fuhr Anne mich an wie eine fauchende Katze. �Meinst du, ich h�tte nichts von dir gelernt, wenn du dich endlos �ber Politik ausgelassen hast? Nichts von dort?� Sie deutete auf die Druckerei. �Nichts �ber den Krieg? Glaubst du das wirklich?� Sie wandte sich ab, Tr�nen stiegen ihr in die Augen, als sie die letzten Worte herausw�rgte.</p><p>�Exakt�, sagte die Countess bes�nftigend. �Du kannst wunderbar zuh�ren, Anne, und stellst auf charmante Weise Fragen. Mehr erwarten M�nner gar nicht von uns, ist es nicht so, Tom?�</p><p>Sie l�chelte mir liebensw�rdig zu. Ich hasste sie. Ich hasste ihr Gift. Ich begriff nicht, wieso ich sie jemals sch�n gefunden hatte, warum ich jemals von ihr fasziniert gewesen war. Doch bei all ihrer Durchtriebenheit glaubte ich nicht, dass sie Anne �berreden k�nnte. Die Vorstellung versetzte Anne in Panik, sie war zu eingesch�chtert von denen, die sie f�r h�herstehend hielt. Und tats�chlich lie� sie sich wieder auf ihren Stuhl sinken, kauerte sich vor dem Feuer zusammen und sch�ttelte starrsinnig den Kopf.</p><p>�Es ist unm�glich. Was soll ich anziehen? Ich habe nur dieses Kleid und ein oder zwei andere Fetzen.�</p><p>�Nun�, sagte die Countess. �F�r den Anfang k�nntest du den hier nehmen.�</p><p>Anne drehte sich um und erstarrte. Die Tr�nen in ihren Augen glitzerten wie die Diamanten auf dem Anh�nger, den die Countess gerade abnahm.</p><empty-line/><p>All die Dem�tigungen, die ich je von Anne erlitten hatte, seit ich ohne Stiefel an den F��en in dieses Haus gekommen war, waren nichts gegen die Schmach, zusehen zu m�ssen, wie sie sich von Jenkins in die Kutsche helfen lie�. Ihr Entsetzen hatte sich in h�chste Erregung verwandelt. Der Umgang zwischen Jenkins und ihr wirkte �beraus vertraut, w�hrend Jenkins wieder dazu �bergegangen war, mir wegen meiner zerknitterten Kleider und der schwarzen Finger ver�chtliche Blicke zuzuwerfen. Nat�rlich! Anne war nicht nur einmal bei der Countess gewesen, sondern mehrere Male. Lucy hatte mich zugunsten einer neuen Favoritin fallen gelassen.</p><p>Der ganze Haushalt hatte sich versammelt, um sie abfahren zu sehen, Mrs�Black knickste, und Mr�Black l�pfte seinen Hut wie ein Paar in einem Puppentheater an der Bartholomew Fair. Die H�lfte der Tr�ger von Smithfield kam herbei, um der Kutsche zur�ck in die Cloth Fair zu helfen. Manche von ihnen hielten die Countess f�r die K�nigin, so wie sie l�chelte und die Hand hob. Anne winkte mir zu, aber ich konnte nicht, w�rde nicht zur�ckwinken. Zu viel in diesem Winken, in dem Blick, den sie mir zuwarf, erinnerte mich an die Zeit, als sie mich ver�chtlich einen Affen genannt hatte.</p><p>�Manche von uns steigen rauf, und manche steigen runter�, sagte Sarah. �Aber womit sollen wir jetzt heizen?�</p><p>Es war eiskalt und inzwischen auch viel zu sp�t, um noch abzureisen. Nach dem Abendessen brachte ich mein B�ndel nach oben und ging fr�h zu Bett, doch ich konnte nicht schlafen, da ich unabl�ssig an Anne denken musste. Jetzt, wo ich mich hin und her warf, l�sten sich meine Eifersucht und brennende Missgunst in qu�lende Sorge auf. Ich kannte sie so gut. Ihre Panik w�rde zur�ckkehren. Sie w�rden wissen, wer oder zumindest was sie war. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Lord Stonehouse sie mit seinen schwarzen Augen eindringlich musterte. Was er wohl sagen w�rde? Ich sprang aus dem Bett und lief hinaus in die kalte Nacht.</p><p>Kein Ton war zu h�ren, bis auf die Rufe des Nachtw�chters. Kein Hund bellte. Selbst in den Sch�nken schienen sich die Menschen am Feuer zusammenzukauern. Ich blieb stehen. Mein Atem hing als Eiswolke in der Luft, als der Nachtw�chter an mir vorbeikam. Er sagte etwas, aber ich verstand kein Wort. Was tat ich hier? Warum eilte ich in dieser trostlosesten aller Wintern�chte durch London, um sie zu beh�ten und zu tr�sten, verga� alles andere, so wie der Eheschwur in der Kirche es gebot, wenn ich sie nicht �ber alles liebte? Ich f�hlte mich wie damals, als wir uns zum ersten Mal k�ssten. Nein! Wie damals, als ich mich danach sehnte. Ich stie� einen Freudenschrei aus. Rannte. St�rzte, rappelte mich lachend wieder auf und erreichte in dieser Stimmung den Bedford Square.</p><p>Ich machte einen Schritt, um seitlich um das Haus herumzugehen, wo ich so oft Briefe abgegeben hatte, als ich sie erblickte. Oder, wie ich besser sagen sollte, ich sah den Anh�nger. Denn einen Moment lang erkannte ich die Frau nicht, die ihn trug. Es war Anne und doch nicht Anne. Ihre rosigen Lippen und Wangen hoben sich scharf von ihrer reinen wei�en Haut ab, deren Bl�sse durch den Anh�nger noch betont wurde. Er funkelte auf der Schwellung ihres kleinen Busens. Sie nickte gerade, neigte ernsthaft und respektvoll das Kinn vor Lord Stonehouse und zeigte damit ihren langen, glatten Hals. Zur gleichen Zeit, umrahmt von wundersch�nen kleinen L�ckchen, strahlten ihre gro�en blauen Augen hell und blickten kokettierend zu Lord Stonehouse auf, in einer Art und Weise, wie ich es nie zuvor gesehen hatte. Sie erinnerte mich an jemanden, aber so sehr ich mich auch anstrengte, ich wusste nicht, an wen.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>45.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>In dieser Nacht kam sie nicht zur�ck. Von Eifersucht zerfressen, schlief ich nur wenig. Nachdem ich reglos und zu einem Eiszapfen erstarrt dort vor dem Fenster gestanden hatte, bis die ersten Kutschen kamen, erwachte ich am n�chsten Morgen mit einer dicken Erk�ltung und Fieber. Mir fiel ein, an wen Anne mich erinnert hatte, als ich durch das Fenster zu ihr emporgeschaut hatte. Es war jemand, den ich niemals kennengelernt, sondern mir immer nur vorgestellt hatte: meine Mutter.</p><p>Je mehr das Fieber stieg, desto mehr verschmolzen die beiden miteinander, bis ich das Gef�hl hatte, nicht l�nger zu wissen, wer Anne war, genau wie ich die Gewissheit �ber mich selbst verloren hatte, sobald ich mein Portr�t in Highpoint erblickt hatte. Der Anh�nger an Annes Busen wurde zu dem Anh�nger, den Matthew aus den nassen B�schen gesammelt hatte, und ich dachte, ich m�sste gehen, doch in dieser mir entgleitenden, verblassenden Vision hielt ich ihre Hand, und wir gingen zusammen.</p><empty-line/><p><emphasis>�Eiscreme!�,</emphasis> kreischte Mrs�Black.</p><p>Ich hob den Kopf und h�rte das Murmeln von Annes Stimme. Ich war schwei�gebadet, und meine Nase war geschwollen wie eine Schweinsblase. Aus den schwachen Sonnenstrahlen, die durch die frischen Eisblumen am Fenster drangen, schloss ich, dass es bereits nach Mittag war. Jemand hatte zus�tzliche Decken und Umh�nge �ber mich geh�uft. Ich wuchtete sie zur Seite und fing augenblicklich an zu zittern. Mrs�Black kreischte erneut.</p><p>�Der Earl von <emphasis>wer</emphasis>?�</p><p>Ich sank zur�ck ins Bett und zog mir die Decke �ber den Kopf. Kurz darauf kam Anne herein und rief meinen Namen. Als ich mich nicht r�hrte, begann sie erneut, die Umh�nge und M�ntel �ber mich zu h�ufen. Gereizt stie� ich sie beiseite und erkl�rte ihr mit belegter kr�chzender Stimme, dass mir zu hei� sei.</p><p>�Armer Tom. Du klingst furchtbar.� Blinzelnd sah ich sie an. In meinen Tr�umen hatte sie stets so ausgesehen wie im Fenster am Bedford Square, so dass ich verwirrt war, sie jetzt im dicken alten Morgenmantel ihrer Mutter zu sehen. Sie trug ihn �ber dem Kleid, das ich zerrissen und das sie so geschickt repariert hatte, dass die Stiche kaum zu erkennen waren.</p><p>�Hier.� Sie stellte einen Becher mit hei�em Milchpunsch ab.</p><p>�Danke.� Ich vergrub mein Gesicht im Kissen.</p><p>�Willst du nicht h�ren, was passiert ist?�</p><p>�Ich will nur schlafen�, murmelte ich, �Lady Black.�</p><p>Sie ber�hrte meinen Kopf. �Du bist eifers�chtig.�</p><p>Ich fuhr hoch und schrie: �Ich bin nicht eifers�chtig! Ich will nur schla�� Ich bekam einen Hustenanfall. Sie stopfte mir ein Kissen in den R�cken, und ich trank etwas von der Milch. �Was hast du zu Lord Stonehouse gesagt?�</p><p>�Woher wei�t du, dass ich mit ihm gesprochen habe?�</p><p>�Weil ich dich gesehen habe.�</p><p>�Mich gesehen? Wie das?�</p><p>Ich putzte mir die Nase. �Durchs Fenster. Ich dachte, du w�rdest dich f�rchten, so weit weg von deiner���</p><p>�Tom, ach Tom!� Sie umarmte mich und hielt mich fest.</p><p>Ich nieste. �Ich dachte�� da oben�� warst du so hoch �ber mir.�</p><p>Sie lie� mich los. �Was meinst du, wie ich mich gef�hlt habe, seit diese Geschichte begann? Darum hat Lucy�� die Countess�� mir Unterricht erteilt, nachdem ich das erste Mal bei ihr war.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Ich habe nicht mit Lord Stonehouse gesprochen. Er hat mit mir geredet. Das gef�llt ihm, weil er nicht besonders gut h�ren kann. Hast du das nicht gemerkt?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf dar�ber, wie begriffsstutzig und ichbezogen ich gewesen war, dass es mir nicht aufgefallen war. Das erkl�rte, warum er so laut und barsch sprach und warum er so zur�ckhaltend auf manche der Dinge reagiert hatte, die ich sagte. Lucy Hay hatte seine Taubheit ausgenutzt. Sie hatte Anne als Lady Black vorgestellt, und erst nachdem Lord Stonehouse eine Zeit lang mit ihr gesprochen hatte�� er sagte, sie erinnere ihn an seine Frau, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte��, legte Lucy offen, wer sie war, und sagte, er m�sse sich verh�rt habe, da sie Anne als ihre Kammerfrau Anne Black vorgestellt habe.</p><p>�Was hat er dann gemacht?�</p><p>�Er hat mich geschnitten.�</p><p>Dass sie so rasch die Salonsprache �bernommen hatte, und die Verzweiflung, die ich ihrem gesenktem Kopf und den bebenden Schultern entnahm, lie�en mich zu dem Schluss kommen, dass meine Bef�rchtung, man w�rde sie grausam zur�ckweisen, wahr geworden waren. Emp�rt und sch�tzend legte ich meine Arme um sie�� und zog sie langsam wieder zur�ck. Sie weinte nicht, sondern lachte. Ihre blauen Augen blitzten boshaft auf. Die Pupillen waren immer noch von dem Belladonna geweitet, das Lucy ihr gestern Abend offensichtlich eingetr�ufelt hatte.</p><p>�Bedford kam her�ber���</p><p>�Der Schatzmeister?�</p><p>�Ist er das?�</p><p>�Erz�hl weiter.�</p><p>Sie ahmte den kultivierten Tonfall des f�nften Earl of Bedford, den ich so oft in der Lobby geh�rt hatte, perfekt nach. �Er sagte, falls diese unruhige Waffenruhe anhielte und ich mich zuf�llig in Hertfordshire wiederf�nde�� Da wurde er von Warwick unterbrochen, der von irgendwelchen Juwelen sprach, die man den Spaniern abgenommen hatte, von einem Kaperschiff, der <emphasis>Resolution</emphasis>, das ihm und Lord Stonehouse geh�rte, und die wunderbar zu meinem Anh�nger passen w�rden���</p><p>Die <emphasis>Resolution</emphasis> war das Schiff, an dem Matthew mitgebaut und f�r das ich das Pech zum Kalfatern herangeschleppt hatte. Ich starrte auf die Narbe an meinem Bein, die mir von der Verbrennung geblieben war und nach der Lord Stonehouse sich meiner angenommen hatte.</p><p>�Er hat dich einfach so geschnitten? Lord Stonehouse?�</p><p>�Ja. Doch sobald er Bedford und Warwick mit mir sprechen sah, schien er mich,�� nun ja, mit anderen Augen zu sehen.�</p><p>�Mit anderen Augen?�</p><p>�Vielleicht war er eifers�chtig. Ich wei� es nicht.� In ihrem Blick lag ein verschmitztes Strahlen, das ich nie zuvor bei ihr gesehen hatte. Jetzt ahmte sie Lord Stonehouse� ruppige, abgehackte Sprechweise nach. ��Du bist Blacks M�dchen�, sagte er. Er war �berrascht, dass ich lesen kann und mich f�r Verm�gensverwaltung interessiere und���</p><p>Ich gaffte sie an. �Du hast keinen Schimmer von Verm�gensverwaltung.�</p><p>�Aber er. Und ich habe zugeh�rt.� Ihre Stimme geriet ins Stocken. Sie verschr�nkte die H�nde und blickte mich ernst an. �Glaubst du, ich habe mich selbst zur N�rrin gemacht?�</p><p>Misstrauisch sah ich sie an, aber sie erwiderte meinen Blick bescheiden und sanftm�tig. Ich war mir nicht l�nger sicher, woran ich mit ihr war. So wirrk�pfig Mrs�Black auch sein mochte, sie blickte stets zu Mr�Black als dem Herrn des Hauses auf und gehorchte ihm, so wie es sich geh�rte. Denn die Ehre eines Mannes war schlie�lich eng mit der Frage verkn�pft, ob er seinen eigenen Haushalt im Griff hatte. Ich hasste den Gedanken an die begehrlichen Blicke, mit denen die hohen Herren sie bedacht hatten, war indes zugleich begierig auf die Ausk�nfte, die sie aus ihnen herausbekommen hatte.</p><p>�Hat Lord Stonehouse etwas �ber mich gesagt?�</p><p>Sie blickte zu Boden und sch�ttelte wenig �berzeugend den Kopf.</p><p>�Was hat er gesagt?�, sagte ich scharf.</p><p>�Er sagte��� Sie erschauderte und biss sich auf die Lippen, dann platzten die Worte mit einem Lachanfall aus ihr heraus, ���dass du zu viel redest.�</p><p>Ich blickte sie weiterhin kalt an, bis ihr Lachen erstarb. �Wirst du im Fr�hjahr nach Hertfordshire fahren?�, fragte ich. �Oder dir Warwicks Juwelen anschauen?�</p><p>Sie brach erneut in Gel�chter aus. �Ach Tom! Du bist eine Million Mal mehr wert als all diese reichen alten M�nner.�</p><p>�Bin ich das?�, fragte ich d�mmlich. �Und du bedeutest mir eine Million mal mehr als Lord Stonehouse.�</p><p>Zur H�lle damit. Zur H�lle mit der Ehre, mit Lord Stonehouse, dem K�nig�� wenn das die verdrehte Welt war, wollte ich mit dabei sein.</p><p>�Du wirst dich bei mir anstecken�, sagte ich, als sie mich k�sste.</p><p>�Wir werden uns die Erk�ltung teilen�, erwiderte sie.</p><empty-line/><p>Ich kehrte in die Druckerwerkstatt zur�ck. Mein Entschluss stand fest. Ich w�re gerne etwas Besseres, w�rde gerne mehr drucken als Verordnungen, doch wenn es Verordnungen sein mussten, dann sei es so, solange Anne und ich nur zusammen sein konnten.</p><p>Kaum hatte ich den Winkelhaken zur Hand genommen, als ich Nehemiah zusammenzucken sah. Meine Schuldgef�hle versetzten mir einen Stich, und ich sagte ihm, schwor ihm, dass ich ihn nie wieder schlagen w�rde. Er schniefte und wich unsicher zur�ck, �berzeugt, dass ich lediglich eine noch geschicktere Art der Qu�lerei plante. Mr�Black h�rte mich, nahm mich zur Seite und erkl�rte mir, dass ich den Jungen ruinieren w�rde.</p><p>�So sehe ich die Welt jetzt, Sir�, sagte ich.</p><p>�Nun, es ist eine �u�erst eigenartige Weise, sie zu sehen. Es hat mir nie gefallen, dich zu schlagen, Tom, aber es hat deinen Charakter geformt. Ist es nicht so?�</p><p>Ich sagte nichts, und er ging davon, etwas �ber Jugend und Ver�nderungen murmelnd und dass die alten bew�hrten Werte durch den Krieg zerst�rt worden seien, und je eher das alles vorbei sei, desto besser.</p><p>Es war ein sch�ner M�rztag, und das Eis im Hof hatte sich in Schneematsch verwandelt, als Nehemiah aufgeregt aus Westminster zur�ckgerannt kam. Er entschuldigte sich daf�r, dass er seine M�tze verloren hatte�� fr�her h�tte er nie gewagt, es mir zu erz�hlen��, doch er habe einen wichtigen Brief f�r mich. Lord Stonehouse� Falke starrte mich vom Siegel an. Ich hatte mich damit abgefunden, dass ich nicht damit rechnen konnte, noch einmal von ihm zu h�ren, doch der Anblick des Siegels brachte all meine alten Hoffnungen und Erwartungen zur�ck. Meine Finger zitterten, als ich das Siegel erbrach. Ich starrte auf die kurzen abgehackten S�tze, und vor Entt�uschung wurde mir fast schlecht.</p><p>Der Brief kam nicht von Lord Stonehouse, sondern von seinem Sekret�r Mr�Cole. Er teilte mir mit, dass in zwei Tagen das Parlament in Westminster zusammentr�te und seine Lordschaft w�nsche, dass ich dabei Notizen machte.</p><p>�Es scheint mir eine Ehre zu sein�, sagte Anne sanftm�tig.</p><p>�Eine Ehre? Notizen zu machen wie ein Schreiber?�</p><p>�Gewiss, es ist nicht das, worauf du gehofft hast.�</p><p>�Nicht das, worauf ich gehofft habe? Es ist eine Beleidigung!�</p><p>Ich kn�llte den Brief zusammen und warf ihn ins Feuer. Er sprang wieder heraus, und Anne fischte ihn vom Kamingitter und strich ihn glatt. Sie las ihn langsam, aber nachdenklich, tonlos buchstabierte sie die schwierigen W�rter. �Seine Methode ist vielleicht ein wenig ungl�cklich.�</p><p>�Ein wenig��?� Inzwischen besuchte sie Lucy mehrmals pro Woche und schnappte immer mehr Phrasen und Angewohnheiten auf. Ich fragte mich, ob sie noch mehr mitbekam. �Wei�t du irgendetwas dar�ber?�</p><p>�Nein. Warum sollte ich?� Sie schenkte mir einen Blick, der mir bekannt vorkam, verf�hrerisch und gef�gig, aber zugleich berechnend, ein Blick, der ihrem Vorschlag vorausging, ich solle das genaue Gegenteil von dem tun, was ich wollte. �Es sei denn�� ich glaube, es k�nnte vielleicht um Edgehill gehen.�</p><empty-line/><p>Edgehill war eine schw�rende Wunde. Die Einheimischen behaupteten, an dem Ort gingen die Geister um. Am Neujahrstag hatte man zwischen drei und vier im kalten Nebel des Nachmittags eigent�mliche Erscheinungen von Musketieren und Landsknechten auf den Wiesen von Kineton gesehen. Man hatte das Donnern von Kanonen geh�rt, die Schreie und das St�hnen der Sterbenden. Reitertrupps jagten einander und verschwanden im Nebel. Am folgenden Tag wurden viele Menschen Zeuge einer vollst�ndigen Schlacht, die um Mitternacht begann. Im Sonnenschein l�sten sich die geisterhaften Erscheinungen auf, die sich �ber die Wiesen verteilten.</p><p>So besagte es jedenfalls eine Flugschrift mit dem Titel <emphasis>Ein gro�es Himmlisches Wunder: wir berichten von den J�ngsten Erscheinungen und gar Erstaunlichen T�nen von Krieg und Schlachten, gesehen in Edgehill.</emphasis> Der K�nig verb�rgte sich f�r die Geschehnisse und schickte sechs Beobachter, welche die Erscheinungen bezeugten und einige von ihnen sogar identifizierten, darunter Sir Edmund Verney, der bei der Verteidigung der k�niglichen Standarte get�tet worden war. Viele sahen in den Erscheinungen ein Zeichen f�r Gottes Unmut, weil so viel christliches Blut vergossen worden sei. Nehemiah ging zu einer riesigen Demonstration der Lehrjungen in Covent Garden, in der zum Frieden aufgerufen wurde, und in der Stadt kam es zu Tumulten, bei denen ein Ende des Krieges gefordert wurde. Die Wohlhabenden fanden die Steuerverordnungen des Parlaments jetzt viel schlimmer als das Schiffsgeld, das der K�nig ihnen auferlegt hatte.</p><p>Allm�hlich festigte der K�nig seine Position. Er hielt den Norden, von Newcastle bis York, die Midlands bis hinunter nach Oxford sowie Cornwall und Devon. Bristol, immer noch in der Hand des Parlaments, war von Prinz Rupert eingekesselt worden. Im Ausland trieb die K�nigin mit Erfolg Gelder f�r Charles ein.</p><p>Angesichts der wachsenden Bedrohung durch den K�nig war das Parlament gespalten. Denzil Holles, eines der f�nf Mitglieder, die der K�nig damals im Unterhaus wegen Hochverrats verhaften wollte, f�hrte eine starke Fraktion an, die Frieden um fast jeden Preis wollte. Holles hatte lange f�r das Parlament gek�mpft, war indes ern�chtert, seit Prinz Rupert direkt vor dem Patt in Turnham Green ein Drittel seines Regiments in Brentford abgeschlachtet hatte. Er war bereit, die zivile Kontrolle �ber die Regierung gegen die Religionsfreiheit einzutauschen. Mr�Pym argumentierte, dass dies einer Katastrophe gleichk�me. Wenn das Parlament die Waffen niederlegte, wie es der K�nig forderte, damit es �berhaupt zu einer Vertragsunterzeichnung kommen konnte, w�rden sie alles verlieren, was sie erreicht hatten. Und er w�re der Erste auf dem Schafott.</p><empty-line/><p>Vor diesem d�steren Hintergrund betrat ich einen riesigen, zugigen Sitzungssaal in der N�he der Painted Chamber in Westminster. Lord Stonehouse gr��te mich kurz angebunden und teilte mir mit, dass er meine Notizen um sieben Uhr abends in der Queen Street haben wolle, dann wies er mir eines der Pulte f�r die Schreiber zu. Es war ein hastig zusammengeschustertes <emphasis>Ad-hoc</emphasis>-Komitee aus Mitgliedern des House of Lords und des House of Commons, dessen eigentliche Aufgabe darin bestand, noch mehr Geld aufzutreiben, und dessen vage definierter Zweck es war, angesichts der Schlacht von Edgehill milit�rische Forderungen zu stellen. Mit anderen Worten, es war eine jener Versammlungen, in denen die eigentliche Arbeit geleistet wurde.</p><p>�Tom! Jetzt seid Ihr einer von uns!�</p><p>Es war Mr�Ink, bis zum Kragen mit Tinte bespritzt, der mich umarmte. Ich f�hlte einen Stich, weil ich fast wieder dort war, wo ich angefangen hatte, aber dann lachten wir �ber die alten Zeiten, als er mir jene Worte in die Hand gedr�ckt hatte, die die Welt ver�ndern w�rden.</p><p>�Ich glaube immer noch, dass Worte ein Feuer im Herzen der Menschen entfachen k�nnen, Tom�, rief er voll Inbrunst.</p><p>Der gute Mr�Ink! Traurig erkl�rte ich ihm, dass Worte zu Verordnungen geworden waren, aber dann tippte mir Mr�Pym auf die Schulter. Er feuerte Fragen �ber Edgehill auf mich ab und sch�ttelte den Kopf, als ich ihm sagte, dass ich die Schlacht, die ich erlebt hatte, in den Darstellungen der Londoner Flugschriften, die ich gelesen hatte, nicht wiedererkennen w�rde.</p><p>�Warum habt Ihr nicht selbst etwas geschrieben?�</p><p>�Mr�Black arbeitet f�r die Regierung.�</p><p>�Regierungen m�ssen zuh�ren.� Auf seine nerv�se, fahrige Art zupfte er an seinem Ziegenbart. �Setzt Euch hierher�, sagte er schroff und deutete auf den Stuhl neben sich.</p><p>Ich erkl�rte ihm, ich sei ein Schreiber, doch da er in N�he der Schreibpulte sa�, bedeutete er mir mit einer ungeduldigen Geste, dass das keine Rolle spiele, und sobald ich mich vergewissert hatte, dass meine Feder gespitzt war, fiel auch schon der Hammer des Vorsitzenden. Es war so, wie ich bef�rchtet hatte. Der Vorsitzende pries �berschw�nglich Lord Essex� gro�artigen Sieg, obgleich, wie er hinzuf�gte, kein Sieg so gro�artig sei, dass man keine Lehre daraus ziehen k�nne.</p><p>In unserer Ecke kratzten die Federn pflichteifrig �bers Papier, meine im Einklang mit den anderen. Selbst wenn ich taub gewesen w�re, h�tte ich dennoch niederschreiben k�nnen, was Lord Essex darauf erwiderte, solche Allgemeinpl�tze waren es. Mit einem Wort, die Lehre, die es aus Edgehill zu ziehen galt, war Geld. Er brauchte gro�e Mengen davon, um den K�nig zu schlagen. Er ratterte Zahlen herunter. M�nner, Pferde, Kanonen, Waffen�� wenn man ein gen�gend gro�es Heer aufstellte und dem K�nig langsam die Lebensmittel ausgingen, w�rde ihn das an den Verhandlungstisch zwingen. Bei der Erw�hnung von Verhandlungen sch�ttelte Mr�Pym den Kopf, doch Holles und seine Unterst�tzer nickten resigniert zum Zeichen ihrer Zustimmung. Die meisten M�nner am Tisch, einschlie�lich Lord Stonehouse, zeigten keinerlei Reaktion, weder in die eine noch in die andere Richtung.</p><p>Als Essex geendet hatte, gab es eine jener sich in die L�nge ziehenden Pausen, die auf einen Redebeitrag folgten, der so mit Zahlen und Fakten angef�llt war, dass er unwiderlegbar schien. Niemand bestritt, dass mehr Geld gebraucht wurde. Geld fehlte immer. Die kratzenden Federn kamen allm�hlich zur Ruhe. Die M�nner husteten, rutschten auf ihren St�hlen hin und her, raschelten mit den Papieren. Jemand fing den Blick des Vorsitzenden auf.</p><p>�Mr�Cromwell�, sagte er.</p><p>Ich hatte kaum Notiz von dem Abgeordneten f�r Cambridge genommen, seit ich ihn damals in der Lobby hatte sagen h�ren, dass er nach Neuengland gesegelt w�re, wenn die Gro�e Remonstranz, die dem Krieg den Weg geebnet hatte, nicht angenommen worden w�re. Im Parlament war er ausnahmslos ein verl�sslicher Unterst�tzer von Mr�Pym. Er war einer jener Puritaner, die nach einer Jugend voller Ausschweifungen zu Gott gefunden hatten. Ich argw�hnte, dass die S�nden, die er begangen hatte, sowohl von ihm selbst als auch von anderen aufgebauscht wurden, denn er hatte den gequ�lten Blick eines Mannes, der, sobald er eine Spur zu lange auf den Rock einer Frau schaute, ebenso heftig zu Gott um Verzeihung betete, als h�tte er sie gesch�ndet. Einmal �berraschte er einen Bekannten damit, dass er ihm das Geld zur�ckgab, das er vor Jahren beim W�rfelspiel von ihm gewonnen hatte. Der Mann hatte es l�ngst vergessen, aber Cromwell bestand darauf, dass er das Geld annehmen m�sse, und erkl�rte, er beginge eine gro�e S�nde, wenn er es behielte.</p><p>Im Kampf, in den er sich h�ufig unbesonnen st�rzte, gaben ihm diese sich selbst auferlegten Qualen Auftrieb. Wo andere Menschen zauderten, wurde er von keinerlei Selbstzweifeln zur�ckgehalten. Er hatte seine Zweifel Gott anvertraut, und Gott hatte ihm Antworten gegeben. Lange bevor der K�nig seine Truppen um sich geschart hatte, war eine Gruppe von Royalisten nach East Anglia geritten, um die Silbertafel der Cambridge Colleges �zu sichern�. Cromwell hatte an der Great North Road ein Spalier aus Musketieren gebildet. Unter Trommelwirbel und wehenden Fahnen marschierte er in das King�s College und beschlagnahmte die Tafel im Wert von zwanzigtausend Pfund f�r das Parlament.</p><p>Nichts davon war diesem harten, knochigen, etwa vierzigj�hrigen Mann anzusehen. Er hatte das ger�tete Gesicht eines Landmannes, und von seinem Kragen w�rde Sarah sagen, er k�nnte ein oder zwei gr�ndliche W�schen vertragen, um den Grauschleier zu vertreiben. Niemand schien gro�e Erwartungen an das zu haben, was er zu sagen hatte, au�er, dass er Essex preisen w�rde. Er unterst�tzte ihn und hatte als Erster den Antrag gestellt, Essex zum Heerf�hrer zu machen. Und in der Tat lobte er den Earl f�r seine Tapferkeit und die Standfestigkeit seines Kommandos. Im Raum begann sich jene dumpfe Atmosph�re auszubreiten, wenn die Menschen sp�rten, dass ein Konsens erzielt wurde, und die Rastlosen unter ihnen anfingen, an Essen und Trinken zu denken.</p><p>Dann machte Cromwell eine Pause und fuhr sich mit der Hand durchs zerzauste Haar. Er schob seine Notizen beiseite und blickte �ber die K�pfe der M�nner im Raum. Es war der Blick eines Mannes, der aus einer Landschaft stammte, von der es hie�, ihre Moore seien so flach, dass niemand guten Gewissens behaupten k�nne, die Erde sei eine Kugel.</p><p>�Mylords, Gentleman, der Herr hat uns die Gnade gew�hrt, in Edgehill keine Niederlage zu erleiden�, sagte er. �Aber k�nnen wir es einen Sieg nennen? W�re das nicht Blasphemie? H�tte Gott dann zugelassen, dass wir nach London zur�ckgetrieben wurden? Dass Rupert sein blutiges Massaker in Brentford ver�ben konnte? Dass wir jetzt um einen Frieden feilschen, der uns ein, zwei Penny von dem einbringen wird, was wir verlangen, und einige von uns ihre K�pfe kosten wird? Mylords, in all dem sehe ich Gottes Missfallen, doch auch seine unendliche Weisheit, indem er uns noch eine Chance gibt�� die Gelegenheit, eine Lektion zu lernen.�</p><p>Seine Sprache wurde grober, sein Akzent deutlicher. �Bei meinem ersten Gefecht in Edgehill sah ich, wie all unsere M�nner um mich herum geschlagen wurden. Wir brauchen neue Regimenter. Geld, Zahlen�� ich stimme zu, Mylord. Ja. Aber wir m�ssen das Geld f�r die richtige Sorte M�nner ausgeben. Eure Truppen���, er sah jeden Mann am Tisch an, ���bestehen in der Hauptsache aus heruntergekommenen Bediensteten, Schankkellnern und dergleichen. <emphasis>Ihre</emphasis> Truppen setzen sich zusammen aus den S�hnen der Edlen und M�nnern von Rang. Glaubt Ihr, dass Eure gemeinen Burschen von niederer Geburt es in Sachen Mut, Ehre und Entschlossenheit jemals mit Edelleuten aufnehmen k�nnen?�</p><p>Es war mir egal, wie vern�nftig seine Worte waren, denn ich dachte an Jed, und immerhin war ich ebenfalls ein gemeiner Bursche von niederer Geburt, wenn ich nicht gerade der andere war. Doch er schr�nkte seine Worte bereits ein, indem er sagte, dass ihm ein einfacher Hauptmann in rostrotem Umhang, der wusste, wof�r er k�mpfte, und liebte, was er kannte, lieber war als einer, der ein Edelmann war und sonst nichts. Da h�tte ich mein Leben f�r ihn gegeben.</p><p>Man war entweder Cromwells Mann oder sein erbitterter Gegner, und von dem Moment an, als seine barsche, bezwingende Stimme durch den Raum hallte, war ich Cromwells Mann. Meine Feder flog �ber das Papier, wie meine F��e �ber die Stra�e geflogen waren, als ich die Gro�e Remonstranz bei mir getragen hatte. Ich sp�rte, dass er ein Feuer in mir entfachte, wie ich es seit jenen ersten berauschenden Monaten nicht mehr empfunden hatte. Kein Prediger hatte mich je so befl�gelt wie er. Wenn er sprach, glaubte ich, dass die Welt sich �ndern w�rde und dass sie sich vollkommen ver�ndern w�rde. Er sprach nicht so wie andere, nannte keine riesigen Zahlen oder malte gro�artige Visionen. Ganz im Gegenteil. Die Visionen �berlie� er Gott, er war sein Diener f�r die Praxis. Er sprach von dem, was er kannte, von seinem Winkel Englands, f�r den er nicht mehr wollte, als Regimenter aufzustellen.</p><p>Es war die Art und Weise, wie er �ber diese Regimenter sprach, die mich fast von meinem Sitz aufspringen lie�, denn seine Beschreibungen deckten sich mit all den Schw�chen, die ich in Edgehill gesehen hatte. Die M�nner w�rden sorgf�ltig ausgew�hlt werden, gottesf�rchtige und disziplinierte Burschen. Man w�rde sie nach den Lehren aus der Schlacht ausbilden, nicht nach milit�rischen Dienstvorschriften. Vor allem jedoch w�rde die Kavallerie im Mittelpunkt stehen, nicht diese tr�gen, schwerf�lligen Aufstellungen, als sei eine Schlacht ein formelles Duell nach h�fischen Regeln. Was z�hlte, waren Beweglichkeit und der �berraschungseffekt.</p><p>Cromwells Rede war solch ein Angriff. Sie glich einem �berfall, der Essex unvorbereitet traf. Denzil Holles, f�r den Angriff die letzte, nicht die erste Zuflucht war, machte ein zorniges Gesicht. Doch er sah einige der Lords zustimmend nicken, ebenso wie Mr�Pym, und hielt sich zur�ck. Lord Stonehouse nickte weder noch sch�ttelte er den Kopf, sondern beobachtete die Reaktionen der anderen M�nner am Tisch. Er geh�rte zu jenen Menschen, die in dieser Phase eines Treffens lieber Gelder frei- als seine Gedanken preisgegeben h�tte.</p><p>Als Cromwell fertig war, startete Holles seinen eigenen Angriff. Sein Argument war einfach, aber grausam. �Ihr wart nicht in Edgehill, <emphasis>Colonel</emphasis> Cromwell�, sagte er und betonte seinen Rang auf herabsetzende Weise.</p><p>�Ich kam zu sp�t, das ist wahr�, begann Cromwell. �Aber���</p><p>Mehrere M�nner begannen durcheinanderzusprechen. Der Vorsitzende bat um Ruhe, konnte die Redner indes nicht z�geln. Vor Erbitterung lie� ich die Feder zu Boden fallen und erhob mich, um sie wieder aufzuheben. Holles Angriff war so billig und �berheblich, dass ich den Mund aufmachte, um etwas zu sagen. Doch ich fing einen Blick von Lord Stonehouse auf, den ich f�r eine stumme Warnung hielt. Mr�Pym sagte etwas zu mir, aber in dem Get�se verstand ich ihn nicht. In meiner Aufregung zertrat ich meine Feder mit dem Stiefel. Ich erinnerte mich, in der abendlichen D�mmerung in Edgehill beobachtet zu haben, wie ein sp�ter royalistischer Kavallerieangriff von der Parlamentsreiterei zur�ckgeschlagen wurde, angef�hrt von einem Mann, der seinen Helm verloren hatte.</p><p>�Ihr wart nicht dort!�, rief Holles gerade.</p><p>Bebend schleuderte ich meine zerbrochene Feder fort. �Ich war dort, Sir�, rief ich. �Und ich sah Cromwell am sp�ten Nachmittag, bei einem Gegenangriff auf dem Schlachtfeld.�</p><p>Abrupt kehrte Stille ein. Von allen Seiten wurde ich angestarrt, dazwischen Lord Stonehouse� unheilvolle schwarze Augen. Alles, woran ich denken konnte, war seine kurze und b�ndige Ablehnung: Er redet zu viel. Es trocknete die Worte in meinem Mund aus. Das Seufzen des Windes drau�en und das knackende Holz in dieser zugigen Kammer waren pl�tzlich zu h�ren. Ich konnte nicht aufh�ren zu zittern. Wer war ich, dass ich in diesem erlauchten Kreis das Wort ergriff? Gemein, von niederer Geburt�� ein Schreiber! Ein Mann, der Meinungen niederzuschreiben hatte, sie indes nicht selbst haben durfte�� geschweige denn, sie �u�ern. Dann sah ich, wie Cromwell mich anblickte, und dachte an seine Worte�� dass ihm ein Mann lieber sei, der wusste, wof�r er k�mpfte, und liebte, was er kannte, als einer, der ein Edelmann war und sonst nichts. Es war, als h�tte er mir die Erlaubnis erteilt, endlich meine eigene Stimme zu finden.</p><p>Ich erz�hlte ihnen, wie es gewesen war, an jenem Tag ein Soldat in der Aufstellung zu sein. Wie die Reihe beim ersten Angriff ihrer Kavallerie zerrissen sei. Ich erz�hlte ihnen, dass Colonel Cromwell�� und ich blickte zu Holles, als ich den Rang voller Stolz betonte�� recht hatte. Die Kavallerie musste die wichtigste Waffe werden. Doch es musste eine disziplinierte Kavallerie sein. Die gegnerischen Reiter waren weitergejagt, um den Tross zu pl�ndern. Wenn sie auf dem Absatz kehrtgemacht und unsere Nachhut angegriffen h�tten, w�re der Tag verloren gewesen.</p><p>Es war die Jugend, es war die Arroganz, die mich antrieb, doch vor allem waren es Wut und Verbitterung �ber das sinnlose Abschlachten unausgebildeter M�nner, und auch hier hatte Cromwell recht. Sie waren zum Exerzieren ausgebildet worden, nicht zum K�mpfen. Ein Lehrjunge brauchte sieben Jahre, um B�ttcher, Drucker, B�cker oder Schmied zu werden. Doch von einem Soldaten erwartete man, dass er in seiner freien Zeit das K�mpfen erlernte? An dieser Stelle verlor ich den Faden. Jedes entlaufene Pferd blieb irgendwann stehen. Ich sah wieder den Kreis aus Gesichtern, als ich langsamer wurde und ins Stocken geriet, sah Holles rotes, ver�chtliches Gesicht, w�hrend meine Knie zu zittern begannen, und ich daran dachte, wo und wer ich war�� ein Schreiber mit einer zerbrochenen Feder.</p><p>�Und wer, wenn ich fragen darf, seid Ihr, Sir?�, sagte Holles.</p><p>Es war eine Frage, die ich mir mein Leben lang gestellt habe. �Thomas�, setzte ich kl�glich an, �Thomas���</p><p>�Thomas Stonehouse�, sagte Lord Stonehouse, und seine barsche Stimme hallte durch den Raum. �Er ist Thomas Stonehouse, mein Enkel und Erbe.�</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>46.�Kapitel</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Machte Lord Stonehouse diese erstaunliche Bekanntgabe, weil er stolz auf meine Vorstellung war? Weil er Wiedergutmachung leisten wollte? Weil er glaubte, ich sei ein w�rdiger Erbe? Nat�rlich glaubte ich das! Welche anderen Motive sollte er sonst haben? Hier und da gab es kleine Ungereimtheiten�� Anne, die den Brief aus dem Feuer fischte und mich �berredete, zu der Besprechung zu gehen. Mr�Pym, der mich vom Tisch der Schreiber fortzog, damit ich neben ihm am Besprechungstisch Platz nahm. Doch ich schob jeden Zweifel beiseite.</p><p>Ich schwebte wie auf Wolken, als Lord Stonehouse�� mein Gro�vater sollte ich wohl besser sagen�� mich Cromwell vorstellte, der mich fragte, wo er mich erreichen k�nne.</p><p>�Schreibt ihm in die Queen Street, Oliver�, sagte Lord Stonehouse.</p><p>Cromwell verbeugte sich vor ihm, dann vor mir. Cromwell verbeugte sich vor mir! Was immer hinter Lord Stonehouse� Entscheidung steckte, ich verlie� das House als ein vollkommen anderer Mensch und nicht mehr als der arme Schreiber, als der ich es betreten hatte. In der Lobby w�re ich beinahe an Mr�Ink vorbeigegangen. Er stand hinter einer S�ule und sah mich auf eine Weise an, wie Menschen es taten, wenn sie glaubten, man stelle etwas dar. Ich streckte meine Hand aus, doch er weigerte sich, sie zu ergreifen, obwohl meine Finger fast ebenso schwarz waren wie seine.</p><p>�Lieber Mr�Ink! Kommt, ich bin doch noch derselbe wie vorher!� Man k�nnte zu dem Schluss kommen, dass sich bereits der erste Hauch von G�nnerschaft in meine Stimme geschlichen hatte.</p><p>�O doch, Ihr seid ein anderer, Sir. Ihr redet anders. Ihr geht anders.� Sch�chtern �berreichte er mir zwei Blatt Papier, ebenso tintenbefleckt wie das allererste Dokument mit Mr�Pyms Worten, mit dem ich durch die Stra�en gerannt war. �Eure Rede, Sir.�</p><p>�Danke. Und Gott segne Euch, Mr�Ink.� Ich lachte und umarmte ihn, weil er mich gelehrt hatte, an Worte zu glauben und auf die Zukunft zu hoffen, und weil es f�r einen Mann nichts Besseres gab.</p><p>Erst als ich an jenem Abend kurz vor sieben die Queen Street erreichte, um Lord Stonehouse die Sitzungsprotokolle zu �berreichen, begannen mich Zweifel zu beschleichen. Es musste irgendeinen Haken geben. Ich geriet ins Straucheln. Doch die Diener verbeugten sich, Mr�Cole entbot mir seine Gl�ckw�nsche und brachte mich im Handumdrehen nach oben.</p><p>Allein Lord Stonehouse�� es ist schwer, einen Mann Gro�vater zu nennen, der einen einst in der Pestgrube verschwinden lassen wollte�� war be�ngstigenderweise so wie immer. Ich stand an der leicht abgewetzten Stelle auf dem orientalischen Teppich, der Stelle, die Richard den Galgenplatz nannte, so wie ich schon einige Male zuvor dort gestanden hatte, w�hrend Lord Stonehouse Briefe unterzeichnete und sie Mr�Cole zum Siegeln gab. Nachdem der Sekret�r gegangen war, las er das Protokoll der Sitzung, immer noch, ohne von meiner Gegenwart Notiz zu nehmen. Mein Herz sank, als er die Seiten umbl�tterte. Der Haken musste Anne sein. Er w�rde niemals in eine Heirat mit ihr einwilligen. Und wenn er es nicht tat, w�rde ich fortgehen. Er kam zum Ende von Mr�Inks Seiten, nahm die Augengl�ser ab, hustete und r�usperte sich.</p><p>�Du hast gut gesprochen.�</p><p>�Nicht zu viel, Sir?�, wagte ich zu sagen.</p><p>Er hob die Lider und warf mir seinen Basiliskenblick zu. �Dein Schlusswort war mangelhaft. Holles h�tte dich dort festnageln k�nnen.�</p><p>Er �ffnete die Schublade, von der ich wusste, dass es meine war, und hielt einen Moment inne, ehe er die Rede hineinfallen lie�. �Hast du Cromwell in Edgehill gesehen?�</p><p>Ich hatte mich weit von dem Jungen entfernt, als der ich zum ersten Mal in diesem Zimmer gestanden hatte, ungest�m in seinen Tr�umen und Worten. Ich hatte gelernt, keinen Muskel in meinem Gesicht zu verziehen, solange ich vor ihm stand. Holles war nicht der Einzige, der Cromwell angriff. Seine Feinde hatten die Geschichte in Umlauf gebracht, er habe den Glockenturm einer Kirche erklommen, gesehen, dass das Parlament verlor, und sei geflohen.</p><p>�Es wurde schon dunkel. Ich sah jemanden, der ihm sehr �hnlich sah, Mylord.�</p><p>In seinem Gesicht regte sich kein Muskel. �Hast du Cromwell gesehen?�</p><p>�Ich bin sicher, dass Cromwell nicht l�gen w�rde, Mylord.�</p><p>Seine Wangen zitterten leicht, die Andeutung eines trockenen L�chelns. Er blickte erneut auf die Rede, dann schloss er die Schublade. �Setz dich.�</p><p>Es war eine neue Erfahrung f�r mich in diesem Zimmer, und ich blickte mich fahrig um. Schweigend deutete er auf einen eleganten Stuhl aus Walnussholz mit fein geschnitzter Lehne. Der unvermeidliche Falke funkelte mich b�sartig daraus an, als w�sste wenigstens er, dass ich ein Blender war. Lord Stonehouse ging zum Fenster, die H�nde hinterm R�cken verschr�nkt, und starrte hinaus auf die dunkle Stra�e. Eine Kutsche ratterte vorbei, dann war es so leise, dass ich die Kerzen knistern h�rte. Als er sprach, war es das Letzte, was ich zu h�ren erwartete.</p><p>�Ist dein Bein verheilt?�</p><p>Verwirrt starrte ich seinen breiten R�cken an. �Mein Bein?�</p><p>Er schwang herum, als h�tte ich ihn beleidigt. �Dein Bein!�, blaffte er. �Ist es verheilt? Nach der Verbrennung mit dem Pech?�</p><p>�Ja, Mylord. Sehr gut. Ich habe nur eine Narbe behalten.�</p><p>�Zeig sie mir.�</p><p>Verlegen stand ich auf und kn�pfte meine Kniehose auf, bis mein Bein so nackt war wie an dem Tag, an dem das Pech darauf getropft war. Er starrte die ger�tete, gerunzelte Haut an, ber�hrte sie, und dann umarmte er mich, unvermittelt und unbeholfen. Die Umarmung endete so schnell und abrupt, wie sie begonnen hatte, und als er mich loslie�, sah ich etwas, das einem Augenzwinkern n�her kam als alles andere, das ich je in seinem d�steren, gr�blerischen Blick gesehen hatte.</p><p>�Wie geht es Lady Black?�</p><empty-line/><p>�Die Hochzeit wird in einer der Kapellen von St.�Paul�s stattfinden�, sagte ich.</p><p>�St.�Paul�s!�, kreischte Mrs�Black und fiel in Ohnmacht. Mr�Black fing sie gerade noch rechtzeitig auf. Nachdem Jane sie mit Hilfe einer kr�ftigen Dosis Salz und Essig wieder zu sich gebracht hatte, waren ihre ersten Worte: �Was um Himmels willen soll ich blo� anziehen?�</p><p>�Man k�nnte meinen, es sei ihre Hochzeit�, sagte Sarah, die als Einzige v�llig unger�hrt blieb. Sie hielt standhaft an ihrer Philosophie fest, dass es nun einmal mit den Menschen bergauf und bergab geht��</p><p>���aber es das Beste ist, da zu bleiben, wo man ist?� Ich grinste.</p><p>�Ohne deine gro�en F��e, die mir st�ndig im Weg waren, habe ich mehr Platz in der Mansarde�, schnaubte sie. �Bis du zur�ckkommst.�</p><p>Sie glaubte immer noch halb, dass es sich um eine von meinen Flugblattgeschichten handelte. Von Zeit zu Zeit erging es mir genauso. W�hrend in der Drury Lane ein Haus aus dem Besitz der Stonehouse� f�r uns vorbereitet wurde, hatte ich nichts zu tun. Banks, der Verwalter, und Jane k�mmerten sich um alles. Sobald Lord Stonehouse herausgefunden hatte, dass sie Mrs�Morlands Tochter war, hatte er darauf bestanden, dass sie den Haushalt in der Drury Lane �bernahm. Eine positive Seite seines barschen, au�ergew�hnlichen Paternalismus war, dass er f�r seine Bediensteten sorgte. Als ich ihr die Stellung anbot, konnte sie nicht sprechen, sondern nickte nur und lief vor Freude rosig an. F�r sie bedeutete es mehr als eine Rehabilitation, es war die R�ckkehr in den Haushalt der Stonehouse�. Dort war sie aufgewachsen, und f�r sie war das ihre Familie.</p><p>Nie zuvor in meinem Leben war ich so unt�tig gewesen. Mr�Black gestattete mir nicht, die Druckerei zu betreten. Seine F�rmlichkeit im Umgang mit mir war beinahe ersch�tternd. Meine H�nde wurden immer wei�er, und es juckte mich in den Fingern, noch einmal die Lettern zu ber�hren. Anne war von der Countess in Beschlag genommen worden, die das Kommando �ber ihre Garderobe �bernahm, ebenso wie �ber die ihrer Mutter, ihre Sprache, ihre Manieren, was sich geh�rte und was nicht. Anne begegnete mir ebenfalls immer f�rmlicher, nannte mich auf alberne, gestelzte Weise Thomas, so dass ich mich bald danach sehnte, sie w�rde mich wieder Affe nennen.</p><p>Weder Kate noch Matthew w�rden zur Hochzeit kommen. Kate schrieb, dass Matthew Tag und Nacht an einem neuen Schiff namens <emphasis>Endeavour</emphasis> arbeitete, doch ich vermutete den wahren Grund darin, dass er die lange Hand von Lord Stonehouse f�rchtete und es vorzog, in der relativen Sicherheit von Poplar vor den Toren der Stadt zu bleiben. Er schickte mir jedoch ein Hochzeitsgeschenk, das ich, wie er sagte, vielleicht doch noch brauchen k�nnte. Eingewickelt in dem Brief fand ich ein klein zusammengefaltetes St�ck Papier, abgerissen von der Zeichnung eines Schiffszimmermanns. Darin lag eine silberne Halbkronenm�nze. Die Lilie am Rand bewies, dass sie im Jahr 1625 gepr�gt worden war. Durchtrieben wie immer, war er nicht imstande gewesen, die M�nze im Bach bei Lower Vale zu belassen, und musste sie herausgefischt haben, ehe er mir auf unserem Weg nach Highpoint nachgeritten war.</p><p>�ber sich selbst schrieb Kate, ihre Rolle in dem St�ck sei jetzt beendet, und sie habe ihren Frieden gefunden. Aber ich wusste, dass sie vor St.�Paul�s war und zusah, entschwindend wie ein Irrlicht, sobald ich mich umdrehte. Denn am Hochzeitsmorgen hatte Jane, die inzwischen in die Drury Lane umgesiedelt war, einen Osterkuchen auf der T�rschwelle gefunden.</p><p>Ich stolzierte in Silberkn�pfen und scharlachroten Str�mpfen umher und strauchelte beim Anblick einer gebieterischen Gestalt mit vergoldetem und blumenverziertem Haarschmuck.</p><p>�Komm schon, Affe�, fl�sterte Anne, als der Brautkelch in die H�he gehoben wurde und die Fiedler zu spielen begannen.</p><p>Die Freude am Hochzeitsfest wurde f�r mich nur dadurch getr�bt, dass Lord Stonehouse darauf bestanden hatte, Anne solle den Anh�nger tragen. W�hrend wir unseren Schwur ablegten, hatte ich das Gef�hl, die Rubinaugen des Falken w�rden mich finster mustern, als sei ich ein Hochstapler.</p><p>�Ihr solltet ihm dankbar sein, Tom�, sagte Mr�Pym auf dem Hochzeitsfest in der Queen Street. �Der Vogel hat Euch auserw�hlt.�</p><p>�Dieser liederliche Vogel hat mich auserw�hlt? Was f�r ein R�tsel soll das sein?�</p><p>�Der Vogel steht f�r ein gewaltiges Verm�gen.�</p><p>�H�rt auf, John�, sagte Lucy. �Lasst Tom den Tag genie�en.�</p><p>Doch wir hatten eine ganze Menge Wein getrunken, ich musste das R�tsel knacken, und sie wollten mir dabei helfen. Wie die geborenen Verschw�rer zogen sie mich aus dem Gedr�nge im Empfangszimmer fort in den Schatten der Halle, in die N�he der Statue der Minerva, hinter der ich mich an jenem Tag versteckt hatte, an dem ich mich zum ersten Mal in die Queen Street gemogelt hatte. Mr�Pym fragte mich nach meiner Ansicht, warum Lord Stonehouse auf dieser Sitzung seine �berraschende Bekanntmachung von sich gegeben habe.</p><p>�Warum? Weil ich eine brillante Rede gehalten habe!�, prahlte ich. �Au�erdem habe ich bei der Suche nach dem Anh�nger mich selbst gefunden und ihm gezeigt, dass ich der Mann bin, der ihn beerben sollte.�</p><p>�Alles richtig�, sagte Mr�Pym. �Ohne das alles w�re es gewiss nicht dazu gekommen.�</p><p>�Aber?�</p><p>Unvermittelt verstummte er. Lord Stonehouse tauchte in der T�r zum Empfangszimmer auf. Er hatte ein Glas in der Hand, doch seine Miene wirkte, als h�tte er nichts als Staatsangelegenheiten im Sinn. Dann entdeckte er Anne, die sich gerade mit Warwick unterhielt, und ein L�cheln zeigte sich auf seinem Gesicht, als er sich zu ihnen gesellte.</p><p>�Macht ist zerbrechlich�, sagte Lucy, mit einem Mal ernst.</p><p>�Man stellte Stonehouse� Loyalit�t gegen�ber dem Parlament in Frage. Zu Recht.�</p><p>�Zu Recht?� Ich schaute quer durch die Halle zu meinem Gro�vater, der auflachte, als Warwick ihm auf den R�cken klopfte. Er wirkte gl�cklicher und entspannter als ich es je erwartet h�tte.</p><p>�Er hat Richard geholfen, nach Frankreich zu gelangen.�</p><p>Und nicht nur das, er hatte ihn sogar begleitet. Warwick kontrollierte den Seeweg, und es war eine riskante �berfahrt. Ein Schiff, an dem Lord Stonehouse einen betr�chtlichen Anteil hat, hat Richard mitgenommen. Warwick war von einem seiner Kapit�ne dar�ber in Kenntnis gesetzt worden. Die Ger�chte besagen, dass Richard von seinem Vater Geldmittel erhalten hat, die ihm den Weg nach Paris geebnet haben.</p><p>�Besser, Ihr wisst davon�, sagte Mr�Pym und senkte seine Stimme noch weiter. �Er hat einen Fu� in beiden Lagern. Worum es ihm allein geht, ist das Verm�gen und der Familienbesitz�� und der Name. Aber indem er Richard geholfen hat, ist er zu weit gegangen, und bei der Sitzung war er gezwungen, in Bezug auf Euch eine Entscheidung zu treffen�� und seine Loyalit�t zu erkl�ren.�</p><p>Pym hatte Cromwells Rede geschickt in die Wege geleitet. Ebenso wie meine. Und, wenn man so will, meine Erbschaft. Ich war froh, dass mein Gro�vater Richard trotz des betr�chtlichen Risikos geholfen hatte, denn er hatte ihm in der Vergangenheit ebenso geschadet wie mir. Doch ich musste auch daran denken, wie er die Narbe an meinem Bein ber�hrt hatte, und an seine unbeholfene Umarmung. Auf seine Weise liebte er uns beide. Doch er wurde vom Falken getrieben, wie dieser ihn immer getrieben hatte, von der Sorge um seinen Besitz, und er setzte nicht alles auf eine Karte. Mit dieser Erkenntnis zog ich die halbe Krone aus der Tasche, die Gl�cksm�nze, die Matthew mir zur�ckgegeben hatte, warf sie in die Luft und fing sie wieder auf. �Am Ende kommt also alles darauf an.�</p><p>Lucy lachte. �Darauf, wie die M�nze f�llt.� Sie nahm das Silberst�ck. �Sechzehnhundertf�nfundzwanzig. Charles� Kr�nungsjahr.�</p><p>�Mein Geburtsjahr.� Dann kam mir ein Gedanke. �Ihr meint�� m�glicherweise werde ich nicht erben.�</p><p>�Nat�rlich werdet Ihr das!� Mr�Pym strahlte. Dann wurde sein Strahlen schw�cher. �Solange das Parlament an der Macht bleibt.�</p><p>Ich schob die M�nze in die Tasche. Ich hob mein Glas, und meine Stimme drang durch die Halle: �Auf das Parlament!�</p><p>Alle schwiegen. Gesichter wandten sich mir zu, bis schlie�lich jedermann sein Glas hob. �Auf das Parlament!�</p><p>Aus ihrem L�cheln schloss ich, dass Warwick, mein Gro�vater und der Rest in meinem ger�teten Gesicht und meinem Ausbruch die gl�hende jugendlich-naive Begeisterung f�r den Gegenstand sahen, genau wie ich sie in jener Nacht empfunden hatte, als ich durch die Stra�en rannte und die Worte der Gro�en Remonstranz umklammert hielt. Und das war, wie Mr�Pym sagen w�rde, wahr. Nur zu wahr.</p><p>��ber was habt ihr so heimlich geredet?�, fragte Anne mich sp�ter.</p><p>��ber den Falken�, sagte ich.</p><p>�Ist Lucy nicht wundersch�n?�, sagte Anne.</p><p>�Nicht so sch�n wie du.� Ich k�sste sie, aber ich konnte sie nicht richtig k�ssen, ehe sie den Anh�nger abgenommen und ihn sicher weggeschlossen hatte�� wie ich hoffte f�r immer. Wir zogen die Vorh�nge an unserem Hochzeitsbett vor und fanden endlich zueinander.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>Historische Notiz</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Tom und die Stonehouses sind Fiktion, doch die herausragende Figur, Lucy Hay, die Countess of Carlisle, ist durch Fakten belegt. Sie war die M�tresse des Earl of Strafford, des m�chtigsten Ratgebers des K�nigs, der f�r Pym und die parlamentarische Opposition zur Hassfigur wurde. Widerstrebend, weil es politisch opportun war, unterzeichnete K�nig Charles Straffords Todesurteil, einen Akt, den er Zeit seines Lebens bereute.</p><p>Nachdem Strafford im Mai 1641 hingerichtet worden war, verlor Lucy nicht nur ihren Liebhaber, sondern auch ihre Machtbasis. Wom�glich liebte sie die Macht mehr als die Liebe. Vielleicht war es auch eine Frage des �berlebens; sie war eine alleinstehende Frau und hatte das Gef�hl, auf beide Pferde setzen zu m�ssen. Jedenfalls enth�llte sie John Pym ab November 1641, als das opponierende Parlament dem K�nig mit der Gro�en Remonstranz seine explosiven Forderungen vorlegte, die Geheimnisse des Hofes, �ber die sie von der K�nigin auf dem Laufenden gehalten wurde.</p><p>Lucy war das Sexsymbol ihrer Zeit, eine schillernde Figur am Hofe Charles�, doch vermutlich war es Macht, nicht Leidenschaft, die sie und Pym zusammenf�hrte, obwohl die Ger�chte ein rei�erischeres Bild zeichneten. 1647 schrieb Henry Neville, sie w�rde �zuerst im Vorderdeck von Master Holles beladen, dann im Heck von Master Pym, w�hrend sie Mylord Holland durch die Luken die Hand reichte�.</p><p>Pym und die anderen vier Mitglieder des Parlaments waren sich der Gefahr einer Verhaftung durch den K�nig nur allzu bewusst. Die Frage lautete, wann. Die meisten Historiker glauben, der franz�sische Botschafter habe ihnen eine entsprechende Warnung zukommen lassen, doch Diane Purkiss pl�diert in ihrem Buch <emphasis>English Civil War</emphasis> �berzeugend daf�r, dass die Warnung von Lucy Hay kam�� wenngleich nicht auf so dramatischem Weg wie in diesem Buch beschrieben. Sie argumentiert, dass den Historikern die Vorstellung nicht besonders behagt, da sie wie eine Szene aus einem Roman klingt. Doch sie zitiert verschiedene zeitgen�ssische Quellen, die diese Version f�r wahr hielten: �Thomas Burton zitiert�� in seinem Tagebuch �ber Cromwells Parlament Mr�Haselrig (einen der f�nf Abgeordneten) mit den Worten: �Ich werde niemals die Freundlichkeit dieser gro�en Dame vergessen, der Lady Carlisle, die uns rechtzeitig benachrichtigte.��</p><p>Dass Tom Lucys Brief dem Speaker Lenthall �bergibt, ist reine Fiktion, doch der Dialog, den er h�rt, stammt aus zeitgen�ssischen Quellen, und das Misstrauen des Serjeants, der Brief k�nnte einen pestverseuchten Verband enthalten, ist ausgesprochen glaubhaft. Es muss einer der ersten Mordversuche mit biologischen Waffen gewesen sein, als John Pym erst einen Monat zuvor solch einen Brief im House erhalten hatte, in einem Flugblatt als <emphasis>Ein verdammenswerter Verrat durch den ansteckenden Verband einer Pestwunde</emphasis> gemeldet.</p><p>Es war die Zeit der Flugbl�tter und Flugschriften, und ich bin Joad Raymonds <emphasis>Pamphlets and Pamphleteering in Early Modern Britain</emphasis> zu Dank verpflichtet, das diese Jahre auf brillante Weise lebendig werden l�sst, genau wie das Flugblatt die Politik f�r die allgemeine �ffentlichkeit erst sichtbar machte. Es ist schwierig, sich heute, wo die Regierung, zumindest theoretisch, bis zur Einkaufsliste der Abgeordneten alles offenzulegen hat, eine Zeit vorzustellen, in der sie f�r nichts Rechenschaft ablegen musste. Der K�nig herrschte entweder durch Befehl, oder er berief das Parlament ein, sobald ihm das Geld ausging. Wie auch immer er herrschte, es war eine Privatangelegenheit. Die �ffentlichkeit hatte nichts damit zu tun.</p><p>Das Lange Parlament, das 1640 zusammentrat, war anders. Die Spaltung zwischen K�nig und Parlament war so gro�, dass London nach Neuigkeiten hungerte. Schreiber wie Mr�Ink schrieben Protokolle in beiden H�usern, die jeden Montag ver�ffentlicht wurden. Der K�nig war sich anfangs nicht bewusst, dass Politik pl�tzlich zu einer �ffentlichen Angelegenheit geworden war.</p><p>�Das Parlament formulierte die Theorie einer verantwortlichen, stellvertretenden Regierung mit �ffentlicher Rechenschaftspflicht�, schreibt Raymond, �und die Niederschrift dieses Beschlusses war elektrisierend.�</p><p>Es war der Beginn echter Nachrichten�� doch auch der Beginn der Verdrehung von Tatsachen. Abgeordnete wie Pym lie�en Abschriften oder Notizen durchsickern, um f�r ihr Wirken zu werben oder dieses zu rechtfertigen. Seit jenem berauschenden November 1641 waren die Briten nie wieder ohne Zeitungen. Nachdem im August 1642 der Krieg erkl�rt worden war, produzierten die Royalisten ihre eigenen Publikationen, und eine zunehmend b�sartige, parteiische Presse war geboren. Im folgenden Jahr versuchte das Parlament, aus Sorge, es habe den Geist der Redefreiheit aus der Flasche gelassen, diese Entwicklung im Zaum zu halten. Daraufhin ver�ffentlichte Milton sein ber�hmtes Flugblatt zur Verteidigung der Redefreiheit, <emphasis>Areopagitica</emphasis>, welches als Titel das Epigramm trug: �Wahre Freiheit ist, wenn frei gebor�ne M�nner, die das Volk beraten, freie Rede haben.�</p><p>Und so ist es nicht fadenscheinig, wenn Tom glaubt, die Worte, mit denen er durch die Stra�en l�uft, k�nnten die Welt ver�ndern. Historiker streiten unaufh�rlich dar�ber, ob es eine englische Revolution gegeben habe oder nicht, doch niemand kann bestreiten, dass es eine Revolution im �ffentlichen Denken gab. Vor dem B�rgerkrieg wurden etwa 624�Titel pro Jahr ver�ffentlicht. 1641 betrug die Anzahl 2042 und verdoppelte sich 1642 beinahe noch einmal auf 4038 Titel. Die Worte er�ffneten eine neue Welt, nicht nur f�r Menschen wie Tom, Will und Ben, sondern auch f�r Anne.</p><p>Der Samen des Feminismus ging im B�rgerkrieg auf, auch wenn er anschlie�end wieder unterdr�ckt wurde. Wie Susannah fanden Frauen vor allem in radikalen religi�sen Sekten ihre Unabh�ngigkeit, aber allm�hlich entwickelten sie ein politisches Bewusstsein. Im Februar 1642 reichten 400 arbeitende Frauen, die nicht von V�tern und Ehem�nnern abh�ngig waren und schwer unter finanziellen Entbehrungen litten, eine Petition beim Parlament ein. Lawrence Stone nennt dies die erste unabh�ngige politische Aktion von Frauen in der englischen Geschichte. Als der Duke of Richmond wutentbrannt schrie: �Fort mit diesen Weibern, sonst werden wir gar noch ein Weiberparlament bekommen�, griffen die �berbringerinnen der Petition ihn an und zerbrachen seinen Amtsstab.</p><p>Es gibt keinen schriftlichen Beleg daf�r, dass Cromwell in Edgehill gewesen war, doch es ist wahrscheinlich. In ihrer Biografie zitiert Antonia Fraser den puritanischen Abgeordneten Nathaniel Fiennes, der beim Versuch, dem ungeordneten R�ckzug der Parlamentssoldaten Einhalt zu gebieten, von mehreren Einheiten unterst�tzt wurde, darunter auch der von Cromwell, und dass sie zusammen nach Kineton geritten seien. Denzil Holles, der sp�ter zu einem erbitterten Gegner Cromwells wurde, verfasste zusammen mit anderen Abgeordneten eine Woche nach der Schlacht einen Bericht, in dem er Cromwells Abwesenheit mit keinem Wort erw�hnt.</p><p>Die Besprechung in Westminster, bei der Tom behauptet, Cromwell gesehen zu haben, ist Fiktion, doch Cromwells Rede basiert auf tats�chlichen Ausspr�chen, die er in anderen Zusammenh�ngen von sich gab. Wie so viele Ideen, die im B�rgerkrieg aufkamen und von denen manche zur Entstehung moderner Staaten beitrugen, bildeten Cromwells Ideen den Ursprung dessen, was sp�ter die New Model Army werden sollte, Gro�britanniens erste regul�re k�mpfende Truppe.</p></section><section><empty-line/><empty-line/><p><strong>Dank</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Ich danke meiner Agentin Felicity Rubinstein f�r ihre Kraft und ihr Engagement und meiner Lektorin Clare Smith f�r ihr sicheres Gesp�r f�r Textpassagen, die durch erneutes Feilen deutlich gewonnen haben.</p><p>Ich danke Deborah Rosario f�r die Recherchen und ihre Kenntnisse zum 17.�Jahrhundert.</p><p>Danken m�chte ich auch allen Freunden, die das Buch gelesen und mir Hinweise und Anregungen gegeben haben, ganz besonders Eileen Horne, Libby Symon und Peter Smith.</p><p>Zum Abschluss m�chte ich ganz besonders meiner Frau Cynthia danken, f�r ihre Unterst�tzung und daf�r, dass sie manchmal kritisch war, mich beim Schreiben aber immer auch ermutigt hat.</p></section></body><binary id="cover" 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